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Full text of "Zeitschrift für Volkskunde"

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für Volkskunde 1901. 



Taf. V. 




Dr. Karl WeinhoM 



ZEITSCHRIFT 






Vereins für Volkskunde 



Neue Folge der Zeitschrift für 1 

begründet von M. Lazarus und H. St 



Im Auftrage des Vereins 



heran 



Karl WVinliohl. 



Elfter Jahrgang. 




M "' T ' x; - 



BERLIN. 
Verlag v n A. As her & Co 






i 



Inhalt 



Abhandlungen und grössere Mitteilungen. 

die Bedeutung des Haselstrauchs im altgermanischen Koitus und Zaul 

wesen. Von K. Weinhold l IG 

Die Heise der Seele ins Jenseits. Von Julius von Negelein I. AI i 

Seele. II. Reiseweg der +>•<■]<■. IM. Versucht di< Seele an der Rückkehr 

zu verhindern) 

Von dem deutschen Grenzposten Lasern im wälschen Sadtirol 

Von J. Bacher (II. Geschichten in Luserner Mundart No. 16 88. Ili. 

Meinungen, Bräuche und Sprüche 1 66). .28 37.169—180.290 296. u 

Geschichten aus Bamberg. 1—6. Mitgeteilt von Helene Raff 

Der Ort der Hochzeit auf [sland zur Sagazeit. Von Bernhard Kahle ... - 
Zwei alte Gerichtsstätten in den Bheinlanden. Von 0. Schell L. Feldkirchen 

bei Neuwied; 2. Kyllburg in der Eifel; 3. Elemlingrade im B i 

4. Wildb'erg im Bergischen). Tat. I und IV 17—4 

Die Verwendung >ler Pflanzen durch die Kinder in Deutschböhmen und Ni< 

Österreich. Von E. K. Blüm ml und A. J. Rott 19 

sereime aus Anhalt. Gesammelt von 0. Härtung 

Sagen aus Nordthüringen. Im Volk'' gesammeil von I;. l:. icbhardt I. Bann 

sagen. II. Hezensagen. III. Schatzsagen 

Braunschweigische Volksreime. Mitgeteill von 0. Schütte 
Die Eiserkuchen der Zerhster Gegend. Von I . I 

Die altnordischen Rätsel. Von Andreas Heusler 

Ruthenische Hochzeitgebräuche in der Bukowina. Mitgeteill von tt. F. Kaindl 

■ 

Über einige Votivgaben im Salzburger Flai bgau. 

Zu Goethes Parialegende. Von Theodor Zai 

Sankt Michaelsbrot Von Max Höfler. . 

Der Wassermann im schlesischen Volksglauben. Von 1' Dre< l 

St Hubertus-Schlüssel. Von Max Höflei ... 

Beiträge zur Flora der Friedhöfe in Nieder-Österreich Von E. K. Blümml 

Die Frau im Islam. Von Martin Hart mann 

Ein dänisches Märchen von Petrus und dem I 

J. Bolte 

Abergläubische Gebräuche aus dem Mittelalter. Von G. Mi I. . . 
Das deutsche Spottlied auf die Flucht d Heinrich \ 

geteilt von Adolf Hauffen 

Zu dem Volksliede von der Tochter des Kommandanten zn i 

Karl Reissenberger 

Der böse Blick in nordischer Überlieferung. Von H. F. Feilb 

Beilagen 



IV Inhalt 

halten am 25. Oktober L901 im Verein für 

Volks! 1 rlin * d Mai Roedi ger 353 

\ teichnis dei Schriften Weinholds. Von Mai Roediger. . 364 376 
Von Jol rone Bolte l. Verbreitung 
and Inhaltsübersicht; II. Die ftltesl Pa [II. Die portu- 

1 .i .-im. 1\. Die italienische I V. Die Deutungen der 

Zahlcnreih« 1 12 376—406 

im Seelenglauben und rotcnkult. I. Von Julius von Negelein . I"*'.- 120 
Von de l.i Martinieres Reise nach dem Morden. Von Bernhard Kahle. . . . 431—443 

; . Ilerrecht. Mitgeteilt von Hans Schukowitz 152—455 

Die Hedwig-Sohlen. Von Max Böfler. Mit Tafel VI 455-458 



Kleine Mitteilungen. 

Ein hochdeutscher Augensegen in einer Cambridger Handschrift des L2. Jahr- 
hunderts Herausgegeben von K. Weinhold 79—82. "226 

Ipfer-Bärmutter als Stachelkugel. Von M. Höfler 82 

Zur Zeitschrift des Vereins für Volkskunde X. 100. Von C. F. Seybold. . . 82— 83 

Blau als Trauerfarbe. Von K. Weinhold 83 

Ein Viehsegen aus Mecklenburg gegen die neunerley Elven. Von R. Wossidlo 83 — 84 

aus Preussisch-Litauen. Von V. Jahn hinterlassen 84 

Alt-Münchener Festgebäck. Von Helene Raff 84 — 87 

Ein Brauch in der Krossener Gegend. Von R. Mielke 87— 88 

Karl Julius Schröer f. Von K. Weinhold 213— 214 

Der Palmbusch in den Niederlanden. Von K. \V 215 — 216 

I>a- Notfeuer im Braunschweigischen. Von 0. Schütte 216—217 

Weiteres zu den Zanberpuppen. Von R. Mielke 217 — 218 

Bäuerliche Kraftspiele am Ahersi Salzburg). Von G Zcller 218—219 

Volksmeinungen von der bayerisch-österreichischen Grenze. Von Helene Raff 219—221 

Sterbende werden auf die Erde gelegt. Von K. \V 221 

las echte Tirolerlied (nach Zangerle . Von K. VY 222 

Wochenzettel für den kärntischen Bauerntisch. Von K. \Y 222 — 223 

Das Hutzahaus im Egerland. Von Jos. Köhler 223 — 224 

Schwi i Blümml und Rot'. Verwendung der Pflanzen. Von 

Augusl Vetter 224—226 

Zu dem Cambridger Augensegen. Von K. W 226 

trag zum Traum vom Schatz, auf der Brücke. Von A. Hauff en .... 226—227 

enn der Himmel war Papier. Von Th. Zachariae 331 

]>a- Hän ein im Braunschweigischen. Von 0. Schütte 332 

Der Nikolausabend am Abersee im Salzburgischen. Von <!. Zeller 334 — 335 

Sagen vom Rübezahl 336—337 

Braunschweigische Sagen. Von 0: Schütte Geister; Hexen; Unruhe im" Grabe; 

Spuken Kreuzstein. Schöppenstedter Streiche 333 — 340 

Kröte als Gebäckmodel. Von M. Höfler 340-341 

ickermärkischer Brauch bei der Brautwäsche. Von R. Pet'sch.' 341 

Zum Hubertusschlüssel. Von 0. Schell 342 

Zwei Volkslieder aus dem Geiselthal bei Merseburg. Von M. Adler 459 — 461 

Braunschweigische Abzählverse. Von 0. Schütte 461 

Drohung und Verspottung beim Versagen einer Bitte. Von 0. Schütte . . . 462 

Erziehung zur Aufmerksamkeit Von 0. Schütte 462 

Das Vogelnest im Aberglauben. Von H. Lewy 462—46:5 

Volkstümliches aus Jonathan Swift. Von 1". Ilwof 463 — 464 

Zu Heinrich Kaufring i \ o K. Euling 464 — 465 

Alexander Treichel f. Von E. Lemke 465—466 






Bücheranzeigen. 






Archiv ti'u Religionswissen i haft, bei 1 1 1 i 

vmi K Weinhold) 

Bass, A.: Deutsche Sprachinseln in Südtirol am 
Bernsl ein, J.: Catalogue des livrej pari mi 

de J. B. A. 11 rück ner) 

ßiunck, A. Volkskundliches aus Garzigar. 

Dähnhardt, <>.: Heimatklänj lauen I (K Weinhold 

Drechsler, P.: Das Verhältnis des Schli 

K Weinhold; 

Farsetti, K.: Quattro bruscelli senesi. — Befanati di 

(A. Toblcr) 

er, M.: Osterlandsagen. Sagen, Bilder and Geschieh! 

burger Ostkreise (K. W.) 

Hager, <;.: Die Weihnachtskrippe, ein Beitrag zur Volkskunde ai 

bii bti R. Mielki 

Herrmann, Max: Jahrmarktsfesl zu Plundersweili hungs- und Buhnen- 
geschichte (R. M. Meyer) 

Hoffmann von Fallersleben: Unsere volkstümlichen r.ieder, 1. Aufl. bi 

von K. II. Prahl J. Bolte 

John. A.: Unser Egerland IV K. \\ 

Justi, I'.: Hessisches Trachtenbuch II K Weinl 

Kallas, 0.: Achtzig Märchen der Ljutziner Esten J. Bolte 

Köhler, R.: Kleinere Schriften herausg. von J. Bolti II III K. Weinhold 
Maclagan, R. Craig: The Games and Divei Irgyleshire \ Zupil 

Meyer, Heinrich: Die Sprache der Buren K. V\ 

Deutsche Mundarten, herausg. von J. W. Nag] I. I 

[Natesa Sastri , Tales of Tennalirama Rieh. Schmidt l"l 

Politis, N. G.: noQoiftku I II K. Di( terich 

Gebräuche und Sprichwörter des Allgäus, Heft 11 19 K.Vt 
Rumpe, R.: Wie das Volk denkt. Allerlei Anschauungen 5 Iheil und 

Kranksein M. Bartels) 

Schönbach, A. E.: Studien zur Geschichte der altdeul ch d Predi 'II l 

uisse Bertholds von Regensburg zur Volkskunde M. Roedij t 
Schrader, 0.: Reallexikon der indogermanischen Altertumskundi 1 II 

E. Zupitza) 

Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch dei I ^ 

K. Weinhold 

Sebillol . 1'.: Contes des Lan ' u 

Derselbe: Le Polklon beurs K. W. , 

Stieda, L.: Anatomisch - archäologisch Studien I: D 

II: Altitalische Weihgeschenki M. Bartelf 
Tiffaud: L'exercice illegal de La mede< ine dan Bas-1 

Vogt, Fr.: Die Bchlesischen Weihnachtspieh J. 1 

Wichmann, Y.: Wotjakische Sprachproben I II K. W. 

Aus den Sitzungs-Protokollen as für Volkskunde. V n M. B 
und .1. Bolte ...it Tal II -III) 109 -116. 21 



Keeister 






(her die Bedeutung d(>> Haselstrauchs 
im altgermauischen Kultus und Zauberwesen. 

Von K. Weinhold. 



Die mythologische Botanik ist ein Ausschnitt der Mythologie von 
mannigfachem K<iz. der durch zahlreiche Fasern mit <\<'\\ andern IVih-n 
verbunden ist. Das Leben, das alle Natur erfüllt, durchdringt das kleinste 
Gras, wie den mächtigen weitschattenden Baum. I>i" geheimnisvollen, 
Heil uii'l Vernichtung bringenden Kräfte, welche der Mensch in unschein- 
baren Kräutern durch die Erfahrung an Beinern Leibe erkannt hatte, I 
ihn darin eine übermenschliche Kraft fürchten und verehren. Göttliche 
oder halbgöttliche Gestalten glaubte man in den Bäumen wohnend und 
wirkend und widmete ihnen ehrfürchtigen Dienst mit Gebet and Opl 
Dazu kam die phantastische Übertragung der Baumgestalt auf baumai 
Wolkengebilde, in denen sich die gewaltigen Naturerscheinungen von 
Wind und Wetter vollzogen und die Macht der grossen Götter sich 
fühlbar offenbarte. So war Grund genug, Pflanzen, Sträucher und Bäume 
zu der dämonischen und mystischen Welt in Beziehung zu setzen und mit 
dem Kultus in all seinen Verzweigungen zu verbinden. Nicht gerade für 
alle lässt Bich «las noch wahrnehmen, wohl aber dir eine gewählte kleinere 
S.har. Ich sehe hin- von den Kräutern ah und babe Bäume und baum- 
artige Sträucher im Auge. Da ich auf meinem Grund und Boden zu 
bleiben begehre, nenne ich nur deutsche: Mi- Esche und Eben dir 

Buche und Eiche, die Weide, dann den Elxen- oder Elaenberbaum (prunua 
padus), den Weissdorn (Crataegus . den 11 lunder (sambucus), den Wach- 
older (juniperus) und die Hasel. Ober letztere will ich mich biei 
breiten, weil alter Gläobe, deT im - Aberglauben fortwirkt, ihr 

eine nuz besondere Bedeutung und deshalb auch Verehrung zuerkannt hat. 



Die Hasel war ein dem Gewittergott geweihter baumaxi 

Als die Dänen im Jahre 851 Dublin eroberten, macht. a zum Mit! 

punkt der nordmännischen Macht. Das dort herrschende Geschlecht I 

Zeii^chr. d. Vereins f. Volkskunde. 19ul. 



Weinbold : 

Thonars- (Tomairs-) Geschlecht; ein grosser, dem Thonar geweihter Wald, 

oder Thöra-Hain (caill Tomair, Irisch) breitete sich weithin 

N(1I , der Stadt längs der Küste des Liffeyflod aus. Derselbe bestund Dach 

den irisc in Quellen aus Haseln. Als der christliche Irenkönig Brian von 

Munster im Jahre 998 Dublin erstürmte and verwüstete, liess er den 

Thonars-Hain niederhauen and verbrennen. (.loh. Steenstrup, Normannerne 

;. 359, w,, bewiesen wird, dass Toraair der nordische Thonar ist: 3,350). 

1>;.' Heidengötter wurden von den christlichen Bekehrern zu Unholden 

o Dämonen . zu Teufeln und Hexen herabgesetzt. Wenn es mm 

Doch jetzl in Luzern heisst, dass der Teufel den Hexen unter Haselstauden 

oe Schweiz, [diotikon 11. 1675) mnl im Oldenburgischen, dass der 

Teufel alle Bäume einmal in Haseln verwandeln werde (Strackerjan, 

Aberglauben und Sagen aus Oldenburg, §349), so hört man darin die 

Nachklänge von dem Glauben 1. an den Verkehr des Heidengottes mit 

seinen Priesterinnen im Haselbuschj und 2. des Glaubens alter verstockter 

Heiden, ihr Gott weide einst seine Heiligtümer wieder aufrichten. 

Leider sind wir bei der Forschung in unsern Altertümern mehr als 
gut auf Tradition verwiesen, auf von alters überlieferte, von Geschlecht 
zu Geschlecht vererbte und natürlich oft entstellte Zeugnisse. Lassen sich 
dieselben aber auf gesicherten Grund zurückführen, so dürfen sie ver- 
wertet werden. So steht es auch mit dem folgenden. 

Zweig ler Stauden der Hasel waren wie der ganze in kräftigen 

Stämmchen aufschiessende, heim Nahen des Lenzes blühende Strauch 
»eweiht und im Kultus verwendet. So als Opfergaben. In den 
Schweizer Urkantonen glaubt man. wenn ein Kranker für sein Weh in 
die Kapelle von Bertischwi] wallfahrte und dort einen Haselzweig opfere, 
so werde er geheilt (Lütolf, Sagen. Bräuche, Legenden aus den fünf Orten, 
S. 255). Ferner: wer den einjährigen Schoss einer Haselstaude, der auch 
anderwärts als besonders kräftig gilt, breche und hinter den Altar der 
Bertisrhwiler Kapelle lege, wo ein alter Rosengarten (d. i. alter Kirchhof) 
i>t. der könne ganz besondere Gnaden von Gott für die Verstorbenen er- 
bitten ebenda S. 371). 

Dann bei alten K ul t us ha n d 1 u n ge n. Bei dem uralten Frühlings- 
feuerfest des Scheibenschlagens am Sonntag nach Fastnacht werden im 
nördlichen Breisgau die glühenden Holzschejben, die Symbole der wieder 
aufwärts ßteigenden Sonne, mit Haselstecken geschlagen (Heilig in Ztschr. 
d. Vereins f. Volkskunde IX. 350 . 

Zu dem am Karsamstag neu zu entzündenden Feuer, einem von der 
Kirche angenommenen alten Brauche, nimmt man in Oberösterreich als 
Weihlmlz vorzüglich Holzstücke der Hasel (A. Baumgarten, Aus der 
Heimat 1. i. 

In den Umzügen zu. alten Festzeiten des Jahres leben verkümmerte 
Reste heidnischer Ku|tprozessi< nen fort. Nicht selten linden wir dabei 



Haselstäbe getragen. Haselgerten werden in llolzbeim in Bchwa 
den ii-miii Knaben geführt, die an den drei Sonnl I" ten anter 

Hersaguug eines Spruches von Haus zu Haus gehen r - In 

deu Orten um Gmünd trag! zur Fastnacht der in Stroh gehüllte Butzeumann 
eine Haselrute in der Hand Birlinger, Volkstümliches 
Bei der Kirchweih zu Alten muh r in Mittelfranken am ersten Born 
Jakobi geht eine Haselrute von Tänzer zu Tänzer. Wer di< rade 

hat, während eine von der Tanzlinde hängende brennende Lunte h< 
fallt, bekommt einen der am Baum bangenden Preise (Panzer B 
Sagen und Bräuche 2, 243). Die Pranger- oder Reife die im - 

burgischen vom Juni bis zum Erntefest bei den feierlichen l ingäng< n um 
Felder und Wiesen zu ihrem Gedeihen und Schutz getragen werden, be- 
stehen aus einer geschälten Fichten- oder Tannenstange, um welche eine 
Haselrinde herumläuft, in die abwechselnd Bergblumen uud grüne Blätter 
gebundeu sind .M. Eysn in Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde \ 

Eine besondere Stärkung gewinnt die alte religiöse Bedeutuug des 
Haselstrauchs bei den Germanen aus rinn- altschwedischen Runenschrift 
auf einem Grabsteine von Rök in Ostergötland, der in den Anfang 
10. Jahrhunderts gesetzt wird, worauf die Worte ynd göauar liosli stehen, 
die zu «Ich Worten und jarctar hgslu in einem Gedicht des isländischen 
Skalden Hallvarctr Häreksblesi um 1030 stimmen. Nach übereinstimmender 
Deutung von Konrad Gislason und Sophus Bugge 1 wird hier 'Ii'' II 
als Weltbaum bezeichnet an Stelle der gewohnten Esche. 

Doch bedeutenderes ooeh lässt sich l'iir die sakrale Bedeutung der 
Hasel anführen, [hre Stauden haben in < 1 < • 1 1 altgermanischen Gerichts- 
versammlungen und in den Kampfordnungen eine wichtige Ver- 
wendung zur Dmhegung des unter göttlichen Schutz gestellten 
auf dem das Recht, sei es durch Urteil, -«ei es durch die Watten, gefunden 
werden sollte. Der Gott über Kampf und Recht war bekanntlich in 
ältester erkennbarer Zeit der allgebietende Himmelsgotl Hu«. Ihm mush 
die Hasel ursprüglich geweiht gewesen Bein; ihre Übei auf den 

Donnergott Thonar-ThörT ist bei der Abz 1 »puderen 

wittergottes und bei 'lern Zurücktreten des Tiut g< schehen. 

Genaue Schilderungen der Haselui Dingstatt bieten die alt- 

nordischen Sagas. Die Egilsäaga beischreibt Kap.: 56. ^ l- die Einrichtung 
der Gerichtstätte auf der Insel Gula in Nordhordajand für den Rechte- 
verband des Gulathing. Auf einem ebenen Felde vollr slettr war ein 
Kreis durch I la-elstaimen (heslis kt, die von aussen mit 

Schnuren umzogen waren, die man heilige Bänder (veb - fa d 

Ringe sassen 36 Richter, 12 aus jedem der drei vereinig! 



- ; 1- S. Bti-i?.-. Studieö übte* ■■- ' 

deutsch von Krenner. S. 530; M 



I Weinhold: 

i i . in Jansen Gerichtsfelde [ringvollr) lag eine besondere 

Hril . die Dach der Grägas von dem Goden am Vorabend 

^gesprochen ward. Besonders geheiligt war der abgegrenzte 

pingmark), den die Elaselstangen mit den heiligen Bändern um- 

achlossen '). 

Von der Umhegung der Dingstätten durch Seile oder Schnuren and 
Stangen oder Pfahle wissen wir auch aus Deutschland'), nur wird die 
Hasel nicht ausdrücklich dabei genannt. Doch heissl es in einer Züricher 
Öffnung von L412 Schweiz. Idiotikon 2, L675) und in dem Weistum von 
Borsikon (Grimm, Weistümer 1. 49 : Gericht solle man unter der Basel- 
staude halten. Der Stab des Richters ferner, auf den die Eide abgelegt 
wurden, war in alter Zeit eine Haselgerte, eine hasla, wie << in der lex 
liilmaria 67, •'» heisst. Ich trete wenigstens Heinr. Brunner (Deutsche 
Rechtsgeschichte "2. 429) bei dm- Deutung- der Worte der betreffenden 
Stillt' in circnlo et in hasla (var. in collore) id est in ramo auf den 
Ridring und den Stall des Richters durchaus bei. 

Bin Rechtssymbol ist die Hasel in «mimt Aargauer Öffnung von 1456 

Schweiz. Idiotikon 2, L675), wonach der Eigentümer eines vom Maier 

gepfändeten Viehs, wenn derselbe es nicht um ein bescheidenes Lösegeld 

freigeben will, es dadurch Lösen darf, dass er einen einjährigen Ha>ei- 

sclm>s in das Dach des Maierhauses steckt. 3 ) 

Dir Zweikampf und noch mehr die Yolksschlacht galten den Germanen 
als eine religiöse, inner der Gegenwart des Kriegsgottes stellende und von 
ihm geleitete Handlung, die mit Gelübde, Gebet und Opfer verbunden 
war. Der angreifende Heerkönig wie der zum Zweikampf fordernde 
Manu bestimmte die Stelle dr> Treffens und wie nordgermanische Quellen 
aussagen, haselte der FordereT den Platz, d. h. Hess ihn mit Haselstecken 
marken. Darüber habe ich in meinen Beiträgen zu den deutschen Kriegs- 
altertümern S. '-'f. (Sitzungsberichte der Preuss. Akademie d. Wissensch. 
L891, S. 5.")lf.) gehandelt. 

Das hasla voll ist bei grösseren Scharen der Kämpfer nicht buch- 
stäblich zu nehmen, sondern bedeutet dann nur das Walfeld bestimmen. 

Zweikämpfen war es Brauch, den Platz mit drei Furchen zu umziehen 
und in die vier Ecken je eine Stange (hoslur) zu stecken: patt er vollr 
hasladr, er Bva er gert, dann ist das Feld genäselt, wenn so geschehen 
i>r. Kormakssaga c. ]<». 



1 \ _1. auch Kour. Maurer, Die Bekehrung des norwegischen Stammes, II, 219. — 
Auf Island, wo keine Hasristraucher wachsen, ward das Wort beibehalten, die Hascl- 
stangen aber durch andere Holzstälie ersetzt. 

2) J. Grimm, Rechtsaltertümer, S. 810 (4. Ausgabe, II, 434). Meine Beiträge zn den 
deutschen Kri> igsaltertümero, 11 f. 

8) Vgl. auch die von Brunner a. a. 0. Anm. 81 erwähnte Verwendung einer virga 
corilina als l'estuca in einer französischen Urkunde von 868. 



Sicher ah Zeugnis, dass dieses Haseln auch in Deutachlai 
gewesen ist, können wir die örtlich in Schwaben erhalten« l 
anziehen, beim Wettringen dem Hosenlupf) den Pinta mit IIa 
abzustecken Birlinger, Volkstümliches aus Schwabei 
innerung an die Haselung schwebte wohl auch Konrad eon R< 
dem Dichter der Kaiserchronik 7130 f. vor, als er nach dei fabeil 
Schlacht des Baiernherzogs ide\{ n die Römer b< 

König Severus fällt, den Biegreichen Herzog Beinen Ger bei dem I 
brunnen als Marke der Eroberung in den Boden Btossen IS 

Dem grossen Himmelsgotte geweiht, der über den Segen und <li<- 
Wetter der Wolken, über Sturm und Streif unter <l<ni Menschen 
in seinem Kultus verwendet, müssen der Hasel ausgezeichnete wunderbare 
Kräfte innewohnen. Der beim Nahen des Lenzes schon blühende, Bommer- 
verkündende, im Herbst fruchtreiche Strauch ward zum leitenden M 
des göttlichen Kraftstromes. 

Schutz des Friedens und heiliger Ruhe haben wir bereits von ilu 
gehen sehen. Weiter verfolgen wir ihre Wirkungen in der Abwehr <!••> 
schädlichen und feindlichen, in der Erhaltung und Spendung des ll<-il- 
Weit verbreitet im bajuwarischen Gebiete 1 ) ist der Glaube, dass der 
Blitz in keinen Haselnussstraucb schlage und dass die Haselzweige, be- 
sonders die belaubten, das Haus, an das Bie angesteckt Bind, "<I<t auch 
den Menschen, der Bie an sich trägt, vor Blitzgefahr Benutzen. In dem 
Palmbuschen isr der Stecken gewöhnlich ein geschälter Haselstab, _•■■ hält, 
damit uicht die Hexen zwischen Rinde und Holz schliefen und die I. 
des Holzes hemmen ^Leoprechting L69). Er würde schon allein den I 
abwehren, ist aber durch die blühenden Weidenzweige und die and« 
kräftigen Zuthaten, <li<- den priesterlichei 3 ?or dem Altar nm Palm- 

sonntage erhielten, noch von — * « • i t < - der Kirche gestärkt. 
Hasel gehört nach herrschender Meinung neben der Weide durchaus in 
den Palmbusch (Zeitschr. f. Volkskunde 8, 226 . In» 1 eich werden 

in den Buschen drei Haselzweige im Dreieck eingebunden und in die 
Mitte des Ganzen ein kleines, nur aus Ha* - chtes Bund 

gesteckt (Baumgarten 1. 135). . 

Aber nicht Mos-* der Palmbusch, auch d II 

zweige schützen gegen das Gewitter. 9 len entweder in 

gitter geflochten Schönwerth, Aus i il x : Baumgarten 1. 

135 oder zwischen die Dachbalk« chon, wenn man 

drei Stifte aus Haselholz in das G -<- : Panzer 2 

Em Dorfe Oberinn im nur. kthale gegen d< 

Bammeln sie zu Mariae Heimsu« - ; 

1) Pan/.er 2, 200. Leoprechtü e 
Heimat 1, 135. Zeitschrift d. V Volkskuu 

Sagen aus Tirol, S. 793. 



Weinhold: 

zweige and bewahren Bie im Hause, um es gegen den runder (Donner) 
und bösen Zauber zu schützen (Hey] 8. 7 

In der Oberpfalz soll der Haselstrauch als Gewitterschutz in den 
Gärten der Bauernhöfe gepflanzt werden Wuttke, Volksaberglaube § 142). 

Die liegende leitet die blitzableitende Eigenschaft der Hasel davon, 
die li. Maria während eines Gewitters anter einem Haselstrauch 
Schutz gefunden habe 1 ). Örtlicher and anbestimmter geben die Ober- 
inner dem Haselzweig jene Kraft, weil Maria einst über den Bergrücken 
ob ihrem Dorfe, den 8am, gegangen and unter einem Haselstrauche 
rastet habe Hey! 793 . A.ber die h. Maria vertritt hier nur einen Heiden- 
gott, den germanischen Thonar, der nicht rastete and Zuflucht suchte. 
Bondern der -einer geweihten Staude mich im Donnerwetter Friede hält. 

Wenn der Haselstab gegen das Wildfeuer, den Blitz, solche Kraft 
hat, bo ist Beine Hilfe gegen gewöhnliches Feuer noch begreiflicher. 
lün Schweizer Peuersegen wird gesprochen, nachdem mit einem Hasel- 
stocke ein Kreis gezogen and in denselben Kreuze und zwei Merzen ge- 
zeichnet sind (Vernaleken, Alpensagen, 4-Mi). Im Badischen ist ein Hasel- 
zweig ein wesentliches Stück in dem Krauter- und Blumenbusch, der zu 
.Marin Himmelfahrt in <\f\\ Kirchen geweiht wird und den Brand löscht: 
die l-'eiiersltrnnsr wie die Brand genannte hitzige Krankheit (B. II. Meyer, 
Badisches Volksleben, S. 106). 

Auch gegen den Wind schützt die Hasel. Die Windsbraut kann 
dem zum Rösten auf ein Linnen gestreuten Flachs nichts anhaben, wenn 
das Leintuch mit drei oder Bieben oder neun Haselzweigen ansperlt (an- 
gepflockt ist (Baumgarten 1. 1<>. L-5.")). 

Der Wind ist ein dämonisches Wesen, das der verschiedensten Ge- 
staltung fähig ist. Die wilde oder Nachtjagd, die Teufelsjagd, wird durch 
Haselzweige, die ins Kren/ gelegt und dadurch für den Christenmenschen 
verstärkt wurden, zur Umkehr gezwungen (Baumgarten 1, 136). In Grau- 
bünden und in Vorarlberg heisst es. ein Hasel- und ein Holunderzweig 
kreuzweise gebunden schütze vor dem Wüetenheer (Vonbun, Beiträge zur 
deutschen Mythol - 3. 127, Chur 1862). Wenn unserem Strauche solche 
Macht vor einer ganzen Schar von Dämonen beigemessen wird, darf man 
sich nicht wundern, dass er überhaupt verdächtiger oder böser Geister 
Herr wi r< 1 . 

W er zur Nachtzeit an verrufene Orte gehen muss, nehme einen Hasel- 
Btab mit, denn er schützt nach bayerischer Meinung gegen alles Böse 
(weil die Hasel von der .Mutter (iottes begnadet wurde. Meine Zeitschr. 2 ) 
B, "-'.»6). 

1) Baumgarton 1. 135. Looprechting S. 98. Alpenburg, Mythen und Sagen aus Tirol, 

2) Der Kürze w _ die von mir herausgegebene Zeitschrift des Vereins für Volks- 
kunde so citiert 



Mit Haselgerten trieben einmal zwei IV en in dei MOlilimatte 

zu A;ir;iu umgehenden Geisl von da auf den I liubel am Rorabn 

wohin sie ihn bannten (Rochholz, Sch^ '' •■ 

Nr. 104). AimIi die feurigen Männer werden durcl - i] 

rute vertrieben oder ganz rernichtel (Schweiz, [diotik 
die Haselblüte verjagt den bösen Geist aus dem Behexten, 
Sonnenaufgang gesammelt ward. Nach Sonnenaufgai 
sie die Hexerei Bartsch, Sagen aus Mecklenburg 2, 

Verzauberungen werden durch die Hasel gelöst. Wird die zur 
Schlange verwandelte weisse Frau mit einer einjährigen II 
rührt, so ist sie erlöst, die Wiege ihres Befreiers -"II aus Haselhoh 
macht sein 1 ). So unscheinbar dieser Satz lautet, eine bo alte mythis 
Vorstellung liegt darin: die verwünschte weisse Frau isl die ober den 
Winter gefangene sommerliche Wolkengöttin, die durch das Früh! 
gewitter befreit wird. Der Haselstab i>r .las Symbol des Blitz« • 
Ger oder Speer sind allbekannte Waffen des Hiramelsgottes. 

In einer englischen, aus dem 17. Jahrhundert stammenden Anweisung 
Feen zn fangen, werden die dreijährigen Haselruten zur Citation der Feen 
verwendet (meine Zeitschr. 5, 26). Nach den Akten des Hexenpn 
gegen windische Weiber aus Marburg a. d. Drau 1546 befreiten die 
Schläge mir drei Haselgerten den durch Frauenhaare Iten Teufel 

(meint- Zeitschr. 7. 189). 

In ganz anderem Sinne als in der Sage von der weissen Frai 
die Haselrute den Schlangen gegenüber, in der weit verbreiteten 
Meinung, dass sie «las Gewürm abwehre und banne. Die Legende 
zählt, dass ein Haselstrauch die h. Maria gegen eine aufspringende Schlang 

schützte, als sie im Walde Brdl ren für das Jesuskind pflückte 

Dank habe die Jungfrau dem Strauche die Kraft verliehen, alles Vo 

g ,„ Ottern und anderes kriechendes Gewürm zu behüten Vonbun, 

Volkssagen aus Vorarlberg, Wien ls.7. S. 7"). Die Legende ist natürlich 
jünger als der Glaube an die Kraft der II S «. die 

erklären will. 

Mir der einjährigen Haselgerte kam. man die n eil 

damit gezogenen Kreis bannen, worin si« sterben müssen W. Hertz Die 
Sage vom Giftmädchen, S. 17. Ann, PKniui I 

55) berichtet, dass die Betonica Schlangen in einen damil n Kreis 

Launen könne, worin sie sich sei .1 '" Süddeutschi. 

verbreitet, dass drei Streiche mit der Haselrute, auch *ofal eil 
Nattern töten (Zingerle, Sittei Baumgarten 1, 

1 EhTe schleiche Sag« h ' \) ' 

Gottschee 9H, eine Kreier Säbci bürg, Mythe« 

2) Von hier in die Grimmschen Kinder- und B 
andere Sammlungen ül - n - 



Weinhold: 

bcIk aber Dach Schweizer Bericht dreijährig und ganz gerade sein 

weiz. [diotikon _. 1' 

In einem \"n Fr. Panzer Bayer. Sagen and Bräuche 1, 191) mit- 

Märchen schlägt der Frankfurter Kaufmannssohn «Ich sieben- 

köpfigen Drachen* mit einer Haselgerte einen Kopf mich dem andern 

dreimal ab. Der schwedische Aberglaube vrerfährt milder und lässt der 

Schlange durch Berührung mii der Haselgerte nur das Gift nehmen 

Dybek Etuna L848, - 

Wenn an die abwehrende und schützende Kraft der Hasel gegen ge- 
fährliche Wesen so fest geglaubi ward, lau- die Ausdehnung auf ihre Macht 
-• -ii drohenden Schaden überhaupt nahe Die argen Verwüstungen 
des Wildes jagdlustiger Herren in den Saatfeldern <\i>\' Bauern, wogegen 
die Leibeigenen hilflos waren, konnten wohl ihre Gedanken auf mystische 
Schutzmittel leiten, und so gab es in Pommern dieses Rezept: Brich am 
Karfreitag vnr Sonnenaufgang stillschweigend eine Rute vom Haselstrauch, 
die in einem Jahre aufgeschossen ist. Mache davon einen Ring und leg-e 
diesen am den Arm. mir welchem Du das Getraide aussäest, so wird das 
Wild die Säten nicht berühren (U.Jahn. Hexenwesen und Zauberei in 
Pommern. Stettin 1886, Nr. 720). Hiernach wird die frühere Umzäunung 
der Felder mit Haselsträuchern wohl den Zweck <\fs Schutzes gegen 
schädigende Tiere gehabt haben; in Oberösterreich bestunden die Gehäge 
der Feldmarken grösstenteils aus Haselstauden, jetzt sind sie ausgerottet 
(Baumgarten 1. 135). Im Berner Oberland machte man die Hage eben- 
falls aus Haselsträuchern (Schweiz, [diotikon 2, 1676). Salis-Seewis und 
Matthisson gedenken der Haselhecken und -Zaune in ihren Gedichten 
mm, I). Wörterb. 2, 531. 534). 

Fremdes Vieh darf man in der Schweiz nicht mit jedem Stecken, 
sondern nur mir einjährigem Haselschoss aus seinem Felde treiben (Schweiz. 
Idiotikon •_'. 1675 . Die beim Gericht verwendete Hasel bezeugt das Recht 
des Eigentümers, seinen Besitz zu schützen. Kein aus der schützenden 
und. wie wir sehen werden, segnenden Kraft der Hasel ist abzuleiten, dass 
der Hirtenstab von Haselholz sein muss. Er darf nie leichtsinnig weg- 
»rfen weiden, sondern der Hirt muss. wenn er einen neuen nehmen 
uil1 - den alten in drei Stücke zerbrechen (Wuttke, Volksaberglaube, § 684). 
In jedem oberösterreichischen stall steckt ein Haselzweig, damit Glück 
und Segen drin bleibe (Baumgarten 1. 135). Drei Kreuze, aus sechs 
Haselzweigen gemacht, legt man. ehe das Einführen des Viehes von der 
Weide in den Stall beginnt, auf den Boden jedes Barn. Ebendort schneidet 
man das innere, nur aus Haselzweigen bestehende Büschel im grossen 
Palmbuschen nach der Segnung ganz klein und giebt es dem Vieh zwischen 
zwei Broten, oder 1 nickt es in die „Viehstöri". 

Mischt man de,, Kühen gedörrte männliche Hasenkätzclien unter das 
Salz, 80 geben sie reichlich Milch (Schweiz. Idiotikon 2, 1676). Wenn es 



..im Stall fehlt", d. Ii. wenn die Kflhe zu weni«» Milch f?obi»n, | 

im Lechrain die ßiedende Milch mit zwei einj iten, 'Ii-' am 

Palmsonntag geweiht wurden Leoprechl 

einer Schweizer litterarischen Quelle von L646 - K 

Anken wird entwandt^ da ist d ine Wei nnt»n un 

bauren, dass Bie drei Haselschoss vor Sonuenaul ■' 

die ueue Milch zum Feuer wird gesetzt und mit dem Haselhoh 

Schwüngen und verletzt, 'Im- Hexiu \v « ■ 1 1 zu thun, dass siel 

Schweiz. Idiotikon •_'. 1671 h jetzt isl Luzerner Brauch, den 

Rahm, wenn er nicht buttern will, mit drei Haselzweigen zu Bchla 
ebenda . 

Im Lechrain streicht man der Kuh beim ersten Austrieb im Frühjahr 
mit einem Haselstecken über den Rücken, in der Meinung, damit fremden 
Kühen zu Gunsten der seinen die Mihi, zu nehmen Leoprechting 9 I." 
Hier i.sr <\<t alte segnende und weihende Hirtenbrauch, das Vieh beim 
ersten Austrieb im Leu/ mir dem Stabe zu berühren, /um neidischen 
I [exenbrauch entartet 1 ). 

Auch auf die Rosse wirkt das wundersame Holz. Im Kanten ; 
hieb man an einem heiligen Sonntag während dem Kirchengeläute i 
wärts gewandt «'inen Haselstock in den heiligen drei Namen aus dem I 
um de,, Hafer der Pferde damit umzurühren (Schweiz. Idiotikon 2 
Nimm von Haselstauden die Kätzchen, gieb sie dem Rosse m itter, 

so wird es fest und mutig (Bartsch, Mecklenb. Sagen 2, 154), Im. .et ein 
Mecklenburger Rezept. 

Ami: ,h,. Getreide in der Scheune Bteht unter de,,, segnenden 
Einflüsse de. Strauches. In Ostpreussen schneidet man im Frühlir, 
grünen Haselstock und beim ersten Gewitter macht man damit Qb« 
reidehaufen ein Kreuz, dann halte,, 9 ich die Körner jalirela 

dorben (Wuttke § 662 . Di" uralte Beziel a de,- Hasel /um Gewitter 

tritt hier wieder hervor. 

h, den Weingegenden der Schweiz braucht man die H auch 

zut Frischhaltung de. Wein, im Fasse Schweiz I 

So ist e. wohl verständlich, da., die W Stallgeräte mit 

Vorliebe aus Haselholz gefertigt wurde,,. Obei h bis 

neue Zeit geschah ' Baumgarten 1. I 

Nicht minder begreiflich ist die II . Ifc Iche die H 

brechen, Krankheiten und Wunden de. menschlichen Leibe* 

Will man das Fieber los werden, so kaufe man eine,, Hasel 

l^msüdslavisehenBi nenza* 

den Honiu- zu nehmen d 

2) Ganz vereinzelt und allen, 
• die Mitteilung ans Wälschnoven I 
und Eschenheiz alles schwinde, 



im Weinhold: 

ohne zn handeln, oder breche ihn vor Bonnenaufgang im Walde, gehe mir 
ihm in die Kirche und lege ihn in eine Ecke, bete drei Vaterunser und 
Avemaria und gehe Fort. Wer den Stab an >i<h nimmt, bekommt das 
Fieber und wird es nur los, wenn er den Stab in drei Stücke bricht und 
verbrennt Grohmann, Aberglaube aus Böhmen, Nt 117!; Wuttke § 183 

Unter den neun vor Tagesanbruch geschnittenen Hölzern, die man 
das Schwinden oder Abmagern in einem Säckchen bei sich trägt, 
darf Haselholz nicht fehlen [Voubun, Beiträge zur Mythologie, 126). 

Wer eine Haselgerte bei Bich hat, ist schwindelfrei (Grohmann l 

In <lrr Nacht ;uii' Peter Paul (29. Juni) schneidet mau in Mecklen- 
burg stillschweigend Haselruten and zwar von unten nach oben. Hat nun 
jemand eine Schnittwunde, so betupft man die Ruten mit dem Blute, um- 
wickelt Bie mir einem Lappen von einem Mannshemde und trägt sie an 
seinem Leibe bis zur Heilung der richtig verbundenen Wunde <\i-< Ver- 
letzten. Legt man Bie früher ul». s<> bricht die Wunde wieder auf (Bartsch, 
"_'. 293. .">71). Eine Wunde im Hein durch einen Beilhieb geschlagen, 
hört durch Bestreichen mit dem kleinen Stück eines Haselzweiges sofort 
zu hinten auf uud heilt gut (Strackerjan, Aberglaube aus Oldenburg, 1,80). 

Nicht bloss Heilung bringt der wundersame Strauch; auch zu dem 
Lehen Belbst, zu Liebe und Fruchtbarkeit steht er in enger Beziehung. 
Als aphrodisiacum dient Haselholzrinde in einem Rezept aus dem 1~>. Jahrb. 
(Weimar. Hs. 0. 565, Bl. L5 1 ): Wenn einer nit mynnen mag, item wenn 
ein fraw einem thet, «las er nicht möcht mynnen. der nein jung hasel- 
Btaudenrinden, da sich ein ast an den andern reicht; dieselben rinden nym 
und prenn sie zu pulver. dasselb pulver nym und trincks in wasser etlich 

.venu du wilt. so Bchaffstu mit einer frawen nach deinem willen. 
D - Mittel hilft also nicht bloss gegen gewöhnliche Impotenz, sondern 
bricht auch den Zauber, der Bie erzeugt hat. 

Aus dem Blühen der Hasel im Vorfrühling deutet man grosse oder 
geringe Fruchtbarkeit des Jahres (Schweiz. Idiotikon 2, 1676). Viel Hasel- 
nüsse, viel Kinder und besonders viel uneheliche (Baumgarten 1. 136. 
Grohmann, Aberglauben, 1.00). Der Westfale sagt: Wann et viel Nüete 
giet, dar giet et 6k viel Heäurenblägen Woeste in Zs. f. Mythol. 2, 96). 

In der Mettennacht (Christnacht) werden beiratshalber die Haselstauden 

lüttelt Baumgarten 1, 136). 

Ein alter westfälischer Bauer erzählte von seiner Freite, dass er lange 
nicht zu Strii 31 äike) kommen kennte, bis er die Dieme, die er gut 

leiden mochte, unter einem Haselstrauch traf. Da hatte er sofort das 
Jawort (Kuhn, Westfäl. Sagen, 2, 45). Bin westfälisches Liedchen lautet: 
Aiiien Busk met Haselnüeten stäit an uesem Deike; bai de Dochter friggen 
well, maut de Meäuer streiken (ebenda). In die Haselnüsse gehen, 



1 Mitgel ilt von Dr. R. Petsch. 



bedeutet in volksmassigen Liedchen ' das, 

Lyriker bluonjen rösen an der h< , n«nuen. I 

bei Herder (Volkslieder 1. 109. Li i 

Mädchen Rosen brechen gehn Wohl in «li.- grüne ; i 

sie da am Wege stehn? Ein Hase] die 

Die westfälische Redensart: die Krähe bringt m 
in Z8. f. Mvtli. _'. 96) bedeutet: ich bekomme einen Manu, und 
<lcm eben Abgeführten in enger Beziehung, während 
breitete Bewerfen und Beschütten der Braut mit Getreide- and I 
kernen, auch Nüssen, nur die Übertragung der Fruchtbarkeit aul 
bedeutet Meine Deutschen Frauen im .M.i and die Haseln um 

hier keinen eigenen Sinn hat. 

Durch keine andere Verwendung ist die Hasel volkstümlich 

geworden, denn als Wünschelrute*), d. i. als Quellen- und Schatz- 
finderin. Es wäre nur W iederholung des längst über die ^ Irute 
Geschriebenen, wollte ich mich hier ausführlich über Bie verbreiten ' 
Für uns ist 'Ins wichtigste, dass die beste Wünschelrute nach deute 
Volksglauben vom Haselstrauch, namentlich der Weisshasel zu hei 
Zeit (Dreikönig, Fastnacht, Karfreitagnacht, Johannisnacht, Mariae Heim- 
suchung) anter besonderen Gebräuchen und Sprüchen geschnitten w 

Sie ist gewöhnlich ein sich oben gabelnder zwieselichter Zweig, Bell 
ein einfacher kurzer Stab; der einjährige junge Schoss ist auch hierzu am 
tauglichsten. 

Zwei Werte sucht und findet sie: Wasser und Gold, beides hängt eng 
zusammen, denn die Haselzwiesel ist <hi> irdische Bild des himmlischen 
zackichten Blitzes, der das Wasser der Wolken und damit auch der l 
weckt, und in dem and durch den das goldene Gewitterfeuer flammt 
als Gold in <lic Erde aufgenommen, durch das Blitzsymbol wieder ent- 
deckt wird 



', Mannhardt in der Zeitschrift f. d. Mythologie ! llerlei durcheil] 

gemischt wird. 

2) Besser ist der Anfang in Wolf-. Schmeltz i 14: 1 wo]\ 

zum Tantze gan, Sucht Rosen auf der II 

3 I ranz baguette divinatoir« . engl, forked 
auch Zeigrnte genannt: Alpenburg, Sagen, ■ 
Volkskunde 2, 158. 

4) Vgl. namentlich W. Schwartz in m< 

5) Wuttke, Aberglaube, § 1 13. I in l'omnv i 

t Kunde deutscher Vorzeit 18 : 3 thal 19— 21 Kahla 

EL Meier, Schwab. Sagen, 244. Pan i Alpenbui 

Beiträge. 127. Schweizer. Archiv f. Volks* 

— Andr. Gryph. Leo Aimenius IV, 2: Die Ruthe die ich necl 
Nacht ! üie gleiche Sonnen stund, aus vielen Haselsiräucl 

— Sam. Butschky, Wohlbebanter Nürnberg 
Etoehteutsche Cancelley, Bresslan B f. 



1 



Weinhold: 



r te ist der ganze Strauch gesetzt, wenn nach ucker- 

nKirk uiit.-r einem Haselstrauche am Wellberge bei Blanken- 

,1,.,- l-.: , dem im Berge verborgenen Schatz sein soll (Kulm 

and Schwarte, Nordd. Sagen, So v -l , oder nach badischer Sage an einer 

Istande die Schlüssel zu dem versunkenen Schloss von Burgstadel 
hangen (Baader, Volksa. a. Baden, No. 1£ 

An Stelle «l-'s Schal iheint die gleichbedeutende Glücksblnme 

in einer Salzburger Sage Vernaleken, Alpensagen, S. 156), wonach eine 

ron einem neunsprossigen Haselstrauch in der Neujahrsnacht ge- 

Bchnitten, in der Walpurgisnacht zu der Grlücksblume auf dem hohen 

Groll weist. 

Unter alten grossen Haselsträuchen wohnen geheimnisvolle Wesen, 
der Haselwurm und die Alraune. 

Der Glaube an den Haselwurm lebt besonders in Tirol. 1 ) Er wird 
meist als weisse Schlange gedacht, zuweilen dick wie <'in A\ ickelkind, oft 
auch als solches erscheinend, zuweilen auch buntglänzend. Wem es glückt 
einen Haselwurm zu fangen und der ein Stück von ihm is>r. versteht die 
Sprache der Vögel and Tiere, der Kräuter und Blumen, kann sich un- 
Bichtbar machen, sieht alle verborgenen Schätze und wird unermesslich 
reich. Aber es gelingt wenigen ihn zu fangen. Schon dass er nur unter 
II sein wohnt, auf denen eine Mistel wächst, beweist seine Seltenheit. 9 ) 
Übrigens sei bemerkt, dass auch die Serben nach Afanassjew glauben, 
unter eiu.T Hasel, worauf eine Mistel wächst, wohne stets eine Schlange 
mit einem Edelstein auf dem Kopfe Fr. Th. Koppen, Geograph. Yerbreit. 
d. Holzgewächse des europ. Russlands und des Kaukasus. St. Petersburg 

In den Schweizer Urkantonen sind die Alraunen an Stelle der Hasel- 
würmer getreten, teuflische Wesen in Kindsgestalt, oft einem Fisch ähnelnd. 
die ihrem Besitzer das (leid vermehren; aber «1er dritte, der sie hat, ver- 
fällt dem Teufel (Lütolf, Sagen der fünf Orte. s. 192). Auch hier ist die 
! auf weisser Haselstaude das Anzeichen für den Fund (Schweiz. 
Idi-.tiken 1. 17 1. 2, 1676). 

Fhe wir an- zu der Haselstaude als Zaubermittel wenden, sei noch 
len Kraft gedacht, die übrigens schon in der Weisung 
von Quellen und Schätzen sieh äussert. 



1 Alpenburg, Myl Ztschr. !'. österr. Volkskunde 2. lös. — Leöprechting 98 

ii Bäumen gewordenen Haselstanden die seltenen weissen 
Bchlan) in der .Mitte haben. 

"-' N M ru Prof. Englers haben weder er noch Prof. Ascherson 

Miste] auf der 11.. E Boltz, Über die Flora Südrusslands Mitteil. d. 

natiir. \ 1863/64, S. 82— 97), fand im Kreise Umea die 

nur auf einer einzigen Hasel die Mistel. C. G. 
. Chloris borus« - i Mistel aufCorylus an, aber ohne Fundort. 



Nach den Prozessakten einer 1587 a t*n Mecklenburg' 

(Jerdrut Schwarte, brauchte dieselbe zwei Haselruten, um beiden Kranken 
zu erkunden, ob es eine böse oder eine gute Stunde sei 'Bartsch, Meckl. 
- Bin wegen Zauberei eingi zogen« i Mecklenburger bekannte 

L586, dass man erfahren könne, "l» ein Mädchen noch Jungfi venu 

man einen mit Hasenblut bestrichenen Haselstock ihm vor di< I 
werfe. Dann müsste sich derselbe emporrichten, wo es unehrlich 
ebenda 32). 

Wenn man von einer Haselstaude einen sich gabelnden Zweig nachts, 
während es zwölfe schlägt, abschneidet und denselben zwischen 12 i auf 
drei Streiche in eine angebohrte Birke treibt, so kann man nach All. 
Meinung herausbringen, ob mau eine gute Ehe haben werde oder nicht 
(Reiser, Sagen, Gebräuche u. Sprichwörter des A.llgäus, II. I •"■ l 

Nach norwegischem Aberglauben bedeuten rote Blüten an den II 
sträuchern Krieg (Liebrecht, Zur Volkskunde, S. 329 

Eine alte irische Sage sei hier angefügt. Sinned, 'Im Tochtei 
Lodan Lucharglan, dem Sohne von Ler, au- dem Lande der Verheissung, 
ging va\ Oonnlas Quelle, die unter dem Meere i>t. um sie zu sehen. \ 
dieser Quelle stehen die Haselstauden der Weisheit Wissenschaft) und 
der Begeisterung (Poesie). In 'Im- gleichen Stunde brechen au ihnen 
Früchte, Blüten und Blätter hervor, und dann fallen zugleich Regenschauer 
auf die Quelle und eine purpurne Woge erhebt Bich. Sinned ging «im 
Haselstamlr «Iit Begeisterung suchen, aber 'Im Quelle überdeckte sie, und 
als Sinned ans Land wieder gekommen war, starb sie. (The V< 
Bran at the land of the Living, edit. by Kuno Meyer I. 214. London \% 



Als voraussichtige Warnerin vor leichtsinniger Hingabe erscheint Frau 
Hasel in dem verbreiteten alten Volksliede 1 ) vom Mädchen und der Ha 
Sie mahnt die zum Tanz oder zum Buhlen gehende Magd, ihre Ehre zu 
hüten; nach den meisten Texten kommt die Warnung zu spät. 

Auch das alte Lied vom ülinger kennt die Hasel, welche 'las vom 
mordlustigen Liebsten in den Wald entführte Mädchen geheimnisvoll warm. 
In den Texten der Gruppe, welche den Mordplan durch die rettenden 
Brüder vereiteln lässt, ist eine Turteltaube der Hasel beigegebi In 



1) ühland, Alte Volkslieder, No. 25. Herder, Volkslieder, 1. 109 
Liederhort, No. 174 a—i. Hoffmann u. Richter, Bcbles. Volkslieder, No. 100-102. M 

Volkslieder a. d. Kuhländchen, S. 29-31. In d i m der Saar (Kohl 

Volkslieder, No. 7, dazu S. 86»), in den sehen (Röcke! No. IS) and dem N i 

Text (Wolfram No. 59) hat d*r Lorbeerbaum die Rase! verdrängt! in dem Lii 

Nordfranken (Schleicher. Volkstüml. aus Sonneberg, S 113) der Sadelbaom. 

2) Erk-Böhme, Liederhort, No. 41, a-e. g i l>aa Uottscheer Lied bei A. ti 
Gottschee, No. 70 kennt nur die Taube ohne Hasel. 70b nur die sich verneigei 

70 a Taube und Tanne (statt der Hasel). 






Weinhold: 



der zweiten Gruppe mit tragischem Ausgange ward der alte Zug vergessen; 
["2b be Erk-Böhme heissl es nur: Bie gingen miteinander fort, sie 
kamen an eine Hasel dort. 

Die ältesten Zeugnisse für die Hasel als Zaubermittel bietet die 
norwegisch-isländische Sitte des treniö*, d. i. der Errichtung einer Schimpf- 
stange nidstong . die zut Verhöhnung und 8chädigung eines Feindes auf- 
kr ward. Man nahm eine Haselstaude heslistong) *), schnitt ein 
Spottbild des Gegners hinein Bamt der Schadeformel (nid), steckte auch 
zuweilen noch einen Rossschädel darauf and richtete die Stange nach der 

;id des Feindes. So that Bgill Skallagrims Sohn, als er Norwegen 
geächtet verlassen mu igen König Erich Blutaxt und dessen Gemahlin 

Gunnhild. Er sprach dabei diesen Spruch (formali): „Hier stelle ich auf 
die Schimpfstange und wende diesen Hohn gegen König Erich und die 
Königin Gunnhild"; dabei drehte er die Stange landeinwärts; „ich wende 
diesen Schimpf gegen die Lancteeister, welche dieses Land bewohnen, so 
dass alle wild herumfahren sollen und keiner das Seine finde, bis sie 
nicht den König und die Königin aus dem Lande getrieben haben!" 
Dann kehrte er auch den Pferdeschädel in das Land hin und ritzte die 
Runen des Spruchs in die Stange Egilssaga c. 57, ^ 55f.). 2 ) 

Das früher besprochene Inihaseln eines Kampfplatzes findet einiger* 
massen Entsprechendes in der Umhaselung eines Ortes zum Zauberschutze 

■I Feinde. Von einem voigtländischen Schnapphahn aus der Z< it des 
dreissigjährigen Krieges, namens Kresse, wird erzählt, derselbe habe einmal 

Dorf Staiz, als feindlich Volk anzog, mit Haselruten umsteckt, welche 
jenes für lauter Musketiere ansah und deshalb stille abzog. Wenn auf 
en wurde, fing er die kleinen Kugeln in seineu Hemd- 
ärmeln auf, die grösseren wehrte er mit einer Haselgerte von sieh ab 
E Köhler, Volksbrauch im Voigtlahde. Leipzig L867, S. 549). Hier ist 

srer Gaukel- und Zauberspuk auf die uralte Grundlage heidnischer 
Sitte ü. durch Umfriedung eines Ortes mit der Hasel denselben 

unter deu Schutz des Kriegsgottes zu stellen. 

Uralt ist auch der Regenzauber, der bei grosser und langer. Dürre 
mit einei- Kute öder einem Stalle vollzogen wird, die man in ein Wasser 
schlägt. Sofort Bteigen Wolken auf und entladen sich (meine Abhandlung 
zur Geschichte des heidnischen Ritus, S.23: Abhandlungen d. Berlin Akad. 
der Wissenschaften 1896). Dass dabei die Haselrute gebraucht wurde. 
sich an sich vermuten, ist aber aus der Schweiz durch Hexen'proz r ess- 
akten von 1625 belegt, wonach der Teufel einer Hexe einen Haselitab 
überreichte, den sie in fliessendes Wasser schlagen niusste. worauf ein 
Platzregen niederging (Schweiz, [diotikon 2. 1 * '< 7 . 

1 Auf Island nmsste ein anderes H<>lz die Hasel vertreten. 

Sri Fimi:ir J'öntsons Anmcrk! in seiner Ausgäbe und oamchtiieh Konr. Äiaurer : 
ir, i\ 64 f 



Über die 

Die Haselgerte ist auch der Zauberstab bei vvuuderl ten 

Im Dallenwyl, im II nannt «li«- Tablete, stellt 

Heuens ein Bergmännchen Zwei _ ein, das g i 

wenn Regen oder Gewitter das Heu zu verderben drohte. Dam \ et 

zwei Haselzwicken (Zwieselruten . stellte &ich in <lie <• lilug 

gewaltig um sich, worauf das Heu vom Boden sich erhub, aufwirb« 
nach dem Gaden sich hinbewegte uud zu allen Offnungen d< 
Bog, während das Mandli fortwährend gegen das einfliegende !!• 
losschlug (Lütolf, Sagen aus den fünf Orten, l v ' 
vmi einem Knecht erzählt, der im Grosshaus zu Uurtnellen diente und 
schwersten Arbeiten spielend verrichtete. Gleich dem Bergmännlein aui 
der Tableten jagte er mir einer Haselrute bei drohendem Regen 
draussen liegende Heu in den Gaden hinein (ebenda 2 I 

Bei dem Zauber, einen Dieb zu zwingen, das Gestohlene zurückzu- 
bringen, fehlt die Hasel nicht. \n> dem 1 7. Jahrhundert 167-1 
Schweizer Akten (Schweiz, [diotikon 2, 1676 . dass manche ein Feuer aus 
lauter häslenem Holz anmachen, darüber «-in Gefäss mit Wasser stellen, 
drei Eier von einer ganz schwarzen Henne hineinwerfeu und das siedende 
Wasser schlagen. Die Schläge treffen den Dieb, der mm Bchleunigsi 
Gestohlene au seinen Ort zurückbringt. 

Ebenso wirkt die Haselrute uach böhmischem Aberglauben (Grohmann 
Nr. 975) züchtigend in die Ferne, wenn eine Kuli verhext ist. Man kocht 
die Milch, legt einige Schwanzhaare .Im- Kuli hineiu und peitscht dei 
mit einer frischen einjährigen Haselgerte. Alsbald kommt d 
brüht und mir blauen Striemen am Leibe und bittet ihr ein Brot zu 
borgen. Wird es verweigert, bo um-- Bie sterben. 

Nach Thüringer Meinung kann man v< Mi isi : i 

heilen, wenn mau mit einem am Karfreitag ler eil i 

vor Sonnenaufgang vom Haselstrauch geschnitteuei - man 

schweigend bis zum Gebrauch verborgen hielt, dreimal um deu 

Menschen oder das Vieh in den drei höchst »on herumgi 

-einen Nur abnimmt und auf diesen Losp 

Unholden getroffen und lassen den Men • > 

Sagen und Gebräuche aus Thüringen, •_'. - 

Der Aberglaube ist weil verbreite man eh I " 'lurch 

prügeln könne, wenn man auf ein K PP cn 

indem man an den Gemeinten d< inen Namen nennt, 

einjährigen Haselgerte schlägt. P ■ indem man n 

schaut und die drei höchst« ten bei den drei Schnitten i 

bestimmten Zeiten geschnitt« n: am Karfreit ; 

E. Meier. Sagen aus Schwaben, 3. 245), in der Johannisi 
§ 396) am Neuinmnl. ■ ' Dienstag fällt R< 

Jauer Bese-nnngen in der Z ' für de 



j (l vuii N egolein: 

S|.i-u. - bönwerth, \u> der Oberpfalz, •"-. 201. Kuhn, Westfälische 

Wunderlich,' aus dickem Aberglauben hervorgekommeu, mit sehr altem 
Staube bedeckt and dadurch verkrüppelt and entstellt, erscheint das meiste, 
das sich in der Volksmeinung und Überlieferung an den schönen Basel- 
Btrauch haftet Aber wir können « I **n Stauh wegfegen uml «las Entstellte 
mehr oder minder auf das ursprüngliche zurückbringen. Wir sind von 
der nachweislichen Verwendung der Hasel im altgermanischen Kultus aus- 
gi i Sie diente darin als heiliges Werkzeug, denn sie wajr ein 
heiliges Symbol. Der Baselstab galt als Waffe des Himmelgottes, und so 
wohnte eine beilige Kraft in ihm, die zum Nutzen der Menschen nach 
den verschiedensten Richtungen ausströmte. 

D - Wort llasrl. alnl. hasala, das mir zufälliger Ausnahme des Gotischen, 
allen germanischen Dialekten gehört, entspricht dem lateinischen corylus 
und wohl auch dem altirischen coli (aus cosl). Die Bedeutung des zu 
Grunde liegenden Stammes ist noch nicht festgestellt. 



Die Reise der Seele ins Jenseits. 

Von Julius von Negelein. 

I. Abreise der Seele. 

Während im allgemeinen die geistige Entwicklung der Völker eine 
stete [deenveränderung zu Gunsten eines intellectuellen Fortschritts er- 
kennen lässt, zeigt sich auf dem Gebiete des Seelenglaubens ein anderes 
Phänomen. Die Quellen, aus denen er seit Urzeiten fliesst, weisen mit zu 
unerbittlicher Notwendigkeit auf die Rückkehr zu denselben Ausgangs- 
punkten hin, als dass eine derselben jemals für uns zu versiechen beginnen 
könnte. Stets wird die Furcht vor dem Toten mit der Liebe zu dem 
Toten, die Hoffnung, ihn in einer anderen Welt wiederzusehen, mit der 
schauerlichen Gewissheit seines Befangenseins von einer undurchbrech- 
lichen Grabesruhe streiten. So muss jeder einzelne Todesfall dem gegen 
die Bindrücke des Naturlebens noch unabgestumpften Sinne des gesund 
empfindenden Menschen ein reiches Feld widerstrebenden Fühlens, Denkens 



1) Vgl. auch Baumgarten, Aus der Heimat, 1, 136. 2, 14. In Bayern wird statt des 
Haselstecken eine Wacholdergerte in gleicher Art zum selben Zwecke gehraucht: Höfler, 
Wald- und Baumkult, S. 110. 



and Handelns werden, Btets abei werden die VIol • ■ der in d< I 
der Völker und Zeiten sich so überaus ms eilenden 

Bcheinangen des Seelenglaubens Bich als dieselben überall notwendi 
und deshalb überall vorhandenen erweisen. Die überraschende Gleichheit 
der hierher gehörigen Sitten and Gebräuche uul den verschiedenen Konen 
des Erdballs entspringt den naturgesetzlich notwendigen u 
tionen auf die immer gleichbleibenden Erscheinungen von Tod und Sterben. 
Nicht die einzelne Kasse, nicht der ein/., lue Stamm hat den Glaub«*! 
runden, dass der Tote vielleicht noch der Speise bedürft nein, 

jeder einzelne Todesfall erschafft diese Vorstellung von neuem. I >••- 1 im 1 1» 
isl es unmöglich, eine Geschichte des Seelenglaubens anter Zugrunde- 
legung der landesüblichen Stammeseinteilungen zu schreiben \ I die 
Rasse, sondern das psychologische Motn in -einer räumlichen und zeit- 
lichen Begrenztheit kann hier die Einheit sein. Nie musa die Philo!» 
strenger naturwissenschaftlich verfahren, als da, wo Bie eine Analyst 
Seelen vor Stellungen zu liefern versucht 

Die folgende Darstellung geht von der Überzeugung aus, dass die 
Paradoxie zwischen der handgreiflichen Thatsache, da— der Tote als ein 
noch mit eventuellem Leben begabtes Wesen aufzufassen Bei, und der 
verhältnismässig modernen Lehre von dem völligen Verlust des G 
anmittelbar nach Eintritt des Todes, das menschliche Gemül stets überall 
zunächst zu dem Glauben getrieben hat, der regungslose Körper be* 
noch Latent die ihn aoeh vor kurzem offensichtlich belebende Seele. W i 
wulh-n dabei grundsätzlich auf alle Spekulationen verzichten, ja uns Belbst 
der Betonung der Analogie zwischen Schlaf und Ted enthalten 1 . viel] 
Lediglich ans zahlenmässigem Material, das Bich natürlich bis ins l nend- 
liche vermehren liesse, den Nachweis versuchen, dass die - mch 
oach dem Tode noch in Verbindung mit dem Körper'*' Btehe, da« 
sich „zunächst, doch auf sehr verschieden bemessene Zeit, noch in der 
Nähe des Körpers aufhalte" 8 ) und dass dem Letzt 
nicht verwest ist, ein potenzielles Lehen zugeschrieben wird, .1 
Lebhafter ventiliert wird, je weniger der Leichenverfall f< ritten 
i-r 4 . Die Stationen des zunehmenden Verwesungsprozesses gelten in dem 
schematisierenden Aberglauben der Völkei jennassen an 
Tage geknüpft, die jene markieren -dien: vor allem gilt dies v lern 

1 Am besten zeigt wohJ Caspari, I • bichte der Menschh 
früheste Mensch mit kindlich naiyer Anschamu 

haltendem Schlaf versunkene indiffen 

2 Lazarus und Steinthal, Zeitechr. ychologie XII 

3 Lippert, Seelendaube. IT. VgL auch Lexikon unh 1 
18. Jahrhunderts) unter: Blut der ents. Iten Körper: „Nacl 
welche einen Astralgeist annehmen, soll sieh die Seele nach den I 
Körper aufhalten." 

4) Vgl. Wuttke, Aberglauben, 43!». 

ZeitM-br. (i. Vereins f. Volkskunde. 



Lein ; 

:;.. :.. 9. und H). Tage 1 ) -- Zahlen, die ohnedies überall als heilig gelten 
iin.l infolgedessen meisi formelhafl angewendet werden. Ferner spielt 
stete der Begr&bnistag eine grosse Rolle. Die in der ihm voransgehenden 
Nacht Qberall am Bärge angezündeten Kerzen sind «1er beste Beweis dafür. 
man erst nach erfolgtem Begräbnisse die Gfrabesnacht angebrochen 
n wollte. 9 ) In Bayern werden drei Seelenämter abgehalten: am 1.. 
7 and 30. Tage nach dem Tode. 3 ) Als besondere Gedächtnistage hebt 
man daselbst hervor den 7.. 30. und den Jahrestag des Todes. 4 ) In ganz 
Bayern i>i es gemeinsame Sitte, dass sich die Nachbarn, so lauge die 
Leiche im Hause liegt, anderwärts selbst bis zum 30. Tage, im Todes- 
hause versammeln, um bei der Leiche mehrere Stunden lang zu wachen 
und Rosenkränze 7.11 beten. 5 ) Man erwäge, dass diese Gebete vernunft- 
gem&ss nur der verscheidenden, nicht der verschiedenen, bereits im Jen- 
seits befindlichen Seele gelten können, wie die auf die Gräber gesetzten 
Speisen die materielle Anwesenheit des noch nicht völlig Verschiedenen 
voraussetzen. In Bayern hat der Hochzeitslader am Grabe des Ver- 
storbenen am 7. und 30. Tage nicht nur einen eigenen Abdankungsspruch 
feierlich abzuhalten, sondern es trägt auch nach dem Gottesdienste, bei 
welchem im Opfergange durch die drei nächstverwandten Frauen Kerzen, 
ein zinnerner Krug mit Geld zum Wein und für vier Kreuzer Semmel 
am Altar niedergelegt werden, die Totenfrau zwei Lichter auf das Grab 6 ): 
und in der Gegend von Fronau i. B. gilt oder galt die Sitte, dass man 
sieben Taue nach der Beerdigung kleine Brotlaibchen, die man „Spende" 
(d. h. Totenspende) nannte, uuter die Armen verteilte 7 ). Nach dem Glauben 
meiner ostpreussischen Heimat bleibt die Seele bis zum Begräbnis in der 
Leiche 8 ), beim Begräbnis setzt sie sich auf den Sargrand, wie in der 
Pfalz 9 ) «»der aber sie legt sich erst auf halbem Wege in die Truhe hinein. 
die dann erst schwer wird. Sie bleibt im Hause, bis man sie hinauswirft. 
indem man Stuhle und Tische umkehrt, wenn der Kondukt auf halbem 
^ ege ist und den Strohhaufen erreicht hat, auf dem sie sodann noch die 



1 Vgl. Lippert, Christentum, 414, der besonders Zahl 3 hervorhebt, die 9 und 40 
ungerechtfertigterweise auf das Voigtland und Ostpreussen einschränkt. 

2 \)ir Wach- und Bet-Abend, der dem Begräbnistage vorausgeht, wird in Deutsch- 
land wohl überall inne gehalten. Die Sitte, Kerzen an den Sarg zu stellen, ist ebenso 
allgemein Die Kerzen haben im Aberglauben mystische Eigenschaften: sie erlöschen bis- 
weilen von selbsl und dürfen nicht ausgepustet werden, d. h. sie sind Symbole des von 
»elbsl erlöschenden Lebenslichtes. 

3 Bavaria, Zeitschrift für bayerische Volkskunde, 186f>, S. 983. 

4) Ebenda L860, S. 413. 

5) Ebenda 1860, S. 411. 

6) Lbenda 1860, S. 993. 

7) Ebenda 1863, S. 324. 

B Vgl. auch u. a. Wnttke, Abergl., 429; Toppen 108. 
9) Bastian, Verbleibsorte der abgeschiedenen Seele, 20. 



Die B 8 

letzte irdische Rast halten kann. 1 ). Damit steh! in einem Widerspruch, 
der nur durch die früher allgemein gewesene Sitte der Leichenmahlzeiten 
auf Gräbern erklärlich ist, die Einladung des Toten zum Sitzen, damit er 
seine eigenen Leichenfeierlicbkeiten mit ansehen könne, die Spi 
die ihm namentlich auch in titanischen Gegenden unter d 
worfen werden, der Stuhl, der bei der Rückkehr vom Begräbnis für den 
Toten an der Thür und alsdann heim Leichenmahl am Tisch für ihn leer 
steht. A.uch am A.bend des Sterbetages wird ein Stuhl für den l 
bereit gestellt; ein solcher steht bei der Leiche bis zum Begrabe 
sagt dann bei uns: „Er (d. h. der Tote, dessen Namen man niemals 
nennt) setzt sich darauf."' Die Sitte, das Begräbnis am dritten I 
nach Eintritt des Todes zu veranstalten, spricht '»Im.. hin dafür, dass man 
bis dahin den Körper mit einem gewissen Leben begabt glaubt. Anch 
die Zeit, in der man das „Wiederkommen" des Toten für möglich hielt, 
ist hier wichtig: oft sind es die ersten drei i in Ostpreussen aber 

/. B. die ersten 40 Tage*). Die Zahlen schwanken auch hier zwischen 
den angegebenen Grenzen. 8 ) Ja, man hat dieselben BOgar religiös zu 
sanktionieren versucht: 4<> Tage lang nach dem Tode, wie Christus nach 
der Auferstehung, muss jeder Gestorbene noch auf Erden wände 
Den bayerischen Gebräuchen entsprechen diejenigen anderer katholischer 
Gegenden: stets hebt sich in der Trauerzeit der ;;.. 7. und 30 Tag als 
kirchlich begangener Festtag hervor. 7 ) An diesen Tagen werden Trauer- 
mahlzeiten abgehalten, bei *\^v dritten Mahlzeit (am 30. Tage weiden die 
Kleider i\<'^ Verstorbenen verschenkt und zugleich geht hier die Aus- 
scheidung ilr^ Erbes vor sich 8 ), d. h. bis zu dieser Zeit glaubte mau den 
Toten noch im Anrecht auf den Besitz Beiner Habe befindlich. In Schwaben 
wird vier Wochen (30 Tage lang jeden Abend zu Hanse ein Rosenkranz 
gebetet; das weibliche Geschlecht brennt fiir den angehörigen Verstorbenen 
sogar ein Jahr lang heim Gottesdienst den V\ Das Jahr bat, 

wie wir sehen werden, im Totenkult ebenfalls eil inschneidende 

deutung. Im alten Deutschland wurde das Erl - oder Seel-Bier in der 



1) Bekannter Gebrauch in < I inch i B. 

fange der Kultur. •_'. 26. 

2; Siehe auch Toppen 111. Anm. 3 

3) So z.H. nach oldenbnrgischem Gl and liäui 

4) Siehe im folgenden; auch private I 

5) Im Voigtland sprichl man /.. B. 
Köliler. Voigtland. 443. 

6) Wuttke 441. 

7) Rochholz. Deutsch, r G\a< 

8) Rochholz, S. 302. Hier t 

dass die Leichen der französischen Könige nach ihrem Tode T resp. 4' 1 ] 
Tische bedient wurden: Bastian, Verbh Anm. 1. 

9) [Rochholz -203]. Birlinger, S 



von \ 

am 7. oder 30. Tage nach dem Tode getrunken 1 ) and an den- 
selben Tagen Schmausereien mit Spenden aus der ßrbschaftsmasse ge- 
geben -) Im alten Preusaen hielten die Verwandten ihre Totenmahle am 

und 40 Tage.*) Bea Lera bedeutsam ist es, dass, wenn sich die 

Seele aue dem Leibe scheidet, sie nach deutschem Aberglauben in der 
ersten Nacht bei St. Gertrud, der zweiten bei St. Michael, der dritten da, 
sie verdient hat, weilt*), die Reise ins Jenseits also am dritten Tage 
nach täglichen Stationen zurückgelegt hat 5 ), ein schon den Aveatatexten 
bekannter Zug. 

Noch deutlicher als bei den germanischen Völkern zeigt sich dieselbe 
[deengruppe bei den Slaven. Hier ist die Thatsache, dass man dem 
Körper, wenn die Seele ihn eben verlassen, noch ein gewisse- Leben zu- 
schrieb*), dass man den Toten mit den Lebenden noch halb und halb in 
Verkehr dachte 7 ), und dieser Verkehr erst mit der vollendeten Verwesung 
erlosch, bereits häufig erkannt. 8 ) Bei den Knssen wiederholt sich das 
Totenmahl am 9., 20. und 40. Tage nach «lern Tode. 9 ) Als der Serben- 
fürst Milosch Obrem. witsch I. im Jahre 1860 gestorben war. stand auf 
- ii leerem Bette ein Öllicht, das 40 Tage lang fortzubrehnen hatte. 10 ) 
Hier ist 'las Öllicht, wie viele Analogien beweisen, ein direktes Substitut 
für den Teten. Nun den Bulgaren berichtet A. Strausz, das> bei der 

Leichenklage /um Tuten wie zu einem Lebenden gesprochen wird. 11 ; 
.Man giebt ihm Auftrage für die vorausgegangenen Angehörigen ins Jen- 
seits mit u. s. w. Bis zum Morgen nach ihn- Beerdigung scheint dem 
Leichnam sogar das Gehör geblieben zu sein: er kehrt nach Hau>e zurück, 
wenn in 'lieser Zeit am Grabe geweint »»der geredet wird. 12 ) Drei Tage 
nach dem Leichenbegängnis gehen täglich in der Frühe 3— 5 Weiber zum 
(jrabe, zünden Licht an und setzen Wein und Wasser auf das Grab. 18 ) 
Doch stellt man auch in der Stube, wo der Tote verstorben ist. drei Tage 
lau- Butter und Wein für die noch immer im Hause herumirrende Seele 

1 Weinhold, Altnordisches Leben, 501. 
2; Ebenda, Anm. 5. 

l ippen 111, Anm. 3. und diu dort citierten Quellen. 
4) Grimm, Mvthol. 4 , 2, 699. 

Vgl. auch Grohmann. Mäuse, 34; Simrock, Mythol.. 40:!. 

Bei den Sudslaven bezeugt: Zeitschr. f. Volkskunde 1, 180. Vgl. auch Grohmann, 
■glaube, 188. 
T Grobmann a. a. O. 187. 

be Erek, EinL in die slav. Litt.-Gesch., 418. Grohmann, Abergl., 190. Derselbe 
meint ebenda 191, dass die Thatsache (??!), dass dem Toten Haare und Nägel im Grabe 
weiter wüchsen, die L'rsache zu der materialistischen Vorstellung von dem Weiterleben 
i oten im Grabe sei. 

10) Rochholz a. a. O. 196. 

11 Strausz, Die Bulgaren. Leipzig 1898. S. 427. 

12) Ebenda 4531'. 

13, Ebenda 451. 



Die ] 

auf. 1 ) Ebenso lange, in mancher Häusern abei auch I" I hindurch, 
wird früh and abends an die Stätte, wo der I 
gelegt und darauf eine brennende Kerze angezündet 
nämlich ooch tOTage lang nach dem Tode Im Hause verweil« 
an manchen Orten zwölf Monate hindurch wird am • 
40. Tages „prinos" gemacht, wobei man einen Widdei 

Nach 9 Tagen erscheinen die Geister von ungetaufl gestorbenen Kindern 
als Vampyre, Bogen. I strel, wieder.*) Die Seele 'I"-- Erwachsenen im 
aber 40 Tage lang auf Erden herum, dann erst zieh! sie ins Jensei ts ein.*) 
Diesen Tag friert man, indem ''in Weib mir einem Priester zum Grabe 
geht und ein Gebäck, etwas Bolivo and eine Flasche Wein auf den II 
stellt. Der Geistliche bete! und räuchert, ebnet das Grab, worauf er in 
dasselbe «'in Loch gräbt und in dieses Wasser nnd etwas von den Speisen 
einscharrt. 6 ) — Bezüglich der specifisch slawischen Vorstellung, nach der 
die Seelen von Verstorbenen !>i- zu ihrem endgiltigen Tode um Bäume 
flattern, verweise ich auf meine Notiz im Globus. 7 ) Ober Totengebräuche 
in Bosnien und «Im- Herzegowina sind wir seit einiger Zeil durch Lilok 
gut nnterrichtet. 8 ) Dort werden die Totenmahlzeiten in manchen Gegenden 
am 7.. 4C Tage, nach einem halben Jahre oder einem Jahre geha 
In anderen Gegenden gehen die überlebenden am dritten Tage nach dem 
Begräbnis mit Brut. Käse u. s. w.. Branntwein zum Grabe. Am 7 I 
nehmen sie auch Opferwein mit, um das Grab zu begiessen.*) [n Sarajewo 
geht man am 3., 7.. 40. Tage, 7« .lalir und am Jahrestage nach der B 
erdigung auf den Kirchhof, zündet am Grabe eine Kerze an, räuchert es 
und betet für die Seele des Verstorbenen. 10 Dieselben Zeiten für den 
Totenkultus werden bei den muslimischen Bosnjaken eingehalten 
der Meinung mancher Bosnjaken hält sich die Seele des Verstorbenen im 
Sterbehause auf und schwebt besonders um seine Kleider 6 7 l'.-i_ 
Doch glauben die orientalisch-orthodoxen Leute dii I dass die 

Seele des Verstorbenen nicht sofort in den Himmel fahre, Bondern Bich 
nach der Trennung vom Leibe noch i" !'..-• nifhalto und acht 

gebe, dass ihrem einstmaligen Leibe kein Li • •■ Deshalb brennt 

man (v-1. Anni. ■_'. S. 21) in Trebrinje im Ha torbenen 10 I 

Lang nach dem Tode eine Kerz ler Lampe Man zündet auch nachts 

eine Kerze am Grabe an. In Saraji kl man durch \0 Tage je 

eine Kerze und einen Teller gekochten Weizens in die Kirch ler stellt 

den Weizen an die Stelle, wo der T gen hat. 13 Auch die bosnischen 

und herzegowinischen Muslems - - di< Seele bis zum I 



1) Strausz a. a. 0. 446. - 2) 1 31, 453. - 

194. - 5) Ebenda 458. - < : Globus, J 

8) Lilek in dem S.Bande der ethnolog. Mitteüungei 

9} Ebenda 409. - 10) Ebenda 411. - 11 Ebenda 420. - 12] Ebenda 4 
a. a. O. 408. 



22 v "" Nfogelein: 

oach der Beerdigung in das Baue zurückkehren könne. 1 ) Wir sehen: 
Vorstellung ist echl Blavisch und deshalb auf deutschem Boden nur 
in «Iimii von Slaven beeinflussteD Ostpreussen zu finden. 

Gehen wir quo zu den asiatischen [ndogermanen über, so finden wir 
natürlich auch bei ihnen den universellen Gedanken, dass «1er Tote sich 
in der Nähe des Grabes aufhalte. Dies ist z. 15. bei den Armeniern be- 
zeugt. 1 Dieselben kennen als Tage der Kultushandlungen für den ein- 
zelnen Toten zunächst den Tag nach dein Begräbnis, sodann den .siebenten 
Tag.") Davon sind die Pesttage des Ahnenkults, der auf ganz anderer 
Basis erwächst, natürlich streng zu scheiden. Nach einer Woche ist der 
Tote zur Stätte des Gerichtes gekommen, seine Wanderung vorbei.*) Eine 
ander.- [deenreihe aber konnte sich damit nicht begnügen, den 'roten 
dorthin zu verfolgen. Sie heftete sich enger an den nach 7 Tagen noch 
kaum in der Verwesung begriffenen Leichnam und liess die Seelenpflege 
ersl nach einem Jahre aufhören.*) Dann ist der Tote wirklich tot, bereits 
iüs Jenseits eingegangen. Wie die stets im Frühling sich erneuernde 
Wiedergeburt der Natur, wie ihr stets sich im Herbst wiederholendes 
Absterben auch den .Menschen in den Kreislauf des ewigen Werdens und 
Vergehens mit hineinreisst, so vernichtet der erste Donnerschlag des 
Lenzes alle Geister des verflossenen Jahres und giebt dem Lebendigen 
dem Toten gegenüber sein Recht.*) Ein volles Jahr lang also kann der 
Tote zur Umgebung Beiner Wohnung zurückkehren. 6 ) Nach dem Glauben 
der Tscherkessen kann der Tote acht Tage nach dem Begräbnis zum 
Gastmahl im Verwandtenkreise zurückkehren, weshalb man nach Ablauf 
der ersten Woche das aufgezäumte Schlachtross des Verstorbenen vor sein 
Grab führt und ihn zum Schmause einlädt. 7 ) Wenn ein reicher Kirgise 
stirbt, so wird ebenfalls am 7. Tage das Volk versammelt und ein Gast- 
mahl gegeben. 8 ) Nach der Lehre der altpersischen Avestatexte hält sich 
die Seele drei Tage lang in der Nähe des Kopfes auf: das gilt von den 
guten und bösen Seelen, doch empfinden schon in dieser Zeit dieselben 
einen Vorgeschmack der Belohnung oder Strafe, die ihrer wartet. 9 ) Nach 
Ablauf dieser Zeit verbleibt die Seele des Guten am Orte der Erlösung, 
unter Bäumen and in Düften weilend 9 ), die des Bösen aber besucht nach 
jüngerer Leine ihre Verwandten an den fünf Schalttagen, die auf die 
Besuchstage der Seligen folgen. 10 ) Nach mittelpersischer Überlieferung 
hält sieh die Seele drei Tage lang da auf, wo der Kopf lag. 11 ) Man ver- 
gleiche damit die Substituierung des Körpers durch einen Stein (s. oben). 
Nach der Leine der vedischen Ritualbücher bleibt die Seele des Ver- 

1) Lilek a. a. 0. 419. — 2) Abeghian a. a. 0. 18 und 24. — 3) Ebenda 22f. — 
enda 18. — 5) Strausz a. a. 0. 454. — 6) Ebenda 18 und 23. — 7) Bastian, Vor- 
stellungen von der Seele, 13. — 8) Zeitschr f. Ethnologie 3, 307. — 9) Yasht 22: Geiger, 
Altiranisches Leben, 263. — 10) Bastian, Vorstellungen u. s. w., 35. — 11) Mainyo-i-Rharad 
Cap. 2. 



Btorbenen mit dem Körper eine Zeil ! irendd« - 

wird die Ceremonie der ekkodistaQraddhS vollzogen, nach einem •'• 
(oder drei .Monaten) erfolgt mit Aufnahme in den Kreis dei Manei 
Bapindakarana, zuletzt erst das eigentliche Manenopfer, das pitrmedha 
verhindern soll „neues Unheil zu stiften" . *) l ber die B remonien 

im modernen Indien sind wir Behr ausführlich z. B. durch Di 
richtet, [ch hebe folgende Einzelheiten hervor: Während de» Wege« eur 
Stätte der Verbrennung hält man dreimal an, öffnet jedesmal den Mund 
des Töten und wirft in denselben ein wenig feuchten, rohen Reis bim 
damit der Tote zugleich essen und trinken könne. Di< 
begründet, dass der Scheintote dadurch ins Leben zurückgerufen werden 
könnte und der wirklich Tute wieder auflebe, wenn die Todesgottheif 
sich vielleicht in ihm vergriffen und aus Versehen einen Falschen abgeholt 
hätte.*) Am zweiten Tage der Begräbnisfeierlichkeiten giebt der I 
einem Brahmanen Reis, Erbsen und Gemüse, die er in ein angebrauchtes 
Linnengewand wickelt und dies zwar zu Gunsten des Toten, in dei 
Wartung, dass der Keis. das Öl, die Erbsen und das Wasser, welches man 
ihm bereits dargebracht hat, nicht ausreichen, seinen Durst und Hm 
zu befriedigen und er in der anderen Welt keine Gelegenheit mehr haben 
werde, seine Blosse zu bedecken.'J Vom Ablauf des dritten raget 
zum neunten Taue wiederholen sich dieselben Gebräuche and bezwecken, 
es zu verhindern, dass der Tote Hunger und Durst erleide "der nackt 
bleibe und wollen ihm eine schnelle Wiedergeburt ermöglichen. 

Bei den semitischen Völkern tritt der Totenkultus zurück. Bekanntlich 
hat Frey ihn bei den Hebräern äberhanpt geleugnet. Die Völkerpsych« 
verwirft mit Entschiedenheit diesen Versuch, den einzelnen Stamm an- 
der geistigen Gemeinschaft der Völker herauszureissen and ihn vom Zwange 
unumstösslicher Naturgesetee zu befreien. Denn in dem Bestreben, dem 
im scheinbaren Schlummer befindlichen Körper bo lange die Attribut« 

Lebens zuzuerteilen, bis der scheinbare Schlaf von den Sympt« n der 

Verwesung- abgelöst wird, manifestiert sich nicht- anderes als das I 
heitsprineip des menschlichen Geistes. So lange die in Bewegung 

Kugel ihres Weges rollt, bis die Keil ■ sie zum 8tehen bringt, wird 

der menschliche Geist sich von der tröstlichen Selbsttäuschung eines Weiter- 
lebens des schon erkalteten Körpers nicht ganz befreien können Di« 
Beduinen der vorislamischen Zeit nahmen in ihren Gedichten häufig einen 
jedes Fortleben nach dem Tod.- negierenden Standpunkt ein. In dm. alten 

1) Hillebrandt, Rituallitterarur, 90 Umenkult, --'2. Ol 
Veda, 555. 

2) Hillebrandt a. a. 0. 90. 

3) Moeurs des peuples de Finde. 

4) Ebenda 206. 

5) Ebenda 211. 



■ > j von Negelein: 

Liedern wird der Gedanke nach allen Riebtungen hin variiert, dass mit 
dem Tode alles ms Bei' Doch war diese [dee mehr dem aufgeklärten 
lalismus einiger Sänger ;.l> dem Gemül der grossen Menge eigen, 
stehen wir es, dass, trotz dieses religiösen Nihilismus, Gebräuche 
existierten, nach denen /. B. Freunde am Grabe eine- Mannes zu seiner 
Erinnerung tranken und etwa den Rest des Bechers auf sein Grab aus- 
schütteten.*) Hierin eeigen sich Kote der Anschauung, dass der Tote als 
Doch nirlit ganz verschieden, noch nicht aus der Gemeinschaft der Lebende» 
Man giebt deshalb dem Toten seinen Anteil weiter. 
Ihm den Hebräern von der Speise, bei den Arabern von dem Tranke. 
Noch in anderer Weise Betzen die Verwandten und Freunde die Gemein- 
schaft mit dem Verstorbenen fort. Sic besuchen sein (irab und halten 
Bich daselbst Lange auf. Bie lassen ein Zelt über dasselbe schlagen und 
können sich nicht von «1er Stelle losreissen. Wer am Grabe eines Be- 
kannten vorüberkommt, ruft ihn beim Namen und grüsst ihn. Der Tote 
hört sein ynh,i und antwortet: ..x<u av u . Ja, man schwört bei des Toten 
Leben und -las vor einer Zeit, in der der Gedanke eines wirklichen zweiten 
Lebens, wie der Koran es beweist, den Mekkanern als der reine Aber- 
witz erschien. 2 ; Als Analogie zu der bulgarischen Auffassung (S. 20. Anm. 1'-') 
im es bemerkenswert, dass der Verstorbene, wenn er zu Grabe getragen 
wird. Äusserungen thut, die alle Tiere vernehmen, nur der Mensch nicht. 
Er hört das Klappen der Schuhe des Gefolges und versteht, was man ihm 
zuruft Er hat zu leiden unter dem Wehgeschrei der Seinigen. 4 ) Die 
muslimische Doctrin älterer und jüngerer Zeit entsagt ebenso wenig wie 
die talmudische der Vorstellung, dass die Seele sich nicht früher ganz von 
ihrem Leibe und dem Irdischen befreien kann, als bis dieser der völligen 
Vernichtung anheimgefallen ist. 6 ) Wie im slavischen Aberglauben sitzt 
im muslimischen der Verstorbene auf seinem auf den allgemeinen Be- 
gräbnisplatz getragenen Sarge, oder es folgt sein Geist der Leiche bis 
zum Grabe. 6 ) In der vorausgehenden Zeit der Begräbnisvorbereitungen 
fühlt derselbe alle Schrecken des Grabes voraus, er hat schwer unter der 
rohen Behandlung seiner irdischen Sülle zu leiden und bittet deshalb die 
Überlebenden, Beine Kleider Langsam und vorsichtig auszuziehen, das 
Leichenwasser nicht zu warm und nicht zu kalt zu machen, ihm das Ge- 
Bicht nicht zu verbinden u. b. w. Er klagt über die ewige Trennung von 
den Verwandten und weint über das Scheiden aus dem Leben. 7 ) Ist der 

L) Wellhausen, Rest< arabischen Heidentums, 185. 

Ebenda 183, vgL Bussen 3. 164. 
3) Vgl. Wellhausen, Skizzen, 3, 162. 
I Wellhausen a. a. 0. 186. 
5 Wolf, Muslimische Eschatologie, 8. 78, Anm. 117. Bastian, Vorst.. 27. 

6) EbemL 

7) Ebenda 41 ff. 



I >i.- Reise der Seele ras Jenseits. 25 

' I ' . » r . einmal gebettet, bo besacht sein Geist den abgestorbenen Leib am 
3., .">. and 7. Tage and weint aber den zunehmenden Leichenverfall. 1 ) 
Alan sagt auch: der Gläubige erleide die Strafe im Grabe 7 Tage, der 
Ungläubige 1" Tage lang, d. Ii eine so lange Zeit nimmt die Wanderung 
der 8eele ins Jenseits in Anspruch.") Ein volles Jahr aber dauert der 
konnex zwischen dem < i fisr and dem im Grabe geborgenen Leib. Der 
Tote sieht, wer für ihn betet and um ihn trauert. 3 ) Als interessante V< r- 
mittlung zwischen den verschiedenen Auffassungen, nach denen die Seele 
in der Nähe des Leibes Bitzen und doch zu Gott eingehen muss, findet sich 
auch die Angabe, «Ii«' Engel machten zu Bäupten des Toten ein Fenster 
and zeigten ihm den für ihn bestimmten Ort im Paradiese.*) Der Talmud 
steht diesen Vorstellungen des arabischen Semitentums nicht fern. In 
einei- viel citierten Stelle erklärt er die Gebeine des Toten für ehrwürdig, 
weil nach dem Begräbnis <li«' Eabal «I«' garmin, der Manch der Knochen, 
um das Grab schwebe. 6 ) Die Seele hält sich beim Grabe noch 30 Tage 
lang auf. indem sie hofft, sie kehre wieder zum Körper zurück. 6 ) Bier 
zeigt Bich «li«- [dee des Leichnams als eines noch mit potentiellem Lehen 
I _ toten Körpers besonders klar lebendig. Dem entspricht, dass man 
die Toten, obgleich der jüdische Ritus bekanntlich das sofortige Begräbnis 
vorschreibt, doch in den drei ersten Tagen nach Eintritt des Todes unter- 
suchen darf, «1. h. man ihres wirklichen und definitiven Ablebens nicht 
sicher ist. 7 ) 

Nur anhangsweise Beien «Ii«' klassischen Volker erwähnt, über deren 
religiöse Gebräuche uns eine grosse und leicht zugängliche Litteratur zur 
Verfügung Bteht. Nach Ciceros Ausspruche glaubte man im Volke, dass 
die Toten unter der Erde den Rest des (im Diesseits nicht ausgelebten) 
Lebens verbrächten. 8 ) Dem entspricht die Auffassung des Schattens und 
der Manen. Dass die Sitte der Verbrennung ihm nicht widerstreitet, _■ in 
u. a. daran- hervor, dass z.B. die Leiche <les Achilleus 17 Tage über der 
Erde blieb, die des Bector 9 Tage 9 ), und die Leichenspiele «Ii«- /«dt bis 
zur Bestattung ausfüllten, man also dem verfallenden Körper bo lange als 
mösrlrch irdische Freuden zukommen lassen wollte. Auch das Blutopfer 
des Odysseus, durch das dieser den Geistern «Im Sprache wiederverleiht, 
gehört als Rest eines alten Kuhn-, der Tier- und Meiis< lieimpfer zu Ehren 
der Manen kannte, hierher. 



I) Wulf a. a. 76 f. 
•2 Ebenda 65. 

3) Ebenda 78. 

4) Ebenda 59. 

5) Vgl. z. B. Rochholz. Glaube und Brauch, 220. 

6) Bereschith rabba c. 100 bei Frey a. a. 0. 2CMi, Anni. -->. vgl. 120, Anm. 6. 

7) Zeitschr. f. Geschichte d. Judentums 3, 216 f. 

8) „Sub terra censebant reliquam vitam agi mortuorum, Cicero- bei Bastian, Eiern. 26. 

9) Homer eo 63, Q 664. Buchholz, Realien zu Homer II. 2, 296. 



ron N egelein: 

Die verstände«- und gefühllosen Schatten Homere erhalten bei Voll- 
ziehung des atavistischen Gebrauchs blutiger Opfer die ihnen von Alters 
lirr zustehende Gabe der Rede wieder. 1 ) Die klassische Zeil kannte 
Grabraahlzeiten am 3 . 9. and 30. Tage nach erfolgtem Begräbnis.*) Nach 
Ablauf der dreitägigen Fastenzeit wurde das Totenmahl vorgenommen. 
Am dritten Tage wurde an dem mir Eppich bekränzten Grabe ein Toten- 
opfer dargebracht, das Hauptopfer aber fand am 9. Tage statt, wenn nicht 
der 10. dazu genommen wurde, wie es uns einmal berichtet wird. 3 ; Endlich 
fand eine mit Opfer und Totenmahl verbundene Feierlichkeit am 30. Tage 
Dach dem Begräbnis statt. 4 ) In ( alymnos findet die Seele des 'Föten erst 
am ■!<>. Tage Ruhe. 

Die vorausgehend verwerteten Materialsammlungen, die sich leicht 
verzehnfältigen liessen, werden bereits in ihrer jetzigen Gestalt zum Er- 
weis der Behauptung ausreichen, dass alle indogermanischen sowohl, wie 
die semitischen Völker mit überraschender Konkordanz <len Seelensitz 
muh Eintritt des Todes für eine bestimmte und beschränkte Zeit in den 
Körper verlegten, und dass der Monismus von Geist und Materie um bo 
strikter aufreiht erhalten wird, je weniger die fortschreitenden Anzeichen 
des Leichenverfalls die Frage nahe legten: Wohin ist das Leben, das der 
zerfallenden Hülle nicht mehr eigen sein kann, entwichen? Wohin hat es 
die Heise angetreten? Die irdische Sorgfalt, die den ewigen Schlummer 
durch keinen Lärm und kein Weinen, die ewige Nacht durch kein Licht, 
die Apathie des Todes durch keine Lockspeise zu durchbrechen vermag, 
'hat sich dem Verhängnis gegenüber als unzureichend erwiesen ■ die 
Seele ist verreist. Ehe wir ihre Spuren ins Jenseits zu verfolgen ver- 
suchen wollen, sei es vergönnt, die entwickelte Idee des Aufbruchs zur 
Reise bei niederstehenden Völkern zu erkunden, um dieselbe so als eth- 
nischen Elementargedanken zu erweisen. Wir können hier den reichen 
und zuverlässigen Materialsammlungen Bastians unbedingt folgen. Die in 
der Nähe des Grabes verbleibende Seele des Irokesen irrt zum Leichen- 
feste umher.'') Dann tritt sie bei den Algonkin eine viertägige Reise 
an. ) in Efate musste die Seele sechs Daseinsstufen passieren,, .unter 
welchen sie überhaupt erst starb. 7 ) Bei den Khands werden die Toten 
ohne weiteres verbrannt, alter nach zehn Tagen versammeln sich die 
Verwandten und Freunde und trösten sich mit einem gemeinschaftlichen 
Mahle und massigem Trinken (Totenschmaus !). In Borneo weilt der 
(;,1>I Vlr| ' Tage im Hause und erhält Reis gestreut, wird dann aber 

ifegt, unter Zerbrechen eines Gefässes.") Bei einer Gelegenheit er- 
klärten die eingeborenen Tonganesen einem Europäer, ein vor mehreren 

1 Vgl. in meiner Anzeige von Abeghians Arbeit im Globus den Abschnitt über 
Totenopfer. — 2 Müller, Bandbnch der klassischen Altertumskunde, 219. Vgl. Schümann, 
Griech. Altertümer«, II, 572. - 3) ß 665. — 4 Müller, ebenda, 223, — 5) Bastian, 
Elem., 26. — 6) Ebenda 19. — 7) Ebenda 23. — 8) Bastian, Vorst., 34. 



IM.' Reise der Seele ins Jenseits. j , 

Monaten begrabener Mensch lebe Doch. 1 ) I>«t Leichnam des jflngsl 
Verstorbenen wird bei den Ureinwohnern von Pormosa drei Tage laug 
unter dem Bette aufbewahrt, dann ersi begraben.*) Nach der Vor- 
stellung der (welcher?) Indianer treibt sich die Seele noch ein Jahr 
Lang in der Nähe des Körpers umher und will durch Feste versöhn! sein ' 
l>ie Eskimos glauben, der Tupilak, der Geist des Verstorbenen, um- 
Bchwebe noch drei Taue nach dem Hinscheiden den entseelten Körper.* 
In Holontalo pflegen die reichen Leute die ersten vierzig Tage lang 
denselben mit Blumen und Geld zu bestreuen. 8 Auf Neu- Guinea uimmt 
man zunächst einen kurzen Aufenthalt des Teten unter der Erde, dann 
erst den Aufbruch zur Heise zum allgemeinen Versammlungsorte der 
Abgeschiedenen an. 8 ) Nach der Ansicht der Huronen verweilt ein Teil 
der Seele beim Grabe 7 ); ähnliches glaubt man auf Madagaskar 8 ), in 
Finnland 9 ) und sonst vielfach 10 ), so z. B. bei den Dacotah, bei denen 
eine der vier Seelen neben der Leiche verweilt: und bei den Ghond, wo 
ebenfalls eine Seide beim Körper bleibt, um allmählich zu verwesen. 11 ) 
Der Versuch, die Scheinexistenz des schlummernden Leibes durch Zu- 
führung von Nahrung zu verlängern, hat bei einzelnen Völkern dazu ge- 
führt, Speisen und (ietränke dem 'Toten direkt einzutrichtern. 18 Ich 
erinnere an das parallele Einflössen von Nektar und Ambrosia in der 
griechischen Mythe. Bekannt ist es. dass dem 'Toten am Bonnj Schnaps 
zugeführt wird 13 ; und dass man ihm Speisen und (ietränke durch eine am 
Kopfende i\cs Grabes gelassene Öffnung hinabschüttet." Die Tschuwaschen 
thun das Gleiche am Gedenktage der Seelen. 10 ) Bei den Sioux wird in 
jedem Sarg die Öffnung gelassen und aus gleichem Zweck mögen sich 
die runden Löcher erklären, die man an den Steinplatten der Dolmen in 
Indien, Gallien, im Kaukasus u. s. w. findet. 16 ) Die 'Toten der Tangale 
werden in sitzender Stellung (vgl. die prähistorischen Gräber!) bis an 
den Kopf eingegraben. Die Bube bestatten ihre 'Toten in sitzender 
St. dlun-'. und zwar so. dass der Kopf aus der Erde herausschaut. 17 ) Odentes, 
eines verkümmerten Sonnengottes der Goldküste, Wohnort wird so her- 
gestellt, dass ein Knabe getötet wird: er wird stehend bestattet, so dass 
der Kopf hervorsieht. Auf Anietyum wurden die Vornehmen in >\<-v Erde 
begraben, so dass nur der Kopf heraussteckte. Auf den Gilberts- Inseln 
herrschte der gleiche Brauch. 17 ) Sicherlich ist hier immer das Bestreben, 
dem Toten möglichst direkt Nahrung zuzuführen, für die Art der Toten- 
bestattung massgebend gewesen. 

1) Tylor 1,424. - 2 Zeitschrift für Ethnologie 25, 334. — 3) Lippert, Seelonglauben, 
30. — 4) Zeitschrift für Ethnologie IT. Kl. - 5) Archiv für Religionswissenschaften 2, 
207. — 6) Bastian, Eleur, 75. — 7) Bastian, Vorst. 17. — 8) Ebenda 13, Eiern. 84. — 
d) Tylor 2, 80. - In) Ebenda -j, 27 ff. — 11) Bastian, VoiM.. 1*. - 12) Bastian, Eiern., 80. 
— 13) Zeitschrift für Ethnologie 2», 122. — 14) Bastian. Vorst, 34. — 15] Ebenda 35. - 
16) Ebenda 13. — 17) Frobenius, Ursprung der Kultur I, 331. 






Bacher: 



Die weitverbreitete Sitte des Mfamifizierens deT Leichen, die «loch 
auc h nur den Zweck gehabt haben konnte, das im Körper befindliche 
Leben mögliche! lange zn erhalten, wollen wir grundsätzlich übergehen, 
weil die Zeit, die hier der Totenreise vorausgehen Bollte, eine unabsehbar 
Bein mus8te. Auch der Glaube an die Auferstehung von den Toten 
setzt in der Darstellung des Ezechiel die Erhaltung von deren Knochen 
voraus. Dem entspricht aufs vollkommenste die moderne Volksanschauung. 1 ) 
Doch haben wir es hier bereits mir einem Monismus von Kraft und Stoff 
/u timn. der, mehr spekulativ als empirisch begründet, eine endlos.« 
\ ereinigung beider Elemente voraussetzt und deshalb die uns hier be- 
Bchäftigende Frage nach dem .Momente der Trennung von Seele und 
Leib nicht aufwirft. Wir haben die menschliche Seele bis zu dem 
Punkte in> Au-- gefasst. der ihre Scheidung vom Körper als vollendet 
bezeichnen h'is>r. und fragen nun: in welche mythischen Gebilde kleidet 
sich die [dee dieses Scheidens? Können wir den Geist, den wir, da er 
Beine Bulle verliess, abreisen sahen, noch auf der Reise verfolgen? 

Ko u i gsberg i. Pr. 

Fortsetzung folgt.) 



Von dem deutschen Grenzposten Lusern im wälschen 

Südtirol. 

Vom Karaten Josef Bacher in Unterfennberg bei Margreid in Südtirol. 
(Fortsetzung von Bd. X, S. 417.) 



16. Da n < ven/.rat < von strlan. 

1)' kmd ■>]■ sain g«?Wfsl se'm al.' bdn- 

and*ron dar bdrba Tita hat-m auggonturt 
.i -tori'b on 's muom Bärbd» is se'm 
-t ls ö . . . . on e>t bil-a-mar nein-m 
insel dUrmfia zo köda-'s-aa aü\: 

In an stroax oidar gga Lfva l's-da 

d alta waih' on hat g;nump a 

kin vi) siin sun on is gant ;ius az velt 



l(i. Die von den Hexen Übrig- 
gelassene. 

Die Kinder waren dort alle beieinander 
und der Vetter Johannes (Baptist) erzählte 
ihnen ein Geschichtchen und die Base 
Bärbele war auch dort .... und jetzt will 
ich mich bemühen, es euch zu sagen: 

Einmal war drunten in Leve ein altes 
Weib und nahm ein Kind ihres Sohnes 
und ging hinaus auf das Feld, zu holen 



1 [eh verweise auf Schiller, Räuber V, I: „Das nackte Gefilde begann zu kreissen 
and aufzuwerfen Schädeln, Rippen und Kinnbacken und Beine, die sieb zusammenzogen 
in menschliche Leiber und daberströmten unüberseblicb, ein lebendiger Strom." Vgl. aueb 
die bildlichen Darstellungen der italienischen und niederländischen Meister. 



Von dem deutschen Grenzposten Lnsern im «fälschen Sudtirol. 



29 



bo nema a di*ai t$gn, on bäl-'a ia gaw^st 
aus az velt diza waib . hat- a - 
kin se'ro af a zail vö patatn on is gant 
in pa akar zo nema äbs d- tfgn. Bala- 
män (h)at-s gahgarl an sr^a, on sl is 
kein bahems bavem <) /.' s$ga von kint 
on \ int nem#ar 's kint af kuana sait. 
AlÖra d rwisl >■ »n wfga on ge'al hfiani 
mrarai' loat bäs I »Mi t - ro srak on küt 
Bain siiii. bäs-da is gasfgat. On er hat 
darwist in w§ga on is gant a ggaman 
zo pita, as-s- d gf'm helf zo giana 
zo stia\a 's kin. 'n to momento al > da 
laut vd Lv\> Bain gaw^st ümar zo süaxa: 
a tnal sain gant pa veldar, a töa! pa 
wäldar, on a töal sain gant in pa sca 
zo visa; ma al< hä'm gamöxt kearn 
bidrüm ana kin. In tä' darnS sain-sa 
wui r gant zu siia.\a-'s: ma niamat 
liat-'s net g ■■vunt't. Drai tag» hä'm-s'-as 
g'sfia\t on balaman (h)ä'm-sa g^saug^t 
an Mi Front' un hä'm-'s g-'sögg in-an-a 
saülana stfl; ma zo giana in zo nema-'s 
säin-sa net u'west gäat. AlÖra sain-sa 
kent äba gga Lfva un hä'm ganump 
kübln on sain gant ;iu Öbar disa stnl 
un hä'm ä_häi)n an man on hä'm-an 
abamolart, on er hat g<mump 's kin m 
arm on dena hat-ar ge't an zuk an da 
kühl on il sohl, bo-da sain gaw§st an 
al' da 5bar sait. ha'm-n ;iugv<zög4. On 
bal-dar an is gewtjst, hä'm-sa gavörst 's 
kin. /." s$ga, ber-d'as bat vörtgatragg, 
on 's kin hat köt: „Da is kent a -nana 
\ -rau on hat-m-' gamüdlt in sn a süana 
dek oii hät-ma g^tragg ;iu an dasei stfl, 
bfj-dar-ma hat gavuntat" . . . on da laut 
ha'm-'s g^vorst z' sega. bäs-"s-'n hat 
ge't z' esa, on 's kin hat köt: „Sa hat- 
mar ge't gi'ilas pryat on öpfl.'* On älöra 
hä'm-sa darwist »n weg' on sain kent 
huam betn kin. On d - laut hä'm-an 
ab pensärt, ke da hä'm-'s vörtgahat da 
strian, on vö dansel tags ha'm-s -ar ala 
köt da gavenzrata von strian. 



Bich einige I isolen httlsen . und als sie, 
dieses Weib, draussen auf dem Felde w ar, 
[i gte sie das Kind dort auf eine Erd- 
äpfelzeile und ging hinein bei Acker, die 
Fisolen zu pflücken. Da hörte Bie einen 
Schrei, und sm kam behende, nachzu- 
schauen vom Rinde und findel aichl mehr 
das Kmd nirgends. Dann macht Bie Bich 
auf den Weg und gehl heim, mehr tot 
als lebend vor Schrecken and Bagt ihrem 
Sohne, was geschehen ist. und er machte 
sieh auf <\rn Weg und ging in die < h - 
meinde(kanzlei) zu bitten, dass Bie dun 
Bilfe geben zu gehen, | um das Kmd zu 
suchen. In einem Augenblick waren alle 
Leute von I.eve herum zu suchen: ein 
Teil ging aber die Felder, ein Teil aber 
Widder und ein Ted ging (ruderte über 

den See, (um) (auf ZUÖSCben : allein alle 

mussten wieder umkehren ohne Kmd. 
Am folgenden Tage gingen sie wieder, 
es zu suchen; jedoch niemand fand i - 
Drei Tage suchten sie es, und dann 
schauten sie hinauf zum (Berg Fronte 
und sahen ^s drinnen in einer grausi{ 
Felswand, allein hineinzugehen, es zu 
holen, waren sie nicht imstande. Dann 
kamen sie hinunter nachLeve und nahmen 
Seile und gingen hinauf ober diese Fels- 
wand und hängten einen Mann an und 
Messen ihn herab, und er nahm das Kind 
in den Arm und dann gab er einen Zuck 
in das Seil, und die. welche droben auf 
der Oberseite waren, zogen ihn hinauf, 
und sowie er hinauf war, fragten sie das 
Kind (um zu sehen . wer es fortgetragen 

habe, und das Kmd sagte: „Es kam eine 
schöne Frau und wickelte mich ein in 
eine schöne Decke und trug mich hinauf 
in jene Felswand, wo ihr mich gefunden 
habt" . . . und die Leute fragten es. um 
zu erfahren) was sie ihm zu essen gegeben 
habe, und das Kmd Bagte: „Sie gab mir 
- Brot und Äpfel." Lud dann 
nahmen sie den Weg und kamen heim 
mit dem Kinde. Und die Leute dachten 
sich alle, die Hexen hatten es fortgehabt, 
und von diesem Tage an hiessen sie sie 
alle die von den Hexen Übriggelassene. 






Bacher: 



17. 's - n.iiilarl 

is gant a püabl - von 
dB poval. Bäl- - 
-( m afn Ggosbdsi säin-?n zünganl 

. man-n (»ii hä'm-'a gyvörst z - 
ast, bö-da is il - Rögga Dampf, 
od diza ptkabb hat köl n J ja, iiaba 

niilll' DiaiMl. i l>öas-<s hol: kein l>t 

iniar. i zt>.i'-s*-;is (i lim-» -as ~ On alöra 
diu /wn.i man n sain gaot betn püabD, 
on bdl-sa Bain g<w£st Dämp dar rögga, 
h&'m-sa _ hijari als a g-dürna. äs-'s-n 
bä'm g'DQÖXt sopm d< öarn zöa n<;t zo 
ktina ~-ind.it. On bäl-da na-hat-g-dat 's 
rna, ha'm-sa köt dj mann: „Gea 
»;>t. sndidarl-', gea poranahi, od zöag-as 
de rögga r- r t". on 's püabD is gant 
\< ran on is gant in pa rögga, on da 
nian^n sain- n nagant. Bäl-sa sain g - 
wifßt in af d' mit dar rögga, sain-sa 
neroear g - _uat zo gmna vürsn-.i. 
ombröm af d*> mit hä'm-sa g-vunt-t an 
haof slaggn, on alöra dis' man-n hä'm 
k<it ggan püabl?: „Ben snäidarD, est 

g nfia, wetar in gea-bar net; fst 
nim-dar äu da dar disan slaggn!" On 
's püabb hat ägjva&n zo läxa on bat 
köt: .< ) nemp-s'-as nor iar-ändr ■> da knotn; 
i bil küaiK i gea est", on alöra d> 
man n hä'm r >n ge't a swanzjga on vümf 
ggn on hä'm köt: „Ben gda gst, »näi- 
darl»! u on alöra 's püabla hat-s' n<> g- 
rörst /.' B$ga, ombröm sa kö'n-an „snai- 
darL> tt , on d^ man <n hä'm köt: „Gga 

do barst kern n a snaidarD." On 
alöra 's pftabb is duvarkeni vö dar 
_i im is gant durx hi'ntar a vaü\t 
za -;iu_.i zfia ■/.' sega. bas-da ttian d-» 
man n. on se'm hat-'s g«segg, ke sa 
ha'm äug-mump an sak vol slaggn vor 
uaii od sain gant. Alora 's ptiabb is 

hnani is ö. Bäl-'s is gawest htiam, 
hat-'s äuvarg-nump d< »laggn zo zpaga 
sain laut, on im , >,ii na slaggn 

sain-'s g</w§st vümf I \Ur. 



Dena säin-da higant a drai. vlar jär, 
un güat-< laut hä'm g^holft ,m püabl-' 



17. Das Schneiderle. 

Einmal ist ein Bübchen von den (Fa- 
milien iMuzüberdieAlmen hineingegangen 
um Zieger. Als es drinnen im Costegin 
war. gingen ihm zwei Männer zu und 
fragten es (um zu erfahren), ob es wisse, 
wo die Rocca Dampf wäre, und dieses 
Büblein sagte: „Ja, ja, meine lieben 
Männer, ich weiss es wohl, kommt mit 
mir, ich zeige sie euch." Und dann 

en diese zwei Männer mit dem Büb- 
lein. und als sie nahe der Höhle waren, 
hörten sie lauter Geheule, (so) dass sie 
sich mussten verstopfen die Ohren, um 
nicht taub zu werden. Und als das Ge- 
brülle nachgelassen hat te), sagten die 
Männer: -Geh jetzt. Schneiderle, geh vor- 
aus und zeig uns die (Fels-; Höhle jetzt - , 
und das Büblein ging voran und ging bei 
der Höhle hinein, und die Männer gingen 
ihm nach. Als sie in der Mitte der Höhle 
waren, waren sie nicht mehr imstande, 
vorwärts zu gehen, denn in der Mitte 
fanden sie einen Haufen Schlacken, und 
dann sagten diese Männer zum Büblein: 
„Wohlan, Schneiderle, nun ist's genug, 
weiter hinein gehen wir nicht; jetzt nimm 
dir auf da von diesen Schlacken!" Und 
das Büblein begann zu lachen und sagte: 
„0, nehmt (sie) euch nur ihr die Steine; 
ich will keine, ich geh jetzt", und dann 
gaben ihm die Männer einen Zwanziger 
(.^ö Kr.) und fünf Schlacken und sagten: 
..Gut, geh jetzt Schneiderle!" Und dann 
fragte sie das Büblein noch (um zu er- 
fahren}, warum sie (zu) ihm „Schneiderle" 
sagen, und die Männer sagten: „Geh, geh, 
du wirst werden ein Schneiderlein." Und 
dann kam das Büblein heraus von der 
Höhle und ging hinüber hinter eineFichte, 
zuzuschauen (um zu sehen), was die 
Männer thun, und dort sah es, dass sie 
einen Sack voll Schlacken jeder aufnahmen 
und gingen. Dann ging das Büblein heim 
(es) auch. Sobald es war daheim, nahm 
es die Schlacken heraus, den Seinigen 
zu zeigen, und anstatt Schlacken (zu sein) 
waren es fünf Thaler. 

Dann vergingen bei drei, vier Jahre, 
und gute Leute halfen dem Büblein mit 



Von dem deutschen Grenzposten Lasern im wüschen s iult i r« >1 :;| 

bei an pisb -vlt, 011 alöra 's pttablj is etwas Geld aas), und da ging dasBttblein 

gant zo lirna zo m&Xfi » snaicUr, <»n zu lernen (den) Schneider (zu machen), 

vu se'ni aain -da äuvarkent d< „snai- und von dorther rühren die „Scbneidarla 8 

darla*, bo-da nö aain >n tä' vö haut az (-Familien), die noch heutzutage in Luse^ni 

Lasern, sind. 

B< merk.: »'s snäidarb": I)a es in Bus. tu nur drei eigentliche Schreibnamen [riebt: 
Nicolussi, Gasperi und Pedrazza, so fing mau schon frühe an, durch Zunamen die einzelnen 
Familien zu unterscheiden und zwar so, dass die eigentlichen ßchreibnamen im gewöhn- 
lichen Verkehr der Laserner untereinander gar nicht mehr genannt werden. Am meisten 
Bind die Zunamen notwendig beim Schreibnamen Nicolussi, da über 160 Familien den 
Schreibnamen Nicolussi haben. Solche Zunamen sind z. B. Castellan, Leck, Blnz u. s. w. 
Officiell werden dann die Familien oder einzelne Personen nach Folgendem Beispiel be- 
zeichnet: Nicolusai-Leck, Peter Nicolussi-Castellan .... Bald aber genügte auch der 
eini'aclie Zuname nicht mehr; so zweigte sieh z. B der Zuname Castellan aus in Paul&z, 
Weiss u. s. w.; in unserem Falle ist es der Zuname Mnz. der durch die Familien Schneider 
eine Aufzweigung erhielt, also Nicolussi-Muz-Schneider. Audi der Schreibname Gasperi. 
den ungefähr 25 Familien führen, muss mit Zunamen versehen werden der deutlichen 
Unterscheidung halber, z. B. Gasperi- Canaru, Gasperi -Knüpple oder Knapp), Gasperi 
Pecher, Gasperi - Dreizehne. — Vor Einführung der deutschen Schule in Lasfrn waren 
diese Zunamen möglichst italianisiert, z. B. Caneppele statt Knappte, Baiz statt Weiss, 
Moz (spr. Mos) statt Muz u. s. w ; weniger gelang dies bei Pecher die Luserner spreel i o 
ganz genau Be-c.r. während von ital. Beamten, z. B. bei Gericht, IVkr ausgesprochen 
wird; und Dreizehne, welch letzteres Draizene geschrieben wurde. Bei dem Schreib- 

aamen Pedrazza, den nur etwa sechs Familien führen, ist bisher ein unterscheidender 
Zuname nicht gebraucht worden — Wie schon erwähnt gebraucht die Bevölkerung beinahe 
ausschliesslich nur den Zunamen. Sic sagen z. B. di Kastila die Familien Castellan: 
di Lekro die aus der Familie Beck: di mgntsan die Familien Mensch; di Müz die 

von der (oder dem Familie(n) Mutz u. s. w. „is gant <) n§ poväi": die Kinder 

von Lnsfrn gehen zur Sommerszeit, wenn die Almwirtschaft in Betrieb ist, täglich in die 
näher gelegenen Almhütten, am frischen Zieger zu erhalten, der dann eine beliebte Zu- 
speise zur .pult" (Bolenta) abgiebt. Wird dieser Zieger Borgsam zubereitet, so schmeckt 
er ähnlich wie Maibutter. - Ggostedsi (ital. Costegino) ist eine Ahne neben dem B 
und in ihr befindet sich „Rdgga Dampf", von den Italienern „la rocca damf genannt, 
eine Höhle, „worin hundert Schafe Baum hätten - '. 

18. Dar orgg. 18. Der (N)org 

Vor an ♦.'• 1 1 ; i jär pan sumar sdin-da Vor etlichen Jahren im Sommer waren 

g >wfst vmr man 'ii in an BisaU \Vi>d< vier Männer (Irinnen im Wiesele, das 

zo mana 's hew ». Heu zu mähen. 

Balamff, m gian^n äin^ d^ sun, sn Allmählich bei Sonnenuntergang nah- 

drai hä'm g^nump d^ s$JD?st af d<> aggsl men zu dreien die Sense auf die Achsel 

on sain kent auvar hüam. Vör-sa sain und kamen heraus heim. Bevor sie fort- 

pamrt zo kema, ba'm-sa gartiaft »n gingen am heraus-) zukommen, riefen 

ändar on hä'm gjvörst z' sega, be-dar sie dem andern und fragten (um zu er- 

kmt. on er hat köt: „Na, nouet, am Iah rem. ob er komme, und er sagte: 

garstn biU rivan", on d; andarn altfra „Nein, noch nicht, zuerst will ich be- 

hä'm darwist m wega on sain kent. endigen", und die andern dann machten 

sich auf den Weg und kamen heraus . 

Dar ändar hat garift her spat on Der andere beendigte spät (dieArbeit, 

bäl-dar is g^west vert>, hat-ar a pisU und als er fertig war, rastete er ein biss- 

g^rast/t on dena is-ar partfrt on is kent chen und dann brach er auf und kam 

er Ö; ma 's is aromäi g^west spät pa (heraus) er auch; allein es war nunmehr 






Bacher 



dar na\t on st tunkl, as-ar-da 

m\i hat I 'n dfsar man is kent 

_..n\ in . mh bal-dar i- g wfet gga dar 

hüll.' \on kraiiz. hät-ar - \ mit t m orgg, 
on darsei hat-n n v t gawölt läsan pasarn 
im alöra «lar man hat auvargannmp sai 
iiir-sar um hat-n -vi b in >ti\ 9H orgg 
ml dena hat-ar ganump da kear äu z(ia 
ihn grfsat termar on is hfiam garift 
-iar t^at \<i Srak. Iluam as-ar is g - 
w$st hat-ar köt sain laut, bäs-d'-an is 

In tä' darnS hä'm augavaiMD a drai 

maii'H on sain gant z" st;ga, be-'a is 
bär, gg» dar hat ab^g/sto.\t ?n orgg; ma 
bal-sa Bain gaw?st gga dar hülb</ von 
kraiiz. haVm-s'-an gamörf halte m pau\ 
zo la\a. umbrüm dar man hat gvhat 
Bi'm sti.\ "ii an grisate knot, on vo 
dansel täga an ansei man hii'm-s'-an herta 
köt: dar orgg. 



m der Nacht und dunkel, bo daes 
er nichts sah. Und dieser Mann kam 
tastend, und als er war bei der Wasser- 
grobe am Kreuze, stiess er auf den Orgg, 
und derselbe wollte ihn nicht vorüber- 
lassen und da nahm der Mann sein 
Messer heraus und gab (ihm) sieben 
Stiche dem Orgg und dann wendete er 
sich hinauf gegen den grauen Grenzstein 
und langte daheim an beinahe tot vor 
Schrecken. Heim gekommen sagte er 
den Seinigen, was ihm begegnet ist. 

Am nächsten Tage machten sich einige 
Männer auf und gingen zu sehen, ob's 
wahr ist, dass er den Orgg erstochen hat; 
allein als sie dort bei der Wassergrube 
am Kreuze waren, mussten sie sich den 
Bauch halten vor Lachen, denn der Mann 
hatte sieben Stiche versetzt einem grauen 
Steine, und von jenem Tage an haben 
sie (hat man) diesem Manne stets gesagt: 
der Orgg. 



19. Dar wil man on das 

wil waib-'. 

In an ströa\ i's-da g'west a man 
un a waib?, bo-da hä'm g-mat zwr}a 
kindar. a püabla on a diarnla. Balamäio 
's waiba is gastorbat on dar man is ga- 
keart zo borata-s^. Das naüg^ waiba is 
— t güat betn kindar a ganzas jär. 
Dena hät-s'-ar g'kyaft si ö das a kin 
on dena hat sa Sgava»» zo saina zni\t 
betn zwoa ändarn kindar on hat herta 
köt ggan man. as-ar s< vörttraiba da 
zwya kindar. Ma dar man hät-ar nia 
lt volgn, ombröm da kindar hät-ar- 
s-' g^halt -t gearn. 

In an taga dar man is gant an äldar 
vrüa aus az velt, on vort äs-ar is ga- 
w ■_■ - 1- hat-sa ge't a säkla äs vor-nan an 
kind-T on hat köt: „Ge.it est in pa walt 
na bolz, ma 5 on dena 

an kearn bidräm kent herta na dar äs a , 
on asd ha"m-sa gatänt da kindar. Da 
stiafmüatar hat gasikt da kindar in pa 
walt. zoa ;is-da-sa vres epar a gawilt, 
on invez i da kindar sain gant on kent. 



19. Der wilde Mann und das 
wilde Weib. 

Einmal war ein Mann und ein Weib, 
welche zwei Kinder hatten, einen Knaben 
und ein Mädchen. Mit der Zeit starb 
das Weib und der Mann hat sich wieder 
verheiratet. Das neue Weib war gut mit 
dvn Kindern ein ganzes Jahr. Dann hat 
sie sich gekauft (sie) auch (eins) ein 
Kind und dann hat sie angefangen bös zu 
sein mit den zwei andern Kindern und 
hat stets gesagt zum Mann, dass er sie 
fortjage die zwei Kinder. Allein der Mann 
hat ihr nie folgen wollen, denn die Kinder 
bat er (sie) gehabt gerne. 

Eines Tages ging der Mann in aller 
Frühe hinaus aufs Feld, und als er fort 
war. gab sie den Kindern je ein Säcklein 
Asche und sagte: „Geht jetzt hinein in 
den Wald um Holz, aber gehet säend die 
Asche, und dann bei der Rückkehr gehet 
immer den Aschenspuren nach w : und so 
haben (sie) gethan die Kinder. Die Stief- 
mutter hat'te) geschickt die Kinder hinein 
in den Wald, damit sie fresse etwa ein 
wildes Tier, und statt (dessen) sind die 
Kinder gegangen und gekommen. Und 



Von dem deutschen Grenzposten Lnsern im w&lschen Südtirol. 






On &bas, bäl-da Bain hdam g^rift ds 

kmd r. ia-s -> • darzürnt on bat-s 
maxt gian /." slfiva Bna 

In t;V darnS dar vatar is widar ganl 
az vrlt. on dis.i /ni\t stiafmüatar bat- 
n nSge't a säkla salz ?n kindar on bat- 
sa widar u-ikt nä holz. D< kindar 
Bain Man- 's salz on sain ganl 

in wait in pa walt on bal-sa hä'm 
hat yvnua holz, ha'm-sa nemear _ - 
vuntt ii weg* zo keara bidrum, om- 
bröm 's is gaw§st nas von tau on 's 
salz • _ - (g*w6st zorgänt. Alöra 
d' arm Mi kindar hä'm oemear gawist, 
bo zo giana on Lnvfza bas zo kema 
/.fm hfiamat, säin-sa gan( wetar in pa 
walt 

Balaman bä'm-sa gasegg a baüsl > on 
sain zliagant on hä'm gamägg t (ga- 
meggat . on dena is auvarkent das wil 
waiba on hat köt: „0 haha maina kin- 
dar, wo mäi säit-ar kent! äs-da hüara 
kint dar wil man. mst-ar-as." On d> 
arm. ui kind r hä'm köt: As-da sai, I 
da ^ot dar hear bil; wiar liaint. as'-ar- 
as dalat. pläi'-bar da." „Beß", hat-'s 
köt das wil waiba, _i balt-as da, ma 
iar-ändf mo\t gian in untai 's pet on 
stian stila on swaign." „Ja ja", bä'm- 
Ba köt d- kindar: dena das wil waiba 
bat-an ge't epas /.' esa, on dena hät- 
- -a _ maxi gian in dntar da lot^r. 

Balaman is kent dar wil man on hat 
_ smekt: „mf mf, da -tinkt-'s na kristna 
elais, da simkt-'s na kristna vlais; wem 
häst-(d)o an bans, waiba?" „Niamat", 
hat's köt das wil waiba, „swaiga, is on 
trink, on. dena gea z' slava!" Ma dar 
wil man hat-'s net gawölt gl^a'm on 
hat widar ägavaJDffl zu smeka, on alöra 
das wil waiba hat -an ziiau -trit-t on 
hat-an gamaxt gian z slava. 

Ma dar wil man is net gawfsl 
i. slava on hat gavörst das wil waiba 
on hat köt: -Kil-mar waiba, bas- 
stinkt na kristna vlai-." „Ja", bat-'s 
köt das wil waib?, _i ktl-dar-s a>-do- 
mar vorhöa-t ni.\t zo tüana." -Ja". 
hat-ar köt dar wil man, _i vorhöas-dar-'s. 

Zeitschr d. Vereins t. Volkskunde. 1901. 



abends, Ale die Kinder heim kan 
ward.' sii iml machte sie bcW 

gehen ohne Abendet 

Am nächstei di i Vater 

wieder aufs Feld, and 3tief- 

mutterhat ihnen, den Rindern, mitgegeben 
ein Säcklein Salz und hat sie wieder um 
Bolz geschickt In.' Kimm. das 

Salz säend und gingen weit hinein in den 
Wald, und wie - Holz hatten, 

landen sie nicht mehr den \\ , •_ zurück 
zukehren, denn es war nass vom Tan 
und das s.dz ist war zergangen. Nun 
WUSSten die armen Kinder nicht mehr. 
wohin zu gehen, und statt heimwärts zu 
kommen, r in den Wald 

hinein. 

Endlich sahen sie ein Häuschen und 
sie gingen hinzu und klopften, und dann 
kam heraus das wilde Weih und 3: 
J) meine lieben Kinder, wohin seid ihr 
nur gekommen! wenn heim kommt <lrv 
wilde Mann, l'risst er euch." Und die 
armen Kinder sagten: .. Ks sei. was Gott 
will: wenn Ihr uns hier lasset, so) bleiben 
wir heute abend- da." „Gut", sagte das 

wilde Weib, „ich behalte euch da, aber 
ihr müsset gehen hinein unter das Bett 
und stiM bleiben und schweifen." ..I i 
ja-, sagten die Kinder; dann gab ihnen 
das wilde Weih etwas zu essen, und 
dann machte sie sie hineingehen unter 
die Bettstatt 

Mit der Zeil kam der wilde Mann und 
roch: „mf mf, da riecht's nach Christen- 
lleiseh. da riecht's nach ( 'hnstenlleiseh : 
wen hast du da im Hause. Weib?" .Nie- 
mand - , sagte das wilde Weih, .schweige, 
iss und trink, und dann geh schlafe 
Allem der wilde Mann wollte es mein 
en und fing wieder an zu riechen, 
und dann verwies es ihm das wilde 
and machte ihn schlafen gehen. 

Jedoch der wilde Mann konnte nicht 
schlafen und fragte das wilde Weib und 
nir, Weih, was da so riecht 
nach Christenfleisch." „Ja", sagte (es) 
das wilde Weih, _ ich sau dir's. wenn 
du mir vcrheissest, nichts zu thun." „Ja", 

■■ der wilde Mann. ..ich verheisse d 



34 



Bach« r: 



p.,\i-. on ;il"i.i das « il waibj bat- 

köt „Jdato _i.-M-. hät-ar köt, 

dar wil man, .. 's diarnb halt-bar-'s ror 

maserl • on b pflabl • vor temporal l •". 

b ■ ii at; 's dfarn] i hat 

ilfl d m \\ il uailf m dar arbal von 

hau>. OD 's piiab|. ha 'm-s'-as g'legg 'il 
Btal zo mv§ta 

In an tagj hat-ar köt <lar wil man: 
„Est waib möxt-mä gfan z" s$ga, be- 

da a tciiij.ii!' I I • is \(i;i-i ganüa", on 
's diarnl • bat- rl on is -ant vor- 

ana nidar mi ^tal on hät-"s-<n köt <m 
pHabls "ii lai h;ii-'s-.'n ge't a sprüs l 
on hat köt: „Rek-an auvar 's sprüs^b 
n wil man", on asÖ hat-'s ^tänt an 
c'-tlm i.iiahl'. bal-da is gant dar 

wil man /.' S$ga, be-> is vüast: in\ «//..< 
bäs zo ivka-n-'D auvar 's 1'inaH' vin- 
arl'. hat-">-n auvargarekt 's sprüsata. 

Balamao hat-'s vorlört 's sprüsafc, on 
bal-da is gant dar wil man. hat-Vm 
auvarg<*moxt rekan 's rimrl* on alöra 
dar wil man hat köt: .,0. as<1 bol. est 
pist-(d)o vua>t u-Mnia". on is gant äu 
dan wil waib», on bat köt: _Est 
waib - temporebb is vöast ganua; 
morgn gea-d-s zo neraa 's ga'vaterlaüt, 
on du, intanti rt pin, ma\ öbar- 

l>;_n n kesl vol h t was-r on boröat 
■ !• prüa; mar auvarkenwn 's temporeUala 
zo bäka an 's holz " 

On asd ha'm-sa gatant. Bal-'s auvar 

Ar-t 's tempore 1^1», hat-s' n ge't di 

hak on h.»t- n g<?z$ag4 d* e>t (äst) on 

hat köt, äohak kluä kluä; ma 

's tempore! I, hat .-ha! kilan bäkstok, 

on alöra hat-'s köt gga d»n wil waib»: 

la. wfa tiian ana bäkstok?" 

on das wil waibs is gant on is-s*-s<* 

nidarg-pükt zo lirna - 's, on 's püabl 

bät-ar hTg^hakt n köpf on dena hat-'s 

laib on bat-»n g : ■_•_ ai 

kesl zo siada on »n kopl bal ■ '• - n 

- .-- n pet on hat - an züagadekt 

'.n dena d zw$a kindar 



ich Ihue nichts", und dann sagte es ihm 
das wilde Weib. „Gerade recht", sagte 
der wilde Mann, ..das Mädchen behalten 
wir als Magd und das Hüblein als Masi- 
Bttlck", und SO thaten sie; das Mädchen 
half dem wilden Weibe bei der Arbeit 
des Hauses, und das Hüblein thaten sie 
in den Stall zu mästen 

Eines 'laues sagte der wilde Mann: 
„Jetzt Weib, muss man gehen zu sehen, 
ob das Maststückchen fett genug sei", 
und das Mädchen horte es und ging vor- 
aus hinunter in den Stall und sagte es 
dem Hüblein und zugleich gab es ihm ein 
dünnes) Holzstäbchen und sagte: -Recke 
(ihm) heraus das Stäbchen dem wilden 
Mann", und so that das Hüblein etliche 
Tage, wenn der wilde Mann ging zu sehen. 
ob es fett sei: anstatt ihm das Fingerlein 
herauszurecken, hat es hervorgereckt das 
Stäbchen. 

Allmählich verlor es das Stäbchen, 
und als der wilde Mann kam. musste es 
ihm herausrecken das Fingerlein und dann 
sagte der wilde Mann: .,0, so wohl, jetzt 
bist du fett genug", und ging hinauf zu 
dem wilden Weibe, und sagte: -Jetzt. 
Weib, ist das Maststückchen fett genug; 
morgen geh ich zu holen die Gevattern, 
und du. während ich fort bin, lasse über- 
setzen (über das Feuer) den Kessel voll 
mit Wasser und bereite die Brühe; mach 
heraufkommen das Maststückchen, (um) 
das Holz aufzuhacken. 

Und so thaten sie. Als das Mast- 
stückchen herauf war. gab sie ihm die 
Hacke (Axt) und zeigte ihm die Aste und 

e, dass es sie aufspalte klein klein; 
aber das Maststückchen hatte keinen Hack- 
stock, und (dann) sagte (es) zum wilden 
Weibe: „Schauet daher, wie (soll ich) 
thun ohne Hackstock'?" und das wilde 
Weib ist gekommen und hat sich nieder- 

ückt, es zu lehren (zeigen), und das 
ßüblein hat ihr abgeschlagen den Kopf 
und dann hats genommen den Leib 
(Rumpf) und hat ihn gelegt in den Kessel 
zum Sieden und den Kopf hats (ihn) ge- 
legt ins Bett und hat ihn zugedeckt 
ordentlich, und dann die zwei Kinder 



Von dem deutschen Grenzposten Lasern im wüschen Südtirol. 



35 



hä'm-an gauump a pisls gell on sain 
\ oDiiant. 

A pish spntai' Is zöagant dar wil 
man un 's g<»vatarlaüt on hä'm nfamat 
gavuntal m haus on hä'm g^sögg, gge 's 
vjais Mi kesl is gasötat, on sc hä'm 
uui zo esa on hä'm ge8t das wil 
waib» ana zo wi'sa (zo wöasai. was-sa 
esan. Balaman is-an äuvarkent a bant 
i'n betn ü-viUrat on alöra hä'm-sa gas^ 

-sa hä'm gest 

Dar wil man is darsrakt on lai dar- 
zürnt on hat gawölt naloavan an ki'ndar. 
ma d' andarn hä'm-an net g-dat gian. 

[ntanto da kindar sain gant hriam 
on hä'm gavnntat toat on bogräbat da 
stiafmuatar on aldra sain-sa gastant se'm 
bet sain \ .aar. 

On dar wil man on 's yvatarlai.it 
hä'm g gatill das wil waib?, on dena 
hä'm-sa bogräb^t dan köpf, on dena 's 
g'rätarlaül is gant huam on dar wil 
man is n>' herta in sn walt, ma dar is 
kent güat on vrist küan-andra kindar. 



haben ihnen sich genommen cm biss- 
chen Geld und Bind entgangen. 

Ein iiissi ihen später kam herbei der 

wilde .Mann und die ( ie\attern und landen 
niemand im Hause und sahen, dass das 
Fleisch im Kessel gesotten sei, und sie 

fingen an zu essen und assen das wilde 

Weib ohne zu wissen, was sie essen. 

Allmählieh kam ihnen (beim Schöpfen) 
eine Hand mit dem Pingerringe daran 
heraus, und dann sahen sie, was ii< 
gegessen hatten. 

Der wilde Mann erschrak und wurde 
zugleich zornig und wollte den Rindern 
nachlaufen, aber die anderen liessen ihn 
nicht gehen. 

Inzwischen sind (waren) die Kinder 
heimgegangen und hatten die Stiefmutter 
tot und begraben gefunden und dann 
blieben sie dort bei (mit) ihrem Vater. 

Und der wilde Mann and die ße- 
vattern beweinten das wilde Weib, und 
begruben dann den Kopf, und dann gingen 
die Gevatterleute beim und der wilde 
Mann ist noch immer drinnen im Walde, 
aber er ist gut geworden und frissl 
keine Kinder mehr. 



20. Dar alt striü. 

In an stroay is-da gawfst a man 
on a waiba, bö-da hä'm gahat a diarnla. 
Dis' drai laut sain galfbat batnandar 
HS-be drai esl. Dena dar man isgastorbat 
on hat hintargalat da witova bet-(d)ar 
to\tar. Disa zwöa laiit sain ö g h/h I 
as-be da griatn laut 

In an mal is-an züagant a saüladar 
losgatar ältar man on hat-an gavörst da 
herbaga dfsan zwya laut. .,•);'". hä'm-sa 
köt disa zwöa laut, „bar bartn-as legn 
epr-af-ana sait"; dena hä'm-s'-an ge't 
epas /.' esa on dena hä'm-s'-an galegg 
au an a kamar z" släva. In fcä' darna 
dar man is äugastant un is gant ümar 
pa wäldar zo lesa au g<gra-. on hiil-s 
is gawöst pala naxt, is-ar wular kent z" 
slava ggan zwöa wäibarlaüt, on 
hät-ar jjatänt an etlan tä^a. 



20. Der alte Hexenmeister. 

Einmal war ein Mann und ein Weib, 
welche ein Mädchen hatten. Diese drei 
Leute Lebten miteinander wie drei Engel. 

Dann starb der Mann und hinteiiiess 
die Witwe mit der Tochter. Dn>e 
zwei Leute lebten auch wie die <:uten 

Leute. 

Lines Abends kam (ihnen, herzu ein 
abscheulicher, schielender, alter Mann 
and bat (sie) um (die) Berberge diese 
zwei Leute. ...Ia". sagten sie. diese zwei 
Leute. _wir werden Laich, unterbringen 
etwa an einem Orte": dann gaben sie 
ihm etwas zu essen und dann wiesen 
sie ihm (dr)oben eine Kammer an zum 
Schlafen. Am nächsten Tage stand der 
Mann auf und ging bei (in den) Wäldern 
umher, zu sammeln Kräuter, und als es 
beinahe (bald) Nacht war, kam er wieder 
zu Schlafen zu diesen zwei Krauen, und 
so that er etliche Tage. 






\ in deutschen Qransposteo Lusorn im wüschen Südtirol. 



Bali ' - iii kenl Btüfo 

DD disan all man. OD -n an 
mal bat-sa köt d< mu.ttar gga dfsan 
man: .. Est mal Munt- mö) t-ar-as 

in antlarn gg uaiti.in.. uinbriim da 

kämar nüa- On alöra dar 

man hat köt: „Be», $st |.i n- - vcrt- i ö; 

a \ ort, ort \"i-'l- ■ gSa ktt-mar, 

B . illla vor disa zait. bö-do- 

mar hast ge't /' släva." ...\'i\r. hat-'s 

köt 's waiba, _uil-< net. a On alöra 

dar man hat k<H: „Ben, gpas mö\;-.-dar 

hät-ar ge'1 a kreadas 

nl U im hat köt: „Sea diza 4l?la, on 

bäl-do wil, as-da herkem a saüla wetar, 

mm an äisran löfl <>n mis nid-r ra da 

ula on Uli: 



Unlo bi-< int«i 



Söto tera sggonto; 



Varda di noii toggar 

Ne di L r _ua (qua ne di la 

Prrr äu pa käm<\ . . . . ~ 

on lai dtsar man is gant pa kam >\ 
an <»n ha'm - an nini r mear andarsl - 

Dj fcoxtar intanto ;is-da is gasegat 

diza is-sa vörtgaw^st, on bäl - sa zila is 

kein, da mualar hat-'s-ar köt. D^ diarn 

is dar>rakt zo Ivaia aso, ma da alt is 

-. ala lusta zo haba da lila. 

A drai jär sp$tar da diarn is bo- 
na t on hat g -numj) ^n sun von an 
w : ri 

In an täg^ disa Bptisa is gaw^st 
Be'm ggan beart bat-sa gakoxt * n v,)1 '- 
mas. Balaman is se'm garift a rösnar 
bat an tsötatn ros on hät-ar gavörst zo 
trinka. on dena hat-ar köt. dar is Sta6 
darsrakt, ombrum bäl-dar is gasest an 
da lest stikl zo rfva n wega, hat-ar 
gahyart höggn äu ?□ air on kö'n: -Ho 
man I» ■{ »nsal bohenkata ros, kü - dar 
dö'm darsei süan sptisa »n lant, ggf d-v 

toat n Hag." 1) • g 
is kent bais a be-da inaur. umbröm d^ 
Piza-Päz »st Bai muatar, on hat 



Allmählich wurden die beiden Leute 
überdrüssig, diesen alten Mann dort zu 

haben, und eines Abends sagte die Mutter 

zu diesem Mann: „Jetzt, mein Mensch, 

mÜ88l Ihr Euch ein anderes Quartier 

suchen, denn die Kammer brauche ich 

(sie) selber." l'nd dann sagte der Mann: 

_(iut. jetzt bin ich) fertig ich auch; ich 

gehe fort, und bevor ich gehe sag mir. 

was ich dir schulde für diese Zeit, wo du 

mir hast zu schlafen gegeben." ..Nicht-". 

Bagte das Weib, „will ich (nicht). u Und 

dann sagte der Mann: ..Nun. etwas rnuss 

ich dir doch geben" und gab ihr ein 

irdenes (kreidenes) Häfchen und sagte: 

„Da (hast du, nimm) dieses Häflein und 

wenn du willst, dass herankomme ein 

schreckliches Gewitter, nimm einen 

eisernen Löffel und rühre hinein in den 

Hafen und sag: 

Onto bisonto Onto bisonto 

Sotto terra sconto: Unter der Erde versteckt: 

Varda di non toccar Hüte dich zu berühren 

Ne di qua ne di lä — "Weder hier noch dort — 

Prr hinauf zum Rauchfang . . . . " 



und dabei ging dieser Mann (durch) den 
Schornstein hinauf und (sie) haben ihn 
nimmer mehr (anders) gesehen. 

Die Tochter ist, während dies geschah. 
fort gewesen, und als sie herzu kam. 
sagte es ihr die Mutter. Das Mädchen 
erschrak, solches zu hören, allein die Alte 
war ganz vergnügt, den Hafen zu besitzen. 

Etwa drei Jahre später hat sich das 
Mädchen verheiratet und hat den Sohn 
eines Wirtes genommen. 

Eines Tages war diese Gattin dort am 
Herde hat sie gekocht das Mittagessen. 
Da kam dort an ein Fuhrmann mit einem 
hinkenden Rosse und verlangte (von) ihr 
zu trinken, und dann sagte er, er sei so 
erschrocken, denn als er in der letzten 
Steilung war zu beendigen den Weg, habe 
er gehört schreien (dr)oben in der Luft 
und sagen: „Ho Mann mit jenem hinken- 
den Rosse, sag (ihr) droben jener schönen 
Gattin im Dorfe, dass die Piza-Paza tot 
(ist) im Hag (liegt).- Die Frau wurde 
weiss wie die Mauer, denn die Piza-Paza 
war ihre Mutter, und (sie) wechselte ge- 



Raff: Geschichten ans Bamti ;'> ( 

l.ii g<*weggsl< "s vurta im is gani /.' schwind die Schürze and ging zn sehen. 
be-da sai müatar is dahüam. Ma ob ihre Mutter daheim sei. Allein sie fand 

3 j h;,t - -\nnt l 's hau- ler OH da lila das Haus leer und den Hafen des Alten 
\ , t \,n all hat-s -s gJVUUt't al'n luart. fand sie ihn) auf dem Herde, und unlen 

on nular na dar ula is-da g-*wfst dar heim Hafen war der eiserne Löffel, und 

äisra löfl, on se'm hat-s < darkent, gge so erkannte sie. dass die Mutter beim 

d' müatar i- gant pa Uüi»<\ au. On Rauchfang hinaufgefahren sei. Und sie 

si hat audarwisl on is gant »n Bäg, machte sieh auf und ging in den Hag, 

on se'm liat-s<-da gavuntel d< müatar und dort fand sie die Mutter tot: und 

tuat: im dasei is _ we-t dar gawin, dies war der Gewinn, den sie hatten, den 

bö-sa bä'm g<?hat zo ggba de berhagj alten, schielenden, hässlichen .Mann zu 

d<n all lösgat' saüla man: ombrüm in- beherbergen; denn anstatt ein Mann zu 

veZJ bas ZO saina a man as-b» ala d) sein, wie alle andern, war es ein Hexen- 

andara is-'s g*w§st a striu. meister. 

Bemerk.: „Häg oder Lanzf)" wird ein Teil des Bergabhanges zwischen l.avräü 

(Lavarone) und Ggaln6ts Caldonazzo) genannt. — cU sposa is gswl - i 'm ggan heart 

hat-s? gakoxt ... " dieser eigentümlich gebaute Satz müsste vollständig Lauten: da 

sposa is g w?s1 ggan leart ou se'm hat-sa gakox< • ••"; ähnlichen Sätzen werden wir noch 
begegnen. Auch anderweitig unvollständige Sätze sind bisher bereits vorgekommen, z. B. 
in „'s lo\ von gelt": _ . . . . on se sem zo büata" .... „on vort". Auf solche Weise 
die Luserner ihren Erzählungen eine lebendige, anschaulicbe Darstellung. — spdsa wird 
gewöhnlich für „Gattin- gebraucht, während „Braut" oder „Verlobte- noviza heisst; sie 
bat sich verlobt = se is-sa-s-? gamaxt noviza. 



Geschichten aus Bamberg. 

Mitgeteilt von Helene Raff. 



1. Die lächelnde Mutter Gottes. 

Wie in <len siebziger Jahren die Cholera so arg in München war und 
es kamen auch sonst in Bayern, ganz besonders zwischen München und 
Bamberg, häufig Cholerafälle vor — da hatten die Bamberger schreckliche 
Angst, sie könnte zn ihnen kommen. Es ging mancher von Grund aus in 

sieh, und viele verlobten sieh zur .Mutter Gottes von der oberen Pf'arr". 
die ein wunderthätiges Gnadenbild ist. damit sie die Krankheit fernhalte. 
Zum gleichen linde that auch der damalige Pfarrer von der oberen Pfarr', 
ein recht christlicher Herr, alle Tag ein Gebet - und einmal am Sonntag 
ist er ganz beglückt und zuversichtlich auf die Kanzel gestiegen und hat 
äagt: ..Kinder, thut's Euch nicht fürchten, die Cholera kommt nicht, 
denn heute, als ich um Abwendung gebetet habe, hat unsre liebe Frau 
mir zugelächelt." Das wollten nun viele nicht glauben, aber doch gii 
richtig hinaus, denn eine Stunde vor Bamberg waren die letzten Cholera- 
fälle, zur Stadt hinein ist sie nicht gekommen. 



Raff: 

2. Der nächtliche Ruf. 
Der Bürgermeister 7on Bamberg war ein kernfester Mensch; er stellte 
• cht einen Mann vor und war auch noch nicht alr. Einmal hatte er 
Ebenda noch eine Besprechung in Gemeindesachen gehabt, und dar- 
nach musste natürlich auch ein Schoppen getrunken werden — darüber 
war es späte Nacht geworden. Der Bürgermeister wohnte hinter'm Dom- 
platz, wo jedes Band weiss, dass es bei Nacht nicht richtig ist: wie er 
nun «las Dombergl hinaufgeht, hört er sieh von rückwärts dreimal laut 
Keim Namen rufen. Er schaut -ich überall um und sucht, aber niemand 
war zu sehen und alles wieder still. Da ist er sehr ernst heimgegangen 
und hat seinen Leuten gesagt: „Passt auf, das bedeutet mir was" — und 
richtig i>r er drei Tage drauf am Schlagfluss uestorben. 

3. Die Erscheinung im Bischofspalast. 

I".- ist sehun lange her. da haben die Bamberger einen Fürstbischof 
gehabt, der war nicht eben unrecht, aber nicht gar so fromm wie ein 
Bischof sein soll und mehr aufs Trinken aus als aufs Fasten. Sein Vater 
— manche sagen, der war der nämliche, manche sagen, er war frommer 
wie sein Sohn und nicht immer zufrieden mit seinen Sachen — hat auch 
noch gelebt und war recht rüstig. Da giebt der Bischof eines Abends 
ein grosses Essen, bei dem"s denn am Wein nicht gefehlt hat. Es war 
schon Mitternacht, da schickt der Bischof einen Diener ins Vorzimmer, 
um Karten zu holen, und nach einer Minute kommt der Diener ganz ver- 
dattert und schlohweiss zurück und sagt: „Ach, Bischöflich«' Gnaden, 
draussen auf dem Stuhl sitzt Ihr Herr Vater, der hat ein langes Hemde 
an und ganz starre Augen." — Der Bischof hat recht mit dem Diener 
geschimpft und ist dann selbst zur Thür gegangen — da sieht er draussen 
im Vorzimmer seinen Vater, ganz wie's der Diener beschrieben hat: aber 
gleich darauf war nichts mehr da. — Am nächsten Tage ist dem Bischof 
angesagt worden, dass sein Vater in der Nacht, eben um die Stunde, wo 
er sich im Palast selten liess, gestorben war; darnach ist dann der Bischof 
mehr in sich gekehrt und viel geistlicher geworden als vorher. 

4. Die beiden Schi Id wachen. 

Am Dom zu Bamberg ist tun steinernes Juugfraueubild mit einer 
wirklichen Leinenbinde um die Augen; das hat sieben Dachziegel in der 
Hand und heisst die blinde Gerechtigkeit. Das Bild soll zum Andenken 
gemacht sein, weil einmal eine schöne Jungfrau unschuldig zum Tode 
verurteilt war und. da man sie am Dom vorbei zur Hinrichtung führte, 
niederkniete und bat. unser Herr möge sie zum Zeichen ihrer Unschuld 
lieber hiei- zur Stelle sterben lassen als von Henkers Hand. Da fielen 
die Ziegel vom Dach und erschlugen sie; so kam ihre Schuldlosigkeit an 
den Tau. - Aber geheuer ist es dort herum nicht, denn wenn dem Bild 



Geschichten aus Bamberg. :;:t 

die Binde vor den Augen verfault ist, so hört man Dachte ein Weinen 
uii'l Wimmern, bis eine neue Binde hergeschafft wird, and die Schild- 
wachen an der Residenz haben dann keine Ruh'. So stehn einmal ihrer 
zwei bei Nacht auf Posten und hören allerhand Gewinsel und spukhaftes 
Gethu'; zuletzt säur der eine: „Horch', Kamerad, so kläglich thm sie um 
ihr Bindlein; magst Du hier einen Augenblick allein sein, so will ich 
schauen, <las> ich ihr eins bring'." ..<> du Narr", sagte der andere, 

„von mir aus plärrt sie wie sie mag; was geht's uns an?" — Wie er kaum 
ausgeredet hatte, kriegte er eine Watschen, so dass er hintüber fiel und 
\<>i- Schreck fast die Fraisen bekam. In Zukunft hat keiner sich dort 
mehr bo grobe Keilen zu führen getraut. 

5. Der Dombaumeister. 
Den Dom halten zwei Baumeister gebaut, und der eine ist dem andern 
dadurch Herr worden, dass er mit dem Teufel einen Pakt gemacht hat, 
und da sind alle Nacht zwei Kröten gekommen, die zerstörten, uns dm- 
andre geschafft hatte. Der dem Teufel Ergebene kam so natürlich zu 
leichtem Sieg und vollenden' den Dem. aber wie das geschehen war, stand 
der Teufel da und wollte seinen Lohn; der Baumeister sprang verzweiflungs- 
voll vom Dach herab: da fuhr der Teufel hinterdrein und schlug ihn an 
eine Hausmauer gegenüber, dass das Hirn aus dem Schädel spritzte. An 
dem Haus, wo das geschah, ist eine breite Stelle zu sehn, wo der Bewurf 
rötlich und breiartig ausschaut — das soll des Baumeisters Gehirn sein. 

