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Full text of "Zeitschrift für Volkskunde"

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ZEITSCHRIFT 

des 



Vereins für Volkskunde 



Neue Folge der Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft^ 
begründet von M. Lazarus und H. SteinthaL 



Im Auftrage des Vereins 

herausgegeben 

von 

Karl Weinhold. 



Zweiter Jahrgang. 




1892. 



^v 




A, 



Mit dem Bildnis Eeinhold Köhlers, drei Bildtafeln und 
mehreren Abbildungen im Text. 



BERLIN. 

Verlag von A. Asher & Co. 



I 



Inhalt. 



Abhandlungen. ^ .^^ 

Fseröische Märchen und Sagen von 0. L. Jmczek 1. 142 

Der Matronenkultiis in Germanien von F. Kauffmanu 24 

Zu Goethes Parialegende von K. Weinhold 46 

Der Gebrauch des Kerbholzes auf dem Thüi-ingerwalde von F. Kunze 50 

Das Frauenwettrennen in Padua von E. Lovarini 56 

Die "Wünschelrute als Quellen- und Schatzsucher von W. Schwartz 67 

Märchen in Saxo Grammaticus von A. Olrik 117. 252. 267 

Zur neugriechischen Volkskunde von A. Thumb 123. 285. 393 

Zur Giebelentwickelung des sächsischen Bauernhauses von R. Mielke 134 

Volkssegen aus dem Böhmerwald. III. von J. Ammann 165 

Der Tod im Glauben der Südslaven. II. von Fr. S. Krauss 177 

Weiteres über Wind, Wetter imd die Gebirgsnatur von M. Eehsener 189 

Volkstümliche Schlaglichter III. von W. Schwartz 245 

Aber- und Geisterglauben der Chinesen von C. Ai-eudt 258. 374 

Handwerksbrauch in der Iglauer Sprachinsel von Fr. P. Piger 272. 382 

Sagengeschichtliche Parallelen von S. Singer 293 

Das Schneeschuhlaufen in Norwegen von K. Maurer 301 

Zur Volkskunde des Egerlandes von A. John 313 

Zwergsagen aus Nordfriesland von Chr. Jensen 407 

Reinhold Köhler von Erich Schmidt 418 

Sprichwörter und Redensarten aus Ruppin von K. E. Haase 437 

Kleine Mitteilungen. 

Der Hausgeist in der Neumark, Barnim und Sternberg von H. Prahn 78. 

Ochsenhaut als Landmass von J. v. Zingerle 80. 

Der Zwieselbaum im Elisenhain von E. Friedel 81. 

Pfingstlieder aus Meiderich von C. Dirksen 82. 446. 

Kinderlieder aus Ostfriesland von C. Dirksen 83. 324. 

Sprichwörter aus Meiderich von C. Dirksen 84. 

Gegen Bücherdiebe von W. Schwartz 85. 

Zwei Bienensegen von Kr. Nyrop 86. 

Sammlungen von Volksüberliefeningen 86. 

Nekrologe: H. Frischbier 87. M. v. Lexer 208. J. Zingerle von Sumniersberg 442. 
E. L. Rochholz 446 von K. W. 

Die gefesselten Götter bei den Indogermanen von W. Schwartz 197. 

Zui- S. Kakukabilla-Cutubilla von J. v. Zingerle 199. 

Die sieben Grafen (dithmarscher Sage) von H. Carstens 201. Mit Nachtrag von K. Wein- 
hold 206. 

Erlöschen der Altarkerzen von K. W. 208. 



IV Inhalt. 

Zahlen und Monatsnamen als Personennamen von M. Hartmann und Mordtmann 320. 

Die drei h. Jungfrauen zu Meransen von J. v. Zingcrle 323. 

I.ügenreime aus Ostfriesland und Meiderich von C. Dirksen 324. 

Mittelalterliche Wunder- und Schatzsagen aus Tirol von S. M. Prcm 326. 

Ein paar volkstümliche Miscellen von W. Schwartz 440. 

Sagen vom Sinichkopfe bei Meran von J. v. Zingerle 441. 

Anmerkiuigen von A. Treichel und Fr. S. Krauss 443. 

Aus dem Ötzthal 447. 

Aus Oberinnthal 448. 



Bücheranzeigen. 



Ploss und Bartels, Das Weib in der Natur- und Völkerkunde, angez. von K.Wein- 
hold 87. 

Glock, Symbolik der Bienen 88. 

Meyer, E. H., Germanische Mythologie, angez. von Weinhold 88. 

V. Zingerle, J., Sagen aus Tirol. 2. Aufl. angez. von W. Schwartz 89. 

Handtmann, E., Was auf märkischer Heide spriesst, von U.Jahn 89. 

List, G., Deutsch-mythologische Landschaftsbilder von W. 90. 

Höfler, M., Der Isarwinkel, von A. Meitzen 90. 

Zivaja Starina, von A.Brückner 91. 

Wisla. TomV., von A.Brückner 93. 

Celtic Fairy Tales by J. Jacobs, und Beside the fire by D, Hyde, von K. Wein- 
hold 95. 

V. Wlislocki, Volksglaube und religiöser Brauch der Zigeuner, von K. Pischel 209. 

Brenner und Hartmann, Bayerns Mundarten I. 210. 

Leeb, Sagen Niederösterreichs 211. 

Franziszi, Fr., Kärntner Alpenfahrten 211. 

Bulletin de Folklore. L 2., von K.W. 211. 

Thuriet, Traditions populaires du Doubs, von Marelle 212. 

J. Ammann, Das Passionsspiel des Böhmerwaldes 212. 

Kollmann, A., Deutsche Puppenspiele I., von K.W. 213. 

V. Amira, K. , Tierstrafen imd Tierprozesse, von M. Pappenheim 213. 

Kotelmann, L., Gesundheitspflege im Mittelalter, von K. W. 214. 

Stob er, A., Die Sagen des Elsasses, Neue Ausgabe von C. Mündel. I. von K. W. 328. 

Meyer, Mart., Schiernsagen und Märchen, von J. Zingerle 328. 

Monseur, E., Le Folklore Walion. — The Folklorist Journal of the Chicago folklore 
Society. I. 1., von W. 329. 

Freund, L., Die Treue im Spiegel der Spruchweisheit. 1. 330. 

Treichel, A., Abhandlungen. 

Auszüge aus den Sitzungsprotokoll cn von A. Brückner 96. 214. 448. 
Litteratur des Jahres 1891, von Max Laue 98. 216. 331. 450. 



Fseröisclie Märclien und Sagen. 

Aus dem Fasröischeii übersetzt von 
Dr. Otto Luitpold Jiriczek. 



Die von Hammersliaimb in seiner Faerösk Antologi 8. 326 — 85 
mitgeteilten fasröischen Märchen und Sagen bilden einen wahren Schatz 
für die Volkskunde und Märchenforschung; dieselben durch eine Über- 
setzung aus der wenig bekannten Ursprache leichter zugänglich zu machen, 
dürfte daher gerechtfertigt erscheinen. Da die folgende Übersetzung, zu 
der Hr. Probst Hammershaimb freundlichst seine Einwilligung erteilt 
hat, dem Folksforscher das Original ersetzen will, war grösste Treue und 
engster Anschluss an den Text geboten; von diesem Gesichtspunkte aus 
wolle man FaBröismen (resp. Islandismen) wie „östlich in Tunga" (austr 
i Tüngu) und ähnliches entschuldigen. Die vorliegenden Märchen um- 
fassen so ziemlich den ganzen schriftlich fixierten fteröischen Märchen- und 
Sagenschatz; nur einige andere, meist rein historische, finden sich noch 
in Antiquarisk Tidskrift 1849 — 51 S. 142 ff. (von Schröter mitgeteilt, der 
ein höchst unzuverlässiger, willkürlicher Erzähler ist) und S. 322 fT. (von 
Hammershaimb). Auf die sonstigen Quellen habe ich in den An- 
merkungen (am Schlüsse der Übersetzung) verwiesen. 

Herr Cand. mag. Jac. Jacobson, ein geborener Faeringer, liat die 
Güte gehabt, mir über zahlreiche zweifelhafte Stellen Auskunft zu geben, 
wofür ich ihm auch hier meinen Dank ausspreche. 



I. Zwerge. 

Die Zwerge sind klein und dick, bartlos, aber doch nicht hässlich 
von Aussehen. Sie hausen in grossen Steinen oder in Hügeln unter Blöcken; 
solche Zwergensteine findet man weit und breit auf den Inseln. Die 
Zwerge sind gutmütig, aber dulden keine Zänkereien in der Nähe ihrer 
Wohnungen; da werden sie böse und fahren im Zorne von hinnen; 
deshalb steht der grosse Zwergenstein in Sküvoy zerspalten, weil zwei 
Burschen, welche einmal dort standen, fluchten und sich rauften; da flohen 
die Zwerge und spalteten den Stein. Die Zwerge sind die besten Schmiede; 
von ihnen lernten die Menschen zuerst den Stahl im Wasser härten; 

Zeitsclirift d. Vereins f. Volkskiindi!. 1892. 1 



2 Jiriczek : 

früher dehnten sie das Eisen aus und schmiedeten es, indem sie es mit 
dem Hammer kalt schlugen. Die Zwergenwerkzeuge schmieden von selbst. 
Die Kraft der Zwerge ist im Gürtel, mit dem sie sich um die Mitte gürten; 
nimmst du dem Zwerge den Gürtel, so ist es um seine Macht gethan, und 
kann man ihn rla zwingen, zu schmieden, was man verlangt, und Kleinodien 
dafür zu geben, um den Gürtel zurückzubekommen. Am Fusse der Steine, 
wo sie wohnen, kann man oft Asche liegen sehen, welche aus ihrer 
Schmiede herausgefegt ist. 

Ein Stein steht im Gasadal, wo Zwerge wohnen; dort drinnen hört 
man sie bisweilen schmieden. Ein armer Mann war einmal nördlich in 
Tun-j-a und stach Torf; er sah den Stein offen und die Zwerge drinnen 
schmieden; er ging näher, um sie zu beobachten. Ein Zwerg kam da 
heraus in die Thüre und sagte zu ihm: „Naseweis warst du, so arm du 
bist; doch sollst du dieses Messer bekommen," und nun warf er ihm ein 
Messer heraus, das so scharf war, dass es alles schnitt, was mit seiner 
Schneide in Berührung kam, wie hart es auch sein mochte. 

IL Huldervolk^). 
Sie sind von grossem Wüchse, die Kleider sind ganz grau, das Haar 
schwarz; ihre Wohnsitze sind in Hügeln, sie heissen auch Elfen [alvar]; 
ein „Elfenhügel" ist auf Nordstreymoy, südlich von Yik (Huldorsvik). Sie 
leben wie andere Leute, rudern aus, haben Schafe und Rinder, welche 
unter den anderen Rindern auf der Weide herumgehen. Die Huldern 
können sich selbst und das, was sie besitzen, für Menschen unsichtbar 
machen, und deshalb sagt man oft von etwas, das man vermisst, dass die 
Hulder es versteckt hat. Sie nehmen gern kleine Kinder, die ungetauft 
sind, aus der Wiege und legen dafür die ihrigen in dieselbe, aber diese 
werden dann Dummköpfe [Wechselbälge] ^) unter den Menschen. Oft ver- 
schwinden kleine Kinder, welche draussen allein gehen, und da ist es das 
Huldervolk, das mit ihnen davon gefahren ist; sie werden zuweilen weite 
Wegstrecken entfernt von den Wohnsitzen wieder gefunden und haben 
dann erzählt, dass ein grosser Mann ihnen Speise gebracht habe, während 
sie fort waren. Die Huldermädchen fassen oft Liebe zu Kristenburschen 
und versuchen daher sie zu verführen und an sich zu ziehen. Gehen diese 
hinaus in die Ö(k' und sind durstig und müde, so öffnet sich der Hügel und 
eine Jungfrau konnnt lieraus, um ihnen einen Trunk zu bieten, Bier oder 
Milch; blasen sie da nicht den Schaum von oben ab, so trinken sie sich 
Vergessenheit, denn in ihm liegt der Zauber, und damit verzaubern sie 
sie, bekommen Gewalt über sie und nehmen sie mit sich in den Elfen- 
hügel. 

1) wörtlich: die Verhülltoii (huldutolk) ; ich habe die bekanntere norwegische Form 
(en liulder) gewählt. 

2) das färöische bytlingur bedeutet beides. 



Fseröische Märclien imd Sagen. 3 

in. Die Wichtein und die weise Marjun in Ordavik. 

Die Wichteln |v;iettrar] sind klein, luibscli von Ausselien, gute Geister, 
welche in den Häusern bei guten Leuten leben und während ihres 
Aufenthaltes geuiessen diese Glück und werden von ihnen unterstützt, so 
dass alles gut geht in dem Hause, wo Wichteln sind; glücklich ist der 
Freund der Wichteln, denn ihm können weder Trolle noch Huldern noch 
jemand lebender unter der Erde oder auf der Erde schaden. 

Marjun in Ördavik war vom Norden von Kollafjord [Dorf] nach Suduroy 
gekommen und soll eines der zaubergewaltigsten Weiber gewesen seiu, 
die hier im Gedächtnis behalten worden sind; sie war die klügste und 
tüchtigste Frau in jeder Richtung. Sie war überaus reich und besass eine 
Menge von Rindern und Schafen und allen Herrlichkeiten ^ — kein Wunder! 
— die Wichteln wohnten bei ihr. Sie hatte auf ihrem Hofe einen blöden 
Jungen, welchen sie dazu hielt, dass er die Schafe im Sommer aus dem 
bebauten Land wegtriebe, wenn sie in die Einhegung hinein kamen; 
aber dieser Wechselbalg konnte nichts anderes verrichten, als eben dieses. 
In den Lebtagen Marjuns kamen A^kinger aus den Südlanden, Türken, 
um die Föroyer zu verheeren. Sie kamen auch nach Suduroy, alles zu 
plündern und verwüsten in jenen südlichen Ansiedlungen, wie sie im 
Norden gethan hatten. Nun sieht sie Marjun von den Höhen herab süd- 
wärts gegen Ördavik kommen. Aber sie fürchtete sich nicht wie jene, 
welche vor ihnen in das Gebirge flohen und sich in Höhlen und Löchern 
versteckten und schwarzes Tuch vorhängten; — nein, Marjun sandte den 
Wechselbalg mit dem Wachthunde ins Feld hinaus und sagte ihm, er solle 
diese Männer aus dem Feld vertreiben. Er dachte an keine Gefahr, der 
Arme, und ging darum unerschrocken und munter auszuführen, was ihm 
die Bäuerin befahl, so wie er gewohnt war. Als er nun gegen die Räuber 
mit seinem kleinen Hunde gelaufen kam, als ob das nichts anderes 
wäre als einige scheue Schafe, die immer davonliefen, wenn er mit dem 
Hunde kam, stand die erfahrene Hausmutter an der Hauswand und winkte 
mit der Hand gegen die Türken. Als sie sehen, dass ein Krüppel von 
einem Jungen ihnen so kühn mit einem kleinen Hunde entgegen kommt 
und ein altes Weib so ruhig an der Hauswand steht, werden sie bestürzt 
und denken bei sich, dass diese beiden docli nicht so schwach sein könnten, 
als sie gering an Zahl schienen, sondern im Verborgenen das haben 
müssten, um sich zu wehren, was ihnen teuer zu stehen kommen könnte. 
So wird erzählt, dass sie nicht länger südwärts auf der Insel vorzudringen 
wagten, sondern geradenwegs mich Hvalbö umkehrten. Von hier nahmen 
sie zwei Mädchen mit sich, welche mit Marjun verwandt waren; und als 
sie das hörte, sagte sie, ehe ihr Blut kalt würde (d. i. ehe das siebente 
Geschlecht von ihr gestorben wäre) sollte das gerächt werden und dieses 



A Jiriczek: 

Türkenvolk unter einen König aus einem anderen Reiche zu stehen 
kommen. 

Marjun in ÖrSavik hatte gutes Glück mit sich in allem, was sie an- 
fing, und alles fügte sich ihr wohl; und das kam davon, dass die guten 
Wichtein bei ihr im Grossstall wohnten. Aber sie vergass auch nicht 
einen Kübel mit Milch für sie hinzustellen, so oft die Kuhmägde die 
Kühe o-emolken hatten. Die Wichteln belohnten sie für ihre Wohlthaten: 
— nie war Mangel an Milch, wenn die Kühe gemolken wurden, solange 
sich die A¥ichteln im Grossstalle aufhielten; keine Krankheit kam über 
die Rinder und Schafe, solange sie dort waren. Nicht brauchten die Vieh- 
mägde im Stalle nächtelang zu sitzen, wenn eine Kuh kalben sollte; kalbte 
sie da in der Nacht, so lag das Kalb am Morgen nicht in der Abzugs- 
rinne, obwohl niemand zugegen war, sondern wenn die Kuhmagd kam, 
stand das Kalb am Stand mit einem Seidenbande gebunden zwischen den 
Vorderbeinen der Kuh, so dass sie es lecken konnte. Die Dirne, welche 
in den Stall kam, um die Kühe zu warten, musste da stracks das Kalb 
vom Seideubande losen und dieses auf den Querbalken legen, und von 
dort nahmen es dann die Wichteln wieder zu sich. Marjun war daher gut 
»'•e^'en die Wichteln, welche ihr soviel Nutzen brachten, und sie versicherte 
ihrem ältesten Sohne oft und häufig hoch und teuer, dass er das wissen 
solle, wenn er den Hof als Bauer nach ihr übernehme, dass es gut sei. 
Wichteln zu behausen, und ihnen solle er immer Aufenthalt geben, und 
lege er den grossen Kuhstall nieder und breche ihn ab, so werde das ihm 
und den andern zum Schaden gereichen. Marjun starb, und der Sohn, 
der nun Bauer auf Ördavik wurde, gab nichts darauf, wovor ihn die 
Mutter gewarnt hatte, und legte den grossen Kuhstall nieder. Aber dti 
flüchteten die Wichteln, wünschten böses über ihn und alle seine Ver- 
wandten, welche in Ördavik waren — jähen Todes sollten sie alle sterben, 
Am selben Tage, da sich dieses zutrug, kam ein Mann aus Vag nordwärts 
über die Insel gegangen; als er zur Mannaskard [Pass] kam, begegnete 
er einem winzig kleinen Weib, welches vom Passe lierabkam, zwei winzig 
kleine Kinder jedes an einer Hand führend, und das dritte hatte sie am 
Rücken; als er bei ihnen vorbeiging, hörte er diese Frau sagen: „Gerächi 
soll werden, dass wir tiiehen mussten". Und es wurde gerächt; eine& 
Abends, als die drei Brüder ausfuhren, um südlich vom Lande im Fjorde 
zu angeln, brach ein AVirbel unterhalb Tjaldarviksholm hervor und stürzte 
das Boot um, so dass alle untergingen, die im Boote waren. Marjun hatte 
auch drei Töchter, w^elche in Ördavik waren; sie starben kurz danach ar 
einer tödlichen Landseuche, welche dort im Platze umging. Alles das 
war Rache von den Wichteln, welche aus Ördavik geflohen waren. 



Ffieröisflic Märchen und Sas'eii. 



IV. Die Mahre. 

Die Malire [marra] gleicht der schönsten Dirne, ist aher doch der 
ärgste Unhold. Znr Nachtzeit, wenn die Leute liegen und schlafen, kommt 
sie herein und legt sich auf sie und drückt so fest auf die Brust, dass sie 
nicht den Atem holen, auch nicht ein Glied rühren können. Sie fährt 
ihnen mit ihren Fingern in den Mund, um die Zähne zu zählen: wird iln- 
Zeit gelassen, sie abzuzählen, so gibt man gleich den Geist auf und wird 
leblos. Man muss daher versuchen, die Mahre von sich los zu werden 
und sie hinauszutreiben, und ist mau da imstande zu rufen „.lesus", muss 
sie fliehen und verschwindet schleunigst. Die Leute glauben oft ganz 
wach zu liegen und die Mahre in die Stube zum Bette hereinkommen zu 
sehen, und dass sie sicli auf die Bettdecke legt und in den Mund fährt, 
nach den Zähnen zu tasten, und sie können doch nichts thun, sich gegen 
sie zu wehren. Am Abend kann sie in der Stube sein und doch nicht 
gesellen werden; aber du merkst es, wenn du ein Messer nimmst und es 
in ein Taschentuch oder ein Strumpfband wickelst, welches nach der 
Hälfte doppelt zusammengelegt ist, und das Messer dreimal um dicli aus 
einer Hand in die andere gehen lässt. während du hersagst: 

Marra, marra, minni, 

bist du hier innen? 

denkst du nicht an jenen Hchlag 

den Sjvirdur Sigmundarson dir gal) 

einmal auf das Nasenbein? 

Marra, marra, minni, 
bist du hier innen, 
hinaus sollst du fahren, 
tragen beides Erde und Torf 
und alles, was hier innen ist! 

Liegt nun das Messer im doppelt zusammengelegten Bande in der Buchtung. 
wenn dasselbe wiederum aufgewickelt wird, so ist die Mahre in der Stube, 
und da muss derselbe Vorgang mit dem Messer und dem IhuKb' gemacht 
werden, um zu versuchen, die Mahre herauszuschafFen. 

Man sagt auch, um sie daran zu verhindern, in das Bett hinaufzii- 
schlüpfen, sei es gut, am Abend, wenn man schlafen geht, die Scdudic 
so zu wenden, <lass der Absatz gegen das Bett und «h'r Vorderschuli von 
ihm weg über den Fussboden gekehrt ist: dann soll es i\ov Mahr(> scliwei' 
fallen, in das Bett hinaufzuschliipfen. 



f) Jiriczek : 

Y. Der ISTiSagris und der Loddasastein^). 

Der Nidagris^) ist klein, dick und rundlich, wie ein kleines Wickel- 
kind oder ein grosser Knäuel, von dunkelrotbrauner Farbe. Er soll dort 
vorkommen, wo neugeborene uneheliclie Kinder ermordet und begraben 
sind, ohne einen Namen bekommen zu haben. Deshalb liegt er und wälzt 
sich den Leuten vor die Filsse, um sie im Gange zu stören; kommt er 
zwischen die Füsse des Menschen, so überlebt derselbe nicht das Jahr. 

In der Mark, bei dem Dorfe „zu Skali" auf Eysturoy steht ein Stein, 
welcher Loddasastein genannt wird; hier lag oft ein Nidagris vor den 
Füssen der Leute, welche hier in der Dunkelheit gingen; ein Mann, der 
einmal hier ging und vom Mdagris belästigt wurde, ward zornig und 
sagte da: „So ein Loddasi!" und da grub er sich wieder in die Erde und 
wurde nie wieder gesehen, denn da liatte er einen Namen bekommen. 

YL Das IjOcIi der Riesin in Sandoy und die Trollweiber am 

Fjallavatn in Yägar. 
(i) Westlich von Sandsbygd geht ein grosses Loch in die Erde hinab, 
welches das Loch der Riesin [Givrinarhol] genannt wird; in demselben 
wohnt eine Riesin. So gellt die Erzählung der Leute, dass ein Mann 
aus dem Dorfe „heima ä Saudi" auf den Grund des Loches stieg, um 
die Riesin aufzusuchen. Die Fahrt ging ihm gut von statten und er 
sah dort eine übergrosso Alte stehen und Gold in einer Mühle mahlen; 
ein kleines Kind sass drinnen bei ihr und spielte mit einer Gold- 
rolle. Die Alte war blind, und deshalb wagte sich der Mann so still vor- 
wärts zur Mühle und nahm von dem Golde, das sie mahlte, an sich. Die 
Riesin sah und hörte nichts von ihm, aber merkte doch an sich, dass 
sich etwas böses zutragen müsse, imd sagte deshalb: „Entweder ist das 
die Maus, welche herumläuft, oder der Dieb, der stiehlt — oder geht mir 
Alten das Mahlen nicht recht". Der Mann ging nun mit dem Golde weg 
von ihr, nahm dem Kinde die Goldrolle und schlug es auf den Kopf; das 
begann jämmerlich zu weinen. Als die Riesin dies hörte, ahnte ihr 
böses und sie sprang auf die Füsse, tastete nun in der ganzen Höhle nach 
ihm, aber fand niemanden, denn der Mann war längst aus der Höhle ent- 
kommen, auf das Pferd gestiegen und jagte mit verhängten Zügeln 
schleunigst heim mit dem Golde. Die Riesin rief daher so laut als mög- 
lich nach ihrer Nachbarin, erzählte ihr von ihrem Unfall und bat sie, ihr 
den Dieb fangen zu helfen. Sie war nicht faul zu Fuss, ihm nachzu- 
rennen, schritt über den Teich so gewaltig, dass die Fussspuren noch im 

1) FA. steht in dor Überscluü't Loddasarsteinur, was mvc ein Drnckfcliler sein kann, 
siehe FA 332 Z. 6 und 9. 

2) = „Fiusternisschweinchen"; Loddasi ist unerklärt. Zur Sache verweist Hammers- 
hai mb, Antikv. Tidsskrift 1849--51 S. 201, auf A. Fayes norske Sagn S. 83. 



Faeröisclie Märchen und Sag-on, 7 

Felsen gesehen werden, je eine auf jeder Seite des Teielies; sie werden 
die Spuren der Riesin genannt. Er war so weit entkommen, dass ein tüchtiges 
Stück Wegs zwischen ihnen lag. Als er zum Yolismoor kam. da war die 
Riesin ihm so nahe gekommen, dass sie den Schwanz des Pferdes er- 
reichen und packen konnte, und sie liess ilm nicht los, sondern hielt das 
Ross in der Bewegung auf; der Mann spornte das Ross so liart, dass (>s 
einen Sprung vorwärts machte, aber der Schwanz riss ab, weil die Riesin 
sich fest auf den Beinen hielt und Kraft hatte, zu widerstehen: das Ross 
fiel, und der Mann kopfüber von ihm da sali man die Kirclie. und (h'r 
Mann war gerettet, und die Riesin, welche da kein(> Gewalt über ihn 
hatte, musste so gethaner Dinge umkehren. Noch hih't man über (h^m 
Givrinarhol, wie die alte blinde Riesin in der tiefen Höhle Gold mahlt. 

6) Zwei Trollweiber wohnen beim Fjallavatn [See] in Viigar; die eine 
bei der Tormansschlucht und die andere jenseits des Sees „am Gebirge" 
[a Fjöllura], wie diese Landstrecke heisst. Die eine von ihnen war lalini 
und sie hatte ihre rote Jacke auf einen Stein gelegt, um sie zu sonnen, 
als ein Mann aus Sandavag hier vorbei geritten kam. Der Mann nimmt 
die Jacke und reitet mit verhängten Zügeln weg mit ihr. Nun sieht die 
Alte den Mann und die Jacke, die er ihr gestolilen hat, aber lahm wie 
sie ist, kann sie nicht selbst ilnn nachrennen, und ruft dcslialb das Troll- 
weib jenseit des Wassers an: „Hilf, Schwester! schreite aus, schreite ge- 
waltig aus!" Sie schleunigst ihm nach und er auf dem Rücken der Stute 
in grossen Sätzen davon. So ging es, bis er zur Vatnsbrekka kam; da be- 
gann er wie die Stute müde zu werden; hier am Abliang fliesst ein kleiner 
Fluss, hier tranken sie beide, und er sagte da: „Das war mir ein Seelen- 
trost (sälarbot)!", und seither heisst der Fluss Sälarböta. Schon rannte 
die Alte ihm nach und kam ihm näher und näher; als er über den Ab- 
hang gekommen war. da war sie ihm so nahe, dass sie die Jacke zu 
fassen bekam und sie ihm entriss, docli so, dass die Jacke zerriss und (h'r 
Mann den einen Ärmel behielt; da zeigte sich die Midvägskirche. und das 
Trollweib musste so verrichteter Sachen zurückfliehen. Aber der Ärmel 
war so gross, dass er zerschnitten zur Altarch'cke in alh-n vier Kirclicn 
auf Vagar ausreichte. 

VH. Der Neck. 

Der Neck [nykur] wohnt in LandseiMi; iim Grinuh' unten in der Tiefe 
hat er seinen Aufenthaltsort; aber von (hrrt kommt er oft ans Land, und 
es ist nicht gut, ilnn zu begegnen: mitunt(>r ist er einem schönen kloinen 
Hengste gleich, der gnt und sanft scheint, und damit h^ckt er die Leute 
sich ihm zu nähern, um ihn zu klappen uml ihm ül)er ilen Rücken zu 
streichen; aber wenn sie zufällig den Schwanz berühren, werden sie an 
ihn «'•efestet, und da lässt er niemanden los, sondern zitdit sie mit sicli 
auf den Grund. Oft begegnet er den Leuten in .Menschengestalt als stolzer 



8 Jiriczek : 

Jüngling', um Mädchen mit sich zu locken und verspricht ihnen Freude 
und Genuss in seiner Halle, wenn sie ihm folgen wollen; aber fassen sie 
da einen Yerdacht darüber, wer er ist, an den sie sich wegzugeben im 
Begriffe sind, so dass sie imstande sind, ihn mit dem rechten Namen: 
„Neck" zu nennen, so verliert er die Macht über sie und muss sie los- 
lassen und allein in den Teich fahren. Es wird erzählt, dass sich der 
Neck ebenso allen vierfüssigen Tieren gleich machen kann, nur die Spitze 
vom Hörne des Widders^) soll er sich nicht anschaffen können; aber einem 
Pferde ist er gleich, wenn er seine Gestalt nicht verändert hat, und es 
ist den Menschen geglückt, Gewalt über ihn dadurch zu bekommen, dass 
sie ein Kreuz über seinen Kücken schlugen^), und sie haben ihn dann 
dazu gebraucht, mit seinem Schweife grosse Blöcke aus dem Gebirge zu 
Feldmauern oder Häusern herabzuziehen, welche noch in Hüsavik auf 
Sandoy und zu P]id auf Eysturoy gesehen werd.en, und die grossen Steine, 
die hier zusammengekommen sind, geben Zeugnis davon, wie stark er ist. 
In den Takmooren auf Sandoy liegt ein grosser Block, den sie ihn nach 
Hüsavik ziehen lassen wollten; aber da zerriss der Schwanz, und der Stein 
steht noch dort; ein Teil des Neckschwanzes, der am Steine befestigt war, 
ist an ihm noch sichtbar. 

VHI. Das Meermännlein und der Bauer Anfinn in Elduvik. 
Das Meermännlein [Marmennil] gleicht den Menschen, aber ist einen 
guten Teil kleiner an Wuchs; es hat lange Finger. Es lebt am Meeres- 
grund und schädigt die Fischer, indem es den Köder von den Angeln ab- 
beisst und dieselben am Grunde befestigt, so dass sie die Schnur zer- 
reissen müssen; wird es von der Spitze gefasst, so ist es so gewandt, dass 
es die Angelschnur vom Zugstrick lösen und so dem Los entgehen kann, 
wie ein anderer Fisch über Bord gezogen und ins Boot gebracht zu werden. 
Einmal als es damit begann, seine Schalkstreiche am Seegrund auszuüben, 
ging es ihm schlecht, denn es gedachte das Ende der Schnur des Bauern 
Anfinn aus Elduvik zu fassen, um es am Grund zu befestigen, aber gleich- 
zeitig zuckte Ansien die Schnur, und die Angel biss das Meermännlein in 
eine Hand; mit einer Hand konnte es sich nicht losmachen, und so wurde 
es aufgezogen, bekreuzt und heimgebracht. Anfinn verwahrte es bei 
sich im Herde und musste jeden Abend daran denken, ein Kreuz über 
alle vier Ecken des Herdes, wo es sass, zu schlagen; es wollte nichts 
anderes essen als Köder. Wenn ausgefahren wurde, nahmen sie das Meer- 



1) Im Original folgt: olla vocturlambs horni, was ich imüLersetzt lassen musste, da 
mir (las Wort fehlt, vedmiaml) ist der einjährige Widder: es ist also damit nichts neues 
gesagt. 

2) rista kross kann ein Kreuz ritzen, wie ein Kreuz schlagen, bedeuten. In letzterer 
Bedeutimg wird der Ausdruck heute allgemein gebraucht, wie mir Hr. .1. .Tacobsen mit- 
teilt. Ich habe daher überall in der Übersetzung „Kreuz schlagen" gesetzt. 



Fseröische Märchen nncl Sagen. 9 

männlein mit sich, aber sie durften nicht vergessen, ein Krenz über das- 
selbe zu schlagen, wenn es ins Boot gekommen war. Ruderten sie über 
einen Zug von Fischen, so begann es im Boote zu lachen und spielen; 
warfen sie da aus, so mangelte es nicht an Fischen, besonders wenn es 
den Finger in die See tauchte. Anfinn hatte das Meermännlein lange bei 
sich; aber eines Tages war eine starke Brandung, als sie das Boot zur 
Ausfahrt flott machten, nnd da wurde vergessen, das Kreuz im Boote lilier 
das Männlein zu schlagen; als sie vom Lande gekommen waren, glitt es 
über Bord, und wie zu erwarten stand, wurde es nicht wieder gesehen. 

IX. Der Seedraug. 

Der Seedraug [sjödreygur, sjödreygil] wird nach Sonnenuntergang 
auf den Aussenscliären stehen gesehen. Wenn Leute ausrudern, ruft 
er sie an und bittet sie um Erlaubnis, in das Boot zu kommen; sie 
haben ihn bisweilen aufgenommen und auf eine Bank gesetzt, damit er 
mit den Männern rudere. Solange es tiefe Nacht ist, rudert er mindesteus 
gleich zweien: so stark ist er. Er versteht es gut auf die Fischbank zu 
treffen, wenn es [auch] nicht licht [genug] ist, die Marken [am Ufer] zu 
erkennen. Aber wenn es gegen den Tag geht, nimmt er ab, und wenn 
die Sonne aus dem Meere aufsteigt, schwindet er zu nichts. Sie hab(m 
ein Kreuz über ihn geschlagen, aber wie es sicli mehr und mehr im Osten 
von der Sonne gerötet hat, hat er immer kläglicher gebeten und die 
Männer angefleht, ihn loszulassen. Einmal wollten sie ihn nicht loslassen, 
aber als die Sonne aufgegangen war, verschwand er, und da lag ein Kreuz- 
bein auf der Bank; denn man sagt, dass sich der Seedraug das Kreuzbein 
von den Menschen angeschafft hat, und darum bleibt das Kreuzbein zurück, 
wenn der Draug selbst verschwindet. Solche Wechselgestalten hat er: 
einmal scheint er einem Manne gleich, einmal einem Hunde; er ist braun 
von Farbe; er brüllt und heult, so dass man das weithin hören kann; 
er haucht Feuer aus, wenn er auf dem Lande ist; er hat nicht mehr als 
einen Fuss (Fischschwanz), aber kann auf ihm weit hüpfen; die Spuren 
sind nach ihm im Schnee gesehen worden. Wenn er einem Menschen nuf 
dem Lande begegnet, vorsucht er ihn in die See zu stossen. 

X. Die Meerfrau. 

Die Meerfrau [Haffrii] gleicht oberhalb des Gürtels den Menschen, 
liat langes lichtbraunes Haar wie ein Weib, sie lässt das um sich auf dem 
Wasser schwimmen; doch hat sie kürzere Arme. Unterhalb des Gürtels 
ist sie wie ein Fisch und luvt Sclmpjien und einen Scliwanz. Wendet sie 
sich gegen das Boot, wenn sie aus der See auftauclit, so kommt Unwetter, 
und da gilt es, so schnell als möglich heimzurudern, und zu versuchen, dem 
Wassertod zu entrinnen. Kommt aber der Meermann neben ihr in die 
Höhe, so kommt gutes Wetter. Die Moerfrau singt so schön, dass die 



]^Q .Tiriczek: 

Menschen toll werden, wenn sie ihrem Gesänge lauschen, und deshalb 
sollen sie Wattepfropfen in die Ohren stecken, denn sonst wollen sie in 
Tollheit und Wahnsinn aus dem Boote in die See zu ihr springen. 

XL Seekühe und Hulderkühe. 

Seekühe gleichen anderen Kühen von Aussehen, aber melken viel 
besser; die Leute wollen deshalb gern diese Kühe haben. Mitunter sind 
sie in der dreizehnten Nacht [der Nacht vor ]^]piphanias] im Stall bei den 
Kühen gefunden worden; wird ein Kreuz über ihren Kücken geschlagen, 
so bleiben die Seekühe ruhig bei ihnen stehen. 

In der dreizehnten Nacht findet man auch Hulderkühe bisweilen im 
Stalle; aber die will niemand haben, obwohl sie gut melken, aus Furcht 
vor ilem Huldervolk, welches solches rächen würde. Diese Kühe sind 
leicht von den Seekühen zu untersclieideu, weil sie das Haupt hinauf 
o-egen die Berge wenden, die Hulderkühe aber gegen die See. Das Hulder- 
volk liat viele Kühe, welche auf den Weideplätzen bei jenen [d. i. ge- 
wöhnlichen] Kühen wandeln, obschon die Leute nichts als ihre eigenen 
Kühe sehen. Die Hulder in Dal auf Sandoy wurde gehört, wie sie ihre 
Kühe zählte: „Ich sass auf dem Hügel mit Rumla und Reiggja, hier hörte 
ich Hupul brüllen; von oben schreiten Hakur und Krakur, ich kenne Kina 
mit den langen Eutern, Yla und Ala, Eskja und Kala, Geita und Grana, 
Flekka und Frana; Hilda mit dem Stern kenne ich wohl, Gullgrima und 
Oxakolla; verloren liabe ich Grima, die graue, kleine, kürzeste; gekommen 
sind alle unsere Kühe, stöhnend folgt Brynja allen auf den Fersen." 

XIL Dulurin. 
Einmal in alten Zeiten war Hungersnot auf den Föroyern: eine grosse 
Sterblichkeit war über die Schafe gekommen, das Korn war nicht reif, 
und nichts war im Meere zu erfischen. In Vagar soll die Not am grössten 
gewesen sein, denn es war lange her, dass sie etwas auf den guten Fisch- 
bänken westlich im Meere oder weiter draussen auf den Frühjahrsfisch- 
bänken gefangen hatten — nicht ein Bissen wurde gefangen — ; sie ver- 
suchten auszurudern, aber kamen ganz leer iiachhause. Dort im Westen 
ging nun ein armer Mann schwermütig und kummergefesselt und klagte 
über seine Not; er hatte viele kleine Kinder, aber wusste sich keinen Rat, 
wie er sich einen Bissen verschaffen sollte, um ihn in den Mund der 
Kinder zu legen. Während er so in Trübsinn und Ratlosigkeit ging und 
über das Schicksal klagte, das so hart war, dass er seine Kinder ver- 
hungern lassen müsse und selbst verhungern solle, begegnete er einem 
Huldermann, der ihn fragt, warum er in so schlechter Stimmung scheine 
und was ihm zur Sorge gereiche. Der Yagmann sagt ihm nun, wie schlecht 
es mit ihm steht. Der Hulder antwortet ihm, dass es eine Sünde sei, 
dass er solche Not leiden solle, denn der Fisch wür(h^ nicht ausgelien. 



Faßröische Märchen und Sagen. 11 

wenn sie ihn nnr 7Ai finden vermöchten, und darum wolle er ihm nun 
sag-en, wie man die Fischbank finden solle: „Fluss im Thal — Hügel auf 
Hardavöll. Bächlein auf der Zunge (Vorgebirge) — hier sollst du Fische 
fangen — Eisen gekaut und getreten — wer dort nichts fängt, ist tod- 
geweiht." Aber als der Hulder das gesagt hatte, verschwand er plötzlich, 
ohne diese dunklen Worte und unbekannten Namen zu deuten. Docli 
prägte sich der Mann gut ein, was gesagt worden war, und begann dar- 
über zu grübeln, und endlich glaubte er einigermassen erraten zu haben, 
wo die Fischbank liegen könne; alte Leute im Dorf kannten die Namen 
und wnssten ihm zu sagen, wo diese Zeichen zu finden seien. Aber nun 
galt es, noch zu erfahren, warum der Hulder „Eisen gekaut und getreten" 
gesagt hatte. Schliesslich fiel ihm ein, dass gekautes Eisen das Mund- 
stück an einem Zaum sein könnte, und getretenes Eisen könnte ein Huf- 
eisen sein; das nahm er und machte sich Angeln daraus. Als er nun mit 
diesem Werke fertig war, bemannten sie ein Boot zur Ausfahrt und fanden 
die Fischbank so, wie der Yägmann die Worte des Hulders gedeutet hatte. 
Er gab allen Bootmännern die Angeln, die er selbst aus Mundstücken und 
Hufeisen geschmiedet hatte, und dann warfen sie aus. Sie waren auf die 
rechte Bank gekommen, und sie hatten nicht länger als eine kleine AYeile 
gesessen, so war das Boot bis zum Versinken voll von Fischen. Sie 
ruderten nun fröhlich von der Fischbank heim, die noch heutzutage Dulurin 
[die Verhüllte] nacli dem Hulder [Verhüllten] heisst; dorthin fahren die 
Leute noch immer. Auf der Heimfahrt ruderten die Vagmänner an einem 
Boote vorbei, das sie nicht kannten, und das war ein Hulderboot; der 
Vormaini erhob sich vom Sitze und sagte zum Vägmann: „Ein Glückskind 
bist du, gut war es gedeutet, und gut war die Fischbank getroifen." Das 
Boot verschwand da aus ihrem Gesicht und wurde nicht mehr gesehen. Aber 
die Fisclier aus Vägar waren froh, etwas zu haben, es den Weibern und 
Kindern diesen Abend und später zu geben. 

XHL Der Gäsad aismann im Hulderboot. 

Ln Gasadal in Vägar ist kein flacher Strand; hier ist eine steile Wand, 
fünfzehn Faden hoch, gegen die See; das Gäsadalsdorf liegt daher schlecht 
zur Ausfahrt, ein Boot kann im Winter wegen der Brandung niclit unter 
der Wand liegen, sie können deshalb kein grosses Boot liegen haben, weil 
der Landungsplatz an der Wand schwierig und sclüecht ist, und die 
Gäsadalsleute haben daher ein Ausfahrtboot zur Meerfahrt in Gemeinsam- 
keit mit denen in Bö gehabt und sind gewöhnt, mit diesen auszurudern. 

Ein Mami aus Gasadal machte sich eines Nachts bei gutem Wetter 
vom Hause auf, um ostwärts nach Akranes zu gehen, wo die Bömänner 
ans Land legen und ihn in das Boot aufnehmen sollten. Als er nach 
Osten über die Skardsä kam, sah er ein Boot nach Akranes zurudern; er 
wollte nicht, dass sie lange auf ihn warten sollten, und begann deshalb 



1 2 Jiriczpk : 

hastig zu iliuon hin ab zulaufen. Er sah nun, dass sieben Männer im Boote 
waren und dass für ihn ein Sitz auf einer Bank frei war; doch erkannte 
er die Männer nicht, weil die Dunkelheit sich eben erst zu heben be- 
gonnen hatte. Der Gräsadalsmann hatte keinen Verdacht gegen jemand, 
sondern meinte, dass alles so war, wie es sein sollte; er sprang rasch in 
das Boot, und sie stiessen sofort vom Lande ab. Der Mann setzte sich 
auf die Bank, wo er gewohnt war zu sitzen und legte das Ruder aus; aber 
als er sich nun bedenkt, kennt er keinen Mann im Boote und argwöhnt 
da, dass das Huldern sind, unter die er gekommen; doch stellt er sich 
furchtlos und rudert tüchtig wie sie. Sie fahren nordwärts um die Insel, 
liinans nach Ravnamüli, einer Fischbank, auf welche die A^ägmänner im 
Westen hinauszurudern pflegen. Die Huldern befestigten den Köder und 
warfen aus, aber der Gasadalsmann sass still und schwieg, denn die Schnur 
hatte er mit sich aus Gasadal genommen, die Angeln aber hingen in 
Bö und er hatte keinen Köder. Der Yormaun im Boot fragt ihn nun, 
warum er nicht auswerfe; er antwortet: „Kein Haken ist da und kein 
Bissen ist da." Der Huldermann gab ihm gleich Angel wie Köder, und 
die Angeln waren kaum am Grunde angekommen, als er es zucken fühlte 
und einen grossen Fisch lierauszog; als er damit fertig war, ihn aufzu- 
schneiden, und ihn ins Boot niederlegte, nahm ihn der Vormann und 
zeichnete ihn, und so wurde jeder Fisch, den er aufzog, gezeichnet. Als 
sie nun gute Fische in das Boot bekommen hatten, ruderten sie wieder 
nachhause und legten bei Akranes an derselben Stelle an, wo sie den 
Gasadalsmann aufgenommen hatten. Weil er den Tag in Eigenfischfang 
gesessen hatte, warfen sie jeden Fisch an das Land, den sie gezeichnet 
hatten. Als er an das Land gekommen war und seinen Fang aus dem Hulder- 
boote mitgenommen hatte, merkte er erst, dass er sein Messer im Boote ver- 
gessen hatte; er rief ihnen da zu: „Das Scharfe am Schenkel ist zurück- 
geblieben." Der Huldermann nahm das Messer und warf es nach ihm, 
aber er traf ihn nicht; er rief da: „Sei verflucht, ein Glückskind bist du." 
Sie stiessen nun wieder vom Lande ab, aber der Huldermann sagte nun: 
„Ein Hund warst du, dass du mir nicht Dank für das Boot sagtest." — 
Es ist nicht gut, wenn das Huldervolk zu Wasser oder zu Land nahe ist 
(und wer weiss das?), Messer, Schwert, Axt, Köder, Rauch u. s. w. 
mit dem rechten Namen zu nennen, ausser mit anderen Worten wie „das 
Scharfe", „Bissen", „Hausschatten" und dergl. Auch ist es nicht gut, dem 
Huldervolk zu danken, wenn sie einem etwas gutes thun, denn dann be- 
kommen sie Gewalt, dem Menschen Schaden zu thun. 

Erzählungen, welche dieser gleichen, die nun berichtet worden ist, 
gehen über einen Mann in Strondur und einen anderen in Eid auf Eysturoy, 
welche beide mit einem Hulderboote ausfuhren, und es wird erzählt, dass 
der letztere mit ihm <len ganzen Winter ausruderte. 



Faeröische Märchen und Sagen 13 

XIV. Das Hiilderweib in Kiiulsiiöteii. 

„Nördlich im Hügel", bei dem Dorfe „zu Eid" auf Eysturoy, wohnt 
Huldervolk, wie weit umher an anderen Stellen. Einmal sass die Heb- 
amme zu Eid, Elseba, vor dem Hause auf dem Steinzaune und rührte 
Milch. i\.ls sie im besten Sitz ist und den Quirl am hurtigsten rennen 
lässt, damit die Milcli dick werde und im Kübel tüchtig aufschäuuie, 
kommt ein Hund zu ihr, ist zudringlich und will von der Milch 
schlecken. Sie kennt den Hund nicht und will ihn von sich treiben, 
aber er ist widerspenstig und will vor ihren Drohungen nicht weichen; — 
sie will daher den Platz verlassen und mit der Milch ins Haus gehen. 
Der Hund verfolgt sie, und da sie zur Thür kommt, steht hier ein Hulder- 
mann vor ihr und bittet sie, mit ihm zu kommen und seiner Frau zu 
helfen, die sich niedergelegt hatte und in Kindsnöten lag. Sie folgte ihm 
nun nördlich hi den Hügel und war dort die ganze Nacht; der Hulder- 
mann verband ihr die Augen, als er sie nördlich in den Hügel führte. 
Als sie am Morgen zurückkam, begann das Volk sich zu erkundigen, 
wo sie über die Nacht gewesen und was sie gemacht habe, aber sie ant- 
wortete nichts anderes als: „Schön war das kleine Kind mit dem grossen 
Kopf, das heute Nacht geboren wurde." Der Huldermann versprach Elseba 
Glück bis in das zehnte Glied, weil sie der Hulderfrau aus der Not geholfen 
hatte; Hanis in ßürstova zu Eid ist der sechste Mann nach ihr. — Einmal 
nach dieser Begebenheit waren die Eidsmänner im Gebirge, um Widder zum 
Schlachten zu fangen, und der Mann der Elseba war einer der Treiber; 
während die Männer die Schafe jeder an seiner Stelle sammeln. entschlüi)ft 
ihm ein Schaf aus der Hürde und er rennt ihm nach. Nun begegnet er 
einem Huldermann, der im Zorn zu ihm sagt, hätte er nicht an der Seite 
Elsebens gelegen, so sollte es ihm übel gehen <lafür, dass er über ihr 
Dach gegangen sei. 

XV. Auf dem Kreuzweg sitzen. 

Willst du reich werden, so sollst du in der alten dreizehnten Nacht 
hinausgehen und auf dem Kreuzweg sitzen, wo vier Wege kreuzweis gehen 
und einer von ihnen soll zur Kirche führen. Du sollst ein graues Kalbs- 
fell und eine scharfe Axt mitnehmen, das Fell unter dich auf den Weg 
breiten, so dass der Schwanz am Fell gegen den Kirchenweg gewendet ist, 
aber dein Gesicht soll von diesem abgewendet sein. Du sollst dich da 
hinsetzfui und die Axt scideifen, und was auch zu dir gesprochen wird, 
du sollst nichts anderes erwidern als: „Ich schleife, ich schleife''. Wie 
schlimm es auch zu beiden Seiten von dir zugeht, du sollst nicht aufsehen, 
sondern fest auf die Axt hinabschauen, denn sonst geht es dir schlecht 
und die Trolle fassen dich. Wenn es gegen Mitternacht geht, kommen 
die Trolle lärmend aus allen Windrichtungen, Gold und kostbare Kleinodien 



]^^ Jiriczek: 

schleppend, welche sie um dich in grossen Haufen schichten, und sie 
zeigen dir all dies Gut, um zu versuchen, dich aufschauen zu machen. 
Dann beginnen sie zu dir zu reden, Grimassen zu schneiden und alles 
mögliche anzustellen. Aber haben die Unholde weder vermocht, dich 
zu verlocken, die Augen auf das Gfold zu wenden, das sie neben dich ge- 
legt haben, noch dich so bange gemacht, dass du sie aus Angst vor 
ihnen anschaust, noch dich zu einer Antwort vermocht, so fassen sie 
den Schwanz am Kalbsfell, um es wegzuziehen; da gilt es nun Glück zu 
haben und mit der Axt den Schwanz ganz am Ende abzuschlagen, ohne 
dass eine Scharte in die Axt kommt. Gelingt dir das, so bist du ein 
Glückskind; denn dann verschwinden die Trolle ihres Weges und du ge- 
winnst da alle Kleinodien und alles Gold, das neben dich gelegt worden ist; 
ülückt es dir aber nicht, so bekommen die Trolle Gewalt über dich, und 
du kehrst nicht heil von dieser Fahrt zurück. 

XYL Der Siegstein. 

Es ist gut, den Siegstein zu besitzen und ihn an sich zu tragen, denn 
der Mann, der ihn hat, gewinnt immer den Sieg, wo er auch im Kampfe 
steht, ihm geschieht kein Schaden, wo er auch fährt, weder von Menschen 
noch Trollen, sondern das Glück folgt ihm, alles geht nach seinem Wunsche 
und alle sind ihm wohlgeneigt. Darum ist es nicht zu verwundern, dass 
die Ijeute gern einen solchen Stein wollen, der so viel Gutes mit sich 
bringt, aber kein Mensch weiss, wo dieser kostbare Stein zu finden 
ist; aber der Rabe weiss es, und nun soll gesagt werden, wie du es 
machen sollst, dass der Habe nach dem Siegstein fliegt und ihn von 
sich gibt. 

So geht die Erzählung der Leute, dass der Rabe im Februar sich 
begattet, im März Eier legt und im April brütet. Wenn nun der Rabe 
Eier gelegt hat, soll man hinauf auf die Klippe oder in die Schlucht 
steigen, wo der Rabe das Nest hat; dort muss man versteckt sitzen, den 
Raben nichts von sich merken lassen und ruhig warten, bis der Rabe vom 
Nest fliegt. Da muss man rasch sein, zum Nest zu schlüpfen, die Eier 
zu nehmen, sie hart zu kochen und wieder ins Nest zu legen, ehe der 
Rabe wieder heimkommt, so dass er nichts schlimmes vermutet; der muss 
rasch sein, der das ausführen soll. Der Rabe kommt da wieder zurück 
ins Nest und legt sich auf die Eier; aber wenn er nun die ganze Brüte- 
zeit gelegen, beginnt er ungeduldig zu werden, denn er sieht, dass noch 
keines aufgepickt ist, und es wird ihm langweilig, länger zu sitzen. Da 
beschliesst er, nach dem Siegstein zu fliegen und sich ihn zu suchen, um 
ihn in das Nest zu den Eiern zu legen, um sie ausgebrütet zu bekommen; 
aber der Mann muss dort stehen und entweder den Raben erschiessen und 
ihm den Stein aus dem Sclmabel nehmen, odei- ihn den Stein zu den 
Eiern legen lassen und dann plötzlich über ihn kommen, ehe er die 



Freröische Märchon und Sagen 15 

gekochten Eier ausgebrütet hat; denn dann fliegt er mit dem Stein wieder 
dorthin zurück, wo er ihn geholt hat. 

XVII. Der Riese und die Alte. 

Nördlich von dem Dorfe „zu Eid'^ zu äusserst in dem 8und zwischen 
Eysturoy und Ötreymoy, stehen vor dem Lande zwei grosse Klippen, welche 
der Riese und die Alte genannt werden, er weiter draussen und sie näher 
dem Lande, und durch den Sund zwischen ihnen kann man rudern, wenn 
es ruhig ist. Über diese Klippen gelit die Sage, dass Island einmal die 
Föroyer zu sich nach Norden zu schaffen gedachte und deshalb einen 
grossen Riesen und sein Weib sandte, um sie nordwärts zu tragen. Sie 
kamen beide zu dem äussersten Berge, welcher Eidskoll heisst und am 
weitesten gegen Nordwesten liegt. Der Riese blieb draussen in der See 
stehen, während die Alte auf den Berg ging, um das Tragband um die 
Last zu befestigen, die er tragen und die sie auf ihn schieben sollte. Der 
erste Griff, den sie machte, war so fest, dass der „äussere Hügel" ab- 
sprang; sie versuchte daher das Tragband an einer anderen Stelle des 
Hügels zu befestigen, aber es wollte ihnen nicht recht gehen; — der 
Grundboden war fest und die Inseln nicht leicht fortzurücken. So w^ird 
erzählt, dass die Alte noch auf dem Hügel stand, als sich die Finsternis 
zu heben begann; — sie fürchteten sich vor dem Tage und sie eilte 
schleunigst zu dem Riesen hinab, welcher im Meer stand und auf sie 
wartete; aber allzulange hatten sie verweilt, denn in demselben Augenblick, 
als sie sich unter dem Hügel trafen und ihres Weges nordwärts nach 
Island zurückwaten sollten, der Riese voran und die Alte hinter ihm, da 
erhob sich die Sonne aus dem Meere und sie wurden darum beide zu 
Stein, und stehen nun und schauen gegen Island, aber kommen nicht 
vom Fleck. 

Andere sagen, dass sie gesandt waren, um Korn von den Föroyern zu 
holen, weil daheim in Island Kornmangel herrschte. Das sieht man, dass 
die Alte eine Art Bündel oder Sack am Rücken hat. 

XVIII. Das Seehundweibchen. 

Die Seehunde sind zuerst von Menschen gekommen, welche sich selbst 
hinabgestürzt und in der See ertränkt haben. Einmai in jedem Jahre, und 
(his ist in der dreizelmten Naclit^), ist es ilmen gegönnt, aus dem Balg zn 
schlüpfen, und da sind sie anderen Menschen gleicli: sie vergnügen sich 
da mit Tanz und Spiel nach der Weise der Menschen auf dem Steingrund 
am Strande imd in den Klippenhöhlen. 

Nun geht die Sage, dass ein Bursclie auf dem südlichen Hofe in 
Mikladal das gehört liatte, dass die Seidiuiidc in der dreizehnten Nacht in 



1) Epiphaniasuacht. 



1 6 Jiritzek : 

einer Höhle unweit des Hofes zusammenkämen. Er ging daher am Abend 
hinab, um sich zu überzeugen, ob das wahr sei oder nicht, was von ihnen 
erzählt wurde. Er versteckte sich unter einem Steine vor der Höhle; nach 
Sonnenuntergang sah er ehie Menge von Seehunden herbeischwimmen; als 
sie ans Land gekommen waren, fuhren sie aus den Häuten und legten sie 
auf den Steingrund am Strande ab und nun glichen sie richtig anderen 
Menschen. Der ^likladalsbursche fand sein Vergnügen daran, sie unter 
dem Steine, wo er verborgen lag, zu beobachten. Nun sah er ein 
wunderschönes Mädchen aus einem Seehundsbalg schlüpfen, und ihn fasste 
gleich Verlangen nach ihr, und er achtete deshalb genau darauf, wohin sie 
ihr Fell unweit von ihm gelegt hatte. Der Bursche schlich nun heimlich hin, 
nahm die Haut zu sich und verbarg sich dann wieder unter dem Steine. 
— Die Seehunde tanzten und vergnügten sich die ganze Nacht; aber als 
der Tag zu grauen begann, fuhr jeder wieder in seinen Balg. Aber das 
Mädchen, das vorher genannt worden ist, fand ihre Haut nicht wieder und 
ging, suchte nach ihr und begann zu klagen und sich jämmerlich zu 
härmen, denn da war die Nacht vergangen und die Stunde des Sonnen- 
aufgangs gekommen. Aber ehe sich die Sonne aus dem Meere erhob, 
bekam sie Witterung von der Haut beim Mikladalsb urschen und musste 
ihr deshalb zu ihm nachgehen; sie bat ihn nun so flehentlich und mit 
guten Worten, ihr die Haut zurückzugeben, aber er wollte nicht auf sie 
hören und ging die Schlucht aufwärts nachhause, und sie musste ihm der 
Haut nach, die er mit sich trug, folgen. Er nahm sie nun zu sich und 
sie lebten gut miteinander -wie andere Ehegatten. Aber er musste immer 
auf der Hut sein, sie nicht zur Haut kommen zu lassen; er verbarg sie 
daher in der Kiste, versperrte diese gut und trug den Schlüssel am Leib. 
Eines Tages war er ausgerudert, und wie er da draussen auf dem Meere sass 
und einen Fisch aufzog, kam seine Hand zufällig an den Gürtel, wo der 
Schlüssel gewöhnlich hing; da fuhr es durch ihn, denn er wurde erst jetzt 
gewahr, dass der Schlüssel vergessen war, und er rief in Sorge und 
Schmerz: „Heute werde ich verwitwet!" Alle zogen ein und setzten sieh 
an die Ruder, um schleunigst heimzurudern. Als der Mikladalsmann nach- 
hause kam, sah er, dass das AVeib verschwunden war, aber die Kinder, 
die sie zusammen hatten, sassen ruhig daheim. Damit ihnen nichts zum 
Schaden gereichen sollte, während sie allein drinnen sassen, hatte sie das 
Feuer auf dem Herde verlöscht, Messer und alles Scharfe unter Schloss 
und Riegel gebracht. Als sie das getlian hatte, war sie zum Strande 
hinabgesprungen, in die Haut gefahren und hatte sich in die See ge- 
stürzt. Sie hatte (h>n Schlüssel gefunden, als der Mann ausgerudert 
war, schloss die Kiste auf und sah hier die Haut liegen und konnte sich 
niclit länger beherrschen. Davon ist das Spricliwort gekommen: „Er kann 
sich nicht mehr beherrschen als der Seehund, wenn er die Haut sieht." 
Gerade als sie in die See sprang, kam das Männehen, welches früher mit 



Fseröische Märchen und Sagen. 17 

ihr iu liiebe zusammen gelebt hatte, an ihrer Seite auf, und nun schwammen 
sie beide von dannen; — alle diese Jahre hatte es hier gelegen und auf 
sein Weibchen gewartet. Als die Kinder, die sie mit dem Mikladalsmann 
hatte, zum Strand hinab kamen, sah man einen Seehund vor dem Lande 
liegen und auf sie schauen, und alle dachten, das möchte ihre Mutter sein. 
So vergingen viele Jahre danach, ohne dass etwas vom Bauer auf dem 
südlichen Hofe oder den Kindern des Seehundweibchens zu sagen ist. 
Aber so geschah es einmal, dass die Mikladalsmänner auf den Paarungs- 
platz hinaus wollten, um Seehunde zu schlagen, und die Nacht vorher kam 
das Seehundweibchen im Traume zum Bauern und sagte ihm, wenn es so 
geschähe, dass er mit jenen auf den Paarungsplatz ginge, so solle er 
wissen, dass sie das Männchen, welches vorn vor der Höhle liege, nicht 
erschlagen dürften, weil das ihr Gatte sei, und die zwei Jungen, welche 
im innersten der Grotte lägen, müssten sie schonen, weil das ihre Söhne 
seien, und sie gab ihm an, wie sie gefärbt waren. Aber der Bauer 
schenkte dem Traume keine Beachtung; er ging mit den Mikladalsraännern 
auf den Paarungsplatz, und sie erschlugen alle Seehunde, welche dort 
waren. Bei der Verteilung erhielt der Bauer das ganze Männchen und die 
Vorder- und Hinterbeine der Jungen. Zum Nachtmahl hatten sie das 
Haupt, die Vorder- und Hinterbeine gekocht, und als es vorgesetzt wurde, 
hörte man ein Krachen und grosses Getöse, und das Seehundweibchen kam 
da als der hässlichste Troll in die Rauchstube, schnupperte in den Trog 
und rief zornig: „Hier liegt der Alte mit der aufgestülpten Nase, die Hand 
Häreks und der Fuss Fridriks — gerächt ist und gerächt soll das an den 
Mikladalsmännern werden, und sollen etliche ertrinken und etliche von den 
Wänden und in die blauen Klüfte stürzen, und soll das fortdauern, bis so 
viele dahingegangen sind, dass sie sich an den Händen halten und ganz 
Kallsoy umspannen können." Als sie das gesagt hatte, ging sie wieder 
mit grossem Getöse und Gepolter hinaus und wurde nicht mehr gesehen. 
— Es ist leider nicht so selten gewesen, dass man Unglücksnachrichteu 
aus Mikladal gehört hat, dass Männer im Gebirge abgestürzt sind, wenn sie 
auf die Wände stiegen, um Eidervögel zu fangen, oder in den Bergen 
Schafen nachgingen; — die Zahl ist noch nicht voll geworden, so dass die, 
welche abgeschieden sind, genügen würden, Kallsoy zu umspannen. 

Bei Skalavik in Sandoy ist ein Paarungsplatz, der „i Bläfellssküta" 
heisst, und über ihn geht dieselbe Sage, welche hier vorher erzählt worden 
ist. Trond und Niklas, Vater und Sohn, waren die ersten Menschen, 
welche hier in der Siedelung „auf der Klippe" (a Hamri) ein Haus er- 
richteten. Demmus (Nikodemus), der Sohn Niklas', ging in der dreizehnten 
Nacht auf den Paarungsplatz, nahm das Fell, aus welchem ein schönes 
Weibchen gefahren war, ging heim mit dem Seehundsfell, und das Weibchen 
folgte ihm auf dem Fusse (andere sagen, dass der Vater Demmus' das 
Seehundweibchen heimbrachte). Er versperrte die Haut in der Kiste und 

Zeitschrift d. Vereins f. Volkskunde 1892. 2 



jg .Tiriozfik: 

hatte den Schlüssel am Hosengurt befestigt. Eines Tages war er auf der 
Ausfahrt und hatte andere Hosen angezogen und nicht daran gedacht, 
den Schlüssel an diesen anzubringen, und so verlor er sein Weib. Als er 
vom Meere heimkam, stand das Weib als Robbe an dem Klippenrand 
aussen vor dem Dorfe. Hier in Skala vi'k werden Leute genannt, welche 
ihr Geschlecht von dem Seehundweibchen herleiten. 

XIX. Öli der Starke und Tor der Starke. 
Früher in alten Zeiten lebte in Clasadal auf Yägar ein Riese, welcher 
Tor der Starke genannt wird, und in Mikines wohnte zu derselben Zeit 
ein Mann, der Oli der Starke genannt wird. Tor, der Thalbewohner, 
beabsichtigte den Mikinesbewohner zu töten und die Insel für sich zu ge- 
winnen; er ging daher aus dem Thal auf den Liraberg hinauf und sprang 
von dort über den Fjord, hinaus in die Borgarschlucht im Borgardal, öst- 
lichst auf Mikines; die Fussspuren stehen noch nach ihm in den Felsen 
beiderseits dort, wo er gesprungen. Der Mikinesbewohner hatte seinen 
Sitz westlich auf der Insel; Tor hatte deshalb einen langen Weg über 
Thäler und Berge zu gehen, ehe er ihn fand; doch der Weg wurde ihm 
nicht lang, mit seinen langen Beinen stapfte er im Handumdrehen west- 
wärts über die Insel. Als er mit gespreizten Beinen die Bergwand herab- 
kam, sah ihn der Mikinesbewohner und Furcht befiel ihn, denn dieser 
grosse Riese war schrecklich anzusehen. Er sprang deshalb auf die Füsse 
und lief, so schnell er konnte, westwärts über die Insel davon; aber als 
er westwärts über die Schlucht gekommen war, war nicht mehr viel 
zwischen ihnen. Das Herz begann nii deshalb bis in den Hals zu 
schlagen und er begann sich heftig zu fürchten und rief den Notruf: 
„Zerreisse die Schlucht!" und damals geschah es, dass Mikinesholm sich 
von der Insel loslöste und der Sund dazwischen kam. Das ist sichtbar 
an den Uterwänden beiderseits, dass der Holm und die Insel miteinander 
verwachsen gewesen sind; wo Höhlen in der einen Uferwand sind, ragen 
gerade gegenüber Klippen heraus an der anderen Wand. — Als der Riese 
diesen mehr als 20 Faden breiten Schlund vor sich und den Holm sich 
loslösen sieht, ruft er: „Reisse, was reissen will, ich springe darüber." Er 
setzte hinüber und dort draussen auf d(>ra Holm begannen nun beide zu 
kämpfen, weil der Mikinesbewohner sah. «lass keine andere Möglichkeit zu 
wählen war, als dem Riesen Stand zu halten und Kraft und Stärke zu 
erproben. Sie rangen hart und lange und wühlten die Erde bis zu ihren 
Knöcheln auf; — das heisst „i Trakki" [„Stelle, wo gestrampelt worden 
ist"] und hier ist kein Gras seither gewachsen, obwohl der ganze Holm 
sonst durchaus mit langem Grase vom obersten Berggrat bis zu den Strand- 
klippen hinab bewachsen war. Endlich drückte der Mikinesbewolmer den 
Riesen auf «lie Kniee nieder, drückte ihm ein Auge aus und drohte ihn 
zu t()t('n. Abel- dar Riese wollte das Leben nicht verlieren und begann 



Fseröische Märchen und Sag-en. ]9 

nun um Gnade zu bitten und versprach Oli drei seltene Dinge, wenn er 
ihm Leben und Sicherheit schenken wollte. Das erste, Avas der Kiese 
geben wollte, um sich vom Tode zu lösen, war ein grosser Wal, der jähr- 
lich in die Hvalaschlucht hier auf Mikiues kommen sollte; das zweite war, 
dass ein grosser Baum in einer Schlucht angetrieben werden sollte, welche 
nicht weit von jener ist und Vid:arhellisschluclit genannt wird; und das 
tlritte war ein Vogel, der sich auf keiner anderen Insel der Föroyer setzen 
oder brüten sollte, als auf Mikinesholm. Aber er legte die Bedingung zu 
<len Gaben, dass niemand, der in Zukunft sich hier auf der Insel nieder- 
liesse und von ihnen geniessen wolle, sie tadeln oder verspotten dürfe. 
Der Mikinesbewohner ging auf diese Bedingungen ein und nahm das An- 
erbieten Tors an; so verglichen sich beide und lebten ihr ganzes Leben 
zusammen. Westlichst auf der Insel, auf der Bergkuppe draussen auf dem 
Holm, wurden sie jeder in seinen Hügel beigesetzt, als sie starben; noch 
heute lieisst der eine Hügel Oli der Starke, welcher nördlicher ist, und 
hier ist der Mikinesbewohner begraben; der andere heisst Tor der Starke, 
Avo der Thalbewohner begraben ist. 

Der Riese hielt wohl, was er versprochen hatte; jährlich zur Heuzeit 
kam der grosse Wal in die Hvalaschlucht, aber jetzt kommt er nicht mehr, 
denn die Mikinesleute vergassen, dass sie über ihn nichts böses sagen 
durften und so hielten sie ihren Spott mit ihm, weil er nicht mehr als 
ein Auge hatte und sie lästerten ihn, weil sie Durchfall bekamen, als sie 
sein Fleisch assen, — so verschwand der Wal und kam nicht wieder. - — 
Der Baum kam im Frühjahr, aber ging bald desselben Weges wie der 
Wal; denn sie lästerten ihn, dass er krumm und knotig sei und sie fluchten 
darüber, weil sie ihn jährlich dazu benutzen mussten, eine Kapelle zu er- 
bauen; aber die Kapelle wurde jährlich vom Winde umgestürzt, wenn das 
Treibholz kam, und vom Berge weggeweht; — sie glaubten daher keinen 
Nutzen von dieser Gabe zu haben, und so versehwand sie. Der Vogel, der 
das dritte war, was der Riese versprochen hatte, war die „Süla"^); sie kam 
in grossen Schwärmen auf die Bergabsätze auf dem Holm und auf die 
Klippen auf ihm. Aber die süla will kein Mikinesmann tadeln oder ver- 
spotten, damit sie sie nicht verlieren sollen, denn sie ist eine gute Unter- 
stützung für die, welche an der Brandung sitzen und selten zur Ausfahrt 
auf das Meer kommen. Wenn jemand von den Hauptinseln nach Mikines 
herauskommt und die Süla lästert, dass ein xibler Geruch von ihren Federn 
ausgehe, oder anderes dergleichen, so verbessert das der Mikinesmann, der 
solches hört, und sagt: „Ein guter Vogel ist sie nichtsdestoweniger, und 
ein hochgeborener Vogel^ der „trsel" [Knecht] zu jedem Menschen sagt" 
(so lautet ihr Ruf). Aber die Süla setzt sich auf keiner anderen Insel als 



1) deutsch ..Bassangans'-', „Tölpel": vcrgl. die Anmerkungen am Schlüsse der Über- 
setzung. 

9* 



20 Jiriczek : 

in Mikineslioliii auf des Land, ausser wenn sie sterben soll, und doch sieht 
man sie weit umher über den Fjorden zwischen den Inseln fliegen. Die 
Süla besucht den Holm zurzeit der Paulsmesse [Februar] und ist dann auf 
den Yogelbergen bis zur Martinsmesse [November], wo die Jungen ganz 
flügge sind; dann ist sie den ersten Teil des Winters fort. 

XX. Wälder auf den Föroyern. 

Die Föroyer waren ehemals bewaldet; hier findet man deshalb noch 
in der Erde grosse Wurzelstöcke im Torf auf den Torf beiden, in den 
Steinkohlen sieht man dicke Äste und Laubblätter; solches beweist, dass 
hier früher Wald gewachsen, aber nun ist alles in die Erde versunken. 
Es wird erzählt, dass, als Olaf der Heilige in Norwegen herrschte, Gesandte 
von den Föroyern ausfuhren, um ihn zu treffen. Er sagte zu ihnen, dass 
ihm die Steuer zu klein dünkte, welche ihm von den Inseln zuging; des- 
halb fragte er sie, was auf den Föroyern wüchse. Die Gesandten sagten 
schlechtes davon aus, sie sagten, dass dort nichts sei als Sand und Steine, 
Moore und Heiden. Als der König dies hörte, rief er aus: „So werde, 
wie davon gesagt ist! wende sich nach unten, was oben gewesen ist, und 
wende sich aufwärts, was unten gewesen ist." Da sanken die Wälder 
nieder in die Erde und anstelle der schönen Gefilde kamen Moore, Lehni- 
felder und Sand. Deshalb sind die Inseln nun so beschaffen. Die Basalt- 
säulen einer Klippe auf Mikines gleichen Bäumen; — das sollen Bäume 
sein, die zu Stein verwandelt wurden, als König Olaf „So werde" zu den 
Gesandten sagte, welche ihm sagten, dass keine Wälder auf den Föroyern 
wüchsen. 

XXL Svinoy. 

Das ist eine Erzählung der Leute, dass Svmoy, wie andere der Inseln, 
zuerst eine schwimmende Insel war. Sie tauchte im Norden auf, aber 
wurde selten von Leuten gesehen, da sie meist Nebel mit sich brachte, 
und selbst in Dunst gehüllt war. Nun soll gesagt werden, wie es zuging, 
dass sie eine feste Insel wurde. Im Dorfe „zu Yidareid" auf Vidoy hatten die 
Leute eine Sau, aber keinen Eber, und doch war die Sau jährlich trächtig 
und hatte Ferkel. Alle wunderten sich sehr darüber und konnten nicht 
begreifen, wie das zuging. Die Leute sagten nun, dass sie sie mitunter 
im Dorfe vermisst hätten, aber dass sie immer bald zurückgekommen 
wäre. Eines Tages lief sie hurtig nach Osten durch das Dorf und über 
die Landenge gegen die Eidsbucht. Ein Weib wurde ihrer habhaft und 
band einen Schlüsselbund an ihren Schweif; die Sau stürzte sich in die See 
und schwamm vom Lande. Bald darauf sehen die Leute in Vidareid die Insel 
südlich von der Landeng(3 auftauchen. Sie bemannen so rasch als möglich 
ein Boot und rudern zur Insel, und nun konnten sie sie sowohl finden, als 
an ihr landen. Als die Sau 1^]isen auf sie gebracht hatte, wurde sie fest, 



Faeröische Märchen und Sagen. 21 

und gleich wurde es hell im Nebel, der über ihr gelegen, und dort hat 
sie seitdem gelegen. Aber sie nannten sie Svmoy, weil sie voll von 
Schweinen war, als sie auf sie kamen, und ein Schwein sie am Grunde 
befestigt hatte, so dass sie nicht länger eine schwimmende Insel war; 
aber auf ihr war es gewesen, wo sich die Vidareidssau ein Männchen ge- 
sucht hatte. 

XXn. Mikines. 

Mikines ist nach der Erzählung der Leute eine schwimmende Insel 
gewesen. Ein Mann in Sörväg [Dorf auf der Insel Vägar], der immer 
ausruderte, fürchtete sich sehr vor den grossen Walen draussen im Meere, 
und da er kein Biebergeil hatte, um sie zu verscheuchen, gebrauchte er 
dazu Stierdreck, den er in die See warf, wenn Wale nahe beim Boote 
waren. Als er nun auf dem Meere draussen ist und westlich an Yagar 
vorbeitreibt, sieht er eine grosse Insel aus dem Dunst auftauchen; alle 
ziehen ein und rudern schleunigst zur Insel. Der Sörvagsmann, der sie 
zuerst erblickt hatte, warf den Dreck auf ein Yorgebirge, zu dem sie 
kamen, und stieg dann selbst auf das Land; da wurde die Insel durch den 
Dreck befestigt, der auf den Vorsprung geworfen war, und daher soll die 
Insel den Namen Mykjunes (Dreckvorgebirge) bekommen haben. Andere 
nennen sie Mikines von dem grossen Yorgebirge [av ti mikla nesinum] an 
der äussersten Ostspitze der Insel, welches Niigvunes heisst. 

In anderen Erzählungen wird berichtet, dass einmal ein Riese war, 
welcher auf den Föroyern wohnen wollte, aber die Inseln, die ihm am 
besten gefielen, waren allzu klein, uud deshalb gedachte er, mehrere 
zusammenzulegen. Erst kam er nach [der Insel] Koltur und legte sie 
dorthin, wo sie nun liegt. Dann fuhr er nach Sküvoy, um sie herbeizu- 
ziehen und an Koltm' zu befestigen. Aber die Skuvoyinger fragten ihn, 
ob das voller Ernst sei, dass er auf der Insel wohnen wolle, welche Kalv 
der Kleine gehabt habe. Als der Riese das hört, dass ein Kalb Sküvoy 
gehabt habe, wollte er es nicht haben und dankte ihnen, dass sie ihm 
davon gesagt hatten, gab ihnen grosse Gaben dafür und fuhr dann weg. 
Nördlich vom Lande fand er nun eine grosse Insel, die ihm passend für 
ihn dünkte, darauf zu wohnen; er zog sie daher südwärts im Meere, aber 
als er gerade westwärts Yagar gegenüber gekommen war, konnte er sie 
nicht weiter bringen. Er lag gegen eine Woche dort und strengte sich 
an, die Insel südwärts nach Koltur zu schaffen, aber er war nicht im- 
stande, sie weiter zu schaä'en, er konnte sie nicht von der Stelle rühren. 
Zornig im Sinn, sagte er da: „Bei meinem Leben, bei meinem Leben! 
habe ich die Insel vorher emporgebracht, so kann ich wohl auch diese 
unter die Oberfläche bringen;" denn er gönnte keinem anderen auf der 
Insel Mikines zu wohnen, als sich selbst. Noch heute sollen die Leute 
bisweilen eine Insel nördlich von Yagar sehen; hohe Gebirge sind auf ihr 



22 .ririczek: 

sichtbar, tiefe Thäler und weisse Wasserfälle; am häufigsten haben sie die 
Sörvagsiiiänner, oft deutlich, gesehen, wenn sie auf den Grasgängen waren, 
um die Schafe zu bewachen, dort, wo man das ISTordmeer überblickt. 
Darum ist es nicht zu verwundern, dass die Mikinesleute in Sorge sind, 
wenn zu ihnen die Nachricht gebracht wird, dass wieder jemand diese 
Insel gesehen hat; wer weiss, ob der Riese nicht noch lebt und Mikines 
ins Meer versenken kann, um jene Insel von Norden herüberzuschaffen 
und zu befestigen, wo er sie haben will? 

XXIII. Das Eiriksriff. 

Unweit vom Tindholm ist ein Riff, welches Eiriksritf genannt wird; 
dort ist bisweilen selbst bei herrlichem Wetter und glatter See Bran- 
dung; am meisten brandet es bei trockenem Wetter, Hitze oder harter 
Kälte. Von diesem Riff haben wir die Sage, welche hier erzählt 
werden soll. 

Zwei Brüder, Simun und Eirik. besassen alles Land, welches an dem 
Dorfe ,,zu Bö" auf Vagar liegt; sie hatten eine Schwester, welche mit 
dem Bauer zu Hüs in Midvc4g [Dorf] verheiratet war. Diese beiden 
konnten nicht darüber einig werden, das Land unter sich zu teilen; darum 
sollten sie zum Lögmann fahren, um ihn zwischen ihnen teilen zu lassen. 
Eines Tages war Simun auf der Ausfahrt, aber Eirik sass inzwischen zu- 
hause und schärfte die Axt. Am Abend, als das Boot an das Land legt, 
geht Eirik eiligst zum Strand hinab zu ihnen und sagt zu Simun, er solle 
nun schleunigst mit ihm zum Lögmann fahren, um Entscheidung über die 
Landteilung und das Erbe zu erhalten. Simun sagt, er sei sowohl hungrig 
als durstig und habe es notwendig, andere Kleider anzuziehen; doch Eirik 
wollte nichts davon wissen, dass er sich dem sofortigen Gang entziehe, nun, 
da es gelte, diese Fahrt zu unternehmen. Simun gab ihm nun nach und 
ging mit ihm; er war durstig und legte sich nieder, um aus dem Flusse zu 
trinken, der die Skataschlucht zwischen Bö und Sörvag herabfliesst; — 
Eirik nimmt nun die Axt und schlägt seinem Bruder den Kopf ab. Eirik 
geht nun zu Fuss um den Teich (Sörvagsvatn) herum und nach Midväg. 
Als er gegen die Felder in Hüs rennt, sieht ihn die Schwester und kommt 
heraus, um ihn zu fragen, welcher Teil des Landes Simun zugefallen sei; 
er antwortet, dass das der Teil sei, der dem Friedhof am nächsten ist. Er 
lief dann von hier nach Sandaväg; ein Boot stand hier am Sande, Eirik 
war nicht imstande, es zu ziehen, sondern wandte es immer um, bis er es 
zur See gebraclit hatte; so machte er das Boot flott. Die Schwester arg- 
wöhnte sehr aus der Antwort, die ihr Eirik gegeben hatte, dass er Simun 
getötet haben möchte, und bat darum ihren Mann, sich aufzumachen, um 
seinen Tod zu rächen. Der Bauer eilte mit der Axt in der Hand Eirik 
nach, aber als er auf den Sand herabkam, hatte Eirik vom Lande ab- 
gestossen; er warf da die Axt nach Eirik, aber sie fiel auf den Steven und 



PaBrnische Märchen und Sagen. 23 

beschädigte den Mann nicht. Eirik fuhr nun zum Bischof in Kirkjubö, 
um den Mord anzuzeigen, und der Bischof versprach, dass ihm der Mord 
verziehen sein sollte, wenn er der Kirche gute Bussen und dem Bischof 
jährlich einen fetten Ochsen gäbe; das liess der Bischof alles auf einen 
Holzstab einschneiden, dass nun die letzte Busse für Simun in Bö erloschen 
sein sollte. Als Eirik die Bussen bezahlt hatte, welche ihm auferleet 
waren, fuhr er nach Westen zurück, die ganzen Yägawände vorbei; ob- 
zwar das eine gefährliche Fahrt war für einen Mann, hatte er doch das 
Glück, durch die harte Strömung und die hohen Wogen den ganzen langen 
Weg zu kommen. Er war nun durch den Dragasund in das tote Wasser 
und die glatte See innerhalb der Klippen und Tindholm gekommen, und 
sah nun das Dorf in Bö und das ganze Land vom Gebirge bis zum Strande, 
das er nun allein besass; er glaubte nun allen Gefahren entronnen zu sein, 
nahm den Stab und begann froh zu lesen, was daraufstand; — nun glaubte 
er, brauchte er vor nichts bange sein zu müssen. Als er nun in diesen 
Gedanken sass und nicht daran dachte, Gott zu loben und zu danken, der 
ihn über das Meer geführt hatte, oder ihn zu bitten, ihm den Mord zu 
vergeben, da erhob sich die Woge vom Grunde und ein Riff kam empor, 
wo es früher nicht gebrandet hatte, der Wirbel wälzte das Boot um und 
zog Eirik auf den Grund. Später trieb die Leiche in die Skataschlucht 
und hatte noch den Stab des Bischofs in der Hand. Daher heisst dieses 
Riff noch heute das Eiriksriff. 

XXIV. Die Schaukelsteine. 

Li der Nähe der Siedelung Yik (im [Dorfe] Oyndarfjord)^) stehen un- 
weit vom Lande zwei grosse Steine [in der See], welche immer hin und 
her wackeln. Wenn es Windstille und heitere See ist, sieht man das, 
wenn ein Seil vom Lande auf den Stein, der dem Laude zunächst ist, ge- 
legt wird, dass er keinen Moment ruhig ist. Wie natürlich, wackelt er 
stärker, wenn die See unruhig ist. Dieser Block ist ungefähr fünf Faden 
hoch, vier lang und drei breit. Man kann nicht recht begreifen, wie das 
zugehen kann, dass sie so immer und ewig hin und her wanken können, 
ohne vom Grunde, auf dem sie stehen, abgerieben zu werden. Aber die 
Sage erzählt, dass das ein Zauberweib war, welches bewirkte, das dem so 
ist, und folgendermassen trug sich das zu: Zwei Vikingerschiffe kamen 
nach Eysturoy, die Besatzung legte ans Land, wo Dörfer waren, und raubte 
das Vieh und erschlug die Leute. Sie waren vom Süden gekommen und 
in den Dörfern im östlichen Teil der Lisel gewesen, kamen nun aus dem 
[Dorfe] Fuglafjord und ruderten beständig den Strand entlaug; als sie nun 
aus dem Fjorde heraus gegen die Siedelung in Oyndarfjord kamen, kam 



1) Die Dörfer (bygd) zcrfallou meist in kleinere Gruppen von nioliroren Häusern 
(bytlingur „Siedelung"). 



24 



Kauffinann: 



die Alte heraus, verzauberte die Schiffe, so dass sie in jene grossen Steine 

verwandelt wurden, und verdammte sie hier zu stehen und zu schaukeln 

in alle Ewigkeit. 

^ - (Schhiss folgt,) 



Der Matronenkultus in Gerinanien. 

Von Friedrich Kauffinann. 

Im ersten vorchristlichen und noch mehr im ersten nachchristlichen 
Jahrhundert treten in steigender Progression die Barbaren der nördlichen 
und westlichen Provinzen in den Gresichtskreis der ewigen Stadt. Trotz 
der Verschiedenheit der Abstammung haben sich die Nationen in er- 
staunlicher Ausdehnung zu friedlichem Nebeneinander vereinigt. Die 
intensivsten Kulturströme sind von der glanzvollen Metropole des orbis 
Romanus nach allen Richtungen hin ausgestrahlt und in verhältnismässig 
sehr kurzer Zeit sind die Provinzen aus ihrer Passivität herausgetreten. 
Die materielle und intellektuelle Kultur der römischen Provinzialen hat 
diese schroff von den stammverwandten Nachbarn, den freien Barbaren 
losgerissen. Einer der wichtigsten Faktoren war die mit der Ausstrahlung 
der Kultur elemente verbundene Ausbreitung der lateinischen Sprache. Sie 
hatte zur Folge, dass die gesamte Kulturarbeit der romanisierten Provinzialen, 
die doch nur zum Teil auf römisches Kapital sich stützte, römischen 
Stempel trug^). Mit reichen Zinsen hat die Barbarenwelt die Zuwendungen 
der kaiserlichen Regierung gelohnt. 

Das gesegnete Gallien hat, nachdem es in die römische Interessen- 
sphäre einbezogen war, eine grossartige V^irksamkeit entfaltet. Dabei war 
die Nationalität der keltischen Bevölkerung geschont worden, soweit es 
sich nur irgend mit der Reichseinheit vertrugt). Gallier in den höchsten 
Ehrenstellen sind schon im ersten christlichen Jahrhundert nichts seltenes. 
Sie haben Provinzen regiert und Legionen befehligt. Die Pflege höherer 
Bildung auf den gallischen Hochschulen war von keiner anderen Provinz 
erreicht und bewahrte noch über die römische Kaiserzeit hinaus ihre 
Anziehungskraft. Der Grossverkehr römischer Bürger und Kaufleute in 
den blühenden Städten Südfrankreichs hat die gallische, mit glücklicher 

1) Die Folgen dieser Thatsache erstrecken sich bis auf die Ausübung religiöser 
Handlungen. Der Römer hat dem Barbaren nicht nur aus seiner Sprache die Namen für 
die Gottheiten gegeben und die fremden Beinamen latinisiert, er hat ihn auch den 
römischen Brauch der Kultäusserung gelehrt. Die Weihsteine, welche die Inschrifteu 
tragen, die Bildwerke, welche den Schmuck abgeben, sind bis auf den letzten Meisselstich 
römisch (Siebourg, Westdeutsche Zeitschrift VII 100) 

2) Th. Mommsen, Eömische Gescliichte V 76 ff. 0. Hirschfeld, Beiträge zur 
Geschichte der narbouensischen Provinz. Westd. Zeitsclir. VIII 119 ff. 



Der Matronenkultus in Gennanien. 25 

Empfänglichkeit ausgestattete Bevölkerung schnell und tief mit Bildungs- 
stoffen durchsetzt — und trotzdem haben nationaler Glaube und nationale 
Sprache zähen Widerstand geleistet. 

In Blut und Eisen sind die Denkmale gezeichnet, welche den welt- 
historischen Anteil der Germanen am Bestände der römischen Kulturwelt 
verewigen. Es war ein Soldatengeschlecht. Fast überall ist der Germane 
Rom gegenüber hemmend oder zerstörend aufgetreten (Mommsen, Rom. 
Gesch. Y 153 f.). Kein glänzendes Bild zeigt uns die Ahnen in Mit- 
wirkung an den Künsten des Friedens oder an den Problemen der Wissen- 
schaften^). Nicht einmal die „Mischkultur" in den rheinischen Provinzen 
hat es zu origineller Kraftäusserung eigenen Stils gebracht. Sofern nicht 
das militärische Interesse die Leidenschaften der Germanen erregte, ist in 
den letzten Jahrhunderten des römischen Kaisertums bei einzelnen gross 
angelegten Naturen die höhere Politik und Staatskuust das Ziel des Ehr- 
geizes. Ich sehe von den grossen gotischen Generalen ab und weise nur 
auf den edelsten und trefflichsten in der erlesenen Schar, auf Stilicho. 
Höchst bedeutsam tritt in den staatsmännischen Yerdiensten dieses Wan- 
dalen die Rolle zu Tage, die er im Kampf zwischen Heidentum und 
Christentum gespielt hat (vgl. Th. Birt, De moribus christianis quautum 
Stilichonis aetate in aula imperatoria occidentali valuerint disputatio. 
Marburg 1885). 

Wenn Stilicho es gewesen ist, der die bürgerliche Gleichberechtigung 
der Heiden und Christen in sein staatsmännisches Programm aufgenommen 
liat^), drängt sich die Frage auf, wie überhaupt der Germane, sei es der 
hochgestellte oder der gemeine Mann, mit dem römischen Heidentum sich 
abgefunden habe. Die Christianisierung soll hier nicht gestreift werden. 
Bis auf die Zeit von Stilicho waren Millionen von Germanen aus der 
Heimat ihrer Rechte, ihrer Sitte und ihres Glaubens in die Fremde ge- 
zogen. Wenn unsere Vorstellung von den Lebensanschauungen der alten 
Deutschen irgend begründet ist, so dürfen wir schliessen, dass im Yerband 
der Sippe die religiöse Gebundenheit das individuelle Empfindungsleben 
aufs nachhaltigste beherrscht hat. Losgerissen von dem heiligen Kreis der 
Familie, mit der frommen Scheu vor der Allgewalt seiner Götter im Herzen, 
so ist das junge deutsche Blut unter die wilde Soldateska des römischen 
Heeres getreten. Wenn auch in einem deutschen Gemüt die Prachtbauten 
der Tempelanlagen ohne Eindruck geblieben sein mögen, so konnte doch 
das Beispiel der Kameraden die populären Soldatengötter ihm zugänglich 
machen. Wohl haben wir vereinzelte Zeugnisse, dass von den germani- 
schen Heerführern in römischen Diensten der eine oder andere seinen 
Barbaren göttern treu geblieben sei. Wie stand es aber in diesem Punkte 



1) Die Scluift des Censorinus, De die natali, ist in Mainz a. 238 geschrieben worden. 

2) Vgl. H. Eichter, Das weströoiischc Reich, S. 663. 



26 Kauffniann: 

mit der grossen Masse? Hat der deutsche Reitersmann, vom Gang der 
Ereignisse bald da bald dorthin verschlagen, den alten Göttern die Treue 
gehalten? Hat der deutsche Sklave, der in hartem Dienst die Kriegs- 
gefangenschaft verbüsste, den Göttern des Olymp geopfert? Haben in 
römischen Städten deutsche Familien für ihr Haus die heimatlichen Kulte 
gepflegt, aber willig der Majestät des Augustus die schuldige Yerehrung 
erwiesen? Das letztere ist jedenfalls unbedingt zu bejahen. War doch 
der Kaiserkultus des Civil- und Militärstandes nichts anderes als die un- 
bedingt geforderte, gehorsame Anerkennung der römischen Autorität^). 

Die Beantwortung der übrigen Fragen ist infolge der Mangelliaftigkeit 
unserer Überlieferung ausserordentlich erschwert. Um zu einer Lösung 
zu gelangen, müssen wir suchen, Schritt für Schritt vorwärts zu kommen. 
Im folgenden soll mit der vielverbreiteten Verehrung der Mütter eine Probe 
gemacht werden. 

„Die Mütter! Mütter! — 's klingt so wunderlich!" Goethe hat sich 
selbst Eckermann gegenüber geäussert: „Ich kann Ihnen nichts verraten, 
als dass ich beim Plutarch gefunden, dass im griechischen Altertum von 
Müttern als Gottheiten die Rede gewesen. Dies ist alles, was ich der 
Überlieferung verdanke, das übrige ist meine eigene Erfindung" (Goethe's 
Gespräche VII 179). Plutarch, beziehungsweise sein Gewährsmann Posi- 
donius, der Sicilien genau kannte '^), berichtet nämlich im Marcellus (c. 20), 
in Engyion auf Sicilien habe ein berühmter Tempel gewisser Gottheiten 
gestanden, die man {.laTSQag nenne. Ausführlicher giebt uns die Auf- 
zeichnungen des Posidonius Diodor (Bibl. hist. IV c. 79. 80). Er versteht 
unter den Müttern die Erzieherinnen des Zeus auf Kreta. Der Kult sei 
durch die mit Minos nach Sicilien eingewanderten Kreter dorthin ver- 
pflanzt worden. In den Tempel wurden ringsum aus der dortigen Gegend 
reiche Weihgeschenke gestiftet, weil man die Wohlfahrt und das Ge- 
deihen von Stadt und Person von den Müttern abhängig glaubte. Cicero (in 
Verrem IV 44) hat den Tempel für ein matris magnae fanum gehalten und 
man wird diese Annahme nicht so leichten Kaufes übergehen dürfen. Die 
^Ewv i^iijrr]Q, deren Leib den mächtigsten Gott geboren, hat vorzugsweise 
für die Mutter Erde gegolten, in der geheimnisvollen Zurückgezogenheit 
des Waldgebirges thronend (u'^rrjQ oQsia. fi'^TrjQ ^löaia). Sie ist vielfach 
der Demeter gleichgesetzt worden. Sie wird denn auch mit Persephone 
zusammen unter den sicilischen Müttern zu verstehen sein. Demeter bildet 
mit Persephone ein in Kult und Sage unzertrennliches Paar, daher sie 
gewöhnlich xw ^ecu schlechthin genannt worden sind. Wenn sie sonst 
noch als cu at(.ivai oder ai nöxviai oder ai öeauoivai zuweilen als al 
(xsydlai i^sai zusammengefasst werden (Preller, Griech. Mythol. P 618), 



1) Vgl. 0. Hirsclifeld, Zur Geschichte des römischen Kaiserkidtus. Sitzungsberichte 
der Berliner Akad. 1888 S. 833 ff. 

2) Vgl. Müllenhoff, Deutsche Alterturaskunde II 128. 



I)er Matronenkultus in Gprnianien. 27 

SO ist die Entwickeliing der Terminologie zu den sicilischen fii]T£()sg leicht 
verständlich. Ausserhalb Siciliens sind die Mütter im rituellen Sprach- 
gebrauch überhaupt nicht nachweisbar. Zwei Inschriften auf Schleuder- 
bleien, die bei Syrakiis gefunden worden sind, beziehen sich zweifelsohne 
auf den Lokalkult. Sie lauten: NIKH MUiEP^2N und stammen aus der 
Zeit des zweiten Sklavenkrieges auf Sicilien (103 — 98 v. Chr.). Dazu 
kommt ein bei Palermo gefundenes Stück JSIKH MA TEPOC und zeuo-t 
dafür, dass die Kombination mit der d^eojv /iiijzrjQ hohe Wahrscheinlichkeit 
hat (luscript. Graec. Siciliae et Italiae ed. G. Kaibel [1890] no. 2407, 7). 
Nirgends auf italischem Boden ist eine Spur dieses sicilischen Mütterkultes 
nachzuweisen. AYas Diodor und Plutarch berichten, trägt den Stempel 
einer antiquarischen Notiz, welche für die Zustände der Gegenwart aktuelles 
Interesse nicht mehr besass. Folglich ist ganz und gar ausgeschlossen, dass 
von Sicilien aus die Verehrung der Mütter in die römischen Feldlager und 
Städte Galliens, Spaniens, Britanniens und Germaniens verpflanzt worden 
sein könnte. Eine derartige Ausbreitung wäre doch nur verständlich, wenn 
Rom und Italien das Beispiel gegeben hätten. 

Es handelt sich vielmehr um einen Kultus, der mit dem sicilischen 
nur den Namen gemeinsam hat. Schon die Dreizahl der matres und 
matronae auf den Reliefs') der iu den Provinzen gefundenen Denksteine 
steht mit der sicilischen Vorstellung anscheinend nicht im Einklang. Seit 
der planvollen und sorgfältigen Untersuchung von M. Ihm: Der Mütter- 
oder Matronenkultus und seine Denkmäler. Mit 3 Tafeln und 19 Holz- 
schnitten (in den Jahrbüchern des Vereins von Altertumsfreunden im 
Rheinlande, Heft LXXXIII, Bonn 1887, S. 1—200) wissen wir, dass der 
Mütterkultus der westlichen und nördlichen Provinzen ein Stück 
keltischer Gott es Verehrung gewesen ist. Der Beweis lässt sich noch 
etwas detaillierter und schärfer führen, als dies schon bei Ihm ge- 
schehen ist. 

Die älteste Inschrift, die wir kennen, stammt aus der Regierungszeit 
des Caligula (37 — 41 n. Chr.). Sie ist von Narcissus, dem Freigelassenen 
des Kaisers, gestiftet und bei Pallanza am Lago Maggiore gefunden 
worden: 

Matronis sacrum pro salute C Caesaris Augusti Gennanici Narcissus 
C. Caesaris (Ihm no. 35. CIL. V 6641). 
Diese Inschrift ist von ganz besonderem Werte, weil sie durch ihr Alter 
selbständiges Zeugnis liefert für einen damals in den niederen Volkskreisen 
herrschenden gallischen Mütterkult. Aus dem Jahr 103 stammt eine zweite 
oberitalienische Inschrift (gef. zu Montorfano bei Como): 



1) Über die bikUiche Darstellung der Mütter verweise icli ein für allemal auf die 
Behandlung- des Gegenstandes bei M. Ihm in der sogleich zu nennenden Abhandlung 
S. 37 ff. — Die einzelnen Inschriften Averdo ich nach der Sammlung Ihra's (S. 105 ff.) 
eitleren. 



28 Kaufifmann : 

Imp. Nerva Traiano V cos. matronis v. s. l. l. m. M. Catullms Mercator 

et M. Catullius Secundus (Ihm no. 64). 
Um die Wende des 1. und 2. Jahrhunderts fallen die frühesten Denk- 
steine Untergermaniens und erstrecken sich bis gegen die Mitte des 3. Jahr- 
hunderts. Der Zeit nach zunächst stehen die genau datierten stadtrömischen 
Inschriften, welche von den Kaiserreitern (equites singulares) unter Traian, 
Hadrian und Antoninus Pius gestiftet sind. Die grosse Masse der mehr 
als 300 Inschriften gehört dem zweiten und dritten nachchristlichen Jahr- 
hundert an. Die Inschriften Britanniens beginnen erst in der Zeit nach 
Hadrian. Von den Denksteinen Südfrankreichs ist nur ein einzio-er mit 
Sicherheit datiert (Ihm no. 394 a. 193 — 96). 

Mit dem schon sehr zwingenden chronologischen Argument vereinigt 
sich, was wir über das Kultwesen der Mütter in Erfahrung bringen können. 
Unter der Inschrift von Pallanza befindet sich eine Opferdarstellung. 
Narcissus opfert, in der rechten hält er eine Opferschale über den Altar; 
links vom Beschauer befindet sich ein Flötenspieler, rechts ein Mann mit 
Krug und Opferschale, vor diesem ein Opfertier; auf der Rückseite des 
Steins drei Frauengestalten mit verschlungenen Händen nach rechts in 
tanzender Bewegung, auf den Seitenflächen je eine ähnliche Gestalt: wahr- 
scheinlich um die Teilnahme der Frauen an den Opferhandlungen darzu- 
stellen (Ihm S. 49). Die stark überwiegende Mehrzahl der Weihungen 
stammt von Soldaten niederen Ranges. In Gallia Cisalpina finden wir 
unter den Dedikanten verschwindend wenige Soldaten, in Gallia Narbo- 
nensis überhaupt keinen, in Lugudunensis nur eineu. In Rom dagegen 
gehören alle Dedikanten dem Soldatenstande an, in Britannien weitaus der 
grösste, in Germanien ein sehr beträchtlicher Teil. Mit der Darstellung auf 
dem Pallanzastein steht es in Übereinstimmung, dass gerade in Oberitalien 
die Zahl der von Frauen geweihten Steine verhältnismässig grösser 
ist als in den anderen Provinzen. Dieses gleichmässige Interesse der Be- 
völkerung an der Mütterverehrung fällt dafür- sehr stark ins Gewicht, dass 
die gallischen Gebiete das Haupt- und Heimatland derselben gewesen sind. 
In Rom und Britannien finden wir unter den Dedikanten keine einzige 
Frau; zuweilen lösen auch Männer und Weiber ihr Gelübde zugleich, 
namentlich in Untergermanien. Man wird vorzugsweise an Yeteranen- 
familien zu denken haben. 

Sehr wichtig ist ferner der Unterschied in den Dedikationen. Wie 
anderen Göttern sind den Müttern Tempel, Kapellen, Altäre geweiht 
worden. Eine bei Vieune gefundene Inschrift (Ihm no. 145) lautet in den 
erhaltenen Resten: 

Matris August, aedem et . . . 
Deutlicher spricht der Lyoner Stein (Ihm no. 386): 

Matris Aug. in honorem domus Saediorum Eutyches lih. aedem cum 

ara dat 



Der Matronenknltus in Germanien. 29 

oder der folgende aus Britannieu (Ihm no. 369): 

Matribus omnium gentium templum olim vetustate conlahsum G. Jul. 
Cupitiamis centuno primipilarius restituit. 

Auf den erstaunlich zahlreichen Steinen Ober- und Unter- 
germaniens ist nichts dergleichen nachweisbar. Was man an 
baulichen Resten für ehemalige Heiligtümer der Mütter hat ausgeben 
wollen (Ihm S. 51). ändert an dieser Thatsache nichts. Für Gallien als 
der Heimat der Mütterverehrung sprechen nicht bloss die erwähnten That- 
sachen eines alteingesessenen, allgemeinen Gottesdienstes. Auch die 
Sprache steuert zur Begründung bei. Die vielbesprochene Inschrift von 
^ivie?, {Nemmisus) erzählt uns von dem Mütterkult in der Landes- 
sprache. Ton dem Namen des Dedikauten, den man gern als Gartabos 
lllanviahos entziifert hätte, sind heute nur noch ungenügende Spuren vor- 
handen. AVeiter lautet die Inschrift in griechischen Lettern: .... öeöe 
liiaTQsßo vaf.iavöLytaßo ßQarovde. Es ist längst bekannt, dass in ^.luxQEßo 
vaf.iavGixaßo uns die altgallischen Wortformeu erhalten sind, vgl. Windiscli 
in Paul und Braune's Beiträgen IV 221; W. Stokes in Bezzenbergers 
Beiträgen XI 125; Brugmann, Grundriss 11 709. 713. In der Über- 
setzung wüi'de lat. matribus nemausicis entsprechen. Das Zeugnis der 
Muttersprache fällt so schwer in die Wagschale, dass nunmehr jeder Ge- 
danke ausgeschlossen ist, die Mütter könnten in anderen als in altgallischen 
Religionsvorstellungen ihre Wurzel haben. Trotz der Yerbreitung des 
Lateinischen hat die altgallische Volkssprache während der römischen 
Kaiserzeit fortbestanden und uns Kunde von dem ungebrochenen Dasein 
gallischen Volkstums hinterlassen^). 

Nun lässt sich aber die Beweiskraft von f^iavQsßo vafiavoixaßo noch 
verstärken. Auf dem altgallischen -abo beruht wohl die vulgäre Form 
lat. matrabus, die gerade im narbonensischen Gallien üblich ist. 
Aus ihr lässt sich erst ein zu dem vorauszusetzenden uom. sg. matra ge- 
bildeter dat. pl. matris erklären, der wiederum nur in Gallia Narbo- 
nensis und Lugudunensis belegt ist. Matnbus in der Dedikations- 
formel ist durchweg auf den stadtrömischen, britannischen und spanischen 
Inschriften üblich, in Oberitalien und Germanien ist die regelmässige Be- 
nennung matronis (selten matronabus^ Ihm no. 81. 83. 86). Der Sprach- 
gebrauch der verschiedenen Provinzen ist also nicht derselbe. Auf 
einen Wesensunterschied zwischen matres und matronae darf daraus keines- 
wegs geschlossen werden. Da in der römischen Mythologie ausser der matrona 
Juno^ deren Fest (matronalia) am 1. März gefeiert wurde, nirgends von 
matronae oder matres die Rede ist, werden die 31üttor schon durch ihren 



1) Vgl. Budinszky, Die Ausbreitung der lateinischen Sprache über Italien und die 
Provinzen dps römischen Reichs, S. 114 ff.; Mommsen, Rom. Gesch. V 00 ff.; 0. Hirsch- 
feld, Wcsld. Zeitschr. VIII 134 f. 



30 Kanffmann: 

Namen als barbarische Gottheiten gekennzeichnet (Siebourg, Westd. 
Zeitschr. VIII 102). 

Wir erkennen jetzt auf Grund von (.latQsßn va/navantaßn in einer 
Inschrift wie Matris Aug. Eburnicis (Ihm no. 393) die genau entsprechende 
lateinische Fassung: wie dort die Mütter von Nimes, so sind hier die von 
Yvours (bei Lyon) gemeint^). Wenn es irgend möglich ist, einen Weg 
zu methodischer Erklärung des Mütterkultes zu finden, so wird derselbe 
von diesen beiden Inschriften seinen Ausgang zu nehmen haben, die so 
vortrefflich im Einklang miteinander stehen und deren Angaben für uns 
so klar und deutlich sind. 

Gallische Inschriften weisen uns auch auf einen Ritus, von dem aus 
allein fernere Aufklärung zu erwarten ist. Wie wir nämlich von Müttern 
als gallischen Stadtgottheiten hören ^), so auch von männlichen Göttern, 
deren Namen mit Örtlichkeiten verknüpft worden sind. Es ist doch höchst 
lehrreich, ausser den Müttern von Nemausus auch einen deus Nemausus 
(CIL. Xn 8098. 3100) zu finden. Von dieser Parallele aus erscheinen 
dea Bibracte, dea Mogontia, dea Vinovia (Ihm S. 127) als wesensgleich mit 
den deabus matrabus. Wenn irgend etwas vom Mütterkultus Anspruch auf 
Thatsächlichkeit hat, so ist dies die Annahme, dass darunter Stadt- oder 
allgemein Ortsgottheiten zu verstehen, ihre Beinamen als topische aufzu- 
fassen sind^). Wie schön trifft es sich, dass eine oberitalienische Inschrift 
(Ihm no. 51) lautet: Matronis et vicanis C. Sexsticius Carbasus, in der 
ausser dem Orte auch die Ortsbewohner mit einbegriffen sind (vgl. Ihm 
S. 36 f.). Dass der Drang nach Schutz und Wohlfahrt die Weihgelübde 
an die Mütter veranlasste, wird besonders nahegelegt durch eine in Gallien 
gefundene griechische Inschrift . . . ^irixQaai xai öiooynQoig, wo die Mütter 
mit dem schützenden Brüderpaar vereinigt sind. Wie der Römer unter 



1) Ebenso beziehen sich Matronae Vediantiae (Ihm no. 27) auf die Vediantii in 
Gallia Cisalpina. Die Inschxiit ^ Matronis Deruonnis (Ihm no. 49) ist längst auf den bei 
Mailand gelegenen Ort Dervo bezogen worden wie Matribus Treveris (Ihm no. 334) auf 
Trier u. a. 

2) Vgl. 0. Hirschfeld, Westd. Zeitschr. VIII 135. 

3) Ganz analog den christlichen Stadtpatronen , beziehungsweise den dahinter 
steckenden heidnischen Genien als Beschützern von Städten und Gemeinden, vgl. Eoschers 
Lexikon II 1620. Es sind diese Patrone nichts anderes als die civitatum genii, von denen 
Arnobius (1, 28) spricht, die wie so viele andere sog. christlichen Vorstellungen mehr 
oder weniger vollständig aus dem antiken Heidentum übernommen worden sind. Ter- 
tullian (ad nationes 2, 8) meinte: rideo deos decuriones cuiusque municipii quihus honor 
intra muros suos determinatur, und Symmachus (in der Ausg. der Monum. Germ. 10, 3): 
varios custodes urhihus cultas mens divina distriduit, ut animae nascenti/>us ita popidis fatales 
genii dividuntur, ebenso Prudentius (c. Symm. 2, 370): cunctis populis neu moenibus in- 
ditur aut fatiini aut genius nostraruin aaimaruin. — Die stadtschützeude Göttin wird auf den 
Inschriften auch Tutela (z B. von Tarragona in Spanien) genannt, und tutela ist bekannt- 
lich bei den römischen Dichtem der unserem „Schutzpatron" entsprechende Terminus, 
Über die dii tutelares orhis christiani vgl. Fabricius, Bibliographia Antiquaria (Hamburg 
17C0) S. 357 ff. 



l")er MatronpnkultHs in riformanipn. 31 

dem Begriff der matrona die ehrwürdige, die Obhut des Hauses und der 
Familie führende Frau A'erstaiiden hat (Siebourg, Westd. Zeitschr. 
VII 102), so ist diese Yorstelluug in den Matronen als Ortsgottheiten 
lebendig (vgl. mat&r: matrona wie fater: patronus). Siebourg hat sich (in 
seiner Dissertation de Sulevis p. 32) mit gutem Grund denjenigen an- 
geschlossen, die (wie z.B. Th. Mommsen, Archäol. Zeitung 27, 89) glauben: 
matres cognomentis numina tutelaria eoruni locorum significari 
unde illi homines orti sint („heimatlich"). Ebenso ist FrieMerichs 
(Matronarum Monumenta p. 49) zu dem Schluss gekommen, dass wir 
lokale Schutzgottheiten in den Müttern zu suchen haben (omnia fere 
cognomina barbara quibus in Galliae imprirais et Germaniae titulis latinis 
[dii] praediti sunt a pagis montibus fluminibus similibus ducere mihi 
constat) ^). 

Schliesslich ist noch ein letzter Punkt zu Gunsten der gallischen Her- 
kunft des Mütterkultes zu erwähnen. Im Jahre 1885 wurde in Eom an 
der Via Tasso, wo die Kaserne der Kaiserreiter lag, eine grosse Zahl a'ou 
Inschriften gefunden. Elf derselben nennen die Matres: neunmal unter 
anderen Götternamen in der Gruppe: . . , Eponae Matribus Sulevis . . ., 
einmal Matribus Suleis (bei Ihm no. 13), einmal Matribus paternis et maternis 
meisque Sulevis (Ihm no. 14). 

Epona, Name der bekannten Pferde- und Maultiergöttin, gebildet wie 
die gall. Epormdus, Eporedia^ Eporedorix u. a. (Glück, Keltische Namen 
bei Caesar, S. 42; W. Stokes, Bezzenb. Beitr. XI 135) von gall. ep (^ equus) 
ist eine erwiesenermassen gallische Gottheit (Ihm S. 55. 86 f.). Dasselbe 
gilt von den Suleviae (Siebourg, Westd. Zeitschr. VH 107 ff.), deren 
Namensform schon Glück a. a. O. S. 142. 164 klargestellt hat. Die Suleviae 
gehören zu der britannischen c?ea *Sw^ (Siebourg, De Sulevis p. 34), unter 
deren Schutz die aquae Sulis (das heutige Bath) gestanden haben. Gerade 
bei diesen Quellen ist die Inschrift gefunden w^orden : Sulevis Sulinus scultor 
Bruceti filius sacrum fecit l. m. (Ihm no. 344). Die dea Sul gehört in die- 
selbe Linie mit den bereits genannten dea Bibracte, dea Mogontia etc. und 
so sind denn auch die Suleviae^ wie Siebourg^) und Ihm gezeigt haben, 
mit den Müttern nächstverwaudt^). An ihrer keltischen Herkunft ist so 
wenig zu zweifeln wie bei der Epona. Wie sollten die Matres, welche 
zwischen der keltischen Epona und den keltischen Suleviae aufgeführt 

1) Auch E. Hübner, Römische Herrschaft in Wosteui-opa (Berlin 1890) S. 145 hält 
zwar den Niederrhein für „die eigentliche Heimat des keltisch -germanischen Mütter- und 
Matronenkultus", fälirt alicr fort: „Jede Landschaft, jedes Tlial und jeder Berg und Stein 
hatte seine nach dem Ort benannten Mütter". 

'Jj Siebourg hätte nur nicJit von Malrcs Suleviae reden sollen, denn wir kennen 
nur Snleviae; danach ist auch die Inschrift Matrihua Sulevis aus Britannien (Bonn. Jahrb. 
I. XXXIX 241) zu beurteilen. 

3) Auch Henzen (Annali dell Instituto 1885 p. 271) sagt: Matres c le Suleviae 
sono abbastanza note come numi di provenienza celtica. 



32 Kauffjnann: 

werden, anders unterzubringen sein, als bei demselben keltischen Volke? 
Weder auf den römischen noch auf den Provinzialinschriften hat aucli nur 
ein einziger Germane seine Nationalität bekannt, kein germanischer Truppen- 
teil ist auf den Matronensteinen vertreten, wohl aber finden sich: coh. 1 
ffelvetionim, coh. I Tunc/roru7)i, coh. I Lingonum, coh. IUI Gallorum, milites, 
Brittones — lauter Truppenteile keltischer Nationalität, denen aus Britannien 
eine vexillatio Germanonim hinzuzufügen ist, ein Detachement, über dessen 
Zusammensetzung wir durch den unbestimmten Namen nicht aufgeklärt 
werden^). 

Endlich noch eines. Beda, De tempormn ratione c. 13, berichtet von 
den antiqui Anglorum populi, unter denen er vielleicht auch die keltische Ur- 
bevölkerung Britanniens verstanden oder miteinbegriffen hat, bei ihnen habe 
man dieWeihmicht gentüi vocabulo modr anecht, i.e. matrum noctem, genannt. 
Schon J. Grimm, MythoL* S. 628 wusste diese Mütter nirgends in deutscher 
Überlieferung unterzubringen. Aus einem brit. modrenocht (wie z. B. 
modreped Zeuss^ S. 291) ist das uns erhaltene ?worfr«w^cÄ^ entweder verderbt 
oder anglisiert. Die Benennung kann bei den Angelsachsen nicht ent- 
standen sein, ist vielmehr ein letzter Zeuge für die aus den Inschriften 
bekannte keltische Müttervorstellung. 

Nunmehr sind wir vorbereitet, uns über die Stellung der reichsunter- 
thänigen Germanen zu diesem keltischen Kultus Klarheit zu ver- 
schaffen. Um die freien Germanen jenseits des Rheins oder jenseits des 
Limes kann es sich hier nicht handeln, da bei ihnen die Mütter gänzlich 
unbekannt gewesen sind. 

Die gewaltigen Truppenmassen, die als stehende Grenzwacht in den 
beiden Germanien verwendet waren, sollten gleichzeitig grossen civili- 
satorischen Aufgaben dienen. Bald erhoben sich in der Nähe der Feld- 
lager bürgerliche Ansiedlungen , die sich rasch zu Dorf und Stadt er- 
weiterten. Dieselben waren meist, wie ihre Benennungen verraten, keltischen 
Ursprungs: Argentorate, Borbetomagus, Noviomagus, Mogontiacum, Baudo- 
briga, Antunnacum, Bonna, Novesium, Gelduba u. s. w. Was die Be- 
völkerung der Landstriche betrifft, in denen Höhenzüge, Flussläufe, An- 
siedlungen noch bis heute ihre keltischen Namen bewahrt haben, so ist 
die Rheinebene zwischen Vosagus und Abnoba zur Zeit des Ariovist in 
germanischen Besitz gekommen. Schon zu Caesars Tagen wohnten hier 
dem Main nahe, aber westlich des Rheins, innerhalb der römischen Provinz 
Gallia, die Vangiones. Die südlichen Nachbarn derselben waren Nemetes 
und Triboci, beide Völkernamen keltischer Herkunft. Es ist von diesen 
Stämmen „geschichtlich nichts hervorzuheben, als dass sie seit langem 
unter den Kelten ansässig, die Schicksale Galliens teilten" (Mommsen, 



1) Vexillatio Gerwanoruin besagt wahrscheinlich nicht iiielir als die uns andernorts 
bekannte Vexillatio exercilus Germaniae inferioris. 



Der Matroncnkultus in Germanien. 33 

Rom. Gesch. V 134). Beim Aufstand des Jahres 70 haben Yangionen und 
Triboker in den Reihen der Gallier gestanden, aber sobald es anfing, schief 
zu gehen, sich auf die Seite der Römer geschlagen (Tacitus, Hisr. IV 70). 
Vangionen (Worms), Nemeter (Speier), Triboker (Elsass) waren mit den 
Raurikern (Basel), Lingonen (Langres), Sequanern (Besancoii), Helvetiern 
(Schweiz) zum obergermanischen Verwaltungsbezirk vereinigt (Mommsen 
a. a. 0. S. 109). Wie auch des näheren die Zusammensetzung dieser an- 
geblichen Germanen, der Vangiones, Nemetes, Triboci gewesen sein mag: 
diese Volksgruppe ist in rascliestem Tempo verwelscht und, hat ihre ger- 
manische ISTationalität eingebüsst. Das Übergewicht des gallischen Elements 
wird bekanntlich durch keine Thatsache so schlagend bewiesen, als durch 
die Angabe des Tacitus, die sog. agri decumates seien durch Kolonisten 
aus Gallien besiedelt worden. Germanische Völkerschaften liaben hier 
überhaupt nicht gewohnt. Das Land war planmässig entvölkert worden. 
In Untergermanien hatte Augustus die Ubier vom rechten Rheinufer 
auf das linke verpflanzt in ein Gebiet, das grösstenteils von keltischen 
Bewohnern besetzt war. Nördlich von ihnen sassen die germanischen 
Cugerner (d. i. Sugambrer?) und weiterliin folgten die den Römern ver- 
bündeten aber steuerfreien Bataver. Die keltische Abkunft der sog. 
gallischen oder belgischen Germanen steht ausser allem Zweifel. Man darf 
sich über die Ausbreitung der linksrheinischen Germanen nicht dadurch 
täuschen lassen, dass die Grenzen des administrativen Bezirks Germania 
inferior, wie auch die Benennung der Bewohner als Germani über einen 
weit grösseren Landstrich sich erstreckt haben. Alle die Germani eis 
Rhenum wie Menapier, Aduatuker, Baetasier, Tungrer, 2^ervier, Eburonen, 
Condruser, Paemaner, Caerveser u. s. w. gehören mit den Treverern zu- 
sammen. Tacitus schildert sie als umbitiosi circa affectationem germanicae 
originis (Kiepert, Lehrbuch der alten Geographie S. 520 ff.; Müllen- 
hoff, Deutsclie Altertumskunde II 189 ff*.). Wie in allen anderen archäo- 
logischen Fragen, ist es auch hier unzulässig, den germanischen Namen 
auf dem linken Rheinufer weitei- als auf Bata^•i und vielleicht Cugerni 
auszudehnen^). Die Ubier hatten seinerzeit Caesar gegen die Sueben zu 
Hilfe gerufen, waren zu Herrenknechten geworden, dass ihnen, wie Tacitus 
berichtet, die Scliamröte ins Gesicht stieg, wenn sie an ihre Abstammung 
dachten. Die Geschichte thut den ungeratenen Söhnen, den Ubiern, kein 
Unrecht, wenn sie dieselben aus der Liste der Germanen streicht. Noch 
weniger können Volkshaufen olme ausgeprägtes Nationalgefülil, wie 



1) Mommsen, Rom, Gesch. V 153: Eine Durchdi-ingung der beiden Nationalitäten 
hat das römische Germanien nicht aufzuweisen oder sie fällt für unsere Auffassung mit 
der römisch -gallischen um so mehr zusammen, als die längere Zeit in römischem Besitz 
gebliebenen germanischen Gebiete auf dem linken Kheiuufer durchaus mit keltischen Ele- 
menten durchsetzt wan'U und auch die auf dem rechten, ihrer ursprünglichen Be- 
völkerung grösstenteils beraubt, die Mchrzalil der wnm Ansiedler aus (Jallieii erlii.'ltiMi. 

Zeitsclirilt d. Vereins f. Volkskiiixle. 1892. y 



34 Kauffmann : 

Vaugioneii, Nemeter, Triboker, au deren geriiiauisclier Stammvorwandtscliaft 
schon Tacitus zweifelte, von den zugehörigen gallischen Stämmen getrennt 
werden. 

Es war sehr unvorsichtig, sich auf die Dedikatioueu der equites 
Singular es zu berufen, um den Anteil der Germanen am Mütterkult nach- 
zuweisen. Die Kaiserreiter haben in jener Zeit, aus der die Inschriften 
stammen (Trajan, Hadrian, Antoninus Pius) nur der geringen Minderzahl 
nach aus Deutschen bestanden. Die Donauproviuzen, speciell Thrakien, 
haben seit Trajan das Hauptkontingent zu dieser vornehmen Truppe ge- 
liefert. Eine Anzahl Bataver nennt sich stolz cices Batavi auf der Insclnüft 
no. 25 (Henzen, Annali dell' Instituto 1885). Sie ist an den batavischen 
Nationalgott Herkules Magusanus (d. i. Thunar) gerichtet; vgl. Paul und 
Braune's Beitr. XV 553 ff. Auf keiner Inschrift der Kaiserreiter, 
welche die Mütter erwähnt, sind die Bataver oder andere ger- 
manische Stämme vertreten. Unter den Dedikanten der Inschr. no. 1 
(Ihm) bezeichnen sich mehrere der verabschiedeten Kaiserreiter als Baetasii 
Die Baetasier nennt Tacitus (Hist. lY. 56. ßQ) zusammen mit den Nervieru 
und Tungrern: es ist auch nicht ein einziges Zeugnis dafür beizubringen, 
dass sie Germanen gewesen sein könnten. Die Inschrift no. 9 bietet einen 
F.Aelius Vangio wie P.Aelius Felir, P. Aelius Latinus^ P.Aelius Nigrinus u.s.w. 
Es ist wahrscheinlich aus dem cognomen Vmigio auf die Heimat des be- 
treffenden Soldaten zu schliessen, denn die Inschrift no. 12 enthält einen 
cives Tribocus, wie die Inschrift no. 13 einen cives Nemens (— Nemetensis'^). 
Es ist nicht gleichgiltig und zufällig, dass auf den Müttersteinen Vertreter 
gerade dieser, in zwei Jahrhunderten unter Galliern gallisierten Stämme 
erscheinen^). 

Trotz der fast ausschliesslich keltischen Bevölkerung Obergermaniens 
sind hier die Zeugnisse für die Verehrung der Mütter dürftig. Zu Allmen- 
dingen bei Thun sind sechs Votivbeilchen gefunden worden, von denen 
eines die Inschrift Matribus (Ihm no. 156), ein zweites Matronis (Ilim 
no. 157) trägt. Vier Mütterinschriften stammen aus Besaneon und Um- 
gegend, zwei aus Langres, die für uns nicht in Betracht kommen. Die 
Inschrift aus Ell (Elsass) weist schon in ihrer Namengebung (Sexius Cle- 
mentis filius, Ihm no. 173) auf keltische Herkunft. Der Stein aus Böckingen 
(Württemberg) ist von der coh. I Helfe tiorum gestiftet (Ihm no. 177), klärt 
uns also wiederum deutlich genug über die Nationalität der Dedikanten 
auf. Ausserdem sind folo-ende oberffermanische Inschriften bekannt: 



1) Heuzen a. a. 0. p. 271 hält den CanditUnius Saturninus, dmi Dedikanten der 
Inschrift: Matrihus paternis maternis meisque Sulevls für einen Bataver, weil zwei Kaiser- 
reiter, ein CamUdinius Verax und dessen Bruder Candidinius SpecUdus sich als Bataver zu 
erkennen geben {natione Badaus CIL VI 3240). Die Übereinstimmung des "Namens ist 
nicht massgebend im Gegensatz zu der ThatsacJic, dass der l)etrefTende Soldat sich durcli 
die Dedikation an Matres und iSakviae als K.'lti'ti ausweist. 



Der Matronenkultus in Gerinanien. 35 

181 Iliin. Xeidoiisteiii (Biuleii); jetzt Musoiiiii in Karlsriilie: 

Matronis Alhiahenabus Julius Veranius Super pro se et suis c. s. L 

18(> Ihm. Mrtinz-Zahlbacli: jetzt 3Iiiseuiu in Mainz: 

Jovi optimo ma.i-imo et Matribus Ferperioa p. c. *. /. /. </. 

190 Ihm. Heddernheim: 

Matrihus C. Firmus decurio in suo fecit. 

103 Ihm. Andernach; jetzt Kgl. Musenm in Bonn: 

Matribus suis Similio miles ex classe Germanica pia fideli pieromale 
Cresimi i\ s. l. l. m. 
Auf der in den deutschen Gewässern streifenden römischen Flotte 
waren fast ausschliesslich auswärtige Matrosen eingestellt. Inschriftlich ist 
bis jetzt nur ein einziger Germane unter der Bemannung nachweisbar und 
dass die Inschrift 193 nicht von einem Germanen stammt, zeigt schon der 
Wortlaut. Höchst lehrreich ist die grosse Fülle von Fundstücken, die aus 
Untergermanien zu Tage gefördert worden sind. Im Gebiete der Bataver 
ist bis jetzt nur eine einzige Mütterinsclu'ift ans Licht gekommen, sie trägt 
die Dedikation: Matribus Noricis (Ihm no. 338). Das Territorium, aus 
dem wir germanisclie Gottheiten wie Mars Thingsus^ Alaesiagae Beda et 
Fimmila, Hercules Magusanus, NeJialennia inschriftlich bezeugt finden, das 
Land desjenigen Stammes, der trotz der intimen Beziehungen zu Rom 
seine Individualität eifersüchtig gewaln-t hat — kennt die flutte r nicht. 
Dieses negative Argument ist von grösster Bedeutung und an sich schon aus- 
reichend gegen die Behauptung, beim Mütterkultus sei an nichtgermauische 
Herkunft nicht zu denken. 

Geographisch gruppieren sich die Fundorte der Denkmäler auf ein 
verhältnismässig kleines Gebiet. Die Hauptstätten sind Euskirchen, Zülpich, 
Bonn, Köln, Jülich, Uerdingen, Xanten. Die überwiegende Masse fällt ins 
linksrheinische Ubierland, beziehungsweise unter die westlich angrenzenden 
Gallier. 

Wie in den anderen römischen Provinzen ist aucli in Ober- und L^nter- 
germanien die Sitte verbreitet, den Müttern insgemein Verehrung zu er- 
weisen (Inschriften wie Matribus Ihm 186. 190. 337; Matrotiis Ihm 2"26. 
275). 3Iit dem auswärtigen Ritus stimmt ferner überein, dass die Mütter 
durch Beiworte unterschieden werden, z. B. Matribus Treveri^- (Ihm 334) 
wie Matrae Eburnicae in Südfrankreich u. a.; oder einfach Matribus, Ma- 
tronis 7neis, suis, domesticis um die eigene Heimat, paternis resp. maternis 
um die Heimat der Eltern in göttlichen Schutz zu stellen. Eine Gruppe 
für sich bilden die niederrheinischen Inschriften, welclie nur den Bei- 
namen überliefern: es ist z. B. nicht bloss von Matronis Gabiabus, sondern 
auch schlechtweg von Gabiabus die Rede u. a. Es ist sehr glaublich, dass 
hierdurch wiederum die Fremdartigkeit der Mütter Vorstellung bestätigt 
wird. Wie die keltischen Suleviae ohne den Beisatz von Matres oder Ma- 
tronae auftreten, so kennen wir 24 Inschriften Untei-germaniens, in welclien 



36 Kauliinanii : 

die letzteren fehlen. Auch die Germanen kannten weibliche Schutzgottheiten 
wie die friesischen Alaesiagae, von denen aber aus verschiedenen Gründen 
angenommen werden muss, dass sie jungfräulich gedacht worden sind. 
In dem Fehlen von »latres , mat)'07iae darf man wohl einen A^ersueh er- 
kennen, den gallischen Brauch für Germanien zu adoptieren und des un- 
verträglichsten zu entkleiden. 

Die Forschung, soweit sie sich bisher mit dem Mütterkultus beschäftigt 
hat, ist durch diese Mütterbeinamen in einseitiger Weise beeinfiusst worden. 
Mit Hilfe eines unsicheren Etymologisierens glaubte man soweit gekommen 
zu sein, in dem Beinamen, folglich auch in der ^lüttervorstellung, etwas 
specifisch Germanisches erkannt zu haben. Hiergegen muss aufs nach- 
drücklichste betont werden, dass unter den Beinamen der Mütter auch am 
Niederrhein eine stattliche Anzahl solcher sich findet, die klar und deutlich 
keltischem Sprachgut angehören. Diese müssen vorweg eliminiert 
werden ^). 

Die Matronae Octocannae von Gripswald bei Uerdingen bedürfen be- 
züglich ihrer keltischen Benennung keiner Erläuterung (vgl. Octodtirum 
u. a.. Glück S. 133; Zeuss ^ S. G8): wie die Octo-cannehae sind die 8ec- 
cannehae gebildet; sie sin<l bei Blankenheim in der Eifel gefunden und 
erledigen sich durch Hhiweis auf gallische Namen wie Seccalm (Glück 
S. 160), Sequana, Sequani u. a.; bezügl. -canna vgl. Ihm S. 26. Ich ver- 
gleiche mit den Matronis Cuchinehis von Zülpich {Tolbiacum) kelt. Cucalua 
(Glück S. 160); mit den Matronis Vesuniahenis, oder einfach Vesuniahenis 
von Zülpich und Vettweiss die kelt. Vesunna, Vesunnici (Zeuss'^ S. 774); 
mit den Matronis Anesaminehis von Zülpich keltisch Anesus (= Mütter von 
der Ens Müll enh off DA. II 222; Zeuss'' S. 785) wie mit den Matronis 
Aumenahenis von Köln den keltischen Namen der Heilquellen von Ems an 
der unteren Lahn: Aunmiza a. 880, Ouminci a. 959, vgl. Arnold, Ansied- 
lungen S. 55; Müllenhoff DA. II 221). Zu den Matronis Axsinginehis aus 
Köln wird man kelt. Axona (Zeuss ^ S. 13) halten müssen (anders Holder 
im altcelt. Sprachsch. sp. 320), zu Matronis Gesahenis aus Altenberg bei Köln, 
aus Eödingen bei Jülich und aus Bettenhofen bei Jülich kelt. Gesoriacum u. a. 
(Glück S. 28; Zeuss ^ S. 779). Am letztgenannten Orte sind mit ihnen die 
Matronae Ettrahenae vereinigt, wie beide ohne den Beisatz von matronis 
wiederum aus Rödingen bekannt sind; zu den Ettrahenae {Etrahenae) bietet 
sich kelt. Edro, Edros (Zeuss ^ S. 778). An Stelle von den unsicher ent- 
zifferten Matronis Ahiamar. von Floisdorf ist zweifellos nach den Ambiomarcis 



1) Auf die Bemülumgen, modenie Spuren des Mütterkultes in der Rheinprovinz auf- 
zuspüren, brauche ich nicht einzugehen (vgl z. B. Zeitschrift für deutsche Philol. Ill 434). 
— Leider machen immer noch Ortsnamen wie Müddersheim (bei Zülpich) geheimnisvollen 
Eindruck; selbst ein ernsthafter Forscher wie Ihm meinte noch (S. 52), das Dorf habe 
von den Müttern seinen Namen: d^r Eponjmus hat natürlich Mdtheri geheisseu (Miii/ter(\i- 
heim a. 763). 



Der IVtatronenkultus in Germanien. 37 

(vgl. rheinische Ortsnamen wie Marcomagus, Marcodurum) von Remagen 
(Ihm 444) Aiiibiamar. zu lesen und kelt. Ambioriv etc. zu vergleichen 
(Glück S. 18). Für die Matres Mediotoutehae aus Köln verweise ich mit 
Ihm (S. 19) auf Mediomatnci, Toutates u. a.; für die Matronae Änaneptae^) 
auf Glück S. 45, Zeuss' S. 29. 30. 763; für die Matrae Arsacae von 
Xanten auf die Oromarsaci bei Glück S.45. 195 {Arsacus bei Holder sp. 222) 
oder die Arsana bei Hamm (Müllenhoff DA. H 225). In den Matronis Mahli- 
nehis von Köln wird kelt. Maglus, Maglim (Zeuss ^ S.766) stecken, vgl. Magh- 
linia, Macldinium u.a. für das heutige Mecheln (Ihm S.22). Vollständig rätsel- 
haft sind mir die Atufrafinehae von Berkum. Hier w^ird einmal der bewährte 
Spruch Anwendung finden dürfen: was man nicht erklären kann, sieht man 
für keltisch an, zumal sich für ein Präfix ahi- übereinstimmende Beleoe aus 
dem Keltischen ergeben (Glück S. 8, Zeus s ' S. 866). Die AndrusteUae von 
Godesberg bei Köln (vgl. auch Holder sp. 151) und die Matr. Contrusteihiae 
von Tetz bei Jülich (übrigens sehr fragmentarisch überliefert) gehören viel- 
leicht zusammen, vgl. den gallischen /^ö^ws Condrustis u. a. Die Albiaheiiae von 
Ober-Elvenich (sie stecken offenbar in diesem Ortsnamen Albiniacum a. 855, 
vgl. auch Arnold, Ansiedlungen S. 126), geben wiederum deutlichen An- 
klang an Albion, Albiorir u. a. (Zeuss*" S. 866), man wird sie aucli für 
die obergermanischen Matronae Alhiahenae {\\e% Albia-) einzusetzen- haben. 
Die Matronae Aserecinehae aus Odendorf bei Buskirchen sind zw^eifellos 
nächstverwandt mit dem Acerieria; (Ihm no. 241), der sich ausdrücklich als 
Sunux (d. i. aus dem keltischen Stamm der Sunuker) bezeichnet, vgl. 
Th. Bergk, Zur Geschichte und Topographie der Rheinlande S. 118; 
Sieb ourg, Westd. Zeitschr. YHI 229 f. Mit dem Vorschlag Ihm's, Matronis 
Trisavis in Frisavis zu ändern, weiss ich nichts anzufangen, da mir nur 
Frisii, Frisiavones, Frisiones bekannt sind, man vergleiche kelt. Composita 
mit Tri- (Müllenhoff, DA. H 234; Glück S. 158; Zeuss ^ S. 867; 
ebenda Ausava S. 789 u. a.). Die Matres Brittae und die Matres Brittae 
Maccacae von Xanten weisen unmittelbar über den Kanal hinüber, die 
Matres Treverae von Cleve verdanken wir einem Sohne Triers, so erinnern 
auch die Matres Mopates von Xijmegen an die keltischen Völkernamen auf 
-ates (vgl. Bergk a. a. O. S. 112). 

Die Frage, ob uns nach Abzug dieser Inschriften, welche ein ent- 
schiedenes Übergewicht der Fremden im Ubierlaude bew^eisen, ein Rest 
germanischer Dedikationen verbleibt, möchte ich nicht bejahen. Es liegt 
auf der Hand, dass auch gallische Dedikationen von Germanen ausgegangen 
sein können. Zahlreiche Germanen waren in gallischen Siedlungen Ober- 
und Untergermaniens sesshaft, aber welche Hilfsmittel bleiben uns für die 
Sonderung der Nationalitäten, wenn wir uns der sprachlichen Argumente 

1) Sind damit die Matronae Hiannanef. aus Köln identisch? Man niöclite an Orts- 
namen wie Honnef im Siebengebirge denken, vgl. übrigens Müllenhoff DA. II 228 f. 
231 Anm. 



3g Kauffmann: 

begeben wollten? Wie wir gesehen haben, beziehen sich die Weihnngen 
an die Mütter auf die Ortsheimat der Person; der Germane, der die 
Sprache und die Stammesheimat verleugnet, ist für diese ein Fremdling 
geworden^). 

Um die Mütternamen aufzuhellen, ist vor allem eine Untersuchung der 
Wort- und Floxionsbildung erforderlich. Die Beinamen sind nur im dat. 
pl. überliefert. Es lassen sich folgenik« Kategorien unterscheiden: 

1. Dative auf -is, -i'bus: Treveris^ Noricis; Mopatihus. 

2. Dative auf -iabus, -abus: Aufaniabus, Gabiabus; [K]eutJmngabus. 

3. Dative auf -kenis, -henabus: Vesuniahenis ; Älbiahenabus. 

4. Dative auf -nehis (^-neis), -nehabus: VacallineJiis, Vacallineis: Asereci- 
nehabus. 

5. Dative auf -elm, -ehiabus, -eihiabus: Hamavehis, Lanehiabus. Julin- 
eihiabus. 

6. Dative auf -ims: Aflims, Vatuims, Saitchamims. 

Die beiden Steine, auf deren einem die Form Veteranehis (Ihm 240), 
auf deren anderem die Form Veteralienis (Ihm 238) überliefert ist, haben 
sich in Embken beisammen gefunden. Es ergiebt sich hieraus eine gewisse 
Freiheit der Wortbildung in der vulgären Yerwendung der betr. Namen. 
Das fremdartige Äussere zahlreicher Formen lässt sich leicht beseitigen, 
wenn wir unsere gewohnte lateinische Orthographie einsetzen. Schon die 
Erkenntnis, dass bekauntermassen das A-Zeichen epigraphisch als Trennungs- 
zeichen der Vokale ohne selbständigen Lautwert verwendet worden ist, 
leistet viel, vgl. z. B. Fernovineis, Vacallineis (Ihm 215): Vacalinehis (Ihm 
225). Folglich hat sich unsere Untersuchung zu halten an Formen wie 
Hamaveis, Julineis, Asereciueis, Yacallineis, Veteraneis, Rumaneis u. a. 
Diese letzte Gruppe ist gebildet wie lat. eatraneus^ während die voraus- 
gehende -i- als Zwischenvokal zeigt wie lat. fraxineus, lanugijieus u. a. 
Eine dritte Gruppe zeigt die Ableitung -rnus, vgl. Vetera-enis. Aumeua- 
enis^), ebenso wie die zahlreichen Gentilnamen auf -rnus, Westd. Zeitschr. 
Vni 131. Wir erhalten auf diese Weise folgende Typen: 

1. Matronis Hamaveis (Laneis u. a), 

2. Matronis Vacalineis (Julineis u. a.), 

3. Matronis Veteraneis (Rumaneis u. a.), 

4. Matronis Veteraenis (Aumenaenis), 

5. Matronis Aufanis (Aufaniabus. [R]euthungabus u. a.), 

6. Matronis Aflims u. a. 



1) Sehr interessant ist die Inschrift, Ihm no. 243, wo ein Sunnker den Matronis 
Veterane/tabus seine Verehrnng hezengt, daneben aber ausdi-ücklicli seine keltische Heimat 
nennt. 

2) Es wird gesprochen worden sein Veterajenis, Aumennjenis. Ihm lässt auch die 
Lesung Aumenaienis (statt Aumenahenis) auf dem Steine zu, wie vielleicht auch Fernovinei'is 
(Bonn. Jalii-b. LXXXVTI 214) zu lesen ist. 



Der Matrouenkultus in Germaiiiei]. 39 

Ohne weiteres klar sind die Veteraneae, Rumaneae, VacaKneae, Hama- 
veae. Den Vetevaneis, Veteraenis weise ich als ihren Schutzbezirk (Castra) 
Vetera, d. i. Xanten im Cugernerlande zu. Die Inschriften stammen aus 
Wollersheim und Embkeu (Ihm 232. 233. 234. 235. 237. 238. 239. 240. 
242. 243). Gleichzeitig wurden in Embken die beiden Steine gefunden 
mit der Schreibung Vataraneliahus (Ihm 236. 241), bei denen man gern 
ein Versehen des Steinmetzen (a für e) annehmen wird. Th. Bergk 
(Westd. Zeitschr. I 146) hat diese Mütter auf castra Vetera bezogen und es 
ist nichts stichhaltiges dagegen vorzubringen {Vetera: Veteraneus -^'le extra: 
extrancus). Genau ebenso gebildet sind die *Romaneae beziehungsw. Ruma- 
neae^ mit u für ö wie got. Ruma, Rumoneis; bei Tacitus Cruptorix gegen 
anord. Hröptr; inschriftl. Hludena gegen anord. Hlödyn. Kern hat dieselben 
ganz richtig als „Mütter von Eom" gedeutet. In erster Linie spricht dafür 
die "Verbreitung der Inschriften über vier verschiedene Orte (Bonn, Ihm 
208; Loramersum [bei Euskirchen], Ihm 221; Jülich, Ihm 313; Bürgel, 
Ihm 318) '^). Unter den Dedikanten nennt sich ein L. Vitellius Consors 
(Ihm 313), der als explorator bei der legio VI victrix gedient hat. Wahr- 
scheinlich stammte dieser Soldat aus Rom: oder wir können uns vorstellen, 
dass er Avie die anderen Stifter die gewaltige AVeltstadt gesehen oder aus 
der Ferne dem römischen (fenius {dea Roma) seine Huldigung dar- 
gebracht hat. 

Einig sind die Erklärer bei den Matribus oder Matronis Vacalineis^ 
die in Endenich bei Bonn (Ihm 215), sowie in Antweiler (Ihm 224. 225) 
gefunden worden sind. Sie gehören in das Flussgebiet der Vaealis ^ der 
heutigen Waal im alten Bataverland. In die nächste Nachbarschaft fallen 
die Maironae Hamaveae, die in Altdorf bei Jülich gefunden worden sind 
(Ihm 307). Sie sind zweifellos als Schutzgötter des Landes der Hamaven 
gedacht^). Eine Inschrift [Matribujs Suebis (Ihm 289) ist in Deutz ge- 
funden, eine zweite in Köln: Matribus meis Germanis Suebis, gestiftet von 
einem negotiator cretarins (Kreidehäudler) namens Verecunius (ersichtlich 
ein Gallier), der die IMütter seiner eigenen Heimat mit den Schutzgottheiten 
der Provinz Germanien sowie des deutschen Suebenlandes vereinigt. Hier 
mag er auf Handelsreisen Schutz und Frieden erfahren haben ^). Die 
Inschrift gibt uns eine neue Erkenntnisquelle dafür ab, wie verkehrt es 
wäre, bei Dedikationen an deutsche Mütter unbesehen germanischen Brauch 



1) Die Maviaitinene, die hier mit den Rumaneae genannt sind, müssen unberücksichtigt 
bleiben, da die Lesung sehr zweifelliaft ist. 

2) Hamaveus ist eine Bildung nach dem Muster von lat. laneus, lacteus u. s. w. 

3) Zum Dank für Glück und Wohlergehen im Lande werden die Müttersteine häufig 
von Fi'emden geweiht worden sehi. Wenn z.B. eine Inschrift aus Winchester (Ihm 340) 
lautet: Matribus Italis Geriiiaiüs Gallis Britannis, so wird sie der Stifter Antonius Lucre- 
tianus in dankbarer Erinnerung an den Aufenthalt in den betr. Provinzen gespendet haben. 
— In Oberitalien heissen die Mütter indulgcntes und werden mit Merevrio Incronun potenti 
verbunden (Ihm 38). 



40 Kauffmann: 

zu erschli essen. Höchst wertvoll ist die vor kurzem in Köln entdeckte und 
von Ihm im Rheinischen Museum XLIX 689 (Korrespbl. d. Westd. Zeitschr. 
IX 250) veröffentlichte Inschrift: 

[Mat]ribus Suehis . . euthungabus Julius Secundus Juli Philtati libertus 
V. s. l. m. 
Hier haben wir zweifellos in dem Julius Secundus einen geborenen 
(kriegsgefangenen?) Sueben vor uns, der, von seinem Herrn freigelassen, 
den Schutzgottheiten der Heimat dankbares Gedächtnis bewahrt. Vor 
. . euthungabus fehlt ein Buchstabe (andernfalls wäre an die Juthungi zu 
denken und auf F. Burg, Runeninschriften S. 114 zu verweisen); ich er- 
gänze R- und sehe in dem Reuthungen densell)en Suebenstamm, den 
Tacitus Reudigni nennt. 

In Müntz bei Jülich ist die Inschrift mit den Matronis Julineihiabus 
(Ihm 308) zu Tage gekommen, von einem Älbanius Justinm pro se et suis 
gestiftet. Sie beziehen sich auf einen Ort, der mit Jülich (Juliacum) doch 
gar zu grosse Ähnlichkeit zeigt, als dass man ihn nicht darauf beziehen 
möchte. Julius (Caesar) wird zu Grunde liegen und daraus einerseits 
Juliacum, andererseits ein adjektivisches Julineus vulgarisiert sein. Über 
die Xamen Lanehiabus; Masanabus, Hiheraiis (oder -apis?)^ Guinehis, Ulau- 
hinehis (steckt darin ein germ. vlau-?), Fernovineis wage ich. keinerlei Ver- 
mutung zu äussern. Man ist nicht berechtigt, in diesen barbarischen Namen 
gerade germanisches Sprachgut zu suchen. Vermutlich hat das ganze 
Völkergemenge, welches am Niederrhein sich zusammengefunden hat, Spuren 
darin hinterlassen. 

So kann ich z. B. auch in den Aufaniabus und Gabiahus nichts specifisch 
deutsches entdecken. Die Aufaniae weisen Aveit über die deutschen Grenzen 
hinaus: sie sind in Gallien und Spanien belegt (Ihm 894. 398), wie am 
Niederrhein. Es liegen folgende Denkmäler vor: 
207 Ihm. Bonn: 

Matribus sive Matronis Aufaniabus domesticis Q. Clodius Marcellinus 
miles legionis I Minerviae v. s. l. m. 
223 Ihm. Rh e der (bei Euskirchen), jetzt Kgl. Museum in Bonn: 

Matronis Aufaniabus Severinius . .ve iberius Victor ex imperio 

pro se et suis. 
260 Ihm. Zülpich, jetzt Kgl. Museum in Bonn: 

Mafrotiis Aufaniabus . . Tuscinius . . . 
277 Ihm. Köln: 

Matronis Aufanib. C. Julius Mansuetus miles legionis I Minerciae piae 
fidelis V. s. l. m. fuit ad Alutum flumen secus monte Caucasi. 
317 Ihm. Bürgel: 

Matronis Aufaniabus C. Lucilius Crisj/us v. s. l. m. 
335 Ihm. Nijmegen: 

Matronis Aufaniabus T. Albinius Januarius o. s. l. m. 



Der Matronenkultus in Germanien. 41 

210 Ihm. Bonn: 

Aufaniab. L. Massonius . . . 
244 Ihm. Zülpich, jetzt Kgl. Museum in Bonn: 

Aufanis Aulus Valerius Verus et Justinia Ursa v. s. l. vi. 
259 Ihm. Zülpicli, jetzt Kgl. Museum in Bonn: 

Aufanis Lentinius Mess . . ex imperio ipsarum. 

397 Ihm. Lyon: 

Pro Salute domini nostri imyeratoris Lud Septimi Severi Augusti 
totiusque domus eins Aufanis Matronis et Matribus PannonioruTn [ft^ 
Delmatarum T. Cl. Pompeianus tribunus militum legionis f Minerviae 
loco exculto cum discubitione et tabula v. s. 

398 Ihm. Carmona bei CordoTa in Spanien: 

Matribus Aufaniabus M. Jul. Gratus. 
Diese Inschriften sind verhältnismässig sehr inhaltsreich. Die Lyoner 
Dedikation fällt in die Jahre 193 - 196 und zwar stiftet der Legionstribun 
den ^Müttern eine Anlage mit Ruhebank und Weihtafel. 3Iommsen 
(Archäol. Zeitung 27, 89) meinte, der Tribun verehre die Aufanischen 
Matronen in Beziehung auf die Heimat seiner aus Niedergermanien 
stammenden Soldaten und die pannonischen und dalmatischen Mütter mit 
Rücksieht auf die aus diesen Provinzen gebürtigen Soldaten seiner Ab- 
teilung. Die Legion hat sich im zweiten dacischen Krieg unter Trajau 
ausgezeichnet. Wir hören aus der Inschrift 277 von den Kriegserlebnissen 
eines Soldaten, der den Feldzug mitgemacht hat (sie fällt also nach dem 
Jahre 107). Die Legio I Minervia hat offenbar ein besonderes Interesse 
an den Aufaniae gehabt. Sie ist von Domitian wahrscheinlich im Jabre 82 
gegründet (cfr. Ritterling, De legione Romanorum X gemina p. 72) und 
hat für lauge Jahre in Untergermanien (Bonn) gestanden (Mommsen, 
Rom. Gesch. V 133. 145). Es ist möglich, dass die Aufaniae einen deutsclien 
Namen führen, wenigstens liegen ahd. obana, and. obana^ ags. ufan, ofan 
sehr nahe. Die Ablautstufe au- würde sicli sehr gut in die Reihe u-, il-, 
tu (vgl. ahd. uf, vf, got. iup, Johansson, Paul und Braune's Beitr. 
XV 240 fF.) fügen. Icli bin aber ausser stände, mit dieser Etymologie irgend- 
welchen Begriff oder irgendwelche Anschauung zu verbinden, w^enn nicht 
vielleicht der hochgelegene Lagerplatz der Legion gemeint war. Einen 
Q. Clodius Marcellinus bei der Legio I Minervia kennen wir. Er hat dem 
Hercules Magusanus einen Denkstein geweiht (Bonn. Jahrb. LXXIII 74, 
Paul u. Braune's Beitr. XV 558). Diese Thatsache fällt allerdings für 
die germanische Herkunft der Aufaniae stark ins Gewicht. 

Eine besondere Bewandtnis hat es mit den Gabiae. Wir kennen nicht 
bloss Matronae, sondern auch Junones Gabiae (Ihm 288). Siebourg hat 
Westd. Zeitschr. Vn 103 ff. gezeigt, dass die Junones ihre Heimat in Ober- 
italien o-ehabt haben. An Denkmälern kennen wir: 



42 Kauffmann : 

'l'l'l Ihm. Kirch heim: 

Matronis Gah\iahus\ L. Gradon. Clarus miles legionis 1 Minerviae piae 
fidelis iussa posuit merito. 

250 Ihm. Rövenich (bei Zülpich) : jetzt nicht mehr vorhanden. Ebenso 

die folgenden : 
Matronis Gahiabus Celorius Jusfus l. on. 

251 Ihm: 

Matronis Gahiabus Suetoni Certus et Paternus v. s. l. m. 

252 Ihm: 

GabiabusC. Campanius Victor miles legionis T Minerviae piae fidelis v.s. l.m. 

253 Ihm: 

Gabiabus Victor Stirri s. l. m. 
269 Ihm. Müddersheim: 

Gabiabus Justus Quinti filius v. s. l. m. 
288 Ihm. Köln: 

Junonibus Gahiabus Masius votum retulit. 
316 Ihm. Bürgel: 

Matronis Alagahiabus Jul. Pusua pro se et Juliis Peregrino Sperato 
Severo v. s. l. m. 
Ich bin mit Ihm der Ansicht, dass auch in Gahiabus eine Ortsbezeich- 
nung zu suchen ist. Fremdartige Erscheinungen wie eine dea Idban. Gabia 
(Ihm S. 28), Junones Gabiae mahnen zur Vorsicht, gleich mit einer ger- 
manischen Etymologie zur Hand zu sein^). Die beiden Soldaten aus der 
legio I Minervia sind wahrscheinlich Germanen gewesen, wie die, welche 
den Aufaniae gehuldigt haben. Der Pusua (Ihm 316) ist, nach einem von 
Ihm nachgewiesenen Pusa Trougilli filius auf einer Mainzer Grabinschrift, 
ein Gallier und dass in den Alagabiae das Präfix nicht germanisch zu sein 
braucht, beweisen die Matres Alaterviae^) aus Britannien (Ihm 378) und 
eine dem Namen nach gänzlich undeutsche Älateivia aus Xanten (Bram- 
bach CIRh. 197). 

Die Gavadiae sind durch folgende Inschriften bezeugt: 
295 Ihm. Eödingen bei Jülich, jetzt Antiq. in Mannheim: 

Matro7iis Gavadiabus Q. Julius Severinus et Secundinia Justina p>ro 
se et suis ex imp. ips. l. tn. 



1) Wieso die Matronae Gabiae zu got. gahei (Reichtum) gestellt, die Begebenden, 
Eeichtum spendenden bezeichnen können (vgl. anord. gaefr u. a.) — auf diese Frage ist bis 
jetzt von den Vertretern dieser Etymologie noch keine Autwort gegeben. Bugge's Identi- 
ficierung mit lat, cöpia (Beitr. XII 417) aus '^coopl > '*gaabT, mit Schwund des einen -a-, ist 
nicht annehmbar. ^Yenu eine Etymologie gewagt werden soll, so hat die Zusammenstellung 
mit and. _9e6an, ags. yeo/ora (Meer) die grösste Wahrscheinlichkeit; J. Grimm hat die skandi- 
navischen Götternamen Gefn und Gefjon bereits verglichen (Mythol. S. 258). 

2) Man wird nicht an die got. Tervingi, wohl aber an den vicus Ambitarvius im 
Lande der Treverer denken, vgl. Th. Bergk, Zur Gesch. und Topogi-. d. Rheinl. S. 89 it'. 
Über kelt. ala- vgl. Zeuss^ S. 309. 402. — Über Terfinnas u. ähnl. handelt Müllen- 
hoff DA. II 42 Anm. 



Der Matronenkultus in Germanien. 43 

296 Ihm. Desgl.: 

Matroim Gavadiabus Sex. Jul. Seatrus et JtiL Januarius v. s. l. m. 

301 Ihm. Desgl.: 

M\atro\nis G[avarh]abiis AI. Aemilius Pri . . . us et Novellia Secunda 

V. S. l. 171. 

302 Ihm. Desgl.: 

\^Matr6\nis [Gavadjiabus . . . nius . . . e.v pro . . . 
304 Ihm. Bettenhofen bei Jülich: 

Matt'onls Gavadiabus Caldini (?) Severus et Super l. m. 
320 Ihm. Gladbach: 

Matronis Gavadiabus Prlmanius .... banus . . . 
Gegen die herkömmliche Deutuug der Matres Gavadiae (als matres 
sponsales auf Grund von got. gawadjon verloben) ist nur der Ein^Yand auf- 
recht zu erhalten, dass eine derartige Beziehung mit dem örtlichen 
Charakter der 3Iütter nicht verträglich ist. Ich vergleiche vielmehr Orts- 
namen wie das von Forst emann 1507 aufgeführte Wetiun an der Diemel, 
ein Ortsname, der ursprünglich „bei den Schwemmen, bei den Furten" 
bedeutete (vgl. lat. vadum): die Zusammensetzung deutet auf ein deutsches 
Confluentes, dessen Lage sich leider nie wird bestimmen lassen. 

Vermutlich beziehen sich auch die Mafronae Ai^vagastae auf eme deutsche 
Siedelung (trotz der kelt. Arvioi, Arverni Zeuss ^ S. 774. ^AQSa^caoL 
Müllenhoff J)k. II 247). Sie sind nur auf einer Inschrift aus Müdders- 
heim genannt (jetzt Provinz. Museum in Bonn): 
268 Ihm: 

Matronis Arvac/astis A. Vettius Victor l. 
Die Übereinstimmung mit dem Franken Arbogast ist frappant. Auf Orts- 
namen wie Alagastesheim, Longastesheim hat mit Recht schon Ihm (S. 27) hin- 
gewiesen; wir haben folglich an eine Ansiedelung zu denken, die nach einem 
''Arvagastiz benannt war; vgl. afries. gestelond (J. Grimm, Kl. Sehr. II 342)? 
Den (.icfiQtßo vaf.iavaixaßo (s. 0. S. 29). mit ihrer altgallischen, altertüm- 
lichen Flexionsform, entsprechend haben sich zur Bestätigung dafür, dass 
auch Germanen am Mütterkultus sich beteiligt haben, am Niederrhein Dedi- 
kationen an die Matronen mit Anklängen an die Muttersprache gefunden. 
Wir kennen bis jetzt folgende Inschriften: 

272 Ihm. Wesseling, jetzt Provinz. Museum in Bonn: 

Matronis Aftims M. Jidlionius Agilis v. s. l. m. 
282 Ihm. Köln (Ende des 1. oder Anfang des 2. Jahrb.): 

Matronis Afliabus M. 3farius Marcellus pro se et .suis e.v imperio 
ipsarum. 
291 Ihm. Lipp bei Bedburg: 

Matronis Vatuims Super Qiiartionis .... Quartioni.s. 
299 Ihm. Ködingen bei Jülich, jetzt Antiq. in Mannheim: 
Matronis Vatuims T. Julius Vitalis v. s. I. m. 



44: Kauffmann: 

297 Ihm. Desgl.: 

Matronis Vatuiabiis Q. Julius Primus pro se et suis v. s. l. m. 

298 Ihm. Desgl.: 

Matronis Vatuiabus Julia Vegeti filia Mandia pro sc et suis votum 

solvit l. in. 
303 Ihm. Gü steil bei Zülpich: 

Matronis Vatuiabus C. Secundinius Amandus ex imp. ips. l. m. 
314 Ihm. Jüliclierlaiid, jetzt Museum in Köln: 

Matronis Vatuiabus Nersihenis Priminia Justina pro se et suis ex imp. 

ips. l. m. 
Kliukenberg, Bonn. Jahrb. LXXXIX 231 aus Hoven bei Zülpich: 

Matronis Saitchamims Primus Freiiattonis l. m. 
Desgl. : 

Matronis Saithamia\J)us'\ Q. Cominius Primio l. m. 
Diese Dative auf -ims sind germanisch (Much, Zeitschr. f. deutsches 
Altertum XXXI 355). Auf Grund der latinisirten Aßabus, Vatuiabus, 
Saithamiabus, ist für diese Beinamen ein Stammausgang germ. -iö anzu- 
setzen: es würden got. ahd. Dative auf -jo7n entspreclien. Allein schon aus 
den ahd. Belegen konnten wir den Schluss ziehen, dass die Endung -Jörn 
(z. B. ahd. suntiom) ebenso auf einer Übertragung beruht wie ahd. dat. pl, 
hirtium neben hirtim. Durch die inschriftlichen Belege wird nunmehr be- 
wiesen, dass die älteste Endung -ims gewesen ist, wie auch der nom. sg. 
ursprünglich auf - / auslautete. Die dat. pl. aßms, watwims, saithamims (vgl. 
Brug'maiin, Grundriss II 708 fP.) entsprechen zunächst den altind. brhatibhis, 
nad'ibhis u. a.; -m- gegen altind. -bh- hat bekanntlich das Slavische mit 
dem Germanischen gemeinsam. Die ursprüngliche Dativ- (oder vielmehr 
Instrumental-) Endung ist folglich gerra. -mis {-miz)., vgl. anord. tveimr^ 
primr. Die feminine -/'-flexion ist in den Beinamen durch das Genus der 
Mütter veranlasst. Nom. sg. *afii stellt ein moviertes Femininum zu einem 
Stamm *aflo- dar, von dem wir für die Deutung auszugehen haben. 

