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Zeitschrift für
technische Biologie
Neue Folge der Zeitschrift für Gärungsphysiologie
unter Mitwirkung von hervorragenden Fachgenossen
herausgegeben von
Professor Dr. Paul Lindner- Berlin
Band VIII
LEIPZIG
Verlag von Gebrüder Borntraeger
1921
Alle Rechte,
insbesondere das Recht der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten
Druck von E. Buchbinder (H. Duskt>1 in Neuruppin
Inhalt
1. OlofSvanberg. Die Vermehrungsgeschwindigkeit der Hefen bei verschiedener
Azidität 1
2. Albrecht Hase. Ül^er technische Biologie, ihre Aufgaben und Ziele, ihre
prinzipielle und wirtschaftliche Bedeutung 23
3. P. Lindner. Die Bestimmung der Durchschnittsgröße von Mikroben, Stärke
u. dergl. mit Hilfe mikrophotographischer Aufnahmen 47
4. Aus dem Bericht der Kommission (Lindau, Lindner und Reinhardt) der
Deutschen Botanischen Gesellschaft über die Hebung der Produktion von Speise-
pilzen .51
5. Lindner. Allgemeines aus dem Bereich der Biotechnologie 54
6. — Das Biosproblem und die Deutung negativer Ergebnisse bei Assimi-
lationsversuchen 56
7. — Ein klassisches Werk aus dem Gebiete der Biotechnologie 57
8. — Die Antialkoholbewegung und die Gärungsforschung 57
9. — Ergänzende Nachträge zur Schädlingsbekämpfung, Fäkalienverwertung,
zur Biosfrage und Fettgewinnung 58
10. — Die Bestandteile der menschlichen Fäzes 63
11. — Forderung eines Institutes für Erforschung technisch wichtiger Mikroben
in England 64
12. — Bilder von der Kleiderlaus 67
13. Referate 70
14. Arminius Bau. Der Gehalt junger Frühjahrsblätter an Oxalsäure, sowie
einige Bemerkungen über diese Säure 151
15. Alb recht Hase. Über die wirtschaftliche Bedeutung von Ungeziefer und
Schädlingen sowie über einige Aufgaben der Praxis aus der angewandten
Zoologie, besonders Entomologie 155
16. Ernst Kuhn f. Beitrag zur Geschichte des Bieres 194
17. Lindner. Verwertung der Pilzmasse des Milchflusses der Bäume .... 217
18. — Über eine besondere Art „chinesischer Hefe" 218
19. — Untersuchungen über die chemischen Bedingungen für die Entwicklung
der Fortpflanzungsorgane bei einigen Hefen 219
20. — Eine ältere Mitteilung über die Herstellung von Kartoffelbier .... 219
21. — Gewinnung von Alkohol aus Ananasabfällen 221
22. — Ein Institut zur Erforschung der Alkoholwirkungen . 222
23. — Aus einem Brief Goethes an Schiller vom 26. Oktober 1794 223
24. — Bekämpfung des Tuberkelbazillus in seiner Eigenschaft als Fettpilz . . 223
IV Inhalt
25. Lindner. Die Bekämpfung eines tierischen Lungenbewohners 224
26. — Die Ursache der Krebspest 225
27. — Zum Regenwurmvorkommen . 225
28. — Holzspiritusgewinnung 226
29. — Reis- und Maisverarbeitung 226
30. — Harnstoff als Futterbeigabe •. . 226
3L — Die Verwendung von Hefen zum Nachweis und zur Trennung von
Zuckerarten ä26
32. — Eine botanische Zentralstelle für Nutzpflanzen . 227
33. — Geheimrat F. Haber über Wissenschaft und Wirtschaft 227
34. — Zur Ungeziefervertilgung 227
35. — Blausäurederivate zur Schädlingsbekämpfung 228
36. Referate .229
t
Die Yermehrungsgeschwindigkeit der Hefen
bei verschiedener Azidität
von
Olof Svanberg
Mit 8 Abbildungen im Texte
(Aus dem biochemischen Laboratorium der Hochschule zu Stockholm)
Eingegangen 8. Oktober 1919.
Die Einwirkung von Säuren und Basen auf Wachstum und Gärung
der Hefen ist eine Frage, der seit langem erhebliches Interesse und
eifriges Studium gewidmet worden ist, und zwar in recht weitgehendem
Grade von den Männern der Praxis.
Diese Tatsache beruht wohl größtenteils lediglich darauf, daß wir
in den Säuren ganz vorzüglich geeignete Mittel besitzen, um die opti-
malen Vermehrungs- und Wirkungsbedingungen der nützlichen Mikro-
organismen aufrecht zu erhalten und sie auf Kosten der zahlreichen
Schädlinge, die in jedem biologischen Betriebe anwesend sind, selektiv
zu begünstigen. In den Brennereien und Preßhefefabriken wird dem-
nach zur Hemmung der Bakterienentwicklung und Darstellung reiner
Anstellhefen durch Waschen der Hefe und Beinigungsgärung Milchsäure,
Schwefelsäure oder Weinsäure seit langem verwendet, und nach Henne-
ber g^), dem wir besonders praktische Beantwortung der in dieser Hin-
sicht aufkommenden Fragen verdanken, ist es sogar möglich, aus alter
und verflüssigter, völlig in Fäulnis übergegangener Hefe mit Hilfe von
Schwefelsäure in kurzer Zeit ein fast völlig reines Produkt, eine „natür-
liche Beinzucht" im Sinne Delbrücks, zu erhalten.
Die wissenschaftlichen Grundlagen dieser wichtigen Reinigungs-
methoden der Hefe bestehen in denselben Tatsachen, deren wir uns seit
^) Henneberg, Gärungsbakteriologisches Praktikum. S. 239 — 256, Berlin 1909.
Zeitschr. f. techn. Biologie, Bd. VUI. -^
2 Olof Svanberg
Jahrhunderten bedienen, wo es darauf ankommt, kohlehydratarme Nah-
rungsmittel durch Zusatz von Essig-, kohlehydratreiche durch saure
Gärungen verschiedener Art, längere oder kürzere Zeit vor Fäulnis zu
schützen, den Tatsachen nämlich, daß die typischen Fäulnisbakterien
sehr empfindlich sind gegen den Einfluß von Säuren, während die
meisten Kohlehydrate vergärenden Mikroorganismen in neutralen bis
mehr oder weniger sauer reagierenden Medien am besten gedeihen.* Im
Falle der verfaulten Hefeproben Hennebergs haben wir außer mit den
typischen Fäulnisbakterien auch mit den schädlichen unechten oder
flüchtige Säure - Milchsäurebakterien zu rechnen, die eine weit größere
Aziditätstoleranz als die Fäulnisbakterien besitzen, in dieser Hinsicht
aber kaum die echten (d. h. fast nur Milchsäure produzierenden) Milch-
säurebakterien übertreffen dürften. Von den letztgenannten wissen wir
aber mit Sicherheit, daß sie weniger azidophil sind als die Kulturhefen ^).
Hefeschädlinge, die in noch saurer Nährlösung fortpflanzungsfähig sind,
als die Kulturhefen noch bewachsen können, sind Oidiuni u. a. Schimmel-
pilze und vor allem die Kahmhefen. Die letztgenannten Pilzgattungen
sind also nicht durch die oben erwähnten Reinigungsverfahren aus den
damit infizierten Hefeproben zu entfernen und sie gehören überhaupt
zu den azidophilsten Mikroorganismen, die wir kennen^).
Die älteren Literaturangaben über den Einfluß von Säuren und
Basen auf das Wachstum der Hefe sind fast sämtlich in der Weise
gemacht worden, daß einfach die bei den Versuchen verwendeten totalen
Konzentrationen (zugesetzten Mengen) der betreffenden Säure (resp.
Base) in der Nährlösung angegeben wurden •^).
Nun wissen wir ja aber z. B. daß die Azidität der Phosphorsäure
nicht in derselben Weise wie bei Salz- oder Schwefelsäure durch Ti-
tration zu bestimmen ist. Dies rührt daher, daß das exakte Maß der
Azidität einer Nährlösung nicht die totale Säurekonzentration oder der
Titer ist, sondern vielmehr durch die vorhandene Wasserstoffionen-
konzentratiou ausgedrückt werden muß, welche Größen bei den ver-
schieden starken Säuren und besonders in phosphat- und eiweißhaltigen
^) Svanberg, Zeitschr. für physiol. Chem., Bd. 108, S. 120 (1919); diese Zeitschr.
Bd. VII, S. 129 (1919).
*) Vougt, Diese Zeitschr., Bd. VII (1919).
') Auf besonderen Wunsch des Herausgebers sind in dieser Arbeit, die schon für
die vorige pn - Nummer bestimmt war, die Definitionen und die Arbeitsmethode etwas,
ausführlich beschrieben worden.
t
Die Vermehrungsgeschwindigkeit der Hefen bei verschiedener Azidität 3
Medien wie in der Würze und den sonstigen Hefenährlösungen gar nicht
oder wenigstens in gänzlich unreproduzierbarer Weise Hand in Hand
gehen. Es wird also verständlich sein, daß die Versuche verschiedener
Forscher, quantitative Angaben über die Aziditätsbedingungen der Hefen
anzugeben, oft einen auffallenden Mangel an Übereinstimmung aufweisen
können.
Es ist größtenteils das Verdienst Sörensens^), dessen zusammen-
fassende Darstellung „Über die Messung und die Bedeutung der Wasser-
stoffionenkonzentration bei enzymatischen Prozessen" bereits klassisch
geworden ist, die nichtspezifischen Einflüsse auf fermentative Prozesse
der Säuren und Basen, sowie der nicht neutralen Substanzen überhaupt
und Substanzen, die wie die Eiweißstoffe, die Salze schwacher Säuren
oder Basen die Azidität bezw. Alkalinität eines Mediums durch „Puffer-
wirkungen" abstumpfen können', unter einheitlichen Gesichtspunkten
zusammengefaßt zu haben. Seit den grundlegenden Untersuchungen
dieses Forschers über die Wirkungsbedingungen der Enzyme Invertase,
Katalase und Pepsin ist es zur unerläßlichen Bedingung geworden, bei
biochemischen Studien immer die wirklichen (Wasserstoff-)Ionenkonzen-
trationen, die — wie oben erwähnt — nicht oder nur in Ausnahme-
fällen aus Titrationsaziditäten bezw. -alkalinitäten der Lösungen er-
hältlich sind, genau zu berücksichtigen und besonders bei qualitativen
oder quantitativen Arbeiten vergleichender Art genau in Betracht zu
ziehen. In seiner Darstellung gab Sörensen auch die zwei Methoden,
die immer noch zur Herstellung und Bestimmung der geringen H" und
OH'-Konzentrationen dienen, die bei biochemischen Studien in Betracht
kommen können, nämlich die kolorimetrische oder Indikatorenmethode
und die in dieser Arbeit verwandte elektro metrische Versuchsanordnung.
Wie außerordentlich fruchtbringend die Abhandlung Sörensens
auf die biochemische Forschung wirkte, erhellt aus dem großen Zahlen-
material, das bereits von zahlreichen Forschern mit Hilfe der von ihm
gegebenen Methoden geschaffen worden ist und besonders durch Mi-
chaelis^) ist gezeigt worden, wie wichtige Anhaltspunkte über die
chemische Konstitution der Enzyme sich aus ihren physikalisch -chemi-
schen Wirkungsbedingungen ableiten lassen.
Da die OH-Ionenkonzentrationen in wässerigen Lösungen zu den
Konzentrationen der H-Ionen immer in der einfachen Beziehung stehen,
daß das Produkt der.H'- und OH'-Normalität konstant ist und zwar bei
1) Sörensen, Biochem. Zeitschr. Bd. 21, S. 131 (1909).
â– ^) Michaelis, Die Wasserstoffionenkonzentration. Berlin 1914.
4 Olof Svanberg
18° g-leich 10-^*'^*, und die OH'-Konzeutrationeu sich nicht durch
direkte Methoden messen lassen, so bestimmt man nach Friedenthals
Vorschlag die ihnen entsprechenden H"-Konzentrationen auch wenn die
Lösungen alkalisch reagieren und gibt also die Reaktion einer Lösung
einfach durch die Wasserstoffionenkonzentration an.
Da die Bestimmungen der Wasserstoffionennormalitäten der bio-
chemischen Substrate fast immer zu unbequem kleinen Zahlen führen
(etwa 10-^ bis lO-^*^), definiert man nach Sörensen die Azidität der
Lösungen mit den negativen dekadischen Exponenten dieser Zahlen, den
sog. „Wasserstoffexpouenten" (pH), welche Bezeichnungsweise auch in
dieser Arbeit angewandt wird. Beim Neutralpunkt ist also pH = 7,07,
bei höheren pH-Werten haben wir es mit alkalischen, bei niedrigeren
mit sauren Lösungen zu tun und ein azidophiler Mikroorganismus wird
dadurch gekennzeichnet, daß er sich in solchen Lösungen am schnellsten
vermehrt, deren pn -Werte kleiner sind als 7.
Hägglund^) hat insofern angestrebt, die Wirkung der Säuren auf
Hefe — er arbeitete nur mit einem Stamm und zwar der Oberhefe
Rasse XII — als Funktion ihrer Konzentration an H"-Ionen darzustellen,
als er den hemmenden Einfluß verschiedener Säuren mit ihren Dis-
soziationsgraden verglich. In methodischer Hinsicht kommt er aber
nicht über den Standpunkt der älteren Forscher hinweg, und so kommt
es,» daß alles, was wir der früheren Literatur entnehmen können betreffs
der Wirkungen auf das Wachstum der Hefe, welche nur auf der Wasser-
stoffionenkonzentration beruhen, sich in die zwei seit langem bekannten
Sätze zusammenfassen läßt:
1. Alkalische Nährlösungen sind für die Entwicklung der Hefen nicht
so gut geeignet, wie schwach saure;
2. Säuren in großer Verdünnung wirken als Wachstumsreiz, sind aber
bei höheren Konzentrationen von hemmendem oder tötendem Ein-
fluß. Die letztgenannte Regel wurde von Rousseau schon iui
Jahre 1843 aufgestellt.
Außer den Wirkungen auf das Wachstum der Hefe, welche nnr
auf einer Beeinflussung der Wasserstoffionenkonzentration beruhen, treten
auch — und zwar bei den überaus zahlreichsten Säuren — Wirkungen
^) Hägglund, Hefe und Gärung in ihrer Abhängigkeit von Wasserstoff- und
Hydroxylionen. Akad. Abhandlung, Stockholm 1914. — Samml. ehem. und chem.-techn.
Vorträge. Stuttgart 1914.
Die Vermehrungsgeschwindigkeit der Hefen bei verschiedener Azidität 5
zutage, welche mit der Azidität der Säuren nichts zu tun haben und
nach Hägglund als stoffliche Einflüsse spezifischer Art zusammen-
gefaßt werden. So wissen wir z. B. , daß Salizylsäure und Phenol er-
hebliche Giftwirkungen schon in so geringfügigen Mengen entfalten, daß
sie dabei eine Ausbildung entwicklungs- bzw. gärungshemmender Wasser-
stoffionenkonzentrationen nicht herbeiführen können. Auch für Ameisen-
säure und Essigsäure, noch stärker aber bei Propionsäure und Butter-
säure ist durch vergleichende Versuche spezifische Giftigkeit mit Sicher-
heit festgestellt worden, woraus sich z. B. die Unbrauchbarkeit der
Essigsäure zum Reinigen der Hefe und die besondere Schädlichkeit der
Tlüchtige Säure produzierenden Bakterien erklärt.
Als Säuren, die auf Hefe in keinem Grade spezifisch einwirken
und also zur Bestimmung der Abhängigkeit des Hefewachstums von den
Wasserstoffionen gut geeignet sind, gibt Hägglund die starken Mineral-
säuren, Salzsäure und Schwefelsäure und außerdem Milchsäure, an. Über
Weinsäure wurden von Hägglund keine Versuche mitgeteilt.
Methodisches
Die Ph -Bestimmungen wurden in dieser Studie nach der elektro-
metrischen (Gasketten-) Methode ausgeführt und zwar mit einer Ein-
richtung der Apparatur, die im wesentlichsten mit der Beschreibung
Michaelis'^) übereinstimmt.
Modifikationen, die sich im hiesigen Laboratorium als zweckmäßig
erwiesen haben, sind u. a. die folgenden. Als Akkumulator dient ein
kleiner einzelliger von 5 oder 10 Amperestunden Kapazität. Haupt-
stromkreis ist ein einziger Präzisionsrheostat, der Stromschlüssel — nach
Ostwald — hat Platinkontakte und automatischen Kurzschluß für den
Kapillarelektrometer (siehe Abbildung in Kohlrauschs Lehrbuch der
prakt. Physik S. 619, 12. Aufl. 1914). Das Wasserstoffgas wird einer
eisernen (150 Atm.) Bombe mit Draegers Reduktionsventil sehr bequem
in beliebigen Mengen und mit beliebiger Geschwindigkeit entnommen.
Als Pt-Wasserstoffelektroden dienen kurze aber recht grobe Drähte, als
Wasserstoffkamraer ein abgesprengtes Präparatrohr von 1,5 cm Durch-
messer, das von unten durch die Versuchsflüssigkeit, die sich in einer
kleinen (etwa 30 ccm fassenden) zylindrischen Glasschale befindet, mit
Wasserstoffgas gefüllt wird. Normalelektrode ist die von Michaelis vor-
^) Michaelis, a. a. 0.
6
Olof Svanberg
geschlagene gesättigte Kalomelelektrode. Die Ermittlung der Millivolt-
zahlen aus den Widerständen geschieht durch eine direkte Einstellung
des Rechenschiebers, worauf das pn den Tabellen Ylppös^) ent-
nommen wird.
Die Zuwachsversuche der Hefen in Bierwürze wurden in 50 ccm
fassenden Erlenmeyerkölbchen ausgeführt; in den gut gereinigten Kölb-
chen wurden je 15 ccm der ausgekochten bezw. mit Hühnereiweiß ge-
klärten Würze abgemessen, die Kolben durch Wattestopfen verschlossen
und durch Sieden mit Wasserdampf sterilisiert. Sie wurden in diesem
Zustande in größerer Menge vorbereitet und vorrätig gehalten. Außer-
dem wurden bei den Kulturhefen einige Zuwachsversuche in mineralischer
Nährlösung (Ammonphosphat) ausgeführt.
Die Bierwürze hat im natürlichen Zustand eine ganz schwach
saure Reaktion, welche aber nicht ganz scharf definierbar ist, was auf
wechselnden Mengenverhältnissen der reaktionsbestimmenden Anteile in
den Rohstoffen, dem Malze und dem Brauwasser, von denen ihre Azidität
abhängt, beruht^). Als beeinflussende Faktoren kommen besonders die
anorganischen Salze: Phosphate, saure Sulfate, Karbonate und die lös-
lichen Eiweißstoffe des Malzes in Betracht.
In der folgenden Tabelle (I) sind einige Zahlen augegeben, die sich
auf die helle Bierwürze der St. Erics -Brauerei zu Stockholm beziehen.
Tabelle I
PH
Ungekochte
Gekochte
Grehopfte
Stammw
ürze
Würze
Frühjahr 1918 .
. . . 5,37
5,07
5,19
5,07
19198) .
. . 5,6 — 5,7
5,4—5,5
Sommer 1919
. -5,51
5,62
5,58
5,73
5,60
Mittel
5,55
5,36
5,55
5,44
Die Messungen bewegen sich also zwischen den Werten pn = 5,07
und 5,73 und liegen, wie wir sehen werden, durchaus innerhalb der
') Ylppö, Ph -Tabellen. Berlin 1917.
-) Vgl. Windisch, Wochenschr. f. Brauerei 1918—1919, sowie Referat in dieser
Zeitschr. Bd. VII, Heft 1—2 (1919).
^) Vougt, a. a. 0.
Die Vermehrungsgeschwindigkeit der Hefen bei verschiedener Azidität 7
für die Kulturhefen gfefundenen Grenzen der optimalen pn-
Bedingungen.
Um die Waclistumsg-eschwindigkeit bei der Anfangsreaktion der
Würze mit derjenigen in saurerer Lösung zu vergleichen, wurde in der
Weise verfahren, daß zu jedem einer Anzahl Versuchskolben (15 ccm
sterile Würze enthaltend) 10 ccm dest. Wasser -{- steigende Mengen
(0 — 1 ccm, bei Torula 0—1,4 ccm) einer etwa 1-n HCl gegeben wurde,
worauf die Ph - Zahlen elektrometrisch ermittelt wurden. Sodann wurden
sämtliche Kolben gleichzeitig mit je 1 ccm einer Aufschlemmung bezw.
zweckmäßig verdünnten Reinkultur der zu prüfenden Hefe geimpft, so
daß in jedem Versuchskolben gleichmäßig einige wenige Tausend Zellen
pro mm^ kamen. Nach Verschließen der Kolben mit Wattestopfen
wurden sie im Thermostaten bei 20—24° über Nacht 16 — 24 Stunden
stehen gelassen. Beim Ermitteln der Größe der Ernten wurden aus
jedem Versuchskolben 10 ccm der gut durchgeschüttelten Kultur mit
10 ccm In H2SO4 in einem Kölbchen vermischt, worauf die Zellenzahlen
unter dem Mikroskop in der Thoma-Zeißschen Zählkammer auf etwa
4°/o genau festgestellt wurden.
Da die Hefen sehr stark säufeproduzierende Mikroorganismen sind,
muß man die Versuche abbrechen, wo bequem zu zählende aber nicht
zu große Zeilenzahlen sich ausgebildet haben und dabei die Beaktions-
veränderungen der Kulturen kontrollieren, d. h. die schließlichen pn-
Werte der einzelnen Versuchskolben beim Ende der Versuchszeit fest-
stellen. Es ist ein grundlegender Fehler sämtlicher älterer Forscher,
daß sie, besonders bei Versuchen über die Einwirkung von Alkalien auf
Wachstum und Gärung der Hefe, deren Säureproduktivität nicht ge-
nügend oder gar nicht berücksichtigt haben. Durch Einimpfen von
Hefe in eine zuckerhaltige Nährlösung, die so alkalisch ist, daß die
Hefe darin gerade noch entwicklungsfähig ist, wird die Lösung dennoch
früher oder später so stark gesäuert sein, daß sie in dieser Hinsicht den
Optimalbedingungen der Hefe entspricht^). Dementsprechend ist eines
der Hauptergebnisse der älteren Autoren eine große Hemmung des
*) Dies trifft natürlich auch dann zu, wenn die Hefe durch weitere Säurebildung
zuletzt entwicklungshemmende Aziditäten erzeugt, was Boas und Leberle (a. a. 0.)
bei ihrer unrichtigen Zitierung Eulers sowie Dernbys gar nicht berücksichtigt zu haben
scheinen. Euler hat sich über diesen Gegenstand nicht im geringsten unklar geäußert,
wie Boas ferner bei seiner „Berichtigung" zu behaupten versucht. — Nach meinen
Beobachtungen waren außerdem die untersuchten fünf Hefen bei weitem nicht imstande,
entwicklungshemmende Aziditäten selbst zu erzeugen.
3 Olof Svanberg
Wachstums der Hefe im Anfang-, welche bereits durch kleine Mengen
Na OH hervorgerufen wurde, ohne daß die schließliche Ausbeute an
Alkohol in höherem Grade vermindert war. Nach den neuesten For-
schungen über die Gärung bei konstanter Alkalinität wissen wir, daß
gerade das entgegengesetzte der Fall ist, die Alkoholausbeute wird
durch Gärung bei alkalischer Reaktion (ph = 8) um etwa 30— ^40°/o
verringert^).
Bei den Versuchen über die Einwirkung einer verringerten Azidität
bezw. schwachen Alkalinität des Nährbodens auf die Vermehrungs-
geschwindigkeit der Hefen wurde in der vorliegenden Arbeit die Re-
aktion der einzelnen Versuchskolben durch Zusätze von Phosphat-
mischungen (KH2PO4 und Na2HP04) geregelt. Sörensen hat gezeigt,
daß Geraische verdünnter Lösungen dieser beiden Salze je nach dem
Mischungsverhältnis pn -Werte zwischen etwa 4,5 und 8,8 ergeben.
Setzt man den Nährlösungen genügende Mengen dieser Salzmischungen
zu, so erreicht man damit auch eine bei Versuchen dieser Art sehr
vorteilhafte Erhöhung der pn- Stabilität derart, daß eine Säureproduktion
des Mikroorganismus sich viel langsamer auf die Reaktionsverschiebung
der Lösung nach kleineren pn -Werten hin bemerkbar macht, als was
ohne Phosphatzusatz der Fall wäre. Von den beiden Salzen wurden
0,30 molare Lösungen vorrätig gehalten. Zu 15 ccm der sterilen Würze
wurden zusammen 15 ccm der Phosphatlösungen zugesetzt. Da die
Pufferwirkung der Würze ziemlich unbestimmt ist und mir die wohl-
definierten, nach Sörensens Vorschriften präparierten Phosphate nicht
in genügender Menge zugänglich waren, wurden die pn -Werte für jede
Versuchsreihe besonders bestimmt.
Der PH-Wert der primären Phosphatlösung betrug 4,47, der se-
kundären 8,87 + 0,05.
Die in dieser Arbeit studierten Heferassen waren die folgenden:
1. Saccharomyces cerevisiae, obergärige Preßhefe,
2. „ „ , untergärige Bierhefe,
3. Kleinzellige Torulahefe, von Hansen,
4. S. validus und
5. S. therm antitonum.
Ich gehe nun zur Beschreibung der an diesen verschiedenen Hefen
erhaltenen Resultate über.
^) Euler und Svanberg. Zeitscbr. für physiol. Cbem., Bd. 105, S. 187, 1919.
Die Vermehrungsgeschwindigkeit der Hefen bei verschiedener Azidität 9
I. Obergärige Hefe SB
(Stockholms Södra Jästfabrik)
Tabelle II
Säurebildung durch Hefe SB in Würze bei 22°.
6 Kölbchen wurden mit der Hefe geimpft (4000 Zellen pro cmm) und von Zeit zu Zeit
untersucht.
Kolben-Nr. Tage nach Impfen pH
5,60
1 1 4^3
2 2 3,62
3 3 3,51
4 5 2,87
5 7 2,87
6 8 2,91
Die Säureproduktion der Hefe SB ist also fast ebenso groß wie
bei der von Lüers^) in dieser Hinsicht früher beobachteten Brauerei-
hefe. Liier s fand bei einer Ausgang-sreaktion von pn = 5,47 als
Grenzwert der durch die Hefe selbst gebildeten Azidität nach 160
Stunden bei -\- 8^ den Wert pn = 2,7. In der neuesten Zeit haben
Boas und Leberle^) die Säurebildung bei mehreren Hefen und Pilzen
untersucht. Sie finden im allgemeinen weit geringere Aziditäten und
einen Rückgang (Säurebindung) bei der allmählich eintretenden Autolyse ^
der Hefezellen. Sie haben aber die Verhältnisse nur in chemisch de-
finierten, erheblich pufferärmeren Lösungen als Würze untersucht,
woraus der Unterschied leicht erklärlich wird, daß bei meinen Versuchen
die letztgenannte Erscheinung fast vollständig ausbleibt.
Zuwachsversuche
a) Wachstum der Hefe SB in verdünnter, mit HCl angesäuerter
Würze
Tal)elle III
Eingeimpfte Zellenzahl: 3000 pro cmm. 18 Stunden bei 22°.
Nr.
15 ccm
Würze
10
ccm
Anfängl.
Schließl.
PH
Zellenzahl
Relativer
Wasser
PH
PH
Mittel
pro cmm
Zuwachs
1
Ohne Zusatz
5,58
4,69
5,1
22400
100
2
0,2 ccm
In
HCl
4,00
3,67
3,8
21800
97
3
0,4
3,08
2,82
2,95
21600
96
4
0,6
2,53
2,51
2,5
17400
74
5
0,8
2,30
2,30
2,3
10400
38
6
1,0
1,86
1,85
1,85
4000
5
^) Lüers, Zeitschr. für das ges. Brauwesen, Bd. 37, S. 79, 1914.
*) Boas und Leberle, Biochem. Zeitschr., Bd. 90, 1918; Bd. 95, 1919.
10
(
Dlof Svanberg
Tabelle IV
Eingeimpfte Zeilenzahl:
2000 pro cmm. 17
Stunden bei
22"
Nr,
15 ccm 10 ccm
Würze Wasser
Anfän;
PH
?1. Schließl.
PH
PH
Mittel
Zellenzahl
pro cmm
Relativer
Zuwachs
1
Oiine Zusatz
5,62
5,0
5,3
28000
90
2
0,2 ccm l-n HCl
3,96
3,81
3,9
30000
97
3
0,4
3,20
3,08
3,15
31000
100
4
0,6
2,71
2,71
2,7
30000
97
5
1,0
2,04
2,01
2,0
3000
3
b) Wachstumsgeschwindigkeit bei verschiedener Phosphat-
konzentration (ph = 5,5)
Tabelle V
Eingeimpfte Zellenzahl: 2000 pro cmm. Wachstum bei 24"
15 ccm
ccm 0,3-molare
Zugesetzte
Zellenzahl pro cmm
Nr.
Würze
Phosphat-
Phosphat-
nach
nach
Versuchsreihe 2
ccm Wasser
mischung
konzentration
20 Std.
43 Std.
nach 40 Std.
1
15
7000
50000
32000
2
10
5
0,05
7500
52000
36000
3
5
10
0,10
7700
52000
33000
4
15
0,15sr-mol i
pr.l 7500
52500
34000
Die zugesetzten Phosphatmengen haben also die Zuwachsgeschwin-
digkeit der Hefe nicht in geringstem Grade gehemmt, und es ist also
durchaus zulässig, die Wachstumsversuche bei einer zugefügten Phos-
phatkonzentration von 0,15 g-mol pro Liter auszuführen.
c) Wachstum der Hefe SB in Würze-Phosphatlösung,
0,15-molar, bei verschiedener Azidität
Tabelle VI
Eing(
jimpfte
Zellenzahl:
2000 pro cmm.
21
Stunden bei 24»
^r.
15 ccm Würze -|-
Phosphatmischung
prim. sek.
Anfang
PH
■1. Schließl.
PH
Ph Zellenzahl '
Mittel pro cmm
Relativer
Zuwachs
1
12,5
2,5
5,66
5,49
5,6
20000
95
2
10
5
6,22
5,90
6,1
21000
100
8
5
10
6,72
6,46
6,6
14000
63
4
2,5
12,5
7,19
6,60
Tabelle VII
6,9
8000
32
Eingeimpfte
Zellenzahl:
2000 pro cmm.
19
Stunden bei 22"
Nr.
PH
Zellenzahl
Relativer
Mittel
pro cmm
Zuwachs
1
5,6
25400
100
2
6,0
22600
88
8
6,5
12200
44
4
6,9
7000
21
Die Vermehrungsgeschwindigkeit der Hefen bei verschiedener Azidität
11
Tabelle VIII
Eingeimpfte Zellenzahl: 2000 pro cmm. 19 Stunden bei 22*
<ir.
Phosphatmischung
prim. sek.
Anfängl.
PH
Schließ!.
PH
PH
Mittel
Zellenzahl
pro cmm
Relativer
Zuwachs
1
15
4,66
4,25
4,J5
22000
100
2
12,5
2,5
5,70
5,ao
5,5
21500
98
3
5
10
6,70
6,82
6,5
12200
50
4
2,5
12,5
7,05
6,67
6,85
6600
23
5
15
7,54
6,98
7,2
4000
10
Um sämtliche Zuwachsversuche bei verschiedener Azidität für eine
Optimumkurve des Wachstums mit gleichem Gewicht zu verwerten, habe
ich für jede Versuchsreihe die Vermehrungen der eingeimpften Zellen-
zahl in Prozente des größten Zuwachses umgerechnet (relativer Zuwachs).
Diese Prozentzahlen sind in der Abb. 1 als Ordinaten eingezeichnet
worden, die Abszissen sind die ihnen entsprechenden pn -Werte.
100
80
60
MO
ZG
/
^'m
-«-
t —
6
\
â–
1
<
J
\
9
1
N,
4
7
? ^
/ *
T t
? J
7 8
o
Tab. III
100
SO
^
„ IV
60
+
„ VI
^0
D
„ VII
ZO
X
„ VIII
pH
Abb. 1
Oberhefe in Würze
^
^ S 6 7 S
Abb. 2
Oberhefe in mineralischer Nährlösung
In einer früheren Mitteilung von Euler und Svanberg^) sind
Angaben gemacht über die Alkalitoleranz einiger Heferassen. Der Zu
wachs der Zellenzahl wurde nach unseren Messungen bei folgenden
Konzentrationen aufgehoben :
Unterhefe Frohberg B
Brennerei-Oberhefe SB
S. ellipsoideus . . .
Pseudos. apiculatus . .
bei PH = 7,7—8,0
„ „ = 7,3-8,4
— 7 9
11 11 — * 1^
V 11 = 7,6
Diese verschiedenen Heferassen sind also bezüglich ihrer Alkali-
empfindlichkeit einander sehr ähnlich.
') Euler und Svanberg, Zeitschr. für physiol. Chem., Bd. 105, S. 187 (1919).
12
Olof Svanberg
Verg-leichen wir andererseits den steilen Abfall der Zuwachs-
g-eschwindigkeit der Hefe SB zwischen pn = 6,5 und 7,2 mit den
älteren Resultaten liber die Alkalitoleranz, die ein Mittel von pn = 7,8
ergeben, so finden wir, daß die verschiedenen Beobachtungen eine recht
befriedigende Übereinstimmung ergeben (siehe den Endpunkt in Abb. 1).
d) Wachstum der Hefe SB in mineralischer Nährlösung
verschiedener Azidität
Die oben mitgeteilten Versuche über das Wachstum der Oberhefe
in Würze verschiedener Azidität wurden durch eine ähnliche Versuchs-
reihe mit mineralischer Nährlösung ergänzt.
Versuchslösung :
5 g Ammoniumphosphat [(NH4)5iHP04]
4gKH2POi
20 g Rohrzucker
1000 ccm
Von dieser Lösung wurden je 100 ccm auf 10 250 ccm fassenden
Erlenraeyerkolben verteilt und durch Zusatz folgender Mengen H2SO4
bezw. Na OH auf die entsprechenden pn -Werte gebracht (Tab. IX).
Tabelle IX
Eingeimpfte
Zelle
nzahl:
4500 pro
cmm.
Wachstum
bei 22 ö. 16
Stunden
Fv
100 ccm
Zellenza
hl
Relative
Zellenzahl
Relative
r.
Nährlösnng
PH
pro cmm V
ermehrung
pro cmm
Vermehrung
1
2,4 ccm *
2,00
4400
4200
2
2,28
5200
16
7600
27
3
0,9 „ W.
2,85
8800
100
14400
87
4
0,7 „ 1
3,20
8600
»
95
15800
100
5
0,5 „ «M"
5,08
8800
100
15400
97
6
Ohne Zusatz
6,08
8400
91
7
1,0 com
W
6,58
8200
86
H
2,0 „
7,03
6800
54
9
2,4 „
^
7,10
6400
44
Vi „
fl
(N
8,44
4200
Die Resultate dieser Versuchsreihe sind in Abb. 2 zusammengefaßt
worden.
Die Wachstunisgeschwindigkeit der obergärigen Hefe SB ist also
sowohl in Würze wie in mineralischer Nährlösung zwischen pn = 3
und ph = •€ auffallend wenig von der Reaktion abhängig. Unter
Ph = 2,5 tritt eine starke Wachstumshemmung durch Säuren, über
Ph — 7 durch Basen ein.
Die Vermehrungsgeschwindigkeit der Hefen bei verschiedener Azidität " 13
2. Untergärige Bierhefe
(Pilsener Bierhefe H der St. Erics-Brauerei, Stockholm)
Tabelle X
Säurebildung durch Hefe H in Würze bei 24°
Tage nach Impfen pa
5,6
1
3
5
4,35
4,21
8,98
Zuwachsversuche
a) Wachstum der Hefe H in verdünnter, mit HCl angesäuerter
Würze
Tabelle XI
Eingeimpfte Zellenzahl: 2000 pro cmm. 16 Stunden bei 22"
Wi"
15 ccm Würze -|-
PH
Zellenzahl
Relativer
Nr.
10 ccm Wasser
Mittel
pro cmm
Zuwachs
1
Ohne Zusatz
5,2
36500
99
2
0,2 ccm 1-n
HCl
3,9
37000
100
3
0,3
3,65
29000
77
4
0,5
2,85
26000
72
5
1,0
2,08
2200
0-1
Tabelle XII
Eingeimpfte Zellenzahl: 2000 pro cmm.
15 ccm Würze -\- pn
10 ccm Wasser Mittel
Ohne Zusatz 5,25
0,2 ccm 1-n HCl 3,95
0,4 „ 3,1
0,6 „ 2,7
1,0 „ 2,1
Nr.
1
2
3
4
5
17 Stunden bei 22"
Zellenzahl Relativer
pro ccm
35 000
34500
28000
17 000
3000
Zuwachs
100
99
79
46
3
b) Wachstumsgeschwindig-keit bei verschiedener Phosphat-
konzentration (ph = 5,6)
Tabelle XIII
Eingeimpfte Zellenzahl: 2000 pro cmm. 22 Stunden bei 22"
Nr.
1
2
3
4
15 ccm Würze
ccm Wasser
15
10
5_
ccm 0,3-molare Zugesetzte Zellenzahl
Phosphatmischung Phosphatkonzentration pro cmm
.0 - 28000
• 5 0,05 32000
10 0,10 33000
15 0,15 g-mol pro 1 .32000
14 Olof Svanberg
Es macht sich also, wie bei der Oberhefe, keine hemmende Wir-
kung: der Phosphatmischung bei der Konzentration 0,15 g-mol pro Liter
bemerkbar.
c) Wachstum d
er ]
Hefe H in Würze-Phosphatlösung, 0,15
-molar,
bei verschiedener A:
zidität
Tabelle XIV
Eingeimpfte
! Zellenzahl:
2000 pro cmm.
21 Stunden bei 22»
Nr.
PH
Mittel
Zellenzahl
pro cmm
Relativer
Zuwachs
1
4,45
.30500
97
2
.5,5
31500
100
8
6,5
19000
58
4
6,9
15000
44
5
7,2
4800
Tabelle XV
10
Eingeimpfte
! Zellenzahl :
2000 pro cmm.
24 Stunden bei' 22"
Nr,
PH
Mittel
Zellenzahl
pro cmm
Relativer
Zuwachs
1
4,45
29000
100
2
5,4
27 000
93
.3
6,45
£3500
80
4
6,85
19000
63
5
7,1
4000
Tabelle XVI
7
Eingeim
ipfte
Zellenzahl:
2000 pro cmm.
20 Stunden bei 22»
Nr.
PH
Mittel
Zellenzahl
pro cmm
Relativer
Zuwachs
1
5,0
23000
100
2
6,1
22500
98
3
6,95
6000
19
Die Resultate
der Zu wachs versuche mit der Hefe H (Tab.
XI und
KIl, XIV XVI)
sind in derselben Weise
wie bei Hefe SB
in der
Abb. 3 zusammengefaßt worden.
Es erhellt aus dieser Kurve, daß die Kardinalpunkte (Minimum —
Optimum — Maximum) bei den beiden untersuchten Kulturhefen eine
durchaus übereinstimmende Orientierung haben, daß aber die Aziditäts-
toleranz bei der Bierhefe (H) ein wenig geringer ist. Während nämlich
die Optimalbedingungen der Oberhefe durch pn = 3 — 6 repräsentiert
wurden, ist die Zuwachsgeschwindigkeit der Bierunterhefe bei pu = 3
schon merkbar abgeschwächt, so daß das optimale Wachstumsgebiet —
innerhalb dessen der Zuwachs nur wenig von der Reaktion beeinflußt
Die Vermehrungsgescl) windigkeit der Hefen bei verschiedener Azidität 15
wird — hier durch pn = 4 und pn = 6 begrenzt wird. Hinsichtlich
ihrer Alkalitoleranz scheinen ja nämlich die beiden Hefen an Identität
grenzende Übereinstimmung zu ergeben.
d) Sprossung der Hefe H in mineralischer Nährlösung ver-
schiedener Azidität
In diesem Zusammenhang kann ich auf eine vor kurzem aus dem
hiesigen Laboratorium veröffentlichte Arbeit von Euler und Svanberg^)
hinweisen. Es handelte sich hier um die Vorbehandlung von Hefe-
suspensionen bei verschiedener Azidität beim Studium der Saccharase-
bildung. Da die Versuchsdaten also in anderem Zusammenhang ver-
öffentlicht sind, gebe ich hier nur einen Auszug (Tab. XVII). Die
Ausgangslösung hatte bei diesem Versuch die Zusammensetzung
5 g (NHi). HPO4
4 g KH2PO4
20 g Rohrzucker
1000 ccm'-^)
also dieselbe Nährlösung wie bei der oben besprochenen Versuchsreihe
mit der Hefe SB.
Tabelle XVII
Jez.
PH
vor der Be-
handlung
PH
nach 24 stund.
Vorbehandlg.
PH
Mittel
Zeilenzahl
zugesetzt
l pro cmm
nach 24
Stunden
Relative
Vermehrung
a
2,10
2,12
2,1
46000
b
3,0
2,86
2,95
In
48000
13
c
4,-35
3,2
3,8
sämt-
55000
56
d
5,3
4,3
4,8
lichen
62000
100
e
6,0
5,6
5,8
Kolben
58000
75
f
7,3
6,8
7,0
46000
46000
g
8,5
6,7
7,6
46 000
Die relative Vermehrung bei verschiedenen pn sind in der Abb. 4
zu einer Kurve vereinigt. Das Optimum kommt hier ein wenig mehr
ausgeprägt zum Vorschein, die Aziditätsbedingungen sind aber in Würze
wie in Ammonphosphatlösung auch bei dieser Hefe im großen und ganzen
dieselben.
^) Euler und Svanberg, Zeitschr. physiol. Chem. Bd. 106, S. 201, 1919; Bd. 105,
S. 187, 1919.
^) In der Originalarbeit steht ein Druckfehler: 100 ccm.
16
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Olof Svanberg
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O Tab. XI
80
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60
40
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^,
20
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+ XIV
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I
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\
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^
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J
\
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' \
P
13^56^8
H
A^ ' â–
5 6 7 8
Abb. 3
Unterhefe in "Würze
Abb. 4
Unterhefe in mineralischer Nährlösung
3. Torula
Diese Hefe wurde im Jahre 1917 dem hiesig-en Laboratorium von
Prof. Chr. Barthel am bakteriologischen Laboratorium für landwirt-
schaftliches Versuchswesen (Experimentalfältet bei Stockholm) überreicht.
Sie stammt aus einer Sammlung- von E. Chr. Hansen isolierter Hefen
welche das zymotechnische Institut der Technischen Hochschule zu Stock-
holm im Anfang der neunziger Jahre vom Carlsberg-Laboratorium erhielt.
Sehr kleine, kugelrunde Hefe mit einem Durchmesser von nur
etwa 2 — 3 ix. Zellenzahl pro Gramm Trockengewicht 2,5 • 10^^ (bei
Hefe SB 0,3 • lO^S bei Hefe H 0,16 • 10 ^i). Eine Torulazelle dieses
Stammes ist also 16 mal kleiner als eine Bierhefezelle H. Zeigt sehr
üppiges Wachstum in Bierwürze bei besonders langsamer Vergärung,
greift anscheinend Maltose nicht oder sehr langsam an. Dennoch ist
die allmähliche Ansäuerung der Würze fast ebenso stark wie bei der
Hefe SB (Tab. XVIII). Die Vergärungsgeschwiudigkeit der Glukose in
Lösung von normaler Azidität war aber bei der Torulahefe auffallend
groß und übertraf sogar die für die Oberhefe SB gefundenen Zahlen^).
Tabelle XVIII
Säurebildung durch Torula in Würze bei 22"
Tage nach
Impfen
PH
5,6
1
4,78
2
4,74
3
8,81
4
—
5
3,48
7
3,24
9
3,17
^) Svanberg, -Enzymatische Untersuchungen einer Torulahefe. Fermentforschuug,
II, S. 201 (1918). — Euler und Svanberg, Zeitschr. für physich Chem. 105, S. 187 (1919).
Die VermehruDgsgeschwindigkeit der Hefen bei verschiedener Azidität
17
Zuwachsversuche
a) Wachstum von Torula in Würze-Phosphatlösung, 0,15-molar,
bei verschiedener Azidität
Tabelle XIX
Eingeimpfte Zellenzahl: 5000 pro cmm. 22 Stunden bei 22*
XTi-
PH
Zellenzahl
Eelativer
i>r.
Mittel
pro cmm
Zuwachs
1
4,5
140000
87
2
5,5
160000
100
3
6,6
124000
77
4
7,0
124000
77
b) Wachstum von Torula in verdünnter, mit HCl angesäuerter
Würze
Tabelle XX
Eingeimpfte Zellenzahl: 6000 p:
ro cmm.
22 Stunden bei 22"
Nr.
15 ccm Würze +
PH
Zellenzahl
Eelativer
10 ccm "Wasser
Mittel
pro cmm
Zuwachs
1 V
Ohne Zusatz
5,5
210000
100
2
mit 0,2 ccm 1-n HCl
3,9
192000
91
3
, 0,4
3,0
186000
88
4
0,6
2,5
172000
86
5
0,8
2,25
120000
56
6
1,0
2,0
112000
52
Das Maximum der Aziditätstoleranz war also auffallenderweise bei
dieser Hefe bei pn = 2,0 bei weitem nicht erreicht. Die Versuchs-
reihe wurde deshalb mit der folgenden, wo noch saurere Lösuugen zur
Anwendung kamen, ergänzt.
Tabelle XXI
Eingeimpfte Zellenzahl :
4000
pro cmm.
22 Stunden
bei 22°
Jy
15 ccm "Würze -\-
PH
Zellenzahl
Relativer
Nr.
10 ccm "Waser
Mittel
pro cmm
Zuwachs
1
Ohne Zusatz
5,5
250000
100
2
mit 0,8 ccm 1-n
HCl
2,20
128000
51
3
1,0
1,9
110000
43
4
1,2
1,74
98000
38
5
1,4
1,62
40000
15
Die an der Torulahefe erhaltenen Ergebnisse sind in der Abb. 5
graphisch dargestellt. Es ergibt sich aus dieser Kurve, daß die unter-
suchte Torula sowohl hinsichtlich Alkali- wie Säuretoleranz viel weniger
Zeitschr. f. techn. Biologie, Bd. VIU. 2
18
Olof Svanberg
empfindlicji ist als die Kulturhefen. Nach einer früheren Beobachtung^)
hört diese Hefe bei Ph = 8 — 8,5 zu sprossen auf. Bei einem Versuch
zur Zymophosphatbildung wurde ferner bei dieser Hefe auffallenderweise
das vollständige Ausbleiben einer Griftwirkung der Hefe durch das zu-
gesetzte Toluol in den zwei ersten Stunden der Gärung beobachtet^).
Diese Tatsachen können sämtlich damit erklärt werden, daß die Torula-
hefe eine besonders undurchlässige Plasmahaut besitzt.
Wegen der bei der Torulahefe gefundenen, von den Kulturhefen
abweichenden Verhältnise wurden zwei weitere wilde Hefen mit Hinsicht
auf ihre Aziditätsbedingungen untersucht.
100
80
60
hO
20
/^
r2
o
n
^
t
^
1
b
\
\
7
\
+
O Tab. XIX
+
XX
XXI
Z3^S6789
pH
Abb. 5
Torulahefe in Würze
100
80
60
^0
20
2 S ^ 5 6 7 S
pH
Abb. 6
S. validus in "Würze
4. Saccharomyces validus (Pastorianus HI)
• Von Hansen wie die oben beschriebene Torulahefe aus Bier
isolierte Hefe mit obergärigen Erscheinungen. Neben normal geformten
ovalen Zellen in Würze öfters langgezogene bis fadenförmige Wachs-
tumsformen. Vergärt die Würze sehr viel schneller und kräftiger als
die obengenannte Torula, säuert sie aber etwas langsamer an (Tab. XXU
vgl. Tab. XVIII). Diese Hefe stammt aus derselben Sammlung wie die
Torula.
Tabelle XXII
Säurebildung durch S. validus in Würze bei 22**
Tage nach Impfen pn
5,5
1 4,52
3 4,24
5 4,14
7 3,71
9 3,56
^) Svanberg, Fermentforschung a. a. Ö.
Die Vermehrungsgeschwindigkeit der Hefen bei verschiedener Azidität 19
Zuwachsversuche
a) Wachstum von S. validus in Würze-Phosphatlösung, 0,15-
molar, bei verschiedener Azidität
Tabelle XXIII
Eingeimpfte Zellenzahl: 2000 pro cmm. 20 Stunden bei 22"
Jv
PH
Zellenzahl
Relativer
Nr.
Mittel
pro cmm
Zuwachs
1
4,5
34000
100
2
5,5
33000
97
3
6,55
29000
84
4
7,0
21000
59
5
7,3
5400
10
b) Wachstum von S. validus in verdünnter, mit HCl an-.
gesäuerter Würze
Tabelle XXIV
Eingeimpfte Zellenzahl: 2000 pro cmm. 20 Stunden bei 22°
J>.
PH
Zellenzahl
Relativer
Nr.
Mittel
pro cmm
Zuwachs
1
5,4
84000
100
2
3,9
83000
99
3
3,0
55 000
65
4
2,5
24000
27
5
2,2
8400
8
6
2,0
2200
0—1
Aus der Abb. 6 sehen wir, daß diese obergärige, aus Bier isolierte
Hefe hinsichtlich ihrer Aziditätsbedingungen mit der obergärigen
Brennereihefe nicht so große Ähnlichkeit zeigt wie mit der untergärigen
Bierhefe, mit der sie fast vollständige Übereinstimmung aufweist.
5. Saccharomyces thermantitonum (Johnson)
Ursprünglich auf Eukalyptus aufgefundene Hefe, wurde uns vom
Institut A. Joergensen in Kopenhagen überreicht. Über die Tem-
peraturbedingungen vgl. die neulich erschienene Abhandlung von Euler
und Laurjn^). ,
^) Euler und Laurin, Biochem. Zeitschr. Bd. 97, S. 156, 1919.
2*
20
Olof Svanberg
Tabelle XXV
Säurebildung durch S. thermaatitonum in Würze bei 22"
Tage nach Impfen pa
5,60
2 4,17
4 4,24
6 4,27
8 4,21
10 4,27
Die Säurebildung- war also bei dieser Hefe auffallend klein. Die
Differenzen der nach 4, 6, 8 und 10 Tagen untersuchten Kolben liegen
noch innerhalb der Versuchsfehlergrenzen.
Zuwachsversuche
a) Wachstum von S,
, thermantitonum in
Würze-Phosphatlösung,
0,15-mo
lar, bei
verschiedener Azidität
Tabelle XXVI
Eingeimpfte I
Zellenzahl:
1500 pro cmm.
18 Stunden bei 22°
Nr.
PH
Mittel
Zellenzahl
pro cmm
Relativer
Zuwachs
1
4,5
37200
94
2
5,5
39600
100
3
6,6
22600
55
4
6,85
9400
21
5
7,4
3800
6
b) Wachstum von S.
Nr.
1
2
3
4
5
6
thermantitonum in verdünnter, mit HCl
angesäuerter Würze
Tabelle XXVII
18 Stunden bei 22"
Relativer
Zuwachs
94
Eingeimpfte Zellenzahl: 2000 pro cmm
Zellenzahl
PH
Mittel
5,4
3,9
3,0
2,0
2,25
1,90
pro cmm
68000
72000
48000
23200
7400
2400
100
66
30
8
0—1
Abb. 7 zeigt die aus diesen Versuchsdaten dargestellte Kurve.
Wie bei S. validus haben wir es also auch hier mit einer hinsichtlich
ihrer Aziditätsbedingungen der Bierunterhefe sehr ähnlichen Rasse zu
tun. Die Torulahefe bildet also in dieser Hinsicht wahrscheinlich eine
ziemlich alleinstehende Ausnahme.
Die Vermehrungsgeschwindigkeit der Hefen bei verschiedener Azidität 21
700
80
60
40
ZO
t V
-!â– X
4 4
t ^r-
-f s
2 3 4 5 6 7 8
pH
Abb. 7
S. thermantitonum
Zusammenfassung
Es wurden an fà ¼nf verschiedenen Hefen Säuerungsversuche in
Würze sowie Zuwachsversuche bei variierender, elektrometrisch ge-
messener Azidität angestellt. Unter den Resultaten sind hervorzuheben :
I. Bei sämtlichen Hefen war die Säurebildung viel größer als
durch Kohlensäureentwicklung erklärt werden kann (also pn < 5). Die
größten gemessenen Aziditäten waren (bei einer Anfangsreaktion der
Würze von pn "= 5,6)
bei Oberhefe SB . . . pn = 2,87
„ Unterhefe H 3,98
„ Torula 3,17
„ S, validus 3,56
„ S. .thermantitonum . . . 4,17
Irgend ein Zusammenhang zwischen Säureproduktion und Aziditäts-
toleranz des Wachstums ließ sich nicht nachweisen^).
IL Die Optimalbedingungen für den Zuwachs in Würze liegen bei
den folgenden H-Ionenkonzentrationen
für die Oberhefe SB zwischen ps ^ 3 und pn = 6
„ „ Unterhefe H „ pn = 4 „ pn = 6,
dieselben Bedingungen gelten auch dem Wachstum von S. validus und
S. thermantitonum,
für die untersuchte Torulahefe zwischen pn = 2,5 und pn = 6.
^) Vgl. Eni er und Lindner, Chemie der Hefe und der alkoholischen Gärung.
Aufl. 1, S. 290.
22 0. Svanberg, Die Vermehrungsgeschwindigkeit der Hefen bei verschied. Azidität
III. Bei dem Wachstum der Kulturliefen in mineralischer Nähr-
lösung- gelten dieselben pn - Bedingungen wie bei dem Wachstum in
Bierwürze.
Die Ph- Bedingungen der Grärung sind neulich in einer Arbeit
von Euler und Heinze^) aus dem hiesigen Laboratorium festgestellt
worden. Die Gärungsgeschwindigkeit wurde hier in den sauren Lösungen
durch Messungen der Kohlensäureentwicklung verfolgt und durch Be-
stimmung des durch die Gärung verbrauchten Zuckers nach Bertrand
über den neutralen Punkt ins alkalische Gebiet erweitert. Erstens
entweicht nämlich die Kohlensäure bei der alkalisch gehaltenen Gärung
nicht aus dem Gärgefäß, zweitens ist die Dynamik der alkoholischen
Gärung in saurem bezw. alkalischem Medium eine wesentlich ver-
schiedene^), indem der Zucker bei der alkalischen Gärung nur zu etwa
60 — TO^^/o in Alkohol -\- Kohlensäure gespalten wird, während bei der
Gärung in normal saurem Medium diese Zerlegung bekanntlich bis auf
einige wenige Prozente quantitativ verläuft.
2 3^5676
pH
Abb. 8
Gärung einer Oberliefe
(nach Euler u. Heintze)
In der Abb. 8 ist die pn- Empfindlichkeit der Hefegärung nach der
Arbeit von Euler und Heinze graphisch dargestellt. Sie bezieht sich
auf die in meiner Studie untersuchte Oberhefe SB. Im Vergleich mit
den Ph- Bedingungen des Zuwachses derselben Hefe scheinen die Gärungs-
enzyme in ihrer Wechselwirkung eine etwa zehnmal größere Toleranz
sowohl für überschüssige H- als OH-Ionen zu besitzen.
*) Euler und Heintze, Sv. Vet. Akad.: s Arkiv för Kemi etc. Bd. 3, Nr. 21, 191!».
-) Euler und Svanberg, Zeitschr. für physiol. Chera. Bd. 105, S. 187, 1919.
Albrecht Hase, Über teclinische Biologie -J'i
Über technische Biologie
Ihre Aufgaben und Ziele, ihre prinzipielle und wirtschaftliche Bedeutung
von
Prof. Albrecht Hase (Jena)
z. Zt. Kaiser- Wilhelm-Institut für physikalische Chemie u. Elektrochemie Berlin-Dahlem
• Motto: „Die Welt verwandelt durch den Fleiß."
Schiller, Die Künstler
Vorbemerkungen
Der Fragenkomplex, den ich in nachstehenden Zeilen behandele,
beschäftigte mich schon in den Jahren vor dem Kriege. ' Durch den
Ausbruch desselben kam ich aber damals nicht mehr dazu, die Gedanken
hierüber schriftlich niederzulegen. Ich habe es auch nicht allzu sehr
bedauert, schon aus dem Grunde nicht, weil sich mir im Kriege^) Ge-
legenheit bot, praktisch die Brauchbarkeit meiner Ideen an einem Pro-
blem zu messen, welches dem Nationalvermögen leider zunächst viele
Opfer an Menschenleben und Millionenopfer an Geld gekostet hat; es
ist das Problem der Ungeziefer- und Schädlingsbekämpfung, welches wir
im Sinne haben.
Mit meinen Forderungen und Anschauungen stehe ich nicht isoliert.
Von zwei Seiten besonders sind ganz ähnliche Gedanken ausgesprochen
worden, und zwar durch Escherich^) von zoologischer und durch
Lindner^) von botanischer Seite. Der Leser möge selbst entscheiden,
inwieweit ich mit genannten Forschern übereinstimme und in welchen
Punkten ich ihr Programm erweitere^).
Die „Forderungen des Tages", welche im Laufe des Krieges bei
der Bearbeitung des Ungezieferproblems ständig an mich herantraten,
haben mich in folgenden Punkten bestärkt:
1. Es ist unbedingt erforderlich, daß wir dieses Arbeitsgebiet —
eben die technische Biologie — zusammenfassen und geistig
^) Siehe Anmerkungen am Schluß der Abhandlung, Nr. 1 — 5.
24 Albrecht Hase
durchdringen. Über das Wesen der Prozesse, die wir durchführen
wollen, müssen wir uns völlige Klarheit verschaffen. Der in vielen
hierhergehörigen Fragen leider noch herrschende rein empirische, um
nicht zu sagen bisweilen dilettantische Zustand muß endgültig ver-
schwinden^).
2. Wir müssen dahin streben, der Technischen Biologe die
Geltung zu verschaffen, welche ihr wissenschaftlich und
wirtschaftlich zukommt. Doch möchte ich den Dingen, welche im
ersten Teile erörtert werden sollen, nicht vorausgreifen. Bevor ich auf
das Thema selbst eingehe, gebe ich dem Wunsche Ausdruck: das, was
ich jetzt ausführe, möchte Früchte tragen und viele zur einsichtsvollen
Mitarbeit veranlassen, denn jede, das Allgemeinwohl bedenkende Per-
sönlichkeit ist befähigt, ja verpflichtet, an ihrem Teil mitzuarbeiten bei
der Lösung der gewaltigen Probleme, die hier aufgerollt werden sollen.
Ich versuche, soweit es im Rahaien dieser Zeilen möglich ist, darzulegen,
von welchem Standpunkte aus ich die Lösung der Aufgaben anstrebe.
I. Aligemeiner Teii
Der erste Teil meiner Ausführungen ist allgemein gehalten. Ich
möchte zunächst auseinandersetzen, was ich unter „technischer Bio-
logie" alles verstanden wissen will. Wir wollen untersuchen, ob die
Ideenverbindung zwischen Technik und Biologie eine berechtigte,
ja, den Zeitverhältnissen entsprechend, nicht sogar eine notwendige ist.
Damit versuche ich, zugleich eine Rechtfertigung dafür zu geben, daß
ich mich unterfange, diese Bezeichnung für die Arbeitsziele der an-
gewandten Biologie überhaupt vorzuschlagen. Schließlich wird im all-
gemeinen Teil die prinzipielle Bedeutung der technischen Biologie dar-
gelegt werden; am einfachsten durch den Gang der Ausführungen selbst.
Doch ehe ich auf die Endfragen zu sprechen komme, muß ich eine
Reihe von Begriffen festlegen, um Mißverständnisse auszuschalten. Zu
diesem Zwecke greife ich zunächst auf wohlbekannte Dinge zurück.
1. Was wir unter Biologie im weiteren Sinne verstehen, ist die
Wissenschaft von den belebten Wesen, also Anthropologie, Zoologie und
Botanik zusammengenommen. Im engeren, heute gebräuchlicheren Sinne
ist Biologie (auch Ökologie) die Wissenschaft von der Lebensbetätigung
und Lebensführung der Organismen. Zwei Arbeitsrichtungen lassen sich
^) Siehe Anmerkungen am Schluß ^er Abhandlung Nr. 1 — 5.
über technische Biologie 25
in dem ungeheuren Gebiete , zu dem die Biologie angescliwollen ist,
unscliwer feststellen.
a) Die reine oder theoretische Biologie, sie erstrebt sowohl
ein lückenloses Kennenlernen der Organismenwelt, als auch ein Auf-
decken der die Lebensvorgänge beherrschenden und regulierenden Natur-
gesetze; kurz: sie strebt die Erforschung des Lebens um der Forschung
selbst willen an.
b) Die praktische oder angewandte Biologie dagegen be-
rücksichtigt in erster Linie Organismen und deren Lebensverhältnisse,
welche für unsere gesamte Wirtschaft und die Volksgesundheit von
ausschlaggebender Bedeutung sind. Die angewandte Biologie hat sich
einerseits auf eine bestimmte Zahl von Lebewesen beschränkt, anderer-
seits ihr Arbeitsgebiet nach der praktischen Seite hin erweitert.
Dabei ist es nicht uninteressant, zu verfolgen, wie die theoretische
Biologie die Beschäftigung gerade mit den alltäglichsten Formen mehr
und mehr in den Hintergrund schob, um nicht zu sagen, zum Teil ver-
nachlässigte. Aber, so frage ich, ist ein Tier deshalb weniger inter-
essant, weil es alltäglich uns umgibt, weil es in millionenfacher Zahl
zu haben ist? Wir können leider feststellen, daß in Deutschland an-
gewandte und theoretische Biologie lange Zeit fremd nebeneinander
her arbeiteten.
Wenn wir im Laufe der Ausführungen von Biologie sprechen, so
ist immer die angewandte Biologie gemeint, falls nicht ausdrücklich
das Gegenteil betont wird. Es ist die Wissenschaft von den Lebe-
wesen, welche zu unserer Wirtschaft und damit der modernen
Lebensführung (einschließlich der Volksgesundheit) in wesent-
liche Beziehung treten, oder, wie wir bald sehen werden, treten
können.
Die zeitgemäße angewandte Biologie bedient sich exakter wissen-
schaftlicher Methoden, und sie soll, will sie nicht zum geistlosen mecha-
nischen „Betrieb" herabsinken, einen ständigen regen Verkehr zu ihrer
theoretisierenden Schwester pflegen, wie diese' ihrerseits nicht den
geringsten Grund hat, verächtlich auf die praktisch sich betätigende
herabzusehen. Beide sind wesensverwandt und einander ebenbürtig.
2. Im Thema ist eine besondere Forderung aufgestellt, in der
verlangt wird, daß die Biologie (also die angewandte) zu einer
technischen Biologie werden soll. Mit anderen Worten: mit
technischem Denken und technischen Methoden soll die Bio-
logie erfüllt werden. — Nicht völlig neu ist dieser Gedanke, da
26 Albrecht Hase
andere praktische Biologen und auch Techniker schon derartige Ideen
in mehr oder minder versteckter Form äußerten^). Neu wird aber zum
Teil die hier gebrachte scharfe Formulierung und restlose Weiterführung
der Gedankengänge sein, da sie vor keiner notwendigen Folgerung
zurückschrecken. Sind es zum Teil auch Zukunftsbilder, welche ich
nachfolgend aufrolle, so liegen sie doch im Bereiche des tatsächlich
Erreichbaren. — Chemie und Physik haben sich längst ein technisches
Denken zu eigen gemacht und durch diese glückliche Gedankenverbindung
die erstaunliche Höhe aller jener Wissens- und Arbeitsgebiete geschaffen,
die als chemische, mechanische und Elektrotechnik in aller Munde sind.
Das gleiche erstrebe ich, wenn natürlich auch zum Teil mit anderen
Methoden für Objekte aus dem Reiche des Bios. Eine den soeben
genannten ebenbürtige „Biotechnik" schwelst mir als Zukunftsbild vor.
Die mit eigenem Ideeninhalt erfüllte Arbeitsrichtung, welche diese
Forderung erfüllen und die ungeheuren Probleme lösen soll, ist eben
die technische Biologie^).
Ehe wir zum speziellen Teil übergehen, müssen noch zwei Punkte
klargestellt werden, um Mißverständnisse zu vermeiden. Einmal, was
verstehen wir unter „Technik", ferner, was verstehen wir unter „tech-
nischem Denken"?
a) Unter Technik oder Technologie verstehen wir die Wissenschaft
von den Mitteln und Verfahrungsarten zur Umwandlung von Natur-
produkten zum Gebrauch, dabei handelt es sich entweder um eine
Änderung der Substanz (chemische Technologie) oder um eine Änderung
der Form (mechanische Technologie) oder um eine Umwandlung von
Kräften, wie zum Beispiel in der Elektrotechnik^). Es stellt also die
Technik eine ins Praktische übersetzte, aber mit selbständigen Ideen
erfüllte Arbeitsweise der Chemie und Physik dar, unter Berück-
sichtigung von wirtschaftlichen und organisatorischen Fragen.
Was die Technik also anstrebt und schon auf vielen, von ihr be-
herrschten Gebieten durchgeführt hat, ist die Dienstbarmachung von
anorganischen Naturkräften, um dadurch einen höheren Grad der Frei-
heit unseres Handelns zu erreichen.
b) Seine Sonderstellung nimmt der Techniker und (damit die
technische Arbeitswtiise) durch eine wesentliche und ihm eigentümliche
Denkweise ein, wodurch sich sein Denken von dem des Theoretikers
unterscheidet. Der Techniker fragt sich: was kann ich aus der kon-
') Vergl. Anni. Nr. 6.
2) Vergl. Anm. Nr. 7 u. 8
über teclmische ßiolugie 27
kreten Natur, aus einer neuen Naturei'kenntnis alles machen? Zu
welchen Zwecken kann ich etwas gebrauchen? Mit diesen Gedanken-
gängen wird der Techniker zum Erfinder. Er forscht also nach neuen
Möglichkeiten, um die Naturgeschehnisse (welche in das Reich der* Physik
und Chemie fallen) nach seinem Belieben laufen zu lassen, d. h. er
reguliert die Vorgänge. Natürlich wird or sie so zu regulieren ver-
suchen, dal3 das ökonomische Prinzip erhalten bleibt. Es bedeutet dies
aber nichts anderes als, ein technischer Prozeß soll die größten Effekte
mit dem geringsten Kraft- und Stoffverbrauch erzielen. Der Techniker
sucht von den vielfachen möglichen Naturprozessen den heraus, der ihm
am zweckmäßigsten und am praktischsten erscheint. Weiterhin versucht
der Techniker schon bekannte technische Prozesse unter Neugestaltung
der Regulation mehr und mehr zu verbessern. Kurz, eine immer in-
tensivere Arbeitsleistung wird angestrebt. Aus all dem Gesagten geht
aber hervor, daß technisches Denken nicht ohne Naturerkenntnis möglich
ist. Der Theoretiker fragt: wie kann ich dieses oder jenes erklären,
der Techniker fragt: wie kann ich es für technische Prozesse ver-
werten. Der erste schafft ideell, der letztere reell. „Was der Natur-
forscher zergliedert hat, setzt der Techniker zu neuem Wirken wieder
zusammen" (Wendt, a. a. 0. S. 10).
Doch damit ist das Wesen des technischen Schaffens und Denkens
nicht erschöpft. Ständig sucht die Technik nach neuen Stoffen und
Naturprodukten, nach neuen Kraftquellen, um sie ihrer Bearbeitung zu
unterwerfen. War die Denkrichtung des Technikers im ersten Falle
mehr intensiver Natur, so ist sie im letzteren mehr extensiver Natur.
Der Techniker erklimmt also, indem er die Wege des Erfinders be-
schreitet, einen höheren Grad der Freiheit, indem er sich zur Herrschaft
über immer mehr Naturgeschehnisse aufschwingt.
3. Übertragen wir diese Gedanken auf die angewandte Biologie,
so wird diese zur technischen Biologie. Was soll also die an-
gewandte Biologie von der Technik lernen, bezw. übernehmen? Kurz
gesagt, sie soll die ganze Denkweise sich zu eigen machen.
a) Übernehmen soll sie den Erfindergeist des Technikers an den
ihr zukommenden Objekten. Genau so, wie in der mechanischen und
chemischen Technologie anorganische Naturkräfte reguliert und rationiert
werden unter Berücksichtigung von ökonomischen Faktoren, so soll der
Biologe in der technischen Biologie die mannigfachen Kräfte, deren
Hüter die Organismenwelt ist, für allgemeine, d. h. kulturelle Zwecke
dienstbar machen. Dieses Verfahren wäre in erster Linie auf jene
28 Albrecht Hase
heute verhältnismäßig' sehr geringe Zahl von Lebewesen auszudehnen,
welche bereits in unserem Kulturbesitz sind (Haustiere, gewisse Mikro-
organismen, z. B. Hefepilze). Das wäre ein Betätigungsfeld in inten-
siver Richtung.
b) Ferner soll die angewandte Biologie (als technische Biologie
betrieben) extensiv arbeiten und ihre Arbeitsverfahren auf neue Orga-
nismen ausdehnen. Organische, heute noch nicht benutzte, ja kaum
gekannte Kräfte müssen aufgesucht, studiert und unserer Wirtschaft
eingefügt werden. Mit anderen Worten: Es muß mit allen Mitteln
angestrebt werden, noch mehr Organismen in unseren Kulturbesitz
überzuführen, bezw. die störenden müssen gänzlich ausgeschaltet werden.
c) Gehen wir nun noch einen Schritt weiter, so muß ein Punkt,
welcher ein wichtiges Moment der technischen Biologie ausmacht, noch
erörtert werden. Die Vorgänge und Äußerungen organischer Kräfte
sind etwas, was vom lebenden Objekt nicht oder nur teilweise losgelöst
werden kann. Die Lebewesen selbst, d. h. in ihrer Gesamtheit, sind es
also, die der technische Biologe nötig hat. Und zwar im wesentlichen
aus dreifachem Grunde: A. Zunächst als Studienobjekt überhaupt; B. Als
Objekt zur Regulation von Naturprozessen, indem er bestimmte Kraft-
äußerungen eines Organismus auf andere Organismen in gewollter Weise
einwirken läßt (biologische Regulation), oder die Kräfte eines Organis-
mus in gewollter Richtung steigert und weiter entwickelt (Züchtung);
C. Als Objekte, auf die er anorganische, von ihm beherrschte Prozesse
einwirken läßt, um Störungen des Wirtschaftsbetriebes durch diese
Formen auszuschalten (Bekämpfungsverfahren).
Aus all dem Gesagten ist aber eines vor allem ersichtlich: nämlich,
daß die technische Biologie, da sie es mit Organismen zu tun hat, von
technisch denkenden Biologen betrieben werden muß. — Welche
Organismen ziehe ich zur Arbeitsleistung heran, wie verwerte ich ihre
Fähigkeiten, welches wird der zweckmäßigste Weg sein, wie kann ich
Naturgeschehnisse beliebig regulieren und somit zur Freiheit des Handelns
über das Geschehen im Reiche des Organischen kommen? Das sind
Fragen, die hier zur Beantwortung stehen. Der Zweck der technischen
Biologie ist also ein Erstreben von Freiheit- über den Ablauf des orga-
nischen Geschehens. Wer technische Biologie treiben will, muß zunächst
Forscherarbeit leisten, indem er seine Objekte erforscht; nur so wird
er in den Stand gesetzt, die gefundenen Erkenntnisse zu verwerten und
die neu aufgedeckten Lebensprozesse beliebig zu regulieren. Vom
.,Forschen" schreitet er zum „Erfinden" auf biologischem Gebiete.
über technische Biologie 29
Zwischen den technischen und biologischen Wissenschaftssystemen stellt
der technische Biologe die Verbindung her. In all diesen Dingen liegt
aber noch eines, was der Theoretiker bei seiner Arbeit nicht kennt.
Der technische Biologe muß, da seine Tätigkeit auf das Prak-
tische gerichtet ist, auch einen guten Teil von organisatori-
scher Tätigkeit leisten, damit seine Ideen, seine Erfindungen
auch zur tatsächlichen Einführung und Anwendung kommen.
Ohne Organisation keine technische Biologie!
•Damit glaube ich, soweit es hier möglich ist, zur Genüge folgende
Punkte dargelegt zu haben. Erstens: was ich unter dem Begriff
technische Biologie überhaupt verstanden wissen will, zweitens: welche
inneren Gründe mich veranlassen, für dieses Arbeitsgebiet eine Sonder-
stellung zu erstreben.
Es ist in den bisherigen Ausführungen wohl leicht zwischen den
Zeilen zu lesen, was ich mit Rücksicht auf die Zeitlage fordere. Nämlich,
daß sich die biologische Wissenschaft noch in ganz anderem Maße als
bisher bequemen muß, „nutzbare wissenschaftliche Arbeit zu leisten"
(Lindner, a.a.O. 3b), indem sie sich eine technische Denkweise zu
eigen macht. Wenn dieses geschieht, so wird in die Arbeitsweise der
angewandten Biologie eine leitende Idee gebracht, welche in anderen
Gebieten (Chemie und Physik) sich als äußerst fruchtbar erwiesen hat
und welche daher als Leitstern dienen kann, einerseits, um eine Zer-
spKtterung der Arbeitskräfte zu verhindern, andererseits, um eine scharfe
Erfassung der Arbeitsziele zu gewährleisten.
In der technischen Biologie reichen sich Theorie und Praxis die
Hand zur Dienstbarmachung und zur Beherrschung organischer Wesen
und Prozesse. Wir sahen , daß wir durch ' diese Beherrschung einen
höheren Grad der Freiheit des Handelns erreichen. Bezweckt wird aber
durch das machtvolle Entfalten solcher Freiheitsgrade eine Erweiterung
unseres Kulturbesitzes, bezw. eine intensivere Ausnutzung und Ratio-
nierung des bisherigen. Ich meine, dies sind Dinge, welche uns zurzeit
bitter nottun. Was uns verblieben, muß mit weiser Sparsamkeit ver-
waltet, andererseits müssen neue Arbeitsfelder und neue wirtschaftliche
Kraftquellen erschlossen werden, auch durch die Mitarbeit der Biologie.
11. Spezieller Teil
Im ersten Teil meiner Ausführungen setzte ich auseinander, welche
Gedankengänge ich der angewandten Biologie einflößen möchte, um sie
30 Albrecht Hase
zur technischen Bioloo:ie' weiter zu entwickehi. Ich legte dar, was wir
iint^ technischer Biologie verstanden wissen wollen. Im speziellen Teil
will ich über das Arbeitsgebiet der angewandten Biologie einen knrzen
Überblick geben und an der Hand von einigen Spezialfällen die soeben
ausgesprochenen Gedanken möglichst klar und einfach erläutern. Damit
wird zugleich eine Frage beantwortet, die man berechtigt ist zu stellen,
nämlich die: ist die angewandte Biologie überhaupt geeignet, daß auf
sie technische Gedanken angewandt werden? Diese Frage ist meines
Erachtens unbedingt zu bejahen. Durch die gewählten Beispiele dürfte
die hohe wirtschaftliche und praktische Bedeutung der tech-
nischen Biologie auch Fernerstehenden ohne weiteres völlig klar
werden. Sollten durch meine Ausführungen die staatlichen Organe sich
veranlaßt sehen, in verstärktem Maße diesen Dingen ihre Aufmerksamkeit
zu widmen, so wäre ein großer Schritt vorwärts getan worden.