6. D ie K u tsche i m Renta m t. 
AU das Bamberger Rentamt nach Hallstatt überführt wurde, sagten 
die Bamberger dem Rentamtmann gleich zuvor, dort könnte er sich genug 
sehen und hören, denn es spuke im Hallstatter Amtsgebäude. Aber er 
gab nichts darauf. — Nun. wie es halt sein will, einmal bei der Nacht 
wachen alle Einwohner im Rentamt auf, weil die Stadelthür aufgemacht 
wird und die grosse alte Amtskutsche fährt im schnellsten Trab heran-. 
nach Bamberg zu. Dann war wieder Ruhe, aber über eine Weile kommt 
die Kutsche zurück und rumpelt ins Haus, und in der Küche fängt ein 
Rennen und Laufen an, als ob Feuer gemacht und Wasser zugesetzt 
würde Da steht der Amtmann mir ein paar Leuten auf, um nachzu- 
schauen, ahei im Stall war alles am Platze, und der Knecht verschwor 
sich, dass nicht ans Pferd noch an die Kutsche sei gerührt worden ; ebenso 
war die Küche dunkel und leer, und der Herd war kalt. — In der 
nächsten Nacht ist plötzlich eins von den Kindern schwer krank worden, 
da hat man mit der Kutsche den Doktor von Bamberg müssen holen und 
nachher in der Küche Thee und Arzneien kochen — ganz um die gleiche 
Zeit, wo in voriger Nacht der kann war. Da hat man freilich gesehen, 
dass es sich angezeigt hat. 



pi Kahle: 

Der Orl der Hochzeil auf Island zur Sagazeit. 

Von Bernhard Kahle. 



In dieser Zeitschrift Bd. \. S. L65 schreibt 0. Schell in seinem Auf- 
satz Bergische Hochzeitsgebräuche: „Die Hochzeit wurde im Haust- des 
Bräutigams begangen; das ist beachtenswert und schon von Weinhold, 
eutgegen Engeltofts Meinung, festgelegt worden als allgemein - deutscher 
Gebrauch. Denn nur unter dieser Voraussetzung kann von einer Heim- 
holung, von einem Brautzug oder Brautlauf nach altgermanischer Aus- 
drucksweise die \in\e sein." Es interessierte mich nun. zu sehen, inwie- 
weit dieser Satz zu den altisländischen Verhältnissen stimmt; ich sage 
ausdrücklich altisländisch, nicht altnordisch oder altwestnordisch, da wir 
über das altnorwegische Familienleben nur dürftig unterrichtet siud, wäh- 
rend uns für das altisländische die Quellen um so reichlicher in den 
Prosaerzählungen rliessen. Das Resultat meiner Untersuchung lege ich 
hier in Kürze vor. 

über den Vorgang bei der Hochzeit äussert sich Weinhold. Altnord. 
Leben, 246, folgendermassen: „Die Festlichkeit hat die volle Übergabe 
der Braut und ihren Eintritt in das Haus des Mannes zum Zweck. Daher 
bilden die Fahrt zum Brauthause, der Zug (Lauf) mit der Braut zum 
Hofe des Bräutigams, die Einführung hierin und die Bewirtung die Be- 
standteil.' der altnordischen und überhaupt der germanischen Heiratsfeier." 
Und ebenda: „Zwischen Bräutigam und Brautvater entstand ein "Wettstreit, 
wer diese Hochzeit ausrichten solle. Der Sache nach kam es dem jungen 
Manne zu. der seine Häuslichkeit damit einweihte und zu dem notwendig 
di>- Heimführung geschehen musste. Aber reichere (ieschlechter be- 
trachteten dies allgemach wie eine \ erkürzung ihres Rechtes und wie ein 
Zugeständnis von Armut: sie hielten deshalb darauf, dass man den Braut- 
laut' bei ihnen trinke. Es bedurfte also einer besonderen Bedingung vom 
Bräutigam, dass der Hochzeitsschmaus in seinem Hofe gehalten werde, 
und die Bewilligung ward vom Brautvater nur als nachgeben in einem 
Rechte und als besondere (.anist und Ehre gegen den Bräutigam dar- 
gestellt." 

Wir wollen nun zunächst die Frage untersuchen, wo auf Island die 
Hochzeit stattfand. Dass dies gewöhnlich im Hause der Brauteltern der 
Fall war. führt Kahind 1 ,- au. während Hildebrand sagt, dass die Hochzeit 
entweder vom Vater der Braut oder vom Bräutigam ausgerichtet wurde, 
ohne sich weiter darüber zu äussern, was das gewöhnliche war. 2 ) Die 

I Aarb. f. nurd. oldk. og hist. 187« i, S. 307 u. Pauls Grdr. 1 II-, S. 219. 
2) Lifvet pl Island ander sagotiden, S. ;»7. 



Der • »rt der Eochzeit aal [sland zur Sagazeit. II 

vini Lehmann angeführten 1 ) Schriften von Thorlacius') und Engelsl 
(so und nicht Engeltoft, wie Schell a. a. 0. schreibt, lantet der Name), 
sind mir Leider hier nicht zugänglich. 

[ch gebe nun im folgenden eine Übersicht über <lir mir bekannten 
Fälle, in denen der Ort der Hochzeil ausdrücklich angegeben ist. Diese 
Znsammenstellung erhebt nicht den Anspruch auf absolute Vollständigkeit, 
wird aber, denke ich, genügen, um die Frage zu entscheiden, welche« die 
gewöhnliche Sitte auf [sland war. 

1. ,i Die Hochzeit findet im Hause der Brauteltern statt. 

pörpr 1 n gunna rsnii mit Guprün Osuifrsdöttir Laxdela 35. 1<>1*)-. 
Bolli porleikss. mit derselben ebenda 43, 135; Bolli Bollas. mir 
pördis Snorrad. ebenda 70, 211. Glümr Oleifss. mit Hallg< 
Hoskuldsd. Njäl. 13,64. Morpr Valgarpss. mit pörkatla Gissurard. 
ebenda 65, 300; Hrütr Heriolfss. mit Dunr Marpard. ebenda 2, 5; 
porvaldr Ösuifrss. mit Hallgerpr Hoskuldsd. ebenda 10, t5. Skald- 
Hrafn mit Helga porsteinsd, Gunnlaugs. (ed. Mogk) 8, 19. porvaldr 
porgilss. mit Sigripr Klakka-Ormsd. Vatnsdala 44. 71 (in Fornsögur ; 
porgrimr mit porbiorg Skipad. ebenda 32 3 52. porgils pörparsson 
mit Helga pöroddsd. Flöam. s. (Forns.) 31, 156. porkell Geitiss. mit 
Jörunn Einarsd. Liösvetn. s. (Reykjav. L896) L2, 34; Finnbogi mit 
Hallfripr Eyiolfsd. (Reykjav. L897) 29, •"»•"». ülugi Hrolfss. mit puripr 
Grimkelsd. Harpars. og Holmveria (Reykjav. 185)1) 11, 20; Indripi pör- 
raldss. mir porbiorg Grimkelsd. ebenda 19, 42. Helgi Äsbiarnars. 
mir porlaug Bessa<l. Fliötdola («'.I. Kälund) ."»•' , >; derselbe mit pordis 
Biarnard. ebenda s. 35; Eyvindr Calfss. mit pörarna Eyiulfad. pörpar 
s. Hrepn (ed. Vigfi'isson) 8, L01; porgils A^rason Vigastyrs. 21, 334 
(Islend. II' 2 ): Barpi Gupmundars. mir Aupr Snorrad. ebenda I". 392; 
Uni Andripars. mit Helga porgrimsd. Kjalnesinga b 17. l."»l (Islend. 
II 2 ). porkell Gunnvaldss. mit Helga porgeirsd. Landn. II. 4, 72 
[slend. ["). Gullpörir mit [ngibiorg Gilsd. Gullpöriss. (ed. Kälund) 
ü. 20. porvaldr vipforli mitVigdis Ölafsd. Bisk. sog. 1.41t'. Bersi 
mit Steingerpr porkelsd. Kormakss. 7. 14. Ölafr mir Helga ^ 1 1 _i 1 1 i 1 - 
dard. Sturlunga II. s. 16; Sturla pörpars. um [ngibiorg porgeirsd. 
ebenda t3; Klsengr Kleppiarnss. mit Guprün porvarpsd. ebenda 132; 
porfinnr Onündars. mit Ingibiorg Gupmundard. eben« In 143; Gizurr 
porvaldss. mit Ingibiorg Snorrad, ebenda 265f.; porvaldr Vatz- 



1) Verlobung und Hochzeil nach den uordgermanischen Rechten des früheren Mittel 

alters, S. 3. 

2) Borealium veterum matrimonia cum Komanonini [nstitutis collata 1784. 

3) Forsög til en Skildring af ^uiiKl-k jönnets huusligc og borgerlige kaar hos 
Skandinaveina. 

4) Die in der altnordischen Sagabibliothek enthaltenen Ausgaben citi.-re ich nach 
diesen. Die erste Zahl giebt hier, wie auch sonst, das Kapitel, die zweite die Seite an. 



\-> Kahle: 

firpingr mit pördia Snorrad. ebenda 264 und 266. Kolbeinn uugi 
Arnörss. mit Hallbera Snorrad. ebenda 279; Hrafn Oddzson mit 
|'..in,r Sturlad. Bturl. II. s. 66; Oddr pörarinss mit Rand&linn 
Philippusd. ebenda < v 1 . Helgi porbiarnars. mir pöra Hafsteinsd. 
Vemundars. 14. 269ff. (islend. II 1 ). 

Wahrscheinlich gehört hierher auch die Hochzeit des Üläfr Hos-i 
kuldss. mit porgerpr Egilsd.; wenn auch nicht ausdrücklich gesagt 
wird, dass sie bei Egill stattfand, so ueissi es «loch gleich, nachdem er- 
zählt worden ist. dass porgerpr mit ihm vermählt wurde „fuhr sie zur 
Wohnung mit ihm nach HiarparhoJt", Egilss. 78. 255. Die drei Hoch- 
zeiten des Viglundr mit Ketilripr Hölmkelsd., des Sigurpr spaki 
mit Helga porgrimsd. und des Gunnlaugr ofliiti mit Ragnhildr 
Helgad. wurden zusammen gefeiert. D->r Ort wird nicht genannt, doch 
ist es jedenfalls nicht das Haus eines der Bräutigame gewesen, da es 
ueissi ..darauf fuhr jeder heim zu seiner Wohnstätte", Viglundars. (ed. 
380U 21,91. Ks wird also gemeint sein, dass die Hochzeit im Hause 
der Eltern einer der Bräute war. Da jedoch die ganze Saga unhistorisch 
zu sein scheint, kann man diese Fälle überhaupt übergehen. Ebensowenig 
dürfen Fälle gerechnet werden, bei denen der Bräutigam ein Ausländer 
war. wie der Norweger Geirmundr gnyr, der sich mit puripr Olafsd. 
verheirate Laxd. 29, 84. oder wenn er. erst ins Land gekommen, überhaupt 
noch keine Besitzung hatte, wie Geirr Ivetilss., dem Skallagrimr erst 
nach desseu Hochzeit mit seiner Tochter pörunn Land anweist. Egilss. 
39, 114. 

1») Die Hochzeit findet bei dem Vormund der Braut statt. 

pöroddr skattkaupandi mit der verwitweten puripr, beim Bruder. 
dem Goden Snorri, Eyrb. 29, 1<»4 Hoskuldr prainss mit Hildigunnr 
Starkapard., beim Oheim. Xjal. 97, 007. Suertingr Hafr-B i arnars. 
mir Hüngerpr pöroddzd., bei einem Verwandten der Braut, Gunnl. 11, 19. 
Herst ein n Blundketilss. mit puripT <i unnarsd., auf Wunsch des Vaters 
bei seinem Schwager und Pflegevater seiner Tochter. Hßnsnapöriss. (ed. 
Heusler] 11, 17. Porbiorn piöpreks. mit porgerpr Oddleifsd., beim 
Bruder, Hävarpars. (Reykjav. 1896) 4, 13. porsteinn mit Guprün. bei 
einem Verwandten der Braut, bei dem sie früher Wirtschafterin war, 
Liösvetn. (ßeykjav. 1896) 13, 38. Grimr mit der Nichte der Ingimunds- 
söhne in deren Hause Finnb. 34, 65. Griss mit Sigripr Snäkollsd., 
beim Oheim, Suarfd. 15, 150 (Islend. II 1 ). präinn Sigfüss. mit por- 
gerpr Hallgerpard., bei ihrem Stiefvater, auf dessen Hochzeit mit ihrer 
Mutter. Xjal. :;». l:).if. Sighuatr Sturlus. mit Halldöra Tümas.: der 
Vormmid der Kraut richtet die Hochzeit im Hause eines anderen aus, 
weil den Sturlusöhnen der Weg in seine Wohnung zu beschwerlich war, 
Sturl. I. 200; Grimr Suertingss. mit pördis pörolfsd., bei ihrem 
Oheim. Egilss. 77, 254f. 5 ürsekia Snorras. mit Arnbiorg Arnörsd, bei 



Der oh der Bochzeit auf [stand zur Sagazeit. 1:, 

ihrem Bruder, ebenda 314. porgeirr biskupss. mit Guprün por- 
varpsd.; die Hochzeit finde! a Halsi >i:nt. Sturl. I. 95, wo der Wohnsitz 
ihres Vaters war, ebenda 99. 1 ) 

Hierher zu stellen sind wohl auch: 

porgrimr porsteinss. mit pordis Sürsd., wahrscheinlich im Hause 
der Brüder der Braut, wenn es auch nicht ausdrücklich gesagt wird, < J i > 1 ; i 
s. SiiiNs. I. lo (ed. Gislason). Sturla Sighuatss. mit Bolveig Ssemun- 
dard., bei porvaldr Gizurars., dem die Brau! and ihre Mutter dieVer- 
waltung ihres Vermögens übertragen hatten. Muri. i. 262. 

c) Die Brau! richte! selbst die Hochzeit aus. 

Dir> i>r Qatürlich nur ausnahmsweise der Fall: porkell Eyiolfss. 
mit der Witwe Guprün Osuifrsd. Obwohl Snorri gopi, ein Verwandter 
der Braut, sich bereit erklärt hatte, die Hochzeit auszurichten, schlägt die 
stolze and reiche Witwe sein Anerbieten mit der Begründung aus, es ver- 
schlage ihr nichts, die Hosten dafür aufzubringen, sie welle weder die 
Mühe ihres Bräutigams ooeh irgend eines anderen in Anspruch nehmen. 
D 38 dies Vorgehen etwas ganz Ungewöhnliches war. erhellt aus der Ant- 
wort Snorris: ..Oft zeigst du das Guprün, dass du eine ganz hervor- 
ragende Frau (kuennskorungr) bist. Laxd. 68, 205. Selbst scheint 
auch Guprün pörpard. ihre Hochzeit mit Sinmun porvarpss. aus- 
gerichtet zu haben. Sie war eine selbständige Erbtochter, and es wird 
wenigstens kein Vormund genannt. Auch scheint die Hochzeit bei ihr 
stattgefunden zu haben, wenigstens wird nur kurz berichtet, dass, nachdem 
die Ehe geschlossen, för Simun i bü mep henni, was wohl soviel heissl 
wie: er trat in ihre Wirtschaft ein, d. h. er nahm bei ihr Wohnung. Hätte 
ilie Hochzeit bei ihm stattgefunden, so wäre «lies sicherlich erwähnt worden, 
ebenso wie alsdann angeführt worden wäre, dass er mit seiner Frau 7on 
da in deren Besitztum abergesiedelt wäre. Dass er seil. st eine Besitzung 
gehabt habe, wird nirgends berichtet, ist auch nicht wahrscheinlich. Sein 
Vater, porvarpr kamphundr, war Dienstmann (hüskarl) in Laufas, 
also war er überhaupt eigentlich keine seiner Frau ebenbürtige Partie, 
was auch ausdrücklich hervorgehoben wird, wenn es von ihm heisst: „Er 
hatte zahlreiche Freunde (vinssell mapr) und das schien eine gleiche 
Partie mit ihr. - - Was ihm also an Vermögen und Stand abging, ersetzte 
er durch seine Freundschaften. Sturl. I. L34f., vgl. 1. 171. 

[in folgenden setze ich. soweit Gründe angegeben werden oder er- 
kenntlich sind, weshalb die Hochzeil nicht im Hause der Braut u. s. w. 
stattfindet, diese möglichst kurz hinzu. 

1) Im Text steht fälschlich Guprün porgeirsd. Dass aber die Tochter des por- 
varpr, des Sohnes des porgeirr Hallason, es war. die -ich mit porgeirr, dem 
Bisehofssohn verheiratete, wird Sturl. I, 8s ausdrücklich gesagt. Der Index II. SturL II. 
431 und das Geschlechtsregister des Bischöfe Gupmundr, ebenda 493, geben denn auch 
das Richtige an. Ob ein Fehler in der Handschrift oder ein Versehen des Herausgebers 
vorliegt, entzieht sich meiner Kenntnis 



Kahle: 

2. a) Die Hochzeil findel im Hause der Eltern des Bräutigams statt. 

Oläfr feilan mit Ufdfs Konälsd., im Hause seiner Grossmutter 
sein S'ater \v;u- tut — . die, eine Königswitwe, die ganze Gegend in Besitz 
genommen hatte, also die mächtigste Persönlichkeit war, Laxd. 2. 12. 
Oläfr päe mit £>orgerpr Egilsd., Laxd. 23,67. Hier wird ausdrücklich 

»eben, dass besonders verabredet wird, dass die Hochzeit bei den 
Kl rem des Bräatigame Bein sollte, „die Hausfrau sollte man ihnen ins 
Haus führen und das wird als eine ehrenvolle Bedingung bezeichnet, vgl. 
die Anmerkung Kälunds. porgrimr Helgas, mit Arndis pörpars., 
Kialn. ■_'. 4<»<» (Islend. II' J ). Hallr Gizurarson mit [ngibiprg Sturlad., 
Smrl. II. 154 f. 

b) l>i<' Hochzeit findet im Hause des Bräutigams statt. 

porvaldr Halldörss. mit Guprün ösuifrsd., der Bräutigam ist der 
Sohn eine» Goden, und der Sdiwiep'rvarer sagt selbst, <lass sie nicht gleich 
vornehm wären. Laxd. 24, 98. Kiarran. von mütterlicher Seit-' aus 
irischem Königsgeschlecht stammend and Dienstmann Olafs Tryggva- 
sons, mir Hrefna Asgeirsd., aus gutem bäuerlichem Geschlecht, «las 
sich aber mit dem Kiartans nicht messen konnte. „Nicht lässt Kiartan 
sichs anders gefallen, als dass die Hochzeit in Hiarparholt seinem 
Wohnsitz) sei". Laxd. t5, 142. Gunnarr v. Hliparendi mir der ver- 
witweten Hallgerpr. Er galt als der tapferste Mann Islands und war 
sein- angesehen. Njäl. 33, 12*. Grimkell mit Signy Valbrandsd., der 
Bräutigam ist (Jude. Harpars. og Holmv. 3, 4: derselbe mir Sigripr por- 
biarnard., ebenda 10, 20. porir Hrafnkelss. mit der verwitweten 
porgerpr, er i>r Sohn eines Goden. Pliötsd; s. 2. Hpskuldr Dala- 
Kollss. mir Jörunn Biarnard., Laxd. 18, 18. Biorn wird zwar ein 
Mann von hoher Abkunft (störättapr) und reich (aupigr at fe) genannt, 
und seine Tochter war die beste Partie in den Westfjorden, aber Hos- 
kuldr war Gefolgsmann des Königs Häkon Apalsteinsföstri und wurde 
auf Island ein grossei Häuptling. Gunnarr mir Rannveig. Über ihre 
beiderseitige Herkunft wird weiter nichts mitgeteilt, auch der Ort, wo die 
Hochzeil stattfindet, nicht, jedenfalls gründet das neue Ehepaar erst nach 
der Verheiratung sich eine Wohnstätte, aber es wird gesagt, dass der 

itigam das Gastmahl ausrichtet (liyr hann pä veizlu), Fliötd. 28 ff. 
Hallstein mit der verwitweten Droplau<r. ebenda K)5f. Sturla i 
Huammi mir Gupnj Bopvarsd., Sturl. [,52. pörpr Sturlus. mit Val- 
gerpr Arnad.. die er schon vorher in sein Haus genommen hatte. Ähnlich 
harre auch porgrimr Ottarss. die Pflegetochter Skiiris, nach dessen 
Ermordung schon verlier in sein Haus genommen, und r er verheiratete 
sich alsdann mir ihr", also fand wahrscheinlich die Hochzeit in seinem 
Hause Btatt, Vemundars. 30,319 (Islend. II 1 ). pörir tott Arnpörss. mir 
Herdis Einarsd.. Smrl. 11. 179. Seine Hochzeit mit der Gröa Älfsd. scheint 
Gizurr porväldss. selbst bei sich ausgerichter zu haben, Srurl. II, 102, 



Der ' 'r; der Hochzeit auf Island zur S |."> 

und die Hochzeit, zu der Bischof Magnus Kinarss. Dach Bkälholl 
einladet, i>t doch wohl auch seine eigene gewesen, wenn es auch nicht 
ausdrücklich gesagt wird, Bp. I. 77. 

Di.' Hochzeit findet bei einem Verwandten des Bräutigams sutr. 

Aiiiori' r.in |«>k i n u r mir pordis Gizurard., im Hause seines Vetters 
Glümr, auf dessen Veranlassung, Vigagl. c 11 (Islend. n 1 , 351 . Asbiorn 
Hrafnkelss. mit Oddbiorg Glümsd., wahrscheinlich, woferu die in den 
Text aufgenommene Lesart das richtige hat. im Man-'' Beines Bruders, 
zugleich mit dessen Hochzeit, Fliötsd. s. 4. Helgi Arngrimss. mit Olof 
Hol lad., im Hause des Oheims des Bräutigams, zugleich mit der Hochzeit 
von dessen Tochter, Kialn. c. 17 (Islend. II '"'. 454). Snorri Sturlus. mir 
Herdis Bersad., bei seinem Bruder Sighuatr, Sturl. I. 11<' und 202. 

<l) Die Hochzeit findet bei einem Freund oder Beschützer desMannes statt. 

porkell Sigurpss. mir pöra porgrimsd., im Hause Finnbogis, 
der den Freiwerber gemacht hatte; jedoch werden 'li.- zur Hochzeit uötigen 
Vorräte vorher aus dem Gehöft des Bräutigams geholt, Finnb. s. 30, ."»7 
(Reykjav. L897). Griss Ssemingss. mit Holfinna Waldad., bei Mär, 
einem Freunde des Griss, 'Im' gleichfalls Preiwerber gewesen war und 
die Partie ausgesucht hatte, Hallfr. I. 89 Porns.). Hrafn Brandss. mir 
Guprün ßörpard., hei Grimr Snorras., dem( refolgsherrn des Bräutigams, 
Sturl. i. 135. \udripr mir puripr, der Schwester des pormöpr, bei 
Helgi biöla, dem Herrn der Gegend, der ihm Land angewiesen und auf 
Beinen Wunsch auch die Prau ausgesucht hatte. Mit den Söhnen Helgis 
hatte Andripr Bundesbrüderschaft geschlossen, Kialn. c. 2 (Islend. II'-', I« 1 " 

Scheidet man die ganz zweifelhaften Fälle aus. so ergeben sich folgende 
Zahlen für die einzelnen Gruppen: la :;7. 1») 15, <•; •_'. zusammen 54; 
2a) :>. 1») 13, c) -1. d) -1. zusammen 24. Die Hochzeit wird also von der 
Verwandtschaft dw Braut in etwas mehr als doppelr >•> vielen Fällen als \"i. 
seiten des Bräutigams oder dessen Verwandtschafl "dm- Freundschaft aus- 
gerichtet. Dies Verhältnis würde allein sehen genügen, um die Sitte, dass 
die Hochzeit im Hause der Brauteltern stattfand, als die herrschende zu 
erweisen. Dazu kommt, dass in diesem Falle meist nur die einfache That- 
Bache berichtet wird, während wir sahen, dass, wenn von dieser Sitte ab- 
gewichen wurde, sehr häufig ein besonderer Grund angeführt wird oder 
doch ersichtlich i>r. wie dass vornehmere Geburt und Stand oder auch wohl 
_ sserer Reichtum die Veranlassung gegeben haben; oder aber es t'ühlr 
derjenige, der für einen andern, der etwa sein Ding- oder Gefolgsmann 
war. den Freiwerber machre. die Verpflichtung, nun auch für die Aus- 
richtung der Hochzeit zu sorgen. In einigen Fällen mag auch der Um- 
stand mitgesprochen haben, dass es Bich um eine Witwe handelte. \\ ir 
werden also annehmen dürfen, dass in der weitaus grössten Menge >\>'\ 
Fälle, in denen uns nur die Thatsache des Schliessens einer Heirat be- 
richtet wird, die Hochzeit im Hause der Brauteltern stattgefunden hat. 



Kahle: Der Ort '1<t Hochseil auf Island zur Sagazeit. 

Bestandteile!] der altnordischen Hochzeit führt Weinhold 
a.a.O. auch auf, nach der Fahrt zum Brauthause, den Zug zürn Hause des 
Bräutigams und die feierliche Einführung der Braut in dieses. 

Davon finden wir in der isländischen Sagalitteratur, so weit ich sehe 
keine spur. Hatte die Hochzeit im Hause der Brauteltern u. s. w. statt- 
gefunden, dann begab sich das junge Paar nach Schiusa der Festlichkeiten 
in das Gehöfl des jungen Eh< 'iuii ii i tes . und zwar <duie dass jemals irgend 
«>in besonderes Gefolge erwähnt, oder dass von einer besonderen feier- 
lichen Einführung der jungen Fran in ihre Stellung berichtet wird. 
Der Bericht lautet in der Regel in aller Kurze: „Nach der Hochzeit fuhr 
sie (die junge Frau) heim mit ihm dem jungen Ehemann)." So oder 
ähnlich Xjal. II, 4. r ». 14. 64. 65, 300; pörp. s. Hrepu 8, 101; Kialn. 17. 
455 (Isl. LI 8 ); Bgilss. 77. 255. 78. 2f>5: Sturl. I. 43. 132. 143. 262. 279. 
Oder der Erlann fuhr mit seiner Frau heim: Gunnl. 11. Ii); Liösvetn. 12,36; 
Finnb. 2'. 55; Fliötsd. :i">: Plöam. 31, 156; Gullpöriss. 9, 20. Als einmal 
drei Hochzeiten zu gleicher Zeit gefeiert worden waren, heisst es: „Und 
es begab sich jeder nach seiner Wohnung," Viglund. '21, 91. Auf ein fest- 
liches Geleit darf man nicht etwa aus Xjal. 34. 133 f. schliessen wollen, 
wenn es da heisst, dass nach der Hochzeit der Brautvater westwärts und 
die Rangseingar, zu denen der junge Ehemann Gunnarr gehörte, zu 
ihren Wohnungen ritten. Hier hatte das junge Ehepaar einfach denselben 
Weg wie ein Teil der geladenen Gäste. Ebenso wenig ist daran zu 
denken, wenn erzählt wird, dass porgils Arason angeritten kommt von 
seiner Hochzeit, und dass der Gode Snorri mit ihm war, insgesamt zu 
80 Mann, Viga-Styr ok Heiparv. 33, 378 (lsl. II 2 ). 

Zuweilen bleibt das junge Paar zunächst bei den Schwiegereltern, 
meistens den Winter ober, denn die Hochzeiten fanden ja mit Vorliebe 
im Herbst -tatt: so z. 15. ebenda l<>. 393; Laxd. 43. 135: 70, 211. In 
einem solchen Fall würde die feierliche Überführung der jungen Frau in 
das Haus ihres Gatten überhaupt keinen rechten Sinn mehr gehabt haben. 

\\ ir ersehen als«) aus allem, dass ein feierliches Geleit, eine Über- 
führung der Braut in ihre neue Wohnstätte, woselbst sie dem ihrer 
harrenden jungen Ehemanne in förmlicher Weise überliefert worden wäre. 
nach dem Zeugnis der Sagas nicht stattgefunden zu haben scheint. Dass 
diese Sitte, die wir ja nach den Ausführungen Weinholds als eine ur- 
sprünglich zur germanischen Hochzeit gehörige betrachten dürfen, auf Is- 
land nicht geübt wurde, lag in den Verhältnissen des Landes begründet. 
Bei den weit, oft eine "der gar mehrere Tagesreisen voneinander entfernt 

aden Höfen der die Ehe eingehenden Parteien, verbot sich ein feier- 
liches Geleit von einer Wohnung zur andern von selbst. 

i I eidelberg. 



Schell: Zwei alte Gerichtsstätten in den Rheinlanden. |, 

Zwei alte Gerichtsstatten in den Rheinlanden. 

Von 0. Schell. 
Mn Tafel I. 

1. Feldkirchen hei Neuwied. 

In Nu. lo der Monatsschrift des Bergischen Geschichtsvereine schreibt 
Walther Lindner: »Die Gemeinde Feldkircb am Nordrande des Neuwieder 
Backens nmfassi fünf Ortschaften mit evangelischer Bevölkerung. Die 
alt«-, gemeinschaftliche Kirche Liegt bei dem Orte Wallendorf, und vor 
dem idyllisch gelegenen Pfarrhause steh! eine uralte Gerichtslinde, von 
einer halbkreisförmigen Steinmauer eingeschlossen. An dei offenen Seite 
dieser Blauer, vor der Linde, befindet sich der noch wohlerhaltene steinerne 
Tisch, auf drei Seiten von Steinbalken umgeben. Daneben erheb! sich 
der gleichfalls aus Steinen hergestellte Pranger, dessen Flalseisen die 
älteren Einwohner noch in Fahrfeldkirch gesehen haben, und zwar im 
dortigen „Backes", «lern früheren Gemeinde-Backhaus, .j<'tzt noch Versamm- 
lungshaus der Gemeinderäte. 

Diesen Mitteilungen Läset sich noch einiges hinzufügen, was von nicht 
unerheblicher Bedeutung ist. Zunächst einige Massangaben. Die Bank, 
welche den Tisch umgiebt, ist ungefähr 2 m lang und besteht, wie auch 
der Pranger, ans Basalt, während der Tisch aufgemauert und oben mit 
einer Platte versehen ist. Letztere ist quadratisch und hat einen Durch- 
messer von 75 cm. Auf dem Pranger ist ein etwas verwittertes Wappen 
(rechtsschreitender Hahn zu sehen. Der Pranger hat am oberen Ende 
einen Einschnitt, welcher in der Halshöhe eines Mannes wie mir ein 
Bauer demonstrierte] angebracht ist. und welcher zur Fesselung des armen 
Sünders diente. 

Noch wird jährlich einmal unter dieser lande eine Versammlung aller 
Männer der Ortschaften Fahr, Wollendorf, Gönnersdorf und Hüllenberg 
abgehalten. Feldkirchen (nicht Feldkirch, wie es in der Monatsschrift des 
B. G.-V. heisst; man vergl. Paul Vogt, Die Ortsnamen im ßngersgau, 
Neuwied L890, S. 36. 49) seihst kommt als Ortschaft nicht in Betracht, da 
hier nur die Kirche mit einem Pfarrhause steht. An der Spitze dieser 
Volksversammlung steht ein Achterausschuss, kurzweg die Achte genannt, 
wozu jede Ortschaft zwei Glieder stellt. Jährlich wird die Eälfte der 
Achter neu gewählt. Diesen acht Männern liegt die Aufsicht über die 
Gemeindewaldungen ob. Nach den Mitteilungen dortiger Bauern nahm 
einst der Richter, später noch der Bürgermeister an diesen Sitzungen teil. 
Seit etwa 5 — 6 Jahren hat sieh auch >\w Bürgermeister von diesen Ver- 
sammlungen zurücko-ezoffen. 



'.: /.w. i . ■. ii in den Bheinlaaden. 

• kurzen Mitteilungen Bind vollkommen hinreichend, uns einen 
Hinblick in diese Einrichtung, welche in der jetzigen Verfassung nur ein 
sehr verblasster Überrest alter Rechtsinstitutionen ist. zu gewähren. Wir 
hall. -ii in dieser Linde mit 'lein Steintisch, den Bänken and dem Pranger 

offenbar eine alte Gerichtsstätte vor uns: und /.war niuss liier einst ein 
Markengericht gehegl worden sein, welches « 1 i « * Markgenossen zu bestimmten 
Zeiten (meist mehrmals im Jahre) vereinigte, um über «las gemeinsame 
Gut, den Gemarkenwald, und die Anrechte der einzelnen an denselben, 
zu heraten. Ausgeschlossen ist keineswegs, ilass an derselben Stelle auch 
ein Gericht mit weitergehender Kompetenz abgehalten wurde, wie es bei- 
spielsweise in Elberfeld 'Im- Fall war. wo unter der Gerichtslinde «las 
Markengericht sowohl als das Landgericht abgehalten wurde. 

Oft führte ein Adlicher oder -ein Vertreter den Vorsitz in den Ver- 
sammlungen der Markengenossen, beraten von einer bestimmten Anzahl 
von Schöffen. In diesen Versammlungen wurden neu eingetretene Marken- 
genossen aufgenommen und vereidigt, wie auch die zu entrichtende Kur- 
mut festgesetzt. Ausserdem wurden Waldfrevel zur Anzeige gebracht, mit 
den gebührenden Strafen belegt, und andere < iemarkensachen erledigt. 
Diese ( ierichtshefugnisse sind allmählich aus deu Händen der einfachen 
Bauern in die rechtskundiger Juristen gelangt, und man hat jenen nur 
noch Aufseherrechte über den gemeinsamen Wald belassen. Aber die alte 
Gerichtsstätte ist noch immer, wie in früheren Zeiten, der Schauplatz der 
Wahl der Aufseher, welche, wie die alten Schöffen, hochgeachtet in ihren 
( Ortschaften sind. 

Bezüglich der rechtlichen Festsetzungen im alten Engersgau, wozu 
unsere Ortschaften gehören, sei auf J. Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer, 
II. '.'.V.i. Günther 5, Xu. 113 verwiesen; hinsichtlich des Alters der Ort- 
schaft Feldkirchen auf Beyer IL '218 und P. Vogt, Die Ortsnamen im 
Engersgau, Neuwied. 1890.) 

2. Kyllburg in der Eifel. 

Wenn man durch das langgezogene Städtchen Kyllburg den schmalen 
nicken weiter hinansteigt, gewahrt man zwischen den Resten der 
alten Burg und der bautechnisch bedeutsamen Stiftskirche rechts am Wege 
eine ummauerte Erhöhung mit steinernem Thoreiugang, während vou der 
anderen Seite eine kleine Steintreppe neben einer alten Steinbank auf 
diesen Platz hinaufführt. Der Platz bildet ein stumpfes Dreieck vou 30, 
.')i> und ."•<> Schritt. Vier stattliche Linden beschatten denselben. Unter 
ihnen erhebt -ich eine runde Steinsäule von etwa 3 m Höhe, welche mit 
einem steinernen Kreuz gekrönt ist. Auf dem Schaft der Säule liest mau: 
Renovatum 1786. Darunter befindet sich ein verschnörkelter Namenszug 
und an dem Kreuz eine Bausmarke (-£). Ein kleiner oblouger Steintisch 
steht vor der Saide. 



Blünniil und Rott: Die Verwendung der Pflaosen durch die Kinder. 4«) 

Die Vermutung, welch»' sich bei einer genaueren Prüfung des Platze» 
sofort aufdrängt, ea hier mit einer alten Gerichtestätte zu thun zn haben, 
bestätigt die \ olkstradition. 

In Verbindung mit dieser Gerichtsstätte darf man drei eingemauerte 
Steinbilder unterhalb derselben bringen. Auf dem ersten erblickt man 
• ■inen Adler: auf dem /weiten liest man: „Stifts Kiwheif und ist auf 
demselben eine Schwurhand eingehauen. Der dritte Stein weist ein 
Wappen auf. 

Kl Werfe M. 



Die Verwendung der Pflanzen durch die Kinder 
in Deutschbölimen und Niederösterreich. 

Von E. K. Blümnil und A. J. Rott. 



In dem folgenden Aufsatz soll ein Ausschnitt aus dem Leiten und 
Treiben der Kinder vorgelegt werden, nämlich die Art und ^ eise, wie 
sie verschiedene Pflanzen zu ihrer Unterhaltung und namentlich in ihren 
Spielen verwenden. Es ist darauf bisher sehr wenig geachtet, mindestem 
sehr wenig darüber aufgezeichnet worden: was darin geschah, stellen wir 
gleich nachher zusammen und vermehren das Vorhandene im folgenden 
durch Sammlungen aus Deutschböhmen und durch Nachträge zu dem für 
Niederösterreich früher geleisteten. Vergleichungen mit dem aus anderen 
österreichischen Kronländern uns Bekannten sind beigefügt. Die mit 
Abkürzuugssiglen augeführte Litteratur ist dii -• 

B. H. E. K. Blümml und Fr. Höfer, Die Beziehungen der Pflanzen zu den Kinderspielen 

in Niederösterreich. Zeitschrift für österreichische Volkskunde. V. Jahrgang. Wien 

1899. S. 132—135 (für Niederösterreich). 
1). T. K.W. von Dalla Torre, Die volkstümlichen Pflanzennamen in Tirol und Vorarlberg 

nebst folkloristischen Bemerkungen zur Flora des Land... Innsbruck A. Fdlinger) 

1895. 8*. 76 S. (für Tirol und Vorarlberg). 
Pf. A. Pfeiffer, Einige oberösterreichische Trivialnamen der Pflanzen. V-rhandl. der k. k. 

zoologisch-botanischen Gesellschaft in Wien. XLIV. Jahr-. Wien 1894. 8. 35-48 

(für Oberösterreich). 
Seh. A. Schott, Über Pflanzen- Volksnamen im Böhmerwalde. IV. Deutsche botanische 

Monatsschrift. XVII. Jahrg. Arnstadt 1899. S. 4(»-42, 73— Tti. 
Sehr. H. Schreiber, Wiesen der Randgebirge Böhmens and ihre Verbesserung. Staab 

(Selbstverlag) 1898. gr. 8. VII u. 251 S. 
Tsch. Er. Tschernich, Deutsche Volksnamen der Pflanzen aus dem nördlichen Böhmen. 

Beilage zum Programm des k. k. akademischen Gymnasiums in Wien (I. Bez.) für 

das Schuljahr 1896/97. Wien 1897. gr. 8°. 32 S. 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1901. 



;,i , Bli'unml und Etotl : 

Willi. Fr. Willi. •Im. Volkstümliche Pfiansennamei im südlichen Hange und Fusse des 
mittleren Ersgebirgt I tgebirgs-Zeitung XIX. Jahrg. 1898. 8.73 77,108 105, 
121—124, L50 158, 172 L74, 200 -202, 228 225, 247—249 (alle für Böhmen). 

Die andere noch zum Vergl »iche angezogene Litteratnr wird bei den einzelnen Nummern 
aiiL.-- g< ben. 

lieh der eintelnen Abkürzungen auf Verbreitung «rtee zu bemerken, dass „allgemein* 
mir für Deutechböhmen and aicht für Niederöaterreich, letzteres wird stets durcb X.-ö. 
gekürzt, gilt, wahrend 15. Böhmerwald, PL Pilsener, PI. Planer. Eg. = Egerer 
ml, Erz. Erzgebirge, Et Riesengebirge und N. Nordböhmcu bedeutet. 

1. Ahorn (Acer spec). Di»- Früchte, hauptsächlich von Acer plata- 
aoides L. und A. pseudoplatanus L. und /.war sowohl im grünen als auch 
reifen Zustande, werden gespalten und als „Nasenzwicker" (B.. Pi., PI.. 
I Erz.) oder als ..Xasenstiefl" (Wien) auf die Nase gesetzt, während 
sie im reifen Zustande auch gerne in dm Eöhe geworfen werden (B.. Pi., 
PL, \l j da Bie »ich beim Berabfallen fortwährend drehen, so dass sie den 
Namen „Schmetterling" (Pi.. Et.) erhielten. Aus den Blättern werden 
Körbchen gefertigt (B.). 

2. Akazie (Robinia Pseudacacia L.). Die Stacheln dienen als Nägel 
and zum Aneinanderheften der Blätter (N.-Ö. Oberhollabrunner Bezirk). 

3. Apfel (Pirus malus L.). Derselbe wird durch Zickzackschnitte 
quer in zwei Eälften geteilt (B., PI.. Eg., Erz.), und wird ein so zer- 
Bchnittener Apfel „Schnupftabaksdose" genannt (B.). Die Kerne dienen 
zum Schnellen (allgemein). Die Schale eines ganzen Apfels wird nach 
rückwärts über den Kopf geworfen, wobei sie Figuren bildet, die mit 
Buchstaben Ahnlicheit haben, aus denen verschiedenes (welches Mädchen 
ein Knabe gern hat u. a.) erraten wird (Eg. selten, und Frischbier: Am 
Urquell III. 2-17. wonach der Name des ersehnten Geliebten aus der 
Figur der Schale erraten wird. Ein anderes Apfelorakel teilt Wilh. S. 201 
mir: Am hl. Abende zerschneidet jedes Familienmitglied einen Apfel und 
aus d<T Zahl der mitzerschnittenen Kerne wird auf die Zahl der noch zu 
lebenden Jahre geschlossen). 

4. Arnika (Arnica mputana L.). Die Blüten werden in die Fenster 
gegeben, damit kein Blitz einschlägt (Eg.), doch müssen sie am Vorabende 
vor Johannia (24. Juni) gesammelt werden (Westböhmen, Sehr. S. 126), 
denn ihre Blütezeit fällt um den 24. Juni (..Hannstag- im Böhmerwalde), 
daher auch ihr Volksname im Böhmerwalde „Hannslblume" lautet (Seh. 
S. 74). Vgl. auch Ehrenpreis (Veronica chamaedrys L.). 

5. Bärlapp (Lycopodium clavatum L.). Zu Kränzen (|B.] : auch 
Sehr. S. 1 lö gieht an. dass die beschuppten Stengel allgemein zu Kränzen, 
Pussdecken u. s. \\. verwendet werden, während Louis Keller [Beiträge 
zur Flora von Kärnten. Verhandl. der k. k. zoologisch - botanischen Ge- 
sellschaft in Wien. XL1X. Bd. Wien 18!>9. S. 363— 386] S. 366 mitteilt 
dass in Kärnten | im Drauthale| ein anderer Bärlapp [Lycopodium compla- 
natum L.| zu Allerseelen als grüner Aufputz zu Grabkränzen Verwendung 



Die Verwendung der Pflansen <iur«-h die Kinder. .'il 

findet). Die Keimkörner Sporen) Drudl lil (nach Sehr. 8. 1 t"> im 

Böhmerwalde Hexenmehl oder Hexenstaub, im Riesengebirge Pimperlin- 
pulver) genannt (PI.) — wurden, als noch Bolz als Beleuchtungsmateria] 
diente, in die Flammen geworfen (IM.). 

6. Bartflechte (Usnea barbata I..). Zu Barten (B., IM.. R.). 

7. Binsen (Juncus Bpec.) Dienen zum Flechten füi N.-<». B. II. 
>. 133, No. 3), zum Verfertigen von Sesseln, Körbchen für \.-<>. B. II. 
*> 133, No. .">. für Böhmen [Erzgebirge] Willi. S. 17.">: Junge Hädchen 
flechten Körbchen daraus) und Hüten (allgemein; auch Sehr. S. 88 bemerkt, 
dass die Binsen in den Randgebirgen Böhmens zu Geflechten, and das 
Mark der Halme zu „Kirmeskränzen" benutzt werden). 

v Birke (Betula alba L.). Der Stamm wird angebohrt, damil der 
Saft heransfliesse, der getrunken wird (PL, X). 

9. Bittersüss Solanum dulcamara L.). Die Stengel werden gekaut 
(PL, PL). 

10. Blasenstrauch (Colutea arborescens L. . I>i" Früchte dienen 
zum Klatschen (allgemein, für N.-Ö. vgl. B. II. 8. 133, No. 5). 

11. Bohne (Phaseolus vulgaris L.). .1«' nach der Gattung haben die 
Bohnen verschiedene Werte und Benennungen, so: Kaiser oder Türk, 
Bummerl, Peterkappl allgemein); Fleischhacker (rot und weiss-. Schwefl- 
küchal (gelb und genau eiförmig), weisse Bunn, Tscheckla (Erzgebirge, 
Büdliches und mittleres, nach Wilh. S. 2dl): kleine Bunn, Pfärebunn, 
Kaulärsche (nördliches Böhmen nach Tsch. S. 28), Sträusselbohne (länglich, 
wri>> oder gefärbt mit roten oder gelben Sprenkeln um die Haftnarbe), 
Fasanein (braune oder iure, gelbgesprenkelte), Kaularsch. -In [rund kirschen- 
ähnlich. Teplitz nach G. Laube, Volkstümliche Überlieferungen aus Teplitz 
und Umgebung (Beiträge zur deutschböhmischen Volkskunde. I. Band, 
2. Heft. Prag 1896. gr. 8°. . S. 70]. Nur in einzelnen, von Wäldern 
umschlossenen Dörfern wird die Bohne wenig oder gar nicht /um Spielen 
benutzt. Solche Bohnenspiele sind: 1. Grad und üngräd, wobei --raten 
wird, ob ein Kind eine gerade oder ungerade Zahl von Bohnen in der 
Hand hat: dieses Spiel, im Cechischen „Suda licha", wovon der Name 
„Soda licha" (N.) stammt, erlernten die deutschen Kinder ursprünglich 
von den cechischen, wenigstens war es in Nordböhmen so, worauf -1er 
dortige ähnliche Name hindeutet. (Ähnlich unserem Spiele ist das bei 
G. Laube a. a. 0. S. 71 unter No. 7: Schutnroten mitgeteilte Spiel, welches 
jedoch grüne Erbsenhülsen mit den grünen Samen verwendet.) 2. „Mäusl, 
Bauer, König", wobei eine Bohne gespalten und geworfen wird. (Im R. 
wird statt der Bohne ein rundes Holzstückchen der Länge nach gespalten 
und damit geworfen und heisst das betreffende Spiel: „Richter, Gerichts- 
diener und Angeklagter). •">. Andere Bohnenspiele sind noch: „Ins Löchl", 
„StreiNas- von streifen und ..Hei. h das" von hoch, höher. (Vgl. auch 
G. Laube a. a 0. S. 70, No. 4: „Bunnschuppeln" und No. .V. ..Bunnsehieben\ 



Blfimml uii'i Koti : 
auch Willi 8.201 atreift das Spiel „Bunnä8chie[b]m u , in Elbogen „TscbS- 

16188611.) 

l;'. r,..\i>i Bovists spec. Lycoperdon spec.)'. Die jungen Boviste 
■i „Hexeneier" (PK), Haseneier (Eg.), Quarksäcke (Erz.), die alten 

aksbeutl" (PI., in Tirol [Lienz] Dach D. T. 8. 11 „Blasbalg"). Aus 
den letzteren werden die Sporen, die des „Teufels Schnupftabak" (Pi., 
auch N.-<>.. nach Pf. S. II auch hier und da in Oberösterreich so, nach 
1). T. S. 11 in Tirol Judentabak heissen, ausgestäubt (allgemein), kommt 
einem jedoch solcher Sporenstaub in die Vugen, so kann man blind worden 
B PL, R . 

13. BrunnenkreBse (bitteres Schaumkraut, Cardamine amara L.). 
Wird I'. Eg., K.: auch Sehr. S. 112 sagt, dass C. a. «lern Menschen 

Bchon im Winter and zeitlich im Frühjahre einen Salat und ein Suppen- 
kraut liefere). 

11. Buche (Fagus sylvattöa L.). Die Buchein werden gegessen (ß.. 
PL, N.-Ö.). Das faule phosphoreszierende Holz wird an einen dunklen 
Ort gegeben, um in der Nacht jemanden zu erschrecken (ß.. PI.). 

15. Distel 'Carduus spec, Cirsium spec). Mit den Dornen wird 
auf Blätter gestochen und geschrieben (PI.. Erz., für X.-O. vgl. B. H. 
s. 133, No. 8). 

16. Distel, nickende (Carduus nutans L.). Böse Knaben stechen 
mir den Blütenköpfen — ■ Pudlhunde genannt -- andere Kinder (PL), oder 
sie binden dieselben Bullenbeister — an eine Schnur und schwingen 
sie gegen andere Kinder (Kg.). 

17. Dorsche (Brassica napus L. var. esculenta D. ('.). Dieselbe wird 
ausgehöhlt, ein Gesicht ausgeschnitten und abends, mit einem Lichte im 
Innern versehen als ein Totenkopf aufgestellt (B., PL, Eg., Erz., für N.-O. 
Vgl B. II. S. l-'il. No. 29 unter Cucumis [soll dort richtig Cucurbita und 
nicht Cucumis heissen] Pepo L.). 

18. Dotterblume (Caltlia palustris L.). Beliebt zu Sträussen (all- 
in). Wird auch wie die Hahnenfassarten (Ranunculus spec. s. d.) 

unter d;i< Kinn gehalten, damit man sieht, ob jemand viel Butter oder 
Schmalz gegessen hat (PL, PL Erz., N.: nach Willi. S. 248 unter Trollius 
europaeus L. . schliessen Kinder im Erzgebirge nach dem mehr oder weniger 
gelblichten Schein, den eine unter das Kinn gehaltene Blüte dieser Art 
(Tr. europaeus L.) hervorbringt, auf die Zahl der „Pfunde Butter u , die 
jemand schön genossen, oder, dass man sieht ..wie fett einer ist" (B.). 

19. Eberwurz (Carlina acaulis L.). Die Blütenboden werden ge- 
n (R., auch Sehr. S. 101 führt dies für die Kinder an), 

'20. Ehrenpreis (Veronica chamaedrvs L.). (!e^yitterblümel (nach 
Sehr. s. 76 Donnerblümla [R.], Wetterblüml [B.] und blaues Gewitter- 
blümel [B., K.|. nach Willi. S. 248 führt Veronica arvensis L. und Lobelia 
Krimis L. im Erzgebirge den Namen Donner- und Gewitterblume, während 



Dil Verwendung dor Pflan^eo facch <\\<- Kinder. 

Tsch. s. .". l .i den Name« Gewitterblum für Noxdböhmen anführt, der Bioh 
[Gewitterbleaml] aueb in N.-<>. [Kodetschlag] findet). Eteissi mau solch 
tili Blümchen ab, so kommt ein Gewitter 1!.. während nach Karl L. Petters 
[Mitteilunger < i<*s nordböhmischen Exkursionsklubs. 11. Jahrg Leipa I 
S. 802] bei einem Hau-«' kein Ehrenpreis abgepflücki werden boII, da 
Bonst der Blitz einschlagt). 

21. Eiche (Quercus spec). Eicheln and Schüsselchen (Fruchtbech( 
dienen zum Spielen, letztere besonders den Mädchen zum Kochen (allg.). 
Aus den ausgehöhlten Eicheln und Kastanien (Aesculus hippocastanum L. 
s. dort) werden verschiedene dürre Blätter geraucht (Pi ). Die Blätter 
werden mir Fichten- und Kiefernadeln zu Kränzen zusammengesteckt P 
N.), trockene auch mit Bürsten geschlagen, damit man das Blattgerippe 
erhält, «las man in Bücher legi (Eg., Erz., PI.) oder auf das man auch 
öfter Bildchen klebt (Eg-, Erz., für N.-ö. B. II. 8. 133, tfo. 10). 

22. Eisenhut (Aconitum napellns L.). Aus der Blüte werden die 
zwei kleinen Blumenblätter herausgebogen und das Bind die Pferdchen an 
der Kutsche all-. Murin), daher ihr Dialektname „Kutschapfädlä (IM. 
Kutschpferdchen; nach Seh. s. 7:> heissen im B. alle Aconitum -Arten 
ffcössln, nach Sehr. S. 141 heissen die Blüten von A.c. nap. im R. and Eg 
„Kutschir. im I!. und B. „Kalessn", im Eg., I">. und R. „Rössl", im I!. 
auch „Pferdlein", nach Tsch. S. 8 in N. „Pfärreiter" Pferdereiter und 
..Kutschl". in N.-Ö. „Kalesswägn" ; alle dies.- Namen entstanden aus dem 
umstände, dass [nach Tsch.] „die Blüten, besonders nach Entfernung des 
helmartigen Blattes an eine mit zweiPferden bespannte Kutsche erinnern".) 

23. Engelsüss (Polypodium vulgare L). Der süsse Wurzelstock 
wird gekaut (X.. R.). 

•_'4. Erbse (Pisum sativum L.). Wird mittels eines gespaltenen Holzes 

fortgeschnellt ( Erz. . 

25. Erdapfel (Solanum tuberosum L.). Die in Scheiben zerschnittenen 
Knollen sehen eine Ladung für Knallbüchsen, die aus Federkielen bestehen, 
ab (allgemein, für N.-Ö. 15. H. S. 133, No. L3), dienen auch zu Spinnrädern 

(Pi.. X.) und zu ..Fledermäusen-, wobei eine Feder in den Erdapfel ge- 
steckt und als Fledermaus in die Höhe geworfen wird PL, Erz. Die 
Beeren dienen zum Schleudern, indem sie an zugespitzte hölzerne Sp 

eckt und mittels derselben weil weggeschleudert werden (B., IM.. I .. 
N.) 3 in X. heisst diese. Spiel „Schnetteln". Die trockenen Blätter werden 
in Pfeifen aus Holunderästen gerauchl PL, Eg.). 

26. Erdt re (Fragaria vesca L. . Kid- and Heidelbeeren (s, d.) 

werden an Schmielen gesteckt allgemein). Eine Beere, die dem Kinde 
beim Pflücken entfällt, gehört den arme,, Seelen und wird nicht mehr 
aufgehoben (ß.. R): gehen die Kinder mit Beeren an einem Kreuze o<ter 
einer Kapelle vorbei, so opfert jede, drei Beeren (PL, Eg. doch nur an 
einigen Orten). 



| Maninil und Bott: 



_ i 



Feuerlilie (Liliam bulbiferum L. . Mundartlich „Feuabloma" 

PL, in N. iiiich Tscb. S. -J4 „Feuernilge", nach Willi, s. 174 am Passe 
des I Ire. „Feuernölg", im Erz. „Feuerblum"). Mit dem Blütenstäube 
machen »ich die Kinder «Im- Nasen gelb (allgemein). 

Pichte (Picea vulgaris Link = A l)i<-s excelsa I). C). Das Hulz 
findet zu verschiedenen Schnitzereien, zu Pfeilen (Pfitsch'pfal PL), Schindel- 
flinten, Säbeln, Wasserrädern u. a. (allgemein, auch in N.-O. ß. H. S. 133. 
N it. zu Stangen zum Stelzengehen (B., Pi., PI. Erz.) und zu den 
ken" der Spiele Verwendung. Solche Steckenspiele'sind «las „Schekern", 
i auf ein aufgestelltes Stückehen Holz (Schek'r 05 Sau) geworfen wird 
(B., PL); das ..S;iu ins Loch treiben", wobei mit Stocken ein beiderseits 
zugespitztes Holz in ein Luch getrieben wird (B.. PL, beide Spiele werden 
immer Beltener) nnd das „Schpacek-Spiel", wobei ein Stück Holz weiter- 
geschlageu wird (allgemein: dazu vgl. G. Laube a. a. 0. S. 70 unter Xo. 6: 
Patschet oder Spatzek für Teplitz, B. H. S. 133 Xo. 16 und Anmerkung 
und R. Weissenhofer, Jugend- und STolksspiele in Niederöeterreich. Zeit- 
schrift für österreichische Volkskunde. Y. Jahr-.. 1899 |S. 49—56. 113 
bis 119], S. 50 für X. -(').). Letzteres Spiel heisst im R. ..Titschkerl-Spiel" 
(wie in N.-Ö. vgl. B. II. S. 133, Anm.). in N.-Ö. nebst „Flohspiel" und 
„Titschkerlspiel" (B. H. s. oben), auch ..Rädnschlägir (Oberhollabrunner 
Bezirk) und ..Schnackspiel" (Retz. R Weissenhofer a. a. O. S. 50). Das iü 
Engelform an der Kinde gefundene Harz wird gekaut, weil man davon 
weisse Zähne bekommt und ..Käupech" genannt (B.. PL), auch wird das- 
selbe in warmes Wasser gegeben und daraus, wenn es weich geworden ist, 
verschiedene Tiere geformt (PL). 

29. Pingerhut (Digitalis spec). Die Blüten werden an die Finger 
gesteckt (PL). 

30. Flieder (Syringa vulgaris L.). Die Blüten werden im Daumen - 
gelenk aufgestellt (allgemein, auch in N -Ö. vgl. B. H. 8. 133. No. 15), 
die int'inandergesteckten Blüten in Büchern gepresst (allgemein). Die 
Blätter werden mit Fichten- und Kiefernadeln zu Bändern und Kränzen 
zusammengesteckt (PL, PL [teilweise]. Lg.. Erz., s. auch Eiche) und dienen 
auch zum Klatschen (Pi.. Eg.) und Pfeifen (Wien und Umgebung); letzteres 
wird dadurch erreicht, dass ein Blatt mit beiden Händen vor den Mund 
gehalten und dann Luft darauf geblasen wird, wodurch ein eigentümlich 
schriller Ton erzeugt wird, der so lange anhält, bis das Blatt durchreisst. 
Die Kindo (der Bast) wird (N.-Ö.) im Frühjahre beim „in den Saft gehen" 
als besonders leicht abgehend von den Knaben zu Pfeiferin abgeklopft 
(vgl. auch \\ eide und Vogelbeerbaum), wobei verschiedene Sprüchlein 
hergesagt werden (auch Wilh. S. 225 teilt dies für das südliche Erz- 
gebirge mit). 

31. Föhre (Pinus silvestris L.). Aus der Rinde werden Schiffchen, 
Tiere u. a. geschnitzt (allgemein, auch N.-Ö. vgl. B. H. S 133, No. 16). 



I»i' Verwendung der Pflanzen durch üi' Kinder. 55 

32. Frauenmantel [Alchemilla vulgaris I.. Die Blätter stellen 
Bauernweiber dar Li. . 

33. Gerste (Hordeum vulgare L.). Eine in den Ärmel gesteckte 
Ähre wird nach oben geschoben l'i . Y. IL; in O.-Ö. wird dazu die Ihre 
von Seeale cereale L. verwendet, die auch dort al> und zu „Schliafhansl", 
in N.-O. ist der „Schliafhansl" die Ahn- von Sordeum murinura L. | IL II. 
s. i:;i. Nu. 35], aeisst [Pf. S. 47]). 

34. Getreide (Seeale cereale L. und Triticum vulgare Vill.). Die 
Halme zum Pfeifen, zum Trinken and zum Erzeugen von Seifenblasen 
(allgemein, N.-(b). wobei dieselben an einem Ende kreuzweise eingeschnitten 
uml ausgebogen werden, die dann beim Aufziehen des Seifenschaumes in 
das Röhrchen eine grössere Oberfläche zum Saften der Blase bieten. Auch 
wird mit Strohhalmen ins Wasser geblasen, damit dasselbe sprudeil I '._ 
Die Blätter werden zum Pfeifen verwendet (allgemein). 

35. Glockenblume (Gampanula spec, besonders C. rotundifolia Lj. 
Die Blüte zum Klatschen (allgemein, daher besitzt C. rot. auch die Volks- 
namen Knockblume [KnackblumeJ und Knollblume [KnallblumeJ, beide 
im K. nach Sehr. S. 62 . 

36. Goldregen (Cytisus Laburnum L.). Die Hinten werden zum 
Aussaugen des süssen Saftes uns der Blumenröhre hier und da (so in 
Wien, ehemalige Gemeinde Weinhaus u s. w.) benutzt (vgl- auch B. II. 
S. 132. No. 1 unter Akazie u. s w.). 

.'17. Grashalme. Zum Zusammenbinden von Blumensträussen (allg.), 
auch werden dieselben den Bremsen (Tabanus spec.) in den Sinterleib 
gesteckt und dieselben dann damit fliegen gelassen (allgemein). 

38. Hafer (Avena sativa L.). .Mit den abgestreiften A Indien bewerfen 
sich die Kinder gegenseitig, so viele davon hängen bleiben, so viele Kinder 
bekommt der Böworfene oder so viele Sünden hat er (Kg.)- 

39. Sahnenfuse (Kanuneulus spec). Ist die eigentliche Schmalz- 
oder Butterblume, s. Dotterblume (Caltha palustris L.). 

40. Hainsimse (Luzula campestris D. C), mundartlich „Konäsbrä Q t a 
(PI., nach Sehr. S. 77 im Erz. „Khannesbra[u]t u , nach Willi. S. 174 fährt 
im südl. Erz. Luzula pilosa L. den Namen Johannesbrot und zwar wegen 
ihres johannesbrotfarbigen Blütenstandes), von den Dobrzaner Kindern 
auch „Rauehfangkehrer" genannt und zwar der dunklen Ahrenfarbo und 
der Ähnlichkeit der Ähre mit einem Rauchfangkehrerbesen wegen (nach 
Seh. S. 41 heisst im B. Phyteuma nigrum Schm. wegen ihrer dunkel- 
violetten Ähren so, dasselbe gilt auch in N.-<>. fflj Poterium Smi-nisorba 
Scop.. das in Braunsdorf [V. ü. M. B. Gerichtsbezirk Oberhollabrunn] 
wegen der dunkelbraunen Blütenähren so genannt wird). Ist zu den ersten 
Sträussen im Frühlinge sehr beliebt (PL, PL). 

41. Haselstaude (Corylus avellana L.). Die Nnssschale dient zu 
Pfeifchen (PL)., die Zweige zu Angelruten und Spazierstöckchen (allgemein)- 



Dlüiiiini und B 

l-_v Heidelbeere accinumMyrtillus I. b. Erdbeere Pragaria resea L.). 

13. Herbstzeitlose (Colchicum autumnale !-.)• Die Samenkapseln 
sind Schiffchen (Erz.). 

U. Herzblnine Dielytra spectabilia D.C.). Nachdem man die 
beiden grossen Blumenblätter weggenommen hat, erhält man eine mensch« 
liohe eine Tänzerin, \l). 

15. Hirschstreuling (Elaphomyces granulatus [Nees| Fries) vulgö 
Hirschbrunst" (PL). In die trockenen Schwämme wird ein Loch gemacht, 
die Sporen werden herausgegeben and man bat dann «'in Pfeifchen (PI., 

das „M§ia-Pfeifla u (Moospfeifchen) genannt wird (Bg.). 

16. Um In im in- (Sambucus oigra L.). Die Äste zu Wasserspritzen 
^allgemein für N.-Ö:, vgl. B. H. S. 133, No. 19). zu Knallbüchsen (B., Pi., 
mich N.-»». B. II. s. 133, No. L9, die in Tirol nach 1). T. S. S2 „H»ler- 
lniclis- und „H61erspritz u , in Siebenbürgen [Nösnerland] nach G. Kisch, 
KTösner WörteT and Wendungen. Beilage zum Programm des evang. Ober- 
gymnasiums A. B. in Bistritz [Siebenbürgen], Bistritz 1900 |178S.|. S. 89 
..kn«»U- heissen), und «las Mark zu Stehaufmännchen (allgemein, für N.-O. 
B. II. S. 133, No 19), welch letztere durch Einstecken eines Zweckend 
erreicht werden >ü<ll. Erz. Wilh. S. 224). Aus den Ästen werden auch 
Pfeifen gemacht, aus denen grössere Knaben Erdäpfel-, Königskerzen- und 
Rosenblätter rauchen (PI., Eg.). Drei Kreuzlein aus Holunderzweigen 
werden am Walpurgis-Abend in den Rasen, der vor die Stallthüre gelegt 
wink gesteckt, damit keine Hexe in den Stall komme (PI., etwas Ähnliches 
findet sich zu Gottschee, nur werden dort aus den zu Ostern geweihten 
Palmruten [von Salix spec] kleine Kreuzlein geschnitten und dann auf 
Thüren gegen Hexenspuk angenagelt, s. Job. Satter. Volkstümliche Ptianzen- 
oamen aus Gottschee. Beilage zum Programm des k. k. Staats - Unter- 
gymnasiums zu Gottschee für das Schuljahr 1897/98. gr. 8°. Gottschee 

!_'l s. ;. S. 18). In diesen Käsen können aber auch Zweige ver- 
schiedener anderer Bäume gesteckt werden (B. 

47. Käsepappel (Malva spec). Die Früehte zum Essen (nach Sehr. 
s. 74 liefern auch die jungen Blätter für Crosse ein Gemüse) und Spielen 
(allgemein, für N.-Ö. vgl. B. H. S. 133, No. 21). 

Kalnius (Acorus Calamus L.). Die inneren /arten Blätter werden 
£ern< ssen PI., K«.: am Pusse des mittleren und am südlichen Hange 

des Erzgebirges werden die Wurzeln von den Kindern gern ..ausgeknatscht". 

wilh. s. 12: 

l'.t. Katzenpfötchen (Gnaphalium dioecum L.). Beliebt zn Sträussen 
£ allgemein). 

50. Kirsche Prunus cerasus L. et Pr. avium \..). Die Früchte als 
Ohrgehänge und die Kerne zum Schnellen 1 ) (allgemein, für N.-G. B. H. 

1) Auch in Franz Freiherr Gaudys „Schülerliebe"' spielt ein von der Hand des 
Fräuleins Minna Grasmeier, aus Nebra uebürtiir. preschnellter Kirschenkern die Hauptrolle. 



Die Verwendung <l«-r Pflanzen durch die Kinder. .'x 

s. i:;t. N - > . 23). Das Kirschgummi Niklas- oder Katzenpech.) wird 
gessen, nachdem es zuvor „gesponnen", d. Ii. in feine Fäden ausgezogen 
wurde (allgemein, b. auch Pflaumenbaum, Prunus domestica L.). 

51. Bulette (Lappa officinalis MI. Die Blütenköpfe zum Bewerfen 
(allgemein, für N.-Ö. Ii. II. 8. 134, No. 27), zu Körbchen für N.-<">. B. II. 
S. 134, No. 27). Teppichen und Kreuzlein IM.. Pi., Erz.)- die Blätter zu 
Schirmen (Erz., für N.-Ö. vgl. B. II. 8. L34, No 

52. Knöterich, bitterer (Polygonum persicariaL. et lapathifolium L.). 
- Sauerampfer (Rumex acetosa L. . 

53. Königskerze (Verbascum spec. . Die Blätter werden geraucht 
(PI., Eg.), s. Holunder Sambucus nigra L. 

54. Kohl (Brassica oleracea L. var. capitata I..). Die Blattstiele 
geben „Kühe" ab (B.. PI., Eg.), die Stengel dienen als Wassereimer and 
Trompeten B. 3 PI., Pi., Eg.). 

55. Kornblume (Centaurea cyanus L.). Zu Sträussen and Kränzen 
(allgemein, für N.-Ö. vgl. B. IL S. L34, No: 25 i. 

56. Kornrade (Agroeterama githago L.). Durch Zusammendrücken 
des Kelches drehen sich die Blumenblätter und es entsteh! eine „Uhr" 
(R, teilweise auch PI.). Die Samen werden gegessen (R., B.). obwohl 
derselbe giftig sein soll, doch auch Sehr., der ans dem B. stammt, teilt 
S. 81 mit, "dass er als Kind die Samen oft ohne Nachteil ass 

.".7. Krausemünze (Mentha crispa L.). Wird gerne in die Bücher 
gelegt und in die Kirche mitgenommen (PI.), s. auch Stabwurz (Artemisia 
abrotanum L.). 

58. Kürbis (Cucurbita Pepo L. . Die Früchte geben Totenköpfe 
(Pi. N.. N.-Ö) ab. >. auch Dorsche (Brassica oapus !.. var. esculenta 

D.U.). 

59. Lärche (Larix deeidua M i 11 L. europaea D.C. Mit den 
Langen dünnen Zweigen bekränzen sich die Knaben gerne die Hüte B., 

PI.. B. 

60 Löwenzahn (Taraxacum officinale Wigg . Die Schäfte zu Ketten 
(allgemein, für N.-Ö. vgl. B. II. S. 134, No. 32, für Tirol, in welchem 
Lande die Pflanze der Ringel wegen [s. ... „Ringelblüml« ...,d m Würtem- 
berg „Kettenblume« heisst, D. T. S. «IT), wobei die hohlen Stengel zuerst 
ineinander gesteckt, wodurch ein Ringel (Sehr. S. L24, D I - 67) ent- 
steht, und dann diese Ringe zn Ketten ineinander geflochten werden. 
Hauptsächlich beschäftigt dieses Spiel die Mädchen, während die Knaben 
die holden Stengel zu Brummern allgemein) und Parzern (Erz. nach 
Wilh S ->47 nach D. T. S. <iT auch in Tirol und in der Schweiz, E. L. 
Rochholz. Alemannisches Kinderspiel und Kinderlied aus der Schweiz. 



der später die Relegier** des Friedrich Gotthelf Fistel voi Scholpforta und & 

Lebensabenteucr veranlasste. 



Blüininl mitl li'nit . 

Leipzig 1857, 8. 171. No. 288. Die Kinder blasen nämlich in den hohlen 
Stengel und erzeugen einen trompetenartigen Ton, daher die ganze Pflanze 
Im Defereggenthale [Tirol, D. T. 8.67] Pfegg, dim Pfeggl [Wind] heisst) 
verwenden. Auch Spiralen I'.. PI, Eg., Erz., R., für N.-<">. vgl. B. H. 
S. 134, No. 32 . „Leinwandstösse" (B.) genannt, werden daraus verfertigt. 
Der Fruchtstand nach Tsch. 8.37 in X. ..Laterne", nach Sehr. S. 128 im 
B. „Laterne", im Nordgau „Lambl" [auch in Gottschee nach Satter S. 1!»: 
n Lämp< •■• wird abgeblasen, was „Lichtausblasen" heisst (allgemein, Sehr. 
s. L24, für \.-<>. B. II. 8. 134, No. 32, für Vorarlberg, wo der Fruchtstand 
„Todtenliechtle" heisst, D. T. 8.67). So viel Früchtchen an den Kleidern 
des Angeblasenen hängen bleiben, so viele Sünden hat er (Eg - .. vgl. auch 
Hafer . So oft man auf «Ins abg< blühte Körbchen (Laterr) blasen muss, 
um alle Früchtchen beseitigt zn haben, so viel Uhr ist es (Wilh. S. 247 
für da-* mittlere und südliche Erzgebirge). Mit den hohlen Schäften wird 
auch in das Wasser geblasen, damit es sprudelt (Eg.). vgl. auch Getreide 
and Pferdekümmel. 

61. M a ss I ie liehen (Bellis perennis L.). Gänkblemla. — Dieselben 
werden im Frühlinge an Fäden zu Kränzen aneinander gereiht (PL. Erz.) 
oder es werden aus den Stielen mit den Blüten kleine Kränzchen geflochten 
(Wien), auch werden sie öfter als Orakelblume benutzt (dasselbe geschieht 
auch in O.-Ü.. Pf. S 38 und in der Schweiz, E. L. Kochholz a. a. O. 
s. 172—173, Nb. 280), s . auch Wucherblume (Leucanthemum). 

S2. Mehl beere (Sorbus aria Crtz.). In N.-Ö. (Oberhollabrunner 
Bezirk) werden die Beeren als „Mälbe'dl" (Mehlbeerl) gegessen. 

63. Milchstern (Ornithogalum umbellatum L.). Die Blüte wird 
gegessen (R.). 

64. Mohn (Papaver somniferum L.). Die Narben der Kapsel dienen 
als Stern zum Spielen (Erz.). 

65. Moos (Musci). Zur Ausstattung von Krippen (allgemein, für 
N.-O. vgl B. H. S. 134, No. 36). Bei ärmeren Leuten wird es über Winter 
in die Fenster gegeben, und legen die Kinder dann als Schmuck Vogel- 
oder Schneebeeren darauf (allgemein). 

66. Mutterkorn (Claviceps purp Urea Tul.). Wird manchmal von 
den Kindern gegessen (Eg., PL. R.). 

67. Xarcisse (Xarcissus poeticus L.). Wird gerne in die Kirche 
mitgenommen (PI.). 

Nessel (Urtica dioeca L. et urens L.). Wird von schlimmen 
Kindern in Blnmensträussen versteckt, damit sich derjenige, der daran 
riecht, brenne (B.. PI. und a. 0.). Böse Knaben schlagen mit Nesseln 
sogar anderen Kindern in das Gesicht. 

69. Nussb an m ( Juglans regia L.). Die Schalen liefern Nusshämmerchen 
(allgemein), die im R. „Pinkerinke*' heissen. Von den Blättern, die in 



Die Verwendung ilcr Pflanzen durch die Kinder. 59 

X.-n. ancli geraucht werden, werden die I v i | • ( » < • t i l>l<>s- gelegt, doch bo, 
dass der Blattumfang nicht verletzt wird, was als eine Kunst gilt (Erz.). 

Tu. Pestwurz (Petasites albus Gärtn. et officinalie Mönch.). Die 
grossen Blätter dienen zu Schirmen (R.), s. auch Kirn«' (Lappa 

71. Pfaffenkäppchen (Evonymus europaeus L . Die Früchte werden 
zu Kränzen aneinander gereiht (B.). 

72. Pferdekümmel (Anthricua sylvestris Hofim. . Die Stengel za 
Pfeifchen (IM.. Eg., Erz.). Blasrohren (K.)- ,mi ' /uni Hineinblasen in das 
Wasser, damit es sprudelt (Eg.), s. auch Getreide and Löwenzahn. 

7:;. Pfingstrose (Paeouia officinalis I..;. im Dialekte „Popplrä^sn" 
(Tl.. in ( ).-(">. nach Pf. S. 45 „Boberrosn«, in Tirol nach D. T. S. 16 
„Pfingstpappel", in N.-(). „Bäblrosn", in N. nach Tsch. S. 27 llinl. Hänl, 
wegen dieses Namens vgl. das folgende). Nach dem ^breissen der 

Blumenblätter bleiben „Häuerl and Hennerl" (Hähnchen und Hennchen) 
stehen (PI., Kr/... X.). Die Blumenblätter werden zum Pfeifen und Klatschen 
verwendet (allgemein), sowie auch gerne in Bücher gelegt allgemein . 

74. Pflaumenbaum (Prunus domestica K.). Die Missbildungen ver- 
ursacht durch Exoascus pruni Fuck.) von Früchten (mundartlich „Sausäck 
[Dobrzan|. Wassersäck [B.], Bettlmann" [PJ.|) werden gegessen (allgemein). 
Auch das Harz, sogenanntes Niklas- oder Katzenpech, wird, nachdem es 
zuerst in feine Fäden ausgezogen (gesponnen wurde, gegessen (allgemein, 
s. auch Kirsche). In die Früchte werden Pflöckchen gesteckt und man 
bildet so Tiere nach (Pi.). 

75. Preisseibeere (Vaccinium vitis idaea L.) s. Weide (Salix spec). 

76. Reiherschnabel (Erodium cicutarium L'Herit.). Die Früchte 
Bind Uhrzeiger (N.. vgl. auch für N.-Ö. B. H S. L34, No. 41). 

77. Rohrkolben (Typha latifolia L.). Die Kolben werden geraucht 

(PI.)- 

7s. Rohrschilf (Phragmites communis Trin. ). Zu Pfeifchen, in 

welche hinein gebrummt oder gesungen wird (Pi . X.. R.). 

79. Rohr, spanisches (Arundo Donax L.). Zu Pfeilbogen und zum 
Rauchen als Pfeifenrohre (allgemein, für N.-Ö. vgl. B. H. S. l.ll. N... 42). 

80. Rose (Rosa spec). Die Plätter werden geraucht (PI.. Eg 

81. Rosskastanie (Aesculus hippocastanum L.). Die Früchte zum 
Spielen (allgemein), zu Spinnrädern (PL s. auch Eiche) und zum Hinein- 
werfen ins Feuer (Pi.), da sie darin knallen. Aus den ausgehöhlten 
Kastanien wird geraucht (Pi , s. Eiche), während die Blätter zum Rauchen 
(Wien und Umgebung) dienen, auch werden die Blattrippen bloss gelegt 
(R., s. auch Eiche und Nussbaum). 

82. Sauerampfer (Rumex acetosa L.). Wird gekaut (allgemein, 
besonders häufig im R., auch in Schlesien, vgl. Gerhart Hauptmann. Die 
versunkene Glocke [ein deutsches Märchendrama, 35. Aufl. Berlin 1897.] 
I. Akt, S. 8, Z. 8. wo der Waldschrat sagt: ..Kaue ein Stückchen Sauerlump*). 



liluinml und B 

Blattei eu Brei geklopft geben das „Ampferbrot" (PL). Manchen 
Kindern wird bitterer Knöterich (Polygonum persicaria L. et lapathifolium 
um Kauen gegeben, indem mau Bagt, der Bei aoch besser als Sauer- 
ampfer. Lasst es Bioh anführen, so wird es rech! ausgelacht (B.). 

Sauerklee (Oxalis acetosella I..)- Wird gegessen (allgemein, 
nach Sehr s. HO dient er beim Volke In den Randgebirgen Böhmen«, 
/.um Stillen des Durst m Appetitlosigkeit and als Gemüse). 

B4. Schierling (Aethusa oynapium L.). Ein Stengel mit aufgetriebener 
Blattscheide gilt als Pistole PI. . 

Schlehe (Prunus spinosa L.\ Die Früchte werden gegessen 
\ -i ». < Iberhollabrunner Bezirk). 

Schöllkraut (Chelidonium majus L.). Der Saft wird zum Ver- 
treiben der Warzen (R.), besonders der Pingerwarzen (südlicher Hang und 
Pubs des mittleren Erzgebirges Dach Willi. S. 153, wo diese Pflanze auch 
znkraut neisst benutzt (auch in O.-Ö.. Pf. S. 40: in Tirol wird nach 
D. T. >. 64 dazu nebst Euphorbia spec. [s. Wolfsmilch] auch Sedum acre 
L. verwendet, welches dort den Namen Warzenkraut, im Drauthale: 
Warzengras führt). 

87. Seidelbast (Daphne piezereum L.). Wer an den Blüten riecht. 
bekommt eine grosse Nase i PI. . 

38 Sonnenblume (Helianthus annuus L.). Die Früchte werden 

i (IM. N . i ; 

Stabwurz. Wermut (Artemisia abrotanum L.). Wird gerne in 
die Bücher gelegt and, wie Krauseminze (s. d.), in die Kirche mitge- 
Dommen PL). 

. Stachelbeere (Ribes grossularia L.) s. Weide (Salix spec). 

91. Taubnessel (Lamium spec). Die Blüten werden ausgesaugt 
allgemein, für N.-O. vgl. B. II. S. L32, No. 1) und die zerschnittenen 

igelstücke zu Kränzen aneinander gereiht (B.). 

92. Traubenkirsche (Prunus Padus L). Die Zweige schmücken 
am Palmsonntage die Palmbüachel. Zu diesem Behufe werden dieselben 
Bchon einige Wochen zuvor abgeschnitten und zu Hause ins Wasser gesteckt, 
damit sie bis Palmsonntag ausschlagen (\\.. I'i.. PL). 

ismeinnicht Myosotie palustris With.). Beliebt zu Sträussen 
(allgemein; Sein-. S. 75 sagt: wie überall, so gilt sie auch in unserem Ge- 
biete [Randgebirge Böhmens] als Sinnbild der 'Treue und wird zu Kränzen 
verwendet oder abgeschnitten, auf Teller im Zimmer aufgestellt). 

94. Vogelbeerbaum (Sorbus auenparia L.). Die Früchte an Fäden 
!_ r «'r«il,r. gelten als Halsketten und Armbänder (B.. teilweise PL, Erz.. R.), 
im ausgefrorenen Zustande werden sie gegessen (B.. PI). Aus den 
Zweigen werden Pfeifchen und Brummer gemacht (allgemein s. auch 
Flieder und Weide) and, damit die Rinde besser abgeht, wird sie zuvor 
geklopft, wobei verschiedene, oft derbe Sprüchlein gesagt werden (all- 



Die Verwendung der Pflanzen durch die Kinder. ß] 

gemein 1 ; auch in N.-»> . w,, jedoch die Pfeiferin aus Flieder [Syringa 
Tulgaris I. 8. oben] und Weide [Salix spec. B. II. B. 135 Nb. 51] gemacht 
werden. Bind solche Spräche in Anwendung, vgl. diesbezüglich II Klose: 
Kinderreime beim „Pfeiferlmachen* im n.-ö. Schneeberggebiete. Zeitschrift 
für österreichische Volkskunde. II. Jahrg. 1896, S. 77—78; auch Böhmen 
besitzt Sammlungen solcher Reime, bo: .1. Böhm, Bastlösereime [aus 
Trautenau], Am Urquell, •'!. Bd., S. 254; I". Eübler, Bastlösereime ans «lern 
Gebiete des Jeschken- und [sergebirges, Jahrbuch <\r^ deutschen Gebires- 
Vereins für das Jeschken- und tsergebirge, \ I. Bd. 1896, s . I_ 50; eine 
umfangreiche Sammlung stell! II. Ankert. Bastlösereime aus Deutsch- 
böhmen, Mitteilungen des uordböhmischen Exkursionsklubs, L9. Jahrg 1 ., 
Leipa 1896, S. :;i 42 und 20. Jahrg., Leipa 1897, S. 164—169 vor.). 
Solche Sprüche sind: 

I. Pfeif »'1, Pfeif "'I gäih o. 
Zeich da Kätzn d' Haut o 
Bis am Schwo a z, bis am Schweiz, 
Blei iu;i Peif 'I gau" go n z. 

(B.. teilweise PI. H. Ankert teilt a.a.O. 19. Jahrg., S. 38 und 20. Jahrg. 
S. 16(J folgende ähnliche Sprüche unter No. 52 — 55 und No. KU mit: 

1. Piepe, Piepe, malo [langsam]. 3. Pfifo, pfifo, zui ma da Rozen d' Haut o, 
Zieh' der Ratzen 's Fahl o, Bis an Schwonz, las im Schwonz, 
Zieh' ser übern Schwanz, Bleibt ma Pfeif'rl dennerst gonz. 
Piepe, Piepe, bleibe ganz! [Eisenstein im B. No. 54.] 
[Drum, Neder, Höflitz (B.), No. 52.] 4 pfWfV , rl pfeiferlj pfifo? 

2. Pfeifl, Pfeifl, Pfiff — o! Zuig mr dr Kotz d' Haut o 
Zö ich da[n] Ratza Haut o — Übrn Ropf un übrn Schwonz 
Bis am Schwaa[n]z, Wird mei Pfeiferl wiedr gonz. 
Bleibt ma[n] Pfeifl [Stubenbach im B. No. 55.J 
Dennaht gaa[n]z. [Plan, No. ")3.] 

5. Pfeifrl, Pfeifrl, pfif o, 

Zoich'n Stoia [Stier] d' Haut o, 
Bis am Schwonz, bis am Schwonz. 
Bleibt ma Pfeifrl derma wida ganz. 

[Neugramatin bei Bischofteinitz, No. 104. J, 

II. Pfiffer], Pfeiferl, gäih o'a 
Rreigst an raudn Thäla. 
Wenst ma niat o'a göihst, 
Schmeiss i di am Mist. 

(Eg. Ankert teilt a. a. O. keinen ähnlichen Vers mit.) 

III. Neu 1 ; gung Hund onta da Strich. 

Wann da ul scheisst, wi a d da ona scheich. 

(PI. Ankert teilt a. a. O. '20. Jahrg , S. 1H6 unter No. 99 etwa- Ähnliches mit: 



1) Vgl. unsre Zeitschrift IV. T t — TG mit Literaturnachweis), VI, 99— 101. 295£, 
VII, 62—66. 



Blfimml Mini Bott : 

Neu n janga Bond anta da Stöicb, 

Da alt dazou ia a a Voicb. (Planer Gegend.]) 

[V. Biala, Biala, Pfeifla. 

<;. In da Hund BcheUsa. PI. . 

(Ankert hat a. a. O. XX. Jahrg. 8. lfifi unter No. 101 einen Vers, dessen 
ngszeilen unserem Sprache ähnlich lauten: 

ßiera, biera, Pfeifen — 

s Boitaa Hund gäiht scheissen.) 

>.i5. Wegerich Plantago spec). Die Blätter werden von den Blatt- 
stielen abgerissen und zeigen die nun herausstellenden Fäden (Gefäss- 
bündel) der Blattrippen an. wie viele Mädchen ein Knabe gern hat (B.. 
Pi.; I». T. 8.52 giebt für Tirol bei Plantago major I. an: „Man pflegt 
aus der Zahl der beim Zerreissen des Blattes heraushängenden „Fäden" 
[Fibrovasal stränge] die Zahl der Lägen |wohl des betreffenden Tages?) 
zu erschliessei 

i)B. Weide (Salix Bpec). Die Zweige von Salix caprea L. (Palm- 
weide werden am Palmsonntage geweiht (allgemein), wobei in die Palm- 
büschel auch grüne Zweige von Traubenkirsche Prunus Padus L.), Stachel- 
beere Ribes grossnlaria L.), Preisseibeere (Vaccinium vitis idaea L.) u. s. w. 
gesteckl werden (15.. Pi.. PI., dazu vgl. auch R. v. Enderes. Der Palm- 
Btrauss. Wiener Pamilienjournal [Beilage zum Wiener Tageblatt] 1894. 
No. 7 v v 316). Geweihte Knospen werden auch hier und da noch ver- 
schluckt, um vor Halsschmerzen gesichert zu sein (für N-O. vgl. B. H. 
S. 13."». No. .">1 ; für das Ganze 1 ) A. Ritter v. Perger [Über den Gebrauch 
unserer heimischen Pflanzen bei kirchlichen und weltlichen Festen. Ver- 
handlungen der k. k. zoologisch-botanischen Gesellschaft in Wien. Bd. XI. 
1861, S. 279 -284], S. 282). Dort, wo der Vogelbeerbaum (Sorbus aucu- 
paria I.. selten ist oder fehlt, werden aus den Zweigen Pfeifchen und 
Brummer gemacht (für N.-Ö. vgl. B. H. S. 135, No. 51; s. auch Vogel- 

1 rbaum und Flieder), auch dienen dieselben zu Pfeilbogen (allgemein) 

oder zur Herstellung einer Art Sehlitten ("Wiedlwäge. Heuwäge. B.. Pi, 
teilweise auch PL, Erz., N.). In einen gespaltenen Zweig giebt man unten 
einen Stein und lässt denselben dann als .. Wassermann! • schwimmen 
(Pi.. Erz . 

97. Weinrebe (Vitis vinifera L.). Die frischen, grünen und saftigen 
Ranken der Reben, sogen. „Granckerl" werden in den n.-ö. Weingegenden 
von den Kindern wegen ihres sauren Geschmackes ausgesaugt. Die Blätter 
werden geraucht (N.-l 

Weissdorn (Crataegus oxyacantha L.). Die Früchte (Mehlfasserln) 
werden g< _:>'ssen (allgemein). 



1 Vgl auch M. Eyra in ansrer /eitsclirift VIII, 226. 



Die Verwendung der Pfiaoseii durch die Kinder. <;.; 

99. Weizen (Triticum vulgare L l. Zwei Hai werden zu einem 

Bändchen zusammengeflochten, das dann auf dem Hute getragen wird B 
PL, PL), vgl. auch Getreide. 

L00. Wiesenbocksbart (Tragopogou pratensis I. . I>i<- Stengel 
Zuckerstenge] — werden wegen ihres süssen Geschmackes gerne gekaut 
(PL, in Tirol nach D. T. S. 68 essen die Kinder den Baftigen Blütenboden 
wie Artischocken . 

101. Wiesenfuchsschwanz (Alopecurus pratensis L.) Nach dem 
Abstreifen der Ahrchen wird die Blütenspindel zum Andrehen der Haare 
benutzt (allgemein). 

102. Wiesenklee (Trifolium pratense L ). Die Blüten werden aus- 
gesaugt (allgemein, für N.-(>. vgl. B. II. s. 132, No. 1). 

103. Wilde Kose (Rosa canina L.). Die von den Samen befreiten 
Früchte, besonders die gefrorenen, werden im Winter gegessen (allgemein) 
oder ausgesuzzelt (N. -<">.). Die Blätter werden geraucht (l'l . Bg., b. auch 
Rose). 

1<»4. Wolfsmilch Euphorbia spec). Der Saft soll die Warzen ver- 
treiben (allgemein und \. -().. auch Willi. S. 247 und in der Schweiz, 
E. L. Rochholz a. a. 0. S. 18<>. No. 305; daher führt nach I). T. s. :;i 
Euphorbia cyparissias L. im Drauthale den Namen „WaTzengras"). Vgl. 
auch Schöllkraut. 

10"). Wucherblume (Chrysanthemum Leucanthemum L.). Gilt all- 
gemein als Orakelblume. Beim Ausreissen der Randblüten werden ver- 
schiedene Sprüchlein gesaut, so. 

„Sie (er) liebt mich vom Herzen, mit Schmerzen, ein wenig oder gar nicht." 

(Allgemein) 

„Sie (er) liebt mich vom Herzen, mit Schmerzen, über alle Blassen, kann von 
mir nicht lassen, ein wenig oder gar nicht." 

(B., Erz., für letzteres auch Wilh. B L73. 

..Sir (er) liebt mich von Herzen, mit Schmerzen, insgeheim, ganz allem, cm 
wenig oder gar nicht.- Et., für das Erz. Wilh - 17 . 

„Edelmann, Betlmann. Kaiser. König, Jungfrau, Drecksau." (PI 

(Nach diesen Anfangsworten, die auch das folgende Sprüchlein enthält, 
heisst unsere Pflanze in N. „Edelmönblume" [nach bTnothe, Wörterbuch 
der schlesischen Mundart in Nordböhmen (Hohenelbe L888 . 8. 200]. 
ebenso in O.-ö. nach den Anfangsworten eines Spruches [s. nächsten], den 
Kinder, um ihren künftigen Beruf zu erforschen, heim Zerzupfen >\c\- Blüte 
herabsahen [nach Pf. S. 4 1] 

„Kaiser, Konig. Edelmann. 

Bürger, Bauer, Bettimann. 

Schuster, Schneider, Leinwandweber. 

Kaufmann. Doktor. Totengräber.- (Eg., Erz.i 



ü\ Haltung: 

(Aach M. Kronfeld, Zauberpflanzen and Amulette, Wien 1898, führt 

!'ur Grosse ähnliche Reime an, die über den Beruf des Bräutigaüfl 

beiden, bo: „Edelmann, Bettelmann, Bur [Bauer] . . . „Edelmann, 

Major . " H. b w N - 

„Liebst du mich, liebst du mich nicht" r Pi.) 

„Soll ich, soll ich nicht.- (Eg 
- werden von den Bändern in Wien auch die Westenknöpfe gefragt.) 

..Ja. nein." (Allgemein.) 
Die Blüten werden von dem Blütenboden abgelöst, in die Höhe geworfen 
und auf dem Handrücken aufgefangen. So viele Blüten (Zungenblüten) 
nun auf diesem liegen bleiben, so viele Kinder bekommt man einst (B., 
PL, Erz., X.. R.) "der so viele Läuse hat man (Pi.). 

10«5. Zittergras (Briza media L.). Kleine Kinder schlottern (klappern) 
damit (PI.), daher die Pflanze auch „Schlodala" heisst (PI., Sehr. S. 55 führt 
als \ 'olksiiamen für den Böhmerwald: Schlodala, Schlapperl, Schlatterl, 
für Ostböhmen und Böhmerwald: Scbepperln [Schebala B., Scheterla Ost- 
böhmen] an, auch in Schwaben nach Schmid, Schwäbisches Wörterbuch 
[Stuttgart 1831], S. 548 „Zitterle"; auch eine Apfelart [Schlattereppl] giebt 
es, deren Kerne nach dem Reifwerden im Innern der Kapsel klappern 
[echlattern] s. Willi. S. 201). 

Wien und Pilsen. 



Bastlösereime aus Anhalt. 1 ) 

Gesammelt von Oskar Härtung. 



Pipe, willst du nicht geraten, Pfeifchen, willst du nicht geraten, 

Schmeiss ich dich in unsern Garten; Schmeiss ich dich in Schinders Garten; 

Kommt die Kuh, Kommen Schinders Raben, 

dich zu; Stecken dich in'n Graben; 

Kommt die Maus, Kommen Schinders Hunde, 

Knsst dich aus; Beissen dich zu Grunde. Cöthen. 

Kommt der Storch, Päppert, Päppert, werde was! 

(ll( ' h ' lor(h: Sonst kommst du in den Graben, 

Kommt das Kalb, Da fressen dich die R abe n, 

Frisst dich halb: Da fressen dich die Müllermücken, 

Kommt das Schwein. Die in deinem WaQste stecken> 

Prisst dich über und düber 'nein. Schab ab> schab ab? > nen Löffe l voll Saft. 



Cöthen. Radegast. 



lj Vgl. Fiedler, Volksreime und Volkslieder aus Anhalt - Dessau. Dessau 1847. 
S. 97 ff. R. Andr^e, Braunschweiger Volkskunde. Braunschweig 1896. S. 330 ff. 



Bastlösereime am Anhalb. 






Dadel-Dndelsäckchen, bist du bald 

Bist da nicht geraten, 

Schmeiss ich dich in Schinders Garten. 

Komm! Schinders Band, 

Bei8St dich w und : 

Komm! Schinders Kalb. 

Prisst dich halb; 

Kommt Schinders Kuh. 

Prisst dich ganz dazu 

Aken und Trebbicban. 

Sippe, sappe, söpe, 

Ich mach mir eine Flöte 

Von Thymian und Majoran. 

Dnd willst du nicht vom Baste gähn, 

Dann schmeiss ich dich in'n Graben, 

Da fressen dich die Raben. Wörbzig. 

Pfeifchen. Pfeifchen, willst da ab! 
Sonst schmeiss ich dich in Schinger 

Kommt die Kuh, [Schäfers Garten. 

Scharrt dich zu: 

lvimmt das KaJb, 

In -st dich halb; 

Kninmt die Gans. 

Frisst dich ganz. Löbnitz. 

Pfeifchen, willst du nicht geraten, 

Schmeiss ich dich in Schinders Galten. 

Kummen Sehingers Knechte, 

Hauen dich zurechte; 

Kommen Schingers Mägde, 

Harken dich zurechte; 

Kommt Herr Schinger selber 

Mit seine jungen Kälber. 

Pfeif lein, zieh' ab! Pfeiflein, zieh ab! 

Einen ganzen Kessel voll Salt! 

Oster-Nienborg. 

Päpert, Päpert, du musst raten, 

Sonst schmeiss ich dich in Pfeifers 

Kommt die Kuh, [Garten. 

Frisst dich ruh; 

Kommt das Schwein, 

Frisst dich "rein. 

Päpert, du musst fertig sein! Wulfen. 

Pfeifehen, Pfeifchen, willst du ab! 
Sonst schmeiss ich dich in'n Graben. 
Kommt Sehinders Hund, 
Der beisst dich in'n Mund; 
Kommt Schinders Karnickelbock, 
Der sa^t: Ich habe 'n neuen Rock. 



Zieh ab. zieh abl 

Bin Theeköpfchen voll Salt! Trinnm. 

Pfeifchen, Pfeifchen, willst du nicht 

aten, 
Werf ich dich in Schinderschabers Garten. 
Kommen die Haben. 
Werfen dich in'n Graben; 
Kommen du' Mücken, 
Stecken dich in'n Rücken: 
Kommen die Schwalben, 
Büngi i dich an den allerhöchsten ( ra 
Rathmannsdoi f. 

Tippe, tape, Flöte, 

Mache mir 'ne Plöte. 

Wenn du mir keine machen willst. 

Schmeiss ich dich in'n Graben, 

Da Kummen dann die Raben; 

Klimmt das Kalb. 

Krisst dich hall»: 

Kommt die Kuh. 

Rollt dich zu. Würflau. 

Pfeifchen, geh ab! 
Pfeifchen, geh ab, 

Sonst schmeiss ich dich in I: iben. 

Kommt die ( [ans, 

Frisst dich ganz: 

Kommt das Kalb. 

Fris>t dich halb: 

Kommt die /.icke. 

Bist du Qicke. 

SchÖpp ab! SchÖpp ab! 'mm Löffel voll 

Salt! Piethen. 

Pfeifchen, Pfeifchen, geh doch ab! 

Wenn du nicht willst ab-ehn. 
Schmeiss ich dich in Müllers Graben. 
Da Iressen dich die Raben; 
Kommen Müllers Tauben, 

Die fressen ilieh in'n Gaumen; 

Kommt Müllers Kalb, 

Frisst dich halb: 

Kommt Müllers Kuh, 

Die scharrt dich zu. Maasdorf. 

Pfeifchen, Pfeifchen, ich klopfe dich. 
Wenn du mich liebst, dann ziehst du dich. 
Wenn du dich nicht ziehen thust, 

Schmeiss ich dich in'n Graben, 

Da fressen dich die Raben. Maasdorf. 



Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1SOI. 






Härtung: 



hen, Pfeifchen, lau «lu raten, 
Schmeiss ich «lieh in Bfttllera Garten, 
Kommt das Kalb 
Und friasl dich halb; 
ixmnmi die Biene 
und stirbt dich 
Tüchtig, tüchtig. Maasdorf. 

hen, Pfeifchen, willst da raten, 
Schmeiss ich dich in Webers Garten, 
Kommen Webers Bunde, 
Pressen dich zn Grande; 
Kumint Webers Kuh. 

dich halb zum Tode zu. .Maasdorf. 

Pfeifchen, Pfeifchen, willst du ab, 

Sonst schmeiss ich dich in das Grab. 

Kommt der Schinder Bock, 

Beisst dich in den Rock; 

Kommt die Schinder Schmidten, 

Die beisst dich in den Rücken. Dohndorf. 

Pfeifchen, Pfeifchen, platze nicht. 
Sonst wirst du meine Pate nicht. 
Schmeiss ich dich in'n Graben 
Bei die alten Raben: 
Kressen dich die Müllermücken. 
Die dich hinten und vorne zwicken. 

Zehmitz. 

Pelle, pelle, Weide. 

Wenn du dich nicht pellen willst. 

Komm'n die tollen Hunde, 

Geissen dich zu Grunde; 

Kommt das Kalb, 

Beisst dich halb: 

Kommt die Kuh. 

rrt dich zu. Elsdorf. 

Holde, holde Weide, 

Gieb mir Saft und Seide, 

Gieb mir Saft und süssen Dreck, 

Schipp es mit der Schippe weg! 

Schab ab! Schab ab! 

Drei Löffel voll Salt! 

Wenn du das nicht thust, 
Schmeiss ich diHi in'n Graben, 
Fressen dich die Raben. 

en dich die Müllerwecken, 
Die in deinem Bette stecken. Sporen. 

Schrab, Bchrab, 

Käsenapp! 

Will mein Pfeifchen noch nicht ab. 



ich dich in'n Graben, 
1 n ssen dich die Uaben; 
Komm'n die kleinen Schweinichen, 
Fressen dich allcinichen. 
Schrab ab, schrab ab. 'nen Löffel voll Saft! 

Trinum. 

Klopfe, klopfe, Pfeifchen! 
Willst du nicht geraten. 
Schmeiss ich dich in'n Dorn. 
Zieh ich dir ein Beinchen aus, 
Da mach' ich mir ein Pfeifchen draus. 
Neudorf, Kr. Ballenstedt. 

Päpe, Päpe, lass dir raten, 

Komm mit in den Müllergarten, 

Kommt die Kuh, 

Nickt dir zu; 

Kommt die alte Midiermücke, 

Frisst sich hinten und vorne dicke. 

Sandersleben. 

Huppert, Huppert, lass dir raten, 

Geh doch nicht in Schäfers Garten, 

Kommt die Kuh, 

Frisst dich zu: 

Kommt das Kalb, 

Frisst dich halb: 

Kommt der Hans, 

Frisst dich ganz. Nienburg a. S. 

Hoppe, hoppe, Pipe, 
Wennehr werste (wirst du) ripe? 
Morgen, morgen Abend. 
Wenn du denn nich ripe werst. 
Schnitten mer dek in'n Graben, 
Fräten dek de Mücken un de Maden. 
Frose, Kr. Ballenstedt. 

Hoppe, hoppe, Pipe, 
Wennehr werste ripe? 
Hüte oder morgen? 
Morgen um Sechse 
Kömmt de öle Hexe, 
Schmit dek in'n Graben, 
Da fräten dek de Mücken un de Maden. 

Frose. 

Pipe, Pipe, Bastian, 
Lät minen Brummer gähn! 
Wenn de den nich gähen lätst (lässt), 
Schmit ek dek in'n Graben, 
Fräten dek de Mücken un de Maden. 

Frose. 



Bastlösereime ans Anhalt. 



Pfeifchen, Pfeifchen, lass dir raten, 
«i.'h ja nicht in Müllers Garten. 
nicht in den Hof hinein, 
bekommst da Angst und Pein. 
\\ erben. 

Pfeifchen, Pfeifchen, willst dn raten, 
Dann bekommst dn Gänsebraten. 
Schöpp ab, schöpp ab! 

Einen ganzen Kessel voll Saft! Wulfen. 

Pipchen. Papchen, schäle dich, 

!■ ich werd ärgerlich. Cöthen. 

Schah ab, schab ab, 

i Teilet- voll Salt. 
Minen Teller voll Pflanzen, 
Der Schneider, der Schneider mnss 

tanzen. Drosa. 

Schab ab. schab ab. 
Drei Kessel voll Satt. 
Drei Kessel voll Rüben. 
Mein Pfeifchen, mein Pfeifchen mnss 
stieben. Trebbiehau. 

Päper, geh ab! 

Eine Schüssel voll Satt. 

Eine Schüssel voll Wanzen, 

So mnss der Päper tanzen. Cöthen. 

Holle, holle Weide, 

S..tt. Salt, Seide! 

_ ein Männchen auf den Berg, 



Hatte grüne Höschen an. 
Als . >s u ied( r 'ruatei Kam. 
Hau' Höschen an. 

Schal> ab, -'hall ab, 

Drei Löffel roll Saft! 






Salt. Saft, Sc, de! 

Hohle, hohle Weide! 
Ging ein Mann den Berg hinan, 
w ic er \\ ieder 'runterkam, 
War da- Pfeifchen anfgethan. 

Nienburg a 

Hänschen ging zum Berg hinan. 
Hat ein rotes Höschen an. 
AU er wieder runter kam, 
Mus- das Pfeifchen lixen-, (ixen-, fixen- 
fertig sein. WnJfingerode. 

Zapf, zapf, Pfeife, 
Auf dem Miihlenteiche 

Da steht ein Mann. 
Der heisst Johann. 
Der hat so rote Strümpfe an. Cöthen. 

9, Xiclös, 
Mache mir mein Pfeifchen los! 
Hans, Hans, 

Lass mein Pfeifchen ganz! 
Axmagret, Annagret, 
Muhe, dass mein Pfeifchen geht! 

Cöthen. 



In Zeundorf nehmen die Knaben die abgeschnittene Weidenrute in 

die Hand und sagen: 

Schmied, Schmied, mein Pferd ist lahm. 
Wie viel Nägel soll es haben'/ 

Darauf nennen sie irgend eine Zahl, etwa fünf, sechs, Bieben, oder 
irgend eine andere und klopfen dann ebenso oft auf die Kitte. Lässt sich 
die Schale dieser nach >\rr genannten Zahl von Schlägen noch nicht ab- 
zielten, so wiederholen sie den Spruch und das Klopfen. 

Dessau. 



Beicbhardl i 



Sagen aus Nordthüringen. 

Im Volke gesammelt von K. Reichhardt. 



I. Bannsagen. 

1. Wenn man bannen will, bo mnss man sich einen Zaunpfahl zu ver- 
schaffen suchen, welchen ein „Seheidemann", also .'in geschiedener Ehe- 
mann, in den Zaun gesetzt hat. WeDn diesen Zaunpfahl ein Hirt in 
seinen Eürdenzaun, ein Gärtner in seinen Gartenzaun u. s. w. setzt, so 
bannen sie damit die Spitzbuben, welche in ihre Besitzung eindringen 
wollen. 

2. Der gebannte Spitzbube. Der alte, längst verstorbene Förster 
in Königsthal verstand das Bannen. Sobald er einen Spitzbuben" auf seinen 
Diensrlämlereieii sali, ging er um denselben im Kreise herum. Wenn der 
Kreis geschlossen war. murmelte er einen Spruch, und dann konnte sich 
der Dieb nicht von der Stelle bewegen. So blieb ihm denn nichts übrig. 
als den herzukommenden Förster flehentlichst zu bitten, ihn frei zu lassen. 
Der Frnstei- hielt den Gebannten jedesmal erst eine tüchtige Strafrede 
und Hess sie wieder frei, indem er um sie den Kreis wieder zurückging. 

3. Die gebannte Hexe. In Immenrode lebte ein Mann, welcher 
bannen konnte. Dieser bannte eine Frau, welche als Hexe verschrieen 
war. in einen Dorneiizaun. Sie musste so lange darinnen bleiben, wobei 
sie Bich schrecklich zurichtete, bis er sie durch seine Sprüche wieder löste. 

■4. Der Schäfer. Ein alter Schäfer in Steigerthal konnte bannen. 
\\ enn er des Nachts in seiner Schafbucht bei den Schafen lag. so bannte 
er die Spitzbuben, welche Schafe hatten stehlen wollen. Am anderen 
Morgen sassen die Diebe denn auf der Umzäunung fest, die gestohlenen 
Schafe auf dem Rücken, ohne dass sie sich von der Stelle zu bewegen 
vermochten. Erst auf ihre flehentlichen Bitten wurden sie vom Schäfer 
wieder befreit. 

5. Der Zwiebeldieb. In Ilfeld lebte ein Mann, welcher einst in 
der Nacht ans seinen Büchern ersah, dass ihm ein Dieb auf seinem Acker 
Zwiebeln stahl. Er sprach seinen Spruch, und alsobald war der Dieb 

rantj so dass er nicht von der Stelle konnte. Am anderen Morgen 
ging der Mann auf das Feld. Schon von weitem bat ihn der Dieb, er 
möge ihn doch von seiner Qual erlösen. Das that dieser auch und da 
ihn der Mann dauerte, so liess er ihm die Zwiebeln, ja er gab ihm noch 
Geld dazu, warnte ihn aber davor, je wieder auf Stehlen auszugehen, da 
es ihm snn>t Bchlimmer ergehen würde. 



- 'ii aue Nordthärinj 

6. Der Kohldieb. Ein alter Lehrer in Obersachswerfen verstand 
• las Bannen. Einstmals war ihm in der Nacht Kohl gestohlen worden. 

\U er das am anderen Morgen merkte, ging er in den Garten. und nahm 
das .Mass der Fusstapfen des Diebes, indem er sie in Papier anaschnitt. 
Dann sprach er seinen Spruch darüber. Kaum war dies geschehen, so 
kam seine Magd atemlos ans dein Dorfe zu ihm gelaufen und erzählte 
ihm, dass das Bein ihres Vaters zu schwellen anfange. Da Bagte ihr 'I<t 
Lehrer: „Ich will Deinem Vater helfen, wenn er zu mir kommt und zn- 
giebt, 'lass er den Kohl gestohlen hat." Das Mädchen sagte das seinem 
Vater, und so schwer es diesem wurde, er musste Bich dazu entschliessen, 
zum Lehrer hinken und ihm alles gestehen. Darauf' mnrmelte dieser 
-einen Spruch und die Schwellung des Beines verschwand. 

7. Der gebannte Wagen. Ein .Mann fuhr mit seinem Wagen ruhig 
des Weges, Ins er in die Nähe von Gudersleben kam. Dort blieb der 
Wagen plötzlich halten, es hatte ihn jemand gebannt. Er Btieg vom 
Wagen, versuchte die Räder zu lockern nml den Weg, welcher tiefe 
Gleise hatte, zu ebnen. Alter alles half nichts, die Pferde zogen nicht 
an und der Wagen kam nicht vorwärts. Da wurde der .Mann wütend und 
schlng auf die Pferde los. Mit einem Male brachen einige Speichen, die 
Pferde zogen an, und das Geschirr vermochte sich wieder von der Stelle 
zu bewegen. 

8. Die gebannte Diingerfuhre. [n Stöckey lebte ein Bauer, welcher 
das Bannen verstand. Vor seinem Tode lehrte er seinen Sohn diese 
Kunst, dann starb er. Der Sohn machte jedoch keinen Gebrauch davon. 
Nun sah er einstmals einen Knecht eine Fuhre Dünger mit vier Pferden 
auf der Landstrasse fahren. Da kam ihm plötzlich die Neigung, einmal 
zu erprohen, was es mit dem Bannen für eine Bewandtnis habe. Er sprach 
seinen Spruch und alsobald standen die Pferde; es war keine Möglichkeit 
vorhanden, sie von der Stelle zu bringen. Der Hauer erschrak selbst voi 
dem. was er angerichtet hatte. Er nahm die Peitsche, ging damit im Kreise 
um das Geschirr herum und murmelte seinen Spruch dazu. AJsobald zogen 
die Pferde wieder an. Das Bannen hat der Bauer nicht wieder geübt und 
auch seine Sohne nicht darin unterwiesen, denn er hatte genug von dem 
einen Male, wo er die Wirkung des Bannes kennen gelernt hatte. 

II. Hexensagen. 1 ) 

9. Das liehexen des Viehes. Bin altes Weil, darf nicht in einen 
fremden Viehstall kommen. Geschieht dies dennoch, so muss die Alte 
das Vieh schlecht machen, also etwa sagen: ..Ist das aber ein erbärmliches 
Meli!" Lobt sie es dagegen, so wird es dadurch behext und wird krank. 



1) Vgl. auch meinen Artikel „Die Drostin von HaiWungen", Bd. VI, S. 78— 82 dieser 

Zeitschrift. 



7o Reichhardt: 

10. Die K.it/.'. Ein Bauer in Mauderode hatte eine Kuh. von 
welcher er keine Milch bekam. Das kam ihm sonderbar vor. und er be* 
BchloBs, dem Grande nachzuspüren. Deshalb stellte er sich in der nächsten 
N ; u • 1 1 1 auf die Lauer. Da sah er, wie eine schwarze Katze in den Stall 
kam and der Kuh am Euter die Milch aussog. Am folgenden Morgen 
erkundigte er sich bei Leuten, welche das wussten, danach, was er dagegen 
zu thuu habe. Da erhielt er den Kar. er solle aus sieben Wählern der 
Grafschaft Eohenstein Eichenstöcke schneiden and die Katze damit schlagen. 
1 1 - that der .Mann denn auch und sehlug mit den sieben Stöcken in der 
nächsten Nacht so auf die Katze los. dass sie wie tot <la lag. Darauf 
wart' er sie zum Stalle hinaus. Am nächsten Taue starb eine alte Frau 
im Dorfe, vod welcher man sich erzählte, dass sie eine alte He\e sei. 

11. Der Ziegenbock. Eines Tages kam eine Frau zu einem Hauern 
in Liebenrode, um sich von diesem einen Scheffel Korn zu kaufen. Sie 
hatte aber kein Geld und wollte dieses später bringen. Der Bauer 
hatte alier keine Neigung, auf das Geschäft einzugehen, denn er glaubte, 
er werde doch kein Geld bekommen, deshalb sagte er, er habe schon 
alles verkauft. Die Frau musste also wieder gehen, alter kaum hatte sie 
.las Gehöft verlassen, so begann der Ziegenbock, welcher bisher immer 
munter auf dem Hofe umhergesprungen war. ängstlich zu meckern und 
dann hin und her zu taumeln. Der Bauer ahnte nichts Gutes, als er das 
sah: er wusste gleich, dass das mit der Frau zusammenhing, welche er 
abgewiesen hatte. Deshalb schickte er sofort nach ihr und liess sie zurück- 
kommen. Das that die Prau, und nun sagte der Bauer, es habe sich ge- 
zeigt, 'lass ei noch Kern habe, er wolle ihr welches ablassen. Dann sagte 
er der Frau auch: ..Seht nur einmal meinen Ziegenbock an, wie kläglich 
der thut." Die Frau ging auf den Bock zu. fasste ihn beim Barte und 
sprach: „Ei, du dummer Bock, was machst du denn für Dummheiten." 
Kaum hatte die Prau diese AYorte gesprochen, so war der Bock wieder 
gesund. 

12. Die melkende Hexe. In AYiedigshof lebte eine Frau, von der 
man -ich erzählte, dass sie eine Hexe sei. Sie stand auch im Verdachte, 

sie die Kühe einer Bäuerin heimlich melkte; es war alter noch nicht 
gelungen, sie dabei zu erwischen. Sie verstand es. sich unsichtbar zu 
machen. Ihre Macht ober das Vieh hatte sie dadurch erlangt, dass sie je 
dreimal an einem Montag und Freitag von dem Bauer etwas geborgt hatte. 
Da alle Bemühungen des letzteren fruchtlos gewesen waren, so liess er 
sich endlich einen Mann kommen, welcher das Bannen verstand. Dieser 
lies- sich von dem Bauer einen Sack geben, sprach über denselben unter 
Nennung des Namens der Hexe seinen Spruch, dann band er ihn mit drei 
Knoten zusammen. Darauf forderte er den Bauern auf. den Sack mit 
einem Stocke zu bearbeiten. Dieser liess sich das nicht lange gesagt 



• n aus Nordthüringen. 7 1 

sein im 1 1 schlug mit dem Stocke wacker auf den Sack los. Alsobald hörte 
er, dass jene Frau, welche eine Hexe war. krank darniederläge and furcht- 
bare Schmerzen auszustehen hätte. 

13. Die Hexe von Salza. In Salza lebte eine Frau. die alte Apeln, 
welche als Hexe verschrieen war. Sie lebte von dem Bande) mii Geflfl 

>ic kaufte auf den Dörfern Hühner, Gänse and Tauben auf, brachte Bie 
zur Stadt und verkaufte sie dorl wieder. Die Kinder aeckten die alte 
Frau dadurch, dass sie die Stimmen der von ihr geführten Tiere oach- 
ahmten. Die Alte ärgerte sich darüber, dass Bie, wie die Sage geht, die 
Kinder behexte. Die Gewalt, die Kinder zu behexen, bekam Bie dadurch 
aber diese, dass Bie sie freundlich anredete^ ihnen auch wohl Geld gab 
und so an sich lockte. Alsdann stellte sie drei Prägen und richtete Bie 
sm ein, dass die Kinder auf jede Präge mit „Ja" antworten mus 
Hatten die Kinder das gethan, so hatte die alte Apeln die Mach! der 
Übertragung einer Krankheit auf die Kinder. Eines Tages fand man die 
Alte erschlagen im Sethebache bei Salza liegen. Der Mörder isi oichl 
ermittelt worden. 

14. Der Schmiedegesell. Eines Tages ging ein wundernder 
Schmiedegesel] seines Weges mit wundgelaufenen Füssen. Da kam ein 
Wagen gefahren, und der Schmiedegesel! bat den Fuhrmann, er d 

ihn mitfahren lassen. Der Fuhrmann aber antwortete aicht einmal auf 
die lütte. Im oächsten Gasthofe hielt der Fuhrmann an. und auch i\>-v 
Schmiedegesel] kehrte dort ein. Wiederum hat er den Fuhrmann, ihn 
mitzunehmen, alier auch jetzt ging dieser auf die lütte nicht ein. Da 
trat der Schmiedegesel] an <\-,[* Fenster und sah scharfen Flick»- auf die 
Pferde. Als nach einer Weile der Fuhrmann weiter fahren wollte, begann 
eines von den Pferden zu lahmen. Das Fein desselben schwoll bald so 
an, dass es getötet werden musste. Der Schmiedegesel] hatte das {'i'r^l 
behext. 

15. Der Scharfrichter. In [mmenrode waren eins! einem Bauern 
200 Thaler gestohlen worden. So eifrig man auch nach dem Diebe forschte, 
man bekam ihn aicht heraus. Da wandte B ich der Bauer an den Scharf- 
richter von Ellrich, welcher Zahn hiess and von dem man wusste, das 
hexen konnte. Derselbe kam auch, liess -ich alles erzählen, dann nahm 
er ein Blatt Papier und machte Zeichen darauf, die aber niemand ver- 
stehen konnte. Darauf zog er eine kleine Gabel aus der Tasche. .Mir 
dieser Gabel stiess er fortwährend auf das Papier los. welches er an eine 
Ecke des Tisches gelegt hatte. Kaum war dies geschehen, als sich dran 
vor dem Hause eine Stimme vernehmen liess. indem ein Mann rief: 
..Xachbar. Nachbar helft mir. ich sterbe." Aber der Scharfrichter hörte 
auf das Geschrei nicht, sondern stach immer schneller mit Beiner G 
auf das Papier los. Da riss der Bauer das Fenster auf und sah, wie 



~-j Reichhardt: Sagen rua Nordthüringen. 

••in Mann vor Schmerzen an deT Erde wälzte. Da ri<'t' er ihm zu: „Warte 
nur. nun kenne ich Dich, l)u Spitzbube!" Nun hörte der Scharrrichter 
auf, mit seiner Gabel auf das Papier loszustechen. Der .Mann vor dem 
Fenster aber gestand seinen Diebstahl "'in. 

III. Schatzsagen. 

16. Das Licht. Auf der Feldmark bei Bodenrode an der Nixeier 
Chaussee siebt man des Nachts häufig ein Licht brennen, denn es liegt 
dort «'in Schatz der Nikolaikirche <les wüsten Dorfes Bodenrode vergraben. 

17. Der alte Weidenstumpf. Im Setheborn bei Liebenrode war 
ein alter Weidenstumpfj auf dem es brannte. Nun wusste mau, dass dort 
ein Schatz zu heben sei. Zwei .Mädchen Hessen sich den Spruch zur 
Hebung desselben sagen und machten sich in der nächsten Nacht schweigend 
auf. Das eine Mädchen versteckte sich, als sie zur Stelle waren, hinter 
den Weiden, die dort standen, das andere trat hinzu und sagte den Spruch. 
Assobald begann ein eiserner Topf sich aus der Erde zu heben. In dem- 
selben Augenblicke erschien aber auch ein grosser Hund mit feurigen 
Augen. Das Mädchen, welches sich versteckt hatte, schrie vor Schreck 
bei dem Anblicke laut auf, augenblicklich aber verschwand Hund und 
Sehatz. 

18. Der Knecht als Schatzgräber. In der Nähe von Wiedigshof 
lieg! an einer bestimmten Stelle ein Schatz vergraben. Eines Nachts 
hörte ein Knecht, welcher Hans Rumpf hiess, eine Stimme, die ihm zurief: 
..Hans Rumpf, geh' dorthin, wo der Schatz vergraben liegt, es soll Dein 
Glück sein." Der Knecht dachte nicht weiter daran, was ihm in der 
Nacht geschehen war. Aber auch in der nächsten Nacht hörte er dieselbe 
Stimme und dieselben Worte wieder. Am nächsten Morgen erzählte er 
dem Hofmeister sein Erlebnis. Dieser machte ihm Mut, der Stimme zu 
folgen and in der nächsten Nacht nach dem Orte zu gehen, von welchem 
die Stimme gesprochen hatte. Das that denn auch der Knecht. Als er 
an < >rr und Stelle war. gewahrte er vor sich eine Thür, an welcher ein 
Schloss hing. Als er im Begriff war. mit einer mitgeführten Rodehacke 
das Schloss zu erbrechen, sah er sich zur Seite plötzlich eine Gestalt 
auftauchen, welche eine Flinte auf ihn anlegte. Da konnte er sich nicht 
halten und stiess Laute des Schreckens aus. \n demselben Augenblicke 
verschwand die Thür vor seinen Augen. 

19. Der Schatz bei Trebra. In der Nähe von Trebra war ein 
Schatz vergraben. .Man hatte davon gehört und es war auch mittels einer 
Wünschelrute gelungen, den Platz zu ermitteln, wo der Schatz lag. So 
machte man sich denn eines Nachts daran, den Schatz zu heben. Yon 
den Schatzgräbern war bei der Arbeit kein Wort gesprochen worden, und 



Schütte: Braunschweigische Volksreime. 

bo war denn alles im besten Zuge, als plötzlich ein Wagen angefahren 
kam, welchen ein Kutscher ohne Kopf lenkte. In demselben Augenblick, 
wo der Wagen nahe herangekommen war, erhob sich ein .gewall 
Wind, die Laterne verlosch und die Schatzgräber liefen entsetz! davon. 
Rntta bei Kemberer. 



Braunscliweigische Volksreime. 

Mit_.'t« ih von Otto Schütte. 



Es giebt unzählige Volksreime 1 ] Teilweise eignen sie sich für das 
Kindesalter und werden von den Kindern auf «Iit Strasse gerufen, wenn 
si<> zusammenstehen und sich unterhalten, sei es d egnet, sei ea 

dass die Sonne scheint, sei es dass die Früchte reiten. Blanche der Reime 
schliessen sich an Vor- und Nachnamen an, die meisten aber enthalten 
Wahrheiten, die auf einerlangen Lebenserfahrung beruhen. Blanche haben 
auch ihren (irmnl in »1er Reimlust <\(^ Volkes allein. 



Beileberen, Heileberen 

Et 1 ik geren, 

Et' ik alle Dage geren. 

AVer will mik denn dal verweren, 

Dat ik raupe Heileberen. 

< rele (sc. Birne) 

Fade mik in de Kehle. 

Bannenregen, mak mik nich uatt, 
Mak de ölen Wiwer natt, 
Aber mine Grossmutter nich. 

Ei< genblatt, mak mik nich natt. 
Mak alle bösen Kinder natt. 

Et langet an tau renen, 

1)' Voss hat wat in en Tänen. 

Et langet an tau snien. 

De Voss hat wat in en Knieen. 

Et fanget an tau sloten, 

De Voss hat wat in en Knoken. 

Et fanget an tau dauen. 

De Voss hat wat in en Klauen. 

Sechs mal sechs ist 36, 

Und der Mann ist noch so fleissig. 



Und die Frau will Kailee kochen. 
Hat der Mann das Geld versoffen. 

Sechs mal sechs ist 36, 

lud ilry Mann ist noch so ilc i ~ 

Und die Frau ist ärgerlich, 

Haut den kleinen Friederich 

.Mit dem Besen in den Nacken. 

Dass ihm gleich die Glieder knacken 

Wihnachtsmann. du güe Gast, 

Wenn de wat im Sacke hfl 
Baste wat. denn seit dik nedder. 
Haste nist. denn pack dik weddei. 

Segg eraal: Pensterschiwe. 

Dine .Mutier hat en Kind im LiwP 

emal : Kerkenslöttel. 
Bit op en Werken köttel. 

Fünf Bücher Mose, 

Flicke mine Ho 

Das Buch der Richter, 

.Mak s' en betten dichter. 

Das Buch Ruth. 

Is se all wedder kaputt. 



1) R. Andree, Braunschweiger Volkskunde. Brannschweig 1896. S. 317 ff. 341 ff. 



Schatte: Braunschweigische Volksri 



Alle Menschen müs beo, 

Nur der kleine David Dicht, 
i ! i ben, 
Wenn sie ganz zerrissen ist 

Alle Menschen müssen sterben, 
Nur der K.tni i Rü£ emeier Dicht, 
Wer will Beinen Klnnzfoss erben, 
\\ er ihn kennt, der nimmt ihn nicht. 

Köpken glatt an Fäutjen glatt, 
Dat is de halbe Brntschatt. 

Snei an ea Wannen, 

Prn K. hat witte Lennen. 1 ) 

Kort im dick 

Hat kein Geschick, 

_ un snar 
Dat let rar, 

Aber en Mäken von mine Mate 
Ziert de ganze Rosmarienstrate. 

Ein hübsches Mädchen sehn 
lud nicht dürfen küssen 
lleisst an der Quelle stehn 
Und dann noch dürsten müssen.-') 

Hübsch mnss er sein. 

Kein mnss er Bein, 

' reld mnss er haben, 

Sporen muss er tragen, 

Dann kann er nach mir fragen. 

Allnagrade tritt Hans 

In 't Wams 

Un Gretjen in 't Lifstücke. 

En Barsch in Swae 8 ) 

In en Mäken im Bae 

Kann immer noch en Paar weren. 

Täneweidage 

Is keine Plage, 

Aber en Schatz hebben un den nich 

seihn alle Dage, 
Dat is ne Plage. 
Ole I stet nich, 

!)<• nie halt de Düwel nich. 



Kole Hanne — warme Liebe, 
Warme Hanne — Liebe ohne Enne. 

Wie Bchön lacht üscli de Morgensteren '), 
Lütje Biäkens friet geren, 

< rrote noch vel leiwer. 

Lütje Flöhe, grote Flöhe 
Bücket op en Lennen. 

Krieg' ik se mit den Tauen nich, 
Su krieg' ik sc mit ^\e\\ Hannen. 
Denn slag" ik se up de Kuppe, 
Denn knacket se wie de Nötte. 

Aleke"' von Dörpe, 
Wat kost iüe Gans? 
..Narr ut der Stadt. 
Licl: en Buren et Gat.'" 

Anna Kapanna. 6 ) 

Anneken ■- Panneken Postpapier. 

Einmele — Semmele. 

Hanne — Slapanne 
Slöpt geren bim Manne, 
Hat hundert Saldaten, 
Kann "t lachen nich laten. 

Edeward — de Zicke blarrt, 
Gii" se wat tau freten. 
Gifst se nist. sau wetste wat, 
Sau deit se dik wat bläken. 

Edeward — de Zicke blarrt, 
Gif se wat tau supen, 
Da kann se gut na pupen. 
Ewald — de Hose knallt. 
Fritze — mit der Mütze. 
Fritze — schit in de Mütze, 
Schit in en Sack, 
Dann ward 't Tabak. 

Fritze — schit in de Mütze, 
Smit t in de Luft, 
Dat 't gut bufft, 
Drägt "t na Linken, 
Dat et gut stinket. 



1 Wurde früher (vor 60 Jahren) spottweise in Schöningen zu Sylvester umgesungen. 
•_' Froher Inschrift an einem Topfofen zu Hohenbüchen. 

rwaden: ein Gras oder Getreide mähender Bursch. — Im Bade: ein eben 
Mädchen. 

4) VgL bei Andree a. a. 0. 342 den mit Nun ruhen alle Wälder anfangenden Reim. 

5) Ak-ke, Alke = Adelheid, alter Spottname niederdeutscher Bäuerinnen. 

6) K. Andree a. a. 0. S. 3321'. 






Loose: Die Eiserkv nd. 

Heinrich — von Scheinig Brand Bchitl in t Land, 

ll.it Snurtjen am Beine, bitt ap t Blech, 

Hat einen verloren, Barns i> t w 

Kriegt klapps einen hinder de Ohren. Kumml Dackstein, 

,, ,D .; Wollt t ok mal Beihn. 

Hennig — twei rennig, 

Kartuffelnsalat, der Gand 

Haste kein Geld, so licke mit im Ars. I '"°"' ™r en Marse witt? 

Jakob sperr 'n Ars op. 



I i;i iis — ist nicht zu Hau-. 

Hanne schitt in de Paune. 



Julias Bteig u|> en Busch, 

..,,,„", Kelbe — 8i hm m »1«' Elbe. 

Da brok de Husch, 

Da fei de leiwe Jalias Kasten - haste keinen Gasten? 

Mit 'n Marse in en Dorenbusch, Haste keinen Weiten, 

Da brok e sik de Nase af, Kannste Kasten nich heiten, 

Da kreg he 'n summen Hacken. Kruse - is nich tau Hu 

Krischan sehnt in de Dischlan. Kuthe ''" Danz is J etz ute ' 

Hei stickt et Geld in e Tute 

Kunrat allunderlat ,- , „. -, , ,, , 

l n kriegt wecke mit de Rute 
Schitt en Hucken in t \ eriatt. . . c 

An de Snute. 

Kunrat - allunderlat Meier hat en Ding un tw< 

Schitt en Pott vull Pekedraht, Osterloh - den bitt de Floh. 

Ga er m ! dde m " Winkel > Sitt mit en Arae im Hawerstrob. 

W o et nich stinket. ... 

Schütte - sehnt m de Hütte, 

Behme — sitt mit 'n Ärse im Lehme. Schilt bitau schitt in en Schauh. 
Kugel — Bengel Bohnenstengel. Tappe — frit ut en Nappe. 

Bra unschw eis:. 



Die Eiserkuchen der Zerbster Gegend. 

Von K. Loose. 

!u Zerbsl und seiner Umgegend werden Waffelkuchen gebacken, denen 
anstatt des Gitters oder in Verbindung mit demselben vielerlei anderer 
Bilderschmuck aufgeprägt ist und welch.' dort zu Lande Eiserkuchen all- 
gemein genannt werden. Ihr Verbreitungsgebiet ist im Westen und Süden 
von der Elbe scharf begrenzt; es schliesst Dörfer bei Coswig a. E., Nedlitz, 
Wiesenburg und Ortschaften bei Beizig ein, ohne dass mit dieser Angabe 
die Grenzen nach Osten und Norden genau bezeichnet sein Bollen, un- 
bekannt sind diese Kuchen mir ihrer mannigfaltigen Zeichnung im übrigen 
Anhalt und - nach allerdings nur gelegentlichen Erkundigungen — in 
der Magdeburger Gegend, der Altmark, Mark Brandenburg und in anderen 
deutschen Gauen, so dass es den Anschein hat, als wären sie jetzt auf das 
beschriebene Gebiet ausschliesslich beschränkt. 1 ) 



1) [über die westfälischen tserkauken: Woeste, Wörterbuch der westfäl. Mundart, 8.118;] 



I 

Ererbter Sitte gemäss wurden sie zu Neujahr und Fastnächten, sonst 
aber im Laufe des Jahres nur zu dem Zwecke gebacken, Schwerkranken 
iiml Wöchnerinnen des Dorfes ein Freundschaftszeichen damit zu ver- 
ehren. Zu Neujahr wurden, wie aus einem Orte sicher bezeugt ist, aus 
jedem Gehöft 7 Eiserkuchen dem Kantor geschickt, welche zu dessen 
Dienstbezügen gehörten. An die Hirten wurden Eiserkuchen geschenk- 
weise ui'Iim anderen Gaben verabreicht, wenn sie Neujahr den Bauern 
ihre Wünsche für das Gedeihen des Viehes darbrachten. Desgleichen er- 
hielten die Kinder, welche zu dieser Zeit bis zu ihrem 7. Lebensjahre von 
ihren Paten einen mit Zuckerzeug, Äpfeln. Strümpfen <><\cr Handschuhen 
gefüllten „Bündel" sich zu luden pflegten, mit diesem zugleich Eiserkuchen 
_e.rh.Mikt. Zu Fastnachten wurden in Dörfern bei Rosslau die Bauern. 
welche vom Hause des Schulzen aus in jedes Gehöft unter Vorantritt der 
Musikanten zogen, überall, auch in den Häusern der Ärmeren, ausser mit 
Wurst und Schinken, Hier und Branntwein mit Eiser- und anderen Kuchen 
bewirtet (vgl. 0. Härtung über ackerbauliche Altertümer in den Mitteilungen 
Ai's Vereins für Anhaltische Geschichte und Altertumskunde, VII. Band). 

Nicht nur weil diese bäuerlichen Sitten allgemach schwanden, sondern 
auch weil das Backen <\*'\- gar dünnen Kuchen für die Hausfrauen recht 
mühsam ist. gehört jetzt nicht mehr wie ehedem eine Eiserkuehenform 
zum Geräte jeder Wirtschaft. Immerhin ist ihr Vorhandensein und Ge- 
brauch noch keine Seltenheit. Aus 14 Ortschaften (Zerbst einbegriffen) 
wurden bisher Abdrücke von 69 Kucheneisen gesammelt, von denen etwa 
zwei Dritte] eine Jahreszahl haben. Das älteste derselben, von dessen 
Vorder- und Rückseite ein Bild in verkleinertem .Mass gegeben ist (Fig. a, b), 
wurde 1571, das Dächst älteste L679, das jüngste 1863 angefertigt. Der 
Zeitangabe ist häufig »du Familienname beigefügt. Mehrere Eisen zeigen 
deutlichere oder undeutlichere Spuren der Umarbeitung, bei welcher reich- 
haltigere Musterungen in der Kegel durch einfachere ersetzt oder Namen 
getilgt wurden. Man wird annehmen dürfen, dass die Umformung geschah, 
wenn Haus und Huf nicht auf ein Kind vererbt, sondern an einen Fremden 
verkauft war. während die leiblichen Erben Ae^ Hofes das überkommene 
I. - ii unverändert weiter benutzten. 

Die ein/einen Höfe oder Häuser unterschieden sich voneinander durch 
die Musterung der Kuchen und es sind weder in einem Dorfe noch in 
benachbarten Dörfern, es sind überhaupt noch nicht zwei gleiche Kuchen- 
eisen gefunden worden. Zwar kehren gewisse Zeichen immer wieder, 
wie Kren/, Baum Busch), Blume, Kugel, doch ist ihre Gruppierung überall 
«•ine verschiedene. 

efertigt wurden die Formen vom Schmied, welcher auf die Wahl 
der Zeichen und Bilder den grössten Einfluss gehabt halten wird. Am 
häufigsten verwandte er das Kreuz, welches äusserst selten fehlt. Es hat 
die Grundgestalt oder -f- und ist aus einfachen Linien, aus Schnüren. 



l»i> Eiserkuchen di r /• • od. ( 7 

uns Gabel und Strich, aus gekreuzten Schwertern, welche an die Bächsischen 
Kurschwerter erinnern, oder aus gekreuzten Säbeln gebildet, wenn nicht 
«11«- letzteren etwa eine Schere darstellen sollen. Über die Mitte mancher 
Kreuze ist ein Querstrich, eine Gabel oder «'in /.weites Kren/, eine Kugel 
oder Blume gelegt, In Einzelfällen gehl ein Strich von der .M i 1 1 . ■ nur 
nach einer Richtung aus. "der ist er Deben das Kreuz gezeichnet Bis- 




□ D5 



¥:^^^ 



,/ Vorder* 






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h Rückseite. 



weil. Mi sind die Kreuzwinkel all ler nur einige, auf gleiche "der ver- 
schiedene Weise mit Kugeln und Blumen gefällt. Am Ende der Kreuz- 
arme findet man oft eine Blume, Kugel, Eichel, ein Herz. Viereck oder 
Sechseck, oder einen angelegten Haken. Ein vollständiges Hakenkreuz 
bietet keiner der vorliegenden Abdrucke. Hin und wieder ist ein Kren/. 
mit Kreis, Oval. Herz oder Schild umrandet. Unterbrochen ist solche 
l'mranduno; nur auf einem Kuchen. 



Loose: Die Euerknchen der Zerbster Gegend. 

Baum, ii.idist dem Kreuz das beliebteste Ornament, ist auf 
mannigfache Weise gezeichnet: die Emden der Zweige laufen in Eicheln. 

Blumen, Kugeln, Sechseck ler Ureuze ans; ein and derselbe Baum ist 

öfters mit verschiedenen Bolchen Figuren ausgestattet; dann und wann ist 

Stamm durchkreuzt, die Spitze gegabelt, sitzen Vögel in den Zweigen; 
in einem Fall ist der Baumstamm wie von einer doppelköpfigen Schlangt' 
nmw unden. 

Andere Zeichen und Bilder sind der Drudenfuss (auf 3 Kuchen), das 
Dreieck, Viereck, Sechseck, Achteck, der Haken, die Gabel, der einfache 
Strich, die Schnur, die Rose, der Ball, die geschlängelte Linie unseres 
Paragraphenzeichens, das Schaf, die Sichel (Mond?), das Hufeisen (?), 
• - Birund, die Mandorlaform, das Herz, «'in mit Stacheln besetzter Kreis 
(Sonne?), das Mühlenbrot, die in der Zerbster Gegend „buntes Tuch* 1 
genannte Figur, der Rost, das Gitter, dessen Felder in der Regel mit 
Kugeln, Blumen oder dergl. ausgefüllt sind, der Schützenvogel. 

Kleinere Figuren wie Blumen, Kügelchen finden sich auf vielen 
Kuchen, sowohl im Innern als im Rande, in grossen Mengen: ihre An- 
ordnung und die Teilbarkeit ihrer Gesamtzahl durch 3, 5 oder 7 macht 
deutlich, dass dem betreffenden Schmied diese Zahlen bedeutsam waren. 
Das Muster von l.">71 hat auf der einen Seite 5. auf der anderen 3 ver- 
einzelte Blumen. 

Grössere Figuren, wie der Baum besonders, sind, wenn sie paarweise 
angetroffen werden, nicht immer gleichmässig gestaltet. Die beiden 
korrespondierenden Kuchenränder sind häufig, die beiden Kuchenflächen 
durchweg voneinander verschieden. In Xamen ist ein Minuskel- unter 
Majuskelbuchstaben , in Zahlen eine verkehrt gestellte Ziffer keine 
Seltenheit. 

An etlichen Kuchenrändern ist eine offen gelassene Stelle oder ein 
quer durchgelegter Strich, der zum sonstigen Randmuster nicht passt, auf- 
fällig, an anderen weist die Behandlung der Ecken Unregelmässigkeiten 
auf. sei es dass drei Ecken mit Zeichen gefüllt wurden, während die vierte 
leer blieb, oder dass das Umgekehrte der Fall ist. Einige Kuchen haben 

erhalb des Randes noch kleine Kreuze oder Blumen. 

Die Inschrift: „Dieser Kuchen schmeckt gut zum Trunk" ist mehrmals, 
.Zum Andenken" und ..Soli deo gloria" nur einmal gefunden worden. 

Grossmühlingen, Kr. Bernburg. 



Weinhold: Kleine Ifitteil 



Kleine Mitteilungen. 

Ein hochdeutscher Angensegen 
in einer Cambridger Handschrift des L2. Jahrhunderts. 

Berausgegeben von Karl Weinhold. 

M. El. James beschreibt in seinem Descriptive Catalogne of the Mannscripts in 
the Library of Peterhouse, Cambridge 1899, S. 158 unter Nb. 130 ein lateinis 
Bomiliarinm aus dem 12. Jahrhundert Auf fol. CCXIX 1 zwischen einer F 
Martyram und einer auf der folgenden Seite beginnenden Bomilienfolge ist ein 
deutscher Segen eingetragen, mit der Überschrift Nbtum sii omnibus in Christo 
ßdelibus; Überschrift und Segen von verschiedenen, abernochdem 12. Jahrhundert 
angehörenden Händen. M. James hat den deutschen Segen abgedruckt, aber eine 
neue Vergleichung der Handschriften erschien wünschenswert, und mein verehrter 
Kollege, Herr Prof. Dr. Alois Brandl. der mich auf das Ganze aufmerksam machte, 
vermittelte sie mir bei Herrn Prof. Dr. Karl Breul in Cambridge. Derselbe 
schickte mir eine sorgsame Kopie, die ich hier zum Abdruck bringe, und für die 
ich ihm schönsten Dank ausspreche. Der Segen ist in elf Zeilen geschrieben: 

1. Ich befwer hivte dinr hir bi dem hailigen ipe der Geh zemartervnne gap 

•_'. durch alle man kvnne per fanetam mariam matrem dom'ni ün iefu xpi 

3. vnde bi dem hailigen blvte daz vz vuferf herren Bten ran vnde bi der 

I. hailigen gebvrte vnde bi der hailigen vfferte vnd bi dem hailigen irrabe 

.">. vnd bi d>'in vrtailichem tage daz vel vnd die liir vnd die suzblatrun 

6. div wazer blater vnd der herbrate vnd allez daz gefuhte. N. daz in 

7. dinem avgen l'i daz hivte Beb winnende fi und daz rehte gefvne 

8. drinne wahfende l'i fecüdum uoluntate tuam dne. In nomine dnl 
'.>. im ihv x]n difiv worl Ben dir war vnde vefte vnd figehaft def 

10. helfe mir div hailige gotef craft def helfe mir div wihe minfrawe 

11. sanete marie. amen. 

Dieser in Oberdeutschland im 12. Jahrhundert auf eine leere Sudle des spätei 
nach Cambridge geratenen lateinischen Homiliars eingeschriebene Segen g 
kranke Augen ist der älteste deutsche Augensegen, der meines Wissens erhalten 
ist. Er steht mit anderen jüngeren in näherer oder fernerer Verwandtschaft, wie 
die Anmerkungen im einzelnen beweisen sollen, und beruht auf einer geistlichen 
lateinischen Formel, die ich hier nicht genauer verfolgen will. Es kann an dieser 
Stelle genügen auf folgende Fassungen, die man mit unserer deutschen vergleichen 
wolle, zu verweisen: 

Conjuro te et omnem oculorum dolorem per corpus et sanguinera domini nostri 
Jhesu Christi et per quinque vulnera ejus, per mortem quam in patibulo crucia 
passus est ut recedas ab oculis X. famuli dei 

(Gothaer Hs.. Germania XXXII. 4.'>5.) 

Oremus. Salva domine Jhesu Criste oculos famuli tui. X. et expella maculain 
et omnem dolorem oculorum per sanetum corpus et sanguinem tuum et preciosum 
Signum S. crucis in quo suspensus fuisti pro nobis miseris peccatoribus. 

(ebenda S. 456.) 



4. 


5. 


grabe : ta 




6. 


herbrate : gelohte 


9. 


10. 


Bgehaft : craft 


0. 


11. 


wihe : Marie. 



Weinhold: 

Die Beschwörung ist in Pi alten; aber besondere im Anfang brechen 

■ ■ durch: 

i. 2. martermne ; mankynne 

2. domini : chrifti 

:'•. blvte : fiten 

l. gebvrte : vfferte 

Es ist also wdlil bei der Beschwörungsformel im Anfang ein Gedicht benutzt 
worden, ebenso wie am Bchlnss gereimte Formeln aus anderen geistlichen Ge- 
dichten verwendet wurden. 

Einzelne Anmerkungen: 

1. Di isl auf eine einzelne Person, deren bestimmter Name in Z. 6 
Beine Stelle durch X. angedeutet erhält, formuliert; so auch in den lateinischen 
Beschwörungsformeln. 

hir f. dem dolor der lat. Formeln entsprechend. In Wund- und anderen 
Segen gebraucht, wie die Stellen bei Schindler, B. Wb. 1 -. 1155 zeigen. Aus der 
litterarischen Sprache nur durch Lohengrin 7<>58 von der helle hir belegt. Ahd, 
bei Notker hirlich, vehemens; hirlichi vehementia. Das ablaut. Zw. hern, schmerzen, 
erscheint im Prät. gehar in einem Wundsegen, Haupt, Zs. f. d. A. VI, 4n7. 

Krist sieh ze martermne gap Spervogel, M. Frühl. 30, 13. 

2. Lies allez, oder beim Versuch den alten Vers herzustellen mit Streichung 
des alle: gap durch manehvnne, vgl. Vorauer Ged. 5, 6 unde er manchvnne an 
sine Btat gewunne, 96, II vur mankunni. 

•'>. Nach den schwachen Dativen in 3. 4. sollte man auch hier vrtailichen er- 
warten; indessen ist die starke Dativform nach bestimmtem Artikel genug belegt. 
Mhd. Gr. §525. — dem vrtailichem tage, als am Tage des jüngsten Gerichts, ist 
nicht häutig: Wolfr. Wilh. 454, 25 (dagegen 13, 4. 134, 23. 424, 25 Entscheidungstag). 
Georg 352. 1772 (hier nur in INI). 

daz vel. entsprechend der peius oder peius injusta der lat. Segen, Häutchen 
über der Pupille, Star: so daz vel von der sehun kome. Frz. Pfeiffer. Arzneib I, 34 
Wiener Sitz.-Ber. 1863, S. 127). swem daz vel si für daz onge gegangen II, 7 ( ' 
(ebenda S. 139). die vertreibent daz vel in den äugen, Megenberg 368, 15. daz 
benimt den äugen daz vel und die vinsternüss 373. IG. Das Wort dauert in gleicher 
Bedeutung in den folgenden Jahrhunderten fürt: vel der äugen Z. d. V. I'. Volksk. 
!. 323. die feil in oder an denen Augen Germ. 26, 236. augenfel Diefenb. Gl. 141. 
augfel Germ. 26, 235. feil und pladern German. 17, 76. für bladern und feilen 
26, 235. Auch im sogen. Albertus Magnusbuche findet sich noch Fell der Augen. 

Gleichbedeutend mit vel mag das gevvib sein, das S. Maria nach dem S. 
Blasier Augensegen von 1617 der hl. Ottilia versegnetc mit dem hürbraten, den 
weissen und roten Mailen und Flecken, allem getrib und allem ungefüeg, was dir 
so wehe in deinen äugen tuot (Mone, Anzeiger VI, 46-'!). Angelsächsisches gevif 
iinden wir im Rezept einer Augensalbe, die helfen soll vip fleän on eägan (weisse 
Flecken im Auge) and vip gevif, and vip mist (Xebel) and vip ter (Thränenllussj, 
and vip vvrmas Würmer) and vip dead flaesc (totes Fleisch), vgl. Frz. Dietrich 
bei IL.upt Z. f. d. A. XIII. 202f. 

vel und bläter werden, wie unter vel schon belegt ist, als Augenleiden öfter 
nebeneinander genannt: in Z. 5. 6 sind die suzblatrun und die wazerblater hinter- 
einander aufgeführt, blätera blutete bläter bedeutet dasselbe wie Blase, hier ein 
auf dem Auge entstandenes Bläschen. In einer niederösterreichischen Besegnung 
(German. 26, 235) heisst es: Windblader und Steinblader, Augenblatter gehe aus 
dem Aug in Baum, aus dem Baum in Ast, aus den Ast in den Giepfel, aus den 



Kleine Mitteilungen. S| 

Giepfel in eine willde ramarey in die wilde Römerie), wo kein Mann Math mal 
mäht), kam Bann grätb (ki Buzblatrun kann ich sonst nicht nachwi 

Fielleicht wäre bluotbhitrun zu mutraasaen. 

Bin schwäbischer Augensegen kennt noch die Blattern: 

tts sein Atem 
Vertreib! dir dein Blattern, 
l Qsers Herrgott sein Blul 
[s1 für die Augen gut. 
E. Meier, Deutsche Sagen, Sitten find Gebräuche an- Schwaben, Stuttgarl 1862, S. 515.) 

/wischen 5 und <> ändert sich die Satzbeziehung. Vorher war von dem ein- 
leitenden ich befwer direkt das Objekt abhängig: daz \el. die bir, die Buzblatrun. 
Das Folgende ist /.war auch von befwer abhängig, aber das Objekt ist durch einen 
daz-Satz ausgedrückt, dessen Subjekte im Nominativ vorausgestellt sind. 

6. der herbrate. Dasselbe Wort auf ein Augenleiden verwendet, giebl dei 
St. Blasier Augensegen (Mone, Anzeiger AT. 4<>3: .Maria versegnel Bani Ottiiia ihre 
Augen und hürbraten, dm weissen und den roten, den Mail II- Nagel) und den 

Flecken. Entstelltes Herbran für Augenschmerzen hat eine Mecklenburger Be- 
schwörung: Ketelhaken, ik klag di, De Heerebran dei plagen mi, Sei plagen mi 
wol Nacht un Dag, Dat ik ni ruhen mag. Im Namen Gottes neunmal mit dem 
Kesselhaken über dorn schlimmen Auge gekreuzt. 

Berebran ist entstellt aus Herbrand, ein niederdeutscher Name des Drachen. 
mittelniederdeutsch bei Schiller-Lübben 2, "244; aus neuerer Zeil für den Feuer- 
drachen des Aberglauben bekannt: in Westfalen biärbrand: Woeste, Volksüber- 
lieferungen aus der Grafschaft Mark, S. 40. A. Kuhn, Westfäl. Sagen, 2, 26. heär- 
brand, Jahrb. d. Vereins f. niederd. Sprachforschung, Jahrg 1877, S. 129. 

Unter den ethischen Geistern des Münchener Nachtsegens erscheinen neben- 
einander herbrote und berbrant, die aufgeforderl werden, in ein anderes Land zu 
fahren: Herbrote unde Herbrant vart uz in ein andir laut! Schwerlich kann man 
die beiden Namen anders als llerbraht und Herbrant deuten, den sunufatarongOS 
des Hildebrandsliedes Hiltibraht joh Hadubrant oder Hadubrahl und Biltibrant, 
wie die Namen wechseln, vergleichbar. Es sind Heroennamen, die auf mythische 
Geister übertragen sind, auf Krankheitsdämonen, wie im Nachtsegen und in unserer 
Augenbeschwörung, oder wie im westfälischen Aberglauben auf vorbedeutende und 
feurige Erscheinungen. Beachtenswert ist, dass in einem voigtländischen S 
gegen hitzige und blöde Augen der Drache als Vertreter des Dämons dieser 
Krankheit erscheint: Die Rose und der Drache die zogen miteinander zu Bache, 
Drache Drache Drache im Namen Gottes, E. Kohler. Volksbrauch im Voigtlande, 
Leipzig 1867, S. 408. Heribrand, der westfälische Feuerdrache, der Herddämon, 
den im mecklenburgischen Segen der gesegnete Kesselhaken vertreibt, dickt sich 
mit dem Herbracht, herbrat, der in Oberdeutschland den Augen feindlich ist. 

7. Die Überlieferung ist unter dem Einfluss der veränderten Konstruktion ge- 
stört. Ich vermute es ist zu lesen: daz ez hiute fwinende fi. Vgl. was dir so 
wehe in deinen äugen tuot, das soll aus dir zerechwinen und vergohn. als die 
seind zerschwinen und zergangen die got den berren band gebunden und gelangen: 
S. Blasier Segen, Mone, Anzeiger 6, 463. 

Der formelhafte Gegensatz von swinen und wahsen ist bekannt. 

9. diu wort sin mir geweere als unserm herren wäre. Müllenb. Scher., Denk- 
mäler XLVII. 3, 37. daz diu wort müessint sin als war als das wort das got 
selber sprach, do er himel und erd an Bach, und und diu wort sigent an die wasser 
also vest alsdas paternoster ist in der mess, Mone, Anzeiger 3, 285. diu wort sin 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskuude. 1901. 6 



Hflfler: 
und eeste als daz heiig paternoster daz der priester in der stillmessen sprach, 

(i.Miiian. 90, 410. disi wort miie/zen heut sein als statch als die vi I beylig gotz 

chraft, diai worl Bein beul also res! sicut Banctus paternoster, Zs. f. d. A. 24, 72. 

10. 11. des helfe diu wihe min fronwe sant Marie, Den km. XLV11. 4,91. 92 

a belf mii die weis mein fraw Band Marei, Z. f. d. A. 24, 20«. 

diu schirm bi diu frie min fronwe Banl Marie. Tobiassegen 71. 72. beschirm uns 

hint diu frie, min frow sant Marie, Johannisminne 3. 1 (Uhland, Alte Volkslieder, 



Die Opfer-Bännutter als Stachelkugel. 

Unter obiger Überschrift brachte im 10. Jahrg. dieser Zeitschrift (1900) S. 420 
Ben Dr. W Hein eine ganz lehrreiche Abhandlung über ein Gebärmutter-Votiv 
in Gestalt eines sogen. Igels oder Kastanie, das nur im Gebiete des Kastanien- 
baumes auf deutschsprechendem Boden vorkommt Dass die Kastanie (Igel) dem 
opfernden Volke als Vorbild für das Opferbild der Gebärmutter gedient hat, ist 
ganz sicher aus Namen. Form und Verbreitung des Votivs zu entnehmen. Warum 
aber hat das Südtiroler Volk nun geiade die stachelige Kastanienfrucht dazu her- 
genommen? Einesteils spielt Volksetymologie herein (Igel = Egel), andernteils 
sucht das Volk bei seinem notorischen Mangel an anatomischen Kenntnissen innerer, 
menschlicher Organe tastend bald da bald dort nach dem Bilde eines solchen 
Organs. Findet es in den alten medizinischen Kräuter- und Heilbüchern kein 
Vorbild, um ein Organ votiv darnach herstellen zu können, so greift es auf die ihm 
bekannteren inneren Organe der schlachtbaren Haustiere über und entlehnt sich 
aus der Anatomia culinaris oder aus der Veterinärmedizin seine Vorbilder. Über 
diese Quelle der populären deutschen Krankheitsnamen hat der Unterzeichnete 
bereits 1894 auf der Naturforscher- Versammlung zu Wien aufmerksam gemacht. 
Desselben ..Deutsches Krankheitsnamenbuch", das trotz aller Gunst der kompetenten 
Kritik gerade in medizinischen Kreisen die ihm gebührende Beachtung nicht er- 
fährt, giebt uns auch den Aufschluss S. 254 b, warum Igel = Gebärmutter ist: 

„Die bei der Umstülpung des entbundenen und vorgefallenen Tragsackes der 
Kuh sichtbare frucht- (kalb-) ähnliche Geschwulst, die mit blumenkohlartigen, 
gestielten, leichtblutenden Warzen (Rosen = Decidua serotina), wie mit Blutegeln 
besetzt ist. heissi [gelkalb." 

Igel = Egel, „einen Igel stechen" = coire (ebenda S. 250). Das Muttersiech- 
tum, wegen dessen also ein Igel (Kastanie) als Votivgabe geopfert wird, ist dem- 
nach der Mutter-Vorfall (Uterus prolapsus), und wegen dieses leidenden Organ- 
zustandes, der mit dem „Egelkalb" bei dem Uterus prolapsus der Kuh verglichen 
wird, greift die Volksetymologie zum Kästen - »Igel", um die Krankheit abbilden 
zu können. 

Bad Tölz. M. Höfler. 



Zur Zeitschrift des Vereins für Volkskunde. 

Bd. X. S. 100 (1900). 

Die von Herrn Dr. G Jacob mitgeteilte und von ihm nach den Specimens 
riture arabe wohl als neueren Datums angesehene arabische Erzählung 
von den zwei poesiekundiiren Töchtern, die durch Ergänzung eines zuge- 
hörigen Halbverses zu Rächern ihres Vaters werden, findet sich schon in dem 






Kleine Mitteilungen. 

i miii (| || 1400 11. Chr. von dem Agyptei ^bschihi verfassten Allerwelts- 
udabbuch Mostatraf. dem seither verbreitetsten Kompendiana leinerei muslimischer 
Bildung, am SchlusB des 8. Kapitels in dem Abschnitt über die Beredsamkeit der 
Flauen: Arab. Text, Ausgabe Kairo 1308, I. S. 52; »nders auch die franzöa 

Obersetzung von Rat 1899, I. S. 177 (welche über hau pl (Im ganzen Bildungs- und 
Anekdotenschatz allgemein zugänglich macht . Auch Härder hat diese Anekdote 
in seine „Arabische Konversations-Grammatik", Heidelberg 1898, S. 390 aufge- 
nommen (im Schlüssel S. 68 übersetzt). Ein früherer Beleg ist mir für diese wohl 
viel ältere I Seschichte nicht bekunnt. 

Tübingen. « '• P. Seybold. 



Blau als Trauerfarbe. 

Als \or längerer Zeit ein Kollege bei mir anfragte, ob ich zu dvr in der 
Schwalm (Hessen Üblichen blauen Trauerfarbe Entsprechendes kenne, musste ich 
mein Nichtwissen gestehen. Inzwischen habe ich mich etwas verbessert. Vor- 
nehmlich ist auf Blau als kirchliche Trauerfarbe zu verweisen, die in der Passions- 
zeit und in der Karwoche in der Alt, ir- und Kanzelbekleidung vor aller Augen trat 
und eine Rückwirkung auf ausserkirchliche Trauerzeichen haben musste. 