Jede Etymologie, welche nicht auf eine Ortsbenennung hinausläuft, 
muss nach allem, was wir wissen, als verfehlt betrachtet werden. Unsere 
Inschriften selbst geben uns dafür einen Anhaltspunkt. In no. 314 smd 
mit den Matronis Vatuiabus die Nersihenae verbunden. Die Inschrift, im 
Jülicherland gefunden, verrät eine so auffallende Yerwandtschaft mit dem 
Orte Neers (Kreis Gladbach) und dem hier fliessenden Flusse Neers oder 
Niers (Ihm S. 22), dass sie darauf wird bezogen werden müssen. Förste- 
mann 1074 belegt aus dem 9. Jahrhundert die Form Nersa. VatuJms, 
beruhend auf nom. sg. *watwi, setzt eine Wurzel wat voraus, die zu got. 
watö, ahd. wazzar (Wasser) gehört, dieselbe Ableitung zeigt wie got. ahva 
und dieselbe Bedeutung beansprucht, wie das genau entsprechende germ. 
*a}wl = ahd. auwa. Die Mütter beziehen sich offenbar auf ein „Wasser- 
land" bei dem Flüsschen Niers. 



Der Matroneukultus in Germanien 45 

Für die Afl/ni.s wird man au kynir. Afallon, d. i. Apfeliiisel (Mülleii- 
lioff ])A. I 409 Aum.) denken: ferner erinnert man sich der Insel ÄbahiH 
bei Plinius. Es ist durchaus nicht meine Ansicht, dass die der Nordsee- 
küste vorgelagerte Bernsteininsel Abalus (Müllenhoff DA. I 476 ff. 484 
Anm. 227 f.) in unserer Inschrift gemeint sei : es genügt, die Ortsbenennuug 
nachgewiesen zu haben; mit ahd. avcdön, anord. afla nebst Ableitungen hat 
dieselbe nichts zu thun. Diese keltische Ortsbenennung ist uns heute noch 
überliefert in dem Namen der Eifel, deren älteste urkundlichen Belege auf 
altes a- der Stammsilbe weisen; in pago efiirifie a. 762, effiinse a. 772 (eißin>ie 
a. 845 u. s. w.) vgl. H. Marjan, Keltische und lateinische Ortsnamen in 
der Rheinprovinz (Aachen 1882) S. 16. Man ist also vollberechtigt, die 
Matronae Afliae auf das Eifelland zu beziehen, doch kennen wir auch ein 
Aualgowe (a. 882, 996 u. ö.) an den Flüssen Sieg und Agger (Annalen d. 
histor. Yer. f. d. Niederrhein XXI 170). 

Grössere Schwierigkeiten der Erklärung bietet Saitchamim-s, Saithamiahus. 
Ein Kompositum kann das Wort nicht sein, weil der stammauslautende 
Vokal fehlt (*saita-). 3Iuch vermutete, das erste Kompositionsglied sei 
mit anord. seidr (Zauber) identisch. Diese Annahme scheitert nicht bloss 
an der Orthographie (t kann nicht für th stehen), sondern auch an der 
specifisch nordgerm. Heimat des Wortes -seidr = Zauber; ahd. .seidh, seid 
bedeutet Schlinge. Der Dedikant Primu^s Freiiattonis (sc. -jilius) ist ein 
Gallier (wir kennen einen Tungrer Freiioverus, Brambach ClRh. 1231), 
wie nicht bloss die ganz ungermanische Namensform, sondern auch die 
gallische Namengebung beweist^). Saithamim« ist aber sicher deutsch; die 
Orthographie Saitchamim-H wird nur ein Versuch sein, den Spiranten p 
wiederzugeben. Ich halte das Wort für eine Bildung wie ahd. mi'tam, 
resp. Ortsnamen wie Metama (Förstemann 1022) und erkenne in dem 
Stamme '*saipa- eine Ablautsform zu ahd. slta (Seite). Das letztere gehört 
etymologisch zu altind. .utd Furche, Abgrenzung; ayest. hitha Wohnung. 
Die Grundbedeutung der Wurzel ist (wie lat. xitm): in eine feste Lage 
bringen. Genau entspricht der germanischen Ablautstufe in saij)a- altind. 
setm^ welches u. a. Damm, Brücke bedeutet und das avest. haethush Brücke, 
Weg. Eine primäre m- Ableitung stellt altind. miia dar, welches nicht 
bloss als Scheitel, sondern auch als Grenze, Markung eines Dorfes erklärt 
wird^). Auch im Germanischen ist für Ortsbenennung die m- Ableitung 
üblich gewesen (z. B. holm), folglich wird in *.saipama der Bedeutung 
nach ein allgemeiner Siedlungsbegriff (etwa „abgegrenzte Wohnstätte") zu 
suchen sein. 

1) Vgl. CIL. XU pag. 962: patris nomen genetivo oniisso vocabulo tilio vel lilia 
more gallico. Vgl. auch Inschrift 291. Auch eine Namengebung wie Julia Vegeti fitia 
no. 298 ist nacli Hettner, Wcstd. Zeil sehr. Fi 7 ursprünglich gallisch, im Laufe der Zeit 
.iluT auch unter Germanen aufgekommen. 

2) Brugm;uni-Ost hoff, Morphologisihe L'nlersuchungeu IV Hl. V6'.'>. 144. 



46 Weinliold: ^ 

Die Stellung der beiden so grundverschiedenen Xarionalitäten, der 
Kelten und der Germanen, zu dem Mütterkultus ist nunmehr klar zu 
erkennen. Auf keltischem Boden hat er seine Wurzel, die gallisch-römische 
Kultur des linksrheinischen Germanien hat ihn aucli in deutsclie Herzen 
verpflanzt, in den rheinischen Lagerc[uartieren und Städten ist er durch 
die zahlreichen keltischen Bestandteile des Civil- und 3Iilitärstandes vor- 
bildlich geworden für eine Klasse von Germanen, die ihren heimatlichen 
Glauben ebenso verleugnet hat wie die Muttersprache, von der nur dürftige 
Reste uns einen Nachklang geben. Es mochte wohl auch ein deutsches 
Herz ansprechen, die ferne Heimat unter göttlichem, mütterlicliem Schutze 
zu wissen. Der ]S!^ame beweist nichts, aber es ist doch wahrsclieinlich, dass 
in der cexülatio Germanorum^ die wir aus Britannien kennen (Ilimno. 351, 
vgl. oben S. 32) auch deutsche 3Iänner gedient haben, dass aucli sie an der 
Stiftung des Denksteines: deabu-s Matribus tramarinis mitbeteiligt waren ^). 
Der elegische Zug, der sich in solcher Glaubenssehnsucht unverkennbar 
geltend macht, ist ursprünglich germanischer Religion und germa- 
nischer Poesie fremd. Er ist ein erster Vorbote einer neuen Zeit, einer 
neuen Kultur, eines neuen Geschleciites, deren Keime in der Periode der 
Römerherrscliaft ausgesät, in der Periode der Völkerwanderung entwickelt, 
in der Periode der Christianisierung des deutschen Volkes gereift sind. 

Marburg i. H., Februar 1891. 



Zu Goethes Parialegeude. 

(Ausgabe letzter Hand von 1828. III, 11— IG. Weimarsche Ausgabe von IS'JO. III, 10—15.) 

Von Karl Weinhold. 



Entkleiden wir das Gedicht des köstlichen Schmuckes, welchen der 
deutsche Dichter um den indischen Stoff gewunden, so erhalten wir fol- 
gende Hauptakte der dramatisch belebten Erzählung: 

Die schöne Gattin eines Brahmanen, die täglich Wasser aus dem 
heiligen Flusse holt, wird eines Tages von sündiger Liebe zu einer be- 
strickenden Jimglingsgestalt erfasst. Der Gatte erkennt bei ihrer Heim- 
kehr ihr Vergehen nnd tötet sie. Der Sohn will im Schmerz darüber sich 
in das blutige Schwert stürzen, aber der Vater hält ihn zurück imd sendet 
ihn zu dem Leichnam. Er soll das Haupt der Mutter dem Rumpfe wieder 
anfügen und sie mit dem Schwert berühren. Zimi Leben zurückgekehrt, 
werde sie ihm folgen. 



1) [Inzwischen ist in Britannien ein Denkstein keltischer Herkunft mit: Matres Ollo- 
toiae sive tranmnarinae gefunden worden: vgl. Korrespbl, d. Westd, Zeitschr. 1891 no. 7.3. 
*,)0. Coriecturuote.] 



Zu Goetlies Pavialegencle. 47 

Vud dann wird weiter erzählt, dass der Sohn in der Verwirrung (\vn 
Kopf der Mutter auf den Rumpf einer Verbrecherin setzt und dadurch eine 
grauenvolle Verbindung der reinen Frau mit der Sünderin vollzieht. 

Bereits Düntzer hat nachgewiesen, dass Goethe, der übrigens schon 
vor dem Eintritt in Weinuir durch Uappers Asia auf die indischen Stoffe 
aufmerksam geworden war (Dichtung und Wahrheit, 12. Buch, AVeimai'sche 
Ausg. 28, 144), den Stoff der Parialegende aus Sonnerats Reise nach 
Ostindien und China (Deutsch Zürich 1783) kennen gelernt hatte. Seit 
1810 beschäftigte sich Goethe mit der dichterischen Gestaltung desselben, 
kam aber erst am 17. Dezember 1821 nach Eckermanns Erzählung damit 
zum Abschluss^). 

Über den indischen Stoff' hat Th. Benfey 1862 in seiner Zeitschrift 
Orient und Occident (S. 710 — 732 Goethes Gedicht Legende und dessen 
Indisclies Vorbild) eine sehr dankenswerte Untersuchung veröffentlicht. 
Hiernach finden wir die wahrscheinlich älteste Gestalt jener mythisclien 
Erzählung in dem Mahäbhärata (III, 11071 ff.). Hier wird sie von der 
Mutter des Räma, Renukä, der Gattin eines indischen Heiligen, Dschama- 
dagni des Bussreichen, berichtet. Die Frau w^ird bei dem vorschrifts- 
mässigen Baden im Ganges von Ijiebe zu dem schönen Fürsten Tschitra- 
ratha ergriffen. Der Gatte durchschaut bei der Heimkehr ihr Herz und 
befiehlt den fünf Söhnen, die Mutter zu töten. Aber nur der jüngste, 
Räma, folgt dem Befehl und spaltet der Mutter das Haupt mit der Axt. 
Als nun Dschamadagni den Sohn zum Lohne für die That einen Wunsch 
rlum lässt, wählt er sich unter allen W^ünschen, die ihm in der Seele 
liegen, als höchsten, die Wiederbelebung der Mutter. Der Wunsch geht 
sofort mit allen übrigen Wünschen Rämas in Erfüllung. 

Die Creschichte begegnet mehr oder minder ausführlich auch in anderen 
Sanskritwerken, so im Kalikäpuräna und im Bhägavatapuräna (Benfey 
a. a. O. S. 724 f.), natürlich mit Abweichungen. Aus solchen Quellen ist 
auch die Erzählung in Sonnerats Reise geflossen, die am meisten mit 
Goethes Legende stimmt, während die Form der Geschichte in Dappers 
Asia oder Ausführliche Beschreibung des Reiches des Grossen ^Mogols (ins 
Hochdeutsche übersetzt von J. Chr. Beern. Nürnberg 1681) aus junger 
mündlicher Überlieferung stammen mag (Benfey 727). 

Die Vertauschung der Köpfe gehört gar nicht zu dieser Geschichte von 
Ronuka und Räma, sondern Goethe hat sie aus eigenem Willen angefügt, 
um einen wunderbaren, von ihm geistvoll gestalteten Abschluss zu geben. 
Hr fand das Motiv in Ikens Übersetzung des Touti-Nameh (einer Samm- 
hmg persischer Märchen von Nachschebi. 1822. S. 104), die er 1820 
kennen lernte. Die persische Erzählung ist aus indischer Quelle geflossen, 



1) Vgl. die Kommentare von Düntzor, Virhoi'f, v. Looper. 



48 ' Weiiihüld: 

denYetalapantscliaviiirati: füufimdzwanzig Erzählungen eines vetala (Dämon, 
der in die Leichen fährt) vgl. Benfey a. a. 0. 729. 

Bei der weiteren Untersuchung lassen wir also die Yertauschung der 
Köpfe ganz beiseite, weil sie der alten Geschichte ebenso fremd ist, als 
die herrliche Beziehung der Legende auf die Parias, die Goethes volles 
Eigentum ist. Wir beschäftigen uns nur mit der Erzählung von Renukä, 
in welcher die Hauptmotive sind: die Todesstrafe eines schönen sündigen 
Weibes und die Wiederbelebung desselben. 

Aus dem Schatze unserer deutschen Yolkssagen kann ich zu der in- 
dischen eine entsprechende Sage aufweisen. Dass dieselbe eine andere 
Einkleidung und einige abweichende I^ebenzüge hat, darf die Erkenntnis 
der Grundübereinstimmung nicht stören. 

In Eisenberg im sächsischen Yoigtlande hatte sich ein Ehemann mit 
einem Mädchen vergangen. Als es ruchbar ward, entfloh er; das Mädchen 
aber, das eine wunderbare Schönheit war, verurteilte man zum Tode durchs 
Schwert. Der Scharfrichter schlug ihr das Haupt mit einem Schlage ab, 
legte dann ein Stück Rasen statt des Kopfes auf den Eumpf und führte 
den neben ihm herschreitenden neubelebten Leichnam zum Entsetzen des 
Yolkes über neun Äcker zu dem Scheiterhaufen, wo er ihn verbrannte. 
Für jenes Meisterstück erhielt er die neun Äcker, die oberhalb der 
Schneckenmühle bei Eisenberg liegen, zum Geschenk (Sagenbuch des Yoigt- 
landes von Robert Eisel. Gera 187L Nr. 936). 

Das Mädchen, das gesündigt hatte, M^ar zur Enthauptung und danach 
zur Yerbrennung verurteilt worden: das ist aber nicht die nachweisliche 
alte Strafe für Ehebruch, sondern ist die Milderung des Feuertodes, welche 
in späterer Zeit (noch im 18. Jahrhundert) den Hexen zu teil ward. Ehe- 
brecherinnen wurden in jenen strengen Zeiten einfach enthauptet oder 
lebendig begraben. In der Yerbrennung erkennen wir also eine jüngere 
Zuthat, die aus dem Volksglauben sich ergab, nur eine Hexe habe einen 
solchen Gang gehen können; sodann auch aus dem Bedürfnis nach einem 
Ziel des wunderbaren Ganges des wiederbelebten Weibes. — Dieser Gang 
geht über neun Äcker: das ist eine uralte mythische Raumbestimmung. 
Neun Fuss weit geht Fiorgyns Sohn, ck i. Thorr, als die Weltschlange ihn 
zum Tode verwundet hatte (Yolusp. 50). Neun Fuss weit Raum muss 
zwischen dem Vatermörder, der seine Schuld noch nicht gebüsst hat und 
jedem andern Mann, nach Westerlauwer Friesen-Recht (423, 3L Richth.) 
bleiben. Beim Gottesurteil des glühenden Eisens ward über neun Pflug- 
scharen geschritten oder das glühende Eisen neun Fuss weit getragen 
(Kägi, German. Gottesm^teil 46 f.). Ein Mädchen bei Sulzbach in der Ober- 
pfalz nahm zur Kühlung des heissen Erntetags einen Strohhalm zwischen 
die Zehen und schritt damit über neun Beete: sofort entstund ein Gewittei- 
(Schön werth, Sagen aus der Ob(n-pfalz 3, 184). Über neun Grenzen, 
Kaine, Scheiden oder Ecken ist in geheimnisvollen (üebräudien eine alt- 



Zu Goethes Parialegende. 49 

lieilige Raumbestimnmng. In dem Toten- iiml Liistrationskult der arischen 
Völker erscheint überall die geheimnisvolle Bedeutung der Zahl ]S^eun^). 

Jenes Mädchen unserer voigtländischen Sage schreitet also, getötet, 
aber zum Leben noch einmal zurückgerufen, durch einen Raum von alt- 
heiligem Maass. Ob es nun dann wirklich tot zusammenbrach (gleich dem 
von dem Midgardswurm getroffenen Thörr) oder entsühnt ins Leben zurück- 
trat (gleich der indischen Renuka) und denen, die das germanische Gottes- 
urteil bestunden, ist eine Frage, die wir lösen können. 

Deshalb haben wir von dem Rasenstück zu sprechen, das der 
Eisenberger Scharfrichter statt des Hauptes dem Rumpf der Getöteten 
auflegte. 

Der Rasen hatte als ein Stück der heiligen mütterlichen Erde in dem 
alten Glauben der Germanen eine grosse Bedeutung. Denmacli hat auch 
der deutsche und skandinavische Aberglaube die geheimnisvolle Kraft des- 
selben nicht vergessen. 

Nimmt man ein Rasenstück (dänisch graestorv) auf den Kopf, so wird 
man unsichtbar und erkennt die Hexen und Bilweisse in ihrer wahren 
Gestalt"''); oder auch mau versteht die Yögelsprache (Feilberg a. a. O.). 
Durch das Stellen unter den Rasen wird der Mensch in diesem Falle ein 
Unterirdischer und erlangt die übermenschlichen Eigenschaften desselben: 
Unsichtbarkeit und verschärften Verstand. 

Rasenstücke halten ferner böse Geister (Hexen) von der Schwelle ab, 
vor die sie gelegt sind (Wuttke 89); sie schützen (wenn sie umgekehrt 
werden) gegen aufziehendes Unwetter, indem sie den Wind wenden (Wuttke 
444); sie geben, vor dem Sommeraustrieb unter die Schwelle des Stalles 
gelegt, dem darüber schreitenden Vieh, namentlich wenn nocli ein Ei uud 
ein Stück Eisen (Beil, Schlüssel) dazu gelegt werden, Segen mit auf die 
Weide (Wuttke 89). 

Andern Glauben, der sich an die Rasenstücke knüpft, können wir 
hier beiseite lassen. 

Für uns wichtig ist die höhere Begabung oder geradezu die Wande- 
lung, die durch den Rasensti'eifen mit dem darunter stehenden oder gehenden 
Menschen geschieht. Dies genauer zu erkennen, dient der bekannte alt- 
nordische Rechtsbrauch des Ganges unter das Erdband (gänga undir jar- 
darmen), über den neuerdings Max Pappen he im in seinen Altdänischen 
Schutzgildeu (21 f., 25 f., 34 f.) gehandelt und ihn als symbolische Dar- 



1) Diels Sibyllinische Blätter. Berlin 1890., S. 41 f. Kägi, die Neunzahl bei den 
Ostariem (in den Philolog. Abhandlungen für H. Schweizer-Sidler) 1891. 

2) Nebenbestimmungen: der Easen muss vom Grab eines ungetauften Kindes sein 
(Westfälische Sagen: Kuhn I n. 419); er muss vor Sonnenaufgang auf einer .Feldecke ge- 
stochen sein (Wuttke, Aberglaube 378): man muss auf einem Kreuzwege stehen 
(Wuttke 376), oder in einer Grube auf dem Galgenberge (Feilberg Ordbog s. v. 
graestorv). 

^Jeitschrift d. Vereins f. Volkskunde. 1892. 4 



50 Kunze : 

Stellung des Geburtsaktes erklärt hat, bei dem die Erde als Mutter, der 
unter den übergespannten Rasenstreifen getretene als im Mutterleib be- 
findlich gedacht ward. Kr. Nyrop hat sich in seinem Aufsatz über den 
Lappenbaum (Kludetraeet, en sammenlignende undersögelse, Dania S. 1 — 31) 
dieser Deutung angeschlossen, indem er in dem weitverbreiteten Brauche, 
Krankheiten und Schäden mittels Durchkriechens durch Baumspalten, 
Stein- und Erdlöcher zu heilen. Stützen für die Symbolik einer Wieder- 
geburt erkannte. Wenn er zugleich aber auch eine Reinigungsceremonie 
darin sah, im Anschluss an J. Grimm und K. Maurer, so hat Pappen- 
heim (Zeitschrift für deutsche Philologie XXIV, 157 ff.) wie es scheint, 
begründete Einwendungen dawider erhoben. Das Gehen unter den Erd- 
streifen ist eben nur das Symbol der Wiedergeburt im Schosse der Erde. 

Das enthauptete Mädchen von Eisenberg ist mit dem Rasenstück be- 
deckt worden, es tritt unter das Erdband, d. h. es wird neu geboren, kehrt 
zum Leben zurück, schreitet als eine Lebende einher. Dass nun diese 
Wiederbelebung nur geschehe, um sie sofort auf dem Scheiterhaufen wieder 
zu töten, wäre ganz widersinnig. Auch von dieser Seite ergiebt sich der 
Schluss der Eisenberger Sage als jüngerer Zusatz. 

Suchen wir dieselbe auf ihre älteste Gestalt zurückzuführen, so wird 
es die mythische Erzählung davon sein, dass ein schönes Weib zur Strafe 
eines Vergehens den Tod empfing — ob wir dabei im Schwert ein Bild 
des Blitzes sehen sollen, sei dahingestellt. Sie wird aber von den Göttern 
begnadigt und durch Wiedergeburt dem Leben zurückgegeben. 

Die moderne Umkleidung der deutschen Sage streifen wir von dem 
eigentlichen Körper derselben ab. Das Mittel der Wiedergeburt — das 
Gehen unter den Rasenstreifen — ist uralt und weit älter als die Be- 
rührung mit dem Schwert, die Goethe aus Varianten der indischen Er- 
zählung entnommen hatte. Und so erkennen wir in dieser voigtländischen 
Volkssage treu bewahrte Züge einer uralten arischen Mythe. Wir erkennen 
auch hier wieder, welchen wichtigen Schatz wir iii unseren Volkssagen 
haben. Es kommt eben nur auf die Wünschelrute an, um denselben heben 
zu können. 



Der Gebrauch des Kerbholzes auf dem 
Thüringer Walde. 

Vom Volksschullehrer F. Kunze in Suhl. 



Es ist eine unbestreitbare Thatsache, dass sich in Gebirgsgegenden 
(besonders in den Dörfern) Sagen, Sitten und Gebräuche unverfälschter 
und lebenskräftiger erhalten, als in den grösseren Ortschaften der dem 
regeren Verkehr und der glättenden Kultur mehr geöffneten Ebenen. 



Der Gebrauch des Kerbholzes auf dem Thüi'inger Walde. 51 

Ein recht interessanter Branch, der jedoch nur vereinzelt und ver- 
blasst auftritt, ist die Verwendung des sprichwörtlich gewordenen Kerb- 
holzes, welche noch heute im Gasthause „Zum goldenen Hirsch" in Neuen- 
dorf bei Suhl auf dem Thüringer Walde zu beobachten ist. 

Suhlerneundorf , wie der Ort gewöhnlich im Yolksmunde genannt 
wird — zum Unterschiede von dem etwas über eine Meile entfernt 
gelegenen Neundorf bei Schleusingen — , kommt urkundlich als „Nuwen- 
dorf bi Sule" zuerst anno 1375 vor und besitzt in seinem bereits er- 
wähnten Gasthause laut der über dessen steinernem Eingangspförtchen 
eingemeisselten Jahreszahl 1616 einen stummen Zeugen fast dreier wechsel- 
voller Jahrhunderte. 

Unterwirft man die inneren Räume der Gemeiudeschenke einer auch 
nur oberflächlichen Besichtigung, so erweist sich die eigentümliche Bauart 
schon als ein „Altertum". Die originellen Holzschnitzereien der breiten 
Thürbekleidungen, die ursprünglichen Tafeln und Bänke, welche noch vor 
sechs Jahren das niedrige Gastzimmer schmückten, dann aber — eine 
höchst willkommene Wohn- und Werkstätte der emsigen Holzwürmer — 
wegen Altersschwäche ausser Dienst gesetzt wurden, hätten einen würdigen 
Platz in einem Museum für Altertümer beanspruchen können. 

Alter aber als jene Möbelstücke ist unstreitig die Benutzung des 
Kerbbolzes. 

Dieses stabförmige Gerät besteht aus zwei ineinander fügbaren Teilen, 
welche man mit der Bezeichnung Haupt- und Ergänzungsholz bedenken 
und aus nachstehender Figur deutlich ersehen kann. 



Fig. 1. 

In jener Form ist das lineale Instrument vierkantig, meistens aus 
Buchenholz geschnitzt, und hat eine Länge von etwa 32 cm^ während seine 
Breite beim Zusammenpassen beider Teile bei 4 cm ausmacht. Der Name 
Kerbholz ist ihm in Ansehung der Kerben, welche auf seiner breiteren 
Oberfläche angebracht werden, verliehen worden. Mittels einer dreikantigen 
Stahlfeile werden die Striche in die glatte Breitseite der dicht aneinander- 
gehaltenen Buchenhölzer eingeritzt und deuten in ihrer Reihenfolge die 
Anzahl der vom vorübergehenden Inhaber des Holzes auf Rechnung 
empfangenen Masse Bieres an. 

Nach erfolgter Einkimmung, die sicli auf beide Hölzer erstreckt, er- 
hält der Bierempfänger das ihm als zeitweiliges Eigentum übergebene Er- 
gänzungsholz zurück und nimmt es aus der Schenke mit nachhause, um 
es bei dem nächsten Bierbezugo wieder mit zur Quelle zu bringen. Auf 
diese Weise ist der biers])endende Wirt ebenso wie sein Kunde jederzeit 
in der Lage, das hölzerne — und stets vor Fälschungen gesicherte — Bier- 

4* 



52 Knnze: 

koiito zu übersehen und zu kontroliereu, selbst dann uocli, wenn letzterer 
zur Verscheucliuug des lästigen Durstgespenstes ab und zu ein oder mehrere 
Liter in seine Behausung oder auf den Acker holen lässt. 

Die Zahl der „Möässer" Bier wird bis zur Höhe von 9 durch ein- 
fache Striche bezeichnet, während 10 Liter (20 Kärtle)^) mit einer 
römischen X eingeschrammt werden, wie aus nachstehender Figur 2 er- 
sichtlich ist. 



i'llillilYlllLL 



Fig. 2. 

Der Scheitelpunkt des vierwinkligen Zifferkreuzes (X) fällt bei der 
Einkerbung in die Schnittlinie zwischen beide Hölzer, so dass sowohl auf 
dem Hauptholz des Wirtes, als auch auf dem Ergänzungsholze des 
Gastes je eine V zu stehen kommt, welche sich dann bei richtiger Zu- 
sammenfügung beider Stäbe zu einer X gestaltet. 

Werden nun z. B. 6h l Bier gekauft, so wird ausser den sechs vollen 
Kerben auf jedem Holz noch ein halber Strich eingeritzt (vgl. Fig. 2), 
der dann bei der nächsten Gelegenheit, wo wiederum i l mit im Spiele 
ist, zu einem vollen oder ganzen Striche feilend erweitert wird. 

Zur erntefetten Zeit des Nachherbstes eines jeden Jahres wird die 
Bilanz gezogen, bei welcher das beiderseitige Soll und Haben dieser 
einfachen Buchführung, die in Ansehung der beiden Hölzer auch zugleich 
eine doppelte ist, so genau stimmt, dass weder auf Seiten des Gläubigers, 
noch auf Seiten des Schuldners ein Manko zu finden ist. 

W^ard im Laufe des Jahres die angefangene Breitseite des Kerbholzes 
völlig mit Kimmen versehen, so dreht man das bisher einseitig benutzte 
Instrument zum ferneren Gebrauch einfach herum, um hier von neuem zu 
beginnen. Nach Abschluss der Jahresrechnung oder nach erfolgter Ebnung 
des Kontos wird das Doppelholz keineswegs wie ein abgenutzter Gegen- 
stand beiseite geworfen, sondern es muss nach erfolgter Abhobelung im 
kommenden Jahre wiederum dieselben Dienste leisten. 

Damit die in Händen des Wirtes sich befindenden Haupthölzer nicht 
abhanden kommen, werden sie wie eine Schlüsselfamilie au einen umfang- 
reichen Drahtring gefesselt, dem stets sein bestimmter Hängeplatz an der 
Wand angewiesen wird. 

Damit eine unheilvolle Verwechselung der verschiedenen Merkhölzer 
ausgeschlossen bleibe, sind auf der fast 2 cm breiten Rückenfläche der- 
selben die Namen der zuständigen Kunden mit schwarzer Tinte ver- 
zeichnet. Ausser einigen „Geschirrhalteru" — moderne Bezeichnung für 
Fuhrleute — Suhlerneundorfs sind noch etliche Altertumsverehrer Suhls 



1) (1. Ii. auf oinmal abgeholtl 



Der Gebrauch dos Korliliolzes auf dorn Thüringer Walde. 53 

im Besitze von Ergänzungshölzeru, um die Sitte nicht völlig ablebeii zu 
lassen. — 

Was nun das Alter dieser eigentümlichen Berechnungsweise anbelangt, 
so ist zu bemerken, dass sie das ganze Mittelalter hindurch gäng und gäbe 
war und bis ins 17. Jahrhundert hinein in Deutschland bei der Zählung 
der Vieh- und Clarbenzahl, besonders bei der Entrichtung des Zehnten 
(Decem) allgemeine Yerwendung fand. Bei Krämern, Schankwirten und 
Kaufleuten vertrat das Kerbholz die Stelle des Kontobuches, in welches 
säumige Zahler ein- oder aufgetragen wurden. Da der Bauer dazumal 
noch nicht „so geleret was. daz er an den buochen las'^, noch vielweniger 
in dieselben schrieb, so erlangten gerade die einfachen Rechenbrettchen 
auf dem Lande eine weitgehende Verbreitung, indem Drescher, Fröhner, 
Tagelöhner, Müller etc. ihre arithmetischen Auseinandersetzungen auf dem 
Kerbholze verewigten. 

Der alte Chronist Peccenstein berichtet in seinen mir vorliegenden 
Abhandlungen über das alte Thüringen (Jena und Leipzig, 1597) auf 
Seite 43, dass die weiland Bewohner dieses Landes „mit Kerbhölzern 
berechnet, vnd den Hertzen Ja und Nein bezalet" hätten. 

Urkundlich findet sich das alte hanebüchene Instrument im 14. Jahr- 
hundert als „kervestock" und im 15. Jahrhundert (1475) als „kerveholz" 
vor. Es war ursprünglich ein glatt zugerichteter Stab von ungefähr 1 Fuss 
Länge, an welchem der Gläubiger mit römischen Zahlen oder verschiedenen 
Kerben die Schuld des borgenden Kunden schneidend anmerkte. Sobald 
Abrechnung oder Kerbzählung gehalten wurde, sandte der Gläubiger seinem 
Schuldner den Stab als Rechnung zu oder er rechnete auf Grund der An- 
gaben desselben persönlich mit ihm ab. Die „Herren'' trugen ihre Ver- 
merke auch wohl in die Bücher ein, während die Bauern hierzu ihre Hölzer 
gebrauchten. So ist beispielsweise in einem Schiedssprüche vom Jahre 1464 
(Lennep Leihe zu Landsiedelrecht. Cod. prob. S. 241) die Rede von „der 
alten schuldt, was der ist, die sie (Siedler, Bauern) an ihren Kerben und 
auch die Herren in ihren Büchern beschrieben haben." 

Bei Einkäufen hatte sowohl der Verkäufer als auch der Abnehmer 
sein Holz (ähnlich der Neundorfer Sitte), welche bei der Abrechnung in 
ihren Einzeichnungen übereinstimmen mussten. In der Regel waren sie 
der Sicherheit wegen „aus einem Stück" geschnitten, ja die deutlich sicht- 
baren Jahresringe des Holzes mussten mit ihren Merkmalen die erforder- 
liche Sicherheit und Genauigkeit erhöhen helfen. Eine ülmer Gerichts- 
ordnung vom Jahre 1621 erkennt darum auch den Kerbhölzern (da der 
Schuldherr den Stock behelt, der Einsatz aber und Gegenwechsel dem 
Schuldmann zu gestellet wird) eine gerichtliche Beweiskraft zu (Haltaus, 
Glossarium germ. Sp. 1082). „Am Tage St. Andrea anno 1594 sind zwey 
gleichlautende, einer Handschrift aufeinander ausgeschnittene Briefe, deren 
jede Parthey einen zu sich genommen, ausgefertiget worden", beti". 



54 Kunze : 

die Yorniietiuig der C-remeindeschenke zu Natza, weshalb man „nicht nöthig 
gehabt, dergleichen Contracte zu unterschreiben, sondern es haben solche, 
wenn sie ordentlich auf einander gepasset, eben die Kraft des Beweises 
gehabt, wie denen ausgeschnitteneu Kerbhölzern beygeleget 
wird/' (cfr. Klingner, Sammlungen zum Dorf- und Bauren Rechte. 
Leipzig 1755, IV. Teil, pag. 825, wo auch eine Zeichnung eines noch vor- 
handenen Pachtkontraktes in der Grestalt von Figur 3 gegeben ist.) 




Fig. 3. 

Laut der „Statuta der Stadt Sula, Wie solche im Jahre 1664 ernewert" 
und anno 1666 gedruckt wurden, war auch das Kerbholz in seiner pri- 
mitivsten Form hier in Suhl gebräuchlich, und zwar zur Aufzeichnung 
des zu entrichtenden Zolles, mit welchem alle auswärtigen Waren, welche 
auf den hiesigen Markt gebracht wurden, belegt waren. Der hier ein- 
schlägige § 11 des Statuts besagt unter der Überschrift „Vom Spähn- 
Ausschneiden" wörtlich: „Alles einkommende frembde Bier, auch Most und 
Wein, ehe es denn vom Geschirr abgeladen wird, soll vom Spähn- Aus- 
schneider und Stadtschreiber aussgespähnet, und zu Register gebracht; was 
aussgezäpffet wird, wie vorhergehends gedacht, gericht und in Register 
verzeichnet; was aber wieder hinaus verkaufft und abgeführet wird, die 
Spähne eingelegt und abgeschnitten werden^)." 

War nämlich das Kerbholz voll, so schnitt man behufs erneuter Be- 
nutzung die eingekerbte Schicht los (ähnlich wie heute noch in Naundorf), 
was einst Dr. Martin Luther bei verzögerter Beantwortung eines erhaltenen 
Briefes mit folgenden Worten bildlich benutzte: „Ich muss einmal das 
Kerbholz losschneiden, denn ich lange nicht geantwortet habe" (Briefe, 
herausg. von de Wette 5, 448). 

Vielfach diente das Kerbholz auch nur zur Unterstützung des Ge- 
dächtnisses seines Besitzers. So bezeichneten in Hessen oft die Hirten 
des Dorfes jedes Stück ihrer Herde durch einen Einschnitt am Kerbstocke, 
ja sie kannten auch jedes einzelne Glied ihrer oft umfangreichen Herde 
an der darauf bezüglichen Kerbe. So noch jetzt an der Dierael und unteren 
Werra. Von diesem Brauche, das Vieh nach Kerben zu zählen, rührt es 
her, dass man in Oberhessen den Viehbestand und die Grösse der Güter nach 
Kerben bestimmte. „Ein Gut mit vier Kerben" ist dort ein mit vier 



1) Span odin- Ki'rfholzlin; der Gogenspau, kontrollireades Kerbholz, Sclinieller, 
Bayr. Wörterb. 11 = 669. 



Der Gebrauch des Kerliliolzes auf dem Thüringer Walde. 55 

Ochsen oder zwei Pflügen ausgestattetes Grundstück. „Der Sclmllehrer 
hat eine Kerbe frei" ~ bedeutet, er hat das Recht, ein 8tück Rindvieh 
oder zwei Schweine unentgeltlich mit auf die Weide gehen zu lassen. 
Noch in der Mitte dieses Jahrhunderts wurden in Hessen^) Güter nach 
Kerben oder Kimmen berechnet, was offenbar auf jene Kerbholzsitte 
zurückgeht. Im Suhl benachbarten Dorfe Heinrichs bezeichnet noch heute 
der Hirt die Tiere seiner Herde durch einen einfachen Schnitt an seinem 
Hirtenstocke, und ein hiesiger Büchsenschäfter zeigte mir nach einem von 
mir gehaltenen Yortrag über das Kerbholz in dem meinem Vorsitz an- 
vertrauten Gewerbeverein hierselbst, ein aus Amerika bezogenes Büffel- 
horn, in welchem (jedenfalls von einem Hirten) ungefähr 10 mm tiefe 
Kerben angebracht waren. 

In Schwarzenboru in Hessen wurden noch 1816 die Zehntgarben von 
den Zehntmännern gekerbt, und im Jahre 1861 merkte der Thorschliesser 
in Marburg die sogenannten „Abw^erfescheiter" — Holzscheite, welche die 
bäuerlichen Holzverkäufer als Abgabe au die Stadt zu liefern hatten — 
beim Einfahren in die Stadt vor dem Zollhause an dem Kerbholze an. In 
der fränkisch-hennebergischen Gemarkung war es vor 20 Jahren noch all- 
gemeine und ist heute hin und wieder noch gangbare Sitte (z. B. in Mäben- 
dorf bei Suhl), dass am Kirmsentage die sogenannten „Platzmeister" 
(Burschen, welche die Leitung des Tanzes übernehmen) an der Seite ein 
Kerbholz tragen — befestigt an einem seidenen Baude — um auf dem- 
selben die Anzahl der Masse Bier einzuschneiden, welche sie für die Tanz- 
burschen vom Wirte erhalten haben. 

Auch in der Schweiz wurde bis in die Gegenwart hinein auf den Alm- 
weiden der Betrag der gelieferten Milch in Holzstäbe unter dem Kenn- 
zeichen der einzelnen Lieferanten eingekerbt. Die Hölzer hiessen und 
heissen noch Milchbeile. Mit Brotbeilen bezeichnete man zwei etwa 
fusslange Zwillingsstäbe, welche man nebeneinander legte, um quer auf 
denselben die Anzahl der verabreichten Brote einzukimmen. Bäcker, 
Metzger und Milchbauern, Senner auf der Alm, haben diese Beile noch für 
sich und ihre Kunden als Berechnungsmittel ^). 

Vor einiger Zeit berichtete eine Zeitung von einem ähnlichen Brauche, 
der auf dem bairischen Walde in nachvermeldeter Gestalt noch an der 
Tagesordnung ist. ,.Der Bauer und der Holzhauer haben ein jeder einen 
Holzspahn; beide Spähne werden aufeinander gelegt, und für je einen 
Arbeitstag wird ein Einschnitt gemacht, worauf der Bauer seinen Spahn 
in den Kasten sperrt und der Holzhauer seinen Spahn mit nach Hause 
nimmt, so dass keiner dem Spahne des andern beikommen kann. Am 
Schlüsse des Monats wird abgerechnet. Beide Spähne werden zusammeu- 

1) Vilmar, Idiotikon von Kurhessen S. 199, 201 (Kimme ist niederhessisch). 

2) Über die Beile vgl. Fr. Staub, Das Brot im Spiegel schweizerdeutscher Volks- 
sprache und Sitte. Leipzig 1868. S. 48, 67, 173—177. 



5() liovarini : 

gelegt uiul die Einschnitte am Rücken, die natürlich genau zusammen- 
stimmen müssen, gezählt und bezahlt. Die geschehene Abrechnung wird 
am Schlüsse durch ein -f- bezeichnet." Die betreffende Zeitung zollte 
dieser „durch ihre patriarchalische Einfachheit für sich selbst redende Art 
der Buchführung" belobigende Worte, wobei wir uns Justus Möser's 
Preises des Kerbstockes in den Patriotischen Phantasien (2, 144. 312. 
Ausg. Y. 1778) erinnern wollen. 

Da es in früheren Zeiten besonders die Gewohnheit der Wirte war, 
sich des Kerbholzes zur Aufzeichnung der Schuld ihrer Kunden zu be- 
dienen, so hat sich aus jenen Zeiten bis auf den heutigen Tag die Redens- 
art „aufs Kerbholz trinken" erhalten; es bedeutet soviel wie unbedacht 
trinken, ohne der künftigen Schuldabtragung zu gedenken. Hat jemand 
mit einem andern irgend eine strittige Angelegenheit zu schlichten, so 
wird dem Gegenpart oftmals unter die Nase gerieben, dass er „noch etwas 
auf dem Kerbholze" habe. Eine alte, jetzt ausser Kurs gesetzte Redens- 
art, „ans Kerbholz reden", missbilligte das Drauflosreden ohne jegliche 
Überlegung. 

In Wallensteins Lager sagt die Marketenderin, als der Wachtmeister 
ein Glas auf Piccolominis Wohl leeren will: „Das kommt nicht aufs Kerb- 
holz, ich geb es frei." Heutigen Tages bringen die Gastwirte zwar auch 
nichts mehr „aufs Kerbholz'^, aber die verabfolgten Speisen und Getränke 
an lässige Bezahler werden mittels der Kreide „am Brette" angemerkt, 
ein Gebrauch, der, wenn der Empfänger nichts bucht, oft zu unerquick- 
lichen Auseinandersetzungen Anlass giebt; denn hat der Schuldner viel 
auf der Kreide und eine stattliche Reihe von Strichen mit barer Münze 
abzulösen, so beschuldigt er oft den Wirt, dass dieser mit doppelter Kreide 
schreibe. Unbedingt war das Kerbliolz der „guten alten Zeit" hierin viel 
sicherer. 



Die Frauenwettrenneii in Padua. 

(Le corse delle donne a Padova.) 
Von Emilio Lovarini. 

An den alten Festen des italienischen Volkes nahmen die Wettrennen 
ohne Zweifel einen bevorzugten Platz ein. Es gab viele und oft sehr 
sonderbare Arten derselben; ausser Pferden verschiedener Rassen, Kleppern, 
Eseln, Büffeln verwendete man bei den Wettrennen auch Männer, Kinder, 
Jünglinge, Greise, und zur grossen Freude des christlichen Volkes die 
Juden, besonders in Rom, das sich durch derartige Schauspiele vor allen 
übrigen Städten auszeichnete, seitdem der lebenslustige venezianische Papst 



Die Frauenwettremien in Padua. 57 

Paul ir. die Wettrennen dortliiu verpflanzt hatte. Diese Rennen fanden 
am Testaccio statt, im Centrum der Stadt, auf der Strasse, die heute den 
Xamen Corso führt, und erstreckten sich bis unter die Fenster seines Pa- 
lastes auf der Piazza Venezia^). In Rom lebt auch noch die Erinneruno- 
an einen Wettlauf nackter Buckeliger, die „sehr sehenswert waren wegen 
der Mannigfaltigkeit ihrer wunderlich geformten Rückgräte," wie ein Be- 
richt vom Jahre 1633 sagt-). Dagegen konnte ich keinerlei K'achricht 
darüber finden, dass dort auch jene merkwürdigste Art der Wettrennen, 
die Frauen Wettrennen, veranstaltet wurden, wie dies an vielen anderen 
Orten geschah. Auch der Frauenwettrennen giebt es mehrere Arten: in 
den Ortschaften am Bolsenersee, z. B. in Yiterbo, liess man ebenso wie in 
Assisi im Umbrischen, die Frauen mit einem Kruge voll Wasser, den sie 
auf dem Kopfe im Gleichgewicht zu halten hatten, Wettlaufen. Berühmt 
sind auch die Ruderwettfahrten der Frauen in Triest und an anderen 
Orten, welche jenen cähnlich waren, die ehemals in Venedig, z. B. zur 
Feier der Ankunft König Heinrichs III. von Frankreich veranstaltet wurden 
und die viele Jahrhunderte hindurch bestanden. Bei diesen Regatten 
zeichneten sich besonders die Bewohnerinnen der Insel Palestrina aus^). 

Die Wettrennen, mit denen ich mich beschäftigen will, die ,,cursus 
meretricum" (Dirnenwettläufe), haben einen ganz anderen Charakter; sie 
waren im Mittelalter sehr gebräuchlich und wurden, wie uns Muratori 
berichtet*), im Jahre 1325 von Castruccio Castracani selbst unter den 
Mauern von Florenz zum Schimpfe der belagerten Bevölkerung veranstaltet. 
Dieser Gebrauch verschwand mit der Zeit, in einigen Städten freilich viel 
früher als in anderen. Obwohl man z. B. in Brescia durch einen Beschluss 
des Consilio speziale vom 4. August 1444 ihn abzuschaffen versucht 
hatte, verschwand er gleichwohl erst 48 Jahre später. B. Zamboni'") 
berichtet, dass diese uralte Gewohnheit des Preiswettlaufens, die „von den 
allgemeinen Concilien als viehisch und teuflisch angesehen, von der Re- 
gierung als abscheulich getadelt und von allen Predigern und Dienern 
Gottes verabscheut wurde, schliesslich auf den Rat des ehrwürdigen Paters 



1) F. Gregorovius, Storia della cittä di Roma, Venezia, Antonelli, 1875, VII, 
250—2. — Burckhardt, Die Cultur der Renaissance in Italien, Leipzig, See- 
mann, 1878, II, 163. — A. Ademoll 0, II carnevale di Roma nei secoli XVII e 
XVIII, Roma, Sommaruga, 1883, 1 fg , 60 fg. und passim. Cfr. von demselben: 
Alessandro VI, Ginlio II e Leone X nel carnevale di Roma, Firenze, AdemoUo, 
1886, 22 und passim. 

2) A. Ademollo, II carnevale etc. 10. 

3) P. de Nolhae e A. Salerti, II viaggio in Italia di Enrico III, re di 
Francia, Torino, Roux, 1870, 117—8. — G. Renier Michiel, Origini dclle toste 
veneziane, Venezia, AMsopoli, 1827, V, 267. 

4) Antiq. M. E., II, 852: cfr. N. Machiavelli, Vita di Castruccio Castra- 
cani, Firenze, 1551, 391). 

5) Momorie intorno alle pul»l)liche fabhricho piü iusigni della cittä di 
Brescia, 1778, 37-8. 



58 Lovarini: 

Bernardino da Feltre aus dem Orden der Minoriteu, der in Brescia das 
Wort Gottes zum grössten Nutzen der Seelen gepredigt hatte, im Jahre 
1492 gänzlich aufgehoben wurde." Wenn auch der Podesta und der 
Capitano von Venedig, die in Brescia residierten, hier, auf das Wort des 
gelehrten Mannes hin. ein solches Schauspiel äusserst tadelnswert fanden, 
so gefiel es doch anderswo den venezianischen Behörden recht gut. Wir 
wissen unter anderm, dass der Stellvertreter dieses Staates in Ferrara am 
Tage des hl. Markus (25. April) 1500, nachdem er am Morgen zusammen 
mit Don Alfonso und Messer Sigismondo da Este das gewohnte Opfer in 
der Kirche des hl. Evangelisten dargebracht hatte, „durch einen ruchlosen 
Befehl, Dirnen über die ,giara' in Ferrara, wo er wohnte, Wettlaufen liess 
(der Preis war ein Kattunstück), und dass es das erste Mal war, dass 
Stellvertreter eines Staates in Ferrara ein derartiges Fest veranstalteten" ®). 
Das gleiche geschah im folgenden Jahre nach demselben Gewährsmanne''). 
In der Stadt Padua endlich, wo die Wettrennen noch bis über die Hälfte 
des 17. Jahrhunderts bestanden, wurden sie von den Rettori (Regenten) der 
Republik selbst erlaubt und gefördert. Es ist merkwürdig, dass die 
venezianische Regierung, die sich sonst anderen moralischen Dingen gegen- 
über unnachsichtig und streng genug zeigte, um dem Worte und Werke 
der katholischen Prediger zuvorzukommen, an diesem Gebrauche gar- 
nichts zu tadeln fand, ihn vielmehr bis in eine so späte Zeit erlaubte und 
förderte. Ich weiss nicht, ob ein glaubenseifriger Mönch ihn jemals mit 
den begeisterten und zündenden Worten eines Moralpredigers auszurotten 
versuchte, wie es Bernardino da Feltre in Brescia that. Yielleicht hätte 
er es unter der wachsamen und argwöhnischen venezianischen Regierung 
nicht ungestraft thun können. 

Gewiss ist, dass die Sitte tief in dem Geschmacke des Volkes von 
Padua eingewurzelt war, das an ihr grossen Gefallen fand und sie nicht 
so schnell aufgab. Oft — öfter noch als uns die Dokumente beweisen — 
mussten die unglücklichen Frauen Wettlaufen inmitten der Stadt, auf der 
Strasse, die sich von dem Thore Ponte Corbo bis zum Centrum hinzieht, 
bei der Universität oder auf der Strada Maggiore, die vom Ponte Molino 
nach der Piazza dei Signori führt. Als Zuschauer standen auf beiden 
Seiten in dichtgedi'ängter Reihe unter den Säulengängen das lärmende Volk 
und die Studenten, die grössten Spektakelmacher. Lärm und Geschrei, 
freche und zügellose Reden, Witze und Scherze begleiteten die Dirnen 
auf ihrem atemlosen Laufe. Wir wissen, dass in anderen Städten einige 
Personen die schöne Gewohnheit hatten, ihnen Mehl oder andere Dinge 



6) Diario ferrarese bei Muratori, Rerum ital. scriptores, XXIV, 384. Hier 
findet sich die falsche Abschrift der Stelle, Putte Pignolä etc., die vielleicht dui-ch das 
Nichtverständnis des Wortes pignolä, von dem wir weiter unten sprechen werden, ver- 
anlasst wurde. Cfr. ebenda unter den Tagen 23 u. 24. 

7) Ebenda, 395. 



Die Fraueuwettrennen in Padua. 59 

in die Auoen zu werfen, entweder aus reiner Bosheit oder aber mit der 
Absicht, eine der Wettläuferinnen zu verhindern, als die erste am Ziele 
anzukommen. In Padua betrug man sich vielleicht nicht anders; dass 
man die Hände nicht immer in der Tasche hatte, wird uns ein Sonett 
beweisen, in w^elchem ein pikantes Geschichtchen erzählt wird, das sich 
während dieses komischen Wettstreites zutrug. Ich habe soviele Doku- 
mente, als mir möglich war, gesammelt und die uns von den Geschicht- 
schreiberu überlieferten Berichte durchgesehen und will nun die Geschichte 
dieser sonderbaren Sitte für Padua im Zusammenhange darzustellen ver- 
suchen. 

G. A. Sberti, der ein gelehrtes Buch über die Schauspiele und Feste 
in Padua schrieb, erzählt, dass nach der Wiedereroberung Paduas durch 
Andrea Gritti am 17. Juli 1509 „die Freude des Senats, als derselbe von 
dem glücklichen Erfolge des schwierigen Unternehmens erfuhr, so gross 
war, dass er den erwähnten glücklichen Tag — das Fest der hl. Marina 
— feierlich zu begehen beschloss. Auch in der Stadt selbst konnte man 
sofort Zeichen ausserordentlicher Freude wahrnehmen; das Ms. Cittadella, 
p. 93, berichtet, dass man an dem Ponte Molino im Jahre 1509 am 17. Juli 
Wettrennen mit Eseln, Dirnen und Juden zu veranstalten begann, die sich 
bis zur Piazza della Signoria erstreckten und zur Erinnerung an den letzten 
Einzug der Santa Marina in die Stadt abgehalten wurden .... und dass 
die Renneu bis 1560 bestanden^)." Dies ist die erste Nachricht, die wir 
von einem Frauenwettrennen in Padua besitzen. G. Sorgato^) führt in 
seiner zusammenfassenden Arbeit über die Schauspiele der Stadt die Ein- 
richtung einer solchen Belustigung gleichfalls auf jene Zeit zurück. Gloria 
jedoch liess seinen Zweifel an der Genauigkeit dieses Datums durchblicken, 
indem er klugerweise nur den Tag und den l^[onat, an denen man solche 
Wettrennen abhielt, angab, aber das Jahr der Einführung überging, und 
zwar in folgender Weise. Nachdem er über die sehr alten Pferderennen 
gesprochen hat, fügt er hinzu: „Aber ein noch merkwürdigeres Wettrennen 
konnte man am 17. Juli sehen zur Erinnerung an die Wiedereroberung 
Paduas durch die Venezianer im Jahre 1509, nämlich ein Wettrennen mit 
Eseln, Dirnen und Juden, das sich vom Ponte Molino bis zur Piazza dei 
Signori erstreckte und bis zum Jahre 1560 bestand (Cittadella, Ms., in der 
Biblioteca Civica, p. 102")." 

Yernünftigerweise wiederholte er das nicht, was die beiden anderen 
gesagt hatten; denn, wie kann man glauben, dass die Wettrennen an jenem 
selben Tage stattfanden, an dem die Stadt eingenommen wurde, wenn 



8) Degli spettacoli e dellc feste che si facevano in Padova, 2. Aufl. 
Padova, Cesare, 1818, HO. 

9) Memoria sugli spettacoli e sulle feste di Padova, Padova, tip. del' Se- 
minario, 184.5, IR. 

10) II territorio paduviiuo, Padova, Prosperini, 1862, I, 229, 



60 



Lovarini : 



man jenen ganzen Tag und den darauffolgenden auf den Strassen kämpfte, 
bevor man ein wenig Ruhe hergestellt hatte? Die Bürger und der Senat 
hatten wohl an andere Dinge zu denken als an Belustigungen zu einer 
Zeit, wo die in der Festung belagerten kaiserlichen Soldaten noch heftigen 
Widerstand leisteten, und die Stadt geplündert wurde"). Man beachte 
wohl, dass man auch in Venedig nicht daran dachte, diesen Sieg in jenem 
und dem darauffolgenden Jahre zu feiern, dass der Doge vielmehr erst 
1512, am Jahrestage, in pomphafter Prozession nach der Kirche der Santa 
Marina, der Tagesheiligen^^), ging, in der sich zufälligerweise auch das Grab- 
mal des Dogen Michele Steno befand und auf diesem die Schlüssel Paduas, 
das unter seiner Regierung zum erstenmale erobert worden war^^). 

Aus solchen Erwägungen ergiebt sich ganz klar, dass sich in den 
Abschnitt, der aus jenem dem Andrea Citadella zugeschriebenen Werke 
entnommen ist, ein Irrtum eingeschlichen haben muss. Prüfen wir in der 
That die Abschrift, die davon in der Stadtbibliothek aufbewahrt wird und 
die Sberti und Gloria benutzten, so werden wir bald gewahr, dass an der 
fraglichen Stelle anfangs nicht das Jahr 1509 stehen konnte, sondern 1517, 
welches letztere dann abgeändert und durch die andere Zahl ersetzt 
wurde ^*). Und 1517 findet man auch in einer anderen fragmentarischen 
Abschrift derselben Arbeit, die in gewissen Punkten abweicht und auf eine 
zweifellos frühere Quelle zurückgeht als die andere Kopie '^). Der richtige 
Wortlaut der Stelle würde demnach folgender sein: „Im Jahre 1517 am 
17. Juli begann man von dem Ponte Molino bis zur Piazza della Signoria 
ein Wettrennen mit Eseln, Dirnen und Juden zu veranstalten zur Erinne- 
rung an den letzten Einzug der Santa Marina in die Stadt, wobei nach 
dem Geschichtswerk des Justinianus '*') vier Bürger, Trapolino, Bagarotto, 

11) A. Gloria, I podestä e capitani di Padova dal 6 giugno 1509 al 
28 aprile 1797. Serie cronologica provata co' documenti, Padova, Randi, 1861, 
6_7. _ Derselbe, Di Padova depo la lega stretta in Cambrai dal maggio all' 
ottobre 1509, cenni storici con documenti, Padova, Prosperini, 1864, 19 sg. 

12) Marin Sanudo, Diarii, XIV, 486; XVI, 511; XVIII, 372; XX, 388 „nach der 
Gewohnheit, gemäss welcher man seit vier Jahren wegen der Wiedereroberung Paduas 
dorthin geht"; es war das Jahr 1515. Siehe auch XXII, 365; XXIV, 746; XXVI, 341; 
XXVII, 489; XXIX, 53 etc. 

13) G. Renier-Michiel, o. c, IV, 243. 

14) La descrittione di Padoa e suo territorio con l'inventario Eccle- 
siastico brevemente fatta l'anno salutifero M.D.CV. Et in nove trattati 
compartita con tavola copiosa. Ms. B. P. 324. 

15) In derselben BibUothek Ms. B.P. 125, II, 28b 

16) Anspielung auf die Stelle: ,Venetiis medio foro decemvirum iussu laqueo ne- 
cantiu- quattuor patavini cives, claro orti genere, ob eorum infidos, rebellosque in Remp. 
animos: hi autem fuere Albertus Trapolinus, Bertutius Bagarotus, Jacobus a Leone et 
Ludovicus Conte" Rerum veuetarum ab urbe condita ad annum MDLXXV 
Historia Petri Justiniani, Veuetiis, 1575, lib. XI, 299, rr. 36— 9. Diese Exekution, 
die von Marin Sanudo (Diarii, Tagebücher, IX, 357—9) genau beschrieben wird, fand 
am 1. Dezember 1509 statt und nicht am 28., wie in der handschriftlichen Chronik des 
Antonio Buzzacarini gesagt wird (Paduaner Stadtbiblioth , B.P 55, II, 217): allein 



Die Frauenwettrennen in Padua. 61 

Leone und Conte öffeutlicli gerichtet wurden; das Wettrennen bestand 
bis zum Jahre 1560." 

Wenn somit auch feststeht, dass die Frauenwettläufe zugleicli mit den 
anderen Wettrennen dazu dienten, die Wiedereroberung- der Stadt im 
Jahre 1517, und nicht 1509 zu feiern, sind wir darum gewiss, dass die- 
selben nicht schon vorher veranstaltet wurden? Bei allen Nachforschungen, 
die ich anstellte, gelang es mir nicht, einen anderen Beleg dafür zu finden 
als ein Sonett, das indessen zur Genüge beweisen wird, dass es an ähn- 
lichen Belustigungen auch im vorhergehenden Jahrhundert nicht mangelte. 
Übrigens fehlt, wie auch die Behörden bestätigen können, die im Jahre 
1608 den Gebrauch erneuern wollten, „in den Ausgabebüchern der Stadt 
jeder Posten für eine solche Anschaffung" von Wettpreisen. Das Sonett 
fällt vor das Jahr 1470, wie aus einer dem Kodex, «1er es enthält, bei- 
gefügten Notiz hervorgeht, und ist im Bauerndialekt geschrieben. Als Ver- 
fasser wird „paduanus quidam" angegeben. 

La Tonia e mi e la puta de! Barcega 
si corevenu a Pava al pignolo, 
e un fante citain, ch'era ivelö, 
me de una bruta picega in la nega. 

E' me ghe sdrussi incontra si graraega, 
che-1 fi stare tuto smaraveio, 
e gi dissi: „Chi cri-A'u che sia ampö?" 
El disse: „Duosa! mo si ben salvega!" 

e po me disse: Non se scorozon. 
E' n<in fu mo (. . . . Mo tu si in gran rego !) 
El fu quel altro che v'e piii a galon." 

„Mo meravia!" diss"io, „e"non ghe vego: 
e che si che ve daro ua muson, 
che forse trazeron el comparego.'' 

E' dissighe: „Teton!" 
Ben che'l sia citaino zarlaore, 
che ghe vegna el biä e l'anzicuore'')- 

Die Frau, welche der Autor in obigem Sonette sprechen lässt, erzählt 
ein Geschichtchen, das ihr eines Tages in Padua passierte, während sie 
mit zwei Gefährtinnen „correva al pignolo"; dieser Ausdruck ist gleich- 
bedeutend mit „correre al palio" (um einen Preis Wettlaufen) oder mit 

OS scheint, dass auch hier das Datum abgeändert wurde, und dass ursprünglich ge- 
schrieben stand ..ai p. i di dicembre". Cfr. A. Gloria, Padua nach der Ligue von Cam- 
bray etc. 31. 

17) Codex der Gemeinde Udine, betitelt „Poesie de' secoli XIII, XIV e XV" 
ohne anderes Kennzeichen, 146b. Das oben mitgeteilte Sonett nebst anderen desselben 
Verfassers kann man in meinem demnächst erscheinenden Buche „Testi di letteratura 
pavana", Bologna, Roinagnoli, 4, lesen. 



ß2 Lovariiii: 

,,al veludo", wie mau im vorigen JalirlmiKlert in derselben Stadt sagte ^^). 
Pignolö, mit scliriftitalienischer Endung pignolato ^Yar der Preis, den 
mau gewöhnlich für die Siegerinnen bestimmte, und bestand in einem 
groben Gewebe aus Hanf oder Flachs, selten aus Baumwolle, „operato a 
pignoli" (mit Pinienmustern durchwirkt?), daher der Name; es war fast 
immer weiss, bisweilen jedoch von anderer Farbe, auch wohl gestreift ^^). 

Die Erzählung in der rohen Bauernsprache ist voll Natürlichkeit und 
Realismus. Einer der Zuschauer kneift verstohlen eine wettlaufende Dirne; 
diese wendet sich um wie eine getretene Yiper, entgegnet ihm, der sie zu 
beschwichtigen und sich zu entschuldigen sucht, mit groben und drohenden 
Worten, behandelt ihn wie einen elenden Buben und schleudert ihm 
schliesslich eine schreckliche Yerwünschung entgegen. Aber alle diese 
Wutausdrücke lassen den Streit zu lange dauern, als dass man es für 
wahrscheinlich halten könnte, er habe während des Wettlaufes statt- 
gefunden, bei dem doch die Dirne im Wettstreit mit den beiden anderen 
vor allem daran denken musste, keine Zeit zu verlieren. Es ist nicht 
anzunehmen, dass ein derartiges Weib um einer so geringfügigen Sache 
willen ihr Stück Zeug (den Preis) verlieren wollte. Vielleicht wollte der Ver- 
fasser des Sonetts das Ereignis nicht auf die Zeit des Wettrennens selbst 
beschränkt, sondern es auf den Zeitpunkt vor oder nach demselben bezogen 
wissen. Worin indessen auch der Fehler des Dichters bestehen mag, uns 
genügt zu wissen, dass vor dem Jahre 1470 in Padua ein Frauenwettrennen 
abgehalten wurde, bei dem der Preis in einem Stück Zeug bestand. Aber 
warum erwähnen die drei Statuten, die republikanischen, die carraresischen 
und die verbesserten, die alle ein langes Kapitel über die jährlichen Feste 
und Wettrennen und über Beschaffenheit und Wert eines jeden Preises 
enthalten, nicht auch diese Wettrennen? Doch dieser Fall steht nicht ver- 
einzelt da; auch in den Verordnungen des Rats wurden sie später ver- 
schwiegen, und in den Akten der Sechzehn werden wir den vierten, für 
die Frauen bestimmten Preis niemals erwähnt finden, obwohl auch er vor- 
handen war. Vielleicht hielten sie es unter ihrer Würde, auf diesen ge- 
wöhnlichen Spass des Volkes, der überdies sehr wenig kostete, Gewicht 
zu legen. 

Sehr wenig kostete er im Juni 1546. Facciolati schreibt: „Mense 
junio anni sequentis ludos civitati dedit cursu equorum, et quidem geminato 
veredorum et astureorum, tum asellorum et meretricum, ex ea pecunia, quae 
caponum festivitatis assignata dicebatur . . . aparet in ludos tam magnificos 



18) A. Medin, Feste e spettacoli in Padova dal 1767 al 1780, Padova, Pro- 
sperini, 1890, passim. 

19) G. Eezasco, Segno delle meretrici (Kennzeichen der Dirnen) in Gior- 
nale ligustico di archeol., storia e letter., Mai-Juni 1890, 171—2, n. 1; der Artikel 
■wurde auch im Dizionario del ling. ital. stör, e amministr. desselben Verfassers 
veröffentlicht. <;tr. Du Gange und das Wörtorbnch von Tommaseo u. Bellini. 



Die Frauenwettrennen in Padua. 63 

pro more illorum ternporum impeiisos fuisse florenos tringinta quinque, 
quae summa nmic vix primo proemio satis esset ^*')." 

Dieses Zeugnis würde genau in die Zeit zwischen 1517 und 1560 
fallen, die vom Verfasser der Descrittione für die Wettläufe zur Erinne- 
rung an den venezianischen Sieg vom 17. Juli angegeben wurde. Aber 
der Zeitpunkt, an dem sie stattfanden, ist nicht derjenige, den wir erwartet 
hätten: der Tag der hl. Marina; vielmehr der Monat Juni, und zwar die 
Zeit der Feste zu Ehren des grossen Wunderthäters, des Beschützers der 
Stadt, des hl. Antonius, w-elche zusammenfiel mit dem Monat der berühmten 
Feste zur Befreiung Paduas von Ezzelino (20. Juni 1256), die auf den 
11. Juni jedes Jahres „in via publica, in medio Prati Vallis^^)" festgesetzt 
waren. 

Was auch immer der Grund zur Abänderung war, ob sie ausserdem 
von politischen Wechselfällen, von der passenden Lage der Jahreszeit und 
der Messen der Heiligen, oder von der in den Bürgern lebendigen Tra- 
dition abhing, will ich nicht untersuchen. Mir genügt es, daraus die That- 
sache zu entnehmen, dass im Jahre 1608, als Tommaso Contarini Podesta 
und Pietro Duodo Capitano war, diese Zeit definitiv für die Wettrennen 
festgesetzt wurde. Bas Dokument befindet sich in den Akten des 
Kollegiums der Sechzehn und trägt das Datum des 17. März jenes Jahres. 
Es wird darin gesagt, man wolle die Wettrennen erneuern mit Bezugnahme 
auf den Titel „de nundinis et paliis" des verbesserten Gesetzbuches (1420), 
in welchem „ad perpetuam memoriam victorie, qua serenissimum ducale 
dominium venetiorum habuit civitatem Padue, quod. fuit anno nativitatis 
domini nostri yhesu xFi 1405, die 17 novembris" grosse Feste für die jähr- 
liche Wiederkehr jenes Tages, und für den folgenden Tag die Wettrennen 
festgesetzt worden waren. Darauf wird fortgefahren: 

„obwohl man immer noch Messen singt und Prozessionen veranstaltet, 
scheine die Feier der Wettrennen seit vielen Jahren unterlassen worden zu 
sein, was sie (die Sechzehn) nunmehr zur Beratung vorlegen, um zu erfahren, 
ob es für gut erachtet würde, bei Gelegenheit der Gnadenbezeigung, die 
uns unser durchlauchtigster Principe in Verbindung mit dem wohllöblichen 
Senate betreffs der öffentlichen Messe zur Erinnerung an den oben er- 
wähnten Sieg erwiesen, jene Feier von neuem einzusetzen, indem man sie 
auf den der Messe des glorreichen St. Antonio, unseres Beschützers, un- 
mittelbar folgenden Tag verlege, was dieser Messe zu grösserer Zierde und 
höherem Schmucke gereichen werde. Wie die Herren Deputierten (nach 



20) Fasti gymnasii patavini, III, 11. 

21) L. Muratori, Antiq. M. E. IT. 851 — 2. Cfr. A. Gloria, II territ. padov. etc. 
I, 227 — 8 u. IV Append. XIII— V, 98—100; Statutum Paduae, B. P. 1235, pp. 115b bis 
116a veröffentlicht in Statuti del commune di Padova dal secolo XII all' anno 
1285, Padova, Sacchetto, 1873, 181—2; Statutum Paduae, Codex TT derselben Biblio- 
tbek, B. P., 1236, lU2b — 3a; und Codex III, 327b— 8a. 



ß4 Lovariiri : 

dem, was sie aus den zu verschiedenen Zeiten mit den erlaucliten Herren 
Kettori gepflogenen Unterredungen erfuhren) versichern, werden dieselben 
mit Freuden in eine Erneuerung und A'erlegung des Tages einwilligen. 
Nachdem in betreff jenes Vorschlages das Statut vorgelesen worden war, 
vereinigen sich alle jene Herren einmütig in der Meinung, dass es eine 
lobenswerte und für die ganze Stadt höchst erfreuliche Sache sei, die Feier 
aus den oben erwähnten Gründen in der oben erwähnten Weise zu erneuern, 
indem sie der Ansicht sind, dass der besagte löbliche Brauch aus keinem 
anderen Grunde aufgegeben worden sei, als wegen der schlechten Jahres- 
zeit oder wegen irgend eines in jener Zeit erfolgten Ereignisses. Weil 
aber in den Statuten selbst nicht ausdrücklich angegeben werde, von 
welchem Gelde die Prämien für die Sieger gekauft werden sollen, und 
weil unsere Quadernieri (Buchhalter) berichtet hätten, dass sich in den 
Ausgabebüchern der Stadt kein Ausgabeposten für eine derartige Ver- 
anstaltung linde, und man deswegen ohne die Teilnahme des wolillöbl. 
Rates auch nicht beschliessen könne, Geld von der dadia auszugeben, 
ausser etwa eine bestimmte ganz kleine Summe, so wurde beschlossen, 
„del tratto delli statu et altri utili", die unserer wohllöbl. Stadt bei Ge- 
legenheit der öffentlichen Messe zukommen werden, bis zur Summe von 
400 lire auszugeben für drei Preise von solcher Beschaffenheit, wie sie 
von unseren erlauchten Herren Deputierten und Leitern der Messe für 
gut erachtet werde, zugleich aber auch das Gutachten der erlauchten Herren 
Rettori einzuholen, dass man von anderem Gelde ausgeben dürfe ^^)." 

Hier werden nur drei Preise erwähnt, weswegen man glauben könnte, 
es hätte nur die drei gewöhnlichen Wettrennen mit Vierfüsslern gegeben, 
von denen allein Gloria spricht"^); indessen war, wie uns ein Zeitgenosse 
Nicolö de Rossi^*) erzählt, der die Chronik der Stadt vom 6. April 1562 
bis zum Jahre 1621 schrieb, auch ein vierter, für Frauen bestimmter Preis 
vorhanden. 

„Man veranstaltete", erzählt er, „ein Wettrennen mit Berberhengsten 
— eine seit vielen Jahren unterlassene Feier — , das sehr gern gesehen 
wurde von dem zahlreichen Volke, welches sich an Ort und Stelle begab, 
um die Berberhengste und Rennpferde zu sehen, die von der Strada di 
Ponte Corbo, eine Meile ausserhalb des Thores, rechts über die Brücke 
von St. Lorenzo bis genau zur Piazza del Vino am Ende der Spitiaria del 
Lion d'oro liefen; an dem Endpunkte war eine ziemlich hohe Tribüne 
errichtet, auf der die Herren Preisrichter standen, um den zuerst an der 
Endschranke Angekommenen die Preise zu überreichen. Von den Preisen 
bestand der erste in 10 Ellen karmoisinroten Seidenrasch (raso cremesino 



22) Atti del collegio dei sedici, im arcli. civico zu Padua, I (1594 — 1622), 
47 a— b. 

23) II territorio padovano I, 229. 

24) Vedova, Biografia degli scrittori padovani, Padova, 1836, II, 175—6. 



Die Frauenwcttreimen in Paduä. ,^5 

di seda), der zweite in 10 Ellen scharlachroten Tuches (panno scarlatto 
rosso), der dritte in 10 Ellen gelben Grogans (grogan zalo) und der 
vierte in 12 Ellen weissen Boinbassins (bonihasina bianca), letzterer für 
die Frauen, die vom Ponte Corbo bis zu dem oben angegebenen Orte 
liefen'^)." 

Nunmehr verstummen die Nachrichten neun Jahre lang; erst unter 
der Herrschaft des Giovanni Dandolo und des Nicolo Yendramiu treffen 
wir unter dem Datum „Sonnabend, den 27. Mai 1617" auf folgenden Be- 
schluss der Sechzehn: 

„Bei dem Antrage, ob es gut schiene, an der öffentlichen Messe des 
hl. Antonius, wie gewohnt, ein Wettrennen zu veranstalten, wurde be- 
schlossen, dass, insofern es den erlauchten Herren Rettori gefiele, und 
man auch die derzeitigen wohllöbl. Herren Deputierten dazu bewegen 
könnte, man diese Ausgabe mit jener Masshaltung zu machen habe, die 
den derzeitigen Herren Deputierten gut scheinen werde ^*')." 

Bis zum Jahre 1638 konnte ich wiederum nichts mehr erfahren; in 
diesem Jahre hinterliessen dieselben Sechzehn folgendes Schreiben: 
„22. März 1638. 

Nachdem der Vorschlag des erlauchten Herrn Capitanio, Wettläufe zu 
veranstalten und die Statuten wieder aufleben zu lassen, erörtert worden 
war, wurde nach reiflicher Erwägung beschlossen, dass die Statuten wieder 
in Kraft treten sollen, um offenkundig zu beweisen, dass die Stadt Seiner 
Durchlaucht stets ergeben sei^^)." 

Und in der That wurde wenige Tage später folgende Bekanntmachung 
öffentlich angeschlagen : 

„Behufs Neubelebung der Statuten unserer wohllöbl. Stadt, die im 
Jahre 1420 zur jährlichen Erinnerung an die Freude über die so glück- 
liche Herrschaft und über den Einzug des durchlauchtigsten Principe in 
unsere Stadt geschaffen und in allen ihren Teilen beobachtet wurden, aus- 
genommen in denjenigen über die Wettrennen mit Pferden und anderen, 
die seit einigen Jahren unterlassen wurden, lassen die erlauchten und vor- 
trefflichen Herren Zuane Pisano, Podesta, und Girolamo Mocenigo, Capi- 
tano, die würdigen Rettori Paduas und seines Gebietes, auf das Ersuchen 
der wohllöbl. Herren Deputierten, ad utilia öffentlich bekannt machen und 
ausrufen, dass am Tage der Heiligen Vito und Modesto, welcher Tag der 
löte des kommenden Monats Juni sein wird, Wettrennen veranstaltet 
werden, wobei von der oben erwähnten wohllöbl. Stadt als Preis aus- 
gesetzt wird für den ersten Renner der Berberhengste 25 Ellen grünseidenes 



25) L' Historie di Paclova tli Niccolö de' Rossi de q. ms. Anzolo, ms. cart. 
der nämlichen Gemeinde, B. P. 147, p. 236. 

26) I, 109 a. 

27) III (1634-46), 109 a. 

Zeitschrift d. Vereins f. Volkskuiide. 1892. Ei 



66 Lovarini. 

Tabin (tabin secia verde), für den ersten Renner der Klepper 25 Ellen 
gelbes Ermisin (ormesin zallo), für den ersten Renner der Esel 25 Ellen 
Bombassin (bombasina), für die Frauen ein Stück karmoisinrotes Grogan 
(grogan cremisin); jedermann wird zu dieser Feier, deren einzige Ur- 
sache die grosse Ergebenheit der Stadt gegen Seine Durchlaucht ist, ein- 
geladen. 

12. April 1638. 

Yeröffentlicht am „Loco delle condanne, canton delle busie e casalini" 
nach vorausgeschicktem Trompetenstoss, in Gegenwart vieler Leute. 

Padua, Crivellari, stamp. Camerale^^)." 

Diese Feste wurden immer seltener gefeiert; man muss die Akten der 
Sechzehn von weiteren 29 Jahren durchgehen, bis man wieder eine Notiz 
antrifft : 

„Am 6. Juni 1667. 

Nach einer Erörterung über die Neubelebung der Statuten durch Ver- 
anstaltung von Wettrennen wurde nach reiflicher Erwägung, unter all- 
gemeiner Zustimmung, beschlossen, die oben erwähnten Statuten wieder 
in Kraft treten zu lassen und die Wettrennen am Sonntag, dem 19. Juni, zu 
veranstalten, zuvor aber die Herren Rettori davon zu benachrichtigen, um 
die öffentliche Bekanntmachung durch die gewöhnlichen Ausrufer zu 
erlangen ^^)." 

Aus dem hier Gesagten kann man jedoch nicht entnehmen, was für 
Wettrennen in jenem Jahre veranstaltet wurden und ob auch Frauen daran 
teilnahmen; aber ein Dokument, das Sberti mitteilt, worin die Wettrennen 
vom folgenden Jahre beschrieben werden, die „nach dem Gebrauche des 
(damals) abgelaufenen Jahres" stattfanden, giebt uns den gewünschten 
Aufschluss. 

„Aus einer Bekanntmachung," schreibt er, „oder einem gedruckten 
Aufruf der erlauchten Herren Marco Ruzini, Podesta, und Yettor Contarini, 
Capitanio, Rettori der Stadt Padua, mit dem Datum des 19. April 1688, 
geht hervor, dass zur Fortsetzung der jährlichen Feier des Tages des Über- 
gangs an die glückliche Herrschaft der Republik Venedig, nach dem 
Brauche des verflossenen Jahres, hier am 15. Juni des besagten Jahres 
1668 Wettrennen mit Berberhengsten, Kleppern, Eseln und Frauen ver- 
anstaltet wurden; als Preise waren ausgesetzt für den ersten Renner der 
Berberhengste 25 Ellen Tabin mit Blumenmustern (tabin in opera), für 
den ersten Renner der Klepper 25 Ellen gelbes Ermesin (ormesin giallo), 
für den ersten Renner der Esel 25 Ellen Schleiertuch (rensa) und für 



28) Proclami, mss. desselben Archivs. Citiert von Gloria, II territorio pado- 
vano I, 229. 

29) V (1663—73), 90b. cfr. wegen der Echtheit die schlechte Abschrift in dem- 
selben Archiv unter Acta coli. mag. Dom. sexdec, Sitzungen 1662—71, LV. 



Schwartz: Die Wünschelrute als Quellen- und Schatzsucher. ß7 

die Siegerin der Frauen ein Stück karmoisinrotes Grogan (grogan 
cremesino^")." 

Dies ist das letzte uns erhaltene Zeugnis der merkwürdigen Sitte, die 
hier so lange bestand, um den barbarischen Geschmack des Volkes und 
die Laune der leitenden Klassen zu befriedigen. Ein Breve des Papstes 
Clemens IX. vom 28. Januar jenes selben Jahres schaffte in Rom das 
traurige Judenwettrennen endgiltig ab^^); vielleicht war das Breve auch 
insofern von Einfluss, als es die Abschaffung des Frauenwettrennens ent- 
schied, das seit undenklicher Zeit, vielleicht seit dem Altertume hier ein- 
geführt war^^). 

Rom, Juni 1891. 

Anm. Ich behalte mir vor, über die Wettläufe der freien Fräulein in den Städten 
Deutschlands, sowie über die volkstümlichen Wettrennen, die noch heute in deutschen 
Landschaften fortdauern, in unserer Zeitschrift einmal zu handeln. K. Weinhold. 



Die Wünschelrute als öiiellen- und Schatzsucher. 

Von Wilhelm Schwartz.') 



Die Wünschelrute tritt nur gelegentlich in der Litteratur in die 
Öffentlichkeit. 

Zuerst wird durch eine althochdeutsche Glosse (Graff, Sprachsch. IV, 
257) der caduceus des Merkur mit dem Worte wunsciligarta übersetzt und 
sie damit als eine Segen und Reichtum spendende Zauberrute wie 
jener gekennzeichnet. In mittelhochdeutschen Gedichten wird sie dann 
öfter erwähnt, und ein paar Stellen eröffiaen uns die hauptsächlichsten 
Eigentümlichkeiten ihres Wesens. 

Im Nibelungenliede (Str. 1064) tritt sie nämlich als goldenes Rüt- 
lein auf, was auch wieder schon äusserlich zum goldenen Stabe des 
Hermes passt; weiter wird sie dann aber vor allem als ein machtvolles 
Hauptstück des sagenhaften Nibelungenhortes gefeiert, wohl in demselben 
Sinne, wie der Ring Andvarinaut bei dem entsprechenden nordischen 
Schatze des Andvari eine, die schwindenden Schätze immer wieder 
erzeugende und wachsen lassende Kraft hat. 

Der wünsch lac darunder, von golde ein rüetelni. 
Der daz het erkunnet, der möhte meister sm 
Wol in al der werlde über islichen man. 



30) Op. cit. 155. 

31) A. Ademollo, II carnevale di Roma etc. 11. 

32) cfr. Dionis Cassii C. Historiae ronianae, lib. LXVII: „nl tiuq&^voi tw 
ÜQOf^ixM Tjycoviaavjo". 

1) Vortrag, gehalten in der Vereinssitzuug am 29. Mai 1891. 

5* 



68 Schwartz : 

Wer dieses Schatzes genoss, der konnte mit seinem Golde der Helden 
genug gewinnen und mächtig als König walten oder war aller Wünsche 
Herr. 

In Konrads „goldener Schmiede'' 664 heisst es dann: 

Du bist die wünschelgerte, da mite üz einem steine 
wart ein wazzer reine geslagen in der wüeste 

und in Konrads trojanischem Kriege 20 006 von der Helena: 

Sehoen als ein wünschelgerte kam si geslichen üfreht, 
indem der Dichter Helena in ihrer „geraden" stattlichen Gestalt mit einer 
aufrecht, gleichsam feierlich einherschreitenden Wünschelgerte vergleicht, 
ähnlich wie Homer, um die entsprechende Erscheinung der Nausikaa zu 
feiern, dieselbe vom Odysseus mit einem frisch aufsteigenden Sprössling 
der Palme verglichen werden lässt. 

Damit haben wir gleich einige bedeutsame Züge für die Natur der 
Wünschelrute gewonnen, welche dann im Kulturleben des Mittelalters 
systematischer und reicher entwickelt worden sind, aber in jener Be- 
schränkung immer noch den Mittelpunkt des sich um sie drehenden, ein- 
fachen Yolksglaubens bilden. 

Sie ist eine Gerte, Rute, gelegentlich von Golde; sie steht in wunder- 
barer Beziehung zu einem mythischen Schatze, wie andererseits unter ihrem 
Schlage „Wasser" aus dem Felsen quillt. Mit dem Moment der „aufrecht" 
einherschreitenden Rute wird endlich schon auf den Gebrauch derselben 
als eine Art Fetisch in den Händen der Menschen hingewiesen, indem der 
Wasser- oder Schätzesuchende mit ihr, sie vor sich haltend, in solcher 
Stellung einherschreitet. 

Im XY. Jahrhundert bemächtigten sich nun die Gelehrten ihrer; sie 
wird in den Kreis der Alchemie hineingezogen, welche bekanntlich mit 
derartigen sagenhaften Dingen zuerst gerierte und ihre Forschungen be- 
gann. Man wandte sie besonders in ihrer angeblichen Fähigkeit, ver- 
borgene Schätze zu enthüllen, auf den Bergbau an, wollte namentlich mit 
ihr Erzadern und dergleichen eröffnen und die Sache selbst dann auch 
wissenschaftlich begründen. Es entstand eine vollständige Rhabdomantie. 
Der Mönch Basilius Valentinus zu Strassburg, der zugleich die Scheide- 
kunst betrieb, gab unter anderm sieben Arten an, wie man die Hasel- 
staude halten müsse, damit sie die verschiedenen Einflüsse der in den 
sieben Planeten wirkenden Metalle empfinde. An Nachfolgern fehlte es 
ihm bis in die neuesten Zeiten nicht, wenngleich unter minder phantasti- 
schen Formen, indem man z. B. die angeblichen Wirkungen der Wünschel- 
rute schliesslich sogar mit Magnetismus und Elektrizität in Verbindung 
brachte, von einer unterirdischen oder animalen Elektrizität bei ihr redete 
und dergl. mehr. 

Daneben war, was die praktische Verwendung der Rute anbetrifft, 
nach dem dreissigjährigen Kriege, wo in der Not der Zeiten viel Geld 



Die Wünschelrute als Quellen- und Schatzsuclier. 69 

vergraben und einzelnes allmählich zufällig aufgefunden wurde, wieder 
viel Schätzesuchen mit ihr aufgekommen, was z. B. in der Mark Branden- 
burg mit allerhand Hocus pocus noch bis in die Mitte des vorigen Jahr- 
hunderts ganz öffentlich betrieben wurde. 

Die Sache hatte zumal neben dem geheimnisvollen Charakter, welcher 
die Phantasie immer wieder fesselte, auch allerhand christliche Formen 
angenommen, welche die Wünsclielrute in immer weiteren Kreisen im 
Volke auch immer wieder fest einbürgerte. 

Wuttke stellt das Hauptsächlichste kurz zusammen, wenn er sagt: 
„Die Wünschelrute ist ein einjähriger, gabiiger Zweig von einem Hasel- 
strauch von 2 — 4 Fuss Länge. Sie wird in der Johannisnacht oder in der 
Mittagstunde (in Schwaben und Tirol auch in der Nacht zum Charfreitag) 
unter Beschwörungsformeln, mit einem neuen, noch nicht gebrauchten 
Messer, geschnitten, indem man rückwärts auf den Strauch zugeht, die 
Kute zwischen den Beinen durchzieht und sie vorn abschneidet; man darf 
sie dabei nicht mit blosser Hand berühren, sondern mit einem weissen 
Tuche, welches man um die linke Hand wickelt. Besonders zauberkräftig 
wird sie dadurch gemacht, dass man sie in das Kleid eines Täuflings ver- 
steckt und so mit taufen lässt oder dass man sie selbst auf den Namen 
der heiligen drei Könige tauft oder auf Kaspar, wenn sie Gold, auf 
Balthasar, wenn sie Silber, auf Melchior, wenn sie Wasser finden soll. Sie 
wird aucli wohl einer menschlichen Gestalt ähnlich geschnitten, wobei die 
Gabel die Beine darstellt." 

Aber nicht bloss auf die angegebenen Momente beschränkte man ihre 
Verwendung. Ihre angebliche Befähigung, „Verborgenes" zu erschliessen, 
liess sie in immer weiteren Kreisen zur Anwendung kommen. „Man ge- 
brauchte die Wünschelrute," sagt Perger in seinen deutschen Pflanzen- 
sagen, „nicht nur zum Auffinden von Quellen und Erzadern, sondern auch 
zur Entdeckung von verlorenen Schätzen und sogar um Dieben und 
Mördern nachzuspüren. Ja man ging immer weiter und erkundete mit der 
Wünschelrute versteckte Marksteine und verirrtes Vieh, man suchte mit 
ihr den verlorenen Weg, kundschaftete den Feind aus, urteilte durch sie 
über die Wahrheit und Unwahrheit einer Erzählung; sie gab kund, ob 
jemand Entferntes gesund oder krank, tot oder lebend sei, ob eine Frau 
einen Sohn oder eine Tochter gebären werde, ja man wollte sogar im 
Meer jene Stellen durch sie auffinden, an welchen Waaren untergesunken." 
So Perger. Ein alter Fischer erzählte mir sogar auf Rügen, man habe 
sie früher angewandt, um zu ermitteln, wo die Heringe lai eilten. Jeder 
gebrauchte sie eben in seiner Weise. 

Namentlich aber hat das Quellensuchen mit ihr sich noch bis in die 
Mitte dieses Jahrhunderts erhalten und findet noch immer seine gelehrten 
wie geschäftsmässig es betreibenden Anhänger. Zwei Momente fallen dafür 
besonders ins Gewiclit. Einmal ist die Kunst, Wasser zu finden, eine alte 



70 Schwartz: 

Kunst, die frühzeitig durch die Not nach Möglichkeit gezeitigt ward. Das 
Erwägen des Terrains und was auf demselben wächst, spielt dabei eine 
grosse Rolle. „Wo wilder Huf lattig wächst," sagt z. B. schon Plinius, 
„meint man, dass darunter Wasser sich finde, und die aquileges, die Brunnen- 
sucher, halten dies als ein Wahrzeichen." An sich hat die Sache inner- 
halb jener Grenzen also einen gewissen Sinn. Das volkstümliche Medium 
der Wünschelrute verleiht ihr aber eine Art geheimnisvoller Weihe, und 
der Adept bringt in einer gewissen Selbsttäuschung seine eigenen Gedanken 
unbewusst mit ihr zum Ausdruck, so dass er sich gleichsam eins mit ihr 
fühlt und dies seine Sicherheit hebt, ihn aber auch an die Ente fesselt. 
Die Misserfolge zählt man nicht und die Fälle, wo es zutrifft, erhebt man 
bis in den Himmel und sieht in ihnen eine neue Bestätigung von der 
Macht der Zauberrute. 

Die Wünschelrute ist nämlich ein empfindliches Ding und geht dem 
Gefühl des sie tragenden, der in dem Augenblick in einer mehr oder 
minderen Sensitivität und Spannung sich befindet, gleichsam nach. „Die 
Arme fest mit dem Ellenbogen an die Seiten geschlossen, die Rute in 
den Händen wie ein Reiter die Zügel, d. h. so, dass das Ende jedes 
Zweiges der Gabel von den drei ersten Fingern und dem Daumen gepackt 
ist und der Zweig zwischen dem dritten und vierten Finger nach (vorn 
und) oben zum gemeinsamen Yereinigungspunkte der beiden Zweige ver- 
läuft, also in einer für die Arme und Handmuskeln sehr gezwungenen 
Haltung, schreitet der Brunnensucher einher." So beschreibt ein Arzt im 
„Daheim'^ den Vorgang^). „Der leiseste Ruck," sagt ebendaselbst K. W^olf 
in Warburg, der es selbst so erprobt hat, „teilt ihr eine Bewegung mit, 
welche sich dann vermöge der gleichmässigen Struktur der Holzfasern 
unaufhaltsam fortsetzt; sie neigt sich und schlägt, wie es heisst, nach 
unten. Der Druck der Handmuskeln und die eigentümlichen Spannungs- 
verhältnisse der Holzfasern sind also das ganze Geheimnis der Wünscliel- 
rute. Ein jeder kann den Versuch, wenn er Lust hat, hinter dem Ofen 
machen^)." 

Ist die geschilderte Form die gewöhnliche, so besteht die Wünschel- 
rute bei anderen nur aus einem einfachen, etwa drei Finger langen, geraden 
Haselstab, der auf dem ausgestreckten Zeigefinger oder auf dem Daumen, 
im Gleichgewicht liegend, getragen wird. Da ist die Beweglichkeit der- 
selben natürlich noch grösser. In allen Fällen ist aber ihre angeb- 
liche Kraft nicht das Frühere, sondern nur die Folge der Sensi- 
tivität des sie Handhabenden. 

Dies ist die Geschichte und der Gebrauch der Wünschelrute, wie er 
auf einem aus dem Heidentum stammenden Volksglauben er- 
wachsen. Woher ist aber dieser entstanden, das ist die weitere Frage, 
welche die Wissenschaft stellt. Und da finden wir, dass das Wecken einer 
Quelle durch den Schlag einer Rute, in der Zeit grosser Dürre, ein 



Die Wünschelrute als Quellen- und Schatzsucher. 71 

altmythischer Zug ist, der nicht nur bei den Indogermanen, sondern auch 
bei den Semiten uns entgegentritt. 

Wie die deutsche Wünschelrute, wie wir gesehen, aus dem Stein durch 
ihren Schlag Wasser sprudeln lässt, so vollbringt auch Moses in Zeit der 
Not dieses Wunder wiederholt durch den Schlag seines Stabes^). Dieser 
Stab bewährt aber auch sonst eine eigentümliche Kraft, was ausdrücklich 
damit motiviert wird, dass der Herr zu Moses sagt: „Diesen Stab nimm 
in deine Hand, damit du „Zeichen" thun sollst*)". Mit ihm verrichtet 
Moses nicht bloss weiter nun den ägyptischen Zauberern gegenüber seine 
Wunderthaten, sondern er wird auch ein siegverleihender Talisman oder 
Fetisch in seiner Hand. In dem Streit gegen die Amalekiter bannt Moses 
von eines Hügels Spitze, den Stab Gottes, wie er hier genannt wird, 
während des Kampfes in der ausgestreckten Hand haltend den Sieg 
an Israels Fahnen^), gerade wie hernach Josua seine Lanze gegen die 
Stadt Ai ausstreckt und „nicht wieder abzog seine Hand, damit er 
die Lanze ausreckte, bis dass verbannt wurden alle Einwohner der Stadt**)". 
Diese Bilder und die Rolle, welche der Stab Gottes oder des Josua Lanze 
in ihnen spielt, erscheinen um so bedeutsamer, als analoge, wenn auch in 
der Form etwas modifizierte Sceuen und Vorstellungen mythischer Art bei 
den Indogermanen sich dazu stellen. Denn ist es nichts anderes, als wenn 
Odhins Rohrstengel, über ein feindliches Heer geschossen, dies dem 
Verderben weihen sollte und es auch sonst nordgermanische Sitte war, 
den Speer über das feindliche Heer sich zum Heil beim Beginn des 
Kampfes zu schiessen, ähnlich wie die römischen Fetialen durch Schleudern 
einer blutigen Lanze in die Feinde oder in ihr Land den Krieg eröffneten 
oder bei den Griechen die sogenannten nv()q)pQoi mit brennender 
Fackel dem Heere voranschritten, um sie dem Feinde zusclüeudernd die 
Schlacht einzuweihen, alles Gebräuche, deren mythische Bedeutung Kuhn 
und ich schon seinerzeit eingehend behandelt haben''). 

Erhält durch alles dies Moses' Stab schon, wie er uns in der Bibel 
entgegentritt, eine besondere Folie, so knüpft der Talmud und die jüdische 
Tradition eine Fülle von Sagen noch an ihn, die seinen ursprünglich 
mythischen Charakter noch mehr kennzeichnen, den imr eben die Bibel 
teils abgestreift, teils ihrem gehobenen Vorstellungskreise angepasst liat. 
Nach dem Talmud sollte der Stab gar himmlischen Ursprungs sein, aus 
dem Paradiese stammen vom Baum des ewigen Lebens oder von dem der 
Erkenntnis des Guten und Bösen seinerzeit dem Adam verliehen sein, von 
dem er sich dann auf die Stammväter des Volkes Israel weiter vererbt 
habe, bis er nach Josephs Tode in Pharaos Hand gekommen, der ihn 
dann dem Reuel (Jethro) geschenkt habe, welcher ihn in seinem Lust- 
garten gepflanzt, von wo ihn Moses mit der Zippora gewonnen. Er sei, 
heisst es, vom Saphir gewesen; im Garten Jethros habe er sich nach 
einer Erzählung in einen Mandidbaum verwandelt; der „erkhirte oder 



72 Schwartz : 

abgesonderte Name" Gottes, der Sehern hammphorasch, sei auf ihm ein- 
geschnitten gewesen und darin habe seine Zauberkraft gelegen und der- 
gleichen mehr*). 

Ich habe dies etwas ausführlicher behandelt, um daraus die Berechti- 
gung abzuleiten, wenn ich der quellenweckenden Kraft des Stabes 
Mose, als einem auf alter jüdischer Tradition beruhenden Zuge, einen 
mythischen Hintergrund vindiciere und die Stelle in Vergleichung stelle 
mit analogen Bildern in indogermanischem Volksglauben®). 

In der griechischen Mythologie finden wir nämlich sofort einen der- 
artigen Stab in den Händen göttlicher Wesen, dieselbe Kraft bekundend. 
So lässt Rhea nach Kallimachos „die Arme hoch gehoben", durch ihres 
Stabes Schlag einen Quell hervorsprudeln, so weckt der Thyrsosstab in 
der Bacchantinnen Schwärm beim Euripides den frischen Born, so schlägt 
Atalante, als sie auf der Jagd vom Durst gequält wird, den Fels, und 
hervorspringt der labende Quell. Auch in deutscher Sage vibriert noch 
dieser Zug hindurch, wenn ein Heiliger das Wunder angeblich vernichtet, 
„einen Ast in den Boden senkt, "^ wie J. Grimm ^ p. 551 sagt, und hervor 
das Wasser sprudelt. 

Ein irdisches Terrain und irdische Verhältnisse bieten nun für der- 
artige mythische Bilder keine Anlehnung, wohl aber der Himmel, wie 
wir sehen werden, von dem überhaupt die meisten mythischen Vorstellungen 
in ihren Anfängen stammen, welche dann nur zum Teil in der Tradition 
auf die Erde übertragen und so irdisch lokalisiert sind. Auf ihn führt 
uns sofort auch eine andere Reihe von Sagen, die in anderer Weise den 
Ursprung von Quellen mythisch behandeln und sie unter dem Hufschlag 
eines Rosses hervorsprudeln lassen. Geht dies, wie sich klar heraus- 
stellt, auf den Hufschlag des Donners als eines Rosses dort oben, 
so ist der Quell, den es hervorruft, ursprünglich der Regenquell, und 
nun ergiebt sich auch sofort in dem Stabe, der ihn auch seinerseits nach 
der erwähnten Version hervorzaubert, der Blitz als eine himmlische 
Rute, wie dieser auch sonst das Prototyp aller Zauberruten gewesen, im 
Polnischen auch z. B. noch geradezu Gottesrute oder Donnerrute genannt 
wird^"). 

Ich habe hierher schlagende Anschauungen von Donner schon ver- 
schiedentlich des ausführlicheren behandelt und will deshalb hier nur ein- 
zelne typische Momente hervorheben. Die griechische Sage entwickelt 
uns die Vorstellung am klarsten. Wie bei Homer die Flüsse, d. h. nament- 
lich die Gebirgsquellen , als öiinETelg, d. h. „vom Himmel gefallen", be- 
zeichnet werden; Zeus, als den Herakles durstet, „mit dem Wetterstrahl '^ 
eine Quelle hervorzaubert, so hat angeblich des „Donnerrosses" Pegasos 
Hufschlag die Quelle Hippokreue auf dem Helikon zu Troezene oder die 
Peirene zu Korinth durch seinen Hufschlag hervorgerufen, gerade wie 
Baldurs oder Karls des Grossen Ross, um das durstende Heer zu tränken. 



Die Wünschelrute als Quellen- und Schatzsucher. 73 

es gethaii haben soll, Au- und Nachklänge derselben Vorstellung auf ger- 
manischem Boden"). 

Bestätigt dies meine Auffassung von dem Ursprung der quellen- 
weckenden Rute, die der Aberglaube als eine Art Fetisch festgehalten hat, 
so findet sie auch weiteren Halt in der zweiten Beziehung der Wünschel- 
rute zu Schätzen. 

Schon einfach die oben zu Anfang erwähnte Beziehung, welche man 
in der wunscilgerta zu des Hermes Stab fand, weist auf das himmlische 
Terrain und analoge Verhältnisse hin, wie auch in dem Hermes- und dem 
ihm verwandten zauberhaften Thyrsosstabe schon längst von Kuhn und 
mir der Blitz nachgewiesen ist. Schon äusserlich ist auch des Hermes Stab 
bald eine einfache „zwieselartige" Gerte, wie die Wünschelrute — was 
speziell auf die „gabelförmigen" Blitze geht*'^) — bald zwar noch drei- 
sprossig oder dreiblättrig, aber doch auch von Golde, wie die, welche zum 
Nibelungenhort gehört, und wird als Geber alles Segens und Reichtums, 
also auch als ein ähnlicher Fetisch, wie diese gefeiert. 

Aber nicht bloss etwa in der leuchtenden, goldigen Gestalt des Blitzes, 
als eines goldigen Zauberstabes, liegt die Beziehung zu einem Schatze. 
Der Himmel weist selbst für sich noch verschiedene goldige Schätze 
auf. Es sind zunächst die Gestirne, Sonne, Mond und Sterne, welche 
nach einer Anschauung goldene Scheiben oder Bälle sind, mit denen die 
Himmlischen u. a. im Gewitter spielen, wie auch der heutige Volksglaube 
in einem solchen, indem er an den rollenden Donner anknüpft, noch 
unsern Herrgott oder Petrus Kegel schieben lässt, und Märchen wie Sage 
noch von solchen „zauberhaften" Kegelbahnen wissen, in denen die Geister 
mit „goldenen" Kugeln nach „goldenen" Kegeln werfen, ja im schwäbischen 
Märchen noch geradezu die Gewitterbrüder „Donner", „Blitz" und „Wetter" 
als die Besitzer einer solchen goldigen Kegelbahn auftreten ^^). 

Aber noch einen anderen Schatz eigener Art glaubte die Urzeit im 
Gewitter zu erblicken, der uns noch mehr hier angeht. Wenn nämlich 
ein Gewitter am Horizont heraufkommt, so schien auch ein leuchtender 
Schatz angeblich mit ihm heraufzusteigen, der Hebung harrend, zu 
der des ersten Donners Stimme gerufen, oder wenn jene missglückt, im 
niederschmetternden Donnergekrach wieder in die Tiefe zu versinken. 
Allerhand Untiere, der heulende Sturmhund und vor allem der Gewitter- 
drache mit den züngelnden Blitzeszungen bewachen ihn in den Sagen und 
weisen noch auf seinen mythischen Ursprung hin. 

Vor allem schildern aber eine Menge noch volkstümliclier Redens- 
arten, die sich an solche versunkenen und gelegentlich wieder hervor- 
kommenden Schätze knüpfen, noch lebendig das ursprüngliche himmlische 
Terrain und seinen ursprünglichen Charakter. Besonders gehört hierher 
der noch ganz allgemeine deutsche Völksglaube von den zeitweise in der 
Nacht, d. h. in der Gowitternacht, überhaupt brennenden Schätzen. Schon 



74 Schwartz : 

im Mhd. heisst es: „wenne kiimt hervür der hört, der mich so riche möchte 
machen?" Der betr. Schatz sonnt sich, er „blühet," wie wir auch von 
einem aufblühenden Gewitter noch reden. „Er verblüht," heisst es im 
Simplicius simplicissimus, d. h. „er muss wieder versinken". Blaue Lohe 
wird nach Grimm auf ihm erblickt, „er hat das Aussehen glühender Kohlen, 
eines Braukessels voll roten Goldes." Brennt Flamme über ihm, so sagt 
man „der Schatz wettert sich". Ich habe diese ganze Vorstellung schon 
seinerzeit im Ursprung der Mythologie des ausführlicheren so mit allen 
ihren Accidentien begründet, dass ich mich hier wohl damit begnügen 
kann, in grossen Zügen so das betreffende mythische Element gezeichnet 
zu haben ^*). 

Eine solche Art Gewitterschatz liegt nun also ursprünglich auch dem 
Nibelungenhort, dem Analogen des nordischen Zauberschatzes des Zwerges 
Andvari zu Grunde, so dass es nach beiden Seiten hin erklärlich ist, wenn 
der Blitz .als die im Gewitter agierende Zauberrute in dieser Hinsicht als 
Schatzgeber und Mehrer mit ihm in Beziehung tritt, wie auch, dass 
man zum irdischen Gebrauch sich auch eines solchen Fetisches nicht bloss 
als Quellenwecker, sondern auch zur Hebung angeblicher unterirdischer 
Schätze zu bemächtigen suchte. Wie die Wirkung der Wünschelrute nach 
beiden Seiten hin die von mir gegebene Deutung stützt, so wird dieselbe 
auch von dem, der Wünschelrute als Schatzmehrer analogen King And- 
varinaut der nordischen Sage von neuem bestätigt. Da ist nämlich statt des 
Blitzes als Wünschelrute nur einfach ein anderes goldiges Gewitterstück, 
nämlich der (goldene) Himmelsring, wie der Regenbogen auch genannt 
wird, mit angeblich derselben Zauberkraft, getreten'^). Wie derselbe an 
Odhins Arm als Ring Draupnir prangt und sich auch vervielfältigt, in 
jeder neunten Nacht acht neue von ihm träufeln sollten, er also auch so 
als ein Schatzmehrer gekennzeichnet wird, so hat auch deutscher Yolks- 
alaube das in der nordischen Sage sich so reich entfaltende Bild noch als 
einfache, an die Natur sich anschliessende Vorstellung festgehalten, wenn, 
wie schon Grimm zusammenstellt, das Volk wähnt, dass an der Stelle, wo 
der Regenbogen aufsteht, eine goldene Schüssel oder ein Schatz verborgen 
liege, oder aus dem Regenbogen Goldmünzen oder Pfennige niederfallen 
und gefundene Goldbleche deshalb Regenbogenschüsselein heissen und 
„die Sonne sie im Regenbogen" verzetteln sollte. 

Auch der Gewitterdrache selbst erscheint gelegentlich als ein solcher 
Schätzemehrer, wie namentlich isländische Sagen von solchen auf Schätzen 
liegenden und sie stets mehrenden Drachen wissen, der Name des 
nordischen Fafnir, nach Finn Magnusen geradezu, qui aurum quasi texendo 
congerit, bedeutet, ihn also gleichsam als „einen Goldspinner" kennzeichnet. 

Nach allem diesem reicht die "Wünschelrute in ihrem Ursprung in die 
fernste Urzeit hinauf, welche Veränderungen sie auch und der sich an sie 
knüpfende Glaube im Verlauf der Zeiten gefunden hat. 



Die Wünschelrute als Quellen- und Schatzsucher. 75 

Sie steht aber nicht allein da, sondern auch andere Fetische gleicher 
Art treten ihr noch zur Seite und bestätigen die gegebene Auffassung. 
Vor allem die angebliche Wolkenblume, welche die mythenbildende 
Zeit in dem „aufblühenden" Gewitter sich entwickeln wähnte, die 
Wunderblume, welche in den Mythensagen auch noch die Berge, d. h. ur- 
sprünglich die Wolkenberge öffnet und ihre Schätze enthüllt, ebenso wie 
die sogenannte Springwurzel, in welcher der sich schlängelnde oder 
zackige Blitz von jenem Standpunkt aus als Wurzel derselben gefasst 
erscheint^*'). 

Was der Naturmensch, in gewissen Analogieen mit der ihn hier unten 
umgebenden Welt, auch dort oben zu sehen glaubte, fasste er eben als 
Realitäten auf und schrieb so den Momenten, die ihm besonders charak- 
teristisch im Gewitter hervortraten, alle die zauberhaften Wirkungen, gute 
wie böse, zu, die an dasselbe sich knüpften oder zu knüpfen schienen. 

Neben den segenspendenden treten so zur Bestätigung der Sache 
auch furchtbare, ja todbringende Wirkungen an diesem, dem Gewitter 
entstammenden Fetische hervor. Der Zweig des wunderbaren indischen 
A<;vatthabaumes, der Genosse des Vrtratöters Indra, des Mitra und Varunas, 
wie er genannt wird, zerschmettert so im grossen Luftmeer die Feinde der 
Götter, wie der Tamariske Zweig nach persischer Sage dem Isfendiar, oder 
der östlich von Walhall — also im Himmel wachsende — Misteltein dem 
Baidur todbringend wird, der Stab in den Händen der Athene bald als 
Zauberstab auftritt, mit dem sie z. B. des Odysseus Gestalt wandelt, bald, 
wenn sie sich zum Kampf rüstet, in ihren Händen zur furchtbaren Lanze 
wird, „mit der sie bändigt die Reihen der Heroen, denen sie zürnt, die 
Tochter des gewaltigen Vaters". 

Die Zahl dieser geheimnisvoll wirkenden Stäbe, Blumen, Wurzeln 
u. dergl. auf dem Boden der indogermanischen Mythen ist fast unerschöpf- 
lich. Ich will zum Schluss nur von denselben noch einzelne hervor- 
heben, die namentlich mit ihrem feurigen, nur angeblich in der Nacht 
sich entwickelnden Glänze und anderen, au Sturm und Donner an- 
knüpfenden Accidentien sich als die primitivsten Auffassungen derartiger, 
in der Gewitternacht erblühender Wolkenblumen und Pflanzen ergeben. 
Zu dem bekannten Kraut Moly, welches Hermes beim Homer als Abwehr 
jedes Zaubers giebt, das da gefährlich zu graben, — Götter können frei- 
lich alles, setzt der Dichter hinzu, — stellt sich zunächst das sogenannte 
Kircaeische Kraut in ähnlicher Bedeutung, mit welchem Prokris den Minos 
gegen die Teufeleien der eifersüchtigen Sonnentochter Pasiphae schützt; 
dann das sogenannte prometheische oder titanische Kraut, welches angeb- 
lich unverwundbar macht ^^). Wie dieses mitten im Feuer blüht und, wenn 
die Wurzel geschnitten wird, der Boden erdröhnt, so ist die Aglaophotis 
ein ähnliches Zauberkraut, nach Aelian bei Tage vorborgen, des Nachts 
aber glänzt sie feurig wie ein Stern. Der sie ausziehen will, stirbt, 



76 Schwartz : 

wenn er nicht einen Hund an dieselbe bindet, um auf jenen, als eine Art 
Substituten, den Tod überzuleiten. Dasselbe erzählt Josephus von einer 
Pflanze in der Stadt Baaras. Blitzenden Glanzes in der Nacht, ent- 
zieht sie sich wie ein lebendiges Wesen dem, der sie brechen will, bis 
er sie durch einen Zauber zum Stehen zwingt. Die Mandragora, mit 
welcher Dioskorides die Kircaea identifiziert, ächzt und schreit beim 
Ausgraben so entsetzlich, dass der Grabende davon sterben muss. Die 
sagenhafte Blüte des Farnkrautes erblüht bei den Polen zu Johannis, 
d. h. im Hochsommer, wo die Gewitter am zahlreichsten, um Mitternacht. 
Wenn man sie bricht, entsteht, heisst es geradezu, Sturm und Donner. 
Auch die deutsche Spring- oder Johanniswurzel blüht nur zu dieser Zeit 
angeblich unter dem Farnkraut, und leuchtet wie ein Licht; sie steht 
nie still, hüpft fortwährend, wie Nonnus auch vom hüpfenden Blitzfeuer 
redet. Kurz, überall treten Momente hervor, welche auf Erden keine Spur 
von Anlehnung finden und immer an das himmlische Terrain mit Blitz 
und Donner und die tödlichen Gefahren, die diese bringen, erinnern^®). 

So hat uns die Wünschelrute, indem wir den labyrinthischen Yer- 
schliugungen der Traditionen an ihrem Faden folgten, eine ganz eigentüm- 
lich primitive Welt von Anschauungen und Vorstellungen eröffnet, in 
denen und mit denen namentlich die indogermanische Zeit die Wunder 
des Himmels in ihrer Weise zu begreifen anfing, deren homogene Bilder 
noch in dem bildlichen Ausdrucke der Sprache oft nachvibrieren und mit 
den sich bietenden Vergleichungen die Deutung bestätigen. Wenn so die 
prähistorische Mythologie, richtig betrieben, die Anfänge metaphysischen 
wie religiösen Denkens der Urzeit uns näher bringt, so wird sie auch 
im Yerein mit der Sprachwissenschaft imstande sein, ethnologische Be- 
ziehungen der Völker in einer Zeit aufzudecken, die jenseits aller Kultur- 
entwickelung, ja Völkergruppierung liegt. Davon, mit Ihrer Erlaubnis, ein 
anderes Mal. 

Aumerkungen zu dem Aufsatz „die Wünschelrute". 

1) „Daheim" v. J. 1880 S. 707. 

2) Ebendas. 780. 

3) 2. Moses 17, 6. 4, 20, 11. In den darauf bezüglichen späteren Stellen Ps. 78, 
15, 16. Ps. 105, 41. Ps. 114, 8. Jes. 48, 21 wird die Sache, aber nicht mehr der Stab, er- 
wähnt. Der mythische Hintergrund schwindet je länger je mehr, gerade wie schon 
2. Moses 9, 22, 23, 33. 10, 12, 13, 21. 22 bald der Stab, bald nur die hochgehobenen Hände, 
die ihn halten, erwähnt werden. 

4) 2. Moses 4. 17. 

5) 2. Moses 17, 9—12, wo auch der Stab nur zuerst genannt wird. 

6) Josua 8, 18 und 26. 

7) Kuhn und ich fauden darin vom Standpunkt der vergleichenden Mythologie eine Nach- 
ahmung des hinmilischen Gewitterkampfes, den der dahinfahrende Blitz gleichsam eröffnet. 
Kuhn, Herabk. des Feuers ^ S. 199 f. Meine Poet. Naturanschauungen u. s, w. I. 199. II. 99. 
Urspr. der röm. Stammsage S. 42. Zu meiner Freude sehe ich, dass neuerdings Weinhold 
in seinem Vortrag in der Berliner Akademie vom 11. Juni d. J, „Beiträge zu den deutschen 



Die Wünschelrute als Quellen- und Schatzsucher. 77 

Kriegsaltertümern" auf anderm Wege unter anderm zu demselben Resultat gelangt, wie 
seinerzeit wir, wenn er schliesslich sagt: „Der Speerwurf ist die menschliche Nachbildung 
des Blitzes, den der Gott entsendet." Interessant ist übrigens noch eine andere Stelle im 
A. T. ähnlicher Art, nämlich 2 Könige 13, 15 ff., wo Elisa zum König Joas sagt: „Spanne 
mit deiner Hand den Bogen! Und er spannte mit seiner Hand. Und Elisa legte seine 
Hand auf des Königs Hand und sprach: Thue das Fenster auf gegen Morgen! Und er 
that es auf. Und Elisa sprach: Schiesse! Und er schoss. Er aber sprach: Ein Pfeil 
des Heils vom Herrn, ein Pfeil des Heils wider die Syrer; und du wirst die 
Syrer schlagen zu Aphek, bis sie aufgerieben sind." Hier tritt die symbolische Weihe 
des abgeschossenen Pfeils und der Erfolg, den er erzielen soll, als prägnantes Residuum 
des alten Gebrauchs auch bei den Israeliten noch recht prägnant hervor. 

8) Herr Dr. Bloch in Posen teilt mir aus einem Auszuge des Buches Ssefer haja- 
schar u. a. noch folgende Sage mit: „Reuel (Jethro) stellte, um den grossen Tross der 
Freier der Zippora zurückzuhalten — denn die angesehensten Fürsten der Umgegend 
bewarben sich um sie, — die Bedingung, dass nur derjenige sie erhalten werde, welcher 
eine bestimmte Aufgabe lösen würde. In dem den Palast des Reuel umgebenden 
Lustgarten befand sich nämlich mitten unter allerlei kostbaren Gewäclisen ein saphirner 
Stab aufgepflanzt, worauf der unaussprechliche Name des ewigen Gottes zu lesen war und 
mit dem die grossen Wunderthaten in Egypten und am Roten Meer vollbracht werden 
sollten u. s. w. Und nun folgt die Geschichte des Stabes von seiner Schöpfung in der 
Abenddämmerung des sechsten Schöpfungstages und wie er von Hand zu Hand gewandert, 
bis ihn Jethro von Pharao empfangen. W^er nun diesen Stab mit eigenen Händen ohne 
weitere Beihilfe dem Boden entreissen könne, der solle seine Tochter Zippora zum 
Weibe haben. Die kräftigsten Heldensöhne der Midiauiten und Keniten strengten sich 
vergeblich an; niemand vermochte an dem Stabe zu rütteln, so fest stand er im Boden. 
Und die füi-stlichen Bewerber mussten allesamt mit 8chimpf abziehen, bis es Moses end- 
lich gelang, ihn aus dem Boden zu ziehen, worauf er die Zippora zur Frau erhielt. — 
Wenn übrigens nach einer Tradition der Stab sich daselbst in einen Mandelbaum ver- 
wandelte, so ist eine Art Parallele dazu, wenn auch in der Bibel Moses zur Bestätigung 
Aarons Priesteriums dessen Stecken in der Stiftshütte grünend und die Blüte aufgegangen 
und Mandeln tragend findet. 4. Moses 16, 8. 

9) Über andere im A. T. hindurcliblickende mythische Elemente s. Urspr. der Myth. 
unter „Alttestamentarische Parallelen" und was ich über Simson in den Poet. Natur- 
anschauungen I. und in den Präliistorischen Studien S. 169. 295. 298 f. und 493 aus- 
geführt habe. 

10) Mannhardt, Germ. M. S. 62 Anm. 2. Über den Blitz als Rute s Urspr. d. Myth., 
sowie im Indogermanischen Volksglauben die Stellen im Index unter Stab, Zweig, Zauber- 
rute. Der Regeuquell steht auch sonst in der Mythologie, wo von Wasser, 
Flüssen u. dergl. die Rede ist, immer ursprünglich im Hintergrund. Wie in 
dem dürren Afrika der Regenzauberer eine grosse Rolle spielt, so war der angebliche 
himmlische Regenmacher, der den Regenqnell durch die Kraft seines Stabes weckte, 
sein bedeutsames Gegenbild. Entsprechend treten auch gerade in den tropischen, wie in 
Gebirgsgegenden, wo die Beziehung der Gewitterregen zu den irdischen Bächen und 
Flüssen in unmittelbarster Anschauung dem Naturmenschen entgegentritt, auch die 
Wolkenwasserfrauen, die Najadeu und Nymphen bedeutsam hervor und erscheinen in Ver- 
bindung mit den Quellen des Landes als die Schutzgottheiten desselben und mit den 
Lokalsagen eng verknüpft, während im Flachlande dies Moment mehr zurücktritt, wenn 
es nicht etwa in der Tradition schon vorher aus jenen Verhältnissen her bestimmte Gestalt 
in den Sagen gewonnen hat. 

11) Urspr. der Myth, namentlich S. 166. 

12) Poet. Naturansch. IL Blitz als Gabel S. 109. 

13) Rochholz, Schweizer Sagen I. S. 129 f. 

14) Im Urspr. d. Myth., sowie im Heutigen Volksglauben -' S. 1 19 hatte ich besonders 
S. 64 den angeblich im Gewitter heraufkommenden Schatz in seiner mannigfachen 
mythischen Bedeutung verfolgt. Mannhardt betonte demgegenüber mehr die Gestirne. 



78 Pralin: 

Ich leugne nicht, dass sie auch hergehören. Aber abgesehen davon, dass ich noch den 
Keo-enbogen oder Himmelsring als goldenes Halsgeschmeide oder Ring hinzufüge, spielt 
doch der Gewitterschatz in den Sagen (als Nibelungenhort n. s. w.) eine grössere Rolle. 

15) Urspr. d. Myth. 258. Die Beziehung dieser Schätze zum Gewitter klingt auch ge- 
leo-entlich noch in ihrer Lokalisierung hindurch, wenn z.B. der Andvarinaut aus den Wassern 
(d. h. aus den himmlischen) stammt, der Nibelungenhort als in solches versenkt gilt; der 
Zwerg Andvari, der Besitzer jenes Ringes, der als „Hecht" in dem Wasser lebt, ein 
besonderes Bild für den in den Wolkenwassern dahinschiessenden Blitz ist. Ebendas. 
unter „Hecht". 

16) Urspr. d. Myth. im Index unter Wolkenblume. Indogerm. Volksglaube s. unter 
Blume und Kraut. 

17) Indogerm. Volksglaube s. unter AQvathazweig, Baidur und Isfendiar. 

18) Prähistorische Studien S. 469—480. 

19) Indogerm. Volksgl. an verschiedenen Stellen. 



Kleine Mitteilungen. 



Der Hausgeist in der Neumark, iu Barnim und im 
Sternberger Lande. 

Von H. Prahu. 

Wie in der Mark Brandenburg überhaupt, so glaubt man auch in der Neu- 
mark und in Barnim an die Existenz eines Hausgeistes, der bald Kobold, bald 
Dräk (Drache) genannt wird. Im Sternberger Lande kennt man nur den letzten 
Namen. 

In der Vorstellung der Landleute verlässt der Dräk seinen Herrn nicht frei- 
willig und tritt bei dem Tode desselben in den Dienst des Erben (Zielenzig). 
Wohl aber kann er einem Familienmitgliede überlassen werden. So gab ein Bauer 
in Breesen seiner Tochter einen Drachen als Aussteuer mit. Man kommt aber 
auch auf folgende Weise in seinen Besitz: 

Findet man in der Neujahrsnacht auf einem Kreuzwege ein schwarzes Huhn, 
so soll man es mit in sein Haus nehmen, dort verwandelt es sich in einen Drachen. 
Jedes Kind aber, das nun im Hause geboren wird, stirbt (Biberteich). 

Allgemein herrscht der Glaube, dass der Drache auf dem Hausboden in einer 
Tonne gehalten werde, die mit Zeug, Federn und auch wohl mit Flachs gepolstert 
sein muss. In Dölzig sagt man, man müsse ihm jedes Jahr einen neuen bunten 
Bock hinlegen. Der Kobold ward mit Hirsebrei gefüttert, der aber nicht zu heiss 
sein darf, sonst kratzt der Geist die betreffende Person. 

Einer Magd in Breesen fiel es auf, dass die Bauersfrau täglich Hirse kochte 
und ihn in einer Schüssel verstohlen auf den Boden trug. Sie schlich ilir eines 
Tages nach und sah, dass diese den Deckel von einer doi't stehenden Tonne hob, 
die Schüssel hineingab und mit jemand sprach. Da wurde sie neugierig, und als 
die Frau einmal zu Markte war, hob sie selbst den Deckel in die Höhe und sah 
den Drachen; der drohte ihr aber, darum hat sie niemand verraten, wie er aus- 
sah. Als die Bauersfrau am nächsten Tage vom Boden kam, war ihr Gesicht ganz 
zei'kratzt. 



Kleine Mitteilungen. 79 

Der Kobold spielt im Gedankenleben der Landleute eine grosse Rolle. Wer 
reich geworden, ist es nicht durch Arbeit oder Spekulation, sondern durch seinen 
Hausgeist geworden. Er soll nämlich den Leuten bei der Arbeit helfen, z. B. die 
Pferde füttern, die Kühe melken. Ganz besonders aber fördert er den Wohlstand 
seines Herrn dadurch, dass er den Nachbarn Geld und Getreide stiehlt und diesem 
zuträgt. Danach unterscheidet man im Lande Sternberg Geld- und Getreidedrachen ; 
die ersteren sind von roter, die letzteren von blauer Farbe. 

Ein Mann aus Madlitz hörte auf dem Heimwege um Mitternacht über sich ein 
Rasseln. Er blickte auf und gewahrte einen Drachen, der sich eben auf einen 
Ast setzte Er hatte einen Katzenkopf und einen roten und einen blauen Flügel, 
trug also Geld und Getreide. Der Mann hätte den Geist greifen können; er 
fürchtete sich aber sehr, eilte fort und hörte nur noch, dass der Drache mit Ge- 
rassel Aveiterflog. 

Der Kobold geht nur nachts aus. Man kann ihn dadurch von seiner Behausung 
fernhalten, dass man über Naclit die Lampe brennen lässt, was z. B. Frau St. in 
Klausdorf stets thut. 

Sehen die Leute in der Neumark aus einem Schornstein Funken fliegen, so 
sagen sie wohl, da fliege der Drache und gehe auf Raub aus oder trage gestohlenes 
Gut davon. Auch Sternschnuppen werden so gedeutet. Und man erzählt, der Drache 
sehe aus wie eine feurige Schlange (Wandern). 

Von dem Drachen wird man befreit, wenn man ihn in einer Neujahrsnacht 
auf einen Kreuzweg setzt, wo er bleiben muss, bis ihn ein anderer mitnimmt. 
Auch sagt man, das einzige Mittel, sich seiner zu entledigen, bestehe darin, dass 
man das Haus sicher verschliesse und dann niederbrenne. 

Der Drache tritt auch als selbständiges Wesen auf, frei von einem Herrn. 
Man erzählt, er bewache Schätze in der Erde. In der Mitternachtsstunde kommen 
dieselben an die Oberfläche und „brennen". Wer einen solchen Schatz brennen 
sieht, darf nicht zugreifen, sondern soll ein eisernes Gerät auf die Stelle werfen 
und dann fortlaufen, ohne sich umzusehen, „sonst erwürgt ihn der Drache". Wenn 
man am nächsten Tage an der Stelle nachgräbt, an der das Eisen liegt, findet man 
den versunkenen Schatz (Wandern). Im Soldiner Kreise besteht der Glaube, dass 
ein Schatz nur alle fünfzig Jahre einmal brenne. 

Der Kobold wird auch den Unterirdischen gleichgesetzt. In der Umgegend 
von Landsberg lässt man bei ungetauften Kindern über Nacht die Lampe brennen, 
sonst würden die „Unnerärdschen oder Kobolde" das Kind stehlen und man würde 
am andern Morgen einen Kobold in der Wiege haben. (Man nennt hier ein ver- 
wachsenes Kind mit dickem Kopf einen Kobold.) 

In Barnim hat man wesentlich andere Vorstellungen von dem Hausgeist. Der 
Kobold, wie er hier vorzugsweise genannt wird, trägt nicht fremdes Getreide oder 
Geld zu, sondern hilft nur bei der Arbeit. Er sucht sich selbst seinen Herrn. Zu 
einer Magd in Biesenthal kam ein Kobold dreimal. Da sie den Spruch nicht her- 
sagen wollte, durch den sie sich hätte in seinen Besitz setzen können, hat er sie 
mit Kuhmist und dicker Milch beworfen. 

B. in Biesenthal war früher arm und ist durch einen Kobold reich geworden, 
den ihm aber jetzt Diebe geholt haben. 

Ein Knecht hatte seiner Braut vom Jahrmarkt einen Strauss Kuhblumen mit- 
gebracht, den jene achtlos wegwarf. Am Tage darauf war zu ilu-era Erstaunen 
die Rüche von unsichtbarer Hand aufgescheuert, am nächsten Tage von allem 
genascht und am dritten waren alle Geräte durcheinander geworfen. Während 
sie sich noch das Unheil ansah, stand plötzlich ein Kobold vor ihr und sprach: 



so 2ingerle : 

„Hättest du mich nicht fortgeworfen, als ich eine Kuhblume war, so hätte ich dir 
stets bei der Arbeit geholfen, nun aber habe ich alles entzwei geschmissen." 
(Sophienstadt bei Biesenthal.) 

Der Kobold trägt auch gelegentlich seinem Herrn Speise zu. In Euhlsdorf 
brachte er einer Frau täglich das Mittagbrod. Der Knecht derselben wollte er- 
fahren, wie sie zu dem Essen käme, da sie nie kochte, und versteckte sich eines 
Tages hinter dem Ofen. Als nun der Kobold kam, zeigte er auf den Ofen und 
rief: „Gucket, gucket, trajahn" ('?). Da ihm die Frau aber nicht verstand, erbrach 
er sich in die Schüssel und verschwand auf Nimmerwiedersehen. 

Der Kobold weiss überhaupt mehr als ein Mensch. So hat ein Ackerbürger 
in Biesenthal einen Kobold, der Diebstähle ans Licht bringt. Einmal hat er zwei 
Arbeiter im Walde beim Holzstehlen ertappt und es sogleich seinem Herrn erzählt. 
Der hat es den Schuldigen am andern Tage auf den Kopf zugesagt, so dass sie 
den Diebstahl haben eingestehen müssen. 

Berlin. 



Ocliseuhaut als Landmass. 

Die Sage, die sich an die Gründung Karthagos und im Mittelalter 
an die Grunderwerbung mancher Klöster knüpft, begegnet auch in Persien. 
General Albert Gastinger Khan, der viele Jahre in hoher Stellung in Persien ge- 
weilt, berichtet in seiner Schrift: „Von Teheran nach Beludschistan. Innsbruck 
1881" Seite 5 folgendes von dem Dorfe Mehun, das eine kolossale Moschee, 
einen wahren Prachtbau besitzt: „Vor tausend Jahren, wie ein vorhandener monu- 
mentaler Denkstein nacTiweist, fühlte sich der mächtige Perserkönig Schah Nyme- 
tullah der Regierung müde und wahrscheinlich auch durch den Gedanken 
an die Sühne der von ihm begangenen Grausamkeiten bewogen, zu Gunsten 
seines Sohnes zu abdicieren, und kam als Derwisch gekleidet an dieser Stelle an, 
die damaligen Einwohner des Dorfes bittend, man möge ihm nur soviel Erde 
schenken, als eine Ochsenhaut bedecke und zur Bebauung vom vorhandenen 
Bache wöchentlich soviel Wasser zuweisen, solange als der abgerissene Kopf einer 
Wespe sich schwimmend am Leben erhalte, was ihm auch ohne weiteres gewährt 
wurde. 

Der Derwisch liess sich nieder, fing an die Ochsenhaut in lange schmale 
Streifen zu schneiden und damit eine bestimmte Peripherie der Grundfläche zu 
belegen. In den abgerissenen Wespenkopf steckte er eine lebende Ameise, ver- 
klebte die Öffnung und warf ihn ins Wasser, wo er sich durch mehrere Tage 
bewegte, bis die Ameise sich durchgefressen hatte und ertrank. Der Derwisch- 
König hatte nun hinreichend Wasser, um die Gegend urbar zu machen, gründete 
mit einem souveränen Stammkapital ex voto diese Moschee samt einer Menge 
umliegender Ubikationen, wo heute noch 40 bis 50 Derwische ein faules Kloster- 
leben führen und ihren freigebigen Gründer preisen. Dieser heilige Wallfahrtsort 
ist zugleich eine unantastbare Freistätte für Verbrecher jeden Kalibers." 

GuMaun. Ignaz v. Zingerle. 



Kleine Mitteilungen. 



81 



Der Zwiesel -Bauin im Elisenliain bei Greifswald. 

Von Ernst Friedel in Berlin. 

(Mit 1 Abbildung-.) 

Seit Jahren war ich auf einen Baum im Elisenhain nahe Eldena, unweit 
Greif swald in Neuvorpommern, aufmerksam gemacht, durch den die Kinder „ge- 
holt" würden. Nach langem Suchen gelang es mir, den in der That höchst auf- 
fallenden Baum, eine Hagebuche oder Hainbuche (Carpinus bctulus), dessen Blätter 
faltiger und länglich spitziger, als sonst bei dieser Baumart gewöhnlich, gestaltet 
sind, aufzufinden. Der Baum, dessen unteren Teil unsere Abbildung darstellt, 
steht unweit des Weges, an welchem bis vor einigen Jahren ein Bolzenbüchsen- 

Scheibenstand lag, etwas südlich von dem letzten 
Buchstaben n des gedruckten Namens Elisen- 
Hain auf der neuesten grossen Generalstabs- 
karte, Nr. 593, Preussische Landesaufnahmen 
1885, herausgegeben 1886, Massstab Vsöuoo der 
natürlichen Länge. Ob es sich um einen ein- 
zelnen Baum oder um die bereits in den 
obersten Wurzelverzweigungen stattgefundene 
Verwachsung zweier Bäume, unter vollständiger 
Überwallung der Berührungsflächen, handelt, ist 
nicht leicht festzustellen, wenigstens kann ich, 
obwohl ich den Baum mindestens zu sechs ver- 
schiedenen Malen eingehend betrachtet habe, 
zu keiner Entscheidung kommen. Vom Wege 
aus rechts gesehen gabelt sich die rechte Stamm- 
seite ungefähr einen halben Meter über der 
Erde, bildet einen spitzeiförmigen, etwa einen 
Meter langen Spalt, der oben wieder fest ver- 
wächst und an den Innenflächen so glatt, im 
Gegensatz zu den übrigen Stammflächen des 
Baumes aussieht und sich anfühlt, dass man 
geneigt sein möchte, diese Glätte wenigstens 
teilweise als künstlich bewirkt, anzunehmen. 
Als ich den Zwiesel-Baum am 28. Juni 1890 
mit meinem Sohn Erwin wieder einmal be- 
trachtete, kamen zwei junge Ehepaare des Weges, 
die keine Ahnung hatten, weshalb ich dem Baum 
besondere Aufmerksamkeit schenkte. Als die eine Frau ihre Begleiterin auf das 
sonderbare Loch in dem Baum aufmerksam mnchtc, erzählte die andere, dass 
man hier sieche oder verwachsene Kinder durchhole, damit sie gesund würden. 
Es war mir dies eine überraschende, nicht unwillkommene Bestätigung dessen, was 
ich von dieser Hagebuche bereits wusste. 

Die Sitte, Gebresten aller Art dadurch zu heilen, dass man durch ein Loch, 
einen Spalt, die Gabel (Zwiesel) eines Baumes kriecht oder hindurch gezogen 
wird, ist ungemein verbreitet. Anfänglich scheint man Bäume künstlich gespalten 
und die Spalten solange auseinander gehalten zu haben, bis der Leidende hindurch 
gekrochen war. Dann Hess man den Baum in die ursprüngliche Gestalt zurück- 
schnellen und meinte, dass, wenn der Spalt wieder verwacliscn sei, die Krankheit 

Zeitschril't d. Vereins f. Volk.sliunde 1892. (j 




Der Zwicsel-Bamn im Elisenhain 
bei Greifswald. Weissbuche. 



82 Dirksen: 

für immer verbannt wäre. W. Mannhardt, „Der Baumkultus der Germanen und 
ihrer Nachbarstämme" (Berlin 1875) geht (S. 33) sonderbarerweise auf die spätere 
Gewohnheit nicht näher ein: „Es liegt von meinem gegenwärtigen Zweck ab, aus- 
zuführen, wie dieses Durchkriechen durch einen gespaltenen Baum sich um- 
gesetzt hat in das Durchkriechen durch die natürliche Höhlung, welche durch 
zwei unten sich trennende, oben wieder in eins zusammenwachsende Äste ge- 
bildet wird." 

Auch mit Tieren wird ähnlich verfahren. — Kuhn, Märkische Sagen und 
Märchen (Berlin 1843) sagt Seite 379: „Ist die Milch einer Kuh blutig, so muss 
man diese durch einen Eichendopp (d. h. durch ein Stück Eichenholz, in dem eine 
natürliche Öffnung ist) melken." 

Eine Durchsicht vieler Sammlungen von Sitten und Gebräuchen hat mich be- 
lehrt, wie wenig der so verbreiteten Sitte des Durcliholens der Kinder durch 
Zwieselbäume Erwähnung geschieht ')• Auch deshalb hielt ich die Mitteilung über 
die Zwieselbuche in der Eidenaschen Holzung nicht für überflüssig. 

Gleichzeitig benutze ich die Gelegenheit, der Akademischen Forstverwaltung 
die sorgfältigste Schonung und Erhaltung des Wunder baumes, wie hiermit ge- 
schehe, drinijend ans Herz zu lesen. 



Pfluffstlied. 



Pingsbrüd üss uppgeston 

mit die gele, krüse Hoer. 

De Brüjem üss groff, die Brüd üss fin — 

Mutt watt in de Korf sin! 

Eier, Eier in de Korf, 

Stüver, Stüver in die Grippe! 

Een Ei batt uss niet, 

twe Eier schatt uss niet; 

fifuntwintig upp den Diss, 

wett die Brüd, watt sorgen üss! 

Brüjem = Bräutigam; Grippe = die zum Zugreifen bereite Hand; batt = hilft: 
uss = uns; wett - weiss; üss = ist. 

Vorstehendes Lied ist, wie die Anfangsworte desselben zeigen, ein Pfingst- 
licd. Es wurde in Meiderich (Regierungsbezirk Düsseldorf) vor etwa dreissig 
Jahren von kleinen Mädchen, welche am 1. und 2. Pfingstfeiertage , um Gaben 
bittend, das Dorf durchzogen, gesungen. Diese Mädchen, welche einen grossen 
Armkorb, dessen Deckel mit frischen Blumen geschmückt war, mit sich führten, 
hiessen Pfingstbräute. Nicht nur Eier, sondern auch andere kleine Geschenke, 
wie Weckschnitte u. s. w. wurden gesammelt; Geld dagegen mit den Worten 
„Stüver, Stüver in de Rhin!" abgewiesen. 



1) Es sei gestattet, zu verweisen auf Grimm, Mythol. - S. 1118 ff. Gervasius 
Otia imperialia, herausgegeben von F. Liebrecht S. 180, 236. 241. 243. 246. Wuttke, 
Der deutsche Volksaberglaube ^ S. 93. 817. Nyrop, Kludetrseet, in der Dania. I. 1. Unsere 
Zeitschrift I. 101. IL 50. K. W. 



Kleine Mitteilungen. 83 

Das Liedchen ist der letzte Rest des uralten Mai -Umzuges der Pfingst- 
braut und des Pfingstbräutigaras ; vgl. Grimm, Deutsche Mythologie- S. 746 ff. 
Mannhardt, Wald- und Peldkulto 1, 431 ff. 488 ff. A. Kuhn, Märkische Sagen 
319 ff. Westfälische Sagen 2, 160 f['. 

Meiderich. C. Dirksen. 



Kiuderlied. 



Auch in Ostfricsland schlagt der Storch seine Sommerwohnung auf. Er 
wird bei seiner Ankunft von Jung und Alt freudig begrüsst. Die Kinder singen 
nach unten verzeichneter Melodie: 

Storke, storke langeben, 
best min fader un möder net sen 
up dat lütje böntje? — 
Breng' ml 'n lütje söntje! 

Die Kleinen verstehen nicht, was sie singen; aber auch die Erwachsenen 
scheinen keine Ahnung davon zu haben. Selbst Kern imd Willms, welche das 
Kinderlied auf Seite 77 ihrer Sprichwörtersammlung bieten, ist der Inhalt fremd 
geblieben. Es heisst nicht in dem Lied: Hest din fader nn moder net sen, son- 
dern wie oben angegeben. Die drei ersten Verszeilen bilden sodann eine Frage. 
Ferner heisst es nicht, wie jedes Schulkind in Leer und Umgegend weiss, up dat 
böge böntje, sondern: up dat lütje böntje. Lütjet böntje — im Gegensatz zu bcene, 
dem eigentlichen Söller. Dat lütje böntje ist ein vom Söller oft nur durch einen 
einfachen Bretterverschlag abgeteilter Raum, der gewöhnlich als Schlafstube be- 
nutzt wird. Die Frage lautet mithin: Hast du nicht meinen Vater und meine 
Mutter im Schlafstübchen gesehen? 

Im nördlichen Teile Ostfrieslands, wo ich einige Jahre als Lehrer wirkte, habe 
ich das Liedchen nicht gehört, obgleich sich unmittelbar unter den Fenstern meiner 
Wohnung ein Storchnest befand. — Dort sangen die Kinder: Storke, storke 
langeben, wennor wult dut land bescn u. s. w. Das Kinderlied befindet sich auch 
bei Dornkaat Koolman III S. 329, wahrscheinlich der Sprichwörtersammlung von 
Kern und Willms entlehnt. 

Die Melodie lautet: 

Storke, storke langeben etc. 
E^ig=Jii=f=:f=z:==r.tz-¥=^>— j — } ~~' — * — *-g— » — } — ^-^_-^-_j_.-| 



— * - ■ —■<»- ■ 

C. Dirksen. 



84 Dirksen: 



Sprichwörter aus Meiderich. 
I. 

De Fraulüh upp all de Kirmessen un de Schlübbers in alle Wessen, die 
hewwe gau gedohn. 

Schlübbers sind Arbeitsschürzen; Wessen Wäschen; gau bedeutet schnell, leicht, 
rasch. Arbeitsschürzeu werden leicht schmutzig, müssen oft und stark gewaschen werden 
und sind aus diesem Grunde bald abgenutzt. Dasselbe ist nach unsenn Sprichwort mit den 
jungen Mädchen der Fall, welche alle Kü-messe in der Nähe und die mit denselben ver- 
bundenen Bälle besuchen. 

Die Erwähnung der Kirmesse weist auf einen Ort, in welchem die Kirmesse noch 
etwas gelten, wie in Meiderich. Zu der bis vor wenigen Jahren hier stattfindenden Herbst- 
kirmess wurden die Häuser von aussen und innen angestrichen, Weissbrote gebacken, 
frisches Fleisch in Menge gekauft und die Verwandten aus der Umgegend eingeladen. 
Dass der alte Meidericher aber auch sehr wohl die mit dem öfteren Besuch der Kii'messc 
verbundenen Gefahren für junge Leute kannte, zeigt unser Sprichwort. 

Ein ähnliches Sprichwort ist: De beste Köh findt me upp de Stall un Löpers öwcrall. 

IL 

Hä hcet mit den Räger prozess; hii heet die Küte verlöre. 

Küte sind die Waden, das dicke Fleisch an den Unterschenkeln. In Ostfricsland 
spriclit man auch von küten in de arms. — 

Als Ursache des Verlusts der Küte giebt das Sprichwort an: Hä heet mit den Eäger 
prozess. Der Reiher gehört nach 3. Mos. 11 und 5. Mos. 14 zu den unreinen Tieren. In 
der poetischen Edda (Havamal 13) ist er das Bild der sinnlosen Trunkenheit. Aber auch 
in den mir bekannten niederdeutschen Sprichwörtern und Eedensartcn erweckt die Erwäh- 
nung des Reihers üble Vorstellungen. So sagen wir in Ostfricsland: He stinkt as 'n reiger 
(Doornkaat Koolman, Wörterbuch III S. 24); und hier zu Meiderich spricht man von einem, 
der sich sinnlos betrunken hat: Hä heet sich gekotz äss enu Räger. 

Wie in den ostfriesischen Redensarten: He kan't rüggcn, he hed'n gode rügge ein 
bildlicher Aiiscb'uck für: er ist reich, vermögend u. s. w. gegeben ist, so können auch die 
Ausdrücke .,Küte hewwe"' resp. „die Küte verliere* bildlich genommen werden. Dann 
wendet sich das Sprichwort gegen solche, welche ihr Vermögen durch leichtfertig unter- 
nommene Prozesse verspielten. 

Meiderich, Reg. -Bez. Düsseldorf. C. Dirksen. 



Eine mythologische Anfrage. 

Miss Gertrude M. Godden in Ridgefteld bei Wimbledon in England, unser 
geehrtes Mitglied, hat folgende Anfrage eingesandt, welche sie auch in eng- 
lischen und amerikanischen Zeitschriften aufgestellt hat: 

„Warum gebrauchen die Urmenschen in religiösen Ceremonien gefesselte 
Götzenbilder? und aus welchem Grunde erzählen sie Mythen und Legenden von 
gefesselten und gefangenen Göttern? Die vulkanischen Mythen kommen hier nicht 
in Betracht. 

Als griechische Beispiele erlaube ich mir zu eitleren: die Statue des ge- 
fesselten Aktäon, welche Pausanias in Orchomenos sah (Paus. IX. 38. 6); das 
Jahresfest, welches zu Ehren der Hera in Samos gefeiert wurde, Toneus ge- 
nannt, bei dem die Statue der Göttin, der Legende nach dicht mit Weidenzweigen 



Kleine Mitteihmgen. g5 

umwunden an die Seeküste getrag-en und versteckt wurde (Athenäus XV. c. 13); 
und in der Mythe das Fesseln des Ares durch die Aloiden im festen Gefängnis; 
ja in einem Bronzegefäss lag er dreizehn Monate gebunden (Iliad. V, 385 ff.). 

Das Fesseln eines Götzenbildes mit einer eisernen Kette kommt im Ritus vor 
in China; die Einsperrung der Sonne und des Mondes in einem eisernen Dresch- 
haus in der finnischen Mythologie; in Erntegebräuchen das Binden der letzten 
Garbe mit ungewöhnlich vielen Strohseilen (Mannhardt, Mythologische Forschungen 
S. 320 f.). 

Ich bitte um Aufklärung über folgende Punkte: 

1. Die Fesselung von Götterbildern, geheiligten Personen, Tieren, Gegen- 
ständen; mit Seilen, Zweigen, Ketten u. s. w. , entweder zu bestimmten 
Zeiten, oder dauernd; 

2. Gebräuche, die dazu in Beziehung stehen; 

3. Mythen oder Sagen von solcher Fesselung." 



Fürs erste erlauben wir uns, auf die Deutinig der Fesselung griechischer Gottheiten 
Idnzuweiseu, die sich unter anderm in Prellers griechischer Mythologie finden, ferner 
auf W. Schwartz, Indogermanischer Volksglaube, Berlin 1885. S. 115. 122 ff. 128. 134. 
137. 140. 143. Die Red. 



Gegen Bticherdiebe. 

Neulich fand ich in einer Faniilionbibel aus dem vorigen Jahiliundert folgenden 
Spruch eingeschrieben: 

Dieses Buch ist mir lieb, 
Wer es stiehlt, der ist ein Dieb; 
Es sei Herr oder Knecht. 
Der Galgen ist sein Recht. 
Kommt er an ein Haus, 
So jagt man ihn hinaus. 
Kommt er an einen Graben, 
So fressen ihn die Raben. 
Kommt er an einen Stein, 
So bricht er Hals und Bein. 

Die beiden ersten Zeilen werden häufig angewandt. Die folgenden Ver- 
wünschungen klingen altertümlich. Die beiden Zeilen: „Kommt er an einen Graben 
So fressen ihn die Raben", erinnern an ein bekanntes Kinderlied '). 

W. Schwartz. 



1) Der gleiche Schluss findet sich in dem von Simrock, Das deutsche Kinderbuch - 
no. 351 gedruckten Anathema gegen Bücherdiebe: „Dieses Buch ist mir lieb, Wer es stiehlt 
ist ein Dieb, Kommt er an einen Stein, Bricht er sich ein Bein, Fällt er an einen Graben, 
Finessen ihn die Raben." — Über die Sprücdie und Verse gegen Bücherdiebe in älterer 
Zeit vgl. Wattenbacli, Das Schriftwesen im Mittelalter ^ S. 443 If. und Pölcbaii, Das Büclier- 
wesen im Mittelalter S. 16; vgl. auch Anzeiger für Kunde deutscher Vorzeit (Nürnberg) 
1883. Sp. 15. K. W. 



gß Weinhold: 

Zwei Bieneusegeii, 

eingeschrieben in ein Exemplar der Kopenhagener K. Bibliothek von De castitate 
sacerdotum. Lipsiae. 1499. 4°, mitgeteilt von Prof. Kr. Nyrop. 

Wan die Einen schwermen wollen, das sie nit hinwegk fliegen So sprich 

Ich verbiete dir Biene und Imme bie Gots stimme 

Das du nit fligest aus desses Hofes Kringe 

Du habst dan Gote und Marise vorlieb (1. urlob) 

Im namen des Vathers f und des Sons f und des H Geists f 

Vel vtero hoc modo 
Eine und beninne. Ich gepicte dir bie Jesu stimme 
Das du hie bie mir wohnest zu haus und zu hofe 
Als die trew und warheitt bie unserm Hern Gode. 
Im nahmen des Vathers -}- und des Sons f und des H Geists f 

Mache desse drej Creutze mit dem rechten fufz 
auff die erden wirff den (1. der) Erden unter deinem fasse 
mangk oder pobbcr (I. bober) die Bienen so mögen sie nit 
von demem Hofe hinwegk fligen. 

Vgl. Sitzungsber. der Wiener Akad. d.Wiss. Ph.-hist. Kl. LH, 5—19, LXIX, 35 f. 
Münchener Sitzber. 1866. II, 110 f. Müllenhoff- Scherer, Denkm. - S. 316 f. Ger- 
mania I, 109. XXIX, 98. Unsere Zeitschr. I, 321. K. W. 



Sammlung rter Yolksüberlieferungeii in Meckleuburg. 

Der Verein für mecklenburgische Geschichte und Alterturaskmide hat im 
Februar 1891 einen Aufruf zu einer Sammlung mecklenburgischer Volksüberliefe- 
rungen erlassen. Dieselbe soll, nachdem die Sagen, Märchen und Gebräuche nebst 
dem Aberglauben von K.Bartsch gesammelt worden sind (AVien 1879. 1880. 2 Bde.), 
die anderen volkstümlichen Überlieferungen in sich aufnehmen, namentlich die 
Volkslieder, Wiegen- und Ammenlieder, allerlei Reime und Sprüche, Rätsel, 
Eulenspiegelgeschichten, Schnurren und andere Erzählungen. Gymnasiallehi-er 
Wossidlo in Waren hat zur besonderen Förderung des Unternehmens einen halb- 
jährigen Urlaub erhalten und während desselben auf einer Wanderung durch das 
Land eine reiche Ernte gehalten und vielfach andere zur Hilfe gewonnen. In 
einem Ersten Bericht vom 31. Dezember 1891 giebt er Nachricht darüber. 



Lettische Sammlungen. 

Die lettisch -litterarische Gesellschaft hat beschlossen, ein Verzeichnis anzu- 
legen über alle volkskundlichen Materialien, die in den zahlreichen lettischen 
Zeitungen und Zeitschriften seit Jahrzehnten gedruckt worden sind, und dieselben 
der Forschung zugänglich zu machen. 

Zweitens will sie ein Ortsnamenverzeichnis über das lettische Volksgebiet an- 
legen, das nicht bloss alle Ansiedelungen, sondern auch die Namen der Felder, 
Wiesen, Wälder, Höhen und Gewässer enthält. 



Bücheranzeigen. 



Hermauii Frisclibier f*. 

Zu Königsberg i. Pr. starb am 8. Dezember 1891 nach langen schweren Leiden 
der emeritierte Rektor der altstädtischen Töchterschule, Hermann Frischbier, 
der eifrigste Arbeiter in der Volkskunde Ostpreussens. Am 10. Januar 1823 zu 
Königsberg als Sohn eines Maurers geboren, wuchs er im plattdeutschen Volks- 
leben auf, dem er sein Leben hindurch, nachdem er die darin ruhenden Schätze 
verstehen gelernt hatte, seine Liebe und seine Kräfte schenkte. Sein erstes Werk 
waren die Preussischen Sprichwörter und volkstümlichen Redens- 
arten (1864. 1865. 1876). Bekannt ist, dass er dafür „wegen Erregung öffent- 
lichen Ärgernisses" auf die Anklagebank kam, aber auf Grund der Verteidigung 
der Professoren Rosenki-anz, J. Zacher und 0. Schade freigesprochen ward. Seine 
anderen Werke sind: Preussische Volksreime und Volksspiele (1867), 
Hexenspruch und Zauberbann (1870), Preussische Volkslieder in platt- 
deutscher Mundart (1877), Preussischcs Wörterbuch (1882. 83. 2 Bde.). 
Ausserdem hat er in verschiedenen Zeitschriften, namentlich in der Altpreussischen 
Monatsschrift, die auch eine Portsetzung seiner Volksreime und Volksspiele bringen 
wird, Arbeiten veröffentlicht. 

Alle die ihn kannten, schätzten ihn wegen seines treuen Fleisses und seiner 
menschlichen Tüchtigkeit. Unserm Verein gehörte er als ordentliches Mitglied an. 

K. W. 



Bilclieranzeken. 



Das Weib in der Natur- und Völkerkunde. Anthropologische Studien von 
Dr. IT. Ploss. Dritte umgcarb. und stark vermehrte Auflage. Nach 
dem Tode des Verf. bearbeitet und herausgegeben von Dr. M. Bartels. 
Mit 10 lithogr. Tafeln, dem Porträt des Dr. Ploss und 203 Abbild, im 
Text. Leipzig, Th. Griebens Verlag (L. Fern au), 1891. 2 Bde. S. XIV. 
575. Vn. 684. 8^ 

Ein bereits wohl bekanntes grosses Werk liegt hier in dritter umgearbeiteter 
und stark vermehrter Gestalt vor uns. Wie bei der zweiten, hat auch bei dieser 
Auflage Herr Sanitätsrat Dr. Max Bartels, der verdiente Berliner Arzt und aus- 
gezeichnete Anthropologe, seine Kraft und seine reichen Kenntnisse eingesetzt und 
das Buch wieder in Anordnung und Inhalt bedeutend verbessei-t. Für den Volks- 
forscher ist das grosse Thema des Werks von ebensolcher Wichtigkeit, als für 
den Anthropologen imd den Arzt, wenn auch sein Verhältnis dazu ein anderes ist, 
als das der beiden letzteren. In den durch diese gegebenen physischen Grund- 
lagen wird er für seine ethischen und historischen Forschungen grosse sichernde 
Förderung erkennen, und sich überzeugen, dass er bei seinen Schlüssen und Urteilen 
die Berücksichtigung jener nicht entbehren kann. 

Das Werk zerfiült in zwei starke Bände. Der 1. Band behandelt in der 
1. Abteilung den Organismus des Weibes in sieben Kapiteln, in der 2. Abteilung 
das Leben des Weibes in 27 Kapiteln. Diese Abteilung wird im ganzen zweiton 



88 Weinhold: 

Bande fortgesetzt und in weiteren 33 Kapiteln zum Schluss geführt. Von dem 
weiblichen Embryo bis zum Begräbnis des toten Weibes erhalten wir hier einen 
tiefen Einblick in das ganze Wachsen, Blühen und Vergehen. Vier nützliche An- 
hänge schliessen das Werk. 

Einen wichtigen Bestandteil bilden elie vielen Illustrationen, teils auf zehn 
Tafeln, teils in 203 dem Text eingefügten Abbildungen, die häufig nach Photo- 
graphieen teils von der Natur, teils von Gegenständen der grossen Berliner und 
Münchener Sammlungen genommen sind. Es ist dadurch ein ungemein wertvoller 
Schatz dem Werke einverleibt worden, das wir als eine wichtige, auch die Volks- 
forschung sehr verpflichtende Arbeit mit dem gebührenden Danke begrüsst haben. 

K. Weinhold. 



Joh. Pli. Glock, Die Symbolik der Bienen nnd ihrer Prodnkte in Sage, 
Dichtung , Kultus , Kunst nnd Bräuchen der Völker. Heidelberg, 
Tb. Groos, 1891. S. XII. 411. 8^ 

Aus diesem fleissig zusammengetragenen Buche eines Imkers geht uns im 
besonderen das 5. Kapitel des 2. Teils an: die Bienen bei Germanen und Slaven, 
worin aus Glaube und Sitte dieser Völker viel auf die Bienen bezügliches ge- 
sammelt ist. Der Verfasser des Buches ist kein Avissenschaftlicher Forscher in 
diesen Dingen, sondern ein gebildeter Dilettant, belesen und in der Darstellung 
gewandt. Gern wird man die volkstümliche Geschichte von der steirischen Bienen- 
mutter, der Witwe Magdalena Hermann in Mixnitz, lesen, die in unsere Lese- 
bücher übergehen sollte. K. W. 



Elard Hugo Meyer, Germanische Mytliologie (Lehrbüclier der germanischen 
Philologie. I.) Berlin, Mayer & Müller, 1891. S. XL 354. 

Das wichtige Buch, das eine Frucht langjälu'igen Fleisses ist, gliedert sich in 
neun Kapitel, von denen die drei ersten die Einleitung enthalten: 1. Geschichte 
der Wissenschaft der germanischen Mythologie, 2. Begriff und Aufgabe der Mytho- 
logie, 3. Quellen. Darauf folgt die Behandlung des Seelonglaubens und des Maren- 
glaubens, als ältester Stufen der Religion; darauf wird der Naturdämonenglaube 
nach einer niederen und höheren Stufe vorgetragen, und nun erst gelangen wir zu 
dem Götterglauben und Götterkultus. Hr. Meyer teilt die Götter in Gewittergötter 
(Tj'r-Ziu, Freyr, Heimdallr), AVindgötter (Odin-Wodan, üllr, Baldr mit Sippe, 
Bragi, Njqrdr) AVolkengöttinnen (Frigg-Freyja, Fricke, Harke, Berchta, Holda, 
Sprossformen). Im 9. Kapitel wird der Heroenmythus behandelt. 

Das Buch soll ein Handbuch der germanischen Mythologie sein und es wird 
in der Hand eines Kundigen dazu vortrefflich dienen, da es das Material so 
umfangreich vorführt, wie man es sonst nicht findet. Im übrigen wird der Kun- 
dige über vieles anderer Meinung sein, ganz abgesehen von der von uns in dieser 
Zeitschrift I. S. 451 ff. näher beleuchteten Ansicht des Verfassers über den un- 
germanischen Ursprung und das fremde Wesen der meisten nordischen Mythen. 
Immerhin aber nimmt dieses Buch neben Mogks Mythologie (im Grundriss der 
germanischen Philologie von H. Paul. VI. Abschnitt) eine sehr achtenswerte 
Stellung ein. 

Die schlechte Ausstattung und der inkorrekte Druck müssen gerügt werden. 

K. Weinhold, 



Bticheranzeigen. 89 

Ignaz V. Ziiigerle, Sagen aus Tirol. Zweite vermehrte Auflage. Innsbruck, 
Waguer'sclie Univers. Buchhandlung, 1891. 

Ignaz V. Zingerle ist der treue Eckart, der seit länger denn einem Menschenalter 
den Schatz der Volksüberlieferungen seines Heimatslandes Tirol hütet und dabei 
eifrig dafür sorgt, dass nicht bloss seinen Landsleuten das Bewusstsein von dem- 
selben wach erhalten werde, sondern auch in weiteren Kreisen die Wissenschaft 
des deutschen Volkstums davon Nutzen ziehen könne. 

In zweiter, stattlich vermehrter Auflage sind kürzlich seine Sagen von Tirol 
erschienen. Die Ausgabe vom Jahre 1859 bot 764 Nummern, die jetzt vorliegende 
zeigt deren 1U22, und zwar hat besonders das Eisakthai, Pusterthal und Vinstgau 
neue Berücksichtigung gefunden, während auch sonst aus historischen Notizen und 
katholischen Legenden reichliche Nachlese gehalten ist. Die mündliche Über- 
lieferung giebt aber nach wie vor den Hauptinhalt des Werkes her und macht die 
Sammlung in ihrer objektiven Auffassung des Stoffes und schlichten Darstellung 
zur ersten Quellenschrift inbetreff des tiroler Volksglaubens. 

Der wissenschaftlichen Behandlung des von Zingerle gebotenen Stoffes kommt 
ein angehängtes Kapitel von Anmerkungen namentlich mit Hinweisungen auf die 
entsprechende Litteratur, sowüe ein eingehendes Sachregister entgegen. Rezensent 
bekennt offen, dass er den gelegentlich in den Anmerkungen hervortretenden 
Standpunkt Zingerles in betr. des Charakters des Volksglaubens nicht teilt, wenn 
er z. B. S. 70 zum Teil mit Grimm „in vielen Hexen verkappte heidnische Prieste- 
rinnen" wiederfindet, bei anderen Gestalten an Freyr oder gar Baldr denkt, über- 
haupt die Sagen als Niederschläge alter Mythen fasst, während sie umgekehrt meist 
volkstümliche Prototypen solcher sind. Da Zingerle derartige Ansichten aber 
nirgends in die Darstellung selbst drängt, so bleibt der eigentliche Sagenschatz, in 
dem der Wert des Werkes beruht, davon und von jeder Differenz ganz unberührt, 
und dem Dank seiner Landsleute für die neue schöne Gabe gesellt sich auch der 
der Wissenschaft. W. Seh war tz. 



Haudtniaui), E. Was auf märkischer Heide spriesst. Märkische Pflanzen- 
Legenden und Pflanzen-Symbolik. Berlin, Lüstenöder (1891). S. VII, 
184. 8^ 

Der A^erfasser hat in seinen „neuen Sagen aus der Mark Brandenburg, Berlin, 
1S83" schon einmal einen Beitrag zur deutschen Sagenkunde in Druck gegeben. 
War schon diese Publikation nicht eben glücklich zu nennen, da die Kritik nicht 
mit der nötigen Schärfe angewandt und die Sammlung ausserdem durch Aus- 
schmückungen stark entwertet schien, so gilt dies von den vorliegenden märkischen 
Pflanzensagon in erhöhtem Masse. Mag auch in der Vorrede versichert werden, 
dass die einzelnen Sagen dem Volksmunde entnommen sind, dem Kenner des 
Volkstums wird es darum doch nicht einen Augenblick zweifelhaft sein, dass er 
es hier in keinem Falle mit einem wirklich volkstümlichen Werke zu thun hat. 
H. stellt selbst die Frage auf: „AVie mögen derartige sagenhafte Gebilde entstanden 
sein. Sinds Erbstücke uralter mythologischer Vorzeit? Sinds Gleichnisse, von 
Gelehrten, Priestern, Lehrern, Erziehern aufgestellt? Sinds Grossmütter- oder 
Ammenträume?" und giebt darauf die Antwort: „Zweifelsohne hat jede dieser 
drei Quellen, und nebenbei noch haben einige andere Phantasiequellchen, etwas 
von ihrer Fülle in den durch unser Volksleben plätschernden Giessbach der Sagcn- 
bildung und Symbolisierung hineinströmen lassen." Uns will es ebensowenig 



90 Meitzen: 

zweifelsohne erscheinen, dass diese Gleichnisse des Gelehrten, Priesters, Lehrers 
und Erziehers, sowie die anderen Phantasiequellen, von denen das Buch auf jeder 
Seite Zeugnis ablegt, auf des Verfassers, bezw. seiner Gewährsmänner Rechnung 
zu setzen sei. Jedenfalls sind in der Sammlung wirklich Volkstümliches und 
ausgesprochen Nichtvolkstümliches so mit einander verquickt, dass eine Scheidung 
kaum möglich erscheint und die Arbeit somit für den Forscher fast wertlos wird. 
Anders mag man vielleicht über den litterarischen Wort des im übrigen hübsch 
ausgestatteten Buches denken; darüber zu urteilen ist jedoch hier nicht der Ort. 