Da es unmöglich ist, alle Gebiete zu beherrschen, so muß der
Einzelne, um seine Arbeitskraft nicht zu zersplittern, sich auf Teil-
gebiete konzentrieren. So auch hier. Mehr oder minder innig greifen
die drei Arbeitsgebiete der augewandten Biologie (Anthropologie, Zoo-
logie und Botanik) ineinander über, da kein Organismus isoliert in der
Welt steht, sondern als Funktion der Umwelt im weitesten Sinne er-
scheint. Die Beispiele, welche ich anführe, sollen vornehmlich aus dem
Gebiete der angewandten Zoologie^) genommen ^ werden, da mir
dieses Gebiet durch eigene Arbeiten nicht fremd ist. Botanik und
Anthropologie wollen wir aus obigen Gründen nur in zweiter Linie zur
Heranziehung von Beispielen benutzen, aber in prinzipiellen Fragen sind
sie vollkommene Analoga der technischen Zoologie. Ich habe deshalb,
zumal die drei Gebiete sich eng berühren, im allgemeinen Teil nur
von einer technischen Biologie schlechthin gesprochen.
Gehen wir zur angewandten Zoologie über und untersuchen, ob
deren Probleme geeignet sind, nach technischen Prinzipien bearbeitet
und mit technischen Gedankengängen erfüllt zu werden. Doch ehe wir
diese Untersuchungen anstellen, muß ich den diesen Dingen ferner
Stehenden den Umfang des Arbeitsgebietes der angewandten Zoologie
kurz umgrenzen. In der angewandten Zoologie sind folgende Gebiete
von hervorragender, auch wirtschaftlich ausschlaggebender Bedeutung:
a) die landwirtschaftliche, b) die forstwirtschaftliche, c) die wasser-
wirtschaftliche, d) die medizinisch-hA^gienische Zoologie.
V) Vergl. Anm. Nr. 9.
über technische Biologie 3X
Wer in diesen Gebieten technisch denkend arbeiten will, kann
sich verschiedenfach betätigen: erstens: in der Erforschunö- bereits be-
kannter Tierfornien (besonders der Haustiere), zweitens, im Aufsuchen
und in der Dienstbarmachung; von neuen Tierforinen, drittens, in der
Abwehi-, d. h. Bekämpfung von Tierformen, die entweder unseren Besitz
schädigen oder gar zu vernichten drohen, oder unsere Gesundheit bezw.
die unserer Haustiere untergraben.
1. Greifen wir zunächst ein Problem heraus, an dem angewandte
Zoologie und Botanik in gleicher Weise aufs höchste interessiert sind!
— Hervorragend geeignet zur Verwertung technischer Ideen ist das
Problem der Züchtung von Haustieren (und überhaupt von Tierformen)
einerseits und von Nutz- und Kulturpflanzen andererseits^). Hier tritt
mit am klarsten das in Erscheinung, was wir als Regulation von Ge-
schehnissen im Reiche des Organischen bezeichneten.
Der Züchter will die uns konkret gegebenen Objekte (also Pflanzen
und Tiere) zweckvoll (d. h. für seine Zwecke) umgestalten oder be-
stimmte Fähigkeiten dieser Organismen in bestimmter Richtung steigern
oder abschwächen. Wie wird er am sichersten zum Ziele gelangen?
Sicher dann, wenn er technisch denkt, d. h. aber nichts anderes, als
organische Kräfte, hier in erster Linie den Prozeß der Vererbung und
Fortpflanzung so zu regulieren, daß der gewollte Zweck mit Sicherheit
und in kürzester Zeit eintritt. Ist der Züchter in der Lage, den Ablauf
der natürlichen Geschehnisse (hier Vererbung und Fortpflanzung) zu
beherrschen, dann hat er die von der Technik angestrebte Freiheit
erreicht. Fehlschläge der Züchtung sind dann nicht mehr möglich und
der gewollte Zweck kann jederzeit beliebig wiederholt werden. Daß
heute unsere Züchtung noch nicht diesen hohen technischen Stand
erreichte, das wissen wir alle. Ehe er erreicht werden wird, muß auch
noch ein gut Teil Forscherarbeit an der Natur geleistet werden, durch
noch tieferes Eindringen besonders in die Gesetze der Vererbung,
Variabilität und Fortpflanzung.
2. Als zweites Beispiel wähle ich eines aus der landwirtschaft-
lichen Zoologie. Die Frage nach der Kraftleistung des Tierkörpers
beschäftigt den Praktiker seit uralten Zeiten^). Wenden wir auf dieses
Problem technische Gedankengänge an, so wird die Aufgabe so lauten:
Unter welchen Bedingungen erziele ich die relativ höchste Arbeits-
leistung? Wie muß ich meine „Tiermaschinen" mit Kraftzufuhr speisen,
1) Vergl. Antn. Nr. 10 u. 11.
32 Albrecht Hase
um den gewollten Zweck (Kräfteentfaltung) in der rationellsten Weise
zu erzielen? Wann und wie muß ich die Ernährungsprozesse regulieren,
um den gewollten Zweck mit Sicherheit zu erreichen?
Die Fragen des Energieumsatzes im lebenden Organismus erscheinen
dem Praktiker, ja in einem anderen Lichte, als dem physiologischen
Theoretiker, der sich auch mit diesen Dingen beschäftigt. In der Praxis
kommt eben etwas hinzu, was dem Theoretiker fremd ist, es ist die
Frage der Wirtschaftlichkeit. Ich will das Beispiel nicht in weiteren
Einzelheiten verfolgen, denn alle, die mit Tierhaltung irgend etwas zu
tun haben, wissen, von welch entscheidender Bedeutung die soeben
angeschnittenen Fragen in der Jetztzeit sind. Alle Praktiker werden
das Gefühl haben, daß hier die technische Denkweise in der landwirt-
schaftlichen Zoologie noch Großes und wirtschaftlich höchst Bedeutungs-
volles leisten wird.
3. Noch ein weiteres Beispiel aus der landwirtschaftlichen Zoo-
logie will ich anführen. Tierprodukte sind heute unserer Wirtschaft
unentbehrlich. Einen Teil liefert uns das Tier nach seinem Tode (Häute,
Knochen, Fleisch, Fett usw.), einen anderen Teil auch während seines
Lebens (Milch, Fett, Haare). Der vom technischen Biologen gewollte
Zweck ist der, eine größtmögliche Produktion zu erzielen. Um dies zu
erreichen, wird er alle Prozesse, die sich während des individuellen
Lebens abspielen, eingehend verfolgen und fortgesetzt regulieren müssen.
Alle Faktoren, die seiner gewollten Regulation hinderlich sind, werden
ausgeschaltet, die fördernden dagegen verstärkt. Das Resultat seiner
rein technischen Gedankengänge wird letzten Endes ein zweckvolles
Umgestalten von Einzelindividuen sein, das ist aber in diesem Falle
eine Verschiebung d. h. Umänderung von organischen Kräften.
Ein angenommenes, etwas schematisiertes Beispiel soll das Gesagte
noch klarer machen. Jemand hat Schafe, welche zurzeit ein Wollkleid
von 6 cm Länge tragen. Angenommen, in drei Monaten muß oder will
er die Tiere schlachten, möchte aber bis dahin ein Vlies von 10 cm
Länge haben. Wie, wann, durch welche Mittel muß er in das organische
Kräftespiel eingreifen, um den gewollten Zweck mit Sicherheit und mit
geringstem Energie- (d. h. Futter-)aufwand zu erreichen? Sollte es uns
nicht gelingen, Stoffe, bezw. Verfahren aufzufinden, die geeignet sind,
eine Funktion des Tierkörpers (im angenommenen Beispiel das Wachs-
tum der Haare) in ungewöhnlichem Maße, aber in von uns beabsichtigter
Weise zu steigern?
über technische Biologie 33
4. Da eine Fülle von Aiifg-aben für den technischen Biologen
vorliegt, so möchte ich noch einige Beispiele anführen. Jedem Denkenden
wird es auffallen, daß die Zahl der Tierformen, die in unsere ständige
Nutzung überging, so außerordentlich gering ist, im Vergleich zu der
Fülle von Arten, welche die heutige Zoologie kennt, und die uns heute
umgibt.
Bekannt sind, um nur einige Zahlen zu nennen, etwa 4500 ver-
schiedene Arten von Protozoen, 800 Schwämme, über 5000 Würmer,
6000 Krebse, 4500 Spinnen; 250000 Insekten sind bekannt, d. h. be-
schrieben, das ist nach fachmännischem Urteil aber erst etwa ein Viertel (!)
der tatsächlich vorhandenen, 22000 Mollusken, 12000 Fische, 1000
Amphibien, 3200 Reptilien, über 10000 Vögel und mehr als 2300 Säuge-
tiere M.
Vergleichen wir damit die Zahl der Formen, die zu Haustieren
geworden ist! Etwa 20 verschiedene Säugetierarten, etwa 15 ver-
schiedene Vogelarten und ebensoviele Fische, ferner knapp 10 ver-
schiedene Insektenarten. Das ist alles! Ist das eigentlich nicht be-
schämend? Geht daraus nicht sonnenklar hervor, daß die angewandte
Biologie bisher an einer gewissen Armut an schöpferischen Ideen ge-
litten hat? Sind denn von der Fülle der Formen, die uns die Natur
bietet, nur so wenig Geschöpfe geeignet, um in unseren Dienst ge-
zwungen, d. h. von uns technisch ausgewertet zu werden?
Hier öffnet sich der angewandten Zoologie noch ein ungeheures
Feld der Betätigung, wenn man mit technischen Ideen an diese Riesen-
aufgabe herantritt. Denn nicht der Wille des Tieres ist das Ent-
scheidende bei der Haustierwertung, sondern der des Menschen, dieses
oder jenes Geschöpf in seine Dienste zu zwingen. Ich persönlich
w^enigsteus stehe auf dem Standpunkte, daß wir noch eine stattliche
Zahl von Tieren zu Haustieren machen können, oder mindestens zu
Nutztieren. Der „Biotecliuiker", um diesen Ausdruck zu prägen, wird
sich angesichts dieser Tatsache die Fragen vorlegen: wo greife ich ein,
um diese oder jene Tierart in mein Machtbereich zu ziehen? Durch
welche Mittel und wie muß ich diesen oder jenen Lebensprozeß (also
eine organische Kraftäußerung) eines Tieres regulieren, um einen be-
stimmten Zweck zu erzielen? Oder: wie kann ich Tiere, welche sich
bis jetzt jeder menschlichen Nutzung entziehen, systematisch nutzbar
^) Vergl. Anm. Nr. 12.
Zeitschr. f. techn. Biologie, Bd. VIU.
34 Albrecht Hase
machen durch Auswertung ihrer psychischen (Instinkte) und physischen
Fähigkeiten?^)
Haben denn solche Ideen etwas Ungeheuerliches? Mutet es uns
nicht wie ein Märchen an (wenn ich einen Fall aus der mechanischen
Technik bringe), daß ein ernster Gelehrter, der Physiker Coulomb,,
vor rund 150 Jahren „exakt" bewiesen, es sei unmöglich, daß Menschen-
jemals fliegen könnten. Wem erscheint heute ein Flug von 100 km in
2000 m Höhe eine besondere Leistung? Hier war der Wille des Er-
finders, also Technikers, erfolgreich. Sollte er auf biologischem Gebiete
scheitern bei der Verfolgung der soeben skizzierten weiten Ziele?
5. Wie ich Beispiele aus der landwirtschaftlichen Zoologie wählte,
kann ich sie in gleicher Fülle der wasserwirtschaftlichen Zoologie ent-
nehmen! Die Fragen der Abwasserbeseitigung einerseits, des Fischerei-
wesens andererseits, bieten hundertfache Angriffspunkte für technische
Gedankengänge. Gewaltige Mengen von Abfallstoffen, besonders von
hochwertigen Stickstoffverbindungen führen Tag für Tag, jahraus jahr-
ein unsere Flüsse ins Meer und entziehen sie so unserem wirtschaft-
lichen Kreislauf. Gibt es hier keine restlose Abhilfe? Ist der Ablauf
der sich hier abspielenden Naturvorgänge unserer Beeinflussung völlig
entzogen? Können diese Prozesse nicht in konservativ wirtschaftlichem
Sinne geregelt werden? Solche Fragen werden unablässig den bewegen,
der als praktischer Hydrobiologe technisch denkt. Können wir nicht
Verfahren ausarbeiten, um die niedere und höhere Organismenwelt des
Wassers (Pflanzen wie Tiere) in unseren Dienst zu zwingen, indem wir
ihre Fähigkeiten benutzen, die gelösten Stickstoff Verbindungen fest-
zuhalten und sie in ihrem Körper zu speichern, aus dem sie von uns
restlos zurückgewonnen werden.
Führende Männer der fischereilichen Forschung haben sich diese
Frage auch vorgelegt und Vorschläge ausgearbeitet, die, soweit sie
durchgeführt wurden, sich glänzend bewährten. Ich führe dieses Bei-
spiel an, damit man ersieht, daß die technische Denkweise auch in der
angewandten Biologie gerechtfertigt, ja notwendig ist. Der Vorgang
ist kurz folgender: Die hochwertigen organischen stickstoffhaltigen
Abwässer werden nach Verdünnung in Teiche geleitet. Die daraufhin
sich entwickelnde ungeheure Bakterien- und Algenflora gibt zunächst
einzelligen Tieren (Protozoen), diese zusammen mit den Algen wiederum
Würmern und kleinen Krebsen reichlich Nahrung, In dem Maße, wie
') Vergl. Anm. Nr. 13.
über technische Biologie 35
diese Formen gedeihen, werden die organischen Verbindungen auf-
gespalten und aufgebraucht, um durch den Kreislauf der Stoffe als
niedere Organismen in Erscheinung zu treten. Diese niederen Tier-
formeu, denen sich bald höhere, besonders Krebse, Insektenlarven und
Schnecken zugesellen, dienen eingesetzten Fischen zur Nahrung, welche
in Form von Fischfleisch (also als stickstoffhaltiges Eiweiß) in unsere
Wirtschaft wieder zurückfließen. Hier haben wir einen regulierten, also
technischen Prozeß vor uns. Diese schönen Anfangserfolge geben uns
Hoffnung, noch mehr in dieser Hinsicht zu erzielen.
Weitere eminent wichtige Aufgaben aus der wasserwirtschaftlichen
Zoologie, wie: die Frage der Zucht von marinen Fischen, von Austern,
Mießmuscheln , Klaff muscheln , die Frage der Hummerzucht, die Frage
nach der Nutzbarmachung von Plankton usw. usw. werden meines Er-
achtens nur dann in befriedigender Weise zu lösen sein, wenn man mit
technischem Denken an sie herantritt.
6. Besonders fruchtbar erscheint es mir, mit technischen Ideen
auf einem Betätigungsfelde vorzugehen, welches wirtschaftlich eine
ungeheure Bedeutung besitzt, es ist die Bekämpfung aller der Tier-
formen, die in der Lage sind, unter Umständen unseren ganzen Besitz
an lebendem und totem Inventar zu schädigen oder gar zu vernichten;
oder, was noch schlimmer ist, welche unsere Gesundheit direkt oder
indirekt schwächen und somit eine Arbeitsbetätigung zeitweise unmöglich
machen. Das Riesengebiet der Schädlings- und Parasitenbekämpfung
betreten wir damit. Rein aus praktischen Gründen trennt man seit
langem die medizinisch -hygienisch schädlichen Formen (d. h. die Para-
siten des Menschen und der Haustiere) von dem übrigen hier in Frage
kommenden Heer der Schädlinge ab. In der prinzipiellen Behandlung
der in beiden Gebieten auftauchenden Fragen mache ich keinerlei Unter-
schied.
Sowohl in Land- wie Forst- und wasserwirtschaftlichen Betrieben
treten Schädlinge tierischer Natur auf, wir sind also berechtigt, in der
täglichen Praxis von land- und forstwirtschaftlichen usw. Schädlingen
schlichthin zu sprechen. Je nach der Art des verursachten Schadens
unterscheidet man wieder z. B. Getreide-, Gemüse-, Obst-, Speicher-
und Waldschädlinge. Bei weitem das größte Kontingent stellen die
Insekten, so daß ein spezielles Gebiet der Insektenkunde, die angewandte
Entomologie, sich mit ihnen befaßt. Wenn es uns gelingt, diese nach
jeder Richtung hin zu einer technischen Wissenschaft auszubauen, bezw.
weiter zu entwickeln, dann dürften uns, meiner festen Überzeugung nach,
3*
36 Albrecht Hase
glänzende Erfolge bescliieden sein. Ein kleiner Anfang ist gemacht,
wie ich späterhin zeigen werde.
Die Frage der Schädlingsbekämpfung ist jetzt mehr denn je akut
geworden. Unsere Wirtschaft ist verarmt, und eiserne Notwendigkeit
zwingt uns zur größten Sparsamkeit. Zur Ausübung dieser gehört aber
eine wohl organisierte Schädlingsbekämpfung, sowohl der Parasiten als
auch der pflanzlichen und Vorratsschädlinge. Von mancherlei Seite,
von Fachzoologen und Bo'tanikern, von Volkswirtschaftlern sind diese
Fragen teils in der Fach- teils in der Tagespresse erörtert worden.
Wir könnten sie im Rahmen unserer Ausführungen unmöglich übergehen.
Zunächst einige Vorbemerkungen , die im Zusammenhang mit
Dingen stehen, welche ich eingangs des allgemeinen Teiles besprach.
Dort wurde gesagt, daß ein technisches Denken die naturwissenschaft-
liche Erkenntnis zur Voraussetzung hat, oder, was dasselbe besagt, nur
der ist befähigt, richtig technisch zu denken, der Forscherarbeit an
seinen Objekten geleistet hat. Wer also Parasiten oder Schädlinge
bekämpfen will, muß sie genauestens kennen. Was in der modernen
Schädlingsbekämpfung alles an Kenntnis einer Form verlangt wird,
dafür nur ein Beispiel. Ich führe es deshalb an, um zu beweisen, daß
der theoretische Zoologe absolut keinen Grund bat, auf den praktisch
Arbeitenden herabzusehen. Bevor wir von einer Kenntnis im vollsten
Sinne des Wortes eines Schädlings oder Parasiten sprechen können,
sollten etwa folgende Punkte klargelegt sein: 1. die systematische
Stellung, 2. Morphologie, 3. Anatomie und Histologie, 4. Ontogenie,
5. Physiologie, 6. Biologie und Ökologie, 7. Pathologie, 8. die medi-
zinisch-hygienische Bedeutung, 9. die geographische Verbreitung,
10. die Ökonomik, d. h. wirtschaftliche Bedeutung.
Von wievielen der zu hunderten uns täglich schädigenden Formen
wissen wir das? Und von wieviel Formen ist es Allgemeingut? Welche
riesige Arbeit noch zu leisten ist, ist jedem damit näher Vertrauten
klar^). um ein konkretes Beispiel zu nennen: Es gibt kein umfassendes
deutsches Buch, welches uns über die gewöhnlichen Stubenfliegen und
die damit zusammenhängenden Fragen (z. B. Ruhr-, Cholera- und Tier-
seuchenverbreitung) unterrichtet. Wie hoch ist das Kapital, welches
jährlich für eine nutzlose Fliegenbekämpfung verausgabt wird?^)
Nach dieser Abschweifung zurück zum eigentlichen Gang der
Ausführungen.
*) Vergl. Anm. Nr. 14 u. 15.
NÜber technische Biologie 37
a) Wir müssen zunächst uns einmal klar machen, was eine In-
vasion von Schädling:en (z. B. Heuschrecken) oder ein Massenauftreten
(Maikäfer, Nonne, Kiefernspinner) oder eine Massen Vermehrung von
Ungeziefer und Parasiten (Läuse, Mücken, Fliegen) eigentlich bedeutet.
Letzten Endes ist es das Resultat einer Verkettung und Häufung voq
für die betreffende Tierart besonders günstigen Lebensumständen, welche
die Kräfte und Kraftäußerungen der jeweiligen Formen auf ein erstaun-
liches Maß steigerten.
Damit z. B. ein Massen auftreten (wir wollen es einmal mit M
bezeichnen) von Fliegen möglich ist, müssen eine Keihe von Bedingungen
(nennen wir sie einmal A bis E) erfüllt sein, wie: A. optimale Wärme,
B. gute Feuchtigkeitsverhältnisse, C. bestmögliche Ernährung, D. starke
Fortpflanzung, E. Mangel natürlicher Feinde usw. usw. (im einzelnen
sind uns die Bedingungen oft noch ganz unbekannt). Kurz, eine Reihe
von Geschehnissen (A bis E) müssen nacheinander ablaufen, damit eine,
von den vielen an sich möglichen Naturerscheinungen (hier M) zustande
kommt. Dies besagt: M ist nur möglich, wenn A 4- B -|- C -|- I^ • • •
usw. nacheinander eintreffen, bezw. sich summieren. Was will nun der
technisch denkende Biologe? Sein Streben geht zunächst dahin, die
Reihe von A -[- B -j- C usw. von Naturprozessen kennen zu lernen.
Sobald er über diese Kenntnisse verfügt, macht er die betreffenden
Tierformen zum Objekt eines technischen Prozesses, indem er „zweck-
mäßig" eines der notwendigen Zwischenglieder ausschaltet, über Gebühr
verzögert, oder die Reihenfolge A bis E derartig äudert, daß das frühere
biologische Resultat (die Massenvermehrung M) nicht mehr eintritt. Er
sucht also nach Möglichkeiten, das Naturgeschehen nach seinen ge-
wollten Zwecken zur Erreichung eines bestimmten Zieles laufen zu
lassen. Er gelangt so dahin, wohin der Techniker auf anorganischem
Gebiet schon längst gelangte, nämlich zur Freiheit über das organische
Geschehen. Nicht die Gültigkeit der Naturgesetze will er umstoßen
(denn das ist unmöglich), sondern nur ihre Reihenfolge ändern.
Die Eingriffe des Biotechnikers in die oben genannte Reihe A
bis E werden natürlich da stattfinden, wo sie am tiefgreifendsten, d. h.
am praktischsten sind. Durch Überlegungen an der Hand seiner bio-
logischen Kenntnisse, wird derselbe auch bald herausfinden, nicht nur
wo er eingreift, sondern auch mit welchen Mitteln. Er wird sich
einen ganz bestimmten Plan machen, ob er seine Angriffe auf den Gesamt-
organismus ausführt, z. B. durch Einschalten natürlicher Feinde (die
sog. biologische Bekämpfung), oder ob er durch chemische oder phy-
38 Albreclit Hase
sikalisclie Mittel (die sog. Bekämpfung mit technischen Mitteln) ge-
wisse Funktionen des tierischen Organismus z. B. (die Atemfunktion)
so schwer schädigt, daß die Bedingungen, unter denen M nur möglich
ist, nicht eingehalten werden.
b) Betrachten .wir von diesen Gesichtspunkten Beispiele, die teils
tatsächlich vorliegen, teils für vorliegende Zwecke von mir konstruiert
wurden! Ich wähle zunächst ein in der angewandten Entomologie
klassisches Beispiel.
Ungefähr um 1868 wurde von Australien oder Neuseeland nach
Kalifornien eine Schildlaus (Icerya Purchasi) eingeschleppt, die sich
sofort über die Orangen- und Zitronenplantagen ausbreitete, unter un-
geheurer Vermehrung. Da die Kulturen sehr bald unter den Angriffen
der Schildläuse (sie saugen die Säfte der Pflanze) lebensgefährlich zu
leiden hatten und völlig zu verkümmern begannen, so traten schwere
wirtschaftliche Schäden ein, daß man ernstlich daran dachte, die bisher
blühenden Orangen- und Zitronenplantagen aufzugeben. Versuchte
Bekämpfungsmaßnahmen brachten keine wirksame Abhilfe. Die diese
Frage bearbeitenden Entomologen forschten daraufhin nach der Heimat
der Icerya und stellten Australien als solche fest. Weiterhin wurde
studiert, welche Umstände eine Überverraehrung der Schildlaus in der ur-
sprünglichen Heimat verhinderten. Nach manchen Irrtümern fand man die
Ursache im Vorhandensein eines kleinen sonst harmlosen Käfers (Novius
cardinalis). Dieser war der natürliche Feind der Icerya. Man brachte diesen
nach Kalifornien, züchtete ihn und ließ ihn auf die Schildlaus los, die
in Milliarden die Plantagen bevölkerten. Dei' Käfer fand die günstigsten
Nahrungs Verhältnisse und sonst auch zusagende Bedingungen. Er ver-
mehrte sich lebhaft und fraß bald die Schildläuse auf. Den Obstbauern
erschien es wie ein Wunder. Nach diesem glänzenden Erfolg hält man
jetzt ständig Novius cardinalis in besonderen Anstalten, um ihn immer
wieder verwenden zu können, falls die Schildläuse nochmals auftreten.
An diesem klassischen Beispiele ist ersichtlich, wie man in der an-
gewandten Entomologie, als technische Biologie betrieben, in der Lage
ist, Naturvorgänge regulierend zu beeinflussen.
Analysieren wir den Fall, indem wir ihn möglichst vereinfacht
denken^). Damit das Ereignis der Massenansammlung (M) der Schild-
läuse eintritt, muß ein günstiges Klima (A) und eine gute Ernährung (B)
vorhanden sein. Da A und B zusammen eine gesteigerte Fruchtbarkeit
') Vergl. Aura. Nr. Ki.
über teclmisclie Biologie 39
(C) mit sich bring:en und da natürliche Feinde (D) im neuen Wohn-
gebiete fehlen, so kommt es zur Massenansammlung dieser Tierform.
Im Massenauftreten verursacht sie schwerste Schädigungen. Was ge-
schah hier von Seiten der Entomologen? Sie regulierten die Folge der
Natur^eschehnisse :
A + B + C = M
M4-A-i-B + C = 2M
2 M + A -j- B + C = 3 M '
3M + A-fB + C = 4M usf. bis
' »"
bis n M + A + B + C = 00 M
(d. h. die Massen der Schildläuse nahmen bis ins Unendliche zu), indem
sie den Faktor D einschalteten, wodurch die Kette sofort unterbrochen
wird. Natürlich verschwand M nicht sofort mit Ansiedlung des natür-
lichen Feindes, aber es trat eine Verringerung von oo M bis auf auf
M ^ ein. Der Vorgang ließe sich etwa folgendermaßen vorstellen:
ooM + A + B + C + D = °^
^^ -fA-f-B + C-j-D = ~M usw. bis
|_M + A + B + C4-D = f
M M
y+A+B+C+D=y
M M
^+A+B+C+D=^
usf. bis M = wird. Sobald dann M = unendlich klein oder =
wird, ist die Kalamität beseitigt.
Wir haben hier einen regulierten, also technischen Prozeß vor
uns, wie er biologisch eleganter kaum gedacht werden kann. Um ihn
beliebig wiederholen zu können, hält man den einen Faktor (d. h. die
natürlichen Feinde Novius cardinalis) ständig vorrätig; ganz ähnlich
wie beim Chemiker bestimmte Reagenzien immer im Laboratorium vor-
handen sind.
c) Nach diesem konkreten Falle will ich ein teilweise kon-
struiertes Beispiel anführen. Der Apfelblütenstecher (Anthonomus po-
morum), ein Käfer, hat die üble Angewohnheit, die Knospen der Apfel-
bäume anzustechen und darin seine Eier unterzubringen. Die aus-
kriechende Larve zerfrißt den Fruchtknoten, und damit ist die Hoffnung
40 Albrecht Hase
auf Ertrag in dem betreffenden Jahre vernichtet. Nehmen wir einmal
an, es seien bestimmte Geruchsstoffe in der Knospe der Apfelblüte,
welche die Weibchen des Käfers anlocken. Dann müßte man versuchen,
diese Stoffe ausfindig- zu machen, sie herzustellen, und in geeignete
Fanggeräte verteilen zur Zeit der Eiablage. Der Käfer würde dann,
indem wir sein Geruchsvermögen benutzen, um ihn irr zu leiten, durch
einen von uns regulierbaren Vorgang vernichtet. Aber leider sind wir
noch nicht so weit.
Dieses konstruierte Beispiel führt uns zu Ausblicken besonderer
Art, die sich der Biotechniker in weitgehendstem Maße zunutze
machen muß. Ich habe hier folgendes im Sinne: Wir wissen, daß die
Tiere, besonders die Insekten, in bezug auf bestimmte chemische und
physikalische Konstanten eingestellt sind. So z. B. unterbleibt die Ei-
ablage, wenn nicht bestimmte Temperaturgrade erreicht werden, oder
wenn sie auch nur einmal überschritten werden. Bei anderen Formen
wieder ist ein bestimmter Salzgehalt des Wassers, ein engumgrenzter
Feuchtigkeitsgehalt der Luft von nöten. Wieder andere sind in ihrem
zeitlichen Auftreten an ganz bestimmte Pflanzen gebunden. Noch
andere lassen sich durch ihren Lichtsinn oder -Geruchssinn leiten, ihre
Schlupfwinkel zur Eiablage oder als Versteck aufzusuchen. Kurz
tausenderlei Bedingungen sind es, welche das Verhalten der Tiere be-
stimmen. Was soll nun der Biotechniker tun? Er soll diese vitalen
oder katastrophalen Bedingungen künstlich herstellen, um so entweder
die zu bekämpfenden Schädlinge durch Erregung ihrer Sinnesorgane an-
zulocken und dann durch zweckentsprechende sekundäre Maßnahmen zu
vernichten, oder aber durch katastrophale Bedingungen die Funktionen
so zu stören, daß beispielsweise die Eiablage dauernd unterbleibt. In
beiden Fällen findet eine. Regulation, also ein technischer Prozeß statt,
der mit den richtigen Mitteln durchgeführt, praktisch das gleiche Re-
sultat zeitigt, nämlich Vernichtung des Schädlings.
Mit welchen Mitteln, ob mit chemischen oder mit physikalischen,
oder ob mit beiden zusammen, eingegriffen wird, ist vom Biologen von
Fall zu Fall zu entscheiden. Immer aber wird er technisch denkend
das wählen, welches am zweckdienlichsten ist.
Es ist noch ein weiter Weg, ehe wir so weit sind, daß wir für jeden
Naturvorgang, in unserem Falle das Auftreten eines Schädlings, das
üniversalmittel kennen, so wie der Chemiker nur zu einem bestimmten
Reagens zu gi^eifen braucht, um einen Vorgang in bestimmter Richtung
ablaufen zu lassen. Bevor wir dahin kommen, muß noch unendlich viel
über technische Biologie 41
Arbeit g-eleistet werden, und zwar solche, die teils mehr auf öko-
log-ischem, teils mehr auf physiologischem Gebiete liegt. Denn wenn
man in der Schädlingsbekämpfung mit Gasen (Kohlenoxyd, schwefliger
Säuue, Blausäure, Arsenwasserstoff, Schwefelwasserstoff, um nur einige
zu nennen) oder mit festen bezw. gelösten Giften (wie Blei-, Arsen-,
Kupfer-, Schwefelverbindungen oder solchen organischer Natur wie
Karbolineum, Petroleum, Naphthalin) arbeitet^), so muß man sich klar
sein, von welchem Organsystem aus man einen Schädling bekämpfen
will." Man muß rein physiologisch und toxikologisch feststellen, ob und
in welcher Lebensperiode die betreffende Form am wirksamsten an-
greifbar ist. Man muß sich überlegen: in welche Folge der Lebens-
prozesse, in welche Ketten von rein physiologischen Funktionen man
eingreifen will, um sie zu stören oder so zu verschieben, damit ein ge-
wollter Zweck auch tatsächlich zustande kommt. Stellt man -derartige
Überlegungen nicht an, schaltet man nicht technische Gedankengänge
ein, dann wird man einmal praktisch Mißerfolge haben und zweitens
anstatt wissenschaftlich nur dilettantisch arbeiten.
Will ich also' z. B. bei einem Schädling die Geruchsorgane
schädigen, um so das gegenseitige Auffinden der Geschlechter unmöglich
zu machen, womit ich die Fortpflanzung ausschalte, dann bedarf es
einer Kenntnis der Sinnesapparate nach der physiologischen Seite hin.
Wer überhaupt mit Giften in der Schädlingsbekämpfung arbeiten will,
muß sich vorher klar werden, ob er z. B. vom Respirations- oder vom
A^erdauungsapparat aus die Lebensfunktionen beeinflussen, bezw. lebens-
gefährdend stören kann und will ').
Ferner kann man versuchen mit rein physikalischen Mitteln wie
Wärme, Licht, Elektrizität in die Lebensführung eines Schädlings oder
Parasiten einzugreifen. Man könnte, um ein angenommenes Beispiel zu
nennen, gegebenenfalls folgendermaßen vorgehen: der Schädling lebt
teilweise im Boden, dort hat -er seine Eier in Winterruhe liegen ; bei
einer gewissen Temperatur schlüpfen sie aus. Die Larven bedürfen
bald Futter, w^elches sie nur im Frühjahr finden. Führt man also
vorzeitig Wärme künstlich zu (eventuell durch Bodenerwärmung mittels
Wasserdampf), so wird in den Ablauf des Geschehens eingegriffen, der
zeitliche Verlauf des Entwicklungsganges wird in bestimmter Richtung
verschoben, die zum Ausschlüpfen gezwungene Brut ist dem Verhungern
preisgegeben, der gewollte Zweck ist durch eine bestimmte Regulation
^) Vergl. Anm. Nr. 17 u. 18.
42 Albrecht Hase
der oiganischeji Prozesse mittels eines physikalischen Vorgangs erreicht.
So stellt sich das Problem im Gedankengang des Biotechnikers dar.
Bevor ich zum Schlüsse eile, will ich noch einige Probleme von
größter wirtschaftlicher Tragweite nennen. Sie sind es wert, einer
technischen Bearbeitung unterzogen zu werden. — So können wir ver-
suchen die Fülle der organischen Kräfte, die uns bei dem Massen-
auftreten eines Schädlings bestürmen, in bestimmte Bahnen um-
zulenken, und letzten Endes aus dem Schädling ein nützliches
Glied unserer Wirtschaft machen. Auf botanischem Gebiete ge-
schah dies bereits, indem man die organischen Kräfte der Gärungspilze
und -Bakterien technisch nutzbar machte'). Sollten ganz analoge Dinge
auf zoologischem Gebiete unmöglich sein? Ich denke nicht! Könnten
wir z. B. nicht die Instinkte und Gewohnheiten der kot- und aas-
fressenden Insekten, bezw. ihrer Larven, zur Fäkalbeseitigung und
-Umarbeitung auswerten?') Sollte uns die ungeheure Schärfe der Ge-
ruchsorgane vieler Tiere nicht als Indikator in der Chemie dienen
können? Wäre es nicht denkbar, daß man die Lautproduktion gewisser
Insekten zu akustischen Versuchen heranzöge? Wäre es undenkbar, daß
man die Fähigkeit einer Unmasse von Gliedertieren Gespinste anzufertigen
verwertete zur Gewinnung tierischer Faserstoffe? Denn warum sollten
hierzu nur die wenigen heute in Kultur befindlichen Seidenspinnerarten
ausschließlich verwendbar sein? Daß natürlich solche Probleme nicht von
heute auf morgen gelöst werden können, brauche ich wohl kaum zu be-
tonen; aber ihre Inangriffnahme prinzipiell abzulehnen, dafür liegt kein
zwingender Grund vor. — Mir erscheinen derartige Probleme nicht
kühner als die des drahtlosen Fernsprechers, des Quellungsmotors oder
der Immunisierung gegen Infektionskrankheiten.
Doch zurück nach diesem Fernblick zu Aufgaben, die uns heute
die Wirklichkeit aufdrängt und die der Arbeit technisch denkender Bio-
logen dringend bedürfen : Das Heu- und Sauerwurmproblem des Wein-
baues, das Blutlausproblem des Obstbaumes, das Kiefernspinner-, Nonnen-,
und Rüsselkäferproblem in der Forstwirtschaft, das Nematodenproblem
des Zuckerrübenbaues, die Probleme der Ratten- und Mäusevernichtung,
sowie von Vorratsschädlingen aus dem Heer der Insekten und, um mit
das Wichtigste nicht zu vergessen, das Problem der Vernichtung von
Parasiten, die den Menschen quälen, wie Mücken, Läuse, Krätzmilben
und viele andere. Alle hierher gehörigen Tierformen zehren am Ge-
deihen und Gesunden unserer Volkswirtschaft. Sie alle erfordern trotz
^) Vergl. Anm. Nr. 19 u. 20.
über technische Biologie 43
ihrer Alltäglichkeit ernsteste Arbeit von Fachleuten und fördernde Mit-
arbeit der Allgemeinheit. Die weitesten Kreise sind an solchen Auf-
gaben interessiert; daher dürfen staatliche wie private Organisationen
ihre Hilfe nicht versagen. Ein großer Zug echten Sozialismus liegt in
der technischen Handhabung der angewandten Biologie.
Schluß
vSoweit es mir möglich war, habe ich Probleme aus meinem engeren
Arbeitsgebiet aufgerollt. Ich versuchte zugleich darzustellen, daß sie
nicht nur den Biologen als Fachmann, sondern weiteste Volkskreise in
ihrer Gesamtheit etwas angehen, da wir mit der Lebensfähigkeit unserer
Wirtschaft, mit der Erhaltung unseres materiellen Kulturbesitzes und
unserer Gesundheit stehen und fallen.
Ich versuchte zu zeigen, von welchem Standpunkt aus, mit welchen
Ideen ich die Lösung der ungeheuren Aufgaben anstrebe. Dem Urteil
und Ermessen des Lesers muß ich es überlassen, wie weit er mir auf
den etwas neuartigen Wegen folgen will.
Die furchtbare Not der Zeit, deren Ende zunächst nicht ab-
zusehen ist, zwingt uns — allen Idealismus in Ehren — etwas
realer zu denken auch auf biologischem Gebiete. Sie hat mich
als Biologen veranlaßt Möglichkeiten zur Linderung zu suchen von
meinem speziellen Fachstandpiinkte aus, und ich habe soviel Optimismus
zu glauben, daß auf den soeben vorgezeichneten Wegen einmal zur
Linderung beigetragen werden kann, und daß andererseits durch Ar-
beiten in vorgezeichneter Richtung die Fläche Raumes, einschließlich
ihrer Tier- und Pflanzenwelt, welche uns jetzt leider- nur noch ver-
blieben, so intensiv genützt wird, daß wir auf die.se Art den Verlust
wirtschaftlich wett machen.
Indem wir durch die angedeutete Arbeitsrichtung zur Freiheit über
das Naturgeschehen im Reiche der Organismen kommen, heben wir
nicht nur unseren materiellen Kulturbesitz, sondern mit dieser absolut
unantastbaren Freiheit auch unsere idealen Güter, an denen ja die Zeit
noch ärmer ist als an realen.
Auch den alltäglichen Dingen läßt sich ein idealer Geist ein-
hauchen, denn: „es ist der Geist, der sich den Körper baut". Wem
alle diese Forderungen als zu profan erscheinen, dem gebe ich zu be-
denken, daß die oft geschmähte Technik erst den Weg geebnet hat zu
einer besseren materiellen und damit zur Entfaltung einer geistigen
Kultur.
44 Albrecht Hase
Anmerkungen und Zusätze
Die nachfolgenden Anmerkungen und Zusätze werden manchem
Leser, der diesen Dingen etwas ferner steht, nicht ganz unwillkommen
sein. Um den verfügbaren Raum nicht zu überschreiten, sind nur ganz
wenig Literaturhinweise eingefügt worden.
1. Hase, A., Die Zoologie und ihi'e Leistungen im Kriege 1914 — 1918. Zugleich
ein Beitrag zur Frage der angewandten Zoologie. Die Naturwissenschaften,
7. Jahrgang 1919, Berlin.
2. a) Escherich, K., Der gegenwärtige Stand der angewandten Entomologie und
Vorschläge zu deren Verbesserung. Verh. d. deutschen zoologischen Gesellschaft
1913. Berlin.
b) Ders., Über die Ziele und Aufgaben der „Deutschen Gesellschaft für angewandte
Entomologie". Zeitschr. f. angew. Entomologie, Bd. 1, 1914, Berlin.
c) Ders., Die angewandte Entomologie in den Vereinigten Staaten. Eine Ein-
führung in die biologische Bekämpfungsmethode. Zugleich mit Vorsclilägen zu
einer Reform der Entomologie in Deutschland. Berlin 1913. Mit vielen Lit.-Ang.
d) Ders., Die Forstinsekten Mitteleuropas. Bd. 1. Berlin 1914. Mit vielen Lit.-Ang.
3. a) Lindner, P., Über die Zweckmäßigkeit der Errichtung einer Zentralstelle für
zymotechnische Biologie. Wochenschr. f. Brauerei, 25. Jahrg., 1908, Nr. 41.
b) Ders., Geleitwort zum ersten Heft der „Zeitschrift für technische Biologie". —
Zeitschr. f. techn. Biologie, N. F. der Zeitschr. f. Gärungsphysiologie, Bd. VII,
1819, Berlin.
4. Im Kolloquium des „Kaiser Wilhelm -Institutes für physikalische und Elektro-
chemie" zu Berlin -Dahlem vom 16. Oktober 1919 sprach ich über das Thema:
„Probleme der Schädlingsbekämpfung besonders von physiologischer und prak-
tischer Seite". Einige der hier scliriftlich niedergelegten, prinzipiellen Gedanken
äußerte ich in diesem Kolloquium. Hauptsächlich aber erörterte ich praktische
Fragen und zeigte an der Hand von Beispielen, wie vieler Mitarbeit von physio-
logischer, toxikologischer, chemischer und physikalischer Seite es bedürfe, damit
das Problem der Schädlingsbekämpfung (welches ja nur ein Teilgebiet der techn.
Biologie ausmacht) in wissenschaftlich einwandfreier und wirtschaftlich fördernder
Weise in Angriff genommen und gelöst wird. Vielerlei Einzelheiten, welche aus
Raummangel hier wegfallen mußten, sind in diesem Kolloquium zur Sprache ge-
kommen.
5. Daß völlige Klarheit über die angestrebten Ziele geschaffen wird, ist hier — wie
auf allen Gebieten, wo die Wissenschaft mit der Praxis und mit breiten Volks-
schichten in Berührung kommt — ein unbedingtes Erfordernis. Zu leicht wird
sonst Dingen ein wissenschaftliches Scheinmäntel chen umgehängt, die nicht das
geringste mehr mit Wissenschaft zu tun haben. Der Zustand, der leider noch
besonders auf dem Gebiete der Schädlingsbekämpfung herrscht, daß eine After-
wissenschaft der übelsten Gewinnsucht Vorspann leistet, muß restlos verschwinden.
Einige Beiträge zu letzterem Punkt finden sich in meiner Arbeit: „Weitere Be-
obachtungen über die Läuseplage", Centralbl. f. Bakt. , Paras. u. Infekt. -Kr.,
I. Abt. Orig. Bd. 77, 1915, Jena.
über technische Biologie 45
6. Teilweise oder ganz widmeten ihre Lebensarbeit diesen Dingen Forscher, auf
welche die deutsche Wissenschaft allen Grund hat stolz zu sein. Männer, die
nicht mehr unter uns weilen, wie unter anderen: Altum, Hofer, Leuckart,
Frank, Nitsche, Pagenstecher, Ratzeburg, Schaudinn, Sorauer, E. S.
Taschenberg, Thaer, C. Vogt, Zürn, legten den Grund, auf welchem, wenn
ich eine bunte Fülle von Zeitgenossen nenne: Börner, Braun, 'Eckstein,
Escherioh, Fruwirth, Heinecke, Hollrung, Kirchner, Lindner, Miehe,
Nocht, Stellwaag, Schiemenz, Reh, Wilhelmi, Zander, Zuntz weiter-
hauten. An der Hand der Namen die.ser Forscher sinff Literatur -Quellen leicht
aufzufinden.
7. Daß die Begriffe: „Biotechnik, technische Biologie", wie wir sie aufgefaßt wissen
wollen, niclits mit Dingen, wie „mikroskopische Technik", „biologische Technik"
zu tun haben, brauche ich wohl nicht des längeren auseinanderzusetzen. In
letzterem Falle handelt es sich um eine Methodik, d. h. um ein Arbeitsverfahren
(vergl. Zeitschr. f. biologische Technik und Methodik, herausgeg. v. Gilderaeister,
Leipzig 1908/09—15, Bd. 1—3, Verlag J. A. Barth), in ersterem Falle um die
begriffliche Umgrenzung eines Arbeitsgebietes.
8. Betreffs dieser und der nachfolgenden Begriffsformulierungen verweise ich auf
Autoren, bei denen sich weitere Literaturhinweise finden:
a) Kar mar seh, K., Geschichte der Technologie seit der Mitte des achtzehnten
Jahrhunderts. München 1872.
b) Weudt, IT., Die Technik als Kulturmacht in sozialer und geistiger Beziehung.
Berlin 1906.
c) Zschimmer, E., Philosophie der Technik. Jena 1914.
d) Ders., Naturwissenschaftliches und technisches Denken. Die Naturwissenschaften.
2. Jahrg. 1914, Berlin.
9. In den nachstehend verzeichneten Abhandlungen finden sich detailliertere Aus-
führungen über die verschiedenen Arbeitsgebiete der angewandten Zoologie.
a) Versluys, J., Die Verbreitung von Seuchen durch Insekten und andere Glieder-
füßler im Kriege. Gießen 1915.
b) Wilhelmi, J., Die hygienische Bedeutung der angewandten Entomologie. Flug-
schriften der Dtsch. Ges. f. angew. Entomologie Nr. 7, Berlin 1918.
c) Ders., Die angewandte Zoologie als wirtschaftlicher, medizinisch-hygienischer und
kultureller Faktor. Berlin 1919.
d) Wülker, G., Die Aufgaben der angewandten Zoologie. Naturwissensch. Wochen-
schrift N. F. Bd. 15. Jena 1916.
e) Eschericii, K., Die Bekämpfung schädlicher Insekten eine volkshygienische und
volkswirtschaftliche Notwendigkeit. Frankfurt a. M. 1919.
10. In zahlreichen Lehr- und Handbüchern werden Fragen von der Tier- und Pflanzen-
züchtung behandelt, vom theoretischen wie vom praktischen Standpunkte aus.
Ich verweise u. a. auf die Werke von Fruwirth, Krämer, Kronacher und
viele andere moderne Autoren. Eine Fundgrube für diese Fragen sind auch die
klassischen Arbeiten Darwins.
11. Zuptz, N., Die Kraftleistungen des Tierkörpers. Berlin 1908. Weiteres über
diesen Punkt findet sich in Werken über die Physiologie der Haussäugetiere.
46 Albrecht Hase
12. Die Zahlen werden fortwährend verschieden angegeben. Ich bitte es mir nicht
als grüben Verstoß gegen die Genauigkeit anzurechnen, wenn bei einer der
Gruppen die Zahl nicht genau stimmt. Für unsere Zwecke genügen die zitierten
Zahlen vollkommen.
13. Ich kann es nicht unterlassen, hier auf etwas hinzuweisen, das mir von Jeher
reizvoll erschien. Es ist die Rolle, welche die Tiere im Märchen spielen. Aus
der Märchendichtung könnte ich eine Unmenge von Beispielen anführen, in denen
die Tiere mit ihren spezifischen geistigen und körperlichen Fähigkeiten in den
Dienst der Menschen treten. Die „Sammeltätigkeit" der Ameisen und Bienen,
überhaupt der Insekten, die „Fluggeschwindigkeit" der Vögel, die „Geruchs-
schärfe" des Wildes werden in bestimmter Richtung ausgewertet. [Vergl. „Aschen-
brödel": die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen.] Dabei ist es in-
teressant, daß besonders in den Märchen der Naturvölker dieser Gedanke immer
wiederkehrt. ' '
14. Vergl. hierzu die Ausführungen von Reh, L., Die angewandte Entomologie in
Deutschland. Zeitschr. f. angew. Entomologie Bd. 1, Berlin 1914, Verlag P. Parey.
Reh sagt wörtlich a. a. 0. S. 85 „man hört vielfach die Ansicht aussprechen,
unsere einheimischen schädlichen Insekten seien so gut bekannt, daß die vor-
handenen Lehr- usw. Bücher alles Wissenswerte enthielten und Neues, nicht mehr
zu tun sei. So ziemlich das Gegenteil ist richtig: Das Bekannte verschwin-
det fast gegen das noch zu Erforschende".
15. Bei dieser Gelegenheit sei das hervorragende Buch empfohlen von Hewitt, C. G.,
The house fly Musca domestica Linn. Manchester, At the University Press 1914.
16. Ausdrücklich möchte ich hervorheben, daß in Wirklichkeit die Zusammenhänge
nicht so einfach liegen. Von welchen Bedingungen die verschiedenen Lebens-
phasen eines Tieres abhängen, ist durchaus nicht immer leicht festzustellen. Wenn
wir im vorliegenden Falle das Beispiel vereinfachten und 5 Faktoren annahmen,
so geschah dies nur aus rein didaktischen Gründen. Wie verwickelt allein die
Temperaturverhältnisse bei den Insekten sind, und welche Rolle sie spielen,
darüber hat erst in neuerer Zeit Bachmetjew, P., Experimentell-entomologische
Studien I. Temperaturverhältnisse bei Insekten. IL Einfluß der äußeren Faktoren
auf Insekten, Leipzig 1901; Verlag W. Engelmann u. Sophia 1907, Staatsdruckerei,
exakte Untersuchungen angestellt.
17. Eine vorzügliche Übersicht über die verschiedenen Mittel zur Bekämpfung findet
sich bei Hollrung, M., Die Mittel zur Bekämpfung der Pflanzenkrankheiten,
Berlin 1914, 2. Aufl.
18. Einen großen Schritt wäre die Schädlingsbekämpfung weiter, wenn es ein gründ-
liclies Werk gäbe, in dem die Einwirkung der verschiedensten Giftstoffe auf
schädliche Tiere, besonders Insekten, eingehend dargestellt wäre. Leider sind
wir noch nicht so weit, und unsere Kenntnisse reichen über eine ziemlich grobe
Empirie nicht viel hinaus. Eine weitere Frage, welche mit obiger eng zusammen-
hängt, ist: über welche uatürliche Abwehrstoffe verfügen die Insekten Giften
gegenüber?
19. Die Literatur über Gärung und damit zusammenhängende Fragen ist außer-
ordentlich angeschwollen. Man vergl. die Werke von Buchner, Hansen,
Henneberg, Jörgensen, Lafar, Lindner u. a. m.
über technische Biologie 47
20. Spezielle Vorschläge nach 'dieser Richtung veröffentlichte in letzter Zeit
a) Lindner, P., Eine naturgemäße Aufarbeitung von Fäkalien durch Fliegeularven.
Mittig. der deutscheu Landwirtschaftsgesellschaft 1919.
b) ders., Massenzüchtung von fettreichen lusektenlarven auf Abfallstoffen zum Zwecke
der Fettgewinnung. Chem. Technische Wochenschrift, 8. Jahrgang, 1919.
c) ders., Zur Fettgewinnung aus Kleintieren» Zeitschr. f. technische Biologie, Bd. 7,
Berlin 1919.
Die Bestimmung der Durchschnittsgröße von Mikroben,
Stärke u. dergl. mit Hilfe mikrophotographischer
Aufnahmen
VOQ
P. Lindner
Mit 1 Tafel
In Nr. 48 der Wochenschrift für Brauerei 1914 veröffentlichte ich
einen Aufsatz über „Die Mikrophotographie im Dienste der Biometrie,
insbesondere bei der Unterscheidung in der Praxis verwendeter Hefe-
rassen", in vs^elchem ich ein Verfahren beschrieb, durch das sich ver-
hältnismäßig bequem und einfach die sog. „Flächenzahl" der verschie-
denen Heferassen feststellen ließ. Was ist das? Gesetzt, ich nehme
als Flächeneinheit den Boden einer Petrischale. Fülle ich nacheinander
Erbsen, Bohnen, Linsen und dergl. so ein, daß die einzelnen Samen den
Boden gerade bedecken und daß weder Lücken vorhanden sind, noch
die Samen übereinander zu liegen kommen, dann kann ich durch Aus-
zählen der gerade in der Schale Platz habenden Samen einen ganz guten
Ausdruck für ihre Durchschnittsgröße erhalten: die Flächenzahl. Je
gleichmäßiger die Frucht in Form und G-röße ist, desto mehr kommt
F
die von einer solchen bedeckten Fläche der Größe — nahe, wobei F die
X
als Einheit angenommene Fläche und x die Stückzahl bedeutet.
Bei Betriebshefen aus dem Gärbottich hat man es mit einiger-
maßen einheitlichem Material zu tun, die Unterschiede in Größe und
Form sind nur gering.
Es kommt bei ihnen nur darauf an, daß sie lückenlos auf den
Objektträger, oder besser noch in dner Adhäsionslamelle auf das Deck-
48 ^- Lindner
gläschen aufgetragen werden zwecks einer photographischen Aufnahme.
Auf dem bei öOOfacher Vergrößerung gewonnenen Bild wird nun eine be-
stimmte Fläche ausgezählt. Der Bequemlichkeit habe ich die Fläche
des gebräuchlichen Objektträgersformates gewählt, schon aus dem Grunde,
weil ich diesen auf das Bild legen kann und bei der Zählung die bereits
erledigten Zellen durch Tintenpunkte bezeichnen kann, so daß ein Aus-
lassen oder wiederholtes Zählen von Zellen ausgeschlossen ist.
Mitunter braucht man die zu zählenden Dinge gar nicht erst in
einer Fläche zusammenzustellen. Bei Adhäsiouskulturen z. B. behalten
die aus der Mutterzelle hervorgegangenen Tochterzellen untereinander
immer enge Fühlung, auch werden sie durch den Meniskus der Flüssig-
keitsschicht einschichtig gehalten. Gute Beispiele findet man in meinem
„Atlas der mikroskopischen Grundlagen des Gärungsgewerbe. 2. Auflage
im Bild Diastari, Caduz, Cibole, Colorado, Detroi, Dewa, Diabet, Dege-
budos, Dux, Halle, Iran, Iwana, Kabul, Lagone und Lesbos für Hefen,
bei Polder für Essigsäurebakterien. Bei verschiedenen Vergrößerungen
kann man die Flächenzahl auf eine bestimmte Fläche und auf eine be-
stimmte Vergrößerung z. B. bei Hefen auf 1000 oder 500 fach umrechnen.
Bei manchen Hefen ist nicht nur die eigentliche Zellengröße, sondern
auch die Verschleimung der Zellhaut in Betracht zu ziehen, da diese
größere Abstände bewirkt. Klassische Beispiele hierfür bieten die beiden
Bilder Lagone und Lesbos, auch das Bild Polder von der Essigbakterie.
Neuerdings wird bei Gär- und Assimilationsversuchen (siehe die
Arbeit von Svanberg in diesem Heft, von Elsie Vougt im vorigen,
auch die unlängst erschienene Arbeit von Albert Klöcker „Contri-
bution ä la connaissance de la faculte assimilatrice de douze especes de
levure vis-ä-vis de quatre Sucres") wieder viel die Zeiss-Thomasche
Zählkammer in Gebrauch genommen. »Sofern man die zunehmende
Hefenzahl als Maßstab der Assimilationsgröße verwertet, läuft man aber
Gefahr, die Ernte zu überschätzen, wenn die letzten Generationen
kleinei'e Zellen liefern. Man sollte da die Flächenzahl zur Korrektur
heranziehen, wenn man nicht, wie z. B. Elsie Vougt es macht, schon
von einem bestimmten Trockengewicht der Hefeernte ausgeht und die
Zellenzahl bestimmt, die bei einer bestimmten Verdünnung erzielt wird.
Für Bakterien wird in vielen Fällen, sei es in Klatschpräparaten
oder auch bei Ausstrichpräparaten eine dichte Lagerung der Keime zu
erzielen sein, so daß man dann im Mikrophotogramm die Flächenzahl
bestimmen kann. Wenn man sich die gewöhnlichen Bakterienphoto-
gramme betrachtet mit den im Gesichtsfeld verstreuten Kokken,
Bestimmung der Durchscbnittsgröße von Mikroben usw. 49
Stäbchenforinen und dergl., dann kann man sich des Gedankens kaum
erwehren, wie schrecklich es sein müßte, die Keime einzeln zu messen
und dann einen Durchschnitt zu nehmen. Die Bilder sind zumeist recht
wenig- charakteristisch, im Vergleich zu den hübschen Habitushildern,
die uns die Adhäsions- oder Tröpfenkultur mit ihrer ungestörten Ent-
wicklung zeig-en.
Unlängst wurde ich durch ein gerichtliches Gutachten veranlaßt.
Stärke, wie sie für Wäschefabriken geliefert wird, nach der Körnergröße
zu begutachten.
Die Anwendung der Flächenzahlmethode war hier geradezu eine
Erlösung ,von der Qual, die ein Ausmessen der einzelnen Körner ge-
bracht hätte.
Es erscheint mir zweckmäßig, hier einmal durch die erhaltenen
Bildproben eine Vorstellung zu geben, wie man zu bestimmten Zahlen
kommt, mit denen man etwas anfangeü kann. Es sollten zwei ver-
schiedene aus Kartoffelstärke hergestellte Stärkesorten mit gewöhnlicher
Kartoffelstärke und Reisstärke verglichen werden. Die vier Bilder sind
bei gleicher Vergrößerung aufgenommen und aus dem Bild selbst gleiche
Flächen herausgeschnitten worden. Zur Herstellung der Präparate ist
zu bemerken, daß man zweckmäßig die Stärke auf das Deckgläschen
trocken aufschüttet (natürlich eine gute Durchschnittsprobe) und mit so
wenig wie möglich Wasser mit einer Nadel verrührt und zuletzt mit
einem zweiten Deckgläschen den nicht zu dünnen Brei zur Platte gleich-
sam aus wälzt. Nun wird das Deckglas auf einem hohlen Objektträger
festgekittet. Es gehört allerdings eine gewisse Geschicklichkeit dazu,
gleich auf Anhieb ein gutes Präparat zu erhalten. Nimmt man zu viel
Wasser, dann findet sicher eine Entmischung der großen und kleinen
Körner statt. In dickerem Brei ist dies nicht gut möglich, da bleibt
alles mehr an Ort und Stelle infolge der großen Reibung. Dieselben
Fabrikmuster w^urden zu verschiedenen Zeiten untersucht und dabei
folgende Zahlen gewonnen:
233 (prima Kartoffelstärke) —293 S.-Muster — 529 K.-Muster
279 ( „ „ ) _ 388 „ „ — 724 „ „
In bezug auf die Kartoffelstärke war das Verhältnis:
oben 100 : 139 : 259
unten 100 : 125 : 227 -
In Berücksichtigung des Umstandes, daß zu verschiedenen Zeiten
und an verschiedenen Orten verarbeitete Kartoffeln verschieden sein
müssen, kann man sagen, daß beide Zahlenreihen keine wesentlichen
Zeitschr. f. teclm. Biologie, Bd. VIII. ^
50 P- Lindner,
Abweichuügen aufweisen und daß an der Identität der Proben, die be-
stritten war, nicht gezweifelt werden kann.
In dem Bild I
zählte ich auf der Fläche 75 X 51 = 3825 qmm 254 Stärkekörner.
In dem Bild II
zählte ich auf der Fläche 75 X 51 = 3825 qmm 662 Stärkekörner.
Da die Vergrößerung 125 fach linear = 15 625 fach in der Fläche,
ist in Wirklichkeit abgebildet eine Fläche von 3825/15 625 = 0,247 qmm.
Auf 0,247 qmm haben also Platz gefunden in I 254, in H.
662 Körner.
Das einzelne Durchschnittskorn beansprucht also in I 0,247/254
= 0,00098 qmm, in II 0,247/662 = 0,00037 qmm oder, wenn mit
(i = 0,001 mm gerechnet wird (1 qmm = 1000000 q/^), I 980 qpi, II 370 q^w,
das sind also Quadrate mit 31 bezw. 19 ^m Seitenlänge.
Auf allzu große Genauigkeit wird man bei all solchen Zählungen
nicht rechnen können; immerhin stellt die Flächenzahl doch etwas Greif-
bares dar, während man bei den üblichen- Mikrophotogrammen gewöhn-
lich sprachlos bleibt.
Hat man ein sehr gleichmäßiges Material, aber Lücken im Präparat,
dann kann man die Umrisse der Lücke auf dem Objektträger aufzeichnen
und letzteren so verschieben, daß die Lücke eine dicht gelagerte Stelle
bedeckt. Jetzt kann man mit Tinteupunkten die in der Lücke befind-
lichen Körner feststellen.
In den meisten Fällen verhindert das dichte Auseinanderliegen der
zu zählenden Keime und dergl. deren sonst wimmelnde Bewegung und
man kann, wie in dem vorliegenden Fall bei der Stärke, die Aufnahme
direkt auf Gaslichtpapier machen, obwohl sie eine längere Expositious-
zeit erfordert.
Die wimmelnde oder sog. Bro wüsche Molekularbewegung hat
vielfach in Laboratorien, in denen man nicht über Bogenlicht verfügte,
verschuldet, daß man sich nicht an die Aufnahme lebender Mikroben-
kulturen herangewagt hat. Hätte man das Präparat wie für die Flächen-
zahlbestimmung hergerichtet, dann wäre man auch zurecht gekommen.
Beim Überschauen der Bilder, die übrigens schon einmal ver-
öffentlicht worden sind (Wäschereizeitung 1918, Nr. 47/48), wird einem
ohne weiteres klar, • daß die Mischung der kleineren und größeren
Körner ziemlich gleichmäßig ist, daß also bei der Anfertigung des Prä-
parates kein Wegschwemmen der kleinen stattgefunden hat. Weiter
sieht man beim ersten Blick, daß II und III, die beiden konkurrierendea
Bestimmung der Durchschnittsgröße von Mikroben usw. 5X
Stärkesorteu sich erheblich in der Durchschnittsgröße der Körner
unterscheiden.
Da die WäschepUtttereien den kleinkörnig-en Stücken den Vorzug- â–
geben, insbesondere aber die Reisstärke hochschätzen, ist es für sie
angezeigt, sich über die Körnergröße der angebotenen Stärkesorten von
Zeit zu Zeit durch photogräphische Aufnahmen unterrichten -zu lassen.
Zur Selbstkontrolle wird man gut tun, mindestens zwei Präparate an-
zufertigen, und von jedem Präparat zwei verschiedene Gesichtsfelder
aufzunehmen.
Wie weit man hier eine Übereinstimmung erzielt, mögen die Zahlen,
die mit der S- und der K-Stärke aus je zwei Präparaten und vier ver-
schiedenen Gesichtsfeldern, zeigen.
In S: 297, 320, 276, 276. In K: 548, 506, 521, 540
Durchschnitt bei S: 293 • bei K: 529.
Als Vergrößerung empfiehlt sich für Stärke 125 fach, für Hefen
500 fach, für Bakterien 1000 fach zu wählen.
(Biologisches Laboratorium des Instituts für Gärungsgewebe.)
Kleine Mitteilungen
Aus dem Bericlit der Kommission (Liudau, Liiidner u. Reinhardt) der
Deutschen Botanischen Gesellschaft über die Hebung der Produktion von
Speisepilzen
Die Kommission hat nach vorläufigen Erkundigungen auch Ratschläge
von erfahrenen Pilzkennern und Forschern eingeholt, so der Herren Bakalla,
Seminardirektor, Ziegenhals, Borgmann, Prof. Dr., Tharandt, Dittrich,
Prof. Dr., Gymnasialoberlehrer, Breslau, Gramberg, Lehrer, Königsberg!. Pr.,
Lakowitz, Prof. Dr., Oberlehrer, Danzig, Ludwig, Prof. Dr., Hof rat, Greiz,
Möller, Prof. Dr., Oberforstmeister, Direktor der Forstakademie in Ebers-
walde, Ricken, Pfarrer, Lahrbach, Rhön, Roman Schulz, Lehrer, Berlin.
Zu der Frage,- wie die Kenntnis der eßbaren und auch der giftigen
und schädlichen Pilze gefördert werden kann, wie weitere Volkskreise über
den Wert der Pilze für die Ernährung aufzuklären sind, liegen in der Lite-
ratur wertvolle Hinweise vor. Herr Borgmann macht in seiner Abhandlung
„Die Mitwirkung der deutschen Forstwirtschaft an den Aufgaben der Volks-
52 Kleine Mitteilungen
ernährung im Kriege"^) auf S. SJ9ii. entsprechende Vorschläge, und ähnliche
Vorschläge finden sich in fast allen der Kommission zugegangenen Schreiben.
Amtliche Stellen: Schulen, Lehrer- Seminare, haben die Aufgabe, im
Unterricht die Kenntnis der eßbaren und schädlichen Pilze zu verbreiten.
Die Behörden können diese Kenntnisse verallgemeinem und erweitern durch
Verbreitung von Belehrungsschriften, guten Pilztafeln, Pilzwanderungen unter
kundigen Führern, durch Vorträge, Pilzausstellungen und Unterrichtskurse.
In Markthallen sollten Schaukästen mit den eßbaren Pilzen der Zeit an-
gebracht werden, und in größeren Orten müßten besondere Pilzbeschauer
angestellt werden mit dem Rechte, Verkaufsscheine für die ausgelegten Pilze
auszustellen, um Vergiftungen zu verhüten. In den Städten sind besondere
Beratungsstellen für Pilzkunde einzurichten, wo gratis oder gegen Entgelt
die Pilze bestimmt werden und Auskunft über ihr Sammeln und Zubereitung
gegeben wird. Auch eine Unterweisung in der Zubereitung der Pilze könnte
in HaushaltAngsschulen und Frauenvereinen erfolgen.
Eine Marktauf sieht, bezw. Auskunftsstelle, besteht in Königsberg
(Gramberg) und Danzig (Lakowitz); einen Vortrag über Marktpilze hat
Herr Dittrich in Breslau gehalten; Pilzausstellungen waren in Berlin (Ro-
man Schulz u.a.) und Habelschwerdt (Bakalla). Wo große Mengen Pilze
zur Verfügung stehen, geben sie ein gutes Schweine- und Hühnerfutter. Doch
müssen sie auch hierzu passend zubereitet w^erden (Dittrich).
• II.
Die folgenden Versuche können sofort emjafohlen werden: Züchtung
nach Art der Champignon-Kulturen, auf Beeten von Lauberde, auf Holz und
auf Baumstubben, durch Anpflanzung von Bäumen mit Mykorrhizen.
1. Ähnlich wie der Champignon (Psalliota campestris) lassen sich züchten :
Tricholoma nudum, Russula virescens (Dittrich, R. Schulz), Coprinus
comatus (Ricken, Schulz), Paxillus involutus (Ricken), Clitopilus prunulus
(R. Schulz), Morcheln (Dittrich, Gramberg). Über die Champignon-
Kulturen besteht eine reichhaltige Literatur. Der Erfolg der Kulturen hängt
vielfach von örtlichen Umständen ab, so daß sie erfahrenen Gärtnern zu
überlassen ist. Wie weit Versuche mit den oben aufgeführten Pilzen Erfolge
bringen, läßt sich schwer vorher sagen. In Frankreich sollen solche Kulturen
mit Tr. nudum und mit Speisemorcheln guten Ertrag gebracht haben (Falck,
Gramberg).
2. Für die Züchtung auf schnell und leicht herzustellenden, gedüngten
Beeten von Lauberde empfiehlt Falck Psalliota silvatica, Lepiota excoriata,
Tricholoma graveolens, gamborum und boreale, die sogenannten Maipilze ;
Gramberg und Roman Schulz außerdem noch Clitocybe laccata und
Amanita rubescens.
^) Tharandter Forstliches Jahrbuch, Bd. 67, H. 5/6, 1916.
Kleine Mitteilungen 53
3. Am einfachsten ist die Züchtung auf Baumstubben, auf die Pilze
mit reifen Sporen gelegt oder besser noch gestellt werden, so daß die Sporen
auf natürliche Weise ausgestreut werden können. Auch durch Begießen mit
sporenhaltigem Wasser kann man eine erfolgreiche Aussaat erhalten. Zu
solchen Kulturen werden empfohlen: Pholiota mutabilis, Pleurotus ostreatus
und Armillaria mellea. Der erste Pilz, der Stockschwamm, ist ein unschäd-
licher, totes Holz bewohnender Pilz. Auch der zweite, der Drehling oder
Austernpilz, tritt nie so häufig auf, daß er Schaden verursachte, trotzdem er
sich auch an lebenden Bäumen findet. Der dritte Pilz, der Hallimasch, ist
aber einer unserer schädlichsten Pilze als Waldverderber, dem jährlich viele
Waldbäume zum Opfer fallen. Wie weit seine Züchtung und Vermehrung
dem Forste größeren Schaden bringt, als der Wert der geernteten Pilze ist,
ist eine zweite Frage. Jedenfalls müssen die jungen Hallimasche gesammelt
werden, bevor sie ihre reifen Sporen ausstreuen können.
4. Einige Pilze finden sich nur unter bestimmten Bäumen; ihr Vor-
kommen und Wachstum ist an diese Bäume geknüpft, ihr Myzel lebt in
Symbiose mit den Wurzeln der Bäume und bildet die sogenannten Mykor-
rhizen. Die Kultur dieser Pilze geschieht ani besten so, daß junge Bäume
mit den Mykorrhizen dieser Pilze so verpflanzt werden, daß man sie mit
genügend großen Wurzelballen umsetzt. Das bekannteste Beispiel dieser
Züchtung ist die Kultur der Perigord- Trüffel. Ludwig nennt als Pilz-
bäume: Lärche und Weimutskiefer (Boletus elegans und B. Boudieri var.
pictilis), Birke (Boletus rufus und B. scaber), Fichte und Kiefer (Boletus edulis).
m.
über das Wachstum des Myzels der eßbaren Pilze ist wenig bekannt,
weder über das Alter, das es unter günstigen Bedingungen überhaupt er-
reichen kann, noch darüber, wann und unter welchen Umständen es seine
Fruchtkörper entwickelt. Daß die Myzelien einiger Pilze recht alt werden
können, geht aus der Bildung großer, sogenannter Hexenringe hervor, die
oft viele Meter Durchmesser erreichen. Einige Pilze erscheinen fast regel-
mäßig an einem bestimmten Standorte, und wiederum andere treten nur in
einem Jahre an demselben Standorte auf und verschwinden dann wieder für
immer oder für mehrere Jahre.
Um die Kultur, Verbreitung, Förderung des Wachstums und der Frucht-
bildung der nützlichen Pilze zu heben, bedarf es jahrelanger Versuche und
Vorbereitungen, die von Forstakademien und anderen wissenschaftlichen In-
stituten anzustellen wären, vielleicht unter Beirat pilzkundiger Physiologen
und Sammler.
Die Sporen werden in geradezu unendlichen Mengen gebildet und durch
die Luft und durch Tiere weithin verbreitet. Sie werden an Stellen, wo sie
günstige Bedingungen finden, sicher keimen und sich weiter entwickeln!
Wir kennen erst von wenigen eßbaren Pilzen die Keimung der
54 Kleine Mitteilungen
Sporen, und Versuche, sie in künstlichen Nährlösungen zum Keimen zu
bringen, wären somit zu empfehlen. Sofort könnten auch Versuche angestellt
werden, die Sporen auszusäen, wie es oben für die Aussaaten auf Baum-
stubben geschildert ist. Über Erfolge solcher Aussaaten ist aber sicheres
nicht bekannt. Mit größeren Kosten und Umständen verknüpft, wohl aber
schnelleren Erfolg versprechend, wäre das direkte Auspflanzen des Myzels
durch Übertragen genügend großer Bodenstücke mit dem Myzel in Wälder,
auf Felder und Wiesen, an Orte, die geeignete Bedingungen für das Ge-
deihen der betreffenden Pilze zu versprechen scheinen. Dabei ist Rücksicht
^ auf Feuchtigkeit und Trockenheit des Standortes, ob Laub-, Nadel- oder
Mischwald u. a. zu nehmen. Der Erfolg wird auch dann noch unsicher sein,
solange wir die Bedingungen für die einzelnen Pilze nicht kennen, und wahr-
scheinlich hängt das Gedeihen der Pilze, noch mehr als anderer Nutzpflanzen
von äußeren, nicht oder schwer beeinflußbaren Umständen ab; Pilze, die in
nassen Jahren auf trockenen Böden wachsen, kommen in trockenen Jahren
auf Sumpfstellen vor. Wo es sich lohnt, könnte durch Zu-, beziehentlich
Ableiten von Wasser, durch Begießen das Wachstum gefördert werden. Der
geringe Mehrertrag würde kostspielige Anlagen und Arbeiten nicht lohnen.
Und dasselbe gilt von der Düngung; obgleich schon geringe Düngung mit
Mist das Wachstum einiger Pilze fördert. Künstliche Düngemittel, vor allem
Nitrate und Ammoniak, werden nach Falck von einigen Basidiomyzeten, und
zu dieser Gruppe gehören die meisten unserer Speisepilze, nicht aufgenommen,
so gute Nährmittel diese Stoffe für die meisten niederen Pilze und einige
Askomyzeten sind.
Um die Pilze zu verbreiten oder da, wo sie von Natur vorkommen,
ihren Ertrag zu heben, ihr W^achstum zu begünstigen und zu fördern, lassen
sich zurzeit sichere Erfolge versprechende Vorschläge weder für bestimmte
Arten noch Methoden machen.
(Entnommen den Berichten der Deutschen Botanischen Gesellschaft,
Bd. 37, Heft 4.)
Allgemeines aus dem Bereich der Biotechnologie
Die Einsicht, daß unsere Hochschulen und -ihre Lehrkräfte sich auf
„nutzbare wissenscnaftliche Arbeit" einstellen müßten, scheint erfreulicher-
weise Fortschritte zu machen. Unlängst hat sich auch Nernst in diesem
Sinne bei Gelegenheit der Verteilung der Hilfsfonds der Akademie der
Wissenschaften zur Unterstützung wissenschaftlicher Arbeiten ausgesprochen.
Hugo Fischer-Essen hat unlängst mit treffsicherem Humor die Hilf-
losigkeit und Überheblichkeit von Sachverständigenkommissionen gegenüber
neuen Erfindungen aus der Geschichte der Neuzeit gegeißelt.
Gerade die einfachsten Gedanken hajbe man am wenigsten beachtet,
während man bei fast unbegreiflichen Theorien mit der Zustimmung nicht
Kleine MitteiluDgen 55
zurückstehen wollte. Der Zustiminende gibt sich natürlich damit djt? An-
sehen, als ob er die Sache völlig begriffen hätte.
Den Mut, zu einer neuen Sache, deren Durchführung Gelder erfordert,
ja zu sagen, finden nur wenige, am ehesten noch Kapitalisten; der Gelehrte
ist meist zu zaghaft, ja zu gewissenhaft, ihm ist der Gedanke schrecklich,
daß ein' anderer durch sein Votum vielleicht Verluste erleiden könnte. Ka-
pitalisten und große Gesellschaften sind es aber gewohnt, ein Risiko einzugehen.
Schließlich muß auch in Betracht gezogen werden, daß ja gerade das Kapital
von vielen Erfindungen unverdient hohen Nutzen gezogen hat, während der
Erfinder meist leer ausgegangen ist, ja gar nicht einmal genannt wurde.
Neuerdings scheint hier ein Wandel sich vorzubereiten, indem dem Erfinder
größere Rechte eingeräumt werden sollen, auch bei Betriebserfindungen oder
einfachen Verbesserungen im Betrieb, für die ein Patentschutz nicht genommen
werden kann (vgl. Bundesblätter, Mitteilungen des Bundes angestellter Chemiker
und Ingenieure, Berlin W. 35, Potsdamerstr. 36, 1. Jahrg. Nr. 14 vom 1. 1. 20
„Erfinderschutzfragen").
Es ist selbstverständlich, daß diese Umstände nunmehr den Forscher
zur Mitarbeit an praktischen Arbeiten mehr als vordem anregen werden. Er
wird dann auch finden, daß gerade bei letzteren sehr viel zu lernen ist.