In dem handschriftlichen Ueldtschen Trachtenbuch (Nürnberg 1560— 80, in 
der v Lipperh eideschen Bibliothek giebt Bl. 118 das Bild einer Witwe „in der 
andern veränderten kleidung". Sie trägt einen blauen Rock mit langen pelz- 
gefütterten Hängeärmeln, gelbliche (Jnterärmel, gelblichen schmalen Gürtel und 
ein weisses Schleiertuch. Das Si einsehe Museum in Salzburg besitzt zwei 

Trachtenbildchen aus dem 18./19. Jahrh.: eine Pinzgauerin in der Hauptklag, eine 
Bäuerin bei Weilen im Pongau in der Hauptklag: jede trägt einen faltenreichen 
blauen Rock und ein grosses weisses Umschlagetuch Mitteil, von Frl. M. I 
in Salzburg). — In der ganzen Oberpfalz schliesst den Begräbniszug eine alte 
Krau im blauen Schur/. Das ist dann auf die Umgänge um die Saatfelder und 
auf Wallfahrten übertragen worden, bei denen ebenfalls das Letzte im Zuge ein 
blaues Fürtuch sein miiss Schönwerth. Aus der Oberpfalz, 1, 255. 3, L76). 
Im Herzogtum Sachsen-Altenburg hatten die Weiher bei Begräbnissen und beim 
Abendmahlgang Kopf und Kinn mit einem seht blau gestärkten Schleier um- 
wickelt (Priese, Historische Nachricht von den merkwürdigen Ceremonien der 
Altenburgischen Bauern 1703. Neudruck, Schmölln 188' - 

Wenn die Braut oder der Bräutigam Trauer hat, so ersetzen bei den deutschen 
Bauern an der ungrisch-steirischen Grenze, den Heanzen, die Burschen Bochzeit- 
knechte das rote Band ihrer mit einem Rosmarinzweig geschmückten Astrachan- 
mütze durch ein blaues Bunker in unsrer Zeitschrift X. 299 . 

K. Weinhold. 



Ein Vieksegen aus Mecklenburg gegen die neunerlei Elven. 

Auf dem Hausgute Gross - Schuresow bei Bützow in Mecklenburg war im 

Jahre 1891 das alte Viehhaus abgebrochen worden. Als im November 1892 das 
beim Abbruch gewonnene Holz von Gutstagelöhnern zu Brennhol/ zerschlagen 
wurde, fiel aus einem d('V Balken ein Papierzettel heraus, der dann bald darauf 
durch Vermittlung meines Vetters * i'ull. der auf dem Gute als Volontär sieb auf- 



Raff: 
hielt, in meine Uände gelangte \ui diesem Zettel steht in 7 Kolumnen der 

n: 

Neunerlei Elvcu die saugen sich zusammen sie sprachen wir 
wollen in Hanf chrichtian Sinlo >-in bofstedi gehen In das vieh 
bans and Baugen 'las vi<-h Ihr Mut und Heisch aus und I • h gehre 
che Sir Ihre gebeine nnd ich wil sie ihr bertz brechen Es sprach aber 
im-, r lieber ben Jesus < 'lui-t m- das soll ihr Nicht thun N <• tz 
d ■• 11 - V •/ ii' I ii' i Jesus christus 
II I in I 1 I n. 

Wann. R. WoSSidlo. 



Segen aus Prcussiscli-Litauen. 

Gegen die Schmerzen. 

t kern i- röte! Mannke: Hat e f6de Böskcs. 

Hat e rodel Södke, Wat will dat rode Bfannke? 

Hat e rodel Crächke, Es will die Schmerzen von N. N. 

rödel Rockke nu^treiben. 

Hat «• rodet Westke, So lät se gäne 

Hat «■ rodet Hemdke, Von de Plütz bis an de Lewer, 

Häl e rode Schokes, Von de Lewer liis an de gröte Te. 

Hat e rüde Strümpkes, Im Namen (Joffes des Vaters f u.s. w. 

Gegen die Pogg. 

- die Schmerzen rausgehen aus N. N. 
U'nser Herr .lesus Christus ging auch aus seiner Krippe raus, 
Lass die Schmerzen gehen in das rote atlantische Meer. 
Es ruscht, 
Es brüscht. 
Poggr, Pogg, Pogg! 
Im Namen Gottes des Vaters r u. ■-. w. 

Von l*. Jahn hinterlassen. 



AltOliiuckeiier Festgebiick. 

Von Helene Raff. 

Man kann mitunter die Rede hören, dass, wer keinen Kalender hat, in die 
Küche schauen solk'. um zu wissen, was für ein Tag sei; wenn man statt „Küche" 
genauer bezeichnend „Backofen" sagt, so hat der Saiz insofern Recht, als der 
Eackolm mit Sicherheit die hohen Festtage anzeigt. In Bayern sind, wie durch- 
gehends im deutschen Süden. Mehlspeisen und Gebackenes überhaupt beliebt; der 
ade trifft gewöhnlich jeden Sonntag ein Gericht „Strudel- oder „Spritzstrauben* 
- eine Brandteiomasse. welche durch eine hölzerne Butterspritze gedrückt wird — 
auf dem Küchenzettel. Die Kirehweihsonntage werden mit Kirchweihnudeln, runden 
in Schmalz gebackenen Krapfen, gefeiert, welche ebensowenig wie die mit Ein- 
gemachtem gefüllten Faschmgskrapfen (in Norddeutschland Pfannkuchen genannt) 
besondere Eigentümlichkeiten der Form oder des Geschmacks aufweisen. Nur zu 
einigen der christlichen Hauptfeste hat die Sitte bestimmter, nicht allgemeiner 
Gebäckarten sich erhalten. 



Kleine Mitteil 






An Ostern werden den Kleinen neben der Fülle von kunstreichen Rauchen 
und Lämmchen, welche der Zuckerbäcker feilhält, noch zwei trotz ihrer Einfachheit 
hüelist beliebte Gebäcke beschert, das „Ostermandl" und der „Osterhas" Ersterer, 
ans Befenteig gefertigt, hat die ungefähre Form eines Menschen, <ler. mit beiden 
Händen sich ein gefärbtes Hühnerei vor den Leib ball Fig. i . der Osterhas ist 
gleichfalls ;uis Hefenteig, sieht aber nur in der oberen Hälfte annähernd hasen- 
massig aus. während sein Unterteil mehr dem einer Henne gleicht, die ihr Nestaui 
dem Schwänze trägt. In dies Nesl isl ebenfalls ein Hühner« i e 

Fig. I. Fig. 2. 




Weder zu Pfingsten noch zu Johannis oder einem der Marientage herrsch! der 
Brauch, etwas anderes als Kuchen und Nudeln zu hacken: dagegen bring! Aller- 
heiligen und Allerseelen, das ernste Totenfest, eins der merkwürdigsten Gebäcke, 
den sogen. „Seelenzopf". In allen Grössen, Preislagen und Teigarten ziert er die 
Schaufenster: seine bescheidenste Gestalt ist die geflochtene Zopfform, während er 
in verkünsteltem Zustande einen ovalen Kranz mit Querbalken darstellt. Dann 
besteht er aus feinem Hisquit- oder Makronenteig, dick belegt mit kandierten 
Früchten und Zuckergnss; seinen Hauptschmuck aber bilden bunte, auf Draht 



Baff: 

kte Papierblumen, ganz gleich denen, «reiche am Allerseelenfeste die Gräber 
l\ ist Brauch, dass die Paten ihren Patenkindern einen solchen Seelenzopf 
zum Geschenk machen. Fig. 3 zeigt einen einfachen and Fig. -l einen verkünstelten 
■ nzopf. 

AI- Vorläufer des Christfestes erscheint Bank! Nikolaus, der von den Kindern 
Ersehnte und Gefürchtete. Sein Abbild als heiliger Bischof mit dem Krummstab, 
und da- des Pelzmärtels mit Sack und Rate ist nun der Mittelpunkt der Zucker- 
bäckerei, gewöhnlich in Lebkuchen- oder Marzipanmasse. Für den Beiligen selbst 
ist die Darstellungsweise eine geradezu künstlerische, da die ersten Vertreter der 
Bäckergilde sich neue Können nach (\cn prächtigen alten des Nationalmuseums 
haben machen lassen. — Pig. . r > zeigt einen solchen Nikolaus aus der Bäckerei 
von Anton Seidl, dem nunmehr verstorbenen Bruder Gabriel von Seidls, der uns 
das neue National museum erbaute. — - Die Pelzmärtel dagegen pflegen derbe groteske 
Figuren zu Bein, denen durch aufgetropften Zackerguss einige Zeichnung verliehen 
wird [Pig. 6). — Ausserdem fertigt man noch Teufel, Bauern und seit neuester Zeit 
„Bergfex'n" als Xiklogebäck. doch sind dies moderne Zu thaten, die mit dem Feste 
nichts zu thun haben. 



Piff. 7. 



Fig. 9. 








Von den /.ahllosen Weihnachtsgebäcken am volkstümlichsten ist das Kietzen- 
brot, das äusserlich wie wirkliche kleine runde oder längliche Brotlaibe aussieht; 
inwendig mit getrocknetem Obst, Rosinen. Mandeln u. a. gefüllt ist. — Die feineren 
Süssigkeiten aber, Honigkuchen und Marzipane insbesondere, weisen wieder die 
kunstreichen Überlieferten Formen auf, wie deren das bayerische Nationalmuseum 
eine grosse Fülle umschliesst. Zwei davon, die „Edeldame" und der „Reiter" 
V und 8 sind, vorzüglich nachgebildet, vom Hof-Wachszieher und Lebküchler 
M Ebenböck aufs neue in den Handel gebracht worden. Mindestens 1 / 2 Dutzend 
solcher Fdeldamen und Reiter finden sich in dem betr. Schranke des Museums, 
alle in Kostümen des 17 und 1*. Jahrhunderts; desgleichen stattliche Herren zu 
Fuss, Herren und Damen nebeneinander, sowie martialisch dreinschauende Kriegs- 
männer (Fig. 9). Ein Adelndes Musikantenpaar, ja selbst ein Kaiser ist in der 
Sammlung: daneben sieht man Fische, schön ausgeführte Wappen, Herzen und 



Kleine Min. ilungen. 



87 



Vierecke mit eierlichera Ornamentschmuck. Eine häufig wiederkehrende 
die des Wickelkindes, eines allein oder gleich wiederholt, wie aal Fi 
minder oft begegnen wir religiösen Darstellungen: dei Matter Gottes 
Kinde (Fig. 11). der drei heiligen Frauen, der Geburt Christi odei 



1 '< i m i>t 
Nicht 

mit drm 
Anbi 



Fig. LI. 



Fig. LO. 






dar Birten. Fig. 12. welche das letztere Motu darstellt, ist nach einer Marzipan- 
form aus Privatbesitz aufgenommen, doch sieht man in der Sammlung des Museums 

ganz ähnliche. — So greifen Altes und Neues ineinander, Zeugnis dafürfablegend, 
dass auch auf dem kleinsten Gebiete was der Gestaltungskraft des 

Volkes entstammt, auf Umwegen immer wieder zu diesem zurückkehrt. 



Ein Brauch in der JKrossener liegend. 

Ie einzelnen Dörfern bei Krossen (Rädnitz, Leitersdorf, Blumberg) sah ich 
vor mehreren Jahren zur Osterzeit die Dorfstrasse in einer recht freundlichen 
Weise ausgeschmückt. Die breiten, zwischen dem Damm und den Häusern 
gelegenen Fusswege waren durch weissen Sand, Asche oder zerstampfte Ziegel- 



88 



Mirlk.-: Kleine Mitteilungen. 



abfalle mit geometrischen Zeichnungen bedeckt, die besonders reich vor den 
Wohnhäusern ausgestaltet waren. Der Haupteingang hob sieh dabei durch wirkungs- 
volle Zeichnungen noch weiter hervor (Fig. 1 und 2). An Ort und Stelle konnte 
ich mir in Erfahrung bringen, dasa diese Verzierung in den nördlich der Oder 
ewischen (Crossen und Züllichau gelegenen Dörfern eine alte Überlieferung war, 
dass aber den Zweck und die weitere Verbreitung niemand anzugeben vermochte. 
Später fand ich >ivn Brauch \or einem Hause in dem bei Werder a. H. gelegenen 
Dorfe Kemnitz an einem Septem ber-Sonn tag ganz vereinzelt wieder, hier aber zu 

Fig 1. Leitersdorf. 



Fig. 2. Leitersdorf. 



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Fig. 3. Kemnitz. 




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D eines eben eingezogenen jungen Paares (Fig. 3). Von Herrn Lehrer Gander 
in Guben erfuhr ich denn weiterhin, dass dieser den Brauch aus dem Munde 
eines aus der Krossener Gegend stammenden Dienstmädchens kennen gelernt 
aber mit Verlegung auf die Pfingstzeit. Da also weder Zweck, Heimat, 
Ausdehnung noch zeitliche Anwendung feststeht, noch auch meines Wissens dar- 
über litterarische Hinweise vorhanden sind, so bringe ich den Brauch hier in der 
Hoffnung zur Kenntnis, dass von anderen Seiten ergänzende Mitteilungen gemacht 
werden. 

Berlin - Robert Mielke. 



Znpitza: Bacheranz« i| 



Bücheranzeigen. 



0. Schrader, Reallexikon der indogermanischen Altertumskunde 
Grundzüge einer Kultur- and Völkergeschichte Alteuropas. Erster 
Ealbband Aal musikalische [hstrumente). Strassburg, Trübner, 
1901. 560 s. gr. 8°. 

Die harmlosen Zeiten der linguistischen Paläontologie sind vorbei. Spät, aber 
nachdrücklich, ist uns die Erkenntnis gekommen, dass nie und nirgends die Kultur 

eines Volkes aus seiner Sprache allem sich ermitteln liisst. Am wenigsten die 
der Indogermanen, denn bei diesen kommt noch eine b< sondi re Schwierigkeit 
hinzu: vom Wortschatz des Indogermanischen wird immer der am wenigsten wissen, 
der das Problem seiner Rekonstruktion am schärfsten erfasst. r Ver für die indo- 
germanische Altertumskunde alles Heil von der Prähistorie erwartet, übersieht die 
ganz eigenartige Lage, in der sich diese Wissenschuft befindet Sie hat Material 
in Hülle und Fülle, die Sammlungen Buropas beherbergen reiche Überreste der 
materiellen Kultur verflossener Jahrtausende, und täglich fordert i\rr Spaten neue 
Schätze zu Tage. Allein diese Zeugen uralter Vergangenheil sind stumm, die 
Beile und Schwerter verraten nicht, wer sie geschwungen, die Thongefüsse nicht. 
wer in ihnen gekocht, aus ihnen getrunken hat. Eine Altertumskunde auf Grund 
der vorgeschichtlichen Funde wird in den meisten Fällen namenlos bleiben müssen 
In die indogermanische Urzeit dringen wir auf diesem Wege nicht ein. Das 
Unglück ist aber nicht allzu gross, denn über die Seiten der Kultur eines 
Volkes, die uns im Grunde am meisten interessieren, belehren uns die Fundobjekte 
ja überhaupt nicht Hin einsichtiger Historiker, Ed. Meyer, ist von jeher für die 
Auffassung eingetreten, dass die Erschliessung der ältesten Kulturzustände und 
Wohnsitze der historisch bezeugten Einzelvölker die wichtigste und dankbarste 
Aufgabe auch für den sei. der eigentlich darüber hinaus will. Im vorliegenden 
Buche kommt diese Anschauung vollauf zur Geltung. Was über die ältesten Zu- 
stände der Inder. Griechen. Römer u. B. W. verlautet, wird unter geeigneten Btich- 
wörtern zusammengestellt, verglichen und, wo es angeht, aus geraeinsamer "Wurzel 
abgeleitet. Letzteres ist zweifelsohne ein plenura opus aleac, denn auf diesem Ge- 
biete ist noch viel weniger als auf dem rem sprachliche,, gemeinindogermaniBch 
gleichwertig mit urindogermanisch. In extremen Fallen, also wenn ganz singulare 
oder andererseits bei allen primitiven Völkern vorkommende Sitten. Gebräuche 
und dergl. bei sämtlichen oder den meisten tndogermanen bezeugt Bind, darf die 
Zurückfuhrung auf die Urzeit einen hohen Grad von Wahrscheinlichkeit bean- 
spruchen. In die erste Kategorie gehören etwa die Hochzeitsbräuche S. 353ff), 
in die zweite der Brautkauf, die Blutrache. In der Mehrzahl der Falle ist eine 
Entscheidung der Frage, ob spätere Entlehnung, zufällige Übereinstimmung oder 
Urverwandtschaft vorliegt, vorläufig mindestens ganz unmöglich. Auch hier ist 
das Unglück zu verschmerzen, denn der Schwerpunkt der Forschung hegt in den 
Einzelvölkern, und für deren Kulturentwicklung in späterer, historischer Zci 
kommt es auf eins heraus, ob einige ihrer ältesten Gerätschaften und Wallen. 
sittlichen und religiösen Anschauungen nun auch wirklich aus der Urzeit stammen 
oder nicht. 



Xii|>ilz;i: 

Bin ausserordentlich reiches Material ist in dem Bchraderschen Buche auf- 
li Dan alle Artikel würdigen and beurteilen zu tonnen, müsste man Indo- 
germanist nnd Semitist, Botaniker, Zoologe, Anthropologe, Prähistoriker und Ethno- 
in einer Person Bein. Di«' Specialisten werden zweifellos imstande sein, so 
mancherlei zu ergänzen oder auch zu berichtigen, hoffentlich lockt gerade das 
Schradersche Buch kleinere und _i — n Monographien über diesen oder jenen 
strittigen 1 *u n k t hervor Die verschiedenen indogermanischen Einzelvölker sind 
verschieden bedacht Der Bauptanteil fällt naturgemäss denen zu. über die wir 
am besten unterrichtet sind, bezw. für die am meisten vorgearbeitet ist. also den 
Griechen, Römern, Indern und Germanen. Die übrigen treten gegen diese zurück. 
man« hmal mehr als erwünscht und auch nötig ist. Die vorgetragenen Wort- 
deutungen und Gleichungen Bind nicht immer ganz auf der Höhe (so sollte die 
Verknüpfung von Baar mit aisl haddr eigentlich abgethan sein, dürfte Hose [380] 
nicht zu bulg. kus gestellt weiden . auch werden gelegentlich Wörter angeführt, 
die nicht existieren ae. ced 'Boot'278) oder doch sehr unsicher sind (z.B. ir. 
ong 'Herd'). Im übrigen gehe ich auf die rein sprachliche Seite nicht naher ein 
und lasse einige /wanglose Bemerkungen zu einzelnen Artikeln folgen. 

S. .'Hill'. Alle Leute. Der Brauch, sich alter Leute durch Tötung oder Aus- 
setzung zu entledigen, mag zum Teil in abergläubischen Vorstellungen begründet 
sein. Die afrikanischen Bongo behaupten, dass alte Leute die Wälder nachts als 
Teufel durchstreifen, dass sie mit hosen Geistern Rats pflegen, um den jüngeren 
Tod und Verderben zu bereiten. An plötzlichen Todesfällen sind die Alten schuld, 
Vgl. Schweinfurth, Im Heizen von Afrika, I, 336. Ein Beleg für viele. — 45 ff. 
Arzt. Es hätte erwähnt werden sollen, dass die Trepanation ein der europäischen 
Vorzeit wohlbekannter chirurgischer Eingriff gewesen ist. Analogien (bei den 
beutigen Bewohnern von Montenegro, Albanien und der Herzegowina, sowie bei 
verschiedenen 'Naturvölkern') lassen darauf seh Hessen, dass die Trepanation bei 
Geistes- und Nervenkrankheiten, sowie bei Schädel Verletzungen vorgenommen 
wurde, vgl. z. B. Korrespondenzbl iL deutschen Ges. f. Anthropologie XXXI (1900). 
18 ff. wo zahlreiche Litteraturangaben zu linden sind. Die diesbezüglichen Funde 
auf deutschem Beden behandelt R. Lehmann-Xitsche in einer Münchener Dissertation 
vom Jahre 1898, die den Titel führt: "Beiträge zur prähistorischen Chirurgie nach 
Funden aus deutscher Vorzeit'. — öl ff. Aussetzungsrecht. Für die baltischen 
Verhältnisse kommen besonders zwei Bullen de- Pabstes Honorius III. vom 15. Mai 
und 15. Juni 121m in Betracht. In der ersten heisst es: • . . inter alia enormitatis 
facinora, que perpetrant, femini sexus soboles. quoteunque mater pariat. inhumana 
immanitate perimunt, preter unam, tanquam propagationi velint humani generis 
obviare, vgl. Mierzyriski, Mythologiae Lituanicae Monumenta IL 14 ff., wo weitere 
sje. Die Sitte der Kinderaussetzung spielt hinein in eine galindische Legende 
bei Petrus Dusburg., Cronica Terre Prussice, III. c. 4), die um so interessanter 
ist. je weniger wir ihr an die Seite setzen können. Die von Brückner. Archiv f. 
slav. Phil. XXL 22 IL behandelte Legende berichtet folgendes. Die Galinden (die 
V'j.i.. ■ - ■> des Ptolemaeus, vgl Müllenhoff D. A. II, 19) hatten sich so stark vermehrt, 
dass ihr Land sie nicht mehr ernähren konnte. Man gebot daher, alle Xeugeborenen 
weiblichen Geschlechts zu töten. Das half aber nichts, denn die Mütter umgingen 
das Gebot. Nunmehr wurden auf Grund einmütigen Beschlusses allen Frauen die 
Brüste abgeschnitten, damit sie nicht mehr nähren könnten. Die Frauen wandten 
sich in ihrer Not an eine heilige und im Ruf einer 'prophetissa' stehende Ge- 
schlechtsgenossin. Diese verkündete den Galinden. die Götter wollten, dass sie 
alle ohne Wallen in den Krieg gegen die Christen zögen. Das geschah. Die 



Bücheran ■> \\ en. ;i | 

Galraden machten reiche Beute, wurden aber auf der Rückkehr »amtlich erschl 
da ihre Waffen losigkeit ruchbar geworden war. Brückner ha! a man 

-.■Stute mir die kleine Abschweifung . das 3 in dei Legende das wahre Moth 
der Verstümmelung der Frauen verkannt und. Das Abschneiden der milch- 
spendenden Brüste ist ein symbolischer Zaubei rsnol und Dürre. 

Ich möchte hier darauf hinweisen, dass die Notii des Paradoxographua Vatic. 
Rohdii *2.>: <>. k /.ra cra.;v >] ityopia /..■ 

: : '.t.:>.: rü)p ■/.'.■/.<■■ auf dieselbe Anschauung führt. 56 ff. Bad. Wenn es eines 
Beweises bedarf, dass auch die Slaven das Baden in Flüssen liebten, wird er 
durch die bekannte Stelle der Vita Sturm i erbracht, wonach man am 144 aul der 
Strasse von Thüringen nach .Mainz an der Fulda badende Slavenhaufen traf. 
60. Bar. Es konnte angeführt werden, dass die Arkadei sich von einer Kann 
herleiteten Zur Sage von Callisto vgl. Röscher, Mytholog. Lexikon s. v, wo die 
Versetzung an i\<'n Himmel meines Erachtens mit Unrecht als junger V.u. 
wird. — 7G ff. Bestattung. Ans den Angaben über die Bestattungsweise der 
Kelten und Germanen (78- könnte man den Eindruck gewinnen, als sei bei den 
ersteren nicht wie bei den letzteren der Periode des Leichenbrandes eine solche 
der Beerdigung vorausgegangen. Aber 3 I Jahrhunderte vor Cäsar, als die später 
verschwundenen Streitwagen noch m vollem Gebrauch waren, begrub man in der 
Champagne die Tuten (vgl. Revue Celtique XX. 119). Das 'premier äge de In 
nach der französischen Bezeichnung ist durch Bestattungsgräber /. B. Annoisin- 
Chatelans) neben Brandgräbern vertreten Chantre, Premier äge du fer, II . In 
der Bronzezeit überwog das Verbrennen, doch ist das aus der- Steinzeil her be- 
kannte Begraben nie ganz erloschen. — 98 ff. Blutrache. Die Blutrache war, 
wie zu erwarten, auch den alten Preussen wohlbekannt. Petrus Dusb. III. •'•: Si 
homieidium committitur inter eos, nulla potesl eomposicio intervenire, nisi priua 
ille horaieida vel propinquus ejus ab occisi parentibus oeeidatur. — 106 ff Bohne. 
Sehr, giebt an. dass bei den Ägyptern die Bohne aus religiösen Gründen nicht 
gegessen werden durfte. Bekanntlich galt dasselbe Verbot für die Pythagoräer 
und Orphiker. Pythagoras fand nach der Sage äeinen Tod, weil er ein Bobnenfeld 
nicht zu überschreiten wagte und daher von seinen Verfolgern eingeholl wurde. 
In Rom durfte der Flamen diaÜS die Bohne weder essen noch nennen. Alles 
dies gehört in C\vn Kreis der totem istischen Vorstellungen vgl. ■ B S. Reinach, 
Rev.Celt.XXF, 278ff., der weite,,. Litteratur angiebt). - 109 ff. ßrautkauf. 
Für die Preussen bezeugt durch Petrus Dusb. III. ö uxorea suas emunt pro certa 
summa peeunie. — 116 ff. Buche. Zu <|><v : fagus buohha gesellt seh nunmehr 
kurd. Im/, 'Art Ulme'. Meiner Ansicht nach müssen wir ehrlich zugeben, dass 
auch dieses Wort in der Frage nach der Urheimat völlig wertlos ist. da wir seine 
ursprüngliche Bedeutung auf keine Weise ermitteln können. 165 ff. Eid. Sehr 
interessant ist die Schilderung des Eides, >\c\\ der litauische Fürat Kiejstu! 1361 
vor Ludwig von Ungarn ablegte, Mierz. 11. 76ff. 79 ff. K. liess einen roten Ochsen 
kommen und öffnete ihm die Halsader. Das Blut echoss nei.oi.: em gutes Zeichen. 
Nunmehr wurde das Tier enthauptet, und zwischen Kopf and Rumpf hindurch- 
schreitend, also in dem Blute watend, schwor der Fürst, so sollte es ihm ergehen, 
wenn er sein Wort bräche. Er brach es übrigens doch. Heinrich <U-i Lette be- 
richtet: Livones et Lettin inter se conjurarunt et gladiorum calcatione conjurationem 
Buam paganorum more confinnarunt. Wie leblose Gegenstände, /. B Sei, werter. 
Aussagen kontrollieren können, geht recht deutlich hervor aus einer Stelle am 
Anfang der mittelirischen Erzählung 'Das Krankenlager Cuchulinns'. Die Ulster- 
leute hielten jährlich am Sommerende ein Fest in Mag Murthemni ab. An di 



Zii|ii)/.a: 

Helden wetteifernd ihre Thuten im vergangenen Jahre zu preisen und 
die Zungen der erschlagenen Feinde vorzulegen (die Kelten waren Kopfjäger so 
_iii wie die Dayaks, (loch man sieh in Irland später mit den Zungen). 

Ea lag mihe, zur Erhöhung der Zahl ein paar Rindszungen i inzuschmuggeln Daher 

war eine Kontrolle nötig. Diese übten die Schwerter aus. 'denn sie wendeten sich 
i sie (ihre Herren . wenn sie betrogen Es sprachen nämlich Dämonen aus 
ihren Wallen ZU ihnen und diese wäre:» somit Bürgen für sie 1 . — 204. Erziehung. 
Ich vermisse eine Erwähnung der aus dem german. Norden wohlbekannten Sitte 
vornehmer Familien, die Kinder frühzeitig zur Erziehung aus dem Hause zu geben, 
i is bei Indern (vgl. z. 15. Zs. f. Rsw. V, 417), Iren. Kymren (Rhys und 

Brynmor Jones, The Welsh Peoplc, 8. 206f . vgl. auch Post, Entwicklungsgesch. 
d. Familienrechts, 37, Grundr. d. ethnol. Jurispr. I. ( .»7. — 255 ff. Freund und 
Feind. Die Sitte der Blutsverbrüderung wird hier nur für die Germanen 
belegt. Sic wird auch von den Skythen berichtet, vgl. Lucian Toxaris, 37. Die 
Skythen sehneiden sieh in ^\cn Finger, fangen das rinnende Blut in einem Gelasse 
auf. tauchen die Spitzen der Schwerter hinein und trinken zu gleicher Zeit daraus, 
Auch hei den Kelten rauss die Sitte bestanden haben. Im Ausgang der Republik 
und später führen Aeduer und Arvcrner den ganz singulären Titel 'Fratres et con- 
sanguinei populi Homani'. Dieser wird verständlich als Konzession der Römer an 
die gallische Nationalste der Blutsverbrüderung (vgl. Hirschfeld, Sitzungsber pr. 
Akad. 1897, 1106 ff). In der mittelirischen Sage 'Der Rinderdiebstahl von Cuailnge' 
sind Cuchulinn und Per Diad Blutsbrüder, wodurch die Tragik ihres gewaltigen 
Zweikampfes noch erhöht wird. vgl. Zimmer, KZ. XXVIII. 463 ff., El. Hüll, The 
Cuchullin Saga. 1*6 ff. Angesichts der gallischen Sitte braucht man nicht mit 
Zimmer, Zs. f. d A. XXXII, 306 in dieser Episode den Einfluss der Vikinger zu 
suchen. Über Blutsbrüderschaft bei aussereuropäischen Völkern z. B Kohler, Zs. 
gl. Rechtsw. V. 434ff. XI, 424. — 269 ff. Gastfreundschaft. Hochberühmt 
war im Mittelalter die Gastfreundlichkeit der heidnischen Preussen. — -304 f. 
Gottesurteil. Die recht interessanten irischen Ordale findet man bequem in den 
irischen Texten von Stokes und Windisch III, 1*3 ff., in den Anmerkungen werden 
namentlich auch kymrische Parallelen beigebracht. - 332 ff. Häring. Scadinavia 
wird auf Grund von ir. scatan, kymr ysgadan 'Häring', ac. sceadd, nc. shad 
' Maifisch ' als 'Häringsinsel' gefasst. Sehr hübsch, nur stimmen die Laute nicht 
recht. \v. scatan und kymr. ysgadan können sich nun und nimmermehr verhalten 
wie cretim und credu 'glauben', denn letztere sind durch späte Zusammenrückung 
zweier Worte entstanden. Ich verfolge diesen Punkt hier nicht weiter. Auffallend, 
ja geradezu unbegreiflich ist Schraders fragender Ansatz * Scodanus für Codanus 
smus. Wie der Name der Stadt Danzig, in ältester Form Gyddanizc beweist, 
ist lür Codanus von einem *Küdan- auszugehen, vgl. Kossinna IF. V-II, 2s 7 ff. 
- 335. Hase. Der Hase spielte auch im Aberglauben der Litauer eine Rolle. 
In der russ. Bypatiuschronik findet sich zum Jahre 1252 die Notiz, dass der nur 
scheinbar zum Ciiristentum bekehrte Litauerfürst Mindog nach der Begegnung mit 
einem Hasen nichts weiteres unternahm (so offenbar zu ergänzen, vgl. Mierz. I. 
L'iH und 151). Die Litauer scheinen einen Gott in Hasengestalt verehrt zu haben. 
336 ff. Haus. Dass die gallischen Häuser floXo : i6eiq waren, also Rundbauten, 
bestätigt die Archäologie. In Frankreich haben das alte Bibracte, sowie das 
einstige gallische oppidum Mareens zahreiche Proben des Rundbaues geliefert, in 
Spanien Citania und Sabroso (Hübner, Rom. Herrschaft in Westeuropa, S. 232 ff.). 
Vgl. auch die runde Hütte mit Strohdach, die die gall. Göttin Nantosvelta (aus 
Saarburg) in der Hand hält (Jb. d. Ges. f. lothr. Gesch. VII, 155 f.). Für Wales 



Bücheranzeigen. 

ist der Rundbau noch im späteren Mittelalter durch Giraldus in seiner Descriptio 
Carabriae I. c. .10 und IT bezeug! (vgl Rhys and l> Brynmor Jones, The Welsh 
People, S. 200), zum irischen Hause vgl O'Gurrj Mannen and Customs L, CCXCVII. 
Bin Seitenstück zu den rechteckigen Häusern der Pfuhlbauer bildel jetzt di< 
Heilbronn te Wohn statte aus neolithischer Zeit, vgl. Schliz, Korrespbl. 1900, 

S. 23 und desselben Abhandlung 'Eine neolithische Wohnstätte bei Heilbroni 
aus Fundber. aus Schwaben VII (1899). Die Verschiedenheit der 11 
ethnisch deuten zu wollen, wäre verfehlt. Gerade die ältesten deutschen Haus- 
urnen scheinen viereckig zn sein, vgl Globus l.\l. 111 - > 4 T II. bamme. 

Die Sitte des Männerkindbelts klingt vielleicht in einem seltsamen Zuge der irischen 
nach Angeblich infolge eines Fluches werden die Ulsterleute periodisch von 
einer unüberwindlichen Schwäche befallen cess nöiden), von der Weiber und 
Kinder verschont bleiben. Vgl. E Hüll, Cuch. Saga, 292 und Sitzungsber - 
Ges. d. Wissensch , phil.-hist. Kl. 1884, 336 ff. Übrigens kann man noch heute 
jemandem anwünschen, er solle so schwach werden, wie ein Weib in Kii 
vgl. Larminie, West-lrish Folktales, S. 101 f. 353 ff. Heirat. Bei den ver- 

schiedensten Völkern der Erde isl der Verkehr des jungvermählten Paares in den 
erstem Jahren gewissen Beschränkungen unterworfen. Mann und Krau dürfen sich 
nicht bei Tage sehen oder sprechen, der Name darf nicht genannt werden u. dgl. 
Auch bei *\vn [ndogermanen sind Spuren derartiger Gebräuche erhalten, [n Sparta 
durfte der junge Ehemann nur heimlich zur Nachtzeit zu seiner Frau schleichen 
(Plutarch Lykurg 1.0). In der altindischen Legende von Pururavas und der A] 
ürvaei (schon im Rigveda, die Prosaerzäblung im Catapathabrähm.) ist das B - 
stehen der Ehe an die Bedingung geknüpft, dass Urv. ihren Mann nicht unbekleidet 
sieht, 'denn dies ist die Sitte der Frauen'. Die Erzählung gehört ja bekanntlich 
in einen grossen Zusammenhang, vgl. z. B. A. Lang, Custom and Myth'. J. Ki 
Melusinensage. - 367 ff. Herd. Die litauische 'Göttin des brennenden Herd»-' 
Polengabia (Matergabial ist jetzt durch Brückner, Archiv f. slav. Phil, XXII. i'Tl 
aus der Well geschafft worden Diese Gabia ist nicht anderes als die russ 
Gapka Gafija, d. i. die heilige Agathe, von der das polnische Sprichwort zu - 
weiss: chleb s"wi<;tyAgaty od ognia strzeze chaty. - 370f. Himmel nden. 

Die Rolle, die der Osten in der Orientierung spielt, hätte vielleicht etwas aus- 
führlicher dargelegt werden können. Für die Brahmanen besteht die Vorschrift, 
beim Essen das Gesicht nach Osten zu wenden Baudh. II. ~. 12. 1. im Ritual tritt 
der Osten sehr stark hervor .Einiges bei I.eist. tue Gentium, 153). Für die Ger- 
manen vgl. Grimm. DRA . MIT. 813, Myth. 28 (Beten nach Osten, doch auch nach 
Norden, E. H. Meyer. Myth.. 187). Bei den [nselkelten bedeutet 'rechts' zugleich 
; südlich". Damit darf man in Verbindung bringen, dass bei den kontinentalen 
Galliern die Toten noch in römischer Zeit mit dem Gesicht nach Osten bestattet 
wurden (vgl. Sablon. Jahrb. d Ges. f. Gesch. Lothr., VII. 195). Übrig* - ist die- 
selbe Orientierung auch sonst bezeugt, z. B. auf dem Glasinac, Korrespbl. XXV 94 
133, in Pommern, Mecklenburg, Posen u. s. w. aus slavischer Zeit Zs. f Ethn. 
Verh. XXX [1898], 8. 95). Gelegentlich mischen sich zwei Orientierungsweisen, 
z. B. nach O. und N., wie bei Buchheim, Amt Messkirch, Baden Hallstattzeit , vgl 
Centralbl. III, 141. Dass Männer in anderer Richtung bestattet wurden als Frauen, 
ist meines Wissens in Europa noch nicht beobachtet worden, doch könnte ein 
solcher Brauch uns nicht überraschen. Er existiert thatsächlich in Afrika, bei den 
Bongo und Niamniam (Schweinfurth, im Herzen Afrikas, i. 332, II 412 ff. 

Katze. Die Hauskatze ist in Indien schon zur Zeit des Atharvaveda bekannt 
gewesen, vgl. Geldner. Ved. Stud. I, 313. - 454 ff. Kopfbedeckung. Die 



m| Wemhold: 

ntümlichen 'Jesuiterhüte' der Situlenkunst hätten wohl mit einem Wort erwähnt 
frerdeo können. ' tl. Körperbeschaffenheit. Bei allen Völkern indo- 

anischer Zunge können wir in historischer Zeit eine Verdrängung des Monden 
(and langschädligen) Typus durch den brünetten (kurzschädligen) konstatieren, 
Problem Bcheint einheitlich, kann aber in Wahrheil nur dadurch der Lösung 
geführt werden, dass die speciellen Verhältnisse jedes einzelnen Landes 
für sieh untersucht werden. Eine der frappantesten Thatsachen ist. wie bekannt, 
das Verschwinden des blonden, blauäugigen Typus bei den Kelten Cd. i. den 
Trägern eines keltischen Idioms). Bei den Bewohnern von Wales steht die Sache 
ja nicht so schlimm, man wird da immer auf die Angabe des Tacitus, Agricola 11. 
zurückgreifen: Silurum colorati vultus. torti plerumque crines et posita contra 
Hispania Qiberos veteres traiecisse easqne sedes occupasse fidem faeiuat Es ist 
keineswegs undenkbar, dass die Siluren (zum Namen vgl. den spanischen Silurus. 
Avien 433, die heutige Sierra de Tejeda, s. Unger, Philologus Suppl. IV, 1882, 
B) wirklich Iberer waren, und dass mit ihnen die sogen. Schwertstäbe aus 
Spanien gekommen sind (M. Äluch. Kupferzeit, 133 ff.). Hier wäre man also sicherer 
i des dunklen Typus habhaft geworden. Aber die grosse Masse der vor- 
keltischen Bewohner Britanniens gehörte einer ganz anderen Menschenart an. 
Tacitus berichtet: rutilae Caledoniam habitantium comae, magni artus Germanicam 
originem adseverant. Diese Bewohner Caledoniens sind natürlich die sogen. Pikten, 
die einst die ganze Insel innehatten und von den Kelten allmählich in den nörd- 
lichen Teil zurückgedrängt worden sind (man vgl. auch die ursprüngliche Aus- 
dehnung des Namens SXß'uuv mit der späteren, Alba — Schottland). Die Pikten 
waren auch die Ureinwohner Irlands (Zimmer. Zs. d. Savigny-Stift. f. Rechtsgeseh. 
Rom. Abt., XV, '214). Die irischen Kelten waren vermutlich von Haus aus wie 
ihre britischen und kontinentalen Verwandten blond und blauäugig, wir erleben 
es hier also, dass aus der Vermischung zweier blonder Rassen eine dunkle her- 
vorgeht. Immer wieder kommt hier der Laie auf die Vermutung, dass es eine 
spontane Änderung des Typus giebt. dass dieser eben nicht konstant ist. Erwähnt 
sei noch, dass in der mittelirischen Sage das Haar besonders von schönen Frauen 
buide 'blond' genannt wird, so bei Etain, Emer. Derdriu. Cuchulinn wird im all- 
gemeinen schwarz gedacht, doch giebt es auch ganz abweichende Schilderungen 
von ihm. 

Ich schliesse mit dem Wunsche, dass das Buch Schraders recht viele Benutzer 
finden möge. Niemand wird es aus der Hand legen, ohne reiche Belehrung 
empfangen zu haben. E. Zupitza. 



Archiv für Religionswissenschaft, herausgeg. von Prof. Dr. Th. Achelis. 
Dritter Land. Heft :i. 1. Tübingen, Freiburg i. B., und Leipzig. .!. ( '. 
L. Mohr (P. Siebeck . L900. 

Dil beiden ersten Hefte des '6. Bandes des Archivs sind in unserer Zeitschr. X, 
348 f. angezeigt worden Aus dem Inhalt von Heft 3. i hoben wir hervor: Die 
Allgemeine Einleitung in die .Mythologie aus dem Nachlasse des würdigen H. 
Stemthal von R. M. Meyer herausgegeben. Prof. Meyer macht mit Recht darauf 
aufmerksam, dass in dieser fragmentarischen Studie ein letzter klassischer Aus- 
druck der philosophisch-vergleichenden Schule in der wissenschaftlichen Mythologie 
vorliege und dass sie schon deshalb historischen Wert habe. — Unter dem Titel 
Buchreligion und Schriftauslegung erörtert Prof. H. Holtzmann in Strassbur«- das 



Bücheranzeigen. 

wechselnde Verhältnis der Schriftansiegang zu der heiligen Litteratur der Vorzeit, 
insbesondere zn den heiligen Büchern des späteren Judentums und des Urchristen- 
tums. — Prof. R. .Müller behandelt auf Grand neuer buddhistischer and tibe- 
tanischer Quellen die von ihm schon einmal berührt - on Uppalavanpä im 
Zusammenhange mit dem ganzen Material, zu dem die Albanus- und Gregorius- 
legende gehören. Von tl^-i kleineren Beiträgen seien die umfänglicheren genannt: 
II. Schukowitz, Über die Rosengärten, d. i. alte Friedhöfe wie er fälschlich zu 
meinen scheint nur der kleinen Kinder : auch sonsl ist manches anfechtbar, da« 
er hier schreibt. Dasselbe muss ich über die Mythologischen Studien im Gebiete 
des Baidermythus von Fr. Losch arteilen, die an desselben Verfassers Buch: 

Halder und der weisse Hirseh (Stuttgart 1892) sich anlehnen, das bei manchem 
Anzuerkennenden doch unmethodisch und ohne Beherrschung dvs Stoffes geschrieben 
ist. Jetzt zieht Herr Losch auch das Spiel mannsgedichi von König Oswalt zu dem 
Baiderkreise, wegen des Hirsches und der Quellener weckung! K. Weinhold. 



Kleinere Schriften von Reinhold Köhler. H. Band. Kleinere Schriften 
zur erzählenden Dichtung des Mittelalters. Herausgegeben von 
Johannes Holte. .Mit einem Bildnis Köhlers und zwei Abbildungen. 
Berlin. E. Felber, L900. S. XII. 700. 8°. III. Band. Kleinere 

Schriften zur neueren Literaturgeschichte. Volkskunde und 
Wortforschung. Herausgegeben von Johannes Holte. Mit drei 
Abbildungen. Heidin. E. Felber, 1900. S. KV. 659. 8°. 

Dem ersten Bande der Kleineren Schriften von Reinbold Köhler, den wir in 
unsrer Zeitschrift IX. L02 anzeigten, sind verhältnismässig rasch der zweite and 
dritte gefolgt, mit denen die Sammlung schliesst. Es braucht nur an die hervor- 
ragende, oder lieber einzige Stellung im Gebiete der Stoffkunde aller erzählenden 
Dichtung erinnert zu werden, die It. Köhler erreicht hatte, an seine umfassende 
Kenntnis alles volkstümlichen Lehens, um die grosse Bedeutung dieser Sammlung 
der zerstreuten kleinen Aufsätze des Weimarschen Doktor Ulwissend zu bezeichnen. 
Dazu kommt, dass .Johannes Holte der Herausgeber ist. der dem Verstorbenen 
sehr erfolgreich nacheifert und der ausser der sorgsamen Behandlung der Köblerechen 
Drucke und Handschriften Ergänzungen aus offener Hand spendete. So besitzen 
wir in diesen drei Bänden ein unentbehrliches Hand- und Nachschlageöuch für 
alle oben bezeichnete Forschungsgebiete, das Köhlers Andenken Behr lange erhalten 
und dem trefflichen Sammler und Herausgeber viel Dank verdienen wird. 

In dem zweiten Hände bilden den Gegenstand der Köhlerschen Forschungen 
meist ..einzelne Erzählungsstoffe, Motive, poetische Formeln, denen ei durch alle 
Länder und Jahrhunderte nachspürt, am sie miteinander zu vergleichen". 

Der dritte Hand zerfallt in vier Abteilungen: 1. Zur neueren Litteraturgeschichte, 
2. Zur Volksdichtung (Lied. Spruch. Rätsel, Sprichwort . 3. Zum Aberglauben and 
Volksbrauch, 4. Zur Wortforschung. Hier vor allem tritt die weilumfassende Be- 
lesenheit und Sachkunde R. Köhlers hervor, seine fiberall einsetzende Forschung 
im einzelnen, zugleich seine strenge Sachlichkeit Wenn di nmlung im 

übrigen nur bereits Gedrucktes, alter Ergänztes und Nachgeprüftes bietet, so ent- 
halt der dritte Band auch bisher Ungedrucktes (No. 25. 29. 59. 63). Das un- 
qualifizierbare Verhalten des Prof. Dr. Anton Herrmann in Budapest, der 1892 vor 



Holt, : 

Köhlers Schwestern ein Manuskript entlehnte und es hartnäckig zurückbehält, hat 
den Abdruck dieser Reliquie hier unmöglich gemacht 

Erinnert sei zum Schiusa an die durch .) Bolte und ESrich Schmidt aus dem 
Nachhisse herausgegebenen Aufsätze K. Köhlers Über Märchen und Volks- 
lieder Berlin, Weidmannsche Buchhandlung, 1894, vgl. nnsre Zeitschrift IV, 1)8), 
die mit den Kleineren Schriften innerlich zusammenhangen. K. Weinhold. 



Friedrich Vogt, Die Schlesischen Weihnachtspiele. .Mir Buch- 
schmuck von W. \\ islicenus, sowie -I Gruppenbildern der Batzdorfer 
Weihnachtspiele. Leipzig, 15. G. Teubner, 1901. S. XVI. 500. 8°. 
.Mit •_' Tafeln. (Schlesiens volkstümliche Überlieferungen, Sammlungen 
und Studien der Schlesischen Gesellschaft für Volkskunde, heraus- 
a geben von Friedrich Vogt, Band 1.) 

In reicher geschmackvoller Ausstattung tritt die erste grössere Veröffentlichung 

der vor sechs Jahren begründeten schlesischen Gesellschaft für Volkskunde am 
Jahrhundertendc vor i\vn Kreis der Freunde deutschen Volkstums. Dass wir von 
Vogt eine wohldurchdachte, sorgsame Arbeit erhalten würden, stand zu erwarten. 
Er hat sich jedoch keineswegs auf eine saubere Edition der zahlreichen, durch die 
Mitglieder der Gesellschaft zusammengebrachten Texte beschränkt, sondern zugleich 
eine Rekonstruktion und Entwicklungsgeschichte geliefert, die wir geradezu als 
musterhaft bezeichnen dürfen. Hatte K. Weinhold 1853 in seinem grundlegenden 
_ Weihnacht-Spiele und -Lieder in Süddeutschland und Schlesien'- von dem 
germanischen Feste der Wintersonnenwende ausgehend die Weihnachtsfeier der 
christlichen Kirche des Mittelalters geschildert, um dann unter Einflechtung zahl- 
reicher unedierter Texte die volksmässigen Weihnachtspiele des 16. — 19. Jahrb. 
durchzugehen und auch die Entwicklung des Weihnachtsliedes zu skizzieren, so 
disponiert Vogt sein Buch nach den drei Klassen der 'schlesischen Weihnacht- 
spiele: 1. Adventspiele. 2. Spiele von Christi Geburt und o. Herodesdramen und 
Sternsingerspiele. Von diesen drei Arten wird nur die erste und dritte auch für 
sieh allein aufgeführt, die Geburt Christi aber stets entweder mit dem Advents- 
besuche des Christkindes oder mit dem Dreikönigspiele vereinigt. Wahrend die 
beiden letzten Stücke naturgemäss auf die Erzählung der Evangelien zurückgehen, 
ans in den Adventspielen ein Stück germanischen Heidentums in christlicher 
Vermummung vor. Hier tritt ein bekränztes und verschleiertes Mädchen, welches 
bristkind vorstellt, in die Häuser, um nach dem Fleisse und der Frömmigkeit 
der Kinder. zu fragen, wobei ihm seine Begleiter, die Engel Gabriel und Immanuel, 
Petrus und Ruprecht (auch Duprick oder Josef geheissen), Auskunft erteilen, und 
die guten Kinder mit Gaben aus seinem goldenen Wagen belohnen. Klar zeigt 
nachdem er die verschiedenen Fassungen der schlesischen und der übrigen 
deutsehen Adventspiele besprochen, dass diese nicht aus den von gelehrten Schul- 
männern in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts bearbeiteten Adventspielen 
in- Altenburg, Görlitz. Nürnberg, Zittau u. s. w.) erwachsen sein können, sondern 
nach Form und Charakter ins 16. Jahrhundert zurückreichen. Dies Kinderexamen 
durch den heiligen Christ aber ist wiederum eine protestantische Umgestaltung der 
mittelalterlichen Nikolausspiele, in denen der Schutzpatron der Schüler an seinem 
Gedenktage durch Umzüge und Dramatisierung der auf ihn bezüglichen Legenden 
gefeiert wurde. Neben der Gestalt des kinderfreundlichen Bischofs Nikolaus lebt 



Bücberani 97 

nun in den Volksspielen von Christkinde^ Einkehr auch die Erinnerung an « i ■ « - 
Erscheinung einer heidnischen Schicksalsgöttin, die in Südd< atschland Frau Ben 
in Mitteldeutschland Krau Bulda oder Holle heisst, und die Sitte der Um I 
mummter Gesellen zur Weihnachtszeil (Perchtenlaufen fort An jene mahnt noch 
die w< deierte Krau der Adventspiele and ihr goldener Wagen; der N > 

ihres zottigen Begleiters Ruprecht wird nicht mit Grimm als Hruodpei hl Ruhm- 
glänzender, == Wuotan), sondern als Rühpert, der rauhe Bercht entsprechend dem 
nd. Rükläs = rauher Nikolaus gedeutet. — In den Kapiteln, welche den Bchlesischen 
Christigeburt- und Berodesdramen g sind, geht Vogl die älteren I 

beitungen dieser Stolle durch und zeigt, wie in den eingelegten Liedern und ein- 
zelnen Zügen die mittelalterliche Tradition und das Vorbild des Hans Bachs und 
anderer Dramatiker seiner Zeit sich bis auf den beutigen Tau lebendig 
Aus Cochems Leben Jesu von 1680 stammt, wie Bchon Ammann erkannte, die 
Scene des Prozesses wider den gefallenen Menschen und das Gesprüch /wischen 
dem Pilger und dem getreuen Hirten. Auch in diesen Abschnitten i-t die Unter- 
suchung mit Vermeidung alles überflüssigen Ballastes knapp und tasslich geführt. 

Unter den in die Abhandlung eingestreuten Texten sind neben verschiei 
Adventspielen und Sternsingerliedern das Batzd orfer Weihnachtspiel (S. 247), ein 
in neun Varianten vorhandenes Sternsingerspiel S. 317). ein Schmiedeberger Drei- 
königsspiel s 33:2) und drei Berodesdramen aus Breslau, von der Beuscheuer 
und aus Friedersdorf (S. 340) hervorzuheben. Wo die Melodien der Liedereinl 
zu erlangen waren, sind sie jedesmal mitgeteilt. Die Darsteller des Batzdorfei 
Weihnachtspieles werden uns nach photographischen Aufnahmen vorgeführt. 
interessant ist der S. 33ü geführte Nachweis, das- ein Batzdorfer Dreikönigslied 
wörtlich aus einem tschechischen Liede übersetzt ist. das seinerseits freilich wieder 
auf ein deutsches Original zurückgeht. Da aber Vogt die Volksüberliefern 
nicht bloss für die Wissenschaft, sondern auch für das Leben nutzbar machen 
wollte, hat er drei Stücke beigegeben, die er für Aufrührungen bearbeitet und 
1899 selber in Breslau zur Aufführung gebracht hat: 1. ein aus dvn verschiedenen 
Riesengebirgsfassungen zusammengestelltes Adventspiel (S. 122), 2. ein schon durch 
Yolkmer bekannt gemachtes Glatzer (Lichtenwalder) Christkindelspiel (S. 257 . 
3. einen Glatzer Herodes, den schon Pfarrer Scholz aus den Friedersdorfer und 
Reinerzkroner Aufzeichnungen mosaikartig gewonnen hatte (S. I- S rgfäll 
merkungen legen über die benutzten Vorlagen im ein/einen Rechenschaft ab. 

Berlin. Johannes Bolte. 



Max Herrmauii, Jahrmarktsfest zu Plundersweilern. Entsteho 
und Bühnengeschichte. Nebsl einer kritischen Ausgabe des Spiele 
und angedruckten Versen Goethes, sowie Bildern und Notenbeilagen. 
Berlin. Weidmannsche Buchhandlung, 1900. 292 8. 8°. 

Die vortreffliche und methodisch sehr interessante Untersuchung Berrmanns 
hat insofern noch besondere Bedeutung, als sie an einem glücklichen Einzelfall 
die nahen Berührungen von Volkskunde und Literaturgeschichte an den Tag legt. 
Wohl geht sie in erster Linie literarhistorischen Problemen nach, indem sie 
Goethes geniales Scherzspiel in dem ganzen Verlauf seines litterarischen Lebens 
verfolgt, von dem ersten Auftauchen der Konzeption bis zu den letzten Ausl 
seines theatralischen Nachlebens. Weil aber das „Jahrmarktsfest« derjenigen Periode 

Zeitschr d. Verein* f. Volkskunde. 1901. 



Meyer: 

a Leben angehört, in dei er zu «Irr volkstümlichen Dichtung die engsten 
hangen unterhielt, so führt Herrmanna eingehendes Quellenstudium ohne 
n interessante Gebiete der Volkskunde ein. Das wirkliche Jahrmarkts- 
ine volkstümliche Schaustellung, die stets auf die erregte Teilnahme 
reise rechnen kann. Daraus geht dann bald eine Übersetzung dieses 
bunten Treibens aus dem Markt auf die Bühne hervor: die Gebildeten sollen — 
bei Goethe der Anschauung dieses Volkslebens teilhaftig werden, ohne 

sieb selbst mitdrängen und Btossen lassen zu müssen. Mit glücklichem Eifer hat 
rierrmann Bühnenspiule zu diesem Typus aus verschiedenen Litteraturen gesammelt. 
Und ferner: einzelne Gestalten aus dem Jahrmarktstreiben werden gewissermaseen 
von der Strasse in die Stube beraufgerufen. Die mannigfaltigen „Ausrufe" werden 
in einer besonderen Litteratur gesammelt: die stehenden Ankündigungsrufe von 
Milchmädchen und Kohlenmann — wieder ein von Goethe benutzter volkstümlicher 
Typus Endlich lebt aber schon inmitten des Jahrmarktstreibens selbst ein drama- 
tischer Ansatz: der Guckkastenmann führt gleichsam Ausstattungsstücke, der 
Schattenspiel mann Pantomimen in kleinem Massstabe vor, während neben ihnen 
das Affentheater die eigentliche Bühne verkleinert wiederholt. (Ein hübsches 
Dichterspiel der verdienten Frau Elise Mcntzel hat kürzlieh den jungen Goethe in 
der Mitte dieser volkstümlichen Marktscenen dargestellt.) So entwickeln sich auch, 
zwischen -Volk" und „Gebildeten" schwebend, Volkslieder, die an das Jahrmarkts- 
treiben symbolisch oder realistisch anknüpfen und ganz direkt auf den Dichter 
von Plundersweilern gewirkt haben. Eine ganze neue Welt von volkstümlicher 
Halbkunst wird in Herrmanns Buch uns wie in den kleinen, aber deutlich um- 
rissenen Bildern des Guckkastenmanns sichtbar, und ein vortreffliches Register ge- 
stattet uns obendrein, die sonst schnell verschwindenden Schattenrisse festzuhalten 
and wieder aufzufinden. Auch geschickt ausgewählte Bilder verdeutlichen, was 
Goethe vorfand; scheinen doch auch die typischen Darstellungen der bildenden 
Kunst auf die Figuren seines Jahrmarktsfestes gewirkt zu haben. So erhalten 
auch die Freunde der Volkskunde reiche Belehrung aus diesem wichtigen Beitrag 
zur „Goethe-Philologie", dem nicht unverdient das Glück zu teil ward, noch un- 
gedruckte Couplets von Goethe bringen zu dürfen! 

Berlin. Richard M. Meyer. 



Oskar Kallas, Achtzig Märchen der Ljutziner Esten, gesammelt. (Ver- 
handlungen der Gelehrten Estnischen Gesellschaft. 20. Bd., 2. Heft.) 
Jurjew (Dorpat), Schnakenburg 1900. (Leipzig, K. F. Koehler). 
s. 83—405. 8°. 

Im russischen Gouvernement Witebsk nahe bei der Stadt Ljutzin leben mitten 
in die lettische Bevölkerung eingesprengt einige Tausend katholischer Esten, deren 

essante Kultur. Bräuche, Lieder, Rätsel und Märchen 0. Kallas 1893 im Auf- 
trage der finnischen Litteraturgesell Schaft genauer erforscht hat. Nach ihren eigenen 
Überlieferungen sind ihre Vorväter „vor 4 — <> Geschlechtern" aus dem „Lande der 
Schweden" infolge der Drangsale der Leibeigenschaft und des Krieges nach Polen 
ausgewandert, ein Ereignis, das in der zweiten Bälfte des 17. Jahrh. stattgefunden 
haben muss, da Livland 1710 russisch wurde. Ihr lutherisches Bekenntnis haben 
sie in der Fremde mit dem katholischen vertauscht; auch ist ihnen das Bewusst- 
sein, dass es ausser ihnen noch andere estnisch redende Stammesgenossen gebe, 
abhanden gekommen. Mit Staunen und Freude wurden daher die estnischen 



Bücherai 99 

Zeitungen und das Neue Testament in da« ihnen K 

nommen. 

Die Überlieferungen dieser lange isolierten Gemeinden mil denen dei 
nischen Heimat zu vergleichen, bal natürlich 1 deree 

Interesse. Denn wenn die Ljutziner Esti n auch manche Lieder und M 
ihren lettischen und russischen Nachbarn übernommen haben, bo darf man doch 
als ziemlich sicher annehmen, dass was mit der Volksdichtui s 

übrigen Esten übereinstimmt, schon vor mehr als 2UO Jahren von den Auswandrern 
bracht wurde; di'nn als auch hier dii I jede 

Verbindung mit dem Mutterlande auf. In der vorliegenden Arbeil [riebt nun 
Kallas ausser einer gut orientierenden ethnographischen Einleitung die 80 Märchen, 
die er aufzeichnen konnte, im Originaltext S. und in einer Verdeutschung 

;S. 115 202), die bei L 2 Stücken vollständig ist, bei den übrigen aber ßich auf 
eine kürzende Inhal tswiederg rankt. Wenn auch vergleichende Anmerk 

fehlen, so zeugt doch die Zusammenordnung der verwandten Nummern von der 
Umsicht und Sorgfalt des Herausgebers. Neben vielen in ganz Europa und weiterhin 
verbreiteten Märchen- und Schwanktypen finden wir auch eigentümliche Stücke, 
wie 21. 25. 43 — 19. 52. 55: gut erzählt sind besonders die Fuchsmärchen. 

Zur ersten Orientierung über die wertvolle Sammlung, die wir hiermit allen 
Märchen forschem bestens empfehlen, mögen noch einige Verweise auf bekanntere 
Parallelen folgen: Xo. 1 'Der Schützli Steinkönigs': vgl. zum Anfange Grimm, 

KHM. Xo. 136 Eisenhans), zu den ausgeschnittenen Drachenzungen Köhler, Kleinere 
Schriften 1, 399. 430. No. 2 6 'Domka und Adamka': vgl. Grimm No. 60 'Die 
zwei Brüder'. — No. 7 -Der entflohene Königssohu': Köhler 1. 388 und 330. 
Xu. 9 'Erbsenheld, Eicbenbieger und Bergewalzer': Köhler 1. 437. 543. No. 11 

•daun der Königssohn': Köhler l, 418. 553 (Tierschwä^ No. 12 'Jaan der 

Königssohn': Köhler 1, 161 (vergessene Braut); der Eingang kehrt in No. 34 ander. 

— Xo. 13 -14 'Der Retter der Königstochter': Köhler l, 145. 432 Traum von 
künftiger Erhöhung und 330 (Grindkopf). — Xo. lö 17 'Die klugen Brüder und 
der einfältige Bruder': Köhler 1. 55. 551. — Xo. 18 'Die klugen Brüder und der 
einfältige Bruder': Köhler 1, 539; zum Eingange Gonzenbach, Sicilianische Märchen 
No. 64. Xo. 19—20 -Der in eine Sehlange verwandelte Mann': Köhler ! 

zur Aufgabe 'nicht nackt, nicht bedeckt' ebenda 1, -117. — Xo. 22 23 'Die K gin 

und ihre zwölf Söhne': Gonzenbach Xo. ö (Gespräch der Schwestern ui 
verleumdete Frau); zum Schlüsse S. 148, Gonzenbach Xu. 25 und Köhli 

— Xo. ^4 -Die kämpfenden Brüder': Grimm No. 25 'Die si ben Rabei . eigen- 
tümlich umgestaltet. — No. 2ü 'Der Däumling': Grimm Der 
Mann und der Wind': Grimm Xo. 36 (Tischleindeckdich a s. w. . — No. 2 
•Gottes Sinn, des Hechtes Zunge': Köhler 1. 405. onto No. 30 31 
•Bruder. Schwester, des Bruders Knechte': Köhler 1,304 (treulose Schwester, treue 
Hunde). — No. 32— 33 'Der Wunderring': Köhler 1,440. Xo. ■ Schwarzen 
Lehrling': Grimm Xo. 68. Köhler 1. 138. ' 'Der Bettelknabe bekommt 
des Kaufmanns Habe': Köhler 1'. 357. 679. No. 37 'Der Aschenkönig': Köhler 
1, 556 (der gestiefelte Kater). - No. 38 'Die VVirtstochter und da imädchcn 
heizen die Badestube': Staufe Xo. 48 in dieser Zeitschrifl No. 39 'Die 
Wirtstochter und das Waisenmädchen in der Unterwelt': Grimm Xo. 24 Frau 
Holle). — Xo. 40—42 -Der Bösen Tochter und die Waise': eine Verbind _ 
Märchen von Aschenputtel und der vertauschten Braut, s. Köhler I 1 der 
Wunderkuh und dem aus ihren Eingeweiden entsprossenen Apfelbaume s. Montanus, 
Schwankbücher 1899, S. 592. — No. 50 Die ermordete Schwester": Köhler. Auf- 



|IH> 



Wi-inliold: 



slieder 1894, S. T'> die Ballade von der sprechenden Harfe). — No. 56 
Bruder und der arme Bruder': a) Köhler, Aufsätze S. 99; b) Köhler. 
Kl Schriften 1,409. - N • 58 'Der Sohn tötet den Vater': zum Biegen der jungen 
Birke *gl. Köhler 3, 42 No. 59 'Ein Mann sucht des Lebens Ungemach': Bolte- 
Seelmann, VI. Schauspiele L895, S. 42. Montanus S. 626. 658 (Buhler als Teufel 
Poren). — No. 60 "Der schlechte Sohn': Pauli. Schimpf und Ernst No. 326 
[Geld im Brote). — No.61 'Der gute Sohn' (tötet bei Hungersnot den Vater nicht): 
Köhli ; — No. 62 'Hans der Dieb': verschiedene Streiche aus den Märchen 

vom Meisterdieb Köhler 1. 210. 307. 415. 447) und dem Volksbuch Salomon und 
Marl.oir \. d. Hauen. Narrenbuch 1811, S. 249. 264. 506). — No. 63 'Das einfältige 
Weib': Frey, Gartengesellschaft No. 1. Köhler 1,71.341. — No. 64 'Gott und der 
Grimm No. 198 und diese Zeitschrift 8, 21. — No. 6? 'Des Weibes List': 
Bolte, Ztschr. f. vgl. Littgesch. 7. 456 No. 4. 11,70 (Teufel kastriert). — No. 70 
■i),! Gehörnte und der Bär': Köhler 1, 72 (Schrate! und Wasserbär). — No. .2 
'Der Fuchs als Gänsehirt': Köhler 1, 106. — No. 73 'Des Fuchses Stücklein': 
Köhler I, 71. 107. 197. 

Berlin. Johannes Bolte. 



Osterlaudsagen. Sagen. Bilder und Geschichten aus dem Altenburger 
Ostkreise. Herausgegeben von Prof. Dr. M. Geyer. Altenburg. A. 
Tittels Verlag, 1901. S. XVI. 211. 8°. 

Das Landgebiet, dem die Sagen und Geschichten dieses Buches angehören, 
ist der Ostkreis des Herzogtums Sachsen- Alten bürg oder die Altenburger Pflege 
mit der Hauptstadt. Mythische Sagen sind nur zum kleineren Teil hier gegeben, 
überwiegend sind es geschichtliche Überlieferungen, die dann auch meist schrift- 
lichen Quellen entnommen sind, so den Kollektaneen des Monstaber Pfarrer Tauch- 
witz (f 1633), den Nachrichten und dem Tagebuch des P. M. Sagittarius (1660 — 70), 
der Kirchengalerie des Hofprediger Sachse (Dresden 1841 f.) u. a. Der Herausgeber 
hat den einzelnen Stücken erläuternde Anmerkungen beigegeben. Wir glauben 
gern, dass die Altenburger in dem Büchlein, das die Geschichten einfach und 
schlicht wiedergiebt, gern lesen werden. Für mythologische Forschung bietet es 
wenig:. K- ^ • 



Paul Sebillot, Contes des Landes et des Greves (le I. vol. de la biblio- 
theque du glaneur breton). Rennes, Hyac. Cailliere. 1900. S. XL 306. 8°. 
Les coquillages de Mer. Paris, J. Maisonneuve, 1900. S.V. 
109. kl. 8°. 

Das erste dieser beiden neuen Bücher des unermüdlichen Herrn P. Sebillot 
bringt Geschichten aus dem französisch sprechenden Teil der Cötes-du-Nord und 
aus der Ille-et-Vilaine. Alle sind nach 1882 gesammelt, und daher ist keine in 
den drei Bünden der Contes populaires de la Haute-Bretagne gedruckt, wohl aber 
wurden die meisten in einer ganzen Anzahl von Zeitschriften hier und da verstreut 
veröffentlicht. Aus der Ille-et-Vilaine wurden nur 10 der 41 Erzählungen gewählt, 
weil die dort erzählten Geschichten weniger eigentümlich und originell sind als 
die der Cötes-du-Nord. Die interessantesten sind die Sagen von den Höhlen an 
der Meeresküste, die in der Bai von Saint-Malo und der von Saint-Brieuc sich 



Bficheranseig KM 

finden. Hingewiesen sei auf nur Variante der weil verbreiteten Polyphein 
(No. 20, le geant qui n'avait qu'un oeil S. I98f. . dann No. 30 die Geschichte vom 
Gevatter Tod (le compere la Blort, wo also der Tod nicht weiblichen Geschlechts 
ist. wie sonst im französischen, sondern männlichen, gleich dem niederbretonischen 
Anku : No. 31 la Morl el le bonhomme, eine Variante des Schmidts von Jütei 
Nu. 28 l'homme qui vendit sa peau an diable, wo der Teufel durch den pri< 
liehen Sohn des dem Teufel verschriebenen nm Beine Beute geprellt wird. - Den 
Schluss machen zehn komische Geschichten, ziemlich /ahme, da P. Sebillot die 
bedenklichen hier ausschloss. Die Basse-Bretagne kennt sie nicht, wohl aber die 
Haute-Bretagne und noch mehr die 111 e-et-V ilaine. Auch anter jenen zehn 
wir mehr oder minder verbreiteten Motiven. 

Les coquillages de Bier sind der Beginn einer Reihe volkskundlicher 
Monographien, die unter dem Titel Melanges traditionnistes von dvn Herren P. 
Sebillot und Julien Vinson in Aussicht stehen. In dem vorliegenden Büchlein 
werden im 1. Abschnitt die lebenden Schaltiere nach Namen. Sprichwörtern, Rätseln, 
Sagen und Aberglauben medizinischer Verwendung behandelt Im 2. Kapitel er- 
scheinen die Muscheln und Gehäuse nach gleichen Richtungen. Es ist die er- 

irte Passung eines in der Revue d'Ethnographie 1886 erschienenen Artikels 

K. W. 



Tales of Tennalirama (The famous court jester of Southern [ndia). 

Madras 1900. S. VI. 16. 8°. 

Pandit S. M Natesa Sastri, ein südindischer Gelehrte!-, der weiteren Kreisen 
bisher wohl nur durch seine Veröffentlichungen im [ndian Antiquary bekannt 

■ n ist. hat im vergangenen .Iahte eine Sammlung von 17. bezw. 16 Eulen- 
spiegelstreichen unter dem Titel „Tales ol Tennalirama- herausgegeben, die für 
die Folkloristen immerhin von Interesse ist. zumal ja derartige Anekdoten gerade 
in Indien nicht allzu häufig zu einem Ganzen vereinig! n, so beliebt Witz 

und allerlei Schwanke sonst auch in Indien stets gewesen sind. Im ECatbäsarite 
wiire auf Buch 61 zu verweisen: hrner muss hier der Sukasaptati gedacht weiden. 
wenn auch die hier beliebten Scherze, dem Grundgedanken des Buches entsprechend, 
sehr eintönig sind. Der Held ist der Hofnarr eines Königs Rrsnadeva Räya, der 

las XVI. Jahrhundert gehört; seine Streiche sind noch heute m Südindien 
wohlbekannt, und seine Witze gehen dort jetzt noch von .Mund zu Mund. Nach 
unserem Geschmacke smd die mitgeteilten Schwanke freilieb recht albern - der 
Übersetzer macht in der Vorrede selbst darauf aufmerksam aber sie Bollen 

auch gar nicht etwa ästhetisches Wohlgefallen erwecken, sondern vielmehr dem 
Folkloristen bei seinen Untersuchungen willkommene I en bieten und neue 

chtspunkte eröffnen; ausserdem gewährt uns das Buch «'inen tiefen Einblick in 
das Treiben an indischen Königshöfen. Der beschränkte, despotische und launen- 
hafte Herrscher: der lüsterne Hauspriester; die geldgierigen Brahmanen; die Hol- 
dichter und -gelehrten, die so häufig in Angst und Sorge sind, es könnte ihnen 
durch einen fremden Nebenbuhler ihre einträgliche Pfründe mit I treitig 

gemacht werden - das alles sind Typen, die für die indische Welt so charakte- 
ristisch sind: sie begegnen uns in der L.ttcratur auf Schritt und Tritt, z. B. auch 
im Bhojaprabandha, und sind für den Kulturhistoriker über allen Zweifel sicher 
bezeugt. Auf dem Gebiete der vergleichenden Märchenkunde wird der Kenner 
gewiss auch manchen alten Bekannten wiedererkennen: und was den Finger- und 
Zeichensprachen-Scherz S. 37 anlangt, so wäre dazu etwa nachzulesen, was Vat 



](>•_> Bolte: 

na im Kämasütra S. 33 und Yasodbara S. 39 darüber bemerkt; übrigens er- 
innert die Stelle auf das lebhafteste an ein Kapitel im Rabelais! Prof. Zachariäe 
oich auf Köhler, Kleine Schriften, [, 513 und II. 179 ff. - Als Probe 
7: „When the mother of the Räyar (das ist der König) was about to 

jhe wanted a mango fruit to eat: bat before it was brought she expired. The 
Räyar was yery sorrj that he was not able to fnlfil the last wishes of his mother, 
and Bending for some Brähmans he said to them: — „My mother set her heart 
on a mango fruit, but died before it was given her. By what means can I appease 
her soul?" To this theyreplied: — „If you make mango fruits of gold and present 
them as gifts to Brähmans on the occasion of the annual ceremony of yonr mother 
her soul will be paeified." The Räyar believed it and made the gifts aecordingly. 
Next day Tennäliräma invited to his bouse all those Brähmans who had reeeived 
Bach gifts saying that the annual ceremony of his mother was taking place in his 
house. There he heated the handle of an iron ladle and cauterized each guest in 
two places. They all went away weeping and reported the matter to the Räyar. 
The Räyar sent for Tennäliräma and said. ..Why did you do this outrageous aet?" 
Be said: „My mother in her last moments was suffering from convulsions in her 
band and feet. Cauterizing was recommended. But before the hot handle of the 
iron ladle could be brought she expired. To appease her soul, I acted in this 
manner.'* On hearing this explanation the Räyar laughed long and loud. u — Auf 
v . 37 sind die Anmerkungen zu streichen. Zu beziehen ist das Buch durch Otto 
Harrassowitz, Leipzig. 

Halle a. d. S. Richard Schmidt. 



HLoftniaim von Fallersleben, Unsere volkstümlichen Lieder. Vierte Auf läge, 
herausgegeben und neu bearbeitet von Karl Hermann Prahl. Leipzig. 
W. Bngelmann, 1900. S. Till. 349. 8°. 

Mehr als dreissig Jahre sind seit dem Erscheinen der 3. Auflage von Hoff man r.s 
trefflichem Verzeichnis volkstümlicher Lieder verstrichen, und die Liederforschung 
hat seitdem nicht gerastet, sondern manchen Schritt vorwärts gethan. Von vielen 
namenlos umlaufenden Texten und Weisen ist durch tüchtige Gelehrte, wie Max 
Friedländer, John Meier, Arthur Kopp u. a., Urheber und Entstehungszeit aufgedeckt 
und sicher gestellt worden. Insbesondere hat Meier für eine grosse Anzahl von 
m. die von Volksliedersammlern aus dem Munde des Volkes aufgezeichnet 
und als dessen Erzeugnisse betrachtet worden waren, die Herkunft aus dem Kreise 
der Kunstdichter erwiesen und darauf seine Theorie gegründet, dass zwischen 
Kunstlied und Volkslied überhaupt kein organischer Unterschied bestehe, sondern 
das Wesen des letzteren im Anempfmden und Zurechtstutzen des zuvor von einem 
Einzelnen Geschaffenen liege. Durch solche Einzelarbeiten ermutigt, hat sich Prahl 
entschlossen, ihren Ertrag in einer umgestalteten Ausgabe des Hoffmannschen 
Werkes zusammenzufassen, und wir dürfen uns dessen freuen. 

Mit anerkennenswertem Fleisse hat er nicht allein die gedruckte Litteratur 
studiert, sondern auch den hsl. Nachlass Hermann K estners und Hoffmanns von 
Fallersleben verwertet und ist auf ihren Pfaden selbständig weiter geschritten. 
Ausgeschieden hat er Hoffmanns einleitende Charakteristik neuerer Sammlungen 
und eine Reihe von Liedern, die heut nicht mehr als Volkslieder zu betrachten 
sind, dafür aber so viele neue Lieder eingesetzt, dass ihre Zahl bis auf 1350 Nummern 
(einige nachträgliche Einschaltungen ungerechnet) angewachsen ist. Eine praktische 



Bücheranzi igen. H >."> 

Neuerung ist ferner die Vereinigung der biographi ■ ichrichten über Dichtei 

and Komponisten mit dem Namensverzeichi lern der Vorrede angehii 

chronologisch«' Liederregister ist an den Schiusa pesteilt. 

Leider wird unser Wohlgefallen an dem stattlichen und im ganzen recht zu- 
verlässigen Werke, das weiteren Bestrebungen auf diesem Gebiete als willkoran 
Grundlage dienen wird, einigermassen getrübt durch da I tändnis des Verf.s, 

er nicht Musiker sei und daher die Melodiennachweise aus zweiter Hand 
schöpfen müsse. So sind in der That manche Kompositionen libergangen, die 
angeführt werden mussten; Georg Försters Frische Liedlein sollen 1665 ged 
sein: Lindpaintner heisst konsequent Lindpaitner, Carl Loewe, dw überhaupt 
stiefmütterlich behandelt wird, erscheint stets als Karl Löwe, Chr. Kalkbrennei 
als Kaltbrenner, T. H. Baylj als Bagly u. s. w. Manche [nkonsequen: 

ferner die Datierung der Lieder. No. 751 'Jetzund kömpt die Nacht herbey', 
eine Dichtung des L639 verstorbenen Opitz, führt die Dberschrift -vor 164F 
während sie doch schon in Opitz' Teutschen Poemata 1624, S. 92, gedruckl 
Über die Geschichte dieses Stückes vgl. Holte. Zs. f. dtsch. Phil 25,34; Serapeum 
1870, 154; Bäumker, Das kathol. deutsche Kirchenlied 2, 254 und Musica 
1896, No. 24; eine schwedische Übersetzung von Joh. Paulini bei Banselli, Samlade 
Vitterhetsarbeter 6, 259 (1863). No. 9£8 'Sassa geschmauset' soll seil 155*4 
druckt 17.37) existieren, weil damals Schildo den verbreiteten lateinischen ! 
meter -Fde bibe lüde, post mortem nulla voluptas' citiert. Das trochäisch gebaute 
Lied 'Gestern Abend ging ich aus' (No. 493) soll aus dem 16. Jahrh. stammen. 
weil llusemann 1575 eine gereimte lateinische Hasenklage aufgezeichnet (warum 
wird da nicht lieber z. B. Hans Sachs, Fabeln und Schwanke ed. Goetze No 165 
genannt?): der gleichen Zeit soll die No. 412 'Es ritten drei Leite,- zum Thore 
hinaus' angehören, deren zweite Strophe damals in anderen Liedern vorkommt. 
No.436 -Ls wollt ein Ktiferle wandern' erhält gar das Zeugnis 'seit dem 13. Jahr- 
hundert'. In all diesen Füllen ist aber nicht scharf geschieden zwischen dem 
.Motiv und seiner vorliegenden Ausgestaltung; gelang es nicht, letztere zu datieren. 
so musste eben das Datum in der Überschrift fortbleiben. Hingegen konnten 
Uhlands Lieder leicht mit Hilfe der kritischen Ausgabe von Bartmann und E. Schmi.it 
noch genauer datiert werden. - Mehrfach hatte, auch die litterarischen Hirn 
auf neuere, in Zeitschriften verstreute Liederforschungen reichlicher bemess« 
dürfen: Böhmes Sammlungen, so wenig sie strengeren Ansprüchen genügen, sollten 
z. B. bei No. 332, 817, 849 n. a. angeführt weiden. 

Ein paar anspruchslose Nachträge mögen folgen. No. 68 'An einem Mü- 
der rauschend schoss' steht dänisch bei J. Madsen, Folkeminder fra Hanved 
ved Plensborg 1S70, S. 133. No. 317 'Ein Beiz, das sieh mit Sorgen quält 

vgl. Altpreuss. Monatschr. 31, 689 No. ' No. 332 'Ein niedliches Madchen. 

vgl. Köhler-Meier, Volkslieder von der Mosel No. 200, No. 127 'Es wai 

junges Mädchen', vgl. die Bearbeitungen von Weisse Die Liebe auf dem Landi 
1768) und Löwen (Romanzen der Deutschen "2, 178. 177? No. 441 'Ee 

drei Bursche', vgl. meine Bemerkung über Uhlands Vorbild in Runzes A 
von Loewes Werken 10, VII (1901). - No. 590 'Ich bin der Doktor Eisenhart 
vgl. A. Kopp in der Zeitschrift für Kulturgeschichte FMK». No. 840 Mag auch 

die Liebe weinen', vgl. Krummacher. Pestbüchlein 1, 136 (2. Auflage 1810). 
No. 1105 'Über die Beschwerden dieses Lebens', vgl Stieglitz in Steglitz A. Kopp). 
Die Friedenspfeife 1893, S. 41. - - No. 117'.. 'Was bracht me i dm- Schwyz 
auf ein Lied des 17. Jahrh. zurück: vgl. Bolte, Der Bauer im deutschen Liede 
1890, No. 7 (Acta germanica 1, 2U7). 



|n4 Weinhold: 

Die Präge, <il> antei die Schar der ron Prahl aufgenommenen, heute volks- 
tttmlichen Lieder nichl dies oder jenes fehlende Stück aufgenommen zu werden 
nte, will ich nicht erörtern; hier wird der persönliche Geschmack meist 
verschieden arteilen. Nur auf den Ursprung eines bekannten Liedes möchte ich 
noch kiuv hinweisen. Bei Ditfnrth (Fränkische Volkslieder 2, 129 \o. 173. 1855) 
steht folgender in Bamberg aufgezeichneter Text: 

Schwarzbraunes Mädchen, du hast ein Bchönen Kopf, juhe! 

1 schöne Kopf ist deine, 
Das Beizen dran i-t meine, 
Schwarzbraunes Mädchen, du hast ein schönen Kopf. 4 Str. 

ähnlich im Leipziger Commersbucb 1869, 8. 174. Das Urbild dazu ist ein 
< redicht 'Susannchen' in der von Wilhelm Müller herausgegebenen 'Askania. Zeitschrift 
für Leben. Litteratur und Kunst' 1, 4G9 (Dessau 1820), auf das ich durch eine in 
Reinbold Köhlers Nachlass vorgefundene Notiz von K. Elze aus dem Jahre 1873 
aufmerksam wurde. Der Verfasser, der sich hinter dem Initialen L. birgt, ist 
vielleicht Otto Heinrich Graf von Loben, der an der Askania mitarbeitete: 

1. Susannchen, Susannchen. :'>. Susannchen. Susannchen, 
Mit deinem Schwanenhals; Dein Aug" ist himmelblau: 
Der Hals der ist zwar deine, Das Aug" das ist zwar deine, 
Das Hälseu doch ist meine, Das Angeln doch ist meine, 
So hüls" ich dich die ganze Zeit So äugeln wir die ganze Zeit 

In lauter trauter Lieb' und Freud". In lauter trauter Lieb' und Freud*. 

2. Susannchen, Susannchen, 4. Susannchen, Susauncheii. 
Du bist mein liebes Herz; Im stillen kleinen Haus! 

Das Herz das ist zwar deine. Das Haus das i-t zwar deine, 

Das Herzen doch ist meine. Das Hausen drin ist meine, 

So herz' ich dich die ganze Zeit So hausen wir die ganze Zeit 

In lauter trauter Lieb" und Freud". In lauter trauter Lieb' und Freud". L. 

Berlin. Johannes Holte. 



Heimatkläuge aus deutschen Gauen. Ausgewählt von Oskar Dähnhardt. 
T. Aus Marsch und J leide. Mit Buchschmuck von Robert Engels* 
Leipzig. 15. (I. Teubner, 1901. S. XIX. 170. 8°. 

Dr. O. Dähnhardt, Gymnasiallehrer in Leipzig, . ist uns schon durch die zwei 
Bändehen Volkstümliches aus dem Königreich Sachsen (1898) und seine Natur- 
geschichtlichen Volksmärchen (1898) als eifriger Freund der Volksüberlieferungen 
und für seinen Beruf begeisterter Lehrer bekannt. Derselbe Zug geht auch durch 

eue Buch, eine fein ausgewählte Chrestomathie plattdeutscher Dichtungen in 
Heim und schlichter Rede, in denen sich das innere Leben, das Denken und 
1 üblen der niedersächsischen Stämme trefflich ausspricht. Es liegt dem Heraus- 
geber am Heizen, ein Buch für die Jugend und ihre Lehrer herzustellen, ein Stück 
\ olkskunde, die der kleinere Schüler mit Freuden ins Herz schliesst und aus der 
ere sein Vaterland verstehen lernt. In der richtigen Hand wird das Buch 

sreich auf die jungen Seelen wirken: aber auch ältere werden gern und mit 
Gewinn diesen Beimatklängen lauschen, die in wohlgestimmtem volltönigem Geläut 
aus Marsch und Heide uns erfreuen und erheben. 

In zwei weiteren Bändchen werden die mittel- und oberdeutschen Gaue vor 
uns vorüberziehen. K. Wein hold. 



Hü 10;") 

A. / '. //(»/./ t Vi 1 1 <i QOl ii m i. TdfXOC, I .:•■< /.' '■ . \l, ,,„,,./, .■,,iihi. 

68 -71; 110—113.) 7-.Y 'A&rjvatg, n L899. 

I.WYIII und 600 S. 699 S. gi 

Unter dem bescheidenen Titel „Sprichwörter" verbirg! Bich h R i 

in der europäischen Sprichwörterforschung eine Epoche bilden wird, Bowohl durch 
Beinen Ornfang wie durch seinen Inhalt. Es will zwar nur eine möglichst \oll- 
Btändige Sammlung neugriechischer Sprichwörter Bein, indessen Bchon die eine 
Thatsm luv dass die ersten beiden vorliegenden Bände nur den Buchstaben A, d. h. 
Sprichwörter enthalten, deren Hauptstichwort mit \ beginnt, zeigt mein 
nur. dass wir es hier mit einem gross angelegten Sprichwörterlexikon zu tliun 
haben, sondern auch, dass dabei aoeh etwas Anderes im Spiele sein mus 

der grosse Reichtum der beutigen Griechen an den Erzeugnissen d< r Spruch- 
weisheit würde nicht hinreichen, am etwa zehn starke Bände ZU lullen 
auf 30 viel dürfte das Werk voraussichtlich anwachsen. Aber es« entspricht auch 
gar nicht einem bloss registrierenden Wörterbuch; eher liesse es sich als ein ver- 
gleichendes Wörterbuch der neugriechischen Sprichwörter bezeichnen, 
indem nach dem Muster der sprachvergleichenden Methode zu jedem neugriechie 
Sprichwort alle seine europäischen, zum Teil auch aussereuropäischen Verwandten, 
und /.war in der Ursprache nebst griech. Übersetzung, aufgeführt werden, wie 
auch die griechischen dialektischen Varianten eines jeden. Diese gewallige Arbeit 
konnte dem Verf. nur möglich sein bei einer vollständigen Beherrschung d< 
samten Sprichwörterlitteratur. Er hat in der Einleitung des 1. Bandes Belbst 
Rechenschaft über seine Quellen abgelegt, und wir entnehmen daraus, dass er von 
fremden Sammlungen benutzt bat: 2 polyglotte, N italienische, 14 französische, 
4 spanische. 3 rumänische, 4 keltische. 7 albanesische, 1 holländische, 6 deutsche, 
l' bulgarische. 1 serbische. 2 russische, je 1 litauische und armenische, 5 asiatische, 
3 arabische, 7 türkische und je 1 hebräische, lappische und japanische Dazu ist 
in den zahlreichen, oft ganze Abhandlungen bildenden Erläuterungen zu einzelnen 
Prägen (vgl. z. B. !. 436 ff. über „Brot und Salz essen™: 562ff. .Wer andern eine 
Grube gräbt u. s.w."; II. (3041V. über das goldne Ei; 643ff. ober das Ohrensummen; 
226ff. über die Zwölfzabl des Gefolges; 621 ff. über den Einfluss bestimmter Monate 
auf das Wetter u. s. w.) fast die ganze folkloristische Litteratur herangezogen worden, 
bo dass man ein Werk deutschen Gelehrtenfleisses vor sich zu haben glaubt, 
jedenfalls ein solches, auf das die junge griechische Wissenschaft mit Stolz 
blicken kann. 

Denn dass in erster Linie die griechische Lokallitteratur nach gedruckten und 
ungedruckten Quellen in reichlichstem Masse ausgebeutet ist, braucht kaum bemerkt 
zu werden. Allein 139 gedruckte Sammlungen standen dem Verf. zu Gebote, 
wozu noch zahlreiche handschriftliche aus den verschiedensten Gegenden griechi- 
scher Zunge kommen, die sich auf etwa 18000 Nummern belaufen, BO dw 
ganze Werk etwa 25000 Sprichwörter enthalten wird. Dm einen Begriff zu s 
von der Fülle des Stoffes, der hier aufgehäuft ist, führe ich einige der hau 
Stichworte an. nach denen das Ganze angeordnet ist. Unter „Liebe", „lieben" 
(xyxny, «.yxnSi) sind 70 Nummern vereinigt nur die griechischen Sprichwörter 
werden gezählt); unter „kaufen" (a-,:,:*» 26, unter Schwester und Bruder 
02&p<f>o's -r) 43, unter „Luft" ■■ unter „Blut" {tu/u 25, ante« ..trüget 

„Trägheit« 44, unter „hören" (dxovw) 73, unter „Fuchs" ((ftejrov) 50; „Wahrheit" 
umfasst 59 Nummern; -Mann- (&Jp*s) 81; »Mensch" 72; „Der Adl - 
48; ,Geld« (otVffpa) 40; r Ei u («5-yO 7; - ,)hr " C*™) 49 Nummern. Dabei ist 



rieh: 

allerdings zu bedenken, dasfi viele davon nur Varianten sind, deren jeder eine 
immer angewiesen ist. Das isi aber ein offenbarer Mangel der Anlage 
und zugleich ein Grnnd für die Breil Ganzen. Wären alle diese unter einer 

Iforra znsaromengezogen, bo wäre nicht nur viel Raum gespart worden, sondern 
auch die Übersichtlichkeit hätte dadurch gewonnen, zumal jetzt die zusammengehörigen 
Stüekr oft an ganz verschiedene Stellen eines Stichwortes zerstreut sind und nur 
durch ein etwas unpraktisches System von Verweisungen zusammengehalten werden. 
In dieser Beziehung hätte das .Material einer stärkeren „Durchknetung" bedurft. 

Jedenfalls wird das Werk, wenn es sich auch etwas in die Länge ziehen wird 

zeitlich und räumlich — , eine unschätzbare Leistung darstellen und für die 
'•ich ende Volkskunde eine unerschöpfliche Fundgrube bilden eben durch 
die Heranziehung des gesamten nichtgriechischen Sprichwörtermaterials. Man darf 
dalur gespannt sein auf die Ergebnisse, die der Herausgeber im letzten Bande 
zusammenzufassen gedenkt. Da jedoch darüber noch Jahre hingehen werden, die 
beiden vorliegenden Bände aber schon genug Stoff in sich bergen, um einen vor- 
läufigen Einblick in die Verteilung desselben zu erlauben, konnte es sich Ref. nicht 
jjen, dem Herrn Herausgeber vorzugreifen und die zwei Bände daraufhin 
durchzuarbeiten, wieviel und welche Sprichwörter darin allgemein europäisch, welche 
nur osteuropäisch, bezw. „balkarisch", und welche ausschliesslich griechisch sind. 

Die erste Gruppe, welche die meisten Sprichwörter umfasst, interessiert uns 
am wenigsten. Ks sind meist alte Bekannte mit wenig veränderten Zügen. Um 
so anziehender ist die zwar nur kleine zweite, osteuropäische, bezw. Balkangruppe, 
denn ich zählte von ihr nur etwa 134 Nummern unter 35 Stichworten. Da die 
meisten davon für osteuropäische Auffassung bezeichnend sind, führe ich einige 
daraus an, wobei ich mich auf die in mehr als zwei Sprachen verbreiteten be- 
schränke: ..Die ungeladene Pistole erschreckt zwei" (afaiavoc, A: griech., serb.. russ.). 
-Ich sprach und ich hörte" (axoi/cu 35: griech., rum., tlirk.). — „Wo man von 
viel Kirschen (Trauben, Birnen) spricht, nimm ein kleines Körbchen mit (axtniw 
47 55: griech., alban., serb.. rum.); entspricht dem Sinne nach unserm: „Viel 
Geschrei und wenig Wolle". — r ^i r haben Salz und Brot gegessen" (ahtc 7: 
griech.. alban., türk., arab., russ.). Dazu giebt Politis eine lehrreiche Studie über 
die Sitte. ..Klopfe nicht an andrer Thüre, dass man nicht an deine klopfe" 

'/./.:; L56: griech., türk., russ.). — »Wer um andre Thränen vergiesst, dem ver- 
siegen seine Augen" y././.z: 166: griech., rum.. türk.. doch auch deutsch). — „Hier 
reibsl du mich und dort juckt es mich" :■/./.:> 22 und 50: »riech., alban., rum.). 

„Der Mensch ist stärker als Eisen und schwächer als Glas - [avbptvnoq 45); 
türk. „ . . . schwächer als eine Rose"; russ. „Der Mensch ist stärker als Stein und 
schwächer als Wasser*. - „An der Unvermählten Thüre stehen hundert, und 
einer ist der Esel- (d. h. der sie bekommt): griech., rum., russ. (avvnctvopog 5, 6). 
Ein echt osteuropäisches Sprichwort — wenigstens der Form nach — ist äritpa 
31, 37, 3!*: S| weisses Geld für schwarze Tage (griech.. alban., serb., 

rum.. türk., russ. und venetianisch; in letzteres offenbar erst eingeführt). — 
„Weiss ist auch der Schnee, doch — ihn die Hunde" (io-npez 11—13: griech.. 
alban.. rum.: von schönen, aber verdorbenen Menschen). — -Der scharfe Essig 
BChadet seinem Gefäss- (d-i-L: griech., alban., serb.. türk.. armen.). 

W enn ich nur die in -wenigstens drei Sprachen verbreiteten Sprichwörter 
herausgehoben habe, so geschah dies vor allem darum, weil es mir zweifelhaft 
erscheint, dass so viele sich nur in zwei Sprachen finden sollen, zumal, wie 
meistens, in so weit auseinander gelegenen wie das Griechische und Rumänische 
oder das Griechische und Russische. Hier fehlen — davon bin ich fest überzeugt 



II 1 1 1, 

die verbindenden Mittelglieder des Südslawischen. Geradi die Sttdslavi 
.loch im Mittelalter die byzantinische Kultur und damit a \ 

.ms erster Band erbalten, und erst durch sie kam sie zu dei 

diese offenbare Lückenhaftigkeit i i nicht auf mai 

Boadern auf unzulänglicher Ausschöpfung der Quellen beruht, - ■ auf 

i,i- Verzeichnis dieser; denn es geht daraus hervor, dass Pol 
Südslavische und auch für das All 

bekannt geblieben sind, auf die schon G. Meyer, i hr III. 398 f. hin- 

gewiesen hat. z.B, för das Südslavische Kreks Einleitung in Uur- 

geschichb -' 788ff., sowie die Sammlung in dun Sbornik des Bulgar. Unterrichl 
roinisteriums I. 218f., III. 246ff., IV. I94ff., V. • HIT., VIII, 231 ff., 

IX, 187 ff. Für das Albanesische vermisst man die allei r schwer zu • 

langendi S ■ kurra von Mitkos, sowie die eine Anzahl Sprichwörtei ent- 

haltenden Grammatiken von Rossi Rom 1866) und Jarnik Leipzig 
Durch die Benutzung dieser Quellen würden sieher wesentliche Züge für das Bild 
des osteuropäischen Sprichworts gewonnen werden. 

Durch Politis' Sammlung werden wir nun auch in den Stand gesetzt, 
dritte Gruppe dw spec. griechischen Sprichwörter festzustellen, was für die Er- 
kenntnis des griechischen Volkscharakters natürlich höchsl wichtig ist. Die Zahl 
rselben ist ziemlich gross und beweist, dass die Griechen einen wertvollen Schatz 
von Spruch Weisheit ihr einen nennen können. Einige charakteristische und zugleich 
häufige Proben davon seien noch h riffen: ..Wen du liebst, den Bcbimpl 

auch mal. und wen du hassest, grüsse" -, • - ■ • „Ein müssigei Mönch s 

auf die Fliegenjagd" x< .*-•:: 3 l< „Die Schwester schätzl den Bruder . 

einem goldnen Kreuz, und der Bruder die Schwester gleich einem Sack voll Stroh 4, 
(a&X<f»j 2). — Giebt es Galle unter Gatten, Kämpfe unter Brüdern? 

0>j--/..|,:: 11). — Ebenso bezeichnend als häufig ist: ..In einem Land, das nicht viel 
abwirft, lass dich ja nicht lange nieder" -^..ok. r:. „Ich hörte es und 

Schweiss brach mir aus. ich sah es, da trat er wieder zurück" F.» ■_ 

„Der Geizhals glaubt, er gewinnt und merkt nicht, wie er verliert* ' ■ 

- „Des Geizigen Hain, kommt in Verschwenders Hände" ebenda 21 
„Kommt nur in die Mühle. Hunde, braucht kein Mahlgeld zu bezahlen" 
4—11: von Leuten, die ihr Eigentum den Zerstörern preisgeben; die Hunde fress 
gern dim Müllern das Mehl auf). - Weit verbreitet ist auch: „Der Fuchs hatte 
Arbeitsleute gemietet und ging dann auf den Heuschreckenfai ■ !1 l3: 

von Leuten, die ihre Arbeit Fremden überlassen und ihrem Vergnügen nachgehen). 
— „Was hat der Fuchs im Bazar zu suchen?" [ebenda M -47). - „Wahrheit 
ohne Lügen ist wie Speise ohne Salz" a s.w. . ..Sprich die 

Wahrheit und du hast Gott zum Heller- ebenda 16 - „Manolis war ein andrer 
worden, d. h. er trug die Kleider ander-- 2 -4). - „Hier ist der Mönch 

und dort seine Kutte" iXkov 12, L5, 18, ..Kauf dir im Mai kein 

Pferd und nimm zu Ostern keine Frau" (•'/.:-,:■ I. 3, I. 20: weil nämlich i 
die Pferde am besten gefüttert und zu Ostern di< Mädchen am meisten geputzt 
sind). — .,Des Bauers Arbeit zeigt sich erst auf der Tenne" («Xii 
der Sünder Lande ist der Ungerechte Richter" (*/**P™ /.:'- 7, 8). - „Der Weinstock 
braucht einen Weinbauer und das Schiff Matrosen" 

sollst du sterben, Mann, oder ich will Witwe werden" [ävtp*s 2a, 40a, 45: charak- 
terisiert mit falscher Antithese solche, die anscheinend den Ansprüchen andrer 
nachgeben, in Wahrheit aber alles für sich beanspruchen). — „Dir ward ein b 
Schicksal, Mann; alle sind ertrunken und du bist entkommen'- (ebenda 50, 



Bnohoranseigen. 

prichl etwa dem deutschen: Unkraai vergeh! nicht). »Das Land hilft dir, 

da 80 tapfer scheinst 8 I 5: von solchen, die einen Zweck er- 

ben, weil ihnen die On ad). „Gott macht wohl Verwaiste, 

doch ir macht auch ihr Geschick" „Gott behüte dich vor 

einem neugebackenen Reichen und vor einem stolzen Armen" («.p^ovras 3, 33, 37, 
„Es Seien di< Sterne herab and es Prassen .sie die Schweine" (am-po 5, (!, 
8, 11: von Vornehmen, die ins Unglück geraten sind und deren Reichtum in ge- 
meine Hände füllt . „Er hat Eier und Körbe verloren" (av^o 39, 47, G5: von 
einem grossen, anerwarteten Verlust . »Eier sind nicht zum Einsalzen, sondern 
/um Sieden" ebenda 31, 44a, 82, 82a : so sagt der liebenswürdige Gastfreund, 
wenn er sieht, dass die Gäste allzu ängstlich im Zugreifen sind). - Doch damit 
mu88 es genug sein. Auf viele andere anziehende Probleme, zu deren Lüsung 
Politis' Werk- erheblich beitragen wird, als z. B. ist der Ursprung- der Sprichwörter, 
ob sie auf altgriechische, auf Fabeln, Märchen oder auf die Bibel zurückgehen 
Letzterer scheinen besonders viele zu sein), wie ihre geographische Verbreitung 
sich verhält zu dem Vorkommen in fremden Sprachen (die nur in einzelnen 
tden vorkommenden scheinen am wenigsten aussergriechische Reflexe zu 
haben . alles dies wird uns der Herr Verfasser am besten selbst sagen können, 
wenn er die Summe aus seinem Werke ziehen wird. Möge es ihm vergönnt sein, 
' 188 es recht bald geschehe! Der Dank aller Freunde der Volkskunde ist ihm 
schon jetzt sicher. Denn sein Werk ist von internationaler Bedeutung und ver- 
dient internationale Verbreitung. Der billige Preis (6 Frc. der Band) wird auch 
dazu beitragen. 

-München. Karl Dieterich. 



Wie (las Volk denkt. Allerlei Anschauungen über Gesundheit und Krank- 
sein. Vom Standpunkte des Arztes beleuchtet von Dr. med. Robert 
Etumpe. Braunschweig (Friedrich Vieweg & Sohn) 1900. VIII und 
131 S. kl. 8°. 

Der Verfasser hat sich die Aufgabe gestellt, die Ansichten und Meinungen des 
Volkes - und nicht immer nur der untersten Schichten desselben — über die 
Krankheiten und über die Gesundheitspflege, wie sie dem praktischen Arzte so 
häufig entgegentreten, nach dem heutigen Standpunkte der medizinischen Wissen- 
schaft daraufhin zu prüfen, ob sie auf einem berechtigten Untergrunde ruhen, oder 
ob sie unberechtigt und vielleicht sogar auch schädlich sind. Um seinen reich- 
haltigen Gegenstand in übersichtlicher Weise anzuordnen, spricht er die haupt- 
sächlichsten Abschnitte der menschlichen Entwicklung und des menschlichen 
Lebens der Reihe nach durch: die ersten Lebenstage, die Zahnung, die Pubertät, 

Ehe, das Wochenbett, das Säugen, das Altern und das Sterben, und fügt darauf 
noch eine Besprechung der im Volke bekanntesten Krankheiten an. Er ist be- 
müht, dasjenige, was bei diesen Dingen im Körper vorgeht, in populärer Dar- 
stellung einem weiten Leserkreise begreiflich zu machen. Dann nimmt er bei 
jedem einzelnen Abschnitt die kritische Beleuchtung der hierher gehörigen An- 
schauungen der Volksmedizin und der Volksgesundheitslehre durch. Wer sich 
also von den Volkskundeforschern für diese letzteren interessiert, der findet sie in 
diesem Buche in systematischer Beziehung zusammengestellt. 

Ref. möchte hier aber darauf aufmerksam machen, dass alles, was in das 
Bereich der Volksmedizin im weiteren Sinne hineingehört, nicht ohne weiteres 
als ein unmittelbarer und ursprünglicher Ausdruck der Regungen und Äusserungen 



ii.-. 109 

übt Volksseele angesprochen werden darf. Nicht « 
welche heutigen Tagea das Volk auf dies« 

vergangenen Zeiten, auch die Meinung di schaftlichen und gelehrten \r/t.- 

gewesen. So isl es also ofl veraltete Magistralmedizin, welche im Volke noch 
unerschüttert ihr Dasein fristet Lai dauert haben, bis 

diese Lehren so tief in das Volk eil n waren, ihm allmählich in 

Fleisch and Blut übergegangen sind. War aber id einmal ern 

dann vermochten auch die Jahrhunderte nicht diese Ansichten wieder dem Voll e 
zu rauben, obgleich die gelehrten Medizinei issen und ver- 

worfen hatten. Aus den untersten Schichten de-« Volkes drangen Bie dann schritt- 
weise auch in die gebildeten Kreise hinein, auf dem für derartige I 1 wohn- 
lichen Wege, d. h. durch die Wochen- und Kinderstuben. Nun haften Bie natürlich 
auch hier: denn Belten wohl wird es einem Arzte gelingen eine Neuerang in dem 
Krankenzimmer durchzuführen, wenn eine erfahrene weibliche Verwandte oder 
Vertrauensperson eine gegenteilige Meinung vertreten sollte. 

Der Verfasser bringt für das soeben Erörterte, wahrscheinlich unbeabsi 
einige treffende Belege, indem er zeigt, dass die gleiche Anschauung, wie das 
Volk sie verteidigt, auch schon der alte Hippokrates gehabt habe. Nun i 
aber keineswegs notwendig, anzunehmen, dass in dem Volke noch aus vorchrist- 
licher Zeit diese Anschauungen haften geblieben Bind, denn wir dürfen nicht 
geasen, dass die Lehren des Hippokrates noch bis in das 17. Jahrhundert hinein 
die wissenschaftliche Medizin sämtlicher Kulturvölker Europas beherrschten. Also 
nur vor wenigen Jahrhunderten brauchen derartige Meinungen in unserem Volke 
sich festgesetzt zu haben, und das ist ja in der Volkskunde keine ungewöhnliche 
Erscheinung. Die von dem Verf. getroffene Anordnung, alle die volkstümlichen 
Ansichten, welche er bespricht, durch gesperrten Druck besonders augenfäll 
machen, wird dem Volkskundeforseher, der das Buch zu benutzen gedenkt, di< 
Übersicht wesentlich erleichtern. ^1 ;IX Bartels, 



Aus den 

Sitzung-Protokollen des Vereins für Volkskunde. 



Freitag, den 23. November 1900. Berr Geheimrat Dr. Mas Bartels sprach 

über den Schmied und erläuterte seinen Vortrag durch mehr als 50 Projektions- 
bilder. Er ging diesem Künstler und Handwerker durch alle Zeiten und L 
nach, behandelte seine Gerate, ihre Ausbildung und Anwend »wie Beine 

Leistungen nach allen Seiten, wobei auch der Kurschmiede und berühmter Schmiede 
aus Sage und Legende gedacht und des heiligen Eligius. des Schutzpatroi 
Schmiede, nicht vergessen wurde. Dem überaus inhaltreichen Vortrag im einzelnen 
hier zu folgen, ist ausgeschlossen. 

Freitag, den 28. Dezember 1900. Herr Geheimrat Weinhold legt 
Schweizer Trachtenwerk vor, von dem Z. VIII, 358 gehandelt serdem 

Abgüsse von eisernen Formen, in denen zu Neujahr und Fasnacht, auch für Kranke 
und Wöchnerinnen Eiserkuchen gebacken wurden. Sie sind zum Teil mit Gnu. 
menten versehen, die der Kunstfertigkeit der die Formen liefernden Dorfschmied< 



lln liger: 

ausstellen. Die Formen stammten sämtlich aus dem An- 
haltischen und gehörten in die Jahre 1571 18( Sodann berichtete Herr Ober- 
Richard Wossidlo aus Wann liber Sammelfahrten, deren Ei- 
.:iiii Teil in den beiden Bänden der Mecklenburgischen Volksüberliefe- 
I. deren oben S. 104f. Dnd im 7. Bande unsrer Zeitschrift 
s. 213 f. rühmend gedacht ist. Angeregt zu seinen Bestrebungen wurde er durch 
den um die nii tsche Sprach- und Geschichtsforschung hochverdienten, 1893 
verstorbenen Gymnasialdirektor Karl Ernst Herrn. Krause in Rostock noch ani 
dem Gymnasium. Dem Studenten spendete ein alter Lehrer in der Rostocker 
die ersten Beiträge; ein Rademacher erzählte ihm tagelang und Mitglieder 
der Familie desselben ergänzten diese Mitteilungen. Bei dem von nun an eifriger 

benen Sammeln unterstützte ihn Max Dreyer, der Verfasser des Probekandi- 
daten, und als der Vortragende nach Wismar and Waren übersiedelte, begannen 
».eine systematischen Sammelfahrten, mit denen ihn später der Verein für mecklen- 
burgische Geschichte und Altertumskunde beauftragte und wofür die mecklen- 
burgischen Regierungen und Landstände als erste in Deutsehland Mittel anwiesen. 
Berr Wossidlo ^i:i^ nun näher auf die Technik seines Verfahrens ein. Er rühmte 
Unterstützung seiner Arbeiten nicht nur durch viele Lehrer, sondern 
auch durch einfache Leute, einen Büdnersohn in der Hagenower Heide, eine 
Fischerfrau u. 8. w. Es ist nicht leicht, den Leuten das Gewollte begreiflich zu 
machen und sie zum Reden zu bringen. Mit Segen u. dgl. halten sie oft zurück, 
ms Furcht vor dem Pastor, denken auch mitunter, dass der Sammler mit der 
Steuerbehörde in Verbindung stehe. Für einen Klennermaker (Kalendermacher; 
sieht man ihn an. einen Dichter, weil er updik teert (nach Diktat aufschreibt), für 
einen Naturforscher, und nicht selten wird er bedauert und ihm geraten, sein Ge- 
schäft, das keinen Tagelohn bringt, an den X;igel zu hängen, oder man hält ihn 
gar für verrückt. Im allgemeinen ist das Volk aber offen und zutraulich, nur 
muss der Frager die Mundart beherrschen. Altes Sprachgut hat sich am besten 
im Südwesten Schwerins gehalten. Schwer zu sammeln sind Reime. Einzelne 

men offenbarten eine erstaunliche Gedächtniskraft und nicht selten kommt 
über die Zuhörer der Erzählungen eine weihevolle Stimmung. Am Schluss der 
Sitzung wurde der Vorstand durch Zuruf wiedergewählt. 

ü»;. Januar 1901 beging der Verein die Feier seines zehnjährigen Be- 
stehens. Um ihre Einrichtung hat sich Herr Fabrikant Sökeland in unver- 

ner Arbeit die grössten Verdienste erworben und gütige Spender nahmen 
der Kasse die Kosten ab. Zu allgemeiner Betrübnis war es dem verehrten Vor- 
sitzenden. Herrn Geheimrat Weinbold, der den Verein von Anbeginn geleitet 
und liebevoll gehegt hat, um einer Erkrankung willen nicht möglich, dem Fest- 
abend vorzustehen, und der anwesende-zweite Vorsitzende, Berr Geheimrat Virchow, 
Übertrag dies Geschäft dem ersten Schriftführer Prof. Dr. Roediger. Er verlas 

den Bericht: 

Bericht über den Verein für Volkskunde. 
1891-1900. 

Von Karl Weinhold. 

Am 23. Januar 1891 versammelte sich in der Aula des K. Wilhelmsgymnasium 
zu Berlin eine stattliche Anzahl älterer und jüngerer Männer, auch an Frauen 
fehlte es nicht: es war die erste Sitzung des Vereins für Volkskunde, der damit 
in die Öffentlichkeit trat. Im Sommer 1890 waren rege Verhandlungen zwischen 



Protokolle. 111 

Mitgliedern des Vereins für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschi 
Leitern der Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwi fi und ai 

Freunden der Volkskunde über die Bildung des neuen Vereins worden; 

ursprüngliche Absicht, mir eine neue Abteilung des anthropoli infzu- 

thun, war an Statutenbestiramungen gescheitert, und 1890 

in einer grösseren Versammlung der Verein für Volkskunde qi m Namen 

gebildet, die Batzungen waren entworfen und die Berausg ibe einer Vereinsz« itschrift 
an Stelle der Laaarus-Steinthalschen Zeitschrift, welche die Herausgeber and di< \ • 
aufgaben, beschlossen worden. Die Bestätigung und Bestallung sollte nun die 
Sitzung bringen. In derselben entwarf zuerst Prof. K. W 
hold die Aufgaben der Volkskunde und bezeichnete die Z 
Rat Dr. A. Meitzen sprach über Land und Leute der enden, in dem 

die älteste feste Beimatderin Europa einwandernden Germanen erblickte. Gymnasial- 
lehrer Dr. Ulrich Jahn stellte sodann sechs Personen in .•(•hier Vierländer Tracht 
vor, deren Schmuck und Stickereien er eingehend beschrieb. Stadtrath Priedel 

endlich die Nächbildung einer schwedischen Stickerei aus. die ein Mi 
darstellt. Hierauf wurden der Vorstand und der Ausschuss durch Stimmzettel 

ihlt und der Verein war nun mit 143 Mitgliedern ins Lehen getreten. 
Vorstand bildeten die Herren Weinhold, Virchow, D. Jahn, Minden, Alexander 
Meyer Colin. \V. Schwanz und A. Meitzen. Zum Obmann des Ausschusses wurde 
IC. Friede! gewählt. An die Sülle von ü. Jahn ist dann als erster Schrift- 
führer zuerst Herr Alexander Brückner, dam, Herr Max Etoediger eingetreten Die 
übrigen genannten haben durch Wiederwahl ihre Stellen noch inne, mil Ausnahme 
des 1«99 von uns durch den Tod geschiedenen Herrn Wilh. Schwanz, als di 
Nachfolger Herr Sökeland eintrat. 

Der Grundriss der ersten Sitzung ist für alle übrigen beibehalten worden. 
Zwar war es mein möglich, sie an Vorlagen und Vorführungen licher 

ustände so reich auszustatten als die erste, zumal unser Verein grundsätzlich, 
mit Rücksicht auch auf das Museum deutscher Volkstrachten und Hausgeräte, aul 
eigene Sammlungen verziehtet hatte. Aber wenn auch zeitweise es nach d 

spärlicher zuging als der Vorstand wünscht-, ganz unterbrochen wurden 
Aus- und Vorstellungen nicht und seil einiger Zeit suchen wir jedesmal 
etwas Interessantes in Bild oder Sachen auszulegen. 

Den Schwerpunkt gründen wir freilich in die Vorträge, die in grosser Fülle 
die verschiedensten Punkte des weiten Gebietes der Volkskunde berührten und 
verhandelten, und an die sich, wenn die knappe Zeit i ■ mehr oder minder 

fördernde Unterredungen angeschlossen halten. Danken müssen wir allen, welche 
diese Vorträge übernommen haben, denn gerade in Berlin, wo an jeden einzelnen 
die vielseitigsten Ansprüche sich andrängen und wo nein nnmer in den Hunderten 
•am Vereinen auf eine lohnend zahlreiche Zuhörerschaft gerechnet werden darl 

n der Konkurrenz dei Sitzungen, Beratung ellschalten, bringen die 

Vortragenden ganz andre Opfer als in kleinenn Crotzdem haben sn 

bereit gefunden, grössere Mitteilungen zu gi ben, darunter nicht wenige zu mehreren, 
ja bis zu zwölf Malen. Ihnen allen inkt! 

Wenn die Vorträge nur den Berliner Mitgliedern des Vereins zu gute kommen 
können, bietet die Zeitschrift des Vereins, im Auftrage heia:: 
Karl Weinhold, die Mittel auch den Auswärtigen die Arbeiten im Diet 
Sache zur Kenntnis zu bringen: ja um ganz Deutschland, sowie alles Ausland 
über das. was wir bringen und leisten, zu unterrichten. Durch unsre Z 
sind wir für Deutschland in den Wettstreit mit England, Skandinavien, Niederland, 



1 [•) Roedig" r: 

merika, Prankreich, Italien und den Blavischeo Ländern in Bezug auf den 
Ausbau der Volkskunde, dea Folklore, der Traditions populaires eingetreten. Die 
Zahl nn8rer Mitarbeiter an den abgeschlossenen zehn Bänden belauft sich auf 199. 
die rerstreul sind von Island bis Neapel, von Nordamerika bis Bulgarien. 

Der Kern freilich isi und bleibt Deutschland. Die deutsche Volkskunde roi 

allem zu (Ordern, haben wir von Anfang uns vorgesetzt, die deutsche im vollsten 

Arndtschen Umfang dieses Wortes, und so freuen wir uns .sehr, dass die Deutschen 

terreich ganz besonders treue Mitarbeiter an nnsrer Zeitschrift geworden sind. 

Die Gründung nnsers Vereins bat in den einzelnen Ländern des Reichs Nach- 
folge gefunden, und darüber hinaus entstanden in Wien für ganz Österreich, in 
Zürich für die ganze dreisprachige Schweiz Gesellschaften für Volkskunde mit 
litterarischen Organen. In Breslau, Dresden. Prag und Eger, in Würzburg, in 

jen haben sich Vereine gebildet, teils für ganze deutsche Staaten, wie die 
Königreiche Bayern und Sachsen, für Deutsch - Böhmen, teils iur einzelne alte 
Länder, wie Schlesien, das Egerland, für Oberhessen, die rüstig sammeln und in 
kleineren Zeitheften wie zusammenfassend in Büchern ihr fruchtreiches Leben er- 
freulieh betbätigen. Anderwärts thaten sich ohne Vereinsbildung Freunde des 
Volkslebens und seiner Geschichte zusammen, wie in Freiburg im Breisgau. die 
durch Umfragen, mündlich und schriftlich gethan, bienengleich den Stoff zusammen- 
trugen, und den verarbeiteten in stattlichen Büchern ausgestellt haben. So besitzen 
wir die Braunschweiger Volkskunde von Richard Ar.dree (1896), die Sächsische 
Volkskunde von Robert Wuttke (1900. 2. A. 1901), das Badische Volksleben im 
19. Jahrhundert von Elard Hugo Meyer (1900). Grossartig angelegt ist die Sammlung 
der Mecklenburgischen Volksüberlieferungen, die im Auftrage des Mecklenburgischen 
Geschichts- und Altertumsvereins und mit Unterstützung der Mecklenburgischen 
Regierungen und Stände Riehard Wossidlo mit wunderbarem Erfolge ausführt. 
Und als eine Anleitung und eine unterrichtende Übersicht über den ganzen weiten 
Volksplan dient das gute Werk: Deutsche Volkskunde (1898) von E. Hugo Meyer. 

Es wird nicht anmasslich erscheinen, wenn wir dieses fast plötzliche Auf- 
flammen der lange schon glimmenden Feuerbrände dem frischen Hauche zuteilen, 
der von der Gründung unsers Berliner, für ganz Deutschland bestimmten Vereins 
für Volkskunde ausgegangen ist. Schon die Chronologie der Vereinsstiftungen 
bezeugt es. Und schon darum dürfen wir von der Gründung unsers Vereins als 
einer bedeutenden, für die wissenschaftliche Volksforschung folgenreichen That 
reden, deren heute in festlicher Versammlung zu gedenken wir das Recht erworben 
haben. Wir wissen sehr wohl, dass alles menschliches Thun ein Stückwerk bleibt. 
wir kennen die Hemmungen unsers guten Willen, wir müssen uns in vielem be- 
scheiden: aber wir wollen auch die Zuversicht nicht sinken lassen, dass der Verein 
für Volkskunde in Berlin in seiner zweiten Dekade nicht bloss seinen guten Namen 
behaupten, sondern lebenskräftig aufstreben werde, als ein thätiges nützliches Wesen 
zur Erkenntnis des deutschen Volkes, eine Verbindung deutscher Männer und 
Flauen zu Ehren des grossen Vaterlandes! 

Darauf hielt Herr Prof. Dr. Heusler einen Vortrag übet altnordische 
Rätsel, den unsre Leser umgestaltet im nächsten Hefte der Zeitschrift finden 
werden. Sodann führten Damen und Herren aus Malchin, denen wir ebenso 
wie ihrem Führer, Herrn Oberlehrer Richard Wossidlo für ihre uneigennützige. 
gütige Hilfe zu herzlichstem Danke verpflichtet sind, eine von Herrn Wossidlo 
zusammengestellte Scene .Winterabend in einem mecklenburgischen Bauernhause 1 " 
auf. die Herr Sökeland, von dem auch der folgende Bericht über diese Aufführung 
herrührt, durch erläuternde Worte einleitete. Das Lebensbild sollte zeigen, wie 



'He. I 13 

zu früheren Zeiten in einem wohlhabenden Bauernhause wohl der Abend verbracht 
wurde. Um die Darstellung in jedei Hinsicht stilgerechl zw machen, hatte das 
Museum für die deutschen Volkstrachten u\u\ Ei 

Bühne aus seinen Beständen niii schönen alten geschnitzten Stühlen, einem Tisch, 
wertvollem Bss- and Trinkgeschirr, einer Kredenz a. s.w. auch di 

alten Trachten waren zum Teil seinen Beständen entnommen, zum anderen Teile 
stellte sie Herr Rohde in Retina zur Verfügung. Wir sehen die alte Bauern- 

stube, inmitten derselben den grossen Tisch; am ihn sitzl der Bauer mil Famili« 
und Gesinde beim Abendessen. Der Lmbiss ist beendet, es wird abgeräumt, and 
nun gruppieren sich sämtliche Insassen des Hau-'--, im ganzen zehn Personen 
alle in farbenfrohen Trachten des Schweriner Landes, im Zimmer zur F< ierabend- 
beschäftigung. Diesen Moment stellt unser erstes Bild dar. Vorn rechts befinden 
sich die beiden Mägde beim Spinnrade, dann kommen die Töchter mil Bandarl 
beschäftigt. Im Hintergrunde die Bäuerin, „Vadders" Weste flickend, neben ihr 
der Bauer mit .-einer Pfeife. Links eorn schnitzt der Hütejunge an einer Kelle; 
dann folgt Yadder Behrens, der Kuh fütterer, mil einem Korbe beschäftigt; Jochen, 
der Grossknecht, mit seiner Peitsche, und Grossmutting im Lehnstuhl am warmen 
Ofen. Ein stimmungsvolles Bild, welche- allgemein fesselte. Draussen heult dei 
Sturm, wie der Hausherr feststellt, und Grossmutting fürchtet, dass ..iiwer Nacht 
dei willJagd kümmt". Nun wird sie von den Töchtern und den Mägden bestürmt, 
etwas von der wilden Jagd zu erzählen. Sie erzählt aber nicht von der wilden 
sondern vom Nibelungenlande. AI- jemand in alten Zeiten einmal dorthin 
Kam. seien da an einer Stelle lauter Zwerge gewesen, und die hätten Särge gebaut. 
Jedesmal, wenn dann ein Sari: fertig geworden, sei ein Name darauf geschrieben 
worden und dann sei der Mensch, dessen Namen dei- Sarg trug, gestorben. Al- 
nun wieder ein neuer Sarg kam. habe der Jemand gefragt: »Kür wen ist denn 
dieser bestimmt?" und die Antwort erhalten: ..Dat is sin S;n_ Nun mu 

Vadder Behrens etwas „Grugliches" erzählen. Er berichtet sehr anschaulich von 
zwei verwaisten Kindern, die von der Mutter allerhand Zaubi rkünste erlernten, bis 
der Oheim dahinter kam. Aul' seine Veranlassung urteilte <l .-• Gericht sie ab und 
bestrafte sie mit dem Tode. Bald darauf erschienen dem Oheim zwei schwarze 
Raben, aus deren Gekrächz er deutlich hören konnte: „Einmal geaworen, 
verloren". — Bei den Insassen der Bauernstube hat die grauliche Stimmung nun 
ihren Höhepunkt erreicht, deshalb muss auf „Muttings" Wunsch zu Heiter« m 
übergegangen werden. Es kommen Rätsel an die Reihe. Aus deren grosser Anzahl, 
die Schlag auf Schlag folgten und auf die nicht nur die Insassen des II 
aufmerksam achteten, wollen wir nur zwei vom Kuh fütterer . ae heraus- 

greifen. 1. Wat is dat Beste an de Flöh? Dat se keene Hufeisen bebben; Bus 
brekens us de Ribbcn kort im kleen. 2. Welches sind die beiden dümmsten 
Kreaturen'.- 1 Die Ziege und eine Mutter mit ihrem Kinde. Denn wenn die 5 
auch die ganze Raufe voll Futter hat. ruft sie doch immer noch: „Miähr, miähr. 
und trotzdem die Mutter ihr Kind auf dem Arme hat und deutlich sieht, fra_ 
immer: „Wo bit de denn, min lütt Kinding? Wo bit de denn, min lütt?" Zu 
dem nun losbrechenden Jubel erklärt aber Mutting: „De Mannslüd weern to drist! 
Annmarick, stud dat mal un Bing uns dat schöne Lied von de twee Königskinner!" 
Annmariek lässt sich auch nicht nötigen und Bingt mit weicher, wohllautender 
Stimme alle Verse dieses weit bekannten wehmütigen Sanges. Reicher Beifall 
bei offener Scene lohnte dafür. Als Hochzeitsbitter angezogen trug nun Jochen, 
der Grossknecht, seinen Spruch vor. In langer launiger Rede lud er alle An- 
wesenden zur bevorstehenden Hochzeit ein. Die zu erwartenden kulinarischen 
Genüsse wurden sehr ausführlich geschildert: 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1901. 



1 I I ''"' l: 

.20 forte Och en an 20 fette Bwin l H de lüttste 1 i-k auf den Grand 

in 40 l'i il'n •null dabei du; schon 100 rund- u. b, \\. 

Darauf kamen die früher bei Hochzeiten allgemein üblichen Leberreime, während ein 
mit Grün und Blumen gezierter Teller von Band zu Hand ging. Grossmutting begann: 

„T>ie Leber i>t vom Eecht und niclit \on einem Lamm. 

Unser Ben Christus ist mein Bräutigam." 

Dass es bei dem jungen Volke an gegenseitigen Hieben und Neckereien nicht 
fehlte, lässl sich denken. Von der einen Magd hörte man: 

„Wenn Junggesellen küssen un hebben keeu Boart. 

Dann hei dal Küssen irar keen Oart- 

und der Kuhfütterer meinte: _(» warn alle Berge doch von Butter, und möchten 
die Thäler gefüllt mit Grütze sein. Wenn dann die liebe Sonne schien, dann 
llöss die Butter in die Grütz hinein, dat mot een schönes Freten sin." Nun musste 
Grossmutting etwas singen. Sie sang: 

„Wie grüu, wie grüu sind doch die Tann." 

Auf Ermunterung durch den Bauern sang darauf Thriendört, die zweite Tochter, 
mit Jochen, dem Grossknecht, zweistimmig: 

„Hans hatte grossen Durst, Bist ja mein liebster Kerl. 

Da> macht die Leberwurst. Bist ja mein Hans." 

Dann folgte die erste Magd mit dem lustigen: 

..Uli Mann wili riden, an het kecu Pierd." 

Zum Schluss soll nun auch Vadder Behrens singen, er erklärt aber: „Een Hals 
tom Slingen heb ick woll, aber keen tom Singen": statt dessen wolle er etwas 
anderes, auch so ein Stück aus der alten Zeit zum besten geben, nämlich einen 
Schäl'ergruss. Jochen und er ziehen sich als Schäfer an und tragen den ausser- 
ordentlich humoristisch wirkenden Schäfergruss vor, der Kuhfütterer als Schaf- 
meister, der andere als Geselle. Der Gruss beginnt mit der Frage des Schafmeisters 
an den zugereisten Gesellen: .Wo kürnmst du her?'' Dieser antwortet: „Von der 
Oberresidenz", und nun beginnt ein Examen, in dessen Verlauf der Geselle zeigen 
mu88, ob er etwas lernte und ob sein Hund etwas versteht. _Wie heet din Hund?" 
..Min Hund heet Fix." „Fix? Fix is nix!" „Min Hund heet Guillaume." „Dat 
is en Name." Zum Schluss des Examens erklärt der Schafmeister: -Wenn din 
Hund keene Hündin un wenn er en beeten gröter un wenn er nich so bunt war. 
dann war et en Staatshund." Nach der Ansicht Berufener ist der Schäfergruss 
die schönste Stelle im ganzen Stück. Hier in Berlin brachte er seine volle Wirkung 
nicht hervor, weil gerade hierbei leider das Plattdeutsche nicht voll verstanden 
wurde. Piek, die erste Magd, brachte nun den Erntekranzspruch, häufig von 
Beifall unterbrochen, zum Vortrag. In der Einleitung bittet sie um Nachsicht, 
wenn sie nicht alles glatt aufsagen könnte, denn: 

^Gestern Abend wollt ich studeeren, 

Da kam mein Peiusliebster anzumarscheeren. 

Da hat er dann bei mir gesessen 

Und da hab ich das Studeeren vergessen." 

Im weiteren Verlauf wünscht sie mit vielen Knixen der gesamten Familie des 
Gutsherrn so viel Glück, „so viel Tropfen vom Himmel regnen". Die Mamsell 
und der Entspekter kommen auch noch einigermassen gut davon, weniger erbaut 
werden aber die Mägde von den ihnen gewidmeten Wünschen gewesen sein. Zum 
Schluss ruft sie: 

-Spielet auf Musikanten!" 



Protokolle. 1 1 5 

und während diese einige l I einer lasti i hören laset irl die 

Rednerin tanzend : 

..In mir l anzi d äoll ei gähn, 

Dal im- die Röcke öberslahn." 

Hierdurch ist die Lust zum Tanzen bei Herrschaft und Gesinde geweckt. Als der 
Bauer auf seine Frage, oh man nicht noch etwas tanzen wolle, allerseits Freudig) 
Zustimmung findet, schickt er den Hütejungen mit der von Mutting angezündeten 
alten Laterne zum Nachbarsohne: „sie wollten mich en Beeten mit de Been speelen". 
Nach kurzer Zeit traf dieser ein und nun begannen in der rasch ausgeräumten 
Stube eine Keihc interessanter Volkstänze. Die .Mitwirkenden hatten in bunter 
Reihe einen Kreis geschlossen, and während alle unter Begleitung der Musil. 
..Freut euch des Lebens" sangen, tanzte Gr088mutting. Dann folgte der Hauer mit 
Mutting. Sie sangen: 

„Mann knmm her. will'n danzen! Manu, dal geiht np Böcken, 

l'ru, ick hem kein Schau! — Mau immer Instig tan!" 

Hieraul' die älteste Tochter. -Mutter Witsch" singend, dann die zweite. \on der 
man hörte: 

„Zwei Ochsen, zwei Kälber, eine schwarzbunte Kuli. 

Die schenkt mir mein Vater, wenn ich heiraten t Im" u. -. w. 

Der Nachbarsohn, der Grossknecht, die beiden schmucken Mägde, der Kuhfüttert r 
und der Hütejunge, jeder musste einen Solotanz zum besten geben, während die 
übrigen seinen Tanzreim mitsangen. Beim Hütejungen tanz sang man: 

..Lütt Mann is de lenk entwei. 

Vadder.soll t Geld ut'n Büdel Bäuk'n 

Un lütt Mann 'n Röcking köpen" 

und beim Kuhfütterer, dessen Sprünge die grösste Heiterkeit hervorriefen: 

„Ich und mein altes Weih Sie mit (hui Bettclsack, 

Können schön tanzen, bli mit dem Käuzen- U.S.W. 

•letzt folgten auf Mahnung des Bauern Gruppentänze; zuerst der alte, jetzt mir noch 
wenig bekannte Kiekebusch, ein Tanz von schöner Wirkung, zu dem alle sai 

„Kiekebusch, ick seihe di! — 

Dat du mi seihst, dal freu* I mi." 

Dann, durch Grossmutting veranlasst der Schustertanz. Während gesungen wird: 
..Du kleiner Schuster du, Ine Schuh die sind entzwei, 

Du flickst mir meine Schuh. Der Schuster i-i dabei", 

kniet jeder Tänzer vor seiner Tänzerin. Diese stellt ihren Fuss auf >L^ vor- 
gebogene linke Knie des Tänzers, der mit A^n Armen die Bewegungen 
Schusters macht. Xach Schluss obigen Vierzeilers sinnigen alle Tänzer rasch 
auf, umfassen ihre Mädchen und tanzen einige Takte mit ihnen; dann knieen sie 
nieder und das Spiel beginnt von vorn. Unser Bild zeigt die-, Bcene sehr an- 
schaulich. Nachdem aller Augen sich eine Zeit hin- an dem wunderhübschen 
Tanz mit seiner Gruppierung erfreut, bittet Grossmutting, nun auch noch ihren 
liebsten Tanz _,Gah von mi" zum besten zu geben. Auch hier lassen sieh die 
Tänzer nicht lange zureden. Unter Singen des Text"-. 

„Gab von mi, gab von rai, 

Ick mag di nich >eilm", 

zur eigenen Dame, mit ganzer Wendung zur fremden: 

,Komm to mi, komm tu mi, 
Du bist ja so schön" 

- 



I | ,; Ro» digi i : Protokolle. 

wird auch diese] schöne Tun/ anter mehrfacher Wiederholung zn Ende geführt, 

und damit isl auch «las hochinter« Bsaote, lehrreiche und vergnügliche Stück au.-. 

Brausender Beifall lohnte den Darstellern. Es war. wie allgemein anerkannt 

wurde, ganz ausgezeichnet gespielt worden. Man sah aber auch den Mitwirkenden 
an. mit welchem Eifer Bie sich in ihre Rollen vertief! hatten und welche Freude 
es ihnen machte, in Berlin v.w\ vor einem so empfänglichen Publikum aufzutreten. 
Interessant war uns u. a. auch, die verschiedene Wirkung zu beobachten, die das 

Stück in Malchin und in Berlin hervorrief. Während in Mecklenburg besonders 
die rein plattdeutschen Stellen wirkten, waren in der Reichshauptstadt die hoch- 
deutschen die wirksameren: die plattdeutschen Partien verstand man hier nicht so 
gut, wie schon oben beim Schäfergruss angedeutet wurde. Im ganzen überstieg 
aber der Erfolg weit alle Erwartungen. Herr Wossidlo hat sich mit diesem Stück 
und seiner Binstudierung ein grosses Verdienst erworben. Wir haben auf diese 
Weise wieder einmal kennen gelernt, wie viel Schätze noch in unserem Volkstum 
stecken und wie verhältnismässig leicht gute und gediegene Unterhaltung zu be- 
schallen ist. wenn sich nur mehr Leute linden wollten, um Bestrebungen, wie sie 
das Museum für die deutschen Volkstrachten und Erzeugnisse des Hausgewerbes 
and der Verein i'i'w Volkskunde betreiben, zu unterstützen. Beide Vereine geben 
sich redliche Mühe, aber beide würden weit mehr leisten können, wenn die Mit- 
guederzahl sich steigerte. Unserer Ansicht nach ist nichts geeigneter, dem ver- 
derblichen und öden Unwesen der vielen Specialitäten- und Varietetheater Abbruch 
zu thun. als derartige gut geleitete Volksuntcrhaltungen. Viele im Volke haben 
Freude an solcher gesunden Zerstreuung. Vielleicht finden sich auch noch andere 
Dichter, die nach der Übersättigung mit den stark nach französischen Vorbildern 
duftenden Erzeugnissen einmal unser eigenes Volk mehr studieren und zum 
Ausgangspunkt nehmen. Wie das von Herrn Prof. Hamdorf in Malchin gegebene 
Beispiel zeigt, bei dessen volkstümlichen Unterhaltungsabenden unser Stück zuerst 
aufgeführt worden ist, hätte auf diese Weise jede kleine Stadt, ja selbst manches 
Dorf die Möglichkeit, für gute Unterhaltung zu sorgen. Als Gewinn nebenbei 
winden Darsteller und Zuschauer ihr eigenes Volksleben von früher und jetzt 
kennen lernen, und da mit der besseren Kenntnis desselben auch die Liebe zu 
ihm und zur Heimat wachsen muss, so ist es in letzter Linie die Vaterlandsliebe, 
die Nutzen von diesen Bestrebungen haben würde. [H. Sökeland.] 

Beim gemeinsamen Abendessen dankte Herr Geheimrat Dr. Virchow den 
zahlreichen Gästen für ihr Erscheinen, insbesondere aber den Malchiner Herr- 
schaften. Herr Geheimrat Dr. Johannes Schmidt trank auf den Verein und 
seinen ersten Vorsitzenden, Herr Syndikus Dr. Minden auf die Damen. Einen 
hohen Genuss bereitete Herr Privatdocent Dr. Max Friedländer der Gesellschaft 
durch den Vortrag mehrerer Lieder, und Herr Prof. Marelle steigerte die fröhliche 
Stimmung durch ein in wirksamer Weise halb gesungenes, halb gesprochenes 
französisches Scherzgedicht. Nach der Tafel machte eine liebenswürdige Freundin 
des Vereins durch ihr Klavierspiel ein Tänzchen möglich, das früher ein Ende 
nahm, als die angeregten Gespräche, denen erst der nahende Morgen ein Ziel 
setzte. Wir wurden durch unerwartet reichen Besuch erfreut, denn der grosse 
Saal des Architektenhauses vermochte nicht sämtliche Speisende zu fassen. Dass 
unsere Gäste sich wohl bei uns gefühlt haben mögen und samt den Mitgliedern 
befriedigt waren, ist der Wunsch und die Hoffnung des Vorstandes. 

Max Roediger. [H. Sökeland.] 



rifl des Vereins für Volkskunde 1901. 







Alte Gerichtstätte zu Feldkirchen bei Neuwied. 



Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1Ü01. 



]],S 1 1. il -Li . 

folgen 1893), beschäftigt sich hauptsächlich mit den drei Fragen: 
midi dem Wert der beiden handschriftlichen Redaktionen; nach dem ur- 
sprünglichen Bestand und der Ordnung der Rätselkette; nach Alter und 
Heimat der Strophen. 

Der grössere Teil der Bervarar saga und mit ihm die Rätsel sind in 
zw.-i Passungen auf uns gekommen. 1 ) Beide haben aus selbständiger 
mündlicher Oberlieferung geschöpft (vgl. Heinzel S. !». 21. F. Jönsson, 
Haukshök S. KCULLff.). Ob daneben auch eint' gemeinsame schriftliche 
Quelle benutzt wurde, ist fraglich: Die Gedichte der Saga scheinen in 
der That ein Beispiel für das ./ersingen' eines poetischen Textes zu ge- 
währen, ein in der eddischen Überlieferung sehr seltener Fall. In den 
Gatur zeigt sich die Abweichung der beiden Redaktionen am stärksten in 
der Reihenfolge der Rätsel und im Wortlaut der prosaischen Auflösungen 
(sieli unten S. 135. 137). Weniger stark in dem Bestände der Reihe: der 
Text H bringt 35 Rätsel (die Schlussfrage abgerechnet), der Text R 29, 
wovon nur eines in der längeren Reihe fehlt, so dass H sieben, R eine 
Plusstrophe besitzt und die Summe 36 beträgt. Zahlreich, aber im ganzen 
nicht tiefgreifend sind die Unterschiede der beiden Fassungen im poetischen 
Wortlaut: eine sehr lange getrennte Überlieferung hat hinter den beiden 
ersten Aufzeichnungen offenbar nicht gestanden. 

Wir stellen die zuletzt genannten Abweichungen, die in den Rätsel- 
strophen selbst, hier zusammen. Die Rätsel werden gezählt nach der 
Reihenfolge in H. 

H hat die vermutlich ursprünglichere Lesart in diesen 24 Fällen 2 ): 

H R 

1, 2. (er) ek haffVti i gaer. (pat) i gaer haföa. 
Der Keimstab ist h. 

2, 2. ... gerffak. . . . geröa. 

2, 4. vegr var undir. var peim vegr undir. 

3, 4. mioör ne mungat. ne enn heldr mungat. 

3, 6. po gekk ek . . . ok gekk ek . . . 

4, 3. ok hefir hann paar fyrr of farit. ok hefir hann fyrrurn um farit. 
6, 5. en viö" Mord" [lies iprd"] sakask. ok iortf sakask. 

9, 4. ökyrrir tveir. ökvikvir tveir. 

16, 0. skialli hvitara. skildi hvitara. 

17, 5. vara pat . . . ei var pat . . . 

1*, 4. 5. maer viiT meyiu myg of getr. par til er mog um getr. 
19, 2. 3. er um sinn dröttin väpnalausar er sinn dröttin vapnlausan vega. 
vega [lies besser vegask]. 

1) In der Hauksbtfk, um 1325, und in der Hs. 2845 4° der alten kgl. Sammlung in 
Kopenhagen, 15. Jahrh. Die alte Hauksbok selbst bricht in der Auflösung des zweiten 
Rätsels ab und wird für das Folgende durch zwei Papierabschriften vertreten (hl uud h2 
in Bugges Ausgabe). Wir bezeichnen die erste Fassung mit H, die andere mit R (cod. regius). 

2) Die abweichenden Worte, die neutral oder in R ursprünglicher sind, stehen in 
runden Klammern. 



1 >i<- altnordischen B 



119 



21, 
•21, 
21, 
23. 



23, 
24, 
25, 

28, 

31, 
32, 
32, 



2. er ganga Byrgiandi er ganga raargar Byrgiandi. 

5. . . . enar hvitfoldnu. . . . enar hvitfoldnoa. 

6. ok eigu i vindi at vaka. <>k eigu f»r i rindi vaka. 
2. er ganga brimserkium f. er ganga i brimskerom. 

F. Jönsson a. a. 0. S. 513 zieht brimskerinm ,Brandung8klippen' vor, 
da brimserkium ,Brandungshemden' das l.'atsel zu durchsichtig mache. 
Aber der Felsengrund, worüber die Wogen rollen, wird in Zeile 1 all 
das , harte Bett 1 der Frauen vorgeführt; wäre >t schon vorher als ihr 
Pfad genannt, so würde die Anschauung gestört 

5. . . . enar hvitfoldnu. . . . enar hvitfolduilu konur. 

6. iör (er andarvani). pa iör (var andarvanr). 

6. ok rennr sem hann mä [1. wahrsch. ok fylgia ])vi margir miok. 
mit Bugge: ok rennr er renna mä]. 



6. gefr lif sumum. 

firnm steht schon in Zeile 4. 
6. ok optast (öhreinn). 
3. ok eru sextan saman. 

2. sölbiorgum i. 

3. vertfunjr vaka. 



gefr lif firum. 

ok iafnan heldr (saurugr). 
siittir allir saman. 
sölbiorg of ä. 
ba<3" ek vel lifa. 



1, 
5, 

6, 

8, 
16, 

17, 

18, 
19, 
19, 
20, 
22, 
22, 
24, 
26, 
28, 



Umgekehrt darf R als ursprünglicher gelten an folgenden 21 Stellen: 

H R 

1. hafa ek pat vilda. hafa vildak. 

3. konungr, gettu . . . vittu . . . 

v ist Keimstab: konungr könnte nicht stablos vorausgehen, auch ist 
die Anrede des Königs gegen den Stil der Kätscl (unten S. 132). 

ok orila tefill. orefa tefill. 

. . . votn ok veisur. . . . votn ok vi??. 

Der Versbau verbietet den Schluss L - . 
hoUVum [I. oldum] hann bergr. holöum [I. oldum] bergr. 

fyrir Doglings dumm. fyrir Dellings durum. 

7. skapti rettara, (skialli) hvitara. (skildi) hvi'tara, skapti rettara. 



8. pä er fyrir eyiar ütan 
yriVigr sa er ker geröl. 
6. 22, 0. ok eigupaerpessvaroaratvera. 

5. alla daga. 

6. en hinar fegri fryia. 

5. pser a vetrum viff siou bera. 
2. er margar ganga saman. 

4. 5. myrgum hafa manni paer . . . 

6. iör er (andarvani). 
8. lif sitt gumi. 

1. 2. fiörir ganga, fiörir hanga. 



])ö var fyrir eyiar utan 

yrtfigr, s;i er gonVi. 

ok eigut pa>r (par) varder vera. 

um alla daga. 

en hinar fegri fara. 

paer um vetr bera. 

er ganga margar saman. 

myrgum mynnum hafa paer . . 

(pä) iör var (andar vanr . 

lik sitt gumi. 

fiörir hanga, fiörir ganga. 



Die meisten der vielen auswärtigen Gegenstücke stellen das ,hängen' 
dem ,gehn' voraus. 
28, 6. (ok optast) öhreinn. (ok iafnan heldr) saurugr. 

öhreinn ergäbe überschüssigen Keimstab. 
34, 1. sat ek a segl. sat ek ä segli. 

36, 5. i eyra Baldrs. i eyra Baldri. 

36, 6. äö'r hann var . . . äör hann vseri . . . 

9* 



|-J(I II'-llil-T. 






1) So nach B berichtigt; H d.h. die beiden Papierabschrifteii,h 1 und h 2) hat einen 
verderbten Text. 

'-' Dass i: hier ein margar einschiebt, ist ein zweifelloser versüberladender Fehler. 



Daran sohliessl sieh der ejuzjge Fall, wo eine Vermischung zweier 
oder dreier Strophen stattgefunden hat. Di«' beiden ersten Wellenrätsel. 
\ '1. 22, orrlnen ihre zweiten Halbstrophen in !l anders ;ils in R: 

II R 

badda bleika rporgurn nionnum 

hafa | a-r (.'nur hvitfuhlnu hal'a psdt at nieini onbt. 

ok eigU i vindi at vaka. rid pat nuinu f>ser sinn aide ala. 

mprgtrrn hftia manni hadda blcikii 

\<;iv al nieini komit. hal'a paer enar hvi'tfolduöu, 

ok eigxrl j>ar |>ar i/aröer Vera; 1 ) ok cigut paer |>ar vartfer vera. 

Die Schlusszeile der ersten Strophe in II (ok eigu i vindi at vaka) 
kehrt in R wieder als Schluss eines dritten, in II nicht vertretenen Welleu- 
rätsels (Strophe _1 in R). 

Es hi^st Bich zeigen, dass die Zusammenfügüng dieser Bausteine in Ü 
besser ist als in H. Die Zeile niorgum hafa manni nimmt sich in H 
hinter der Halbstrophe: 

hveriar rd \<xr meyiar, 
er margar ganga saman 
at forvitni foihir 

wegen des wiederholten m-argr weniger gut aus als hinter dem Helming: 

hveriar rd |'ier snötir, 
er ganga 2 ) syrgiandi 
at forvitni fpöbr. 

Der Schlnssvers: 

ok eigut paar |mr variier vera 

gehört hinter paer enar hvitfoldftu (-folduSu), wie in R: der Gedanke ist: 
die Frauen haben keine Männer, obwohl sie den Kopfputz, den Weissen 
faldr der Verheirateten tragen. ländlich schliesst sich auch der erste 
Strophenschluss in Et: 

rid pat mnnu paer sinn aldr ala 

an den Gedanken ..Manchen haben sie Verderben gebracht' passender an 
als die /eile in II: 

ok eigu i vindi at vaka. 

Somit hat der Text R diese beiden Wellenrätse] in anscheinend ur- 
sprünglicherer Ordnung bewahrt. 

An den folgenden Stellen ist eine Entscheidung, ob H oder R den 
Vorzug habe, nicht */.n treffen: 



Dil altnordischen l I _' '. 

ii i; 

l. . r >. B. ok hefir munna tva, er heftf mumm kvd 

s.i er a gulli einn gengr. ok ii gulli einu ■- 

"). _'. it ferr mold ylir. er liör moW yftr. 

3, .'). visar helin l. heliar] til. visar a helrq 

12, 7. ferr hart sü v;ctr. I'ram liör BU vaetr. 

1-4. 6. berr ßat ofar . . . ok berr ofar . . 

Ursprünglich wohl: berr ofarr kne en kviö. 

17. 6. ne hamri klappat. ne harari al klappat. 

19, l. enar iorpsku [1. iorpu] hh'fa. enar iärpari lilila. 

22, 5. . . . at meini komit. . . . ;tl raeini ortfif. 

28, 4. tveir bundum veriask [1. veria . tveir hundum varöa. 

•_'9, 2. er sefr i oskugnia. er sefr i psgrüa. 

"29, 3. ok er af griöti rinn gorr. ok af griöti einu gorr 

32, 7. 8. en oepandi olker stööu. en oepanda olker stob'. 

Die erst.- Lesart ist metarisch korrekter, sachlich weniger antreffend. 

35, l. en einn hala. ok cinn Inda. 

Dazu kommen noch eine Anzahl äusserlicher Schreibversehen. Es 
sind in II etwa doppelt so viel wie in R; dies beruht ohne Frage darauf, 
dass der grösste Teil von II nur in den jungen Abschriften bewahrt ist. 

Sehen wir von diesen oberflächlichen Fehlem ab, s usseu wir die 

beiden Texte H und R, was den poetischen Wortlaut der Rätsel betrifft, 
als ziemlich gleichwertig anerkennen. 

Besonder.- Aufmerksamkeit verdienen die gemeinsamen Fehler der 
beiden Fassungen. Wir rechnen folgendes hierher: 

1. Unebenheiten der Form, die vermutlich von Anfang an den Yersen 
anhafteten, nicht auf späterer Verderbnis beruhen; 

S, ti. en lotuni til solar snvr: 

das stablos vorangestellte Nomen fötum ist hart. 

20, 4. 5. hvitan skiold paer um vetr ä veteum II bera; 
um den Stabreim zu gewinnen, hat eine Papierhandschrift haust, eine 
and. -tr havetr an Stelle von vetr eingesetzt (vgl. Bugges Ausgabe S. 250 . 
Aber im Blick auf den folgenden Vera en svartan um sumar musa man 
das einfache vetr unbedingt beibehalten, bo dass der fragwürdige Reim 
hv: v vorliegt. 

2. Schreibfehler, worin zwei Handschriften unabhängig zusammen- 
treffen konnten: 

6, I. hpläum statt dos durch den Stabreim geforderten oldum (Bugge . 

19. Ii 2. Hveriar ro 1 aer brdöirj 

er um sinn dröttin: 

8er Stabreim fehlt, vermutlich ist l.rudir (das auch in der Anfangszeile 
von Rätsel 17 und 23 steht) für ein anderes Wort eingetreten: die An- 
gaben setzen drösir ein: da aber die Rätsel sonst nirgends den Haaptstab 



122 Header; 

in <lic Schlussbebung «1fr Langzeile verlegen, müsste man mit Ettmflller 
(Lesebuch B. 38) umstellen: 

er um dröttin sinn, 
und dies ist nicht rätlich, da stabendes Pronomen vor seinem Substantiv 
beliebi ist (vgl. Ih.v. KU, 5. \ af. 7, 2. Grimn. 52, 5. Lok. 12, % 40,2); 
man hat also snütir anzunehmen (wie in Rätsel 21). 

22, 6 (= R "20, (i) ist auf beiden Seiten die Negation in eigut aus- 
gelassen. 

34, 3. blods hold statt blods hol (= asdr, Ader). Ein Missverständnis 
des Wortspiels schon in der mündlichen Überlieferung ist hier schwerlich 
anzunehmen. 

•"-. Entstellungen, die zwar den Sinn antasten, aber doch schon der 
mündlichen Überlieferung zuzutrauen sind: 
Kätsel 17 (das Ei der Schwäne) lautet: 

baru brü'Vir 

bleikhaddatfar, 

ambättir tvaer, 

ol til skemmu; 

vara pat hondum horfit 

ne hamri at (f. H) klappat, 

H: pä er fyrir eyiar ütan R: po var fyrir eyiar ütan 

orftigr s.i er ker goröi. or<Tigr sä er gorcfi. 

Nach der Lesart von R müsste man die ganze zweite Halbstrophe auf 
ol beziehen, was keinen Sinn giebt: das weder mit Häuden noch mit dem 
Hammer behandelte ist das Biergefäss, die Eierschale. Den Text von H 
könnte man mit geringer Änderung logisch machen, z. ß. mit Bugge: 

pä er fyrir eyiar ütan 

orffigr ker gorcTi, 

oder noch besser mit Beibehaltung des doppelt überlieferten sä er und 
näherem Anschluss an R: 

pö var fyr eyiar ütan 

orcfigr, sä er ker gorcH. 

Diese Lesart würde nicht unbedingt verwehren, das pat in Z. 5 auf das 
ker in Z. 8 zu beziehen; aber der Satzbau wäre für unsere Rätsel be- 
fremdend künstlich; da jenem pat in der Zeile unmittelbar vorher das 
Neutrum ol vorangeht, würde sich die Anknüpfung des pat an ol fast un- 
vermeidlich einstellen. Als ursprüngliche Form möchte ich vermuten in Z. 4: 

ylker til skemmu, 
alles übrige nach R. Diese Änderung, wobei der gewünschte Sinn ein- 
wandsfrei herauskommt, ist nicht gewaltsam; metrisch gerechtfertigt wird 
sie durch die schweren Füllungen der zweiten Halbstrophe. Schon in der 
mündlichen Überlieferung mag das ker aus Z. 4 in den Schlussvers geraten 
sein (wie in H). 






Die altnordischen Et I 23 

"24, 3. ä sat \vd<h ;i n&i, 

so auch im cod. Worin, der 8. gramm. Abb. (Isl. gramm. Litt. 2, 31). Das 
Richtige ist ä sat nar ;i näi, wie die genannte gramm. Abb. in der Beehr. 
AM. 748 I 4° hat. Das die Lösung vorwegnehmende oadr branohi nicht 
durch ein Sehreibversehen hereingekommen zu sein: auch mündlich um- 
laufende Rätsel enthalten Verderbnisse, w i • ■ man ans den Varianten der 
Rätselsainnilungeii ersehen kann. 

Ob nicht auch in der ersten Zeile des Wortspielrätsels No. :14 eine 
Entstellung vorliegt? Sie lautet: 

sat ek a segli (segl H). 
Eine sichere Deutung ist mir nicht bekannt (vgl. Bugges Ausg. S. 361); 
als Auflösung bringt II: far saztu ä \egg, R: par saztu ä veg. Statt segli 
erwartet man ein mit d anlautendes Stabwort: der 2. Vers lautet: 

sa ek daurta meiin ; 
ich habe an sat ek a digli gedacht: ,auf dem Tiegel, Kessel'; ä digli = ä 
velli (zu vellir, fervefaciens) = ä velli (zu vollr, Feld). Doch würden 
dann die beiden Homonyma nur in einem Casus obliquus zusammen- 
stimmen (velli)! 

4. Zwei Fälle, wo man kaum umhin kann, einen Fehler in einer ge- 
meinsamen schriftlichen Vorlage anzunehmen. Es handelt sich um stablose 
Zeilen, deren Form nicht wohl unabhängig durch zwei Aufzeichner oder 
Abschreiber entstanden sein kann. 

27, 1. 2. Miok var fonkun 
nosgäs vaxin; 

vor fordum schiebt h2 fyrre ein. Um den Stabreim zu erhalten, setzt eine 
Papierhandschrift n»r statt miok, eine andere nög; Bugge schreibt varp 
für var und erblickt darin ein Reimwort zu vaxin. Aber nosgas inuss 
Stabträger sein, und das verlorene Wort mit dem n-anlaut wird an der 
Stelle von forSum zu suchen sein. Schwerlich miok var oaestum (nuper). 
Im Hinblick auf neuisländisches sa eg fyrir sunnan svartan köttinn vaga 
(Jon Arnason No. 962, vgl. No. 942. 944), mecklenburgisches keem'n diert 
ut nuurden (Wossidlo No. 424a), wo eine Himmelsgegend ohne inneren 
Bezug auf den Gegenstand aufgeführt wird 1 ), möchte man vermuten: 

miok var fyr nori'an. 
Die zweite Stelle gehört der Schlussfr;i^i' an: 

3<i, 3. a<Tr hann va>ri (var H) ä bäl huf^r. 
Die den Stabreim herbeischaffende Besserung der Papierhandschriften . . . ä 
bäl um borinn (vgl. Vegtamskvida 11, 7) ist wohl die einzig mögliche. 



1) Vgl. auch Svend Vonved C 4:'». 44 (Gnmdtvig 1, 244) die Rätsel lösung: 
for «sten stod den fisk i llod, 
for vesten staar de foler i stod, 
for norden blaescr den haarde vind. 