U. Jahn. 



Guido List. Doutsch-mytliologischo Laiulsclmftsbilder. Berlin, IL Lüsteiiöder 

189L S. 264 8". 

Der Verfasser des vorliegenden Buches ist als mythologischer Schwärmer durch 
das niederösterreichische Land und Gebirge gewandert und hat überall die deut- 
lichen Spuren unserer alten deutschen und nordischen Götter aufgefunden. Er 
erzählt seine Porscherwanderungen begeistert, in einer Sprache, die alt, bieder und 
kräftig sein soll, die aber durchaus auf unverdorbenen Geschmack je länger je 
mehr abstossend wirkt. Er ist in Mythologie und Sprachkunde der ärgste Dilettant, 
und wir raten ihm, erst etwas zu lernen, ehe er sich als Mythologe wieder her- 
wagt. Patriotische Begeisterung allein thut es nicht! K. W. 



Dr. M. Höfler in Tölz. Der Isarwinkel. Ärztlich-topographisch geschildert. 

München, Verlag von E. Stahl, 1891. S. 230 8". 

Der Verfasser sagt, gerade der Arzt in oder am Gebirge ist in der günstigen 
Lage, die Abhängigkeit des Menschen vom Wohnboden und den Einfluss des 
letzteren leichter zu überblicken. Er erachtet es für Aufgabe der Ärzte, den natür- 
lichen Keim nachteiliger, gesundheitswidriger Zustände, welche jede menschliche 
Siedehing in sich trägt, ebenso wie die gesundheitsfördernden Eigentümlichkeiten 
der Wohnorte kennen zu lernen und erkUh-t, dass Vegetation, Flora und Fauna, 
Bodenkunde, Meteorologie, Hydrologie nicht weniger Gegenstand seiner besonderen 
Beobachtung sein sollten, als Anthropologie, Ethnologie und Pathologie. 

Dass er selbst diesen Ansprüchen in ziemlich umfassender Weise nachzu- 
kommen bestrebt gewesen ist, zeigt das reichhaltige Buch, welches zwar keine 
Inhaltsangabe hat, aber durch ein Sachregister über die behandelten Fragen aufklärt. 

Der Isarwinkel, d. h. der heutige Bezirk Tölz, wird zunächst in seinen Terrain- 
und geologischen Verhältnissen mit besonderer Rücksicht auf die Höhenlage und 
Bodenbeschaffenheit der einzelnen Ortschaften beschrieben. Dabei kommt auch 
die ältere Besiedelung und die Art zur Sprache, wie sie sich an alte Verkehrs- 
wege, namentlich an die Isar und die wichtige uralte Strasse über den Brenner, 
sowie die Salzsaumwcge anschloss, welche von Reichenhall längs des Gebirges 
gegen Kempten zogen. Schijiiede und Wagner waren die ersten urkundlich be- 
kannten Bürger von Tölz. Noch bis in späte Zeit aber blieb das Handwerk und 
der Handel in den Flecken beschränkt, weil die Einödbauern durch ihr Gesinde 
schmieden, backen, weben, |spinnen, zimmern, tischlern und dachdeckon liessen, 
und was dies nicht vermochte, von Haus zu Haus wandernde Handwerker in des 
Bauers Stör (Stube) anfertigten. Sehr alt und lange überwiegend war die Alm- 
wirtschaft der Bauern, dazu kam Holzhau, Holzschnitt und Köhlerei, für welche 



Bücheranzeigen. 91 

die Isai- die wichtige Plossstrasse war. Noch 1780 bestanden in Tölz 2o Floss- 
meister mit 100 Knechten. Heut sind es nur noch 6. Dem Holzaufschlag war 
war der Liasboden der Voralpen stets besonders günstig. Die ältesten Alpen er- 
geben sich aus den romanischen Namen wie Telps, Redebein, Torchelin, Ver- 
maus u. a.. Dabei bestehen besonders gute Pferdeweiden. Aber sowohl Pferde 
wie Rindvieh degenerieren, wenn sie den Boden des Gebirges verlassen und in 
die moosige moorige Moränenzone am Fusse der Voralpen herabstiegen. 

Die Bevölkerung und ihre Verteilung und ihre Wohnungen sind zum Gegen- 
stand eingehender Beobachtungen gemacht. Noch vor 100 Jahren gab es Wohn- 
häuser im Isarthal mit hölzernen Schubfenstern ohne Glas, welches durch anein- 
ander gereihte, in das Fenstergesims eingesetzte Holzstäbchen ersetzt war. Bezüg- 
lich der Ernährung ist die Kost, ihre Bestandteile und ihr Wert für die einzelnen 
Arbeiterklassen nachgewiesen. Daran schliessen Angaben über deren Krankheiten. 
Die Beschatfenheit und die Einwirkungen des Klimas, Grundwasser und Wasser- 
zustäude des Isargebictes sowie die Trink- und Mineralwässer nach den einzelnen 
geologischen Zonen sind unter Mitteilung zahlreicher Analysen ganz im Einzelnen 
behandelt. 

Für die Volkskunde interessieren namentlich die Zusammenstellungen über 
romanische Reste in der Bevölkerung, die sich teils in der um den Walchensee 
sehr zahlreichen Namen, teils oft recht ausgeprägt in der Körperlichkeit einzelner 
Personen und auch ganzer Ortschaften erhalten haben. Riezler verlegt dorthin die 
romanische Provinz Valeria. Nach Sepp sprach man hier noch zu Karls des Grossen 
Zeit romanisch. Die Farben von Haar und Augen, die Körpergrösse, die Schädel- 
bildung werden in ihren Unterschieden zahlenmässig vorgeführt. 

Endlich sind die Kretinbildungen, Anomalien aller Art, die Ergebnisse der 
Rekrutierung, die Sterblichkeit und die einzelnen Todesursachen und vorherrschen- 
den Krankheiten, sowie die verschiedenen Arten der Unfälle mit der vollen Sach- 
kenntnis und langen Erfahrung des einheimischen Arztes dargestellt. 

A. Meitzen. 



^ivaja Starina. Periodiceskoje izdanije otdielenija etiiografii Imp. Riissk. 

geogTafic. obscestva pod rodakcijejii. V. J. Lamanskavo. (Lebendes 

Altertum, periodische Ausgabe der etnograph. Abteilung der k. russ. 

geograph. Gesellschaft unter der Redaktion von V. J. Lamanskij.) 

Petersburg 1890 und 1891. gr. 8". 1—4 Heft. LXII, 131, 34, 42, 

24; IV, 236 und 2; II und 271; II und 230 S. 

Das Ostreich in seiner gewaltigen, die verschiedenartigsten Völker und Stämme 
umfassenden Ausdehnung bietet für Folklore ein unerschöpfliches Arbeitsfeld. 
Einzelnen und Gesellschaften, vor allem der kais. russ. geographischen Gesellschaft, 
verdanken wir bereits Herbeischaffen von Stoff in grossen Massen und aus aHen 
Gegenden des Reiches, das meiste davon freilich dem Auslande, v/egeii der Sprache, 
nicht uinnittelbar zugänglich. Bei dci' steigenden Bedeutung und Ausbreitung dieser 
Studien bewillkommnen wir doch besonders den Beschluss der ethnographischen 
Abteilung der Gesellschaft, ein neues folkloristisches Organ ins Leben zu rufen 
und die Leitung desselben Prof. Lamanskij zu überti'agen. Von diesem neuen 
Unternehmen liegen die ersten vier Hefte bereits vor. 

Eine Beschränkung auf bestimmte Länder, Rassen, Völker oder auch imr auf 
die Grenzen des Reiches hat nicht stattgefunden, wir linden dabei' Beiträge mannich- 
fachster Art. Einer der ausführlichsten und interessantesten ist ,Drei Jahi-e bei 



0-2 Brückner: 

den Jakuten', ethnographische Skizzen von V. L. Priklonskij, der, von der 
Weichsel nach Jakutsk versetzt, über die Sitze und Sitten vornehmlich der Jakuten 
handelt, namentlich wichtig sind die Ausführungen über den Schamanismus 
und über die Erscheinungen der ,chorea imitatoria', einer Nervenaffection; im An- 
hange dazu werden zahlreiche jakutische Sagen, Lieder und Rätsel mitgeteilt, dar- 
unter das grosse Lied vom Branntwein, im Original und in der Ucbersetzung eines 
Kosaken. Dann die Untersuchungen A'on G. Trusman über die Halbgläubigen (Halb- 
heiden) im Pskovschen Gouvernement, d. i. russificirte Esthen, eifrige Orthodoxe, 
die ihr esthnisch imd aus den Zeiten, da heidnisches ihnen noch vielfach bei- 
gemischt war, auch den entsprechenden Namen, der heute bis auf einiges bereits 
als Anachronismus bezeichnet werden kann, beibehalten haben. In die Anfänge 
von Slavistik und Folklore versetzt uns zurück der Abdruck der Korrespondenz des 
1878 verstorbenen Slavisten Sreznevskij: Land und Leute in der lausitzer Wendel 
von 1840 werden geschildert, Eindrücke und Erlebnisse eines eifrigen imd scharfen 
Beobachters; desselben Anzeige der slavischen Ethnographie von Safah'k (1842); 
würdif reihen sich daran die Briefe des allzufrüh seiner Wissenschaft entrissenen 
Preis an Safarik, Kurschat u. a. von 1836— 1846: beides eine Ergänzung förm- 
lich zu den von Jagic herausgegebenen Materialien zur- Geschichte der slavischen 
Philologie. Einen wertvollen Beitrag liefert J. Zdanov in seinem Studium über 
das Lied von Fürst Michael: nach der grossrussischen Version findet der Fürst, 
der seine Frau der Obhut der Mutter anvertraut hatte, bei der Rückkehr die Frau 
todt und überlebt nicht sein Leid; es werden nun die nächst verwandten und die 
entfernteren Versionen in slavischen, romanischen u. a. Volksliedern aufgesucht 
und es wird scharfsinnig gezeigt, wie ein historischer Name aus einem historischen 
Liede in wandernde Balladen herübergekommen ist. Sehr interessant ist der 
Bericht eines Augenzeugen, P. Rovinskij, über eine am 27. August 1890 in 
Grbal am adriatischen Meere abgehaltene feierliche Beilegung der Blutrache, eine 
wesentliche Ergänzung zu den Studien darüber eines Miklosich u. a. Th. Braun 
o-ibt eine Skizze der Griechen in Mariupol (Gouvernement Jekaterinoslaw) d. i. 
der letzten Reste der einstigen Krimgothen, wie dies zuerst Kunik ausgesprochen 
und der Verfasser in einem deutschen Programm der reformierten Schule in 
Petersbui-g 1889/90 (Die letzten Schicksale der Krimgoten) ausgeführt hatte: ver- 
einzelt kommt noch der germanische, blonde Typus vor; Sagen, Lieder u. s. w. 
haben sich nicht erhalten, die Tradition reicht nicht weiter als über die Herkunft 
aus der Krim und den einstigen Druck des Tatarenjoches; griechische und tatarische 
Lieder sind gesammelt und sollen herausgegeben, in der Krim selbst Ausgrabungen 
vorgenommen werden. 

Aus der Reihe weiterer Beiträge heben wir noch hervor; Prof. Veselovskij 
giebt diesmal aus dem Schatze seines Wissens nur einige Kleinigkeiten (darunter 
über DecameroneX, 3); Prof. Sobolevskij sucht die Namengebung im russischen 
Volksepos festzustellen, nach Ursprung und Alter des einzelnen. Vom Heraus- 
gebor, Prof. Lamanskij, stammt eine Art Programm, das sich über russische 
Journalistik, Kritik. Wissenschaft, dann über die planmässige Erforschung russischer 
Geschichte und Ethnographie, zuletzt über Folklore (mit Bezug auf Weinhold, 
Zeitschrift f. Völkerpsych. 1890 I und etwas polemisch gegen die bezüglichen 
Ausführungen von Gaidoz in der Melusine) ausbreitet; ausführliche Anzeige des 
grossen Werkes von Prof. Pypin ,Geschichte der russischen Ethnographie»', welches 
seinesgleichen nicht leicht in einer anderen Litteratur haben dürfte. Der Stand- 
punkt des Autors und derjenige des Referenten sind jedoch so grundverschieden, 
dass Gegensätze der Auffassung sich sogar auf die Einzelheiten erstrecken müssen; 



Bücheranzeigen. 93 

der Referent betont daher vor allem, was ihm übergangen oder nicht nach Ge- 
bühr gewürdigt scheint. Der das Andenken von Fr. Miklosich ehrende Nachruf 
wird durch einen Anhang von Anzüglichkeiten und persönlichen Bemerkxingen ent- 
stellt; wir übergehen dies und erwähnen lieber die Ausführungen über Alter und 
Ursprung des Namens AVeissrussland, die sich anschliessen an entsprechende 
Bemerkungen des Prof. Potebnja, der bei einer Anzahl scharfsinniger, doch 
öfters allzugewagter AVorterklärungen auch diesen Terminus berührte. Wir schliesscn 
diese Uebersicht der Abhandlungen mit einer der wertvollsten, über altes Leben 
der Ostjaken imd ihre Helden auf Grund ihrer eigenen Lieder und Erzählungen 
von S. K. Patkanov (HI, S. 85—11(3 und IV, S. 67-108). Der Verf\isser hat 
ein bisher so gut wie unbekanntes Material gesammelt; er schildert die Sänger, 
ihre Instrumente, die Lieder, welche der Ereignisse der späteren Geschichte, der 
Unterwerfung durch Tataren, dann durch Russen, nicht mehr gedenken; diese Reste 
des nationalen Epos beziehen sich nur auf Kämpfe, oder eher auf bloss räuberische 
Überfälle der Ostjaken untereinander und gegen die Samojeden, auf die Zeit vom 
XIII. bis XIV. Jahrhunderte etwa; ihr Stil ist durchaus episch, in den Epitheta, 
in der Breite der Ausfühningen, in den AViedcrholungen u. s. w.; nach ihnen 
schildert der Verfasser das Treiben der Ostjakenfürsten, der Helden dieser Lieder, 
in Krieg und Frieden. 

Von Materialsammhingen heben wir hervor die Schildcriing der Hochzeits- 
bräuche bei den Ruthenen Ungarns; russische imd bulgarische Volkstoxte aller Art 
(Bilder, Sprüche, Beschwörungen u s. w.); alte Notizen über Aberglauben; An- 
gaben über Spiele, namentlich Rinderspiele; über Bestattungen, Beschreibung von 
Dialekten u. s. w. Orientalische Sagen, Märchen und Fabeln, indische (aus dem 
Nachlasse des Prof. Minaj ev), kirgisische, armenische u. a. sind besonders reich- 
haltig vertreten. Dürftig ist nur der bibliographisch -kritische Teil ausgefallen. 
Fragen nach Dialekten, Bräuchen etc. finden wir ebenfalls, wie in der pohli- 
schen AVishi. 

Aus dieser, noch nicht alles erschöpfenden Inhaltsübersicht erhellt zu Genüge, 
wie weit die Redaktion der Zivaja Starina sich ihre Aufgaben gesteckt hat. Der 
Ausdehnung des russischen Reiches entsprechend ist die Ethnographie Asiens, zumal 
Sibiriens, in vollem Umfange herangezogen worden : die interessantesten Abhand- 
lungen der ersten Hefte beziehen sich gerade auf sibirische Völkerschaften. Fährt 
die Redaktion auf diesem Wege mit gleicher Umsicht und Eifer fort, so kann sie 
ihres Erfolges sicher sein, so wird ihre Publikation den besten fremden ebenbürtig 
zur Seite treten. Dass ihr dies gelinge, wünschen wir im Interesse unserer Wissen- 
schaft. 

Berlin. A. Brückner. 



TVista. Miesi(;cziiik gieogTaficzuo-etnogTaficziiy. Tom V. Warszawa 1801. 
(Die Weichsel. Geographisch -othnograpliisclio Monatsschrift. Bd. \. 
Heft 1—3, S. 1—730, gr. S".) 

Das von Dr. J. von Karlowicz mit grosser Umsicht geleitete Organ füi' 
pohlischen Foikhirc schliesst bereits den fünften Jahrgang ab. Während in anderen 
Publikationen, zumal der Krakauer Akademie, so z. B. im Zbior wiadomosei 
do antropologii krajow'cj (Sammlungen zur Kunde der Landesanthropologie, 
bisher 14 Bände gr. 8°) Stoffsammlungen mitgeteilt werden, hält die Redaktion dci- 
Wisla für ihre vornehmste Aufgabe, orientierende Abhandhingen, kritische Erörte- 
rungen von Einzcinheiten und eine äusserst reichhaltige, namentlich periodische 



94 Brücknef: 

Publikationen erschöpfende bibliographische Übersicht zu bringen; für Stoffsamm- 
lungen selbst ist die Biblioteka AVisly bestimmt, welche bereits in 8 Bändchen 
neben Märchen und Liedern eingehende ethnographische Schilderungen (von Fede- 
rowski M., Wasilewski Z., Dorf Jagodne) und Arbeiten, wie über polnische 
Volksmedizin von Dr. M. Udziela und über das AVeib im Volksliede von 
K. Skrzyiiska aufgenommen hat. 

Auf den reichen Inhalt des neuen Jahrganges können wir im Einzelnen nicht 
eingehen; wir heben nur weniges hervor. Von Arbeiten von Ausländern seien ge- 
nannt nur die des russischen Folkloristen Sumcow über die polnischen Boginki 
oder Mamuny, eine Art Feen; letzterer Name hängt mit der mittelalterlichen Mamona, 
nicht, wie Verfasser annimmt, mit (Korn)-Muhme zusammen. Karlowicz handelt 
über Alter und Namen gewisser polnischer Osterbräiiche, die von Deutschen her- 
stammen (Schmeckostern = smigurst, smigus: Mannhardt hatte irrig das Gegen- 
teil, Beeinflussung des deutschen, durch polnischen Brauch, angesetzt; dyngus, 
d. i. Dingnuss, Dingniss, depactatio, Loskauf vom AVassertauchen durch Geschenke). 

Der Aufsatz von Zmigrodzki über die Geschichte der Swastika ist dem 
deutschen Publikum bereits aus dem Archiv f. Anthropologie, 1890, III bekannt- 
Wir nennen noch die ausführliche Schilderung weissrussischen Dorflebens, 
aus einer vom Weltverkehr fast abgeschlossenen Gegend (Jelenska, Dorf Koma- 
rowicze); archivalische Nachrichten aus der Vergangenheit des Städtchens Wawelnica 
(H. AViercieiiski), Anregung eingehender Untersuchungen über die Bräuche der 
Johannisfeier (Lubicz) u.a. Die neuesten Arbeiten über den Ursprung des polni- 
schen Staates, speziell über die Geschichte des Adels, die Theorie der Einwanderung 
und Unterjochung, wonach der Adel aus einer fremden Herrscherkaste hervor- 
gegangen wäre, bespricht lichtvoll A. Jablonowski imd erschüttert die Beweis- 
kraft des Vorkommens nordischer Russen in den polnischen Wappenzeichen durch 
Hinweis auf verwandte Erscheinungen in anderen Gegenden. Endlich seien neben 
der eingehenden Chronik der Fortschritte der Geographie wärend des Jahres 1890, 
von Nalkowski, die zahlreichen Fragestellungen nach Sitten, Sprache etc. von 
Seiten der Redaktion und Antworten aus dem Leserkreise hervorgehoben. Das 
beste Zeugniss für den Wert dieser Publikation legt der Umstand ab, das sie auf 
ähnliche bei anderen slavischen Stämmen nicht ohne bestimmenden Einfluss ge- 
blieben ist. Neben der Zivaja Starina (s. o.) nennen wir eine böhmische: 

Ceskv Lid, eine Zweimonatschrift für das Studium böhmischen Volkes 
in Böhmen, Mähren, Schlesien imd Ungarn, herausgegeben von Dr. L. Nie der le 
(für den anthropologisch - archäologischen) und Dr. C. Zi'brt (für den kultui-- 
historisch - ethnographischen Teil); bisher zwei Hefte, 220 S., kl. 8°, mit zahl- 
reichen Illustrationen (Prag, Simacek, 1891). Wir übergehen hier den archäolo- 
gischen Teil (darunter die eingehende Schilderung von Gräbern mit hockenden 
Skeletten durch Dr. Matiegka); im ethnographischen berichtet der gründliche 
Kenner mährischen Volkstums, F. Bartos, über landwirtschaftliche Bräuche und 
Aberglauben; J. Kost'al sammelt alle Angaben über den Wassermann, den Nix, 
dessen volkstümliche Namen, hastrman, bestrman aus dem deutschen stammen; 
auf den Vergleich mit den ähnlichen Erscheinungen bei Deutschen, Iren und 
Schotten (wo die Kelpie ebenso mit Vorliebe als Mensch oder Pferd, Rind 
erscheint) u. a. wird jedoch nicht eingegangen. V. Tille, in einem Aufsatze über 
Erzählungen vom Herrscher, der vom eisernen Tische her auf den Fürstensitz be- 
rufen wird, wie dies bei Przemsyl von Böhmen und Stephan von Ungarn die Sage 
berichtet, überprüft zunächst die Entwickelung der böhmischen Tradition. Z. Winter 
gibt einiges urkundliche Material zum Kapitel von Todtenzeugnissen im alten Ge- 
richtsverfahren, vom bekannten Bluten der Leiche bei der Berührung des Mörders. 



Protokolle. 95 

Eine Reihe anderer Arbeiten, über die Volksküche, über Trachten und Muster, 
über das weltliche Lied u. s. \v., seien nur flüchtig erwähnt. Dazu kommen biblio- 
graphische Übersichten, namentlich der einschlägigen böhmischen Litteratur, auch 
ein Bericht von A. Cerny über Folkloristik bei den Lausitzer Wenden; endlich 
Fragen und Antworten, wie in der Wisla. 

Nach ihrem Vorgänge werden auch grössere zusammenhängende Untersuchungen 
besonders in der Knihovna Ceskeho Lidu veröffentlicht. Das erste Heft dieser 
Bibliothek gab der unsern Lesern aus Zeitschrift I, 456 f. bereits bekannte um- 
sichtige und unermüdliche Forscher, Dr. C. Zibrt, heraus: .Skritek' in altböhmi- 
scher Volksübcrlieferung'; der Skritek — sein Name ist deutschen Ursprunges, 
Schratt, Schratzel — ist eine Art Hausgeist, auch Gelddrache und Alp: einen ur- 
kundlichen Nachtrag vom Jahre 1382 über den Glauben ,se habere penatem in 
domo sua' s. in C. L. S. 186. Im zweiten Heft der Bibliothek wird Fr. Bartos 
einen erschöpfenden Bericht über Hochzeiten in Mähren, Bräuche, Lieder, Spiele und 
Aberglauben, die sich daran knüpfen, bringen. 

Berlin. A. Brückner. 



Celtic Fairy Tales selected and edited by Joseph Jacobs, illiistrated by 
J. D. Batten. London, David Nutt, 1892. S. XIT. 267. 8". 

Herr Jos. Jacobs, der Herausgeber der Zeitschrift Folklore, hat seinen English 
Fairy Tales, der ersten Sammlung wirklich englischer Rindermärchen, dies aller- 
liebste und wertvolle Weihnachtsbuch folgen lassen, das aus echten irischen und 
schottischen Quellen geflossen ist. Der Reichtum der Kelten an Feengeschichten, 
an Sagen und Märchen ist bekannt, er übertrifft bedeutend den der anderen euro- 
päischen Völker, abgesehen von den Finnen. Uralte Erinnerungen des Volkes 
sind darin enthalten und ein unerschöpfliches Feld der Forschung breitet sich 
darin aus. Herr Jacobs hat, von seinem Freunde Alfr. Niitt. dem rühmlich be- 
kannten Kenner, unterstützt, sechsundzwanzig Geschichten ausgewählt, die er in 
englischer Sprache für englische Kinder vorträgt, als eine Art von Haus ollarah 
oder sheenachie, bemüht Gesicht und Farbe, Zauber . und Reiz der keltischen 
Volksphantasie wirken zu lassen. Ganz vortreffliche Holzschnitte nach Zeichnimgen 
von John D. Batten, der selbst ein Kenner keltischen Altertums ist, schmücken 
das Buch. 

Wir wollen dabei kurz eines andern Werkes gedenken: 

Beside the fire, a collection of Ii-ish Gaelic folk stories, edited translated 
and annotated by Douglas Hyde, with additioual notes by Alfred 
Nutt. London, David Nutt, 1890. S. LTHL 203. 8°. 

Es ist eine Auswahl aus der irischen Originalsammlung des Dr. Douglas, die 
1889 in Dublin erschien ist: Leabhar Sgenluigheachta; sie bringt sechs Geschichten 
in irischem Text mit gegenüberstehender englischer Übersetzung, acht Geschichten 
nur auf englisch, zum Schluss eine kleine Rätselsammlung. In einer ausführlichen 
Vorrede spricht sich Dr. Hydes über die irischen und schottischen Volksüber- 
lieferungen und seine Art des sammelns aus, wozu Herr Alfr. Nutt eine beachtens- 
werte Nachschrift gibt. Derselbe hat auch am Schluss Anmerkungen zu jeder 
einzelnen Geschichte gespendet, die jeder mit Dank brauchen wird. 

K. Weinhold. 



96 Brückner; 



Aus den 

Sitzungs-Protokollen des Vereins für Volkskunde. 



Berlin, Freitag, den 18. Dezember. Neu beigetreten: Kais, cliines. Zoll- 
direktor a. D. Kleinwächter-Berlin; Realgymnasiallehrer Dr. A. Strack-Giessen. 
— Nachdem der Vorsitzende einen kurzen Bericht über den Mitglicderbestaiid des 
Vereins gegeben hatte, erhielt Prof. A. Brückner das Wort zu seinem Vortrage 
,ein mittelalterlicher Bericht über Weihnachtsbräuche'. Nach einer prinzipiellen 
Auseinandersetzung über die Vorsicht, welche bei der Prüfung von Volksbräuchcn 
auf ihren angeblichen mythologischen Hintergrund hin zu beobachten ist, nach dem 
Hinweis auf die Wanderung von Bräuchen namentlich im Gefolge des Christen- 
tumes erörterte der Vortragende den Bericht des Böhmen Johann von Holesow 
über Weihnachtsbräuche, das ,Largumscro' desselben aus dem Ende des XIV. Jahr- 
hunderts. Us en er s Vermutung, dass der ursprüngliche Verfasser desselben pres- 
byter Alsso, ein Deutscher, gewesen, wird zurückgewiesen; die einzelnen Punkte 
des Berichtes werden erörtert, wobei sich herausstellt, dass derselbe nichts 
spezifisch slavisches, böhmisches enthält; ein Abdruck des Traktates nach einer 
besseren Handschrift, als die, über welche Usener verfügte, wird angekündigt; 
einige andere Angaben, auf deutsche Bräuche aus dem XV. Jahrhunderte bezüglich, 
werden mit besprochen. 

Hierauf stellte Hr. Stadtrat E. Friedel eine stattliche Kollektion metallener 
Rauchtabaksdosen aus dem XVIII. Jahrhunderte, die den Sammlungen des Märki- 
schen Provinzialmuseums entstammen, aus und erörterte das zeitliche Aufkommen 
derselben, ihre Verbreitung und die mitunter derbvolkstünilichen Legenden der- 
selben, die zudem oft auf bedeutsame Zeitereignisse, namentlich aus der Regierung 
Friedrichs IL, Bezug nehmen. 

Zuletzt wurde zur Wahl des Vorstandes für 1892 geschritten; mit Akklamation 
wurde der alte Vorstand wiedergewählt, bis auf den ersten Schriftführer Dr. U. Jah n, 
der durch ethnographische Reisen, die er vorhat, gehindert war, die Wiederwahl 
anzunehmen. An seine Stelle wurde als erster Schriftführer Prof. A. Brückner 
gewählt. 

Freitag, 22. Januar 1892. Der Vortrag von Dr. U. Jahn über Rübezahl 
charakterisierte zunächst die neueren darauf bezüglichen Arbeiten, namentlich die 
durch das Ausschreiben des Oesterreichischen Riesengebirgsvereins hervorgerufenen 
Schriften (Rübezahl, Hohenelbe 1884) und einen Aufsatz von Dr. Vecke nstedt, 
deckte ihre methodischen Mängel auf, besprach hierauf die ältere Rübezahllitteratur 
zumal das Werk des M. J. Prätorius, Daemonologia Rubinzalii Silesii, welches 
für den Sagenforscher besonders durch die älteste schriftliche Fixierung einer 
Reihe volkstümlicher Überlieferungen wertvoll ist, wenn auch öfters mit Unrecht 
Rübezahl gerade zum Helden aller dieser Sagen von Prätorius gemacht wird. 
Hierauf wurde die echte Überlieferung, die sich auf Rübezahl wirklich bezieht, 
ausgesondert; sein eigentlicher Name, Johannes, betont, der ihn, neben allen anderen 
Zügen, als einen Kobold erweist, auf den alles, was von Kobolden in Deutschland 
erzählt wird, zurückbezogen worden ist. Der Vortragende schloss mit einer Auf- 
forderung zu weiterem Sammeln und Untersuchen des Stoffes. 



Protokolle. 97 

Der vorgerückten Zeit wegen gab der nächste Vortragende, Prof. Arendt, 
nur die drei ersten Kapitel seiner Auswahl chinesischen Däraonenglaubens, Er- 
zählungen, in denen Seelen unschuldig Verurteilter oder Getöteter Rache nehmen 
an ihren Verfolgern: darunter besonders charakteristisch eine, in der der Geist 
des Getöteten in den Mörder einfährt und ihn selbst zum Geständnisse zwingt. 

Nach Verlesung des Geschäftsberichtes für das verflossene Jahr durch den 
Vorsitzenden und der Jahresbilanz durch den Schatzmeister wurde der Ausschuss 
von 12 Mitgliedern für 1892 gewählt, nämlich die Herren Bartels, Möbius, 
E. Schmidt, Voss, Lazarus, Friedel, Heck, Steinthal, Zupitza, Jahn, 
H. Grimm, Goerke. An den officiellen Teil des Vereinsabends schloss sich das 
Festessen zur ersten Jahresfeier des Vereins an, welches in äusserst animierten- 
Weise verlief. 

Freitag*, tlen 26. Februar. Zunächst setzte Prof. Arendt den in der vorigen 
Sitzung unterbrochenen Vortrag fort; er teilte drei weitere Erzählungen vom Treiben 
dämonischer Rachegeister mit, alle ausgestattet mit originalen, uns fremdartig an- 
mutenden Zügen, namentlich in der letzten derselben, da der den Mord seines 
Herrn rächende Diener wenigstens am Mantel desjenigen der jenen hatte hinrichten 
lassen, seine Rache kühlt, was das Hinsiechen des Eigentümers selbst zur Folge hat. 

An der Hand reichhaltigen statistischen Materials von 3000 Nummern und mit 
Hilfe von Karten demonstrierte hierauf Zeichenlehrer Mielkc den wesentlich 
deutschen, zumal süd- und mitteldeutschen Brauch, einzelnen Häusern besondere 
Namen zu geben, die zumeist dem Tier- und Pflanzenreiche entnommen, oft Jahr- 
hunderte lang am Hause haften. Häufiger treten sie seit dem XHI. Jahrhunderte 
auf, und nehmen in späteren Zeiten oft sonderbare Formen an. An der Diskussion 
beteiligten sich die Herren Weinhold, Schwartz, Brückner, Belege aus 
Breslau, Berlin, Krakau mitteilend. 

Prof. Weinhold besprach den Gebrauch der Kerbstöcke als Rechenmittel, 
und wies einen solchen aus Suhl vor; Herr Meyer -Cohn verwies auf ähnliche 
elsässische. Dr. U. Jahn legte Photographien österreichischer Volkstypen und 
eine mit einer Widmung auf den Hubertusburger Frieden versehene Tischdecke 
vor, an die vorher besprochenen Rauchdosen und Gratulationsbänder erinnernd. 
Prof. Brückner berichtete kurz über die — ziemlich geringfügige — Ausbeute, 
welche der Tractatus de superstitionibus des Nicolaus von Jauer von 1412 (auf 
Grund zweier Handschriften der königl. Bibliothek in Berlin) für deutschen Aber- 
glauben gewährt. A. Brückner. 



I 



Zeitschrift d. Vereins I". Volkskunde. 1892. 



98 



Laue: 



Litteratur des Jahres 1891. 

Von Dr. Max Laue. 



Volkskunde im Allgemeinen. 

I. Zeitschriften für das ganze Gebiet der Volkskunde. 



Zeitschrift für Volliskuude in Sage und 
Mär, Schwank und Streich, Lied, Rätsel 
und Sprichwort, Sitte und Brauch. Heraus- 
gegeben von Dr. Edmund Veckenstedt. 
Organ der deutschen Gesellschaft für Volks- 
kunde. Leipzig, Frankenstein und Wagner. 
III. l. 2. s. Zeitschr. d. Vereins für Volks- 
kunde I (1891) S. 114. 

in. 3. 1890. V. Estorff-Teyendorf, Der 
wilde Jäger. Ein Versuch zur Erklärung des 
Phänomens. S. 81. — Veckenstedt, Die 
mythischen Könige der arischen Volkshelden- 
sage und Dichtung. [Forts.] S. 93. — Vecken- 
stedt, Wendische Sagen der Niederlausitz. 
Gesammelt und mitgeteilt. S. 97. — Branky, 
Volksüberlieferuugen aus Österreich. S. 99. — 
Vernaleken, Der Dreisskerl. Eine Reihe 
mythischer Vorstellungen. S. 104. — Knoop- 
Rogasen, Volkslieder aus Hinterpommern. 
Mitgeteilt. S. 108. —Veckenstedt, Bücher- 
besprechungen . . . Zur Bücherkunde. S. 117. 
III. 4. Veckenstedt, Die mythischen 
Könige der arischen Volksheldensage und 
Dichtung. S. 121. — Vaclav Tille, Der Traum 
von dem Schatz auf der Brücke. S. 132. — 
Veckenstedt, Wendische Sagen der Nieder- 
lausitz. S. 137. — Branky, Volksüberliefe- 
rungen aus Österreich. S. 139. — Verna- 
leken, Mythische Volksdichtungen. S. 141. — 
Mitkos-Beni-Suef, Albanesische Lieder. 
Deutsch von J. ü. Jarnik. S. 143. — Pistor, 
Sprichwörter und sprichwörtliche Redensarten 
aus Wigand I^auzes hessischer Chronik. S. 146. 
— Knoop, Polnischer und deutscher Aber- 
glaube und Brauch aus der Provinz Posen. 
S. 148. —Veckenstedt, Bücherbesprechungen 
S. 151. — Branky, Bücherbesprechungen. 
S. 155. — V. Estorff, Bücherbesprechungen. 
S. 155. — Zur Bücherkunde. S. 158. 

III. 5. Knoop, Die neu entdeckten Götter- 
gestalten und Götternamen der norddeutschen 
Tiefebene. IIL Die Äsen. S. 161. — Vecken- 
stedt, Die mythischen Könige der arischen 
Volksheldensage und Dichtung. S. 172. — 



Veckenstedt, Wendische Sagen der Nieder- 
lausitz. Gesammelt und mitgeteilt. S. 182. 

— Jarnik, Albanesische Märchen und 
Schwanke. Mitgeteilt und übersetzt. S. 184. 

— Branky, Volksüberlieferungen aus Öster- 
reich. S. 185. — Gadde, Volkslieder aus 
Hinterpommern. S. 187. — Kaufmann, Find- 
linge zur Volkskunde. S. 189. — Vecken- 
stedt, Bücherbesprechungen. S. 192. — 
Wagner, Bücherbesprechungen. S. 193. — 
Knoop, Bücherbesprechungen. S. 195. — Zur 
Bücherkuude. S. 198. 

III. 6. Dürnwirth, Deutsches Element in 
slovenischen Sagen des kärntischen über- 
rosenthales. S. 201. — Mailand, Der „Fluch" 
in der siebenbürgisch-rumänischen Volkspoesie. 
S. 208. — Veckenstedt, Wendische Sagen 
der Niederlausitz. Gesammelt und mitgeteilt. 
S. 215. — Jarnik, Albanesische Märchen und 
Schwanke. Mitgeteilt und übersetzt. S. 218. 

— Branky, Volksüberlieferungen aus Öster- 
reich. S. 221. — Gadde, Volkslieder aus 
Hinterpommern. S. 224. — Kaufmann, Find- 
linge zur Volkskunde. S. 228. — Knoop, 
Polnischer und deutscher Aberglaube und 
Brauch aus der Provinz Posen. [S. 229.] — 
Knoop, Bücherbesprechungen. S. 235. — 
Veckenstedt, Bücherbesprechungen. S. 236. 

— Wagener, Bücherbesprechungen. S. 237. 

— Zur Bücherkunde. 
III. 7. Die Kalewala vom ästhetischen 

Standpunkte betrachtet. (Julius Krohn's 
finnische Litteraturgeschichte I, 1.) Übersetzt 
von 0. P. S. 241. — Knoop, Die Influenza. 
S. 261. — Veckenstedt, Wendische Sagen 
der Niederlausitz. Gesammelt und mitgeteilt. 
S. 262. — Jarnik, Albanesische Märchen und 
Schwanke. Mitgeteilt und übersetzt . . . S. 264. 

— Branky, Volksüberlieferungen aus Öster- 
reich. S. 266. — Poestion, Die alten nor- 
dischen Frühlingsfeste. Nach dem Dänischen 
des Troels Lund. S. 268. — Veckenstedt, 
Bücherbesprechungen. S. 272. — Zur Bücher- 
kunde. S. 277. 



Litteratur des Jahres 1891. 



99 



III. 8. Die Kalewala vom ästhetischen 
Staudpunkte betrachtet. Übersetzt von 0. P. 
S. 281. — Jarnik, Albanesische Märchen und 
Scliwänke. Mitgeteilt und übersetzt. — 
Branky, Volküberlieferungen aus Österreich. 
S. 298. — Prexl, Rumänische Volksromanzen 
übersetzt. I. S. 300. — Veckenstedt, Aus 
der Provinz Sachsen I. Der Festkalender von 
Hornburg (bei Oberröblingen am See) in Sitte, 
Brauch und Schwank. Zusammengetragen und 
mitgeteilt nebst Vorwort. S.302. — Poestion, 
Die alten nordischen Frühliugsfeste. Nach 
dem Dänischen des Troels Lund. S. 310. — 
Bücherbesprechungen. — Zur Bücherkunde. 

III. 9. Knoop-Eogasen, Die neu ent- 
deckten Göttergestalten und Götternamen der 
norddeutschen Tiefebene und am Harz. 
IV. Frau Hinne. S. 321. — 0. P., Die Kale- 
wala vom ästhetischen Standpunkt betrachtet. 
Übersetzt. S. 328. — Schlossar-Graz, Sagen 
vom Schratel aus Steiermark. S. 341. — Gur- 
witsch - Petersburg , Kriminalistische Ge- 
danken und Anschauungen in den Sprich- 
wörtern des russischen Volkes (Mittel -Russ- 
land). Mitgeteilt von Veckenstedt. S. 343. 

— Schwel a, Die „grosse" wendische Hoch- 
zeit. S. 346. — Poestion, Die alten nordi- 
schen Frühlingsfeste. Nach dem Dänischen des 
Troels Lund. S. 349. — Bücherbesprechungen. 
Zur Bücherkunde. 

III. 10. 0. P., Die Kalewala vom ästheti- 
schen Standpunkt betrachtet. . . . Schlossar, 
Sagen vom Schratel aus Steiermark. S. 377. 

— Branky, Volksüberliefenmgen aus Öster- 
reich. S. 379. — N ottrott-Ranchi, Mundari- 
(Kol-) Lieder. Mitgeteilt und übersetzt v. . . 
S. 381. — Gurwitsch, Kriminalistische Ge- 
danken und Anschauungen in den Bräuchen 
und Sprichwörtern des russischen Volkes. Mit- 
geteilt von Veckenstedt. S. 382. — Hüser, 
Der Schwerttanz von Atteln bei Büren. S. 385. 

— Poestion, Die alten nordischen Frühlings- 
feste. Nach dem Dänisehen des Troels Lund. 
S. 387. — Schwela, Die „grosse" wendische 
Hochzeit. S. 390. — Knoop, Polnischer und 
deutscher Aberglaube und Brauch aus der 
Provinz Posen. S.393. — ßücherbesprechungen. 
S. 397. 

III. 11. 0. P., Die Kalewala vopi ästheti- 
schen Standpunkt betrachtet . . . S. 401. — 
Gurwitsch, Kriminalistiiche Gedanken und 
Anschauungen in den Bräuchen und Sprich- 
wörtern des russischen Volkes. S. 421. — 
Poestion, Die alten nordischen Frühlings- 
feste. Nach dem Dänischen des Troels Lund. 
S. 425. — Schwela-Schorbus, Die „grosse" 



wendische Hochzeit. S. 433. — Knoop, Pol- 
nischer und deutscher Aberglaube und Brauch 
aus der Provinz Posen. S. 427. — Zur Bücher- 
kunde. S. 438. 

III. 12. 0. P., Die Kalewala vom ästheti- 
schen Standpunkt betrachtet . . . S. 441. — 
Poestion, Die alten nordischen Frühlings- 
feste. Nach dem Dänischen des Troels Lund. 
S. 464. — Schwela, Die „grosse" wendische 
Hochzeit. S. 475. — Inhaltsverzeichnis. S. 482. 

Am Urquell. Monatsschrift für Volkskunde. 

Herausgegeben von Friedrich S. Ki'auss. 

Lunden in Holstein. Kommissionsverlag 

Ejramer in Hamburg. 
II, 1. 2.: vgl. Zeitschr. d. Ver. f. Volks- 
kunde I. 1891, S. 115. 

II, 3 (1891): Handelmann, Zur norwegi- 
schen Sagenforschung. — v. Wlislocki: Ma- 
gyarischer Liebeszauber. — Feilberg, 
„Wetter machen". — Frieschbier, Der Eid 
im Volksleben. — Kupczanko, Volksmedizin. 

— Sembrzycki, Ostpreussische Sprichwörter 
... — Krauss, Geheime Sprachweisen. — 
Knauthe, Der Tod als Reisebegleiter . . . 

— Kleine Mitteilungen. — Vom Bücher- 
tische. 

II, 4: Post, Das Volksleben als wissen- 
schaftliches Problem. — Knauthe, Das Alp- 
drücken in Preussisch- Schlesien. — Schell, 
St. Martinstag im Bergischen. — Kup- 
czanko, lü'ankheitsbeschwöriingen bei russi- 
schen Bauern in der Bukowina. — Sembr- 
zycki, Ostpreussische Sprichwörter ... — 
Krauss, Geheime Sprachweisen. — Kleine 
Mitteilungen. — VomBüchertische. — Kraus s, 
Wilhelm Krauss. 

II, 5: Mooney, Die Kosmogonie der Che- 
rokee. — Landau, 'Non ölet'. — Hoefler, 
Das Sterben in Oherbayern. — A., Hexen- 
leiter oder Vogelscheuche. — Suudermann, 
üstfriesisches Volkstum. — Volksmann, 
Volksmedizin. —Sembrzycki, Ostpreussische 
Sprichwörter ... — Krauss, Geheime 
Sprachweiseu. Eine Enquete. — Vom Bücher- 
tisch. 

II, 6: Hoefler, Das Sterben in Ober- 
bayern. — K.[rauss] , Das Alpdrücken. — 
Sundermann, Ostfriesisches Volkstum. — 
Sembrzycki, Ostpreussische Sprichwörter, 
Volksreime. — Kleine Mitteilungen. — Vom 
Büchertische. 

IL 7. Andree, Abderiten von heute. — 
Spinner, Der Eid im Volksleben. — Ders., 
Diebsglauben. — Krauss, Geheime Sprach- 
weiseu. — Haase, Sagen aus der Grafschaft 

7* 



100 



Laue: 



Ruppin. — Vari, Volksmediziu. — Kleine 
]\Iitteiluugen. — Vom Bücliertische. 

II, 8: V. Wlislocki, Ui-men, Schicksals- 
frauen der Zigeuner. — Sembrzycki, Här- 
tens und Krauss, Scliimpfwörter. — 
Sembrzycki, Ostpreussische Sprichwörter, 
Volksreime und Provinzialismen. 

II, 9: Frisch hier, Rätsel - Geschichten. 

— Schell und Volksmaun, Die Fischerin, 
ein Märchen aus dem Bergischen. — Höft, 
Abderiten von heute. 

II, 10: Schiffer, Sündenkauf. — Frisch- 
bier, Rätsel- Geschichten. — Kaindl, Alp- 
drücken. — Volks mann, Abderiten von 
heute. — Sembrzycki, Ostpreussische Sprich- 
wörter. — Knauthe , Schimpfwörter. — 
Sundermann, Ostfriesisches Volkstum. — 
Kaindl, Der Eid im Volksleben. — Volks- 
mann, Tierfabeln. — Haase, Sagen aus Neu- 
Ruppin. — Volksmedizin. 

II, 11: Schiffer, Sündenkauf. — Frey- 
tag und Loeb, Zauberglaube. Eine Umfi-age. 
Mit Beiträgen von Knauthe imd Volks- 
mann. — Kaindl, Knauthe, Volks- 
mann, Diebsglauben. — Krauss, Geheime 
Sprachweisen. Eine Umfrage. Beiträge von 
Feilberg imd Schlegel. — Knauthe und 
Lehrmann, Bauopfer. — N. und Paulsen, 
Das Alpdi-ücken. — Wlislocki, Volkslieder 
der siebenbürgischeu Sachsen. — Ofterding, 
Abderiten von heute. — Staake, Geister- 
glauben. — Sembrzycki, Ostpreussische 
Sprichwörter, Volksreime und Provinzialismen. 

— Volksmanu, Schimpfwörter. — Kleine 
Mitteilungen von Schiffer, L-n. und 
Schierenberg. 

Revue des traditions populaires. (Societe 

des traditions populaires au musee d'ethno- 

graphie du Trocadero.) Paris. J. Maison- 

neuve. Tome VI. 6e annee. 1891. 

1. Janvier. Sebillot, Traditions et super- 

stitions des ponts et chaussees I. Les routes. 

— IL Les chemins de fer. p. 1. — Sebillot, 
Questionnaii-e des traditions des ponts et 
chaussees. p. 16, — Barbet, Chansons du 
renouvellement de l'annee. I. Lou Bon an. 
p. 18. — Harou, Miettes de Folk-Lore pari- 
sien. XIV. p. 21, — Danjon, La Fete des 
Rois. XV. Chanson des Rois ä Caen, p. 22. 

— Brueyre, Le petit homme rouge et Na- 
poleon, p. 25. — Basset, AUusions ä des 
contes populaires (suite). p. 30. — Descubes, 

ons et coutumes des mariniers. 
IIL Les Pilotes Egyptiens. p. 32. P.-S., 
IV. L'invention des flottages. — V. Rivage 



haute, p. 32. VL Girard de Rialle, Le Ba- 
teier avare. p. 83. — Sebillot, Renaud et 
ses femmes IL Haute -Bretagne, de Zmid- 
grodzki, La Mere et FEnfant. p. 36. — 
Certeux, Rites et usages funeraires IX. 
p. 48. — Desaivre, La Legende de Theo- 
phile de Viau. p. 50. — Rosieres, La Le- 
gende de Didon (suite). p. 52. — Foujou, 
Legendes et superstitions preliistoriques. 
VII. La pierre de Saint-Martin d'Assevilliers 
(Somme). p. 55. — Harou, Coutumes sco- 
laires IV. enBelgique. p.56. Bibliographie. 

— Livres re^us . . . Illustrations . . . 

2. Fevrier. Basset, Contes arabes et 
orientaux. V. Le Depositaire infidele. p. 65. 

— Le vieux Mari. Bernard, I. Chanson 
du pays de Caux. Sebillot, IL Haute-Bre- 
tagne. p. 77, 78. — Sebillot, Traditions et 
superstitions des ponts et chaussees. III. Les 
phares. IV. Les canaux. V. Quais et ouvrages 
de ports. VI. Les chaussees et les digues. 
p. 79. — Basset, Rupture de la digue de 
Mareb. p. 85. — Sebillot, Additions aux 
routes: devinettes et proverbes, etc., et aux 
chemins de fer. p. 89. — Ney, Une loco- 
motive fatale, p. 99. — Bayon, Le Diable et 
l'Enfer dans l'Iconographie. Les Tableaux de 
Michel Le Nobletz. p. 99. — Montet, La 
chanson de Bricou. IV. (suite). p. 102. — 
Desrousseaux, V. Version de Lille, p. 107. 

— Bourchenin, Contribution au folk-lore 
du Bearn. p. 108. — de Zmigrodzki, Les 
Cloches. I. Devinettes. p. 110. — Callon, 
Saint Pierre et le Veuf, conte de la vallee 
d'Aspe. p. 112. — Certeux, Pensees sur les 
Traditions populaü-es extraites de divers 
auteurs. IL p.ll3. — Basset, Les Meteores. 
I. Le feu Saint-Elme. p. 115. — Pommerol, 
Le roi d'Angleterre. III. V. de l'Auvergne. 
p. 116. — Extraits et lectures: de Rialle, 
I. Superstitions chinoises. p. 117. IL Hei- 
ne ckc, Le Carneval des Juifs galliciens. 
p. 118. — Assemblee generale. — Biblio- 
graphie. — Livres reQUS . . . Gravures. 

3. Mars. Sebillot, Traditions et super- 
stitions des Ponts et chaussees VII. Les Ponts. 
Rites de la construction. p.l20. — Heinecke, 
Le Pont d'Artos, chant albanais. p. 138. — 
Fargue, Pieces de monnaie dans le fonda- 
tions. Libations ä la pose de la clef de voüte. 
p. 139. — P. S., Les Egouts. VIII. p. 140. — 
Ruffie, Chanson des livTees I. Ariege. p. 140. 

— Chardin, Les Poissons fantastiques I. Le 
Poisson Nicole, p. 142. — Lacuve, Les Cent 
Ethius, conte poitevin. p. 143. — de Castel- 
nau, Les Mines et le Mineurs VIII additions. 



Litteratur des Jahres 1891. 



101 



p. 144. — Solaiman dans los legendes musul- 
manes. VI. Basset, Les Objets merveilleux 
(suite) p. 145. — Tiersot, Pastiches de clian- 
sons populaires. II. p. 146. — Perraud, 
Traditions et superstitions du Dauphine. II. 
p. 149. — Certeux, La Galette de pain, 
legende arabe. p. 152. — Pellisson, Super- 
stitions bearnaises. p. 154. — Bellet, Voya- 
geurs fran^ais et etrangers. I. Thevenard. 
p. 155. — Murray Aynsley, üne Legende 
de sorcellerie en Angleterre. p. 158. — 
Basset, Le Culte du marteau. I. Chez les 
Lithnaniens: le soleil captif. p. 161. — Fouju, 
Legendes et superstitions prohistoriques. VIII. 
Pierres qui tournent en Eure-et-Loire. p. 162. 
— Basset, Les Villes englouties. IL Baies. 
p. 165. — Laven ot, La Legende du Diable 
dans le pays de Vannes. p, 166. — Les Rites 
de la Construction: Basset, I. Sacrifices 
humains en Oceanie. p. 172. Gregor, IL En 
Ecosse. p.l72. — Livres populaires. IL Chanson 
en fonne de complainte de Jehan Dubus. 
p. 174. — Morin, Deux rondes d'enfants: 
Aube. p. 181. — Tiersot, Scepticisme popu- 
laire. p. 181. — Harou, Origine des roses 
mousseuses, legende • d'Anvers. p. 182. — 
Bosc, LaDanse desFees, legende d'Auvergne. 
p. 183. — Descubes, Extraits et lectures. 
I. Superstitions sibmemies. IL Les Zoulous 
et le prince imperial. — Bibliographie . . . 
Livres re^us . . . Xotes et enquetes . . . 
Illustrations . . . 

4. Avril. Fitzgerald, Sur quelques ori- 
gines de la tradition celtiques I. (suite). 
Sources historiques. p. 193. — La ponne 
Ferame es Brunes. I. Walhen, Normandie. 
p. 207. IL P. S., Haute Bretagne, p. 208. — 
Sebillot, Traditions et superstitions dos 
Ponts et Chaussees VIII. Les Ponts (Ponts 
hantes). — Superstitions diverses, p. 209. — 
Harou, Les Chemins des fer. IL (suite). 
Superstitions. p. 218. — P. S., Faceties et Ex- 
pressions pittoresques. p. 219. — Morin, De- 
vinettes. p. 220. — Senequier, I. Les Routes 
(suite). p. 221. — de Zmigrodski, Biblio- 
graphie du Folk-lore en Pologne. p. 222. — 
Certeux, Pelerins et pelerinagesVIII. Peleri- 
nages aux Cedres du Liban. p. 238. — P. S., 
Les Mines et les Mineurs. IX. Les Statues 
dans les Mines. p. 240. — Penny, Petes et 
Croyances X. p. 241. — Basset, Allusions a 
des Contes populaires (suite). p. 243. — 
de Launay, Les Cloches. IL Presages et 
Superstitions. p. 247. — Bayon, Le Peuple 
et les Monuments. I. Pien-es gravees. p. 248. 
Extraits es Lectures: Blanchard, Sorcellerie 



dans les Hautes. Alpes, p. 248. — Biblio- 
graphie . . . Livres re^us . . . Illu- 
strations ... 

5. Mai. Doncieux, Le Cycle de sainte 
Marie -Madeleine dans la chanson populaire. 
p. 257. — Sebillot, Le Rossignol, chanson 
de la Haute-Bretagne. p. 277. — Harou, 
Les Rites de la construction. III. La cathe- 
drale de Treves. — Sebillot, Traditions et 
superstitions des Ponts et Chaussees. VII. 
Les Ponts. § 4, Les Ponts merveilleux. p. 279. 

— Basset, Pont de Bamberg; le Ponte de 
paille. p. 287. — Kerviler, § 1 (suite), Les 
Rites de la construction. Le Pont CaUec. Le 
p.ont de KeiTcnthal. p. 288. — Basset, Les 
chaussees et les digues VI., Les Phares III. 
p. 288. — Harou, Les cloches. III. Cloches 
englouties. p. 292. — du Zmigrodzki, De- 
vinettes et croyances de TUkraine. IV. p. 292. 

— Certeux, La Galette de pain IL p. 294. 

— Harou, Les Pendus IL p. 295. — Char- 
din, Melusine en Champagne, p. 296. — 
P. S., Poesie sur des themes populaires. XX. 
Emile Blemont et Achille Millien. p. 297. — 
Murray-Aynslay, Quelques usages de la 
Semaine sainte. p. 301. — Basset, Contes 
arabes et orientaux. V. Le Depositaire infidele 
(suite). p. 302. — Certeux, Les Eaux ther- 
males et minerales. III. p. 305. — Ferrand, 
Traditions et Superstitions du Dauphine. IX. 
Le bon Dieu et les pays. X. La Revolte. p.307. 

— Le Bournisien, Lo premier dimanche 
de Careme. IL Dans l'Ai-tois et le Boulonnais. 
p. 309. — Harou, Les Mines et les Mineurs. 
XL Superstitions diverses (Belgique). p. 312. 

— P. S., XII. Quelques questions. p. 313. — 
Millieri, Les Pom-quoi LV. Pourquoi le 
lievre e la babine fendue. p. 314. — Biblio- 
graphie . . . Livres recus . . . Notes . . . 

6. Juin. Rosieres, Anciennete de quel- 
ques locutions usuelles, p. 321. — Arn au diu. 
Quelques usages de la Semaine sainte. IL 
Dans les Landes, p. 330. — Tiersot, Si 
j'etais Hirondelle. I. Forme morvandelle. 
IL Forme normande. p. 332. — Basset, La 
Legende de Didon (suite). I. La peau de boeuf 
coupee en lancieres. IL La Delimitation par 
la voix. V. Delimitation par la vue. p. 335. 

— de Zmigrodzki, Les Mines et les Mi- 
neurs. XIII. Coutumes, croyances et chan- 
sons du mineurs polonais. p. 338. — Cour- 
thion, Legendes valaisannes. p. 345. — Or- 
tolan, Traditions et superstitions des Ponts 
et Chaussees. VII. Les Ponts (suite). Legende 
du pont de la Calade a Saint-Raphael. p. 359. 

— Basset, Les destructeurs de ponts: les 



102 



Laue: 



Ponts iiiythiques. p. 360. — Basset, Les 
chaussees et les digues VI. (suite). p. 362. — 
Morin, Les chemins des fer IL p. 363. — 
de Lazarque, Folk-Lore de LoiTaine: La 
Massue. p. 363. — Bezier, Blasen populaire 
de la Loire-Iüfeneure. p. 366. — Basset, 
Le chanson de Bricoii VI. (suite). p. 37L — 
Defodon, Randonnee VII. p. 373. — Cor- 
uelissen, Version de la Campine auversoise. 
p. 374. — P. S., Second Congres des Traditions 
populaires. p. 376. — Le Carguet, Super- 
stitions du Cap-Sizun. p. 377. — P. S., Ne- 
crologie. P. Bezier. p. 378. — Bibliographie 
. . . Livres rerus . . . 

7. Juillet. Stibillot, Le peuj^le etTliistoire. 
VI. La Legende Napoleonienne. p. 385. — 
Lecocq, Deux chansons bourgignonnes. I. Le 
frere et la soeur. IL Le Galant de village. 
p. 393. — Tiersot, Xotes sur ces chansons. 
p. 396. — Blacque, Secoude vue et inter- 
signes. IIL Enterrenient vu ä Favance. p. 398. 

— Traditions et superstitions des Ponts et 
Chaussees. VII. Heinecke, Les Ponts 
(suite). Le reve du tresor sur le pont. p. 399. 

— Morin et P. S., Baptemes de ponts. — 
Pineau, Les ponts du Diable: le pont de 
GenQau. p. 403. — Volkov, Les ponts hantes. 
p. 404. — Volkov, I. Les Pioutes (suite). 
p. 404. — Volkov, Les chaussees et les 
digues. (suite). p. 404. — Volkov, IL Les 
Chemins de fer (suite). p. 405. — Volkov, 

VI. Une question d'Ethnographie. p. 405. — 
Lavenot, La Legende du Uiable chez les 
Bretons du pays de Vanues (suite). p. 406. — 
Foujou, Les precurseurs de nos etudes. 

VII. Legendes normandes du musee deDieppe. 
p.415. — R.B., La Legende de Didon. Erratum. 
p. 420. — Basset, Les Ordalies. I. Par le 
fer rouge. IL Par l'eau bouillante. p. 42L 

— de Launaj. Medecine superstitieuse. IV. 
En Anjou. p. 422. — de la Cheneliere, 
Les Charitcs en Normandie. p. 423. — Fer- 
tiault, Les Charivaris. V. Le Charidaue en 
Saintonge. p. 429. — Certeux, Second Con- 
gres des Traditions populaires. p. 430. — 
Basset, Les villes englouties (suite) III — VII. 
p. 43L — Fargue, VIII. La lague de Xain- 
traiUes. p. 434. — P. S., IX. La ville de Gar- 
danne, p. 435. — Harou, Les Mines et les 
Mineurs XIV. Coutumes des nüueurs beiges, 
p. 436. — P. S., Proverbes. p. 436. — Biblio- 
graphie . . . Livres re(jus . . . lUustrations . . . 

8. Aoüt. Basset, Contes arabes et orien- 
taux. VII. Les Cent nuits et le Kitab ech 
Chelli'a VIII. L'Alhaml)ra et le chäteau de 
Kaouamaq. p, 449, — Dauj on, Le mal marie. 



Version normande. p. 466. — Chantre, 
Superstitions des Tatars de TAderbeldjan. 
p. 467. — Sebillot, Les Traditions popu- 
laires et les ecrivains fran^ais VII. Sarasin. 
p. 470. — Heinecke, Les pourquoi LVII. 
Pourquoi les pluraes de paon portent malheur. 
p. 473. — Doncieux, Appendice au cycle 
de Marie Madeleine, p. 474. — Barbet, La 
chanson de Petignot, pays de Montbeliard. 
p. 477. — Binder, Saint Blaise IV. p. 479. 

— Morin, Contes troyes (suite) p. 481. — 
Certeux, La Bataille des Roses en Orient, 
p. 483. — Musters, Superstitions du sud du 
pays de Galles. p. 485. — Harou, Les Mines 
et les Mineurs. XVI. Proverbes liegeois. p.485. 
XVII. Basset, Les genies de la mine. p. 487. 

— Basset, Le feu Saint-Elme. II. p. 487. 

— Hovelacque, Traditions et superstitions 
des Ponts et chaussees. VII. Les Ponts (suite). 
Le Pont des Morts en Perse. p. 488. — 
Basset, Le pont des morts ä Java. p. 489- 

— Petravick, Le pont qui conduit au ciel. 
p. 490. — Basset, Le pont de Mautribles. 

— Le pont de Misarella. p. 49L — Che- 
guillaume, IL Les chemins de fer (suite). 
p. 492. — Fertiault, La priere du Cathere 
en Champagne, p. 493. — P. S., Miettes de 
folk-lore parisien. XVII. Blason populaire au 
XVII« siecle. p. 494. — Basset, Les villes 
englouties (suite) p. 495. — Destriche, Les 
rose aux qui chantent IV. p. 500. — Basset, 
La chanson de Bricou. VII. p. 501. — Biblio- 
grajjhie. — Livres recus. 

9. Septembre. Basset, Les villes englouties 
XVII-XXXVIII.p.513.- Mistral, XXXIX. 
La legende de Sainte-Anne. p. 528. — Millien 
et Penavaire, La chanson du laboureur, 
Nivernais. p. 529. — Chardin, La danse des 
fees, ile de France, p. 530. — Sebillot, Le 
peuple et l'histoire VII. 1815—1886. p. 531. 

— Certeux, Miettes de folk-lore parisien 

XV. Les raesses. p. 533. — Chtigauillaume, 

XVI. Voirie de Paris, p. 534. — Le Carguet, 
Superstitions et croyances du Cap-Sizun. V. La 
malechance. p.535. — Lavenot, Superstitions 
et coutumes de pecheurs. IV. Morbihan. p.541. 

— Sebillot, La Noizille. III. Versions de la 
Haute. Bretagne et de la Champagne, p. 542. 

— Fertiault, IV. de la Charente. p. 544. 
Sauve, Saint Gueuole et le diable, legende 
de la Basse-Bretagne. p. 545. — Sebillot, 
Traditions et superstitions du Bas-Languedoc. 
p. 548. — Sebillot, Les Traditions popu- 
laires et les ecrivains franpais. VII. Corneille. 
IX. Boileau. p. 551. — de laPorterie, Pe- 
lerins et pelerinages. IX. La foutaine de saiut 



Litteratiir des Jahres 1891. 



108 



Jean Baptiste ä Lussagnet (Landes), p. 560. 

— Morel-Eetz, Une coutume dijonnaise. 
p. 565. — P. S., Les pendus. III. Proverbes 
du XVII^' siecle. p. 56B. — Oerteux, IV. Le 
patron des pendus. p. 565. — Aynsley, Le- 
gendes suisses. p. 566. — Bourcheniu, Cou- 
tribution au folk-lore du Poitou. p. 570. — 
Harou, Traditions et siiperstitions des Ponts 
et Chaussees. IL Les chemins de t'er. (suite). 
p. 571. — Bibliographie. — Livres re(;us. 

11. Novembre. Sebillot et Harou, Les 
inventions modernes. I. Le telegraphe elec- 
trique. IL La Poste. III. Les Pendules. 
IV. Les luuettes et le telescope. V. La Photo- 
graphie, p. 641. — Danjon, Le Voyage du 
rossignol. I. Version normande. IL Sebillot, 
Version Haute Bretagne. IIL Tiersot, Bour- 
gogne. p. 644— 646. — Volkov, Traditions 
et superstitions des Ponts et Chaussees. I. Les 
Routes (suite). Voyages et voyageurs et 
Ukraine et en Biilgarie. p. 647. — Harolu, 
Notes sur les routes en Belgique. p. 649. — 
Le Carguet, Superstitions, croyances et le- 
gendes du Cap Sizun VI. Le Raz de Sein et 
les Phares. p. 650. — Certeux, Miettes de 
Folk-lore parisieu. XVIII. Les Epouvantails 
des eufants. p. 662. — Basset, AUusions ä. 
des contes populaires (suite). p. 664. — 
Harou, Les Pendus. V. Les Pendus de Beau- 
mont. p. 665. — Millien, Le bon Dieu de 
Saint-Georges. Histoire d'uu sorcier. p. 666. 

— Hein ecke, Les Mines et les Minem-es 
XVIII. Le mineur et le genie, legende du 
Harz. p. 668. — P.-S., XIX. L'or et la nourri- 
ture. p. 670. — Basset, XX. Mines hantees. 
p. 671. — Lach Szyrma, Les villes englou- 
ties, LX. Cornouaille. p. 671. — Lavenot, 
La legende du diable chez les Bretons du 
pays de Vannes, IL Deraeles du diable avec 
les saints (suite). p. 672. — Marchot, 
L'histoire de la voix qui revient (Luxembourg) 
p. 677. — Pomnierol, Joli capitaine I. Ver- 
sion d'Auvergne. p. 687. IL Sebillot, Haute- 
Bretagne. p. 688. — Morin, Livres popu- 
laires. III. Oraisons superstitieuses interdites 
au XVI«^ siecle. p. 689. — P.-S., Second con- 
gres des Traditions populaires. p. 690. — 
Basset, Contes arabes et orientaux. VIII. 
L'apprenti sorcier et le char de Sesostris. 
p. 678. — Morin, La Fraternisation par le 
sang. p. 682. — Perot, Les vieux usages du 
Bourbonnaies. I. Le Burloir, IL les coqs en 
päte. p. 6815. — Lach Szyrma, La dans des 
fces. IL p. 686. — Agostini, Les statues 
miraculeuses. I. La Vierge de Fozzano (Corse). 
p. 690. — Desrousseaux, Transformations 



des legendes et des anecdotes. IIL p. 692. 

— Ferraud, Le Diable et les metiers. p. 696. 

— Hovelacque, Pelerins et pelerinages. 
X. Les aux fetiches. p. 697. — Bibliographie. 

— Livres re^us. 

La Tradition. Revue generale des Contes, 
Legendes, Chants, Usages, Traditions et 
Arts populaires. Direction: Emile Bleniont 
et Henry^ Carnoy. Paris. E. Lechevalier. 
V. (1891), 1. Jan.: La Direction, Aux 
lecteurs de „La Tradition". — Nicot, La 
Saint-Eloi. — Davidson, Elements de tra- 
ditionnisme ou folk-lore: 1. La theorie mo- 
derne dePanimisme. — Millien, La bergere 
aux champs. — Desrousseaux, Monströs 
et geants: IX. Les Geants de Bruxelles. — 
Lemoine, Le tirage au sort en Belgique. 

— Ristelhuber, Contes Alsaciens (troisieme 
sei-ie). — C. [aruoy], Folk-lore et histoii-e 
des religions. — Lancelin, Chanson berri- 
chonne. — de Beaurepaire, Chansons popu- 
laires de Quercy. 

V. 2, Febr.: Davidson, Elements de Tra- 
ditionnisrae ou Folk-lore: IL Le Culte des 
Ancetres. — Vau Elven, La Sorcellerie au 
Moyen-Age: I. Coup d'ceil historique. — 
Carnoy et Nicolaides, Le Folk-lore de 
Constantinople: 1. Superstitions et Croyances 
des Turcs. — Carnoy, Les Pommiers en 
fleurs. — Comb es, Litterature populaire de 
Villeneuve-sui'-Lot. — Harou, Le Folk-lore 
de la Belgique: XII. Les Geants. -- Plan- 
tadis, Les Chevaliers du Papegai, I. — 
de Beaurepaire, Chansons populaires de 
Quercy. — Chaboseau, Les empreiutes mer- 
veilleuses VI. 

V. B, Mars: Carnoy et Nicolaides, Le 
Folk-lore de Constantinople: 1. Superstitions 
et Croyances des Turcs (suite). — de Beau- 
repaire, Chansons populaires du Quercy: 
III. Les Sabots; IV. Verdiu-ette, Verduron. 

— Davidson, Elements de Traditiomiisme 
ou Folk-lore: IIL Le Culte des Animaux. — 
de Warloy, Saint Barnabe, patron des 
Amoiu-eux. — de Zmigrodski, Le Folk- 
lore polonais. Cracovie et ses envü-ons: IV. 
La Medecine. — H. C, Les mois de Mai, XIV. 

— Chaboseau, Les empreintes merveilleuses, 
VII. — Berenger-Feraud, Contes de Pro- 
vence I. — Ortoli, Les Saints chäties. — 
Ristelhuber, Les Vosonöttes en Alsace- 
Lorrainc. 

V. 4, Avril: van Elven, Les proces de 
sorcellerie au moyen-äge. — Beaurepaire, 
Chansons pop. du Quercy. — Harou, Lo 



104 



Laue : 



folk-lore de la Belgique, XIII. — Davidson, 
Elements de traditionnisme oix Folklore, IV. 
Desrousseaux, Monstres et geants. — 
Millien, L'enfant noye. — Feroud, Contes 
de Provence, II. — Stieb al, surnoms des 
reginients et des grades dans l'armee alle- 
mande. — Bibliographie. 

V. 5, Mai: Berenger-Feraud, Le feu 
de Promethee chez les provenQaux de nos 
jours. — Prato, Un conte d'Audree de Ner- 
ciat dans une nouvelle pop. livonrnaise inedite. 

— de Zmigrodzki, Le folklore polonais: 
Crocovie et ses environs. IV. — Carnoy et 
Nicolaides, Le folklore de Constantinople 
IL — Plantadis, Les Chevaliers du papegai. 

— Bibliographie. 

V. 6, Juin: Berenger-Feraud, Le 
crime d'Oedipe dans un conte provenQal con- 
temporain. — Prato, Un conto de Grecourt 
dans une nouvelle pop. comasque de Ca- 
vallasca. — Cannizzaro, Chansons pop. de 
Sicile I . . . II . . . — Vigne, Croyauces et 
coutumes au Dahomey. — Doncieux, Le roi 
Renaud . . . Menü, Chansons pop. de la Pi- 
cardie. — Bibliographie. 



Melusine. Recueil de mythologio, litterature 
populaire, traditions et usages, fonde par 
H. Gaidoz et E. Rolland. Dü-ige par 
Henry Gaidoz. Paris. E. Rolland. 
[Fortsetzung zu Bd. I, 116.] 
V, 7: Gaidoz, La fee Melusine ä Luxem- 
hourg. — La lecture de la pensee. La chanson 
du Petit Jean. Les rites de la construction. 
Les Aqueducs. Les digues. Oblations ä la 
mer. Le suicide. — Krauss, L'operation 
d'Escnlape. — Tuchmann, La fascination 
(suite). — Ernault, Chansons populaires de 
la Basse Bretagne: XXV., Le passage de la 
I.igne. 

V, 8: La Fraternisation : IX. En Ukraine, 
Volkov; X. Boire SchmolHs, Gaidoz. — 
Ristelhuber, Les Acqueducs. — Crusius, 
L'Operation d'Escnlape. — Gaidoz, Les de- 
vinettes de Meteorologie. Jean de l'Ours. 
Les cheveux rouges. — Tuchmann, La Fasci- 
nation. — Gaidoz, Les Soniou de M. Luzel. 
Les chemins de fer. 

V, 9: Gaidoz, Le Chevalier au lion. — 
Rolland, Le courroux de l'enfant Jesus. — 
Gaidoz, Une incantation enumerative. — 
Tuchmann, Effets de la fascination. — 
H. G., La Fraternisation. — Rolland, La 
Bergere resignee. — Gaidoz, La Coupe de 
la vie, 



V, 10: Gaidoz, Le chevalier au lion. — 
Les Vedas reduits ä leur juste valeur. — 
Gaidoz, L'Etymologie populaire et le Folk- 
lore. — Ders. , Corporations, compagnonnages 
et metiers. — Tuchmann, La Fascination. 

— Ernault, Chansons populaires de la Basse- 
Bretagne: XXVII, XXVIII. — E. R., La 
Fraternisation. — Schreiner, L'enfant qui 
parle avant d'etre ne. — Rolland, Le cle 
des champs. — Les Ongles. — Gaidoz, Les 
Serments et les Jurons. — Ders., Les Esprits- 
Forts de l'Antiquite classique (Forts.). — 
Ders., L'Operaton d'Escnlape. 

V, 11: Doncieux, La belle dans la tour, 
texte critique. — Gaidoz, Le tien et le mien. 

— Ders., Chansons populaire de la Basse- 
Bretague. XXIX. Le Barzaz-Breiz de M. de 
Ville marque. — Ders., La Fraternisation. 

V, 12: Gaidoz, La pierre de Serpent. — 
Tuchniann, La Fascination. — Chansons 
populaires de Basse-Bretagne : XXX. L e Br az : 
Un mot sur le „manuscrit" de Guinclan. 
XXXI. Ernault, La Nourrice et les Voleurs. 

— Gaidoz, Groyances et pratiques des 
Chasseurs; IV. dans l'Oubanghi. — Levi, 
Les Aqueducs III. — Gaidoz, Les dccora- 
tions V. 

Archivio per lo studio delle tradizioui 
popolari. Rivista trimestrale diretta da 
G. Pitre e S. Salomone-Marino. Pa- 
lermo, libreria internazionale Carlo Clausen 
. . . 1891. 

X, 1. Gennaio-Marzo. Salomone-Ma- 
rino, Buon capo d'anno! Uso contadinesco 
siciliano. — Seves, Capo d'anno ed Epifania 
in Piemonte. — Köhler, Goethe e il poeta 
italiano Domenico Batacchi. — Corsi, Sena 
vetus: Superstizioni, Canti, Indovinelli e 
Giuochi: Medicina popolare. — Superstizioni 
delle ragazze. — Varie superstizioni. — 
Nardo-Cibele, La filata, o la coltivazione 
del canape nel Bellunese. III. Del tessere. 

— Mango, La leggenda dello sciocco nelle 
novelline calabre. — Pitre, Novelline popo- 
lari toscane : La novella di Ohime. — Le Fate. 

— Lumbroso, Spigolature di Usi, Credenze, 
Leggende: VII. La giostra dei torri e un 
mago di Fano. — VIII. La tana del re Ti- 
berio. Leggenda romagnola, IX. Usi novaresi 
del secolo XVI. — Renier, L'erba prodi- 
giosa di San Giovanni. — Forster, Fiabe 
popolari dalmate: Avvertenza. — L El re 
Porco. — IL El Becher. — III. I cazzadori. 

— IV. La rana. — Folk-Lore delT Agri- 
coltura: Motizie dei comuni di Offida e 



Litteratm* des Jahres 1891. 



105 



Rotella e dintorni (Ascoli-Picena). — Notizie 
deir Alta Maurienne (Savoie) (Angelini). — 
Notizie del Polesinc (Mazzucchi). — Se- 
billot, Contes de Marins recueilles en Haute- 
Bretagnc: VII. Lc Mousse jete ä la mer. — 
VIII. Le matelot qui epousa la fille du roi 
d'Angleterre. — IX. Tribord Amnrcs. — 

X. Galette des Bisciüt et Quart de Vin. — 

XI. Le Guitan et le Maquereau. — XII. Pour- 
quoi on emploie le ciment pour lester les ba- 
toaux. — Armaforte, Due racconti siciliani: 
I. Li tri duonni, chi raali cci abbinni. — 
IL Chiddu di lu grecu minchiuni. — Pires, 
TracÜQoes portuguezas: Conceito populär da 
Sereia. — Misccllanea: 'U ciucciu e 'u 
porcu, Favola calabrese (Pas quäle). II modo 
popolare di dire: „Un nuovo nato". — La 
Processione del Venerdi Santo in Metcovich 
nella Dalmazia. — Canzonetta fanciullesca nel 
Trentino. — Pregiudizi savojardi nell' XI 
secolo. — II nomc popolare tU un carnefice 
ncUa Rivicra francese. — Gridata dei vendi- 
tori di poini in Normandia. — I „Goeland" 
in Bretagna. — Appunti suUa idrofobia nel 
Bclgio (Lumbroso). — Rivista Bibliografica 
. . . Bulletino bibliografico . . . Rccenti pubbli- 
cazioni . . . Sommario dei Giornali (Pitre). 
Notizie varie. 

X, 2. Ungar elli, Proverbi bolognesi: 
Agricoltura, Economia rm'ale. — Crimi-Lo 
Giudice, Come si guoca coi bambini a Naso. 

— de Pasqualc, Tre Leggende calabresi: 
I. Fratia. — IL Mai-cu. — III. S. Stefanu. 

— Sebillot, Contes des Marins recueillis en 
Haute-Bretagne : XIII. Le Prince Marin. — 

XIV. Le Marin Georges, Ic Diablo ecc. — 

XV. Le Bar et lc Maquereau. — XVI. Le 
Homard et le Congre. — Mazzucchi, Due 
macchiette carnevalesche. I. L'orso. — La 
torotolola. — Menghini, Canti popolari ro- 
laani: 1. II ritorno. — 2. L'abate che rimane 
si'nza camicia. — 3. L'anello caduto nel mare. 
4. II Confessore. — 5. La fanciulla che vuole 
marito. — 6. II mal d'amore. — Pitre, 
Blasonc popolare siciliano. — Nardo- 
('ibcle, La filata, o la coltivazione del canape 
nel Bellunesc: Ai)pendice. — Pumagalli, 
Nuovo Contributo alla Bibliografia paremio- 
logica Italiana: I. Aggiunte Bernstein. — 
Salomone - Marino, La onnipotcnza dei 
proverbi dimostrata da una novelletta popo- 
lare siciliano. - Forster, Fiabe popolari 
<lalmate: V. Fiabe de la Menega rabiosa. — 
VI. El re serpente. — VII. El fazzoleto. — 
VIIL ElDestin. — IX. El pcsse-can. — Corsi 
Seua vetus: Ninno-uamie, pregliiere, storie: 



Storia di Giovanni di Bordighiera. — Susanna. 

— Lisetta. — Castelli, II canto di S.Giorgio. 

— Corsi, Le dodici parole della verita in 
Siena. — Ferraro, Folk-Lore del! Agri- 
coltura. — Lumbroso, Miscellanea: La 
regina Giovanna I'' nella tradizione popolare. 

— La festa di Maggio in AiTas (Francia). — 
Come si leghi la febbre nel Belgio. — La 
morte di Alessio, iiglio di Pieti'o il Grande e 
quella di sua moglie nella tradiz. popolare. 

— Una superstizione su Napoleone I". — II 
malocchio in Senegambia. — Una leggenda 
Chinese. — Rivista Bibliografico . . . 
Bulletino bibliografico . . . Recenti 
pubblicazioni . . . Pitre, Sommario dei 
Giornali. Notizie varie . . . 

Folk-Lore, a quaterly review of myth, tra- 

dition, iustitution, and custom. (Incorpora- 

ting The Archaeological Review and The 

Folk-Lore Journal. London. 1). Nutt). 

VoLII (1891), 1. March: Gommc, Ope- 

ning Adress to the Folk-Lore Society for the 

Session 1890—91. — Abcrcromby, Magic 

Songs of the Finns, No. III. — Gaster, The 

Legend of the Grail, No. I. — Maxwell, 

Slava. — Gregor, The Scotch Fisher Child. 

— Nutt, An Early Irish Version of the Jea- 
lous Stepmother and the Exposed child. — 
John, Bhuridatta. — Hartland, Report on 
Folk-tale Research 1890. — Jacobs, Review: 
The Science of Fairy Tales. — Correspondence 
(Modern Greek Folk-lore, Paton and Gar- 
nett; Glouston, Story of the Girl who 
plucked out her own Eyes. — Nutt, Irish 
Tales among the Redskins.) — Miscellanea. 
(Tom-Tit-Tot, Kirby. — HoUingsworth, 
A Basque Superstition. — Feilberg, Making 
Weather in Denmark. — Feilberg, 'Liver- 
rhyme' in Denmark. — Cox, Italian Peeping 
Toms. — Keegan, An Irish Variant of 
'Masters of all Masters'. — Black, Folk- 
names of British Birds. 

II, 2 (June): Balfur, Legends of the 
Lincolnshire Cars. — Abcrcromby, An 
Amazonian Custom in the Caucasus. — Ja- 
cobs, Childe Rowland. — Gast er, The Le- 
gend of the Grail II. — Nutt, Remarks 
upon the Foregoing Paper. — Jevons, Re- 
port on Greek Mythology. — Notes and News. 

— Review. — Miscellanea. — Folk-lorc Biblio- 
graphy. — Nutt, Les deniicrs travaux alle- 
mands sur la legende du Saint Graal. 

II, 3. Balfour, Legends of Lincolnshire 
Cars. Part IL — Rhys, Manx Folk-Lore and 
Superstitionsi — Fairman-Ordish, Folk- 



106 



Laue : 



Drama. — Sibree, The Folk-Lore of Mala- 
gasy-Birds. — Nutt and Jacobs, Mr. Stuart- 
Glennie on the Origin of Matriarchy. — The 
International Folk-Lore Congress 1891. 

Balletill de Folklore. Organe de la societe 
du Folklore wallon. Directeur E. Monseur. 
Bruxelles, J. Lebeque et Co. 



I. 1891. Premier semestre: Wil motte, 
La chanson populaire au raoyen äge. — 
Colson, Jeux d'enfants I-III. — Monseur, 
Contes: I. L'os qui chante. — Wil motte, 
Chansons: Les noces de la mesange. — For- 
mulettes de possessiou. — Gittee, Spectres 
et fantomes. — Eevue des livres. — Chro- 
nique. — Societe du Folklore wallon. 



(Fortsetzung folgt.) 



II. Theorie der Volkskunde. 



Pitrcj Bibliografia della tradizione popolare. 

Turin. 8". 
Weinliold, Zur Einleitung (Zeitschr. d. Vereins 

f. Volkskunde I, 1). 
Liebrecht, Zur Volkskunde (Germania XXV, 

2. 1890). 
— The science of Folk-Tales (Saturday Review. 

Jan. 1891). 
Achells, Völkerpsychologie und Völkerkunde 

(Allg. Zeitung 253. Beü.). 
Blemout, Esthetique de la Tradition. Paris, 

Maisonneuve. (= Vol. VII de la Collectiou 

Internationale de la TracUtion.) Vlll, 124 S. 

IG^ 3,00 fr. 
Itueklaiid, Authropological studies. London, 

Ward & Downey. 



Wilser, Anthropologie und Geschichte (Globus 
60, 110). 

— Die Anthropologie der Alten (Die Natui". 
40. Jahrg. Nr. 41). 

Aprent, Die Geschichte des Menschen. Ein 
Beitrag zur Begründung einer umfassenden 
und einheitlich abgeschlossenen Ansicht von 
der Welt und dem Lehen. Leipzig. V, 9G S. 
2,00 Mk. 

V. Heihvald, Die „Gleichheit" der Menschen 
im Lichte der Wissenschaft ( Globus 60, Nr. 23). 

Schultheiss, Rasse und Volk (,ib. Nr. 21). 

— Lecture of Folk-lore (Maryport News, 
13. Dez. 1891). 

Schwartz, Volkstümliche Schlaglichter (Ztsclir. 
d. Ver. f. Volksk. 1, 17-35. 220. 279—292.) 



III. Abhandlungen und Aufsätze, 

welche verschiedene oder alle Völker betreffen. 

A. Vorgeschichtliche Völker. 



1. Allg 

Sclieppig f Urgeschichte des Menschen- 
geschlechts (Separat-Abdr. aus den „Jahres 
berichten der Geschichtswissenschaft".) Ber- 
lin, Gärtner. 22 S. 

Hoerucs, Die Urgeschichte des Menschen 
nach dem heutigen Stande der Wissenschaft. 
Mit zahlreichen Tafeln und Textabbildungen. 
Vollständig in 30 Lieferungen. Wien, Hart- 
leben, ä Lief. 50 Pf. 

Keclus, Primitive Folk. The contemporary 
science series. Ed. by Havelock Ellis. 
London, Scott. 339 S. 3 sh. 6. 

Suliaaffhausen, La antropologia y la etno- 
logia prehistöricas. Madrid, Impr. Rollo. 
7 bajo. 12". 123 päginas. 2 y 2,25. 



emeiiies. 

Hostmauus, Studien zur vorgeschichtlichen 
Archäologie (Globus 59, 141). 

Bernhardt, Les Peuples prehistoriques en 
Lorraine; par . . . 2^ edition. S". 163 p. et 
planche. Nancy, Crepin-Leblond. 

Sepp, Die Urbewohner Altbayerns. Grund- 
linie einer neuen Altertumsgeschichte unseres 
Vaterlandes. (Beitr. Anthroj). und Urgesch. 
Bayerns 9, S. 1.) 

Bissiii^'er, Bilder aus der Urgeschichte des 
Badischen Landes. Karlsruhe. (Badische 
Neujahrsblätter.) 

— Die Steinzeit Abessiniens (Globus 59, 
383). 



Litteratur dos Jahres 1891. 



107 



2. Funde. 



Hier ist auf die einzelnen Zeitschriften zu 

verweisen, besonders auf: 

Xaclirichton über deutsche Altertums- 
fuiide. Mit- Unterstützung des königlich 
preussisclien Ministeriums herausgegeben 
von R. Virchow und A. Voss. Berlin, Asher 
& Co. 2. Jahrgang, 1891 [ist Anhang zur 
Zeitsclirift für Ethnologie. Berlin, Asher]. 

Prähistorische Blätter. Unter Mitwirkung 
von Forschern und Freunden der prähisto- 
rischen Wissenschaft herausg. v. Jul. "Naul. 
München, Literarisch artistische Anstalt. 
3. Jahrg. 1891. (6 Nummern). Mk. 3,00. 

Vorgeschichtliches aus Meisun (Indien): Globus 
59, 384. 



Jacob, Ein Schädel- und Kuochenfund vom 

kleinen Gleichberg bei Römhild (Herzogtum 

Sachsen-Moiningen). Mit Tafel VIII. Archiv 

f. Anthrop. XX, 3, S. 181-188. 
Loth, Fund bei Mittelliausen-Erfurt (Corre- 

spondenzbl. deutsch. Ges. f. Anthrop. XXXII. 

2, S. 12.) 
Meblis, Vorgeschichtliches aus Reichenhall. 

(Globus 59, 171.) 
Paudler, Vorgeschichtliche Funde. (Mitteil. 

nordböhm. Exkursionsklub. 14, 48 — 53.) 
Hediuger, Neue Höhlenfunde auf der schwä- 

bischeu Alb (in Heppenloch): Correspon- 

denzbl. d. Ges. f. Anthrop. u. Urg. XXII, 

2. Febr. 1891 u. s. w. 



3. Äussere Erscheinung;. 



Schmidt, Neue Forschungen über den paläo- 
lithischen Menschen in Nordamerika (Globus 
(iO, 15G). 

Girod et Gautier, Deconverte d'un squelette 
humain contemporain dos eruptions vol- 
caniques quaternaires du volcan de Grave- 
noire (Puy-de-U6me): Comptes rondus heb- 
dom. de l'Acad. des Sciences Nr. 20. 21. 



War der vorgeschichtliche Mensch linkshändig ? 

(Globus 60, 48). 

Galtoii, Los empreintcs digitales (Rev. scientif. 

1, 557). 
— Präliistorische trepanierte Schädel aus 

Dänemark (Globus 59, 48). 



4. Tracht, Schmuck, Geräte. 



V. Hellwald, Früheste Kunstregungen (^ Aus- 
land Ü4. Nr. 11 f.). 

Rudier, On the Source of the Jade used for 
Ancient Implements in Eui'ope and America. 
(The Journal of the Anthropological In- 
stitute of Groat Britain and Ireland. May.) 

Kloos, Jadeitbeilchon aus dem Braunschweigi- 
schen (Globus 59 Nr. 24). 

Paudler, Steinbeile und Eisenschmelzöfen. 
(Mitteil, nordböhm. Exkiu'sionsklub 14, 149 
bis 153.) 

Uciss, Feuersteingeräte aus Ägypten und 



Flinders Pätrics neueste Forschungen. Mit 

4 Taf. (Sep.-Abdr. Berlin. Anthrop. Ges. 

1891.) 
Schubert, Bronze -Funde im Auschaer Rot- 

lando. Mit Abb. (Mitteil, nordb. Exkui-sions- 

klub 14, 219-223.) 
Objets du dernier äge du bronze et du pre- 

mier äge du fer decouverts en Berry. Publ. 

par la Societe des Antiquaires du Centre. 

Bourges. 14 pag. 1 carte. 
Hoernes, Die Genesis der alteuropäisclien 

Bronzekultur (Globus Nr. 21). 



5. Wohnung:. 



Weber, Eine Wohnstätte aus der jüngeren 
Steinzeit im Südosten Bayerns (Beitr. ür- 
gosch. Bayerns IX, 137). 

PoHsy Soler, Prähistorische Bauten auf Me- 
norka. Mit Abb. (Globus 59, 230.) 

Ermliug, Die Nurhagen Sardiniens. (Mit 



Abb.): Globus (10, Nr. 22 [voiTömische Fels- 

wohnungcn]. 
Munro, Über die Pfaldbauteu Europas (Globus 

59, 142). 
Schnarreuberger, Die Pfahlbauten amBoden- 

see (Konstanzer Gymii. Progr. 1891). 



108 



Laue : 



6. Wirtschaft. 



Schlatterer, Die Ansiedlung-en am Bodensee 
in ihren natürlichen Voraussetzungen. Eine 
anthropologische Untersuchung. Mit 1 Karte. 
Stuttgart, Engelhorn. III, 445 S. gr. 8°, 
Mk. 3,60. (A. u. d. T. : Forschungen zur 
deutschen Landes- u. Volkskunde. 5. Band, 

.• 7. Heft, S. 377—445.) 

van Overloop, Prehistoric Workshops of 
Spiennes. (Bulletin anthr. Soc. Bruxelles.) 

Bleicher, Industries des populations primi- 
tives de l'Alsace et de la Lorraine. (Kev. 
scientif. 1. aoüt 1891.) 

Altersfolge der Feuerzeuge (Glohus 59, 62). 

Hoernes, Zur Archäologie des Eisens in 
Nordeuropa (Globus 59, 19). 



Weber, Vorgeschichtliches aus dem Alpen- 
gehiete zwischen Jura und Salzach. 1 Karte. 
(Beitr. Anthropol. Urgeschichte Bayerns. 
IX, 8). 

Hahn, Waren die Menschen der Urzeit zwischen 
der Jägerstufe und der Stufe des Acker- 
baues Nomaden? (Ausland 64, Nr. 25, 26.) 

Büchner, Das goldene Zeitalter oder das 
Leben vor der Geschichte. Nebst einem 
Anhange: Das Kulturmetall der Zukunft. 
Berlin, Allg. Verl. f. deutsche Litteratur. 
352 S. 

Berger, Histoire de Tecriture dans Tanti- 
quite. Paris, Imp. nat. XVIII, 389 S. 



B. Geschichtliche Völker, 
1. Zeitschriften, 



Internationales Archiv für Ethnographie. 

Hrsg. V. Schmeltz. Leiden, Trag. 1891. 
IV. 1-3: Koike, Zwei Jahre in Korea. 

— Schmeltz, Die Sammlungen aus Korea 
im ethnographischen Reichsinusemn in Baden. 
Mit Tafeln. — Baessler, Ethnographische 
Beiträge zur Kenntnis des ostindischen Archi- 
pels. Mit Tafeln. — Giglioli, Zwei alt- 
peruanische Schädelmasken. Mit Abbildungen. 

— Schurtz, Die geographische Verbreitung 
der Negertrachten. Mit Karto. — Schlegel, 
Chinesische Särge. Mit Tafel. — Jacobs, 
Die Baduis. Mit Tafel. 

IV. 4: Haddon, Die Tagari -Kopfjäger 
von Neu- Guinea. Mit Tafel. — De Grobt, 
Die Hochzeitskleider einer Chinesin. Mit 
Tafel. — Jacobs, Kritische Betrachtungen 
über die Theorie von Dr. H. Ploss über die 
Beschneidung bei verschiedenen Völkern. — 
de Zmigrodzki, Über das Swastika. — 
Grosse, Gegenstände aus Palenque. Fragen 
und Antworten. — Museen und Sammlungen. 
Bibliographische Übersicht. — Büchertisch. 

— Kleine Nachrichten. 

IV. 5: Zemmrich, Toteniuseln und ver- 
Avandte geographisthe Mjthen. — Jacobs, 
Kritische Untersuchungen über die Theorie 
von Dr. Ploss bezüglich der Bedeutung der 
Beschneidung. — Strcbel, Altmexikanische 
Wurfbretter. — Messikomer, Das Pfeil- 
schiessen in der Schweiz. — Colini, Eine 
halbmondförmige, brasilianische Steinaxt im 
Museum zu Eom. 

Bulletins de la societe d'anthropologie de 
Paris. lY'^ Serie. T. 2. 1891. 



Archiv für Anthropologie. Zeitschrift für 
Naturgeschichte und Urgeschichte des 
Menschen. Unter der Redaktion von Linden- 
schmidt und Ranke. Mit Holzschnitten und 
Tafeln. Braunschweig. Bd. 20. 1891. 4». 

Zeitschrift für Ethnologie. Herausgcg. von 
Bastian, Hartmann, Virchow, Voss. Berlin, 
Asher. (Organ der Gesellschaft für Anthro- 
pologie.) Bd. 23. 1891. [Im Anhang: Ver- 
handlungen der Berliner Ges. für Anthro- 
pologie, Ethnologie und Lirgeschichte.] 

Correspoudeuzblatt der deutschen Gesell- 
schaft für Anthropologie, Ethnologie nnd 
Urgeschichte. Hrsg. v. Ranke. Jahrg. 22. 
1891. München. 

Mitteilungen der anthrop. Ges. in Wien. 
Red. von v. Hauer, Langer, Wahrmann. N.F. 
Bd. 21. 1801. 

Archivio per l'antropologia e la etnologia 
pubblicato per la parte etnologica da Fclice 
Finzi. Firenze. gr. 8«. Bd. 21. 1891. 

The Journal of the anthropological Insti- 
tute of Great Britain and Ireland. (With 
plates . . .) London. (With appendix: Procee- 
dings of the Anthropological & Ethnol. So- 
cieties of London prior to the dato of amal- 
gamation.) Bd. 20. 1891. 

L'Anthropologie paraissant tous les deux 
mois. Materiaux pour l'histoire de Thommc. 
Revue d'anthropologie . . . Revue d'ethno- 
graphie . , . reunis. Paris. Tome 2, 1891. 

Revue mensuelle de Pecole d'Anthropologie 
de Paris. Publice par les Professeurs. 
Premiere Annee. (1891. Paris, Alcan.) 



Litteratiir des Jahres 1891. 



109 



2. Bücher und Aufsätze. 
a) Die Meusclilieit. 



Hassert, Polarkaiie zur Üborsiclit der frülieren 
uud heutigen Menschetigrenze. (Petenii.Mitt. 
37. VI.) 

— Die Nordpolgrenze der bewohnten und be- 
wohnbaren Erde (ib.) 

Raveiisteiii, I^ands of thc Globe still availablc 
for Europeeu Settlement. (Proceed. G. Googr. 
See. S. 27—35 [mit 2 Karten].) 

Die Bevölkerung- der Erde. VIII. Hrsg. v. 
Herrn. Wagner uud Max Supau. (Peterm. 
Mitteil. Ergänzungsh. Nr. 101 ) 

M. Vf., Die mögliche Bevölkerung der Erde. 
(Deutsche liundschau für Geographie 13, 
418). 

Junsch, Die Vermehrungsgesetze der Be- 
völkerung. (Vierteljahrsschr. f. Volkswirtsch., 
Politik u. Kulturgesch. 28. Jahrg., 1. Bd , 
2H.). 

Zur Bevölkerungsgeschichte der Städte. 
(Korresp.-Bl. d. Ges. Ver. deutscher Gesch. 
u. Altertumsver. Mai, Juni 1891.). 

Keuealy, A new view of the surplus of 
wonien (The Westminster Review. 136, 465). 



Schmidt, Zur Kenntuiss des Zwergwuchses. 
Mit 11 Abb. (Arch. für Anthropologie 20, 
43). 

Neuhauss, Zur Kenntnis des Zwergwuchses. 
Mit Abb. (Globus 60, 145). Die Vererbung 
des Zwergwuchses (Globus, 60, 335). 

ISchaeffer, Beitrag zur Aetiologie der Schwanz- 
bildung beim Menschen. Mit Tafel IX 
imd X. [Aus der Kgl. Frauenklinik in 
München.] (Archiv f. Anthr. S. 189. XX). 

Sobotta, Über den Bau und die Entwicklung 
des Uterus, insbesondere beim Menschen 
und den Affen. Berlin, Schade. 30 S. 1 Bl. 
Ing.-Diss. 25. Juli 1891. [Ersch. vollst, im 
Arch. f. mikrosk. Anat.] 

Seggels, Brustmessungen bei bayerischen 
Soldaten. (Globus 59, 112). 

Evelt, Ein Fall von Polymastie beim Manne. 
(Arch. f. Anthropologie 20, 105). 

Blind, Über Nasenbildung bei Neugeborenen. 
Anthropologische Studie. (Aus dem anthr. 
Inst, zu München). München, Wolf. Ing.- 
Diss. 1890. 

Treitel, Die Sprache und Stimme des Kindes. 
(Sonntagsbeil. Nr. 5 zur Vossischen Ztg.). 
I. Sprachinhalt. IL Sprachform. 

Deville, Notes sur le developpement du 
langage chez las enfants. (Rcv. de lin- 
giustique et de philologio comparee 45.) 



Die Vererbung der Taubheit. (Globus 59, 362). 

Debierre, L'hermaphrodismc. Paris, Bailliere. 
1891. 159 S. 2Frcs. 

Rebmann, Anthropologie (Samml. Göschen). 
Stuttgart, Göschen. 

Aisberg, Anthropologie mit Rerücksichtigung 
der Urgeschichte des Menschen, allgemein 
fasslich dargestellt. Mit Farbendrucktafeln, 
Karten und Holzsclmitten. 2 Aufl. Stutt- 
gart, Weisert. 4 Bl., 407 S. 6,00 Mk. 

Haeckel, Anthropogenie oder Entwicklungs- 
geschichte des Menschen. Keimes- und 
Stammesgeschichte. Mit 20 Taf., 440 Holz- 
schnitte und 52 Tab. — 4. umg. u. verm. 
Aufl. 2 Bde. Leipzig, Engelmann. [XXVI. 
S., 1 Bl., 383 S.] (— 906 S.) 16,00 Mk. 

Ratzel, Anthropogeographie. IL Die geo- 
graphische Verbreitung des Menschen. Mit 
1 Karte und 32 Abb. Stuttgai-t, Engelhorn. 
XLII, 782 S. 18,00 Mk. 

Topinard, Les circonvolutions cerebrales chez 
l'homme et les mammiferes. (Rev. scienti- 
que 31. Oct. 1891.) 

Gaule, Was ist unser Nervensystem und was 
geht darin vor? (Zeit. f. Psycholog, d. 
Sinnesorg. 2, 31). 

Lombroso-Ottolenghi, Die Sinne der Ver- 
brecher (ib. 2, 337). 

Francotte, L'anthropologie criminelle. Avec 
figui-es intercales dans le texte. Paris, 
Bailliere. (Bibliotheque scientifique con- 
temp.) VIII, 368 S., 3 Fr. 50 c. 

Anthropologie der Prostituirten (Globus 59, 31). 

Sicard, La selection sexuelle chez Fhomme. 
(Rev. scient. 28 novembre 1891). 

Die angebliche Leichtigkeit des Gebarens bei 
den Naturvölkern. (Globus 59, 191). 

Peuka, Der Mensch und das Klima. (Aus- 
land Nr. 21, 22). 

Fisch, Tropische lü'ankheiten. Basel, Missions- 
buclüi. 252 S. Mk. 4,00. 

Stockvis, in^er vergleichende Rassenpathologie 
und die Widerstandsfähigkeit des Europäers 
in den Tropen. (Sep. Abdr. aus: Verh. d. 
X. intern, med. Congr.) Berlin, Hirschwald, 
24 S. 0,60. gr. 8». 

Lammert, Gesch. der Seuchen, Hungers- uiul 
Kriegsnot zur Zeit des dreissigjährigeu 
Krieges. Wiesbaden, Bergemann. 

Diuiitroff, Die Geringschätzung des mensch- 
lichen Lebens bei den Naturvölkern. Leip- 
zig. Ing. Diss. [Reudnitz, Hoffmann] 22 S., 
1 Bl. 



110 



Laue: 



b) Rassen und Völker. 

[Allgemeines über Indogermanen (Arier) s. unter Asien A''.] 



Verneau, Les races humaines. Preface par 
A. de Quatrefages. Paris, Balliere [o. J.] 
gr. 8" 792 S. 500 Fig, (Aus A.E.Brehm, 
Les merveilles de la naturc, L'homme et 
les animaux). 

Featlierman, Social History of the Races of 
Mankind. 4'*' Division, Dravido-Turanians, 
Turco - Tartar - Turanians, Ugrio - Turanians. 
London. Trübner. 626 S. 

Neue Forschungen über die Uauerbarkeit der 
Menschenrassen. (Globus 59, 381). 

Amnion, Völkerwanderungen in Vergangenheit 
und Zukuft. (Tägl. Rundschau. Beil. 981., 
985). 

Mallery, Israeliten und Indianer. Eine ethno- 
graphische Parallele. Aus dem Englischen 



von Friedrichs. Krauss. Leipzig, Grieben. 
105 S. Mk. 1,.50. 
V. Löher, Stiunmebildung im europäischen 
Osten zur Völkerwanderungszeit (Ausland 
39). 
Meyer, Zur Volkskunde der Alpenländer. 

(Globus 1891 No. 4). 
Zinnner, Über die früheste Berührung der 
Iren mit den Nordgermanen. (Sitzungsber. 
\k. Berlin 16—18). 
Witte, Deutsche und Keltoromanen in Loth- 
ringen. 
Händler, Beiträge zur Anthropogeogr. d. 
Balkanhalbinsel (Aus allen Weltteilen. 22, 9). 
Voltz, Unsere Kolonien; Land und Leute. 
Mit 71 Abb. und 2 Karten. Leipzig, Brock- 
haus. 369 S, Mk. 5,00. 



c) Äusseres Leben. 

«) Nahrung. 



Grösse des Fleischgenusses in verschiedenen 
Staaten, (Deutsche Rundsch, f. Geogr. 
13, 85). 



ß) Kleidung, W 

Schnrtz, Grundzüge einer' Philosophie der 
Tracht (mit besonderer Berücksichtigung 
der Negertracht). 147 S. mit 10 Abb. Stutt- 
gart, Cotta. Mk. 3,60. 

Sehulthelss, Zur Psychologie der Kleidung, 
(Ausland 64, 24). 

Liersch, Nachrichten über Tracht und Sitten 
der Slaven und Germanen aus dem sechsten 
Jahrhundert n. Chr. (Mitteil. Niederlausitzer 
Ges. Anthrop. 2, 154). 

Hottenroth, Trachten, Haus-, Feld- und 
Kriegsgerätschaft der Völker alter und neuer 
Zeit. Lief. 11—20 (Schi,) Stuttgart, Weise, 
gr. 4°. 5,00 Mk. 

AiTOWS and Arrow-Makers by Mason, Hol- 
mes, Wilson, Hough, Flint, Hofnian, 
Bourke. Washington, Judd and Detweiler. 
Abb, 1891, 

Ratzel, Die afrikanischen Bögen, ihre Ver- 
wandtschaften. Nebst einem Anhang über 



Bier und Hopfen in der Volkskunde. (Globus 

60, Nr. 24), 
Das Bier im Welthandel. (D. Rundsch. f. 

Geogr. 13, 568). 

äffen, Schmuck. 

die Bögen Neu-Guineas, der Veddah und 
der Negritos. Eine anthropologische Studie 
Leipzig, Hirzel. 5,00 Mk. 

Lüders, Über Wurfwaffen. Mit 15 Tafehi Ak. 
Aus dem Jahrb. d. Hamburgischen wissen- 
schaftlichen Anstalten. XI, Hamburg. 16 S. 

Cassel, Von Waffennamen, (Zeitschr. für 
deutsche Kulturgesch. N. F 1.) S. 1—9. 

Schumacher, Barbarische und griechische 
Spiegel. (Mit 7 Zinkogr.), Zeitschr. für 
Ethnolog. XXIII, 81—87. 

Hein, Mäander, Kreuze, Hakenkreuze imd 
urmotivische Wirbelornamente in Amerika. 
Ein Beitrag zur allgemeinen Ornament- 
geschichte. Mit 30 Abb. Wien, Holder. 
48 S. 
— Die Verwendung der Menschengestalt in 
Flechtwerken. (Mit 8j Text-Illustrationen) : 
Mitteil. Anthrop. Ges. Wien. XXI, 45. 



y) Wohnung. 



Vergleichende Zusammenstellung der Aus- 
dehnung einiger Akropolen, Burgen und 
zweier Berliner Anlagen. (Berliner philol. 
Wochenschr. 11. Jhg., Nr. 37—40). 

Barberol, Histoire des styles d'architecture 



dans tous les pays depuis les temps anciens 
jusqu' ä nos jours. Ouvrage orne de 928 
dessins dans le texte. Vol. IL Paris, 
Baudry etc. 



Litteratiu' des Jahres 1891. 



111 



J) Wirtschaft 
[hier Stufen der Kulturentwifldung, Schifffahrt, Handel, Klassen und Stände]. 



Rörig-, Die Jagd in der Urzeit in Verbindung 
mit der Entwicklung der Gesellschaft in 
Central-Europa. Leipzig, Verl. d. illust. 
Jagdzeitung [1891] 101 S. 

— Jagd in der fränkischen Zeit in Verbindung 
mit der Entwicklung der damaligen Gesell- 
schaft. Leipzig [1891] 31 S. 

Harting, Bibliotheca Accipitraria. A catalogue 
of books ancient and modern relating to 
falconrj with notes, glossary, and vocabu- 
lary . . • London, Quaritsch. XXVIII, 289 
S., 1 Bl., 26 Taf. 

Olivieri, Le forme midioevali di associazione 
e la Influenza loro nella vita ci\ile. Ancona, 
Commercio. 

Mehlis, Arm und Reich zur Meroviugerzeit. 
(Archiv f. Anthropologie 19, 23—30) [be- 
zieht sich auf Obrigheim bei Worms]. 

Waniow, Das Bettlertum in früherer Zeit. 
(Sountagsblatt Nr. 48). 

Meyer, Das Räuberwesen auf der Balkan- 
halbinsel. (Nord und Süd. 59, 22). 

du Coulaiiges, The origiu of property in land. 
Translated by Margares Ashley with introd. 
by W. J. Ashley. London, Sonnenschein. 
XLVIIL, 153 S. 

Brägelmaun, Die von dem Mittelalter zur 
Neuzeit überleitenden Ereignisse, betrachtet 
in ihren weiter umgestaltenden Wirkungen. 
Die Seeschiffahrt, Vechta v. J. (Leipzig, 
Fock). Mk. 2,50. 

Arenhold, Die historische Entwicklung der 
Schiffstypen vom römischen Kriegsschiff bis 
zur Gegenwart in 30 Heliogravüren mit er- 
läuterndem Text. Kiel, Lipsius und Tischer. 
24 S. Text, 30 Taf., qu. 2" Mk. 20,00. 

Serre, I-es Marines de guerrc de FAntiquite 
et du Moyen-Age. II partie. Etüde d'ar- 
chitectiu-e navale. 1 vol in 8" avec croquis 
et planche. Paris, Baudoin. 

— Les marines de guerre de l'antiqixite et 
du moyen ägl. 2<^ partie: livro IV., chap. I: 
mätures et volles. (Ilev. maritime et co- 
loniale. janvier.) [suite: il). avril, fin on 
mai]. 

IJeck, Die Geschichte des Eisens in tech- 
nischer und kulturgeschichtlicher Beziehung. 
1. Abt.: Von der ältesten Zeit bis um das 
Jahr 1500 n. Chr. 2. Aufl. Braunschweig, 
Vieweg. VIII, 17() S. 5,(>0 M. 



Kranss, Alte römische und sächsische Berg- 
werke in Bosnien. (Globus 60,50.) 

Horcicka, Ein Beitrag zur älteren Geschichte 
des Glases in Böhmen. (Mitteil. Ver. Gesch. 
d. Deutschen in Böhmen 29,3.) 



Steains, La monnaie primitive. (Rev. scientif. 
4. juillct 1891.) 

Götz, Lehrbuch der wirtschaftlichen Geo- 
graphie für Handels-, Real- und Gewerbe- 
schulen und zum Selbstunterricht. Stutt- 
gart, Enke, IV, 154 S. 

Scherzer und BratasseAie, Der wirtschaft- 
liche Verkehr der Gegenwart, Wien, Hölzel. 
120 S. gr. 8« 2,70 M. 

(jibbins, The history of commerce in Europe. 
233 S., map. London Macmillan. 

Noel, Histoire du commerce du monde dcpuis 
les temps les plus recules: temps anciens: 
moyen äge. Paris, Plön. 20 fr. 

Jacob, Welche Handelsartikel bezogen die 
Araber des Mittelalters aus den nordisch- 
baltischen Ländern? 2. gänzlich umgearb. 
und verm. Aufl. Berlin, Mayer und Müller. 
38 S. 2,.50 Mk. 

— Die Waren beim arabisch-nordischen Ver- 
kehr im Mittelalter. Berlin, Mayer und 
Müller. 31 S. Mk. 1,20. 



LehmaDn, Das Kamel, seine geographische 
Verbreitung und .die Bedingungen seines 
Vorkommens. Mit 1 Karte. Weimar, Geogr. 
Instit. 51 S. 2,00 Mk. 

Uöck, Nährpflanzen Mitteleuropas, ihre Hei- 
mat, Einführung in das Gebiet und Ver- 
breitung innerhalb- desselben. (Forschungen 
zu deutsch. Landes- u. Volkskunde 5, 1 
bis G7.) 

Report on the Area of Corn, Potatocs and 
Tobacco. Publishcd ])y Authority of the 
Secretary of Agriculture. Washington, 
Juli 1891. 

Bnsclian, Zur Kulturgeschichte der Hülsen- 
früchte, Sep.-Abdr. aus Ausland 1891. 
4 S. 

Fhilippi, Coca und Kartoffeln. (Zeitschr. f. 
Ethnolog. XXIIF, 247.) 

Wallraff, Geographische Verbreitung, Ge- 
schichte imd kommerzielle Bedeutung der 
Haifa (Stipa tenacissima) nebst Karte des 
Verbreitungsgebiets . . . (Aus: Deutsche 
geogr. Blätter XIII.) Bremen, v. Halem 



112 



Laue : 



1890. 52 S., 1 Tai'., 1 Karte. luaugural- 
Dissertation Bonn 1890. 
Oppel, Einzell)ilder aus der Weltwirtschaft. 
Unter bes. Berücksiclitigung der geogr., 



ethnogr. und kommerz. Verhältnisse. H. 1. 
Der Tabak. H. 2. Der Reis. H. B. Die 
Baumwolle. H. 4. Die Wolle, gr. 8". 80, 
73, 50, 54 S. Bremen, Noessler. 



d) Inneres Leben. 

«) Lebenssitte und Recht. 
[Familienleben von der Geburt bis zum Tode, Stellung der Frau .... hier auch Spiele 

ohne Spruch.] 



Heichen, Die Kulturgeschichte in Hauptdaten 
vom Altertum bis auf die Gegenwart. Berlin, 
Lüstenöder. Mk. 2,00. 

Andresen, Die Entwickelung des Menschen. 
Studien. Haniburg, Verlagsanstalt. 124 S. 
3,00 M. 

von Hellwald, Ethnographische Rösselsprünge. 
Kultur- und volksgeschichtliche Bilder und 
Skizzen. Leipzig, Reissner. 416 S. 

(Jentsch,) Volksschule und Volksleben. (Grenz- 
boten 1891. 1, 257-267.) 



Sepp, Völkerln-auch bei Hochzeit, Geburt und 
Tod: Beweis für die Einheit des Menschen- 
geschlechts und die Urheimat Asien. 
München, Hutsler. 167 S. 5,00 Mk. 

Post, Über einige Hochzeitsgebräuche. (Glo- 
bus 60, 354.) 

Westermark, The historj of human marriage. 
London, Macmillan and co. 1891. XIX, 
644 S. 14 S. 

"Winternitz, Zur Geschichte der Ehe. (Glo- 
iHis 60, 129, 148, 166.) 

Wilken, Verkrachting in Kinderhuwelyk. 
(S.-A. aus: Tijdschrift voor Strafrecht. V, 
1891) 18 S. [Schwächung durch Kinder- 
heiraten.] 

Post, Hausgenossenschaft und Gruppenehe. 
(Ausland Nr. 43.) 

Cauviere, Le lien conjugal et le divorce. 
Paris, Thorin. 

Uppenkanip, Der Begriff der Scheidung nach 
seiner Entwickelung in semitischen und 
indogermanischen Sprachen. Gymnasial- 
Progr. Düsseldorf. 4° 90 S. 

■Winckel, Kritische Betrachtungen der bis- 
lierigen Berichte über die Niederkunft bei 
Naturvölkern. (Archiv f. Anthopologie. 
XX», 149.) 

Lehmann, Begräbnisstätten nnd Totenfeste. 
(Nordwest 14. Nr. 47.) 



Ploss, Das Weib in der Natur- und Völker- 
kunde. Anthropologische Studien. 3. um- 
gearbeitete und stark vermelii-te Auflage. 
Nach dem Tode des Verfassers bearbeitet 



und herausgegeben von Dr. Max Bartels. 
Mit 10 lithogr. Taf., dem Portr. des Dr. 
H. Ploss in Lichtdruck und 203 Abb. im 
Text. Leipzig, Grieben. 2 Bde. 24,00 Mk. 
(XXII 576 -f 684 S.) 

Metzger, Weibliche Schönheit in den Augen 
der Naturvölker. (Aus allen Weltteilen. 
22,10.) 

Wendt, Die Seele des Weibes. Versuch 
einer Frauenpsychologie. Korueuburg, Küh- 
kopf. 126 S. 



Meyer, Die „Ehre" im Lichte vergangener 

Zeit. (Zeitsclu-. f. deutsche Kulturgesch. 

NF 1, 26-68.) 
Bnigsch, Die Symbolik der Farben. (Voss. 

Zeitung, Sonntagsbeilage Nr. 4. 1891.) 
Tuckwell, Tongues in Trees and Sermons in 

Stones. London, G. Allen. 
Mallery, Greeting by Gesture. New York, 

Appleton. 32 S. [from Pop. Science 

Monthly.] 
Garrick: Mallery, Les salutations par gestes 

chez les differents peuples. (Rev. scientif. 

1891. 1, 387.) 
H. F. B., Spiele und Unterhaltungen im 

Mittelalter. (Meraner Zeitung 1891, 

Nr. 262.) 
V. Heyden, Das Tournier. (Westcrmanns 

Monatshefte. Aug , Sept.) 
CoUection de Costumes Suisses, avec les 

ecussons des cantons et la vue des capi- 

tales. (22 farbige Lithographien). Winter- 

thur, Schlumpf. 



Achelis, Die vergleichende Rechtswissen- 
schaft auf ethnologischer Basis. (Ausland 
64. Jg. Nr. 12.) 

Das Volksleben und die Justiz. (Deutsch 
evangel. Kirchenzeitung Nr. 39.) 

Bernhöft, Die Prinzipien des Europäischen 
Familiem-cchts. (Zeitschrift f. vergl. Rechts- 
gcsch. 9, 393.) 

V. Amira, Thierstrafen und Thierprozesse. 
(S.-A. aus: Mittcil. Inst, österr. Geschforsch. 
XII, 4., S. 545—602.) Innsbruck, Wagner. 



Litteratm' des Jahres 1891. 



113 



Pescatore, Beiträge zur mittelalterlichen 
Eechtsgeschichte III. CLXXXIV S. Berlin, 
Prager. 7,00 M. 

Depotter, Les lepreux au moyeu äge. (Het 
Beifort 1891. no. 1.) 

Longer ; Sklaverei in Europa wähi-end der 



letzten Jahrhunderte des Mittelalters. 46 S. 
Bautzen, Gymn.-Progr. 
Scbalenkamp, Über Pfählung mit besonderer 
Berücksichtigung der Pfälilungsverletzungeu 
des Unterleibes. Siegburg, Reckinger. 31 S 
Bonner Inaugual-Dissertation. 



Hatcta, On the development and growth of 
religion as exemplified by the influence of 
Greck ideas and usages upon the Christian 
church. Edby A. M. Fairbairn. London, 
Williams & Norgate. 

Müller, Physical Religion: The Gifford Lec- 
tures delivered before the üniversity of Glas- 
gow in 1890. Longmans 1891. 8^ XII, 410 S. 

Tobler, Myth. u. Religion (Zeitschr. d. Ver. f. 
Volksk.) I, 369. 

Achelis, Probleme der vergleichenden Reli- 
gionswissenschaft. (Tägliche, Rundschau, 
Wissensch. Beil. S. 1101.) 

>V. W. , Statistik der Religionen. (Deutsche 
Rundschau f. Geographie 13, 467.) 



Samson, Die Schutzheiligen: ein Beitrag zur 
Heiligenlegende und zur Kultiu-- und Kunst- 
geschichte. Paderborn, Schöningh. 

T. Andrian, Der Höhenkultus asiatischer und 
europäischor Völker. Eine ethnologische 
Studie. Wien, Konegen. XXXIV, 385 S. 
Mk. 10,00. 

Zeitschrift d. Vereins f. Volkskunde. 1892. 



;S) Religion und 

(hier: Mythologie, Sagen, 

[Islam s. Asien At> (Semiten), Brahmanismus 

B unter 

Zeitschriften: (Annales du musee Guimet) 
Revue de l'histoire des religions 
publice sous la direction de Maurice Vernes 
avec le concoiu's de A. Barth, A. Bouchee- 
Leclerq, P. Dechanne, S. Guyard, G. Mas- 
pere. Thiele ... Paris, Annee 12, tom. 
23, 24. 8**: Levi, Be Bouddliisme et les 
Grecs. Paris, Bulletin archeologique de la 
religion grecque. — Sichler, Legendes 
chretiennes russes. — Babelon, La tradi- 
tion phrygienne du Deluge u. s. w. 

Revue des Religions. Paris 1891. 
I. II. Loisy, Etudes sur la religion Chal- 
des-Assyrienne. — Castonnet desFosses, 
Les origines et la religion du peuple Masi- 
can. — Robioux, Les Mythes. 
III. IV. Loisy, Etudes sur la religion 
Chaldeo-Assyrienne. — Robiou, Laquestion 
des mythes. — Scheil, Legende chaldienne 
trouvee ä El Amarna. 



Aberglauben. 
Bräuche, Volksmedizin.) 
ib. A» (Inder), Buddhismus ib. (Mongolen) 
11-=.] 
V. Kobell, Über Sonne, Mond und Sterne in 

Kultus und Darstellung. (Zeitschr. Altert.- 

Ver. München. Jahrg. 1890/91). 
(xoblet d'Abviella, La migration des sym- 

boles. Paris, Lerouch. 8°. 2 BL, 343 S., 

1 BL, 5 Taf. 
Boissier, La fin du Paganisme. Etudes sur 

les dernieres lüttes religieuses en Occident au 

IV« siele. 2vol. 8°. 15Frcs. Paris, Hachette. 
Acbelis, Der Fetischismus als universelle 

Entwicklungsstufe des religiösen Bewusst- 

seius. (Ausland 64. Nr. 49). 



Fritzsche, Zur Geschichte der mythologischen 
Wissenschaft (Festschrift d. Königl. Gymn. 
Schneeberg, S. Iff.) 

Forcbliammer, Prolegomena zur Mytholpgie 
als Wissenschaft und Lexikon der Mythen- 
sprache. Kiel, Haeseler. 8°. IV, 127 S. 
Mk. 5,00. 

Otfried, Mythologie und Urgeschichte 
(Unsere Zeit 2, 69). 

Tivier et A. Riqnier, Mythologie. 8e ed. 
Paris, Delagrave. 18°. VIII, 332. S. Fr. 1,25. 

Görnzez, Petit Cours de mytliologie contenant 
la mytliologie des Grecs et des Romains, 
avec un precis des croyances fabuleuses des 
Hindous, des Perses, des Egyptiens, des 
Scandinaves et des Gaulois. Nouv. ed. 
Paris, Hachette. 16°. VI, 183 S. 48 gra- 
vures. Frcs. 1,25. 

VodskoY, Rig-Veda og Edda; Bi(b-ag til Be- 
stemmelsen af den mytologiske Metode. 
( A. u. d. T. Sjaeledyrkelse og Natur - 
dyrkelse. I.) H. 1. 2. Kopenhagen, Leh- 
mann & Stage. CXLIX,"^80S. 8°. 2 Kr. 

Steiner, Die Tierwelt nach ihrer Stellung 
zu Mythologie und Volksglauben, in Sitte 
und Sage, in Geschichte und Litteratur, in 
Sprichwort und Volksfest. Beiträge zur 
Belebung des naturkundlichen Unterrichts 
und zur Pflege einer sinnigen Natui*- 
betrachtung für Schule und Haus. Gotha, 
Thienemann. Mk. 4,20. 



114 



Laue : 



Wagler, Die Eiche in alter und neuer Zeit. 
Eine mythologisch-kulturgeschichtliche Ab- 
handlung. Würzen. Gymn.-Progr. 1891. 

Tille, Der Weihnachtsbaum und seine Ge- 
schichte. (Nord und Süd. 22, 322). 

Teirlinck, Algemeen overzicht der planten- 
folklore [Einleitung zu dem künftig er- 
scheinenden Werke: De folklore van den 
Eik): Botanisch Jaarboek. Gent 1891. 

Glock, Die Symbolik der Bienen und ihser 
Produkte in Sage, Dichtung, Kultus, Kunst 
und Bräuchen der Völker, nach den Quellen 
bearbeitet. Heidelberg, Weisssche Univ. 
Buchh. 2B1, VII-XII, 411 S., 1 Taf. 8°. 



Der Iiidiculus superstitionum et paga- 
niarnm, ein A'erzeichuis heidnischer und 
abergläubischer Gebräuche und Meinungen 
aus der Zeit Karls des Grossen, aus zumeist 
gleichzeitigen Schriften erläutert vom Ober- 
lehrer Heim-. Albin Saupe: Programm d. 
städt. Realgymnasiums zu Leipzig. Leipz., 
Hinrichs. 4°. 34 S. Mk. 1,00. 

tJraf, Naturgeschichte des Teufels. Einzige 
vom Verfasser autorisirte deutsche Ausgabe. 
Aus dem Italienischen von Dr. med. 
E. Ten scher. Jena, v. J. Costenoble, 
8°. XVIII, 448 S. Mk. 4,00. 

Matthias, Die Hölle in der volkstümlichen 
Überlieferung. (Leipz. Zg. b, 140). 

Meli, Zur Geschichte des Hexenwesens 
(Zeitschr. für deutsche Kulturgesch. NF. 
LJg. 3. H.) 

Schriften des Institutum Judaicum. Berlin 
Nr. 14. Strack: Der Blutaberglaube bei 
Christen und Juden. Zweiter Abdruck. 
München, Beck. V, 60 S. Mk. 1,00. 

Baptismal Superstition. (Notes and Queries 
1891. 4. April.) 

Funeral Customs, Singular Superstition. 
Baptismal Superstitiou, Babys First Tooth. 
(ib. May 2). 

Hellmann , Meteorologische Volksbücher. 
Ein Beitrag zui- Geschichte der Meteo- 
rologie und zur Kulturgeschichte. Berlin. 
Paetel. 53 S Mk. 1,00. 

Müller, Die Heilkunde einst und jetzt. Vor- 
trag. St. Gallen, Hasselbrink. kl. 8°. 
Mk. 1,00. 

Bourke, Scatalogic rites of all nations. A 
Dissertation upon the Employment of Ex- 
crementitious Remedial Agents in Religion. 
Washington, Lowdermilk. 496 S. 

Berendes, Die Pharmacie bei den alten 
Kulturvölkern. Historisch-kritische Studien. 



Mit einem Vorwort von H. Beckurts. Halle, 
Tausch & Grosse. I. XV, 308 S. Mk. 9,00. 
II. VI, 220 S. gr. 8°. 

Peters, Aus pharmaceutischer Vorzeit in 
Wort und Bild. 1. Bd. 2. Aufl. Berlin 
Springer. XIV, 307 S. Mk. 7,00. 

Pfeffer, Das Compendium urmarum des 
Gualterus Agulinus (XIII. Jahrh.) nach 
Erfurter Codices zum ersten Male heraus- 
gegeben, nebst einer literarhistorischen 
Einleitung über Uroscopie im Altertum und 
Mittelalter. Berhn, Sehade. 29 S., 1 Bl. 
Ing.-Diss. 14. IL 1891. 



Ziehen, Die Mythen im Altertum. (Bericht 
d. freien deutschen Hochstiftes zu Frank- 
furt a. M.) 

Röliriclit, Sagenhaftes und Mythisches aus 
der Geschichte der Kreuzzüge. (Zeitschr. 
f. deutsch. Philol. 23, 412). 

Meyer, Elard Hugo, Die eddische Kos- 
mogenie des Altertums und Mittelalters. 
Freiburg i. Br., Mohr. V, 118 S. Mk. 3,60. 

Krause, Tuisko-Land, der arischen Stämme 
und Götter Urheimat. Erläuterungen zum 
Sagenschatze der Veden, Edda, Ilias und 
Odyssee. Glogau, Flemming. 624 S. mit 
76 Abb. im Text und 1 Kart. 

Hoiumel, Eine neugefundene Weltschöpfungs- 
legende. (Deutsche Rundschau XVII, 
H. 10). 

Andree, Die Flutsagen. Ethnographisch be- 
trachtet. 12°. Braunschweig, Vieweg& Sohn, 
XI, 152 S., 1 Taf. Mk. 2,25^ [vgl. Globus 59, 
Nr. 12.] 

Babelon, La tradition phrygienne du deluge. 
(Rev. de l'hist. des religions. XII. no. 2.) 

Orsi, Le paure del finimondo nell' anno 1000. 
Turin, Roux. 31 S. 11. 

Zeinnirich, Toteninseln und verwandte geo- 
graphische Mythen. [Aus: Intern. Archiv 
für Ethnol.] Leiden, Ti-ap. 2 Bl., 28 S. 
1 Kart. Ing.-Diss. Leipzig. 

Becker, Saga III. Die Zwillingssage als 
Schlüssel zur Deutung urzeitlicher Über- 
lieferung. Leipzig, Fock. 

Hartlaud, The science of fairy tales, an 
inquiry into fairy Mythology. London, 
Walter Scott. VIII, 372 S. kl. 8. 6 s. 6 d. 

Mnshacke, Beiträge zur Geschichte des 
Elfeureichs in Sage und Dichtung. Pro- 
gramm Crefeld. 4°. 20 S. 

Brugsch, Die Tierfabel und ihre Heimat. 
(Vossische Zeitung, Sonntagsbeil. Nr. 7, 8.) 



Litteratur des Jahres 1891. 



115 



y) Sprache u 

Zeitschriften: Langues et dialectes. Revue 

trimestrielle publiee sous la direction de 

M. Tito Zarardelli. Paris, Bouillon. 

l,e annee. Nr. 1. Mai 1891 : Le prefixe 

en et an dans la langue osque. — Les 

elements arabes de la langue osque. — Les } 

elements arabes de la langue italienne. — ■ 

Les Insultes du patois flamand de Bruxelles. — 

Deux Chansonniers namurois inedits. — 

Chansons namurois de l'abbe Grisard. — 

Paradigmes de la conjugaison des verbes 

namurois. — Glossaire phonologique , ety- 

mologique et grammatical. — Remarques sur 

les prefixes du vieux francais du Nord. — 

Chronique et mouvement bibliograplüque. — 

Revue de Lingnistique. 

XXIV. 1. Deville, Notes sur le de- 
veloppement du langage chez les enfants. — 
Reynaud, l'elargissement des formes indo- 
em-opeennes sur des finales rhotacisees. 

XXIV. 2. Deville, Notes sur le de- 
velopperaent du langage (suite). — Reynaud, 
sur l'origine commune des superlatives et des 
comparatives en isthas-iyämes, lazos-icuv etc. 



nd Dialekte. 

germ. Phil. krsg. v. Hermann Paul, 
I. Bd., 5. Lieferung, S. 931—944). 



Sommer, Zur Psychologie der Sprache 
(Zeitschr-. Psychol. Sinnesorgane 2, 143). 

Ljungstedt, Spräket, den lif och Ursprung. 
Stockholm, Bonnier. 38 S. 12°. Kr. 0,20. 

Lloyd, Speech sounds, their nature and cau- 
sation. (Phonetische Studien V, 1). 

(irimm, Die Natur der Sprachlaute und ihr 
Einfluss auf die Leistungsfähigkeit der 
Stimme für Wort und Ton. Ein rhapso- 
discher Vortrag. Zürich, Hug. 15 und 
12 S. 8°. 1,00. 



Müller, Ethnologie und Sprachwissenschaft. 
(Ausland 64, Nr. 52). 

Wallroth, Was hat die gegenwärtige Mission 
für die Sprachwissenschaft geleistet? (All- 
gemeine Missionszeitschr. 18, 322). 

Bernhöft, Sprachvergleichung und Ur- 
geschichte. (Zeitschr. für vergl. Rechts- 
wissensch. 9, 203-214). 

Henrici, Weltsprache. (Tägliche Rundschau, 
Wissenschaftl Beil. S. 1170). 

Wegener, Die Bearbeitung der lebenden 
Mundarten. Alls-emeiues. (Grundriss der 



Brunnhofer, Vom Pontus bis zum Indus, 
historisch-geographische und ethnologische 
Skizzen. (Einzelbeiträge zur allgem. und 
vergl. Sprachwissenschaft. IX.) Leipzig, 
Friedlich. 223 S. Mk. 6,00. 

Bartliolomae , Arisches und Linguistisches. 
Göttiugeu, Vandenhoek und Ruprecht. 
Mk. 5,00. 

Andersen, Studien zur Vergleichung der 
ugrofinnischen imd indogermanischen Spra- 
chen. I. (III, 322 S.) Dorpat. Ing.-Diss. 

Westermeyer, Der sprachliche Schlüssel 
oder die semitisch-ursprachliche Grundlage 
der griechischen DecUnation und der 
iudo- germanischen überhaupt. Paderborn, 
Schöningh. 1890. Mk. 2,00. 

Der Bundesbrief von 1291 in sreben Sprachen. 
(Urtext, Schweizer-Deutsch des 13. .Jahi-h., 
heutiges Hochdeutsch, Texte frauQaise, 
Italiano, Romonsch (Sm-silvan) , Ladiu 
(Engiadinais) : Schweizerische Rundschau, 
Nr.'s. 

SprachTcrschiebung in der Schweiz. (Glo- 
bus 60. Nr. 24). 

Seidel, Die Sprachverhältnisse in den deut- 
schen Sehutzgebieten. (Meinecke, Kolo- 
niales Jahrbuch: Berlin, Heymann). 



V. Jaksch, Ül^er Ortsnamen und Ortsnamen- 
forschung mit besonderer Rücksicht auf 
Kärnten. Vortrag im Kärntner Geschichts- 
verein. Klagenfurt. 8°. 44 S. 

Mc. Clure, Cilurnum and other River-Names. 
(Academy Nr. 1010. 1011). 

United States Board on Geographie Names. 
Washington 1891. 

Report on Uniform System for spelling 
foreign Geographie Names. Hydrographie 
Office. Nr. 98. Washington, Navy De- 
partment 1891. 



Zimmermann, Etymologische Versuche. Posen 

Marien-Gymn. Progr. 
Wasserzieher, Über Volksetymologie. (Tägl. 

Rundsch., Wisseusch. Beil. S. 1218, 1222). 



6) Poesie. 
Babuder, Considerazioni sulla poesia popolare ; tipogr. Cobole Priora. 8° 
in generale, con ispeciale riguardo a quella : dal Programma delU J. 
della Grecia modema. Studio. Capodistria' ' periore di Capodistria.] 



. 61 S. [Estratto 
R. Ginnasio Su- 



116 



Laue: Litteratur des Jahres 1891. 



De la Grasserie, Essai de rythmique com- 

paree. (Le Museon X, 4). 
Rudow, Um die Erde. Eine Auswahl der 

schönsten und kennzeichnendstenDichtungen 

der wichtigsten Kultursprachen übersetzt. 

Wernigerode, Rudow. XVI, 294 S. 
„Chants et chansons populaires" anundescribed 

edition, Jas. Hayes. (The Bookworm. 

Nr. 46, Sept. 1891). 
Millien, Chants populaires de la Grece, de 

la Serbie, et du Montenegro. 8°. III, 

175 S. 
Willmotte, La chanson populaire au moyen 

äge. (Bulletin de Folklore 1, 1891). 
Ragusa-Moleti, Poesie dei popoli selvaggi 

poco civili. Torino (Palermo). Clausen. 



Raydt, Das Jugendspiel. Vortrag, gehalten 
in der gemeinnützigen Gesellschaft zu 
Leipzig, am 17. Nov. 1890. Hannover, 
Meyer 1891. 

Crestini, Per la questione delle corti d'amore. 
Padova 1891. [Sep. = Abdr. a. Bd. 6 der 
Atti e memorie dell' Acad. Padov.] 33 S. 



Oenelin, Unsere höfischen Epen und ihre 
Quellen. Innsbruck, Schwick. 114 S. 1,50. 

Cosquiu, L'origine des contes populaires 
eui'opeens et les theories de M. Lang. 
Memoire presente au congres des traditions 
populaires de 1889. Paris, Bouillon. Fr. 1,00. 
[Extrait des Annales economiques.] 

Folk-lore and Legends. Second Series: (B) 



Russian. (4) North American Indians. 

London, Gibbings. 
Joret, La legende de la rose au moyen äge 

chez les nations romanes et germaniques. 

(Etudes romanes dediees ä Gaston, Paris.) 

Paris, Bouillon, S. 279—302. 
Becker, Zur Alexandersage. (Zeitschr. deutsch. 

Phil. 23, 224). 
Singer, Salomosagen in Deutschland. (Zeit- 
schrift f. deutsches Altertum 35, 177). 
Köhler, Ein deutsches Märchen von der 

Nachtigall und sein französisches Original. 

(Zeitschr. Ver. Volkskunde 1, 1.). 
Krolin, Mann und Fuchs. Drei vergleichende 

Märchenstudien. Helsingfors, Frenckell. 



Haylitt, Studies in Jocular Literature. Lon- 
don, Stock. 

Bolte, Lollius und Theodericus. (Zeitschrift 
f. vergl. Litteraturgesch. u. Renaiss. Litte- 
ratur. NF. Nr. 103—106.) Nochmals Lollius 
und Theodericus (ebd. 226f.). 



■Frisclibier , Rätselgeschichten, 
quell II, 10). 



(Am Ur- 



Bapst, Etudes sur les Mysteres au moyen- 
äge. (Rev. arch. Sept. Oct.). 

— Les roles des femmes dans les mysteres 
du moyen äge. (Rev. pol. et litteraire 
1891, 1, 53). 

Köster, Das lyrische Drama im 18. Jahr- 
hundert.. (Preuss. Jahrbücher 68, 188). 



Märchen in Saxo Gramniaticus. 

Von Axel Olrik. 



Historiker mögen die ganze altdänische Geschichte des Saxo Grammaticus 
bloss als eine Reihe von „Märchen" betrachten. Hier nehme ich aber das 
Wort Märchen in der engeren Bedeutung und zwar so: das Märchen han- 
delt 1) gewöhnlich von Menschen, denen nicht a priori etwas ausserordent- 
liches zuzutrauen ist; der Held des Märchens entbehrt ganz und gar eines 
Namens oder trägt einen ganz alltäglichen; 2) erzählt das Märchen immer, 
wie solche Menschen grosse Schwierigkeiten überwinden und schliesslich 
das Glück erringen; 3) ist das Märchen gewöhnlich bei mehreren Völkern, 
bisweilen bei einem grossen Teil der Erdbewohner bekannt. Durch diese 
Züge unterscheiden sich die Märchen bestimmt von den germanischen und 
nordischen Heldensagen. 

Als eigentliche Märchen wollen wir zunächst die Zaubermärchen 
betrachten, während wir die übrigen besser Novellen nennen. Die Zauber- 
märchen zerfallen ihrem Inhalte nach hauptsächlich in vier Gruppen: 

1) Kampf des Helden mit einem Dämon, um eine entführte 
Königstochter zu befreien; damit ist gewöhnlich auch der Zug verknüpft, 
dass sich ein „roter Ritter" für den Retter der Prinzessin ausgiebt; 

2) strebt der Held, sich selbst aus der Gewalt der Dämonen durch 
List zu befreien; 3) Erlösung des Helden aus der Bezauberung; 
und 4) erringt der Held durch göttlichen Beistand das Glück (bezw. 
die Ehe). 

Die zauberlosen Märchen oder Novellen zeigen uns zwei den oben- 
erwähnten entsprechende Gruppen: der zweiten Gruppe entspricht hier der 
Umstand, dass sich der Held durch List aus Schwierigkeiten befreit; der 
vierten Gruppe entsprechen die gewöhnlichen Glücksmärchen. Als Bei- 
spiele dieser sechs Märchengruppen nenne ich aus Grimms Kindermärchen ^) : 
I 1 Dat Erdmänneken, I 2 Hansel und Grethe, I 3 Das singende springende 
Löweneckerchen, 1 4 Aschenbuttel, H 2 Das tapfere Schneiderlein, H 4 Jung- 
frau Maleen. Ein grosser Teil dieser Beispielsmärchen (I 1. 3. H 4) kommt 



1) Grimm No. 91. 15. 88. 21. 20. 198. Nur der letzte Teil des „tapferen Schneider- 
leins" gehört, zu dieser Gruppe, der erste Teil gehört zu der entsprechenden Gruppe der 
Zaubermärcheu. 

Zeitschrift d. Vereins f. Volkskunde 1892. 9 



118 Olnk: 

iii unserer Saxo- Untersuchung in nordischer Gestalt vor. — Die hier ver- 
zeichneten sechs Märchengruppen bihlen den eigentlichen Märchenschatz. 
Die übrigen möchte ich Legenden, Schwanke u. dgl. nennen; jedenfalls 
werden wir sie in dieser Untersuchung nicht zu betrachten haben. 

Die nordische Heldendichtung, wie sie in den alten Gedichten vor- 
liegt, kennt diese Motive nicht; da lassen sich alle Auftritte auf drei Ver- 
hältnisse zurückführen, welche in den verschiedenen Dichtungen auf ver- 
schiedene Weise ineinander verschlungen sind: 1) Yaterrache oder eine 
ähnliche That, durch welche der Held zur Handlung erweckt wird und 
ins Heldenleben eintritt; 2) Liebe und der dadurch veranlasste Kampf 
um die Geliebte; 3) Tod im Kampfe, oft durcli Hinterlist veranlasst. 
Weitaus der grösste Teil der isländischen Heldensagas und der Erzählungen 
Saxos hat diese Auftritte. Im gegenwärtigen Aufsatz werden einige Episoden 
bei Saxo, welche von der aufgestellten Regel eine Ausnahme machen, in- 
dem sie an das Märchen erinnernde Motive haben, behandelt und ihr Ver- 
hältnis zum Märchen und zur Heldendichtmig eingehender untersucht 

w^erdeu. 

Für diesen Zweck wäre es erspriesslich, die allgemeinen Grundzüge 
unserer Kenntnis von der Entstehung, dem Alter und den Wanderungen 
der Märchen feststellen zu können. Leider giebt aber die Wissenschaft 
keinen bestimmten unumstösslichen Bescheid, sondern Theorie steht gegen 
Theorie. Die ältere Grimmsche (gemein-arische) Auffassung, welche 
in den Märcheu verblasste arische Göttermythen erblickt, ist von neueren 
Untersuchungen vielfach zurückgedrängt worden. Ihre ärgste Gegnerin ist 
die buddhistisch-indische Theorie, von Benfey in seinem Pantscha- 
tantra aufgestellt, nach welcher die Erzählungen wesentlich durch litte- 
rarische Vermittlung im Mittelalter nach Europa gekommen sein sollen. 
Viele der besten Forscher des letzten Menschenalters haben diese Wan- 
derungstheorie adoptiert oder sind wenigstens von derselben beeinflusst; 
besonders durch die Hervorhebung der litterarischen Wanderungen hat 
diese Theorie sich um die wissenschaftliche Erforschung grosses Verdienst 
erworben. Aber die neuere kulturgeschichtliche Auffassung, die in 
den Volkstraditionen Überreste einer primitiven Cultur sieht, steht dagegen, 
und besonders hat Andrew Lang (z. B. in Cupid and Psyche) den buddhisti- 
schen Ursprung der Märchenmotive stark angegriffen: bei den Zulus und 
den Indianern treffen wir ja dieselben Vorstellungen wieder. Wenn auch 
die Langsche Theorie, dass alle Märchen autochthone Verbindungen ein- 
heimischer Culturüberreste sind, nicht durchaus befriedigt (es gilt, nicht 
bloss die einzelnen Züge, sondern auch die constante Verbindung gewisser 
Einzelheiten zu verfolgen), so hat sie doch die prähistorische Urzeit als 
den Boden der Märchen gesichert. Besonders die Zaubermotive müssen 
der Urzeitstheorie folgen, während die Novellen nebst Legenden und 
Schwänken häufig abendländischen Ursprungs zu sein scheinen. Künftigen 



Mäi'cIiPn in Saxo Grammaticus. 119 

Uiitersncliinigeii oinzeluer ]\[ärclion in allen ihren verschiedenen Formen, 
mit Benntzung der sicher zu datierenden Nachrichten, muss es vorbehalten 
sein, eine wirkliche (ieschichte der Yolksmärchen zu schaffen. Einen 
wenn auch ganz kleinen Beitrag zu einer solchen hoffe ich hier geben zu 
können. 

1. Amletli. 

Das bekannteste Märchenmotiv bei Saxo Grammaticus ist die Novelle 
von Amleths Aufenthalt beim Könige von England (Saxo, ed. 
P. E. Müller S. 145 — 47). Sie ist schon früher mit einer grossen Reihe 
ähnlicher Erzählungen zusammengestellt worden : vergleiche Dunlop- 
Liebrecht. Prosadichtung 412: Huth, Zeitschr. f. vergl. Litteraturgeschichte, 
X. F. IP). In der Hoffnung, durch grösseren Stoff und besonders durch 
genauere Prüfung den Platz der dänischen Erzählung strenger fixieren zu 
können, w^erde ich die Sache nochmals vorlegen. Der Auftritt bei Saxo 
ist kurz dieser: Der dänische Königssohn Amleth und seine Begleiter 
kommen zum englischen Könige und werden mit einem feierlichen Gelage 
empfangen; Amleth jedoch will weder trinken noch essen. Um den Grund 
seines Betragens auszuspähen, lässt der König einen seinei^ Bedienten 
abends an der Thür des Gastzimmers lauschen; dieser hört, dass Amleth, 
von seinen Begleitern ausgefragt, sagt, dass das Brot nach Blut schmeckte, 
der Speck nach Leichen, das Getränk aber nacli rostigem Eisen, „und — 
fügte er hinzu — das ist bei einem Könige mit Knechtsaugen — und einer 
Königin, die drei Mägdegewohnheiten hat". Die Begleiter tadelten seine 
Worte über einen so herrlichen König; der König aber, vom Diener unter- 
richtet, Hess nachforschen, von wo die Ess- und Trinkwaren gekommen. 
Da kam es an den Tag, dass das Brotkorn auf einem Schlachtfelde ge- 
wachsen, dass die Schweine die Leiche eines Räubers gefressen, dass aber 
der Brunnen von alten eisernen Schwertern voll sei. Nachdem die Ant- 
worten Amleths insoweit richtig befunden waren, Hess der König seine 
Mutter rufen und drohte ihr. bis sie gestand, dass nicht der alte König, 
sondern ein Knecht sein Yater war. Das mägdische Benehmen seiner 
Gemahlin konnte er nicht entdecken; und Amleth musste es selbst sagen: 
sie zöge ihren Überrock über den Kopf, sie schürzte ihr Kleid auf, wenn" 
sie ausging, und sie ässe, was sie aus den Zähnen gestochert; sie war 
nämlich die Tochter einer geraubten Frau und in der Knechtschaft auf- 
gewachsen. 

Deraleichen Erzähluniien kommen auch sonst in Dänemark vor. Kin 
jütläudisches Märehen (E. T. Kristensen, .Tyske folkeminder YII No. 20) 
erzählt: Drei Studenten, von denen der erste esskundig, der zweite trink- 
kundiu- und der dritte menschenkundig ist, kehren bei einem Edelmanne 



1) Neuerdings von Detter, Z. f. d. Altert. XXXVI, 1—25. 



120 Olrik: 

ein; der erste will nicht vom Braten essen, der zweite lässt den Wein 
stehen und der dritte will nicht auf das Wohl des Wirts trinken. Später 
lauscht der Edelmann an der Kammerthür; er hört, wie der erste Student 
den anderen erzählt, dass der Braten Hundefleisch sei; der zweite, dass 
der Wein nach Leichen schmecke; der dritte, dass der Edelmann von un- 
ehelicher Geburt sei. Der Edelmann forscht nach: die Köchin hatte in 
einer Yerlegenheit einen Hund geschlachtet; im Weine war ein Kind 
ertrunken; und — als seine Schwester verkleidet, die über Kinderlosigkeit 
klagt — lockt der Edelmann das Geheimnis seiner Mutter heraus. 

Auch in Fühnen hat ein mit der Amlethsage verwandtes Märchen 
gelebt; allein mein Gewährsmann erinnert sich aus seiner Kindheit bloss 
eines Zuges, dass nämlich im Brote Weibermilch wäre. 

In einem magyarischen Märchen besuchen dreizehn magyarische 
Jünglinge den Tatarenkönig; dieser soll nachforschen, welcher unter ihnen 
der schlaue Kopf sei, und zu dem Ende lässt er seine Mutter im Schlaf- 
zimmer der Gäste lauschen. In der ersten Nacht hört sie den Schlaukopf 
sagen, es sei Männerblut im Weine; in der zweiten, es sei Weibermilch 
im Brote gewesen, in der dritten endlich, der König sei ein uneheliches 
Kind^). 

Noch weit verbreiteter ist unser Märchenraotiv im Morgenlande, wo 
zwei Hauptformen auftreten. Die eine findet sich in 1001 Nacht (459. Nacht, 
Breslauer Ausg.) : Die drei Gauner und der Sultan. Jeder der Gauner 
hat seine Kunst; durch diese entdecken sie, dass der Edelstein gefleckt 
sei, dass das Pferd ein Bastard vom Büffel, und die Favoritin des Sultans 
Tochter einer Seiltänzerin, und er selbst der Sohn eines Kochs sei. Der 
erste hatte den Makel des Steins durch die Schärfe seines Gesichts ent- 
deckt; der zweite, dass die Hufe des Pferdes wie an einem Büffel länglich 
seien; der dritte aber sah die schwarzen Augen und buschigen Augen- 
brauen der Favoritin (!), schloss aber, dass der Sultan der Sohn eines 
Kochs sei daraus, dass er sich um Brot und Fleisch besonders kümmere. 
Mit dieser arabischen Erzählung verwandt ist der griechische, auch deutsch 
bearbeitete Roman vom Kaiser Eraclius, sowie mittelalterliche Sagen von 
Vergil u. s. w. Aber je näher wir an Dänemark kommen, um so geringer 
ist die Ähnlichkeit mit dänischen Märchen. 

Die andere morgenländische Form ist eine Episode der in Arabien 
sehr verbreiteten Geschichte von den drei klugen Königssöhnen, welche 
zum Sultan kommen, damit er ihren Erbstreit entscheide. Unter vielen 
andern Proben ihrer Klugheit kommen auch diese Reden am Tische des 
Königs vor: Dieses Zicklein wurde von einer Hündin gesäugt; dieser Wein 



1) Stier, Ungarische Sagen und Märchen (Berlin 1850) No. 2; Jones & Kropf, Folk- 
tales of the Magyars (London 1889, Folklore Society) S. 121 Vorrede. Die erste Hälfte 
des Märchens (die Rätsel des Tatarenkönigs) entspricht dagegen einem mongolischen 
Märchen von der klugen Tochter, welches Child, Populär ballads I 12 citiert. 



Märchen in Saxo Grammaticus. 121 

ist auf einem Totengrabe gewachsen (oder: dieses Brot ist von einem 
kranken Weibe gebacken); dieser Sultan ist ein Bastard. Als dies alles 
richtig befunden, gaben die Prinzen ihre Gründe an: auf dem Zicklein lag 
der Speck dicht an dem Knochen wie bei einem Hunde ; der Wein machte 
nicht heiter, sondern trübe (oder: das Brot war nicht genug geknetet); 
der Sultan sass nicht bei Tische mit, da er doch ebenbürtige Gäste hatte. 
— Diese zweite Form des Märchens findet sich in 1001 Nacht (ßo. 458) 
und bei mehreren anderen arabischen Verfassern. In Europa kommt sie 
im Volksbuche „Der persische Robinson" vor, welcher von einem Perser 
in Venedig im Jahre 1555 verfasst wurde, und noch früher in einer 
italienischen Novelle von ca. 1400. — Mit kleinen Änderungen findet sich 
dieselbe Form als ein kirgisisches Märchen wieder. Der erste Bruder 
sagt: der König ist ein Knecht, der zweite: das Fleisch ist Hundefleisch, 
der dritte: das Korn ist auf den Knochen eines Toten gewachsen. — Auch 
in einem bosniakischen Märchen wird es entdeckt, dass der Braten 
Hundefleisch war; sonst geht uns dies Märchen nichts an. Eine indische 
Variante (vier Brüder, welche auf Werbung ausgehen) lassen wir ganz 
ausser Besprechung^). 

Es scheint mir evident, dass das Morgenland die Heimat dieses Märchens 
von den klugen Tischreden ist: denn 1) Die ganze Erzählung von den 
scharfsinnigen Bemerkungen ist im Morgenlande besonders gewöhnlich. 
2) Nur in den arabischen Formen hat es die Einfachheit und den Boden 
der Wirklichkeit, die es ursprünglich gehabt haben muss: jede scharf- 
sinnige Bemerkung geht aus kluger Beobachtung des allen Sichtbaren 
hervor. Alle anderen Abfassungen geben nur eine sinnlose individuelle 
Klugheit ganz mystischer Art. 3) Doch weisen auch diese anderen Ab- 
fassungen auf die arabische zurück. In „Die drei Gauner" fusst nur eine 
Bemerkung in mystischer Klugheit, die beiden anderen hingegen in Beob- 
achtung des natürlich Sichtbaren. In dem kirgisischen Märchen ist die 
erste Bemerkung natürlich, die beiden letzteren mystisch; und selbst in 
der Amlethsage finden wir die Naturbeobachtung (die drei Gewohnheiten 
einer Magd). Dies alles weist auf die Naturbeobachtung zurück, je 
schwächer aber, je weiter wir uns von Arabien entfernen. Auch in anderen 
Punkten muss die arabische Form als die ursprüngliche gelten: der süd- 
europäische Zauberer weist durch seine drei Künste auf die drei Gauner 
zurück, diese drei aber entsprechen den drei Brüdern. Die magyarische 
und die kirgisische Form der Bemerkungen lassen sich leicht auf die 
arabische (aber nicht aufeinander) zurückführen. 



1) Basset, Melusine TI 508 f. (vgl. 575); Huth, Zeitschr. f. vgl. Litteraturgesch. N. F. 
II 406—414; Zeitschr. f. Volkskunde (Vernaleken) II 250; Orient u. Occ. III 281. Mit dem 
arabischen Brüdermärchen nahe verwandt ist eine jüdische Erzählung (auch russisch, Archiv 
f. slav. Phil. TX 308). 



122 01"'^ = 

Nun bleibt übrig, dass wir die dänischen Märchen mit den anderen 
zusammenstellen; dabei genügt es, drei Formen zu berücksichtigen: 1) die 
arabische von den „drei Gaunern", 2) die magyarische (hinter welcher ja 
die gemein - arabische steckt), 3) die kirgisische. Die Amlethepisode 
stimmt im allgemeinen zu dem magyarischen Märchen: nur ein Held, der 
von seinen Begleitern abends im Schlafzimmer gefragt wird, während ihn 
der Wirt im Zimmer belauschen lässt. In den einzelnen Bemerkungen 
aber stimmt sie mit den zwei anderen überein: das Brot vom Totenfelde 
findet sich im Kirgisischen wieder; mit den „drei Gaunern^' stimmt aber, 
dass sowohl die Herkunft des Königs als die der Königin an den Tag 
kommen; und wir finden die Knechtschaftsgewohnheit des Königs und die 
Augen des niedrigen Standes bei der Königin — nur umgekehrt — in 
Amleth wieder. 

Das jütländische Märchen entspricht auch denselben drei Formen. 
Im ganzen gehört es zu den „drei Gaunern": es handelt ja von drei 
Burschen, von denen jeder seine Kunst hat. Mit dem magyarischen (wie 
auch mit Saxo) stimmt es darin überein, dass der Wirt abends im Schlaf- 
zimmer lauscht; der AVein mit einem toten Kinde erinnert auch an den 
Wein mit Menschenblut. Das als Kindfleisch vorgesetzte Hundefieisch 
stimmt aber ganz genau mit dem kirgisischen Märchen. 

Das Brot mit der Weibermilch des fühnischen Märchens findet sich 
im magyarischen wieder; über seine sonstigen Verhältnisse lässt uns die 
Knappheit der Aufzeichnung nichts wissen. 

Aus allem diesem geht hervor, dass die Amlethsage des 12. Jahr- 
hunderts und das jütländische Märchen des 19. Jahrhunderts in verschiedener 
AVeise aus denselben drei Märchenformen gebildet sind; auch das fühnische 
Märchen geht wieder in einer anderen Weise auf wenigstens eine dieser 
Formen zurück. Das heisst: die Novelle von den klugen Bemerkungen 
ist in drei verschiedenen Formen nach dem Norden gekommen, und hier 
haben sie sich so ineinander verschlungen, dass drei neue Formen ent- 
standen sind. 

Die Einwanderung in den Norden und eine der Verschlingungen 
(Amleth) geschah vor dem Jahre 1200. Auch die modernen dänischen 
Märchen leiten von dieser Einwanderung ihre Herkunft ab; denn sonst 
raüssten dieselben drei Märchenformen (die sonst in Europa wenig gekannt 
waren) nochmals eingewandert sein und sich nochmals alle drei getroffen 
und verschlungen haben. — Von den AVegen des Märchens vom Morgen- 
lande nach Norden lässt sich wenig Sicheres sagen. Die kirgisische Form 
hat vielleicht slavische Vermittlung gehabt (das Hundefleisch im bosniaki- 
schen Märchen); die inagyarische Form ist sicher A^ermittlerin der 
arabischen und nordischen; für die dritte Form, „die drei Gauner", kennen 
wir garnicht die Vermittlerin zwischen Arabien und dem Norden. Soviel 
<lürfen \siv sagen: die Novelle scheint durchaus durch Osteuropa vermittelt, 



Märchen in Saxo Gi'ammaticus. 123 

denn in Westenropa ist sie als A'olksmärclien garnicht gefunden. Die Zeit 
der Einwanderung liegt in der Periode der häufigen Verbindung des Nordens 
mit Osteuropa, vom 9. bis zum 12. Jahrhundert. In dieser Yerbindung 
können wir auch an die isländische Fassung von dem Eide der untreuen 
Gattin (Grettissaga K. 91 — 92), welche in Byzanz unter die nordischen 
Va-ringjar geriet, erinnern. Es scheint, dass morgenländische Novellen oder 
Schwanke gerade diesen östlichen Weg nach Norden nahmen. 

Der Grad der Akklimatisation der morgenländischen Novelle im Norden 
lässt sich etwas deutlicher erkennen; die Amlethepisode zeigt sie am besten: 
Alle Speisen und Getränke stimmen zu dänischen Sitten, und die Knechts- 
augen des Königs finden sich in der nordischen Dichtung als pra^lslig 
(knechtische) oder öpraBlslig augu (unknechtische Augen) häufig wieder^); 
auch dass man die Knechtschaftsgewohnheiteu auf die Königin übertragen 
hat, das hat vielleicht seine Anknüpfungen im Nordischen^). Eine ein- 
greifende poetische Umarbeitung findet sich nur im Magyarischen (und von 
da aus in der Amlethsage; wie auch teilweise in den südeuropäischen 
Dichtungen): aus den drei klugen Genossen ist einer gew^orden, und da- 
durch ist eine neue Situation geschaffen worden, wo die Gesellen sich nicht 
untereinander bei Tische fragen, sondern die Begleiter den klugen Jüng- 
ling abends im Schlafzimmer ausforschen. Die Amlethsage aber bringt 
uns keine originale Umgestaltung dieser Form; in die alte dänische Dich- 
tung vom wahnsinnigen Amleth sind die klugen Bemerkungen ohne irgend- 
welche Anknüpfung an seine eigentliche Natur hineingebracht. 

Kopenhagen. 

(Fortsetzung folgt.) 



Zur neugriediischen Volkskunde. 

Von Dr. Albert Thiimb. 



I. Die Scliicksalsgöttiuueii im neugriechischen Volksglauben. 

Bernhard Schmidt hat in seinem klassischen Buche „Das Volksleben 
der Neugriechen" I. Teil, Leipzig 1871, eine massgebende Grundlage für 
die wissenschaftliche Behandlung der neugriechischen Volkskunde ge- 
schaffen; im besonderen ist das, was den Volksglauben betrifft, soweit 
es bekannt oder von Schmidt selbst beobachtet war, zusammengestellt und 
kritisch verarbeitet, allerdings mit der einen Einschränkung, dass die 



1) Fornaldarsögur I 22. 12; Saxo o71. 70. Helgakvida Hund. II 4; Fafnismäl 5; 
vgl. Njäla K. 1 Iijöfsaugu; Daum gl. i'olkeviser Xo. 292 A 12. 