Ich möchte hier wieder auf den Vortrag von Hugo Fischer: „Der
gegenwärtige Stand der Kohlensäurefrage für Pflanzenkulturen verweisen"
(Angewandte Botanik, Bd. 1, Heft 5 — 7), „Es geht", „Aber wie man es am
besten macht, das ist alles im einzelnen noch auszuprobieren", „Wie hätten
uns erhöhte Ernten im Kriege genützt! Warum waren wir rückständig? Weil,
dank einer ganz einseitigen Schulbildung, unter den Maßgebenden selten ein
Mann zu finden ist, der in einer naturwissenschaftlichen Frage ein eigenes
unbefangenes Urteil hat. Soll man urteilen, dann muß man Sachverständige
befragen; und was das bedeuten will, dafür weise ich auf Kolumbus, die erste
Eisenbahn und Gregor Mendel hin". Während des Krieges hat man bei uns
fast alle Schweine abschlachten lassen. In Ungarn hat der Dipl. -Ing. Karl
Erecky, jetzt ungarischer Ernährungsminister — also einmal ein wirklicher
Sachverständiger Minister! — mit ungarischen Großgrundbesitzern eine Vieh-
verwertungsgenossenschaft gegründet und eine Mastanstalt für 50000 Schweine
in Betrieb gesetzt. Bei uns eine durch Sachverständige inszenierte großartige
Abschlachtung, in Ungarn eine großzügige Produktion. Man lese die überaus
interessant geschriebene Broschüre von Erecky „Biotechnologie der Fleisch-,
Fett- und Milcherzeugung im landwirtschaftlichen Großbetrieb", Paul Parey
Berlin 1919, und darin besonders das letzte Kapitel: Die Biotechnologie im
Dienste der Volksernährung.
Hier nur einige Stichproben daraus. „Nur die Anwendung der Natur-
wissenschaften in der Landwirtschaft kann die Lebensmittelproduktion dazu
befähigen, der überhandgenommenen Industrie wieder das Gleichgewicht zu
56 Kleine Mitteilungen
halten" ... In diesem Fall wird das Großkapital dafür sorgen können, daß
die Völker der Mittelmächte mit Nahrungsmitteln bis zur Genüge versehen
werden. . . Je intensiver die Bauernwirtschaft betrieben wird, um so weniger
vegetarische Nahrungsmittel gibt sie der Kulturgesellschaft ab. Die Er-
zeugnisse ihres Bodens werden von dem eigenen Zug- und Nutzvieh
verzehr. Die Feststellungen der Volksernährungsämter lassen erkennen,
daß die großen Herrschaftsgüter für die Versorgung des Heeres und der
großen Städte aufkommen, weil bei diesen die zunehmende Intensität der
Bewirtschaftung nicht auch eine Vermehrung des Zugviehbestandes zur Folge
hat. Diesen erwähnten Übeln muß abgeholfen werden, und die mächtige
deutsche Kultur ist in erster Reihe berufen, die Lebensmittelproduktion mit
Hilfe der Naturwissenschaften auf kapitalistischer Grundlage neu zu
organisieren. Als Vorbild diene der gigantische Aufschwung der deutschen
chemischen Industrie.
Wenn die deutschen Landwirte, Physiologen und Biochemiker die
Lebensmittelerzeugung in die Hand nehmen, wird durch Ausnutzung der
in den Ländern der Zentralmächte vorhandenen Naturschätze die Entwicklung
der gesamten Menschheit einen so mächtigen Aufschwung erleben, daß eine
weltgeschichtliche Periode entsteht, die sich unter den Jahrtausenden ebenso
markant abheben wird, wie die Stein- und Eisenzeit. Diese biochemische
Periode kann die deutsche Kultur zeugen, sie muß nur den Willen dazu
besitzen."
Daß übrigens auch einfache Praktiker Großes einleiten können, dafür
ein Beispiel: In Ungarn sind jetzt weite Steppengebiete in Weinpflanzungen
umgewandelt, nachdem ein einfacher Weinbauer herausgefunden hat, daß man
nur die Pflanzgrube mit Getreide zu umpflanzen braucht, um das Versanden
der Grube durch den Steppensand zu verhüten. Der meiste ungarische
Weißwein, den man jetzt bei uns trinkt, entstammt aus diesem neu eroberten
Steppengebiet. (Nach einer Mitteilung des Weinhändlers Herrn Lichtwardt,
Charlottenburg, des bekannten Dipterologen.) Lindner.
Das Biosproblem und die Deutung negativer Ergebnisse
bei Assimilationsversuchen
Kluyver und Klöcker haben beide ziemlich umfangreiche Unter-
suchungen angestellt, durch die sie das eine oder andere der von Lindner
und Saito und Rose erhaltenen Assimilationsergebnisse als falsch nach-
weisen wollten. Kluyvers Arbeit ist schon 1914 „Biochemische Suiker-
bepalingen" Leiden, Habilitationsschrift, erschienen, Klöckers erst 1919 in
den Compt. rend. des travaux de laboratoire Carlsberg, 14 Vol., No. 7, Kopen-
hagen, H. Hagerup.
Zu beiden Arbeiten habe ich in Woch. f. Brauerei 1920, Nr. 3 Stellung
genommen und die mutmaßliche Deutung der Unstimmigkeiten versucht. Sie
Kleine Mitteilungen 57
sind offenbar begründet in der von den Versuchsanstellern nicht beachteten
ungleichen Sauerstoffspannung der beimpften Nährflüssigkeiten. Nicht die
Verunreinigung des Zuckers, nicht die geringe Hefeaussaat, nicht die Form
des Kulturgefäßes sind ausschlaggebend. Bei zu lange gestandener, also
sauerstoffreicher Flüssigkeit ist auch bei Anwendung reinsten Zuckers ein
Ausbleiben der Entwicklung der geringen Zellenaussaat wahrscheinlich infolge
zeitig einsetzender Verfettung der Zellen, die natürlich wieder auf eine As-
similation des Zuckers hindeutet. Man wird also alle negativen Befunde bei
den bisherigen Assimilationsversuchen nochmals nachprüfen und dabei vor
allem das mikroskopische Bild der Aussaatzellen kontrollieren müssen. So
hat also auch hier das sog. Biosproblem sein Unwesen getrieben und viel
unnötige Arbeit gemacht. Lindner.
Ein klassisches Werk aus dem Gebiete der Biotechnologie
ist soeben von S. Orla-Jensen erschienen (Memoires de l'Academie Royale
des Sciences et des lettres de Danemark, Copenhague, Sect. des sciences
3me Serie tV. no. 2). Es ist betitelt: „The lactic acid Bacteria" und enthält
51 Tafeln (mit je 4 — 6 Bildern). Die Veröffentlichung ist mit Unterstützung
des Carlsberg- und Julius Skrikesstiftung erfolgt. Im ganzen sind 30 Bak-
terienarten untersucht; dazu sind volle 10 Jahre angestrengtester Arbeit er-
forderlich gewesen. Die Ausstattung des Werkes ist prächtig, besonders die
Photogramme. Der Verfasser ist der bekannte Leiter des biotechnisch-
chemischen Laboratoriums der polytechnischen Lehranstalt in Kopenhagen.
Lindner.
Die Antialkoholbewegung- und die Gärungsforschung
Die sehr flott geschriebenen und auch inhaltlich interessanten beiden
Bände von Georg Triers „Grundlagen des Antialkoholismus" Gebr. Born-
traeger, Leipzig 1918, kranken an dem Fehler, daß sie von den neuesten
Arbeiten über Naturgärungen und ihre Kostgänger sowie über die leichte
Assimilier- und Überführbarkeit des Alkohols in Fett nichts berichten. Die
leichte Assimilierbarkeit des Alkohols in mäßig konzentrierten Nährlösungen
widerspricht aber ganz und gar der landläufigen Redensart von dem Zellgift
Alkohol. Die Behauptungen Triers, der Alkohol sei nur als für die Zelle
unbrauchbares Exkrement zu werten, sind also ganz irrig. Sogar die Bierhefe,
sofern nur genügend Sauerstoff zugegen, verschluckt gierig Alkohol und
macht Fett daraus, was sie durch ihr granuliertes Plasma, das sie besonders
von anderen Hefegruppen unterscheidet, kund tut.
In meinen beiden „Beiträgen zur Naturgeschichte der alkoholischen
Gärung" habe ich Herrn Trier entsprechende Belehrung zuteil werden lassen.
(Wochenschr. f. Brauerei 1919, Nr. 29 u. 1920, Nr. 1, zusammen auch als
Broschüre herausgegeben).
58 Kleine Mitteilungen
Der Gärungsindustrie wollte Trier durch die Gärungswissenschaft das
Grab graben; sie hat ihn jedoch im Stich gelassen.
Auch vom Standpunkt der Ernährungsphysiologie ist ihm kräftig ent-
gegnet worden. Vergl. den Vortrag von Prof. Völtz: „Das Bier und die bei
seiner Herstellung gewonnenen Nebenerzeugnisse in ihrer Bedeutung für die
menschliche Ernährung" (W. f. Br. 1919, Nr. 50). In Übereinstimmung mit
den Befunden von Zuntz und Rubner findet Völtz ungefähr 60 "/q der aus-
nutzbaren Nährstoffe der Gerste im Bier wieder; im Bier und in den
übrigen Erzeugnissen der Bierbrauerei zusammen 86 7o- Die gesamten Ver-
luste an ausnutzbaren Nährstoffen bei der Bierbrauerei betragen hiernach
nur 14*^/q. Bei der direkten Verwertung der Gerste als Mehl und Graupen
hat man mit etwa denselben Verlusten zu rechnen. Die Nährstoffverluste
bei der Malzkaffeefabrikation betragen dagegen 75 — 80°/q. Also: Friedens-
Bier oder Graupensuppe oder Malzkaffee? Die Wahl dürfte nicht schwer sein.
Lindner.
Ergänzende Nachträge zur Schädlingsbekämpfung, Fäkalienverwertnng,
zur Biosfrage und Fettgewinnung.
Schädlingsbekämpfung. Es erscheint mir zweckmäßig, im Anschluß
an den voraufgegangenen Vortrag von Prof. Hase einige von ihm bereits
im September 1918 bei den Verhandlungen der deutschen Gesellschaft für
angewandte Entomologie zu München (Verlag Paul Parey, Berlin 1919) ge-
brachte Angaben hier anzufügen.
Läuse. Die finanziellen Aufwendungen zur Läusebekämpfung im
Kriege veranschlagt er auf etwa 250 Millionen Mark, durch sie ist es ge-
lungen, die Gefahr einer allgemeinen Verlausung und damit Seuchenein-
schleppung (Fleck- und Rückfallfieber) zu verhüten. Die erste Periode der
Bekämpfung war eine mehr prophylaktische Abwehr mit Geruchsstoffen (Läuse-
mitteln), die aber zumeist versagt haben. Die zweite bediente sich des
Dampfdesinfektions- und Heißluftverfahiens (Backofenprinzip). Ersteres,
(Vo — 1 stündige Einwirkung von Wasserdarapf von 105 — 110°C) mußte Gummi
und Ledersachen verderben, aber grade Ledersachen z. B. Leibriemen, Hosen-
träger, Brustbeutel, Bruchbänder, Stiefelstrippen, Tornisterriemen, Pelze
w^aren häufig mit Läusen und Nissen behaftet.
An der Front wurde das von Heymon zuerst 1915 ausprobierte Heiß-
luftverfahren hauptsächlich angewandt. Seine Nachteile: Versengen der
Sachen beim Überhitzen, zu langsames Durchwärmen dieser Kleiderbündel,
Feuersgefahr, wenn Feuerzeuge, Zelluloidwaren in den Sachen steckten. Die
dritte Periode: Anwendung von Blausäuregas nach Teichmann und Heymann.
Bei lockerer Packung gentigen bei 2 Vol. 7o Gras 1 Std., bei dichterer 2 Std.
Das Verfahren ist billiger als die vorigen, gefährlich aber für die Bedienungs-
leute, sofern sie für den Blausäuregeruch nicht empfindlich genug sind.
Kleine Mitteilungen 59
Schwierig ist die Entlüftung im Großbetrieb, bei nassen Sachen versagt es,
ebenso bei Frost und niederen Temperaturen. Die letzten Reste Blausäure
machen sich beim Ankleiden bemerklich; sie müssen chemisch unschädlich ge-
macht werden. '
Die Bekämpfung der Kopfläuse macht namentlich bei Frauen Schwierig-
keiten; es fehlt z. Z. noch ein billiges Mittel für Massenentlausungen (z. B.
im Osten). Für die Abtötung der Läuse und Nissen in Scham- After- und
Achsel haaren dürften Präparate, welche Kresol- oder Essig- oder Ameisen-
säure in irgend einer Form enthalten, am aussichtsreichsten sein. Lazarett-
züge und Wohnräume sind wohl am besten mit 1 Vol. 7o Blausäure zu
entlausen; wenn Räume nicht abduftbar, dann mit Kresolseifenlösung ab-
waschen oder 40 Tage lang die Läuse aushungern lassen! Nach Schöppler
tötet Sublimatlösung 1 : 100 die Läuse in den Schamhaaren nach dem Waschen
rasch ab, unter hellroter Verfärbung.
Bettwanzenbekämpfung. Die Arbeiterbaracken des großen Leuna-
werkes bei Merseburg wurden in Folge der Wanzenplage zeitweise unbe-
wohnbar. Abhilfe kam von der Durchgasung mit Blausäure. Nicht unter
4 Std. einwirken lassen bei l°/o Vol! (Diese Mitteilung ist einem neuerlich
von Hase in Berlin gehaltenen Vortrag entnommen.)
Die Bekämpfung der Fliegen und Mücken bedarf noch gründlicher
biologischer Vorarbeit. Teichmann empfiehlt gegen unsere einheimischen
Culex- und Anopheles-Arten mit Blausäure vorzugehen. 0,02 — 0,03 Vol ^g
genügen, um die Volltiere (Imagines) abzutöten.
Gegen die gewöhnlichen Hausfliegen (Musca domestica, Stomoxys cal- 1
citrans, Homalomya canicularis) wirkte 0,1 Vol. "^/q in 30 Minuten, 0,25 Vol.
°/q Blausäure in 15 Minuten tötlich, den Vorschlag von Teich mann, Mist,
Müll usw. mit Cyannatriumlösungen (62,5 g NaCy in 25 1. Wasser pro cbm)
mehrmals im Jahr zu begießen, hält Hase für bedenklich. In Gebirgsdörfern
kann man oft beobachten, wie die Jauche aus Ställen den Abhang hinunter-
fließt und sich darin unendlich viel Fliegenlarven und Fliegen entwickeln.
Hier finden Hühner und Singvögel reichliches Futter, ebenso in den Ställen
selbst. Eierproduktion alsdann erheblich gesteigert. Den Stall als Fliegenfalle
hat ein Pferdebesitzer in Olmütz benützt; er öffnet im Sommer Tür und
Fenster, damit möglichst viel Fliegen in den Stall kommen, wo sie die Eier
ablegen. Die Maden kriechen an den Wandungen hoch. Diese werden
jeden 2. u. 3. Tag bis zu 1 ra Höhe abgespült und so die Maden angeblich
vernichtet und die Fliegenplage eingeschränkt (aus der Broschüre von A.
Grimme „Krieg den Fliegen" Verlag der Ender'schen K. A. Neutitschein,
Wien Leipzig). Ich habe in Wochenscrift für Brauerei darauf hiixgewiesen,
daß offenstehende Bierflaschen mit Bierneigen ebenfalls solche Fliegenfallen
darstellen und daß namentlich, die Essigfliege, die in Obstgeschäften und
Essigfabriken überaus häufig, darin zahlreich Eier ablegt. Die ausschlüpfenden
60 Kleine Mitteilungen
Larven kriechen an der glatten Glaswand empor und verpuppen sich da.
Die Tönnchen kleben ziemlich fest am Glase. Mückenbrut fand ich massen-
haft in den Glasscherbenhaufen von Weinkellereien.
Die Käsefliege welche die Springmaden erzeugt, bildet glänzend
braune Tönnchen, die sich wie Leinsamen in die Tüte füllen lassen. Aus-
schlüpfende Fliegen fand ich schon am folgenden Tage bei der Paarung und
am übernächsten Tage waren schon wieder Eier gelegt. Bekannt ist die
Fliegenplage in Champignonzüchtereien, die geradezu die ganze Anlage
in Frage stellen kann. In Käsereien vmd Pilzzüchtereien sollten auch mit
Durchgasungen Versuche gemacht werden.
Wichtig ist auch die Bekämpfung der Pferdebremsen. In Grödener
Tal. sagten mir die Kutscher, es sei für die Tiere gesund, wenn sie tüchtig
von Bremsen bis aufs Blut ausgesaugt würden.
Die Lederindustrie erleidet an Millionen jährlich Schaden durch die
Bies- und Dasselfliegen.
Auch gegen diese müßten energische Maßregeln ergriffen werden.
Um die Fliegenplag^ auf den Weideplätzen zu verringern, sollte man,
wie es an der friesischen Küste üblich, die frischen Exkremente möglichst
von der Wiese entfernen.
Eine Brutstätte für Mücken und Fliegen stellen auch die Wundstellen
der Bäume dar; der in Gärung geratene Saft wimmelt von Fliegenlarven
aller Art.
Auf Brauereihöfen, in Trebertrocknungsanstalten ist zur Fliegenent-
wicklung reichlich Gelegenheit gegeben und damit auf die Übertragung schäd-
licher Keime auf die Kühlschiffe. Ein Eldorado für Fliegen stellen die Senn-
hütten im Gebirge dar. In Tirol trifft man oft Küchen an, deren Wände
mit zahllosen Fliegen besetzt sind.
Aus Kleinasien berichteten Feldgraue, daß der Suppenlöffel, ehe er zum
Mund geführt ist, dicht von Fliegen besetzt wird.
Unheimlich ist vielerorts auch die Mückenplage. Im Rheingau ist es
vor Mücken oft nicht auszuhalten.
In Sibirien flüchten sich Tier und Mensch oft in die vereisten Erdgruben,
um blos den Mücken etwas zu entgehen.
Im abessynischen Hochland an den Seen sollen ähnliche Mückenschwärme
vorkommen, die oft ganze Wolken bilden wie in Sibirien. Aus Archangelsk
erhielt ich einmal Mücken zugesandt, die zu Millionen mit dem Schnee er-
starrt heruntergefallen waren. Hier hat offenbar ein Sturm die Mückenwolken
erfaßt und sie weit weg geführt.
In einem Vortrag, den ich 1905 in Jena gehalten habe über „Die Ent-
wicklung des Reinlichkeitsbegriffes auf Grund der mikroskopisch^biologischen
Forschung" habe ich dem Gedanken Ausdruck gegeben, daß das Ungeziefer
geradezu bei den höheren Tieren die Ausbildung gewisser Organe gefördert,
Kleine Mitteilungen ' Qi
vor allem aber die Länge der GKedmaßen mit bestimmt hat, damit möglichst
an jeder Stelle des Körpers eine Abwehr des Ungeziefers erfolgen kann.
Länge des Schwanzes bezw. der Schwanzhaare bei Rind tind Pferd, Augen-
wimpei'n, Behaarung der Ohren usw. (Wochenschrift für Brauerei 1905 Nr. 29.)
Die Bekämpfung der Flöhe, (Pulex irritans, Menschenfloh und
Ctenocephalus canis Curtis, Hundefloh) macht noch Schwierigkeiten, da uns
die Biologie derselben noch sehr lückenhaft bekannt ist (Hase).
(Bekannt ist die Anwendung von Flanelllappen, um die Flöhe einzu-
fangen. In Manövern sitzen die Flöhe und Larven mit Vorliebe in den Nahtstellen
der Unterbeinkleider, die tagelang nicht ausgezogen wurden. Bei der Rückkehr
aus den Manövern sind die Dielenritzen der Kasernenstuben oft ganz schwarz
von Flöhen. Hunde- und Katzenlager sind Herde der Flohentwicklung. In
Siebenbürgen beobachtete ich eine junge Katze, die viele hundert Flöhe hatte,
und infolgedessen ganz verkümmert aussah, trotz guten Futters. Nach einer
Entflohung mit einem Staubkamm über einem großen Waschbecken fühlte
sich das Tier wie neugeboren und entwickelte sich innerhalb einer Woche
ganz prächtig, und zeigte mir eine geradezu rührende Anhänglichkeit. Die
Lagerstätte war verbrannt und durch eine neue ersetzt worden.
Die Bekämpfung der Räudemilben, die nach der Läusebekämpfung
die meisten finanziellen Opfer gefordert hat (gegen 50 Mill. Mark) geschieht
am erfolgreichsten mit SO 2. Die Behandlung: Tier wird geschoren, Kopf
und Vorderhals mit Petroleum wiederholt vorsichtig eingerieben, schließlich
in einer besonders eingerichteten Gaszelle mit 4 — 4.5 Vol. SO 2 bei Istdg.
Wirkungszeit behandelt (Temperatur nicht unter 20^C). Dermatocoptes-
Milbe etwas zäher als die Sarcoptes-Milbe.
Pferdeläuse (Haematopinus asini L.) gehen dabei ebenfalls restlos
zu Grunde. Oft genügt eine 1 — 2 malige Vergasung, um räudekranke Pferde
zur Heilung zu bringen.
Liebig hat in dem Seifeverbrauch einen Gradmesser der Kultur gesehen.
Ein Reisender in Insektenpulver sah ihn in dem Verbrauch des letzteren.
Meiner Meinung nach ist ein noch besserer Maßstab die Ausbreitung des
Wissens über die Biologie des Ungeziefers im Volke und die Fürsorge für
das uns anvertraute Hausvieh. „Der Gerechte erbarmet sich seines Viehes".
Der Moslim erbarmt sich sogar des Ungeziefers, schädigt aber dadurch
sich und das Hausvieh um so mehr.
Eine gute hygienische Wartung des Viehes, verbunden mit der Abwehr
des Ungeziefers macht sich allemal bezahlt. Sie ist um so nötiger, je mehr
Tiere in den Stallungen untergebracht sind.
Manche Tiere beschäftigen sich außer mit der Nahrungssuche und Brut-
pflege eigenlich nur noch mit der Ungezieferbekämpfung, allerdings mit un-
zulänglichen Mitteln. Hühner und Spatzen pudern sich mit Staub ein in Er-
mangelung von richtigem Insektenpulver. Manche verzehren das erhaschte
62 Kleine Mitteilungen
Ungeziefer; in Sibirien gelten bei manchen Stämmen sogar die Kopfläuse
als Leckerbissen; sie sollen nach Stachelbeerkompot schmecken.
Das Wild scheuert sich an den Baumstämmen das Fell; der Büffel
nimmt ein Schlammbad, um das Ungeziefer los zu werden, der Fuchs geht
rückwärts ins Wasser, bis die Flöhe sich auf seiner Schnauze versammelt
haben.
Die Lebensgewohnheiten der Tiere grade in Beziehung zum Ungeziefer
sollten einmal zusammenfassend dargestellt werden.
Zur Frage der Fäkalienverwertung mit Hilfe von Fliegenlarven
haben sich mancherlei Preßstimmen geäußert, so im Prometheus wo es heißt,
man solle diesen neuen und eigenartigen Gedanken nicht belächeln. In
manchen Tagesblättern hat man das letztere gründlich besorgt und einige
billige Witze dazu verzapft. Das war nicht anders zu erwarten. Ein Bremer
Blatt hofft, daß ein „smarter Amerikaner oder ein spleeniger Engländer" für
diese Angelegenheit sich interessieren möge, also beileibe nicht ein Deutscher.
Solche Urteile haben natürlich nicht die geringste Bedeutung, sie sind nur
bezeichnend für den Tiefstand naturwissenschaftlichen Begriffsvermögens der
Betreffenden. Erfreulicher ist es, wenn von sachverständiger Seite nur ge-
schrieben wird : „Ich habe in meinem Kolleg über städtische Kanalitation so-
fort darauf eindringlich hingewiesen als einen Weg, der zu dem ersehnten
Ziel einer restlosen Verwertung der Fäkalien führen kann."
Der betr. Herr, Geh. Baurat Danckwerts, Prof. an der Technischen
Hochschule in Hannover, war aber auch so freundlich, mir einige Literatur
zur Verfügung zu stellen und darauf hinzuweisen, daß er gleich bei Ausbruch
des Krieges in Nr. 69 der deutschen landw. Presse vom 29. 8. 1914 als erster
auf die bessere Ausnutzung der Fäkalien usw. hingewiesen hat. In den
90 er Jahren hat er die erste landwirtschaftliche Genossenschaft zur Ver-
wertung der Kanalwässer der Stadt Königsberg angeregt und ausgeführt,
weiter im .Jahre 1908 auf dem Internationalen Kongreß in Wien ein als
Manuslnipt gedrucktes Referat über die landwirtschaftliche Verwertung
städtischer Abwässer gehalten (Sektion V, Referat 2/b). In einer Anlage
sind die Betriebsergebnisse der städtischen Grubenentleerung zu Nürnberg
dargestellt, aus der ersichtlich, daß die Stadt 1904 eine Jahreseinnahme von
257000 M. und eine Jahresausgabe für den Betrieb von nur 191000 M. mit
einer Reineinnahme von 28000 M. hatte. Im Jahre 1903 wurden 61103
Fuhren Fäkalien, also etwa 73000 cbm auf pneumatischem Wege aus den
Abortgruben ausgepumpt und abgefahren. 73 Eisenbahnwagen verfrachten
die Fäkalien nach 88 Eisenbahnstationen bis zu einer größten Entfernung
von 84 km. Die Nachfrage nach Fäkalien hat sich ungeahnt bei den Ökonomen
gesteigert.
In der Nähe der Stadt Nürnberg sind einige große Sammelgruben mit
850, 1280, 1027 und 1750 cbm Fassungsraum angelegt.
Kleine Mitteilungeu ()3
In der Nähe solcher Saramelg-ruben wäre die Errichtung- von Maden-
zuchtanstalten in erster Linie ins Auge zu fassen. •
Eine Gegenüberstellung: Was hier im Großen, hat der Chinese schon
längst im kleinen Maßstab geübt. Auf jeder Landstraße sind in geeigneten
Abständen Fäkaltonnen zur Benutzung durch den Wanderer aufgestellt.
Weiter: Jeder Gastgeber erwartet von seinem Besuch, daß er auch den Abort
benutzt.
Von der ungeheuren Verschwendung von Fäkalmassen durch das Spül-
verfahren habe ich durch ein Referat von Ch. E. Winslow's Broschüre „Schutz-
maßnahmen gegen Verunreinigung von Strom- und Hafenwässer .durch
städtische Spülwässer" eine Vorstellung zu geben versucht in Wochenschrift
f. Brauerei 1918 Nr. 4. Die Broschüre ist 1911 in New York herausgegeben
als Erläuterung zu den ausgestellten Modellen im dortigen Naturkunde-Museum,
New York liefert täglich 2850 Mill. Liter Spülwasser mit 8000 Doppel-
zentner mineralischer und 8000 Doppelzentner organischer Substanz. In New
York entfallen pro Kopf 470 Liter Abwässer täglich, die in Faulbassins 23
Liter Sumpfgas entwickeln.
100000 Einwohner liefern 500 — 1000 Doppelzentner Kotschlamm mit
50 — 100 Doppelzentner Kottrockenstubstanz. Küstenstädte entledigen sich
dieser Massen durch Tankdampfer, die sie in offenem Meer versenken.
Berlin hat Rieselfelder, die 157 qkm bedecken und so wenigstens
einen Teil der Abfallstoffe nutzbar machen.
Die neuesten Untersuchungen der britischen kgl. Kommission ergaben,
daß die Ernten des berieselten Landes kaum die Selbstkosten decken, viel
weniger die Kosten des Berieselungsverfahrens-
Die Bestandteile der menschlichen Fäzes
sind nach Schmidt und Straßburger („Die Fäzes des Menschen im normalen
und krankhaften Zustand", Verlag Hirschwald, Berlin NW, Unter den Linden 68)
1. Nahrungsreste, bezw. Nahrungsschlacken,
2. Reste der in den Darmkanal entleerten Sekrete (Galle, Pankreas-
ferment, Erepsin),
3. Mikroorganismen (normalerweise besteht ungefähr ^3 der Trocken-
substanz der Fäzes aus Mikroorganismen),
4. Geformte u. ungeformte Produkte der Darmwand (Epithelien, Schleim),
5. Zufällige Bestandteile, z. B. Sandkörner, Haare, Parasiten, Kon-
kremente usw. >
Außer der eiweißhaltigen Nahrung finden sich im Kot schwer verdauliche
Nukleine, ebenso Muzin und Lezithin wieder vor. Daneben nach Fettgenuß
Fett und feste Fettsäuren, Kalk und Magnesiaseifen. Unter den Produkten
der Fäulnis sind Essig-, Butter- und Kapronsäure am häufigsten, weiter Ver-
bindungen wie Phenol, Indol, Skatol und Methylmerkaptan, die den üblen
64 Kleine Mitteiluugen
Geruch bedingen. Von Gallenbestandteilen sind Hydrobilirubin, Gallensäuren
und deren Abkömmlinge, Cholesterin, anzuführen. Die Farbe der Fäzes wird
durch veränderte Gallenstoffe, wie Urobilin, schwarzes Häraatin (bei Fleisch-
nahrung aus dem Blutfarbstoff) und Glykocholsäure bedingt. Bei trockener
Destillation liefern 100 kg Exkremente 7 — 800 cbm Leuchtgas bei einem Auf-
wand von 50 kg Kohlen.
Bei gemischter Kost liefert der einzelne Mensch durchschnittlich 130 g
feuchten (r= 34 g trockenen) Kot. Der jährliche Betrag an Kot feucht bezw.
trocken ist 44,7 kg bezw. 12,7 kg. 70 Millionen Menschen in Deutschland
liefern also 3318 Mill. kg feuchten und 889 Mili. kg trocknen Kot = 3,3 Mill.
bezw. 0,89 Mill. Tonnen. Die mineralischen Bestandteile machen l,2*^/o des
feuchten Kotes aus, liefern also 3,96 Mill. kg, also rund 4000 Tonnen Salze.
Davon entfallen je Ys ^^^^ Kali und Kalk, ^/^q auf Magnesia und ^/3 auf
Phosphorsäure oder in Tonnen ausgedrückt 1300 t Phosphorsäure und je 800 t
Kali und Kalk, 400 t Magnesia. Lindner.
Forderung eines Institutes für Erforscliung techuiscli wichtiger Mikroben
in England
Was von mir vor fast zwei Jahrzehnten auf eingehendste begründet
und ausgearbeitet wurde: ein Plan für ein Forschungsinstitut für praktisch
wichtige Mikroben, scheint jetzt in England Wirklichkeit werden zu sollen.
Von befreundeter Seite wurde uns eine Abschrift von einem im Journal of
cheraical society erschienenen Artikel von dem inzwischen verstorbenen Pro-
fessor Meldola zugesandt. Darin wird von den Schwierigkeiten gesprochen,
die alle chemischen Betriebe, »die mit Mikroben arbeiten, durchzumachen
haben, wenn nicht jederzeit eine frische Reinkultur bezogen werden kann,
sei es für Butter-, Milch-, Essigsäure-, Azeton- oder für Wein-, Obstwein-, Bier-
und Brennereigärungen. Auch auf die Möglichkeit der Entdeckung neuer
Mikroben wurde hingewiesen und die Mineral- und Fetthefe als Beispiele
dafür angeführt. Daß ein ähnlicher, viel umfangreicherer Plan von mir schon
lange gefaßt Avar, ist dem Prof. Meldola entgangen, trotzdem ich ihn bereits
auf dem Internationalen Kongreß für angewandte Chemie in London 1903
zur Sprache gebracht habe und dort auch von dem Institute of Brewing die
Geneigtheit zur Förderung ausgesprochen wurde. Es erscheint mir zweck-
mäßig, hier einmal die Gesichtspunkte, die mich damals zu dem Plane führten,
zu allgemeiner Kenntnis zu geben. Daß derselbe von selten der Kaiser
Wilhelm -Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften, dem er vorgelegt
war, nicht unterstützt wurde, trotzdem Männer wie Emil Fischer ihn befür-
worteten (bei Gelegenheit seiner Forschung über die Spaltung der Poly-
saccharide hat er den Nutzen meiner Kulturensammlung wohl empfunden),
kann ich nur auf die völlige Uneingeweihtheit der älteren Herren in eine
so junge Wissenschaft zurückführen. Ein jeder von ihnen war wohl eine
Kleine Mitteilungen 65
Größe in seinem Fach, aber darüber hinaus um so befangener, insbesondere
bezüglich der Tragweite für den praktischen biologischen Betrieb. Die um-
fangreichen Veröffentlichungen von Will und seinen Schülern über die ver-
schiedenen Hefengruppen, die von Henneberg über Milch- und Essigsäure-
bakterien, die von Orla Jensen über die Milchsäurebakterien — welches
Schicksal werden sie haben, wenn nicht die lebenden Kulturen dem Forscher
zugänglich sind? Sie werden allerdings die Kulturen überdauern, aber sonst
in den Büchereien ein ungestörtes Stilleben führen.
Doch nun meine damalige (1902) Begründung:
Seit der Einführung der Reinkultur ist die Kenntnis der Mikroben-
welt außerordentlich erweitert, die Literatur sogar schon unübersehbar ge-
worden. Es sind insbesondere die pathogenen und technisch wich-
tigen Mikroben studiert worden, erstere von den zahlreichen medizinischen
und hygienischen Instituten, letztere von den wenigen Versuchsstationen,
die von gewerblichen Verbänden geschaffen worden sind. Das große Heer
der nicht zu diesen beiden Kategorien gehörigen, aber überall uns in
unseren biologischen Analysen begegnenden Mikroben ist durchaus ver-
nachlässigt. Die gewerblich wichtigen Arten bedürfen naturgemäß auch
noch einer gründlichen Bearbeitung.
Insgesamt kann man sagen: es fehlt ein Erkennungsdienst für alle
nicht pathogenen Formen, eine Instanz, in der einigermaßen zuverlässige
Identifikationsversuche ausgeführt werden können, in der ein angeblich
neuer Organismus auf seine Neuheit hin geprüft werden kann, eine Orga-
nisation, die mit der Präzision eines guten Polizeibureaus arbeitet, jeder
Mikrobe ein Fach zuerteilt, in dem deren besonderen Merkmale festgelegt
werden, eine Schausammlung lebender Mikrobenkulturen oder von Mu-
sealpräparaten, die allein eine schnelle Orientierung auf diesem Gebiet ge-
statten. Neben botanischen und zoologischen Gärten, die uns die Bekannt-
schaft mit den höheren Lebewesen vermitteln, muß der „Mikrozoo" treten,
aber nicht bloß als Schausammlung, sondern auch als Studiensammlung,
als kritische Vergleichs- und Auskunftstelle, endlich als Austauschstelle, die
mit den verschiedensten Forschern und Instituten Fühlung zu unterhalten hat.
Den Gedanken, eine Sammlung- und Austauschstelle zu errichten,
hat Prof. Kräl-Prag zuerst in Wirklichkeit umgesetzt: seine Kraft versagte
gegenüber der Riesenaufgabe; durch seine Krankheit und seinen Tod ging
die Sammlung in stark reduziertem Zustand nach Wien; ein Teil nach
New- York, wo ein Bakterienzoo gegründet werden soll.
Krals Institut war aber keine eigentliche Forschungsstätte, es erhielt
die neu beschriebenen Arten von den einzelnen Autoren zugesandt zur
Aufbewahrung; es war auch keine kritische Vergleichsstelle (denn so eine
prägnante Art wie Monilia sitophila und Oidium lupuli, die beide
identisch, stehen in dem Katalog getrennt aufgeführt). Für das geplante
Zeitschr. f. techn. Biologie, Bd. VIII. x
66 Kleine Mitteilungen
Institut soll die Sammlung nur Mittel zum Zweck sein: Vervollständigung
der botanischen und chemischen Charakteristik der einzelnen Mikroben,
Organistation der Forschung durch Abgabe von Mikrobengruppen an solche
Institute oder Forscher, die sich mit deren Charakteristik beschäftigen
wollen. Eine weitere Bestimmung des Instituts wäre: das Aufsuchen der
Mikroben in der freien Natur, Studium der Variationen in der Kultur und
bei der Symbiose. Schon in der 1. Auflage seiner „Bakteriologie und
bakteriologischen Diagnostik" spricht Prof. Lehmann, Würzburg
(1896) den Satz aus: „daß der von uns ersehnte Ausbau der Bakterio-
logie, namentlich die Klärung der Fragen der Variabilität, der Verwandt-
schaft, der Verbreitung in und außerhalb lebender Organismen usw. nicht
von einem, sondern nur von einer planmäßigen nationalen oder besser
internationalen Vereinigung von Forschern unter großartiger Arbeitsteilung
und Zusammenarbeit gelöst werden kann. Eine Aufgabe dieser Zu-
sammenarbeit wäre es dann auch, die gegenwärtig noch vielfach bei-
spiellos willkürliche und unwissenschaftliche Nomenklatur der Spaltpilze zu
verbessern und so zu gestalten, daß sie nicht den Spott jedes Naturforschers
herausfordert.
Behandlung der nicht pathogenen Arten war selbstverständlich nicht
möglich."
Das von Lehmann 1896 gesagte gilt eigentlich noch ungemindert für
heute, trotzdem 16 Jahre seitdem verflossen; im Gegenteil, die Verwirrung
ist eine noch größere geworden. Das gilt aber nicht nur für die Bakterien,
sondern auch für die Schimmelpilzorganismen und die Hefen, trotzdem
gerade in bezug auf letztere beide wichtige Verwandtschaftsverhältnisse
aufgeklärt und zusammenstellende Literaturverzeichnisse angefertigt worden
sind (die großartige mühevolle Zusammenstellung von G. Lindau und
P. Sydow „Thesaurus literaturae mycologicae mit 29750 Literaturangaben
Leipzig 1908).
In einer Veröffentlichung des Bureau preliminaire de la Fon-
dation pour l'internationalisme Haag 1911 sagt der Herausgeber Dr. P.
H. Eykman „II y a encore un projet grandiose que nous devons ment-
ionner, cest celui de Monsieur le Prof. Dr. Lindner (Institut für Gärungs-
gewerbe und Stärkefabrikation, Seestr. Berlin) le savant voudrait fonder
un Institut international d'Etudes microbiologiques auquel serait adjoints
un Bureau central et une Exposition de Cultures de Mikrobes."
Lindner.
Aus dem Meldola'schen Aufsatz sei noch eine Stelle besonders hervor-
gehoben : es wäre zu umständlich, erst von Amsterdam oder BerHn oder Prag
oder Kopenhagen sich Kulturen schicken zu lassen, schon wegen des Zeit-
verlustes. Er habe selbst eine ziemlich umfangreiche Hefensammlung gehabt
und wisse, wie oft er deswegen in Anspruch genommen worden sei. Diese
Kleine Mitteilungen
67
Kulturen seien für den Mikrobiologen das, was reine Chemikalien für den
forschenden Chemiker sind. Es könne aber nicht überall die mühsame Fort-
züchtung der Kulturen betrieben werden, da wäre schon eine Zentrale besser.
Diese müßte auch die biochemische Literatur möglichst vollzählig zur Hand
haben. Endlich müßte das Institut eine zentrale Heimstätte für britische
Mikrobiologen, auch Hochschullehrer sein, an der sie ihre spezialisierte Aus-
bildung erhalten könnten, wo sie ihre Anfragen bezüglich ihnen noch un-
bekannter Mikroben vorbringen könnten, z. B. ob diese schon beschrieben
und dergleichen. Dem Institut andererseits würden sie gern die Mikroben
aus ihren Aufenthaltsorten zukommen lassen. Meldola hat also sich genau
die gleichen Ziele für das kommende Institut gesetzt, die ich seinerzeit ins
Auge gefaßt habe.
Aus dieser Übereinstimmung mögen die Herren, die damals für Deutsch-
land ein derartiges Institut abgelehnt haben, ersehen, wie kurzsichtig sie
gewesen sind. Leider habe ich damals nicht persönlich meine Sache vertreten
können, sondern das Herrn Geheimrat Delbrück als Institutsvorsteher über-
lassen müssen. Wenn der Antrag unter Delbrück-Lindner in den Akten
niedergelegt ist, so hat das nicht zu bedeuten, daß Delbrück der Schöpfer
der Idee, oder daß er sich durch neue Gedanken daran beteiligt, sondern, daß
er den Antrag, den er zum Vortrag gebracht, auch unterstützt hat.
Ob die Kaiser Wilhelm Gesellschaft die Zustimmung von einer stärkeren
Beteiligung der Gärungsgewerbe abhängig gemacht hat, entzieht sich meiner
Kenntnis. Jedenfalls ist eine günstige Gelegenheit zur großzügigen Durch-
führung einer guten Sache verpaßt. Aber der Gedanke ist, um mit Hugo
Fischer zu sprechen, vielleicht zu einfach gewesen, um genügende Würdigung
zu finden.
Bilder von der Kleiderlaus
Im Jahre 1915 habe ich einen kleinen Auf-
satz: Zur Naturgeschichte der Kleiderlaus in der
Zeitschrift „Aus der Natur" 1915, S. 555 u. ff. ver-
öffentlicht unter Anlehnung an Leeuwenhoeks
Mitteilungen aus seinen Sendbriefen. Da in diesem
Heft viel von diesem Ungeziefer die Rede ist,
werden unsere Leser eine Anzahl Abbildungen auch
ohne weiteren Text willkommen heißen. Der Ver-
lag Quelle & Meyer, Leipzig, war so freundlich,
mir die Bildstöcke zur Verfügung zu stellen.
Lindner.
Abb. 1.
Auf einer Glasplatte sich
fortbewegende Kleiderläuse.
Schattenbildaufnahme mit
parallelem Licht in Vioo S^"
künde; nachträglich doppelt
vergrößert.
Abb. 3. Links eine weibliche, rechts eine
männliche Laus. Am Hinterleib der letz-
teren der Stachel deutlich zu sehen.
15 fach vergrößert.
Abb. 2. Weibl. Kleiderlaus, 21 fach vergr.
Wegen'der reichlichen Blutaufnahme sind die
inneren Organe nicht deutlich zu erkennen.
An der Spitze des Kopfes ist der „Haken"
vorgestülpt, mit dem die Haut vor dem Blut-
saugen angebohrt wird.
Abb. 4. Vorderer Teil des Kopfes mit dem vorgestülpten Hakeukranz M.
Links der Klauenapparat des linken vorderen Beines, der vor dem Saugen
fest in die Haut eingekrallt wird. 125 fach vergrößert.
Kleine Mitteilunsren
69
Abb. 5.
Der vorgestülpte
Hakenkranz JI.
500 fach vergr.
Abb. 6. Vorderteil des Kopfes mit eingestülptem Hakenkranz
und der Saugborste S, durch die das Blut gesaugt und dem
Schlund und Magen der Laus zugeführt wird. Die Saugborste
ist kein geschlossenes Rohr, sondern besteht aus zwei Rinnen,
die wie ein solches wirken. 250 fach vergrößert.
ÄSS-
1^ '^'^^ "^
i^BI^^
- 3fcf^ : ^
^kh "' ^^ ^tatf i^^i^
'-M*-^' ^1
'^ â– Jl
Abb. 7. Hinterende des Weibchens aus
Abb. 3. 125 fach vergrößert.
Abb. 8. Hinterende des Männchens aus
Abb. 3. 125 fach vergr. Der stark ge-
baute Stachel gabelt sich nach dem Leib zu.
70 Referate
Referate
Dem Chemischen Zentralblatt entnommen (z. T. gekürzt).
Referenten: Bister, Bloch, Borinski, Ditz, Düsterbehn, Guggenheim, Jung,
Kempe, Laufmann, Mai, Manz, Rammstedt, Riesser, Rühle, Schönfeld,
Spiegel, Volhard
Nolte, Otto. Die Erhaltung des Stickstoffs in der Jauche und im Stall-
mist. Landw. Vers.-Stat. 92, 187 — 203, 20/12. 1918, Rostock, Landw.
Vers.-Stat.
Beim Versetzen des frischen Harns mit Phosphorsäure bildet sich
Ammoniumphosphat, während das freigewordene Kohlendioxyd teils entweicht,
teils in der Flüssigkeit verbleibt und mit dem Ammoniumphosphat ein
Gleichgewicht bildet:
(NHJsHPO^ + CO2 + HoO = (NHJ^COs + H3PO4.
Die Umwandlung des Harnstoffs und die. Oxydation der organischen Sub-
stanzen liefern gleichzeitig, aber unabhängig voneinander, Kohlensäure, die
nach dem Massenwirkungsgesetz auf den mit Phosphorsäure konservierten
Harn einwirkt. Aus diesem System verdunstet dauernd Kohlendioxyd und
nimmt einen gewissen Teil des Ammoniaks mit, bis die Konzentration der
Phosphorsäure eine weitere Verflüchtigung hindert. Die Kohlendioxyd- und
Ammoniakverdunstung findet aber so lange statt, wie Kohlendioxyd im Harn
durch Oxydation oder Harnstoffvergärung gebildet wird. Ähnlich liegen die
Verhältnisse bei der Konservierung der Jauche und des Stallmistes mit fast
allen chemischen Konservierungsmitteln außer vielleicht beim Formaldehyd,
der Hexametyhlentetramin bildet, gleichzeitig aber auch bakterien tötend
wirkt.
Foth, G. Mittel und Wege zum Wiederaufbau des Brennereigewerbes.
Zeitschr. f. Spiritusindustrie 42, 15 — 16, 16/1.
Nicht Spiritus, sondern Kartoffeln, Brotgetreide und Futter-
mittel aus Kalkstein und Kohle. Nicht in der Verwendung von Karbid
zur Spiritusgewinnung und der Ersparung der zur Erzeugung entsprechend
großer Spiritusmengen nötigen Kartoffeln liegt das Heil, sondern in der
Umwandlung des Karbids in Kalkstickstoff und dessen Verwendung als
Düngemittel. Auf diese Weise können viermal soviel Kartoffeln gewonnen
werden, als sich Kartoffeln durch Einführung des Karbidspiritusverfahrens
für die menschliche Ernährung freimachen lassen; daneben aber liefern die
Brennereien noch Schlempefutter für Hunderttausende von Rindern. Die
Kohlenfrage spielt auch eine Rolle: Der Gesamtverbrauch für die Herstellung
von 1 hl Karbidspiritus beträgt 13 Ztr. Steinkohle und 4 Ztr. Koks gegen-
über 2 Ztr. Steinkohle beim Brennereiverfahren.
Referate 7 \
Mülzer, Max. Der Kunsthonig. Chem.-techn. Wochenschr, 1918, 141 — 44,
24/6., 1918.
Zusammenfassende Erörterung über die Herstellung des Kunsthonigs.
Wollenweber, H. W. Der Kartoffelschorf. Zeitschr. f. Spiritusindustrie 42,
55 — 56, 20/2., Berlin-Dahlem. Forschungsinst. f. Kartoffelbau.
Unter Schorf versteht man eine Kruste auf verletzter Schale, die durch
Bakterien und Pilze aber auch ohne dieselben entsteht. Bei der Unter-
suchung älterer Schorfwarzen fand sich meist eine Reihe von Pilzen zusammen
mit Milben, Älchen und den Larven verschiedener Tiere. In der Grenz-
schicht gegen das gesunde Gewebe herrschten bestimmte Organismen vor.
Mit einigen dieser ließ sich Schorf künstlich erregen, mit anderen nicht.
Die Verbreitung der Schorferreger in den einzelnen Gegenden Deutschlands
erwies sich als sehr verschieden. Mit den verbreitetsten beginnend sind
folgende Formen des Schorfes gefunden: Der Strahlenpilz- (Actinomyces),
Wurzeltöter- (Rhizoctonia-), Schwammsporen- (Spongospora-), Spaltpilz- (Bak-
terien), Älchen- (Nematoden-) Schorf. Außerdem der mit fauliger Zersetzung
verbundene Schorf, die Kartoffelräude, und der ohne Mitwirkung von
Organismen entstehende, nicht parasitäre Scheinschorf. Die bisherigen Be-
kämpfungsmittel, Pflanzgutbeize mit Formalin oder Sublimat, Boden-
desinfektion durch Schwefelkohlenstoff, vorzeitige Ernte usw. hatten keinen
Erfolg. Für die Bekämpfung sind noch mannigfache Aufklärungen über
einzelne Formen des Schorfs und seine Erreger nötig.
Sutton und Sohn. Der Einfluß der Entfernung der Blüten auf den
Kartoffelertrag. The Gardeners Chronicle 62, 178. London, 3,11. 1917;
Zeitschrift f. Spiritusindustrie 42, 78, 6/3.
Das Abpflücken der Blüten hatte eine deutliche Vermehrung der Knollen-
erträge zur Folge, im Durchschnitt betrug dieselbe 5^2%-
Rauch, H. C. Die Sulfitablauge und ihre Aerwertuug. Chem.-techn.
Wochenschr. 1918, 201—2, 2/9., 213—14, 16/9. 1918, BerHn-Halensee.
Zusammenfassende Besprechung.
Mezzadroli, Giuseppe. Corozoalkohol. Verwendung der Abfälle der
Steinnußknopffabrikation zur Alkoholgewinnung. Boll. Chim. Farm. 57,
361—62, 15/10. 1918.
Früchte und Samen der Corozo, der Dum- oder Steinnußpalme, ent-
halten große Mengen von Mannocellulose, welche beim Kochen mit verdünnter
HCl Mannose liefert, somit durch Fermente zu Alkohol vergoren werden kann.
Versuche ergaben, daß 100 kg Steinnußabfälle 10 — 15 1 Alkohol liefern.
7 2 Referate
Janke, Alexander. Die Betriebsökonomie in der Gärungsessigindustrie.
Zeitschr. f. landw. Vers.- Wesen Österr. 1918, 574—95; Sep. v. Vf.
I. Teil. Allgemeine Grundlagen. Es wird berichtet über Renta-
bilität, Ausbeute, Leistung, Arbeitsökonomie des Bildners und Betriebs-
kontrolle.
Eisenberg, Philipp. Untersuchungen über die Variabilität der Bakterien.
Zentralblatt f. Bakter. u. Parasitenk. I. Abt. 82, 1919, S. 401—5. (An-
fang Juli 1918.) Tarnöw, K. u. K. bakteriolog. Feldlab. Nr. 79.
VII. Mitteilung: Über die Variabilität des Schleimbildungsvermögens
und der Gramfestigkeit. (VI. Mitteilung vgl. Zentralblatt f. Bakter. u.
Parasitenk. I. Abt. 80. 385; C. 1918. I. 1047.) Kartoffelbazillenstärame, die
bei 37 und 22 '^ trocken und faltig wuchsen, ergaben bei 55*^ schleiraig-
kuppelförmige Kolonien. 10 solche Stämme konnten durch eine über
60 Generationen fortgesetzte Züchtung bei 55 — 58 '^ nicht dazu gebracht
werden, auch bei den niedrigeren Tempp. schleimig zu wachsen; bei manchen
äußerte sich die Anpassung im Gegenteil darin, daß sie dann auch bei 55*
trockenes Wachstum zeigten, — Die Gramfestigkeit eines Stammes von
Milzbrand und dreier Stämme von Staphylokokken konnte durch 70 Passage-
züchtungen bei 42 — 48° nicht herabgesetzt werden, ebensowenig diejenige
der obenerwähnten 10 Stämme von Kartoffelbazillen durch die lange Züchtung
bei 55—580.
Ehrlich, Felix. Über Fuinarsäuregärung des Zuckers. (Bemerkung zu
der Arbeit von C. Wehmer. Ber. Dtsch. Chem. Ges. 52, 1919, S. 63—64.
Breslau, landw.-technol. Inst. d. Univ.)
Gegenüber Wehmer (Ber. Dtsch. Chem. Ges. 51. 1663; C. 1919.
I, 664) weist der Verfasser darauf hin, daß er schon vor einigen Jahren
Versuche mitgeteilt hat (vgl. Ber. Dtsch. Chem. Ges. 44. 3737; C. 1912. I. 363),
die zeigen, daß der Schimmelpilz Rhizopus nigricans (Mucor stolonifer) aus
Invertzucker nicht unbeträchtliche Mengen freier Fumarsäure bildet, so daß
damit zum ersten Male eine ungesättigte Verbindung als Zuckerspaltprodukt
nachgewiesen war. Man kann also hier mit gleichem Rechte von einer
Fumarsäuregärung des Zuckers sprechen, wie bei den Versuchen von
We h m e r.
Bei näherem Studium der Fumarsäurebildung des Rhizopus nigricans
aus Zucker zeigte es sich, daß dieser Pilz neben Fumarsäure und flüchtigen
Säuren häufig auch Bernsteinsäure, 1-Äpfelsäure und d-Milchsäure produziert.
Ähnlich verhält sich der verwandte Pilz Rhizopus tritici.
Hase, Albreeht. Neue Beobachtungen und Versuche über die Lebens-
fähigkeit der Kleiderläuse und ilirer Eier. Zentralblatt f. Bakter. u.
Parasitenk. I. 82, Jena, S. 461—68.
Es werden die folgenden Punkte geprüft: 1. Wie lange lebt eine Laus
ohne Nahrung bei verschiedener Temperatur? — 2. Wie lange (vom Tage
Referate 73
der Nahrungsentziehung an) legt eine hungernde Laus noch Eier, und bei
welcher Temperatur? — 3. Wie lange bleiben Läuseeier lebensfähig? —
4. Wie lange können soeben geschlüpfte Larven, die noch nie Nahrung
(Blut) zu sich nahmen, am Leben bleiben? — Aus den Ermittlungen zu
diesen Einzelfragen ergibt sich, daß eine 39tägige Schutzfrist in Ansatz zu
bringen wäre, wenn man Gegenstände wie Hausrat, Kleider usw. durch die
Methode der Aushungerung entlausen will.
Auerbacli, F. Die graphisclie Darstellung. Allgemeinverständliche, durch
zahlreiche Beispiele aus allen Gebieten der Wissenschaft und Praxis
erläuterte Einführung in Sinn und Gebrauch der Methode. 2. Auflage.
Leipzig 1918. 8. 118 S. mit 139 Figuren. Mark 1,60.
Low, W. Einführung- in die Biochemie in elenientarer Darstellung.
2., vermehrte Auflage von H. Friedenthal, Leipzig 1918. 8. 82 S. mit
12 Figuren. Mark 1,60.
Pat.-Anm. 53 g, 5. B. 86192, Verfahren zur Entbitterung und Entgiftung
von Lupinenkörnern. Veredelungsgesellschaft für Nahrungs- und Futter-
mittel m. b. H., Bremen 1918.
Pat.-Anm. 6 b, 16. G. 44490. Verfahren zur Herstellung von Sulfltsprit.
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Carnot, P. und Duniont, J. Technik für das Studium des Eindringens
der Antiseptica in feste Medien. C. r. soc. de biologie 81, 1918,
S. 1199—1200.
Ein Röhrchen mit geschmolzenem Agar wird reichlich mit einer oder
mehreren Bakterienarten besät und in dicker Schicht in eine Petrischale
ausgegossen. Ehe der Nährboden erstarrt ist, bringt man in seine Mitte
einen Hohlzylinder aus Glas oder Porzellan mit einer Reihe wenig erhabener
Einschnitte am unteren Rande. Nach dem Erstarren wird der Hohlraum
des Zylinders mit der wässerigen Lösung des zu untersuchenden antisep-
tischen Mittels in bestimmter Menge beschickt, und das Ganze entweder
sofort oder nach einigen Stunden in den Brutschrank gebracht. Nach
24 Stunden stellt man den Durchmesser des von Bakterienwachstum frei-
gebliebenen Kreises fest.
Bei Anwendung dieser Methode unter Verwendung gewisser Antiseptica
(Essigsäure, Sublimat) findet man zuweilen die Kolonien in der nächsten
Umgebung der aseptischen Zone zwar weniger zahlreich als an der Peri-
pherie, aber weit üppiger und von viel .stärkerer Farbstoffbildung, ein Beweis
für die begünstigende Wirkung kleiner Mengen dieser Mittel. Aus ver-
gleichenden Versuchen ergab sich die allgemeine Steigerung der Durch-
di ingungsfähigkeit von antiseptischen Mitteln durch Zusatz gewisser Säuren
(Ameisen- und Essigsäure).
74 Referate
Pat.-Anm. 53 g, 4. R. 45541. Verfahren zur Herstellung von insbesondere
als stickstott'reiches Futtermittel dienender Nährhefe aus den Diffu-
sions- und Preßabwässern der Zuckerfabriken. Arthur Riedel, Kössern
1918.
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keimfreier reiner Luft. Albert Wolff, Berlin 1917.
Pat.-Anm. 50 e, 3. S. 48641. Als endlose Kette ausgebildetes stoffloses
Luftfilter mit selbsttätiger Reinigung. Ludwig Sieder, München 1918,
Pat.-Anm. 6 b, 11. P. 35072. Verfahren und Vorrichtungen zur Her-
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feuchter Massen. Elektro-Osmose Akt.-Ges. (Graf Schwerin-Gesellschaft),
Berlin 1917.
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Tieren und Pflanzen wohnenden Parasiten. Gustave Johnson Lemmens,
Wateringbury, u. Pefewal John Fryer, Tranbridge, England 1916.
Pat.-Anm. 45 g, 1, B. 87685. Schaumzerstörer für Magermilchschaum.
Bergedorfer Eisenwerk Akt.-Ges., Sande b. Bergedorf 1918.
Pat.-Anm. 53 k, 1. B. 87054. Verfahren zur Herstellung von Marmelade
aus Früchten oder anderen pflanzlichen Bestandteilen; Zus. z. Pat.
303995. Otto Bielmann und Clara Bielmann, geb. Schmidt, Magdeburg.
1918.
Pat.-Anm. 53 k. B. 87055. A'erfahren zur Herstellung von Säften und
Gelee aus Früchten oder andern pflanzlichen Bestandteilen; Zus. z.
Pat. 303995. Otto Bielmann und Clara Bielmann, geb. Schmidt, Magde-
burg 1918.
Baeßler. Vorsichtsmaßregeln bei Verwendung von Sauerfutter. Milch-
wirtschaftl. Zentralblatt 47, 1918, S. 261—262.
Man kann annehmen, daß gebrauchsfertiges Sauerfutter im Mittel etwa
2°/q Säure enthält, wovon etwa ^,3 aus Milchsäure bestehen. Langandauerndes
Verfüttern solchen Futters führt zu einem Verlust der Knochensubstanz und
anderer Organe an CaO und schließlich zu Knochenbrüchigkeit. Um dem
entgegen zu wirken, wird regelmäßige Beifütterung von CaO, am besten
als Schlämmkreide, empfohlen.
Herdi, E. Die Herstellung und Verwertung von Käse im Griechisch-
Römischen Altertum. Frauenfeld 1918. 4. 77 S.
Referate 7 5
König, J. Clieiiiie der menschlicheu Nahruiigs- und Gonußmittel. 4., voll-
ständig umgearbeitete Auflage. Band III: Untersuchung von Nahrungs-,
Genußmitteln und Gebrauchsgegenständen. Teil 8: Genußmittel, Wasser,
Luft, Gebrauchsgegenstände, Geheim- und ähnliche Mittel. Berlin 1918.
8. XX u. 1120 S. mit 6 Tafeln und 314 Figuren. Halbfranzband. M. 62.
Das jetzt vollständige Werk, 3 Bände in 5 Teilen, 1903—1918,
1558, 1582, 736, 1007 u. 1140 S. mit 6 Tafeln u. Figuren. Halbfranzband.
Mark 192. — Die amtlichen Untersuchungsvorschriften für Wein werden
in einem besonderen Ergänzungsband nachgeliefert.
Monographien der eliemisclien Apparatur. Herausgegeben von A. J. Kieser.
Heft 1. Leipzig (Chem. Apparatur) 1918. 8. 160 S. mit 86 Fig. Mark 7,50.
Inhalt: Schröder, H., Schaumabscheider als Konstruktionsteile chemischer
Apparate.
Ciaaßen, H. Zur Frage der Zuchtziele der Zuckerrübenzucht. Dtsch.
Zuckerind. 43, 1918, S. 308—310.
Gegenüber Ehrenberg (Ztschr. f. Zuckerrübenbau 1917, Heft 11 u.
1918, Juli-Heft), der als Anhänger der Massenzüchtung betrachtet werden
muß, betont Verfasser, daß er eine Richtung zwischen Gehalts- und Massen-
züchtung einschlägt, welche er mit dem besonderen Ausdruck Ertrags-
züchtung bezeichnet hat. Weiter stellt er fest, daß die bisherige Art der
Züchtung der Zuckerrüben nicht so erfolglos gewesen ist, wie Ehrenberg
und andere glauben machen wollen, sondern daß die Erfolge bei der Zucker-
rübenzucht bezüglich der Zunahme der Erträge an wertvollen Nährstoffen
denen anderer Kulturpflanzen gleichwertig sind oder sie weit übertreffen.
Ereky, K. Biotechnologie der Fleisch-. Fett- und 3Iilcherzeugung im
landwirtschaftlichen (Großbetriebe. Berlin 1918. gr. S. VII u. 84 S.
Mark 4.
Pat.-Anm. 12 a, 3. St. 30649. Schaumzerstörer an Apparaten zur Destil-
lation stark schäumender Flüssigkeiten. Strauch & Schmidt, Neisse 0. S.
1917.
Pat.-Anm. 12d, 25. 0. 10652. Verfahren zum Auffrischen von gebrauchtem
Filterasbest. Karl Oppitz und Zoldan Päldy, Budapest 1918.
Pat.-Anm. 30h, 14. M. 61102. Vorrichtung zum sterilen Trocknen von
Bakterien-Nährbödcnplatten und zu ähnlichen Zwecken. Maschinen-
fabrik Arthur Vondran, Halle a. S. 1917.
Mansfeld, M. Die Untersuchung der Nahrungs- und (ienußmittel, sowie
einiger Gebrauchsgegenstände. 3. umgearbeitete u. vermehrte Auflage.
Wien 1918. 8. XXH u. 243 S. mit 38 Figuren. Mark 10.
7 6 Referate
Ostwald, W. und Luther, R. Hand- und Hilfsbuch zur Ausführung
physiko-chemlscher Messungen. 3. Auflage, herausgegeben von R. Luther
und K. Drucker. (1910.) Anastatischer Neudruck. Leipzig 1918. gr. 8.
XVI und 572 S. mit 351 Figuren. Halbleinenband. Mark 26.
Ubbelohde, L. Tabellen zum Englerschen Yiscosinieter. 2. Auflage.
Leipzig 1918. gr. 8. 28 S. mit 1 Figur. Halbleinenband. Mark 3,50.
Gautier, Cl. Physiologische und parasitologische Studien über die schäd-
lichen Lepidopteren. Über einige Tatsachen bezüglich der Pieriden-
larven. C. r. soc. de biologie 81, 1918, S. 197—99.
Die Raupen von Pieris brassicae werden häufig von den Larven von
Apanteles glomeratus befallen, die oft in großer Zahl vor der Zeit der Ver-
puppung austreten, wonach die Raupe langsam abstirbt. Bei der Vertilgung
der Raupen sollten Methoden vermieden werden, die zugleich die Parasiten
vernichten, da diese der Landwirtschaft nützen. In dieser Beziehung geben
die vom Verfasser mitgeteilten Einzelheiten über die Art des Austretens der
Larven und ihres weiteren Verhaltens Anhaltspunkte.
Lassar-Cohn. Die Chemie im täglichen Leben. 9. Auflage. Leipzig 1919.
gr. 8. Vm und 356 S. mit 22 Figuren. Gebunden. M. 3,60.
Das Lebensniittelgewerbe. Handbuch für Nahrungsmittelcheraiker, Apotheker,
Ärzte, Tierärzte usw. Unter Mitwirkung von E. Baier, A. Günther u. a.
herausgegeben von K. v. Buchka. (4 Bände.) Lieferung 26. Leipzig
1918. Lex. 8. S. I— XXXX u. 305—678 (v. Bd. HI) mit Figuren. Mark 36.
Band III, jetzt vollständig, 718 S. mit Figuren. Mark 52. — Band I. u. H.
1914—1916. 910 u. 761 S. mit Figuren. Mark 78.
Pat.-Anm. 12 e, 2. F. 42202. Vorrichtung zum Abscheiden von Wasser,
Staub und sonstigen flüssigen oder festen Beimengungen aus Luft oder
Gasen. Richard Forster, Apparatebau für chemische Groß - Industrie,
Berlin 1917.
Pat.-Anm. 55b, 3. R. 43228. Terfahren zur Behandlung von Sulfltablauge
mit Alkalien; Zus. z. Pat. 285752. Dr. Erik Ludvig Rinmann, Stock-
holm 1916.
Schmidt, 0. Chemie für Techniker. 5., vermehrte Auflage. Stuttgart 1918.
gr. 8. VIII u. 180 S. mit 50 Figuren. Mark 4,50.
Das Wasser. Vorkommen in der Natur, chemische Beschaffenheit und
Untersuchungsmethoden in physikalischer, chemischer, bakteriologischer
und biologischer Hinsicht, Wasserversorgung von Städten, Selbstreinigung
der Gewässer, Abwässer, Mineralwässer usw. Herausgegeben von H. Bunte.
(Sonderausgabe von Band 11 des Musprattschen Enzyklopädischen Hand-
buches der Technischen Chemie. Braunschweig 1918. 4. VI u. 1274 S.
mit Figuren. Halbleinenband. Mark 28.
Referate , ' 77
Zsigiiiondy, R. Kolloidcheraie ; ein Lehrbuch. 2., vermehrte und z. T.
umgearbeitete Auflage. Leipzig 1918. gr. 8. Mit 5 Tafeln und 54 Figuren.
Mark 26.
Pat.-Anm. 6 a, 1. R. 45219. Terfahreii zum Weichen und Keimen von
Getreide. Otto Rummel, Berlin 1917.
Pat.-Anm. 12i, 9. P. 35419. Verfahren zur Herstellung eines kräftig
wirkenden festen Sterilisationsmittels. Dr. Antonio Pieroni, Bologna,
u. Societa Chimica Lombarda A. E. Bianchi & Co., Rho, Italien 1917.
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Willy Lazarus, Dresden 1917.
Pat.-Anm. 6b, 16. K. 64942. A'erfahren zur Ansäuerung von Spiritus-
maische. Hermann Kaserer, Wien 1917.
Pat.-Anm. 6b, 1. A. 29983. Verfahren zum Reinigen und Geruchlosmachen
von zerkleinerten Zuckerrüben. Betavit-Gesellschaft m. b. H., Berlin 1917.
Pat.-Anm. 6b, 16. B. 84244. Verfahren zur Herstellung von Alhohol und
Hefe aus den Abfallaugen der Sulfttzellulosefabriken. Max Bücheier,
Weihenstephan und Franz Mizgajski, Freising 1917.
Maurizio, A. Die Nahrungsmittel aus Getreide. Ihre botanischen, chemi-
schen und physikalischen Eigenschaften, hygienisches Verhalten, Prüfen
und Beurteilen. Band II. Berlin 1919. gr. 8. IX u. 213 S. mit 1 Tafel
u. 6 Figuren. Leinenband. Mark 15. Das jetzt vollständige Werk, 2 Bände,
1917—1919. 476 u. 222 S. mit 3 Tafeln u. 186 Figuren. Leinenband.
Mark 39.
Schryver, S. B. Introduction to the Study of Biological Chemistry.
London 1919. 8. cloth.
Reinigen gebrauchter Kork- und Gummistöpsel. Dtsch. Essigind. 23, S. 91.
Auskochen mit 57o H2SO4 haltendem Wasser. Bedecken der Korke
während des Kochens mit einem Siebblech. Ablassen der Flüssigkeit und Aus-
kochen mit reinem Wasser, darauf Einlegen der Korke in eine schwache
Lösung von Alaun, nach dem Abgießen 2 — 3 Tage in die Sonne legen. So
behandelte Korke haben von ihrer Elastizität nichts eingebüßt. — Um ver-
härteten Gummistöpseln ihre alte Elastizität wiederzugeben, legt man sie
etwa 10 Tage lang in eine 57oig'e Sodalauge bei einer Temperatur von
40—50^. Dann wird mit reinem Wasser gespült und die oberste allzusehr
erweichte Schicht entfernt, darauf wird nochmals mit lauwarmem Wasser
gespült.
78 • Referate
Dunbar, W. P. Die Abwasserreinigungsanlage der Stadt Coethen in
Anhalt. Gesundheitsingenieur 41, 1918, S. 265—72, 273—79, 285—89.
Hamburg. Staatl. Hygien. Instit.
Die beschriebene Anlage ist die erste, die eine Schlamrabeseitigung
ohne vorherige Ausfaulung bewirkt. Der Schlamm, der in Absitzbecken zur
Ausscheidung gebracht wird, fließt, nachdem ihm ca. die Hälfte seines
Wassergehaltes in einer Verdichtungsrinne entzogen worden ist, direkt auf
Trockenbeete und verwandelt sich hier in eine feste Masse. In den bis-
herigen fünf Betriebsjahren ist es niemals zu einer fauligen Zersetzung des
Schlammes auf den Beeten gekommen. Unangenehme Gerüche haben sich
zu keiner Zeit bemerkbar gemacht. Durch die beschriebene Anlage ist die
Aufgabe gelöst, den Abwasserschlamm in eine feste handliche und nicht
faulende Form überzuführen, ohne Zerstörung der in ihm enthaltenen wert-
vollen Dungstoffe.
Hesse, Erich. Die Beurteilung des Wassers auf Grund der Keimzählung.
Ztschr. f. Hyg. u. Infekt.-Krankh. 88, S. 81—99.
Selbst wenn die örtliche Besichtigung befriedigend ausfällt, der
chemische Befund einwandfrei ist, und bakteriologisch wenig Keime ermittelt
werden, sind wiederholte Untersuchungen notwendig. Diese erfolgen zweck-
mäßig bei flachen Brunnen nach einer vorausgegangenen trockenen Witte-
rung und nach einigen heftigen Regenfällen; bei Brunnen mittlerer Tiefe
und tiefen Brunnen zu solchen Zeiten, die vorausgegangenen besonders
trockenen und besonders niederschlagsreichen Monaten entsprechen. Nicht
gedeckte Brunnen können bei sorgfältiger Behandlung ein brauchbares Wasser
liefern, sie müssen aber gegen den Zutritt von Regen und anderen Verun-
reinigungen geschützt werden. Die bakteriologische Untersuchung des
nicht überdachten Brunnens würde zur Zeit von Regenfällen falsche Ergeb-
nisse (zu hohe Keimzahlen) liefern. Zum Aufstellen der Schöpfgefäße ist
eine sauber zu haltende Unterlage notwendig. Das Einschwemmen thermo-
philer Bakterien in das Grundwasser scheint vorzugsweise während der
heißen Monate stattzufinden.
Zikes, Heinrich. Bericht über die Tätigkeit der gärungsphysiologischen
Abteilung der Versuchsstation. Allg. Ztschr. f. Bierbrauerei u. Malz-
fabr. 47, S. 45—48.
Die konsumreifen Kriegsbriefe waren unreiner als in irgendeinem
früheren Jahre. Es traten auf: Essigbakterien in 85,6% der Proben, klein-
zellige Hefe in 78,8%, sporulierende wilde Hefen in 62 7o» Mycoderma in
42,2 *'/o, Stäbchenbakterien anderer Art (darunter Würzebakterien, Fäulnis-
bakterien) in 42%, Pediokokken in 12,8%, Mycelhefen in 2,7%, Williaarten
in 17o- Eines der Biere neigte zur Eisenkrankheit.
Referate 79
Der Einfluß der Temperatur auf verschiedene Funktionen
der Hefe wurde eingehend bearbeitet: Die Sproßtätigkeit der Hefen ist bei
verschiedenen Temperaturen abhängig von jener Temperatur, bei der sie
früher gezüchtet wurden. Kalthefen passen sich höheren Temperaturen besser
an als umgekehrt, sie zeigen das gleiche Optimum der Generationsdauer (30°)
wie warmgeführte, ihre Askosporenbildung setzt rascher ein als bei warm-
geführten. Die Bildung von Fett ist bei tieferen Temperaturen (12 bis 15")
sehr langsam, rascher bei 20—30", hier dürfte das Optimum liegen. Eine
Nachentwicklung von kleineren Fetttröpfchen kommt bei niedrigen Tempe-
raturen häufiger vor. — Mycoderma cerevisiae ist nur ein schwacher
Glykogenbildner, ebenso Torula alba und Willia anomala. Bei Chalara
Mycoderma scheinen verschiedene Temperaturen zur Befreiung des Gly-
kogens von geringerer Bedeutung zu sein. Für Brauereihefen liegt das
Optimum der Bildung von Glykogen bei etwa 30". — Die Hefezellen ent-
halten bei tieferen Temperaturen ein kompakteres und dichteres Protoplasma.
Längere Zeit warmgeführte Zellen, die sich an tiefere Temperaturen an-
passen mußten, zeigten eine sehr geringe Vermehrungsenergie, 20 — 30 Zellen
innerhalb 3 Tagen, gegenüber 300000—350000 warmgeführter Zellen. Die
Vermehrungsfähigkeit kaltgeführter Zellen (Gärdauer 7 Tage) war gegenüber
der Vermehrungsenergie weitaus besser, sie verhält sich wie 1 : 17 gegenüber
der Vermehrungsenergie 1 : 14000. Die Gärungsenergie kaltgeführter Zellen
verhielt sich zu der warmgeführter wie 1 : 2, die diesbezüglichen Gärfähig-
keiten wie 1 : 2,5. Die günstigste Temperatur für die Bestimmung des End-
vergärungsgrades liegt bei etwa 30", und zwar bei Benutzung von 0,5 g
gepreßter Anstellhefe auf 200 ccm Würze. Die Säure- und Esterbildung ist
bei tieferen Temperaturen langsamer und schwächer als bei höheren. — Bei
verschiedenen Temperaturen ergeben sich gestaltliche Veränderungen, die als
Modifikationen im botanischen Sinne erkannt wurden, das sind Varietäten,
die ihre Form und Gestalt bei normalen Bedingungen bald zurückerlangen.
— Die Farbstoffproduktion von Pigmenthefen ist bei niederen Temperaturen
stärker. — Je höher die Temperatur, desto rascher geht ein Weich- oder
Flüssigwerden der Hefe, eine Degenerierung, vor sich. Bei Feststellung der
oberen Tötungstemperatur wurden am widerstandsfähigsten Willia saturnus,
Schizosaccharomyces Pombe, Saccharomyces Logos und Saccha-
romyces thermantitonum befunden. Einzelne widerstandsfähigere Keime
hielten von W. saturnus bis 58", von Seh. Pombe und S. Logos bis
60", von S. thermantitonum bis 64" aus.
Hinrichs, ü. Warum werden in vielen Melassebrennereien so schlechte
Erfahrungen mit den Kriegsnielassen gemacht? Ztschr. f. Spiritus-
industrie 42, S. 113—114.
Die mangelhafte Spiritusausbeute führt Verfasser auf einen durch den
Düngemittelmangel hervorgerufenen zu geringen Gehalt der Kriegsmelassen
80 Referate
an Stickstoff- und Phosphorsäure zurück. Durch Zusatz stickstoffhaltiger
Stoffe und phosphorsaurer Salze konnte er die Ernährung der Hefe heben
und die Spiritusausbeute verbessern. Er empfiehlt: Neuimpfung in kürzeren
Zwischenräumen als bei Friedensmelassen, Stickstoff- und Phosphatgabe
schon im Pasteurkolben und während der Reinzucht und nach 24 stündiger
Gärung zugeben. Bei nicht abgelagerten Melassen, die noch viel Luftblasen
und damit Infektionen enthalten, ist intensives Aufkochen geboten.
Fries, Georg. Erfahrungen aus der Praxis wälirend der letzten Kriegs-
jahre. Ztschr. f. ges. Brauwesen 42, S. 1—3, 9—11, 17—19, 26—27,
33—85, 39—42, 45—46, 53—55, 59—61. München, Wissensch. Stat. f.
Brauerei.
Es werden die Herstellungs-Verfügungen von Kriegsbieren und Bier-
ersatz behandelt und die Erfahrungen des Verfassers mitgeteilt. Es wird
darauf hingewiesen, daß durch die Kohlenknappheit verschiedene Betriebe
von der Untergärung zur Obergärung übergegangen sind; Verfasser führt
die Momente an, welche zur Herstellung eines guten obergärigen Bieres
von Bedeutung sind.