Die Entstellung dieser einfachen Form kann man «reder der mündlichen 
lieferung noch swei selbständigen Abzeichnungen zutrauen; 
Die Frage, oh hinter den beiden Redaktionen II und R eine gemein- 
Bchaftliche Aufzeichnung stehe, könnte jedoch nur auf Grund des ganzen 
Sagatextes beantwortet werden. Di«- Rätselstrophen für sich geben durch 
ihr«- gemeinsamen Fehler, wie wir Bähen, nur unsicheren Anhalt zur Be- 
jahung der Frage 



Die Rätselreihe ist in die Handlung der Saga hineingestellt. Das 
Wesentliche an der Rahmenerzählung ist dies: 

Bin Schuldiger soll sich frei kaufen können dadurch, dass er Rätsel 
Btellt, die der König lleidrek nicht zu lösen vermag. 1 ) In der Gestalt 
.Irs Schuldigen Gestumblindi aber erscheint Odin, der wahre Gestumblindi. 
und nachdem alle seine Rätsel geraten sind, stellt er eine letzte Frage, 
dir der König nicht beantworten kann, und an der er den Gast erkennt: 
er hat das Spiel verloren, und da er sich an dem Gotte vergriffen hat, ist 
im- einem baldigen ruhmlosen Tode verfallen. 

Zwei voneinander trennbare Vorstellungen sind hier vervvoben: das 
Halslösungsmotiv, und zwar in der häufigeren Form, dass der Straffällige 
nicht durch Rätselraten, sondern durch Stellen einer unlösbaren Frage 
sein Leben erwirkt. Sodann das Motiv: der weise König hat sich auch 
einmal mit dem weisesten der Götter gemessen, und ihm unterliegt er. 
Odin ist nicht nur der grosse Zauber- und Runenkünstler, und der Kenner 
der forn s]>ioll fira: auch Rätsel weiss er aufzugeben wie kein Zweiter. 
Als odins n-ätur. Odinsrätsel, geben sich thatsächlich die Fragen der 
Hervarar saga. 

Für die Personen der Erzählung ist daher das episch - dramatische 
Im fresse an dem Auftritt, ein anderes als für den eingeweihten Hörer der 
Saga: jene sehen den Befreiungsversuch des Verbrechers, dieser den Wett- 
kampf zwischen dem Gott und dem König; 

I);is zweite der genannten Motive gehört echt nordischer Anschauung 
an: es stellt sich neben die geistigen Siege Odins in den Grimuismäl. 
Vafßrüctnismal, auch dem zweiten Odinsbeispiel. Das erste Motiv, das 
der Ealslösung, ist mehr internationaler Art; vgl. Petsch S. 15ff. Aber 
bei «Ion Bonstigen Baislösungen pflegt ein Rätsel gestellt zu werden, das 
der Beantwortung spultet und sogleich die Befreiung herbeiführt. In 
unserem Falle haben wir einen langen Dialog, einen Wettkampf ohne 
Wechsel der Rollen, dieselbe äussere Form, die in den Alvissmäl-und den 
Fiolsvinnsmäl angewendet ist. 






1 Der Text II lüut das überladende Motiv bei: er soll die Königstochter bekommen, 
•wenn er Sieger bleibt. 



Die altnordischen Rätsel. !*_'."• 

Die beiden letztgenannte!] Gredichte nebst den VTnftrüdnisiuäl hat maii 
1 1 ; i 1 1 1 i la" :'' s weitere Rätselstücke neben die Heidreks gätur gestellt. A.ber 
offenbar mit Unrecht Denn sie prüfen nicht die Ratekunst, Bondern die 
Gelehrsamkeit; es sind Wisseusproben, [seine Rätsel. Zwar ist die Grenze 
zwischen diesen zwei Dingen flüssig: die Wissensfrage kann sich in die 
verhüllende Sprache des Rätsele kleiden. So sehen wir es in manchen 
Strophen des Rigvedaliedes I. 164, das Haug, Sitzungsberichte der bayr. 
Akademie 1875, 2, 457ff., erläutert hat 1 ; z. B. Strophe 44: 

„Drei Behaarte erscheinen, (jeder zu sein.!' Zeit; einer von ihnen 
mäht während des Jahres ab; einer beRchaut das All durch (seine) Hilfe- 
leistung (es beschützend): von einem sieht man den Lauf, aber nicht die 
Gestalt«; 
nach Haug: A.gni in verschiedenen Gestalten und Regionen. AI- reine 
Prüfung der Kenntnis würde die Frage vom umgekehrten Ende angefasst, 
etwa so: in welchen drei Handlungen erscheint Agni? Allein die be- 
treffenden Eddalieder, im besondern die Vafprüänismäl, legen in ihre 
Praxen keinerlei Versteckspiel und sondern sich dadurch von dev Rätsel- 
gattung aufs deutlichste ab: 

Dies führt ans auf jene Strophe der Heidreks gätur, die den drama- 
tischen A.bschluss <\<-< Dialogs Lüdet. Die Frage na. dt Odins letzten 
\\«.rten an Baldr. Es ist klar, dies ist kein Rätsel, sondern eine Wissens- 
probe. Als solche steht sie stillos am Ende unserer Scene, dagegen ist 
sie — inhaltlich übereinstimmend, im Wortlaut verschieden — der ange- 
messene Schlnss <\f* Kataloggedichtes Vafprüdnismal. 

Es sieht wie ein wunderliches Spiel des Zufalls aus, dass auf >\<'v 

einen Seite die Rätselkette mit einer Wissensprol adigt, auf der andern 

Seite eine Reihe von mythologischen Wissensfragen in ein Rätsel ausläuft. 
Dies ist nämlich der Fall in der Vegtamskvidä. Die Halbstrophe 12: 

hveriar rö E>ser raeyiar, 

er at muni grata 

ok a himin verpa 

balsa skautum? 
isl nach Anlage und Ausdruck der nächste Verwandte anserer Gatur, im 
besondern der Wellenrätsel. 8 ) Nun hat man mit Rech! bemerkt Fiunur 
Jönsson, Litt. bist. 1, 147. Niedner, Ztschr. f. d. Altert 41, 310), dass 
Odins Abschiedsworte an Baldr dasjenige wären, was man als Schlnss der 
Vegtamskvida fast notwendig erwartete: auch das Kenntlichwerden Odins 
vor der Seherin würde durch diese Frage weit besser begründet als durch 
die vorliegenden Rätselzeilen. So wie die Vegtamskvida aberliefert ist. 

1 Die kurzen Charakteristik.,, der Götter Kigveda 8, 29 (übers bei Geldnei «nid 
Kägi, Siebenzig Lieder, No. 53) erheben kaum den Anspruch Rätsel zu Bein, da sie den 
Verstand nicht auf Umwege führen. 

2) Bugge, Studien S. 263ff., Wimmer, Lsesebog 4 S. 156 deuten die Balbstrophe auf 
die Wellen. Unland, Schriften 3, 187 auf die Wolken. 



126 Bender: 

kann der poetische Sinn, wie mir scheint, nur der sein: «II«* Frage ,wer 
wird Baldr beweinen?' wird von Odin nicht mehr, wie die vorausgehenden 

an, direkt gestellt, Bondern in ein Rätsel verkleidet; an der geheimnis- 
vollen Unlösbarkeil erkennt die Vplva den Gott. Dem Dichter muss dieses 
absichtlich dunkel gehaltene liütsel als ebenso anratbar gegolten haben, 
wie auch die letzten Werte an Baldr niemand wnsste und wissen durfte, 
und wer >ich heute um die Antwort bemüht, der geht über die dichterische 
Intention dieser Abschlussfragen hinaus. 

.Man wird natürlich nicht .annehmen, dass Heidreks gätur und Yegtams- 
k\ida dnrch einen seltsamen unerklärlichen Tausch zu ihren jetzigen 
Schlussfragen gelangt seien! Aber auch den Gedanken, dass die Rätsel- 
scene einst einen anderen, stilvolleren Ausgang hatte und erst nach dessen 
Verlast <lie Anleihe bei den Vafprüdnismäl machte, werden wir verwerfen. 
Das Thema .Odins AVorte an den toten Baldr 1 war traditionell, als die 
anlösbare Frage par excellence: es konnte auch als dramatische Spitze 
eines Rätselwettkampfes zur Not gebraucht werden, zumal es die erforder- 
liche Eigenschaft hatte, Odins Maske zu lüften. 

Dass die Heidreks gätur einfach aus den Vafprüdnismäl entlehnt 
hätten, dagegen spricht der stark abweichende Wortlaut: 

HeiiTr. 36 Vafpr. 54 

hvat mselti Oftinn hvat madti Oefinn, 

i eyra Baldri, ädr ii bäl stigi, 

äffr hann vaeri a btil haför. sialfr i eyra syni. 

Der Helming links ist, sobald man die schlagende Emendation . . . ä 
bäl um borinn (oben S. 123) einführt, tadellos. Die andere Fassung hat 
zwei störende Formhärten: das stabende ädr (statt bäl) und das stablose 
eyra (dem folgenden Nomen untergeordnet). 1 ) 

Die Sage von König HeicErek bot also einen episch - dramatischen 
Rahmen dar für eine Folge von Rätseln. An diesen Rätseln selbst haben 
wir dreierlei zu unterscheiden: ihren Inhalt, ihre dichterische Ausgestaltung, 
ihn- Verbindung zur Rätselreihe. 

Nach ihrem Inhalt haben die Rätsel Verwandte in fremden Litera- 
turen bezw. Volksüberlieferungen, wie Müllenhoff, Zeitschr. für deutsche 
Mythologie 3, 1 ff . (1855) zuerst im einzelnen gezeigt hat (vgl auch 
öhland, Schriften 3, 184 ff. 6, 260fr.). Die Rätselstoffe gehörten, wie 
die Sprichwörter, wie die Märchen und Novellen, zu den Wandermotiven, 

1) Es sieht so aus, als sei der Text der Vafpr. ursprünglich für episches Versmass 
geprägt worden: 

hvat madti Baldri, 
ädr ä bal stigi, 
Odinn i eyra 



Die altnordischen Bitsei. 127 

die sich schon vor den Zeiten ütterarischen Austausches über <\\<- Völker 
rerbreiteten. Blosse Übereinstimmung im ( i egenstande der Präge genügt 
nicht, um Verwandtschaft aufzustellen; z. B. haben die beiden .Brücken- 
rätsel, «las neuisländische bei Jon Arnason Nb. 270: 

För eg yfir fjüriHnn snar, 

ii faknum tres övönduno, 

fjerar vorn i fjalirnar, 

ilatar ;i baöum löndnm 

und das unserer Saga N«>. _: 

sä ek a veg ?cga. 
vegr var undir 
ok vegr yfir 
ok vegr ä alla vega 

keine Berührung miteinander. Erforderlich ist, dass derselbe Zug zur 
Kennzeichnung des Gegenstandes gewählt werde; Übereinstimmung im 
Motiv. So kann auch bei ungleichem (Jegenstande Motivähnlichkeit und 
unter Umständen thatsächlicher Zusammenhang vorhanden sein (mehrere 
Beispiele im folgenden). 

Wenn wir uns demnach auf entschiedene Motivähnlichkeit beschränken, 
so finden wir unter alten und neuen Rätseln auffallend wenig Gegenstücke 
zu den 36 Heidreks gatur. Diese nehmen, im ganzen betrachtet, eine 
abgesonderte, einsame Stellung ein. Selbst die färöische Ballade Gätu 
Rima, der eben unsere Sagascene zu Grunde liegt, hat bis auf zwei oder 
drei Fälle, Str. 22ff. 1 ), neue llätselinhalte eingeführt. 

Aus den etwa 90 altenglischen Rätseln des 8. Jahrh. (in Grein- 
Wülkers Bibliothek 3, 183 ff.) lassen sich wohl nur die folgenden Stücke 
vergleichen: 

No. 17 der Anker: 

oft ic sceal wip waege winnan and wip winde feohtan, 
somod wip pam saecce, ponne ic secan gewite 

eorpan ypum peaht 



Ic him paet forstonde, gif min steort polap 

and mec stipne wip stanas moton 

fasste gehabban: 

neben unserer Gata No. (!: 

Hverr er sa hinn mikh, 

er morgu ra W- 

ok horfir til heliar halfr? 

oldum hann bergr, 

en vi«5" iord" sakask, 

ef hann hefir ser veltraustan vin. 

1) Da hier nur die Antwortstrophen bewahrt sind, bleibt die Form der Fragen und 
ihre Übereinstimmung mit den alten Gätur zweifelhaft. 



I 2^ 11' neler; 

No. -.7 das Blatterschwein, neben der Gäia No. 1*J: vgl. unten S. 142. 
No. 58 die Hagelkörner 1 ): 

ßeoa lyl'i byreö lytlo wihtc 

ofer beorghleopa, ßa sind blace swipe, 

Bwearte, aalopade — - — — ; 

neben unserem Rätsel No. 1<>: 

bvitir Qiugendr • 

liellu liösta. 

en Bvartir i sand grafask. 

l>ie Ähnlichkeit ist überall nur eine sehr entfernte, ein (mittelbarer) 
Entstehungszusammenhaug kann nur bei dein Rätsel vom Mutterschwein 
in Betracht kommen. Noch geringfügiger ist der Anklang des Rätsels 
No. 51, »las Feuer, an Gäta No. ^9. Die zehn bis zwölf übrigen Rätsel. 
die vielleicht (oft ist ja die Deutung ganz unsicher) im Gegenstande mit 
den nordischen Fragen übereinstimmen, zeigen keine Motivverwandtschaft. 

Die Bechs Reichenauer Rätsel (10. Jahrb., MSI). No. VII) bieten keine 
Parallele, ebensowenig das Traugemundslied (um 1200, MSD. No. XL VIII). 
die Rätselsammlung der Weimarer Hschr. (15. Jahrb., Köhler, Kl. Sehr. 
3, 499 ff.) und das Strassburger Rätselbuch (von 1505, herausg. von Butsch 
Strassburg 1876). 

Unter den neueren Sammlungen von Volksrätseln stellt sich die islän- 
dische von Jon Arnason (Islenzkar Gätur. Kph. 1887), mit ihrer statt- 
lichen Zahl von 1194 Nummern, abseits vou den übrigen. Einige dieser 
Rätsel nämlich verraten deutlich eine unmittelbare, litterarische P^inwirkung 
der alten HeiSreks gätur, die seit dem 17. Jahrb. auf Island wieder bekannt 
waren und mit der anderen Eddadichtung abgeschrieben wurden. Die 
klarsten Fälle sind diese: 

Die beiden Eirätsel, No. 764: 

i hverju bäru meyarnar 
mjü'Vina til skemmunnar? 
paff var hvorki meÖ" höndum gert 
ne hamri slegid 

and Ne L038: (der Anfang abweichend, dann) päd var hvorki meS höndum 
gerl e.la med hamri smidad. Vgl. Gata No. 17 oben S. 122. 
Das Rätsel von der .Mühle No. 814 hat seinen Schluss: 

maer hvar elur meyu vifl 
mög n reginfjalli 

unserem Angelikarätsel No. 18 entlehnt (... a reginfialli, elr viel kvän 
kona, mal- vid meyiu mog of getr). 

Ausserdem halte man No. 1099 die Sonne ( . . . en vom nii vargar 
tveir med henni) neben Strophe 15 ( . . . ok keppask um pat vargar 

■ nach Trauhnanns Deutung: nacli Dietrich die Schwalben oder Staare oder 
.Mücken! 



Die altnordischen Rätsel. L29 

avullt) 1 .; X<>. 684 die Wellen bverjar eru breinar meyar bvitfaldaSar, 
aldrei nema i viudi vaka aeben Strophe 21, oben S< 120? No. 683 die 
Schneehühner (bverjar em avalH a hvi'tum Ula-dum a vetram an dokkvuni 
a suinrin) neben Strophe 20 (hvitan skjold pees ä Metrum bera, en svartan 
um siiuiar). 

Bei dieser Sachlage können wir kein einziges der neuisländischen 
Rätsel mit Sicherheit als unabhängiges Gegenstück der Heidreks gätur 
hinnehmen; die Ähnlichkeit kann immer auf Nachbildung der litterarisch 
überlieferten alten Strophen beruhen. 

In anderen Sammlungen linde ich an bemerkenswerten Gegenstü 
zu unseren G;itiir folgendes. 

In erster Linie das ehrwürdige Kuhrätsel (No. 28), das von den Alpen 
bis zum Polarmeer vielleicht nirgends fehlt. Der altnordischen Passung: 

ßörir hanga, 
lidrir ganga, 
tveir veg \isa. 
tveir h und um var.'a. 
einn eptir drallar 
ok optast saurugr 

kommt, so viel ich sehe; die dänische am nächsten bei Grundtvig, Garn] 
danske minder. 2. Aus;;.. 1. 223): 

Fir hengen, fir sprengen, tow viser Vaej, tow virjer fir e Hun, se 
gammel Man kommer slonten aebag aetter. 

Die übrigen zahllosen Varianten bauen von den Leiden Zügen des 
Wegweisens und des Hundeabwehrens zum mindesten den einen fallen 

ii. Die gemütliche Schlusswendung (cd; optast saurugr) kehrj nirgends 
wieder. Vgl. Müllenhoff a. a. O. S. 4 f. Landstad S. 807. Faerosk Antho- 
logi 1. 324, No. 35. Svenska Landsmälen VII. 1. No. 125. Jon Arnason 
No. 254. 255! Rochholz, Kinderlied S. 221. Wossidlo S. 80. Renk in 
diesei Zeitschrift 5, 151. Kehler. Kl. Sehr. 1. 267. Jedenfalls haben 

wir hier nicht blosse Motivgemeinschaft vor uns, sondern eine poetisch 
geprägte Urform liegt zu Grunde. Es frag! sich, ob wir sie uns stabreimend 
oder endreimend zu denken haben. In den altisländ. Versen isl sozusagen 
der Schein des Stabreims gewahrt: die beiden ersten Langzeilen erzielen 
die Stäbe nur durch Wiederholung der Zahlwörter, die erste hat daneben 
den ohrenfälligen, zweifellos ursprünglichen Endreim, die zweite übertönt 
den Stab t durch die Binnenallitteration veg: v isa J ; in der tadellos stabenden 



1) Allerdings ist die Vorstellung von den Sonnenwölfen auf Island noch lebendig, 
Jon Arnason, pjödsögur 1, 658 f. 2, 549. 

2) Man darf nicht in veg: visa: Tarda die drei Stäbe der Langzeile erblicken; 

dein Hauptstab könnte nicht hunchun stablos vorangeschickt sein. Auch in >lrr Sammel- 
frage, No. 7, kommt die Betonung der be ten Verse: 

hverr byggir ha" fioÜ, 

hverr fellr i diüpa dali 
besser zu ihrem Recht, wenn man Binnenstabreim annimmt (h: h, d: d). 



130 Bender: 

dritten Langzeile ist der letzte Kurzver.- vermutlich Zugabe. Die Grund- 
ir möchte ein Gemisch von Bndreim and Binnenstabreim gewesen 

sein '); Vgl unten S. 1 33. 

Die Ähnlichkeit geht in keinem zweiten Falle so weit, dass ein ge- 
meinsamer Wortlaut als Grundlage zu erschliessen wäre; ausgenommen 
etwa die zwei einfachen Zeilen in No. 7: 

hverr andalauss lifir, 
hverr aeva pegir 

Beben den Versen des norwegischen Rätselgedichts (Landstad S. 370 Str. 4): 
hot er de<V, som tyt og aldri ü'ger . . . 
og hot er ded', som andelaust liver; 

Antwort: Wasserfall und Fisch. 

Dei- Heiter zu Pferd wird in den Volksrätseln häufig durch die Zahl 
der summierten Glieder gezeichnet, z. B. bei Wossidlo No. 424a: 

keem 'n diert ut nuurden, hadd vier uhren, 

hadd söss fööt, hadd'n langen start. 

Indem der heidnische oder wenigstens mythenkundige Nordmann hier 
seinen einäugigen Göttervater und dessen achtbeiniges Ross einsetzte, 
gelangte er erst zu der richtigen Pointe, einem überraschenden Zahlen- 
verhältnis, ohne dass dabei der schlichte sprachliche Ausdruck im mindesten 
gesteigert wurde: 

No. 35. Hverir rö peir tveir, 
er tiu hafa foetr, 
augu priu, 
en einn hala? 

Zu der toten Schlange, die auf der Eisscholle treibt (Strophe 24), hat 
Bugge S. 358 seiner Ausgabe neunorwegische Rätsel gleichen Gegenstandes, 
doch weit einfacherer Form angeführt. Mit den verschiedenen Eirätseln, 
die den Inhalt dem Bier, die Schale einem absonderlich gezimmerten 
Gefäss vergleichen, hat die malerisch reich ausgestattete Str. 17 (oben S. 122) 
nur eben diese beiden Grundmotive gemein. Die im Schädel nistende 
Ente (Str. 27) berührt sich auch nur dem allgemeinen Umriss nach mit 
den Rätseln vom .Lebendigen im Toten' (unten S. 141). 

Geringfügige Anklänge, wie die Vergleichung des Mistkäfers mit der 
Sau (Str. 1 1 : Dybeck Runa 1850, No. 33. Svenska Landsmälen VII. 4. 
No. 102*]), das ,Kopf unten, Wurzel oben', hier auf den Lauch, dort auf 
den Eiszapfen oder die Oberzähne angewandt (Str. 8: Gätu Rima y. 16. 



1) Vergleichbar die altdeutschen Segenssprüche MSD. 1, 16— IS und in andrer Weise 
das Sprüchlein der Sturlunga saga 1, 249: 

Loptr er i Eyium, hitr lundabeiu, 

Saemundr er ä heidum, etr berin ein. 
2 Die Spinn.nrätsel bei Jon Ärnason No. 219. 942. 944 verbinden den schwarzen 
Eber der Strophe 11 mit einem Motiv aus Strophe 14. 



Die altnordischen Et&tael. 13 1 

Landsted EL 372, No. 14. S. 809, Nr. 22. Jon Ärnason N'o. 574), würden 
sich noch weiterhin anreihen lassen, und ausgebreiteten Beleeenheit könnte 
wohl noch die eine und andere Parallele beifügen. Aber soviel wird, wie 
ich glaube, in Geltimg bleiben: moderne Rätselsammlungen wie etwa die 

von Wossidlo und von Jon Ärnaaon erscheinen sowohl unter sich wie auch 
mit Sammlungen der Reformationszeil nah verwandt, dagegen von der 
Rätselreihe der Hervarar saga durch einen grossen abstand getrennt 
Es ist zu bemerken, dass auch die Menge der altnordischen Sprichwörter 
in dem modernen Gnomenschatze befremdlich wonig \' erwandte hat. In- 
dessen wird man doch nicht annehmen, dasa fttnf Sechstel der Beidreka 
gatur auch ihrer inneren Form nach dem Auslande gefehlt hätten, auf 
Island bodenständig waren. Das Material an angelehrten Rätseln, das uns 
das Mittelalter zur Vergleichung darbietet, ist zu dürftig, unmittelbar auf 
nordische oder gar isländische Heimat weisen nur ein paar unsrer Gatur 
hin (unten S. 140). 

Die zwei Vorgänge: die poetische Ausgestaltung der Rätsel und 
ihre Verbindung zur Reihe könnten an und für sich zusammenfallen; 
d. h. der Mann, der den Wettkampf König lleidreks darstellen wollte, 
hätte die Rätselmotive in Prosa oder in einer ihm nicht zusagenden Vers- 
form angetroffen, und er selbst hätte dann die uns vorliegenden Strophen 
gebaut: die von ihm gedichtete Reihe könnte später durch Zuthaten ver- 
mehrt worden sein. Von dieser Voraussetzung geht F. Jönsson a. a. 0. aus. 
Ebensowohl möglich ist aber, dass der Hersteller der ( Jestumblindi-Scene 
einzeln umlaufende, fertigt* Rätselstrophen zusammentrug; dass er also im 
wesentlichen Sammler war. 1 ) Das Vorhandensein stabreimender Binzel- 
rätsel im Island des 12. Jahrhunderts kann nicht befremden; die Annahme 
wäre selbst dann kaum zu entbehren, wenn man den Grundstock unserer 
Strophen einem Dichter zuschreibt, denn dieser hätte doch wohl Vorbilder 
haben müssen, und die späteren Zuthaten würden dem Schatze der Einzel- 
rätsel entstammen. 2 ) 

Für die erste Auffassung, die Hand eines Dichters, spricht, soviel ich 
sehe, kein Umstand: die andere Auffassung kann sich auf folgende vier 
Thatsachen berufen. 

1) Diese Auffassung deutet Müllenhoii an, a. a. O. S. 5. Heinzel S. 89 drückt sich 
unbestimmter aus: „auch die Gesamtheit der Rätsel, welche Gcstumblindi-Odin dem König 
Heidrek vorlegt, wird nicht gleichzeitig mit der Geschichte von dem Konflikt zwischen 
Heiflrekr und Gestumblindi entstanden sein/ 

2) Wenn Olafs grammatische Allhandlung (verfasst um 1250), nachdem sie die erste 
Hälfte des Eisschollenrätsels angeführt hat, fortfährt: pesskonar ffgüru kylluin ver gätu, 
ok er hon iafnan sett i skäldskap, so bedeutet dies wohl nicht, Rätsel in Versform seien 
häufig gewesen, sondern Umschreibungen, die dem Rätsel innerlich verwandt sind, pflege 
man in der Dichtung anzuwenden. Die Stelle steht Islands gramm. Litt. 2, 114. Ähnlich 
in der Laufäss Edda SnE. 2, 633. 



Häusler: 

Zuerst ein Punkt, der allein genommen nichts zu beweieen vermöchte! 
Die Rätsel selbst enthalten nirgends eine Anspielung auf die Personen 

Uesprächs oder auf den sagenhaften Zusammenhang — wobei von den 
Kehrreimen, der Zuthat des Ordners, natürlich abzusehen ist. Ein paar 
scheinbare Widersprüche Bollen rasch berührt werden: 

1. 3 Liest der Texi II i 

koDoogr, getta hvai f>at rar, 

:uii Anrede des Königs. Die Zeile isl verderbt, das Richtige hat die 

Hachr. R: 

\iim hvat pat rar; 

-nililosr Substantiv zu Anfang ist fehlerhafter Einscbub. 
In dem Eingangsrahmen (Str. stf.): 

bvat er pat undra, 

er ek üti sä 

fyrir Dellings durum 

liest II doglings statt Dellings, und Bugge 8. 356 ist geneigt, dies für das 
Richtige /.u halten: doglingr wäre HeiSrekr also eine Anspielung auf 
die Sagascene. Alter ryr Dellings durum ist »loch sicher die alte Formel 
mit geheimnisvollem Anklang, dieselbe wie in den Hävamäl 160. o, und 
auch bei der Schreibung Dpglings hat der mythische Eigenname vorge- 
schwebt, der auch in den Handschriften der Snorra Edda in diesen beiden 
Formen auftritt (vgl. 3Iouk. ßeitr. <!. 525). 

Das nur in II überlieferte Pfeilrätsel No. 13 lautet: 

ovarlega (1. ofarlega) flygr, 

armlod (I. arnhlio.V? ; gcllr, 
bardar ein hillm: 

Die entstellte Schlusszeile wird von Bugge ergänzt zu: 

haröar rö, hilmir! greipr: 

durch diese Konjektur würde eine Anrede an den König geschaffen, die 
je -eil ist als bedenklich bezeichnet. Vorzuziehen wäre da wohl der 
Dativ liiliui: „gefährlich sind dein Fürsten die Klauen." Aber auch dies 
befriedigt uicht; denn da die vorausgehenden Verse auf den leibhaftigen 
Adler zutreffen, mu>> die Schlusszeile ein klares einschränkendes Element 
bringen, das die Deutung auf den Pfeil hinlenkt; ein solches läge z. B. in: 

haröar ro hiälmum greipr, 
man vergleiche bryngag] ,yoluQris loricae* als Umschreibung für Pfeil: 
hlifum statt hiälmum läge weiter von der handschriftlichen Lesart ab. 1 ) 

Demnach ist nirgends eine Hindeutung auf König lleidrek anzuerkennen; 
lie Rätsel sind neutral, setzen keine bestimmte epische Situation voraus. 

1 AK Vera _ vermute ich: aridiod gelr ,.•■.- das fliegende Weser singt ein (zaube- 
Adleriied", vgl. vargliod UHu. I. 42, 3, auch Darradarliüd 10 (Niala c. 157) ist 
gewiss sigrliöda, geirliöda zu lesen. l>as Verbau gala würde gut in das Bild vom Vogel 
passen. 



1 1 altnorriiscl 

Zweitens i>r mir der Annahme des rätselsammelnden Ordners leichter 
vereinbar die Ungleichheit des Strophen masses: zwei Diirt.'i der Rätsel 

-iml im anomischen Masse (Liödahättr), ein Drittel i pischen Fornyr- 

dislag) v erfasst. Nun hat allerdings I'. Jonsson in Beiner Abhandlung <li'' 
Sir(i]ilicii epischer Form zu den nachträglichen Erweiterungen der Reihe 
gerechnet. Allein, die Ausscheidung dieses Drittels wird weder durch die 
äussere Überlieferung noch durch Reihenfolge, Inhalt oder Stil der Rätsel 
nahe gelegt; Bie findet ihre Begründung nur in der Annahme, die wir hier 
auch vnii anderen Seiten zu widerlegen suchen, in der Voraussetzung des 
einheitlichen Dichters, und selbst anter dieser Voraussetzung zögert man. 
die metrische Zwiespältigkeit als etwas Unursprüngliches anzusehen, (lab 
... doch in der isländischen Überlieferung des L 2. Jahrhunderts diesen 
Zeitraum nimmt auch F. Jonsson an Gedichte genug, skaldische und 
eddische, die <lm beiden Masse mischten, gleichviel ob die Mischung ur- 
sprünglich war oder erst durch Zersingen bewirkt. - Im besondern spricht 
die Beseitigung der epischen Strophen das Rätsel von Odin auf 
Sleipnir, das im epischen Masse gehalten isr: es steht in beiden Texten 
vor der mythologischen Schlussfrage und soll offenbar die Überleitung 
dazu bilden, [ch finde es wahrscheinlicher, dass dieser Gedanke auf den 
Ordner, als dass er auf einen [nterpolator zurückgeht. Darauf möchte ich 
kein Gewicht legen, dass Rätsel 1. eine gnomische Strophe, die zweifellos 
zum ursprünglichen Bestände gehört, Ausweichungen der Form zeigt, die 
an das beim Kuhrätsel 1 bachtete erinnern (oben S. L29): der zweite 

Helming 

lyrta lemill, 

r hi tefill 

ok orrfa upphefill 

hat durchgehenden Bndreim bezw. Assonanz, dagegen Lückenhaften oder 
abnorm gestellten Stabreim. Nach einem blossen Schreiberverderbnie etwa 
l\tta statt yta) sieht es nicht ans. 

Sobald wir in der Rätselscene eine Sammlung schon vorhandener 
Strophen erblicken, kann die metrische Uneinheitlichkeit nicht befremden. 

i, _,.,, den einen Dichter der Rätsel zeugt drittens die grosse l q- 
gleichheit des Stils. Sir erstreckt sich ebenso auf die innere wie auf die 
äussere Form. Manche Rätsel sind von primitiver Einfachheit der An- 
schauung, manche gefallen sich in malerischem Beiwerk oder in kühn 
phantasievoller Ausdeutung der Wirklichkeit. Die einen entfernen sich in 
Wortschatz und -Stellung- kaum von der Prosa, die anderen greifen zu 
gesteigerten dichterischen Ausdrncksmitteln. Die ganz verschiedene G 
der Eingänge, der Rahmenelemente fällt besonders in die Ohren. Dm 
einen halbwegs gleichartigen Grundstock übrig zu behalten, müsste man 
in der Ausscheidung sehr schonungslos vorgehen. 

Xeitvclir. d. VereiDS f. Volkskunde. I 



i:;i 



Hcueli i : 



l>a- viert« \r-iini.Mii liegl darin, dass aur die Rätselfragen in Versen, 
die Auflösungen in Prosa gehalten Bind. Schon ein isländischer Schreiber 
des 17. Jahrhunderts hielt dies für eine Verderbnis and setzte die Ant- 
worten ebenfalls in Verse am — wobei denn freilich Stil and Versbau 
auf Schritt and Tritt das junge Machwerk verraten. In dieser anechten 
tfestalt wurde die Rätselreihe, nach einer seither verlorenen Bandschrift, 
,, n Stephanus Biörnonis gedruckt Hervararsaga ok Beidreks kongs. Hafhiae 
178;», und darnach in den späteren Ausgaben (vgl. besonders Fornaldar 
.,,_ m i. \\\| bis Bugge die echten alten Texte vorlegte. Aber auch 
Biuree ooch \'r . S'. 241. 263. 370} nahm an, dass die Prosa - wenigstens 

DO ' y 

teilweise Verse ersetze, and Beinzel S. 29 rechnet „Prosa statt der 
Verse in der Auflösung der Rätsel" zu den Abweichungen vom Ursprung-' 
liehen. .Mir V. Jönsson a. a. 0. S. 514 können wir diese Ansicht nicht 
teilen. Ks wäre anerklärbar. 'Ins- die poetische Form nur in den Ant- 
worten durchgängig zerstört, in den Prägen im ganzen wohl bewahrt worden 
wäre. Vielmehr haben wir in dieser Verbindung von Rätselvers und 
Lösungsprosa einen ursprünglichen Zug zu erkennen: die einzeln um- 
laufenden Rätsel, die der Summier vorfand, hatten Versform, ihre Lösungen 
nicht — das normale Verhältnis in der Rätselgattung, wie jedes Sammel- 
werk zeigen kann 1 ,: verlangt man doch von dem Ratenden nicht, dass er 
Verse improvisiere oder gar eine schon geprägte Lösung- auswendig wisse. 
Diesen Stand der Dinge behielt der Sammler einfach hei. Hätte er als 
Dichter eine Rätselkette aeu gedichtet, dann wäre allerdings zu erwarten. 
dass er zugleich auch die Lösungen in Verse gebracht, dass er also ein 
wirkliche- Rät'selgedicht hergestellt hätte. Aber ein Rätselgedicht- wie 
das Traugemundslied, wie das norwegische Volkslied Pä grönaliötheicti (Land- 
-rad s. 369ff. . diefäröische Gätu Rima, das Kranzsingen (Unland, Volkslieder 
1. 7 ff.), neuere Wechselstrophen zwischen Jungling und Mädchen (z.B. bei 
Wossidlo S. I23ff.) — wellen die Beidreks gätur nicht sein: sie sind eine 
durch äusserliche Ilafreu verbundene Rätselsammlung, and einer solchen 
gebührt die ursprüngliche, prosaische Form der Auflösungen. 

Es ist nicht ausgeschlossen, das- der Sammler zu einzelnen seiner 
Rätsel ein.- versifizierte Lesung vorfand: er musste die dann naturgemäss. 
wollte er seinen eigenen Plan nicht durchkreuzen, in Prosa umsetzen. 
Spuren von poetischer Fassung zeigt, wie ich glaube, nur die Lösung der 
- tmmelfrage, No. 7 bloss in H überliefert): 

hrafn byggir iafnan ä häm liollum, en dogg i'ellr iafnan i diiipa dali, 
fiskr lifir andalauss, en piötandi l'ors pegir aldregi; 

man beachte besonders das stallende Epitheton ornans piötandi. Dass 
auch die Antwort auf die mythologische Schlussfrage unserem Sammler in 

1 l nter den 1194 Nummern der neuisländischen Sammlung sind etwa acht Neuntel 
der Rätsel in Versen, poetische Auflösungen finden sich nur fünl. 



Di< iltnordischen r 135 

gebundener Bede vorlag, ist sehr wahrscheinlich. Aber die allenfalls her- 
zustellenden \ erse dürfen wir nicht in den Text dei ne einsetzen, 

• l;i König Eeidrek nicht zu guter Letzt aus der Rolle fallen und eine 
Strophe improvisieren kann! 

Von der hier begründeten Auffassung aus halten wir es für aussichtslos, 
einen IVil der Strophen zu entfernen, um < • i n « • 1 1 möglichst einheitlichen 
Kern übrig zu behalten. Denn an eine zusammengetragene Reihe ron 
Strophen dürfen wir nichl den Massstab anlegen wie an ein individuell 
geformtes Spruchgedicht von der Art der rlävamäl Teil I. Und über die 
l ngleichartigkeit im Stil kämen wir, wie schon bemerkt, doch nicht 
liinv, 

Was die Zahl der Rätsel anlangt, so mag immerhin die Absicht der 
Erzähler und später der Abschreiber im ganzen auf Vermehrung gegangen 
sein. Aber um gerade die Plusstrophen der beiden Passungen als \n- 
wüchse zu erweisen, fehlt es an bestimmtem Anhalt. Bei der obscönen 
Präge X<>. 30 /.. I!.. einem Plusrätsel von II. sind die beiden Möglichkeiten 

• lass der erste Ordner sie des Gottes nicht würdig fand (Heinzel S. 39 , 
und dass ein späterer Schreiber Anstoss an ihr nahm, doch wohl gleich- 
wertig. Die Behandlung desselben Gegenstandes in mehreren Rätseln 
inuss nicht notwendig der ursprünglichen Anlage abgesprochen werden. 
Finden wir doch sogar in einem echten einheitlichen Rätselgedicht, dem 
norwegischen Pa grönalidheidi, zweimalige Vorführung der Sonne in 
Str. 16. 1 7 und 20. 21 . 

Wenn die Reihenfolge der Rätsel in den beiden Texten so stark 
abweicht, so ist daraus wühl weniger auf Willkür der Abschreiber zu 
schliessen als auf die Freiheit, die dein mündlichen Vortrag in diesem 
Punkte zustand. Ihre feste Stelle hatten die drei ersten Rätsel: siegeben 
sich als neuliche Erlebnisse des Rätselstellers und bilden dadurch eine 
\n Einführung (F. Jönsson a. a. 0. S. 517), ohne dass sie irgendwie auf 
das Schicksal Gestumblindis und die besonderen Umstände bei seinem 
Gang zum Königshofe Bezug nähmen. Die Erwähnung des gestern ge- 
trunkenen Bieres, des Weges über die Brücke, des unterweg genen 
Taues erinnert an die ebenfalls persönlicher gehaltenen Eingangsfi 
des Trangemundsliedes : 

w;i laege du hinaht? 

oder wä mite wsere du bedaht? 

oder in welre hande w ise 

bejageste kleider "der spis 

Ferner hat das letzte Rätsel, das von dem reitenden Odin, seine wohl- 
begründete Stellung vor der unlösbaren Odin-Baldr-Frage oben S. 1- 

In der Anordnung der übrigen Rätsel scheint die Fassung R stellen- 
weise ein Streben nach Verbindung des stofflich Verwandten zu verraten: 
Blasebalg hinter Goldschmiedehammer ;>'«■. I. 5), saugende Ferkel, trächtige 

in* 



11. .,-].. ■ 

Sau, Kuh beisammen (No. 25 27 . Doch geht dies nicht über einzelne 
Anläufe hinaus. Dagegen wirkt in dem Texte II unverkennbar der Orond- 
Batz, den man als den näher liegenden gelten lassen muss: die Räte! mit 
gleichen Hingängen gehören zusammen. Vor allem stehen die neun Strophen 
mit dem breiten Etahmenelemenl hvat er [>at undra . . . (oben S. 132) ge- 
schlossen hintereinander No. 8- L6); ebenso die sechs Strophen mit dem 
Anfang hveriar i - " No. L8 23). Von den vier Prägen mit hverr er sä 
hinn (No. 4 — <'». 29), von den fünfen mit ek sa oder sa ek (Xo. 21. ■"><>. 
32 34) halten bloss je dreie zusammen. Dir beiden Eingänge hvat er 
|.at dyra (No. 25. 26) folgen einander dies auch in I! No. L6. 17,. die 
beiden hverir rö peir stehen getrennt (No. 31. -' : ">). Folgerichtig ist daher 
auch dieser Gesichtspunkt nicht durchgeführt. 

Worauf sich die ursprüngliche Anordnung begründet haben mag, ist 
nicht /.u entscheiden. 1 ) 

Die Thätigkeit des Sammlers äussert sich in <\vn Kehrreimen, <1 i« - 
er den Rätseln anhängte. Den mündlichen Einzelrätseln kann die be- 

schliessende Langzeile: 

Heiörekr konungr, 
hyggöu at g-ätu 

noch nicht angehört haben. Auch in den beiden Fällen, wo sie die Acht- 
zahl 'Im- Kurzverse auffüllt (No. 28. 30 . kann man sie nicht als not- 
wendigen Bestandteil* der Fornyröüslagstrophe bezeichnen (Heinzel S. 39) : 
hier liegen eben sechsversige Gruppen vor, neben den achtversigen und 
den vierversigen, wie auch in so manchen Eddaliedern; bei Xu. 2s. dem 
berühmten Kuhrätsel, kann kein Zweifel sein. da>s es einmal unabhängig 
von König Heictrek bestand. Allgemeinere Aufforderungen zum Raten 
kennen wir aus den altenglischen Rätseln: ned, hwset ic marne! rece, gif 
|,ii cunne! u. ähnl. Neuere Formeln Ihm Petsch S. ')Xi\. 
Der wiederkehrende Satz, der die Lösungen einleitet, 

er gata |nn. Gestumblindi, getit er [>eirar (|>essar R) 

wird von den Herausgebern als Gruppe von drei Kurzversen aufgefasst, 
während I- 1 . Jöusson a. a. 0. S. 514 den Verscharakter bezweifelt. Bugge 
Ausg. S. 235 denkt daran, das dritte Stück halte einst gelautet: 

getit er gatu [>eirar; 

dann wäre das Ganze ein LiöSahatthelming. Wahrscheinlicher ist mir. 

dass das blosse: 

gÖÖ er gata |>in. getit er |>eirar, 

eine regelmässige Langzeile, als formelhafte Einleitung von Rätsellösungen 

1) Die IT Rätsel, die F. Jönsson als ursprünglich heraushebt, stehen nach a. 0. 
S. 516f. in dieser Reihe: 1. Bier, 2. Brücke, :>. Tau, 4. Goldschmiedehammer, 5. Blasebalg, 
»;. Spinn--. 7. Lauch. S. Angelika, i'. Eisscholle, 10. Bretspiel, 11. Bretspiel, 12. Feuer, 
13. >iebe). II. Bretspiel. 15. Schneehütmer, L6. Anker, 17. Wellen. Eine Ordnung nach 
dem Gegenstande wäre jedenfalls auch hier nur in sehr loser Weise befolgt. 



Itnordisch 

vorlag; indem der Ordner den Namen der S Gcstumbliudi, ein- 

schob, gelangte er zu der ungewöhnlichen dreigliedi Stabroimgruppe 

Die Auflösungen selbst hatten keine Qberlieferte fest Form: ihre 
Stilisierung war 'lern jeweiligen Erzähler anheimgestellt, und unsere beiden 
Sagatexte gehen in diesem Punkte am weitesten auseinander. Darüber 
ausführlich F. Jönsson s. 514 f. Die sachlich treffendere Deutung 
Rätsels findet sich ungefähr ebenso ofj in II wie in 1!: manche Fälle sind 
neutral. II neigt zu breiterem Ausdruck, nur in vier Fällen So. I. '' 
20. 31 ist i; wortreicher. Vor allem aber lieb! '■> II. die epische Situation 
in lebendige Erinnerung /.u bringen, die beiden Rätselkämpfer aus ihrer 
Rolle heraus sprechen zu lassen: IJ tlmr dies nur in 2 Fällen, II in II. 
Die Frage, was da- .1 rsprünglichere* sei. wird man hier nicht aufwerfen 
wollen: Bchon dem allerersten Erzähler dieser Rätselscene stand der eine 
\\ eg so um offen wie '1er andere. 

I >ass /.um Teil Missverständnisse in den Lösungen stecken, haben 
Bugge und F. Jönsson gezeigt. .Mir Bugge S. ■"'•'>7 bin ich der Meinung, 
■ lass dir Auflösung von Rätsel No. 17 (oben S. 12*2) in 'lern Texte II nur 
scheinbar einen phantastischen Irrtum enthält. Sie lautet: 

]>at eru aeöar tvaer, paer er eggium verpa; eggin era eigi gor me<1 hamri 
ne hondam, en piönusturaeyiar biiru du i eggskurninni: 

nachdem der betreffende Schreiber bis zu ne hondum gekommen ist, fällt 
ihm ein, dass der Ausdruck ambättir bäru I noch eine Erläuterung be- 
dürfe, und die giebt er mir den Worten: „die (von dir so genannten 
.Mägde' trugen das .liier in der Eierschale". 

anderseits glaube ich in zwei weiteren Lösungen ein bisher nicht 
bemerktes Missverständnis zu erkennen. 

Rätsel No. 2 bezeichnet die Brücke als ,~Weg der Wege' 1 : 

v< ur var andir 

ok vegr yfir 

ok vegr .i alla vi 

Die Auflösung besagt, in II und R sachlich übereiustii ;nd: unter 

dir hattest dn den Fluss, über dir und zu beiden Seiten flogen \ 
,das war deren Weg'; sie bezieht also den Schlussvers auch noch auf die 
Luft. In Wirklichkeit muss er auf den Erdweg, die Erde schlechthin den 
foldvegr) -«dien: denn es ist klar, dass die drei Zeilen drei verschiei 
.Wege' meinen, Fluss, Luft, Erde. 

Rätsel No. 10, nur in II überliefert, lautet: 

hvi'tir fliügendr 

hello h' 

en svartir i sand grafa 

Die Prosa erklärt dies für Hage] und Regen. Das Richtige ist 
Hage] allein. Man übersetze: „als weisse fliegende schlagen sie auf die 

1) s;i ek ä veg vega, speetavi in viam viarum, nichl aspexi in via i 



Bender: 

Felsplatte auf, aber als schwarze [wenn sie geschmolzen und durchsichtig 
geworden sind] graben Bie sich in den Sand." Wir haben somit hier 
keine Sammelfrage; die Schlusszeile würde auch nicht genügen, um die 
Regentropfen zu kennzeichnen. 

AU Entstehungszeil der Rätselscene wird man das 12. Jahrhunderi 
annehmen dürfen: in diesem Zeiträume traten die sogen. Fornaldar sogur 
in Blüte, in deren Kreise die Hervarar saga zu den altertümlicheren ge- 
hört. .Mir der Saga kann auch der Rätselkampf nur auf Island, der 
Heimat der Pornaldar sogur, die Rundung, die kunstmässige Gestaltung 
erlangt haben. I>i'' Rätselkette im ganzen wirkt nicht als eine Sammlung, 
die in gelehrter, litterarischer Absicht unternommen wurde. 1 ) .Mir den 
mancherlei wissenschaftlichen, philologischen Bestrebungen, die in dem 
Island des 12713. Jahrhunderts in so merkwürdiger Weise auftreten und 
in dem Skaldenlehrbuch Snorris ihre bedeutendste Schöpfung hervorbringen, 
kann man sie nicht in Zusammenhang setzen. Sic will keine .jungen 
Skalden' belehren, wie sie ja auch nicht als Excerpt aus litterarischen 
Denkmälern entstanden ist. sie giebt sich durchaus als Unterhaltungs- 
litteratur. 

Das Alter <\e\- einzelnen Rätselstrophen - am dies hier gleich anzu- 
schliessen entzieht sich der Bestimmung. F. Jönsson a. a. O. S. 520 
bemerkt, dass in Rätsel No. 25 die Liödahättvollzeile: 

ok er iärni kringt utan 
ein utan mir Kürze verlangt, eine Form, die erst mir <lvni 12. Jahrhundert 
auftritt. War also die Strophe älter, so wird es einst: 

ok er iärni ütan kringt 
gelautet haken (so druckte Ettmüller in seinem Lesebuch . Über die 
Heimat der Rätselinhalte vgl. oben S. \-2Vi'. Wie viele der Bätsei- 
strophen als originale westnordische Dichtung entstanden, wissen wir 
nicht; den Anteil von .Mutterland und Insel zu sondern, kann man nur in 
ein paar Fällen wagen: ausser dem Obsidianrätsel (unten S. 140) möchte 
ich für eigenartig; isländisch halten: das überkünstliche Homonymenrätsel 
unten s. ] 12f.), die kenninggewürzte Strophe 27 von der Fnte im Schädel 
[unten S. 141 und wohl auch das humorvoll übermütige liärsel von den 
saugenden Ferkeln No. 32 unten S. 14ti). 



Es bleibi uns übrig, die Rärsel unabhängig von ihrer Umrahmung, 
als Kulturzeugnisse und dichterische Gebilde, nach ihren bezeichnenden 

nschaften zu betrachten. 

Die Stoffe sind zu zwei Dritteln der Natur entnommen: während das 
Steinreich einen Vertreter hat (Xo. 16 Obsidian). das Pflanzenreich zwei 



1 Eine andere Ansicht spricht F. Jönsson aus a. a. 0. S. 519f. Litt. hist. 2, 162. 



I >ie Itnoi tischen ] 1 ;;m 

N « . . 8 Lauch. N". L8 Angelika), giobi das Tierreich zwöl! Präge« 
wobei das Fehlen der heimischen Raubtiere Fuchs, Wolf, Bär, ^dler be- 
merkt werden mag. Die Elemente und meteorischen Bruchei nungen sind 
sehr reichlich, mir elf Rätseln bedacht. 

Das übrige Drittel bring! Erzeugnis menschlichen Gewei 

darunter Dicht weniger als drei verschiedene Bretspielarten. 

Sein Gepräge erhall das Stoffgebiet, verglichen einerseits mit mehr 
gelehrten Rätseln wie deu altenglischen, anderseits mil neueren Rätsel- 
massen, vor allem durch diese negativen Züge: 

es fehlt alles Fremdländische, alles, was nicht dem Beobachtungsfelde 
des Nordländers, ja sogar des Isländers auf der eigenen [usel angehörte 

es fehlen gewisse modernere Kulturgegenstände, mil denen sich sonsl 
das Volksrätsel gern abgiebt, wie die Geige, der Spiegel, der Wetterhahn : 
: 1 1 1 < • s mir der Schreibekunst Zusammenhängende: Tintenfass, Feder, die 
24 Buchstaben. Den weitverbreiteten Fragen aus der volkstümlichen Tier- 
kunde des Mittelalters 1 ) gehört nur der Fisch als der ohne A-tem lebende 
an (Xo. 7): 

es fehlt alles Biblische, das in der späteren echt volksmässigen Rätsel- 
litteratur so beliebt ist: auch die Gegenstände des Gottesdienstes wie die 
Glocke, die Hostie; 

es fehlt endlich, wie nicht anders zu erwarten, 'las Ritterliche. Ro- 
mantische, 'las dem altdeutschen Traugemundsliede schon ein paar be- 
zeichnende Farben leiht. 

So erscheint die Welt, die sich in den Heidreks gätur spiegelt, als 
eine nordische, vorlitterarische, vorchristliche, vorritterliche. Deragemäss 
darf man wohl sagen: es ist die Vikingzeit, deren Kultur in unseren 
Rätseln lebt. Nicht als ob damit über das Uter der Motive oder der 
Verse ausgesagt würde! Halten doch die grossen neuen Kulturmächte, 
das Christentum am 'las Jahr 1000, das litterarische Schreiben vier 
.Menschcnalter später, das Lehen auf Island nicht so tief durchdrungen, 
dass eine beschränkte Ä.uslese von Rätselstrophen ihre Spuren tragen 
müsste. Den Stempel der Vikingzeit führen die Gätur insofern, als keine 
Zeile in ihnen das Neue der späteren Epochen voraussetzt. Es ist auch 
nicht vorzugsweise der Gedankenkreis des Seeräubers and Eroberers, in 
den uns die Rätsel einführen. 2 Kriegerische Gesinnung äussert sich in 
der Wahl der Stoffe nur zweimal: tfo. 13 der Pfeil, No. 26 der Schild; 
niul vnll ,1,.,, so beliebten Tieren des germanischen Schlachtfeldes streift 
uns nur der Rabe und zwar als Bewohner der hohen Berge (No. 7). A.ber 
mindestens ebenso bemerkenswert, wenn wir andere Sammlungen daneben 
halten, erseheint das Felden aller Fragen aus >\>>v eigentlich bäuerlichen 

1 Der Vogel ohne Zunge u. ähnl.; vgl. besonders Köhler, Kl. Sehr. 3, 519ff. 
_' Vgl. F. Jönsson a. a. 0. S. 519. 



1 |i i Heu 

Wirtschai I genstände wie Pflug, Rechen, Butterfass. Mühlstein, Back- 
ofen l ii'l in der poetischen Ausmalung drängt sich doch die Freude 
aiu Kampfe mehrmals unverkennbar vor: der Inker „schirmt die Menschen 
und verfehdet Bich mit der Erde" No. 6); der Blasebalg .. si<« j<*r den 
Wundeulauch*, d.h. das Schwert (No. 9 ; * 1 i « - Bretsteine „erschlagen ein- 
ander waffenlos ti\v ihren Herrn" (No. 1!' ; die Schneehühner sind Ge- 
fährtinnen, die mir weissem min- schwarzem Schild die Lande dnrchzieheu 

So. 20 . \iicli das eigenartigste aller Rätsel, das von dem Schwein mit 
den Ferkeln No. 32 . entführt uns durch seine Einkleidung aus der fried- 
lichen Enge des isländischen Bauernhofes an den Fürstenhof mit seinem 
streit- und trinkbaren Herrengefolge. 

Ein paar ausgesprochen nordische Züge fehlen dem Gesamtbilde 
nicht: die von den mythischen Wölfen verfolgte Sonne (No. 15 und Odin 
auf seinem Rosse Sleipnir (No. 35 . dies die beiden einzigen aus dem 
Mythus schöpfenden Rätsel, denn wenn die Wellen in den Prosaäuflösungen 
die .Töchter /Egirs' genannt werden, so ist diese Anspielung in den Strophen 
selbst nicht gegeben: die Vergleichung mit Frauen war auch ohne den 
sagenhaften Hintergrund hier ebensowohl möglich wie bei den Kohlen, 
den Bretsteinen und anderen Gegenständen. Als nordisch darf man auch 
ansprechen die Pflanze Angelika auf dem Gebirg (No. 18) und die in die 
felsige Bucht rollenden Meereswogen , No. 23); dazu das Wortspielrätsel 

No. --I . das auf dem norrönen Sprachschatz fusst. 

ausschliesslich isländisch, dem Inhalte nach, ist das Rätsel No. 16, 
das die auffallenden Eigenschaften des vulkanischen Gesteins Obsidian 

schildert 1 ): 

„Härter als Hörn, 
schwärzer als ein Kalte. 
weisser als ein Eihäutchen. 
stracker als ein Schaft." 

Nach ihrer inneren Anlage sondern sich drei Rätsel ab: sie enthalten 
«•ine zwar nicht \'ür den sagenhaften König, aber doch für den natür- 
lichen Menschenverstand — unratbare Aufgabe; sie bringen nicht eine 
beliebig zu wiederholende Beobachtung, sondern ein zufälliges, sehr indi- 
viduelles Erlebnis. Dadurch stellen sie sich in die Gruppe der sogen. 
Halslösungsfragen, zu deren Wesen die Unratbarkeit gehört. 

R tsel Nu. 27. die Ente, die zwischen Kinnladen und Gaumendach 
eines Rinderschädels ihr Nest gebaut hat, ist ein deutlicher Vertreter der 
Gattung. Das allgemeine Motiv gebendes Getier, das in einem Gerippe 

1 Wie venig die frohere Forschung geneigt war, der in isländischer Sprache uber- 

Dichtung isländisches Ursprung einzuräumen, mag diese Bemerkung- aus den 

Antiquites Busses I, 113 1850 zeigen: l'existence de cette enigme nous renvoie princi- 

palemenl am contrees de- Carpathes, qui sont ... le seul lieu ou Ton rencontre Fobsi- 

dienne au nord des Alpes en Europe. 



l>ie altn ■ 14 1 

haust' kehr! in mannigfachen Spielarten wieder: bald ist ps eine Vog 
bald eine Rattenfamilie, bald ein Stock Bienen <"l<-r ein Fliegenschwarm : 
der Aufenthaltsort meist ein Pferdeschädel <»<|«.r -Skelett 9tatt d< 
aber auch der Leichnam eines Erhängten oder endlich auch ein abgestorbene] 
Baumstamm oder ein Kornbehälter; der Gegensatz des Lebendigen zum 
Toten wird häufig betont. Vgl. Wossidlo No. 967 mit den Nachweisen 
S. 323, dazu Antiquar. Tidsskrifl 1849 51, s. 315ff. No. 55 (färöisch). 
Svenska Landsmälen VII. I. No. 131. Jon Arnason N o 298 S03 
<lm> ausdrücklich als Halslösungsfrage bezeichnet . In der dichterischen 
Ausführung entfernt sich unsere Gäta sehr weit von diesen Gegenstücken: 
>ir führ! das nistende Tier anschaulich vor und legt den Nachdruck darauf, 
die ungewöhnliche l mgebung des Nestes durch skaldische Umschreibungen 
noch rätselhafter zn machen; ja man kann sagen, zum ,Rätsel* wird die 
Strophe überhaupt nur durch diese Umschreibungen: 

„gar sehr war vor Zeiten ' 

die Nasengans (Ente herangewachsen, 

die kindergierige, die trug 

Zimmerholz zusammen baute ihr Nesl ; 
schirmten sie 

dii strohbeissenden Schwerter Rief 

dazu lag des Trankes 

Dröhnfelsen Gaumendach oder Schädel im allgem. darüber."' 

Ebenfalls jenseits der Lösbarkeit liegt das Eisschollenrätsel No. _' t 
vgl. oben S. 130), worin wieder der Gegensatz von Leben und Tod. 
auch in anderer Weise, eine Rolle spielt. 

Und drittens darf man zu den unratbaren Prägen rechnen No. 12: 
„zehn hat es Zun. 
zwanzig Augen, 
vierzig Beine, 
rasch bewegt sich das W i 
(nach R: vorwärts schreitet das Wesen ~: 

dass dies gerade eine San mir nenn Jungen im Leibe s< i, war-' aus dem 
Wortlaut nicht zu entnehmen. Zwei ueuisländische Rätsel Jöu Arnason 
tfo. 147. 448 bestätigen, dass man ebenso gut an eine entsprechend g< - 
segnete Hündin oder Katze denken kann. Es tritt hier ein besondere! 
Umstand herzu. Der Rätselsteller hat das Tier -Iran—.,, gesehen also 
wieder -las zufällige einmalige Erlebnis , und nun lässt der König die 
San schlachten, und es zeigt sich, dass die Zahl der Jungen richtig geschätzt 
war. Die Prosasätze, die dies erzählen, sind nicht müssige Zugabe, sondern 
gehören notwendig zum Verständnis des Ganzen. Bugge hat Studien 
s. 163) daraufhingewiesen, dass dieses Motiv schon in der antiken Dichtung 
vorkommt. Vgl. noch Ohlert. Rätsel und Gesellschaftsspiele der alten 



1) Zu dieser verderbten Zeile vgl. oben S. 123. 



Eleu 

i n-ii Berlin 1886) S. 36ff. Immisch in Fleckeisens Jahrbüchern t'i'ir 
Philol. Suppl.-Band 17. 160. Das alte Gedicht ,Melampodie', das 
einige dem Hesiod zuschrieben, erzählt einen Wettstreit zwischen den 
Sehern Kalchas and Mopsos in Kolophon. Vfopsos errät, dass ein eben 
vorübergehendes Mutterschwein mir zehn nach einem anderen Excerpt 
um drei) Jungen trächtig gehe, darunter ein männliches (bezw. ein weib- 
liches). Wie die- zutrifft, stirbt Kalchas aus Gram. Man sieht, es handelt 
sich hier wie auch bei den übrigen Fragen des Seherwettkampfes — 
nicht um ein wirkliches Rätsel, sondern um eine Scharfsinnsprobe. Dei 
Zug steht im Zusammenhang mit einer anübersehbaren Reihe von Anekdoten 
orientalischen Ursprungs, worin eine verwickelte Naturerscheinung mit 
wunderbarem Spürsinn erfasst wird. 1 ) In unserer Saga ist die Frage zwar 
als Rätsel stilisiert; aber sie hat sich von dem begleitenden äusseren Vor~ 
gang and von der erfolgreichen Bewährung des Scharfblicks noch nicht 
-_ döst. Es L8i «'ine mittlere Stufe. Einen Schritt weiter thut das Rätsel 
Aldhelms Scti Aldhelmi opera ed. (üles p. 266: De scrofa praegnante): 

Nunc mihi sunt oculi bis seni in corpore solo 
Bis ternumque Caput, sed caetera membra gubernat. 
Nam gradior pedibus suö'ultus l)is duodenis, 
Sed oovies deni sunt et sex corporis ungues. 
Synzygias nurnero pariter simulabo pedestres. 
Populus et taxus. viridi quoque fronde salicta 
Sunt invisa mihi, sed fagos glandibus uncas, 
Fructiferas itidem üorenti vertice quercus 
Diligo. sie numeros-u simul min spernitur ilex. 

Hier isl die für das wahre Rätsel notwendige Eindeutigkeit vorhanden. 
Die thätliche Spürsinnsprobe fällt weg: das Kätsel ist selbständig geworden. 
Das altenglische Rätsel Xo. H7 hat mit dem Aldhelms sehr wenig geniein: 
>■- ist in seinem mittleren Stück dunkel, aber auf eine kenntliche Be- 
schreibung der Tierart scheint es ebenfalls auszugehen — im Gegensatze 
zu dej' Heidreks gäta. 

Die aneigentlichen kfitsel. die auf einem Wortspiel beruhen, haben 
einen Vertreter in unserer Reihe, No. 34. Es liegt hier nicht blosse Ver- 
tauschung von Homonyma vor. wie sie auch den neueren Volksrätseln 
geläufig ist l'etsch S. 28 ff.); sondern das Homonymum wird weiterhin 
durch ein Synonymum ersetzt. Der Gedanke valr bar a-di ..ein Falke 
trug eine Eidergans" wird demnach verkleidet in: däuetir nieiin bäru 
blödshol ..tut.' .Männer trugen eine Bluthöhle": denn: 

I Falke 

\ Schlachtfeldleichen = tote Männer, 



1> Vgl. z.B. in dieser Zeitschrift 4. 347 11. Reiche Zusammenstellungen giebt Bolte 
zu Wetzeis Reisen der Söhn.- Giaffers S. 198 ff', von der Leyen, Das Märchen in den 
Göttersagen der EiM;: S. 74. 



Die all 1 I : ; 

| Eiderg 
•' '"' | Ader Bluthöhh 

Schon die Griechen wandten genau dieselbe \n doppelter Wortvei 
tauschung an; /.. B. ■>:>■ xaradiafiov i-t /.u deuten als I 

utövos iihu:. weil yrjg atas Aiag und xai >■•/■ 

Tekafx(bvog\ sieh Ohlert a.a.O. s. L6*2. In der altisländischen Litteratur 
tritt das Spielen mit Homonymen besonders häufig hervor; ja es wird von 
den Skalden geradezu zum System ausgebildet: manche tenningar beruhen 
darauf, wenigstens oach der von Snorri gegebenen Erklärung (Sn. Edda, 
herausg. v. F. Jönsson S/80. 33. 95 113), und für gewisse Spielarten in 
Snorris Liste der Versraasse ist die Homonymenvertauschung wesentlich 
(ebenda S. 156); vgl. auch Olafs gramm. Abhandlung c. II tsl gramm. 
Litt. •_'. 66f.)-*) Die Hauptstelleu in der Sagalitteratur sind Kröka-Refg 
aaga S. :>4 ti\ und Eiriks saga mälspaka bei Saxo Grammaticus j 
Auch in der neuisländischen Zeit wird das künstliche Wortspielrätsel viel 
gepflegt, vgl. die Strophen der Laufäss Edda (Sn. Edda, herausg. von Sv. 
Egilsson s. 239) und zahlreiche Rätsel in Jon Arnasons Sammlung. 

Die sämtlichen übrigen Strophen sind richtige Sachenrätsel. Die Rat- 
barkeit, das erforderliche Mass von Deutlichkeit kann man ihnen bei nicht 
zu strengen Ansprüchen wühl allen zuerkennen, ausgenommen die kurzen 
Fragen des Sammelrätsels. 

Jede Strophe behandelt einen -- unter Umständeu zusammengesetzten 
— Gegenstand, mit einziger Ausnahme von No. 7. einem Plusrätsel von 
II: dies ist eine ,Samnielfrage' von genau demselben Bau, wie er die 
Strophen des Traugemundsliedes, die Schlussgruppe ausgenommen, beherrsch! 
und auch schon in einigen der vedischen Ratestrophen erscheint (Haug 
a.a.O. S. 171. 1:97. Wilmanns Zeitschrift f. d. Altertum 20,250 : in viel 
Zeilen je eine stofflich und sprachlich unabhängige Frage 3 ): 

„wer bewohnt die hohen Berg 

wer lallt in die tiefen Thäler? 

wer lebt ohne Atem? 

wer schweigt niemals 

Antwort: der Rabe, der Tan. der Fisch, der Wasserfall. Diese 

Form haben auch zwei Strophen im Hattalykill Rognvalds N 

wobei die Antworten den /.weiten Helming füllen; die eine der Strophen 

lautet: 

li Zu der ersten Zeüe des Rätsels vgl. oben S. 123. Auch die vierte Zeile wurde 
schon von den alten Schreibern ungleich aufgefasst und hat bei den Herausgebern sehr 
verschiedene Deutung gefunden. 

2) Das raffinierteste in dieser Richtung leistet eine Stelle der Laufäss I SnE. ed. 
Arnam. 2, 632 f., womit zu vergleichen ebenda 3, 548. 

3) Zweigliedrige Sammelfragen begegnen häufig; eine fünfgliedrige äieh in dies» 
Zeitschrift 7, 387, V. 82— 86, sie geht auf eine viergHedrige zurück, bei Kühler. Kl. Sehr. 
3, 473. 



]|| H. u-l. - 

hverr ryd'r hvassar • ■__ 
tuen' bryüar mal varg i 
hverr gorir bialma äkürir? 
breri styriar? 

Haraldr rauä hvassai • sjgiar 
herr brytiar mal vargi; 
hiälmskür g0rir Bogni: 
Biarrandi reo gunni. 

Dagegen Str 4<» in Snorris llattaml ist anders geartet: die vier Prägen 
gehen auf ein und denselben Gegenstand, so wie die Fragen in der Scbluss- 
gnippe <lr> Traugemundsliedes. Vgl. auch < I i« • achtgliedrige Fragenreihe 
ritualen Inhalt- Hävamäl 144. 

Dir von ans hervorgehobene Ongleicbartigkeit des Srils zeigt sich 
schon im Blick auf die Rahmenelemente 1 ). Etwas mehr wie die Hälfte 
der Strophen behilft sich ohne diesen Bestandteil. In den übrigen treffen 
wir die sechs Arten ron Rahmen: einfaches ,ich salr (ek sa öder sack) in 
.V>. "_'4. 30. :;•_'. 33; das breit entfaltete archaisierende hvat er |>at nndra . . . 
oben S. 132 neunmal, in No. 8 H'>: sodann die persönlicher gehaltenen 
Wendungen ,icb >ass . . . ich salr in No. 34, .von Hause zog ich aus. von 

Hause brach ich auf, ich sali . . . ■ in No. 2 ich trank . . . • in No. •">. 

.halten möcht ich, was ich gestern hatte: merke, was das war - in No. 1. 

Der Kern der Rätsel zeigt als beherrschendes .Motiv ausnehmend oft 
die Belebung des Leblosen: den 22 Belegen dafür stehen nur vier Strophen 
gegenüber, die den toten Gegenstand als solchen aufführen: No. 2 die 
Brücke, No. 3 >\*'r Tau. No. 16 der Obsidian, auch No. 17 das Ei (denn 
die Eierschale, der eigentliche Gegenstand des Rätsels, wird mit dem 
.Biergefäss' verglichen). Auch Lebendiges wird ebenso oft in ein anderes 
Lebewesen verkleide! (No. 11 der .Mistkäfer als Klier. No. 20 die Schnee- 
hühner als kriegerische Jungfrauen, No. 24 der Wurm als blinder Beitender, 
No. 32 die Ferkel als Hofgefolge, No. 34 der Falke als , tote Männer'), 
wie es ohne eine solche Umwandlung vorgebracht wird (No. 12 die Sau. 
N >"- I I die Spinne, No. 27 die Ente, No. 28 die Kuli. No. 35 Odin auf 
Sleipnir). Die Personifikation wird meist mit äusserst lebendiger An- 
schauung festgehalten — ..der mythischen Belebung sein- nahe" nennt sie 
1 hland 3, l s <! — . sie unterwirft sieh alle die Einzelheiten, die von dem 

ustande ausgesagt werden: man vergleiche beispielsweise die intensive 
Belebung in dem Rätsel vom Anker No. 6 «dien S. 127). Das Angelika- 
rätsel No. k s (oben S 128) verdankt sein ganzes Motiv, das Zeugen des 
Weibes mit dem Weibe, der doch mehr oder weniger zufälligen Ein- 
kleidung der Engelwurzstauden in weibliche Wesen. 1 ) 

1 Diesen Ausdruck gebraucht Petsch in der mehrmals angeführten Schrift, der ich 
mancherlei Anregung verdanke. Für die stilistische Betrachtung schienen mir in dem vor- 
liegenden Falle andere Einteilungslinien nützlicher als die von Petsch S. 83£f. gezogenen. 

2) Der Weinstock als kindergehäreude Jnugfrau findet sich in der Anthologia graeca 
und bei Symphosius. Ohlert a. a. 0. S. 152. 






1 >ic altnordischen l [45 

Dagegen fehlen ganz die Jchrätsel' (worin der zu ratende Gegenstand 
sich in <1it ersten Person einfuhrt), diese schon bei den Griechen, bei 
Symphosius, Aldhelm, in der altengli sehen Sammlung und im - lebenden 
\ olkarätsel so beliebte Form. 

Die Belebung ist überwiegend um einer Benennung verknüpft, die 
zu Anfang steht und dem Phantasiebild von vornherein den bestimmteren 
l mris- giebt: ..wer sind die Gespielinnen . . ?" No. 25. 26; und specieller: 
„ein Pferd sali ich..." No. 30; auch die substantivierten Ldjektiva zu 
Anfang Bind als Benennungen zu bedachten: „wer isl der schallende..?" 
No. I ii. ähnl. Wo die Benennung fehlt, da behält die Belebung etwas 
Allgemeineres, Farbloseres [No. 8 der Lauch, No. 9 der Blasebalg, No. 1" 
der Hagel, No. L"> die Sonne), wenn nicht die spätere Beschreibung be- 
zeichnende Linien nachträgt, wie in dem Pfeilrätsel No. 13 (oben S. L32), 
wo wir das adlerhafte Wesen vor uns sehen, oder auch in dem Eeuer- 
rätsel N... 29 

Benennung findet sich auch zweimal ohne Belebung: bei der Brücke 
No. •_'. die als ,Weg der Wege', und bei dem Tau No. ■">. der als .Trank- 
gleich zu Anfang benannt wird. 

Die ausser der Benennung (a) in unsern Gätur angewandten Mittel 
der Beschreibung unterscheiden wir folgendermassen : es werden angegeben 
b) Eigenschaften (Farbe, Form, Zahl: innere Eigenschaften); c) Handlungen, 
d) begleitende Umstände, Umgebung, e) ,hemmende Elemente' d. h. Züge, 
die einer naheliegenden falschen Deutung vorbeugen. 

Diese viererlei Angaben zusammen mit der Benennung treten in -ehr 
ungleicher Mischung auf. \h'\- Versuch, die sämtlichen Heidreks-Bätsel 
in die hierdurch bestimmten Abteilungen zu gruppieren, führte zu einem 
wenig anschaulichen Gesamtbilde; ich begnüge mich deshalb hier, eine 
Auswahl von ausgeprägten Stiltypen gegeneinander zu stellen. 

I. Lanier Benennung: No. 1 'las Bier: . 

..der Leute Lähmer, 
der Wune Binderer 
und der Worte Anreger"; 

mir der letzten Zeile vergleiche man den Ausdruck mäls heilsa für ,Met' 
im llartatal Str. 25. Das Rätsel bat trotz seiner einfachen Anlage etwas 
Künstliches, weil es seinen Gegenstand ganz abstrakt kennzeichnet. Ein 
nichtig volkstümliches Bierrätsel /.. B. bei Landsrad 8. 812 No. 17. 

II. Lauter Eigenschaften: hierher die drei Rätsel vom Obsidian No.lt; 
(oben s. Ut>). der Kuh No. 28 (oben S. 129), den. reitenden Odin No. 35 
(oben S. 130): sie gehören stilistisch /.u den einfachsten und volksmässigsten. 

III. Benennung 4- Handlung: No. 5 der Nebel: 

„wer ist der Gewaltige, 

der über die Erde hin zieht? 

er verschlingt Seen und Wald: 



1 |», Ueuslei . 

den Windzug fürchtet er, 

aber Männer nicht, 

und rerttbl Feindschaft wider die Sonne." 

\inli die übrigen Rätsel dieser Form geben ••in«- ganze Reihe von 
Handlungen: No. 20 die Schneehühner, No. 30 der Webstuhl; die beiden 
Wellenrätsel in dem Texi R No. 19. 21, 

l\. Benennung hemmendes Element: No. 3 der Tau: 
„was für ein Trank ist das. 
den ich gestern trank? 
es war weder Wein noch Wass 

weder Met noch Bier 

noch irgendwelche Speise. 

doch ginn ich durstlos von dannen." 

V. Eigenschaft -f - Eandlung: No. 1-4 die Spinne: 

..Beine bat es achte. 

aber vier Augen, 

trägt die Knie höher als den Bauch : " 

Ferner hierher No 9 der Blasebalg, No. H> die Hagelkörner (oben 
S. 137). No. 12 die trächtige Sau (oben S. 141). No. 13 der Pfeil (oben 
s. 132). Auch dies einer der einfachen Rätseltypen. 

VI. Benennung (a) -j- Eigenschaft (b) -f- Handlung (c): Xo. 19 die 
Bretsteine: 

..wer sind die Frauen (a). 
die um ihren Herrn 
waffenlos (b) sich erschlagen (c)? 
Die braunen- (b) stehn zur Abwehr 
Tag aus. Tag ein (c). 
ilier die leuchtenderen (b) rücken aus (c). H 

Auch die beiden anderen Bretspielrätsel N<>. 25. 31) kann man hierher 
stellen, ausserdem No. 4 der Goldschmiedehammer, Xu. 24 die Eisscholle. 

VII. Benennung (a) -- Eigenschaft (b Handlung(c) -f Umstand(d): 
Nu. 32 die saugenden Ferkel: 

„ich sah im Sommer es tranken die Jarle (a) 

beim Niedergang der Sonne (d) schweigend (b) das Bier (c), 

die Bofmannschaft (a) wachen c . aber schreiend stand 

gar nicht vergnügt (b): das Biergeiass (d)." 

Hier isi auch ein einleitender Rahmen vorhanden (Zeile 1), es ist die 
reichste Form innerhalb der Heidreks gätur. Zu derselben Gruppe nocli 
Nu. 20 m 1! und Nu. •_':; die Wellen. Nu. 26 der Schild. 

VIII. Benennung (a) - Eigenschaft (b) - Handlung (c) -f hemmendes 
Element (e): Nu. n der Mistkäfer: 

-einen schwarzen (b) Eber (a) 
sah ich im Kote schreiten (c). 
und keine Borste erhob sich ihm auf dem Rücken (e)." 



Di< altnordischen I; 117 

Das Rätsel vereinigt auf engstem Räume einen grossen Reichtum von 
Zügen, ohne sich doch vmi der Haltung eines guten VolksrätseU zu 
fernen. 

Unter den Eigenschaften der Gegenstände wird verhältnismässig oft 
die Farbe aufgegriffen; auch ein bezeichnendes Zahlen Verhältnis; auf- 
fallend selten dagegen die Form in anmittelbarer Benennung. 

Die Handlungen des Gegenstandes werden mit mehr Liebe gezeichi 
als im modernen Volksrätsel, auf den Verba in den Gätur liegt viel Nach- 
druck. Darauf beruht in erster Linie das reichere poetische Leben, das 
diesen altnordischen Rätseln eignet. 

.Man hat die Landschaftsmalerei der Heidreks gätur gelobt. In der 
Thal erstreck! sich «Im scharfe. feine Ueobachtungsgabe, wovon unsere 
Strophen Zeugnis ablegen, auch auf den Naturschauplatz. Aber was die 
Verse selbst uns vorzaubern, enthält sehr wenig an landschaftlichen Zügen. 
Die Meereswogen, die A.ngelikapflanzen auf dem Gebirge standen ihren 
Dichtem gewiss recht lebhaft vor dem A.uge; aber die sprachliche Dar- 
stellung personifiziert so durchgreifend, dass von dem landschaftlichen 
Stoffe fast nichts äbrig bleibt: in 'lern Wellenrätsel No. 23 nur der eine 
Satz „es geht ihr Zug der Bucht entlang", in «lern Engelkrauträtsel No. 18 
nur ihs Wort „ä reginfialli" : alles Andere muss sich erst der Rätsellöser 
zum Naturgemälde wandeln. Die altenglischen Rätsel vom Sturm No. 2— 4) 
bieten ein lehrreiches Gegenstück: wenn sie unvergleichlich farbigere 
Landschaftsbilder malen, so liegt das, abgesehen von der grossen Aus- 
führlichkeit, daran, dass die Phantasie des Dichters weit mehr an «lern 
Naturvorgange selber haften bleibt. So steckt auch innerhalb unserer 
Gätur am meisten direkte Landschaftsanschauung in zwei Strophen, deren 
Verpersönlichung unbestimmter gehalten ist: No. 5 der Nebel, No. 10 die 
Hagelkörner. Sehr selten auch fügt der Dichter einen entbehrlichen, die 
Scenerie malenden Nebenumstand bei: ..vor den Inseln draussen" in 'lern 
Birätsel No. 17. „bei Sonnenuntergang" in dem Rätsel von den Ferkeln 
No. 32. 

Anderwärts finden wir das umgekehrte Verfahren: 'las landschaftliche 
Bild bringt erst der Dichter des Rätsels zu dem Gegenstand hinzu. So 
bei Wossidh» No. 31 e das Ei: 

.,in einem weissen Berg blüht eine gelbe Blume . . . ": 

So. 33a der Brief: 

„auf einem weiss 

da steht eine Rose rot ..."-. 

Nicht wenige der Rätsel haben eine entschieden gehobene Stimmung, 
was schon in dem ausseralltäglichen Wortschatz, bei No. 8— 16 auch in 
dem mythisch anklingenden Rahmen begründet ist. Einigemale erreicht 

es eine geradezu heroische Haltung, verwandt mit dem Tone altgermanischer 



II. ii-!. r: Die altnord Rätsel. 

Ileldenuo« in So. ö N T ebel. So. 6 Anker, No. 13 Pfeil, Nu. 19 Bret- 

steine \ 26 Schild. \nf der anderen Sein- --| »i< ■ 1 r «'in gemütlicher Humor 
in <l«'n Rätseln vom Biere und von der Kuh (No. 1 und 28 . und die 
witzige Ironie, womit Strophe 3"2 die Ferkel in adelige Krieger verkleidet, 
gemahnt uns an die Laune des ersten Odinsbeispiels und der Härbarzliöd. 

Dasa Bich ein anständiger Rätselstoff in obscöner Hülle birgt, erweisi 
-ich durch umfassende, unbeschnittene Sammlungen wie zumal die von 
V\ "!.ll<> als das eigentliche Lebenselemenl neuerer volkstümlicher Kätsel- 
kunst, und schon der sogen. Cynewulf kann sich darin nicht Leicht genug 
thun. Daneben nimmt sich «las einzige Beispiel in unserer Saga, No. :> (| 
'das Weben mii dem Bespringen einer Stute verglichen), massvoll und 
uidüstern aus. Di«' Zurückhaltung nach dieser Seite erscheint bezeichnend 
für das altnordische Schrifttum, diese vermutlich decenteste 'Im- mittel- 
alterlichen Litteraturen. 

Überblicken wir die Gätur im ganzen, so stellen sie sich ohne Fr 
zu den allerbesten Erzeugnissen der Rätseldichtung. Sic haben einerseits 
mehr Fülle um! Bewegung, stellen -ich die poetische Aufgabe weit höher 
;ils ilie meisten Volksrätsel der letzten Jahrhunderte; Anderseits wahren 

loch einen echten Rätselstil, sie zerfliessen nicht zu epischer Breite 
und Weichheit: davor schützt sie sehen das strophische Band. Sie behalten 
immer noch das Gepräge <\i'r Spruchdichtung, die zugespitzte Schärfe und 
straffe < rliederung. 

Fragen wir. wieweit diese Rätsel volkstümlich waren, so müssen wil- 
den besonderen gesellschaftlichen Verhältnissen Islands Rechnung tragen, 
und dann kann die Antwort nur lauten: sie waren durchaus volkstümlich, 
d. h. dem Verständnis '\>-v weltlichen Bevölkerung, der Bauern und Fischer, 
zugänglich, ebenso wie die grosse Menge der eddischen und skaldischen 
Gedichte und der Sagawerke. Einen gelehrten, buchmässigen Charakter 
hat keine der Gätur; nirgends eine Anspielung, die etwas von klerklig list, 
lateinischer Bildung voraussetzte. Das Wahrscheinliche ist. dass die Rätsel 
sämtlich für die mündliche Weitergabe, nichi mit der Feder in der Hand 
gedichtet wurden. Etwas anderes i>r die Frage, wiefern den Strophen 
das zukomme, was wir im Blick auf neuere Produkte volksmässigen 
1: tselstil nennen würden. Ohne subjektive Abschätzung kommt man liier 
nicht ans. weil innere wie äussere Eigenschaften <\rv Gatur auf die Wage 
v.w legen sind, und weil in der modernen Volksänigmatik so vielerlei 
zusammenströmt. 1 ) 

ungefähr ein Drittel der Heidreksrätsel darf mau wohl als richtige 
Volksrätsel in dem angedeuteten Sinne bezeichnen: No. '■> der Tau. No. 7 
die Sammelfrage, No. 8 der Lauch, Xo. 1<> der Hagel, No. 1 1 der Mistkäfer, 



1 Von der nenisländischen Sammlung kann man den Massstab nicht hernehmen^ 
da sie S'*hr viele entschieden kunstvolle, uneinfache Gebilde umfasst. 



von Ncgelcin: I lic Reise dei 1 |;i 

\u. ]•> das trächtige Schwein, So. II die Spinne, No l"> die Sonne, No. 16 
der Obsidian, Nb. 28 die Kuh, Nb. 35 der Reiter. Man könnte sich diese 
Strophen ohne weiteres in eine deutsche Mundarl übertragen denken. Am 
wenigsten primitiv, dem Volksrätsel am fernsten stellend, erscheinen etwa 
Nb. I das Bier, No. 6 der Anker, Nb. 17 das Ei, No. 27 die Eute im Schädel, 
Nb. 32 die Ferkel, Nb. 34 die Homonymenfrage. Di«- übrigen nehmen 
eine mittlere Stufe der Kunstmässigkeil ein. 



Die Reise der Seele ins Jenseits. 

Von Julius von Negelein. 
(Fortsetzung von S 



II. Reiseweg der Seele. 

Es miiss auffallen, dass die Zahl der Tage, die der Tote zur völligen 
Trennung von allem [rdischen braucht, stets, wie wir sahen, von dem Be- 
gräbnis-, aicht vmi dem Todestage an gerechnet wird. Das isi wichtig 
Nicht der Todestag ist es, der den noch den vollen Schein des Lebens 
bewahrenden Körper 1 uns für immer entreisst, sondern der Moment, in 
dem die irdisch.- Hülle von uns durch die schwere Deck.' der Grabeserde 
getrennt wird. Die Liebeserweisungen, die der unbestatteten Leiche gelten 
konnten - «las in ihre Hand gelegte brennende Licht, mit dem man die 
Grabesnächt erhellen wollte das ihr aufs Herz gesetzte Brot, das sie er- 
nähren sollte 9 ) — hörmi damit auf, 'lem Toten zu nützen, und langsam, 
aher unabweislich, drängt sich eine mehr spiritualistische Anschauung in 
.las Gebiet der Seelenvorstellungen ein. Erst da, wo der Leichnam .lern 
körperlichen Auge si.h zu entziehen beginnt, können Spekulation oder 
Phantasie ihn mit frischem Leben ausstatten. Sicherlich war nichts der 
Förderung eines speeifischen Seelenbegriffs so hinderlich, als das uralte 
Aussetzen des Toten. Mag -las zähe Festhalten an der Materie selbst 
noch Opfer am Grabe. Brennen von Lichtern u. s. w. als Liebesdienste 
für die persönlich und räumlich vorhanden geglaubt Anwesenheit des 

abenen auf beschränkte Zeit zulassen -- sicherlich setzt mit derVer- 
schleierung des schauerlichen Bildes der Verwesung eine diesem Proz 

1) Lonau, Albigenser, sagt treffüch den Sinn dieses Gedankens wiedergebend, von 
dem Leichnam, er sei ..das tote Nichts, das starr und still noch immer das Verlorene 
scheinen will." 

2) Armenischer Brauch bei Abeghian a. a. 0. '.». 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 191 1. 



150 \" n Ncgelein: 

zwar parallel gehende, ihn aber ideell verschönernde [deengruppe ein. 
Zum erstenmale beginnt der Tote ;ils ein ganzes, als begriffliche Ein-r 
heil gefassf zu werden. Deshalb handelt es sich jetzt oicht mehr um 
die Pflege Beines Leibes; nicht mehr darum, <lm etwa verwesenden Teile 

es Körpers durch Frische zu ersetzen 1 ) -- wie das der strikt durch- 
geführte Materialismus fordern müsste . Bondern darum, den jeder Pflege 
Entzogenen Beinen anheimlichen Weg in> Jenseits ungehindert gehen zu 
lassen und ihn an einer eventuellen. <lie Oberlebenden schädigenden Rück- 
kehr zu verhindern. Es entfernt sich der Tote von uns begrifflich immer 
mehr, je länger ihn der Käsen deckt. Diese begriffliche Entfernung wird 
anter dem Bilde eines räumlichen Weiterrückens, einer Reise dargestellt. 
So kommt die Sage von dem Totenwege auf. Damit ist al>er auch 
zugleich der Charakter dieser Sage gegeben. Wie der Totenweg selbst 
nichts anderes als die objektivierte Empfindung der ideellen, sich immer 
mehr vergrößernden Spaltung zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen 
Tod und Leben ist. so wird der ihn betretende Tote zum Träger der 
Empfindungen der Überlebenden. Daher die überall wiederkehrende Sage 
von der Trauer des Toten auf seinem düsteren Wege. 2 ) Wir wollen uns 
jedoch im engen Rahmen dieser Darstellung jeder Beschreibung des 'Toten- 
pfades enthalten und uns beschränken, seine ideelle Existenz zu erweisen 
und den Spuren des Toten zu folgen, bis sie unserem Auge entschwinden. 

unser Volksmund braucht unter den zahlreichen Wendungen für 
..sterben" häufig Ausdrücke wie: einpacken, abspazieren, losziehen, sich 



1) Die Auferweckung von den Toten hat (vgl. Anm. 1. S. 28) stets diese Voraussetzung. 
Vcrgl. da- Märchen von der Auferweckung eines Toten durch Petrus, der dessen Knochen 
erst in der richtigen Weise zusammenstellen mnss, um seine Zauberformel wirksam zu 
machen, und siehe das Einsetzen der künstlichen Schulter l>ci Pelops u. s. w. Siehe auch 
Rochholz, Deutscher Glaube und Brauch, Kapitel über Knochenkultus. Die alten Gesichts- 
masken der Felsengräber hatten wohl den Zweck, das verfallende Antlitz durch ein unver- 
wesliches zu substituieren. Man vergleiche auch ein hässlichen Versuch Ottos IT., Karls d. G. 
Leichnam dadurch wiederherzustellen, dass man ihm eine goldene Nase an Stelle der ver- 
ansetzte. 

2 Hier kehren mit grosspr Hartnäckigkeit immer dieselben Vorstellungen von dem 
mit Nadeln oder spitzen Messern gepflasterten Totenwege wieder: im deutschen Märchen 
liüt die Seele über eine Schwertbrück« zu laufen. Tundalus hat eine mit Messcm und 
Stacheln besetzte Brücke über den Höllengrund zu passieren (Bastian, Verbleibsorte, l3f.): 
nach deutscher Auffassung ist der Weg zur Unterwelt mit scharfen und spitzigen Scheer- 
messern besetzt (Bastian. Eiern., \\ . die brittischen Barden haben den Höllenweg ähnlich 
geschildert: Grimm, Myth. 4 , 2, 696, und die slavische Vorstellung entspricht dem genau: 
Grohmann, Ahcrgl., 194f. Manchmal schliessl sich da< .Motiv an. dass der Tote, wenn er 
als Gespenst die ]., benden besuchen will, die spitzen Nägel, welche auf dem Wege ein- 
geschlagcn sind, zählen mu<> (so ist z. B. der Weg zum Grabe in Klein-Russland mit 
Mohnkörnern bestreut, welche der Vampyr aufzulesen hat, ehe er wiederkommen kann: 

i.r. f. Etbnol 21. 143). Damit hängen unzweifelhaft wieder alle diejenigen Sagen 
zusammen, die von Elfen, Zwergen und Heinzelmännchen berichten, dass dieselben vor 
Küekkchr zu menschlichen Wohnungen hingepflanzte oder gestreute Grashalme, 
Erbsen u. s w. zählen müssen. J'.lben und Zwerge sind Toten<reistcr. 



I >ic Reise der Seele in 1 ."i 1 

;mt' die Wanderschaft begeben, ins ferne Land gehen, in die bessere Well 
wandern u. s. w. 1 Dem entsprechen die mythischen Auffassungen der 
verschiedensten Völker. Die Rfiris, ein bengalischer Stamm, rüsten i 1 1 1*« • 
Toten beim Begräbnisse so ;ms. ;ils ob Bie eine lange Reise vorhätten. 
Vollständig angekleidet, bewaffnet, mil Kappe and Fouragesack versehen, 
liegt der Körper in einem tiefen Grabe, dessen Seiten durch eingerammte 
Pfahle gestützt werden, damit die Erde Dicht auf den Toten falle.') Nach 
Ansicht der Indianer Nordamerikas müssen die Toten Monate lang wandern, 
um <l;is im Westen gelegene Land zu erreichen. 8 ) Die Schatten der Odjib- 
wäer verfolgten einen weiten und betretenen Pfad, der nach Westen führt.' 
Den Minna- und Blandass steht ein langer Weg bevor, bis sie zu ihren 
Fruchtinseln gelangen. 6 ) Bei den Kowzas winde der Tote mit ßlokassim 
begraben, wie auch in Kalifornien, um für die lange Reise durch Schuhe 
gerüstet zu sein: Schuhe fand man auch in schwäbischen Gräbern. 6 Be- 
sonders aber ist Begriff und Ausdruck: ..weite Wege wandeln" für „sterben" 
urgermanisch. Der Tod wird häufig „der lange Gang" genannt, [n der 
Edda heissl es: „Sie (Brunhild) Hess sich nicht verleiden den langen Gaug." 1 
Zinn Totenreich der Zwerge führt im Märchen stets ein weiter Weg. Die 
heidnische Hellja lag tief unten uach Norden d. h. nach Mitternacht) hin. 
\1> Hermoär zu Baldr gesandt wurde, ritt er nenn Nächte lang durch 
dunkle, tiefe Thäler. 8 ) Zu dieser weiten Wanderung ins Totenreich, 
welche die meisten zu Fuss machten, bedurften sie guter und festgebundener 
Schuhe . . . Dies war ein Gebrauch, der bei sächsischen und hochdeutschen 
Stämmen ebenfalls bestand. [n den Alemannengräbern am Lupfen fanden 
sich als Grabmitgaben ausser Früchten und Trinkgefässen, worin ursprünglich 
gewiss ein Getränk gegossen war. Lichtstöcke, ein Wanderstab und Schuhe. 8 
Bei der auch in Deutschland herrschenden Meinung von >\f\- weiten 

Wanderung des Verstorbenen dürfen wir annel n, dass ihm neue 

und derbe Schuhe auch zur Zeit der Hügelbestattuug mitgegeben ward. 
Eine lanjre, enge Gasse führte in die Hölle der heiligen Theresia. 11 } Dem- 
zufolge heisst die dem Sterbenden gereichte Kommunion „Wegzehrung" 
oder „viaticum". 19 ) Aber selbst der Islam sagt in einer arabischen Schrift, 
auf den Toten bezüglich: Du gehst einen weiten Weg und Dir fehlt die 
Reisekost. 18 ) In Griechenland war neben der Hadesvorstellung and wohl 
älter als diese die Idee von dem Entrücktwerden durch die Schicksals- 

1) Köhler. Voigtland 386, berichtet, dass das voigtländische „gehen" ebenfalls 
„sterben" bedeute. Vgl. in dem bekannten Volks- und Studcntcnlied: „Ein Sträu 
am Hute- den Vers: ..Nun hat er verlassen die Irdische Bahn, da tritt er die bimml 
Wanderschaft an." - 2i Zeitschr. f. Ethnol. 5. 200f. H Buchholz, BomeriBche Realten 
i. 1, 32. — 4) Tylor 2, 76. — 5) Bastian, Elem., 78. 6 /.HNchr. !'. Ethnol. I 

Hier verweise ich auf Sartoris Arbeit über die Bedeutung des Schuhes im Volksglauben 
im 4. Bande der Zeitschr. f. Volkskunde. — 7) Sigurdarkvida 3, 12. - Grimm, Myth.*, 
2, 669. — 9) Weinhold. Altnord. Leben. 494. 10) Weinheld, Totenbestattung, Anm. 1. 
— 11) Bastian. Elem , 23. — 12 Rochholz a. a. 0. 191. — 13) Wolf a. a. 0. 38. 

11 



I ;,•_< \"ii V gcleiii : 

Göttinnen, die Keren, lebendig. Zum psychologischen Verständnis der Idee 
vom Totenweg dringen wir am sichersten vor, wenn wir hören, dass nach 
der Anschauung der Westatexte mich die Seele, die ins Paradies gelangen 
soll, diesen (dreitägigen Weg zurückzulegen hat. Ahuramazda verbietet 
i Erforschung der Wanderung zum Paradiese mir den Worten: „Fragel 
lie ine Paradies gegangene Seele) nicht; sie kommt auf dem grauen- 
rollen Wege der Trennung de- Leibes und der Seele." 1 ) Hier wird 
also ganz klar die dem Totenpfade zu Grunde liegende Idee der Scheidung 
\«»n Leib und Seele, <\<-± materialistischen und animistischen Princips, als 
solche angegeben. her Beweis dafür, duss die Konservierung des Körpers 
jedem eigentlichen Seelenglauben im Wege steht, liegt auch darin, dass 
/ !'» auf Bali der Tote mittels der Verbrennung sogleich in Indraloka 
eingeht, während ihm sonst ein langer Wanderweg bevorsteht. 2 ) 

Wir halien die [dee des Totenweges bei den verschiedensten Völkern 
wiedergefunden. Wir wollen jetzt versuchen, die Eigenart dieses finsteren 
Pfades zu ergründen, soweit dies zur Konstatierung seiner gesonderten 
Existenz notwendig ist. Abgesehen davon, dass er überall als beschwerlich 
und finster gilt 3 ), ist er namentlich auch der gerade Weg, der keine 
Kurven und hin- und herführende Schlingungen kennt — so gerade, so 
unabweislich in ein unbekanntes Land führend, wie der Tod selbst. Dafür 
einige Belege: 

Das wütende lirer in Hossdorf durchzieht die Häuser geradeaus. 
Im Würtembergischen zu Neubrunn durchzog das wütende Heer immer 
drei Häuser, in welchen drei Thüren gerade hintereinander waren und 
ebenso «las Nachtvolk auf dem Klaeslefeld. *) Ganz unbezweifelbar hängt 
damit der noch heute seihst in gebildeten Kreisen vorhandene Aberglaube 
zusammen, dass der Blitz da einschlägt, wo zwei hintereinanderstehende 
Thüren offen sind; denn der wilde Jäger mit seinem wütenden Heer ist 
ein seelenentführender Sturm- und Grewitterdämon. ■ Das zwischen dem 
litauischen und deutschen Kirchhof gebaute Haus in Kagnit stürzte zu- 
sammen, weil es den Geistern der Verstorbenen im Wege stand. Die 
Scheune in Oberkainsbach mnss stets offen stehen, sonst wird sie von 
einem durchfahrenden Geisterzug des Rodensteiner zertrümmert. 4 ) Man 
vergleiche nun den Rat. den der wilde Jäger im Mecklenburgischen häufig 
giebt: ..Halt dm Mittelweg*, d. h.: „Kreuze mir nicht den Pfad. 1 ' 6 ) Er 
zerreisst diejenigen, welche sich ihm in den Weg stellen. So verbietet 
auch ein ostpreussischer Aberglauben, den Weg zu kreuzen, den eine 
Leiche gefahren ist. Eine Analogie dazu bietet die alte Idee von dem 
Totmi- oder Eelwege, der. wenn kein Unglück geschehen soll, lediglich 

1 Geiger, Altiran. Leben, 281. — 2) Bastian, Zeitschr. f. Ethnol. 21, 123. — 8) Vgl. 
Anm. 2 auf S. 150 und den vorausgegangenen Hinweis auf die stereotype Mitgabe von 
Lichtern (Lämpchen in das Grab. — 4) Bastian, Ztschr. f. Ethnol., 21, 149. — 5) Partsch, 
Mecklenburgische Sagen, I. 1 iL 



1 1 1 . • 1 1 

für Leichenzüge reservier! bleiben muss 1 ) und ferner gehört die über- 
raschende Thatsache hierher, dass die Häuser der Nordinsel Neu-Seelanda 
längsrichtig gebaut waren, um den Serien das Durchstreifen zu ermöglichen.*) 
Audi der V^eg der Krankheitsdämonen komml hier in Betracht, denn Bie 
sind den Seelen der Verstorbenen ihrer Nanu- Dach nahe verwandt, ja 
vielfach aus diesen entstanden, oder ihre rräger. Der Weg der Pest 

ist nach der Anschauung der Balkanvölker gerade; ihr Weg isl die breite 
Landstrasse, sie liebt die Steige and Pfade mein and meidet die von Ge- 
strüpp und Dornen besetzten Wege. 8 Das Gleiche gilt von den Mahren. 
In den zahllosen Sagen, die von ihnen berichten, heissi ee gewöhnlich, 
dass sie verschwinden, wenn man ihnen die Öffnung zeigt, durch die sie 
einwanderten.*) „"Wo wir hinein, da müssen wir heraus", sag! Mephisto- 
pheles in Goethes Faust. Wenn dem so ist, so ist es Sache der Lebenden, 
dein Toten den Weg ins Jenseits zu eröffnen, indem man Beine Schritte 
derartig zu beeinflussen versucht, dasg Bie ihn geradeaus und natürlich von 
den Lebenden hinweg führen. I)as ist um so wichtiger, als man dem Vor- 
wärts- uml Rückwärtsgehen mystische Bedeutung zuschrieb. 5 ) Bier greift schon 
der Glaube an die Wichtigkeit der Pussspur ein. Ihr adhäriert die Wesenheit 
des .Menschen; wer meine Spur ergriffen hat, hat mich ergriffen. 6 ) Das 
vedische Gebet bei der Totenbestattung bittet den Toten, Beine Strasse zu 
ziehen für sich allein, geschieden von dem Wege der .Menschen.'; Im 
dieses zu erreichen, trägt mau den Toten überall mit den Füssen nach 
vorn aus dem Hause heraus. Wuttke bezeichnet dies als allgemein- 
deutsqhe Sitte 8 . und Etochholz führt eine Anzahl hierher gehöriger Be - 
spi.de an.*) Mau kann den Gebrauch z. B. aus Pommern 10 ), Ostpreussen " . 
der Oberpfalz 18 ), Braunschweig 18 ), Mecklenburg 1 *), den .Marschen an der 
Dnterweser 15 ) und Tirol 1 *) belegen. Doch reicht derselbe auch bis zu 
anderen Völkern und seihst bis nach Armenien hin.") Er linder Bich bei 
den Pehuenches"), im ältesten 1 ";, wie im alten 1 ''') und aeuen 80 ) Griechen^ 
land: ebenso in Kein 21 ). .Man scheint selbst das zurückgehende Gespenst 

eines Tieres zu furchten. Wenn ein Haustier Btirbt, so vergräbt m; - 

au der Thür und zwar so, dass der Kopf nach dem Ausgang zu gerichtet ist. 
Dann stirbt kein anderes Haustier ihm nach." 8 ) - Eine Konsequenz 



1) Weinhold, Totenbestattung, 88. — 2 Bastian, Verbleibsorte, 78: — 3 Zeitschr. f. 
Volkskunde 9, 200. - 1 Laistner, Rätsel der Sphinx. 1 ti. — 5 Zeitschr. f. Etbnol. 15, 
H3ff. _ 6) Vgl. Sartori a. a. 0. 42ff. — 7) Vgl. Schröder, Indische Litt. u. Kult Kap. I. 
Goldner und Kaegi, 70 Lieder des Rigveda. —8) Wuttke, Aberglauben, 434. — 9 I 
holz, Glaube und Brauch, 1 c j7. - 10) Bastian. Verbleibsorte, 56. — 11 Toppen 1< 
12) Bavaria 1863, S. 322. — 13' Andree, Braunschweig. Volkskunde, 292. — 11 Alpenburg 
a. a. 0. 2G7. - 15) Zeitschr. f. Volkskunde 9, 54. - L6 Privatmitteilung eines Armi 
— 17) Bastian, Eiern., G7. — 18) Iwan von Müller, Handbuch d. klass. Altertumskunde, 
2U weist auf Homer T 212 hin. — 11» Schoemann, Griechische Altertümer*, II. 567. - 
20) Schwartz, Ztscbr. f. Ethnol. 9, 284 21 Buchholz a. a. 0. II, 2, 294. - 22) Wuttke 
a. a. 0. 407. Ganz eigentümlich ist die entgegengesetzte jüdische Sitte, den Leichnam 



i;,l von Negelein: 

diese) Anschauung zeigt Bich /.. B. in «Irin Aberglauben, dass der räufling 
der Slovaken, wenn man ihn zufallig mit den Füssen der Thüre zuge- 
wendet hingelegt hat, Bterben muss. l ) Wenn das bulgarische Kind zu 
gehen beginnt, bo darf es beim ersten Ausgang aus dem Hause nicht 
rückwärts hinausschreiten.') Die Murava. die wendische Mahr, der Geist 
Updrückens, entweicht, wenn man die Schuhe nicht mit den Spitzen 
nach dem Bett, aondern abgewendet hinstellt oder an die Thür einen 
Pantoffel legt mit dem Schnabel nach aussen. Ähnliches findet sich in 
Mecklenburg und Tirol. 3 ) Man sieht, wie der Dänion durch die irre- 
leitende Pussspur getäuscht werden soll. Häufig findet man ein Umdrehen 
von Gegenständen zu gleichem Zweck: man dreht seinen Pantoffel, sein 
Hemd, einen Dachziegel, den Satte] des Reitpferdes*) um. Besonder- 
interessant aber ist folgende Einzelheit: Nach der indischen Sage der Urans 
wird unter den Gespenstern besonders der Tschorail gefürchtet: das ist 
der Geist einer im Wochenbett verstorbenen Frau, welcher auf Grabsteinen 
sit/.t und umgekehrte Ftisse hat. 5 ) Wir sehen, dass die Idee, der Tote 
könne nur geradeaus seines Weges gehen, so konsequent durchgeführt ist. 
dass man seine Rückkehr nur unter der Annahme verstehen konnte, seine 
Füsse seien plötzlich umgebogen worden. War es nun dem Menschen 
versagt, das Reiseziel zu kennen - die Heise führt ebeu zu einem schritt- 
weisen objektiven und subjektiven Verschwinden des Reisenden — so war 
doch der Trieb, in das Totenland einen Einblick zu erhalten, im Menschen 
zu mächtig, als dass er auf jede Hoffnung, von dem Toten Kuude zu er- 
halten, ganz hätte verzichten wollen. Wohin der Weg führte, das wusste 
niemand überall hören wir von dem Hause des Todes als der Region 
des Kummers, der Finsternis, <\v<. Schweigens sprechen 6 ) - so bemühte 
man sich wenigstens, den Reiseweg der Seele zu beobachten und ihr den 
gefährdenden Rückzug abzuschneiden. Beides aber geschah, indem man 
ihre Spur verfolgte und diese eventuell vernichtete. Ein solches Verfahren 
ums- uralt sein. Es führt über die Aera des selbstbewussten Willenlebens 
der .Menschheit hinaus bis zu dem Zeitalter des Vorwaltens tierischer 
Instinkte. Der Indianer verehrt, ja vergöttlicht den Hund, er benennt sich 
mit llundenanien und nimmt dieses Tier als Vorfahr in seinen Stammbaum 
auf, weil er ihn in der Kunst überlegen weiss, die Fährte des Wildes zu 

mit dem Kopf voran hinaus zu tragen. Dies geschieht offenbar, weil im Kopf die Seele 
lokalisiert gedacht wird: Zeitschr. d. deutschen Palästina-Vereins 6, l£8f. 

1 Ethnolog. Mitteilungen aus Ungarn 5, 30. 

2 Strausz, Bulgaren, 298 
3) Alpenburg a. a 0. -2G7. 

I Letzteres ist Sitte bei den Kirgisen: Zeitschr. f. Ethnologie III. 307. 

5) Zeitschr. f. Ethnologie (, ; , 344. 

ypisch für diesen Vorstellungskreis ist die hebräische Scheöl- Auffassung, die ich 
bei anderer Gelegenheit mit den entsprechenden indogermanischen Mythengebilden ver- 
gleichen zu können hoffe. 



I>i>- Reise der S 1 55 

erkunden. Spürnase zu Bein und zu heisseu war ihm eiii Ideal. Die 
Wüste Arabiens wäre für den Beduinen jeder Poesie bat n. wenn 

nicht die Spur seines Kamels and des abgebrochenen Zeltes seiner Ge- 
liebten sich dem gelben Sande aufgedrückt hätte. 1 Deshalb isi die Er- 
kenntnis der Fussabdrücke bei den alten Arabern Ins auf den heutigen 
Tag zu einer völlig selbständigen Kunst geworden.*) Doch noch ein 
anderes Element spielt in die Völkersitte mir hinein, [ch hoffe, es bei 
anderer Gelegenheit darthun zu können, was ich bereits an einem Beispiel 
gezeigt habe 8 ), dass der Begriff des Eigentums dem Gefühl der leiblichen 
und lebendigen Zugehörigkeii des betreffenden Gegenstandes zum Menschen 
erwuchs. Die Kraft der Riesen and Zwerge unserer Sagen knüpft sich 
gewöhnlich an die unmittelbare Berührung ihres Leibes mir einem kon- 
kreten Besitztum, das, abgelegt, den Träger seiner magischen Macht beraubt. 
Im Aberglauben ist die Vorbedingung für die Wirksamkeil eines Zaubers 
stets in der Berührung des die Zauberwirkung vermittelnden Dinges auf 
blossem Leibe gegeben. Die subjektive Eigenart der lebenden Person 
ri'ilr sich dem in unmittelbarem Kontakt mir ihr stehenden Gegenstande 
gewissermassen durch Überströmen eines geistigen Pluidums derartig mir. 
dass Besitzer und Besessenes zu einer begrifflichen Einheit verschmelzen. 
Wenden wir diese Idee auf die Pussspur an, so erkennen wir, dass auch 
sie, and sie in erster Linie, die Trägerin der ganzen menschlichen Sub- 
jektivität Bein muss. Die Spur des Töten muss bei ihrer Berührung den 
Lebenden töten, wie /.. B. die zweier einander beissender Hunde Zank 
verursachen muss.*) Daher die in manchen Gegenden Bayerns, bo namentlich 
am rechten Ufer des [nnthales, von den Einzelhöfen b erabführenden 
Totenwege, die ausschliesslich nur mir Leichen befahren werden 6 ), sowie 
mannigfache Zaubergebräuche der Gegenwart. In Bulgarien nimmt die 
Hebeamme am Tage nach der Geburt «las Kind auf den Ann und halt 
ein Sieb, in das sie die Pusslappen des \ aters hineingelegt hat, über das 
Kind, damit es wenn es ein Knabe ist — dereinst auch Vater werde. 6 ) 
Ganz offenbar zeigt sich hier das Bestreben, die I Eigentümlichkeit der 
Vaterschaft auf das Kind durch die hier offensichtlich aus den Pusslappen 
herausdestillierte Eigenart ihres Trägers zu übermitteln. Zahllos sind die 
Getränke, vermöge derer man Heilungen auszuführen versucht, indem man 
dem Patienten den Abdruck seiner eigenen Pussspur eingiebt. Demi die 
Volksmedizin heilt Gleiches mir Gleichem. Die Spur als Krankheits- 



1) Vgl. Jacob, Leben der vorislamischen Beduinen unter dein Kapitel: Kamel. 

2) Ich verweise hier abermals auf P. Sartoris Arbeit im I. Bande der Zeitschr. f. Volk 
künde. Im folgenden sind selten Belege gegeben, die sich dort bereits finden. 

3) Globus a. a. 0. 

4) Wuttke a, a. 0. 253. 

5) Bavaria I. S. 412. München Im.". 

6) Strausz a. a. 0. 294. 



] ",c von Ni gelein : 

_ ■riii musa auch das angestiftete l nheil gutmachen. *) So ist denn 
auch die Pussspur des Toten vom höchsten diagnostischen Wert für den 
l beigebenden und deshalb die Bemühung verständlich, etwa Staub oder 
;iu die Stelle zu streuen, die uns Bein Wiedererscheinen hoffen oder 
befürchten lässt. Überaus instinktiv i.st in dieser Beziehung der Beriebt 
Nottrotts über die Erfolge der Gossnerschen Mission unter den Kolhs, 
einer indischen Völkerschaft. *) Der Tote, dessen Körper man eben ver- 
branni hat, wird von dem Pahan [Oberpriester), dem Teufelspriester und 
den Gästen nach vollendetem Leichenschmaus auf einem Felde, «las ihm 
angehört hatte, gesucht: „Wo bist du jetzt? JJist du in der Chatu (einem 
tufgestellten Wassergefäss oder bisl du unter dem Dornstrauch?" Da 
keine Antwort erfolgt, wendet sich der Teufelspriester zu den Umsitzenden, 
die gemütlich ihr Sukull rauchen: „Nun was weiss ich, wo er ist! 1 ' Jetzt. 
wendet sich der Zug zu <lem Bauernhause, «las der Familie des Gestorbenen 
angehört hatte, zurück. Sie finden es verschlossen ; mit dem Stocke schlägt 
der Pahan dreimal auf das niedrige Dach und fragt, wer drinnen ist. Er 
will erforschen, ob der Verstorbene sicdi in seinem Hause aufhalte. Und 
richtig, eine Stimme antwortet aus demselben: „Ich bin hier, was bringst 
du da draussen, bringst du Freude oder Schmerz?" Die Antwort lautet: 
„Für Trauer bringe ich Freude" und sofort öffnet sich die Thür und ein 
Mann, der sich vorher heimlich hinter dieselbe gestellt hatte. trij;t heraus. 
Alle, der Pahan an der Spitze, blicken nun in das Haus, um zu sehen. 
ob in der fingerdick auf dem Erdboden gestreuten Asche noch weitere 



I Bier seien ein paar besonders typische Erscheinungen des Volksglaubens erwähnt; 
In Bulgarien holt die Heilkünstlerin gewöhnlich von den Orten, wo der Kranke in letzter 
Zeit gegangen etwas Erde; ferner Wasser ;ms den Quellen, aus denen er getrunken. 
Wasser and Erde mengt sie zusammen, hält den Brei über den Ranch gewisser Kräuter 

und wäscht dann damit den Kranken. Den Rest gicsst sie über den Ort, den der Kranke 
in letzter Zeit betreten hat: Strausz a. a. 0. 42o. Bei einer ungenannten Kinderkrankheit 
wird das Blut aus der Ferse des Kindes diesem zu trinken gegeben: ebenda 407. Di<- 
Heilkünstlerin legt auch bei gewissen Fällen von dem Herde Asche auf die Erde und 
den Kranken blosslüssig in die Asche treten: dann nimmt sie, von neun bis- eins 
nach rückwärts zählend, aus der Fussspur etwas Asche, giebt dem Kranken davon zu 
trinken, den Iiesl aber gicsst sie an einen Raum oder auf einen Stein. (Das letztere Ver- 
fahren gründet sieh auf den so weil verbreiteten Aberglauben, dass man Krankheiten in 
Bäume bannen könne). Oder sie legt Asche vor den Herd, und auf dieselbe eine Schaufel. 
mit der das Brot in den Ofen geschoben wird. Nun treibt sie den Kranken mit dem 
Besen über die Schaufel hinweg und während sie ihm den Kücken mit dem Besen schlägt. 
spricht rfc eine Zauberformel. Dann geht der Kranke noch i inmal über die Schaufel 
hinweg. Nun wird die Schaufel weggenommen und die Asche untersucht: wenn sich 
etwas, etwa eine hoble, darin lindet, so gilt da- als die Krankheit: ebenda 390. Der 
letztere Gebrauch beabsichtigt offenbar, mit der Brotschaufel, einem geweihten Instru- 
— das Brot und alles, was zu .-einer Bereitung dient, ist immer heilig — , den 
Krankheitsdämon aus dem Körper des Leidenden in der "Weise zu vertreiben, dass man 
ihn au< der Ferse des Patienten nia> Unglück heftet sich an die Ferse l in die Asche 
bannt, wo er sich irgendwie bemerkbar machen muss. 
•_' Vgl. Sonntag, Toten bestattung, 37 ff. 



\)ie Itcisc der - 

Spuren enthalten seien, als die an der Thür von dem Manne herrührenden. 
Man isl befriedigt, als mar nichts entdeckt. »Auf seinem Felde ist er 
nicht", sagt einer, ..in seinem Hause auch nicht, wer weiss, wo er ist?** 
..<>!> er aber in der Nacht nicht wieder in sein Haus kommt?" meint ein 
anderer; „wo -"11 er schlafen, weun er kein" Stätte gefuuden hat?" 
„Gewiss, er kann noch kommen"*, bestätigt ein anderer der Pahan . 
„darum macht die Asche glatt und bindet die Thüre zu, dass niemand 
hineinkomme.- Nach dieser Weisung wendet sich der Mann seinem Hause 
zu, und auch die übrigen Gäste zerstreuen sich. Kaum graut der Morgen, 
als sich auch schon vor dem Hause eine ziemliche Menge Menschen ver- 
sammelt hat. die nur auf den Teufelspriester wartet, um das Hau- zu 
untersuchen. Die nächsten Angehörigen des Verstorbenen sind natürlich 
am ersten auf dem Platze: geht es sie doch am nächsten an. ob ihr Haus 
künftig '1er Tummelplatz eines Geistes, vielleicht eines bösen ßonga, sein 
werde, oder ob sie weiter in Frieden unter dem Dache wohnen können. 
Da tritt der unheimlich aussehende Mann auch schon in den lief und . . . 
nun untersucht der Pahan genau die auf den Boden gestreute Asche. Aber 
><» sorgsam er auch bis in den äussersten Winkel >]n'irt. er findet nichts 
und erklärt heraustretend, <ler Verstorbene müsse wohl hei Singbonga,- 
dem guten »iotte... einen Wohnort gefunden haben, auf «1er Erde gehe 
er nicht umher. Die Freude der Angehörigen ist gross, und sofort gehen 
sie daran, das Haus von der Asche zu reinigen und wieder wohnlich zu 
machen." Deutlicher als hier können wir die Idee der Furcht vor dem 
Teten und der .Mittel, die Einwirkung des (leiste- eines Verstorbenen aus 
dem Auftreten von dessen Fussspuren zu erkennen, nicht zu linden wünschen. 
Ein schöner Beweis für den spontanen Parallelismus in der Verkörperung 
ethnischer Elementargedanken liegt nun aber in der Thatsache, da>s wir 

in einem ostpreussischen Braue] in ganz entsprechendes Mittel linden. 

der Geister der Verstorbenen gewissermassen ansichtig zu werden. Am 
tfeujahrstage wird nämlich in meiner Heimat die Ofenbank für die Seiden 
freigehalten, das Feuer im Herd.- oder im Ofen angezündet und auch in 
manchen Gegenden ein Licht die Nacht hindurch brennen gelassen; 
sodann Sand vom Ofen bis zur Thüre (oder auf der kuhrischen Nehrung 
rings um den Tisch herum 1 ]) gestreut. .Man erwartet dann ich habe 
diese Erwartung mehrmals aussprechen hören — . dass die Teten, welche 
ja in den Zwölften erscheinen, ihre Spuren im Sande zurücklassen werden. 
Ganz unzweifelhaft verfolgt das Streuen von Saud vor der Thür eines 
Totenlmuses denselben /weck, denn man erzählt hei uns Sagen von 

1) Gerade im litauischen and lettischeu Aberglauben spiell der Familientisch als 

Opferherd für den Ahnendienst noch eine - - Rolle: das auf dem 'lieh.- liegende 
Brot darf nicht durch Verletzung mit sebarfen Instrumenten entheiligt werden („das 
thut den Seelen weh"). Brotkrumen werden stillschweigend den Ahnen auf die Erde 
geworfen u. s. w. 



Kaindl : 

Gespenstern, deren Zurückkommen man an den Pusseindrücken in diesem 
Sande erkannt hätte. So fügt Bich alles zusammen, am den Beweis dafür 
zu liefern, dass man auf das Vorhandensein and die Bpecifische verderben- 
bringende Eigentümlichkeit der Geister Verschiedener vorzüglich aus dem 
auftreten von ihrer Pussspur schloss. Es fragt sich nun: wie vernichtet 
man die Pussspur and damit « l< >n Geist selbst? wie verhindert man die 
Rückkehr desjenigen, dessen Abreise man nun einmal zu verzögern sich 
ohnmächtig fohlte? 



Ki'i nigsberg i. Pr. 



Schluss folgt.) 



Rutheniscke Hochzeitgebräuche in der Bukowina. 

Mitgeteilt von Dr. K. Fr. Kaindl. 



Die ruthenischen Hochzeitgebräuche zeichnen sich durch ihre Mannig- 
faltigkeit, die zahlreichen Lieder, endlich durch Spuren althergebrachter 
Rechtsgebräuche (Kauf der Braut, Botmässigkeit des Weibes) aus. .Mit 
der Gegend Vorgebirge, Gebirge (Karpaten). Flachland — wechseln 

auch einzelne der Gebräuche, wenn auch der Hauptverlauf' der Feier der- 
selbe bleibt. 1 Wir beginnen mit der Schilderung der Hochzeit bei den 
nithenischen Vorgebirglern (Pidhirjany) zwischen Wiznitz und Ber- 
liniiiet am Sereth. 

I. 

Kinder werden in ihrer Unmündigkeit niemals verlobt. Der junge 
.Mann heirarer erst nach erreichter Grossjährigkeit und nachdem er der 
Militärpflicht Genüge geleistet hat. d. i. nach dem zurückgelegten 24. Lebens- 
jahre. Da- .Mädchen dagegen heiratet, entsprechend ihrer körperlichen 
Bntwickelung, zumeist vom 18. Jahre angefangen, ausnahmsweise wohl 
auch früher. 

Nur sehr selten werden im Volke Ehen nach der Eingebung des 
Herzens geschlossen. Im allgemeinen sind es Konvenienzehen , welche 
durch Vermittlung der Werber (starosty) zu stände gebracht werden, wobei 
die beiderseitigen Eltern (swaty) bestimmend einwirken. Ihnen fügen sich 
die Brautleute ziemlich willenlos. Die Werbung (swatanie) besorgen stets 



li Tür das Zustandekommen der im folgenden mitgeteilten Sammlung von Hocbzeit- 
gebräuchen bin ich dem Herrn Konsistorialrat A. Manastyrski, ferner den Herren Pfarrern 
Gramatowicz und Kozariszczuk zu besonderem Danke verpflichtet. 



Ruthenische Hochzcitgebräucho in der Bukowina. 

die Freunde des Vaters des Bräutigams oder < i i « * Freunde des letzteren, 
wenn dessen Vater nicht mehr lebt. Bevor mau zur Werbung achreitet, 
findet zumeist erst ein Familienrat statt. 

Die Werbung findet gewöhnlich im Herbste nach der Ernte statt. 
Zu diesem Zwecke kommen die Werber in das elterliche Haus der in 
Aussicht genommenen Braut zur Abendzeit und bringen daselbst ihre Ab- 
sicht zum ausdrucke. Die Eltern des Bräutigams und dieser selbst Bind 
nicht zugegen, um sich nicht der etwaigen Absage persönlich auszusetzen. 
]);i- Mädchen wird höchstens der Hof lichkeii wegen um ihre Einwilligung 
befragt. Nachdem die Werber von den Eltern des Mädchens die Zustimmung 
erhalten haben, wird dem von den Werbern mitgebrachten Branntweine 
zur Bekräftigung des Jawortes (stowo) fröhlich zugesprochen, ohne die 
Bewilligung: der Eltern kommt selten eine Ehe zu stände; das Volk hält 
eine solche Verbindung für unzulässig und unglücklich. Nur wenn die 
Eltern tot sind, verfügen die grossjährigen Kinder frei über ihre Hand. 
während die minderjährigen durch die Vormundschaft beschränkt werden. 
Gewöhnlich heirater der älteste Sohn und die älteste Tochter zuvor: nur 
wenn die älteren heiratsunfähig sind, gehen ihnen die jüngeren voran. 
Dagegen ist die Heirat der männlichen Geschwister durch jene der weib- 
lichen und umgekehrt nicht behindert. Zumeist heiraten junge Leute aus 
demselben Orte, die demselben Bekenntnisse und derselben Nationalität 
angehören. Unter Blutsverwandten ist gemeiniglich die Ehe erst im 6. Grade 
gestattet, auch Gevatterschaften gelten als kanonische Hindernisse, die auch 
vom Volke streu- beobachtet winden. Eine Verlobung wird nur in den 
zwingendsten Fällen, etwa bei Krankheit, unsittlichem Lebenswandel und 
dergl. rückgängig gemacht. I >t ein Teil an der Lösung des Verlöbnisses 
schuldig, su leistet er dem anderen Teile für die etwa bereits aufgelaufenen 
Kosten Ersatz. 

Schon heim Trinken <]>■> Slowo wird auch über die Aussteuer der 
Braut (drestra und Mitgift (wind) der Brautleute verhandelt. Die end- 
gültigen Verabredungen darüber werden vor 'lem Hochzeittage durch du- 
beiderseitigen Schwiegereltern getroffen. .Mitunter wird ein schriftliche] 
Heiratsvertrag geschlossen. Das Mädchen erhält gewöhnlich die häusliche 
Ausstattung, Kleider, Wäsche. Bettzeug, eine Truhe (sb-ynia), Geld und 
Viehstücke; nur äusserst selten werden Grundstücke dem Mädchen als 
Heiratsgut gegeben, weil diese in der Regel den männlichen Erben zu- 
gedacht sind. 

Zwischen der Werbung und >\>v Hochzeit wisilu verstreicht gewöhnlich 
ein Zeitraum von sechs Wochen, während welcher die Vorbereitungen 
getroffen werden. Durch den Ertrag der Fruchtfechsung ist der Landmann 
um diese Zeit im stände, die nötigen Auslagen zu bestreiten. Natürlich 
sind die Vorbereitungen nach den Vermögensverhältnissen sehr verschieden. 
In jedem Falle sucht man aber das Möglichste zu leisten. Im Hause der 



l(j(j Kaindl: 

Braut wird für diese die längs! vorbereitete Aussteuer vollendet; der 
Bräutigam besorgl sich neue Pestkleider. Hierzu kommt die Vorbereitung 
der Geschenke. Der Bräutigam (rnoiodej beschenkt das Mädchen mit 
gelben neuen Stiefeln (zouti czobotu und mit einem weissen Kopftuche 
(vokrywalo\ 'las am zweiten Hochzeittag den Kopf der Kraut bedeckt 
Die Braut {»m/n,/,!) dagegen beschenkt ihren Bräutigam mit einem neuen 
Hemde und einem Halstuche, ausserdem muss «Im Braut, wenn sie in 
■ las Haus des Bräutigams eingeführt wird, für den Schwiegervater, die, 
Schwiegermutter und die Anverwandten des Bräutigams beliebige Geschenke 
mitbringen. Für die Hochzeit werden ferner «-in oder auch mehrere 
Schweine, Bowie Geflügel gefüttert and geschlachtet. In der Mühle wird 
Getreide gemahlen. Dann wird mit dem Priester verhandelt. Audi ver- 
gisst man nicht, rechtzeitig mit den Musikanten einig zu werden, denn 
ohne diese ist eine rechte Bauernhochzeit undenkbar. Bemerkt muss noch 
werden, dass diese Vorbereitungen sowohl im Hause der Eltern des Bräutigams 
als der Braut vor sich gehen, weil die Hochzeitfeier in beiden stattfindet, 
Schliesslich gehört zu den Vorbereitungen auch die Wahl der Trauzeugen, 
d. i. des Brautvaters (butko) und der Brautmutter (matkä)', ferner die der 
Brautjungfern (diitzki), welche die Braut, und die der Brautführer (druzby), 
welche den Bräutigam zur Trauung begleiten. Druzki und druzby bedienen 
auch die Gäste beim Hochzeitmahle. Schliesslich gehören zum Hochzeit- 
zuge der Braut und des Bräutigams einige junge Bursche, welche Bojaren 
beissen. 

Am Vortage der Hochzeit sind bereits alle Vorbereitungen getroffen. 
Im Mause der Braut wird an diesem Taue gegen 2 Uhr nachmittags 
der Tisch in die Mitte des Zimmers gestellt, mit einem weissen Tischtuche 
gedeckt und darauf zwei Brote oder ein paar Kolatschen 1 ) mit einem 
Stössel Salz, daneben eine irdene Schüssel voll schönen Immergrüns gestellt. 
Die Braut, auf das Schönste gekleidet, erwartet ihre Kranzeljungfem. 
svelche bald im Sonntagsstaate erscheinen und nach der üblichen herzlichen 
Begrüssung, die Braut in ihre Mitte nehmend, sich zum Tische setzen. 
Hierauf wird das auf dem Tische befindliche Immergrün, welches zum 
Brautkränze bestimmt ist, ausgewählt, sortiert und sorgfältig geputzt. 

Nachdem dies geschehen ist. erscheint die Mutter der Braut im Zimmer, 
setzt sich nieder und legt ein Polster auf ihren Schoss. Über demselben 
beginnt sie dann die geputzten Blätter auf ein rotes, wollenes Band, politekß 
genannt, aufzunähen. Hierbei wird gesungen: 

Oj zelenenkij barwinku, grünes Immergrün, 

Kupuwalam tia na rynku, Ich kaufte dich am Kingplatz, 

Zamykalam tia u skrynku, Verwahrte dich im Schrank. 

A leper tia ruszu Jetzt taste ich dich an 

Ta| zaplakaty muszu. Und muss weinen. 



1) Das sind kranzförmig geflochtene Kuchen aus Weizenmehl. 



Ruthenische Hochzeitgcbräuch» 1 in der Bukowina. 161 

Bierauf übergiebt die Mutter die Arbeit ihren nächsten Freundinnen 

zur Fortführung. Diese singen hierbei: 

Daj mamko holku Gieb Mütterchen die Nadel 

Taj nytku /. szouku, und den Seiden faden, 

Zaczenaty winoezok Anzufangen das Kränzlein 

Motodi na holouku. Der Braut fürs Köpriein. 

Der Kran/, wird mit Flittergold verziert; ist er schliesslich fertig, so 
wird gesungen: 

De se dila. NN o ist denn, 

Ta de se podila Ja wo ist 

Moiodoji nanty; Die Mutter der Braut? 

Czomu ne prystupyt Warum kommt sie nicht 

Taj ne wikupyt Und kauft nicht 

Winoezok wid swaszoezok. Das Kränzlein von den Nähterinnen ? 

Die Mutter, welche inzwischen ihren Hausfrauenpflichten nachging, 
erscheint nun wieder und muss den Krau/, von den Angehörigen gegen 
.■ine kleine Gabe auslösen, wobei gesungen wird: 

üj my winky szyfy wir haben Kränze genäht 

Taj holoezky polomyly, Und die Nädelchen zerbrochen; 

Treba natu hroszi daty. Man muss uns Geld geben. 

Szoby holky pokupuwaty. Damit wir uns Nadeln kaufen. 

Hierauf wird die Braut von der Mutter frisiert-, inzwischen wird 

g sungen: 

Stawajko ridna mamko na stilczyk Steige Mütterchen auf den Schemel 

Taj dosiahny iz swotoka hrebinczyk, Und reiche vom Deckbalken den 

Kamm herab, 
Zaczesaty rosu kosu pid vvinezyk. Zu kämmen den blonden Zopi' für 

den Brautschmuck. 
Eudy moja rosa kosa majaty, Mein blonder Zopi' wird glänzen, 

Ty budysz ridna maty plakaty, Du Mütterchen wirst weinen. 

Bo ne budy komu rano wstawaty, Denn niemand wird zum Frtth- 

aufstehen da 
Na horodi zilieezko potywaty, Im Garten die Pflanzen zu I 

Budysz nmmko polywaty samaja Du selbst Mütterchen wirst begiessen 

To piznymy taj ranymy zoriaray Am Abend und am Morgen 

Taj bustymy i dribnymy slozamy. Mit dichten kleinen Thränen. 

Dabei wird der Kranz von Vater und Mutter auf den Kopf der Drauf 
gelegt und der Braut Glück, Gesundheit und langes Leben gewünscht. 
Hier wird gesungen : 

Czomu motodenka ne tuzysz? Warum trauerst du Bräutchen nicht? 

Üze bilsze diwoezkou ne budysz. Du wirst nicht mehr Mägdelein 

Uze weezirne milianieezko zabudys Die Abendunterhaltung wirst du ver- 

gessen, 
Z parubkamy na rozmowi ne budysz. Mit den Burschen wirst du nicht mehr 

plaudern. 



]i;-_< Kaindl: 

Schliesslich \n i r< l der Braut and den Kraazelmädchen je ein Kolatschen 
an den rechten Arm gebunden, Ist dies alles geschehen, so werden Braut 
and Kran zel Jungfern ins Dorf ausgeschickt, um die Huchzeitgäste persönlich 
einzuladen, sie sin«! hierbei von Musikanten begleitet; auch Branntwein 
iiiul Kolatschen werden mitgetragen. Bei den Vornehmsten wird der 
Vnfang gemacht; gewöhnlich geht man zum Pfarrer zuerst, weil er in der 
Gemeinde der Angesehenst ist. Nachdem die Gäste geladen sind, ver- 
Bammeln sich alle und setzen sich zum Nachtmahle; während der Mahlzeit 
werden Geschenke zwischen Braut und Bräutigam ausgetauscht. 

Inzwischen hat sich im Hause der Eltern des Bräutigams ganz Ahn- 
liches zugetragen, wie im Hause der Braut. Auch der Bräutigam hat mit 
seinen Brautführern die Gäste geladen, die sich am Abend in seiner Eltern 
Hause versammeln. Nun schickt die Braut dein Bräutigam durch ihre 
Bojaren ein Hemd und ein zu diesem Zwecke eigens ausgenähtes Tüchel 
icnkd). Beim Empfange dieser Sachen wird gesungen: 

Nasza soroczka iz samoho terra. Unser Hemd ist aus reinem Flachs. 

Xaszi czoboty iz safijanu, Unsere Stiefeln aus Safianleder. 

Nasza soroczka iz ceroczkamy, Unser Hemd ist mit Stickereien. 

Xaszi czobitky iz pidkiukamy: Unsere Stiefel sind eisenbcschlagen: 

Xaszu soroczka swaszoczky szyly. Unser Hemd nähten die Nähterinnen, 

X'aszi czobitky szewczeki szyly. Unsere Stiefel die Schuster. 

Der Bräutigam übernimmt diese Gaben und als Gegengeschenk über- 
mittelt er der Braut ein Paar gelbe Stiefel und ein weisses Tuch (pokri/waio). 
Während die Braut diese vom Bräutigam geschickten Gaben empfängt. 
wird gesungen: 

Taj rychtuj sc. moloda, rychtuj se. richte dich, richte dich. Braut, 

Tai w ^outi czoboty uzuj se. Ziehe die gelben Stiefel an, 

Taj wozmy wsi worohy pid nohy. Nimm alle Feinde unter die Füsse. 

Szobj sc wstupyly z dorohy. Damit sie aus dem Wege weichen. 

In diesem Austausche der Geschenke bestellt die ganze Wechsel- 
beziehung zwischen dem Bräutigam und der Braut an diesem Tage. Darauf 
wird in beiden Häusern getrennt die ganze Nacht getanzt, gescherzt und 
gelacht. Dieser Polterabend wird ruthenisch n zawodeny a genannt. Er 
tindet gewöhnlich an einem Samstag statt. 

Am nächsten Morgen, zumeist einein Sonntag, wird früh der Feiertags- 
staat angelegt Im Hause der Braut und des Bräutigams finden sich ge- 
trennt die Gäste und die Würdenträger bei der Hochzeit ein. Letztere 
erhalten kleine Sträusschen aus [mmergrünblättern mit Schaumgold ver- 
ziert (kwitkie). Hierauf werden Anstalten getroffen, um in die Kirche zur 
Trauung zu -eben. Zu diesem wichtigen Gange erbittet sich die Braut 
durch einen eigens dazu bestellten Redner den Segen der Eltern. Dieser 
wird folgendermassen erteilt. Die Eltern setzen sich auf eine Bank, auf 
dem Schosse Brot und Salz haltend; die Braut kniet vor ihnen nieder, 
während der dazu bestimmte Kedner folgendermassen spricht: 



Ruthenischc Hochzcitgebräucln in der Bukowina. 



16.J 



kniet eure Tochter vor • lott, \ or 
Vater and .Minier, and bittet um dei 
Segen; vielleicht bat sie euch einmal 
beleidigt, erzürnt, «Mich nicht gehorch! 
oder euch nicht < renüge gethan; des- 
halb bittet sie euch, ihr zu verzeihen 
und sie zu segnen. 



Prykliakajy donika wasza pered 
Bohom, pered oteem i matereu, i 
prosyt o blahoslowenie; raoze oiiii 
was koly ukoryla. hniwala. ne sta- 

chala abo ne dohodyla. to prosyt 

was. ati\si\ proszczaly i jiji biaho- 
slowyty. 

Nach dieser Anrede segnen tue Eltern die Braut, indem >ie Ihren 
Kopf mit Brot und Salz berühren, sie küssend und umarmend. Nach 
diesem nimmt die Mutter die Braut bei der Hand und umgeht den in der 
.Mitte des Zimmers stehenden Tisch dreimal, dieselbe mit Weihwasser 
besprengend und ihr Weizen unter die Püsse streuend. Darauf nimmt 
die Braut Abschied, indem sie den Eltern die Hände küsst, und schickt 
sich zum Gange zur Kirche (d. i. zur Trauung) an. Hierbei wird gesungen: 

Stupyla moloderika iz poroha: Das Bräutchen trat von der Schwelle: 

Buwaj meni moja mamko zdorowa. Lebe wohl mir mein Mütterchen. 

Taj perszyj raz, molodenka, perszyj raz 
Poktony sia mojij mamei do sto raz, 



Ho bohato twoja mamka kieltuwala, 
Doky sych pokloniu sia doczekala. 
Diakuja tobi moja mamko za twij chlib, 
Szos" mene wyhoduwala na sej swit. 

Nun erfolgt die Abfahrt zur Kirche. Di 
Kranzelmädchen und der Brautmutter die für s 



Vor allein, mein Brüutehen. vor allem 
Neige dich dem Mütterchen hundertmal, 

Weil es viel dem Mütterchen gekostet 
Bis es diesen Dank erlebte. hat, 

Ich danke dir Mütterchen Wir dies Brot, 
Dass du mich aufgezogen hast. 

Braut besteigt mit den 
bestimmten Wagen; die 



altere der Brautführerinuen trägt ein mit Federn, Bändern und Blumen 
geschmücktes Tannenbäumchen. Die anwesenden Frauen werfen der Braut 
in den Busen Zucker, Brot, Salz. Knoblauch und Geld: Zucker, damit ihr 
das Leben süss sei; Brot und Salz, damit der Hausfrau es nie daran fehle; 
Knoblauch als Schutz gegen Zauber; endlich das Geld als Wahrzeichen 
künftigen Reichtums. 

Auf dem Wege zur Trauung \\ 



A u nediliu rano 
More se rozihrato; 
A ne more toto braje, 
Ale sonce se kupajc: 
To ne sonce se kupajc, 
To molodyj potopaje 
Ta na moledu pokrykaje: 
„Molodyczko, holuboczko, 
Ratuj mene z moria!" 
,,„Ta ne moja tota wola. 
Ratuwaty tebe z moria, 
Ani czouna, ani wesla, 



gesungen : 

Am Sonntag-Morgen 
Wogte das Meer: 
Nicht das M< er wogt, 

ndern es badet die Sonne; 

Es badet nicht die Sonne. 
Es sinkt der Bräutigam anter 
Und ruft der Braut zu: 
„Bräutchen, Täubchen, 

Kette mn h aus dem Meere!" 
„„Es hängt nicht von mir ab, 
Dich zu retten aus dem M< 
Ich habe weder Schiff, noch Ruder, 
Alles hat der Sturm entführt. uu 



Usc buria taj widnesla." 

Also singend gelangt man bis zur Kirche. Hier wird Halt gemacht 

und auf das Erscheinen des Bräutigams gewartet, wenn er nicht schon da 



i.;i 



Kai., 



igt; denn auch dieser hat sich inzwischen, begleitet von den Seinen, aus 
dem elterlichen Hause zur Kirche aufgemacht. Sind Bräutigam und Braut 
erschienen, bo gehen beide in die Kirche, wo sie das Sakrament der Ehe 
empfangen. Nach der Trauung begiebi sich die Braut (wieder ohne 
Bräutigam, der mit den Seinen zunächst ins elterliche Haus zurückkehrt) 
mit ihren Angehörigen in die Wohnung ihrer Eltern zurück. Auf dem 
Heimwege wird gesungen: 



Oj niy u cerkwi luily. 
Szczos - my tarn wydiJy? 
Dwa winci na stiuei, 
Molodym na liolouci. 
A | ope, pope", batko nasz, 
A pope jich i zwinezau, 
Dwojc dity /. mezy nas, 
Odno dctialko X. N . 
Druha X. X. 

A diakujem popoezkowy, 
Swomu batiezkowy, 
Szo nas ne zabawyu 
Xe bohato u nas prawyu, 
Lesz zoutoho czerwonoho 
Will pana molodoho. 



() wir waren in der Kirche, 

\V r as haben wir dort gesehen? 

Zwei Kranze am Tischchen. 

Den Brautleuten am Kopfe. 

Pope, Pope, Väterchen. 

Du hast sie getraut, 

Zwei von unseren Kindein. 

Ein Kindchen N. X., 

Das andre X. X. 

Wir danken dem Pfarrerlein, 

Unserem Väterlein, 

Dass er uns nicht aufhielt 

Und von uns nicht viel forderte, 

Xur einen Dukaten 

Vom Herrn Bräutigam. 



Die Braut wird von ihren Eltern am Eingange des Hauses mit Brot 
und Salz empfangen, worauf .sie zwischen ihren Eranzelmädchen nebst 
den übrigen Angehörigen zum Tische sich setzt. Auf diesen wird auch der 
Hochzeitbaum gestellt. Während gespeist wird, kommt der Bräutigam 
mit seinen Angehörigen in den Hofraum des Hauses. Sobald man hei 
der Tafel der Braut hiervon Kunde erhalten hat. wird daselbst gesungen: 

Oj stij ziatiu za woroty Steh, o Schwiegersohn, hinter dem 

Xa zeleni paporoty! Am grünen Farnkraut! [Thorc 

Taj naj na tia snizok ide, Mag auf dich Schnee fallen, 

Taj naj na tia inetil mete Mag Schneesturm dich umwehen 

Ta na koni woroniji Lad die schwatzen Pferde 

Taj na druzby molodiji. Und die jungen Brautführer. 

Während das Lied gesungen wird, schickt der im Hofraum wartende 
Bräutigam seine Bojaren mit seinem Kolatschen, den er am rechten Arm 
getragen hat. zur Braut, welche ihn gegen den ihren austauscht. Darauf 
rieten die Brautführer ins Zimmer ein und kaufen die Kranzelmädchen 

in kleine Beträge aus. d. h. sie bewegen die Kranzelmädchen von der 
Seite der Braut zu weisdien. Andererseits erhalten die Brautführer von 
den Brautmädchen ebenfalls kleine Geschenke. Bei diesem Auskaufen 
wird folgendes gesungen: 

U nas druzba krasnyj Unser Brautführer ist schön 

Jak raisiad jasnyj, Wie der helle Mond, 

Posiahne w kyszeniu Er greift in die Tasche 






Ruthenischc Uochz« • in der Bukowina. 1»'.;. 

Ta wytiahne hroszyj zmeniu, und zieht eine Handvoll Geld bereue 

Ta ne mnoho, druzbo, ne mnolio, Nicht u.-l. Brautführer, nicht \nl 

l.w. odnoho czerwonoho! Id<>- ten! 

Hierauf verabschieden sieh die Krauzeljungfern von der Braut, wobei 
gesunken wird: 

Zaplakala druzeczka, Das Brautmädchen brach inThräneo 

Zaphikaly obi: Beide Brautmädchen weinten: 

„Cy ne zal se widdawaty .Tluu dir nicht leid zu heiraten 

Towaryszko tobi?" Gefährtin?" 

_..()j cy zal, cy ne zal, „ n O i thut oder nicht. 

Ne budu kazaty, Ich werde es nicht sag 

Jak sc budesz widdawaty, Wenn du dich verehelichen wirst, 

Tohdy budesz zuaty."" Dann wirst du es wissen."" 

Endlich verlassen Brautführer und Kranzelniädchen das Zimmer. An 
die Stelle der Kranzelmädchen setzt sich nun der jüngste Bruder >\>'\- 
Braut, oder, wenn ein solcher nicht da ist. der nächste jüngste männliche 
Verwandte. Ist dies geschehen, so tritt der Bräutigam mit seinen Gästen 
ins Zimmer ein, nähert sich dem Tische und kauft von dein eben erwähnten 
Anverwandten der Braut diese für einen geringen Betrag. Hierauf wird 
gesungen : 

Oj tatar, bratezyk, fcatar 0, ein Tatar. Brüderchen, ein Tatar 

Prodau sestru za talar, Verkaufte dieSchwester für einen Thaler, 

Rosu kosu za szustak, Den blonden Zopf für ein Sechs 

Rumniane lyezko taki tak. Dasrosige Gesichtchen geradezu umsonst 

Sodann stehen alle vom Tische auf, nur die Brautmutter mit der 
Braut bleiben sitzen. Letztere verschleiert ihre Augen und beugt das 
Haupt über ihren Kolatschen. Eines der angesehensten Familienglieder 
nimmt sodann das auf dem Tische stehende Hochzeitbäumchen in eine Hand 
und reicht die andere dem Bräutigam; dieser ergreift die Hand eines 
dritten u. s. w., bis alle Hochzeitgäste eine Kette bilden. Nun umgehen 
Bie den Tisch dreimal, wobei gesungen wird: 

Na kalynoczei dwi jahidozki. AufderSchneeballstaudesindzweiBeeren. 

Rozszyriaj swatu chatu Erweitere Vater deine Hütte 

Taj kalynowi stiny, und deine Wände aus Schneeballholz, 

Szoby bojary sity; Damit die Bojaren niedersitzen; 

Sily bojary süy, Es sich die Bojaren, 

Az se zdrehnuly stiny. Dass die Wände zitterten. 

Beim umgehen des Tisches berührt der Bräutigam, während er bei 
der Braut die zwei ersten Male vorbeigeht, den Schleier derselben. Beim 
drittenmale hebt er den Schleier auf und setzt sich neben seine Braut. 
Nun wird gesungen: 

Oj zietiu, zietiu emberiu (?) Schwiegersohn. Schwiegersohn 

Wiwywaj rantuch z paperrä, Wickle aus dem Papiere das Handtuch, 

Ta pokryj swoju druzynu Bedecke deine Gefährtin 

l rozwesery rodynu. und erheitere die Familie. 

12 

Zeitsclir. ü. Vereins f. Volkskunde. 19U1. 



Kaindl: 

Während dieses Lied gesungen wird, wickelt der Bräutigam em Stück 
weisse Leinwand, welche er mitgebracht bat, auseinander and übergiebt 
dem jüngsten Bruder der Braut, ron welchem er diese vorher gekauft 
hatte. Dieser breitet sodann die Leinwand auf zwei einjährige Schosse 
\.in einem Weidenbaum, hebt sie mittels der Stöckchen in die Höhe, 
schwenkt Bie liin and her and bedeckt zuletzt mit der Leinwand den 
Kopf der Braut. Die Weidenbaumschosse werden gleich in kleine Stücke 
zerbrochen. Hierauf wird gegessen, getrunken, gespasst and gelacht. 
Schliesslich wird gesnngen: 

„Oj l'lysnula koliasoczka na mosti. ..Aul' der Brücke wurde ein Wäglein 

sichtbar, 

A bzczoz toto moja mamko za hosti? fc Was für Gäste sind das Mütterchen? fc 

„„Oj do tobe. 111 i j synoczku, do tebe, _..<) zu dir, mein Söhnchen 1 ), zu dir, 

Cboczut tebe wzietv wid mono." Sie wollen dich von mir nehmen."" 

„Cy ja tobi mamko ne detyna, „Bin ich nicht dein Kind. Mütterchen, 

Cy ja tobi po szczyrosty ne robyla, Habe ich dir nicht redlich gearbeitet. 

Szo ty mene dajysz priczki Dass du mich weg giebst 

Protyu niczki." Da die Nacht naht? u 

Während dieses Gesanges schickt sich der Bräutigam an, mit der Braut 
in das Haus seiner Kitern zu ziehen. Auch die Aussteuer der Braut wird 
auf dem Wagen, den die Brautleute benutzen, mitgenommen. Die Braut 
nimmt Abschied von ihren Eltern, von welchen sie mit gebratenen Hühnern. 
Kolatschen, Brot und Schnaps versehen wird, damit sie nicht mit leeren 
Händen zu den Schwiegereltern komme. 

Beim Weggehen wird gesungen: 

Ne phicz moja mamko za mnoju, Weine nicht. Mütterchen, um mich. 

Ta ne wse ja zaberaju z soboju, Ich nehme nicht alles mit mir, 

Lyszaju dribni slozv po stohi Ich lasse kleine Thränen beim Tische 

A husti slidy p<> dworiu. Und zahlreiche Spuren im Hofe. 

So zieht die Braut unter San- und Klang mit dem Bräutigam und 
begleitet von allen ihren Hochzeitgästen mit Ausnahme ihrer Eltern, welche 
zu Hause bleiben, bei den Schwiegereltern ein. Vor der Eingangsthüre 
wird folgendes gesungen: 

Dtwory mamko nowyj dwir, Öffne, Mütterchen, das neue Thor, 

Weiienm tobi newistoezku w twij Wir führen das Schwiegertöchterchen 

dim, in dein Haus. 

l.'twory mamko wikonce, Öffne. Mütterchen, die Fenster, 

Wederao tobi newistoezku jak sonce. Wir führen dir das Töchterchen wie 

eine Sonne. 

Die Eltern des Bräutigams kommen entgegen, empfangen ihre Schwieger- 
tochter mit Brot und Salz und laden sie mit den übrigen angelangten 
(lasten ins Zimmer und zugleich auch zum Tische ein. an dem die früheren 



1) Darutfter i>t die Braut zu verstehen. 






Rutbenische Sochzeitgebräuche in der Bukowina. lt'.T 

schon sitzen. Ee wird sodann lustig • r, und gezecht. Dazwischen 

wird, wie übrigens auch schon im Hause der Braut, getanzt. Der Tanz 

findet auf dem Hof ler bei schlechtem Wetter im geräumig 

Vorhause statt, denn die Stube bietel hierfür keinen Raum. Es Bei auch 
uoch erwähnt, dass Braut und Bräutigam stets auf dem Ehrenplatze bei 
Tische sitzen, also unter der Ostwand des Hauses, an welcher auch die 
1 leiligenbilder hängen. 

Nach Mitternacht oder auch erst gegen Tagesanbruch geleitet die 
Brautmutter die Brautleute in eine eigens hierzu vorbereitete Schlafkammer. 
Beim Auskleiden isr der Bräutigam der Braul behilflich, worauf diese 
zuerst das Bett besteigt. Am nächsten Morgen dürfen die Brautleuti 
lange die Schlafkammer nicht verlassen, als bis sie von der Brautmutter 
wieder abgeholt werden. Nachdem das junge Ehepaar sich in die Kammer 
zurückgezogen hat, begeben sieh die Graste, auch die Brautmutter, nach 
Hause 

Am nächsten Morgen gehen die Brautführer zur Brautmutter, am sie 
in das Hochzeitshaus zu geleiten. A.uf dem Wege singen sie: 

Szczaslywa bodyna hodynoezka nastaia Das glückliche Stündchen ist gekommen, 
fiiotoderika za matkon pisl.ila. Die junge Frau hat um die Mutter geschickt, 

Pislala cztery koni, pietej wiz, Sic schickte vier Pferde, als fünften den 

Wagen, 
A szestoho ßrmaneczka, szoby matku Als sechsten den Fuhrmann, damit er die 
prewiz. Mutter bringe. 

Z namy mntoczko, z namy Mit uns Mütterchen, mit uns 

Na kalynowi sany, Auf den Schlitten aus Schneeballholz, 

Na kedrowi mosty, Über die Brücke aus Cedernholz, 

Du swoieh finiu u hosti. Zu deinen Kindern ZU Gast. 

Die Brautmutter wird bei ihrer Ankunft auf das Freundlichste em- 
pfangen und begiebt sich allsogleich zu den Brautleuten in die Schlaf- 
kammer. Nun erfolgt durch die Brautmutter, oder auch durch die sie 
begleitenden Weiber, die Feststellung >\>'\- bis zur Brautnaeht bewahrten 
Jungfräulichkeit der jungen Ehefrau. Ist diese festgestellt, so wird im 
Il..fe des Hauses eine r<>te Fahne aufgepflanzt. Dies geschieht auch, wenn 
der Bräutigam selbst schon früher die Blume gepflückt hat: er verrät eben 
dann den .Manuel der Braut nicht. Findet dagegen der Bräutigam sich 
getäuscht, so wird zwar die Gültigkeit ^l^-v Ehe nicht bestritten, wohl wird 
a'her das junge Weib häufig allgemeinem Spotte preisgegeben. So schiebt 
man ihm bei der folgenden Festtafel einen Löffel mit einem Loche unter. 
singt Spottlieder u. dgl. 

Wenn die jungen Eheleute unter Leitung der Brautmutter die Schlaf- 
kammer verlassen, wird gesungen: 

Wichody molodenka iz komory, Komm, o junge Frau, aus der Kammer, 

Pokazy swoje lyczko rodowy. Zeige dein Gesichtehen der Familie. 

l-J 



1158 



l\ aindl : Ruthenische Bochzeitgebr&uche, 



Hierauf werden sie in das Gastzimmer gebracht. Hier wird die Frau 
ihres jungfräulichen Kopfschmuckes, giordane genannt, entledigt, von der 
Brautmutter frisiert und ihr Kopf nach Weiberari mit einem Handtuche 
eingewickelt. Dann setzt man sich zu Tisch. 

\uf dmu Tische Bind aeben anderen Ess- und Trinkvorräten zwei mit 
roten Bändern aneinander gebundene Flaschen, parowi szepe*) genannt, 
nebst zwei Schnapsgläsern aufgestellt. Nim werden die Kolatschen, welche 
Bräutigam und Braut während der Hochzeit am rechten Arm getragen 
haben, in kleine Stückchen zerbrochen, auf einen Teller gelegt und mit 
Honig übergössen. Sodann wird ein zweiter Teller mit Weizenkörnem 
gefüllt und inmitten derselben jene zwei Schnapsgläschen aufgestellt. Die 
Braut giesst nun aus den zwei mit roten Bändern verbundenen Flaschen 
in die Gläser den Schnaps ein, und bewirtet die Gäste nach der Reihen- 
folge ihrer Würde. Jeder muss beide Gläser leeren, dem jungen Ehepaare 
hierbei Glück wünschend; sodann legt jeder eine kleine Gabe in Geld für 

Ibe nieder. Die anwesenden Frauen spenden auch Flachs, Leinwand, 
Kopftücher u. dgl. Diese Gaben heissen pounecia, und der ganze Vorgang 
wird propij genannt. 

[st diese Ceremonie zu Ende, so wird wieder gezecht und gegessen. 
Schliesslich begeben sich alle GJäste nach Hause. 

Am dritten Tage gehen die Brautleute mit Kolatschen und Salz zum 
Pfarrer, um durch rituell vorgeschriebene Gebete sich Gottes Segen zu 
erflehen. So endigt die Hochzeit. 

Nun bringt die junge Frau die nächsten Tage mit den häuslichen 
Beschäftigungen zu. Sie ordnet ihre Wirtschaft. Ihren Mädchenschmuck 
und ihren Brautkranz bewahrt sie als teures Vermächtnis für ihre Nach- 
kommen auf. Erst am Sonntag werden dann gewöhnlich die ersten 
Besuche gemacht und zwar zuerst bei den Eltern des Mannes, dann 
beim Brautvater und bei der Brautmutter, endlich bei den Eltern der 
Frau. Bei diesen Besuchen bringt das junge Ehepaar Brot, Salz und 
Branntwein zum Geschenk. Dass diese Besuche mit Belustigungen und 
Selnnausereien verbunden sind, ist selbstverständlich. Diese Sitte heisst 
mieiny 9 ). 

Das Vermögen ist unter den Eheleuten gemeinsam und wird „unser 
Gut (nasse dobro " genannt. Die Frau beansprucht als ihr freiverfügbares 
Taschengeld etwa den Erlös von Geflügel, Eiern, den Verdienst vom 
Spinnen. Weben und Nähen. In ihre häuslichen Geschäfte darf sich der 
.Mann nicht meugen. Die Ehe (malzenstwo) gilt dem Volke für unauf- 
löslich. Ehebruch wird zumeist verheimlicht. — 



1) Die gepaarten Flaschen rumänisch säpu = Flasche . 

2) Diese Bezeichnung dürfte doch mit zmieniety = wechseln, also hier Gegenbesuch 
erstatten, zusammenhängen. 



Bacher: Von dem deutschen Grei Luscm im wälschen Südtirol. 