2) Volsungasaga K. 12: vgl. Grimm, Kiudermärclicn 112; Simrock, Quellen des 
Shakespeare 2 l 132. 



1 24 Thnmb : 

Beziehung zum klassischen Altertum in erster Linie berücksichtigt wurde. 
Jede weitere Forschung auf dem Gebiete neugriechischen Volksglaubens 
hat an B. Schmidt anzuknüpfen und auf dessen grundlegender Darstellung- 
weiter zu bauen; denn das genannte Werk ist bis jetzt noch durch kein 
anderes verdrängt worden. Das Buch des Griechen Politis IIsqI znv ßinv 
Tiüv vEiüTFQiov "^Elli^viov^ das allein in Betracht käme, kann sich nach dem 
Urteil bewährter Forscher mit jenem nicht messen*). 

Es ist selbstverständlich, dass seit dem Erscheinen des Schmidtschen 
Buches neues Material gesammelt wurde; Politis hat in kleineren Auf- 
sätzen einzelne Seiten des Volkslebens behandelt. In Griechenland herrscht 
überhaupt ein löblicher Eifer im Sammeln von Märchen, Volksliedern, 
Sagen, in der Aufzeichnung von abergläubischen Vorstellungen, Sitten und 
Gebräuchen^). Nur der geringere Teil solcher Aufzeichnungen dürfte wohl 
auch bei uns zugänglich sein. 

Mit dem Inhalt zweier Schriften, die schwerlich nach Deutschland ge- 
langt sind, möchte ich nun deutsche Forscher bekannt machen. Es sind 
die Aufsätze eines Griechen, des Scholarchen JI.'^HQsicoTrjg, der in zwei 
Programmen der hellenischen Schule auf Aegina einige wertvolle Mit- 
teilungen über Volksglauben und Volksbrauch seiner Heimat (Aegina) ge- 
macht hat'). 

Die erste dieser Abhandlungen erzählt den Volksglauben von den 
Schicksalsgöttinnen oder Miren (MnlQaf); sie giebt zu dem, w^as B. Schmidt 
(p. 210 ff.) darüber beibringt, neue Beiträge. Es ist lobenswert, dass 
sich ^HQeiwTr^g den Zwang auferlegt hat, die in seiner Heimat herrschenden 
Vorstellungen und Gebräuche einfach zu erzählen, ohne etwa durch ge- 
wagte Vergleiche mit dem Altertum oder mit den Volksvorstellungen 
anderer Landschaften die Unbefangenheit und Treue seines Berichtes zu 
beeinflussen. Da ich Herrn 'HQsiiozTjg auf Aegina persönlich kennen ge- 
lernt habe und weiss, dass er aus einheimischen Quellen (einheimischen 
Märchen und Volksliedern, ferner Angaben und Erzählungen alter Leute) 
schöpft, so verdient seine Darstellung volles Vertrauen. Ich selbst habe 
gelegentlich (bei einem Mädchen aus Andres) den Glauben an die Schicksals- 
göttinnen mir bestätigen lassen; ein paar Notizen füge ich aus Sikinos 



1) Mir selbst hat das Buch von Politis nicht vorgelegen; ich kann mich jedoch auf 
Perrot berufen (Annuaire pour l'encour. des Et. gr. VIII 373 if.)- 

2) Leider ist das Material sehr zerstreut, zum Teil in Zeitungen vergraben. Von 
Zeitschriften, die besonders in Bezug auf Volkskunde zu nennen sind, hebe ich hervor den 
TlnQvaaaög und neuerdings das /Uliiov jrji; i9yokoyiy.fig xul laionixi]; iiaiQfing. Mit den 
leider sehr bald eingegangenen NfoikXrjvtxii \iva'kfy.itt war der Versuch gemacht worden, 
die Publikationen über Volkskunde etwas zu konzentrieren. 

3) „'0 Kayoiioigäfifvog xal al ttsqI Moiqcjv öo^ai TittQu tw nlyiyrjjixio Artw" Athen 
1888. — „Zv/Lißolri eis ra tov ßfov iwv vioii^Qoiv 'Ekltjvutv"' Athen 1890. (Beides auch 
iinter dem Titel: UgöyQnjUfiu toü h Aiyivri mrjvixov ayoldov. 1887/88. 1889/90). 



Ziir neugriechischen Volkskunde. 125 

hinzu nach Bent, The Cyclades or life among- the Insular Greeks (London 
1885) p. 186 ff. 

Im allgemeinen bemerke ich, dass der Mirenglaube in den verschie- 
denen Landschaften Griechenlands nicht erheblich verschieden ist; was 
'HQEUüTrjq von Aegina mitteilt, findet sich in grossen Umrissen auch bei 
B. Schmidt, und über Andros habe ich selbst durchaus analoges erfahren. 
Ich werde daher besonders auf diejenigen Züge Rücksicht nehmen, die 
neu sind oder von dem bei B. Schmidt Mitgeteilten abweichen. 

Ich schicke als beachtenswert voraus, dass auf Aegina selbst ver- 
schiedene Yorstellungen nebeneinander bestehen und dass der ganze Glaube 
von den Miren in eine Art System gebracht ist, in dem keine Eventualität 
unberücksichtigt bleibt. 

Über die Anzahl der Miren herrscht in Aegina dasselbe Schwanken 
wie sonst; gewöhnlich wird allerdings von dreien gesprochen, und die Ob- 
liegenheiten der Miren haben immer die Voraussetzung, dass nicht mehr 
als drei Personen beteiligt sind; bemerkenswert aber ist die zweite, aller- 
dings viel weniger verbreitete Vorstellung, dass es vierzig Miren gebe. 
Doch auch aus dieser Zahl ragen drei Miren hervor, von denen eine, 
„iy f.ieyalri'-'- oder „i/ nQiüxr] hoIqü'-^ die vornehmste ist; sie geniesst näm- 
lich besondere Ehrenrechte, hat z. B. immer den Vortritt oder sitzt bei 
Tische immer in der Mitte zwischen den beiden anderen. Die eigentliche 
Aufgabe der Miren (s. u.) steht nur den Dreien zu. Was die übrigen zu 
thun haben, ist nicht ganz klar: sie werden teils als Dienerinnen der 
anderen gedacht, teils aber auch glaubt man — und das ist ein echter 
Zug naiven anthropomorphen Volksglaubens — sie seien dazu da, damit 
die drei, unter jene sich mischend, sich verbergen können, falls ein vom 
Unglück verfolgtes Menschenkind sie aufsuchen wollte, um sie zur Abhilfe 
der verhängten Unfälle des Lebens zu nötigen! Das eine müssen wir uns 
immer vor Augen halten, dass diese Schicksalsgöttinnen durchaus mensch- 
lich, d. h. etwa nach dem Muster einer griechischen Bäuerin gedacht 
werden. 

Auch die Vorstellung von einer Mire für jeden Menschen begegnet 
in einem Volkslied, wo ein Pechvogel „seine" Mire anruft. 

Nach äginetischem Volksglauben sind die Miren keineswegs hässlich'); 
die drei Schwestern stellt man sich sogar gewöhnlich schön vor. Nur bis- 
weilen wird die ^älteste", „erste" oder „grosse" Mire davon ausgenommen, 
während nur ganz selten allen drei Hässlichkeit zugeschrieben wird. 

Zwar sind die Miren unsterbliche Wesen, aber dennoch sind sie von 
menschlichen Schwächen und Leiden nicht frei: Krankheiten sind sie unter- 
worfen; Lust und Schmerz, Ärger und Zufriedenheit empfinden sie wie 

1) Nach Schinidt }». 211 sind es alte nuizeligt^ Frauen, olienso nach Bent. 



126 Thiunb: 

die Menschenkinder und haben Freude an heiterem Genuss, an Musik, 
Gesang und Spiel. 

Wo die Miren wohnen, ist nicht so einfach zu beantworten: „an dem 
Ende der Welt" ('g xrjv axQt] tov xooiliov') haben sie prächtige Wohnung, 
einen Palast mit grossem und herrlichem Garten. Anspruchslosere Be- 
hausung schreibt ihnen der Glaube zu, dass jede der drei Göttinnen weit 
von der anderen entfernt in einfachem Hause wohne. Endlich wird auch 
erzählt, dass zwei grosse Höhlen^), 'natürlich am „Ende der Welt", im 
iimern luxuriös ausgestattet, das Heim der Miren seien ^). Dort harrt ihrer 
immer eine vollbesetzte Tafel; bald weilen sie in der einen, bald in der 
andern Höhle. Aber oft verlassen sie ihren Wohnsitz, sei es, um sich auf 
Reisen zu vergnügen, oder um ihren Beruf auszuüben. Mit Blitzesschnelle 
sind sie dort, wohin die Erfüllung ihrer Pflicht sie ruft^). 

Ihr Beruf legt ihnen die Verpflichtung auf, einem jeden neugeborenen 
Kinde drei Tage nach dessen Geburt sein Schicksal zu bestimmen; diese 
Thätigkeit wird mit einem eigenen Verbum f.iniQalvio bezeichnet. Die 
Lebensdauer, die Ursache und Art des Todes, Wechselfälle des Lebens, 
Yerheiratung oder Ehelosigkeit*) werden von den Miren samt allen Einzel- 
heiten bestimmt; unabänderlich ist im allgemeinen der Schicksalsspruch 
(ro /(oiQafia oder auf Sikiuos (-lOiQiOfia) der drei Göttinnen; sie sind hart 
und erbarmungslos. Dem Geschick lässt sich nicht entfliehen: einem 
Prinzen wird kurzes Glück zuerteilt, aber mit 12 Jahren wird er Salz ge- 
niessen und sterben; der Yater hat diesen Spruch belauscht — doch alle 
seine Massregeln nützen nichts, das Verhängnis erfüllt sich. 

Oft bestimmen die Göttinnen, dass eine drohende Gefahr durch ein 
ebenfalls vorausbestimmtes Mittel abgewendet werden kann. Glücklich der 
Vater, der dieses (.ini()a(.ia erlauscht hat und so dem Unheil vorzubeugen 
vermag. Vergebene Mühe wäre es jedoch, die Miren zur Änderung ihres 
Beschlusses zu bewegen; ein junger Mann versucht es nach einem Märchen; 
aber die Antwort lautet unerbittlich „oft syQaipev rj /noiQa^ tyQail'e xal 
Tovto öav E.eyQccffetai'-^ „was die Mire geschrieben hat, das hat sie ge- 
schrieben und das wird nicht ausgestrichen" oder kürzer „ort y^aipei öev 

1) Ähnlich auf Korfu (Schmidt 211), nur dass von eiucr Höhle die Eedo ist. „Un- 
zugängliche Berge" auf Sikinos. 

2) Die Vorstellung, dass die Miren auf dem Gipfel des Olymp wohnen (Schmidt 
a. a, 0.) scheint auf Aegina nicht mehr Icliendig. Über eine Spur dieses Glaubens werde 
ich weiter unten handeln. 

3) Eine weitere Vorstellung, die '//pf/wT»;« ebenfalls mitteilt, halte ich nicht für echt 
volkstümlich, dass nämlich die Miren zu j(!der Zeit üb(!rall gegenwärtig seien: dies ist 
nach meiner Meinung nur eine VerÜachung des zuletzt erwähnten Glaubens, dass die Miren 
schnell wie der Blitz an den Ort ihrer Bestimmung gelangen; daraus ist durch Rellexion 
jene Ansicht entstanden; christliche Reminiscenzen können mitgewirkt haben. Für den 
naiven Volksglauben ist der Begriff der Allgegenwärtigkeit zu abstrakt und unfassbar. 

4) Für letzteres besteht eine bestinmite Formel: ,,v« /uij frfj) 'g rö jikcic rov yvfcctxa" 
oder derl)er ..ve) «/} y.uiov^)']ari ot THx/iQiy.rj nvXtj". 



Zur iieiigriochisclieu Volkskunde. 127 

Seyoäcpei^' oder „r^g fiolQag xa yQcii.ii.ievu dh ^ayQaipoviai^. Mit fatalistischer 
Resignation sagt sich daher jeder „ort ^inv syßL n uoIqu (.inv yQa^iueva va 
naÜcü, Oa na'Jio- yiacQixo öiv InuQxei'' „was die Mire mir zu erdulden 
bestimmt hat, das werde ich erdulden: dagegen ist kein Kraut gewachsen", 
oder in einem Yers 

„ 'f « yi>(x(p^ '} i-WiQa fislavci 

*0 ^jling dev T^aanolut 

„Was schwarz die Mire uiederschreibt, 

Das bleichet nicht die Sonne." 
Das Verbum yQCifpoj in den augeführten Redensarten weist auf ein 
Niederschreiben der Schicksalssprüche; xn yQacpzo, xo yQu^tf-ievo ist geradezu 
mit „Schicksal" identisch. B. Schmidt hat eine Reihe analoger Wendungen 
(p. 215) zusammengestellt. So denkt sich denn auch die Bevölkerung von 
Aegina ähnlich wie auf Zakynthos (Schmidt p. 215), dass die älteste Mire 
ein grosses Buch in der Hand habe, in welches das (.loiQa^icc eingetragen 
werde. Was einmal in diesem Buch steht, das kann auf keine AVeise ab- 
ffeändert werden — nicht einmal von der Mire selbst; denn auch dieser 
steht der einmal von ihr aufgezeichnete Spruch so unabänderlich und fest 
o-eo-enüber, wie im Altertum das Schicksal selbst über Zeus stehend ge- 
dacht wurde'). Nicht vereinbar mit diesen Vorstellungen (und jedenfalls 
auch andern Ursprungs) ist der, wie es scheint, seltenere Glaube, dass die 
Miren durch Gewalt oder göttlichen Befehl genötigt werden können, ein 
Mittel zur Abwehr des bestimmten Unglücks noch nachträglich anzu- 
geben oder zu irgend einem Kompromiss sich zu verstehen. So erzählt 
ein Märchen: es war einem jungen Manne vorausbestimmt, dass er am 
Tage seiner Hochzeit sterben werde; aber die Braut, der 80 Jahre ver- 
gönnt waren, willigt ein, 30 Jahre ihres Lebens dem Geliebten zu schenken, 
und so leben beide je 50 Jahre"). 

Wie schon erwähnt, kommen die Miren am dritten^) Tage nach der 
Geburt des Kindes, und zwar um Mitternacht, in das Haus des neuen 
Weltbürgers. Die Miren sind sehr empfindlich und leicht reizbar; eine 
unordentliche Haushaltung macht ihnen einen schlechten Eindruck. Daher 
wird von den gläubigen Wöchnerinnen alles aufgeboten, um Haus und Hof 
zum Empfang der Göttinnen schön herzurichten und so von vornherein sie 
möglichst günstig zu stimmen. Der Säugling wird gewaschen und in 



1) Dass (ho Miren auch von einer anderen Matlit abhängig seien, könnte aus einer 
äginetischen Vorstelhmg geschlossen werden, wonach die Miren dem 7illniächtigen Gott 
untergeordnet sind und ihn mn Hat fragen, was sie bestimmen sollten. Ich halte diese 
Anschauung für ein Kompromiss zwischen dem Volksglauben und der christlichen (jottesidee. 

2) Bent berichtet aus Sikiuos ein anderes Mittel, um in das Wirken der Miren ein- 
zugreifen: ein Mädchen habe von ein»im Zauberer den Wohnort der (Göttinnen erfahren: 
wenn es nun gelinge, jenen Salz zu essen zu geben, so würden sii- blind und änderten 
das Geschick. 

?>) So nicht überall, s. Schmidt p. 211; auf Sikinqs; am , siebenten, .T»g<ii,.. 



J28 Thumb: 

frische Windeln gehüllt; denn es soll schon vorgekommen sein, dass die 
Miren beim Anblick eines nicht sauberen Kindes wegliefen mit dem Ruf 
„rpxov, cpioxia vä ro xdiliri^^ wpfui, Feuer verbrenne es," und wirklich habe 
bald darauf das Kind diesen Tod gefunden. Auch der Hof wird gefegt, 
der Hofhund wird entfernt oder angekettet, damit er nicht die Miren an- 
packe und beisse. Schlecht ergeht es einem Kinde, dessen Eltern in 
solchen Dingen nachlässig sind: denn die drei Frauen bestimmen ihm aus 
Zorn und Ärger ein schlimmes Schicksal ()<a>fo//r)/()0(n'ni;)'); ein äginetisches 
Yolkslied erzählt von einem solchen Pechvogel, der durch die Nachlässig- 
keit seiner Eltern schwer zu leiden hatte ^): die Mire selbst erscheint dem 
Unglücklichen, nachdem er sie fluchend angerufen hatte, weil immer und 
überall Missgeschick ihn verfolgt. Auf seine leidenschaftliche Frage teilt 
sie ihm mit, dass die drei Miren ihm alles Gute zugeteilt hätten, so die 
eine Ansehen, die andere Tapferkeit, die jüngste grosses Glück; doch die 
Eltern begingen einen schweren Fehler: sie versäumten es, den Hof zu 
feffen und die Hunde festzubinden; die eine der Göttinnen wurde von den 
bissigen Kötern angefallen, sie fiel und verletzte sich; Zorn und Schmerz 
veranlassten sie, dem Schicksalsspruch die harten Worte hinzuzufügen: 
„So viele Tage ich liegen muss auf meinem Schmerzenslager, 
So viele Jahre sei geplagt dein armes Körperlein; 
Es sei geplagt, es sei geplagt und habe keine Ruhe, 
Und alles Gute fliehe dich, nur Leid sei dir beschieden." 
Doch wird zum Schluss dem Armen die tröstliche Versicherung, dass bald 
das Ende seiner Leiden gekommen sei. 

In dem Zimmer, wo die Wöchnerin mit dem Kinde sich befindet, ist 
der Tisch für die Miren gedeckt: ein Teller Honig, drei Mandelkerne oder 
drei Stücke Konfekt und drei Gläser Wasser bilden das anspruchslose 
Mahl; drei Löffelchen und drei seidene Handtücher dürfen nicht fehlen. 
Das Zimmer wird ausgestattet, soweit es die Mittel des Besitzers erlauben, 
das Bett der Mutter wird geschmückt 2). Auch der Besen muss sich am 
gehörigen Platz, d. h. hinter der Thür befinden, damit die Miren nicht die 
schlechte Wirtschaft der Hausfrau (xay.ovmxnxvQioovvr]') tadeln oder gar 
stolpern und fallen und es das Kind entgelten lassen. Andererseits 
aber darf auch der Besen im Zimmer nicht fehlen, denn er gilt als ein 
Schutzmittel gegen böse Geister (asQixä auf Aegina); es ist nämlich ein 
in Griechenland allgemein verbreiteter Glaube, dass Wöchnerinnen und 
ungetaufte Kinder leicht dem Einfluss böser Geister unterworfen sind^). 

1) „'O xttxoiuoiQäfKvos.'' Der Text ist zuerst von 'HQdMTrii veröirciitlicht in dem 
ersten der genannten Programme, dann von mir mit genauerer Wiedergabe des äginetischen 
Dialekts in der griechischen Zeitschrift 'Afii^yä III (1891) p. 95 ff. 

2) Zu dem Vorstehenden vergl. die sehr ähnlichen Züge bei den attischen Albancsen, 
Schmidt p. 214 Anm. 

3) Vgl. z.B. Wachsmuth, Das alte Griechenland im neuen p. 34. 74 f. 77 ff. Da«- 
selbe auch schon von älteren Reisenden beobachtet. 



Zur neugriechischen Volkskunde. 129 

Um Dämonen vom Kinde fernzuhalten, werden verschiedene Mittel an- 
gewendet: so wird z. B. ein kleiner Besen in die Wiege des Säuglings 
o-eleo-t. Wenn das Kind auf einen Augenblick allein gelassen werden 
muss, so stellt man den gewöhnlichen Besen neben die Wiege, falls ein 
kleiner Besen nicht vorhanden ist. Ein Messer mit schwarzem Griff wird 
unter das Kopfkissen der Wöchnerin gelegt, um diese zu schützen; end- 
lich wird dafür gesorgt, dass das Herdfeuer nicht ausgehe, solange die 
Wöchnerin das Bett hütet. Aber nicht nur vor bösen Geistern, sondern 
auch vor den Miren selbst ist das Kind nicht immer sicher; wenigstens 
herrscht auf Andres der Wahn, dass die Miren Kinder stehlen. Wenn 
daher die Miren kommen, legt die Mutter ihr Kind zwischen sich und die 
Wand, damit jenes nicht geraubt werde ^). Dieser Glaube hat eine gewisse 
Ähnlichkeit mit dem von B. Schmidt (p. 215) nach Pouqueville mitgeteilten 
Zug, dass die Miren die Wöchnerinnen zu schädigen versuchen. 

Bevor die drei Göttinnen an ihre Arbeit gehen, kosten sie von den 
vorgesetzten Süssigkeiten; die Güte derselben und die schöne Aus- 
schmückung des Gemachs entlocken ihnen oft günstige vorbereitende 
Segenswünsche für das Kind: ylvxäf.ievo^ ylvxcci-ievo va ijve 'g nXrj rov zij Kur) 
„ein Glückskind, ein Glückskind sei es in seinem ganzen Leben" oder 
OTTtüQ xaiQiixLnvvE rj yaQÖi'sg ins To (.isli^ iiGi va TaiQmCovve nkeg rov t] 
öoiO.eUg „wie die Mandelkerne zum Honig passen, so mögen alle seine 
Geschäfte passen (d. i. sich glatt erledigen)". 

Dann erst folgt das f.ini()af.icc selbst, d. h. die Festsetzung des Schick- 
sals: die zwei untergeordneten Miren machen Yorschläge {^ueleznvvt^'- 
nach dem Kunstausdruck), die „grosse" Mire bestätigt oder verwirft. Im 
ersten Fall schreibt sie den Spruch sofort in das Schicksalsbuch. Wenn 
aber die beiden jüngeren uneinig sind und streiten, sei es über eigene 
Vorschläge oder über den der grossen Mire, so hat diese die Entscheidung. 
Nach anderer Anschauung macht die erste Mire einen Vorschlag, den die 
andern annehmen oder modificieren. Denn sie lässt sich durch inständige 
Bitten der Genossinnen oft bewegen, ihren Entschlusz zu ändern. Es 
kann auch vorkommen, dass sie überhaupt nicht mit den andern erscheint 
(wegen häuslicher Beschäftigung oder Unwohlseins!) und ihren beiden 
Genossinnen bloss allgemeine Verhaltungsmassregeln giebt. 

Endlich herrscht auf Aegina auch der Glaube, dass jede der drei 
Göttinnen bestimmt, was sie wilP), und dass die älteste jene Sprüche ein- 
fach in ihr Buch einträgt. 

Sehr interessant ist die Anschauung, in der „die hellenisch-italische 
Idee eines von den Schicksalsmächten dem Menschen gesponnenen Lebens- 
fadens zum Vorschein kommt" (B. Schmidt). Gerade auf Aegina ist diese 



1) So erzählte mir das oben erwähnte Mädchen aus Andros. 

2) Dies ist die Regel nach Schmidt, p. 212. 



130 Tlmmb: 

Yorstelhmg sehr deutlicli erhalten und ausgebildet^), während die Beobacli- 
tungen Schmidts nur geringe Spuren dieses Zuges bieten^). 

Die älteste Mire ist im Besitz einer Scheere; von den beiden jüngeren 
hält eine die Spindel (adQdyji)^ die andere den Kocken mit Lein ((toxa 
//£ ÄiraQi). Jene mit der Spindel spinnt, unterstützt von ihrer Genossin, 
welche den Rocken hält. Während dieser Tliätigkeit bestimmen die Drei 
das Schicksal des Kindes; der gesponnene Faden wird um die Spindel 
gewickelt; jede Windung (rvli^ä oder xvliyfia) entspricht einem Lebens- 
jaln-, das ganze aufgewickelte Stück stellt aber die Länge des Lebens 
vor. Die älteste Mire schneidet den Lebensfaden ab in dem Augenblick, 
wo das aniQana beendet ist und die Miren sich zum AVeggehen anschicken. 
Wenn der Faden zerreisst, bevor die Göttinnen zu Ende sind, so hören 
sie sofort auf; der Unglückliche lebt nur so viel Jahre als Windungen 
vollendet sind, und wird alles das erleben, was die Miren bis zum Zer- 
reissen des Fadens ausgemacht haben. Jährlich am Geburtstage jedes 
Menschen wickelt die grosse Mire eine Windung des Fadens wieder ab; 
wenn so der ganze Faden abgewickelt ist, kommt die Todesstunde. Nach 
etwas modificiertem Glauben wird der Lebensfaden nicht gleich nach Be- 
endio-ung des noiQaua^ sondern erst in der durcli die Länge des Fadens 
bestimmten Todesstunde von der grossen Mire durchschnitten. 

Die Yorstellung vom Lebensfaden hat auf Aegina auch entsprechende 
Redensarten geschaffen, wie: Yoa fi^iöw scfTaxoe i) y.'/icijazij tov jo' EonaToe 
(oder ey.ojTTjTae) „bis hierher reichte sein Faden und zerriss" oder effw- 
■Ür]TOS fj y'/.wanj lov ,.zu Ende ist der Faden" oder loa fi'eöcä roai rnv 
^xoxps TTj x?MOTij Tov ,,bis hierher und dann zerschnitt sie (sc. die Mire) 
seinen Faden ^)". 

Für die Ausführung des iiWiQaf.ia hat die grosse Mire zu sorgen; daher 
wird sie y.ai' £ioyj]v als die Mire betrachtet: aviij sivs i] {.ioIqu oXco ^mc, 
dioTL xQaxasL 'g to yeQi rlg rvyßg /.lac. Sie spielt oft die Rolle des Schutz- 
engels, ist die überall beistehende gütige Fee, falls überhaupt gutes dem 
betreffenden Menschen bestimmt wurde. Sie w\arnt, sie schützt ihn, ja sie 
arbeitet für ilu'en Schützling*). Das glückliche Mädchen, dem „heitere 
Lose" bestimmt sind, kann ruhig schlafen, denn die Mire arbeitet und 
sendet Glück und sucht jene auf: 

Kniiitrjoov, 'Acdni-iolQr] fiov, n' ri /itolQa oov öov'/lev£i 
Kai TO itah') aov (jiCixb oxllvei yal os yvQsi'ei. 



1) Der Glaube ist schon lioinerisfh, cfr. Hoiu. Od. 11. 139. 16, 64: daim aiu-li Aeschyl. 
Eumen. 321 u. a. 

2) cfr. p. 212. 220. 

3) Die Redensarten habe icli in der Dialektfonu wiedergegeben (HofiwTTjg normali- 
siert etwas). 

4) Tgl. auch Schmidt, p. 216. 



Zur noiiorierhischen Volkskunde. 131 

„O j^'lücklicli Mädchen, schlafe mir. deine Mire macht die Arbeit 
Und sendet dir ein schönes Los und suclit dicli allentlinlben." 

Freilich wer zum Unglück bestimmt ist, der fühlt ebenfalls das Wirken 
der Miren überall, doch nur zu seinen Ungunsten. Uud es ist begreiflich, 
dass jeder nach seinem Schicksal bald schmeichelnd seine Mire „gut, goldeu" 
oder mit Bitterkeit seineu „schwarzen, bösen, verfluchteu'" Dämon (unJoa^ 
nennt. Mancher aber tröstet sich mit einer Art Galgenhumor, indem er 
sich zuruft: 

'H /.iol()Cc nnv /f£ '/twiQare, rJTare fisih^niurf^, 

DJs ^finiQGVs yia va rre^ru) Cwtj övaivyjnuevq. 

„Die Mire, die mein Schicksal gab, war sicherlich betrunken. 

Drum hat sie mir ein Jammerleben auf dieser Welt beschiedeu." ') 

Durch das uoiQa/ita allein ist das Wirken der Miren nicht bestimmt 
und begrenzt. Xach dem wenigstens auf Aegina herrschenden Glauben 
greifen die Schicksalsgöttinnen auch unabhängig von ihrem iim'naiiKx in 
das Leben der Menschen ein, oft aus launischen Einfällen. Zum Beleg 
teile ich ein Yolksmärchen mit, das ich aus dem Munde eines Aegineten 
(des Herrn 'tigeuort]!^) gehört und niedergeschrieben habe^). 

„Einmal und zu einer Zeit war ein König, Hypnos (d. i. Schlaf) war 
sein Name. Neben dem Palast wohnte ein armes Mädchen, das für andere 
arbeitete um zu leben. Es arbeitete die Kacht hindurch, und wenn ihr 
der Schlaf kam, nahm sie Bohnen^) und ass und sprach: .^Du bist ge- 
kommen. Schlaf, sei willkommen, iss Bohnen uud geh weg". Draussen 
war das Gefolge des Königs und hörte das Mädchen sprechen „Du bist 
gekommen. Schlaf, sei willkommen, iss Bohnen und geh weg". Jene 
sprachen: „Bei diesem armen Mädchen ist unser König drinnen". Die 
folgende Nacht kam wieder das Gefolge des Königs, um zu hören, was 
jene sagen werde. Sie war wach, und als ihr der Schlaf kam. sprach sie: 
„Du bist gekommen. Schlaf, sei willkommen, nimm den Schemel und setze 
dich". Jene sagten: „Unser König ist drinnen". Und das Mädchen sagte 
wiederum: „Du bist gekommen, Schlaf", u. s. w. *) Die folgende Nacht 
kam das Gefolge wiederum um zu hören, was das Mädchen sagen würde, 
und hörte dieselben Worte. Da ging das Gefolge zur Mutter des Königs 
und sagte ihr, dass der König jede Nacht in das Haus dieses armen 
Mädchens gehe. Als dies die Mutter hörte, rief sie ihn und sprach zu 
ihm: „Wie erniedrigst du dich selbst, dass du, ein König, dich herablässt, 



1) Das mitgeteilte Disticliou habe ich in Kjparissia (Messenien) aus dem Munde eines 
12 — 14 jährigen Knaben gehört und aufgezeichnet. 

2) Der griechische Text ist von mir in der 'AS-rjt'u III 97 ff. veröffentlicht worden. 
Inzwischen wurde mein Text auch in der 'Ekkag III 284 ff. abgedruckt und von Boltz 
ebenda übersetzt, 

3) y.ovTOÜe d. i. xovxiK. 
4} wie im Anfang. 



132 Thumb: 

jede Nacht in das Haus dieses armen Mädchens zu gehen?" — „Ich habe 
das Mädchen nicht einmal gesehen." — „Lass es in Zukunft bleiben hin- 
zugehen, mein Sohn. Warum? Es macht dir keine Ehre." 

Die Mutter des Königs rief aber auch das arme Mädchen und sprach: 
„In Zukunft bricli dein Yerhältnis mit dem König ab, nimm ihn nicht in 
dein Haus auf, denn was hast du mit ihm zu schaffen?" Das Mädchen 
erwiderte: „Niemals geschah dies, denn bin ich armes Mädchen würdig, 
den König in mein Haus aufzunehmen?" Aber das Mädchen nahm es 
sich sehr zu Herzen; sie wusste nicht was thun. Alle sagten, dass der 
König in ihr Haus komme. Sie nimmt Tücher und bindet sie um den 
Leib und stellt sich, als ob sie Mutter würde, geht hinaus in den Hof, 
setzt sich auf ein Strohbündel und bindet daran einen Hahn, der das 
Strohbündel wie eine Karosse zog^). 

Es gingen drei Miren vorbei, sahen sie und lachten aus vollem Herzen 
und sprachen: „Drei Jahre haben wir nicht mehr so gelacht, und diese 
machte, dass wir aus vollem Herzen lachen. Was sollen wir ihr wünschen? 
Wir wollen ihr wünschen, dass sie wirklich Mutter werde, dass sich in 
ihren Händen ein Kind befinde wie vom König Hypnos: ihr Strohbündel 
soll ein goldener Wagen werden, der Hahn ein goldener Hengst, und sie 
selbst soll mitten im Wagen sitzen, und sie wird sich zur Palastpforte be- 
geben, und alle werden sie zur Königin ausrufen und verlangen, dass sie 
den Hypnos zum Gatten wähle, um Königin zu werden." 

das Wunder, dass alles geschah, wie die Miren ihr wünschten! 
Alle empfingen sie mit grossem Jubel, das Kind glich ganz dem König 
Hypnos, so dass alle sagten: „Das Kind ist vom König Hypnos, und er 
muss sich mit ihr vermählen". Zum König spricht seine Mutter: „Was 
sitzest du da? das Kind ist deines, und du musst sie heiraten". Da 
glaubte es der König selbst und entschloss sich, das Mädchen zu heiraten. 

Pauken und Trompeten, grosser Jubel: der König heiratete und das 
Mädchen wurde Königin und sass auf dem Thron, und sie lebten dort gut, 
wir hier aber noch besser." 

Einp Vergleichung unserer Darstellung mit den bei B. Schmidt mit- 
geteilten Thatsachen lehrt, dass der Mirenglaube auf Aegina (samt den 
paar Einzelheiten, die ich von anderswo hinzufügte) in die allgemein 
griechischen Vorstellungen im grossen und ganzen sich einfügt, im ein- 
zelnen aber doch recht bemerkenswerte Eigenheiten zeigt. Ich hebe als 
allgemeines Charakteristicum der aeginetischen Anschauungen hervor, dass 
der Mirenglaube vom Volke sehr ins Detail ausgebildet wurde. Bis ins 
kleinste, sogar kleinliche, wird die Thätigkeit der Schicksalsgöttinnen nach 



1) Was füi- eine Bedeutung dieser Zug eigentlich hat, ist mir nicht recht klar; dass 
es für das Verständnis des Volkes etwas Unsinniges, Komisches war, lehrt das Folgende. 



Zur neugriechischen Volkskunde. 133 

dem Muster menschlicher Handlungen und Schwächen ausgemalt. Wie 
viel davon moderner Ausgestaltung redseliger Weiber zuzuschreiben ist, 
ist schwierig festzustellen. Denn wenn auch feststeht, dass im neu- 
griechischen Yolksglauben altgriechische Yolksvorstellungen fortleben, so 
ist es doch schwer, gerade bei genau ausgebildeten Einzelheiten ein Kri- 
terium zu finden für alte Überlieferung und neue Zudichtung: denn die 
Ausgestaltung eines Volksglaubens im einzelneu konnte zu jeder Zeit, bei 
den Alten wie bei den heutigen Griechen, selbständig sich wiederholen, 
sofern jene einzelnen Züge sich aus der Gleichartigkeit des menschlichen 
Wesens ergeben konnten. Daher ist eine direkte Yergleichung solcher 
Züge, deren Entstehung aus jenem Prinzip zwanglos erklärt werden kann, 
ohne besondere Beweiskraft. Aber andererseits dürfen wir «-erade wesen 
der Gleichartigkeit des menschlichen Wesens solche Gestaltung des neu- 
griechischen Yolksglaubens auch im alten Griechenland annehmen, wenn 
sie sich auf jene anthropomorphen, dem naiven Menschen von selbst sich 
aufdrängenden Züge bezieht^). Eine antike Amme war sicherlich nicht 
viel anders als eine griechische Bäuerin heutzutage. Wenn daher im 
Altertum und heute der Kern eines Yolksglaubens identisch war (und 
das ist ja beim Mireuglauben der Fall), so musste auch die Detaillierung 
sehr ähnlich werden, ohne dass etwa diese selbst auf Überlieferung zu 
beruhen braucht. 

Ich erwähne noch zum Schlüsse, dass der Glaube an Schicksalsgöttinnen 
bei den Südslaven eine ganz frappante Ähnlichkeit mit den griechischen 
Yorstellungen zeigt; es genüge hier auf Krauss, Yolksglaube und religiöser 
Brauch der Südslaven (Münster i. W. 1890) p. 22 ff. hinzuweisen, ohne der 
Frage nach dem Grunde dieser Parallelen weiter nachzugehen. 

Was nochmals Aegina betrifft, so habe ich bereits an anderem Orte^) 
darauf aufmerksam gemacht, dass die griechische Bevölkerung der Insel 
aus Attika eingewandert ist. Auf Attika weist vielleicht auch ein oben 
p. 128 mitgeteilter Zug, der eine unverkennbare Ähnlichkeit mit den 
attischen Albanesen zeigt'). Aber noch etwas erfahren wir nach meiner 
Meinung aus der Art des aeginetischen Mirenglaubens: ausser etwaigen 
christlichen Ideen, die leicht erklärbar sind, begegneten uns auf Aegina 
öfter verschiedene, d. h. voneinander abweichende Yorstellungen, die 
nebeneinander bestehen. Dies lässt eine Mischuns; verschiedenartis-er Ein- 
flüsse vermuten. Aus der Grestalt des aeginetischen Idioms glaube ich 
nachgewiesen zu haben, dass die Hauptmasse der (griechischen) Bevölke- 
rung von Aegina athenischen Ursprungs ist: aber die Insel zeigte sich 



1) Man vergl. z. B. die Empfindlichkeit der Miren und die damit verbundenen Ge- 
bräuche. 

2) Miküi) nein irji nrnueQtvtjg fy Aiyi'vrj Xct/.ov/x^yr]s 6ic().^y.Tov in der ll9t]vc( III dbS. 
(besonders p. 117 S.). 

3) Vgl. Schmidt p. 214 Aiiiu. 1. 

Zeitschrift d. Vereins f. Volkskunde. 1892. JQ 



134 Mielke; 



fremdem Einfluss nicht abgeneigt, wie die Sprache wiederum beweist. 
Nur das eine wage ich nicht zu entscheiden, ob dieses Eindringen fremder 
(d. h. natürlich griechischer) Elemente erst in neuester Zeit sich vollzog 
oder schon seit langem (etwa seit der Einwanderung des Hauptstammes 
aeginetischer Bevölkerung^) statt gefunden hat. 



Zur Griebelentwickeliing des säclisisclien Bauernliauses. 

Von Robert Mielke. 

(Hierzu Tafel I. II. III.) 



Wenn wir von dem sächsischen Bauernhause sprechen, so schwebt 
uns in der Regel jenes altertümliche, schornsteinlose Haus vor, dessen ge- 
waltiges Strohdach alles überdeckt, was der Bauer an beweglichem Eigen- 
tum besitzt. Man hat w^ohl auch in ihm vermöge seiner ursprünglichen, 
bedürfnislosen Einrichtung den Urtypus gesucht, der unserer reich ent- 
wickelten Bauern-Architektur zu Grunde liegt. Dennoch lässt sich bei 
ihm, so sehr auch im allgemeinen an der alten Grundrissdisposition fest- 
gehalten wird, in dem Äussern eine gewisse fortschreitende Entwickelung 
verfolgen, die teilweise von struktiven Gesetzen bedingt, teilweise aber 
auch von dem Bedürfnis nach Zierformen beeinflusst ist. Gerade beim 
sächsischen Bauernhause lässt sich der Übergang von der einfachen, 
schmucklosen Giebelfront bis zu einer für norddeutsche Verhältnisse über- 
raschend reichen Fassade verfolgen. Vielleicht sind auch die prachtvollen 
Fassaden, die die Häuser Braunschweigs, Hildesheims, Quedlinburgs und 
anderer durch ihre Architektur ausgezeichneter Städte Norddeutschlands 
zeigen, auf das sächsische Bauernhaus zurückführen, wodurch sich so 
manche noch unerklärte Eigentümlichkeit derselben, z. B. das Vorkragen 
der Geschosse, begründen lässt ^). Im folgenden soll dazu auf Grund 
eigener noch nicht veröffentlichter Wahrnehmungen der Versuch gemacht 
werden, wobei sich ergeben wird, dass auch das erwähnte Bauernhaus 
einer ähnlichen künstlerischen Entwickelung fähig ist, wie das Schweizer- 
oder das nordische Haus. 

In seiner einfachsten Gestalt zeigt sich der Typus als ein einfacher 
Bedürfnisbau, bei dem die konstruktiven Elemente, die Wand und das 



1) Ende des 18. Jahrhundei-ts, s. p. 119 meiner oben genannten Abhandlung, 

2) Es sei gestattet, hier auf einen interessanten, mit sieben Bildtafeln geschmückten 
Aufsatz von K. Brandi hinzuweisen: „Das osnabrückische Bauern- und Bürgerhaus" im 
XVI. Band der Mitteilungen des historischen Vereins für- Osnabrück (1891) S. 265 — 314, 
wo auch auf die üiebelentwickelung eingegangen wird. K. W. 



Zur Giebelentw'ickplnrig- des sächsischen Bauernhauses. 135 

Dach, oliiie jede Verzierung bleiben (Fig. 1). Die kräftigen Balken zeigen 
sich in unverhüllter Nacktheit, sie wirken als Träger des konstruktiven 
Gedankens allein nur durch den Kontrast der dunklen Holzfarbe gegen 
das hellere Füllwerk. Vielleicht waren sie dereinst bemalt, rotbraun, wie 
noch heute in Norwegen, oder grün, wie es in bescheidenem Masse ein- 
zelne Häuser der Altniark zeigen. Hin und wieder tritt zu beiden Seiten 
des Einfahrtsthores ein kleines vergittertes Fenster auf, das aber dann 
wohl immer Beweis eines späteren Kultureinflusses ist. Der Giebel ist 
von der zurückgebogenen Dachkappe vollständig verdeckt, eine Bildung, 
die wohl als eine ursprüngliche angesehen werden darf, da bereits die 
Hausurnen dieselbe aufweisen^). Die Hinterseite des Hauses ist nicht 
immer in derselben Weise gebildet, vielmehr erscheint dieselbe bis zur 
Spitze lotrecht, was vielleicht mit der Anordnung der Wohnstuben daselbst 
zusammenhängt; doch habe ich diese Weise auch bei unbewohnten Häusern 
gefunden, z. B. an einem Schafstall bei Sahrendorf am Wilseder Berg in 
der Lüneburger Heide. 

Reicher wird die Giebelseite des Hauses, wenn zu Seiten des Thores 
Flügel angebaut werden (Fig. 4 Bühren bei Delmenhorst), welche eine 
Art von Vorraum (in der Gegend von Ülzen Vorschur genannt) bilden, 
der bisweilen, wie später noch zu erwähnen ist, überdeckt wird. Obgleich 
das Haus von Bühren einen entschieden altertümlicheren Eindruck macht 
als das erste, so tritt in der klugen Benutzung der vorderen Dachbalken 
schon ein erheblicher Fortschritt der Konstruktion hervor. Der altertüm- 
liche Eindruck ist zunächst dem hohen First zuzuschreiben, der ein ge- 
sundes Stilgefühl verrät. Die Neuzeit hat das auch anerkannt und bei 
besseren Bauten die ästhetische Wirkung des Firstes durch schmiede- 
eisernes Gitterwerk zu erhöhen getrachtet. Diese charakteristische First- 
bildung scheint besonders dem Grossherzogtum Oldenburg und dem west- 
lichen Teil Hannovers eigentümlich zu sein. Sie ist jedenfalls ursprüng- 
licher als die einfache Firstlinie. (Vergl. auch das Haus von Rastede i. d. 
Zeitschr. für Ethn. etc. XIX. S. 569.) 

Von einer künstlerischen Thätigkeit ist bei dem Bührener Hause noch 
ebensowenig zu sehen wie bei dem Reppenstedter; sie beschränkt sicli 
liöchstens auf den oberen Thürsturz, dessen Balken bogenförmig aus- 



1) Bei dieser Gelegenheit möchte icli auf einzelne Häuser hinweisen, die mir vor 
einigen .Jahren in Italien durch ihre frappante Ähnlichkeit mit den Hau-surnen auffielen. 
Ich fuhr mit dem Kurierzug von Bologna nach Padua, als ich in der Nähe der Station 
Monselice einige Häuser sah (Fig. 2 und 3), die ich, so gut es bei der Eile ging, 
skizzierte. Sie waren weiss gestrichen, offenbar Mörtelwerk, und mit Stroh gedeckt. Die 
Öffnungen, durch Bretterthüi'en geschlossen, schienen mir eher Luken als Thüren und 
Fenster zu sein. Ob sie auf den anderen Seiten noch Öffnungen hatten, ob sie bewohnt 
waren oder als Speicher dienten, kann ich nicht sagen. Vielleicht veranlasst dieser Hin- 
weis einzelne Forscher, bei gelegentlichen Reisen in Italien nach dem Zweck und Alter 
derselben zu forschen. 

10* 



136 Mielke: 

goseliiiitten ist. Bisweilen ist auch die Thürleiste am oberen Ende mit 
einer kapitälartigen Yerziorung versehen, wie an einem Hause zu Reppen- 
stedt (Fig. 5). Erst mit dem Hervortreten der Langbalken vor die Giebel- 
front tritt ein stilistisches Element in die Erscheinung, das einmal den 
künstlerischen Trieben die schönste Gelegenheit zur Bethätigung giebt, 
dann aber auch die Aufrichtung der geneigten Dachkappe anbahnt und 
damit neue, verzierungsbedürftige Flächen schafft. 

Den Übergang stellt ein Haus aus dem Dorfe Göterende bei Olden- 
burg dar, das nach einer Balken inschrift aus dem Jahre 1700 stammt 
(Fig. 6). Die hervortretenden Balkenköpfe, an und für sich ohne Ver- 
zierung, sind von einfachen aber geschmackvollen Konsolen unterstützt. 
Durch ähnliche Stützen ist das grosse Eingangsthor oben fast halbkreis- 
förmio; geschlossen. Interessant ist auch die Behandlung der vorderen 
Dachkappe. Während sie bei den vorherbesprochenen Häusern noch die 
Balkenköpfe verdeckt, ruht sie hier auf den vorkragenden Balken, eine 
insofern wichtige Bildung, als die so markierte wagerechte Linie bei allen 
mehr oder minder reich entwickelten Fassaden künstlerisch zum Ausdruck 
kommt und dahin führte, das senkrechte Giebeldreieck durch mehrere 
übereinander liegende Horizontalen zu teilen. Auch das oberste, das 
vordere Firstende bedeckende Dreieck geht für die Dauer nicht mehr ver- 
loren, sondern erhält in manigfach künstlerischen Gestaltungen das An- 
denken an das einstige Rauchloch. 

Noch ist eines Hauses zu gedenken, das mit dem eben besprochenen 
äusserlich verwandt, um ein Beträchtliches älter ist als jenes (Fig. 7). Es 
ist das ein im Dorfe Suderburg bei Ülzen mit der Nummer 1 bezeichnete. 
Nach Ausweis der Inschrift an dem Thürbalken wurde es 1615 erbaut, es 
stammt also noch aus der Zeit vor dem Beginn des 30jährigen Krieges 
und ist danach, soweit mir bekannt, das älteste bestimmt datierte säch- 
sische Bauernhaus. In demselben Dorfe hat sich noch ein zweites'), 1691 
erbautes, erhalten, das dem älteren im Innern und Äusseren gleicht. Ob- 
wohl beide noch ohne Schornstein sind, so ist doch die ursprüngliche Ein- 
richtung nicht mehr vorhanden, aber die Fassaden sind noch völlig intakt. 
Die Abbildung 7 stellte das ältere dar, bei dem namentlich die sorgfältige 
Technik überrascht. Der obere Teil des Giebels ragt nur wenig hervor; 
dafür sind aber die Balkenköpfe eiIs Viertelkreis profiliert und die Räume 
zwischen ihnen durch ein schräges Brett geschlossen. Ein Rauchloch ist 
nicht vorhanden. Da das Thor ca. 6 Fuss zurücksteht, so entsteht davor 
ein freier, wagerecht überdeckter Raum, hier Vorschur genannt, der ver- 
muten lässt, dass bei diesem Bau die ursprünglichen flügeiförmigen Vor- 
bauten mit in die architektonische Fassade eingezogen wurden. 



1) Dem Gastwirt Müller gehörig, in dessen Familie es sich schon seit der Erbauung 
befinden soll. 



Zur Giebelentwickelung des sächsischen Bauernhauses. 137 

Wie zögernd der am Alten hängende Bauer die Umwandlung des 
schrägen, strohgedeckten Giebels in die senkrechte Giebelwand vornahm, 
bezeugt das folgende, aus Hinterpommern stammende Haus. (Fig. 8.) 
Ich kann nicht sagen, ob und wo solche Häuser heute noch vorhanden 
sind; die vorliegende Abbildung ist nach einem mit Wasserfarben auf 
Leinwand ausgeführten Bilde gemacht, das die seltsame Unterschrift trägt: 
„Aus dem Buche der Heraldiek stammt dies Wappen der Familie Huse- 
mann aus Hinterpommern 1660^'. Das offenbar moderne, nach einem alten 
Original gemachte Bild befindet sich im Wirtshause zn Neuenkoop bei 
Hu de in Oldenburg. Über die Herkunft und die Hersteller konnte ich 
nichts in Erfahrung bringen; es wurde mir nur bestätigt, dass die Familie 
des Besitzers thatsächlich aus Hinterpommern stammt. 

Die vordere Front ist senkrecht; an der Stelle, wo in der Kegel die 
zurückgeneigte Dachkappe beginnt, ist die Mörtelwand bis zum oberen 
Giebeldreieck mit einer Strohlage bedeckt. Bei der Klarheit und Sicher- 
heit, mit der das Bild gefertigt ist, ist es undenkbar, dass durch diese 
eigentümliche Konstruktion die geneigte Dachkappe angedeutet werden 
sollte; es scheint die Strohbedeckung vielmehr lediglich eine Erinne- 
rung an die vormalige Form zu sein. Das oben aufsitzende dreieckige 
Verblendstück ist das hi Holz übersetzte Firstdreieck des vorigen 
Hauses^). 

Während vielleicht das pommersche Haus noch die letzte Erinnerung 
an die einstige Dachkappe bewahrt, kommt bei den folgenden Häusern 
die freie Giebelwand zur Geltung. Letztere steht als raumabschliessende, 
tragende Wand in direktem Gegensatz zum bedeckenden, lastenden Dache 
und wird die Trennung durch die am First zusammenstossenden Giebel- 
leisten auf das bestimmteste symbolisiert. Wo diese Giebelleisten vor- 
handen sind, haben wir es mit einer zweiten Phase in der Entwickelung 
des sächsischen Bauernhauses zu thuii. Bei dem vorher erwähnten Hause 
ist diese Leiste noch unterbrochen, jetzt erscheint sie als ein durchaus 
selbständiges Glied, das hier dieselbe stilistische Bedeutung hat, wie am 
griechischen Tempel die Cyma. Obgleich diese Leiste beim sächsischen 
Hause nicht verziert wird, wie beim Schweizer- oder nordischen Hause, so 
verliert sie doch auch nie den Zusammenhang mit diesem, was beim 
letzteren manchmal unangenehm auffällt. 

Verhältnismässig einfach ist der Giebel eines Hauses aus Wissingen 
bei Löhne (Fig. 9). Wenn nicht das Fachwerk als solches eine gewisse 

1) Auf dem Original sind die an der Langscitc bciindlichcn halbkreisförmigen 
Fenster grün. Denke ich dabei an die farbige Behandlung einzelner Teile des altmärki- 
schen oder des nordischen Hauses, dann scheint es mir, als ol) das Bauernhaus überhaupt 
früher in farbigerem Schmucke prangte als heute, wo fast alle Farbenfreudigkeit verloren 
gegangen ist. Vielleicht gelingt es, wenn erst mehr Beol)achtungen vorliegen, auch für- 
das Bauernhaus ein solches polychromes Gewand zu rekonstruieren, wie man es z.B. mit 
fJlück bei den alten Bauten Hildesheims und Braunschweigs vetrsuclit hat. 



138 Mielke: 

Gliederung im Aufbau verursachte, würde das Haus sehr nüchtern erscheinen; 
denn die wenigen Konsolen, welche die Front gliedern, vermögen diesen Ein- 
druck nicht aufzuheben. Da selbst das obere Giebeldreieck fehlt, welches 
allen älteren sächsischen Häusern eigen ist, so charakterisiert sich das 
vorliegende als ein Rückschritt in der Entwickelungsreihe. Leider fehlt 
mir ein besseres Beispiel und so mag denn dieses sich hier einfügen, 
weil bei dem naturgemässen Gange vom Einfachen zum Reichhaltigen der 
dem folgenden Hause aus demselben Ort (Fig. 10) vorhergehende 
Typus die ganze Dachhälfte als einziges, hervorkragendes Geschoss gehabt 
haben wird. 

Es ist nicht gut denkbar, dass die bäuerliche Zimmerei einen plötz- 
lichen Sprung von dem pommerschen (Fig. 8) zu dem hannoverschen 
(Fig. 10) gemacht habe. Eigentümlich ist bei diesem, dass der obere Ab- 
schluss des Giebels von Ziegeln ist, während das ganze Haus mit Stroh 
o-edeckt ist. Dieses Firstdreieck scheint, von einzelnen Ausnahmen in 
Holz abgesehen, der ganzen Gegend von Bückeburg bis Hannover an- 
zugehören; ja manchmal füllt es fast die ganze obere Hälfte des Giebels 
(Fig. 11). Fast scheint es, als ob diese Neuerung erst seit Mitte des 
laufenden Jahrhunderts aufgekommen wäre, wofür spricht, dass diese so 
charakterisierten Häuser fast durchgängig mit einem Schornstein ver- 
sehen sind. 

Zu welchen reizvollen Wirkungen die Ausbildung des Fachwerkgiebels 
manchmal gesteigert werden kann, bezeugt ein Beispiel aus der Lüne- 
burger Heide (Fig. 12), das zwar keinem Bauernhause angehört, aber doch 
unbedenklich der Bauernarchitektur zugesprochen werden kann. Es ist 
die Kirche zu Undeloh bei Egesdorf, eine Kapelle, deren doppelte Bau- 
periode schon aus der Zeichnung zu ersehen ist. Die westliche Hälfte 
bezeugt durch ihre Ausführung in Feld- und Backsteinen, durch die Dicke 
der Mauern, durch die spitzbogenförmigen Fenster und den nachträglich 
angefügten Strebepfeiler ein höheres Alter als die östliche, die als Fach- 
werkbau sich als spätere Ergänzung des ursprünglichen Planes ausweist 
und im engsten Anschlüsse au die Bauernhäuser der Gegend errichtet ist. 
An die Stelle des grossen Einfahrtthores ist nur ein grosses Fenster ge- 
treten; im übrigen haben wir eine direkte Bauernliausfassade vor uns. bei 
der das zweimalige starke Hervorkragen zur ausgiebigen Verwendung der 
Konsole geführt hat. Wahrscheinlich ist die Zweiteilung der oberen 
Giebelhälfte, wie sie hier und an dem Wissinger Hause (Fig. 10) auftritt, 
für die ehemalige Dachkappe anzusprechen. Bei dem letzteren ist auch 
das Firstdreieck noch in dem Ziegelansatz erhalten, während es bei 
der Kirche, vielleicht in Anbetracht des besonderen Zweckes, fehlt 
oder wenigstens zu einer kaum noch erkennbaren Form zusammen- 
geschrumpft ist. 



Zur Giebelenhvickeluug des sächsischen Bauernhauses. 139 

In der Altmark ist diesem Dreieck wieder eine erhöhte Bedeutung 
zugesprochen. Dort giebt es Veranlassung zu einer erneuten Vorkragung, 
so dass wir liier häufig das grosse Giebeldreieck dreifach durch horizontale 
übereinander hervorkragende Linien gegliedert finden, die aber nicht mehr 
durch Konsolen gestützt werden, sondern sich frei in reich bewegtem 
Profil von der senkrechten Wand abheben und dann in der Regel den 
Platz für die Weihinschriften abgeben. In der Mitte des Balkens, der in 
dieser Weise die Basis des Firstdreiecks abgiebt, erhebt sich der Ständer, 
welcher in diesem Falle das Giebelzeichen trägt (Fig. 13 aus Seethen 
bei Gardelegen). Auch sind bei diesem Beispiel noch Löcher neben 
dem Träger angeordnet, vielleicht die letzte Erinnerung an das einstige 
Rauchloch. Auf den beiden Hälften des Dreiecks sind mit grüner Farbe 
zwei vierblättrige Rosetten aufgemalt. In späteren, einfacheren Bildungen 
verschwindet dann das Firstdreieck, nur der konstruktiv nicht zu ent- 
behrende Schaft der Giebelblume bleibt übrig (Fig. 14 aus demselben 
Orte). 

Bei all den bisher besprochenen Häusern zeigt sich das Bestreben, 
den Giebel nach der Emanzipation von der beengenden Fessel der Dach- 
kappe als das für eine repräsentative Verzierung geeignetste Feld zu be- 
trachten. Dabei ist man fast ängstlich bemüht, an den durch die geschicht- 
liche Entwickelung sich ergebenden struktiven Elementen festzuhalten. 
So bleibt nach wie vor der ganze untere Teil des Giebels von der Ver- 
zierung ausgeschlossen; höchstens wird der obere, bogenförmige Thür- 
abschluss aus mehreren Balken zusammengesetzt, um als Platz der Inschrift 
zu dienen, die dann am Anfang und Ende von einer raukenartigen Blume 
eingeschlossen ist. Beide, Inschrift wie Blume, sind im kantigen Relief 
vom Grunde erhaben und mit weisser Farbe, seltener mit grüner, ge- 
strichen, z. B. in <ler Altmark und den angrenzenden Teilen Hannovers. 
In der letzten und glänzendsten Phase seiner Entwickelung wird aber 
auch der untere Teil in den Kreis der künstlerischen Ausschmückung 
hineingezogen, und so die ganze Fassade als eine Einheit betrachtet. 

Erreicht wird das zunächst dadurch, dass die senkrechten Balken am 
oberen Teil durch spitzbogenförmige Bretterverkleidung (Fig. 15 Haus aus 
Warmbüchen bei Burgdorf, Lüneburger Heide, 1668 erbaut), eine 
originelle und, wie mir scheint, nur der Gegend um Burgdorf eigentüm- 
liche Bildung. Auf den Balkeneuden liegen die vorkragenden Langbalken 
unmittelbar auf, ohne erst, wie sonst üblich, durch eine Schwelle ver- 
bunden zu sein. Diese Langbalken, am vorderen Ende profiliert und 
durch Konsolen gestützt, tragen dann das Giebeldreieck, das nach ge- 
wohnter Weise wieder durch stark ausgesprochene Vorkragung in zwei 
Teile gegliedert wird. Das untere trapezförmige Feld ist dann abermals 
durch einen Querbalken in zwei Felder zerlegt, die dm-ch senkrechte 
Stützen mehrfach geteilt sind. Dagegen ist das obere Dreieck ohne 



140 Mielke: 

weiteren Schmuck; nur der hervorragende Firstbalken wird durch eine 
Konsole gestützt. Obgleich kein Giebelschmuck vorhanden ist, deutet der 
Ansatz auf dem Firstbalken auf das einstige Vorhandensein eines solchen 
hin. Ich bringe in Fig. 16 eines aus dem nahen Dorfe Kirchhorst, das 
noch dadurch interessant ist, dass auch hier wieder das Firstdreieck in 
zwar sehr verkümmerter Gestalt, aber doch noch deutlich erkennbar er- 
scheint. Bis auf die Mauerflächen des unteren Teiles sind alle Teile der 
Fassade mit senkrechten und horizontalen Brettern verkleidet. Eingesetzte 
Rundbalken vermitteln dann den Übergang zwischen dem unteren und 
oberen Teil desselben. — Bei einem anderen Hause in Gross-Horst 
sind diese Rundbalken und die Kanten der Balken mit einem tauähnlichen 
Ornament (Fig. 17) geschmückt, das bei den Fachwerkbauten Braun- 
schweigs sehr häufig zu finden ist. 

Auffallend ist bei diesem und dem nächsten Hause die Anordnung 
des Thores an der Seite, doch befinden sich in denselben Dörfern auch 
Häuser, bei denen dasselbe an gewohnter Stelle ist. — Das Haus in 
Gross-Horst (Fig. 18, ohne Jahreszahl) zeigt im wesentlichen dieselbe 
Fassade, nur ist der Raum zwischen den spitzbogenförmigen Verkleidungen 
noch einmal durch einen Querbalken gegliedert und sind die Felder über 
der oberen Konsolenreihe ohne Bretterschmuck. In der Zurückschiebung 
des Hauptthores erinnert es an die beiden Häuser in Suderburg (Fig. 7). 
An der rechten Seite ist noch ein Pferdestall angebaut^). 

Es mag bei dem ersten Anblick zweifelhaft erscheinen, ob wir es hier 
mit originalen Schöpfungen zu thun haben oder ob nicht bei der Nähe 
Braunschweigs und Hildesheims, auch Hannovers, an städtischen Einfluss 
gedacht werden müsse. Ich glaube aber dadurch, dass ich gezeigt habe, 
wie sehr der niedersächsische Bauer an einzelnen, durch das Herkommen 
geheiligten Elementen, wie der Dachkappe, dem Firstdroieck und dem 
Hervorkragen der Geschosse, festhält, ein Argument zu haben, das für die 
erste Mutmassung spricht. Ausserdem steht die Erscheinung der spitzbogen- 
förmigen Verkleidung ganz isoliert da; es wäre doch wunderbar, dass sich 
keine ähnlichen Bildungen in den Städten erhalten hätten. 

Nicht wenig zu der eigentümlich reizvollen Erscheinung der soeben 
besprochenen Häuser trägt die Verkleidung mit Brettern bei. Schon in 
dem W i s s i n g e r Haus (Fig. 9) trafen wir sie an, und da sie auch in der 
Altmark zu ausgebreiteter Verwendung gekommen ist, so scheint es fast, 
als ob sie gerade nach Osten hin zunehme, was durch den märkischen 
Hausbau auch bestätigt wird. Zu untersuchen wäre noch, ob das sächsische 



1) Es befindet sich in dem Dorfe Kirchhorst ein verlassenes altes Haus, das der 
Besitzer jetzt als Eemise benutzt. Vielleicht könnte die interessante Fassade mit wenig 
Mitteln für das Volkstrachten-Museum erworben werden, um als Hofdekoration zu dienen. 
Abgesehen von dem schönen Objekt, dürfte sich die Gelegenheit sobald niclit wieder zeigen, 
ein solches zu erwerben. 



Zur Giebelentwickelung- des sächsischen Bauernhauses. 141 

Haus als selbständige AVeiterentwickelung dazu gekommen ist, oder ob es 
dieselbe durch fremde (slavische?) Beeinflussung erhalten hat. 

Als ein charakteristisches Moment erscheint beim sächsischen Hause 
ilie Überkragung, sei es als schräge Dachkappe, sei es als senkrechtes 
Giebelfeld. Aber abseits von dieser grossen Gruppe erscheint noch eine 
zweite, die, inmitten anderer Haustypen, darauf verzichtet und sich nur 
mit tler symbolischen Andeutung derselben begnügt. Sie ist namentlich 
im nördlichen Teil der Mark vertreten. Schon in Bünde, zwischen Osna- 
brück und Minden, erscheint ein Haus^) (Fig. 19), das lebhaft an märkische 
Häuser erinnert. Noch ist die Dachkappe und das Firstdreieck, letzteres 
als dreieckiges Loch, zu erkennen, aber die Yorkragung fehlt bereits, und 
das Fachwerk des oberen Teiles ist mit Brettern, unten senkrecht und 
oben wagerecht, bekleidet. Seltsamerweise ist das Dach über der Mitte 
eingeknickt, was die Dachkappe besonders zur Geltung kommen lässt. 
Die Basis der letzteren wird durch ein nach unten geneigtes Brett, das 
von Konsolen getragen wird, gebildet, worüber ein auf der Ecke stehender 
viereckiger Ausschnitt als Fenster angebracht ist. 

In der Mark kommt der sächsische Typus häutiger vor, als in der 
Regel vermutet wird, namentlich aber zeigt sich das Gebiet nördlich der 
Spree von ihm durchsetzt, wo sich das fränkische Haus mit ihm in die 
Herrschaft teilt. Allerdings zeigen sich bei ihm die Einflüsse des letzteren 
unverkennbar. Fast nur der Giebeleingang und das hin und wieder vor- 
kommende Leben von Mensch und Tier unter demselben Dache (aber 
nicht in demselben Raum!) erinnern an den sächsischen Ursprung. An 
die Stelle der Diele tritt häufig die Küche oder ein schmaler Gang, zu 
dessen Seiten die Wohnstuben liegen. Den hinteren Teil des Hauses 
nehmen dann die Kuh-, Ziegen- und Schweineställe ein. Bei grösseren 
Wirtschaften sind Pferdestall und Scheune selbständige Baulichkeiten. 
Fig. 20 und 21 sind solche, sächsischen Ursprung verratende Häuser aus 
dem Dorfe Rohrbeck bei Spandau'). Während das erstere noch ein- 
fach ist, iiat das andere auf den unteren Ziegelmauern ein zweites Stock- 
werk aufgesetzt erhalten. Wie bei dem Bündeschen Hause (Fig. 18) haben 
die oberen Giebelseiten (bei dem einen auch die Langseiten teilweise) eine 
Bretterverkleidung, die, wie schon oben bemerkt, für die Mark Branden- 
burg charakteristisch ist. Yom Rauchloch ist nichts mehr zu entdecken. 
Die Trennung zwischen Holz und Mauerwerk ist durch ein schräg nach 
unten geneigtes, von Konsolen gestütztes Brett hervorgehoben. 



1) Icli konnte das Haus nur von der Balm aus betracliten, kann mich daher viel- 
leicht in den Einzelheiten irren, doch ist der Gesaniteindnuk so, wie ihn die Zeich- 
nung giebt. 

2) Für das Alter liess sicli nur soviel ermitteln, dass beide Häuser als die ältesten 
des Dorfes gölten. 



142 Jiriczek: 

Hat sich im Yerlaiife gezeigt, dass das sächsische Bauernhaus durchaus 
uiclit auf eine architektonische Entwickehmg verzichtet, so geht diese doch 
niemals über die Giebelseite hinaus. Mir ist kehi einziges Beispiel be- 
kannt, das an einer anderen Seite des Hauses auch nur die geringste Spur 
einer Schmuckform aufweist. Darin liegt ein unterscheidendes Merkmal 
gegen andere Typen, die mit seltener Ausnahme der Rückseite, alle Seiten 
in den Kreis der architektonischen Entwickelung ziehen. Ein anderer 
Gegensatz ist der Verzicht auf selbständige Ausladungen, wie Umgänge, 
Balkone, Freitreppen u. a. Nur im nördlichen Teil der Mark finden sich 
und überdies höchst selten die dürftigen Ansätze einer Laube. 

Die stilgeschichtlichen Merkmale lassen sich also in 5 Punkte zusammen- 
fassen: 1) Die Beschränkung der Ausschmückung auf den Giebel, 2) der 
Verzicht auf selbständige Ausladungen, 3) das Hervorkragen der Geschosse, 
4) die symbolische Beibehaltung der Dachkappe und 5) die ornamentale 
Ausschmückung des Firstdreiecks. Ohne Zweifel werden diese 5 Punkte 
sich bei genügendem Material noch näher bestimmen lassen, vielleicht 
kommt dann auch noch eine Ergänzung hinzu; in der obigen Studie ist 
nur ein schwacher Versuch gemaclit worden, aus eitizelnen Beobachtungen 
eine stilistische Entwickelung des sächsischen Typus herzuleiten. Ist diese 
erst einmal klargestellt, dann dürfte sich für die mittelalterliche Stadt- 
architektur noch so mancher w^ichtige Einfluss ergeben. 



Fseröisclie Märclien und Sagen. 

Aus dem F^röischeu übersetzt von 
Dr. Otto Luitpold Jiriczek. 

(.Schluss.) 



XXV. Tröllanes. 
So wird erzählt, dass Trolle gern Häuser der Menschen aufsuchen, um 
sich in ihnen aufzuhalten und sieh in der dreizehnten Nacht zu vergnügen. 
Nördlich von Nügvunes im Borgardal in Mikines ist ein kleines Haus für die 
Schafhirten erbaut, damit sie in gewissen Jahreszeiten darhi liegen können, 
wo der Grasgang weit vom Dorfe entfernt ist, wenn sie auf die Schafe achten 
sollen, sie am Weideplatze und in der Nähe der Lagerplätze und Schnee- 
schutzbauten zu halten und ihnen zu helfen, wenn sie vom Schnee ver- 
schüttet sind. Eines Nachts ging ein Hirt so vor sich hin auf den Weide- 
platz östlich in Borgardal, und weil ein greuliches Schneegestöber liber 
ihn kam, gedachte er sich in dem Hause zu verkriechen; aber da er sich 
dem Hause nähert, hört er darinnen (lepolter und Lärmen. Er ging nun 



Fperöische Mäa'clien unrl Sagen. 143 

zum Fenster, um hineinzuguckeii, uucl wurde uuu gewahr, dass das Haus 
innen ganz voll von Trollen war, die sich unterhielten, tanzten und sangen: 
„Trum, trum, tralalei, kalt ist's in den Bergen bei den Trollen, besser ist's 
im Hause am Hügel „a Skiilavöllum'', trum, trum, tralalei, tanzet dicht 
an den Thüren." 

Übler soll es in Tröllanes zugegangen sein, was die nördlichste Siede- 
lung in Kalsoy ist, denn dorthin kamen die Trolle jede dreizehnte Xacht 
lärmend aus allen Himmelsrichtungen in so grosser Schar, dass die Be- 
wohner zu dieser Festzeit von hier nach Mikladal flüchten und dort sein 
mussten, so lange diese Herrschaft sich in Tröllanes unterhielt; davon hat 
der Platz den Namen bekommen. So trug es sich einmal zu, dass ein 
altes Weib nicht imstande war, mit den Bewohnern fortzuziehen und des- 
halb in der dreizehnten Nacht zu Hause liegen musste ; sie legte sich unter 
einen Tisch in der Rauchstube [Zimmer, in dem sich der Herd befindet] 
und krümmte sich dort zusammen, dass die Trolle sie nicht sehen sollten. 
Als es nun gegen den Abend ging, sah sie die Trolle durch die Thür 
hereinwimmelu, wie wenn Schafe in die Hürde getrieben werden, so zahl- 
reich, dass man sie nicht zählen konnte. Sie begannen sogleich zu tanzen 
und spielen. Aber als sie am lustigsten waren und der Tanz am lautesten 
donnerte, begann sich die Alte zu entsetzen und rief in ihrer Not aus: 
„Jesus sei mir gnädig!" Als die Trolle diesen gesegneten Namen hörten, 
den sie alle hassen und fürchten, begannen sie alle zu schreien und riefen: 
„Gydja hat den Tanz gestört," und sie drängten sich alle, nm so schnell 
als möglich zur Thür hinaus zu kommen, und haben seither nicht gewagt, 
diesem Platze Unfrieden zu schaffen und auf Tröllanes zu gasten. Als 
nun das Volk wiederum aus Mikladal nordwärts heimkam, erwarteten sie 
die alte Gydja tot zu finden; aber sie war auf den Beinen und konnte 
davon erzählen, wie es ihr mit den Trollen gegangen, und wie sie ver- 
schwunden waren, als sie sie Jesus nennen hörten. 

XXVI. Noas Arche. 

An einer Stelle auf dem höchsten Teile von Kunoy liegt ein Brett 
von Noas Arche; Muscheln und Seeschnecken sind auf ihm angewachsen. 
Wenn sich Leute im Nebel hier im Gebirge verirrt haben, so sollen sie 
zu demselben gekommen sein, aber keiner hat es gefunden, der aus- 
gefahren ist, es zu suchen. 

XXVH. Die Raubschärler'). 
In Hattarvik auf Fugloy lebten einmal in alten Tagen drei Männer, 
welche Halvdan Llvsson, Högni Nov und Rögvi Skel hiessen. Hälvdan 

1) Zur Übersetzung des fser, ^^Flokksinenn" nach Analogie von „Freischärler" 
gebildet. 



144 .Tiriczek: 

Ulvsson war der stärkste von ihnen, denn er vermochte einen Stein zn 
lüften, der noch auf der Weide dort gesehen wird und „Hälvdan Tlvsson 
Hub" üenannt wird: der Stein misst acht Ellen nach der Dicke und zehn 
Ellen nach der Länge. 

Diese drei, die nun genannt sind, waren eines Herbstes im Gebirge 
mit anderen Fugloyingern. Wie es Gewohnheit ist, hatte jeder Mann Schaf- 
bänder mit sich; die Schaf bänder waren nicht gleichfarbig und auch nicht 
gleich gut, und es kam deshalb zu Streitigkeiten unter den Treibern, weil 
sich jeder die besten aneignen wollte. Aber weil diese drei Männer, die 
vorher genannt sind, zusammenhielten, wagten jene ihnen nicht zu wehren, 
die besten Schaf bänder zu nehmen. Diese drei sahen nun, dass sie die 
Oberhand über jene gewannen, und es fiel ihnen da ein, hätten sie den 
Willen dazu, da stünde es in ihrer Gewalt, sich erst Fugloy zu unterwerfen 
und dann, wenn sie einige als Gefolgschaft für sich gewännen, alle Fjeroyer. 
Und es dauerte nicht lange, dass sie beschlossen, das ins Werk zu setzen, 
was früher nur in ihren Gedanken gewesen war. Aber das sahen sie, sollte 
alles gut gehen, was sie vorhatten, so müssten sie bewaffnet sein, und des- 
halb sandten sie einen Brief an den König und baten um Schwerter. Von 
dort kam die Antwort zurück, dass die Faeroyinger friedliche Menschen 
seien und deshalb bedürfe es keiner Schwerter auf den Faeroyern. Aber 
sie waren hartnäckig und wollten sich nicht geben; sie schrieben dem 
Könige wiederum und berichteten, dass auf den Faeroyern kein Friede sei 
vor ausländischen Eäubern, welche das Volk beeren und erschlagen könnten, 
ehe es jemand ahne. So ist es, wenn man hartnäckig ist: — sie erhielten 
da Schwerter. 

Nun soll der vierte Mann in Hattarvik mit Namen genannt werden; 
er hiess Sjürd an der Gellingarä; er war wie jene drei gross und stark; 
aber darin war er jenen ungleich, dass er ruhiger und stiller als sie war, 
und selten war er ratlos; er war ein reicher Bauer. Diesen Sjürd wollten 
jene drei als Teilnehmer gewinnen; aber als sie mit ihm darüber geredet 
hatten, wich er ihnen immer aus und wendete es in Scherz. Er hatte zwei 
Ursachen, so zu thun; die eine war, dass ihm das nicht gefiel, was sie 
vorhatten, die andere Ursache aber war, dass er kurz vorher in Gata ein 
Mädchen gesehen hatte, die Tochter des reichen Bauern „unten bei Hüs". 
Ihm gefiel das Mädchen sehr, so sehr, dass, als er nach Fugloy zurück- 
gekommen war, das Herz in Gata zurückgeblieben war ; er war daher zum 
zweitenmale nach Gata gefahren und hatte um sie gefreit. Das Mädchen 
hatte ihm so geantwortet: „Kommst du übers Jahr in demselben Boote 
wiederum, wie du heute kamst, so soll geschehen, wie du willst." Weil 
er nun an seine Hochzeit dachte, war er unwillig, eine solche gefäln'liche 
Fahrt zu fahren. Aber nun hatten die drei sich das in den Kopf gesetzt, 
dass Sjürd mit ihnen fahren sollte, und da er nun nicht im guten wollte, 
kamen sie eines Ostermorgens früh in die Stube, wo er lag und schlief. 



Faeröische Märchen und Sagen. 145 

zogeu ihn unter der Decke heraus und versicherten, dass er das Leben 
lassen solle, wenn er nicht darauf eingehen wolle, was sie im Sinne hatten, 
und sich nicht mit ihnen verbinden wolle. Da liess er es sich gefallen. 

So gingen alle vier vor die Thür, Hessen sich zur Ader und Hessen 
das Blut zusammenrinnen, um zu sehen, ob alle in dem, was man nun vor- 
hatte, gleichgesinnt wären. Aber das Blut Sjürds wollte nicht mit ihrem 
Blute zusammenfliessen, und darum wurden sie zornig und sie sagten: 
„Nun wollen wir dich töten, denn du willst nicht mit uns halten." Aber 
Sjürd antwortete: „Das ist nicht so, wie ihr glaubt; ist so wenig Witz in 
euch, dass ihr nicht seht, dass deshalb mein Blut mit eurem nicht zusammen- 
fliessen will, w^eil euer Blut heiss ist, aber meines kalt?" Sie sahen da 
ein, dass das wahr sei. An der Stelle, wo sie ihr Blut mischten, wuchsen 
zwei Hügel aus der Erde, und sie sind bis heute gesehen worden. 

Am (^lafstag [29. Juli obitus, 3. August translatio scti Olai] fuhren 
diese vier Räuber oder Raubschärler, wie sie nun bald genannt wurden, 
nach [Thors -]Havn, um mit den anderen Fgeroyingern über ihr Vorhaben 
zu reden, sich alle F^eroyer zu unterwerfen, welche damals unter aus- 
ländischer Herrschaft standen. Sie bekamen da fünfzig zur Gefolgschaft 
als Unterstützung; die meisten von diesen waren aus Suduroy. So wurde 
abgemacht, dass sie auf dem Gataisthmus sich treffen sollten, und sie 
sollten sich gegenseitig daran erkennen, dass ihre Boote an der einen Seite 
geteert sein sollten, und weiss an der anderen. Aber das war den Raub- 
schärlern nicht zum Vorteil, dass sie andere als Gefolgschaft für sich ge- 
wonnen hatten, denn da wurde ihr Vorhaben ausgetragen und bald auf 
allen Fseroyern bekannt, so dass das Volk an den meisten Orten Wacht vor 
den Raub schärlern hielt. 

Als die vier Raubschärler wieder aus Havn heimkamen, versuchten 
sie, sich ganz Fugloy zu unterwerfen. In Fugloy sind nicht mehr als 
zwei Siedelungen: Hattarvi'k, wo die Raubschärler wohnten, und Kirkja, 
welche so genannt war, weil eine Kirche hier erbaut war. Sie fuhren da 
vollbewaffnet nach Kirkja; aber hier hieltend die Leute Wache, und als sie 
die Raubschärler sahen, flohen alle aufs eiligste in die Kirche hinein, denn 
die Kirche war ein geweihtes Heiligtum, so dass nicht der ärgste Räubej- 
es wagte, hier den Frieden zu brechen. Als die Raubschärler das Volk 
in die Kirche fliehen sahen, sagten sie zu Sjürd: „Du bist der schnellste, 
Sjürd, beeile dich hinabzukommen und töte jeden, dessen du habhaft wirst." 
Sjürd rannte da was er nur konnte, und als er zu den Häusern kam, sah 
er ein kleines Kind, welches sie in ihrem Entsetzen vergessen hatten, in 
die Kirche mitzunehmen. Sjürd wollte am liebsten das Kind wegschaffen; 
aber er wollte auch, dass die Raubschärler ihn für tüchtig und böse halten 
sollten, damit sie nicht wieder Verdacht gegen ihn fassen sollten. Er 
stach daher den Speer in die Kleider des Kindes und warf es über eine 
Hausreihe, um es vom Wege wegzubringen, denn jene hätten zweifellos 



j46 Jiriczek: 

das Kind getötet, hätten sie es gefunden. Aber weil er bebte, so warf er 
so hart, dass das Kind steintot blieb, als es wieder anf die Erde nieder- 
fiel. Die Fnssspur, in der Sjürct stand, als er das Kind über die Haus- 
reihe warf, wird noch gesehen, denn dort ist später kein Grashalm ge- 
wachsen. Weil sonst alles Volk im Dorfe in die Kirche geflohen war, so 
dass ihnen nichts angethan werden konnte, mussten die Eaubschärler mit 
langen Nasen nach Hattarvik zurückfahren. 

Sie gedachten nun, es mit dem Bauer in Arnafjord zu versuchen und 
zogen daher ihr Boot, geteert an der einen Seite, weiss an der anderen, 
ins Wasser. 

Als sie ein Stück vom Lande gekommen waren, entschlüpfte es Sjürd: 
„Zu schön ist Eystfelli, davon wegzufahren!" Hälvdan ülvsson erwiderte: 
„Schwächling, schöner sind alle Faeroyer." „Wenn du sie hast," antwortete 
Sjürd. — Sie kamen nun zum Bauer in Arnafjord ins Haus; er war so- 
wohl gross wie stark und leistete Hälvdan Widerstand; sie kämpften lange 
miteinander und es schien gleich zu stehen. Als der Knecht des Bauern 
dies sah, legte er sich vor die Füsse des Bauern, so dass dieser über ihn 
fiel. Hälvdan ülvsson hieb ihm da mit seinem Schwerte das Haupt ab. 
Als er tot war, wandte sich der Knecht zu dem kopflosen Körper und 
sagte: „Nun erhieltest du Lohn für deine [schlechte] Milch." 

Von hier fuhren sie durch den Hvannasund und dann hielten sie an 
den Kunoyarklippen vorbei, denn sie wollten nach Kunoy. Als sie an den 
Klippen vorbeikamen, war hier ein Boot auf der Ausfahrt; als die Männer 
auf dem Boote sahen, wie jenes Boot gefärbt war, wussten sie sofort, dass 
das die Raubschärler waren, und sie beeilten sich daher, in eine Kluft zu 
fahren. Keiner von den Raubschärleru ausser Sjürd hatte das Boot ge- 
sehen. Als die Raubschärler an der Kluft vorbeifuhren, musste ein alter 
Manu in jenem Boote husten; sowohl Sjürd als Hälvdan Ülvsson hörten 
das. Hälvdan sagte: „Hier ist ein Boot drinnen"; aber Sjürd antwortete: 
„Immer hast du Verdacht; hörst du nicht, dass das die See ist, welche 
sich in der Kluft bricht?" „Es kann sein, dass es so ist, wie du sagst," 
antwortete Hälvdan, und sie ruderten ihres Weges. 

So wollte es der Zufall, dass ein Sohn des Bauern auf Kunoy an dem- 
selben Tage draussen auf dem Grasgang war. Der Nordwestwind hatte 
grosse Schneehaufen aufgehäuft. Als Ami — so hiess der Sohn des 
Bauern — den Grasgang zu Ende gegangen hatte, war er müde, denn es 
war viel Schnee vor seinen Füssen gewesen. Er hatte sich kaum nieder- 
gesetzt, um sich auszuruhen, als er ein Boot sah, das zum Lande hielt. Er 
rief sie an und fragte, wohin sie gedächten; sie antworteten: nach Kunoy. 
Er war froh, dem Heimwaten durch den Schnee zu entgehen und bat sie, 
ihn ins Boot aufzunehmen; das sei ihnen ein Vergnügen, sagten sie. Als 
er ins Boot gekommen war, sah er einen Haufen Waffen hier; rückwärts 
im Achtersteven lagen vier Schwerter, je eines für jeden Raubschärler; 



¥ 



Fseröische Märchen und Sagen. 147 

(lann hatten sie auch sowohl Äxte als Speere. Er begann da zu argwöhnen, 
das möchten die Raubschärler sein, bei denen er im Boote war; Entsetzen 
befiel ihn, wie zu erwarten steht, aber er liess sie das nicht an ihm merken. 
„Willst du mit uns sein?" fragte Rogvi Skel Arni. „Wozu?" antwortete 
Arni. „Die Fteroyer zu gewinnen," antwortete Rogvi. „Ja, das will ich," 
erwiderte Arni. Da sagte Rogvi: „Nun sollst du zuerst Vormann nach 
Kuuoy bei uns sein, denn wir kennen uns nicht gut aus." „Das will ich 
thun," antwortete Ami, „dorthin bekommt ihr keinen besseren Vormann 
als mich; ich will nun den Weg in vier Teile teilen: das erste Viertel soll 
Rogvi Skel steuern, das andere Högni Nev, das dritte Halvdan Tlvsson und 
das vierte Sjürd. 

Darauf sass er still und war wie zwischen Erde und Hölle, denn er 
erwartete sich den gewissen Tod. 

Da begann Sjürd: mit ihm zu reden, doch leise, damit es jene nicht 
hören sollten, und sagte: „Nun ist dir der Tod gewiss, denn die Raub- 
schärler schlagen dir den Kopf ab, bevor sie ans Land legen; ich weiss 
keinen anderen Rat für dich, als dass du auf die flache Klippe unter 
Kunoy springst und versuchst, von dort auf das Land zu springen; willst 
du das versuchen, so werde ich das Boot dicht an die Klippe steuern." 
Arni glaubte, von der Schäre an das Land springen zu können. 

Halvdan Ülvsson bemerkte, dass sie im geheimen miteinander sprachen; 
er rief Sjürd plötzlich an und sagte: „Was ist das, Sjürd, worüber ihr sitzt 
und flüstert; warum dürfen wir das nicht hören?" Sjürd erwiderte still: 
„Sage dem Volke, das wohl noch in der Kirche ist, dass sie nicht aus ihr 
herausgehen dürfen; denn nirgends sind sie vor den Raubschärlern sicher, 
ausser in einer geweihten Kirche. Denke nun wohl daran, was ich dir 
gesagt habe." „Das will ich," antwortete Arni. Halvdan T'lvsson nahm 
nun zum zweitenmale das Wort, war zornig und sagte: „Was für ein 
Geheimnis ist das, worüber du mit ihm zu flüstern hast? Sitze nicht und 
flüstere und flüstere, sondern sprich laut, dass wir hören können, was du 
sagst." Sjürd antwortete: „Ich fragte ihn, ob die Kühe in Kunoy noch 
ebenso fett sind, wie sie in alter Zeit waren, und er sagt, es sei so." Als 
sie sich der Landungsstelle in Kunoy näherten, steuerte Sjürd dicht an die 
Klippe, und als sie gerade au ihr vorbeifuhren, sprang Arni aus dem Boote 
auf die Klippe und von dort auf das Land; die Klippe liegt aber sechst- 
halb Ellen vom Lande, so dass ein Achtruderer dazwischen durchfahren 
kann. Sjürd nahm eine Axt und warf nach Arni, aber mit Willen traf er 
nicht. Halvdan Ülvsson sprang eilig auf die Klippe, um Arni zu ver- 
folgen, aber er wagte nicht, auf das Land zu springen und musste deshalb 
einen unbequemeren Weg fahren; der Kunoyinger, der leicht zu Fuss war, 
kam ihm so um etwas voraus, aber als Halvdan sah, dass er ihn nicht 
wieder erwischen konnte, schleuderte er die Axt nach ihm. Sie sauste 
acht Faden in der Luft und kam dann auf den Fels in die letzte Fuss- 



148 Jiriczek: 

spur nieder, welche Ami getreten hatte. Das Loch von der Axt sieht 
man noch heute deutlich im Felsen. Arni rief in die Kirche hinein und 
warnte jeden, von dort herauszukommen, denn die Raubschärler seien ins 
Land gekommen; darauf eilte er in das Gebirge und verbarg sich dort. 

Als die Raubschärler zu den Häusern kamen, sahen sie, dass alle 
Kunoyinger in der Kirche waren; sie begannen da daran zu denken, dass 
es am besten wäre, zu versuchen, sich Freundschaft bei den Kunoyingern 
zu gewinnen; sie verbargen darum ihre Waffen, bejahten, dass sie 
Räuber seien, aber gelobten, dass sie den Kunoyingern nichts böses an- 
thun wollten; und so war hier Friede und Freundschaft. Einmal, als dar- 
über gesprochen wurde, dass geweihte Kirchen vor Räubern schützten, 
fragten sie die Kunoyinger: ;„Wo ist die Kirche auf den Fasroyern, die uns 
schützen kann?" Die Kunoyinger antworteten: „Das ist die Svinoykirche, 
denn sie ist die letztgeweihte." Aber das war eine Lüge, denn die Svinoy- 
kirche war die einzige Kirche auf den Fasroyern, welche ungeweiht war. 

Die Raubschärler sagten, dass ihre Absicht sei, nach Tröllanes zu 
fahren und fragten die Kunoyinger, wann es am besten wäre, dorthin zu 
fahren. Die Kunoyinger antworteten: „Nord -Nordostwind ist die beste 
Windrichtung" und höchster Stand der Westströmung ist die beste Meer- 
strömung." Sie verweilten noch einige Tage auf Kunoy, dann aber schien 
ihnen die beste Gelegenheit zur Überfahrt nach Tröllanes gekommen zu 
sein. Als sie ein Stück vom Lande gekommen waren, war es so schlimm 
in der See, dass sie nahe daran waren, unterzugehen; sie wagten deshalb 
nicht, ihren Weg fortzusetzen, sondern kehrten nach Kunoy um. Die 
Kunoyinger fragten da: „Warum kommt ihr so bald zurück?" „Wir kamen 
nicht weiter wegen der Wut der See," antworteten sie. Aber die Kunoyinger 
sagten da: „Wäret ihr weiter gefahren, so wäret ihr aus aller Gefahr ge- 
kommen." Als die Raubschärler dies hörten, ermannten sie sich und fuhren 
zum zweitenmale weg nach Tröllanes. Obwohl die See nun noch schlimmer 
war, als das erste Mal, wollten sie nicht umwenden, sondern ruderten 
geradeaus dicht zum Landungsplatz von Tröllanes. Aber hier ging die 
Brandung bis zum Grase hinauf, über vierzig Ellen schoss sie die Klippen- 
wand hinauf, so dass man nicht daran denken konnte, hier zu landen; 
Wut war in der See und ein Sturm im Winde, so dass sie am Leben ver- 
zweifelten. Sie steuerten deshalb nach Kunoy zurück und konnten gerade 
nur von sich selbst Botschaft bringen [d. h. sie mussten zufrieden sein, ihr 
Leben gerettet zu haben]. Sie sagten da zu den Kunoyingern: „Wir 
kommen niemals nach Tröllanes; wir waren dicht am Landungsplatz, aber 
es war nicht daran zu denken, au das Land zu kommen," und so schworen 
sie einen teuren Eid darauf, dass sie nicht wieder versuchen wollten, nach 
Tröllanes zu kommen, ehe sie sich alle F^eröer unterworfen hatten. Da 
antworteten die Kunoyinger: „Wäret ihr um die Zange gekommen, welche 
bei der Landung liegt, so war es erreicht." Aber das war eine Lüge, wie 



Ffpröische Märchen imd Sagen. 149 

alles andere, was die Kimoyinger den Raubschärlern gesagt hatten; würden 
sie weiter gefahren sein, so w^ären sie ertrunken. 

Die Raubschärler sassen nun ruhig auf Kuuoy, bis sich die Zeit 
näherte, wo sie sich, wie abgemacht war, auf dem Gataisthmus treffen 
sollten. Sie fuhren da eines Abends weg und steuerten an Götunes vorbei. 
An demselben Abend waren die Vagleute auf der Ausfahrt; sie sahen das 
Boot der Raubschärler und erkannten es an der Farbe, denn es war Mond- 
schein, und flohen daher eiligst in eine Kluft an der Westseite von Bordoy. 
Sjürd hatte das Boot deutlich gesehen, und als es in die Mündung der Kluft 
einfuhr, bemerkte es Hälvdan Ülvsson. „Hier fuhr ein Boot in die Kluft," 
sagte er. Aber Sjürd antwortete: „Du siehst immer so viel; siehst du 
nicht, dass das der Mond ist, welcher auf die Brandungswogen am Lande 
scheint?" „Das kann so sein," dachte Halvdan bei sich, und so ruderten 
sie ihres Weges. Hernach ist die Kluft Managjögv [Mondschlucht] ge- 
nannt worden. 

Nun ist davon zu berichten, dass die, welche die Amtsgewalt auf den 
Fferoyern hatten, von dieser Zusammenkunft geliört hatten, welche auf dem 
Gataisthmus stattfinden sollte, und die Fünfzig, welche sich die Raub- 
schärler auf dem Thing in Havn zur Gefolgschaft gewonnen hatten, wurden 
nun festgesetzt und konnten deshalb nicht kommen. An dem Tage, an 
dem das Zusammentreffen stattfinden sollte, waren in Gata Fa?royinger aus 
allen Gegenden, viele Hundert, zusammengekommen, um diese vier 
Raubschärler von den Nordinseln zu fangen. Als sie nun mit ihrem Boote 
landeten, das an der einen Seite geteert und weiss an der anderen war, 
und diese ganze Menscheuschar sahen, und sahen, dass sie alle ihre Feinde 
waren, aber keinen Freund sahen, keinen ihrer Männer, da wendeten sie 
eiligst das Boot und ruderten aus Gata weg. Ihnen fiel ein, was die 
Kunoyinger gesagt hatten, dass die Svinoykirche die letztgeweihte sei, 
und deshalb nahmen sie ihre Zuflucht zu der Fahrt nach Svinoy. Sie 
legten nördlich von der Landenge an, zogen das Boot auf das Land, gingen 
über die Landenge und in die Siedelung hinab, und so vergnügt waren 
sie da, dass sie wie kleine Jungen zu spielen und mit Steinen nach einem 
Ziele zu werfen begannen. 

Aber die Faeroyinger ermannten sich, wappneten sich aufs beste und 
fuhren mit zahlreichen Booten nach Svinoy, um die Raubschärler festzu- 
setzen. So ward erzählt, dass gegen siebzig Bote miteinander dorthin 
fuhren. Als sie unterhalb der Landenge anlegten, sahen sie das Boot der 
Raubschärler hier stehen und bekamen auf diese Weise zu wissen, dass die- 
selben in Svinoy waren. Sie machten da* Halt und sandten die erste Schar 
hinab, um die vier Männer zu ergreifen; aber die hörten da auf zu spielen, 
ergriffen ihre Waffen und wehrten sich mannhaft. Als die Fjeroyinger das 
sahen, sandten sie unverzüglich die zweite Schar gegen sie; aber die Raub- 
schärler wehrten sich tapfer und es ist ungewiss, ob sie nicht gewonnen 

Zeitschrift d. Vereins f. Volkskuude 1892. H 



150 Jiriczek: 

hätten, wären nicht so viele gegen sie gewesen. Die Faeroyinger sandten 
da die dritte Schar hinab, und in dieser waren viele starke und wohl- 
bewaffnete Männer. Als die Raubschärler sie kommen sahen, verloren 
sie den Mut und flohen zur Kirche. Hier legten sie ihre Wafl'en vor der 
Kirchonthür nieder, gingen darauf in die Kirche hinein und glaubten nun 
ausser aller Gefahr zu sein. Aber die Fajroyinger wussten, dass die Svinoy- 
kirche ungeweiht war: sie wählten daher die stärksten Männer aus, zuerst 
in die Kirche hineinzugehen und an die Raubschärler Hand anzulegen; so 
wurden sie festgenommen und gebunden. 

So war das Urteil lange vorher gefallen, dass diese vier Raubschärler 
aus den Nordinseln von der höchsten Valaklippe bei Skalabotn herab- 
gestürzt werden sollten. Sie wurden da zuerst nach Gata geführt und zu 
dem Bauern „unten bei Hüs" eingebracht. 

Als die Tochter des Bauern Sjürd mit am Rücken gebundenen Händen 
und zum Tode verurteilt sah, weinte sie und sagte: „Ich sehe, du kommst 
als anderer heute, als du heute vor einem Jahr kamst, da du um mich 
freitest;" das war just der Tag, den sie ein Jahr früher Sjürd bestimmt 
hatte, als er um sie warb. Sjürd weinte und konnte vor Sorge und Kummer 
kaum reden. 

Die Gefangenen erhielten einige Zeit, um sich zum Tode vorzubereiten. 
Hälvdan Ülvsson, Högni Nev und Rögvi Skel setzten sich da zu Tisch und 
thaten sich gütlich an gedörrtem Fleisch und allerhand guten Speisen und 
Getränken, aber Sjürd nahm sein Gebetbuch, um darin zu lesen, und bat 
Gott, ihm seine Sünden zu vergeben. Als die Fasroyinger das sahen, 
fassten sie noch mehr Wohlwollen gegen Sjürd; sie gedachten daran, dass 
er gegen seinen Willen genötigt gewesen, Räuber zu werden, und dass er 
versucht hatte, soviel Böses zu verhindern, als in seiner Macht stand, und 
deshalb wollten sie ihm Leben und Sicherheit schenken. Aber Sjürd be- 
gehrte sein lioben zu lassen; „ich habe in das Böse eingewilligt, das jene 
begangen haben," sagte er, „deshalb will ich dieselbe Vergeltung empfangen 
wie sie, und wenn ich diesmal losgekommen wäre, so könnte ich dazu 
kommen, ein anderes Mal Böses zu thun." 

Die Raubschärler wurden darauf auf die höchste Yalaklippe geführt, 
von dort hinabgestosseu und unten begraben. Ihre Gräber sieht man noch 
heute; die Gräber der Drei sind schwarz und hässlich, Sand und Stein; 
aber das Grab, in dem Sjürd ruht, das ist schön; immer ist es mit grünem 
Grase geschmückt. 

XXVin. Orm, der Bauer auf Skali. 

Ein Übelthäter wird auf den Pairoyern erwähnt, Orm, der Bauer, 

„a ytra Skala" in Eysturoy. Er war gross und stark und besass viele 

Äcker. Er befasste sich nicht mit dem Ausrudern und dem Liegen auf dem 

Meere, sondern dachte umsomehr an seine Schafe, und da er nicht von den 



Fseröische Märchen und Sagen. 151 

seinigen [welche zum Speisen] zu nehmen sich entschliessen konnte, stahl 
er sie seinen Nachbarn von der AVoide; denn das Leben dünkte ihm wenig 
wert zu sein, wenn kein Fleisch zum Essen da war. 

Pastur, der Bauer in Funning, war einer seiner Nachbarn. Orm war 
oft im Hage des Funriingsbauern, um ihm Schafe zu rauben. Einmal 
gellt Psetur durch seine Flur, und sieht dort Orm gehen und seinen Hund 
nach den Schafen hetzen; aber er wusste, dass er das Leben verlöre, 
hielte er nicht heimlich, dass er Orm auf unerlaubten Wegen gesehen 
habe; er gedachte ihm deshalb aus den Augen zu kommen und ging weg; 
aber Orm lief ihm geradenwegs nach. Psetur ging ruhig weiter und that 
so, wie wenn er ihn nicht sähe. Orm kam nun zu Pcetur und sagte guten 
Tag zu ihm, und er blickte sich da um und sagte, er sei erschrocken, als 
er hinter sich reden gehört habe, denn er habe nicht erwartet hier einem 
Menschen zu begegnen. Orm fragte ihn nun, ob er ihn nicht früher als 
jetzt gesehen habe. Pastur verneinte es und sagte, dass er darum so 
zusammengefahren sei, als ihn Orm anredete. Orm erwiderte, wie es 
auch sei, er solle ihm nun einen Treueid schwören, was er ihn auch von 
diesem Augenblicke an tliuu sehe, das sollte er nie einem Menschen kund- 
thun; schwöre er das nicht hoch und teuer, so solle er nicht mit dem 
Leben davonkommen. Orm stand nun mit der Axt in der Hand und 
drohte ihn zu erschlagen ; Psetur wusste daher keinen anderen Rat sein 
Leben zu bergen, als zu schwören, und so entkam er Orm diesmal. — 
Einige Zeit verging nach diesem Ereignis, da fuhr der Funningsbauer 
nach [Thorsjhavn; aber er hatte soviel dort im Süden zu thun und anderes 
zu besorgen, dass er nicht mit dem Funningsboote zurück nach Norden 
kommen konnte und sich von den Thorshavnern Überfahrt erbat, welche 
ihn einige Tage später nach Strendur überführten, und von hier ging er 
dann zu Fuss nordwärts über die Lisel. Er ging nun geradenwegs nach 
Skäli, und weil der Weg am Hause Orms „a ytra Skala" vorbeiging, 
konnte er nicht anders als zu Orm hineinzugehen, um ihn zu besuchen. 
Orm war allein zu Hause und damit beschäftigt, Korn in der Rauchstube 
zu dörren; kein Dörrhaus war hier, und deshalb benutzten sie die Raucli- 
stube und dörrten auf einem Gestell, so dass zwei Stützen unter die Enden 
desselben gesetzt waren, es zu stützen; dann wurde das Korn auf das Ge- 
stell gelegt und Feuer darunter angezündet. — Orm war freundlich und 
zuvorkommend gegen Paetur und bat ihn, in die Glasstube hinaus zu 
kommen; hier tischte er ihm auf und legte ihm Fleisch und den ab- 
gesengten Kopf eines Schafes vor; aber zum Unglück hatte Orm nicht 
daran gedacht, die Ohren abzuschneiden, und Ptetur erblickt nun sein 
eigenes Funningszeichen an den Ohren; er hat darum wenig Lust zu essen 
und sagt schliesslich zu sich selbst: „so etwas ist schlimm". Orm er- 
widert: „Iss du, es ist gut gekocht". Psetur sagt nun, es sei nicht des- 
halb, dass es ihm widerstehe zu essen, als ob es nicht gut gekocht sei, 

11* 



152 Jii-iczek: 

sondern es sei schwer, sein Eigentum und noch dazu das gestohlene zu 
essen. Als Orm hört, dass er ihm Diebereien vorwirft, ergreift er die 
Axt und setzt sich gerade in die Thüröffnung, um sie zu wetzen. Pstur 
weiss sich nun keinen Rat, Orm unbeschädigt zu entkommen. Da fällt 
ihm das ein, die Tischplatte von den Tischbeinen zu heben und auf Orm 
niederzuwerfen, so dass er über ihn hinaus entkommen könnte, ohne 
Schaden von ihm zu nehmen. Er thut so, bringt die Tischplatte in der 
Thür zwischen sich und Orm und schwingt sich so an ihm vorbei in die 
Rauchstube hinaus; dort packte er die Stützen, so dass alles Korn ins 
Feuer unter 'dem Gestell fiel; er sprang nun zur Thüre und begann so 
schnell wie möglich den Hügel hinauf zu rennen. Als Orm unter der 
Tischplatte sich emporgearbeitet hatte, war Psetur verschwunden; — er 
war so sinnlos vor Wut, dass er nicht beachtete, welchen Schaden Pjetur 
in der Rauchstube angerichtet hatte, sondern sich so rasch als möglich ihm 
nach hinaus auf die Beine machte. Erst hetzte er den Hund nach ihm, 
aber Psetur hatte ein Stück Fleisch mit sich genommen und warf ihm 
dasselbe zu, und so legte sich der Hund nieder, um dieses fette Fleisch- 
stück zu verzehren. Psetur war rasch zu Fuss und soweit vorausgekommen 
vor ihm, dass es Orm nicht gut möglich war, ihn zu fangen. Doch näherte 
er sich Psetur mehr und mehr; Psetur wandte sich nun um und rief Orm 
zu: „Sieh dich um — Feuer im Hause!" Als Orm das sah, dass die 
Flamme aus dem Hause aufschlug, kehrte er schleunigst wieder mn, und 
Paitur entging ihm diesmal ungeschädigt. Doch als Orm wieder hinab 
kam, lagen die Häuser alle in Kohle, und daher wird der Hof seither: 
„Zum verbrannten Haus" genannt. 

Kurz nachdem sich dieses begeben hatte, traf der Funningsbauer Orm 
wieder in seiner Mark, wo er einige Schafe gebunden hatte, von denen 
Psetur nicht zweifelte, dass es die seinen waren; aber er wagte nicht, sich 
mit ihm hier einzulassen und schlug daher den Weg nach Funning ein; 
beide waren zu Ross, und Orm ritt ihm nach bis er zur Funningskleiv kam, 
da wagte er sich nicht weiter, denn hier erblickt man das Dorf, und er 
befürchtete nun, die Funningsleute würden kommen, um Pietur zu helfen 
und den frechen Räuber Orm zu ergreifen. 

Nun wird erzählt, dass Orm sich in die Mark des Oyrarbauers wagte, 
um Schafe zu stehlen und rauben, wie er gewohnt war. So trug es sich 
eines Tages zu, dass der Oyrarbauer mit seinem Sohne auf der Flur bei 
den Schafen war. Sie begegnen dort Orm, welcher ein grosses dunkelrot- 
braunes Mutterschaf genommen hatte. Jögvan, der Oyi'arbauer, sprang im 
Zorn auf Orm los; sie kämpften lange; endlich gelang es ihm, Orm auf 
die Knie zu drücken; aber er brauchte beide Hände, um ihn festzuhalten, 
und befahl deshalb seinem Sohn, ihm das Messer aus der Scheide zu 
ziehen; doch der Junge fürchtete sich, Orm nahe zu kommen und lief fort, 
um sich in einer Schlucht in der Nähe zu verbergen. Während nun Orm 



Fseroische Märchen und Sagen. 153 

unter ihm lag und nicht wieder emporkommen konnte, da gelobte er dem 
Teufel das äusserste Glied vom kleinen Finger, wenn er ihm aus dieser 
Not helfen wolle. Als er das gelobt hatte, erstarkte er so sehr, dass er 
den Oyrarbauer von sich abwarf, und tötete ihn nun mit der Axt, nahm 
ihm die Kleider und warf die Leiche in einen Fluss unterhalb Typpafoss. 
Er begann nun den Knaben zu suchen, der sich an einer mit liohem Grase 
bewachsenen Stelle in der Schlucht versteckt hatte. Orm wagte nicht, 
ihm hinab nachzusteigen, denn hier war es steil und beschwerlich; er be- 
gann daher Steine auf ihn hinabzuwälzen, so dass ein grosser Block auf 
ihn kam und ihn aus dem Grasfleck mitnahm; er fiel da tot in den Fluss 
hinab. Orm klomm nun hinab und nahm seine Kleider, legte diese und 
das Lamm auf den Rücken des Pferdes, setzte sich auf dasselbe und ritt 
dann heim. Er war müde und legte sich zum Schlafe, aber rief laut im 
Traume: „Die Kleider liegen unter der Mühle und die Leichen unter dem 
Typpafoss". Die Knechte hören das, suchen unter der Mühle nach und 
finden dort die Kleider, die sie als die des Oyrarbauern und seines Sohnes 
erkannten; sie waren mit Blut besudelt. Sie gehen nun zum Typpafoss, 
der eine Yiertelmeile oberhalb Skalabotn ist (in nordwestlicher Richtung); 
dort finden sie den Bauer und seinen Sohn nackt und erschlagen. Diese 
Nachrichten bringen sie so rasch als möglich zum Lögmann ; der Lögraann 
lädt Orm, die Lögrettsmänner und alle Zeugen nach Stevnuväl, welches 
der Thingplatz der Eystroyinger war; der Hügel ist zwischen den Fjorden 
(Skalafjord und Funningsfjord) eine Yiertelmeile nördlich vom Dorfe zu 
Skalabotn. Hier kamen viele zusammen, um gegen Orm zu zeugen; der 
Funningsbauer war zugegen, aber so oft der Lögmann ihn fragte, hielt 
er die Hände hinter dem Rücken und wies mit dem Finger auf Orm, 
weil er nicht von etwas zu reden oder zu zeugen wagte, gebunden vom 
Eide, wie er war, den er Orm geschworen hatte, wie vorher erzählt 
worden ist. 

Orm sass ruhig auf dem Thingplatz, bis der Lögmann das Urteil ver- 
kündigte; alle Lögrettsmänner hielten es für zweifellos, dass Orm der 
Mörder des Oyrarbauers war, und sie verurteilten ihn deshalb zum Tode. 
Aber als der Lögmann das Urteil aussprechen wollte und sagte: „Aus 

gerechten Gründen halten wir dich für den Mörder dieses Mannes " 

da sprang Orm auf, nahm sein Ross, und mit verhängten Zügeln jagte er 
gegen Skäli. Der Lögmann sandte nun drei der raschesten Lögrettsmänner 
ihm nach auf den besten Rossen, die liier waren; er gebot ihnen, Orm 
lebend oder tot zu ergreifen. Sie waren Orm so nahe, dass sie ihn immer im 
Auge behielten; als sie bis auf eine Yiertelmeile vor Skäli waren, fiel eines 
der Pferde bei ihnen und der Mann musste da gehen. Etwas näher dem 
Dorfe Kumblabarm fiel das zweite Pferd, auf dem ein Lögrettsmann ritt 
und das dritte war auf der Höraheide vollkommen erschöpft; nun gingen- 
alle drei zu Fuss. Orm sieht dies und reitet geradenwegs ins Gebirge, 



154 .Tiriczek: 

aber auf dem Välshügel stürzte das Pferd und konnte ihn nicht länger 
tragen. Orm musste nun seine Beine gebrauchen, aber einer der Lögretts- 
niänner war rascher zu Fuss und ausdauernder, gegen den Hügel zu laufen, 
und rannte gewaltig auf ihn zu; bei der Selaträschlucht war er Orm so 
nahe, dass er sein Messer ergriff, sich auf den Ellbogen vorwärts warf und 
ihm die Sehne an dem einen Fusse durchschnitt; Orm fiel da zur Erde. 
Sie packten ihn, verschafften sich ein Ross, ihn zu tragen und gingen so 
mit ihm auf den Thingplatz; da war Orm beinahe tot vor Erschöpfung. 
Er wurde nun getötet und sie vergruben ihn bei Stevnuval, wo er auf alle 
die Weiden schauen konnte, in denen er gestohlen hatte. Und nun ist 
von Orm, dem Bauer auf Skali, erzählt worden. 

XXIX. Die Hausfrau in Hüsavik. 
Ein armes Mädchen, namens Sissal (Cäcilia) lebte einmal in Sküvoy; 
sie hatte Unterkunft bei einem Bauer dort; als ein armes Geschöpf lag 
sie in der Nacht unter der Mühle mit Lumpen bedeckt; tagsüber sass sie 
(h-aussen auf der Weide, um die Kühe zu hüten, dass sie nicht in Gefahr 
kommen oder von einer Wand abstürzen sollten. Eines Tages, als sie bei 
den Rindern sass, kam eine Schläfrigkeit über sie uud sie schlief im 
Sitzen ein und kam auf »las Gesicht zu liegen. Im Traume hörte sie 
jemanden zu ihr sagen: „Du schläfst über Gold! Grabe unter dem Rücken 
zwischen den beiden Seen, dort sollst du das finden, was dich reich 
macht!" Sie erwachte, erfreut über diesen guten Traum; aber hier war 
kein Rücken und kein See zu sehen und sie dachte deshalb, dass der 
Traum nichts zu bedeuten habe und dass sie sich nichts von dem erwarten 
dürfe, was er ihr versprach, sondern sie ging dann wieder nach Hause und 
legte sich auf ihr Lager unter der Mühle, wie sie gewohnt war zu thun. 
Am nächsten Tage geht sie wieder auf die Weide hinaus, auf denselben 
Platz wie am Tage vorher; Schläfrigkeit befällt sie, sie schläft, sich vor- 
beugend, im Sitzen ein und hört dieselbe Stimme zu ihr sagen: „Du 
schläfst über Gold" u. s. w. Am dritten Tage geht es ihr ebenso. Sie 
wunderte sich sehr darüber, tröstete sich, dass dieser Traum doch nichts 
werde zu bedeuten haben und ging, einer alten Frau im Dorfe von allem 
zu sagen, was sich zugetragen hatte. Die Alte grübelte lange darüber 
nach, die Worte zu deuten, welche das Mädchen gehört hatte: endlich 
sagte sie zum Mädchen, sie solle versuchen, dort zu graben, wo ihr Antlitz 
auf der Erde gelegen hätte: der Rücken, von dem zu ihr im Traume ge- 
sprochen war, werde ihr Nasenrücken sein und die Seeen die Augen; 
grübe sie dort, so würde sich das Gold finden. Das Mädclien that so, wie 
das Weib gesagt hatte und fand das grosse Goldhorn, welches Sigmund 
Brestissou gehabt hatte. Nun ging sie froh nach Hause, brachte es zum 
Bauer und zeigte ihm, was sie gefunden hatte und sagte ihm von allem. 
Der Bauer sali, dass ihr das Glück folgen würde und sa,ndte das llorn 



Fseröische Märchen und Sagen. 155 

zum Könige nebst der Erzählung, wer es gefunden hatte. So wird erzählt, 
dass das Gold so rein war, dass der König es nicht besser in allen Reichen 
besass; er gab ihr den Wert des Hernes in Geld und noch dazu ein Land- 
gut in Hüsavik. Für das Geld kaufte sie das ganze Land, das gegen 
Hüsavik und Skarvanes liegt, und man glaubt, dass sie die reichste Frau 
gewesen ist, die auf den Fteroyern gelebt hat. 

Die Blockhäuser, die sie sich in Hüsavik erbaute, kamen ganz aus 
Norwegen angetrieben, so zugeschnitten, dass sie gleich aufgestellt werden 
konnten; nichts fehlte daran ausser dem Ljöarabogi^); diese Stube wurde 
'die grosse Stube genannt und war ein Prachtwerk. Der Steinzaun, den 
sie um den Friedhof errichten Hess, steht noch; die Wände der Heu- 
scheune, der Grund des Boothauses, das Steinpflaster zwischen den Häusern 
im Dorfe, alles erinnert noch an die Hausfrau zu Hüsavik. Alle diese 
grossen Steine, die man hier sieht, vom Gebirge zu ihrem Hause herab- 
zuziehen, benutzte sie den Neck; aber schliesslich ging es ihm schlecht: 
als er über die Takkmoore mit einem grossen Steine kam, riss der Neck- 
schwanz ab und man sieht ein Zeichen von ihm am Steine, der dort 
liegt; aber der Neck verschwand in den „kleinen Teich" und lebt seit- 
dem dort. 

Die Hausfrau war böse im Herzen; so wird gesagt, dass sie zwei 
Mägde lebendig in die Erde vergraben Hess: die eine in Teig [ein Acker], 
die andere, welche Bryuhild hiess, im Brynhildarhügel. Wenn die Knechte 
vom Feld heimkamen und die Karste auf der Schulter trugen, wurden sie 
übel empfangen und bekamen wenig zu essen, denn da dachte sie, sie 
wären faul gewesen und hätten wenig gearbeitet. Kamen sie aber heim 
und schienen müde zu sein, zogen sie die Karste nach sich, oder waren 
sie nass, wenn sie von der Ausfahrt kamen, so war sie sanft und gut und 
empfing sie freundlich. In Skarvanes liess sie einen Acker herstellen und 
die Erde mit Spaten wenden; sie hatte Viehställe an mehreren Stellen 
oberhalb des Dorfes, in Kviggjargil und „am Hügel"; einige Wiesen werden 
noch „Leinwiesen" [Linteigar] genannt, hier legte sie Leinwand auf die 
Bleiche. Sie band die Felder um den Hof mit Runen, so dass kein Stein 
auf sie herabfällt, obgleich kein Zaun um sie ist; wird Geröll von den 
Klippen hinabgeworfen, welche gerade über ihnen hängen, so bleibt es 
doch auf dem steilen Abhang liegen und kommt nicht herab. 

Den Sohn der Hausfrau nennen einige Olaf, den Schäfer; der Enkel 
war Einivald, die Tochter Einivalds war Herborg, die Reiche. Sie hatte 
ein Kind mit dem Sohne Röalds, welcher [letztere] damals Lögmann [Ober- 



1) Ljöarabogi -wird vom Wörterbuch erklärt als: „abgerundetes oder ovales Stück 
Holz unter dem das Eauchloch (Ijuari) umgebenden Ralimen, durcli den die Stange, 
welche an dem Deckel des Rauchloches befestigt ist, gesteckt wird, um mit ihrem Ende 
an einen Querbalken gebunden zu werden." iJas Wort war unübersetzbar und wurde darum 
beibehalten. 



156 Jiriczek: 

richter] war und auf seinem Hofe in Dal in Sandoy sass. Dieser Sohn 
Roalds ging mit dem Boote bei der Tangbank, in der Nälie von Skarvanes, 
unter. Als die Nachricht von diesem Unglück zu Roald gebracht wurde, 
war Herborg dabei zugegen. Sie fragte da den Lögmann, ob ehi Kind, 
wenn es im Mutterleibe war, das Erbe bekommen solle, wenn auch der Vater 
tot wäre. „Das volle und ganze Erbe," antwortete Röald. Sie sagt da: 
„Erinnert euch daran, die ihr es gehört habt!" und fiel in Ohnmacht, als 
sie dies gesagt hatte. Nun erst vermutete der Lögmann, dass sie niit 
einem Kinde von seinem Sohne gehen könnte, denn sie waren noch nicht 
verheiratet. Sie hatte einen Sohn, welcher Asbjörn genannt wurde; er 
wuchs bei seinem Grossvater Einivald auf, aber sie vertrugen sich nicht 
gut, weil der Grossvater nicht vergessen konnte, dass er ein uneheliches 
Kind war. Asbjörn liess sich in Skarvanes nieder und bekam die zwölf 
Äcker vom Gebirge bis zum Strande von Hiisavik. Eines Tages trafen 
sich die beiden, Einivald und Asbjörn, im Felde und begannen über die 
Grenze zwischen Hüsavik und Skarvanes zu streiten; sie rauften sich lange, 
und noch mehr als ein Jahr später waren die Gruben dort am Fusse des 
Yestfjelds sichtbar, wo sie sich gerauft hatten; endlich neigte sich der Sieg 
auf die Seite des Alten und er setzte die Grenzzeichen, wie sie zwischen 
ihnen sein sollten. Asbjörn erbaute einen Zaun auf der Grenzscheide, doch 
ist er heute nicht Grenzzeichen. Während er hin und herging und Steine 
zu dem Zaune zusammenschleppte, sah er einen Mann mit einem Schurz 
um die Lenden hin und her gehen «nd Steine schleppen, wie er selbst; 
— er glaubte zuerst, dass das ein Huldermann sei, da er ihn nicht kannte; 
aber dann entdeckte er, was das war — • das war er selbst, der sich als 
Doppelgänger [i hamferd] gesehen hatte; er starb, ehe das Jahr zu 
Ende ging. 

XXX. Fämjin. 

Doffin hiess ein Mann, der einmal in der Siedelung „am Hügel" 
[ä Brekku] in Hof auf Suduroy wohnte. Er liatte von Kaufleuten, Avelche 
dorthin segelten, Waren empfangen und war in grosse Schulden gegen sie 
gekommen; er sagte, er könne die Schuld nicht aufbringen und sie ver- 
sicherten ihn hoch und teuer, erhielten sie nicht den Wert dessen, was er 
von ihnen bekommen habe, so sollte es ihm schlecht gehen, wenn sie 
wieder nach Hof mit ihrem Schiffe kämen. Doffin wagte daher nicht 
länger in Hof zu -bleiben, sondern übersiedelte mit allem, was er besass, 
nach dem Westen der Insel, nach Yesturvik; so hiess damals die Bucht 
und der Platz, der jetzt Famjin heisst. Der Sohn Doffins war in seiner 
Begleitung; sie Hessen sich auf dem Herdalsberg nieder, welcher so gut 
lag, dass, wenn Schiffe oder Männer sie angreifen wollten, es von hier 
leicht gesehen werden konnte, Avenn sich jemand dem Hause näherte, und 
es leicht war, ins Gebirge zu jfliehen und sich in Höhlen zu verbergen. 



Fperöische Märchen und Sagen. 157 

Doffiii scliaffte sich ein Boot an; sie ruderten beide allein aus. Eines 
Tages, als sie auf der Ausfahrt waren, sahen sie ein unbekanntes SchifP, 
das keines der Lastschiffe zu sein schien, die gewöhnlich zwischen den 
Inseln segelten. Sie bekamen Lust, sich über dieses Schiff näher zn 
erkundigen und zogen darum die Angelschnüre auf und ruderten auf das- 
selbe zu; es erschien ihnen als ein Friedensschiff und sie legen mit dem 
Boote an das Schiff und bieten ihnen frischgefangeue Fische zum Tausche 
gegen alles an, was den Einsiedlern in Vesturvik annehmbar wäre. Zwei 
Frauen sind auf dem Schiffe; sie kommen zum Scliiffsrand und sehen diese 
Männer. Sie wundern sich über eine grosse Heiligbutte, die im Boote lag, 
einen solchen Fisch, sagten sie, hätten sie nie zuvor gesehen. Doffin 
fordert beide auf, ins Boot hcrabzukommen, um ihn näher zu besehen und 
sie versprechen ihnen, zu versuchen, ob sie nicht eine andere Heiligbutte 
fangen könnten, damit sie sie lebend sehen könnten. Es war windstill und 
und die See spiegelglatt, so dass das Schiff nicht vom Fleck kam, denn 
kein Hauch kam in die Segel; der Schiffer wollte daher den Frauen nicht 
verwehren, dieses kleine Vergnügen zu geniessen. Sie setzen sich nun ins 
Boot und Doffin rudert vom Schiffe. Doffin und sein Sohn finden Gefallen 
an diesen Frauen und einigen sich darüber, zu versuchen, sie nach Hause 
zu führen. Die Sonne schien klar und glänzte auf der spiegelglatten See; 
— sie ruderten nun dort, wo die Schiffer die Sonne auf der See glänzen 
sehen, denn dort konnten sie das Boot nicht sehen. Gegen Sonnenuntergang 
verdunkelte ein Nebel die Luft und nun ruderten sie ans Land. Einige 
Zeit, nachdem sie vom Schiffe weggefahren waren und nichts vom Boote 
zu sehen war, begannen die Schiffer zu besorgen, die beiden möchten nicht 
wiederkommen, sondern die Männer mit ihnen weggefahren sein; sie riefen 
vom Schiffe: „Fä nii, fä, mi [gib mir, gib mir]!" und daher soll Vesturvik 
den Namen Fämjin erhalten haben. 

Als die beiden Frauen nun ans Land kamen und in die Hütte Doffins 
geführt Avurden, begannen sie beide zu weinen; er versuchte sie zu trösten 
und ging auf die Weide, um ein Lamm für sie zu holen und bat sie, es 
zu kochen und zuzubereiten, wie es ihnen am besten däuchte. Das Schiff 
lag hier vor dem Lande eine Woche und segelte hin und her; aber die 
Brandung in der Bucht war so stark, dass sie nicht daran denken konnten, 
zu landen; sie koiuiten auch nicht so verwegen sein, gering an Zahl und 
waffenlos zu Doffin zu kommen, um die Frauen zu befreien, die er ihnen 
geraubt hatte; es stand zu erwarten, dass er sich wehren würde und des- 
halb mussten sie besorgen, Übles von Doffin und seinen Leuten zu er- 
fahren, wenn sie eine so gewagte Fahrt versuchten; damit segelten sie 
wieder fort, ohne die Frauen mit sicli zu bekomnuMi. Doffin l)egann sich 
nun zu erkundigen, woher sie gekommen seien und erfuhr, sie seien aus 
Frankreich und das Scliiff habe sie nach L'land bringen sollen, wo die 
iiltore Fran ihren Mann hatte, aber das Schiff war von seiner Bahn nord- 



158 Jiriczek: 

wärts zu den Fferoyern versclilageii worden, da ein Sturm über dasselbe 
gekommen war; das jüngere Mädchen war ihre Dienerin. Doffin und sein 
Sohn nahmen jeder die seinige zum Weib und hier mussten sie nun bleiben, 
weit verschlagen von Vaterland, Verwandten und Freunden. Nun kommt 
der Schiffer nach Irland und erzählt dem Mann von allem, wie es sich bei 
den PjBroyern zugetragen hatte; als er das erfuhr, dass die Frau ihm ge- 
stohlen war, härmte er sich, liess ein Schiff ausrüsten und fuhr selbst aus, 
um nach der Frau zu suchen. Sie kamen nach [Thorsjhavn und dort ver- 
schaffte er sich ein Fahrzeug und gedachte nach Suduroy ihr nachzufahren; 
aber im Skopunarfjord begegneten sie dem Pfarrer von Suduroy, der ihm 
sagte, das nütze nichts, wenn er nach Süden führe, weil die beiden Frauen 
verheiratet seien, die eine mit Doffin und die andere mit dessen Sohne, 
und sie fühlten sicli so glücklich, hier zu leben, dass sie nicht mit Gutem 
sich von hier wegführen lassen würden, und ausserdem werde Doffin und 
die Dorfbewohner sie nicht fortlassen wollen, wenn man sie von ihnen 
verlaugte. Als dieser ausländische Mann das hörte, wandte er zu seinem 
Schiffe nach Thorshavn um; aber als er in die See stach, nahm er den 
Priester mit sich hinaus, und er entkam nicht früher, als bis zwei Jahre 
verflossen waren. 

Doffin hatte mit seiner Frau eine Tochter, sie verheiratete sich mit 
einem Manne, der sich in Fämjin in der Siedelung niederliess, die nun 
Sjürdargard heisst; ihre Tochter war Kagnhild (oder Kannvä), sie ver- 
heiratete sich nach Hörg in Sumbae. Viele starke Helden sollen von diesen 
ausländischen Frauen in Fämjin stammen und unter diesen dürfen nicht 
vergessen werden die Janssöhne Albert der Starke und Gilbert der Tüchtige, 
von denen in anderen Sagen berichtet wird. 

XXXI. Die Haube. 
Die Haube ist ein grosser Stein, der am äussersten Strandrand bei 
Fossä, nördlich vom Hvannasund, auf Vidoy, steht. Die Sage geht, dass 
in demselben Augenblick, als Krist geboren wurde, dieser grosse Stein 
zersprang. 

XXXII. Die Schlacht im Mannafellsdal. 

Auf dem Akraberg bei Sumbie hatten einige Friesen auf dem süd- 
lichsten Teil von Suduroy ihren Wohnsitz. Als die schwarze Pest nach 
Suduroy kam, starben alle Friesenhäuser aus; doch entging eines der Pest 
und der Bauer darin heisst „der Bauer auf dem Akraberg". Er war ein 
berühmter Mann seiner Stärke wegen und liatte acht stattliche und tüchtige 
Söhne. 

Zu derselben Zeit, als dieser Bauer lebte, wird erzählt, dass der Gh-uud 
zur Kirchenmauer, welche noch in Kirkjubö auf Streymoy steht, gelegt 
wurde. Der Bischof, der damals in Kirkjubö sass, wurde „Maus" genannt, 



Pseröisclie Märchen und Sagen. 159 

was doch ein Spitzname sein dürfte. Er orpresste von den Fgerojingeni grosse 
Stenern, um die Kirche so prächtig als möglich zn erbauen; das missfiel 
allen, und alle, die südlich der Horismeerstrasse (auf Sudurstreymoy, Sandoy, 
Sküvoy und Suduroy) wohnten, verweigerten die Steuer und schlössen 
einen Bund miteinander, dem Bischof Widerstand zu leisten. Doch der 
Bischof brachte alle Männer aus den nördlichen Inseln auf seine Seite, 
um sie anzugreifen. Die Nordmänner sollten auf Nordstreymoy zusammen- 
kommen und ihre Schar sammeln, um gegen jene zu ziehen und sie dem 
Bischof zu unterwerfen; als aber die Südmänner davon Kunde erhielten, 
scharten sie sich auch in einen Haufen zusammen und fuhren eiligst nach 
Norden jenen entgegen. Im Mannafellsdal [Mannfallsthal], das nördlich 
von Kalbaksbotn ist, trafen sich die Heere und rückten zum Kampfe zu- 
sammen. Die Südmänner zogen den Kürzern und mussten weichen; hier 
ward ein grosser Mannfall; im Thale sieht man noch viele Hügel, wo die 
begraben sein sollen, welche im Kampfe fielen; das Gras ist rot, und das 
soll von dem Blute kommen, das hier floss. Nördlich vom Thale steht 
ein grosser Stein, welcher „der Tisch der Brünnenmänner" genannt wird, 
und das ist die Sage, dass er den Namen daher erhalten hat, dass die Nord- 
männer hier ein Siegesfest hielten, als die Südmänner flohen. Auf diesem 
Block liegt ein Stein, den die Nordmänner zum Hub benutzten; der, welcher 
nicht imstande war, den Stein von der Unterlage zu heben, durfte nicht 
mit ihnen in den Kampf ziehen. 

Das Jahr darauf kamen die Südmänner wieder, um die Niederlage zu 
rächen, die sie erlitten hatten. Da fand der Kampf im Thale bei dem 
Dorfe im Kollafjord statt, und nun siegten die Südmänner. Sie hatten 
den Bauer auf dem Akraberg und seine Söhne als Spitze und als die 
Ersten im Kampfe gewonnen. Zwei Wikingers chiffe , welche im Süden 
gewesen waren, hatten sie zur Hilfe bewogen und sie waren nach Norden 
gekommen, um weit umher in den nördlichen Dörfern zu beeren und zu 
rauben; darum wagten sich viele von den Nordmännern nicht vom Hause, 
weil sie die Weiber nicht allein zn Hause zurücklassen durften, solange 
man diese Heerfahrt zu fürchten hatte. So ging es diesmal, dass die Süd- 
mäuner den Sieg über jene Partei gewannen und viele Leute töteten. Der 
Bischof musste entfliehen und entkam glücklich nach Birkjubö auf den 
Bischofssitz; aber die Südmänner wollten nicht auseinander gehen, ehe sie 
den Bischof getötet hätten un<l setzten ihm deshalb nach. Docli wagte 
niemand, die Thür zu erbrechen und hineinzugehen und Hand an ihn zu 
legen, denn sie waren alle bange, vom Papste gebannt zu werden und 
deshalb vermochten sie den Bauer auf dem Akral)erg, der Heide war, ihn 
zu töten. Er stand draussen und rief in die Stube hinein: „Ist die kluge 
Maus im Hause?" Der Bischof antwortete: 



160 Jiriczek: 

„Nun sitzt Maus zur Abendmahlzeit am Tische, (a) 

er floh nicht vor einem berühmteren Manne im Norden, («) 

aber wisse, du zorniger Belsmann, (b) 

dass Maus Ruhe bei der Mahlzeit haben avüI!" (6) 

Der Bischof stand da vom Tische auf, legte deu Biscliofsornat an und ent- 
kam auf die Kirchenmauer, mit einer Axt in der Hand, um sich zu wehren. 
Der Akrabirgisbauer und seine Söhne wagten niclit, ihn hier anzugreifen, 
weil er eine Waffe hatte und die Mauer geweiht war. Doch gelobten sie, 
er solle nicht entrinnen, und sie standen deshalb unter der Mauer, um ihn 
zu verhindern, herabzukommen, ehe er sich selbst ergäbe. Drei Nächte 
und Tage währte dies so; aber als der dritte Tag gegen Abend neigte, fiel 
der Bischof vor Hunger und Durst in Ohnmacht und fiel von der Mauer 
auf die Erde herab; er raffte sich zwar nach dem Falle auf, aber da wurde 
er gleich vom Bauer erschlagen. 

Als der Bauer auf dem Akraberg gestorben war, siedelten sich seine 
Söhne in Sumbae an und wurden gekristnet. 

XXXHI. Der Kormoran und der Eidervogel. 

Der Kormoran und der Eidervogel wollten beide Dunen haben: es 
war einem von ihnen angeboten, sie zu bekommen, und sie sollten sich 
selbst darüber einigen, wer von ihnen der sein sollte, der sie bekäme. 
Aber das war eine schwierige Sache, sich darüber zu verständigen, denn 
keiner wollte dem anderen nachgeben — beide wollten gleich gern Dunen 
haben. Damit mm dieser Streit zwischen ihnen ein Ende nehmen möchte 
und sie nicht beide die Dunen verlieren sollten, so dass sie keinem von 
ihnen zum Xutzen gereichten, kamen sie über den Beschluss überein, dass 
derjenige von ihnen, welcher am nächsten Morgen früher erwache und dem 
andern anzeige, wenn die Sonne über dem Meeresrand auftauche, der solle 
die Dunen haben, um sich damit zu wärmen. Beide, Kormoran und Eider- 
vogel, setzten sich da an den steinigen Strand, einer neben dem andern, als 
der Abend dämmerte. Der Kormoran wusste wohl, dass er hart zu schlafen 
pflegte und schwer aufwachte, wenn er fest eingeschlafen war; aus Furcht 
davor, beim Sonnenaufgang nicht zu erwachen, gedachte er, die ganze 
Nacht nicht zu schlafen; dann, glaubte er, sei es zweifellos, dass er die 
Dunen erhielt, die wohl eine Nachtwache wert waren. Und nun setzte 
sich der Kormoran ganz stolz darüber, dass er^ der sonst Schlafmütze hiess, 
die ganze Nacht nicht schlafen solle rmd den Eidervogel sah er in festem 
Schlafe neben sich sitzen. Den ersten Teil der Nacht ging es erträglich 
gut, aber als es länger dauerte, begann er schwer zu werden und musste 
mit dem Schlafe kämj)feu, der ihn zu übermannen anfing. Doch sass er 
noch halbwach und natzte, als es vom Tage zu leuchten anfing; da rief 
er vor Freude über sich selbst: „Nun blaut es im Osten!" Über diesen 
Ruf erwachte der Eidervogel, der nun ausgeschlafen war; dagegen war 



Fseröische Märchen und Sagen. ' 161 

der Kormoran so schläfrig, dass er die Augen nicht offen halten konnte 
und nun natzte, wo es am meisten darauf ankam, zu wachen. Als die 
Sonne aus dem Meer aufstieg, war der Eidervogel nicht faul, dem Kormoran 
anzusagen: „Tag im Meer! Tag im Meer!" So erhielt der Eidervogel die 
Dunen; der Kormoran musste noch mehr biissen; er verlor die Zunge, 
weil er nicht schweigen konnte, wo es galt zu schweigen, und das wendet 
man oft in der Rede an, wenn jemand plauderhaft ist, und fragt: „Warum 
ist der Kormoran ohne Zunge ?"^, damit er an seine eigene Zunge denken 
kann und in Bezug auf <las, was nicht gesagt werden soll, ihr einen Riegel 
vorschiebt. 

XXXIV. Narrensagen. 

Viele Spottgeschichten gehen über die Skardleute auf den Nordinseln 
und ihre Dummheit in alten Tagen, wie auch über die Famninger auf 
Suduroy. 

Eines Abends sah man von Skard in Kunoy den Mond auf den Berg- 
spitzen südlich von dem Dorfe; — wer dort oben gewesen wäre, hätte ihn 
mit den Händen greifen und nach Skard; herab mitnehmen können; das 
wäre etwas sehr Bequemes gewesen, meinten sie, ihn die langen Winter- 
abende bei sich zu haben; da würde das nichts macheu, wenn kein Thran 
zum Einschütten in die Lampe da war — der grosse scheinende Mond 
könnte wohl für sie leuchten. Sie halten es daher für rätlich, dass alle 
Männer im Dorfe, die gehen konnten, auf das Gebirge nach dem Monde 
steigen und ihn herbeischaffen sollten, um damit wie mit einem Spielzeug 
zu spielen und ihn zu heben, dass er ihnen hier immer leuchte. Sie thun 
so, froh über diesen witzigen Rat, und steigen schleunigst auf den Berg, 
wo der Mond lag, aber oh! als sie dort hinaufkamen, war kein ]Mond mehr 
auf dem Berge , er war hoch in die Luft gefahren vor ihnen und weiter 
südwärts gegangen, so dass niemand so lange Arme hatte, dass er ihn hätte 
erreichen und fangen können. Zurück ins Dorf hinunter ohne den Mond 
zu fahren liielten sie für eine allzu grosse Schande; sie gehen da eiligst 
auf eine höhere Spitze, die südlicher w^ar und dachten, dort müssten sie 
ihn wohl fangen, und es sah auch so aus, als ob ihnen das glücken sollte, 
denn je weiter hinab sie von der Bergspitze kamen, desto tiefer sank der 
Mond auf die südliche Bergspitze herab, und nun trösteten sie sich und 
rannten, was sie nur konnten, auf jenen Berg; aber als sie auf ihn hinauf- 
gekommen waren, war der Mond wieder fort. Sie glaubten nun-, der Mond 
fürchte sich vor ihnen und begannen von einer Spitze zur- anderen zu 
rennen und riefen alle so schmeichelnd, als sie nur konnten: 

Mond, Mond, komm in meine Tasche, (o) 

du sollst Butterbrot dafür bekommen, (a) 

Aber der Mond wollte nicht in die Tasche der Skardmänner kommen und 
nicht ihr Butterbrot haben, sondern fuhr seines Weges weiter, über anderen 



\Q2 Jiriczek: 

als ihnen zu leuchten; erschöpft und todmüde kamen sie nach Hause, aber 
keinen Mond brachten sie mit sich. 



Eines Morgens gegen Sonnenaufgang kam ein Mann von Osten nach 
Famjin gegangen. Als er über den letzten Hügel hinabkommt und sich 
dem Dorfe nähert, sieht er ein Mädchen in dem Hause, das dem Wege 
zunächst lag, eilig mit einem. Troge in der Hand ein- und ausgehen. Er 
sieht, dass der Trog leer ist und fragt darum, was sie da schaffe. Sie 
antwortete, dass sie die Nacht heraus- und den Tag hineintrage, damit das 
Taa-eslicht in die Stube kommen könne. 



Eines Abends war Windstille in der Bucht in Famjin und der Mond 
spiegelte sich so klar in der See. Ein Fämninger hatte von einem grossen 
Wal gehört, welcher „der rote" lieisst, und als er nun dieses glitzernde 
Eote im Wasser in der Bucht sieht, läuft er durch das ganze Dorf und 
ruft: „der Rote ist in die Bucht gekommen, kommt nun rasch hinab, ihn 
zu erschlagen und zu verteilen." Er wusste, dass oft Seehunde mit der 
Flut über die Sandbank in die Bucht hereinkamen; wenn dann die See 
wieder zurückwich und es draussen auf der Sandbank seichter wurde, 
wollten die Seehunde wieder die Tiefen im Meerbusen aufsuchen, und da 
pflegten die Fämninger auf die Sandbank hinauszufahren und die Seehunde 
zu erschlagen, während sie über die Sandbank hinüber sollten. Nun hören 
die Fämninger, dass das nicht wie gewöhnlich ein Seehund ist, sondern 
ein grosser Wal, der in der Bucht ist, und sie sind so erfreut über diese 
Botschaft, dass sie sich beeilen, das Korn aus den Tonnen in den Fluss 
zu schütten, damit sie diese leeren Gefässe zum Einschneiden des Speckes 
vom Walfisch benutzen könnten; — der Wal sollte ihnen das geben, was 
mehr wert war, als einige Tonnen Korn, Speck und Fleisch. Sie fahren 
nun auf die Sandbank hinaus mit Holzkeulen, Messern und anderen Ge- 
räten, um den Wal zu töten und zu verteilen; — aber nun stand es übel, 
— kein Wal und nichts zum Einfüllen in die leeren Tonnen, und mit 
hängenden Ohren mussten sie ohne irgend etwas nach Hause zurück- 
fahren. 

Einmal gegen Sonnenuntergang standen einige Fämninger vor den 
Häusern und als die Sonne eben in die Meerestiefe dort westlich vom 
Dorfe sinken sollte und den Meeresrand so gross und rot berührte, kam 
ein grosser Schatten vor sie und das sah so schrecklich wunderlich aus. 
Ja, wie es natürlich war, hörte man das bald in den Häusern, dass etwas 
Seltsames zu sehen war, und wenn man so etwas in Famjin erwartete, 
waren die Dorfbewohner vor Neugierde nicht faul, sich zusammenzurotten 
und sich zu erkundigen, was das sein könnte, das das Volk in Haufen 



Fseröische Märchen und Sagen 163 

herzog. Alle kamen sie nun heraus, diese Wundererscheinung westlich 
im Meere zu boobacliten, und alle wollten gern wissen, was dieses grosse 
Glänzende zu bedeuten habe, das sie vor sich sahen. Sie äusserten sich 
darüber verschieden: der eine sagte, das sei ein Tier, das über tlas Meer 
ginge und die Sonne verschlänge, ein anderer glaubte, das sei ein Berg, 
eine schwimmende Insel und manches andere, ebenes und unebenes, wurde 
vorgebracht. Weil niemand von seiner Meinung ablassen wollte, begannen 
sie zu streiten, und so heftig zankten sie sich, dass sie nahe daran waren, 
sich zu prügeln. Da ergriff einer der Friedlichsten unter ihnen das Wort, 
der verständigste Beschluss sei, die alte Rannvä zu holen. Sie wurde da 
schleunigst herausgetragen und als sie eine kleine AVeile auf das, was den 
Unfrieden stiftete, geschaut hatte, sagte sie: „Das ist die Klsemintskirche, 
welche aus dem Meere aufkommt." Das hielten nun alle für etwas ge- 
sprochen, und in dieser Zuversicht wurden sie alle ruhig und gingen in 
Frieden jeder in sein Haus, denn sie war die weiseste im Dorfe und nie- 
mand zweifelte daran, dass ihr Wort das richtige sei. 



Anmerkungen. 

ir. Zwei Märchen, die mit dem Hulderglauben Zusammenhang haben, stehen in 
Antiqu. Tidsskrift af det kgl. nord. Oldskriftselskab 1849 — .51 cKjöbenhavn) S. 322ff. 
und 327 ff. (mitgeteilt von Hammershaimb). 

In Debes' Faerose et Fjeroa reserata (1673) finden sich verballhornte Andeutungen 
von Huldermärchen und Hulderglauben: S. 321 (ein Mädchen verschwunden), 323 (ein 
Manu sieben Jahre bergentrückt), 323 (ein Jüngling von einem [Hulderjmädchen verlockt), 
324 (ein [Hulder] mann entführt ein Kind), 335 („Huldemsend" genannt); S. 329 f. 

III. Über Türken auf den Fceröern (1629) s. Debes S. 230 

Die Flüchtlinge hängen schwarzes Tuch vor, damit der Eingang der Höhle da- 
durch in der gleichförmigen schwarzen Farbe der faeröischen Felsen verschwinde. 

Es möge hier liervorgehoben werden, dass der fser. Volksglaube (nach Mitteilung 
Jacobsens) nur weibliche Wichtein kennt. 

IV. Verschiedene Zauberformulare in poetischer Form finden sich in Niels 
Winthers Fieröernes Oldtidshistorie (Köbenhavn 1875) S. 373 ff.; vgl. auch 351 f. 

V. In Landts Beskrivelse over Fseröerne (Köbenhavn 1800) S. 445 werden die 
Nidagrise erklärt als „smaa Skabninger i meuneskelig »Skikktdse med röd Hue paa Hovedet, 
de medföre Hfeld i den Gaard, hvor de opholde sig. Vattrar ere gode Aander, som mest 
opholde sig ved Kirkegaardene." Landt hat willkürlich die norwegische Nissenvorstellung 
auf den Nidagris übertragen und offenbar Wichtein und Nidagrise verwechselt. 

X. Vgl. Debes S. 171 („Haffrü" gesehen worden). 

XII. und XIII. Vgl. Debes S. 22: det er fast huer Mands Suack udi Landet: huor- 
ledis Satan om Nattetjder, naar de tjligen ere udroede oni Vinteren .... er . . . aaben- 
bared for dennem udi en Baafls Lignelse med Fiskere udi Baaden og ald Fisker Reed- 
skab; hafver taled med dennem, gifvet dennem Fiskeragn, hafver sagt dennem huor god 
Fiskermed var at finde. 

XVII. Eine Variation (mehrere Riesen) s. Winther S. 20. 

Verwandlungen von Rieseu in Stein s. Winther S. 15. 21. 22; eine Bergspitze auf 
Vagö heisst Troldkoneflnger (Landt S. 68). 



164 Jiriczek: Faeröiselic MärcliPii uiifl Sagen. 

Die Isländer galten den Fseringeru überhaupt als zauberkundig, s. Winther S. 336; 
alle diese Sagen beweisen die Antagonie zwischen beiden Völkeni, die das fseröische 
Sprichwort ausdrückt: Tad er ringt, id ikki livir meira, enn Island livir Föroyum 
(FA. 446). 

XIX. Schon Debes, S. 165, erzählt diese Sage, doch von dem Baum erwähnt er 
nichts. Der „einäugige"' Wal ist der isl. andhvalr (fser. döglingur), balsena rostrata: nach 
Debes fast ausschliesslich im Qvalböfjord in Suduroy vorkommend (S. 165), wohin er nach 
dem Schelten der Mikjunesbewohner sich zurückgezogen habe (S. 166) ; sein Fleisch sei un- 
geniessbar (S. 164): die „siila" wird von Landt S. 259 als Pelicanus Bassanus definiert und 
kommt nach ihm nur auf Mikjunesholm vor (S. 73. 259); vgl. auch Debes S. 182. — Über 
,.Riesengräber" s. Winther S. 171, wo auch eine Sage mitgeteilt ist. 

XX. Über Wälder auf den Fa^röern vgl. Landt S. 3821, Winther 8.8. 9 (in der 
Anm. die Litteratur über Wälder auf Island). — Eine ganz abweichende Sage über das 
Verschwinden der Wälder s. Winther S. 18 f. nach Pastor Schröter, über dessen Vertrauens- 
würdigkeit man die Anm. zu XXXII vergleiche. 

XXI. Schon bei Debes S. 21. Über schwimmende Inseln s. ib. S. 19 ff. — Leichte 
Variation bei Winther S. 16 f. 

XXII. Eine Variante s. Winther S. 19. 

Wer Kälv der kleine (Kälvur litli) ist, weiss ich nicht. Winther S. 18 Anm. 6 ver- 
weist auf einen Priester Kälvur litli der ..under Catolicismen var paa Sandö og hvis 
Grusomhed endnu lever i P^olkets Minde"; woher er diese Nachricht hat, ist mir un- 
bekannt. — Biebergeil als Mittel, Wale zu vertreiben, s. Debes S. 167, Winther S. 352. 

XXIII. Eine andere Sage über die Entstehung von Wii'beln (zwei feindliche 
Schwestern) bei Winther S 22. Debes, S. 29, erzählt, die Einwohner glaubten, dass Wirbel 
plötzlich auftauchen, wenn Eisen im Boote sei (Boffverne kumie ikke fordrage Jernet i 
Baaden). 

XXVI. Ganz abweichend bei Winther S. 10 und 11 Anm. 2, wo zwischen Noas Arche 
und dem Brett geschieden wird; letzteres ist bei W. ein Baumstamm, aus dem Blut fliesst, 
wenn man ihn schneidet. 

XXVII. Schon Debes kennt diese Sage (S. 234 f.) 

XXVIII. Zu dem merkwürdigen Zuge, dass Orm an einer Stelle bestattet wird, von 
wo er über die Länder sehen kann, vgl. Winther S. 168: Auf Vägö ist ein Hügel, der 
Öttisheygjur heisst: ein (unbekannter) Ötti soll sich ihn zum Begräbnisplatz ausgewählt 
haben, weil er von dort seine Läudereien übersehen konnte. Dieser Zug ist gewiss 
heidnisch. 

XXIX. Von einem Goldhorue Sigmunds wissen weder die „Fsereyingasaga" noch das 
fjeröische Sigmundarkvsedi etwas; es ist wohl eine dunkle Erinnerung an den Goldi-ing 
Sigmunds (F?er. S. S. 28). Über noch lebende Erinnerungen an Sigmund s. Winther S. 142. 
158. Sagen von vergrabenen Schätzen s. Winther S. 86 f. 

XXX. Die Sagen von den Janssöhnen kommen in den mir bekannten Quellen und 
Werken über die Faeröer nicht vor. 

XXXII. Über die Friesen auf dem Akraberg teilt Schröter, Ant. Tidsskr. 1849—51 
S. 145 ff., eine Sage mit, die trotz Schi-öters Unzuverlässigkeit doch echt sein düi-fte, 
wenigstens dem Kerne nach. Vgl. auch die fieröische Frisa visa (FA. 268 f.), deren Wert 
als histor. Zeugnis für die Anwesenheit von Friesen auf den Fseröern doch dadurch be- 
deutend geschwächt wird, dass dieselbe Visa auch isländisch existiert; das Spiel (ohne 
Nennung der Friesen) findet sich auch im Schwedischen (,in der Sammlung von Geiger 
und Afzelius). — In Kirkjubö hatten die fseröischen Bischöfe ihren Sitz; die dortige 
Kirche ist die einzige Steinkirche auf den Faeröern; daneben eine alte Mauer, die zu einer 
Kirche bestimmt war. S. Landt, S. 61 f. Schröter hat a. a. 0. S. 147 ff. eine Sage: „Wie 
Kirkjubö Bischofssitz wui-de" nebst historischen Anmerkungen mitgeteilt; Gustav Storni 
hat jedoch in Norsk Historisk Tidsskrift II. R?ekke IV Band (Kristiania) S. 253 ff. 1884 



Volksspgpii aus dem Böhmorwald. 165 

die Sag-fi Schrötei's als eigenes Macliwerk desselben nachgewiesen. — Wer Bischof Miis 
war, ist unl)ekannt. Eine Andeutung der Schlacht im Mannfellsdal findet sich bei Debes, 
S. 233. 

XXXIII. Kormoran, fser. skarvur (Phalaerocorax cormoranus et cristatus). 
Eine andere Vogelsage siehe bei Winther S. 403. 

XXXIV. Mit dem „roten" Wal ist die Walart Balaena Ply-salis g-emeint, die nach 
Landt, S. 240, nicht lebend bei den Fieröern gesehen, aber öfter tot angetrieben wird. 
Nach Debes, S. 107, sah man zu seiner Zeit den Rotwal [„Röcr"] lebend bei den Inseln. 



Volkssegen aus dem Bölimerwald. 

Von J. J. Ammanu in Krunimau. 

(Vgl. Jahrgang 1891. S. 197. 307.) 



III. Kircliliclie Segen und Gebete gegen Böses und Übles 
im allgemeinen. 

1. Gegen Unglück im allgemeinen. 
Der folgende Segen wurde in Malsching in der Schule von einem geistlichen 
Herrn als Argument gegen den Aberglauben des Volkes verwendet. 
Während der hl. Messe wurde eine Stimme zu Jerusalem gehört: 
Unglück und Verderben wird über das ganze Menschengeschlecht kommen; 
wer aber dieses (folgende) Gebet mit Andacht und Betrachtung betet, dem wird 
der liebe Gott von jedem Unglück helfen. Dieses Gebet wurde von dem frommen 
Bischof Anton verkündet und übersendet. Ein jeder, der es bekommt, soll es 
neunmal abschreiben und unter neun Personen austeilen. Wer dieses Gebet aus 
Nachlässigkeit verstümmelt, begeht eine schwere Sünde mid es wird ihn ver- 
schiedenes Unglück heimsuchen. 

Gebet. 

Gelobt sei Jesus Christus! Wir rufen zu dir, o heiliger Gott, erbarme dich 
unser und des ganzen Menschengeschlechtes, reinige uns von unsern Sünden. 
Ewiger Gott, zeige uns deine Barmherzigkeit! 

Wir bitten dich, A^erzeih uns unsere Sünden durch dein heiliges Blut jetzt und 
allzeit und in Ewigkeit. Amen. 

2. Tobiassegen. 
Die Tobiassegen scheinen unter dieser Art Segen die grösste Verbreitung ge- 
funden zu haben, denn ich besitze aus verschiedenen Gegenden des Böhmerwaldes 
mehrere Passungen, die im einzelnen wieder voneinander abweichen Ich will 
zunächst einen mitteilen aus Tweras, der auf ein grosses Blatt „zu Colin am Rhein" 
gedruckt wurde. 

Das ist der rechte und wahrhafte Tobiassegen. 
Voraus geht eine Auseinandersetzung über die Wirkung dieses Segens: 
„Wer diese Worte und gedruckte Zeichen und Karakter bei sich trägt, der 
überwindet alle seine Peinde und kann um Gerechtigkeit willen nicht umkommen 

Zeitschrift d. Vereins f. Volkskunde. 189?. 22 



]ß(j Ammaiin: 

odoi' slerljoiK ov ist sicher vor allen (üll. Hex- und Ztuiborey, vor Ilagol. Donner. 
Blitz, vor Feuer- und Wasseiiioth, vor alle Dieb, Mörder und Sti'assenräuber. die 
können mit der Hilf (iottt-s keinen Meiisehcn ni(dit angreifen, keinen Schaden zu- 
(uiien. und alles, was ei- anCiingt, das überkommt ein gutes End . sey im Kaurcn 
oder Verkaufen." 

Dann folgt den' formelhafte Teil des Segens. Dieser bildet ein Kreuz. Der 
TIauplbalken wird durch drei übereinanderstehende Rechtecke gebildet, der Quer- 
balken durch je ein Rechteck rechts und links. Im Innern dieser durch Linien 
;>-ebildeten Rechtecke steht immer angegeben, w^ofür der Segen hilft, aussen heium 
laufen geheimnisvolle lateinische oder hebräische Segensworte. Neben dem obersten 
Rechteck sind ausserdem rechts und links lateinische Sprüche, neben dem untei'sten 
Rechteck rechts und links deutsche Sprüche. 

Nach diesen Formeln folgt in ganzer Blattbreite eine Erklärung über die Art 
der Anwendung und die Wirkung des Segens. Dann ist in der Mitte ein von zwei 
Pfeilen durchbohrtes Herz abgebildet, rechts imd links davon ein lateinische)' Spruch; 
mit einem längeren Gebete schliesst das Ganze. 

Das ober.-te Rechteck trägt ringsherum nach aussen die Worte: „f Jesus 
t Lassimarus f Seelen f Sahian j Ducn f Salmseson f Seges f sum f Duo jenam 
t Milias t Daches f Michelis f Estes f Animatio.'" Das zweite Rechteck des 
riauptbalkens ist umschrieben mit: ..f Angelus f Solim f Sacrilufans f Urx Jesus 
t Christus f Amen, f Christus f in Nognes f Christus f in Zotas f in Sanctum 
f Amen." Das dritte mit: .^Corsson f Jansiassims Casa f Emanuel Zabaoth f Arassa- 
closson Jesus f Christus f Corsson." Das Rechteck des Querbalkens links mit: 
„f Melechius f Reu f Jesus f Ubishaut f Samen f Sebesueni f Christus Rius." Das 
Rechteck des Querbalkens rechts mit: ^Nolitus f Christus f Xossi f T(>nemiati genua 
f Ristomoses Jesus f Christus f Temes.'" 

Im Innern dieser Rechtecke steht in derselben Reihenfolge: „Das Zeichen ist 
gut vor allerley Gewehr und Geschoss, wer es bei sich tragt, der kann nicht ver- 
wundt, geworfen, geschlagen, gehauen, gestochen oder geschossen werden, er ist 
vor all seinen sieht- und unsichtbaren Feinden sicher, vor allen bösen Geistern 
und Teufelsgespenst, die können ihm an Leib imd Seel mit der Hilf Gottes nicht 
schaden, er wird vor Unglück behütet." Ferner: .,Das Zeichen ist gut in aller 
Handlung zu Wasser und Land, es sey im Kaufen oder Verkaufen, es gehet ihm 
alles wohl von statten, er kann nicht betrogen oder übervortelt w^erden. und alles, 
was er anfanget, das bekommt ein gutes End, er ist auch in allen andern Sachen 
glücklich und kann nichts verlieren." Ferner: ..Das Zeichen ist gut vor alle giftige 
Pestilenz und herumgehende schwere Leibeskrankheiten, vor Hex- und Zauberey. 
vor Hagel, Blitz und Donnerwetter, vor Wasser- und Feuernot, vor bös und gäben 
Tod, vor alle Dieb, Möi'der und Strassenräuber, die können mit der Hilfe Gottes 
weder in Haus noch auf der Strassen angegriffen werden, er überwindet alle seine 
Feinde." Ferner: „Das Zeichen ist gut, wenn einer über ein Zauber Teufels Aus- 
guss, gelegte, gegossene, eingegrabene Sachen gegangen oder gefahren wäre, und 
davon erlahmen, erkruramen oder abdörren muss, wer es bey sich tragt, so mag 
ihm mit der Hilf Gottes derer keiner schädlich seyn. er wird in allem behütet." 
Ferner: ..Das Zeichen ist auch für alle heimliche Feinde, die einen hassen oder 
neidig seyn. wers auf der rechten Seiten trägt, und wird ihm Niemand feind seyn, 
er wird lieb und werth gehalten von Jedermann, und er kann auch mit der Hilf 
Gottes ohne l>eicht und Buss keines gäben Todes sterben und wird behütet von 
unwissenden Schaden und Unglück." 

Der lat. Spruch links oben lautet: „Jesus Christus Rex gloria venit in pace: 



Volksseoen aus dem Bühinerwald. "1(57 

Dt'us Ilonin Caelus ost et Verbiun ('uro lactum est f-j--!-;" rechts oben: ..Christus 
viiicit: Christus regnat Christus imberat Christus ab omni nialo nos defendat ff t-' 

Der deutsche Spruch unten links: „Christi Kreuz ist mein ewig und wahres H. 
Christi Kreuz behüte mich N. jederzeit, und auf der ganzen Welt. Das f Christi 
sey ob raii' N., unter mir, hinter mir, neben mir und auf der Seite. Das f Jesu 
Chr. überwinde mir N. alle meine Feinde, die wider mich sind, dass sie mir kein 
Leid zufügen können, Amen." 

Der deutsche Spruch unten rechts: „Ihr Mundt sey versaudt und ihr Herz 
verbannt. Jesus Chr. ging in den Saal, da fingen seine Feinde an zu schweigen, 
und ihr Gewehr und Waffen stille stehen, als das AVasser in dem Fluss Jordan 
gestanden ist, als Johannes der Jünger, Jesum Chr. den wahren und lebendigen 
Sohn Gottes getauft hat, Amen." 

Dann geht der Text in ganzer Blattbreite weiter: 

„Dieser Segen ist oft und vielmal approbirt worden, welcher Mensch diesen 
Brief bey sich trä^-t und betet alle Morgen der allerheiligsten Dreifaltigkeit zu 
Ehren o Vater unser und o Ave Maria und einen Glauben, der ist sicher vor allen 
seinen Feinden, es kann ihm auch durch keinerley Gewehr und Waffen und Ge- 
schoss zugefügt werden, er ist sicher vor allen losen und bösen Leuten, vor Hex- 
und Zaubereyen und allerley Teufels Gespenst, vor allen Dieben, Mördern und 
Strassenräubern. AYelche Frau diesen Brief bei sich hat, der kann [Seite 2] nicht 
missiingen in ihrer Geburt, und wer diesen Brief bei sich trägt, der wird Wunder 
erfahren, was vor Kraft und Wirkung er in sich hat." Dann folgen, durch ein 
Hei'z inmitten getrennt, die lat. Segensworte: „f Benedicat tibi Sanctus Dens, 
Dominus Deus Christus, B. V. Maria, S. Joannes, S. Marcus. S. Lucas, S. Mathaeus; 
C. t M. t B." 