Eisenkranke Biere sind fast gar nicht eingesandt worden. Nach
Verfasser ist die Eisenkrankheit nur darauf zurückzuführen, daß in Gärung
befindliche Biere oder auch bereits vergorene, direkt mit diesem in Be-
rührung gekommen sind. — Das Brauverfahren Plesch (vgl. Ztschr. f.
ges. Brauwesen 41, S. 73, 81; C. 1918. I. 1095) stellt in der einen Form
nichts Neues dar, während die andere Form undurchführbar ist. — Die
Konzentration der Ersatzbiere, die Verfasser untersuchte, ging bis auf
0,49*^/0 herunter. Die Biere waren fast ausnahmslos karbonisiert und be-
saßen häufig die schlechte Eigenschaft, die Kohlensäure beim Offnen der
Flasche stürmisch entweichen zu lassen; von Schaumhaltigkeit konnte nicht
gesprochen werden. Die meisten dieser Biere waren mit Saccharin oder
Dulcin gesüßt, mitunter war auch als Schaummittel Saponin zugesetzt.
Lakritze ist nach Verfasser ein ganz minderwertiger Zusatz, er verleiht nicht
nur dem Getränk eine unschöne, oft irisierende Farbe, sondern er macht es
auch, infolge der meist beträchtlichen Verunreinigungen, blind; außerdem
gibt er Geschraackstoffe ab, die das Produkt stets auf das Niveau der
Minderwertigkeit herabdrücken. — Die Kriegspeche, als Ersatz der Kolo-
phonium Harzölpeche, sind entweder bituminöser Natur, sog. Montanpeche,
oder regenerierte Auslaufpeche. Diese letzteren können als voller Ersatz
gelten. Vor Montanpechen warnt Verfasser, ihre Viskosität ist zu hoch, und
Verschnitte von anderem Pech mit bituminösen Stoffen scheiden letztere
schon nach verhältnismäßig kurzer Zeit wieder aus.
Referate 81
Wüsteiifeld, H. Rückblick auf den Jahrgang 11)18 der „Deutschen Essig-
industrie". Dtsch. Essigind. 23, S. 65—67, 73—75, 81—82.
Eine kurz zusammengedrängte Übersicht über die in den einzelnen
Nummern der „Deutschen Essigindustrie" verstreuten fachwissenschaftlich
und technisch wertvollen Aufsätze sowie über die Verbandsmitteilungen.
Wüstenfeld, H. Rübenzuckeressig auf Schnellessigbildnern. Dtsch. Essig-
ind. 23, S. 89—90.
Unter Berücksichtigung der augenblicklichen Lage und einer vielleicht
später drohenden weiteren Kontingenteinschränkung empfiehlt Verfasser die
Darstellung von Rübenessig aus Rübensäften, bezw. aus deren vergorenen
alkoholhaltigen Maischen. Da ein Teil der Rohzuckerfabriken nicht in der
Lage sein dürfte, ihren Betrieb aufrecht zu erhalten, und da ein Teil der
Zuckerrüben auf dem Felde überwintert hat, so könnten einzelne Essig-
fabrikanten sich vielleicht solche Rüben verschaffen. Ferner würde sich
vielleicht die eine oder andere wenig beschäftigte Brauerei bereit finden,
Rübenwein aus Zuckerrüben herzustellen und der Essigfabrik des gleichen
Ortes zur Verarbeitung liefern. Schließlich könnten Essigfabriken mit Roh-
zuckerfabriken Abschlüsse auf Lieferung von Rübensirup machen. Inwieweit
vorläufig noch behördliche Schwierigkeiten diesen Vorschlägen entgegen-
stehen, läßt Verfasser dahingestellt sein und gibt kurze Anweisungen zur
Fabrikation.
Schweizer, Karl. Über die Gewinnung von Glyzerin durch Gärung.
Helv. chim. Acta 2, S. 167—72, Winterthur.
Verfasser berichtet über Versuche zur Gewinnung von Glyzerin bei
der Zuckergärung. Die größte Schwierigkeit bestand in der Wahl einer
Hefe, welche große Salzmengen vertragen könnte. Befriedigende Resultate
erhielt Verfasser schließlich bei Anwendung von Preßhefe. Bei saurer Reduk-
tion waren die Gärversuche ergebnislos. Da Hefe alkalische Reaktion nicht
verträgt, wurde versucht, die Reduktion in möglichst neutralem Medium
durchzuführen. Gute Resultate lieferten Versuche, bei denen auf 40 g Saccha-
rose, 2 g Ammoniumdiphosphat, 1 g Dikaliumphosphat in 400 g Wasser
10 g Preßhefe angewandt wurden. Für die Versuche diente der Apparat
von Hayduck. Sobald die Gärung begonnen hat, wurden 30 g Na^SOg zu-
gesetzt. 100 g Zucker lieferten durchschnittlich 21,3 g Glyzerin. Bei Luft-
zufuhr sank die Glyzerinausbeute beträchtlich.
Terein der Spiritus-Fabrikanten in Deutschland, Berlin. Verfahren der
Konservierung von Kartoffeln (D. R. P. 291307, Kl. 53 g vom 14. 2. 1914,
ausgegeben 16. 4. 1919; Zus.-Pat. zu Nr. 286106; C, 1915, H, S. 514)
dadurch gekennzeichnet, daß die in rohem Zustande geriebenen Kartoffeln
durch Vermischen mit gedämpften Kartoffeln auf eine dem verwendeten
Zeitschr. f. techn. Biologie, Bd. VIII. c
82 Referate
Milchsäurepilz angemessene Temperatur angewärmt werden. — Es ist bei
Verwendung des B. Delbrücki zweckmäßig, Kartoffelreibsel und gedämpfte
Kartoffeln in solchem Verhältnis zu mengen, daß die Mischung eine Tempe-
ratur von 60° besitzt.
Verein der Spiritus-Fabrikanten in Deutschland, Berlin. Verfaliren der
Konservierung von Kartoffeln (D. R. P. 291308, Kl. 53 g vom 29. 4. 1914,
ausgegeben 16. 4. 1919; Zus.-Pat. zu Nr. 286106; C. 1915, II, 514; Ztschr.
f. angew. Ch. 28, n, S. 499, [1915])
dadurch gekennzeichnet, daß bei der Einsäuerung von geriebenen Roh-
kartoffeln mit Hilfe von Reinzuchtbakterien die Erhitzung des geimpften
Reibseis bis zu einer solchen Temperatur erfolgt, daß die Mischung durch
Verkleistern der Stärkekörner homogen wird, wobei zweckmäßig die Er-
hitzung nach beendigter Säuerung ausgeführt wird. — Abänderung des Ver-
fassers gemäß Anspruch I in der , Weise, daß die vorhandenen Bakterien
stark geschwächt oder abgetötet werden. — Es wird das Reibsei in der
Grube mittels einer Dampfleitung oder eines Dampfschlauches erhitzt. In-
folge der Verkleisterung trennt sich dann die Mischung nicht mehr in Festes
und Flüssiges. Das Reibsei kann auch auf dem Wege in die Gruben in
einem mit einer Schnecke ausgestatteten Rohr auf heizbaren Doppel-
wandungen erhitzt werden. Bei Anwendung von Bac. Delbrücki vnrd die
Verkleisterung bei 60— 70*^ ausgeführt. Erfolgt die Erwärmung erst nach
der Säuerung z. B. durch in den Gruben angebrachte Dampfleitungen, so
kann die Säuerung bei einem bestimmten Säuregrad durch die Abtötung der
Pilze unterbrochen werden, damit eine weitere Veränderung des Sauergutes
möglichst ausgeschlossen wird.
Essig-Rezepte. Dtsche Essigind. 23, S. 93—94.
Es werden genau detaillierte Rezepte, zwei für französischen Kräuter-
essig, eins für „besonders feinen" französischen Kräuteressig angegeben, sie
bestehen in Ausziehen einer Anzahl Gewürze mit Essig, Abgießen und Filtrieren.
Raebiger, H. Eine neue Gaszeile zur Behandlung der Pferderäude.
Dtsch. tierärztl. Wochenschr. 27, S. 75 — 76. Halle a. S., Bakteriologisches
Institut der Landwirtschaftskammer für die Provinz Sachsen.
Beschreibung einer Gaszelle aus Eisenkonstruktion, die zur Behandlung
der Pferderäude mit SOg dient.
Pat.-Anm. 53 e, 2. H. 73976. Verfahren und Vorrichtung zum Entkeimen
von Milch. F. Hering, Leipzig 1918.
Pat.-Anm. 28 a, 3. S. 48807. Verfahren zum Gerben von Häuten und
Fellen. Societe Genty, Hough & Cie, Paris 1918.
Referate 83
Salkowski, E. Über den Kohlenhydratf^ehalt der Flechten und den Ein-
fluß der Chloride auf die Alkoliolgärung:. Ztschr. f. physiol. Ch. 104,
1918, S. 105—28. Berlin, Path. Inst, der Univ.
Das isländische Moos (Liehen islandicus) zeigt folgende Zusammen-
setzung: Lichenin 59,45 7o, Fett (Ä.-Fxtrakt) 4,30%, Eiweiß 4,73%, organische
Substanz außer Lichenin 19,47%, Asche 2,01%, Wasser 10,04%. Das Renn-
tiermoos (Cladonia rangiferina) enthält Lichenin 54,03 °/q, (Ä. -Extrakt) 2,59%,
Eiweiß 4,107o5 sonstige organische Substanz 26,96'^/(„ Wasser 10, 59^^/;^, Asche
l,137o- Durch Hydrolyse dieser Flechten mit 2,5%iger HCl oder 6°/oige
H2SO4 erhält man rund 66, bezw. 60% der lufttrockenen Substanz an
Glukose. Der Zucker ist vollständig vergärbar, nur mitunter bleibt ein
kleiner, als Dextrin anzusehender Rest unvergoren. — NaCl stört die Gärung
von Traubenzucker, umsomehr, je höher der Gehalt daran ist, es kommt
aber auch der Gehalt der Lösung an Glukose in Betracht. Während eine
Lösung von etwa 12% bei einem NaCl- Gehalt von 4% vollständig, von 8"/o
NaCl fast vollständig vergärt, vergären von einer Lösung von 20 7o Glukose
und 4% NaCl nur etwa ^^o des Zuckers. Dieselbe Lösung ohne NaCl zeigt
vollständige Vergärung. Noch mehr stört eine äquivalente Quantität von
CaCla.
Die Hydrolysate der Flechten enthalten außer gärungsfähigem Zucker
eine die Gärung störende Substanz (w^ahrscheinlich Flechtensäuren). Der
Gehalt des isländischen Mooses an in die Hydrolysate übergehenden Flechten-
säuren, ausgedrückt als Cetrarsäure, berechnet sich, auf indirektem Wege
bestimmt, unter Zugrundelegung der Formel CgoHg^Oig für diese im Minimum
zu 10,92 °/q der lufttrockenen Substanz. Die durch Säurehydrolyse leicht
verzuckerbare Flechtenzellulose, das Lichenin, v^^ird durch diastatische Fer-
mente (Pankreas, pflanzliche Diastase, Speichel) nicht verzuckert.
Wehmer, C. Leuchtgaswirkung auf Pflanzen. 5. Wirkung auf Holz-
pflanzen: Blausäure als schädlichster Gasbestandteil. Ber. Dtsch. Botan.
Ges. 36, 1919, S. 460—64.
Die Pflanzen, die in den früher berichteten Versuchen nach Einwirkung
von Leuchtgas im Aussehen unverändert blieben, zeigten sich nach dem
Überwintern doch geschädigt, da im folgenden Frühjahr mit einer Ausnahme
(Hainbuche) keine von ihnen austrieb, vielmehr alle allmählich abstarben.
Der Stoff, der hauptsächlich das Absterben herbeiführt, hat sich als Blau-
säure erwiesen, die in dem Versuchsgase zu 0,01 VoI.-^q vorhanden war.
Wurde diese eliminiert, indem das Gas mit Alkali unter Zusatz von etwas
FeS04 gewaschen wurde, so blieb die heftige Wirkung aus. Die Blausäure
läßt in ihrer Wirkung auf Kressekeimlinge alle bisher untersuchten Leucht-
gasbestandteile (CS2, Benzol, HgS) weit hinter sich.
6*
g4 Referate
Dienert, F. und (Juillerd, A. Nährböden aus autolysierteni Hefewasser
für die Züchtung des B. coli. C. r. d. l'Acad. des sciences 168, S. 256 — 57.
Einen als Ersatz der Peptonbouillon sehr geeigneten Nährboden von
gleichmäßiger Zusammensetzung erhält man durch Verflüssigung von 500 g
Preßhefe bei 50^, Verdünnen mit Wasser auf 2 Liter, Kochen während
30 Minuten, Neutralisieren, Filtrieren und Auffüllen auf 7,5 Liter. Er ver-
hält sich auch bei Zusatz von Phenol ebenso wie Peptonbouillon und kann
mit Gelatine oder Agar zu festen Nährböden verarbeitet werden.
Maze. P. Die Oxydation der Milchsäure durch die Bakterien unter
Bildung von Brenztraubensäure und Ketonkörpern. C. r. soc. de
biologie 81, 1918, S. 1150—52.
Verfasser konnte ein Dutzend Bakterien arten isolieren, die durch Oxy-
dation von Milchsäure in rein mineralischen Nährlösungen mit Kalziumlaktat
als einziger C-Que-lle Brenztraubensäure und Ketonkörper zu bilden vermögen.
Dieselben Arten bilden in zuckerhaltigen Mineralnährböden gleichfalls Brenz-
traubensäure, da sie den Zucker in Milchsäure spalten; nur eine Art ist
gleichzeitig ein alkoholisches Ferment für Zucker. An sechs dieser Arten
wurde der Gang der Reaktion näher verfolgt, wobei die Brenztraubensäure
kolorimetrisch mittels der Simon sehen Reaktion bestimmt wurde; hierbei
muß der Gehalt der Lösungen zwischen 0,1 und 1^/qq Hegen. Bildung und
Zerstörung der Brenztraubensäure erfolgen bei den einzelnen Arten mit ver-
schiedener Geschwindigkeit. Daneben wurde Essigsäure von Spuren bis zu
mehr als 50 "/o fler zerstörten Milchsäure gebildet, Ameisensäure niemals.
Zwei Arten bildeten ferner Azetylmethylkarbinol und Diazetyl, eine nur
jenes. Die Vorgänge bei deren Bildung lassen sich durch folgende Gleichungen
ausdrücken :
CH3 • CH(OH) • CO^H + CH3 . CO • CO2H + = CH3 . CH(OH) • CO • CH3
-f 2 CO2 + H.,0.
2 CH3 . CO • CO2H + rr CHg"- CO • CO • CH3 4- 2 COo + H2O.
Man könnte auch annehmen, daß das Diazetyl direkt aus dem Azetylmethyl-
karbinol durch Oxydation der sekundären Alkoholgruppe entsteht; dagegen
spricht aber das völlige Fehlen von Butylenglykol.
Oelsncr, Alice und Koch, Alfred. Über den abweichenden Verlauf der
Aikoholgärung in alkalischeu Medien. Ztschr. f. physiol. Ch. 104,
Göttingen 1918, S. 175 — 81. Landwirtschaftl.bakteriolog. Inst, der Univ.
Die Beobachtung von Wilenko (Ztschr. f. physiol. Ch. 98, S. 255;
C. 1917, I, S. 895), daß in durch Phosphat alkalischen Gärflüssigkeiten sicht-
bare Gärung unter Bildung von CO^ und Alkohol ausbleibt, und trotzdem
der Zucker verschwindet, konnte nicht bestätigt werden. Bei den Versuchen
wurden 100 ccm einer 5 ^o ig^^ Glukoselösung mit 0,889 g, bezw. 4,461 g
NagHPO^ und 0,05 g, bezw. 0,235 g NaHoPO^ und 20 g Hefe versetzt. Dabei
Referate 85
wurde, wie in den Kontrollversuchen (100 ccm einer 5'y^^\gen Glukoselösung
und 4,541 g KH^POi und 20 g Hefe) stets Bildung von COg und Alkohol
beobachtet. Die COg wurde nach dem Austreiben aus der mit HgSO^ an-
gesäuerten Lösung als BaCOg bestimmt. Die Bestimmung des Alkohols
erfolgte pyknometrisch, die Bestimmung der Glukose mittels Fehlingscher
Lösung. Bei schwach alkalischer Reaktion war die Gärung zu Anfang
etwas verzögert, führte aber am 6. Tage zu einer normalen Durchgärung
des Zuckers, wogegen in der stark alkalischen Gärung die produzierte Menge
von CO2 und Alkohol trotz vollständiger Umsetzung des Zuckers hinter der
normalen zurückbleibt. Bei den alkalischen Gärungen wurde eine vermehrte
Bildung von Aldehyd beobachtet.
Welimer, C. Über Funiarsäureg:ärung des Zuckers. Ber. Dtsch. Chem.
Ges. 51, S. 1663; C. 1919, I, S. 664; 52, S. 562—64, Hannover.
Der Verfasser erhebt gegenüber F. Ehrlich (vgl. Ber. Dtsch. Chem.
Ges. 52, S. 63; C. 1919, I, S. 664) Einspruch dagegen, daß aus dem Ver-
mischen von etwas Alkalifumarat in alten, kompliziert zusammengesetzten
Kulturflüssigkeiten auf eine „Fumarsäuregärung des Zuckers" geschlossen
wird. Es fehlen die Merkmale einer Gärung, und es ist zweifelhaft, ob bei
Rhizopus die Fumarsäure überhaupt aus Zucker entsteht oder nicht vielmehr
irgendwelchem anderen Material und anderen Prozessen entstammt, z. B. der
dem Eiweißzerfall in der alten Kultur entstammend zu denkenden Bern-
steinsäure oder dem Eiweiß selbst. Die Pilze Rhizopus und Aspergillus
zeigen völlig verschiedenen Chemismus. Der (schnell wachsende) Rhizopus-
pilz setzt Zucker nur träge um und kann schon dieserhalb keine „Gärung"
erregen.
Paillot, A. Die Pseudograsserie, eine neue Krankheit der Raupen von
Lymantria dispar. C. r. d. l'Acad. des sciences 168, S. 258 — 60.
Neben einem an der Erkrankung nicht beteiligten Bac. lymantriae ß
wurde bei einer die äußeren Zeichen von Blutverfettung (grasserie) auf-
weisenden Raupe ein Coccobacillus gefunden, der bei dieser, wie bei anderen
Raupenarten eine Zerstörung des Fettgewebes mit milchiger Trübung des
Blutes durch wirkliche Fettkügelchen hervorruft und deshalb als Bac. lyman-
tricola adiposus bezeichnet wird. Im Blute der befallenen Tiere kann er die
überraschendsten Gestalten, darunter in den ersten Stunden Riesenformen
von 7 — 8 p Durchmesser, annehmen. Er vermag sämtliche Zucker und Poly-
alkohole zu vergären und entfärbt gleichzeitig anwesenden Lackmusfarbstoff
mehr oder weniger, außer bei Glukose und Saccharose.
Svanberg, Olof. Die Aziditätsbedingungen der echten Milchsäurebakterien.
Medd. Kgl. Vetenskaps akad. Nobelinst. 5, 1919, Nr. 2.
Verfasser stellt die Azidität fest, welche Bacterium casei und Strepto-
coccus lactis in Milch, Molken und ungehopfter Bierwürze nach verschiedenen
86 Referate
Entwicklungszeiten und als Endzustand, bei dem sie ihre Entwicklungs
fähigkeit einbüßen, zu erzeugen vermögen. Die Azidität wird ausgedrückt
durch die Konzentration der H-Ionen, während es bisher üblich war, die
quantitativen Reaktionsbedingungen ledigbch durch die Titrationsazidität,
bezw. -alkalität gegen den einen oder anderen Indikator anzugeben. Ver-
schiedene Werte ergeben sich durch beide Bestimmungsarten z. B. bei der
Vergärung von Milch und Molken durch Streptococcus lactis, wobei in beiden
Substraten die gleiche H lonenkonzentration erreicht wird, während die
Titrationsaziditäten verschieden sind. Dies liegt daran, daß in Milch große
Mengen der gebildeten Milchsäure durch das koagulierte Kasein adsorbiert
oder als unlösliches Laktat gefällt werden. — Eine scheinbar sich ergebende
Abhängigkeit der Entwicklungsfähigkeit des Streptococcus lactis in den ver-
schiedenen Nährlösungen von der H-Ionenkonzentration liegt nur bei geringen
Laktatkonzentrationen vor. Dagegen hat W. van Dam (Biochem. Ztschr.
87, 107; C. 1918, II, 53) sehr wahrscheinlich gemacht, daß durch eine be-
stimmte Konzentration der undissoziierten Milchsäuremoleküle das Weiter-
gehen des Gärungsprozesses verhindert wird. — Die Aziditätstoleranz beider
Bakterien gegenüber H^SO^, HCl und H3PO4 ergab sich für alle drei Säuren
gleich und bei Bacterium casei gleich der gegenüber Milchsäure, bei Stre])to-
coccus lactis um ein geringes größer als gegenüber Milchsäure. Alkali-
toleranz ist bei Streptococcus lactis minimal, bei Bacterium casei gar nicht
vorhanden.
BrussoflF, Alexander. Ein Beitrcag zur Kenntnis der Aktiuoniyzeten.
Zentralbl. f. Bakter. u. Parasitenk. II, Abt. 49, S. 97—115.
Actinomyces cloacae nennt Verfasser eine allem Anschein nach neue
Art, die er aus Klärschlamm der Aachener biologischen Abwasserkläranlage
mittels der Omelianskischen Lösung mit Filtrierpapier isolieren konnte.
Sie unterscheidet sich von anderen Arten besonders durch die eigenartige
Entwicklung in Bouillon. Außer einer Ringbildung entstehen am Boden
und am unteren Teile der Glaswand zahlreiche kugelförmige, farblose Kolo-
nien, die später weißlich und durch den gegenseitigen Druck vieleckig
werden. An der Oberfläche der Bouillon findet keine Entwicklung statt,
sie bleibt dauernd unverfärbt und klar, hat in den ersten Tagen schwachen
Erdgeruch, später starken modrigfaulen Geruch. Der neue Organismus
scheint zur Bindung von Stickstoff aus der Luft befähigt zu sein. — Aus
den eingehenden mikroskopischen Untersuchungen sei hervorgehoben, daß
sie zu der Überzeugung führten, daß die Aktinomyzetenhyphen nicht in
Fragmente zerfallen. Diese Annahme früherer Untersucher dürfte auf irr-
tümlicher Deutung der Beobachtungen an gefärbten Präparaten beruhen.
Was sie für „Kokken", „Stäbchen" und „Spirillen" hielten, ist nichts anderes
als Tröpfchen und Tröpfchenansammlungen von Volutin, vielleicht auch
von Fett,
Referate 87
Zikes, Heinrich. Einige biologische Fragen über Zuckerrübenbier.
Allg. Ztschr. f. Bierbrauerei u. Malzfabr. 47, S. 67— 71, 75—80, 83—87,
92—94.
Verfasser hat Untersuchungen angestellt, wie sich die verschiedenen
Kleinlebewesen der Zuckerrübe, bezw. des Saftes bei der Bierherstellung
verhalten. Es kommen hauptsächlich Schleimbildner der verschiedensten
Art, ferner Vertreter der Koli-, Subtilis- und Mesenterikusgruppe in Betracht,
auch Buttersäurebakterien, Hefen und andere höhere Pilze. Es wurde fest-
gestellt, daß die Mikroorganismen bakterieller Natur durch die Art der Be-
handlung der Rübenschnitzel mit heißem Wasser, sowie durch die vereinigte
Wirkung der Hopfenbitterstoffe und der durch die Hefe erzeugten Gär-
produkte unterdrückt werden. Sproßpilze können durch gründliche Reini-
gung der Leitungen, Gärgefäße usw. mit den üblichen Desinfektionsmitteln
unterdrückt werden. — Bei Verwendung von Grünsirup empfiehlt sich ein
größerer Zusatz von Malz oder Czirok, andererseits ein öfteres Einschieben
eines höherwertigen Gebräus in den Fabrikationsgang, da Grünsirup, nament-
lich in diesem Jahre noch weit weniger assimilationsfähige Nahrung in
Form von Eiweißkörpern, Phosphaten usw. enthält, als gewöhnliche Zucker-
rübenwürze.
Sandelin, A. E. Untersuchnng eines aus Rahm isolierten sänre-lab-
bildenden Bazillus (Bacillus coagulans n. sp.). Zentralblatt f. Bakter.
u. Parasitenk., H. Abt. 49, S. 115 — 30. Experimentalfältet bei Stockholm,
Zentralanst. für Landwirtschaftl. Versuchswesen, Bakteriol. Abt.
Der neue Bazillus konnte nur einmal aus verdorbenem, sterilisiertem
Rahm isoliert werden. Er bildet Sporen, hat peritriche Cilien und ist
fakultativ anaerob. Milch koaguliert er bei schwach saurer Reaktion in
sehr charakteristischer Weise, dann wird das Gerinnsel unter Bildung von
Peptonen und Aminoverbindungen peptonisiert. Dextrose, Fruktose, Galak-
tose, Maltose und Laktose werden vergoren, Glyzerin schwach, Saccharose,
Pentose, Arabinose und Mannit gar nicht. Bei der Vergärung von Laktose
und Dextrose werden sicher Essigsäure und Bernsteinsäure, aber keine Milch-
säure oder Oxalsäure gebildet. Auch das Fett der Milch wird offenbar
etwas angegriffen. Gelatine wird verflüssigt.
Rubner, Max. Über die Yerdaulichkeitsverhältnisse unserer Nahrungs-
mittel. Berl. klin. Wchschr. 56, S. 294—95.
Erwiderung auf die Ausführungen von König. (Berl. klin. Wchschr.
56, S. 293; vorst. Ref.) Dieser hat vor allem die Ausnutzung kombinierter
Nahrung, die andere Werte angibt, als die einzelnen Nahrungsmittel für
sich, nicht berücksichtigt.
gg Referate
Völtz, W. Sind die in Ausniitzung^sversuchen mit Frischhefe, also leben-
den Hefezellen, ermittelten Yerdauun^s werte für die Hefenährstoffe
auch zutreffend für die Nahrungs- und Futterhefe? Zeitschr. f. Spiri-
tusindustrie 42, S. 23— 24. (Vgl. Biocheni. Ztschr. 93, S. 101; C. 1919,
I, S. 561.)
Die für die Verdaulichkeit der Hefenährstoffe bei Verwendung von
Frischhefe (vgl. Schill, Biochem. Ztschr. 87, S. 163; C. 1918, II, S. 202)
gefundenen Werte sind wesentlich niedriger als die für Nahrungs- und Futter-
hefe ermittelten, die stets getrocknet oder doch aufgekocht, also immer ab-
getötet, zum Verzehr gelangen. Entsprechend der Widerstandsfähigkeit der
lebenden Hefezellen (vgl. oben angeführte Abhandlung) waren die Ver-
dauungswerte für die Hefenährstoffe niedrig und betrugen für die organische
Substanz 53,3 7o ^^^ für das Hefeeiweiß 46,6 "/o- Die mangelhafte Resorp-
tion der Hefe bei ihrer Verfütterung im lebenden Zustande, und die Gefahr,
daß bei Verabreichung großer Mengen infolge starker Kohlensäureproduktion
Tympanie bei Wiederkäuern eintreten kann, bedingt ihre Verwendung als
Nähr- und Futterhefe ausschließlich im abgetöteten Zustand. Das schließt
natürlich den Genuß lebender Hefezellen in dosierten Mengen für thera-
peutische Zwecke nicht aus.
Ratten- und Kellermäusevertilger. Midi. Drugg. and Pharm. Rev. 51,
1917, S. 14—15.
Stearns elektrische Ratten- und Mäusepaste besteht anscheinend aus
97 — 98,5^0 Glukose und 1,5 — -3^/^ Phosphor, der in CS2 unter Zusatz von
etwas Erdwachs gelöst ist. Eine andere Vorschrift lautet: Man bratet eine
Meerzwiebel in 500 g Schweineschmalz, 50 — 100 g Rindertalg aus, bis die
Fette den Geruch derselben angenommen haben, und gibt dann 500 g
Bariumkarbonat, 50 g 20'^/Qige Kupferammonazetatlösung zu. Ungiftiger
Rattenvertilger aus spanischen Fliegen: 10 Drachmen Kantharidenpulver,
32,2 g Farinzucker, 500 g Malz, 0,065 g Moschus, je 6 Tropfen Rhodium- und
Kümmelöl.
Gautier, Cl. Physiologische und parasitologische Studien über die schäd-
lichen Lepidopteren. Das Eierlegen der Apanteles, Parasiten von
Pieris brassicae. (Vgl. C. r. soc. de biologie 81, S. 801; C. 1919, I,
S. 255.) C. r. soc. de biologie 81, 1918, S. 1152—55.
Es wird experimentell erwiesen, daß das parasitische Befallen der
Larven von Pieris brassicae durch Apanteles oder Microgaster glomeratus
entgegen der Meinung von Fahre nicht durch die Eier der Pieride erfolgt,
sondern in der Norm in der jungen Raupe. Der Parasit sticht wohl auch
die Eier, aber diese sterben dann entweder ab oder liefern parasitenfreie
Raupen.
Referate 89
Töltz, W. Die Yerfütterung des Kartoffelkrautes in friscliem, eiiif^e-
säuertem und getrocknetem Zustande. Ztschr. f. Spiritusindustrie 42,
S. 105 — 6. Berlin, Kartoffelbaugesellschaft,
Über die Erfolge mit der Verfütterung des Kartoffelkrautes hat die
Kartoffelbaugesellschaft im November 1918 bei den Kartoffelversuchsstellen
eine Rundfrage erlassen. Aus den Antworten und den Erfahrungen des
Verfassers geht folgendes hervor: Es sollte stets nur Vs bis zur Hälfte der
Rauhfuttergaben in Form von Kartoffelkraut verabreicht werden. Frisches
Kraut kann in stärkeren Gaben zu Durchfällen und anderen Erkrankungen
führen. An Pferde und trächtige Tiere ist das Kartoffelkraut nur als Heu
einwandfreier Beschaffenheit zu verfüttern. Auch Milchkühe sollten nur
mäiiige Mengen frisches oder gesäuertes Kraut erhalten, weil der Geschmack
der Butter beeinträchtigt werden kann. Schweine, Schafe und Rinder können
frisches Kraut in mäßigen Mengen erhalten. Die widersprechenden Erfah-
rungen der Praxis über die Eignung des eingesäuerten Krautes sind teil-
weise auf den Ausfall der Säuerung zurückzuführen; es empfiehlt sich, das
Kraut stets im Gemisch mit anderem Grünfutter einzusäuern. — Kartoffel-
krautheu hat denselben Nährwert wie Wiesenheu mittlerer Güte (vgl. Ztschr.
f. Spiritusindustrie 38, S. 87 u. 276; C. 1915, I, S. 1016, IL 755). Das Kraut
darf stets nur kurz vor der Ernte abgemäht werden, um die Erträge an
Knollen nicht zu beeinträchtigen.
Hartmann, Joliannes. Ein Beitrag zur Yerdanliehkeit „verliolzter" Zell-
wände. Dtsche, tierärztl. Wchschr. 27, S. 115 — 17. Dresden, physiolo-
gisches Institut der Tierärztlichen Hochschule.
Verfasser hat in früheren Arbeiten über mikroskopische und mikro-
chemische Untersuchungen von Holzpräparaten, die an Pferde verfüttert
wurden, sowie den entsprechenden Kotproben berichtet. Er teilt nunmehr
Beobachtungen über die Korrosionserscheinungen an Fruchthaaren von Hafer-
körnern mit,
Hirazuka, E. Die Bildung des Seidenfadens. Bull. Imp. Serie. Exp.
Station, Nakano 1, 1918, S. 203; Rev. gen. des Sciences pures et appl,
30, S. 36.
Die in der Drüse der Seidenraupe vorhandene flüssige Seide besteht
aus wenigstens zwei kolloidalen Stoffen, die in einer nicht albuminösen
Flüssigkeit aufgeschwemmt sind. Die Umbildung der flüssigen in feste Seide
scheint auf einem Koagulationsvorgange zu beruhen, der spontan eintritt
und durch mechanische Einwirkungen (Zug, Druck) oder Zusatz einer Spur
Säure, selbst CO2, sehr beschleunigt wird. Auch Erhitzen bewirkt Koagula-
tion, und, da diese auch in Gegenwart von KCN eintritt, scheint sie nicht
auf Enzymwirkung zu beruhen. Verfasser betrachtet die flüssige Seide als
eine konzentrierte Emulsion sericigener Substanz im unbeständigen, über-
90 Referate
sättigten Zustande und die Erhärtung als einen physikalischen Vorgang.
Die flüssige Seide kann zu einem halbgelatinösen Faden ausgezogen werden,
der bei weiterem, vorsichtigem Ausziehen koaguliert und dann ganz dem
natürlichen Faden der Seidenraupe gleicht. Es ist zu bemerken, daß die
Seidenraupe während des Spinnens den Kopf beständig nach links und rechts
bewegt, wodurch eine Spannung auf den werdenden Faden ausgeübt wird.
Paillot, A. Kokkobazillen als Parasiten der Raupen von Pieris brassicae.
C. r. d. l'Acad. des sciences 168, S. 476—78.
Kurze Beschreibung von fünf Arten, vier aus der Gegend von Lyon,
einer aus Sellieres im Jura. Zwei Arten verflüssigen Gelatine, eine von
ihnen ähnelt im Aussehen der Kulturen und in der Bildung eines grünen
fluoreszierenden Farbstoffs dem Bac. fluorescens liquefaciens und wird als
Bac. pieris fluorescens bezeichnet, die andere, Bac. pieris liquefaciens, bildet
keinen Farbstoff. Von den nichtverflüssigenden Arten unterscheiden sich
zwei, Bac. pieris non liquefaciens a und (i, lediglich durch die verschiedenen
Einwirkungen auf die einzelnen Zuckerarten; die dritte, aus dem Jura stam-
mende, wegen der großen Beweglichkeit Bac. pieris agilis benannt, verhält
sich negativ gegen alle Zucker außer Glukose, entfärbt aber Lackmusnähr-
böden mit den verschiedensten Zuckern mehr oder weniger.
Fornet, A. Der Einfluß riclitiger und falscher Gärfülirung^ auf die Be-
schaffenheit unserer Krie^sbrote. Ztschr. f. ges. Getreidewesen 10, 1918,
S. 50 — 59. Berlin, Versuchsanstalt für Getreideverarbeitung.
Die vorliegenden Versuche haben gezeigt, daß auch bei den Mehlen
dunkler Ausmahlung die sachgemäße Gärführung der wichtigste Faktor für
das Gelingen des Gebäcks ist. Wasserstreifen, unvollkommene Elastizität,
mangelhafte Porenbildung, wie überhaupt ungare Krume sind Fehler, die in
der Mehrzahl der Fälle auf Gärfehler zurückzuführen sind. Diese Gärfehler
können bei festen und weichen Teigen auftreten. Feste Teige, die die Form
und Stückung des Gebäcks begünstigen, können die Ausbildung der Krume
benachteiligen. Weiche Teige begünstigen die Lockerung, benachteiligen
die Ausbildung der Gebäcke. Die Teige sind daher den Ausbeuten an
Gebäck und der jeweiligen Betriebsführung anzupassen, damit nicht durch
unzweckmäßige Gärung entstandene Fehler durch zu feste oder zu weiche
Teige verstärkt werden. Der HaO-Gehalt der Krume steht in unmittelbarer
Beziehung zur Konsistenz der Teige. Weichere Teige geben auch feuchtere
Brote. Bei guter Ausbildung eines Gebäcks aus weicheren Teigen wird
dies daher trotz einwandfreier Beschaffenheit höheren HaO-Gehalt aufweisen.
Das Brot darf also nicht lediglich nach dem Wassergehalt beurteilt werden,
sondern es muß Qualitätsprüfung nebenhergehen. Das beste Brot ist das-
jenige, welches in gut und gleichmäßig gelockerter Krume einen der Teig-
und Brotausbeute entsprechenden HaO-Gehalt aufweist.
Referate 9 1
Fadeiizieliendes Brot und seine Verhütung. Versuchsanstalt für Getreide-
verarbeitung^, Berlin. Ztschr. f. ges. Getreidewesen 10, 191S, S. 105 — ü.
Berlin, Versuchsanstalt für Getreideverarbeitung.
Fadenziehen des Brots beruht auf einer bakteriellen Zersetzung der
Brotbestandteile. Träger der Pilze ist das Mehl, Kartoffeln und Kartoffel-
mehl begünstigt die Infektion. Infektion läßt sich nicht verhüten, das Auf-
treten der Krankheit läßt sich vermeiden, sie tritt nur bei höheren Tempe-
raturen, also meistens im Sommer auf. Verhütungsmittel: Kühle und luftige
Lagerung des Brotes, mittelfeste Teigführung, scharfes Ausbacken, Führung-
saurer Teige, zweckmäßig durch Vorteige unter Zusatz einer Säurerein-
kultur, erhältlich in der Versuchsstation für Getreideverarbeitung. Weizen-
brot ohne Säuerung ist nur in kleineren Gebacken herzustellen, die schnell
verbraucht werden. Fadenziehendes Brot ist vom Verkehr auszuschließen,
scharf zu trocknen und als Viehfutter zu verwenden.
Fornet, A. Beitrag zur Kenntnis des Fadenzieliens der Brote. Ztschr.
f. ges. Getreidewesen 10, Berlin 1918, S. 106 — 8. Versuchsanstalt für
Getreide Verarbeitung.
Es wurden Brote von steigendem Wassergehalt 41,6 — 40,8 ^'^ herge-
stellt und im Brutschrank bei 40*^ aufbewahrt. Nach 72 Stunden war bei
dem Brot mit dem niedrigsten Wassergehalt kaum Fadenziehen zu bemerken,
die wasserhaltigeren zeigten mit zunehmendem H2O Gehalt stärkeres Faden-
ziehen. Der Säuregrad war in keinem Falle hoch genug, um das Faden-
ziehen zu verhindern, er muß wenigstens 0,3^0 Milchsäure, d. h. 3,3 Säure-
grad betragen, um den gewünschten Zweck zu erreichen.
Scheffer. Über das Schälen der (wetreidekörner. Ztschr. f. ges. Getreide-
wesen 10, Berlin 1918, S. 143—46.
Es werden an der Hand von Abbildungen die Unterschiede klargelegt
zwischen der nassen und trockenen Schälmethode. Beim trockenen Schleif-
verfahren werden Teile der Hüllen in Bruchstücken abgerissen, der Rest
wird in Form eines Pulvers vom Korn abgeschliffen. Beim nassen Ver-
fahren wird die aufgeweichte Fruchtwandung abgezogen. Eine vollkommene
Trennung von Schale und Kern wird beim nassen Verfahren nicht erreicht:
der innerste Teil der Fruchtschale ist an dieser Stelle mit der Samenschale
verwachsen, und beide zusammen sind stark verdickt. Hier reißt die Schale
ab. Beim Schleifverfahren kommt man mit der Entschalung weiter, muß
aber einen gewissen Mehlverlust mit in Kauf nehmen. Entkeimung erreicht
man nur beim Schleif verfahren. Der Grad der Schälung ist beim trocknen
Verfahren willkürlich, beim nassen immer derselbe.
92 Referate
Herter, W. Ziickerbestiiiiiiniiig im Kuclieii auf g^ärun^spliysiologischem
Wege. Ztschr. f. ges. Getreidewesen 10, 1918, S. 6—8. Versuclisanstalt
für Getreideverarbeitung.
Unter Kuchen versteht man nach den jetzigen Verordnungen ein Ge-
bäck, das mehr wie 10 ^o Zucker enthält; solche Ware darf ohne Marken-
zwang verkauft werden. Die Frage, ob eine Backware als Brot oder Kuchen
anzusprechen ist, kommt in der Praxis häufig vor; zur schnellen Beant-
wortung schlägt Verfasser vor, die Gärmethode zu benutzen; er vergärt
1 g Ware mit 10 g H^O und vergleicht die entwickelte Menge COg mit der
CO2 Menge, die 10 ccm l^/ßige Zuckerlösung bildete. Für genauere Be-
stimmungen kann die Vergleichszuckerlösung noch verschieden abgestuft
werden. Da Hefe zur Herstellung von Verkaufsware zurzeit verboten ist,
so ist die Methode zurzeit zur schnellen Beantwortung der gestellten Frage
brauchbar.
Seel, Eugen, Zeeb, Elisabeth und Reihling-, Karl. Die mikroskopische
Untersuehuug von Fleisch- und Wurstwaren. Ztschr. f. Untersuchung der
Nahrungs- u. Genußmittel .37, Stuttgart 1919, S. 1—17.
Die Ergebnisse der chemischen Untersuchungen von Fleisch- und
Wurstwaren sind als ausschließliche Grundlage für deren Beurteilung durch-
aus ungenügend. Verfasser haben deshalb vorliegend den Versuch gemacht,
die mikroskopischen Schnitte der wichtigsten in Betracht kommenden Ge-
webe und Organe in gekochtem Zustande so zu charakterisieren, dal^ sie in
Gemischen einwandfrei erkannt werden können. Die Technik der mikro-
skopischen Untersuchung von Fleisch- und Wurstwaren wird unter Angabe
bewährter Verfahren eingehend dargestellt.
Bolle, J. Die Ermittlung der Wirksamkeit von insekteutötenden Mitteln
gegen die Nagekörper des verarbeiteten Werkholzes. Ztschr. f. ang,
Entomol. 5, 1918, S. 105 — 17. K. K. landw. Versuchsstation Görz.
Zu den Versuchen zur Ermittlung von insektentötenden Mitteln gegen
Nagekäfer dienen am besten größere Kästen aus vernietetem und gut ver-
lötetem Blech, die oben mit einer Wasserrinne versehen sind, in welche der
vorspringende Rand des Deckels eintaucht. Als Versuchsinsekten wurden
Brotkäfer, Mehlwurm und Kleidermotte verwendet. 20 oder mehr Larven
werden in dickwandige Eprouvetten von 20 cm Länge und 1^2 cm Breite
mit etwas Futter gegeben und die Öffnung mit etwas Baumwolle zugestopft.
Man muß derartige Röhrchen an verschiedene Stellen und in verschiedenen
Höhen des Kastens aufstellen. Die Versuche an wurmstichigem Holz werden
ausführlich beschrieben. Als wirksamstes Mittel hat sich Schwefelkohlenstoff
herausgestellt.
Referate 93
Ellrodt, G. Schlechte Hefe und deren Ursache. Brennereiztg. 35, 1918,
S. 8103 — 4. Berlin, Versuchsanstalt des Vereins d. Brennereibesitzer und
Preßhefefabrikanten Deutschlands.
Als Hauptursache schlechterer Qualität der Hefe bezeichnet Verfasser
die wechselnden Rohmaterialien und deren wechselnde Qualität, ferner mangel-
haften Transport und zum Teil unsachgemäße Aufbewahrung in den Bäcke-
reien. Die infolge der Ammoniumsalzernährung mit Stickstoff überernährten
eiweißreichen Hefen vertragen wahrscheinlich den Transport schlechter als
normal ernährte Hefen. In bestimmten Grenzen gilt eine eiweißreiche Hefe
als gute Backhefe, jedoch ist das nicht für besonders eiweißreiche Hefe der
Fall. Im Sommer empfiehlt es sich, auf nicht zu eiweißreiche Hefen hin-
zuarbeiten, da die Haltbarkeit sonst leidet. Durch besonders große N-Nah-
rung kann die Ausbeute nicht immer erhöht werden, sie ist nicht allein
durch die N-Gabe bedingt, sondern hängt auch von der in der Würze vor-
handenen Kohlenhydratmenge und deren sachgemäßer Ausnutzung ab. Eine
zu große N-Gabe erhöht nicht die Ausbeute, verschlechtert aber nicht selten
die Qualität. Es empfiehlt sich für die Betriebe, deren Hefehaltbarkeit
bemängelt wird, den N-Gehalt der Hefe festzustellen.
Ellrodt, G. Verarbeitung von Vogelbeeren auf Branntwein. Brennerei-
ztg. 35, 1918, S. 8127. Berlin, Versuchsanstalt des Vereins d. Brennerei-
besitzer u. Pießhefefabrikanten Deutschlands.
Nach älteren Mitteilungen können aus 100 kg Vogelbeeren (Sorbus
aucuparia) bis zu 3 1 Alkohol gewonnen werden. Bei Nachprüfung dieser
Daten wurden 1,85— 2,6"/^ Alkohol erhalten, je nach Versuchsanstellung.
Die Versuche wurden von Hämmerling ausgeführt.
Ellrodt, G. und Kunz, Raimund. Alkoholgewinnung aus Flechten.
Brennereiztg. 35, 1918, S. 8171. Berlin, Versuchsanstalt d. Vereins d.
Brennereibesitzer u. Preßhefefabrikanten Deutschlands.
Zur Verarbeitung kam Cladonia rangiferina, deren Zusammen-
setzung folgende war: 11,7 7o Wasser, 0,660/o N, 4,117o Rohprotein, 4,870/o
Asche, 1,6% Ätherextrakt. Die Asche enthielt 70^0 Kieselsäure und nur
0,71% Phosphorsäure oder auf Flechte bezogen 0,034 7o- Durch einstündiges
Kochen bei 3 Atmosphären mit 0,85%iger Salzsäure wurden 71,7% des
Gewichtes der Flechte als Extrakt gewonnen. Der Extrakt enthielt 54,5 7o
Glykose oder auf Flechte berechnet 39%. Für die Gewinnung des Alkohols
eignete sich folgendes Verfahren am besten: Einstündiges Erhitzen im Auto-
klaven bei 3 Atmosphären mit 2—3*^/0 Salzsäure auf das Flechtenge wicht
bezogen, was einem Zusätze von 8 — 12% Säure vom spez. Gew. 1,125 ent-
spricht. Vor Anstellung der Maische zur Gärung wurde die Säure neutrali-
siert; die Gärung wurde bei 28 bis 30 ^ durchgeführt. Es wurden 28 — 28,5
Vol.-'^/o Alkohol erhalten.
94 Referate
Janke, Alexander. Beiträge zur teelinisclien Biochemie. II. Essig- iiud
Essigsäure. (Vgl. Österr. Chem.-Ztg. 21, S. 191; C. 1919, n, S. 184.)
Österr. Chem.-Ztg. 22, S. 1—5, 18—22, 26—28. Techn. Hochschule Wien.
Der Verfasser hält den Standpunkt des Codex alimentarius Austriacus,
sowohl Gärungsessig als Essigessenz unter der Bezeichnung Tafel- oder
Speiseessig zuzulassen, nicht für richtig. Will man eine Erweiterung des
Begriffes Essig vornehmen, so ist diese Gattungsbezeichnung durch eine
Angabe über die Herkunft näher zu bestimmen. — Der Verfasser beschreibt
die verschiedenen Verfügungen zur Herstellung von Essig und Essigsäure
und erörtert ihre volkswirtschaftliche Bedeutung. Das „Orleansverfahren"
und das Arbeiten mit Drehessigbildnem sind zur Gewinnung von Qualitäts-
essigen am geeignetsten.
Elirodt, G. Bericlit über die analytische Tätigkeit der Vereins-Versuchs-
anstalt im Jahre 1917. Brennereiztg. 35, 1918, S. 7999.
Aufzählung der untersuchten Proben. Die Backfähigkeit von Hefe-
proben, nach der Methode des Verbandes deutscher Preßhefefabrikanten
bestimmt, lag zwischen 57 und 160 Minuten. In einem Falle konnte fest-
gestellt werden, daß die Ursache einer auffallend schlechten Ausbeute in
der Verwendung eines Superphosphats zu suchen war, das auf die Vermehrung
der Hefe ungünstig einwirkende Bestandteile enthielt. Verfasser empfiehlt,
in derartigen Fällen, in denen die Ausbeuten scheinbar ohne besonderen
Grund stark nachlassen, die zur Verwendung kommenden Salze zu unter-
suchen. — Verfasser stellte fest, daß sich Kastanienmehl unter bestimmten
Bedingungen zur Fabrikation von Älilchsäure eignet.
Albert, R. und Krause, 31. Untersuchungen deutscher Seetange. Chem.-
Ztg. 43, S. 97 — 99. Bodenkundliches Lab. d. Forstakademie Eberswalde.
Die Versuche der Verfasser, aus den verbreiteten Nordseealgen Agar-
Agar zu gewinnen, verliefen negativ; Chondrus crispus zeigte sich aber zur
Gewinnung geeignet. Versuche zur Gewinnung von Gespinstfasern aus
Algen führten zu keinem Resultat. Die Laminariaarten eignen sich als
Futtermittel; sie lassen sich leicht trocknen und brauchen nur gedämpft zu
werden. Die Untersuchungen von Algen auf Jod ergaben verschiedene
Werte von 4,2 °/q Jod bis zu geringen Spuren; die Resultate sind in einer
Tabelle zusammengestellt. Die Menge von Laminaria hyperborea, die man
aus Helgoland erhalten könnte, w^rde den gesamten Jodbedarf Deutschlands
decken. Neben der Jodgewinnung würde sich die Verarbeitung der Asche
auf Kali lohnen; am rationellsten wäre es bei dem Gehalt an H3PO4, die
gesamte Asche als Düngemittel zu verwenden.
Meyerhof. Otto. Über den Zusammenhang von Atmung und Gärung.
Naturwissenschaften 7, S. 253 — 59, Kiel.
Die Analogie zwischen Gärung und Zellatmung, schon von Pasteur
betont, läßt sich auch unter Berücksichtigung der neueren Forschungen
Referate 95
verfolgen. Ganz analog wie die Gärung läßt sich auch die Atmung vom
Leben der Zelle abtrennen. Die Geschwindigkeit beider Vorgänge wird in
gleicher Weise durch narkotisch wirkende Substanzen beeinflußt, und zwar
sowohl in lebenden wie in getöteten Zellen und in Zellextrakten. Schließ-
lich scheint für die Atmung ein Koferment zu bestehen, das allem Anscheine
nach mit demjenigen für die Gärung identisch ist. Es dürften somit auch
diejenigen Phasen der Gärung und der Atmung, bei denen sich das Kofer-
ment bestätigt, nahe verwandt oder sogar identisch sein.
Molliard, M. Über die physiologische Bedeutung der Oxalsäure. C. r.
soc. de biologie 82, S. 351—53.
Aus Versuchen mit Züchtung von Sterigmatocystis nigra unter ver-
schiedenen Bedingungen hat Verfasser das Gesetz abgeleitet: Die Bildung
der Oxalsäure ergibt sich aus einer Reaktion der Pflanzenzellen
gegenüber der Neigung des Nährbodens zu alkalischer Reaktion.
Die Bildung von Oxalsäure nahm zu, gleichviel, ob der Nährboden durch
künstliche Zusätze oder durch die in ihm sich abspielenden Stoffwechsel-
vorgänge nach der alkalischen Seite hin verändert wurde.
Pringsheini, Hans. Die chemische Anpassung der Mikroorganismen.
Naturwissenschaften 7, S. 319 — 22, Berlin.
Die einzelnen Vertreter der Mikroorganismen zeigen eine besondere
spezifische Anpassung vornehmlich gegenüber hochmolekularen Naturprodukten
einerseits und den niedrigsten Abbauprodukten andererseits, während die
dazwischen liegenden Glieder pflanzlichen und tierischen Stoffwechsels einer
größeren Zahl von Mikroben zugänglich sind. Es werden die spezifischen
Anpassungen an Kohlenhydrate und Eiweißstoffe unter besonderer Berück-
sichtigung der sterischen Auswahl kurz besprochen.
Blockey, J. R. Beizen. Journ. Amer. Leather Chem. Assoc. 14, S. 49 — 61.
Verfasser behandelt die zur Entfernung des Kalkes aus der geäscherten
Haut angewandten Verfahren. Das Entkalken (deliming) besteht in der
Entfernung des Kalkes mit anorganischen (Schwefelsäure, Borsäure) oder
organischen (Ameisensäure, Milchsäure) Säuren. Beim Beizen wird die Blöße
der Einwirkung gärender Stoffe unterworfen, und zwar unterscheidet man
das Beizen mit Kotbeizen, das sind gärende Aufgüsse von Hunde-, Hühner-
oder Taubenkot (bating) und mit der aus Aufgüssen von Kleie bestehenden
Kleienbeize (drenching). Das Beizen mit Kleienbeize wird gewöhnlich bei
Häuten angewendet, die vorher mit Säuren entkalkt oder mit Kotbeizen
behandelt wurden, und dient dazu, die letzten Spuren von Kalk zu beseitigen.
Die Kleienbeize hat nicht die gleiche entschwellende (verfallen machende)
Wirkung wie die Kotbeizen, kann daher diese nicht ersetzen, findet jedoch
mit Erfolg dort Anwendung, wo in der Hauptsache nur die entkalkende
96 Referate
Wirkung der Säuren und die Reinigung der Haut erzielt werden soll. Ein
Vorteil der Kleienbeize besteht darin, daß sie die Haut nicht angreift und
daher nicht so leicht schädlich wirkt, wie die Kotbeizen, die bei zu starker
Einwirkung das Bindegewebe der Haut zerstören. Verfasser schildert ein-
gehend das Wesen der Kleienbeize, deren Wirkung nach J. T. Wood 1. in
der mechanischen Wirkung der festen Kleieteilchen, 2. in der entkalkenden
Wirkung der Säuren und 3. in der Trennung der Hautfasern durch die bei
der Gärung sich entwickelnden Gase besteht.
Uiigeziefervertilgung — Blausäureverfaliren. Der praktische Desinfektor
11, S. 25—28.
Verfasser bespricht kurz die Vorzüge und Nachteile des Blausäure-
verfahrens und gelangt zu dem Ergebnis, daß die allgemeine Aufnahme des
Verfahrens wegen seiner großen Gefährlichkeit nicht durchführbar ist.
Freymutli, Alfred. Zur Bekämpfung des Fleckiiebers. Pharm. Ztg. 64,
S. 273, Berlin.
Nach einigen Bemerkungen über die Biologie der Kleiderlaus schildert
Verfasser die Bekämpfungsmöglichkeit dieses Parasiten, insbesondere die
Entlausung durch HCN,
Pat.-Anm. 45b, 1. S. 47924. Torrichtung zum Beizen von Saatgetreide
mit Beizbottich, dem das Gut kontinuierlich zufällt. Jakob Soiderer,
Seligenstadt bei Würzburg 1918.
Pat.-Anm. 50e, 1. W. 50352. Filter zum Reinigen oder Trocknen von
Luft. Robert Weilemann, Kaiserslautern 1918.
Pat.-Anm. 6b, 8. D. 34196. Verfahren zum kontinuierlichen Herstellen
von Maische und Würze. Wilh. Deinlein, München 1918.
Friedrichs, K. Wanderlieuschrecken und ihre Bekämpfung. Naturwissen-
schaften 7, S. 345—352.
Wesentlich auf Grund einer Monographie von H. Bücher („Die Heu-
schreckenplage und ihre Bekämpfung", Monographien zur angewandten Ento-
mologie, Nr. 3, Berlin 1918) wird über die für Anatolien und Syrien haupt-
sächlich in Betracht kommenden beiden Heuschreckenarten, Schistocerca
peregrina Oliv. u. Stauronotus maroccanus Thunb., berichtet. Die verschie-
denen tierischen Feinde werden erwähnt. Der Coccobacillus acridiorum
d'Herelles kann unter bestimmten Vorausetzungen zur Verbreitung einer
Seuche unter den Heuschrecken benutzt werden. Doch ist dieses Mittel
weit weniger zulässig, als verschiedene mechanische Verfahren, von denen
die Zinkraethode besonders hervorgehoben wird. Von chemischen Mitteln
werden 27oige Seifenlösung als Kontaktgift und „Urania", eine verbesserte
Form des Schweinfurter Grüns (von der Chemischen Fabrik in Schweinfurt)
als Fütterungsgift erwähnt. Schließlich wird die Verwertung des einge-
Referate ' 9 7
sammelten Materials besprochen. Aus den Eiern konnte Beckmann ein
Fett ausziehen, dessen Verwendung als Speisefett möglich erschiene, wenn
seine Gewinnung praktisch durchführbar wäre. Getrocknete Heuschrecken
sind ein Futter von hohem Nährwert, doch lieferten Hühner, die damit in
Menge gefüttert waren, minderwertige Eier. Am besten ist die Verwendung
des Fanggrubeninhaltes als Dünger.
Weill, E. und Mouriquand, G. Über den Zeitpunkt des Auftretens der
antiskorbutischen Substanz und über die Krankheitserscheinungen bei
Meerschweinchen durch Verabreichung von Gerstenkörnern in ver-
schiedenen Keimungsstadien. C. r. soc. de biologie 82, S. 184 — 86.
Trockene geschälte Gerste macht bei Meerschweinchen um den 20. Tag
der Fütterung skorbutische Erscheinungen, denen die Tiere um den 26. Tag
erliegen. Nach 3-tägiger Keimung verfütterte Gerste verzögert die skorbu-
tischen Erscheinungen, macht sie aber intensiver. Läßt man die Gerste
5 Tage keimen, so macht ihre Verfütterung keinen Skorbut mehr; die Tiere
nehmen an Gewicht zu, bis dann, nach ca. 50 Tagen, ganz plötzlich Tod,
nach kurzem Coma oder Konvulsionen, eintritt. Dies tritt bei den 5-tägigen
Keimlingen in den meisten Fällen ein, regelmäßig aber bei Verfütterung
von Gerste, die 7 Tage keimte. Die grünen und weißen Blätter, nach
10-tägiger Keimung für sich verfüttert, bewirken plötzlichen Tod nach 3 bis
7 Tagen. Die Autopsie ergibt in keinem Falle besondere Anhaltspunkte.
Wenn nunmehr gleichzeitig 3 Tage gekeimte Gerste verfüttert vnirde,
dann trat weder Skorbut, noch akute Vergiftung auf, und die Tiere gediehen
während der ganzen sehr langen Beobachtungszeit vortrefflich. Die schädi-
genden Wirkungen der Einzelbestandteile heben sich also gegenseitig auf.
Teichmann, Ernst. Blausäureverfahren und Winterbekämpfung der Stech-
mücken. Ztsclir. f. angew. Entomologie 5, 1918, S. 118 — 25. Frank-
furt a. M„ Biol. Abt. des Hyg. Inst, der Univ.
Verfasser hat früher (vgl. Münch. med. Wchschr. 64, S. 1041; C. 1917,
II, S. 481) über Versuche berichtet, die festzustellen bezweckten, welche
Wirkung Cyanwasserstoff auf Stechmücken ausübt. Er teilt jetzt seine Er-
fahrungen mit, die er mit dem Blausäureverfahren bei der Bekämpfung der
Stechmücken im Winter gemacht hat. Das Ergebnis der Vergasung war in
allen Fällen durchaus befriedigend.
Zander, Enoch. Die Bekämpfung der Wachsmotten mit Blausäure (Cyan-
• Wasserstoff). Ztschr. f. angew. Entomologie 5, 1918, S. 127 — 128.
Das Blausäureverfahren hat sich bei der Bekämpfung der Wachsmotte
gut bewährt. In dem beschriebenen, in der Praxis ausgeführten Versuche
waren nicht uur sämtliche Wachsmotten und ihre Raupen tot, sondern offen-
bar auch ihre Eier, denn es kamen keine Raupen mehr zur Entwicklung.
Zeitschr. f. techn. Biologie, Bd. VIII. ^ n
98 Referate
Smith, T. 0. Sicherlieitsmaßregeln bei Blausäureräucherungeii. Engin.
Mining Journ. 107, S. 312.
Verfasser beschreibt eine gefahrlose Art der -Einführung des KCN in
die H2SO4 für die Entwicklung von HCN.
Peltou, H. A. und Schwarz, M. W. Die Herstellung von Blausäure.
Chem. Metallurg. Engineering 20, S. 165 — 66.
Für die Räucherung von Obstbäumen wird die hierzu verwendete Blau-
säure aus Cyanid und Schwefelsäure erzeugt. Die Anwendung von in Eisen-
zylindern verflüssigtem Cyanwasserstoff wäre mit gewissen Vorteilen ver-
bunden. Verfasser beschreiben an Hand von Abbildungen einen Apparat
zur Herstellung von verflüssigtem Cyanwasserstoff aus NaCN und verdünnter
H2SO4 und machen auf Grund von Ergebnissen in einem Versuchsbetrieb
Angaben über die erzielbaren Ausbeuten und die Produktionskosten.
(Jirard, Pierre und Audubert, Rene. Die elektrischen Ladungen der
Mikroben und ihre Oberflächenspannung. C. r. d. l'Acad. des sciences
167, 1918, S. 351—54.
Unterwirft man Mikroben, in Nährbrühe, physiologischer Lösung oder
Zuckerwasser emulgiert, der Einwirkung eines elektrischen Feldes, so be-
wegen sie sich gegen die Anode; alles vollzieht sich so, wie wenn jeder
Keim mit einer negativ-elektrischen Schicht (Anionen) von der Dichte 0, die
seiner Wandung anhaftet, bekleidet wäre und unter der Feldwirkung längs
einer anderen positiv-elektrischen Schicht (Kationen) von gleicher Dichte,
die dem Suspensionsmittel angehört, hinglitte; die Entfernung d, die beide
Schichten trennt, ist von der Größenordnung der Molekulardurchmesser.
Von dieser elektrischen Doppelschicht hängt die Oberflächenspannung des
Protoplasmas ab. Untersuchungen über dieses Phänomen sind daher von
Bedeutung. Unter den mehrwertigen Ionen, die nach den Gesetzen von
Jean Perrin über Kontaktelektrisierung befähigt erscheinen, eine mit
negativen Ladungen bekleidete Wandung zu entladen, wurde das dreiwertige
Ion der neutralen und ungiftigen Lanthansalze gewählt, und es wurden in
Versuchen, teilweise gemeinsam mit E. Pitres, für Mikroben verschiedener
Arten in den üblichen Medien für sich und mit verschiedenen Konzentrationen
jener Salze die Veränderungen des elektrischen Moments ihrer Doppelschicht
(Produkt der Ladungsdichte a durch die Dicke d), das von der Änderung
der Dichte ihrer Ladung abhängt, bestimmt. Ist H das elektrische Feld,
V die meßbare Geschwindigkeit des Mikroben gegenüber der Fläche, k der
Zähigkeitskoeffizient, so ergibt sich durch Anwendung der Formel, die den
vk
Koeffizienten der inneren Reibung bestimmt, a d = ^.
Die Mikroben verhalten sich wie die Granula einer kolloidalen Lösung.
Wie bei diesen, bilden die elektrischen Kräfte, indem sie im Sinne einer
Referate 99
Oberflächenvergrößerung wirken, eine Ursache der Ortsveränderung, die
Kohäsionskräfte eine Ursache der Agglutinierung. Genügende Verminderung
der Ladungsdichte (T veranlaßt ihre Agglutinierung, die für den Pneumo-
kokkus und den Milzbrandbazillus bei Verminderung von <r d von 1,22 zu
0,45 X 16 '^ C. G. S. vollständig vs^urde. Sie ist aber umkehrbar, man kann
zugleich den elektrischen Zustand der Zellwandung und die Zerteilung der
agglutinierten Zellen wieder herstellen. Es genügt nach Schütteln des
Agglutinats mit einer Lösung, die negative drei- oder vierwertige Ionen
enthält (Citrat oder Ferrocyanid), unter Anwendung des Vakuums durch
ein Filter zu filtrieren, das dicht genug ist, um nur isolierte Mikroben
durchzulassen.
Es werden dann die biologischen W^irkungen besprochen, die mit
der Erniedrigung der Ladungsdichte einhergehen. 1. Steigerung des
Wachstums. Mit Hilfe kompensatorischer Wirkung von Ionen entgegen-
gesetzten Zeichens gelang es, in die eiweißhaltigen Nährböden Lanthansalze
ohne Erzeugung von Ndd. einzuführen. In solchen Nährböden wurden
gezüchtet: Shigascher Bazillus, Pneumokokkus, Typhus- und Paratyphus-
bazillen, sporenfreier Milzbrand, Preiß-Nocardscher Bazillus, Vibrio septicus.
Beim sporenfreien Milzbrand wird das Wachstum durch Änderung von a d
von 3,68 zu 2,47 X 10—^ C. G. S. genau verfünffacht, beim Preiß-Nocard-
schen Bazillus etwa versechsfacht, beim Vibrio septicus vervierfacht; da
dieser streng anaerob ist, wird durch das letzte Ergebnis die Annahme, daß
etwa die La-Ionen lediglich die Bedeutung eines Katalysators in einem
Oxydationsprozeß haben, beseitigt. — 2. Lebensdauer der Zelle und
Widerstand gegen lytische Wirkungen. Stärkere Erhöhung der Kon-
zentrationen an La-Ionen mit ausgesprochener Senkung des Wertes von rrd
läßt das üppige Wachstum verschwinden, doch findet sich dann die Lebens-
dauer der Zelle, unabhängig von jedem Vermehrungsvorgang, beträchtlich
gesteigert. Zugleich zeigt sich die Zelle, deren Protoplasma sich konden-
siert hat, von bemerkenswerter Widerstandsfähigkeit gegen lytische Ein-
flüsse, besonders auch gegen die antiseptischen Wirkungen der in der Kultur
gebildeten Säuren, und von erheblicher Beständigkeit der Virulenz ; in beiden
Eigenschaften zeigt sich ein der Sporenbildung im großen ganzen analoger
Verteidigungsvorgang.
3. Antiseptische Wirkungen. *Eine Konzentration der La-Ionen,
so daß der Wert von a d gegen neigt (maximale Oberflächenspannung),
tötet die Zelle, aber unter „Fixierung" ihres Protoplasmas und Erhaltung
ihrer Giftwirkung, wie durch Versuche mit dem Preiß-Nocardschen Bazillus
dargetan wird. — Daß bei diesen verschiedenen biologischen Wirkungen
der Lanthansalze lediglich die elektrische Entladung der Mikroben Wandungen
entscheidet, geht daraus hervor, daß sie alsbald verschwinden, wenn man
eine etwas größere Menge dreiwertiger negativer Ionen hinzufügt.
100 Referate
Schweizer, K. Der Amiuostickstoff und die Fabrikation der Luftliefe.
Bull. Assoc. Chimistes de Sucr. et Dist. 36, S. 52—56. — C. 1918, II, S. 79.
Zikes, Heiuricli. Die Yermelirung.sfähigkeit der Hefe in Grünsirupwürzen.
(Vgl. Zikes, Allg. Ztschr. f. Bierbrauerei u. Malzfabr. 47, S. 67 ff.; C. 1919,
I, S. 965.) Allg. Ztschr. f. Bierbrauerei u. Malzfabr. 47, S. 125—29.
Zwei Grünsirupe verschiedener Herkunft wurden mit und ohne Zusatz
von Phosphorsäure, bezw. Hopfen auf ihren Nährwert gegenüber Kulturhefe
(Untergärungshefe) untersucht. Ein geringer Zusatz von Phosphorsäure be-
einflußt die Vermehrung der Hefe wesentlich. Dies gilt nicht allein für die
Grünsirupwürze in reinem, verdünntem Zustand, sondern auch für die ge-
hopfte. Es empfiehlt sich also, die Phosphorsäurearmut des Grünsirups
durch Zusatz entsprechender Phosphorsäuremengen auszugleichen.
Volland, Louis, Magdeburg, und Franke, Friedrich, Erfurt. Yerfaliren
zum Keimen von Gerste u. dgl. (D. R. P. 312491, Kl. 6a, 1917, aus-
gegeben 1919)
in von der Luft abgeschlossenen Keimräumen, dadurch gekennzeichnet, daß
die Keimtemperatur in dem Keiraraum durch Wasserberieselung der Um-
fassungswand mittels einÄs dementsprechend angeordneten Wasserzerstäu-
bungsrohres geregelt wird. — Es wird hierbei der Schwund vermieden, der
bei der Einwirkung von Sauerstoff durch Zuführung angefeuchteter Luft
eintritt.
Bornand, 31. Desinfektion der Blasinstrumente; die Keime, die man
darin antrifft. Mitt. Lebensraittelunters. u. Hyg. 10, S. 75—78. Lausanne,
Lab. cantonal du Service sanitaire.
Verfasser hat in dem Schleim, der sich in den Mundstücken von 12
kupfernen Blasinstrumenten befand, säurebeständige Bakterien gefunden;
von anderen Keimen wurden nachgewiesen solche von Penicillium glaucum,
Mic. candicans, B. mesentericus, B. subtilis, Mic. pyogenes aureus, Mikro-
kokken und verschiedene Sarcinen. Wenn auch keine pathogenen Keime
gefunden wurden, so darf daraus doch keineswegs geschlossen werden, daß
solche nicht auch vorkommen könnten. Zur Desinfektion von Blasinstru-
menten, aus Cu oder vernickelt, taucht man die Mundstücke während ^2 — 1
Stunde in siedendes Wasser oder flne Nacht in eine Lösung von 10 7o Lysol
oder 5*'/'q Formalin oder bei kupfernen Mundstücken 4 — 5 Stunden in ver-
dünnte 5 — lO'^/oige H0SO4. Das Instrument selbst kann nach dem Ausein-
andernehmen in gleicher Weise behandelt werden. Für Instrumente aus
Holz (Klarinette, Flöte usw.) wird die Infektion mit Formalin dampf emp-
fohlen. Um die Musiker vor Ansteckung zu bewahren, ist die Desinfektion
der Instrumente oder wenigstens der Mundstücke nach jedem Gebrauche
erforderlich.
Referate * 101
Will, H. und Landtbloin, Fr.aiiz 0. Einwirkiiiig verschiedener Desinfek-
tionsmittel auf Metalle. Ztschr. f. ges. Brauwesen 42, S. 81 — 82. München,
Wissensch. Station f. Brauerei.
Es wurde die Einwirkung von Flußsäure, Flammon, Montanin und
Formalin in 1 — 2- und 5% igen Lösungen auf Kupfer, Zinn, Zink, Aluminium
und Messing studiert. Die Dauer der Einwirkung betrug 2 — 3 Tage, für
Formalin über 10 Tage. Eine l^o^g^ Fl^^^oJ^lösung wirkte auf Aluminium
nicht bemerkbar ein. Kupfer, Zinn und Messing wurde von keiner der
Lösungen bemerkbar angegriffen, ausgenommen Kupfer von b^/^iger Flammon-
lösung. Eisen, Stahl, Zink und Aluminium wurden von sämtlichen Des-
infektionsmitteln, ausgenommen Formalin, angegriffen. Ameisensäure als
Zersetzungsprodukt des Formalins, greift Metalle an und fördert die Rost-
bildung bei Eisen und Stahl erheblich.
Boas. Der heutige Stand des (xärungsproblems. Ztschr. f. ges. Brau-
wesen 42, S. 87 — 88, Weihenstephan.
Es werden die Arbeiten von C. Neuberg (Sitzungsber. Preuß. Akademie
d. Wissensch. 28, S. 580—601; C. 1918, II, S. 388; Biochem. Ztschr. 88,
S. 145—204) und von C. Neuberg und E. Reinfurth (Biochem. Ztschr. 89,
S. 365 — 414; C. 1918, II, S. 915) über die Beziehungen zwischen Azetaldehyd
und Gärung, besonders die Brenztraubensäuretheorie besprochen.
Zikes, Heinrich. Über den Einflufi der Konzentration der Würze auf
die Biologie der Hefe. Zentralblatt f. Bakter. u. Parasitenk, II. Abt., 49,
S. 174—81. Wien, Pflanzenphysiolog. Inst. d. K. K. Univ.
Die Untersuchung erstreckte sich auf eine Hefe vom Frohbergtypus und
eine vom Verfasser selbst hergestellte Grundwürze, von der aus die schwächeren
Würzen durch Verdünnen mit Wasser hergestellt .wurden. Das Vermehrungs-
vermögen der Hefe wurde in Würzen von 3,5*^ und darunter ungünstig
beeinflußt. Das Gärvermögen erlitt schon in Würzen von 5" eine gewisse
Schwächung. Feinere Unterschiede ergab die Bestimmung der Generations-
dauer. Die Hefe vermehrte sich anfänglich in 1*^ Würzen rascher als in
hochprozentigen, in 5*^ und darunter liegenden etwa gleich rasch. Dies wird
so erklärt, daß die Hefe bei der Einsaat selbst in der 1°-Würze genügende
Mengen von Nahrungsstoffen findet, daß außerdem aber in verdünnteren
Würzen die Assimilation der osmosierbaren Nahrungsstoffe leichter möglich
ist als in konzentrierteren, weil in diesen kolloidale Substanzen in größerer
Menge vorhanden sind, die durch Anhäufung auf der Zellhaut den Durch-
tritt der Nahrungsstoffe erschweren. Man könnte auch zur Erklärung den
Umstand heranziehen, daß viele Organismen unter ungünstigeren Lebens-
bedingungen vor allem an ihre Vermehrung gehen, die vorhandenen Nah-
rungsstoffe in erster Linie möglichst rasch zum Aufbau neuer Zellelemente
benutzen.
102 ' Referate
Die Konzentration der Würze übte einen schwachen Einfluß auf die
Gestalt und Form der Hefe, stärkeren auf ihre Größe aus. Je konzentiierter
die Würze war, desto größere und kräftigere Zellen wurden gebildet.
Bildung von Vakuolen und Granulation erfolgte in verdünnteren Würzen
rascher und intensiver, Bildung von Glykogen rascher, kräftiger und mit
längerer Dauer in konzentrierteren. Schließlich konnte durch Färbung mittels
Methylenblau eine schnellere und intensivere Degenerierung der Hefen in
schwächeren W^ürzen nachgewiesen werden.
Wehiiier, C. Verlust des Oxalsäurebildungsveruiögens bei einem de-
generierten Aspergillus niger. Zentralblatt f, Bakter. u. Parasitenk.
n. Abt., 49, S. 145—48. Hannover, Techn.-Chem. Inst. d. Techn. Hoch-
schule, Bakter. Lab.
Schramm (Mycolog. Zentralbl. B, 5, S. 20) hat durch fortgesetztes
Weiterzüchten eines Aspergillus niger auf anscheinend minder geeignetem
Nährboden (Agar) eine sporenlose Form erhalten, die auch Verfasser bei
fortgesetzter Züchtung auf günstigsten Substraten nicht wieder zur Sporen-
bildung bringen konnte. Diese Form bildet auch keine Oxalsäure aus Zucker,
besitzt aber ein auch schon von Schramm festgestelltes Gärvermögen; bei
der Gärung scheint nicht Äthylalkohol, sondern ein höherer Alkohol zu
entstehen. Daß es sich wirklich noch um Aspergillus niger handelt, konnte
trotz des Myzels, das im Alter dunklen Farbstoff bildet, bisher nicht mit
Sicherheit erwiesen werden.
Herter, W. und Fornet, A, Studien über die Schimmelpilze des Brotes,
Zentralblatt f. Bakter. u. Parasitenk. H. Abt., 49, S. 148—73, 2 Tafeln.
Berlin, Versuchsanst. f. Getreideverarbeitung, Botan.-bakteiiol. und Bäckerei-
Abteilung.
Verfasser fanden auf Brot spontan vorkommend folgende 11 Schimmel-
pilze, nach der Häufigkeit des Vorkommens geordnet: Aspergillus glaucus,
Rhizopus nigricans, Penicillium crustaceum, Oospora variabilis, Penicilliuna
olivaceum (Vorkommen auf Brot bisher nicht bekannt), Aspergillus fumigatus,
A. niger, A. flavus, A. nidulans (Vorkommen auf Brot bisher nicht sicher
bekannt gewesen), A. candidus, Mucor pusillus, die im Anhang beschrieben
und abgebildet sind. Verschimmeltes Brot ist an sich für Menschen und
Tiere unschädlich, doch ist wegen der gleichzeitig auftretenden bakteriellen
Prozesse immerhin Vorsicht geboten. Verhütung des Schimmeins ist vor
allem wegen der damit verbundenen Substanzverluste notwendig.
Die Konidien der Schimmelpilze gelangen mit dem Korn in die Mühle
und mit dem Mehle in die Bäckerei, wo sie mit dem Staub umherfliegen
und jederzeit das Brot infizieren können. "Das Brot schimmelt von außen
her und kann durch Einwickeln in Papier schimmelfrei erhalten werden.
Das Schimmeln wird beeinflußt durch physikalische Faktoren (Feuchtigkeit
Referate 103
und Wärme) und durch chemische (Zucker-, Säure- und Sauerstoffgehalt).