169 



Am Schlüsse mag noch bemerkt werden, das9 in den Hochzeitgebräuchen 
eine Änderung eintritt, weuu die Mutter der Braut tot ist. In diesem 
Falle wird statt der ersten fünf Lieder folgendes gesungen: 



Dibrowa welekaja, 

Szo u tobi pniu ranoho, 

Zelenoho ni odnoho. 

Hej moloda molodenka, 

Szo 11 tebc mamiu mnoho. 

Ridnenkoji ni odnoji. 

Twoja maty w hrobi lezyt, 

Na ehrest ruki der/vt. 

Boha se prosyt: 

.. l'usty tnene, Boze, domiu, 

Swoje ditie sporidety 

Taj na posah poradety." 

Oj tarn Imly. ae tatary, 

Uze twoje ditia ubraly, 

Ubraly jeji jak kwitoczku 

Posadyiy seritoezku. 

Oj ne uwes tut rid. 

Ne wsia tut rodenoezka, 



Piszliu woronu w czuzu storonu 
Po ridnu rodynoezku, 
Piszliu seneciu w seru zemrieciu 
Po iidnonku sestrecia. 

Czernowitz in der Bukowina (Osterreich) 

(Schluss folgt. 



r Eichenwald, 

In dir sind viric Stämme, 

Keiner ist aber grün. 

Bei du junges Bräutchen, 

Viele Mütter sind hier versammelt, 

Aber nicht deine leibliche. 

I >.-!■ i Mutter lieg! im ( rral 

Halt die Hände übers Kreuz geschlagen 

Und bittet Gott: 

„Lass mich. Gott, inich Hause, 

Mein Kind in Ordnung zu bringen 

Und dasselbe auszustatto 

(). dort sind Menschen, nicht Tatar« 

Sie haben schon dem Kind angekleidet, 

Sie schmückten es wie ein Blümchen 

und Hessen die Waise sich niedersetzen. 

hier ist nicht dry ganze Stamm. 

Nicht die ganze Kamill . 

Ich werde die Krähe in die Fremde 3ch 

Nach der leiblichen Familie, 

Ich werde dieMeise in die kalte Erde senden 

Nach dem leiblichen Schwesterchen. 



Yon dem deutschen Grenzposten Lnsern im wälschen 

Südtirol. 



Vom Karaten Josef Bacher. 
etzung von Zeitschrift XI. :.T. 



•_M. Di alt un di juio stria. 

Tor hündart jär is da g »wfst an älta 
on al-> hä'm köt, ke s' is a stria. In 
sal haus fs-si-da g^west aluä on nidar 
na d-m sal haus is-da gJwfst 's haus 
vö sain sun. Disar sun hat gvhat a 
yinas diarnla, on di'za diaml< is herta 
gant z' släva bet-dar nona. 



•_M. Die alte und d ie j u ng e Hexe. 

Vor hundert .Jahren war eine Alte, 
von der alle sagten, sie sei eine Hexe. 
In ihrem Hause wohnte sie allein und 
unterhalb bei ihrem Hause befand sieh 
ihres Sohnes. Dieser Sohn hatte ein junges 
Töchterchen, und dieses Mädchen kam 
stets, um bei der Grossmatter zu schlafen. 



17c 






BalamuB ^n a mal 's diarnl 
warnt, gge d ■ nöna ie I an is 

ans 11 haue on dena is herkeni 
• i] . on bal-da na-hat-iHat 
säüla wetar, di nöna is ganl h«lrum m 
li -; .' . "ii ;imi - j ,i-n 

• •tla mal. 

n .in -ü",!-, g diainL hat-si 
will..' rl äustian im 's diarnl 

staut is ■• on is-ar nS-gant aus n 
} "ii se in bat- - _ - - m üntar 

-n heart is-da a lo\. on in -n diza lo\ 
sain-da g?w§st :i kiita ilMa. an di nöna 
-int on (h at g^mist bet-an äisran 
lötl nular >n a ü\4> on lai bat-S -8 - - 
hmirt rpas bruntl(n), on dena hat-s 

. sf'gg. Un is is gant on (h at 
_nump n äisra löll on hat gymist 
nular «?n üUl->. bö-da hat g<?mist di nöna 
on dena is-'s lai gdieft on is gant pa 
ki'ni'x au »n d ■ wolkn^n. Dena is h€r- 
kcnt a säüla wetar, on bäl-da na-hat- 
_ i.u 's wetar hat-'s g<?vunt<t d-> nöna 
on dena säin-sa gakeart b-druni p<>t- 
nandu- on sain gant pa lü'iu-'v nidar. 
> diarnl i hat-s - g-^segg Ipad«? tu haba 
_ t int asÖ, un di imna hat-'s hi-g^- 
swöagjt, on dena hat-s'-as g-dirnt to 
mäva di strfa. 

In an tagd "ii vatar von diarnD l's- 
•n darkränkt a-n oggs, on er hat g*rüaft 

n vetronarjo on a pär man<n. bo-da- 
sa-n-an yorstian nS n vix, un knand->r 
hat nei darkcnt, bas-vor-an beata-da 
hat dar Oggs. ün disar man, il-r vatar. 
hat-'s- n köt an diarnl . on 's duirnU- 
bat köt: ..I. lasel is ni^t, i pesr'- n bol 
i i .. - • >ii is kent äu n hau- vö 
dar Unna on di ggs is lai g<?w§st g.*- 
sunt. ün alöra ihr vatar hat-'s gavörst 
/.' s.;y.i. hia-'s hat grftänt to pesra -m 

gg8, oii 's diarnl < hat-'s- <n köt, bia-'s 
hat g-tant. on d r vatar is darsräkt un 

- gant <»n [Ji at-'s köt m i'af on hat 

köt, dar sPgat-'s liahar töat sai kin. 

- to wisa. gge 's-is a stria, un alöra 

hat-ar köt dar tat': ..Ja. a säüla sävan 

is-'s bol. un as-do-'s wil mä-van ster'm 



Da eiues Abends merkte das Mädchen, 
dir Grossmutter aufgestanden und 
m die Küche hinausgegangen war, worauf 
dann ein schreckliches Gewitter heran- 
ah dann dies schreckliche Gewitter 
nachgelassen hatte, kam die Grossmntter 
wieder in die Stube zurück. So geschah 
aige Abende. 

Einmal hörte das Mädchen sie wieder 
aufstehen, und auch das Mädchen stand 
auf und ging ihr nach hinaus in die 
Küche und sah dort, wie unter dem 
Herde ein Loch war. und in diesem 
Loche befanden sich eine Menge Häflein. 
und die Grossmutter ging hin und rührte 
mir einem eisernen Löffel drin in einem 
Häflein. und zugleich hörte es sie etwas 
brummen, und dann sah es sie nicht 
mehr. Und es (das Mädchen; ging hin, 
nahm den eisernen Löffel und rührte im 
Häflein drinnen, in welchem die Gross- 
mutter gerührt hatte, und schwebte dann 
empor znm Schornstein hinaus und fuhr 
hinauf in die Wolken. Darauf brach 
ein abscheuliches Unwetter herein, und 
als es nachgelassen hatte, fand das Mäd- 
chen die Grossmuter und beide kehrten 
mitsammen zurück zum Schornstein hin- 
unter. Das Mädchen reute es, solches 
gethan zu haben, aber die Grossmuttcr 
beruhigte es und lehrte es die Hexenkunst. 

Eines Tages erkrankte dem A T ater des 
Mädchens ein Ochse. Er rief den Tier- 
arzt und einige Männer, die beim Vieh 
etwas verstehen, und keiner erkannte, 
was für eine Krankheit der Ochs habe. 
Dieser Mann, der Vater, sagte es dem 
Töchterchen. und das Mädchen sprach: 
_()h. das macht nichts, ich heile den 
Ochsen schon" und ging hinauf in das 
Haus der Grossmutter und der Ochs war 
sofort gesund. Der Vater fragte es dann, 
wie es gethan habe, den Ochsen zu heilen, 
und das Mädchen erklärte es ihm, wie 
es gethan habe, und der Vater erschrak 
und ging hin und sagte es dem Priester 
und bemerkte, er sähe sein Kind lieber 
tot, als zu wissen, es sei eine Hexe. Da 
sagte der Priester: ..Ja. eine missliche 
Sache ist das allerdings, und wenn du 



Von dem deutschen 1 1 - ädtirol. 



171 



lirn--il' i. Ina du hast zo ttiana: 

k 1 111 - - i to pai\la-'s im zo hori\la-'s 

im ilü sntänto borget g läb<d (g<>würmp 

..-I wäsar, on dena hak-bar- 
pislJ 'ii an zSarn, on dena h~; - bar- 
's tmiar m das lal>. wäsar, on se'm 

Stirb ^t-'s bet-an stiasan luat. l'n 

ha'ni - s,t g -laut . on 's diarnl 

störtet 1 

Dena sain-sa gant /. s?ga vo dar 

i, on hä'm-sd ne(d mear g«?vunt4, 

__- a stal, an aimar- 

m€ar-ändarst hä'ra-su net s " di 

tiöna, n$ !i ■■__-. 



um Sterben bringen willst, lehre iob 
dich, wie du zu thun hast: Jetzt geh ich 
hin, es Beicht zu hören und zu versehen, 
und du bereite indes 
lauea Wasser, dann schneiden wir ihm 
ein bisschen in eine Zehe und l< , 

lann in das laue Wasser hinein, und 
dort stirbt es dann eines sanften Todes. 
So thaten ßie, and das Mädchen Btarb. 

Dann gii um bei der < I 

mutter Nachschau zu hallen, und fanden 
weder sie noch den Ochsen im Stall, 
und nimmer mehr haben sie die Gr< 
imitier, oder i\»-n < Ichsen gesehen. 



D<?r man. bö-da hat vorkoaft 22. Der Mann, welcher die Seele 
di seal 9n taüvl. dem Teufel verkauft hat. 



In an >trua\ is-da g<?w§st a ji'mar 
man, bö-da net hat i; hat Lust zo ärbata, 
on zo giana zo petla hat-ar-sa _ semp. 
On \" d-nsed hat-ar net g-'Wist. bia zo 
tuana, zo gvwina-'n-an /.' esa. On er 
<*n an mal hät-ar grüatt »n taüvl, as- 
ar- n pren gelt. On dar tai'n 1 is kein 
on hat- -ii -'pivni. an sak vol gelt on 
hat köt: ,,Da han-9-dar-san gapreBB an 
sak vol gelt, ma oma diza gelt wil-a 
hä'm dai seal on las-d-' aö da zwoanz-dc 
j;ir, on dena kirn-- to nema-s<». a Disar 
arm man hat agmump 's gelt von taüvl 
un is g9west äldar luste zo bäba-'s. 

Bal-da pah sain ausg^wf st di zwgan- 

z k jär, dar man hat % lieft tu vorta-s* 
von taüvl, un alura hat-ar fi^vium zu 
lüana g-revt. 

In an mal l's-ar gant sn di kirx an 

- r Liaba Vrau, as-s'- >n 

helf. Dena is-ar gant liuam. Bal-dar 

- 2 >west hr.am. ls-m züagant dar taüvl 



Einmal war ein junger .Mann, welcher 
keine Lust zu arbeiten hatte, und betteln 
zu gehen schämte i r sich. Daher wu 

ei nicht, wie er sieh das Essen verdienen 

könnte. Er rief nun eines Abends den 
Teufel, auf dass er ihm Geld bringe. Der 
Teufel kam (wirklich und brachte ihm 
einen Sack voll Gold und sagte: „Da bab' 
ich dir einen Sack voll Geld gebracht, 

■ um dieses l leid w ill ich deine Seele 
haben und ich; lasse dich noch zwanzig 
Jahre hin-; dann aber komme ich sie zu 
holen." Diesei arme Mann nahm das 
Geld vom Teufel an und war ganz fröh- 
lich, es zu besitzen. 

Wie die zwanzig Jahre bald am waren. 
fing der Mann an. sich zu fürchten vor 
dem Teufel und begann dann recht- 
schaffen zu leben. 

Eines Abends ging er in die Kirche 

und bat ansere liebe Krau, dass sie ihm 

helfe. Sodann ging er heim. Zu Banse 

kommen ' r ing ihm der Teufel zu und 



1) Diese höchst sonderbare Ansicht über die Gewall eines Vaters and Mitwirkung 
Pri stersj d ren Übereifer das Kind in vorliegender Sage zum Opfer fiel, wird heut- 
zutage von niemand mehr festgehalten, was aber nicht ausschliesst, dass di 
geschichtliche Thatsache geglaubt wird von so manchen, besonders älteren Frauenspersonen. 

Es dürfte bei dieser Sage wohl die Erinnerung an die Heienprozesse vergangener / 
einigermassen sich noch erhalten haben. Mit der Erwähnung der B< ichte und Kommunion 

im gegenwärtigen Stücke dürfte auch die Drohung, oder mitunter blosse Neckerei, zu- 
sammenhängen, womit häufig kleine Kinder geschreckt werden: „Pait. i m;i\-di pai.xtn 
T.m faf!" = Warte, ich lasse den Priester kommen, um dich Beicht zu hören! 



172 



Bacher: 



im li )al köt : ,1 si - > ke - tüat-dar ant 

•i iba-mar rork$afl dai B^al, ma lti- 

san, 's is-da nö aas, bö-da-dar mög 

helvan: i las-dar ii" /an Bi'm täga, on 

dena kim-<. on as-do wöast. wfavl «c- 

-da Bdin-da n main gärt, senk-a- 

dar als-'s gelt, bö-d'-»-dar hau ge't, on 

las-dar dal se'al Ö." Dar man is - - 

\N'.' V ' Äldar läßt* In liuaia aso. on hat 

imp 's wori ron tattvl. 

Bal-da \'Ht gain ^hi-i drai 

dar man hat widar a->h</ft zu vörta- 

- . ambrdm dar hat net gawist, bia zo 
tüana u> giana n gärt vmi taüvl zo zelq 

(1- Wff 

Balamao ts-ar gan< pa wega von laut 
aus, im !i:at bokent an alts wailc On 
dfsa alt hat-'- n ägakent, ke dar hat 
epas, bä-d'- ii geal lez, on Bi hat- n gv- 
vörst z' sr-a. was-ar hat. im dar mar. 
hat-'s-ar köt. „Bern heu". hat-s< köi di 
ah. ..h;il-do ni\t ändarst hast zo saina 
traur/. du vört-'d < niyt. an las-ma tüan 
iin to zi;la di \\ v . 

Dena dar man is gant hiiam on da 
alt is ü gant, bo-8J hat gabat to giana, 

Bal-'s is _ wr-t aha- an kernen 4? 
ii;iyt- da ah is -ant to köava-n-ar a pisla 
pigl on dena is-sa -ant huam an (h)at 
ob gatrent di zfax von pet un dena is- 
boplglt vö z" iintr st z' Öbrast, on 
dena ls-sj gabeglt (gaweglt) in-an ch 
v.d'rn von pet. Bal-sa is auvarkent 
von yfdarn, hät-ma net darkent. be-'s-is 
a rögl 6dar bas-vor-a vi_\ 's-is, un 
a-M fs-SJ gant in-an gärt von taüvl. 

A waila spetar is - ar ziiagant dar 
taüvl un b)at ägasmekt diza dink un 
h at köt: ..In main gärt säin-da naün- 
ii aiinz k weg da on i pin gant hintar 
un vtir vd vart, ma a sola säüla dink 
hau- --da ma g>segg a , on dena is-ar- 

- . k< lart im hat köt ggan gartnar: 
..Sau- -da diza dink bil-a net. as-do- 
mar-'s Srfiarst; las-as gian bintar on vür, 
bö's bil. on tfia-d"--n net lezas!" on dena 
dar taüvl is gant na saina weg' on dar 
gartnar is -ant tu arbata. 



.. Ich soh's. dass es dir leid thut 

mir deine Seele verkauft zu haben: je- 
doch hön bi nueh ein Ding, das 

dir hellen kann: ich lass dir noch si' 
I ige Zeit und dann komm' ich, und wenn 
du wcisst, wie vieh Weglein in meinem 
Garten Bind, schenk" ich dir das ganze 
Geld, welches ich dir gegeben habe, und 
lasse dir auch deine Seele." Der Mann 
war ganz fröhlich, solcb.es zu hören und 
ging auf das Wort des Teufels ein. 

Als drei Tage vorbei waren, fing der 
Mann wiederum an sich zu fürchten, 
denn er wusste nicht, wie er in den Garten 
des Teufels gelangen könnte, um die 
Wege zu zählen. 

Nun ging er durch die Strassen des 
Dorfes und begegnete ein altes Weib. 
Diese Alte sah es ihm an, dass er etwas 
habe, was für ihn misslich sei. und fragte 
ihn. was er habe, und der Mann teilte es 
ihr mit. „Nun nun", sagte die Alte, ..wenn 
du nichts anderes hast, traurig zu sein, 
so fürchte dich nicht und lass mich 
machen, die Wege zu zählen." 

Alsdann ging der Mann heim, und 
auch die Alte ging ihre Wege. 

Sobald es Abend war bei Anbruch der 
Nacht, ging die Alte sich ein bisschen 
Harz zu kaufen, und dann ging sie heim, 
trennte den Bettüberzug auf und bestrich 
sich (mit Pech; von zu unterst bis zu 
oberst und wälzte sich dann in den Bett- 
federn. Wie sie von den Federn heraus- 
kam, konnte man nicht erkennen, ob das 
ein Vogel, oder was für ein Tier es sei. 
und so ging sie in den Teufels- 
garten hinein. 

Kine Weile später ging ihr der Teufel 
zu. roch dieses Ding an und sagte: „In 
meinem Garten sind neunundneunzig 
Weglein, und ich bin (darauf) für und 
um gegangen vielmals, aber so ein ab- 
scheuliches Ding hab' ich nie gesehen.* 
Dann wendete er sich und sagte zum 
Gärtner: „Schau da dieses Ding will ich 
nicht, dass du mir's anrührst; lass es für 
und um gehen, wo es will und thu ihm 
nichts zu leide!" Dann gingderTeufelseine 
Wege, und der Gärtner ging zu arbeiten. 



Von dem deutschen Greni im wfilschen Südtirol. 



Bäl-sa vort sain g^wgst al 
da alt i- gant kräblan > fit itar 

von gärt on denn ls-bj angestaut an is 
häam. Dahüam hat-s -da g^vuntd 
.Mi man zu päita 1 ), /.' s^ga, be-s^ £pas 
hat getaut. Od si alöra hat- n köt. v. 
da hat köt dar taüvl. ()n er is hüain- 
gant aldar 1 n~i . 

Bäl-da aus sain g wesl di si'm 
dar taü\ I is kent on hat- n g \ i »rst /' 
be-dar-'s w^ast, wiav] weg«* da 
säin-da »n sain gärt, an dar man hat-'s 
_ .\ ist g w "a>l im li at-'s- n köt. Un 
alöra dar taüvl is darzürnt 2 an h ai 
vorvlüaxt »n man an das saüla (link. 
bo-da is - >\\ §st n sain gäi t. ma s 
hai-n ni.\t mear g<?holft, orabrüm dar 
man hat -'s- »n ki i . blavl w gg ■ 

sain-da m gärt. 

I )n dar taüvl is vörtgant Itirnan > an 

li at-s i m'mar g lat segn von man. ( )n 

dar man hat guiüzt 's gelt, bo-d'-ar oö 

hat g -hat. un h al g taut g 're\t an h al 

olft dar ahn un is auvarkent a s 

tar lnavatar man. 



Als beide Fort waren, kroch die Ute 
Ins zum ( ritter d( 

auf und ging heim. Zu Haus.' tral 
den .Mann, der wartete, um zu erfahr 
ob sie etwas gethan habe, und 
teilte ihm dann mit. was der Teufel 

_t hatte. I heim IVol 

Mutes. 

Als die sieben Tage vorbei w 
kam der Teufel und fragte ihn, ob er 

.\ isse, wie viel Wege es in seinem 
( iarten gäbe, und der Mann w assti 
und sagte i s ihm. Da wurde der Teufel 
zornig und verfluchte den Mann und das 

heuliche Ding, das in seinem < Iarten 
gewesen war. allein es hat ihm nichts 
mehr genützt, denn der Mann Bagti 
ihm recht, w ie \ iele W ege im < Iarten 
wären. 

Der Teufel ging heulend rorl ai I 
Hess sieh nicht mehr sehen vom Manne. 
Der Mann aber hat das Geld verwendet, 
welches er noch hatte, bat rechtscl 

hülfen und ist ein 
guter, braver Mann gew orden. 



23. Di trüt. 

In an >lroa\ is-da g«»w§st a jimas 
näügas pär spdsan, un an an mal sain- 
sa gant /.' slava, un »n pet as-sa sain 
gnvgst, ha'm-sa gdioart gian laisa laisa 
pa stüb' in, un als a slr<Jax dar sp 

d mear gewest göat tu niara-s>. ne 
zo reda un (h)at <£g ■ vaim za kraista, un 
alöra di spösa hat-san gewarnt un (h)at- 

ge't an supf un alöra er Imt-s ' widar 
_ mögg rtiarn un (h)at widar gm 
r<;"n un (h)at köt, gga bäl-sa ha'm _ - 
hoart g-fan pa stüb«* in, als n str^ax 
is- »n gaspruioio epas afn laib on dena 
is-ar nemear gawest guat ne tu rüara- 
Sa, ne to reda. on bal-s"- -n si hat ge't 
an supf. is widar vörtgant dasei swer 



23. Die Trute. 

Einmal war ein ju i eues Ehe- 
paar, und eines Abends gingen sie 
schlafen, und als sie im Bette waren. 

horten sie ganz leise zur Stube hen 

n. und auf einmal war der Gemahl 
nicht mehr im stände sich zu rühren, 
noch zu reden und hat angefangen zu 
stöhnen, und dann) die Frau mi 
dies und gab ihm eil : ■ worauf 
er wieder Bich rühren und reden konnte 
und sagte, dass, sobald sie zur Stube 
hin. ; i hatten, ihm auf ein- 

mal etwas auf den Leih gesprui - 
und er sodann nicht mehr im stände 
sieb zu rühren, oder zu 
en, und als sie ihn schupfte, sei di 



1) Zu ergänzen etwa: bo-da is gawgsl sc'm zu päita. 

2) Man erwartet hier einn rückbezügliche (reflexive) Wendung des 

taüvl is-sa-sa darzürnt. Um jedoch de.. Zustand zu bezeichnen, wird die obenstehende 
Form angewandt; ähnlich auch: 's is I & verrostet, 's is darrist 

zerrissen: dar krank ist äugadekt der Kranke ist zugedeckt - dar krank Es-sa-sa 
dekt = der Kranke hat sich zugedeckt. 



171 



Bacher: 



to-dar i';it gshai afu laib. Die 

- üt un (li |at niäjDi 
g u ist, i dasei. In tä 1 dai n8 

sain . stanl dis < zw na laut on 

dena bä'm-sa-'s-ar k « »t dar raüatar um 

-. im si hat ag-<\ann tu la\a un 
b .it köt, gg< 's is di trüt. Äbas bal-sa 
sain gant z' slava is-'s wid _ i a- 

be "s mä] in tä' vorft, un asd is-'s _ - 
i an etlan t - . on dar spüs is herta 
kent lezar. umhrüni di trüt hat- □ s - 
tutsK 's plüat. 

In an mal dar spüs invezj \\ 
_iai:a /.' -lava is - ar - - a :_ lüant na 
dar tür vo dar stüba bet n ggaviz von 
n d hänt. an cl i spüsa is gant »n 
pet. Balaraau hät-ar-s • g h'>art er gian 
di trat pa stiagj au. im Cm-, bal-s? is gj- 
\\ r>t af d' tür, hät-ar-ar vürgalegg 's 
ggaviz, on d' trüt is gant <m ggavi'z un 
is kent a ro>. Un alöra dar spüs is gant 
to rüava ?n smit tu boslaga d> vtias von 
ros >- zo lega d<? aisandar an ros). Dar 
smit is augastaat von pet un is gant on 
h)at-"s boslagg, on dena is-ar wldar 
gant hüam un (h)at gavuntat sal waib 
'ii pet 1 ) hat-'s g/\vcal)/t vo beata, om- 
brüm s'-is g^west si di trüt: on lai as 
be-dar hat g : hät ii>-mägg4 di negl in d,' 



Bchwerc Ding wieder gewichen, das er 
auf dem Leib gehabt hatte. Die Ge- 
mahlin horchte, und auch sie wusste 
nicht, was dies sei. Am nächsten Tage 
Standen dies«' zwei Leute auf und sagten 

ler Matter des Ehemannes, und sie 
ling an zu lachen und sagte, dies sei die 
Träte. . abends, als sie schlafen gingen, 

bah i ■> wieder, wie am Abend zuvor, 
und so ging es einige Tage lang fort, 
und der Gemahl wurde stets schwächer. 
da ihm dieTrute (das) Blut gesaugt hatte. 

Eines Abends lehnte sich der Gemahl 
nahe der Thür der Stube mit einem 
Rossgebiss in den Händen auf. anstatt 
schlafen zu gehen, und die Frau ging 
zu Bette. Da hörte er die Trute die 
Stiege heraufgehen, und er legte ihr. 
als sie an der Thür war. den Zaum vor. 
und die Trut ging ins Gebiss und wurde 
ein Ross. Dann ging der Gemahl (hin), 
den Schmied zu rufen, um das Ross zu 
beschlagen. Der Schmied stand vom 
Bette auf, ging und beschlug es und ging 
dann wieder heim und fand (da) sein 
AVeib im Bette, wie es ächzte vor Schmer- 
zen, denn sie war die Trute; und gerade 
so, wie er die Nägel in die Hufe des 
Rosses eingeschlagen hatte, waren die 



vtias von ros, säin-da g wr-t i'jwruäggat Nägel in die Hände und Füsse seines 

di negl in da hänt on in da vtias vö sain Weibes eingeschlagen. Wie der Schmied 

waiba. Bal-d'-ar hat gasegg asö dar smit, solches sah, kehrte er wiederum zum 

is-ar gakeart bdrüm ggan spüs un (h)at- Gemahl zurück und bat ihn, dass er ihn 

an g^pit't. äs-ar-an las auszlagn di negl die Nägel vom Rosse herausziehen lasse, 

von ros, umbrüm sa-nö sal waib' niö.\t denn sonst müsse sein Weib sterben vor 



ster m vö weata in cü hänt on in d' vüas. 
Un alöra hä'm-sa darkent, bela Vis di 
trüt, on dar smit hat-an gmiüxt vorhöasn 
n spüs za straita zuar sain waib', un 
as-'s nemear gea zo tütsla - n - n 's 
plüat. 

Un dena hät-ar- <n äus-g lat-ziagn di 
negl von ro> un ;h at-ar vorzaigat, on dar 
smit is gant hüam un hat ingamäggat an 
nag] in d> maur un (h)at köt ggan waiba, 



Schmerzen in den Händen und Füssen. 
Da erkannten sie, welche) wer die Trute 
sei. und der Schmied musste dem Gemahl 
verheissen, seinem Weibe einen Verweis 
zu geben, und sie solle nicht mehr ihm 
Blut auszusaugen gehen. 

Sodann liesser ihn die Nägel vom Rosse 
herausziehen und verzieh ihr, und der 
Schmied ging heim und schlugeinen Nagel 
in die Mauer hinein und sagte zum Weibe, 



hat lu>t zo tütsla an da laut, as- sobald sieLust habe, an den Leuten zu sau- 

- gi ,i zo tütsla an nägl, un aso hat-sa gen,sollcsiehingehen,andemNageIzusau- 

gatant un is nimar niear andarst gant zu gen, und so hat sie gethan und ist niemehr 

tütsla n spüs. gegangen vom (jungem Gemahl zu saugen. 



1 Eine bei Gesprächen manchmal mitunterlaufende Zusammenzielmug. 



Von dem deutschen Grenzposten Luscro im wälschen Südtirol. 



24. A diarn, bo-da LS g *w fsi a t rm. 

In an strfjax sain-da gant zw^a 
iliarnm von an perga nldar zn giana n 
.1 tfil ggan ar mül zo nema-n-^n a ggargj 
mel. Bäl-sa sain gaw§st gga dar mül, 
bä'm-sa gakgaft 's mel, un dena ha'ni- 
--,1- auganump un sain g-*keari badrum. 

Bäl-sa sain gawfst af lial'ni weg , 
bä'm-sa nidargalegg tu rasta, un uana is 
»ntsläft, un lai is - ar kent a bubu pa 
maul äuvar, on dena is-SJ se'm g stant 
sovl as-be a töata. Da andar dfarn, bal- 
s i hat . - _ . . is-s' darsrakt un (h at 
inii tu sutla un tu rüava dar -nl- 
slävatn; ma di sntslävata [s-s^-sa net ga- 
rüart, ombröm sa hat ni\t gah^art. A 
pisla spetar iV-ar widar gant dar bübu 
n maul im pa hals nldar, im dena is->< 
darwekt. Alfira da andar diarn hat-s<? 
gavörst /.' sega, bas-vor-an beate si bat, 
5-sa se'm is g'West a Solana waila 
as-be a töata. im dasei, bo - da is - 
west »ntsläft, bat köt: -Ben i kn-dar- s, 
ma i pit- d . ku gga niamat nixt: i 
pin a trut. on pal-d'-< pin gaw§st ant- 
släft, pin-' vörtgawest za tutsla plüat 
von-an man au n üsar laut." D andar 
bat-ar vorhnast to küda nixt gga nia- 
mat. on dena säin-sa kent fiuam. 



A drai jär sp^tar di>< zw$a diarnan 
hä'm gahat epas to köda (= zo straita) 
b-tnändar un alöra bat-sa-'s-ar köt se'm, 
bo-da sain gawest a küta laut, un (h)at 
köt: „Swaiga du on kü net au d<n an- 
dar, ombrüm äs-ma bil ko'n as-be-'s-is: 
du pist a trat." Un alöra da andar is 
vörtgakeart gäülana im (h)at nimar _ - 
-tnt i b t niamat. 



24. Ein Made bcn als Trute. 

Einmal gingen zwei Mädchen von 
einem Berge hinab in das Thal zu einer 
Mühle, um eine Bürde Mehl zu holen. 
Als sie bei der Mühle waren, kauften 
das Mehl, nabmei lann auf 

und kehrten wieder zurück. 

IIa sie die Eälfte Weges zui 
bauen, stellten sie nieder um zu rasten, 
und eine schlief ein, und es kam ihr 
dabei eine Bummel zum .Munde heraus, 
und sie blieb dann dort los . vt ie 

eine Tute. Das andere Mädchen, als 
solches sah, erschrak und ftng an die 
Eingeschlafene zu schütteln und zu rufen; 
allnn die Eingeschlafene rührte sieb nicht, 
denn sie borte nichts. Ein bisschen später 
ging ihr die Bummel wieder in ^Im Mund 
(zurück) und zum Hals hinunter, und 
dann wachte sie auf. Alsdann fragte das 
andere Mädchen sie, um zu erfahren, 

was für eine Krankheit sie habe, dass 
sie dagelegen ist eine solche Weile, wie 
eine Tote, und die, welche eingeschlafen 
war. saute: „Wohlan, ich sag's dir, aber 
ich bitte dich, sage zu niemand etwas: 
ich bin eine Trute, und als ich einge- 
schlafen war. bin ich fort gewesen. Blut 
zu saugen von einem Manne droben in 
unserem Dorfe." Die andere verhii ss 
ihr, ZU niemand etwas zu sagen, und 
dann gingen sie heim wärts). 

Etwa drei Jahre später hatten diese 
zwei Mädchen miteinander zu zanken, 
und da bat sie es ihr vorgehalten dort, 
wo eine Menge Leute waren und sagte: 
_Du schweig und schimpfe nicht andere 
aus. denn will man sagen, wie e> ist: du 
bis! eine Trute." Und dann machte sich 
die andere weinend fori und hat nimmer 
mit jemand gestritten. 



25. Di ptial an — a trat. 

In an >tma.\ i's-da gawest a pua 
un a dfarn, zwöa ptiallaüt. Disa zwoa 
laut hä'm-sa gdialt t gearn anänd <r. 

Balamän dar pua hat UgavanuD tu 
giana urnanandar bet'n tseln an da an- 
darn haüsar, un an an mal t's-ar gant 



Die Gel iebte — ei ne Trute 

Einmal waren ein Barsche und ein 

Mädchen, zwei Verliebte. Diese zwei 
Leute hatten sich einander gern. 

Allmählich fing der Bursche an. her- 
umzugehen mit den Kameraden in (die 
andere(n) Häuser, und eines Abends ging 






Bacher: 



a bans, on Be'm bä'm-s'-Jti auköl 
v\\ \{ dar ptial n. im .ii i:>' 

dam i to vena dfsa dfarn, 

<m il i sa diarn hat- i; _ vörst / 9i 

bö-d'-ar is g'w§s1 äla dfsa zait, bö-d'- 

nc-niear is _ »w^sl to vena Dil 

dar pua hät-s-ar köt, on lai hat-ar köt, 

bainl is-'a das lest mal, bo-d'-ar-8J 

tu vena, ombrüm r bil-s > net. Un 

im diarn bat -'s-ar am - -taut, un 

(h at agnann tu gaüla un (hat köt: 

„Ben g£a, i bart-dar-'s zäln. ft In dar 

- angjstant un is gant vort. 



In t:V damfi daz äbas dar pi ■; 1- 
gant /.' släva au-af-a tets, un balaman 
hat-ar gdn'iart gian pa häntstäagj au un 
pa tet- in. un als a str^ax is-ar nemear 
_ »wesl guat tu ruara-s>. un asö is-.ro 
an etla rnäl, l'i'n as-da disar 
püa nemear is g^west guat to giana 
üniar vo lez, bö-d'-ar is g«/west. 

En a mal is-'ii kent in sint, k< 's- 
möx Silin ch trat, bö-d'-^n geat za tüt- 
sla 's pluat, un er ?n t;V darnS hat-ar- 
9i\ g-nump an hamar un is gant au-af- 
d' tets an is-s<?-s<? äug^lüant na-dar tür. 
Balaman hat-ar gdiöart gian pa stiaga 
au lais<? lai-', un er hat g^sangst un 
(l^at gasegg, ggj 's-i's-a kaz. ün er. 
bal-sa is gawest z' jjbivst, hat-ar-ar ge't 
an ströax afn köpf petn hamar. un disa 
kaz hat ge't an saülan sniäuBElar 1 ) un 
alt Öbar d • stiag.» ab». 

En tu' darna dar piia is kent vo 

dar tets äta un (h)at bokent sal püalan 

betn köpf ängapunt^t, un alora hat-ar 

■ a 8-is d - trut, un hat-'s g»- 

- am, äs-ar-ar hat g^hat ge't 

(oder: as-ar-ar hat g'hät ge't) di züa. 

26. Di drai Mariala. 

In an strüax säin-da gvwest drai swes- 
tarla. bo-da hä'm u diattöatvatarunmiiatar, 
un (h>Vm gahat vd suln, bö-d'- n hi'ntar- 
ha'm-g^lat sain^ laut, bal-sa sain g^storbst. 



er in ein Haus, und dort erzählte man 
ihm viel Übles über seine Geliebt", und 
dar. ml' dieses Mädchen zu 
besuchen, und 3 Mädchen fragte ihn. 

wo er diese ganze Zeit hindurch gewesen 
sei, in welcher er nicht mehr sie zu be- 
suchen gekommen war. Und der Bursche 
ihr und fügte hinzu, heute sei 
es der letzte Abend, au welchem er >.u 
ihr auf Besuch komme, denn er wolle sie 
nicht (mehr). Und dieses Mädchen bat 
es geschmerzt, und sie) fing an zu weinen 
und sagte: „Gut, gehe, ich werde dir's 
zahlen." Und der Bursche stand auf 
und ging fort. 

Am nächsten Taue abends ging der 
Bursche schlafen hinauf auf den Dach- 
boden, und allmählich hörte er (etwas) 
zur Leiter hei auf und über dcnDachboden 
hineingehen, und auf einmal war er nicht 
mehr im stände sich zu rühren, und so 
geschah ihm etliche Abende, bis dass 
dieser Bursche nicht mehr im stände war. 
herumzugehen vor Schwäche. 

Eines Abends fiel ihm ein, es müsse 
dies die Trute sein, die komme Blut zu 
saunen, und er nahm sich tags darnach 
einen Hammer, ging auf den Dachboden 
und lehnte sich neben der Thür auf. Nun 
hörte er sie die Stiege heraufgehen ganz 
leise, und er schaute und sah, dass es 
eine Katze (ist) war. Und er gab ihr. als 
sie zu oberst war, einen Schlag auf den 
Kopf mit dem Hammer, und die Katze 
gab einen abscheulichen Schrei von sich 
und fiel über die Stiege hinab. 

Am folgenden Tage kam der Bursche 
vom Dachboden herunter und begegnete 
seine Geliebte mit verbundenem Kopfe, 
und alsdann erkannte er, wer die Trute 
ist, und er war froh, dass er ihr den 



26. Die drei Marielein. 

Einmal waren drei Schwesterlein, die 
Vater und Mutter (tot) verloren und viele 
Schulden hatten als Hinterlassenschaft 
nach dem Tode der Ihrigen (ihrer Eltern). 



■ läuimln miauen: davon werden die Hauptwörter: sniaurawlar (Katzenlaut) und 
süi.iuimlarin oder sniäoBBlaran = beharrliche Hervorbringerin dieses Katzenlautes gebildet. 



Von dem deutschen Grenzpo teu Lusern im wälschen Südtirol. 



1 



Balaroäo diseln, bö-da hä'm g hui tu 
bäba s gelt, hä'm-'a g wölt bä'ra, un di 
.Hin Mi kindar ^v\t hä'm-sa kuäs g^hat, 
on a ' bä'm g hat a pisl i g^plätra \ on 
haus un 's haus, bö-sa dfin sain g w§st, 
un (h)ä'm Mi ge'l dasei n -ulman n. 
Dena bä'm-sa köt disj arm<?n kindar: 
„Bia bärt - bar tüan est ana haus?" 
„Vör't-bar-as ni\i-, hat-'s köt das eltai 
_got dar hear bart-as hei van; gst gSa- 

ibar d weit to süaxa-n-as an plaz 
tu giana /.' stiana", — un (h ä'm andar- 
wi-t on sain gant. In kern an di naxt 
sain-ScJ _ rd'i in an walt, an mi disan 
walt sain-Srf gant zo vorlur un h)ä'm 
nemear g*wist af w£la sait zo giana 
im aldra hä'm-sa köt: »Beo, est stea- 
bar da im maxan-as iU1 ;l haüsk", an 

hä'm-sa g«rtant. Sa hä'm ztiag tragg 
räisar im (h)ä'm-an augamaxt a haüsl?, 
im dena hä'm-s'-»n hYg<?hakt 's här un 

m a ni.iii drai wait- zöpf (drai zöpf 
vö vll straiaan) un petn zöpf hä'm-s'- 8 

kt 's liaii-l'. Dena is ingant das 
eltarsto swestarl^ z' sfga, be-'s is grQas 
uMiiia 's haihh vor ah drai. un bal-'s 
m is gvwest, hat-'s züag^sperl 's tttrla 
un (h)at-s^ not ing-dat d-' andarn. un s-? 
hä'm äudarwist im sain gant pa walt in 
gaülan?. 

Balamaa hä'm-sa bokent an man an 
bet-ana purd ■> vlekan un darsei hat-s^ 
_ vörst /.' sf'ga. bas-sa hä'm, äs-sa 
gaül(n). un so ha'm-'s- n köt. „Eben", 
bat-ar köt dar man. „dasei is ni\t: vor 
uas raax-3-'s an i 's haüsl?, un vor das 
an dar bart ttian got dar hear", on lai 
dlsar man hat agavaßE) to maxa-'s au. 
im (h)at-'s gadekt bet vlekan, un dena 
is ingant das mitar diarnb un (h)at gs>- 
spert 's türb un alora das jtbaarste is 
se'm g^stant alua un is hat äudarwist 
un is gant pa walt in gaülana. 

Bal-'s is g^we.-t an tyggo vür, hat- s 
bokent an man an pet-anar purd' äisan 
un dlsar man hat-'s g^vörst z' - 
bäs-,;>s hat, un is hät-"s-<<n köt, bas-d'- 
<>n hä'm g^tänt di zwga swestarla. „E 
be»", hat-ar köt dar man, „swaiga un 
gaül net! i max-dar 1 au n.is a haüsl.?", 



Mit der Zeit wollten di< 
haben, und die armen K dien 

keines, sie hatten nun ein bi ö 

te und das Baus, worin sie wohl 
und gaben dasselbe den < rläu bigern. Dar- 
auf sprachen diese armen Kinder: _ w 
werden wir mm anfangen ohne Bau 
in wir nicht verzagt (fürchten wir 
nicht las älti sie. „< Sott der II 

wird uns helfen; jetzt gehen wir in die 
Welt hinaus, um uns einen Dienstplatz 
/u suchen", und sie machten sich 
und gingen. Bei Anbruch der Nacht I 
ten sie in einem Walde an und verirrten 
sich in diesem Wald und wussten nicht 
mehr, nach welcher Ricbtui 
sollten, und sprachen dann: „Wohlan, 
bleiben wir da und erbauen wir uns ein 
Häuschen", und so thaten Bic Siebrachten 
Reiser herzu und bauten ein Baus« 
auf. und schnitten sich dann das Haai 
und machten drei breite Zöpfe drei Zöpf 
aus vielen Baarstrangen) und mit i\vn 
Zöpfen deckten sie das Häuschen. Dann 

das älteste Schwesterchen hinein, 

um zu sehen, ob das Häuschen gross genug 
sei für alle drei, und als es drinnen war. 
sperrte es das Thürlein zu und liesE 
andern nicht hinein, und sie machten sich 
auf und gingen weinend den Wald hinein. 
Nach einer Weile begegneten sie einem 
Manne beladen mit einer Bürde Bretter 
und derselbe fragte sie, was sie hätten, 
dass sie bo weinten, und sie sagten's ihm. 
„Ei nun" der Mann, „das macht 

nichts: für eines mache ich das Bäuschen 
(auf,, und für das andere wird Gott 
gen", und Bogleich linv, dieser Mann an. 

,i bauen, und deckte es mit Brettern, 
und dann ging das mittlere Mädchen hin- 
ein und schloss das Thürlein, und das 
jüngste stand nun allein da und machte 
sich auf und ging weinend den Wald hinein. 
Als es ein Stück vorwärts war. be- 

iete ihm ein Mann, beladen mit einer 
Bürde Bisen und dieser Mann fragt« 
was ihm fehle, und es sagte es ihm. was 
ihm die zwei Schwesterlein getban hätten. 
..hi nun", sagte der Mann, „schweig und 
weine nicht! ich baue dir ein Häuschen", 



178 






im l.ii hät-ar- ._ maxi aisrn haüsl • 

im b . »dekl bet disran platn, un 

i hät-ar- n g maxi drai äisran • 

um h at köl „£ _ I, im 

in- n haüsl ' un sper di ttlr an 

oiamat of*, an as-da «.-par llls xv 'l 

m Mi per t'niz;i. glüan « i i n$gl un 

pk-m aus <l »>t'l n. ke 5a stfan lai tö^at." 

ün dena dar man is mint. 

In d^nsel wart, bo-da sain g?west di 
drai diarnla, is-da g^wfst an altar pfr, 
bo-da herta (härta hat g'W^ast als, 

bas- - t in dmsel walt, im Gr is 

partlrt un is gant tu stiaYa das rarst 
haüsl ' un (h at - 's grünt t. un alora 
hät-ar- <n g riiai't un (h)at köt: „Hö Ma- 
naD, töa-mar ofe!" an 's <liarnl< hat köt: 
_.\u-na. i tüa-dar net of« 1 ", un alora bat-ar 
köt dar pär: -Ben. as-do-mar net ofctüast 
b in gäatn, tua>t-idio-mar ofr bi't'nzniv.tn". 
un lai l's-ar gant au als dax un (h)at of<» 
g proxt 's dax un is nfdar gant un (h)at-'s 
g^vrest, un dena is-arg keart b-drum. 

's mal darna i's-ar wular gant to sea\a 
das ändar haüsl > un hat-'s g-»vunt t un 
hat g-riiaft-m diarnla un (h)at köt: „Hö 
Maria!-, ai i . tna-mar of !" _Na". hat- 
's köt 's diarnl . ..i tüa-dar nivt of-»." 
-Ben", hät-ar köt, „as-to-mar net of* 
ttiast betn guatn, tüast-*(d o-mar ofe betn 
zni\t". un is gant als day un (h)at augw- 
zcrt d' rlekan un is nfdargant un h 
st an dena is-ur gant bMrum. 

In t;V darna i's-ar gant to süa\a 's 
haü>D vu d Mi jünaiM - swestarU un (b)at- 

s vunt-t. im bäl-d'-ar hatgasegg. gg 
1 sola starb s. i's-ar darsräkt, un dena 
bat-ar g^ruaft m dfarnD un 1 h)at köt: 
„Hö .Manal'. ai 1 tua-mar ofe!" _Xa-na". 
hat-'s köt 's diarnl'/, ..i ttia mamut ofo.' - 
„Ben", hät-ar köt dar par, _i bgas an 
akar pöan; äi I . bar gian-SJ tu nema!" 
_Nä". hat-'s köt 's diarnl?, haut kinw 
net, ma morgn kirn-'.- „Beo", hät-ar 
köt dar par, „morgn gea-bar." „Ma \\> 
vrtia gea-bar?" hat-'s köt 's diarnl?. 
..Di a> t". hät-ar köt dar par. „Un bo 
is dar akar?" hat-'s köt 's dfarnb. 



und sofort machte er ihm ein eisernes 
Bäuschen und deckte es mit eisernen 
Blatten, und dann machte er ihm drei 
eisei undsagte: ..Da hast du drei 

2 I. und jetzt geh hinein ins Häuschen 
und schliess die Thür, und thu niemand 
auf, und wenn etwa jemand mit Gewalt 
hinein will, glühe die Nagel und recke 
ihnen dieselben hinaus, sie bleiben (dann 
gleich tot." Und dann ging der .Mann. 

In demselben Walde, wo die drei 
Mädchen waren, hauste ein alter Bär. 
welcher stets alles wusste, was im Walde 
rorgehe, und er machte sich auf und ging, 
das erste Häuschen zu suchen, und fand 
i s, und dann rief er ihm (dem Mädchen 
und sagte: ..Ho Mariele, mach mir auf!" 
und das Mädchen sagte: -Nein, nein, ich 
mache dir nicht auf", und dann sagte der 
Bär: -Gut. wenn du mir nicht aufmachst 
mit Gutem, machst du mir auf mit Bösem", 
und dabei ging er hinauf aufs Dach, riss 
es auf und stieg hinunter und frass es. 
und kehrte dann wieder zurück. 

Am nächsten Abend ging er wieder. 
das zweite Häuslern zu suchen und fand 
es und rief dem Mädchen und sagte: -Ho 
Mariele, komm, mach mir auf." -Nein". 
das Mädchen, ich mach dir nicht 
auf." „Gut", s?gte er, ..thust du mir nicht 
auf mit Gutem, thust du's mir mit Bösem". 
und stieg aufs Dach und riss die Bretter 
auf und stieg hinunter und frass es und 
kehrte dann zurück. 

Tags daraufging er das Häuschen des 
jüngsten Scbwesterlein zu suchen und 
fand es, und sobald er gesehen hatte. 
dass es ein so starkes sei, erschrak er. 
und rief sodann dem Mädchen und sagte: 
-Ho Mariele. komm, thu mir auf!" ..Nein, 
nein", sagte das Mädchen, -ich thue 
niemandem auf." -Gut", sagte der Bär. 
-ich weiss einen Acker (voll) Bohnen: 
komm, wir gehen, sie zu holen!" -Nein". 
sagte das Mädchen, „heute komme ich 
nicht, aber morgen komm" ich." ..Gut", 
sagte der Bär. -morgen gehen wir." 
..Aber wie früh gehen wir?" sagte (fragte) 
das Mädchen. „Um acht Uhr", sagte der 
Bär." -Und wo ist der Acker?" sagte das 



Von dem deutschen G im wälschen Südtirol. 



17:' 



„Se'm so im asö", hut-ar köt dar pär, 
im hat- n köt, bo-da is dar akar. „B 

-t". hat's köl 's «1 iainl '. ..im morgn 
di a\t< ai 1 !- Un dar pär is gant. 

In tä darnä 's diarnl > is aug stant 
di seggs» im i- gant tu nema di pöan, 
un bäl-da is gant d »r pär za rüava-n- 
m, hat-'s m ausgvlaxt un (h at köt: „Gea 

du pär, i pin da is- -s i i di puan 
[In dar pur alöra hat köt: „Ben, i 
an akar rä'm; ai I), bar gian - sa zo 
nema!" ..Na haut net", hat-'s köt 's 
diarnl». „ma morgn gea-bar." „Bi 
hat-ar köt dar pär, bar gian di slban > 
morgn." »Ja", hat-'s köt 's diarnl«», 
..ma kii - mar. bö-d'-ar is dar akar." 
„Se'm asö im aso". hat-ar köt dar par. 
un h at - ?n köt, bo - da is dar akar. 
..Ihm.-, hat-'s köt 's diarnl», „im morgn 
di siban i ai 1 ." In alo'ra dar par is 

- 

In tä' dama "s diarnl' is angestaut 
di vümv» an is gant tu nema di rä'm, 
un net böl as-'s is g»west bdrum betn 
rä'm, 13 gant dar par un h at- n g<- 
rüal't Mi diarnl». „llahä". hat-'s köl 's 
diarnl», ..du pist wu! kent vri'ia. ma du 
pist kent haut ö gar za spat. i pin da 
siad--s< i di ra'm." Alma dar par hat 
köt: ..lim.. i lnia> an akar fcsüggn; äi I . 
b«ir gian-sa to nema!" „Xa-nä". hat-'s 
köt 's diarnh. haut net, morgn kirn-»; 
ma du moxst-mar kü'n, bo-d'-ar is disar 
akar. „Nt-nä", hat-ar köt dar par, „i 
kü-dar-'s net." „Ben", hat-'s köt 's 
köt "s diarnl», ombrüm du w^ast kqana 
tsüggn." „Ja", hat-ar köt dar par. 
sain sein aso im asö", un hat-s'-'ii g->- 
lirnt. -im morgn". hat-ar köt dar par, 
„stea-bar au • n aldar vrua im gia 
zu nema." ..•la-. hat-'s köt 's diarnl», 
.. : gst, un morgn ai 1)!" 

In tä" darna 's diarnl' is äug»stant 
vör'n tag-* un is gant zo nema di tsüg 
un dar par is ö äug stant <n äldar vrtia 
un is gant ggan häusl» un i h)at-»n ge- 
rauft un (h)at köt: „Hö Marial», ai 1 . 
bar gfan zo nema ti tsüggn!" Ma s 
Marlal» is no net g»w§st b»drum. r ll" 
haut pal* vin-»-d'". hat-ar köt dar par, 



hen. .. I >orl so und dei I täi . 

und sagte ihm. wo der Acker ist »Gut 
jetzt" Mädchen, -und m<" 

um acht Ihr komm!" Und der Bär - 

Am nächsten I agi sta id das Mädchi n 
um sechs Uhr auf und ging, die Bol 
zu holen, und als der Bär kan 
rufen, lachte es ihn aus and sagte: -' 
geh, da Bär, ich bin da und es 
die Bohnen " Und der Bär sagte dann : 
.. Wohlan, ich weiss einen Acker Ku 
kimnn. wir gehen sie zu holen!" .. \ 
heute nicht", sagte da> Mädchen, „a 
morgen gehen wir." „Gut", sagte der Bär, 
„morgen gehen wir um sieben Uhr." „Ja 
sagt.' das Mädchen, -jedoch sag nur. wu 
der Acker sich befindet." ..1 )orl so un 1 
sagte der Bär, und sagte ihm, wo 
der Acker sei. ..< int", sagte das M d 
-und morgen um sieben Uhr komm!" 
Und dann ging der liiir. 

Am nächsten Tage stand das Mädchi n 
um fünf Uhr auf und ging die Rüben zu 
holen, und kaum dass es mit den Rüben 
wieder zurück war. kam der Bär und riet 
dem Mädchen. „Haha", sagte das .Mad- 
ehen. _du bist wohl früh gekommen, aber 
doch Inst du auch heute zu spät, ich bin 
da und, siede ich die Rüben." Da sagte 
der Bär: -' rut, ich weiss einen Acker 
Kürbisse: komm, w ir gehen sie zu holen!" 
.. \- ,n nein-, sagte das Mädchen, -heute 
nicht, morgen komm ich; allem du musst 
mir sagen, wo dii r ist" »Neil 

nein", sagte der Bär, „ich sag dir's nicht " 
„Recht", sagte das .Madchen. ..denn du 
weist keine Kürbisse." „Ja", sagte der 
Bär, „sie sind dort so und so", und be- 
zeichm tc sie ihr, „und morgen", 
der Bär, ..Mehen wir auf m aller Frühe 
und gehen, sie za luden." „Ja", sagte das 
Mädchen, „geh jetzt, and morgen komm!" 
I ags darauf stand das Mädchen vor 
Tagesanbruch auf and - Kürbisse 

zu holen, und der Bär stand auch in aller 
Frühe auf und ging zum Häuschen, rief 
ihm und sagte: „Bo Mariele, komm, wir 
gehen die Kürbisse zu luden!" Allem 
das Mariele war noch nicht zurück. _Ilo 
heute linde ich dich bald", sagte der Bär 






\ Grenzposten Lasern im falschen Südtirol. 



- ganl ,iu- .na i) dkar. Bal-d'-ar 
-; 11 akar, s dlarnl i hat- >n 
rnt, im LS hat ausg !i"li da grpasarsi 
9 i an i- \ orporg *t in drin 
I >ar pSr is gant an hat-'s i 
ikar im er is gant un (h)at aug<»nump 
. : -"iisiir-t i tsügga un isg k'arl b drum 
haüsU an is gant an als tax im 
il köt: „Disa \ .ni vo»»ea8t-(d)o-inar 
ambröm bal-do kinst zo gfana m 
•u haüsD, spriB-a aldar an \;u >- tl ."" 
Un dena is-ar-s< aidarg<degg an is mt- 
släft. 

's iliarni' ntanto is ao berta g-»wesj 
in an (.U tsügga, un bal-sa bat g<*höart sn 
par snarxln is-'s kern laisJ laiss \>> dar 
tsügga auvar un is kent äba »n haüsD 
un (h at _ -lost di ttir un -n siösan d> 



und ging hinaus dem Acker zu. Wie er 
bald am Acker war. gewahrte ihn das 
Mädchen, höhlte den grössten Kürbis 
aus und verbarg -ich darin. 

Der Bär kam und sah es nicht im 
Acker and ging hinzu) und nahm den 
-im Kürbis auf und kehrte zum 
Hauschon zurück und stieg auf das Dach 
hinauf und sagte: ..Diesmal entgehst du 
mir nicht, denn sobald du kommst, um 
ins Häuschen zu gehen, springe ich hin- 
unter und fange dich." und dann li _ 
er sich nieder und schlief ein. 

Das Mädchen war indessen noch immer 
drinnen im Kürbis, und sobald sie den 
Bären schnarchen hörte, kam es leise 
leise aus dem Kürbis heraus und kam 
hinab in das Häuschen und schloss die 



ttir dar par is d<?rwekt un (h)at g^höart Thür und beim Schliessen der Thür er- 
s diarnla i'n »r\ haüsD an er is-s -s 
darzürnt, „'s is nixt, be-do ajoma pist 
in; du barst äuvar kernen ö — — i 
hän-da a süana tsügga z'esa" — un lai 
hat-ar g^köart umanüm di tsügga un 
h)at g«*segg : s lox, un alora hat - ar 
darkent gge 's diarnl* hät-ar-'s hüam- 
. j'itMni er. 



Intanto 's diarnl- hat Sg^zünfot 's 
vaür un (h)at g<?gltiant di negl un dena 
hat-s^-s? g"st<;kt pa tax au un bat-sa 
gamaxt gian g9räd<? in pa pau\ '<n par. 
un dar par hat ge"t a drai lürnar un is 
_ \ alt \on tax äb> un is ggrepait. 

Un 's dfarnU is auvarkent von haüsD 
un hat- n abo^zögat di haut Ja par un 
dena is-"s gant in d< stat tu vorkgava-s >. 
Na-di weg-; hat-'s bokent an man, bo- 
d -m hat aug^ma^t 's haüsD, an darsei 
hat-'s g Vi rst /' s?ga, bo-'s geat, un is 
hat- s- n köt, un dar man is gant betn 



wachte der Bär und hörte das Mädchen 
im Häuschen drin und er wurde zornig. 
..Es macht nichts, wenn du auch drinnen 

bist: du wirst herauskommen auch 

ich habe da einen schönen Kürbis zu 
essen" — und dabei wendete er den 
Kürbis um und um und sah das Loch 
und erkannte dann, dass er das Mädchen 
heimgebracht hatte. 

Inzwischen machte das Mädchen das 
Feuer an und glühte die Nägel und steckte 
sie durchs Dach hinauf und liess siegerade 
hineingehen in den Hauch des Bären, 
und der Bär stiess einige Schreie aus. 
fiel vom Dache herab und verendete. 

Das Mädchen kam aus dem Häuschen 
heraus, zog dem Bären die Haut ab und 
ging dann in die Stadt um sie zu verkaufen. 
Auf dem Wege begegnete es den Mann. 
der ihm das Häuschen aufgebaut hatte, 
und dieser fragte es, wohin es gehe, und 
es sagte es ihm, und der Mann ging mit 



dlarnl* un h at- n g«?holft tu vorköava dem Mädchen und half ihm die Haut ver- 

di haut un dena hat-ar's gjvüartan rext kaufen, und dann führte er es zu Gericht 

un sem bä'm-s' -n ge't an häuf gelt an und dort gab man ihm eine Menge Geldes 

ggiinto, as-'s hat _ tot t n par, un dena dafür, dass es den Bären getötet, und 

is-'s gaot bet'n man un is herta gdplltet dann ging es mit dem Mann und blieb 

bet ?nsel (in as-'s is gastorbat stets bei demselben, bis es starb. 

ünterfennberg bei Margreid (Südtirol). 

Fortsetzung folgt.) 



Eysn: über einige Votivgaben im Salzbi ibgau. 



81 



Über einige Votivgaben im Salzburger Flachgau. 



Von Marie Eysn. 



Unter den mannigfachen Weihgeschenken an den kleinen Wallfahrts- 
orten um Salzburg findet man einige, die in neuerer Zeit nur noch selten, 
andere, die gar nicht mehr dargebracht werden. Zu letzteren gehören 
jene Thongefässe, welche die Form eines menschlichen Kopfes 
haben. Sir sind auf der Töpferscheibe gemacht, hell, schwach gebrannt, 
Augen, Augenbrauen, Nase und Ohren Bind im Relief aufgesetzt, doch 
fehlen letztere, sowie die Augenbrauen oft gänzlich oder sind nur mit 
schwarzer Farbe aufgemalt. Sir sind oben offen und Btehen auf flachen 
Boden, wie Fig. 1 aus St. Alban bei Lamprechtshausen. Neben dii 



Fig. l 




und weit zahlreicher kommen andere Köpfe vor, welche oben konvex, unten 
aber offen sind und meist «dnru längeren Hals haben. Wendet man sie 
um. so dass die Halsöffnung nach oben kommt, um Bie mir irgend etwas 
zu füllen, su bleiben sie durch ihre kugelig abgerundete Form uicht stehen, 
auch isr das Gesicht dann verkehrt: Fig. 2 aus St. Valentinshaft im obersten 
Mattigthal. Sir sind durchschnittlich 12— 16cm hoch und haben 12 I8cw 
im Umfang; kleinere sind selten, und nur einmal kam ausnahmsweise ein 
gut modellierter weiblicher Kopf vor, dessen Rückseite eingeritzte Linien 
zeigt, die aufgestecktes Haar andeuten (Fig. 3). 

.Man hat hier für beide Formen keinen Namen nirhr. und nur an 
einem einzigen Ort ihres Vorkommens wusste man noch aus Überlieferung, 
dass die „Köpft" mit Getreide gefüllt geopfert wurden, doch nicht mehr 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1901. 



Bjbü: 

ii welchem Zweck. Jedoch verwendet man diese einstmals dargebrachten 
„Köpft" heute noch gegen Kopfleiden and findet Bie in den betr. Kirchen 
meist auf einem an dt r Mauer aeben oder hinter dem Altar angebrachten 
Brette stehen, von < 1 < ■ 1 1 1 der Leidende einen herunternimmt, auf seinen 
Kopf stellt, damit dreimal den Altar umschreitet and ihn dann wieder auf 
den früheren Platz zurückgiebt. Durch diese Art der Benutzung verringert 
sich ihre Zahl allmählich, denn hält der Träger sich nicht sein- stramm, 
so gleitet der Thonkopf leicht ab, fällt zu Heilen, und er wird durch 
keinen neuen mehr ersetzt. 

Auch Nachbildungen von Beiligenköpfen lässt man sich in Salzburg 
und im angrenzenden Bayern gegen Kopfschmerz aufsetzen. Das kleine 
Museum \mii Reichenhall besitzt zwei aus Holz geschnitzte „St. Johanns*- 
köpfe", welche jenem Zwecke in dem Kirchlein auf dem St. Johannshögel 
gedient haben; und in <\rv alten gotischen Klosterkirche auf «lern Nonn- 
berge zu Salzburg wird am '>•>. Juni, dem Todestage der hl. Erentraut 
( Aiindrud VIII. saec), sowie am [. September, dem Übertragungstage ihrer 
Reliquien, der aus Silber getriebene und vergoldete Kopf der Heiligen 
aus dem Jahre 1316 den Gläubigen auf das Haupt gesetzt als Hilfe gegen 
Kopfweh. Im Salzburgischen kommen diese „hohlen Köpfe" selten und 
nur im nördlichen Teile des Flachgaues vor (ebenso auch noch in dem 
angrenzenden Ober-Österreich), in Wallfahrtskirchen, wo sich Bild oder 
Figur des hl. Koloman befinden, oder in Kirchen, welche Heiligen geweiht 
sind, denen das Eaupt abgeschlagen wurde, wie St. Alban, St. Johannes. 
St. Valentin. 

Am linken Ufer der Salzach, im bayrischen Gebiet, wo derselbe Volks- 
-rainm wohnt wie am rechten österreichischen Ufer, wurden diese Thon- 
fcöpfe wiederholt gefunden, so in der Kolomanskirche bei Lebenau 1 ), zu 
St. Koloman bei Pridolfing 2 ), Taubenbach bei Simbach und Haselbach 
nächst Braunau 8 ). In der Kolomanskapelle zu Hochstatt am Chiemsee 
fand J. Arnold ganz ähnliche hölzerne Votivköpfe, die ihm als .,Opfer 

n Kopfweh und für das Heiraten" bezeichnet wurden; zu Langwinkel 
alter fand derselbe Forscher solche aus Thon, und hier wurden sie „bei 
Kopfschmerz und von Heiratslustigen und Schwangeren mit dreierlei Ge- 
treide überschüttet und gefüllt dargebracht"*). 31. Höfler erklärt, dass 



1 .1. Würdinger, Oberbayr. Archiv, Bd XXXIV, S. 335 (1874-75). 

2) M. Höfler, Beiträge zur Anthropologie und Urgeschichte Bayerns, Bd. IX, S. 134. 

3) Nach briefl. Mitteilung von H. v. Preen, von dem in den Mitteil. d. Anthrop. Ges. 
in Wien, IM. XXXI -X. F. XXI), Heft 2 gleichzeitig ein eingehender Bericht über dieselben 
erscheinen soll. 

4) Beiträge zur Anthropologie und Urgeschichte Bayerns, Bd. VIII, S. 40 (1888). 
M. Hüüer, Über Votivgaben und Bd. IX, S. 31 Votivgaben beim St, Leonhardskult in Ober- 
bayern. — W. v. Schulenburg, Zeitschrift für Ethnologie 1888, S. 157. — In der Bavaria, 
Landes- und Volkskunde des Königreichs Bayern, I, 1001 (München 18G0) berichtet F. Dahn 
von der Kirche des hl. Hermann bei Bischofmais im Bayrischen Wald: „Auch findet man 



I ber einige \ otivgabon im Salzbai 






die Kopfdreier (so heissen Bie in Oberbayern durch den „Dreyer ein 

Gemenge \ Ireierlei Getreidearten, welches im Oberland angebaut /.u 

werden pflegt" 1 . den Namen erhalten haben. J. Undsel weist auf ihre 
grosso Ähnlichkeit mir den italischen Gesichtsurnen hin"), wie das auch 
W. \. Schulenburg nicht entgangen ist. W. .M. Schmidt bringt noch den 
weiterer Namen „kedere Köpfl" für sie bei, berichtet aber ihr Vorkommen 
im Nils- mid Rotthal, and in der Bildlichen Oberpfalz und dass sie „von 
ledigen Personen am die Neigung einer gewissen Person des anderen G 
schlechtes, von Eheleuten aber, am Kindersegen zu erhalten, mit dreierlei 
geschenktem 8 ) Getreide gefüllt geopfert wurden.' 

Bindemittel zwischen diesen Rüddeutschen Votivgefässen in Kopfform 

and den italischen Gesichtsurnen können die in Wien h uster Zeit 

fundenen, aus römischer Zeit stammenden Urnen bilde», über welche 
Fr. Kenner berichtet hat (Geschichte der Stadt Wien, I. S. L35, Fi 
und Pr. Kenner, Berichte über römische Punde in Wien, 1901, S. 59, 72. 
Pig. 54. 75). 

Gleichwie diese modernen Gesichtsurnen im Verschwinden begriffen 
sind, ebenso sind es jene Holzschnitzwerke, welche bei Erkrankung 
innerer Organe geopfert wurden und an deren 
Stelle jetzt kleine Nachbildungen aus Wachs getreten 
sind. 

Diese einfachen, von den Dorftischlern hergestellten 
Schnitzwerke, Lungin genannt, sind 35 -5b cm lang 
und bestehen zumeist aus Luftröhre, Lunge, Herz und 
Leber und der schwach angedeuteten Wirbelsäule (Fig. 1). 
Die ornamental behandelten Lungenflügel, sowie das 
Herz sind stets rot, die gleichgrossen Leberlappen 
hi-auu. die Trachea, deren Knorpelringe durch eine 
Schraubenwindung dargestellt sind, Qebst den übrigen 
Teilen hell bemalt oder in Holzfarbe belassen. Oft- 
mals sind obigen noch das ein ler andere Organ 

beigefügt, wie Magen, Blase u. a., dann aber meist 
unverhältnismässig vergrössert, als sollte es als eigent- 
licher Sitz der Krankheit besonders hervorgehoben 
werden (Fig. 5, 6 und 7). Die glatte Rückseite trägt 




i/i 



4t 



UU- 



dort häufig die rohen Köpfe von gebranntem Thon, in denen Gerstenkörner eingescbJ 
sind: man opfert sie wegen chronischen Kopfleiden." 

1) Schmeller 1'. 561. 

2) Zeitschr. f. Ehnologie, Bd. XXII, S. 390): J. ündset, I ber italische G< 
urnen. L. Lindenschmit, Die Altertümer unserer heidnischen Vorzeit, Bd. I, Heft VI, r.VL 
Fig. 8. 10. 13. Mainz 1858. 

3) „In Almosen ersamblet" (1511 . 

4) Oberbavr. Archiv, Bd. 49, Heft 2 (1896): \Y. M. Sehmidt, Moderne Gesichtsurnen. 

13 



]>l 






st der Jahreszahl meisl Namen und Wohnort des Opfernden, 
der jüngsten Bteht: »Crescenzia Brandstätter ans Thalgau L850. a 

Fie:. (?. 



Auf einex 



Fig. 5. 





HÄ 




IT) 



Fiff. T. 




/. 



Fig. 8. 



A $ 



Neben diesen Gebilden finden sich noch solche, die dem Beschauer 
unverständlich sein würden, kämen sie nicht an den gleichen Orten vor 
wie jene, aus deren Formen sie zusammengeschrumpft 
sind. Fig. 8 zeigt eine solche dreilappige Figur, die 
rotbraun angestrichen ist und um deren emporstehendes 
rundes Holzstück eine spiralförmige weisse Linie läuft. 
Der gut erhaltene Anstrich zeigt, dass es eine Votiv- 
gabe aus neuerer Zeit ist. Diese verschiedenen Schnitz - 
werke liudet man in kleinen Wallfahrtskirchen (Etten- 
berg, St. Pankratz bei Weitwörth), in Waldkapellen 
bei als heilsam gerühmten Quellen (Augenbründl bei 
Friedburg), am häufigsten aber vor dem Bilde oder 
der Statue des hl. Leonhard. wie in Heiligenstatt, wo 
sie ueben zahlreichen Yotivtafeln aufgehängt sind, 
zwischen Ketten, Fesseln, weiten Eisenringen, Sensen. Bruchbändern, 
Pessarien. roten Seidenfäden, Eisennägeln, menschlichen Zähnen und Haar- 
zöpfen, wächsernen Körperteilen und Tierfiguren, unter welchen Krücken 
und schwere, rohe, zur Sühne herbeigeschleppte Holzkreuze liegen. Die 




-8— -> 



l ber einige Votivgaben im Saltburger Flacbgau. 

Bilder auf den Täfelchen, die einen Zeitraum von zwei Jahrhunderten 
umfassen, and die Weihgeschenke daneben zeigen, dass der hl. Leonhard 
weit öfter bei menschlicher Krankheil and Not, denn ;ils Patron für Rosse 
and Rinder angerufen wird. So stellt auch das Altarbild in der Kirche 
von St. Leonhard bei Grödig am Untersberg eine Gruppe leidender Menschen 
dar, und darunter findet man kleine, * -10cm langt Weihgeschenke aus 
dünnem Wachs, der moderne Ersatz für die oben beschriebenen aus Holz, 
bei denen sieh aber nur noch Trachea and Herz zwischen kleinen form- 
losen Wülsten erkennen hissen. 

unverändert aber haben sich an einigen Orten im Herz«. -nun Salzburg 
die „lebendigen Opfer" erhalten, wenn mich ihre Zahl in letzter Zeil sehr 
zurückgegangen ist 

In der Marienkirche zu Grossgmain, dem alten Qduona and einst viel- 
besuchten Wallfahrtsort, hängen an den beiden [nnenwänden der Turmhalle 
zwei mächtige Votivtafeln mit vielen einzelnen Darstellungen von Unglücks- 
falle^ daranter immer die Angabe des Motivs der Opfernden, dieWunder- 
thätigkeit and das gelobte Opfer. Die Mehrzahl der Bilder ist durch 
atmosphärische Einflüsse fast verloscht und die Schrift anleserlich geworden. 
Am Rande einer der Tafeln liest man aoch: renovirt 1535, 1687, 1778. 

Nachstehend -ehe ich einige der noch lesbaren Angaben von dieser 
Tafeln. 

Ein Kind war ertrunken in einein Bade, da das die muetter vernam 
mit betriebten Herzen, hat sie das Kind her verlobt mir einem lebendigen 
Opfer und ward wider lebendig. 

Bans Schnell hat sich verlobt mir einem lebendigen Opfer in einem 
schiffpruch zu Venedig, von stunden ist er erledigt worden. 

Ein saw hat ein Kind das häupl gar erpissen und zerissen und ward 
hm- versprochen mit einem lebendigen Opfer und ward gesundt. 

Ein Mägdlein hat sich erhenkel an einer zerissenen Pfaid, die da hangi 
für ein Handtuch, die Muetter erschroken verlobte das Kind mit einem 
lebendigen Opfer and ward wieder lebendig. 

Ein ehrbarer Burger zu Reichenhall war übet ••in Wasserdurchlass 
abgefallen, in solchem Fall verlobte er sich zu V. I.. F. auf die Gmain 
mit einem lebendigen Opfer und wind erlöst. 

Ein Kind von einer todt muetter gebracht ist zur tauff komen, alspald 
der Vater sich verlobt hat mit einem lebendigen opfer. 

Es lässt sich aus den Inschriften nicht entnehmen, woraus das „lebendige 
Opfer- bestund, aber der lebende Hahn und die lebende schwarze Herne 
sind nebst Tauben heute noch das gebräuchliche Weihgeschenk. 

Vor etwa 25 Jahren stund in der Apsis der Kirche zu Orossgmain 
noch ein hölzerner Hühnerstall, in welchen die Opfernden die Tiere ein- 
schlössen, nachdem sie dieselben während der .Messe dreimal um den 
Altar ffetras-en hatten. Letzteres geschieht noch jetzt, doch wird das Huhn 



| m; Zachariae: 

dann gleich in den Pfarrhof gebracht, von wo dafür ein geringes Entgelt 
an die Kirche abzufahren ist. Viel zahlreicher sind solche Opfer in dem 
nahen Marzoll, dessen Kirche dem hl. Valentin, dem Helfergegen Epilepsie, 
geweibl and wo auch seine Statue ist . zu der die Frauen gern ihre Vm- 
Hucht nehmen, «leren Kinder an Eclampsie erkrankt sind Die Rückseite 
et Utares i-t durch zwei kleine Gitterthürchen unterbrochen, durch welche 
der Opferude die Tiere nach dreimaliger I mkreisung des Altars während 
des Gottesdienstes einläS8t. Noch werden jährlich in 50 Hühner und 
70 — 80Tauben dargebracht, doch soll vor 50 Jahren die Zahl der Opfer dag 
Zehnfache erreicht halten. Äusserst selten bringt man ein junges Lamm dar. 

Ebenso werden dem hl. Veit Vitus), der bei Veitstanz, wie bei allen 
epileptischen und hysterischen Krämpfen angerufen wird, zu St. Veit bei 
Goldegg, wo auch eine Statue <\r> hl. Valentin ist, lebende Hühner gebracht. 1 ) 
In y\{'\- Kirche zu (Jntereching mit der Holzskulptur des hl. Veit, sowie zu 
St. Koloman bei Lebenau dienen hohe Drahtgitter hinter dem Altare zur 
Aufnahme der lebenden Opfer, und ein Hühnerstall in dem kleinen Wall- 
fahrtsort von Valentinshaft verrät genügend die Art der Weihgeschenke. 

Die Mirakelbücher von Imhenhofen und die „Wunderzeichen des hl. 
Wolfgang am Abersee" erwähnen wiederholt der ..lebendigen Opfer", dar- 
unter auch des Huhns. 

l'm Eching, Ibm. Eggeisberg war es vor nicht langer Zeit noch Brauch. 
bei Erkrankung eines Familiengliedes eine schwarze Henne in die Herd- 
grube zu vermauern, und im Salzburgischen hört man nicht selten jemand, 
der schon lange erwartet, wird und endlich kommt, mit den Worten be- 
grüssen: „Jetzt hätt" i bald a schwarze Henn' verlobt." 

Salzburg. 



Zu Goethes Parialegeiide. 

Von Theodor Zachariae. 

(Vcrgl. unsre Zeitschrift II, IG ff.) 



Im ersten Bande seiner Zeitschrift Orient und Occident (1862) S. 719 

bis 732 hat Benfey eine Abhandlung über (ioethes Gedicht: Legende 

Werke 1 8-10. I. 200) und dessen Indisches Vorbild veröffentlicht. Erzeigt 

1) In dem Präget Dom auf dem Hradschin. der dem hl. Veit geweiht ist, steht die 
Bildsäule dieses Landespatrons Böhmens mit einem schwarzen Hahn, Grohmann, Aber- 
glauben aus Böhmen, S. 74, Anm. Am Veitstage (15. Juni) wallfahrteten früher viele 
Böhmen zu den Eibquellen und opferten dort schwarze Hühner, 'Weinhold, Quellen- 
verehrung, S. 4-k Auch im Elsass wurden dem hl. Veit auf seinen Altar schwarze Hühner 
geopfert. Stöber, Sagen des Elsass, S. 25y. 1. A. 



Zu ' roethi Parialegende. I «7 

darin, dass Goethe den Stoff zu seinem Gedichte aus 0. D;i|»|> 
[Nürnberg 1681) entlehn! hat. Die Dappersche Darstellung geht mittelbar 
— zurück auf eine alte indische Legende, deren wahrscheinlich älteete 
Gestalt im ßffahäbhärata vorliegt. Benfej teilt die BiahSbhäratalegende in 
deutscher Übersetzung mit 1 ) and bemerkt, dass Bich mehr oder minder 
ausgeführte Darstellungen der Legende auch in anderen sanskritischen 

Werken, lies lera in den sogen. Puränas, vorfinden. IM-' Darstellung im 

Cilikäpuräna weicht von der im Mahäbhärata fast gar Dicht ab; die Passung 
der Legende im Bhägavatapuräna wird, da sie in einem Punkte mit der 
Dapperschen und Goethischen Passung übereinstimmt, in deutscher Über- 
setzung gegeben. Benfej wendet sich jetzt zu der Darstellung der Legende, 
wie sir sich bei Dapper findet, und teilt sie im vollen Wortlaut mit. 8 
An- einer Vergleichung dieser Darstellung mit Goethes wunderbare! 
Schöpfung ergiebt sich, d;i>> zwischen beiden «•in., breite Kluft liegt. In 
einem -'du- wesentlichen Punkte schliesst sich Goethe eng an die alt.' 
indische Legende an. Auf den ersten Anblick könnte man daher glauben, 
dass eine undere treuere Quelle, als die I dappersche Darstellung der Legende, 
die Grundlage des Goethischen Gedichtes bilden müsse. Allein Benfe) 
bat die Schriften über Indien, von denen sich annehmen lässt, dass Goethe 
sie gelesen, vergebens durchforscht. Es kann keinem Zweifel unterlit 
dass Goethen die Legende nur durch Dappers A.sia bekannt geworden ist. 
Dafür spricht auch der Umstand, da>> Goethe seihst in Wahrheit und 
Dichtung bemerkt, er habe die Indischen Pabeln aus Dappers Reisen 
zuerst kennen gelernt und gleichfalls mit grosser Lust in -einen Märchen- 
vorrat hineingezogen. Die Abweichungen der Goethischen Legende von 
der Dapperschen Passung erklären sich aus Goethes wunderbarer dichte- 
rischer Gestaltungsfähigkeit. .Mit einer Ausnahme. Am auffallendsten ist 
bei Goethe die Vertauschung der Köpfe, die sich weder bei Dapper Doch 
in «1er alten indischen Legende findet, während sie doch ebenfalls indischen 



1' früher schon mitgeteilt von Wilson in s einet englischen I bersetznng des \ isnu- 
puräna, London 1840, S. 401 f. Wilson, Works IX (1868), 19ff. 

2) (ianz dieselbe Darstellung bei Philipp Baldaeas, Wahrhaftige Ausführliche 
Beschreibung der Berühmten Ost-Indischen Küsten Malabar und Coromandel, als auch der 
Insel Zeylon, Amsterdam 1672, S. 4!)1 ff. Heide Darstellungen stimmen meist fast wörtlich 
überein; der Hauptunterschied zwischen Dapper und Baldaeus besteht darin, dass 
letzterer Vistnum (d. h. Visnu] statt Mahadeu gebraucht. 80 beginnt die Erzählung hei 
Baldaeus: '»Seine (des Prassaram Mutter Reneca hatte durch ihre Gottesfürchtigkeit von 
Vistnum ein Tuch überkommen, welches Wasser hielt, so dass es nicht durchlief 
tropfte, in welch Tuch sie täglich aus dem Fluss Ganges Wasser höhlt..' Woher es kommt, 
dass Dapper und Baldaeus so genau übereinstimmen, habe ich hier nicht zu untersuchen. 
Über Baldaeus vgl. Bhode, Über religiöse Bildung, Mythologie und Philosophie der Hindus 
(Leipzig 1827), I, 150. Benfey scheint das hochinteressante Werk des Holländers Baldaeus 
gar nicht gekannt zu haben, sonst würde er nicht >agen, dass die falsche Schreibweise 
'Altar' für Avatüra, deren sich Goethe in Wahrheit und Dichtung bedient, nur bei Dapper 
vorkomme (Or. u. Occ. I, 728). Baldaeus gebraucht die Form 'Altar" beständig. 



] >v Zai b irii 

l rsprungs ist Daa indische Märchen, worin die Vertauschuog der Köpfe 
die Hauptrolle spielt, isl die Bechste Erzählung der Sammlung Vetäla- 
pancariinsatikä. Von hier gelangte die Erzählung in die persischen 
Bearbeitungen der Sukasaptati, in die Bücher, die den Titel Tu ti Nameh 
führen. Eine dieser Bearbeitungen, die des Qädiri, wurde von [kei 
nach einer englischen Übertragung ins Deutsche übersetzt (Stuttgardt 1822). 
Goethe Lernte diese Obersetzung bereits im Jahre 1820 können. 1 ) Hier 
— in der 24. Erzählung des Qädiri - fand Goethe das Motiv von der 
Vertauschung der Köpfe vor. 

Soweit Benfey. Seine Behauptung, dass Goethe die Vertauschung der 
Kippte aus [kons l bersetzung des Tuti Nameh entlehnt habe, ist gläubig 
Dachgeschrieben worden von Oesterley in seiner Übersetzung der Baitäl 
Pachisi (Bibliothek orientalischer Märchen and Erzählungen, 1. Bändchen. 
Leipzig 1873), S. L96. An Oesterley schliesst ßich Tawney an in seiner 
Übersetzung des Kathäsaritsägara, vol. II. p. 264, Note. Auch der verehrte 
Herausgeber dieser Zeitschrift (siehe II. 47 f.) steht augenscheinlich noch 
unter dem Banne der Benfeyschen Ausführungen. Weinhold meint. Goethe 
habe das .Motiv von der Vertauschung der Köpfe in Ikens Buch gefunden: 
und weiter: die herrliche Beziehung der Legende auf die Parias sei Goethes 
volles Eigentum. 

Aber Benfey befand sich im Irrtum. Drei Jahre vor dem Erscheinen 
von Benfeys Abhandlung hatte Düntzer in seinen Erläuterungen zu Goethes 
lyrischen Gedichten die Quelle der Goethischen Legende nachgewiesen. 
Nicht Dappers Asia in Verbindung mit Ikens Übersetzung des Tuti Nameh 
i-i Goethes Quelle, sondern die Geschichte von der Mariatale, der Frau 
des Büssers Schamadagini und der Mutter des Parassurama, in Sonne rats 
Reise nach Ostindien und China (Deutsch Zürich 1783), I. S. 205 ff. In 
einer Berichtigung (Orient und Occident II, 97) hat Benfey seinen Irrtum 
eingestanden; bei Sonnerat ist. bemerkt er hier, die Legende ganz so 
mitgeteilt, wie sie Goethe nachgedichtet hat. Später hat Benfey seinen 
Freunden gegenüber die Abhandlung über Goethes Gedicht "Legende' als 
die missratenste aller seiner Arbeiten bezeichnet (siehe Bezzenberger in 
den Beiträgen zur Kunde der indogermanistdien Sprachen, VIII. 241). Ks 
ist allerdings unbegreiflich, wie Benfey. der doch Sonnerats Keise aus- 
drücklich unter den Büchern nennt, die er nach Goethes Quelle dnrch- 
forscht habe < >r. und Occ. T, 72S). die Geschichte von der Mariatale bei 



1 Auf S. 154 — 155 seines Buches berichtet Iken, dass er [vor der Drucklegung des 
Buches] einige Erzählungen als Proben eines noch unbekannten Originals Sr. Excellenz 
dem Herrn Geh. Rat von (Juetlie zur Beurteilung übersandt habe, und dass sich diese 
Proben einer günstigen Aufnahme zu erfreuen das Glück hatten. Weiterhin teilt Iken 
mit, dass i inige Bruchstücke seiner Übersetzung im Dezemberheft des (mir nicht zugäng- 
lichen) Morgenblattes von 1821 erschienen sind. (Diese Angaben fehlen bei Benfey, Orient 
und Occident I, 729.) 






Zu ' 

Sonnerat ganz hat übersehen können. Ein a [erbarer Zufall ist es 

um Benfeys eignen Ausdruck zu gebrauchen -■ der ihn zum Besten 
hatte. 

Obwohl nun Düntzer 1 ) in der zweiten Auflage seiner Erläuterungen 
11. 4.">lf. den Sachverhalt bereits klargelegt hat. bo habe ich ea doch für 
nötig »ehalten, auch in dieser Zeitschrift Doch einmal darauf hinzuweisen, 
dass sich Benfey zwar geirrt, seinen Irrtum aber bald Dach dem Erscheinen 
seines Aufsatzes aber Goethes Legende berichtigl hat. Zugleich möchte 
ich eine Präge aufwerfen, eine Frage, die allerdings für den Goetheforscher 
von untergeordneter Bedeutung, für den indischen Philologen jedoch von 

eicht geringem Interesse ist. — die Präge nach der Herkunft der S< irat- 

schen Legende. Wie, wann und wo vollzog sich die Umwandlung der 
alten indischen Legende zur Parialegende? Ich will versuchen, diese Präge 
zu beantworten, so weit es mein Material gestattet. 

Mariatale — bei Baldaeus S. 456 ff. heisst sie Patragali") • i-i 
eine südindische Volksgöttin, die grosse Göttin der Parias (Sonnerat I. 206 ; 
nie i>t die Göttin der Blattern, die Göttin, die <li<' Blattern erweckt und 
hinwegnimmt (Baldaeus 459 . Als Göttin der Blattern entspricht sie der 
nordindischen Sitalä, über die man sich am besten in dem vortrefflichen 
Buche von Crooke, An introduction tu the populär religion and folklore 
of Northern tndia, Allahabad 1894, p. 7sff. unterrichten kann. Von der 
Ifariatale sagt Sonnerat: 'Die [ndier bezeugen vor dieser Göttin viele 
Purcht und richten ihr in allen Flecken Tempel auf: Aber man -teilt 
bloss ihr Haupt in das innere Heiligtum, und die [ndier an- den echten 
Stämmen verehren auch nur dieses; ihr übriger Körper wird an die Thüre 
des Tempels gestellt und daselbst von den Parias angebetet.' I m diese 
merkwürdige Sitte zu erklären, oder auch, um die halb göttliche, hall» 
unreine Natur der Mariatale verständlich zu machen'', hat man, so scheint 



1) Düntzer teilt auch die Sonneratsche Legende im WorÜaul mit: danach bei 
H. Baumgart, Goethes* 'Geheimnisse' und seine 'Indische- Legenden', Stuttgart 1896, 
B.87f. Dieselbe Legende im Auszug l>>-i Rhode, I ber religiöse Bildung der Hindus, II. 
257 (vgl 154 f.}. Hatte Benfej das Buch tron Rhode (das die ältere, jetzt fast verg< 
Litteratur über indische Mythologie getreulich verzeichnet benutzt, so wäre ihm vermutlich 
weder die Sonncrat che Legende, noch da M von dem, was ich in dieser Abhandlung 

vorzubringen vermag, entgangen. — übrigens irrt Düntzer, «renn ei II 452 schreibt, 
dass die Vertauschung der Köpfe im indischen Märchen des Pantschatantra 1,-1 erscheine. 
Bent'ey im Or. u. Occ. I. 729 sagt nur, dass man wegen der Vetälapaucavimsati 
i'bers.-tzung des] Pantschatantra I. "_'l vergleichen möge. 

2 Siehe auch Rhode a. a. 0. II, 254. 

:») Ähnlich Rhode II. -_'.">7. Nachdem er 'Im Sonneratsche Legende mitgeteilt bat, 
fährt er fort: 'Der Sinn dieser Zusammensetzung des Körpers der Mariatale scheint die 
Zusammenschmelzung einer Göttin der l'rbewohner, der Pareas. mit der Kali der Hindns 
darzustellen.' Vgl. dazu namentlich Crooke p. 78: As she FSifalä] comes to be pr< i 
into soine form of Kall or Dcvl, shc is provided with a regulär fane. 



190 Zacharia 

es, die Ifariatale an die Stelle der Etenukä in der alteu Legende gesetzt 1 ) 
und zugleich das Motn von der KopfvertauBchung hineingebracht 

Wann die l mwandlung der alten Legende zur Parialegende statt- 
gefunden bat, dürfte Bchwer festzustellen Bein. Die Heimat der Paria- 
legende Im aber ohne Zweifel die Gegend Indiens, die Sonnerat haupt- 
sächlich bereiste, die Gegend, \\<» er die 'Nachrichten' gewann, die er in 
-einem Buche vorträgt: das Land der 'Tamuler', die Koromandelküste 
Sonnerat I. L65. 1 7 _' . 177 . oder allgemeiner, Südindien. Sonnerat gieb< 
die Quelle, der er seine Parialegende entnommen hat, nicht an. Er musa 
jedoch einen guten Gewährsmann dafür gehabt haben, — ■ denselben viel- 
leicht, dem er die 'Fabeln deT Indier' verdankt, die er 1. 117 ff. mitteilt 
and mit den bemerkenswerten Worten einleitet: 'Die Indier haben mora- 
lische Fabeln, deren hohes Alter beweist, dass wir diese Art von Sitten- 
lehre keinem ainleren als diesem Volke zu «hinken hahen. 2 ; Die hier 
folgenden, welche ganz wörtlich and ungeschminkt übersetzt sind, werden 
sehr deutlich beweisen, das- die meisten Fabeldichter aus dieser Quelle 
geschöpft halten." Es ist meines Eraehtens sehr wahrscheinlich, dass 

sich die Sonneratsche Legende in irgend einem Werke vorfindet, das in 
einer südindischen Sprache, im Tamil oder etwa im Telugu, abgefasst ist. 

Jetzt steht Sonnerat mit. seiner eigentümlichen Parialegende nicht 
mehr allein da. In dem Jahre, wo Benfey seinen Aufsatz über Goethjea 
Legende veröffentlichte (1862), erschien in Madras der dritte Band von 
William Taylors Oatalogue Raisonnee of Oriental Alannscripts. 3 ) Auf 
S. 207 — 211 analysiert Taylor ein Telugnwerk Namens Parasurämavijaya.*) 
Da die Handschrift lückenhaft ist. so ist die Analyse anvollständig. Das, 



1 Dass es gerade eine Legende von Parasuräina ist. <1 1 ■ - zur Parialegende umgeformt 

wurde, beruht gewiss nicht auf Zufall. J'ara-uräma hat für Südindien — wo Sunnerat die 
Legende kennen lernte — eine ganz besondere Bedeutung; wird doch die Enstehung des 
Landes Malcalon (- Malayälam), 'welches wir die Küste Malabar nennen', dem Para>urüma 
trieben: Sonnerat I, 141 (vgl. :'>1). Vgl. ferner die Auszüge aus Baldaeus u. a. bei 
Rhode I, 192ff.; Graul. Reise nach Ostindien. III, 226. 332 (Anm. 75); Taylor, A 
Catalogue Raisonnee of Oriental Manuscripts I, 1621'. 667: Wilson. Works IX, 24. Die 
alten Legenden von Parasuräma zusammengestellt bei Muir, Original Sanskrit Texts, I 2 , 
11211'. Zufolge der Tamulischen Tradition, berichtet Sonnerat I, 141, lebt dieser Gott 
[Parasuräma] noch auf der Küste Malabar, wo man ihn unter einer schrecklichen und 
widrigen Gestalt abbildet. Dafür malt man ihn auf Koromandel grün, mit einem viel 
sani'tereu Gesicht und giebt ihm in eine Hand eine Axt und in die andere einen Fächer 
aus Palmenblättern. 

2 Wie man sieht, i>t die Benfeysche Theorie von dem Ursprung und der Wanderung 
der Fälteln und Märchen mindestens so alt wie Sonnerat. 

3) Pischel i Vorrede zu seiner Ausgabe des Rudrata und Puiyyaka S. 9) bezeichnet 
diesen Katalog als 'curiously unscieutilie, but not at all useless'. Ich selbst habe eine 
Variante zu der Geschichte Canis (in der Historia Septem Sapientum) aus Taylors F.uch 
mitgeteilt in den Göttingischen Gelehrten Anzeigen von 1892, S. 649, Anm. 1. 

I Nach Wilson, The Maekenzie Collection 2 (Madras 1882) p. 290 heisst der Verfasse* 
des Werkes: Bhavaerna. 






Zu i loeth« - P 1 ;i I 

was uacb Taylors Meinung fehlt, ergänzt er 'aus anderen Quellen'. \ 
S. 210 heisst es: 

Towards r h» ■ close of the poem, tbe Brahmam remind /' fi 

of the fault, concerning bis mother, which is rather equivocallj expressed; 
luit ntusr probably alludes to the following circumstauce : 

Jamadagni's wife, the mother of Pdrasu Unna, was uai I Renuca; 

and one daj for a mental transgressi f strict conjugal fidelity, the father 

in anger told Pdrasu Rdma, to take Ins axe, and cur off" her head. He 
obeyed, and cut off tbe bead of his mother, near a parclieri, or harnl« 
outcast people; as well as the heads of some of those persons, ou their 
opposing bis design. The father, approving his proceeding, asked whal 
reward he required; when he requested, that bis mothers bodj might be 
re-animated. The father consented to bis request, having at the same time 
power to t'ultil it: and gave directions to his son, as tu the mode in which 
the head and body should In' joined together, promising bim to re-unite, 
and re-animate them. In the burry "t' the moment, instead of Ins mother's 
head, Pdrasu Rdma applied the bead of an outcast woman, u< his mothers 
lifeless trank: when the whole became re-animated. Ir is stated, thal on 
rhis legend the Pariars (or outcasts) fonnd their worship of various local 
nurnina, being none other than ideal forms ->t' the wife of Jamadagni, con- 
sidered to In- divine, as having given birtb to an alleged incarnation of 
the ilivinitv. 1 ) 

Bier haben wir also die Sonneratsche Legende mit der Kopfvertauschung 
und der Beziehung auf die Parias: mir wird bei Taylor dm- Kopf einer 
Verworfenen auf den leblosen Rumpf der .Mutter gesetzt, und diese li«-i->r 
Renukä, nicht .Mariatale. Seine Quelle giebt Taylor ebensowenig an wie 
Sonnerat. 

Noch eins. Wenn Benfej meinte Orient und Occident I. 728f.), dass 
Goethe kraft seiner wunderbaren dichterischen Gestaltungsfähigkeit an die 
Stelle des Tuches, worin Renukä bei Dapper das Wasser heimträgt, das 
freiwillige Hallen des Wassers zu einer krystallenen Kugel gesetzt habe, 



1 Erst nachdem ich diese arbeit abgeschlossen hau.', sah ich, dass Taylor bereits 
im zweiten Bande seines Catalogue Baisonnee, Madras L860, tntroduetion p. I.\\I\ 
Parialegcnde gegeben hat. Ich teile auch diese Fa ung im Wortlaut mit. da i 
Anfang der Fassung bei Taylor III, 210 in Willkomm. ihr V. tort: Jamadogni was 

h rigid or sage; who with his wife Renuca and his son Kamn, live.l in a Bort ofhern 
in some place north of India The wives of such sages wero pati vrüta, pre-( minentlj 
(haste: and so cold, that ice did not melt when held by their fingers. [f it did, that was 
proof positive of libidinous thought at least, if not more. One day Jamadngni -Mit his 
wife to a river to fetch a block of ice; and, on her bringing it, it was fonnd to be partiallj 
dissolved in her hands. In great wrath the sage commanded his son to Btrike off her head. 
which he did with (pdrasu) an axe. Some women of the villagers parat] interposed, and 
Rdma Struck off their heads likewise. The sage, repenting his rashness, propos< 'i to r< 
his dead wife; but, in the hurry of the monrnnt joined her head t<> a pariah's body, and 
the head of another para to hör body. Hencc the Pariahs worhip Renuca as a goddess. 



[i)2 Zachariao: Zu Goethes Parialegende. 

... wissen wir ja jetzt durch Düntzer, dass Sonnerats Reise Goethes 
Quelle war. Vbej gerade der von Benfey berührte Zug: Die schöne Frau 
des hohen Braraen bedarf beim Wasserholen keines Kruges, keines 
Eimers; 

Seligem Herzen, Frommen Händen 

Ballt sich die bewegte Welle 

Herrlich zu krystallner Kugel 

!■ Zug lässt sich auch Doch anderwärts nachweisen. In Paris erschien 178* 
ein Buch unter »lern Titel: Bagavadam ou döetrine divine, ouvrage Indien; 
cauonique; sur l'etre Bupreme, les dieux, les geans, les bommes, les diverses 
parties de l'univers, etc. Dieses Buch ist die französische Übersetzung 
eines tamulischen Werkes, das eine Umarbeitung und zugleich eine 
Abkürzung des alten Bhägavatapuräna repräsentiert. Es ist. wenn ich nicht 
irre, identisch mit dein Werke, das Taylor. ( atalngue Haisonnee III, 94ff.. 
zum Teil analysiert hat. Näheres bei Rhode, Über religiöse Bildung. 
Mythologie and Philosophie der Hindus I, 112ff. und bei Gildemeister. 
Bibliothecae Sanskritae Specimen (Bonnae ad Rh.. 1847) p. 56 n. Eine 
deutsche Übersetzung des Bagavadam ist in der mir nicht zugänglichen 
Sammlung Asiatischer Originalschriften I. Zürich 1791. enthalten. Im 
französischen Original wird die Geschichte von der Tötung und Wieder- 
belebung der ßenukä wie folgt erzählt (S. 267f.): 

Bcnougueij femnie d' Yemadacny, alla un jour chercher de l'eau a la 
foutaine; eile vif un ange Guetidarver qui passoit en l'air, et il etoit d'une 
rare beaute, eile le considera avec trop de complaisance pendant quelques 
nioments. Bientöt eile reprit courage, et rejeta un mouvement d'amour 
qu'elle avoit senti. Cependant lorsquelle voulut prendre de leau ä son 
ordinaire sans vase ni cruche, en la ramassant comme une boule. 
cela lui fut impossible. La purete de Tarne qu'elle avoit perdue, lavoit 
t'ait decheoir de Ce privilege. Son epoux ayant ainsi reconnu sa flaute, 
ordonna ä ses enfants de la tuer. Parasramen seul deferant it la parole 
de son pere. la tua. et aussi ses freres rebelies it ses ordres. Tont le 
monde desapprouvoit cette cruaute; mais Yemadacny satisfait de l'obeissance 
de Parasramen lui demanda ce qu'il souhaitoit de lui. Celui-ci -demanda 
la vie de sa mere et de ses frerfes. Le Patriarche lui remit sa Baguette 
et il les ressuscila.' 

II alle a. d. Saale. 









Eföfler: Sankt Michaelsbrot. [93 

Sankt Michaelsbrot. 

Vor, Dr. Max Höfler. 

Die beutigen deutschen Gebildbrote erscheinen als sogen, Kultgebäcke 
zu bestimmten Zeiten und zwar an christlichen Pesttagen, sowie an weltlichen 
oder Familienfeiertagen; erstere sind hauptsächlich Neujahr, Weihnachten, 
Ostern, Pfingsten, Lastenzeit (Fassnacht), Allerseelen. Martini, Nikolaus; 
letztere sind die Sippen- und [nnungsfeste (Schützenfeste /.. B. . Bochzeiten, 

Wochenbett, Taufe u. s. w. Dass diese Gebäckfor niclrl arsprünglich 

den christlichen Festen ihre Existenz verdanken können, ergiebl - i « ■ h aus 
den frühzeitigen, diesbezüglichen Verboten <\i'v Kirche, die so und >o ofr 
wiederholt wurden, und weiterhin ;ms der Thatsache, dass die Gebräuche 
ilvs Volkslebens aus verschieden-zeitlichen Entwickelungsstufen der Kultur- 
epochen sich gebildet haben. Wie die Volksgebräuche Glieder einer langen 
kulturgeschichtlichen Kette sind, an der jedes Glied seihst wieder aus ver- 
schiedenem, altem und jüngerem Materiale oder Schichten gebildet ist, so 
entsprechen auch die heutigen Kultgebäcke vom einfachsten und ältesten 
Brei bis zu dem feinsten modernen Tortengebäcke den verschiedenen Zeit- 
epochen des deutschen Volkstums: Die Hauptkultzeiten des germanischen 
Jahres sind nach dem für die Volkswirtschaft ausschliesslich massgebenden 
Sonnenstande die mit dem Frohnfasten verbunden gewesenen vier Zeiten 

(quatuor tempora, Quatember, Frohnfasten): die Sommer-Soi nwende 

(Sommer -Weihnachten), die Winter -Sonnenwende (Winter -Weihnachten . 
die Frühlings-Tag- und Nachtgleiche, die Herbst-Tag- und Nachtgleiche; 
jede war wahrscheinlich mit einer L— 2 wöchentlichen Vor- und Nachfeier 
verbunden. Mit dem Abschlüsse der landschaftlich verschieden langdauerndeu 
Weidezeit begann für den wirtschaftlich thätigen Germanen <\<>\- Winter, 
und mit dem Winter begann das germanische Neujahr. Die Verwechselung 
dieses germanischen Neujahrs mit dem später kirchlich eingeführten und 
auf verschiedene Zeiten festgesetzten christlichen Neujahre erklärt auch 
die Verwirrung in der Deutung der verschiedenen Volksgebräuche, die 
sich an verschiedenen Festtagen des Jahres bis auf die Neuzeit erhalten 
haben. In die Zeit drs germanischen Neujahr- fällt nun auch das Sankt 

.Michaelsfest der christlichen Kin-he. Mit dem Zeitpunkte der herbstlichen 
Tag- und Nachtgleiche begannen die Tage der A.ussenarbeif kürzer zu 
werden; das Abend- oder Lichtwirken. die Ahendarbeü wurde länger; das 
Niedergehen des Sonnenrades gab das Zeichen, dass auch die elbischen Nacht- 
gestalten thätiger zu werden anfingen; die Geistereinflüsse wurden stärker. 
In der Versöhnung dieser heim niedersten Sonnenstande am meisten thäl 
Marengestalten, d. li. in der Totenfeier liegt nun vor allein der Grund zu 
den mit einer festgesetzten Speiseordnung (Fasten = „festgebundene Speise- 



l.i.j Höfler: 

Ordnung) einhergehenden grossen Volksopfern, die nicht nur den Göttern, 
sondern oocb mehr den gefürchteten Seelen .Minen) der abgestorbenen 
Sippengenossen galten. Das Speiseopfer ist ursprünglich nur ein Seelen» 
opfer. Den zur Zeit des höchsten, namentlich aber des niedersten Sonnen- 
standes am häufigsten wiederkehrenden Geistern der Ahnen mussten be- 
stimmte, sie günstig stimmende Lieblingsspeisen vorgesetzt werden; ins- 

aders galt dies beim Beginn eines neuen Jahres, dessen kommende 
Fruchtbarkeit im ganzen von der Gunst und dem Wohlwollen der elbischen 
Geister wesentlich abhing. Wer eine andere als die so durch Brauch und 
Herkommen üblich gewordene Speise an einem solchen Tage der Wieder«* 
kehr der GeisteT zu sich nahm, dem schnitten diese nach der Volkssage 
den Bauch auf und füllten ihn mit Häckerling, oder er wurde von ihnen 
im Alptraume zur Rachequal getreten. 

Diese zeitweise nur erschei in mden Geister (Totenvolk und dessen 
Anführer) leben nun in der Volkssage unter verschiedenen Namen (Wode. 
Perchta, llulda Helle. Schimmelreiter, wilder Jäger, wildes Gejaid, Tyrann. 
alter Landrichter. Spinnerin. Frohnfastenmütterli u. s. w.) fort. Ihre Tage 1 
dos Wiederkehrens sind also eigentlich Totenfeste. Da von der Gunst 
dieser Geister auch der glückliche Ausfall der kommenden oder erfolgten 
Ernte abhing, so konnten Toten- und Erntefeier sogar zusammenfallen: 
daher erklärt sich auch, dass die Totenfeier der alten Marsen beim Tempel 
der nahrungverleihenden und erntespendenden Göttin Tanfana, der Gemahlin 
des Tins. in diese Zeit um Oktoberanfang fiel; dies war die Zeit der 
blutigen und unblutigen Dankopfer für die erhaltene Erntefülle, aber auch 
die Zeit der Versöhnung der Toteugeister, der Sühneopfer für die Ver- 
storbenen, von deren Gunst die Fidle der Ernte abhing. Bei den Angel- 
Sachsen und Schweden hiess darum der Oktober und November Blötmönath 
schwed. blotmänad) = Opfermonat; bei den Niedersachsen, Niederländern. 
Friesen und Dänen Schlacht- oder Ochsenmonat; bei den alten Isländern 
gormänactr (Schlachtmonat); bei den Deutschen ist seit dem 13. Jahrh. 
landschaftlich Fulinänt, Fülmönet, volle man für den September in der 
Regel, sehen für den November belegt (Weinhold, Die deutschen Monate 
namen, Halle 1869, S. 59). 

Solche Totenfeste lebten auch im Christentum e fort und scheinen als 
solche im christlichen Allerseelentag vereinigt worden zu sein. Mit diesem 
germanischen Totenfeste unmittelbar nach der Erntezeit oder im Beginn 
des "Winters, am germanischen Neujahre erklären sich auch die verschiedenen* 
auf den St. Michaelstag fallenden Volksgebräuche, die jetzt noch zum Teil 
üblich sind und deren hier erst Erwähnung gemacht worden muss. ehe wir 
auf da.- eigentliche Thema, das Michelbrot, eingehen können, wobei daran zu 
erinnern ist. dass St. .Michaelstag. St. Nikolaustag, Weihnachten und Neujahr 
als Schimmelreitertage mit Geschenkspenden im Volksbrauche identisch sind. 
was sich eben nur durch das germanische „Neujahr" erklären lässt. 



Sankt Michael I 1 '.' 



St. Michael, der sacer Mars Christianorum and praepositus paradisi. 
dessen Kirche zu Rom am 29. September t93 eingeweiht wurde, und 
dessen Bildnis auf dem frühereu deutschen Reichsbanner Btand, isr der 
Führer der Seelen vor Gottes Gericht, die er mit der Wage bemisst am 
jüngsten Tage, Patron der sterbenden und der verstorbenen Seelen, mit 
dessen l\nlt die ersten christlichen Missionare bestrebt waren, die volks- 
wirtschaftlich so wichtigen germanisch-heidnischen Totenfeste zu ersetzen 
Die ältesten Kirchen Süddeutschlands sind darum die St. Michaelskirchen. 

In deT Schweiz sind St. Michael namentlich häufig die Friedhofkapellen 
geweiht. Am Sonntag nach Michaelis wird noch die Missa aurea pro de- 
fanetis in katholischen Kirchen gelesen; lauter deutliche Zeichen dafür, 
dass ehemals auf diesen Tag eine Totenfeier fiel. St. Michaelsschlaf is1 
darum der ewige Schlaf oder der Tod. Der Freitag ror St. Michaelis 
heisst in ünterfranken der Eelltag (Hella = Todesgöttin). Die in den 
Lüften nnd mit den Winden einherziehenden Seelengeister, an deren Spitze 
Woden mit seinem Geisterheere umzog, flogen in dieser Zeit nach der 
herbstlichen Tag- und Nachtgleiche mit den Äquinoctalstürmen durch die 
Länder. Von der Gunst dieser Seelengeister hing, wie schon gesagt, die 
zukünftige Erntefülle ab; daher hal der Micheliswind, wie der Allerseelen- 
oder Neujahrswind, das ganze Jahr «Ins Vorrecht; daher isr St. Michael 
Wetterpatron. „Donuert der Michel viel Arbeil die Sichel" (d. h. im 
neuen Jahre); darum sind auch die Galläpfel am St. Michaelstage nach 
ihrem [nhalte ein Prognostikon für die Fruchtbarkeil des kommenden 
Wirtschaftsjahres. Ein altes Lied (Scheible IX. 243) lautet: „Ayns zyts 
nach sant michelstag, da der summer endes pflag, alle die feld beröbei 
Bind und das lob der kalte wind zerfüret und zerströbet." Auch die am 
St. Michaelstage volksüblichen Verbote des Kornsäens (Herbstsaat), der 
Feldarbeit, A(^ Spinnens hängen mit dem gefürchteten bösen Einflüsse 
der Seelengeister auf die Saal nnd Frucht nnd mit der früheren Stellung 
des Heiligentages als Eohe Zeit oder Hochfesl zusammen, dessen Erinnerung 
sich bis auf den heutigen Tag so erhalten hatte. 

.Mit dieser höchst bedeutsamen germanischen Totenfeier war der Ge- 
dächtnistrank, der Minnetrunk verbunden, der in nordischen Sagas als 
„Michaelsminni" erwähnl ist: darum ist „auf Michaelis Kirchweih im 
Himmel und auf Erden" (Oberbayern . d. h. sowohl die Verstorbenen im 
Himmel, deren Minne getrunken wird, als die ilberlebenden Sippegenossen 
auf Erden, die Gemeinde, haben ihren mit Opfertrunk verbundenen Fest- 
tag, mit dem die (südd. Meinwoche (Gemeinwoche . (niederd. hillige 
men-weke) begann, in der die Sippegenossen nach uraltem Brauche zum 
gemeinsamen Totenfeste sich vereinigten, daher St. Michaelstag im Eng- 
lischen ganging-day (Grangtag^ heisst. 

Noch heute ziehen ohne geistliches Begleite die Bauern dv> Isarwinkels 
auf 6— 8 Stunden Entfernung als Sippen zur hochgelegenen St. Michaels- 



196 Höfler: 

kirche in Gaissaoh, wo ein r Hellweg u üdcI «'in „heiliger Acker", sowie 
zahlreiche Kohlenreste und Steinkreise nnter Gräberhügeln, ein „um* 
gehender - Landrichter ohne Kopf u. s. w. auf das frühere Vorhandenseil 
einer heidnisch-bajuwarischen Toten-Kultstätte deutlich genug hinweisen. 

An die mii diesem Tage zusammenhängenden Opfer erinnern auch 

* 1 i * * nach demselben benannten Blumen, mit welchen vermutlich die Opfer» 

geschmückt wurde: Colchicum autumnale (Michelblume), Hypericum 

perforatum 'Jage -Michel nd.), Chrysanthemum tanacetum (Michelkraut). 

Gerichtstage und Opfertage fallen im germanischen Kalender zusammen. 

Sr. Michaelstag, als ehemaliger germanischer Festtag, erscheint aucli 
als herbstlicher Zins- und Dingtag. Ein Volksding' mit Märkten (Messen), 
Schlichtung von Streithändeln and Erlegung der Zehenten war mit jedem 
solchen Volksfeste verbunden; daher war die heute noch übliche „Galli- 
Sriff unmittelbar nach Michaelis, in der Galli- Woche, als Zeit der Ge- 
meindeabgaben festgesetzt: darum heisst „Michel" in der Schweiz auch die 
letzte Garbe; daher ist der „Michel-Hahn" ein Zinshahn. d. h. eine das 
ursprüngliche Huhnopfer ersetzende oder ablösende Abgabe, an die auch 
die englische „Michaelis-Gans" (Kulm und Schwartz, Nordd. Sagen, S. 517) 
erinnert. Auch die Volkssage (ebenda 172), dass Ochsen oder Pferde 
immer dann fielen, so oft die Bildsäule <\^-^ hl. Michael im frühereu Kloster 
Michaelstein hei Blankenburg a. H. am Amtshause von ihrer Stelle genommen 
wurde, ist ein Hinweis auf das frühere Tieropfer, das am St. Michaelistage 
gebräuchlich war und dessen Unterlassung Tierseuchen zur Folge haben sollte. 

Da<> mit Sr. Michaelstag ein neues Wirtschaftsjahr, das Neujahr, be- 
gann, erhellt nicht nur aus dem Vorrechte des Michaeliwindes fürs ganze 
Jahr, sondern auch aus dem Yolksbrauche, dass in Aichach (Oberbayern) 
-ler Gemeindehirte von Michaelis bis wieder auf Michaelis gedungen wurde? 
denn das war ein ganzes Jahr mit Anfang und Ende; auch im Havellande 
-ehr zu Michaelis die Dienstzeit der bäuerlichen .Mägde um (Kuhn und 
Schwartz, Nordd. Sagen, S. 401). 

Die gabenspendenden und opferempfangenden Dämonen zogen am 
Beginne des neuen Jahres durch die Gaue: darum ist in «ler Schweiz St. 
Michael als personifizierter Kalendertag des germanischen Neujahrs, wie 

■ ttristkind oder St. Nikolaus, ein Gabenspender (und Gabenempfänger): 
St. .Michael fliegt dort während der Vesper als Erzengel in den Häusern 
umher, um braven Kindern zu bescheren (Einsiedler Kalender 1851). Darum 
..hinter es auch, nach dem Schweizer Yolksausdrucke. am St. Michaelstage 
dem Klaus aus dem Himmel", d. h. St. Michael und St. Nikolaus haben 
Anspruch auf die deiche Kultzeit; darum treten sowohl St. Michael als 
St. Nikolaus als Schimmelreiter, d.h. als Seelenführer, die lebenspendend 
und geschenkeempfangend erscheinen, auf. 

Das Opfer, welches die Totengeister erhielten, war am St. Michaels- 
ein von den Sippegenossen zusammengetragenes Speiseopfer, das zur 



Sankt Michaelsbrot. 



1!»' 



Zeit des Beginns des Abend- oder Lichtwirkens dargebracht wurde. Ein 
Oberbleibse] dieses Kultopfers ist der Dimer Lichterschmaus, der sächsische, 
hannoversche, Würzburger und schwäbische Lichtbraten, der niedersächaische 
Krüselbraden u. s. w. Im Münsterlande werden am St. Michaelstage Heringe 
als Fastenspeise am Vorabende zum gemeinsamen Sippe-) Essen ., wie 
ehemals die BLultspeisen zum Opfermahle, gesammelt oder zusammen- 
getragen. Aus der Masse des zusammengetragenen, vegetabilischen Ma- 
terials, der „Samtregede", ergab sich das lokal verschiedene Michelsbrot, 
»las zwar ursprünglich ein Brei gewesen sein wird, das aber später am 
häufigsten Weckenform angenommen hatte. Zeitliche Vorläufer dieses 
Kultbrotes waren die in der unglücklichen Saatwoche, in der die Seelen 
besonders rührig Bind, in der sogen. Burkartswoche, im Hennebergschen 
üblichen Borkeiswecken (Fig. I), welche «'inen ungemein langen schmalen 



nun i ■ ■ ■/ liiUii 



Keil oder Zwick mit sein vielen Teilfurchen «Hier Querrissen, also ein 
deutliches Sippe - Opferbrot darstellen. Dasselbe wird in Würzburg am 
St Nikolaustage gebacken; wieder ein Beweis, dass auch St. Nikolaustag 
einen Teil des germanischen Neujahrs übernommen hatte. Sonst war der 
Borkeis- oder Burkartswecken am Burkartsmarkte am Dienstag nach 
St. Burkart als Patenbrot geschenkt wurden. In einem uiederdeutschen 
Kinderliedchen tieisst es darum: „Buckäucken vom Haiverstadt, bring 1 
nun klen' Kindiken wat!" d. h. tauen Burkartsweck vom Krammarkte. 
„Beim Feste der Goldenen .Messe zu Hildesheim, die zum Schlüsse 
der sogen. Gemeinwoche, 14 Tage nach Michaelis, begangen wurde, hatte 
das Hildesheimer Stift alle herbeigekommenen Gäste und Fremden nach 
altbestimmter Nenn zu bewirten. Aher das dabei allen gleichraässig 
Zukommende war ein grosses Zweckbrot. Als der Kloster-Reformator 
Bruschius eben zur Zeit dieses Festes das Stift besuchte, erhielt er neben 
den übrigen aatzungsmässigen Gerichten, dem bestimmten Quantum Tafel- 
wein und den vorgeschriebenen vier Schillingen Zehrgeld ein ,weis 
Weckenbrot von solchem Umfange vorgesetzt, dass nach seiner Versicherung 
alle damaligen Tischgenossen zusammen daran genug gehabt hätten" Roch- 
holz, Deutscher Glaube und Brauch, I. 310). Hier lag sicher eine alte, 
früher von den Sippengenossen unterhaltene. Bpäter auf das Stift über- 
tragene Totenopferspende vor. wofür auch schon die weisse "au das Toten- 
mehl erinnernde) Farbe >\c> Weckens und dessen zur Verteilung geeignete 
I rrösse spricht. 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1901. 



Uöfler: 

\in Tage oacfa St Michael, am 1. Oktober (Remigius), fand zu Her- 
ford Reg.-Bez. Minden), -las heut.' ooch durch seine Zuckerwaren bekannt 
ist, die altsächsische Weckings- (Wittekinds-) Spende, d. h. die Verteilung 
der TLmpensemmeln an die Schüler statt, um das Angedenken des am 
Nordhofe bei Enger begrabenen Sachsenherzogs Widukind zu feiern. Die 
benachbarten Höfe und Dörfer steuerten nach ihrer besonderen Pflichtigkeit 
bei: das ganze Kirchspiel schmauste mit" (Rochholz a. a. 0. I, 313). 
D 3es aus Semmelmehl hergestellte Gebäck muss nach seinem Namen 
ein eckiges (mnd. die timpe, westfäl. der timpen, Zipfel), vielleicht ein 
• ivi/.i|>!lirli.'s Brot gewesen - < • i 1 1 . das der Timpendreher (mnd. timpendreier) 
ii. a. zum Timpkenfeste herstellte und das auch zum honigsüssen Timpen- 
brei verwendel wurde 1 ): es wird identisch sein mit dein Salz ufeler Timpen- 
stuten. 

In Westfalen erhielt früher das Gesinde auf Michaelis (die Zeit des 
wirtschaftlichen Jahresanfangs) eine Tonne Bier und Stutenbrei, d. h. 
eine mit Stutweckenbrot eingeschnittene Milchsuppe (Schiller-Lübben, 
Mnd. Wörterbuch, 4, 455). Diese Stutwecken, die der Stütner (1520 stutenär) 
herstellte und die als ..Stutenbrot" jetzt noch bei ostfriesischen Leichen- 
begängnissen verteilt werden, haben ihren Namen von ihrer Gestalt, die 
wie der obersächsische Stollen und hamburgische Kloben die Vereinigung 
des stangenförmigen Weckens mit dem weibliehen aidotov darstellt. Das 
Stützel ist das Deminutiv zu Stute und hat deutlich die ( unnusforrn: 
dabei - muss Stuten als Backwerk in seiner Etymologie dem sächsischeil 
Stellen oder bayerischen Stützen entsprechen «»der dem Frankfurter Weck- 
stotzen. Als „Stute" (ndl. stuite, mnd. 1631 stoete, stuyte = panis triticeus 
quadratus, uropygium) gehört das Wort dem nd. Sprachgebiete an und hat 
te Verbreitung von Holland und Schleswig an bis Köln und Halle. 
Die rundkonvexen Bauernstuten im Bergischen mit einer deutlieh an 
die Rima vulvae erinnernden tüchtigen oberen Kerbe oder Kluft sind die 
wahren typischen Stuten. Audi die Quedlinburger Mutzstützel haben die 
gleiche Cumiusform wie die Maultasche oder Maulschellen (Mutschellen, 
Mutzelen); kurzum etymologisch und nach der Form haben wir es dabei 
mit einem beute als obscön geltenden Gebildbrote zu thun. wie beim 
Spaltgebäcke des Stollens. 

1329 legte der Bischof Heinrich zu Naumburg dem Bäckergewerbfl 
daselbst als Entgelt für das erteilte [nnungs-Privilegium auf. g-leichmässig 
an dem (älteren Neujahrstage) St. Michaelstage, und am Geburtstage 
('hrisri der auch einmal Neujahrstag war) 12 Gulden .Meissner und zwei 
lange Weizenbrote, Stollen genannt, zur bischöflichen Hofstatt zu ent- 
richten (Lepsius, Kl. Schriften, 1. 253). Diese Stellen (Fig. 2) sind, wie 

1) Nach ' Wörterbuch der westfäl. Mundart, Norden 18S2, S. 271 ist der 

Timpenbri 'ine Kaltschale au- Branntwein, Zucker und Pffefferkuchen, die auf Hochzeiten 
gereicht wird. 






Sankt Michaclsbrot 






2 3agt, verlängerte Kloben oder weckenlange, pfostenartige Spaltgebäcke, 
<lie die phallische Wecken- oder Keilform mit der des (hani burgischen ] 
Klöwen (zu klieben = spalten) (Fig. 3) and des thüringischen Schiedchens 
(zu scheiden spalten) (Fig. 4) vereinigen. Charakteristisch für diese 
drei Gebäckformen ist der obere Längsspalt und die keilförmig« I 

1 Wecken and der Längsgespaltene Stollen Bind eben Fruchtbarkeits- 
symbole, die als frühere Opferbrote den <li<' Fruchtbarkeit beeinflussenden 
Seelengeistern oder Gottheiten beim Beginn eines ueuen Jahres dargebracht 
wurden. 1>it obersächsische Stollen ist also durchaus nicht ein specielles 
Weihnachtsgebäck (man wollte sogar ein Wickelkind in seiner Form 
licken). 



Fig. 2. 




' 



Fijr. I. 






In Flandern bäckt man zum Michaelistage eine Art Weissbrot, Voti- 
erte -.mannt, die man den Kindern des Nachts heimlich unter das Kopf- 
äsen steckt, damit sie dieselben am Morgen des früheren Neujahrs) 
beim Erwachen ümlmi. ähnlich den Ostereiern, die man muH, im Bette 
versteckt. 1 ) 

Dass die Zeit von St. Michaelis eine germanische Kultzeit war, erhellt 
auch aus dem englischen Brauche der Michaelskuchen. „Die protestan- 
tischen Einwohner der im Westen von Schottland liegenden [nsel Skye 
haben auf Michaelistag einen Aufzug zu Pferde in jeder Pfarre. Ei 
Familien backen dazu St. Michaelscakes, welche auch St. Michaelsbannok 
(Hafer- oder Erbsenmehlkuchen) heissen. Ebenso halten die Einwohner 



1) Nach Schuermans, Algeraeen Vlaamscb Idioticon, Leuveu 1S65-70, 
Tolard, vollaerd ein langer Kuchen, der zu Weihnachten und Neujahr in Uestflandern 

eken wird. 

14* 



•Jini Höfler: Sankt Ifichselsbrot. 

des Dorfefl Kilbar in derselben Gegend auf St. Michaelia einen gros 
umritt and ziehen dabei um die Kirche. Sobald diese Feier vorbei ist. 
eilt jede Familie nach alter Gewohnheit den Michaeliskuchen zu backen, 
von welchem an diesem Tage alle Familienglieder and mich die Fremden 
essen. Za St. Kilda war es bis kürzlich unter den Insulanern allgemeine 
Sitte, in jeder Familie auf St. Michaelistag einen Laib Brot oder einen 
Kuchen von Brot zu hacken, angeheuer gross und von verschiedenen lb- 
standteilen am den Segen für alle diese Feldfrüchte zu erlangen). Dieser 
Kuchen gehörte dem Erzengel Michael (<1. h. dem Totenführer) und heissi 
nach ihm. Ein jeder in der Familie. Fremder wie Dienstbote, bekam 
seinen Teil von diesem Schaubrote und hatte somit Anrecht auf die 
Freundschaft und den Schutz dieses Heiligen" (Jahn, Opfergebräuche, 'J4'.»). 
Au anderen Orten erhält dieses Michaelbrot der Pfarrherr an St. Michaels- 
kirchen, z. B. in dem schon oben erwähnten Pfarrorte Gaissach bei Tölz, 
wohin der ganze Ismwinkel die runden Altarlaibe am Kirchweihtage 
(St. Michaeltag) aus uralter Gepflogenheit brachte und am Kirchenaltar 
opferte. Dieser Brauch gab sogar Anlass, dass in unmittelbarer Nähe von 
Gaissach unterm „Heimweg 1 ) eine Ortschaft „Pfistern" (pistrina) entstand. 
in der die Bäckerei, die doch sonst nur eine Hausarbeit, wenigstens in 
den dortigen bäuerlichen Kreisen war und noch ist. schon sehr früh als 
ein eigenes Dorfgewerbe ausgeübt werden konnte infolge des Concursus 
populi zur uralten Sepultur daselbst. 

Auch die Schweizer haben ein eigenes St. Michaelsbrödli. 

Die erste Woche nach St. Michael war die heilige Mein- oder Gemein- 
woche. ad. Meneweke, die Woche der goldenen Messe, missa aurea pro 
defunetis in Niedersachsen, von der die „drei goldenen Samstagnächte- 
iliren Namen halten, die in die drei Wochen nach Michaelis fallen. Auch 
an diesen mit dem Totenkulte zusammenhängenden Tagen fanden (nach 
Höfer 1. 306) Wallfahrten mit Semmelopfergaben statt, und es wurden 
für die Verstorbenen der ganzen Gemeine Messen gelesen. 

Eine zeitlich etwas hinausgeschobene Gebäckspende, die aber ebenfalls 
mit dem Totenkulte der Herbst-Tag- und Nachtgleiche Zusammenhang hat. 
bilden die Bchlesischen Gebäcke am St. Hedwigstage (17. Oktober), über 
welche künftig berichtet werden soll. 

Aus obiger Zusammenstellung der Michaelsbrote mit den am St. Michaels-» 
tage volksüblichen Gebräuchen ergiebt sich zur Genüge, dass das germa- 
nische Neujahr mit einer ganz ausgesprochenen Totenfeier und einem 
Erntefeste verbunden war. 

Erklärlich und selbstverständlich ist es, dass sich nun im Laufe der 
Jahrhunderte von diesem germanischen Neujahre verschiedene Gebildbrote 

li In den Niederlanden heisst dieser Totenweg likweg Leichenweg), uoo<l-weg, ree-weg 
(vgl. Be-B 



Drechsler: Der Wassermann im schlesischen Volksglauben. 20J 

auf andere Neujahrstage, 8t. Nikolaus, Weihnachten und das moderne 
Neujahr übertragen haben müssen, nachdem der Jahresbeginn durch <li<' 
rerschiedenen Kalender der christlichen Kirche einmal vom St. JAichaels- 
taga verschoben worden war. Eis ist sogar zu erwarten, dass durch den 
Einflusa der Kirche an den christlichen NeujahrB tagen die ehemal 
heidnischen Gebildbrote sich noch mehr häufen. Dadurch erklär! es sich 
auch, dass am St. Michaelstage die Zopfgebäcke, das typische germanische 
Totenbrot, fehlen, da sie ganz and gar entweder auf 'las moderne Neujahr 
oder auf den christlichen Totenfesttag Allerseelen übertragen wurden, 
während die Erntefeier- oder Fruchtbarkeitsgebäcke inniger am wirtschaft- 
lichen Neujahrs- oder dem St. Michaelstag haften geblieben waren. 

Bad Tölz. 



Der Wassermann im schlesischen Volksglauben. 

Von Dr. Paul Drechsler. 



Nach altem Glauben sind Quellen und Brunnen, Bäche und Flüsse, 
Seen und Teiche belebt, aus ihnen kommen die Kinder, hierher kehren 
ihre Seelen nach dein Tode. Aus diesem Seelenglauben erklärt sich die 
Verehrung des Wassers bei allen Völkern; vgl. Mogk im Grundriss der 
german. Philologie, IM. S. 296. Ins Wasser darf man weder spucken 
ooeh harnen. Letzteres gilt auch nach christlicher Umdeutung für einen 
Frevel, der nichts anderes bedeute! als dem liehen Gott ins Angesicht 
harnen, und wer ins Wasser spuckt, spuckt nach lebendigem Glauben in 
Oberschlesien und der Grafschaft Glatz der Mutter Gottes ins Antlitz. 
Andererseits spuckt man im polnischen Oberschlesien Beuthen < > .-S., Zabrze) 
ins Wasser, wenn man die Pferde in die Schwemme reitet oder sie im 
Wasser tränkt, um durch das Spucken böse Wirkungen, hier Bauchschmerzen 
der Pferde, abzuwenden, denn Geistern ist das A.usspeien der Menschen 
zuwider: Grimm, Mythologie, S. 481. 565. 

Auf den alten Seelenglauben geht mich die Wunderkraft mancher 
Quellen und Brunnen zurück, und allenthalben <riebt es muh in Schlesien 
Wunderbrünnel und wunderkräftige Heilquellen, so die vielen Hedwigs- 
brunnen, der Mirakelbrunnen bei Liegnitz (Schles. Proyinzialblätter L864, 
S. 336) u. v. a. 

In Brunnen und Teichen wohnen elbische Wesen, wohnt Frau Holle 1 , 



1) Mar ihr der Hollenberg bei Striegan geweiht, auf dem früher ein Wunder- 
brünnel floss? 



■jii-_> Drechsler: 

.in deren Stelle Bpäter rielerorten die Jungfrau Maria tritt, und wohnt 
iders der Wassermann oder Wassernix Bunzlauer Monatschrifl 
1791, S. 106 mir seinem Weibe, der \\ assernixe, Wasserlisse, Wassi - 
lixe oder Wassermannin (Mitteil, der Schles. Gesellschaft, 1. S. 1 r> N und 
seinen Töchtern, den Nixen. Letztere Btecken in der Klodnitz und in 
den Teichen um Zabrze in den dorl häufigen grossen Wasserlilien ihre 
K ■ •{ »t« • herror. In Niederschlesien bis aber Breslau hinauf, hier and da 
im Gebirge, Reichenbach, an der Neisse, der Oder, in der Gegend von 
Löwen und Brieg herrscht die weibliche Gestalt und Namensform "Was s 
lisse vor: wo polnisches Sprachgebiet anfängt, tritt scharf umrissen der 
Wassermann (wodne chlup, Topielec oder Utopletz) auf. 

Wie der Wassermann, wenn auch nicht die kleinen Rinder, sc» docjb 
wenigstens «las neugeborene Vieh bringt (Glatzer Vierteljahrsschrift, III. 
S. 1 tO), so zieht er die lebenden Wesen, besonders die Kinder, wenn sie 
an seinem Ufer spielen, an einem unsichtbaren Stricke in die Tiefe. Für 
diesen (Hauben bringt W. .Müller in Geschichte und System der altdeutschen 
Religion, Göttingen 1844, S. .".7.") Anm. 4 ein älteres Zeugnis aus der vita 
S. Sulpicii bituricensis (-}- 614) in act. Beued. sec. 2, p. 172 bei: „si aliquis 
causa qualibet ingrederetur eundem (sc gurgitem), repente funibus daemo* 
niacis circumplexus amittebat crudeliter vitam." Statt eines Strickes bedient 
sich der Wassermann auch, wie die nordische Meeresgöttin Ran, eines 
Netzes, vgl. Kuhn. Mark. Sagen. S. 371, oder, in Miedersachsen, aber auch 
in Mittel- und Oberdeutschland, eines Ifakens, daher Hakemann genannt 
(Mogk a. a. 0. S. 297). Seine älteste Natur ist wild und menschenfeindlich, 
entsprechend der unheimlichen, oft verderblichen Gewalt der tiefen Wasser: 
Y-l. Weinhold, Beitrag zur Nixenkunde auf Grund schlesischer Sauen in 
der Zeitschrift des Vereins für Volkskunde. V, S. 122. Eigentümlich is! 
dem Wassermann das unheimliche Kichern und Lachen, eine lautliche 
Malerei des plätschernden, ans Ufer klatschend anschlagenden Wassers. 
Ähnlich bedeutet im Griechischen y.ay ■/'/.< uo ..laut lachen" und „plätschern, 
sprudeln". („Sprudeln" gebraucht man im Schlesischen auch gern für «las 
„Kirmeln" (Lustäusserung) und Lachen kleiner Kinder."; Auch hört mau 
ihn im Wasser oft glucksen 1 ) (Katscher, Beuthen O.-S.). 

Besonders hasst der Wassermann die Müller, weil die .Mühlräder den 
freien Fluss des Wassers hemmen, sich dienstbar machen und in den 
.Machtbereich des Wassergeistes gleichsam störend eingreifen. Daher geht 
zur Julzeit das mächtigste schwedische Wasserwesen, dcv Neck, aus seinem 
stillen Wasser in alle Ströme und zerbricht die nicht gehemmten Mühl- 



l) Bekanntlich fahrt man auf diesen Gluckton und seine ursprünglich niederdeutsche 
Bezeichnung kielen das Wort Kielkropf zurück ((irimin, D. Wb., 5, (581). Diese Er- 
klärung kennt auch Fischer in seinem Buche vom Aberglauben 1791, S. 57: „ — Kielkropf 
(so heissen die Nickertskinder, weil es in ihrem Kropf stets kiehlt oder kluchzet)." 



1 1) r Wassermann im 

räder: B. II. Meyer, German. Mythologie, S 131. Von der Feindschaft des 
Wassermanns gegen den Müller weiss das Volk viel zu erzählen. 

Der Wassermann stritt sich oft mit einem Müller herum, der gegen 
ihn rücksichtslos war and seiner Macht spottete. Eines Tages hatte der 
Müller am Mühlrade etwas zu thun und musste ins Wasser. l>.i stieg es 
plötzlich höher und höher, umflutete ihn von allen Seiten und drohte ihn 
zu ersticken. Da merkte der Müller die Nähe des Wassermanns, beschwor 
ihn. sein Leben zu schonen, und versprach, ihm dafür Bieben Leben zu 
opfern. 1 ) Sofort fiel »las Wasser, und der Müller konnte sein Rad aus- 
bessern und den Bach verlassen. Kurz darauf warf Beine Hündin Bieben 
Junge. Er trug diese zum Mühlbach und warf Bie mit den Bpöttischen 
Worten hinein: „Hier, Wassermann, hast du die Bieben Versprocher, 
Nicht lange darauf fiel ein Kind des Müllers in den Mühlgraben und er- 
trank. Ihm folgte bald das zweite und dritte in den nassen Tod. Da 
wurde es »lern Müller nur zu klar, dass sich der Wassermann die 
sprochenen Opfer hole. So sehr sich auch die zwei letzten Kinder der 
Müllersleute vor dem Wasser in acht nahmen und von den anderen bewacht 
wurden, bald zog man sie als Leichen ans Ufer. Ah mau das fünfte Kind 
aus dem Wasser hob, glitt die Müllerin aus. fiel in den Graben und ertrank. 
Voller Verzweiflung stürzte sich der Müller jetzt selber ins Wasser, und 
der Wassermann hatte die sieben versprochenen Lehen (Beuthen O.-S., 
Tarnowitz, Rybuik, Sorau). 

Tritt in dieser verbreiteten Sage die Leibliche Erscheinung des Was 
manns hinter seinem Elemente ganz zurück, so zeigen ihn andere Sagen 
in verschiedenen Gestalten. Oft erscheint er in Oberschlesien als lisch. 
der am Dfer auf- und niederschnellt, um Vorübergehende anzulocken, ihn 
fangen zu wollen; vgl. dazu Weinhold a.a.O. S. 123, wo reichliche, aber 
nur norddeutsche Litteraturaugaben verzeichnet sind. Ein anderes Wasser- 
tier, dessen Gestalt dm- Nix annimmt, ist die Gans Beuthen O.-S.). Die 
Vogelgestalt bezeugt auch folgende Erzählung eine. Gewährsmannes aus 
der Umgegend von Beuthen 1900): „Vor 30 Jahren, als ich noch ein Kind 
war, wateten wir zu unserem Vergnügen in den Dorfteich. Plötzlicherhob 
sich aus dem Wasser eine Gestalt, das war der Wassermann. Er sah aus 
wie ein grosser Adler, hatte auf dem Kopfe eine rote Zipfelmütze und 
stand auf den Beinen. Er flatterte mit den Flügeln und schlug um sich. 
und als wir flüchteten, verschwand er lachend im Wasser," 

Um Beuthen, Tarnowitz und Lublinitz stellt sich die Einbildung des 
Volkes den Wassermann auch als Hund vor, in <\>'v Gegend um Ratibor 
als schwarzen Pudel. Mir wurde voriges Jahr erzählt: Vater. Mutter und 
Tochter gingen an einem Sommerabende (d. h. nach dem Lbendläuten 
an der Bäche spazieren. Da erblickten >ie im Wasser den Wassermann, 



1) Vgl. zu diesem Zuge Grimm, Kindn- und Hausm&rehen, X-. 181. 



•_'ol Drechsler: 

ii .in- wie ein 1 1 ni)*l. Er schwamm aber nicht, wie es ein Hund zu 
thun pflegt, -'>nd. tu watete in dem Bache hin wie »du Mensch, auf den 
Hinterbeinen aufrecht stehend. Was aber d;is Merkwürdigste war. er er- 
schien jeder Person in anderer Grösse und Farbe. Auch der schottische 
waterkelpie erscheint als Seebund, vgl. E; H. Meyer a. a. O. 8. 131. öfters 
ii iTiim r der Wassermann die Gestalt eines Pferdes an. So heisst er im 
schottischen Hochland geradezu riverhorse, und auch auf Island hat der in 
Elossgestalt erscheinende nykur den Namen „Wasserpferd" (vatnahestr). 
Mogk, Grundriss, 111. S. 296; vgl. auch Liebrecht, Gervasius, S. 133. 

Aiuli dazu stimm! der schlesische Glaube. Im polnistdien Oberschlesieti 
wird folgendes gern erzählt: Ein .Manu ging über Land; sein Weg fahrte 
an einem Bache hin. Da sah er am Ufer im Sande einen grossen Fisch 
auf- und abschnellen. Er eilte hinzu, packte geschwind den Fisch und 
steckte ihn in seinen Brotsack, den er umgehängt hatte. Als er erfreut 
weiterschritt, wurde ihm der Sack immer schwerer. Plötzlich hörte er 
aus dem Wasser eine Stimme fragen: ..Mann, wo steckst du denn?" — 
..S.-it einer halben Stunde hier im Sacke!" antwortete es an seiner Seite. 
Da winde es dem .Manne grauerlich; auch war die Last nicht mehr zu 
ertragen. Er warf den vermeintlichen Fisch hin und sieh da! ein kleine- 
nacktes Männlein sprang lachend zu seinem Weibe ins Wasser: es war 
der Wassermann. 

Nach geraumer Zeit ging der nämliche Mann wieder über Land. 
Auch diesmal führte ihn der Weg an einem Wasser hin. über eine Wiese. 
Da sah er ein gesatteltes Pferd in seiner Nähe grasen, und weit und 
breit war kein Mensch zu sehen, dem es hätte gehören können. Behutsam 
näherte er sich dem schönen Pferde und ergriff seine Zügel. Gewiss ist 
• - aus dem Dorfe fortgelaufen, dachte er bei sich: ich will es mitnehmen. 

I m bequemer fortzukommen, schwang er sich in den Sattel und ritt 
auf dem mutigen aber willigen Posse dem nahen Dorfe zu. Kurz vor 
seinem Ziele lag der Dorfteich. Bei ihm hielt das Pferd an, der Mann 
stand plötzlich auf der Erde und vor ihm der Wassermann und sagte: 
..Neulich hast du mich getragen, heute habe ich dich getragen: wir sind 
quitt." Lachend verschwand er im Wasser. — Dieser neckische Zug am 
W assermann begegnet in Sagen sehr oft. Auch zeigt diese Sage, dass der 
Nix einen ihm geleisteten Dienst mit gleicher Münze zurückzahlt: vgl. 
W . Midier. Gesch II. System u. 8. W., S. 374f. 

In Zabrze wurde mir vor kurzem erzählt: Ein .Müller hatte in der 
Nähe seiner Mühle eine Wiese. Jedesmal, wenn er das Gras abgemäht 
hatte und zum Trocknen liegen liess. kam in der Nacht ein fremdes 
schwarzes Pferd und frass ihm eine ..Kappe" Heu. Der Müller wusste 
sich keinen Kat und erzählte es schliesslich dem Pfarrer. Dieser riet 
ihm: ..Nimm einen geweihten Strick, geh um Mitternacht auf die Wiese 
und fang das Pferd ein. Aber hüte dich, ihm jemals Wasser zu geben!" 



Der Wassermann im schlesisehcn Volksglauben. 20f) 

Der Müller befolgte den Rat und fing das Pferd, das ihm bei der fielen 
Arbeit zu statten kam. Einmal war er in die 8 gangen and hatte 

seinem K 'hte hinterlassen, er Bolle das Pferd futtern. !>••!• Knecht iliai 

bemerkte, dass das Pferd sehr mager war und sprach halblaut voi 
Bich hin: Wie kommt's nur. dass der Gaul bei dem Pntter ao mager ist? 
Da hörte er zu seinem Erstaunen das Pferd reden and Bagen: <Üel> mir 
etwas Wasser! Der Knecht brachte 'las Verlangte. Da bat ihn das Pferd, 
er möchte ihm doch ein bisschen den Strick abnehmen. Der Knecht that 
auch 'las. Kaum war 'las Pferd frei, so war es im Wasser verschwunden. 
Der Knecht hörte nur noch eine Stimme, die ihm zurief: Sag deinem 
Herrn, dass ich ihn dafür, dass er mich gefangen hat, ertränken werde! 
\ - der Müller nach seiner Rückkehr alles erfuhr, erschrak er sehr und 
hütete sich vor dem Mühlgraben. Später kam er einmal an einen Fluss: 
<la sprang ein kleiner Mann heraus und zog ihn in die Tiefe. 

Diese Verwandlungsfähigkeit stellt den Wassermann neben den be- 
kannten griechischen Meergreis Proteus, der sich in alle möglichen Ge- 
stalten zu wandeln vermochte; durch die Annahme der Rossgestalt tritt 
er zu dem Meerbeherrscher Poseidon, der auch als Ross erscheint. Bei 
allem handelt es sich um Veranschaulichungen des in rasch wechselnder 
Mannigfaltigkeit dahinflutendcn Wassei s. 

Nicht immer rauscht das Wasser verderbenbringend. Sein sanft an- 
schlagendes und in regelmässigem Wechsel zurücksinkendes Wellenspiel 
bestrickt das Gemüt mir übermächtigem Zauber, dem es sich willig hin- 
giebt, ohne sich jedoch des Granens vor der geheimnisvoll dämonischen 
Macht des Wassers ganz erwehren zu können. Wie dieser Steigerung des 
Naturgefühls die duftigsten Blüten der Dichtkunst entspriessen (man denke 
an Goethes „Fischer"), so entspringt ihr im Volksglauben die Auffassung 
der Wassergeister als lach- und tanzlustiger, frohsinniger Wesen, die 
besonders den vertrauten Verkehr mit warmfühlenden Menschenkindern 
suchen, für die die Verbindung allerdings zuletzt zumeist mit Leid endet. 
Hier finden zahlreiche scblesische Sagen ihre Beleuchtung und Erklärung. 
Idi berücksichtige nur solche vom Wassermann. 

Bei Dombrowa, in der Nähe von Beuthen, ist ein Teich. An Beinern 
Ufer hüteten drei Mägde die Kühe. Da sprang auf dem Wasser auf einmal 
ein kleiner Instiger Mann herum und lockte die Mädchen zum Tanze. 
Schon wollten sie herangehen, da kam ein Jäger aus dem Walde und 
warnte sie. dem Männlein zu folgen: es sei der Wassermann; er würde sie 
packen und in die Tiefe ziehen. Doch die eine von den Mägden ging 
nahe heran, und da ihr das Männlein rufe Bändet und Schmuck zuwarf. 
folgte sie ihm aufs Wasser, und sie tanzten zusammen. Da liess Bich 
auch die zweite verlocken und tanzte mit ihm. Jetzt wellt.- er sich auch 
mit der dritten Magd benecken. Di.' aber sprach: „Komm nur. du kleiner 
Schwindler!" Weil sie sresegnetes Brot bei sich hatte, warf sie ihn 



206 l 1 echsler: Der Wassermann im schlesischen Volksglauben. 

damit, packte ihn dann und Bchlug ihn mit der linken Hand, so dass er 
sich nicht zu helfen wusste. Endlich Hess sie ihn los, und er verschwand 
mit den beiden Mägden in die Tiefe. Ähnliches erzählt man vielerorten. 

Prägen wir nach der leiblichen Erscheinung - , durcli die er sich der 
menschlichen Bildung annähert, bo hören wir in Schlesien: 

Der Wassermann ist ein kleines ältliches Männlein von Kindergestalt. 
Er hat grüne Zähne, langes zottiges Haar, zuweilen mit grünen Wasser- 
pflanzen durchflochten, trägi eine rote Kappe und rote 1 ) Strümpfe; sein 
Gesicht ist greisalt mit Glotz- oder Fischaugen. Wegen der roten Kleidung 
erscheint der Wassermann in oberschlesischen Sagen auch als roter Husar 
Beuthen 0;-S., Zabrze). Auf die roten Strümpfe zielt auch ein schlesisches 
Kinderspiel, «las Wassermannspiel. Ein Kind steht in einer Vertiefung, 
die oVn Wassergraben vorstellt, die anderen Kinder springen am Ufer 
herum und singen spottend dabei: 

„Wassermannel, zieh mich rei(n)! 
Ich hö-'n rüt'n Strnmp verlorn. 
Ich möcht'n garne wieder hon." 

(Kreis Leobschütz und Kreis Brieg.) 

Der Wassermann hascht nach den Kindern und sucht eines von ihnen 
in die Tiefe zu ziehen; vgl. Weinhold, Zeitschr. Y. 54. 

Ähnlich tanzen an der Tauber die Kinder am Ufer herum und rufen: 
Wasserfrale, Wasserfrale, zieh mi nei di Tauber!" E. H. Meyer, Badisches 
Volksleben, 1900, S. .31f. - Im polnischen Oberschlesien, wo der Wasser- 
mann noch heute eine grosse Holle spielt, beschreibt man ihn als ein 
nacktes graues .Männlein, das mau im Wasser glucksen höre oder in mond- 
hellen Nächten auf dem Dfer oder auf «lern Flusswehre sitzen sehe. Oft 
läuft es aus einem Wasser ins andere; dann trägt es ein rotes Gewand 
oder rote flatternde Bänder, die es auch am Ufer hinbreitet, um Kinder 
damit anzulocken, (lern zieht der Wassermann auch Jünglinge in die 
Tiefe und verheiratet sie in seinen prachtvollen Wohnungen (vgl. Wolf, 
Beiträge, 2,290) mit seinen Töchtern oder behält sie zu seiner Bedienung: 
Lompa in Schles. Provinzalbl. 1862, S. 395; vgl. Liebrecht. Zur Volkskunde. 
S. 357. Vor dem Palaste des Wassermanns liegt auch nach schlesischen 
Sagen eine Wiese; über sie müssen die (wohl ursprünglich nur vom Wasser- 
mann hinuntergezogenen) Toten. So erscheint der Wassermann als Todes- 
theit wie die Ran. Dies meint auch ein hierzulande geläufiges polnisches 
Sprichwort: ..Der kann's noch weit bringen oder: der wird schon fort- 
kommen, wenn ihn die Liska nicht aussaugt", d. h. nicht ins Wasser 
zieht und durch Aussaugen des Blutes (Lebens) tötet. Vgl. zu der Redensart 
..der Nix hat sie gesogen" Wolf, Beiträge, 2, 292. Vielleicht hängt mit 
diesem Worte Liska die schlesische Form Lisse, Wasserlisse zusammen. 

1) Vgl. Wolf, Beiträge, :.'. 282: Liebrecht, Gcrvasius, S. 121. 



Höfler: >t. Hubertus S< hlüss< I. -jul 

Sie begegnet bei Gryphius im Peter Squenz: die Wasser-Lüss, bei Rössler, 
wir der Schnabel gewachsen, s. LCJ5: 

iinse Uder-Lissc 
Treibt och ihre Kniff und Riss 

los zu Johannis fordert der Wassermann jährlich drei Opfer Benthen 
O.-SV. in der Gegend am Liegnitz, Leobschütz, Katscher begnügt er sich 
mit einem. Wer abends badet, fällt ihm gewöhnlich zum Opfer. 

Der Wassermann ist 1). 'sonders in ganz Oberschlesien zti Hause. Doch 
findet er sich auch in der Grafschaft, wo er einen Sack auf dem Rücken 
trägt, an der Neisse und an der Oder an mehreren Stellen; wer die betritt, 
muss sofort versinken. Um Wohlau lockt er mir dem Rufen: „Hol über!" 
die Menschen ins Verderben. 

Wer geweihtes Brot bei sich trägt oder sich neunmal geweihtes 
Johannisbrot (vgl. oben Johannistag) in die Kleider näht oder zweimal 
gebähtes Brot isst, über >\>-n hat der Wassermann keinen Fug; vgl. Mitteil, 
der S.ddes. Gesellschaft für Volkskunde, 1. S. 26. Auch mit einem _ 
weihten Stricke ist er zu fangen, mir der linken Hund zu bewältigen, 
oben 204. -206. 

Zabrze O.-S. 



St. Hubertus-Schlüssel. 

Von Dr. Max Softer. 



Umstehende Abbildung giebt zwei St Hubertus-Schlüssel wieder. 
welche mir durch Vermittelüng des Herrn Reuling an- dem Besitze des 
Herrn Weber, Porstmeister im Spessart, überlassen wurden. Dieselben 
waren begleitet von einer gedruckten Gebrauchsanweisung, die auf ihrer 
Aussenseite beschrieben ist. Diese sogen. „Schlüssel" sind aus lasen 
gefertigte, 12 bezw. 5 cm lange Nägel, deren Kopfe petschaftartig ver- 
breitert und flach sind. Diese Fläche dient als Brandmarke und soll ein 
Jägerhorn darstellen, welches an einer SchKuge hängt. Nach der er- 
wähnten, nachstehend abgedruckten Gebrauchsanweisung wird dieser Nagel 
an dieser Fläche glühend gemacht und hei der Hundswut der Tiere 
entweder auf «lie Bissstelle oder was ganz wichtig ist — auf die Srirn 
des wütenden Tieres bis zur schmerzauslösenden Nervenschicht ^\^v Haut 
aufgedrückt, ersteres als Cauterium der Bissstelle, letzteres als Brandmarke 
auf der Stelle der Hirn- und Nervengeister. Es würde den verfügbaren 
Raum weit überschreiten., wölke ich hier Alter. Zweck und Ursprung 
dieses Huhertuskultes und der volksmedizinischer Behandlung der Hundswut 






Hüll. 



eingehender besprechen; ich erlaube mir diesbezüglich auf die beste Mon<£ 
graphie zu verweisen: La rage ei 8t. Hubert (Paris, A. Picard 1887) von 
Henri Gaidoz, der das Thema gründlich und meisterhaft behandelte. Hier 
möge nur kurz erwähnt sein, dass «! i<> ursprüngliche und älteste Legende 
des Sr. Hubert nichts von dessen Jäger- und Hunde-Patron at weiss, dass 
sein Kuh im wildreicheu Hochwalde der Ardennen entstand, von wo et 
sich durch Prankreich uud Deutschland namentlich unter den Jägern und 
Porstleuten, welche die Gefahr wütender Wölfe und Hunde kannten, aus- 
breitete; dass dieser hörn tragende Nage] unter Beibehaltung des Namens 
„St. Hubertus-Schlüssel" den eigentlichen „goldenen" Schlüssel verdrängte. 
welchen nach der späteren Legende St. Hubert vom heil. Petrus, bezw. 

von einem seiner Nachfolger, 
erhielt, der aber verschwunden 
sein soll und durch einen in 
Sainte Crojx de Liege aufbe- 
wahrten ..kupfernen" Schlüsse] 
aus dem IX.dahrh. ersetzt worden 
war. Solche bei der Hundswut 
der Tiere und des Menschen 
benutzte Bogen. Schlüssel gab es 
auch in Deutschland und seinen 
Nachbarländern mehrere, so gab 
es einen St. H ubertusschlüssel 
in Wappendorf, sowie in Gro- 
ningen (Würtemberg), der hohl- 
eisenartig war und mit dem der 
Schmied die gebissenen Personen 
unter dem linken Daumenballen 
brannte: einen St. Peters- 
Schlüssel (hauptsächlich in 
Frankreich und Italien, ausserdem im Maestricht); St. Martins-Schlüssel 
im Bordeaux -Lande; St. Dionys-Schlüssel in Rozieres im Jura. St. 
Ullrichs-Schlüssel in Augsburg und (1829) in Wessobrunn in Ober- 
bayern. Auch mit «lern Aldinger Schlüssel von Aldingen bei Tübingen 
brannte man (1756) die bei Menschen gesetzten Wunden, die vom Bisse 
wütender Tiere herstammten; auch holte man sich diesen Schlüssel von 
Aldingen zu diesem Zwecke. Über St. Ruprecht-Schlüssel (1879) zu 
Westhausen bei Ellwangen schreibt A. Birlinger (Aus Schwaben, I, 106). 
\ber oicht bloss der Heilige wechselte, auch die Form dieser „Schlüssel 1 ' 
war wechselnd: hornartig, kreuzförmig, ringgestaltig u. s. w., kurzum, aus 
dem Wechsel der F'-rm <\vs Schlüssels und des Heiligen lässt sich schliessen, 
dass es sich bei dieser volksmedizinischen Behandlung der Hundswut um 




31 Hubertus S< hlü 

eine je nach der Lokalität verschiedene Ausübung einer älteren, von einer 
Kultperson vollzogenen Schädel - Kauterisationsmetbode bandelt. Diese 
schloss sich wahrscheinlich an die uralte Trepanation des Schädels der 
Besessenen an oder wird sich vielmehr von dieser ableiten. Man wollte 
ehemals wohl den im Schädel sitzenden Dämon durch eine künstliche 
Öffnung desselben herausbefördern oder vertreiben; vielleicht ist das 
Brennen der Stirn bei wütenden Menschen, Pferden, Hunden und bei 
dreh wurmkran ken Schafen !) nur das Überbleibsel der früheren eig 
liehen Trepanation, «leren Ausführung oder Technik nur wenigen eigen 
war und die dann allmählich vom Stirnschnitte und von der Brandmarke 
ersetzt wurde. Doch ist dies, wie gesagt, nur eine hier ausgesprochene 
Vermutung. 

Ks folgt nunmehr zum Schlüsse die dem St. Hubertus-Schlüssel bei- 
gegebene ( rebrauchsanweisung. 

( i ründli eher Bericht 
Zum Brauch der Schlüsseleu des Heilig 
Huberti. 

Die eisene Schlüsselen oder Hörner | so die Heilige Stol des Heiligen Huberti 
berührt | und unter gewöhnlichem Gebet! worden haben die Krallt das 

Vieh so damit bezeichnet von allem Wüten zu beschützen das Vieh al 

mit rasender Sucht oder Zufall behaut | also gleich zu heilen: oder wenn es stirbt 
nachdem es damit bezeichnet \ geschehet solches ohne Schaden. 

Folget wie man sich dieses Schlüssels 
S e b rauchen soll. 

Sobald als man spuret, daß einiges Vieh von einem anderen so wül 
gebissen worden j muss der Schlüssel glüend gemacht werden und so es füglich 
geschehen mag auff den Schaden so aber nicht | aulf der Stirn | biß zum lebhaften 
Fleisch gedruckt werden. 