Rechts: „S. Michael, S. Gabriel, S. Raphael, S. Daniel, S. Franciscus, S. An- 
tonius de Padua, S. Florianus et omnes angelorum et apostolorum Chori." Das 
Schlussgebet auf ganzer Blattseite lautet: „Gleichwie unser Heiland und Selig- 
macher Jesus Christus seinen Geist in die Hände seines himmlischen Vaters auf 
dem Ülberge befohlen, so befehle ich mich N. N. heut und allezeit in unsers lieben 
H. Jesu Christe in seine heil, ö Wunden, dass sie mich wollen behüten vor allen 
bösen Unglück und Schaden, vor Ketten und Banden, wie vor Feuer und Wasser, 
vor allen Anfechtungen der bösen Geister, vor Hex- und Zauberey, vor allen 
Dieben, Mördern und Strassenräubern, alles Gewehr und Waffen sey vor mir 
N. N. verschlossen, dass sie mir an meinem Leibe nicht schaden können, so wenig 
als dieser Mann vor 32 Jahren gestorben, und zu Asche geworden ist, im Namen 
Gott u. s. w. Amen. Jesus steh mir N. N. bey, dass mich kein böser und schlimmer 
Geist angreifet, Jesus behüte mich ganz und gar, die allerheiligste Dreyfaltigkeit 
sei mein Schutz und Schirm im Hause und Hof, zu Wasser und Land, auf allen 
Strassen und Gassen, im Feld und Wald, wo ich fahr und trett, wo ich geh oder 
steh, wo ich schlaf oder wach, vor allen meinen Feinden gesegnet sey; ich be- 
fehle mich in alle h. Worte der Messen, welche in der ganzen Welt gelesen werden, 
damit ich durch die Kraft derselben gestärkt und gesegnet werde; ich N. N. be- 
fehle mich in alle priesterliche Segen, so allzeit gegeben werden, damit ich durch 
die Kraft derselben gesegnet werde. Ich will heute ausgehen in Gottes Frieden, 
ich gehe, reite oder fahre aus, dass mir alle meine Worte und Werke in Gottes 
Namen werden fortgehen, und dass alle meine Feinde und Widersacher müssen 
zurückstehen und zu Schanden werden, und ich gehe aus in aller Engel Haus, wer 
wird mit mir gehen? Die allerschönsten Männer drey, Gott der himmlische Vater 
vor meiner, Gott der Sohn, Herr Jesus Christus, gehet neben meiner, und Gott 

12* 



168 



Ammann: 



der hl. Geist schwebt obei- meiner, wer stärker ist, als unser Herr Jesus Christus, 
der allzeit bei mir ist, der weich weit von mir hinten." 

Zuletzt heisst es: ,,Merke aber, mein lieber Christ, dass du auf diese h. "Wort 
und Segen nicht vermossentl icher Weis, Raufen und Schlagen, sondern du sollst 
alle die Laster und Todsünden meiden, alsdann wird dich Gott der Allmächtige 
behüten zu Wasser und Land, vor allen Feinden, wird dich segnen hier zeitlich 
und dort ewig, Amen." Gedruckt zu Colin am Rhein. Jahrzahl fehlt. 

Andere Passungen des rechten und wahrhaften Tobiassegen sind mehr in 
äusserer Fassung als im Inhalte verschieden. Manche sind auf acht Seiten in 8° 
gedruckt, mit verschiedenen Bildern geziert und haben die fünf Rechtecke nach- 
einander. Im Inhalte weicht besonders die Schreibung der um die Rechtecke ge- 
schriebenen Worte ab; grobe Fehler in den lateinischen Sprüchen zeigen, dass die 
Arbeit auch oft von unkundigen Leuten besorgt wurde. So lauten auf einem andern 
Segen die Worte um die Rechtecke: 

„Jesxis t Lassimaus f Seelen Sabian f Deu f Sabuson Se-Segesum f Duo 
suam t Milias f Da-ches f Michasis f Aminato. 

Melethus f Jesus f Uhibaus Bacbt f Saczhemia f Christus f Kirus. 

Nostrius t Christus Tent niia f nolius f in gniss f Ristomofes -Jesus f Christus 
t Tmer. 

Vglus t Solin t Satrilufan Urx f Jesus f Christus f Am. Christus in f Logues 
f Christo in Zoras f in Sanctum f Am. Corsou f lencsiseim Casca Emaruc Zebaoth 
f Arassaclossou Jesus f Christ f Corlin." 

Sowie hier im Verhältnis zum frühern Segen weichen etwas mehr oder weniger 
auch die andern Fassungen in diesen, den Rechtecken umschriebenen Wörtern 
ab, der übrige Text zeigt geiingere Abweichungen. Dem Alter nach reichen diese 
Tobiassegen in diesen Drucken höchstens bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts 
zurück, manche sind auch jünger. 

Vgl. Müllenhoff- Scherer, Denkmäler ^ XL VII, 4 u. Anm. S. 481— 85. 



3. Richtige und wahrhafte Länge unsers Herrn Jesu Chr., 

wie er auf Erden am hl. Kreuze gewesen ist, und die Länge ist gefunden worden 
zu Jerusalem bei dem hl. Grab, als man das Jahr 1655 zählte, unter der Regie- 
rung Riemens des Achten, welcher es bekräftigte. (Der ganze Segen ist auf ein 
fast bogengrosses Blatt gedruckt, zu Colin a. Rh. ohne Jahrzahl und stammt aus 
Höritz. Die Seite ist von oben nach unten durch einen Strich in zwei, von rechts 
nach links in fünf Rubriken geteilt. In der ersten Rubrik links ist Christus am 
Kreuze abgebildet, in der dritten Rubrik rechts ist folgende Formel): 





S. 




J. N. 


a. 


R. J. 


M. 


t 




Jesus 


M. 


s. 


Maria 


A. 


Joa- 


Joseph 


t 


chim 




L.V. 


und 




10 


Anna 


C. 


M. 


B. 



(Die übrigen Rubriken enthalten Gebete oder Erklärungen des Segens.) 



Volkssegen aus dem Böhmerwakl. 1(59 

Im Namen u. s. w. 

Gelobt sei der allerheiligste Namen Jesus, und seine Länge in Ewigkeit Amen. 
Und wer diese unsers Herrn Lunge bei sich trägt, oder in seinem Hause hat, der 
ist versichert vor allen seinen Feinden, sie seien sichtbar oder unsichtbar, und vor 
allen Strassenräubern, oder allerhand Zauberei ist sicher behütet und bewahret: 
und es mag ihm auch keine falsche Zunge oder falsches Gerücht schaden. Und 
so eine schwangere Frau solche bei sich trägt, oder zwischen der Brust umbindet, 
die wird ohne grosse Schmerzen gebären und mag ihr nicht misslingen in ihrer 
Geburt. Und in welchem Hause die Länge Chr. sein wird, kann nichts Böses 
darin bleiben, und kein Donnerwetter mag ihm nicht schaden, auch soll er vor 
Feuer und Wasser behüttet sein. Segne dich Christenmensch f alle Morgen früh 
mit der Länge Jesu Chr., und bete die ganze Woche, alle Sonntage .J Vater unser, 
5 Ave M. und einen Glauben, zu Ehren der hl. 5 Wunden Jesu Chr.; und wer 
die Länge Jesu Chr. hat, der soll es im Jahre dreimal lesen, wenn er es selber 
nicht kann, durch Andere lesen lassen, oder wenn er im Jahr Niemand haben kann, 
der ihms vorlest, so bete er im Jahre 3 Rosenkränze, den ersten am hl. Char- 
freitag, den zweiten am Freitag nach Pfingsten und den dritten am Freitag nach 
Weihnachten, so wirst du christlicher Mensch f das lange Jahr mit der Länge 
Christi allezeit gesegnet sein auf dem Wasser und auf dem Land, bei Tag und 
Nacht in deinem Leib und Seele in alle Ewigkeit. Amen. 

Jetzt fangen sich an in der Jesu Chr. Länge die schönen Gebete von dem 
hl. Franzisko, und lauten also: Herr Jesu Chr.! ich empfehle mich christlich- 
katholischer Mensch f durch deine Länge, meinen Leib und Seele, mein Haus und 
Hof, und die Meinigen heut und diese acht Tage und Nächte in deine hl. Worte 
Gottes, das alle Priester sprechen, von dem du dich verwandelst durch das Wort 
zu Fleisch, und vom Wein zu Blut. 

Ich empfehle mich christlicher Mensch f heut und die acht Tag und Nächte, 
o Herr Jesu Chr. in deine hl. Gottheit, und in deine hl. Menschheit, und in deine 
hl. Seele, und in dein hl. Blut, und in deine hl. Gegenwärtigkeit, o Herr Jesu 
Chr.! ich empfehle mich heut und alle acht Täg-e und Nächte mein P'leisch und 
Blut, meinen Leib und Seele, mein Leben und meine Glieder in deinen göttlichen 
Frieden, o Herr Jesu Christe! ich bitte dich, dass du mich in deiner Länge alle- 
zeit damit behütest und bewahrest, vor allem Unglück, vor allen Feinden und 
schädlichen Wunden und Lästerungen, oder Feuer und Wasser, und vor aller 
Strasscnräuberei, vor aller Vergiftung und Vergebung, und vor allem dem be- 
schirme mich und meinen Feldbau und Getreid, meine AViesen, Gärten und alle 
meine Früchte, mein Vieh, Hab und Gut. Herr Jesu Christe! ich bitte dich, 
dass du mir armen sündigen Menschen mit deiner Länge wollest alles dies be- 
hüten und bewahren für alle Zauberer und Zauberinnen, für Hagel und Donner 
und allen schwangern Frauen eine fröhliche Geburt verleihe. du mein getreuer 
Gott und Herr! durch deine hl. Länge und mannigfaltige Güte und Barmherzigkeit. 
Herr Jesu Chr., ich bitte dich, dass du mich in deine Länge allezeit verbergest, 
behütest und bewahrest, heut und diese acht Tage und Nächte in deine hl. ver- 
borgene Gottheit, als sich die hohe Gottheit verborgen in die Menschheit, als du 
dich verbergest in des Priesters Hand unter der Gestalt des Brotes und des Weines. 
Herr Jesu Christe! ich bitte dich, dass du mich verbergest in deine hl. fünf 
Wunden, und mich abwaschest durch deine hl. Länge und mit deinem hl. roscn- 
farben Blut, die hl. Dreifaltigkeit sei mein Schild und Schirm für alle meine 
Feinde, sie sein sichtbar oder unsichtbar. Im Namen u. s. w. Amen. Gott der 
Va t ter ist mem Mittler, Gott der Sofhn ist mein Vorgeher, und Gott der 



1 70 Ammaiin : 

hl. Ge f ist ist mein Beistand, und welclier dann stärker ist, als diese drei Mann, und 
die Länge Jesu Chr., solcher komme und greife mich an. Das helfe mir Gott der 
V. u. s. w. Amen. 

Und auf meinem Herrn Jesum Chr., meinen lieben Seligmacher steuere ich 
mich christlicher Mensch, der beschütze und führe mich in das Leben. Amen. 
Jesus, Maria, Joseph. Zu Gott unser lieben Frau, habe ich christlicher Mensch 
meine Hofl'nung und Vertrauen. Wann mein Gott will, so ist mein Ziel, darauf 
christl. Mensch mit dieser Länge Jesu Chr. allezeit darinnen hoffe, trauend und 
sterben will ich in alle Ewigkeit zur ewigen Seligkeit. Amen. Jesus, M. u. J. Amen. 
Bete alle Sonntag 5 V. u., 5 A. M. u. einen Gl. zu Ehren der hl. 5 Wunden Jesu 
Chr. Amen. 

Christus f vincit, Christus f regnat f imperat. Fax Domini nostri Jesu Christi, 
Virtus sacratissimi Passionis ejus, Signum S. f Integritas B. V. M. Benedictio 
Sanctorum Electorum Titulus Salvatoris nostri in Cruce J. N. R. J. 

Seid mir friedlich wider alle meine Feinde, sie seien sichtig oder unsichtig, 
dafür behüte mich Christus, der den Tod am Kreuze nahm. Die hl. Länge Chr. 
behüte mich, bis er mich nehme nach diesem Leben zu sich. 

Ln Namen u. s. w. Amen. 

(Bei diesem Segen ist es von besonderer Wichtigkeit, zu bedenken, dass das 
Messen (Abmessen des Körpers mit einem Faden nach Länge und Breite) kranker 
Personen ein uralter Brauch ist; nur so wird dieser wunderliche Segen verständlich. 
Vgl. Grimm, Myth. 974 — 75 u. Nachtr.) 

4. Traum 
der allerseligsten Jungfrau und Mutter Gottes Maria von dem bittern Leiden und 
Sterben Jesu Christi. Ein Bild : Maria mit dem Kinde. Gedruckt zu Maria Ein- 
siedel 1750; in Krummau und a. a. 0. aufbewahrt. 

Jesus Christus, der Sohn Gottes und die allerreinste Jungfrau Maria. 

Da die Jungfrau Maria in ihrem Kämmerlein eingeschlafen, und wiederum 
erwachte, sagte der Sohn Gottes zu ihr: meine allerliebste Mutter! du hast ge- 
ruhet? Mein lieber Sohn, antwortete sie ihm: ich habe geschlummert und habe 
einen wunderlichen Traum von dir gehabt; denn es träumte mir, dass ich dich 
gefangen im Garten gesehen, mit Stricken gebunden, vor den Richter Kaiphas ge- 
führt, vom Kaiphas zu Pilato und Herodes, wie sie dich in dein allerheiligstes 
Angesicht geschliigen, dein heiliges Haupt mit Dcirnern gekrönt, aus dem Tvicht- 
hause haben sie dich geführt, und an das Kreuz geheftet, dann mit dem Kreuze 
erhöhet, so, dass ich dich nicht erreichen konnte, deine heilige Seite ist mit dem 
Speer eröffnet worden, aus welcher Blut und Wasser geflossen ist, und auf mich 
unter dein Kreuze Stehenden herab getropfet ist. Nachdem haben sie dich so un- 
barmherzig gekrönter und zerfleischter auf meine Sehooss geleget, so, dass kein 
Wunder gewesen wäre, wenn für Sehmc'rz mein Herz zersprungen wäre, .lesus 
antwortete: Meine allerliebste Muttei-, dicss war ein wahrhafter Traum, der dir 
geti'äumt hat, und wer diesen Traum öfters betrachtet, und gut überlegt, dabei ein 
ehrbaies und sündenfreyes Leben führet, von allem Übel werde befreyet werden, 
und kann hofl'en, dass er ohne Em])fangung des heiligen Sakraments des Altars von 
dieser Welt nicht abscheiden werde, ich aber saniint dir liebste Mutter nach dem 
Abschiede dieses zeitliehen Lebens, seine Seele in das ewige Himmelreich auf- 
nehmen werden. 

Nun folget ein nützliches Gebeth, welches Pabst IjCO seinem Bruder, dem 
Kaiser (Karl der Grosse!) zu bethen gerathen hat, da er wider die Feinde ins 



Volkssogen ans dorn Bölimenvald. 171 

Feld zog. Wer dieses Gebeth bethet, kann zuverlässig- hoffen, dass er des gähen 
Todes nicht sterben, und Gott sein Eigenthum vor allen Schaden, vor Feuer und 
Wasser beschützen werde. In welchem Hause die Furcht Gottes und IViedlicho 
Einigkeit herrschet, Gott mit seinem ers])riesslichen Segen gewiss nicht abweichen 
wird. Ein schwangeres "Weib, wenn sie den Gebothen Gottes gemäss gelebt, auch 
einer glücklichen Niederkunft entgegensehen kann, und jeder wahrer Christ, der 
nach dem Willen Gottes lebet, vieler Gnaden in yei'schiedenen Anliegen sich ge- 
trosten kann, und über alle seine sieht- und unsichtbaren Feinde mit der Hülfe 
Gottes den Sieg erhalten werde. 

Im Namen u. s. w. 

Heilige Jungfrau Maria, sei mit deiner Hülfe bei mir. Jesus Christus bewahre 
mich vor allen bösen und widerwärtigen. Das f Kreuz Christi seie mein Schutz 
in allen Zufällen. Das f Kreuz Christi helfe mir. Das f Kreuz Christi über- 
winde alle meine Feinde. Dazu helfe mir Gott der Va f ter, Gott der So f hn und 
Gott der hl. Ge f ist, Aller einziger Hausvater von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. 

Jesu! erbarme dich über uns Sünder. Christo mache mich gesund, und 
befreye mich von aller Sünde, und allem Uebel; beschirme mich von aller Sünde, 
und allem Uebel: beschirme mich in allem meinem Thun und Lassen von allen 
Feinden. Christe seye mit mir, seye mein gnädiger und mächtiger Beschützer und 
Beschirmer. Ich will mich mit dem hl. Kreuze segnen, wenn ich aufstehe und 
auch dann, wenn ich mich zur Ruhe niederlege. Durch die heiligen Wörter: 
Jesus Messias Emmanuel. h. Kreuz Christus hast überwunden, Christus über- 
wunden, Christus ist aus dem Grabe auferstanden: bewahre mich von allem Übel, 
vor allen Todsünden, Mutter Gottes! Kreuz Christi beschirme mich vor dem bösen 
Feinde, hl. Johannes der Täufer, der du den Sohn Gottes im Flusse Jordan ge- 
taufet hast, bewahre meinen sündhaften Leib vom Feuer und Schwert, wie a\ich 
von teuflischer List: also, damit ich die Feinde der Erbschaft Gottes überwinden 
möge. Dazu helfe mir Gott und alle Heiligen Gottes. Amen. 

Sehet das f Kreuz des Herrn, weichet alle ihr meine Feinde! Deim der Lijwe 
aus dem Geschlechte Davids hat überwunden, AUeluja Amen. 

Jesus von Nazareth ein König der Juden, diese glorreiche Auferstehung seye 
mit mir, und bewahre mich diesen Tag vor aller Todsünde, auch von allem Uebel., 
so der Seele als auch dem Leibe schädlich seyn könnte, Amen. 

Eine andere F'assung dieses Traumes Maria e 
lässt Maria zu Bethlehem auf dem Berge einschlafen und träumen. Das übrige 
zeigt wenig Abweichung von dem frühern Traume. Bezüglich der Herkunft heissl 
(-S al)(M': Dieser Brief ist gefunden worden im Brittanerland, welchen der Herr 
Christus in ein Kloster gesendet hat. In einer dritten Fassung dieses Traumes ist 
Itezüglich der Herkunft wieder bemerkt: Folget ein Gebet, welches der Pabst Leo 
seinem Bruder Karolo wider seine Feinde geschickt hat. 

Es ist gelungen, dass Kaiser Karl der Grosse auch in dieser Zeit noch inid 
zu solchem Zwecke seinen Namen hergeben muss. Vgl. Strickers Karl löf). Auch 
in diesem Traume zeigt sich der Einfluss P. Cochems, der durch sein Volksbuch 
„Das gi-osse Leben und Leiden Jesu und Mariae" auf das ganze Volksleben einen 
so bemerkenswerten Einiluss ausübte. Vgl. Das Passionsspiel des Böhmerwaldes, 
vom Verfasser im oO. Jahrg. der Mitteil, des Vereins für die Gesch. der Deutschen 
in Böhmen herausgegeben und darnach besonders abgedruckt, Prag 181)1' und Das 
grosse Leben selbst (Münchner Ausg. von 17-11) 11. Teil !)<"). Kap. 



172 Ammann: 

Häuiig wird in Segen Christus in persönlichem Verkehr mit Maria vorgeführt, 
vgl. Grimm, Myth. Anh. XL (Eingang einer Beschwörung). XLV. 

Träume spielten im Aberglauben des A^olkes von altersher eine grosse Rolle, 
es dürfte daher auch mit diesem Traume noch ein solcher Zusammenhang bestehen. 
Vgl. Gr. Myth. 958 f. 

5. Die sieben Schlossgebete, 

darin sich eine gottesfürchtige Seele sicher verschliessen kann. 

Das Titelblatt zeigt sieben Schlösser, gedruckt zu M. Einsiedeln ohne Jahr- 
zahl; aufbewahrt in Krummau und a. a. 0. Es lag ein grosser Sünder tödtlich 
krank, zu dem kam täglich ein frommer Mensch und betete mit ihm die sieben 
Schloss; als er nun sterben sollte, sah ein Einsiedler viele Teufel vorüberfahren, 
welche sagten, sie fahren hin, eine Seele, so ihr wäi-e, zu holen; und als sie ohne 
die Seele wiederkamen und befragt wurden, wo sie dieselbe hätten, antworteten 
solche ganz erzürnt: sie liegt mit sieben Schlössern verschlossen, eins allein wäre 
genug gewesen. 

Aus dem Gebetbuche „der grosse Baumgarten" genannt, gezogen, so von dem 
ehrnwürdigen P. Martin Kochern Kapuzinerordens, ist beschrieben worden. 

Das erste Schloss. 
Allmächtiger ewiger Gott, ich armer sündiger Mensch befehle und ver- 
schliesse nun und auf ewig meine arme sündige Seele in die Beschirmung der 
hochheiligen Dreifaltigkeit, und in die Kraft deiner grundlosen Barmherzigkeit. 
Amen. 

Das zweite Schloss. 

Gott Adonai! ich armer und elender Mensch befehle und vcrschliesse nun 
ewig meine anno sündige Seele in die Kraft und Bewahrung deiner ewigen Gott- 
heit, und in die Verdienste deiner heiligen Menschheit, Amen. 

Das dritte Schloss. 
Gott Enianucl, ich armer elender und sündiger Mensch befehle und vcr- 
schliesse nun ewig meine arme sündige Seele in die Verdienste deines heiligen 
Lebens und in die Kraft deines bittern Leidens und Sterbens, Amen. 

Das vierte Schloss. 
heiliger, unsterblicher Gott! ich armer elender Mensch iDefehle und vcr- 
schliesse nun und auf ewig meine arme sündige Seele in dein gebenedeites gött- 
liches Herz, und in die Tiefe deiner heiligsten fünf Wunden, Amen. 

Das fünfte Schloss. 
unüberwindlicher, siegreicher Gott! ich armer elender Mensch befehle und 
vcrschliesse nun und auf ewig meine arme sündige Seele in die Beschirmung des 
hl. Kreuzes, welches durch deine Gott- und Menschheit am heiligen Charfreitag 
ist geheiliget, und mit deinem kostbarlichen Blute besprengt worden ist, Amen. 

Das sechste Schloss. 
erschrecklicher Gott Sabaoth! ich armer und elender Mensch vcrschliesse 
nun und auf ewig meine arme sündige Seele in die Kraft und Gnade der hl. Sakra- 
mente und in die priesterlichc Consekration, welche durch die ganze Christenheit 
verrichtet wird, Amen. 



Volkssegen aus dem Böhnierwald. 173 

Das siebente Schloss. 

starker und gewaltiger Gott! ich armer und elender Mensch befehle und 
verschliesse nun und ewig meine arme sündige Seele in die Fürbitte und Ver- 
dienste der seligsten Jungfrau Maria und aller Heiligen, und in den Ablass und 
Gnaden, so durch die ganze Welt ausgetheilet und verdienet werden, Amen. 

Die sieben Schloss, damit sie kein Feind aufmache, versiegle mit sieben Vater 
unser und Ave Maria, und mit nachfolgendem Schlussgebet. 

Schlussgebet. 
Mein allerliebster Jesu, ich versiegle und verschliesse meine arme sündige 
Seele mit dem blutigen Schweiss, in welchem du am Ölberg dreimal auf dein aller- 
heiligstes Angesicht gefallen, mit dem Blutbade, in welchem du in der schmerz- 
haften Geisslung für todt herumgezogen worden bist: mit dem Blut, so in deiner 
scharfen Krönung über dein Haupt geflossen, mit dem Blutschweiss, so du in der 
Kreuzigung vergossen, durch den letzten Todesschweiss, Wasser und Blut, so zu 
Ehren deines Lebens aus allen deinen Gliedern geflossen, durch all dein aller- 
heiligstes vergossenes Blut nehme auf meine Seele in deinen Schoss. Amen. 

Ein schönes Gebet zu den Wunden des Herzens Jesu mit einem 
Vorsatz der Besserung. 
Ich vereinige mein Herz mit dem verwundeten Herzen meines Jesu. Das 
Herz Jesu soll mir eine Höhle sein, darin meine Seele als ein Täublein wohne, 
ein Felsen, der mich befestige: wo nicht ist, dass ich hinführe hasse und fliehen 
werde als die Sünde, weil sie missfällig ist, dir Gott und allen. Mein Herz ist 
bereit, Gott sei mir Sünder gnädig. 

Bemerkenswert ist bei diesen Schlossgebeten, dass sie aus einem Gcbetbuehc 
des P. Martin von Cochem genommen sind, „der grosse Baumgarten" betitelt. 
Hier haben wir einen neuen Beleg für dessen Volkstümlichkeit. Vgl. TH, 4; ferner 
C^ochems Sammlung kirchlicher Exorcismen. 

Zu diesen Schlossgebeten ist Grimm, Myth. 983 zu vergleichen. Senkelknüpfen, 
Nestelknüpfen, Schlossschliessen, Binden sind alte Zaubermittel: Kuhn, Westf. S. II, 
208. Vgl. damit auch die folgenden Himmelsriegel. 

6. Die hl. sieben Himmelsriegel, 

welche ein frommer Einsiedler von seinem hl. Schutzengel bekommen hat. 

Jesu Christi: J. N. R. J. Bild: Christus am Kreuze. Maria Einsiedet 17S0, 
aufbewahrt in Krummau. Ihr frommen und andächtigen Christen, ich bitte euch 
in Jesus Nahmen, ihr wollet anhören die hl. sieben Himmelsriegl, die ein frommer 
Einsiedler von seinem hl. Schutzengel bekommen hat, und als der fromme Ein- 
siedler sterben wollte, so hat er die grosse Kraft und Wirkung von den hl. sieben 
Himmelsriegeln Ihro päpstlichen Heiligkeit Clemens XII. geoffenbaret und ge- 
weissaget und gesprochen: Derjenige Mensch, welcher die hl. sieben Himmelsriegel 
bei sich trägt, von diesem Menschen müssen alle bösen Geister und Teufels- 
gespenster abweichen, bei Tag oder Nacht, und in welchem Hause die hl. sieben 
Himmelsriegel gedruckter liegen, in dieses Haus wird kein Donnervvetter nicht ein- 
schlagen, auch wird dieses Haus vor gefährlichen Feuersbrünsten gesichert seyn. 
Auch wenn ein Weib an schwerer Geburt leidet, so nehmt ihr die sieben Himmels- 
riegel, und legt ihrs auf die Brust oder auf das Haupt, so wird sie getröstet und 



]74 Ammann: 

ohne grossen Schmerz gebühren, und mit einer Leibesfrucht erfreuet werden. Die 
hl. sieben Himmelsriegel sind auch zu Prag bei einem Weib probiret worden, 
welche schon 5 todte Kinder zur AVeit geboren, als sie aber zum G. Kind schwanger 
war, und Mutter werden sollte, so hat ihr die Hebamme die hl. sieben Himmels - 
riegeln auf das Haupt gelegt und sie ist glüeklieh mit einem gesunden l(>bendigen 
Kinde erfreut w^orden. 

Die hl. sieben Himmelsriegel sind auch nützlich probirt worden bei einem 
Mannsbild, welcher acht Jahre mit einem bösen Geiste besessen war, da nahm ein 
Priester aus der Gesellschaft Jesu die hl. sieben Himmelsriegel und that sie über 
die besessene Person bethen und legte dieselben ihm auf das Haupt, höret Wunder! 
Der Böse ist augenblicklich von diesem Menschen gewichen, und welcher Mensch 
die hl. s. H. bei sich traget, diesem will Gott drey Tage vor seinem Tode die 
Stunde, wann er sterben wird, offenbaren. Wenn aber jemand die hl. sieben 
Himmelsriegel sieben Preytage nach einander bethet, und opfert das Geboth für 
seine verstorbenen Freund oder für andere arme Seelen, so kann er eine arme 
Seel aus dem Fegfeuer erlösen. Auch in welchem Hause die s. hl. H. aufbewahrt 
werden, ward keine pestüenzische ansteckende Krankheit angreifen, denn es wäre 
sehr nützlich, wenn ein jeder Mensch diese hl. Himmelsriegel bei sich traget, wer 
aber nicht lesen kann, der bethe alle Freitage 7 Vaterunser und 7 Ave Maria und 
einen Glauben zu Ehren des bittern Leiden und Sterbens Jesu Christi. 

Im Namen u. s. w. 

Gebeth der hl. 7 Himmelsriegel. 

allerheiligster Herr Jesu Christo, ich ermahne dich deiner hl. Mensch- 
werdung, die mit T3ewilligung Gott des Vaters und von dem hl. Geiste in den 
unbefleckten Leib der allerseligsten Jungfrau Maria bist empfangen und geboren 
worden. Jesu: du hast dein hl. Blut ganz geduldig für uns Sünder und Sün- 
derinnen vergossen, o Jesu, du hast uns durch dein bitteres Lcid(>n und Sterben 
die himmlische Pforte aufgeriegelt, o Jesu! Du hast grosse Armuth und Verfolgung 
deiner ungerechten boshaften Feinde geduldig für uns Sünder gelitten. Jesu! 
ich betracht deine schmerzliche Beurlaubung von deiner geliebtesten Mutter. 
mein gekreuzigter Jesu, ich gedenke an dein demüthiges Gebet am Üehlberg, 
als dir vor Mattigkeit die blutigen Schweisstropfen über dein hl. Angesicht herab- 
geronnen sind. Ach, mein Jesu, ich betrachte, wie du bist gefangen worden, mit 
Stricken gebunden, vom einen Richter zu dem andern geführt, und dein alier- 
heiligster Leib mit Geissein geschlagen, dass das Blut über deinen hl. Leib herab- 
geronnen ist, hernach hat man dich mit spitzigen Dörnern auf dein hl. Haupt ge- 
drucket, dass ein Dornspitz deine hl. Hirnschale durchstochen und abgebrochen 
und in deinem hl. Hirn stecken geblieben. Ach mein Jesu! ich betrachte, wie du 
mit einem schweren Kreuze bist beladen worden, und musstest dasselbe über den 
Calvarien Berg tragen, dass du eine tiefe Wunde an deiner hl. Schulter empfangen. 
Ach mein -Jesu, ich betrachte wie du nackend bist an das hl. Kreuz genagelt 
worden. Jesu, du bist o Stunden an dem hl. Kreuz lebendig gehlieben, und 
hast sieben kräftige Worte gesprochen, nach diesem bist du, o mein lieb.ster Jesu, 
an dem hl. Kreuz verschieden. Ach mein Jesu! mit deinem allerheiligsten, bitteren 
Leiden und Sterben, und mit den hl. sieben Worten will ich N. N. mein Leih und 
Seel zu meinem Heile auf ewig verriegeln. Amen. — /^u Riegel vergl. Gr. Myth. 
Anh. XXll, ferner 201. <S34 f. 



Volkssegen aus dem Böhmerwald. 175 

7. Der hl. Dreikönigszettel 

oder Gebet, so zu Colin am Rhein in der Domkirche mit goldenen Buchstaben 
geschrieben und aufbewahret wird. Auf eine Quartseite gedruckt; ein Bild: 
Anbetung der hl. 3 Könige, ohne Jahrzahl. In Kruramau und a. a. 0. zu finden. 

Gebeth (in 3 Rubriken). 

Im Namen Jesu stehe ich heute auf, uud neige mich dem Tag, in dem Namen, 
den ich in der hl. Tauf empfangen, der erste ist Gott Vaf ter, der andere Gott 
Sofhn, und der dritte Gott heiliger Ge f ist. [C f M f B f Heiligen 3 Könige, 
Caspar f Melchior f Balthasar f, bittet für uns jetzt und in der Stunde unsers 
Absterbens (das Eingekhimmerte steht in der mittlem Rubrik unter dem Bilde 
für sich!)] Dieser Name behüte mein Fleisch, Blut, Seele, Leib und Leben, 
welches mir Jefsus, der Sohn Gotf tes gegeben. Also will ich gesegnet seyn, 
wie der heilige Kelch und Wein, so der Priester auf dem Altar verwandelt, und 
wie das wahre Himmelsbrod, so Jesus seinen zwölf Jüngern hat gegeben. Ich 
trete über das Thür-Geschwell: Jesus f Maria f Joseph f die drey heiligen Könige, 
Kaspar f Melchior f Balthasar f seyen meine AVeggesellen: der Himmel ist mein 
Hut, die Erde meine Schuh, der Stern der drey Könige führe mich auf die rechte 
wahre Buss- Strassen. Diese sechs hl. Personen sind meine Gefährten im Hin- 
und Hergehen; welche mir begegnen, die haben mich lieb und werth, dazu helfe 
mir Gott Vater f , der mich erschaffen, Gott Sohn f, der mich erlöset, Gott der 
hl. Geist, der mich gehl. hat. Je f sus, Ma f ria, Jo f seph, Ca f spar, Mel f chior, 
Bai f thasar, steht mir bey in allen meinem Thun und Lassen, Handel und "Wandel, 
Gehen und Stehen, es sey auf dem Wasser oder Land, die wollen mich vor Kugel, 
Feuer, Wasser, und alles, was dem Leib und der Seele schädlich ist, allzeit be- 
hüten und bewahren, im Leben und Sterben, mit ihrer starken und mächtigen 
Gnad. Gott dem Vaf ter ergeb ich mich, Gott dem Sofhn empfehle ich mich, 
Gott dem hl. Gef ist versenke ich mich, die H. H. Dreyfaltigkeit f sei ober mir, 
Je f sus, Ma f ria, Jo f seph vor mir, Caspar f Melchior f Balthasar f hinter mir, 
diese bewahren mich, (mein Haus und alles, was ich hab) jetzt und allzeit bis ich 
komm zu der ewigen Glückseligkeit. Im Namen Gott des Yaters f, Sohns f, und 
des hl. Geistes f Amen. 

8. Wunderbrief (aus Krummau, geschrieben), 

welchen Gott selbst geschrieben hat und am St. Michaelsberge hanget, imd man 
weiss nicht, woran er hanget, welcher mit goldenen Buchstaben geschrieben ist 
und durch den hl. Erzengel Michael dahin gesandt wurde. Wer nun diesen Brief 
angreifen will, von dem wendet er sich ab oder weg, wer ihn aber abschreiben 
will, dem wendet er sich zu, thut sich selbst auf und lautet also: Wer n\n Sonn- 
tag arbeitet, der ist von (iott verlassen, und also gebiete ich euch, dass ihr am 
Sonntag nicht arbeiten sollet an euren Gütern, auch sonst keine Arbeit verrichten 
sollet, ihr sollet fleissig in die Kirche gehen und mit Andacht beten, ihr sollet 
euer Angesicht nicht schmücken und eure Haare nicht krausen, ihr sollet nicht 
vergebliche Dinge reden, sollet euern Reichthum mit den Armen theilen und 
glauben, dass ich J(^sus Christus diesen Brief mit meiner göttlichen Hand ge- 
schrieben und von mir dahin gesandt, dass ihr nicht thut wie unverständliche 
Thiere. Ihr sollet in der Wociie sechs Tage arbeiten, und (\cn Sonntag sollet ihr 
feiern, in die Kirche gehen jung und alt und mit Andacht Gottes Wort hören. 
Werdet ihr dieses nicht thun, so will ich euch strafen mit Krieg, Hunger, Pestilenz 



l'jß Ammann: Volkssegen aus dem Böhmerwald. 

und Theueruiig. Ich gebiete euch, dass ihr mein Gesetz haltet und betet für eure 
Sünden. Begehret nicht fremdes Gut, schwöret nicht unbescheiden bei meinem 
Namen, strebet nicht nach Fleischeslust und Begierden, wie auch ich nicht haben 
will. Niemand soll den andern tödten, auch nicht hinter'm Rücken nachreden. 
Erfreuet euch nicht in euren Gütern und Reichthümern und schämet euch nicht 
armer Leute. Ehret Vater und Mutter, gebet keine falschen Zeugen ab, so gebe 
ich euch Fried und Gesundheit. Wer an den Brief nicht glaubt, der ist verlassen 
und kann kein Glück haben, denn ich sage euch, dass ich Jesus Christus den- 
selben mit meiner göttlichen Hand geschrieben habe. Wer an denselben nicht 
fflaubet, der soll sterben, und seine Kinder werden auch des Todes sterben. Werdet 
ihr euch nicht bekehren, so sollet ihr in der Hölle ewig gepeinigt werden, und 
ich werde euch am jüngsten Tage fragen, und ihr werdet mir nicht antworten 
können wegen der grossen Sünden. Wer diesen Brief hat und nicht offenbart, 
der ist und wird von meinem Allmächtigen verlassen. Denselben soll einer von 
dem andern abschreiben lassen, und wenn einer schon so viel Sünden gethan hätte, 
als Sandkörnlein im Meere sind, können sie auch ihm vergeben werden. Und wer 
den Brief bei sich trägt und verwahret ihn unter dem rechten Arm oder der linken 
Seite, so überwindet er seine Feinde, sie seien, wer sie wollen, oder wenn einer 
seines Herrn Gunst verloren hat, der nehme diesen Brief zu sich, so bekommt er 
des Herrn Gunst und Huld wieder. Wer den Brief im Hause oder bei sich trägt, 
dem mag kein Donnerwetter schaden und soll vor Feuer- und Wasscrnoth behütet 
werden. Welch schwangere Frau denselben bei sich trägt, die kann eine fröhliche 
Geburt auf die Welt bringen. So einer um etwas bittet, wird es ihm gewährt 
werden, was er in seinem Anliegen begehrt. 

Ich war Jesus Christus, der ich diesen Brief geschrieben habe. Amen. 

Ich könnte nun diesen Segen noch viele ähnliche kirchliche Segen ver- 
schiedenen Inhalts beifügen, allein die grössere Zahl derselben zählt nicht mehr 
zum Aber- und Überglauben, da sich bei ihnen die wunderbare Wirkung nicht 
mehr an bestimmte Formeln, Charaktere und Zeichen knüpft, sondern man wird bei 
den letztern Segen vor verschiedenen Übeln meist nur durch Gebet und werkthätige 
Mithilfe bewahrt. Für die früheren Segen ist es bezeichnend, dass die wunder- 
bare Hilfe schon durch den Besitz derselben zu erlangen ist, bei den letzteren 
Segen werden Gott Vater, Sohn und hl. Geist, Maria, die zwölf Apostel, besondere 
Heilige u. s. w. angerufen, damit sie das Haus und seine Bewohner vor jeglichem 
Übel bewahren. Inhaltlich haben auch diese zuweilen noch manches von den 
älteren Segen in sich, so liest man auch darin von Zauberei, Teufelsanstellungen, 
Feuer-, Wasser-, Gewitterschaden, oder die drei Nägel des Heilands werden zur 
Sperre des Hauses gemacht u. s. w.; allein die Bewahrung wird nur durch das 
gläubige Gemüt vom Himmel erbeten, ist also wahrhaft religiös. In der Neuzeit 
sind aber auch diese Art von Haussegen schon vielfach abgekommen, und man 
findet in vielen Häusern des Böhraerwaldes nur noch kürzere Sprüche religiösen 
Inhalts, die keinen nennenswerten Zusammenhang mehr mit den alten Segcns- 
formeln aufweisen. 



Dor Tod in Sitte. Brauch und Glauben der Südslaven. 177 

Der Tod in Sitte, Brauch und Glauben der Südslaven. 

Vorwiegend nach eigenen Ermittlungen. 
Von Friedrich S. Krauss. 



Zweiter Abschnitt. 

Von den Vo r z e i c h e n. 

(Tod verursachen. — Träume, — Tierwelt. — Brautnacht. — Mond. — Glas. — Haar. — 

Handflecke. — Besen. — Der Tote. — Nel)el und Ge\Yitter. — Das Haus. — Schatten. — 

Fettaugen. — Eauch. — Salz und Sauerteig. — Nachsterhen.) 

(Vergl. Zeitsclir. I, 148—163.) 
Als im Jahre 1657 oder 1658 die bosnisch -herzogländischen Zaime 
und Timarbegen mit ihren Fähnlein oder Rotten unter Dzanüm-Buljuk- 
baschas Oberführnng nach Siebenbürgen zur Niederwerfung Rakoczys aus- 
zogen, hnb der Obristbannerträger ein gar kläglich Lied zu singen an von 
der hochbetagten Mutter, der liebsten Schwester und der getreuen Ehefrau, 
so alle daheim auf der Warte verblieben, während er dort weit in fremdem 
Lande sich wieder beweiben werde 

crnom zemljom i zelenom travom! 

mit schwarzem Erdreich und mit grünem Rasen! 

Das war Herrn Dzanüm nicht lieb zu hören; denn Niedergeschlagenheit 
bemächtigte sich der Truppen. Er versetzte seinem weibischen Banner- 
träger eine riesige JMaulschelle, entriss ihm die Standarte und sang selber 
ein Lied — Guslaren haben es uns überliefert. Er sang von der trost- 
losen Armut daheim und von der reichen Beute und dem grossen Raube, 
der dem Helden in Siebenbürgen sicher sei, und schliesslich, was läge am 

Leben? denn: 

svakako nam valja umrijeti! 

wir müssen jedenfalls doch einmal sterben! 

So spricht ein „Held" oder Räuber — die Begriffe decken sich in 
diesem Falle so ziemlich — aber nicht der Ackerbau und Viehzucht be- 
treibende Bauer. In der Tiefe seines Glaubens ist er völlig überzeugt, 
dass niemand sterben müsste, wenn er keine Feinde hätte, die ihm den 
Tod auf den Hals hetzen. Der Bauer ist zwar Fatalist, doch nur in 
äusserster Not, wenn es kein Entrinnen mehr giebt. Die Notwendigkeit 
der letzten Auflösung versteht er nicht. Am Tode ist immer jemand 
anderer Schuld, ein Geist, ein Zauber, ein Mensch oder ein Tier. So wie 
man durch sympathetischen Zauber Liebe sich erzwingen kann, so vermag 
man durch völlig ähnliches Verfahren unter Anwendung anderer Mittel 
den Feind zu töten. Es giebt eine Unzahl solcher Mittel, aber es wird 
hier genügen, eines anzuführen. Man schreibt den Namen des Mannes, 



178 Krauss: 

Jon man aus der Welt seliaffon will, auf ein Stück Solfo und wirft die 
Seife in ein offenes Wasser oder vergrältt sie in die Erde, worauf der 
Mann (zadadeni) erkrankt und sich auflöst (topi se = er schmilzt hin), 
gleichwie sich die Seife auflöst. Wenn die Seife irgendwo vom Fluss aufs 
Trockene ausgeworfen wird und eintrocknet, so trocknet auch der „Zada- 
deni" ein, bis er stirbt. Wer ein solches Seifenstück zufällig findet 
(zadaden sapun) — man erkennt es daran, dass es mit Nadeln bespickt 
ist — hebt es auf und gebraucht es als Heilmittel für einen „Zadadenik". 
Zu diesem Zwecke schabt man etwas von der Seife ab, löst das Geschabte 
in Wasser auf und giebt es dem Unglücklichen zu trinken. Davon reinigt 
er sich ('sjurdisva) und muss wieder gesund werden (Bulgarien). 

Ob jemand damit sich abgiebt, einem den Tod zu verursachen, er- 
fährt man entweder durch Kräfteabnahme und eintretende Leibschwäche, 
oder man wird davon sinnbildlich im Traume verständigt, oder ein naher 
Blutverwandter oder ein inniger Freund bekommt ein bezügliches Traum- 
gesicht. Wohl sagt ein täglich gebrauchtes SprichAvort: „san Je klapnja 
(tlapnja) a Bog je istina" (Der Traum ist eine Phantasterei, doch Gott 
[allein] ist die Wahrheit), aber der Glaube an die Vorbedeutung der 
Träume wird dadurch nicht erschüttert. Nur von sehr bösen Träumen gilt 
jenes Sprichwort. Mir erzählte eine serbische Bäuerin, sie hätte geträumt, 
der Dieb ihrer Halsmünzenschnur sei einer ihrer Nachbarn gewesen. 
Er habe zwar vor den Dorfgenossen den „furchtbaren Eid" auf seine 
Unschuld abgelegt, doch habe er gewiss falsch geschworen; denn nicht 
bloss ihr Traum, sondern auch ihre Ahnungen (slutnje) hätten ganz be- 
stimmt jenen Mann als den Dieb bezeichnet. Slutnje sind sowohl 
Ahnungen im allgemeinen Sinne des Wortes, als auch (böse) Vorbedeu- 
tungen und Anzeichen und nebenher Begleiter der Träume. Die guten 
Träume erzählt man nicht, nur die schlechten, beängstigenden, damit sie 
einem von traumkundigen Frauen oder Männern richtig ausgelegt werden. 
Über Träume habe ich den Stoff für eine Abhandlung, namentlich mit 
Hinblick auf die schlimmen Traumgesichte, die einem Verderben weissagen. 
Hier dürfte die Anführung jener kurzen Träume genügen, von denen 
jedermann weiss, was sie besagen. 

: Menschliche Körperteile und Gewandstücke deuten Blutverwandte oder 
Hausgenossen an. Träumst du z. B., dass dir die Zähne ausfallen, so 
wird jemand aus deiner Verwandtschaft bald sterben (Kroatien, Serbien, 
Bulgarien). Das ist übrigens ein internationaler Glaube, den uns schon 
Artemi dor OS der Daldier in seiner , Symbolik der Träume' (deutsch von 
Krauss, Wien 1881) im I. Bd. Gap. 66 und IL Bd. Cap. 67 in seiner 
Weise gründlich erörtert hat. Er bemerkt auf S. 39: .Der Zahn zeigt den 
Verlust eines Menschen an, dessen Symbol er ist'. — Träumst du von 
Leibwäsche, so stirbt jemand aus deiner Sippschaft oder deinem Gesinde 
(Steiermark, Kroatien, Slavonien). — Wenn man im Traume einen nackten 



Di^r Toit in Sitte, Uraiirli und (ilauben der Südslaveii. J 79 

.Menschen scliant, <ii(>ltt es einen Todesfall im Ifauso (allgonn'in). Tortinm 
coniparationis: eiiuni Verstorhenen entkleidet man gänzlicli. nm ihn zu 
wasclion (xh-r Laden. — Träumt man von heiraten, so stirbt man selber 
(allgemein). Tert. comi).: Bei einer Hochzeit wie bei einer Ijeiohenfeier 
grosses (Jepränge, Priestersegen und Selimans für Gtäste. — Wenn ein 
Weib träumt, sie bemühe sich einen Webstuhl aufzustellen, so stirbt jenuvnd 
im selben Hause (allgemein). Tert. comp.: Aufstellung der Leichenbahre. 
— Träumt einem von eimnn Toten, so bedeutet dies, dass man einen 
schweren Schaden erleiden oder dass ein Unglücksfall eintreten werde 
(Krain, Kärnten, Kroatien, Serbien). So man aber vom Tode selbst 
träumt, so lebt man noch lange. Desgleichen ist jenem ein langes Leben 
beschieden, den man totsagt (Krain, Küstenland, Herzogland). 

In einem gewissen Sinne darf man einige Tiere als die Boten des 
Todes bezeichnen. Sie sind unter Umständen sogar nur Verwandlungen 
böser Geister, die dem Menschen Unheil bringen oder verkünden. Tieren 
ist eine feinere Fühlung als dem Menschen beschert und sie besitzen sehr 
häufig bei bestimmten Gelegenheiten die Gabe des zweiten Gesichtes oder 
der Geistersichtigkeit, die selten einem gewöhnlichen Menschenkinde eigen 
ist. Schon durch ihr blosses, auffälliges Gehaben verraten deshalb manche 
Tiere <lrohendes Verderben. In solchen Fällen deutet und versteht jeder 
Bauer die Rätsel der Tiersprache. 

Im schwarzen oder richtiger im dunklen Schmetterling glaubt man 
einen Boten des Todes erblicken zu müssen. Wer z. B. im Frühjahr zu- 
erst einen schwarzfarbigen Schmetterling (cernego metulja) erschaut, der 
lebt das Jahr nicht aus (Murinsel). Man muss sich merken, dass Hexen, 
Maren und andere ihnen ähnliche Unholde in Schmetterlinggestalt den 
Menschen heimzusuchen pflegen. Man lese darüber in meinem Volk- 
glaubeu der Südslaven auf S. 112 nach. 

Das geistersichtigste Tier ist der treue Freund des Menschen, der 
Haushund. Heulen die Haushunde vor dem Hause, so stirbt bald der 
Hausvorstand (Slavonien). Wenn der Haushund nachts winselnd heult, 
so stirbt l)ald darauf jemand im Hause (Krain, Dalmatien, Montenegro, 
Bosnien, Serbien). Dagegen glaubt man in Bulgarien: wenn in einem 
Hause der Hund wie ein Wolf zu heulen anfängt, so nmss im selben 
Hause oder in der Nachbarschaft jemand sterben. Wer den Hund zuerst 
heulen luu't, muss ihm fluchen, damit das Unheil zu seinem Kopfe aus- 
gehe: „Hour nur, heul'! sollst dir den Kopf ausheulen! ja wohl!'' Auch 
durch sein Gehaben kann der Hund den Tod ansagen. Wenn z. B. ein 
Hund mit den Hiuterfüssen die Erde aus <lom Hofe hinausscharrt, so 
glaubt man, jemand von den Hausleuten oder <ler Hund selber werde 
hinausgescharrt (ee ste se zarovi) und begraben werden, d. i. sterben 
(Bulgarien). Es giebt zwar ein Ersatzopfer für den gefährdeten Menschen, 



] 30 Krauss : 

»locli davon soll ein andermal die Rede sein, um nicht liier zu weit von 
unserem Gegenstande abzuirren. 

Auffällig ist, dass die Katze kein Todesbote ist, die Sau dagegen 
wenigstens in einem Falle. Wirft nämlich in einem Gehöfte die Zucht- 
sau lauter Weibchenferkel (prasicice skoti) so wird die Hausvorsteherin 
sterben, wirft aber die Sau lauter Männchenferkel , so geht bald hernach 
der Hausvorstand mit Tode ab (Kroatien). Eine Sau, die ihre Ferkel auf- 
frisst, wird abgestochen; doch als ein Unglück betrachtet man sie nicht. 

Das Pferd war einst bei den germanischen und vielleicht auch bei 
den slavischeu Völkern im gleichen Masse ein den Geistern geheiligtes 
Tier. Spuren davon haben sich bis in die Gegenwart erhalten. Wenn im 
bosnischen Savelande die Pferde heimkehren, die den Toten zum Fried- 
hof gefahren, giebt man Acht, ob sie das Maul zum Gähnen aufsperren 
werden, denn man sagt: „gähnt das Pferd, so wird bald einer aus der 
Verwandtschaft des eben Bestatteten sterben." Ein Bauer gab mir folgende 
fragwürdige Erklärung für diesen Glauben: „das Pferd reisst den Rachen 
auf, als wollte es eine Seele verschlingen." Wohl hängt mit diesem 
Glauben der Brauch in Verbindung, dass man den Rossen, die den Toten 
hinausgeschafft, etw^as Kleien und Salz reicht, angeblich, damit sie es den 
Leuten verzeihen, dass man sie zur Hinausbeförderung eines Toten ver- 
wendet hat (da biva alale, sto su mrtvog vukli). 

Mauhvurf, Kröte und Sehlange sind unmittelbar verhasste Tiere, 
und darum ist ihre Beziehung zum Tode leicht begreiflich. Wühlt ein 
Maulwurf an der Hauswand oder gar unter der Hausschwelle, so wird ein 
Mitglied des Hauses sterben. Ebenso stirbt bald jemand aus dem Hause, 
wenn eine Kröte ums Haus herumhüpft (Slavonien, Kroatien, Bosnien). 
Wenn einer den Weingarten behauend eine Schlange ausgräbt, so muss 
ihm jemand aus seiner Verwandtschaft sterben (Kroatien). Falls in einem 
Hause oder Baume eine zweiköpfige Schlange (stupan) haust, so muss 
man sie in Frieden lassen; denn derjenige bezahlt es mit seinem Leben, 
der sie erschlägt. Wenn aber ein solcher Stupan stirbt (umsteht, verreckt) 
so fälle man den Baum oder reisse das Haus ein (Bulgarien). 

Wolf und Hase bedeuten äusserst schlimmen Angang, letzterer allein 
jedoch in dem Falle einen Todesfall, wenn er im Dorfe vor einem Hause 
vorüberläuft. Wer ihn zuerst erblickt, der muss vor Ablauf des Jahres 
das Zeitliche segnen (Bosnien). 

Von den Hausvögeln sind vorzüglich Todboten Hahn und Henne, 
und unter den wilden Vögeln der Rabe, die Krähe, der Kuckuck und 
das Geschlecht der Nachteulen. Zumal der Hahn ist geistersichtig. W^enn 
die Seele den Leib verlässt, so hält sie sich noch eine geraume Frist in 
der Nähe ihrer alten Behausung auf und solange ist auch nicht alles Leben 
aus dem Verstorbenen entwichen. Um Mitternacht schauert der Tote zu- 
sammen. Aber man sagt auch, wenn der Hahn um halb zwölf nachts 



I 



Der Tod in Sittp, Brauch und Glauben der Südslaven. 181 

kräht, so fälirt ein Schütteln durch den Leib des Toten. Kräht der Hahn 
nocli vor Abend, so stirbt bahl jemand im selben Hause (Istrien. Kroatien). 
Fliegt der Hahn unters Fenster, um zu krähen, so wird jemand im selben 
Hause sterben (Kroatien, Sirmien). Kräht der Haushahn auf einem der 
steinerniMi oder hölzernen (irundpfeiler. auf" denen das Haus ruht (na 
poceku), so wird es im selben Hause 1)ald einen Toten geben (Krain. 
Kroatien, Slavonieu, Serbien). 

Nicht minder ahnungreich ist die Henne, besonders di(» ganz weisse 
oder schwarze. Fängt in einem Gehöft eine w'eisse Henne wie ein Halm 
an zu krähen, so stirbt jemand im selben Hause. Eine solche Henne muss 
man sogleich abschlachten, ihr Fleisch aber darf man nicht essen, weil es 
furchtbar (wie Gift) schädlich ist, sagt das Bauern Aolk in Kroatien. In 
Steiermark und Istrien hält man dagegen die schwarze Henne für eine 
Unglückverkünderin, selbst wenn sie nur ungew^öhnlich gackert, doch kann 
ihr Gegacker auch auf das Nachbarhaus bezogen werden. Wenn eine 
Henne zu krähen anfängt, glaubt man in Bosnien, dies prophezeie dem 
Hause ein grosses Sterben (relikom pomoru onoj kuci sluti). In Süd- 
bulgarien glaubt man, das Krähen einer Henne bedeute nur den Tod einer 
einzigen Person des Hauses; oder, wenn eine Henne wie ein Hahn zu 
krähen anfängt, so gereicht dies dem betreffenden Hause nicht zum Yor- 
teil: entweder verarmt es oder es stirbt jemand aus dem Hause. Um 
diesem Unheil vorzubeugen, empfiehlt man als Gegenmittel, eine derartige 
Henne zu verkaufen oder einem Kloster als Geschenk darzubringen (Bul- 
garien). Allgemein gilt im A^olke als ein A-'orzeichen für einen bevor- 
stehenden Todfall zu frühes Gackern der Hennen im Morgengrauen. 

Der Galgenvogel Rabe wird allgemein als schlimmer Todesbote an- 
gesehen. Krächzt z. B. ein Rabe (kavran, gavrau, garvan, crna ptica) bei 
jemandes Gehöfte oder gar auf dem Hausfirst, so giebt es in der Nähe 
bald einen Toten. 

Fangen gegen Abend die Krähen (garagaski) zu krächzen an, so 
wird ehestens eine Krankheit oder ein grosses Sterben eintreten (Bulgarien). 

AVenn ein Kuckuck über dem Hause Kuckuck ruft, stirbt jemand. 
Der Yolksglauben aller slavischen Völker hat diesen Yogel mit geheimnis- 
vollem Ursprung ausgestattet. Es mögen hier kurz drei südslavische Sagen 
angemerkt werden: 

Eine serbische Sage erzählt, der Kuckuck (kukavica. weibl.) sei ein 
Weib gewesen, dem der einzige Bruder gestorben. Sie habe so masslos 
geklagt und gejammert (kuku lele = wehe geschrieen!), bis sie sich in 
einen Kuckuck verwandelte. Nach einer anderen Fassung soll sie vom 
Bruder im Grabe verflucht worden sein, weil ihm ihr ewiges Jammer- 
klagen lästig gefallen (den Frieden im Grabe gestört); andere wieder 
meinen, Gott habe sie verdammt und in einen Kuckuck verwandelt, weil 
sie den Bruder unablässig beweinte, den Gott zu sich genommen. Dadurch 

Zeitschrift d. Vereins f. Volkskunde 1892. 13 



182 



Krauts : 



hätte sie sich gegen Gruttes Ratschhiss aufgelehnt. Hört zufällig eine Serbin, 
der ein Bruder gestorben, einen Kuckuck rufen, so fängt sie auch an leid- 
voll zu kucken. 

Diesen Glauben niuss man sich vor Augen halten, um es zu verstehen, 
warum vielfach in Serbien auf das grosse Grabkreuz zu Raupten eines 
Toten, der Schwestern zurückgelassen, ein Kuckuck aus Holz geschnitzt 
gesetzt zu werden pflegt. 

In Bulgarien glauben die Bäuerinnen, der Kuckuck (gugücka oder 
o-uo'ütka) sei ein Frauenzimmer gewesen, das einen einzigen Sohn ge- 
habt, der Giigo (Georg) geheissen und früh verstorben sei. Ihr Gram 
und Kummer um ihn war grenzenlos, und vor gewaltigem Leid ging sie 
morgens und abends aufs Grab und weinte und klagte. Ihres endlosen Ge- 
jammers wurde Gott überdrüssig und eines Morgens kam Gott hin zu ihr 
und fragte sie: „Was plärrst du da und kuckst da, du närrisches Weibchen, 
immer und ohne Unterlass auf dem Grabe?" — „So lang ich lebe, guter 
Alter, werd' ich weinen und nie verstummen! O Gügo, Gügo, Gügo, o du 
mein liebstes Kind!" Und da segnete Gott das W^eib: „Sollst gesegnet 
sein und dich in einen Kuckuck verwandeln und von nun an bis in alle 
Ewigkeit kucken!" Im selben Augenblicke verwandelte sie sicli in einen 
Kuckuck und flog davon, um zu kucken und zu klagen, und mit jedem 
neuen Frühling erschallt ihre Klage um den Sohn von neuem. Sie klagt 
,kiirror!' und ihre Flügel schlagen dazu: ,slak, Slak, slak!' 

Es ist üblich, dem ersten Kuckuck, den man im Frühjahre zu hören 
bekommt (zu sehen ist dieser scheue Vogel selten) die Rufe nachzuzählen. 
So vielmal als er Kuckuk ruft, so viele Jahre hat der Zähler noch zu leben. 
Dagegen gilt es, besonders unter den Altgläubigen in Bosnien, als eine 
frevelhafte Versündigung, einem Kuckuck den Ruf nachzuäffen, oder 
vollends gar den A^ogel zu töten, weil man glaubt, dem betreffenden Spötter 
oder Töter werde sogleich der Vater oder die Mutter sterben. 

Zur Begründung dieses Glaubens ist folgende Sage im Umlauf: Der 
Kiickuck (beschönigend nennt man ihn meist pjevacica, d. i. die Sängerin) 
war „Kaiser" Lazarus' Schwester. Nachdem der Kaiser zu Leitengeben 
(so heisst Kosovo polje zu deutsch, nicht aber ,Amselfekr) sein Leben ver- 
loren, weinte und kuckte (kukala) seine Schwester ohne Aufhören. Am 
Fest der hl. drei Könige (bogojavljenje, d. i. Tag der Gotterscheinung oder 
Gottmeldung) wurde sie von Gott verflucht mit den Worten: „Du sollst in 
alle Ewigkeit vom Lazarsamstag an (Lazarova subota, d. i. der Samstag 
vor dem Palmsonntag) bis zum St. Petrustag (den 29. Juni) nur , Kuckuck!' 
rufen!" So geschah es und geschieht es noch alleweil. Verspotten aber 
Kinder den Kuckuckvogel, so flucht der Vogel den Spöttern: 

Kukala ti majka do Fetrova danka 
ot Petrova danka i otac i majka! 



Der Tod in Sitte. Brauch und Glauben der Südslaven. 183 

Die Mutter soll dir kucken bis zum Fetertage, 
vom Petertag jedoch der Vater und die Mutter! 

Naolitvögel aus dem Eulengeschlechte (euk. sova, soviiljaga. lunja, 
uiijaca. jejina. bul)a) zeigen durch ihre unheimlicheu Rufe in der Nähe 
menschlicher Behausungen immer Todfälle an. Allgemein glaubt man: 
setzt sieh ein Uhu auf ein Haus und lässt seinen Ruf ertönen, 'so stirbt 
jemand von den Bewohnern, ausser jemand ladet augenblicklich sein Ge- 
wehr mit Eisennägeln, die in der Kirche während des Hochamtes unter 
dem Altarkissen gelegen, und schiesst den Uhu herab. Wenn eine Schleier- 
eule in der Nähe des Hauses ,uhu" schreit, so sagen die Bosnjaken, dass 
noch im selben Jahre der Hausvorstand oder die Hausvorsteherin mit dem 
Tode abgehen müssen. 

Wie der Vogel, so ist auch sein Name jejina (Nachteule) verpönt 
auszusprechen; man sagt lieber zur Vermeidung eines bösen Vorzeichens 
velika Iniba oder velika baja (die grosse buba, d. i. strix bubo, oder 
die grosse Zauberin). Entschlüpft einem unwillkürlich in Gegenwart von 
Kindern das Wort jejina, so zieht man piepsend die anwesenden Kinder 
bei den Ohren, damit jede mögliche Beschreiuug rückgängig gemacht 
werde (Bosnien). 

In Kroatien glaubt der Bauer, die Smrt lasse sich durcli jenen Vogel 
anmelden, der aufs Dach geflogen kommt und den Ruf ausstösst: spis. spis, 
spis! (du schläfst). In jenem Hause müsse es bald einen Toten geben. 
Welcher Vogel damit gemeint ist, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. 

Bei wichtigen, für den Einzelnen tief in das Leben einschneidenden Ver- 
änderungen, z. B. bei Eheschliessungen, beim Wechsel des Wohnortes, 
bei dem Bezug eines neugebauten, noch nicht liewolmten Hauses, beim 
Antritt grosser Reisen, entwickelt sich von selber unter dem Eindruck des 
grossen Ereignisses der Hang und der Drang, in manchen untergeordneten 
Umständen bedeutsame Vorzeichen für die zukünftige Gestaltung des 
Lebens und auch für das Lebensende zu entdecken. Um nur ein Beispiel 
anzuführen: Wer von den Brautleuten in der Brautnacht zuerst einschläft, 
stirbt auch früher (aus Pleternica in Slavonien). Mehr von derart Glau- 
ben mag man in meinem Buche Sitte und Brauch der Südslaven (Wien 
1885) nachlesen. Im übrigen ist das ganze Leben des Bauern mit lauter 
solchen Weisheiten durchspickt. Wo er geht und wo er steht, immer 
heisst es, auf der Hut sein, um sich nicht den Tod aufzuladen. Von der 
Bedeutung der Gestirne habe ich in meiner Studie ,Sreca. Glück und 
Schicksal im Volkglauben der Südslaven' und in dem i^uclu^ .Volk- 
glauben" genug gehandelt. Hier wäre noch in Bezug auf den Tod nach- 
zutragen: Wer vor dem Neumonde eine Verbeugung macht, der stirbt im 
selben Monate gewiss nicht (Slavonien, Bosnien). 

Die Wohnstätten dienen niciit bloss Menschen sondern zuweilen auch 
Geistern zum Aufenthalt. Je älter ein Haus, ein Wirtsehaftgebäude, ein 

13* 



184 Krauss: 

Einkelirwirtshaus oder gar eine Mülile ist, desto eher gehen darin böse 
Geister nra (zineasva). Sind die Bewohner eines Hauses ausgestorben, so 
nehmen in der Regel vom verlassenen Heim Geister Besitz (allgemeiner 
Glaube). In einem solchen Hause verstirbt sehr leicht jemand, der un- 
bedacht oder unklug genug ist, darin zu übernachten (Bulgarien). Wenn 
in einem' Hause ein Balken, ein Thürstock oder ein Einrichtunoo-eo-enstaud 
von selber knarrt, so ist dies ein Zeichen, dass im selben Hause ein Mensch 
sterben werde (Bulgarien). Wenn ein Hausbalken oder Pfosten springt, so 
bedeutet dies den Tod eines der Hausleute. Man denke dabei au das Sprich- 
wort: ,Die Söhne sind des Hauses Stützgebälke." Wenn zwei Wandnägel im 
Zimmer von selber aus der Wand herrausspringen, so ist dies ein Zeichen, 
dass in dem Hause bald jemand sterben wird. Geschenke haben Bezug 
auf den Geber. Mit jedem Stück, so man aus Liebe verschenkt, giebt 
man einen Teil seines Ichs weg. Springt von selber ein Trinkglas oder 
ein Spiegel, den man von jemand zum Geschenk erhalten hat, so deutet 
dies den Tod des Spenders an (Slavonien). 

Im allgemeinen beruht die Erkennung von Yorzeichen auf demselben 
Grunde, auf dem die Kunst der Traumdeutung fusst. Es ist z. B. nicht 
gut, wenn ein Frauenzimmer beim Haarflechten einen Zopf nicht zu 
Ende flicht, weil sonst im selben Jahre jemand aus ihrem Hause sterben 
muss (Bosnien, Herzogland, Serbien). Aufgelöstes Haar ist ein Trauer- 
zeichen. Auf der Handfläche oder auf dem Daumen auftretende gelbe 
Flecken nennt der BoSnjak mrtva knä (Totenfärbung). Man sagt: zeigen 
sich die Flecken auf der rechten Seite, so wird dem damit Gekenn- 
zeichneten ein Hausgenosse sterben, wenn aber mehr auf der linken, so 
stirbt ihm ein Freund im Dorfe. In Bulgarien glaubt man wieder: be- 
kommt einer auf der Hand gelbe Flecken, so bedeutet dies, es werde ihm 
jemand mit dem Tode abgehen; gewahrt man zuerst solche Flecken, wenn 
man gerade im Hause weilt, so wird einer von den Hausleuten sterben; 
gewahrt man sie im Gehöfte stehend, so stirbt einer von den Arbeitern; 
ist mau zur Zeit aber auf der Strasse, so stirbt ein Nachbar. — Es ist 
nicht gut, , dass man einen Menschen oder ein Tier mit dem Besen haue; 
denn die Angehörigen oder das Vieh des Dreinhauenden werden vom 
HERRN weggekehrt, d. i. dem Tode überliefert (Bulgarien). Dieser 
(xlaube hat mit jenem vom Besen als Hexenross nichts gemein. 

Da alles und jedes in der Natur, nach dem Volksglauben, durcli- 
geistert ist, so liegt es nahe, dass man auch z. B. in Gewitterbildungen 
Anzeichen des Todes erblickt. Wenn am Tage der Verklärung St. Pauli 
(preobra.^enje sv. Pavla) dichter Nebel die Berge bedeckt, so werden im 
selben Jahre mehr Herrenleute als Bauern sterben, lagert sich aber der 
Nebel über den Ebenen, so sterben mehr vom gemeinen Volke. Im 
krainischen Küstenlande glaubt man, wenn ein Gewitter lange anhält, es 
sei jemand ertrunken. Über den Ursprung der Gewittergeister lässt uns 



Der Tod in Sitte. Braucli und Glauben der Südslaven. 185 

der Volkglanbe nicht im Unklaren. In den windischen Gegenden, in 
Istrien, im Dalmatinischen und in Kroatien, wo deutscher und italienischer 
Hexenglaube sich eingelebt, macht man die Hexen, den Ortspfarrer oder 
die Yilen häufig verantwortlich, wenn sich böse Stürme einfinden. Im 
Bosna- Herzoglande dagegen weiss man, dass mit dem Ungewitter die 
Seelen Ertrunkener heimkehren. — Bricht nämlich unverhoft't tnn Hagel- 
wetter ein, bevor noch die Sommerfrucht eingeheimst wurde, so trägt der 
Bauer und die Bäuerin schleunigst vors Haus hinaus den Speisetisch und 
den Dreifuss, kehrt sie auf dem Boden um. legt Löfi'e]. Brot und Salz 
auf den Tiscli, und eine von den Frauen aus dem Hause spricht die Be- 
schwörung: ,Wir empfingen dich als unseren teuersten Gast und Freund, 
so füg' uns auch keinen Schaden zu!' (mi tebe docekali ko najveceg dosta 
i prijatelja pa i ti uama ne ucini nikakva zijana!). Dann ruft sie den 
Geist oder die Seele eines ihr bekannt gewesenen Verstorbenen an, der 
durch Ertrinken den Tod gefunden: ,0 Johannes! (oder wie er geheissen) 
ich beschwöre dich mit dem Namen Gottes, wehre den Hagel von hier 
ab!" (0 Jovane, kumim te imenoni bozim, ne daj gradu vamo!). 

Brot und Salz bietet man dem Gaste au, denn das sind Symbole der 
häuslichen Wohlfahrt. Brot und Salz haben also Bezug auf das mensch- 
liche Leben. Wenn man beim Brotkneten vergisst, dem Mehl oder Teige 
Salz beizumengen, so glaubt man, es wird einem jemand im Hause oder 
in der Verwandtschaft ferne sterben (Bosnien, Bulgarien). Dem toten Vor- 
stande einer Hausgemeinschaft zielit man unterm Arme ein Gefäss mit 
Salzwasser durch oder rührt mit seiner Hand ein Salzwasser um und giebt 
es nach seiner Bestattung dem Hausvieh zu trinken, damit es nicht dem 
Hausvorstande nachsterbe (Bosnien). Wird in einem Hause der Sauerteig- 
wurmig (kvas crvivi), so wird noch im selben Jahre jemand aus diesem 
Hause sterben (Kroatien, Küstenland). 

Vorzeichen für Tod und Leben werden einem auch bei der Jahr- 
wende kund wie auch bei der Toten waschung. Am besten werden dies 
einige Beispiele erläutern. In der ersten Weihnachtnacht stehen (im 
bosnischen Hochlande) alle Hausleute (Christen) vor Morgengrauen auf 
und verrichten vor brennenden Kerzen eine Andacht. Wer von den Haus- 
leuten hei dieser Gelegenheit seinen Schatten (svog osinja) anf der AVand 
nicht sieht, der wird im selben Jahre sterben. Man merke sich, dass der 
Bauer das Jahr von einem Weilmachtfest zum anderen rechnet. Am 
ersten Weihnachtmorgen Avird in jedem Bauernhause (bei Altgläubigen) 
ein Fruchtbrei (cicvara) mit Schmalz gekocht. Ist der Brei gar und 
schwimmen oben dicke Fettaugen, so beugen sich die Hausleute der Reihe 
nach über das Gefäss und schauen in die Fettaugen hinein. Wer sein 
Spiegelbild in den Fettaugen nicht erblicken kann, der muss im selben 
•lahre das Zeitliche sea'nen. 



186 



Krauss : 



Wie beim Opferdienste ist auch bei der Totenwaschung oder Ab- 
kochimg des Badewassers die Eauch- oder Dampfwendimg von eigener 
Bedeutung. Die Rauchwendung ist bei feierlichen Anlässen überhaupt ein 
Vorzeichen. So z. B. steckt man zu Weihnachten in das mit allerlei 
Feldfrüchten gefüllte Gefcäss auf dem Tische so viele Kerzen hinein, als 
die engere Familie seit drei Generationen Verstorbene zählt. Nach dem 
Nachtmahl betet man für das Seelenheil der Hingeschiedenen ■ und löscht 
darauf die Lichter durch Übergiessung mit Wein aus. Die Person, gegen 
die sich der Rauch hinwendet, wird zuerst von den um den Tisch 
Versammelten sterben (Lika, Otocacer Bezirk). Die Mohammedaner glau- 
ben, steigt der Rauch von dem Feuer, über dem das W^asser zur 
Totenwaschung gewärmt wird, kerzengerade gen Himmel auf, so giebt es 
nicht bald in der Nähe einen Todesfall; senkt sich aber der Rauch aufs 
Trauerhaus nieder, so stirbt demnächst jemand im selben Hause nach; 
schlägt er nach einer Richtung gegen das Viertel um (die Mohammedaner 
sind meist in grösseren Orten ansässig), so stirbt ehestens jemand in dem 
Teil des Ortviertels, wohin der Rauch weist. Auch bei den Christen im 
bosnischen Gebirgsland wird das Wasser unter freiem Himmel lauwarm 
gekocht (uznilace vodu). Aus der Richtung, die der aufsteigende Wasser- 
dampf nimmt, prophezeit man, in welchem Hause demnächst jemand 
mit dem Tode abgehen werde; der Dampf zeigt nämlich deutlich das 
Haus an. 

Was immer mit einem Todfall zeitlich zusammentrifft, erlangt eine 
ominöse Bedeutung. Liegt wo in einem Hause ein Toter, so darf mau 
nicht durchs Fenster hineinschaueu oder hineinsprechen in die Stube, weil, 
wer da hineinschaut, das ganze Jahr krank sein wird (allgemein). Ist 
ein Toter im Hause, so ist es nicht ratsam, dass einer von den Hansleuten 
irgend eine Feldarbeit verrichte, weil sonst Unfruchtbarkeit eintreten würde. 
Diese Erklärung ist nicht sicher (Kroatien). In der Lika und im nord- 
westlichen Teile von Slavonien scheut man sich sowohl im Totenhause als 
in der Nachbarschaft rechts und links zu spinnen und zu weben, so lange der 
Tote in dem Hause aufgebahrt liegt; denn die Weiber glauben, dass wenn sie 
es unterliessen zu ruhen, ihnen künftighin bei der Arbeit die Hände ein- 
schlafen (trnuti) oder erstarren würden. Im Hause des Toten vermeiden 
die Leute, wie sich dies fast von selber versteht, jede iVrbeit, bis auf die 
notwendigen Vorbereitungen zum Trauer- oder Totenmahl. Darüber wer- 
den wir später genauere Auskunft geben. 

Der Tote zieht die Lebenden sich nach ins Grab. Das Nachsterben 
sucht man auf verschiedene Weise zu hintertreiben. Wenn in Zagorjen 
(in Kroatien) der Sarg nicht gefärl)t werden kann, umwindet man ihn mit 
Werg (rusica). Dieses Werg wird nach der Bestattung heimgebracht und aufs 
Dach geworfen. Man glaubt, so lange das Werg von selber auf dem Dache 
bleibt, ohne hinabzufallen, so lange werde sich im betreffenden Hause 



Dpi- T(I(I in Sitte, Bi-aucli iiml Glaul)eii der Sü(lsla\-ei). 187 

kein Todfall ereignen. In Altserbien pflegt man heim Hinaustragen des 
Toten aus dem Hause sich nicht umzuschauen, eiie man nicht bis ans Grab 
gekommen ; ebensowenig blickt man nach rückwärts auf dem Heimwege 
vom Gottesacker. Das geschieht ausdrücklich, damit nicht bald ein zweiter 
Todfall im Hause vorkomme. In der windischen Steiermark scheuen 
sich die Hauslente im Leichenzuge das Krenz, das Weihwasser oder gar 
den Toten zu tragen oder sonst irgend eine Verrichtung zu ühernehmen 
(bei den slavischen Mohammedanern ist das Gegenteil üblich); denn man 
sagt, eine solche Teilnahme käme einer Schadenfreude über den Todfall 
gleich, und der Betreffende müsste selber bald nachsterben. Verwandt ist 
damit im Grunde genommen der Glaube christlicher Bosnjaken. dass man 
ein totes Kind nicht mit Blumen schmücken dürfe, sonst schmückte sich 
der Friedhof mit Kindern. 

Bei der Daca (dem Toteumahl) südungarischer Serben dürfen auf (h'm 
Tische keine dreizehn Teller vorhanden sein, selbst dann nicht, wenn an 
Gästen nur dreizehn zugegen Avären, weil man glaubt, einer von den 
dreizehn müsste sonst noch im selben Jahre nachsterben. Andererseits 
müssen "alle Becher, Becken, Schüsseln mid Teller in ungerader Zahl 
— dreizehn ausgenommen — auf dem Tische stehen; denn eine gerade 
Anzahl wäre nicht minder Unglück verheissend, als die Zahl dreizehn. 
Die Teller dürfen lieim Mahle nicht geM^echselt werden, mögen noch so 
viele Speisen auf den Tisch gelangen. Das versteht sich natürlich nur 
von wohlhabenden Häusern. Bei Mahlzeiten hat man übrigens auch sonst 
auf mancherlei zu achten, um nicht durjh Hervorrufung böser Vorzeichen 
den Hausvorstand zu erl)Osen und die Anwesenden zu verstimmen. Manche 
derartio-e Omina könnte man rationalistisch erklären als billige Schreck- 
mittel, um gewisse Regeln des Anstandes und der guten Sitte zum un- 
verbrüchlichen Gebote zu machen. Solche Erklärungen bekam ich öfters 
zu hören, aber ich halte sie für unbrauchbar, weil sie die Wirkung als 
Ursache bezeichnen. Der Volkglaube allein führt uns schon auf den 
richtigen Weg. Bei Tisch darf man ein Messer nicht auf den Rücken 
legen, weil sich eine Seele an der Schneide verwunden könnte. Wenn 
jemand bei der Mahlzeit den Uöffel auf den Rücken legt, so glaubt man, 
der Unachtsame werde, wenn er einmal stirbt, mit aufgesperrtem Munde 
daliegen (Kroatien). Vollends schlecht ist es, den Brotlaib auf den Rücken 
zu legen. 

Den eben Verstorbenen denkt man sich noch halb und halb mit den 
Lebenden im Wechselverkehr. Wenn es ein Mensch sein lebelang nicht 
gewesen, so wird er wenigstens als Leichnam zum Propheten. Da ihm 
nun die Lautsprache fehlt, drückt er sich, glaubt man, durch Mienen und 
Geberden aus. Die Mohammedaner glauben, weim der Tote die Augen 
nicht schliesse, so sei das ein Zeichen, der Tote trage noch Begehren nach 
dieser Welt (ostao zeljan svijeta). Anders die Christen: stirbt jemand im 



188 Kraiiss: 

bosnischen Savelaiide und scliliesst er niclit die Augen, so prophezeit man 
(gata se), es werde Lahl in der Terwandtschaft ein zweiter Todfall ein- 
treten. Liegt der aufgebahrte Tote mit einem offenen Auge da, so legt 
man ihm einen Kreuzer aufs Auge; scliliesst sich das Auge trotzdem nicht, 
so ist dies ein Zeichen, dass jemand bald nachsterben Averde (Kroatien). 
Behält ein Toter das rechte Auge ofPen, so muss entweder ein Kind oder 
sonst jemand aus der nächsten Verwandtschaft bald nachsterben; steht das 
linke Auge offen, so stirbt jemand aus der fernen Yerwandtschaft (Kärnten, 
Kroatien, Slavonien). Oder man sagt, das offene rechte Auge deute den 
nahe bevorstehenden Tod eines männlichen, das linke Auge den eines 
weiblichen Verwandten an (allgemein). Behält ein totes Kind das linke 
Auge offen, so wird ihm seine Mutter bald mit Tode nachfolgen. Es sehnt 
sich noch nach der Muttermilch (allgemein). 

Zeigt der aufgebahrte Tote ein ruhiges, freundlich sanftes Gesicht, so 
weissagen (caraju, gataju) die Bauern, es werde ihm bald jemand aus der 
Sippe nachfolgen (Perusicer Gegend in der Lika). Überall sonst wird dies 
als ein gutes Zeichen aufgefasst, dagegen glaubt man in anderen Land- 
strichen: hat der Tote eine verzerrte Miene, als ob er lache, so wird ihm 
in nächster Zeit jemand aus der Verwandtschaft nachsterben. Die slavi- 
schen Mohammedaner glaul)en wiederum, dass, wenn beim Toten keine 
Starre eintritt, bald jemand im selben Hause nachsterben müsse. 

Aus meiner Abhandlung über südslavische Pestsagen dürfte den Fach- 
genossen der seltsame Glaube noch erinnerlich sein, wonach bei manchen 
Toten eine ungleiche Verkürzung der Füsse eintrete. Dies hat seine be- 
sondere Bedeutung in Pestzeiten und eine andere unter gewöhnlichen Ver- 
hältnissen. In der Lika glaubt man: liat der Tote den linken Fuss länger 
als den rechten, so stirbt bald ein Frauenzimmer im Hause nach; ist der 
rechte Fuss länger, ein Mann. Sonst heisst es allgemein: ist bei einem 
Toten der eine Fuss länger als der andere, so stirbt bald ein Mitglied der 
Familie nach. 

Um nicht durch weitere Aufzählung solcher allbekannten Dinge die 
Fachgelehrten zu ermüden, möchte ich zum Schluss nur noch kurz auf 
einen Zug des Schicksalglaubens hinweisen, der als Vorzeichen auf- 
gefasst wird. Der Glaube ist bei den Südslaven allgemein, dass Menschen, 
die zur selben Stunde oder beiläufig innerhalb desselben engeren Zeit- 
raumes das Licht der Welt erblicken, auch ein gleiches Lelienslos be- 
schieden erhalten. Man sagt z. B. u sretan cas (in glücklicher Stunde), 
u nesretan cas (in unglückl. St.) oder dan (Tag) oder mjesec (Monat), 
selten u sretnoj godiiii se rodio (in einem glücklichen Jahre ist es geboren 
worden). (Ausführlich besprochen in meiner Studie: Sreca, Glück und 
Schicksal.) Daraus erklärt sich manches. Die südungarischen Serben und 
auch jene im Königreiche Serbien hegen den Glauben, dass blutverwandte 
Kinder, die zufällig im selben Kalendermonat geboren sind, in der Weise 



\ 



Der Tod in Sitte, Brauch und Glauben der Südslaven. 189 

von einander abhängen, dass, wenn das eine Kind stirbt, das andere l)aldigst 
nachsterben müsse. Durch zwei Mittel sucht man dem gefürchteteu Nach- 
sterben vorzubeugen: erstens legt man zum Sarg des verstorbenen Kindes 
ins Grab einen Schilfrohrstab und spricht dazu den Bann: ,Möge dieses 
Schilfrohr statt des zweiten Kindes verwesen!' (ova trska neka trune mesto 
ovog drugog deteta). Das zweite Mittel heisst man: otvoranje is puta 
(Die Öffnung [des Sarges] auf dem Wege [zum Grabe]). Dieses A^ erfahren 
konnte ich leider nicht genau ermitteln, doch kenne ich ein drittes, das 
auf Loskauf beruht und als sehr wirksam betrachtet wird. Ist der eine 
„Einmouatling" (jednomesecic) noch nicht bestattet, so erscheint der andere, 
ihn ülierlebende Gefährte vor der Balire und ein altes Weib legt eine 
Fessel um den Fuss des Toten und des Lebenden. Nun spricht der 
Letztere zu einem dritten, o-leiclifalls anwesenden Altero-enossen: , Nimmst 
du bei Gott und dem hl. Johannes die Beschwörung an, einen Sklaven 
aus dem Grab zu erlösen?' Der Angerufene willigt darauf ein. Dreimal 
legt das Weib die Fessel dem Toten und seinem Partner an und dreimal 
löst sie sie wieder los. Liegt der Tote schon im Grabe, so wird der zu 
spät erschienene, überlebende Einmouatling an das Grabkreuz gefesselt 
und darauf erfolgt die übliche Fragestellung. Den Loskaufer hält der 
Erlöste von da ab hoch in Ehren als seinen Wahlbruder (pobratim). 

Als ein Ausfluss des Schicksalglaubens ist wohl auch die ziemlich 
verl)reitete Meinung zu betrachten, dass es nicht gut sei, in einer und der- 
selben Hausgemeinschaft an einem Tage zwei Kinder taufen zu lassen, 
denn sonst lebe eines von ihnen das Jahr nicht aus. Besonders streng hält 
man sich in Bosnien daran. 

Dunkel ist mir der Ursprung des Glaubens, es sei nicht geheuer, wenn 
zwei Menschen zu gleicher Zeit aus derselben Quelle Wasser trinken, weil 
sie zugleich werden sterben müssen (Bosnien, Herzogland, Montenegro). 

Wien. (Fortsetzung- folgt.) 



I 



Weiteres über Wind, Wetter, ßegeii, Schnee nnd 
Sonnenschein nnd die Gebirgsnatnr. 

Von Marie Rehsener. 



Wind. 

„Der Wind hat in unserer Gasse seine Heimat (dort geht er oft). Er 
kommt bald, wenn er will." Jetzt rüttelt er am Schornstein — „hm, hm, 
der Feine! sie haben schou gesagt, dass sie ihn in der Frühe gehört haben, 
la- luit in den Bnlkcn ,geschnakelt"." 



190 Eehsener: 

Ein starker Wind, aber ein gesunder Wind, niclit wie in Italien! hent 
thut er .billn' und ,lurln\ 

Er wird mich gut abpfeifen, wenn ich auchn auf den Brenner geh und 
die Brodtragerin von Sterzing nicht auer lassen^). 

Weht zu Gregori der , äussere' Wind und scheint die Sonne, so haben 
die Bauern das Korn (der nächsten Ernte) schon in der Kiste. In der 
alten Zeit stieg an dem Tage einmal ein Bauer gar mit der brennenden 
Pfeife bis auf das Dach seines Hauses, um am Rauch zu sehen, ob der 
Wind nicht gehe. Jetzt braucht man nicht mehr erst aufs Dach zu steigen, 
jetzt geht er wol allni. 

Macht es im ,Langis' noch ein starkes , Gefriere", so schützt der Wind 
die jungen Pflanzen, dass sie nicht ,derfrieren"; sie leiden weniger, wenn 
er sie in der Bewegung erhält. 

Wenn es aber im Herbst und Winter , stürmet", so schützt wieder der 
Frost den Wald; denn ist die Erde recht gefroren, ,haltef sie die Wurzeln 
der Bäume fester^), als wenn sie ,rogr (locker) ist, und der Sturm reisst 
keinen Baum um. 

Wetter. 

Wie das Wetter die 12 Tage zwischen AVeihnachten und Heil, drei 
König ist, sein die Monate im Jahr. 

In Pflersch war ein Pfarrer, Herr Wenzel, der hat ein Fernrohr ge- 
habt und die Sterne in den heiligen Nächten beobachtet, danach wusste 
er, wie das Wetter sein würde; aber wenn in der obern lAift ein anderer 
Wind kam, dann stimmte es nicht, sagte der Herr Postmeister. „Der Wind 
bringt Haufen AVetter mit." 

Der Jänner ist ein Holzbrenner. 



1) Ich werde eben von Fräulein M. Gröbner auf die eigentümliche Ausdrucksweise 
in der unverändert alten Bauernsprache - was die Bewegung hin und her, nach oben 
und unten und in die ThiUer lietrifft — aufmerksam gemacht, die ein Fremder nicht zu 
unterscheiden vermag, vielleicht schon in Innsbruck niemand mehr verstellt. Verändert 
wird die Sprache durch die Sprüche und Verse des 100 jährigen Kalenders, den Verkehr 
mit Fremden und die Schule. Die Ausdrucksweise ist durch die Lage des Ortes bedingt. 
z.B.: Steht jemand auf dem höher gelegenen Freithof und möchte er, dass ein anderer 
zu ihm heraufkäme, so ruft er: ,Kimm auer' und geh hier nach Schelleberg ,auchn 
(den Berg hinauf). Dort kommt ein anderer von Schelleberg ,6 er' (herab) und will nach 
Gossensass ,ochn' (hinab). 

Ich gehe nach Brixcn ,ochn' und kimm .auer' (hinab und herauf), 

., nach dem Brenner , auchn' luid kimm ,6er' (hinauf und herab\ 

" nach Bozen \ -^^j^ ^.jj^j, ,„„| j^|,„j,j ^ausser' (hinein und lieraus), 

., ins Pflerschthal I 

„ auf Innsbruck ,aussn' und kimm ,eier' (hinaus und herein). 

„ zum Hause ,aussn', zum Dorf ,ummeu'; komm du zu mir ,ummcr\ 

2) Wie die plastisch — als Niobe — dargestellte Erde schon erstarrend, das h'tzte 
ihrer Kinder mit den Armen hält. 



Weiteres über Wind, Wetter, Regen. Schnee unil Sonnenschein. 191 

Taut es zu Maria Lichtmess vom Dach, so sagt man, da tropft die 
Milch herab, die, welche die Kühe in reicher Fülle geben werden. 

Wenn der März schön eingeht, geht er schiech ans. Es ist ein 
schönes Wetter, wenn es nicht zu früh ist; es thut schon ,langislin"! (der 
Lenz naht). 

„Du, es gleicht nicht" (es scheint nicht zu dem zu kommen, was 
man hofft). „Das Wetter wird mehr anders" (schlechter), „hann ich 
Sorge." 

Der Freitag geht nicht mit der Woche. A¥ar das Wetter schön, so 
wird es am Freitag schlecht und umgekehrt. Am Samstag ist es immer 
schön, weil au ihm „Unsre Frau" geboren wurde. Nur an drei Sams- 
tagen im ganzen Jahr regnet es. Die Leut haben aufgepasst, dass es so 
ist, auch ich. 

Gestern hat es den ganzen Tag , wettergemessen' (zwischen gut 
und schlecht geschwankt) und Abends hat es von unten her soviel 
,wettergelacht!" man nennt es so, wenn es ,himmblitzr ohne Regen und 
Donner. 

Der Blitz ist eine Kugel, innit voller Spiesse; fahrt er in die Erde, 
so dauert es sieben Jahr, bis er wieder .ausserwachset'. 

Zwei haben miteinander studiert. Der eine ist Geistlicher geworden, 
der andere ein Lump. Später sind sie wieder zusammen gekommen, da 
hat der Lump zum Geistlichen gesagt: Ich bin doch mehr geworden als 
du; ich kann .wetterraachen" ! und er hat ein Wetter gemacht. Da hat der 
Geistliche die Wetterglocke läuten lassen und den Wettersegen gehalten 
und nachher gleich den Messner vor die Kirchenthür geschickt, zu sehen, 
ob nicht einer daläge. Der andere aber hat schon tot dagelegen. 

Der Pfarrmessner von Sterzing hat selbst gesagt: soweit man die 
Glocke hört, schlägt der Blitz nicht ein. 

Regen. 

Die Jännertropfen thun den ,Här fast völlig' auszopfen. Januarregen 
gibt gute Flachsernte; es ist viel da zum auszupfen. 

Noch ist es .kilbe' (-= gehülbig, trübe), bald wird es wieder ,koater' 
(= geheiter, klar). 

Wenn der Schnee hingeht und es regnet, ist es ein , unlustiges' Wetter. 
Die Nacht ist .woach' gewesen, morgens waren die Berge ,aper'^). 

Wenn es nach dem Bauen (der Feldbestellung) regnet, .zieht es die 
Körner, die aufliegen, in die Erde eichn^) und alles wächst; wenn es 
trocken ist und der Wind es noch trockener macht, geschieht das nicht. 



1) auch wurde gesagt: Bei mir hültct (hi,s Haar lang, manche sein früh japer'. 

2) Die Vor.stelhing von dem Hineinziehen des Saatkornes in die Ei-de kommt dem 
[Mythus von dem Rauli der Proserpina nälier, als wenn gesagt wird : das Korn ist in die 
lErde gesenkt. 



192 Rehsener: 

Es hat lange nicht geregnet, sehr lauge nicht; doch die Leut haben 
gesagt: Wir müssen uns grad in den Willen Gottes ergeben! und es ist 
Haufen Zeug gewachsen, als wenns geregnet hätte. 

Zu Lorenz (10. August) ist der ,Hörbist" an der lirenz, und zu 
Bartholomä (24. August) ist er im Klee. 

Im Herbst ist das Wetter (der Regen) nur hinter dem Zaun. Nach 
dem ,Gallensümmerle' kommt das ,Kathreingschlatter" ^). 

Der ,Galle' (Gallus) treibt das ,Kunter (Vieh) zum Stalle, und der 
Martein sperrt es gar ein. 

Schnee. 

Willst in den Himmel eini kemmen, 
Musst du dir die Handschige mitnohnien: 
Denn im Himmel ist es kalt, 
Weil der Schnee dort 6er fallt. 

Der Schnee kommt so viel ungern ,huire' (dieses Jahr). ,Geschnieben* 
hat es grade nur sov"l, dass man eine Katze spürt. Es macht einen breiten 
Schnee und er getrauet sich überall eichn, wenn der AVind auch geht. 

Im tiefen Winter, anno 27, da sind die Lauen gangen! 

W^enn der Tag umkehrt, steht im Kalender: ich glaube, es ist der 
Thomastag (21. Dezember). Besser ist es schon. w(nm der Tag umgekehrt 
hat, wenn er aufersteht! 

„Sieh, Taut „Mi," sagte auf einem sonnigen Spazierwege d^r <h-ei- 
jährige Otto Gröbner, „heute ist aller Schnee Gold und Silber! Das haben 
die Heil, drei Könige gebracht." 

Sonnenschein. 

Ich komme morgens in einen Laden; die Händlerin fragt: ..Sind Sie 
schon auf, haben Sie die Sonne schon gesehen?" 

Die Sonne hat ein jeder gern! 

„Ich mal wohl!" ruft ein junges Mädchen. 

„Mit der Sonne ist es so," sagt ein alter Mann, „im Winter ist man 
froh, wenn sie kommt und im Sommer war man manchmal froh, wenn sie 
ginge; aber wie die Sommer jetzt sein, derleidet man sie allm." 

Der Mond scheint so klar! 

„Den Mond hab ich wohl öfterer gesehen; vom Mondsehen werde ich 
nicht gescheiter! Der freudet mich nicht — die Sonne wol, die freudet 
mich! — CS wird wol ehnder kälter als wärmer, wenn der ,Muhne" klär 
scheint." 

Wenn der Mond klein, schwach ist, sind auch die Därme der Tiere 
schwach; man schlachtet daher um die Zeit (besonders bei abnehmend 

1) Gallus IC. Oft., Katharina V. f. M. '2h. Nov 



Weiteres über tlie Gebirgsnatur. 193 

Lieht) nicht gern einen Fäcken. Die Darm könnten nicht stark genug 
fürs Wursten sein. 

Im Muhne ist das Taxenmandle; man sieht es, wie es , Taxen' (Fichten- 
zweige) hackt ^). 

Ein Herr hat beim Melcher gesungen: 

Des Abends geht die Sonne unter und der Mond geht auf, 
Die Mädchen gehen schlafen und die Buabn stehen auf! 

Seitdem nennt man den Muhne auch die ,Buabnsunne'. Den hat 
man wol auch ehnder schon so genannt. (Weber- Zenze.) 



Zur Gebirgsnatur u. s. w. 

Am Mittwoch, den 27. Januar 1892, fuhren bei Schneesturm drei 
Herren an unserer Hütte vorbei nach Pflersch, um von dort aus zum 
(rletscher und weiter in die Eiswelt zu steigen. 

„Warum thun sie das? Verdienen sie viel Geld damit? Oder thun 
sie es, weil es sie freudet?" 

Weil es ihnen Vergnügen macht. Es soll wunderbar schön im Winter 
dort oben sein! 

„Bei dem Wetter! Das ist Übermut! Was finden sie? Allm den 
Stein, allm Eis und Schnee." 

Sie wollen nach dem ünterstandshaus am Ferner, dann noch zwei 
andere aufsuchen und erst Sonntag wieder ,ans Land kommen', sagt Herr 
Gröbner. 

„Die müssen ein Herz haben! Wenn die Führer auch viel Geld 
bekommen — das Leben kann man nicht kaufen!"^) 

„Giebt es ninderst solche Schneeberge und , Ferner' wie hier?" 

Noch grössere, aber nicht so nahe an der Bahn. 

Der Ferner hat früher bis nach Deutschland ,ummen' gereicht, hat der 
alte Huisum allm sagen gehört. Die grosse Sündflut wird ihn wohl fort- 
gebracht haben. Mit dem Worte Ferner meint er nicht nur den Feuerstein- 
gletscher, der von hier sichtbar, in 12 bis 14 Kilometer Luftlinie liegt, 
sondern die Gletschermasse überhaupt. 

„Die Ferner reichen weit! bei Ffitsch bin ich zu einem zukommen, 
ja, da hätte der Weg bis Sterzing (^4 St.) nicht gereicht, ihn entlang zu 
gehen, und wie lange muss man warten, wenn man einen Stein in eine 
hjisspalte wirft, bis er auffällt! Die Ferner gehen tief! Wie tief sie 
"■eben? da ist kein Mittel. — 



1) Dem Vieli eine gute Luft zu verschaffen, werden Fichteuzweige kleingehackt und 
als ,Strebe' (Streu) benutzt. 

2) Sie haben IV2 Tage in der Magdeburger Hütte bei aussergewöhniicheni Sturm 
gewai-tet und sind dann umgekehrt. 



194 Rehsener: 

Das Meer hat bis Marün (Meran) gereicht; dort sieht man noch in 
den Felswänden die eisernen Ringe, an denen sie damals die Schifte an- 
ffehänfft haben. Noch ein zweiter See war auf dem Brenner. Und nur 
drei Häuser w^aren auf dem ganzen Berge: ein Fischer-, ein Räuber- und 
ein Jägerhaus. 

Die Römer, als sie hier die Strasse — , Hochstrasse' nannte man sie 
— gebaut haben, sind allm dem Himmelswagen nachgangen, und bis 
wie weit sie gekommen sind, da haben sie einen ,Turn' (Turm, eine 
steinerne Säule) aufgebaut." 

Oben führte nur ein Steg. 800 Jahr nach unsers Herrn Geburt ist 
ein grosser Heiliger dort gegangen und hinter ihm sein Esel, der den 
Packen trug. Plötzlich ist ein wildes Tier, ich glaube ein Bär, aus dem 
Walde gekommen und hat den Esel zerrissen. Der Heilige hat es aber 
wohl so gemacht, dass der Bär nachher selbst seine Sachen w^eiter tragen 
musste. 

Alles kam über den Jaufen. Weinbeeren hat man zuerst getragen, 
nachher gezogen und zuletzt ,geführt'; über Innsbruck bis Mittenwald im 
Bairischen; dann wurden sie auf die Flösse geladen und zu Wasser weiter 
nach München gebracht. 

Getragen wurden sie von den Kraxentragern ; die hatten viel zu leiden 
vom Pfeifer-Huisele. Yon den Bergschneiden, wenn da der Schnee lag, hat 
er ihn nur mit den Händen geschoben, dass die Lauen oergingen. Einem, 
der ,Nussen' gestohlen hatte, hat er sie aufgeschlagen, bis er sie in sein 
Körbl that. 

Manche Bauern, die auf dem Felde waren, hat er gewarnt, ehe er ein 
Wetter öergelassen: Schleunt euch, schleunt euch! Andere, denen er Feind 
war, auf die er ,eine Muck' hatte, aber nicht. Einen ,Tusch' nach dem 
andern hat es gethan und schwarz ist es hergangen. 

Betrogen hat es sich aber aucli: die Bäuerin hat Krapfen gebacken, 
es hat als Fliege von den Blättern (gebräunte Blasen auf dem Gebäck) 
naschen wollen; sie hat mit der Gabel nach ihm gestochen und seine Hand 
o-etroffen — das that wehe! Und bei einer andern hat er immerfort Milch 
, geschleckt', bis er vor der zornigen Frau weichen musste. 

Wie die Überlieferung (der Sagen) ist. erzählte der Postmeister, Stephan 
Schuster, so habe ich den Vater selig immer erzählen gehört, ist das 
Pfeifer-Huisele nicht hier, sondern bei Mauls auf dem Ziegenbock öer- 
gefahren. Das Dorf bei Sterzing ist ganz auf der Thalsohle gelegen und 
dicht daneben Grasstein. Die beiden hat es umeinander geworfen. 

Hier ist es vom Platzerberg auf einem klaftergrossen Stein oergefahren. 
Der Stein liegt noch oben in dem Mahd auf der Stelle, wo es seitwärts 
biegen musste, als die Glocke der Barbarakapelle anschlug; er ist aus- 
gehöhlt wie ein Sessel. 



Weiteres über die Gebirosnatiu-. ]95 

Dass (las Hexeiiniandl ein Tulferer genannt wird, mag damit znsammen- 
liängen, dass der grosse See in Pfitsch dort au der Wöhr durchgebrochen 
ist. Die Leute waren alle Frühjahr immer hingegangen .zum Wehren', 
aber vergeblich. Damals ist die Überschwemmung bis Mauls gegangen 
und hat halb Sterzing mitgenommen. 

Als Brixen in Gefahr geriet, hat der Kloster stier angehebt zu brüllen 
und die Reihermoos-grillen zu singen; so hat Pfeifer-Huisele die grosse 
Glocke des Klosters und zwei kleine Glocken einer Kapelle genannt, welche 
wetterläuteten. 

Ich hab vom Vater selig immer gehört, das Huisele war ein Pflerer 
gewesen von der , Gattige' der Pfeiferer, die noch dort sind und noch sein 
Geburtshaus — in dem er auch in Ol gesotten wurde — bewohnen; und 
wenn das wirklich wissenschaftlich erwiesen wäre, müsste dieses Geburts- 
haus nach meiner Meinuug (,Moanige') gezeichnet werden. Es ist hinter 
der ersten Kapelle die Mühle und ,Sage\ die ein Wasser miteinander treibt. 
Nur um soviel Erde bat er, als hinter einem Fingernagel hängen bleiben 
kann; aber vergeblich. Auch wird gesagt, es wären Kapuziner gekommen 
— das sind hier die , Höchstgeweichten' — und hätten verboten, ihm 
etwas zu geben; sie hätten gew^eihte Kräuter in den Kessel gethan, worauf 
der , starke Loter' ^) untersank. Wie er im Sterben war, hat eine Stimme 
gerufen — die des Teufels: Ich half dir immer, jetzt hilf ich dir nimmer! 
Als die Glocke mittags um 12 Uhr anschlug, bog er sich zusammen, krümmte 
und wand sich und war verschwunden wie eine Schlange^). 

Des Nusser-Glaas (Klaus) ,]S"enr (Grossvater) hat das Pfeifer-Huisele 
noch gekannt. Er ist mit ihm einmal auf dem Jaufen über Nacht ge- 
legen. Die Leute haben, als er fortgegangen war, in seinem Kraxel nach- 
gesehen, was es darinnen hätte und sie haben lauter Kinderhände und 
sellis Zeug gefunden. Der Nusser-Glaas hat das selbst beim Carl-Metzger 
erzählt und ich und auch noch mehrere andere w^aren dabei. (Huisum.) 

Diese Sage deutet wohl auf die kleinen und schwachen Wasseradern 
hiu. die die Quellen so grosser Macht sind. — 

„Wie oft wird das jetzt gedruckt?" fragte unsere Wirtin. 

Wohl mehrere 100 Mal, denke ich, und in die ganze Welt verschickt, 
nach England, Frankreich, Italien u. s. w. 

„Wenn das Pfeifer-Huisele so weit umeinander kommt (bekannt wird), 
wird es vielleicht auch bald erlöst!" so sagte teilnehmend die kleine Wild- 
Maidl und die alte Bäuerin setzte hinzu: „Wir beten ja für. die ,aller- 
ärmisten' Seelen im Fegefeuer; aber — wenn es in der Hölle ist, hilft 
es nicht." 



1) Wird von Lottor (Bettler) nnter.sc]iiedeii. 

2) Die Schiauge ist ein Naturbild des Flusses, der sich durch die Wiese schlängelt. 

Moritz Carriere. 



196 Rehsener: 

„Aufwärts kugelt kein Stein und aufwärts rinnt kein Wasser, wenn 
man es nicht so kehrt! Das war immer so." — 

Zur Seite der Felswand, von der das Ziroger-Mandl die Steine wirft, 
ermöglicht das Schlüssellöchl-jöchl das ganze Jahr den Übergang ins Pfitsch. 
Das sehr wasserreiche Hochthal soll vor noch nicht langer Zeit ein grosser 
See gewesen sein. Vielleicht weil es später als die Nachbartliäler dem 
Bebauer den fruchtbaren Boden dargeboten hat, ist es den Leuten .minder" 
ehrwürdig und auch seinen Bewohnern wird manches angedichtet. Hier 
nur wie einstmals einem solchen die M^elt erschien. 

„Aus dem entlegensten Pfitsch kam ein Mann zum erstenmale herab 

und ging das Thal ,längs'. Da hat er ein weisses Ross gesehen und es 

für eine Kirche gehalten. Er ging ,gleime'^) zu; das Ross aber war 

,wilde', hat hinten ausgeschlagen und ihm die Zähne getroffen. Darauf 

rief er: 

du hebes Kirchlein mein, 

Schlag mir nicht all meine Ziihiule ein! 

Ein anderer ist nach Sterzing gegangen und wie er soweit gekommen 
ist, dass er nach der Stadt und nach Elzenbaum sehen konnte, hat er 
gesagt : 

„Jetzt seh ich, dass die Welt kein Ochsenaug ist" — nicht so klein, 
das sagt man hier wohl öfter — „ich seh bis in die Türkei eini!" 

Ganz aus den Bergen heraus kam von Gossensass ein Zimmermann. 
Er, der JendeP) (Jennewein) Linder, erzählte: „Bei Murnau, im Bayerischen, 
ist es mir gewesen, als wenn man unter einem Korb ,aussergeschlupft' 
war. Die Dörfer haben dagelegen — man hat gemeint ganz nah und 
nachher war es zwei Stund weit hin. Zuerst hat es mich fein gedünkt; 
aber wenn der Wind gangen ist, nicht, und wie ein Wetter kam, das war 
schrecklich! und im Winter hat es einen Nebel gegeben! eiskalt, ganz 
,niedergedruckt' — wenn der Wind ihn nicht vertragen hat — nicht wie 
in den Bergen! 

Wie es in den Bergen ist? Wie es besonders auf einem Joch aus- 
sieht? — es giebt dem ganzen liöhern Teil des Gebirges den Namen: die 
Jöcher — dies vergessen zu haben, hat zu nachfolgender ergötzlicher Er- 
zählung \'eranlassung gegeben. Darin knüpft das Volk Dummheit an 
Dummheit, wie sich an die herabkommende Lawine der Schnee hängt. 

Leute bauten eine Mühle auf ein Joch. Sie haben alles hinauf- 
geschleppt, zuletzt den grossen schweren Mühlstein. Als der auch oben 
war, sahen sie, dass sie auf dem Joch kein Wasser hätten und die Mühle 
nicht gehen konnte. Das hatten sie nicht bedacht. Sie steckten einen 
Menschen mit dem Ko])f in das Loch des Mühlsteins, damit er ihn ,loaten' 



1) (iiflit, nahe. 

2) keiu jdäiger' Name. 



Weiteres über die Gebirgsnatur. 197 

(leiten) sollte und Hessen diesen ,oclm' (hinabrollen). Nachher konnten 
sie den Kopf des Menschen nicht mehr finden, soviel sie auch suchten. 
So stark ist nicht leicht einer, einen Mühlstein mit seinem Kopfe zu 
loaten! Sie brachten den Mann zu ,ihr' (seiner Frau) und fragten sie, ob 
er denn morgens den Kopf noch gehabt habe. „O wol!" antwortete sie, 
„haben muss er ihn! ,gzwognet' (gewaschen) hat er ihn!" und dann ging 
sie hin zu suchen, ob er ihn vielleicht noch im Feiertagshut stecken 
hätte. 



Kleine Mitteilungen. 



Die gefesselten Götter bei den Indogermanen. 

Von Wilhelm Schwartz.') 

Die Vorstellung gefesselter Götter gehört in ihrem Ursprung den primitivsten 
Zeiten an und entwickelte sich aus gewissen Naturanschauungen, so dass man 
richtiger auch eigentlich nicht von „Göttern", sondern von „Naturwesen" dabei 
spricht, welche man in der Urzeit einem solchen Schicksal unterworfen wähnte; 
wenngleich das betreffende mythische Bild in der Weiterentwicklung von Sage und 
Mythus dann auch an Göttern haften geblieben ist. 

Der Hauptausgangspunkt ist der Sturm. Wie wir auch noch sagen „der 
Sturm bricht los", er gleichsam der ihn fesselnden Bande ledig wird, so glaubte 
der Naturmensch, ihn aus den angeblichen Wolkenbergen oder Wolkenhöhlen, 
welche letztere ja auch noch griechischen wie römischen Dichtern als Realitäten 
vorschweben, hervorbrechen zu sehen. In denselben hauste er angeblich-). Die 
sommerlichen Wetter mit dem Hinzutreten von Donner und Blitz entfalteten das 
Bild reichhaltiger, indem bald das Donnergepolter, welches man als das Weg- 
rollen massiger Steinblöcke deutete^), die Vorstellung weckte, als sei ihm der 
Ausgang aus seiner Höhle durch solche versperrt gewesen, bald die am Himmel 
sichtbar werdenden Blitzesfäden als die Banden erschienen, die er zerriss oder in die 
er bezw. geschlagen wurde, wenn er umgekehrt mit der Zunahme der elektrischen 
Erscheinungen sich legte*). 



1) Im Anschluss an die Anfrtage von Miss Gcrtrude M. Godflen im II. Bande unserer 
Zcitschr. S. 84. 

2) Sclmartz, Urspr. d. Mythologie, S. 122. Prähistorische Studien, S. 266. 

3) Urspr. d. Myth., S. 85. Simrock, Myth. ^ 238. Präh. St., S. 310. 

4) Über den Blitz als Faden s. Urspr. d. Myth., S. 151 f., 233. Poetische Natur- 
anschauungen I. 104. Wenn ein späterer, kulturhistorisch schon affizierterer Standpunkt 
aus den leuchtenden Blitzesfäden gewöhnliche Fesseln oder Ketten machte, so fasste eine 
primitivere Zeit jene mehr in zauberhaft geheimnisvoller Form, wie z. B. die Edda von 
dem Bande Gleipnir berichtet, welches den heulenden Sturmeswolf Fenrir fesselte, das so 
weich gewesen sein sollte wie ein Seidenband, das aber, je mehr der Wolf sich anstrengte, 
desto mehr erhärtete, oder Homer von dem Bande berichtet, welches Ares und Aphrodite 
fesselte, das an sich so fein wie Spinngewebe war, das man in seiner Kraft erst fühlte, 
wenn man unwiderbringlich verloren und gefesselt war. 

Zeitschrift d. Vereins i. Volkskunde. 1892. 14 



198 Schwartz: 

AVie der Sturm in das Gewitter übergeht, erscheinen auch die Gewitter- 
wesen der Fesselung unterworfen, und wenn sie im Winter nicht auftraten, dann 
Sassen sie ^gefesselt" in den Tiefen der Erde, wohin sie im Donnergekrach hinab- 
gefahren zu sein schienen, um zur Frühlingszeit ihre Rolle wieder am Himmel zu 
spielen. In den Götterkämpfen wird dies von den Griechen in der Weise ver- 
wandt, dass bald Uranos, bald Kronos die Kyklopen fesselt, bis sie dann Zeus 
wieder befreit und mit ihrer Hilfe die ewige Herrschaft im Himmel erlangt. 

Als ähnliche Gewitterwesen erscheinen auch Prometheus xmd Picus, bezw. 
Faunus gefesselt, nur hat der Mythus die Sache verschieden ausgesponnen. Der 
erstere wird vom Zeus gefesselt, weil er im Blitz den Menschen das himm- 
lische Feuer gebracht, die beiden letzteren in ritueller Sage, damit dies irgendwie 
vermittelt werde, indem sie den Menschen die Beschwörung des Blitzes lehren 
sollten '). 

Tn dieselbe Kategorie gehört dann, nur immer unter anderen Bildern und 
Motiven, wenn an Ares, Dionysos (vom Pentheus), Kronos-), ja selbst am Zeus 
die Fesselung herantritt, und endlich auch in den Sagen die alten himmlischen 
Wassergötter Nereus und Proteus gefesselt werden, um als Propheten (im Donner) 
die Zukunft zu verkünden^). 

Endlich schien aber auch an der himmlischen Frau, der Sonne, sich diese 
Fesselung im Gewitter zu vollziehen. Ich habe in dem „Indogermanischen Volks- 
glauben" eine Reihe von Mythen dahin entwickelt, dass, wie Zeus der Here sich 
stets unter Donner und Blitzen nahen sollte, so auch in vielen Sagen unter den 
primitivsten Bildern eine Heimsuchung der Sonne in demselben Sinne in den ver- 
schiedensten Formen uns entgegentritt, und wenn dabei das weibliche Wesen 
sich der Buhlschaft durch Wandelung in allerhand Gestaltungen, wie das Gewitter 
sie am Himmel aufzuweisen schien, z. B. durch AVandlung in Wasser, Feuer u. dergl., 
zu entziehen suchte, unter den Mitteln, sie zu zwingen, auch das Fesseln eine Haupt- 
rolle spielt. In der Form einer Mahrtensage gehört zunächst hierher die Sage von der 
Thetis, dann die von der Nicaea auf griechischem Boden, vom Odin und der Rindr 
auf nordgermanischem ^). Als Dionysos dann um die Aura wirbt, droht sie ihn zu 
fesseln, wie es dann Brunhild am Gimther direkt vollzieht^). Hesione und 
Andromeda sind an den Felsen gefesselt, während der Gewitterheld den Kampf 
mit dem sie bedrohenden Drachen besteht. Es kommt eben auf die Wendung der 
Sage an, in der das betreffende mythische Element haften geblieben, bezw. ein- 
geflochten erscheint. So heisst es bei Homer, Zeus habe die Here zur Strafe „ge- 
fesselt" aufgehängt, während nach einer anderen Version sie ihn einmal mit Hilfe 
des Poseidon und der Athene hatte fesseln wollen''). Dazu kommen noch allerhand 
besondere Variationen, wenn z. B. griechische Tradition von einer anderen Fesse- 
lung der Here von Seiten des Hephästos durch einen zauberhaften Sessel erzählte, 
der jeden, der sich auf ihm niederliess, festhielt, oder im Menglada -Mythus ein 
fesselndes Gitter als Schutzwehr derselben eine Rolle spielt, indem es jeden 
Fahrenden fasst, der es hinweg will heben, was noch durch seinen Namen Thrym- 



1) Prähist, Studien 395. cf. 209 ff. und über die Sage von des Picus Fesselung Kuhn, 
Herabkunft des Feuers und Poet. Naturansch. I. 45. 

2) Urspr. d. Myth. 151. 

3) Urspr. d Myth. 124. 2B4 

4) Über die ursprüngliche Form der Thetis -Sage in dieser Hinsicht s Indogerm. 
Volksgl. 126. Ül)er die Biihlschaft Berliner Zeitschr. f. Ethnol. 18, 665 f. 

5) Prähist. Studien 159 ff. 

6) Poet. Naturansch. II 35 ff. 



Kleine Mitteilungen. 199 

gialla („Donnerschall") in signifikanter Weise auf die gezeichnete Szenerie hin- 
weist'). Dass auch nach allem die auf S. 197 Anm. 4 erwähnte homerische Szene 
von der gefesselten Aphrodite und dem Ares nicht erfunden, sondern auch ur- 
sprünglich durch analoge mythische Bilder vermittelt und nur bei Homer humo- 
ristisch verwandt worden, bedarf wohl nicht mehr besonderer Erwähnung. 



Haben wir es aber mit dieser Fesselung so mit einem uralten mythischen 
Naturbilde zu thun, so kann es auch nicht auffallen, dass es gelegentlich in Ritus 
und Kultus noch reflektiert hnd durch fxijuriaig der himmlischen Vorgänge bezw. 
Bilder, die eigentümlichsten Formen in dieser Hinsicht zu Tage treten-). Es wird 
in jedem Falle zu untersuchen sein, ob die Vorstelhmg an eine der gezeichneten 
Kategorieen anknüpft und an welche. Nach allem dürfte die Beziehung wohl 
hauptsächlich dabei in Momenten zu suchen sein, bei denen, wie oben bei den 
Kyklopen ausgeführt worden ist, der Wechsel der Jahreszeiten mit der Fesselung 
oder Lösung der betreffenden Wesen zusammenzufallen schien^). 

Ostern 1892. 



Zur Sancta Kakukabilla-Cutubilla. 

Zur Notiz über diese Heilige (Bd. I. S. 444) erlaube ich mir einen Nachtrag 
zu geben. 

Ganz richtig ist bemerkt, dass hinter dieser Heiligen die St. Gertrud steckt, 
die als Attribut eine, manchmal zwei Mäuse hat. Sie gilt als Schutzfrau gegen 
Ratten und Mäuse, besonders Feldmäuse. Mir liegt ein Doppelbild, ein Holz- 
schnitt aus der ältesten Zeit dieser Kunst, im Nachdrucke vor, das ich Herrn 
Antiquar Heinrich Lesser in Breslau verdanke. Das eine Bild stellt den hl. Michael 
vor, wie er eine Seele abwägt. Zwei Teufel zerren an der einen Schale der Wage, 
in der andern sitzt die Seele. Neben dem Erzengel steht die Gottesmutter mit dem 
göttlichen Kinde. 

Das zweite Bild zeigt uns eine Nonne, die am Spinnrocken sitzt, an dem 
eine Ratte emporsteigt. Zu ihrer Linken ist ein Lesepult mit einem aufgeschlagenen 
Buche, auf das sie blickt, zu ihrer Rechten schwebt ein Engel, der Garn aufwindet. 
Auf dem Haupte der Nonne ruht ein weisses Lämmlein. 

Über dem Bilde liest man: Kakukilla gros gnade sage ich dyr von 
gote her | wil dich lozen aws aller not du salt grosze ] gewalt von gote 
haben du salt dy ratten vor | treyben unde vorlagen Amen. 

Es kann kein Zweifel w\alten, dass hier die hl. Gertrud dargestellt ist. Auf 
dem Altarbilde (17. Jh.) in Zenoberg steht die Heilige, unter dem linken Arm 
hält sie den Rocken, an dem eine Maus emporkriecht, in der Rechten den Wirtel. 
Das alte Altarblatt, das dort noch im Jahre 1639 sich befand und die hl. Gertraud 



1) ürspr. (l. Myth. 207. 

'2) Prahlst. Studien S. 341 if. und meinen Aufsatz über „prähistorische Mythologie, 

I Phänomenologie und Ethik"' in der ßerl. Zeitschr. f. Ethnol. v. J. 1886. 539. 
3) In eine gewisse Parallele träten dann dazu, dass die Gewitterwesen (bezw. die 
Sonne) im Winter gelähmt, entmannt, kurz irgendwie geschädigt und erst im Frühling 
ihre volle Kraft wieder zu erlangen schienen. Urspr. d. Myth. Cap. I. Nr. 15. 
I 



200 Zingerle: 

und den hl. Bischof Zeno darstellte'), ist leider verschollen. "W. Menzel schreibt: 
„Die hl. Gertrud wird abgebildet niit einem Spinnrocken, an welchem eine Maus 
hinaufläuft und den Faden abbeisst" (Die vorchristliche Unsterblichkeitslehre IT, 
326). In der Symbolik II, S. 116 schreibt er: „Maus, Attribut der hl. Gertrud, 
weil sie die Mäuse, die das Feld verwüsteten, vertrieben haben soll. R. Ryckel, 
Hist. S. Gertrudis 1637. Doch bemerkt Molanus (Eist. imag. p. 267), die Maus 
habe in Bezug auf die Heilige auch die Bedeutung des Teufels-)." 

Ich bemerke hierzu, dass nach der Legende der Teufel als Maus erschienen 
und die Heilige beim Spinnen wiederholt zur Ungeduld und zum Zorn gereizt 
habe, sie aber die Versuchungen siegreich best^den habe. — Weil sie durch 
Geduld und Gebet die Teufelsmaus vertrieben habe, gilt sie im Volksglauben als 
Patronin gegen diese Schadentiere. — Im tiroler Bauernkalender war früher der 
Gertraudentag mit einer Maus, später durch eine Wergwocke (z. B. 1868) bezeichnet. 
Schon Grimm bemerkt in seiner Mythologie ^ S. 248 Anm., dass „St. Gertrud im 
krainischen Bauernkalender mit zwei Mäusen dargestellt sei, die an einer Spindel 
mit Flachsgarn nagen, zum Zeichen, es dürfe an ihrem Festtage nicht gesponnen 
werden. Im steirischen Bauernkalender (z. B. Graz 1853 und 1862) findet sich 
dasselbe Zeichen für den Gertrudentag. 

Dass St. Gertraud und Cakukilla identisch sind, scheint mir Fischart zu 
bestätigen: „Andere (geloben sich) zu dem Heyligthumb zuAndechs: Vil zu allen 
Heyligen, und eilff tausend Jungfrauen, zu den drei Königen gen Cöln, Aguluch 
Maguluch (deren einem kurtz zuvor die Perlengestickte Schuch gestolen waren) 
zu Sanct Cukakille Mäusen, zu Sanct Wentzel inn Behmen etc." Geschicht- 
klitterung, herausg. von A. Aisleben, S. 326. Später S. 412 liest man: „S. Gertraut 
mit Mäusen, die den Mägden das Werck abbeissen." 

Abraham a santa Clara sagt in seinem „Judas der Erzschelm": Die hl. Jung- 
frau Gertraud wird jederzeit als eine Abbtissin mit einem Stab entworffen, an 
welchem etliche Mäuss auffkriechen, die Ursach dessen such der Leser in der 
Lebensbeschreibung erstbenannter Heiligen, diessmahls ist das schon genug, dass 
die Bildnuss besagter H. Gertraud niemahlen ohne Mäuss vorgestellt wird. 
Das müssen die Jungfrauen wol in Obacht nemmen, wann sie Gern-traut heissen, 
und so unbehutsamb fast allen gern traunen, dass sie von Mäusen genug und zwar 
von grossen, kecken, frechen freyen Mäuss -Köpffen werden angefochten (Ausgabe 
V. 1690 S. 94). 

In Tirol ward einst St. Gertraud sehr verehrt, denn noch vor 40 Jahren führten 
viele Bauern- und Bürgermädchen ihren Namen, in vornehmen FamiUen musste er 
seit längerer Zeit anderen weichen. Auffallend zu den einst unzähligen Taufnamen 
ist die geringe Zahl der ihr geweihten Kirchen. Auf dem landesfürstlichen Schlosse 
Zenoberg wurde ihr 1288 neben St. Zeno das Kirchlein geweiht (Thaler, Der 
deutsche Anteil der Diözese Trient, S. 213). Zwei Dörfer, „St. Gertraud in Llten" 
und „St. Gertraud im Unterinnthal" haben sie zur Kirchenpatronin imd führen ihren 
Namen. Im deutschen Anteil der Trientiner Diözese habe ich, ausser in Ulten, sie 
nur in Margreid, in der Brixener Diözese in Mühlwald, Ausservillgraten, 
Sustrans und Sulden als Kirchenpatronin gefunden. Margreid scheint den 



1) Jos. Thaler, Der deutsche Anteil der Diözese Trient, S., 213. 

2) "Wir dürfen Avohl anmerken, dass, wie auch E. H. Meyer, German. Mythol. 
§ 93. 238 annhnnit, die Mäuse Symbole der Seelen sein können, die nach dem Abscheiden 
vom Körper die erste Nacht, deutschem Volksglauben gemäss, bei S. Gertrud Herberge 
fanden. 



Kleine Mitteilungen. 



201 



südlichsten Punkt des Gertrudenkultus zu bilden. Es ist auffallend, dass in ganz 
Wälschtirol, wo doch viele Martins- und mehrere Leonhards-, ja Wolfgangskirchen 
sind, nirgends eine Gertrudenkirche vorkommt. 

Gufidaun. Ignaz Zingerle. 



Die sieben Grafen. 

Eine dithmarscher Sage. 

Vor vielen, vielen Jahren lebte in Deutschland ein Graf, der hatte sieben 
Söhne. Seine Frau starb früh. Aber die sieben Söhne wuchsen und gediehen 
prächtig zur Freude des Vaters. Als sie nun herangewachsen waren, wünschten 
sie alle sieben zusammen in die "Welt zu reisen. Der Vater wollte es anfangs 
nicht zugeben, dass sie ihn alle auf einmal verlassen sollten; als sie aber nicht 
nachliessen, mit Bitten in ihn zu dringen, gab er endlich nach Zuvor mussten 
sie ihm aber feierlich schwören, einander nicht verlassen zu wollen, sondern treu 
zusammenzuhalten in Glück und Unglück. Und so zogen sie denn fort in die 
Welt, nachdem sie den Segen des Vaters empfangen hatten. 

Lange waren sie schon gereist, da wurden sie eines guten Tags ein schönes 
Schloss gewahr. Sie gingen hinein und wurden auch ganz freundlich empfangen. 
Des Abends trug man ihnen ein prächtiges Essen auf. An dem Abendessen nahm 
auch die Besitzerin des Schlosses, eine Frau von wunderbarer Schönheit, teil. Sie 
unterhielt sich mit ihren Gästen aufs freundlichste und wies allen sieben ein 
prächtiges Schlafzimmer an. Sie begaben sich denn auch bald zur Ruhe. Am 
andern Tage wollten sie schon weiter reisen. Als sie aber von der Gräfin — denn 
das war nämlich die Besitzerin des Schlosses — Abschied nehmen wollten, ward 
diese sehr traurig und bat, sie möchten doch noch eine Zeitlang bei ihr bleiben. 
Sie wollte dann mit ihnen nach ihren andern Gütern reisen, was ihnen gewiss 
Freude machen würde. Die sieben Grafen willigten auch gern ein. Die Gräfin 
bot nun alles auf, ihnen den Aufenthalt bei ihr so angenehm wie nur irgend mög- 
lich zu machen. Sie reiste mit ihnen nach ihren andern Gütern und sparte auch 
keine Mühe, sie mit der Gegend bekannt zu machen. Den sieben Grafen gefiel 
dieses Leben so sehr, dass sie eine ganze Zeitlang gar nicht an ihren alten Vater 
daheim dachten und an ihn schrieben. 

Die Gräfin hatte sich in den ältesten der sieben Grafen verliebt. Sie war vom 
ersten Augenblick des Zusammentreffens an auf Mittel und Wege bedacht, ihn 
allein zu treffen, um ihm ihre Liebe zu gestehen. Endlich traf es sich einmal, 
dass der älteste der sieben Grafen und die Gräfin sich einander beim Spazieren 
im Garten trafen. Da gestand sie ihm ihre Liebe und sagte, wenn er sie auch 
lieb habe, so sei sie geneigt, ihn zu heiraten. Der Graf Avar über diese Nachricht 
hocherfreut; denn auch er mochte die Gräfin sehr wohl leiden. Doch müsse er 
erst einmal mit seinen Brüdern sprechen, und wenn die nichts dagegen hätten, 
würde er je eher je lieber Hochzeit machen und ihr gewiss ewig treu bleiben. 
Als die beiden den Garten verliessen, ging der älteste Graf sogleich zu seinen 
Brüdern und erzählte ihnen alles, was sich zugetragen und was die Gräfin mit 
ihm gesprochen. Diese hatten durchaus nichts dagegen und freuten sich über 
ihres Bruders Glück. Nun schrieben sie an ihren alten Vater und baten ihn um 
die Einwilligung zur Heirat des ältesten Sohnes. Aber da kam die Nachricht aus 
der Heimat, dass der Vater bereits gestorben sei und dass sie eilig heimkehren 
müssten, um ihr Erbteil anzutreten. Das aber wollte die Gräfin ungern; und so 



202 Carstens : 

wurde denn das väterliche Gut verkauft und die sieben Grafen blieben, wo sie 
waren. Jeder der Brüder erhielt nun ein Gut. Der älteste Graf heiratete die 
Gräfin. Alle lebten glücklich und zufrieden: sonderlich die Gräfin mit ihrem 
Manne. 

Wie nun einige Jahre vergangen waren, wollten die sechs jüngeren Brüder 
eine Seereise machen. Sie wünschten natürlich ihren ältesten Bruder mitzuhaben. 
Dieser aber mochte ungern seine Frau verlassen. Als aber die Brüder darauf 
bestanden, dass er mit ihnen müsse, weil sie geschworen hatten, einander nicht 
zu verlassen, da willigte er endUch ein. 

Die Gräfin nähte nun zwei ganz neue Hemden. Das eine musste der Graf 
anziehen und das andere zog sie an und sprach: „Solange als dein Hemd rein 
und unbeschädigt bleibt, solange bin ich dir getreu; wird es aber schmutzig und 
zerrissen, so kannst du daraus schliessen, dass ich dir untreu geworden bin; und 
solange mein Hemd rein und unbeschädigt bleibt, bist du mir treu; wird es aber 
schmutzig und zerrissen, so kann ich daraus schliessen, dass du den Eid der Treue 
gebrochen hast, den wir einander geschworen haben." Darauf nahmen die beiden 
zärtlich Abschied von einander, und die sieben Grafen gingen an Bord eines sehr 
schönen Schiffes und fuhren mit gutem Winde davon. Eine Zeitlang waren sie 
bereits auf der See gewesen, da bekamen sie verkehrten Wind und wurden an 
eine unbekannte Küste verschlagen. Kaum hatte man sie hier bemerkt, als man 
sie auch schon gefangen nahm und als Sklaven verkaufte. Die sieben Grafen 
wurden nun dem türkischen Sultan überbracht und mussten in dem kaiserlichen 
Garten arbeiten. Alle Sklaven waren gezwungen, hier nackend zu gehen. Nur 
den sieben Grafen ward erlaubt, ihre Hemden anzubehalten. 

Und merkwürdig! Das Hemd des ältesten Grafen blieb stets sauber und rein, 
während die Hemden der Bmder schmutzig wurden und auch bald zerrissen. 
Darüber wunderte sich der General des Sultans so sehr, dass er den ältesten 
Grafen eines guten Tages fragte, wie das doch zuginge, dass sein Hemd so sauber 
und heil bliebe, während die Hemden seiner Brüder schmutzig und zerrissen 
seien. Da erzählte der älteste Graf ihm, dass er in der Heimat eine Frau habe, 
und was diese über sein Hemd gesagt habe. Da lachte der General und sprach, 
dass er ein Narr sei, wenn er glaube, dass seine Frau ihm noch treu wäre. Der 
Graf aber beteuerte, dass seine Frau ihm niemals die Treue brechen würde, möge 
da kommen, was da wolle. Sprach der General: Ich will einmal hinreisen nach 
Deutschland und deine Frau auf die Probe stellen; und wenn ich dann finde, dass 
sie dir wirklich die Treue bewahrt hat, so will ich dir und deinen Brüdern zur 
Freiheit verhelfen. 

Der General reiste auch wirklich bald darnach ab, und als er am Ziele seiner 
Reise war, Hess er sich sofort bei der Gräfin anmelden und ward auch nach seiner 
Wüi'de empfangen. Er fing auch sofort mit ihr über ihren Mann an zu sprechen, 
dass er mit seinen Brüdern in der Türkei und Sklave des Sultans sei. Er aber 
wolle ihnen die Freiheit verschaffen, wenn sie ihm eine Bitte erlauben wolle, 
nämlich die: Eine Nacht bei ihr zu schlafen. Die Gräfin versprach ihm das und 
bat ihn, er möge nur des Abends wieder kommen; und so ging er fort. Die Gräfin 
gedachte aber ganz anders. Sie stellte ihre Diener mit Peitschen bewaffnet in 
einem Nebenzimmer auf und befahl ihnen, auf ihren AVink herbeizueilen und den 
General hinauszupeitschen. 

Der Abend kam und mit ihm der General. Die Gräfin empfing ihn ganz 
freundlich und wies ihm ein prächtiges Bette an. Der General wollte mit seinen 
Kleidern hineinsteigen. Die Gräfin aber sprach, sie sei es nicht anders gewohnt, 



Kleine Mitteilungen. 203 

als bei einem nackenden Mann zu schlafen. Er musste sich also ausziehen und 
nackend ins Bett legen. Nun trat die Gräfin zu ihm und erfragte noch dies und 
jenes über ihren Mann und seine Brüder; und als sie alles genau wusste, gah sie 
ihren Dienern einen Wink, die denn mit ihren Peitschen herbeieilten und den 
General so fürchterlich schlugen, dass er jämmerlich schrie und nackend, wie er 
war, nach seinem Schiffe lief. 

Die Gräfin aber wollte jetzt ihren Mann und seine Brüder retten, oder auch 
mit ihnen sterben. Noch in derselben Nacht Hess sie sich Pilgerkleider machen, 
die so fein waren, dass sie dieselben in der Tasche tragen konnte. Diese zog sie 
am andern Morgen an, nahm eine Harfe und ging als Pilgrim verkleidet nuch dem 
Schiff'e des türkischen Generals. Hier gab sie sich für einen Pilger aus, der sein 
Brot mit Singen und Spielen verdienen müsse, und bat, er möge ihn mitnehmen 
nach der Türkei. Der General hörte gern Musik und Gesang und nahm den 
Pilger mit. Unterwegs auf der See musste der Pilger dem General oft etwas vor- 
singen und vorspielen. Unter anderm sang und spielte er folgendes Lied: 

1. Was fehlet dir, mein Herz, 2. Ich weiss die Ursach' wol, 

dass du in mir so schlagest'? darf solches nur nicht sagen! 

Wie kommt es, dass du dich Der Himmel hat jetzt Lust 

in mir so heftig regest? mein Herze so zu plagen. 

Warum erhältst du dich Es schlagen über mich 

mit deiner starken Macht? die Unglücksw^ellen her; 

Warum entziehst du mich (mir) ich schweb' in voller Angst 

den süssen Schlaf bei Nacht? auf einem wilden Meer. 

3. Mit einem Trauerflor 

hat sich mein Herz umhüllet; 

mein ganzer Lebenslauf 

mit Rummer angefüllet; 

ich kenn" mich fast nicht mehr, 

ich lebe ohne Ruh', 

das Glück, das ist mir feind, 

kehi-t mir den Rücken zu. 

Endlich kam das Schiff in der Türkei an. Der Pilger verliess dasselbe und 
ging in die Stadt. Der General ging zum Sultan und erzählte diesem, dass er 
einen Pilger aus Deutschland mitgebracht habe, der ausserordentlich schön singen 
und spielen könne. Auch der Sultan war ein grosser Freund von Musik und 
Gesang und liess den Pilger sofort holen. Und als dieser nun A^or dem Sultan 
vortrefflich sang und spielte, behielt er ihn bei sich. Als er einige Tage hier 
gewesen war, ging er eines Tages im Garten spazieren und sah die sieben Grafen. 
Er nahm seine Harfe und spielte und sang: 

4. Ich kam vor kurzer Zeit 5. edle Rose, du! 

in einen schönen Garten; die unter Dornen sitzest, 

daselbst erblickte ich und wenn du mir auch gleich 

der Blumen manche Arten; mein ganzes Herz durchritzest, 

und unter selben sah so will ich lieben dich, 

ich eine Rose blüh'n; die Wunden trage ich; 

ich wünsche mir nichts mehr vergönne mir die Ehr', 

als die zu mir zu zieh'n. gedenk' einmal an mich! 



204 Carstens: 

6. Jetzt muss ich ganz betrübt 
aus diesem Garten gehen, 
und niemand fraget mich, 
wie mir es wird ergehen. 
Wer meinen Zustand weiss, 
der spottet meiner nicht; 
sonst wollte wünschen ich, 
dass ihm wie mir geschieht. 

Der Pilger war ausserordentlich schön. Kein Wunder also, dass die türkische 
Prinzessin sich in ihn verliebte. Eines Tages fand sich auch Gelegenheit, ihm ihre 
Liebe zu gestehen. Der Pilger entgegnete allerdings: Ach, ich bin ja viel zu 
geringe für dich, und dein Vater, der Sultan, wird einer Heirat zwischen uns 
beiden nie seine Zustimmung geben. Die Prinzessin aber sprach: „Ich rechne 
nichts auf meines Vaters Reichtum und Krone, und wenn du ebenso denkst, wie 
ich, so wollen wir beide miteinander nach Deutschland entfliehen." Da ward der 
Pilger sehr froh und sprach: „Ich willige mit Freuden ein und wir werden in 
Deutschland miteinander auch glücklich und zufrieden leben können. Aber, wie 
sollen wir unbemerkt fortkommen?" „Wohlan!" entgegnete die Prinzessin, „mein 
Vater hat eine wichtige Reise vor. Er wird dich mitnehmen wollen, da er deinen 
Gesang kaum einen Augenblick entbehren mag; aber du musst dich krank stellen; 
dann wird er dich freilassen. Ich will unterdessen alles zur Abreise bereit machen 
lassen." 

Bald darauf reiste nun der Sultan fort. Der Pilger blieb zu Hause, weil er 
krank geworden war. Die Prinzessin hatte in aller Stille ein grosses Schiff aus- 
rüsten lassen. Als nun alles zur Abreise bereit war und man schon an Bord 
gehen wollte, sagte der Pilger zu der Prinzessin: „Ich habe noch eine Bitte." 
„Und welche denn?" fragte die Prinzessin. „Die sieben Grafen, die da und da 
in dem Garten arbeiten," sprach der Pilger, „sind meine Landsleute und die möchte 
ich gerne mitnehmen." „Gut," sprach die Prinzessin, „die Bitte sei dir gewährt," 
und sofort wurden nun die sieben Grafen geholt, an Bord gebracht, und das Schiff 
segelte mit gutem Winde davon. 

Als das Schiff in Deutschland ankam, erhielten die sieben Grafen ihre Frei- 
heit. Sie bedankten sich unter Thränen und gingen nach dem Schlosse der Gräfin. 
Alles freute sich hier, dass der gnädige Herr wiedergekommen sei. Aber die 
Gräfin, sagte man ihm, sei nicht zu Hause, die sei vor einigen Jahren mit einem 
türkischen General davongereiset, um ihn und seine Brüder zu erlösen. Da erschrak 
der Graf und meinte, dass seine Gemahlin ihm ohne Zweifel untreu geworden sei. 
Ja, wenn sie wiederkehren sollte, so würde er sie nicht als seine Gemahlin an- 
sehen, sondern für ihre Untreue strenge bestrafen. 

Die Gräfin war noch auf dem Schiffe. Sie zog ihre Pilgerkleider aus, offen- 
barte sich der Prinzessin und sprach, dass sie einander nicht heiraten könnten, da 
sie einerlei Geschlecht seien. Der älteste der sieben Sklaven sei auch ihr Mann. 
Da wurde die Prinzessin sehr betrübt und weinte. Die Gräfin aber sagte, sie solle 
nur ruhig sein, sie solle ein prächtiges Gut haben und könne dann in Deutsch- 
land ebenso vergnügt und zufrieden leben, als in der Türkei. Hierauf verliess sie 
das Schiff und versprach der Prinzessin, sie sobald als möglich abzuholen. 

Wie nun die Gräfin heimkam auf ihr Schloss, wollte ihr Mann sie nicht als 
seine Frau anerkennen, sondern nannte sie eine Hure und liess sie ohne weiteres 
ins Gefängnis werfen. Das war also der Lohn für ihre Treue und Hingebung. 



Kleine Mitteilungen. 205 

Als sie im Gefängnis sass, merkte sie, dass ihr Mann vorüberging. Rasch 
nahm sie ihre Harfe zur Hand und sang und spielte: 

7. Ach, hätt' ich meinen Fuss 
dir nie zu nah' gesetzet, 

so hätt' der Dornen Stich 
mein Herze nicht verletzet; 
mein allzukühner Sinn 
hat mich dahin gebracht, 
dass ich bin ganz verirrt 
und auch dazu veracht'. 

Der Graf aber merkte und hörte nichts davon, sondern wollte sie am andern 
Morgen nach dem Richtplatze hinausführen und hinrichten lassen. Seine Brüder 
freilich baten ihn dringend, die Sache doch erst gehörig zu untersuchen. Doch 
der Graf liess sich nicht bereden, und so ward die Gräfin in einem Yerdeckwagen 
nach dem Richtplatze geführt. Unterwegs aber sang und spielte sie: 

8. Ist jetzt denn das mein Lohn? 
— 0, zärtliches Verlangen — 
dass ich bin weit um dich, 
bin über's Meer gegangen 
und habe dich erlöst 

aus Ketten und aus Banden. 

Die Rose, die ich lieb' 

ist jetzt in fremden Händen. 

Im Wagen zog sie ihre Pilgerkleider wieder an, und als Pilger stieg sie auf 
dem Richtplatz aus dem Wagen und sang und spielte: 

9. Kennst du den Pilger nicht, 
dass du ihn so verstossest? 
der viel gewagt um dich, 
dass du nun bist erlöset 
wohl aus der Türken Hand 
gebracht bis in dein Land; 
ist das für meine Lieb 

die ich an dir gewandt? 

Wie der Graf das sah und hörte, stand er da, wie vom Donner gerührt und 
konnte kein Wort reden. Sie aber sang und spielte weiter: 

10. Ade, mein wertes Kind! 

Thu' dich doch recht besinnen, 
wie ich dich dort empfing, 
wie mir die Thränen rinnen 
von meinen Wangen her, 
da ich dich liebt' so sehr. 
Der Sultan wundert sich 
alsbald sehr über mich. 

Da schlug der Graf in sich und erkannte, dass jener Pilger seine Gemahlin 
bei, und dass die ihn erlöset habe aus der Sklaverei und fing jetzt auch an zu 
Bingen: 



206 Weinhold: 

11. Jetzt bricht mein Herz entzwei. 12. Weil du mich hast erlöst 

Wie hab' ich mich vergangen aus Ketten und aus Banden, 

an dir, mein wertes Kind, Von Türken frei gemacht, 

wie ich dich hab' empfangen; gebracht bis in mein Land; 

ich falle nieder hier will ich mein Lebenlang 

auf meine matte Knie; dir willig sagen Dank, 

ich küss' dir Hand und Fuss, ich will dein Diener sein, 

ach Kind, verzeih' es mir. von Herzen, Schönste, mein. 

Sie vergab ihm natürlich gern, denn sie liebte ihn noch immer so zärtlich 
wie früher und sang: 

13. Weil du, mein wertes Kind, 
so zärtlich hast gebeten, 
so sei versichert nun, 
kannst freudig zu mir treten; 
du bist's, den ich geliebt 
und hab' um dich gewagt 
mein Leben, Leib und Blut. 
War nicht um's Herz verzagt. 

Sie stiegen nun zusammen in die Kutsche und fuhren unter dem Jubel des 
Volkes zurück nach dem Schlosse. Noch an demselben Tage ward die Prinzessin 
vom Schiffe geholt. Der jüngste Graf heiratete die Prinzessin und alle lebten 
glücklich bis an ihr Ende, und wenn sie nicht tot sind, so leben sie noch- 

Von meiner verstorbenen Tante vor ungefähr 50 Jahren in Lmiden in Dith- 
marschen aufgezeichnet. Eine Aufzeichnung aus dem Lauenburgischen bei Müllen- 
hoff. Sagen, Märchen und Lieder aus Schleswig-Holstein und Lauenburg No. DCVII 
Von dem König von Spanien und seiner Frau. 

DahrenwT^irt bei Lunden in Holstein. Heinrich Carstens. 



Zu den Sieben Grafen. 

K. Müllenhoff hat in der Anmerkung zu der von ihm mitgeteilten Variante 
dieser weit verbreiteten Geschichte auf die Zusammengehörigkeit mit dem alten 
Liede vom Grafen von Rom (Uhland, Alte hoch- und niederdeutsche Volkslieder 
n, 784) und dem flämischen Volksbuche vom Ritter Alexander aus Metz und 
seiner Frau Florentine (Auszug daraus als „Der Mann im Pflug'' in den deutschen 
Sagen, herausgegeben von den Brüdern Grimm, No. 537, 3, Aufl.) hingewiesen. 
Über die Verbreitung des Stoffes können wir in Küi-ze verweisen auf Franz 
Böhme, Altdeutsches Liederbuch. Volkslieder der Deutschen in Wort und Weise. 
Leipzig 1877. S. 41— 43, wo ausgeführt wird, dass die älteste erhaltene poetische 
Bearbeitung des Stoffes ein im 15. Jahrhundert verfasster Meistergesang ist: 
Alexander von Metz in gsangswyss, der im 16. und 17. Jahrhundert öfter gedruckt 
ward (nach einem Züricher Druck bei Ph. M. Körner, Historische Volkslieder. 
Stuttgai-t 1840. S. 49—67). In diesem Meistergesang findet sich auch das Wunder- 
hemd der dithmarscher Erzählung, auf das auch Fischart im 5. Kapitel der 
Geschichtklitterung in den Worten anspielt: „auf dass sie ihren Alexander von 



Kleine Mitteilungen. 207 

Metz (im weissen Badhembd) im Pflug nicht verliere". (Ausgabe von Alsleben. 
Halle 1891, S. 107.) 

Sangmässig im Hildebrandston ist das Volkslied Der Graf von Rom oder 
der Graf im Pfluge, als dessen ältester Druck ein Bamberger von 1493 bekannt 
ist. Die Weise ist von Fr. Böhme wiedergefunden und a. a. 0. S. 38 gegeben. 
Der Inhalt stimmt im wesentlichen zu dem Meistergesänge, nur ist das Wunder- 
hemd vergessen. Das Lied ward oft gedruckt und kommt auch niederdeutsch vor. 
(Vgl. Böhme a. a. 0. Gödeke, Grundriss I. S. 310. 2. A. Weller, Annalen I. 
S. 199. 200.) 

Die Gedichte verbreiteten sich weit, auch über die deutschen Grenzen, und 
auf sie, namentlich auf den älteren Meistergesang, gehen nach aller Wahrscheinlich- 
keit die prosaischen Erzählungen zurück. So weist auch das niederländische Volks- 
buch Florentina de getrouwe sichtlich auf ein Lied als Grundlage hin (Mone, Über- 
sicht der niederländischen Volkslitteratur älterer Zeit, S. 65). 

Li Steiermark war ein Lied vom Grafen Säuberlich noch in diesem Jahr- 
hundert bekannt. Es beruhte auf Abschriften eines fliegenden Blattes: „Ein sehr 
schönes neues Lied von dem Grafen von Rom, wie es ihm ergangen ist, als er 
von den Türken gefangen worden. Li seiner eignen Melodey zu singen." 

Der Stoff ist aus zwei Sagen verbunden. Die eine erzählte die Befreiung 
eines gefangenen Kreuzfahrers oder Palästinapilgers aus der Sklaverei, die zweite 
berichtete von einer Keuschheitsprobe mittels eines wunderbaren Hemdes. Wir 
finden die zweite Sage im 69. Kapitel der Gesta Romanorum (de castitate): Ein 
Baumeister (carpentarius) hatte die schöne Tochter eines Ritters wegen seiner 
Klugheit und Kunst zur Frau bekommen. Nach der Hochzeit übergab die Schwieger- 
mutter ihm ein Hemd, das solange rein und unverändert in der Farbe und un- 
zerschlissen sein werde, solange die Gatten sich treu seien; das aber jene Eigen- 
schaft verliere, sobald eines von ihnen die Treue verletze. Der Baumeister ward 
wegen eines Schlossbaues zum König berufen und zog das Hemd an, das zu aller 
Verwunderung ganz rein blieb. Inzwischen versuchten drei Ritter die junge Frau 
zu verführen, die aber sie abwies und einen nach dem andern bei Wasser und 
Brot eingesperrt hielt, bis der Gatte zurückkehrte, dessen Hemd rein und ganz 
geblieben war. Beide blieben bis zu ihrem Ende in echter Liebe sich treu. 

Die Geschichte von dem Hemd scheint aus dem Orient zu stammen, vgl. die 
Nachweisung in Oesterleys Ausgabe der Gesta Romanorum, S. 723. 

Die dithmarsische Aufzeichnung, die oben mitgeteilt worden ist, lässt die alten 
Grundzüge der Geschichte noch gut erkennen. Der Märchenzug, dass mehrere 
Brüder ausziehen, ihr Glück zu suchen, ist in ihr besser bewahrt, als in der lauen- 
burgischen Fassung bei Müllenhoff. Die falsche Klage gegen die Frau ist in der 
dithmarsischen Erzählung bis zur Verurteilung derselben gesteigert. Die alte 
Mönchsverkleidung ist hier zum moderneren Pilgergewand geworden; in der lauen- 
burgischen Fassung vermummt sich die Frau in einen Einsiedler. Das senti- 
mentale Lied, übrigens in achtzeiliger Strophe, gehört wohl in jetziger Gestalt 
erst unserm Jahrhundert an; die Aufzeichnung bei MüUenhofC hat nur die erste 
Hälfte der sechsten Strophe bewahrt, und noch dazu mit Veränderung. Wichtig 
ist, dass beide norddeutsche Texte noch das Wunderhemd kennen. In der hessi- 
schen Variante Konrad von Tannenberg (J. W. Wolf, Hessische Sagen. Leipzig 
1853. No. 238) wird es nicht erwähnt. K. Weinhold. 



k 



2Q8 Weinhold: Kleine Mitteilungen. 



Erlöschen der Altarkerzen. 

"Weit verbreitet in Deutschland ist der Glaube, dass das Erlöschen einer Altar- 
kerze den Tod eines an der Kirche angestellten Geistlichen anzeige (Wuttke, Der 
deutsche Volksaberglaube der Gegenwart. 2. Aufl. § 301. Berlin 1869). In Schlesien 
wird an Kirchen, die mehrere Geistliche haben, jedem derselben seine Kerze von 
abergläubischen Leuten zugeteilt. Ein alter Beleg für den Glauben an dieses Vor- 
zeichen findet sich in dem Briefe Luthers an Wenzeslaus Link vom 23. Januar 1527 
(de Wette, Briefe Luthers 3, 156), worin er seinem Freunde das ihm von Nikolaus 
Ambsdorf geschriebene wunderbare Ereignis mitteilt, dass im Magdeburger Dom 
am Feste der Beschneidung Christi (1527) in der Mette plötzlich alle Kerzen, die 
auf allen Altären, auch in den Seitenkapellen brannten, sowie alle Lampen er- 
loschen seien, ausgenommen eine einzige vor dem Allerheiligsten. Unmöglich 
könne das der Windzug gethan haben. Manche deuteten es auf den Tod der 
Domherren, unter Erinnerung daran, dass vor dem Tode des Erzbischofs Ernst 
(f 3. August 1513) die grosse Kerze herabgefallen, erloschen und zerbrochen sei. 
Dens videbit, fügt L. hinzu. Signa multa flunt non irrita futura (es giebt viele 
Vorzeichen, die nicht täuschen). K. W. 



Matthias v. Lexer f. 

Am 16. April d. J. starb zu Nürnberg auf der Rückreise von Berlin nach 
München Matthias v. Lexer, ord. Professor der deutschen Philologie an der königl. 
Universität zu München, ord. Mitglied der königl. bayerischen Akademie der Wissen- 
schaften und des obersten Schulrates des Königreichs Bayern. 

Geboren am 18. Oktober 1830 zu Liesing im Lesachthal in Kärnten, nahe der 
Tiroler und der italienischen Grenze, hatte er in Klagenfurt seine Gymnasial- 
studien gemacht und dann auf den Universitäten Graz, Wien und Berlin haupt- 
sächlich der deutschen Sprach- und Litteraturwissenschaft sich gewidmet. Zwei 
Jahre war er Hilfslehrer am Gymnasium in Krakau gewesen. Nach einer Thätig- 
keit als Hofmeister in einer vornehmen ungarischen Familie ward er als Hilfs- 
arbeiter an den deutschen Städtechroniken nach Nürnberg berufen. 1863 ward er 
Professor der deutschen Philologie an der Freiburger Universität. 1868 erhielt er 
einen Ruf nach Würzburg und wirkte an der Julius -Maximilians -Universität bis 
zum August 1891. Da übernahm er seine einflussreiche Stellung in München. 

Die wissenschaftlichen Hauptarbeiten v. Lexers sind sein Mittelhochdeutsches 
Handwörterbuch (1869—1878. 3 Bde.) und der VH. Band des deutschen Wörter- 
buchs der Brüder Grimm (N— Q); von dem XI. Bande T. U. waren ihm nur drei 
Hefte zu vollenden vergönnt. Für die Volkskunde ist er von Bedeutung durch 
sein treffliches Kärntisches Wörterbuch mit einem Anhang: Weihnachts-Spiele und 
Lieder aus Kärnten (1862) und durch kleinere dialektliche und mythologische Bei- 
träge zu K. Frommanns Deutschen Mundarten und J. Wolfs und W. Mannhardts 
Zeitschrift für deutsche Mythologie und Sittenkunde. 

In der Beilage No. 99 zur Allgemeinen Zeitung vom 28. April 1892 und in dem 
2. Hefte des XXV. Bandes der Zeitschrift für deutsche Philologie habe ich den 
teuren Verstorbenen, der ein ebenso tüchtiger Gelehrter als vortrefflicher Mensch 
war, näher geschildert. ' K- "^. 



Büchcranzeigen. 209 



Büclieranzeigen. 



Wlislocki, Dr. Heinrich von, Volksglaube und religiöser Brauch der 
Zigeuner. Vorwiegend nach eigenen Ermittelungen. (Darstellungen 
aus dem Gebiete der nichtchristlichen Religionsgeschichte. IV. Band.) 
Münster i. W. 1891. S. XIV, 184. 

In einer Sammlung von „Darstellung-en aus dem Gebiete der nichtchristlichen 
Religionsgeschichte" einem Buche zu begegnen, das von der Heligion der Zigeuner 
handelt, wird manchen in Erstaunen setzen. Die besten Kenner der Zigeuner wie 
Zippel, Borrow, Paspati, Liebich u. a. sind einstimmig der Ansicht, dass von Re- 
ligion bei den Zigeunern kaum die Rede sein kann. Und was wir bisher darüber 
wussten, war in der That sehr wenig. Liebich (Die Zigeuner in ihrem Wesen 
und in ihrer Sprache. Leipzig 1863 p. 29 ff.) hat so ziemlich alles zusammen- 
gestellt, was man als Religion ansehen kann. Die eigentümlichen Gebräuche der 
deutschen und englisch-schottischen Zigeuner beim Tode eines Verwandten (Smart 
and Crofton, The Dialect of the English Gypsies 2. Edition London 1875 p. 202 f. 
Leland, The English Gipsies and their Language Lon(]on 1874 p. 48 ff. Walter 
Scott, Guy Mannering p. 4G1 der Tauchnitz-Edition), sowie ihre Verehrung und 
Scheu vor den Toten, der allgemein unter den Zigeunern verbreitete Glaube an 
Gespenster aller Art — dies und anderes Hesse sich verwerten, um den Ahnen- 
kultus als ursprüngliche Religion der Zigeuner zu erweisen. Die Totenverehrung 
hat in Indien von frühester Zeit an eine hervorragende Rolle im religiösen Leben 
gespielt (Caland, Über Totenverehrung bei einigen der indogermanischen Völker. 
Amsterdam 1888) und sie könnte bei den Zigeunern sehr wohl ein Erbe aus ihrer 
alten Heimat sein. Was Sun dt gelegentlich von dem Gotte Dundra-Alako erzählt, 
steht ganz vereinzelt da und ist keinesfalls ursprünglich, da Dundra das dänische 
dundre (donnern), Alako aber das finnische alakuu (abnehmender Mond) ist 
(Beretning om Eante-eller Landstrygerfolket i Norge. Christiania 1852 p. 20. 105 ff.). 
Der Mond wäre gewiss eine passende Gottheit für die Zigeuner; aber seine Ver- 
ehrung lässt sich glaubAvürdig nicht nachweisen und ebensowenig findet Lelands 
Angabe Bestätigung, dass die zigeunerischen Namen für Sonne und Mond ein Ge- 
heimnis seien (The Gypsies, London 1882 p. 344). Paspati versichert; „qu'il 
n'y a aucun vestige de religion, ou de foi, importee de leur propre pays. Tout 
a ete oublir Meme dans leurs chansons et contes, dont plusieurs datent des gcne- 
rations passees, il n'y a aucun vestige d'antique foi" (Les Etudes sur les Tschin- 
ghianes. Constantinople 1870 p. 27). 

Um so überraschender muss die Fülle der Mitteilungen wirken, die Wlislocki 
in dem vorliegenden Buche über Glauben und religiösen Brauch der Zigeuner, 
speziell der transsilvanischen, macht. Ein sehr grosser Teil des hier Veröffent- 
lichten ist schon aus andern Arbeiten AVlislocki's bekannt, namentlich aus seinem 
Buche: „Vom wandernden Zigeunervolkc". Hamburg 1890. Ich habe dieses Buch 
eingehend besprochen und schwere Bedenken gegen seinen Inhalt und die von 
Wlislocki angewendete Methode ausgedrückt (Göttingische Gelehi-te Anzeigen 1890 
p. 969 ff.). Dieselben Bedenken habe ich gegen das vorliegende Buch. Wlislocki 
ist der Ansicht, dass „in Siebenbürgen und Ungarn allein die Zigeuner vielleicht 



210 Pischel: 

die meisten Bruchstücke ihres alten Glaubens erhalten haben" (Vom wandernden 
Zigeunervolke p. 253), und so hat er auch in diesem Buche „in erster Reihe die 
Zigeuner der Donauländer in Betracht gezogen, weil hier noch uralter Glauben 
unverfälscht oder weniger von fremdem Einfluss durchsetzt zu finden ist" (p. XII). 
Niemand wird leugnen, dass viele Mitteilungen in dem Buche für Denken und 
Glauben der transsilvanischen Zigeuner des heutigen Tages von hohem Interesse 
sind, aber darin uralte Gebräuche sehen zu wollen, die die Zigeuner aus ihrer 
indischen Heimat mitgebracht haben, ja sie sogar auf Naturmythen zurückzuführen 
(p. 56), heisst die geschichtlichen Thatsachen verkennen. "Weitaus der grösste 
Teil der Gebräuche trägt deutlich den Stempel der Entlehnung. Die Zigeuner 
sind ein abergläubisches Volk, dass sich ungemein schnell in den Gedankenki-eis 
fremder Nationen einlebt, um so leichter, wenn es, wie in den Donauländern, 
ungehindert in beständigem Verkehr mit ihnen bleiben kann. So erklärt es 
sich ganz von selbst, dass gerade dort die Zigeuner sich so viele Lieder, Märchen 
und Erzählungen angeeignet haben, die nachweislich ungarisch, serbisch oder 
rumunisch sind. Und nicht anders steht es mit den Volksgebräucben und dem 
Glauben. Dass die Zigeuner selbst an die von ihnen verfertigten Amulette, Zauber- 
apparate u. dgl. glauben, wie Wlislocki versichert, ist ganz unwahrscheinlich. 
Man lese z. B. was er p. 65 (vgl. p. 146) von der „Haselschlange" sagt und ver- 
gleiche damit, was Sundt (1. c. p. 152 f.) von dem „busten" und dem „hvid- 
ormsryg" der norwegischen Zigeuner berichtet und man wird sich unschwer über- 
zeugen, dass es sich nur um einen Betrug der dummen gaje handelt. Wlislocki 
unterscheidet das nirgends und jeder Leser muss den Eindruck gewinnen, dass 
die Zigeuner selbst an den Schwindel glauben, den sie ausüben. Auch in diesem 
Buche sind die Übersetzungen oft sehr frei. Ich muss daher auch von ihm aus- 
sprechen, was ich von dem früheren bemerkt habe, dass es mit der grössten Vor- 
sicht benutzt werden muss. Für die Kenntnis echtzigeunerischer, alter Sitten und 
Anschauungen ist es von dem Laien nicht zu gebrauchen. 

Halle a. d. Saale. R. Pischel. 