An trockenen Orten hält sich Brot wochenlang schimmelfrei. Frei ge-
schobene, stark ausgebackene und angeschnittene Brote, sowie Kleingebäck
schimmeln später und weniger, als angeschobene, schwach ausgebackene
und ganze Brote. Mit der geringsten Feuchtigkeit nimmt A. glaucus vor-
lieb. Bei niedriger Temperatur kommen A. glaucus, Rhizopus nigricans und
Penicillium crustaceum zur Entwicklung, während die übrigen Wärme lieben.
Oospora variabilis ist verhältnismäßig tolerant gegen Zucker, A. glaucus
gegen Säure. Rhizopus nigricans und Mucor pusillus wachsen am schnellsten,
Penicillium crustaceum gehört zu den am langsamsten wachsenden Arten.
Demnach findet sich auf dem Kriegsbrot am häufigsten A. glaucus, der bei
ungünstig werdenden Lebensbedingungen, besonders also beim Ausgehen
der Feuchtigkeit, zur Bildung von Perithecien schreitet. Rhizopus nigricans
bevorzugt feuchtes ungesäuertes Brot, Penicillium crustaceum tritt zuletzt auf
Gebacken aller Art auf. Oospora variabilis ist gern auf Zwieback, hier und da
auch auf Kriegsgebäck anzutreffen.
Durch Salizylsäure wird die Schimmelbildung nur wenig, durch Art
und Ausmahlungsgrad des Mehles, sowie durch den Hefengehalt praktisch
gar nicht beeinflußt. Zur Verhinderung soll das Brot möglichst scharf aus-
gebacken und sauber, luftig und kühl verwahrt werden. Unter ungünstigen
Verhältnissen muß es eingewickelt, sterilisiert und in festen Behältern, gegen
Feuchtigkeit geschützt, aufbewahrt werden.
Muxel, J. Die Anwendung der Ozontechiiik auf die Lufthefefabrikatfon.
Brennereiztg. 36, S. 8279—80. Nürnberg- Bück. .
Die Versuche sind mit Ozonanlagen der Firma Siemens & Halske aus-
geführt. Der naszierende Sauerstoff wirkt in kleinen Mengen hemmend auf
die Hefevermehrung, in größeren als direktes Hefegift; Rasse XH des In-
stituts für Gärungsgewerbe in Berlin ist am widerstandsfähigsten. Kultur-
hefe verträgt größere Mengen Ozon als Kahmhefe, deshalb ist es vorteilhaft,
.während des letzten Gärstadiums der Gebläseluft etwas ozonhaltige Luft
beizumengen, wodurch die Kahmentwicklung wesentlich hintangehalten wird.
Außerdem macht sich gleichzeitig die bleichende und desodorierende Wirkung
des Ozons sehr günstig bemerkbar, die Hefe ist blendendweiß und hat er-
frischenden Geruch. Verfasser empfiehlt aus diesen Gründen die Anschaffung
einer Ozonanlage, zumal sie gleichzeitig zur Verbesserung der Luft im Be-
triebe und zur Herstellung biologisch einwandfreien Wassers dienen kann.
Ellrodt, G. Yerarbeitung geeigneter Rohstoffe in Kornbrennereien.
Brennereiztg. 36, S. 8305—6.
Verfasser berichtet in einem Vortrag über die Verarbeitung von Melasse,
Zuckersirup und die verschiedenen Rübenarten, als einzige Ersatzstoffe, die
den Kornbrennereiea zur Verfügung standen. Melasse kann in den meisten
104 Referate
Kornbrennereien ohne weiteres auf Alkohol verarbeitet werden, besondere
Einrichtungen sind hierfür nicht notwendig. Es gibt Melassen, aus denen
die behördlich vorgeschriebene Ausbeute nicht erzielt werden kann, was
aber auch in den eigentlichen Melassebrennereien vorkommen kann (vgl.
Hinrichs, Ztschr. f. Spiritusindustrie 42, S. 113, 155; C. 1919, II, S. 763, IV,
S. 114). Wiederholt wurde den Brennereien statt Melasse Zuckersirup ge-
liefert, der sich von der Melasse durch seinen Gehalt an Nichtzuckerstoffen
unterscheidet. Der Zuckergehalt ist meist derselbe wie der der Melasse,
geringer ist aber der Gehalt an stickstoffhaltigen Stoffen, organischen Säuren
und Kali. Die Melasse enthält viel Salze, die der Hefe teils als Ernährung
dienen können, teils ungünstig auf sie einwirken. Beide Arten Salze sind
im Zuckersirup wenig vorhanden. Die Verarbeitung des Zuckersirups läßt
sich erleichtern, wenn die der Hefe fehlenden Nährstoffe sinngemäß zu-
gesetzt werden. Edelbranntwein kann aus Melasse und Zuckersirup nicht
hergestellt werden. Auch Rüben können der Kornbrennerei als vollwertiger
Ersatzstoff nicht dienen, da sie ohne besondere Neueinrichtungen im Betriebe
nicht verarbeitet werden können. Ein vollwertiger Rohstoffersatz ist die
Kleie, die allerdings jetzt wegen der hohen Ausmahlung des Getreides noch
nicht zur Verfügung steht, jedoch in absehbarer Zeit frei werden wird, zu-
mal die dabei abfallende Schlempe als hochwertiges Futtermittel dem Vieh
zugute kommt.
•
Ellrodt, G. In welchen Brennereien wird die Melasse am besten ver-
wertet? Brennereiztg. 36, S. 8273—74.
Die Kornbrennereien an sich sind zwar nicht so gut für die Melasse-
verarbeitung eingerichtet wie die eigentlichen Melassebrennereien, trotzdem
ist es aber einer ganzen Anzahl von ihnen gelungen, die von der Spiritus-
zentrale vorgeschriebene Ausbeute, also mindestens ebenso viel zu erreichen,
wie die eigentlichen Melassebrennereien.
Foth. Sclilußwort zur Frage der Verarbeitung der 3Ielasse und ihrer
Zuteilung an die Brennereien. (Vgl. Hinrichs, Ztschr. f. Spiritusindustrie 42,
S. 113, 155; C. 1919, II, S. 763, IV, S. 114.) Ztschr. f. Spiritusindustrie
42, S. 156—61.
Die landwirtschaftlichen Brennereien bieten die größte Gewähr für
eine vollkommene Ausnutzung des Melassezuckers. Das Neutralisieren der
Melasse erübrigt sich. Die Salze der Melasse wirken bei der in Frage kom-
menden Verdünnung nicht störend auf die Gärung, und die Ernährung der
Hefe mit Stickstoff und Phosphorsäure ist gesichert. Solange nicht das
Gegenteil erwiesen ist, muß der Anspruch der landwirtschaftlichen Brenne-
reien, daß sie bei Zuteilung von Melasse solche als Zumaischstoff zugewiesen
erhalten, für sachlich berechtigt gelten.
Referate 105
Kayser, E. Herstellung von Alkohol mit Hilfe von Seealgen (Laniinaria-
arten). Ann. Chim. analyt. appl. 1, S. 79—80. Französische chemische
Gesellschaft.
Die bei Ebbe gewonnenen Algen (Laminaria flexicaulis u. saccharina)
mit ca. 14,407o Wasser, 52,900/o N-freien Extraktstoffen, ll,50Vo Zellulose,
17,30 7o N-Substanz, 3,90^0 Asche ergeben getrocknet und in kleine Stücke
geschnitten mit Wasser Auszüge, [aus denen nach Vergärung 3,76, bezw.
3,58 Liter Alkohol auf 100 kg Trockengut gewonnen wurden. Nach Ver-
suchen im kleinen steigt die Alkoholausbeute nach vorheriger Behandlung
mit 7*^/0 Schwefelsäure unter 2 Atmosphären Druck bis auf 12 Liter an.
H., W. Spirituserzeugung aus Kastanienniehl. Brennereiztg. 36, S. 8283.
Es werden Versuche von C. Nagel beschrieben. Ohne besondere Vor-
behandlung des Kastanienmehls vergären die Maischen träge und unvoll-
ständig. Durch Behandlung des Kastanienmehls mit Salzsäure über Nacht
und dann noch während des Kochens und Maischens wurde eine seinem
Stärkegehalt entsprechende Ausbeute an Alkohol erzielt.
Bacher, Stephan, Wien. Verfahren zur Gewinnung der im Blute immuni-
sierter Tiere enthaltenen Antikörper (D. R. P. 312628, Kl. 30h von 1917,
ausgegeben 1919. Die Priorität der österr. Anm. von 1916 ist beansprucht),
dadurch gekennzeichnet, daß die Stoffe zu dem Zwecke, eine größere Aus-
beute als bei der Serumgewinnung zu erhalten, in Form von Blutplasma aus
dem Blute ausgeschieden werden, indem man die Blutgerinnung durch
chemische Zusätze, die auf die Kalksalze des Blutes wirken, verhindert, wo-
bei die Zusätze ihrer Menge und Beschaffenheit nach die Wirksamkeit der
spezifischen Stoffe und deren Anwendbarkeit beim Menschen und Tier nicht
beeinträchtigen. — Aus dem nach Abnahme der ersten Fraktion verbliebenen
Blutkörperchensediment können durch Extraktion mit physiologischer Koch-
salzlösung oder anderen indifferenten Medien noch weitere Anteile der spezi-
fischen Stoffe in verdünnter Lösung gewonnen werden. Man erzielt so eine
Ausbeute bis zu 90% der im Gesamtblute enthaltenen Antikörper.
Schaefer, Friedrich. Antisykon gegen Bartflechte. Therap. Monatsh. 33,
S. 221. Breslau.
Bericht über günstige Erfahrungen bei der Behandlung der Bartflechte
mit Antisykon (Hersteller Chemische Fabrik Haidle & Maier in Stuttgart).
Nowotny, M. Entlausungsanstalt in Frankfurt a. M. (Sanitätsbad). Ge-
sundheitsingenieur 42, S. 229 — 32.
Beschreibung der Anlage und des Betriebes der Frankfurter Entlausungs-
anstalt und Mitteilung der Betriebsvorschriften für das Sanitätsbad. Die
Kleiderdesinfektion erfolgt mit Blausäuredämpfen. Aus dem Bericht geht
hervor, daß sich das Verfahren bei der Schädlingsbekämpfung jeder Art gut
106 Referate
bewährt hat. Trotz der Gefährlichkeit des • Verfahrens haben sich Nachteile
im Betrieb nicht gezeigt.
Böhm, Otto. Ein Bade- und Desinfektionseisenbahnzug. Gesundheits-
ingenieur 42, S. 233—37. Wien.
Beschreibung des österr.-ungar. Bade- und Desinfektionszuges. Er
bestand aus zwei Betriebsteilen, von denen der eine als Badeanstalt, der zweite
als Desinfektionsanstalt. diente.. Zwei Wagen waren für die Behandlung
mit Formaldehyd und mit Schwefeldämpfen eingerichtet, einer für die mit
Wasserdampf. Die am Schlüsse des Zuges angehängte Lokomotive hatte
die Desinfektionswagen mit Dampf zu versorgen.
WolfiP, G. Der Alkohol als Desinfektionsmittel. Brennereiztg. 36, S. 8257
und 8257.
Es wird über die wasserentziehenden und eiweißfällenden Eigenschaften
des Alkohols berichtet, die ihn als Desinfektionsmittel prädestinieren und
ihn im Verein mit seiner fettlösenden Eigenschaft zu einem Hautdesinfek-
tionsmittel gemacht haben, das für die moderne Chirurgie unentbehrlich ist.
Bode, K. Zur Bekämpfung des Fleckfiebers. Pharm. Ztg. 64, S. 328.
Verfasser weist im Anschluß an die Abhandlung von Freymuth (Pharm.
Ztg. 64, S. 273; C. 1919, IV, S. 58) darauf hin, daß der Kresolseifenersatz
von Schülke & Mayr sich zur Vernichtung von Läusen und deren Brut, so-
wie zur Desinfektion verlauster Räume und Gegenstände noch besser eignet
als das Kresotinkresol.
Meisenheimer, Jacob. Die stickstoffhaltigen Bestandteile der Hefe. Ztschr.
f. physiol. Ch. 104, S. 229—84. Berlin, Chem. Lab. der landwirtschaft-
lichen Hochschule.
Zur Ermittlung des Aminosäurengehaltes wurden frische Bierhefen
(Ober- und Unterhefe) der Autolyse bei 37° unterworfen und das Autolysat
von den ungelösten Zellrückständen und dem Tyrosin durch Zentrifugation
getrennt. Die Mutterlauge wurde zur Trockne gedampft, der Rückstand
mit alkoholischer HCl verestert und die Ester nach E. Fischer in Freiheit
gesetzt und fraktioniert destilliert. Es gelang, fast alle bereits als Eiweiß-
spaltprodukte überhaupt aufgefundenen Monoaminosäuren in der Hefe nach-
zuweisen: Glykokoll, Alanin, Valin, Leucin, Prolin, Phenylalanin, Asparagin-
und Glutaminsäure, Tyrosin, Tryptophan; nicht ganz sicher gelang der
Nachweis von Serin und Cystin. Der Tryptophannachweis erfolgte durch
Isolierung der Aminosäure aus dem Hefeautolysat mittels der Quecksilber-
verbindung, sowie in der Azetondauerhefe nach der kolorimetrischen Methode
von Fasal (Biochem. Ztschr. 44, S, 394; C. 1912, H, S. 1735). Er ergab sich
zu etwa 0,3°/(j. Zur Ausführung der kolorimetrischen Tryptophanbestimmung
wurden etwa 10 mg Azetondauerhefe mit 1 ccm Wasser und 2 ccm Glyoxyl-
Referate 107
säure angerührt, die Emulsion mit 1 ccm konzentrierter HgSO^ versetzt, mit
Eiswasser gekühlt und noch 1 ccm H2SO4 eingetropft. Die entstandene
klare Lösung wurde ohne Kühlung mit weiteren 4 ccm H^SO^ versetzt und
die nach 1 Stunde entstandene Färbung mit aus reinem Tryptophan her-
gestellten, genau ebenso behandelten Lösungen verschiedener Konzentration
(je 1 ccm Tryptophanlösung 1 : 20000, 1 : 30000, 1 : 40000) verglichen. Ent-
standen bei dem zu untersuchenden Hefepräparat grüne oder graue Farb-
töne, so wurden diese verworfen und nur solche Proben verwertet, deren
Nuance der bei reinen Tryptophanlösungen erhaltenen möglichst nahe kamen.
Betreffend Isolierung der anderen Aminosäuren, welche nach den üblichen
Methoden erfolgte, muß auf das Original verwiesen werden.
Die Menge und der N-Gehalt der bei der Autolyse ungelöst verbleiben-
den Zellrückstände schwankte nach der Versuchsdauer. Ihr Gewicht betrug
25 — 8 0/0 der Trockensubstanz der autolysierten Hefe und zeigte einen
N-Gehalt, der ca. 6,6— 1,5 % des gesamten Hefe-N betrug. Aus den Rück-
ständen konnte nach Hydrolyse mit konzentrierter HCl Glucosamin als Chlor-
hydrat isoliert werden, dessen Menge war gering, ca. 0,15 "/o der Trocken-
substanz der verwendeten Hefe. Im Hydrolysat der Zellrückstände fand
sich unter den flüchtigen Bestandteilen Essigsäure neben reichlichen Mengen
Ameisensäure. Der N des Hydrolysats des Autolyse^rückstandes verteilte
sich in ähnlicher Weise wie der N des Hefeeiweißes. NHg-N 11 7o' AUoxur-
basen-N 77o, Arginin + Histidin-N 22 o/^, Lysin -\- Cholin-N 4%, Mono-
aminosäuren-N 56 7o- Die ^^ den Zellrückständen hinterbleibende N -haltige
Substanz hat demnach (abgesehen von Glucosamin) die gleiche Zusammen-
setzung wie das übrige Hefeeiweiß.
Bertrand, GabrieL Über die Giftigkeit des Clilorpikrius gegenüber ge-
wissen niederen Tieren und über die Möglichkeit, diese Substanz als
Parasitentötungsmittel zu verwenden. C. r. d. l'Acad. des sciences 168,
S. 742—44.
Verfasser empfiehlt Versuche zur Verwendung von Chlorpikrin zur
Bekämpfung landwirtschaftlich schädlicher Insekten u. dgl. Gegenüber
Raupen und Larven von Lepidopteren, Larven von Hymenopteren und Blatt-
läusen wurde tödliche Wirkung bei 5—10 Minuten langer Einwirkung einer
Atmosphäre mit 1 — 2 cg Chlorpikrin im Liter festgestellt. Selbst ^2 so
starke Konzentration hatte wenigstens auf die Larven noch starke Wirkung:
sie hörten auf zu fressen, verloren Kraft und Beweglichkeit und starben
innerhalb 24 — 48 Stunden nach der Behandlung.
Koch, Alfred und Oelsner, Alice. Über die Betainspaltung durch die
Bakterien des Melasseschleuipedüngers „Guanol". Biochem. Ztschr. 94,
S. 139 — 52. Göttingen, Landwirtschaftl.-bakteriol. Inst, der Univ.
Bei der Herstellung des Guanols (vgl. Foth, Ztschr. f. Spiritusindustrie
40, S. 255; C. 1917, II, S. 334) findet eine Zersetzung von Betain durch
108 Referate
Kompostbakterien statt. Verfasser finden darin Kahmpilze, die nach Ehrlich
Betain angreifen, ferner die auch von Ackermann und anderen Forschern
schon gefundenen Organismen, die (CH3)3N bilden, schließlich eine neue Art
in Form kleiner Stäbchen, die als Betäinobacter « bezeichnet wird. Diese
spaltet den gesamten N des Betain s als NH3 ab, von dem sie für sich nur
einen kleinen Teil verwendet, und bildet außerdem durch Oxydation des
Betains beträchtliche Mengen CO.2, wobei als Zwischenprodukt^ CH4O,
H • COoH und in kleinen Mengen CH3 • COgH auftreten. — Über die Dünge-
wirkung des Guanols wird in Fortsetzung einer früheren Mitteilung von
Koch (Landw. Ztg. 11)16) noch einiges berichtet, wobei die giftige Wirkung
auf Schnecken und schädliche Pilze hervorgehoben wird.
Reichert, Alexander. Iiiscktenschädliiige und deren Feinde in Rosen-
kulturen. Dtsch. Parfüm erieztg. 5, S. 53 — 55, 60 — 68, 92 — 94. Leipzig.
Es wird das Auftreten einer Reihe Schädlinge in den Miltitzer Rosen-
kulturen beschrieben, unter Berücksichtigung der Systematik und Biologie.
Beobachtet wurden: Ardis brunniventris Htg. (bipunctata Kl.) (abwärts-
steigender Rosentriebbohrer ; in Miltitz häufig), Monophadnus elongatulus Kl.
(aufwärtssteigender Rosentriebbohrer, häufig), BlennocampapusillaKl. (kleinste
Rosenblattwespe, häufig), Arge rosae L. (Rosenbürsthornwespe), Emphytus
cinctus L (weißgürtlige Rosensägewespe), Caliroa aethiops F. (verkannte Rosen-
blattwespe) und Cladius pectinicornis Geoffr. (ungleiche Rosenblattwespe) diese
vier Arten in Miltitz selten), Tortrix Bergmannia L. (goldgelbe Rosen wickler;
einer der häufigsten und schädlichsten Wickler in Miltitz), Cacoecia rosana L.
(brauner Rosenwickler: schädlich in Miltitz), Notocelia roborana Tr. (weiß-
flügliger Rosenwickler; sehr häufig), Epiblema tripunctata F. (dreipunktiger
Rosenwickler; nicht häufig), Acalla variegana Schiff, (gelegentlich in Miltitz;
war als Rosenschädling noch nicht bekannt), Platyptilia rhododactyla F.
(Rosenfedermotte; in Miltitz häufig), Dasystoraa salicellum Hb. (in Miltitz
schädlich; als Rosenschädling noch nicht bekannt), Malacosoma neustria L.
(Ringelspinner; in Miltitz häufig), einige andere Lepidopteren, die nicht
direkt schädlich- auftraten, ferner einige Käfer, sodann Pachyrhina lineata
Scop. (histrio F., häufig in Miltitz), Bibio hortulanus L. (Gartenhaarmücke;
häufig in Miltitz), Bibio marci L. (Märzmücke, häufig in Miltitz), Typhlocyba
rosae L. (Rosenzikade, sehr häufig in Miltitz) und Siphonophora rosae L.
gemeine Rosenblattlaus; sehr häufig in Miltitz).
Janke, Alexander. Die Betriebsökonoinie in der Gärungsindustrie. II. Teil.
Überoxydation. Vgl. Ztschr. f. landw. Vers.-Wesen Deutschösterr. 1918,
S. 574; C. 1919, II, S. 692.) Ztschr. f. landw. Vers.-Wesen Deutschösterr.
22, S. 49—68. Wien, Techn. Hochschule.
Es wird über die Bedeutung der Überoxydation für den Schnellessig-
betrieb berichtet und über Begriff und Einteilung der Säuerungsfaktoren.
Referate 109
Als letztere kommen in Betracht die Mikroorganismen, die Bakteriennahrung,
ihre Zusammensetzung, Menge, Zufuhr und Verteilung, die Luft, Temperatur
der Bildner, die Siedlungsstätte; Zusammensetzung, Menge und Wärmeinhalt
der Maische; Menge und Temperatur der Eintrittsluft, Wärmeabgänge durch
Strahlung und Flüssigkeitsverdunstung; atmosphärische Einflüsse. Zum
Schluß wird berichtet über Erkennung und Bekämpfung der Überoxydation,
sowie vorbeugende Maßnahmen. — Da auch normale Bildner an Über-
oxydation leiden können, so ist sie als das Hauptübel des deutschen Ver-
fahrens anzusehen. Eine akut verlaufende Überoxydation ist zu erkennen
an : hohe Temperaturen, starkes Einziehen einer vor die Lufteintrittsöffnungen
gehaltenen Flamme infolge stark gesteigerten Bildnerzuges, Verlöschen der-
selben beim Einsenken in den geöffneten Ständer infolge COg-Atmosphäre,
Abfluß eines nur wenige Säureprozente enthaltenen Essigs. Zur Er-
kennung einer chronisch verlaufenden Überoxydation ist meistens genaue
Untersuchung nötig, besonders von Mäisehe und Ablauf auf Säure und
Alkohol. Zur Unterdrückung kommen vor allem hohe Essigsäurekonzen-
trationen in Betracht, Verwendung einer Übermacht von Kulturessigsäure-
bakterien oder Ausräumung der Bildner und Austrocknung der Späne. Als
vorbeugende Maßnahmen empfiehlt Verfasser Reinzuchtsäuerung, Ausschaltung
der inneren Bildnerteile, während der wärmeren Jahreszeit Luftkühlung.
Hochprozentige Betriebsweise. Vermeidung größerer Mengen organischer
Nährstoffe, sowie häufige Kontrolle der Aufguß Vorrichtungen. Vorsorge für
gleichmäßige Temperaturen in der Essigstube. Häufiger Wechsel des Span-
materiales.
Wüstenfeld, Hermann. Die Arbeiten der Versuchsanstalt des Verbandes
deutscher Essigfabrikanten im Jahre 1918. Dtsch. Essigindustrie 23,
S. 176—79.
Es wird berichtet über die Versuchsfabriken, den Einfluß der Maische-
verteilung durch Siebböden, bezw. Spitzräder, die Maischezusammensetzung,
über die Beziehungen von Aufguß zu Ablauf und Ausbeuteverhältnissen, über
den Einfluß der Säurekonzentration auf die Oxydationsleistung und Tempe-
ratur, über Oxydations versuche und über Laboratoriumsarbeiten. — Die
Versuchsfabrik arbeitete mit einer Maische, deren Säuregehalt durchschnitt-
lich etwa 8,5°/o5 deren Gehalt an Alkohol 2,5 ^/q betrug, sie wurde im Tag-
und Nachtbetrieb auf die Bildner gegossen und lieferte normalerweise einen
Ablauf essig von 10,5 *^/o Säure bei dem üblichen Restalkohol von 0,3 "/q. —
Vorübergehender Mangel an Kapillärsirup führte zur Verwendung von Nähr-
salz. Die ungünstigen Folgen dieser kohlenhydratlosen Betriebsweise zeigten
sich nach einigen Wochen in einer Abnahme der relativen Höhe der Tempe-
ratur und in verringerter Alkoholverarbeitungsfähigkeit der Bildner. — Die
relative Höhe der Temperatur der Bildner ist bei wärmerer Raumtemperatur
stets geringer als bei kühler Raumtemperatur. Anscheinend wird schon
110 Referate
bei 32 — 34 "^ das Optimum der Temperatur der gegenwärtig in den Bildnern
vertretenen Bakterienmassen überschritten, was zu der Annahme berechtigt,
daß im früheren Nichtreinzuchtbetriebe, wo höheren Temperaturen bessere
Oxydationsleistungen entsprachen, tatsächlich eine andere Bakterienrasse
mit höherem Temperaturoptimum vertreten war. Um den Wert der Beob-
achtung der Temperatur an Essigbildnern kennen zu lernen, wurden Tempe-
raturmessungen in verschiedenen Höhen der Bildner vorgenommen. Im
oberen Drittel des Bildners wird die Hauptoxydationswärme gebildet. Nach
unten nimmt gewöhnlich die Temperatur ab, aber der Grad des Abfalles
scheint abhängig von der Höhe des unverarbeiteten Alkohols in den unteren
Schichten. Treten erhöhte Mengen von Alkohol im Ablauf auf. .sind also
noch erhebliche Quantitäten von Alkohol in den untersten Spanschichten
vorhanden, so wird dies durch die untersten Thermometer meist schon
4 — 8 Tage vorher durch einen Anstieg der Temperatur angezeigt. —
Gelegentlich von Überoxydationsversuchen \vurde festgestellt, daß Karbid-
essigsäure von den Mikroorganismen anstandslos oxydiert wird, daß also
aus Kalk und Kohle unter Verwendung von Mineralsalzen anorganische
Substanz auf Essigbildnern erzeugt werden kann.
Essigrezepte. (Vgl. Dtsch. Essigind. 23, S. 147, 154; C. 1919, IV, S. 226.)
Dtsch. Essigind. 23, S. 180.
Es wird die Bereitung von Zuckeressig durch Vergärung einer
Lösung von 750 g Zucker in 5 1 Wasser mit Hilfe von Brot und Hefe
beschrieben.
Knapp, A. W. Die Anwendimg der Wissenschaft auf die Kakaogewinnung.
Journ. Soc. Chem. Ind. 37, R. S. 468—70, 1918.
Verfasser erörtert zusammenfassend kritisch die Gewinnung der Kakao-
früchte und der Samen (Kakaobohnen) daraus und die weitere Behandlung
dieser durch Fermentieren und Trocknen; er zeigt die Nachteile der bis-
herigen hier angewendeten rein empirischen Verfahren und die Vorteile, die
sich hinsichtlich Ausbeute und Feinheit des Erzeugnisses durch Nutzbar-
machung wissenschaftlicher Erkenntnisse und Untersuchungen einstellen
würden.
Hamburger, Franz. Über die Verwertung der sauren Milch bei der Säug-
lingsernährung. Münch. med. Wchschr. 66, S. 557. Graz.
Verfasser empfiehlt, sauer gewordene, nicht mehr kochfähige Milch
dadurch für Säuglingsernährung verwendbar zu machen, daß man eine er-
kaltete dicke Schleimabkochung von Mehl, Rollgerste, Gries usw. mit der
nicht kochfähigen Milch in dem gewünschten Verhältnis mischt, Zucker zu-
setzt und nun entwender direkt auf dem Herde oder im Wasserbad kocht.
Auf diese Weise behandelte Milch gerinnt nicht mehr in groben Klumpen
Referate IH
sondern in feinen Flocken und ist in den meisten Fällen für den Säugling
unschädlich.
Wolff, Gr. Die Milch als Ausg^aiigsmaterial für alkoholische (Jeträiike.
Brennereiztg. 36, S. 8299, 831 f.
Verfasser berichtet über Kefir, Kumys, Yoghurt, über das ägyptische
„Leben" und das sardinische Gioddu und im Anschluß hieran über Ferment-
vorgänge im allgemeinen.
Rippel, August. Die Wachstumskurve. Ber. Dtsch. Botan. Ges. 37, S. 169
bis 175. Breslau, Agrikulturchem. u. bakteriol. Inst. d. Univ.
Verfasser hat empirisch gefunden, daß nicht mit der Mitscherlichschen
(Landw. Jahrbb. 67, S. 167), wohl aber mit der Robertsonschen (Arch. f.
Entwicklungsraechanik 25, S. 581) Formel eine weitgehende Spannung zu
beobachten ist; ihre Forderung, daß die maximale Zunahme dann statt-
findet, wenn der Zyklus halb vollendet ist, findet sich, soweit sich über-
blicken läßt, beim Pflanzenwachstum unter konstanten Verhältnissen ver-
wirklicht. Robertson hat seine Formel am W^achstum, Gewichtszunahme
von weißen Ratten und von der Kürbisfrucht bewiesen. Die Robertsonsche
y
Formel lautet: log -r-^ — = k (x — x^), worin x^ den Zeitpunkt bedeutet, zu
^ y
dem die Hälfte des Höchstertrages A erreicht ist. Die Konstante k muß
aus dieser Formel durch Einsetzen der verschiedenen empirisch gefundenen
Werte berechnet werden; das Mittel aus allen diesen Werten ergibt k.
Durch Einsetzen der Zeitabschnitte x wird dann ermittelt, wie sich die so-
zu berechnenden y -Werte den gefundenen anpassen. — Das wachsende
Protoplasma durchläuft eine organeil und individuell spezifische Aktivitäts-
periode, deren Verlauf gänzlich von physiko-chemischen Gesetzen bestimmt
wird, nach Art der autokatalytischen („autokatakinetisch" nach Ostwald)
Reaktionen, die einmal eingeleitet in den vorgeschriebenen Bahnen ablaufen
müssen, von äußeren Faktoren also nicht mehr prinzipiell, sondern nur zeit-
lich und quantitativ beeinflußt werden können; ihre Wirkung ist für daa
aktive Protoplasma im Vergleich zum ruhenden charakteristisch, als Produkt
resultiert die gekennzeichnete Wachstumkurve, die dergestalt als von inneren
Ursachen abhängig erscheint.
v. Euler, Hans und Svanberg, Olof. Enzymehemische Studien, über das
Wachstum der Hefe in alkalischen Lösungen. Arkiv för Kemi, Min.
och Geol. 7, 13 S. Sep. der Vff. 1918.
Verfasser stellten die maximalen Alkalinitätsgrade fest, bei welchen
verschiedene Hefearten — Oberhefe SB. H (I), Frohberg Unterhefe (II),
Saccharomyces ellipsoideus (HI), Pseudosaccharomyces apiculatus (IV) — in
phosphathaltigem und phosphatfreiem Milieu bei 30° noch ein durch Zu-
nahme der Zellenzahlen erkennbares Wachstum zeigen. Für die Befunde
112 Referate
war es nicht gleichgültig, ob die Impfung mit einer kleineren oder größeren
Hefemenge erfolgte. I zeigte noch sicheres Wachstum bei pn = 7,3, II bei
PH = 7,7 — 8,0, III bei pn =: 7,9 und IV bei pn = 7,6; relativ hoch war
das Alkalinitätsmaximum für Aspergillus niger, nämlich pn = 9,0 oder
0,0001-n. Alkali.
Y. Elller, Haus und Moberg, E. luvertase und (iäruugsenzyuie mit einer
Oberhefe. Arkiv för Kemi, Min. och Geol. 7, 17 S. Sep. der Vff. 1918.
Die Invertasewirkung ist in Oberhefe wie in lebender Unterhefe nur
in geringem Grade von der Gegenwirkung eines Protoplasmagiftes abhängig.
Hingegen tritt die Invertasebildung bei Gegenwirkung von Protoplasma-
giften (Chlf.) nur in geringem Grade ein. Die Anreicherung von Invertase
nach dem Verfahren von Euler läßt sich bei der untersuchten Oberhefe nicht
so weit steigern, wie bei Unterhefe. Vergleiche zwischen den Invertase-
wirkungen frischer und getrockneter Hefe zeigten, daß in der Hefe nach
der Trocknung annähernd der Gesamtinvertasegehalt der Zellen zur Wirkung
gelangt. In alkalischer Lösung liefert Trockenhefe nahezu die gleiche Aus-
beute an Alkohol und CO2 im Verhältnis zum vergorenen Zucker wie frische
Hefe. Das Verhältnis von vergorenem Zucker zu entwdckeltem Alkohol und
CO2 wird durch Koenzym nur wenig geändert.
Völtz, W. Über die Bedeutung der Amidsubstanzen für die Ernährung
der Wiederkäuer. Ztschr. f. Spiritusindustrie 42, S. 223—224. Berlin,
Ernährungsphysiol. Abteil, d. Inst. f. Gärungsgewerbe d. landwirtsch.
Hochschule.
Vorläufige Mitteilung über den Ersatz des Nahrungseiweißes
durch Harnstoff beim wachsenden Wiederkäuer. Es handelt sich
um eine langfristige, ununterbrochene 155tägige Versuchsreihe an einem
Hammellamm und um einen Vorversuch an einem alten 40 kg schweren
Hammel mit dem synthetischen Harnstoff der badischen Anilin- und Soda-
fabrik, dem Basfurol. Die Versuche führten zu folgenden Resultaten: Der
Harnstoff ist geeignet, das verdauliche Eiweiß im Stoffwechsel des erwach-
senen Wiederkäuers zu vertreten und die für die Fleischbildung wachsender
Tiere benötigten größeren Stickstoffmengen zu decken. Da einmägige Tiere
Harnstoff zu Aminosäuren und zu Eiweiß nicht aufbauen können, ist diese
Synthese beim Wiederkäuer so zu erklären, daß der Harnstoff durch die
Mikroorganismen des Verdauungsapparates zunächst zu Bakterieneiweiß auf-
gebaut wird, und zwar zu so großen Mengen, daß der Eiweißbedarf des
Wiederkäuers aus dem Bakterieneiweiß allein bestritten werden kann. Das
Eiweiß der abgestorbenen Bakterienleiber wird zu 80 — 90°/o vom Darm
resorbiert. Dasselbe gilt auch für die in den Futtermitteln vorhandenen
stickstoffhaltigen Verbindungen nicht eiweißartiger Natur, sofern sie als
Bausteine für das Bakterieneiweiß dienen können, und das trifft für die
Referate 113
meisten dieser Stoffe zu. Die Anschauung, daß die Amidsubstanzen auch
für die Ernährung der Wiederkäuer wertlos sind, weil sie angeblich im
Produktionsfutter nicht zur Geltung kommen sollen, ist unzutreffend. Die
Amide sind dem verdaulichen Eiweiß zuzurechnen, und der Gehalt der
Futterrationen an stickstoffhaltigen Nährstoffen ist nicht, wie bisher viel-
fach üblich, nach dem vorhandenen verdaulichen Eiweiß, sondern nach dem
verdaulichen Rohprotein zu bemessen.
Söclerbaiiiii, H. G. Weitere Beiträge zur Kenntnis der pflanzenphysio-
logisclien Wirkungen der Animoniunisalze. Meddelande No. 156, fran
Centralanstalten för försöksväsendet pa jordbrukssomradet. Kemiska labo-
ratoriets No. 24. Bied. Zentralblatt f. Agrik.-Ch. 48, 1919, S. 133—35.
Es wurde Gerste, die erfahrungsgemäß gegen Ammoniakdüngung ziem-
lich empfindlich ist, auf Sandboden mit Ammoniumsalzen gedüngt (Sulfat,
Nitrat, Phosphat und Karbonat). Alle Ammoniumsalze lösen mehr oder
weniger deutliche Krankheitserscheinungen aus. Am stärksten schädigend
wirkte Chlorid, weniger Sulfat und Nitrat, schwächer das Karbonat, und am
schwächsten, aber immer noch deutlich, das Phosphat. Die Toxizität ist
also an das gemeinsame Kation gebunden. Zweitens wurde die Grenze er-
mittelt, bei der die schädliche Wirkung der Ammoniumsalze eintritt, als
annähernde Grenzwerte wurden erkannt: bei Roggen 200 kg pro ha, Weizen
unter 50 kg, Hafer zwischen 100 und 150 kg, Gerste unter 25 kg. Auf
anderem Boden wird sich dies Verhältnis unter Umständen etwas verschieben.
Drittens: Bei anderen Pflanzen (Kartoffeln) tritt die schädigende Wirkung
von Ammoniumsalzen selbst bei einer Gabe von 300 kg pro ha noch nicht
in Erscheinung.
Söderbaum, H. G. Zehnjährige Düngungsversuehe mit Manganverbin-
dungen und anderen Reizstoffen 1908 — 1917. Meddelande Nr. 166 fran
Centralanstalten för försöksväsendet pa jordbruksomrad et. Kemiska Labo-
ratoriet No. 26; Bied. Zentralblatt f. Agrik.-Ch. 45.
Für die landwirtschaftliche Praxis dürfte die Anwendung stimulierender
Salze vorerst nicht in Frage kommen.
Ziegler, P. Sehnellfllter, ihr Bau und ihr Betrieh. Leipzig 1919. Lex. 8.
XVI und 186 S. mit 1 Tafel und 151 Figuren. Mark 20.
Gehring, Alfred. Mikroorganismen und Hygiene der Städte. Prome-
theus 30, S. 281—83, 292—94.
Ein gedrängte Abhandlung über die Wasserversorgung und Abwasser-
beseitigung der Städte.
Band, Paul. Die neuen Anwendungsarten der Mucedineen in den land-
wirtschaftlichen Gewerben. Chimie et Industrie 1, 1918, S. 699 — 707.
Lycee Louis-le-Grand.
Es wird die Züchtung geeigneter Mucorarten für die Verzuckerung von
Stärke, die Anwendung in der Praxis für die Verzuckerung der Getreide-
Zeitschr. f. techn. Biologie, Bd. VIU. g
114 Referate
arten und die Verarbeitung der so gewonnenen Maischen auf Spiritus be-
schrieben. Das Verfahren hat sich für Gewinnung von Spiritus und Essig-
säure bereits bewährt und dürfte auch für die Bierbrauerei von Wert sein.
Mansfeld. Herfülireii von Reiiizuchthef e bei nur einem (Jebräude wöchent-
lich. Ztschr. f. ges. Brauwesen 42, S. 137—39.
Unter den heutigen Verhältnissen liegt das Herführen von Reinzucht-
hefe mehr denn je als die billigste und sicherste Aushilfe im besonderen
Interesse des Brauers. Der Bezug von Samenhefe aus fremden Brauereien
stellt sich gegenwärtig 5- bis 10 mal teurer. Es wird ein genaues Arbeits-
schema angegeben.
Emslander, Fritz. Die Wasserstoffionenkonzentration im Biere und bei
dessen Bereitung. IV. (HI vgl. Ztschr. f. ges; Brauwesen 38, S. 196;
C. 1915, II., S. 928.) Ztschr. f. ges. Brauwesen 42, S. 127-30, 135—37.
Die bereits im Jahre 1914 abgeschlossenen Untersuchungen haben er-
geben, daß bei der Gärung der eigentlichen Zuckerspaltung Säurebildung
vorangeht, welche die Bildung einer bestimmten Wasserstoffionenkonzen-
tration bezweckt. Durch Bildung derselben stellt das Enzym automatisch
diejenige Oberflächenspannung des Substrates her, welche die besten Diffu-
sionsbedingungen gewährleistet. Die Bildung einer solchen Wasserstoff-
ionenkonzentration ist der Regulator für das Optimum des Enzymprozesses.
Die Zusammensetzung des Substrates, bezw. dessen ursprüngliche Ober-
flächenspannung wird dabei zweckdienlich reguliert. Verfasser beobachtete,
daß der Barometerstand die enzymatische Geschwindigkeit ganz erheblich
beeinflußt.
Galen. Blausäure zur Insektenvertilgung. Chem. techn. Wchschr. 1918,
S. 298—99.
Verfasser gibt eine zusammenfassende Übersicht mit besonderer Be-
rücksichtigung einer Arbeit von Bruno Wahl (Arch. f. Chemie u. Mikro-
skopie 1917, Heft 6) über Ausräucherung einer großen Mühlenanlage mit
Blausäure, wobei mit einer einzigen Ausnahme alle Mehlmotten, ihre Raupen
und die Eier abgetötet waren. Weniger radikal wirkte die Blausäure auf
Mehlwürmer und noch weniger auf die Kornkäfer ein. Ein besonderer Vor-
teil des Verfahrens ist es, daß weder Maschinen und Ausrüstungsgegenstände
irgendwie Schaden nehmen, noch eine Anreicherung der Blausäure in den
Mehl- und Getreide Vorräten stattfand.
Bresaola, M. Die Abtötung der Kleeseidesamen. Staz. sperim. agrar.
ital. 52, S. 193—207.
Verfasser zeigt, daß die verschiedenen Leguminosensamen (Medicago
sativa, Trifolium pratense, Trifolium repens, Lotus corniculatus) beigemengten
Samen von Kleeseide (Cuscuta arvensis und Cuscuta trifolii) durch kurz-
Referate 115
dauerndes trockenes Erhitzen auf 60^ abgetötet werden können, während
die Keimfähigkeit der Leguminosensamen keinen Schaden erleidet. Er
schreibt dieser Methode praktische Bedeutung zu.
Boye, G. und Guyot, R. Der Kampf gegen die Fliegen. Ac. de medicine
1919; Journ. Pharm, et Chim. 19, S. 220— 21.
Für die Larven gaben die kaustischen Substanzen, Alkalien oder Säuren,
und Natriumkresylat die besten Resultate. Für ausgewachsene Fliegen wurden
mit „Cobolt" (schwarzem Arsenik), selbst in geringen Mengen einer Schale
mit Wasser zugefügt, und mit Rizinusöl, für sich oder mit Syrupus simplex
oder Zucker kombiniert, gute Erfolge erzielt, noch bessere, wenn dem
Rizinusöl auf 30 g 2 Tropfen Crotonöl zugefügt wurden.
Freymuth, A. Schädlings- und Fleekfleberbekämpfung. Ber. Dtsch. Pharm.
Ges. 29, S. 380—91.
Verfasser schildert die Bekämpfung gewisser Getreide- und Pflanzen-
schädlinge, insbesondere der Mehlmotte, durch HCN, die Behandlung der
Pferderäude durch SOg, sowie die Bekämpfung des Flechfiebers, bezw. Ver-
nichtung der die letztere Krankheit übertragenden Kleiderlaus durch HCN.
Stift, A. Über im Jahre 1916 veröffentlichte hemerkenswette Arbeiten
und Mitteilungen auf dem Gebiete der tierischen und pflanzlichen
Feinde der Zuckerrübe. Zentralblatt f. Bakter. u. Parasitenk. 11. Abt.
49, S. 257—69.
Verfasser bringt die gewohnte Jahresübersicht (vgl. Zentralblatt f.
Bakter. u. Parasitenk. IL Abt. 46, S. 515; C. 1917, I„ S. 30) für das
Jahr 1916.
Bechhold, H. Die Kolloide in Biologie und Medizin. 2., umgearbeitete
Auflage. Dresden 1919. gr. 8. XII u. 527 S. mit 3 Tafeln und 69 Figuren.
Mark 27.
Bersch, J. Chemisch-technisches Lexikon. Sammlung von mehr als 17000
Vorschriften und Rezepten für alle Gewerbe und technische Künste.
3. Auflage. Wien 1919. gr. 8. VI u. 951 S. mit 88 Figuren. Mark 22,50.
Boas, Friedrich und Leberle, Hans. Untersuchungen über Säurebildung
bei Pilzen und Hefen. HI. Mitteilung. Biochem. Ztschr. 95, S. 170—78.
Aspergillus niger wurde unter Gewährung von zwei N-Quellen ge-
züchtet, von denen eine stets (NHJaSO^, die andere Asparagin, Azetamid
öder eine Aminosäure (Glykokole) o. dgl. (Pepton) war. Obwohl beim Ver-
brauch von (NH4)2S04 sich die schädlichen Folgen der Wirkung starker
Säuren bemerkbar machen, bei Verbrauch der anderen N-Quelle keinerlei
Schädigungen auftreten, wurde doch stets das Ammoniumsalz fast ausschließ-
lich angegriffen. Dies zeigt, daß nicht physiologische Zweckmäßigkeit,
sondern lediglich physikalisch- chemische Ursachen die Wahl bestimmen. Die
8*
116 Referate
Größe der Lipoidlöslichkeit spielt dabei offenbar keine Rolle. Bestimmend
scheint der Grad der Dissoziierbarkeit.
Jansen, W. II. und Müller, Franz. Beitrag zur Lösung der Brotfrage.
(Nach backtechnischeu Versuchen und Stoff Wechseluntersuchungen am
Menschen.) Münch. med. Wchschr. 66, S. 829—32.
Verfasser haben mit einem Brot, das aus 75 Teilen Kornmehl 80%iger
Ausmahlung und 25 ^/^ Kartoff elwalzmehl hergestellt war, Ausnutzungs-
versuche vorgenommen. Die Ausnutzung dieses Brotes kam derjenigen des
Kiieg^sbrotes zum mindestens gleich, bei den meisten Personen fiel sie
zweifelsfrei besser aus. Besonders günstig gegenüber dem Kriegsbrot er-
schien das Nachlassen der Flatulenz. Als bedeutsam wird hervorgehoben,
daß bei einer Aufnahme von 75 — 100 g Eiweiß pro Tag, das hauptsächlich
aus Vegetabilien stammte, und einem Gehalt der Nahrung von ca. 3000
Kalorien sämtliche Versuchspersonen teilweise einen kleineren, zumeist aber
einen überraschend großen Eiweißansatz zeigten. Verfasser stellten folgende
Schlußsätze auf: Das Korn muß vor Vermahlung gründlichst gereinigt und
sortiert werden. Die Ausmahlung des Brotgetreides ist auf 80*^/^ festzu-
setzen. Zur Streckung des Brotgetreides soll Kartoffelwalzmehl zugesetzt
werden, wobei man im Notfalle bis zu 25% gehen darf. Zu diesem Zwecke
ist der Kartoffelbau sowohl intensiv als extensiv zu betreiben und eine ratio-
nellere Bewirtschaftung der Kartoffel durch Verbreitung der Trockenanlagen
zu fördern. Die Teig- und Brotausbeute eines Brotes aus 75 Teilen SO^/pig
ausgemahlenem Roggen -Weizenmehl und 25 Teilen Kartoff elwalzmehles ist
als solche gut zu nennen. Die Ausnutzung einer gemischten Kost, die große
Mengen Brot enthält, wird durch Art, Beschaffenheit und Ausmahlungsgrad
des dafür benötigten Brotkornes wesentlich beeinflußt. Die Ausnutzung
einer und derselben Nahrung ist individuell sehr verschieden. Das Kartoffel-
brot ist von würzigem Geschmack und guter Bekömmlichkeit. Seine Ver-
daulichkeit ist besser als diejenige des Kriegsbrotes. Der große Eiweiß-
ansatz ist ein Ausdruck für den Eiweißhunger infolge vorhergegangener
Unterernährung.
Oppermann. Vergiftung durcli verdorbene Rübenschnitzel. Dtsch. tier-
ärztl. Wchschr. 27, S. 341.
Bericht über Erkrankungen von Rindvieh infolge Verfütterung von
durch fehlerhafte Lagerung verdorbenen Rübenschnitzeln.
Bertrand, Gabriel und Rosenblatt, M. A ergleich der Giftwirkung einiger
flüchtiger Stolfe auf verschiedene Insekten. C. r. d. l'Acad. des sciences
168, S. 911— 13.
Es wird über die Einwirkung von Äther, Chloroform, Schwefelkohlen-
stoff, Kohlenstofftetrachlorid, Monochlorazeton, Benzylchlorid, Niti'ochloro-
Referate ii-j
form und Cyanwasserstoffsäure auf einige Insektenlarven berichtet. Am
wirksamsten erwies sich das Nitrochloroform und die Blausäure, und zwar
wirkt die letztere noch etwas weniger giftig als das Nitrochloroform.
Spieß. Bekämpfung der Pflanzenschädlinge. Süddtsch. Apoth.-Ztg. 59,
S. 394.
1. Peronospora: Spritzen mit Kupferkalkbrühe, evtl. in Verbindung mit
Uraniagrün zur gleichzeitigen Bekämpfung des Heuwurmes. 100 g Urania-
grün auf 100 1 Kupferkalkbrühe. — 2. Amerikanischer Stachelbeermehltau:
Behandlung mit Prae-Schwefel (jetzt zu spät). — 3. Bohnenrost kann mit
keinem chemischen Mittel bekämpft werden. — 4. Aaskäferlarven auf Rüben:
Bespritzen mit Uraniagrün: 100 g Uraniagrün, 500 g Fettkalk und 100 1
Wasser.
Janson. Bekämpfung der Pflanzenschädlinge. Süddtsch. Apoth.-Ztg. 59,
S. 418.
Der durch den Pilz Erysiphe rosae erzeugte Mehltau der Rosen wird
vorbeugend durch Bestäubung mit Schwefelpräparaten, am besten mit dem
Hicox-Prae-Schwefel der Firma Gustav Friedrich Unselt in Stuttgart be-
kämpft. Die Behandlung muß gleich nach dem Erscheinen der ersten aus-
gCAvachsenen Blätter beginnen und alle 10 — 14 Tage wiederholt werden.
Das Mittel wirkt auch gegen Blattläuse, die Rosenschabe und andere In-
sektenschädlinge, sowie alle anderen echten Mehltauarten.
•
Grähner, P. Taschenbuch zum Pflanzenbestimmen. Handbuch zum Er-
kennen der wichtigeren Pflanzenarten Deutschlands nach ihrem Vorkommen
in bestimmten Pflanzenvereinen, mit besonderer Berücksichtigung der nutz-
baren Gewächse. 3. Auflage. Stuttgart 1918. 8. VH u. 199 S. mit 17 Tafeln
u. 392 Figuren. Halbleinenba'hd. Mark 4,80.
Pringsheim, Ernst G. Ein neues Verfahren zur Darstellung von Sporen
im Bakterienkörper. Ber. Dtsch. Botan. Ges. 37, S. 182—83.
Verfasser verwendet zu seinem Verfahren das als Universalfärbemittel
stets vorrätige Ziehische Karbolfuchsin. Anilinwasserfuchsin, das wohl stärker
färbt, aber frisch hergestellt werden muß, ist nicht nötig, weil Methylalkohol
nicht so stark entfärbt wie verdünnte Mineralsäuren oder Säurealkohol.
Trotzdem differenziert er genügend, was bei Anilinwasserfuchsin nicht der
Fall ist. Das Verfahren ergibt tiefrote Sporen und ungefärbte Bakterien-
leiber auf grauem oder blauem Grunde. Verfasser zieht die Negativfärbe-
methode mit Tusche, oder noch schöner mit Cyanochin, der Kontrastfärbung
mit Methylenblau oder Malachitgrün vor.
1 18 Referate
Pringsheiin, Ernst G. Über die Herstellung von Gelatinefarbfiltern für
physiologische A^ersuehe. Ber. Dtsch. Botan. Ges. 37, S. 184 — 86.
Verfasser hat schon früher die Herstellung von Gelatinegelbfiltern als
Ersatz für Kaliumdichromatkuvetten angegeben (Ber. Dtsch. Botan. Ges.
26a, S. 556) und berichtet jetzt über seine weiteren Versuche, die ihn zu
einer Reihe von Farbfilterplatten geführt haben, mit denen das Spektrum in
eine ganze Anzahl von kurzen Stückchen zerlegt werden kann. Die Fort-
schritte liegen einmal in der Auffindung einer ganzen Anzahl von für diesen
Zweck geeigneten Farbstoffen und Farbstoffkombinationen, andererseits in
der Erleichterung der Herstellung aus irgend welchen unbrauchbar gewordenen,
aber nicht entwickelten photographischen Platten, die ausfixiert, gründlich
gewässert und getrocknet werden. Dadurch, daß man sie etwa 2 Stunden
in eine möglichst starke, filtrierte, wässerige Lösung des Farbstoffs einlegt,
färbt sich die Schicht intensiv genug, um ein gewisses spektroskopisch
definiertes Absorptionsvermögen zu erlangen. Einzelheiten über Herstellung
der Gelatinefilter und über die angewandten Farbstoffe müssen im Original
eingesehen werden.
Llng, Arthur R. Erzeugung von Glyzerin aus Melassen. Journ. Soc.
Chem. Ind. 38, S. 175—77.
Es v/ird über in den Vereinigten Staaten angestellte Versuche zur
Gewinnung von Glyzerin durch Gärung aus Zuckerlösungen berichtet und
über den von Eoff, Linder und Beyer darüber erstatteten Bericht. Danach
wird Saccharomyces ellipsoideus, var. Steinberg, nach Züchtung in starker
Würzelösung verwendet; die Zuckerlösung soll außer NH^Cl 5^0 NagCOg
enthalten, das nicht auf einmal zugesetzt werden soll, aber nach Eintritt
der vollen Gärung zugesetzt sein soll; die günstigste Temperatur liegt bei
30 — 32^, die beste Konzentration der Zuckerlösung bei 17,5 — 20 g in 100 ccm.
Nach vollendeter Gärung sind 20 — 25 '^/^ des vorhanden gewesenen Zuckers
als Glyzerin vorhanden, der Rest ist in Alkohol und COg verwandelt. Für
Versuche in größerem Umfange wurde Melasse („black strap" Porto Rico
Melasse verwendet. Die Lösung der Melasse entsprach 21,2° Balling bei
25° (D. etwa 1,085), der Gehalt an Zucker war 16,85°/^. Die vergorene
Flüssigkeit enthielt (Maß-O/o) 3,1 Glyzerin, 6,75 Alkohol, 0,86 Zucker; die
Alkalität entsprach 3,6 g NagCOg in 100 ccm. Zur Darstellung des Glyzerins
wurde diese Flüssigkeit (3200 Ib) mit HoSO^ neutralisiert und 12 Gallonen
einer- gesättigten Lösung von Ferrosulfat des Handels zugesetzt ; dann wurde
bis nahe zum Kochen erhitzt, Kalkmilch im Überschuß zugesetzt, V2 Stunde
mit Dampf gekocht und abgepreßt. Das Filtrat wurde im Vakuum zu einem
Sirup, der 30 — 35^0 Glyzerin enthielt, eingeengt und destilliert. Es wurden
etwa 50 Ib Glyzerin gewonnen, etwa die Hälfte des in der vergorenen
Flüssigkeit vorhandenen Glyzerins. Nimmt man den Zuckergehalt der ver-
Referate 119
wendeten Melasse zu öO^o.an, so entspricht dies einer Ausbeute von ö^o
bis 6 Ib auf den Zentner (cwt.) Melasse.
Gaertiier, Hermann. Über die Kohlenhydrate des Zuckerrüben niarks.
Ztschr. Ver. Dtsch. Zuckerind. IDll), S. 233—72. Landwirtsch.-technol.
Inst. d. Univ. Breslau.
Die Untersuchungen des Verfassers gingen hauptsächlich nach vier
Richtungen: 1. Hydrolyse des Rübenmarks in der Kälte durch konzentrierte
HCl, starke Schwefelsäure, verdünnte Alkalien, Kalzium- und Bariumhydrat;
2. biochemischer Abbau des Rübenmarks und Pektins durch Pilze, Bakterien
und Fermente; 3. Azetolyse des Marks und Bestimmung der echten Zellulose;
4. Gewinnung und Säurehydrolyse des Pektins, Untersuchungen der erhaltenen
Produkte: Arabinose, Pektinsäure, Galaktose-Galakturonsäure, krist. Galak-
tose und Galakturonsäure. Sie sollten zunächst rein qualitativ analytisch
zu Endprodukten führen. Das Ergebnis der Untersuchungen nach 3. ist,
daß das Rübenmark zu 26 — 27 7o aus Glukosezellulose besteht, welche Zahl
mit der Stammerschen Holzfaserzahl von 26,5^0 übereinstimmt. Die Be-
hauptung Ernests (Ber. Dtsch. Chem. Ges. 39, S. 1947; C. 1906, H., S. 284),
daß Glukose die einzige Komponente der Rübenzellulose sei, findet durch
diese Arbeit ihre Bestätigung, während die Angabe von 50^0 Ausbeute an
Zellulose sich als zu hoch erwies.
Die aus Rübenmark isolierte Pektinsäure (Galaktose Glukuronsäure)
konnte auch in anderen Pektinstoffen, z. B. von Zwetschgen und Äpfeln,
festgestellt werden.
Schneller, Max A. Der Farbstoif von Rohrzuckersäften. The International
Sugar-Journal 1919; Ztschr. Ver. Dtsch. Zuckerind. 1919, S. 320—22.
Luisiana-Untersuchungsstation.
In Anbetracht des Gehaltes an Eisen, der sich in den Zuckersäften,
wenn auch nur in geringer Menge findet, kann die dunkle Färbung der
Säfte auf die charakteristische Eisen-Phenolreaktion zurückgeführt werden,
obwohl die Mengen xler mehrwertigen Phenole, die in geklärten Säften vor-
kommen, naturgemäß sehr gering sind. Diese Phenole finden sich in den
grünen Spitzen des Zuckerrohrs und gehen in den Saft über. Eine zweite
Quelle für mehrwertige Phenole sind die Zersetzungsprodukte der Glukose,
die beim Erhitzen alkalischer Invertzuckerlösungen entstehen. Unter diesen
Zersetzungsprodukten finden sich Brenzkatechin , Protokatechusäure und
Glucinsäure, deren Konstitution zwar nicht bekannt ist, die aber jedenfalls
die Eisenreaktion gibt.
Drucker, Carl. Die deutsche Forschungsanstalt für Lebensmittelchemie.
Umschau 23, S. 502—4.
Der Verfasser behandelt das Arbeitsgebiet der „Deutschen Forschungs-
anstalt für Lebensmittelchemie" in München an Hand ihres ersten Jahres-
berichtes.
120 Referate
Chemische Gesellschaft Rheuania, m. b. H., Wevelinghofen, Rhld. A'erfahren
zur Sterilisation von Leiuifleisch, (Jelatiiie, Leim, Knochen u. dgl.
D. R. P. 313141, Kl. 53c von 1917, ausgegeben 1919; Zusatzpatent zu
Nr. 312614; C. 1919, IV., S. 227.
Abänderung des durch Patent 312614 (C. 1919, IV., S. 227) geschützten
Verfahrens zur Sterilisation von nicht mehr frischen Nahrungs- und Genuß-
mitteln, dadurch gekennzeichnet, daß Leimfleisch, Gelatine, Leim, Knochen
u. dgl. unmittelbar mit etw^a der doppelten Menge einer Nati'iumhypochlorit-
lösung behandelt werden, welche ungefähr 3 g aktives Chlor im Liter ent-
hält. — Es wird hierbei eine vollkommene Abtötung sämtlicher Keime und
Fäulniserreger erreicht, und die Anwesenheit von aktivem Chlor in dem
sterilisierten Material nach Beendigung der Sterilisation vermieden. Leini
oder Gelatine müssen vor der Behandlung mit Hypochlorit verflüssigt, bezw.
gelöst werden.
Ernst Jacoby, München. Terfahrcn zur Entgiftung* von Zellstoffablauge
nach Beseitigung der scliwefligen Säure und Neutralisation der Lauge
(D. R. P. 307383, Kl. Ob von 1916; ausgegeben 1919),
1. dadurch gekennzeichnet, daß man aus der so vorbehandelten Lauge ge-
wisse, die Mikroorganismen schädigenden Stoffe durch Zusatz geringer Mengen
absorbierender Stoffe, wie Kaolin, Humin oder dergl. in der Kälte entfernt.
— 2. Ausführungsform des Verf. nach Anspruch 1, dadurch gekennzeichnet,
daß man zu der mit Kalk neutralisierten, filtrierten und dann mit Hurain
versetzten Sulfitablauge zwecks völliger Ausflockung des Humins geringe
Mengen von Schwermetallsalzen hinzugefügt. — Es werden so die für Hefe
oder andere Mikroorganismen, z. B. Milchsäurebazillen, schädlichen Stoffe
entfernt, und der Zucker der Ablauge kann direkt ausgenutzt werden. Das
Verfahren kann auch auf die Ablaugen der NatronzeUstoffabrikation über-
tragen werden.
Andres. Mutmaßlicher Parasit von Calaudra oryzae L. Zeitschr. f. an-
gew. Entomologie 5, S. 315.
Eine Hautkrankheit, die Mühlenarbeiter befallen hatte, welche mit
rumänischem Getreide zu tun hatten, ist nicht auf den in Mengen auftreten-
den Reiskäfer, Calandra oryzae L., zurückzuführen, sondern auf einen Para-
siten dieses Käfers, der zu den Milben gehört, Pediculoides ventricosus.
Richard Reilt, Wien. Vorrichtung zur Bekämpfung der Schaumbiidung
bei der Gärung, insbesondere in der Luftliefefabrikation (D.R.P. 313109,
Kl. 6a von 1916, ausgegeben 1919; die Priorität der österr. Anm. von
1916 ist beansprucht; Zus.-Pat. zu Nr. 300985; C. 1917, II, 664), Zeitschr.
f. angew. Ch. 30, 1917, H, S. 356,
mit Hilfe einer den Schaum absaugenden und ihn unter den Flüssigkeits-
spiegel führenden Druckluftsaugdüse, dadurch gekennzeichnet, daß der die
Referate 121
Mündung der Druckluftdüse umgebende Saugspalt offen in der Schaumzone
liegt, und das Schaumabflußrohr unterhalb der Flüssigkeitsoberfläche mündet.
— Die Saugvorrichtung wird entweder am Rande des Gärbottichs oder in
dessen Mitte angeordnet.
Gustav Rotli, Olmütz, Mähren. Verfahren zur Reini^iing von Melasse
für die Hefebereitung- (D. R. P. 313380, Kl. 6 a von 1914, ausgegeben 1919.
Die Priorität der österr. Anm. von 1913 und 1914 ist beansprucht),
dadurch gekennzeichnet, daß die in üblicher Weise verdünnte, angesäuerte
und nach dem Kochen klar abgezogene Melasselösung nach weiterer Ver-
dünnung so weit angesäuert wird, bis sich bei Bewegung oder Lüftung der
Lösung weitere Verunreinigungen in feiner Verteilung ausscheiden, welche
durch Filtration aus der Melasselösung beseitigt werden. — Bei der Ver-
arbeitung der filtrierten Flüssigkeit ergibt sich ständig eine Hefe von vor-
züglicher und gleichmäßiger Beschaffenheit. Vorteilhaft erfolgt die Filtration
ohne Überdruck unter Darbietung großer Filterflächen für die Melasse.
Hoffmanns Stärkefabriken, A.-G., Salzuflen. Verfahren zur Gewinnung
von Gespinstfasern aus Lupinenstroh (D. R. P. 306362, Kl. 29 b von 1917,
ausgeg. 1919),
darin bestehend, daß das Lupinenstroh mit Wasser gekocht und danach einer
Gärung unterworfen wird. — Würde man die Lupinenfaser ohne weiteres
der Gärung analog der Flachsröste unterwerfen, so bedürfte der Rohstoff
etwa 14 — 21 Tage, bis die Faser genügend isoliert ist, um sie weiter ver-
arbeiten zu können. Kocht man dagegen das Lupinenstroh 15 — 30 Minuten
und überläßt es dann der Gärung, so kürzt sich der Röstprozeß auf 4—8 Tage
ab. Nach vollendeter Gärung werden die Fasern gewaschen, getrocknet und
wie üblich aufbereitet. Das Verfahren ergibt eine außerordentlich reine,
weiche und feine Faser.
Th. Bokorny. Einige Bemerkungen über die Hefenenzyme. Allg. Brauer-
u. Hopfenztg. 1919, S. 881—82, 889—90, 893—94.
Invertase ist gegen Alkohol sehr wenig empfindlich. Bei gewöhnlicher
Temperatur verträgt sie sogar tagelange Einwirkung von viel absolutem
Alkohol auf die frische Preßhefe, während bei 46^ unter gleichen Umständen
das Inversionsvermögen fast völlig vernichtet wird. Zweitägiges Verweilen
der Hefe in 0,25- oder 0,5proz. Oxalsäurelösung, 2proz. Essig- oder Milch-
säure schädigt die Invertase nicht. In 0,1 proz. HF geht das Inversions-
vermögen in 2 Tagen nur wenig zurück, durch 0,5 proz. HgSO^ wird es in
24 Stunden geschädigt, aber nicht zerstört. NaOH zerstört es bei 0,5 %
noch nicht, bei 1 7o in 24 Stunden. Die Invertase ist also ein besonders
widerstandsfähiges Enzym, dessen Wirkung neben Zymase stets zur Geltung
kommen muß. Diese Wirkung erfolgt überdies sehr schnell. Bei 25" ge-
122 Referate
trocknete Hefe invertiert ebenso gut oder noch besser, als frische oder Toluol-
hefe. — Sehr empfindlich ist dagegen die Maltase, die schon beim Trocknen
der Hefe an der Luft unwirksam wird. In wässeriger Lösung hält sie sich
nur wenige Tage und verträgt sie schon eine Temperatur von 2b^ nicht
längere Zeit; Alkohol schädigt sie schon bei 5 ^o» ^s^ 7o Thymol vernichtet
sie in 24 Stunden, Terpentinölwasser schädigt sie in dieser Zeit stark,
Chloroforrawasser tötet sie nicht ab. 1 % HCl oder Oxalsäure tötet sie in
der Hefe ab, 1 °/o Essigsäure nicht ganz. NaOH wirkt bei 0,5 7o ^^ 4 Tagen
nicht vernichtend, wohl aber bei 1%; hei 0,02^0 fördert sie die Spaltung
der Maltose. Maltase anderer Herkunft scheint weniger empfindlich zu sein,
und es ist auch nicht ausgeschlossen, daß die Maltasen verschiedener Hefe-
rassen Abweichungen zeigen. — Verf. geht dann noch auf die gegenseitige
Abhängigkeit der Hefenenzyme voneinander und vom Protoplasma und auf
die Umstände der Neubildung von Zymase ein. Besondere Aufmerksamkeit
verdient die Tatsache, daß die Zymase durch Hefentryptase verdaut wird:
C. Neuberg und F. F. Nord. Anwendungen der Abfangniethode auf die
Bakteriengärungen. Biochem. Zeitschr. i)6, S. 133 — 57, 158—74.
L Azetaldehyd als Zwischenstufe bei der Vergärung von
Zucker, Mannit und Glyzerin durch Bacterium coli, durch Er-
reger der Ruhr und des Gasbrandes. Die Versuche wurden unter
anaeroben Bedingungen ausgeführt, und die Ergebnisse werden um so mehr
als beweisend angesehen, als in den ohne Sulfit angesetzten Proben kein
Azetaldehyd auftrat, mit alleiniger Ausnahme der Versuche mit Shiga Kruse-
schen Ruhrbazillen, die auch sonst kleine Mengen davon erzeugen.
IL Festlegung der Aldehydstufe bei der Essiggärung. Verf.
verfügten über zwei sehr geeignete Essigbildner, Bact. ascendens und Bact.
pasteurianum, in außerordentlich wirksamen Kulturen, die selbst in Gegenwart
von CaCOg Alkohol in etwa 20 Tagen zu rund 90% ^^ Essigsäure über-
zuführen vermochten. Bei diesen gelang es nun, in Gegenwart von Di-
natriumsulfit, besser von Kalziumsulfit, verhältnismäßig beträchtliche Mengen
Azetaldehyd nachzuweisen.
Carl Neuberg und Julius Hirsch. Über den Verlauf der alkoholischen
Gärung bei alkalischer Reaktion. II. Gärung mit lebender Hefe in
alkalischen LösungiBn. Biochem. Zeitschr. 96, S. 175 — 202.
Zusammenfassend werden die bisherigen Versuche von Neuberg und
seinen Mitarbeitern wiedergegeben, die eine Änderung des Gärverlaufes zu-
nächst bei zellfreier Gärung, dann aber auch ebenso bei Gärung durch lebende
Hefe durch Gegenwart von Alkalisatoren erwiesen haben. Bei Verwendung
von Sulfiten, die auch inzwischen von Connstein und Lüdecke (Ber. Dtsch.
Chem. Ges. 52, S. 1385; C. 1919, IV, S. 461) zur industriellen Darstellung
von Glyzerin benutzt wurde, steigt die Ausbeute an Azetaldehyd mit der
Referate 123
Konzentration jener, parallel damit auch die Kurve des Glyzerins. Daß die
Bildung des Aldehyds diejenige des Glyzerins bedingt, nicht umgekehrt, wird
auch daraus gefolgert, daß jene auch nachweisbar ist bei Bakteriengärungen,
wo von Glyzerinerzeugung keine Rede ist (Neuberg und Nord, Biochem.
Zeitschr. 96, S. 138, 158; vorsteh. Reff.). Bei dieser Wirkung der Sul-
fite ist das alkalische Medium nicht die ausschlaggebende Be-
dingung, da der gleiche Erfolg auch mit neutral reagierenden Sulfiten zu
erreichen ist, vielmehr die Affinität der Sulfite zum Aldehyd. Trotz-
dem wirken die Sulfite und die übrigen alkalisch reagierenden Salze wesens-
gleich. Verwendet man z. B. NagCOg, so tritt nach kurzer Zeit auch Azet-
aldehyd auf; er verschwindet aber wieder ziemlich rasch. Es ergab sich jetzt
durch eingehende Prüfung, daß in bikarbonatalkalischer Lösung Essigsäure
das volle Äquivalent für die auftretende Glyzerinmenge abgibt. Durch Oxy-
dation, etwa aus Alkohol oder dem intermediär entstandenen Aldehyd, kann
sie nicht entstehen, da der ganze Vorgang sich anaerob in COg-Atmosphäre
vollzieht. Wohl aber kann sie neben Alkohol aus je 2 Mol. Aldehyd durch
die Reaktion von Cannizzaro entstehen. Dafür sprechen in der Tat die
Mengenverhältnisse, der einzelnen Produkte bei allen völlig ausgegorenen
Ansätzen, bis zu 0,75-molekularer Konzentration von NaHCOg. Die Gärung
vollzieht sich demnach unter diesen Bedingungen zum Teil entsprechend
folgenden Endgleichungen :
«) CyHiaO, = CgHgOg -\- COa -f CHg • CHO,
/y) CHg . CHO + Va HoO z= V, aHg • OH -j- Va CH3 • CO.,H.
Es zeigte sich noch, daß die Hefe fertig zugesetzten Azetaldehyd in
bikarbonatalkalischer Lösung weit vollkommener und schneller umzusetzen
vermag als in dem gewöhnlichen sauren Medium. ■— Bei allen angeführten
Vorgängen, wie auch bei den phytochemischen Reduktionen spielt stets der
Azetahlehyd eine wichtige Rolle. Sie sind als wesensgleich zu betrachten
unter dem Gesichtspunkte, daß eine von außen kommende zugefügte Ver-
bindung den Aldehyd aus der normalen Reaktionsfolge drängt, den „Gärungs-
wasserstoff" auf sich ablenkt, also zu einer Hydrierung verwendet und als
ein entsprechendes Oxydationsäquivalent so Azetaldehyd übrig läßt. Bei der
Bildung von Glyzerin handelt es sich um die ähnliche Verwendung des
„Gärungswasserstoffs" durch einen inneren Akzeptor.
H. Euler und 0. Svaiiber^. Eiizymatische Studien über Zuckerspaltung^eii.
Zeitschr. f. physiol. Ch. 105, S. 187—239.
Es wurde für die alkalische Gärung bei genau gemessener und konstant
gehaltener Alkalinität (ph = 8) das Verhältnis von gegorenem Zucker zu
entwickelter COg und gebildetem Alkohol festgelegt; es ergab sich, daß bei
einer Oberhefe und einer Torula Alkohol und COg in äquivalenten Mengen
entstehen, und zwar wurden für beide -Produkte bei zahlreichen Versuchen
X 24 Referate
im Mittel die. Werte 30 — 33 "/y vom vergorenen Zucker gefunden. Glukose
und Fruktose, sowie Invertzucker werden auch^bei pn = 8 gleich schnell ver-
goren, dagegen zeigt Mannose eine etwa 80 °/o geringere Gärungsgeschwindig-
keit. 'Galaktose wird auch in schwach alkalischer Lösung nur in sehr ge-
ringem Grade angegriffen. Rohrzucker wird annähernd mit der gleichen Ge-
schwindigkeit vergoren wie Glukose, während Maltose nicht angegriffen wird.
Diese Tatsachen beruhen darauf, daß von den hydrolysierenden Enzymen
wohl die Invertase, nicht aber die Maltase beipn = 8 wirksam ist, obwohl
die optimale Azidität der Maltasewirkung nach dem Befund von Michaelis
und Rona näher dem Neutralpunkt liegt als diejenige der Invertase. Die
Rohrzuckerinversion wurde durch Zurückdrängen der Gärung mittels Toluol-
zusatz bis pn = 8,5 quantitativ verfolgt. Bei geringerer Alkalinität wurde
keine Hemmung beobachtet.
Die Wirkung von Giften auf die Hefegärung ist in alkalischer Lösung
vielfach eine andere als bei normaler Azidität, besonders wo sich Unter-
schiede zwischen den Wirkungen der Ionen und der nichtdissoziierten Mole-
küle geltend machen. Chloroform bedingt bei einer Konzentration von ca.
0,2 7o keine Aufhebung der alkalischen Gärung, bei Zugabe von 0,02 o/o je-
doch eine Aktivierung. 1 7o Azetaldehyd bedingt wie in saurer, so auch in
alkalischer Lösung eine beträchtliche Hemmung. Laktat, das bei normaler
^Azidität eine Beschleunigung hervorruft, bedingt bei pn = 8 keine Änderung
des Gärungsvorganges. Ebenso verhält sich Chloressigsäure. Zusatz von
Adrenalin und Schilddrüsenextrakt war ohne Einfluß. 1% Anilin
verroindert die Gärkraft der Hefe um ca. 75 ^o- Pyridin ist bedeutend
weniger wirksam. 1,1 7o Salizylat verursacht eine geringe Beschleunigung,
bei normaler Gärung jedoch eine starke Hemmung. Resorzin vermindert
die Aktivität bei pn ;:= 9 wie unter normalen Bedingungen auf etwa ^/^.
Ähnlich verhält sich Phenol. Ohne deutliche Wirkung ist 1,5 und
0,5 7o Na.,S203. Eine bei Zimmertemperatur aus der Hefe SB II hergestellte
Trockenhefe verhielt sich bei pn = 8 im wesentlichen ebenso wie frische
Hefe. Der Zuwachs der Zellenzahl wurde bei folgenden Konzentrationen
aufgehoben : Frohbergunterhefe B bei pn = 7,7 — 8,0, Brennereioberhefe SB II
bei Ph == 7,3 und 8,4, Sacch. ellipsoideus bei pn := 7,9, Pseudosacch. apicu-
latus bei pn = 7,6. Eine Gewichtsvermehrung ließ sich bei der Oberhefe SB,
auch noch bei der Alkalinität pn = 8,5 nachweisen. Für eine Frohberg-
unterhefe H wurde die vollständige Kurve der Aziditätsempfindlichkeit auf-
gestellt und das Optimum bei pn = 5 gefunden.
J. Giaja. Ruft lebende Hefe die Ter^ärung des Zuckers allein durch
ilire Zyniase hervor? C. r. soc. de biologie 82, S. 804 — 806.
Die großen Unterschiede in der Gärkraft lebender Hefe und der mit
Toluol versetzten Hefe können ihre Erklärung nicht in der Zerstörung von
Referate 125
Zymase durch das Endotrypsin finden; wenigstens spricht hiergegen der Ver-
lauf der Aktivitätsverminderung bei Zusatz von Toluol zu auf der Höhe der
Tätigkeit befindlicher Hefe. Auch die Annahme von Pringsheim, daß die
Behandlung mit Toluol die Berührung des Zuckers mit der Zymase hindere,
erklärt die Erscheinung nicht; denn sie tritt ebenso bei Hefe auf, die mit
dem Verdauungssafte von Helix pomatia behandelt und dadurch nach früheren
Feststellungen des Verfs. für die Einwirkung der Umgebung völlig offen ist.