Nachmahlen aber fünft oder neun Tag lang nach ewrer Andacht betten fünft* 
Vatter- Unser und Englische Gruß | zu der Ehren Gottes seiner glorwürdigen 
Mutter | und des Heiligen Huberti, und in wahrenden fünft oder neun Tagen dem 
gebissenen Viehe täglich vor allem anderen Essen ein Stück gesegneten Bn 
oder aber gesegnete Haber langen. Es muß also gleich geschehen , dennn die 
Erfarnuß lernet daß es gefährlich soye lang zu wai 

Es wird auch gar nützlich se\n daß das beschädigte Viele' inwahrenden 
neun Tagen eingeschlossen werde | aulf daß das Gifft nicht durch unmäßige Be- 
wegung au!) gebreitet werde. 

Hierneben wird auch angezeigt | daß Kein bessere Artzney oder Muni zu 
linden ! ^v^vn allem rasenden Zufall i als daß man sich bey zeit in die Bruder- 
schafft des Heiligen Huberti einschreil.cn lasse | und weffen ihres Viehes 
jahrlichen Zinß nach ihrem Belieben und Andacht außrichte | gleichwie in i 
Orten zu geschehen pfleget welche deßwegen befreyet worden seynd und täglich 
befreyet werden: daß aber solches geschehe | Gott dem Herrn die Ehre und dem 
Heiligen Huberte 



210 Blümml: 

Solche Wirckung angesehen im gnugsamb kundbahr | in welcher Ehr der 
gemelte Schlüssel gehalten werden soll | wird auch hierneben angezeigt | daß nichts 
anders damit zu brennen als allerley Vieh, da zu selbiger Schlüssel allein ist ver- 
ordinirel worden. 

(Auf der Rückseite mit Tinte geschrieben) 

tXeceu de Mr. Devver poenitent. de S: Hubert 1 ) le 4juilliet 1757. 

Bad Tölz. 



Beiträge zur Flora der Friedhöfe in Xiederösterreicli. 

Aon E. K. Blüinml. 



Geradeso wie die Flora der Bauern gärten dem Gebiete der Volkskunde 
angehört, ebenso gehört auch die Flora der Friedhöfe am Lande dem 
Forschungskreise dieser Wissenschaft zu. Leider ist jedoch über diesen 
Gegenstand noch wenig veröffentlicht worden und sind dem Verfasser dieses 
nur drei diesbezügliche Arbeiten bekannt und zwar: 1. Franz ünger, Die 
Pflanze als Todtenschmuck und Gräberzier, Wien 1867, 27 S.; 2, Franz 
Woenig, Die Pusztenflora der grossen ungarischen Tiefebene, Leipzig 1900, 
worin als 5. Kapitel „Ein Blick in die Pasztengärten und Friedhöfe" 
(S. 39 — 43) und .'S. nieine Anzeige dieses Buches in den „Mitteilungen dei 
Anthropologischen Gesellschaft in Wien - ', XXX. Band, Wien 1900, S. 157 
bis l.")8. die einige diesbezügliche Angaben über Niederösterreich bringt. 

Verfasser dieses ist es nun gelungen, in verhältnismässig kurzer Zeit 
50 solcher-Friedhofspflanzen, deren Aufzählung unten folgt, in nur wenigen 
Friedhöfen aufzufinden. Zunächst möge auf eine Äusserung Ungers (a. a. ( ). 
S. 22) hingewiesen werden: „Ausser diesen (Cupressus, Hedera, Tinea, 
Buxu8; Sedum, Saxifraga. Rosa canina, Dlmus, Populus, Monis, Calendula 
und Eucalyptus) halten sieh wohl noch viele andere Pflanzen gleichfalls 
auf die Gräber begeben oder sonst, wie bei Leichenceremonien ein- 
gedrängt, sie sind jedoch kaum als Charakterpflanzen zu betrachten. 
indem sie den Sinn, den mau ursprünglich in die Grabespflanzen legte, 
keineswegs verraten." Dazu wäre zu bemerken, dass es doch noch einige 
Charakterpflanzen giebt, die oben nicht angeführt wurden und zwar 1. der 
Rittersporn (Delphinium consolida L.). der schon den alten Griechen ge- 



1) Uuter „poenitent de S. Hubert" versteht sich hierbei ein zu St. Hubert (ein in 

den belgischen Ardennen zwischen Namur und Luxemburg gelegenes, ehemals Andage 

oderAndain genanntes Städtchen, wohin man 825 den Leichnam des hl. Hubertus gebracht 

mi! dem St. Hubertus - Schlüsse] oder mit dem Stirnschnitte behandelter Mann 

[Mr. Weber?), welcher daselbst seine Beicht penitence) oder Busse abgelegt hatte. 



Beiträge ixu Flora der Friedhof* in Niederösterreich. 211 

meinsam mit Delphinium Ajacia L. als Trauerblume galt, 2. Lilium candidum 
L. (weisse Lilie), die dem Volksglauben nach der Sitz der Seele des \ i ; 
Btorbenen ist (man vgl. M. E. Marriage, Poetische Beziehungen dea Menscher 
/.ur Pflanzen- und Tierwelt im heutigen Volkslied auf hochdeutschem 
Boden. Alemannia, KXVI. Jahrg., Bonn L898, S. 127 135 und die dort 

führte Litteratur über diesen Gegenstand) und '■'<. Salix babylonica I 
(Trauerweide). In der unten folgenden Aufzählung wurdeu die Charakter- 
prlanzen mit einem bezeichnet, während jene Pflanzen, die auf daa 
Capitulare „De villi» imperatoris" Karls des Grossen zurückgehen gut er- 
läutert wurde dasselbe durch Kurt Sprengel, Geschichte der Botanik, 
I.Band, Altenburg und Leipzig L817, S. 194 198 und Anton Kerner, Flom 
der Bauerngärten in Deutschland. Verhandlungen des zoologisch-botanischen 
Vereins in Wien, V. Bd., 1855, S. 787 ff.) und daher mit denen der Bauern- 
gärteu übereinstimmen, mit *~. und jene Pflanzen, die später ala Zierpflanzen 
verwendet wurden und daher auch Eingang in die Friedhöfe fauden, mit 

bezeichnet werden. 

Wichtig erschien es dem Verfasser, bi i jeder Pflanze auch den Fried- 
wo er dieselbe fand, mitzuteilen, um dadurch gleichzeitig einer Be- 
arbeitung der Friedhofspflanzen nach geographischen Gesichtspunkten vor- 
zuarbeiten. Bei jenen Pflanzen, die sich in allen diesbezüglich durch- 
suchten Friedhöfen landen, wurde von einer Mitteilung der Fundorte 
abstand genommen. Die auf Friedhofspflanzen durchsuchten uiederöster- 
reichischen Friedhöfe sind nun folgende: F. Egelsee (V. 0. AI. I'... 
Bezirkshauptmannschaft und Bezirksgericht Krem- . R. Roseidorf, Br. 
Braunsdorf, G. = Goggendorf und Si. Sitzendorf (alle im V. U. M. B., 

Bezirkshauptmannschaft und Gerichtsbezirk < Iber-Hollabrunn . Fr. Fr; n- 

dorf und X.-S. = Nieder-Schleinz (V. F. M. B., Bezirkshauptmannschaft 
I »ber-Hollabrunn, Gerichtsbezirk Unter-Ravelsbach) und B. Burgschleunitz 
V. 0. M. B., Bezirkshauptmannschaft Hörn, Gerichtsbezirk Eggenburg). 

* ++ 1. Antirrhinura majua L., Löwenmaul. Si (für Ungarn Woenig a. a. < ». s 40 

•_'. Aster bellidiflorus Willd., Aster. Si. (für N.-Ö. Blüraml a. a 0. 8. L57). 

3. Aster chinensis L. und 

I. Aster Tripolium L., Aster. Si., G., Br., R., B., N.-S., Fr. lur N.-Ö. 
Blümml a. a. 0. S. 151 , 

5. Begonia boliviensia U.C. I '•■ .. Si. 

6. Borago officinalis F, Boretsch. Si. 

+ 7. Buxus sempervirens L, Buchs. F.. Si. für Ungarn Wi 0. S. 41 

und Unger a. a. 0. S. 20 führt diese PQanze ala eine in Europa beliebte 
Grabespflahze an). 
+ 8. Calendula officinalia F.. Totenblume. Allgemein für N.-Ö. G. I 

Ritter von Managetta, Flora von Nieder - Österreich, II. Bd., Wien 1893, 
S. 1223; für Ungarn Woenig a. a. 0. S. 39; für Süddeutschland im all- 
gemeinen Unger a. a. 0. S. 20). 
9. Canna indica L. F. 
* TT 10. Cheiranthus Cheiri F., Goldlack. Si. 





17. 
18, 




L9. 




20 



+ + + 



Blfimml: l tax Plön der Friedhof« in Niederösterreich. 

11. Chrysanthemum coronarium I... Goldblume. Si. 

12. Delphinium consolida I... Rittersporn. Hr., Fr., Si. 
Dianthua barbatua 1... Bartnelkc. E., Fr., G. 

II. Qianthus caryophyllus I... Nelke. K. Si. 

15. Bupaterium cannabinura I.. Wasserdost. F. 

16. Gladiolua communis L., Schwertlilie. Br., G.. Si., Fr, N.-8., B., B. 
üedera helix I.., Bphen. 1! . F.. Si. Unger a. a. 0. S. "21 für Griechenland}. 
FJelianthus tuberosus L., Topinambur. <i. 

Hyssopus officinalis L, Hyssop. Fi - ., Si. (für Ungarn Woenig a. a. 0. S. 40 . 
[beria atnbellata I.. Bauernsenf. G. 

21. Irapatiens balsamina I... Balsamine. Br., G., Si. 

22. Lactuca muralis Gärtn., Mauersalat. <j. (dürfte wild und nicht angepflanzt 
sein). 

'23. Lilium candidum L., Weisse Lilie. Si. 

"24. Linum usitatissimum L, Flachs. Fr., G., Si. 

2.">. Malva Alcea L, Pappelrose. Si. 

20. Matthiola annua Sweet., Blauer Feigel. Br.. G., R, Si. 

27. Nigella damascena L., Gretchen im Busch. Fr., G., Si. (für Ungarn Woenig 

a. a. 0. S. 40). 
2H. Paeonia officinalis L., Pfingstrose. Fr.. G.. Si. 

29. Papaver somniferum L , Mohn. Br., Si. 

30. Pelargonium zonale Ait , Pelargonie. - Br , B.. F.. Fr.. N.-S., R,, Si. 

31. Khcum australe Don., Rhabarber. Si. 

32. Robinia pseudacacia L, Akazie. Fr. 

33. Rosa canina L , Hundsrose. Fr., G., Si. Nach Unger a. a. 0. S. 18 — 1" 
war die Hundsrose auch im alten Griechenland eine Grabespflanze, wie 
aus interessanten Stelen von Kypros hervorgeht. Die Früchte dieser 
Pflanze werden gleichzeitig mit denen von Symphoricarpus racemosa Mchx. 

s. No. II und denen von Ligustrum vulgare L. (in Wien) zu Allerheiligen 
zum Verfertigen von auf den Gräbern eingelegten Kreuzen und Kränzen 
verwendet (allgemein). 

34. Rosa centifolia L., Böse. Br , G.. Si. 

'■''■). Salix babylonica L., Trauerweide. F., Si. (für Ungarn Woenig a. a. 0. 

S. 40. für X.-Ü. Bliimml a. a. 0. S. 157). 
36. Saponaria officinalis L., Seifenkraut. Br., B., Fr., G., Si. (für X.-Ü. Bliimml 

a. a. ( ). S 157; war ehemals eine Gartenpflanze, und schon Carus Sterne, 

Herbst- und Winterblumen, Prag 1886, S. 368 weist darauf hin, dass sie 

sich in Friedhöfen findet). 
•'17. Satureja hortensis L., Sadarei. G. 

Sedum albuni F.. Mauerpfeffer. Si. 

39. Sedum japonicum Sieb. Fr., G., Si. (Unger a. a. 0. S. 22 führt für die 
österreichischen und bayerischen Gebirgsländer Sedum sexangulare L. und 
S. Tclephium L. au . 

40. Silene otites Sm., Leimkraut. Si. 

4 1. Symphoricarpus racemosa Mchx., Schneebeerstrauch. R., Si. Der Strauch 
heisst „Schneeball", die Früchte „Todtnbiär" und werden letztere zu Aller- 
heiligen in Form von Kreuzen auf die Gräber gelegt (Oberhollabrunner 
Bezirk allgemein). Diese beiden Volksnamen finden sich bei P. Höfer und 
M. Kronfeld, Die Yolksnamen der niederösterreichischen Pflanzen, Wien 
L889, nicht. 



Weinhold: K Leine Mitti ilnnj •_' L3 

f++ 42. Tagetes patula I... Studentenblume. Fr. 

■ 43. Tanacetum vulgare L. (Chrysanthemum vulj h , Katzenschwanz. I. 

11. Thuja occidentalia I.. Br., B., E., I'r.. N.-S.. i;.. Bi. für X.-o. «;. Beck 
a.a.O. I. Bd., Wien 1890, S. 1»'. Nach ünger a. ...<). S. 1 ■• i/i 

diese Pflanze im kalten Klima Cupressus fastigiata D.C. 
h++ 45. Typhoides arundinacea Mönch. (Phalaris arundinacea I.. ?ar. picta L., 
Bandgras. E., Si. 
46. Verbascum thapsiforme Schrad., Königskerze. Fr. (wohl wild and oicht 
angepflanzt). 
** + 47. Verbena chamaedryfolia Juss., Eisenkraut Bi. 

48. Vinca minor L., Singrün. E., Fr., G., Si. War ehemals bei Bestattungen 
9ehr beliebt, und im 18. Jahrhundert durften weder Jungfrauen noch Jüng- 
linge bestattet werden, deren Leichen nicht mit einem Kran/.«- dieses 
Krautes geschmückt waren (s. Unger a. a. 0. S. 20—21 I. 
*"** 49. Viola tricolor L., Dreifaltigkeitsblurae. Br., Gr., Si. 

•0. Viola odorata L., Veilchen. Si. Vielleicht konnte auch das Veilchen als 
Charakterpflanze aufgeführt werden, es möge dabei an Shakespeare. Hamlet, 
V. Aufzug, 1. Scene (Shakespeares dramatische Werke, aerausg. durch die 
deutsche Shakespeare-Gesellschaft, VI. Bd., Berlin 1869, S. 146) erinnert 
werden, wo Laertes in Bezug auf seine Schwester OpheL 

Legt sie in den Grund, 
Und ihrer schönen unbefleckten Hülle 
Entspriessen Veilchen! 

Soweit reicheD die Ergebnisse der bisherigeu Erforschung der Fried- 
hofsflora in Nieder-Österreich, die gewiss noch eine Erweiterung und Ver- 
tiefung zulassen werden, was auch vmi Seite des Verfassers angestrebl wird. 

Wien. 



Kleine Mitteilungen. 



Karl Julius Schröer f. 

Am 16. Dezember 1900 [starb zu Wien K. J. Schröer, emer. ord. Professor der 

deutschen Litteratur an der technischen Hochschule, der auch an ousrer Zeitschrift 
mitgearbeitet und die Wissenschalt der Volkskunde in verschiedenen Zweigen 
gefördert hat. Wir widmen ihm ein Wort der Erinnerung. 

K. J. Schröer war ein Deutschungar. Die Eltern waren Tobias I Gottfried Schröer, 
Professor am Presburger evangelischen Lveeum, unter dem Namen Christi n Oeser 
als Verfasser eines litterargeschichtlich-ästhetischen Lehrbuches bekannt, und Eleonore 
Theresia Langwieser, jene geistvolle Frau, mit der K. v. Iloltei in langem Brief- 
wechsel gestanden. In Presburg ward diesem Paare der Sohn Karl Julius am 
11. Januar 1825 geboren. Er erhielt seine Bildung auf dem evang. Lyceum seiner 
Vaterstadt von 18-43-46, besuchte dann die Universitäten Leipzig, Halle und Berlin 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1901. 



•jl | Weinhold: 

und trat darauf als Suppleni Beines Vaters bei dem Presburger Lyceum ein. Im 
Sommer 1849 Behickte ihn der Statthalter ron Ungarn, Baron Geringer, unerwartet 
mit wichtigen Briefen in das österreichische Hauptquartier zum Höchstkomman- 
dierenden, Peldzeugmeister v. Haynau, und dieser behielt ihn als seinen Sekretär 
bei sich. Erat im September gelang es ihm, davon enthoben zu werden. Er 
ward dann zum supplir. Professor für deutsche Litteratur an der Pester Universität 
ernannt Seine definitive Anstellung, die der Universitätssenat im Oktober 1851 in 
Wien beantragte, scheiterte aber bei Graf Thun an seinem protestantischen Be- 
kenntnis. So nahm er denn Anfang 1852 die Professur der deutschen Sprache 
und Litteratur an der Presbarger Oberrealschule an, in der er bis 1861 blieb, wo 
ihm das beginnende Anstürmen dr< Magyarentums gegen alles Deutsche seine 
Stellung verleidete. Er bewarb sich um das ausgeschriebene Direktorat der ver- 
einigten evangelischen Schulen in Wien und erhielt es Anfang 1861. Nach fünf 
Jahren gab er dieses Amt auf und trat 1866 als Docent für deutsche Litteratur an 
die technische Hochschule über. Im November 18G7 erhielt er eine ausserordentliche 
Professur, 1891 das Ordinariat. Nach Vollendung des 70. Jahres trat Sehr, be- 
stimmungsgemäss in den Ruhestand, Dezember 1895. Leider waren seine letzten 
Lebensjahre durch schwere Krankheit heimgesucht, in der die Liebe seiner treff- 
lichen Gattin, Frau Hermine von Kohänyi, und seiner Kinder sein Trost und Licht 
waren. An dem Tage nach der Enthüllung des Wiener Goethedenkmals, für das 
er jahrelang eifrig gewirkt und gekämpft, schloss er seine Augen. — 

Schröer ist litterarisch sehr thätig gewesen: besonders hat er sich mit Goethe 
beschäftigt und in seinen Vorlesungen wie in Büchern davon Kunde gegeben. 
Seine sechsbändige Ausgabe von Goethes Dramen in Kürschners Nationallitteratur. 
dann der in drei Auflauen verbreitete kommentierte Faust seien nur angeführt. 
Wir müssen uns hier auf seine Beteiligung an den Arbeiten für Kenntnis der 
Sprache und des geistigsittlichen Lebens des Volkes beschränken. Als Presburger 
Schulprogramm erschien 1855 sein Beitrag zur Mythologie und Sittenkunde aus 
dem Volksleben der Deutschen in Ungarn. Durch mein Buch: Deutsche Weihnacht- 
spiele und -Lieder aus Süddeutschland und Schlesien (Graz 1853) angeregt, forschte 
er in deutschen Gegenden Ungarns nach entsprechendem, und die Frucht waren 
die wichtigen „Deutsche Weihnachtspiele aus Ungarn" (Wien 1858, dazu ein Nach- 
in einem Presburger Programm, Presburg 1<S58. 4°). Im selben Jahre er- 
schienen die Ergebnisse einer Forschungsreise in die Zips, um die dortige deutsche 
Mundart nach Laut- und Wortbestand aufzunehmen: Beitrag zu einem Wörterbuche 
der deutschen Mundarten des ungrischen Berglandes, Wien 1858 (dazu Nachtrag 
im selben Jahre). Dazu gehören als Fortsetzungen: Versuch einer Darstellung 
der deutschen Mundarten des ungrischen Berglandes, Wien 1864. Die Laute der 
deutschen Mundarten des ungrischen Berglandes 1864 (sämtlich in den Sitzungs- 
berichten der Wiener Akademie). Später besuchte Schröer die deutsche Sprach- 
insel von Gottschee in Krain zu gleichem Zweck. Was er gewannen, gab er in 
seinem Ausflug nach Gottschee, Beitrag zur Erforschung der Gottschewer Mundart 
(Wien 1869) und Weitere Mitteilungen über die Mundart von Gottschee (Wien 
1870). Es sind das Arbeiten, besonders die über das ungrische Bergland und die 
deutschungrischen Weihnachtspiele, die ihren Wert behalten werden; sie sind von 
jener warmen Liebe zu dem Deutschtum mitten in fremder gefährlicher Umringung 
getragen, die Schröer erfüllte. Warmherzigkeit und Begeisterung für das Gute 
und Schöne waren hervorstechende Charakterzüge des Vielen lieben Mannes. 

K. Weinhold. 



Kleine Mitteilungen. -jl.'> 

Der Piilmhusck in den Niederlanden. 

Wir haben in nnsrer Zeitschrift wiederholt Mitteilungen über den Palmbusch 
in Tirol, Steiermark. Österreich and Salzburg, sowie in Oberbayern erhalten III. M 
und Tafel 1. VI II. 226. 445. \. 227). Der oberrheinische Palmen ist jüngst 7on 
E. H. Meyer in seinem Badischen Volksleben Strassburg 1900 S 92 f. genau 
beschrieben worden. So wird es denn auch nicht aninteressant sein, von dem 
Palmpaasch in den Niederlanden das zu vernehmen, was in der Volksku 
Tijdschrift vuor Xederlandsche Folklore (Gent, Deventer XII. 229. XIII, 52. 81. 104 
berichtet worden ist. 

Der Palmpaasch ist in Nord-Niederland, namentlich im Osten, sehr bekannt. 
Kr besteht aus einem Stock, der mit Bachsbaumzweigen buxus Bempervirena I. 
und allerlei Leckereien umgeben ist und wird am Palmsonntag von Kindern in den 
Oiten herumgetragen, indem sie singen: 

Palm, palmpaschen! hei, koerei! 

Nog- maar eene zondag, dan krijgen wij een i -\'. 

Meli ei is geen ei. Twee ei een half ei, 

Drie ei een Paaschei! 

Aber es giebt auch verschiedene Formen des Palmpaasch, worüber \erv 
wird auf Ter Gouw, Yolkvermaken (1871), S. 202 — 2(>.">. für die gesungenen Liedchen 
auf Nederl. Baker-en Kinderrijmen 4. A. (1894), S. 71. 72 und auf Boekcnoogen. 
Onze Rijmen in der Zeitschrift De Gids 1894, S. 290. 

Herr Dr A. Beets in Leiden, der die Präge aach dem Osterpalm in der Volks- 
kunde anregte, beschreibt daselbst XII. 230 einen sehr grossen Palmpaasch, den 
er am Palmsonnabend 1900 aus Kampen in Overyssel erhielt. Das Hauptstück 
daran war ein 35 cm hoher Schwan aus Brotteig mit 14 kleinen Schwänchen in 
zwei Reihen auf dem Rücken und einer Schwanfrau auf dem Kopf, alles mit Bux- 
Eweigen und Fähnchen besteckt und mit Schnüren von kleinem Gebäck, Fi 
und Rosinen behangen. Das Ganze war auf einen Dreizack aus Weidenzwi 
gesetzt, in dessen Mitte eine Apfelsine lag. Alles zusammen war 80 < n* hoch. 

Im Anschluss hieran beschrieb (Volkskunde XL11. 52) Herr L. Knapper! in 
Assen (Drenthe) einen Palmpaasch, den er Ostern Kss'.i in Purmerend kaufte 
An einem 6U cm langen Stock waren von unten an gerechnet befestigt ein Apfel, 
eine Feige, ein ausgeblasenes Ei, eine Apfelsine, wieder ein leeres Ei. ein Kormten- 
brötchen, dann noch ein Apfel und eine Feige, und an dem linde ein Schwänchen 
aus Kuchenteig. Ausserdem zierten den Palm in dem untersten Apfel zwei Papier- 
fiihnchen, links blau, rechts orange, und zwei Stechpalmzweige. Im nächsten Apfel 
stak an Kupferdraht ein aus Papier geschnittenes Pferd mit zwei Stechpalmzwi • 
ebenso war das Korintenbrötchen mit zwei Fähnchen, einem papiernen Pferde und 
mit zwei Stechpalmzweiyen besteckt, die das Schwänehen beschatteten. 

In Dockum in Friesland kannte man den Palmpaasch vor einigen Jahren 
noch; der Teigvogel hiess aber hier eine Ente. 

In Deventer (Volkskunde XIII. 81) hat der Palmpaasch den alten Namen 
verloren und den neuen Krekelink bekommen. Ein Weissbrotgebäck in Rad form 
ist das Hauptstück. Die Felgen sind dick, die Speichen dünn. In die Felgen 
sind in gewissen Abständen Hölzchen gesteckt, die durch Guirlanden aus Drähten 
verbunden sind, worauf Rosinen oder Korinten gezogen wurden. In den Speichen 
stecken hier und da Hölzchen mit Rosinen, Fähnlein aus buntem Papier und kleine 
Schwänchen mit einem Palmzweiglein auf dem Kopf. Ganz kleine Schwänchen 
sind zwischen die Speichen eingebacken. Mitten auf dem Rade sitzt eine Apfelsine 

15* 



216 Wriniiold: 

an einem Stöckchen. Das Ganze isl ziemlich dicht mit Palmzweigchen besetzt 
und auf einem horizontal liegenden hölzernen Andreaskreuz befestigt, das auf 
einem mit buntem Papier beklebten Tragstocke ruht. Wenn die Kinder mit ihrem 
Krekelink bei den Bauern herumgehen, singen sie: 

Pallem, Pallempaosen, ei koerei, ei koerei! 

Dan houwo hebben we) no^ ieene zündag, <lan bouwe'n ei. 

[een ei, < l-i t is gien ei, 

Maar twiee ei, dat is'n pallempaos-ei. 

Im Limburgschen werden nach der Beschreibung von Dr. J. Schrijnen 
Volkskunde XIII, 106 f.) die Palmhoutjes oder Palmbessems nicht mit einem 
Schwan, sondern einem Hahn gekrönt. Auch in Amsterdam finden wir diesen 
Vogel: v. Reinsberg-Düringsfeld beschreibt die dortigen Palmpaschen als Kränze 
oder Brezeln aus Brotteig, in denen ein Kreuz liegt, das an einen schön verzierten 
Stab gebunden wird. Zwischen Kreuz und Kranz in den vier Winkeln liegen 
kleine gebackene Hähnchen, ebenso auf dem Kranz; oben auf dem Stock sitzt ein 
etwas grösserer Hahn von Teig. Der ganze Palm ist mit Buchsbaum geschmückt 
(Das festliche Jahr S. 124). 

Am Palmsaterdag wird in Roermond und Venlo und anderen limburgischen 
Orten ein Markt mit Gestellen für den Palmpaasch gehalten, die aus einem Dreizack 
von Weidenzweigen mit vielen Palmruten daran bestehen. Diese Gestelle werden 
aufgeputzt, und in der Nacht bringen dann die Engel die Palmhoutjes den Kindern. 

Diesem niederländischen Palmpaasch ist in der Herstellung und Ausstattung 
der oberrheinische Palmen verwandt, der eine 10 — 12 Fuss lange Gerte oder Stange 
von verschiedenem Holz zum Halt hat, an deren Spitze eine Krone sitzt, von der 
bunte Seiden- oder Papierbänder. Äpfel und bekränzte Heiligenbilder herabhängen; 
unter der Krone ist ein quirl förmiger Büschel von Wacholder oder Buchs befestigt. 
Aber der oberrheinische Palmen wird in der Kirche geweiht und seine Bestandteile 
haben die Kraft geweihter Dinge. Das ist bei dem niederländischen Palmpaasch 
vergessen, da die Orte, von denen er geschildert ist, auf protestantischem Boden 
liegen. Aber im katholischen Venloo tragen die Kinder ihre Palmhoutjes in die 
Kirche und lassen sie gleich den Palmtakjes und Palmbundeis der gläubigen 
Menge weihen (Volkskunde XIII, 107). 

In seiner einfachsten Gestalt, als buchsbaumgeschmückter Stock, ist der Palm 
gleich den schlesischen „Sommern" nur die Verkündigung des Frühjahrs in der 
Hand gabenheischender Kinder und hat mit den kirchlichen „Palmen" gar nichts 
gemein. Auch die Äpfel gehören nicht hierzu, sondern zu den Bäumchen und 
Zweigen der Frühjahrszeichen. Das Gebäck, das eine Gabe für die Kinder ist, 
welche die Lenzbotschaft bringen, hat sich in dem niederländischen Palmpaasch 
fast zur Hauptsache entwickelt. Die Schwangestalt ist charakteristisch für das 
Wasserreiche Land, in dem sich auch die Schwansagc eine Heimat gesucht hatte. 

K. W. 



Das Notfeuer im Brauuschweigischeu. x ) 

So viele Orte ich auch auf meinen häufigen Fusswanderungen und Radfahrten 
in unserem Herzogtum berührte, fast überall wussten mir die alten Leute vom 
„wilden Feuer" zu erzählen, sei es aus eigener Anschauung, sei es aus Mitteilungen 
ihrer Eltern, mochte es nun im eigenen oder in einem naheliegenden fremden 



1) Vgl. R. Andree, Braunschweiger Volkskunde, S. 312— 31(5. 



Kleine Mitteilungen. 21 7 

Dort'e entfacht sein. Aber der anbestimmten .V man habi 

dem Rotläufe der Schweine durch ein Stück Bolz ein Loch gebohrt und ■ 
Flachsstrick so lange hindurchgezogen, ins es Feuer gegeben habe, und d< 
wenig sichereren, man habe in Schöningen etwa 1840 in einem Hohlwege bei der 
Saline ein Feuer angezündet und die kranken Schafe hindurchgetrieben, sl 
folgende vier bestimmteren Angaben: 

In Rennau. hart an unserer Greuze, war im Jahre 1820 eine Schwi 
Da rieben zwei Brüder nach Sonnenuntergang zwei Bölzer so lange, bis sie in 
Brand gerieten. Es wurde dann Feuer in einem Hohlwege entfacht, an di 
beiden Seiten eine Hecke war, und die leidenden Schweine hindurcl und 

zwar mit bestem Erfolge. 

In Nfordsteimke war 1830 eine Schweineseuche ausgebrochen. Da ent- 
zündeten zwei Brüder dadurch Feuer, dass sie ein dünnes Brett in einem Loche 
im Eckständer rieben, bis es in Brand kam. Das Feuer wurde mit Zunder auf- 
gefangen und in einem Hohlwege mit Stroh, Holzschuhen und Schuhschiarmen 
alten, zerrissenen Schuhen) genährt. Dreimal wurden die Schweine hindurch- 
getrieben. 

In Papenrode wurde 1850 ein Notfeuer entzündet. Zwei Brüder setzten an 
der Drehbank des Stellmachers zwei Hölzer in Brand, fingen das Feuer mit Zunder 
auf und trugen es nach einem Hohlwege, der von Hecken eingefasst war. Durch 
diesen wurden die kranken Schweine hindurchgetrieben. 

In Xaensen wurde das letzte Notfeuer Mitte der fünfziger Jahre des 10. Jahr- 
hunderts angezündet. Hier rieb der Drechsler ein Stück Holz trocken mit einem 
stumpfen Eisen, bis Feuer kam. Dann wurde von jedem Besitzer Stroh gebracht, 
und der Hirt ging mit den Schweinen durch das Feuer hindurch. Einen Teil der 
Asche nahm sich jeder mit und gab sie den Schweinen ins Futter. 

Braunschweig. Otto Schutt.. 



Weiteres zu den Zauberpuppen. 

Die von Feilberg (Zeitschrift X, S. 420) gegebene und von R. Andrer IX. 
S. 33ö) angedeutete Erklärung der Zauberpuppen als Dragednkker bezw. IL 
männchen findet eine geradezu entscheidende Bestätigung in einer merkwürd 
Erzählung aus Herzhorn (Holstein), die von dem dort lebenden Diakonus Hieronymua 
Saucke (1694—1739) in seiner „Stormaria oder Hardes-Hörnischen Chronica- auf- 
gezeichnet ist und sich handschriftlich in dem dortigen Pfarrarchive befindet, 
liüllenhoff hat in seinen Sagen (S. 2» »9) nur den Anfang, D. Detlefsen in seinei 
Geschichte der holsteinischen Eibmarschen die ganze Erzählung abgedruckt (Bd. II. 
S. 427), der die folgende Inhaltsangabe entnommen ist. 

Diese Erzählung, die bei Saucke unter dem Titel „Von der sogenannten 
Teuffels Poppe Mönöloke, welche die Leute vormals, umb reich zu werden, h 
in ihren Kisten sitzen gehabt, auch Von den guten Johann" steht, beginnt mit den 
bezeichnenden Worten: „Es hat kurz vor den keyserlichen Kriege sich allhie, ja 
durchgehens im lande begeben, dass ein Gespräch unter den Leuten auskommen. 
so dass, wenn einer Stillschweigens reich geworden, man von ihm gesaget, es 
sehet ihm die Mönöloke aus dem Schubsack.- Er berichtet dann, dass diese 
Mönöloke eine Teufelspuppe aus weissem Wachs gewesen und erzählt mit Namen- 
nennung aller Beteiligten, wie ein Mann zu einer Nachbarin geht, um sich einen 
Kornsack zu leihen, wie er die Frau nicht antrifft und von der Tochter an einen 



218 Zell«: 

Kasten gewiesen wird and dort die mit Rillen an den Füssen versehene Puppe 
findet. Aul' seine Präge erklärt das Kind: „Wenn meine Mutter Säcke nähet, so 
wachse! sie den Zwirn damit, welches sehr gut." Nun bricht sich der Nachbar 
einen Uhus ah und nimmt ihn mit. um auch etwas von dem Zauber zu haben. 
Als die Mutter heimkehrt und dvn Sachverhalt erfahrt, geht sie zu dem Nachbar 
und fordert den Fuss zurück. Die Sache wird aber ruchbar und gelangt durch 
den Verwalter, der die Puppe einzieht, an den Landdrosten. Der Nachbar muss 
L 00 Thaler, die alte Frau eine nicht genannte Busse zahlen. Saucke fügt dann 
weiter hinzu, dass der Schwager des Verwalters, bei dem die Puppe deponiert 
blieb, sich dieser mehrfach bemächtigte und dadurch reichen Ertrag auf Fisch- 
und Jagdzügen hatte. Schliesslich ist die Zauberpuppe von Soldaten aus einer 
„kleinen Lade" geraubt und fortgeschleppt werden. 

Don seltsamen Namen Mönöloke bringt Detlefsen a. a. Ü. mit dem gotischen 
manleika, dem althochdeutschen mannalihho = Menschenbild, Mannesgleich, zu- 
sammen. R. Mielke. 



Bäuerliche Kraftspiele am Abersee (Salzburg). 

An den Ufern des Abersees (S. Wolfgangssee im Salzburgischen) besonders 
in der vom Verkehrswege ziemlich abseits gelegenen Ortschaft Ried am Fusse 
des Schafberges haben sich in der Bevölkerung zwei höchst originelle Kraftspiele 
erhalten, die zu gelungener Durchführung eine ganz riesige Muskelstärke er- 
fordern. 

Die robuste Art dieser beiden Spiele ist so eigenartig, dass man mit Recht der 
Vermutung Raum geben darf, sie stammen in ihrer Urwüchsigkeit aus längst ver- 
flossenen Zeitläufen und haben sich in einer Gebirgsgegend erhalten, welche durch 
ihre noch bis vor wenigen Jahrzehnten bestandenen Weltabgeschiedenheit einen 
günstigen Boden für derartige Volkseigentümlichkeiten bot. 

Hier in kurzen Zügen eine Beschreibung jener beiden Spiele, welche, wenn 
auch selten, so doch ab und zu bei besonderen Festlichkeiten oder Anlässen unter 
freiem Himmel, meist auf einer Wiese, vor versammelten Zuschauern von den 
kräftigsten Bauernburschen der Umgebung ausgeführt werden. 

1. Das Morschen oder Modern. 

Auf die Schultern eines aufrechtstehenden Mannes (A) setzt sich ein zweiter 
(B) derart, dass dieser seinem Partner den Rücken kehrt. A umklammert Füsse 
und Schenkel des auf ihm Sitzenden, diesen so auf Schultern und Nacken fest- 
haltend. 

B lässt nunmehr seinen Oberkörper bei hochgestreckten Armen über des A 
Rücken herabfallen und schlägt mit geballten Fäusten wuchtig in die beiden Knie- 
kehlen des aufrechtstehenden A in der Absicht, diesen zu Fall zu bringen. Trotz 
der auf ihm ruhenden Körperlast und trotz der Verschiebung des Gleichgewichtes, 
welche B durch das Fallenlassen seines Oberkörpers hervorbringt, ist hingegen A 
bestrebt, seine Kniesehnen möglichst straff anzuspannen, um so dem dawider ge- 
führten Sehlage zu begegnen. Gelingt dem A dieser Widerstand nicht, knickt er 
er mit den Knieen ein, oder kommt derselbe gar zum Sturze, so sind seine 
Muskeln und Sehnen ..morsch" oder „moderig", und daher der Name des Spieles. 



Kleine Mitteilungen. •_' ] '.) 

■1. Das Stock k 1 1 eben mlcr Holzspalten. 

Zur Durchführung dieses Kraftspieles sind sechs Männer erforderlich, die Bicb 

m zwei gleich starke Parteien sondern. 

I. Partei. Zwei Bauernburschen (A und B liegen mit troll ausgestrecktem 

Körper neben-, besser gesagt aufeinander am Boden, 30 das- die l'u 
dem Kopfe des B gegenüber sind. Mit Armen und Hunden umklammert jeder die 
Püsse seines Partners und presst sie mit voller Kraft an Bich. Zwischen ihren 
Körpern, womit sie gleichsam einen Baumstamm oder Holzblock darstellen, lieg! 
ein dritter Bursche (C), welcher einen in den Block eingedrungenen Keil bildet, 
Sein zwischen A und B eingeklemmter Körper ist möglichst spitzwinke] ogen, 

so zwar, dass Kopf, Arme und'Füsse auf der einen Seite des „Baumstammes" 
vorstehen, während sein Gesüss auf der entgi etzten hinausragt. 

II. Partei. Weitere zwei Männer (D und E) fassen nunmehr den sechsten 
Mitspielenden (F) derart, dass sie je einen Ann und Fuss des !•' hochziehen, 
wodurch auch dessen Körper, ähnlich jenem des C in einen spitzen Wmki 
bracht wird. 

Nach diesen Vorbereitungen beginnt das eigentliche Spiel, indem I) und E 
den von ihnen gehaltenen Körper des F in schwingende Bewegung setzen, die 
gesteigert wird, bis der Unaussprechliche Ars F mit voller Wuehi auf das Hinter- 
teil des C stösst, welcher dadurch aus seiner Umklammerung durch A und P> 
geschleudert werden soll. 

Die grösste Muskelkraft haben bei diesem Volksspiele die den Holzblock 
bildenden A und B aufzubieten, um ungeachtet des heftigen Stosses, welchen C 
durch F empfängt, diesen zwischen ihren Körpern festzuhalten, die Spaltung 
Holzes durch den Keil gleichsam verhindernd, während (' und P im wählen Sinne 
des Wortes eine leidende Rolle spielen müssen. 

Ohne zerrissene Kleider, Verletzungen, ja selbst Blutvergiessen geht 
diesem Kraftspiele wohl selten ab. 

Salzburg". Gustav /eller. 



Yolksineiiiungeii von der bayerisch-österreichischen Grenze. 

1. Die Hallthurmer Pestungswerke. 

Wia noch koa Weg durch'n Wald herauf war im die rieln Handel zwischen 
die Boarischen herüb'n und den Bischöflich Salzburgischen drüb'n gwen san. wor 
die ganzi Passhöh so vermauert, dass koa Murmentel net durch hol scblieff'n 
könna. Da is aaf'n gross'n Thurn, der wo noch bei der Bahnstation sieht, a Wächter 
gestanden, der jed'smal, wenn er von Weiten was bot orucka sehg'n oder nur vom 
Hören gespannt hot, zu die andern Wächter bot nüberschrein müss'n; die harn 
nachher zruckgeschrie'n und im ganz'n Wald hot's gehallt - dessweg'n hoasst ä 
da heunt noch bei'n Hallthurn. Es wären auch die Festungsmauern uet zu'n d«-r- 
zwingen g'wen, wenn net oamöl Oaner aus'n Feindlichen Haufen den hoamlichen 
Gang ausgründen hätt', der von die Untersberger Manndl'n gegraben is und mitten 
in die Festung führt, da wo's Nixloch liegt. 1 ) Daraufhin is d Festung zu Fall 



1) Das zwischen den Besten der sehr ansehnlichen Hallthurmer Festungsmauern 
gelegene sogen. Nixloch führt thatsächlich in einen unterirdischen Gang, durch den ein 
Erwachsener sich nur mühsam hindurchzwängen kann: doch ist derselbe jetzt teilweise 
verschüttet. 



220 Baff: 

kcmma, aber die .Manen) siech; ma noch Btundenweil im Wald, dö a Trumm an 
dort a Trumm; an bei der Nacht thuat'a oft noch an langgezognen Schroa, wie 
wenn die Wachtersleut' einand rufen thaten 

"2. Das Bedauern. 

heim Fuchswirt in Ballthurm war Schlachttag; eine der Dirnen, die Lisi. 
stand draussen vor der Thür und gab aaf die Frage, warum sie nicht hineingehe. 
zur Antwort: ..Weil drin a Fäckl abgstochen werd, un dös derbarmt mi so viel. 
an damit das Vieh net so arg leid'n muss, geh' i aussi." — Da sie nicht gleich 
verstanden ward, erklärte sie sich näher: -Wenn Dans in der Stub'n is. das 

gar /' viel Bedauern mit der Kreatur hat, ko dös Schlachtvieh net versterb'n. 
sondern muss si umanandquälen, bis dasjenige, wo also barmherzi is, aus'n Haus 
-cht. Mei' Vata war a Metzger, un wenn dem amöl a Kaibl net glei auf's Erst' 
hi worn is. hat er laut gefragt, wen von die Hausleut dös Thierl gar a so der- 
barmt? der soll si schleimen, dass er ausser kimrat, denn ehnder wird dös arme 
Viech net hin, wenn aa : s Herz eam mittendurch gestochen waar. Mit die Christen- 
leut is's sehiei- net viel anders — die leiden aa länger un versterben härter, bald 
zu ein grosser Jammer is. Die alt' Wirtin hot : s sehn verzählt, dass sie net hat 
heim bleib'n derf'n bei an Todesfall von ihre Leut', weil sie si so bekümmert 
hot, dass in ihren Beisein das Sterbende net hat verscheid'n könna." 

3. Vom Auskehren. 
Die Wirtin zu Melleck hot erst a Magd gehabt, dös war eine Schlampen un 
eine Raffel. Die Stub'n hot s' net alli Tag' ausgefegt, blos vor'n Sonntag, un 
nachher bot s' die Thür aufgesperrt, an Reiserbes'n g'numma un Alles, was in'n 
Weg war. hinum herum bei der Thür ausser gekehrt. Wer aber so thut, der 
kehrt's Gute mit'n Bös'n aus'n Haus; ordentliche Leut' nehmen a Schauferl her, 
laden dös Sach bedachtsam drauf un stauben 's bei'n Fenster naus. Dessweg'n 
hot aa d' Frau die Magd net g'halten; sie hot alleweil geforchten. die kunnt' ihr 
z'letzt noch "s Glück ausserfeg'n. 

4. Überschätzter Wert. 
Im Österreichischen drüb'n war a alt's Wei", was sie mühsam mit der Milli 
von ihre zwoa Geiss'n ernährt hot. Amol so sitzt s' an der Strass'n un strickt un 
lasst die Geiss'n gros n, nachher kimmt a hocher Herr daher, der auf Sommer- 
frisch' in der Gegend war. un fangt mit ihr's Reden an. Wia er's gespannt hot, 
dass die Alt' so arm dran is, hot er ihr well'n a Geiss abkaufen; sie aber hot si 
einbildt', er macht grad an G'spass, un zur Antwort geb'n: sie losst si' net der- 
bleck'n. Jetz hot er's ihr auseinand g'setzt, dass 's eam Ernst is, aber sie hot 
net mög'n un gesagt, koane Geiss ko sie nit herlass'n, sie muass dervö leb'n. 
Darauf thut der Herr in sein' Eifer ihr recht a hoch's Gebot auf die eine Geiss 
— da hebt das alt' Wei" zu'n Weinen an un sagt: T Jetz höbt's Ös derzwung'n, 
denn jetz muss i's geben, ob ich schon net will, Üs höbt's die Geiss überboten. 
dös is gerad so wia wenn sie war beschrieen word'n — ich hätt' nia mehr a 
Glück dermit. also muss i' s' jetz verkaufen." Un sie höt's Geld mit Weinen 
ang'numma un die Geiss dem Herrn nach Haus trieben. 

5. Die Gcdenkladen. 1 ) 

Auf dem ganzen Weg von Schnaizlreut bis Lofer sind an den Häusern dunkle 
Holzbretter, mit und ohne Bemalung, angenagelt; es ist immer das mittelste Brett 

1) Über die Toten- oder Rgbretter vgl. unsre Zeitschrift IV, 403. VIII, 205—209. 346. 



Kleine Mitteilu "_'"_' 1 

von denen, worauf ein Toter aufgebahrt _ I achrifl „Gedenk- 

laden des ehrengeachteten V X." oder „Christliches Andenken an di< tugendsame 
\. X. a — nebst dem Datum des Todes und einem frommen Spruch. Manche 
Bauswand ist völlig von solchen Brettern bedeckl and trägt die Totenliste 
ganzen Familie. Ein Mann aus Unken, wegen der düstern Bitte befragt, antwortete 
mit der Gegenfrage: „Soll eines Menschen Andenken denn in seinem Hau- nicht 
zurückbleiben?" — und fügte hinzu: ein solches Brett aus Mutwillen oder Ei 
nutz zu entfernen, sei schwere Sünde, wofür die Seele des verunehrten Gestorbenen 
dem Thäter keine Hube lassen werde. 

München. Helene Raff. 



Sterbende werden auf die Erde gelegt. 

In der Vita Bennonis episcopi Osnabrugensis cap. - Monumenta German. 
bist. Script. KU 81), die im 11. Jahrh. vom Abt Norbert von [bürg geschrii 
ist 1 ), wird erzählt, dass der Bischof Benno, als er im Sterben liegt, unter dm 

les Abts und der Mönche aus dem Bett auf eine Decke am Pussbi 
gelegt wird (in tapetico deponitur) und dort verscheidet. 

Der Brauch. Sterbende aus dem Bett zu heben und auf Stroh auf den Hoden 
zu legen, ist noch heute aus mehreren deutsehen Landschaften nachweisbar 
(A. Wuttke. Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart, § 724 und gehört zu 
den mancherlei Volksmitteln, den Todeskampf zu beschleunigen und zu erleichtern. 

In Ostpreussen wird der Sterbende zuweilen, wenn er zu schwer stirbt, an- 
dern Bett gehoben und auf Stroh oder ein Kissen auf die Erde gelegt (E. Lemke. 
Volkstümliches in Ostpreussen, 1, 56. Mohrungen 1884 . Um einem Sterbenden 
den Tod zu erleichtern, bettet man ihn in Schlesien (Bunzlauer Gegend auf Stroh 
auf den Wechsel, d. i. auf die Stelle, wo die Enden der Stubendiele mit der 
Querdiele zusammenstossen (Mitteil. d. Schles. Gesellschaft f. Volkskunde VIII. 14). 
In sächsischen Dörfern Siebenbürgens legt man. wenn anderes nicht hilft, den 
schwer Sterbenden vom Federbett weg auf Erbsstroh, denn unter den Federn 
könnten Taubenfedern sein, auf denen ein Mensch nicht ersterben kann. S«hw er- 
sterbende Kinder legt man samt dem Bette auf die Stelle, wo sonst der Tisch 
steht, also auf den Passboden (G. Schuller, Volkstümlicher Glaube und Brauch 

Tod und Begräbnis im Siebenbürger Sachsenlande. Schässburg L863, S. 40 . 

In der Oberpfalz legt man den Kranken, der nicht ersterben kann, auf den 
Fussboden auf Stroh (Bavaria II. 1. S. 322 

Ein eigentümliches Missverständnis hat den Brauch im Vogtlande, wo er bis 
ins 19. Jahrb. bekannt war. verändert: wenn einem Sie, Lenden der Tod BChwer 
wurde, stieg jemand auf den Hausboden und drehte eine Schind. d im Dache am. 
An die Stelle des Fussbodens der Stube ward hier der Dachbodi t and 

und dann ein Sympathiemittel für Erreichung des Zwecks erfunden (Witzt 
Sagen, Sitten und Gebräuche in Thüringen. S. 261. Wien 1878 K. W 

1) Scheffer -Boiehorst, Norberts Vita Bennonis eine Fälschung? in den Berliner 

Sitzungs- Berichten 1. 132ff. 1901. 



-_'•_'•_> Weinhold: 

Über das echte Tirolerlied. 

In den Ennsbrucker Nachrichten vom 13. 14. März L901. No. 60. < » 1 unter 
dem Strich hat sich Berr Bans Zangerle ober die Pflege des echten deutschen 

sliedea in Tirol und tlber die Bedrängnis und Gefährdung desselben mit 
voller Kenntnis der Verhältnisse ausgesprochen. Die Feinde sind die gewerbs- 

B m grossen Mengen erzeugten „Salon-Tiroler", die von den meist unter 
falscher Flagge segelnden, in irgend einer imitierten Tiroler Tracht in der Welt 
herumreisenden „Tiroler National - Sängergesellschaften" mit allerlei Faxen auf- 
getischt werden. Dann die abgeschmackten und nichtsnutzigen, nicht selten zoten- 
haften Wiener Bänkellieder, die von den Soldaten der seit mehreren Jahren in 
Wien und Linz stehenden Tiroler Kaiserjäyer-Regimenter bei ihrer Heimkehr 
mitgebracht werden. Dem echten Tirolerliede entgegen wirken vielfach auch die 
zahlreichen deutschen Gesangvereine im Lande, welche die angeblichen Kärntner-, 
Steirer- und Oberösterreicher Lieder von Koschat, Gauby, Blümel u. a. mit Vor- 
liebe pflegen und künstlichen Ersatz dem echten Liede vorziehen, das durch seine 
natürliche Lebensfreudigkeit sich scharf unterscheidet von der Empfindelei und 
Süsslichkeit des sogen. Liedes im Volkston. Herr Zangerle verweist als auf eine 
Mustersammlung des wahren Tiroler Volksgesangs auf die „Echten Tiroler Lieder. 
Unter Mitwirkung mehrerer Freunde herausgegeben von Franz Friedrich Kohl. 
Wien 1899", die unsre Zeitschrift bereits im 10. Bande, S. 109 gebührend em- 
pfohlen hat. 

Wir wollen über den Vortrag des Tirolerlieds noch einiges aus Hrn. Zangcrles 
Aufsatz herausheben. 

Der Tiroler singt sein Lied auf den Bergen ohne Instrumentbegleitung, im 
Thal zur „Quitarre"; im Unterinnthal und seinen Seitenthälern zur Zither. Hack- 
brett und Maultrommeln sind fast verschwunden. Am häufigsten wird der ein- 
stimmige, wie der meist zweistimmige weibliche Gesang von Zither und Laute 
begleitet, 

Die Männergesänge hört man meist vierstimmig. Träger der Melodie ist der 
erste Tenor oder zuweilen ein kräftiger Bariton. Die hohen Töne der beiden 
Tenore, manchmal auch des ersten Basses (e f g) werden fast ausschliesslich mit 
Fistelstimme gesungen. Der erste Bass, im Volke der Grade oder der Aushalter 
genannt, singt, soweit die Harmonie es gestattet, fast durchaus die Quinte zur 
Melodie. Der zweite Bass singt ganz schlicht den Grundton. 

Der Jodler scheint früher in Tirol durchaus nicht so häufig gewesen, als 
heute, wo er selbst im Schnaderhüpfl manchmal jedem Strophenverse zugefügt 
wird. Ja es werden in Tirol selbst Jodler, ohne sich einem Liede mit Worten 
anzuschliessen, ein-, zwei- und auch drei- und vierstimmig gesungen. Trotz aller 
Vorliebe der heutigen Tiroler für den Jodler ist derselbe nach dem Urteil von 
Hrn. Z. nicht so reich entwickelt als in Steiermark. K. W. 



Wochenzettel für den kärntischen Uauerntisch. 
Aus der Gemeinde Stockenboj. 

Erstes Frühstück (Fruastik) bei Tagesanbruch, Sommers um 4—5 Uhr. 

Plentern d. i. schmarrenartige Polenta aus Mais(Türken oder Kukurutz)- 
töehl, mit abgekochter (gsottner) süsser Milch. 



Kleine Slitteilun 223 

Zweites Frühstück (Vorjauaen oder Halbmittag) um 9 10 Uhr. 

ächwarzbrol (Roggenbrot) mit saurer Milch oder mit Käse K - oder 
mit Gselchtm Räucherfleiscb) oder um Speck und mit Schnaps, d. L 
echtem Obst- oder Beerenbranntwein, der leider irom Kärntner Landvolk 
übermässig genossen wird. 

Mittagessen Jansen, slnvenisch jnshina, Ableitung von jug, Süd, Mittag). 

Tägliches Vorriclu oder Vormahl i-t im Sommer Salat mil selbst- 
gemachtem Essig and saurem Rahm oder Leinöl. Das eigentliche Mahl 
besteht 

Sonntags aus Grerstbrein, d. i. Brei oder Mus aus enthülster Gerste g'rolltem 
Gerschtl), gekocht in der Brühe von gselchtem Schwein- oder Rindfleisch, 
welches in Würfel geschnitten, eingelegt wird. Dazu im Sommer grüner 
Kopfsalat oder frische Gurken (Murkn), im Herbst Krautsalat Köpflsalatl 
mit Kartoffeln (Grundhirn. Flötzhirn) oder Konen roten Kühen) und Brot 

Montags: Störzerknödel, d. s. Knödel aus Mehl und gesottenem oder geselchtem 
Fleisch in der Fleischbrühe, mit Sauerkraut oder Salat. 

Dienstags (Erchtigs): Plenten mit Schmalz (zerlassener Butter) oder Speck und 
saure Milch. 

Mittwochs (Mittigs): Nudeln, d.s. Nocken gefüllt meisl mit Schotten oder Topfen 
(weichem Molkenkäse), gemischt mit Brei aus Hirse oder Pfenich (Kolben- 
hirse, panicum) nnd Kerbelkraut, oder gefüllt mit Klötznmöl (zerriebenen 
gedörrten Birnen) und Kartoffelhrei. oder mit Mohn (mägn) oder Obst- 
gehäcksel. 

Donnerstags (Pfinztigs), wie Sonnl 

Freitags, wie Mittwochs. 

Samstags, wie Dienstags, oder Mehlbrein .Mus aus Maismehl) gemischt mit Hirse. 
Wiid statt des gewöhnlichen Hirses Fenich genommen, so heisst es 
Kleinbrein. 

VespeTbrot (Schpätjausn) um 3—4 Uhr: Schwarzbrot mit saurer Milch oder mit 
Branntwein oder mit Obst. 

Nachtmahl um 7 — 8 Uhr, gewöhnlich Hirsebrei in Wasser gekocht mit Speck; 
dazu saure Milch oder Milchsuppe mit Brotschnitten, oder Farferln (d. i. 
zerriebene Teigbrocken) mit Speck in Wasser oder ohne Speck in Milch 
gekocht. Ei wird selten den Farferln beigemischt. 

Samstagsabend werden PlatÜen (tellerförmige Kuchen), oder Germnudeln mit Salat 
(im Sommer) gegessen: darnach Milch mit eingebrockten Nocken oder 
Plattlern 

An den grossen Feiertagen, den Kirchtagen, Kindlmalen (Taufschmausen), Hoch- 
zeiten, Bestattungen (Begräbnissen) giebt es eine Menge anderer Speisen. 
worüber man sehe E. Schatzmayr, Deutschlands Norden und Süden, 
Braunschweig 1870, S. 28— 31. K. W. 



Das Hutzaliaus im Egerland. 

Sowie die Mädchen des Egerlandcs zur Winterszeit ihre Rockenstuben hatten, 
so sammelten sich die jungen Burschen in den r Hutzahüusenr\ um die langen 
Winternächte in Geselligkeit zu verbringen. Hutzen gehen heisst auf Besuch gehen, 
Schmeller, B. Wb. 1-, 1195; Hutzenhäuser sind also Häuser, in denen man auf 
Besuche eingerichtet ist. 



224 Kolli- \ 

Die Besitzer dieser Bntzahäuser waren keine Bauersleute, sondern Bäusler 
mit ein wenig Feldbau und einer oder zwei Kühen. Sie lebten meist in Dürftig- 
keit, aber wegen ihres sicheren and dreisten Auftretens hei der bäuer- 
lichen Bevölkerung ein gewisses Ansehen, wenn auch nicht bei den Alten, so 
doch bei den Jungi - waren die in alle Verhältnisse des Dorfes und der 
i inzelnen Familien ihten und somit oft wichtige Vertrauenspersonen, als 
welche sie dann jedi hcit in .schlauer Weise für sich und ihre 
/.wecke ausnützten. Doch mussten >ie dabei viel Unannehmlichkeiten mit hin- 
nehmen: 80 eine jeden Winterabend von Neugierigen überfüllte, qualmende Stube, 
welche den nächsten Morgen einer gründliehen Reinigung bedurfte, manche un- 
ruhige schlaflose Nacht, manch derbes Wort. Der Vorteile halber aber nahmen 
sie diese und noch andere Widerwärtigkeiten gern in den Kauf. 

Die Unterhaltung im Butzahaus war verschieden. War „Geld beim Zeug", 
dann füllte ein „Färbl" oder „Einundzwanzig-Spiel" ') die Zeit des Abends aus: 
kam einmal der gewandte und gewohnte Erzähler der Räuber- und Schauer- 
geschichten herein, dann lauschte alles in atemloser Stille diesem; sollte der 
„Nikles" irgendwo seinen Unfug treiben, von hieraus wurde er geschickt; wollte 
man einem Missliebigen im Dorfe einen Schabernack anthun, z.B. den Wirtschafts- 
auf das Dach stellen, hier wurde es ausgetüpfelt: konnte man zu Zeiten 
durch „Spiessrecken" 2 ) einen guten Bissen erlangen, von hier aus gingen die 
Töpfe: kam die Zeit des Schweineschlachtens, des Pökelfleisches, des geräucherten 
Fleisches, dann wurde Lug und Trag getrieben, um Fleisch aus der Speisekammer, 
aus dem Fasse oder aus dem Hauch fange der Besitzer — oft der eigenen Eltern — 
zu bekommen: im Butzahause war der Schmaus. Zuweilen fing man die Gänse 
und Enten in der Nacht aus dem Teiche oder aus dem Stalle, um sie in Gemein- 
schaft zu verzehren. Hier trieb man auch das „Tischlrucken" 3 ) und das „Sieb- 
laufen" 4 ). 

Der Jlutzavota" und die „Butzamouta" aber gingen bei all diesem Treiben 
nie leer aus. Wer keinen Teil an all dem daselbst hatte, das war die „Wawa* 
(Grossmutter im Hause, die jeden Abend ihr Spinnrad drehte und allen Vorgängen 
gegenüber blind und taub und stumm zu sein schien. Und -hinta da Höll u 
'hinterm Ofen) sassen zuweilen zwei Liebende, gleichfalls für ihre Umgebung 
teilnahmslos, denn obwohl hierzulande gewöhnlich nur aus praktischen Rücksichten 
geheiratet wurde, so schlich sich doch auch nicht selten die echte Liebe in die 
Herzen zweier Egerländer ein. 

-Mühlessen bei Eger. Jos. Köhler. 



Schwäbische Beiträge zu Blümini und Kott, Verwendung der Pflauzeu. 

(Oben S. 4'.i ff. 

ide wie die Taubnessel (No. Ol) giebt die Akelei (Akelei, Aquilegium 
nilgare) in ihren spornähnlichen Blumenblättern den „g'schlürigen" Knaben und 
Mädchen einen süssen Trunk. 

1 -Färbl - und _Einundz\\;<nzi:_'--S]del u , letzteres gewöhnlich „Hoppen" genannt, zwei 
in früheren Zeiten hier sehr gebräuchliche Hazardspiele. 

i' Iieim „Spiessrecken" schickte man in die Häuser, wo Kindtaut'- oder Hoehzeits- 
schinause abgehalten wurden, Töpfe, um Kücheln, Fleisch, Knödeln u. a. zu erhalten. 

3) Das „Tischlrucken" bestand darin, dass mau von einem in Bewegung gesetzten 
Tischlein Auskunft über die Zukunft verlangte. 

4) Das „Sieblaufeir. ein abergläubisches Mittel, um Diebstähle zu erkundschaften. 



Kleine Biitteilui j-j;, 

Die Früchte der Essig Berberis i ien Bich bei unserer 

Jugend einer sehr grossen 1'.' liebtheit. Diese Beeren bilden stets in dem faventar 
der Hosentasche eines Buben aus den Leebauen einen Hauptbestani 

Zu ll. Buche. Die jungen Blatttriebe werden mit besonderer Vorlii 

Zu 25. Die Früchte der Kartoffel heissen im Ries, Gegend um Nördlinj 
im bayerischen Nordschwaben, Stucka und werden dort von den Kindern als 
Wurfgescb - intzt, indem man sie an spitzige Holzstäbe spiesst und l'ort- 

Bchleudert. 

Das „Hasaschättele" Aegopodium podagraria liefert in seinen jungen Trieben 
schon um Ostern herum Material zu Nesteben für die Osterhaseneier; auch werden 
die Blättchen dieses Krautes zum Bemustern der mit einem Abend von Zwiebel- 
schalen braun gefärbten Ostereier sehr häufig benutzt. 

Zu 4:;. Herbstzeitlose. Im Ries nennt man die Früchte dieser Giftpflanze 
„Heemutschla", man steckt vier kleine kurze Hölzchen darein, und das Kind bildet 
sich dann eine kleine Viehherde als Spielzeug. 

Das Hietatäschla (Hirtentäschchen, capsella bursa pastoris liefert den Gärtner 
spielenden Kindern in seinen Früchtchen das für den Einkauf nötige Geld. 

Zu 4<i. Holunder. Aus etwa 30— 35 cm langen und ungefähr 3 cm starken 
Aststücken wird das Mark herausgenommen. In die dadurch entstandene Röhre 
wird mittels eines Stöpsels, welcher leicht in dieser Röhre sich auf- und nieder- 
bewegen lässt und unten einen verdickten Handgriff hat. aus gewöhnlich mit 
Speichel angefeuchtetem Wergstück ein Pfropfen gebildet und mittels jenes Stöpsels 
bis an die vordere Öffnung der Röhre geschoben. Dann wird ein zweitt 
Wergstück angefertigt und mit kräftigem Stosse in die Röhre hineingetrieben, so 
dass ein lauter Knall entsteht und die zuerst hineingestossene Wergkugel hinaus- 
getrieben wird. Dieses Spielzeug wird „Holderknalle" geheissen und erfreut sich 
bei der Rieser Jugend der grössten Beliebtheit. 

Der „türkische Holder" (Syringa vulgaris) liefert „de schwäbische Mädla" 
einen sehr billigen, schönen und zugleich wohlriechenden Schmuck. Die Blüten- 
kelche werden ineinander gesteckt, bis ein Ring oder eine Kette entstein. Solcher 
Schmuck gilt als was besonders Feines, es gehört aber Kunstfertigkeit da/u. 

Die Frucht des Löwenzahns gilt kleinen Kindern als Laterne und wird, wo 
sie nur zu erhaschen ist, gierig ausgeblasen und mit den Fingern nach dem 
davonlliegenden Samen gehascht. 

Zu 61. Massliebchen (Bellis perennis). Die kleinen, auf dem dicken Frucht- 
boden aufsitzenden Blütchen werden abgelöst, in die Höhe geworfen und mit dem 
Handrücken aufgefangen. Wieviel nun solcher Blütchen auf dem Handrücken zu 
fallen kommen, soviel Kinder wird man dereinst erhalten. (Haunstetten, 6 km 
südlich von Augsburg.) 

Papaver Rhoeas, Mohn. Die kleinen Mädchen machen ..Docken", d. 1. Puppen, 
indem sie die Blumenblätter zurückbiegen; die Samenkapsel mit den Staub! 
bildet das Köpfchen und die Blumenblätter das Kleid. 

Zu 81. Die Früchte Rosskastanie werden durchlöchert an Schnüre gefasst 
und von kleinen Kindern als Halsschmuck getragen. 

Saponaria officinalis, das Seifenkraut, liefert im Sommer badenden Knaben 
und Mädchen billiges SeifenmateriaL denn aus dem Kraut und hauptsächlich aus 
der Wurzel wird ein seifenartiger Schaum gepresst, der die der Seife bedürftigen 
jugendlichen Körper säubern soll. 



\\ ■ inholjd: Kleine Mitteilungen. 

Di. W';i ssei -nisfii (nuphar luteum) soll man nicht I) rechen, denn wo sie 
wachsen, hat das Wetter im Wasser geschlagen. Aber man reisst sie doch hier 
und da heraus und macht aus den der Reife nahen Fruchtknoten - Butterbitpia " 
und „ölkrfigia". 

Zu 95. Die Wegerichblüte wird in Oberschwaben von den Kindern als 
_ Butterbrötle" gegessen. 

Zu LOOl Der Wiesenbocksbart heisst im Ries: Guggl und auch Met. und 
wird meistens von den Kindern ganz und gar verzehrt: in der Gegend gegen das 
AI Lau zu nennt man ihn auch ..Purzenstengel". 

Augsburg. A umist Vetter. 



Zu dem Cambridger Augensegen. 

Zeitschrift XI, 79.) 

Z. 5 für suzblatrun ist zu lesen scuzblatran, wie zu lernen ist aus dem Deutschen 
Krankheitsnamenbuch von M. Höfler, München 1899, S. 5"2. 877. 

Zu G wäre zu verweisen gewesen zunächst auf die Althochdeutschen Glossen 
von Steinmeyer und Sievers III, 476, 30 — 34: ordiolus est parnissima et purulenta 
collectio in pilis palpebrarum constituta in medio lata, ex utroque condueta, ordei 
grannro simulans hertprat, wozu Steinmeyer anmerkt: bisher unbekannter Name 
des Gerstenkorns. Er deutete das Wort, und hält noch jetzt daran fest, als r hartes 
Fleisch". Auch hier hätte von mir auf Höflers Deutsches Krankheitsnamenbuch 
verwiesen werden sollen. S. 879, der die Bedeutung Gerstenkorn betont und 
schriftlich den weissen und den roten hürbraten des St. Blasier Augensegen daraus 
erklärt, dass das Gerstenkorn unreif rot ist und durch die Eiterung weiss wird. 
HÖfler verweist auch auf weitere Wortbelege in der Zeitschrift Alemannia, die ich 
genauer und durch andere vermehrt hier geben will. 

Aus cod. palat. genn. "_ , 44 : Alemannia XXV, 2G4 ich segen dir aus deinen 
äugen das weis und das rodt und den frischen herbroten und das flos und das 
feil -- S. 265. du seiest bloter, du seiest male, du seiest fliech — du seiest rüde 
oder du seiest laider her brate. 

Ebendaher: Alemannia XXVI I. 108 bistu feil oder augenfeil, prafell, aug- 
geschwer, vngenant giht, schus, wetter, der herbrant, der nagell, das hippischert, 
das maslaid. — S. 110. das das feil noch der nebel noch der nagel noch der 
herbrodt noch der zinck noch der zamse noch das geschos noch das gehilb noch 
das rberbluet noch die bloter noch das dobent gesuecht nicht mer in den äugen 
zunemen. 

In dem Segen gegen Fleck im Auge, den H.Zahler, Die Krankheit im Volks- 
glauben des Simmenthals (Bern 1898), S. 106 mitteilt, heisst es: was hest in deinen 
äugen den nagel oder den fläcken den weissen oder den rotten oder den bluts- 
rodten oder den heirbratden und die siben und sibentziger lei gesucht. 

K. W. 



Nachtrag zum Traum vom Schatz auf der Brücke. 

Zu Zeitschrift X, 432.) 

In den „Blättern für pommersche Volkskunde" 9, S. 49f. teilt nun A. Brunk 
eine sehr interessante Passung dieser Sage aus Garzigar in Hinterpommern mit. 



Bartels: Büchcranzi 227 

Da-- Ergebnis spielt sich hier auf der „grünen Brücke" in Berlin ab. I 
werde ich erst jetzt darauf aufmerksam gemacht, dass V. rille in Veckenstedta 
Zeitschrift für Volkskunde 3, B 132 — 136 noch ei _ echische \ 
bringt und auf ein verwandtes Motiv in 1001 Nacht ed. Weil. 1890, IV - 
hinweist. A. Banffen. 



Bücheranzeigen. 



L. Stieda, Anatomisch-archäologische Studien. 1. über die alt« 
bildlichen Darstellungen der Leber. .Mir 5 Abbildungen auf Tafel i. 
II. Anatomisches aber alt-italische Weihgeschenke (Donaria). Mit 
28 Abbildungen auf den Tafeln II. III und 1\. V. Sonderabdruck 
ans Bonnet-Merkels Anatomischen Hefter (Band 15. 16). Wiesbaden, 
Verlag von J. F. Bergmann. 131 S. gr. 8°. 

Die Sitte, Nachbildungen menschlicher Körperteile, wie wir sie aus o 
deutschen Alpenländern und durch Heinrich Heines bekanntes Gedicht aus der 
Wallfahrtskirche in Kevelaar kennen, ist, wie zahlreiche archäologische Fände 
beweisen, auch im heidnischen Altertum gebräuchlich gewesen. Allerdings waren. 
soviel wir wissen, diese antiken Votivgaben nicht aus Wachs gefertigt worden, 
wenigstens sind uns keine solchen erhalten geblieben; was davon auf uns ge- 
kommen ist. das besteht aberwiegend aus gebranntem Thon; einige wenige Stücke 
sind auch aus Marmor. Der Verfasser behandelt nur die in Italien gefundenen 
Douaria, deren er eine sehr grosse aus eigenem Augenschein kennen gelernt hat. 
Die Mehrzahl derselben stammt aus dem alten Tempel des Äskulap auf der 1 
insel in Rom. dessen Cella vor vielen Jahrhunderten unterspült und in den Tiber 
hinabgestürzt war. und dessen in dieser Cella niedergelegten Votivgaben frommer 
Stifter bei den Baggerarbeiten der Tiber - Regulierang im Jahre loben 

wurden; ferner aus Veji, Civita Lavinia, Civita Castellana u. s. w. und endlich 
auch aus einem Heiligtum der Diana in Nemi, welche Göttin als Geburtshelferin 
verehrt und hierdurch auch wohl zur Helferin in allerlei anderen Leiden des 
Körpers wurde. Aber auch bei anderen Ausgrabungen hat man solche römischen 
Exvntis gefunden. Über die Häufigkeit derselben, von denen sich viele Stücke 
in den verschiedensten Museen Europas linden, erhalten wir eine Vorstellung, 
wenn wir hören, dass in dem Museo nationale in Rom von der Nachbildung 
eines einzigen Körperteils (eines Unterleibsorgans der Frauen) 102 Exemplare vor- 
handen sind. Diese Votivgaben sind gewöhnlich aus einem rötlichen Thon«' her- 
gestellt, und bei vielen Stücken vermag man noch die deutlichen Spuren einer 
Bemalung zu erkennen. 

Es handelt sich um ganze oder halbe Köpfe. Augen. Ohren, Nasen, Lippen, 
Hände, Füsse. Brüste und Unterleibsorgane, und dann noch um eine sehr merk- 
würdige Gruppe, welche aufgeschnittene Bäuche darstellt. Für die plastische 
Wiedergabe von Krankheitssymptomen bieten diese Donaria keinen Anhalt: denn 
es handelt sich hier in allen Fällen um gesunde Körperteile. Das ist für uns 



■_»•> Bartels: 

vollkommen begreiflich, denn der Kranke erbittet durch die Weihgabe ja 
natürlicherweise nicht ein krankes, sondern ein völlig gesundes Glied. Würde er 
ein krankes Glied opfern, dann könnte sich die Gottheit ja dieses als Beispiel für 
sein Gnadengeschenk wählen. Über den Zeitpunkt, wann die Kranken oder deren 
je derartige Exyotis in den Tempeln niedergelegt haben, ist man ver- 
schiedener Ansicht gewesen. Die einen meinten, dass es bei der Erkrankung, die 
alliieren, dass es naeli der glücklich erfolgten Heilung stattgefunden habe. Wahr- 
scheinlich ist beides vorgekommen, doch das erstere war gewiss das bei weitem 
häufigere. 

Übrigens haben auch wohl nicht alle diese Nachbildungen von menschlichen 
Körperteilen mit Erkrankungen etwas zu thun. Hände mit den ausgestreckten 
drei ersten und dem eingeschlagenen vierten und fünften Finger, sogen. Schwur- 
hände, sind vielleicht das sichtbare Zeichen eines abgelegten Gelübdes gewesen, 
während Küsse, und namentlich solche mit angeschnürter Sandale, vermutlich das 
Weihgeschenk entweder für eine bevorstehende oder für eine glücklich vollendete 
Reise gewesen sind. 

Noch nicht hinreichend sicher erklärt in ihrer anatomischen Bedeutung sind 
die oben erwähnten Gebilde, die in so auffallend grosser Menge sich gefunden 
haben. Übereinstimmung über sie herrscht nur darin, dass sie nach der allge- 
meinen Annahme bei Beschwerden des weiblichen Körpers geopfert worden sind. 
Schwer verständlich, auch in anatomischer Beziehung, sind die Darstellungen des 
geöffneten Unterleibs. Der Verfasser weist überzeugend nach, dass sie keinen 
(Gegenbeweis gegen die allgemeine, wissenschaftliche Anschauung liefern, dass den 
alten Römern die Anatomie des menschlichen Körpers durch die Anschauung 
geöffneter Leichen unbekannt gewesen sei. Denn wir haben hier nicht den Aus- 
druck wissenschaftlicher Kenntnisse auf dem Gebinde der menschlichen Zer- 
gliederungskunst, sondern nur die schematischen Darstellungen von unwissenden 
Handwerkern vor uns, welche ihre Anschauungen von geschlachteten Tieren her- 
genommen haben. Unter welchen Umständen oder bei welchen Erkrankungen 
Stücke geopfert wurden, das ist bisher noch unaufgeklärt. 

\ orangestellt hat der Verfasser die Beschreibung von drei Altertumsfunden, 
welche untereinander eine grosse Übereinstimmung besitzen. Es sind flache Ge- 
bilde mit abgerundeten Ecken, aus deren oberer, konvexer Fläche sich eigentümlich 
gestaltete, kegelförmige Portsätze erheben. Das eine Stück, aus Bronze gefertigt, 
wurde bei Piacenza gefunden. Es ist von den Archäologen erst für ein Acker- 
gerät, dann für das Modell eines etruskischen Tempels und endlich für die Dar- 
slellung einer Leber gehalten worden. Ein anderes, um vieles älteres Stück, aus 
.Marmor, fand sich in Babylonien, und das dritte Exemplar hat die Marmorfigur 
eines Mannes in der Hand, die den Deckel einer etruskischen Aschenurne in dem 
Museum von Yolterra bildet. Der Verfasser tritt dafür ein, dass es sich hier bei 
allen drei Stücken um die Darstellung von Schafslebern handele, und er weist 
durch anatomische Untersuchungen nach, dass von allen Haustieren das Schaf die 
in ihrer Gestalt und Form am meisten Variationen bietende Leber besitze, und 
dass dieselbe aus diesem Grunde in ganz hervorragender Weise geeignet sei, den 
Opferbeschauern als günstige Grundlage für ihre Orakelsprüche zu dienen. Die 
beiden Stücke aus Piacenza und Babylonien hält er für Lehrmodelle für die 
Priesterschüler der Haruspices; dafür spricht bei der babylonischen Leber eine 
Einteilung der Oberfläche in kleine Quadrate. In der Figur des Verstorbenen in 
"\ olterra muss man dann einen einstmaligen Opferpriester erkennen. 



Bücheran 

sehr gute Abbildungen auf 5 Tafeln, die zum grössten Teile in Autotypie 
ausgeführt worden sind, hat der Verfasser zum besseren Verständnis seinem Werke 

igeben. Eine Portsetzung dieser Untersuchungen, für welche der Verl 
als Professor der Anatomie ganz besonders berufen ist, hat derselbe in Aussicht 
eilt. Es muss hier, wie wir gesehen haben, noch manche volkskundliche 
Präge ihrer endgültigen Lösung entgegengeführl werden. \\.w Bartels. 



Studien zur Geschichte der altdeutschen Predigt. Von Am n E. Schön- 
bach. 2. Stück: Zeugnisse Bertholds von Regensburg zur 
Volkskunde. Aus den Sitzungsberichten der Wiener Akademie. 
philos.-hist. Klasse, Bd. CXLII, tfo. VII. Wien, Gerolds Sohn, L900. 
L56S. 8°. 

Soweit als man die Predigten des grossen Minoriten Berthold für die Kultur- 
gi schichte ausnutzte, hielt man sieh an die deutschen, da von den lateinischen 
nicht (dien viele gedruckt sind. Um so dankenswerter ist. dass Schönbach hei 
Beinen umfänglichen und eindringenden Studien über die mittelalterliche l'i 
in Deutschland unter Benutzung der gedruckten Heden und von sechs oder sieben 
handschriftlichen Sammlungen gerade die lateinischen Aufzeichnungen ausgebeutet 
hat. und zwar im besonderen für die Volkskunde. I)a>s er diesen Begriff meld 
zu eng fasste und allerlei heranzog, was sich mit der Gelehrsamkeit des Mittel- 
alters berührt, war wohlgethan. So linden wir gleich zu Anfang einen Hinweis 
auf Ansätze zum Seelenglauben in der kirchlichen Lehre und mit der Legende 
von der heil. Ai'ra dürfte es zusammenhängen, wenn in Augsburg Venus Ver- 
ehrung genossen haben soll. Parallel dazu Astaroth in Baiern. Nur sehr vor- 
sichtig deutet Sch. hierbei auf die nicht unangefochtene Göttin Ostara. hätte aber 
die Personen- und Ortsnamen mit üstar als erstem Teil lieber nicht heranziehen 
sollen, da Ostar in ihnen, wie entsprechende Bildungen mit West, Süd, Nord 
lehren, nur Lage oder Herkunft in oder von Osten bezeichnet und ihr häufigeres 
Vorkommen im deutschen Osten nicht erstaunen kann. Gelehrten Anstrich hat 
auch noch Bertholds Deutung der deutschen Namen der Wochentage, wobei Dienstag 
- natürlich als dies servitii gefasst — einen merkwürdig frühen Beleg für das 
Eindringen dieser Bezeichnung in Bayern an Stelle <\r< heute noch dort üblichen 
Eri- Er- Erchtag liefert. Aul eine nicht ganz sichere Stelle über Wassergeister 
folgt eine, tue Sch. auf gespenstische Rosse beziehen möchte. Es imi^ aber in 
dem Worte demonum der Verbindung equi demonum umbratici ein Fehler stecken, 
nicht sowohl deswegen, weil in den verwandten Stellen hei equi umbratici, equi 
umbratiles das demonum fehlt, als deswegen, weil man sich gespenstische Rosse 
kaum als scheu und furchtsam denken wird und der Zusammenhang lehrt, dass 
hier leibhaftige Pferde verglichen werden. Vielleicht im statt demonü zu lesen 
dementes. Umbraticus, um!>ni/<l> aber isl cm Pferd, wenn es an der umbra, mhd. 
scheme, nhd. Schemen leidet, einer Augenkrankheit, die es am deutlichen Sehen 
hindert: vgl. Lexer 2, 698. I). Wl No. 5. Di- Konjektur zu Ulrich 

von Lichtenstein kann ich gerade wegen der von Seh. citierten Verse aus der 
Virginal nicht annehmen.) An anderen Stellen aber ist wirklieh vom nächtlichen 
Reiten der Dämonen und Hexen die Rede. 

Da die Termini technici in den Predigten gern deutsch gegeben weiden, kann 
uns Sch. aus ihnen den bis jetzt ältesten mhd. Beleg für Werwolf liefern. Eis 
folgen Angaben über die Tauf- und Sterbekerze, über Wahrsagerinnen und Wahr- 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1901 



merkwürdig die Enthauptung als Strafe! — und andere Gauner, über 

allerhand ans Heidentum gemahnende in stisi he Wesen: Holden und Un- 

holden, Bilwisse, Nachtfahren und Nachtfrauen, Maren, Traten Alpe;. Die saugen 
Fräulein werden als felices dommm hier zum erstenmale ausdrücklich genannt; man 
rüstet ihnen zur Nacht einen Tisch mit Speisen. Verschiedene Arten von Zauber 
und Aberglauben stellen mit religiösen Oarimonien und Anschauungen in Verbindung: 
Zauber mit der Hostie. Parodien der Taufe, das Tutbeten (tnortbeten) u. s. w. Zum 
Zauber mit Wachsbildern wäre noch auf unsre Zeitschrift '.', 332 f. zu verweisen. 
Behufs der Weissagung werden Fingernagel, Schwerter, Wasser, Knochen beschaut: 
ein Verfahren mit Schafschädeln wird nicht klar. An der Stelle, die vom Eisatz 
des herausgenommenen Herzens durch Stroh handelt, scheint mir noch ein zweites 
erwähnt zu sein, das Seh. nicht heraushebt: de palea pro corde, quod puer sit mutatus 
— das Verwechseln der Kinder, worauf auch eine später erwähnte Äusserung 
führen dürfte. Sie bleibt leider, wie so manche andere, dunkel, weil diese Predigten 
nicht völlig ausgearbeitet sind, sondern nur Anhaltspunkte für das Gedächtnis 
geben und sich nicht selten mit Stichworten begnügen. Neben das Niederwerfen 
des Handgeldes, des ersten Erlöses, durch den Verkäufer stellt sich das nicht er- 
wähnte Bespeien. Über den Angang sagt Berthold u. a.: Si • ccurrit sanctus sacerdos, 
timet malum; si canis immundus, scabiosus, sperat Immun. — similiter, si lupus et 
lepos. Seh. hält den unreinen, räudigen Hund für identisch mit dem Wolf, wo- 
gegen sich doch similiter sträubt. 

Eine höchst lehrreiche und anziehende Erörterung von 15 Seiten wird den 
Namen der Betonica offtcinalis und ihrer Rolle im Aberglauben gewidmet. Sie 
ergiebt, dass im Grunde nichts volkstümlich Deutsches daran ist, was Seh. denen 
warnend vorhält, die den Aberglauben zur Grundlage der Mythologie machen 
möchten. Der Glaube an die Wirkungen der Betonica wurzelt in der antiken 
Gelehrsamkeit. Ähnlich stehts mit dem Glauben an die Kräfte von Steinen, deren 
Berthold ebenfalls gedenkt. Hier hätten S. ( .>8 die Steinbücher herangezogen werden 
können, was nur S. 53 f. geschehen ist. Merkwürdig ist der stählerne Schild im 
Weinberg als Abwehr von Unwetter. 

Zu den litterarischen Gebieten leiten uns andere Excerpte hinüber. Im An- 
schluss an sie sind S. 5H — 89 die Klassen der Spielleute und ihre Bezeichnungen 
sorgsam untersucht worden. Von einigen Bedenken, die ich hege, erwähne ich 
nur. dass in ahd. scern das n nicht wurzelhaft sein kann, weil das Verbum scerfy 
und scherzen, scherz, schätz davon abzutrennen wirklich kein Grund vorliegt und 
wir an lat. scurra. griech. maipui und xdpba.%, skr. kürdati unzweifelhafte Verwandte 
besitzen (E. Zupitza, Die german. Gutturale 155). Sie führen aber alle auf die 
Grundbedeutung Springer, Tänzer, nicht Karrikierer, antardri, wozu stimmt, dass 
in den ältesten Stellen scirno als Glosse für scurra dient, das zugleich durch 
tümdri wiedergegeben wird, d. h. eben Springer, Tänzer. Vgl. auch thymelicut 
scirno. Ferner kommen zur Sprache Volkslied und Volksepos, — Crimhilt. 
Chreimhilda, mit dem treffenden Beiwort amara, in der milderen Auffassung der 
späteren Zeit; mit dem rumor de Ditrico, der nur aus aliquibus verbis besteht, 
kann schwerlich Eckenlied oder Laurin gemeint sein, sondern nur eine kürzere 
Ballade — , der starke Boppe (wichtig!), märchenhafte Züge, Sprichwörter und 
Redensarten, die der Tierfabel nahe stehen, und andere. Qui amant bella, moriuntur 
gladio verdiente als Sprichwort bezeichnet zu werden: es specialisiert den Spruch 
„Wer sich in Gefahr begiebt. kommt darin um - . Adolescens arbor o prineipio in 
aliam partem flexa vix unquam in c mtrarium flecti potest hat nicht den Sinn „Was 
ein Häkchen werden will, krümmt sich bei Zeiten'', sondern von „Jung gewohnt 



Bü( In i.' '• igen. 

,ih gethan". „Ein X für ein U machen" finde! hier eine neue und beachtena 
Beleuchtung. Hocbzeitsbräuche, die Krönung der Maikönigin warum denn gerade 
ein Bauermädchen? Der rusticua vorher hat ja damit nichts zu schaffen! reihen 
sich an. Xu grübeln giebt das Abziehen des pil(l)eus fiospitalis. Strafen für ver- 
brecherische Tiere und Menschen, das Bahrrecht berührt Berthold. Die drei 
ictus mortis halte ich aber nicht im- Todesstrafen, sondern für drei Angriff« des 
Todes auf den Menschen, drei Stadien des Absterbens. Beim Stigmatisieren der 
Verbrecher und dem französischen T. I'. ihr Bagnosträflinge fiel mir Andersens 
Human 0. 'I'. ein: mit diesen Buchstaben zeichnete das Zuchthaus tugthuus] von 
Odense seine fnsassen. An der eigenartigen Einsetzung des kärntischen Hei 
Bind auch die Rechtsaltertümer 2, 353 ff. nicht vofübergi i 

In den Beigaben teilt Seh. aus der Fülle seiner Sammlungen noch eine - 
Zahl von Segen und Beschwörungen mit und liefert Zusätze zum Hauptteil. Meine 
Angaben konnten seinen Inhalt ganz und gar nicht ausschöpfen, auch von den 
umsichtigen Erörterungen der einzelnen Stellen und der Masse der literarischen 
Nachweise keinen Begriff geben. Aber hindeuten muss ich noch auf die metho- 
dischen Winke für die Ausnutzung derartiges .Materials und auf die ruhige Ab- 
schätzung seines Wertes für die Volkskunde, wobei im besondern die Segen 
klassifiziert und gewürdigt werden. Die Mahnung, die mittelalterlichen Hand- 
schriften auszubeuten, möge Gehör linden und ebenso reiche Erträge hervorrufen, 
wie diese vorbildliehe Arbeit uns bietet. 

Berlin. Max Roediger. 



Knisella Farsetti, Quattro bruscelli senrsi preceduti da iino Studio 
sul bniscello in genere. Pirenze, Seeber, 1899. XI.. I s 8. 8° 

Wie der Begriff der volkstümlichen Dichtungsart zu bestimmen sei, die man 
in Toskana bruscello nennt, ist nicht leicht zu sagen. Dass das Volk selbst die 
verschiedenen Namen, mit denen es seine im Freien sieh vollziehenden Aufführungen 
% oii Unterredungen in strophischer Form zwischen mehreren Personen bezeichnet, 
so sorgfältig voneinander scheide, wie es für den wissenschaftlichen Beobachter 
bequem sein würde, scheint mir nicht gewiss. Die Bevoi ler Oktave als 

Form d.r dichterischen Rede, die Verknüpfung der Oktaven untereinander durch 
Reim zwischen dem Schluss der einen und dem Beginn der anderen, daneben 
Verwendung kürzerer Strophen für die Scenenschlüsse sind wohl den meisten 
bruscelli eigen. Daneben aber geht die grösste Ungleichheit in Bezug auf die 
Gebiete einher, denen die Stoffe entnommen sind: ist hier die Götterwelt der 
Alten, dort die antike Heldensage die Quelle, aus der geschöpft wird, so sieht 
anderwärts der Zuschauer sich vorgeführt, was in -einer Umgebung sich täglich 
vollziehen kann, oder hat er Gelegenheit, lächerliches Gebahren seiner Zeitgenossen 
in lustiger Verzerrung dargestellt zu finden. 

Ist manchmal eine kleine, einfache Handlung er auch eine lä 

Reihe von Begebenheiten in wenige Strophen von Heden und Gegenreden zu- 
Bammengefasst, so ist anderswo über das blosse Auftreten und Sichselbstvorstellen 
göttlicher Persönlichkeiten kaum hin; - n. Natürlich ist auch «las gestaltende 

Vermögen der (zum Teil bekannten) Urheber solcher Spiele sehr ungleich: manche 
sind Lesens und Schreibens kaum mächtig und nicht immer sicher, das Mass des 
elfsilbigen Verses richtig zu treffen, andere versuchen höher gehenden Anforderungen 
zu genügen. Die Verfasserin giebt über die heute noch nicht seltenen Aufführungen 

16 



Pobler: 

der i'iiisivlh. über rrüherc Versuche, die Gattung auch akademisch zu verfeinern, 
über die Weise des musikalischen Vortrags dankenswerte Auskunft, die man zu 
dem von D'Ancona und von ßiannini Gesagten gern hinzunehmen wird: versuch! 
dann festzustellen, wie der bruscello vom muggio sich unterscheide (beide sind 
nach dem als Mittelpunkt des Schauplatz..- aufgepflanzten Bäumchen benannt) und 
teilt endlich vier in ihrer Ungleichartigkeii gui gewählte Proben der Gattung mit. 

Kurz nach Ai^v besprochenen Schult hat die Verfasserin im nämlichen Verlag 
eine zweite erscheinen lassen: 

Befanate del contado toscano edita con im" introduzione. L900. XXXIN. 
36 s. 8°. 

Sie handelt in der Einleitung von dem Aufkommen der kirchlichen Feier 
des Tages der heil, drei Könige und dem Zusammenhang solcher Feier mit 
den Anfängen des geistlichen Schauspiels und andererseits mit den sehr wenig 
erbaulich gewordenen Weisen, den Vorabend der epifania in den Gassen der 
Städte und auf dem Lande mit Lärm und Herumfahren eines weiblichen Popanzes 
zu begehen, dessen Name befana (aus epifania, mit Anlehnung an beffa) zum In- 
begriff lächerlicher Hässlichkeit in Wcibesgestalt geworden ist. Sie kommt dann 
auf die Bräuche zu sprechen, die heute mit dem Herumfahren der Befana sich 
verbinden, das Singen von Liedern, in denen milde Gaben erbeten werden, und 
die mannigfachen Weisen diesen Zweck mit dem Singen von der Befana zu ver- 
binden. Eine längere geistliche und durchaus nicht volksmässige, sechs kürzere 
weltliche und endlich eine noch vor zwei Jahren zur Aufführung gekommene 
dramatische (gleichfalls durchaus weltliehe) Befanata reihen sich an, in welcher 
letzteren das eigentlich fremde Element des Entzweisägens einer Alten und das- 
jenige komischer Testamente mit aufgenommen sind oder vielmehr das der eigent- 
lichen Befana völlig verdrängt haben, so dass man sich fragen darf, ob diese an 
sich ganz bemerkenswerte Probe etwas roher Bauerndichtung in den Kreis der 
Befanate zu ziehen ausreichender Grund vorhanden ist. Adolf Tobler. 



Sagen, Gebräuche und Sprichwörter des Allgäus. Aus dem Munde des 
Volkes gesammelt von Di'. Karl Heiser. Kempten, Köselsche Buch- 
handlung. Heft 17. IS. 19 (Bd. IL 449— (540). 8°. 

Von diesem wichtigen Werke für das Volkstum des Allgäus, das wir von 
Anfang an mit Teilnahme begleiteten (zuletzt X, 10G), liegen wieder drei Hefte 
vor. Das 17. und der grösste Teil des 18. Heftes enthält eine Darstellung der 
.Mundart des Allgäus oder genauer dessen Mundarten, da das Allgäu teils dem 
alemannischen, teils dem schwäbischen Dialekt angehört und diese sich wieder 
spalten. Dr. Reiser ist nicht bloss ein geborener Allgäuer, sondern auch germa- 
nistisch geschult und mit der neueren Mundartenforschung vertraut. So erhalten 
wir denn hier eine sehr beachtenswerte wissenschaftliche Übersicht über die Volks- 
sprache des schönen Alpengaus. Die Lautlehre erhält, wie die Sachen zur Zeit 
liegen, den Hauptraum. Indessen sind auch für Deklination und Konjugation die 
charakteristischen Verhältnisse klar und übersichtlich vorgetragen. 

Dieser grammatische Abschnitt leitet den dritten Teil des ganzen Werkes ein, 
der ausserdem die Sprichwörter, Redensarten, Volksreime und den Wortschatz 



Bü< In rai 

des Allans bringen wird. Der l!> -i des 18. und da • Hefl enthält die 
Sprichwörter, die alphabetisch nach Schlagwörtern in Grup| 

Bind in mundartliche Form gefasst, das Ganzi wertvoller Beitrag zur 

deutschen Sprichwörterkunde. K W . 



Drechsler, Paul, Das Verhältnis des Schlesiers zu seinen Haus- 
tieren und Bäumen. Ein Beitrag zur deutschen Volkskunde. Beilage 
zum Jahresbericht des Progymnasiums zu Zaborze, L001. Zabrze 1901. 

S. ls. 4°. 

Das erste Osterprograram des im oberschlesischen Kohlen- und Büttenbezirk 
neu entstandenen Progymnasium in Zaborze-Zabrzc bringt eine Abhandln 
Direktors, Dr. Paul Drechsler, der den Lesern unsrer Zeitschrift bereits näher 
bekannt ist. Unter den Lehrern unsrer Mittelschulen gewinnt die Erkenntnis immer 
mehr Boden, da— es nützlich sei, die Schüler auf das hinzulenken, das sie im 
eigenen Volke als ureigene Art und Sitte umgiebt. Und so hat denn auch Dr. P. Dr. 
sieh für das Programm ein seinen Schülern, aber auch allen Freunden der Volks- 
kunde anziehendes Thema gewählt, die Darstellung, wie sich der Schlesier zu 
Beiner nächsten Umgebung in Haus und Hof, den Tieren und zu den Bäumen des 
Gartens verhält. Der Verfasser hat seit lange in den verschiedensten Gegenden 
Schlesiens lleissig gesammelt und auch seine früheren Schüler an anderen Schulen 
des Landes als Quellen benutzt. So verwertet er nun ein reiches Material. Die 
Namen. >el>un<j' der Tiere, das Verhältnis zu den Kühen, zu dem Hunde, die Bräuche 

DD " 

zum Schutz des Stalles. Lei Aus- und Eintrieb, hei den Pesten des Jahres 
Parailienereignissen treten namentlich hervor, und damit wird das verbunden, das 
die Obstbäume aL fast belebte Zugehörige zum Leben des Bauses erscheinen 
lässt. Die Abhandlung steht in naher Beziehung zu einer umfassenden Darstellung 
von Sitte, Brauch und Volksglauben der Schlesier, die Dr. P. Drechsler als zweiter 
Band der von der Schlesischen Gesellschaft für Volkskunde ausgehenden -Volks- 
tümlichen Überlieferungen Schlesiens" im Teubnerschen Verlage in Leipzig bald 
herauso-eben wird. K- Weinhold. 



Hessisches Trachten buch von Ferdinand Justi. Zweite Lieferung mit 
8 Trachtenbildern. Marburg, Elwertsche Verlagsbuchhandlung, 1901. 

(S. 15— 42 Text.) fol. 

Die erste Lieferung dieses für die deutsche Trachtenkunde wichtigen Werkes 
haben wir in unrer Zeitschrift Bd. X. S. LH angezeigt. Wir freue,, uns der zweiten, 
die acht neue Bildtafeln (5 ganze Gestalten. 3 einzelne Kleidungsstücke und den 
Anfang der Beschreibung der Trachten der einzelnen Bezirke bringt Der Herr 
Verfasser erinnert zunächst noch einmal kurz an die Entstehung der Volkstrachten, 
wie er sie in der ersten Lieferung dargelhan: eine ungeschickte Nachahmung der 
vornehmen und reichen Tracht, mit einzelnen selbständigen Veränderungen, vor 
allem mit der nötigen Anpassung an die Bedürfnisse des Landlebens; die Tracht 
bleibt aber schon wegen der dauerhaften Stoffe hinter der städtisch mehr 

und mear zurück; manche Teile der Kleidung werden zäher restgehalten als dir. 
anderen, manche rascher der vornehmen Mode nachgebildet. Die Volkstracht ist 
also aus zeitlich verschiedenen Teilen zusammengesetzt und Aufgabe der Trachten- 



Weinhold : Büchoranzcigen. 

künde i»t- Aller und Herkunft der einzelnen Stücke zu bestimmen, was nur bei 
der Beschränkung auf kleine Gebiete möglich wird. 

Prof. I'Vrd. .1. behandelt nun zuerst die Tracht im Bieidonbacher Grunde oder 
dem Perfgau (pagus Pernaffe), der sich in das Ober- und in das Untergericht teilt 
Er stellt gleich an die Spitze den grossen Unterschied zwischen der Männer- und 
Frauentracht. Die erstere schliesst sith der städtischen möglichst an und ist sehr 
anscheinbar: bei einem Pfingstreigen, dem Hr. -I. I«'.' 1 .' hinter Steinperf zusah, 
schien ihm als ob Edelfräulein mit ihren Knechten tanzten. Er stellt die Männer- 
tracht also zunächst ganz in den Hintergrund und beschäftigt sich allein mit der 
weiblichen, indem er die einzelnen Stücke sehr eingehend beschreibt Die ganze 
Kleidung besteht aus dem langärmlichen Leinenhemd, dann dem sogen. Büffel, 
einem ärmellosen anschliessenden wollenen grünen Kleide, über dem ein Armel- 
leibchen oder ein feines Oberhemd liegt. Das Überkleid teilt sich in ein weites 
offenes Mieder (Saratbrust, oder Brust), das mit schmalem geblümtem Bande ver- 
schnürt wird. Diese Verschnürung hält auch das darunter liegende gestickte 
Brusttuch fest, das eigentliche Zierstück der hessischen Frauentracht. Hr. J. handelt 
hier im besonderen über die hessische Stickerei, die mit Vorliebe Rose, Tulpe 
und Grasblumc (Nelke] zur Darstellung wählt. Den zweiten Teil des Oberkleides 
giebt der Rock oder Kittel. Hiernach werden Schürze, Strümpfe, Schuhe be- 
schrieben, sowie die Haartracht (Zöpfe) und die Mütze. Letztere ist im Perfgau 
eine den um den Kopf gelegten Zopf bedeckende und für den Hinterkopf aus- 
geschnittene kegelartige Röhre, die aus steifem Papier gemacht wird, das mit 
Tuch überzogen ist. Herr J. weist (S. 24. 25) nach, dass sich hierin die mittel- 
alterliche brabantische Mütze erhalten hat, die mit der Herzogin Sophie von Brabant, 
der Tochter der hl. Elisabeth, 1248 nach Hessen gekommen ist. 

Im Untergericht des Perfgaus ist die weibliche Kleidung im wesentlichsten 
dieselbe. Leider kommt das Brusttuch in der Gegenwart hier ab und wird durch 
das sou r cn. Tuch, das ihm auch im Obergericht schon hinderlich ist, ein baum- 
wollenes Halstuch, verdrängt. Die Mütze, die den elliptisch hinten aufgesteckten 
Zopf bedeckt, heisst Stülpchen und ist von der brabantischen Mütze des Ober- 
gerichts verschieden. Das Stülpchen besieht aus einer am Hinterkopf sitzenden, 
13 cm hohen Röhre, die unten an den Seiten Ohrlappen mit kleinen Schuppen hat, 
und aus der eigentlichen Mütze, deren Boden eine flache runde Scheibe bildet. 
Gotische gestickte Ornamente bedecken die Röhre wie die Scheibe. Herr Justi 
weist diese Kopfbedeckung auf Bildwerken des ausgehenden 15. und des IG. Jahr- 
hunderts nach. Jedenfalls ist das dem Obergericht im Perfgau eigentümliche 
Stülpchen sehr alt. Beim schwarzen Traueranzuge und in der Kirche ist es weiss. 
Die weissen Abendmahlstülpchen sind mit sehr schöner weisser und schwarzer 
verschiedenartiger Stickerei geschmückt. 

Unter No. II wird die Frauentracht westlich der Lahn beschrieben. Vor liegt 
als erstes Stück der Kreis Marburg. Die Teile der Kleidung sind dieselben, aber 
mit Besonderheiten. So wird über dem Büffel ein weissleinenes knappes Mieder 
getragen, das Kimmctche oder Halstuch, mit weiten glockenförmigen Ärmeln, die 
bis an den Ellbogen reichen und die Hemdärmel bedecken. Herr J. macht über 
diese Ärmel eine' lehrreiche geschichtliche Ausführung (S. 32 — 34). Über das 
Oberkleid samt dem oft prächtig gesticktem Brusttuch wird noch ein zweites 
ivimmetche (das schwarze oder obere; getragen, das indessen jetzt von dem Motzen, 
einer schwarzen vorn zugehakten Oberjacke, verdrängt ist. Schwarz ist überhaupt 
die Farbe der ganzen Kleidung bis auf die weissen Strümpfe, und eine solche 
Kirchgemeinde macht einen ungemein ernsten feierlichen Eindruck. Die jetzige 
Jugend stellt sich leider in Gegensatz hierzu und nimmt bunte Tracht an. 



Boed 






Der Berr \ erfasser bandelt dann von der Bchwarztucbenen Mutze, der Schneppe- 
kapp, und ihrem etwaigen Alter; dann über den Trauermantel und den Bchwarzen 
Schleier, die beide arsprünglich zur feierlichen Tracht tiberhau] I . keines- 

nur bei Begräbnissen. Im Kreis Eschwege heissl der Mantel „der Hauken* 4 , 
dasselbe Wort wie die Heuke der Limburger Chronik zn 1349. 1351. Herr J. 
spricht nun über diese im Nordwesten und besonders in den Niederlandi n bekannten 
Heuken, deren Namen (wie arsprünglich die Sache aus dem spanischen Arabien 
stanmii (arab. haik). 

Das hier Mitgeteilte wird die Bedeutung des Justischen Werk« b für die deutsche 
rrachtenkunde erraten lassen. Bemerken will ich noch, dasa die technische Aus- 
führung der Bildtafeln mir gegen das erste Hefl im Portschritt begriffen erscheint. 

K. Wem ho Id. 



\ns den 

Sitzung-Protokollen des Vereins für Volkskunde. 



Freitag, den 22. Februar 1901. Herr Geheimrat Friede! sprach über 
Fischereigeräte und legte dahin gehörige Gegenstände aus dem Märkischen 
Provinzial-Museum vor, die aus der ältesten bis in die Neuzeit reichten. Denn 
die Spuren der Fischerei gehen sehr weit zurück, obwohl die gemeiniglich an- 
genommenen Etappen der menschlichen Entwickelung: Jagd and Fischerei, Hirten- 
leben, Ackerhau keineswegs allgemeine Gültigkeit halten. Ergiebige Fischerei ist 
ohne Werkzeuge unmöglich. Sie setzt alter, wie paläolithische Funde in Frankreich 
und Belgien beweisen, schon frühzeitig ein, auch in Amerika. Die beste Übersicht 
liefert das Werk von Rau, Prehistoric fishing in Europe and North-America, her- 
ausgegeben vom Smithsonian Institute 1884. Der Vortragende wies nach, dass 
die Geräte sowohl für die stille, wie für die bewegte Fischerei eine merkwürdige 
Übereinstimmung und Dauer der Formen erkennen las» ' bei komplizierten 

Stricknadeln für Netze oder bei Otterfallen. Statt des Eisens wendet man noch 
jetzt gern Stein und Knochen an. Von hervorragender Schönheit war eine neo- 
lithische Harpune. Es wurden auch Stücke jt, die in junger Zeit beim 

Fischhandel dienten, z.B. ein Masshecht. Darauf verlas Herr Sökeland den 

Kassenbericht des Schatzmeisters für L900, wobei der wiederum bewilligte und 
so notwendige Beitrag des hohen Ministeriums mit ehrerbietigem Danke zn er- 
wähnen war. Da die Aufstellung für richtig befunden war, erhielt der Hen 
Schatzmeister Entlastung. In den Ausschuss wurden -.wählt Fräul. Lemke und 
die Herren Friede], Bartels. Mielke, Bastian. Brich Schmidt. Bolte, Marelle, Voss, 
Brandl, Heusler, Moebius. Schliesslich erörterte Herr Prof. Dr. Martin Hartmann 
die Stellung der Frau im Islam in einen. Vortrag, der in der Zeitschrift weiter 
ausgeführt erscheinen wird. 

Freitag, den 22. März 1901. Herr Fabrikant Sökeland führte Wünschel- 
ruten in Thätigkeit vor und erklärte ihre Bewegungen aus der Art. wie sie 
gehalten werden, bei gewolltem oder unwillkürlichem Anstoss durch den Ti 
Das dazu prädestinierte Holz ist die Hasel oben S. 11), doch benutzt man auch 



Roedigi i: Protokolle. 

anderes Bolz, auch .Metall, überhaupt alles, \\a^ m der Hand federn kann. Die 
/.fit des Schneidens und die Sprüche dabei wechseln. Gewöhnlich ist es eil 
gabeliger Zweig; wird er zerstört, so arbeiten die einzelnen Stücke. Der Gebrauch 

Einte ging vom Wasser- und Schatzsnchen aus, gewann aber immer weiteren 
Umfang. Znersl in Prankreich, dann auch in Deutschland bediente sich ihrer die 
Justiz zur Entdeckung von Dbelthätern; denn die Rute zeigt, so behauptete man. 
die leinen Atome an, die aus dem Körper des Verbrechers ausdämpfen. Auch 
die Cntrene der Frauen sollte sie anzeigen, verborgene Reliquien: Wahrsager 
benutzten sie. Dass Satan dabei die Hand im Spiele habe, wurde behauptet und 
bestritten. Man suchte auch das Perpetuum mobile und Flugmaschinen aus 
Wünschelruten zusammenzusetzen. Dieses Treiben, worüber man sich aus Zeidlers 
Pantnmvsteriuni unterrichten kann, währte bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts; 
der Quellen findenden Wünschelrute erstand sogar noch ein Verteidiger unter den 
Zuhörern. Das sogen, side tische Pendel, das Herr Sökeland noch spielen 
liess, nimmt seine Richtung unter dem ungewollten Einflüsse des Haltenden. — 
Über Shakespeares Hexen sprach sodann Herr Prof. Dr. Brandl. Am wichtigsten 
sind die Hexen im Macbeth. Sic sind dort Symbole, verkörpern die Schicksals- 
mächte, denen der Held sich nicht entziehen kann. Es wird dadurch seiner Gestalt 
eine unheimliche Grösse gegeben und zugleich Mitleid mit ihm erweckt. Erfunden 
bat sie Shakespeare nicht, sondern fand sie schon in seiner Quelle Holinshed, der 
ein Freund von Sagen war. Hier sehen wir bei der ersten Begegnung Nornen, 
bei der zweiten eine Hexe. Holinshed wieder entnahm die übermenschlichen 
Wesen dem älteren Chronisten Winthoun. Germanisches, Antikes, Biblisches 
mischt sich in ihrer Ausgestaltung bei Shakespeare. Bei der ersten, unerwarteten 
Begegnung im Sturm und Regen auf der Heide sind sie noch deutlich germanische 
Windgöttinnen, denen aber das Wissen der Xornen und die Bosheit der ebenfalls 
germanischen Hexen anhaftet. Stellt Hekate sie zur Rede, so ist das antike Bei- 
mischung Das zweite Mal werden die Hexen aufgesucht. Wieder spielt Hekate 
hinein, aber auch von germanischen Elfen ist die Rede und dazu lassen sie Er- 
scheinungen auftreten, wie die Hexe von Endor 1. Sam. 28; und wie diese den 
erschrockenen Sau! erquickt, heitern die Hexen Macbeth durch Musik und Tanz 
auf. Beim Publikum machten diese Scenen einen ungeheuren Eindruck und 
weckten Nachahmungen: es sei nur an Byron und Goethe erinnert. Hexengläubig 
war Shakespeare nicht, so wenig wie die Mehrzahl seiner Zeitgenossen, wenn- 
gleich Rückfälle in den alten Wahn selbst der englischen Justiz nicht erspart 
blieben. Hätte der Dichter an Hexen geglaubt, so würde er sich gescheut haben, 
sie als poetisches Mittel zu verwenden. — Zum Obmann des Ausschusses wurde 
Herr Fr i edel gewählt. 

Dienstag, den 2. April 1901, hatte Herr Geheimrat Friedel unter Beistand 
des Herrn Kustos Buch holz die Güte, den Mitgliedern des Vereins und ihren 
Angehörigen die neu geordneten Sammlungen des ihm unterstellten Märkischen 
Provinzial-Museums zu erklären. Er beschenkte bei dieser Gelegenheit unsre 
Bibliothek mit der reich ausgestatteten Festschrift der Museums-Direktion beim 
25jahrigcn Bestehen des Museums, die über die Geschichte und Leistungen der 
Anstalt unterrichtet und eine Abhandlung des Herrn Friedel über das einzig da- 
stehende Rönigsgrab von Seddin in der Westpriegnitz enthält, der sechs Tafeln 
Abbildungen beigegeben sind. Die Funde ruhen im Museum. 

Max Roediger. 



Die Frau im Islam 

Von Martin Bartmann. 



„Ich kenne in der ganzen Weltgeschichte keinen handgreiflicheren 
Beweis für den vielangefochtenen Satz von den kleinen Ursachen und 
grossen Wirkungen, als dass noch im L9. Jahrhundert uher 200 Millionen 
Menschen von jedem sittlichen Emfluss edleren weihlichen Wesens aus- 
geschlossen sind and immer ausgeschlossen bleiben müssen weil im 
Jahre 625 ein fahriges vierzehnjähriges Ding von Araberin ein Baisband 
im Werte von ein paar Mark verloren hatte." 

Mit diesen Worten schliesst A.ugusi Müller den Abschnitt seiner Ge- 
Bchichte des [slams, in dem er den Zwischenfall mit der „Mutter der 
Gläubigen", der Lieblingsfrau des Propheten, 'Ä'ischa, behandelt (8. 133 f.). 
Der Fall "Ä'ischa, an sich anbedeutend, ist in der That für die äussere 
und innere Entwicklung <!«'> islamischen Orients von hoher Bedeutung 
ereworden. \us den Berichten, die vorliegen, lässt sich mit einiger Sicher- 
heit folgendes Bild gewinnen. 8 ) 

'Ä'ischä war vom Propheten auf einen Beutezug mitgenommen worden 
(im vierten Jahre nach der Obersiedlung von .Mekka nach Medina). Bei 
äer Rückkehr, nicht weit von Medina, verlor die vierzehnjährige junge 
Frau die Fühlung mir der Karawane: sie vermisste eine Muschelhalsschnur, 
und während sie danach suchte, war man aufgebrochen mit ihrer Sänfte, 
in der man sie sitzend wähnte. Es war Nacht, und der Armen blieb 
nichts übrig als am Lagerorte auszuharren, bis mau sie holte, sie schlief 
ein. Am Morgen kam ein Mann vorüber, der sie früher gesehen. Er er- 
kannte sie wieder. Sie warf ihr Kopftuch über. Er Hess sie auf sein 

1) Erweiterter Abdruck des am 22. Febr. 1901 im Verein für Volkskunde von P I 
Dr. M. Hartmann gehaltenen Vortrags. 

2) Der Hauptbericht liegt vor im hadit al'ufk Buchäri ed. Kairo, .Main» . 1309 
25; nach ihm gieht die Erzählung der 'A'ischa Sprenger, der sie »von ihren B< wu: 

verbessert (?) und von Zohry redigiert" nennt, Leben und Lehre des Moharam 
In der Kette bei Buchäri a. a. 0. isl Zolin nicht erwähnt: dort isi ■■■ r i daktor Ibn 
Bchihäb, der eingestanden die Brocken von vier ungleichwertigen Gewährsmannern Trwa 
b.Azzubair, Sa'id b. Almusaijab, 'Alqama b.Waqqäg und Tbaidalläh b. 'Abdallah b. 
b. Mas'üd) zusammengeschwei-st hat. 

Zeitschr. d. Vereius f. Volkskunde. 1901. 



238 Bartmann: 

Kamel steigen, das er führte. Am Mittag holten Bie das Beer ein. Die 
Zungen waren geschäftig. Der Prophet selbst zweifelte. Zwei 

anensmänner hat er um Rat, darunter seinen Vetter and Schwieger- 
sohn 'All. "Ali riet ihm. gegen die verdächtige Gattin die Scheidung aus- 
zusprechen, eine Stellungnahme, die ihm den unauslöschlichen Hass der 
Gekränkten eintrug und damit schweres Unheil über die Muslims brachte. 1 ) 
Mohammed folgte nicht.-) Sein Einlenken — er hatte die Verdächtige, 
die vor Erregung ernstlich erkrankt war. etwa einen Monat lang vernach- 
lässigt — kleidete sich in die Form einer Offenbarung. Ks wird nirgend 
im Islam bestritten, dass die Verse im Anfang der 24. Sure, die von der 
untreuen Frau handeln, sich auf den Fall 'Ä'ischa beziehen. Gott ver- 
kündete (Vers 11 — 19) 8 ).: „Die da mit Lügen kommen, | Ein Trupp von 
euch: o haltet dies | Nicht für ein grosses Übel; | Es ist für euch nur 
besser. 1 Denn jedem Mann von ihnen bleibt | Was er gewirkt von Sünde: 
| Dnd wer davon beging das schwerste, | Dem wird auch grosse Strafe. 
(1*J) Wenn aber ihr dergleichen höret, j O möchten gläubige Männer oder 
Frauen j Dann bei sich selbst das beste denken | Und sagen: Das ist 
offenbare Lüge. (13) möchten sie darüber doch j Tier Zeugen bringen, 
oder wenn | Sie keine Zeugen bringen, | So sind vor Gott sie Lügner. 
(14) Und wäre nicht die Gnade Gottes über euch | Und sein Erbarmen j 
Hienieden und in jener "Welt, j Euch hätte längst betroffen j In dem, worin 
ihr euch ergiesset, schwere Strafe, | Wenn ihr's mit euern Zungen auf- 
nehmt, | Und sagt mit euern Mündern | Wovon ihr doch kein Wissen 
habt, | Und haltet's für gering, doch ist's bei Gott ein Grosses. (15) 
miichtet ihr. wenn ihr es höret, sprechen: | Uns steht nicht zu, davon zu 
reden, Behüte! das ist arger Lug. (16) Gott malmet euch, dass ihr nie 
wieder solches thut, , Wenn ihr wollt Gläubige heissen. (17) Gott offen- 
baret euch die Zeichen, | Und Gott ist weis' und kundig. (18j Die so da 
wünschen, dass auskomme Schmähliches | Über die, so da glauben, | Der- 
selben wartet Strafe peinvoll (19) In dieser Welt und in der andern; | 
und Gott weiss, und ihr wisset nicht." 

Drin peinlichen Geklatsch war durch die göttliche Bestimmung. Un- 
treue der Gattin kann nur durch vier Zeugen erwiesen werden, ein Ende 
gemacht. Aber es sollte den bösen Zungen zugleich eine scharfe Lektion 
erteilt werden, und so wurde ferner verkündet (V. 4): „Doch die be- 
schmitzen züchtige Frauen | Und dann nicht kommen mit vier Zeugen, | 



1) Die spätere Geschichtsfälschung lässt die Mutter der Gläubigen über ihr Verhalten 
gegeu 'Ali Reue empfinden und die faule Ausrede des qadar maqdür, des Verhängnisses, 
gebrauchen, s. Albaihaql, kitäb almahasin walmasäwi ed. Schwall}' 322f. 

2) Sprenger a. a. 0. nimmt an, ' A'ischa sei in der That auf den Rat 'Alis von 
Mohammed Verstössen worden. 

3) Ich folge bei dieser und den andern hier mitgeteilten Qur'änstellen der form- 
vollendeten Übersetzung Rückerts. Von denen, die bei Rückert fehlen, gebe ich eigne 
Übersetzung. 



Die Frau im [slam. 

So streichet ihnen achtzig Streiche, ' Und aehmel nie mehr Zeugnis an 
rön iliiMMi. | Dieselben Bind A.htrünnige." Zwei der Hauptankläger Hessen 
siofa als aufrichtige Gläubige die Strafe gefallen. 1 ) 

Die Geschichte ist unerfreulich. Sie widerl ans geradezu an, weil 
hier um einer Bifersuchtregung willen der Apparai der göttlichen [nspiration 
in Bewegung gesetzt wird. Aber roil welchem Rechl arteill Müller, der 
Islam von heute sei von jedem sittlichen Einfluss edleren weiblichen 
\\ « -.'iis ausgeschlossen und müsse es immer bleiben, weil vor 1300 Jahren 
die 14 jährige 'Ä'ischa ein Halsband verlor? Müller deduziert: es sei doch 
klar, dass einem Manne, der zur Erhärtung der Untreue Beiner Frau vier 
Augenzeugen braucht, nichts übrig bleibt, als sie einzusperren. Sonderbare 
Logik! Als ob die Araber nicht ebenso gut wie alle andern Völker des 
Orients and Occidents gewusst hätten, was in allen Volksbüchern von 
dem Vorbild des Pantschatantra bis in die neuesten Heftchen „gedruckt 
in diesem Jahr" zu lesen ist, dass der Eifersüchtige, der die Gattin hinter 
Bchloss and Riegel hält, erst recht genarrt wird! I>ie Schwierigkeit, den 
Schuldbeweis zu erbfingen, konnte höchstens Anlas- für Heu Muslim 
werden, bei dem geringsten Verdacht das ihm gesetzlich zustehende Recht 
der Scheidung auszuüben. Müller behauptet auch, das angebliche Schleier- 
gebot sei eine Folge des Falles 'Ä'ischa. Das ist ein Irrtum. Die Stelle 
des Qur'äns, die allein in Betracht kommt 2 ), gehört in die Zeit nach dem 
Abenteuer der Lieblingsfrau des Propheten. Die Hauptsache ist aber, 
«lass sich bei näherem Betrachten dieser Stelle das ganze Gerede von dem 
Verschleierungsverbot in eitel Dunst auflöst. Ks heisst Sure 33,59: „Du, 
o Prophete. sprich zu «leinen Frauen, | Zu deinen Töchtern und den 
Weibern j Der Gläubigen, sie sollen senken | Auf sich ein Teil von ihren 
riienvürfen. | So ist's geschickter, dass man sie erkenne, doch [richtiger: 
und infolgedessen] nicht kränke." Wenn die meisten Exegeten und Rechts- 
lehrer ans dieser Stelle folgern, dass die Muslime (Muhammedanerin) das 

1) Mistah und Hamna, die Tochter des Dschahsch, s. Sprenger 3, <>7. 

2 Müller sagt nur allgemein a. a. 0. „Ferner wurde ihnen und den andern Weibern 
der Gläubigen vorgeschrieben, sich in Gegenwart von Fremden zu verschleiern." Damit 
kann nur die gleich zu besprechende Stelle Sure I mi int sein, denn nur in ihr isl 

von einem allgemeinen Gebot die Bede. Gewiss war Müller irregeleitel durch Sprenger, 
der 3. G4 ' Ä'ischa erzählen lässt: „Es war damals schon da- Gebot, dass die Frauen rieb 
verschleiern müssen, geoffenbart worden." Bei Buchäri beissi es ba'da mu unzil- 
alhidschäbu; diese Worte können sich allein auf die einzige Stelle deB Qur'äns beziehen, 
in welcher das Wort hidschäb in Bezug auf Frauen vorkommt, Sure 33, 53. Dort bandeil 
es sich aber nur um die Frauen des Propheten, und selbst in Bezug auf rie ist die Vor- 
schrift so gefasst, dass sich die gut bezeugte Thatsache, da-- Frauen des Propheten in 
Gegenwart männlicher Besucher unverschleiert waren (vgl. auch 'Ä'ischa in der Kamel- 
schlacht), sehr wohl mit ihr vereinigen lässt; es heisst in der angeführten Qur'änstelle: 
„Und wenn ihr seine Frauen bittet um Gerät, | So bittet so, dass zwischen sei ein Vor- 
hang. | Das ist euch unverzüglicher für eure Herzen und für ihre Herzen, | Und nicht zu 
kommt es euch zu kränken | Den Abgesandten Gottes, | Noch zu heiraten seine Frauen je 
nach ihm; | Denn das war euch bei Gott ein grosses." 

17* 



_' (ii Hai tmann: 

iit zu verhüllen habe, bo isi das ein wichtiges Beispiel dafür, wie 
iv Sitte die Auslegung der heiligen Bücher und die Aufstellung 
religiöser und rechtlicher Satzungen beeinflusst. Auch ist von Bedeutung, 
da.ss in einem bestimmten Fall der Frau ausdrücklich die Nichtverhüllung 
des Gesichtes zugestanden wird, nämlich heim Gebet, wenn auch zuzugeben 
ist, dass diese Bestimmung jene andere von der Gesichtverhüllung vor 
nicht blutsverwandten Männern nach islamischer Rechtsansohauung nicht 
ausschliessen würde. 

Doch viel wichtiger als die Frage: Sind die theoretischen Klügeleien 
der Rechtsgelehrten gerechtfertigt? ist <lie andere nach den Thatsachen, 
die wir aus d^w besten historischen Quellen entnehmen. Da zeigt sich, es 
geht aus unzähligen Berichten hervor, dass bis ins zweite Jahrhundert 
nach der Flucht, also bi> etwa 750 u. Z. die Frau in reger Weise am 
geselligen und öffentlichen Leben teilnahm. Das ist sehr unwahrscheinlich, 
wären schon damals die Frauen zur Gesichtverhüllung verurteilt gewesen. 

Dass diese auch vor dem Islam nicht bestand, wenigstens nicht obli- 
gatorisch war. dürfen wir annehmen. Freilich wissen wir über die Stellung 
der Frau in Arabien vor dem Islam nicht viel Sicheres. Eines ist gewiss. 
dass die vorislamische Araberin gleich beim Eintritt ins Leben mit dem 
Leben Bchwer zu kämpfen hatte. „(60) Wird ihrer einem angesagt ein 
Mädchen, | So wird sein Antlitz dunkel, | Und Ärger würget ihn. (Gl) Er 
birgt sich vor den Leuten ob | Der Schmach des Angesagten; | Wird er 's 
behalten mit Verachtung? j Oder verscharrt er es im Staub? | Wie übel ist 
ihr Urteil!" So lässt sich (iott in der 16. Sure vernehmen. Und an zahl- 
reichen andern Stellen werden die Araber ermahnt, nicht ihre Kinder zu 
töten. Dass die Mädchen vorzugsweise von diesem Schicksal betroffen 
wurden. wissen wir auch aus andern Berichten. Ihnen war mit Vorliebe 
das L'is des lebendig Begrabenwerdens zugedacht. Im Gegensatz zu dem, 
was heut als im Orient allgemein üblich gilt, ermahnt der Prophet die 
Gläubigen, die Kinder beider Geschlechter mit gleicher Freude zu begrüssen. 

Die Hauptsorge Muhammeds war. die Stellung der Frau in der Ehe 
zu regeln. Unter seinen Landsleuten fand er in diesen Dingen eine grosse 
Willkür. Das ist «las Kennzeichen des vorislamischen Arabiens, dass seine 
Bewohner nicht einer Gleichartigkeit in der Lebensführung sich erfreuten. 
Vom beduinischen Standpunkte aus war das ein Vorzug, denn der Beduine 
liasst den Zwang. Aber Arabien besass zu Muhammeds Zeit auch eine 
nicht unbeträchtliche Menge von sesshaften Bewohnern, eine Anzahl grösserer 
Verkehrscentren. Die verschiedenen Institutionen, die sich fanden, mit- 
einander zu vergleichen und ein System daraus zu machen, wäre eine 
höchst schwierige Arbeit gewesen. Die Aufgabe Hess sich leichter lösen: 
unter den Arabern lebten zahlreiche Juden 1 ), und die hatten das, was 

1) Über sie s. meinen Vortrag „Muhammed und die Juden" in: Allgemeine Zeitung 
identums 1891, No. 6 — 9. 



I lie Frau im [slam. ■_' | 1 

jenen fehlte: era ausgebildetes Gesetz. Die BefruchtuugeD, die Muhammed 
\,,ii Beinen jüdischen Landsleuten erhielt, Bind bekannt. Die Form, anter 
welcher die Legenden von den Bogen. Erzvätern and andere biblische 
Stoffe im Qur'än erscheinen, deckt Bich auffallend mit der der legenden- 
haften jüdischen Litteratur. In Bezug auf die Frau isl ihm Beine Ver- 
trautheit mit «lem jüdischen Wesen besonders aützlich geworden. Die 
Bestimmungen des jüdischen Gesetzes sind nachweislich zum Teil von ihm 
übernommen worden. Das Eauptsächlichste ist folgendes: 

Der Mann darf bis vier Frauen heiraten (Surr 1. 3). 1 ) Die Wald ist 
nicht an den Glauben gebunden, wenigstens nicht in Bezug auf Frauen, 
die zu den Buchbesitzern (ahl kitäb, d.h. Christen and .luden) gehören; 
denn wenn es auch Sure 2, •_ ) _<» beisst: „Und heiratet nicht die Viel- 
götterinnen, bis sie glauben, und fürwahr, eine gläubige Sklavin isl bi 
als eine (freie) Vielgötterin, mag sie auch gefallen", so wird diese Be- 
stimmung durch den Vers Sure 5, 7 eingeschränkt: „Erlaubt Bind euch 
die Züchtigen von den Gläubigen und die Züchtigen ron denen, die vor 
euch das Buch erhalten haben, wenn ihr ihnen ihren Lohn [ihre Mitgift] 
gebt. 1 ' Zu bemerken ist dazu, dass andrerseits die in der ersten der beiden 
Stellen (Sure 2, 220) gegebene weitere Vorschrift „Verheiratet nicht au 
Vielgötterer, bis sie glauben, fürwahr, ein gläubiger Sklave ist besser als 
ein (freier) Vielgötterer, mag er euch auch gefallen" bedingungslos ist, 
dass also eine Muslime unter keinen Umständen einen Nichtmuslim heiraten 
darf. 2 ) Besonders sympathisch berührt uns die Aufforderung, sich nicht 
durch Rücksieht auf Vermögen leiten zu lassen und die Ehe auch bei 
Armut beider Teile im Vertrauen auf Gott einzugehen (Sure 24, 32 
„Verheiratet die Gattenlosen unter euch, i Die Frommen mich von euren 
Knechten | Und euern Mägden! wenn sie arm sind. | Gott wird sie machen 
reich von seiner Gnade, | Und Gott ist weit umfassend, kundig." Aber 
andererseits soll der junge Muslim nicht blind drauf los heiraten und wo- 
möglich deich von der Erlaubnis der Vierzahl der Krauen Gebrauch machen. 



1) Die Talmudistcn setzten fest, dass kein Jude über 4 Weibei zugleich, ein I 
höchstens 18 haben sollte. Bei den Aschkenazim isl seit etwa 1450 die Einehe die I 

bei den Sel'ardiin scheint das nicht der Fall zu sein: we war es in Beirut um 1880 

stadtkundig, dass ein dort wohnhafter angesehener jüdischer Kaufmann zwei Frauen hatte. 

2) Die ratio ist klar: Heiratet die Muslime einen Fremden, so RUH Bie ab, di 
meinde wird kleiner: auch wird in der ersten Zeit di ä Islams in Arabien Mangel an Krauen 
geherrscht haben, obwohl man bei den besseren wirtschaftlichen Verhältnissen, die der 
beutemachende Islam mit sich brachte, nicht mehr nötig hatte, die Töcht( r, das fri 
unproduktive Kapital, aus der Welt zu schaffen, übrigens wurde es mit der rigo 
Vorschrift nicht immer streng genommen, namentlich wenn die Staatsraison oder die Gewalt 
ein Wörtlein mitsprach. Jedenfalls befand sich die kasehgarische Muslime, die nach der 
Eroberung von Kaschgar im Jahre 1759 in den Harem d K'ien-long 
aufgenommen wurde, und der zu Ehren der Fürst 'ine Moschee nahe dem Paläste bauen 
liess, sehr wohl dabei, und aueb ihre Glaubensgenossen nahmen, ächeint es, keinen Ar 
daran (s. Deveria in Journal Asiatique 18i)7, II, 44 ?). 



242 Hartmann: 

Darum Btehj Sure I. 3 der Weisung: „Spendet gern deu Fraueu ilire 
Mitgift, und wenn sie euch gutwillig etwas davon erlassen, so verzehrt es 
mir Behagen" die Ermahnung gegenüber: „Wenn ihr aber fürchtet, dass 
ihr nulit gerecht seid 5 bo heiratet nur eine Frau oder was eure Pechte 
hält" (eine Sklavin). Ferner heisst es Sure 24, 33: „Enthalten aber sollen 
sie sich, | Die keine Heirat finden^ | Bis Gott sie machet reich von seiner 
Gnade." Die Konkubinenwirtschaft, die im Islam später so allgemein 
wurde, und die so grosse Verheerungen angerichtet hat, ist im Qur'an 
durchaus gemissbilligt. Nur die Unfähigkeit, für eine rechtmässige Gattin 
die Mitgift zu zahlen und sie angemessen zu unterhalten, giebt ein Anrecht 
auf das Halten einer Sklavin. Wer eine oder mehr rechtmässige Frauen 
hat. soll mit ihnen leben ..züchtig, nicht Unzucht Treibend und nicht 
Konkubinen nehmend" (Sure 5, 7). 

An zahlreichen Stellen spricht der Qur'an von Mann und Frau neben- 
einander, denen in gleicher Weise gute und schlechte Handlungen ver- 
golten werden: „Ich lasse nicht verloren gelm eine Handlung irgend eines 
unter euch. Mann oder Frau" (Sure 3, 193); „Wer aber Gutes thut, von 
Männern oder Fraun, | Und ist dabei ein Gläubiger, | Dieselben führen 
wir zum Garten, | Sie werden nicht verkürzt um eine Faser" (Sure 4, 123). 
Die frommen Ehegatten werden auch im Paradiese vereint sein: „Ja die 
Genossen | Des "Wonnegartens heute sind | Beschäftigt froh, Sie selbst 
und ihre Frauen, | Im Schatten auf Kuhbetten hingelehnet" (Sure 36, 55. 
56); ferner: „Die da geglaubt an unsre Zeichen, | Und waren Gottergebne, 
Geht ein zum Garten, ihr und eure Fraun, durchwonnet!" (Sure 43, 69. 70). 
Ebenso schuldig wie die Männer sind die Frauen, wenn sie die Botschaft, 
mit der Gott den letzten aller Propheten und ihren Schlussstein gesandt, 
nicht annehmen: ..AI »er strafe die Heuchler und Heuchlerinnen, | Götzen- 
diener und ( iötzendienerinnen, | Die meinen über Gott die schlimme 
Meinung, [ über sie die Umkreisung | Des Schlimmen, Gott zürnt über 
sie | Und fluchet ihnen und bereitet ihnen | Die Hölle, schlimm ist sie zur 
Einkehr" (Sure 48, 6). Die angeführten Stellen stehen freilich nicht ganz 
in Einklang mit einer Ansicht von der Frau, die Muhammed dem Judentum 
entnommen hat. Es ist bekannt, wie das Alte Testament von der Frau 
spricht, und dass es nur der natürliche Ausfluss jener alttestamentlichen 

Stellungen i>t. wenn der «lüde im täglichen Gebete Gott dafür dankt, 
dass er ihn als Mann, nicht als Weib, erschaffen. Ähnlich rohe An- 
schauungen finden sich auch im Qur'an: Die Frauen werden bezeichnet 
Sure 4.'!. 17 als ..die aufwachsen im Putz und ohne Vernunft streiten." 
Der Mann hat zu befehlen, die Frau hat zu gehorchen, und ist sie un- 
gehorsam, so wird sie geprügelt. Es heisst Sure 4, 38: „Die Männer 
-elieii vor den Weibern, | Weil Gott gab Gnadenvorzug einem vor dem 
andern. ; Und auch weil sie aufwenden ihr Vermögen. | Ehrbare Frauen 
aber sind j Gehorsam and bewahren das Geheimnis, weil sie Gott bewahrt. 



Die Frau im rslam. ■• \.\ 

| Doch deren Widerspenstigkeit Ihr fürchtet, Dieselbigen vermahn el und 
Bcheidet ench von ihrem Lager, Und schlaget ßie! doch wenn sie euch 
gehorchen, Suchet gegen sie keinen Weg! Denn Gott ist hoch und 
mächtig." 

Freilich, gleich darauf folgt ein Spruch, der diese harte Bestimmung 
erheblich mildert. Es kommt nämlich nur darauf an, ob Bich die Frau 
eine gemeine, rohe Behandlung gefallen lässt, ob sie in das Hineinwerfen 
in <lie Rolle eines Tiers willigt. Muhammed h.it sich sehr weisi 
jede Frau hat den Mann, den sie verdient, und lässt Bich eiue die Miss- 
handlungen eines rohen Patrons gefallen, so verdient sie ihn. Lässi sie 
Bich sie nicht gefallen, so giebt ihr Gott selbst das Mittel an die Eand, 
dem unwürdigen Zustande abzuhelfen (Sure 4, 39): „Befürchtet ihr Zer- 
würfnis eines Ehebundes, ■ So bringt zur Stelle einen i Schiedsrichter von 
des .Mannes Seite, | Und einen von i\i-^ Weibes Seite. | Und wenn die 
beiden sich vertragen, j So wird Oiott ihren Bund befestigen, Denn Gott 
ist weis" und kundig'." 1 ) Vertragen sie sich aber nicht, so erfolgt die 
Trennung, die auch vom Richter festgesetzt werden kann. Es sind (dien 
dem Missbrauch der Kochte, die der rslam dem Mann zu Ungunsten <\<'V 



1) Von ehelichem Zwist handeln noch die Sprüche Sure 1, 127 und 129: „Fürchtet 
eine Frau von ihrem Gatten Ungerechtigkeit oder Vernachlässigung, bo ist's keine Schande 
für sie beide, dass >ie Frieden zwischen sich schaffen, denn der Friede ist besser; Bind 
doch die Seelen der Menschen selbstsüchtig erschaffen; seid ihr aber gütig und meidet 
Ungerechtigkeit, so weiss Gott, was ihr thut. (129) Und trennen sich die Gatten, so hilft 
Gott jedem darüber fort aus Fülle seiner Macht, und Gott ist weitumfassend, kundig." 
Das Einzelne haben dann die Rechtsgelehrbn später i'<>t ir« 1. 14-1 , "der vielmehr: in der 
islamischen Gemeinde haben sich für das Verhalten in ehelichen Zwistigkeiten feste Nonnen 
gebildet, und diese sind dann von den grossen Rechtslehren] bei Ausbau de Sj 
wandt worden. Dass dann die einmal in Rechtsbüchern festgelegten Arten der Behandlung 
solcher Fälle völlig in das Bewusstsein des Volkes übergingen und 30 wiederum die 
gelehrte Forschung die Volkssitte beeinilusste, darf kaum erwähnt werden. Eis muss aber 
auf die gewöhnlich nicht genügend beachtete Seile des islamischen Rechtes hinge? 
werden, dass es ausserordentlich biegsam ist, und dass es, soweit Qur'än und Sunna nicht 
scharf ausgesprochene Einzelvorschriften enthalten (und das ist selten der Fall . der Rück- 
sicht auf den bestehenden Brauch ('urf) und der Verwendung der menschlichen G< 
thätigkeit zur Auffindung des Angemessensten einen weiten Spielraum lässt. Das ist auch 
gerade im Eherecht der Fall. Nach den Sitten der verschiedenen islamischen Länder und 
nach dem persönlichen Standpunkt der Rechtslehrer gestalten sich auch in Dingen der 

setzgebung und in Fragen der Behandlung der Frau nach allen Richtungen die 
Einzelvorschriften recht mannigfaltig. Dass diese sich in den Rechtsbüchern zu einer nna 
oft wunderlich erscheinenden Kasuistik auswachsen, und dass diese Kasuistik mit Vorliebe 
in der Erörterung aller möglichen und oft unmöglich scheinenden physiologischen Zustände 
förmlich schwelgt, wird dem nicht wunderbar erscheinen, der die Arbeitart der mittel- 
alterlichen Theologen kennt. Die islamische Rechtsforschung steht ja noch heut auf dem 
Standpunkte der Scholastik, ebenso wie die pseudowissenschaftliche Forschung ein 
Teiles der christlichen Theologie es noch heut thut. Frappante Analogien in di 1 
angedeuteten Hinsicht, d. h. in der weitschweifigen Erörterung physiol gischer Zustände, 
die vielmehr in den Bereich des Mediziners und Psychologen als in den des Theologen, 
d. h. im Islam Rechtsforschers gehören, finden sich in den Werken über die Theologia 
Moralis, die in der römischen Kirche Geltung halten, auch in den neuesten. 



244 Hartmann: 

Frau gewährt, Grenzen gezogen. -Man nimmt bei uns gewöhnlich an. das 
islamische Recht gestatte dem Manne, die Frau mit einem schweren 
Schimpfwort aus dem Hause zu jagen, weil sie die Suppe hat anbrennen 
lassen. Es ist richtig, dass der Muslim die Gattin Portschicken kann, ohne 
ihr oder irgend jemandem einen andern Grund angeben zu müssen als 
„Sic vul«) vir Julien--, und das ist unzweifelhaft eine Härte, die, so nackt 
und Bchroff hingestellt, uns «las tiefste Mitleid mit der islamischen Frau 
fühlen lässt, freilich kaum grösseres als mit der Frau i\ri Frankenwelt, 
die auch in Kulturstaaten ersten Ranges bis in die neueste Zeit durch 
den geschlossenen Bund an einen verachtungs- und hassenswerten .Mann 
mit unlösbaren Fesseln gebunden war und selbst dem Zwange der täglichen 
Lebensgemeinschaft, dem Unterworfensein unter Rohheiten und Nichts- 
würdigkeiten nur mit Aufbietung eines grossen Apparates entgehen konnte. 
Im Islam scheint das Gegenteil der Fall zu seit), die Verbindung so lose. 
das> t\w .Mann jeden Augenblick die Trennung aussprechen kann, die 
Frau, wenn sie nur einigermassen geschickt ist, den Mann zum Aussprechen 
der Trennung veranlassen, und wenn er das durchaus nicht will, leicht 
durch richterliche Einmischung eine Befreiung erlangen kann. Man weiss 
aber nicht, dass die Trennung an eine Anzahl wirtschaftlicher Bedingungen 
geknüpft ist, dass sie für den sie äusserlich herbeiführenden Teil nicht 
unerhebliche materielle Opfer mit sich bringt. Nun muss man zugeben. 
dass der Begüterte durch das Abfindungsprinzip, das in weitem Umfange 
das Eherecht des Islams beherrscht, zu Übergriffen geradezu verleitet 
wird, und da>> die Frau, die vermögenslos und zu selbständigem Erwerb 
unfähig in die Ehe tritt, das grösste Interesse hat, sich wenigstens den 
befristeten Teil der Mitgift zu sichern, und sich dem Verlust nicht aus- 
setzen wird, den sie erleidet, wenn sie loskommen will. Das Leben sorgt. 
wie schon bemerkt, dafür, dass der Bund nicht zu lose ist, und die meisten 
Muslims überlegen es sich sehr wohl, ehe sie das Band, das sie übrigens 
in der Kegel nur mit einer und nicht selten zärtlich geliebten Frau ver- 
bindet, durch ein heftiges Wort zerschneiden. 

Es giebt von der Scheidung ein zweimaliges Zurück ohne weitere 
Formalitäten, und sogar ein drittes, das freilich an die Zwischenehe der 
Frau mit einem andern Mann gebunden ist. Ebenso kann der Mann die 
Wirkung der besonderen Art von Trennung, die durch das AVort „du 
sollst für mich sein wie meine Mutter" herbeigeführt wird, aufhebeu, 
indem er einen Sklaven befreit; eine Bestimmung, die des Humors nicht 
entbehrt: ein Sklave wird frei, ein andrer spannt sich erst recht fest in 
das .loch, dem er ungestüm entlaufen wollte. So hängt denn wirkliche 
dauernde Trennung an tausend Fäden, und die Zahl verstossener und ver- 
lassener Ehefrauen wird in den Frankenländern eher grösser sei» als im 
Islam. Dem gegenüber ist freilich im gesamten Islam nur in ganz ver- 
einzelten Fällen die erhabene Form der Ehe zu finden, die in unsern 



Die Frau im [slam. 

innerlich am meisten vorgeschrittenen Kulturländern, wenn Dicht die Rezel, 
bo doch recht häufig ist, die innige Lebensgemeinschaft, die auf liebe- 
vollem Sichineinanderfinden and dem Sichausgleichen zu Bchöner Harmonie 
beruht. Im Orieni ist vorwiegend die Ehe ein Ausserliches, bo Bim 
auch die Konflikte, and so ist es auch die Beilegung dieser. In den 
Kulturländern ist ja mir dem innerlichen ausreifen der Prau notwendig 
auch die Erscheinung verbunden, dass tiefere Wesens^ erschiedenheii zwischen 
Ehegatten zu der innem Trennung führt, für welche die äussere dann nur 
hoch eine gleichgültige Erscheinungsform ist. 

Ist in der Ehe die Prau nach dem Wortlauf des l - an den 

Willen des Mannes gebunden, bo ist sie ausser der Ehe vollständig frei, 
und niemand hat das Hecht, einen Zwang auf sie auszuüben. Nur in 
zwei Punkten teilt sie nicht vollständig die Rechte des Mannes: sie gilt 
in Nachlasssachen und heim Zeugnisablegen vor dem Richter nur als ein 
halber .Mensch. Das erscheint uns als eine Barte, wir werden es milder 
beurteilen, wenn wir bedenken, dass bei den heidnischen Arabern und 
nach dem jüdischen Gesetz die Prau in Nachlasssachen und in Zeugnis- 
Bachen noch viel schlechter gestellt ist: die Tochter ist bei Vorhandensein 
von Söhnen völlig ausgeschlossen vom Erbe, und vor dem israelitischen 
Richter gilt nur der freie Israelit als Zeuge, nicht die Prau. Dass Mu- 
bammed der Prau so viel Hecht erkämpfte, muss hoch anerkannt werden. 
Oh und in welcher Weise seine Bestimmungen ßich mit den heute geltenden 
Anschauungen der Kulturvölker werden in Einklang bringen lassen, muss 
hier unerörtert bleiben. Mir ist unzweifelhaft. da->s sich ein Ausgleich 
finden wird, der auch den Muslims Btrengerer Observanz annehmbar i-i. 
Erste Bedingung ist. dass der Islam ßich freimacht von dem überwuchernden 
Beiwerk, das die Theoretiker um die einfache Lehre de- Propheten 
schlungen haben, und das zwischen ihr und dem fränkischen Empfinden 
eine schier unüberbrückbar scheinende Kluft geschaffen. 

Ganz konnte die Theorie nie das volle reiche Leben unter ihren 
grauen Zwang beugen. Wundersam ist es gemischt und bleibt es, m 
auch die feinsten Systematiker die strammsten Schablonen ersinnen, all 
seine tausend Regungen hineinzuzwängen. Gewiss, unheilvoll, höchst un- 
heilvoll war die Wirkung, die das Spinthisieren der islamischen Juristen 
ober möglicherweise sich ergebende Rechtsfalle übte, unheilvoller noch, 
das- diese Spinthisierereien weltfremder Grübler zur Lebensregel wurden. 
In Fesseln geschlagen wurde die Entwicklung der Völker, die unter dem 
Banne dieser ( iesetzesmache standen, und ihre Rache war. dass sie der 
Rechtsbildung keine neuen > : ,i\'\^ und Kniffe zuführten. Nur ein Element 
der islamischen Gesellschaft ist fast ganz von diesem Prozess verschont 
geblieben, das Element, aus dem der junge Islam seine Hauptkraft 
und das in den ersten Jahrhunderten seines Bestehens noch mächtig und 
glücklich in ihm wirkte, die Beduinen. In dem vorislamischen Arabien 



Hart mann: 

w.w dieses Element das herrschende. Es war ein physisch und moralisch 
gesundes Volk, diese Söhne und Töchter der Steppe und vor allem besasseij 
sie das, was das höchste Gut des Menschen ist: Persönlichkeit. Dass 
Muhammed und seine Nachfolger, auch noch die Staatshäupter und Staats- 
männer der ersten zwei Jahrhunderte des Islams, vor diesem Besten 
Respekt hatten, das die Araber in den neuen Glauben mitbrachten, ist 
das Geheimnis des wunderbaren Erfolges, mit welchem ein bis dahin fast 
unbekanntes Volk über die Welt dahinfegte, das eine der beiden Reiche] 
die sich in die Macht teilten, völlig zertrümmernd, dem andern die besten 
Stücke abreissend. 

Persönlichkeit — in den mächtigen Reichen ausserhalb Arabiens war 
dieses Höchste des Individuums mit Füssen getreten worden. In Bvzanz 
und in Ktesiphon sass der Wurm, der die Macht der beiden Weltreiche 
zerfrass: das war die kleine Schaar, die jeden Einzelwillen unbarmherzig 
brach, wenn persönliches Interesse oder Laune es gebot, sich versteckend 
hinter dem mit der Maske der Göttlichkeit versehenen Fürsten, soweit 
dieser nicht selbst zu herrschen sich anschickte, statt nur unter der Herr- 
schaft der Höflinge zu regieren, wobei es dann manchmal noch schlimmer 
zuging. Muhammed stellte in Bezug auf das Verhalten der Menschen 
gegen Gott grosse Anforderungen: hier wurde unbedingtes Sichfügen ver- 
langt, und obwohl die Bewegungfreiheit des Einzelnen dadurch nicht 
unerheblich behindert, ihm ein höchst lästiger Zwang auferlegt wurde, 
hierbei gewöhnten alle Araber sich schnell, ein Opfer zu bringen. Aber 
für das Verhalten gegen Menschen wurden ihnen keine Zumutungen ge- 
macht. Der ersten Zeit des Islams sind alle Beschränkungen der Persön- 
lichkeit, die ausserhalb der Rechtsordnung liegen, völlig fremd, und diese 
Rechtsordnung vermeidet es ängstlich, mehr festzulegen, als für ein ge- 
ordnetes Zusammenleben dringend nötig ist. In allem spricht sich der 
Grundsatz aus: alle Muslims sind einander gleich, es giebt keinen Unter- 
schied der Abstammung nach Familie oder Volk; Führer soll sein, wer 
am besten die Interessen der islamischen Gemeinde wahrzunehmen weiss. 

Mit diesem Prinzip wurde gebrochen, und der Verfall bereitete sich 
vor, als der Chalifenhof vom Persertum 1 ) verseucht wurde, und als damit 
eine Richtung in dem religiösen und zugleich in dem sozialen Leben zur 
Herrschaft gelangte, die dem Geiste des Religionsstifters völlig zuwider 



1) Die Perser, mit denen die Araber bei ihrem Eintreten in die Geschichte bekannt 
und von denen sie alsbald beeinilusst wurden, hatten eine fertige, uralte Kultur. Die 
Frage nacb deren Ursprung sei hier nur gestreift. Wie -weit sind Erscheinungen der alt- 
persischen Kultur und Sitte der Berührung mit dem äussersten Osten, China, zuzuschreiben? 
Stammt nicht dorther die persisch,. Haremswirtschaft? Für die Vergleichung liefert China 
gutes Material: „in d n Encyclopädie t'u-su-tsi- c'öng sind 58 chinesische Bände 

ipön) lediglich dem Leben des Weibes in allen seinen Phasen gewidmet" (Hirth, Zur 
Kulturgeschichte der Chinesen, München 1S9S, S. 7 [S.-A. aus Beil. Allg. Ztg.]). 






I üe I r.tn Im Islam. ■_' 1 7 

war: die Fesselung des Individuums in den Schranken kleinlicher Einzel- 
bestimmungen «It'S l(eclit> 

Auf die Stellung der Frau hatte das Eindringen des Persertuma den 
Bchwerstwiegenden Einfluss. Nicht mir Unrecht gelten die Bewohner 
Persiens seit den ältesten Zeiten als in hohem Grade der Lüge zuneigend. 
Durch und durch anehrlich war das Verhältnis zwischen Fürs! and Volk, 
denn dem Volke wurde vorgemacht, der dem gemeinen A.uge Bich ver- 
bergende Fürst sei etwas Gottähnliches, and das Volk gab Bich den Schein, 
als glaube es das, die Wissenden aber, 'li'- Haruspices, kicherten. 1 n- 
redlich war auch das Verhältnis von Mann und Weih. Scheinbar i-t «1<t 
.Mann der unumschränkte Herr im Hause, in Wirklichkeil ist er der Sklave 
nicht der rechtmässigen Gattin, Bondern der Nebenfrau, die in den per- 
sischen Harems in zahlreichen und schlimm ausgewachsenen Exemplaren 
vertreten war. \U die Araber b< die Geschichte eintraten, herrschte d 
Treiben im Sasanidenreiche genau so wie vor ihm in «lein der Ajrsaciden 
und der Acliäineniden. und von Persien aus hatte es sich die Welt voll- 
kommen unterworfen, die den damaligen Kulturlümme] züchtete. In Byzanz 
ging es nicht anders zn als in Ktesiphon, und wie hier hatte die Sitte des 
Hofes den verderblichen Einfluss auf das ganze Land geübt. Man glaube 
nicht, dass das oströmische Reich als ein christliches sich in Bezug auf 
wüstes Treiben von dem persischen wesentlich unterschied. Namentlich 
über die Stellung der Frau herrschten hier dieselben Vorurteile wie in 
dem feindlichen Reiche, mit dem man sich in die Weltmacht teilte. 
Die Frauen Bässen hei öffentlichen Anlässen hinter dem Gitter wie in der 
übrigen Welt >\i>-< Orients, und wie es noch heut üblich ist. bewacht von 
den unglücklichen Kreaturen, die das Verbrechen, das die Menschheit an 
ihnen beging, noch immer mit den Plagen gerächt haben, die sie aber 
die beiden Geschlechter brachten, von denen sie- keinem ganz an- 
gehören: die freien und würdigen Frauen zu Sklaven herabwürdigend 
halfen die Eunuchen den unfreien und unwürdigen hei allen Abscheulich- 
keiten, und wieder mit deren Hilfe beherrschten sie nicht selten voll- 
kommen die. die sich Herrscher in Haus und Reich wähnten. Es ist 
nun höchst beachtenswert, dass sich Arabien vor dem Main und auch in der 

ersten Zeit nach dem Islam von der allgemeine ientalischen Kohkubinen- 

und Eunuchenwirtschaft völlig frei -ehalten hat. Man wende nicht ein. 
dass ja im Qur'an selbst von Nebenweibern die Rede ist; die Art. wie es 

hiebt, zeigt jedem, der sehen will, da- es Bich dabei nur um ein nicht 
gerade empfohlenes Auskunftmittel handelt (vgl. die oben S. 242 angeführten 
Stellen). 1 ) Iu keinem Falle dürfen wir den Main \ur die unwürdige 



1: Von Eunuchen wird selbst in den grösseren Y.rk.'hr-cenrren Arabiens wenig zu 
sehen gewesen, sie werden kaum mehr als dem Namen nach bekannt . in. Nicht 

mit Sicherheit ist die Erwähnung der nichtswürdigen Verstümmelung im Qnr'än fest- 
zustellen, doch mag zugegeben werden. aders an sie der Prophet in dem nurün- 



Bartmann: 

Stellung der Frau im Orient verantwortlich machen, sie war da, ehe er da 
war. in i i Ausnahme des kleinen Stückes Arabien, und dieses hat sich 
tapfer gegen die Verseuchung mir dem ihm fremden Wesen gewehrt. Man 
könnte vielleicht sauen, der Islam hätte die zerfressene alte Welt durch* 
Bäuern, einen neuen bessern Zustand herbeiführen sollen. Jedenfalls darf 
nicht das christliche Prankenland aus Nichterfüllung solcher Forderung 
einen Vorwurf herleiten, denn mit Recht würde der Islam fragen: wie 
sah es denn nach vierzehn Jahrhunderten der Herrschaft der christlichen 
Lehre am Hofe des aUerchristlichsten Königs und in den edelsten Familien 
seines Landes an- 

Es ist ein trübes Bild, das der islamische Orient zeigt, seitdem die 
Kraft der jugendfrischen ersten Träger des Islams, der Araber, gebrochen 
ist. Selbst der schlimmste Verfall konnte aber nicht ganz gewisse Rechte 
ans den Gesetzbüchern verbannen, die der Frau in den Quellen zugesichert 
waren. Da half man sich durch eine Perfidie: man versetzte die Frau 
von vornherein in eine schiefe Lage, in eine Lage, die ihr die Ausübung 
jener von Gott selbst ihr verbürgten Rechte geradezu unmöglich machte. 
Man trat frech mit der Scheinvorstellung auf: 1. die Frau dürfe vor 
niemandem als den nächsten Blutsverwandten ihr Gesicht zeigen, 2. der 
Frau sei jeglicher gesellige Verkehr mit andern als jenen untersagt. 
Damit war ihr das Todesurteil gesprochen. Der Gesichtsschleier ist ja 
nur der Exponent der wunderlichen Vorstellung, dass die Frau an sieh 
etwas Anstössiges sei, er stellt aber ausserdem das Prinzip der völligen 
Trennung der Geschlechter dar. Das Verbot des geselligen Verkehrs mit 
nicht blutsverwandten Männern bedeutet für die Frau die Unmöglichkeit, 
von Leben und Welt mehr zu sehen, als ihre nächste Umgebung sie 
sehen zu lassen fähig oder gewillt ist. Die Frau soll nicht lernen, sie 
soll sich nicht unterrichten, sie soll vor allen Dingen um Gotteswillen 
nicht ihre Rechte kennen lernen, damit man sie nach Laune und Willkür 
wie eine Sache behandeln kann. Aber auch die Ledige und selbst das 
Kind soll nicht lernen. Für das Mädchen ist keine Schule da. Ist es 
bessern Standes, so bringt man ihm wohl die Anfangsgründe des Lesens 
und Schreibens bei. dafür wird ihm dann aber erst recht jede Ausbildung 
in gewerblichen Fertigkeiten vorenthalten als unschicklich und nur be- 
stimmt \'i\v die. die damit sich das Brot verdienen müssen. Worauf das 
alles hinaus will, liegt klar zu Tage, und ganz offen wird es ausgesprochen 
in einer kulturhistorisch nicht unwichtigen Thatsache, die bisher nicht 
gewürdigt scheint: in Egypten wird die Frau, ob alt ob jung, wenn sie 
nicht reiche Kleider anhat, und man ihr deshalb mit dem Titel „Madame" 

verse 4, 118 gedacht hat: ..Dem [Satan] fluchte Gott, er aber sprach: | Ich will von deinen 
Knechten nehmen | Den mir beschiednen Teil, und will sie irreleiten, | Will sie zu Wunsch 
und Wahn verführen, | Will ihnen heissen, dass sie sollen | Des Viehes Ohren stutzen, | Will 
ihnen heissen, dass sie sollen | Verstümmeln Gottes Schulung." 