Bayerns Mundarten. Beiträge zur deutschen Sprach- und Volkskunde, 
herausgegeben von Dr. Oskar Brenner und Dr. August Hart- 
mann. Band I. Heft 2. 3. München 1891/92. Christian Kaiser. 
S. 161-480. 8^ 

Der erste Band des in unserer Zeitschrift I, 345 begrüssten neuen Unter- 
nehmens ist hiermit abgeschlossen. Es zeigt sich nunmehr noch entschiedener 
als im 1. Hefte als nah verwandt den deutschen Mundarten des sei. Karl Frommann, 
indem der Inhalt fast ganz der Dialektkunde, hauptsächlich der bairischen und 
angrenzenden Landschaften , zu Gute kommt. Die grosseren Artikel sind Fort- 
setzungen von im 1. Heft begonnenen. Prof. Brenner hat eine Bücherschau und 
ein Register beigegeben, die beide nützlich sind. Wir wollen wünschen, dass es 
den Herausgebern gelingt, recht viel tüchtig geschulte Mitarbeiter zu gewinnen. 
Die Dialektforschung erfordert eine Menge Kenntnisse und auch Fertigkeiten, soll 
sie der Wissenschaft wirklichen Dienst leisten. K. W. 



Büchemnzeigen. 211 

Sagen Niederösterreichs. Gesammelt, erzählt mid erläutert von P. Willeb. 
Luchv. Leeb. 1. Band mit Einbegleitung von K. Landsteiner. Wien 
Heinr. Kirsch. 1892. S. XIV. 156. 8^ 

Für die Sammking der Volkssagen Niederösterreichs ist noch viel zu thun. 
In Erlvenntnis davon hat sich Herr P. Leeb die AusfiÜlung- dieser Lücke vor- 
gesetzt, und er ist jedenfalls dazu wohl geschickt, da er aus dem Volke stammt 
und unter dem Volke lebt. Der vorliegende 1. Band bringt 195 Nummern, die 
vom Herrn Verfasser und einigen Helfern mit geringen Ausnahmen unmittelbar 
aus der Quelle geschöpft sind. Die Sagen sind schlicht erzählt. „Um die ge- 
bildeten Kreise für den wundersamen Sagenhort unseres Volkes mehr zu interessieren, 
meinte ich Erklärungen und erläuternde Analogien anmerken zu sollen, und zwar 
auf Grund der sog. Kuhnschen Lehre;" so Herr P. Leeb. Gegen solche An- 
merkungen ist an sich nichts einzuwenden, sie können sogar sehr nützlich und 
anregend oder, wenn sie Sachliches enthalten, notwendig sein. Andererseits können 
sie aber auch, wenn sie irriges und schiefes ausführen, was bei mythologischen 
Dingen leicht geschieht, Schaden stiften, da die Scheidung von Wahrem und Falschem 
nicht jedes Lesers Sache ist. Weit nützlicher wäre die durchgehende Anführung 
der Varianten der Sagen in anderen Sammlungen, wozu freilich eine mythologische 
Bibliothek gehört, die sich nur selten findet. Übrigens hat Herr P. Leeb manchen 
Sagen solche Nachweisungen beigegeben. 

Eine hübsche Zugabe des Buches sind drei Landschaftsbilder in Holzstich 
nach photographischen Aufnahmen, die fremde Leser in die Heimat der Sagen 
versetzen und ein empfehlenswerterer Schmuck sind, als massige Darstellungen 
dieser oder jener Sagenscene. Möge das '2. Bändchen bald nachfolgen! 

K. Weinhold. 

Kärntner Alpeufalirten. Landschaft und Leute. Sitten und Bräuche in 
Kärnten. Geschildert von Fr. Franziszi. Mit einem Geleitbrief von 
A. Frhr. v. Öchweiger-Lerchenfeld. Wien. F. Rörich. 1892. S. 136. 8^ 

Der Verfasser dieses Büchleins, Herr Dechant Franziszi in Grafendorf im 
Gailthal in Kärnten, hat sich bereits 1879 durch seine Kulturstudien über Volks- 
leben, Sitten und Bräuche in Kärnten (Wien, Braumüllcr) als guter Beobachter 
des Volkslebens seiner Heimat bekannt gemacht. In seinem neuesten, von dem 
Grillparzerverein in Wien herausgegebenen Werkchen giebt er allerdings mehr 
Schilderungen von Bergwanderungen, die er in den kärntischen Alpen machte; 
allein es fällt dabei auch für Kunde der Sitten und Bräuche der deutschen und 
windischen Bewohner des schönen Landes gar manches Schätzbare ab. So wird 
auf den S. 55—66 das dramatisch belebte Gespräch zwischen dem Brauttruhen- 
führer (Välesfüerer) und den Wächtern der Klause, die vor dem Wohnort des 
Bräutigams errichtet ist, aus einer Heiligenbluter Handschrift mitgeteilt. Das 
Bildnis des Herrn Verfassers und eine Ansicht des Grossglocknergipfels schmücken 
das saubere Büchlein. K. Weinhold. 

Bulletin de Folklore. Organe de la Societe du Folklore Wallon. Di- 
recteur pour 1891 Eugene Monseur. I. 2. Bruxolles, J. Lebegue 
et Cie. 1891. S. 83—180. 8". 

Von dem Questionnaire und von dem ersten Heft der neugegründeten Gesell- 
schaft für wallonische Volkskunde in Brüssel haben wir schon in uiaserm 1. Bande 



212 Weinhold: 

S. 454 Nachricht gegeben und den vielversprechenden Anfang der Arbeiten dieses 
Vereins gebührend begrüsst. Die zweite Hälfte des Bulletin liegt nun vor und 
bestätigt unsere gute Meinung. Das Heft enthält: das Kinderspiel Porte d'enfer 
et porte paradis (unser Brückenspiel, vgl. Zeitschr. für deutsche Mythologie IV, 
301 — 320) von M. Wilmotte. — Neue Varianten zu dem Märchen vom singenden 
Knochen (Grimm, Kinder- u. Hausmärchen Nr. 78) von F. Simon u. E Monseur. 
Eine wallonische Variante des Machandelbom, von Delaite; ein Rezept aus dem 
13. Jahrhund, aus einer Darmstädter Handschrift von "Wilmotte mitgeteilt; Wallo- 
nische Volksbotanik von J, Feller; Bücherbesprechungen und Gesellschafts- 
berichte. K. W. 



Ch. Thuriet. Traditions populaires du Doubs. Paris, E. Lechevalier, 
Librairie historique des provinces. I. Yol. in 16. S. XXXV. 535. 

256 recits recueillis dans les quatre arrondissements du dcpartement du Doubs, 
Besancon, Baume-les-Dames, Montbeliard, Pontarlier. Traditions merveilleuses et 
legendes religieuses, contes histoires tr^iques et bourlesques relatives aux villes 
et villages, aux chäteaux et forteresses, aux monasteres, eglises et chapelles, aux 
forets, rivicres, sources, torrents, ponts, rochers, cavernes et precipic(^s de la contree. 
Un personnel fantastique varie figure dans ces recits: gcants, fees, dames blanches, 
dames vertes, follets, demons, diables, sorciers et sorcieres, chasseurs infernaux, 
revenants, saints et saintes, ermites, meines et nonnes, Chevaliers, dames, damoi- 
selles et bergeres, bücherons, laboureurs et bourgeois. animaux fabuleux, dragons, 
betes parlantes, arbres enchantes, fleurs animces etc. etc. Parmi les legendes, 
Celles de la Vierge sont particulierement interessantes pour la Volkskunde des 
pays catholiques. 

Berlin. M. Marelle. 

Das Passionsspiel des Böhnierwaldes. Von J. J. Am mann. Aus dein 
30. Jahrgange der Mitteilungen des Vereins für die Geschichte 
der Deutschen in Böhmen. Prag, Hofbuchdruckerei A. Haase. 1892. 

S. 118. S\ 

Herr Gymnasialprofessor Ammann zu Krummau in Böhmen, unser geschätzter 
Mitarbeiter, veröffentlichte in der zu besprechenden Schrift das im Markte Höritz 
durch den Leinweber Paul Gröllhesl 1816 verfasste Passionsspiel, das im wesent- 
lichen nach Stoff und Text aus dem Volksbuche „Das grosse Leben Christi — — 
von P. Martin von Cochem" genommen ist. Aus der Erinnerung an die Höritzer 
Aufführungen „des Passion" und mit Benutzung des Cochem stellte der Vorbeter 
Anton Pangerl in Tweras (f 1869), ein in seiner Gegend beliebter Volkspoet, 
auch ein Spiel zusammen, das im Bunde mit dem Höritzer Drama das Passions- 
spiel des Böhmerwaldes ergiebt. Als Vorspiel ist dem Höritzer Passion ein Para- 
deisspiel vorangestellt, das auf Bekanntschaft mit den verwandten Spielen des 
gleichen Inhalts schliessen lässt, sowie sich auch im eigentlichen Passion von 
Cochem unabhängige Berührungen mit anderen Volksschauspielen vom Leiden 
Christi finden. Darüber sowie über alles Einschlägige, auch über die sprachliche 
Form, hat Herr Amman wohl überlegt gehandelt. In den Anmerkungen führt er 
das Verhältnis des Höritzer Passion zu Cochems Leben Jesu und zu dem Twe- 
raser Spiel sorgfältig aus. K. W. 



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Bücherauz(?igen. 213 

Deutsche Puppenspiele, gesammelt und mit erläuternden Abhandlungen 
und Anmerkungen herausgegeben von Artur Kollmann. Erstes 
Heft. Leipzig, F. W. Grunow. 1891. S. 109. 8°. 

Herr K. legt mit diesem ersten Heft den Anfang einer umfangreichen Samm- 
lung von Puppenspielen vor. Er hat viel mit Puppenspielern verkehrt und be- 
richtet darüber in breitem Plauderton, wobei einzelnes für die Geschichte der 
Texte abfällt. Leider geht dem Herausgeber die Schulung für seine Aufgabe ab, 
imd so wird sein sonst dankenswertes Unternehmen dilettantisch bleiben, gleich 
diesem ersten Heft, das ausser einem allgemeinen Vorworte das Spiel: Judith 
und Holofernes nach der Niederschrift eines Puppenspielers P. K. von 1849, und 
eine Plauderei zum Puppenspiel von Dr, Paust enthcält. K. W. 



Karl von Amira, Tierstrafen und Tierprozesse. Aus: Mitteilungen des Li- 
stituts für österreichische Geschichtsforschung. XII. Band, 4. Heft. Inns- 
bruck 1891. S. 57. 8». 

Zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten begegnet die eigen- 
tümliche Erscheinung, dass Tiere anscheinend prozessualischer Verfolgung und 
öffentlicher Bestrafung wegen Missethaten unterw^orfen werden. Sie wird, nachdem 
sie schon vielfach und unter sehr ungleichartigen Gesichtspimkten erörtert worden, 
in der vorliegenden Schrift von einem unserer ersten Rechtshistoriker einer syste- 
matischen und eindringenden Untersuchung unterzogen, durch welche unsere Er- 
kenntnis in allen Beziehungen wichtige Förderung erfährt. 

Der Verfasser hat dem Gegenstande ein langjähriges Studium gewidmet luid 
so ein Material zusammenbringen können, wie es in dieser Vollständigkeit bisher 
nicht annähernd vereinigt worden ist. Von den germanischen Quellen des Mittel- 
alters ausgehend (S. 5 ff.) betrachtet er nach einander die emschlägigen Verhält- 
nisse auch bei Slaven (S. 28 ff.), orientalischen Völkern (S. 30 ff.), Gräko-Italikern 
(S. 32 ff.) und Afrikanern der Gegenwart (S. 35). Auf dem Wege sorgfältigster 
Analyse der einzelnen in Betracht kommenden Erscheinungen gelangt er namentlich 
zu der auch in dem Titel der Schrift zum Ausdruck gebrachten Trennung der 
Tierstrafen und der Tierprozesse. Was trotz mancher Ähnlichkeit und gegen- 
seitigen Annäherung beide scheidet, wird scharf hervorgehoben (S. 6 ff. u. 16 ff.). 
Die Tierstrafen der germanischen Welt anlangend erklärt sich der Verfasser 
(S. 37 ff.) gegen die in neuerer Zeit herrschend gew^ordene Auffassung, dass ihnen 
eine Personifikation der Tiere zu Grunde liege. Unleugbar hat er hier mit 
manchem Scheinargument aufgeräumt. Gleichwohl dürfte nicht jeder Widerspruch 
ausbleiben. So scharfsinnig z. B. seine Auslegung (S. 41) des altnorwegischen 
Sprichworts „Bär und Wolf sollen überall friedlos sein" unzweifelhaft ist, so muss 
doch dahin gestellt bleiben, ob dasselbe nicht jedenfalls ursprünglich die all- 
gemeine Bedeutung hatte, die ihm auch v. Amira selbst (altnorweg. Vollstreckungs- 
verfahren S. 3) früher zugeschrieben hat. Auch dass der friedlose Mensch als 
Wolf bezeichnet wurde, deutet darauf hin, dass der Wolf als friedlos galt. Neben 
dem von dem Verfasser (S. 47 ff.) wahrscheinlich gemachten Einfluss der alt- 
testamentarischen Lehre auf die Entwickelung der Tierstrafen dürften daher die 
übrigens von Amira wohl beachteten (S.' 49 ff.), die „Rezeption" „vorbereitenden 
Rechtssätze" sehr wesentlich in Betracht kommen. 

Endgiltig durch des Verfassers Untersuchung gelöst zu sein scheint uns die 
Frage der Tierprozesse. „Der Tierprozess ist Gespensterprozess" (S. 55) lautet 

Zeitschrift d. Vereins f. Volkskunde. 1892. jr, 



214 Brückner: 

das Ergebnis seiner Betrachtungen. Es handelt sich bei ihm um ein „zauberisches 
Bannen von Menschen- oder Dämonenseelen", die als das Tier bewohnend ge- 
dacht werden. Dem Berichte der Eyrbyggja von dem Thürengerichte gegen die 
Wiedergänger wird die ihm für diese Frage gebührende, wichtige Beweisrolle zu- 
gewiesen (S. 5.5 f.). 

Der Leser, welcher der germanischen Rechts- und Volkskimde sein Interesse 
zuwendet, wird v. Amiras Schrift mit dem Gefühle reich empfangener Belehrung 
und Anregung aus der Hand legen. 

Kiel. Max Pappenheim. 

L. Eoteliiiaiin, Cxesundheitspflege im Mittelalter. Kulturgeschichtliche 
Studien nach Predigten des 13., 14. und 15. Jahrhunderts. Hamburg 
und Leipzig, Leopold Voss. 1890. S. YEL 276. 8". 
Der Verfasser, Augenarzt in Hamburg, hat in seinen Mussestunden die 
deutschen Prediger von Berthold von Regensburg bis Geiler von Kaisersberg, so 
weit sie ihm zur Hand waren, durchgelesen und seine Lesefrüchte in diesem 
Buche nach sechs Kapiteln zusammengestellt: 1) Ernährung mit einem Auhang 
von der Wohnung: 2) Kleidung, Haut- und Haarpflege; 3) Prostitution und Un- 
sittlichkeit; 4) Körperliche Übungen; 5) Ärztliche Hilfe; 6) Krankenpflege und 
Totenbestattung. Die Beschränkung auf einen kleinen Kreis von Quellen gewährt 
den Vorteil, dieselben möglichst auszuschöpfen, und dies ist von Dr. K. fleissig 
geschehen. Andererseits hat diese Beschränkung sehr grosse Nachteile, da Ein- 
seitigkeit und Unvollständigkeit notwendige Folgen sind, denen nur durch Ver- 
weise auf Behandlung der vorgetragenen Stoffe in anderen umfassenderen Werken 
einigermassen abgeholfen werden kann. Das hat aber Herr Dr. K. zu seinem 
Schaden nicht gethan, abgesehen von verstreuten Hinweisungen auf einige Ab- 
handlungen von W. Wackernagel. Über die Prediger wird nur selten, am meisten 
im 5. Kap., hinüber ins Weltliche gegriffen. 

Die Stellen aus den Predigten werdeji wörtlich ausgehoben und dem Texte 
eingefügt; altdeutsche Worte sind dabei, wo es dem Verfasser nötig schien, in 
Klammern übersetzt. In der Regel geschah das richtig; doch hat diese Regel Aus- 
nahmen. S. 126 z. B. wird daz bewillet sich übertragen zeigt sich willig 
statt besudelt sich, S. 182 ebd. toeber übersetzt Tobende statt Bläser, 
Trompeter. Unter dem drizigesten, dem sibenden S. 128 sind die kirchlichen 
Offizien nach einem Todesfalle gemeint. 

In dem Schluss des Buches (S. 264 ff.) äussert sich der Verfasser sehr 
günstig über die geistige Bildung imd die sittliche Tüchtigkeit der Prediger, welche 
er als Quellen benutzte. Mit vollem Rechte. Sie gehörten zu den ausgezeich- 
netesten deutschen Männern ihrer Zeit. K. Weinhold. 



I 



Aus den 

Sitziin^s-ProtokoUen des Vereins für Volkskimde. 



Berlin, Freitag, den 25. März. Hr. Privatdozent Dr. G. Huth erstattete 
einen vorläufigen Bericht über mongolische Volkslieder, zählte die wenigen 
Quellen auf, gab Textproben und hob einiges Charakteristische hervor, namentlich 



ProtoküUe. 215 

das Vordringen buddhistisch -asketischer Elemente, andererseits den indi-\aduellen 
Zug. der sich in dem steten Nennen bestimmter Vögel, Bäume, Quellen u. dergl. 
offenbart. 

Hr. G. AVeissstein handehe über Volksetymologie, im besonderen der 
Berliner, illustrierte dieselbe an Beispielen aus der Praxis des Gerichtes, der Apo- 
theke, aus Strassen-, Vögel- und Pflanzennaraen. An der lebhaften Debatte be- 
teiligten sich die Herren Kronenholm, Lazarus. Minden, Schwartz und 
Waiden, Einzelheiten über den Krousohn, die Wonnegans u. dergl. beibringend. 

Hr. Geheimrat Prof. Weinhold teilte Bemerkungen von K. Maurer über 
Häusernamen im Norden (zum Vortrag von H. Mielke, s. o. S. 97) mit. Prof. 
Brückner machte Angaben über moderne Traumdeutung bei Polen und Küssen. 
Hr. Dr. Hampe besprach die Fassung der Eingparabel in einem Meisterspruche 
aus dem XVI. Jahrhundert. 

Freitag-, den 22. April. Hr. Privatdozent Dr. P. Kretschmcr handelte über 
den Berliner Volksdialekt und seine niederdeutschen Elemente. Nach 
einer Übersicht der spärlichen älteren Quellen sowie der Siedelungsverhältiüsse in 
den Marken erörterte er die niederdeutschen Spuren des Vokalismus und Kon- 
sonantismus des Berliner Dialekts, verwandte Erscheinungen namentlich in den 
Marken hervorhebend. Seine Angaben wurden in einer regen Debatte durch die 
Hrn. Dir. Schwartz, AValden, Seelmann, Minden, Bartels und Mielke 
teilweise erweitert. 

Hr. Gymnasiallehrer Dr. U. Jahn legte Neuerwerbungen des Volkstrachten- 
museums vor imd ging sodann zu seinem Vortrage über Hexenwesen und 
Zauberei im heutigen Volksleben über, wie letztere erworben und fort- 
gepflanzt wird, über Zauberbücher, über die Momente, welche das Volk in seinem 
Glauben bestärken, z. B. die direkte Bekämpfung von der Kanzel aus, wodurch 
der Sache zu viel Gewicht beigelegt wird: alle seine Angaben entstammten eigenem 
Verkehr mit Zauberern und dem zaubergläubigen Volke. Die Debatte, in welche 
die Herren Meitzen, Pappenheim, Schwartz und Waiden eingriffen, bezog 
sich zumal auf die Praxis der mittelalterlichen Ordalien. 

Freitag, den 27. Mai. Hr. Professor A. Brückner sprach über Heide n- 
dichtung auf Grund russischer Bylinen: im Gegensatze zur mythologischen 
und historischen Erklärung der Heldenlieder betonte er das märchen- und novellen- 
hafte Element, welches den dürftigsten historischen Kern völlig überwuchere, und 
nannte eine Reihe der am meisten in den Liedern behandelten Stoffe. Er schloss 
mit einer Übersicht der Überlieferung der russischen Lieder, mit Angaben über 
ihre Heimat und ihre Technik. 

Hr. Sanitätsrat Dr. M. Bartels handelte über Geburtsabnormitäten und 
Missgeburten im Volksglauben, wie sie die Phantasie der Völker beein- 
flussen; er verweilte bei den am häufigsten vorkommenden Fällen, Geburt in der 
sogenannten Glückshaube, Fussgeburt, Missgeburten, Zwillingsgeburten, Geburten 
von blödsinnigen Kindern und von Albinos; er hob hervor, wie bei den einzelnen 
Völkern derselbe Fall verschieden aufgefasst wird. — Debatten und Mitteilungen 
wurden von der Tagesordnung abgesetzt. A. Brückner. 



15* 



216 



Laue : 



Litteratiir des Jahres 1891. 

Von Dr. Max Laue. 

(Fortsetzung.) 



Das deutsche Volk.') 

A. Allgemeines. 
I. Verbreitung und versprengtes Deutschtum. 



Nabert, Karte der Verhreitung der Deutschen 
in Europa. Nach . . . amtlichen Quellen . . . 
Massstab 1 : 925 000. Glogau, Flemming 
(1891). In 8 Sektionen ä M. 3,00. 

— , Uie Bevölkerung von Deutschland. (Globus 
59, 255.) 

Kobbelt, Die Deutschen in Rumänien. (Tägl. 
Euudschau ^ 721.) 

Spuren erloschenen Deutschtums im nordöst- 
lichen Siebenbürgen (Centralblatt d. Vereins 
f. siebenb. Volkskunde 14, 96, 105). 

Nenniann, Die deutschen Gemeinden in Pie- 
mont. Freiburg i. B., Mohr. 40 S. M. 0,80. 

Kaibier, Gegenwärtiger Zustand der deutschen 
Gemeinden am Südfusse des Monte Rosa. 
(Globus 59, 38.) 

Giordani, La colonia tedcsca di Alagna-Val- 
sesia e il suo dialetto. Opera postuma . . . 



Publicata per cura e spese della Sezione 
Valsesiana del Club Alpino Italiano col con- 
corso di amici. Torino, Candeletti. (VIT, 
201 S., 1 Bl.) M. 4,00. 

Zemmrich, Das deutsche Element in der 
Bevölkerung der französischen Schweiz. 
(Deutsche Rundschau f. Geogr. u. Stat. 13, 
337.) 

Vanaque, Die Schweizerbevölkeruug in Frank- 
reich. (Bull. Soc. Neuchateloise de Geogr. 
VI.) 

Knnz, Chile und die deutschen Kolonieen. 
Leipzig, Klinkhardt [1891] (IX 306 S., 1 Bl., 
S. 307-633, 5 Taf., 2 Kart., 1 Tab.) 

Fortschritte des Deutschtums in Nord- 
schleswig. (Globus 59, 288.) 

(iehre, Die neue deutsche Kolonisation in 
Posen \mä Westpreussen (ebenda 273)^). 



II. Verteilung nach einzelnen Gegenden. 



Küster, Die deutschen Bundsandsteingebiete, 
ihre Oberflächengestaltung und anthi-opo- 
geographischen Verhältnisse. (Forschungen 
zur deutschen Ijandes- und Volkskunde V.*) 
Stuttgart, Engelmaun (S. 167—267). 

Klinger, Verteilung und Zunahme der Be- 
völkerung im Thüringer "Wald nach Höhen- 
stufen. (Mitteil. d. Geogr. Ges. Jena IX.) 

Meitzen, Land und Leute der Saalegegenden 
(Zeitschi-, d. Ver. f. Volkskunde 1. 2). 

Leinhose, Bevölkerung und Siedelungen im 



Schwarzagebiete. (Mitteil. d. geogr. Ges. 

Jena IX.) 
Burgkhardt, Die Bevölkerungsdichtigkeit des 

Elsass. Mit Karte. Leipzig-Reudnitz. Real- 

schul-Programm. 
Commenda, Materialien zur landeskundlichen 

Bibliographie Oberösterreichs. Linz, Verl. 

d. Museum Franzisco - Carolinum. 790 S. 

M. 8,00. 
Topographie von Niederösterreich. (Schil- 
derung von Land, Bewohnern und Orten.) 



1) Viel Material, besonders nach sprachlichen Gesichtspunkten für die europäischen 
Völker bietet die vierteljährlich erscheinende ,Bibliotheca philologica oder . . . Bibliographie 
der auf dem Gebiete der klassischen Philologie und Altertumswissenschaft, sowie der Neu- 
philologie . . . neu erschienenen Schriften und Zeitschriften- Aufsätze. Hrsg. v. Dr. August 
Blau, Göttingen, Vandenhoeck & Ruprechts Verlag'. Dieselbe ist auch bei dieser Zusammen- 
stellung benutzt worden. 

2) Vgl. auch unter B. II, 3, c. 



Litteratur des Jahres 1891. 



217 



Herausg. vom Verein für Landeskunde von 
Niederösterreich. 3. Bd. Wien, Verl. d. Ver. 
f. Landesk. v. Niederösterr. 
Stnbei, Thal und Gebirg-, Land tind Leute. 



Mit 306 Abb. u. 3 Kart. Leipzig, Duncker 
& Huniblot. XX, 742 S., 1 Titelport., 18 Taf. 
3 Kart. 4». 



m. Die deiitsclien (und die andern germiiuisclien) Volksstämme. 



Wilser, Die Ostgermanen. (Ausland No. 43.) 
Stolzenber^:-Lut(mersen, Die Spuren der 

Longobarden vom Nordmeer bis zm- Donau. 

Hannover, Hahn. 
Saleilles, De l'etablissement des Bürgendes 

sur les domaines des Gallo- Romains; (Rev. 

bom-guignonne de l'enseigneinent superieur, 

tome 1, no. 1 [suite et fin au no. 2]. 
Heierli, Alamannische Grabfunde aus der 

Gegend von Kaiseraugst. (Anz. f. Schweiz. 

Altertumsk. Nr. 2. 3.) 
— , Ein alamannischer Gräberfund aus Mö- 

rüigen (ebenda). 
Erdmaiin; Über die Heimat und den Namen 

der Angeln. Upsala, Lundström. 119 S. 

gr. 8^'. M. 3,nO 
V. Witte, Deutsche und Keltoromanen in 

Lothringen nach der Völkerwanderung. Die 

Entstehung des deutschen Sprachgebiets. 

Strassburg, Heitz. (97 S., 1 Kart.) = Beiträge 

zur Landes- imd Volkskunde von Elsass- 

Lothringen. 15. Heft. 
Winkler, Friesland, Friesen und friesische 

Sprache in den Niederlanden. (Globus Bd. 60. 

Nr. 2—6.) Mit einer Karte. 
Bennike, Nord-Friserne og deres Land. 

Skildringer fra Vesterhaus. 68 S. u. 6 lith. 

Billedcr. Aarhus 1890. 
Sundermann, Ostfriesisches Volkstum. (Am 

Urquell II, 5—10.) 



Diercks, Helgoland. Hamburg, Verlagsanstalt. 
33 S. M. 0,60. (- Sammlung geraeinverständl. 
wissensch. Vorträge. H. 121.) 

Odricli, Die Insel Sylt mit besonderer Berück- 
sichtigung des Nordsee- und Stahlbades 
Westerland. Mit Abbildungen und einem 
Plan der Insel. Friedenau bei Berlin, Eigen- 
tum und Verl. v. Otto Odrich [1891J (48 S., 
1 Kart.) 8". [behandelt „Sitten und Ge- 
bräuche der Bewohner Sylts S. 19—22]. 

Hansen, Das Nordseebad Westerland auf Sylt 
und dessen Bewohner. Durchges. und um 
eine Biographie Hansens vermehrt von Chi*. 
Jensen. Garding, Lühr & Dircks. IV. 234 S., 
1 BL, 1 Kart. 

Riese, Die Sueben. Ein Schlusswort. (West- 
deutsche Zeitschi-, f. Gesch. u. Kunst 10, 3.) 

Kosiinia, Nochmals die Sweben. Eine Ant- 
wort (ebenda X, 1 S. 104—111). 

Wieseubacli, Die blinden Hessen. Eine sprach- 
lich-historisch-herakUsche Studie. Hamburg, 
Verlagsaust. 32 S. M. 1,00. 

V. Pflster, Vom Ursprünge der Franken unter 
Bezugnahme auf Trittenheims Chi'onik, so- 
wie auf ÄthikusHistorius. Darmstadt, Aigner. 
43 S. . 

Y. Reinliardstoettner, Laud und Leute im 
bayerischen Walde. Zeichnungen von Otto 
E. Lau. Bamberg, Büchner. (Bayerische 
Bibliothek Bd. 17) 3 BL 102 S. 



» 



B. Einzelheiten. 
I. Äusseres Leben. 

1. Äussere Erscheinung. 

Meisner, Die Körpergrösse der Wehrpflichti- I Vorarlberger. Mit 2 Tab. u. 1 Kart. (Mitteil, 

gen in Mecklenburg. (Archiv f. Anthro- 1 d. anthr. Ges. Wien. XXI, S. 69.) 

pologie, 19 Bd., 4.Vjsh. 1890.) Mit Karte. ] Seggels Brustmessungen bei bayrischen Sol- 

Toldt, Die Körpergrösse der Tiroler und I datcn. (Globus 59, 112.) 



2. Nahrung-. 



Staacke, Wie man in alten Zeiten in unserm 
Vaterlande ass und trank. (Die Heimat 
1, 87.) 

Aufruf: Das Yolkstüniliche Backwerk der 
Deiitsclien. (Korrespondenzblatt des Gesamt- 



vereins der deutschen Geschichts- und 
Altertumsvereiue 39, Nr. 2, S. 17—19). 

Westfalens Schinken und Pumpernickel. 
(Globus 59, 208.) 

Der Verbranch geistiger (weträuke in 



k 



218 



Laue: 



Württemberg und seine wirtschaftliche Be- 
deutung. (Württemberg. Jahrbücher f. Stat. 
u. Landesk. 1889. Stuttgart 1891, S. 43 
bis 81.) 
Buschan, Zur Geschichte des Hopfens, seine 
Einführung und Verbreitung in Deutsch- 

3. Kleidung, Schmuck 

Stüclielberg,Mittelalterlicher Kleiderschmuck 
(Anzeiger f. Schweiz. Altert. 24, 486.) 

Jacobs, Bürgerliches Ehrenkleid 1648. (Ztschr. i 
d. Harz. Vereins 24 \ 297 f.) [für die letzte 
Ehre, Entschädigung dafür.] | 

U. Jahn und AI. M. €ohn, Jamund bei Köslin. [ 
(Zeitschr. d. Ver. f. Volksk. 1, 77.) j 

Körner, Alemannischer Silberschmuck (]\Iitteil. 
d. K. K. Central-Kommiss. 17, 55). 

V. Essenwein, Nürnberger Schrank aus der 
zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts (Mitteil. : 
d. germ. Nationalmuseums. 1891. Bog. 10 
[Beil. z. Anzeiger]). i 

4. Wohnung, Dorf und 

Die Erforschung der deutschen Wolin- 
hanstypen und die Teilnahme der Amateur- 
photographen an der Gewiimung von Beob- 
achtungsmaterial. (Deutsche Rundschau f. 
Geogr. u. Stat. 13, 390.) 

Hofifmaun, Wohnung, Ti-acht und Lebens- 
weise im Mittelalter. [Referat nach einem 
Vortrage.] (Mitteil. d. Ver. f. Chemnitz. 
Gesch. 7. Jahrb. für 1889—90. Chemnitz. 
0. May, 1891.) 

Göpfert, Unser Haus und Heim im Lichte 
der Sprache und Kulturgeschichte. (Zeitschr. 
f. d. deutsch, ünterr. 5, 386.) 

Itancalari, Forschungen über das deutsche 
Wohnliaus. (Ausland 64, Nr. 31—34.) 

Peez, Das Bauernhaus in Österreich-Ungarn. 
Mit 1 Text -111. (Mitteil. d. Anthr. Ges. 
Wien. XXI, 57.) 

Fressl, Über Haus und Hof des baiwarischen 
Landmanns. (Beitr. z. Anthr. u. Urgesch. 
Bayerns 9, 33.) 

Brandi, Das osnabrückische Bauern- und 
Bürgerhaus. (Mitteil. bist. Ver. Osnabrück 
16, 265.) 

(ifoetz, Das nordische Wohnhaus während des 
16. Jahrhunderts, sonderlich im Hinblick auf 
das Schweizerhaus. (Virchow -Wattenbach: 
Samml. gem. "Vorträge H. 131.) 

Westpreussische Häuser. (Zeitschi-, f. Ethnogr. 
XXIII 3, S. (187).) 



land, speziell Schlesien. (Ausland 64, 

Nr. 31.^ 
Schumann - Löcknitz , Zur Geschichte des 

Hopfenbaues in Deutschland (ebenda Nr. 36). 
Lorenzeu, Geschichte des Branntweins in 

Schleswig-Holstein. (Die Heimat 1, 233.) 

, Geräte und Waffen. 

Die Zinnkannen der Leipaer Bäckerzunft. 
(Mitteil. d. nordböhm. Exkursionski. 14, 
249—250.) 

Die drei „Willekommeu" auf dem Rathausc 
zu Duderstadt. (Korrespondenzbl. d. Ges. 
Ver. 39, 111.) 

Schröder, Zur Waffen- und Schiffskunde des 
deutschen Mittelalters bis um das Jahr 
1200. Eine kulturgesch. Untersuchung auf 
Grund der ältesten deutschen volkstümlichen 
und geistlichen Dichtimgen. Kiel, lipsius 
& Fischer. 1890. gr. 8". 44 S. M. 1,60. 



Stadt, alte Bauwerke. 

Hansen, Die Besiedelung der .Marsch zwisclien 

Elb- und Eidermündung. (Petermannsche 

Mitteil. 1891, 105.) 
Schlatterer, Die Ansiedlungen am Bodensee 

in ihren natürlichen Voraussetzungen. Eine 

authropogeogr Untersuchung. Mit 1 Karte. 

Stuttgart, Engelhoni. (= Forschungen z. 

Landes- und Volkskunde 5. 7, S. 377—445.) 
John, Dorf und Bauernhof in Deutschland 

sonst und jetzt. (Deutsche Zeitschr. für 

Kulturgesch. N.F. 1, 436-468.) 
Bräss, Ein sächsisches Dorf in Siebenbürgen. 

fLeipz. Zeitung B Nr. 117-119.) 
V. Fischer-Benzon, Unsere Bauerngärten. (Die 

Heimat 1, 166.) 



Kaufmann, Zur Entstehung des Städtewesens. 
Progr. Münster. 32 S. 

Kuntze, Die deutschen Städtegründungen oder 
Römerstädte und deutsche Städte im Mittel- 
alter. Leipzig, Breitkopf & Härtel. M. 1,.50. 

Zui- Bevöllieruugsgeschichte der Städte. 
(Korrespondenzbl. d. Ges. Ver. d. Gesch. u. 
Altertumsvereine 39, 69—71.) 

Hoeniger, Die Volkszahl deutscher Städte 
im Mittelalter. (Jahrbuch f. Gesetzgebung, 
Verw. und Volkswirtsch. im deutschen 
Reich 15.) 

Kallseu, Die deutschen Städte im Mittelalter. 
L Gründung und Entwickehmg der Städte. 
Halle, Waisenhaus. X, 710 S. M. 7,50. 



Litteratiir des Jahres 1891. 



219 



Knntze, Les villes allemandes du inoyen äge. 
(Rev. critique, 25eme annee, Nr. 41.) 

SchTvartz, Anfänge des Städtewesens in den 
Elbe- und Saale- Gegenden. Bonn, Haupt- 
mann Ing.-Diss. [nur Titel und Thesen. 
2 Bl] 

Strnye, Die Entstehung der Städte in der 
Mark Brandenburg. (Programm d. Progymn. 
z. Steglitz 1890.) 4». S. 55-65. 

Schweljel, Aus Altberlin. Stille Ecken und 
Winkel der Reichshauptstadt in kultur- 
liistorischen Schilderungen. Älit 308 111. nach 
alten Originalen. Berlin, Lüstenö der. 4''.Vin, 
487 S. M. 15,00. 

Meyer, Eine deutsche Stadt im Zeitalter 
des Humanismus und der Renaissance. 
(Samml. gemeinverst. wisseusch. Vorträge, 
Heft 122.) Hamburg, Verlagsanst. 36 S. 
M. 0,80. 

Lange, Eine Steierische Stadt im 17. Jalu*- 
hundert. Graz, Moser. 140 S. M. 1,60. 

Korth, Köln im Mittelalter. (Annal. d. bist. 
Ver. Niederrhein 50, 1.) (1890). 

Jacob, Ein arabischer Berichterstatter aus 
dem 10. Jahrhundert über Fulda, Schles- 
wig, Soest, Paderborn und andere deutsche 
Städte. Zum ersteumale aus dem Arabischen 
übertragen, kommentiert und mit einer Ein- 



leitung versehen. Zweite, um zwei Anhänge 
vermehrte Ausgabe. Berlin, Mayer & Müller. 
34 S. 
Hegel, Städte und Gilden der germanischen 
Völker im Mittelalter. 2 Bde. Leipzig, 
Uuncker & Humblot. XVIII, 457 ; XII, 516 S. 
gr. 8". M. 20.00. 



Hellwig, Auf den Spui-en des alten Sachseu- 

walles. (Die Heimat 1, 177.) 
Vug, Schlesische Heidenschanzen, ihre Er- 

Ijauer und die Handelsstrassen der Alten; 

ein Beitrag zur deutschen Vorgeschichte. 

2Bde. Berlin, Calvary. XXX, 504 S., 118 Abb., 

2 Kart. M. 10,00. 
Treichel, AVestpreussische Schlossberge und 

Burgwälle. (Zeitschr. f. Ethnogr. XXIII, 

178.) 
>^erong. Die Gruudhofer Kirchhofsmauer. (Die 

Heimat 1, 127.) 
Ruinen in Sachsen. (Leipz. Ztg. " Nr. 135.) 
Veckenstedt, Rillen und andere Marken an 

den Kirchen und Teuf elsst einen , besonders 

in der Pro\inz Sachsen. (Archiv f. Landes 

u Volksk. d. Prov. Sachsen 1.) 
Dittrich, Inneres Aussehen der Kirchen des 

ausgehenden Mittelalters. (Zeitschr.f. christl. 

Kunst 3, 235—50.) 



5. Wirtschaft. Leben einzelner Stände. 



fTothein, "Wirtschaftsgeschichte des Schwarz- 
waldes und der angrenzenden Landschaften. 
Hrsg. von der badischen historischen Kom- 
mission. In Lieferungen. Strassburg, Trübner. 
5 Lief. (— S. 480.) 

(Quetsch, Geschichte des Verkelu-swesens am 
Mittelrhein. Von den ältesten Zeiten bis 
zum Ausgang des 18. Jahrhunderts. Nach 
den Quellen bearb. Mit 42 Abb. Freiburg i.B, 
Herder. VIII, 416, IX S. gr.S». M 7,00. 

Winckelmann, Ein Förderer des Verkehrs- 
wesens in Elsass-Lotliringen im 16. Jahi-h. 
(Jahrb. f. Gesch., Sprache u. Litt. Elsass- 
Lothi'ingens 7, 83 ) 

Korb, Vor hundert Jahren. (Ein Beitrag zur 
Geschichte des Sti'assennetzes [in Nord- 
böhmen].) (Mitteil. d. nordböhm. Exkursions- 
klubs 14, 160-162.) 

Brunner, Beiträge zur Geschichte der Schiff- 
fahi't in Hessen, besonders auf der Fulda. 
(Zeitschr. f. hess. Gesch., N.F., 16, 202.) 



Thüinmel, Der Landsknechte Recht und Ge- 
bräuche. (Deutsche Ztschr. f. Kulturgesch. 
1, 409—435.) 



Haun, Bauer und Gutsherr in Kursachsen. 
(Abh a. d. staatswissenschaftl. Seminar in 
Strassburg IX.) Strassburg, Trübner 1892. 

Lamprecht, Der Urspnmg des Bürgertums 
und des städtischen Lebens in Deutschland. 
(Hist. Zeitschr. N. F. 31, 3.) 

(J6ny, Aus dem Schlettstadter Bürgerleben 
des 16. Jahrhunderts. (Zeitsclu-. f. Gesch. d. 
Oberrheins, N. F. 1, 283.) 

Fischer, Aus Berlins Vergangenheit. Ges. 
Aufsätze zui'Kultiu"- undLitteraturgeschichte 
Berlins. Berlin, Oehmigke. 2 Bl., 205 S., 1 Bl. 

V. Woikowsky-Biedau, Das Armenwesen des 
mittelalterlichen Köln in seiner Beziehung 
zur wirtschaftlichen uiul politischen Ge- 
schichte der Stadt. Breslau, Schles. Volks- 
zeit.-Buchh. Ing.-Dissertation. 3 Bl, 105 S,, 
1 Bl. 

Siegel, Aus alten Geschossregistern. (Ztschr. 
f. hess. Gesch. N. F. 16, 344.) 



Brzobohaty, Mittelalterliches Städte- und 
Handwerkerleben mit besonderer Berück- 
sichtigung Wiens. (Monatsschrift f. christl. 
Sozialreform. 13, 347.) 



220 



Laue: 



Lahmer, Alte Gesellen-Sitten und Gebräuche 
der Schwarz- u. Schönfärberzunft. (Mitteil. 
des Nordböhm. Exkursionsklubs 14, 14 
bis 22.) 

Meyer, Chr., Deutsche Handwerkerverbände 
und deutsches Gewerbeleben im frühen 
Mittelalter. (Vierteljahrsschr. f. Volksw., 
Politik und Kultm-gesch., .Jahrgang 28, 
Bd. III 2 ff.) 

(A. H.), Grüudungs-Urkunde d. Schuhmacher- 
Innung zu Bergen a. R. vom 31. Okt. 1355. 
(Monatsbl. f. Pomm. Gesch. und Altert., 
S. 41 f.) 

Jeclit, Satzungen der Görlitzer Böttcherinnung 
aus dem 15. Jahrhundert. (ProgT. d. städt. 
Gymn. zu Görlitz 1890.) 12 S. 4«. 

Aus dem Gildebriefe des Bäckergewerkes in 
GoUnow von 1749. (Monatsbl. f. Pom- 
mersche Gesch. u. Altert. 1891, 163.) 

Treichel, Handwerks - Aussin-achen. (Sep.- 
Abdi-. a. d. Altpreussischeu Monatsschrift, 
Bd. XXVII, H. 7, 8., S. 642-660.) Königs- 
berg i. Pr. 1890. 

Fritz, Der Ausstand der oberrheinischen 
Schuhmachergesellen im Jahre 1407, nach 



ungedi-uckten Archivalien des Strassburger 
Stadtarchivs. (Zeitschr. f. Gesch. d. Ober- 
rheins. N. F. 6, 132.) 

Mühle niid Müller im Nösnergau. (Correspon- 
denzbl. f. siebenb. Volkskunde 14, 73.) 

Partz, Die Weberei unserer Vorfahren. I. 
(Die Heimat 1, 2.) 

Deutsche Goldschmiedewerke des sechzehn- 
ten Jahrhunderts. (Deutsclie Rundscliau 
18, 3.) 

y. Czihak, Schlesische Gläser. Breslau, Verl. 
d Museums 1891. 

Schurtz, Das Alter des mitteldeutschen Zinn- 
bergbaues. (Ausland 43.) 

Kist, Studium und Studentenleben vor 46 
bis 50 Jahren und eine schwere Prüfung 
nach absolvirtem Universitäts-Studium. Ein 
Beitrag zur Kulturgesch. d. XIX. Jahr- 
hunderts. Innsbruck, Vereins - Buchhandl. 
1891. VII, 587 S. 

Fabricius, Die Studentenorden des 18. 
Jahrhunderts und ihr Verliältnis zu den 
gleichzeitigen Landsmannschaften. Mit 4 
Tafeln. Jena, Doebereiners Nachfolger. 
M. 3,00. (4 Bl., 102 S.) 



II. Inneres Leben. 

1. Lebenssitte und Recht. 



a) Znsauiineufassende Darstelluugeu. 

Müllenhoff, Deutsche Altertumskimde. I.Band. 

Neuer vermelu'ter Abdruck, besorgt durch 

M. Rödiger. Berlin, Weidmann. XXXV, 

544 S. M. 14,00. 
Gruudriss der germanischeu Philologie 

unter Mitwirkung von K. v. Amira, 

W.Arndt, 0. Behaghel u.a., hsg. v.Herm. 

Paul. 1. Band Begriff und Geschichte 

der germanischeu Philologie. — Methoden- 
lehre. — Schriftkunde. — Sprachgeschichte. 

— Mythologie. 6. Lfg. Strassbm-g i. E., 

Trübner. XVIII. u. S. 1024—1138 mit 1 

Runentaf. u. 1 Kai-t. gr. 8^ 1 Bd. M. 18,00. 
V. Löher, Kulturgeschichte der Deutschen 

im Mittelalter. 1. Bd. Germanenzeit und 

Wanderzeit. München, Mehrlich. XII, 

531 S. M. 9,50. 
Klee, Bilder aus der älteren deutschen 

Geschichte. 1. Reihe. Die Urzeit bis 

zum Beginn der Völkerwanderung. (XII, 

284 S.) 2. Reihe. Die Zeit der Völkerwan- 
derung (XII, 400 S.) Gütersloh, Bertels- 
mann. 1890. 1891. 
Cordes, Geschichte des deutschen Volkes 

und seiner Kultur im Mittelalter. 1. Band: 



Zur Zeit der Karolinger und der sächsischen 
Könige. Leipzig, Duncker und Humblot. 
709 S. 

Rabe, Aus vergangener Zeit. Separat- 
abdi'uck aus dem „Schönebecker General- 
Anzeiger". Verl. V. Georg Wolff, Schöne- 
beck a. E. 0. J. 20 S. [Bräuche bei Hoch- 
zeiten, Kindtaufen und Leichenbegängnissen, 
sowie Tracht um 1750 nach der hand- 
schriftl. Chi-onik des Pastors Carstedt zu 
Atzendorf.] 

Sach, Deutsches Leben in der Vergangenheit. 
(Nation 1891. 14. Mrz.) 

Kanffinann, Findlinge zur Volkskunde. (Zeit- 
schrift f. Volksk. 3«.) 

Stösser, Das Kultiu-historische im „Meier 
Helmbrecht' von Werner dem Gärtner. 
Bochum, Realschul-Programm. 

Kotelmann, Gesundheitspflege des Mittel- 
alters. Kulturgeschichtliche Studien nach 
Predigten des 13., 14. und 15. Jalu-h. Harn» 
bürg, L. Voss. 1890. 276 S. 

Kootz , Kirchenvisitationen im sieben- 
bürgisch - deutschen Unterwald. Ein Bei- 
traii' zur Kirchen- u Kulturgesch. des 



Litteratur des Jahres 1891. 



221 



17. Jahrli. (Mülilbacher Programm ) Her- 
mamistadt 1890. 32 S. 4«. 

Pilk, Fehden und Räubereien im 15. Jahr- 
hundert. (Über Berg und Thal 14, 157, 
165.) j 

Zapf, Aus der Buschklepperzeit des IG. Jahr- [ 
hunderts. (Archiv f. Gesch. v. Oberfranken \ 

18, 214.) ' 
V. Hörmami, Volksleben des Stubei. (Stubei, i 

Thal und Gebirg, Land und Leute, S. 597 
bis 612.) 

Förksen, Aus allen Zeiten. (Die Heimat 
1, 248.) 

Petersen, Aus alter Zeit (ebenda 1, 88.) 

La vie et les moenrs daus l'Allemague 
d'aujourd'hui. ;Rev. de deux mondes. 
15, mars. [Vgl- Leben und Sitten im 
Lande der deutschen Barbaren. (.Grenz- 
boten 2, 253)] 

Unruh, Bilder aus der pommerschen Kultur- 
und Sittengeschichte. (Zeitschr. f. d. Kul- 
tiirgesch. II ^) 

Volkstüiuliches aus Hinterpommeru Ja- 
munder Hochzeitsbräuche. Monatsbl. f. 
Pommersche Gesch. S. 33—36, 53 f., 69 
bis 71, 87—89, 119—121.) 

ßorcherdt, Das lustige alte Hamburg. Scherze, 
Sitten und Gebräuche unserer Väter. 2. Hälfte. 
Hambm-g, Dörliug. 308 S. 

ßranch und Sitte in Schleswig-Holstein im 
Anfang des 19. Jahrhunderts (Zeitschr. 
f. deutsch. Kulturgesch. II ^) 

Jensen, Die Nordfriesischen Inseln Sylt, Föhr, 
Amrum und die Halligen vormals und jetzt. 
Mit besonderer Berücksichtigung der Sitten 
und Gel)räuche der Bewohner bearbeitet. 
Mit 61 Abb., einer Karte und 7 farbigen 
Trachtentafeln. Hamburg, Verlagsanstalt 
und Druckerei - Aktiengesellschaft. VIII, 
292 S., 7 Taf., 1 Karte. M. 12,00. 

Y. Bertouch, Vor vierzig Jahi-en. Natui' u. 



Kultur auf der nordfriesischen Insel Nord- 
strand. Weimar, Jüngst o. J. IX, 195 S, 
M. 2,00. 

Prahn, Glaube und Brauch der Mark Branden- 
burg. (Zeitschr. d. Vereins f. Volksk. 1^.) 

Stockmaun, Aufzeichnung eines schlesischen 
Arztes aus dem Jahre 1740. (Zeitschr. d. 
Ver. f. Gesch. u. Alt. Schlesien, Bd. 25.) 

Kelirein, Volkstümliches aus Nassau. Sprach- 
proben, Sagen, Kinderliedchen, Märchen, 
Volkswitze, Sprichwörter, Bräuche. Leipzig, 
Lesimple. 296 S. M. 1,25 (Neue Titel- 
ausg.) 

Genj-, Aus dem Schlettstädter Bürgerleben 
des 16. Jahrhunderts. (Zeitschr. f. Gesch. 
d. Oberrhetns. 6, 283.) 

.Weyer, Die Familienchronik des Ritters 
Michel V. Ebenheim. (Zeitschr. f. deutsche 
Kultiu-gesch. N. F. 1, 69—96, 123-146.) 

Martin, Notizen eines Strassburger Bürgers 
um 1G25. (Jahrb. f. Gesch., Sprache, Litte- 
ratur V. Elsass-Lothringen 7, 109.) 

Eathgeber, Aus einer elsässischen Familieu- 
chi-ouik. Büder aus dem dreissigjähi-igeu 
Kriege (ebenda 7, 123.) 

Cetty, Die altelsässische FaraiUe. (Monats- 
schrift f. clu-istl. Sozial-Reform 13, 586.) 

— Die altelsässische Familie. Einzig ge- 
nehmigte Übersetzung aus dem Franzö- 
sischen. Freiburg i B., Herder. XI, 228 S. 
M. 2,00. 

Stehle, Volksglauben, Sitten und Gebräuche 
in Lothringen. (Globus 59, 377.) 

Kortli, Volkstümliches aus dem Kreise Berg- 
lieim. (Annalen d. bist Vereins f. d Nieder- 
rliein 52, 1.) [Gebräuche, Aberglauben, 
Woi-terklärungen.] 

V. Rodt , Berns Bürgerschaft und Gesell- 
schaft. Mit 11 LichtcU-uck-Taf. (Fest- 
schrift z. VII. Säkularfeier. 1191—1891. 
Bern, Schmid.) 



b) Familienleben \on der Geburt Ms zum Tode. 



Matthies, Die zehn Altersstufen des Men- 
schen. Aus dem Nachlasse von Julius 
Zacher. i^Zeitschr. f. deutsche Philologie 
23, 385.) 

Lemcke, Verlobungs-, Hochzeits- und Kind- 
taiifsordnung der ehemaligen freien Reichs- 
stadt Nordhausen. (Harzer Monatshefte 
2, 3. März 1891. S. 54-56). 

Wassermann, Aussteuer armer Jungfrauen 
im Mittelalter. (D. KathoHk 5, 432—40.) 

Schaefer, Wie man frülier heiratete. (Zeitschr. 
f. deutsche Kulturgesch. N. F. II.*). 



Hermann, Lieder und Bräuche bei Hoch- 
zeiten in Kärnten. (Arch. f. Antlu'opologie 
19, 3.) 

Brauttanz im Amtsbezirk Janien, Kreis Rends- 
bm-g. (CoiTespondeuzbl. d. Ges. Ver. 39, 48.) 

Buchivald, Ein Geburtsbrief, ausgestellt vom 
Chemnitzer Abt Heinrich ^Mitteilungen d. 
Ver. f. Chemnitz. Gesch. 8, 148). 

V. Oechelhäusei', Philipp Hainhofers Bericht 
über die Stuttgarter Kindtaufe im Jahre 
1616. (Neue Heidelberger Jahrbücher T, 2. 
S. 254 f.) 



k 



222 



Laue: 



Stephan, Die häusliche Erziehung- in Deutsch- 
land wähi-end des 18. Jahi-hunderts. Mit 
Vorwort von Karl Biedermann. Wiesbaden, 
Bergmann. M. 3,60. 

Katt, Väterliche Ermahnungen vor 2 Jahrh. : 
Brief v. Beichling's an seinen Sohn Wolf 
Dietrich. (Burschenschaftliche Blätter 5, 
16 f.) 

Hoefler, Das Sterben in Oberbayern. (Am 
Urquell 11.^) 

Dirksen, Sitten und Gebräuche bei Sterbe- 
fällen in Meidrich (Eeg.-Bez. Düsseldorf). 
(Zeitsclii-. Ver. Volksk. 1, 219.) 

Kaibier, die Leiclienbretter. Mit Abb. (Glo- 
bus 59, 184.) 



Hein, Die Totenbretter im Böhmerwalde. 
Mit 2 Tafeln und 6 Text-Illustrationen. 
(Sonderabdr. aus: Bd. 21 d. Mitt. d. au- 
thropol. Ges. in Wien.) Wien 1891. 

Beispiele des Balirrechtes. Bäyerland 2, 
372.) 

Baechtold, Die Anwendung der Bahrprobe 
in der Schweiz. (Romanische Forschungen 
5 (1890), 221—228.) 

Lemcke, Mordkreuze in Pommern (Monatsbl. 
d. Ges. f. Pommer. Gesch. S. 24 f.) 

Trauer, Die Kreuzsteine des sächs. Vogt- 
landes. (Mitt. Altertumsver. Plauen 8, 57.) 
[Sind nur zum Teil Mordkreuze.] 



Weinhold, K., Beiträge zu den deutschen 
Kriegsaltertümern. (Sitzungsber. der K. 
Preuss. Akademie der Wissenschaften. Berlin. 
543—567.) 

V. d. Brlele, Kulturgeschichtliches aus dem 
deutschen Frauenleben in vorchristlicher 
Zeit. (Vortr. geh. im Frauenverein am 
23. Febr. 1891.) Programm d. städt. höheren 
Töchterschule zu Halberstadt. S. 3—15. 
Halberstadt, Doelle. 4«. 

Steiiihauseii, Die deutschen Frauen im sieb- 
zehnten Jahrhundert. (Zeitschr. f. deutsch. 
Kulturgesch. N. F. 1, 10—25.) 

Behrens, Deutsches Ehr- und Nationalgefühl 
in seiner Entwickelung durch Philosophen 
imd Dichter. (1600-1815.) Leipzig, Reud- 
nitz. Hoffmann. 152 S., 1 Bl. Inaugural- 
Dissertation. 

Deuecke, Beiträge zur Eutwickelungsge- 
schichte des gesellschaftlichen Anstands- 
gefühls in Deutschland. Dresden-Altstadt, 
Kreuzschul-Gymnasial-Programm. 

Fuhse, Sitten und Gebräuche der Deutschen 
beim Essen und Trinken von den ältesten 
Zeiten bis zum Schlüsse des XI. Jahrh. — 
Eine germanistisch -antiquarische Abhand- 
lung. Wolfenbüttel, Wollermann. 2 Bl., 
44 S., 1 Bl. Göttinger Ing. - Dissertation. 
M. 1,00. 



c) Sitte. 

Jacobs, Sittengeschichtliches aus Wernige- 
rode. 1574. (Zeitschr. d. Harzvereins 24, 
291 f.) [ein Bierki-awall.] 

Frauenhäuser in Oberschwaben. (Würtem- 
berger Vierteljahrshefte 13, 771.) 

Jacobs, Ed., Ein Dockenkind machen. 16.56. 
(Zeitschr. d. Harzvereins 24.^ 304) [einem 
Mädchen zum Schimpf.] 

— th, Altertümliche Zeitbestimmung bei dem 
Rossen des Hanfes und Flachses. (Centralbl. 
d. Ver. f. siebenbürg. Landesk. 14, 33.) 

Steinhaiisen , Geschichte des deutschen 
Briefes. Zur Kulturgeschichte des deutschen 
Volkes. 2. Th. Berlin, Gaertuer 189 L III, 
420 S. kl. 8«. M. 9,00. 

Ribheck, Ein Liebesbrief a. d. 16. Jahrh. 
(Jalu-b. d. Ver. f. niederd. Spracht. 15, 73 
bis 78.) 

Schmidt, Ein Schmähbrief des 15. Jahrh. 
(Zeitschr. d. Harzver. 24 ', 323-327.) 

Grössler, Ein in den Felsen gehauenes 
Stammbuch bei Naumburg. (Archiv f. 
Landesk. d. Prov. Sachsen 1, 150—154 = 
Mitteil. d. Vor. Erdk. Halle 1891, 150—154.) 

Rüdiger, Der Komödiendoctor auf dem 
Hopfmarkt. (Mitteil. d. Ver. f. Ham- 
burger Gesch. 13, 19—21.) 

Fränkel, Bemerkungen zur Entwickelung des 
Grobianismus. (Germania 36, 181.) 



d) Recht. 



Wieszner, Zusammenstellung einiger deut- 
scher Rechtsaltertümer aus Willems Ge- 
dicht van den vos Reinaerde. Breslau. 
Elisabeth-Gymn.-Progr. 

Pyl, Beiträge zur Pommerschen Rechtsge- 
schichte. IL Die Verwaltung und die Ge- 
richtsbarkeit d. Rügisch-Pommerschen Abt. 



d. Ges. f. Pommersche Gesch. — Univ. 
Buchhandl. in Komm. 4 BL, 152 S. 
V. Rockiuger, Denkmäler des Baierischen 
Laudrechtes vom 13. bis in das 16. Jalir- 
hundert. 2 Bde. München, Hist. Verein f. 
Ober-Baiern. 



Litteratur des Jahres 1891. 



223 



Leist, bayerisches Gerichtswesen in alter 
Zeit. (Allg. Zeit. " Nr. 269.) 

— th, Schulden. Ein Stück Eechtsaltertum. 
(Correspondenzbl. des Vereins f. sieben!). 
Landesk. 14, 35.) 

Siegel, Das pflichtmässige Rügen auf den 
Jahrdingen und sein Verfahren. Ein Bei- 
trag zur Geschichte der Rechtsverfolgung 
in deutschen Landen. Sitzungsber. d Akad. 
d. Wissensch. z. Wien. Hist -pbil. Classe. 
125.) (1891.) 

Osswald, Nordhäuser Kriminal -Akten von 
1498-1657. (Zeitschr. d. Harzver. 24.', 
151—200.) 



Das Tliürmchen auf der Steilau. (Centralbl. 
V. f. siebenb. Landesk. 14, 89, 104.) 

Frahm, Zum Zweikampf. (Die Heimat 1, 
214.) 

Beck, Ein Volksgericht in den Alpen. (Zeit- 
schrift f. deutsche Kulturgesch. N. F. 1, 
97-103.) 

V. Staniford, Ein Prozess vor dem peinlichen 
Halsgericht. 1636-1641. (Zeitschr. d. V. 
hess. Gesch. N. F. IG, 285.) 

Brunner, Abspaltungen der Friedlosigkeit. 
(Zeitschr. d. Savigny- Stift. Germ. Ab- 
teilung XI, 62-100.) 



e) Volksbelustigung'en. 



Stehle, Volkstümliche Feste, Sitten und Ge- 
bräuche im Elsass 1891. (Jahrbuch f. Gesch., 
Sprache, Litteratur i. Elsass-Lothringen 7, 
200.) 

Gradl, Volksbelustigungen in Alt-Eger (Egerer 
Jahrbuch, 2L. Jahrg.) 

Hergel, Die Jugendspiele. Programm Brüx. 
15 S. 8«. 

Veckeustedt, Der Festkalender von Homburg 
(bei Oberröblingen am See) in Sitte, Brauch 
und Schwank. Zusammengetragen und mit- 
geteilt nebst Vorwort. (Zeitschr. f. Volksk. 
in», 302.) 

Lichttanz, Kreis Plön. (Correspondenzbl. d. 
Ges. Ver. 39, 48.) 

Ss., Weihnachts- und Neujahrsbräuche. 
Corresp. d. Ver. f. siebenbürg. Landesk. 14, 
43.) 

Krause, Zur Geschichte des Weihnachts- 
baumes. (Die Heimat 1, 219 ) 

Bösdi, Fastnachtsbelustigung 1657. (Mitteil. 
a. d. Germ. National-Museum 3, 22—24.) 

Ortwein, Auf der Suche nach Pfingstbräuchen 
im Harz und den angrenzenden Ortschaften. 
(Harzer Monatshefte 2, 6.) 

Hartmann, Der Maigraf. (Ebenda 1. (1890), 
S. 69.) 

Jacobs, Über den alten Gebrauch des 
Stinkpfisters oder Stinkefeist. (Zeitschr. 
d. Harzvereins 24 S 302—304) [Vertreibung 
des Winters durch den Mai.] 

Alberti, Rolandreiten — Rolandfahren. (Die 
Heimat, Monatsschr. d. Ver. f. Natur- u. 
Landesk. in Schleswig-Holstein 1, 77.) [Ro- 
landspiele = uralte Maispiele.] 

Peters, Rolandreiten in Windbergen. (Ebenda 
S. 58.) 

Schmidt, Schiff- und Pflugziehen als Früh- 
lingsbräuchc. (Nationalzeitung 1890. Nr. 
142, 144.) 



Mitzschke, Beiträge zur Kirschfestfrage. 
(Naumburger Kreisblatt, Beilage z. Nr. 176 
u. 178) 

Schell, St. Martinstag im Bergischen. (Am 
Urquell IL*) 

Der Lichtbrateu, (ein Zunftbrauch). (Cor- 
respondenzbl. d. Ver. f. siebenb. Landesk. 
14, 53.) 

Grössler, Schmaräkeln und Platzen, zwei 
eigenartige Kegelspiele der Grafschaft Mans- 
feld. (Mit 2 Tafeln.) Mansfelder Blätter 4 
(1890), 118—132. 

Heineck, Ein lateinisches Schulgespräch über 
das Schmaräkel-Kegelspiel aus dem Jahre 
1696. Neu herausgegeben (ins Deutsche 
übertragen von H. Gross 1er): ebenda 5, 
155—163. 

Der Tanz zu Kölbigk. (Harzer Monatshefte 
2.'). 

Sächsische Adeltäuze im 16. und 17. Jahr- 
hundert. (Leipz. Zg. 15 Nr. 131.) 

Hüser, Der Schwerttanz von Atteln ])ei Büren. 
(Zeitschr. f. Volkskunde III '^) 

E. K., Das Trommeln in Basel. (Vom Jura 
zum Schwarzwald 8, 2.) 

Messikomer , Das Pfeilschiessen in der 
Schweiz. (Internat. Archiv f. Ethnogr. 
IV, 5.) 

Tille, Einladung zum Schützenfeste nach 
Augsburg 1509. (Alemania, 18, 193 bis 
201.) 

Knoop, Von der Schützengilde in Rogasen. 
(Zeitschr. d. hist. Ges. z. Posen 6, 34.) 

Nathansen, Zur Geschichte der Hamburger 
Schützengilde : kulturhistorische Skizze. 
Hamburg, Meissner, illustr. 43 S. M. 1,00. 

Jacob, Die Torgauer Geharnischten und 
der Auszug der Torgauer Bürger -Kom- 
pagnien. Torgau, Jacob, o. J. [1890] 44 S. 



224 



Laue: 



2. Glaube und Aberglaube. 
a) Religion. 



Weinhold, Beiträge zu den deutschen 
Kriegsaltertümern, vgl. oben II. 1. c. 

Lecliner, Mittelalterliche Kirchenfeste und 
Kaiendarien in Bayern. Freiburg i. Br., 
Herder. 4 Bl., 287 S. M. 6,00. 

Hoef 1er, Die Kalenderheiligen als Krankheits- 
patrone beim bairischen Volke. (Zeitschr. 
Ver. f. Volksk. 1, 3.) 

Nilles, Abergläubische Verehrung der 24 Äl- 
testen der Apokalypse. (Zeitschr. K. Theo- 
logie 15, 172.) 

Wossidlo, Gott und Teufel im Munde des 
Mecklenburgischen Volkes. (Correspondenz- 
blatt d. Ver. f. niederd. Spracht. XV. 2, 
S. 18. 14.) 

Höf 1er, Votivgaben beim St. Leonhards-Kult 



in Oberbayern. (Beitr, Anthrop. u. Urgesch. 

Bayern IX, 1091) 
MattliiaB, Die Hölle in der volkstümlichen 

Überlieferung. (Leipz. Zg.ß Nr. 140.) 
Hellwig-, Stations- und Marterkreuze. (Mit 

Abb.) (Die Heimat 1, 215.) 
St. (xeorg' in Legende und bildender Kunst. 

(Archiv, f. cliristl. Kunst. 9, 9f., 17 f.) 
Strohschneider, Eine mittelfränkische Agnes- 
legende. (Progr. Prag. 35 S. 8".) 
Düuimler, Legenden vom heiligen Nicolaus. 

(Zeitsclu* f. deutsche Altert, u. d. Litt. 35, 

401.) 
Glöde, Zum heiligen Nikolaus. (Zeitschr. f. 

deutsch. Unterr. 59, 352.) 



b) Mythologie. 



Meyer, Germanische Mythologie. Berlin, 
Mayer & Müller. XI, 354 S. (Lehrb. d. germ. 
Philol. I.) 

Kauffmann, Deutsche Mythologie. Stuttgart, 
Göschen. 107 S. 

Herrnianowski, Die deutsche Götterlehre 
und ihre Verwertung in Kunst imd Dich- 
tung. 1. Band: Deutsche Götterlehre. (2B1., 
284 S.) 2. Band: Germanische Götter und 
Helden in Kunst und Dichtung. (2 Bl , 
278 S.) Berlin, Nicolaische Verlags-Buch- 
handl. M. 7,50. 

Mogk, Mythologie. (Grundriss der ger- 
manischeu Pliilologie hrsg. v. Herrn. Paul. 
Bd. 1, 982— 11B8.) 

Schröter, Germanische Mythologie. Allgem. 
Zg. B, Nr. 238—243. 

Jänsch, Die altdeutsche Religion auf dem 
Unterharze. (Norddeutsche allg. Zg. ^^ 
70 f., 74. 

List, Deutsch -Mythologische Landschafts- 
bilder, Berlin, Lüstenöder. gr. 8'*, 4 Bl., 
264 S. M. 4,50. 



Knoop, Die neu entdeckten Göttergestalten 
und Götternamen der norddeutschen Tief- 
ebene. III. Die Äsen. (Zeitschr. f. Volksk. 
III, 5, S. 161.) IV. Frau Hinne (ebenda 
S. 321.) 

Siebs, Beiträge zur deutschen Mythologie. 

1) Der Todesgott Henno Wotan - Mercurius 

2) Things. 3. Hludana. (Zeitschr. f. deutsch. 
Phil 24.) 



V. Grienberger , germanische Götternameu 
auf rheinischen Inschriften. 1) Mars Hala- 
mardus. 2) Dea Saudraudriga, 3) Mer- 
curius Leudisio. 4) Dea Vagdavercustis. 
5) Hercules Saxo. (Zeitschr. f. deutsch. 
Altert, u. deutsch. Litteratur 35, 4.) 

Krause [Carus Sterne], Das Alter und die 
angebliche Fälschung der Baidursage. 
(Sonntagbeil. Nr. 4 und 5 zur Voss. Zei- 
tung.) 

Much, Jupiter Tanarus. (Zeitschr. f. deutsch. 
Altert, u. d. Litt. 35, 4. S. 372.) 

Kanlfmanu, Mythologische Zeugnisse aus 
römischen Inschriften. 2. Mars Thingsus et 
duae Alaesiagae. 3. Dea Nehalennia. (Beitr. 
z. G. d. deutsch. Spr. u. Litt. 16, 200.) 

Jaekel, Die Hauptgöttin der Istväen. (Zeitsclir. 
f. deutsch. Phil. 24, 289.) 

— Ertha Hludana [Friesengottheit]. (Zeitsclir. 
f. d. Philol. 23, 129.) 

Sievers, Die angebliche Göttin Ricen. (Bei- 
träge z. Gesch. d. deutsch. Sprache u. Litt. 
16, 366.) 

Bangert, Od und Oda. (Zeitschr. d. Ges. f. 
Schleswig-Holstein. Land. Geschichte XX, 
213.) [Kiel 1890, ausgegeben 1891.] 

Schürz, Fergunna. (Ausland 63, 301.) 

Much, Die deutschen Namen derDeae Matres. 
(Zeitschr. f. deutsch. Altert. XXXV, 3.) 



Dahn, Feuer, Wasser, Luft und Erde in 
d. Götterglauben der Germanen. (Wester- 
manns Monatsh. 70, 54 — 65.) 



Litteratur des Jahres 1891. 



225 



Sepp, Die Keligiön der alten Deutschon und 
ihr Fortliestand in Volkssag-en, Aufzügen 
und Festbräuchen bis zur Gegenwart, mit 
durchgreifender Religions - Vergleichung. 
München, Lindauer. 419 S. M. 6,00. 

Schwarz, Reste des Wodankultus in der 
Gegenwart. (Nach einem Vortrage des 
Verfassers im Künstlerverein zu Celle.) 
Leipzig, Neumann. 8". 30 S. M. 1,00. 

Lehmauu, Die Götterdcämmerung in der 



nordischen Mythologie. 2. Aufl. Königs- 
berg, Bon. 43 S. M. 0,80. 

Hang, Die Viergöttersteine. Westdeutsche 
Zeitschr. X, 1., S. 9—61. [Fortsetzung von: 
Die Wochengöttersteine (ebenda IX, 1 bis 
58.)] 

Spaldiug, Der König der Tiere bei den alten 
Germanen. Teil I, Verehrung des Bären. 
Programm d. Kgl. Gymn. z. Neumark i. 
Westpr. 1890. 30 S. 4". 



Schullerus, Zur Sagenkunde. (Correspon- 

denzbl. d. Ver. f. siebenbürg. Landeskunde 

14, 27—29.) 
Deutsche Sagen. Herausgeg. v. d. Gebrüdern 

Grimm. Bd. 1. 2. Besorgt von Herrn. 

Grimm. Berlin, Nicolai. XX, 268 und 

21.5 S. M. 6,00. 
Kiiauthe, Sagen und Märchen. (Am Urquell 

11, 8.) 
Müller, Walther, Haine uud Bäume in Ge- 
schichte und Sage. (Zeitschr. f. deutsch. 

Kulturgesch. II, 1.) 
Röhricht, Sagenhaftes und Mythisches aus 

der Geschichte der Kreuzzüge. (Zeitschr. 

deutsch. Phil. 28, 4.) 
Singer, Salomosagen in Deutschland. (Zeit- 
schrift, f. d. Altert, und deutsch. Litt. 35, 

177.) 
Zinzow, Die erst sächsisch-fränkische, dann 

normannische Mirmann-Sage nach Inhalt, 

Ursprung und Deutung. Pyritz, Gymn - 

Progr. 
Roediger, Die Sage von Ermenrich und 

Schwauhild. (Zeitschr. Ver. Volkskunde 

1, 3.) 
Estorif, Der wilde Jäger. Ein Versuch zur 

Erklärung des Phänomens. (Zeitschr. Volksk. 

3, 3.) 
(liander, Der wilde Jäger und sein Ross. 

Vortrag. (Mitteil Niederl. Ges. f. Anthrop. 

TL 1.) " 
Henne am Rhyn, Der Geisterspuk in der 

deutsclien Volkssage. (Deutsche Zeitschr. f. 

Knltm-vsch. N. F. 1, 375—390.) 
V. Eynahten, Nixenzauber. (Harzer Monats- 
hefte 2. 3.) 
Schröder, Die deutsche Kaisersage. Geh 

Heidelberg, 4". 28 S. 



Haas, Rügensche Sagen und Märchen. Ge- 
sammelt und hrsg. Greifswald, Bamberg. 
XII, 263 S. M. 2,80. 

— Rügensche Legenden. Nach mündlicher 



c) Sagen. 

Mitteilung aus Trent a. R. (Monatsbl. f. 
Pommersche Gesch. u. Altert. 75—76.) 

Eine Sage von der Insel Wollin. (Monatsbl. 
f. P. G. 1891, S. 1.) 

West])reussische Volkssageu. No. 1. Die 
Teufelskanzel zu Sartowitz. Hrsg. v. Ru- 
dolf Knopf. Graudenz, Gaebel. 9 S. 

No. 2. Die Pfingstglocken vom Kloster- 
see. Hi-sg. V. Rudolf Knopf. Graudenz, 
Goebel. 6 S. 

No. 3. Der Schwedenschimmel von Stulni. 
Hrsg. V. Knopf. 8 S. 

No. 4. Der Kaplan vom Hagelsbergc. 
10 S. 

No. 5. Das Festungsgespenst von Grau- 
denz. 9 S., 1 BL 

Haase, Sagen und Märchen aus der Graf- 
schaft Ruppin und Umgegend. (Am Ur- 
quell, IL 6. IL 10.) 

Grauder. Sagen und sagenhafte Mitteilungen 
aus Kreis Guben. (Mitteil. NiederL Ges. 
f. Anthrop. II, S. 121.) 

Handtmann, Was auf märkischer Heide 
spriesst Märkische Pflanzenlegenden und 
Pflanzensymbolik. Berlin Lüstenöder. 184 S. 
M. 3,00. 

Harweck-Waldstedt, Was die Selke plät- 
schert! Geschichtliches, Gedichte, Sagen 
und Märchen aus dem Selkethale. Ges. 
und hrsg. Mit Original-Beiträgen lebender 
Autoren. Wanderung von der Quelle bis 
zur Mündung. Osterwieck, Harz, Zickfeldt. 
XI, 160 S. 

Heinecke, Les Mines et les Mineures. XVIII. 
Le mineur et le genie, legende du Harz. 
(Revue des traditions pop. VI, 11.) 

Förstner , C. [lara] , Neues uud Altes aus 
dem Sagenkreise des Vater Brocken. Märchen 
und Sagenerz. Quedlinburg, Vieweg. [1891 ], 
2 Bl., 72 S. 

(wünther. Aus der Geschichte der Harzlande. 
3. Bändchen: Wie die Harzer Christen 
wurden. (Das Heidentum in den Harz- 



226 



Laue: 



landen, den Bewohnern der Harzlande wird 
das Christentum gebracht, Reste und 
Spuren des Heidentiuns.) 4. Bändchen: 
Aus der Zeit der sächsischen Kaiser. [Darin 
viel Sagenhaftes.] Hannover, Meyer. 162 
und 92 S. kl 8». M. 1,50 und 1,00. 

Wiicke, Sagen der mittleren Werra und der an- 
grenzenden Abhänge des Thüringer Waldes. 
2 Aufl., lirsg. V H. Ullrich. Eisenach, 
Kahle. 

Wettig:, Der Sagenkrauz des Kyffhäusers. 
Zur Erinnerung an die Errichtung des 
Denkmals Kaiser Wilhelm I. Bremen, 
Nössler. 42 S. 

Crrössler, Zweite Nachlese von Sagen und 
Gebräuchen der Grafschaft Mansfeld und 
ihrer nächsten Umgebung. (Mansfelder 
Blätter 4. [1890], 140—159.) 

Schurtz, Der Seifenbergbau im Erzgebirge 
und die Walensagen. (Forsch, deutsch. 
Landes- u. Volksk. 5, 85-166.) 

Paudler, Nordböhmische Lokal-Sage. XV. 
Nr. 153-160. (Mitteil. d. nordböhm. Ex- 
kursionskl. 14, 125-129.) 

Richter, Zwei Sagen (ebenda, 123 — 125.) 

Zekel, Die Schätze des Taubenberges (ebenda 
359—361.) 

Keiter, Aus der Sagenwelt der öster- 
reichischen Alpen. Eine Studie. (Öster.- 
Ung. Revue 11, 152.) 

Zingerle, Sagen aus Tirol, 2. Aufl. Inns- 



bruck, Wagner. XX, 738 S., 1 Bl. — 
M. 9,G0. 

Meyer, Schiern -Sagen und Märchen. Inns- 
bruck, Wagner. M. 3,20. 

La Mare de Lak (Tyrol): (Revue des tra- 
ditions pop. 6, 636.) 

Le Lac Weerer (Tyrol): (ebenda, 637.) 

Branky, Volksüberlieferungen aus Österreich. 
(Zeitsclu-. f. Volksk. IIL 6, S. 221, 379.) 

Dürnwirth, Deutsches Element in slove- 
nischcn Sagen des kärntischen Oberrosen- 
tbales (Zeitschr. Volksk. IIL 6, S. 201.) 

Waizer, Sagen vom Schlosse Stein. (Ca- 
rinthia, Mitteil. d. Gesch. Ver. Kärnten, 
81. Jahrg., 2. Heft.) 

Franziszi, Sagen aus dem Gailthale. (Neue 
Carinthia, 3. H.) 

Schlossar, Sagen vom Sclii-atel aus Steier- 
mark. (Zeitschi-, f. Volksk., IL 9. S. 341.) 

Barguiiinn, Elsässer Sagen. (Jahrb. Gesch. 
Elsass-Lothringen 4.) 

Warker, Wintergrün, Sagen, Geschichten, 
Legenden und Märchen aus der Provinz 
Luxemburg. Ges. u hrsg 2. bedeutend 
verm. Aufl. Arlon. Willems Poussin. 8" [er- 
scheint in Lieferungen.] 

Kaufmann, Sagen vom Donnersberg. (Zeitschr. 
f. Volksk. III, 6.) 

Rlieinlauds Sang und Sage m. e. Leit- 
gedichte V. E. Ritters haus. Bonn, Strauss 
[1891] (2. BL, 53 S., 1 BL, 20 Taf.) 



d) Aberglauben (hier: Volksmedizin). 



Fischer, Aberglauben unter den Angel- 
Sachsen. Meininger Realgymn.-Progr. 4". 
Amersbach, Aberglauben, Sagen u. Märchen 

bei Grimm eishausen. I. Programm Baden-B. 

4«. 32 S. 
Wilhelm, Aberglaube und Volksbrauch im 

Karlsbad - Duxauer Gelände. Karlsbad, 

Jakob, V, 90 (+1) S. 8«. 
Uhlhorn, Volkstümliches. (Jahrb. Gesch., 

Sprache u. Litt. v. Elsass-Lothr. 7, 146.) 

[Aberglaube u. Sage.] 
Über Aberglaulieu im Feuerlöschwesen. 

(Zeitschr. f deutsche Kulturgesch. II*.) 
Martiny, Aberglaube im Molkereiwesen. Ein 

Beitrag zum Verständnis des Aberglaubens 

und zur Geschichte des Molkereiwesens. 

Bremen, Heinsius Nachf. 45 S. 
Prahn, Glaube und Brauch in der Mai-k 

Brandenburg. (Zeitschr. Ver. Volkskunde 

L 1.) 
Ammaun, Volkssegen aus dem Böhmerwald. 

(Zeitschr. V. Volksk. I, 197. 807.) 



Ammann, Sagen und Zauberformeln aus 
Hohenfurt. (Zeitschr. f. deutsches Altertum 
85, 248.) 

Schlossar, Volksmeinung und Volksaber- 
glaube aus der deutschen Steiermark. 
(Germania 24, 4.) 

Weinhold, Volksüberlieferungen aus Eisen- 
erz in Obersteiermark. (Zeitschr. Ver. 
Volksk. 1, 215.) 

Losch, Deutsche Segen, Heil- und Bann- 
sprüche. Nach gedruckten, schriftlichen 
und mündlichen Quellen zusammengestellt 
und hrsg. (Württemberg. Vierteljahrs- 

• hefte z. Landesgesch. XIII. 3. 157 bis 258.) 

Kouleu, Ein alter Heilspruch. (Zeitschr. f. d. 
deutsch. Unterricht 5. 694.) 

Freund, Diebes- und Feuersegen. (Mitteil, 
d. Niederl. Ges. f. Anthr. IL H. 1., S. 42.) 

Zingerle, Segen und Heilmittel aus einer 
Wolfsthurner Handschrift d. 15. Jahi-h. 
(Zeitschr. d. Ver. f. Volksk. I, 315.) 

Meli, Zur Gesch. des Hexenwesens. (Deutsche 



Litteratur des Jahres 1891. 



227 



Zeitsclirift füi* Kulturgeschichte N. F. 1, 
317-335.) 

Strecker, Zui- Geschichte der Hexenprozesse 
in Pommern. Aus den Kirchenbüchern von 
Fritzow, Kj*. Kammiu. (Mouatsbl. für 
Pommersch. Gesch 1891. S. 145 f.) 

Philo vom AValde [Johann Reinelt], Die 
Dorfhexe, ßauernkomödie mit Gesang in 
3 Akten. Mit einem Nachworte. Grossen- 
hain und Leipzig, Baumert und Rouge. 
119 S. 

Kurth, Anklageschrift aus einem Hexen- 
prozesse. (Der Bär 17, 7, 16.) 

Rapp, Die Hexenprozesse und ihre Gegner 
in Tirol. 2. verm. Auflage. Mit d. B. 
Tartarottis. Brixen, Wejer. 170 S. 

Lehnert, Weihnachtsmistel. (Leipz Ztg. 
Nr. 298.) 

Bartels, Zm- Feier der „Zwölften" im nörd- 
lichen Deutschland. (Zeitschr. f. d. deutsch. 
Unterr. 5, 283.) 

Eschenberg, Osterbrauch und Osterglaube in 
imserer Heimat. (Die Heimat, 1, 867) 

Ostersingen , Osterwasser in Waltersdorf. 
(Frankf. Oderzeitung, Nr. 64.) 

(lilöde, Vom Osterhasen. (Zeitschr. f. deutsch. 
Unterr. 5, 702.) 

Rackwitz, Grenze der Osterfeuer. (Correspon- 
denzbl. d. deutsch. Ges. f. Anthropologie, 
Etlmol. u. Urgesch. 1890. XXI, 160) 

Meyer-Birlinger, Der grosse Jahi-tag auf 
dem Wurmlinger Berg. (Alem. 19, 49 bis 
67.) 

Veckenstedt, Rillen und andere Marken an 



den Kirchen und Teufelssteinen, besonders 

in der Provinz Sachsen. (Archiv f. Landesk. 

d. Prov. Sachsen 1, 102—110 und Mitteil. 

d. Ver. f Erdkunde z. Halle a. S. 1891, 

102-116.) 
Rehsener, Wind, Wetter, Regen, Schnee und 

Sonnenschein in der Vorstellung und Rede 

des Tii-oler Volkes. (Zeitschr. Ver. Volksk. 

1, 67.) 
Kemmerj Der Wisperwind. Bingen, Real- 

schul-Progr. 1891. 
Wagler, Die Eiche in alter und neuer Zeit. 

Eine mytliologisch - kulturgeschichtl. Ab- 

handl. I. Würzen, Gymn.-Progr. 1891. 
Resch, Der Wolf als günstiges Vorzeichen. 

(Zeitschr. f. d. deutsch. Unterr. 5, 58, 276, 

697.) 
Korb, Die Klinge und das Knorrloch. .Mitteil. 

d. nordböhm. Exkursionsklubs 14, l20 bis 

123.) 
Knaiithe, Das Alpdrücken in Preussisch- 

Schlesien. (Am Urquell II, 4.) 
Gegen Nasenbluten und Blutflüsse. (Globus 

59, 208, 304.) [betr. Ostflanderu und Ost- 

preussen.] 
Höfler, Der Isarwinkel, ärztlich topo- 
graphisch geschildert. München, Stahl sen. 

8». 280 S. mit Tafeln u. eingedr. 111. 
Gall^e , Mittelniederdeutsches Arzneibuch. 

(Jahrb. f. niederd. Sprach! XV, 105.) 
Wieth, Eine Chirurgenrechnung aus dem 

Jahre 1764. (Aus Aachens Vorzeit 3 [1890], 

14.) 



3. Die Sprache. 
a) Zeitschriften. 



Bayerns Mundarten. Beiträge zur deutschen 
Sprach- u. Volkskunde. Hrsg von Osk. 
Brenner u. Aug. Hartmann. I. Bd. 
München, Kaiser. 

1. Heft: Franke, Über den wissenschaft- 
lichen Wert der Dialektforschung; Ost- 
fränkisch u. Obersächsisch. — Jacob, Aus 
Mittelschwaben. — Himmclstoss, Aus dem 
bayerischen Wald. — Gradl, Die Mundarten 
Westböhmens. — Holder, Über Joh. Aug. 
Fischer. — Hart mann, Ein .sprachlich in- 
teressantes Lied: Ältere Nachrichten über 
Dialekte. — Steindel, Die Bejahung im 
Sechsämter-Dialekt.— B r e n n c r , Altbayerische 
Sprachproben. I. Der Prinz von Arkadien. 
[1701] . . . 

2. Heft: Holder, J. R. Fischers „Letzte 
Weltsucht" und „Des Teuffels Tochter. — 



Jakob, Aus Mittelschwaben. (Forts.) — 
J a c b i . Schwäbische Taufnamen. — Brenner, 
Altbayer. Sprachproben. 1. Der Prinz von Ar- 
kadien (Forts.); Der andächtige Bauer; Zu un- 
serer liautbezeichnung. — Riegel, Aus Alt- 
regensburg. — Hart mann. Ein altes nieder- 
bayrisches Dialektgedicht; Alt. Nachrichten 
über Dialekte. (Forts.). — Himmels toss. 
Aus dem bayerischen Wald. (Forts.). — 
Franke, Ostfränkisch und Obersächsisch. — 
D emmier, Einiges aus dem Donau-Lech- 
winkel. . . 

3. Heft: Holder, J. R. Fischers „Letzte 
Weltsucht" und „Des Teuffels Tochter". 
(Forts.). — Brenner, Altbayerische Sprach- 
proben 1. Der Prinz von Arkadien (1701). 
(Forts.). — Ders., Titl des Oebristen vber die 
Schneiderzunft. — Himmelstoss, Aus dem 



228 



Lane : 



bayerischen Wald. (Forts.). — Hertel, Die 
Grenze des Frank. -Henneb. gegen NW. (Mit 
Karte.) — Franke, Ostfränkisch imd Oher- 
sächsisch. (Forts.) — Holder, geschichtliche 
Skizze der neueren schwäbischen Dialekt- 
litteratur. — Gradl, Die Mundarten West- 
böhmens. (Forts.) — Brenner, Volksgesang. 

— Kleine Mitteilungen. — Bücherschanregister. 

Jahrbuch des Vereius für niederdeutsche 

Sprachforschung'. Jahrgang 1890. XVI. 

Norden U.Leipzig, Diedi'. Soltaus Verlag 1891. 

Brandes, Hermen Botes Boek van veleme 

rade. — Schröder, Jacobs vonEatlingen Lied 

auf das Breslauer Hostienmirakel von 1453. 

— Walther, Zum Redentiner Spiel. — 
Krause, Die Bohne und die Vietzebohne. — 
Puls; Tanuhäuserlied und Maria tzart. — 
H an s e 1 m an n, Braunschweigischc Fündlinge : 
VIIL Sanct Annen Preis IX. Marienieich. 
X, Ave maris Stella verdeutscht. XI. Ritmen 
de assensione domhii. XII. Weiss und grün. 
XIII. Weltspruch. XIV. Judeneid. XV. Heil- 
zauber. XVI. ..Wo soll ich mich hin keren" etc. 
niederdeutsch. XVII. Schampcrnolleken. — 
Hansel mann. Eine merkwürdige alte Fäl- 
schung. — Walther, Über die Sprache der 
Wedemer Urkunde: In Drunten varen, na 
Drunten gliden. — Fischer, Joh. Leonh. 
Frisch als Sammler märkischer Idiotismen. — 
Schröder, Eulenspiegels Grabstein. — 
Jellinghaus, Lübecker Schulvokabular v. J. 
1511. — Sprenger, Bemerkungen und 
Besserungen zum Sündenfall: Zur Kritik 
und Erklärung des Theophilus. — Dam- 
köhler, Zu Gerhard von Minden. — 
Schröder, Ein lat.-niederdeutsches Traktat 
aus Bursfelde. — Luther, Salzwedel und 
die übrigen Ortsnamen auf -wedel. — Bre- 
mer, Anzeige: Van Helfen, Altostfriesische 
Grammatik. 

KorrespondenzhLatt des Vereins für nieder- 
deutsche Sprachforschung. Jahrgang 189L 
Hamburg. Heft XV. 
No. 1. (26. März 1891.) . . . Mitteilungen 
aus dem Mitgliederki-eise. 1. Zum Limes 
Saxonicus (Jellinghaus). 2. Vam olden 
unde nyon Gade (Hofmeister). 3 Zur Ver- 
breitung der plattdeutschen Sprichwörter und 
Redensarten aus Hinterpommern, ges. von 
0. Knoop (Sprenger). 4. Zu Priens Bei- 
trägen zum mnd. Wortschätze (Sprenger, 
Schierenberg, Carstens). 5. Drefand 
(Carstens). 6. Fale page (K. E.H. Krause). 
7. Mnd. hunden (Peters). 8. Imbetscherf. 



(Mielck). 9. jrät (Schultz). 10. Kalmus, 
Kalms (K. E H, Krause.) 11. Mnd. kram 
(Sprenger). 12. Kranewaken (Winkler, 
K. E. H. Krause). 13 misse (Birlinger). 
14. Peckel, Pretzel (K, E. H. Krause). 15. 
Schnotterig (Sprenger). 16. Stoppelmeter 
(Peters). 17. wedderstromich (Sprenger). — 
Litteraturnotizen. 

No. 2 (12. Mai 1891): . . . Mitteilungen aus 
dem Mitgliederkreise. 3. Gott und Teufel im 
Munde des Mecklenbiu-gischen Volkes. (R. 
Wossidlo.) Notizen . . . 

No. 8 (10. Juli 1891): . . . Mitteilungen aus 
dem Mitgliederkreise. 1. Gott und Teufel im 
Munde des Mecklenburgischen Volkes. (R. 
Wossidlo) [Schluss] ... 

No. 4 (11. August 1891) : . . . Mitteilungen 
aus dem Mitgliederkreise. 1 . Volkserzählungen 
aus Mecklenburg. (Fabricius). — 2. Zum 
Schwerttanz (K. E. H. Krause). — 8. Zu 
Reinke de Vos (Sprenger). — 4. Zu Laurem- 
bergs Scherzgedichten, a) (Pul s), b) (Bern- 
hardt). — 5. Zu Priens Beiträgen zum mnd. 
Wortschatze (Tümpel). — 6. Zum Mittel- 
niederd. Wörterbuch. 1. twistelik? 2. varsk — 
frisch, ungesalzen. 8. wracht (Sprenger). 

— 7. Imt (Wossidlo, Gillhoff). - 8. Kape- 
horne (Sandvoss). — 9. Rokbestia (Car- 
stens). — 10. Zu Jahi-b. XV, 53 ff. [Redens- 
arten aus Holstein] (Bernhardt), — 11. Sole. 
Säle (K. E. H. Krause). — 12. Diele und 
Delile (Jellinghaus). — 18. meit (Roethe). 

— 14. Isarnho a) (Carstens), b) (Schieren- 
berg). — 15. Tadel, Tal (Carsten). — 
16. Zur niederdeutschen Spruchdichtung. 

a) (Holstein), b) (Mielck). — Litteratur- 
notizen. 

No. 5 (3. Februar 1892) : . . . Mitteilungen 
aus dem Mitgliederkreise. 1. Ostpreussische 
Sprachproben aus der Mitte des 18. Jahr- 
hunderts (Babucke). — 2. Zum Hartebok 
(Nerger). — 3. Verzeichnis von hansischen, 
aus dem Norwegischen entlehnten Wörtern 
(Schumann). — 4. Sinken und vloien 
(Frensdorff). — 5. Anfragen (Schröder). 

— Litteraturnotizen . . . 

No. 6 (4. März 1892): . . . Mitteilungen aus 
dem Mitgliederkreise. 1. Über den Flurnamen 
Segen. Nach dem auf der Jahresversanimlung 
des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung 
am 20. Mai 1891 zu Lübeck gehalteneu Vor- 
trage (Prien). — 2. Zu Konemanu (Kopp- 
manu). — 8. Panzewel a) (Sandvoss), 

b) (Roethe), c) (Nerger). — 4. wiiden 
wracht a) (Frensdorff), b) (Koppmann). 

— Litteraturnotizen . . . 



Litteratur des Jahres 1891. 



•229 



b) Allgemeines. 



Miehlke, Die Geschichte unserer SpracUaute 
und Ortliographie in kurzem Abriss dar- 
gestellt. ProgT. d. hohem Bürgerschule zu 
Graudenz. 4". 1 Bl., 39 S. M. 1,20. 

Hubert , Die Grundlagen der deutschen 
Sprache. BerUn, Cronbach. VIII, 130 S. 
M. 1,25. 

Kosinna, Germanischer Dativ [auf— ms] aus 
der Römerzeit (Zeitschr. f. deutsch. Altertum. 
XXXV, 1). 

Andresen, Wortspaltung auf dem Gebiete der 
nhd. Schrift- und Verkehrssprache. (Ztschr. 
f. deutsch. Phil. 23, 265.) 



Trautmann, DerS-Unfug (Wiss.Beil. z. Ztschr. 
d. allg. deutsch. Sprachver. Nr. 1). 

Grimm, J. u. W., Deutsches Wörterbuch. 
VIII. Bd., 7. Lief. Romanbauher — Ruck. 
Bearb. unter Leitung von M. Heyne. Lpzg. 
Hirzel. M. 2,00. 

Beliaghel, A short historial grammar of the 
German language. Transl. and adapted from 
B.'s „Deutsche Sprache" by Trechmann. 
London, Macmillan. 194 S. 4 sh. 6 d. 

Ditsclieiners grammatisch - orthographisch- 
stilistisches Handwörterbuch d. deutschen 
Sprache . . . 3. Aufl. v.Wessely. Lpzg., Friese. 
ä Lieferung M. 0,75. 



c) Sprachgeschiclitliclies. 



Wenker, Sprachatlas des Deutschen Reiches 
. . . [über sein Fortschreiten vgl. Deutsche 
Litteraturzeitmig 1891, Nr. 41, Sp. 1511 f. 
Ferner das Referat von Nörrenberg, vgl. 
Zeitschr. d. Ver. f. Volksk. 1, 232.] 

Wrede, Über die Sprache der Ostgoten in 
Italien. (Quellen und Forsch., 68.) Strass- 
burg. Trübner. 1891. VII, 208 S. M. 4,00. 
Dasselbe teilw. als Habilitationsschrift: 

— , Specimen einer ostgotischen Grammatik. 
Marburg, Otto 1890. 1 Bl., 33 S. 

Prellwltz, Die deutschen Bestandteile in den 
lettischen Sprachen. Ein Beitrag zur Kenntnis 
der deutschen Volkssprache. 1. Heft-. Die 
deutschen Lehnwörter im Preussischen und 
Lautlehre der deutschen Lehnwörter im 
Litauischen. Göttingen , Vandenhoeck & 
Ruprecht. XII, 64 S. M. 2,40. 

Meier, J., Studien zur Sprach- und Litteratur- 
geschichte der Rheinlande. Einleitung. 
Habilitationsschrift. Halle, Karras. [Voll- 
ständig: Beitr. z. Gesch. d. deutsch. Sprache 
und Litt Bd. 16 f.] 

Witte, Deutsche und Keltoromanen in Loth- 
ringen nach der Völkerwanderung. Die 
Entstehung des deutscheu Sprachgebietes. 
Mit 1 Karte. (Beitr. z. Gesch. d. deutsch. 
Sprache und Litt. Bd. 15.) Strassburg, Heitz. 
100 S. M. 2,50. 



Zimmerli, Die deutsch -französische Sprach- 
grenze in der Schweiz. 1. Teil. Die Sprach- 
grenze im Jura. Basel und Genf, Georg. 
8». SOS. 

Die deutsch-französische Sprachgrenze (Allg. 
Zeitg.B Nr. 238-243.) 

Andree, Die deutsch -französische Sprach- 
grenze im Schweizer Jura. (Globus 
60, 8.) 

Galdoz, Die Sprachverhältnisse in Luxemburg. 
(Globus 59, 246.) 

Winkler, Die niederdeutsche Sprache in Fran- 
zösisch-Flandern. (Globus, 59, 149.) 

Kauffmann, Deutsche und niederländische 
Mundarten. (Grundriss der germ. Philol. 
Hrsg. von H. Paul. Bd. 1, 5. Lfg. p. 960 
bis 974.) 

Drandstetter, Die Reception der neuhoch- 
deutschen Schriftsprache in Stadt und Land- 
schaft Luzern 1600-1830. (Der Geschichts- 
freund 46, 191.) 

Asninssen, Deutsche Sprachinseln im ungari- 
schen Erzgebirge. (Deutsch, geogr. Bll. 14, 
206.) 

Eichler, Die deutsche Sprache in Amerika. 
(Lpz. Ztg. '5 Nr. 147.) 

Wilckens, Die Sprache der Deutschen in 
Nordamerika. (Deutsche Warte II, 4.) 



d) Mundarten. 



Koch, Mundartliches. (Zeitschr. f. d. dtsch. 
Unterr. 5, 643.) 

Kluge, Die Behandlimg der lebenden Mund- 
arten. (Paul, Grundriss d. german. Philol. 
1. Bd., 5. Lief.) 

Verschiedenheiten in der Aussprache Süd- 
Zeitschrift d. Vereins f. Volkskunde. 1892. 



und Norddeutschlands. (Zeitschr. f. deutsche 
Sprache. V. Jahrg., H. 11.) 

Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der 
schweizerdt'utscheu Spraclio. Gesammelt 
auf Veranstaltung d, Antiqu. Ges. in Zürich 
16 



230 



Laue: 



unter Beihilfe aus allen Kreisen des 
Schweizervolkes. Hrsg. mit Unterstützung 
des Bundes und der Kantone. XIX. Heft. 
XX. H. Bearbeitet von Staub, Tobler, 
Sehe eh. Frauenfeld, Huber. 4«. ä Heft 
fr. y,00. 

Schild, Brienzer Mundart. 1 . Teil. Allgemeine 
Lautgesetze und Vokalismus. Basel, Sall- 
mann & Ronacker. 106 S., 1 Bl., fr. 2,80. 
[auch Göttinger Diss.] 

Wissler, Das Suffix -i in der Berner resp. 
Schweizer Mundart. Ein Beitrag zur ver- 
gleichenden "Wortbildung und Flexion der 
schweizer. Mimdart. Diss. -Bern. (Fraueufeld, 
Huber & Co.) 39 S, M. 0,75. 



Wilkens, Zum hochalemannischen Konsonantis- 
mus der althochdeutschen Zeit. Beiträge 
zur Lautlehre und Orthographie des ältesten 
Hochalemannischen , auf Grundlage der 
deutschen Eigennamen in den St. Galler 
Urkunden (bis zum Jahre 825.) Leipzig, 
G. Fock. Auch: Lig.-Diss. Leipzig. 
Das Wörterbuch der elsässischen Mundarten 
(Jb. f. Gesch., Sprache u. Litt. Elsass-Loth- 
ringens 7, 207.) 
Lienhart, Laut- und Flexionslehre der Mund- 
art des mittleren Zornthaies im Elsass. 
Strassburg, Trübner, Vlll, 74 S. (Alsatische 
Studien H. 1) [auch: Lig.-Diss. Strassburg 
1891]. 
— , Alliteration, Assonanz und Vergleichimgen 
in der Zornthaler Mundart. (Jahrb. f. Gesch., 
Sprache u. Litteratur Elsass-Lothringens 7, 
187.) 
Follmann, Die Mimdart der Deutsch - Loth- 
ringer und Luxemburger. IL Teil. Vokalis- 
mus. Metz 1890. 4«. 
Graf, Die germanischen Bestandteile des Pa- 
tois Messin. Metz, Druckerei d. Tjothringer 
Zeitung. Strassburger Inaug.-Diss. 1890. 
43 S. 
"Waguer, Der gegenwärtige Lautbestand des 
Schwäbischen in der Mundart von Eeut- 
lingen. IL Teil. Reutlinger Rcalanstalt. Pro- 
gramm. S. 97 — 19'-. Taf. 4 — 10. gr. 4". 
M. 2,50. 
Breunig', Über die Mundart des Bezirks Buchen. 
Tauberbischofsheim. Programm. 



Schneller, Die Mundart des Stubei. (In: 
Stubei (s. o.) S. 613— G.50.) 

Kühiiel, A Thoumsöübtel. In Rosendorfcr 
Mundart erzählt von V. Ehen, mitgeteilt 
von . . . (Mitteil d. nordböhm. Exkursions- 
klubs 14, 152 f.) 

Zur Erforschung des siebenbürgisch- sächsi- 
schen Dialekts. (Korrespondenzbl. des Ver. 
f. siebenb. Volksk. 14, 1.) 

Roth, Siebenb.-sächs. Dialekt (ebenda 18, 12). 

Weber, Abschied. In Zipser Mundart. [Ge- 
dicht.] (Ung. Revue 11, 749.) 

Toinanek, Über den Einfluss des Cechischen 
auf die deutsche Umgangssprache in Österr. 
Schlesien bes. von Troppau und Umgebung. 
Ein Beitrag zur Sprachvergleichung. Gymn.- 
Progr. Troppau. 



Brenner, Mundarten und Schriftsprachen in 
Bayern. (Bayerische Bibliothek Bd. 18.) 
Bamberg, Buchner. 1890. 1 Bl., 83 S., 1 Bl. 



Österreichische Spracheigenheiten. (Ztschr. 
f. deutsche Sprache 5, 9.) 



Leithäiiser, Gallicismen in niederrheinischen 

Mundarten. Barmen. Realgymn. - Progr. 

(32 S.) 
Jardon, Laut- imd Formenlehre der Achener 

Mundart. (Aus Aachens Vorzeit 4, 1.) [I. Teil 

von:] 
— , Grammatik der Aachener Mundart. Aachen, 

Cremer. 40 S. M. 1,50. 
Reis, Beiträge zur Syntax der Mainzer Mund- 
art. Giessen. Ing.-Diss. 8«. 46 S. M. 1,00. 
Heiuzerliug, Probe eines Wörterbuchs der 

Siegerländer Mundart. Siegen. Realgynm.- 

Progr. 
Leidolf, Die Naunheimer Mundart. Eine laut 

liehe Untersuchung. Darmstadt , Otto. 

[Jenaer Ing.-Dissertation.] 2 Bl., 53 S., 1 Bl. 

M. 1,20. 
Kehreiu, Volkssprache und Wörterbuch von 

Nassau. 2. Ausg. Leipzig, Lesimple. gr. 8°. 

XIL 464 u. 64 S. 



Hedrich, Die Laute der Mundart von Schön- 
eck i. Voigt! Leisnig, Realschul-Progr. 



Grössler, Die Mansf eider Mundart,- ihre 

Grenzen, innere Gliederung und Abkunft. 

(Mansfelder Blätter Mitteil. d. Ver. f. Gesch. 

u. Altert. Mansfeld 4 (1890), 1—14.) 
Dittmar, Die Blankenheimer Mundart. Eine 

lautliche Untersuchung. Dissertation, Jena. 

48 S. 

Weiss, Die Breslauer Klabatschke. Eine humo- 
ristisch - lokalsprachliche Studie. Grünberg 
i. SchL 112 S. 



Andree, Die Grenzen der niederdeutschen 
Sprache. Mit Karte: Die Südgrenze der 



Litteratur des Jahres 1891. 



231 



niederdeutschen Sprache. (Globus, Bd. LIX, 
n. 2. 3.) [Sonderabdruck 19 S. kl. 8«.] 

Wiukler, Die niederdeutsche Sprache in 
Französisch-Flandern (ebenda S. 149). 

Kirchhoff, Die unterste Saale keine Grenze 
zwischen Mittel- und Niederdeutsch (ebenda 
150). 

Krause, Niederdeutsche Handschriften. (Jahrb. 
d. Ver. f. niederd. Sprache 15, 38.) 

Eckart, Lexikon der Niedersächsischen Schrift- 
steller von den ältesten Zeiten bis zur 
Gegenwart. Osterwieck, Zickfeldt 181 S. 

Knoop, Plattdeutsches aus Hinterpommern. 
3. Sammlung: Fremdsprachliches im hinter- 
pommerschen Platt, nebst einer Anzahl von 
Fischerausdrücken und Ekelnamen. (Wissen- 
schaftl. Beil. z. Progr. d. Kgl. Gymn. Ro- 
gasen. 4". 18 S.) [l. Sammlung: Gnesen 
1890; 2. Samml. Rogasen 1890.] 

— , Plattdeutsches ... 4. Samml. (Monatsbl. 
f. Poramersche Gesch. u. Altert., S. 38-40.) 



Heibey, Die liaute der Mundart von Börssum. 
Halle, Karras. 48 S. [Jena Inaug.-Disser- 
tation.] 

Behaghel und Gallee, Altsächsische Gram- 
matik, 1. Hälfte. Halle, Niemeyer. (Samml. 
kurzer Gramm, d. germ. Dialekte. 6.) 

Adler, Die Volkssprache in dem Herzogtum 
Schleswig seit 1864. Mit 1 Karte [deutsch, 
friesisch, dänisch]. (Zeitschr f. Gesch. v. 
Schleswig-Holstein 21, 1.) 

Siebs, Geschichte der friesischen Sprache. 
(H. Paul, Grundriss der german. Philol. 
I. Bd.) 

Bremer, Zeugnisse für die frühere Verbrei- 
tung der nordfriesischen Sprache. (Jahrb. 
d. Ver. f. niederd. Spracht'. XV, 94.) 

— , Pelwormer Nordfriesisch. (Ebenda S. 104.) 

Jaekel, Zur Lexikologie des Altfriesischen. 
(Beitr. z. Gesch. d. deutsch. Spr. 15, 532.) 

Helten, Frisica. (Ebenda 16, 314.) 



I 



e) Bedentnng 

Kluge, Etymologisches Wörterbuch. 5. Aufl. 

Strassburg, Trübner. In 10 Lieferungen. 
— , An etymological dictionary of the German 

language Transl. from the 4. German. ed. 

by ... Davis. London, Bell. 8". 430 S. 
Faulmann, Etymologisches Wörterbuch der 

deutschen Sprache. Halle, Karras [in Heften]. 

a Lieferung M. 1,20. 
Uhlenbeck, Etymologica. (Tijdschr. f. neder- 

landsche Taal- en Letterkunde X, 283.) 
Müller, Die Wiederbelebung alter Worte. 

(Wiss. Beihefte zur- Zeitschr. d. allgem. 

Sprachver. 6. Jahrg. Nr. 2.) 
Nebe, Die Lehnwörter im deutschen Unter- 
richt. (Zeitschr. f. d. deutsch. Unterr. V, 

665.) 
Wustmanii , Allerhand Sprachdummheiten. 

Kleine deutsche Grammatik des Zweifel- 
haften, des Falschen und des Hässlichen. 

Ein Hilfsbuch für alle, die sich ötfentlich 
' der deutschen Sprache bedienen. Leipzig, 

Grunow. 8". 320 S. M. 2,00. 
Allerhand Sprachdnmmheiten. (Grenzboten, 

S. 238.) 
Genthe, Deutsches Slang. Eine Sammlung 

familiärer Ausdrücke und Redensarten. 

Strassburg, Trübner. XV, 73 S. M. 1,20 
Hildebrandt, Wie die Sprache altes Leben 

fortführt. (Zeitschr. f. d. deutsch. Unterr. 5, 

23, 120, 199, 260, 307.) 
Sohns, Zur „Verwertung der Reden.sarteu im 

Unterricht" (ebenda 647). 



Kuntze , Sprachliche Neubildungen im Süd- 
westen (ebenda 36). Bemerkungen dazu 

(ebenda 289). 
Frischbier, Volkswitz. (Altpreuss. Monatsschr. 

28, 90.) 
Sembrzycki, Schimpfwörter. (Am Urquell 

II, 8.) 
Knauthe, Schimpfwörter. (Am Urquell II, 20.) 
Kluge, Aar imd Adler. (Zeitschr. f. deutsche 

Phil. 24, 311.) 
Zehelmayr, Zwölf und zwelf. (Bll. f. d. bayr. 

Gymnasialschulwesen 27, S. 18.) 
Schröder, Frisch. (Zeitschr. f. deutsch. Altert. 

u. deutsch. Litt. 35, 2. S. 262.) 
Damköhler, Diele, dele, däle. (Jahrb. d.Ver. 

f. niederd. Sprachforsch. XV, S. 51.) 
Krause, Zitolose (ebenda XV, 44). 
Zingerle, Rose. (Zeitschr. f. deutsch. Philol. 

24, 281.) 
Glöde, Über Tiernamen im Volksmunde und 

in der Dichtung. (Zeitschr. f. d. deutsch. 

Unterr. 5, 741.) 
— , Zm- Erklärung des Hasennamens Lampe 

(ebenda 5, 585). 
— , Auf eigenem Zaum (ebenda 5, 56, 566). 
Puls, Auf eigenem Zaum (ebenda 5, 703). 
Sprenger, Qualm bei Uhland (ebenda 57). 
Helmsturz (ebenda 60). 
Sprenger, Saum = Saumross (ebenda 281, 

849). 
Schürmann, Zu Gunsten, Von (ienaden (ebenda 

643), Feist (785). 

16* 



23: 



Laue : 



Döhler (Schlag, Koch), Hinte (etenda 60, 

287, G44). 
Metger, Auf dein Holzwege sein (ebenda 

277). 
Krüger, Einem etwas am Zeuge flicken. — 

Der Topf will klüger sein als der Töpfer 

(ebenda 278). 
Puls (Cflöde, Kohrs), Zur Erklärung des 

Namens Nüssler (ebenda 281, 416, 418). 
Hofmanii (Glöde, Sprenger), Der Gassen- 
name „Am Brotkorb" (ebenda 353, 480 f.). 
Feist, Zu dem Worte Eitt (ebenda 355). 
Jeep, Schildbürger (ebenda 357). 
Köhler, Eine mundartliclie Bezeichnung des 

Schmetterlings (ebenda 357). 
May, Verstümmelte Wörter (ebenda 358). 
Enntze, Holla und Hallo (ebenda 360). 



Sprenger, Bönhase (ebenda 361). 

— , Kastemännchen (ebenda 482). 

— , Schafschinken (ebenda 483). 

firlöde, Nägelein (ebenda 783). 

Kluge, Das Wort Buch in seinem Verhältnis 

zu Buche (ebenda 634). 
Menge, Deutsch reden (ebenda 635). 
Becker, Der guckt ins Gerstenfeld. Einen 

pfeifen, (ebenda 645, 77i)). 
Schmitz, Stein imd Bein schwören, (ebenda 

C97). 
Sprenger, Geruhen, (ebenda 784). 
Heilig, Zum deutschen Fluchwort Henker 

(ebenda 785). 
Stehle, Einem einen Bären aufbinden (ebenda 

845). 
Sprenger, Weissbinder (ebenda 848). 



f) Namen. 



Krüger, Eigennamen als Gattungsnamen. 
(Berlin, Realgymn.Progr.) 

Köcher, Die Taufnamen. Eine pastorale 
Studie. (Pfarrhaus 7, 113.) 

Schmidt, Arminius. Siegfried. (Germania 
36, 315.) 

Keiper, Französische Familiennamen in der 
Pfalz und Französisches im Pfälzer Volks- 
mund. (Progr. d. Studienanstalt Zwei- 
brücken. 76 S. [2. verm. Aufl. Kaisers- 
lautern, Gotthold. 82 S. M. 1,00.] 

Pflster, Gegen die Eindeutigkeit des chat- 
tischen und hessischen Namens. (Hess. 
Quartalbl. 3.) 

Kehrein, Nassauisches Namenbuch, enth. alle 
Personen-, Orts- und Gemarkungsnamen. 
2. Ausg. Leipzig, Lesimple. VIII, 644 S. 
M. 2,25. 

KeUeter, Namen in Aachen. (Aus Aachens 
Vorzeit 3 (1890), 25 f, 41 f., 71 f.) 

Cascorbi, Die Rufnamen der Mündener Schul- 
jugend. (Münden, Realgymn.-Progr.) 

Die Familiennamen der Helgoländer. (Globus 
59, 304.) 

Ortjohann, Die deutschen Tieniamen. Eine 
sprachliche Betrachtung. (Tägliche Rund- 
schau, Wissensch. Beil. 1046.) [Vgl. auch 
S. 1063.] 

Eschenburg', Eine Betrachtung über die 
Entstehung unserer volkstümlichen Pflanzen- 
namen. (Die Heimat 1, 50.) 

— Einige Bemerkungen über die Verbreitung 
unserer volkstümlichen Pflanzennamen 
(ebenda 225.) 

Schwartz, Volkstümliche Schlaglichter. II. 



Von der volkstümlichen Naturerkenntnis mit 
einem Exkurs über die deutschen Pflanzen- 
namen. (Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde 

1, 279.) 

Saul, Alte Gassen- und Häusernamen. 
(Deutsche Zeitschr. f. Kulturgesch. N.F. 1, 
336—339.) 

Seltsame Umformung von Strassennamen. 
(Zeitschr. f. deutsche Sprache 5, 9.) 

Besler, Die Ortsnamen des lothringischen 
Kreises Forbach. [1. Teil: Die Ortsnamen 
im engeren Sinne. Forhach 1888.1 2. Teil: 
Die Namen der Flüsse, Bäche, Quellen 
und Weiher, der Berge und Hügel, der 
Wälder und Forstbezirke und der Ge- 
wannnen. Forbach 1891. [Ostfranken und 
vorher Alemannen.] 

Lersch, Kockerellstrasse, Komphausbadstrasse, 
Druffnas. (Aus Aachens Vorzeit 3 [1890], 
63.) 

Bazing, Zur Ortsnamendeutung. (1. Schild. 

2. .lud. 3. Thalfinger) : Württemberg. Viertel- 
jahrshefte f. Landesgesch. XIII, 4, S. 272 
bis 274. 

Caspert, Die Ortsnamen im Oberamt Reut- 
lingen. (Reutlinger Geschichtsbl. 11.) 

Brandstetter, Beiträge zur Ortsnamenkunde. 
II. (Der Geschichtsfreund 44.) 

Prinzinger, Die Tauern in der Geographie 
und im Leben des Volkes. (Der Tourist. 
23. Jalirg. Nr. 4, S. 25-27.) [Über den 
falschen Gebrauch des Wortes auf Karten 
und in Büchern gegenüber dem richtigen 
Volksgebrauch, der unter „Der Tauern" 
nur die über- imd Durchgänge (Scharten) 



Litterahiv des Jahres 1891. 



•233 



in der Urgesteinskette der Alpen in Steier- 
mark, Kärnten und Salzburg versteht.] 

Stanuig, Die Flurnamen des Burgamtes 
Villach nacli dem Urbar des Martin Behem. 
(Progr. Villach. 8". 28 S.) 

Böhme, Die Ortsnamen auf -grün in Böhmen. 
(Mitteil. Ver. Gesch. der Deutscheu in 
Böhmen 2'.), 807.) 

Wolff, Deutsche Dorf- und Stadtnamen in 
Siebenbürgen (Progr. Mühlbach 31 S i".) 

Bernau, Böhmens deutsche Burgnamen. 
(Mitteil. d. nordböhm. Exkursionsklubs 14, 
34-35.) 

Needon, heimische Flurnamen. (Leipz. Zei- 
tung b . Nr. 120—122.) 

Rieniaiiii, Über Orts- und Flurnamen des 
Herzogthums Coburg. Coburg. Gymn.-Progr. 
16 S. 4°. 

Bacli , Beiträge zur Deutung der Ortsnamen 
in der Umgegend von Homburg. (Mitteil, 
d. Ver. f Gesch. v. Homburg. 4.) 

Cassel, Deutsche Landes- und Ortsnamen. 
1) Schlesien und sein Name. 2) Der 



Name Erfurt und die Ortsnamen auf -ftirt. 

(Deutsche Zeitschr. f. Kulturgesch. N. F. 

1, 147-154, 154-160.) 
Schulte, Ujazd und Lgota. Ein Beitrag zur 

schlesischen Ortsnaraenforschung. (Zeitschr. 

f. Gesch. u. Altert. Schlesien. 25.) 
Hiiser, Über den Namen eines Baches 

und eines Berges in der Umgegend der 

Stadt Brilon. 1. Die Untrügge. 2. Der 

Gudeu. (Progr. d. Gymn. Peh-inum zu 

Brilon. 1890. 4". S. 8—11.) 
Vogt, Die Ortsnamen im Engersgau. Eine 

Untersuchung. (Programm d. Kgl. Gymn. 

zu Neuwied. 1890. 8». 61 S.) 
— Nachtrag zu der Abhandlung des vorigen 

Programms „Die Ortsnamen im Engers- 
gau". (Gymn.-Progr. Neuwied. 1891. 4". 

S. 11 bis 13..) 
Jansen, Die Stadt Kiel und ihi- Weichbild 

im Munde der Vorzeit. (Schriften d. Ges. 

f. Kieler Stadtgesch. H. 8.) 
Bouk, Ortsnamen in Altpreussen. (Altpreuss. 

Monatsschr. S. 599—638.) 



g) Sprichwörter. 



BablinaiMi, Sprichwörter aus Joh. Murmellius 
Pappa puerorum. (Germania 35, 400 bis 
402.) 

Pistor, Sprichwörter und sprichwörtliche 
Eedensarten aus Wiegand Lanzes hessischer 
Chronik. (Z. f. Volkskunde III, 4, S. 146.) 

Maas, Über Metapher und Allegorie im deut- 
schen Sprichwort. Ein Gang vom Begriffs- 
bild zum Gedankenbild. Progr. Wettiner 
Gymn. Dresden. 23 S. 4". M. 1,00. 

Rathgeber, Elsässische Sprichwörter und 
sprichwörtliche Redensarten. (Jahrb. für 
Gesch., Sprache u. Litt. v. Elsass-Lothringen. 
7, 141.) 

Hörmann, Volkstümliche Sprichwörter und 
Redensarten aus den Alpenlanden. Leipzig, 
Liebeskind. XXIII, 165 S. 



Spieser, Münsterthäler Sprachproben. Sprich- 
wörter. (Jahrb. f. Gesch. v. Elsass-Lothrin- 
gen. 6.) 

Knoop, Allerhand Scherz, Reime und Er- 
zählungen über pommersche Orte und ihre 
Bewohner. [Aus: Zeitschr. f. pommersche 
Gesch. u. Altert.] Stettin. 105 S. M. 2,00. 

Treichel, Das Alphabet in preussischen 
Redensarten. ' (Altpreuss. Monatsschr. 28, 
332.) 

Sembrzycki, Ostpreussische Sprichwörter, 
Volksreime und Provinzialismen. (Am Ur- 
queU II, 2-8, 10, 11.) 

Dirksen, Ostfriesische Sprichwörter und 
sprichwörtliche Redensarten mit historischen 
und sprachlichen .Anmerkungen. 2. Heft. 
Ruhrort, Andreae. 95 S. 



Volksdichtung. 
a) Allgemeines. 



Scherer, Deutsche Studien. 2. Aull. Leipzig, 
Tempsky. 129 S. 

Leimbach, Zur Einführung in das deutsche 
Volkslied. Auswahl und Erläuterung von 
92 Volksliedern der älteren und neueren 
Zeit. Bremen, Heinsius. XVI, 227 S. 
M. 3,00. 

Des Knaben Wuuderhorn. Alte deutsche 
Lieder ges. v. Arnim und Brentano. 



Neudruck der Heidelberger Originalausgabe 
von Ettlinger. Th. 1. 2. Halle, Hendel. 
[1891] (XXIl, r.93S., 2 Port.), (395-844 S.) 
- Bibliothek des In- und Auslandes No. 531 
bis 539. 
Häuften, Leben und Fühlen im deutschen 
Volkslied. 20 S. M. 0,20. (Sammlung ge- 
meinnütziger Vorträge. Nr. 143.) 



234 



Laue: 



Streicher, Zur Entwickelung der mhd. Lyrik. 
(Zeitschr. f. deutsche Phil. 24 Bd., H. 2 ) 

Bielschowsky, Geschichte der deutschen Dorf- 
poesie im 13. Jalirhundert. I. Leben uud 
Dichten Neidliards von Reuenthal. Unter- 
suchungen. (Sonderabdr. a. d. Acta Ger- 
manica.) Berlin, Mayer & Müller. 1. Bl., 
VII, 294 S. 8».) 

Marold, Über die poetische Verwertung der 
Natui' und ihrer Erscheinungen in den Va- 
gantenliedern und im deutschen Minnesang. 
(Zeitschr. f. deutsche Philol. 23. 1—25.) 



Weddigeu, Beiträge zui' Geschichte des deut- 
schen Meistergesanges. Wiesbaden Real- 
gymn.-Progr. 1891. 

Suck, Volksreime. (Die Heimat 1, 189.) 

Mundartliche Dichtung. (Jahrb f. Gesch., 
Sprache, Litt. 7, 179.) 

Einenkel, Der Hase im Volksliede. (Leipz. 
Zeitung, no. 294.) 

Crciner, Wanderung und Wandlung eines 
Volksliedes. (Zeitschr. f. d. deutsch. Un- 
terr. 5, 687.) 



b) Das 

a) Einzelne A 

Cremer (Bartels, Eiiglert), Zum Wiegen- 
lied vom schwarzen und weissen Schafe. 
(Zeitschr. f. d. deutsch. Unterr. 5, 59, 282, 
359.) 

Menk, Zwei Kinderlieder (ebenda 132). 

Zander, Kinderreime. (Altpreuss. Monats- 
schrift 1891, H. 1. 2.) 

Schüttelkopf, Kinderspiele, gesammelt im 
oberen Görtschitzthale, am Krappfelde und 
um Osterwitz. (Carinthia I, 5. Heft.) 

Eskuche, Hessische Kinderliedchen. In 
Kassel im Verein mit Johann Lew alter 
gesammelt und erläutert. Kassel, Huhn. 
2 BL, 95 S. M. 1,00. 



Volkslied. 

Iter und Stände. 

Eskuche und Lewalter, Kasseler Kinder 
liedchen. (Hessenland 5, 187, 200, 210, 
223, 240, 25G, 272, 283, 29G.) 

Mathis, Elsässische Kinderlieder in Rapolts- 
weiler Mundart. (Jahrb. f. Gesch., Sprache, 
u. Litt V. Elsass-Lothringen 7, 150.) 

Eber, Elsässische Kinder- und Wiegenlieder, 
Kinderreime (ebenda 6). 



Hoffs, Das Marschlied der Landsknechte. 

(Wissensch. Beihefte z. Zeitschr. d. allg. 

Sprachver. G. Jahrg. Nr. 2.) 
Klein, Bergmannslieder aus Graupen. (Mitteil. 

d. nordböhm. Exkursionski. 14, 351 — 354.) 



ß) Besondere Gelegenheiten. 



Nardelli, Le primavere liriche della Ger- 
mania. Roma. 183 S. 

Wagner, Sechs Faschingslieder aus dem Jahre 
1793. (Musik. Wochenbl. Nr. 38.) 

Weeber, Aus der Weihnachtszeit. [Krippel- 
lieder aus Rumburg.] (Mitteil. d. nord- 
böhm. Exkursionski. 14, 234-238.) 

Zwei Hochzeitslieder aus Schönberg. [Sieben- 
bürger Sachsen.] Mitget. von Anna Seh. 
(Correspondenzbl. d. Ver. f. siebenbürg. 
Landesk. XIV, 7, S. 69—70.) 

Roth, Deutsch -lateinische Gedichte zu der 

y) Bestimm 

Meyer, Zur Volkskunde der Alpenländer. 

(Globus 59, 49, 70.) [Über Schnadahüpferl, 

Marterln u. s. w.] 
Tobler, Nachträge zu den schweizerischen 

Volksliedern. (Anz. f. Schweiz. Gesch. 4.) 
Ellinger, Das Volkslied in Tirol. (Die Nation 

1891. no. 13.) 
Baragiola, Aristide, II canto popolare a 

Bosco Gurin, colonia tedesca nel cantone 



Zeit des 30jährigen Krieges. (Germania 
36, 179.) 

Paudler, Aus der Franzosenzeit. [Volkslieder 
aus dem Anfange des 19. Jahrh.] (Mitteil. 
d. nordböhm. Exkursionski. 14, 226 bis 
228.) 

Fr. J., Zur Geschichte der sächsischen Jäger. 
[Aufruf, Gedicht im Dialekt der sieben- 
bürger Sachsen, vom Jahre 1809.] (Cor- 
respondenzbl. d. Ver. f. siebenbürg. Landes- 
kunde XIV, S. 66-68.) 



te Gegenden. 

Ticino. Cividale, Fulvio Giovanni. 1891. 
(175 S., 1 Titelbl.) L. 3,00. 

Tor Thewelt ün s Turtal. Gedicht in Völler- 
dinger Mundart von J. Dahlet (Jahrb. f. 
Gesch., Sprache u. Litt. v. Elsass-Loth- 
ringen 7, 195.) 

Levissohn, Eine obersteierische Fassung des 
Volksliedes vom Tannhäuser. (Zeitschr. 
f. deutsch Litt. u. Altert. 35, 439.) 



Litteratur des Jahres 1891. 



235 



Deutsche Volksliedei* aus Böhmen. Heraus- 
gegeben vom deutschen Verein zur Ver- 
breitung gemeinnütziger Kenntnisse in 
Prag. Redigiert von Alois Hruschka und 
Wendeliu Toischr. Prag, Verlag d. D. V. 
XIV, 542 S. 

Oertel, Deutsche Volkslieder aus Böhmen. 
(Leipz. Zeitung no. 298.) 

Wlisloeki , Volkslieder der siebenbürgischen 
Sachsen {Am Urquell. II, 11.) 

Dalrnau, Jüdisch-deutsche Volkslieder aus 



Galizien und Russlaud 2. Ausg. Schriften 
d. Inst. Judaicum in Berlin Nr. 12.) Berlin, 
Ev. Vereinsbuchh. VIII, 74 S. M. 1,50. 

Grüdde, Volkslieder aus Hinterpommern. (Z. 
f. Volksk. III, 5, 6.) 

V. Trais, Wetterauer Sang und Klang 
Dreissig neue Gedichte in Wetterauer Mund- 
art, als Fortsetzung der Heimatsklänge 
aus der Wetterau. Giessen, Roth. (1891.) 
VI, 82 S. 



J) Einzelne Lieder. 



Odiuga, Ein Lied von dem Tod und einem 
jungen Mann. (Vierteljahrsschr. f. Litte- 
raturgesch. 4, 152.) 

Abelj Ein Gespräch vom Frauenvolk und 
dem Ehestande A. IfiOG. Ein Gespräch 
vom Mannvolke und dem Ehestande A. 1717. 
Die verkehrte Welt. Drei plattdeutsche 
Satiren München, Buchholz und Werner. 
2. Bl, 24 S. 



Treiclie], Das Lied vom Krambambuli. (Alt- 

preuss. Monatsschr 28, 338-44.) 
Krüsrer, Zu dem Liede vom „Rummelpott". 

(Zeitschr. f. d. deutsch, üuterr. V, G'J8.) 
Cremer (Si)reiiger,Teuber,KöhIer, Schmalz, 

Schlag), Ein Napoleonslied. (Zeitschr. f. 

deutsch. Unterr. 5, 59, 138, 209, 210, 285 f. 

635.) 



c) Sprüche und Rätsel. 



Falck, Art und Unart in deutschen Bergen. 

Volkshumor in Reimen und Inschriften. 

Berlin, Meiding-er. o. J. [1890.] VIII, 

110 S. 
Engelhard, Die Hausinschriften der Stadt 

Duderstadt. In d. Programm: Beiträge z. 



k 



d) Geschichten 

Fabricius, Volkserzählungen aus Mecklen- 
burg. (Correspondenzbl. f. niederd. Sprach- 
forschung.) 

Deecke, Lübische Geschichten und Sagen. 
3. verbesserte u. verm. Aufl. Lübeck, Ditt- 
mar 1890. 8". 334 S. 

Jensen, Schildbürgergeschichten in der Sage 
der nordfriesischen Inseln. (Tägliche Rund- 
schau, Wissensch. Beil. 1138.) 

Heydenreich, Ein Humanist des 16. Jalir- 
hunderts über die Freiberger Sage vom 
ungeratenen Sohn. [Poetische Behandlung 
durch Martinus Balticus.] (Mitteil. d. Frei- 
berger Altertumsver. 27, 41 — 48.) 

Ehlers, Was die Sage von der Entstehung 
Altenas erzählt. (Die Heimat 1, 239) 

Staacke, Die ruhelose Jungfrau. Eine Sae:e 
aus dem östlichen Holstein. (Die Heimat 
1, 30.) 

Struve, Wallensteineiche (ebenda 203.) 



Kunstgeschichte Niedersachsens. Duder- 
stadt. 4". 1891. 
Frischbier, Die Menschenwelt in Volks- 
rätscln aus den Provinzen Ost- und West- 
preussen. (Zeitschr. f. d. Philol. 23, 240.) 



lind Märchen. 

Zwetz, Sagen und gescliichtliche Erzählungen 
aus dem mittleren Saalthal. Der reiferen 
Jugend gewidmet. Mit 15 Illustrationen. 
Jena, Fr. Mauke. IV, 107 S. 

Zum musikalischen Ton der Sprache. Unter- 
schied zwischen männlicher uml weiblicher 
Rede. [Volkserzählung des Harbaclithales.] 
(Correspondenzbl. d. Ver. f. siebenb. Volksk. 
14, 3.) 

Beckstein, Deutsches Märchenbuch. Halle, 
Hendel o. J. [1891], IV, 156 S., 1 Portr. 
= Bibl. Ges. Litteratur d. Inn- u. Auslandes 
No. 471. 472. 

Fränkel, Zum Protciismärchen und andern 
wandernden Stoffen. (Germania 24, 3.) 

Jahn, Volksmärchen aus Pommern und 
Rügen. 1. Th. Norden und Leipzig, Soltau 
1891. 382 S. (Forscliungcn hrsg. v. Verein 
f. niederdeutsche Sprachforschung IL) 



236 



Laue: 



Deutsche Puppenspiele. Ges 

handlungen und Anmerkungen hrsg. von 
Arthur K oll mann. I.Heft. Allgem. Vor- 
wort. Judith und Holofernes. A. Einleitung. 
B. Text. C. Anmerkungen und Varianten. 
Leipzig, Grunow. 

Deutsche Volksschauspiele. In Steiermark 
gesammelt. Mit Anmerkungen und Er- 
läuterungen nebst einem Anhange: Das 
Leiden Christi-Spiel aus dem Gurkthale in 
Kärnten. Herausgegeben von Dr. Anton 
Schlossar. Bd. 1. (VIII, 347 S.), 2. (III, 
404 S.) M. 10,00. Halle, Niemeyer. 

Paludan, Ältere deutsche Dramen in Kopen- 
hagener Bibliotheken. (Zeitschr. f. d. Phi- 
lologie 23, 226.) 

Schweizerische Schauspiele des 16. Jahrh. 
Bearb. durch das deutsche Seminar der 
Züricher Hochschule unter Leitung v. Jac. 
Bächtold. 2. Bd. Zürich, Frauenfeld, Huber 
i. Comm. 353 S. M. 4,00. 

Holstein, Zur Litteratur des lateinischen 
Schauspiels des 16. Jahrh. (Zeitschr. f. 
deutsche Phil. 23, 436.) 

Bahlmann, Aachener Jesuiten -Dramen des 
17. Jahrh. (Zeitschr. d. Aachener Geschichts- 
vereins 13, 175.) 

Jacobs, Zur Geschichte des Schauspiels in 
Wernigerode. 1588. 1593. 1618. (Zeitschr. 
d. Harz Ver. 24 ', 292-294.) [Darstellungen 
auf offenem Markte.] 

Holstein, Zur Topographie der Fastnachts- 
spiele. (Zeitschr. für deutsch. Phil. 23, 
104.) 



e) Drama. 

u. m. erl. Ab- Reuling, Die komische Figur in den wich- 
tigsten deutschen Dramen bis zum Ende 
des 17. Jahrhunderts. Stuttgart, Göschen. 
1890. 181 S. M. 4,nO. 

Rache, Die deutsche Schulkomödie und die 
Dramen vom Schul- und Knabenspiegel. 
Leipzig. Baldamus. M. 2,00. 

Bielschowsky, Das Alter der Faustspiele. 
(Viert eljahrsschr. f. Litteraturgesch. IV. 2, 
193.) 

Widmann, Das Brucker St. Mkolaus-Spiel. 
Ein Beitrag zur Litteratur des Volksschau- 
spieles in Salzburg. Gymn -Progr. Salz- 
burg. 27 S. gr. 8«. 

Jellinghans, Das Spiel vom jüngsten Ge- 
richte. (Zeitschr. für deutsche Phil. 23, 
426.) 

Ludwig, Das Oberammergauer Passionsspiel. 
Vortrag. Davos, Richter. 106 S. M. 1,25. 

Schmidt-Wartenber^, Ein Tiroler Passions- 
spiel im Mittelalter. (Publ of the mod 
lang, assoc. of Am. V, 2.) 

Sprenger, Zu den Königsberger Zwischen- 
spielen von 1644. (Altpreuss. Monatsschr. 
28, S. 102.) 

Sembrzycki, Noch eine Bemerkung zu den 
Königsberger Zwischenspielen aus dem 
Jahre 1644 (ebenda 100, 330.) 

Schröder, Das Redentiner OsterspieL (Cor- 
respondenzbl. d. Ver. f. niederd. Sprachf. 3.) 

Werner, Der Laufener Don Juan. Ein Bei- 
trag zur Geschichte des Volksschauspiels. 
(= Theatergesch. Forschungen, hi-sg. v. 
Berth. Litzmann. 3. Bd.) VII, 152 S. 



5. Musik und Tanz.- 



Tobler, Kühreihen oder Kühreigen, Jodel 
und Jodellied in Appenzell. Zürich. [Mit 
Musikbeilagen.] 

Radecke, Das deutsche weltliche Lied in der 
Lautenmusik des 16 Jahrhunderts. Leipzig, 
Breitkopf und Härtel. 2. BL, 52 S., 1 Bl. 
8" [= Inaug.-Dissert. Berlin.] 

Niessen, Das Liederbuch des Leipziger Stu- 
denten Clodius vom Jahre 1609. Ein Bei- 
trag zur Geschichte des deutschen Liedes 
im 17. Jahrh. Leipzig, Breitkopf. 66 S., 
1 Bl. 8". [= Berliner Ing.-Diss.] 



Krause, Abriss der Entwickelungsgeschichte 
der Oper mit litterarischen Hinweisen. 
Hamburg, Verlagsanstalt VIII, 130 S. 
M. 2,00. 

Zelle, J. Theile und N. Strungk. Zweiter 
Beitrag zur Geschichte der älteren deut- 
schen Oper. (Humboldt-Gymn. - Programm 
Berlin.) [I. Beitr. ib. 1889.] 

Benecke, Vom Takt im Tanz, Gesang und 
Dichtung mit besonderer Berücksichtigung 
des Volkstümlichen. Diss. Leipzig. 91 S. 8*^. 



Litteratur des Jahres 1891. 



237 



Die übrigen Germanen. 

A. Holländer. 
I. Zeitschriften. 



Volkskunde. Tijdschrift voor Nederlandsche 
Folklore onder Eedactie van Pol de Mont 
en Aug. Gittee. 4>= Jaargang. Gent 1891. 

1. Aflevering: Walcheren iu Zeeland. I. De 
Walcherische Beer, door K. Baart. — Gittee, 
Eenige Beschouwingen over ons oud Klucht- 
spel. — Gittee, De Humor in de Taal. (Ver- 
volg.) IL LichameUjke Pijn en Ongemak. 
— Sagen. 1. De Waterduivel. 2. De dikke 
Linde te Vlierzeln 3. Brabantsche Overleve- 
ringen. — Tragen en Aanteekeningen. 

2. Aflevering : Pol de Mont, EeneKleiuig- 
heid over „Verloren Maandag*. — Ders., 
Jetz over Sint- Märten, Sinter- Greef en Sint- 
Nikolaes. — Boekbeoordeling: L. L. De Bo, 
Westvlaamsch Idioticon heruitgegeven door 
Joseph Samyn. Aug. Gittee. — Vragen en 
Aanteekeningen. Kronick. 

3. Aflevering: Walcheren in Zeeland. 
II. Baardt, Vertelsels: 1. De Domme CJilen- 
spiegol. — Zeden en Gebruiken: Gittee, De 
Doodendans. — Kronick. — Vragen en Aan- 
teekeningen. (Baarloop.) 

4. Aflevering: Gittee, Volkshumor in 
Geestelijke Zaken. (Vervolg.) — De Mont, 
Volksliedereu. I. (18) De Muzikant. — De 
Mont, Boekbeoordelingen: Tiroler Schnada- 
hüpfeln, Tiroler Volkslieder, Haussprüche aus 
den Alpen, — Gittee, Antwerpsche Kelder- 
mondvertellingen. — Vragen en Aanteeke- 
ningen. 

[Fortsetzung folgt.] 

Ons Volksleven. Antwerpsch - Brabantsch 
Tijdschrift voor Taal en Volks dichtveer- 
digheit, voor Oude Gebruiken, Wangeloof- 
kunde, enz. in twelf nommers van acht 
bladzijden in 8''. Onder Leiding van J.Cor- 
nelissen et J. B. Vervliet. 3. Jaargang 
1891. Brecht, L. Braeckmanu, Drukker- 
üitgever. 



1. Aflevering: Vervliet, Volksdichtveer- 
digheid. — Cornelissen, Bijdrage tot den 
Dietschen Taalschaft. l^t? (13^'«') Woorden- 
zange. — Een Friesche Nieuwjaerwensch van 
Eenen Vlaming. G. G. Etymologische Woorden- 
boeken der Nederlandsche taal. — Boek- 
bespreking: J. B. Vervliet, Inhoud van Tijd- 
schriften. 

3. Aflevering: Cornelissen, Bijdrage tot 
den Dietschen Taalschaft. 2'^''^ (U^t?) Woorden- 
zange. Beeldspraak. Liederen. 9. Reuzeliedje. 
St. Mertenslied, NieuwjaarsUeke. Boomen, 
Wouden en Gewassen. Christelijke Legenden. 
Kempsische Spreekwoordeu. Sagen 3 (28.) Wat 
een Watergeest eens aanvong. "VVangeloof. 
Vallende Sterven. Niuwskes. Folklore waUon. 
Boekbespreking: Cornelissen. — E. T. — 
Harou. — Lehember. — Vervliet. 

4. Aflevering: Cornelissen, Levende 
Spraakkmist. III. Uitgangen der Verklein- 
woorden (Vervolg.). — Harou, Hoe het Volk 
Wappenschilder en Sommige Opschriften uit- 
legt. — Vervliet, Sagen 4. (29.) De Geest. 
— Sprookskesen. Vertelsels. — Cornelissen, 
Spotrijmen op Steden en Dorpeu. — deRaadt, 
Een Woord over het Rechtgebied der ßezitters 
van Heertijkheeden in Brabant. — Boek- 
bespreking, Vragen en Aanteekeningen. 

[Fortsetzung folgt.] 

Fernere Zeitscliriften für niederländische Volks- 
kunde sind : 

Volk en Taal. Maandsschrift over Gebruiken, 
Geschiedenes, Taalkunde enz., uitgegeveu 
door de Zantersgilde van Zuid-Vla an- 
deren. Ronse, A. Courtin. 

't Daghet iu den Osten. Limburgsch Tijd- 
schrift voor alle liefhabbers van Taal- 
eu andere Wetensweerdigheden. Hasselt, 
M Ceysens. 7^« Jaargang. 1891. 



II. Bücher uud Aufsätze. 

[Friesen und friesische Sprache, s. unter: Deutsche.] 

1. Äusseres Leben. 

Nederland en zijne Bewoners. Handboek der | Dr. H. Blink. [Erscheint in Heften.] 

12. Aflevering. Amsterdam, Gerlings. S. 129 



Aardrijkskunde en Volkenkunde van Neder- 
land. Met Kaarteu vu at'befldiiiüeu (loor 



bis 192. 



238 



Laue: 



de Cock, Volksgeneeskunde in Vlanderen. 
Gent, Vuylsteke. VII, 3G8 S. 8«. 
M. 3,00. 



de Ricard, Les Hollandais dans l'arcliipel 
Indien. (Eev. -scientif. 1, 593.) 



2. Inneres Leben. 



A. de Cock, Volksgeneeskunde in Vlanderen. 

Gent,Vuylsteke. VII,368S. M.3,00. [Volks- 
medizin.] 
WoordeuboekderNederlaiidscheTaal. üeelV., 

All. 2. Bewerkt door A, Beets en J. W. 

Muller. 's Hage en Leiden, Nijhoff. 2.reeks. 

Aflev. 11 bewerkt door Klu}^er. 
Bouui<nu, Proeve van eeue kaxt der dialecten, 

die in Nederland worden gesproken. (Tijd- 

schrift van het Nederlandsch Aardrijksk. 

Genootschap. IL Serie. 8, 541.) 
Sermon, De Vlaamsche Vertaal- en Woordeu- 

boeken van het begin der boekdrukken- 

kunst tot den jare 1700. Gent, Siffer. 

40 S. 
Pauwels, Der viamische Sprachstreit. (Globus 

59, 177.) 
Les insnltes du patois flamand de Bruxelles. 

(Langues et Dialectes. mai 1891.) 



de Beer, Merkwaardige overgang van be- 
teekenis. (Noord en Zuid, XIV, 1.) 

J. H. d. B , Verandering van beteekenis door 
valsche analogie. (Noord en Zuid. XIV, 3.) 

Oude volksuitdrukkingeu. (Noord en Zuid 
XIV, 2.) 



Stoett, Spreekwiizen verklaard. 

1. Jemand eene blauwe huik omhangen. 

2. Jemand de Kap vullen. 

3. Zieh uit de voeten maken. (Noord en 
Zuid XIV, 1.) 

4. Den dans entspringen (ebenda XIV, 2). 

5. Jets onder de roos verteilen. 

6. Slapen als eene roos en slapen als op 
rozen. 

7. Fiolen laten zorgen (ebenda XIV, 3.) 
— , Men moet geen slapende honden wakker 

maken. (Tijdschr. voor nederl. Taal- en 
letterk. X, 118.) 

Waterpassen en enkele andere werkwoorden. 
Jemand naer St. Veiten wenschen. Vrouw 
Snaversnel. Daar gaat een domine voorbij. 
(Noord en Zuid XIV, 2.) 

Müller, Glimp-glimpen. (Tijdschr. voor nederl. 
Taal- en letterkunde X, 14.) 

Kern, Wak, loeme, moker. (ib. X, 114.) 

Grenard, Jets over de oude naamvalsbiugingen 
der nederlandsche eigennamen. (Verslagen 
en Mededeelingen der K. Vlaamsche Aca- 
demie voor taal- en letterkunde 1890.) 250 S. 

Bolte, Ein Antwerpener Clucbtboek von 1576. 
(Overgedr. uit Tijdschr. v. Nederl. Taal- en 
Letterk. 1891. 2. Afl. 17 S. 8°. 



B. Engländer. 
I. Äusseres Leben. 



Le recensement de la population de l'Angle- 

terre, en 1891. (Economie francj. 1891, 10.) 
Le recensement decennal en Angleterre (ib. 

460). 
Le recensement general de l'Angleterre et 

le recensement special de la cite de Londres 

(ib. 652). 
Le recensement de 1891 en Angleterre et 

les causes de diminution dans la vitesse 

d'accroissement de la population angiaise 

(ebenda 1891, 777). 
Garson, Remarks on Skulls dredged from the 

Thames in the neighbourhood of Kew. 

(Journ. anthrop. Inst. Great Britain 20, 20.~ 



Old English Pewter. [Zinngerät.] (Reliquary 
N. S. 5, 20, 72.) 



Ward, Notes on Tracing and Drawing Me 

dieval Encaustic Tiles for Plates. (ib. N. S. 
5, 239.) 



Wlieatley, London, Past and Present: its 
Historj, Associations, and Traditions. Based 
upon the ,Handbook of London' by the late 
Peter Cunningham. London. 

Loftie, A history of London. With Maps and 
lUush-ations. Third edition. London. 

Hodges, The Pele Towers of Northumberland. 
(Reliquary N. S. 5, 1.) 

Ditchfleld , ViUage Antiquities (ebenda N. S. 
5, 134). 



Litteratur des Jahres 1891. 



239 



Round, The introductiou of Knight Service 
into England. (English historical review 6, 
417, fi25.) 

Lambert, Two Thousand Years of Gild Life; 
. . . Together with a Füll Account of the 



gilds and trading companies of Kingtson- 
upon-Hull. From the 14th to the 18th 
Century. Hüll, Brown & Sons. XI, 414 S., 
1 Bl., 11 Taf. 



II. Inneres Leben. 

1. Lebenssitte und Recht. 



Wordsworth, Parochial Papers relating to 

Glaston in the County of Rutland. (Reli- 

quary. N. S., 5, 40, 153.) 
Wallis, A London Citizen's Diary in the 

Eighteenth Century (ebenda 5, 13.) 
C. C. B., Yorkshire Folk-lore. (Notes and 

Queries 12, 13.) 
Brand, Allerlei aus Albion. Leipzig, Reissner. 

156 S. M. 2,00. 
Hope, The Mace [Amtsstab] of the House of 

Commons. (Reliquary N. S. .5, 2G.) 



Burton, Rush-bearing: a History of the Old 
Custom. (Hüll. Litt. Club.) 

Howlett, Burial in Woollen, (Reliquary 5, 
N. S., 205.) 

Gregor, The Scotch Fisher Child. (Folk- 
lore 2, 73.) [Betrifft Spiele.] 

J. Cooper Morley, The Fairs of Old Liver- 
pool. (Reliquary N. S. 5, 32.) 

Batcliffe, Ducks' Eggs. (Notes and Queries 
12, 75.) 



2. Religion un 

Hooppell, Matres Ollo totae (Reliquary N. S. 

5, 129.) [In Binchester bei Bishops Auck- 

land.] 
Herford, The Confraternities of Penitence, I 

their Dramas and their Lamentations. [ 

(Eglish bist, review G, t)4().) 
Drake, New England Legends and Folk- 

Lore. Boston, Estes and Laurial. 4to. 

461 S. ! 

Balfour, Legends of the Lincolnshire Carts. 

(Folk-lore 2, 145, 257, 401.) 
A. (x., Out Oniuns. (Notes and Queries. 12, 

.56. [Vgl. ebenda 11, 387, 475.] 
Witclies in Cornwall. (Folk-lore 2, 248.) 
Legge, Witchcraft in Scotland. (Scottish Re- 
view. October XVIII.) 
Fischer, Aberglaube unter den Angelsachsen. 

Meiningen. 4°. 42 S. 
Harnley, Sailors' Anti-Friday Superstition. 

(Notes & Queries 12, 364.) 
Terry, Folk-lore of Black berries (ebenda 

12, 306 f., [CC. B.:] 376.) 



d Aberglaube. 

C. E., [Folk-lore] Glass, broken. (Notes & 
Queries 12. 489.) 



X., The Stork and 

(ebenda 12, 226). 
L. L. K., The Stork . 
Terry, The Stork 



the New-born Child 

. . (ebenda 291). 
(ebenda 414). 
.4. H., Inlauts" tecth (ebenda 267). 
VValford, Folk-lore of the Hourglass (ebenda 

505). 
Jackson, Weather-lore : Staffordshire (ebenda 

486). 
Burus, May Dew Folk-lore (eb. 447). 
Prideaux, The red mouse (eb. 465). 
Black, Swan Folk-lore (eb. 324). 
K. P. 1). E., [Folk-lore:] Viper and its 

young (eb. 268). 
Peacock, Spiders (eb. 12, 35) [vgl. 4, 506; 

5, 93, 197; 11, 497.] 
Joicey, Spiders [giftisre Eigenschaften] (ebenda 

211). 
N. M. & A., Wood pecker (ebenda 125). 
€. C. B., Wood pecker (ebenda 218), Terry 

(S. 218). 



3. Sprache. 



Wüodward, Palatal consonants in English. 
Dissertation. New- York. 59 S. 8». 

Kluge, Geschichte der englischen Sprache: 
(Paul, Grundriss der germanischen Philo- 
logie.) 

Englisli Miscellanies A volume of illustra- 
ting the history and language of the nor- 
theru Counties of England. [Public, of tho 



Surtees Society, vol. 85] London, Whittaker. 

V, 100 S. 
Uixon, Dictionary of idiomatic English phra- 

ses. New-York, Nelson. 384 S. 1,.^.0 Doli. 
Studio sui verbi inglesi d' uso piü frequente 

per il Prof. A. li v i e r i. Palermo, 

Clausen. 
Schultz, Die Sprache der „English Gilds" 



240 



Laue: 



aus dem Jahre 1839. Ein Beitrag zur 
Dialektkunde von Norfolk. Hildesheim, 
Gerstenherg. Jena Phil. Ing.-Diss. 45 S. 

Bauer, Über die Sprache und Mundart der 
altenglischen Dichtungen Andreas, Güdläc, 
Phoenix, hl. Kreuz und Höllenfahrt Christi. 
Marburg, Üniv.-Buchdr. 3 Bl, 98 S., l Bl. 
Ing.-Diss. 1S90. 

Leutzner, Wörterbuch der englischen Volks- 
sprache Australiens und einiger englischer 
Mischsprachen. Nebst einem Anhange. 
Halle— Leipzig. Karras. A. u. d. T. : Colo- 
nial English: A glossary of Australian, 
Anglo-Indian, Pidgin English, West-Indian 
and South African words . . . London, 
Kegan PauL 1 Bl., XII S., 2 BL, 237 S, 
IBl. 

Primer, The pronunciation of Fredericksburg. 
(Publ. of the mod. lang, assoc. of Am. 
V. 2.) 

Schochardt, Beiträge zur Kenntnis des eng- 
lischen Kreolisch. III. Das Indoenglische. 
(Englische Studien XV, 286.) 

Stoffel, Annotated specimens of „Arryese" 
a study in vulgär EngUsh. (Taalstudie 
XI, 4.) 

Blackmar, Spanish American words. (Mo- 
dern language notes VI, 2.) 



Grandgent, Notes on American pronunciation. 

(Modern lang, notes VI, 2.) 
Norton, Political Americanisnms : a glossary 

of termes and phrases current at diiferent 

periods in American politics. London, Long- 

mans. 2 sh., 6 d. 
Grrade, Das Neger-Englisch an der Westküste 

von Afrika. (Anglia 14, 362 ) 
Skeat, Principles of English Etymology. 

Second Series. Foreign Element Oxford, 

Clarendon Press. 
Baskerville, The etymology of English „Tote*-. 

(Modern language notes VI. 6.) 
Skeat, Notes on English etymology. (Trans- 

actions of the philol. Society III, 284.) 
Atkiiisou, A Study on some Archaic Place- 

names. (Reliquary N. S. 5, 147.) 
— Further Remarkson Personal Names and 

their distribution in 1302. (ib. 5, 84.) 
Uuppy, Homes of Family Names in Great 

Britain. London, Harrison. 664 S. 
Black, Folk-names of British Birds. (Folk- 
lore 2, 136-138 ) 
Westphal, Englische Ortsnamen im Altfran- 
zösischen. Strassburg, Dusch. 39 S. Inaugu- 

ral-Dissertation. 
Mackay, Scottich proverbs, chieffly of Fife 

origin. Fife, Westwood. 55 S. 1 sh. 



4. Diclitung;. 



(xoulü and Sheppard, Songs and ballads of 
the west: a collection made from the 
mouths of the people. Harmonised and 
arranged for voice and pianoforte. Conipl. 
in 4 parts. Part 4. London, Methuen. 5 sh. 

O'C, Saying for a Wet Day. (Notes & Que- 
ries 12, 15.) 



Terry, Old Christmas Night. (Notes & Que- 

ries 12, 96.) 
Braud, Englisches Theaterwesen. (Nord und 

Süd .59, 226.) 
Fairman-Ordish Folk -Drama. (Folk-Lore 

2, 314.) 



5. Musik. 



Balfour, The Old British ..Pibcorn'- or 
„Hornpipe' and its affinities. (Journ. of 



the antlirop. Inst. 
Ireland 20, 142. 



of Great Britain and 



C. Skandinavien (einsclil. Island)/) 



1. Allß'emeiues. 



Nyare bidrag tili käuuedoiii om de Svenska 
laudsmäleu ock Svenskt l'olklif. Tid- 
skrift utgiven pä uppdrag af Landsmäls- 
föreningarna i Uppsala, Helsingfors ock 
Lund genom J. A. Lundell. Stockholm, 
Samson & Wallin. 8». 



42. Heft. Eva Wigström, AUmogeseder 
i Rönnebärgs härad i. SkAne. 

Dauia, tidskrift for folkemäl og folkeminder, 
udgivet for Uuiversitets-jubilieets danske 
samfund af 0. Jespersen og Kr. Nyrop. 



1) Mit Unterstützung des Herrn Professor Axel Ohik in Kopenhagen. 



Litteratur dos Jahres ISiU. 



•241 



Kjolienhavn, Cybecker & Meyer. I, 2. bis 
3." Heft. 1891. 

2. Heft. Vilh. Andersen, Gentagelsen, 
en sproglig Studie. Axel Olrik, Tre danske 
folkesagn. 1. Et Starkadsagn fra Sonder- 
jyUand. 2. Tishmd-stenen. 3. Dannevirke og 
dronning Tyre. — Smäting. Anmeldelser. 

3. Heft. H F. Feilberg, Bidrag til 
stroeddernes saga. — SophusBugge &Axel 
Olrik, Sagnet om roeveren ved Grasten og en 
episode i det angelsaksiske digt om Beo- 
•wulf. — Otto Jespersen, Tydskriftprover. 

— Anmeldelser. Smäting. 

Aarbog for dansk kultnrhistorie, udgiven 
af Poul Bjerge. KJ0benhavn. Lehmann & 
Stage. 

1881. H. F. Feilberg, Cyprianus. 

1892. H. F. Feilberg, Levende be- 
gravet. 

E. P. KristenseOj Eflersloet til Skattegra- 
veren. Kolding (& Kjobenhavn, Gyldendal) 
1890. 280 S. 

— Gamle folks fortsellinger om det jyske 
almueliv, som det er blevet foert i mands 
minde, samt enkelte oplysende side otykker 
fra oeerne. Afd 1. KJ0benha\ia, Gylden- 
dal. 8". 

— Mikkel Skradders historier. Viborg(KJ0ben- 
havn. Gyldendal. 1890). 

Kvolsgärd, Spredte trak af landbolivet, 
optegnede troek ijysk mundart. Kjobenhavn, 
Universite t:s-jnbil?eets danske Samfund. 

Kristensen, Oeen Anholt i saan og sced efter 



gamle folks mundtlige meddelelser. Kjoben- 
havn, Gyldendal i Bl. 128 S. 

Male, Minder fra den yderste danske Sprog- 
grcändse. (Sönderjydske Aarbuger, udg. 
af H. P. Hansen-Nörremolle. Flensborg 
1891. S. 256—63.) 

Friis, SkildringerfraFinmarken. Med Illustra- 
tioner af Wilh. Peters. Kristiania, 
Cammermeyer. 

Hart, Nordgermanische Reiseeiudrücke aus 
Norwegen. (Tägl. Eundschau, Wissensch. 
Beil. 1094, U29.) 

Kittelsen, Fra Lofoten. Billeder og Text. 
2. Sämling. Ki-istiania, Dybrad. Tverfolio. 
4 Kr. 

Haukenoes, Hardanger. Natur, folkeUv og 
folketro. VII. üllenswang. Bergen, Floor. 
588 S. 4,50 Kr. 

Maurer, Zur Volkskunde Islands. (Zeitschr. 
Ver. Volkskunde 1, 1.) 

Svahn, Svenskt skämtlynne. Folklifsbilder, 
sägner och anekdoter. Med tekningar af 
E. Ljung och B. Liljefers. 2. uppl. 8. 
bis 9. Heft. Stockholm, Bonnier. ä 0,25 Kr. 

Sagor och Sägner, viser skrock och ordspräk 
frän Vestergötland. (Särtryck ur „All- 
mogelif i Vestergötland af Vestgöta lands- 
smälsförening i Uppsala). Öreskrifter lir 
foket. 148. 60 S. Stockholm, Bonnier. 
0,30 Kr. 

Linnieiis, Gothländska resa 1741. Med an- 
märkningar uti oeconomien, naturalhistorien, 
antiquiteter etc. Ny upplaga. 116 S. Visby 
(Stockholm, Skoglund) 1890. 1,50 kr. 



2. Äusseres Leben. 



Troels Lund, Danmarks og Norges Historie 
i Slutningen af det 16 de Aarh. Indre 
Historie. XI, Dagligt Liv: Bryllup. 560 S. 
Kjobenhavn, Reitzel. 9 Kr. 

Mejborg, Bondesgaarde i. Eidcrsted. (Mu- 
seum 1890, S. 374—92.) 

— Slesvigske Bondesgaarde i det 16de, 17 de 
og 18 de Aarhundrede. 1.— 4. H. Kjoben- 
havn, Lehmann & Stage. h 1,.50 Kr. 

— Om Bygningsstükkcr i Slesvig. Et illustre- 
ret Foredrag, 32 S. 4". Kjobenhavn, Leh- 
mann Ä Stage. 1,50 Kr. 

Dietrichsen, De norske Stavkirker. Christiste, 
nia, Alb. Cammermeyer. (Erscheint in 
Heften, 14 in Umschlag.) 

Bore, Bärgsmanslif i början af 1800 — talct. 
Anteckningar frän nora eck lindes bärgs- 



lager. Stockholm, Norstedt 1891. - Nyare 

bidrag tili kännedom om de Svenska lands- 

mälen ock svenskt folklif V, 7. 
Islenzkar gätiir, pulur og skemtanir. 3. H. 

Kaupmannshöfn , hid islenzka bdkmenta- 

fjelag 1890. [Inhalt: Ölafur Davidsson, 

Icikir, listir, kvedskapur etc.] 
E. T. Kristensen, Den jydske almues sel- 

skabeligc sammenkomster (in d. Zeitschr. 