F. Czapek. Zum Nachweis von Lipoiden in Pflanzenzellcn. Ber. Dtsch.
Bot. Ges. 37, S. 207—16.
Verf. nimmt den Begriff „Lipoide" rein physikalisch-chemisch, er ver-
steht darunter Substanzen, die bei gewöhnlicher Temperatur flüssig sind,
sich in organischen Lösungsmitteln mehr oder weniger leicht lösen, in Wasser
unlöslich sind. Den Lipoiden werden die in Wasser leicht löslichen Zell-
inhaltsstoffe als „Hydroide" gegenübergestellt. Als Reagens verwendet Verf.
eine mit einem fettlöslichen Farbstoffe versetzte Amylenhydrat - Pyridin-
mischung, die er folgendermaßen herstellt: Zu 8 Teilen destilliertem Wasser
kommen 2 Teile Amylenhydrat und 1 Teil Pyridin. Die Flüssigkeit klärt
sich nach kurzem Schütteln. Dann übergießt man damit Sudan III, schüttelt
gut durch und läßt bei Zimmertemperatur etwa 1 Stunde stehen, worauf
filtriert wird. Gut verschlossen hält sich die Lösung wochenlang. Frische,
vom anhängenden Wasser möglichst befreite Objekte kommen für 1 Stunde
bei Zimmertemperatur in ein gut schließendes Fläschchen mit „AP-Sudan"-
Reagens. Schnitte werden, ohne vorher mit einem anderen Medium in Be-
rührung zu kommen, direkt in die AP- Sudanlösung eingelegt. Aus der Farb-
lösung kommen die Präparate für einige Minuten in destilliertes Wasser zum
Auswaschen des Amylenhydrats. Beobachtet wurde in Glyzerin. Die AP-
Sudanpräparate halten sich monatelang unverändert.
Tersuclie mit Sudanhirse für Brauz wecke. Bull. Imperial Inst. Lond. 17,
S. 22—31.
Die Hirse, das Korn von Sorghum vulgare, eignet sich nach Unter-
suchungen von Briant und Harman für Brauzwecke, besonders zur Streckung
der Gerstenvorräte. Die Mälzung erforderte, verglichen mit Gerste, noch
mehr Aufmerksamkeit als diese, da der Hirse die äußere schützende Hülle
fehlt. Das Malz war ziemlich milde und aromatisch. Die diastatische Kraft
nach Lintner betrug 240, der Wassergehalt 3,2 ^o» ^^ kaltem Wasser lösliche
Substanz 12,6 7o- — Briant und Harman rösteten gemälzte und ungemälzte
Hirse mit befriedigendem Resultate; die Ausbeute entsprach der für Gerste.
Geröstete Hirse wurde zum Brauen von Porter verwendet, und zwar
durften aus geschmacklichen Gründen für 10 Teile Gerste nur 7 Teile Hirse
genommen werden; der Charakter des Bieres wui'de nicht verändert. Ge-
röstete gemälzte Hirse hatte zwar einen guten Geschmack, aber Extrakt-
126 Referate
gehalt und Farbwert waren zu gering. Helles Malz hatte einen ausge-
zeichneten Gesckmack, jedoch war auch hier der Extraktgehalt zu gering,
die Verff. glauben aber, hier noch zu besseren Erfolgen zu kommen. —
Hirseflocken können Maisflocken sowohl in der Brauerei als auch ganz
allgemein bei der menschlichen Ernährung ersetzen, sie eignen sich besonders
zur Herstellung von Pale Ale. — Aus Hirse gewonnene Glukose gab dem
Bier, besonders bitteren Sorten, einen entschieden besseren Charakter als
Invertzucker. Bei der Herstellung von Glukose empfehlen Verff., die Stärke
eine Stufe weiter abzubauen, so daß feste Glukose an Stelle des Malto-
Dextrintypus entsteht.
R. V. Hoeßlin. Zur Geschichte der Preßhefe. Brennereiztg. 36, S. 8362 — 63.
Es wird über den Vorläufer des Lufthefeverfahrens, das sogen. Malz-
oder Schwetzingerhefeverfahren berichtet. Diese Industrie entstand aus den
obergärigen Bierbrauereien, statt Bier wurde Hefe und Alkohol gewonnen.
A. Zscheile. Mitteilungen über Preßhefefabrikation. Brennereiztg. 36,
S. 8351
Die Hefeindustrie ist augenblicklich gezwungen, die für ihre Zwecke
wenig geeignete Raffineriemelasse und Zuckersirup zu verarbeiten. Es konnte
nicht erreicht werden, daß die brauchbare Rohzuckermelasse für das ganze
Jahr zur Verfügung gestellt wurde. Die in diesem Jahre gelieferte auffällig
stark karamelisierte Melasse ergibt trotz normaler Klärung und Milchsäuerung
eine dunkle bis schwarze Hefe. Durch Zusatz von „Blankit" genanntem
Natriumhydrosulfit, 0,1 7o auf das Melassegewicht, beim Aufkochen der Me-
lasse und darauf folgendes Ansäuern mit H2SO4 erzielt man Bleichung.
Stark karamelisierte Melasse bedingt schlechte Hefeausbeute. Auch Zucker-
sirup, der meistens einen höheren Zuckergehalt als Melasse hat und sich
deshalb vorzugsweise zur Herstellung von Alkohol eignet, verursacht wegen
seines geringen N-Gehaltes Schwierigkeiten bei der Verarbeitung auf Hefe.
Der fehlende organische N muß durch (NH4)2S04 ausgeglichen werden, wo-
durch das Verhältnis zwischen anorganischem und organischem N ungünstig
verschoben wird. Ferner entstehen Schwierigkeiten durch den Mangel an
sauren, organischen Salzen. — Beim Zusatz vdn Superphosphat im Überschuß
entsteht eine sich schlecht pressende, wenig haltbare Hefe. — Verf. empfiehlt
Malzkeime nicht nur zur Herstellung von Anstellhefe zu verwenden, sondern
auch zur Herstellung von Versandhefe, um deren Qualität und Ausbeute
günstig zu beeinflussen. Gegen die Herstellung einer gut ernährten Stell-
hefe ist an sich nichts einzuwenden. Da die Stellhefe mit einer niedrigeren
Ausbeute als die Versandhefe gewonnen wird, so ist N genügend vorhanden,
besonders, wenn die Hefe über Getreide herangeführt wird, und man braucht
den N-Gehalt der Gärwürze nicht durch erhöhte Zugabe von Malzkeimen zu
vergrößern.
Referate 127
Julius Muxcl. Die Anwendung: der Ozontechnik auf die Luftliefe-
fabrikation. Brennereiztg. 36, S. 8363.
Verf. wendet sich gegen den Angriff von G — e (Brennereiztg. 36,
S. 8295; C. 1919, IV, S. 501), er ist jederzeit bereit und imstande, seine in-
folge der guten Erfahrungen gemachten Mitteilungen praktisch zu beweisen.
Alexander Janke. Die Betriebsökononiie in der Gärungsessigindustrie.
2. Teil: Überoxydation. Dtsch. Essigind. 23, S. 183—85, 193—95, 207—9.
216—18, 223—25.
F. Rothenbaoh. Heiße Güsse bei der Schnellessigfabrikation* Dtsch.
Essigind. 23, S. 239—40.
Da sich in allen Fällen, wo heiße Güsse, sei es von Wasser, Essig,
Maische oder Denaturat, angewendet werden, die Verhältnisse schwer über-
sehen lassen, ist unter allen Umständen eine genaue Betriebskontrolle nötig;
•Alkohol- und Säurebestimmungen müssen täglich ausgeführt werden. Handelt
es sich lediglich darum, die Späne zu reinigen und von schädlichen Orga-
nismen zu befreien, so ist es richtiger, die Späne auszudampfen, als mit
Güssen heißen Wassers zu behandeln.
Alexander Backhaus, Berlin. Verfahren zur Herstellung von Speisewürze,
(D.R.P. 303994, Kl. 53 i von 1917, ausgeg. 1919.)
dadurch gekennzeichnet, daß entfettete und entbitterte Getreidekeime mit
Säure bebandelt und hierauf der kombinierten Einwirkung von proteolytischen
Fermenten und Hefe unterworfen werden. Durch diese kombinierte Be-
handlung werden die Eiweißstoffe gelöst, die Stärke fermentiert, der Zucker
vergoren und außer besser resorbierbaren Nährstoffen die Bildung der ge-
wünschten Geschmacksstoffe erreicht. Die besonderen Eigenschaften des
Rohmaterials bedingen es, daß die Einwirkung von Hefe und Ferment eine
weit bessere Wirkung auf die Getreidekeime ausübt, als wenn man diese
z. B. der Einwirkung von Säure aussetzt, um eine Spaltung der Eiweißstoffe
bis zu den Aminosäuren herbeizuführen. Die Wirkung wird durch die
Temperatur und die Einwirkungszeit der Fermente usw. geregelt, eine zu
weitgehende schädliche Zersetzung wird durch Abbruch der Fermentierung
verhütet, z. B. durch Erhitzung zwecks Abtötung der Fermente und Hefen.
Das Produkt wird filtriert und zu dickflüssiger, pastenförmiger oder fester
Konsistenz eingedampft.
Patentanm. 6 a, 1. N. 16812. Verfahren zum Entfernen von Testinsäure
und deren Verbindungen aus Gerste, Zus. z. Anm. Nr. 16521. Nathan-
Institut A.-G., Zürich, Schweiz. 1917.
Patentanm. 6a, 19. N. 16521. Verfahren zum Wiederbrauchbarmachen
entarteter Brauereihefe. Nathan-Institut A.-G., Zürich, Schweiz. 1916.
128 Referate
Patentanm. 6b, 8. N. 16750. Yerfahreii zum Kochen von Maische oder
Bierwürze unter Druck. Nathan-Institut A.-G., Zürich, Schweiz. 1917.
Patentanm. 12a, 3. H. 75066. Ein- und mehrteilige Blase für Destillier-
und Rektifizierapparate. Fa. R. Hübner, Züllichau, Mark. 1918.
E. Tahlen. Über Metabolin und Antibolin aus Hefe. Ztschr. f. physiol.
Ch. 106, S. 133—77.
Die früher aus Rinderpankreas dargestellten Albuminoide, Metabolin
und Antibolin, welche die alkoholische Gärung des Zuckers positiv bezw.
negativ zu beeinflussen imstande sind, konnten auch aus Hefe gewonnen
werden. Die Substanzen sind adt der aus Pankreas isolierten zwar nicht
identisch, zeigen jedoch ähnliche Eigenschaften, namentlich, was ihre positive
bezw. negative k'atalytische Beeinflussung gegenüber der alkoholischen
Gärung anbetrifft.
Hans V. Euler und lugvar Laurin. Verstärkung der Katalasewirkung
in Hefezellen. Zeitschr. f. physiol. Ch. 106, S. 312—16.
Die von Euler und Blix bei einer Oberhefe gefundene Aktivierung der
Katalasewirkung durch Chloroform wurde auch bei Saccharomyces Therman-
titonum nachgewiesen. Dagegen zeigte sich bei dieser Hefe keine Akti-
vierung durch Temperaturerhöhung. Die gefundenen Aktivierungen der
Katalase werden hypothetisch auf eine Änderung des Quellungszustandes des
kolloiden Enzym moleküls zurückgeführt. Durch die Strahlen des Sonnen-
lichtes wird die Wirkung der in den lebenden Zellen enthaltenen Katalasen
in kurzer Zeit geschwächt, feine Aktivierung konnte jedoch nicht erzielt
werden. Rötgenstrahlen beeinflussen die Katalasewirkung der lebenden
Hefe nicht.
H. V. Euler und Olaf Svanberg. Saccharasegehalt und Saccharasebildung
in der Hefe. Zeitschr. f. physiol. Ch. 106, S. 201—48.
Die ältere Literatur über Saccharasebildung wird besprochen und zum
Teil durch Neuberechnung an die Angaben der neuen Literatur angeschlossen.
Die Inversionsfähigkeit der Hefe (Inv.) läßt sich innerhalb gewisser Grenzen
Inversionskonstanten k x g Rohrzucker
durch den Ausdruck Inv. = ^^—n ni ^ aus-
Zellenzahl
drücken. Und zwar gilt diese Definition innerhalb der Grenzen 0,4 — 2 g
Hefe (Trockengewicht 30 ^o) 8 — 16 g Rohrzucker, beides per 100 ccm Lösung.
Für zwei, seit 1911 und 1917 bearbeitete Hefen wurde die bemerkenswerte
Konstanz der Saccharasewirkung bei gleicher Vorbehandlung festgestellt: es
ergab sich für Unterhefe H: Inv. = 10 + 2-10-12; Oberhefe SB: 3,0
+ 0,5 • 10— 12_ Neben einer Übersicht über die Inversionsfähigkeit 7 ver-
schiedener Hefen wird für eine Hefe H ein ausgesprochenes Temperatur-
Optimum der Saccharasebildung zwischen 26 und 30*^ festgelegt. Von etwa
Referate 129
35° an zeigt die Hefe keine Saccharasebilrlnng mehr. Die Saccharasebildung
ist stark von der Azidität der Lösung abhängig. Das Maximum der Enzym-
bildung fällt mit dem Optimum der Wirksamkeit der Saccharase recht nahe
zusammen. Besonders ist zu bemerken, daß einerseits bei höherer Azidität
als Ph ^ 2 eine zeitliche Zerstörung der Saccharase sich geltend macht, und
andererseits noch bei pn = 6 — 7 eine kräftige Enzymbildung von etwa 90 °/o
der bei optimaler Azidität beobachteten eintritt. Der Saccharasegehalt
frischer, lebender Hefe wird durch mehrstündiges Auswaschen mit Leitungs-
wasser von etwa 10'' nicht geändert. — Die Saccharase Wirkung wurde in
allen Versuchen in der Weise ermittelt, daß die zu prüfende Hefe (25 ccm
einer wässerigen Aufschlämmung) bei Zimmertemperatur (17 — 18^) direkt
mit einer Zuckerlösung (4,8 g in 25 ccm Wasser) versetzt wurde, die durch
Zusatz von KH2PO4 (10 ccm einer 4proz. Lösung) auf die für die Tätigkeit
dieses Enzyms optimalen pn Bedingungen gebracht wurde. Elektrometrische
Kontrollbestimmungen an den Reaktionsmischungen ergaben als pn-Zahlen 4,
2—4, 4.
F. Riedel. Kalkofengase zur Kohlensäuredüiigung. Tonind.-Ztg. 43,
S. 607—10, 619—20.
Verf. hat mit großem Erfolg die Kohlensäure der Kalkofengase zu
Düngezwecken verwandt. Er baute in unmittelbarer Nähe von Kalköfen
Gewächshäuser, die mit landwirtschaftlich wichtigen Kulturpflanzen bestellt
wurden. Das eine Haus erhielt durch Rohrleitung COg zugeführt, bis zu
1 7ü? das andere erhielt keine CO2- Zuführung. Auch eine Freiluftanlage
wurde geschaffen; eine Versuchsfläche wurde im Viereck mit gelochten
Zementröhren eingefaßt, aus denen dauernd Kohlensäureabgase entwichen;
die Verteilung wurde der Luftströmung überlassen. In allen Fällen zeigte
sich, daß unter dem Einfluß der CO^ weit üppigeres Wachstum, früheres
Reifen, doppelter bis vierfacher Ertrag festzustellen war. Vorbedingung ist,
daß die Kalkofengase frei von pflanzenschädlichen Bestandteilen, besonders
SO2, sind, eine Bedingung, die übrigens leichter durchzuführen ist, wenn man
Kalköfen verwendet, bei denen nicht Kalk und Kohle gemeinsam erhitzt
werden, sondern der Brennstoff für sich allein vergast wird. Verf. empfiehlt,
allenthalben Versuchsanlagen einzurichten, und verspricht dem Verfahren eine
große Zukunft.
Gerlach. Kohlensäuredünguiig. Mitt. d. D. L. G. 1919; Sep. v. Verf.
Verf. kann sich für den Vorschlag, die Kohlensäure zu Düngezwecken
auszunutzen, nicht erwärmen. Zweifellos hat zugeführte CO, einen Einfluß
auf die Entwicklung der Pflanzen, docti sei der Übertrag zu gering, um im
Freiland irgend welche Rentabilität der Zuieitungskosten zu sichern. Für
Treibhäuser sei das Verfahren aussichtsreicher, doch fehle es dort an ge-
nügendem Licht zur Assimilation der zugeführten COg. Somit steht Verf.
auf Grund seiner eigenen Versuche der Frage sehr skeptisch gegenüber.
Zeitsuhr. f. teuhu. Biologie, Bd. Vlll. y
130 Referate
J. Klein. Chemie in Küche und Haus. 4. Auflage. Leipzig 1919. 8.
119 S. 1,60 Mk.
R. Mansfeld. Hilfstabelle (nach Windisch) zur Beurteilung des Yergärungs-
g^rades in untergärigen Brauereien. München 1919. 12. 81 S. 2 Mk.
Horace B. Speakinan. Die Erzeugung von Azeton und Butylalkohol
durch ein bakteriologisches Verfaliren. Journ. Soc. Chem. Ind. 38, T.,
S. 155—61.
Um dem Bedarf an organischen Lösungsmitteln, insbesondere Azeton,
während des Krieges genügen zu können, sind Versuche gemacht worden,
es durch Gärung zu erzeugen, weil hierfür Rohstoffe in genügender Menge
zur Verfügung stehen würden. Verf. beschreibt an Hand von Abbildungen
die maschinelle Einrichtung des Verfahrens, das nach mannigfachen Versuchen
in der British Acetonesplant in Toronto, Canada, seit Mai 1916 ausgeführt
wird, soweit die Darstellung der Maische, das Kochen der Maische, Abkühlen
und Vergären in Frage kommt. Als Rohstoff dient Mais. Es hat sich ge-
zeigt, daß zur Erzielung befriedigender Ergebnisse folgende Versuchsbedin-
gungen streng eingehalten werden müssen: 1. Die Maische muß sorgfältig
ganz gleichmäßig durch Bewegung hergestellt werden. 2. Die Maische muß
dann vor dem Impfen in einem Gefäße, das einem Drucke von wenigstens
10 Pfund widersteht, sterilisiert werden. 3. Die Maische muß schnell und
unter aseptischen Bedingungen auf die Gärtemperatur abgekühlt werden.
4. Die Gärung muß in einem sterilen Kessel vor sich gehen, und 5. alle
Verbindungsstücke und -röhren, durch die die Maische geht, müssen ebenfalls
ständig steril gehalten werden.
A. Naigele. Das Bier in der Medizin. Wchschr. f. Brauerei 36, S. 226—28.
In Form eines Sammelreferats wird über das Ansehen des Bieres bei
unseren Vorfahren als Arznei berichtet. Es werden auch einige Rezepte zur
Herstellung besonderer Arten von Bier angegeben. Die Araber benutzen
noch heute das Bier als Medizin, indem sie damit gefüllte Flaschen in den
heißen Sand verscharren und so lange liegen lassen, bis es die Säure von
unserem Essig erhält: dann ist es reif und wird als Stuhlmittel gegen Skorbut
und als Einreibung angewandt. Einzelheiten müssen im Original nach-
gelesen werden.
E. Duutze. Zunahme oder Abnahme des Alkoholgelialts in Spirituosen
im Verlaufe mehrjaliriger Lagerung. Korrespondenz der Abt. f. Trink-
branntwein- und Likörfabrikation am Inst. f. Gärungsgewerbe, Berlin 10,
Nr. 3, S. 2—3.
Bei umfangreichen Whiskylagerungsversuchen und einem kleinen La-
boratoriumsversuch wurde festgestellt, daß extraktarme Spirituosen mittleren
Referate j 3 1
Alkoholgehalts, in frischen Fässern unter normalen Verhältnissen gelagert,
zuerst durch Aufnahme von Wasser aus der Faßwandung im Gehalt an Al-
kohol abnehmen, bis zwischen Faßwandung und Flüssigkeit ein Ausgleich
im Gehalt an Alkohol stattgefunden hat, was etwa 1 Jahr lang dauerte.
Dann steigt der Gehalt an Alkohol bei normaler Lagerung in trockenen
Kellern; in sehr feuchten Kellern oder bei häufiger Besprengung der Fässer
mit Wasser vermindert sich der Gehalt an Alkohol. Bei Likören mit hohem
Extraktgehalt findet bei längerer Lagerung in jedem Falle eine Abnahme des
Gehalts an Alkohol statt.
P. Liiidner. über Bukettblklung bei (lärungen uud Uragärungen;
Wchschr. f. Brauerei 3(», S. 223—24; Ztschr. f. Spiritusind. 42, S. 285—86.
Auf eine Anfrage, ob bei Umgärung^ kleiner elsässischer Weine, die an
sich wenig Bukett haben, eine Bukettbildung infolge Verwendung von Preß-
hefe stattfinden könnte, äußerte sich Verfasser dahin, daß die Bukettbildung
nicht so sehr von dem Rohmaterial, als von den Gärungsorganismen abhängig
ist, und .daß wiederum bestimmte Umstände bei demselben Gärungserreger
eine bald stärkere, bald schwächere Bukettbildung bedingen. Die Umgärungs-
preßhefe könnte eine solche sein, die an und für sich zur Fruchtätherbildung
neigt, sie könnte aber auch sehr N-arm sein und daher bei der Gärung in
Rohrzucker reichlich Leuzin, Tyrosin usw. aus ihrem Eiweiß abspalten und
so zu Fuselöl- bezw. Bukettbildung Veranlassung geben; sie könnte ferner
wilde Hefe, wie Saccharomyces fragans (vergl. Beijerinck- Henneberg,
Zeitschr. f. Spiritusindustrie 25, Nr. 58) oder eine fruchtätherbildende Kahm-
hefe beigemischt enthalten. Auch könnte durch Herausnahme von zu viel N
bei der Hauptgärung des Weines oder durch höhere Temperaturen bei der
Umgärung eine erhöhte Bukettbildung durch die Hefe veranlaßt werden.
Ferner erinnert Verf. an den von ihm entdeckten Weinbukettschimmel,
Sachsia suaveolens, der auf Malz würzen ein liebliches Weinbukett er-
zeugt, sowie an die Malton wein gärung.
Louis J. Riley. Dumpfigkeit von Tabak. Journ. Soc. Chem. Ind. 38,
T., S. 171—72.
Sie wurde hervorgerufen durch ungleichmäßige Behandlung des Tabaks
bei der Zubereitung und durch Pilz Wachstum. Durch zu starkes Erhitzen
wurde die Fermentierung des Tabaks infolge Zerstörung der Fermente be-
einträchtigt und Pilzwachstum befördert, das durch milde Fermentierung
verhindert wird. Es zeigte sich, daß Nikotin in Mengen von 0,52 und 0,79 7o
das Wachstum von Penicillium glaucum, in Sporenform überimpft, hinderte,
während es, in vegetativer Form in vollem Wachstum angewendet, erst durch
1,29 und 2,44 7q Nikotin am Wachstum gehindert wird. Schimmel in vege-
tativer Form muß also einen Stoff absondern, der der starken Toxizität des
Nikotins entgegenzuwirken vermag.
9*
132 Heferate
G. W. Müller. Über Calaiidra granaria. Zeitschr. f. angew. Entomologie
5, S. 814.
Verf. berichtet von einer Infektion mit Calandra granaria (schwarzer
Kornwurm), die nur in der Weise erfolgt sein kann, daß die Käfer mit den
Körnern ausgesät wurden, worauf die jungen Larven die Ähren befallen
haben; eine Infektionsart, die bisher noch nicht beobachtet wurde.
Beijerlnek. Oidiuni laetis, der Milchschiiiiiiielpilz und eine einfache Me-
tliode der Reinzucht von Anaeroben mit seiner Hilfe. Koninkl. Akad,
van Wetensch. Amsterdam, Wisk. en Natk. Afd. 27, S. 1989—97.
•Zur Reinkultur von Oidium empfehlen sich angesäuerte Malzextrakt-
oder Bouillonglyzerinplatten. Die Säure verhindert das Wachstum der Heu-
bazillen. Die Kulturen halten sich nur einige Monate. Gelatine und Agar
werden durch das Pilz Wachstum nicht angegriffen. Gärung und Gasbildung
treten nicht auf. Als Stoffwechselprodukte werden nur Wasser und COg,
keine wachstumschädlichen Stoffe gebildet. Als Nährstoffe für Oidium können
nur dienen Hexosen, besonders Glukose, Lävulose und Mannose, ebenso
Äthylalkohol, Glyzerin. Nicht angegriffen oder assimiliert werden Stärke-
mehl, Maltose, Rohrzucker, Raffinose, Milchzucker, Mannit. Es fehlen also
im Schimmelkörper Enzyme wie Diastase, Maltoglukase, Invertase, Laktase
und Glukoseenzyme, die nicht nachgewiesen werden konnten. Durch das Fehlen
der Enzyme ist Oidium ein gutes Reaktiv zum Nachweis dieser in Teilen
höherer Pflanzen nach auxanographischen Methoden. Fette werden durch
ein Exoenzym durch Lypolyse gespalten, daher das ständige Vorkommen in
der Milch. Milchschimmelpilze bildeten einen guten Ausgangsstoff zur Ge-
winnung von fettspaltenden Präparaten- Mit Ausnahme der Nitrate und
Nitrite, sowie der unveränderten Eiweißstoffe werden die häufigeren N-Ver-
bindungen glatt assimiliert bei Gegenwart von genügend C Quellen. Günstig
wirken NH^-Salze und Harnstoff. Peptone und höhere Aminosäuren werden
nur bei guter C-Nahrung nennenswert angegriffen. Der Pilz kann zum
Nachweis von Glykogen dienen. Schwach saure Reaktion ist dem Wachstum
günstig. Milchsäure wird oxydiert. Molybdän- und Wolframsäuren werden
in Glukose -Bouillon -Agar zu blauen Oxyden reduziert. Die Salze dieser
Säuren werden in neutralen Nährböden ebenso wenig wie von Alkoholhefe
angegriffen.
Anwendung des Milchschimmelpilzes zur Reinkultur der
Anaeroben. Die bisherigen Methoden ohne -oder mit Hilfe von ver-
zehrenden Pilzen befriedigen nicht. Es wird empfohlen, eine Petrischale mit
der Anaerobenkultur umgekehrt in eine größere Schale zu stellen, die einen
Malzextrakt-Agarnährboden mit kräftig wuchernden Oidiumkulturen enthält,
welch letztere die letzten 0-Reste absorbieren. Die beiden Kulturen bleiben
getrennt. Da Oidium keine stäubenden Sporen entwickelt, findet eine Ver-
unreinigung des Untersuchungsmaterials niclit statt. Besonders eignen sich
Referate 133
für dieses Verfahren Kulturen von Buttersäure- und Butylalkoholgärungs-
pilzen, deren Leben die Entwicklung von H und CO, verursacht. Butter-
säuregärung entsteht aus einem Brei von gemahlenem Roggen oder Weizen
oder geriebenen Kartoffeln, nach Abstumpfung mit CaCOg und kurzer Er-
wärmung auf 90—100*^ und zweitägiger Digestion bei 30—40". Für die Ein-
leitung der Butylalkoholgärung geht man aus von geschälter Gerste oder
Kartoffelbrei, der auf 80" erwärmt ist. — Aus den Buttersäuregärpilzen ließen
sich so isolieren Amylobacter (Granulobacter) saccharobutyricum und A. (G.)
pectinovorum. Aus Butylalkoholgärungen ließen sich isolieren A. (G.) bu-
tylicum und eine bisher unbekannte, nicht schleimabscheidende Art. Auch
für die Kultur von Sarcina ventriculi bei 30 — 37" und der Bakterien der
Eiweißfäule kann Oidium benutzt werden. Als Nährboden für letztere
empfiehlt sich Fleischbrüheagar mit 0,5—1,0 "/o NaCl unter Umständen mit 2 "/o
Glukose. Das Verfahren eignet sich ferner für die Reinzucht der fakultativ
anaeroben Bacterium aerogenes und B. coli, sowie von Bacillus- acidi urici,
der Harnsäure vergärt zu CO2, Aramoniumazetat und Ammoniumkarbonat.
A.-Ch. HoUaiide. Pathogeiie Hefeforuien im Blute von Acridiuiii (Ca-
lopteiius Italiens L.). C. r. d. l'Acad. des sciences 168, S. 1341 — 44.
Im Blute von Exemplaren dieser Heuschrecke, das dann milchig, nur
zuweilen gelblich erschien, fand Verf. reichlich eine Hefeform. Die Tiere
starben schnell, und durch Überimpfung ihres Blutes ließ sich bei nicht
infizierten Tieren der gleichen Art die Krankheit leicht erzeugen. Ebenso
ließ sie sich auf Psophus stridulus L. übertragen, auf andere Orthopteren
nicht. Der Parasit läßt sich auf verschiedenen Nährböden weiterzüchten. In
Serumkulturen sieht .man neben Formen, die denjenigen im Blute gleichen,
größere, von denen feine Myzelfäden, zuweilen mit Scheidewänden, ausgehen;
diese treten bei Überimpfung auf Zuckeragar zurück, während sie auf
Sabouraudschem Glukosenährboden die Oberhand gewinnen. Die Frage, ob
es sich um Entwicklungsformen desselben Parasiten oder um zwei ver-
schiedene handelt, konnte noch nicht entschieden werden.
Jean Dnfrenoy. Über die parasitären Krankheiten der Prozessionsraupen
der Pichten von Arcaehon. C. r. d. l'Acad. des sciences 168, S. 1345—46.
Die Raupen von Cnethocampa pityocampa werden befallen von zwei
Tachinarien, von Bakterien, die den Darm befallen — Bact. pityocampae und
einem Streptococcus — und von den Muscardinen Beauveria globulifera und
einer anderen Beauveriaart, Penicillium, Spicaria farinosa. Die Beauveria-
arten scheinen am geeignetsten zu einer biologischen Vernichtung der Raupen.
C. Sauvageau und Louis Moreau. Über die Ernährung des Pferdes mit
Meeresalgen. C. r. d. l'Acad. des sciences 168, S. 1257 — 61.
Bericht über Fütterungsversuche, aus denen hervorgeht, daß Fucus
serratus und Laminaria flexicaulis eine ausgezeichnete Nahrung bilden mit
1 34 Referate
dem einzigen Nachteil, daß sie anfangs von den Pferden ungern genommen
werden. Nachdem Gewöhnung eingetreten ist, wirken sie als Unterhalts-
und Arbeits nahrung und verbessern sie anscheinend auch die Assimilation
des gewöhnlichen Futters.
Hartiiack. Beobachtuiigeii über Räude- und RotzbekämpfuiijE^ im besetzten
Gebiete. Dtsch. tierärztl. Wchschr. 27, S. 377—78.
Während die Franzosen bei der Räudebehandlung von den Gaszellen
ziemlich allgemeinen Gebrauch machen, wenden die Engländer und Ameri-
kaner fast ausschließlich Räudebäder an. Die Zusammensetzung dieser Bäder
ist folgende: 13 Pfund Kalk werden mit 26 Pfund Schwefelblume gemischt
und etwa 90 1 kochendes Wasser unter ständigem Rühren zugefügt. Man
läßt das Ganze ca. 3 Stunden kochen. Im Bade wird dazu dann noch so
viel Wasser zugegossen, daß man 500 1 erhält. (Zur Behandlung der Schaf-
räude wird die Flüssigkeit nur halb so konzentriert hergestellt.) Im ganzen
gehen in ein Bad etwa 15000 1. Es muß bei 40—42^, ja bis 45° Wärme
angewandt werden. Zur Rotzbekämpfung wenden Amerikaner und Franzosen
Mallein vom Pasteurschen Institut in Paris an. Das Mallein soll 2^21^8.1
stärker sein, als das in Deutschland zur Konjunktivalprobe verwandte.
Patentanm. 6a, 15. H. 72450. A'orrichtung zum A erhindern oder Be-
seitigen der Schaumbildung, insbesondere bei der Lufthefefabrikation;
Zus. z. Anm. H. 71257. Robert von Hoeßlin, Ratibor, 0. S. 1917.
Patentanm. 6 a, 15. R. 46722. A erfahren zur Gewinnung von Hefe aus
Rübenablauf- und Preßwasser oder anderen zuckerhaltigen Flüssigkeiten.
Otto Reinke, Braunschweig. 1918.
Carl Neuberg und Elsa Reinfurth. Weitere Untersuchungen über die
korrelative Bildung von Azetaldehyd und Glyzerin bei der Zucker-
spaltung und neue Beiträge zur Theorie der alkoholischen Gärung.
Ber. Dtsch. Chem. Ges. 52, S. 1677—1703.
Die Festlegung der Aldehydstufe durch Anwendung von Sulfit, früher
nur an obergäriger Hefe nachgewiesen, wurde jetzt auch bei Verwendung
von Unterhefen festgestellt. Schwierigkeiten entstanden durch deren ge-
ringere Widerstandsfähigkeit gegen Alkalisatoren, konnten aber durch Ver-
wendung von Kalziumsulfit oder anderen neutral reagierenden Sulfiten großen-
teils beseitigt werden. Aus dem Umstände, daß auch mit neutralen Sulfiten
wie auch mit Gemischen von NagSOg mit H3PO4 bezw. NaH2P04, wobei so-
gar schwach saure Reaktion bestand, Azetaldehyd und Glyzerin in dem be-
kannten korrelativen Verhältnis entstehen, ergibt sich, daß die Alkalinität
des Mediums für diesen Vorgang nicht ausschlaggebend ist, sondern lediglich
die von den Sulfiten verursachte Fesselung des Azetaldehyds. Sie wird von
den Sulfiten ganz allgemein bewirkt, auch von den unlöslichen, was ferner
Referate 135
beweist, daß osmotische Vorgänge bei der Erscheinung nur eine unter-
geordnete Rolle spielen dürften. Die Anwendung von CaSOg hat auch die
Ausdehnung des Abfangverfahrens auf intermediäre Stoffwechselvorgänge von
gegen alkalisches Medium oder gegen höhere Konzentration an löslichen
Salzen empfindlichen Älikroorganismen ermöglicht. Von anderen Sulfiten
wurden noch diejenigen von Sr, Ba, Be, Mn, Fe, Pb, AI, Bi, Th und U mit
mehr oder weniger gutem Erfolge geprüft.
Mit Rücksicht auf die Möglichkeit, daß die Triosen als Zwischen-
produkte der Gärung auftreten könnten, wurde deren Verhalten gegen Hefe
in Gegenwart von CaSOg geprüft. Aus Dioxyazeton wurde zwar mehrfach
Azetaldehyd erhalten, aber in keinem bestimmten Verhältnis zum gleichzeitig
gebildeten Glyzerin. Beim Glyzerin aldehyd war in einwandfrei verlaufenen
Versuchen eine Veränderung überhaupt nicht mit Sicherheit nachzuweisen. —
Bei Selbstgärung der Hefe unter dem Einflüsse von Sulfit konnte ebenfalls
im allgemeinen keine wesentliche Bildung von Azetaldehyd nachgewiesen
werden. — Schließlich gelang es durch Verwendung von CaS03 statt des
früher verwendeten NajSOg auch bei Vergärung der Brenztraubensäure eine
wesentlich höhere Ausbeute an Aldehyd zu erreichen. — Es wird im Anhang
ein Weg beschrieben, Anwendung und Wirkungsart des Abfangverfahrens in
wenigen Minuten (als Vorlesungsversuch) vorzuführen.
Verein der Spiritiisfabrikanteu in Dentschland, Berlin, A'erfahren der
Preßhefefabrikation unter A erwendung von zuckerfreien oder zucker-
armen Würzen (D. R. P. 314163, Kl. 6 a von 1913, ausgegeben 1919; Zus.-
Pat. zu Nr. 310461. — C. 1919, H, S. 273),
a) dadurch gekennzeichnet, daß zum Anstellen der zuckerfreien oder
zuckerarmen Würzen Mischhefekulturen, insbesondere Mischungen von
Brennerei und Kahmhefe verwendet w^erden. — Die Kohlenstoff- und Eiweiß-
quellen, die der einen Hefe nicht zugänglich sind, werden von der anderen
verwertet und die Vermehrung der Hefe wesentlich beschleunigt. Ein den
Malzkeimen nahekommender Rohstoff ist die Schlempe des Brennereigewerbes,
insbesondere auch die Schlempe der Hefefabriken, die nach dem Wiener Ver-
fahren arbeiten, sowie die Schlempe der Lufthefefabriken.
b) (D.R. P. 314164, Kl. 6a von 1913, ausgegeben 1919; Zus.-Pat. zu
Nr. 310461. — C. 1919,. H, S. 273), dadurch gekennzeichnet, daß die voll-
ständige oder möglichst vollständige Überführung des Zuckers der Würze
in zur Hefegewinnung dienende Säure dadurch bewirkt wird, daß der Würze
zur Bindung der Säure Alkalien zugesetzt werden, oder die Säure durch
Alkalien während der Säuerungsperiode von Zeit zu Zeit abgestumpft wird.
— Nach beendeter Säuerung wird die gebundene organische Säure (Milch-
säure) durch anorganische Säuren in Freiheit gesetzt und die Flüssigkeit nach
entsprechender Verdünnung nach dem Verfahren des Hauptpatentes- zur Hefe-
züchtung verwendet.
]^36 Referate
c) (D.R. P. 314165, Kl. 6a von 1913, ausgegeben 1919; Zus.-Pat. zu
Nr. 810461. — C. 1919, II, S. 273), dadurch gekennzeichnet, daß die bei der
Getreidestärkefabrikation abfallenden Säfte oder direkt mehl haltigen Stoffe
der Säurung unterworfen werden, in letzterem Falle jedoch unter Erhaltung
der darin enthaltenen Stärke in ihrem natürlichen ungelösten Zustande, da-
mit sie von der milchsauren Flüssigkeit getrennt und für sich gewonnen
werden kann. — Die abfallende Flüssigkeit kann nach durchgeführter Säuerung
nach dem Verfahren des Hauptpatentes auf Hefe verarbeitet werden, wenn
darauf gesehen wird, daß die Säfte in nicht zu dünner Form gewonnen werden.
d) (D. R. P. 314166, Kl. 6a von 1915, ausgegeben 1919: Zus.-Pat. zu
Nr. 310461. — C. 1919, II, S. 273), 1. dadurch gekennzeichnet, daß dem ge-
säuerten Material Zucker und anorganische Ammoniumsalze in solcher Menge
zugesetzt werden, daß die zum Verzehr gelangende Milchsäure durch die
freiwerdende Mineralsäure ersetzt wird. — 2. Ausführungsform des Verfahrens
nach Anspruch 1, dadurch gekennzeichnet, daß ein Gemisch von Zucker und
anorganischen Ammoniumsalzen auf der einen und milchsauren Salzen auf
der anderen Seite zur Hefezüchtung benutzt wird, so daß die freiwerdende
Mineralsäure sich mit der Base des milchsauren Salzes verbindet und Milch-
säure für die Hefe freimacht.
Kriegsausschuß für pflauzliche und tierische Ole uud Fette, G. m. b. H.,
Berlin, Verfahren zur Anreicherung an Fett im sonst nicht Haut
bildenden Hefen (D. R. P. 307789, Kl. 53h von 1917, ausgegeben 1919),
1. dadurch gekennzeichnet, daß mit Hilfe eines Diaphragmas die Hefe künst-
lich an der Oberfläche der Nährlösung gehalten wird. ^- 2. Bei dem Ver-
fahren nach Anspruch 1, die Anreicherung der Nährflüssigkeit mit Sauerstoff
als Gas oder im status nascens. — Durch das Diaphragma werden die Hefe-
zellen von der Zuckerlösung so getrennt gehalten, daß letztere hefefrei bleibt,
und die Hefe wächst so, als ob sie eine Decke bildete. Um auch für die
unteren Lagen der breiigen Hefeschicht für die Fettbildung genügend Sauer-
stoff zur Verfügung zu haben, wird die Zuckerlösung vor dem Gebrauch
kräftig gelüftet oder mit Wasserstoffsuperoxyd oder Persalzen versetzt.
MüUer-Thurgau. Einwirkung von Stickstoffzusätzen auf die (iärung von
Obstweinen. Ber. d. Schweiz. Versuchsanstalt f. Obst-, Wein- u. Gartenbau
in Wädenswil 1915/16, S. 467; Bied. Zentralbl. f. Agrik.-Ch. 48, S. 204—5.
Es wurde festgestellt, daß durch Zusatz von Salmiak zu gerbstoff-
reichen Obstsäften, die langsam gären oder in der Gärung stecken blieben,
die Gärung beschleunigt oder zu Ende geführt werden kann. Diese Förde-
rung zeigte sich bei allen Obstsäften, während bei Traubensaft ein Einfluß
durch die genannten Zusätze nicht zu erkennen war. Obstsäfte gären immer
langsamer als Traubensäfte; nach den vorliegenden Untersuchungen kann
angenommen werden, daß in vielen Fällen neben einer ungünstigen Be-
Referate 187
schaffenheit der Hefeflora auch der Mangel an Stickstoffnahriing- daran schuld
ist, an dem die Obstsäfte durchweg- leiden im Gegensatz zu den Trauben-
säften, die reich sind an solchen, für Hefe assimilierbaren Stickstoff Verbindungen.
C. Aiiisworth Mitchell. Malzbeschräiikuiigeii und die GsHigiiidustrie.
Journ. Soc. Chem. Ind. SS, R. 99—100.
Es werden kurz die Einwirkungen der Beschränkung des Bezuges von
Malz in der Gärungsessigindustrie erörtert, deren wichtigste darin besteht,
daß die Hersteller den Essig nicht mehr einige Monate lagern lassen konnten,
sondern bereits kurze Zeit nach der Gärung versenden mußten. Infolgedessen
waren die Essigbakterien noch nicht abgestorben und verursachten selbst in
ganz klarem Essig bald Trübungen und Niederschläge und bei auch nur ge-
ringem Luftzutritt eine schnelle Abnahme des Gehaltes an Essigsäure. Nach
Verfassers Erfahrungen kann eine Abnahme um 0,5 ^o ^^ 1 oder 2 Tagen
eintreten. Selbst jetzt, wo diese Beschränkungen gefallen sind, ist es schwer,
das erforderliche Malz zu erhalten, weshalb es noch geraume Zeit dauern
wird, bis die Fabriken wieder abgelagerten, reifen und in seinen Eigenschaften
wieder beständigen Essig liefern können.
Patentanm. 6a, 15. E. 21908. Verfahren der Hefegewmuung ohne Zusatz
stickstoflPlialtiger Nährstoffe zur Nährlösung. Georg Eichelbaum, Char-
lottenburg. 1916. Angemeldet 1919.
H. Colin und A. Chaudun. Über das Wirkungsgesetz der Sukrase. Ein-
fluß der inneren Reibung auf die Hydrolysengeschwindigkeit.
C. r. d. l'Acad. des sciences 168, S. 1274—1275.
Die Verf. haben früher gezeigt, daß die Hydrolysengeschwindigkeit bei
einer unteren Grenze des Verhältnisses Saccharose : Sukrase aufhört, mit dem
Zuckergehalt zu wachsen. Wenn man andererseits die Saccharosekonzentration
vermehrt, so vermindert sich die Geschwindigkeit. Bei einer 10 — 20 proz.
Lösung ist diese Verzögerung schon recht merkbar. Eine systematische
Untersuchung ergab nun, daß die Hydrolysengeschwindigkeit der Fluidität
der Lösung proportional ist, wenn die Saccharose im Verhältnis zum Enzym
im Überschuß vorhanden ist. Einige Versuche bestätigen diese Gesetzmäßigeit.
J. Giaja. Gebrauch der Fermente für das Studiuni der Zellphysiologie.
Die ihrer Membran beraubte Hefezelle. C. r. soc. de biologie 82,
S. 719—20.
Helix pomatia hat einen Darmsaft, der die aus Kohlenhydraten be-
stehende Membran der Hefezelle aufzulösen vermag, Eiweiß jedoch nicht
spaltet. Man kann auf diese Weise membranfreie Hefezellen darstellen und
die Bedeutung der Membran für gewisse Prozesse der lebenden Hefe stu-
dieren. Toluoleinwirkung beraubt die der Membran beraubte Zelle ihrer
fermentativen Kraft genau so wie die mit Membran versehene; es kann sich
138 Referate
also dabei nicht, wie man bisher annahm, um eine Wirkung des Toluols auf
die Zellmembran handeln. Im übrigen ist die zuckervergärende Kraft der
membranlosen Hefe gegenüber der der normalen Zelle nicht beeinträchtigt.
Vor allem bleibt die Fähigkeit zur Atmung erhalten, soweit sich aus der
starken Reduktionsfähigkeit gegenüber Oxyhämoglobinlösungen erkennen läßt.
Groß-Hardt. Praktisclie Yersuclie mit dem neuen Räudemittel „Neguvon".
Berl. tierärztl. Wochenschr. 1919, Nr. 17.
Neguvon ist eine Flüssigkeit von kampferartigem Geruch und stellt
eine Kombination synthetisch gewonnener hochmolekularer Ketone dar.
Zwecks bequemer Verteilung auf dem Körper der Pferde ist dem Mittel ein
geringer Prozentsatz eines fettartigen Stoffes zugesetzt. Das Präparat hat
sich sowohl im Laboratoriumsversuch wie in der Praxis als gutes Räude-
mittel erwiesen.
Johannes Kerb. Über den Verlauf der alkoholischen Gärung bei Gegen-
wart von kohlensaurem Kalk. Ber. Dtsch. Chem. Ges. 52, S. 1795 — 1806.
Entgegen den Angaben von Fernbach und Schön konnte bei Verwen-
dung deutscher ober- und untergäriger Hefen aus Rohrzucker in Gegenwart
von CaCOg keine Spur Brenztraubensäure erhalten werden. Die Zucker-
spaltung verlief hinsichtlich der Ausbeute an Alkohol normal; es wurde nur
die Menge des Aldehyds unbedeutend gesteigert, und diejenige der flüchtigen
Säuren (Essigsäure) vermehrt. Die Ergebnisse von Fernbach und Schön
lassen sich vielleicht so erklären, daß durch die Tätigkeit verunreinigender
fremder Erreger unter dem begünstigenden Einfluß des CaCOg eine Milch-
säuregärung stattgefunden hat und die Milchsäure dann zu Brenztraubensäure
oxydiert wurde.
F. Boas. Die Bildung löslicher Stärke im elektiven Stickstoff-Stoffwechsel.
Ber. Dtsch. Botan. Ges. 37, S. 50—56.
Bei einer bestimmten Wasserstoffionenkonzentration bildet Aspergillus
niger aus zahlreichen C-Verbindungen in der Nährlösung lösliche Stärke. Die
Leichtigkeit der Ausführung und die große Empfindlichkeit der Jodprobe
auf lösliche Stärke ist ein sehr bequemes Mittel, den elektiven N-Sto ff Wechsel
zu verfolgen. Demi wenn in einer Zuckerlösung z. B. neben Aminosäuren
NH4CI verbraucht wird, steigt infolge Freiwerdens der stark dissoziierten
Salzsäure die H-Ionenkonzentration sehr rasch, und die Bedingungen der
Bildung löslicher Stärke sind gegeben. Aus der Intensität der Jodreaktion
läßt sich dann auch ein Schluß auf die Größe der Verarbeitung von NH4CI
ziehen. — 1. Verhalten freier Ammoniumsalze nebeneinander.
NH4CI wirkt im Stoffwechsel infolge des Auftretens der stark dissoziierten
Salzsäure bald sehr schädlich (Säurevergiftung). Andere Ammoniumsalze, wie
das Phosphat, Citrat, üben keine nennenswerte Säurewirkung aus, sind un-
giftige N-Quellen, die wegen der geringen Dissoziation der entstehenden
Referate 139
Säuren niemals die zur Bildung von löslicher Stärke nötige Menge aktueller
Säure liefern. In Ammoniurasalzgemischen, von denen der eine Bestandteil
NH4CI ist, tritt nun immer lösliche Stärke auf. Es wird also stets das
schädlich wirkende NH^Cl verarbeitet, das unschädliche Aramoniumsalz (Citrat
oder Phosphat) mehr oder weniger beiseite gelassen. — 2. Aminosäuren
und Peptone neben NH^Cl. Auch in diesem Falle wird stets lösliche
Stärke gebildet, d. h. das schädliche NH^Cl den unschädlichen N-Verbindungen
vorgezogen. — Säureamid (Harnstoff) neben NH^Cl. Während Harnstoff
seiner Lipoidlöslichkeit wegen eigentlich leichter in die Zellen eindringen
sollte, wird doch das lipoidunlösliche NH^Cl dem Harnstoff vorgezogen. —
Nach diesen Versuchen scheint also in Gemischen von N-Verbindungen ver-
schiedener Dissoziation die Größe der Dissoziation ausschlaggebend für die
Aufnahme in die Zellen zu sein, also das stärker dissoziierte NH4CI bevorzugt
zu werden. Von einer Regulation der Aufnahme durch den Pilz kann keine
Rede sein, die Aufnahme erfolgt rein zwangmäßig nach physikalisch-chemi-
schen Eigenschaften.
F. Boas. Selbstvergiftung- bei Aspergillus uiger (Ber. Dtsch. Botan. Ges.
37, S. 63—65)
durch NH3 läßt Sich leicht beobachten, wenn der Pilz in einer Lösung von
5 °/o Maltose -|- 2 7o Harnstoff neben den nötigen Mineralsubstanzen kultiviert
wird. Mit Maltose bildet Aspergillus nämlich weniger Oxalsäure, als z. B.
mit Saccharose, so daß die durch Spaltung des Harnstoffs entstehenden
NHg-Mengen nicht völlig neutralisiert werden. A^ißerdem liefert die Selbst-
verdauung der Pilzdecke alkalisch reagierende Substanzen. Bemerkenswert
an diesen Versuchen ist der Mangel an Selbstregulation. Der Pilz erzeugt
zwar das harnstoff spaltende Enzym, muß aber dann dessen Wirkungen über
sich ergehen lassen, was in kurzer Zeit zum Tode führt.
E. Roubaud. Die Besonderheiten der Ernährung und das symbiotische
Leben bei den Tsetsefliegen. Ann. Inst. Pasteur 23, S. 489 — 536.
Beobachtungen über die Funktion des Ernährungsapparates bei den
Glossinen in den verschiedenen Alters- und Entwicklungsstufen haben Verf.
dazu geführt, die Erscheinungen als Folgen eines Vorganges zu betrachten,
der in einer Symbiose mit gewissen hefeartigen Organismen besteht. Diese
leben im Darm der Tsetsefliegen und finden sich auch bei den pupiparen
Stechfliegen. Die Arbeit gibt mit zahlreichen Abbildungen die Beobach-
tungen wieder.
H. Will. Beiträge zur Kenntnis der Haltbarkeit der „Dünnbiere" (Kriegs-
biere) in biologischer Hinsicht. Zeitschr. f. ges. Brauw. 42, S. 191 — 93.
Dünnbiere setzen im allgemeinen frühzeitig ab. Außerdem tritt häufig
ein Schleier auf, der in den unteren Partien der Probe beginnt. Der Schleier
"1 40 Referate
beschränkt sich entweder auf die unteren Partien, oder er nimmt von unten
her zu und breitet sich allmählich über das ganze Bier aus. Weniger häufig
wird die gesamte Bierprobe gleichzeitig verschleiert. Eine gesetzmäßige Be-
ziehung zwischen der Schnelligkeit der Absatz-Bildung und der Schnelligkeit,
mit welcher ein Schleier von unten her auftritt, besteht nicht. Die von
unten her beginnende Schleier-Bildung ist hauptsächlich durch wilde Hefen
verursacht. Zweifellos können Dünnbiere hergestellt werden, die selbst sehr
strengen Anforderungen an die Haltbarkeit gerecht Averden; sie sind „sehr
haltbar". Dem Durchschnitt entsprechen diese Biere jedoch nicht, vielmehr
solche, bei denen früher oder später ein Schleier auftritt. Den praktischen
Verhältnissen entspricht es, Dünnbiere, bei denen Schleier-Bildung spät auf-
tritt und bis zum 14. Beobachtungstag wieder verschwindet, als „haltbar"
zu bezeichnen. Als haltbar sind auch noch Dünnbiere zu bezeichnen, bei
denen Schleier-Bildung spät auftritt und während der 14tägigen Beobachtungs-
zeit nicht völlig verschwindet. Dünnbiere, bei denen frühzeitig, vor dem
6. Tag, ein Schleier sich bildet, später aber wieder verschwinden kann, sind
als „schlecht haltbar" zu bezeichnen. Für die Begutachtung der Haltbarkeit
der Dünnbiere wird es auch vollständig genügen, wenn die Beobachtung nur
auf sechs bis sieben Tage ausgedehnt wird. Die Erfahrung muß lehren, ob
die auf diese Normen gestützte Begutachtung, im besonderen die für „halt-
bar" aufgestellte, aufrecht erhalten werden kann. Trifft das zu, so würde
damit bewiesen sein, daß die Haltbarkeit der Dünnbiere besser ist als der
Ruf, der ihr vorausging. Voraussetzung für die Herstellung tadellos haltbarer
Dünnbiere ist die Verwendung von Reinhefe und eine strenge Reinlichkeits-
pflege. Nicht nur größere, sondern auch kleinere Betriebe können, wie aus
den Aufzeichnungen des Verfs. hervorgeht, jenes Ziel erreichen.
Verein der Spiritiisfabrikaiiteii in Deutscliland, Berlin. Verfahren der
Herstellung von Futterhefe (D. R. P. 299649, Kl. 53 g, von 1915, aus-
gegeben 1919),
darin bestehend, daß Zuckerlösungen mit menschlichem oder tierischem Harn
gedüngt und nach dem Verfahren der Lufthefefabrikation auf Hefe ver-
arbeitet werden. Die Hefe ist imstande, die stickstoffhaltigen Bestandteile
des Harns ohne weiteres zur Ernährung zu verwerten. Je nach der ver-
schiedenen Art der Ernährung oder der Herkunft des Harns kann auch eine
Ergänzung der Nährstoffe durch Hinzufügung von Mineralsalzen (z. B.
Phosphorsäure, Kalk) zweckmäßig sein. Man kann auch so verfahren, daß
der Harn zunächst einer Bakterien gärung unterworfen wird zwecks Über-
führung der stickstoffhaltigen Stoffe des Harns in kohlensaures Ammonium.
Dem Harn wird die notwendige Menge von Zucker zugesetzt, durch Ver-
säuerung des Zuckers oder Zusatz einer Säure wird der nötige Säuregrad
gegeben. Die Flüssigkeit wird nach Verdünnung mit Hefesaat versehen und
auf Hefe verblasen. Jede Art von Zucker kann als Zusatz verwendet werden,
Referate 14X
insbesondere auch Melasse oder süße Maische aus Brennereien, auch Abfall-
stoffe gewerblicher Betriebe, z. B. in Brauereien ein durch Kochen mit
Schwefelsäure gewonnener Trebe'rauszug oder in Brennereien eine mit
Schwefelsäure verzuckerte Schlempe, in Stärkefabriken durch Schwefelsäure
invertierte Abfallstärke. Der Fabrikationsvorgang vollzieht sich innerhalb
20 Stunden, so daß die z. B. in einem Viehstall täglich abfallende Harnmenge
innerhalb 20 Stunden in Futterhefe umgewandelt werden kann, um dem Tier-
körper wieder zugeführt zu werden.
Hans Blüclier. Leipzig-Gohlis, und Erust Krause, Berlin-Steglitz, Verfahren
zur Formung- pulverförniiger Massen (D. R. P. 314544, Kl. 75 b von 1916,
ausgegeben 1919),
dadurch gekennzeichnet, daß die Vereinigung des Preßpulvers bei der Ab-
formung des Originals unter höherem Druck, bezw. höherer Temperatur,
bezw. höherer Temperatur und höherem Druck geschieht gegenüber der An-
wendung den gleichen Maßnahmen bei der Abformung der Matrize. — Die
Patentschrift enthält Beispiele für die Anwendung von Mischungen aus Hefe
und Formaldehyd oder aus Kühlschifftrub , gequollener Leimsubstanz und
Formaldehyd.
Verein der Spiritus-Fabrikanten in Deutschland, Berlin, Verfahren zum
Niederschlagen von Hefe aus vergorenen Flüssigkeiten, insbesondere
den vergorenen Würzen der Lufthefefabrikation (D. R. P. 300664, Kl. 6 a
von 1915, ausgegeben 1919),
dadurch gekennzeichnet, daß man den hefehaltigen Würzen nach Beendigung
des Hefewachstums Alkali bis zum Eintritt schwach alkalischer Reaktion
zusetzt. — Die Hefe ballt sich hierbei zusammen und trennt sich durch Ab-
setzen vollständig von der Würze.
Ernst Kirchner. Insekten als Papiermacher. Wchbl. f. Papierfabr. 50,
S. 2606—8.
Forstrat Sihler - Biberach a. d. Riß erkannte in der Gespinstmotte aus
der Familie der Motten Tineidae Hyponomeuta evonymellus ein papier-
ähnliches Gebilde erzeugendes Insekt Die Motte überzieht gelegentlich
ganze Stämme des Traubenkirschbaumes mit einem papierähnlichen Gewebe.
Das Gewebe ist von hellgelber Farbe und seideähnlichem Glanz und besitzt
eine sehr große Reißfestigkeit und große Dehnbarkeit. Eine technische Ver-
v^^endung ist in Rücksicht auf die Seltenheit derartiger Gev^ebe ausgeschlossen.
Franz Härder. Geht bei der Gärung Alkohol verloren? Wchschr. f.
Brauerei 36, S. 277—79.
Die bei der Gärung des Bieres verloren gehende Menge Alkohol ist so
gering — 0,001 '^/q bei der Hauptgärung von 130 hl Würze in einem Tank
— , daß sie für den Praktiker überhaupt nicht und für den Chemiker nur
142 Referate
theoretisch von Interesse ist. In der Brennerei und auch bei der Gärung
des Weines wird der höhere Verlust an Alkohol wohl hauptsächlich durch
die höheren Gärtemperaturen begünstigt. Ob auch in der Brauerei höhere
Temperaturen, z. B. bei obergärigen Bieren, einen höheren Verlust an Alkohol
bedingen, müßte durch weitere Versuche festgestellt werden.
A. Wohl und S. Scherdel. Die Hefegewiuuung; unter Verweuduuf»- von
Ammoniunisalzen. Brennereiztg. 36, S. 8379.
Verff. stellen die seit dem Jahre 1915 erörterte Frage klar, wem für
die Erkenntnis der Ersetzbarkeit des organischen N durch anorganische
Stickstoffsalze in wirklich ausführbaren Grenzen und für die praktische Durch-
führung dieser Erfindung zur Preßhefefabrikation die Priorität zukommt.
Sie nehmen dieselbe für sich in Anspruch. Die grundlegenden Versuche
haben Verff. Anfang 1913 ausgeführt und dann auf ihre praktische Durch-
führbarkeit in einer Lufthefefabrik geprüft. Das Vei fahren wurde dann am
15. Januar 1915 zum Patent angemeldet (vgl. D. R. P. 310580; C. 1919, II,
S. 358), unverzüglich dem Verbände deutscher Preßhefefabrikanten bekannt-
gegeben und auf seinen Wunsch in Dresden vorgeführt. Die nach dem Ver-
fahren erzielte Hefe hat außer den anderen die wertvolle Eigenschaft, ohne
Schädigung ihrer Brauchbarkeit weiter gezüchtet werden zu können. Sie
kann also immer wieder als Anstellhefe Verwendung finden, so lange, bis
durch natürliche Degeneration, wie sie auch bei den früher üblichen Ver-
fahren eintritt, eine Erneuerung stattfinden muß.
Hans Landmark. Terwendung von Algen (Meergräsern, Tang) als
Nahrungsmittel für das (Barmittel bei der Suifitspriterzeugung. Papier-
fabr. 17, S. 1052—55.
Durch Aufschließung von Meergräsern mit verdünnter Säure gehen
Eiweißstoffe in Lösung, und werden die Kohlenhydrate durch Hydrolyse in
gärbaren Zucker übergeführt. Diese können dann als Nährmittel für die
Hefe in der Sulfitsprit-Fabrikation dienen, geben aber auch selbst vergär-
bare Zucker.
H. Wüstenfeld. Auf dem Wege zur Schaffung eines Idealspans für
Schnellessigbildner. Dtsch. Essigind. 23, S. 275—76.
Die Oxydationsleistung bei der Essiggärung ist bei gleichbleibenden,
sonstigen Verhältnissen proportional abhängig von der Größe der Oxydations-
oberfläche. Die Oberfläche im Verhältnis zur Raumeinheit zu vermehren, ist
schon seit längerer Zeit das Bestreben des Verfs. (Dtsch. Essigind. 21, S. 69
und 77; 23, S. 118), jedoch so, daß den Bakterien noch genügend Sauerstoff
und Nährstoffe zur Verfügung stehen; die Folge wird eine Erhöhung der
Alkohol- Verarbeitung sein. Diese Forderung einer relativ größten Oxydations-
fläche erfüllen die Mehrzahl der Essigspäne nicht; sie sind entweder zu eng
Referate 143
gerollt, so daß nur die Außenschicht als Siedelungsstätte für die Bakterien-
zellen in Betracht kommt, oder ihre Rollung ist viel zu weit, was wiederum
eine Raumverschwendung bedeutet. Verf. fand in einer Sendung Essigspäne
von der Firma Aug. Speitel in Lichtenau i. Thür. eine nicht unbeträchtliche
Anzahl von Spänen mit besonderer eigenartiger Anordnung der Windungen.
Die Rollung der Spanfläche war keine gleichmäßige, gebogene Linie, sondern
zeigte zahlreiche Knicke, die Windupgen waren vielfach gebrochen. Der
Vorteil der geknickten Windungen ist der, daß sie kleine Lufträume zwischen
sich fi'eilassen; die gebrochenen Stellen wirken sperrend, halten die Ober-
fläche der Windungen auseinander und verhindern das enge Aneinanderkleben
im durchtränkten Zustande, womit die gewünschte Vergrößerung der Oxy-
dationsfläche erreicht ist. Diese Knicke können durch besondere Messer-
stellung an den Hobeln hervorgerufen werden.
Wüstenfeld. Bewährte Mischungsverhältnisse in Schnellessi^fabrikeu.
Dtsch. Essigind. 23, S. 290.
Verf. hat eine Tabelle ausgearbeitet, die dem Fabrikanten einige der
gebräuchlichsten Maischen für Handbetrieb mit Rückguß, sowie für auto-
matische kombinierte Aufgußweise ohne Rückgußbetrieb ausgibt. Ferner
gibt die Tabelle die aus dem Mischungsverhältnis von Denaturat, Essig und
Wasser errechnete, annähernde prozentuale Zusammensetzung der leichten
Maische an, auch enthält sie Summen der Alkohol- und Säureprozente der
Maischen, die als „Wirkungswert" bezeichnet worden sind und gewissermaßen
die theoretische Ausbeute darstellen sollen. Schließlich gibt die Tabelle die
annähernden Säureprozente an, die man vielleicht aus den betreffenden
Maischen bei normaler ungestörter Bildnerleistung auf einem Bildner erreichen
kann, unter Berücksichtigung eines geringen, etwa 0,2 "^/y betragenden Rest-
Alkohol-Gehaltes im Ablaufessig.
Armin Röhrig. Aus dem Bericht über die Tätigkeit der chemischen Unter-
suchungsanstalt der Stadt Leipzig 1918. Abschnitt Essig. Dtsch.
Essigind. 23, S. 292.
Ein als „Surol" bezeichneter, in Flaschen verkaufter Essig, der einen
Extraktgehalt von 0,94 °/o bei 6 7o Säure hatte, scheint aus Heferückständen
hergestellt zu sein.
J. G. Le Rütte. Der Verderber der Garnelenkonserven und seine Eigen-
schaften. Folia mikrobiologica V, Aufl. 3. Delft, Hygien. Inst. d. Techn
Hochschule. ^
Es ist nicht möglich, Schalentiere und besonders Garnelen durch höhere
Temperaturen zu sterilisieren und haltbar zu machen. Schon nach wenigen
Tagen tritt in der erhitzten Konserve ein übler Geruch und eine Gasbildung
auf, wodurch das Produkt ganz ungenießbar und gesundheitsschädlich wird.
] 44 Referate
Verf. gelang es, als den Erreger dieser Fäulniserscheinungen eine thermo-
stabile Bakterie zu isolieren. Dieselbe stellt ein sprorenbildendes, langes,
schmales Stäbchen dar, dem Verf. den Namen „Bacillus Crangonicus" ge-
geben hat. Über die Morphologie, Färbbarkeit, Sporenbildung, Pathogenität
wird berichtet.
T. R. Die Herstellung des Kuustlioiiigs. (Jhem. techn. Ind. 1919, S. :i
Kurze Besprechung: Die Herstellung besteht in der Hauptsache in»der
Inversion von Rohrzucker mit 0,1 7o Ameisensäure oder 0,05 7o HCl bei 85*^
unter fortgesetztem Rühren. Bleiben 5 "/^ des Rohrzuckers unverändert und
beträgt der Wassergehalt nicht mehr als 20 — 22 ^/^^ so wird feste Ware er-
halten. Zusatz eines Erkennungsmittels, etwa eines unschädlichen Farbstoffs,
wird empfohlen.
A. H. Schädigung- von pharinazeutLschen Präparaten durch Schimmel-
pilze. Pharm. Ztg. 64, S. 650.
Im Glas abgegebene mit Succus und Radix liquiritiae, Mucilago Gummi
arab. lege artis angefertigte Arsenikpillen mit etwa 20 *^/'q Feuchtigkeit waren
nach 8 Tagen durch Wucherungen von Aspergillus glaucus unter Entwicklung
von Diäthylarsin völlig verdorben. Es eifipfiehlt sich, Pillen nur vollständig-
trocken und in Pappschachteln abzugeben.
• •
Gabriel Bertrand und Dassonville. über die Behandlung der Pferdekrätze
mit Dämpfen von Chlorpikrin. C. r. d. l'Acad. des sciences 169, S. 486—89.
Die erkrankten Tiere werden in Räume, aus denen durch eine abge-
dichtete Öffnung der Kopf ins Freie gesteckt wird, den Dämpfen von Chlor-
pikrin (vgl. Bertrand, C. r. d. l'Acad. des sciences 168, 8.742; C. 1919, HI,
S. 294) ausgesetzt. Die Behandlung erfordert nur ^/^ Stunde und ist minde-
stens ebenso wirksam wie die 2 Stunden erfordernde mit SO.,, sehr viel ein-
facher, dadurch auch eine prophylaktische Anwendung erleichternd, und weit
ungefährlicher.
Patentanm. 53h, 1. V 13917. Verfahren zur (Gewinnung fettreicher Pilz-
zellen. Versuchs- und Lehranstalt für Brauerei, Berlin. 1917.
J. Dufrenoj . Die biologischen Reagenzien der Art und die Spezifität der
Parasiten. Rev. gen. des Sciences pures et appl. 30, S. 44^47.
Wie der lebende Organismus feiner als irgendein chemisches Reagens
etwa die optischen Isomeren eines Kohlenhydrats unterscheidet, so eignet er
sich auch vorzüglich dazu, die biochemischen und biologischen Eigentümlich-
keiten jeder Gruppe von Individuen zu offenbaren. Besonders sind es die
Beziehungen zwischen Parasiten und ihren Wirten, die bei der Unterscheidung
von Arten und Unterarten gute Dienste leisten. An einer Reihe von Bei-
spielen führt Verf. dies näher aus.
Referate 145
Albert Rauc. Die Bioenergie und die Theorie der Symbionten von Paul
Portier. Ind. chimique 6, S. 13(5 — 38.
Nach den neueren biochemischen Anschauungen muß die Nahrung dem
Lebewesen alle Calorien liefern, deren es bedarf, ferner aber eine spezifische
Auswahl gewisser Kerne und Molekeln und akzessorische Nährstoffe. Die
neue Theorie Portiers läßt diese besonderen Stoffe als Ergebnis der syn-
thetisierenden Arbeit von Mikroorganismen erscheinen, die normal symbiontisch
in den Zellen der Organismen leben.
0. Schnieil. Lehrbuch der Botanik, unter besonderer Berücksichtigung
biologischer Verhältnisse. 40. Auflage. Leipzig 1919. gr. 8. XV u. 50.5 S.
mit 68 Tafeln (48 koloriert) und Figuren. Halbleinenband. 9,50 Mk.
E. Straßburger, u. a. Lehrbuch der Botanik für Hochschulen. «14., um-
gearbeitete Auflagn, bearbeitet von H. Fitting, L. Jost, H. Schenck und
G. Karsten. Jena 1919. gr. 8. VIII und 669 S. mit 833 zum Teil farbigen
Abbildungen. 18 Mk.
Verein der Spiritusfabrikanten in Deutschland, Berlin, Verfahren der
Preßhefefabrikation unter Verwendung- von zuckerfreien oder zucker-
arnien Würzen (D. R. P. 314330, Kl. 6a von 1914, ausgegeben 1919, Zus.-
Pat. zu Nr. 310461; C. 1919, II, S. 273)
a) gekennzeichnet durch die Verwendung von Schlempe der Melasse-
brennereien, eventuell nach erneuter Säuerung, als Rohstoff. — Zwecks Ge-
winnung einer an (für die Hefe verdaulichen) Stickstoffsubstanzen reichen
Schlempe wird das Hefewachstum während der Gärung durch Anwendung
von hochkonzentrierten Melassemaischen beschränkt. Es ist hierbei nicht
nötig, daß die Vergärung vollständig ist. da der verbleibende Zucker der
nachfolgenden Hefegewinnung auf dem Wege über die Milchsäure zu-
gute kommt.
b) (D. R.P. 314331, Kl. Oa von 1914, ausgegeben 1919; Zus.-Pat. zu
Nr. 310461; C, 1919, II, S. 273), dadurch gekennzeichnet, daß für die Hefe-
vermehrung als zuckerfreie oder zuckerarme Züchtungsflüssigkeit gesäuerte
Säfte oder Waschwässer der Kartoffelstärkefabrikation zur Verwendung ge-
langen. — Die Säfte und Waschwässer enthalten neben Zucker noch Amide.
Lühder. Verarbeitung von Wruken. Zeitschr. f. Spiritusind. 42, S. 343.
Bei der alleinigen Verarbeitung von Wruken treten in der Hefenführung
infolge des niedrigen Extraktgehaltes der Wrukenmaische insofern Schwierig-
keiten auf, als es bisher nicht gelang, in dem säuernden Hefengut einen ge-
nügenden Säuregrad zu erzielen, der für die Reinheit der Gärung im Hefen-
satz und in der Hauptmaische nötig ist. Die Verhältnisse liegen ähnlich wie
bei der alleinigen Verarbeitung von Zuckerrüben. Abgesehen von diesen
betriebstechnischen Schwierigkeiten ist aber auch aus wirtschaftlichen Gründen
Zeitschr. f. techn. Biolog^ie, Bd. VIII. ia
146 Referate
die >eine Wrukenverarbeitung unrationell. Bei einer täglichen Verarbeitung
von 50 Zentner Wruken erzielt man 100 1 Alkohol, während die gleiche
Menge Kartoffeln täglich 275 — 300 1 Alkohol ergibt. Dabei sind die Un-
kosten für Arbeitslöhne, Feuerung usw. dieselben. Vom betriebstechnischen
und wirtschaftlichen Standpunkt ist das beste Verhältnis eine gemeinsame
Verarbeitung von Wruken und Kartoffeln, und zwar einer Mischung beider
Früchte zu gleichen Gewichtsteilen. Außerdem erhält man auf diese Weise'
unter Schonung der knappen Kartoffelvorräte große Mengen Schlempe als
Eiweißkraftfutter . für die Landwirtschaft.
Patentanm. 6b, 10. J. 15786. Verfahren zur Ver^äriiiig: von Snlfitablau^e
u. dergl. Axel Vidar Jernberg, Stockholm, Schweden. 1910.
Patentanm. 53g, 4. 0. 9404. Verfahren zur Herstellung eines Trooken-
futters in Floekenforni. Heinrich Oexmann, Berlin. 1915.
Patentanm. 53 i, 3. B. 82445. Verfahren zur Ueschniacksverbesserung*
von. Nährhefe. Hermann Bollmann, Hamburg. 1916.
Patentanm. 53k, 1. P. 36415. A'erfahren zur Nutzbarmacliung- von Ge-
treidetrebern für die menschliclie F^rnährung. Ferdinand Pfeffermann,
Willi Jeroch, und Kriegsausschuß für pflanzliche und tierische Öle und
Fette G. m. b. H., Berlin. 1918.
K. Krömer. tlber den Volutingelialt der Weinhefen. Landw. Jahrbücher
52, Erg.-Bd. 1, S. 112—13.
Die Versuche des Jahres 1910 werden fortgesetzt. Nachweis von Vo-
lutin durch Färben mit Methylenblau, nach Behandeln der Hefen mit For-
malin; desgleichen durch Austrocknen der Hefen auf dem Deckglas und Ein-
wirkung von Iproz. H2SO4 nach dem Färben. Es konnten auf diesem Wege
Volutinkörper (Nukleinsäureverbindung) in allen Weinhefen nachgewiesen
werden; bestimmte Beziehungen zwischen dem Auftreten des Volutins und
der Gärtätigkeit der Zellen waren wiederum nicht mit Sicherheit festzustellen.
H. V. Euler und U. Brandting. Über den Verlauf der HarnstofFspaltung
durch IJrease. Biochem. Zeitschr. 97, S. 113 — 22.
Entgegen den von Groll gezogenen Schlüssen fanden die Verfasser bei
Versuchen über die Zersetzung des Harnstoffs durch Urease innerhalb mehrerer
Tage und bei Temperaturen von 30 — 40" keinerlei Anhaltspunkte für eine
Periodizität in der Wirksamkeit der Ureaselösung. auch wenn sie vorher
1 Stunde auf 45 bezw. 50*^ erhitzt war. Das von Groll verwertete Zahlen-
material wird einer Kritik unterzogen.
Kochs. Die Einwirkung cheuiischer Konservierungsiuittel auf Schimmel-
pilze. Landw. Jahrb. 52, Erg.-Bd. 1, S. 115—18.
Es wird eine ganze Anzahl von Konservierungsmitteln (Ameisensäure,
synthetische Benzoesäure, Siamharzbenzoesäure, benzoesaures Natrium, Certicyl,
Referate |47
Fahlberg'tabletten, Gedrovantabletten, Megesan alt =: Borformiat, Megesan k
=z Salizylformiat, Mercksche Tabletten, Mikrobin, Metahydrinsäure, Promptol,
Saccharin, schweflige Säure) auf ihre Wirksamkeit geprüft in neutralen und
sauren Rübensäften; es wurde vor allem dabei versucht, die Grenze zu finden,
bei welcher die betreffenden Konservierungsmittel ein Wachstum des Schimmels
zu verhindern vermochten. Auf Zusatz von oi'ganischen Säuren (Wein-, Milch-,
Zitronensäure) wurde die Konservierungsfähigkeit bedeutend gesteigert.
Hans Euler und Iiifj,var Laiirin. Zur Kenntnis der Hefe Saecharoniyces
Therniantitonuui. Biochem. Zeitschr. 97, S. 156 — 69.
An einer aus der Sammlung von Alfr. Jörgensen stammenden Kultui
wurden die folgenden Feststellungen gemacht: 1. Dieinversion.sfähigkeit
bei optimaler Azidität wurde gefunden zu
Xnv = k X g Z ucker _ ^^ ^ ^^_^^
Zellenzahl ' * '
während die entsprechenden Werte für die Unterhefe H und Oberhefe S B II
(10 + 2). 10-12, bezw. (3,0 -f 0,5) . 10-12 sind. — 2. Die Katalasewirkung
ist gegeben durch die für frische Hefe erhaltenen Konstanten (für 0,1 g
Trockengewicht) Sacch. Therm, k • 10^ = 73, SB II k • 10* = 114. Wärme-
aktivierung der Katalasewirkung wurde bei Thermantitonum nicht gefunden,
dagegen Aktivierung durch Toluol und Chloroform (ca. 300 7o? schwächer als
bei SB II). — 3. Die Gärungsgeschwindigkeit bei 35*^ ist bei Ther-
mantitonum für die Einheit der Zellenzahl etwa doppelt so groß als für
SBII, bei 40° ist sie für jene nur wenig von derjenigen bei 35° verschieden,
doch tritt bei dieser Temperatur schon eine Schwächung der Gärkraft ein.