1 >ie Iran im Islam. _' |'.t 



u> es 



(ja sitr) schmeichelt, angerufen: ja nlije, d.h. o Unmündige. Di< 
anwenden, sind sich dabei der ursprünglichen Bedeutung des Wortes kaum 
bewusst, aber 'las ist es eben: gedankenlos werden dem rechtlosen weib- 
lichen Geschlecht « 1 i * * schwersten Beleidigungen ins Gesichl geschleudert, 
gedankenlos werden Bie von ihm hingenommen: „es war ja immer boj 
iinsere Mütter and Grossmütter waren ja glücklich dabei." 

Man wende nicht ein, dass es bedeutende Frauen in Politik, Poesie 
und Wissenschaft auch im dekadenten Islam gegeben habe. Diese Frauen 
harten nichts weniger im Sinn, als das Los ihrer Schwestern zu bessern, 
den Stand des weiblichen Geschlechts zu heben. 

Muss es ewig so bleiben? ist keine Hoffnung, dass eine ÄJiderung des 
Zustandes eintritt, der das tiefe Mitgefühl jedes wahrhaften Menschen- 
freundes erwecken muss? Keine Frage ist, dass die, die unter diesem 
Zustande leiden, das Beste thun müssen. An ihnen ist es, zu zeigen, dass 
sie die Unwürdigkeit ihrer Lage empfinden, und dass sie eine Änderung 
herbeizuführen entschlossen sind, an ihnen ist es, die ganze Kraft ^\t^ 
Geistes und Willens für das hohe Ziel einzusetzen. Die Schwierigkeiten, 
die sie zu überwinden haben, sind ungeheure. Auch im Frankenlande 
fielen, als die Frauenbewegung begann, die seichtesten Köpfe mit albernen 
Witzen über die Heldinnen her, die oft unter Entbehrungen und Bitter- 
nissen einen Kampf kämpften, dessen Bedeutung die meisten ihrer Gegner 
auch nicht einmal ahnten, während auf der anderen Seite die „Ernsten" 
etwas vim falscher Kultur <>der gar von Untergrabung <\<t Familie und 
der Gesellschaft faselten. Die Frauen des Islams, die für die Frauensache 
ernst arbeiten, müssen darauf gefassi sein, nicht bloss Spott von Witzlern 
lud Anzweifelung von den Stützen der Gesellschaft zu ernten, nein, sie 
müssen auf Gefährdung von Leib und Leben gefasst -"in. Wenigstens in 
den Ländern mit islamischer Regierung. Denn in ihnen allen i>r die 
Macht in den Händen von Personen, die. wenn nicht selbst allen wirk- 
lichen Portschritt im tiefsten Innern grimmig hassend, die Dunkelmänner 
gewähren lassen müssen, denen nichts heiliger ist als das Forterben der 
Iwigen Krankheit ..Gesetz, und Sitte." 

Sonderbar! Nicht unter islamischer Herrschaft, sondern unter un- 
gläubiger, winkt dem Islam Hoffnung auf Erneurung, die mit Hebung ^\^v 
trau beginnt. In Egypten, wo der islamische Kürst nur noch eine Schein- 

rung führt und die Ungläubigen die wahren Herren sind, hat eine 
Bewegung von unabsehbaren Folgen eingesetzt. Ihre Bedeutung liegt 
nicht. darin, dass sie mit einer gradezu elementaren Gewalt, mit einer in 
dem schlaffen und trägen, im Traditionsdusel verkommenden Orient ganz 
ausserordentlichen Macht aufgetreten ist. Denn nichts bürgt dafür, dass 
morgen anderes die Geister packt und die Frage von der i Inung 

verschwindet. Aber das ist sicher, dass sie sich nicht mein- völlig aus 
der Welt schaffen lässt. Dazu hat sie in der öffentlichen Meinung Egyptens 



250 Hartmann: 

denn eine Bolche giebt ea auch dort — zu tief Wurzel gefasst. Ein 
ödere glücklicher Umstand har der Bewegung sofort den grossen 
Charakter gegeben, dessen sie bedurfte, um auf die schwerfällige Masse 
zu wirken, nicht auf einen kleinen Kreis von social -organisatorischen 
Ejcperimentlem und philosophierenden Feinschmeckern beschränkt zu 
bleiben. Frauen härten nichts ausgerichtet, selbst mit Begabung und 
starkem Willen: denn noch haben sie in Egypten keine Stimme, und noch 
isr die Schar der Kämpferinnen an Zahl und Schulung zu unbedeutend. 
Auch nicht ein besitz- und titelloser Habenichts trat für die neue Idee 
ein. Die Rechte der Frau hatten in Egypten das Glück, einen männlichen 
Vertreter zu finden, der mit lebhaftem Geist und guten Fähigkeiten und 
Kenntnissen den Besitz reichlicher Mittel und eine angesehene Stellung 
verbindet, und allenthalben als ein Mann von durchaus ehrlicher Gesinnung 
und besten Absichten geschätzt wird. Kasim Bey Amin [qäsim aminj. 
Hat am einheimischen Berufungsgericht in Kairo, hat mit wachem Auge 
die socialen Verhältnisse seines Heimatlandes beobachtet und auch die der 
Frankenländer sorgfältig studiert. Er hat sich davon überzeugt, dass die 
erste Bedingung zu einer Wiederbelebung seines islamischen Heimatlandes 
und zur Beseitigung der Fremdherrschaft, die natürlich allen Egyptern 
verhasst ist. die Hebung des weiblichen Geschlechts ist. und er hat dieser 
Überzeugung in packender Weise zuerst in seinem Buche tahrir almar'a 
d. h. die Befreiung der Frau, erschienen in Kairo 1899, Ausdruck gegeben. 
Das Buch erregte einen wahren Sturm. Die gesamte Presse Egyptens. 
die nicht unbeträchtlich ist, beschäftigte sich damit. Durchschlagend für 
seinen Erfolg war. dass der äusserst fähige und weitsichtige Herausgeher 
der grössten Kairenser Tageszeitung, des in allen Teilen der islamischen 
Welt verbreiteten Blattes Almu'aijad, Herr 'Ali Jüsuf, der sich in der 
Hauptsache auf Seite des Verfassers stellte, Monate hindurch Zuschriften 
über das umstürzlerische Buch von freundlicher und feindlicher Seite auf- 
nahm. Vor wenigen Wochen nun ist ein neues Buch des Kasim Bey Amin 
erschienen unter dem Titel almar'a algadida d. h. die neue Frau, und 
wieder hat es einen Sturm in den Geistern entfacht. J ) Uuter den Stimmen, 
die bisher darüber laut geworden sind, wiegt am schwersten die des 
egyptischen .Ministers des Innern Mustafa Fehmi Pascha. In der Nummer 
des Almu'aijad vom 29. Januar d. J. ist ein Brief von ihm an Kasim Bey 
Amin abgedruckt, in welchem er seine volle Zustimmung zu den in der 
„Neuen Frau" vertretenen Ansichten ausspricht. Bedingungslos tritt er 
für die Notwendigkeit einer gründlichen Erziehung des weiblichen Ge- 
schlechtes ein, auf der allein das Glück der Familie und der Fortschritt 



1) Einige Mitteilungen über dieses Buch und im Anschluss daran über freiere 
Regungen im modernen I^laD E<:yptens machte Dr. Ernst Härder in dem Artikel r Die 
,neue Frau' im Orient", Tägl. Rundschau, Unterhaltungsbeilage No. 42 vom 19. Febr. 1901. 



I lii f "r;iu im [slam. •_',', \ 

der menschlichen Gesellschaft beruhe; zugleich erkennt er an, dass eine 
solch« 1 gründliche Erziehung and Bildung dea weiblichen Geschlechts nicht 
piöglich sei mit der bisherigen Schleierwirtschaft. 

Wie sich die zu der neuen Bewegung verhalten, die sie zunächst an- 
geht, die islamisch. mi Frauen selbst, Lässt sich noch nicht sagen. Es 
scheinen bemerkenswerte Äusserungen aus ihrer Mitte noch nicht vorzu- 
liegen. Doch hat seit längerer Zeit die Frau energisch die Partei des 
fielangefochtenen Kasino Bey ergriffen, die man in-. .fern als an der Spitze 
per Frauenbewegung im arabischen Orient stehend betrachten kann, als 
ne .las einzige arabische Blatt herausgiebt, das sich selbst als Frauenblatt 
bezeichnet und von einer Frau geleitet ist. die Zeitschrift Anis algalis 
d. h. der Vertraute des Freundes. Frau Alexandra Avierino, <ler griechisch 
brthodoxen Familie Churi in Beirut in Syrien entsprossen, bringt in der 
letzten Nummer ihres Monatsblattes vom 31. Januar d. .1. einen längeren 
Artikel filier die „Neue Frau" und tritt t'iir .li.- Anschauungen de- Verfas 
ein. wie nicht anders zu erwarten war. Denn die mutige und geschickte 
Frau hat bereits mehrfach in ihrer Zeitschrift in sympathischer Weise 
über die fränkische Frauenbewegung berichtet und hat auch selh-t 8chon 
unabhängig von Kasim Amin für die Hebung des Unterrichts ihrer Landes- 
jgenossinnen das Wort ergriffen. Als Christin durfte sie natürlich an die 
religiösen Vorstellungen der islamischen Bevölkeruni; nicht rühren. Sie 
harte dadurch Misstrauen erweckt und der Sache nur geschadet. Jetzt, 
wi. von den angesehensten Muslims des Lande- das angebliche Schleier- 
gebot als eine Erfindung der Theologen gebrandmarkt ist. darf sie freier 
sprechen. Sie wird nicht allein bleiben. Immer fester wird -ich in die 
Köpfe und Herzen auch der islamischen Frauen der Gedanke graben: Nur 
der gewinnt sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss. 

Ein schrmer Anfang ist gemacht. Freilich noch lange werden die 
Strenggläubigen widersprechen und sich immer von neuem darauf berufen, 
das Prinzip sei nun einmal durch Gottes Gebot geheiligt: die Frau 
muss gehorchen und muss auch die übelste Behandlung des .Mannes ohne 
zu murren wie ein Hund über sich ergehen lassen. Gehorchen! wie sagt 
Iphigenie? 

Von Jugend auf hab ich gelernt gehorchen 

Erst meinen Eltern und dann einer Gottheit. 

Und folgsam fühlt ich immer meine Seele 

Am schönsten frei. 

Freiheit im Gehorsam, durch den Gehorsam, Gehorsam in der Freiheit 

und durch die Freiheit. Lasst, ihr Muslims, eure Frauen sich frei ent- 
wickeln, gebt ihrem Empfinden, ihrem Denken Nahrung, opfert ihnen vor 
allem einen Teil eures Selbst, eures Eigensinns, eurer Eigensucht, dann 
werdet ihr sie nicht ungehorsam linden. Dann werden sie euch dienen, 
nicht weil das Gesetz es verlangt, sondern weil ihr Herz danach verlangt, 



.'•>•_' 



Bolte: 



dann werden sie ench Dicht durch Launen and Ränke kränken, durch 
kindischen Trotz zu heftigem Wort oder gar zu sie and euch entwürdigender 
thätlicher Züchtigung euch reizen; sie hebend werdet ihr von ihnen ge- 
hoben, hinausgehoben aber den Islam, wie ihr zumeist ihn heut versteht. 
zu dem Islam, den eure Boten bekannt, zu dem auch wir uns bekennen, 
zur liebenden Ergebung, zur ergebenden Liebe, die in der Vernichtung 
- Ich das [ch befreit. 

Denn wo die Liebe waltet, stirbt 
Das Ich, der finstere Despot. 
So lasst ihn sterben in der Nacht 
Und atmet frei im Morgenrot. 



Ein dänisches Märchen von Petrus und dem Ursprünge 

der bösen Weiber. 

Von Johannes Bolte. 



Vor zwanzig Jahren gab Viggo Säby zu Kopenhagen einen merkwürdigen 
dänischen Prosaschwank des 17. Jahrhunderts in sauberem Neudrucke heraus. 
A^v in Deutsehland kaum Beachtung gefunden zu haben scheint: 

En Lystig Tractat Om S. Peders Trende Duttre, Deris Herkonist oc Giftermaal, 
saa oc hvor fra de onde Qvinder haffver deris Oprindelse saare kortvillig at lsese 
J Nu Nyligen til Trycken Fordansket Äff N. H. C. R. Prentet Aar 1667. 4 Bl. b°. 

Da der dänische Anonymus N. H. C. K. sich nur als Übersetzer be- 
zeichnet und sich, wie Säby bemerkt. Germanismen zu schulden kommen 
lässt, wird man dem letzteren beipflichten müssen, wenn er in dem Büchlein 
eine Reproduktion einer bisher unbekannten deutschen Flugschrift sieht. 
Zur Ermittlung dieses Originals mochte ich auffordern, indem ich die 
neiden den Kern des Traktats bildenden Märchen hier in deutscher Sprache 
wiedergebe. 



Zur Zeit da unser Herr und Sankt Petrus in der Welt wanderten, 
kehrten sie in einem Schmiedekrug ein, wo sie gut aufgenommen wurden. 
Und im Rausche verlobte Petrus einem Schmiedegesellen seine Tochter 
Petronella. Bald darauf kam ein andrer und bat auch um sie. Petrus 
hatte die erste Zusage vergessen und versprach sie ihm auch. Eine Stunde 
oder zwei danach kam der dritte Schmiedegesell zu ihm und sagte: „Guter 
alter Vater, ich habe erfahren, dass Ihr eine schmucke Tochter habt; kann 



1 -i ti dänisches Märchen von dem Ursprung) dei 

ich nicht mit Euch handelseins aber ßie werden?" Petrus auch 

diesem Gesellen seine Tochter zu. 

Ä.ber als am andern Morgen Petrus erwachte and bedachte, das 
drei Töchter verlobt hatte and < 1< >«*! i aur eine daheim hatte, rerdn 
um seine Zusagen, and er bat den Herrn, ihm ein paar Töchter zu schaffen, 
damit er seinem Versprechen nachkommen könne and die Schmiedegesellen 
nicht ärgerlich würden and ihm seine Stirn zerschlügen. Darauf böII der 
Herr erwidert haben: „Petrus, du hast ja eine Tochter, die schöne und 
fromme Petronella 1 ); die beiden andern will ich dir verschaffen. Zu der 
ersten Kroatin - , die diT morgen früh an '1er Thür begegnet, wenn du 
v.un llert aufstehst, seilst du sagen: (inten Morgen, meine Tochter! 
Dann wird sie zu einem schmucken Mädchen werden. Und übermorgen 
ebenso." 

Was geschah? Am ersten Morgen traf er eine San. Petrus - 
..(inten Morgen, meine Tochter!" und alsbald ward sie ein schmuckes 
Mädchen. Am zweiten Morgen traf er an der Thür eine Gans. Petrus 
jagte: ..(inten Morgen, meine Tochter!" und flugs verwandelte sie sich 
und ward ein schönes Mädchen und Bagte: Keg geg, lieber Vater, hier 
hin ich." So hatte Petrus drei Töchter für seine drei Schwiegersöhne. 

Bald darauf wurden die Hochzeiten festgesetzt auf denen jeder seine 
Braut heimführte. Was geschah? Eine Woche später oder zwei rüstete 
Petrus ein .Mahl und lud -eine drei Schwiegersöhne dazu, und als das 
Mahl vorüber war. fragte Petrus den ersten: „Lieber Sohn, wie gefälll 
ineine Tochter, wie stellt sie sieh an?" Er aufwertete: „Väterchen, sie 
[st wohl hübsch, tüchtig und schön; aber sie ist sehr schweinisch und 
schmutzig." „Ja", sprach Petrus. „Söhnchen, du mussl mit ihr zufrieden 
sein: denn ihre .Mutter war ebenso beschaffen." Damit redete Petrus 

den zweiten an: ..Und wie gefallt dir nieine Tochter?" Er antwortete: 
„Dass sie schmutzig ist. kann ich nicht behaupten; aber sie i>t -ehr ein- 
fältig und gänsedumm." Petrus antwortete: ..Ihre Mutter war ebenso, und 
ein Sprichwort tieisst: Die Tochter tanzt in il^v Mutter Hemde.- Dann 

sprach er /.um dritten: „Und wie gefällt dir meine Tochter?" Er ant- 
wortete: „Vater, ich habe ein ehrlich.-, frommes, züchtiges, bäusHches 
und gutes Weib, sie ist auswendig und inwendig fromm, und wird kein 
Gebrechen oder Mangel an ihr erfunden." Petrus antwortete: „Ja, Bie 
ichlägt nach ihrer Art: denn ihre Mutter war ebenso." 

Die Schwiegersühne verwunderten sich aber -'ine Worte und wollten 

wissen, wie das zusammenhinge, bis Petrus ihnen erzählen musste, wie 

-ich mit diesen drei Töchtern verhielt. Von diesen drei Töchtern >\>-> 

hl. Petrus haben, wie einige meinen, verschiedene Frauen in de,- Web 

ihren Ursprung genommen. 



1) Petronilla erscheint auch sonst in deT Legende ab Tochter des Petrus. 

1 8 

Zeitschr. <i. Vereins f. Volkskunde. 1901. 



-),.] Bol'>' 

11. 

\1> unser Herr und Petrus einstmals durch einen Wald wanderten, 
sah Petrus den Teufel anter einer Linde bei einer hübschen Jungfrau 
stehen, sie küssen und liebkosen. Darüber ward Petrus zornig und sprach: 
„8chöpfer, siehst du, wie der Bösewicht das junge Blut verführt? Soll 
man so die Jugend erziehen?" Darauf soll der Herr -(-antwortet haben: 
„Lass ihn. Petrus! Denn der Teufel ist von jeher ein Schalk." Petrus 
sprach: „Willst du, Herr, so schlage ich ihm den Kopf ab." Darauf soll 
der Herr geantwortet haben: ..Petrus, wenn dein Fischermesser nicht 
scharf ist. so lass es bleiben! Denn den Teufel erschlägt man nicht wie 
Hornvieh." Petrus aber schlich sich sacht von hinten heran und hieb so 
kräftig zu. dass beiden, dem Teufel und dem Mädchen, von dem einen 
Schlage das Haupt abfiel. 

Petrus warf die Wehr von sich, fiel auf seine Knie und rief: „Schöpfer, 
Schöpfer, ich habe übel gethan, dass ich die schöne Jungfrau enthauptete. 
Gieb ihr das Leben wieder, da du alle Dinge vermagst!" Der Herr ant- 
wortete: „Petrus, das Blut ist noch warm; setz, ihr rasch den Kopf auf, 
so wird sie lebendig." Petrus ward von Herzen froh, lief hin und vergriff 
sich; denn er ergriff den Teufelskopf und setzte ihn dem Mädchen auf. 
Da ward sie lebendig, sprang auf, fluchte und keifte, schlug ihn mit den 
Fäusten und schalt ihn wegen seines doppelten Missgriffes. Petrus wollte 
ihr nun den Kopf wieder abhauen, damit sie ihren eignen Kopf wieder 
bekäme; aber das ward ihm nicht erlaubt. 

Von diesem Weibe sollen, wie einige meinen, alle bösen Weiber 
ihren Ursprung haben, da viele Frauen schöne und stattliche Venustöchter 
sind und doch einen Teufelskopf oder Mund haben. 



Man erkennt leicht, dass diesen beiden Märchen die satirische Absicht 
innewohnt, zu zeigen, dass auf vier Weiber nur ein gutes kommt; ^ie 
übrigen gleichen der Gaus, dem Schweine oder dem Teufel. Bevor wir 
jedoch der Quellenfrage nähertreten, und uns nach parallelen Erzählungen 
Hinsehen, müssen wir bemerken, dass in Dänemark mehrere jüngere Varianten 
existieren, die vermutlich aus dem Volksbuche von 1607 abstammen und 
für dessen Beliebtheit Zeugnis ablegen. So erwähnt Feder Syv, der be- 
kannte Sprachforscher und Volksliedersammler (1631 — 170*2), ein Lied 
über die drei Töchter Sankt Peters; Svend Grundtvig besass ein in 
Vendsyssel aufgezeichnetes Volksmärchen, das allerdings verschiedentlich 
vom Volksbuche abwich 1 ); und gedruckt liegen uns vor zwei im wesent- 
lichen übereinstimmende jütische Volksschwänke bei Kristensen, JyskeFolke- 
minder 4. 336, No. 430 und Danske Skamitesagn 1900, S. 105, No. 50. 



1) Diese beiden Nachweise liefert Sabv in seiner Vorrede. 



Bio dänisches Märchen ?on dem l reprunge der bö en Weiber. 255 

Dagegen möchte ea schwer fallen, eine dem ersten Märchen des Volks- 
buches entsprechende balgarische Erzählung 1 ), in der nur Btatf Petras 
Noah, statt Sau und Gans aber Katze und Esel genannt werden, gleichfalls 
aus dem dänischen Drucke abzuleiten. Wir werden eher eine Verbindung 
mit dem deutschen Originale des letzteren annehmen, wenn wir die folgende 
böhmische Sage 2 ) betrachten, in der Jesu- ganz an die Stelle seines 
Jüngers Petrus getreten ist uml letzterer nur als stummer Zuschauer dem 
Wunder beiwohnt. 

Jesus kam auf seinen Wanderungen in ein Dorf, in dem die Männer 
strickend, spinnend und waschend vor der Thür Bässen. Er fragte den 
ersten, warum er eine Arbeit verrichte, die nur Weibern gezieme. Der 
Mann antwortete: „Ich habe kein Weib." Darauf verhiess ihm der Herr 
eiu Weib zu senden. Und ebenso that er bei den übrigen Bewohnern 
des Dorfes, die er mit Weiberarbeiten beschäftigt antraf. Als er dann 
mit Petrus weiterzog, begegnete ihnen nach einer^Veile auf der Landstrasse 
eine Gans. Jesus verwandelte sie in ein Weib und sandte sie BOgleich in 
das Haus des ersten Mannes. Ebenso that er mit einem Pfau, den er als 
Weib zu dem zweiten Mann gehen hiess, mit einer Katze. Taube, Schlange, 
Elster, Biene, Ricke, Krähe, Eule, einem Fisch und einer Sau. Nach 

Jahr und Tag kehrte der Herr wiederum in dem Dorfe ein und fragte 
den ersten Hauswirt, wie er mit seinem Weibe zufrieden sei. ..Ach. Neu-. 
seufzte der Mann, ..mein Weib ist gar einfältig und schnattert den ganzen 
Tag wie eine Gans." „Sie verleugnet ihren Ursprung nicht", meinte 
Jesus lächelnd und schritt weiter. Und so hörte er auch in den an. lein 
Häusern meist Schlechtes von den Weibern; sie waren stolz wie ein Pfau, 
naschhaft wie eine Katze, falsch wie eine Schlange, geizig wie eine Elster, 
hässlich wie eine Eule, unsauber wie eine Sau. Einige aber waren zärtlich 
wie eine Taube, sanft wie ein Reh und fleissig wie eine Biene. Die 
Weiber besassen eben die Eigenschaften der Tiere, aus denen sie ent- 
standen waren. Darum giebt es noch heutzutage bo verschiedene Arten 
von Weibern. 

Offenbar reihen sich diese drei engverwandten Schwanke, der dänische, 
der bulgarische und der tschechisch.', den zahlreichen ungalanten Satiren 
• •in. die einzelne Eigenschaften der Frauen mit bestimmten Tieren in 
Verbindung bringen und deshalb diese Krauen v.»n den entsprechenden 
Tieren abstammen lassen. So berichtet eine rabbinisebe Tradition, die 
Hans Sachs 1557 in einem Sprachgedichte „Der Hundschwanz" behandelte 
und spätere Erzähler mit Behagen variieren 8 ), wie Gott eine Gehilfin für 



1) Strauss, Die Bulgaren, 1898, S. U. 

21 YValdau in den von A. Luksic herausgegebenen Slavischen Blättern 1, 241 (1865): 
„Die Weiber im Dorfe." 

3) H. Sachs, Folioausgabe 2, 4, Ttb = Fabeln und Schwanke ed. Goetee 1, 522, 
No. 182; vgl. 2, XVII. Zincgref -Weidner, Apophthegmata 4, 414 (1655) citiert als Ge- 



lb" 



256 ]J "- 

Adam erschaffen wollte und < hin Schlafenden eine Rippe aus dem Leibe 

nahm, habe ein llmnl «Ich Knochen gepackt, am damit zu entlaufen. Abe* 

der Herr erwischte ihn, schnitt ihm den Schwanz ab und schuf daraus 

1 Nach weit älteren Datums sind zwei yon Stobaios aufbewahrte 

griechische Gedichte des Simonides von Amorgos und lies Phokylides 

von Mih't 1 ). die wohl beide einen alten Yolksspruch reproduzieren. Sie 

stimmen darin zu dem dänischen Schwanke, dass sie mehrere Tiere namhaft 

machen, während ihnen eine scherzhafte Motivierung dieses Ursprunges 

der Weiber, wie sie sowohl das dänische Volksbuch wie die angebliche 

rabbinische Überlieferung bietet, durchaus mangelt. Nüchtern und kühl 

erzählt Simonides, Gott habe des Weibes Sinnesart verschieden geschaffen, 

teils von der Sau. teils vom Fuchse. Hunde, von der Erde, vom Meere, vom 

Esel, Wiesel, von der Stute, vom Affen oder von der Biene: 

Xcogig ywatxog &sog srtoitjosv vöov 

Tu TigcÖza' T) t r fiev §]• vos tolvvtqixog < j tc. 

Von den neun Typen böser Weiber des Simonideischen Frauenspiegels 
erscheinen bei dem um ein Jahrhundert jüngeren Phokylides nur drei 
wieder, nämlich die von der Stute, der Sau und der Hündin herstammenden; 
die vierte Art. die der guten Frauen, leitet er. wie sein Vorgänger die 
zehnte, von der Biene ab. Beide Gedichte wurden im Zeitalter der 
Renaissance bewundert und nachgebildet: das des Phokylides 15(5*2 durch 
Hans Sachs 2 ), der Frölichs elf Jahre zuvor erschienene Verdeutschung des 
Stobäus benutzte, das des Simonides durch ßnchanan und Taubmann in 
lateinischen Versen, sowie durch Fitz. Kachel und Henrici in deutschen 
Reimen. 8 ) Am freisten verfährt dabei der Leipziger Gelegenheitspoet 



wäfrrsmann einen Doktor Langenberg; vgl. Stiefel in der Nürnberger Festschrift Hans 
Sachs-Forschungen 1894, S. U'>S. De Geest van Jan Tamboer 1664, p. 210 = Der Geist 
von Jan Tambaur (um 1690) S. 190 = Mancherley artige annehmliche Historien, Augspurg 
Bl. 1) 7a: ..AVeiber sind von einem Hundsschwantz gemacht" (Männer von eiuem 
Katzonrücken). Tho. Moore, Works 182G, p. 467: 'The rabbinical origin of women.' Vgl. 
Birch, Notes and Qneries 6. Ser. 4, 302 (1881). De Gubernatis, Die Tiere in der indogerm. 
Mythologie 1874, S. 369*. De Mont en de Cock, Vlaamsche vertelsels 1898, S. 448: 
-De oorsprong der vroinv. Gaster, Magazin f. d. Litt, des Auslandes 1879, 59G (nach 
[spirescu, Snöve sau Povesti populäre 1875, p. 92). A. Strauss, Die Bulgaren 1898, S. 45 
■Hunds- oder Tenfelsschwanz). L. Schischmanoff, Legendes religieuscs bulgares 189G, p. 33 
Tenfelflschwanz . Krauss, Sitte und Sage der Südslaveu 1885, S. 184. Leite de Yascon- 
cellos, Tradic<~es po]». portnguezes 1832, p. 200 (Hunds- oder Katzenschwanz). Marelle, 
Eva, Affenschwantz, Quene-d'chat 1888, p. 9 = Herrigs Archiv 76, 233. 

1) Poetae lyrici Graeci ed. Bergk 2, 446 No. 7 und G9 No. 3 (1882). 

2) Folioausgabe 5, 3, 372b = Fabeln ed. Goetze 2, 634 No. 385: vgl. S. XXIII. 

3) Buchanan, Poemata 1665. p. 401 (Iamhon lib. 1). Taubmann, Melodaesia 1615, 
p.570: .Gynaeceum poeticum". Titz, Gedichte hsg. von Fischer 1888, S. 113: „Poetisches 
Frauenzimmer-. Kachel, Teutsche Satyrische Gedichte 1664, No. 1. [Chr. Fr. Henrici], 
Picanders Gedichte 5, 185 (1751). In Prosa giebt Joh. Sommer, Ethographia mundi 2, 62 
(1610) die Erzählung des Simonides wieder. — Die Gedichte von Buchanan, Taubmann 
und Titz hat Klenz in seiner fleissigen Dissertation (Die Quellen von J. Rachels erster 



Kin dänisches Märchen von dein i i Weiber. ■_'."(, 

Henrici mir der Fabel des Simonidee, die er gleich Tanbmaom and Titz 
zum Schmucke einer Bochzeitsgratulation ausnutzt. Bin „Tausendkünstler" 
Gfispinus, erzählt er, hatte Bieben Söhne, <li«' gern freien wollten tmd 
ihrem Vater die erkorenen Bräute vorstellten. Dieser lobte «lie Schönheil 
der Jungfrauen, griff dann jedoch nach seinem Zauberstabe, um auch ihre 
Herzen zu prüfen. 

Die erste halte schwarze Augen, 
Durchdringend und verschmitzt and fr 
und was am meisten konnte taugen, 

So war auch Freundlichkeit dabey. 
Der Alte streckte mit dem Stabe 
Die Hand nach ihrem Herzen aus. 
Und sieh! es sprang im vollen Trabe 
Ein rasend Tygerthier heraus. 

Nicht hesser erirtdits den andern Schönen; bei ihnen zeigt sich eiae 
Schlange, ein Alle, eine Grans, ein Schwein, ein Sperling und ein Krokodil. 
Hier bricht llenrici die Erzählung ab, um dem Hochzeitspaar zu versichern, 
das> bei ihnen Gleiches nicht zu befürchten sei. Die Frage nach der 
Herkunft dieser inneren Verwandtschaft zwischen Weib und Tier berührt 
er gar nicht. 

Parallel liehen diesen Nachahmungen des Simonides geh* eine Gruppe 
von Erzählungen einher, die man zuweilen fälschlich in direkte Äibhängigkeil 
von dem griechischen [ambographen hat bringen wollen. 1 ; Johannes 
Agricola-; erläutert 1529 das Sprichwort -Die Weiber haben drei Häute" 
in folgender WeiBe: ..Die Weiber haben erstlich ein hundshaut; da- ist, 
wann man Bie schilt «.der straffet, so bellen sie hinwider wie ein hund: 
Biff hilf. Die ander haut ist ein sawhaut; da muß man scharf hawen, sol 
man hindiiirhhawen: wirf sie aber getroffen, die >;iwli;mi. bo kreiBse< sie: 
Och och, wie ein saw. Die dritt haut isi die menschenhaut; wer die trifft, 
,1er hört «'in Bolche stimm: Ach hertzlieber mann. Ich wil alles thun, was 
dir ij eD !>r .» _ Hier ist als«, nicht von mehreren Frauen die Rede, die 
jede einem andern Tier verglichen werden, sondern «•in und dasselbe Weib 
hat verschiedene tierische Laster, «lie nur durch die beliebte Prügelkur 



- itire Freiburg L. 11. 1899) mit Rachels Satire verglichen, dabei aber auch Scheffers gleich 
zu erwähnende lateinische Dichtung hineingezogen, ohne ihre Abhängigkeit von Bans Sachs 
zu erkennen. 

1) Vgl. darüber Stiefel in dieser Zeitschrift 8, 163. 

9) Sprichwörter (1534) No. 414. - Danach u. a. Fischart, Ehzuchfcbüchlein 1&78 
(Werke heransg. von Hauffen 3, 265). Sommer, Ethographia mumh 2, 63 1610 A.nhr. 
Metzger, Meisterlied vom 21. Juli 1626 (Göttänger cod. mscr. philol. L96, S. 418). \. 
Wossidlo, Mecklenburgische VolksüberÜefernngen 1, 154, No. 568 (drei Arten Frauen: 
Hühner-, Gans- und Schweinsart). -- Für das Alte- dieser Vergleiche verdient die von 
Klenz S. 25 citierte Stelle aus Joa. Nevisanus, Sylva nupbalis lo22 Bl. 87a angefahrt zu 
zu werden: „Septem mulierum proprietates, sanetas in ecclesia, angelos in accessn, daomones 
in domo, bubones in fenestra, picas in porta, capras in horto, fetorem in lecto. Vgl. 
Scheffer bei Sommer, Ethographia mnndi 2, 71 (1610). 



25g Bolte: 

vertrieben werden können. Die Zahl der Haute erscheint dann in einem 
1539 gedichteten Spruche des Hans Sachs 1 ) auf das dreifache gesteigert: 
nenn Häute hat ein einziges böses AA T «'ib, nämlich von Stockfisch, Bär, 
Gans, Hund. Hase, Pferd, Katze, Sau und endlich Mensch, und auch hier 
meint ein Freund des Dichters jede Haut besonders durchbläuen zu müssen; 
allein der wackre .Meister entgegnet ihm, solches zieme einem Bieder- 
mann nicht: 

Man inus mit krieg nicht halten haus, 

Sunder mit frid und freuntschaft mer. 

Das zweite Märchen des dänischen Volksbuchleins, zu dessen Be- 
trachtung wir uns nunmehr wenden, erhebt noch schärfere Anklagen wider 
die bösen Weiber, indem es sie nicht der Abstammung von Tieren, sondern 
vom Teufel selbst beschuldigt. Es erfreut sich keiner geringeren Verbreitung 
als das erste; doch vermag ich kein älteres Zeugnis beizubringen als eine 
Stelle aus der 1672 (also fünf Jahre nach dem dänischen Drucke) er- 
schienenen deutschen Bearbeitung von Shakespeares 'Taming of the Shrew': 
„Kunst über alle Künste Ein bös Weib gut zu machen." 2 ) Hier bedauert 
der als Vorredner auftretende geduldige Hiob, dass der Bändiger der 
bösen Katharina nicht schon zu seiner Zeit gelebt habe: „Ich hätte bei 
ihm wollen lernen, einem bösen Weibe den Irrthum auss dem eigensinnigen 
Gehirn zu treiben oder den Teufelskopf, welchen sie ihrem eigenen 
Bekäntnüss nach aufsetzen, bei sich liegen zu lassen." Es scheint nach 
dem Wortlaut allerdings, als ob der Autor hier nicht auf die Enthauptung 
durch Petrus und dessen Vertauschung der Köpfe, sondern eine abweichende 
Erzählung anspiele. 

Fast völlig stimmt dagegen ein 1719 im Druck veröffentlichtes Gedicht 
von Christoph Frieder ici 8 ) mit dem dänischen Schwanke überein: 



1) Folioausgabe 1, 5, 5l9b = Fabeln ed. Goetze 1, 164, No. 54; vgl. 2, XIII. 4, 132. 
- Danach z. B. Schades Wissenschaftl. Monatsblätter 1878, 173. Huberinus, Spiegel der 

Hauszuclit 1565 (W. Kawerau, Die Reformation und die Ehe 1892, S. 49). Seb. Scheffer, 
Poemata 1572 Bl. 193 = Melander, loci atque seria 1603 No. 485 = Ellinger, Deutsche 
Lyriker des 16. Jahrh. 1893 S. 45 = Klenz 1899 S. 22 = Sommer, Ethographia mundi 2, 67 
(1610. Mit deutscher Übertragung). Seelmann, Mnd. Fastnachtspiele 1885, S. 78 (v. J- 
1641). Zwei Folioblätter des 17. Jahrh. in Berlin und Nürnberg (Weller, Annalen 2, 485 
u. 487, No. 1035 u. 1052). Der visierliche Exorcist S. 18 (an dem Alamodisch - techno- 
logischen Interim 1675). Riederer, Das Poetische Schertz-Cabinet 1713, Bl. D3a, No. 63. 
Stranitzky, Ollapatrida des durchgetriebenen Fuchsmundi 1711, S. 225 = 1886, S. 168. 
Gregander, Leben F. W. v. Kyau 3, 20 (1751). Berliner Ms. germ. qu. 616, No. 191. 
Wiener Hs. 14914, S. 1024, No. 162. 

2) Herausgegeben von R. Köhler 1864, S. 6. 

3) Christophorus Friederici, Oel und Wein, gegossen auf die Wunden der Lebendig- 
Toden, oder Curieuser Zeit - Vertreiber ... In deutlichen Teutschen Versen Monathlich 
herfür gebracht, Zweite Spendage. Anno 1719. Franckfurt, zu finden in der Buch-Gassen 
(Berlin Yk 1741), S. 49—59. 



Ein dänisches Märchen von dem Ursprünge d< Weibi r. 



259 



Die ausfündig gemachte JTeuffels-Köpfe. 



l. 

Ich hab mich hin und her befraget, 
Wie und woher es immer komm, 
Was man von denen Weibern saget, 
Daß deren wären wenig fromm. 
Und daß (wer sucht es zu vergraben? 
Sie alle Teuffels-Köpfe haben. 



Ich kunte nirgends Nachricht kriegen, 
Ein Jeder wollt, dass mans verbürg. 
Doch musst sich eines Tages fügen, 
Daß ich in die CathoFsche Kirch 
In einer Reichs-Stadt bin gekommen. 
Wo ich es ohngefehr vernommen. 

3. 

Ein lust'ger Pater, den ich kennte, 
Hielt eben damahls die Sermon: 
Der klatschte gleichsam in die Hände 
Und discurrirte nett davon. 
Ich hoffe niemand zu verstören, 
Wann wir Ihn selber reden hören: 

4. 

Wie unser Heiland noch auf Erden 
In Tagen seines Fleisches war 
Und seine Jünger offt begehrten, 
Daß er einmahl spatzieren fahr, 
Und wo nicht fahr, doch etwan gienge, 
Damit er frischen Athem fienge, 



So hat der Herr sich überwunden 
Auf Ihrer Aller grosse Bitt 
Und nahm zu Fuß auf etlich Stunden 
Den lieben Jünger Petrum mit, 
Der gern sich (wie der Pfaff gedachte) 
Zu unserm lieben Herren machte. 

6. 

Sie giengen über Feld und Lande 
Bald dahin und bald dort herum. 
Der Petrus hatte Anverwandte 
Nächst bey der Stadt Capernaum; 
Drum wollten sie auch diese Strassen 
Sich ihre Füsse trag-en lassen. 



Kaum giengen si>- dreylnindert Schritte 
So sah'n sie einen grossen Streit 
Der Jünger gieng auf JEsti Bitte 
Hinzu und fragt, was das bedeut, 
Was das vor eine neue Mähre 
Und vor ein toll Gefechte w 

8. 

Allein wie man Ihm ohne Zweiffei 
Nicht gleich Bericht gab, wie es passt, 
So sah Er selber, wie der Teuffel 
Ein altes Weib beym Kopf gefast, 
Und wie Sie, ob er gleich nicht siegte, 
Von ihm viel hundert Dachteln kriegte. 

9. 
Gestalt das Weib auch ausdermassen 
War hitzig, rasend, wild und toll, 
Ihn suchte sie beim Halß zu fassen. 
Und wann ich nichts verschweigen soll, 
Sie hätt ihm bald, wie man gesehwatzet, 
Die Augen aus dem Kopff gekratzet. 

10. 

Hat er zwo Kopf-Nüß ihr versetzt t. 
Gab sie ihm deren wieder vier: 
Hat Er Ihr Arm und Hein verletzet, 
Erdrosselt Sie den Teuffel schier, 
Weil das Gefechte lange währt'' 
Und keines abzusteh'n begehrte. 

11. 

Warum Sie sich also ■/< rschlagen, 
Darum befragt man Haus vor Haus; 
Doch Niemand kunt die Ursach sagen, 
/war endlich brach der Handel aus, 
Daß Sie sich beederseits besoffen 
Und es zwei Batzen angetroffen. 

12. 

Der Teuffel blieb so viel dem Weibe 
Als Debitor vor Pension. 
Drum käme Sie Ihm so zu Leibe 
Und fordert den verdienten Lohn, 
Daß leichtlich unter diesen Tollen 
Ein Mord hätt draus entstehen sollen. 



260 



Bolte: 



L3. 

Der Petrus Bähe lang den Hamid 
Mit grimmigen I reberden zu. 

Ablegt Er eilig seinen Mantel [dn - 

Und sprach: "Was, Teullel, machst doch 

dn im Frieden nicht zu Leben? 
Gleich will ich dir dein Tranck-Geld 

ben- 1 
14. 

Der Teuffel sah sich um und stutzte 
Und fuhr heraus: 'Herr Petre, meyn, 
Wie sieht Er aus so gar verdutzte! 
Er laß sein Eiffersüehtig-seyn !' 
Doch hinterrücks hat es geheissen: 
'Dem Kahl-Kopf will ich Feigen weisen.' 

15. 

Damit zuckt Petrus seinen Degen, 
Den er trug heimlich an dem Leib 
Zumahl auf seiner Reise wegen, 
Und haut dem Teuffel und dem Weib 
Auf einem Streich und trefflich munter 
Die zwey verfluchte Köpff herunter. 

16. 

Indem kommt Er zum Heyland wieder; 
Doch der war nicht damit content, 
Er sprach : 'Thun das auch andre Brüder? 
Verdammt sind deine Mörder-Händ. 
Du sollst mit deinen grauen Haaren 
Hinunter in die Grube fahren. 

17. 

Du alter Gecke bist so hitzig. 
Lern doch die Sanfftmuth einst von mir! 
Der Eiffer macht dich aberwitzig. 
Gleich geh und packe dich von hier! 
Du sollst nicht mehr wie andre Frommen 
An meine grüne Seite kommen.' 

18. 

Den Petrum fleng es an zu reuen, 
Er bat den Rabbi gleich um Gnad; 
Er soll Ihm dasmahl nur verzevhen, 
Weil Er es ja nicht gerne that; 
Der Eiffer hab Ihn überloffen. 
Daß er Sie durch die Bälß getroffen. 



19. 

Mcm ileyland gab mit dem Bedinge 
Dem Petro ungesäumt Pardon, 
Daß Er hin zu den Toden gienge, 
So trag Er doch das Lob davon, 
1'm Ihnen statt des Degen-Wetzen 
Die Köpll'e wieder auffzusetzen. 

20. 

Sanct Peter durfft 'Ich mag nicht' sagen; 
Er that. was Ihm sein Meister schafft, 
Er wills in seinem Nahmen wagen 
Und in desselben Wunder-Krafft, 
Wiewohl er (weiß nicht, ob aus Possen) 
Darbey hat einen Bock geschossen. 

21. 

Dann da die Köpffe lagen drunten 
Und er Sie nicht mehr recht erkennt, 
Auch das war in den Abend-Stunden, 
Da schon der Tag lieff meist zu End, 
Gleich da, wie sich die Sonn verkrochen. 
Die Demmerung ist angebrochen. 

22. 

So krieget er des Teuffels Kopffe 
In seine Hände ohngefehr, 
Den setzt Er auf des Weibes Schopffe 
In Meynung, daß er Ihrer war, 
Wie Gegentheils dem Teuffel dorten 
Des Weibs Kopf aufgesetzt ist worden. 

23. 

Seytdem (rieff drauf gantz laut der Pfaffe) 
Hängte unsern Weibern immer an. 
Der Teuffel wurd der Menschen Affe, 
Und wann Ihn niemand bänd'gen kan, 
Kan Ihn doch ein alt Weib betäuben 
Und leichtlich in ein Bocks-Horn treiben. 

24. 
Woraus ich dann den Ursprung schopffe, 
Die alte Weiber nicht allein, 
Sie haben Alle Teuffels-Röpffe, 
Sie mögen noch so junge seyn. 
So wirds im Reden und im Schreiben 
Bey lauter Teuffels-Köpfen bleiben. 



Die weiteren Scheltreden des Dichters wider die bösen Weiber, die 
noch 19 Strophen einnehmen, übergehen wir und lassen es auch dahin- 



I 



Em dänisches Märchen von dem l rspronge der bösen Weiler. 261 

gestellt, ab seine Quellenangabe, er habe die Geschichte von einem Amts- 
bruder Abrahams a St. Clara als Predigtmärlein vernommen, aufWahrheit 
beruhe. Verweilen wir nur noch einen Augenblick bei der wichtigsten 
Abweichung von der dänischen Erzählung! Jene berichtet, Petrus sei 
aber die Liebkosungen entrüstet gewesen, mit denen der Teufel ein junges 
Mädchen bethörte; bei Friedend dagegen aueht er den erbitterten Streit 
zu schlichten, den ein altes Weib mit dem Teufel ausficht. Die meisten 
späteren Versionen stimmen hierin zu Friederici, und tn der Thai scheint 
dieser die ursprüngliche Tradition bewahrt zu haben, die uns an den auf 
Bilderbogen des 17. Jahrhunderts erscheinenden Kampf zwischen Weib 
und Teufel 1 ), an die ältere Novelle von Belfegor 9 ) oder die von der Alten, 
die schlimmer ist als der Teufel 8 ), gemahnt. 

Eine entstellte Passung im Vade Mecum für lustige Leute 7. 22, 
[Jo. 35 („Wodurch die bösen Weiber in die Welt gekommen." Berlin, 
A. Myüus 1777 setzt an die Stelle des rasch zufahrenden Apostels einen 
beliebigen Reiter, der den Teufel Notzucht verüben sieht; nachher heiraten 
der Teufel und das Mädchen einander, und von ihnen stammen die argen 
Frauen ab. Ferner gehören hierhei «'in siebenbürgisches Gedicht 
„Die böse Frau" bei Firmenich, Germaniens Völkerstimmen 2, 826, ein 
pommerscher Volksschwank „Warum die Weiber den Teufel im Kopfe 
haben" (Blätter f. pommersche Volkskunde 1, 166. 1893), zwei vlämische 
JHärchen bei A. Joos (Vertelsels van het vlaamsche Volk 3, 74: „Van het 
Wijf «m h.-r Serpeot." 1891) und I\ de .Munt en A. de Cock (Vlaamsche 
Vertelsels 1898, S. 341: „Waarom de Vrouw iets duivelachtigs heeft"), 
mehrere französische Erzählungen (Wallonia 1. 171: „La femme et le 
jiiable." Thuriet, Traditions populaires de la Haute-Saöne L892, p. 169: 
fcPourquoi les femmes ont la tete du diable." Revue des traditions pop. 
•_>. 62 und 10, 661), zwei italienische (De Nmo, üsi e costumi abruzzesi 
4. 68. 1887: ..San Pietro rappiccica le teste." Pitre, üsi e costumi del 
popolo siciliano 4. 84. 188^: Christus und Paulus;, eine catalanische 
(A. Mestres, Tradiciöns catalanas = Folklore catala L, 59, No.25: „L'equi- 
vocaciö de Sant Pere." 1895), zwei portugiesische [Leite de Vasconcellos, 
Tradicöes populars portuguezes 1882, p. 200f. Braga, Contos trad. do povo 
portuguez 1883, 2, 158) und eine litauische Variante Veckenstedt, .Muhen 
der Zamaiten 1883, 1, 283, No. 75). 4 ) 

1) Lübecker Spiele von 1462 und 1170 (Goedeke, I frundriss' 1. 177). B. v. Lichten- 
berg, Über den Humor bei den deutschen Kupferstechern L897, 8. 52, Taf. 11. Bolte, 
Zeitschr. f. Volkskunde 8, 24 und Archiv f. neuere Sprachen 102, 253. Kunst über alle 
Künste 1864, S. 39, 9. 

2) Dunlop- Liebrecht, Prosadichtungen S. 27: 1 .. Bcnfey, Pantschatantra 1, 519—534. 
H. Sachs, Fabeln 1, 502, No. 177 u. s. w. Eine ausführlich.- Untersuchung bereitet Adolf 
Gerber vor. 

3) Oesterlev zu Kirchhofs Wendunmut 1, 366. R. Köhler. Kleinere Schriften 3, 12. 

4) Ich vervollständige hier einige Ztschr. 8,465 zu p. 341) gegebene Notizen, indem 
ich zugleich dankbar von einigen Citaten B. Köhlers und Feilbergs Gebrauch mache. 



Bolte: Ein d&nisohes M Irenen von dem Ursprünge der bösen Weiber. 






Die Verwechslung, deren sich Petras beim Wiederaufsetzen der ab- 
tlagenerj Köpfe Bcbuldig macht, wird schon manchem Leser Goethes 
wundervolle Legende vom Paria ins Gedächtnis gerufen haben, in der der 
Sohn des Brahmanen das Haupt der Mutter auf den Leib der gleichfalls 
enthaupteten Verbrecherin fügt. Goethe fand diesen Zug in der ihm aus 
Bonnerats Reise nach Ostindien 1, 205 (1783) bekannten Geschichte der 
Mariatale vor, während Benfey 1 ) irri,^ eine Entlehnung aus den 25 Er- 
zählungen eines Dämons vermutete, in denen eine Frau die Köpfe ihres 
(Jatten und seines Freundes vertauscht. Ob nun die letztgenannte alt- 
indisfhe, öfter nacherzählte Geschichte 2 ) auf unsern Schwank eingewirkt 
hat. möchte ich vorläufig weder behaupten noch in Abrede stellen. Das 
Abnehmen und Vertauschen oder Umschmieden von Weiberköpfen wird 
aber seit 1650 öfter auf französischen und deutschen Bilderbogen dar- 
gestellt und in Gedichten erläutert. 8 ) Ein solcher Holzschnittbogen könnte 
auch die deutsche Vorlage des besprochenen dänischen Traktätchens ge- 
wesen sein. 



Nicht identifizieren kann ich folgende Verweisung Köhlers: „Wigström, Skämtssägner frän 
Skäne No. 7." 

1) Orient und Occident 1, 729; vgl. 2, 97. Weinhold in dieser Zeitschrift 2, 47. 
Zachariae diese Zeitschrift 11, 191. 

2) Katha Sarit Sagara transl. by Tawney 2, 264. R. F. Burton, Vikram and the 
Vampire, Tales of Hindu devilrj 1893. Oesterley, Baital Pachisi 1873, S. 195, No. 6. 
Iken, Touti Nameh 1822, S. 104, No. 24; vgl. Pertsch, Zs. der d. morgenl. Ges. 21, 530. 
De Guberuatis, Die Tiere, 1874, S. 235. Kosen, Tuti Nameh 2, 1G9. D. Lescallier, Le 
trönc enchante, contes indiens trad. du persan 1808, 1, 194. Wieland, Dschinnistan = 
Werke :><>, 115 ed. Hempel: nach H. Pajon, Histoire des trois fils d'Ali Bassa (Cah. des ft'-es 
34, 206). In einem altrussischen Märchen setzt, wie Viehoff (Goethes Gedichte 1869, 1, 282) 
bemerkt, der Erzengel Raphael aus Versehen des Teufels Kopf auf den Rumpf eines Ge- 
richtsschreibers. — Vielleicht darf ich dabei noch an die Schwanke erinnern, in denen ein 
abgeschlagener Kopf nicht vertauscht, sondern verkehrt aufgesetzt wird. So sucht in 
einem teilweise auf italienischen Quellen beruhenden picaresken Romane „Das Teutsche 
Gespenst Aufbore Casparo Lolivetta* Leipzig 1684, S. 219—237) Flaminio Veraldo den 
Tod, -wird aber von einer alten Frau, dem Leben, geheilt; sie haut ihm nämlich den Kopf 
ab und setzt ihn dann verkehrt auf, bringt ihn aber nach zwei Stunden wieder in Ordnung. 
Bei Schonwerth, Aus der Oberpfalz 3, 303 (1859) schlägt Petrus bei einer Rauferei einem 
Burschen das Haupt ab, setzt es dann verkehrt auf und entschuldigt sich bei Jesus, der 
Kerl sei ein Seiler, der bei der Arbeit ohnehin immer rückwärts gehe. Vgl. R. Sigismund, 
Was das Schwarzburger Land erzählt S. 23 und F. Müller, Siebenbürgische Sagen No. 172 
= 2. Aufl. No. 232. Bei Abraliam a St. Clara (Etwas für Alle 3, 229. 1711 = Werke, Passauer 
Ausgabe 14, 352) ist Mars an Stelle des jähzornigen Petrus getreten : den Kopf setzt Vulcac 
auf Jupiters Befehl wieder auf. 

3) Vgl. meine Zusammenstellung über den Meister Lustucru und Moscheroschs Köpf- 
kram im Jahrbuch f. Gesch. Elsass-Lothringens 13, 165: dazu noch Poirters, Het masker 
van de wereldt afgetrocken 1741, S. 343—351. 






von Negelein: Die I 263 

Die Reise der Seele ins Jenseits. 

Von Julius von Negelein. 

(Schluss von S. 158. 



III. Versuche, die Seele an der Rückkehr zu verhindern. 

Dass Gespenster und Krankheitsdämonen ineinander Gibergehen, i>t 
bereits hervorgehoben worden. Ks ist deshalb wichtig festzustellen, dass 
man sich letzterer ebenso wie ersterer zugleich mit der Vernichtung ihrer 
Spur zu entledigen versuchte und dass der heutige Volksbrauch ebenfalls 
entsprechende Verfahren kennt. Auf Rügen legi mau. um sich vor 

dem Mahrreiten zu schützen, einen abgefegten, stumpfen Besen unter das 
Bett, damit die Hexe keine Macht mehr daran habe und ihn nicht zum 
Reiten benutzen könne. 1 ) Der Besen ist wie das Sieb ein Sitz der weib- 
lichen Krankheitsdämonen, die eine späte Zeit Hexen genannt bat, wie 
alle heidnischen Gottheiten gleichen Geschlechts. Es liegt hier die sehr 
richtige hygienische Idee zu Grunde, dass der Staub der Wohnungen der 
wichtigste Infektionsträger ist. 2 ) Deshalb sind alle Reinigungsinstrumente 
Attribute von Krankheitsdämonen. Die Zugehörigkeit einer ideellen oder 
wirklichen Persönlichkeit zu einem Tier oder Gegenstand wird aber in 
Sage und Mythe stets dadurcli ausgedrückt, dass man erstere auf letzteren 
stehen oder reiten lässt. Deshalb reiten die Hexen auf Sieben. Schaufeln 
und Besen. 3 ) Der Alp, der den Kranken besuchen will, benutzt also 
in dem obigen Falle den Besen als Reitinstrument, erkennt ihn aber als 
ungeeignet und hört auf, den Kranken zu quälen. Man erwäge, dass das 
Alpdrücken gewöhnlich als der Flug einer dämonischen Seele aus ihrem 
eignen Leibe zum Zweck des Besuches des Patienten gedacht wurde. 

Es liegt mithin der Mystik, die sich selbst am den Besen herum 
spinnt der Gedanke zu Gfrunde, dass man die Spur der Dämonen in dem- 
selben gefangen hält. Ihr Dasein ist s<> unauflöslich an das die Quint- 
essenz ihrer Wesenheit, den Staub, beherbergende Instrument (den Besen, 
die Schaufel u. s. w.) gebunden, dass selbst die lokalen Verschiebungen 
des einzelnen Dämons nur unter Vermittlung jenes Prägers ihre- Wesens 
gedacht werden konnten. Unter diesem Gesichtspunkt erklären sich viele 



1) Zeitschrift für Ethnologie 23, 454. 

2) Ich verweise auf den vortrefflichen Aufsatz von Höfler über Krankheitsdämonen 
im 2. Baude des Archivs für Religionswissenschaft. 

3) Vgl. das allgemein-mythische Reiten von Göttern auf Tieren, die ihre Wesenheit 
symbolisieren oder ältere Formen derselben darstellen: die Sonnengötter der Indogermanen 
reiten auf Rossen oder lassen sich von denselben fahren, die semitischen Licht- 
götter reiten auf den Sonnenvögeln, die babylonischen stehen vielfach auf attributären 
Tieren. 



•_»t; j von Nogelein: 

Volksbräuche. — .Man darf die Füsse eines Menschen nicht „anfegen a j 
eonsl wird er krank. 1 ) In Slavonien sägt man: Willst «lu «lieh jemandes 
für immer entledigen, so lade ihn zu dir ein, bewirte ihn und sobald er 
fort ist. kehre die Stube hinter ihm aus. 2 ) An dem Tage, an welchem 
der Bausvater verreist, darf man die Stube nicht kehren, sonst kommt ei 
Dicht zurück oder es trifft ihn ein Unglück. 3 ) Am Marthatage (ersten 
März, der für Frühlingsanfang gilt 4 ) fegt man in Bulgarien das Haus 
sehr sauber aus, um es vor den vielen bösen Geistern das Jahr hindurch 
zu Benutzen.*) Nach Sonnenuntergang soll man daselbst den Schafstall 
nieln fegen, sonst erkranken die Tiere, d. h. ihre Spur wird zugleich mit 
dem Mist den Nachtdämönen überliefert 6 ): nach Berliner Aberglauben 
bindet man einen Besen an den Puss und zieht ihn so um den ganzen 
Garten herum. 1 ) Hier ist die rationalistische Erklärung, dass es sich um 
ein einfaches Ausfegen von Raupen handele, nicht angebracht. Die Insekten 
sind für den Volksglauben stets Geister, Eiben, die man bespricht, be- 
schwört, wie Menschen und Almen mit Milch und Butter speist und sogat 
enthauptet. 8 ) So will man hier ihre Spuren, nicht sie selbst vernichten. 
Zugleich spielt das Ziehen eines geweihten Kreises die landesübliche 
Rolle. 

Genau analog ist die Behandlung des Toten. In meiner ostpreussischen 
Heimat wird, wenn der Tote „auf halbem Wege" ist, das Haus sorgfältig 
gereinigt und der Kehricht weggetragen; auf halbem Wege sucht man ja, 
wie erwähnt, die Entfernung des Toten auf jede mögliche Weise zu er- 
reichen. — Wenn nach beendigter Totenmahlzeit der altslavische Priester 
die Geister der Verstorbenen aus dem Hause treiben will, so fegt er das 
Haus aus. 9 ) Auf Glasinar und in Gacko wird das Haus gekehrt, sobald 
der Tote zur Bestattung gehoben worden ist. Der betreffende Besen wird 
verbrannt. 10 ) Es ist in Bulgarien verboten, die Thürschwelle zu kehren: 
sonst werden dem Mädchen, dass dies Gebot übertritt, die Brüste gross, 
was als unschön gilt. 11 ) Die Thürschwelle ist sehr häufig der Wohnsitz 
der Seelen, die unter dem Eingang zum Hause gedacht werden — von 
Indien bis Deutschland hin. 12 ) Am Tage nach dem Tode eines Familien- 
angehörigen wird in Bulgarien das Haus gefegt und gereinigt, „damit das 
Glück von neuem einziehe". 18 ) Nach abgehaltenem Totenmahl fegt in 
Samogitien der Priester die Stube, um die vorher gesättigte Seele zu ent- 



1 Mecklenburgischer Aberglaube (Privatinformation). — 2) Unsre Zeitschr. f. Volks- 
kunde 1, 152. — 3) Strausz, Bulgaren, 2;-2. — 4) Also wieder der Zusammenhang der 
i mit dem Jahreskreislauf! Siehe im vorigen. — 5) Strausz 335. — 6) Ebenda 2883 
— 7) Ztschr. f. EthnoL 15, 93. — 8) Bezüglich des letzteren i.-t der mir bekannte aber 
glänbische Gebrauch interessant, dreimal mit der Sichel über das Kornfeld zu schlagen. 
um Raupen eu vertreiben. Hier sollen offensichtlich die Geister der Raupen, die 
menschenähnlich gedachten Dämonen, enthauptet werden. — 9) Tylor 2. 39. — 10) Lilek 
a. a. 0. 407. — 11) Strausz 299. — 12) Die Belege hierfür werden in einem späteren Aufsatz 
folgen. — !•"., Strausz 451. 



Die Reise der See] 285 

fernen. 1 ) Auf Borneo wird der Geis! eines Verstorbenen, den man tier 
lang mir Reis bewirtet hat, naehher ausgefegt und dabei seine Speiße- 
_• 'fasse zerbrochen. 9 ) Die Tonquine&en vermeiden die Reinigung des 
Hauses während des Festes. \\<> die Serien der Verstorbenen zur Neu- 
jahrsvjsite in ihre alten Häuser zurückkehrten. 8 ) In Kongo wird das 
Bterbehaus ein Jahr hindurch nicht [„damit nicht der Staub den 

Empfindlichen Geisterleib verletze"??].*) In Koni war das Recht, die 
Leichenhäuser zu reinigen, auf die ßverriatores beschränkt Der /.u- 
lammengefegte Kehricht wird wohl überall bei Seite geschafft sein, 1 1 i < * r 
und da wir«! er auf den Kirchhof getragen.') Mir Betsohuanenstämme 
sollen ihre Häuptlinge innerhalb ihrer Hürden begraben und dann das 
Vieh ein paar Stunden lang an der Stelle herumtreiben^ um alle Spuren 
des Toten zu verwischen..*) 

Andere Bandlungen versuchten der Pussspur auf direkterem Wege zu 
Leihe zu gehen: man lässt das Rasenstück, auf dem der Feind gestanden, 
im Rauch vertrocknen 7 ), man vergräbt die Spur des Gegners in einem 
Grabe 8 ), man nagelt sie mir einem Sargnagel fest'') [wodurch man schon 
zu Plinius Zeit 10 ) Pferde zum Lahmen brachte, wie noch heute]. 11 ) Daher 
die Furcht wendischer Hauern, den Mi-t von der Stelle zu geben, auf der 
das Vieh gestanden. 12 ) Man versucht sogar Geister festzunageln, wenn 
man bei den Bulgaren und Altserbeh, sobald man die Leiche emporgehoben, 
in die Aufbahrangsstelle einen Nagel hineintreibt, um die Todesfrau an 
jene Steile zu bannen." Bei den alten Arabern wurde bisweilen die 
Ergreifung eines Räubers dadurch moglieh gemacht, dass man seine Spur 
in einer darüber geworfenen Schüssel anffing. 1 *) 

Wir haben diese .Mittel zur Vernichtung der Fu>>s]>ur erwähnt, weil 
sie sämtlich der Vertilgung von Totengeistern ihrer Natur nach hätten 
dienen können; wir haben sie so kurz wie möglich skizziert weil wir 
nicht zu erweisen imstande sind, dass sie diesem Zwecke wirklich jemals 
-••dient haben. Die jetzt zur Besprechung kommenden, den gleichen 
Zweck verfolgenden Mittel waren hingegen nachweislich direkt zur l'n- 
Bchädlichmachung des Toten bestimmt und zwar in der Weise, dass man 
entweder die Spur als solche vernichtete oder dem rii« kk.direnden Geist 
den Weg verbaute oder den Ausmarsch ins Jenseits ihm unmöglich zu 
Aachen versuchte. 



1) Zeitschr. f. Ethnol. 21,121. — 2 Bastian, ryloi 1. 14s. B 

Verbleibsorte, 34. — l Bastian, Vorst., 34, Verbleibeorte, 34. tjlor 1,44s. _ 5 B; 
Verbleibsorte, 56. — 6) Livingstone, Südafrika and Madagaskar", •">:>. — 7) Sartori a. a ' ». 
Wuttke a.a.O. 173. Grimm, Myth. 4 , 2, 915. Andree, Braunscnw, Volkskunde, 307. P< 
Deutsche Pflanzensagen, 89. — 8) Litterator bei Sartori a. a. 0. Bezzenberger, Litauische 
Forschungen, 69. — 9) Wuttke 389. Bartsch a. a. O. 235 f. - 10] Pliniua 28, 10 bei 
Grimm. Mytb. 4 , 2, 943. — 11) Aberglaube aus Ostpreussen, vgl. Sartori a. a. 0., Grimm, 
Mytb. 4 , 2.915 u.a. — 12) Schulenburg, Wendische Sagen, 160. — 13 Unere Zeitschrift 
für Volkskunde 1. 157. — 14 1 Wellhausen, Skizzen, :'., 152. 






von Negelein : 

Den li.irt'iissiiicn Kongobewohnern wurde das Umgehen ihres Gespenstes 
durch Dornenbeetreuung „gelegt", die vom Grabe aus den Totenpfad ent- 
führte 1 ); die Da\ak umgeben die Grabstätten mit spitzen Pfählen 2 ); 
«•ix'iiso die Bewohner von Borneo. 3 ) .Mehrfach wird der Weg, auf welchem 
die Leiche aus dein Banse nach dem Grabe geschafft ist, mit Bambu 
versperrt, damit das Gespenst nichr zum Krankmachen zurückkehren 
kann*), oder das Grab anderswie eingehegt 6 ); oder man sperrt die 
Hütte des Toten ab. 6 ) Domenumzäunung fand Livingstone auf seiner 
Reise Dach Südafrika und Madagaskar. 7 ) Sie zeigt sich aber auch sonst 
bisweilen. Auf die Versuche, Eiben, Heinzelmännchen, Zwerge und 

Yampvre durch Streuen von Mohnkörnern, Erbsen u. s. w. zu ver- 
scheuchen, machten wir bereits aufmerksam. Was zeigt sich in diesen 
Sagengebilden im letzten Grunde anderes als der Versuch, durch hin- 
gestreute Reiser, Brotkrumen u. s. w. den verschlungenen Weg ins Todes- 
dickicht entweder zu zeigen oder durch entsprechende Mittel ihn zu ver- 
bauen? — Die Hexen kommen nicht in ein Gehöfte, wenn man ver- 
schiedenes Kraut auf die Fusssteige gestreut hat. 8 ) Hexen, Nymphen 
und Geister haben eine Idiosynkrasie gegen gewisse Kräuter und zweifellos, 
wenn auch für mich einstweilen noch nicht nachweisbar, sind magisch 
wirkende Kräuter, wie Weihrauch, namentlich als Austreibungsmittel gegen 
Dämonen bekannt gewesen. 

Bisweilen bindet man die Füsse des Toten zusammen, ihn an der 
Wiederkehr zu verhindern. Dies geschah im ältesten Indien. 9 ) Bei den 
Tupis in Südamerika werden dem Leichnam alle Glieder fest zusammen- 
gebunden, damit der Tote seine Freunde nicht mit seinem Besuche be- 
unruhigen könnte. 10 ) In Fidschi geschah das Gleiche zu gleichem Zweck. 11 ) 
Die ägyptischen Troglodyten begruben ihre Toten, indem sie ihnen mit 
Wegdornruten den Hals gegen die Beine banden. 12 ) Die Bewohner von 
Dahome binden die Füsse des Toten fest zusammen. 13 ) Doch selbst in 
Armenien fesselt man die Zehen der Leiche mit einem Faden aneinander, 
um ihre Wiederkehr zu verhindern. u ) — Nicht selten verwischt man die 
Totenspur durch Ausgiessen von Wasser. Dies ist z. B. auch noch in Ost- 
preussen Sitte. Früher (kaum irgendwo noch heute) wurde bei uns das 
zum Waschen der Leiche gebrauchte Wasser vor der Thür ausgegossen, 



1) Bastian, Elem., 18, Verbleibsorte, 14, Vorst., 30. — 2) Bastian, Verbleibsorte, 14. 
— 3) Ebenda 40. — 4) Ztschr. f. Ethnol. 21, 147. — 5) Ebenda 6, 359. — 6) Livingstone 
a. a. 0. 336 f. — 7) Zeitschi-, i'. Ethnol. 6, 359 berichtet dies von dem indischen Volk der 
Maler. — 8) Schulenburg, Wendische Sagen, 161. — 9) Der wedische Gebrauch der „den 
Schritt verwischenden Fussfessel" bedarf einer speciellen Untersuchung und hat sie ge- 
funden: Roth, Festgruss an Boethling, 98. Bloomfield, American Journal of Philology, 
Vol. XI, JSo. 3, S. 355. Ebenda XII, No. 4, Artikel: The meening of the root yup. — 
10) Lippert, Kulturgeschichte d. Menschheit I, 113 f. Sartori a. a. 0. 423. — 11) Zeitschr. 
f. Ethnol. 21, 144. — 12) Strabo 16, 17. — 13) Bastian, Verbleibsorte, 40. — 14) Abeghian 
a. a. 0. 12. 



Die Reise der Seele ins Jenseits. 

und das sollte bedeuten: wenn der Tote zurückkommen will, so ist das 
für ihn ein See und er kommt nicht hiuüber. 1 ) Der ausgetragenen Leiche 

wird in Franken Wasser Dachgegossen. 9 ) Dasselbe ist z. r> auch aus 
Bayern bezeugt, wo noch die richtige Begründung für den Brauch angegeben 

wird 3 ) and ebenfalls vom Leohrain*) and sonst mehrfach.*) Bei den 
muslimischen Bosniaken wird «las Zimmer oder der Ort, wo der Tote 
relegen hat, mit Wasser besprengt, damit er Dicht wiederkehre. 6 ) 

Sehr weit verbreitet ist die Sitte, heim Tode eines Familienmitgliedes 
das Fenster zu öffnen. Auch darin liegt eine indirekte A.bwehr gegen 
Ben Toten: er soll daran verhindert werden, auf dem gewöhnlichen Wege 
ins Zimmer zurückzukommen. Der Brauch ist in ganz Deutschland ver- 
breitet.') Er findet sich in Mecklenburg 8 ), Brauuschweig"), Bayern 10 ), 
im Voigtlande 11 ), wo man schon vor dem Tode der Seele den Austritt 
auf diese Weise gestatten will, bei den Böhmen, die dem in die Höhe 
strebenden Geiste vorzugsweise die obersten Fenster öffnen 1 *), ja selbst 
in Armenien 115 ), bisweilen mit der interessanten Modifikation, dass man 
die Fenster nur einen Augenblick offen lässt 14 ): man fürchtet die Rück- 
kehr des Geistes auf demselben Wege. 

Die Thür des Totenhauses, durch welche die Leiche zum Kirchhof 
getragen wurde, ist damit zum Ausgangspunkt des unheimlichen Toten- 
pfades geworden. Man meidet sie, wie man das erste Betreten einer 
Brücke, eines Hauses meidet: die Gottheit will ihr Opfer haben. .Man 
sehliesst deshalb die Thür, wenn jemand gestorben. Vergisst man dies. 
so stirbt der erste der durch dieselbe Hineingehenden dem Toten nach. 1 ") 
Oder: man macht nach eingetretenem Todesfall sofort die Haust hure zu. 
Die zuerst ins Haus kommende Person zeigt dann, von welchem Geschlecht 
die nächststerbende sein wird. 16 ) In der Lika schliesst man gleich Dach 
dem Hinaustragen des Verstorbenen die Hausthüre ab, damit niemand 
hinauskönne. So verhindert man, dass nicht bald jemand im selben Haus 
dem Toten nachfolge oder nachgehe. 17 ) Die Alfaren schliessen die Thür 
bei der Geburt eines Kindes, damit dessen Seele nicht herauskönne 1 ' 1 ). 
dagegen machen die Bulgaren bei gleicher Gelegenheit Thür und Fenster 
auf. 19 ) Rs scheint also, als ob verschiedene Theorien über die Inkarnationen 
der Seele entgegengesetzte Handlungsweisen verursacht hätten: während 
die einen das Neugeborene mit einem Leben begabt glauben, das. nur 
flüchtig an den zarten Leib geheftet, vor dem Entschlüpfen durch Ein- 



1) Toppen a. a. 0. 108. — 2) Bastian, Eiern., 67. — :'.) Bavaria 1865, S. 988 und 1868, 
S. 323. — 4) Bastian, Eiern., 60. — 5) Bastian, Vorst., 30. — 6) Lilck a, a. 0. 41!». — 
7) Wuttke429, vgl. 444. — S) Bartsch a. a. 0. 237. — 9 Andree, Braunschw. Volksk . 224, 
266. — 10) Bavaria 1867, S. 407 und 1803, S. 322. Zeitschr. f. Volkskunde 8, 397. — 

— 11) Koehlera a. 0. 251 und 440. — 12) Grohmann a. a, O. 193. — 13) Mitteilung eines 
Armeniers. — 14) Rochholz, Glaube und Brauch, 171. — 15 Wuttke 435. - 16) Ebenda 
430. — 17) Unsre Zeitschrift für Volkskunde 1. 157. - 18) Bastian, Elem. II, Vorw. 31. 

— 19) Strausz a. a. O. 293. 



von Negelein: 

Sperrung bewahrt werden muss. nehmen die anderen — dies ist das völker- 
psychologisoh Gewöhnliche die Beseelung des Kindes im Momente der 
Gehurt an und wollen deshalb dein eintretenden Geist Thür und Thor 
öffnen. Nur andeutungsweise Bei hier erwähnt, dass es also derselbe' 
Geisterweg ist, auf dem die den alten Körper verlassende und den neuen 
aufsuchende Beele wandelt Wer könnte die Identifizierung beider unter- 
38 i und hier nicht die überall auftretende Lehre ron den sich stets neu 
inkarnier enden Ahnengeistern wiederfinden? — Häufig wird die Thür 
«Irin Fenster gleich gesetzt — verrichtet sie doch im primitiven Hanse 
beinahe dieselbe Funktion — und. wie dieses, nach dem Tode eines Haus- 
genossen geöffnet. 1 ) Da aber das Fenster stets geschlossen gehalten 
werden kann, so eignet es sich zum Ausgangspunkt des Totenpfades mehr 
als die Thüre, durch die schon mancher Lebende dem Toten nach ins 
Schattenreich gewandelt sein mag: deshalb Verfielen verzweifelte Eltern 
in Ostpreussen sowohl w 7 ie in Bulgarien darauf, den Rest ihrer Kinder 
sich dadurch zu erhalten, dass man das letzte der schnell hintereinander 
Verstorbenen zum Fenster hinausreichte: die Sitte ist mehrfach bezeugt.') 
Dem entsprechend will man die junge Frau eines Mannes, der schon 
mehrmals AVitwer geworden, dadurch erhalten, dass man sie nicht durch 
die Thür. sondern durch das Fenster ins Haus einziehen lässt 8 ) und einem 
Kinde den Eintritt in das (eigentliche, d. h. christliche) Leben (bei der 
Taufe) dadurch sichern, dass man den Täufling beim (lange nach der 
Kirche wie bei der Rückkehr durch das Fenster reicht. 4 ) In Grönland 
scheint der Brauch, den Toten durch das Fenster hindurch fortzuschaffen, 
allgemein üblich zu sein. 5 ) Doch selbst in Ostpreussen ist er beobachtet, 
wie auch in Thüringen, wo man die Leiche eines Selbstmörders zum 
Fenster hinaustransportiert hat. Selbstmörder pflegen ohnedies immer 
..spuken zu gehen". 6 ) — Besonders interessant sind die häufig vorkommenden 
Fälle, in denen man besondere, meist bald wieder zu verschliessende 
Öffnungen in der Mauer des Sterbehauses schafft, um durch diese den 
Körper hindurchzuziehen. Die Leiche des Siamesen wird durch ein in die 
Wand gebrochenes Loch, die Fasse voran, und dann dreimal in schnellem 
Kaufe um das Haus getragen, damit sie den Eingang vergesse und keinen 
Spuk treibe. 7 ) Den gleichen Brauch befolgt der Grönländer, wenn er im 
Sommerzelt ein eignes Loch zum Herausbefördern des Toten macht. 8 ) 
Südafrikanische Wilde handeln ebenso. 9 ) Die Ojibway begraben den Ver- 
storbenen eiligst, damit er nicht andere nachziehe und bringen ihn nicht 
zur Thür, «ondern zu einem an der Seite gebrochenen Loch aus dem 

1) Grimm, Aberglaube, b64, vgl. auch z. B. Toppen 108. — 2) Bastian, Eiern., 67. 
Wuttke 367 und 737. Toppen 112. — 3) Wuttke 350. — 4) Ebenda 367. — 5) Rochholz, 
Glaube und Brauch, 197. Tylor 2, 26. — 6) Lippert, Christentum, 391 f. Wuttke 444. 
— 7) Lippert, Kulturgesch. d. Menschheit I, 113f. Sartori, Zeitschr. f. Volkskunde 4, 442f. 
Tylor 2, 26. — 8) Rochholz, Gl. u. Br., 197. — 9) Lippert, Christentum, 391 f. 



Heise der Seele ins Jen 269 

Haust.. 1 : Die üuskolgee begraben den Verstorbenen in einem Loche des 
Hause*.*') Bei den AUuukin wurde der Tote durch eine Öffnung der 
Bütte, der Thfir gegenüber, hinausgetragen, unter klopfendem Lärm 
durch den man die Totengeister verscheuchen wollte). 8 ) l>ie Hottentotten 
bandeis ebenso. 4 ) Die Samojeden hüten sich, die Toten durch die Thür 
ihrer fürte hinauszutragen, sie machen zu diesem Zweck eine eigne 
Öffnung, die sie nachher wieder sorgfältig verkleben, in <l.-r Meinung, 
dass der irrende Geist nun den Rückweg nicht mehr finden werde. 8 ) Der 
König -von Somo-Somo auf den Pidschi -Inseln lies- Beinen sterbenden 
Körper durch ein Loch, das man in die Wand der Bütte machte, heraus- 
lietVirdem. während die zu seiner Begleitung getöteten Weiber durch die 
Thür herausgetragen wurden. 6 ) Weiber wie Kinder und Sklaven sind 
- • -■ 1 en 1 1 s. deshalb bedarf es hei ihren Leichen einer besonderen Prophy- 
e nicht. - Doch auch in Indien darf unter gewissen, ungünstigen Kon- 
- ■■ ■'! lutiuiien die Leiche weder durch die Thür, noch durch das Fenster 
zum Sauce herausgetragen werden. Es ist absolut notwendig, zu diesem 
Zwecke eine Öffnung in der Mauer zu schaffen. 7 ) Bei den Wakikuyu 
darf der Bestatter, d. h. derjenige, welcher den Leichenweg bahnt, beim 
Rückwege nach Hause nicht durch das Dorfthor schreiten, sondern inuss 
sich einen Weg durch den Dorfzaun brechen. 8 ) Sollten wir in dem nor- 
dischen Urlauben, dass /.. I!. der Nisk zu Owschlag in einein Loche in der 
Wand wohnt«- 9 }, nicht einen Nachklang derselben Sirte zu sehen haben? 
Durfte doch nach altnordischem liitus der Tote nicht zur Thüre heraus, 
zu welcher die Lebenden ein- und ausgingen. .Man legte also in der 
Wand, welche hinter dein Kopf lag, ein Stück nieder und trug ihn hier 
rückwärts hinaus; oder man grub unter dem eirund der südlichen Wand 
.■in Loch, durch welches der Leichnam gezogen ward. Das scheint 1 all- 
gemein germanisch zu sein, denn wir finden Gleiches in Ober- und Nieder- 
Deutschland bei den Leichen von Missethätern und Selbstmördern beob- 
achtet, die nicht zur Thür, sondern unter der Schwelle oder der Wand 
hinausgeschleppt wurden. 10 ) 

Der letzte derWege, den die irdische Bulle v Sause der Lebenden 

ausgehend zu wandeln gezwungen werden kann, um nie mehr zurück- 
zukehren, geht durch das Dach. ..Hier ist das Fenster, dort die Thüre. 
ein Rauchfang ist dir auch gewiss" — damit bezeichnet Goethes Paust 
dem Mephistopheles die Wege, die ein ööllengeist wandeln kann, oft 



1) Gerland und Waitz, Anthropologie, 3, I'.''.'. 2] Bastian, Zeitschr. f. Kthnol., 6, 

304. — 3) Bastian, Verbleibsorte, 20 vgl. 40. -1 Tylor 2, 26. - 5) E. Sim 
d Gl. d. Völker au eine Fortdauer d. Seele, S. 268. — 6 Sonntag a.a.O. 88, vgl. Chri t- 
riiann und Oberländer, Oceanicn, die Inseln der Südsee, 32. — 1) DuKoi's S 25. — 

8 Zeitscbr. f. Etbuologie 10, 404. — 9 ; Müllenhoff, Sagen, 322. — 10) Weinhold, Altuord. 
Leben, 476. 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1901. I' 1 



■_>7< I roo Nogelein: 

rohen Teufel durch den Rauchfang, wie in der Odyssee Athene als Schwalbe 
sich dieses Weges bedient. Die Bexen des Mittelalters wählen den gleichen 
fang. Geister gehen nach wendischem Aberglauben gern durch eine 
Dachöffnung des Hauses 1 ); offenbar hat durch den Rauchfang ein regez 
Seelenverkehr stattgefunden. In einem Landhause bei Zürich darf eine 
Öffnung im Dache uie zugelegt werden, weil da immer ein Geist ins Haus 
kommt. 2 ) Eine Seele, die umgehen soll, reisst heim Abseheiden ein Loch 
in das Dach, so glaubt man im Aargau. 8 ) Der nordische Niss, ein Haus- 
geist, ist in den Giebelluken zu sehen oder in Schleswig in dem Eichen» 
balken des Hauses. 4 } Diesem Glauben entsprechend, deckt man hier und 
da beim Tode eines .Menschen das Dach ab. um der Seele den Austritt 
zu erleichtern 6 ), oder man nimmt einen Dachziegel ans dem Hause ). 
derer in älterer Zeit sogar drei 7 ), oder mehrere 8 ), dreht auch wohl eine 
Schindel einfach um, dem Sterbenden den Todeskampf zu verkürzen 9 ), 
oder bemühte sieh etwa auch, die entwichene Seele in einem Loche auf- 
zufangen, das man an der Decke der Hütte gemacht hatte, um die so 
Eingefangene dann dem Toten wieder einzuhauchen. Dieser Brauch ist 
ans Madagaskar bezeugt. 10 ) Zum Verständnis des Parallelismus zwischen 
Fenster und Dachluke in dieser Volkssitte sei bemerkt, dass man z. B. in 
Ostpreussen, aber auch wohl in anderen deutschen Provinzen gläserne 
Ziegel als ein Mittelding zwischen Dachbedeckung und Fenster auf den 
Häusern sieht; dass ferner im alten Deutschland die sogen. Tungkeller 
ihr Oberlicht durch eine Dachluke bekamen und in Island der Brauch 
herrschte, mit der Eihaut eines Kalbes Dachluken zu überziehen. 11 ) Die 
Chinesen machen ein Loch in der Wand, um beim Tode die Seele heraus- 
zulassen. 12 ) In Indien ist es eine rituelle Pflicht von der höchsten "Wichtig^ 
keit. dass man dem Toten am Todestage in seine Wohnung ein kleines 
Wassergefäss hinstellt, über das man vom Dache aus einen Faden herab- 
hängen lässt. Diese Vorrichtung nmss der armen Seele des jüngst Ter- 
Btorbenen zu gute kommen, da diese die ersten zehn Tage hindurch längs 
dem Faden herabsteigt, um das Wasser zu trinken. Weil sie aber nieln 
trinken kann, ohne zu essen, setzt man auch einen Reisnapf hinzu. 13 ) 
Deutlicher als hier kann sich die Auffassung nicht zeigen, dass der Pfad 
der Seide von oben herab auf die Erde zurückführt. Von oben kommt 
das Leben und seht nach oben wieder zurück. 



1) Schulenburg, Wendische Sagen, 164. — 2) Wuttkc 444. — 3) Bastian, Verbleibs- 
orte, 60. — l) Müllenboff, Sagen, 332. 337. — 5) Bastian a. a. 0. 10, vgl. 39. — 
6) Wuttke 4-29. — 7) Grimm, Myth. 4 , 2, 988. — 8) Bavaria 1865. S. 365. — 9) Wuttke 429. 
Grimm a. a 0. — 10) Sonntag a. a. 0. 117. Siehe die dort citierte Litteratur. — 11) Zeit- 
schrift für Ethnologie 29, 599. — 12) Tylur 1, 447, vgl. Bastian, Verbleibsorte, 20. — 
131 Dubois a. a. 0. 209. 



Die Reise der fci I •_' ] \ 

Wir sind um Schlüsse angelangt, unsere Untersuchung lehrte, dass 
die Seelenvorstellung gerade da, wo Bie am volkstümlichsten war, wo 
sie am unmittelbarsten sich dem menschlichen < J < • 1 1 1 1 i t . • aufdrängte — 
denn wo musste dies mehr der Fall Bein als bei der Wegschaffung des 
Toten? — einen absoluten Monismus von Seele upd von Leib, Geis! 
und Körper darstellt; dass marj das Bild des Lebens, die im schein- 
baren Schlummer befangene Leiche, noch mir Leben ausgestattet glaubte 
im,! die Bedürfnisse desselben ihr um bo unbedingter zugestand, je 
täuschender der Schein des Lebens auf ihr lag. Je grösser die räumliche 
und begriffliche Trennung zwischen Tod und Leben in Begräbnis und 
Leichen verfall wurde, um so mehr Hess die Sorgfalt der Überlebenden 
nach, die jetzt die begriffliche Scheidung unter dem parallel laufenden 
Vorstellungsbilde einer Reise sich zum Bewusstsein brachten. Der Antritt 
der Reise ist meist mit dem Begräbnis als dem Akte gegeben, der die 
erste undürchbrechliche räumliche und damit auch ideelle Scheidung ver- 
anlasst; die Stationen derselben, rein temporäre Elemente, heften sich an 
traditionell geheiligte, hier also bestimmte Entwicklungsphasen darstellende 
Zahlen, ihr Abschluss aber naturgemäss an den Augenblick, mit dem man 
die Verwesung einerseits und den absoluten Mangel jeder Verbindung mit 
der Welt des Lebens andererseits als vollkommen hinstellt, umgekehrt 
wird jede Wiederaufnahme >\i'r metaphysischen Beziehungen zwischen 
Toten und Lebenden, wie Bie sieh räumlich namentlich durch den Weg 
Brgiebt, auf welchem die Leiche fortgeschafft wurde, und wie sie überhaupt 
durch jedes sich aufdrängende Erinnerungsmoment an den Toten zu Btande 
kommen mnss. als eine Rückkehr von der Reise ein Geister- 

besuch u.s. w. appereipiert und daher eine Vernichtung dieser Erinnerungs- 
knale — der wirklichen sowohl (durch Zerstörung der Wohnung des Ver- 
storbenen u.s.w.) wie auch der rein ideellen (durch Verwischen einer 
aus der Reisevorstellung sich ergebenden imaginären Fussspur) - - an- 
gestrebt. Das Beharrungsvermögen hauen wir als den psychologisch 
leitenden Faktor für die Konstruktion der Vorstellung von dem Toten 
und den Selbsterhaltungstrieb als die entsprechende Grundbasis für die 
j&erstörungsversuche des letzteren kennen gelernt. Damit Bind aber zwei 
der leitenden Instinkte der Menschennatur als völkergeschichtlich vorhanden 
und mythologisch bildungsfähig erwiesen. 
Königsberg i. Pr. 



19* 



Hertel: 



Abergläubische Gebräuche aus dem Mittelalter. 

Von Prof. Dr. <;. Hertel. 



In der Bibliothek des Domgymnasiums in Magdeburg befinden >\>-\\ 
zwei Handschriften 1 ), welche ausser Werken meisl theologischen Inhalts 
auch interessante Mitteilungen aber Aberglauben enthalten. In dem ersten 
Codex (No. 113) steht auf Blatt 350 v — 377: Johannis Wuschilburgfc 
s. theologie professoris necnon iuris canonici licentiati tractatus de super- 
Btitionibus ei miraculis. Der Traktat ist wahrscheinlich -wie die ganze 
Handschrift in Erfurt entstanden, obwohl sich der Verfasser in der Erfurter 
1 niversitäts-Matrikel nicht findet. Die Zeit der Entstehung ist das 15. Jahr- 
hundert, wie aus der mehrmaligen Erwähnung der Hussiten hervorgeht 
N-m1i genauer iässt sich die Zeit dadurch bestimmen, dass der vom Ver- 
fasser <>ft citierte Traktat des Wilhelm von Paris 1469 gedruckt ist. Man 
darf wohl annehmen, dass dieser ihm gedruckt und nicht handschriftlich 
vorgelegen hat, zumal er auch von dem Verfasser des andern Codex benutzt 
ist. 1483 ist die Handschrift mit Wuschilburgks Traktat schon im Besitz 
eines Magdeburger Klerikers gewesen, so dass er also in den siebziger 
Jahren entstanden sein muss. 

Der Hauptinhalt des lateinisch geschriebenen Traktates ist natürlich 
theologischen Inhalts. Mit vieler Gelehrsamkeit wird der Aberglaube als 
Irrlehre und Götzendienst (ydolatria) nachgewiesen, wozu nicht nur zahl- 
reiche Stellen aus der heiligen Schrift, aus den Legenden und den Kirchen- 
vätern, sundern auch aus den Werken mehrerer theologischen Schrift- 
steller herangezogen werden. Die ganze Ausführung hat wenig wissen- 
schaftlichen Wert, dagegen sind die an mehreren Stellen eingefügten 
Mitteilungen über abergläubische Gebräuche der Zeit höchst interessant 
und beachtenswert. 

Die zweite Handschrift (Cod. Xo. 193) enthält auf Blatt 345 v — dbfy 
gleichfalls lateinische Praecepta quaedam propter superstitiones. 
Auch in diesen ist die Tendenz die, dass der Aberglaube als Sünde nach- 
gewiesen wird. Die hier angeführten abergläubischen Gebräuche finden 
sich nun zum Teil auch in der ersten Handschrift, manchmal sogar ziemlich 
abereinstimmend im Ausdruck. Demnach haben beide Verfasser dieselbe 
Quelle benutzt, und dieses ist der schon oben genannte Tractatus de fide 
et legibus Wilhelmi episcopi Lugdunensis eximiique sacre pagine doctoris 
Parisiensis"). Näheres über Wilhelmus Parisiensis — so wird er immer 

1 Eine Beschreibung der Handschriften und eine kurze Inhaltsangabe hat Dr. Hermann 
Dittmar in dem Programm des Domgymnasiums von 1880 gegeben. 

2) In der Inkunabel der Königl. Bibliothek in Berlin ist als Jahr des Druckes 1460 
angegeben. In dem Exemplar in der Bibliothek des Königl. Domgymuasiums hier habe 
ich eine Angabe des Jahres nicht linden können. 



abergläubische Gebräu* Mittelalter. 273 

citiert — vermag ich nicht anzugeben. I >a nun beide Verfasser diesen 
Traktat benutzt haben, so müssen auch die Praecepta propter Buperstitiom - 
am Ende des L 5. Jahrhunderts entstanden Bein. Auf diese Zeit weistauch 
der Charakter der Handschrift in beiden Cod 

Der Traktat Wilhelms von Paris ist ein ziemlich umfangreiches Werk, 
welches auch sehr gelehrt aioh über Glauben nnd Unglauben verbreitet 
and besonders eingehend aber das jüdische Gesetz und seine Eigentümlich- 
keiten handelt. Da sind dann auch gelegentlich interessante Nachrichten 
über alte Gebräuche eingestreut, von denen in unseren Codices einzelne 
Abschnitte aufgenommen Bind. Aber dooh finden Bich in diesen noch eine 
Menge selbständiger Mitteilungen, auch eigene Frlehnisse, wie z. B. die 
Erzählung von dem Kreuz in der Bamberger Diöcese, bei Wuschilburgk 

Was von eigentlichen abergläubischen Gebräuchen hier erzählt wird, 
soll im folgendes in der Hauptsache mitgeteilt werden; was an- Wilhelm 
von Paris entlehnt ist. wird besonders bemerkt werden. Die Handschriften, 
die schon an und für sich schwer lesbar sind, sind zudem nicht ohne 
Fehler, besonders die zweite. In dieser linden sich aber mehrere Glos 
die einigere seltenere Worte in deutscher Form wiedergeben. Der Schluss 
von Wuschilburgks Traktat lautet: et sie terminatur ista inhabilis köcke- 
lerev (Gaukelei, Possenzeug). 

Aus dem Cod. No.'113 teile ich folgendes mit: 

Geweihte Dinge werden angewendet, um Gesundheit zu erwerbei 
oder Krankheiten zu beseitigen bei Menschen wie bei nnvernünfti 
Vieh, Fruchtbarkeit der Bäume und Äcker herbeizuführen, gegen Donner 
und Hagel; z.B. Weihwasser, Besprengungen mit Wachs von Osterkerzen 
oiler anderen geweihten Kerzen. Palmen. Kräuter, ein aus Palmenholz 
gemachtes Kreuz. 

Auch nicht geweihte Dinge verwendet man. Bäder zu \\ eih- 
nachten und Aschermittwoch schützen gegen Fieber. Zahnschmerz n. a. 
Wer am Aschermittwoch badet oder den Kopf wäscht, hat in dem Jahre 
keine Rückenschmerzen, und in demselben Jahre boII man nicht am 
Dienstag baden. Fett, welches übrig ist von den Kuchen (paetillis) am 
Aschermittwoch, hebt man auf als Salbe für gewisse Gebrechen, besonders 
wenn man mit dem Fusse in einen eisernen Nagel getreten ist. Fand- 
leute, welche die Kälber absetzen (ablactare) wollen, fangen damit an an 
dem Tage, auf welchen Weihnachten gefallen ist (tali die, qualis fuit 
nativitas domini). 

.Man sagt, in welchem Hause in der Weihnachtsnaoht ein Ton 
gehört wird, in dem stirbt in demselben Jahre jemand. Ferner, wer am 
Weihnachtstage auf dem Wege zur oder von der Kirche hinfallt, stirbt in 
dem Jahre. — Am Aschermittwoch prüfen sie die Sonne: wenn dies« 
morgens schnell erglänzt, soll es gut sein, frühmorgens Lein zu säen. - 
Am Abend vor Johannis Baptistae reissen sie einen Feuerbrand aus dem 



274 Herte! 

dann angezündeten Feuer und tragen ihn in den Garten, damit nicht die 
Würmer das Gemüse verderben und zernagen. \ni Donnerstag in 

den Quatembern essen manche kein Fleisch, um damit das FiebeT in 
dem Jahre abzuhalten. Andere fasten und thun Gelübde gegen das Fieber 
und andere Krankheiten oder um Reichtümer und Ehren zu erlangen; 
besonders berühmt sind die, welche nach Aachen wallfahrten und auf 
den Gräbern dort beichten, um der Armut zu entgehen und Reichtümer 
zu erwerben. 

Gegen «!i ■ fallende Sucht wird ein Aberglaube beobachtet lud dein 
heiligen Valentin mit dem Ziehen von Lichtern (observatur aput S. Valen- 
tiiinm cum extraccione candelarum?): — Knaben und Greise werden mit 
Roggen gewogen (ponderaciones puerorum vel senum ad equalitatem sili- 
uinis). — Weih oder Wasser giesst man auf Lebensholz (lignum vite) und 
giebt es zu trinken gegen das Fieber. Andere nehmen einen Nagel, von 
dem es lieisst. dass er die Hand des Erlösers durchstochen habe, durch- 
bohren damit Groschen und geben davon (!) zu trinken gegen das Fieber 
und andere Krankheiten. Andere verwenden Oblaten, die bei der Messe 
z. B. der heil, drei Könige am Altar am Tage SS. Fabiani et Sebastiani 
gereicht sind, oder vom Brot, welches über dem Kruzifix am Karfreitag 
gereicht ist. Geistliche reichen dem Vieh Weihwasser gegen den Biss 
der Wölfe. Hirten segnen die Herde, dass kein wildes Tier. Wolf oder 
Bär sie verletze; dies thun sie vor Sonnenaufgang. Oder am Sonntage 
gehen sie um die Herde herum, indem sie Worte sprechen, die von der 
Kinhe verboten sind. Andere Hirten nehmen die ihnen gereichte Hostie 
mit oder kaufen eine von den Chorknaben (campanatoribus) und verwahren 
sie in ihren Stäben oder in ihren Kleidern gegen den Raub der "Wölfe. 
Andere räuchern sich mit geweihten Kräutern und Palmen, schliessen sich 
mit Kreisen ein beim Geltären (in puerperio). schneiden mit .Messern in 
die Schwellen, verbrennen Haare und Nägel (ungues). Andere schreiben 
auf das Evangelium: Lutum fecit ex sputo, andere: Jesus transiens per 
medium illorum ibat: andere schreiben gegen das Fieber oder Zahn- 
schmerz auf einen Apfel, Oblate. Blei oder Lorbeer (lauribacca); andere 

rechen die Pferde, die Würmer haben. Andere machen Zaubermittel 
(malificia) zur Liebe oder zum Hass. 

Wenn jemand Kückenschmerzen hat, soll er sich treten (calcari) lassen 
von einem Weibe, welches Zwillinge geboren hat. dann wird er gesund. 
Wenn ein Junges (vitulus) Zahnschmerzen (!) hat, soll mau es mit 
der Hose eines .Mannes oder Weibes (braca virili sive feminali) reiben, 
dann weicht der Schmerz. -- Bauernfrauen heften, wenn eine Kuh des 
Nachts auf dem Felde geblieben ist. eine Sichel in die Schwelle (subli- 
minare), damit das Tier vor den Wölfen sicher sei. 

Kohlsamen, in Weihwasser angefeuchtet, ist vor den Erdflöhen 
sicher. 



\ rgläubische G« br&u< n Mittelalter. 

Wenn ein Knabe nach der Taufe innerhalb von acht Tagen Btirbt, 
nehmen abergläubische Weiber ein Band oder ein Stück Holz von der 
Länge des verstorbenen Knaben, aberziehen es mit Wachs .für einen 
Pfennig and beten mil gebeugten Knien vor dem Kruzifix, bis das Holz 
verbrannt ist Was Bie dann von Gotl erbitten, erlangen sie. 

Wenn ein Kind (puer) krank ist, legen Bie ea auf die Schwelle 
des Hauses sjegen die Sonne und gehen dreimal herum (faciunl trea ■ ircuitus . 
indem Bie den \ ers sprechen: 

Du bist raeyn Qeisch and meyn Mut. 
Das sey dir ?or den rechen gut. 

Ferner, einen mit einer bestimmten Krankheil behafteten Kuaben 

trauen sie zu einer sprudelnden Quelle und baden ihn darin (ex hoc) an 

drei Tagen vor Sonnenaufgang und nehmen von dein Wasser etwas mit 

und tragen den Knaben in eine Pferdekrippe, die sie mit dem Wasser 

->en. indem sie den Keim sprechen: 

Loß dich hing' und Ieber von dem ripp, 
als das l'uiir von der cripp. 

Ferner Kinder, die häufiges Erbrechen haben, legen sie auf einen 
Zaun (super sepem) und lassen die ausgeltrorhene Ma>se von den Vögeln 
fressen: dann wird das Kind gesund. 

Wenn ein Todkranker kurz vor seinem Ende einen Apfel isst, kann 
er das heil. Abendmahl nicht aehmen und wird verdammt. 

Wenn jemand in einem Hause Btirbt, so taugi <\>'v Lein, der in dem 
Hause ist. nicht zum Samen, es sei denn, dass man für ein Ei anderen 
Lein kauft und liinzutliut: auch tragen sie den Lein oicht durch die Thür 
des Gestorbenen, sondern durch die Hinterthür, wenn Bie ihn auf den 
Acker bringen wollen. 

Worten und Schriften wohnt vieler Aberglaube inne. Wenn diese 
nach Art von Segenswünschen, Gebeten oder Beschwörungen vorgebracht 
werden, legen ihnen manche Zauberer Bolche Krafl bei, dass Menschen 
und Tiere dadurch sterben. So heissl es von einem jüdischen Zauberer 1 ) 

im Leben des heil. Silvester, dass er durch das blosse .Mm In von Worten 

Stiere getötet habe, indem er hinzufügte, da» kein Mensch jene Worte 
hören oder jene Schriften sehen könnte, ohne sofort zu sterben. Deshalb 
habe er jene Worte lernen müssen, indem sie in Weihwasser geschrieben 
wurden, wo die Buchstaben beim Entstehen auch gleich wieder vergii 
Einige murmeln diese Worte den Pferden in die Ohren oder hängen sie 
ihnen an den Hals, um die Würmer zu töten. 

Sünde ist es, wenn Priester den Leih Christi um ein brennendes 
Haus tragen. — Ein Hufnagel oder ein anderer in die Wand geschlagener 
Xa-el oder einer unter dem Hufe eines schlecht beschlagenen Pferdes 



1) Wilhelm von Paris, Pars IX, Kap. 14. 



276 Hertel: 

wird gebraucht, um Fäulnis (putredinein, Eiter) hervorzurufen "der enfl 

e auszuschlagen. 

Manche glauben, wenn sie Worte des heil. Evangeliums gesehriebet 
bei Bich tragen, könne ihnen kein Übel zustossen, sie könnten nicht ge- 
fangen oder verwundet werden oder ertrinken. .Mir diesen Worten dürfen 
aber keine anderen Zeichen nls höchstens ein Kreuz aufgezeichnet werden. 
— Beim Sammeln von Heilkräutern sollen keine Besprechungen oder 
Gebräuche angewendet, sondern nur d;is Hebet des Herrn gesprochen 
werden. - (her Kinder und Kranke darf man singen (carrainare), aber 
nichts abergläubisches, sondern Heiliges; denn es kommt vor, dass aber 
einen Apfel oder Gürtel (lebete gesprochen werden. 

Einige glauben, dass durch 15 Paternoster 15 Sünder bekehrt und 
15 aus dem Fegefeuer erlöst und 15 Gerechte in der Gerechtigkeit bestärkt 
werden. Dem heil. Gregor wird zugeschrieben, dass in jeder Messe eine 
Seele aus dem Fegefeuer befreit und ein Sünder bekehrt wird. 

Mit gewissen Worten und Gebeten, die nicht den Vorschriften Gottes 
entsprechen, wird eiu Trank geweiht, der haustus sancti Johann is 
heisst. In manchen Gegenden finden bei der Hochzeitsmesse Weihungen 
des Weines statt und Trinkgelage (bibiciones) in der Kirche, als ob man 
im Gasthause wäre. 

Die verschiedenen Zeiten, Jahre. Monate, Tage werden sorgfältig 
beobachtet: die einen gelten für glückbringend, andere für unglücklich, 
und ebenso wird den Namen der Tage und Monate eiue gewisse Kraft 
beigemessen. So wird der Name des Tages, an dem man den Donner 
zuerst gehört hat, an die Wand der Häuser geschrieben zum Schutze 
gegen Blitzschlag. Auch Tag und Stunde eines Kampfes (duelli) wird 
angemerkt, um daraus den Ausgang zu erkennen. Manche Tage sind 
günstig, manche ungünstig für den Beginn eines Unternehmens, mögen 
es nun die sogen, ägyptischen Ta^e 1 ) sein oder andere, wie der 1. Januar. 
Die ägyptischen Tage gelten für unglücklich, weil an ihnen die Ägypter 
mit den Plagen heimgesucht wurden. Ebenso gilt der Tag der un- 
schuldigen Kinder (28. Dezember), ja sogar jeder Wochentag, auf 
welchen jener in dem Jahre fällt, für unglücklich. 

Vorbedeutend für das Glück oder Unglück eines Tages, Monats oder 
Jahres sind die Handlungen, die jemand zuerst thut 2 ), z. B. wenn 
einer beim Aufstehen aus dem Bette zuerst den linken Teil oder Fuss 
bewegt, oder den linken Schuh eher als den rechten erfasst, oder das 
Kleidungsstück, welches er zuerst anziehen muss. verkehrt und nicht richtig 
anfasst; solche Anfänge eines Zeitabschnittes gelten für unglücklich. 



1) Wilhelm von Paris, Pars IX, Kap. 15. 
enda Kap. 16. 



Abergläubische Gebräuche au lem Mittelalter. 277 

Wenn einer ein NTest 1 ) findel mir dem brütenden Weibchen oder mit 
Jungen und es bei sich verwahrt, von dessen Hause wird Fruchtbarkeit 
und 0bertlus8 niemals weichen. AJte Weiber glauben, dass das Finden 
eines kleinen Stückchen Eisens besser sei als eines grossen Stückes 
Goldes oder eines Hellers als einer grossen Münze (obolus-nummus). 
Unglück bringt es, wenn man auf einen Stier oder ein Schaf stösst, 
(ilück dagegen, wenn man einen Wolf oder eine Schlange Dracher 
oder Kröte trifft. Die Barbaren gehen in diesem Unsinn sogar ».weit. 
dass sie jedes Wesen, welches sie an einem Tage zuerst treffen, anb 
mag es auch ein Schwein oder ein lluml sein. 

Ein aus drei gelegentlich gefundenen Nägeln hergestellter eiserner 
Ring wird mit Erfolg gegen Krankheiten getragen. 

In einer Stadl <ler Bamberger Diözese sah der Verfasser ein an einer 
Bildsäule hängendes Kren/, welches die Bewohner der Stadt und Um- 
gegend wegen seines Alters allgemein den heiligen Geist nannten, denn 
sie glauben, dass mehr Göttliches (plus nnminis) in alten, als in neuen 
Bildern sei. Darum sagen alte Weiber, dass Bilder erst 60 Jahre nach 
ihrer Herstellung Kraft erhielten. Darum wurden jenem alten Holzkreuz 
wegen seines hohen Alters viele Wunder zugeschrieben, andrerseits stand 
das Sakrament des Abendmahls nur in geringer Ehre. Sie hatten es mit 
9 Überzügen (Röcken, tunicis) bekleidet, von denen 6 aus Seide und ."» 
aus feinem Leinen (byssus) waren: diese konnten nur unter grosser Gefahr 
weggenommen werden. 

Nicht minder interessant sind die in der andern Handschrift angeführten 
abergläubischen Gebräuche. 

Manche wollen die Zukunft verkünden aus dem Schwatzen (garritus 
der Vögel, dem Finge oder anderen Bewegungen derselben. Diese heissen 
auguria (!), zu deutsch wogelwicken 2 ). ■ Ander«- sprechen bei den 
Götzenaltären nichtswürdige Gebete und bringen unheilvolle (funesta) Opfer 
dar (.der erhalten durch Gebräuche und Feierlichkeiten die Antworten der 
Dämonen: diese heissen arioli, zu deutsch alterwicken. Andere ans 

gewissen Beschaffenheiten und Zuständen von Leichen (ex quibusdam dis- 
posicionibus et habitudinibus) in Farbe, Gestall und Lage der Glieder; 
diese heissen nigromantici, deutsch swertekunsten. Andere versuchen 
die Zukunft vorherzusagen ans dem Niesen und dem Springen (? saltu 
der Glieder: diese heissen salisatores. deutsch sprinckunsten. Wenn 
nämlich irgend ein Teil der Glieder sieh Bpringend bewegt hat (salierit . 
sagen sie. dass irgend etwas besonders Glückliches oder Trauriges geschieht. 
— Andere prophezeihen auB Losen (sortibus) und heissen Bortilegi, deutsch 
gheluckekunsten. — Wenn mau ein Buch öffnet, glauben sie die Zukunft 



1) "Wilhelm von Paris, Pars IX. Kap. IT. 

2) nd. wicken, zaubern, wahrsagen, wogelwicken - Vogelwicken. 



lern, worauf 'las Auge zuersl fällt, zu erkennen. — oder wenn ein 
Schuh geworfen and gefragi wird, ob der Werfende in dem Jahre zu 
Hause bleiben oder nach auswärts kommen werde. — Andere, die aus 
den Linien der Hand wahrsagen, heissen ciromantici, deutsch hantwicken. 
andere aus dem Knistern (sonitu) und der Gestalt des Feuers; diese 
ii piromantici, deutsch wuerwicken. — Andere wollen die Zukunft 
erkennen aus dem Beschauen eines Spiegels (speculi) oder eines Schwertes 
(spate) oder eines Fingernagels. 

Manche wenden zqr Abwehr von Krankheiten gewisse Sprüche (vocalei 
prolaciones) an oder Schriften von unbekannten Worten oder von bekannten 
Zeichen (caracteribus), die sie an den Mals binden, oder Aufschriften auf 
Äpfel, oder sie stossen einen Hufnagel (gunfum, teutonice hoefnagel) durch 
eiuen Zettel gegen den Zahnschmerz. 

Bin Überbleibsel des Götzendienstes ist die göttliche Verehrung des 
Feuers. 1 ) Dahin gehören: Krleuchtungen (illustrationes) durch Feuer 
oder angezündete Lichter, das Springen durch das Feuer oder das Hin- 
durchtragen der Kinder zum Zweck der Gesundheit u. a. Oder sie ver- 
brennen Haare und Nägel und üben andere Gebräuche mit dem Feuer. 

Besondere Kraft wird den Feuern zugeschrieben, die am Abend vor 
Johannis Baptistae angezündet zu werden pflegen. Auch hier springen und 
tragen sie hindurch oder gehen um das Feuer herum, weil sie das Feuer 
wie * i ort verehren. 

Zufällige Begegnungen werden sorgfältig in acht genommen. 
Wenn, einein auf «lern Wege ein Hase oder Schaf begegnet, so gilt das 
für da- Zeichen eines Unglücks, glückbringend dagegen ist es, wenn man 
einen Wolf oder eine Schlange trifft. 

Wer beim Wandern anstösst, soll nach Hause umkehren. 

Wem Mäuse das Gewand zernagen, wird Unglück haben. 

Die, welche solche Beobachtungen anstellen, heissen augures, deutsch 
wedderwi cken. 

Die einzelnen Zeiten sind für ein Unternehmen teils glückbringend, 
reil> unheilvoll. Wenn man zu einer bestimmten Stunde zu einem Kriege 
oder einer Seefahrt auszieht, so gerät es wohl, zu einer andern, so missrät 
es. Der Montag ist Für >l^\\ Anfang eines Unternehmens unglücklich. 
Wenn einem am .Montag von einem Gläubiger Geld abgefordert wird, so 
zahlt es der Schuldner nicht, weil er es übelnimmt. 

Die ägyptischen Tage gelten bei vielen wegen der Plagen für unheilvoll. 

Auch die Anfangshandlungeh 8 ) gelten für bedeutsam. 

Kauf leute und Gastwirte und andere legen dem Preise, den sie zuerst 
erhalten, eine besondere Bedeutung für einen günstigen oder ungünstigen 



1) Wilhelm von Paris, Pars IX. Kap. :'>. 

2 : Dieser Abschnitt stimmt mit dem oben S. 276 mitgeteilten überein. 



abergläubische Gebr Suche aus dem Mittelalter. 279 

Verkauf ihrer Waren bei; auch kommt ea auf die Person des Käufers 
dabei an. 

Manche verehren den Neumond, indem sie sprechen dieses oder 

ähnliches: 

Biß gud welchome, nuwer maen, bolder aere, 
Mach mir myaes gudes raere. 

Dabei zeigen sie ihm die offenen Börsen (bursa) and ihr Geld, oder 
schütteln und bewegen es, indem sie dadurch Glück für den Monat zu 
erlangen glauben und Vermehrung ihrer Reichtümer. Den Blond nennen 
jene Himmelskönig (celi regina . 

Auch gefundene Sachen haben abergläubische Bedeutung, z. B. ein 
Vogelnest 1 ). Wenn mau ein Vogelnest findet, die Mutter wegfliegen 
lässt, die Jungen aber behält, so bringt dies Glück und ein solcher wird 
lange leben. — Ebenso ist der Fund von einem Eisenstückchen verheissungs- 
voller als der von einem grossen Stück (leides. Besonders der Fund einer 
N ade | i>t glückbringend. 

Manche bewahren in ihren Schränken [? servitiis) einen toten Eis- 
I (amiculam), eingewickelt in seidene Tücher (pannis) und mit goldenen 
Ringen um den Hals, weil sie glauben, «iass es ihnen, bo lange sie diesen 
aufbewahren, nicht am Unterhalt (temporalia) fehlen wird, und das> sie 
an Wohlstand und Ehren zunehmen. Manchmal wird ein solcher toter 
Vogel auch unter den Altai' gelegt, wenn Me^s,. gelesen wird. 

Auch mit dem Kopfe eine- toten Hundes treiben einige Unfug 
zur Erlangung der Gesundheit oder zu anderen Zwecken. 

Wieder andere glauben, dass gewisse Geister (numina quedam) die 
Sauser besuchen und die Gefässe, die sie offen oder schlecht zugedeckt 
gefunden halten, austrinken und essen, und sie dann wieder füllen. Wenn 
sie aber die Gefässe zugedeckt und für sich verschlossen finden, werden sie 
beleidigt und es droht daher dem Haus.' Unglück, her Verfasser leitet 
den Ursprung dieses Aberglaubens davon ab. dass die Ungläubigen ihre 
Gefässe offen halten wollten und keine Deckel darauf legten, damit sie 
zum Götzendienst geeignet seien und damit sich Reptilien (!) wie Mäuse, 
Wiesel und Eidechsen darin fingen, weil solche den bösen Geistern an- 
genehmer wären, als andere. 

Dies sind etwa die in beiden Handschriften enthaltenen abergläubischen 
Gebräuche. Viele von ihnen haben sich Ins auf unsere Zeit erhalten und 
geben dadurch den Beweis, wie fest jene uralten Anschauungen und Ge- 
bräuche mit dem Leben eines Volkes verwachsen sind, und dass es keine 
Gewalt giebt, sie auszurotten, und sollt.' es selbst eine so grosse sein, wie 
sie der christlichen Kirche und der Wissenschaft zu Gebote steht. 



1) Wie oben S. 277. 
Mas;debur2;. 



• 



Kahn!!: 



Ruthenische Hochzeitgebräuche in der Bukowina. 



Mitgeteilt von Dr. R. Fr. Kain<ll. 

(Vgl. oben S. 169.) 



II. 

Einen ähnlichen Verlauf nimmt die Hochzeitfeier bei den Ruthenen 
im Flachland. Man vergleiche Kaindl, Die Ruthenen in der Bukowina. L 
(Czernowitz 1881»). Hier mögen daher nur die meist abweichenden Lieder- 
texte mitgeteilt werden, welche am citierten Orte weder im Urtext mit- 
geteilt noch vollständig angeführt sind. Sie rühren her aus dem rusniakischen 
Dorfe Slobodzia Banilla am unteren Czeremosz. Ihre Yergleichung mit 
den im vorhergehenden Abschnitte mitgeteilten ist interessant. 

Beim Nähen des Brautkranzes: 



„Podaj inamko holku 

Taj nytoczku z szouku, 

Näj pryszyju try lystoczki barwinoczki 

Molodenky na holouku." 

„ ; ,Oj winczyku, barwinczyku. 
Kupuwalam tia u rynku, 
Zamykalam tia u skrynku, 
Teper tia ruszu. 
Zaplakaty nruszu."" 



-Müttereben reich die Nadel 

Und den Seidenfaden, 

Dass ich drei Blätter Immergrün 

Dem Bräutchen näh zum Kopf kränz. 1 " 

„„Ach, du Kranz aus Immergrün, 
In der Stadt kauft ich dich, 
In der Truhe barg ich dich, 
Jetzt muss ich dich räumen, 
Und mein Leid beweinen."" 



Beim Nähen der Hochzeitzier für den Bräutigam: 



Czertene more hralo, 
Sonce sia kupalo, 
Molodyj potopaje, 
Za molodenkou zahybaje. 

Dvva pauny zemliu stoczyly. 
Dwa bratezyky u misto chodyly. 
Taj szouczyku nakupyly. 
Taj winoezok nakupyly. 

Dwa kaezury zemliu stoczyly, 
Dwi sestryci u misto chodyly, 
Taj pozlitky nakupyly, 



Das rote Meer tönet (braust), 
Die Sonne badet sich; 
Bräutigam vergeht vor Sehnen 
Nach der Braut, der schönen. 

Zwei Pfaue stampften die Erde, 
Zwei Brüderchen gingen nach der Stadt, 
Kauften dort Seide. 
Kauften Immergrün. 

Zwei Entriche stampften die Erde, 
Zwei Brüder gingen nach der Stadt, 
Kauften das Flittergold, 
Vergoldeten den Kranz. 



I winoezok nazlotyly. 

Wenn dem Bräutigam das Hemd und Schnupftuch gebracht wird, 
wird am Wege dahin gesungen: 



Oj iszla, iszla, neutomyla sy, 
Sita pid duba, zaholyla sy, 

Sila pid duba, taj chechechocze, 

Do mene chiopei, bo my sia eboczy, 



sie ging, ging, ermüdete nicht, 
Setzte sich unter den Eichenbaum und 

entblösste sich, 
Setzte sich unter den Eichenbaum und 

kicherte: 
Zu mir Bursche, weil ich Besehren habe. 



Ruthenische Hochzeitgebräuche in der Bukowina. 






Oj icha, icha Pentelyicha, 
Chepenke. prypinke, bida z horicha, 
Dajty my micha ne dirawoho, 
Zrobiu warn chlopcia kuczerawoho. 



[ick aus der S 
erlöcherten Back, 

So mache ich euch einen lockigen Knahen. 



Beim Bräutigam angekommen, wird gesungen: 



Oj czy wy swaty w lisi rosiy, 
Bzczo wy ne zuajete, czo my pryjszly, 
Oj my ne pryjszly, tut noezuwaty, 
Lysz my pryjszly, tut pohuliaty. 
Oj prosym my was. ne barite nas, 
Szczo nasze diio, widradite nas. 

Auf dem Wege in die Kirche: 

Kuda my sia wyradzajem, 
Czy w lis, czy \v dibrowu, 
Ani w lis. ani w dibrowu, 
Lysz do Bczoho domu. 

( )j ne more toto hraje, 

Mnlndenka potopaje. 

Taj na diediu pokiykaje: 

..Oj neriku, ty mij neiiku, 

Ratuj mene z moria." 

_..To ne moja, synku, wolia; 

Ale toho synku. pana, 

Szczo z nym budesz sliubok brala."" 

Auf dem Wege aus der Kirche 

Hej my w cerkwi buh', 
Bohu sia moJyiy, 
Taj Bohowy nebesnomu; 
I popowy napastnomu, 
A diakowy bezczasnomu, 
Palamarewy smarkaczewy. 

Hej my w cerkwi buly, 
Szczos my tarn wydily 
Dwa winoczki na prystoli, 
Moloderikym na holowi. 

Bei Ankunft der Braut vor ihr« 

: : Wyjde nene protyu mene : : 
Z pleczenymy kolaczamy 
I z dobrymy wolyczkamy. 
Czomu nene ne wychodysz, 
Czomu mia sia ne pytajesz, 
Czy daleko my chodyly, 
Czy harazd tarn my hostyly? 
Harazd, nenko, harazd, 
Daly slubok zaraz. 



Seid ihr, Vater, im Wald aufgewachsen, 
Dass dir nicht u isset, warum \\ ir kau 

( ) wir kamen nicht, hier /u nachten. 

Sondern wir kamen, uns zu unterhalten. 
O wir bitten euch, haltet uns nicht auf, 
Lassei uns unser Vorhaben ausführen. 



Wohin geht die Kei.se heut. 
In den Wald and Hain so weit? 
Nicht zum Hain und Wald ihr Leute, 
In die Kirche ziehn wir heute. 

Ach, es tiint das Meer nicht so, 
Das Bräutchen weint vielmehr. 
Ruft den Vater an im Schmerz: 
„Liebes trautes Vaterherz, 
Rette mich aus diesem Meere." 
...Wenn dies. Kind, mir möglich wäre; 
Das häng! ab V OH jenem Herrn. 

Der dich wird zur Frau begehren."" 



Aus der Kirch" wir wiederkehren, 
Beteten zu Gott, dem Herren. 
Zu dem Herrn, der uns erschallen: 
Dankten unserm schlimmen Pfaffen, 
Auch dem Kirchensänger trotzig, 
Und dem Kirchendiener rol 

Aus der Kirch' u ir gehen, 

Haben dort gesehen 

Kränze zwei auf dem Altare, 

Dann aufgesetzt dem jungen Paare. 

r Eltern Hause: 

:: Komm lieb Mutter mir entgegen :: 
Mit Kolatschen schön geflochten 
Und mit gutem Willen. 
Willst du mich denn nicht begi 
Willst von mir du gar nichts wi 
Ob von ferne wir gelangen, 
Wie es uns dort ist ergangen? 
Trefflich, Glück hab ich erschauet, 
Gleich hat man mich angetrauet. 



Kaindl: 

Beim Einziehen in das Haus: 
Nasza moioda wid Slubn pryjszfa, Jetzt kommt die Braut von der Trauung 

K stolowy nawertaje: Und wendet sich zum Tische: 

„llrj stoie, Btote, rozhiko moja, „Tischehen, Tischchen mein, es onus 

geschieden sein. 
Meni, neneczko, z tobou." Von dem Mütterchen mein.' : 

Oj /.ilv. Äitv. barwinkom wije, Ach ein grosses Leid zieht durchs Immer- 

grün, 

Ne kalynka sia tomyt, Nicht die Schneeballstaude knickt, 

Molodenka Bia kionyt, Den Abschiedsgrass nickt vielmehr die 

Braut. 
Witcewy, matyronci. Denn sie zieht vom Vater, von der Mutter. 

Beim Auflegen des Handtuches auf den Kopf der Braut: 

P.ile pokrywaio, Weiss ist die Umhüllung dein, 

Wicznc zawywaio; Ewig wird sie sein: 

Oj budesz ho zawywaty, Wirst damit dich stets umgeben. 

I nikoty ne skydaty. Immerdar durchs ganze Leben. 

Heim Abschied der Braut von ihren Eltern vor dem Weggeben mit 

dein Bräutigam: 

Oj ne tuzy moja mamko za mnoju, Traure nicht nach mir, lieb" Mütterchen, 

heute. 
Ta ne wse ja zaberaju z soboju: Denn nicht alles schaff mit mir ich bei 

Seite: 
Lyszaja ty dribni slozy po stoiu, Lasse zum Danke heisse Zähren im Hause. 

Szcze dribnijszi. zalibnijszi po dworu. Noch heissere Thränen aber da draussen. 

Beim Eintreffen der Braut vor dem Hause der Schwiegereltern: 
Oj ntwory mylyj swaty wikonce, Öffne Heber Swat das Fenster vor Wonne 

Wedemo ty newistoezku jak sonce; Denn wir bringen die junge Frau gleich 

einer Sonne: 
Oj ntwory myla nenko worota, Lass liebe Mutter das Thor öffnen der 

Holden, 
\\ 'ezemo ty newistoezku jak z zlota. Ihr, die wir bringen, der Goldnen. 
Oj ntwory mylyj swaty siu chatu, Schnell die Riegel vom Hause entfernet. 

Wezemo ty newistku rohatu. Denn wir bringen die junge Frau euch 

gehörnet (!). 

Beim Einzug in das Haus: 

Hopa. hopa, hop;i- Hopp, hopp, hopp, 

Ne zahubjt kodasza, Verliert nicht den Kodasch 1 ), 

Ro nasz kodasz ne welyczkyj. Denn unser Kodasch ist nicht gross. 

Ta wsadyu sia do mebiyczky. Doch drängt er sich zur Müllerin, 

A melneczka dobra bula. Diese war aber gut, 

Koho liubyt, wse zabula. Wen sie liebt, sie vergisst's. 

1) Aus dem Rumänischen (von cauda) = der Letzte. Dämlich der letzte, jüngste 
Burseh im Zuire. 



Ruthenische II brauche in der Bukowina. 






Am dritten Hochzeitstage singen die Gäste vor Erscheinen des jungen 
Ehepaares: 
Zu wse nam dobre, rysz odno hydno, Alles war gut, nur eins ans verdrii 



Bzo molodial tutk\ De wydno. 
Dem Brautführer: 

Oj u pole, pole staweszczy, 
Z.iuia/atv druzbu wuzyszczem. 

Ta za szczo joho zwiaznly? 
Szczo wzian X. X. will raamy. 

l'ni die junge Frau zu necken: 
Poncciilczyku. zradczyku, 
Zradyu-jes* nam diwoezku, 
Wczera bula u winoezku, 
A sehodnia w rantuszoezku. 



Vor der Einladung zum I 

Oj stawleno, postawleno, 
Lyszeri nas ne proszeno, 
Szczoby my jily, pyly, 
Brecznu woliu robyly. 
Sej dim weselyly .... 

Byjte kotoezke u labky, 
Do zapicznoji babky, 

Szczoby sia dohadaia. 
Nam peezeni data .... 



ijssen: 



man ila- junge Pürchcn verrais 

Im Feld ist ein Teich. 

Man fesselte den Brautführer mit einem 

Rutenbund. 
Wofür hat man ihn gebunden? 
Weil er die X. \. von der Mutter nahm. 

( > Montag ' . du Verräter, 
Hast uns das Mädchen verraten; 
1 restern war es im Kranz. 
Beute sclmn im Handtuch. 



Speis und Trank ist hingestellt, 

Doch es an der Bitte fehlt, 

Dass wir Durst und Bunger stillen, 

Und bezeugen nnsern Willen. 

Dieses Haus mit Freud erfüllen u. s. w. 

Schlag! dem Katzchen auf die Pfötchen, 
ünserm alten Küchenmädchen, 
Dass sie sich doch mög erbarmen. 
Braten reichen uns den Annen u. s. w. 



III. 

Auch die Hochzeit bei den Gebirgsruthenen Huzulen) nimmt 
in den Hauptzügen denselben Verlauf. .Mau vergleiche Kai ndl. Die 
Huzulen (Wien 1893). Hervorzuheben ist, dass bei diesen Ruthenen keine 
bestimmten Hochzeitlieder gesungen werden. 

Hier folgen zunächst Hochzeitgebräuche aus dem Huzulendorfe Ploska 
am Putillabache. 

Zur Brautschau (obzorynie) geht der Vater, der Sohn und ein Freund. 
Haben diese, nachdem sie in ein Haus gekommen sind, ihre Absicht merken 
lassen, so schenken sie von dem mitgebrachten Branntwein ein und bieten 
das Gläschen den Eltern, dann dem Mädchen an. Trinken diese, so gilt 
dies als Zeichen der angenommenen Werbung. Hierauf wird sogleich das 
..Jawort" getrunken (slon:<> zapywaty). 

Die Vorbereitungen zur Hochzeit geschehen wie anderwärts. Sie 
rinden in beiden Häusern statt, nur bei Armen wird sie in einer 
Wohnung: zusammen abgehalten. Als Trauzeugen werden °;ern die Tauf- 



1) Die Hrautnacht findet zumeist \ : statt. 



•_'s | Kaindl: 

paten der Brautleute gewählt l>i<- Einladungsformel für die Gäste lautet: 
,Es verneigen sich euch (grüssen euch) der Vater und dio Mutter der 
Braut {kniahynia moiodqja, d. h. junge Fürstin), auch wir verneigen uns 
und bitten, dass Ihr nicht verschmäht, zur Hochzeit zu uns zu kommen." 
Die (iästf bringen Geschenke, and /.war Butter, Speck, eine Schussel voll 
Getreidekörnern, zwei geflochtene Kolatschen, Tücher und Handtücher für 
die Braut. All«- diese Gesehenke zusammen heissen kolacz, wahrscheinlich 
weil das Wichtigste derselben der Brotkuchen ist. Deshalb sagen die 
Gäste beim überreichen der Geschenke: „Wir bitten auf Kolatschen"; 
und die Antwort «larauf lautet: „Wir danken schön: möget Ihr so prächtig 
und ansehnlich Bein, wie Eure Kolatschen." 

Am Vortage der Hochzeit wird der Kranz genäht. Jede anwesende Frau 
näht ein bis zwei Blätter. Ist er fertig, so wird die Braut auf folgende 
Weise zum Empfange desselben eingeladen: „Wir bitten Söhnchen (!) 
anter den Kranz; von uns klein, von Gott berühmt und gross. 1 ' Dabei 
wird zunächst der Kopf dreimal mit dem Kranze berührt, und dann dieser 
erst aufgesetzt. Der Braut pflegt man auch das Gesicht mit Honig zu 
bestreichen, damit ihre Zukunft süss sei. Nach der Aufsetzung des Kranzes 
bewirtet die Braut die Gäste mit Schnaps und wird von ihnen beglück- 
wünscht. Dann gehen alle in den Hof und tanzen dort. Hierauf begeben 
sich wieder alle, die Braut mit sich führend, ins Haus. Hiervon hat diese 
Sitte den Namen zawodyui, Heimführung (za/codyty = hineinführen). Beim 
Bräutigam findet die Feier ganz ähnlich statt. Auch ihm wird ein Kranz 
auf die .Mütze gesetzt. Diese mit dem Kranze gezierte Mütze nimmt er 
vor niemandem ab und behält sie auch bei Tische auf; denn er ist nun 
kniaz (Fürst). Der Bräutigam schickt an diesem Abende zur Braut und 
diese zu ihm eine Botschaft, ohne dass diese Geschenke an Kleidungs- 
stücken überbrächten. Ebenso sind ähnliche Geschenke au die Anver- 
wandten hier nicht Regel. Die Hochzeitbäumchen werden dagegen auch 
liier für die Braut und den Bräutigam geschmückt. Man schneidet sie 
vormittags in glücklicher Stunde, damit Gott das junge Paar vor bösen 
< reistern schütze. 

Die Trauung findet am Donnerstag oder Sonntag statt, und zwar 
immer am Vormittag zur glückbringenden Zeit, zum Schutz gegen böse 
Geister and Zauber. Wenn die Braut das Haus verlässt, um zur Kirche 
zu reiten, giesst sie hinter sich ein Glas Wasser aus, damit das Glück wie 
sser komme. Die Brautleute haben an ihrer rechten Hand kleine, aus 
getrocknetem zähem Käse gemachte Ringe befestigt (Kolatschen); ausser- 
dem hängen ihnen um den Hals gewöhnliche Brotkolatschen über den 
Mantel herab. Die Braut bindet diesen mit dem Handtuch um, das am 
nächsten Tage dazu dient, ihren Kopf nach Weiberart zu umwickeln. Auf 
dem Ritte zur Kirche beobachtet man allerlei Vorzeichen. Schlechtes 
AVetter deutet auf böses Schicksal: entweder stirbt einer der Ehegatten 



Rathenischc 11 rauche in < 1 < i- Bukowina. 

bald oder das Eheglück \\ iri 1 auf eine andei tört. Manche - 

. dass auch die Kinder, Enkel und Urenkel unglücklich würden und 
die Nachkommenschaft das siebente Glied nichi erreichen werde. ßb< 
weissag! man Unglück, wenn der Braut der Kolatsohen, welchen sie am 
Tuche um den Hals befestig! trägt, herunterfällt oder gar zerbricht 
Während des ganzen Rittes muss sie schweigen. Sobald sie bei < !«-r 
Kirche den Bräutigam erblickt, begrüsst sie ihn, mit dem Kolatschen 
winkend. Er gieb! ihr einen leichten Schlag mit der Peitsche, zum Zeichen, 
dass er nun die Herrschaf! über sie ergreift. Welches von den Brautleuten 
früher die Kirchenschwelle überschreitet, wird im Hause die Oberherrschaft 
führen; ebenso welches zunächs! den Teppich vor dem Altar betritt Die 
Braut soll bei der Trauung (vrinczanjt ein Stück Zucker im Busen tra 
damit ihr immer süss sei. Beugt die Kraut bei der Trauhandlung den 
Kopf unter das Evangelienbuch und fällt ihr hierbei der Kranz herab, so 
ist dies ein Unglück verheissendes Vorzeichen. Dasselbe bedeutet die 
Begegnung eines Leichenzuges bei der Kirche. Der Verlust des Trauri 
zeigt den nahen Ted an. Nachdem die jungen Leute die Kirche verl 
halten, giebt der Bräutigam der Braut wieder einen Schlag. Nun bitten 
beide ihre Gäste zum Besuche und verteilen an diese sogleich die am 
Halse hängenden Kolatschen. 

Die Braut eilt zunächst nach Hause, wo sie von ihrer Mutter und 
ihrem Vater empfangen wird. Jene gieb! ihr Eonig zu kosten; diesei 
reicht ihr Brot und Salz. Der Bräutigam kommt etwas später, ohne zuvor 
sein Elternhaus aufgesucht zu haben. Jetzt findet der Austausch der K 
kolatschen statt: Der Bräutigam bindet den von der Braut erhaltenen an 
Beine Hand, sie den von ihm bekommenen an die ihre. Der Bräutigam 
A<'\\ Uruder der Braut von «leren Seite mit der Peitsche weg und 
giebt ihr zum drittenmale einen Schlag. Bei Tische trinken die Brautleute 
einander zu: dann küssen sie -ich dreimal, und die Braut gieb! dem 
Bräutigam Speise in den .Mund. 

Der Bräutigam bringt sein Hochzeitbäumchen mit. So lange er im 
Bause der Braut weilt, stehen beide Bäumchen auf dem Tische. 

Die weiteren Vorgänge sind den oben S. L65 ff. beschriebenen in den 
Hauptzügen gleich. 

Am Schlüsse noch einige Bemerkungen über hierher gehörige Gebräuche 
ans der Ortschaft Saden im Suczawathal. Wenn der Zug der Braut zum 
Hause ihrer Eitern gekommen ist, bleiben die Gäste vor dem Hausestehen, 
werden hier mit Getränken bewirtet und tanzen wohl auch. Sodann wird 
jedem geehrten Gaste ein Kolatschen, >\>r an einem Handtuche hängt und 
an dem überdies ein buntes Tüchlein mit einer Bchöm a S 1 ge- 

heftet ist. mit dem Handtuche um den Hals . Indem 'dann 

alle die Hände reichen, begeben sie sich ins Ihm-. 

21 > 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde, lyul. 



II UitVrll: 

Nach der Verehelichung i>r das Weib anrein, „weil Blut floss". Sic 
nniss sich daher in die Kirche zum sogen. „tavioid u begeben. Die Frau 
n diesem Zweck« 1 aber ihr Kopftuch den Brautkranz; der Mann 
kommt in der mir einem Sträusslein geschmückten Pelzmütze, die er als 
Bräutigam trug. Vor der Kirchenthür beten sie bis der Priester kommt 
and sie hineinführt, um über ihnen zu liefen und sie mit Weihwasser zu 
besprengen. 

Ebenso ist das Weib nach dem Kindbette unrein und wird erst durch 
• ■ine ähnliche kirchliche Ceremonie aus diesem Zustande befreit. 

Schliesslich halten sich die huzulischen Weiber auch während de* 
menses für unrein und glauben, während dieser Zeit in die Kirche nicht 
gehen zu dürfen. So erzählte dem Berichterstatter ein Pfarrer folgenden 
Fall. In der Georgskirche zu Suczawa liegt bekanntlich die Mumie des 
Landespatrons der Bukowina, des hl. Johannes Novi. Zu derselben strömen 
fast das ganze Jahr hindurch fromme Pilger, besonders ist dies aber am 
Johannestage (14. Juni), an welchem der grosse Ablass stattfindet, der 
Fall. Aus weiter Ferne kommen an diesem Feste die Wallfahrer, um am 
Grabe des Heiligen zu beten. Unter diesen befand sich vor einigen Jahren 
eine Huzulin, welche aus ihrem fernen heimatlichen Dorfe kommend, von 
der Krankheit überrascht worden war. Da sie es für eine Sünde hielt, in 
diesem Zustande in die Kirche zu gehen, so wandte sie sich in ihrer Ver- 
zweiflung an den Geistlichen, um ihn um Rat zu fragen. Diesem gelang 
es erst dadurch sie zu bewegen, in die Kirche zu gehen, dass er ihr er- 
klärte, die Sünde, welche sie dadurch begehen würde, solle auf ihn fallen. 

Czernowitz in der Bukowina (Osterreich). 



Das deutsche Spottlied auf die Flucht des Königs 
Heinrich von Polen. 1574. 

Mitgeteilt von Adolf Hauifen. 



Als der letzte jagelionische König von Polen Sigismund II. August am 
7. August 1572 gestorben war. musste der polnische Adel das bis dahin nur 
theoretische Recht der Königswahl nun thatsächlich ausüben. Verschiedene 
Bewerber bemühten sich um die frei gewordene polnische Königskrone. 
Endlich wurde am 15. Mai 1573 Heinrich von Anjou, der zweite Sohn der 
Königinmutter von Frankreich Katharina von Medicis zum König von Polen 
gewählt. Diese Wahl erregte in Deutschland namentlich in protestantischen 
Kreisen Erbitterung und Spott, weil Heinrich hier wegen seines Anteils 



Das deutsche Spottlied auf die Fluchl des König *on Polen. 

an den Greueln der Pariser Bartholomäusnacht 157"_' allgemein verhasst 
war. So wurde Bchorj auf die Wahl Heinrichs ein Bpottlied gedichtet: 
.. Dass die Pollacken Narren Beindt 
Erweis! ihr jüngste Wahl gar fein" u. s. w. 
(24 Reimpaare abgedruckt im Anzeiger des germanischen Nationalmuseum 

Heinrich kam am 26. Januar 1574 nach Krakau, beschwor die Pacta 
conventa und wurde am L5. Februar gekrönt. Er fühlte Bich in Polen 
Behr unglücklich, wie in der Verbannung, and sehnte sich glühend nach 
Paris zurück. Schon nach wenigen Monaten, am 13. Juni, erhielt er die 
Nachricht, dass sein Bruder König Karl IX. am 30. Mai gestorben und 
dass ihm hierdurch die Krone Prankreichs zugefallen Bei. Nun dachte 
Heinrich nur noch an die Heimreise. Seine Umgebung Buchte ihn zu 
halten, er müsse noch die Verhältnisse ordnen, noch Beinern jüngeren 
Bruder Franz von Alencon die Nachfolge auf dem polnischen Thron sichern 
u.s.w. Heinrich hörte nicht darauf. In der Nacht v..m 16. auf den 
17. Juni floh er, nachdem er Bich kostbare Juwelen des Kronschatzes mit- 
genommen, wie ein tjbelthäter aus dem Schlosse zu Krakau und beeilte 
Bich, da er verfolgt wurde, die österreichische Grenze zu erreichen. Da 
er das Jahr vorher bei den deutschen Fürsten die Zeichen einer feind- 
seligen Stimmung deutlich bemerkt hatte, wählte er jetzt den Weg über 
Wien und Oberitalien nach Frankreich, wo er erst im September ankam. 1 ) 

Die im höchsten Grade würdelose Flucht Heinrichs aus Polen erregte 
natürlich allgemeines Missfallen und laute Schadenfreude, die am kräfti 
in einem deutschen Spottlied zum Ausdruck kam. 

Wir kennen dieses Spottlied bereits in einer jüngeren Fassung, in 
dem sogen. Ambraser Liederbuch 1582 Bibliothek >\<^ litterarischen Vereins 
Bd. 12, No. 152). Ich halie nun die ältere und vollständigere Fassung in 
einem Flugblatte gefunden, da- in einem Mischbande der Münchener Hof- 
und Staatsl.ildhdh.de (4°. L. eleg. m. 7:-}o) mit dem „Oflfenlichen Aus- 
schreiben", dem deutschen Keveille matin und anderen Schriften der Jahre 
1574 und 1575 zusammengebunden ist. Das Flugblatt Belbsl i>t ohne 
Datum, aber sicher bald nach dem behandelten Ereignis, also wahr- 
scheinlich m>ch 157 1 gedruckt wm-den. Da- dieses von einem unbekannten 
Verfasser herrührende Lied viel gesungen und rasch volkstümlich geworden ist. 
ergiebt sich daraus, dass die um acht Jahre jüngere Fassung des Ambraser 
Liederbuches um zwei Strophen weniger und zahlreiche grössere und 
kleinere Änderungen aufweist Da- Münchener Flugblatt hat Druckfehler 
und Versehen, so dass einige der Ambraser Lesarten vorzuziehen sind. 
Die Melodie, nach «1er das Spottlied gesungen wurde: ..Was wollen wir 
auf den Abend thun" war sehr beliebt; und ihres parodistischen Charakters 
wegen dem Texte gut angepa 

1) Vgl. u. a. H. Martin, Histoire de France 

•2) Vgl. Erk-Böhme, Deutscher Liederhort 3, So. 1120. 






Hauffe.n: 



Die Anfangsworte: Pomey, Pomey Bind vielleicht eine Verballhornung 
des polnischen: Pomagaj Hilf! Es pflegen ja auch sonst deutsche historische 
Lieder mit dem Ausruf „Hilf" odei „Helft« anzuheben. 

Ich gebe oun den Münchener Text mit den wichtigeren Varianten der 
Ajnbraser Passung. Das Münchener Plugblatt hat nur zwei Blätter in Quart: 
La 



vom grollen lob 



Ein Bchftn New 
zierlich Lied 
vnd rühm der Polen | wie sie jren 
weit vnnd hochberümptcn König 
erwöhlt ; vnd wie er das König- 
reich widerumb verlassen hat. 
(Bildnis Heinrichs 
Im Thon. 
Was wollen wir auf! den Abend thun | 
schlaffen wollen | K. 



[lb] 



1. 



Pomey, Pomey ihr Polen. 

Gott grüß euch allzugleich, 

Ewern Konig l'ollt jhr holen, 

So fern in Franckenreich, 

Darumb ruft dich fein 

Yerkaufft den Ochsen, behalt die Schwein. 

.luch hoi'cha hobo dey! 



Die Raut die war euch bitter, ' 

Der adler dir gram, 

Darumb fchickt jr auß ewer Ritter 

Vnd manchen Edelman 

Mitt grol'l'em pracht vnd prallen 

Eweren Konig in zu hollen. 

Juch . . . 



Darumb laß dichs nicht verdrießen 

Und mach dich auff die fart, 

Ir werts wol geniefl'en 

Bey euwers König zart. 

Kr il't gar mild vnd lobenswert, 

Gab euch ein Elel für ein Pferd 

Juch hofcha hobo dey. 



Wie il't euch nun gerahten 

Der junge Königes Mann. 

Der lb vil Ritterlichen thaten 

Zu Pariß hat gethan. 

Danek habt jr ftoltzen Polil'chen Knaben. 

Ein folchen König wolt jr haben 

Juch . . . 



Il't das nicht groffe l'ehande. 
Euch Polen allzugleich, 
Das jhr in difen Landen, 
Darzu im Römifchen Reich, 
Nicht wußten einen Herren 
Der ewer König l'olt werden 
Juch . . . 



Ewer König leßt euch bitten 

Zu einem abendt tantz 

Vnd thut euch freundtlich l'chicken 

Von Lügen einen krantz, 

Daran l'olt jr Polen riechen, 

Ewer König thut lieh bald kriechen 

Juch . . . 



Anin-rk.: Di- Zahlen über den Strophen und die Interpunktion rühren von mir her. 
\uth sind im Original die Verse nicht abgesetzt. Amb. hat 1, 4f. .ruft euch zu, fchmiert 
die fclmh, | verkannt den ochfen, behalt die kuh.« In 1,5; 2, lf. steht oben, wie mir 
scheint, mir irrtümlich die -2. Pers. Sing.: Amb. bat hier überall richtig: euch. V. 4, 2 
adler nach Amb.: im Manch. Flugblatt steht irrtümlich alter. Gemeint sind hier die 
Wappenbilder der übrigen Bewerber, die durch die Lilie Frankreichs (V. 6, 4) verdrängt 
wurden. Mit dem Adler spielt das Lied auf den Kaiser Maximilian II. an, der den poln. 
rn für seinen Sohn Erzherzog Ernst erworben hätte. V. 5, 3 f. Anspielung 
auf di- Parisex Bluthoclueit, August 1572. 



1 las deul sehe Sp ittlied auf >li I von Polen. 






7. 
Nun tanzt ihr Polnifchen knaben 
Zu Crackaw aulT der \ 
Den König wollt jhr haben, 
Der war der aller beft. 
Drumb baben mit acht, balt gute wacht, 
Das euch der König nicht entweich 
Ihr miiit jetzt dien brey für fiibh) 
Juch . . . 

2a 
\\ r ie fchmecken euch die Braten, 
Darzn der küle Wein? 
Sind das nicht lanie zotten, 
Ihr feind gefchlaffen ein! 
Darüber ii't ewer König entrannen, 
Die Polifche Krön mit lieh genommen 
Juch . . . 



Ein fprichwort bey den alten 

Hat man geredt auffa best, 

Für ein fauler Vogel wirdt der gehalten. 

Der befcheißt fein eigen Neft, 

Alfo hat ewer König gethon, 

Ein gut lob hat er nach gelan. 

Juch . . . 

10. 

Darum b rath ich euch Polen, 
Euch allzusamen gleich, 
Thut ewern König- holen. 
Ziecht mit in Franckreicb, 

Waget leib vnnd darzu Gut, 
Wehret ewerm König fein vbermuth 
Juch . . . 



Darumb thut euch Gefeilen 
All bey den Teutfchen bau ff, 
Thut euch zufammenftellen 
Vnnd ziehet mit hinnauff. 
Da iit fo mancher redlicher Mann. 

Der Leib \ ml 
Juch . . . 

L2. 
Wer boI euch nun bekla 
w ei I der liebe < rott, 
[r müßt euer lebenlang trag 
Den Bon vnd auch den fpott 
Di« Polen haben iich volgefoffen, 
Darüber ii't jr König entloffen 
Juch . . . 

13. 
Ewer König beut euch ein gute nacht. 
[r Polen allzugleich, 
Hat lieh bey zeit daruon gemacht, 
llt wider in Franckreich, 
Die Polifche Krön mit lieh genommen. 
Ein Schaubhut folt ir wider bekommen 
Juch . . . 

1 I. 
Der \ ns das Liedlid erftmal fai 
Fein will gelungen bat, 
In Sachfen ii't er wol bekant 
In einer freyen Statt. 
Die Polen feind I 
Der Vogel ift ja entpfl 
Juch hol'cha hobo dey. 
Ende. 

Aninerk.: V. 7, 7 ist überschüssig. In Ami», laute! Strophe überhaupt fasl 

Kau/, anders. Strophe 8 u. 9 fehlen in Amb. ganz. V. 8, 6 Anspielung darauf, dass Heinrich 
Edelsteine der Krone mitgenommen hat. V. 13 ibhul in Amb. fchaftshut, wa 

falsch ist. Der Schaubhut, der schlichte Strohhut, als Kopfbedeckung der einfachen I 
•wird zur Krone in Gegensatz gestellt. 

Werlins Liederhandschrift vom Jahre 1646 (München bring! mir einer 
abweichenden Melodie nochmals die erste Strophe unsere. Spottliedes 
wieder mit neuen Lesarten (V. 5 f. Nun ruft dich bald und fchmiert die 
Schuh, verkauft den Ochfen und die Kuh). Vgl. Erk-^öhme, Deutscher 
Liederhort 2, No. 299. 

Prae. 



290 



Bach 



Von dem deutschen Grenzposten Lnsern im wälschen 

Südtirol. 



Vom Karaten Josef Bacher 
Vgl oben XI. 180.) 



-1. Dar Peatar Supf. 

In an >tröa\; säin-da gawest zwna 
puabla vo Ggalnets, bö-da hä'm y -hat 
töat di müatar. un dar vätar is g*ki ; art 
zo boräta. Di stiafmüatar is gawest a 
z'nixta un hat g-tänt vil ]</z^s <>n kindar. 

In an tägy dls-^ kindar sain vonnänt 
un sain kent pa Las äuvar, un bäl-sa 
sain gawfst /.' iJbrost, ha'm-sa g<?vunt<?t 
a tiav.^s lox, un nidar na dlsan lo\ is- 
da g-'wrst a °;rpasar ler\. un sf 1 sain-s<? 
gwgit in untar dfsan ler\ un sain se'm 
g^stant drai tüga. 

Balamän hä'm - sa g,?hat an saülan 
hünar. iis-sa nemcar hä'm g-nnögg. „Ben". 
h<vm-sa köt disa kindar, 's-is pösar, as- 
bar ster'm vo hünar, bas zo giana hüam." 
Ma dar hünar is herta kent mearar, un 
das jun hat köt: ..'s-is pesar, as-bar spriio^n 
nidar da. bas zo sterha vo hünar." „Ja", 
hat-'s köt das alt. „sprio-bar nidar: ma 
spris du vorS, ombrtim sa-no du sprisst 
not." -Ben". hat-*s köt das jun. ..i han- 
da a suaD: §st hän-bar-as a ppadd b/t- 
nandar, un du sprißst vora un zi:- 
m- na mi ö. a Un asÖ ha'm-sa gatant, 
un bal-'s s -t zu spriioa, hat-'s köt 
das ah: „Peatar supf!" un das jun hat 
g^spert di gagn un hat ge't an supf an 
prüadarl^. un .sain gasprußß pöad' l>.t- 
nand.r pa lox nidar: ma tpat sain - sj 
net gestaut. 

ßal-da di Ggalnets r hä'm gewarnt, 

gge da veln di kindar sain-sa-s^ gant to 
süuxa un hä'm-sa gavuntat z' üntwst m 

lox, un se'm di kindar hä'm-an köt, bäs- 
sa hä'm köt. un dena sain-s^ g^storb4. 

Un vö dansei tag» an ansei lox hä'ni- 
s'-an härta köt: Dar Peatar Supf. 



•_'7. Peter Schupf. 

Einmal waren zwei Küblein von Cal- 
donazzo, die ihre Mutter tot hatten, und 
der Vater hatte sich wieder verheiratet 
Die Stiefmutter war bös und that den 
Kindern viel Übles. 

Eines Tages entgingen diese Kinder 
und kamen (über) den Las herauf, und 
als sie zu ober^t waren, fanden sie eine 
tiefe Schlucht, und drunten bei dieser 
Schlucht war ein grosser Lärchenbaum, 
und sie begaben sich unter diese Lärche 
hinein und blieben dort drei Tage. 

Mit der Zeit hatten sie einen schreck- 
lichen Hunger, (so) dass sie (es) nicht 
mehr (aushalten) konnten. ,, Wohlan-, 
sagten diese Kinder, .,es ist besser, dass 
wir sterben vorHunger, als heimzugehen: - 
Allein der Hunger wurde immer grösser, 
und das junge (Büblein) saute: -Es ist 
besser, da hinabzuspringen, als vor Hunger 
zu sterben." -Ja", sagte dasalte. „springen 
wir hinab: aber springe du voran, denn 
sonst springst du nicht." -Gut", sagte das 
juntje. ..ich habe da ein Seilchen; jetzt 
hängen wir uns beide miteinander an, und 
du springst voran und ziehest mich auch 
nach." Und so thaten sie, und als das alte 
zu springen (bereit) war, sagte es: -Peter 
schupf!^ und das junge schloss die Augen 
und gab dem Brüderlein einen Schupf, und 
sie sprangen beide miteinander in die 
Schlucht hinab : j edoch tot blieben sie nicht. 

Als die Bewohner von Caldonazzo be- 
merkten, dass die Kinder abgängig seien, 
gingen sie zu suchen und fanden sie zu 
unterst in der Schlucht, and dort sagten 
ihnen die Kinder alles, was sie gethan und 
gesagt hatten, und darauf starben sie. 

Von jenem Tage an nannte man jene(s) 
(Loch) Schlucht stets: Peter Schupf. 



Von dem doul tirol. 291 

Bemerk.: Anlass zu die er Sage gab - reiche aal 

zwischen Caldonazzo and Monter vere lo ch dein ■ 

ahnenden Wanderer ;. • v Schluchl wen fühl 

N am > 11 „öggsnwEga" Ochsenweg und man gelang! durch einen ^ nach dem 

schon erwähnten Montaruf and hat dann den beschwerlichen \ '■■■ 

überwunden. Moni ruf isl ein gern besachtes einfaches, landliches Gasthaus, von wo aus 
man bequem auf ebener Strasse in 5 das Dorf Luslrn erreich! 



28. Das arm Nöb^l . 

In an -tröav sain - da g<\\ gst 
müatar. lY>ad < hä'm gahal a kiita kindar, 
un an an sünta ha'm-sa galat dahüam di 
/.«na £ltarstn diarnla ggan kindar, wo-sa 
hä'm gahat in da wiag . an sf sain _ 
gga mis. 

OD 

Di diarnla, inveza bäs zo stlana se m 
ggan kindar, sain-sa gant aus af'n w 
z spila. Un se'm nämp »n w§g 
hä'm gasptlt, is-da gawest a venstar vön- 
ar stuba vön-ar andarn famildsa, on disa 
diarnla sain gant an sain g kräblt pa 
äisandar von venstar au un hä'm _ 
in <m da stüba. 

Balamäfi) ha'm-sa s 
lata mänl > betn här gga p< rg • an bet-ar 
kurzan prüax un bei waisan hosan an 
hrt-an loatn ggorpetla an hei -an haspl 
in da liiint gian nidar an an pa sti I". un 
bal-'a is gawfst nämp n venstar hat- - 
ag •lavt di kindar. Un disa kindar hä'm 
ztiagasäug t an mänl'. fin-as-da pala sain 
kent di müatar vo mis. Balamaia sain- n 
kint ,'ii sint di kindar. un sa sain gant 
hü am. 

In bal-da sain kein di müatar v<> 
mis, hä'm-s'an köt, bas-sa hä'm . 
un di müatar hä'm-'s köt - n andarn laut, 
un di andarn hä'm köt, ggi wesl 

das arm Nöbala, ombröm bal-'s is g w§si 
ti'.at. is-'s g »wesl \ - i so. 

Di laut, bo-da sain g, stant an hau-. 
- sa hä'm gasegg 's Nöbala, hä m- s 
not gawölt gl^a'm. On an an mal \±- 
- -sa nidarg legg /.' sliava a töxtar von 
patru un a spüsa. Un di tö\tar is lai 
antslaft, un di spüsa hat ga] 

Balamaia hat-sa gahgart gian p - 

au an man, un sT hat gasaug t un (hat 
gasejjg si ö di'za mänla, un si hat-ar 



I ' le. 

Einmal waren zwei Mütter. Beidehatten 

eine Schar Kinder, und an ein« m Boni 

Hessen sie zu Bause die zwei ältesten 

Mädchen bei den Kindein. weicht 

in der Wiege hatten, und si zur 

Mess 

Die Mädchen, anstatt bi i den Kindern 
zu bleiben, gingen hinaus auf den \R 
zu spielen Und dort nahe dei ' 
wo sie spielten, war ein Fenster einer 
Stube, (die einer andern Familie 
und diese Mädchen gingen hm und kro- 
chen an den Eisenstangen des Fensl 
hinauf und schauten in die Stube hinein. 