Gylland, udg. af Jessen. Aarhus. 1891). 
Ett bondsbröllop pä Gotland fir 50 är sedan. 

(Ny illustrerad titende 1890, S. 129.) 
Guldberg, Om skandinavemes hvalfangst 

(Nord-tidskr. utg. af letterstedtska före- 

ningen 1890, S. 251—271). 
Kniidsen Lysliolm, En alsingsk bylov. (Son- 

derjyske Aarboger. 1890, S. 116—119.) 



242 



Laue : 



3. Inneres Leben. 
a) Mythologie. 



3lousenr, Travaux rocents sur la mjthologie 
scandinave. (Rev. d. l'hist. des religions 
XXIII, 1.) 

Poestion, Die alten nordischen Frühlings- 
feste. Nach dem Dänischen des Troels 
Lund. (Zeitschr. f Volkskunde 3, 268, 310, 
349. 387, 42.% 4G4.) 

Sander, Harbardsangen jänite grundtexten 
tili Völuspä. Mythologiska uudersökningar. 
Stockholm, Norstedt & söner. 72 S gr. 8". 
M. 2,25. 

Jouas Lie, Trold, en tylst eventyr. Kjoben- 
havn, Gyldendal. [Novellistisch.] 

Drachmaiiu, Troldtöj. Kj^ibenhavn, Bojesen. 
[Novellistisch.] 

porkelson, Ein isländischer Blutsegen. (Zeit- 
schrift Ver. Volksk. 1, 102 f.) 



Kahle, Aus isländischer Volksüberlieferung. 

(Germania 24, 4 ) 
Lnnd, Tolo Fragmenter om Hedenskabet med 

sserligt Hensyn til Forholdene i Nord- 

og Mellemeuropa. I, 1. H. Kjobenhavn, 

Eeitzel. 304 S. G Kr. 
E. H. Meyer, Eddische Kosmogonie. Ein 

Beitrag zur Geschichte des Alterturas und 

des Mittelalters. Freiburg i Br. U8 S. 
— Skabelseslaeren i Eddaerne af Prof. E. H. 

Meyer i Freiburg ved Herrn an Anker. 

Hamar (& Kristiania, Aschebourg). 30 S. 

0,25 Kr. 
Feilberg, ..Making Weather' in Denmark. 

(Folk-lore 2, 133.) 



b) Sagen. 



Eirlks saga rauda og Flatoebogens Graenlcn- 
dingathättr samt uddrag fra Olafssaga Trygg- 
vasonar udg. f. Samfund til udg. af gammel 
nord. litt. ved. , . G. Storm. Kjobenhavn, 
Moellers bogtr. 2 Bl., 16 S., 1 Bl., 79 S. 
[= Samfund til udgivelse af gammel nord. 
Htt. Bd. 21.] 

Morgenstern, Zur Überlieferung der grossen 
Olafsaga Tryggvasonar. (Arkiv för Nor- 
disk Filologi. N. F. IV, 2.) 

Beer, Über die Orvar-Odds saga (ib. IV, 2.) 

Laxdoela saga udg. f. Samfund til udg. af 
gammel nord. litt. ved. Kr. Kälund. (In 
3 Hftn.) Kjobenhavn, Moellers bogtr. 1889 
bis 1891, 2. Bl., LXX, 372 S.) [= Samfund 
ttl udg. . . Bd. 19.] 

Zwei Fornaldarsögur. (Hrölfssaga Gautreks- 
sonar und Asmundar - saga Kappabana.) 
Hrsg. V. Detter. Halle , Niemeyer. LVI, 
107 S. M. 4,00. 

Die Völsungasaga. Nach Bugges Text mit 
Einl. u. Glossar hrsg. v. W. Rani seh. 
Berlin, Mayer u. Müller. XVIII, 216 S. 
M. 3,60. 

Isländische Yolkssagen. Aus d. Samml. v. 



Jon Arnason ausgewählt u. aus d. Islän- 
dischen übers, v. M. Lehmann-Filhes. 
N. F. Berlin, ebenda. XXX, 266 S. M. 4,00. 

Islendingabök, er skrifadh hetir Ari Thor- 
gilsson, og Landnämabok. Büidh hefir til 
prentunar Vald (imar) Asmundarson. Reyk- 
javik, Kristjansson. VII, 256 S. = Islen- 
dinga sögui", Nr. 1. 2. 

Hardhar saga ok Holmverja. Thorleifr 
Jonsson gaf iit. Reykjavik, Kristjansson. 
VII, 104 S. = Islendinga sögur. Nr. 3. 

Küchler, Nordische Heldensagen. Aus dem 
Altisländischen übers, u. bearb. Bremen, 
Heinsius. III, 264 S. M. 3,00. 

Yoretzsch, Über die Sage von Ogier dem 
Dänen und die Entstehung der Chevallerie 
Ogier. Halle. 

Cederschiöld Medeltids berättelser. Sagor, 
legender ock anecdoter frän fornisländskan. 
Stockholm 1885-1891, Norstedt. = Nyare 
bydrag til kännedom om de svenska lands- 
mälen ock svenskt folklif. V. 1 

Handelmann, Zur norwegischen Sagen- 
forschung. (Am Urquell II, 3). 



c) Sprache. 

Passy, De nordica lingua quantum in Is- ' Ross, Norsk Ordbog. Tillaeg til „Norsk Ord- 
landia ab antiquissismis temporibus mutata j bog" af Ivar Aasen. Femte Hefte. Christia- 
sit. Thesis. Paris, Firmin-Didot. 64 S. | nia og Kjobenhavn, Cammermeyer. 



Litteratur des Jahres 1891. 



243 



Kristensen, Danske ordsprog og mundheld, 

skjaemte sprog, stedlige taleinader, ordspil 

og samtaleord Kolding. Kr. 7. 
Söderwall, Ordbok öfver svenska medeltids 

spräket. Tolfte haftet. Lund. 4». 120 S. 

(Samliiigar utgifna af svenska fornskrift 

sällskapet haft 100.) 
Larsson, Ordförradet i de älsta islanska 

handskrifterna, leksikaliskt ock gramatiskt 

ordnat. Lund, Lindstedt. V, 438 S. 4". 

M. 25,00. 
— Södermannalagcns spräk I. Ljudlära. 

Akad. afhandl Upsala. Stockholm. 1 BL, 

158 S. 8° [- Antiqvar. Tidskr. för Sverige 

XII, 3. 4.] 
Hayfors, Gamlakarlebymäler. J.jud- och form- 

lära samt spräkpro. Diss. Helsingfors. 

122 S., 1 Kart. 8". 
Nielsen, Bidrag til fortolkning af danske 

stednavne. (Blandinger til oplysning om 

dansk sprog i aeldre og nyere tid. II, 1.) 
Hjelmquist, Naturskildringarna i den norröna 

diktningen. (Antiqv. tidskrift för Sverige. 

XII, 1. 2: S. 1-217.) [Darin über Orts- 
und Personennamen, die auf Natureindrücke 

weisen.] 
Rygii, Norske stedsnavne paa lo (lä, slö, og 

lignende) : Arkivförnordiskfllologie VII,244. 
Specht, Das Verbum reflexivum und die 

Superlative im Westnordischen. Berliner 

Ing.-Diss. 1. BL, 30 S., 1 Bl. 



Specht, Ein Beitrag zur nord. Grammatik. (Aus 
Acta Germanica.) Berlin, Mayer & Müller. 
56 S. M. 1,80. 

H. F. Feilberg-, Bidrag til en ordbog over 
jyske almuesmal. 7. H. KJ0benhavn, Uni- 
versitets-jubikeets danske samfund. 

X. Andersen, Digte i Sönderjydske Maal. 
(Sönderjydskc Aarboeger. 1890, S. 294 
bis 316.) 

— Landsbylöje.(Flensborg Avis. 1891. Feuille- 
ton.) 

Wenström och Jeurling, Svenska sprakets 
ordförrad eller 80000 inhemska och främ- 
mande ord och naran med öfversättningar 
och förklaringar jemte uttalsbeteckning 
och accentuering enligt Sv. akademiens 
Ijudenligaste stafsätt. Under medverkan 
af Hera sprakmän utarbetad. Stockholm 
Skoglund. 109G S. 4 Hefte ä 50 0re. 

Peter Läles ordspräk, och av motsvarandc 
svensk samling, utg. av AxelKock och 
Carl av Petersens. 2. H. Kjobenhavn, 
Samfund til udgivelse af gammel nordisk 
literatur. 

Balling, Ordsprogsloerdom. Kjobenhavn 1890. 
219 S. 

Hiiseby, Norske Namebog, indeholdende 300 
kinde- og 500 mandsname. 40 S. Folke- 
skriftselshabet. 0,30 Kr. 



Lundell, SkandinaAasche Volkspoesie (Paul 
Grundriss II. 1, 719 fl') 

Evald Tang: Kristensen, Gamle Viser i Folke- 
munde. Fjerde Samling. (Jyske Folkeminder. 
XI). Kjobenhavn, Gyldendal (Viborg) 
432 S. 4 Kr. 

Brate, Eunverser. (Hildebrand Antiqvarisk 
Tidskrift for Sverige 10, 1-442) 

— Vers runiques. Resume du memoire pre- 
cedent. (ib. Nr. 2, 1-4) 

Steenstrup, Etüde sur les chansons popu- 
laires danoises au Moyen-ägc. (Oversigt 
over det Kongelige Danske Videnskabernes 
Selskabs Forhandlinger. 1.^91, 1.) 

Faerösk anthologi ved V. U. Hammershaimb. 
Med understöttelse af Carlsberg fondet. 
I. IL (In 6 Hftn.) Kjubenhavn, Moellers 
bogtr. 18(86)-91. 2 Bde. 8». I. Tekts samt 
histor. og grammat. indledning. (l Bl., 
CXVI, 460 S., 4 Bl.) IL Ordsamling og 
register udarb. af J. Jakobson. (1 BL, 



d) Poesie. 

476 S., 2 Bl.) = Samfund til udgivelse af 
gammel nord. litt. Bd. 15. 

Karlamaguusar kväje, oedla Rolandsk vivje 
[ütgjivin av J. Jakobsen]. Torshavn, 
Fcerö Amtstitende 1890. I. Gaipa tättur. 
IL Runsevalsstry (Tölvjavningar). [Sepa- 
ratabdruck der Zeitung „Dimmaloetting" zu 
Torshavn]. 

Steenstrup, Vore folkeviser fra Middelalderen. 
Studier over Visernes Aesthctik, rette 
Form og Alder. 33() S. Kjobenhavn, Klein 
5. Kr. 

A. D. Jörgenseu, De historiske folkeviser 
og Wils Ebbesen (Historiske tidskrift udg. 
af den danske last, forening. 4. roekke, III.) 

Rugge, Harpeiis Kraft, A Bi(h-ag til den nor- 
diske Balladüdigtnings Historie, ferfattet 
under Medvirkning af Professor Moltke 
Moe. (Arkiv f. nordisk filologi VII, S. 97 
bis 141). 

Schüclt, Lekarc och ballader. (Samlaren. 



244 



Laue: Tjitteratur des Jahres 1891. 



XII. 1891. Uppsala, Svenska litteratur- 

sällskapet). 
Vendell, Om hufvudmotiven i Njlands äldre 

riddareviser och romanser (Finsk tidskrift. 

1890. 1. H. S. 371—383). [Besprechung 

von: Lagus, Nyländska folkviser.] 
Steffen , Norsk folkaiktning i vära dagar 

(Nordiskt tidskrift utg af den letterstedtska 

föreningen. 1891, 4. H. Stockholm, Nor- 

stedt). 
M. Eskeseu, Karsten Thomseu Ira Fr0slev. 

(Sönderjydske Aarbceger. 1891, S. 82 bis 

108). 
E. T. Kristensen, Mosekonen brygger. Mveia- 



tyr og Legende fortalte af Borge Janssen. 

Med Tegninger af danske Kunstnere. 160 S. 

Kjobenhavn, Schubothe. 3 Kr. 
Kamp, Danske Folkeaeventyr. Samlede (fra 

folkemunde) og gjenf ortalte . . . KJ0benhavn, 

Waloike Mansa. 1879—1891. 1. Bd. (2B1, 

232 S , 2 Bl.). 2. Bd. (3 Bl., 244 S.) 
Fischer, Slesvigske Folkesagn. 3. Udjave. 

Aabenraa 1890 [novellistisch]. 
Nyrop, Nej, A motivs Historie. 178 S. Kjoben- 

havn, Eeitzel. 3,50 Kr. 
Skeibrok, Sandfoerdige Skröner og sligt no- 

get, illustrerede af Th. Mitt eisen. 56 S. 

4«. Olaf Hussby. 2 Kr. 



Nachtrag zu den Sieben Grafen. S. 207. 

Zu der ditmarsi sehen Fassung der Sage sind ferner zu vergleichen die Oden- 
wälder Geschichte von der getreuen Frau, von Plönnies erzählt in Wolfs Zeitschr. 
f. deutsche Mythologie II, 377 (dazu vergl. auch Wolf, Hausmärchen, S. 98), und 
die Waldecksche Geschichte, Die treue Frau, bei Curtze, Volksüberlieferangen 
aus dem Fürstentum Waldeck (Arolsen 1860, S. 141 ff). Beide Fassungen ent- 
halten dasselbe Lied, wie die Ditmarscher; auch haben sie das Hemd als 
Keuschheitsbeweis bewahrt. K. W. 





yV^. /■ /Jans LH üci/ire/^i UstfriesI<Kn<-i- 








liQ.cJ Jiep- 



^a . h/i^,.<D. ticLusev ciiu J lonsejxce 




'iQ 7 Hctit % in ßucUrhu-rj i^i 0"/?, en. J^/t) i-röa u t. 




Fl a- y. Baus l^ fvissi/7^en. 



'^^^^^ 



y^t^^ 




FiQ.'^^ fJaiis 177 hz\3 scrrc^cn 





II 17. if^./fartLs in Bänölg. 



T if- 0. Jji^tii Miis l/i^iterpo^mneT'ii 



Volkstümliche Schlaglichter. 

Von Wilhelm Schwartz. 

(Zeitschrift I, 17. 279.) 



III. Von der Farbeu- und Zahlenkenntnis des Volkes. 

Wie die Naturkenntnis des Menschen, so wird auch die Farben- 
kenntnis bedingt durch seinen Horizont und durch die Lebens- 
beziehungen, welche ihm die Bezeichnung der einzelnen Farben zum 
Bedürfnis machen. Auch hierbei erscheint der reale Hintergrund zu- 
nächst als massgebend. 

Tritt dies besonders charakteristisch z. B. sofort beim Färber, Gärtner 
oder Maler hervor, in deren Beruf die Farben eine Hauptrolle spielen, so 
gilt es doch verhältnismässig von jedem Menschen, und so ergeben sich 
auch hier verschiedene Phasen in der Entwickelung des betreffenden Sinnes. 

Wenn ich demgemäss in der Kette der Betrachtungen, die ich in den 
„volkstümlichen Schlaglichtern" gebe, von der Farbenkenntnis rede, so 
kommt es auch hier darauf an, den Gegensatz zu zeichnen, welcher in 
dieser Beziehung zwischen den einfachen, natürlichen und den ent- 
wickelteren Kulturverhältnissen besteht. Es gilt also auch hier, in grossen 
Linien an dem eigenen Volke zu zeigen, wie von einfachen Anfängen aus 
infolge reicherer Kulturentwickelung, namentlich in Tracht, Mode und 
Kunst sich auf jenen Grundlagen eine reiche Fülle von Nüancierungen 
auch in der Farbenkenntnis entwickelt. 

Wenn die moderne Wissenschaft mehr von der Theorie der Farben, 
vom Regenbogen und Spektrum und einem etwa in dieser Hinsicht sich 
modificierenden Sehvermögen einzelner Menschen oder Völker ausgeht, wie 
es in der sogenannten Farbenblindheit zum Ausdruck gekommen, und so 
mehr schematisch die Sache ansieht, so wird unsere Betrachtung, gerade 
umgekehrt, mehr historisch verfahren, indem sie der faktisch im Leben 
liervortretenden Kenntnis und Bezeichnung von Farben nachgeht und dabei 
als letztes Ziel eine Geschichte der Farben bei den verschiedenen Völkern 
im Auge hat, die dann erst mit den Theorieen a priori sich auszugleichen 
hätte. 

Machen wir nach den jetzigen volkstümlichen Kreisen uns ein Bild in 
betreff des Horizonts, innerhalb dessen die oben angedeutete „Bedürfnis- 
frage" in Hinsicht auf Bezeichnung der Farben sich entwickelt haben 

Zeitdcbrilt d. Vereins f. Volkskunde. 1692. -,„ 



246 Schwartz: 

dürfte, so möchten als die primitivsten hierher schlagenden Bezeichnungen 
die Begriffe von ^hell" und „dunkel" anzusehen sein, die mit jedem Licht- 
wechsel am Himmel, namentlich dem von Nacht und Tag, sich dem 
Menschen aufdrängen, dann auch innerhalb der verschiedenen Farben- 
kategorieen als eine Art Gegensatz hervortreten und auch vom Volke oft 
noch geradezu als Substitut für eine bestimmte Farbe angewandt werden; 
so hört man z. B. oft einfach: „Sie hatte ein helles (bezw. dunkles) 
, Tuch um". 

Die nächste weitere Anregung zum Anwenden von Farbenbezeich- 
nungen dürfte vor allem das Haar der Menschen, sowie das Fell der Tiere 
und das Gefieder der Vögel gegeben haben. Hier entwickelt das Bedürfnis 
schon eine grössere Mannigfaltigkeit. Erscheint der obige Gegensatz unter 
der Form von „schwarz" und „weiss", so treten sofort als Übergaugsphasen 
unter dem Reflex des mehr oder minder Hellen bezw. Dunklen „braun" 
und „blond" (gelbrot) ein, während eine mechanische Mischung von schwarz 
und weiss in „grau" erscheint. 

Bei den Augen wird volkstümlich zunächst mehr der in ihnen sich 
abspiegelnde Charakter, als gerade die Farbe an sich erfasst. Man spricht 
von starren, rollenden, feurigen und hellen (d. h. feurig- und hellblickenden) 
Augen, welche letztere der Grieche mit ekixiüi}u unser Landmann besonders 
bei Mädchen mit dem Ausdruck „krill" (gTell) bezeichnet (Sie hat so reclit 
krille Augen). Nur gelegentlich redet man von „so recht schwarzen" oder 
„blauen Augen" (wie Vergissmeinnicht). 

„Grün" schliesst sich an Laub und Gras, „gelb" und „rot" gesondert 
sowie „blau" entwickeln sich weiter und reicher an Früchten und Blumen. 
Wie die letzteren Farben aber gleichsam schon einem geweiterten Hori- 
zont angehören, der nicht so unmittelbar auf das Lebensbedürfnis der 
Menschen sich bezieht, so fasst auch noch heutzutage der Landmann sie 
oft unter dem Kollektivuamen „bunt" zusammen. 

Die so o-ewonnenen Farben decken etwa das erste Bedürfnis der 
Menschen in ihrer natürlichen, kulturloseren Zeit, wie uns auch die An- 
fänge der griechischen Farbenlehre zeigen, nur dass dort die Philosophen 
sofort in dem Bestreben, die Farben prinzipiell auseinander zu entwickeln, 
allerhand theoretische Betrachtungen hineintragen. 

Bei der Erweiterung der Farbenbezeichnungen hat offenbar zu allen 
Zeiten, sowie noch jetzt, das weibliche Geschlecht in dem ihm inne- 
wohnenden Bestreben, sich und seine Umgebung zu schmücken, eine grosse 
Rolle gespielt. "Wie namentlich die Mädchen dabei vor allem auf die 
mannigfach gefärbten Blumen noch jetzt zurückgreifen und an ihnen ihr 
Farbensinn sich entwickelt, so inehrte sich dies einst offenbar, als unter 
ihren Händen allerhand bunte Gewebe entstanden und andere Gegenstände 
zum Schmuck herangezogen und verziert wurden, denn „in" uml „an" dem 
Bunten entwickelt sich zuerst der Geschmack. 



Volkstümliche Schlaglichter. 247 

Auch das bei allen Naturvölkern übliche Schminken, das ja noch nicht 
völlig ausgestorben, spielte in der Verfeinerung des Farbensinnes seine 
Rolle. 

Namentlich aber trat und tritt durch den Handel eine grössere 
Mannigfaltigkeit in den Farben ein und eine Art Scheidung zwischen 
volkstümlichen und Kulturfarben, wenngleich die Grenzen sich 
wieder stellenweise verwischen. Wie die Kultur den Griechen neben dem 
„Blutrot" (rpni.vog, fpoivioc, rpoivrjttg, öaq^niroc) „das phönizische Rot" 
(fpnlvii^ cpoivixnsic) und endlich „den Purpur" (rr.oQq^vQsoc) in ihren ver- 
schiedensten Nüancierungen brachte, so auch unserer ländlichen Bevölke- 
rung z. B. das bei ihr dann sehr beliebt gewordene „Lila", welches von 
dem sogenannten spanischen Hollunder, dem Lilak oder blauen Flieder, 
den Namen hat. 

Man geht fehl, wenn man aus einer so neu auftauchenden 
Farbenbezeichnung heutzutage öfter schliesst, das betreffende 
Volk habe bis dahin kein Auge für die entsprechende Farbe 
gehabt. Sie wurde nur erst bezeichnet, als sie in ihrer Eigentümlichkeit 
in den Horizont der Menschen trat und ein Bedürfnis entstand, sie zu be- 
nennen. Man kann überhaupt nicht vorsichtig genug sein, auch in anderer 
Weise, aus dem Umstand, dass dieses oder jenes Volk etwas nicht mit 
einem uns gäng und gäben Farbenepitheton bezeichnet, schliessen zu wollen, 
das Volk habe jene Farbe nicht gekannt, wie man z. B. aus dem Umstand, 
dass Homer den Himmel nicht „blau" nenne, neuerdings auf eine gewisse 
Farbenblindheit des Dichters in dieser Hinsicht hat schliessen wollen. Die 
Sache hängt z. B. in diesem Falle ganz anders zusammen. Wenn wir den 
Himmel „blau" nennen, so ist diese Bezeichnung aus einer unmittelbaren 
Anschauung entstanden, derzufolge wir den Himmel, mehr oder minder be- 
wusst, als eine Wölbung, gleichsam als eine riesenhafte, die Erde deckende 
Glocke, fassen, wozu die (blaue) Farbenbezeichnung sich dann als ganz natür- 
lich stellt, wie auch die Römer zu der analogen Ausdrucksweise coelum (Ante 
mare et terras et, quod tegit omnia, coelum Ovid. Metam. 1, 5) ganz ent- 
sprechend von einem caeruleum coelum, caerulea templa coeli, d. h. einem 
blauen Himmelsgewölbe reden. Den Griechen, oder genauer gesprochen, der 
homerischen Zeit, fehlte aber jenes Anschauungssubstrat, wie auch unsere 
Maler — eine höchst charakteristische Parallele — es nicht verwenden. 
Wie diese bei einem Bilde, welches eine Landschaft darstellt, nicht vom 
Himmel reden, sondern dafür den Ausdruck „Luft" gebrauchen, so thut 
es auch ähnlich Homer, indem bei ihm die eigentliche Bezeichnung für 
den Himmel alitriQ ist, OvQavng hingegen gleichsam erst in der Entwicke- 
lung zu jenem Begriff sich befindet^). In dem aid^7J{) sahen die Griechen 



1) Als mythische Person ist Uranus ursprünglich mehr vom indogermanischen Stand- 
piinkt aus die „bergende nächtigende Wolke", wie es seine Parallele mit dem indischen 

n* 



248 Schwartz: 

aber nichts Fassbares, dem sie eine besondere Farbe beilegten, sondern 
bloss „die helle Luft" gegenüber der „dicken" Nebel- und Wolkenregion, 
dem ai^Q. Nicht also das Blau, sondern unsere Vorstellung vom Himmel, 
gleichsam als der Decke der Erde, mangelte ihnen als Ausgangspunkt einer 
jene Farbe in das Bild hineinziehenden Anschauung. Sie sagten nicht, 
wenn die Wolken sich wieder verzogen, „es wird schon wieder blau", son- 
dern analog unserm „es klärt oder heitert sich auf" vnEQ()äyri al^qQ^ der 
Äther bricht wieder hindurch^). Und wenn sie den Äther dann wirklich 
lokal fassten als die Region, in der die Götter weilen, so passte auch dafür 
das Prädikat „blau" ebenso wenig, wie wir auch nicht von einem „blauen" 
Paradies der Seligen dort oben reden würden. Sie verliehen ihm heiteren, 
ewigen Glanz, gerade wie die Edda Odhins Wohnung dort oben „golden" 
schimmern lässt und auch sonst im deutschen Altertum nur von einem 
„goldglänzenden" Haus oder Halle dort oben, einem „Goldberg" u. dergl. 
die Rede ist (Grimm, Myth. ' 780). 

Doch kehren wir zu den Farbenkategorieen zurück, wie sie das volks- 
tümliche Leben uns ergeben hat. 

Wir erhielten schwarz, weiss, gelb, rot, braun, blau und grün 
als Produkt; von Kulturfarben etwa ausser goldig und silbern noch 
lila. Gelegentlich treten einige, aus unmittelbarer Anschauung noch 
stammende Modifikationen hinzu, im ganzen aber kommt das Volk mit 
dem obigen aus und hilft sich in einem einzelnen Falle mit Heranzielmng 
einer Vergleichung, wenn es gilt, eine besondere Nüancierung auszudrücken. 
Man spricht so z. B. von raben- oder pech- schwarz, von himmelblau, 
semmelblond, fuchsrot u. s. w. 

Wie aber mit jedem Schritt, den ein Volk in der Kultur vor- 
wärts thut, sich sein Sprachschatz weitet, so entwickelt sich auch, wie 
schon angedeutet, die bis dahin einfache volkstümliche Farbenlehre zu 
einer feinen Kunst, die ein geübtes Auge, viel Erfahrung und auch einen 
gewissen Grad von Geschmack voraussetzt, bis zuletzt die wechselnde Mode 
soviel Nüancierungen ausbildet, dass nur wenige ihnen folgen können, ganz 
abgesehen von der technischen Ausbildung der Farbentheorie, welche sie 
in Weberei, Gärtnerei, Malerei u. s. w. erfährt. 



Varnnas zeigt, und in rton Hesiodeischen ^^y«? ovgavoi vixxn fnnywv noch nachklingt, 
dann erst der Nachthimmel, wozu bei Homer das stehende Epitheton «oTf()o*(f passt, bis 
zuletzt, je mehr die mythischen Beziehungen erblassten, der Name überhaupt die lokale 
Bedeutung von Himmel erhielt. S. Urspr. d. Myth S. 132. 

1) OvnavöOiv rf'wp' VTifnQnyri lianfTog tti&rjo, Hom. H. VI 11. 55S, oder in vollerer 
Ausführung \les Bildes XVI. 297 ff. 

o'ig rf'oi' «(/i' vijjrjlfis xoQV(ffji ooeog ^(ynkoio 
y.iviqari nvxiv^v vtq)ikriv ajtQOTirjyfQita Zsvi, 
fy. t' iifavtv naaui ay.ontal xa) nowofis axooi 
xat vancd, ovoayöOty d'f<'(^ vntQQi'yr] aansioc cdf^tJQ. 



Volkstümliche Schlaglichter. 249 

Ich stelle in der nachfolgenden Tabelle den aus den ländlichen 
Kreisen gewonnenen Hauptfarben nun die in grossstädtischen Verhält- 
nissen „allgemeiner" üblichen und bekannten gegenüber, um auch auf 
dem Gebiet der Farbenkenntnis den Gegensatz zu zeichnen, der bei den- 
selben Grundlagen zwischen dem volkstümlichen und Kulturleben 
bei uns sich entfaltet. 

1. schwarz; ebenholz-, kohl-, pech-, rabenschwarz Cschwarzblau, 
schwarzbraun, schwarzrot, letzteres z. B. von den völlig reifen 
sauren und einigen Arten süsser Kirschen). 

2. weiss; blendendweiss, creme (elfenbeiuweiss), kreide-, milch- 
(blau-), schnee- und silberweiss. 

3. grau; asch-, blau-, blei-, dunkel-, elefanten-, eselsgrau, fahl, hell-, 
mause-, pulver-, stahl-, silber-, stein- und taubengrau. 

4. blond; asch-, dunkel-, hell-, rot-, semmelblond. 

5. gelb; bernsteinfarbig, chamois, citronen-, dunkelgelb, ecru (grau- 
gelb), eiergelb, erbsfarbig, fahlgelb, honigfarbig, goldgelb, bronze- 
farbig, isabellfarbig, ockergelb, orange, quittegelb, safrangelb, sand- 
farben, schwefelgelb. 

6. rot; blass-, blutrot, bordeaux, karmoisinrot, cerise, dunkelrot, 
rosinenfarbig, feuer-, fuchs-, granaten-, hellrot (rosenrot), korallen-, 
krebsrot, kupferfarben, lachsfarben, ponceau, purpur, rosa, rubinrot, 
Scharlach, ziegelrot, zinnober. 

7. braun; bismarckbraun, chokoladenbraun, dunkelbraun, havannah- 
braun, kaifee-, kastanienbraun, modefarben, nuss- und olivenbraun, 
rehfarben, rot- und zimtbraun. 

8. grün; apfel-, blass-, blau-, dunkel-, flaschen- (glas-), gift- (Schwein- 
further) grün; gras-, mai-, meer-, moos-, oliven-, papagei-, see- und 
smaragdgrün ; 

9. blau; dragoner- und gendarmenblau, hell- und himmelblau, indigo-, 
kornblumenblau (azur-), marine-, preussisch-, saphir-, schiefer-, 
stahl-, ultramarin-, veilchen- und wasserblau. 

10. lila; amaranth, amethyst, heliotrop, pensee, pfirsich-, pflaum- und 

Veilchenfarben, violett. 
Während also das Volk, namentlich das ländliche, mit circa zehn 
Farben auskommt, zeigt der entwickeltere Standpunkt der weiblichen 
grossstädtischen Kreise circa 133 Nuancen derselben. 



Hellwalds Ethnographische Rösselsprünge, Leipzig 1891, welche mir 
während dieser Arbeit zu Händen kamen, namentlich das Kapitel über 
„die Zählkunst der Völker", giebt mir Veranlassung, auch einige Be- 
merkungen hierüber zu macheu, zumal gerade auf diesem Gebiete der 



250 Scbwartz: 

primitive Charakter der volkstümlichen und der entwickelte der 
Kulturkreise sich in höchst prägnanter Weise scheidet. Reisende wun- 
dern sich über die begrenzte Fähigkeit in der Kunst des Zähleus bei den 
Naturvölkern. Im eigenen Volke kann jeder bei allseitiger, eingehender 
Beobachtung die Erfahrung machen, dass trotz aller Schulbildung ganze 
Schichten vorhanden sind, mit denen es nicht viel anders steht. Und die 
Sache ist auch ganz natüi'lich. 

Wenn das Faktum zunächst Kuhn und mich bei unseren Wanderungen 
in Norddeutschland überraschte, dass die ländliche Bevölkerung, abgesehen 
von Grossbauern, Händlern, Hirten u. dergl., namentlich aber die Frauen 
nur meist innerhalb des Zahlenkreises von 1 — 30 (30 Silbergroschen machten 
damals einen Thaler) und höchstens bis 100 mit einiger Sicherheit sich 
bewegten, bei Angabe des Alters z. B. häufig Verwechselungen von 56 
und 65, 76 und 67 und ähnlicher, höherer Zahlen stattfanden, so schwand 
die Verwunderung bei weiterem Verfolgen der Sache. 

Der Horizont des Menschen wird auch hier durch die Be- 
dürfnisfrage bedingt. Selbst wenn der einzelne in seiner Jugend theo- 
retisch das Zählen weiter gelernt hat, wenn nicht das Leben ihm weiter 
Substrate für sein Denken „in Zahlen" liefert, so verkümmert allmählich 
die Kenntnis, gerade wie der Mensch auch mit der Zeit eine fremde Sprache, 
die er gelernt, ja sogar die Schrift (Lesen und Schreiben) verlernt, wenn 
er sie nicht übt. 

Die Verhältnisse und die Kultur schaffen auch hier überall bestimmte 
Grenzen, ja die Individualität des einzelnen, ob er etwa sparsam und 
geizig oder leichtlebig mit dem Gelde umgeht, wirken dabei mit. Schliess- 
lich bietet ja auch die Natur des Menschen überhaupt, selbst in den kulti- 
viertesten Kreisen, eine Grenze; denn wenn auch der Astronom oder 
Banquier heutzutage mit Millionen und Milliarden auf dem Papier zu 
rechnen gelernt hat, so giebt es auch für ihn einen Punkt, wo das 
Ausdenken der Zahl aufhört und er die Schranke fühlt, welche den 
Menschen von dem, in den Begriff des Unendlichen übergehenden Masse 
trennt. 

Die Grenze der Entwickelung des Zahlenkreises schliesst für jeden 
Menschen eigentlich schon da ab, wo für ihn der Begriff der Vielheit an- 
fängt und er damit dem Zählen zu entsagen anfängt. 

Die prähistorischen Studien namentlich innerhalb der indogermanischen 
Sprachen zeigen uns nun in höchst charakteristischer Weise die Stufen der 
Entwickelung, welche die Kulturvölker in betreff des Begriffes der Viel- 
heit durchlaufen haben, und erklären damit, wie es nicht zu verwundern 
ist, wenn die Schichten der heutigen Kulturvölker, deren Leben in der 
Unmittelbarkeit der täglichen Lebensbedürfnisse sich bewegt und damit 
einen primitiveren Charakter bewahrt, auch immer nur mehr in den An- 
fängen des Erfassens der Zahlenverhältnisse sich halte. 



Volkstümliche Schlaglichter. 251 

Der Begriff der Vielheit gegenüber der Einheit entwickelt sich zu- 
nächst in der Konjugation, in dem Gegensatz von wir, ihr, sie gegenüber 
dem: ich, du, er; einzelne von den indogermanischen Sprachen, z. B. das 
Griechische, zeigen daneben noch als eine Art Übergang den Charakter 
der Zweiheit in dem Dualis: wir beide, ihr beide, sie beide, doch ist er 
von den meisten als unwesentlicher aufgegeben worden^). 

Beim Zählen selbst treten dann verschiedene Kepräsentanteu grösserer 
Zahlen als Vertreter des Begriffs der Vielheit auf. Wie uns im gewöhn- 
lichen Leben noch oft hundert oder tausend so gilt, gebrauchten die Römer 
trecenti, sescenti in diesem Sinne, die Griechen f.iv()toi^ was sie in dieser 
Bedeutung durch die Aussprache dann von f.ivQini, 10 000, unterschieden. 
Der Begriff Million als neue Grundzahl tritt erst im XV., der der Milliarde 
erst im vorigen Jahrhundert auf und ist erst durch den deutsch -französi- 
schen Krieg gleichsam populär geworden. Astronomen steigen zu Billionen 
und Trillionen auf, doch schwindet bei alledem je länger je mehr, wie 
gesagt, das Ausdenken der Zahl. 

Das Volk bildet sich bei seinem einfachen, beschränkteren Verhält- 
nisse, wenn es einmal genötigt wird, mit grösseren und ihm unbequemer 
werdenden Zahlen zu rechnen, wieder eigene Formen aus. Die Praxis 
überwiegt bei ihm. Von ersterem bietet der Verkehr mit den Berliner 
Droschken, seitdem deren Nummern in die Tausende reichen, ein Bei- 
spiel. Auf den Bahnhöfen werden dieselben nicht nach ihrem Zahlenwert 
2456, 3678 u. s. w., sondern geteilt, 24 — 56, 36 — 78 u. s. w., aufgerufen. 
Und was den zweiten Punkt anbetrifft, bei der Bruchrechnung steigen die 
Berliner Käuferinnen, selbst der höheren Stände, sowie Händlerinneu nicht 
zu den Achteln hinab, sondern fordern, bezw. verkaufen ein halbes, oder 
anderthalb Viertel (Schinken) und dergl. mehr. Die Grundlagen des Zählens 
und Rechnens sind auf dem Gebiet des Volkstums wie der Kultur die- 
selben; indem sie sich aber nach den Bedürfnissen regulieren, entfalten 
sie sich dort eben mehr vom praktischen, hier vom theoretischen Stand- 
punkt aus verschiedentlich. 



1) Hat dann sich an dem „ich", „du", „er" verschiedentlich die Dreizahl als Grund- 
lage des Zählens ausgebildet, die bei einzelnen Völkern zum Duodecimalsystem führte, so 
entfaltete sich bei den meisten an den Fingern und Zehen das Decimalsystem, so dass 
mit Recht Hellwald von demselben sagt: das Decimalsystem, welches die moderne Welt 
benutzt, das sieb auf eine nicht sehr geeignete Grundzahl stützt, da dieselbe weder durch 
drei noch durch vier teilbar ist, ein Vorteil, den die Duodecimalteilung bieten würde, 
gründet sich einfach auf die menschliche Anatomie und ist ein Erbstück dos Urmenschen, 
das er auf dem von der Natur selbst gebotenen Rechenbrett, am eigenen Körper, aus- 
gebildet hat. 



252 <^Wk: 



Märchen in Saxo Grammaticus. 

Von Axel Olrik. 

(Fortsetzung. Oben S, 117—123.) 



2. Sigrid und Othar. 

Saxo erzählt (YI. Buch, S. 330—34) : Sigrid (Syritha), die Tochter des 
dänischen Königs Sivald, wurde von einer ganzen Schar junger Männer 
geliebt; sie aber war so keusch, dass sie keinem einen Blick gönnte. In 
dieser Selbstbeherrschung erbat sie von ihrem Vater, dass nur derjenige 
ihr Bräutigam werde, welcher ihren Blick gewinnen könne. 

Unter ihren Freiern war auch Othar, der Sohn des Ebbe; allein ihm 
ging es nicht besser als den andern. Da geschah es, dass ein Riese, welcher 
sich in Sigrid verliebt hatte, ein Weib zu ihr schickte, dem es gelang, 
ihre Zofe zu werden und sie in den Wald zu locken, von wo sie der Riese 
in seine Felsenwohnung entführte. Andere sagen, dass sie der Riese selbst 
in der Gestalt eines Weibes weglockte. Als Othar dies erfuhr, durchsuchte 
er alle Schlupfwinkel des Gebirges, bis er sie endlich fand, den Riesen 
tötete und sie wieder aus der Höhle führte. Nochmals versuchte er die 
Jungfrau zu bewegen, ihn anzublicken; aber vergebens. Sie wanderte fort 
auf unbekannten Pfaden, bis sie zur Wohnung eines hässlichen Waldweibes 
kam, das ihr die Ziegen zu weiden aufgab. Auch hier fand sie der treue 
Othar wieder, befreite sie und wiederholte seine Bitte, lieber mit ihm zu 
ihren Eltern zurückzufahren, als hier den Unholden zu dienen. Sie aber 
hielt immer ihre Augen gesenkt und wanderte, während Othar zu seinen 
Schiffen zurückkehrte, wieder in die Wildnis hinein. Endlich kam sie auf 
ihrem Umherirren zum Hofe Ebbes, des Vaters Othars, wo sie sich, ihrer 
Armut und dürftigen Kleidung schämend, für ein Bettelmädchen ausgab. 
Wie entstellt sie auch war, so wurde sie doch von der Mutter Othars als 
„ein Zweig edlen Blutes" erkannt und als vornehmes Fräulein aufgenommen. 
Vergebens bat Othar sie, den Schleier abzulegen. Um sie noch stärker zu 
versuchen, veranstaltete er zum Schein seine Hochzeit mit einem anderen 
Mädchen. Abends, als sich das Brautpaar in die Hochzeitskammer begab, 
sollte Sigrid die Hochzeitskerze vor ihnen tragen. Das Licht war fast 
niedergebrannt, und die Flamme berührte schon ihre Finger; noch aber 
stand sie still und schien keinen Schmerz zu empfinden; denn die äussere 
Hitze war nichts gegen das, was sich in ihrer Seele bewegte. Da bat sie 
Othar, ihre Hand zu hüten; furchtsam erhob sie da ihr Auge und schenkte 
ihm ihren zärtlichsten Blick. Nun war die scheinbai-e Hochzeit zu Ende, 
diu wirkliche begann und Sigrid stieg ins Brautbett. — Später kam Othar 



Märchen in Saxo Grammatdcus. 253 

in die Gewalt des Königs Sivald, der ihn, als den "Verführer seiner Tochter, 
hängen lassen wollte; Sigrid aber erzählte alles, von da ab, als sie geraubt 
worden, und versöhnte nicht nur den König, sondern bewegte ihn auch, 
die Schwester Othars zu heiraten. Hiernach erzählt Saxo von einer Schlacht 
gegen die Schweden, in welcher Sivald, mit Hilfe Othars, den Tod seines 
Vaters rächt — und damit verschwinden alle diese Personen plötzlich aus 
Saxos Geschichte, und eine neue Generation tritt auf. 

Wer altnordische oder überhaupt altgermanische Heldensagen kennt, 
muss sich wuudern, dass diese Sage mit anderen dergleichen so wenig 
übereinstimmt. Kampf zwischen irdischen Helden kommt nur als aus- 
wendig angehängter Schmuck, nicht in der eigentlichen Handlung vor. 
Der Kampf in der Riesenhöhle, um eine geraubte Königstochter zu be- 
freien, ist der Heldensage fremd, in den Märchen aber gewöhnlich. So 
sind auch alle anderen Auftritte der Sigridsage in der Heldendichtung un- 
bekannt, z. B. dass die Heroine bei einer Hexe dient, dass sie sich im 
Hause ihres alten Liebhabers aufhält, ferner, dass sie an der Hochzeits- 
feier teilnimmt, welche durch eine Metamorphose ihre eigene wird; — dies 
alles sind Märchensituationen , und die ganze Sigridsage ist eine Reihe 
solcher Auftritte. 

Sehen wir einmal den ersten Auftritt an, die Befreiung der Königs- 
tochter. Diesem entspricht eine ganze Gruppe von Volksmärchen; das 
Märchen, welches am nächsten liegt, wird gewöhnlich „Die drei Königs- 
töchter"- genannt und ist ungefähr folgenden Inhalts^): Es ist prophezeit 
worden, dass die drei Töchter des Königs nicht das Haus ihres Vaters 
verlassen dürfen, bis sie zwölf Jahre alt sind: das würde ihr Unglück 
werden. Sie wagen sich dennoch hinaus und eine schwarze Wolke (oder 
ein Wirbelwind) überrascht sie und führt sie fort. Ein Soldat zieht mit 
zwei anderen aus, sie zu suchen; ein altes Weib zeigt ihnen den Weg 
(oder sie sehen einen Unhold durch ein Loch im Gebirge verschwinden); 
der Soldat lässt sich herabwinden, findet ein Zauberschwert und einen 
stärkenden Trank, erschlägt den dreiköpfigen Riesen und bringt die drei 
Köuigstöchter aus der Pelsenwohnung hervor. Die letzte Hälfte des 
Märchens (worin die zwei Begleiter die Rolle des „roten Ritters" spielen) 
geht uns hier nichts an. Im hier mitgeteilten Abschnitte des Märchens 
mögen wir aber die vollständigere Gestalt der SigTidsage erkennen, also, 
dass in dieser alles mythologisch Übernatürliche vermieden ist (der Un- 
hold in der Wolke oder im Wirbelwinde, das Zauberschwert und der 
Stärketrank). Nur das Herauslocken der Königstöchter entspricht nicht 



1) S. Grundtvig, Ganilc daiiske minder I No. 34; J. Madseu, Folkeminder fra Hauved 
sogn ved Flensburg, S. 11; Kl. Berntsen, Folkeseventyr I No. 12 u. 30; J. Kamp, Danske 
folkeseventyr I No. 1 und 11; die ungedruckten Märcheusammlungen S. Grundtvigs (Kgl. 
Bibliothek zu Kopenhagen) No. 5; Cavallius och Stepheus, Svenska folksagor No. 4; 
Ashjörnsen og Moe I No. 3. 



254 Olrik: 

ganz g-enaii dem Märchen (es erinnert an Loki und Idun in der Snorra 
Edda). Aber auch dieses lässt sich von unserm Standpunkte aus erklären: 
der Anfang des Märchens fehlt in vielen der Aufzeichnungen, und es be- 
ginnt einfach so, dass die Königstöchter plötzlich verschwunden sind und 
die drei Gesellen ausziehen, dieselben zu suchen. 

Dass dieses Märchen die Quelle der Sigridsage sei, halte ich für wahr- 
scheinlich, aber nicht für ganz ausgemacht. Sicher scheint es mir, dass in 
unserer Geschichte eine Märchen-Entlehnung vorliegt, und zwar aus einem 
oder mehreren bestimmten Märchen. 

Festeren Boden unter den Füssen erreichen wir, wenn wir in der 
anderen Abteilung der Sage gleich auf das wichtigste Moment losgehen. 
Das Mädchen, welches bei der Hochzeit seines ehemaligen Geliebten die 
Hochzeitskerze trägt, und erst als diese hinuntergebrannt ist, durch den 
Bräutigam erlöst und als die rechte Braut anerkannt wird, ist einem be- 
stimmten Märchen eigentümlich. Es ist eine in Dänemark gewöhnliche, 
aber sonst seltene Form des Märchens von der Braut des Hundes (Amor- 
und Psychemärchen). Dieses kommt bei uns in drei Hauptformen vor: 
1) „Der weisse Bär" oder „Der verwundete Wolf" (wo die Lösung 
des Knoten durch die drei Wachnächte des Mädchens im Zimmer ihres 
ehemaligen Gatten bewirkt wird); 2) „Der kleine weisse Hund", wo 
die Leiden der Hundsbraut — wie in Amor und Psyche — gleich nach 
der Höllenfahrt enden ^); und 3) „Der allerliebste Freund". Diese 
letzte Form, welche mir in zwei gedruckten und sechs noch nicht veröffent- 
lichten Aufzeichnungen vorliegt^), schliesst sich in den meisten Einzel- 
heiten nahe an den „kleinen weissen Hund'^; aber das Motiv mit der 
Kerze ist beigefügt und ein neuer Zusammenhang geschaffen. Der Gang 
der Erzählung ist gewöhnlich folgender: Als die Hundsbraut von ihrem 
Gatten verlassen ist, wandert sie durch den Wald und nimmt bei einer 
Hexe Dienst. Die Hexe giebt ihr schwarze Wolle, die sie weiss waschen 
soll, wenn sie ihr Leben lieb habe; dann kommt der Knecht daselbst und 
verspricht ihr zu helfen, wenn sie ihn ihren allerliebsten Freund nenne. 
„Einen einzigen Freund habe ich nur", antwortet sie, „und ihm will ich 
treu bleiben". „Doch werde ich dir helfen", sagt er und giesst Wasser 
über die Wolle, also dass sie weiss wird. Am folgenden Tage soll sie den 
Schafstall reinigen. Da stand sie mit einer Mistgabel, so schwer, dass sie 
sie nicht heben konnte, und wusste nicht, was anfangen. „Was weinst 



1) S. Grundhig, Gamle danske minder I No. 107; Berntsen, Folketeventyi- II No. 12: 
und noch sechs ungedruckte Aufzeichnungen. 

2) Kristensen, Jyske Folkeminder VII No. 50; Kristensen, Folkeseventyr optagnede 
of folkemindesamfundet No. 1; S. Grundtvigs Märchenmss. No. 26 e, f, h, m, n, s. Svend 
Grundtvigs „Wolfkönigssohu" (Danske folkeseventyr I No. 16 = Dan. Volksmärchen, übers, 
von Leo, S. 252) ist eine poetische, schöne, aber moderne Vereinigung aller drei Haupt- 
formen, zum Teil vom Herausgeber gemacht, und nur durch eine volkstümliche Aufzeich- 
nung gestützt. 



Märchen in Saxo Grammaticus. 255 

du?"' fragte der Knecht, „ich will dir helfen, wenn du mich deinen aller- 
liebsten Freund nennen willst/' Sie aber wollte ihrem alten Herzens- 
freunde treu bleiben. Doch half er ihr: begann den Mist auszuwerfen und 
dann arbeitete die Mistgabel von selbst fort. Nochmals sagte die Hexe: 
„Du musst mir aus der Hölle den Brautschmuck für meine Tochter holen." 
Das Mädchen kannte den Weg garnicht, der Knecht aber zeigte ihr den- 
selben, obgleich sie ihn nicht ihren Herzensfreund nennen wollte, und riet 
ihr zugleich, den Dienstmägden am Ofen zu helfen, die Höllenhunde zu 
füttern, die Brücke zu stützen, leise an das Thor zu klopfen, sich nicht in 
den Höllenstuhl zu setzen und nichts zu essen. Allen diesen Anweisungen 
folgend, kam sie mit dem Brautschmuck glücklich zurück, aber dann öffnete 
sie das Kästchen und der Schmuck war fort. Da kam wieder der Knecht 
zu ihr, und versprach „diesmal und noch einmal" zu helfen; und so kam 
sie mit dem Schmuck zur Hexe. Nun ward die Hochzeit der Hexen- 
tochter und des Knechts gefeiert, und die Hexe liess das Mädchen die 
Hochzeitskerze tragen, und zauberte sie an ihre Finger fest; so folgte sie 
dem Hochzeitspaare bis ans Bett. Die Kerze brannte bis auf ihre Hand 
nieder, und voll von Schmerz schreit sie zum Bräutigam: „Mein Herz- 
allerliebster, hilf mir doch!" Und als sie dies rief, erkannte sie ihren alten 
Herzensfreund in ihm wieder, und er bekam sogleich die Macht ihre Ver- 
zauberung zu heben: er nahm die Kerze von ihr weg und setzte sie auf 
die Hand der Hexentochter, und die Hexentochter verbrannte, und die 
Hexe verbrannte, und die ganze Wohnung der Hexe und alle Hochzeits- 
gäste verbrannten, und der Jüngling und das Mädchen waren von ihnen 
ganz befreit. 

Ehe wir die Ähnlichkeit dieses Märchens mit der Sigridsage für unsere 
Untersuchung verwerten, wollen wir einige andere Formen des Hunds- 
märchens herbeiziehen. Zwei noch ungedruckte dänische Märchen -Auf- 
zeichnungen (S. Grundtvig 26 g p.) erzählen, die eine: „Als die Prinzessin 
die Hochzeitskerze beim Teufel geholt hatte, wurde die Hochzeit des Hundes 
und der Hexentochter gefeiert. Die alte Frau giebt jener am Hochzeits- 
abend die Lichter zu tragen und befiehlt, dieselben nicht fallen zu lassen; 
der schwarze Hund aber riet ihr, dass sie, wenn nur noch wenig davon 
übrig wäre, zur Braut gehen und sie bitten sollte, die Kerzen zu tragen; 
dann sollte sie weggehen: denn wer sie zuletzt trug, konnte sie nicht los- 
werden. Und so geschah es. Und die Braut verbrannte, und die Mutter 
und das ganze Haus mit ihr verbrannten; nur der Hund und die Prin- 
zessin blieben am Leben. „Schlag mir den Kopf ab," sagte er; sie that's, 
und siehe, da stand er als Prinz da. 

Die andere Aufzeichnung lautet: „Am Abend der Hochzeitsfeier des 
Wolfs und der Hexentochter gebot die Alte dem Mädchen, vor dem 
Hochzeitsbette Platz zu nehmen, und sie befestigte Kerzen auf seine beiden 
Daumen. Dann kam der Wolf und nahm die Kerzen weg und setzte sie 



256 Olrik: 

an die Hexentochter; und sie verbrannte mit Mutter und Haus; der Wolf 
aber wurde der Gratte der jungen Frau, wie er zuvor gewesen war." — 
Der seltsame Platz der Kerzen findet sich auch in mehreren Formen des 
„Allerliebsten Freundes" wieder. Nur drei Aufzeichnungen haben „eine 
Kerze" oder „ein gar kleines Kerzlein"; die vier anderen haben „ein 
Stückchen Wachskerze an ihre Finger fest", „drei Kerzen, so gross wie 
eine Fingerspitze, ein Kerzlein zwischen jeden zweiten Finger", „zehn 
Lichter zwischen ihren Fingerspitzen", „ein Kerzenstückchen an jeder 
Fingerspitze". 

Diese dänischen Erzählungen stehen nicht vereinzelt da. Dasselbe 
Märchen findet sich mit derselben Auflösung im Sizilianischen wieder : die 
Rusidda muss, eine Kerze in der Hand, am Fussende des Hochzeitsbettes 
des Königs Amor sitzen, bis dieser seiner Braut sie abzulösen befiehlt: 
dann zerplatzt die Kerze oder — nach gewöhnlicher Fassung — die Erde 
verschlingt sie. Nach einer Variante aus den Abruzzen bekommt sie 
„zehn Lichter, eins auf jeden Finger"; in der lothringischen Form trägt 
sie zehn Lichter zwischen den Zehen eingesteckt^). 

Das Märchen von der Hochzeitskerze findet sich also in verschiedenen 
europäischen Ländern wieder. In Dänemark kommt ausser der gewöhn- 
lichen Form auch eine besondere vor „Der allerliebste Freund". Wir 
finden sie nur in Dänemark, Norwegen und Schweden, und sie scheint denn 
spezifisch nordisch zu sein^). 

Die dänische Sigridsage kann nicht die Quelle des weit verbreiteten 
Kerzenmärchens sein. Das Umgekehrte muss der Fall sein. Die Ent- 
wicklungsreihe ist: Kerzenmärchen (europäisch) — der allerliebste Freund 
(dänisch) — Sigridsage (dänisch). 

Noch in anderer Weise werden wir es wahrscheinlich finden, dass die 
festgezauberte Kerze älter ist, als die zauberlose Erzählung der Sigridsage. 
Wir finden sie auch als einfaches Volkssagenmotiv: Die niederländische 
Legende vom heiligen Abt Bernhard zu Afslighem erzählt, dass ihn einmal 
der Teufel besuchte; der Abt aber gab ihm die Kerze zu halten und zauberte, 
dass er sie nicht fallen liess; der Teufel schrie laut auf, während sie seine 
Hand durchbrannte, und er hütete sich wohl, wiederzukommen^). 

Auch wenn wir Saxos Erzählung allein für sich betrachten, sehen wir, 
dass sie nicht die ursprüngliche Form des Märchens enthalten kann. Nicht 



1) Über diese Foraien des Psychemärchens siehe Cosquin, Contes populaires de 
Lon-aine, No. 65. Auch ein serbisches Volkslied, welches von dem Ursprung der Sitte des 
Schweigens in der slavischen Hochzeit handelt (JCrauss, Volksglaube der Südslaven, S. 8), 
scheint eine Akklimatisation des gemeineuropäischen Märchens zu sein. 

2) Cavallius och Stephens , Svenska folksagor No. 19 C. Professor Moltke Moe in 
Kristiania hat mir freundlichst mitgeteilt, dass er in seinen ungedruckten Sanmilungen 
verschiedene Aufzeichnungen desselben Märchens hat. 

•i) J. W. Wolf, Niederländische Sagen, 1843, S. 556. 



Märchen in Saio Grammaticus. 257 

nur das Kerzeutragen, sondern die ganze Handlung entspricht der Er- 
zählung des Märchens: so oft das Mädchen in Not ist, sucht sie der Lieb- 
haher auf, rettet sie und knüpft seine Werbung daran. Jedesmal antwortet 
sie nein, bis sie endlich, von der Kerze verbrannt, sich demütigt. Die 
Schilderungen, durch welche diese Handlung ausgeführt wird, entsprechen 
auch Zügen desselben Märchens: Sigrid wandert einsam durch den Wald, 
bis sie zu der Wohnung einer Hexe kommt, welche ihr eine schwere 
Arbeit aufträgt. Noch näher liegen sich die beiden Erzählungen von ihrem 
Aufenthalt in derselben Wohnung mit ihrem Liebhaber, und dass sie an 
seiner Hochzeit, welche auch die ihrige wird, teilnimmt. Die ganze Sigrid- 
sage (den Anfang ausgenommen) hat nur Situationen, welche denen des 
Märchens entsprechen; nur ist in der Sigridsage alles Übernatürliche ver- 
mieden. Aber hier treffen wir den Unterschied: die ersten Werbungen 
des „allerliebsten Freundes" knüpfen alle an eine bestimmte That an; der 
Aufenthalt Sigrids bei der Waldhexe hat keine solche Aufgabe, und daher 
wird Othars Besuch sehr schwach motiviert (der Dichter deckt hier die 
episch schwache Stelle durch ein schönes lyrisches Gedicht). Wir dürfen 
daraus schliessen, dass diese Situation einer andern Dichtung entlehnt ist; 
aus dem Märchen konnte der Sigriddichter die Situation bekommen, aber 
ihren Inhalt, die zauberhafte Hilfe, konnte er in seiner historischen Er- 
zählung nicht verwerten. 

Es scheint also festgestellt, dass die Sigridsage bei Saxo ganz ans 
Märchen hervorgewachsen ist; und ich darf zum Schluss die chronologischen 
Daten fixieren: Saxos Arbeit um 1200, Sigridsage wohl nicht später als um 
1100, Allerliebster Freund in Dänemark vor 1100 entstanden, noch früher 
Einwanderung in Dänemark des gemein-europäischen (und auch dänischen) 
Hundsmärchen mit dem Kerzenmotiv. Die zwei Märchenepochen lassen 
sich nicht genauer feststellen. Bemerkungswert ist es aber, dass unsere 
drei Dichtungen drei verschiedene Stufen der menschlichen Greistes- 
entwickelung darstellen. Im gewöhnlichen Kerzenmärchen bringt der Held 
die Kerze in die Hand der Hexentochter. Das ist ganz wie in anderen 
Unholdsmärchen: der Held vertauscht die Mützen seiner Brüder, und der 
Riesentöchter, also dass sie an ihrer Stelle getötet werden; oder er kocht 
an seiner Stelle die Hexentochter im Kessel. Dies ist die rohe Auffassung; 
jedes Mittel ist ihr gut genug, das Feindliche zu überwinden, sie freut sich 
des Sieges ohne alles Mitleid. Die andere Auffassung bedient sich der- 
selben Zaubervorstellungen wie jene, aber sie legt nicht diu Entscheidung 
in eine zufällige Benützung des Zaubers oder der Thorheit des Feindes: 
das einzig erlösende Mittel ist die Liebe, die finstere Macht der Unholde 
kann nur durch das Liebeswort gebrochen werden. Und dieses Motiv 
wird hier poetisch weit besser verwertet, indem es die ganze Erzählung 
durchdringt und durch dasselbe die Handlung zu immer grösserer Spannung 
sich entwickelt. Die dritte Epoche stellt uns die Sigridsage dar. Das 



258 Arendt: 

Zauberhafte ist hier vermieden; die Macht, welche der Liebhaber über- 
winden muss, ist keine äussere, sondern eine dem Menschen innewohnende. 
Diese poetische Behandlung verwertet einen weit kleineren Teil der 
Handlungsmomente als das Märchen, und die Entscheidung der Sage ist 
um eine ganz kleine Bewegung — das einmalige Aufblicken — kon- 
zentriert. Auch das bezeichnet sie als moderne Dichtung. 
Kopenhagen. 



Ein Kapitel aus dem Aber- und Geisterglauben 

der Chinesen. 

Von C. Arendt. 



Indem ich mich anschicke, die Aufmerksamkeit des Lesers für einige 
Mitteilungen aus dem Kreise der volkstümlichen Anschauungen, wie sie sich 
im äussersten Osten des Asiatischen Kontinents entwickelt haben, in An- 
spruch zu nehmen, muss ich im voraus bemerken, dass ich mich auch diesmal, 
ebenso wie in meinem früheren kleinen Aufsatz (unsere Zeitschrift I, 325 ff.), 
im wesentlichen darauf beschränken werde, das mir zu Gebote stehende 
Material in authentischer Form vorzulegen, und zwar sind es im ganzen 
sechs Geschichten, welche ich in ihrer traditionellen Form an der Hand der 
einheimischen Quellen vorzuführen gedenke. Das gemeinsame Band aber, 
welches diese für ein so abgelegenes Gebiet immerhin schon ziemlich statt- 
liche Anzahl mit einander verknüpft und mich berechtigt, sie als Illustrationen 
zu einem und demselben Kapitel aus dem Gebiete des chinesischen Aber- 
und Geisterglaubens hinzustellen, ist dieses, dass es sich in allen Fällen 
— mit nur teilweiser Ausnahme der, aber doch enge verwandten, No. 5 — 
darum handelt, in welcher Weise denjenigen, der sich in gewaltthätiger 
und ungerechtfertigter Weise, wenn auch nicht immer durch Mord, an dem 
Leben seiner Mitmenschen vergriffen hat, durch die Wirksamkeit dämoni- 
scher Kräfte die Kache ereilt. Wir werden aber die Sühne, welche dieser- 
gestalt der Blutthat auf dem Fusse folgt, sich unter drei wesentlich von 
einander verschiedenen Formen vollziehen sehen. Diesen drei Formen 
aber wird wieder das gemeinsame und für chinesische Denkungsart charak- 
teristische Merkmal anhaften, dass es mit einer, nur scheinbaren und 
halben Ausnahme, nicht die erzürnte Gottheit ist, welche die Störung der 
von ihr gesetzten moralischen Weltordnung mit rächender Hand sühnt, 
sondern dass jedesmal entweder der gekränkte Geist des gewaltsam ums 
Leben Gekommenen selber, oder aber seine Freunde und Getreuen zur 
Herbeiführung der Kache dämonische Einflüsse in ihren Dienst nehmen. 



Ein Kapitel aus dem Aber- und Geisterglauben der Chinesen. 259 

Damit aber ist das Interesse, welches ich für meine Geschichten in 
Anspruch nehmen zu dürfen glaube, noch nicht ganz erschöpft. Es handelt 
sich nämlich in allen sechs Fällen um durchaus historische Persönlich- 
keiten, ja um in ihrer Grundlage auf das Allerentschieden ste historische, 
gut beglaubigte Thatsachen, für welche sich das Jahr und der Monat, ja 
teilweise der Tag des Geschehens angeben lässt. Nur in die Ver- 
knüpfung eines Teils der Thatsachen sind einzelne wunderbare Momente 
hineingemischt, welche doch auch ihrerseits grossenteils wieder sich un- 
schwer als psychologische Erscheinungen und also sozusagen als inner- 
liche Thatsachen charakterisieren. Bedenken wir aber, dass es sich 
eben durchweg um anerkannt geschichtliche Persönlichkeiten handelt, so 
kommt in den auf die Ereignisse aufgepfropften Wundererscheinungen die 
Art und Weise zum Ausdruck, wie der chinesische Volksgeist sich den 
von ihm instinktiv als Wahrheit mehr gefühlten, als erkannten Satz, 
dass die Weltgeschichte das Weltgericht sei, zurechtzulegen und 
gewissermassen handgreiflich zu veranschaulichen gesucht hat. Dass ich 
aber diese freischöpferische Gestaltung der betreffenden geschichtlichen 
Thatsachen als ein in das Gebiet der Volkskunde fallendes Thema in 
Anspruch nehme, rechtfertigt sich dadurch, dass diese Gestaltung, wie ich 
glaube behaupten zu dürfen, nicht auf die individuelle Erfindung der ein- 
zelnen Schriftsteller, die ich benutzt habe, zurückgeht, sondern die durch 
sagenhafte Überlieferung fixierten, in der allgemeinen Denkungsart der 
Menge wurzelnden und durch sie getragenen Anschauungen des chinesi- 
schen Volkes repräsentiert. Dass ich mich in dieser Auffassung nicht 
irre, wird, wie ich glaube, schon aus dem bei aller Verschiedenheit stets 
aus denselben Ideen-Associationen sich aufbauenden Gange der Erzählungen 
klar, ohne dass ich mich auf die Führung des Nachweises im einzelnen 
einzulassen genötigt wäre. 

Ich habe diese allgemeinen Gesichtspunkte und Betrachtungen voran- 
geschickt, um nunmehr in rascher und ununterbrochener Folge die von 
mir ausgewählten Erzählungen aneinander zu reihen; inwiefern durch die- 
selben die von mir aufgestellten Sätze bestätigt werden, muss ich dem 
kompetenten Beurteiler selbst zu erwägen überlassen. 

1. 

Meine erste Geschichte, welche ich dem 1. und 2. Kapitel des Histori- 
schen Romans Tung Chou Lie Kuö, d. h. „Geschichte der Fürstentümer 
zur Zeit der Östlichen Chou -Dynastie" entnehme, führt uns in die Jahre 
785 und 782 vor Christi Geburt zurück. In China regierte damals, und 
zwar bereits seit dem Jahre 827, der Kaiser Hsüan. Im erstgenannten 
Jahre hatte der Kaiser die Hinrichtung seines Oberstaatsrates Tupo wegen 
mangelhafter Ausführung eines ihm erteilten Auftrages befohlen und das 
harte Urteil auch in der That trotz der energischen Fürbitte des Unter- 



260 Arendt: 

Staatsrates Tsojü vollstrecken lassen, worauf Tsojü, mit dem Hingerichteten 
auf das Engste befreundet, sich selber den Tod gegeben hatte. Als der 
Kaiser den Selbstmord des Tsojü erfuhr, bereute er die übereilte Hin- 
richtung des Oberstaatsrates und schloss die darauffolgende Nacht kein 
Auge. Er litt seitdem an krankhafter Zerstreutheit und redete oft irre. 
Er ward in hohem Grade vergesslich und die Audienzen mussten häufig 
o-anz ausoesetzt werden. Erst im Herbst des Jahres 782 fühlte der Kaiser 
sich soweit wieder hergestellt, dass er zu seiner Erholung eine grosse Jagd 
zu veranstalten beschloss. Die Jagd ging auf das glänzendste von statten 
und der Kaiser Hsüän war in der heitersten Laune. Unterdessen neigte 
sich die Sonne zum Untergang, die Jagd wurde für beendigt erklärt und 
der Rückzug angetreten. Plötzlich überkam den Kaiser auf seiner Equi- 
page ein Gefühl des Schwindels, es flimmerte ihm vor den Augen und er 
sah aus der Ferne einen kleinen offenen Wagen gerade auf sich zu kommen. 
Auf dem Wagen standen zwei Männer, jeder einen Bogen von roter Farbe 
über den Rücken gehängt und rote Pfeile in der Hand haltend. Die 
grüssten den Kaiser und sprachen: „Wie ist es Ew. Majestät seit unserer 
Trennung ergangen?" Als der Kaiser genau hinsah, erkannte er in den 
beiden Männern den Oberstaatsrat Tupo und den Unterstaatsrat Tsojü. 
Als er sich aber voll innerer Bangigkeit die Augen rieb, um besser sehen 
zu können, waren Menschen und Wagen plötzlich verschwunden. Der 
Kaiser fragte sein Gefolge, ob sie irgend etwas gesehen hätten, aber nie- 
mand wollte das Geringste bemerkt haben. Während nun der 
Kaiser noch über den Vorfall nachgrübelte, erschienen Tupö und Tsojü 
plötzlich von neuem, beständig dicht vor der kaiserlichen Equipage daher- 
fahrend. Der Kaiser riss sein Schwert aus der Scheide und hieb damit 
in die leere Luft. Da hörte er die Beiden mit lauter Stimme rufen: 
„Deine Stunde ist gekommen, hier sind wir, uns zu rächen. Du musst 
die Blutschuld mit dem Leben sühnen!" So sprecliend, spannten sie ihre 
roten Bogen, legten die roten Pfeile auf und drückten ab, gerade auf des 
Kaisers Herzgrube zielend. Letzterer that einen lauten Schrei und fiel 
auf seinem Wagen rücklings nieder. Als er aus seiner Betäubung erwachte, 
klagte er über Beklemmungen in der Gegend des Herzens. Man kelirte 
darauf eilends nach der Stadt zurück und trug den Kaiser in den Palast. 
Der „Greis mit dem wallenden Barte" sagt darüber in einem seiner Ge- 
dichte: „Sie kamen mit rotem Bogen und roten Pfeilen, wie Götter anzu- 
schauen; mitten im Jagdgefolge fuhren sie wie im Fluge liin und her" u. s. w. 
Der Kaiser aber konnte sich von der Erschütterung, die er erlitten hatte, 
nicht wieder erholen. Sobald er seit dem erzählten Ereignis die Augen 
schloss, glaubte er den Tupo und den Tsojü vor sich zu sehen. Er wusste 
selber reclit gut, dass er nicht wieder genesen würde. Er weigerte sich 
Arzenei zu nehmen und starb bald darauf. -^ 



Ein Kapitel aus dem Aber- und Geisterglauben der Chinesen. 261 

Diese einfache Erzählung, die nichts specifisch Nationales bietet, lässt, 
die geschilderten Yorgänge als Thatsachen aufgefasst, recht gut eine rein 
psychologische Erklärung zu, wobei besonders darauf hinzuweisen, dass 
das Gefolge des Kaisers garnichts Auffälliges bemerkt hat. Nur der 
verhältnismässig lange Zeitraum, welcher zwischen der That und der Ver- 
geltung liegt, ist auffallend. Man sucht nach einem speciellen Anlass der 
Geistererscheinungen gerade bei der Jagd. Vielleicht ist in der Über- 
lieferung hier eine Lücke. 

Der Roman, dem ich die Geschichte entnommen, rührt wahrscheinlich 
aus der Zeit zwischen 1621 und 1645 her, aber der „Greis mit dem 
wallenden Barte", dessen Verse oben citiert worden sind, d. h. Su-tung-p ö, 
einer der chinesischen Dichterheroen, dem wir eine Unzahl historischer 
Epigramme verdanken, lebte von 1036—1101, und seine Verse beweisen, 
dass zu seiner Zeit die Tradition schon ein Gemeingut des Volkes ge- 
wesen sein muss. 

2. 

Die zweite Erzählung, der ich mich jetzt zuwende, gehört insofern in 
dieselbe Kategorie wie die erste, als auch hier die Seele des Erschlagenen 
ihren Rachezweck nur dadurch erreicht, dass sie den Thäter als Geister- 
erscheinung verfolgt und ihm keine Ruhe und Rast gönnt. 

Im Jahre 200 nach Christus befand sich ein gewisser Sun Tse in 
bereits damals ziemlich unbeschränktem Besitz der Landschaft Wu, d. h. 
der Gegenden am unteren Yang-tse, da, wo jetzt Nanking und Shanghai 
liegen. Er war ein junger Mann von nur 26 Jaln-en, von ritterlicher Ge- 
siimung, aber gar ungeduldigem Temperament. Einstmals, als er seine 
Offi eiere zu einem Gastmahl um sich versammelt hatte, geschah es, dass 
ein grosser Teil seiner Gäste plötzlich mitten während des Weingelages 
den Stadtturm, in welcliem dasselbe stattfand, verliess und auf die Strasse 
hinabstieg. Auf Befragen erfulir Sun T'se alsbald, es sei der Wundermann 
Yüchi, welcher eben unten am Turme vorübergegangen sei, der soviel 
Anziehungskraft auf seine geladenen Gäste ausgeübt habe, — Yüchi, welcher 
schon seit einer Reihe von Jaliren mittels seines heilkräftigen Zauber- 
wassers der leidenden Menschheit viele Wohlthaten erwiesen habe. Sun 
T'se, ärgerlich über die Störung seines Gastmahls und auch sonst aus 
inneren und äusseren Gründen ein entschiedener Gegner solchen Treibens, 
welches er für eitel Zauberei und Blendwerk erklärte, liess den Wunder- 
mann vor sich bescheiden und derselbe missfiel ihm so sehr, dass er seinen 
Dienern alsbald befahl, ihn niederzumachen. Nur durch die Fürbitten 
seiner Gäste wurde er bewogen, von der Vollstreckung dieses Urteils ab- 
zustehen und sich damit zu begnügen, den Yüchi ins Gefängnis zu werfen. 
Yüchi stand ancli in dem Rufe, imstande zu sein, durch seine Gebete Wind 
und Regen herbeizuführen. Da nun gerade damals eine anhaltende Dürre 

Zeitschrifi U. Vereins I'. Volkskuude. 1892. 18 



262 AroiKlt: 

in Wu eingetreten war, gestattete Sun T'se, wiederum auf inständiges Bitten 
seiner Officiere, dem „Wundermann", seine Kunst zu zeigen. Yüchi ver- 
sprach denn auch, dreissig Zoll Regen vom Himmel lierunterzuflehen. Sun 
T'se gewährte ihm zu diesem Zweck eine Frist bis Mittag; wenn er bis 
dahin sein Wort nicht eingelöst habe, solle er den Flammentod erleiden. 
Da nun bis unmittelbar vor Mittag zwar schwarze Wolken sich am Himmel 
zusammengeballt haben, aber noch kein Regen eingetreten ist, so lässt 
Sun T'se den Yüchi in der That auf den bereits fertig aufgeschichteten 
Scheiterhaufen schleppen und diesen an allen vier Ecken anzünden. Da 
aber fängt der Regen au, sich in Strömen aus den Wolken zu ergiessen, 
die Strassen der Stadt verwandeln sich in rauschende Bäche. Genau 
30 Zoll fallen, dann klärt der Himmel sich wieder auf. Das Yolk, ein- 
schliesslich des persönlichen Gefolges und der Officiere des Sun T'se selber, 
trägt den Yüchi im Triumph vom Scheiterhaufen herunter, befreit ihn von 
seinen Ketten und fällt mitten im strömenden Wasser anbetend vor ihm 
zur Erde nieder. Gerade hierüber wird Sun T'se auf das äusserste erbost, 
er erklärt den Wundermann für einen mit bösen Mächten im Bunde 
stehenden Zauberer und Rebellen, der ihm die Herzen des Volkes ab- 
wendig mache, und lässt ihn in der That an Ort und Stelle hinrichten. 
Der Geist des Getöteten aber entschwebt sichtbar in Gestalt einer nebel- 
artigen, weissgrauen Dunstsäule. Sun T'se lässt den Leichnam zur War- 
nung für alles Volk öffentlich auf dem Marktplatze ausstellen, aber in der 
Nacht bricht ein furchtbares Ungewitter los, und am folgenden Morgen ist 
der Leichnam Yüchis spurlos verschwunden. Sun Tse will darauf im Zorne 
die Soldaten, denen die Wache anvertraut gewesen war, hinrichten lassen: 
da plötzlich sieht er einen Menschen gemessenen Schrittes auf die offene 
Vorhalle seines Palastes zukommen; als er näher hinsieht, erkennt er in 
ihm den Yüchi. Li aufloderndem Zorn zieht Sun T'se sein Schwert, noch 
ehe er aber zimi Hiebe ausholen kann, fällt er ohnmächtig zu Boden und 
erholt sich nur langsam. 

Als er in der darauffolgenden Nacht in seinem Bette liegt, erhebt sich 
plötzlich ein geheimnisvoller Luftzug: die Lampe erlischt von selber und 
flammt dann von selber wieder hell auf, — im Schatten des Lampenlichts 
aber sieht er den Yüchi vor seinem Bette stehen. Sun T'se schreit ihn an: 
„Ich habe geschworen, solange ich lebe, dem mir verhassten Geisterspuk 
überall, wo er mir vorkommt, den Garaus zu machen; wie also kannst du. 
ein dem Schattenreich angehöriger Geist, es wagen, mir nahezukommen?" 
So sprechend, ergriff er das am Kopfende seines Bettes befindliche Schwert 
und warf es nach Yüchi; aber siehe da: dieser war plötzlich verschwunden! 
— Auf die inständigen Bitten seiner Mutter, die er sehr liebte, begiebt 
sich Sun T'se nun nach dem Kloster Yüch'ingkuän, um die zürnenden 
Manen des Yüclii durch Verbrennen von Weihrauch zu versöhnen. Aber 
der stolze Mann kann sich wohl dazu entsohliessen, den Weihrauch zu 



Ein Kapitel aus dem Aber- und Geisterglauben der Chinesen. 263 

verbrennen, aber nicht, sowie es die Ceremonien erfordert hätten, sich 
huldigend auf die Erde niederzuwerfen. Da ballen sich die aus dem 
Räucherbecken senkrecht aufsteigenden Wolken kuppelartig zusammen, 
und oben auf ihnen sitzt Yüchi in aufrechter Haltung. Sun T'se speit vor 
ihm aus und verlässt unter Schmähungen das Kloster. Vor dem Thor der 
grossen Klosterhalle aber trifft er wiederum den Yüchi, welcher, dort 
stehend, ihm zornige Blicke zuwirft. Sun T'se fragt seine Begleiter, ob 
sie auch die Erscheinung gesehen? Sie alle antworten verneinend. Da 
zieht Sun T'se wiederum sein Schwert aus der Scheide und wirft damit 
nach Yüchi, das Schwert aber verfehlt sein Ziel und trifft vielmehr einen 
Mann aus Sun T ses eigenem Gefolge. Dem ist die Spitze gerade in das 
Gehirn gedrungen und er sinkt tot zu Boden. Als man näher zusieht, ist 
der Getroffene kein anderer, als der Soldat, welcher auf Sun 
T'ses Befehl das Todesurteil an Yüchi vollstreckt hatte. Als 
nun Sun T'se das äussere Thor der das Kloster umgebenden Mauer passiert 
hat, trifft er den Yüchi, welcher dasselbe Thor nach innen zu in der Rich- 
tung auf das Kloster durchschreitet. „Dies Kloster," ruft Sun T'se, „ist 
ja nichts als ein Zufluchtsort für böse Geister." Er bleibt also dort vor 
dem Thore und lässt 500 Mann Soldaten kommen, welchen er das Kloster 
einzureissen befiehlt. Kaum aber sind dieselben auf das Dach gestiegen, 
um ihr Zerstörungswerk zu beginnen, als auch Yüchi auf dem Dache er- 
scheint und von dort Ziegelsteine zur Erde wirft. Jetzt befiehlt Sun T'se 
in gesteigertem Zorne, die Priester aus dem Kloster hinauszuwerfen und 
dieses zu verbrennen. Mitten aber in den lodernden Flammen erscheint, 
vom Feuerglanz umflossen, Yüchi von neuem. Als nun Sun T'se, ausser 
sich vor Zorn, in seinen Palast zurückkehren will, steht wiederum Yüchi 
aufrecht vor dem Palastthor. Da steht Sun T'se davon ab, seinen Palast 
zu betreten; er sammelt sein ganzes Kriegsheer um sich und schlägt vor 
den Stadtthoren sein Lager auf, um sich zu einem Feldzuge, den er schon 
längst im Sinne gehabt hatte, zu rüsten. Aber schon in der ersten Nacht, 
die er in seinem Feldherrnzelte zubringt, erscheint ihm mit aufgelöstem 
Haupthaar auch dort der Geist des Yüchi, und weithin durch das Lager 
hört man ohne Unterbrechung die Zurufe ertönen, durch welche Sun Tse 
das Gespenst zu verscheuchen und aus seiner Nähe zu weisen bemüht ist. 
— Am folgendf'ii Morgen folgt Sun T'se einer dringenden Aufforderung 
seiner Mutter, sie im Palaste zu besuchen. Mit fieberglühendem Antlitz 
tritt er ihr entgegen. „Mein Sohn," sagt die Mutter erschreckt, „Du siehst 
ja ganz entstellt aus." Sun T'se nimmt einen Spiegel zur Hand und sieht, 
dass er wirklich ganz abgemagert aussieht. Er erschrickt und sagt zu 
den Leuten seiner Umgebung: „Wie kommt es denn, dass mein Antlitz 
dermassen von der Fieberhitze afficiert ist!" Noch aber hatte er nicht 
zu Ende geredet, als er plötzlich den Yüchi mitten im Spiegel 
stehen sieht. Kr führt einen Faustschlag nach dem Spiegel und fällt 

18* 



264 



Arendt: 



mit einem lauten Schrei zu Bodeu, während die Wunden, die er vor einiger 
Zeit bei einem gegen ihn gerichteten Attentat erhalten hatte und die noch 
nicht völlig geheilt waren, wieder aufbrechen. Als er von seiner Ohn- 
macht endlich wieder zu sich kommt, sagt er selber: „Meine Lebensfrist 
ist abgelaufen". 

Sein Wort wurde wahr. Er schied kurze Zeit darauf aus diesem 
Leben, nachdem er vorher seinen jüngeren Bruder, den hochberühmten 
Sun Ch'üän, zu seinem Nachfolger eingesetzt hatte. Diesem gelang es, im 
Laufe der Zeit seine Machtsphäre immer weiter auszubreiten; das ganze 
südöstliche China fiel ihm zu, im Jahre 222 nahm er den Titel eines 
Königs von Wu an; seine Residenz war in Nanking, dort regierte er bis 
zu seinem Lebensende, im Jahre 228. 

Die obige Erzählung, welche ich in abgekürzter Form aus dem 
Sankuöchih, d. h. aus dem 29. Kapitel der „Geschichte der drei Reiche", 
des beliebtesten Yolks- und Heldenbuches der Chinesen, entnommen habe, 
zeigt, obgleich sie noch entschieden zu derselben Kategorie wie die erste 
gehört, doch schon eine Anzahl ihr eigener, charakteristischer Züge; am 
bemerkenswertesten für uns aber ist in ihr das offenbare Bestreben, rein 
seelische Vorgänge zu veräusserlichen und als etwas Gesondertes, der greif- 
baren Wirklichkeit Zugehöriges, hinzustellen. Steht somit unsere zweite 
Geschichte an innerer Wahrheit und schlichter Hervorhebung des Wesent- 
lichen hinter der ersten zurück, so ist doch die Darstellung eine, wie mir 
scheint, ausserordentlich packende, und der letzte Zug, die Erscheinung 
von Yüchis Bilde im Spiegel, ein geradezu bewunderungswerter Ab- 
schluss, über welchen hinaus eine Steigerung mit Recht nicht versucht 
worden ist. 

3. 

Ich gehe nun zu der zweiten Form des auf mein specielles Thema 
bezüglichen chinesischen Aber- und Geisterglaubens über, welche, wie ich 
glaube, durch ihre Originalität ein holies Interesse beanspruchen darf, und 
ich bin in der That gespannt, von Kundigeren als ich zu erfahren, ob sich 
ein ähnlicher Yorstellungskreis auch noch bei irgend einem anderen Volke 
nachweisen lässt. 

Die übrigens kurze Geschichte, die ich als Beispiel wähle, steht im 
7. Kapitel des schon erwähnten Romans Tung Chou Lie kuö und fällt in 
die Regierungszeit des Herzogs Chuang von Cheng, welcher den Thron 
dieses damals bedeutenden, in der jetzigen Provinz Honan gelegenen Staates 
von 743 — 701 vor Chr. innehatte. 

Zwischen zwei höheren Officieren des Herzogs Chuang hatte schon 
seit lange Eifersucht, die in Feindscliaft auszuarten drohte, bestanden. 
Beide waren verdiente und tapfere Männer, der eine liiess Ying-k'ao-slni, 
der andere, ein Verwandter des herzoglichen Hauses, füln-te den Namen 



Ein Kapitel aus dem Aber- und Geisterglauben der Chinesen. 265 

Kungsun E oder Kungsun Tszetu. Er ist der Nireus der chinesischen 
Heldensage. Mencius erwähnt seiner mit den Worten: „Wer von der 
Schönheit des Tszetu nichts weiss, der hat keine Augen." Bei einem 
Feldzuge, welchen der Herzog Chuang gegen den kleinen Staat Hsü unter- 
nahm, gelang es dem Ying-k'ao-shü, die Fahne seines Herzogs in der Hand 
haltend, als Erster die Mauer der feindlichen Stadt zu erklimmen. Als 
Kungsun E dies sah, wurde er von Neid erfüllt; mitten im dichten Haufen 
fixierte er den Ying-k'ao-shü mit sicherem Blick; sausend flog der ver- 
räterische Pfeil; Ying-k'ao-shüs Schicksal musste sich eben erfüllen; gerade 
im Rückgrat getroffen, taumelte er hintenüber und fiel mit der Fahne zu- 
gleich rücklings von der Mauer herunter. Die andern Officiere von Cheng 
aber, als sie den Ying-k'ao-shü , wie sie glaubten, von feindlicher Hand 
fallen sahen, wurden nur mit noch mehr Kampfesmut erfüllt und die Er- 
oberung der Stadt gelaug ohne Schwierigkeit. Als sich aber später heraus- 
stellte, dass Ying-k'ao-shüs Wunde sich im Rücken befand, wurde natür- 
lich allseitig Yerdacht rege. Der Herzog Chuang konnte den Gedanken 
an diesen Zwischenfall garnicht los werden und als er in seine Hauptstadt 
zurückgekehrt war, beschloss er, den Thäter, den niemand zu nennen 
wusste, unter allen Umständen zu entlarven. Er befahl daher eines Tages 
allen, die au dem Feldzuge gegen Hsü teilgenommen hatten, sich in Trupps 
von je hundert Mann zu ordnen. Jeder Trupp von hundert musste ein 
Schwein mitbringen, welches feierlich geschlachtet wurde. Je 25 Mann 
ferner mussten sich in eine Reihe stellen und je einen Hund und ein Huhn 
als Opfer schlachten. Zugleich wurde ein Priester herbeigeholt, welcher 
Beschwörungsformeln recitieren musste. Kungsun E aber, der Mörder des 
Ying-k ao-shü, lachte im stillen über alle diese Vorbereitungen. 

Nachdem das Recitieren der Beschwörungsformeln drei Tage lang fort- 
gesetzt worden war, begab sich der Herzog Chuang selber in Begleitung 
aller seiner Minister und höheren Beamten an Ort und Stelle, worauf die 
Beschwörungsformeln verbrannt wurden. Hierzu ist zu bemerken, dass das 
Yerbrennen von Gebeten und ähnlichen Kundgebungen noch jetzt in China 
üblich ist und ein uralter Gebrauch der chinesischen Staatsreligion zu sein 
scheint. Jedoch fahren wir in unserer Erzählung fort. 

Nachdem die Beschwörungsformeln verbrannt waren, sah man plötzlich 
— offenbar meint der Schriftsteller, als Wirkung dieser Ceremonie — 
einen Mann mit aufgelöstem Haar und verstörten Gesichtszügen gerade 
auf den Herzog Chuang zueilen, vor demselben niederknieen und also 
sprechen: 

„Ich bin dein Unterthan Ying-k' ao-shü, der die Mauer von Hsü er- 
klommen hat. Wodurch habe ich mich am Lande vergangen? Aber der 
böswillige Tszetu (d. h. Kungsun E) hat mich aus Neid und Eifersucht 
meuchlings durch einen Pfeilschuss getötet. Deshalb habe ich zu Shangti 
(dem höchsten Gotte des Himmels) gefleht, und Er hat mir versprochen, 



266 Aioiidt: 

meinen Mörder zu bestrafen. Dir aber, mein Herzog und Herr, bin icli 
noch im Tode dankbar, dass du meiner gedacht hast." 

Nachdem er so gesprochen hatte, fuhr er mit der Hand in seine Kehle 
hinein. Aus der Kehle floss ein Blutstrom hervor, und tot sank er zu 
Boden. 

Der Herzog Chuang, der bereits erkannt hatte, dass dieser Mensch 
kein anderer als Kungsun E war, rief sogleich um Hilfe. Aber es 
war schon zu spät, das Leben war für immer entflohen. 

Die Seele des (ermordeten) Ying-k'ao-shü nämlich war in 
den Körper (seines Mörders) des Kungsun E hineingefahren, 
um Kache an ihm zu nehmen, und hatte ihn gezwungen, sich 
selber vor dem Herzog Chuang als Thäter zu erkennen zu 
geben. 

Ich bemerke ausdrücklich, dass die gesperrt gedruckten Worte, welche 
den Schlüssel zu dem Verständnis des Vorganges geben, gleichfalls — und 
zw^ar wörtlich so — im chinesischen Original stehen. 

Der Weise von Lunghsi — schliesst unsere Erzählung — tadelt den 
Herzog Chuang in einem Gedicht (oder Epigramme), in welchem es heisst: 

„Hätte der Herzog es verstanden, unter seinen Beamten die Scheu 
vor Verletzung der Gesetze aufrecht zu erhalten, so hätte er es nicht nötig 
gehabt, mit Opfern von Hühnern und Hunden die himmlischen Mächte 
anzuflehen." 

Über den „Weisen von Lunghsi" kann ich keine weiteren Angaben 
machen, als dass Verse von ihm in der „Geschichte der Fürstentümer" 
mehrfach citiert werden; aus dem obigen Citat aber geht hervor, dass die 
Sage von der Art und Weise, wie der Mörder des Ying-k'ao-shü entdeckt 
wurde, zur Zeit der Entstehung der Verse bereits allgemein in den ge- 
bildeten Kreisen des chinesischen Volkes im Umlauf gewesen sein muss, 
denn die fast änigmatische und aus lauter nur dem Wissenden verständ- 
lichen Anspielungen bestehende Kürze solcher chinesischen Epigramme 
mit historischem Hintergrund setzt bei dem Leser mit Notwendigkeit die 
genaue Kenntnis der Ereignisse, auf die sie sich beziehen, voraus. 

In der vorstehenden Erzählung nun sehen wir die „halbe" und „nur 
scheinbare Ausnahme'* vor uns, von welcher ich oben sprach, denn 
allerdings liegt hier ein Eingreifen der Gottheit vor, aber sie greift nicht 
aus eigenem Antriebe ein, sondern auf inständiges Bitten der Seele des 
Ermordeten, wozu noch die vom Herzog Chuang anbefohlenen Ceremonien 
kommen müssen, um — so scheint es — dieses Eingreifen überhaupt zu 
ermöglichen. 

Das eigentlich Interessante bei unserer Geschichte aber ist, wie ich 
schon angedeutet habe, der eigentümliche Vorstellungskreis, welcher sich 
hier vor uns entrollt, und ich wiederhole daher die Frage, ob sich etwas 
Ähnliches bei einem andern Volke nachweisen lässt? 



Eiu Kapitel aus dem Aber- und Geisterglauben der Chinesen. 267 

4. 

Ein ganz genau entsprechender zweiter Fall, wo der Geist des Er- 
mordeten von dem Mörder Besitz ergreift, um diesen gleichzeitig zu ent- 
larven und zu töten, ist mir auch aus der chinesischen Litteratur nicht 
bekannt, wohl aber zwei andere Geschichten, welche in dieselbe Kate- 
gorie gehören und zu deren erster ich jetzt übergehen will. Diejenigen 
Teile derselben, auf welche ich hier näher eingehen muss, finden sich im 
13. und 14. Kapitel der „Geschichte der Fürstentümer". 

Die jetzige Provinz Shantung bildete zu der Zeit, von der wir hier 
reden, zwei Herzogtümer, das nördlichere T'si und das südlichere Lu mit 
Namen. Der Herzog Hsi von T'si, welcher von 730 — 698 vor Chr. regierte, 
hatte zwei ebenso sehr durch ihre Schönheit, wie durch ihre Sittenlosig- 
keit ausgezeichnete Töchter, Hsüan Chiang und Wen Chiang. Hier haben 
wir es nur mit der letzteren zu thun. Sie war mit dem Herzoge Huän 
von Lu vermählt, dessen Regierung in die Jahre 711 — 694 fällt. Dem 
Herzoge Hsi von T'si folgte im Jahre 698 sein Sohn Chu Örh, welcher 
in der Geschichte unter dem (posthumen) Namen „Herzog Siäng von 
T'si" bekannt ist. Er war ein Halbbruder der Wen Chiang. Schon vor 
Wen Chiangs Vermählung hatte eine über die Geschwisterliebe hinaus- 
gehende Zuneigung zwischen den Beiden bestanden, und als im Jahre 694 
der Herzog Huän von Lu mit seiner Gemahlin einen Besuch in T'si machte, 
traten der Herzog Hsiang von T'si und seine Halbschwester Wen Chiang 
in ein jeder Sitte hohnsprechendes Verhältnis zu einander. Das Vor- 
gefallene aber blieb dem Herzoge Huän nicht verborgen, und um sich vor 
der Rache des Gekränkten zu schützen, liess nun der Herzog Siäng seinen 
herzoglichen Gast durch einen seiner Getreuen, den Kungtsze (d. h. Prinzen, 
oder vielmehr wörtlich: Herzogssohn) P'engsheng ermorden. Nach einem 
Abschiedsmahle nämlich, welches der Herzog Siäng seinem Gaste, dem 
Herzoge Huän, gegeben und an welchem dieser letztere gezwungen teil- 
genommen hatte, musste P'engsheng den Halbtrunkenen zu Wagen in die 
ihm zur Verfügung gestellte Gastwohnung zurückgeleiten, und auf dem 
Wege dahin wurden ihm von P'engsheng die Rippen eingedrückt. Mit 
einem lauten Schrei hauchte er, während ein Blutstrom seinem Munde ent- 
quoll, sein Leben aus. Ihm folgte als Herzog von Lu sein und Wen Chiangs 
Sohn, der Herzog Chuang, welcher von 693—662 regierte. In T'si aber 
trafen alsbald Boten aus Lu ein, einerseits, um den Leichnam des er- 
mordeten Herzogs Huän nach Lu zurückzugeleiten , andererseits um ein 
im Namen der sämtlichen Minister von Lu abgefasstes, an den Herzog Siang 
gerichtetes Schreiben zu überreichen, welches seinem wesentlichen Inhalte 
nach lautete wie folgt: 

„Vor einiger Zeit hat unser erhabener Fürst sein T^and. wo er 
glücklich lebte, verlassen, um in T'si einen Besuch zu machen. Er 



268 Arendt: 

ist gegangen, aber nicht wieder zurückgekommen. Auf Strassen und 
Wegen schwirren Gerüchte. Jedermann spricht von dem grossen 
Unglück, das sich im Wagen ereignet, aber von einem Bestraften ist 
nichts zu hören. Das macht uns Schande bei allen Nachbarstaaten 
ringsum. Wir bitten, dass P'engsheng die That mit dem Leben 
sühne." 
Als der Herzog Siäng den Brief zu Ende gelesen hatte, liess er so- 
gleich den P'engsheng zu sich bescheiden. P'engsheng, im Bewusstsein 
des erworbenen Verdienstes, trat mit erhobenem Haupt ein. Da schmähte 
ihn der Herzog Siäng in Gegenwart der Gesandten von Lu, warf ihm den 
plötzlichen Tod des Herzogs Huän, der seiner Obhut anvertraut gewesen 
sei, vor, und befahl den umstehenden Dienern, ihn gebunden auf den 
Richtplatz zu führen und zu enthaupten. Ehe er aber abgeführt wurde, 
rief P'engsheng mit lauter Stimme: „Nachdem du zu deiner eigenen 
Schwester in ein unerlaubtes Yerhältnis getreten, hast du den gewaltsamen 
Tod ihres Gatten herbeigeführt. Jetzt versuchst du die Schuld auf mich 
zu wälzen. Wenn ich aber nach dem Tode Bewusstsein behalte, 
so möge ich zum Rachegeist werden, der dir bis in den Tod 
nachstellt!" Der Herzog Siang hielt sich die Ohren zu, um die Ver- 
wünschung nicht zu hören, die Umstehenden aber lachten. 

Das unerlaubte Verhältnis zwischen den Geschwistern wurde auch nach 
diesen Ereignissen — zuletzt ganz offen vor aller Welt Augen — fort- 
gesetzt. Einige Jahre nach den erzählten Vorfällen aber schickte der 
Herzog Siäng von T'si eine Garnison unter den Befehlen zweier Officiere, 
Lien Ch'eng und Kuän Chih-fü, nach einem Orte namens K'we-ch'iu, wo 
sie Grenzwacht halten und einem etwa nahenden Feinde die südwestliche 
Strasse verlegen sollten, denn von dort aus hatte der Herzog Siäng aus 
Ursachen, die uns hier nicht interessieren, Grund, einen Angriff auf sein 
Land zu erwarten. Es scheint, dass ICwe-ch'iu in einer unwirtlichen Ge- 
gend lag, denn die Officiere fragten, ehe sie sich auf den Weg machten, 
den Herzog, wann sie auf Ablösung zu rechnen hätten, und dieser, welcher 
gerade dabei war, Melonen zu essen, antwortete: „Jetzt ist gerade die Zeit, 
wo die Melonen reif sind. Wenn im nächsten Jahre die Melonen wieder 
reif sind, werde ich euch ablösen lassen." 

Als im nächsten Jahre die Zeit eingetreten war, wo sie ihres müh- 
samen Dienstes hatten enthoben werden sollen, ohne dass der Herzog Siäng 
das Geringste von sich hören liess, schickten die beiden Hauptleute einen 
Boten an ihn, um ihn unter gleichzeitiger Überreichung einer Anzahl reifer 
Melonen an sein Versprechen zu erinnern. Der Bote wurde aber sehr 
ungnädig empfangen und mit dem Bescheide entlassen, die Festsetzung 
des Zeitpunktes für die Ablösung hänge von des Herzogs freiem Willen 
ab; sie möchten nur in K'we-ch'iu bleiben, bis die Melonen wiederum reif 
geworden sein würden. Die Hauptleute beschlossen, für diese Behandlung 



Ein Kapitel aus dem Aber- und Geisterglauben der Chinesen. 269 

blutige Rache zu uelimeu und knüpften zu diesem Zweck Verbindungen 
mit anderen unzufriedenen Elementen in der Hauptstadt an. 

Im Spätherbst des Jahres 686 vor Chr. machte sich der Herzog Siäng 
auf den Weg, um auf dem Berge Pech'iu in der Wildnis von Kufen eine 
grosse Jagd abzuhalten. Eine Nacht wurde in der herzoglichen Villa zu 
Kufen zugebracht, am folgenden Morgen ging es zum Berge Pech'iu. Der 
Herzog liess seinen Wagen auf einem hohen Hügel Halt machen und be- 
fahl dann, den Wald in Brand zu stecken. Dann ward das Treiben be- 
gonnen. Die Pfeile flogen, die Jagdfalken und Hunde wurden losgelassen, 
die Flamme prasselte, der Wind sauste, der aufgescheuchten Füchse und 
Hasen Geschlecht lief in allen Richtungen durcheinander. 

Plötzlich kam ein grosses Wildschwein, wie ein Stier ohne Hörner 
oder wie ein Tiger ohne Streifen anzusehen, aus dem Feuer herausgestürzt, 
rannte geraden Weges den Hügel hinan und setzte sich dort gerade vor 
dem Wagen des Herzogs auf die Erde nieder. Die meisten Begleiter des 
letzteren waren zu dieser Zeit mit der Verfolgung des Wildes beschäftigt, 
nur sein Vertrauter und Liebling Meng-yang nebst wenigen anderen befand 
sich an seiner Seite. Da blickte der Herzog den Meng-yang an und for- 
derte ihn auf, einen Pfeil auf das Schwein abzudrücken. Meng-yang aber 
sah das Tier mit weit geöffneten Augen an, bekam einen grossen Schreck 
und sprach: „Das ist ja kein Schwein; es ist der Kuugtsze P'engsheng." 
(Man erinnert sich, dass dies der Mann war, der im Auftrage des Herzogs 
Siäng den Fürsten von Lu ermordet hatte und dann auf Befehl des Her- 
zogs selber hingerichtet worden war.) Die Worte Meng-yangs versetzten 
den Herzog in Zorn, er riss seinem Begleiter den Bogen aus der Hand 
und spannte mit den Worten: „Ha! wagt P'engsheng sich vor mir zu 
zeigen?" selber die Sehne. Drei Pfeile schoss er hintereinander ab, aber 
sie verfehlten alle ihr Ziel. Das Wildschwein aber stellte sich auf die 
Hinterbeine, machte mit den beiden Vorderpfoten eine bittende Bewegung 
und schritt wie ein Mensch vor dem Herzoge auf und ab, während es ein 
lautes und klägliches Heulen ertönen liess. Dem Herzog Siäng standen 
die Haare zu Berge, ein Schauder fuhr ihm bis in das Mark seiner Knochen, 
er stürzte der Länge nach aus dem Wagen herab auf die Erde, verletzte 
sich dabei den linken Fuss und verlor den einen, mit Seide durchwirkten 
Schuh; der Schuh fiel in das Gras, wo das Schwein ihn alsbald 
mit dem Maule aufhob, damit davon lief und plötzlich ver- 
schwand. Der „Alte mit dem Barte" sagt darüber in einem Gedichte: 

„Im Wagen fand Herzog Huän von Lu seinen Tod; im Wagen be- 
gegnetest du heute dem furchtbaren Gespenst. Der schändlich hingemordete 
P'engsheng musste sich in einen Rachegeist verwandeln . . . ." (Hier 
folgt noch eine Verszeile, welche sich auf den Herzog von T'si bezieht, 
aber wegen Verderbtheit des chinesischen Textes unverständlich ist.) 



270 Arendt : 

Der Geleitsmann^) Fe nebst einigen andern aus dem Gefolge hoben 
den Herzog vom Boden auf und legten ihn wieder in den Wagen. Die 
Jagd wurde nicht weiter fortgesetzt und man kehrte nach der Villa bei 
Kufen zurück, wo man von neuem Nachtquartier nahm. Der Herzog Siäng 
lag in einer Art von Betäubung im Jagdschlosse. Um die zweite Nachtwache 
(etwa 10 Uhr abends) sagte der Herzog, welchen der linke Fuss dergestalt 
schmerzte, dass er sich schlaflos auf dem Lager hin und her wälzte, zu 
seinem — oben bereits erwähnten — Vertrauten Meng-yäng: „Richte mich 
doch auf und stütze mich mit dem Arm, ich will ein wenig umhergehen". 
Nun aber hatte der Herzog, als er vorher vom Wagen gefallen war, in der 
Verwirrung und Aufregung garnicht bemerkt, dass sein einer Schuh ver- 
loren gegangen war, jetzt aber ward er es gewahr und fragte den Geleits- 
mann Fe danach. „Den Schuh", antwortete der Geleitsmann, „hat ja 
das grosse Wildschwein im Maule mit fortgeschleppt". Dem 
Herzog waren diese Worte ein Greuel; er geriet in den heftigsten Zorn 
und versetzte dem unglücklichen Geleitsmann mit der Peitsche Hiebe auf 
den Rücken, bis das strömende Blut den Boden rotgefärbt hatte. Mit 
miterdrücktem Stöhnen verliess der Gepeitschte das Zimmer. 

Inzwischen waren die unzufriedenen Hauptleute Lien Ch'eng und Kuan 
Chlh-fu mit einer Anzahl Genossen, die es ihnen gelungen war, für ihre 
Pläne zu gewinnen, in der Nähe der Villa eingetroffen. Ihre ausgesprochene 
Absicht wa^, den Herzog Siäng zu töten: für einen neuen Inhaber des 
herzoglichen Thrones war schon gesorgt. 

Lien Ch' eng war zunächst mit nur wenigen Begleitern vorausgegangen, 
um den Verbleib des Herzogs und die Lage der Villa auszukundschaften, 
ehe der Hauptstreich geführt würde. Ihm begegnete der Geleitsmann Fe, 
als er nach der Züchtigung, die er soeben erfahren, die Villa verlassen 
hatte. Dadurch, dass er seinen noch von Blut triefenden Rücken entblösst 
und dem Lien Cli eng den Glauben beibringt, dass er selber auf Rache an 
dem Herzog sinne, weiss er das Vertrauen des Empörers zu gewinnen und 
wird von diesem mit dem Auftrage freigelassen, den Verschworenen seinen 
Beistand zu leihen. Aber unerschütterlich in seiner Treue gegen seinen 
Herrn trotz der grausamen Behandlung, die er erlitten, eilt er vielmehr in 
die Villa zurück und meldet dort alles, was er erfahren. 

Da beschliesst Meng-yäng, der uns schon bekannte Vertraute und 
Liebling des Herzogs, sein Leben für seinen Herrn zu opfern. Er legt 
sich, das Gesicht der Wand zugekehrt, an Stelle seines Herrn in das Bett, 
der Herzog breitet seinen eigenen, mit Goldfäden durchwirkten Mantel 
über ihn, und versteckt sich selbst, auf dem Boden kauernd, hinter der 
Thüre. 



>) Auf Chinesisch Tü-jen, d. h. nach dem Kommentar „ein Mann, der zu Fuss neben 
dem fürstlichen Wagen hergeht oder läuft". 



Eiu Kapitel aus dem Aber- niid Geisterglauben der Chinesen. 271 

Eiligst sammelte nun der Geleitsmann Fe und des Herzogs „getreuer 
und starker Knappe" SMli cMh ten jü die das Jagdgefolge bildenden 
Mannen, um die Thore des Schlosshofes zu verteidigen, aber die kleine Schar 
wurde von der unter Lien Cli'eng und Kuan Chih fu vordringenden Bande 
der Verschwörer bald überwältigt, worauf letztere in das Schlafgemach des 
Herzogs eindrangen. Meng-yäng wurde in der That für den Herzog ge- 
halten und erlag einem Schwertstreiche des Lien Ch eng. Als man aber 
Fackeln herbeiholte und den Erschlagenen beleuchtete, erkannte man als- 
bald den vorgefallenen Irrtum. Nun begann eine Durchsuchung des ganzen 
Schlosses. Beim Lichte der Fackel, die er selbst trägt, bemerkt Lien Ch'eng 
hart an der Thürschwelle einen mit Seide durchwirkten, eben mit der 
Spitze hervorguckenden Schuh. Man schlägt die Thür zurück, und richtig, 
dahinter kauert mit seinem schmerzenden Fuss auf der Erde, wie eine 
Kugel in sich selber zusammengerollt, der Herzog. Aber merkwürdig, an 
dem einen Fusse trug er den einen, mit Seide durchwirkten Schuh wie 
vorher, der Schuh aber, welchen Lien Ch'eng unter der Thür hatte hervor- 
gucken sehen, war derjenige gewesen, welchen der Herzog bei der Jagd 
verloren und welchen das Wildschwein darauf fortgeschleppt hatte. Den 
hatte das Wildschwein, in welches der rachedürstende Geist des ermordeten 
Fengsheng gefahren war, heimlich dorthin gelegt. Unter den Streichen 
Lien Ch'engs hauchte darauf der Herzog Siäng alsbald sein Leben aus; er 
wurde mit Meng-yäng zusammen von den Yerschworenen unter der Thür 
beerdigt. — 

Ich habe obiger Erzählung nur noch hinzuzufügen, dass die wesent- 
lichen Grundzüge derselben, namentlich die Erscheinung des Wildschweins 
bei der Jagd und alles, was damit zusammenhängt, sich bereits genau so 
in der in das 5. Jahrhundert vor Chr. zu setzenden Geschichtserzählung 
des Tso-ch'iu-ming zu der unter dem Namen „Frühling und Herbst" be- 
kannten Chronik des Confucius vorfinden. Das Verstecken des verlorenen 
Schuhs unter der Thür ist freilich ein späterer Zusatz, welcher aber 
gleichfalls durchaus volkstümlich - chinesisch gedacht ist. So ungern man 
übrigens diesen geschickt ersonnenen Zug vom Standpunkt des Aufbaues 
der Geschichte missen würde, so ist doch klar, dass er fehlen könnte, 
ohne die Zugehörigkeit der Erzählung zu dem von uns besprochenen 
Vorstellungskreise irgend zu alterieren. 

(Schluss folg-t.) 



272 T\p;cr: 



Handwerksbrauch in der Iglauer Sprachinsel 

in Mähren. . 

Von Franz Paul Piger. 



Vorbemerkungen. 

Auf den Hügeln zwischen Böhmen und Mähren, welche die Wasser- 
scheide bilden zwischen Elbe und Donau und die einst zum böhmisch- 
mährischen Grenzwalde gehörten, der ganz Böhmen in meilenweiter Breite 
umsäumte, setzte sich infolge des reichen Bergsegens im 12. und 13. Jahr- 
hundert eine deutsche Bevölkerung mitten unter Slaven fest, die bis zur 
Zeit der Hussitenkriege in stetigem Wachstume begriffen war, von da an 
aber, als bereits Kuttenberg, Deutschbrod und andere Städte von den 
Hussiten eingeäschert worden waren, allmählich zerbröckelte und heute 
nur noch in Iglau und seiner Umgebung besteht. 

In der Stadt und auf dem Lande, teils in Böhmen, teils in Mähren, 
wohnen gegen 40 000 Deutsche bairischen und fränkischen Stammes, die 
sich nur schwer gegenüber der slavischen Zuwanderung zu behaupten ver- 
mögen. Besonders gefährdet ist das Deutschtum in Iglau selbst, da die 
deutsche Umgebung zu klein und wohl auch zu sesshaft ist, um ihren Vor- 
ort hinlänglich mit deutschem Nachwüchse zu versehen. Was von weiterher 
kommt, ist tschechisch und bleibt heutzutage meist tschechisch. In dieser 
Beziehung war unsere Stadt bis zur Aufhebung des Innungszwanges besser 
daran. Die Innung verstand es hier, wie in allen deutschen Städten mit 
slavischer Umgebung, fremdsprachige Elemente sich anzupassen oder fern- 
zuhalten. Der damals bestehende Wanderzwang führte überdies vielfach 
deutsche Gesellen nach Iglau, die hier ihre zweite Heimat fanden. Es ist 
daher nicht zu verwundern, dass das zünftlerische Wesen sich hier tiefer 
in die Volksseele eingrub und dass heute noch, obwohl kein Zwang mehr 
nötigt, das eine oder andere Handwerk desselben nicht völlig entraten 
mag. Besonders drei Handwerke setzen noch ihr zünftlerisches Treiben 
fort: die Tuchmacher, die Gerber und die Maurer und Zimmerleute, welch 
letztere ich als zusammengehörig betrachte. Die wichtigste Zunft für Iglau 
war von jeher die Tuchmacherzunft, denn das Tuchmachergewerbe bildete 
seit der Versiegung der Bergwerke die Hauptnahrungsquelle der Stadt. 
Es ist daher nur billig, dass ich, wenn auch das Tuchmachergewerbe in 
unserer Stadt seit etwa 15 Jahren nur mühsam mehr das Leben fristet, 
vorerst das zünftlerische Leben und Treiben der Tuchmacher schildere und 
dann, um nicht zu weitläufig zu werden, in aller Kürze dasjenige hervorhebe, 
was Gerber, sowie Maui-er und Zimmerleute besonderes aufzuweisen haben. 



Hanchverksbrauch in rler Iglauor Sprachinsel in Mähren. 273 



A. Tuchmacher. 

I. Ansichten über Entstehung und Vergangenheit 
des Tuchmachergewerbes. 

Wie einst bei den Dynastieen, zeigt sich bei den Innungen das Be- 
streben, ihre Entstehung möglichst weit hinaufzurücken. Die Tuchmacher 
behaupten, Methusalem, der siebente Sprosse Adams, wäre der erste Tuch- 
macher gewesen. Yor der Zunftstube ist er als schwacher, gebückter 
Greis abgebildet mit dem Stabe in der Hand. Unter dem Bildnisse steht 
zu lesen, er habe zuerst die Schafe geschoren und aus Wolle Tuch bereitet, 
Lein habe man damals noch garnicht gekannt. Die Tuchmacher unter- 
lassen es auch nicht, die Thätigkeit Methusalems sagenhaft auszuschmücken 
und ins Ungeheuerliche zu vergrössern. Statt des gewöhnlichen Haspels 
(SchwafFrähm) soll er die Kette (Worf) um den Gartenzaun gezogen haben 
und statt des WeberschifPleins (Schütze)^) sich zu bedienen, soll er eine 
Katze, an die er den Faden gebunden, durch die Kette gejagt haben. 
Veranlassung zu diesem Glauben gab der einst gebräuchliche Ausdruck 
Ketzer **) für Spule, die man ursprünglich durch die Kette gezogen haben 
mochte. Wenn aber die alten Tuchmacher erzählen, ursprünglich sei der 
Lehrbub mit ,der Spulen durch die Kette gekrochen, so nehmen sie diese 
Übertreibung wohl selbst nicht ernsthaft. 

Was die Entstehung des Tuchmacherhandwerks in Iglau und den 
übrigen deutschen Städten des Ostens anlangt, so herrscht durchweg die 
richtige Ansicht, dass Flamänder^) hier wie anderwärts das Tuchmacher- 
gewerbe eingeführt, denn sie haben den ganzen Osten bis nach Ungarn 
hinein mit Tuchwaren versehen. 

Als besonderen Förderer ihrer Zunft ehren die Tuchmacher noch 
heute Karl V., da er neben den Berg- und Edelknappen auch den 
Tuchmachergesellen erlaubte, sich Knappen zu nennen, weil 1000 der- 
selben in eigentümlicher Gewandung ohne Panzer und Helm auf seinem 
Zuge nach Afrika ihn begleitet und tapfer vor Goletta gekämpft haben 
sollen. 

Nicht vergessen darf ich hier, dass die Tuchmacher sich ein Wappen 
zusammengestellt, wie selbes noch ob der Thüre der Iglauer Zunftstube zu 
sehen ist und womit sie manchmal einen der zwei Igel des Stadtwappens 

1) In Tirol fand icli ilas Zeitwort schützen in der Bedeutung von schleudern. Vgl. 
Schöpf, Tirol. Idiotikon S. 654; Schmeller, Bayr. Wb. II, 494. 

2) Ketzer bedeutet eigentlich der Fangball. 

3) Das Wort ist heute zum Schimpfworte geworden und bedeutet einen Land- 
.streiclier, was wohl daher rührt, dass die Flamänder oft bloss fliegende Warenlager 
liatten und mit diesen von Stadt zu Stadt zogen. [Vgl. Flandern, Grimm 1). Wörterb. 
Iir, 1722.1 



274 Figer: 

verdrängten. Das Tuchmacherwappen enthält die Tuchschere, daneben 
befinden sich links und rechts eine Karde und darunter zwei gekreuzte 
Fachbogen *). 

II. Standesbewusstsein und Kastengeist. 

Die Tuchmacher dünken sich heute noch, trotzdem das Handwerk in- 
folo-e des Fabrikbetriebes und des Eindringens fremder wohlfeiler Ware 
völlig darniederliegt, besser als die übrigen Handwerker. Es ist daher 
nicht zu verwundern, wenn der Tuchmacher seine Tochter nur wieder 
einem jungen Tuchmachermeister zur Frau gab. Für Kirchweih und 
andere hohe Festtage kaufte die Frau Meisterin einen Indian (Truthahn), 
denn diesen sieht man als den Tuchmachervogel an, die Gans überliess 
man als Schustervogel den Schustern. Aber auch nach aussen bestrebte 
man sich, die Standesehre zu wahren. Kein Knappe durfte barfuss über 
den Dachtropfen (Dachtraufe) hinaus, ebenso war es ihm verboten, un- 
schickliche Arbeit zu verrichten, etwa mit dem Schubkarren durch die 
Stadt zu fahren u. s. w. Am Sonntage hingegen und an Feiertagen musste 
er Handschuhe tragen und den Stock in der rechten Hand halten, wenn 
er spazieren ging, und bei Processionen und Feierlichkeiten der Zunft 
sich mit dem Degen umgürten. Ein ordentlicher (gabiger) Knappe hatte 
aber auch eine lange Pfeife: vor dem Jahre 1848 musste er sie aber vor 
einem Wachposten wegnehmen, denn dieser hätte sie ihm aus dem Munde 
geschlagen. 

Es ist nicht zu verwundern, dass sich diese Überhebung gegen andere 
Stände auch geltend machte gegenüber niedriger stehenden Personen des 
eigenen Handwerkes. Der Meister verkehrte nur wieder mit Meistern, der 
Knappe mit Knappen. Ein Meisterssohn hätte es nicht über sich gebracht, 
auch wenn er erst Lehrling geworden, mit einem anderen Lehrling 
geringeren Standes Freundschaft zu schliessen. Ja auch die Knappen 
sonderten sich wieder nach dem Range. Der gewanderte Bursche hatte 
ein Vorrecht vor dem. der noch nicht in die Fremde gegangen, der Haus- 
knappe wieder, der nicht beim Meister wohnte, sondern eine eigene 
Wohnung hatte, vor den übrigen. Letzterer durfte bei der Arbeit die 
Batzen (runde Mütze) auf dem Kopfe haben, während die übrigen sie am 
Webstuhle aufhingen. Auch das Alter bot natürlich gewisse Vorrechte. 
Ein jüngerer Bursche durfte einem älteren nicht schenken (zutrinken), 
und erst nach mehrfacher Aufforderung durfte er sich's herausnehmen, zu 
ihm „Du" zu sagen. Dieser Kastenzwang, der das ganze Zunftwesen 
durchdrang, wurde von allen willig anerkannt. Nach dem Range ordnete 
man sich bei Festlichkeiten und Versammlungen, bei der Arbeit und im 
W^irtshause, als wenn es so sein musste. 

1) Der Fachbogeii l)i;stt'ht aus einein langen Holze, auf «las i-inc Saite oder liit-ke 
ScLuur gespauat ist, und dient zum Krämpeln der Wolle. 



Handwerksl)raucli in der Iglauer Sprachinsel in Mähron. 275 

III. Yorstandschaft des Handwerkes. 

Der Kastengeist und besonders die Bevorzugung des Alters zeigt sich 
auch in der Zusammensetzung der Yorstände und der einzehien Organe 
der Zunft. Der Yorsteher der Gesamtzunft heisst „Öltast", der natürlich 
ursprünglich der physisch älteste war. Ferner giebt es vier Altgeschworene 
neben zwei Junggeschworenen. 

Der Knappschaft steht wiederum vor der Altgeselle und als Yertreter 
der fremden Gesellen der fremde Altgeselle. Als der Wanderzwang auf- 
hörte, wurde letzterer allmählich das, was man sonst Obmannstellvertreter 
nennt. Unter den beiden Altgesellen standen der erste Schreiber und der 
Ladenschreiber. Alle vier bildeten neben den gelegentlich beigezogenen 
Besitzmeistern das Tischgesäss oder den Tisch schlechthin. Für „Ein- 
sagungen" und ähnliche Dienstleistungen standen der Yorstandschaft zwei 
Jungknappen oder Gesellenboten zur Yerfügung. 

lY. Freispruch und Aufnahme in die Innung. 

Die Aufnahme in die Zunft ging besonders bei den Knappen in grosser 
Feierlichkeit und Förmlichkeit vor sich. Die dabei vorkommenden formel- 
haften Reden sind darauf zurückzuführen, dass dem einfachen Handwerker 
naturgemäss die Gabe des freien Wortes fehlte und er daher an die seit 
Jahrhunderten fortgeerbten Formeln gebunden war. Der Meister erhielt 
die Meisterschaft ziemlich einfach. Er kaufte sich die „Gerechtigkeit", die 
allein die Ausübung der Meisterschaft ermöglichte, liess sich das Meister- 
stück bei den vier Altgeschworenen prüfen, die das Bleisiegel darauf 
drückten und selbes in der Zunftstube zur Ansicht vorlegten. Der auf- 
genommene Meister gab sodann ein Meisteressen und galt jetzt als Meister 
mit dem Rechte zur Aufnahme in die Bürgerliste. Nicht so einfach ver- 
lief die Aufnahme des Lehrlings in die Knappschaft, das Ziel der Sehn- 
sucht während dreijähriger vielgeplagter Lehrlingszeit. Die Aufnahme fand 
alle Quartale in der Zunftstube statt, die mit ihrem vom Alter geschwärzten 
Getäfel und den ernsten Bildern, die von den Wänden herabschauten, nicht 
wenig zur Erhöhung der Feierlichkeit beitrugen. 

War das Tischgesäss beisammen und hatte die Knappschaft nach Alter 
und Rang Platz genommen, so öffnete der Altgeselle die seit 1669, dem 
Gründungsjahre der Bruderschaft, in Yerwendung stehende Mutterlade, das 
Heiligtum der Knappschaft. Alle erheben sich von den Sitzen, lautlose 
Stille herrscht in der Stube. Die übrigen Knappen setzen sich auf ein 
gegebenes Zeichen, der Altgeselle aber bleibt stehen und hält einen 
li()lzernen Hammer in der Hand, mit dem er bei jedem gewichtigen Worte, 
das er spricht, auf ein Eisenblech, das auf den Tisch genagelt ist, schlägt, 
um so seinen Worten mehr Nachdruck zu geben. Jede Rede wird be- 
oonnen und beschlossen mit den Worten: Mit Gunst! Nachdem sich noch 



276 Piger: 

der Altgeselle umgesehen, ob alle nach Rang und Ordnung Platz genommen, 
wird der Lehrling hereingerufen, der jetzt zum ersteumale die Zunftstube 
betritt. An der Thür bleibt er stehen und erscheint erst auf mehrmalige 
Aufforderung hin vor dem gewaltigen Altgesellen mit den zaghaft ge- 
sprochenen Worten: „Mit Gunst zum Tisch!" Ist der Lehrling ein Meisters- 
sohn, so darf er die Bitte um die Aufnahme in die Bruderschaft selbst 
vortragen, sonst übernimmt dies für ihn ein gelernter und gewanderter 
Geselle. 

Der Lehrling bittet die grossgünstigeu, wohlvorgesetzten Altgesellen 
und die deputierten Herren Meister als Beisitzer, die Gesellen des Tisches 
samt einer ehrbaren Bruderschaft, mit Bescheidenheit einige "Worte reden 
zu dürfen. Der Altgeselle ermahnt ihn, zu reden sich selbst zum Nutzen 
und der Mutterlade nicht zum Schaden. Der Bittwerber fährt dann fort: 
„Dieweil ich von meinem Vater (Lehrmeister) das Handwerk erlernt habe 
und dem hochgeehrtesten Herrn Ältesten und einem ehrsamen Handwerk 
frei- und losgesprochen worden bin und keine andere Zuflucht weiss, als 
Gott und eine ehrbare Bruderschaft, so hätte ich zu bitten, Stuhl- und 
Schreibgeld erlegen zu dürfen, wie es hier und andern Orts Gebrauch ist. 
Mit Gunst!" 

Bevor aber die Aufnahme stattfindet, wird über die aufzunehmenden 
Lehrlinge Gericht gehalten. Der Altgeselle fordert die Lehrlinge, mit 
Ausnahme der Meisterssöhne, auf, ihm und der Bruderschaft zu Gefallen 
hinauszugehen. Wird nun befunden, dass ein Lehrling geraucht, gezankt 
oder sonst sich ungebührlich benommen, so wird er auf Wochen, auch 
Monate von der Aufnahme ausgeschlossen, „damit er abgestraft würde, so- 
lange es Zeit sei." Die der Aufnahme gewürdigten Lehrlinge ruft der 
Gesellenbote wieder herein und sie legen der Reihe nach mit der rechten 
Hand Stuhl- und Schreibgebühr auf den Tisch. Meisterssöhne lassen es 
sich nicht nehmen, noch einen Ehrenthaler beizulegen, der dann an einem 
farbigen Bändchen am Deckel der Lade aufgehängt wird. Name und 
Nummer des nunmehrigen Jungburschen wird vom Ladenschreiber in die 
Tabelle mit weisser Tinte eingetragen. Diese Tabelle ist ein Buch, dessen 
Blätter aus schw^arzgefärbten Holztäf eichen bestehen, deren Rand etwas 
verdickt ist. 

Wie bei der Taufe soll der Aufgenommene einen neuen Menschen 
anziehen und sich seiner Würde wohl bewusst werden. Er erhält daher 
auch gleichsam als Eingebinde Yerhaltungsregeln , die sogenannten sechs 
Punkte, für seine neue Lebensbahn mit. 

Diese sechs Punkte bilden einen Auszug der Gesamtartikel, die nur 
selten der Knappschaft vorgelesen wurden. Der Altgeselle ermahnt die 
Jungburschen in eintöniger AVeise, unter Hammerschlag jedesmal beginnend: 
„Mit (limsl ziini orstcii, zum zweiten u. s. w." Der gekürzte Inhalt der 
Ermahnung ist folgender: Der Jungbursche solle die alte Gesellschaft 



Handwerksbrauch in der Iglauer Sprachinsel in Mähren. 277 

(die Lehrlinge) meiden und mit ungezogenen Frauenzimmern sich nicht ab- 
geben (1), bei offener Lade „Mit Gunst!" grüssen (2), die Obrigkeit ehren 
und an Sonn- und Feiertagen dem vorgeschriebenen Gottesdienste bei- 
wohnen (3). Er solle ohne öftere Aufforderung die gewanderten Burschen 
nicht mit „Du" anreden, denn es würde ihm auch gefallen, wenn ihm, aus 
der Fremde heimgekehrt, das Ehrenwort widerführe, und sich mit seinen 
Mitbrüdern gut vertragen (4). In des Meisters Werkstätte möge er gute 
Arbeit machen, den Lohn nicht schwächen, sondern ihn jederzeit zu stärken 
suchen (5). In der Fremde soll er, wenn er in eine Stadt einwandere, 
den „Bünggl" stets auf der linken Schulter tragen und den Herrn Vater 
und die Frau Mutter (in der Herberge) mit Achtung begrüssen (6). Beob- 
achte er genau, schliesst der Altgeselle, diese sechs Pimkte, so würde er 
von jedermann geachtet und geliebt werden. Nun reicht der Altgeselle 
den neuaufgenommenen Brüdern die Hand, wünscht ihnen Glück zum 
Gesellenstande und empfiehlt sie dem Wohlwollen der Mitknappen. Mit 
den Worten: „Mit Gunst vom Tisch!" treten die Jungburschen zu den 
übrigen, die sie ebenfalls beglückwünschen und ihnen am unteren Ende 
des Tisches Platz machen. Sie sind jetzt Knappen mit allen Pflichten und 
Rechten, das Ziel ihrer jugendlichen Sehnsucht ist erreicht. 

Y. Die Auflage. 

Vor allem müssen die Jungburschen mit den übrigen regelmässig zur 
Auflage erscheinen, um ihren geringen Beiti'ag für die Krankenkasse und 
für ein würdiges Begräbnis der verstorbenen Standesgenossen zu leisten. 
Die Auflage findet alle vier Wochen statt: die „Quartalisten", d. h. die- 
jenigen, welche bereits dreissig Jahre Auflage gezahlt, sind teilweise, die 
„Steuerbrüder", die bereits 50 Jahre aufgelegt, sind ganz befreit. 

Auch die Auflage geht mit einer gewissen Feierlichkeit vor sich. Meist 
an einem Sonntage versammeln sich die Kna})pen in der Zunftstube, das 
„Gesäss" nimmt Platz am Tische, auf welchem die Mutterlade steht. Das 
Stammbuch, welches bis zum Errichtungsjahre der Bruderschaft. 1669, 
zurückreicht und die Namen aller lebenden und verstorbenen Brüder ent- 
hält, wird aufgeschlagen, die Namen jedoch werden aus der Tabelle ver- 
lesen. Der Verlesene tritt vor das Tischgesäss, die rechte Hand zwischen 
zwei Knöpfen des geschlossenen Rockes, die linke mit dem Hute an der 
Hosennaht und spricht: „Mit Gunst zum Tisch". Der Altgeselle erwidert: 
„Mit Gunst genug!" Darauf zahlt der Knappe mit der rechten Hand die 
Auflage und tritt wieder ab mit den Worten: „Mit Gunst vom Tisch!" 
Da zu einer Auflage oft über hundert erschienen, so ist es nicht zu ver- 
wundern, dass es unter diesen auch Zanklustige gab. Alle wusste aber der 
Altgeselle, der doch ihresgleichen war, zu bändigen und im Zaume zu 
halten. In den Herzen aller Gesellen lebte eine schier religiöse Scheu 
vor der geöffneten Lade, die der Altgeselle und das übrige Tischgesäss 

Zeitschrift d. Vereins f. Vollcskunde. 1892. 19 



278 



Pisrer: 



nur zu mehren suchten. War die Lade geöffnet, musste daher lautloses 
Schweigen herrschen, man durfte nicht den gewöhnlichen Gruss gebrauchen, 
vor dem „Tisch" nur in militärischer Haltung erscheinen, nicht zum 
Fenster hinaussehen u. s. w. Wollte aber dennoch der eine oder andere 
einmal seinen Groll vor den versammelten Brüdern auslassen, so musste 
er trachten, dass die Lade geschlossen werde. Dies erreichte er, wenn er 
ein Geldstück in die offene Lade warf, ein Sacktuch oder ein Kleidungs- 
stück auf dieselbe schleuderte. Der Altgeselle musste sodann die also 
entehrte Lade schliessen, um sie erst wieder bei eingetretener Ruhe mit 
aller Feierlichkeit zu eröffnen. Gar selten mochte dieser äusserste Fall 
vorgekommen sein, und doch stand dem Altgesellen nur das eine Straf- 
recht zu, dass er einen auffordern konnte, „unbeschwert" vor dem Tische 
zu erscheinen, um eine Kleinigkeit als Strafgeld zu erlegen. 

YL Leben und Treiben der Tuchmacher. 

a) Der TucUinaclier Werktage. 

Die Tage der Arbeit waren für Meister und Knappen keine I^ast, 
denn der Feierabend wird um keine Arbeit des Tages zu teuer erkauft. 
Das Leben der Tuchmacher war ein streng geregeltes und mit Ausnahme 
der Sonn- und Feiertage steter Arbeit gewidmet. Um 5 Uhr stand man 
auf. Der Tag wurde durch ein heiliges Lied begrüsst. Als Frühstück 
genoss man trockenes Brot. Um 9 Uhr, wenn in der Kirche die Segen- 
messe gelesen wird, sang man das Segenlied und machte sich so der gottes- 
dienstlichen Handlung teilhaftig. Um 12 Uhr speiste man zu Mittag. 
Fleisch kam täglich mit Ausnahme des Mittwochs und Freitags auf den 
Tisch. Lehrlinge und Knappen, auch die Hausknappen, alle nach Alter 
und Rang geordnet, speisten mit dem Meister und der Meisterin und den 
übrigen Familiengliedern an demselben Tisch. Nach dem Essen schickte 
man den Lehrling mit einer grossen zinnernen Kanne, auf die die ganze 
Familie stolz war, um Bier in einem der eben „schenkenden" Mälzerkeller. 
Mit dem Hausknappen gab es nicht selten Verdruss, wenn er zuviel auf 
die Seite legte, um es seinem Weibe zu bringen. Wenn der Meister auch 
nichts sagte, so sah er doch mit scheelen Augen hin, wenn er ein allzu- 
grosses Stück Brot in die Brusttasche gleiten Hess. Nach dem Essen ging 
man gleich wieder an die Arbeit. Nachmittags wurden weltliche Lieder 
gesungen, die aber, wenn der Meister oder die Meisterin anwesend waren, 
nimmer die bürgerliche Ehrbarkeit verletzen durften. Lieder traurigen 
Inhalts wurden vorgezogen. Wenn einer in jener Zeit durch die Gassen 
der Stadt ging, so hörte er neben dem Geräusch des Webens von Haus 
zu Haus Gesang. Man sang gern vom Mädchen, das der Geliebte im 
„Grünen" Wald vorlassen, vom Vater, den der Sohn aus dem Hause trieb, 
ihn aber ob der Milde, mit der er dies aufnahm und betteln ging, gerührt 



Handwerksbrauch in der Iglauer Sprachinsel in Mähren. 279 

wieder heimführte, und am liebsten die Lieder des eigenen Handwerks. 
Zur Abwechselung- erzählten die Wolle krämpelnden Weiber Märlein (Ge- 
schichten), besonders Gespenstergeschichteu, die sich gern in Walken ab- 
spielten. Zum Feierabend sang man: „Die Feierabendstunde schlägt" 
oder: „Hat acht geschlagen." So passend derartige Lieder waren, um bei 
der doch mehr oder weniger gedankenlosen Arbeit die Zeit zu vertreiben, 
so nahm es sich doch manchmal schier gotteslästerlich aus, wenn einer 
neben den heiligsten Worten eines Liedes einen kräftigen Fluch ausstiess. 
Auch der Rosenkranz, der, wenn man nicht sang, vielfach gebetet wurde, 
mochte sich über die Bedeutung eines Lippengebetes nicht erheben. Um 
8 Uhr ging der Meister fast täglich, der Knappe Samstag, Sonntag und 
Montag ins Wirtshaus, natürlich jeder in ein solches, wo sich seinesgleichen 
einfand. Blieb man daheim, so setzte man sich im Sommer mit den 
übrigen Familiengliedern auf die Steinbank vor der Hausthür. 

Hier erzählte man sich Spässe und Schnurren und sang Lieder, dass 
es in den mählich dunkelnden Gassen den Wiederhall wachrief. Auch 
über die Gasse wurde von einer Bank zur andern gescherzt und mancher 
„Hansal" und manches „Liesal" wussten in erheuchelter Fehde miteinander 
zu kosen. Da die Tuchmacher sich sozusagen alle als Familienglieder be- 
trachteten, riefen sie sich nur beim Taufnamen. Der Meister sagte zum 
Gesellen „Er", der Geselle ehrte den Meister durch „Sie". So verrann 
ein Werktag wie der andere ohne besondere Freud' und ohne besonderes 
Leid. 

Am meisten geplagt von allen war natürlich der Lehrling, wenn er 
auch durchwegs als Mitglied der Familie angesehen wurde. Mit vielen 
guten Lehren wurde er dem Meister übergeben und durfte dann die Seinigen 
nur noch an Sonn- und Feiertagen besuchen. Ihm wurde das Brot von 
der Meisterin vorgeschnitten, während die Gesellen sich nach Belieben 
nehmen durften. Der Lehrling musste mindestens einen Gesellen mit 
Spulen bedienen und daneben noch Pfeifen zum Werfe spulen, wobei der 
durch die Finger laufende Faden ihm das jugendliche Fleisch zerschnitt. 
Hatte für die andern die Abendglocke den Feierabend eingeläutet, so 
musste er noch seinen Spulstock reinigen, die Werkstühle abstauben, das 
Zimmer kehren u. s. w. Lange dauerte es, bis man den armen Lehrling 
zum „Wirken" hinter dem Stuhle, was er doch eigentlich lernen sollte, 
zuliess. Dieser Tag war daher auch für ihn ein Freudentag, denn der 
Freispruch winkte in nicht allzuferner Zeit. Doch ganz ohne Freuden 
ging das Leben eines Lehrlings auch nicht dahin. Jede Unterhaltung der 
Familie, z. B. eine Landpartie, machte auch der Lehrling mit, wenn er 
dabei auch zu kleinen Dienstleistungen verpflichtet wurde und mehr 
springen musste als alle übrigen zusammen. 

Im Herbste, „wann der Wind einmal aus den Hähnen kam", ver- 
fertigte er dem Meistorsöhnlein Drachen und liess sie fliegen. Das Johannis- 

19* 



280 ^ger: 

feuer war geradezu iu den Händen der Tuchmacherlehrlinge. Sie suchten 
die alten Besen zusammen, tauchten sie offen oder geheim, wie die Sache 
es forderte, in der Binder Pechmasse und schleppten all die Besen hinaus 
auf die nächsten Hügel, um dort das Johannisfeuer zu entzünden und sich 
unter Freudensprüngen an der lodernden Flamme zu freuen. 

Dass aber der Lehrling trotz all seiner Drangsale das Meisterhaus 
liebgewann, ersieht man daraus, dass er, wenn er auch freier Geselle ge- 
worden, selten den Lehrmeister sogleich verliess, war er ja jetzt einer 
freundlicheren, rücksichtsvolleren Behandlung sicher. Da nämlich jeder 
Geselle als Familienglied angesehen wurde, wechselte man nicht gerne 
und nur schwer entschloss sich der Meister, den Jungknappen aufzusuchen, 
um sich einen neuen Gesellen vorführen zu lassen. Auch Gewohnheit und 
Sitte hinderte so viel als möglich eine Kündigung in der Erregung des 
Augenblicks. Kein Geselle durfte die Arbeit „aufsagen", wenn er nicht 
vom Stuhle „abgewirkt" hatte. Geselle wie Meister durften bloss voll- 
ständig angezogen „mit Stiefel und Rock" einander kündigen. War die 
Trennung schon einmal unvermeidlich geworden, so sagte der Meister 
freilich oft: „Petrus geht und Paulus kommt", von Herzen ging es ihm 
aber nicht. 

War der Geselle sparsam oder gar ein Meisterssohn, so konnte er, 
wenn er wenigstens ein Jahr gewandert, unschwer Meister werden; er 
brauchte sich bloss die „Gerechtigkeit" zu kaufen. Anfangs vergrösserte 
sich der junge Meister nur die Sorgen, arbeiten musste er wie ein 
Geselle. 

Damit nun des jungen Meisters Würde ersichtlich sei, schaffte er sich 
für den Hausgebrauch einen Spenser an, denn der Geselle arbeitete in 
Hemdsärmeln, die er noch aufstülpte. Um aber den Spenser zu schonen, 
bedurfte er einer blauen Brustschürze, und in deren oberem Teile wurde, 
da der junge Meister doch auch eines Sacktuches bedurfte, dieses für 
einen Gesellen noch weniger nötige Anhängsel aufbewahrt. Je mehr der 
Kinder, Lehrbuben und Gesellen wurden, desto grösser wurde die Würde 
des Meisters. Zum Einkaufen freilich benötigte er den klugen Rat der 
Frau Meisterin, und machte daher diesen Weg selten allein. Sonst aber 
wusste er auf seine Ehre zu halten. Er öffnete am Morgen das Haus und 
schloss es am Abend, er segnete morgens und abends Haus und Werk- 
stube mit Weihwasser. Ihm allein war es erlaubt, abends täglich und 
Sonntags Nachmittag ins Wirtshaus zu gehen, wenn auch die Meisterin 
dies Recht oft arg beschränkte. In seinem höchsten Glänze sah man ihn 
auf Spaziergängen an Sonutagsnachmittagen. Voraus gingen die Kinder, 
paarweise, nach dem Gcschlechte und Alter geordnet. Den Schluss dieses 
oft nicht ganz kurzen Zuges bildeten die Frau Meisterin in ihrem Sonntags- 
staate und der Herr Meister. 



I 



Handwerksbrauch in der Iglauer Sprachinsel in Mäliren. 281 

Dieser hatte in der linken Hand die Meerschaumpfeife, in der rechten 
den Stock. Aus der einen Tasche des etwas langen Rockes schaute ein 
Zipfel des Sacktuches heraus und aus der andern der Pfeifenstürer, der 
am Tabaksbeutel befestigt war. So schritt er langsam und bedächtig 
dahin, als dächte er bei jedem Schritte daran, dass ohne die Tuchmacher 
die Stadt nicht bestehen könnte, als überlege er den tiefsinnigen Satz, 
den die Tuchmacher fortwährend im Munde führten: „'S Moasterhaus ist 
unser.'' 

b) Der Tuchmacher Festtage. 

Ihren grössten Feiertag, ihr Ehrenfest, feiern die Tuchmacher seit 
1669, dem Errichtungsjahre der Bruderschaft der Tuchknappen, am 
Sonntag nach Anna-Jakobi ('25. 26. Juli). Gegen 10 Uhr versammeln sich 
die Knappen im Meisterhause, das der Tuchmacherzunft bereits seit 1630 
gehört, und ziehen unter Trompeten- und Paukenschall und unter dem 
Geläute der „Susanna", der weitbekannten grossen Glocke, über den Platz 
zur St. Jakobspfarrkirche, wo die Tuchmachergenossenschaft einen eigenen 
Altar und zwar den Hauptaltar besitzt. In früherer Zeit ermangelte die 
Hauptwache nicht, beim Herannahen des Zuges, der oft 400 — 500 Knappen 
zählte und an dessen Spitze der Aelteste und die Geschworenen gingen, 
ins Gewehr zu rufen, wofür sie vier Pulitsch (grosses hölzernes Gefäss) 
Iglauer Bier erhielt. Beim Festgottesdienste dienten Knappen als 
Ministranten und Fakulanten. Letztere hatten bis in die neueste Zeit das 
Vorrecht, während des ganzen Tages Degen tragen zu dürfen, worauf sie 
nicht wenig stolz waren. Nach dem Hochamte bewegte sich der Zug 
wieder feierlich über den Platz, die Wache trat wieder ins Gewehr und 
erst beim Meisterhause löste er sich auf. 

Nachmittags versammelte sich die Knappenschaft im Meisterhause zum 
„Eintrunke", um, wie es deutschen Handwerkern geziemt, bei schäumendem 
Biere ihr Ehrenfest zum würdigen Abschlüsse zu bringen. An langen 
Tischen nahmen die Knappen Platz. Und nun erhebt sich mit gewicht- 
vollem Ernste der einheimische Altgeselle und fordert den fremden Alt- 
gesellen, seinen günstigen Bruder, auf, sich ebenfalls zu erheben. Mit 
nicht weniger Würde erhebt sich dieser, hält den mit einem Blumenkranze 
gezierten „Willkomm", den silbernen Ehrenbecher der Knappenschaft, in 
die Höhe und erklärt in längerer Rede, sie seien nicht gekommen, den 
Jahrtag zu schwächen, sondern ihn zu stärken, und weil der Reihetrunk 
an ihn gekommen sei, wolle er die übliche Ovation machen. Er erzählt 
nun von Methusalem, ihres Gewerbes Patron, der 969 Jahre alt geworden. 
zuerst die Schafe geschoren und der erste Wollweber gewesen. Hierauf 
folgt ein Lob des Tuchmacher-Handwerks. Die Tücher, welche die Tuch- 
macher verfertigten, trügen Fürsten und Grafen, und sei das Handwerk 
noch so klein, so trage es ein goldenes Krönlein. Schliesslich bringt er 



282 Tiger: 

die Gesundheit des Kaisers aus. Im Wesen des Zünftlers liegt es, die 
Obrigkeit zu ehren, hat er sich doch selbst obrigkeitliche Personen ver- 
schiedentlicher Art vorgesetzt. 

Es wechseln daher Trinksprüche auf Kaiser und Papst, Statthalter 
und Biscliof, Bürgermeister und Dechant. Auch auf den Herrn Aeltesten 
und seiner Verwandten Wohl wird getrunken und selbst der Fakulanten 
und Ministranten nicht vergessen. Ein schönes Zeugnis für die Gemüths- 
tiefe unserer Tuchmacher ist es, dass sie sich im Jubel der Freude auch 
der fernen Genossen erinnern, „die vielleicht allen Fährlichkeiten des 
Wanderlebens ausgesetzt sind." Es gilt daher ein Trinkspruch „allen 
braven Tuchmachern, die zu Land und zu Wasser schweben, die das Brot 
fechten und verkaufen und das Geld in Wein oder Bier versaufen." Nach 
jedem Trinkspruche wird ein Tusch geblasen. Es giebt Trinksprüche in 
Prosa, die sie vielleicht einmal in einem Buche entdeckten und die sich 
immer auf das Lob derTuchmacher beziehen, oder auch gereimte, von denen 
der eine oder andere von den Meistersingern herstammen mag, die 1571 
hier eine Bruderschaft errichteten. Es kann dies leicht möglich sein, 
da die Sprüche von Yater auf Sohn sich vererben und wie ein teurer 
Schatz gehütet und nicht jedem vorgesagt werden. Meistersingerart verrät 
der Spruch auf Karl V., den ich dem Leser nicht vorenthalten will: 

Als zu Kaiser Karls Zeiten 

Im Begriffe war die Welt zu streiten, 

War's jener grosse Held, 

Der 1000 Tuchmacher zu seinen Kriegern zählt'; 

Und bei der Krieger Scharen 

Die Tuchmacher an der Spitze waren. 

Da sprach er das edle Wort: 

Ihr seid Krieger, Ihr seid mein Hort, 

Dafür sollt ihr den edlen Namen Tuchknappen führen, 

Scepter, Schwert und Krone soll Euer Wappen zieren. 

Hatte der Sprecher den Spruch, den er oft nur verstümmelt wiedergab, 
hergesagt, rief er: Yivat hoch! und alles stimmte in den Ruf ein. Zum 
Schlüsse erhebt sich der einheimische Altgeselle, nachdem man der 
Menschen so viele hat hochleben lassen, und spricht also: 

Es lebe der Adler in der Luft, 
Der Löwe in der Gruft, 
Der Hirscli im grünen Wald, 

Ich trinke die Gesundheit, bis mir das Herz erkalt'. 
Vivat hoch! 

Nun hab' ich meine Lieb' und Treu genügsam spüren lassen, 
Wer es besser kann, dem steht es frei und wird ihm zugelassen. 
Aber eins habe ich noch vorzubringen, 
Wen es angeht, dem soll's zu Ohren klingen: 



Hand Werksbrauch in der Iglauer Sprachinsel in Mähren. 283 

Es lebe aller braven Deutschen Treu und Redlichkeit 
Und der Iglauer Mädchen Schönheit. 
Vivat hoch! 

Alle erlieben sich und stimmen ein: 

Bruder es gilt mir und Dil-, 
Ich trinke lieber Wein als Bier. 

So sonderbar die zweite Zeile erscheinen mag und obwohl der Wein 
ein frommer Wunsch bleibt, so thut dies doch der stolzen Erhebung des 
Augenblicks keinen Eintrag. Ist die Festlichkeit zu Ende, suchen die 
wackern Gesellen wieder ihr Heim auf, um wieder wochenlang geduldig 
hinter dem Webstuhl zu sitzen. 

Als Korporation rückte die Knappenschaft ausser am Jahrtage nur 
noch bei der Frolmleichnamsprocession mit „ihrem Fahn" aus. Nur die 
das Recht dazu hatten, durften sich diesem Zunftzeichen anschliessen; er 
gehört „zum Fahn", bedeutet daher so viel wie Zunftgenosse. 

Den dritten der vier Altäre, an denen die Evangelien gelesen werden 
und der Segen erteilt wird, errichten noch heute die Tuchmacher vor 
ihrem Meisterhause. 

Schon daraus geht die einstige Bedeutung der Zunft hervor. Die 
Blumen, mit denen der Altar geschmückt ist, werden nach der Procession 
dem Ältesten und den Geschworenen ins Haus geschickt, denn sie schützen 
gegen Blitz und Feuersgefahr. Andere Feste und Festlichkeiten giebt es 
nicht gerade viele. Im Herbste wird das „Lichtbratl" gefeiert. Der Tag, 
an dem zum erstenmale bei Licht gearbeitet wird, ist für die Handwerker 
überhaupt von grosser Bedeutung, denn Monate lang sollen sie nun Stunden 
hindurch bei schlechtem Licht arbeiten und die Farben genau unterscheiden 
können. Es ist daher nicht zu verwundern, wenn die Handwerker diesen 
Tag sich zu versüssen suchen. Die Tuchmacher feiern aber, um keinen 
Arbeitstag zu verlieren, das Lichtbratl erst am folgenden Sonntag. Den 
Montag freilich können sie dazu nehmen, dies ist alter Gebrauch. Es 
wird daher Montag gewöhnlich eine „Lompartie'" (Landpartie) in unsere 
schönen Wälder unternommen, wohin es unsere Tuchmacher treibt, selbst 
wenn die Witterung nicht mehr dazu ladet. Leider zeigt sich diese Liebe 
zur Natur auch in der Leidenschaft für den Vogelfang (Goggsch)*), denn 
ein Rotkehlchen oder ein Stieglitz musste neben dem Wirkstuhle hängen, 
um während des langen Winters an den vielgeliebten grünen Wald zu 
erinnern. — 

Im Advent baut sich der Tuchmachermeister die Weihnachtskrippe. 
Mit kindlicher Freude und sinnigem Verständnisse werden noch jährlich 
„Krippen" errichtet, welche die Geburt Christi im Stalle, die Hirten, die 



1) Das Wort weiss ich nicht zu erklären. 



284 Pig®r = 

drei Könige, Bethlehem und viele mittelalterliche Schlösser auf Höhen der 
Umgebung u. s. w. durch hölzerne Figuren und Pappendeckel zur Dar- 
stellung bringen. Je mehr Figuren auf der oft mehrere Meter grossen 
Fläche, hinter der noch ein gemalter Hintergrund den Blick bis ins Un- 
endliche schweifen lässt, aufgestellt sind, desto mehr Leute pilgern zur 
Krippe und mehren den Ruhm des Hauses. Manchmal ist auch ein kunst- 
reicher Mechanismus angebracht und gern kriecht der Hausherr hundert- 
mal des Tages unter die das Gestelle verhüllende Decke, um den Mecha- 
nismus in Bewegung zu setzen, auf dass alle Personen, Männlein und 
Weiblein, soviel ihrer angebracht sind, sich rühren und regen, so dass die 
zuschauenden Kinder aufjauchzen vor Freude. 

Am Vorabende des Festes der hl. drei Könige wird nach dem Feier- 
abende der Dreikönigsumzug gehalten. Meister, Meisterin und sämtliche 
Familienglieder im weitesten Sinne versammeln sich in der Wirkstube. 
Die Lehrlinge erhalten Glühpfannen, in die sie zeitweilig Weihrauch oder 
wenigstens Harz, das man in Ameisenhaufen zusammengelesen, streuen. 
Die Kinder empfangen Behältnisse mit Weihwasser. Es wird das Drei- 
königslied angestimmt und man durchzieht das ganze Haus, überall die 
Räume mit Weihwasser besprengend. Der Meister löscht ob jeder Thür 
und an jedem Wirkstuhl die Anfangsbuchstaben der hl. drei Könige samt 
der Jahrzahl aus, um sie für das laufende Jahr zu erneuern. Acht Tage 
hindurch wird während der Arbeit das Dreikönigslied gesungen. 

Ein kleines Fest, wenn auch die Arbeit nicht gerade unterbrochen 
wurde, bildete das Namensfest des Herrn Meisters und der Frau Meisterin. 
Gesellen und Lehrlinge, natürlich in der Reihenfolge, wie selbe die Zeit 
seit dem Eintritte in die Arbeit bedingte, beglückwünschen den Meister 
oder die Meisterin beim Erscheinen in der Wirkstube. An diesem Tage 
wurde ein besseres Frühstück, Kaifee und Kugelhupf ^) verabreicht. Häufig' 
besuchten an Namenstagen die Gehilfen vor der Arbeit die Frühmesse. 

Nicht Feste, sondern Unterbrechungen der Arbeit waren die Quatember- 
messen für die verstorbenen Brüder, wobei auch ein Opfergang stattfand. 
Zu diesen Messen wurde man durch den Hauptknappen entboten und die 
Wegbleibenden mussten bei der nächsten Auflage Strafe zahlen. 

Versäumnisse der Arbeit waren noch Besuche der Leichenbegängnisse 
von Mitbrüdern und die Proben der Feuerspritze, wozu ebenfalls eingesagt 
wurde. 

Natürlich wurde der Fasching^), die Zeit der allgemeinen Freude, auch 
von den Tuchknappen ausgenutzt. Im Fasching hielten die Meister Haus- 
bälle, die Knappen „Tischveränderungen", wozu aber auch Meister geladen 
wurden, die dann einen Silberthaler dem Altgesellen für die gemeinsame 

1) In der bairischen Mundart heisst das Wort Gugelhupf. Die Ableitung von Gugel 
= Kappe ist bekannt. 

2) Die östen-eichische Form für Fastnacht. 



( 



Handwerksbrauch in der Iglauer Sprachinsel in Mähren. 285 

Kasse zu überreichen pflegten. Über die Hausbälle ist wenig zu sagen, 
die Tischveränderungen waren weit feierlicher. Es fand nämlich vorher 
eine Mahlzeit statt und der Eintrunk wurde in derselben Weitläufigkeit 
durchgeführt, wie beim Jahrtage. Mochten die Mädchen, die höchstens 
der Trinkspruch auf ihre Schönheit interessierte, noch so ungeduldig werden 
und Botschaft auf Botschaft senden, um an die eigentliche Aufgabe des 
Abends zu erinnern, so musste doch der letzte Trinkspruch ausgebracht 
sein, bevor man die Tische wegrückte — daher der Name — und dem 
Tanzvergnügen sich hingab. Mahl und Eintrunk dauerten gewöhnlich über 
Mitternacht hinaus. 

Hatte man aber einmal zu tanzen begonnen, so genoss man das Ver- 
gnügen bis zur Neige. Nicht bloss dauerte der Tanz bis zum lichten 
Morgen, es wurden auch die zwei folgenden Nächte gewöhnlich durchtanzt. 
Einiger Schlaf bei Tage und die kräftige Gesundheit des Tuchmachers 
machten dies möglich. Zu Hause backte ihm die vorsorgliche Meisterin 
Faschingskrapfen. 

Wenn auch kein Festtag, so doch ein Freudeutag ist der „krumpe" 
Mittwoch in der Osterwoche, weil an diesem zum letztenmale bei Licht 
gearbeitet wird. Der Lehrling muss, sobald Feierabend wird, die brennende 
Kerze aus der Werkstatt hinaustragen, wobei ihn, der gewissermassen ein 
Bild des Winters ist, die Gesellen peitschen. Es entspricht dieser Vorgang 
dem Winteraustrageu, wie es hier bei der Landbevölkerung gebräuchlich 
ist oder dem anderswo vorkommenden Winterauspeitschen. 

(Schluss folgt.) 



Zur neugriecMschen Volkskunde. 

Von Dr. Albert Thumb. 



II. Zur YolkstümUchen Mantik der heutigen Griechen. 

Den Schleier zu lüften, der über unsere Zukunft ausgebreitet ist, und 
einen Blick in die geheimen Beschlüsse des Schicksals zu thun, ist ein 
Wunsch, der dem Menschengeschlecht sozusagen eingeboren ist und dessen 
Erfüllung der Volksaberglaube auf die verschiedenste Weise zu erreichen 
sucht. Und gerade diejenigen Gebräuche, die sich auf Erforschung des 
Schicksals beziehen, dürften wohl am festesten haften. Ertappen wir doch 
in den gebildeten Kreisen Deutschlands noch immer solche, die Blei in 
der Neujahrsnacht giessen oder ähnliches üben und sei es auch nur zum 



286 Thumb : 

Scherz — immerhin aber ist es noch der allerletzte Rest abergläubischen 
Brauches. 

Uns sollen hier aus dem Kreise volkstümlicher Mantik der heutigen 
Griechen solche Gebräuche beschäftigen, die zum Mirenglauben in Be- 
ziehung stehen. 

Nicht bei jedem traf es sich so glücklich, dass seine Angehörigen das 
l40iQafxa erlauschten (s. oben S. 126). Über den zukünftigen Beruf des 
Kindes sucht man auf los (Beut 186) dadurch etwas zu erfahren, dass 
man ihm Schreibfedern, Geld u. a. vorlegt und das von dem Kind zuerst 
berührte als ein Yorzeichen der f.wlQa betrachtet: die Berührung von 
Federn weist z. B. auf gelehrten Beruf. Der Erwachsene greift zu andern 
Mitteln, welche die Miren nötigen, einen Blick in die Zukunft zu ge- 
statten. Dazu dienen Traumorakel, von denen ich im folgenden be- 
richten wilP). 

Die äginetischen „Traumorakel" beschränken sich darauf, der neu- 
gierigen Jungfrau über ihren Zukünftigen Aufschluss zu geben. Sofern 
die Miren in Betracht kommen, sind die Gebräuche ein „xdleofta" oder 
„öeGi/no TTJg |UOfc(;ag", d. h. ein Anrufen oder Beschwören^) der Mire. Es 
handelt sich immer nur um eine Mire, d. h. die specielle Mire des ein- 
zelnen Menschen, der die Yerantwortlichkeit für die Erfüllung des (ioiQaf.ia 
obliegt (s. oben S. 125. 130). 

Am einfachsten ist jene Form der Beschwörung, welche an keinen 
bestimmten Tag im Jahr gebunden ist; sie bestellt in folgendem: das 
Mädchen, welches seinen Zukünftigen kennen lernen will, bindet sich ein 
yiQOVGO(xävTr}ko (ein goldfarbenes Tuch) um, und während sie drei Knoten 
hinter ihrem Rücken schürzt, spricht sie die geheimnisvollen Worte: 

'2tri Molißo, 'gxrj Kökvßo^), 
^^Trj TovQXof.iaQ/iiaQonTjyij , 
^Exet elv^ r] (.lolQsg tcT (.ioiqco^ 
^Exsl elve x^idutij ^nv. 
^Idv xdd^STai vd or^xcod^fj^ 
Kl av fjv'' oQ&ri^ vd. öqu^-itj, 
NanQiyrj doifJs vd f.iov elnfj, 
Hovbv dvTQa S^sld nÜQto. 

„In Molivo, in Kolivo, 
In Turlomarmaropigi, 
Dort weilen die Miren alle, 
Dort weilet auch die meine; 

1) Aus Ägina, sofern niclit auderes angegeben ist. 'IlQeitöjrjg hat im zweiten der 
genannten Programme (S. 11 — 14) derartige (iebräuchc besclirieLen. 

2) ä^at/iio (J^ajf) ist der allgemeine Ausdruck für „Beschwörung", 

3) Var. KöXoßo. 



Zwr neugTiechischen Volkskunde. 287 

Wenn sie nun ruht, so steh' sie auf, 

Und wenn sie steht, so lauf sie. 

Mir kund zu thun noch diese Nacht 

Den Mann, der mir beschieden." 
Nach dieser Beschwörung legt sich die Orakelsuchende sofort zum 
Schlafe nieder und erwartet, dass sie über den ihr bestimmten Gatten 
etwas erfahren werde, ,./fa va iöfj ovbiqo nnv i^cc cpaviOTrj j) (.lo'iQa tr]?, 
va ZTJg slnfj tÖv avvQa riqg nov &cc naQTj"^ „dass sie einen Traum haben 
werde, wo die MolQa erscheint, um ihr den Mann zu nennen, den sie be- 
kommen wird". 

Yon Interesse ist die angewendete Zauberformel. Der Sinn des Ganzen 
ist klar, nur die phantastischen Ortsnamen sind offenbar Verstümmelungen 
der ursprünglichen Namen. Die einheimische, d. h. auf Ägina circulierende 
Erklärung besagt, dass Molißo und Kölvßo in Äthiopien liegen, und dass 
TovQloi-iaQ^iaQonriyri an einem dieser Orte der Hauptsitz der Miren sei. 
Diese volkstümliche Erklärung hat für uns natürlich keinen realen Wert. 
Einer wirklichen Deutung der merkwürdigen Namen werden wir näher 
gebracht durch Varianten desselben Spruchs, die wir bei B. Schmidt S. 219 
zusammengestellt finden : 

I. aus Kephissia (aus Wordworth, nach der Ullrich'sschen Fassung bei 
Passow, Carmina popularia graeca No. 574. b). 

2x6v'Olv(.i7zov, "'gzbv Kolvf-inov^), 
Ta^) TQia axQa tovquvov 
^Onovv'^) cl'l fwiQai tcov (.lOiQuiv^ 
'Q löia*) f-iov finlQa, 
"^Ag sX^fi T(juQa va (.le äyfi^). 

Lesarten: 1) xoXvfißov schreibt Schmidt: dies widerspricht jedoch den Lautgesetzen 
des Neugriechischen; die Lautgruppe /uß existiert nicht, sondern entweder un oder ß mit 
Ausfall des fx, also xoXvßo, was zur äginetischen Version passt. 2) '?tk richtiger Schmidt. 
3) onov (d Wordwoi-th und Schmidt (der jenem folgt). 4) auch von Schmidt acceptiert; 
Wordworth ^Jih'c. 5) Mjj Schmidt. Syri d. i. rfijj ist eine dialektisch verschiedene Form. 