— 4. Der Zuwachs zeigt ein Maximum zwischen 35 und 40°. — Bezüglich
der charakteristischen Temperaturpunkte weicht die untersuchte Kultur er-
heblich von der ursprünglich 1905 von Johnson gezüchteten ab. Vermutlich
ist Anpassung an niedrigere Temperaturen eingetreten, worauf nach einer
Privatmitteilung von P. Lindner auch ähnliche Beobachtungen im Berliner
Institut für Gärungsgewerbe hindeuten.
H. C. Sherman, A. W. Thomas und M. E. Baldwin. Einfluß der Wasser-
stoffionenkonzentration auf die enzyniatische Wirksamkeit von drei
typischen Amylasen. 18. Mitteilung über Amylasen und verwandte En-
zyme. Journ. Americ. Chem. Soc. 41, S. 231 — 35.
Es ergab sich für
Wirksamkeit bei pn Optimum bei pn
Pankreasamylase . . . 5 — 10 ca. 7
Malzamylase .... 2,5 — 9 4,4 — 4,5
Pilzamylase 2,6 — 8 ca. 4,8
Aus den Kurven ergibt sich der größte Einfluß von Elektrolyten, so-
weit er aus der [H'] allein geschlossen werden kann, für die Pankreasamylase,
der geringste für die Pilzamylase.
148 Referate
W. Heym. Ein Schnellfilterungssysteiu. Ztschr. f. Wasservers. 6, S. 67—68.
Verf. beschreibt in allgemein gehaltener Darlegung die Betriebsweise
und die Vorteile seines neuen Filtersysteras, das unter den günstigsten Be-
dingungen die vollkommene Beseitigung aller Verfärbungserscheinungen, die
Neutralisation des natürlichen Säuregehaltes und die Abscheidung aller festen
Bestandteile und gesundheitsschädlichen Bakterien ermöglichen soll.
Maschinenfabrik Arthur Yondran, Halle a. S., Vernichtung von Ungeziefer
aller Art (D. R. P. 302466, Kl. 45 1 von 1917, ausgegeben 1919),
dadurch gekennzeichnet, daß man ihm die zum Leben nötige Körperfeuchtig-
keit durch Anwendung von möglichst trockener Luft entzieht. — Die trockene
Luft wird zweckmäßig unter Druck in einen Behälter eingeführt, der die zu
behandelnden Gegenstände enthält. Durch die Entziehung der Körper-
feuchtigkeit stirbt das Ungeziefer ab.
K. Krömer. A'ersuche über die Verbesserung' der Weingärung durch die
Entschleimung der Moste. Landw. Jahrb. 52, Erg.-Bd. 1, S. 103—4.
Das Entschleimen bewirkt eine ausreichende Verbesserung der Wein-
gärung nicht, wenn die eingebrannten Moste von dem an Gärungsschädlingen
sehr reichem Trüb nicht frühzeitig genug abgezogen und nicht sogleich mit
einer an SO2 angepaßten Reinhefe angestellt w^erden.
K. Krömer. Beobachtungen über Weintrübungen. Landw. Jahrb. 52,
Erg.-Bd. 1, S. 107—12.
Meist entsteht die Trübung der Weine auf dem Flaschenlager durch
die Bildung von Ferriphosphat, früher vielfach als Eiweißgerbstofftrübung
angesprochen; der Nachweis des gebildeten Ferrophosphats gelingt gut, wenn
man durch w^iederholtes Zentrifugieren den Rückstand von allen löslichen
Weinbestandteilen getrennt hat, sowohl auf makro-, wie auf mikrochemischem
Wege. Die genannten Erscheinungen sind auf Absorption von O zurück-
zuführen. Weniger häufig wird die Trübung durch Bildung von Ferritannat
oder durch Organismen hervoi'gerufen. Die Beseitigung der Trübungen ist
nicht leicht, namentlich wenn mehrere der genannten Ursachen vorliegen;
Eisenphosphattrübung beseitigt man durch Zusatz von Tannin und Gelatine;
daneben müssen die Flaschen mit SO,- haltigem Wasser vor dem Umfüllen
ausgespült werden; liegt Organismentrübung vor, so muß filtriert und ge-
schwefelt, unter Umständen sogar pasteurisiert werden.
H. Wüstenfeld. Ist hochprozentige oder niedrigprozentige Betriebsweise
rationeller? Welche gibt die besten Ausbeuten, welche die
größten Verluste? Dtsch. Essigind. 23, S. 298.
Der hochprozentige Betrieb in der Essigfabrikation arbeitet rationeller;
da er nicht so verschwenderisch mit dem Alkohol wirtschaftet wie der niedrig-
Referate 149
prozentige, ergibt weniger Verluste bezw. eine höhere Ausbeute. Der hoch-
prozentige Betrieb arbeitet bei weit niedrigeren Temperaturen der Bildner
und hat infolgedessen eine erheblich geringere Alkohol- und Säureverdunstung.
Ferner kann bei hochprozentiger Arbeitsweise Überoxydation, also die Weiter-
oxydation von Alkohol und Essigsäure zu Kohlensäure, nur schwierig auf-
treten, da die starke Konzentration der Säure den Essigbakterien und den
sonstigen Erregern der Überoxydation die Lebensmöglichkeiten nimmt.
K. Krönier. Die Erhaltung von Gemüsen durch Aufbewaliren in Wasser
nnter Luftabschluß. Landw. Jahib, 52, Erg. Bd. 1, S. 104—5.
Es ließ sich feststellen, daß die Haltbarmachung von geschälten und
geschnittenen Rhabarberstengeln und von Schnittbohnen durch Einlegen in
Wasser unter gewissen Voraussetzungen wirklich Erfolg hat, Enghalsige
Flaschen und sorgfältiger Luftabschluß sind Vorbedingung, damit sich nicht
Kahm- und Schimmelpilze auf den eingelegten Pflanzenteilen entwickeln.
Die konservierende Wirkung ist beim Rhabarber auf den natürlichen Säure-
gehalt, bei den Schnittbohnen auf Milchsäure und deren Begleitstoffe zurück-
zuführen, die im Verlauf eines Gärungsvorgangs entstehen. /
Cr. Lüstner. Prüfung des neuen Konservierungsmittels für Früchte
„Boloform" (Paraformaldehyd) von Dr. Popp, Frankfurt a. M. Landw.
Jahrb. 52, Erg.-Bd. 1, S. 145.
Es gelang mit dem Mittel nicht, Äpfel und Birnen gegen die Angriffe
von Penicillium glaucum zu schützen und seine Weiterverbreitung auf bereits
befallenen Früchten zu verhüten.
W. Töltz. Die Konservierung des Rieselfeldergrases durch Einsäuerung.
Mitt. d. D. L. G. 27, 1918, S. 384.
Die unerläßlichen Bedingungen für eine möglichst verlustlose Sauer-
futterbereitung sind: Absolut wasserdichte (asphaltierte, betonierte, zementierte)
überdachte Gruben, möglichst feste Einlagerung -der einzusäuernden Futter-
massen, guter Luftabschluß durch Bedeckung. Infektion der Silage mit
reinen Milchsäui ekulturen hat sich gleichfalls als sehr zweckmäßig erwiesen.
Das unter den genannten Bedingungen eingesäuerte Rieselfeldergras zeigte
fast gar keine Nährstoff Verluste; die organische Substanz hat sich nur um
ein geringes vermindert, die Verluste an Kalorien waren so gut wie null,
dagegen hat eine weitgehende Spaltung der Eiweißkörper stattgefunden.
Das Eiweiß wurde teils in Amidsubstanz, teils in Ammoniak und Salpeter-
säure übergeführt, während der Gesamtstickstoffgehalt unverändert blieb.
Schätzungsweise dürften die N-haltigen Bestandteile bis zu 25 °/q ihres Nähr-
werts eingebüßt haben; insgesamt waren die Nährstoff Verluste weit geringer
als bei der Heuwerbung selbst unter günstigsten Bedingungen; der Stärke-
wert von frischem Rieselwiesenheu wurde durch einen Tierversuch auf 36 kg
festgestellt.
150 Referate
F. W. J. Boekliout. Über A^erscliimmclte Butter. Jahresbericht der Ver-
einigung zum Betriebe einer Mustermilchwirtschaft in Hoorn für 1918,
S. 31—39.
Es fiel auf, daß manche im Kühlhaus aufbewahrte Butter an der Ober-
fläche mit schwarzgrünen Schimmelflecken besetzt war. Bei eingehender
Untersuchung wurde der Pilz als jder auch sonst auf Butter nachgewiesene
Hormodendron cladosporoides (Fresenius) erkannt, der identisch ist mit Clado-
sporium herbarum. Der Schimmel wird durch eine Salzlauge vom spez.
Gew. 1,1173 oder 16 o/^ NaCl unterdrückt. In Butter von 2 o/^ NaCl-Gehalt
kommt er nicht zur Entwicklung, Auch Milchsäure wirkt dem Wachstum
entgegen. Da die Pilze nur auf der sehr dünnen Außenschicht vorkommen,
verändern sie die chemische Beschaffenheit der Butter nicht. Nur die Säure-
zahl wächst etwas und die Verseifungszahl nimmt um ein geringes ab. Milch
wird aber durch diesen Schimmel völlig peptonisiert. Das Kasein wird ab-
gebaut, die Reaktion bleibt neutral. Der Milchzucker wird verzehrt und das
Kasein zu Ammoniak und Aminosäuren abgebaut. Der Geruch verändert
sich aber nicht. Ein Wärmegrad von 49" genügt, um auch die Sporen zu
vernichten. '
Zeitschrift für technische Biologie. Bd. VIII.
Tafel I
Zur Bestimmung der Flächenzahl bezw. Durchschnittsgröße
von Stärkesorten
I Prima Kartoffelstärke
II S-Stärke
III K-Stärke IV Reisstärke
Sämtliche Bilder in 125facher Vergrößerung, Aufnahme direkt auf Gaslichtpapier
Der Gehalt junger Frühjahrsblätter an Oxalsäure,
sowie einige Bemerkungen über diese Säure
von
Arminius Bau, Bremen
Eingegangen 10. September 1920
Betreffs des Gehaltes junger Frühjahrsblätter an Oxalsäure kam
C. Wehmer^) zu dem Schluß, es sei in diesen Oxalsäure nicht oder
nur in Spuren vorhanden; ausdrücklich bemerkt er aber: „Es ist darum
nicht ausgeschlossen, daß Spuren desselben (Kalkoxalat, d. Ref.) im
Saft wie in den organischen Zellbestandteilen vorhanden sind." In der
neuen Auflage des Gmelin-Kraut^) wird die Beobachtung Wehmers
mit „Fehlen von Oxalaten in jungen Frühjahrsblättern" wiedergegeben.
Während Wehmer die Möglichkeit des Vorkommens von Oxalsäure zu-
gibt, ist in dem weitverbreiteten Gmelin- Kraut die Gegenwart dieser
Säure mit absoluter Sicherheit verneint worden — und hiergegen muß
ich mich wenden.
Die Untersuchungen C. Wehmers aus dem Jahre 1892 litten unter
dem Übelstand, daß damals die Bestimmung der Oxalsäure noch nicht
so sicher war, wie heutigen Tages nach dem Kalkessigverfahren ^), so-
wie, daß die verschiedenartigen Kristallformen des Kalziumoxalates noch
nicht so genau beachtet wurden, wie wir sie in den Abbildungen zu
dem eben zitierten Artikel „Auffallende Ähnlichkeiten in der Form bei
Kristallen und Mikroben" kennen lernen. Eine eigenartige, bisher nicht
beschriebene Form des Kalksalzes in zarten federförmigen Kristallen
gab ich nach einer mir in liebenswürdiger Weise von Herrn Prof. Dr.
P. Lindner zur Verfügung gestellten Lichtbüdauf nähme in der Wochen-
schrift für Brauerei wieder^).
*) Landwirtsch. Versuchsstationen, Band 40, 109 (1892).
2) Handbuch der anorg. Chemie, 7. Aufl., Heidelberg 1911, Bd. 1, Abt. 3. S. 702.
3) Zeitschr. f. techn. Biologie, Bd. 7, S. 203 (1919).
*) Wochenschr. f. Br., Jahrg. 37, S. 219 (1920).
Zeitschr. f. techn. Biologie, Bd. VHI. -j^j
152 Arminius Bau,
Meine eigenen Untersuchungen an jungen Frühjahrsblättern stellte
ich an einigen der auch von C. Wehmer geprüften Pflanzen an.
1. Sambucus nigra. Entnommen am 29. 3. 1920 morgens 6V2 Uhr.
Längste Blattsprosse 6 cm lang. Blättchen abgeknippst und selbst-
verständlich ohne Spur von den Deckschuppen verarbeitet. Anderthalb
Stunden nach dem Pflücken untersucht. Wassergehalt 79,90 °/o. Es
wurden 15 g frische Substanz in einem mit Kohlensäure gefüllten Kolben
mit 15 ccm rauchender Salzsäure zur Zerstörung der Enzyme und des
Zellturgors übergössen und 1 Stunde lang kalt hingestellt. Darauf
fügte man etwa 280 ccm luftfreies mit Kohlensäure gesättigtes kaltes
dest. Wasser hinzu, ließ unter öfterem Umschütteln 14 Std. lang stehen
und filtrierte die Lösung durch ein Filter Carl Schleicher und Schüll
Nr. 602 „hart".
Vom Filtrat wurden 200 ccm vom spez. Gew. 1,0126 und von
0,435 °/o Trockensubstanz mit 14,3 ccm Ammoniak neutralisiert, mit
2 ccm einer Lösung von zitronensaurem Ammoniak, ferner um ab-
gerundete Zahlen zu erhalten, mit 3,7 ccm dest. Wasser versetzt und
mit 44 ccm Kalkessig gefällt..
Nach 36 stündigem Stehen im Kühlraume hatte sich ein geringer
aus gut ausgebildeten Quadratoktaedern bestehender Bodensatz abgesetzt^
der abfiltriert und untersucht wurde^).
Glührückstand 3,0 mg = 1,01 ccm -- Säure = 4,44 mg Oxalation
Filtrat = 2,64 „ = 0,88 „
Wasch wasser . . . := 1,40 „ = 0,63 „ „
zusammen 5,95 mg Oxalation
Das Gewicht der Maische, d. h. der Mischung von Blättern, Salz-
säure und Wasser betrug 318,94 g,
darin sind enthalten an Trockensubstanz 3,01 „
somit bleibt für Lösungsflüssigkeit 315,93 g.
Es entsprechen 200 ccm Filtrat . . 202,52 g,
darin sind enthalten . 0,87 „ Trockensubstanz
mithin bleibt Lösungsflüssigkeit .... 201,65 g.
^) Ausführlich ist das Kalkessigverfahren beschrieben in der Wochenschr. f.
Brauerei, Jahrg. 35, S. 31 (1918); Jahrg. 36, S. 285 (1919); Jahrg. 37, S. 201 (1920);
Deutsche Essigindustrie 1919, S. 358. Zeitschr. f. Untersuchung der Nahrungs- u. Ge-
nußmittel, sowie der Gebrauchsgegenstände Bd. 40, S. 50 (1920).
Der Gehalt junger Frühjahrsblätter an Oxalsäure usw. 15,3
In diesen 201,65 g waren 5,95 rag Oxalation
In 315,95 g sind also .... 9,32 „ „
In 15 g- Substanz sind ebenfalls 9,32 „ „
in 100 g „ „ 62,1 „
oder 0,0621%.
Für 100 g Trockensubstanz ergibt sich die Zahl 0,309 °/o Oxalation.
Nehmen wir bei der Bestimmung den zu hohen Fehler von 1 mg
Oxalation an, so berechnet sich die Fehlergrenze
für die frische Substanz zu 0,01 °/o
„ „ Trockensubstanz „ 0,05 ^/o
2. Sambucus nigra. Entnommen am 29. 3. 1920 um 3^/2 Uhr
nachmittags. Eine halbe Stunde nach dem Pflücken untersucht. Wasser-
gehalt 85,32%. Gefunden für die
frische Substanz 0,0728*^/o Oxalation
Trockensubstanz 0,495 °/o „
Es scheint demnach, daß während der Tagesbeleuchtung der Gehalt
an Oxalation, auf Trockensubstanz bezogen, um 0,18 °/o zugenommen hat.
3. Sambucus nigra. Während die beiden vorstehend erwähnten
Versuche die Gesamtmenge an vorhandener Oxalation wiedergeben, wurde
hier, in der Probe von Versuch 2, die wasserlösliche Oxalsäure bestimmt,
indem die jungen Blätter getrocknet, fein gemahlen und dann mit kaltem
luftfreien dest. Wasser, welches mit Kohlensäure gesättigt war, ausgezogen
wurden.
• Befund, für die Trockensubstanz berechnet, 0,157 °/o Oxalation.
Von der nach Versuch 2 vorhandenen Menge sind demnach fast
32 "/o wasserlöslich.
4. Crataegus oxyacantha. Ganz junge Blättchen, entnommen
am 2. 4. 1920, 11 Uhr vormittags. Wassergehalt 73,12%.
Gefunden für die frische Substanz = 0,06487 °/o Oxalation,
„ „ Trockensubstanz = 0,241 °/o.
5. Crataegus oxyacantha. Dieselbe Probe, getrocknet, gemahlen
und nur mit Wasser ausgezogen.
Befund an wasserlöslicher Oxalsäure in der Trockensubstanz .0,067%,
oder 27,8 °/o der Gesamtmenge an Oxalation.
6. Aesculus hippocastanum. Entnommen am 6. 4. und 12. 4.
1920 morgens um 8 Uhr. Sehr junge noch wollige Blättchen.
11*
154 Arminius Bau,
Die mit rauchender Salzsäure übergosseuen beiden Proben lieferten
kein Ergebnis, da die Lösung schleimig war, sehr schlecht filtrierte und
nach dem Fällen mit Kalkessig keine Oxalatkristalle absetzte.
Es wurde daher am 12. 4. eine Probe mit 79,55 "^/o Wassergehalt
getrocknet, fein gemahlen und in der Kohlensäureatmosphäre mit ver-
dünnter Salzsäure ausgezogen. Erhalten wurden, wie auch in den
Versuchen 2 bis 5 wohlausgebildete Kristalle von der Quadratoktaederform.
Gefunden für die Trockensubstanz 0,172"/o,
berechnet für die frische Substanz 0,037 "/o.
Fassen wir die vorstehenden Untersuchungen zusammen, so ergibt
sich, daß junge Frühjahrsblätter der von mir untersuchten Phanero-
gamen zwar nicht viel, aber deutlich nachweisbare und bestimmbare
Mengen von Gesamtoxalation , wie auch von wasserlöslichem Oxalation
enthalten.
Die Angabe im Gmelin-Kraut, 7. Auflage, „Fehlen von
Oxalaten in jüngeren Frühjahrsblättern" ist irrtümlich.
Auch in der von C. Wehmer nicht geprüften Gerstenpflanze
(Braugerste, Thüringer Landgerste) ließ sich Oxalsäure nachweisen. In
den jungen Blättern der 9 — 12 cm hohen, 9 Tage alten Pflanzen, die
am 24. 4. 1920 gepflückt wurden, war, auf Trockensubstanz bezogen,
0,0278, also rund 0,03 °/o Oxalation vorhanden.
Diese Gerstenkultur war zwecks anderer Studien mit liebens-
würdiger Genehmigung von Herrn Geheimrat Prof. Dr. B. Tacke auch
in diesem Jahre auf der Bremer Moorversuchsstation angelegt worden^).
Die untersuchten Frühjahrsblätter enthielten somit bestimmbare
Mengen von Oxalation. Es ist bekannt, daß in älteren Blättern der
Laub- und Nadelhölzer reichliche Mengen an gebundener Oxalsäure
vorhanden sind. Untersuchungen darüber, was mit den Oxalaten ge-
schieht, wenn die Blätter bei den meisten Laubbäumen im Herbst, oder
bei anderen Bäumen im Laufe des Jahres abgeworfen werden, sind
meines Wissens noch nicht angestellt worden. Ganz zwecklos dürften
die mit den übrigen organischen und anorganischen Bestandteilen dem
Boden wieder zugeführten Oxalate nicht sein. Die Untersuchungen von
Markus Staehelin^) über das Oxalsäure spaltende Enzym, welches
sich als eine Oxydase darstellt, lassen vermuten, daß die Oxalate beim
') Über frühere Versuche, welche infolge ungünstiger Umstände ziemlich ergeb-
nislos ausfielen, wurde in der Wochenschr. f. Brauerei, Jahrg. 36, S. 301 (1919) berichtet.
2) Biochem. Zeitschr., Bd. 96, S. 1 (1919).
Der Gehalt junger Frühjahrsblätter an Oxalsäure usw. 155
Verwesen und bei Luftzutritt sich in andere Verbindungen, von denen
in erster Linie der kohlensaure Kalk in Frage käme, umwandeln.
Ein von mir im vorigen Herbst angestellter Versuch mußte des früh-
zeitig eingetretenen Frostes halber unterbrochen werden.
Eine zweite Frage haben wir auch noch zu stellen: Wie verhalten
sich die Oxalate bei der Fermentation des Tabaks, des Tees, bei der
Flachsröste und bei ähnlichen Prozessen? Hierüber liegen noch keine
Untersuchungen vor.
Mit Hilfe des leicht ausführbaren Kalkessigverfahrens zur genauen
Bestimmung der Oxalsäure ließen auch die aufgeworfenen Fragen nach
genügendem Studium eine Beantwortung zu.
Ober die wirtschaftliche Bedeutung von Ungeziefer
und Schädlingen sowie über einige Aufgaben der Praxis
aus der angewandten Zoologie besonders Entomologie
von
Professor Dr. Albrecht Hase, Berlin-Dahlem
Eingegangen am 4. Oktober 1920
Inhaltsverzeichnis
I. Allgemeiner Teil 156
II. Spezieller Teil 160
Vorbemerkungen 160
Methodik 162
Kapitel 1. Über die Bekämpfungsmittel 166
Kapitel 2. Über das Anzeigenwesen betreffend Bekämpfungsmittel. . . . 172
1. Wer annonciert überhaupt? 173
2. Wo wird annonciert? 174
3. Wie oft wird annonciert? .175
4. Wie wird annonciert? 175
5. Ergänzende Bemerkungen 179
Kapitel 3. Die wirtschaftliche Bedeutung des Anzeigenwesens und des Handels
mit Schädlingsmitteln 181
1. Einleitende Bemerkungen 181
2. Die wirtschaftliche Bedeutung der Anzeigen und des Handels mit
Schädlings- und Ungeziefermitteln 183
3. Die Bedeutung des Anzeigenwesens und der Reklame für die Beein-
flussung des Publikums 189
III. Schluß 19a
156 Albrecht Hase,
Damit ich nicht mißverstanden werde, betone ich vorweg, daß sich
meine Ausführungen in erster Linie auf angewandt zoologische, besonders
entomologische Dinge beziehen. Wieweit volkshygienische Fragen mit
diesen Dingen zusammenhängen, ist unschwer zu erkennen.' An der
Hand von Spezialfällen möchte ich auf Zustände hinweisen, die wir
unumwunden als grobe Mißstände bezeichnen können. Diese Zu-
stände sind mit ein Ausdruck dafür, daß die angewandte Zoologie bei
uns besonders nach dieser Richtung hin nicht so geliandhabt wurde,
wie es notwendig gewesen wäre. Es dürfen meines Dafürhaltens die
hier angeschnittenen Fragen aber zukünftig keinesfalls unberücksichtigt
bleiben, soll die angewandte Zoologie die Hoffnungen erfüllen, welche
man auf sie setzt.
Allgemeine Betrachtungen schicke ich voraus. Ich denke, dadurch
wird es klar werden, daß ich keineswegs auf eine subjektive Stellung-
nahme eingeschworen bin. Auch hoffe ich, es möchten die prinzipiellen
Erörterungen in meinen Ausführungen auch anderen Gebieten der an-
gewandten Biologie einigen Nutzen gewähren.
I. Allgemeiner Teil
Die Lage zu übersehen, in der sich die angewandte Biologie und
besonders die angewandte Zoologie befindet, halten wir für unerläßlich.
Einmal, damit begangene Fehler klar erkannt werden; zweitens,
damit die wissenschaftlichen wie praktischen Ziele und Aufgaben fest
im Auge behalten werden, und drittens, damit die Forderungen oben-
genannten Wissenszweiges (sowohl nach persönlicher wie sachlicher
Seite hin) bei den vielfachen Reorganisationen, Neueinrichtungen und
Änderungen, die unserer Zeit eigentümlich sind, vom richtigen Stand-
punkte aus behandelt werden. Die hoffnungsvollsten Ansätze können
sonst nicht zur gewünschten Entfaltung kommen. Voraussetzung aber
einer förderlichen Behandlung ist hier, wie bei allen Dingen, Klarheit
über den zu behandelnden Gegenstand.
Um Irrtümer zu vermeiden, muß ich etwas weiter ausholen und
auf einige Punkte nochmals hinweisen, die von mir früher ausführlicher
erörtert wurden (vergl. Hase, Über technische Biologie, ihre Aufgaben
und Ziele, ihre prinzipielle und wirtschaftliche Bedeutung [1920], Zeit-
schrift f. techn. Biol. Bd. 8). — Ich legte daselbst dar: die angewandte
Biologie (und als ein Teilgebiet von ihr die angewandte Zoologie) hat
die Endaufgabe „biologische Fragen in einer Weise wissen-
Die wirtschaftl. Bedeutung von Ungeziefer und Schädlingen usw. 157
schaftlich zu bearbeiten, daß in erster Linie wirtschaftlich
praktische Vorteile aus dieser Bearbeitung direkt und indirekt
erwachsen". In oben zitierter Schrift wurde ausgeführt, in welcher
Weise ich die Weiterentwicklung der angewandten Biologie anstrebe,
damit sie ihrer Endaufgabe nach allen Richtungen hin gewachsen sei.
Ich setzte auseinander, daß ich mit technischem Denken und Ideen die
angewandte Biologie erfüllt wissen möchte, und begründete meine dies-
bezüglichen Vorschläge.
Die Fülle der Aufgaben, welche dieser Wissenschaft zur Bewäl-
tigung zukommen, liegt auf den verschiedensten Gebieten. Ich will und
muß mich natürlich hier auf dasjenige Teilgebiet beschränken, welches
mir durch eigene Arbeiten nicht unbekannt ist: auf das der angewandten
Zoologie. In dieser ist es wiederum das wichtige und wirtschaftlich höchst
bedeutungsvolle Kapitel d«r Ungeziefer- und Schädlingsbekämpfung,
welches wir im Sinne haben. — Die Probleme, die in dieses Kapitel
gehören, müssen nach zwei Richtungen hin in Angriff genommen werden,
sollen sie der Endaufgabe der angewandten Biologie (s. o.) gerecht werden.
Die eine Richtung trägt mehr wissenschaftlichen Charakter. Die
â– exakte Forschung aller hier irgendwie in Betracht kommenden Tier-
formen nach allen nur denkbaren Eventualitäten hin liegt dieser Rich-
tung ob^).
Die andere, nicht minder wichtige Richtung hat einen Einschlag,
der mehr ins Praktische, in die Vorgänge des täglichen Lebens und des
Wirtschaftsbetriebes überhaupt, hinüberreicht. Dieser Richtung liegt
die Bearbeitung aller Maßnahmen ob, welche organisatorischen Charakter
tragen, wie z. B. die Ausarbeitung von praktischen Bekämpfungsmaß-
nahmen großen Stiles, die Überwachung der Durchführung solcher Maß-
nahmen, die Feststellung der wirtschaftlichen und hygienischen Be-
deutung von Schädlingen und Parasiten usw. usw.
Die beiden, soeben charakterisierten Arbeitsrichtungen sind aufs
engste aufeinander angewiesen. Beispielsweise wird die glänzendste
^) In einer früheren Arbeit (Hase, Die Zoologie und ihre Leistungen im Kriege
1914 — 1919, Die Naturwissenschaften, Heft 7, Jahrg. 7) 1919) habe ich diesen
Punkt ausführlicher dargelegt. Bevor wir von einer umfassenden Kenntnis eines Schäd-
lings oder Parasiten sprechen können, müssen planvolle Untersuchungen, etwa über
folgende Gebiete vorliegen: 1. systematische Stellung, 2. Morphologie, 3. Anatomie und
Histologie, 4. Embryologie, 5. Physiologie, 6. Biologie und Ökologie, 7. Pathologie,
8. geographische Verbreitung, 9. medizinisch-hygienische Bedeutung, 10. wirtschaftliche
Bedeutung (Ökonomik).
158 Albrecht Hase,
Monographie über einen wichtigen Schädling bloßes Buchwissen bleiben^
und keine Früchte zeitigen, wenn daraufhin nicht Maßnahmen erfolgen^
welche die Ergebnisse auswerten. Andererseits ist selbst der groß-
artigst angelegte Plan einer umfassenden Bekämpfungsmaßnahme nichts
weiter als ein Blatt Papier, falls nicht zuvor alle Punkte klargelegt
sind, mit welchen das Verfahren rechnen muß, oder falls die Resultate
wissenschaftlicher Vorarbeit unbeachtet bleiben.
Aus dem Gesagten geht genugsam hervor : die eine Arbeitsrichtung-
ist genau so wichtig wie die andere, und eine für das gesamte Wirt-
schaftsleben ersprießliche Tätigkeit der angewandten Zoologie kann nicht
erwachsen, wenn beide Richtungen nicht in gleicher, harmonisch ab-
gestimmter Weise gefördert werden. Hiermit wären wir auf dem Punkt
angelangt, von dem aus wir unser Thema spezieller fassen können.
Daß bei uns in der Handhabung der angewandten Zoologie, be-
sonders Entomologie, Fehler begangen wurden, ist genugsam erörtert
und zugegeben worden. Auch wurde fast einstimmig erkannt, daß dieser
Wissenszweig kräftiger als bisher gefördert werden müßte. Schon vor
dem Kriege setzte deshalb auf mannigfache Anregung hin eine Aufwärts-
bewegung ein, die auch während der Kriegsjahre anhielt, ja sich in.
jüngster Zeit sogar verstärkte. Mit ihren Ausdruck fand diese Be-
wegung darin, daß man für die Vermehrung der anzustellenden Arbeits-
kräfte eintrat. Infolgedessen erwählten junge, von der Universität
kommende Biologen dieses Wissensgebiet zu ihrem Lebensberufe, und
erfreulicherweise werden allem Anscheine nach noch viele ihrem Beispiele
folgen. Ältere Fachleute haben genugsam auch in der Tagespresse auf
die vielgestaltigen Probleme hingewiesen, die am dringendsten der
wissenschaftlichen Inangriffnahme bedürfen. In dieser fast sprunghaften
Vorwärtsentwicklung liegt aber eine gewisse Gefahr und zwar die, daß
die praktische Seite der Probleme der angewandten Zoologie wieder zu
kurz kommt. Ich sage absichtlich „wieder zu kurz kommt", denn es
ist Qieines Erachtens die Vernachlässigung gerade der praktischen Be-
tätigung der Hauptfehler gewesen, welcher die angewandte Zoologie
bisher an ihren Aufgaben im großen und ganzen scheitern ließ.
Mit diesen Zeilen reden wir also einmal einer stärkeren Be-
tonung der Praxis das Wort, und ferner möchten wir auf die
schwierigen praktischen, besonders organisatorischen Probleme
hinweisen, welche der angewandten Biologie (spez. hier Zoologie)
eigentümlich sind, die aber gelöst werden müssen, damit unser Wissens-
zweig die Forderungen zu erfüllen imstande ist, welche Volkswirtschaft
Die Wirtschaft!. Bedeutung von Ungeziefer und Schädlingen usw. 159
und Volkshygiene an ihn zu stellen berechtigt sind. Es sind meine
Ausführungen zugleich eine Aufforderung an die kommende Generation
junger Biologen, welche diesen Beruf ergreifen wollen, sich der Alltäg-
lichkeit und Praxis gegenüber ganz anders einzustellen wie bisher.
Wer an den hier in Frage kommenden Dingen ernsthaft mit-
arbeiten will, darf am Alltäglichsten, sofern es irgendwie sein Arbeits-
gebiet betrifft, nicht ängstlich vorübergehen und es für „unwissen-
schaftlich" halten, sich mit ihm zu beschäftigen. — Da die heran-
wachsende Generation von Biologen bis jetzt von reinen Theoretikern
auf der Universität vorgebildet wti'd, und da ferner von den meisten,
heute in der angewandten Zoologie beruflich tätigen Fachleuten die
mehr wissenschaftliche Seite der Probleme (s. oben) gepflegt wird, und
da drittens der intellektuelle Deutsche eine starke Neigung zum Theo-
retisieren überhaupt hat, und da viertens die rein akademisch geschulten
Persönlichkeiten vielfach eine gewisse Scheu und Ängstlichkeit, ja Welt-
fremdheit, den Fragen des praktischen Lebens gegenüber an den Tag
legen, so laufen wir Gefahr, daß die angewandte Zoologie, trotz der
erfreulichen Neubelebung, bei uns wieder in ein, ich möchte sagen, „zu
theoretisches" Fahrwasser gerät. Oder mit anderen Worten, es werden
wohl Untersuchungen über die Schädlinge angestellt, aber nur um der
Arbeiten und Forschung (also rein theoretisch denkend) willen. Das
eigentliche Ziel der Arbeit geht verloren oder wird doch nicht scharf
genug im Auge behalten. Wir müssen uns also davor hüten, daß nicht
die Schädlings- und Parasitenkunde von neuem zu der Angelegenheit
von einer Reihe akademischer Spezialisten wird.
Man kann mir entgegenhalten: bei den jetzigen Reformen und
Neueinrichtungen würde man den Fehler vermeiden. Ich bin etwas
skeptischer und meine: die Dinge ändern sich erst, wenn sich die
Menschen geändert haben. Sorgen wir also dafür, daß eine Gene-
ration junger Biologen heranwächst, die mit einer erstklas-
sigen theoretischen Schulung einen eminent praktischen Blick
verbindet; sorgen wir dafür, daß der Blick für die tatsäch-
lichen Verhältnisse und die wirklichen Bedürfnisse des Wirt-
schaftslebens (soweit es das hier in Frage kommende Gebiet betrifft)
geschärft werde!
Die Tatsache, daß der Nachwuchs zunächst nur rein theoretisch,
also rein theoretisch denkend, ausgebildet wird, ist augenblicklich nicht
zu umgehen. Denn die kühne Hoffnung, eigene Bildungsstätten für
angewandte Biologie überhaupt zu erhalten, muß man bei der trostlosen
160 Albrecht Hase,
Finanzlage für Jahre hinaus begraben. Soll also, trotz dieser Lücke
im System der Ausbildung, die angewandte Zoologie in Zukunft nutz-
bringende Arbeit leisten, so muß eine gewisse Einstellung der kom-
menden Generation anerzogen werden. Auch sie muß lernen: realer
und praktischer zu denken ! ^) Ich sage nicht etwa, daß die theoretische
Denkweise entbehrlich oder verfehlt sei. Im Gegenteil! Ich fordere
nur, neben ihr muß in unsereoi Berufe die praktische ebenso stark betont,
bezw. herangebildet w^efden bei den jüngeren Fachkollegen.
Bevor Jch zu speziellen Erörterungen übergehe , möchte ich zum
Schlüsse des allgemeinen Teiles meine Forderungen nochmals kurz da-
hingehend zusammenfassen: Die angewandte Zoologie muß, soll sie
dauernd lebensfähig bleiben, letzten Endes volkswirtschaftlich produktive
Arbeit leisten durch die Bewältigung der ihr zukommenden Aufgaben.
Eine befriedigende Lösung dieser Aufgaben ist aber nur dann möglich:
1. wenn die mehr wissenschaftliche Seite der Probleme exakt (d. h.
allen Anforderungen strenger Wissenschaft genügend) erfaßt wird
und
2. wenn die mehr praktische Seite der Probleme voll gewürdigt wird,
indem man alle einschlägigen Arbeiten auf das Endziel einstellt:
die Früchte müssen der Allgemeinheit zugute kommen. Um dies
zu erreichen, muß in der kommenden Generation junger Natur-
wissenschaftler, welche diesen Gegenstand zu ihrem Lebensberuf
erwähleD, fest der Gedanke Wurzel fassen, daß alle Arbeit auf
diesem Gebiete keine rein akademische, sondern zur gleichberech-
tigten Hälfte eine praktische, d. h. öffentliche Angelegenheit ist.
Meine Darlegungen werden genügen, um zu zeigen, worauf ich
hinaus will. Und nun: Medias in res!
II. Spezieller Teil
Vorbemerkungen
Meine Ausführungen sollen einen Einblick in das Treiben der
Öffentlichkeit geben, um bestimmte Mißstände aufzudecken, und es wäre
meiner Meinung nach wahrlich wichtiger, auch tausendmal notwendiger,
^) Es sei an dieser Stelle auf den Aufsatz des bekannten Physikers W. Nernst:
„Die künftigen Richtlinien wissenschaftlicher Forschung" hingewiesen (Berliner Tageblatt
Nr. 617, 1919). Mit Befriedigung kann ich daraus ersehen, daß auch von anderer Seite
die gleichen Forderungen aufs bestimmteste vertreten werden.
Die wirtschaftl. Bedeutung von Ungeziefer und Schädlingen usw. Ißl
derartige Zustände in der Tagespresse zum Zwecke der Aufklärung zu
behandeln, als die unsäglichen Nichtigkeiten, welche heute die Spalten
füllen. Fragen wir zunächst, wie kommt es zu solchen Mißständen?
Die Antwort ist nicht allzuschwer, wenn man folgende Tatsachen in
Betracht zieht.
Zunächst ist die Bekämpfung von Ungeziefer die private An-
gelegenheit derjenigen, die davon befallen sind. Ist der von den Be-
treffenden mit geeigneten Mitteln geführte Kampf durch vollen Erfolg
gekrönt, so ist die Sache erledigt. Bleibt dagegen der Erfolg — oder
auch nur ein wesentlicher Teilerfolg — aus, so hat dies seinen Grund
in zweierlei: entweder waren die Mittel oder die Methoden ungeeignet.
Meist kommt eines zum andern. Die Folge davon ist eine Vermehrung
des Ungeziefers bezw. der Schädlinge ins Ungeheuerliche, und ihr Auf-
treten zieht immer weitere Kreise in Mitleidenschaft. Damit ändert
sich die Lage nach wesentlichen Richtungen hin. Vor allem wird die
ursprünglich private Angelegenheit zu einer öffentlichen. Das ver-
einzelte Vorkommnis wird zur Kalamität. Der Plage Herr zu werden
wird einerseits durch neue, im Handel auftauchende und andererseits
durch alte Mittel versucht. Die lebhafte Nachfrage nach Schädlings-
und Ungeziefer -Bekämpfungsmitteln wird eine ungeahnt große. Um
dieser zu genügen werden täglich neue, angeblich äußerst wirksame
Präparate auf den Markt gebracht. Ob letztere wirklich brauchbar sind,
ob sie vollen Erfolg im Kampfe gegen das Ungeziefer bringen, das ist
ein sehr wunder Punkt! Die Tatsachen lehren, daß dies nicht der Fall
ist. Denn wäfe im Verhältnis zur angebotenen Menge die Anwendung
erfolgreich gewesen, so müßte es kaum noch einen Schädling, kaum
noch Ungeziefer geben. Man dreht sich fortwährend im Kreise herum :
die Folge des Mißerfolges bei der Anwendung eines Präparates ist ein-
mal eine fortgesetzte Ungezieferverbreitung und zweitens ein fort-
gesetztes Auftauchen neuer Mittel, um die Nachfrage zu befriedigen.
Denn hat das kaufende Publikum die Wertlosigkeit eines Mittels em-
pirisch festgestellt, so fällt es eben auf das nächste, mit tüchtiger
Reklame angepriesene, herein. Denn das Publikum greift in seiner
Notlage alles auf, was geboten wird! Möglich ist letzteres aber nur
durch die große Unkenntnis weitester Volksschichten in diesen
Dingen, und aus diesem Nichtwissen herausgeboren ist die geradezu
erstaunliche Leichtgläubigkeit gegenüber einer marktschreierischen und
mit einer gewissen Sicherheit vorgetragenen Anpreisung. Letzteres
wieder dokumentiert sich in den öffentlichen Anzeigen.
162 " Albrecht Hase,
Der Einzelne ist diesen Verhältnissen gegenüber ziemlich machtlos.
Es müssen also öffentliche Maßnahmen platzgreifen, die sich
ihrerseits auf Ratschläge von Fachleuten stützen. Dieser fach-
liche Rat wird aber nur dann vollwertig sein, wenn er den herrschenden
Zuständen — wie ich sie kurz ihrem Werdegang nach umrissen habe —
voll Rechnung trägt.
Will also der Fachmann diese Mißstände ihrem Umfange
nach voll einschätzen, so muß er die Ausdrucksmittel der
Öffentlichkeit verfolgen, welche dafür vorzügliche und heute nicht
mehr zu umgehende Gradmesser sind: die Geschäftsanzeige, die An-
nonce, die Reklame!
In diesen dreien spiegelt sich mehr und mit größerer Klarheit
wieder, als vom grünen Tisch aus zumeist angenommen wird. Vor-
bedingung ist nur, daß man sich durch die nötige Kritik das Bild nicht
trüben läßt. Die Anzeigen, betreffs der hier behandelten Fragen, lehren
uns manches Wichtige. Es geht aus ihnen hervor:
1. wie eng der Horizont der breiten Volksmenge in diesen Dingen
eingestellt ist;
2. mit welchen Mitteln die Masse bearbeitet wird;
3. welchen Umfang die Notstände angenommen haben;
4. mit welchen Mitteln fachliche Aufklärung arbeiten muß, um Ein-
fluß zu gewinnen;
5. ersieht der Fachmann die Kompliziertheit der Probleme auch nach
ihrer verwaltungstechnischen und organisatorischen» Seite hin;
6. läßt sich bei einigem pädagogischen Geschick die Anzeige selbst
benutzen, um den darin produzierten Unsinn ad absurdum zu führen;
7. schließlich läßt sich durch die Anzeigen zahlenmäßig beweisen,,
wieviel Geld unnütz vergeudet wird, das besser exakten For-
schungen auf diesem Gebiete zugeführt würde.
Ich glaube, es sind dies genügende Gründe, welche es rechtfertigen,
daß man vom fachlichen Standpunkte des Biologen aus diesem Anzeigen-
wesen einmal kritisch zu Leibe geht. Damit hätte ich zunächst alles
gesagt, soweit allgemeine Gesichtspunkte in Betracht kommen, und ich
gehe nun zu den Einzelheiten über.
Methodik
Um ein möglichst ungezwungenes Bild zu bekommen, setzte ich
mich mit zwei bekannten großen Zeitungsausschnittsbüros in Verbindung,
Die wirtschaftl. Bedeutung von Ungeziefer und Schädlingen usw. 163
die mir die erscheinenden Anzeigen zuschicken mußten, welche die An-
preisung von Präparaten, Mitteln und Methoden zur Bekämpfung von
Ungeziefer und Schädlingen zum Inhalte hatten, und zwar betreffs
folgender biologischer Objekte:
1. Flöhe, . 5. Motten,
2. Wanzen, 6. Schaben,
3. Läuse, 7. Ratten und Mäuse,
4. Räude, 8. Ungeziefer im allgemeinen.
Die unter 1.— 8. genannten Gruppen wählte ich deshalb, weil fast
jeder, gleichgültig, welchem Stande oder Beruf er angehört, den An-
griffen dieser Formen ausgesetzt ist. Absichtlich habe ich Ankündi-
gungen, welche zunächst nur Interesse für einzelne Berufszweige oder
bestimmte Interessentengruppen (Müller, Bäcker, Gärtner, Brauer) haben
können, für diese Bearbeitung ausgeschieden. Es würde die Arbeit
sonst zu umfangreich werden, andererseits werden letztgenannte Dinge
einer Sonderbearbeitung von mir unterworfen.
Das obengenannte Verfahren wurde von Ende November 1919
bis Ende April 1920 — also fünf Monate lang — durchgeführt.
Diese Sammeltätigkeit . erstreckte sich auf insgesamt 114 Tages-
zeitungen ohne irgendwelchen beruflichen Charakter. Ferner
wurden 7 Zeitungen mitberücksichtigt, die nicht täglich erscheinen, und
die teils Berufsinteressen, aber nicht ausschließlich, teils allgemeine
Wirtschaftsinteressen vertreten, wie z. B. die Blätter „Haus, Hof und
Garten", „Deutsche illustrierte landwirtschaftliche Presse", „Deutscher
Reichsanzeiger". Diese 121 Zeitungen (114 -|- 7) verteilten sich auf 78
verschiedene Städte, wobei die größten Ortschaften wie Berlin, Hamburg,
Dresden, München usw. mit mehreren daselbst erscheinenden Blättern
versehen waren. Um einigermaßen einen Überblick über die benutzten
Tageszeitungen zu geben, sind unten einige derselben genannt. Die
dahinter stehenden Zahlen geben laut Zeitungskatalog von R. Mosse,
Berlin 1920 die tägliche Auflagehöhe an^).
^) Allensteiner Zeitung (28000), Berliner Tageblatt (über 300000), Bochumer
Anzeiger und Generalanzeiger (35 000), Braunschweiger Volksfreund (27000), Bremer
Nachrichten (79000), Breslauer Neueste Nachrichten (170000), Coblenzer Volkszeitung
(45000), Coburger Tageblatt (12000), Dessauer Anzeiger (20000), Dortmunder General-
anzeiger (160 000), Dresdener Volkszeitung (62000), Düsseldorfer Nachrichten (100000),
Glogauer Niederschlesische Zeitung (13000), Greifswalder Zeitung (15000), Hamburger
Fremdenblatt (170000); Hannoverscher Anzeiger (130000); Jenaer Volksblatt (8000),
Magdeburger Generalanzeiger (75 000), Mannheimer Tageblatt (21 500), Münchener Neueste
164 Albrecht Hase,
Es wurden wie ersichtlich die größten (100 — 300000 und mehr
tägliche Auflageziffer), die großen (50 — 100000), die mittleren (15- bis
50000) und die kleinen (bis zu 15000) Blätter berücksichtigt.
Wie reichlich die so erschlossene Quelle floß, geht aus der Zahl
der eingesandten Ankündigungen hervor. Nach Ablauf der angegebenen
5 Monate hatte ich über 2100 Anzeigen zur* Hand, die nun gesichtet
wurden. Eine ganze Anzahl schied ich aus, weil sie zu lose mit dem
geforderten Inhalte in Zusammenhang standen. Zur definitiven Be-
arbeitung standen mir schließlich rund 2100 zur Verfügung. Diese be-
trafen :
Läuse, in erster Linie oder ausschließlich 1100 mal
Ratten und Mäuse, in erster Linie oder ausschließlich . 49.3 „
Ungeziefer im allgemeinen .382 „
Wanzen, in erster Linie oder ausschließlich 50 „
Schaben ausschließlich 37 „
Räude „ 14 „
Motten „ 14 „
Flöhe „ 10 „
zusammen 2100
Nun wurde abermals gesichtet und die Anzeigen gleichen Wort-
lautes (Wiederholungsanzeigen) ausgeschieden. Nach dieser Sichtung
blieben 249 verschiedene Ankündigungen übrig. Auch diese 249
wurden nochmals überprüft, und dabei nach den Stichworten, entsprechend
den oben aufgestellten 8 Gruppen (Flöhe, Wanzen, Läuse, Räude,
Motten, Schaben, Ratten und Mäuse, Ungeziefer im allgemeinen) geordnet.
So erst ist es möglich, einen genaueren Überblick zu bekommen, was
alles vorliegt. Nach dieser letzten Sichtung stellte es sich heraus, daß
betrafen :
Ungeziefer im allgemeinen . , 104 verschiedene Anzeigen
Ratten und Mäuse 65 „ „
Läuse 36 „ „
Wanzen 13 „ „
Schaben 11 „ „
Räude 9 „ „
Motten 8 „ „
Flöhe 3
zusammen 249 Anzeigen
Nachrichten (160000), Nordhausener Zeitung (20000), Oldenburger Nachrichten für Stadt
und Land (31000), Stuttgarter Neues Tageblatt (100000), Zittauer Morgenzeitung (19000),
Zwickauer Tageblatt (28000). — Die genannten Zeitungen haben zusammen eine Auf-
lageziffer von mindestens rund 1820000 Stück.
Die wirtschaftl. Bedeutung von Ungeziefer und Schädlingen usw. 165
Eine strenge Scheidung war aber nicht immer möglich, da oft dieselbe
Anzeige mehrere Präparate gegen verschiedene Schädlinge nannte. Ich
teilte derlei Ankündigungen dann meist der Gruppe „Ungeziefer" zu.
Immerhin ist zu ersehen, daß die Anpreisungen von Mitteln gegen
Ratten und Mäuse einerseits, gegen Läuse andererseits am stärksten
vertreten sind. Da wir keine Annoncenstatistik treiben wollen, so ge-
nügt uns diese Feststellung, zumal sie klar genug zum Ausdruck bringt,
was ungefähr vorliegt. — Am unsichersten ist man bei der Behandlung
der Anzeigengruppe „Ungeziefer im allgemeinen", da in den diesbezüg-
lichen Ankündigungen oft die zoologisch heterogensten Objekte vereinigt
sind. Hierdurch dokumentiert sich eben, wie im alltäglichen Sprach-
gebrauch als „Ungeziefer" alles dasjenige bezeichnet wird, was unsere
Vorräte, unsere Wirtschaft und uns selbst zu schädigen geeignet ist.
Im Volksmunde sind Ratten ebenso „Ungeziefer" wie Läuse, Schaben,
Raupen oder Kellerassel^).
Welchen Umfang das Anzeigenwesen auf diesem Gebiete hat —
und diese Feststellung ist für uns besonders wit^htig — geht aus nach-
folgenden Tatsachen hervor. Die 114 bei der Sammelei berücksichtigten
Tageszeitungen machen von den rund 2200 täglich in Deutschland
erscheinenden Zeitungen dieses Charakters nur rund 5^/o aus. Und dife
7 mitberücksichtigten Zeitungen, welche etwas fachlichen Einschlag
haben, machen von den rund 600 Fachzeitungen ^) Deutschlands, welche
^) Bei dieser Gelegenheit seien einige Bemerkungen über die Herleitung und
ursprüngliche Bedeutung des Wortes „Ungeziefer" eingeflochten, die ich Herrn Dr.Grünther
Hase, Leipzig, verdanke. Das Wort „Ungeziefer" ist uraltes germanisches Sprachgut.
Stamm althochdeutsch „Zebar", altenglisch „tr/er", altnordisch „tafn" in der Bedeutung
„Opfertier", ins Altfranzösische entlehnt als „atuivre = Getier". — Dazu tritt die
Negation mit ,,un-", mittelhochdeutsch = „ungezihere, ungeziver = unreines, nicht zum
Opfer geeignetes Tier. Daneben stets schon in der heutigen Bedeutung gebraucht. Bei
Hans Sachs (1612) heißt es: „ViL unzifers, als edechsen, krotten und schlangen". —
Ein besonderer Wandel zu der heutigen Bedeutung ist nicht festzustellen. Höchst wahr-
scheiülich wurde das Wort auch mit besonderer, konkreter Bedeutung auf die mensch-
lichen Parasiten und die Schädlinge gebraucht. Verwandtschaft von „zebar" mit neu-
hochdeutsch „Käfer" besteht nicht, wenn auch niedersächsisch „zefer" für „Käfer"
vorkommt.
^) Wenn ich hier von Fachzeitungen spreche, so habe ich nur diejenigen Inter-
essentenorgane gezählt, welche Gewerbe jUnd Industrien vertreten, die in erster Linie
von Ungeziefer und Schädlingen zu leiden haben. Die genannte Zahl 600 umfaßt nur
"die Fachblätter folgender Gewerbe und Industrien: Fleischer, Friseure, Gast-
wirte, Müller, Bäcker, Brauer, Nahrungsmittelindustrie, Landwirtschaft, Vieh-, Haus-,
Bienenwirtschaft, Garten-, Obst-, Blumenbau. Bei der Summierung sind also Bau-,
Maschinen-, chemische Zeitungen usw. völlig unberücksichtigt geblieben.
166 Albrecht Hase,
Mer in erster Linie in Frage kommen, nur rund l^/o aus. Sondern wir
nicht nach Tages- bezw. Fachzeitungen, sondern fragen wir: wieviel
Zeitungen stehen der Reklame auf diesem Gebiete in Ileutschland über-
haupt zur Verfügung, so kommen (rund) 2200 -j- 600 = Stück in Frage ;
davon sind die von uns benutzten 121 Stück aber etwa nur 4^0. Doch
davon zunächst genug! Auf die wirtschaftliche Seite dieser Frage
komme ich noch zu sprechen^).
Kapitel 1
Über die Bekämpfungsmittel
Mit das Wesentliche an der ganzen soeben geschilderten Methodik
ist für mich, zu zeigen, welche Mittel ungefähr augenblicklich auf dem
Markte sind. Ihre Liste steht weiter unten. Daß bei weitem nicht
alle durch mein Vorgehen erfaßt wurden, ist sonnenklar. Für die hier
in Betracht kommenden Zwecke, die ja in erster Linie auf prinzipielle
Fragestellung hinzielen, genügen sie vollkommen. Betont sei besonders
aus letzterem Grunde ausdrücklich, ich enthalte mich jeden Urteils über
den Wert der genannten Präparate im einzelnen, sowohl nach der
positiven wie nach der negativen Seite hin. Ich lasse die betreffende
Anzeige selbst sprechen. Die mitgeteilten Listen sollen zunächst lediglich
eine Katalogisierung sein, um einen Überblick über einen Teil des tat-
sächlich Vorhandenen zu bekommen. Dann gebe ich zu bedenken, wie
ephemer diese Dinge sind; bis zum Druck dieser Arbeit ist sicher eine
ganze Anzahl dieser Präparate längst verschwunden, um neuen Platz
zu machen. Aber gerade diese Kurzlebigkeit der Mittel sollte uns zu
denken geben; es ist mit der beste Ausdruck für die Wertlosigkeit der
meisten.
Viele der angepriesenen Präparate führen bestimmte Namen
z. B. Lausofan, Goldgeist, Beiß-Beiß, Styx, Tonal (Läusemittel); Kiffi,
Morida (Schabenmittel) ; Drowil (Wanzenmittel) ; Hops, Rattitod, Ratten-
^) Die Zahlenangaben über Tages- und Fachzeitungen sind dem Zeitungsverzeichnis
(nicht im Handel) der weltbekannten Annoncenfirma R. Mosse, Berlin, entnommen.
Dieses Verzeichnis ist soeben 1920 aufgestellt worden, und dürfte an Genauigkeit alle
anderen übertreffen. Bemerken will ich noch, daß von mir, um der Wirklichkeit mög-
lichst nahe zu kommen, immer die Mindestzahlen zu Berechnungen benutzt wurden,
z. B. ist die Zahl der Fachzeitungen etwa 650, einige sind aber in ihrem Bestehen und
Erscheinen bereits wieder unsicher geworden. Aus derartigen Gründen wurde die Ge-
samtzahl möglichst tief gegriffen.
Die Wirtschaft!. Bedeutung von Ungeziefer und Schädlingen usw. 167
fänger (Rattenmittel). In diesem Falle ist ihre Wiedererkennung leicht
— auch in der Anzeige. Andere wieder führen ganz allgemeine
Namen, wie: Schwabenpulver, Wanzentinktur, Ungeziefermittel. Wenn
nun von Firmen (z. B. von Versandhäusern) letztgenannte Präparate in
den Handel gebracht werden, so ist für den Käufer nicht nachzukommen,
welches der vielen Schwabenpulver, welche Wanzentinktur er erhalten
hat. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren: diese dadurch her-
vorgerufene Unsicherheit ist eine beabsichtigte. Ich führe zunächst die
benannten Mittel auf, so wie sie aus den Ankündigungen zu ent-
nehmen sind. Die kurzen Erläuterungen dazu stammen aus der Anzeige
selbst. Die Gruppierung ist so, wie sie sich ergibt, wenn man berück-
sichtigt, gegen was das Präparat in erster Linie oder ausschließlich
angepriesen wird. Die Preise beziehen sich auf die kleinste im Einzel-
verkauf abgegebene Menge. Fab. bedeutet: der Fabrikant wird in der
Anzeige unzweideutig genannt. Gar. bedeutet: für die Wirksamkeit
wird Garantie geleistet. Pat. bedeutet: das Mittel ist laut Anzeige
patentamtlich oder gesetzlich geschützt oder patentamtlich angemeldet.
a. g. bedeutet: auch gegen.
I. Mittel gegen Flöhe
1. Eckolda; a. g. Läuse. Gar., Pat. 1 Flasche 6,00.
2. Fugal; bes. g. Hundeflöhe. Fab. 1 Glas 1,30.
,3. Trikesolpuder Pfeifferol. Fab. 1,25.
Eine Anzeige von selten einer Apotheke preist „Floh-Spezial- Mittel"
zum Preise von 1,25 an.
n. Mittel gegen Wanzen
1. Albasol. Fab., Pat. 2,40.
2. Anti wanzin. Pat. 3,00.
3. Discret.
4. Drowil. 8,00.
5. Furol; a. g. Schaben, Ratten, Wanzen, s. daselbst; 1,30 als Wanzenmittel.
6. Grotonol. 10,00.
7. Nikodaal. 4,00.
8. Strubes Wanzentinktur. 3,50.
9. Dr. Weinreichs Wanzenäther.
10. Wanzenol; a. g. Flöhe, Schaben usw.
11. Wanzen pulv er „Terror". Gar.
12. Dalmatin; a. g. Schaben. Pat. 2,50.
Dazu kommen noch Präparate, die die allgemeine Bezeichnung
„Wanzentod" und „Wanzentinktur" führen. Verschiedene Ankündigungen
Zeitschr. f. techn. Biologie, Bd. VIII. . i o
168 Albrecht Hase,
preisen Wanzenvernichtung „mit neuesten Mitteln" an; eine Firma macht
die Vernichtung mittels „Stickgasapparat" (welches Gas?) bekannt.
in. Mittel gegen Läuse
1. Älbasol; a. g. Wanzen. Fab., Pat. 2,40.
2. Anti Marke „Ejot".
3. Antilausin.
■k Beiß-Beiß. 3,50.
• 5. Metz Blitz Balsam. 1,50.
6. Contrasekt. Fab. 2,00.
7. Eckolda; a. g. Flöhe. Gar., Pat. 6,00.
8. Goldgeist. 3,75.
9. Haarelement.
10. „Haha"-Kopfwasser. Fab.
11. Henningsons Edelfluid. Pat. 2,25.
12. Hopsi.
13. Kosekt. Fab.
14. Kopf-Kein-Haaröl.
15. Lausofan. Fab.
16. Läuse-Essenz.
17. Lauto. Fab. 5,00.
18. Dilg Luhsin-Balsam. Fab. 2,00.
19. Niffka. Fab., Pat.
20. Nissin.
21. Parasiten Liniment Pfeifferol. Fab. 2,00.
22. Problimat. Fab. 3,00.
23. „Radikal" sympathisches Naturmittel.
24. Schwester Anna Kopfgeist. Fab. 3,75.
25. Styx. 1,20.
26. Tonal.
27. Totin. 3,00.
28. Droeges Vera. Gar., Pat. 4,50.
29. Dr. Weinreichs Läuseäther.
30. Mein Geheimnis.
Hierzu kommen noch Mittel, die in der Annonce nur andeutungs-
weise genannt sind, da sie nur bei „persönlicher Behandlung" angewandt
werden, also Geheimmittel darstellen.
IV. Mittel gegen Räude
1. Flörosal. Fab. 3,50.
2. Kaban Liniment. Fab., Pat.
3. Kreopix. Fab. 5,50.
4. Räudo. Fab.
5. Diehlol. Fab. 19,00.
6. Antisarkoptin.
7. Schädlingstod; a. g. anderes Ungeziefer. Fab.
Die Wirtschaft!. Bedeutung von Ungeziefer und Schädlingen usw. 169
Ferner werden noch Mittel andeutungsweise genannt, welche nur
bei persönlicher Anwesenheit des Fabrikanten zur Anwendung kommen,
V. Mittel gegen Motten
1. Globol. Fab.
2. Kolo.
3. Persia Mottenschutz.
Ferner werden noch drei Präparate unter der allgemeinen Bezeich-
nung „Motten-Mittel" angeboten.
• VI. Mittel gegen Schaben
1. Aiwa Schabentod; a. g. Wanzen und Mäuse. Fab. 1,00.
2. Antischwabin. .3,00.
3. Furol; a. g. Wanzen, Ratten. Gar. 1,50.
4. Granitol. Fab. 12,00.
5. Kiffi. Fab. 6,00.
6. Morida.
7. Mortol.
8. Poudre Martial „Tod und Teufel". Fab. 1,75.
9. Eadikal Schabenpulver. 2,00.
10. Seebers giftfreies Käferpulver. Fab., Pat.
11. Thomasol Schwaben Puder. Fab., Pat. 3,00.
12. Uhligs Sicher. 1,00.
18. Terror Schwabenpulver. Gar.
Ferner werden noch Präparate mit der Bezeichnung „Schwaben-
pulver, -Tod" angeboten.
VII. Mittel gegen Ratten und Mäuse
1. Chlorostyx. 0,75.
2. Furol; a. g. Wanzen und Schaben. Gar. 2,25.
3. Hops. Fab.
4. Apotheker Neumanns „Mors". Fab., Gar., Pat.
5. Pestan. 2,25.
6. Tufan. 2,00.
7. Grasstats Rattitot. 3,00.
8. Rattapan. Fab., Gar., Pat. 4,00. •
9. Rattagallin. Fab., Pat.
10. Rattenfänger.
11. Siegerin. Fab. 3,00.
12. Zinitin. Pat. 2,50.
13. Ejot.
14. Millim-ors. Fab. 1,50.
15. Morrattin. 5,00.
16. Musculin. Pat. 3,00.
12*
170 Albrecht Hase,
17.
Pogrom. 11,00.
18.
Ratin.
19.
Ratten-Mäusetod. .5,80.
20.
Terror Pest-Typhus-Bazillen. Gar.
21.
Thomasol Ratten und Mäuse Fluid.
22.
Thanatos Fest. Fab. 3,50.
23.
Rattenfort-Mäusefort. Fab. 1,75.
24.
Venimors.
Fab., Gar. 7,00.
Ferner liegen noch 23 verschiedene Anzeigen vor, die Ratten- und
Mäusetuj^phus (Pest), Bazillenpräparate, sowie 8, die Ratten- und Mäuse-
kuchenanzeigen, ohne bestimmte Namen für die Mittel anzugeben. Drei
Ankündigungen preisen Spezialfällen an.
VIII. Mittel gegen Ungeziefer im allgemeinen
1. Gemol.
2. Ort; g. Blattläuse, Fliegen, "Wanzen, Flöhe, Milben. 7,20.
3. Tierarzt Bargums Viehreinigungspulver.
4. Heini-Läuse- und Ungeziefer-Pulver. 3,00.
o. Läusetöter; g. Ungeziefer beim Vieh. Fab. 4,00.
6. Dalmatin. Pat. 2,50.
7. Debeka. Fab., Pat.
8. Demant Pulver und Pulverspritze (!). Fab.
9. Parafix; g. Ungeziefer jeder Art. 5,00.
10. Pereat Insektenpulver.
11. Radikat Pulver. Fab.
12. Rodol; bes. g. Yiehläuse. Gar. 1,25.
13. Kolol. Fab.
14. Hänsalin. Fab., Pat.
15. Beersolin. Fab.
16. Jucksin. Fab.
Ferner liegen eine Menge von Annoncen vor, in denen kein be-
stimmtes Mittel genannt wird; es werden nur „Ungeziefer-Mittel" an-
geboten. Von Kammerjägereien und Desinfektionsanstalten liegen Ge-
schäftsanzeigen vor in großer Zahl; teils unter der Angabe, daß „eigene"
Mittel verwandt würden, teils mit dem Hinweis, daß sie die „besten
vorhandenen Präparate" anwenden, teils mit dem Hinweis, daß sie „Un-
geziefer jeglicher Art" sicher vernichten.
Stellen wir nur die mit Namen ausgezeichneten in den vor-
liegenden Anzeigen empfohlenen Mittel zusammen, so ergibt sich, daß
gegen: Flöhe = 3, Wanzen = 12, Läuse = 30, Räude = 7, Motten
= 3, Schaben = 13, Ratten und Mäuse = 24 und „Ungeziefer" = 16,
zusammen 108 Mittel im Handel zu haben sind. Über 50, nur durch
Die wirtschaftl. Bedeutung von Ungeziefer und Schädlingen usw. ] 7 X
allgemeine Benennung gekennzeichnet, sind allein in den Anzeigen an-
gepriesen, welche mir vorgelegen haben, letztere sind selbstverständlich
in der Endsumme 108 nicht enthalten. Bleiben wir zunächst bei den
108 oben aufgezählten Mitteln; sie genügen vollauf, um auf das auf-
merksam zu machen, was prinzipiell wichtig ist. — Zunächst fällt auf:
nur bei 39% der Präparate wird der Name des Fabrikanten
unzweideutig genannt. Da es sich aber z. T. um Präparate handelt,
welche am menschlichen Körper angewandt werden sollen, so ist dieses
Verschweigen kein Umstand, welcher geeignet ist, das Vertrauen auf
die Wirksamkeit zu erhöhen. Von einer Arzenei verlangt man auch zu
wissen, wer sie herstellte! Für gewisse Mittel wird eine Garantie für
den Erfolg gewährleistet, es ist dies bei 18'^/o der Präparate der Fall.
— Von einer Reihe obengenannter Mittel wird in der diesbezüglichen
Anzeige angeblich als besonders beweisend für die Brauchbarkeit her-
vorgehoben, das betr. Präparat sei „patentamtlich angemeldet" oder
„gesetzlich geschützt". Ob die angemeldeten Patente auch erteilt
wurden, ist nur in ganz vereinzelten Fällen ausgesprochen.
Soviel über die benannten Mittel! Noch viel ungünstiger gestalten
sich alle soeben dargestellten Dinge, wenn man die nur summarisch
benannten Mittel (ca. 50) überprüft. Ich führe dies alles an, um die
vollkommene Unsicherheit zu beleuchten und festzulegen, die in diesen
Dingen herrscht.
Die chemische Zusammensetzung der Mittel (abgesehen von
den Bakterienpräparaten gegen Ratten und Mäuse) wird fast nie an-
gegeben. Gewöhnlich, doch auch nicht immer, macht die Annonce nur
auf die Beschaffenheit im allgemeinen aufmerksam, indem es heißt,
„gebrauchsfertig", „zu verdünnen", „Salbe", „Tinktur" usw. Zwölf.
Anzeigen sind mir zu Händen gekommen, in denen Kammerjäger zur
Vernichtung des Ungeziefers „gasförmige" Mittel anpreisen, die sie nur
in ihrer persönlichen Gegenwart zur Anwendung bringen. Um welche
Gase es sich handelt, wird nie gesagt, denn eine Bezeichnung wie
„Stickgas" (lt. betr. Anzeige) sagt gar nichts.
Selbstverständlich sind nicht alle angepriesenen Mittel Schwindel.
Aber leider bilden diese die Ausnahme. Ich will auf eine Tatsache
hinweisen, welche wohl geeignet ist, berechtigtes Mißtrauen wach-
zurufen. Im zweiten Kriegsjahr 1915 beschäftigte ich mich bereits mit
der Frage der Läusebekämpfungs mittel (Hase, "Weitere Beobachtungen
über die Läuseplage; Centralbl. f. Bakt., Par. u. Infekt., I. Abt. Bd. 77,
1915). Etwa 80 mit Namen belegte (neben einer Unmasse einfach als
172 Albrecht Hase,
„Läusemitte] " bezeichneter Präparate) Mittel ^iff ich auf. Diese 80
waren alle „totsicher", „garantierten für Erfolg", „patentamtlich gemeldet"
usw. usw. Heute fand ich von diesen 80 nur noch 4 im Handel
unter gleichem Namen. Der Einwand, der Bedarf an Läusemitteln
sei nur gering , und deshalb seien sie im Handel zurückgegangen , ist
vollkommen unhaltbar. Wie kommt es sonst, daß die heute im Handel
befindlichen Läusemittel eine so große Zahl (lt. Tabelle I— VHI) aus-
machen? Es ist das eben nur ein Ausdruck für die starke Nachfrage.
Ich bin sicher, obwohl der Beweis schwer zu erbringen ist, eine Menge
von Präparaten erscheinen immer unter neuem Namen, sobald sie unter
dem alten nicht mehr zugkräftig sind. Macht man sich die Mühe und
sucht festzustellen, gegen welche Schädlinge die angepriesenen Präparate
eigentlich wirksam sein sollen, so stößt man bald auf Schwierigkeiten,
denn nur ein Teil der Mittel sind Spezial- Bekämpf ungsuiittel, d. h. sie
werden unzweideutig gegen einen bestimmten Schädling empfohlen. So
z. B. gibt es Spezialmittel gegen Batten und Mäuse, gegen Läuse, Flöhe,
Motten usw. — Die viel größere Menge der Präparate trägt den etwas
verdächtigen Charakter als Universal-Bekämpfungsmittal, d. h. sie
sollen laut Anzeige verschiedene Schädlinge zugleich vernichten —
natürlich restlos. Einige Beispiele führe ich an: „Terror -Pulver" ist
gegen Schaben, Wanzen, Läuse, Flöhe, Motten, Ameisen usw.; „Veni-
mors" (Tabelle Vn)= Bakterienpräparate sind gegen „Ratten und
Mäuse, Hamster, Wühlmäuse, Schwaben, Russen, Kellerasseln, Motten,
Hausameisen u. a. Hausinsekten": „Wanzenol" (Tab. H), =^ „hat fabel-
hafte Wirkung gegen Wanzen, Flöhe, schwarze Käfer, Kakerlaken usw."
— Wir sehen, daß oft die zoologisch verschiedensten Geschöpfe mit
ganz entgegengesetzter Lebensweise zusammengefaßt sind, gegen welche
das betreffende Mittel summarisch wirkt. Müssen nicht dem Fachzoologen
berechtigte Zweifel beim Lesen solcher Anzeigen auftauchen? Auf die
Unsicherheit, die sich darin kundtut, werden wir weiter unten in Kap. 2,
Abs. 4, nochmals zu sprechen kommen.
Kapitel 2
Über das Anzeigewesen beireffend Bekämpfungsmittel
Nach jeder Richtung hin lohnend und interessant ist es, sich die
Anzeigen selbst auf diesem Gebiete etwas genauer anzusehen. Welche
UnZuverlässigkeit und Unkontrollierbarkeit herrscht, geht aus den An-
kündigungen selbst hervor.
Die wirtschaftl. Bedeutung von Ungeziefer und Schädlingen usw. 173
I. Wer annonciert überhaupt?
Es lassen sich drei Gruppen der Anzeigenden unterscheiden: a) der
Fabrikant, b) der Wiederverkäufer, c) der Kammerjäger bezw. die Des-
infektionsanstalt. Auch hier ist keine scharfe Trennung durchzuführen;
schon deshalb nicht, weil vielfach gar nicht feststellbar ist, ob der
Anzeigende der Selbsthersteller ist.
Zu a) Der Fabrikant. Er zeigt unter voller Namens- und
Adressenangabe das oder die von ihm hergestellten Mittel au. Beispiels-
weise ist dies der Fall bei den Räudemitteln „Kaban Liniment", „Diehlol",
„Kreopix"; beim Flohmittel „Trikresolpuder Pfeifferol"; beim Ratten-
mittel „Rattagallin". In diesen Fällen ist gegen die Anzeige bezw.
gegen die Art ihrer Abfassung nicht das geringste einzuwenden, wie
sich, um es ausdrücklich zu betonen, meine Ausführungen niemals
gegen brauchbare Mittel und gegen ernsthafte Ankündigungen
richten, sondern nur gegen Unzuverlässiges.
Zu b) Der Wiederverkäufer. Als solche kommen Klein- und
Großhändler in Frage. Entweder wird von ihnen ein Präparat allein
empfohlen, oder sie kündigen summarisch mehrere zugleich an. Wieder-
verkäufer sind in erster Linie bestimmte Geschäfte wie z. B. Apotheken
und Drogerien, auch Friseure. Ein Teil verkauft nur am Ort, ein
anderer betreibt den Versand nach auswärts. Eine schlimme Kategorie
von Wiederverkäufern sind die „Versandbüros" und „Versandhäuser".
Unter vielen anderen Dingen verschicken sie Ungeziefer- und Schäd-
lingsmittel ohne Angabe der Herkunft. Diese Art des Vertriebes ist
um so anfechtbarer, da meistens als Adresse dieser Firmen nur der Ort
und die Nummer des Postfaches angegeben wird, „Das Versandhaus"
trägt aber in der Regel keinen Personalnamen, sondern einen Deck-
namen. Ganz auffallend aber ist es, daß derartige Firmen zumeist nicht
in den beheimateten Zeitungen ihre Präparate anbieten, sondern in
Blättern weitentfernter Provinzen. Beispielsweise preisen westfälische
Firmen in Schlesien und badische Firmen in Ostpreußen an. Muß der
Satz „daß der Prophet nichts im Vaterlande gilt" hier nicht dahin ab-
geändert werden, daß er als Schwindler erkannt, die Heimat scheuen
muß? Jedem Leser ist es anheimgestellt, sich auszumalen, wie die
Reklamation verläuft, wenn er auf in derartiger' Weise angebotene
Präparate hereinfiel!
Zu c) Der Kammerjäger bezw. die Desinfektionsanstalt.
Daß diese Gewerbe entsprechende Anzeigen in die Zeitungen einrücken,
ist klar. Zweifelsohne gibt es recht reell arbeitende Firmen in allen
174 Albrecht Hase,
Teilen Deutschlands darunter. Man kann bei einiger Übung vielfach
der Annonce schon entnehmen, ob zuverlässige Firmen dahinterstehen.
Aber leider gibt es einen großen Prozentsatz von unlauteren Elementen
besonders unter den Kammerjägern; ihre Anzeigen fallen entsprechend
aus. Wenn z. B. Kammerjäger „jahrelangen Erfolg" garantieren, so ist
wohl für den Biologen die Diskussion über derartige Behauptungen
überflüssig. — Yerbunden mit ihren Geschäftsanzeigen sind nun viel:
fach, fast regelmäßig, zugleich die Anpreisungen von Ungeziefer- und
Schädlingsmitteln. Entweder heißt es: verwende meine Spezialmittel,
oder: es kommen nur die neuesten Mittel und Verfahren zur Anwendung,
oder: verkaufe und versende Ungeziefermittel wie . . . (folgt Angabe
der Präparate). Leider ist das Kamm erjägerge werte vielfach ein sogen,
unsicheres. Verbindet nun ein an und für sich unzuverlässiger Kammer-
jäger mit seinem Beruf noch den Versand und die Herstellung von
üngezief ermitteln , so kann man sich leicht denken, was dabei heraus-
kommt und wie das kaufende Publikum geprellt wird. — Welche Un-
zuverlässigkeit herrscht, geht aus einem Umstände mit am schlagendsten
hervor. Es liegt mir eine Reihe von Anzeigen vor, in denen Kammer-
jäger ankündigen, daß sie von weit auswärts in einen bestimmten Be-
zirk kommen. So z. B. reist ein westfälischer Kammerjäger nach Ost-
friesland und ein Bayer arbeitet in Schlesien. Da fragt man sich,
gibt's denn in der Heimat kein Ungeziefer mehr? Oder hat der Be-
treffende triftige Gründe, seine Tätigkeit weit weg zu verlegen?