Ich lese daher (in der reinen Volkssprache): 
2It6v "OKv/uno, \i6v y.ökvfino, 

.Zt« TQÜi lixQCi TOVQKVOV, 

'Onoi)v''r, fiolQü T(o /j-oiqü, 

'i2 iöicc fiov fioiQa (richtiger vielleicht -/tiityri ^lov ,uoii>ct), 

"Ag (Xd^ri rioQK va jus Ö'Tj. 

„Auf dem Olymp, auf dem Gipfel, 

An den drei Enden des Himmels, 

Wo die Miren der Miren sind, 

Ist auch meine eigene (?), 

Sie komme, mich zu sehen." 

II. (Ileuzey). 

'yiTTo zov "OXvfinov, zov XOQVflßoV, 
Ta TQia axQa xov ovQccvov, 



288 Thumb : 



"Onov cu MolQai xwv Moiqwv 
Kai ^ Idixrj f.iov MoIqu^ 
Aq axnvaj] xai ag skif^rj. 

„Yom 0. etc. (wie oben) 



Sie höre und komme." 

Aus der Yergleichung der beiden Texte mit dem von mir oben mit- 
geteilten ergiebt sich uns zunächst für die zwei ersten Zeilen meiner 
Version eine leichte Erklärung: Mnlißo ist eine Verstümmelung von 
"Olvfinov. Da der Name des alten Olymp dem Gedächtnis entschwunden 
war (wenigstens für die Ägineten), so ist eine solche Verstümmelung.leicht 
begreiflich; den Weg dieser Umwandlung NO\\"Olvf.ino(; zu MoXvßo glaube 
ich bestimmen zu können: was zunächst das ß statt un betrifft, so ver- 
dankt es vermutlich dem Reim zu KoXvßo (worüber unten) seine Ent- 
stehung. Dass man aus * OXvßo weiterhin ein MoXvßo machte, erklärt sich 
aus dem Bedürfnis des Volks, dunkle Namen sich etymologisch zurechtzu- 
legen: (.loXißi („Blei") war das dem Klang nach zunächstliegende Wort*). 
Endlich wurde der Name auf Ägina femininum, w&il man ihn als Orts- 
bezeichnung auf die gleiche Stufe stellte mit zahlreichen anderen Orts- 
namen wie ^ KoQd^o (Korinth), «/ 2df.io, rj Nin^ jj IJceQO etc. 

Dass KoXvßn mit dem KöXvfxßov der Wordworthschen Version identisch 
sei, habe ich oben bereits gezeigt. B. Schmidt hat ferner darauf hin- 
gewiesen, dass xöXvfxßov für xoQVfiSov („Gipfel, Spitze") stehe und dass 
diese Deutung durch das Heuzeysche xoQVfxßnv gesichert sei. Das ursprüng- 
liche Vorhandensein des q wird auch durch das KnQOißog des Pittakis^) 
bestätigt. Der Übergang des q in l hat jedoch keinen lautlichen Grund; 
Q zwischen Vokalen bleibt unverändert; das spontane Übergehen eines 
intervokalischen ^ in A ist mir wenigstens nicht bekannt^). Am ein- 
fachsten ist es daher, den Ursprung des X in KöXvßo aus einer Anlehnung 
an 'OXv^nov (bezw. MnXvßo) zu erklären. Dieser Binnenreim schien mir 
bereits Ursache des ß in WloXvßo; ein altes i-in wird nicht ß, wohl aber 
kann altes ^ß im Neugriechischen durch ß vertreten sein. Daher muss 
KoXvßo das ß von MoXvßo, umgekehrt dieses das X von KoXvßo hervor- 
gerufen haben*). KoXvßo wurde weiterhin, weil nicht mehr verständlich, 



1) Ich weiss wohl, dass auf Lesbos eine Stadt Molivo liegt, aber ich glaube uicht, 
dass dieser Name eine direkte Beziehung zu unserm Worte hat. 

2) bei B. Schmidt a. a. 0. 

3) Q wird zu A durch Dissimilation, s. die Beispiele bei Foy, Lautsystem der griech 
Vulgärspr., p. 38. 

4) Zur Vertretung des agr. ßß, vy, vö durch ß, y, rf siehe Psichari, To laSeiäi fxov 
p. 178 f. Essais de grammaire n6o-grecque II p. C. Danach müssten wir xögvßo, bezw 



Zur neugriechischen Volkskunde. 289 

zum Eigennamen und erfuhr in Bezug auf das Geschlecht dieselbe Um- 
bildung wie der erste Name. 

Der zweite Vers unserer äginetischen Beschwörungsformel hat ein 
seltsames Aussehen. 

Während sonst in Griechenland der Olymp als Wohnung der Miren 
gedacht wurde, wie die beiden Versionen I und 11 zeigen, wusste man 
davon auf Ägina nichts: daher jene Verstümmelung des ersten Verses. Aber 
obgleich auch in Ägina die Vorstellung herrscht, dass die Miren „an den 
Enden der Welt" hausen (s. oben S. 126), so hat doch der zweite Vers 
des Spruches 

'gra TQia axQa rovQavov 

auf Ägina eine vollständig veränderte Gestalt bekommen. Ich muss ge- 
stehen, dass ich mit dem wunderlichen TovQXo(.iaQf.iaQonr}yri wonig anzu- 
fangen weiss. Die einzelnen Glieder des Wortes sind verständlich; TovqXo- 
gehört offenbar zu TOVQka (oder iQovXa) „Kuppel", einem gemein -neugr. 
Worte. Dass es in Ableitungen auch zu Ortsnamen verwendet wird, be- 
zeugt der Name TovqXut^ für einen Hügel, s. IlaoTrazi^g, Xiaxbv yXioaoa- 
Qinv S. 364 (s. V. xqovXo). Wie freilich das dreigliedrige phantastische 
Wort in unsern Text gekommen ist, weiss ich nicht anzugeben. Ich äussere 
nur die Vermutung, dass der Name einem Märchen entstamme. Es fehlt 
mir die Möglichkeit, diesen Punkt weiter zu verfolgen^). 

Vers 3 und 4 stimmen mit dem Heuzeyschen Text nahezu überein. 
Die vier letzten Zeilen unseres Spruches sind an die Stelle eines Verses 
von I und II getreten. Unsere Form ist eine anschauliche Ausmalung 
der dort nur kurz angedeuteten Situation. Der letzte Vers ist im be- 
sonderen der vorliegenden Situation angepasst. 

Die weiteren Arten der Mirenbeschwörung beruhen auf demselben 
Prinzip, wie die eben mitgeteilte, sind aber an bestimmte Zeiten des 
Jahres geknüpft, so z. B. an den Tag des hl. Theodor. Das orakelsuchende 



xöXvßo für ein auf gelehrtem Wege eingedrungenes Wort ansehen. Ich sträube mich etwas 
dagegen, echt volkstümliche Worte -wie z. B. avyvgtXw so zu erklären. Ich kann mir zwar 
wohl denken, dass einzelne Wörter durch gelehrten Einlluss ins Volk eindringen (solches 
geschieht ja in Griechenland fast täglich, cf. z. B. aüßaai, avßovloi u. ä.), ich weiss 
mir aber nicht recht zu erklären, wie solcher Einfluss sich geltend machen konnte, wenn, 
wie in unserm obigen Fall, offenbar sehr alte Zauberformeln einfach gedächtnismässig 
und ohne eigentliches Verständnis reproduciert werden. Ich halte daher die Erklärung 
von Psichari noch nicht für ganz abschliessend, sondern sehe noch eine Möglichkeit als 
der Untersuchung wert, ob nicht etwa die verschiedene Beliandlung von Nasal -f agr. 
Media nach Dialekten verschieden sei und gegenseitige Mischung bezw. Dui'chkreuzung 
stattgefunden habe. Zu einer näheren Untersuchung fehlen mir zui" Zeit die Materialien. 
1) Vgl. auch weiter unten (S. 292) JVlaQjuaQoxQOvaoTiTjy^ : ob dieses die ursprüngliche 
Form und das obige daraus verderbt, wage ich nicht zu entscheiden. 



290 Tlmmli: 

Mädchen holt au diesem Tage emige Weizenkörner von den icolvßa^), die 
in der Kirche ausgeteilt werden, und begiebt sich damit um Mitternacht 
in den Garten oder an einen andern, beim Hause liegenden Platz; die 
Jungfrau umgürtet sich, nach Osten gekehrt, mit dem oben erwähnten 
yQovaoiiidvrrjlov und spricht dreimal, während sie die beiden Enden mit 
drei Knöpfen hinter ihrem Kücken zusammenbindet, „os öavio, (lolQa fiov^ 
vaQÜ-rjg anoips 'g tov vtivo uov va (xnl einf]q nolo ^d naoto^ yal a dsv 
sQ&r]g. ÖE oe avVw" „Ich beschwöre dich, meine Mire, dass du heute Nacht 
im Traum mir erscheinst, um mir zu sagen, welchen (Mann) ich bekommen 
werde, und wenn du nicht kommst, so gebe ich dich nicht frei". Hierauf 
lässt sie das Tuch zur Erde fallen. In den Kreis, der durch dasselbe ge- 
bildet wird, sät sie die Weizenkörner und legt eine Sichel daneben. Die 
Mire ist nun gebannt; sie muss dem Mädchen seinen Willen thun: dieses 
geht eilends zur Ruhe, „ytd va I6fi ovsiQn nov l^cc cpavioTTJ 'fj (.ioIqu trjg 
i>d xrjq elnrj tov avTQa, nov ,'>« naQrj^^ (wie oben). Es ist notwendige 
Voraussetzung zum Gelingen, dass nicht eine andere zugesehen hat und 
durch die Worte „(tv oneQveig x^syco va iöto %o oveiQO^ „du säest und ich 
will den Traum haben" den Erfolg für sich vorwegnimmt. 

Auch der Beginn der Fastenzeit ist zu solchem Zauberwerk geeignet: 
am „reinen Montag" (/ai^aQcc öevxäQaY) kann die Mire ebenfalls in den 
Kreis des %Qvoo^ävxrjlov gebannt werden; beim Binden der Knöpfe spricht 
man folgenden Spruch: 

'^Ayia JsvTsqa ßyalvovzag^ 
'^Ayia TQiTr] finalvovTag^ 

'^Ayia TexQocd^ alri^ivrj, 
'Onov GS axsh'io va diaß^g' 

M^xe vä (fag [.irjzs. va nifjg, 

Blijxs ^C avXQa va. xoifJj]d^fjgj 

Tij f.io~iQa fiov va nag vä ^ß(>[}g, 

Nagd^rj anoil'e vä fjov elnfj, 
TIoiov avxQa S^eXä naqio. 

„Heiliger Montag, wenn du gehst. 

Heiliger Dienstag, wenn du kommst, 

Heiliger Mittwoch, du fürwahr. 

Dorthin, wohin ich dich sende, geh! 

1) Ein Brei ans Weizen, Eosinen, Mandeln, Granatäpfelkörnern, Honig und anderen 
Ino-redienzicn wird den Abgestorbenen an bestimmten Tagen aufs Grab gestellt, dann an 
die Teilnehmenden ausgeteilt. 

2) Entspricht der Zeit nach unserm Fastnachtmontag; doch schliesst der Fasching 
{unöxnnoi) in Griechenland bereits mit dem Sonntag („t^? Tvooqxxyov''). Der Montag 
darauf {xn&aQu dtviiqu) ist der erste Tag der in Griechenland streng beobachteten grossen 
Fasten {auQaxoai^), entspricht also der Sache nach dem Aschermittwoch der katholischen 
Länder. Übrigens unterscheidet sich der „reine Montag" von den folgenden stillen Tagen 
durch harmlose Volksvergnügungen. 



Zur neugriechischen Volkskunde. 291 

Esse nicht und trinke nicht, 
Schlaf auch nicht bei einer Maid^), 
Die Mire such und hole sie: 
Sie komme heute und sage mir, 

Wer der j\Iami, dem ich bestinnnt bin." 

■ Hierauf erwartet das Mädchen, wie oben, einen Traum. 

Der Samstag der letzten Faschingswoche (öäßßaxo rijc. TvQoqxxyov) 
eignet sich zu demselben Zweck. Wenn das Mädchen beim Abendessen 
die erste Gabel Maccaroni isst, macht sie sich einen Knopf ins Taschen- 
tuch und spricht dazu: „ai divw, f.ioli)a fxov, onoiog sivs, xslvog nov ^d 
TKXQOi vaQd-i] duoipe 'c; tov vnvo (.lov vä f.iov öwot] veno vd niio"' „ich be- 
schwöre dich, meine Mire, wer es ist, den ich (zum Manne) bekommen 
werde, der möge heute Nacht im Traume kommen, um mir Wasser zum 
Trinken zu geben". Sie beendet ihre Mahlzeit, ohne Wasser zu trinken, 
und erwartet nun, wer ihr im Traum Wasser bringen wird, denn der ist 
ihr Zukünftiger — jedenfalls ein galanter Mann. 

Mit dem eben mitgeteilten Orakel hat ein anderes den Hauptzug ge- 
mein. Durch die „Salzbretzel" (^d()i.ivQoxovXovQo) kann nämlich ähn- 
liches erreicht werden, wie mit den Maccaroni, nur erfordert die Zuberei- 
tung jener Bretzel einige Umstände^): am „reinen Montag" holt sich das 
junge Mädchen aus drei Häusern, deren Bewohner nicht eine zweite Ehe 
eingegangen sind (ßovooxicpava Gnixia)^ Wasser, Salz und Mehl. Daraus 
macht sie einen Teig zurecht, wobei vor allem am Salz nicht gespart wird, 
stellt das verwendete Gefäss auf die Schwelle des Hauses, knetet den Teig 
mit nach hinten gekehrten Händen und formt ein xovIovqi, ein „Ringel". 
An einem Dreiweg (TQiGXQaTo) wird dasselbe gebacken. Diese reichlich 
gesalzene Bretzel wird vor dem Schlafengehen verzehrt; natürlich stellt 
sich bald Durst ein, der sich im Traum entsprechend äussert; das Mädchen 
glaubt, dass der vom Schicksal bestimmte Gatte im Traume erscheinen 
wird, um den Durst der schmachtenden Geliebten zu stillen. Ganz die- 
selbe Sitte (an demselben Tage) herrscht in loannina, wie in dev'EoTia 
1892 (I) S. 100 erzählt wird. 

Dieser Brauch hat keine unmittelbare Beziehung zu den Miren; dass 
aber eine solche vorhanden war, zeigt mir eine ganz ähnliche Ausführung 
desselben Orakels, wie es in den NeneXlrjvixct ^AvdXeyixa I S. 335 mitgeteilt 
wird. Wo das Orakel im Gebrauch ist, wird nicht angegeben; aus der 
Sprache der sogleich mitzuteilenden Verse schliesse ich auf eine der Inseln 
im ägäischen Meer. Am Feste der hl. Katharina ("7' pe JenFb<^y bitten die 
Mädchen bei drei zum erstenmale verheirateten Frauen (uovoozeq>av€g) um 



1) Gemäss dem grammatischen Geschlecht der deutschen Worte „Montag" etc. habe 
ich mir in der Übersetzung diese kleine Änderung erlaubt. 

2) S. 'HQiiwirig S. 14. 



292 Thumb: Zur neugriechischen Volkskunde. 

drei Handvoll Mehl und Salz und bereiten daraus ein Brot (nXaxovvxa), 
das sie vor dem Schlafengehen verzehren; während sie essen, rufen sie die 
hl. Katharina mit folgenden Yersen an: 
'!^yicc (xov KatsQiva (.lov 
Ntszoqov ^vyaTeQa 

'.2 TTJ MaQi.iaQOXQOVoonrjyri, 

JJovve fj fxo^Qeg töj (xoiqw 

Kai Xovyoviai xat vlßyovzai 

JW aorjfioxoQÖoviCovTai, 

Ki^ av X E(xsvri^) ij MV/^f (lov 

Ki^ av slve cc^ia xal xalij, 

Ilsg zrjg vccqxu^) ^cc (xe ßQjj. 

„Heilige Katharina mein, 

Eines Doktors^) Tochter, 

Geh nach cQOvXa (?) 

Und nach xccQovXa (?), 

Nach Marmorgoldenbrunn, 

Dort weilen die Miren alle 

Und baden sich und waschen sich 

Und schmücken sich mit Silber schmuck; 

Wenn dort auch die meine ist 

Und wenn sie würdig ist und gut, 

Sag ihr, dass sie mich besuche." 

Der Schluss des Orakels wie oben: im Schlafe erwartet das Mädchen 
den wasserbringenden Geliebten. 

Bemerkenswert ist die Übereinstimmung von V. 5. 6. 10. 12 mit den 
oben mitgeteilten Beschwörungsformeln, wodurch zugleich bewiesen wird, 
dass auch die äginetische Sitte des aQ/nvQoxovlovQO in die Kategorie der 
Mirenbeschwörungen gehört. Unklar sind V. 3 und 4. MuQ^aQoxQovao- 
nriyri ist ein fingierter Ortsname mit durchsichtiger Etymologie ; ob freilich 
das Wort von Anfang an im Vers gestanden hat, ist eine keineswegs ganz 
klare Frage (s. oben S. 289). 



" 



1) etwa agovnn mit Dissimilation des zweiten q? 

2) Bedeutung mir nicht bekannt; beide Wörter vielleicht nur Reimspielerei. Auch 
Griechen, die ich darüber befragte, kannten die Wörter aQOvla und xaQOvla nicht. 

3) = ^/x^ya. 

4) = vägd^ri, d. i. va f'Aö-jj. Der Aorist ^p/a (statt ^g9a nach Analogie von 
fQ/ofiiti) ist auch sonst bekannt: ich selbst habe ihn auf los gehört, Ross bezeugt ihn von 
Kythnos. 

5) vi^Togas, it. dottore „Doktor", wie ja auch bei uns Bezeichnung für den „Arzt". 
Einige Heilige sind als Heilkünstler berühmt. 



i 

Sagengeschichtliche Parallelen aus dem babylonischen Talmud. 293 

Eigenartig ist ein Gebrauch am Sylvesterabend (d. i. Vorabend des 
hl. Basilios): das Mädchen kämmt sich und legt die ausgekämmten Haare 
samt Kanmi und Spiegel unter ihr Kopf kissen ; hierauf bindet sie sich ein 
XQvon/^idvTTjknv um und verfährt dann weiter wie in dem zweiten der mit- 
geteilten Orakel. 



SagengescMchtliche Parallelen aus dem babylonischen 

Talmnd. 

Von S. Singer. 



Wenige Sagenforscher werden wohl imstande sein, den Talmud im 
Original zu lesen. Allen übrigen hat nun gewiss Dr. August Wünsche 
mit seiner Übersetzung „Der babylonische Talmud in seinen haggadischen 
Bestandteilen (Leipzig 1886 — 89)" einen unschätzbaren Dienst geleistet. 
Leider hat er es versäumt, seinem AVerke ein Register beizugeben. Wenn 
ich im folgenden einige Zusammenstellungen biete, so mache ich durchaus 
keinen Anspruch auf Vollständigkeit, erlaube mir vielmehr nur für die 
Fachgenossen einiges, was mir bei der Lektüre aufgefallen ist, zusammen- 
zustellen : 

1. Bugge, „Studien über die Entstehung der nordischen Götter- und 
Heldensagen" (übers, von O. Brenner S. 47 ff.) legt, von einer Bemerkung 
K. Hofmanns (Germania H, 48) ausgehend, grosses Gewicht auf die Über- 
einstimmung der Erzählung der „Toledoth Jeschu" von dem Tode Christi 
an einem Kohlstengel mit dem Tode Baldrs. Die Übereinstimmung ist 
allerdings eine sehr grosse, der Fehler ist nur, dass sich die jüdische Er- 
zählung nicht über das 13. Jahrhundert zurück verfolgen lässt. Ohne etwas 
Bestimmtes behaupten zu wollen, will ich hier nur zeigen, dass sie sich 
sehr wohl als selbständig aus jüdischen oder internationalen Sagenmotiven 
entstanden denken lässt und zwar: a) nach Hrabanus Maurus, contra Judaeos, 
erzählen die Juden, dass Jesus in einem Kohlgarten begraben worden sei. 
Das ist wohl als Ausgangspunkt anzunehmen; b) Wünsche H 1, 76 w^ird 
von einem Krautstengel berichtet, der so hoch war, dass man daran mit 
einer Leiter auf- und absteigen musste; c) internationales Märchenmotiv 
von den Tieren und auch leblosen Gegenständen, die sich weigern, einem 
Menschen, der ihnen früher wohlgethan hat, auf Befehl eines andern etwas 
Übles zuzufügen (s. Gonzenbach, Sicilian. Märchen No. 13, Anm. von 
R. Köhler; Cosquin, Contes populaires de Lorraine H, 239 ff.). Auch ein 
Baum weigert sich etwa, den Betreffenden aufzuspiessen (Pitre, Fiabe 
novelle e racconti popolari siciliane No. 18). 

Zeitschrift d. Vereins f. Volkskunde. 1892. 20 



294 Sinper: 

Bei dieser Gelegenheit will ich denn gleich das Übrige, was mir an 
Berührungen der „Toledoth Jeschu" mit abendländischer Litteratur auf- 
gefallen ist, notieren. Dabei ist die Recension Wagenseils in seinen „Tela 
ignea Satanae" (Altdorfi Noricorum 1681) und die Huldrichs, Historia 
Jeschuae Nazareni (Lugd. Bat. 1705) auseinanderzuhalten (s. Rösch, theolog. 
Stud. u. Krit. 1873, S. 83 fP.). 

Bei Huldrich ist die zwischen Joseph Pandera und Mirjam spielende 
Geschichte vernünftig und zusammenhängend, bei Wagenseil dagegen ist 
sie recht unsinnig: Mirjam ist mit dem ehrbaren und gottesfürchtigen 
Jüngling Jochanan verlobt, was aber folgt, hat eigentlich nur Sinn, wenn 
man annimmt, dass sie mit ihm verheiratet ist. Joseph Pandera nämlich, 
der sich in Liebe zu ihr verzehrt, schleicht immer um ihr Haus, bis er 
endlich an einem Sabbathabend — man muss annehmen, dass es schon 
ganz finster gewesen sei — sie vor der Thüre ihres Hauses sitzend trifft, 
mit ihr in die Kammer geht, und sie dort, ohne ein Wort zu reden, be- 
schläft, was sie sich gefallen lässt, da sie ihn für Jochanan hält. Er ver- 
lässt sie, ohne sein Schweigen gebrochen zu haben, kommt aber, von 
böser Lust getrieben, in der Mitte der Nacht ein zweites Mal. Der 
erstaunten und erschreckten Mirjam, die ihn fragt, was das zu bedeuten 
habe, giebt er wieder keine Antwort. Nach drei Monaten merkt 
Jochanan, dass sie schwanger sei und geht zu seinem Lehrer Simon, 
sich bei ihm Rats zu erholen. Dieser meint, der Übelthäter werde sein 
Beginnen gewiss noch wiederholen, dann solle ihm Jochanan auflauern 
und ihn bei Gericht verklagen. Dieser thut aber nichts dergleichen, son- 
dern flieht nach Babylon. Man sieht, dass die beiden Züge: das Wieder- 
kommen des Ehebrechers, sowie der Rat des weisen Simon für die Öko- 
nomie dieser Erzählung gänzlich überflüssig sind. Wir haben hier vielmehr 
den Typus einer bekannten Novelle vor uns, der nur durch Hineintragen 
von Zügen der wirklichen Joseph- und Mariasage alteriert wurde: der- 
jenige, der das zweite Mal wiederkommt, ist der Ehemann, und an der 
Frage der Frau erkennt er, dass er betrogen worden ist, den Rat des 
weisen Freundes aber befolgt er. Im grossen und ganzen ist das ja auch 
die Geschichte des Plautinischen Amphitruo und des lakedämonischen 
Königs Aristo (Herodot YI, 68 ff.); genau aber stimmt Boccaccios Novelle 
vom Langobardenkönig Agilulf, deren Quelle noch unbekannt ist. Sie 
kann mit der hier besprochenen Erzählung recht nahe verwandt ge- 
wesen sein. 

Wenn bei Wagenseil Jesus angiebt, seine Mutter habe ihn durch den 
Seheitel empfangen, so ist dies ebenso wie die muhamedanische Tradition, 
wo dies dadurch geschah, dass Gabriel sie anhauchte, wo ihr Hemd sich 
an den Hals schloss — nichts anderes als die verwandelte christliche Auf- 
fassung der Empfängnis durch deis Ohr. Wemi ihn aber Huldrich aus der 



Sagengescliichtliche Parallelen aiis dem babylonischen Talmud. 295 

Stirn seiner Mutter geboren werden lässt, so muss man wohl an die Geburt 
der Minerva aus dem Haupte des Zeus denken. 

Dass eine Königin, namens Helena, zu Jesus' Zeit in Palästina herrscht, 
mit ihm verwandt und ihm freundlich gesinnt ist, mag zur Aufklärung des 
Anachronismus beitragen, mittels welches die hl. Helena in unserem 
Spielmannsgedichte Orendel als Christi Zeitgenossin erscheint und ihm 
den hl. Rock wirkt. Über Helena v. Adiabene s. Massmann, Kaiserchron. 
HI, 848. [vgl. jetzt Heinzel, über das Gedicht vom König Orendel 
Seite 12.] 

Waa-enseil erzählt, nach seinem Tode sei Jesus' Leichnam durch die 
Strassen geschleift worden und ihm dadurch das Haar vom Kopfe ab- 
gegangen. Um dem Herrn nun gleich zu sein, hätten seine Jünger ihr 
Haar «-eschoren und daher käme die Tonsur der Mönche. Anders gewendet 
ist die Geschichte bei Huldrich: dort wird Jesu das Haar geschoren und 
mit einem Wasser begossen, welches das Nachwachsen verhindert, um ihn 
als unehelich geboren zu bezeichnen; er habe dann auf den Rat des 
Johannes an seinen Jüngern dasselbe gethan, und dies sei der Ursprung 
der Taufe. Von anderen, ferner liegenden Parallelen absehend, will ich 
hier nur auf die bekannte Erzählung vom Herzog Adelger in der Kaiser- 
chronik verweisen. 

Zum Talmud zurückkehrend, kann ich für das wenige, was er von 
Jesus erzählt, auf Rösch a. a. 0. 77 ff. verweisen. Wenn Hrabanus Maurus 
a. a. O. berichtet, die Juden erklärten den Geruch, den man oftmals des 
Sommers in den Frühstunden wahrnehme, als von den Qualen herrührend, 
die Jesus in der Hölle erduldet, so ist auf Wünsche H 1, 160 zu verweisen, 
wo Jesus in der Hölle in siedendem Kote gemartert wird. 

Weniger bekannt sind andere Sagen, in denen der Name Jesus' nicht 

erscheint. Wie nach der Ansicht einiger Mythologen in gewissen Legenden 

die Heiligen nur an die Stelle der alten Götter getreten sind, so nimmt 

etwa der fromme Rabbi Chanina ben Teradjon Jesus' Stelle ein. 

Wünsche H 3, lU heisst es „Ein Weib ging umher, um Staub unter den 

Füssen Chaninas zu sammeln. Er sagte zu ihr „wenn es hilft, geh und 

thu es" — das ist vielleicht eine Kontrafaktur der Salbung durch Maria 

Magdalena. Ib. 340 wird von der Marterung Chaninas durch die Römer 

berichtet. Er soll verbrannt werden, und damit die Qual länger dauert, 

wird ihm ein nasser Lappen aufs Herz gelegt. Da sprach der Scharfrichter 

zu ihm: „Rabbi, wirst du mich, wenn ich die Flamme vergrössere und 

den wollenen Lappen entferne, in die künftige Welt bringen?" Chanina 

schwört es ihm zu. Der Scharfrichter thut, wie er gesagt, und springt 

dann selbst in die Flamme. Eine Stimme vom Himmel ertönt: „Rabbi 

Chanina ben Teradjon und sein Scharfrichter sind beide für das Leben der 

künftigen Welt bestimmt". — Die Ähnlichkeit mit Jesus letzten Stunden 

ist wohl nicht zufällig. 

20* 



296 Singer: 

Auch die bekannte Kindheitserzählimg (Ev. Thom. graece A Kap. 6 — 8. 
14. 15. Pseudo-Matth. 30. 31. 38. 39. Evang. Arab. 48—50) findet sich, 
aber ohne Nennung des Namens I, 155: „Die Rabbiner sagten: Es sind 
jetzt Kinder in das Lehrhaus gekommen und haben Dinge gesagt, die 
selbst zu Josua ben Nuns Zeiten nicht gesagt worden sind: Aleph-Beth 
heisst . . . ." u. s. w. bis zum Schlüsse des Alphabeths. 

Die in dem Rätselwettkampf zwischen Josua ben Chananja und den 
griechischen Weisen erscheinende Frage und Antwort: „Wenn das Salz 
übelriechend wird, wodurch soll man es salzen?" „Durch die Nachgeburt 
eines Maultiers." „Hat denn ein Maultier eine Nachgeburt?" „Wird denn 
das Salz übelriechend?" — hat man richtig als Parodie auf die Bergpredigt 
aufgefasst. Auch sonst ist dieser Rätselkanipf interessant, weil er in Form 
und Inhalt Parallelen bietet zu dem, w^as Uhland, Schriften 3, 213 ff., 
„Lieder von unmöglichen Dingen" nennt. „Wo ist der Mittelpunkt der 
Welt?" „Hier." „Wieso?" „Bringt Siebe und messet!" (vgl. Grimm, 
Kinder- und Hausmärchen No. 152 und Anm.) „Bring uns den Brunnen 
von der Wiese herein!" „Dreht mir Stricke aus Kleie, so will ich ihn 
damit bringen." „Nähe diese zerbrochenen Mühlsteine zusammen." „Dreht 
mir Zwirn aus den Steinsplittern, so will ich sie damit zusammennähen!" 
CM. Kremnitz, Rumänische Märchen S. 11, Uhland a. a. O. 336, Anm. 263, 
Volkslieder No. 4 B, 10, Grimm a. a. 0. No. 129). „Womit mäht man 
eine Ebene, auf der Messer wachsen?" „Mit Eselshörnern." „Hat denn 
ein Esel Hörner?" „Giebt es denn eine Ebene mit Messern?" (vgl. 
Walahfrid Strabo, „Cornutos acquirat equos" bei Uhland a. a. 0. 319 
Anm. 170). Die Erzählung endlich, wie ihm die Aufgabe gestellt wird, 
ein Haus zwischen Himmel und Erde zu bauen; er erhebt sich nun durch 
Zauber in die Lüfte und heisst die Gegner ihm die Baumaterialien hinauf- 
reichen; da sie es nicht können, hat er gewonnen — findet sich wieder in 
1001 Nacht (Nacht 561 — 68, Habicht XIII, 86). Die Einkleidung: ein 
Gast kommt sich mit den Wirten im Rätselwettkampf zu messen, wobei 
sein Leben zu Pfände steht, gemahnt an bekannte nordische Typen. 

2. Zimmer hat (Zeitschr. f. d. A. XXXHI, 127 ff. 258ff.) die irischen 
Quellen aufgedeckt, auf welche die Brandanerzählungen des Mittelalters 
zurückgehen und hat dann diese irischen Quellen selbst wieder (a. a. 0. 
324 ff.) als aus thatsächlichen Erlebnissen irischer Fischer, von heidnischer 
Zeit her zurückgebliebenen Vorstellungen, endlich aus klassischen Reminis- 
cenzen entstanden, erklärt. Daneben werden wir aber doch auch wohl 
mit dem Christentum eingeführte orientalische Bestandteile anzunehmen 
haben. 

II 2, 179. 3, 212 finden wir die Einleitung der zweiten Brandan- 
sagengruppe: Ein Schüler hört von seinem Lehrer von 30 Quadratellen 
grossen Edelsteinen, ungläubig spottet er darüber. Kurz darauf macht er 



Sagengeschichtliche Parallelen aus dem babylonischen Talmud. 297 

eine Seereise, da trifft er Engel, welche Edelsteine dieser Grösse sägen. 
Reuig kehrt er zurück zum I^ehrer, dieser aber verwandelt ihn durch einen 
Zornesblick in einen Knochenhaufeu. 

n 2, 171 finden wir den Jasconius: Rabba bar bar Ghana erzählt: 
„Wir fuhren einmal in einem Schiffe und sahen einen Fisch, auf dessen 
Rücken Sand lag und es waren Binsen darauf gewachsen. Wir glaubten, 
es wäre trockenes Land, stiegen hinauf, buken und kochten auf ihm. 
Als ihn das heiss machte, wandte er sich um, und wenn nicht das Schiff 
in unserer Nähe gewesen wäre, so wären wir untergesunken." Andere 
Parallelen bei Schröder S. Brandan S. 40, Zimmer a. a. 0. 181, De Goeje 
in De Gids 1889, S. 281 ff. Zu vergleichen ist auch die Stute des 
serbischen Lügenmärchens, die zwei Tage lang und bis Mittag breit ist 
und auf deren Rücken Weiden wachsen (Uhland a. a. 0. 235). 

II 3, 113. bietet eine Parallele zur Geschichte von Judas: Am 
Sabbath steigt kein Rauch vom Grabe des Sünders, denn am Sabbath feiert 
auch die Hölle; vergl. auch II 2, 174. 3, 284. 

Beiläufig will ich hier zwei weitere Episoden des Brandan besprechen. 
Das eine Mal kommt Brandan in einen herrlichen Palast, als aber einer 
aus seinem Gefolge einen kostbaren Gegenstand aus demselben mitnehmen 
will, wird er vom Teufel getötet. Die celtischen Quellen dieser Erzählung 
hat Zimmer a. a. 0. nachgewiesen. Eine Parallele bietet die Erzählung 
von Gerbert, der mit seinem Diener in eine unterirdische Schatzkammer 
kommt, da dieser aber ein Messerchen daraus entwendet, erlischt der die 
Schatzkammer erleuchtende Karfunkel und sie finden mit Mühe den Aus- 
weg (Comparetti, Yirgil im Ma. 259 ff.). In anderen Versionen kommt der 
Übelthäter wirklicli bei seinem Unternehmen elend um (Massmann, Kaiser- 
chronik III, 450). 

Ein anderes Mal kommt er auf eine Insel, die von Vögeln bewohnt 
wird, welche sich als Engel zu erkennen geben, die sich im Kampfe 
zwischen Gott und Lucifer neutral gehalten haben. A. Graff hat diese 
neutralen Engel im Giornale storico della lett. ital. 9, 5 ff', noch im Huon 
d'Auvergne und in Dantes Inferno III. nachgewiesen, zu welchen beiden 
Belegen er später in seiner Naturgeschichte des Teufels S. 30 den 
Parzival, allerdings auf eine etwas confuse Weise — wenn nicht die 
herzlich schlechte Übersetzung, die ich in Ermangelung des Originals be- 
nutzen muss, daran schuld ist — hinzufügt. Wenn er aber dieselbe Vor- 
stellung S. 407 bei Origines findet, so ist es mir trotz eifi-igen Suchens 
nicht gelungen, etwas Entsprechendes bei diesem zu entdecken. Hingegen 
findet sie sich bei Jans Enenkel: 

Sumlich gedächten in ir muot, 
swer under in daz pest tuot, 
da, schul! wir bi beliben. 
wer mac uns dann vertriben? 



298 Singer: 

di selben waren zwiflser, 
da von wären si unmser 
dem vil hoch gelobten got, 
da von so litens grozen spot. 

wan sie sint oueh verstozen 
von andern ir genozen. 

(Einschub in der Arolsener Christherrecln-ouik.) 

Diese sind es, Vielehe in die Besessenen „zwischen Fleisch und Haut" 
fahren. Auf die Stelle im Parzival 471, 15 (revocirt 798, 11 ff.) geht 
Wartburgkrieg 115 zurück. Zu erinnern ist etwa daran, dass die irischen 
Elfen Engel sind, die mit Lucifer gesündigt haben, doch nicht so arg wie 
dieser und darum von Gottes Angesichte verbannt sind (Grimm, irische 
Elfenmärchen S. XIII. XX. LXII. 20). [auch in deutschen Sagen siehe 
Seeber, Ztschr. f. d. Phil. XXl.V, 32 ff. Lütolf, Sagen aus den Fünf Orten 
50. 473.] 

3. Der Talmud kennt einen eigentlichen Fall der Engel freilich 
nicht, wohl aber eine Episode bei der Weltschöpfung, welche der Auf- 
fassung des Falles durch den Koran, die Yita Adae etc., nahe steht. 
Wünsche II 3, 63 spricht sich eine Schar der Engel über die Absicht 
Gottes, den Menschen zu schaffen, im Hinblick auf dessen künftigen Fall, 
tadelnd aus. Zur Strafe werden sie von Gott verbrannt, ebenso ergeht es 
einer zweiten Schar, eine dritte, die sich dem Willen Gottes beugt, wird 
verschont. 

Gott erscheint in Gestalt eines alten Mannes dem zum Sterben be- 
stimmten I, 371. II 3, 184. 4, 53 — erinnert an nordische Odinsagen. 

Gespräche Gottes mit der Gerechtigkeit I, 136. II 3, 290 — vergl. 
Weilen, d. ägypt. Joseph 8 anm., woselbst Litteratur. 
Cantica allegorisch ausgedeutet I, 396. 

II 3, 120 wird die Ansicht aufgestellt, der Baum der Erkenntnis sei 
ein Feigenbaum gewesen (andere nennen daselbst den Weinstock und den 
Weizenhalm). Im Abendlande gilt er gewöhnlich als Apfelbaum, doch 
nennt Gottfried v. Strassburg (Massmann 450, 30) die Feige. Eine andere 
Ausschmückung des biblischen Berichts vom Sündenfall, wonach Gott dem 
Adam gleich bei der Erschaffung herrliches Gewand gegeben habe, welches 
ihm erst nach der Übertretung des Gebotes entfallen sei (Lassbergs 
Liedersal Nr. 95, 73, Keller, altd. Erzähl. 13, 36. 20, 3), geht nicht auf 
talmudische, sondern auf mohammedanische Tradition (Weil, bibl. Legenden 
der Muselmänner S. 27) zurück. 

Streit zwischen Leib und Seele II, 3, 150. 

I, 456. Choni liest Psalm 128, 1: „Als der Ewige die Gefangenschaft 
Zions wendete, da waren wir gleich Träumenden." Er sprach: „Ist es 
denn möglich, dass ein Mensch 70 Jahre im Traume sei?" Darauf schläft 



Sagengeschichtliche Parallelen aus dem babylonischen Talmud. 299 

er ein, durch ein grosses Felsstück den Augen der Welt entzogen, und 
schläft 70 Jahre. Als er erwacht, sind alle seine Zeitgenossen gestorben, 
keiner erkennt ihn mehr und er wünscht sich den Tod — dazu die Sasen 
von der Relativität der Zeit (W. Hertz, Deutsche Sage im Elsass 263 ff.). 

II 4, 161. Um das Vorhaben des E. Simeon zu befördern, fährt ein 
Teufel in die Tochter des Kaisers und verlässt sie waeder auf die Be- 
schwörung desselben, wodurch dieser vom Kaiser alles erlangt, was er 
will — vergl. L. Bechstein, Deutsches Märchenbuch S. 270 u. a. m. 

I 135. „Einem Manne war sein Weib gestorben und hatte ihm 
einen Säugling hinterlassen, er besass aber nicht so viel, um einer Amme 
Lohn zu geben Da geschah ihm jedoch ein Wunder, es thaten sich ihm 
seine Brüste auf, gleich den zwei Brüsten eines Weibes, und er säugte 
seinen Sohn'' — die Tegeaten erzählten von Ares, wie er aus der Brust 
einer gestorbenen Mutter dem durstenden Kinde Nahrung gespendet habe 
(E. Curtius, Abh. d. Berlin. Akad. 1890, p. 1150). 

I 375 Zettel vom Himmel. Vergl. Wackernagel, Litteraturgesch. 2. Aufl. 
§ 78, 41. Nie. V. Basel S. 338. 

n 2, 116. Herodes lässt die Leiche seiner Geliebten, Mariamne, ein- 
balsamieren und beschläft dieselbe durch sieben Jahre — vergl. Deutsche 
Volksbücher (Bibl. d. litt. Ver. 185) S. XVIH. 

II 1, 280. Der eiserne Sarg des Joseph schwimmt auf dem Wasser — 
schwimmende metallene Reliquien AA. SS. 1. Febr. 106. 

I, 163 Edelstein im Magen eines Fisches gefunden. 

II 3. 27. Schwert im Bette zwischen einem Mann und der Frau eines 
andern — Nibelungen, Tristan, Märchen. 

II 4, 167 Alexandersage. Der Augapfel, der in andern Sagen ein 
Stein ist, erinnert an die Näpfchensteine mit augenähnlichen Vertiefungen, 
welche in Palästina gefunden werden und die H. Guthe (Zeitschrift des 
deutschen Palästinavereins XIII, 123ff.) mit dem Stein mit 7 Augen 
(Sacharja 3, 9) vergleicht. Eine Erwähnung einer Alexandersage bei 
einem abendländischen Schriftsteller des 9. Jahrb. s. Dünmiler, Abh. der 
Berl. Akad 1890, p. 939, woselbst die Chazaren mit Gog und Magog identi- 
fiziert werden. 

II 3, 326. Antoninus spricht zu Rabbi: „Die Grossen Roms quälen 
mich." Da führte ihn R. in einen Garten und riss täglich einen Rettich 
von einem Beete vor ihm aus — vergl. Livius I, 54. Die darauf erzählte 
Correspondenz zwischen den genannten durch' Zusendung von Pflanzen er- 
innert an die zwischen Darius und Alexander. 

11 3, 278. Prokrustesbett in Sodom, Urteil des Schemjaka. 

n 3, 239. Jemand erkennt durch besonders scharfsinnige Combination 
an den Spuren, die ein Kamel hinter sich gelassen hat, dass dieses auf 
einem Auge blind gewesen sein und zwei Schläuche getragen haben müsse, 
deren einer mit Wein, der andere mit Öl gefüllt war, endlich, dass zwei 



300 Singer: 

Männer, ein Israelit und ein Heide, es geführt hätten — vergl. jetzt diese 
Ztschr. II, 120 ff. 

I, 41. Jemand belauscht das Gespräch zweier Geister und gewinnt 
dadurch grossen Reichtum, ebenso gelingt es ihm im darauf folgenden 
Jahre, im dritten Jahre aber erklären die Geister einander, schweigen zu 
wollen, weil er mittlerweile das Geheimnis seinem Weibe verraten hat, 
und sie dadurch erfahren haben, dass sie nicht ungestört sind — vergl. 
Cosquin, contes populaires de Lorraine Nr. VII. 

I, 448. II 3, 274. Ein frommer Mann wird als Gesandter mit einer 
Kiste voll Kostbarkeiten zum Kaiser geschickt. Die Leute in der Her- 
berge, in der er übernachtet, stehlen dieselben und legen Erde an ihre 
Stelle. Als er sie aber zum Kaiser bringt, zeigt es sich, dass die Erde, 
in die Luft geworfen, sich in Schwerter verwandelt, so dass der Kaiser 
alle seine Feinde damit bezwingt. Als jene falschen Wirtsleute nun hören, 
dass dem Gesandten ihrer Erde halber so viele Ehre angethan worden 
sei, reissen sie alle ihre Häuser ein und bringen die Erde dem Kaiser. 
Da sich aber an derselben keine Wunderkraft zeigt, werden sie als Be- 
trüger umgebracht — vergl. Cosquin Nr. X, XX, XLIX, LXXI. 

11 1, 163. „Es war nämlich gebräuchlich, dass bei der Geburt eines 
Knaben ein Cederbäumchen und bei der Geburt eines Mädchens ein Kiefer- 
bäumchen gepflanzt wurde" — vergl. Cosquin Nr. V. 

H 1, 130. Ein Mann lebt von seinem Weibe getrennt; sie veranlasst 
ihn, sie zu beschlafen, indem sie sich als Buhlerin verstellt, und giebt sich 
ihm erst zu erkennen, als er sich aus Reue über seine That töten will — 
vergl. Ende gut, alles gut. 

II 1, 341. Ein Götzenbild Jerobeams wird durch einen Magnet 
zwischen Himmel und Erde schwebend erhalten — ebenso das Sonnenbild 
im ägyptischen Serapeion, vgl. Burckhard, d. Zeit Constantins d. Gr. 196, 
woselbst richtig die Erzählung vom Sarge Mohammeds herangezogen wird. 

II 1, 188. Sowie die Ansichten in betreff der Speisen verschieden 
sind, so sind auch die Ansichten in betreff der Weiber verschieden. Dem 
einen fällt eine Fliege in den Becher, er schüttet ihn aus und trinkt nicht, 
der andere nimmt die Fliege heraus und trinkt, der dritte trinkt die Fliege 
mit — dies kursiert vielfach heutzutage als Anekdote, aber ohne Nutz- 
anwendung auf das Verhältnis zu den Weibern, als Antwort auf die Frage 
nach dem Unterschied zwischen dem Engländer, dem Deutschen und dem 
Russen. 

4. Einiges hier Einschlägige habe ich in meinem Aufsatze über: 
„Salomosagen in Deutschland" (Zeitschr. f. d. Alt. 35, 177 ff.) zusammen- 
gestellt. Man erlaube mir hier einige Nachträge zu diesem Aufsatze an- 
zuschliessen. 

5. 179. Eine nicht unwichtige Form der Moroltsage bieten zwei 
Münchener Handschriften, deren Inhalt W. Meyer in seiner Abhandlung 



i 



Sagengeschichtliche Parallelen aus dem babylonischen Talmud. 301 

über die Geschichte des Kreuzholzes vor Christus (Abh. d. Bayr. Akad. 
d. Wiss. XYI, 103 ff.) mitteilt: Als Adam stirbt, legt ein Engel einen Kern 
des Baumes der Erkenntnis in seinen Mund. Daraus wächst ein Baum, 
unter dem Salomo Gericht zu halten pflegt. Die Sibylle mit den Gänse- 
füssen kommt und betet den Baum an. Beim Abschied bittet sie Salomo, 
ihr seinen Halbbruder väterlicherseits, einen Zwerg, mitzugeben. Dieser 
trägt nun dem Bruder auf, die Königin wegen des Grundes ihres Be- 
nehmens auszuforschen. Darauf die übliche Sibyllenprophezeiung. 

S. 183. Zu der Litteratur über den Schamir ist noch Baring-Gould, 
Gurions myths of the middle ages 386 ff. hinzuzufügen. 

S. 184. Die Stelle im Wigamur ist nicht für unsere Sage beizuziehen, 
vielmehr ist a. a. 0. nach einer mir von Heinzel freundlichst mitgeteilten ein- 
leuchtenden Besserung alder statt adler zu lesen, wodurch jede einschneidende 
Änderung überflüssig wird. 

S. 186. Die Leichen der HH. Florian, Stanislaus, Bacchus durch 
überfliegende Adler vor den wilden Tieren geschützt (AASS. lY. Mai 465. 
VII Mai 202. 231. YII. Oktober 838 867. 869). 

Bern. 



Das Schiieeschulilaiifen in Norwegen. 

Von Konrad Maurer. 



Unter dem Titel: „Norsk Idraet, ved Laurentius Urdahl. Illu- 
streret af A. Bloch" hat ein Werk in Christiania, bei Alb. Cammermeyer 
zu erscheinen begonnen (1891), welches die in Norwegen üblichen Arten 
des Sport zu behandeln bestimmt ist; man verzeihe den Gebrauch des 
fremden Wortes, für welches ein entsprechendes deutsches nicht zu Gebot 
steht. Nach dem kurzen Vorworte sollen behandelt werden: der Sclinee- 
schuhlauf und Schlittschuhlauf, das Fahren, Traben und Wettreiten, das 
Büchsenschiessen, die Jagd und Fischerei, das Segeln, Kudern und 
Schwimmen, die Touristerei (wieder ein Fremdwort!), das Ballschlagen, 
Wettlaufen, Turnen und die Radfahrerei. Nur zum Teil, wie man sieht, 
handelt es sich dabei um altvolkstümliche Übungen, und nur insoweit ge- 
hört das auf etwa 10 Hefte zu 60 Öre berechnete Werk dem Bereiche 
dieser Zeitschrift an. Da aber, wie billig, gerade derartige Übungen an 
die Spitze des Ganzen gestellt siud, mag immerhin auch die „Volkskunde" 
das schön ausgestattete Unternehmen beachten. 

In den mir vorliegenden vier Heften wird zunächst der Schnee- 
schuhlauf (Skisport) in sechs Aufsätzen behandelt, von welchen der erste 



302 Maurer: 

(S. 7 — 11) einen Auszug aus Dr. Fridtjof Nansens Untersuchungen über 
die Entwickelungsgeschichte dieser Übung bringt, der zweite (S. 12 — 17) 
aber, vom Premierlieutenant K. J. Nandrup bearbeitet, die Schneeschuh- 
läufertruppen des norwegischen Heeres bespricht. Zwei weitere Aufsätze 
sind dem Schlittschuhlaufen gewidmet (S. 41 — 50), worauf dann noch 
zwei Aufsätze über das Schlittenfahren und ein solcher über den Trab- 
sport folgen. Ich will hier nur, nach ein paar vorgängigen Worten über 
das Schlittschuhlaufen, den Schneelauf besprechen, diesen aber allerdings 
eingehender, als dies in dem genannten Werke geschehen ist. 

Die ältesten Schlittschuhe bestanden im Norden wie anderwärts aus 
Tierknochen. Wie man anderwärts in Pfahlbauten zu solchem Gebrauche 
hergerichtete Knochen gefunden hat, so besitzt auch die Sammlung nor- 
discher Altertümer in Christiania ähnliche Fundstücke aus uralter Zeit, 
und auch die Geschichtsquellen gedenken der „i'sleggir", d. h. Eisknochen, 
wenn auch nur sehr selten. Als K. Eysteinn Magnüsson seine Vorzüge 
mit denen seines Bruders, Sigurdr Jörsalafari, verglich, rühmte er unter 
anderm von sich: „ek kunna ok ä i'sleggjum, svä at engan vissa ek pann, 
er pat kepti vid mik, en pü kunnir pat eigi heldr en naut" (Heimskr.. 
Kap. 25, F. M. S., YII, S. 120; fehlt in der Morkinsk. S. 186). Noch bis 
in die neueste Zeit herunter dauert der Gebrauch von Knochen, sei es nun 
von Pferden, Rindern oder Schafen, in Norwegen sowohl als auf Island 
(vgl. Islenzkar Gatur, pulur og Skemtanir, S. 85 — 87), ganz wie derselbe 
auch bei uns noch stattfindet, hier wie dort freilich nur noch als Spiel 
von Knaben; mit einem Stachelstocke, broddastafr, oder auch mit zweien, 
schiebt man sich dabei voran, und scheinen die modernen Schlittschuhe, 
in deren Benutzung die Nordleute jetzt ungewöhnliche Fertigkeit ent- 
wickeln, erst von Holland oder England aus eingeführt worden zu sein. 
Ihre Bezeichnung, Skoiter, will auf das holländische Schuit zurückgeführt 
werden (Dansk Ordbog VI S. 390; Molbech, Dansk Ordbog H, S. 836); 
aber das holländische Wort bedeutet ein kleines Schiff, während die 
Schlittschuhe holländisch Schaats heissen, was zum englischen skate und 
allenfalls auch zum norwegischen Worte stimmt, von dem deutschen Schlitt- 
schuh oder Schrittschuh aber weit abliegt. 

Weit grösseres Interesse bietet aber der Schneeschuhlauf, welcher 
schon in den Quellen der älteren Zeit eine erhebliche Rolle spielt und bis 
in die Gegenwart herunter eine specifisch nationale Kunstfertigkeit ge- 
blieben ist. Über ihn waren schon früher tüchtige Arbeiten vorhanden, 
von denen zwei hier genannt sein mögen, nämlich einmal der auf die 
geschichtliche Entwickelung des Schneelaufes bezügliche Abschnitt von 
Fridtjof Nansens bekanntem Reisewerke „Paa Ski over Grönland" 
(Christiania 1890) S. 72 — 127, sodann aber die, vorwiegend vom mili- 
tärischen Standpunkte aus gearbeitete Schrift 0. Wergelands, „Skilob- 
niugen, dens Historie og Krigsanvendelse " (Christiania 1865). Beide 



Das Schneeschuhlaufen in Norwegen. 303 

Arbeiten sind für die beiden ersten Abschnitte unseres Sammelwerkes 
reichlich benutzt worden; auf beide stützen sich meistenteils auch die 
folgenden Ausführungen. 

Man bedient sich in Norwegen zweier verschiedenen Geräte zum Gehen 
oder Laufen über den Schnee. Einmal nämlich kommt in Betracht die 
trüge oder tryge, welche als prüga auch auf Island und als truga oder trjoga 
auch in Schweden in Gebrauch ist, d. h. der auch bei uns übliche Schnee- 
reif, also eine runde oder viereckige Holztafel oder ein ebensolches Flecht- 
werk, welches unter die Füsse gebunden wird, um über tiefen Schnee 
leichter wegzukommen, und welches allenfalls auch bei Pferden angewendet 
wird. Beim Schneereif ist es nur darauf abgesehen, die Last des Menschen 
oder des Tieres über eine grössere Fläche zu verteilen; im übrigen aber 
ffeht man mit ihm wesentlich ebenso wie mit blossem Schuh, d. h. schritt- 
weise und stapfend. Sodann aber kommt der eigentliche Schneeschuh in 
Betracht, welcher unter zwiefacher Bezeichnung auftritt, einmal nämlich 
als das ski, dialektisch das skid oder die skida, dem skid der Isländer und 
dem skid oder snöskid der Schweden entsprechend; sodann aber als die 
onder oder aandr, d. h. die öndurr der altnordischen Quellen. Man braucht 
beide Ausdrücke bald als gleichbedeutende, und dies scheint in der älteren 
Zeit die Regel gewesen zu sein, bald aber so, dass man unter der onder 
eiuen auf der Unterseite mit Pelz belegten, unter dem ski aber einen un- 
belegten Schneeschuh versteht (so Nansen S. 85; aber auch schon Svein- 
björn Egilsson unter Berufung auf G. Schöning und P. A. Munch, Saml. 
Afhandl. I S. 185 — 86), oder dass man als onder den kürzeren Schnee- 
schuh bezeiclmet, welchen man vielfach an dem einen Fusse trägt, während 
der andere auf einem längeren, dem ski, ruht (Ivar Aasen). Im einzelnen 
sind die norwegischen Schneeschuhe sehr verschieden gestaltet, insbesondere 
bald länger bald kürzer, bald breiter bald schmäler; manchmal auf der 
Unterseite mit dünnen Stahlplatten beschlagen, um besser zu gleiten, 
anderemale mit Pelz oder Leder besetzt, um festeren Halt zu geben; manch- 
mal auch mit Rändern oder auch mit einer Hohlkehle auf der Unterseite 
versehen. Der Regel nach sind sie ungefähr 8 Fuss lang und 3 — 4 Zoll 
breit; aus Holz gefertigt, sind sie vorn, und nicht selten auch hinten etwas 
aufwärts gekrümmt, auf der Unterseite aber flach und glatt; in der Mitte 
haben sie ein Band, unter welches der Mann seine Fussspitze einschiebt, 
und allenfalls noch ein zweites, welches ihm von dem Zehenbande aus um 
den Absatz herumläuft. Man geht aber auf den Schneeschuhen nicht, 
indem man den Fuss hebt, sondern man gleitet auf ihnen wie auf Schlitt- 
schuhen, nur dass die Füsse dabei nicht wie bei den letzteren seitwärts 
ausfahren, sondern parallel miteinander und stets möglichst nahe aneinander 
vorbeigeführt werden. Nur bei dem Aufstieg auf einen steilen Berg wird 
diese Art der Bewegung etwas modificiert, indem man die Schneeschuhe 
solchenfalls in einen Winkel zu einander bringen und dabei stets den 



3Q4 Maurer: 

hinteren mit seinem hinteren Ende über das hintere Ende des vorderen 
bringen muss; gerade um dieses zu erleichtern, empfiehlt sich der Gebrauch 
von Schneeschuhen ungleicher Länge. In der Hand führt man dabei zu- 
meist einen Bergstock, oder auch deren zwei; für ihn galt früher die Be- 
zeichnung geisl oder geisli, während er heutzutage skidstav genannt wird. 
Neuerdings wird übrigens dessen Gebrauch vielfach unnötig befunden. Auf 
der Ebene geht die Fahrt sehr hurtig, wenn anders der Schnee von 
günstiger Beschaffenheit ist, und bergabwärts vollends geht sie blitzschnell, 
ohne dass man für mehr als für die Steuerung und die Erhaltung des 
Gleichgewichts zu sorgen hat; bergaufwärts geht es allerdings mühsamer, 
indem die Höhe entweder in Windungen erstiegen oder seitwärts Stufe für 
Stufe erklommen, oder endlich in der vorhin geschilderten Weise gerade 
aufwärts gegangen werden muss, was indessen nur für kürzere Strecken 
und bei nicht allzu langen Schneeschuhen möglich ist. Nicht günstig für 
den Gebrauch der Schneeschuhe ist natürlich der nasse Schnee, weil er 
sich leicht einhängt und klumpt; nicht günstig ist auch neuer, oder allzu 
feiner und staubartiger Schnee, wie er bei starker Kälte zu fallen pflegt, 
weil er den Lauf nicht recht gleiten lässt. Möglichst glatt und einiger- 
massen fest soll vielmehr der Schnee sein, und dies ist er, wenn er bei 
nicht allzu kaltem Wetter gefallen und dann etwas in sich zusammen- 
gesessen ist; überdies soll dann noch eine leichte Decke von Keif oder 
weichem Schnee sich darauf gelegt haben, damit nicht übermässige Glätte 
dem Schneeschuh den festen Einsatz benimmt und ihn schwer regierlich 
macht. Was sich aber von guten Läufern auf guter Bahn ausrichten lässt, 
zeigt das Ergebnis eines im Jahre 1884 in Jokksmokk in Norrbotten ver- 
anstalteten Wettlaufes: Die Bahn von 220 Kilometer Länge wurde von dem 
Sieger, einem Lappen, in 21 Stunden 22 Minuten zurückgelegt, und selbst 
der letzte unter den sechs Bewerbern brauchte nur um 46 Minuten mehr! 
(Nansen S. 124). 

In Norwegen war die Kunst des Schneeschuhlaufens schon in sehr 
früher Zeit üblich, und hat dafür schon 0. Wergeland, und neuerdings, von 
G. Storm freundlichst unterstützt. Fr. Nansen zahlreiche Belege erbracht. 
In der jüngeren Edda wird von der Riesentochter Skadi, der Frau des 
Gottes Njördr und später Odins, gesagt, dass sie viel „ä skidum" fahre und 
darum „öndurgud" oder „öndurdis" heisse (Gylfag. Kap. 23 S. 94); in der 
That bezeichnet sie Eyvindr skäldaspillir in seinem Haleygjatal als öndurdis 
(Ynglinga s. Kap. 9), und Bragi skäld nennt ihren Vater, pjassi, öndurdisar 
fadir (Skäldskaparm. Kap. 23 S. 318). Andererseits wird^ auch der Gott 
Ullr als „skidfserr" (Gylfag. Kap. 31 S. 102) und „Öndur-Ass'^ bezeichnet 
(Skäldskaparm. Kap. 14 S. 266) und „skid" wie „öndurr" werden gelegent- 
lich zu „kenningar" für Schiff oder Schwer dt vorwendet. Auch die Yölun- 
darkv. Str. 4 und 8 erwähnt des Schneeschuhlaufes, und ebenso (une Strophe 
der Ketils s. htengs, Kap. 3 S. 120; in dem „Fuudinn Noregr" über- 



Das Schneeschiihlaufen in Norwegen. 305 

Schriebeneil Stücke aber wird erzählt (Flbk. I. § 176 S. 219), wie Norr auf 
„gött skiSfaeri" wartet, um seine Reise anzutreten. Schon aus diesen 
mythischen Zeugnissen geht hervor, dass der Schneeschuhlauf in Norwegen 
bereits im 10. Jahrhundert üblich war, und die Berichte der geschicht- 
lichen Quellen bestätigen diese Thatsache vollkommen. Die Eigla, Kap. 18 
S. 50 — 51 und Kap. 71 S. 260 (ed. Fiiinur Jönsson) spricht wiederholt 
von norwegischen Schneeschuhläufern; die Heiraskr. Olafs s. helga, Kap. 20 
S. 230 rühmt von Einarr pambarskelfir: „skidfoerr var hann hverjum manni 
betr", — sie nennt ferner den Schweden Arnljötr gellini als einen aus- 
gezeichneten Schneeschuhläufer (Kap. 151 S. 406 — 7) und erwähnt auch 
sonst der Schneeschuhe in Schweden (Kap. 96 S. 314), während nach dem 
Eaudulfs p., Kap. 2 S. 337, in Norwegen gleichzeitig Kolbjörn Arnason 
sich seiner Kunst in der „ski'daferd" rühmt. Zu den acht Künsten, deren 
K. Haraldr hardrädi sich mächtig nennt, gehört auch das „skrida ä skidum" 
(Morkinsk. S. 15) und zu seiner Zeit lebte auch Hemingr Asläksson, der 
beste Skiläufer (Flbk. III, § 56 S. 405 und 408—9), von welchem in Nor- 
wegen und in Schweden, auf den F^eröern und auf Island soviele Volks- 
lieder gesungen wurden. Zu Anfang des 12. Jahrhunderts rühmt sich 
K. Eysteinn Magnussen in dem bereits erwähnten Wettstreit mit seinem 
Bruder Sigurdr seiner Kunst „ä ski'dum" (Heimskr. Sigurdar s. Jörsalaf. 
Kap. 25 S. 682), und wieder etwas später sagt Rögnvaldr jarl von den 
Orkneys, seine neun Künste aufzählend, gleich K. Harald: „skrida kann ek 
ä skidum" (Orkneyinga s. Kap. 61 S. 95). Für das 13. Jahrhundert bezeugt 
eine klassische Stelle des Königsspiegels § 9 S. 20 (ed. Christ.) den 
Gebrauch der Schneeschuhe, zumal auch bei der Renntierjagd, und das 
gemeine Landrecht, Landsleigub. § 60 verbietet im Interesse der im losen 
Schnee hilflosen Tiere die Jagd auf Elentiere den Leuten „er ä skidum 
renua." 

Die Belege für den Gebrauch der Schneeschuhe in Norwegen aus 
späterer Zeit Hessen sich mit geringer Mühe noch häufen, und in der That 
wird sich noch Gelegenheit bieten, einige weitere von einem anderen 
Gesichtspunkte aus zu besprechen. Hier darf von dergleichen abgesehen 
werden; um so entschiedener ist aber die sehr beachtenswerte Thatsache 
zu betonen, dass unter allen germanischen Ländern eben nur Norwegen 
und Schweden diesen Gebrauch kennen. In Dänemark wusste man nie 
etwas von Schneeschuhen; denn was Saxo X S. 329—31 (ed. Holder) von 
K. Haraldr blätönn und Pälnatoki erzählt, d. li. dieselbe Geschichte, welche 
anderwärts von K. Haraldr hardrädi und dem oben schon erwähnten Hemingr 
berichtet wird, ist unzweifelhaft norwegischen Ursprunges, wie dies bei 
Nansen, S. 86, sehr richtig bemerkt wird. Sehr charakteristisch ist aber, 
dass derselbe Saxo, III, S. 81 — 2, dem Ollerus nacherzählt, „illum adeo 
praestigiorum usu calluisse, ut ad traiicienda maria osse, quod diris car- 
minibus obsignavisset, nauigii loco uteretur, nee eo sognius quam remigio 



306 Maurer: 

preiecta aquarum obstacula superaret". Mit Recht wird aus dieser Angabe 
geschlossen (Nansen a. a. 0.), dass Ullr in Dänemark nicht der Gott des 
Schneeschuhlaufes, sondern des Schlittschuhlaufes gewesen sei, und erst in 
Norwegen jene erstere Bedeutung erlangt habe. Auffälliger ist, dass auch 
auf Island und in Grönland meines Wissens in der älteren Zeit nie von 
Schneeschuhen die Rede ist, obwohl man diese von Norwegen her sehr 
wohl kannte. Allerdings werden solche in Rechtsformeln erwähnt (Kgsbk. 
§115 S. 206; Stadarhlsbk. §. 388 S. 406-7; HeiSarviga s. Kap. 33 S. 381 
bis 82; Grettla Kap. 73 S. 165), indem die Tryggdamäl den Versöhnten 
die Haltung des Friedens auferlegen „hvar sem {)eir hittaz, ä lande eda 
lege, skipi eda ä skidi, i hafe eda ä hestsbake", und den Friedbrecher soweit 
geächtet wissen wollen als „Fidr skridr, füra vex, valr flygr värlangan 
dag". Aber diese Formeln sind sichtlich norwegischen, nicht isländischen 
Ursprungs, und erst hinterher in einzelne isländische Rechtsbücher auf- 
genommen und in einzelne isländische Sagen eingeschaltet worden, wogegen 
ich aus dem erzählenden Teile dieser letzteren nicht einen einzigen Beleg 
für den Gebrauch von Schneeschuhen auf Island beizubringen vermöchte. 
Auch in der späteren Zeit kommen diese dort nur ganz vereinzelt vor (vgl. 
Islenzkar Gätur u. s. w. II S. 83 — 85). Es mag dahingestellt bleiben, ob sira 
Magnus Olafsson, dessen Äusserungen über die Schneeschuhe Stephanius in 
seinen „Notae uberiores" zum Saxo, S. 126, anführt, unter den „nostrates", 
welche diese gebrauchen, Isländer versteht, zumal da er unmittelbar darauf 
diesen Gebrauch den „veteres Norvagi" beilegt. Grewiss ist dagegen, dass 
der Rektor Jon porkelsson in einem Berichte, welchen er zu der im Jahre 
1748 erschienenen dänischen Übersetzung von Andersons „Nachrichten von 
Island" beisteuerte, ausdrücklich bemerkt, dass zwar der Gebrauch der 
Schneereife auf Island allgemein üblich sei, dagegen der Gebrauch von 
Schneeschuhen kaum vorkomme ausser im Fnjoskadale im Nordland. 
Ganz ähnlich äussert sich Eggert Olafsson in seiner Reisebeschreibung, 
und zwar mit dem Beifügen, dass zumal ein Pfarrer porgrimr im Fnjoska- 
dale und dessen Sohn Jon zu Hals die Kunst des Schneeschuhlaufes 
gekannt und geübt habe; ich bemerke dazu, dass porgrimr Jönsson in den 
Jahren 1712 — 39, und sein Sohn, Jon porgrimsson, in den Jaln-en 1739 
bis 1795 Pfarrer zu Hals im Fnjoskadale war, und dass der vorhin ge- 
nannte Magnus Olafsson in den Jahren 1622-36 die Pfarrei Laufäs in 
demselben Thale inne hatte (vergl. Sveinn Ni'elsson, Prestatal, S. 189 und 
191 — 192). Auch dem Eggert Olafsson selbst (f 1768) wurde grosse 
Fertigkeit im Schneeschuhlaufe nachgerühmt; etwas später aber ist es ein 
Unterassistent Buch beim Handel in Hüsavik, welcher sich der Kunst 
mächtig erweist, und welcher sodann von der Regierung angewiesen wird, 
gegen Zusicherung einer Belohnung in ihr Unterricht zu erteilen (1780). 
Erst dureli ilm, einen geborenen Dänen (Jon Espolin, Arbaekur, XI, Kap. 46, 
S. 53), wurde der Schneeschuhlauf auf Island weiter verbreitet, zunächst 



Das Schneeschuhlaufen in Norwegen. 307 

in der pingeyjarsysla. dann aber noch weiter herum, zumal im Nordlande 
und im Ostlande als den schneereichsten Teilen der Insel. Man sieht, auf 
Island ist die „skidaferd" keine von Alters her überkommene Kunstfertig- 
keit. Wenn in isländischen wie in norwegischen Werken die Sache zu- 
meist so aufgefasst wird, als ob sie auch dort ursprünglich heimisch ge- 
wesen und erst später abgekommen wäre, so ist dies ein Irrtum, welcher 
sich nur darauf stützt, dass nicht gehörig zwischen den auf Island und 
den auf Norwegen bezüglichen Angaben der älteren Quellen unterschieden 
wird; sehr deutlich lässt sich dagegen erkennen, dass das spätere allmähliche 
Aufkommen der Kunst in einzelnen Gegenden des Landes auf deren Ein- 
führung vom Auslande her beruht, sei es nun, dass einzelne Handelsleute, 
oder auch einzelne gelehrt gebildete Männer sie von Norwegen, oder 
auch von Kopenhagen aus dahin mitbrachten, wo ja immer eine grössere 
Zahl junger Nordleute zu studieren pflegte. Durch ihre Lehre und ihr 
Beispiel, hin und wieder auch durch hilfreiches Eingreifen der Regierung 
gefördert, erlangte nur sehr allmählich das Schneeschuhlaufen auf Island 
das geringe Mass der Verbreitung, welches es jetzt dorten zeigt; wie 
fremd aber die ganze Sache eigentlich den Isländern ist, zeigt sich schon 
daraus, dass die Bezeichnung „öndrur" auf den Yestmannaeyjar für etwas 
ganz anderes, aber eben so fremdes, nämlich für die Stelzen, gebraucht 
wird (Islenzkar gätur, II, S. 85). — Wie erklärt sich nun dieses Fehlen 
des Schneeschuhlaufens auf Island? Offenbar nicht aus der Verschiedenheit 
des Klimas und der Beschaffenheit des Landes, denn diese könnte höchstens 
etwa für den Süden und Westen der Insel dessen Aufgeben begreiflich 
machen, unmöglich aber für das kältere und schneereichere Nord- und 
Ostland, wie sich schon aus der raschen Einbürgerung seiner Übung in 
diesen Gegenden während der neueren Zeit ergiebt. Eher möchte man 
annehmen, dass zu der Zeit, in welcher die Einwanderung auf Island er- 
folgte, die skidaferd auch in Norwegen, oder doch in den Teilen von 
Norwegen, aus welchen die Einwanderer vorzugsweise kamen, noch nicht 
allgemein in Übung war, und dafür dürfte noch Folgendes sprechen. 

G. Storni hat bereits (bei Nansen, S. 88) mit aller Bestimmtheit den 
Satz ausgesprochen, dass die Kunst des Schneeschuhlaufens den Norwegern 
sowold als den Schweden von den Lap])en oder Finnen her zugekommen 
sei, welchen sie, wie allen Polarvölkern der alten AVeit, seit unvordenk- 
lichen Zeiten bekannt gewesen war. Schon um die Mitte des 6. Jahr- 
hunderts nennt Prokop, Gothenkrieg IL Kap. 15 in Skandinavien das wilde 
Volk der -xQLdUpivni als ein lediglich von der Jagd lebendes, und er- 
wähnt Jordanes, Getica III. Kap. 21 das Volk din- Screrofennae ebenda, von 
welchem er sagt, dass es sich nur von Wild und Vogeleiern nähre. Etwas 
später nennt der Geograph von Ravenna die Sirdifeni oder Scirdifrini, und 
im 8. Jahrhundert bemerkt Paulus Diakonus, Hist. Langob. I. Kap. 5 von 
den • Scritobini: „Hi a saliendo iuxta linguam barbaram ethimologiam 



308 Maurer: 

ducunt. Saltibus eiiim utentes arte quadam ligno incurvo ad arcus simili- 
tudinem feras adsecmitur." Scridefinnas nennt K. Aelfred in seiner Über- 
setzung des Orosius dasselbe Volk am Ende des 9. Jahrhunderts, und um 
das Jahr 1070 erwähnt es Meister Adam, lY. Kap. 31, unter dem Namen 
der Scritefingi, mit der Bemerkung: „qui etiam feras praevolant suo cursu 
per altissimas nives." Um das Jahr 1200 endlich bespricht Saxo Gramma- 
ticus, Praef. S. 8 die Scricfinni als eine „gens inusitatis assueta uehiculis'^, 
indem er zugleich ihrer eigentümlichen Art, bergaufwärts zu laufen, ge- 
denkt; an einer spätem Stelle, V, S. 165, sägt er von den Finnen: „Pandis 
trabibus uecti, conferta niuibus iuga percurrunt", und an der schon ange- 
führten, von Palnatöki handelnden Stelle, X, S. 330, bezeichnet er den 
Schneeschuhlauf als eine Kunst, „qua Finnii niuales saltus peragrant."^ Nun 
bezeichnet das Zeitwort „skrida" nicht nur das Dahingleiten einer Schlange 
oder eines Schiffes, sondern auch das des Schneeschuhläufers, und es ist somit 
klar, dass jener Name den Lappen von den Nordleuten nur in Anbetracht 
ihrer Fertigkeit in dieser Kunst beigelegt worden sein konnte; in der 
That hat denn auch schon K. Zeuss (Die Deutschen und die Nachbar- 
stämme, S. 684) den Namen der Skridefinnen ganz richtig von dem 
„skrida" abgeleitet, wenn er auch durch die Übersetzung von „skid" mit 
„Kletterschuh" ungenügende Kenntnis des Schneeschuhlaufens verrät, und 
haben auch R. Keyser, Samlede Afhandl., S. 135, P. A. Munch, Det norske 
Folks Historie, I, 1, S. 90 und G. Storni (bei Nansen, S. 83) dieselbe Ab- 
leitung des Namens vertreten. So ist denn auch in den nordischen Quellen 
oft genug von dem Skilauf der Finnen oder Lappen die Rede. Die oben 
angeführte isländisch -norwegische Rechtsforniel sagt: „Fidr skridr", und 
bezeichnet damit die skidaferd als etwas ganz specifisch Finnisches. 
Ebendahin deuten die bereits erwähnten Stellen des Saxo und Meister 
Adams, welcher aus dänischen Quellen schöpfte und doch wohl auch schon 
die gleichfalls mitgeteilten Worte des Paulus Diakonus. In dem Stücke 
„Hversü Noregr bygdiz" heisst es (Flbk. I, S. 21) von den Qvsenen, dass 
sie opferten „til pess at sujöfa gerdi ok vjeri skidfaeri gött; pat er ar peirra", 
und in der Historia Norwegias, S. 83, wird von den Finnen, d. h. Lappen 
gesagt, dass sie „levigatis asseribus pedibus subfixis (quod instrumentum 
ondros appellant)" „per condensa nivium ac deuexa montium — — ave 
velocius transferuntur", wobei übrigens zu beachten kommt, dass nach 
V. Thomsen (Über den Einfluss der germanischen Sprachen auf die finnisch- 
lappischen, übersetzt von Sievers, S. 130) das Wort andri, öndurr ein ur- 
sprünglich germanisches, von den Finnen erst hinterher aufgenommenes 
sein soll. Gunnhildr Özurardöttir rühmt (Heimskr. Haralds s. harf., Kap. 34) 
ihren beiden Finnen nach: peir kunna ok sva vel a ski'dum, at ekki ma 
fordast pä, hvarki menn ne dyr", und noch zu Anfang des 12. Jahrhunderts 
sind es die Lappen, welche vorzugsweise Schneeschuhe liefern, wie sich 
aus dem Sprichworte schliessen lässt: „snseliga snuggir, sveiuar, kvädu 



I 



Das Sclineeschublaufoii in Norwegen. 309 

Fimiar, tittu audra fala" (Heimskr. Magnüss s. Berf., Kap. 8). Ja noch in 
weit späterer Zeit bespricht der schwedische Erzbischof Olaus Magnus an 
zahlreichen Stellen seines Werkes: „De gentium septentrionalium variis 
conditionibus statibusue" die Kunst des Schneelaufes als eine besonders 
den Finnen eigene, was er auch durch zahlreiche, freilich herzlich 
schlechte, Holzschnitte erläutert (z. B. I, Kap. 4, S. 8—9; IV, Kap. 3, 
S. 124, und cap. 12, S. 135; ich eitlere nach der Baseler Ausgabe von 
1567), und selbst Stephanius bezeugt in den „Notae uberiores", welche er 
seiner Ausgabe des Saxo beigab, S. 126, dass die Finnen noch zu seiner 
Zeit (t 1650) die Anfertigung der Schneeschuhe ganz besonders gut ver- 
stünden. Nach allem dem könnte man allenfalls die Yermuthung wagen, 
dass der Schneeschuhlauf in Norwegen erst nach der Zeit, in welcher 
Island besiedelt wurde, allgemeinere Verbreitung gefunden haben möge. 

Zum Schlüsse bleibt noch eine interessante Frage zu beantworten 
übrig, die Frage nämlich, wieweit etwa die Schneeschuhläuferei im 
Norden zu öffentlichen Zwecken benutzt werde oder doch benutzt 
worden sei? Von Gr. Storni wurde (bei Nausen, S. 87) bereits darauf auf- 
merksam gemacht, dass zu Anfang des 16. Jahrhunderts Briefe durch 
Schneeschuhläufer über Dovrefjeld und weiter nordwärts befördert wurden, 
falls der Zustand der Wege deren Beförderung zu Pferd nicht gestattete; 
aus den Jahren 1525 und 1535 liegen hierfür urkundliche Belege vor 
(Diplom. Norveg., VII, Nr. 612, S. 649, und XII, Nr. 558, S. 687). Auch 
im Kriege kamen die Schneeschuhe schon frühzeitig gelegentlich zur 
Verwendung. Wir erfahren, wie K. Sverrir im Jahre 1200 vor der Schlacht 
bei Oslo den Pc411 belti mit seinen Uppländern beauftragte, zu ihren 
„Skid ok skidfjeri" zu greifen, um auf die Höhen über dem Bauernheere 
zu laufen, und dessen Stärke festzustellen, was denn auch mit gutem Er- 
folge geschah (Sverris s. Kap. 163, in den EMS. VIII, S. 400). Wir hören 
ferner, wie Hreidarr sendimadr, von K. Sverrir auf dem Schlossberge zu 
Tünsberg belagert, einen Boten auf Schneeschuhen ausschickt, um in 
Hamarr von K. Ingi sich Hilfe zu erbitten (ebenda Kap. 177, S. 437). Es 
wird uns auch erzählt, dass ein paar Jahre später der junge Häkon Hä- 
konarson, als es galt, ihn vor den Verfolgungen der Baglar zu retten, 
einmal zwei tüchtigen Schneeschuhläufern zur Weiterbeförderung anver- 
traut wurde, weil sich das übrige Gefolge durch die gewaltigen Schnee- 
massen nicht rasch genug durcharbeiten konnte (Häkonar s. gamla, Kap. 3, 
in den F. M. S. IX, S. 233—34). Aber dem gegenüber fällt auf, dass der 
in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts geschriebene Königsspiegel zwar, 
wie bereits bemerkt, eine sehr anschauliche Beschreibung der skidaferd 
und ihrer Verwendung bei der Jagd bietet (§ 9, S. 10), und zwar mit dem 
vollen Bewusstsein, damit eine ausschliesslich nordische Kunstfertigkeit 
zu schildern, dass er aber von deren Verwerthung zu kriegerischen Zwecken 
nicht das Mindeste zu berichten weiss. So sorgfältig die Quelle auch die 

Zeitschrift d. Vereins f. Volkskunde. 1892. 21 



310 Maurer: 

körperlichen Übungen, die Waffenfülirung zu Fuss und zu Pferde, zu Land 
und zur See, dann auch zum Angriff auf Burgen und zu deren Yer- 
theidigung bespricht (§ 37 — 39, S. 84 — 91), so erwähnt sie dabei doch 
mit keinem Worte der Schneeschuhe als eines zur kriegerischen Aus- 
rüstung gehörigen Gerätes, oder des Schneeschuhlaufes als einer bei 
Kriegsleuten üblichen oder für sie nützlichen Übung. Ebensowenig nennt 
der Utgerdarbälkr der GpL. , § 295 — 315, und der Utfararbälkr der 
FrpL. Vn, der Landvarnarbälkr des gemeinen Landrechtes, III, und des 
gemeinen Stadtrechtes, oder endlich die Hirdskrä, die Schneeschuhe unter 
den vorschriftsmässigen Gegenständen der kriegerischen Ausrüstung, welche 
sie doch sämtlich aufzählen. Endlich liat auch 0. Wergeland bereits be- 
merkt, dass in den Geschichtsquellen bis in vergleichsweise späte Zeit 
herab von einer Benutzung des Schneeschuhlaufes zu eigentlich mili- 
tärischen Operationen keine Spur zu finden ist. Zu Rekognoscierungen 
oder zum Überbringen von Nachrichten sehen wir zwar Schneeschuhläufer 
gelegentlich verwendet, wie die oben angeführten Beispiele zeigen; aber 
weder zu Umgehungen des Feindes, noch auch nur zur rascheren Sammlung 
zerstreuter Abteilungen oder zur Bewältigung schwieriger Bergübergänge 
im Winter finden wir die Schneeschuhe jemals verwendet, obwohl die 
Quellen oft genug von den sehr bedenklichen Schwierigkeiten zu be- 
richten haben, welche die ungeheuren Schneemassen den Bewegungen von 
Heeren oder Heeresabteilungen in den Weg legten. Erst im Jahre 1644, 
während der Hannibalsfehde, sehen wir einmal schwedische Bauern aus 
den Thallanden unter ihrem Kaplan Daniel Buscliovius auf Schneeschuhen 
einen Einfall in Norw^egen machen, und dabei die Kirchspiele Jdre und 
Serna erobern (vergl. Yngvar Nielsens interessanten Aufsatz in der nor- 
wegischen Historisk Tidsskrift, III, S. 195 — 99); von Norwegen aber er- 
fahren wir zunächst noch nichts ähnliches, und selbst ein Wegweiser, 
welchen eine an sehr verschiedene Zeiten und Orte sich anknüpfende 
Volkssage fremdes Kriegsvolk, dem er zu dienen gezwungen ist, auf Schnee- 
schuhen voranlaufend, listig dem Verderben entgegeuführeu lässt (Werge- 
land, S. 56 — 57, Nansen, S. 91 — 92), ist ein Lappe, kein Nordmann. Erst 
um einige Jahrzehnte später findet sich die erste Spur einer Benutzung 
der Schneeschuhe zu eigentlich militärischen Zwecken, sofern nach einer 
mündlichen Sage (Wergeland, S. 65) während der Gyldenlövfehde 
(1676 — 79) ein norwegischer Lieutenant im Drontheimischen mit 16 ge- 
übten Schneeschuhläufern eine Abteilung schwedischer Dragoner überfallen 
und übel zugerichtet haben soll. Etwas bestimmter tritt die Verwendung 
von Schneeschuhläufern aber am Anfang des 18. Jahrliunderts hervor. Im 
Jahre 1716 sehen wir norwegische Sclmeeschuhläufer zum Rekognoscieren 
gebraucht (Wergeland, S. 68 und 70 — 71), zunächst freilich zwei Finnen, 
aber hinterher auch zwei Soldaten; ausserdem versuchen jetzt auch schon 
einzelne, sei es nun Soldaten oder Freiwillige, als Schneeschuhläufer auf 



Das Sclineeschuhlaufen in Norwegen. 311 

eigene Faust dem Feinde Abbruch zu thun (ebenda, S. 72 — 73) und auch 
im Jahre 1718 beteiligen sich ein paar hundert solche an der Verfolgung 
des Feindes (ebenda, S. 98). Mag sein, dass damals schon ein besonderes 
kleines Korps von Skiläufern bestand. Ein Reskript vom 11. Dezember 
1710 verfügte nämlich die Errichtung einer Kompagnie ausgesuchter Leute, 
welche mit Feuerröhren bewaffnet, und, wie es scheint, auch mit Schnee- 
schuhen ausgerüstet werden sollten; nur auf sie kann es sich beziehen, 
wenn ein weiteres Reskript vom 28. Januar 1713 anordnete, dass 100 be- 
urlaubte „Skil obere" in Österdalen nach Dänemark geschickt werden sollten, 
wie es scheint, um dort den Vertretern fremder Mächte als etwas Neues 
gezeigt zu werden (ebenda, S. 105—106). Indessen scheint dieses Korps 
der Feuerröhrer (Fyrrörer) nach Beendigung des Krieges, im Jahre 1719, 
wieder aufgelöst worden zu sein, und erst nach wiederholten vergeblichen 
Anläufen wurde gelegentlich der Ordnung der Landesverteidigung im 
Jahre 1742 bleibend für die Errichtung von zwei Schneeschuhläufer- 
Kompagnien bei der Landwehr gesorgt. Durch ein Reskript vom 
24. Juni 1747 wurde sogar die Errichtung von sechs Milizkompagnien 
von solchen angeordnet, und nach dem Kriege von 1759—62 kamen noch 
vier weitere hinzu, wobei sich die ganze Zahl der zehn Kompagnien auf 
die östliche Reichshälfte beschränkte. Es ist hier nicht angezeigt, die 
einzelnen Veränderungen aufzuzählen, welche das militärische Schnee- 
schuhläufer tum im Laufe der Zeit durchzumachen hatte; ich erwähne viel- 
mehr nur, dass im Jahre 1774 die anfängliche Verteilung der Skiläufer- 
kompagnien unter die verschiedenen Linienregimenter beseitigt, und aus 
ihnen ein eigenes Korps mit sechs Kompagnien gebildet wurde, welches 
auch in demselben Jahre für seine Winterübungen ein eigenes Exerzier- 
reglement erhielt, — dass ferner im Jahre 1781 dieses eigene Korps 
wieder aufgelöst, und dafür aus je drei Kompagnien je ein Skilöberbataillon 
o-ebildet wurde, deren eines man dem ersten drontheimischeu, und deren 
anderes man dem ersten opländischen Infanterieregimente zuteilte. Als 
später ein eigenes Jägerkorps errichtet wurde, traten die beiden Skilöber- 
bataillone bald in nähere Beziehungen zu diesem; für ihre Sommerübungen 
wurde das Jäger exerzitium eingeführt (1797 und 1799), während sie für 
ihre Winterexerzitien ein neues Reglement erhielten (1804), auch ihre Be- 
waffnung der der Jäger gleich gemacht. Im Jahre 1802 wurde das süd- 
liche Skiläuferbataillon, sow^ie das Linienbataillon von Ullensakar dem 
Jägerkorps förmlich einverleibt, und auch die Ausbildung der Chargen 
des nördlichen Bataillons diesem übertragen. Kongsvinger, wohin das 
Jägerkorps kurz zuvor verlegt worden war (1801), wurde fortan die Central- 
station für den Schueeschuhlauf; das ganze „Norske Jägerkorps" bildete 
sich bald mehr oder weniger zu einer Skiläufertruppe aus, und wurde 
eine Mustertruppe, welche zumal im Rekognoszierungsdienste der ganzen 
Reichsgrenze entlang vortrefflich ausgebildet war. Aber freilich konnte 

21* 



312 Maurer: Das Schneeschnhlaufen in Norwegen. 

man die Skiläufer nur aus Gegenden rekrutieren, in welchen der Geljrauch 
der Schneeschuhe üblich war; der Versuch, aus Lerdalen eine neue Kom- 
pagnie von solchen zu ziehen, misslang, weil -die im übrigen sehr tüchtige 
Mannschaft das Schneeschuhlaufen nicht verstand, und auch die Abteilungen 
aus Bergenhus wussten vorkommendenfalls nur Schneereife, nicht aber 
Schneeschuhe zu gebrauchen (vergl. Wergeland, S. 116). Aber durch die 
regelmässigen Winterübungen der betreffenden Truppe, welche grösstenteils 
in kleineren Abteilungen gelegentlich des Kirchganges abgehalten wurden, 
dann durch die Gewährung von Prämien für die besten Schneeschuhläufer, 
wurde diese Fertigkeit allmählich in weiteren Kreisen volkstümlich und 
üblich, wie denn auch die Skiläufertruppe eine ganz besonders populäre 
wurde, und nie Mangel an Rekruten hatte. Im Kriege von 1808 kam sie 
zu ernster Verwendung. Während die Schweden, welche keine eigens 
geübte Schneeschuhläuferabteilungen hatten, nur etwa zum Behufe ihres 
Aufmarsches, zumal bei ihren nördlichen Regimentern, sich der Schnee- 
schuhe zu bedienen vermochten, konnte man norwegischerseits seine Ski- 
läuferkompagnien mit Erfolg zur Sicherung der eigenen Kantonnierungen 
und Verbindungslinien, sowie zur Bedrohung der feindlichen benutzen, 
und selbst bei einzelnen Gefechten fanden diese Gelegenheit sich aus- 
zuzeichnen. Dennoch Hess man nach Beendigung des Krieges die Ski- 
läufertruppe allmählich wieder verkümmern, worauf der Umstand nicht 
ohne Einfluss gewesen sein mag, dass sich im Sommerfeldzuge des 
Jahres 1814 selbstverständlich keine Gelegenheit ergeben konnte, sie als 
solche zu verwenden. Man reduzierte aus Sparsamkeitsrücksichten die 
Zahl der Skiläuferkompagnien, verkürzte die Dienstzeit ihrer Mann- 
schaften, und Hess nach und nach auch deren Winterexerzitien abkommen; 
man zog auch die Prämien für den Schneeschuhlauf wieder ein, — die 
Folge aber war, dass der Aufschwung, welchen dessen Betrieb auch ausser- 
halb der Armee genommen hatte, rasch wieder nachHess. Im Jahre 1830 
wurde zwar die Frage wieder in Anregung gebracht und eifrig diskutiert, 
ob eigene Skiläufertruppen überhaupt nötig, und ob eigene Winterexerzitien 
für solche überhaupt erforderlich wären, wobei zugleich auch über die 
andere Frage verhandelt wurde, ob nicht etwa der Schneeschuhlauf für 
die ganze Armee mit Vorteil nutzbar gemacht werden sollte; die Verhand- 
lungen blieben aber ohne praktischen Erfolg, und auch Oberstlieutenant 
Wergelands angeführte Schrift, in welcher mit aller Wärme die Ansicht 
ausgeführt wird, dass die Schneeschuhläufer für Norwegen „die natürliche 
Winterreiterei " seien (vergl. z. B. S. 9, 32, 81, 162, 218), hatte keinen 
besseren Erfolg. Doch wurde der Schneeschuhlauf seit den sechziger 
Jahren dieses Jahrhunderts wieder entschieden populär in Norwegen, und 
wird jetzt in allen Teilen des Landes eifrig und kunstvoll geübt. Was 
mittelst desselben geleistet werden kann, hat Fridtjof Nansens erfolgreiche 
Durchquerung Grönlands auf Schneeschuhen inzwischen glänzend bewiesen. 



Zur Volkskunde des Egerlandes. 313 

und mag sein, dass jetzt auch Premierlieutenant Nandrups, auf Werge- 
lands Buch gestützter Aufsatz über die „Skilöberafdelinger", oder doch 
die hübsche, ihnen beigegebene Illustration eines Überfalles feindlicher 
Reiterei durch eine Abteilung von Schneeschuhläufern mehr Eindruck 
macht als jene frühere, eingehendere Schrift. 

Der Schneeschuhlauf scheint sich in Folge der in erfreulicher Weise 
sich mehrenden Beziehungen zu Norwegen in neuester Zeit auch bei uns 
einbürgern zu wollen. Wie weit dessen militärische Yerwendung sich bei 
uns für den Fall eines Krieges mit unserm östlichen Nachbarn etwa 
empfehlen würde, überlasse ich Fachleuten zu beurteilen, denen aber 
unter allen Umständen Wergelands Schrift zum Studium empfohlen 
sein mag. 

München. 



Zur Volkskunde des Egerlandes. 

Von Alois John. 



Eine systematische Volkskunde, welche nach wissenschaftlichen Grund- 
sätzen alles Wissen über unser Volk in Buchform zusammenstellt, giebt 
es für das Egerland zur Zeit nicht. Dagegen haben sich allerlei Ansätze 
dazu im Laufe der Jahre zusammengefunden, zumeist Aufzeichnungen von 
Heimatsfreunden; ich selbst habe als Student manche Lieder, Volkslieder, 
Sagen, AVorte der Volksprache gesammelt, ohne sie bisher litterarisch zu 
verwerten. Unter den Sitten und Gebräuchen des Volkes aufgewachsen, 
aus einem alten stattlichen Egerländer Bauernhof hervorgegangen, ist mir 
die ganze Atmosphäre dieses Volkstums, seiner Art, seines Benehmens, 
seines Glaubens und Aberglaubens, von Kindheit auf vollkommen bekannt, 
auch der Dialekt noch durchaus geläufig. Zur Kenntnis und allgemeinen 
Orientierung über das Egerland verweise ich auf mein kleines Buch: Im 
Gau der Narisker, Schildereien aus dem Egerland (Eger, im Selbst- 
verlag 1888); zur wissenschaftlichen Orientierung auf meine „Litterarischen 
Berichte aus dem Egerland" (L 1887, IL 1889, III. 1890), endlich 
auf das von mir herausgegebene „Litterarische Jahrbuch" für Nord- 
westböhmen und die deutschen Grenzlande, dessen I. Band 1891 zur Aus- 
gabe gelangt ist und das auch die Volkskunde gebührend berücksichtigt, 
insbesondere ein Sammelbuch alles Volkswissens für jene Landschaften 
werden will, das man bisher noch vermisste. 



Kein geringerer als Goethe ist es, der zum erstenmal eine Volks- 
kunde des Efferlandes aiireüte. Bezeichnend dafür ist seine Bekanntschaft 



314 John: 

mit dem Magistratsrat Jos. Seb. Grüner in Eger, den er auf seinen Bäder- 
fahrten nach Carlsbad ^) zum erstenmal am 26. April 1820 kennen lernte. 
Grüner war sein Begleiter auf seinen geologischen Ausflügen im Eger- 
land, auf den problematischen Kamerbühl und die kleinen Vulcane. Er 
musste auch Bericht erstatten über die Egerländer und ihr Volksleben. 
Gleich bei der ersten Bekanntschaft stellte ihm Goethe Fragen über die 
Kleidertracht, Sprache und Geschichte des Egerlandes. 

„Es ist ein wackeres abgeschlossenes Yölkchen", urteilt Goethe. 
„Ich habe die Egerländer wegen ihrer beibehaltenen Kleidertracht, die 
ich in früheren Jahren wahrnahm, lieb gewonnen. Sie haben mit den 
Altenburgern viele Aehnlichkeit." Er ermuntert Grüner zur Yollendung 
seines Manuskriptes über „Sitten und Gebräuche der Egerländer" und 
sendet ihm Kronbigls „Sitten und Gebräuche der Altenburger." Als Goethe 
am 26. August 1827 den St. Yinzenztag in Eger (zugleich Erntedankfest, 
wozu die Bevölkerung der Umgebung mit Prozession in die Stadt zieht) 
betrachtete, sagt er: „Es ist ein stämmig robustes Volk von gesundem 
Aussehen. So viel ich bemerke, haben die Egerländer weisse gesunde 
Zähne, dunkelbraune Haare, doch wenig Waden." Später auf seinen Aus- 
flügen über Land interessierte sich Goethe auch für den „schönen rein- 
gehaltenen Egerländer Yiehschlag" und über eine Maschine zum Zügeln 
der Ochsenhörner, von der ihm Grüner eine nach Weimar schicken 
musste. Dorthin berichtete auch Grüner über seine Zusätze zu den 
Egerer Sitten, worauf Goethe das „Egersche Sittengemälde ganz vor- 
züglich bedeutend und schätzenswert" erklärte mit der Bemerkung: „Ver- 
säumen Sie auch das Geringste nicht, denn bei Charakterdarstellungen 
sind gerade die kleinsten Züge oft die bedeutendsten." Am 19. Juni 1822 
notiert Goethe in seinem Tagebuch: „Mit Notiz von Grüner. Dessen Werk 
über die Sitten des Egerer Volkes mit schönen Zeichnungen", wozu Grüner 
bemerkt: Er blätterte wohlgefällig in meinem Manuskripte über die Sitten 
der Egerländer und bezeugte Freude über die kolorierten Zeichnungen. 
In einem Brief von Marienbad, 19. Juni 1822, heisst es: „Die Lieder der 
Egerländer habe sämtlich gelesen und finde sie probat." 

Am 24. August 1823 notiert Goethe Grüners Abhandlung über die 
Egerer Trachten, die einen eigenen Abschnitt bildeten. Grüner hatte die 
älteste und neueste Tracht bildlich zur Vergleichung dargestellt und Goethe 
billigt es mit den Worten: „Das hat sein Gutes, man kann in der Folge 
wahrnehmen, ob und inwiefern der Luxus auf sie eingewirkt hat. Es 
wäre interessant, solche Aufzeichnungen auch von anderen Völkern zu 
haben." 



1) Über Grüners Bezidiunoen zu Goethe veriil.: Briefwoclisel und mündliclier Verkehr 
zwischen Goethe und dem llate Grüner. Leipzig' 1853. Über „Goethe in Deutschböhmen" 
meine gleichnamige Monographie. Eger 1889. 



Zur Volkskunde des Egerlaufles. 315 

In dieser Weise wechseln Gespräche, Briefe, Tagehuchnotizen, Auf- 
zeichnungen und Beobachtungen. Goethe ist der eigentliche Anreger, der 
erste, der die Yolkskunde des Egerlandes nach bestimmten Gesichtspunkten 
zusammenzufassen sucht und Grüner zur Abfassung seiner Schrift er- 
muntert. Diese Schrift Grüners, unter dem Einflüsse und auf Anregung 
Goethes entstanden, führt den Titel: „Über Sitten und Gebräuche 
des Egerischen Landvolkes" (ursprünglich Manuskript', nach seinem 
Tode veröffentlicht) und ist die erste Schrift über die Volkskunde der 
Egerländer überhaupt. Der Inhalt liat die Überschriften: „Lustbarkeiten 
und Unterhaltungen des egerischen Landvolks, Nationaltänze, Kleidung 
der Egerländer, uralte Gebräuche bei einer egerländischen Bauernhochzeit 
(Leihkauf, Anreden des Prokurators, Einladung zur Hochzeit, der Trauungs- 
tag, Tischgebet, Danksagung nach dem Essen, Brautlied zur Nacht („Wir 
kommen vor des Bräutigams Thür, in Züchten und in Ehren" etc.), hocli- 
zeitliche Kleidung. Begräbnisse)." 

Dieser bedeutungsvollen Einleitung zu einer Yolkskunde des Eger- 
landes folgten im Laufe der Jahre lose Sammelarbeiten, Aufzeichnungen 
aller Art, ohne besonderes System, meist in Lokalblättern und Kalendern 
erschienen ; einzelne, das Egerland streifende Aufsätze sind für Westböhmen 
interessant, in wissenschaftlicher Fassung brachten sie die „Mitteilungen 
des Vereins der Deutschen in Böhmen" (Prag)^). 

Es sei in folgendem ein kurzer Überblick über den gegenwärtigen 
Stand der Volkskunde im Egerlande gegeben mit Berücksichtigungen der 
bisher nie bekannten Veröffentlichungen und nach meinen eigenen Beob- 
achtungen und Wahrnehmungen. 

Im allgemeinen halte ich mich an Karl Weinholds, des Herausgebers 
dieser Zeitschrift, vortreffliches Schema (Heft 1. Einleitung). Ich möchte 
aber das folgende noch nicht als eine abschliessende, oder gar wissen- 
schaftlich erschöpfende Arbeit, sondern als vorläufigen Orientierungsbericht 
über das Volksleben eines kleinen deutschen Gaues betrachtet wissen. 



Über die Herkunft und Abstammung der Deutschböhmen und der 
Egerländer sind mehrere Hypothesen, zum Teil recht diskutierbar, in 
früheren Jahren aufgetaucht (vergleiche Rassel, Mitteilungen III, 3). 
Dr. Schlesinger, die Abstammung der Deutschböhmen (Sammlungen des 
gemeinnützigen Vereins). 



1) Insbesondere die Aufsätze von Ant. Aug. Naaff: Das deutsche Volkslied iu Böliinen 
(1882, Heft 4). Agrarische Gebräuche aus der Schönbacher Gegend von J. K. S. (1883, 
Nr. 2). Das Jahr im Volkslied und Volksbrauch in Deutschböhmen von Ant. Aug. Naaff 
(1884, 2, 3). Deutschböhm. Dorfweistümer von Dr. Schlesinger (1884, 4). Ausserdem Sagen 
aus dem südlichen Böhmen von Hübler (1886, 1). Joachimsthaler Christspiele und 
Ansinglieder von VV. K. (1880, 4). Aus dem Sagenbuche der ehemaligen Herrschaft 
Königswart von Dr. Urban (1879, 1) u. A. 



316 



John: 



Tracht, Dialekt, Sprache, Borfanlage wurden mit mehr oder minderem 
Glück und Geschick ins Treffen geführt. Auch der äussere Typus, die 
physische Konstitution des Egerländers speciell verführte zu mancherlei 
unhaltbaren Annahmen. So hielt Urban v. Urbanstädt die Egerländer für 
Abkömmlinge der Friesen und von Schönwerth die benachbarten Oberpfälzer 
von der Ostsee stammend. Nach dem Dialekt hat Weinhold (Bairische 
Grammatik § 2) die Egerländer zu den bajuvarischen Oberpfälzern gestellt. 
Das Kapitel über die physische Erscheinung des Volkes ist noch wenig 
beachtet worden. Etwas besser sind wir über die äusseren Zustände, 
insbesondere über Tracht und Schmuck, Haus und Hof unterrichtet. 
Wie in der ganzen Geschichte und Politik Deutschböhmens kommen wir 
auch hier auf den Unterschied zwischen deutsch und slavisch. Besonders 
die Egerländer Tracht wollte man als wendisch erklären und mit den ein- 
gesprengten Resten derselben (den Hummelbauern südlich von Bayreuth), 
auch mit den Halloren und den Altonburgern Vergleiche ziehen, freilich 
wenig überzeugend und in neuester Zeit allseits aufgegeben. Ebenso bei 
der Hofanlage, die wir als fränkisch^) ansprechen müssen, obwohl viele 
Ortsnamen slavisch sind (die alte regio Slavorum wimmelt davon). Man 
kennt jetzt genau den Typus der slavischen und deutschen Dorf- und Hof- 
anlage, findet aber im Egerland immer nur das charakteristische deutsche 
Dorf, wenn auch der Name oft slavisch zu erklären ist. Eine Beschreibung 
der Egerländer Tracht findet sich bei Seb. Grüner und in Prökls „Eger 
und Egerland", in letzterem auch einige Trachtenbilder. In neuester Zeit 
hat Dr. Habermann sehr hübsch kolorierte Trachtenbilder herausgegeben, 
die auch seinem Buch: „Aus dem Volksleben des Egerlandes" (Eger 1886) 
beigeheftet sind. Die Egerländer Tracht ist jetzt so ziemlich ausgestorben, 
Goethe erfreute sich noch an ihr; heut benutzt man die sogen. „Huasen- 
antouleres", den grossen Messingknopf, als Egerländer Specialität zu Broschen, 
und die kleidsame, hübsche und nette Tracht kann der fremde Gast an 
den Cafemädchen im Franzensbader Park oder bei Maskenbällen finden. 
In demselben Buch findet sich auch eine genaue Beschreibung des Eger- 
länder Bauernhofes, mit Abbildungen, Plänen und Massen. Auch über 
die inneren Zustände des Volkslebens, über Sitten und Bräuche 
sind wir seit Goethe und Grüner besser unterrichtet. Die Hochzeit, der 
Leihkauf, die Totenfeier sind wiederholt beschrieben und dargestellt 
worden, ebenso die Gebräuche im Anschlüsse an das Jahr (Weihnaehts-, 
Faschings-, Oster- und Pfingstbräuche im Egerland), alter Ackerglaube 
und Ackergebräuche bei der Bestellung der Saat im Frühjahr und der 
herbstlichen Ernte. Eine Art Egerländer Fest- und Bauernkalender hat 



1) Vergl. Meitzen: Das deutsche Haus 1882; Eud. Hcuuiu.t;-: Das deutsche Haus iu 
seiner historischeu Entwickehmg- 1882. Auch verweise ich auf meinen Aufsatz: Dorf und 
Bauernhof in Deutsehland, sonst und jetzt (in der „Zeitschr. f. deutsclie Kulturgeschichte, 
herausg. v. Dr. Chr. Meyer. 1. Bd., Heft 4). 



Zur Volkskunde des Egerlaudes. 317 

bisher noch niemand zusammengestellt, Wetterregeln hat Dr. Urban 
gesammelt. Sehr wenig, fast gar nicht ist man auf die Rechts- 
anschauungen und Rechtsbräuche eingegangen. Auch ein eigent- 
liches Sagenbuch des Egerlandes fehlt, wie es Eiselt für das Vogtland 
herausgegeben hat, obwohl uns manche schöne Sage durch Dr. Adam 
Wolf in Novellenform erhalten blieb. Ein gutes Stück deutscher 
Mythologie liegt insbesonders in den Sagen vom Ochsenkopf im Fichtel- 
gebirge, und in den Sagen vom Tillenberg; in beiden will man wotanische 
Spuren^) gefunden haben. Abergläubische Bräuche, Zauber- 
formeln und Yiehsagen sind meines Wissens nach nicht aufgezeichnet, 
über Yolksmedizin hat Dr. Urban mitgeteilt. Eine der schönsten Kreuz- 
fahrerleoenden des Eo-erlandes ist an den Namen des alten Geschlechtes 
der Juncker^) geknüpft und im Lied oft gefeiert worden. Sehr gute und 
tüchtige Beiträge sind seit Prof. Retters ausgezeichneten „Andeutungen 
zur Stoffsammlung in den deutschen Mundarten Böhmens" (Prag 1864) in 
neuester Zeit über den Egerländer Dialekt erschienen. Prof Neubauer 
veröffentlichte 1887 (Wien, Carl Gräser): „Altdeutsche Idiotismen der 
Egerländer Mundart" mit einer kurzen Darstellung der Lautverhältnisse, 
in welchem wir manchem urwüchsigen Kernwort der Yolkssprache be- 
gegnen; allerdings haben sich durch die mannigfachen Berührungen auch 
Fremdwörter eingeschlichen (vergl. desselben Verfassers Aufsatz: Die 
Fremdwörter im Egerländer Dialekt. Prag 1889), die aber verschwindend 
klein sind und von dem deutschen Erbgut der Sprache wenig zn ver- 
drängen vermochten. Auch Dr. Oskar Brenners Buch: „Mundarten und 
Schriftsprache in Bayern"*) streift öfter in altverwandte Lande herüber, in 
die alte Urheimatder Bayern (vgl. Dr. Sepp, Der Bayernstamm). „Egerer 
Familiennamen" hat Prof. Trölscher (im „Egerer Gymnasialprogramm" 
1883) zusammengestellt. 

Wir kommen nun auf die poetischen Gattungen unseres von 
jeher sanges- und liederfreudigen Volkes zu sprechen. Die erste Sammlung 
Egerländer Volkslieder gab Dr. Adam Wolf im Jahre 1869 heraus, die 
er aus Volks- und Bauernmund im Jahre 1846 und 1848 gesammelt, als 
der Volksgesang im Egerland in den Spinnstuben, im Wirtshause, bei 
Hochzeiten noch recht lebendig war, ebenso die alten Volkstänze (der 
Dreischlag) mit Dudelsackbeglcitung und die raschen Vierzeiler. 

Die kleine Sammlung enthält circa 56 Volkslieder epischen und 
lyrischen Inhalts, auch Weihnachts- und Wallfahrtslieder, Brautlieder, 
Kinderreime, Neujahrs- und Ansinglioder. Wir finden die meisten der- 
selben, teilweise vermehrt und in korrektei-er Fassung, wieder in der 
Sammlung „Deutsclio Volkslieder aus Böhmen", herausgegeben vom 



1) Vergleiclie Alois .lohn: III. literarischer .Jahresbericht S. 28 u. S. 31. 

2) Ehenda S. 43. 

3) Bayrische Bibliothek (BinnlxT- 1880, 18 Bd.). 



318 John-: 

Deutschen Yerein zur Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse in Prag 1888 
bis 1891. Kindersprüche und Kinderspiele hat Dr. Urban gesammelt. 
Ältere Egerländer Dialektdichter, wie Dr. Lorenz („Erzählungen und 
Geschichten in Egerländer Mundart"), Graf Klemens Zedtwitz, haben in 
Dünel („Egerländer Dialektgedichte") und Krauss Nachfolger gefunden^). 
Rätsel, Sprüchwörter, Bauernregeln, Sentenzen, Volksmelodieen 
bringt Dr. Habermann in seinem schon früher erwähnten Buche; Vier- 
zeiler hat besonders Dr. Urban gesammelt, zum Teil auch selbst gedichtet. 
Sehr interessant und beachtenswert sind die Fest- und Volksspiele in 
unserem Gau, heute freilich zu verkümmerten Resten herabgesunken 
(es sind jetzt nur noch Weihnachtsspiele oder Krippenspiele in Eger Sitte, 
die gut besucht sind. Einige sind auch nach dem Schubertschen Manu- 
skripte Teröffentlicht worden). Dass in einer alten deutschen Reichsstadt, 
wie Eger im Mittelalter gewesen, auch Fastnacht-, Oster- und Passions- 
spiele stattfanden, geht aus den Aufzeichnungen des Egerer Rats hervor, 
insbesondere aus den Ausgabebüchern der Stadt, wie sie Prof. Trötscher 
veröffentlichte. So giebt der Rat 1443 den „goltsmidsgesellen 10 groschen 
zu trinckgelt von dem vasnachtspiel", 1444 den Schreibern und Stein- 
metzen 40 groschen von zweyen vasnachtspil , 1449 den schreybern 
5 groschen zu trinkgelt, als sie ein spil an der vasnacht vor dem rathaus 
hetten". Ausser Fastnachtspielen wurden auch geistliche Spiele aufgeführt: 
„1476 item 20 groschen geben den Schreibern auf der schul von dem 
Spill an sanct Steffanstag, 1477 item geben den Schulmeistern und den 
spilleuten von dem Spil in den Osterfeiertagen 22 groschen. 1480 item 
geben den Spylleuten und Schreibern 30 groschen von dem spyl zu den 
Weynachts- Heiligentagen, zu vertrinken an aller kyndlein tage." Die 
wichtigsten Feste und Volksfeste, an denen wohl der ganze Gau in die 
Stadt strömte, waren die Frohnleichnamsfestspiele. Das litterarhistorisch 
wichtigste und bedeutendste ist das „Egerer Frohnleichuamsspiel", 
herausgegeben von Gustav Milchsack (Litterarischer Verein in Stuttgart. 
156. Publikation) Tübingen 1881. Das Original wurde von Urban v. Urban- 
stedt entdeckt und befindet sich jetzt im germanischen Museum zu Nürn- 
berg unter der Bezeichnung „Ludus de creacione mundi uro 7060" ^). Das 
Spiel ist für drei Tage eingerichtet, umfasst die heilige Geschichte von 
der Weltschöpfung bis zu Ostern (mit einem sehr interessanten Schluss- 
satz) und beschäftigte wohl über 200 Personen. 

Wir gewinnen einen sehr intimen Einblick in die Spielweise, in das 
Scenar, durch reichliche Angaben, es fehlt nicht an echt volkstümlichen 



1) Vergleiche ,,Litteransches Jalirbucli'-, lierausg. von Alois Joliii, I. Bd., Eger 1891: 
„Neuere Dialektdicht.nngen". 

2) Vgl. darüber Bartschs ausführliclie Beschreibung in PfeiiTers Germania III (1858, 
Seite 267— 297) und „Anzeiger füi- Kunde der deutschen Vorzeit" 1859, S. 88 f., S. 1301". und 
S. 168 f. 



Zur Volkskunde des Egerlandes. 319 

Figuren und Apostroplien an das Publikum, an drastischen Scenen aus dem 
Leben des Mittelalters; die Sprache ist originell, volkstümlich, ohne in 
allzu grosse Derbheiten zu verfallen. Angaben über Einteilung des Lokals 
und Arrangements fehlen, doch werden wir uns dasselbe am Marktplatz, 
von den auf Tribünen befindlichen Zuschauern umgeben, vorzustellen haben. 
Der Marktplatz, die Stadt selbst war die Bühne, deren nähere Einrichtungen 
nicht zu ersehen sind. Dagegen finden sich wieder in den Ausgabebüchern 
Kotizen, die uns über die Schauspieler (Zünfte, Bürger, Schüler der Stadt- 
schule) und das Kostüm einiges verraten. So heisst es 1465: „aufP gots- 
leichnam geben den spilleuteu 40 groschen zu vertrincken; item 2 groschen 
den Rittern; item dem hutel Sneyder 2 groschen für Adams und Evas 
rock zu pessern, item 3 groschen für rynglein zu dem stern. 1475 
4 groschen den „Trumetern und Spilleuten zu trinken, item den reymern 
und rittern 40 groschen von dem spil zu vertrinken." Auch im XYI. Jahr- 
hundert setzen sich diese Spiele aus der hl. Schrift fort, wie uns Kriegel- 
steins Chronik belehrt: 1537 das spil vom verlornen Sohn, 1538 Susanna 
und Judith, 1543 Jacob und seine Söhne, 1549 die Historia vom Propheten, 
1585 das gespiel von der Rebecca; allerdings fehlten auch weltliche Ein- 
lagen nicht, so: 1545 das spil oswaldi, 1550 der reiche Mann, 1557 Ritter 
Galieni, 1629 Andreas, der ungarische König, mit seinem getreuen Statt- 
halter Baucbano u. s. f. Diese weltlichen und öffentlichen Volksspiele 
o-insen im XVII. Jahrhundert in die Räume der Stadtschule über, wo sie 
unter der Leitung der Jesuiten reichlich Allegorie und Symbolik annahmen. 
Dr. Georg Schmidt hat seinerzeit auf derartige Spielzettel Egerer Jesuiten- 
dramen aufmerksam gemacht und auch einige Titel angegeben („Apollo 
im Chore der Musen erquickt den Kriegsgott Äneas; Faustus, ein adeliger 
Engelländer (1739), Garindus des wider ihn von seinen Missgönnern ge- 
schmiedeten Unglücks der allermildeste Rächer (1752), der mit Gift er- 
loschene Blutdurst Dyouisii, Wüterichs von Sizilien etc. etc. Einer persön- 
lichen Mitteilung des Herrn Baron Juncker in Breslau verdanke ich auch die 
Notiz, dass diese Spiele, auch die Frohnleichnamsspiele, noch im XVII. Jahr- 
hundert in Eser o-ebräuchlich waren. So wurde bei Paul Junkher gegeben: 



ö 



Die Comedia mit der von Abraham verstossenen Hagar nebst ihrem Sohne 
Ismael, ferner Abrahams und Abels Opfer etc. 

Von allen diesen geistlichen und weltlichen Volksspielen des Mittelalters 
ist uns heute bis auf die oben citierten Stellen aus den Ausgabebüchoru 
und dem Text des Egerer Frohnleic]inamss})iels niclits erhalten. Litterar- 
historisch interessant für die (rescliichto des deutschen Volkslieds und des 
protestantischen Kirchenlieds und den Einfluss des Humanismus auf die 
Literatur Westböhmens ist das Buch von R. Wolkan: Böhmens Anteil an 
der (knitschen Litteratur des XVl. Jahrhunderts (Prag, A. Haase), von dem 
der erste Teil „Bibliogra])liie" (1890) 401 Nummern von neuen Mären, 
neuen Liedern, Predigten, Übersetzungen der Andria und des Eunuchus 



320 Hartmann : 

von Terenz u. A. bringt. Der zweite Teil (1891) giebt 17 ausgewählte 
Texte, der dritte wird eine zusammenfassende Darstellung der Litteratur 
Westböhmens im XYI, Jahrhundert bringen. 



Damit sei unsere flüchtige Musterung und literarische Übersicht über 
die bisherige Thätigkeit auf dem Gebiet der Volkskunde im Egerlande ab- 
o-eschlossen. Wir sehen alle Seiten des Volkstums bald eingehender, bald 
flüchtiger beachtet, aber auch oft klaffende Lücken. Eine von der bis- 
herigen Lässigkeit abweichende systematische und wissenschaftliche Zu- 
sammenfassung und Bearbeitung ist dringend geboten. Insbesondere ist 
die Herausgabe eines Sagenbuches und einer grundlegenden Arbeit über 
das heute fast entschwundene Volkstum im Egerland als nächste Arbeit 
ins Auge zu fassen. Nur einigermassen vermag das von dem hochverdienten 
Dr. Georg Schmidt gegründete „Egerländer Museum", mit seiner Bauern- 
stube eine Erinnerung wachzurufen an die reiche Fülle echten deutschen 
Volkslebens, wie es in diesem Gau einst bestanden hat. 

Eger. 



Kleine Mitteilungen. 



Zahlen- und Monatsnamen als Personennamen. 

Herr Dr. Mordtmann, deutscher Konsul in Salonik, schreibt mir: Es giebt 
einen türkischen Namen jirmi sikiz tschelebi = Monsieur 28, den Hammer nicht 
recht erklärt .... im Neugriechischen kommt ein gleichbedeutender Name vor: 
BevroV-i^o = venti otti: dies führt nach Italien .... ich kenne nur etwas, das damit 
in Verbindung stehen dürfte: den „Februarmonat''. — Es ist klar, dass „Herr 28" 
nur eine, mit besonderer Absicht oder nur aus Scherz gewählte Bezeichnung für 
„Herr Februar'' ist. Dieser Monat wird in der That in zahlreichen Sprachen als 
Personenname verwandt. Hier sei nur das weniger leicht Zugängliche davon 
erwähnt: das arabische schubät, das ich in Syrien, wo es meist •scZ/J«^ und daneben 
shät gesprochen wird, mehrfach als Personennamen gefunden habe. Knüpfen sich 
doch auch im arabischen Orient au diesen Monat besondere Vorstellungen, wofür 
hier als Gewährsmann nur der ausgezeichnete Kommentator des arabischen Wörter- 
buches des FirCizäbädi angeführt sein mag, der in seinem tädsch el-arüs Bd. V 
S. 149 u. d. W. sabbat sagt: subät und schubät Name eines Monats im Griechischen 
[in "Wirklichkeit ist es ein altsemitisches Wort, das noch im Hebräischen und 
Armenischen vorkommt], vor dem adär (d. i. März), zwischen dem Winter und dem 
Frühling; el-azharl sagt: dieser Monat gehört zum Winter; in ihm wird der Tag 
voll, dessen Bruchteile auf mehrere Jahre entfallen, und wenn dieser Tag in diesem 
Monat voll wird, so nennen die Leute in Syrien das Jahr 'am el-kehu (Schaltjahr); 



Kleine Mitteilimgen. 321 

wird in einem solchen Jahre ein Kind geboren oder kommt jemand aus einem 
Orte an, so hält man das für gleichbedeutend. Von anderen syrisch -christlichen 
Monatsnamen ist mir keiner als Benennung von Personen bekannt. 

Von den Monaten des islamischen Jahres sind mir folgende vorgekommen: 
1) ramadäv. am häufigsten; eine nicht unbedeutende muslimische Familie, die über 
Syrien zerstreut ist, führt heut diesen Namen und er kommt schon in älterer Zeit 
vor (so z. B. ein Traditionslehrer ramadän ihn ''all um 500 d. Fl. = 1106/7 bei 
dem arabischen Geographen Jilküt I 217); 2) schdbn?}, wohl mehr bei den türkisch 
redenden Bewohnern Nordsyriens; dort hörte ich als Namen: kara schdbän, der 
schwarze Scha'bän; 3) Muharrem^ kam mir nur in einem Exemplar vor: einem 
türkisch -arabischer Mischfamilie entsprossenen Muharram hey\ 4) safai\ nicht nur 
bei Türken üblich, bei denen ich Sefer Pascha fand. Bei 1, 3 und 4 ist die Ver- 
wendung des Monatsnamens leicht erklärlich: der Fastenmonat Ramadän hat für 
den Muslim einen eigenen Zauber: das Heraustreten dieses Monats aus dem ge- 
wöhnlichen Geleise, sein Charakter als Ferienmonat, in dem an ernstliches Arbeiten 
kein Mensch denkt, das reichliche und fette Essen, mit dem man sich, nach den 
mehr oder minder gewissenliaft durchfasteten Tagen, nachts den Magen verdirbt, 
die derben Spässe des Karagöz-, oder wie man in Syrien sagt, Karaküz- Schatten- 
spieles, prägen ihm im Gemüt des heranwachsenden Muslims einen besonderen 
Charakter auf, und die ganze islamische Welt hat für diesen Monat, trotz der 
mancherlei Leiden, die er mit sich bringt, eine besondere Sympathie: wie sollte 
man da nicht gerade ihn als Personennamen wählen? No. 3, der Muharram, ist 
der erste Monat im Jahre und hat daher sein Ansehen, No. 4 hat den Beinamen 
i<afar el-c/iair, der Glücks-Safar, und empfiehlt sich deshalb abergläubischen Ge- 
mütern. Nur für No. 2 scheint eine besondere Veranlassung nicht vorzuliegen. 

Von ostasiatischen S])rachen kennt, nach gütiger Mitteilung des Herrn Professor 
Arendt, das Chinesische den „Schaltmonat" und die Zahl Siebenundsiebenzig als 
Personennamen. 

Es versteht sich, dass diese Notizen eben nur solche sein und das, durch die 
Mitteilung dos Herrn Mordtmann in Erinnerung Gebrachte, kurz fixieren wollten. 
Der einzelne wird hier das gesamte Material nur schwer sammeln können. Giebt 
ein jeder, was er aus Studien oder Beobachtungen hierzu beitragen kann'), so 
wird in absehbarer Zeit genügendes Material vorliegen, damit ein Berufener die 
Frage nach Verwendung der Monatsnamen und Zahlen als Personennamen 
systematisch und einigermassen erschöpfend behandeln kann. 

Von Herrn Mordtmann ging mir unter dem 24. Juli v. J. noch folgende Mit- 
teilung zu: 



1) [Es sei vorläufig hier verwiesen auf A. Pott, Die Personennamen, insbesondere 
die Familiennamen und ihre Entstehungsarten. Leipzig 1853. S. 284 — 286, 538 — 543. 
Vilmar, Die Entstehung und Bedeutung der deutschen Familiennamen. Marburg 1855. 
S. 29, 57. Fr. Becker, Die deutschen Geschlechtsnamen. Basel 1864. S. 12. Andrescn, 
Die deutschen Faniihennamen. Mülheim a. d. Ruhr 1862. S. 19. Hoffmann v. Fallers- 
leben, Breslaucr Namenbüchlein. Leipzig 1843. S. 16. (Geisheim) Berliner Namen- 
biichlein. BerUn 1855. S. 20. Hoffraann v. F., Braunschweiger Namenbüchlein. Braun- 
schweig 1867. 8.14. Fröhner, Karlsruher Namenbuch. Karhuhc 1856. S. 51. Knorr, 
Die Familiennamen des Fürstentums Lübeck. Eutin 1882. II, 36. Kehrein, Nassauisches 
Namenbuch. 1862. S. 14. A. Matthias, Niederrhciiüsche Familiennamen. Düsseldorf 
1886. S. 6. S. Kleemaun, Die FamiUennamen Quedbnburgs. QuecUiuburg 1891. S. 158. 
Cämmerer, Thüringische Fanuliemianien Arnstadt 1855. I, 15. D. Red.] 



322 Hartinann: 

Unter der mohammedanischen Bevölkerung der Türkei kommen folgende 
Monatsnamen als Personennamen vor: 

Moharrem, der erste Monat des mohammedanischen Mondjahres. 
Redscheh j 

Schaban \ der 7., 8. und 9. Monat desselben. 
Ramazan ) 
Diese drei Monate bilden zusammen einen besonderen Abschnitt des Jahres; 
sie werden volkstümlich als „das Quartal" {ütsch ailar) bezeichnet und gelten als 
„gesegnete Monate" (schuhur-i-mubareke). v. Diez, Denkwürdigkeiten von Asien 
2, 465, bemerkt „Die drey Monate Redscheb, Schaban und Ramazan werden 
besonders in Ehren gehalten. In letztern fällt das grosse Pasten der Mohammedaner. 
Viele fangen es schon im Redscheb an und setzen es bis zu Ende des Ramazan 
fort. Man hält sie aber in Verdacht, dass sie sich nur so stellen, um sich der 
Esslust in allen drey Monaten ungesehen zu überlassen. Dies hat zu folgendem 
Sinngedichte Gelegenheit gegeben: 

„Bilde dir nicht ein, o Monat Redscheb, dass sie (jene Andächtigen) 

den Schaban halten! 
Hier giebt es Heilige, welche den Ramazan verschlucken')." 
Noch heute giebt es Strenggläubige, welche während des ganzen gesegneten 
Quartals fasten und beten, fi-eilich wohl nur in geringer Zahl. 

Wenn ich mich nicht täusche, sind diese vier Namen besonders in Rumelien, 
und wiederum die Namen Redscheb und Schaban in Albanien und Bosnien häufig. 
Von Pesten entlehnt sind die Namen Bairam (nicht zu verwechseln mit 
Behraml) und Mevlud. Letzterer ist nicht häufig. Mevlud bezeichnet das Geburts- 
fest des Propheten, das von Murad HL im Jahre 1558 eingesetzt und am 12. Rebi 1 
begangen wird (v. Hammer, Des Osmanischen Reichs Staatsverfassung und Staats- 
verwaltung 1, 468 fi".). 

Mit „Bairam" der Bedeutung nach identisch ist der arabische Name „Mu'id". 
Schon weiter ab liegt der Name Kadri: so heisst derjenige, welcher am 27. Ramazan, 
dem Tage der „Radir getschessi", der heiligen Nacht, geboren ist. 

Von Wochentagen werden, soviel mir bekannt, keine Namen abgeleitet. 
Parallelen zu den vorstehenden Namensbezeichnungen dürften sich bei allen Völkern 
finden. Bei den Griechen und Römern scheint ausser Januarius kein Monatsname 
als Personenname vorzukommen; wohl aber dürfte 'KaXdv^iwv den bezeichnen, der 
an den Kaienden des Jahres zur Welt gekommen ist (Kct)ictV(^a, neugriechisch 
= 1. Januar 2). Nach den Wochentagen sind benannt 

napao-xeijvf, neulateinisch Veneranda, = Freitag, 
Sabbatius, Sambatius, = Samstag, 
Kopiocxo'q, Kujaictxyj', = Sonntag. 
Von diesen sind UApacry.£v>i und KvpMxoq, letzterer in Ableitungen noch heute 
üblich; alle drei tauchen erst spät auf und sind jüdisch -christlichen Urspnmgs. 
Dasselbe gilt vermutlich auch für Januarius und KctXavciiwv. 

Berlin. Martin Hart mann. 



1) Dageg-en drückt sich der alte Thomas Smith, De moribus ac institutis Tm-carum 
Oxonii 1674 S. 45. so aus: non dcsunt qui jcjunandi tcmpus, stultä apud Dominum meriti 
opinioue, mcnsc superiori incipiuiit, sed non ultra limitem finalem a MohaninKHlo fixum 
e.\tendendum est. 

2) Vgl. den armenischen und persischen Namen Nevruz = Neujahr. 



Kleine Mitteiluugen. 323 



Die drei heiligen Jungfrauen zu Meransen. 

Fn meiner Sammlung „Sagen ans Tirol" (2. Aufl. Innsbruck 18!U) schrieb ich: 
„Auch in Latzfons soll die Legende von den drei hl. Jungfrauen bekannt sein 
und alte Leute haben gesagt, dass sie in einer Fclsenkapelle vor den wilden 
Heiden, die sie verfolgten, Zuflucht gefunden haben." S. 31. — Bei späterem 
Nachgehen fand ich diese Überlieferung bestätigt, ohne weitere Züge dieser Sage 
zu erhalten, erfuhr aber, dass zur Zeit der Dürre die Latzfonner nach 
Meransen wallfahrten, um Regen zu erbitten, oder zur Zeit epidemischer Krank- 
heiten dort Hilfe zu suchen. Da diese Kreuzgänge in sehr alte Zeit zurück- 
reichen, ist ein früher Kult der sagenhaften Heiligen an beiden ziemlich fern 
liegenden Orten, eine Verbindung zwischen beiden nicht zu leugnen. 

Prof. W. J. Hey 1 hat im „St. Kassian-Kalender für 1891" einen Aufsatz „Eine 
Volkssagc aus dem Eisackthal. Die drei Jungfrauen von Meransen" S. 57 — 61 
veröffentlicht, den wir, was Latzfons betrifft, in bündigerer Form mitteilen, denn 
die Legende von Meransen ist ausführlich in meiner Sammlung, S. 29 — 31, ge- 
geben und auf die einschlägige Litteratur, S. 596, verwiesen. Nach Heyl ritt in 
uralten Zeiten ein heidnisch Volk von Morgen her, dessen vorderster einen Götzen 
mit drei Köpfen trug, wie dieser noch heute zum ewigen Gedächtnis zu Brixen 
als Standbild zu sehen ist. Drei königliche Jungfrauen flohen vor ihnen auf den 
Berg, wo Latzfons liegt. Hier wohnten sie einige Zeit verborgen, beteten und 
fasteten und gaben viel Almosen, denn sie waren sehr reich. Der heidnische 
König erfuhr aber ihren Zufluchtsort und wollte sie fangen lassen. Die Königs- 
töchter wurden aber gewarnt und flohen gegen Meransen. Am frühen Morgen, 
als sie den Berg halb bestiegen hatten, rasteten sie ermattet auf einem Steine. 
Es wird nun die Erhörung ihrer Gebete und die bekannte Legende, wie sie an 
Meransen haftet, berichtet. Heyl teilt dann die Sage, wie sie in Latzfons er- 
zählt wird, folgendermassen mit. 

In uralter Zeit brachen Kriegsstürme und Drangsale über Wälschland herein 
und die Christen wurden mit Feuer und Schwert verfolgt. Damals lebten drei 
fromme Schwestern dort und suchten ihr Heil in der Flucht und kamen gegen 
Sähen, wo ein Bischof wohnte. Deshalb nahmen sie ob Sähen in Latzfons ihre 
Wohnung und pflogen eifrigen Gottesdienst. Wie dies die Latzfonner, die noch 
blinde Heiden waren, sahen, verhöhnten und bedrohten sie die frommen Jung- 
frauen. Da sprach einmal die älteste zu den Götzendienern: „Weil ihr uns, die 
euch nur Gutes gethan haben, so kränkt, gehen wir fort. Aber schwere Zeiten 
werden über euch und eure Kinder kommen und nie werden diese Ruhe und 
Frieden haben, bis sie uns im Grabe besuchen und eure Unbill sühnen." Dann 
schnallten sie ihre Bündel und zogen auf den Berg von Meransen. 

Die Latzfonner hatten nun böse Jahre; Krankheiten, Unwetter und Misswachs 
hörten nicht auf. Da gedachten sie traurig der drei Jungfrauen und wünschten 
sie zurück. 

Sie bekehrten sich, bauten eine Kii'che und zogen mit ihrem frommen Priester 
nach Meransen, um der Jungfrauen Fürbitte zu erflehen. Sie fanden aber die- 
selben nicht mehr am Leben, hörten aber von ihren Wunderthatcn viel erzählen. 
Da beteten sie mit grösstcr Andacht und siehe, von nun an war in Latzfons 
Misswachs, Hungersnot und Siechtum verschwunden. Die drei hl. Jungfrauen 
standen weit und breit in höchsten Ehren. Wallfahrer kamen aus Nah und Fern. 



324 Zingerle: 

Merkwürdig ist, dass die drei Jungfrauen im Ablassbriefe von 1500 den 11000 
Jungfrauen der hl. Ursula beigezählt wurden. Hochverehrt war auch die Stätte 
„zur Linde" (,, Jungfrauenrast") , wo die drei Heiligen ihre Rast gehalten hatten. 
Seit 1515 fanden zahlreiche Wallfahrten und Bittgänge mit Kreuzen und Fahnen 
statt und an Opfern für die Kirche in Meransen war kein Mangel. 

Die alte fromme Verbindung zwischen Latzfons und Meransen dauerte bis 
in die neueste Zeit fort. Die Latzfonner suchten in allen Drangsalen Hilfe bei 
den drei Jungfrauen. Als man im Jahre 1861 fürchtete, dass wegen anhaltender 
Trockenheit auf Feldern und Äckern alles zu Grunde gehe, ward ein Kreuzgang 
auf Meransen unternommen. Um Mitternacht zog man aus dem hochgelegenen 
Dürfe; in der schon Ulrich v. Lichtenstein bekannten Mahr (Merre) beschritt der 
Priester ein Reitpferd und nun ging es über Brixen und Schahs nach Mühl- 
bach, von wo sich der steile Weg nach Meransen abzweigt. Der den Bittgang 
führende Priester erzählte mir, dass er manchmal auf dem Rosse einschlummerte, 
viele Beter seien schlafbefangen mechanisch weiter marschiert. Kein Wunder bei 
dem nächtlichen Zuge, der wenigstens sieben Stunden Weges zurücklegen musste. 
Nach einem folgenden Bittgange ward das Gebet von den Jungfrauen erhört und 
bei der Heimkehr fiel so überreicher befruchtender Regen, dass eine ausser- 
ordentlich reiche Ernte folgte. 

Auch die Valser wallfahrten häufig zum heiligen Baume und zum 
Brünnlein auf der Jungfernrast. Als die Bittgänge nach Meransen mehr 
und mehr aufhörten, fing das Brünnlein auf der Rast zu schwinden an und mit 
dem letzten Wallfahrer wird es ganz versiegen. Sobald dies geschieht, naht der 
jüngste Tag mit dem Antichrist. 

Der auch verbreitete Glaube, dass die drei Jungfrauen aus Augsburg ge- 
ilohen seien, weist auf Bayern, wo der Kult der drei Jungfrauen am verbreitetsten 
war, wie Panzer und Sepp nachwiesen. Da das Hochstift Augsburg viele 
Besitzungen in Tirol hatte und früher die regste Handelsverbindung zwischen 
dieser Stadt und Bozen herrschte, ward früher bei uns Augsburg für die Haupt- 
stadt Bayerns angesehen. 

Im alten Kirchlein von Clerant auf dem Mittelgebirge bei Brixen sieht 
man unter den alten Fresken auch die drei Jungfrauen, welche die Namen: 
S. Ampet, S. Gewer und S. Bruen tragen. 

An die Heiligen in Meransen knüpft sich auch eine neuere Sage. Als die 
Franzosen 1809 gegen Meransen vorrückten imd die Jungfrauenrast erklommen, 
qualmte der Berg und es erschienen die Heiligen in blendendem Scheine und 
drohten den Feinden, die erschrocken rasch die Flucht ergriffen. 

Gufidaun bei Klausen in Tirol. Ignaz Zingerle. 



Lügenreime. 

L Aus Ostfriesland. 

Ik wil jo wat fertellen 
un legen, wat ik kan: 
Ik sag 'n mölen liegen, 
de müller d"r a^ter an. 



Kleine Mitteilungen. 325 

As ik in Lammerdiden kwam, 
sag ik dar so'n grot wunner an: 
Püskatje sat bi 't für un spun, 
dat kalf lag in de weg un sung, 
de hund, de karn de botter, 
de fleddermiis, de fegd' dat hüs, 
de swälfkes drogen de drek derüt 
mit hör fergüllen flögelkes. — 
Siind dat not dikke lögentjes? 

jo - euch. legen = lügen. Lammerdiden = Lombardei. karn, verkürztes Prät., 
für karnde, zu kamen: buttern. 



2. Aus Meiderich, Keg.-Bez. Düsseldorf. 

„Küklekük", seed ussen Hahn, 

truck sin Stofels mit Sporen an, 

gung dermit na fräen 

na Lapedäen 

Äss ick van Lappedäen kom, 

hör äss, watt ick do vernom: 

Die Kuh, die sat be t Für un spunn, 

datt Kalw, datt lag in de Wieg un sung, 

denn Hund, denn kann' de Botter, 

die Katt', die wies die Schottle. 

Die Flerr'mus, die kerr'n et Hüs, 

die Schwall', die drog denn Dreck herüt, 

die Rrai sät upp ctt Hecken 

un sagg, ett wor'n all Gecken. 

Die Sog lag achter denn Omend 

un sagg, ett wor gelogen. 

Varianten eines in Niedcrdeutschland verbreiteten Lägengedichtes, vgl. Volkstüm- 
liche Lieder aus Norddeutschland, herausgegeben von Ph. We gener. Leipzig 1879. 
S. 94 — 97. K. Simrock, Das deutsche Kinderbuch. Frankfuii a. M. 1857. Nr. 463 
bis 465. 

Meiderich. C. Dirkscn. 



Kindergeschichte vom armen Jan. 

Ostfriesisch. 

Jan wul pankok bakken. 
Pankök fung an f schören. 
do Icp Jan na de dörcn. 
Dören wassen to, 
do lep Jan na de ko. 
Ko wul hum stöten, 
do lep Jan na de nöten. 
Nöten wassen rund, 
do lep Jan in d' strunt. 

Zeitschrift d. Vereins f. Volkskunde, 1892. 



326 Prem: 

Strunt was so nat, 
do lep Jan na d' stad. 
Stad was so grot, 
do lejo Jan sük dod. 

Vs. 2. t' = to — 9. Strunt, Dreck. 



C. Dirksen. 



Mittelalterliche Wunder- und Seliatzsagen aus Tirol. 

Aus dem reichhaltigen Aktenbändel A VII -29 des Statthaltereiarchivs in Inns- 
bruck habe ich in der Zeitschr. f. d. Altertum, Anz. 15, 144 und Z. 36, 51 — 53 
bereits mehrere Stücke mitgeteilt; ich lasse hier zwei weitere grössere Beiträge zur 
Kenntnis tiroUschen Volksglaubens folgen, die durch den Inhalt für sich selbst 
sprechen. Sie sind aber auch in Hinsicht auf die Form nicht uninteressant, daher 
biete ich sie in diplomatisch genauer Abschrift. Zwei kurze Proben, die hier klein 
gedruckt erscheinen, brachte die genannte Zeitschrift'). 

Der hl. Wolfgang. Bischof von Regensburg am Ausgange des 10. Jahrhunderts, 
wird in Ober- und Niederbayern, sowie im angrenzenden Teile von Franken, Ober- 
österreich und Osttirol viel verehrt. Aus einem oberbayerischen Wallfahrtsorte 
des Landgerichts Haag berichten die unten folgenden Wunderaufzeichnungen, die 
ich vollständig gebe. Das Eingangswort item deutet übrigens auf andere derartige 
Aufschreibungen hin, die nicht mehr vorhanden sind. 

Noch merkwürdigei- und kulturhistorisch wichtiger sind die leider nicht mehr 
vollständigen, von nekromantischem Hokuspokus begleiteten Aufzeichnungen über 
Schätze in Tirol. Sie bieten ein interessantes Seitenstück zu den Sagen, welche 
Reg.-Rat I. v. Zingerle aus derselben Quelle geholt und in der Zeitschr. f. deutsche 
Philologie 18, 321 f. veröffentlicht hat. 

1. Auf vier Blättchen eines jedenfalls erst später zusammengenähten Heftchens 
stehen mm die folgenden Aufzeichnungen über Wunder S. Wolfgangs: 

Item das sint dy zaichen des heyligen hörn sant Wolfgang in dem pueckholcz 
an Swindacher pfarr und in Hager graffsachft (so!). 

Item zw dem ersten mal ist ain stain gefallen auf ain kindt das man das kind 
für dott umb hat zogen auf ain stun (? dr Redlich: stund) also hat dy mueter 
sand wolfgang an gerüeft und das kind ab zewegen mit wachs also ist das kind 
frisch gesunt worden und der stain hat X Ib. swere. 

Item Wilhalm von Tolcz-) ist VII jär plint gewesen der hat sant wolfgang 
versprochen I Ib. wachs ist gesunt worden. 

Item schmid von Rot der ist XVIII jar grob zeprechen gewesen das jm chain 
arcz wolt helffen da versprach er sant wolgan ain pfund wachs da wäre er frisch 
gesunt. 

Item ain odlig fraw von Osterreich dy hat in IX jaren nit geret also hat sy 
sich versproch. gan dem lieben herrn sant Wolfgang mit zwein almoscn alspald 
sy in dy kirchen kam da wäre sy frisch gesunt. 



1) Dem Aktenbündel ist ferner einverleibt eine lateinische Abhandlung über die 
Wissenschaften von Maf,^ Joannes Hellerus Aenipontanus, d. d. Friburgi 14. März 1581. 
ein lateinischer Psalmenauszug und eine „oratio de fortuna". 

2) Tölz an der Isar. 



Kleine Mitteilungen. 327 

Item mer ain edlig fraw von Osterreich dy hat in XY jaren nit gesechen da 
versprach sy sant wolfgang ain siiiii gelcz in den stock da wart sy frisch gesunt 
wider stat. 

Item Hanns Lindmair von Freyssing der ist XIIII jar geprochen gewesen der 
hat sich versprochen gan sant wolfgang mit seinen pinit alspald das geschach da 
wart er frisch gesunt. 

Item ain man von Dyefurt der ist zway jar plint gewesen der hat sich ver- 
sprochen gan sant wolfgang mit aim pfnnd wachs alspald das geschach, da wart 
er frisch gesunt an seinen äugen. 

Item Jörg von Semlhueb der ist gross zeprochen gewesen der vei'sprach sant 
wolfgang ain pfund wachs alspald das geschach da wart er frisch gesunt. 

Item ain fraw ist swanger gewesen dy hat dragen XIIII woclien und ist des nider 
kumen also das chain leben in dem kind nit was, da versprach dy mueter das kind gan 
dem lieben herrn sant wolfgang mit wachs abzewegeii alspald das geschach da wart das 
kind ki'isniet und däuft. 

Item Jörg Ganskopff der ist gros geprochen gewesen das ym chain arcz mocht 
helffen da versprach er sant wolfgang ain Ib. wachs und seinen punt alspald das 
geschach da wart er frisch gesunt. 

2. Auf zwei Blättchen kl. 8°, mit Faden geheftet und ebenfalls von ca. 1400, 
steht: .... man tarno dem abegat dar auf ligent stain. darunder grab fünf schuch 
so vindest du grossen schacz. 

In Tryendnergassen an der obern eher mit ii'en welffen dy sind goldes vol 
zw der heyligen stat zw der alten pruckke pey der pxirck hawbt da sind zway 
grab dar, in ist ein stain mit ainem chrawcz darunder grab fünff schuch so vindest 
ainen grossen schacz, da selben ist ein prun, der entspringt und flewst dar imie 
vindest dw ainen schacz mysch auch von dannen vier schuch und grab drey schuch 
tieff da vindest dir vyl goldes. 

Auf dem Melten do ist rozhawpt vnd ain cliraücz da enzwischen grab X schuch 
da vindtst du tysch gülden mit aller zirde und XV haffen voll golds und silber. 
Daseiben such ein chycz ergraben an ainem stain dar under grab siben schuch 
so vindest dw XI sawm goldes. Da engegen such ainen grchoten (?) menschen an 
ainem stain grab gen der sunn ze mitten tag X schuch da vindest du ain gülden 
tysch mit aller czyrde und ain chamer vol schacz. dasolben such ainen stain ain 
hörn (?) ergraben da grab III schlich gen dem tayl do dy sunn zc mitten tag stet 
da vindest du XI müt goldes und silbers. 

In sand Larenczy pharr an der stat no') (?) da ist ein hol und ain stain dar 
in ist gen der sunne vndergankch ain ros vol goldes und di'cy mawl und ein 
ochssen"-^) vol goldes und silbers. 

In dem Intal zw dem Hallein do sind zwo swoster junckchfrawen dye ze prich 
ze den prusten so vindest du vyl goldes. 

Ze Triendt da such ain hirssen in ainem necze ergraben dar vber grab und 
zeprich auch den hirssen, so vindest du vyl goldes; daselben such zwen tritt ains 
menschen und zwen wagen grab dar vber vnder drey schuch so vindest dw grosses 
gut und zw dem vorderen tayl da mis vier schuch so vindestu grossen schacz. 

Auf dem perg Burdana da such ainen essel vnd mys von seinem hawpt XV 
schuch so vindestu grossen schacz. 



1) übergeschrieben: da ist ein prunen pey des chunigs palast. 
2; ,, vnd III mau. 

22* 



328 Weiiihold: 

Da der Czyler') entspringt da such zway chräwcz vnd zwo slangen und mys 
von irem zag] vier schlich da vindest du grossen schacz. 

An dem end ze Triend so such zwo slangen hawbt an aiueiii stain ergraben, dar 
vnder grab da vindest du vyl guidein trinkchfas vnd mys da von vier schuch so vindstu 
zwyualtigen schacz. 

Ye mach ein chräwcz vnder dy äugen et die amen f amen f amorum f et 
ille deus adonay q dedit gratiam Jose])h in egypto vnd mer graciaz in conspectu 
omni qui me respiciunt in nomine et patris et fdij et Spiritus sancti amen, pater 
noster. 

Ohne mich weiter in Erklärungen und Deutungen einzulassen, bemerke ich, 
dass die übergeschriebene Angabe „da ist ein prunen pey des chunigs palast" 
vielleicht auf den „haidennisch kunig des gepirges Arostoges" geht, dessen .Fabel 
I. v. Zingerle aus einer gleichalterigen Handschrift des Statth. -Archivs zu Inns- 
bruck gezogen hat, Z. f. d. Ph. 18, 323. — Meine Quelle ist der Rest eines Heftes, 
dessen übrige Teile verloren sind, die Ränder imd teilweise auch die Textspatien 
des Blättchens tragen Pederproben von späterer Hand. 

Bielitz in Österr. Schlesien. Dr. S. M. Prem. 



Bücheranzeigen. 

Die Sagen des Elsasses, getreu nach der Volksttberliefemng, den Chro- 
niken und andern gedruckten und handschriftlichen Quellen, gesammelt 
von August Stob er. Neue Ausgabe, besorgt von Curt Mündel. 
Erster Teil: Die Sagen des Ober-Elsasses. Strassburg, Heitz und 
Mündel, 1892. S. XV. 151. 8^ 

Es ist erfreulich, dass dieses Werk des um deutsches Leben im Elsass hoch- 
verdienten August Stöber nach seinem Tode in einer neuen und vermehrten Aus- 
gabe wieder erscheint. Die Sagen des Elsasses von Stöber erschienen zuerst 
St. Gallen 1852 (Neue Titelausgabe 1858). Der treue Sammler hat dann in der 
Zeitschrift für deutsche Mythologie imd Sittenkunde von J. Wolf, imd besonders 
in seiner Alsatia viele Nachträge gegeben. Alles dieses und eigenes Neues ist 
von dem jetzigen Herausgeber C. Mündel dem Buche eingefügt worden. Dazu 
sind dankenswerte Quellennachweise und Anmerkungen gekommen, die den Wert 
der Ausgabe erhöhen. 

Der zweite Band, die Sagen des Unter-Elsasses, soll Anfang 1893 erscheinen. 
Derselbe wird auch ein Sachregister bringen, das allen Sagensammlungen zu 
wünschen wäre. K. Wein hold. 



Sclileru-Sageu und Märchen von Martinus Meyer. Innsbruck, Wagn ersehe 

Uuiversitäts- Buchhandlung 1891. S. 268. 8^ 

Das Buch wird .,Sommerfrischlcrn" am Fasse des Schiern Vergnügen machen. 
Der Verfasser, ein guter Zeichner und Aquarellmaler, giebt uns gehmgene 

1) ZiUer in Tirol. 



Bücheranzeigen. 329 

Landschaftsbilder, zeigt feine Beobachtungsgabe für das Sinnen und Leben des 
Volkes, das er uns treu und mit Glück erzählt, — aber echte Sagen und Märchen 
begegnen uns selten im Buche, wenn sie auch oft die Grundlage der hübschen 
Erzählungen bilden. Der grösste Teil giebt uns anmutende Phantasieen des talent- 
vollen Schriftstellers. Zu bedauern ist, dass wir hier manchen Stellen begegnen, 
die aus der Luft gegriffen sind und weiter dringen werden. Dies gilt von dem 
„Hauensteiner - Tann", der im Buche eine Hauptrolle spielt. Ln Vorworte 
heisst es „der hochromantischen Waldidylle, schon in ältester (!) Zeit unter dem 
Namen der „ Hauensteiner - Tann " bekannt". S. 157 liest man „vordem von 
mächtigen, Jahrhunderte alten Stämmen bewachsen war und schon in den alten 
Heldenbüchern als der sagenhafte mid mythenreiche Hauensteiner-Tann 
gefeiert und besungen worden ist". S. 264 „So hatte Wolf Dietrich (sie) von Bern 
sein unbesiegbares Schwert und sein undurchdringlich Panzernetz von den Zwergen 
des Hauensteiner-Tanns erhalten". Wir würden dem Verfasser sehr dankbar 
sein, wenn er uns die Quellen, aus denen er dies geschöpft hat, nennen würde. — 
Unseres Wissens kommt der genannte Tann erst in Oswald v. Wolkensteins Ge- 
dichten vor. — In der reizenden Erzählung „Margarethas Schwan" S. 243 ist das 
alte, längst widerlegte Märchen, dass Oswald v. Wolkensteins Frau vor ihm 
gestorben sei, wiederum aufgetischt. — So Schönes das Buch auch als Dichtung 
bietet, für die Forschung ist es ohne Wert. 

Gufidaim. Ignaz Zingerle. 



Le Folklore Walion par Eugene Monseur. (Bibliotheque Beige des 
connaissances modernes, vol. YL) Bruxelles, Ch. Rosez (1892). 
S. XXXYI. 144. 8^ 

Der eifrige Leiter der Societe du Folklore wallen, Hr. Prof. Monseur von der 
Brüsseler Universität, beantwortet in diesem empfehlenswerten Büchlein zuerst die 
Frage: Q'est-ce que le Folklore? Am Schluss dieser interessanten Einleitung erklärt 
er den Folklore als einen Trümmerhaufen aus allen Zeitaltern, vergleichbar den 
Pflanzenabdrücken auf Steinkohlen und den Knochen vorsündflutlicher Tiere. Er 
lässt die ganze alte Menschheit wieder aufleben. Man muss diese Trümmer 
sammeln und studieren; sammeln, weil sie bald verschwunden sein werden, 
studieren, weil in einem albernen Dorfaberglauben ebenso wie in einer Erzählung 
aus dem innersten Afrika sich die Lösung eines dunkeln Problems der moralischen 
Geschichte des Menschen finden kann. Den Hauptteil des Buches bilden Proben 
des wallonischen Folklore, nach Kapiteln geordnet, und in naher Beziehung zu 
dem Qucstionnaire de Folklore (Liege 1890), den wir in unserm I. Bande S. 454 
angezeigt haben. Ein Register kommt der Benutzung des Buches sehr zu statten. 

K. Weinhold. 



The Folk-lorist. Journal of tlie Chicago folk-lore society. Vol. I. no. L 
July 1892. Chicago. Fletcher S. Bas satt, editor. S. 82. 8". 

Die Chicago Folk-lore Society hat sich im Dezember 1891 gebildet, um die 
Volksüberlieierungen hauptsächlich der Landschaften im Westen der Alleghenies 
zu sammeln und zu veröll'entlichen. Das vorliegende Heft soll der Vorläufer einer 
regelmässig erscheinenden Zeitschrift sein. Aus dem Inhalt desselben heben wii- 
heraus: Nachlese in Mexikanischer Volkskunde, von L. Aynie; die Geschichte von 



330 Weinhold: Bücheranzeigen. 

dem Geistertanz mit zwei dazu gehörigen Liedern in Siouxsprache mit englischer 
Übersetzung von G. Sword; zur Negervolkskunde; Volkstümliches aus Illinois 
(hübsch erzählt von Helen M. Wheeler); der böse Blick (the evil eye) von Rabbi 
Em. Hirsch. 

Wir wünschen der Gesellschaft und ihrer Zeitschrift das beste Gedeihen. 

K. Weinhold. 



Die Treue im Spiegel der Spruchweislieit. Von Leoiihard Freund. 
1. Deutsche Sprüche und Sprttchwörter. Zweite, durch Nach- 
träge vermehrte Ausgabe. Leipzig, Kösslingsche Buchhandlung 
(H. Graf) 1892. S. 50. 8". 

Das kleine Heft ist auch als Volksweisheit und Wcltklugheit. Studien auf 
völkerpsychologischen und socialethischen Gebieten, Heft 1, etwas anspruchsvoll 
bezeichnet. Es sind darin unter einer Zahl von Kapiteln deutsche Sprüche und 
Sprüchwörter gesammelt, die sich auf Treue und Untreue, in einer sehr weiten 
Bedeutung dieser Worte, beziehen. Als Schluss ergiebt sich dem Verfasser, dass 
Treue, Ehre und Wahrheit bewegende Kräfte des deutschen Lebens sind. Fran- 
zosen, Italiener, Russen sollen später unter jenem Gesichtspunkt behandelt und 
darauf kurz auch Finnen, Ungarn und Chinesen untersucht werden auf Treue und 
Ehre im Spruch. K. W. 



Abhandlungen von A. Treichel. 

Herr A. Treichel, Rittergutsbesitzer auf Hoch-Faleschken in West-Preussen, 
unser geschätztes Mitglied, hat uns kürzlich eine Reihe seiner Aufsätze gütigst 
geschickt, welche in Freussischen Zeitschriften erschienen sind. Wir wollen auf 
einige derselben, die unser Gebiet berühren, aufmerksam machen. 

Provinzielle Sprache zu und von Tieren und ihre Namen (aus der 
Altpreuss. Monatsschrift Bd. XXIX. Heft 1. 2): eine sehr reichhaltige Samm- 
lung. Wir machen besonders auf den Abschnitt von den Hundenamen 
aufmerksam. 

Provinzielle Kegelrufe. — Sprüche beim Binden und Hansen (Alt- 
preuss. Monatsschr. Bd. XXVL Heft 5. G). 

Dialektische Rätsel, Reime und Märchen aus dem Ermlande. (Ebd. 
Bd. XXVII. Heft 3. 4.) 

Das Beutnerrecht von Gemel, Kr. Schlochau. (Zeitschr. des histor. Vereins 
für den Reg.-Bez. Maiienwerder, Heft 23), Abdruck eines Beutner (Bienen- 
züchter) -Weistums von 1689, mit Bemerkungen. Zu der angeführten Lite- 
ratur wäre nachzutragen 

Ulrichs, Das Büthenerrecht im Lande Laucnlnirg und Biitovv. Berlin 1792. 



Litteratur des Jahres 1S91. 



331 



Litteratur des Jahres 1891. 

Von Dr. Max Laue. 

(Fortsetzung.) 



Die nichtgermanischen Völker Europas. 

I. Oraeco-Italiker. 

1. Äusseres Leben. 



Lübker, lieallexikon . . . hrsg. v. Erler. T.verb. 
Aufl. Leipzig, Teubuer. VI, 1332 S. M. 14,00. 

— , Lessico ragionato della antichitä classica, 
della sesta edizione tedesca tradotto con 
molte aggiuute e correziouidaCarloMurero. 
Roma, Forzani e compagiii. 8°. 

Xettleship & Sandys, Dictionary of classical 
aotiquities, adapted froni the work of pro- 
fessor Seyifert. London, Sonnenschein. 4". 
710 S. 21 sh. 

Smith, W.iyte, Marimlin, A dictionary of 
Greek and Roman antiquities. 3rd ed. reviscd 
aud enlargod. I. London, I\[urray. 



Pauli, AltitaHsche Forschungen. 3. Bd. [Bd. 1; 
1885, 2: ISSfi]. Die Veneter und ihre Schrift- 
denkmäler, gr. 8". (IX, 470 S. mit 2 Licht- 
fbucken und 7 zinkographischen Tafeln.) 
Leipzig, J. A. Barth. M. 40.00. [Darin als 
besonderer Abschnitt ..Das Volk".] 

ßarrili, Gli antichissimi Liguri. (Ateneo ligure 
XII, 7— 4G.) 

Bruginann, Umbrisches und Oskisches. (S.A.) 
Leipzig. 39 S. 

Gfriechische und römische Portrait» nach 
Auswahl und Anordnung von Hein. Brunn 
und Paul Arndt, hsg. von Ferd. B ruck- 
mann. 1. Lief.: Taf. 1 — 10 mit Textbeil. 
München, Verlagsanstalt f. Kunst un(nYissen- 
schaft. fol. M. 20,00. 

Curtius, Das menschliche Auge in der grie- 
chischen Plastik. (Sitzungsber. d. Kgl. Akad. 
d. Wissensch. 35, (591.) 



Becker, Bienenzucht und Bienenkenntnis der 
Griechen und Römer im Altert, nach (Jolu- 
mella bearb. M. e. Vorwort v. Dzierzon. 
Nürdlingen, Beck. IV, 42 S. M. 0,,Sit. 



Scliaafhausen, Die Schneckeuzucht der Römer 
(Jahrbücher d. Altertumsfreunde des Rhein- 
landes 90, 208). 

Rhode, thynnorum captura quanti fuerit apud 
veteres momenti. Leipzig, Teubner. 79 S. 
M. 2,00. 

Buschan, Das Bier der Alten. (Ausland 
Nr. 47.) 

Hirschfeld, Die Entwickelung des Stadtbildes. 
Im Altertum nachgewiesen. (Zeitschr.d. Ges. 
f. Erdkunde 24, 277-302.) 
Kiepert, Die alten Ortslagen am Südfuss des 
Idagebirges. (Zeitschr. d. Ges. f. Erdk. 24, 
290—303.) 
Jaspar, Studien über die Altertümer von 

Pergamon I. {EU.ng 3, 159.) 
Baziu, Nimes gallo-romain. Guide dutouriste- 
archeoiogue. Nimes, Michel. (2 Bl., III, 
300 S., 1 Bl.) = Villes antiques p. Bazin. 
Bd. 1. 
— , Vienne et Lyon gallo - romains. Paris, 
Hachette e CIo. (XII, 407 S., 2 PI., 1 Taf.) 
- Villes antiques p. Bazin. Bd. 2. 
de Marchi, Ricerche intorno alle 'Insulae' 
Gase a Pigione di Roma antica. Con una 
tavola. Memoria presentata al Reale Istituto 
Lombardo di Scienze e Lottere nell' adu- 
nanza del 14. niaggio 1891. Milano. IV, 
GS S. 
DUbi, Studien zur Geschichte der römischen 
Altertümer in der Schweiz. Programm, Bern, 
j Huber. 4». 42 S. fr. 1,50. 
Back, Römische Spuren und Überreste im 
oberen Nahegebiete. 1. Abt. Programm. 
Birkenfeld. 8". 91 S. 
Mertz, Der Römergang in Köln. (Mit 5 Abb. 
I im Text.) (Jalirb. d. Altertumsfr. d. Rheinl. 
i 90, 67.) 



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Laue : 



Lewis, Roman antiquities of Ratisbon and 
Augsburg. (Archaeol. Journal No. 190.) 

Kiräly, Ulpia Trajana Augusta Colonia 
Dacica Sarmizegetusa Metropolis. Dacia 
fövärosa, a mal Varhely Hunyadmegyeben. 
Budapest, Verl. d. Athenäums. 178 S. (vgl.