2. Wo wird annonciert?
Wir können die Frage gleich vorweg beantworten: in allen Tages-
zeitungen und zwar in den größten, den großen, den mittleren
wie in den kleinen (vergl. S. 163). Ferner in den Fachzeitungen,
von allem der Berufsstände und Erwerbszweige, die den Angriffen ^^on
Schädlingen in erster Linie ausgesetzt sind. Solche sind: Fleischereien,
Bäckereien, Müllereien, Gastwirtschaften, Brauereien, Nahrungsmittel-
industrien und -handel, Drogenhandlungen, Land- und Viehwirtschaften,
Gärtnereien, Obstbau, Blumenbau, Imkereien, Kleintierzüchtereien. —
Auffallend ist und es gibt zu denken, daß besonders zahlreiche An-
kündigungen in- denjenigen Tageszeitungen zu finden sind,
welche vorzugsweise von der ärmeren Bevölkerung großer
Städte gelesen werden (z. B. Dresdener Volkszeitung, Essener Volks-
zeitung, Kieler- Volkszeitung, Magdeburger Volksstimme u. a. m.). Durch
diese Tatsache kommt zweierlei zum Ausdruck. Erstens, daß diese
Die wirtschaftl. Bedeutung von Ungeziefer und Schädlingen usw. 175
Kreise — der wirtschaftlich schwächere Teil — besonders stark unter
Ungeziefer, zu leiden haben, und zweitens, daß er das größte Kon-
tingent der Käufer stellt. Die Anzeigen würden ja sofort in den Blättern
verschwinden, wenn sie erfolglos wären. Dieses ist aber keineswegs
der Fall, im Gegenteil, sie sind ständig darin vertreten.
3. Wie oft wird annonciert?
Um diese Frage genau zu beantworten, bedürfte es recht umfang-
reicher Erhebungen. Doch da, wie ich schon betonte, keine Anzeigen-
statistik getrieben werden soll, so können wir uns mit dem begnügen,
was an Material vorliegt. Auch dieses gibt uns die Aufschlüsse, welche
von prinzipieller Wichtigkeit sind. Ein Teil der Anzeigen -erscheint nur
wenige Male, besonders die in den kleinen und mittleren Blättern.
Wenn ein Drogist alle Monate in einer kleinen Lokalzeitung einmal ein
Schädlingsmittel anzeigt, so genügt es für diesen Leserkreis. Andere
Anzeigen liegen mir vor, die vier- bis fünfmal im Monat in einer Zeitung
erschienen sind und dann nicht wieder. Eine dritte Gruppe von An-
zeigen kehrt immer wieder und erscheint in einer Menge von Zeitungen,
z, B. wurde die Anpreisung von „Lauto" in 30, von „Furol" in 64 und
von „Goldgeist" sogar in 110 Zeitungen festgestellt. Der Umfang der
Reklame, welcher für die verschiedenen Präparate aufgewendet wird,
ist eben, je nach der Finanzkraft der Unternehmer, ganz verschieden.
Jedenfalls ist keinesfalls der Schluß zulässig: das Mittel muß gut sein,
denn es wird viel Reklame dafür gemacht.
4. Wie wird annonciert?
Daß ein Fabrikant für seine Erzeugnisse Reklame machen muß,
ist selbstverständlich, und es fällt mir auch absolut nicht ein, die Be-
rechtigung einer sachgemäßen Reklame, auch für Schädlings- und Un-
geziefermittel irgendwie in Abrede stellen zu wollen. Wogegen ich
mich wende, ist das Unsachliche. Sieht man sich die Anpreisungen der
Schädlings- und Ungeziefermittel etwas kritisch an, so fällt sofort auf,
wie sehr die Sachlichkeit zurücktritt und ihre Stelle das
Schlagwort einnimmt. Was zunächst die Benennung der Präparate
anbelangt, so ist dagegen nichts einzuwenden. Im Gegenteil! Dieses
Vorgehen erleichtert sogar die Stellungnahme zu den verschiedenen
Mitteln. Nur sind die vielfachen Geschmacksverirrungen bei der Namen-
gebung nicht gerade schön. Oder wer findet etwa den Namen „Beiß-
Beiß" (für ein Läusemittel) oder „Hops" (für ein Rattenmittel) besonders
wohlklingend?
176 Albrecht Hase,
Wie ich sagte, nimmt das Schlagwort einen breiten, ja beherr-
schenden Raum ein in den Anzeigen. Es ist dies mit ein Ausdruck
dafür, daß auf das große Publikum eben nur grobe Ausdrucks-
mittel wirken. Eine streng sachlich gehaltene Anzeige würden die
meisten Leser der Tageszeitungen (leider!!) gar nicht verstehen. Am
beliebtesten sind die Schlagworte, welche den Erfolg des
Mittels recht grell beleuchten. Daß hierbei der Wunsch der Vater
des Gedankens ist, dürfte klar sein. Möglichst fettgedruckt, als Anruf,
Überschrift und Stichwort erscheinen sie. Ich stelle eine Blütenlese
von Schlagworten zusammen. Es wäre mir ein Leichtes, sie um das
Dreifache zu vermehren.
„Das beste Schutzmittel — tötet in wenigen Minuten — vernichtet
verblüffend — vernichtet restlos — verblüffende Resultate — vertilgt
radikal — beseitigt sofort radikal — sensationell — in einer Stunde
gegen Garantieschein — Wirkung sofort radikal — allerwirksamstes
Mittel — unwiderstehlich vernichtende Kraft — totsicheres Ausrottungs-
mittel — das Ende des Ungeziefers — das größte Sterben — es gibt
nichts Besseres — fabelhafte Wirkung — nichts anderes nehmen —
1000 fach bewährt — mein Geheimnis — Riesenverdienst — meine Frau
und ich sind glücklich — verheerende Seuche — ansteckende Seuche
— 400 tote Ratten und Mäuse aufgefunden — Seuche! Typhus! Pest!
Tod! — die neue Zeit — ■die neue Macht — Erfolg garantiert sonst
Geld zurück. — kein Quacksalber- und Kurpfuschermittelchen, sondern
wissenschaftlich erprobt — auch die sauberste Mutter — Hören Sie!
Haha! — wenn ihr Kind — Tod und garantiert radikale Vernichtung
— zum Tode verurteilt — Mord — sicherer Tod — " usw. usw.
Wie groß muß der Tiefstand der Kenntnisse breitester Volks-
schichten in diesen Dingen sein, daß auf sie derartige Ausdrucksmittel
wirken! Zu dieser traurigen Erkenntnis kommt man durch die Fest-
stellung obiger Tatsachen. Welche ungeheure Aufklärungsarbeit muß
noch geleistet werden von selten der Biologen, bis diese Zustände besser
werden! Man fragt sich unwillkürlich, nachdem man soviel Versicherung
von Mord, Tod, Vernichtung des Ungeziefers gelesen, wie kommt es
nur, daß immer noch so viel vorhanden ist? Laut Anpreisung der
Mittel müßte es doch längst zu den Seltenheiten gehören.
Ein besonderes Kapitel in der Art der Abfassung der Annoncen
bilden die geleisteten Garantien. Man kann lesen: „Ärztlich anerkannt,
patentamtlich geschützt, gesetzlich geschützt, patentamtlich angemeldet,
mein Institut ist gerichtlich eingetragen, unter staatlicher Oberaufsicht,
Die wirtschaftl. Bedeutung von Ungeziefer und Schädlingen usw. 177
wissenschaftlich erprobt, laut Zeugnissen, glänzende Gutachten, tausend
Dankschreiben" usw. Natürlich gibt es Mittel, bei denen alles dies zu-
trifft, doch bilden sie die Minderzahl. Wer die tatsächlichen Verhält-
nisse der Praxis kennt, dem ist nicht unbekannt, in wie wenig Fällen
die papiernen Versicherungen der Wirklichkeit entsprechen.
Wir sagten bereits, daß die Abfassung der Anzeigen auf die
Unkenntnis des kaufenden Publikums zugeschnitten ist. Eine
Tatsache ist besonders geeignet, diese Behauptung zu beweisen. Es
ist die Zusammenstellung aller der Schädlinge, gegen die ein und das-
selbe Präparat helfen soll. Der Gedankengang der annoncierenden
Händler und Fabrikanten ist gewöhnlich folgender : wenn in der Anzeige
möglichst viel Tiere zusammen genannt werden, die das betreffende
Mittel „totsicher radikal" vernichtet, dann wird durch die vorgegebene
Universalität des Präparates das Publikum umso eher verleitet, es zu
kaufen. Im vorhergehenden Kapitel hatte ich bereits den Wert der
Universalität kritisch beleuchtet (vergl. S. 172). Ich führe noch einige
Beispiele an und werde zum Schluß vom biologischen Standpunkte aus
einiges einfügen. Wenn ein Mittel gegen Ratten und Mäuse zugleich
angepriesen wird, so ist nichts dagegen einzuwenden. Nun finden sich
aber Anzeigen (z. B. Furol, Tab. II und III), welche besagen, das Prä-
parat sei gegen Ratten, Mäuse und Schaben und Wanzen zugleich wirksam.
Oder ein „Schwabenpulver" dient zur Vernichtung von Schwaben, Schaben,
Russen, Franzosen, Kakerlaken, Kellerasseln, Mehlmotten (!!), Ameisen usw.
— Oder, das Präparat „Ort" (Tab. VIII) ist „das Beste und Sicherste
gegen Fliegen, Käfer, Wanzen, Blattläuse, Russen, Kakerlaken, Schwaben,
Hühner- und Vogelmilben" zugleich. Schließlich gibt es eine Menge von
Präparaten, die „jegliches Ungeziefer radikal" vernichten. — Dazu sei
vom biologischen Standpunkte aus bemerkt: wir wissen jetzt, daß selbst
ein so hochgiftiges Gas wie Blausäure in bestimmter Konzentration nicht
auf alle Schädlinge zugleich tödlich einwirkt. Sehen wir uns die Lebens-
weise der oben in einem Atem genannten Formen nur etwas genauer
an, so ergibt sich sofort, daß hier grobe Unstimmigkeiten sind. Wanzen
saugen nur Blut, Blattläuse nehmen nur Pflanzensäfte zu sich. Schaben
sind Allesfresser — welches Mittel kann sie sicher zugleich vernichten?
Auch in Anbetracht der Lebensweise doch höchstens ein sehr giftiges
Gas! Und ein solches Präparat soll man paketweise im freien Hand-
verkauf bekommen? Wie will man mit einem Pulver (!) Mehlmotten
vernichten, ohne das Mehl mit zu vernichten, d. h. ungenießbar zu machen?
Hat der Verfasser der betreffenden Anzeige Kenntnisse über das Leben
178 Albrecht Hase,
dieses Vorratsschädlings? Es scheint nicht so! Eine Anzeige liegt mir
vor, in der „gebrauchsfertiger Ungeziefer-Typhusbazillus für Ratten,
Mäuse, Käfer, Wanzen, Flöhe, Läuse usw. unter garantierter Wirkung"
angeboten wird. Ich höre zum ersten Male von einem so phänomenalen
Bazillus! Zu letztem Beispiel sei bemerkt, die Anzeige ist nicht nur
einmal, sondern wiederholt erschienen. Der hier zutage geförderte
Unsinn richtet sich selbst! Fast niemals werden die Anzeigen der
Biologie der Schädlinge durch entsprechende Fassung gerecht. Sum-
marisch, ja stereotyp, kehrt immer der Passus wieder: „vernichtet alles
Ungeziefer samt Brut restlos" usw.
Noch einige kleine Beispiele znm Kapitel Unkenntnis und Kritik-
losigkeit des Publikums! Was denkt man sich unter einem „gift-
sichersten Mittel" (Schwabentod Morida), was unter einem „giftfreien
Käferpulver" (Seebers giftfreies Käferpulver), was unter einem „unver-
gänglichen Schwabenpuder" (Thomasol Schwabenpuder), was unter „drei-
fach starkem und fünffach starkem Läusemittel? Oder: ein Versandbüro
bietet Rattenkuchen „auch gegen Maulwürfe" (zu 4 Mk. das Stück) an.
Kommentar überflüssig!!
Nur noch einige Worte zur zoologischen Benennung der zu be-
kämpfenden Formen. Auch hier kann man Dinge finden, die einerseits
die Unkenntnis der Anzeigenden, andererseits des Publikums klipp und
klar erweisen. Ich möchte nur ein Beispiel herausgreifen: die Benennung
der Schaben. Gewiß ist mir bekannt, wie verschieden regional die Be-
zeichnungen sind, wenn es aber in den Anzeigen heißt, gegen „Schwaben,
Russen, Kellerasseln, Kakerlaken" oder gegen „Schwaben, Schaben,,
Russen, Franzosen, Kakerlaken", so ist doch die Frage berechtigt,
warum diese Häufung der volkstümlichen Namen? Dokumentiert sich
auch darin nicht eine große Unsicherheit?
Bevor ich diesen Abschnitt schließe, soll noch auf einen Punkt
hingewiesen werden, der einen großen Prozentsatz der Anzeigenden
fragwürdig erscheinen läßt. Immer kehrt die Versicherung wieder des
hohen Verdienstes, den Wiederverkäufer durch den Präparatverkauf er-
zielen. „Riesen verdienst" — „Lohnendstes Mittel für Grossisten", das
sind die Schlagworte, mit denen gearbeitet wird^). — Selbstverständlich
^) Kurz vor dem Druck der Arbeit, als die Tabellen I bis VIII bereits ab-
geschlossen waren, kam mir folgendes Inserat in einer Fachzeitung zu Gesicht. Wörtlich
lautet es: „Riesigen Verdienst erzielen Sie bei Herstellung von Wanzenfluid mit unserem
Arcolin. 1 kg mit 19 kg Aqua (gesperrt d. Verf.) gemischt, bringt Ihnen spielend
Die wirlschaftl. Bedeutung von Ungeziefer und Schädlingen usw. 179
soll jemand, der ein gutes Ungeziefermittel in den Handel bringt, auch
daran verdienen. Wenn aber besonders hohe Verdienste schon dem
Wiederverkäufer zugesichert werden, wieviel verdient dann der Fa-
brikant? Wie billig muß dann die Herstellung des Präparates sein?
Im Gegensatz steht dies aber zu den meist recht hohen Preisen der Mittel
im Handverkauf. In Tab. I — VIII sind bei mehreren Mitteln die Preise der
kleinsten im Handel erhältlichen Mengen angegeben. Sicher ist natür-
lich, daß heute, infolge der allgemeinen Preissteigerungen, viele derselben
schon längst überholt sind. Mir drängt sich bei der Prüfung der Preise
immer der Gedanke auf, es muß doch recht viel mit diesen Dingen
verdient werden. Meine Meinung ist: die große Produktion derartiger
Mittel wird eben nicht dadurch hervorgerufen, daß unsere Kenntnisse
über die Wirksamkeit spezifischer Bekämpfungsmittel gegen die Schäd-
linge plötzlich ungeahnt große und sichere geworden sind, sondern da-
durch, daß, fußend auf der Dummheit des Publikums einerseits und auf
der großen Nachfrage andererseits vielfach mühelos glänzende Geschäfte
zu machen sind.
5. Ergänzende Bemerkungen
Um das ganze bisher entrollte Bild noch mehr abzurunden, soll
zum Schlüsse dieses Kapitels noch verschiedenes zur Sprache kommen.
Es bedarf wohl nicht vieler Worte mehr um darzulegen, auf welch un-
sicherem Boden man sich hier bewegt, und doch wäre Gewißheit recht
dringend vonnöten, in Anbetracht der ganzen Wirtschaftslage. — Wie
groß die allgemeine Unsicherheit, ist im Wortlaut mancher Anzeigen
selbst direkt ausgesprochen und zwar im Hinblick auf die Konkurrenz.
Nun ist es aber ein höchst zweischneidiges Schwert, den' Konkurrenten
als Schwindler hinzustellen in Ermangelung anderer Beweisgründe. Was
dann, wenn der Angegriffene zur gleic];ien Waffe greift? — Daß in den
Anpreisungen vor Nachahmungen gewarnt wird, ist nichts Besonderes.
Auch Hinweise, wo ein bestimmtes Mittel „allein echt" zu haben sei,
sind in keiner Weise anzufechten. Wenn es aber in verschiedenen
Annoncen heißt: „Meine Präparate, welche ich bei meiner Ausführung
in Anwendung bringe, sind nach meinem sachlichen Gutachten (!!) durch
langjährige Forschungen wissenschaftlich die einzigen Mittel, der Weiter-
400 Mk. ein. Verdienst wie in der Rezeptur; 1 Literflasche 39,75 Mk. ab exkl. per Nach-
nahme (Dr. Korallus & Co., Charlotten bürg 4/33)". — Ich glaube, die Fassung der An-
zeige bestätigt genugsam meine Ausführungen.
X80 Albrecht Hase,
Verbreitung vorzubeugen und Ausrottungen zu erzielen'' — oder: „Eine
Infragestellung des Erfolges, wie es bei fast allen anderen Mitteln fast
meistens der Fall ist, ist völlig ausgeschlossen" — oder: „Ratten- und
Mäuseplage sind nicht behoben durch marktschreierische fremde, sondern
durch . . . ." — oder: „Man weise alle Nachahmungen zurück, da
billigere Präparate wertlos" — oder: „Wer .... trotz angewandter
Mittel nicht loswerden konnte, wende sich an . . . ." — oder: „Ich
beseitige vollständig mit meinen noch nie versagten Spezialmitteln selbst
da, wo schon viele Mittel ohne Erfolg angewandt waren", so fällt der-
artige Reklame eben unter das, was ich oben sagte. Diese wortgetreu
wiedergegebenen Zugeständnisse sind für uns umso wertvoller, weil
sie direkt unsere Behauptungen bestätigen. Die Lage des kaufenden
Publikums ist aber deshalb zunächst noch keine bessere, denn ob ge-
kaufte Mittel brauchbare oder wertlose sind, kann es nur empirisch
feststellen. Zunächst behauptet ja jeder Fabrikant, seine Präparate
seien nicht mit wertlosen zu verwechseln.
Über manche Mittel werden Prospekte und Literatur versandt.
„Man verlange Prospekte" heißt es in den diesbezüglichen Annoncen.
Wir haben uns solche Druckschriften kommen lassen. Natürlich steht
meist unter Berufung auf viele Dankschreiben nur darin, wie vorzüglich
das Mittel sei. Nur ganz wenige solcher Prospekte heben sich über
den Rahmen des Selbstlobes heraus. Wer mit derartigen Dingen einiger-
maßen vertraut ist, der wird mir beipflichten, wie wenig Positives zu
einer objektiven Beurteilung solcherlei Prospekte bieten.
Schließlich sei auf etwas noch hingewiesen. Es wird manchem
Leser aufgefallen sein, daß in den Tabellen I bis VIII so wenig Motten-
und keine speziellen Fliegenmittel verzeichnet sind. Der Grund ist ein
zweifacher. Einmal sind die Fliegenmittel mit in der Gruppe „Ungeziefer-
mittel im allgemeinen" enthalten, da es sich nicht um besonders benannte
Spezialmittel handelte. Zweitens sind viele Schädlings- und Ungeziefer-
mittel Handelsartikel, die zu bestimmten Jahreszeiten besonders hervor-
treten. Wir haben das wenig schöne Wort „Saisonartikel" für
derartige Sachen. Nun wurden die Anzeigen von Herbst bis Frühjahr
aufgesammelt, also zu einer an und für sich recht ungünstigen Zeit in-
sofern, als eben fast kein Mittel gegen Fliegen und Motten angepriesen
wird. Diese Präparate erscheinen erst mit Eintritt wärmerer Jahreszeit
wieder auf dem Markt. — Das gleiche gilt für viele Mittel gegen
Pflanzenschädlinge — ebenso erscheinen besonders viele Anzeigen betreffs
Wanzenmitteln erst im Sommer.
Die wirtschaftl. Bedeutung von Ungeziefer und Schädlingen usw. 181
Auch aus diesen Tatsachen geht hervor, die von mir gesammelten
Anzeigen sind nicht etwa mühsam zusammengesucht, im Gegenteil! Es
ist nur eine bescheidene Auswahl aus der im Laufe eines Jahres tat-
sächlich erscheinenden Menge.
Kapitel 3
Die wirtschaftliche Bedeutung des Anzeigenwesens und des Handels mit
Schädlingsmitteln
f. Einleitende Bemerkungen
Bevor ich Einzelheiten bringe, möchte ich meinen prinzipiellen
Standpunkt in hierher gehörenden Fragen überhaupt darlegen. Ich weiß,
daß ich mich damit mancherlei Angriffen aussetze. Zum mindesten hoffe
ich aber Mißverständnissen vorzubeugen. Beabsichtigt wird: erstens
auf die wirtschaftliche Bedeutung dieses ganzen Anzeigenwesens und
Handelsbetriebes hinzuweisen und dabei erläuternde Zahlenwerte zu
bringen; zweitens soll auseinandergesetzt werden, welchen eminenten
Wert das Anzeigen- und Reklamewesen in diesen Dingen für die Be-
einflussung des Publikums besitzt.
Wenn ich Zahlenwerte bringe, so bin ich mir wohl bewußt, wie
vorsichtig derartige Zahlen aufzufassen sind, und daß man sich vor weit-
gehender Verallgemeinerung hüten muß. Andererseits vertrete ich den
Standpunkt, wir müssen, selbst auf die Gefahr hin, nicht völlig genaue
Werte zu erhalten, uns derartige Zahlenunterlagen verschaffen. Einmal,
um uns selbst einen Überblick zu verschaffen, bis — was noch
jahrelange Arbeit kostet — ganz exakte Zahlen vorliegen; dann aber
auch, um Material zu gewinnen für eine groß angelegte Auf-
klärungsarbeit. Mit rein theoretischen Erörterungen kann nach
meinen Erfahrungen auf die große Menge niemals eingewirkt werden.
Ihr müssen konkrete, leicht verstellbare und persönlich beziehbare Dinge
vor Augen geführt werden, soll sie in Bewegung kommen. Das große
Publikum muß an den. empfindlichsten Punkten gefaßt werden,
die es für dasselbe gibt, und diese Punkte sind: die Magenfrage und
Geldfrage einerseits, die Bequemlichkeitsfrage andererseits.
Ich spreche das ruhig aus , indem ich die Dinge nehme wie sie sind,
und nicht wie man sie idealiter wünscht. Im allgemeinen Teil betonte
ich aber bereits aufs Ausdrücklichste, daß alle Fragen der angewandten
Zoologie, letzten Endes also auch diese Dinge, Angelegenheiten der
Öffentlichkeit, mithin des großen Publikums sind. Man muß also mit
182 Albrecht Hase,
diesem als gewichtigem Faktor rechnen, will man tatsächlich weiter-
kommen. Praktische Erfahrungen mannigfacher Art haben mich zu dieser
Stellungnahme veranlaßt, und ich muß es zunächst in den Kauf nehmen,
ungenau, unwissenschaftlich, banal, trivial gescholten zu werden. — Das
alte Sprichwort . vom groben Klotz und groben Keil ist hier voll am
Platze. Ich hielt genugsam Vorträge und dergl. über Ungeziefer- und
Schädlingsbekämpfung; ich versuchte anfangs mit ethischen Forderungen
und rein wissenschaftlichen Tatsachen zu überzeugen. Ich predigte
tauben Ohren. Der Appell an das soziale Gewissen ist kläglich ge-
scheitert! Sofort aber wurden meine Zuhörer, die sich aus allen sozialen
Ständen zusammensetzten und in bezug auf den Stand ihrer Kenntnisse
in diesen Dingen eine einheitliche „Masse" — also großes Publikum —
bildeten, hellhörig, als ich die praktische und wirtschaftliche Seite der
Frage aufrollte, als ich die privaten Interessen wachrief. Jetzt bekam
für die Menge alles ein anderes Gesicht: das persönlichste Interesse
war da, welches es geben konnte, nämlich: es kostet mem Geld! meine
Bequemlichkeit!
Wenn wir also Zahlenwerte bringen, so wollen wir damit ein,
wenn auch grobes, so durch seine Grobheit umso wirksameres Agitations-
mittel für die Aufklärungsarbeit gewinnen. Daß diese Mittel noch grobe,
sinnfällige, leicht persönlich beziehbare sein müssen, erwies ich einer-
seits durch meine persönlichen Erfahrungen, andererseits hat uns das
Studium der Anzeigen gelehrt, wie der Bildungszustand der Massen in
diesen Dingen ist, und es bestärkt uns dies umso mehr, an unserer
Auffassung festzuhalten. Es ist wohl eigentlich überflüssig, wenn ich
betone, daß der jetzige Zustand kein idealer ist, aber er ist einmal so,
und ihn heute schon so zu behandeln, wie wir ihn wünschen, ist ein
Grundfehler. Wie die geistige Konstruktion des großen Publikums ist,
lehrten uns die Fassungen der Anpreisungen von Schädlings- und ün-
geziefermitteln. Sie zeigen uns, welcher Ausdrucksmittel es bedarf, um
Wirkungen zu erzielen; sie lehren uns, daß nur Sinnfälliges, selbst ganz
grob Sinnfälliges, auf Erfolg rechnen kann.
Eine Überlegung wird jedem Praktiker sagen, daß es am einfachsten
und zweckentsprechendsten ist und am raschesten zum Ziele führt, wenn
man sich zunächst analoger Mittel und Methoden bedient. Die Wege
des Erfolges im großen Publikum überhaupt sind vorgezeichnet, warum
soll man sie nicht gehen, um seine Zwecke ^- eben die Aufklärung —
durchzuführen? Da die Notlage der Zeit mehr denn je rasche Hilfe
erfordert, so ist dies umso mehr ein Grund, Bahnen einzuschlagen, die
Die wirtschaftl. Bedeutung von Ungeziefer und Schädlingen usw. 183
prinzipiell auf dasselbe hinauslaufen: Erfolg- in Dingen des täglichen
Lebens. Was heute die breiteste Öffentlichkeit in bezug auf Ungeziefer-
und Schädlingsbekämpfung beherrscht, das hat Erfolg — wenn auch im
üblen Sinne. Warum soll man nicht mit gleichen Mitteln einen diame-
tralen Zweck verfolgen, zumal die Mittel höchst wirksam sind, wie der
im praktischen Leben allein entscheidende Erfolg lehrt! Warum sich
also ängstlich, ja krampfhaft hüten, Erscheinungen der Alltäglichkeit in
den Dienst der Wissenschaft und wahrer sozialer Arbeit zu zwingen!
In dieser Auffassung dokumentiert sich eben unsere, nicht mit Unrecht
so viel bespöttelte Weltfremdheit. Wir glauben, es sei alles erst wahr
und durchführbar, wenn es theoretisch durchforscht wurde von Olims
Zeiten bis jetzt. Damit genug der allgemeinen Erörterungen. Ich glaube
mich also zur Aufstellung von Zahlenwerten berechtigt, und in welchem
Sinne sie verwendet werden sollen, dürfte jetzt klar sein. Benutzen
wir sie, bis andere Resultate uns an die Hand gegeben sind! Bis dahin
soll jedoch die Zeit nicht ungenützt verstreichen.
2. Die wirtschaftliche Bedeutung der Anzeigen und des Handels mit Schädlings- und
Ungeziefermitteln
Für fast jedes Gebiet hat man in dem öffentlichen Anzeigenwesen
Gradmesser für die wirtschaftliche Bedeutung, welche die darin behan-
delten Dinge besitzen. Ob es sich dabei um erwünschte oder unerfreu-
liche Wirtschaftsobjekte handelt, ist zunächst belanglos. Jedenfalls lassen
sich durch einfache Rechnungen Zahlenwerte gewinnen, wenn man die
Anzeigen selbst und die darin gemachten Warenpreise zugrunde legt.
Noch einen doppelten Vorzug hat ein derartiges Vorgehen: einmal ist
man auf Schätzungen fast nicht angewiesen, und zweitens ist eine Nach-
prüfung leicht möglich. Welche Zwecke wir mit der Errechnung von
Endsummen verbinden, sagte ich im einleitenden Abschnitt dieses Kapitels.
Vorweg sei gleich betont, daß bei allen Berechnungen Mindest-
zahlen in Ansatz gebracht wurden, die wirklich in Betracht kommenden
Werte sind demnach noch viel höher.
Die Grundangaben, welche ich in dem Abschnitte mitteilte, der
über die Methodik handelte, nehmen wir zum Ausgangspunkt. Tatsäch-
lich liegen mir vor rund 2100 Anzeigen, die sich auf 114 täglich er-
scheinende Tageszeitungen und auf 7 nicht täglich erscheinende Zeitungen
mit etwas fachlichem Einschlag verteilen. Insgesamt lieferten also
114 -|- 7 = 121 Insertionsorgane das Anzeigenmaterial und zwar in dem
Zeitraum von 5 Monaten. — Der Reklame für derartige Dinge stehen
Zeitschr. f. techn. Biologie, Bd. VIH. i o
234 Alb recht Hase,
aber in Deutschland mindestens 2800 Zeitungen zur Verfügung, davon
2200 Tageszeitungen ohne beruflichen Charakter und 600 Fachzeitungen
für Erwerbszweige, die in erster Linie in Betracht kommen. Die bei
der durchgeführten Sammeltätigkeit berücksichtigten Zeitungen machen
von der Gesamtheit 2800 aber nur rund 47o aus. Führen wir nun
einige Rechnungen durch:
a) Fragen wir zunächst, welche Insertionskosten verursachen
in 5 Monaten diese 2100 Anzeigen über Ungeziefer und Schäd-
lingsmittel? Es ergibt sich, wenn wir im Durchschnitt^) für eine
Annonce 2.5 Mk. Gebühren in Ansatz bringen: 2100 X 25 = 52 500 Mk.
— Da es sich nun um Präparate handelt, die das ganze Jahr über
gangbar sind, also keine ausgesprochenen Saisonartikel (vergl. S. 180)
darstellen, so dürfen wir nicht mit Unrecht annehmen, daß das ganze
Jahr über genau so lebhaft annonciert wird. Wir hätten, falls wir unsere
Sammeltätigkeit über das gauze Jahr erstreckt hätten und wenn wir
2100 • 12
die tatsächlich vorliegende Zahl von 2100 beibehalten, also
= 5040 Anzeigen, erhalten aus 121 Zeitungen. Diese 5040 Ankündi-
gungen kosten dann aber (wieder den Durchschnittspreis von 25 Mk. in
Ansatz gebracht) pro Jahr 126000 Mk. Erfreulicher wäre es, wenn
der Deutschen Gesellschaft für angewandte Zoologie im letzten Jahre
126000 Mk. zur Verfügung gestanden hätten für ihre Arbeit.
b) Berücksichtigen wir nun, der Reklame stehen aber 2800 Blätter
zur Verfügung. Nehmen wir an, in diesen sei in den 5 Monaten
genau so flott annonciert worden — eine Annahme, die absolut nichts
Phantastisches an sich hat, ja der Wirklichkeit recht nahe kommt, wie
man sich leicht überzeugen kann (vergl. die Ausführungen S. 162 u. ff.) —
dann lägen ^^ = 48590 (abgerundet) Anzeigen vor; auf 12 Monate
La 1.
umgerechnet ^ rund 116 610 Anzeigen. Setzen wir für
diese Summe den bereits verwandten Durchschnittswert von 25 Mk.
pro Anzeige ein, so ergibt sich die gewaltige Summe von 116610 X 25
*) Der Durchschnitt ist deshalb so niedrig gehalten, da in den kleinen Blättern
die Insertionsgebiihren ganz andere sind als in den großen Zeitungen. Ein Fachmann,'
der mir diesbezügliche Auskünfte gab, wollte den Durchschnittspreis unter Berücksichti-
gung der stetig steigenden Preise auf 50 Mk. für eine Anzeige annehmen. Absichtlich
habe ich aber nur die Hälfte als Grundwert angenommen, um der Ansicht zu begegnen,
es käme mir darauf an, möglichst große Zahlen herauszurechnen.
Die wirtschaftl. Bedeutung von Ungeziefer und Schädlingen usw. 185
= 2 915000 Mk. (abgerundet) pro Jahr! Wem diese Zahl zu hoch
erscheint, dem gebe ich zu bedenken: wir berücksichtigten ja nur acht
bestimmte Gruppen (vergl. S. 163) bei unserer Sammeltätigkeit. Hätten
wir sie auf die Schädlinge des Obstbaues, Weinbaues usw. ausgedehnt,
dann wäre unsere Grundzahl 2100 um ein Mehrfaches gewachsen und
die Endsumme nähme noch ganz andere Dimensionen an.
c) Wem diese Art der Berechnung nicht zusagt, dem will ich
andere Wege weisen, auf denen er sich Überblicke verschaffen kann,
welche Werte hier bewegt werden. Wir gehen wieder von Tatsächlichem
aus! Es liegen mir folgende Anzeigen vor von den nachgenannten
6 Präparaten (vergl. Tab. I, II, III, Vni; S. 167 u. ff.):
1. Goldgeist = 615 Stück aus 110 verschiedenen Zeitungen in 5 Monaten
2. Furol = 254 „ „ 64 „ „ „ 5 „
;3. Lauto = 170 „ „ 30 „ „ „5 „
4. Eckolda = 168 „ „ 34 „ „ „ 5 „
5. Rodol = 55 „ „ 12 „ „ „ 5 „
6. Nikodaal = 26 „ „ 17 „ „ „ 5 „
Das sind zusammen 1288 wirklich erschienene Anzeigen. Setzen
wir hier pro Annonce nur 20 Mk. Gebühren ein, in Rücksicht darauf,
daß es sich um Wiederholungsanzeigen handelt, die billiger sind, so setzt
sich der Kostenaufwand für diese 1288 Anzeigen wie folgt zusammen:
Es erschienen für.
1. Goldgeist = 615 Anz. zu je 20 M. = 12300,— M. (aj,
„ (bx),
» (Ci),
„ (dj,
„ (dl),
» (ei).
Für 1 Jahr um-
gerechnet aber rund 60000, — Mark für diese 6 Präparate allein. Diese
Summe genügt, um 4 Biologen den gleichen Zeitraum über zu beschäf-
tigen. Aber welcher Sturm von Entrüstung würde sich zum Beispiel
in einem Stadtparlamente erheben, forderte man eine gleich große
Summe für Schädlingsbekämpfung. Die Werte ai bis fi werden uns
nochmals beschäftigen.
d) Noch andere Methoden gibt es, um Vorstellungen zu erhalten,
welche Summen wirtschaftlich Ungeziefer- und Schädlingsbekämpfungs-
mittel repräsentieren. Auch bei dieser Methode lege ich Tatsachen
zugrunde, und zwar diesmal die Preise für die einzelnen Mittel. In den
Tabellen I— VIII (S. 167) sind einige angegeben, soweit sie aus der
13*
2. Furol
= 254'
j>
„ „ 20 „ - 5 080,-
3. Lauto
= 170
jj
„ „ 20 „ = 3400,-
4. Eckold
= 168
Ji
„ „ 20 „ = 3360,-
5. Rodol
= 55
ji
„ „ 20 „ = 1100,-
6. Nikodaal
= 26
J)
„ „ 20 „ = 520,—
Das macht zusammen
25 760,
Mark in 5 Monaten.
136 Albrecht Hase,
Anpreisung ersichtlich sind; es sind aber immer nur die Preise, welche
für die kleinste Menge, die im Handel zu haben ist, verlangt werden.
Die meisten Präparate kann man in verschiedener Packung erhalten.
Beispielsweise das üngeziefermittel „Ort" in kleinen Paketen zu 7,20 M.
und in großen zu 18,30 M. Oder „Strubes Wanzentinktur" in Flaschen
zu 3,50 und 6.— M. „Furol" kostet je nach dem Objekt, gegen das
es angewendet werden soll, 1,30 M. (gegen Wanzen), 1,50 (gegen Schaben),
2,25 (gegen Ratten und Mäuse). Wir nehmen hier den Durchschnitts-
preis von 1,65 M. an. — Bei den nachfolgenden Berechnungen sind
auch immer nur die Preise für die kleinsten Mengen in Ansatz gebracht
worden. Bleiben wir zunächst bei den erwähnten 6 Mitteln. Diese
kosten :
1. Goldgeist 3,75 M. - 4. Eckolda 6,— M.
2. Furol 1,65 „ 5. Rodol 1,25 „
3. Lauto 5, — „ 6. Nikodaal 4,— „
Wenn auf jede Anzeige hin nur 1 Käufer in 5 Monaten sich einfand,
der ein kleines Paket erwarb, so sind an Werten umgesetzt worden,
unter Berücksichtigung der Zahl der tatsächlich erschienenen Anzeigen
über das Mittel, von:
1. Goldgeist = 615mal 3,75 M. = für 2306,— M. (aj),
2. Furol = 254 „ 1,65 „ = „ 419,— „ (b^),
3. Lauto = 170 „ 5,— „ = „ 850,- „ (Cg),
4. Eckolda = 168 „ 6,— „ =- „ 1008,— „ (d^),
5. Rodol = 55 „ 1,25 „ =^ „ 68, — „ (e^),
6. Nikodaal = 26 „ 4,— „ = „ 104,— „ (f^),
Das macht zusammen für 4755, — M. Ware. Vergleicht man aber die
Zahlen ai bis fi und a2 bis h, so ergibt sich sofort: es ist unmöglich,
daß nur ein Käufer sich einfand. Die Unkosten für die Anzeigen
würden ja nicht einmal gedeckt werden. Der Fabrikant wird nicht eine
Menge Zeitungen mit seinen Annoncen monatelang überschwemmen,
wenn er keinen Absatz hat. Wir können deshalb, ohne ins Uferlose
zu gehen, annehmen, jede Anzeige wirbt 10 Käufer, zumal ja viele
Tausende (entsprechend der Auflagehöhe der betreffenden Zeitung) die
Annonce zu Gesicht bekommen. Unter letzterer Annahme stellt sich
die Sache aber ganz anders dar. Wir erhalten an Stelle von 4755 M.
einen Wert von 47000 M. für Ware. Aber nur für die 6 heran-
gezogenen Mittel in 5 Monaten; für das Jahr umgerechnet ergibt
dies einen Umsatz von 112000 M. !
e) Wir wollen noch eine Rechnung durchführen unter Zugrunde-
legen anderer, aber auch realer Werte. Zu diesem Zwecke stelle ich
Die wirtschaftl. Bedeutung von Ungeziefer und Schädlingen usw.
187
zunächst eine Preisliste von 50 Präparaten auf, die in den Tabellen
I — VIII enthalten sind.
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
A. Wanzenmittel
Albasol 2,40 M.
Antiwanzin .... 3,00 „
Drowil 8,00 „
Furol 1,30 „
Grotonol 10,00 „
Nikodaal 4,00 „ '
Strubes Wanzen-
tinktui' 3,50 „
Dalmatin 2,50 „
zusammen für 34,70 M. = A
C. Räudemittel
1. Flörosol ..... 3,50 M.
2. Kreopix 5,50 „
3. Diehlol .... . 19,00 „
zusammen für 28,00 M.
C
B. Läusemittel
1.
2.
3.
4.
Beiß-Beiß . . .
Metz-Blitz-Balsam
Kontraseckt . .
Eckolda . . .
5. Goldgeist
50 M.
3,50
1,50
2,00
6,00
3,75
6. Henningsons Edelfluid 2,25
7. Lauto 5,00
8. Dilg Luhsin Balsam 2,00
9. Parasiten- Liniment
Pfeifferol 2,00
10. Problimat .... 2,00
11. Schwester Anna
Kopfgeist .... 3,75
12. Styx 1,20
13. Totin 3,00
14. Droeges Vera
4,50
zusammen für 42,45 M. =: B
D. Schabenmittel
1. Aiwa Schabentod . 1,00 M.
2. Antischwabin . . . 3,00 „
3. Furol 1,50 „
4. Granitol .... 12,00 „
5. Kiffi 6,00 „
6. Poudre Martial „Tod
und Teufel" . . . 1,75 „
7. Radikal 2,00 „
8. Thomasol .... 3,00 „
9. Uhlig's Sicher . . 1,00 „
zusammen 31,25 M =: T>
E. Ratten-
1. Chlorostyx .... 0,75 M.
2. Furol 2,25 „
3. Pestan 2,25 „
4. Tufan 2,00 „
5. Grasstats Rattitod . 3,00 „
6. Rattapan 4,00 „
7. Siegerin . . . . . 3,00 „
8. Zinitin 2,50 „
9. Millimors .... . 1,50 „
zusammen für 21,25 M.
und Mäusemittel
Übertrag
Morratin
Musculin
10.
11.
12.
18.
14.
15.
16.
Pogrom ....
Ratten-Mäusetot .
Thomasol Ratten- u
Mäusefluid . . .
Thanatos Fest
Rattenfort-Mäusefort
21,25 M.
5,00 „
3,00 „
11,00 „
5,80 „
7,00 „
3,50 „
1,75 „
zusammen für 58,30 M. = E
138 Albrecht Hase,
Zähleu wir A, B, C, D, E zusammen, so ergibt sich für die 50
Mittel zusammeu die Summe von ruud 200 Mark; der Durchschnitts-
preis eines Präparates im Verkauf ist also 4 Mark! Rechnen wir die
Herstellungskosten eines Präparates bis zur handelsfertigen Packung zu
^/s des Einzelverkaufspreises, so kostet durchschnittlich den Fabrikanten
diese Warenmenge den 5. Teil von 4 Mark = 0,80 Mark. Unter 1000
Packungen wird aber kein Fabrikant herstellen, wenn er ein Mittel auf
den Markt bringt. Demnach muß er 1000 mal 0,80 Mark — 800 Mark
zunächst als bare Auslagen in das Geschäft stecken. Um sie wieder
herein zu bekommen, sind aber unter Beibehaltung des Durchschnitts-
preises 200 Käufer notwendig. Das gilt für 1 Mittel! Bei 50 macht
das unter Beibehaltung der gleichen Grundwerte 50 mal 200 == 10000
Käufer. Auf diese Art bekommt man auch eine Vorstellung, wie oft
, diese Dinge gekauft werden, d. h. wie groß die Notstände sind!
Wir können die Rechnung noch anders durchführen, indem wir
sagen: von den unter 1 bis 50 oben genannten Mitteln wurden einmalig
je 1000 Handelspackungen hergestellt, zusammen also 50000 Stück für
den Einzelverkauf, Diese 50000 Packungen verteilt auf die einzelnen
Mittel erscheinen im Handel mit dem Durchschnittspreis von 4 Mark
pro Stück. Es sind demnach für 50 000 mal 4 Mark = für 200000 Mark
Ware an Ungeziefer- und Schädlingsmitteln unter das Publi-
kum zu bringen. V5 davon betragen die Selbstkosten der Fabrikanten;
das ist ein Anlage wert von 40000 Mark. Um diesen allein zu decken,
sind 10000 Verkäufe zu 4 Mark notwendig. Jedes der 50 Mittel muß
also 200 mal abgesetzt werden, d. h. 200 Käufer finden. Wir wollen
annehmen, es sei so — in Wirklichkeit werden die einzelnen Mittel ja
viel öfter gekauft, wie es ja in den Anzeigen heißt „Tausende von
Dankschreiben!" — die Rechnung ergibt auch, daß sich Tausende
von Käufern finden (siehe oben) und daß sich so viele finden, ist
eben ein Ausdruck dafür, welchen Umfang bei uns die Ungeziefer- und
Schädlingsplage angenommen hat.
f) Ich bitte den Leser, selbst den Stift zur Hand nehmen zu
wollen und meine Ergebnisse nachzurechnen, dabei aber nie zu vergessen,
daß ich immer möglichst niedrig gegriffen habe, schon deshalb, um den
Vorwurf zu entkräften, ich bewege mich in Phantasiegebilden, bloß um
mit großen Zahlen aufwarten zu können. Nein! Die Zahlen selbst
sind mir nicht Endzweck, sondern nur Mittel zum Endzweck. Noch
einige ergänzende Worte seien gestattet. In Kapitel I des speziellen
Teiles konnte ich die Zahl der benannten Mittel auf 108, der un-
Die wirtschaftl. Bedeutung von Ungeziefer und Schädlingen usw. I39
«
benannten auf rund 50, zusammen also 150 angeben. Nehmen wir an,
von diesen 150 Mitteln sei jedes durchschnittlich in 1000 Packungen in
den Handverkauf gebracht worden zu 4 Mark Durchschnittspreis, so
repräsentiert diese Warenmenge einen Wert von 150 • 1000 • 4
= 600000 Mark.
Schließlich sei noch ein Rechnungsbeispiel gestattet. In Kapitel III,
Abschnitt 2 b, wurde unter Berücksichtigung wirklich vorliegender Tat-
sachen die Gesamtzahl der Anzeigen über üngeziefermittel in den in
Frage kommenden Zeitungen auf rund 116 600 pro Jahr angegeben.
Wenn jede Anzeige nur 100 Käufer für das betreffende Mittel wirbt,
welches wir wieder mit 4 Mark Durchschnittsverkaufspreis einsetzen,
so ergibt sich die gewaltige Endsumme von 1 16 600 • 100 • 4
= 46 640000 Mark.
Viele werden bei letztgenannter Zahl stutzig werden und sie viel
zu hoch finden. Demgegenüber gebe ich zu bedenken, daß auch bei
dieser Berechnung einmal von gegebenen Verhältnissen ausgegangen
wurde, und zweitens die angenommenen Schätzungen sich innerhalb von
recht bescheidenen Grenzen halten. Ferner erstrecken sich meine Fest-
stellungen ja nur auf einige Gruppen von Schadinsekten. Ich bin
tiberzeugt, daß ganz andere Werte angegeben werden können, sobald
umfassende Bearbeitungen vorliegen.
Um aber nicht mißverstanden zu werden, betone ich nochmals:
diese Zahlen sollen durchaus nicht als unumstößliche feste Werte be-
trachtet werden. Im Gegenteil! Sie sollen uns nur eine Vorstellung
davon geben, welche Werte durch Schädlinge auf dem Spiele stehen
bezw. der Wirtschaft entzogen werden, damit die entsprechenden not-
wendigen Gegenmaßnahmen sich in gleichem Umfange halten. Ich
wünschte nur, den deutschen Instituten für angewandte Zoo-
logie würden Mittel zu wissenschaftlicher Forschung in ent-
sprechender Höhe zur Verfügung gestellt.
3. Die Bedeutung des Anzeigenwesens und der Reklame für die Beeinflussung
des Publikums
Nachstehende Erörterungen beziehen sich wiederum in erster Linie
auf die in Kapitel I behandelten Mittel.
Unbestreitbar hat das Anzeigen- und Reklamewesen (betreffend
Ungeziefer- und Schädlingsmittel) den Erfolg, daß die angepriesenen
Präparate in Menge gekauft werden. Der kaufmännnische Erfolg
ist da; der sachliche Erfolg bleibt leider vielfach aus. Den Beweis
J90 Albrecht Hase,
für die Richtigkeit dieser Behauptung zu erbringen, ist nicht allzuschwer.
Wäre der Sacherfolg der gleiche wie der kaufmännische, dann wäre es
widersinnig, ständig neue üngeziefermittel auf den Markt zu bringen,
da die bisher angebotenen Präparate ihren Zweck erfüllt und alles Un-
geziefer „restlos, radikal" vernichtet hätten; die vorhandenen Mittel
würden der allmählich immer bescheidener werdenden Nachfrage genügen.
Dieser scheinbare Widerspruch zwischen Sach- und kaufmännischem
Erfolg bedarf der Klarstellung. Warum werden die auf den Markt
geworfenen Präparate, taugliche wie völlig wertlose, wahllos gekauft?
Einmal natürlich deshalb, weil der tägliche Bedarf ständig ein ungeahnt
großer ist, und zweitens weil das Publikum fast gänzlich kritiklos
der Suggestionskraft der diesbezüglichen Anpreisungen erliegt. Der
Beeinflussung durch eine zw^eifelsohne geschickte Reklame ist aber in
erster Linie der Unwissende, Naive am ehesten zugänglich, und zwar
deshalb, weil er von einer geradezru rührenden Leichtgläubigkeit dem
gedruckten Wort gegenüber ist, sobald ihm darin eine WnnscherfüUung
zugesichert wird. An diesen schwachen 'Punkten setzt die Reklame an,
unter Berücksichtigung folgender Tatsachen. Aufs sorgfältigste be-
obachtet der Reklamefachmann die Vorgänge und Zustände in der
Öffentlichkeit und macht sich mit der geistigen Struktur der großen
Menge vertraut. Unter Verwertung dieser Kenntnisse betont er dann
die Punkte in der Fassung seiner Anzeige, zu denen jeder Leser leicht
persönliche Beziehungen findet. Derartige wesentliche Beziehungen sind
aber: Bequemlichkeitsfragen einerseits und Magen- und Geldfragen
andererseits. Das sind die Stellen, wo zweifelsohne, die große Menge
am sichersten zu fassen ist. Darüber sprach ich bereits in Kapitel III,
S. 181. Hierzu kommt noch, daß es sich überhaupt um Objekte handelt,
welche der Alltäglichkeit angehören. Ich erinnere nur an die Kapitel
Floh-, Wanzen-, Fliegenplage usw. Wer auch immer in seiner Ruhe
durch diese Tiere gestört wurde oder wem sie den Genuß von Nahrungs-
mitteln verekelten oder unmöglich machten (z. B. durch Ratten, Schaben,
Kellerasseln), der findet eben sofort direkte Beziehungen zu Anzeigen,
welche „Tod und Vernichtung" allem Ungeziefer androhen. Was man
wünscht, glaubt man gern! Der Reklamefachmann hebt nun durch
Schlagworte in der Abfassung der Anzeigen das grell hervor,
was der Geschädigte wünscht. Er versichert ihm immer und immer
wieder, dieses oder jenes Präparat erfüllte den dringenden Wunsch nach
Abhilfe „totsicher". Damit ist der unbedingt notwendige Kontakt ge-
funden. Dem Wunsch winkt Erfüllung durch Kauf des Präparates.
Die -Wirtschaft!. Bedeutung von Ungeziefer und Schädlingen usw. 191
Ob die Versicherungen der Annoncen zutreffen , ist eine andere
Frage. Der Zweck der Reklame ist ja ein ganz anderer, nämlich der,
daß der betreffende Artikel gekauft wird. Wer derartige Reklame
treibt, weiß auch in der Regel genau, wie groß die Gedankenlosigkeit
des Pubhkums ist, und daß es sich fast nie überlegt, ob den Ver-
sicherungen der Anzeigen nicht die notwendigen Voraussetzungen des
Erfolges überhaupt fehlen. Bei der Anpreisung vieler Prcäparate kann
man sich des Eindruckes nicht erwehren, der wirkliche Erfolg ist gar
nicht erwünscht, denn würde er eintreten, dann wäre ja das Geschäft
für die Zukunft verdorben.
Zu allen diesen Dingen kommt noch zweierlei hinzu, nämlich das
Moment der Massenhaftigkeit und dasjenige der Wiederholung. Die
beiden wichtigen Momente „Massenhaftigkeit" und „Wiederholung" sollen
durch einige Zahlenangaben kräftig unterstrichen werden. In Kapitel HI,
2 c, S. 185, habe ich einige Tatsachen bereits angeführt, die zur Erläute-
rung dienen.
Ich brachte Zahlenangaben, wie oft 6 verschiedene Präparate an-
gepriesen w^urden in 121 Zeitungen im Verlauf von .5 Monaten. Ferner
wurde im Abschnitt Methodik (S. 162) die tägliche Auflageziffer von 25 zu
Ausschnittszwecken benutzten Zeitungen aufgeführt. Diese 25 nament-
lich genannten Zeitungen haben eine tägliche Gesamtauflageziffer von
rund 1820000 Stück, wobei noch nicht einmal berücksichtigt wurde,
daß die größeren der genannten Blätter zweimal pro Tag erscheinen.
Für unsere Rechnungen genügt letztgenannte Zahl vollkommen. Wir
dürfen sagen: mindestens 1820000 Leser bekommen täglich die Zeitungen
zu Gesicht, In der Woche macht dies 12 700000 Jjeser; im Monat aber
54600000 und in 5 Monaten rund 273000000 Leser. Diese gewaltigen
Zahlen gibt bereits der etwa fünfte Teil der Blätter, die zu Ausschnitts-
zwecken benutzt wurden, von der Gesamtzahl der Zeitungen, die für
eine derartige Reklame in erster Linie in Betracht kommen, sind diese
25 Zeitungen noch kein ganzes Prozent.
Ich habe diese Rechnungen auch nur aus dem Grunde vorgeführt,
um zu zeigen, welchen Umfang und welche Bedeutung das Reklame-
wesen für die geistige Beeinflussung besitzt. Die Zahlen sind mir auch
hier nicht Endzweck, sondern nur ein Mittel zu dem von mir gewollten
Endzweck, nämlich: die Aufmerksamkeit weitester Kreise auf diese Dinge
hinzulenken. Nehmen wir an, daß selbst nur der hundertste, ja tausendste
Leser einen Blick in den Anzeigenteil seiner Zeitung wirft, so ist es
auch noch eine erstaunliche Menge Personen, welche sich mit dem In-
192 Albrecht Hase,
halte derartiger Anzeigen vertraut macht. Die Anzeige wirkt wie ein
lapidares Flugblatt. Sie wirkt umso mehr, als die leicht vorstellbaren
persönlichen Beziehungen zum Leser getroffen werden und ihm Wunscli-
erfüllungen in den schillerndsten Farben vorgespiegelt werden. Was
will es aber den von mir genannten Zahlen gegenüber bedeuten, wenn
ein Flugblatt in 20000, sagen wir selbst 100000 Exemplaren einmal
zur Verteilung kam? Hier fehlt das Moment der Wiederholung. Der
Reklamefachmann weiß, daß immer und immer wieder dem Pubhkum
etwas geboten werden muß, daß die einmalige Anpreisung keinen allzu
großen Wert hat. Diese Erkenntnis muß meines Erachtens in die
wissenschaftliche Aufklärungsarbeit übernommen werden.
Es ist nicht schwer, aus den bisherigen Ausführungen zu ersehen,
mit welchen Mitteln und in welchem Umfange die fachliche Aufklärung
unter Berücksichtigung der tatsächlichen Verhältnisse zukünftig arbeiten
muß, um die breite Menge aus ihrer Resignation aufzurütteln. Weite
Kreise meinen, die Bekämpfung des Ungeziefers sei eben nicht anders
möglich, als in der Art, wie es zurzeit geschehe. Sie glauben, eben
mit durch die Aufdringlichkeit der Reklame über Ungeziefermittel be-
einflußt, man befände sich auf den auch volkswirtschaftlich besten Bahnen,
welche Summen allein das Reklamewesen — sagen wir gleich Unwesen
— verschlingt, ist fast niemand klar, sonst würde schon von allen
Seiten die Frage aufgeworfen worden sein: ist denn, keine Änderung
möglich?
Hier muß der Fachmann eingreifen und unter Berücksichtigung
des Bestehenden den Lauf der Dinge umlenken. Das Gute soll bestehen
bleiben, das Wirksame übernommen werden, verschwinden soll nur alles
das, was zur Bereicherung unlauterer Elemente dient, ohne im geringsten
den herrschenden Notständen (eben der Ungezieferverbreitung) zu steuern.
Nach meiner Meinung ist auch von fachlicher Seite aus, besonders
auch von wissenschaftlichen Instituten, welche sich mit besagten Dingen
zu befassen' haben, unumgänglich notwendig, sich auf eine gewisse Re-
klametätigkeit einzustellen. Ich vermeide es, auf Einzelheiten einzu-
gehen, möchte nur daran erinnern, daß z. B. mit in erster Linie die
Abfassung von Flugblättern eine gewisse Änderung erfahren muß, be-
sonders nach der Seite hin, daß man den Leser auf persönlich beziehbare
Momente aufmerksam macht. Weitere Ausführungen über die Bedeutung
und den Umfang des Anzeigen- und Reklamewesens auf diesem Gebiete
halte ich zunächst für unnötig, da meine Absichten, so glaube ich, klar
genug erkennbar sind.
Die wirtschaftl. Bedeutung von Ungeziefer und Schädlingen usw. 193
, III. Schlußbemerkungen
Es seien einige Schlußworte gestattet. Aus dem allgemeinen Teil
geht wohl zur Genüge hervor, daß wir für die sachgemäße Behandlung
der mehr rein wissenschaftlichen Seite der zu lösenden Probleme keine
Sorge zu haben brauchen. Sie liegt in guten Händen. Anders dagegen
die praktische Seite; hier sind zweifelsohne noch Lücken auszufüllen, und
der kommenden Generation müssen die Wege gewiesen werden, wie diese
Aufgaben der Lösung entgegengebracht werden können. Der angewandte
Biologe muß sich der Öffentlichkeit und Alltäglichkeit gegenüber noch
anders einstellen, das heißt: aus der Gelehrtenstube muß er heraustreten
in die Wirklichkeit. Etwas kaufmännischen Geist soll er sich zu eigen
macheu und volkswirtschaftlich denken und rechnen lernen. — Diese
allgemeinen Erörterungen wurden im zweiten Teil durch einige spezielle
Beispiele erläutert.
Vollkommen • bin ich mir klar, daß die angestrebten Ziele nicht
sofort ihrer Verwirklichung entgegengehen, aber dem Willen zur Wand-
lung muß die Tat folgen. Zunächst wäre es die Aufgabe der Fachleute
auf diesem Gebiete und der maßgebenden Behörden, der Geldverstreuung,
welche, wie wir hörten, getrieben wird, so weit wie möglich Einhalt
zu tun, schon deshalb, damit Mittel verfügbar werden für sachliche
Forschungen. Welche wirtschaftliche Bedeutung diese Dinge haben,
legte ich an der Hand von einigen Zahlen dar und zwar wurden diese
Zahlen am Orte des Verbrauchs gewonnen. Der Einwand, es sei ein
derartiges Vorgehen vom Standpunkte strenger Statistik aus unsachlich,
kann dadurch entkräftet werden, daß man solche für Propagandazwecke
gewonnene Zahlen jederzeit nachrechnen kann, ohne erst Fachstatistiker
zu sein. Das Publikum selbst, und dieses ist der unbestreitbare
Vorteil meiner Zahlenangaben, kann sich diese Werte selbst errechnen,
und so gewinnen sie auch ein unschätzbares Moment, nämlich die direkte
Beziehbarkeit zu dem einzelnen. Ist es erst einmal gelungen, den
geistigen Kontakt der großen Menge einerseits und der Fachleute auf
diesem Gebiete andererseits herzustellen, erst dann ist der Boden vor-
bereitet für eine großzügige Besserung dieser Zustände. An Stelle der
Beeinflussung durch gewinnsüchtige Reklame tritt die Beeinflussung
durch sachliche Belehrung, nur muß sich letztere vor allem Schulmeistern
hüten. Durch sachliche Belehrung wächst die Urteilsfälligkeit: wo aber
Urteilsfähigkeit ist, da ist für Gedankenlosigkeit und Leichtgläubigkeit
194 Albr. Hase, Die wirtsch. Bedeutung von Ungeziefer u. Schädlingen usw.
kein Boden mehr vorhanden. Und sobald dieser Zustand erreicht ist,
sind die Bahnen geebnet für eine innige Zusammenarbeit von Wissen-
schaft und Wirtschaft. Was wir mit anstreben, ist, die weitesten
Schichten der Bevölkerung zur unbedingt nötigen Mitarbeit auf diesem
Gebiete zu erziehen. Ungeziefer- und Schädlingsbekämpfung ist
eine Angelegenheit, die alle etwas angeht und nicht nur den
unmittelbar Betroffenen. Diese wahrhaft soziale Idee bedarf der
stärksten Propaganda, wozu diese Arbeit ein bescheidener Beitrag sein soll.
Beitrag zur Geschichte des Bieres
von
' "T
Ernst Kuhn *
Mitteilung aus der Deutschen Forschungsanstalt für Lebensmittelchemie
in München^)
Die nachfolgende Skizze ist die erweiterte Bearbeitung eines Vortrages, den ich
vor einer Reihe von Jahren in der Münchener Anthropologischen Gesellschaft gehalten
habe. Wissenschaftliche Ansprüche kann sie höchstens für ihren ersten Teil erheben;
der zweite bietet nur eiae von Willkür nicht freie Auswahl aus dem gewaltigen Material,
*) Die Deutsche Forschungsanstalt für Lebensmittelchemie in München
hat sich u. a. die Aufgabe gestellt, Einzeldarstellungen über das Ernährungswesen aller
Völker und Zeiten, sowie Texte und Übersetzungen mit fachwissenschaftlicher Erläuterung
zu veröffentlichen. Hierbei sollen Sprachforscher, Geschichtsforscher und Ethnographen
zusammen mit naturwissenschaftlich geschulten Beratern (Chemikern, Pharmazeuten,
Botanikern, Zoologen, Technologen usw.) wirken. Auf diese Weise können auch fremd-
sprachige Schriftwerke, besonders aus älterer Zeit, der Gegenwart nutzbringend vermittelt
werden. Als erster Mitarbeiter erbot sich in dankenswerter Weise der auf seinem Ge-
biete als eine der ersten Autoritäten bekannte Vertreter der arischen Philologie an der
Universität München, Herr Geheimer Rat Prof. Dr. Ernst Kuhn, Sekretär der philo-
sophisch-philologischen Klasse der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Er über-
nahm die Abfassung eines Beitrages zur Geschichte des Bieres, wobei ihm als techno-
logischer Berater Herr Privatdozent Dr. Heinrich Lüers, Direktor der wissenschaft-
lichen Station für Brauerei in München, zur Seite stand. Infolge der Erkrankung und
des vor wenigen Monaten erfolgten Todes des Herrn Prof. Kuhn konnte die Arbeit
leider nicht in dem geplanten Umfange ausgeführt werden. Herr Dr. Lüers hatte die
Liebenswürdigkeit, die Abhandlung druckfertig zu machen, wofür ich ihm auch an dieser
Stelle meinen herzlichsten Dank ausspreche.
München, im Dezember 1920. Theodor Paul.
Ernst Kuhn, Beitrag zur (jeschichte des Bieres 195
das für die Geschichte des Bieres verfügbar ist. Der ursprünglichen Anlage des Vor-
trags entsprechend bin ich hier nicht überall auf die letzten Quellen zurückgegangen
und stütze mich auf die von mir benutzten Schriften allgemeineren Inhalts (von denen
ich ein Verzeichnis beigebe) vielfach auch da, wo ich sie nicht ausdrücklich zitiere.
Eine nähere Bestimmung des Begriifs „Bier" kann an dieser Stelle nicht um-
gangen werden. Unser heutiges Bier ist das Endergebnis einer mehrere Jahrtausende
langen Entwicklung und von dem Bier, der Urzeit gründlich verschieden. Letzteres
bestand anfänglich einfach aus einem Gemisch aus Wasser und grob zerkleinertem Ge-
treide, das erhitzt und hernach einer freiwilligen Gärung durch Hefen oder verwandte
Mikroorganismen, die sich überall in der Natur vorfinden, ausgesetzt wurde. Solche
erhitzte Mischungen aus Wasser und zerkleinertem Getreide enthalten nur wenig un-
mittelbar vergärbaren Zucker, es mußte hier das Stärkemehl bezw. die verkleisterte
Stärke erst durch die Fermente der Gärungsorganismen in vergärbaren Zucker und dieser
dann weiterhin in Alkohol und Kohlensäure übergeführt werden. Diese für das ITrbier
gegebene Darstellung gilt heute noch für das Bier der Tibeter, von welchem später zu
reden sein wird.
Aller weitere Fortschritt^) fällt bereits unter das volle Licht der Geschichte, wie
unsere Abhandlung im einzelnen zeigen soll, die sich im übrigen auf die aus den eigent-
lichen Getreidesorten, namentlich aus Gerste, in geringerem Maße auch aus Weizen,
Hafer oder Roggen hergestellten Biere beschränkt und die eine Sonderstellung ein-
nehmenden aus Reis oder Hirse bereiteten bierähnlichen Getränke Ost- und Zentralasiens
sowie Afrikas ganz beiseite läßt.
Zu danken habe ich meinem verehrten Kollegen Geheimrat Prof. Dr. Theodor Paul,
der mich zur Drucklegung der Arbeit ermunterte, ferner dem Direktor unserer Uni-
versitätsbibliothek Prof. Dr. G. Wolff und dem Direktor der Wissenschaftlichen Station
für Brauerei in München, Privatdozenten Dr. H. Lüers, die mich durch manche litera-
rische und technische Hinweise freundlichst unterstützt haben.
Victor Hehn hat in seinem berühmten Buche „Kulturpflanzen und
Haustiere" darauf hingewiesen, daß die Grenzen des römischen Welt-
reiches mit denen des Weines und Öles ungefähr zusammenfielen und
daß auch das heutige Europa sich passend in ein Wein- und Ölland auf
der einen, ein Bier- und Butterland auf der andern Seite einteilen lasse.
Aber er kann nicht umhin, sofort hinzuzufügen: „In ältester Zeit war
dies Verhältnis ein anderes. Sammelt man die in den Schriften der
Griechen und Römer zerstreuten auf die Geschichte des Bieres und der
Butter bezüglichen Stellen^), so erstaunt man, wie ausgedehnt einst das
^) Z. B. das Verbacken des Getreides zu Brot oder das Vermälzen vor dem Ver-
maischen mit Wasser.
*) Die Stellen der Alten über das Bier findet man zuerst gesammelt in Joan.
Henrici Meibomii De cervisiis veterum potibusque et ebriaminibus extra vinum aliis
commentarius (zuerst Helmstädt 1688), abgedruckt in J. Gronov's Thesaurus graecarum
196 Ernst Kulm,
Reich beider jetzt für nordisch gehaltenen Genußniittel gewesen ist und
wie ganze Länder und Völker von ihm abgefallen sind".
Das älteste Kulturland der Weltgeschichte, das Reich der Pha-
raonen, ist gleichzeitig auch das älteste Bierland. Schon Hekataios^)
von Miletos hatte das berichtet und sein Nachfolger Herodotos-) bestätigt
es. Aischylos, älter als Herodotos, läßt in seinen 'IxsTidsg^) den König
von Argos den aus Ägypten gekommenen Danaiden zurufen, hier würden
sie eine mannhafte Bevölkerung finden, nicht Trinker von Gerstensaft
— eine Äußerung freilich, welche das Bierverständnis des großen
Tragikers in einem nicht gerade glänzenden Lichte erscheinen läßt.
Theophrastos (372 — 287 a. Chr.), der Schüler des Aristoteles, ist dann
der früheste Grewährsmann für die Angabe, daß Ci'^oc der einheimische
Name des ägyptischen Bieres gewesen sei*). Die Ägypter, so sagt
ferner der alexandrinische Philosoph Dion bei Athenaios, die ein sehr
zum Trinken geneigtes Volk sind, haben für diejenigen, die zu arm sind,
sich Wein zu verschaffen, ein Surrogat erfunden, nämlich den Wein aus
Gerste; wenn sie diesen zu sich nehmen, sind sie lustig und singen und
tanzen, kurz benehmen sich, als wären sie süßen Weines voll. Ebenso
bezeugt Strabo (63 a. Chr. bis 23 p. Chr.), daß in dem national so ge-
mischten Alexandreia das alteinheimische Getränk den Vorrang be-
hauptete. Diodoros von Sicilien (unter Augustus) aber berichtet, daß
kein geringerer als der ägyptische Gott Osiris selbst in der Stadt Pe-
lusium das Nationalgetränk zuerst hergestellt habe, und rühmt von ihm,
daß es an Wohlgeruch dem Weine nahezu gleichkomme-^).
antiquitatum. Venetiis 1735. Vol. 9, Col. 537—620 [BUMH. aux.-625. Fol.]. Beck-
mann p. 211 verweist auf Dittmar zu Tacitus Germania Cap. 23, p. 138. Vgl. auch
Schranka S. 133 f. [etwa nach v. d. Planitz?], dazu kommt nach S. 297 noch Dioskorides
2, 76. Krünitz nennt zu Anfang seiner Auseinandersetzung außer Aischylos noch
Archilochos [s. Grässe Anm. 20], Sophokles und Plinius.
^) Athenaios IX c. 63 S. 400 (so Diefenbach; bei Hehn: 10, S 447 und 10, 'S. 418
= Müller Fragm. 290): '^Rv.ataio? ev SeoxEpti) tltfif.-q-fy'ssiui; slreiuv respl AlYOitticuv (uc apxo-
tf>ä-(oi eIoiv, iizi'fipsr Tote; xpcö'«? st? xö rtiöfia xaxaXsouoiv.
^) Herodotos II, 77, oivw 5'ex xpiO-scuv ixej^oitjijievu) ota)(pE<«vxai- oö '(äp atpi Etat ev
X^ X'"PÖ O-lLKskoi.
^) 'IxExt5E{; 953: 'z)>X' apoEvai; xot xYjaSe -[â– "'l? olx7]xopa? Eopyjaex' oh ictvovxcK; ex
xpiO-öJv jaeO-o.
*) Theophrastes de caus. pl. 6, 11, 2: oLov wc; ol xoui; otvouc: TtotoövxEc ex xöiv xptiJ'öiv
xat xojv iropwv xotl xö ev Al-^oKzw xaXoü|AEvov Cod-oc. Vgl. Diodor 1, 34 und spätere, s. a.
Jablonskii Opera ed. te Water 1, p. 76 — 79.
*) Diodoros 1, 20: XEtTtöfxsvov ou tioXu xrfi nepi xöv otvov sötu^tai;.
Beitrag zur Gescliichte des Bieres 197
Diese griechischen Nachrichten finden nun in den ägyptischen
Originalquellen willkommene Ergänzung. „Das Bier", sagt Erman^),
„ist das eigentliche Leibgetränk des ägyptischen Volkes und selbst die
Verstorbenen können in ihrer Seligkeit ohne Bier nicht auskommen,
ebensowenig wie ohne Brot. Zu allen Zeiten ist es gleich beliebt; das
alte Reich kennt allein vier Sorten, darunter auch schwarzes, d. h.
dunkles; im neuen Reich bevorzugt man das ausländische Bier der
Landschaft Qede im südöstlichen Kleinasien 2). . . Über die Bereitung
des Bieres wissen wir wenig; darüber, dal man es aus zermahlener
Gerste oder, wie man dafür auch sagt, aus oberägyptischem Getreide
herstellt, stimmen alle Berichte überein."
Wo sich die Gelegenheit bot, veranstaltete man gern ein Bier-
haus, d. h. ein kleines Gelage und so verfielen namentlich junge Leute
leicht der Versuchung zum Trünke. Ein Papyrus schildert uns an-
schaulich den anstößigen Lebenswandel eines Jünglings, der statt zu
studieren von Kneipe zu Kneipe^) wandert und sich in echten Studenten-
exzessen austobt. Energisch warnt daher der weise 'Eney seinen Sohn
vor der Trunksucht und der nicht minder weise Danuf verlangt von
seinem Sohne, daß er sich an zwei Krügen Bier und drei Broten ge-
nügen lasse (ebd. S. 347 f., vgl. 513). Auch die Vornehmen waren dem
beliebten Volksgetränk nicht abhold: „ein besonderer Teil der königlichen
Küche ist die reine, das heißt die Brauerei, in der das Bier bereitet
wird" (ebd. S. 270). In ihr arbeiteten unter Ramses III. kilikische
Sklaven, also Leute aus dem bierverständigen Qede oder seiner Nachbar-
schaft (ebd. S. 156). Unter demselben Ramses war man einer Harems-
verschwörung gegen den König auf die Spur gekommen und dieser hatte
einen Sondergerichtshof aus ihm besonders vertrauenswürdig scheinen-
den Beamten eingesetzt; von ihnen mußten eines Tages drei verhaftet
werden, weil sie mit den angeklagten Damen Freundschaft geschlossen
und ein Bierhaus gemacht hatten. Zur Strafe wurden ihnen Nase und
Ohren abgeschnitten (ebd. S. 209). — Auch in religiöser Beziehung
^) A. Erman, Ägypten und ägyptisches Leben im Altertum. Tübingen 1885/7,
S. 270 (vgl. 265).
-) „Neben dem echten Qedebier aus dem Hafen steht das in Ägypten selbst
von fremden Sklaven gebraute" (ebd. S. 266). — Ein an eine schlechte Stelle versetzter
Beamter beklagt sich in einem Briefe an seinen Vorgesetzten: „Das Höchste, was an
Getränk hier vorkommt, ist das Bier von Qede" (ebd. S. 171).
^) Über die richtige Übersetzung dieser Stelle s. H. Schäfer in der Zeitschr. f.
ägypt. Spr. und Altert. 37, S. 85.
198 Ernst Kuhn,
spielt das Bier eine nicht unwichtige Rolle: die Opferlisten weisen z. T.
recht ansehnliche Posten von Bier auf; so entfallen auf den Tempel von
Medinet Habu für einen bestimmten Festtag nicht weniger als 905 Krüge
(ebd. S. 375f.), die jedenfalls von Priestern und Laien in friedlichem
Wettbewerb vertilgt worden sind.
Diese Nachrichten der schriftlichen Quellen werden vervollständigt
durch plastische Darstellungen, welche Erman nicht berührt hat. Den
richtigen Weg zur Deutung dieser Denkmäler weist uns L. Borchardt^)
in seiner Abhandlung über die Dienerstatuea aus den Gräbern des alten
Reiches, Zeitschr, für ägypt. Spr. und Altert., Bd. 35, indem er auf S. 128
bis 134 eine Reihe solcher Dienerstatuen mit späteren Quellen vergleicht
und danach mit Recht auf die verschiedenen Stadien der Bierbereitung
bezieht. Die jüngste, aber auch deutlichste dieser Quellen ist die Art
und Weise, wie die heutige Bauernbevölkerung Ägyptens ihr sog. büzah
herzustellen pflegt. Borchardt sagt darüber folgendes:
Man nimmt Gerste oder auch eine andere Getreideart, feuchtet sie an oder gräbt
sie auch ein, so daß sie eben anfängt zu keimen, dann mahlt man sie ganz roh, etwa
unserem Schroten entsprechend, und formt daraus anscheinend unter Zusatz von Sauer-
teig große Brote. Diese werden darauf wenig gebacken, so daß nur die äußere Kruste
brotartig wird, während das Innere völlig roh bleibt. Dann zerstückt man die Brote,
tut die Stücke in ein Faß oder einen großen Topf, gießt Wasser darauf und läßt es
etwa einen Tag stehen und gären. Danach wird die Flüssigkeit durch ein auf einen
zweiten Topf oder Faß gesetztes Sieb hindurchgearbeitet, indem man die aufgeweichten
Brotstücke auf dem Siebe mit den Händen zerknetet. Manchmal wird an Stelle des
Siebes ein großer Korb oder eine Matte benutzt. Das weißlich schäumende Getränk,
das einen säuerlichen, für Europäer. zuerst nicht angenehmen Geschmack hat, wird nach
der Fabrikation sofort getrunken, da es sich nicht halten und abgefüllt jedes Gefäß bald
zersprengen soll. Dies Bier soll auf den Dörfern in Oberägypten und Nubien von den
einzelnen Familien im Hause bereitet werden. In den großen Städten wird es hand-
werksmäßig hergestellt und verkauft. Dabei treten — wohl namentlich in den ersten
Anfangsstadien des Fabrikationsprozesses — Änderungen und Abkürzungen ein, die aber
für uns hier unwesentlich sind."
Daran schließt sich bestätigend an — außer Rezepten aus der
rabbinischen Literatur, die Bondi in der Zeitschr. für ägypt. Spr. u. Altert.
1895, S. 62 mitgeteilt hat — das Fragment des Chemikers Zosimos aus
^) Borchardt beruft sich auf Lane, Sitten und Gebräuche der heutigen Ägypter,
Deutsche Ausg. 1, 91. Man vgl. auch die durchaus analoge Beschreibung jn J. Deaths
im übrigen ziemlich abenteuerlichem Buche The Beer of the Bible (London 1887), nach
welchem Weizen verwendet wird. Die ganze Abhandlung von Borchardt umfaßt die
Seiten 119 — 134. Die auf das Brauen bezüglichen Stücke sind auf den im Text be-
zeichneten Seiten erörtert. Die besprochenen Stücke sind im Gizehmuseum: S. 119.
Beitrag zur Geschichte des Bieres 199
Panopolis, dessen Herausgabe wir Chr. G. Grüner und Berthelot
verdanken.
Entsprechende Reliefdarstellungen lassen sich nach Borchardt
S. 133 von der ersten Dynasti