Nach einiger Zeil sahen sie ein kleines 
hinkendes Männlein mit gesträubten Haa- 
ren in kurzer Böse und weissen Strümpfen 
und rotem Gilet und mit einem Haspel in 
Ai'i] Händen auf- und abgehen in derSti 
und als e.s nah« d< m Fensti i war. lachte . ä 
die Kinder an. Und diese Kinderschauten 
dem Männlein zu. ■ 

von der Messe kamen. Da endlich kamen 
ihnen die Kinder in den Sinn, and 
n heim. 
Und als die Mütter kamen von der 

M,... die Kinder . wa 

hen hätten, and die M ten's 

den andern Leuten, und die andi ! 

las versti 
denn als es tot v 

| );. 1.. Ute, dil IUI llalis. Wohnten. Wo 

de- Kr ä ■ In " 

hatten, wollten es nicht glauben. 

gten sich ein. 
{ \c< Hau und eine Gattil 

schlafen. Und die Tochter schliel 
ein. und die Gattin bi ;■ 

Da hörte sie einen Mann in 
auf; [und ah; gehen, und sie 
und auch sie sah dieses Männlein, un 









l</kt ii köpf, un 's nianl- is gant Uli 
ti .it-.n gazögai pari l;iil<\ar uu Bi hat 

ii'i n v&tar vm sain >|)ü-. as-ar 

• in is. an dar v&tar is 
gant ji ga an bal-d'ar is g w$st af »Ii 
im vö dar stüba, 's Nöbala is gaspruBB 
Öbar 's p- t bi un (h)ai g vaxm an köpf 
vö dar to\tar un bat-sa gazögai ctbar 's 
p<;t nidar. Un di diarn hat ge't an sr^a, 
un 's Nobala is lai vorswüntat. 



deckte sich den Kopf zu, und das Männ- 
lein ging bin) und zog (ihr) an den Lein- 
tüchern, und sie rief dem Vater ihres Ge- 
mahls, dass er komme, um nachzusehen, 
wer dort sei, und der Vater kam und als 
er an der Stubenthür war, sprang das 
Nöbele über das Bett hin und fasste den 
Kopf der Tochter und zog sie über das 1 Jen 
hinunter. Und das Mädchen that einen 
Schrei, und das Nöbele verschwand sofort. 



Aus züa Mi lan98 dar patrü von haus 
is gant zo perga an Bisala er un ala saina 
laut ;ius vö dar töxtar an vö dar spüsa. 
Balamau ^n an mal hä'm-sa widar ga- 
höart gian pa stüba au un se hä'm ga- 
saugat un (b)am widar gasegg s Nob4a, 
un sa hä'm-an untargadekt an köpf, un 
altfra 's NSbala hat ge't drai nistln betn 
haspl dar spüsa, un dena is-'s gant. 

In tä' darna säin-sa augastant disa 
zwya laut un di spüsa hat darwist an 
wega un is gant zo perga un hat-'s-ar 
köt säindar swigar, un sal swigar hat-'s- 
'ii köt-an patrfl, un er hat gavaiaw an 
wfga un is kent an lant un is gant ggan 
faf un hat-'s-m köt als, bas-da is ga- 
segat sain laut, un lai hat-ar g^saft drai 
misan vor 's Nöbala, on vo dansei mal 
aus hä'm-sa-'s nemear gasegg. 



Gegen den Frühling zu ging der Haus- 
herr auf die Ahne ins „Wiesele u und alle 
seine Leute ausser der Tochter und der 
Gattin. Da eines Abends hörten sie wieder 
über die Stube gehen und schauten und 
sahen wieder das Nöbele, und sie deckten 
sich den Kopf zu, und da gab das Nöbele 
drei Streiche mit dem Haspel der Gattin. 
und dann ging es. 

Am folgenden Tage standen diese zwei 
Leute auf, und die Gattin machte sich 
auf den Weg und ging auf die Ahne und 
sagte es ihrer Schwiegermutter, und ihre 
Schwiegermutter sagte es dem Haus- 
besitzer, und er machte sich auf den Weg 
und kam (heraus) ins Dorf und ging zum 
Priester und sagte ihm alles, was seinen 
Leuten geschehen, und zugleichordnete er 
dreiMessen fürs Nöbele an, und seit jenem 
Abende hat man's nicht mehr gesehen. 



29. 's k i n on dar wurm. 

En an strö^ax is-da gawest a müatar 
hrt-an kin VÖ zwöa jär nidar >n da ro- 
völt von Pöläz. 

Un an an mal bat-s'an ge't a hülza 
süsala drin b<d pult un milx disan kin 
un hat-'s g »legg aus afn wega z' esä 
diza kin. Un balamam di müatar hat-'s 
art re'n 's kin. un si hat galüsant 
un hat gahöart disa wört: „Papäuggnö- 
Lla ö, net äla mila! u an lai hat-'s ga- 
jukt betn löfl afn köpf von wurm. 



L'n di müatar hat gasaugat un is dar- 
sräkt un is gant un hat g^nump 's kin 
un (h)at-'s nemear gasozt afn wega z' esa. 



29. Das Kind und die Schlange. 

Einmal war eine Mutter mit einem 
Kinde von zwei Jahren drunten in t\cn 
Gewölben der (Familien) Pauläz. 

Und (einmal) eines Nachmittags gab sie 
(ihm) dem Kinde ein hölzernes Schüssel- 
chen, worin Pult und Milch, und setzte 
(es) das Kind hinaus auf den Weg, um 
(dort) zu essen. Nach einiger Zeit hörte 
die Mutter das Kind reden, und sie horchte 
und hörte diese Worte: „Iss auch Knöll- 
chen (Bröcklein) auf, nicht bloss Milch!" 
und dabei schlug es mit dem Löffel auf 
den Kopf der Schlange. 

Und die Mutter schaute und erschrak 
und ging und nahm das Kind und hat es 
nicht mehr an den Weg gesetzt zu essen. 



Ymi dem deutschen Grenzposten Lu ern im - Südtirol. 






30, - - lal - k in. ' 

Be'ra in ' laut i's-ila gaw$st a waibla, 
wn-ila is gant Mi an tag- aus az velt to 
ärbata an hat nag nump-ar das jü Barste 

kin. WO 8 1 lial g hat. lai in d • w ■ 
an (h)at agdieft to arbata. Sa is herta 

gant \ iiisn 'U ,i:-l»atant' un | li al nemcar 

umgasaugat, wäs-da tfiat s kin. Bai b«j 
hat -'hat garift is sa gant widrüm (b<>- 
drum) un (h)at _ von km. Ma 

dar srak, WO s- hat g-vaim is _ 
is, ambro m sai kin is nemcar 
west dasei, ambröm das sai kin is 
wfst aas dar stianarstn von laut, un 
das-sel, wo sa hat gavuntat an da w 
is gawfst a saülas, 's hat- n ii'äuna 
mear g-dixt; ma liiiam hat-sa-as gamöxt 
träg'n als u.is. Mn la pasiön is herta 
kent urnasar, ombrüm si hat darkont. 
(gge) 's kin is plint. Un si un ala di 
laut hä*m gagl^abat un glya'm ii" haut. 
gge da hat-'s-ar argataust a stria aus 
az velt. 



Da ■ 1 1 au -i hte K i od. 

Dorfe war ein v - 
lein, das eim nufs Feld hh 

2 zu arbeiten, und ßie nahm da 
Rind, das sm hatte, nur so in di r Wiege 
mit sich. Als sie aaf dem Acker war, 
setzte sie die Wii r und i'n .„ 

zu arbeiten, sie ging stets weiter bei 
der Arbeit und sah sich nicht mein- am, 
was das Kind mache. Sobald sie fertig 

orden war, ging sie zurück und sei 
vom Kinde nach. Jedoch der Schrecken, 

den sie erhielt, war gr088, da ihr Kind 
nicht mehr dasselbe war. denn ihr Kind 
war eine.s der schönsten des Dorfes, und 
jene-, das sie in der Wiege vorfand, war 
ein hässliches, es hat ihm nicht einmal 
mein- gleichgesehen; jedoch heimtra 
musste sie es dessenungeachtet. Aber das 
Leid wurde immer grösser, denn sie er- 
kannte (entdeckte . dass d is Kmd blind 
sei. Und sie und alle Leute glaubten 
und glauben noch heute, eine Bexe habe 
es ihr auf dem Felde draussen vertauscht. 



31. a striarats kin. 

Ma hat g gl^abat un gl^abat aö haut 
von an waiba, wo-da is gant tu pötla, 
gge to lasa-'s rörtgian äna ggaril 
epas lezas an haus. A sd epas l's-da 
vörkent in a haus un di laut ggontarn- 
s nö haut; das-sel is gawfst a so: 

In an sunta antanto dar -röasan 
mis 2 ) is gant diza waiba -<n a haus un 
(h)ät-da g-wuntt a waiba pet-an Julian 
km. Se hat gavörst epas, a~we si herta 



31. Bin verhextes Kind. 

Man hat geglaubl und glaub! noch 
heute von einem Weibe, das betteln 

gangen i8t, dass. wenn man es ohne 

Alumnen fortgehen lässt, etwas Übles im 
Hause sich ereigne So etwas kam vor 
in einem Bause, und die Leute erzähl» 

mich heut'': das war 

An einen; Sonata- während de- I ! 

amtes ging dieses Weib in ein Haus und 
fand da ein Weib mit einem kleinenKinde. 

Sic bat um etwas, wie sie stets that; 



1) Die Nummern 30 bis einschliesslich 33, dann die Melodien in IM Kinderiieder 
und -Sprüche) 2, 3, 5, 7, ferner einige Nummern in IV (Meinungen, Brauche and Spi 
venhmke ich dem Luserner Mädchen Josefa Gasperi, einer nahen Verwandten der zn Be- 
ginn der Luserner Geschichten erwähnten Ursula Gasperi, welche den weiten 

Anteil an dem Zustandekommen der vorliegenden Sammlung hat. Einige Sprüi 
besonders No. 2(55 der Abteilung IV vermittelte mir jenkommender V 

Oberlehrer an der deutschen Staats-Volksschule in Trient, Namens Matthäus Nicolussi aus 
lius&n, welcher einst dem unvergesslichen Dr. [gn. Zingerie als junger Schüler bei An- 
fertigung des Lus. Wörterbuches behilflich war. Eine Lehrerin in DeutechtiroL Mana 
Gasperi, Schwester der Ursula, hat für die Abteilung IV auch dankenswerte Beiträge 
geliefert. 

2) grg'asa mis = gesungene Messe, auch Amt oder Hochamt genannt 



._,,,, 



Bacher: 



bat gatant; ma 's waibj hät-ar ni\t 

ombröm saüw swlgam 

swfg arlaüt bä'm vörtgahat ala di -liisl- 

ilar 1 . Bal-sa-'a ar hat köl disarn, i's-sa 

ganl 7.on\ ' un is gant mürmlan > aus pa tür. 

Vort as-> i- g'??t hat a^-lirft to 
,sräiga 's kin un to ridla sa au s 
wöata. D' arm müatar hat-s- pr^pio 
gas§gg Inail-. si is nemear gawest gÄat 
t<> swoaga-'s In. Si bat-sa provart aL 3 ), 
ma als hat n i v t g 'helft. 

's kin is dena an a pär täga gastorbat, 
an si hä'ra ge't di sult an waiba un kö'n, 
ä >\< :t a stria. 

Un dnpo äs-da is gasegat d^rsel ggäso, 
we-s-> ;'iiuia kemat hündart vert af-an tag?, 
ab di hündart vert göbatn-s'-ar, bäs-sa 
vörst, umbriim im-ii andarn nimp-'s-an 
niamat aus von köpf, ke : s kin is gastorbat 
pegn dar stria. 



allein das Weib konnte ihr nichts geben, 
weil ihre Schwiegereltern alle Schlüssel 
fort hatten. Als sie es dieser sagte, 
wurde sie zornig und ging murmelnd 
zur Thiir hinaus. 

Als sie fort war, fing das Kind an zu 
schreien und sich zu winden vor Schmer- 
zen. Die arme Mutter wusste sich gar 
nicht zu helfen, sie war nicht mehr im- 
stande, das Kind zu beruhigen. Sie ver- 
suchte alles, alter alles half nichts. 

Das Kind starb dann in ein paarTagen, 
und sie gaben die Schuld dem Weibe 
und sagen, es sei eine Hexe gewesen. 

Und seit diesem Vorfalle, wenn sie 
auch hundertmal im Tage käme, aile 
hundertmal gäben sie ihr, was sie ver- 
langt, denn ihnen redet es niemand aus, 
dass das Kind wegen der Hexe gestorben 
sei. 



32. Di pöa(d)n d^ggän;. 

Dar daggäno vö Leva is gant an an 
str^ax tu vena an daggäno vö Persan. 
St/m bä'm-sa garedat von wetar, un dar 
daggäno vö Leva hat köt, d'-ar is gdat 
to maxa herkeiuan a säüla wetar un 
darsei vii Persan hat köt, gge er, äs-ar 
bil, is-ar guat tu mäxa-'s saurn als an 
sain hol -4 ). D^r d'ggäno vö Leva hat-'s 
net gawölt glpa'm un is gant hüam. Dar 
daggäno vö Persn 6 ) hat köt dena ggan 
mesnar: „Sau 6 ), das earst wölkanla, 
bo-du sl'st, ai-mar to rtiava subito!" 



32. Die beiden Dekane. 

Der Dekan von Leviko ging einmal 
den Dekan von Pergine zu besuchen. 
Dort redeten sie vom Wetter, und der 
Dekan von Leviko sagte, er sei imstande 
ein schreckliches Gewitter heranziehen zu 
machen, und jener von Pergine sagte, er, 
wenn er wolle, sei imstande, den ganzen 
Bagel in seinen Hof (Platz vor dem Hause) 
kommen zu machen. Der Dekan von 
Leviko wollte es nicht glauben und ging 
heim. Der Dekan von Pergine sagte dann 
zum Mesner (Küster): „Schau, sobald du 
das erste Wölklein siehst, komm, mich zu 
rufen sogleich!" 



1) Das Weib konnte also die Kästen und Truhen, worin die Speisevorräte verwahrt 
waren, nicht öffnen, um davon der Bettlerin etwas zu geben. 

2 Der Ausdruck: 's kin ridlt-sa äu vo wiata, oder: dar w.'ata ridlt-'s au 's 
kin wird besonders von den Erscheinungen der Krampfanfälle bei Kindern und Erwachsenen 
gebraucht . 

:; Diese Redensart wird stets so, also mit Auslassung des Hauptwortes gebraucht in 
der Bedeutung alle Mittel, oder alles anwenden. Ähnlich ist auch: i hän-ar provärt 
ganoa = ich genug ausgehalten, zu erdulden, zu ertragen gehabt. 

4 d. h. i r si i imstande v.n bewirken, dass der Hagel nur auf den Platz beim Pfarr- 
hause niederfalle und nicht die umliegenden Felder verheere. 

ut Persan hört man häutiger Pers mi, wobei dann das e gedehnt klingt. 

6 Mit dem Worte „sau" beginnt ■wieder einmal ein eigentümlicher Satzbau, wie solche 
in anderer Form schon mehrfach in den bisher mitgeteilten Sprachproben (Geschichten) 

kommen sind. 



Von dem deutschen < !r< n. 






Kur/' zail iIh|iu is gant dar ra^snar 
to ruava-'n-'ii. ombrura 's hat Sgah^fl 
zo g ahilba-s >. I).i!' il ggano is gant az 
v£nstar pet-'n libar in il > liäni an h ;it 
n iiiniu a saüla wetar. Aldra 
h;it-ar- mi limg legg di stdla im (h)at 
eft zu waiga 's wetar. A f^rza tu 
waiga hät-ar g swizt as wia an (Ja. Dar 
säur is kent, 's hat parfrt, gge-da bil 
valn di weit, an bal-'s n8-hat-g'hät g>- 
lat. hat ar gasikt »n ra^snar /.' s^ga, bo- 
da is g 'v;ili dar säur. 

Dar m$snar hat u \ unl i n säur aln 
mi hof, un drin at di mit an daggano wo 
Leva i'»ai. 



Kurze Zeit darnach ging di r Küster, ihn 
zu rufen, denn es hatte begonnen wolkig 
zu werden sich, zu umwölken Der Dekan 
ging zum Fenster mit dem Buche in der 

Hand und sah in \ schreckliches 

Wetter. Da legte er die Stola am und Bng 
an /.u segnen das Wetter. Vor lauter 

nen schwitzte er wie ein Ei Der Hagel 
kam. es Bchien, als wolle das Weltall 
stürzen, und als es nachgelassen hatte, 
schickte er dm Küster, am nachzusehen, 
wohin der Ilaurl gefallen sei. 

Der Küster fand den ganzen Hagel im 
Platze, und inmitti n di n I >ekan 

von Leviko tot. 



33. Sambinelo. 

in an täga is-da gawest dik dar n§bl. 
A v. ail" is gant nä holz an sei täga in 
an d- Li jamaüwalt). Üi laut 

hä'm-'s-an köt vör-'s is gant, as-'s net 
haut is-da dar nebl an da earda 
un mä's glan zu vorlur. Ma is hat m'a- 
mat ausgalüsant un is gant als aas. In 
as-'s is g'est mi walt. hat-'s-'ii gamaxt 
's holz un dena hat -'s anganump di 

Als a -iniii' hat- ._ mänla 

_ rüstat ruat rora im n. bö-d'-an hat 

.\t muKi as-s'-an nagea iman. 's 
waibla is-an herta nSgant un 's mänla 
anv^za tu vüara-'s g*rada, bat-s'-as ga- 
vüart herta tiavar in pa walt, fin-as-da 
's waiba hat nemear gawist, bö-'s-is, 
un a so hat s'-as limargavtiart vlaron- 
zw^anzak ürn herta pet-dar jgarg äf-an 
ruggn. 

In täga darna sain gant di laut zo 
Büaxa-'s, un hä'm-'s gavuntat in ._ 
trögla von Predsöndo (an ggamaüwalt 
herta pet-dar ggarga afn ruggn. 

Alöra hat s'-an ggontart il g 
un di laut hä'm köt: 

..Ja alora pist-du gawest in d<> trit 

von sambinelo." 



33. (Irr nebel. 

Eines Tages war dichter Nebel. Ein 
Weib ging denselben Tag am Holz hinein 
in die Löcher < remeindewald I lii Leute 
hatten sie gewarnt vor ihrem Weggehen, 
sie solle nicht gehen, heute krieche der 
Nebel auf der Knie, and sie könne sieh 
verirren. Allem es das Weib horchte auf 
niemand und ging dennoch. Als es drinnen 
war im Walde, sammelte sie das Holz und 
nahm dann die Bürde auf (dieSchulti 

Auf einmal sah es ein Männlein, rot 
angezogen, vor sich, welches ihr winkte. 
da-- ne ihm nachgehe. Das Weiblein s 
ihm immerfort nach, und das Männlein, 
anstatt sie direkt zu führen, führte 
immer tiefer in den Wald hinein, bis 
Weih nicht mehr WU8Ste, WO es Bei, und 
so führt« ierundzwanzig Stunden 

immer mit der Bürde auf dein Kücken 
herum. 

- darauf gingen die Leute, i 
suchen, und fanden es drinnen bei den 
Tröglein von Predsöndo (im < remeinde- 
wald immerfort mit der Bürde auf dem 
Rück' 

Nun erzählte sie ihnen dt'U Kall, und 

die Leute sagten: 

„Ja dann bist du in den Tritten von 
Sambinelo gewesen." 



Vor a vüxza sexza jär is gasegat a Vor fünfzehn, sechzehn Jahrenge 

so „i an man ö vö Lusem. Darsei is so auch einem Manne aus Lusern. Der- 



296 Schell: 

; . i i- arm \<>k. D<?rse] ie gant m Belbe war der verstorbene Nok. Dieser 

11 (1 Fratn von Ggamp ?nä swäm. Da- ging in die Pratn dos Camp hinein um 

liuaiii lia'm-s'-ii g'pu-t äbas, ma dar I'ilze. Daheim erwarteten sie ihn abends, 

is oiraar g^rlfl häam. Saina laut hä'm allein er kam nimmer heim. Seine Leute 

pensärt, gge dar bart in-sain-g keari dachten (dann), er werde etwa irgendwo 

^par-af-ana sait. In tä dypo is-ar widar eingekehrt sein. Am folgenden Tage kam 

ni\t kent un aliua h;Vm-s> ^'ina\t laiitn er noch nicht, und dann Hess man alle 

al< di ggloggn zöa-as-da glan vil laut Glocken lauten, auf dass viele Leute 

zo BÜaxa-'n-an. gehen, ihn zu suchen. 

S< hä'm-an g*vunt-<t äu »n Gaso Sie landen ihn droben im Gaso nahe 

namp-»n-ar hülbs aln ansemanirl. On an einer Pfütze ganz verwirrt. Und die- 

d^sel liülb/ tragg nö haut »n näm: „di selbe Pfütze trägt noch heute den Namen: 

hülb=» von Nok", on d> laut kü'n, gge „Die Hülbe von Nok' ; , und die Leute 

d<>rsel ii is gawest ?n da trit vö sam- sagen, derselbe sei auch in den Tritten 

binelo. von Sombinelo gewesen. 

Unterfennberg bei Margreid (Sudtirol). 

(Fortsetzung folgt.) 



Zwei alte Gerichtsstätten in den Rheinlanden. 1 ; 

Von 0. Schell. 
(Mit Tafel IV.) 



1. Remlingrade im Bergischen. 

Unweit des Kir%hdorfes Remlingrade, an einem Kreuzwege, erhebt 
sich eine alte Linde, im Volksmunde „Vehmlinde" genannt. Eine genauere 
Untersuchung des Baunies ergiebt, dass es eigentlich nur ein starker Ast 
ist, der aus einem im Boden fast verborgenen, knorrigen Stammende all- 
jährlich neues Leben treibt. 

Nach dem Remlingrader Weistum (Hofesrolle), welches Herr Woeste 
im 9. Bande der Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins. (S. 39 ff.) 
veröffentlicht hat, kann es keinem Zweifel unterliegen, dass Wir unter 
dieser Linde die alte Dingstätte dieser Gegend, welch erstere dank der 
Pietät der dortigen Bevölkerung erhalten blieb, zu suchen haben. Der 
Name „Vehmlinde" giebt nur eine festere Unterlage für diese Auffassung^ 
denn dieselbe Bezeichnung kommt bei Wildberg vor. Beide Orte liegen 
aber hart an der Grenze von Westfalen, dem klassischen Boden der Vehme, 
so dass. eine Übertragung dieses Namens leicht möglich war, namentlich 
in einer Zeit, in welcher die alten Rechtsinstitutionen den Lebenden fremd 
geworden waren. 



1 Man vergleiche S. 47 ff. dieses Bandes der Zeitschrift. 



Zwei alte < ■• : ich! jsl Lttet it 

Die betreffende Stelle im Remlingrader Weistum hal folgenden Wort- 
laut: „Werl sacke, dal eimand dat liff verbori bette, den Bai men Deinen 
v 1 1 . 1 foren an dat craitze vnder die linde \ n< 1 richten dan darouer, wai 
recht is, dan van der linden mir an di vnd doin eme dair syn recht." 

Wir begegnen also in Remlingrade wie in Kyllburg (diese Zeitschrift, 
Band XI. S. 48) einem Kreuze unter der Gerichtslinde, wodurch mau 
offenbar die Heiligkeit des Ortes erhöhen wollte, was im Hinblick auf das 
Recht des dortigen Hofesgerichts, Todesurteile zu fällen (dat liff verborl . 
leicht begreiflich erscheint. 

Der Hof zu Remlingrade gehörte demselben Weistum zufolge zu den 
äusserst seltenen Freihöfen des ehemaligeu bergischen Landes, «Imm ■■- 
lautet dort: „duse vorss. hoff is so fry, wert sacke dal eymand dat liil 

rerbort bedde vnd quei ff disen hoff, die is yar vnd dach fry, vnd wan 

rar vnd dach vmbe wer vnd queme dan ses schride van der fryet, vnd 
weider angefangen oder gebunden off den hoff oder fryet, so Bai he] ouer 
yar vnd dach fry syn." 

2. Wildberg im Bergischen. 

Harr an der ehemaligen Grenze von Berg and .Mark, wo sich nun 
Rheinland und Westfalen scheiden, wo sich die Wasserscheide zwischen 
&ieg und Ruhr hinzieht, liegt das alte Wildberg, eins! Woleberg oder 
[Wolberg genannt. Sehr alte Silbergruben befinden sich dort, welche auch 
heute noch reiche Erträge bringen. Hier ist die älteste Münzstätte des 
Bergischen Landes zu suchen, welche aber Graf Adolf im Jahre 1275 mit 
Genehmigung König Rudolfs in «las befestigte Wipperfürth verlegte. W ild- 
berg ist demnach eine der ältesten Siedelungsstätten der einstigen Graf- 
schaft Berg in dem Ins zur Gegenwart herab wenig erschlossenen Hinter- 
lande desselben. Dort muss schon früh, durch die oben angedeuteten 
umstände dringend geboten, ein Gericht (wahrscheinlich mit weitgehenden 
Befugnissen) eingesetzt worden sein. 

Auf einer Anhöhe bei Wildberg liegt an einem kleinen Waldvorsprung 
der sogen. Fronberg, ein seil Jahren im Rückgange begriffenes Gehöft, 
an dem auch verschiedene Sagen haften. Nur wenige Schritte von diesem 
feehöfte entfernt, am Waldrande, von wo aus man die ganze Umgegend 
überschauen kann, steht eine mach- im Umfang haltende Linde, 

in der ganzen Umgegend unter dem Namen „Vehmlinde" bekannt. Diese 
Linde ist noeli anscheinend von einer gemauerten, fast kreisförmigen Er- 
höhung umgeben, welche aber heute von Strauchwerk und Rasen uber- 
deckr ist. 

Dass auch diese Linde den Namen „Vehmlinde" trägt, kann nach den 
Ausführungen über die Gerichtslinde von Remlingrade leicht erklärt weiden. 
Vielleicht tragen aber (man vergleiche die obigen Mitteilungen übel Rem! 









rade), nur Bolche Gerichtslinden diesen Namen, unter denen auch üb« 
Leib und Leben gerichtet wurde. Leider ist eine zu geringe Anzahl 
all.-r Dingstätten heute nachweisbar, um solche Schlüsse mit Sicherheit 
ziehen zu können. 

Elberfeld. 



Zu dem Volksliede 
von der Tochter des Kommandanten zu Grosswardein. 

Aon Karl Reissenberger. 



Das Volkslied von der Tochter des Kommandanten zu Grosswardein, 
das durch „Des Knaben Wunderhorn" (I, 64, 1806) unter dem Titel „Die 
Eile der Zeit in Gott" zur allgemeinen Kenntnis gebracht wurde, ist uns 
auch in anderen Fassungen bekannt geworden, die Bolte in der Zeitschrift für 
deutsches Altertum 34, 18. 36, 95 übersichtlich zusammengestellt hat. Einen 
Nachtrag brachte er in dem zweiten Baude der von ihm herausgegebenen 
Kleineren Schriften Reinhold Köhlers 1 ) S. 226. Doch kommen zu den von 
ihm gebotenen Belegen noch zwei Versionen aus dem siebenbürgischea 
Sachsenlande, die von A. Schullerus in dem Korrespondenzblatt des Verein! 
für siebenbürgische Landeskunde XVI. S. 129 f. und XIX, S. 120 f. mit- 
geteilt wurden. Das von Stöber (Sagen des Elsasses S. 23) und nachher 
von anderen citierte Gedicht von A. Nodnagel (Sieben Bücher deutscher 
Sagen und Legenden, Darmstadt 1839, S. 132 f.) wird von Bolte erwähnt, 
alier mit der Bemerkung, er habe es nicht gesehen. Ich habe es gelesen, 
jedoch die Überzeugung gewonnen, dass es gar nicht in diese Zusammen- 
stellung gehört, da es eine freie Gestaltung des Stoffes durch Nodnagel ist. 
Über das Verhältnis der volkstümlich überlieferten Fassungen unseres 
Liedes zu einander soll hier weiter nicht gehandelt werden, wohl aber 
über die Herkunft i\es in denselben enthaltenen Stoffes. 

In seinem Buche über die Siebenschläferlegende (Leipzig 1883) S. 40 ff. 
hat .1. Koch unter Berufung auf Stöber a. a. 0. und Hertz (Deutsche Sage 
im Elsass S. 263 ff.) das Lied in den weiteren Kreis dieser Art von Legenden 
einbezogen und im besonderen neben C. W. Müllers „Der Mönch von 
Eeisterbach" gesetzt. An letztere Dichtung erinnert bei unserem Volks- 
liede auch R. Boxberger in seiner Ausgabe von „Des Knaben Wunderhorni 
(I, 166fl*. der Eempelschen Bibliothek) und Gustav Heinrich (Ung. Kevue 
1886. S. 818ff.). Für ..sehr ähnlich" der mittelhochdeutschen Legende von 



1 Vgl. meine Besprechung in der Zeitschrift für das .Realschurwesen XXVI, S. 35811, 



Zu dem Volksliede von der Tochter des Kommandanten. 299 

dem Mönche Felix erklärt W. Grimm gelegentlich des Abdruckes derselben 
aus der Gothaer Handschrift (Altd. Wälder II. 8. 71 f .las Lied von der 
Tochter des Kommandanten zu Grosswardein and ebenso bringt Franz 
Pfeiffer in den Münchener gelehrten Anzeigen L851, 8. 735 ff. dieses Volks- 
lied mit dem mittelhochdeutschen Felix in Verbindung. Während alle 
Vorhergehenden 'las Volkslied von der Tochter des Kommandanten zu 
Grosswardein ohne weitere Beschränkung zu jenen l berlieferungen in 
Verwandtschaft setzen, denen stofflich „Der Mönch von Heisterbach" oder, 
was dasselbe besagt, die mittelhochdeutsche Legende von 'lern Mönche 
Felix (vgl. auch v. d. Hagen, Gesamtabenteuer III. 613ff.) angehört, sieht 
Bolte (Ztschr. f. d. Altertum 34, 28 ff.) in anserem Volksliede eineVariante 
einer in der Volkspoesie Deutschlands, Hollands, Skandinaviens häufig 
behandelten Legende, die man etwa die Entführung einer heidnischen 
Jungfrau durch Christus nennen könnte and deren verschiedene Gestaltungen 
Bolte in drei Gruppen teilt: A) den Blümelmacher, P>) die Sultanstochter, 
1 die Tochter des Kommandanten zu Grosswardein. Allerdings lenkt 
auch noch Bolte der /.weite Teil des Liedes in die Legende von dem 
Brutler Felix über. ..Als Theresia (die Tochter des Kommandanten^ nach 
zwei Stunden heimkehrt, erkennt sie niemand in der Stadt, denn inzwischen 
sind 120 Jahre vergangen, man schlägt in alten Chroniken nach und bringt 
ihr Speise, sie aber verlangt nach dein Sakrament und verscheidet, nach- 
dem sie es erhalten." Bei Erk-Böhme, Deutscher Liederhort III. s. si:;iV. 
steht das Volkslied von der Tochter des Kommandanten zu Grosswardein 
zwar auch unmittelbar hinter den Fassungen des „Blümelmachers" und der 
„Sultanstochter", aber eine Ansicht über die Herkunft und Zugehörigkeif 
unseres Volksliedes ist dort nicht ausgesprochen. 

.Mich dünkt, dass unser Volkslied auch in seinem ersten Teile aus der 
Legende von dem Bruder Felix stammt und nicht aus der von dem Blümel- 
macher herzuleiten ist. Daran!' weisen Bchon die Unterschiede zwischen 
der letzteren und «lern Volksliede von der Tochter des Kommandanten. 
Wie Bolte selber hervorhebt, verlegen die im Bänkelsängertone gehaltenen 
Reimereien der Gruppe C die Handlung auf christliches Gebiel und 
übergehen demgemäss die Sehnsuchf der Jungfrau nach dem Meister der 
Blumen ganz. Sodann wird die Jungfrau in der Gruppe C nicht in ein 
Kloster oder vor die Himmelspforte geführt, sondern in den freudenreichen 
himmlischen Garten. Was aber in dem Volksliede von >\<-f Tochter des 
Kommandanten zu < rrosswardein Motiven in den hei den anderen Gestaltungen 
ähnlich ist. das kann aus der Mönchslegende und ihren Varianten erklärt 
werden. 

Bevor ich dies weiter ausführe, halte ich es für notwendig, die Über- 
lieferungen, in deren Kreis die Felixlegende gehört (nach Bolte, Köhlers 
Kleinere Schriften II, S. 239 ..von dem verzückten .Mönche, den ein \ 
ius Paradies leitet") näher ins Auge zu fassen und wenigstens im all- 



ReisseDberger: 

gemeinen 1 ) zu gruppieren, lS<i solcher Sichtung ergebeD sich mir zwei 
Gruppen: die eine wird durch die Felixlegende selbst, die andere durch 
die von Schwarzer in der Ztschr. f. d. Philol. NIM. S. 338 f. mitgeteilte lat. 
„Visionslegende" *) vertreten. Obwohl nun die letztere uns in einer Hand- 
schrift aus dem L3. Jahrhundert erhalten ist, das mittelhochdeutsche Gedicht 
erst in Handschriften des IL and L 5. Jahrhunderts, und obwohl wir dieses 
Beiner Entstehung nach nicht vor die zweite Hälfte '\f<, 13. Jahrhunderts 
setzen können, so ist die Gestalt der Sage, wie sie in der Felixlegende 
vorliegt, entschieden altertümlicher und orsprünglicher als in der Visions- 
ade. Die Felixlegende steht zweifellos der Urform näher, aus der 
beide Fassungen geflossen sein müssen. In der Felixlegende ist auch die 
Mönchslegende konsequent durchgeführt. Der über die himmlische Selig- 
keit nachgrübelnde Mönch wird durch den süssen Gesang- eines Vögleins 
verleitet, ihm zu folgen. Durch die wonnevollen Töne glaubt er sich der 
Erde entrückt (110 ff. er hete gesworn, daz das himelisch paradis waere 
da in allen wis). Darüber vergehen hundert Jahre, während er nur wenige 
Stunden verflossen nieint. Er kehrt zum Kloster zurück, man kennt ihn 
jedoch dort nicht, und erst durch die Auskunft eines alten siechen Mönches 
and das Totenbuch des Klosters wird festgestellt, dass er der vor hundert 
Jahren verschwundene Mönch Felix sei. In der Visionslegende ist dieser 
Stoff umgestaltet und erweitert. An die Stelle des Mönches ist ein gottes- 
förchtiger, keuscher Herzogssohn getreten. Dieser wird von seinen Eltern 
genötigt, sich zu verheiraten. Alles ist zur Hochzeit bereit. Vorher reitet 
der fromme Jüngling zu einer Kirche, um zu beten. Auf dem Rückwege 
trifft er einen Engel in Gestalt eines Greises auf einem weissen Maultier, 
den er zu seiner Hochzeit einladet. Der Gast erscheint, ersucht jedoch 
den jungen Mann bei seinem Scheiden, nach drei Tagen den Besuch zu 
erwidern. Auf dem beigestellten Maultiere gelangt sodann der Jüngling 
in das Land der Seligen, das mit den lebhaftesten Farben geschildert wird. 
Er glaubt sich drei Stunden verweilt zu haben, statt deren sind dreihundert 
Jahre vergangen, als er heimkehrt. Unterdes ist aus dem Schlosse ein 
Kloster geworden, das seine Eltern schmerzerfüllt über sein Verschwinden 
gegründet haben. Der Abt, hocherfreut über die wunderbare Rückkehr 
des verloren Geglaubten, lässt ein Mahl anrichten, doch der Herzog altert 
und stirbt, sobald er irdische Speise berührt. 

Den hier in allgemeinen Zügen skizzierten Inhalt der Visionslegende 
geben später einige Varianten mit mehr oder weniger grossen Abweichungen 
wieder: eine mitteldeutsche Fassung, die 1811 Vulpius in seinen Kuriosi- 



1) Genaueres hoffe ich in einer Specialuntersuchung über das Gedicht von dem 
Mönche Felix zu geben. 

2) Ich behalte diesen von Schwarzer eingeführten Titel der Kürze halber bei, obwohl 
ich soust dem von Köhler, Ztschr. f. d. Philol. XIV, S. 96 ff. gebrauchten Titel ^Legende 
vom italienischen jungen Herzog im Paradiese" den Vorzug geben möchte. 



Zu dem Volksliede von der Tochter de Kommandanten. ;;m| 

täten, 1. s. 179 — 189 in lerriisierter Sprache und mit manchen kleinen 

Auslassungen und jüngst Bolte in Köhlers Kleineren Schriften II. S. 228f. 
korrekt und vollständig herausgegeben hat, eine lat. Legende, die Mustaüa 
in den Wiener Sitzungsberichten, Bd. 48 skizziert hat, die Geschichte von 
der Hochzeit des LOringue in Korners Chronik, das schweizerische Märchen 
Ni». 1.") bei Sutermeister und das kärntnische ..Der KönigBsohn im Paradiese" 
in der Catinthia (1866, S. 48f.) 3 sowie das tschechische Lied von Theophilus 
bei Peifalik (Wiener Sitzungsberichte, Bd. 39). Di«' X u ^; 1 1 1 1 1 n • • 1 1 •_ • • 1 1 < ■ r- i ir In « ■ i t 
aller dieser Versionen 1 ) und ihr Verhältnis zur Visionslegende hal bereits 
Eteinhold Köhler in der Zeitschr. 1'. deutsche Philologie XIV. 8. 96f. 8 ) mit 
<len Worten festgestellt: „Es sind dies alles verschiedene Passungen einer 
und derselben Legende, die man bezeichnen kann als dir Legende von 
dem jungen Herren oder Pursten, bei dessen Hochzeil ein Enge] gegen« 
wärtig ist und der bald nach seiner Hochzeit den Engel im Paradiese 
besucht und dort nur Stunden verweilt zn haben glaubt, in der r li.it aber 
Jahrhunderte verweilt hat und bei seiner Rückkehr an der Stelle Beines 
Schlosses ein von seinen Hinterbliebenen gegründetes Kloster findek"*) 

Aus der mündlich fortgepflanzten und vielfach geänderten Überlieferung 
■dieses Stoffes ist. wie ich glaube, auch hervorgegangen, was nicht bloss 
den zweiten, sondern auch den ersten Teil des Volksliedes von der Tochter 
des Kommandanten zu Grosswardein ausmacht. Ks ist wohl einer der 
letzten Ausläufer der Visionslegende, den wir da vor uns haben. Ans dem 
verlorenen Bräutigam ist in der Überlieferung und Dichtung des Volkes 
eine verlorene Braut geworden, an deren Seite der weltliche Bräutigam 4 ) 
ganz selbstverständlich ist. Aber auch «ler Umstand braucht uns nicht zu 
wundern, dass einer Jungfrau gegenüber der himmlische Freund oder 
Gefährte zu einem Bräutigam wird, der zur Besiegelung der Verlobung 
ihr ein Ringlein giebt und von ihr Kosen empfangt. Das entwickelt sieh 
alles ganz konsequent. Der huhe Stand wie die grosse Frömmigkeit der 
Hauptperson ist wie in der Visionslegende, ebenso sind die Motive 
blieben, dass sieh jene infolge ihrer Religiosität Bchwer zur Ehe versteht; 
von den Eltern dazu gedrängt wird und sich nach einer überirdischen 
Person sehnt. Dass diese in unserem Volksliede Jesus ist wie in den 
Versionen vom Blümelmacher und von der Sultanstoohter, weist nicht 

1) Zu welchen Bolte (Köhlers Kl. Sein-. II. S. 225) Doch ein Märchen aus M&hren 
bei Vernaleken, Osten-. Kinder- und Haosmärchen, No. oO, Anm. hinzufügt, 

2) Nun auch Kl. Sehr. II, S. 225. 

3) Leider hat R. Köhler die hier versprochene Monographie über diesen Gegenstand 
nicht mehr geliefert. Doch hat Bolte bei dem Wiederabdrucke der oben genannton Ab- 
handlung einige Ergänzungen gebracht, für die wir ihm sehr dankbar sein müssen. 

4) Der weltliche Bräutigam, welcher von den Eltern der Jungfrau aufgedrängt wird, 
fehlt übrigens sonst in der Gruppe A und B und findet sich nur in der fnzigkofener 
Fassung. Diese, aus dem Ende des 15. Jahrhunderts überliefert, aber nach Bolte erheblich 
früher entstanden, stellt die älteste Gestalt der Legende von dem Blümelmacher dar. 

21 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1901. 



302 Reissenberger: 

notwendig auf diese Dichtungen als Quelle hin. Entführt doch in der 
[nzigkofener Legende, also der ältesten Fassung des Blümelmacher, auch 
nicht Jesus, Bondern ein Engel die Jungfrau. Und so kann denn auch. 
bei dein Übergänge von dem Stoffe der Visionslegende zu dem des Volks- 
liedes aus dem Engel Jesus geworden sein. Dass die Braut, um ihr Herz 
zu erleichtern, ins Freie, in den Harten geht, dort Jesuin anruft und mit 
ihm zusammenkommt, ist in der Visionslegende und ihren Varianten auch 
bereits vorgebildet. Hier begiebt sich der Jüngling heimlich von der 
Eochzeit hinweg zu einer Kirche, die am Fusse des Berges liegt, um dort 
zu beten. Bei dieser Gelegenheit trifft er mit dem Engel zusammen. 
Deutlicher treten die Beziehungen des Volksliedes zu der Visionslegende 
jedoch darin hervor, dass die Braut von dem Bräutigam in den himmlischen 
Garten geführt wird, der von Blumen und Früchten, von Musik und Gesang 
erfüllt ist, und in welchem silberweisse Bächlein klar und rein fliessen. 
Dadurch wird man lebhaft an die Schilderungen erinnert, wie sie in der 
Visionslegende und in deren Varianten gegeben werden. In der Visions- 
legende heisst es (Zeitschr. f. d. Philol. XIII, S. 342) von dem Herzogs- 
sohne unter No. 10: „Superatis angustiis venitur ad planiora, pulchris 
pulchriora succedunt et postremo pulcherrima terra se offert, cui nunquam 
ille similem conspexisset. Aer lenis et lucidus, campi lati planique pre 
oculis omnes illi spectandi prebuere delicias. Lilia rose violeque per campos, 
sed et onmis florum nobilitas solum obtexerat et tanquam purpura distincta 
eoloribus pulcra varietate vernabat. Arbores hinc florifere illinc pomifere 
spargebantur diverse generibus statuque diverse, ut sui decoris plenitudinem 
ostentarent et terre de suo nichil aufferrent. Aves in arboribus rare speciebus 
et vocibus clare. auditu visuque amabiles, uullam ignobilium ac quicquid 
est corvini generis admittentes, sed lete ac mansuete omnes, siquidem 
maledictio spinarum et veprium ibi non est, tribulus, Urtica, cardus aut 
cicuta non apparet, omne postremo arborum vel herbarum genus ignobile 
ibi non germinat, nil denique nisi quod tactu, quod olfactu, quod visu 
similiter et usu complaceat." In der md. Legende (Kl. Sehr. II, S. 232) 
wird erzählt: „Vnd als balde do quam er vff eyn wiet schön feit, des er keyn 
ende gesehin konde; vnde da was sulcher grossser lust, das er nicht anders 
wolt wenen, dan es were das paradiss. Da waren schone beürae myt allirley 
Busssen vnd edelu fruchten. Etliche hatten ire czittigen fruchte, etliche 
stunden yn der bluth. Da was eyn liplicher boden myt gras vnd myt 
blumen alles von edelm geroche. Da waren schone vnde luter flussse, 
dar vss BCheyn das golt vnd allirley edelgesteyne. Do was dye sussest 
melodye von allirley fogel gesang, als ab es engel weren. Da was sulcher 
grossser lust vnde freude, das es keyn totlicher mensch nort gedencken 
mocht. das der jungeinig meynete, das nichtes lustigers noch freydenrichers 
geseyn mocht yn hymel vnd vff erden." In der von Mussafia skizzierten 
Erzählung der Wiener Hofbibliothek kommt der Jüngling „in eine wunder- 



Zu dem Volkslied« tob der rochter d< Kommandanten. 303 

liebliche Gegend". Die Luft ist hell und milde, lachende Fluren, blumige 
Wiesen, Bäume mit Blüten und Früchten empfangen ihn, überall Dufl and 
Glanz. Die Vögel begrüssen mit süssem Gesänge seine Ankunft. Körners 
Erzählung von der Hochzeit des Loringus (Germ. IX 5. 267) erwähnt nur 
ene wunnelike wise. Aber in dem kärntnischen Märchen gelangt der junge 
König nacheinander in drei Gärten, die Leute sind alle freundlich gegen 
ihn und geben ihm Obst und Blumen. Und in drm schweizerischen Märchen 
in.; Sutermeister S. .">!• stehen der junge Herzog und sein Begleiter mit 
einem .Mali' auf einer grünen Heidr. welche ganz mit Rosen und Rosmarin 
bewachsen ist. und die Luft ist allenthalben voll Balsamduft. 

In dem Volksliode von dm- Tochter des Kommandanten zu Grosswardein 
fordert Jesus die Braut nach einigem Verweilen in Beinern himmlischen 
Garten auf, min zurückzukehren: „Meinen Garten habt Ihr nun beschaut; 
icdi will Euch geben das Geleit in Euer Land, es ist nun Zeit." Ähnlich 
lautet es in der md. Legende (Kl. Sehr. II. S. 235): ..Nu. über bruder, 
du hast eyns teyls gesehin, das dyn hercz begert hat. Szo ist es im 
czit; das du von hynnenn scheiden salt; dan du magst auch zu disssen 
cziten nicht bey uns bleibin." Bei Korner ruft der himmlisch»' Freund 
Loringus zu: „de tid is dat du seist, wo id to hüs Behauen is". und auch in 
dem kärntnischen Märchen wird der Jüngling darangemahnt, daes er heim- 
kehren solle. 

Näher der Visionslegende und ihren Varianten, als der bisher be- 
sprochen«' Teil do> Volksliedes, steht dessen /.weiter, wie das Bohon oben 
angedeutet wurde. Die Veränderungen, die mit den Örtlichkeiten vor- 
gegangen sind, fehlen allerdings im Liede. Die Braut kommt heimkehrend 
vor die Stadt und hegehrt, als Tochter des Kommandanten. Linlass. Der 
habe keine Tochter, wird ihr erwidert. Doch wird an ihrer Kleidung ihr 
hoher Stand erkannt, und sie wird vor die Herren der Stadt geführt, aus 
der sie vor zwei Stunden gegangen zu sein behauptet. „Die alte Schritt" 
bringt auch hier, wie schon in der Felixlegende und in den meisten anderen 
Fassungen dieses Stoffes, die Lösung. Die Jungfrau ist unverändert, doch 
bei der Berührung irdischer Speise naht der Tod, und sie empfängt aber 
ihr Verlangen noch das Sakrament wie in der Visionslegende. 

Was den zweiten Teil des Liedes betrifft, so kann demnach kein 
Zweifel sein, dass dieser auf die Visionslegende und ihren Variantenkreis 
zurückgeht. Aber auch der erste lässt sich daraus herleiten, wie ich 
meine, ohne dass es nötig wäre, zwei nach ihrer Herkunft verschiedene 
Bestandteile des Volksliedes anzunehmen. Allerdings sind die Verände- 
rungen, welche der erste Teil erfahren hat. grösser als die des zweiten. 
Aber welche A r erdunkelungen und Verstümmelungen, Erweiterungen und 
anderweitigen Umgestaltungen nehmen wir sonst in dm, Überlieferungen 
wahr, die sich im .Munde des Volkes von Geschlecht zu Geschlecht, von 
Land zu Land fortpflanzen! lud so kann wohl auch das Volkslied von 

21 



304 Feüberg; 

der Tochter des Kommandanten au Grrosswardein in seinem ganzen Um- 
fange als Ankömmling ödes, um die ol>en gebrauchte Bezeichnung zu 
wiederholen* ak einer der Letzten Ausläufer der Visionslegende angesehen 

werden. 

Bielitz. Österreich. Schlesien. 



Der böse Blick in nordischer Überlieferung. 

Von Dr. H. F. Feilberg. 1 ) 



Im grossen Reiche <les Aberglaubens kann man einzelne ziemlich wob] 
begrenzte Provinzen, wenn man genauer zusieht, entdecken; eine solche 
ist die. worin das böse Auge oder der böse Blick regiert. Unter Natur- 
völkern nimmt das menschliche Auge einen besonderen Platz ein, wovon 
sich etwas unter uns civilisierten Völkern in den „Resten" wiederfindet. 
die wie Stücke zertrümmerter Gebäude aus der Zeiten Schutt noch immer 
hervorragen. In der mittelalterlichen skandinavischen Überlieferung findet 
man wie anderswo Erzählungen von Menschen, die sich in Tiere ver- 
wandeln und dadurch unkenntlich werden, wenn sie sich nicht durch un- 
menschliches Auge verraten: am Auge wird der Mensch (selbst der Gott) 
in der tierischen Verhüllung erkannt. 

Mit dem Blicke eines Mensehen ist es eine eigene Sache. Etliche 
Menschen sind geistersichtig, sie haben irgendwie diese Fähigkeit erwürben: 
andere, gewöhnliche Menschen sind es nicht, können aber unter besonderen 
Umständen geistersichtig („synske") werden, wenn sie durch ein natürliches 
oder ein künstlich hervorgebrachtes Loch hindurchschauen. Wenn Fuhr- 
mann oder Reiter bei Nacht von geisterhaften Wesen aufgehalten werden 
und nicht aus der Stelle kommen können, gucken Kutscher oder Reiter 
durch das Loch, das durch Zusammenhalten der Ohren eines Pferdes oder 
eines Hundes gebildet wird. Man sieht dadurch, wie durch ein Schlüssel- 
loch in ein verschlossenes Zimmer, in die verborgene AVeit der Geister 
hinein, entdeckt, wer das Pferd aufhält, ob es ein Spukgeist, ein Teufel, 
ein Y\ ichtel i-r. So erkläre ich mir wenigstens die Sache. 

Der Versuch kann auf mannigfache Art variiert werden. Man guckt 
durch die Halfter, das Zaumzeug, das Pferdegebiss, die Halskoppel, das 
Geschirr des Pferdes oder unter dessen Bauch, durchs Loch von einem 
Lederstück aus einem Sarge, durch ein Stück Papier, durch ein Astloch, 

1) Abkürzungen: (D.) Dänemark, (N.) Norwegen, (S.) Schweden. 



D( i b< -• Blick in nordi 

durch eius der Löcher eines Melkstahls, durch «-in Loch an einem Toten- 
kopfe, durch die Kehle eines Wolfes, durch einen natürlich durchlöcherten 
Stein, durch eine Öse von drei Haaren einer Wichtelfran erebildet, durch 
eine Egge, einen Hemdärmel, ein Sieb, durch die Hohn' eines Webstuhles, 
eine Haarlocke, ein Tuch, durch den eigenen Arm oder den eines anderen, 
immer aber durch ein Loch. 

Hierzu kommt noch der Blick aber die rechte oder linke Schulter 
oder durch die Beine hindurch. 

Auf diese Weise wird dem Menschenauge eine magische Kraft ver- 
liehen. So lange mau durchs Loch hineinguckt, schau! mau das verborgene 
Land und Beine Bewohner, wer sie auch sein mögen: mau wird geister- 
sichtig. 

1. Das böse Aul;«' ist von Natur magisch, ist oftmals ohne das Wissen 
oder den Willen des Besitzers giftig, and (so kann es wohl in aller Kürze 
ausgedrückt werden) es verderbt, macht krank, tötet durch sein (übt alles 
was sein Blick troffen mau. 

Im Dänischen hat das Volk verschiedene Ausdrücke für die anheil- 
bringende Wirksamkeit des bösen Auges; ..ar forse" wird wühl am nächsten 
durch „versehen" wiedergegeben werden können; „ildese", „slemse" ist: 
übel "der schlimm ansehen; „overse" entspricht dem englischen „to over- 
loök", übersehen, etwas starr ansehen, so dass mau alle Einzelheiten über- 
sieht.*) Allgemein wird von einem gesagt, er habe „ei ondl öje u , „ei 
ondt öjesyn", d. h. ein Krisen Anne, einen bösen Blick, oder auch «et slemt 
oje", ein schlimmes Auge. Aus dem Schwedischen habe ich mir die Ab- 
drucke angemerkt: „ha skarnsk auga" (Gotland), „ha fiil ögfäl" (Väster- 
botten), und in der schwedischen Reiohssprache: „ha nn.hr - oder „elaka 
ögon" alles dasselbe: böse Augen haben. 

Noch giebi es zwei besondere Ausdrücke: „skagese" ist der eine, er 
lässt sich wohl am leichtesten durch „hurensehen" übertragen, indem mau 
den Blick eines anzüchtigen Weibes als unheilbringend betrachtet hat, 
wenigstens wenn er ein nacktes, neugeborenes Kindlein oder die entblösste 
Brust einer säugenden .Mutter traf. Dot andere ist „uglese", einen wie 
die Eule anblicken, oder ..ulvese--. einen wie ein Wolf anblicken. Beide 
Formen und Deutungen der Dialektwörter sind möglich und lassen Bich 
verteidigen. Ober „ulvese- später; die Eule hat auch betreffend ihren 
tötenden Blick einen hr.sen Ruf. sieh z. B. Gaidoz, Melusine IV. IM aus 
Italien. 

2. Wie verhält es sich nun aber hiermit? Ist also die Wirk im. 
bösen Auges dem Willen des Besitzer- unterworfen oder nicht? 

Ans Italien, dem Lande des mal'occhio, wird von dem verstorbenen 



1) Vgl. verschieren, beswögen, Möllenhoff, Sagen, 560a, Schütz--. Holst. Idiot. IV, 43. 



Feilberg: 

Pabste l'i" Nono erzählt, dasa die lu'iiiicr vom Mittelstand)' den FinHuss 

Beines bösen Blickes tni hohen Grade fürchteten. Die Fremden sind et 

aen, welche Spalier Längs seinem Wege bildeten. Sobald die römischen 

Dam. mi ihn von Ferne entdeckten, eilten sie in Seitengassen oder kehrten 
sieh mn. damit sie nicht seinem l.licke ausgesetzt würden; die Männer 
Buchteten in Bntiken oder Alleen; die Weiher ans der Campagna machten 
knieend das Fioa-Zeichen tinter ihren Schürzen, und die Bewohner der 
ewigen Stadt scheuten gewöhnlich die St. Peters-Kirche an den grossen 
Festtagen. 1 ) Nim kann doch kein vernünftiger Mensch annehmen, dasa 
das Oberhaupt der katholischen Kirche mit Wissen und Willen Böses 
thne und seinem eignen Volke Schaden zufügen wolle, sobald er seine 
Hand über dasselbe segnend ausstrecke. Giebt es böse Menschen, deren 
Gift durch böse Augen ausstrahlt, so giebt es andere, denen ein böses 
Auo-e ein unheilvolles unglückbringendes Vermächtnis ist. dessen Macht 
sie auf keine Weise zu entgehen vermögen, und das ihr Leben unglücklich 
macht. Besser versteht man, dass König Victor Emmanuel bei Solferino 
auf einer Anhöhe gegen die Österreicher das Fica-Zeichen machte oder 
dass Crispi, um nicht durch die bösen Augen der Opposition zu leiden, 
sich mit roten Korallen wappnete. 8 ) Hier ist der Wille zu schaden un- 
zweifelhaft. 

Fs ist nun ganz eigentümlich, dass in nordischer Überlieferung das 
böse Auge öfters als eine unheilvolle Naturgabe, unter welcher der Besitzer 
seufzt, hervortritt. Einige Menschen, so heisst es, haben böse Augen ohne 
es zu wollen. Eine Witwe, Bodil Mikkelsdatter, war deswegen bekannt; 
wenn man mit Brauen beschäftigt war, wo sie hinkam, wurde eilig das 
Bier verhüllt; niemand wurde doch auf sie zornig, sie konnte nicht 
dafür. Anderswo wird erzählt, dass eine Bettlerin, die von einer Bauern- 
frau einen Krug Milch erhielt, dieselbe bat, ein Kreuz über den Krug zu 
machen: „Ich habe, weisst du ja, ein böses Auge!" 3 ) Ähnliches trifft man 
auch in Deutschland an. Strackerjan (Aberglaube aus Oldenburg I, "2t>9. 
210. II, 116. 419) sagt: „Der böse Blick ist nicht immer freiwilliger 
Zauber, sondern mitunter auch eine unselige Eigenschaft guter Menschen. 
Die Hexen aber üben das ,Entseheir oder ,Schiereir absichtlich." Von 
der Insel Man heisst es, dass das böse Auge in gewissen Familien erblich 
sei und dass auch gute und wohlwollende Menschen mit der furchtbaren 
Gabe des „overlooking" gequält sein können. 4 ) 

1) Melusine IV, 419. 

2) Melusine VIII, 108. Ons Volksleven VII, 159. 

:', Jydske Sainl. I 3 , 59. Kristensen, Sagn VII. 212. 737. Anholt <i3. 135. 

4) Folklore II, 511; „the evil eye" war in gewissen Familien erblich und uurde 
bewusst gegen Unfreunde angewandt. Walt. Gregor, Folklore of N. East of Scott., p. 34; 
vgl. Urquell VI. 273. 232 bei galizischen Judeu. 



Der böss Blick in nordi rlieferong. .'<n7 

3. Man kann sich doch auch den bösen Blick erwerben. Unbewusst 
geschieht es, «renn ein entwöhntes Kind abermals an die mütterliche Brosl 
gelegt und gesäugt wird. Bin solches nenn! man „Tvädäggling" (S.), 
Zwiegesäugtes, es erhält böse Augen und wird unglücklich in allen unter- 
nehmen. 1 ) Mit Wissen und Willen kann sich der erwachsene Mann diese 
böse Marin verschaffen, wenn er sich von einem Weibe Bäugen Lässt; fchut 
er solches, heisst ea weiter, müssen alle lebendigen Schöpfungen, den 
Menschen ausgenommen, vor seinem Blicke Bterben. Dasselbe gilt doch 
wohl auch von Frauen (X.).") Eine englische Anweisung*), etwas Ähn- 
liches zu erreichen. Bcheint mir nicht gah.2 klar. Der Mitteiler hat in 
Yorkshire ein altes Weih, das an das böse Auge glaubte, angetroffen. 
Sie erzählte von einem jungen Mädchen, das von dem bösen Blickt 
troffen, von langsam zehrender Krankheit ergriffen wird und stirbt, niemand 
weiss, wovon. Er fügt dann hinzu, dass er der Alten das Geheimnis, wie 
man das böse Auge erhalten könne, entlockte. Man soll alle Nächte an- 
sehen, his man neun Kröten gefunden habe; die sollten an eine Schnur 
gebunden miteinander in ein Loch in der Erde begraben werden and so 
wie die Kröten unter der Erde hinsterben, so verzehrt sich das Leben 
der Person, die du mit bösem Auge angeblickt hast und sie Btirbt ohne 
irgend eine Krankheit. Dieses scheint mir eher ein sympathetisches 
Mittel, wodurch man einem Menschen ein Leiden zufügt als die Wirkung 
des bösen Auges. 

In einer dänischen Sage wird noch erzählt, wie ein Prediger, nachdem 
er einen Spukgeist gebannt hat, sich die Augen volle neun Tage zubinden 
lässt. Erklärung wird nicht gegeben.*) Möglich wäre immer, dass mau 
durch Anblick eines höllischen Geistes das böse Auge erwerben könne. 
Ich bin jedoch nicht in Besitz von Hinweisen, welche hier Licht bringen 
könnten; die Erzählung mag ein loser Vogel sein. 

4. Unter denen, die das böse Auge haben, nehmen in <)t<v Neuzeit 
•die Hexen den eisten Platz ein, ich dürfte vielleicht sagen, den einzigsten; 
Huren und Verbrecher, geheime sowohl als offene, müssen gewiss dazu 
gerechnet werden, treten jedoch im Vergleich mir den Hexen sehr In den 
Schatten. Meistens offenbaren sie bei den täglichen häuslichen Arbeiten, 
wenn sie beim Buttern. Backen zusehen, ihre Bosheit, ohne jetzt hierauf 
einzugehen, will ich eine Reihe von Beispielen der Macht ihrer bösen 
Augen anführen. 

So wird irgendwo in Pühnen erzählt, dass auf einer Bauernhufe ein 
alter Mann starb, und der Zufall wollte, dass der Sarg nicht bei dem 



1) Rääf, Ytre Hiirad I, 129. 

2) Folkevennen XI, 475. 87. 

3) Choice Notes, Folklore 129. 

4) Kristensen, Sagn IV, 162. .">i;!>. 



Feül 

Sohne der Hexe, welcher Zimmermann war. bestellt wurde. Was geschah? 
l>s war vun dein Tage an unmöglich zu buttern. Der Hausvater suchte 
bei • * i 1 1 * ' 1 1 1 Klugen Uats. er biess Niels, wurde gewöhnlich der kluge Niels 
genannt. Das erste Mal wurde ihm jedoch nicht geholfen, weil die Hexe 
den Hufner auf dem Wege zum Klugen gesehen hatte. Dreimal wurde 
noch der Weg vergeblich versucht, es gelang der Hexe jedesmal, den 
wandernden .Mann zu sehen, und er musste unverrichteter Sache wieder 
nach Hause kehren. Erst das vierte Mal kam er ungesehen an der Hexe 
vorüber und nun konnte die Hausmutter wieder Butter erlangen. 1 ) 

Hier eine andere Geschichte vom nördlichen Jütland. wo eine gewisse 
Lisa Mette eine berüchtigte Hexe war. Ihr Sohn war bei einem Bauern 
im Dienst und zog sich eines Tages von dessen Viehknecht eine ernstliche 
Ohrfeige zu. Hin paar Tage später kam der Yiehknecht an Lisas Wohnung 
vorüber, wurde von ihr angesprochen, bald darnach erkrankte er. wurde 
kränker und kränker. Ins er gar nicht weiter konnte. Nun Avurde ihm 
gesagt, er solle die sehr berühmte kluge Frau in Vindbläs, deren Wirk- 
samkeit noch nach ihrem Tode bis auf den heutigen Tag von Wunder 
umgeben ist. um Hilfe ansprechen. Sie gab dem kranken Viehknecht ein 
Rezept für die Apotheke, aber mit der bestimmten Warnung, Lisa Mette 
dürfe ihn nicht in den ersten drei Tagen sehen. Gelänge ihr das. so 
wäre er rettungslos verloren. Seine Frau war den ganzen ersten Tag auf 
Wache uud hielt die umherschleichende Lisa Mette weg, ebenso am zweiten 
Tage. Wie es aber geschah, wusste niemand zu erklären, auf einmal 
stand die Hexe in der Stube, ging an das Bett des Kranken, und brach, 
da sie an der verzweifelten Frau vorüberging, in ein schallendes Gelächter 
ans. Eine Zeit lang lag der Viehknecht noch schwer krank, dann starb 
er unter grossen Schmerzen. ..Hätte die Frau doch irgend etwas in die 
Hand genommen und damit die Hexe blutig geschlagen, so würde der 
Zauber alle Macht verloren haben!" so schloss die Erzählerin. 8 ) 

Sieht eine Hexe Messer oder Schere, womit jemand seine Nägel ge- 
schnitten hat. so kann sie dem Manne ein Leides anthun. Man entgeht 
dem Übel, wenn man gleich nach dem Gebrauche in ein Stück Holz 
schneidet. 3 ) Und gelingt es der Hexe, irgend ein Stück von den Gerät- 
schaften, die zum 1 bittern gehören, anzublicken, kann sie alles verzaubern 
und man muss das Ganze von neuem wieder machen lassen. 4 ) 

Verschiedene Vorsichtsmassregeln müssen, wenn die Hexen am St. 
Johannisabehd zum Blockberg reisen, in acht genommen werden. Sie 
fahren in grossen Scharen auf Besenstielen durch die Luft; sehen sie das 
grasende Vieh des Bauern, dann wird es krank. Darum wird in der 



1) Skattegravercn IX, 79. 254. 

2) Kristensen, Sagn VII, 235. 

3) Kristensen, Folkeminder IV, 399. 572. 

4) J. Kamp. Folkeminder. 211. 187. 



l><r böse Blick in nordische] i berlieferung. 

Johannisnacht alles Vieh in den Ställen eil Und ihr bl 

Blick li.it M;icht nicht nur über Vieh, sondern auch ober die Saaten des 
Bauern. Er setzt längs jedem Flachsfelde Weidenreiser, damit «•> nicht 
unter den sengenden Augen der bösen Weiber wo] 

Kin Beispiel aus Schwelen ist folgendes Noch immer, wenigstens 
zu unserer Zeit um 1881, wurde allgemein von solchen bösen Hexen- 
künsten geredet. Ein böses Weib war es. immer drehte sie sich bo in 
der Kirehenfhiir. dass sie rücklings eintrat, und es gelang ihr immer auf 
dieselbe Weise in private Häuser einzugehen. Eines Tages passte sie 
einem Dienstjungen auf. Er kam mit einem Sacke voll flachsenen Ga 
«las zum Bleichen geschickt wurde. Der Junge oiusste an ihrem Hause 
vorbei passieren, and da sie in der Thüre stand, wünschte sie das Garn 
zu sehen, was er ihr nicht auszuschlagen wagte. Der Sack wurde ge- 
öffnet, nur einen Augenblick rupfte sie ein wenig hin und her in den 
Fitzen, alier ;ils das Garn gewoben werden sollte, versuchte es die Haus- 
mutter ein Mal nach «lein anderen, immer vergeblich, die Röhre „legte 
sich". So wurde ihr geraten, ausgeliehene Röhren zu benutzen, es ging 
auf keine Weise anders, es ist wahr, was ich Ihnen erzähle; am Ende 
wurde ein neugeborenes, blindes Kätzchen dreimal durch die Scheide 
geführt. Das half wenigstens soviel, dass das angefangene Stück Leine- 
wand fertig gewoben werden konnte, das übrig gebliebene Garn tnusste 
sie als Einschlag verwenden.-) 

In Norwegen, so scheint mir es wenigstens, sind sehr altertümliche 
Züge dieses Aberglaubens bewahrt. Eine gewisse Maren wurde, als sie 
mit ihren Zauberschwestern, die bei des Teufels „Osterspiel" gewesen 
waren- und in grossen Haufen auf Besenstielen vorüber ritten, von einem 
Schützen erkannt: er rief ihren Namen und augenblicklich war ihre Luft- 
fahrt zu Ende, >ie fiel herunter und brach ihr Hein, wurde gefänglich 
pingezogen und zum Feuertode verurteilt. Als sie auf den Scheiterhaufen 
geführt wurde, erbat sie als eine Gnade, dass ihr die Binde von den 
Augen ein wenig weggenommen werden möge. Es wurde ihr bewilligt, 
man war aber so vorsichtig, sie mit dem Gesichte gegen die Felsen und 
nicht gegen Felder und Wiesen zu kehren, und wo ihr Blick traf, welkte 
alles, die fernen Wälder standen, als ob sie vom Feuer versengt waren.*) 
Ich nenne diesen Zug altertümlich, weil man in der Sagalitteratur Ent- 
sprechendes antreffen kann. In der Laxdaela Kap. '■'<! i>t ein Bericht von 
einem der auf Island häufigen Farailienfehden. Halbjörn Schleifsteins 
wird von seinen Feinden ergriffen, ein Balg über Beinen Kopf gez 
von Hrut und seinen Söhnen auf die - führt; erst dort wurde er vom 

Balge befreit, während sie ihm einen Stein um den Hals knüpften. .Mit 

, 1) Kristensen, Sagn VII, 108. 38»;, 103. 355. 

2) Wigström, Folkdiktniug II, 350. 

3) Asbjörnsen, Norske Huldre-Eveutyr 3 . HC 



310 Feilt 

schielenden Augen schaute Halbjörn nach dem Lande. „Ks war ein 
Onglückstag", sprach er, „da wir bei Camsnäs anlangten und mit Thorleik 
-zu fluni bekamen, und das wünsche ich, dass Thorleik hinfort keine guten 
Tage erlebe und dass alle, welche sich in seinem Hause setzen, einen 
schweren Sitz erhalten!" So geschah es auch teilweise. Darauf ertränkten 
Bie ihn and ruderten zurück. Was liier nicht deutlich ausgesprochen wird. 
die Macht Beines bösen Auges, wird im nächsten Kapitel (38) von seinem 
Bruder Stigande erzählt. Er wurde durch die List eines Weibes gefangen 
genommen. Sie zogen auch ihm schlafend einen Balg über den Kopf. 
Stigande erwachte, da sie aber viele um einen waren, widersetzte er sich 
nicht. Nun fand sich aber am Balg ein Loch, wodurch es Stigande zu 
blicken möglich wurde. An der Seite der Berghalde war ein schönes 
Stück Land mit reichem Graswuchse. Da es aber von seinem Auge ge- 
troffen wurde, war es. als ob ein Wirbelsturm darüber hinfuhr, und von 
der Zeit an wuchs dort kein Gras mehr. Die Stelle wurde Brenna (die 
verbrannte) genannt. 

Hierher ziehe ich noch einen Bericht aus der Landnama II] . Kap. 4. Ein 
Überfall ist geplant und gelingt; da erscheint die alte Hexe Ljöt, rücklings 
gehend, vorüber gebeugt, den Kopf zwischen den Füssen, ihre Kleider 
auf ihrem Kücken. Jökul hieb Hrolleifs Kopf ab und warf ihn in das 
Gesicht der Ljöt, da sprach sie, dass sie zu spät gekommen wäre, „oder 
die Erde würde sich vor meinen Augen umgekehrt haben und Ihr w T ürdet 
alle wahnsinnig geworden sein.' - In Yatnsthela Kap. 26, wo derselbe Auf- 
tritt erzählt wird, fügt der Verfasser noch hinzu, dass ihr Blick abscheulich 
war, und dass sie. hätte sie ihre Feinde gesehen, ehe sie von ihnen ge- 
sehen würde, sie toll geworden und auf dem Wege wie verwilderte Tiere 
umhergesprungen wären. 1 ) 

Indem ich die besonderen Fälle, wo das böse Weib durch die Beine 
rücklings sieht, verlasse, ziehe ich ein paar andere Beispiele an. Aus 
Island wird von einem Zauberweibe erzählt, dem ein Schafknecht, da es 
bei einem Geräusche aufblickte, in die Augen sah. Er wurde sogleich 
ohnmächtig, und es dauerte Lange, ehe er wieder zu Besinnung kam. Ein 
anderes Zauberweib, -larngerdur. hatte so böse Augen, dass alles Lebendige. 
wae sie sterbend ansah, gleich verfaulte. Es wird durch den Anfall 
eines Hundes getötet; sterbend starrte es den Hund an, welcher in Staub 
aufgelöst wurde: sie starben beide, sowohl das Weib als der Hund. 2 ) 

Von Svanhild giebt es zwei Berichte: der alte Soraner Mönch Saxo 
redet von der schotten Frau ritterlich, sagt« dass es verlautete, ihre Schön- 
heit wäre s<> wunderbar, dass selbst den Pferden grauete. ihre reizende 
Glieder durch ihre schmutzigen Hufe zu zertreten. Erst als Svanhild auf 



1 Sieh Beilage IV. 

2) Arnason. Thjodsügur II, 91. I, 250—51. 



Der böse Blick in nordischer l t > • ■ r 1 i • • f • • r 1 1 n ^ ;;il 

»las Gesicht gelegt war. traten sie < U «* Pferde nieder. Es Bebeint ••in. mm 
diese ganze Darstellung fremd und der Bericht in der Völsunga-I* 
(Kaj». 40) wahrscheinlicher: ds Svanhild ihre Angen aufschlug, wagten die 
Pferde ea nicht, sie /.u zertreten, ein Balg wurde über ihren Kopt gez< 
und nun Liese sie ihr Leben. 1 ) So versteht ea das Volk. \ <.n einer 
anderen Person Saxoa dürfte ea auch gelten, dass sie, wenigstens \sie wir 
dir Sache jetzt ausdrücken würden, ein böses A.uge gehabt habe, Dämlich 
Olr. welcher so scharfe A.ugen hatte, dass, \\a> andere durch Waffen ihren 
Feinden gegenüber ausrichteten, das vermochte er durch seine A.ugen, die 
auch wohl den Stärksten erschreckten. Ein Mädchen, das er ansieht, 
wird beinahe vor Furcht ohnmächtig, und bei einer Gelegenheit Bchloss 
er die Augenlider, um die Anwesenden nicht zu verscheuchen. 8 ) Noi 
ein Beispiel aus 0. Tryggvesons Saga Kap. 208) teile ich mit. Der 
König, so heis>r es. bestimmte, dass Sigurd von Hunden zerrissen werden 
sollte. Nackt ausgezogen war er und an den 1 landen gebunden. Kein 
Hund alier -ritt ihn an. denn Sigurda A.Uge war SO scharf, dass sie sich alle 
weg von ihm kehlten. Am Ende zerriss ihn der Hund des Königs, Vige. 
Bier oiusa doch die Bemerkung eingeschoben werden, dass ein scharfer, 
durchdringender Blick oft den Helden als Zier beigelegt wird. So hm^st 
es von dem norwegischen König Olaf dem Heiligen, er habe sehr schöne, 
funkelnde Angen, die alle, die ihn. wenn er zürnte, anblickten, erschreckten 
(Saga Ol. II.. Kap. 25, Snorre 151, 287, Biunchs Übersetzung). 

So in den Zeiten Längst vergangen. Von den [nseln Ösel, Mon, Dago, 
an der russischen Ostseeküste, von Schweden bewohnt, wird berichtet, .las 
es dort .Menschen gebe, deren Augen «-ine magische Kraft besitzen, einen 
bösen Einflusa auf Menschen, Tiere, Gegenstände, teilweise von ihrem 
Willen unabhängig, ausüben.") In den Winkeln aller Länder durften 
entsprechende Vorstellungen zu finden sein. In der etwa.- korrigierten 
schwedischen Übersetzung von dem Werke eine- Engländers über Sitten 
in Schweden, schreibt der Verfasser, was mir auch aus mündlicher .Mit- 
teilung sonst bekannt ist, dass das Volk plötzliche Krankheitsfälle dem 
Kinfluss des bösen Blickes zuschreibt, das Pferd verliert den .Mut („blir 
modstulen"), und Zauberweiber können schon durch ihren Blick töten.*) 
Aus dem Volksglauben eines [ridianerstammes Nordamerikas kann hier 
der Vergleichung wegen angeführt werden, dass, wenn ihr Volksheld aus- 
ging und die Bergziegen anblickte, fielen sie tot um. und -eine Augen 
töteten alle und alles, das er ansah. ' 



1) Müller-Saxo 414. 4. 

2) Müller-Saxo 368, 4. 371, 5. 20. 

3) Melusine III. 108. Holzmayer. Verh. d -lUdiait VII. 78, Porpal 

Ein solches Auge nennt der Esthe: böses, neidisches, tückisches Auge, die Wirkungen 
sind unzählig. 

4^ Lloyd, Svenska Almogens Plägseder (1871 . S. 0<>. 

5) Journal of Am. Folki. IX, 258. Tsetsaut-Indianer 



.,1-j Feilberg: 

."> Ich lasse hiermit, vorläufig wenigstens, Zauberer and Zauberinnen 
fahren, um eine andere Gruppe zu betrachten. So wirds von « l«-n Alten 
hier in Jütland gesagt, dass, wenn jemand fastend von einem Weibe oder 
einer Katze li» ■ s « ■ 1 1 » ■ 1 1 wird, er erkrankt, doch mit dem bestimmtet] Vor- 
behalt, dass er zuevsl von ihnen, ehe <t Bie entdeckte, gesehen wurde. 1 ) 
So heisst es ganz im allgemeine]}. Di«' Weiber scheinen allerdings, so 
wie man die Sache zu unsrer Zeit versteht, am meisten bösangig zu sein. 
doch u'ilt «las nicht von guten, jungen, Bchönen Frauen; dagegen sind un- 
keusche, besonders ältere Weiber mir triefenden Augen, wenn sie geheim 
Unzucht treiben, gefährlich. Man hat das Wort „skögese", um dies aus- 
zudrucken, gebildet; wenn eine im geheimen unzüchtige Frau („Lönhore*} 
ein schwangeres Weib oder ein neugeborenes Kind oder die blosse Brust 
einer säugenden Mutter sieht, so folgt darnach notwendig Krankheit für 
Mutter oder Kind. 8 ) Ja, die Sache ist im Grunde noch ernstlicher, denn 
nach südschwedischem Volksglauben braucht nur ein unzüchtiges Weib, 
während das Kind noch ungetauft daliegt, über die Schwelle zu treten, 
oder die Mutter von eiuer solchen während ihrer Schwangerschaft Besuch 
zu erhalten 8 ), und die bösen Folgen treten ein. Noch ist eine Sitte in 
Schonen erinnerlich, eine Sitte, deren Aufhören noch in unseren Tagen 
von alten Weibern bedauert wird, dass alle Dienstmädchen des Kirchspiels 
von den Frauen untersucht wurden und die in Verdacht von geheimer 
Schwangerschaft stehenden mussten sich das Umbinden eines Tuches um 
den Kopf gefallen lassen. Es könnte diese Sitte als ein Ausbruch des 
Sirtlichkeitsgefühls der verheirateten Frauen betrachtet werden, und es 
mag vielleicht ein solcher gewesen sein: doch ist es nicht das allein. 
sondern zugleich eine Vorsichtsmassregel, denn wenn ein solches Mädchen 
von einer schwangeren Frau barhaupt gesehen wurde oder sie träte in 
das Haus einer solchen, erkrankte das noch ungeborene Kind am Huren- 
übel („Horeskäver", d. h. an Skropheln. durch den Blick einer Hure ver- 
ursacht).*) 

Mir den schlechten Frauenzimmern werden schlechte Menschen, Per- 
soneu, welche Schlechtes gethan ohne dafür zu leiden, Mörder, Misse- 
thäter zusammengestellt. So heisst es aus Schweden: Wenn eine geheime 
Hure oder Diebe, Mörder, Missethäter die entldössteJBrust einer schwangeren 
Frau oder eines neugeborenen Kindes sieht, bekommt das Kind Skropheln. 6 ) 
Wenn ein Verbrecher, dessen Schuld nicht ans Licht gebracht ist, besonders 
ein unzüchtiges Weil», dessen Schuld niemand kennt, eine entblösste Stelle 

1) Kristeusen, Folkeminder VIIF, 275, 66. 

2) J. Kamp. Fnlkemindcr 211, 187. Jydske Saml. IV, 239. 

3) Wigström, FMkdiktning IT, 219. 

4) Wigström, Allmogeseder. S. 51: sieh Beilage I. 

5) Cavall., Wärend f. 37S. 



Der böse Blick in nordischer l bcrlieferung. ;;i:; 

am Leibe eines Kindes sieht, wird das Kind krank. 1 ) Geschieh! es, das« 
Bohlechte Menschen die entblösste Brust einer Bangenden Fraa Behen, ver- 
liert sie die Milch; darum verhüllet sie immer ihre Brust. Bin Kind 
kann von einem Bösewichte „übersehen" werden und wird dann krank.') 

6. Zunächst bemerke ich, das* man in der Sagazeil sorgfältig einem 
Blicke von dem noch geöffneten Auge eines Toten auswich. In der Eyr- 
byggja Kap. .'i.'j erschein! es am deutlichsten. Thorolf war gestorben, da 
ging Ainkell in «las Saus, nahete sich Thorolf von hinten und bat jeder- 
mann, sich zu hüten ihm von vorn oahe zu treten, so lange dem Toten 
nicht „nabjargir" geleistet war. Darnach hüllte er ein Tuch um den Kopf 
Thorolfs und verfuhr mir ihm nach Gewohnheit. Zu „näbjargir u , Leichen- 
hilfe, gehörte, dass man Augen and Lippen des Toten schloss Eine, 
soweit mir bekannt, einzelstehende Erzählung kann hier angezogen werden. 
Der Wiedergänger, welcher die Bauerntochter verfolgt, will sich mit ihrem 
Anblick begnügen. Arnthorr, welcher das durchgesetzt hat, hüllt ein gro 
Tuch um ilmi Kopf des Mädchens, dass sie weder sehen Doch hören kann. 
Da Ragt der Draus:, wäre sie nicht auf die Weise verhüllt gewesen, würde 
er sie wahnsinnig gemacht halten. 4 ) Hierher, scheint mir, gehörl auch 
die Erzählung von Grettes Kampf mit dem Wiedergänger (Hain, 
stark auch Gretter war. er musste seine letzten Kräfte, um Gläni zu fallen, 
anwenden. Da sie so auf der Knie ringend lauen, zogen die Wolken von 
dem Munde, da öffnete Glam die Augen weit, und Gretter hat selber 
gesagt, dass dieser Anblick <\cv einzigste war. der ihm je Furcht ein- 
geflösst habe. 6 ) Von der Zeit an fürchtete sich Gretter immer, wenn es 
zu dunkeln anfing. Es ist in diesen Berichten des Toten \im-. dass die 
Lebendigen fasciniert; so ist es im Mittelalter Volksglaube gewesen; wahr- 
scheinlich sind noch dunkle Spuren davon in neueren Spukerzählungen 
überliefert, wenn es heisst, das- Menschen, denen allerlei Spukgeister oder 
Wiedergäneer heiiegrnet sind, wunderlich oder grar wahnsinnig werden. 
Da die Elfen im nordischen und keltischen Volksglauben wohl ohne 
Zweifel ursprünglich Seelen der Toten öind, könnte, was in einem eng- 
lischen Bericht sich vorfindet, auch hier angeführt werden: wenn jemand 
von dem Auge eines Elfen (fairy) getroffen würde, müsste er Bein Kel.cn 
lang deswegen leiden. 6 ) 

Ich kann mit mythischen Wesen fortfahren. Im dänischen Aberglauben 
sind die sogen. Bergleute („Bjärgmänd" diejenigen, die mau wohl am 



1) Jonsson, Folktro i Möre 3 

2) Kristeusen, Sagn VII, '274: dess. Folkeminder VT, i 1». rg] '.blander 
Wässbo Härad S. 29 (S.): Melusine V. 161. VII. 251. VIII. 134; Pitre l i [V, 243. 

3) Weinhold, Altaord. Lehen. S. 474. vgl. Egil Skallegrimfi 8. Kap.51, vgL !ii.rS.3m. 

4) Arnason I, 299. 

5) Grettes S. Kap. 35. 

6) Denham, Tracts I, 116. 



314 Feilberg: 

häufigsten antrifft. Sie wohnen in den Hünengräbern und unterhalten' 
Behr oft allerlei Verhältnisse mit «lein ansässigen Bauern. So hatte einst 
ein „Bergmann" während eines Gewitters Obdach in der Wohnstube des 
Bauern gesucht und sich ganz rahig neben den Ofen gesetzt, alle aber 
im Hause fürchteten sich vor ihm. Sie hatten einen sehr starken Dienst- 
kiieclit damals, der griff den Fremden an und es gelang ihm, ihn auf- 
zuheben und fortzuschleppen. Nun geschah es aber, dass der „Bergmann" 
im Ringkampfe um sich griff und den Bettumhang zerriss; im Bette aber 
lagen, wie es in früheren Zeiten ganz allgemein war, die eben gebackenen 
Brote, um langsamer abgekühlt zu werden: der „Bergmann" aber sali das 
Brot, ehe er zur Thür hinausgeworfen wurde. Alle waren froh, da sie 
seiner los wurden; als aber das Brot angeschnitten w T urde, w r ar es un- 
geniessbar, sie waren gezwungen, den Ofen für ein neues Gebäck zu 
heizen. 1 ) 

Mit den Bergleuten sind die „Trolle" verwandt, sie gehören vielleicht 
mehr Norwegen und Schweden als Dänemark an. Da sass einmal ein 
Troll am Abhänge des Berges und der Bauer kam an ihm vorübergegangen. 
„Du sitzt hier?" sprach der Bauer. „Das thue ich", antwortete der Troll. 
..Wonach siehst du?" „Ich sehe die Knechte an, die dort unten pflügen, 
es wäre drollig, ihnen einen Streich zu spielen." „Wie das?" fragte der 
Bauer. „Ich möchte sie alle verwildern, dass sie kreuz und quer pflügen." 
..Das kannst du nicht!" „Das kann ich!" sprach der Troll und fing an, 
den Acker und die Leute, die unten pflügten, anzustarren. Nur einen 
Augenblick dauerte es, so fingen die Knechte nach allen Seiten, kreuz 
und quer, aufwärts und abwärts zu pflügen an, nur einer verblieb in der 
Furche. „Siehst du?" sprach der Troll. ..Jawohl", antwortete der Bauer. 
..woher kommt es aber, dass der eine ruhig seine Arbeit fortsetzt, während 
alle die anderen irregehen?" ..Das Pferd ist erstgeboren, der Knecht ist 
erstgeboren und er hat „Flogrogn" (Eberesche au einem anderen Baume 
gewachsen) im Pfluge. 2 ) 

Der Troll ist hier, wie oftmals in der Yolkssage, ganz gutmütig und 
kann mit der Macht seiner xVugen scherzen. In der Edda sind alle Ge- 
stalten wilder und unheimlicher. Thor besuchte den Riesen Hymir, der 
Bpät abends heim von der Jagd kam. ..ihm war. als er kam, der Kinn- 
wald gefroren." 

„Heil dir, Hymir, sei hohes Muths, 

der Sohn ist gekommen in deinen Saal, 

den wir erwartet vom langen Wege. 

Ihm folgt hierher der Freund der Menschen, 

unser Widersacher Weor genannt. 

li Kristensen, Folkeminder VIII, 27. 54. Skattegraveren I, 9, 7. 
2) Aasen, Pröver af Landsmaalct i Norge (1853), S. 4, vgl. Melusine V, 300, das 
böse Auge bringt Leute zum Irregehen (Albanesen\ 



Der böse Klick in nordischer l berlieferong. 

Du siehst sie sitzen an des Ende, 

so bangen sie, dass die Säule sie ' 
Die Säule zersprang \<>n des Riesen Sehe, 
entzweigebrochen sah man den Ball 

Mit den mythischen Gestalten des nordischen Volksglaubeos bin ich 

jetzt fertig, ob die vielen anderen auch in Besitz des Pascinierenden k.ugee 

sind, ist wahrscheinlich, mir sind aber keim- Aufzeichnungen darüber 
bekannt. 

7. Ein paar Völker giebt es, die wegen ihrer Zauberkunst und der 
Macht ihrer Augen bekannt sind. Zuerst die Pinnen, die, welche wir 
jetzt gewöhnlich Lappländer nennen. Es heisst von ihnen, dass, wenn sie 
ergrimmen, die Erde sich vor ihrem Angesichte umkehre, und erscheint 
vor ihren Augen ein lebendiges Wesen, srfir/.t es gleich tot nieder. Om 
dieser unheilbringenden .Macht ihrer Augen zu entgehen, verbirgt sich vor 
ihnen der norwegische König Erik in ihrer „Gamme", und da sie ein- 
schlafen sind, zieht er durch die Hilfe der wunderschönen Gunild einen 
Balg über ihre Köpfe, und so wurden sie \mi den Begleitern des Königs 
getötet. ") 

Mir den Lappländern verwandt sind wohl die Bjarmer und Amadoxer, 
die von Olaus Magnus in seiner llistoria de gentibus septentrionalibns 
besprochen werden. Die Bjarmländer wohnten östlich von „Gandvig", 
der Zauberbucht, dem jetzigen Weissen Meere, und oft wird in den Sagas 
von den abenteuerlichen Fahrten der Nordländer nach ihrer Heimat er- 
zählt. Die Bjarmer und Amadoxen, sagt Olaus. können Menschen sowohl 
durch ihren giftigen Blick als durch Zauberworte und andere Greuel 
binden. Der Mensch verliert dadurch «las Bewus8tsein, alle Freiheit und 
wird besinnungslos. *) 

8. Hiermit verlasse ich vorläufig die Menschen, um mich zu ver- 
schiedenen Tieren zu wenden. Es wird von Marder und llri> erzShlt, 
dass sie bei Nacht auf dem Rücken liegend Hühner anstarren, bis sie 
verzaubert herunterfallen (D.). Gegen den Fuchs wird dieselbe Be- 
schuldigung vorgebracht (X.). Sollte der Wolf einen Manu sehen, el r 

von ihm entdeckt wurde, wird er heiser. Das Mittel, wodurch der Mensch 
seine Stimme wieder zurückerhalten kann, ist, dass er dreimal in einen 
Ofen oder in eine Rübengrube: „Gieb mir den Gebrauch meiner Stimme 
zurück!" ruft.*) Dieser Aberglaube scheint sich in weiten Kreisen vor- 
zufinden, in Deutschland, Prankreich und als antiker Aberglaube in [talii 

1) Hymiskvida 11, Simrocks Übersetzung. 

2) Olaf Tryggvesens S. Kap.:'.. Munoh, Snorre. S. 52: sieh Beilage III 

3) Melusine III, 107, Citat von Olans Magnus, Antwerpen 1561, 1 verso, dessen Buch 
mir nicht zugänglich gewesen ist: sieh Beüage II. 

4) Gaslander S. 49. Cavall., Wärend I, 339 8. 

5) Wnttke Kap. 271. Rolland, Faune popul. I. 117. I'linins, Hisr. nat VIII 



316 l.'ill.-r-: 

Sieht der Wolf den Jäger an, gehl sein Scham nicht los. 1 ) In Norwegen 
wird dem Wolfe eine besondere Macht zum Binden zugesprochen. Sieht 
ein Eirte den Wolf, ehe er von ihm gesehen ist, bo muss er ihm gleich: 
..klums naai!" entgegenrufen, dadurch wird der Wolf „geklumst" (bezaubert), 
so dass, wenn er mit offenem Rachen kommt, er ihn nicht wieder 1 zumachen 
kann und umgekehrt, und dieser Zustand dauert so lange, bis man ihn 
aus dem (iesiclit verliert. Während dieser Zeit kann er nichts rauben, 
und wenn er in die Schafherde fällt, so Bchlägt er nach den Schafen mit 
dem Schwanz und die Getroffenen folgen ihm nach, um von ihm zerrissen 
zu werden, wenn Beine Bezauberung vorüber ist. Sieht dagegen der Wolf 
den Hirten zuerst, so wird dieser bezaubert uud sprachlos, in welchem 
Falle es gut ist, wenn er in den Rockkragen oder Handschuh, kurz in 
etwas Wollenes, oder auch über die beiden Gelenke des Daumens beisst, 
oder endlich sich so viel wie möglich bückt: thut er dies, dann geht die 
Bezauberung über."') 

Von solchen bösen Tieren, wie die oben genannten, versteht man. 
dass ihr Blick Unheil stiften kann; wie aber des Menschen Freund, das 
Pferd, dazu kommt Böses zu thun, verstehe ich nicht. Es wird bestimmt 
und von einem sehr kundigen Forscher, dem längst verstorbenen norwegischen 
VolksBchullehrer Storaker, in einem Aufsatze über das Pferd in der Xorske 
trist. Tidskrift ausdrücklich gesagt: man muss sieh hüten seinen Milcheimer 
so zu tragen, dass das Pferd hineinsehen kann. Geschieht es, so wird die 
.Milch unbrauchbar. Meines Wissens steht dieser Zug ganz vereinzelt da. 
es ist nicht leicht etwas darüber zu sagen. 3 ) 

Dass Schlangen die Zauberkraft des bösen Blicks besitzen, ist wohl 
allgemeiner Volksglaube. Die Schlange hat eine solche Macht in ihren 
Augen, dass sie durch ihren blossen Blick Vögel anziehen kann. Viele 
haben es gesehen und erfahren, dass die Schlange mit offenem Rachen 
liegt, während der Vogel in immer kleineren Kreisen um sie fliegt, bis er 
am Ende jämmerlich schreiend in den Schlund der Schlange hineinfliegt, 
da. einige wollen wissen, dass der Vogel gleich zu singen angefangen habe, 
als die Schlange getötet wurde.*) 

Ob die strahlenden Augen an den Schwanzfedern des Pfauhalms im 
nordischen Volksglauben wie anderswo 6 ) Unheil mit sich führen, ist mir 
unbekannt. 

Ich gehe jetzt auf eine Gruppe ganz fabelhafter Tiere über, unter 
denen der Basilisk, durch die allgemeine Verbreitung der Sagen über 



1) Nyland IV, 88 (Finnland). 

•2) Folkeveimen XI, 4.">4. 265. Liebrecht, Volkskunde, 334. 180. Aasen erklärt „klumsa" 
von Menschen: sprachlos machen, von Tieren, ein solches am Beissen hindern. 

3) S. 19 im Sonderdrucke, Kristiania 1871. 

4) Folkevennen XI, 474. 479 (N.}. 

5) Vgl. Revue de trad. pop. I, 47. II, 195. VI. 473. 



Der böse Blick in nordi :;i , 

ihn. obenan steht. In einer Mettonne oder ans einem Eiahnenei entstanden, 
tötet er alle, die er anblickt. Sieht einem ein Basilisk in die Augen, 
wird man gebunden, kann sich nicht fortbeweg ei Hand aocb Puss 

rühren, darum inuss man sich dem Tiere immei von hinten nähern, Oder 
es heisst gar: sobald der Basilisk eine Person ansieht, fallt big augen- 
blicklich um; oftmals wohnt das Tier im Brunnen, m dass 
die Frau beim Wasserschöpfen hinunterblickt und vom Basilisl gesehen 
wird, sinkt sie tot nieder, sieht er aber sein eigenes Bild, in einem 
Spiegel /.. B., sn mnss er sterben, darum i-i es immer das sicherste, dass 
der Brunnenreiniger, ehe er hinabsteigt, sich mir Spiegeln umhäi 
Aus Schonen wird ähnliches berichtet. 8 ) 

Zn der greulichen Sippe dieses Ungetüms gehören noch ein paar 
wundersame Gestalten aus Island. Zuerst nenne ich den Sk off in, welcher 
wohl am nächsten dem Basilisk entspricht. Nach einigen i-t er aus dem 
Hahnenei entstanden, nach anderen, wie mir vor einigen Tagen ein blander 
erklärte, ein Bastard von einem Kater nnd einer Füchsin. Alles was dieses 
Untier anblickt, sinkt tut um. So geschah es einmal auf Island: der Kirchen- 
dienst war vorüber und die Versammelten gingen auseinander, aber alle, die 
zur Thür hinaustraten, Helen toi um. Der Pastor wusste Rat. Nachdem er 
einen Spiegel an eine lange Stange festgemacht hatte, streckte i r, selber 
innen stehend, die Stange mit dem Spiegel aufwärts, damit der oben im 
Kirchturme sitzende Skoffin sein eignes Bild sehen möchte und sterben. 
So wurden die Menschen gerettet. Sein nächster Verwandter i-t Sku 
baldnr. Bastard eines Fuchses und einer Katze, auch ein scheussliches 
Ungetüm („skrymsli", „meinvaettur"), das alles Lebendige durch -einen 
Blick tötet. Der dritte ans diesem Geschlechte i-t der Drctarköttur, 
der mit einer Leiche auf «lern Kirchhofe begraben, dort drei Jahre unter 
der Erde zugebracht hat: sein Auge isi auch so i>r>se. da-- niemand weder 

Mensch noch sprachloses Tier -einen Blich 'dme zu sterben aushalten kann. 
Die Leiden letzten Untiere können nur mit Silberknöpfen erschossen werden.*) 
unter den fabelhaften Tieren sei noch der Lintwurm genannt; alles 
was er anblickte, stark 4 ) Aus dem nördlichen Norwegen i-t der Weiss- 
wurm („Hvidorm-) wegen seines bösen Blickes berüchtigt, d. h. wenn er 
eine Person ansieht, ehe dieselbe von dem Wasser, worin der Wurm lebt, 

1) Kristensen, Sagn II. 226. 214. 216; Folkeminder III, 81. HS. IV. ».1. 
Thiele, Folkesa-n II, 300: vgl. Pitrd Usi IV. 171. 86; Pliniu . Bist, nat VIII. 83; Melusine 
IV. 571. V, 16. 

2) Hazelius VI, 27. 

3) Arnason. Thjodsögur I. 013; Urdarköttur soll sonst der Nai 

felis catus, sein! SkuggabaMur ist von dem isl. Dichter Matth. Jochnmsen ab S 
Teufels benutzt. Zu dieser Sippe dürften ans Prankreich ein D dragon in 

Meertier, halb Pferd, halb Schaf gehören (Bosquet, Normandie 
Catoblepas des Plinius (Hist. nat. VIII. 32), welche alle durch .1-., Blick ihrer 
Pnheil anrichten. 

4) Kristensen, Sagn II, 17'.». 11. 

Zcitscbr. d. Verein- f. Volkskund . 



318 Feflberg: 

getrunken hat; man wird dann wahnsinnig. Hat man aber aus dem Wasses 
getrunken, ist er machtlos. 1 ) In Schweden Bagt man von einem Menschen, 
dei wegen eines bösen Angei verdächtig ist: ..lian glor som an amma!"") 
otzt wie eine Omme). Es ist schwer bestimmt zu sagen, welches 
Ker die Omme ist; mir ist vor Jahren die Larve einer Stinx Ligustri 
mit Furcht und Beben gezeigt. Andere zeigen als solche verschiedene 
/ottige Larven. In Schweden fürchtet man ihren Blick, doch auch wie 
bei uns ihren Hauch. Der „Bläseorni", der Wurm, welcher bläst, vermag 
Gift durch sieben Kirchenmauem zu blasen, nicht aber durch ein einzelnes 
Paar von gestrickten Strümpfen. 3 ) 

9. Also die, welche das böse Auge haben, Menschen, phantastische 
Gestalten des Volksaberglaubens, Tiere, stören, verderben, töten; niemand 
entgeht dem unheilvollen Einflüsse ihrer Blicke; am meisten werden Kinder 
und junge Tiere davon angegriffen, doch auch dann und wann ältere. Sa 
wird von einem hartherzigen Gutsbesitzer erzählt, dass er bei einem armen 
Manne Auspfändung veranstaltete. Das alte Weib im Hause bat, dass sie 
zum Eenster getragen werden möge, damit sie den Gutsbesitzer sehe. 
K> geschah, und sobald er von ihrem Blicke getroffen war, rief er zu seinem 
Knecht: „Meine Beine sind gebrochen, setze mich in den ^Vageu!"*) 
Auch werden Braut und Bräutigam vermahnt, vor dem Altar dicht neben- 
einander zu stehen, damit nicht böse Augen zwischen ihnen sehen mögen 
und Zwietracht verursachen. 5 ) 80 wird auch in Schweden gesagt: wenn 
böse Augen oder eine schwangere Frau (!) eine AVunde ansehen, könne 
dieselbe nimmer geheilt werden. 6 ) In Verbindung hiermit führe ich an, 
dass der Schmerz geschlachteter Tiere durch das böse Auge verlängert 
wird. Auf einem (lehöfte waren die Leute mit dem Schlachten einer 
Kuh beschäftigt, das Tier lag gebunden auf der Erde, die Hausfrau hatte 
«las Messer in ihrer Hand bereit zum Stechen, als die alte Hexe hinzutrat. 
Die Frau stach ein Mal nach dem andern, aber kein Blut kam, und sie 
war wegen der Leiden des Tieres ganz unglücklich. Eben als die Hexe 
wegging, kam ein alter Bettler zur Thür herein und da er hörte, was los 
war. nahm er das Messer, wetzte es ein paar Mal, und als die Frau 
wiederum stach, strömte das Blut wie aus einer Schleuse hervor. Der 
Bettler wurde durch Butterbrot und Schnaps für seine Hilfe belohnt. 7 ) 

1) Hagemann, Blandt Lapper og Bumänd, S. 57. 

2) Cavall., Wärend I, 336 (S.). 

3) Mein Jütisches Wörterbuch unter bläseorni und omme: vgl. Pomm. Volkskunde VII, 
164. Die Kreuzotter rühmte sich: „Ich beisse durch Eisen und Stahl!" Gott aber sagte zu 
ihr: „Du sollst nicht einmal durch einen Wollfaden beissen!": sieh unsre Zeitschrift IX, 212. 

4) Kristensen, Sagn IV, 201. 678. 
5 Nyland IV, 24 (Finnland). 

6) Annnson VIII, 109 (S.); sieht ein Mensch mit bösem Blicke eine offene Wunde, 
heilt sie nimmer. Cavall.. Wärend I, 376 (S.). 

7) Aminson V, 103. Kristenseu, Folkeminder III, 25S. 340. 



I». r böse Blick in nordi rung. M\\ 

Wenn mau aus Beinern Bette aufsteht, aiusa man genau aufpassen, data 
die Bettdecke aber die Lagerstätte gelegt ist. damit Bie kein Bchieleadea 
Aul:.' sehen möge. Kinst kam eine alte bösi u Besuoh. Eis wurde 

bemerkt, dass sie an das Bett tretend, die Decke hob and hineinsah. 
Niemand wagte, sich in «las Bett zu Legen Da kam es einem ein, die 
Katze zu nehmen and Bie ins Bett zu legen. Gleich wurde die Katze 
krank, schlich >ich einige Zeit elend herum and starb. 1 ) 

Ahm', wie schon früher bemerkt, Kinder and junge Tiere sind für die 
.Macht des bösen Blicks besonders empfänglich. Wird ein band . aber- 
se!ieir\ erkrankt es an den Skropheln; wird es anruhig, so hat ein Weil» 
mit bösen Augen «iie entblösste Brust der Bangenden .Mut; en. Von 

einer alten Frau wird gar gesagt, <lass alle neugeborene Kinder, dii 
ansieht, in kurzem sterben. Ein Kind, <las von bösen Angen verzaubert 
war. konnte gar nicht geheilt werden, weil es ah genug war, um ein 
Vaterunser hersagen zu können. Am sichersten ist. den Fremden, der 
zufällig in eine Stube tritt, wo sich ein Kind aufhält, zu bitten, das Kind 
anzurühren, damit es nicht von seinem Blicke an Skropheln erkranl 

In meinen ersten Predigerjahren, in den Fünfzigern des L 9. Jahrhunderts, 
geschah es einmal, was zu der Zeit keine Seltenheit war. dass es uns un- 
möglich war. zu buttern. Alle Mittel wurden versucht, alles vergebena 
So kam eines Abends der Grossknecht zu mir. um sich Erlaubnis, einen 

„klugen Mann" zu holen, zu erbitten. Im Gespräcl rfuhr ich, dae 

Men>. dien gebe, welchen die Bauern nimmer ihres bösen Blicks wegen in 
ihre Ställe zu treten erlauben. In späteren Jahren habe ich dasselbe 

mehr als einmal bei Nachfragen erfahren. Wenn Bolche Personen in den 
Stall hineinkommen, die Kühe ansehen oder gar befühlen*), werfen die 
Kühe ihre Kälber oder verlieren ihre Milch, oder es wird anmöglich zu 
buttern. Beispielsweise kann erzählt werden, dass eine Bettlerin vor Jahren 
in ein Gehöft hineintrat. Missvergnügt mit ihrem Almosen, Bah Bie im 
Weggehen in den Stall hinein, am oächsten Tage war jedes Tier krank.*; 



1) Thiele, Overtru No. L92. Kristensen, Sagn VII, 366. I 

2 Kristensen, Sagn VI, 27G. VII. 138. 483. "_'T I : Folkemii Stmdblad, 

Gammeldags Seder och Bruk-, 3S2. Vgl. Müllenhoffj 212, .klein« Kinder hütet 

man vor ihrem (der Hexen) Blicke*. Henderson, Notes on the Folklore, 1 S T. _wlien a 
child pines or wastes away the cau^e i< commonly looked forin witchcraft orthi 
vgl. Ous Volksleven IV, 9. 16: wenn Personen mit schwarzen Augen oder ein Schärft 
ungetaufte Kinder oder Jungvieh anblicken, v der krank, Urquell VI.... 

(Pommern). 

3) Kristensen, Folkeminder IV, 398. 562; vgL P. de Hont, A. ie Cock, Volkskunde 
VII, 7, „men wachte zieh wel het vee aan verdachte lieden te toonen . . . vooral op 
kinderen, varkens en rundvee hebben zy het gennint". 

4) Feilberg, Fra Heden, S. 50. Kristensen, 8agn VII. 212. 732. 743: „wenn 'ine gut 
milchende Kuh plötzlich aufhört Milch zu geben, so ist sie . . . verhi v lurch 
den bösen Blick einer ungünstigen Nachbarin", Blätter f. Pomin. Volkskunde VII, -_'4. 15. 
21: „some persons eies are very offensive .... 'Twas reported of one in N. W. tliat he 



Feill 

Wenn «las alte Weib auch nicht gerade Unheil anstiften will, so verniag 
es 'loch durch Beinen Blick allerlei Schabernack zu thun. Von einem 
Bolohen wird erzählt, dass es Kühe auch mitten im Winter durchgehen 
machen konnte. Viele Bähen, als «las Weib einst eine Kuh anblickte, dass 
ihren Schwanz erhob und weglief. Einst kamen ein paar Männer 
mir Ochsen gefahren and traten hei der Alten ein, sie waren etwas besoffen 
und mögen grob mit ihr gescherzt haben. Auf einmal trat sie zum Fenster: 
..Was ist mit Buren Ochsen los? sie laufen ja über alle Felder!" So war 
es, und die beiden Männer hatten vollauf zu thun,, die Ochsen wieder ein*- 
zufangen. 1 ) Hier führe ich an. was von den Uebriden erzählt wird, dass 
eine Person im Besitz des bösen Auges so scharf die Pferde eines 
pflügenden .Mannes anstarrte, dass sie ganz machtlos stehen blieben und 
umfielen, ohne imstande zu sein, sich wieder aufzurichten. 2 ) 

Die Ferkel sind durch das Auge übelwollender Menschen allerlei 
Krankheiten ausgesetzt. „Wir hatten einst das schönste Ferkel und die 
Frau bemerkte eben: „Käme die Hexe doch nicht es anzusehen!" Sie 
kam aber am nächsten Sonntage, süss und kriechend in ihren Worten, wie 
gewöhnlich. Das Ferkel stand aussen im Hofe, und sobald es von ihr 
entdeckt wurde, trat sie zu ihm hin, strich es längs dem Rücken: ..Wie 
ist das Ferkel doch gross und fett!" Von dem Tage an stand das Ferkel 
auf seinen Beinen nicht mehr, liegend frass es, und wir mussten es bald 
schlachten." 3 ) Es giebt mehr solche Geschichten. Ein Bauer hatte auf 
dem Markte zu Viborg ein Ferkel gekauft. Nach Hause gekommen, zog 
er es aus dem Sacke, das Ferkel war aber ganz toll, wollte immer auf- 
wärts, ja, gar auf den Boden hinauf. Eine „kluge Frau'- wurde um Kar 
angegangen, sie sagte gleich, dass jemand das Tier mit bösen Augen an- 
gesehen hatte. Das war richtig; ein Mann auf dem Markte hatte in den 
Sack hineingeblickt. Dem Ferkel wurde etwas eingegeben und es wurde 
wieder gesund.*) in Farsö ist ein „kluger Mann", der ein grosses Ver- 
trauen unter dem Volke besitzt, er ist ein ganz ausgezeichneter Helfer, 
wenn jemandes Ferkel ..übersehen" worden sind. Ist das der Fall, so 
stehen ihre Haare verkehrt, sie schreien ohne Unterlass. können alles. 



had such urentes oculos, that he bewitched his owne cattel, sit ftdes pene", Aubrey, Re- 
maines of Gentilisme (1881), S. 80; „in the Highlands if a strauger looks at a cow, the 
common neople think that the animal will waste away froin the evil eye", Ch. Notes, 
Folklore, S. 257: „some are of so venomous a Constitution . . . that they pierce and kill 
. . . what»ver creature they first set theyr eye on in the morning: so was it with Walter 
Grahame, who killed his own cow . . . and shot a hair with his eyes . . . such was the in- 
fection of ane evill eye u , Kirk, Commonwealth of Elves (1893), S. 54: „the evil eye is still 
cast upon horses and cattle and even upon childreu ", J. of Amer. Folkl. VI. 66 (Isle of 
Man), vgl. Henderson, Folklore, 189. 

1) Kristensen, Folkeminder VI, 179. 24S. 

2) Folklore IX, 90. 

3) Wigström, Folkminnen I, 142 (S.)- 

4) Kristensen, Sagn VII, 213. 739 (JD.). 



Der b( ■•■ Blici in nordi rlieferung. 321 

was man ihnen rorgiesst, auffressen und werden «loch nie sau. I> 
Kluge Bchreibt ein Rezept, häng! dem kranken riere einen Zettel in 
einem kleinen ledernen Beute] am den Bals und Bie genesen. 1 } 

Ein j>aar Bemerkungen noch und ich bin mir den Tieren fertig. Der 
Bettler Betet seinen Stab vorwärts and glotzt des Bauers Hund mit grossen 
Augen an and er geht unberührt am Tiere vorüber.*) Sofern die Gänse 
in der Begattungszeil durch böse Lugen angesehen werden („slems» 
steckt man in einen Federkiel des Gänseflügels eine Nähnadel und alles 
wird wiederum gut. 8 ) 

10. Ich komme jetzt auf verschiedene Arbeiten, die in des B 
Heimat häufig vorfallen. Ganz im allgemeinen kann gesagt werden, 
wenn einer von denen, die den bösen Blick liai.cn. irgend eine Arbeil 
ansieht, sie missraten wird.*) 

Zuerst «las Brotbacken. Nimmer muss man einem Fremden in den 
Ofen zu sehen erlauben, so lange der ..schwarze .Mann- nic'm ausgejagt 
ist, d. 1). so lange der Ofen nicht zu glühen angefangen hat. Geschieht 
solches, wird das' Brot missraten. 6 ) Es sollte einst auf einem Gehöfte im 
Kirchspiel Linie (D.) für die vorstehende Beerdigungsfeier gebacken werden. 
Alles ging schön in Ordnung, der Teig war gegoren und die Brote Bollten 
eben in den Ofen gesetzt werden, als ein altes Weib zur Thür hereintrat 
Sie sah die Brote an, strich mit ihrer Hand über sie hin. ..nun wünsche 
ich Euch Glück", sprach sie, „zu der Arbeit!" und die Leute meinten, sie 
halte dadurch die Brote ..versehen". Gewiss ist. dass die Brote Bchön 
aussahen; als sie aber aus dem Ofen genommen wurden, waren sie ganz 
klitschig und ungeniessbar; sie mnssten ein neues Gebäck versuchen, und 
da die Alte sich wieder einstellte, wurde vor ihr die Thür geschlossen.*) 
Es ist jet/.t zu verstehen, dass man nimmer ein Brot mit dem angeschnittenen 
Ende gegen die Ausgangsthür liegen lassen darf: es könnte von bösen 
Augen gesehen werden, wodurch das Gebäck -einen Nahrungswert ver- 
lieren würde. 7 ) 

So darf auch kein Fremder in die Küche, wenn die Hausfrau mit 
Bierbrauen beschäftigt ist. zugelassen werden. Es ist geschehen, dass 
eine Hexe bei dieser Arbeit eingetreten ist. da- Bier wurde von Ungeziefer 



1) Kristensen, Folkeminder VI, 15'.'. 226 D. olklore VIII. 118: »people seid, 
she had the evil eye and if she looked evilly al somebody's pigs, then tbe piga would fall 
ill and die-* (Suffolk). 

2) Kristensen, Sagn VI, 345. 955. 

3) Thiele III, No. 289. 

4) Cavall., Wärend I, :'.TG ;S.J. 

5) Thiele III, No. 233. Kristensen, Folkeminder VI, 294 413. J. Kamp 171. 

6) Kristensen, Folkeminder VIII, 292. 502; Sagn VII, 212, 736. rgl Blätter 
f. Pomm. Volkskunde III, 185: -rührt eine Frau den Kuchen ein, so darf niemand dabei 
zusehen, sonst gerät der Kuchen nicht." 

7) Thiele III, No. 184. 



322 F,il: 

erfüllt, lief in der Bierkufe umher und war ganz ungeniessbar. Y\ o man 
das böse Auge fürchtete, wurde die Kufe sorgfältig mit einer Decke ver- 
hüllt: da war das Bier geborgen; sonst konnte das Bier, so wird bestimmt 
versichert, obenans überkochen. 1 ) 

Ganz besonders scheint das böse A.uge dem Buttern und allem, was 
dazu geh&rt, gefährlich. „Niemand darf in den Milcheimer in der Zeil 
zwischen dem Melken und dem Seihen der Milch der bösen Augen wegen 
sehen. Meine Mutter erlaubte niemand in die Gelte zu blicken", erzählte 
eine Bauernfrau. Ausserdem wird behauptet, man müsse genau darauf 
achten, wenn eine Kuh. die eben gekalbt hat, das erste Mal gemolken 
werden soll, dass man geschwind eine Schürze über den Eimer wirft, 
damit böse Augen das erste Mass Milch nicht sehen, die Zitzen der Kuh 
werden sich dami gesund halten. Im grossen Ganzen kann gesagt werden, 
dass man keinem Fremden erlaube in den Milchkübel zu blicken und bei 
Melken, Seihen, Buttern anwesend zu sein. 2 ) Dem Angeführten entsprechend 
heisst es aus Norwegen, dass, wenn der Kübel über den Hofraum getragen 
wird, deckt man ihn mit einer Decke zu oder mit einein männlichen 
Kleidungsstücke, Kittel, Hose, Schurzfell u. s. w. 8 ) 

Wo es dennoch geschieht, dass jemand unversehens, wo gebuttert 
wird, eintritt, muss er über die Thürschwelle hineinspringen, damit er die 
Butter nicht wegnehme. 4 ) Im Kirchspiel Kjermind (D.) war eine alte 
Frau, Kok-Stine genannt, die so ungewöhnlich dick war, dass man sie 
leichter rollte als schob. Sie ging überall hin Milch betteln, und niemand 
durfte ihr Milch- oder Buttergefäss anzublicken erlauben. „So stand ich", 
erzählte die Bäuerin, „eines Tages mit Buttern beschäftigt, da die Mutter 
ausrief: „Da kommt ein böses Weib, achte darauf, dass es nicht ins Butter- 
gefäss hineinblicke!" Ich hatte mich doch nimmer um solches gekümmert 
und blieb ganz ruhig bei meiner Arbeit. Die Alte trat ein, erhielt ein 
bisschen Milch, stand einen Augenblick uns anblickend da; am Ende trat 
sie ans Buttergefäss hin: „Ich muss wohl ein wenig das Gefäss anfassen, 
dass ich nicht, wie du wohl fürchtest, deine Butter wegnehme!" Sie 
wusste ja genau, was mau von ihr glaubte, stampfte ein paar Mal mit dem 
Butterstiele, womit sie die Butter von sich schob und konnte uns nichts 
nehmen. Ich erhielt auch Butter augenblicklich." 6 ) 

1) Kristensen, Sagn VII, 74, No. '246; 212, No. 735. 737: Folkeminder IX, 73. 773. 

2) Kristensen, Folkeminder VI, 291. 376: Sagn VII, 3<>2. 1145. J. Kamp 212, 188? 
vgl. Gr. Myth. III 4 451. 503: zum KuhmclkeH lasse mau niemand Fremdes in den Stall. 

3) Liebrecht, Volkskunde 318, 45, vgl. "Wuttke, Aberglaube, No. 706: Tragi man ein 
Milch- oder Buttergefäss, leer oder gefüllt, über die Strasse, so bindet man eine Schürze 
darüber oder bedeckt sie sonstwie, weil sonst böse Leute hineinsehend es behexen oder 
der Kuh die Milch nehmen könuen; No. 709: Die Butter darf man nur verdeckt über die 
Strasse tragen, sonst kann ihr etwas angethan werden. 

4) Kristensen, Folkeminder VI, 291. 377. 

5) Kristensen, Folkeminder VI, 181. 251; Sagn VII, 212, 736: vgl. Bartsch, Sagen II, 
136. 599: Wer schielt, „kein gut Auge hat*-, darf nicht beim Buttern zugegen sein, sonst 



Der I ■-• Blick in oordi rliefernng. 

Elfl folgt hieraus auch, dasa all« l chatten, die zum Buttern 

hören, wenn Bie nicht benutzt werden, so hingestellt werden müssen, dasa 
sie niemand sieht, denn alles kann durch Hexen verzaubert werden, 
gegen man nichts vermag, ohne alles von neuem wieder anzuschaffen. 1 ) 
Natürlich kann mau sich, wenn mau solches versteht, an der Hexe rächen: 
ist es anmöglich vom Rahme Butter zu erhalten, wird eine Tasse voll 
Etber das Feuer gesetzt, darin entdeckt man das Bild der Hexe, die mit 
bösen Angen den Rahm ansah. 2 ) Kennt man den Ubelthäter, bo hat man 
Mitte] genug ihn zu strafen. 

Es giebt auch andere häusliche Arbeiten, die durch das böse ^.uge 
vernichtet oder wenigstens gestört werden können. In alten Zeiten 
ist mir solches aus der Kindheit erinnerlich) benutzte man kleine eiserne 
oder thönerne Lampen mir Dnschlitt oder Thran gefüllt nnd mit Ducht 
vom Marke einer Binsenart (Juncus conglomeratus oder erfusus), die von 
• lein Boden herabhängen. Bei festlichen Gelegenheiten wurden Lichter 

ssen. So geschah es einmal, dass sie in Dagbjärg I» mit dieser 
Arbeit beschäftigt waren, die Mutter hatte ein kleines, thönernes Butter- 
fass, das aber zum Lichtergiessen nicht zu brauchen war, dazu war immer 
ein hölzernes Butterfass, «las nachher rein gemacht werden kennte, nötig. 
So waren denn die Leute mit dieser Arbeit im vollen Gange, der ge- 
schmolzene Talg im Butterfass, in welchen die Dochte getaucht winden. 
und der Talg hatte begonnen die Dochte wohl anzufassen, da trat ein 
Mann aus Engedal hinein, sah die Arbeit an und verliess uns wieder. 
Jetzt war es ai>er mit dem Lichtergiessen vorüber, der Talg Bammelte 

sich in Klumpen an den Dochten, nichts war zu thiin. wir mussten alles 
wieder abkratzen und von vorn anfangen, dann erst wurden wir damit 

fertig. 8 ) 

Dass Hexen durch ihren bösen Blick ein Gewebe in Unordnung 
bringen können, ist schon besprochen worden. 4 ) 

Im Jägeraberglauben hat das Auge auch eine Rolle gespielt; bei uns 
ist davon nur wenig aufgezeichnet worden. Wollten die Jäger ohne den 
alten Schützen auf die Jagd gehen, war es ihm immer genug, ehe sieden 
Edelhof verliessen. sie anzusehen, Bie wurden dann höchstens einen einzigen 
Fuchs den ganzen Tag schiessen können.') Ein Jagdgewehr kann „gebunden" 



bekommt man keine Butter: sieh noch YVuttk.- No. 708. Folklore Journal VII. - 
cast a quick glance on the churn and without Bpeaking another word, rashed l'roin the 
house. The cream was churned all that daj into night and all the neil day, but n<> 
butter was got (Skotl.); Melusine V, 295 aus Schottland, Frankreich, I Black', 

Folk Mediciue, 22 (Schott 1 . 

1) J. Kamp 211. 137. 

2) Skartegr. X, 28. 61. 

3) Kristensen, Folkeminder VIII. 291. 409. 

4) Vgl. Äminspn VIII, 110. 

5) Kristensen, Sagn VI, 245. 724 D.\ vgl Folklore II, 244 [Finnland . 



;;_'.} Feilberg: 

len, wenn jemand, mit der Hand Beine Geschlechtsteile anfassend, < l;i^ 
Gewehr, womit ein anderer zieh, starr anblickt, dann geht der Sehnst 

nicht los. 1 ) Auf ähnliche Weise verhält es sich mit dem Fischfang; 
sieht ein böses Auge das Netz, wird nichts gefangen. 9 ) 

und Hexen können noch mehr Böses ausrichten. Ks war die Nacht 
Helgesen, die nach Island bestimmt schon mehrere Tage fertig zur Abreise 
lag. .Jeden Morgen kam al>er ein altes Weib, das man als Hexe ansah, 
aus ihrer Thür und betrachtete eine Weile das Schiff, was ja genug war. 
um Unglück über dasselbe zu bringen. Das Schiff musste am Ende fort, 
obschon das Weib auch am Tage der Abfahrt es mit ihren bösen Augen 
angestarrt hatte. Nimmer wurde von ihm später gehört, es ging, wie man 
sagt, mit Mann und Maus unter. 8 ) 

11. Auch an leblosen Gegenständen vermag das böse Auge seine 
Marke zu hinterlassen. Ein AVeib, das im Verdacht eines bösen Auges 
war, kam einst zu dem „Klugen", Christen Spielmann. Einer Hexe kann 
auch etwas übel geraten. Um sicher zu gehen, brachte er sie dazu, in 
einen Spiegel zu sehen. Da sie wieder ihre Augen wegkehrte, fanden 
sich an der Oberfläche zwei dunkle Flecke, die mau vergeblich wieder 
abzuputzen versuchte. 4 ) 

Ein ergötzliches Beispiel der Macht des bösen Auges aus der Heimat 
unserer alten Stammgenossen in Yorkshire muss mir erlaubt sein, mit- 
zunehmen. Im 19. Jahrhundert wurde ein Yorkshire-Farmer als schuldig 
am Absterben eines Birnbaumes angesehen. „Sieh mal, Herr!" sagte der 
Erzähler, „sieh mal den Birnbaum dort! Vor wenigen Jahren war es ein 
grüner, fruchtbarer Baum. Es ist aber die Sitte des Besitzers, dass er 
jeden Morgen, sobald er seine Thür öffnet, den Baum dort ansieht, damit 
er keinen vorübergehenden Fremden anblicke, und jetzt, sehen Sie, der 
Baum ist gestorben." 5 ) 

Ja. sonderbar genug! während in Dänemark der Glaube an den bösen 
Blick auch in den finstersten Winkeln kaum zu finden sein möchte, wird 
aus England behauptet, dass derselbe bis über die Mitte des 19. Jahr- 
hunderts aucJi unter Gebildeten sich erhalten habe. Geschah es doch, dass 
wenn Mr. Hawker, ein Geistlicher, einem Menschen mit einer besonderen 
Pupille, zu einer Zeit licht und hell, zu anderer durch ein Häutchen ver- 



1) Kristensen, Folkeminder IX, 75. 703. 

2) Säve, Hafvets Sagor, '20. 

3 Kristensen, Sagn VII, 213. 742. 

4) Kristensen, Sagn VII, 213. 740—41 (D.). 

5) Black, Folkmedicine, 22. Haiti, u. Wilkinson, Folklore, <J9: vgl. Folklore VIII, 11: 
„If you plant a tree or trees, and you are very anxious that they should thrive . . . you 
must not look out of the window at them on an empty stomach. There is a blasting 
mfluence in your eye . . . the explanation is: a hungry man looking on the trees, they 
thereby become syrnpathetically starved. 



I U i I Blick in i 

dunkelt, oder mit einer doppelten Pupille mit zwei R riuged t v. 

oder mir dem linken Auge grosser als dem rechten, begegnete, er oimmer 
vergass, den Daumen in die bekannte Stellung ben dem Zeige- und 

Langfinger, um dem Übel abzuwehren, zu Betzen. 1 ] [ch kann mir auch nicht 
eine Mitteilung aus Schottland versagen: viele Personen, besonders rothaarige 
Weiber haben den bösen Blick; alle Tiere, die Else! ausgenommen, ja 
srllist Rinder werden dadurch geschädigt (blinked : sie zehren hin and 
sterben;*) 

12. Wie entgeht man der Einwirkung des bösen Auges? All 
wehrenden Mittel siml gewiss den heilenden vorzuziehen. -Man deckt ent- 
blösste Stellen Beines Körpers zu. ..Dem bösen Auge entgehl man am 
besten, wenn man seinen Hals mit einem Tuche, zudeckt." Tritt eine 
verdächtige Person zur Thür herein, wirft man geschwind ein Tuch über 
«las Kindlein oder man bedeckt Bein Lager. *) Es entspricht dieses der 
pommerBchen Sitte: man stelle die Wiege nie so, dass die Blicke der in 
das Zimmer tretenden Personen direkt an)' das Kind fallen können. 4 ) Wie 
man sieh durch die Decke gegen das böse Auge wehrt, so kann eine 
Decke über die schädigende Person geworfen (wovon schon ein paar 
Beispiele gegeben sind), der bösen Wirkung steuern. 

Wo man abeT den bösen. Blick fürchtet, wehrt man sich auf ver- 
schiedene Weise. Das südeuropäische „Fica a - oder „Hörner" - Zeichen 
könne ich aus dem Norden durchweg nicht, ich habe wenigstens niemand 
angetroffen, der etwas davon wusste. Dagegen schein! man die rote Farbe 
als abwehrende zu kennen. Ganz deutlich sind die Mitteilungen jedoch 
nicht Einer Bauernfrau, die sehr Bezauberung fürchtete, wurde von der 
vielberühmten „klugen" Windbläsfrau der Rat erteilt, Bie solle eine Brille, 
von welcher ein roter Faden hänge, tragen (1).). Aus Schonen heissl es, 
dass, wenn eine Kuh durch das böse Auge bezaubert Bei, müsse man 
weisse und rote Korallen samt „Höllensamen" unter das Pflaster des 
Standes im Stalle hinlegen: dann werde das Tier wie. Irr gesund.') Hoch 
wird gesagt, dass, wenn eine geheime Hure die entblösste Brust einer 
schwangeren Frau oder eines neugeborenen Kindes Behe, erhalte das Kind 
„Höre - Skerfvan" (Huren - Skropheln ; darum tragen alle verheicai 
Frauen nach alter Sitte Halsketten, wie man um den Hals eines Kindes 



1) Black 22. 

2) Folklore VIII, 1<5 (Inuislinven). 

3) Skattegr. VII, Ol, IN«. Kristensen, Sagn IV. 61fi, 18. 

4) Urquell VI, 173. 

5) Kristensen, Sagn VII, 229, 882-83. Wigström, Folkminnen I, 142, \-\. n I 
was among the Romans, as amoiig ourselves, tied round the ueck of inlaiits to pi 
them from the evil eye . . . A piece of red, worsted thread round the cows' tails . . 
secured the cattle from the evil eye, Black, Folk-Medicine, S. 22. 112. 



Peilberg: 

immer einen wollenen Faden bindet. 1 ) Es fehlt hier, wie man sieht. die 
genauere Beschreibung des Anmiete and der Farbe. 

In der roten Farbe hat man seit dem Mittelalter oder wohl gar früher 
Hilfe gegen Krankheit und Schinerz gesucht; sie ist ja übrigens, sonderbar 
genug, durch Finsens Entdeckung des heilenden roten Lichtes bei Kinder** 
blättern zo Ehren gekommen. Mit dieser Farbe mag auch das Holz der 
Eberesche in Verbindung stehen, und so erzählte ein alter Mann aus Jüt- 
landj dass sein Vater immer ein Stück Holz von einer wilden Eberesche 
aus Furcht vor den bösen Augen seiner Nachbarfrau in der Binde seiner 
Hosen eingenäht hatte. 2 ) Ein sicheres Mittel ist auch der Hexe das Blut 
ablassen. Muss ich annehmen, dass jemand den bösen Blick habe, so 
fliue ich am besten, wenn er mir auf meinem Felde entgegentritt, ihn zu 
schlagen bis er blute.* 5 ) 

Unter die Abwehrmittel gehört auch das Feuer. Eine Bettlerin, die 
mit der empfangenen Gabe unzufrieden war, kam am Stalle des Gehöftes 
vorüber, öffnete die Thür und starrte mit bösen Augen das Vieh an. Am 
nächsten Tage war jedes Stück Vieh krank. Da der Bauer gleich begriff. 
woran die Schuld lag, setzte er der Hexe nach und bewog sie für schönes 
Geld mit ihm zurückzukehren. Wieder am Hause angelangt, ergriff sie eine 
Feuerschaufel mit glühenden Kohlen angefüllt und stiess dieselbe mit 
solcher Gewalt im die Mäuler der Tiere, dass das Blut floss, wonach sie 
gleich wieder gesund wurden. Ist ein Mensch von bösen Augen versehen, 
so schlägt man mit Stahl und Stein Feuer über ihn. Ist ein Besuchender 
des bösen Auges verdächtig, kann es geschehen, dass man dem Weggehenden 
Feuer nachwirft (S.). 4 ) 

Damit ein Kind auf keine Weise vom bösen Blicke versehen werden 
könne, muss man eine Katze über der Wiege schwingen, was so geschieht. 
Man erfasst die Katze au den Beinen, darnach schwingt man sie hin und 
her, bis man sie gewaltsam auf den Platz des Kindes in der Wiege hinab- 
wirft. Es ist nämlich unmöglich auf andere Weise sie dort einige Augen- 
blicke ruhig zu erhalten; das Kind ist dann sicher. 5 ) 

Ist das Kind von einer Hure versehen worden und hat Skropheln 
bekommen, so wird es gesund, wenn man die erste beste Gelegenheit 
benutzt, ihr den Hintern des Kindes zu zeigen. Hiervon kann eine Ge- 
schichte erzählt werden. Ein Erwachsener kann vom Wolfsblick getroffen 
werden (..blive ulveset"). ein Kind vom Hurenblicke („blive skjögeset"). 
wenn die Hure des Kindes entblössten Kopf oder die Sohlen seiner Füsse 
oder die nackte Brust der Mutter sah. Am besten ist. wenn man in 



1) Cavall., Wärend I, 378. 

2) Kristensen, Folkeminder VIII, 2G5. 451. 

3) Kristensen, Folkeminder IX, 18. 116. 

4^ Kristensen, Sagn VII, 214, 743. 733. Hazelius V. 37. 

5) Kristensen, Folkeminder VI, 255, 31. 



I ' : ; Blick in B - 

lolcheni Falle der Sure den blossen Hintern des Kindi en kann. 

Bin betrogenes Mädchen wohnte mir vrin.Mn Kinde in einem Dörfchen 
Jütlands, and mir dem Wickeln des Kindes beschäftigt, entdeckte sie 
ausserhalb des Fensters ein berüchtigtes, etwas loses Weib. »Ach, was 
ist jetzt zu thun?" sagte das Mädchen. Die alte Frau, < li« • innen am 
Webstuhl sass, antwortete: „Gieb mir geschwind dein Kind! a Dem ein- 
tretenden Weibe hielt Bie den Hintern des Kindes entgegen: „Schau ihm 
mal zuerst in den blanken Arsch, nachher kannsl du Bein anderes Knde 
anseilen !" 1 ) 

13. -letzt komme ich zu den Heilungen, die auf verschiedene \^ 
herbeigeführt werden können. Eine Anweisung lautet: ist ein Kind „skjö- 
geset", so muss man. w<> möglich, sich das Manns- oder Frauenhemd des 
Obelthäters ohne sein Wissen verschaffen, in diesem Hemde muss das 
Kind schlafen and wird dann wieder heil.-) Auch ist mir bekannt, dass 
ein solches krankes Kind mir der Hand eine- Toten gestrichen werden ist 

Demnächst bespreche ich eine Reihe Mittel, die wohl unter die 
Stellung von einer bildlichen Wiedergeburl zusammengefasst werden können, 
obwohl auch der Gedanke au Abstreifen oder Überführung de. Übels auf 

andere Gegenstände die Vorstellung mit I influssl haben mag. Ein Mittel, 

das mit kranken Kindern auch anter solchen umständen benutzt wird, 
ist. das Kind lebendig zu begraben and wieder aus dem Grabe auf- 
zunehmen, wodurch doch wohl ohne Zweifel ein Absterben und eine Auf- 
erstehung bezeichnet wird. Bin Paar von den ausführlichsten Gebräuchen 
führe ich an. Ist (du Kind durch den Blick einer Hure getroffen, schneidel 
man aus einem neuen Grabe drei Rasenstücke, stellt zwei lotrecht, das eine 
waserecht aber die beiden lotrechten, so, das ein Lech gebildet wird: Fl 
Das kranke Kind wird gewöhnlich oach Sonnenuntergang oder vor Sonnen- 
aufgang nackt, den Kopf voran, mit der Senne, schweigend, durch dies 
Loch dreimal gezogen. [st dies vorüber, nimmt die Mutter ihr Kind, 
es dreimal um die Kirche, die Kirchenthür jedesmal anrührend. Nach 
Hause gehend darf sie nicht durch das Pförtchen de, Friedhofs -ehm. 
sendem muss mit ihrem Kinde über die ümwallung klettern und zu Hause 
gekommen nicht durch die Thür gehen, sondern das Kind durch das Fenster 
hineinbringen. Ein einzelnes Rasenstück mir Loch an einer Kreuzscheide, 
wo die Felder von vier Eigentümern zusammenstossen, gegraben, Kann 
auch ,uute Dienste thun. 8 ) Andere äquivalente Mittel sind: das Kind durch 
ein Messgewand oder ein Kumtkissen zu ziehen. In einer Erzählung 
der Kranke, dass er fühlte, als er durch das Kissen gezogen wurde, wie 
das Übel „unten aus ihm wegglitt", und er wurde gleich gesund. *) 

1) Kristensen, Folkeminder VIII. 328. 558. Thiele III. BTo. 492. 

2) Jvilske Saml. III, 94. 

3) Jydske Saml. P, 55. III, 94. Kristensen, Sagn IV, 

4) Skattegr.VII,39,90. Kristens . Folkem. VIII, 328; vgl. unsre Ztechr. II. 81. MI. 1- 



IVilberg: 

Noch andere Heilmethoden geben auf Getränke, die der versehene 
Mensch einnehmen muss, Anweisung. Ist jemand vom bösen Blicke gec 
troffen, muss er zu einer Brücke, aber welche gute und böse Menschen 
schreiten, hingehen und drei Taut' nacheinander von dem Messenden 
i anter der Brücke trinken. 1 ) Das lässt sich hören, schwieriger 
aber scheint das andere Mittel für gewöhnliche Menschen zu benutzen. 
Ist ein Kind von einem bösen Menschen versehen wurden, pisst die Mutter 
in ihren rechten Schuh und lässt ihr Kind am Morgen dreier Donnerstage 
daraus trinken, so wird es gesund.*) In Schweden muss der linke Schuh 
der heimlichen Hure herbeigebracht werden, woraus das Kind trinken 
muss.*) Eine ausführliche Anweisung ist aulgezeichnet worden und lautet: 
..Ist das Kind vom Blicke einer Hure getroffen, so nimm einen Fingerhut 
voll Milch und mische einen Tropfen von deinem eiguen Wasser darunter. 
Du musst dir demnächst den rechten Schuh dessen, welcher dir verdächtig 
ist, zu verschaffen suchen, gieb dem Kinde daraus au einem Sonntag- oder 
Dontoerstagmorgen zu trinken, aber vor dem Aufgang der Sonne. Du 
musst zugleich das Kind an diesen drei (!) Morgen in einem langen weissen 
Tuche wägen. Ist das ausgerichtet, so knüpfe drei Knoten in ein Tuch 
und wirf es vor den Hund, nimm es wieder fort und lege es, wie es ist, 
unter die Füsse des Kindes, bis es am anderen Morgen wieder benutzt 
wird. In selbigem Kleide musst du den Hund an denselben Tagen wägen." 
Hier ist die Aufschrift dunkel, die Fortsetzung ist wohl auch ziemlich 
überflüssig, nur sei bemerkt, dass die Brust des Kindes zuletzt mit Pflaumen 
gerieben werden muss und mit einem Stück Papier von einem Zuckerhute 
gedeckt. 4 ) 

Man kann auch von elbischen Wesen Hilfe erwarten, wenn man die 
Sache versteht. Hat ein loses Weib das Haus besucht und muss man 
Krankheit (Skropheln) fürchten, so geht man an die See und spricht dreimal 
zu der Seefrau (ihr Ruf ist ja eben nicht der beste): „Ich bitte um Wasser 
für mein krankes Kind als Heilmittel gegen Magenskropheln („Magskäver"), 
Gliederskropheln („Ledskäver") und alle Arten von Skropheln („Skäver"). 
Der Seefrau, verstehst du ja wohl, darf man nichts sagen, das anzüglich 
sein könnte. 6 ) Hat man seinen Eimer gefüllt, so dankt man der Seefrau 
und badet das Kind im heimgetragenen Wasser; auch kann man ihm 
davon 9 Tropfen eingeben, weiss man nicht gewiss, an welcher Art Skropheln 
das Kind leidet. 



1) Vgl. Folklore VIII, 92: draw water between sunset aDd sunrise from a strearo 
crossing a public road, which has been passed over by the living and the dead (Schottl.), 
Mittel gegen dasselbe Übel. 

2) Kristensen, Folkeminder VI, 364, 100 (D.). 

3) Jonsson, Möre 7. Cavall., Wärend I, 402. 

4) J. Kamp 366, 1119. 

5 .Man nennt darum nicht -Hurenskrophelu". 



Der böse Blick in n ., 

Hat man nicht voraus versacht, das Kind die flblen Folgen 

ron loser Weiber Besuch zu Benutzen, indem man ein Loch in »'in Dielen- 
brett in der Nähe der Thürschwelle gebohrt, mit Wasser von der Seefrnu 
erbettelt, gefüllt hatte, bo maes man Bolches thun, wenn man das letzte 
Mal Wasser gegen Skropheln bettelt. Man bewahrt in diesem Bohrloch 
so viel v.»n dem Wasser auf, dass man dem Kinde davon dreimal 9 Tropfen 
eingeben kann. 1 ) 

(riebt es inwendige Mittel, so giebt es auch auswendige, um die M 
des bösen A.uges zu lähmen: man muse nm 12 Uhr auf einem Kreuz 
drei Messerspitzen voll Erde aufsammeln, dieselben in einen Lappen ein- 
genäht um den Hals des Kindes binden und es damit schlafen lassen, 
fährt auch «las Kind in der Mitternachtsstunde in die Kirche and bindet ihm 
Band, dort vor dem Altar aufgesammelt, in einem Säckchen um den Hals.*) 

\ chträglich füge ich noch hinzu, dass in Schottland eine kleine, 
herzförmige lirosche nicht ungewöhnlich an einem der Unterröcke, me - 
hinten, zur Abwehr des bösen Auges getragen wurde. Leidet ein Kind 
an einer zehrenden Krankheit, so winl das Übe] oft der Macht i 
Auges angerechnet. Vor Sonnenaufgang wird es zn einem GTobsehmied 
von der 7. Generation gebracht und nackt auf den Audi"-- gelegt. Dei 
Schmied erhebt seinen Hammer, als ob er auf das glühende Eisen schlagen 
wollte, führt ihn aber ganz leise über den Körper des Kindes herab, l-t 
dies dreimal gethan, wird das Kind von der Stunde an gesund. In dem 
nordwestlichen Schottland benutzt man unter solchen umständen ßilb< 
und goldenes Wasser. Ein Schilling und ein Sovereign werden insWj 
womit das Kind bespritzt wird, geworfen.*) Die .Marin des bösen iuges 
bei einem Menschen wird, wenn man ihm nüchtern dreimal ins Gesicht 
spuckt, vernichtet. 4 ) 

Eine vereinzelte Bemerkung, mit welcher ich nichts anzufangen ver- 
Hiag, Bei endlich hinzugefügt. Es wird von Kristensen erwähnt, dass man. 
wenn eine Kuh eben gekalbt hat und das erste Mal gemolken wird 
schwind eine Schürze über den Eimer werfen muss, damit weder Sonne 
noch anderes Licht, noch hr»se Menschenaugen es treffen mögen.*) Wie 
das aufzufassen ist, weiss ich nicht, [st die Sonne als Auge eines G 
aufgefasst? Vgl. Grimm, Muh.- 665, Tylor, Auf. d. Civilis. I. 345 [st 
dieser Fall damit zusammenzustellen, dass >\<'\- Troll vom luge der Sonne 
getroffen in Stein verwandelt wird, ein Motiv, das in nordischen v 
und Märchen überaus häufig vorkommt? 



1) Wigström, Folktro och Sägner, 135, 440. 

2 Kristensen, Sagn IV, 580, 09. Sk VII.:; 

3 W. Gregor, Folklore of the N. ] 3cot , S. 8. B Folklore 
X. Countries, 187. 

4) Black, Folk-Medicine, 184. 

5) Kristensen, Sagn VII, 302, 1145. 



Peilberg: Der böse Blick in nordischer Überlieferung. 

fadem ich hiermit Bchliesse, bleibt die Präge zurück: ist hier alles 
Phantasie und Einbildung, oder sollte eine Wirklichkeit, eine Realität 
dieser Vorstellung zn Grunde liegen? Einer meiner Universitätslehrer, 
der längst verstorbene Professor Forchhammer in Kopenhagen, trug- in 
filier seiner Vorlesungen den Satz, vor, das Volk nimmt richtig wahr, 
deutet aber die gemachte Wahrnehmung sehr oft phantastisch. Ist das 
wahr, wie ich glaube. -<> dürfte unter diesem Aberglauben eine wirkliche 
Observation von der Gewalt des Bcharfen Blicks eines Auges sich bergen. 
Bekannt genug ist es ja, dass man den bissigen Hund durch festes An- 
blicken fern von sich halten kann. 

Ks scheint ebenso eine allgemeine Wahrnehmung, dass Raubtiere und 
Schlangen eine gewisse Macht durch ihren Blick auf ihre Beute besitzen. 
Auch sind in den letzten Jahren unter den vielen Versuchen, die sich 
mit der Ergründung von Suggestion und Hypnotismus beschäftigt haben. 
Verhältnisse sehr sonderbarer Art entdeckt worden, die einigermassen er- 
klären oder doch begreiflich machen können, wie das Volk eine Theorie 
wie die von dem bösen Blicke ausbilden konnte. Ist einmal ein solches 
Motiv heimisch im Volksglauben geworden, so wird es immerfort wuchern 
und neue Sprossen treiben. Das Schauspiel des norwegischen Dichters 
IL Ibsen, „Fruen fra Havet" wird allen bekannt sein. Sie ist glücklich 
verheiratet, — auf einmal erscheint ein Fremder, sein Wesen, seine Stimme, 
besonders aber sein Blick lähmt, bezaubert sie, wie der Blick der Schlange 
das erschrockene Vögelein. Es dürfte von ärztlicher Seite mehr als eine 
Schrift, die Fascinationen dieser Art schildern, vorliegen; ich kann hier 
auf einen ähnlichen Fall, von Prof. Preyer in seinem Buche: Ein merk- 
würdiger Fall von Fascination (1895) geschildert, hinweisen. Seine Heldin 
heisst, wie Ibsens, Ellida, die mit einem braven Manne verheiratet ist. 
Hier erscheint auch ein Fremder, der sie mittels Drohungen, Heftigkeit, 
Stimme, besonders aber durch seinen Blick, deu „Tigerblick" bezwingt. 
So oft sie dieser Blick traf, wurde sie, obschon völlig wach, Automat, 
fahl, blass, ihre Gesichtzüge erstarrten, ihre Hände wurden kalt, das Reden 
wurde ihr schwierig. Mit eingedrückten Ellenbogen und vorgestreckten 
Händen folgte sie ihm wider ihren Willen — und doch liebte sie ihren 
.Mann und ihr Kind. 

Sollten nicht ähnliche Fälle, die einst wahrgenommen worden sind, 
bei primitiven Völkern den (Hauben an den Zauber des bösen Blicke 
haben entstehen lassen? 

Askov bei Vejen, Jütland. 

(Die Beilagen folgen im 4. Heft.) 



Zachariae: K 

Kleine Mitteilungen. 

I iid wenn der Himmel war Papier. 

Reinhold Köhler hat in zwei Aufsätzen wiederholt in Beinen Klei 
Schriften [II, 293—318) die dichterische Formel „Und wei der Bimmel war 
Papier" in verschiedenen Gestaltungen and Anwendungen durch eii Zahl 

von Litteraturen hindurch verfolgt. Ich gestatte mir hier einen I. • Nachtrag 

zu geben, auf die Gefahr hin, 'las«, das. was ich anzuführen habe, anter den Nach- 
trägen Köhlers vorkommt, die sich seit dem Jahre 1892 in Budapesi befinden and 
von dort nicht zarückzuerlangen sind (s. diese Zeitschr. XI, S. 95 f. . 

Philipp Baldaeus behandelt in seinem Buche über Indien (Beschri 
der Ost - Indischen Küsten Malabar und Coromandel u. b. \\.. Amsterdam 1672 
S. 4G7 ff. die zehn Verwandlungen oder Altare (skr. avatara) <\<-± Gottes Vi-.nu. 
Seinen Bericht über den achten Altar, d. h. die Verwandlang des Yimui in den 
Krsna, schliesst er auf S. 550 mit folgenden Worten: 

„Die Heyden bezeugen einhälliglich wann schon das gantze Meer Dinten 
wäre j die gantze Erde Papier | und alle Einwohner in hundert tausend Jahren 
nichts anders tähten dann schreiben | tag und nacht so wäre es nicht möglich ) 
alle Wundertahten Kisna in Schriften zu verfassen I die er allein in Zeit von 
hundert Jahren verrichtet hat | in der dritten Weltzeit ' Duapersinge genanl welche 
gewähret hat acht hundert vier und sechzig tausend Jahr." 

Man beachte, dass bei Baldaeus nicht der Himmel, sondern die Erde als 
Papier gedacht wird. Vgl. dazu Köhler a. a. 0. S. 29«. 303f. 

Die hundert tausend Jahre bei Baldaeus erinnern an die rausende von Welt- 
altern in der Väsavadattä des Subandhu: sieh Benfey bei Kohler 8. 306 f.; 
eine metrische Fassung der Väsavadattästelle habe ich mitgeteilt in der Guru- 
püjäkaumud! (Festgabe zum fünfzigjährigen Doktorjubiläum Albrechl Weber dar- 
gebracht von seinen Freunden und Schülern. Leipzig 1896) S. 

Zu der aus Baldaeus angeführten Stelle findet sich auf S. 550a folgende Rand- 
bemerkung: „Desgleichen wird von Christo Jesu auch bezeuget Job 21: 35. von 
welchem also diese Heyden ohne zweifei etwas müssen gehöret haben." 

Die Stelle im Evangelium Johannis 21, 25 lautet: „Es Bind auch viele andere 
Dinge, die Jesus gethan hat, welche, so sie Bollten eins nach dem andei 
schrieben werden, achte ich, die Welt würde die Bücher mein begreifen, die zu 
beschreiben wären." 

Wie Baldaeus, so giebt auch ü. Dapper in seinem Bache: Asia Oder: Lus- 
führliche Beschreibung Des Reichs des Grossen Afogols Und i ii rheila 

Von Indien | Nürnberg 1681, S. 58ff. eine Darstellung der Verwandlungen 
leiblichen Erscheinungen des Visou. Diese Darstelluni; ist, wenn ich rech! 
zu einem grossen Teile aus Baldaeus abgeschrieben. Den aus Baldaeus - 
angeführten Worten entspricht folgende Stelle bei Dapper 8. 102 ziemlich genau: 

„Und obgleich | wie die Brahminen bezeugen alle Seelen zu Dinten der 
ganze Erdboden zu Papier , und alle lnnwohner 100000. Jahr Tag und Xadu un- 
ausgesetzt schreiben würden | so wäre es doch unmöglich alle Wunderwerk' 
Kisnas | die er in der Zeit seiner Regierun- von 100. Jahren auf El richtet 

i zu beschreiben." 

„Seelen" bei Dapper Druckfehler für „Seeen" (?). 

Halle a. d. S. Theodor Zachariae. 



;.};;._) Srliiittr: 

\h\> Häuseln Im Braunschweiglschen. 1 ) 






Seitdem die Gesangvereine sich auf dem Lande gebildet haben, hat man in 

den meisten Ortschaften von der alten Sitte des Hanseins abgelassen und giebt 
nur etwas zum besten, wenn man in einen Verein eintritt. Wo aber das Hänseln 
ooeb stattfindet, sind meist die früheren Bräuche aufgegeben, man begnügt sich 
mit Trinken und dem Gesänge von Soldatenliedern. Das war früher anders. 
Man muss sich wundern, welch -rosse Fülle studentischer Lieder auf den Dörfern 
bekannt gewesen ist: 

Ich nehm' mein Glaschen in die Hand. (Der erste Vers dieses Liedes, 
das in den ßreslauer Burschenliedern steht, fehlt auch im all- 
gemeinen deutschen Kommersbuche). 2 ) 

Lasset die feurigen Bomben erschallen. 

So leben wir. 

Der Papst, der fahrt nach Rom. (Eine Umwandlung des bekannten 
Liedes vom Abt von Philippsbrunn.) 

Ihr Brüder, wenn ich nicht mehr trinke. 

Trinkt. Brüder, trinkt. 

Ein lustiger Bruder weiss immer noch Rat. 

Bald tanz' ich. 

Europa hat Ruh'. 

Sind wir nicht zur Herrlichkeit geboren? 

In einigen Ortschaften sang man besondere Lieder. In Volkmarsdorf be- 
kamen vor dreissig Jahren die Enken beim Hänseln, für das auch die Ausdrücke 
„Einkaufen, Bengeln und Hulligen" gebraucht wurden, einen Hut aufgestülpt, ein 
Glas Bier in die Hand, und dann sang man im Anklänge an den Landesvater: 
„Der tolle Hut, Ein Hundsfott, der uns schimpfen tlmt. 

Der steht dir gut, Die Hasen, die da laufen, 

Den thu ich dir aufsetzen Hie Burschen, die da saufen, 

Und mich daran ergötzen. Die Mädchen, die da haben das Geld, 

Mein Bruder, sauf nur zu! Die brauchen wir auf dieser Welt." 

Darauf redete der Altknecht den Enken an: „Mein Sohn, wenn du auf Wache 
kommandiert wirst, musst du aussehen wie ein Bär, Rotz von der Backe, Haare 
unter dem Tschako, und als wenn du zehn Teufel gefressen hast zum vi zum 
vallera. Nun, mein Sohn, setz an! Aus, aus, aus!" 

In Lamme ging man, nachdem in der Wirtsstube getrunken war, auf die 
Däle, auf die der Schlachtetisch gesetzt war. Auf diesen mussten sich die Enken 
einer nach dem andern mit dem Leibe legen, der Kopf wurde niedergehalten und 
sie kriegten die „ Blitze Bratze". Vorher aber begann der Altknecht zu singen 
und alle stimmten ein, indem sie die Mützen abnahmen: 

„'rein, 'rein, 'rein! Dafür soll er die Pritsche hän 

Es fehlt der letzte Mann, Vom Hacken in den Nacken, 

Der hat uns was zu Leide gethan, Dat Avschlock sali ne smacken!" 

Wer sofort nach dem Gesänge die Mütze nicht wieder aufsetzte, bekam die 
Pritsche wieder. 



1) Vgl. R. Andree, Braunschw. Volkskunde, S. 236 und Braunschw. Magazin 189$ 
S. 197 und 1899, S. 31. 

2 Vgl. Hoffmann v. Fallersieben. Unsere volkstüml. Lieder. 4. Auflage von Prahl. 
Leipzig 1900. S. 139.] 



Kleine Mitt< düngen. 

In Gross-Dah [um, wo das Hänseln in früherer Zeit an dem 6. bitt- 

fand, Bang man neben dem Fürsten von Thoren auch: 
„Hin- Mtz.'ii die drei Könige mil ihr 
Si.- fressen and Baafen, bezahlen nichl 

o< eh< Uje Quadrille, 
Charmante Margret, 
Schöne Spielewerke 
l'ihl schöne Rarität." 

In Harvesse, wo man auch heute noch häufig gleich auf dem Felde beim 

Roggenmähen hänselt, indem man beim .Malun an dem zu Hänselnden vorbei und 

um ihn herum mäht, so dass er wie ein begossener Pudel in der Mitte Bteht, 

Bingt man: 

„Ins versoffene Lager ziehen wir. 

Da giebt es hübsche Mädchen, Wein oder Bier 

l'nsre ganze Gesellschaft, die soll leben. 
Das geschieht dem H<rrn zu Ehren. 
Der Berr soll leben vivat hoch." 

Wenn der Bnke sein (ilas Schnaps, den er selbst hatte holen müssen, aus- 
getrunken oder einen grossen Schluck aus der Flasche genommen hatte 

der Chor: 

„Das- du, mein Bruder, gut saufen kannst. 

Das sieht man dir an der Nase an, 

Du hast einen guten Meister gehabt, 
Der dir das Saufen geleimt hat." 

In Rautheim, wo sich der Gehänselte am Schlüsse mit den Worten bedankte: 

„Ik bedanke mik for de ganze Gesellschaft un den guen Willen", stimmte man 
dreimal hintereinander das Lied an: 

„Prost, Bruder, prost ! 

Morgen komml der Trost. 

Morgen kommt der Mann ron Celle, 

Bringt den Beutel mit dem Gelle, 

Prost, Bruder, prost!" 

In Engeln stech sang man in der Weise des kirchlichen Absingens beim 
Hanseln einen Wechselgesang. Der Altknecht fing an und ein anderer antwortete: 
„a) Peiter Christian, bist du nicht mein getreuer Kn 
b) Was bin ich schuldig für den B 

a) Geh hin zu den Bauern und sag', sie möchten ans schicken ein \ 

b) Ja, die Bauern haben sich % ganz and. rs bedacht und haben uns einen Pfennig 
mitgebracht, einen Pfennig, einen kling Man- Glori \ 

(Ob vollständig? 

Wurden die Enken mancherwärts zuletzt durch einen Pfuhl -eineben oder 
mussten sie durch eine Kiepe oder ein offenes Fass ohne Boden kriechen, wobei 
es anSchlägen nicht fehlte, so mussten sie in Söllingen durch cm „Hängbimme" 
(Hemd ohne Ärmel) schlüpfen, in Wahrstedt aber BChlug man sie beim S] 
vom Stuhle, auf den sie sich hatten setzen müssen, mit der Schaufel vor da 
säss. Milder war man in Flechtorf. Dort zogei - der älteste hiess 

der Heerbengel — den zu Bengelnden über ein Bierfaes, und es wurde mit dem 
Dreschflegel nicht der Enke, sondern das Fass geschlagen das* 

Wie die Enken, so wurden auch die Mädchen gehänselt, und auch heute noch 
geschieht es, z. B. in Eischott und Delligsen. Weitere Kunde habe ich nicht er- 
langen können. Wie sie aber vor vierzig Jahren etwa in Dibbesdorf eingeweiht 

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Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1901. 



:;:; I Zeller: 

wurden, wenn sie zum erstenmale zum Melken auf die Weide kamen, so wird es 
auch anderswo gewesen sein. Hier fasste Bie ein Mädchen unter die Arme und 
ein paar andere an die Beine, und dann wurden sie mit dem Gesasse auf die 
Erde gestoppt. In Eischott behandelt man sie zarter. Dort zieht man die 
Mädchen bei der [Lindtaufe, wenn sie zum erstenmale Gevatter stehen, über den 
Tisch oder setzt sie auch nur sanft darauf. In Delligsen aber beschränkt man 
sich darauf, von den Mädchen, die erstmalig bei der Roggenernte thätig sind, ein 
..Einstandsgeld" zu nehmen, das 25 — 40 Pfennige beträgt, wofür Bier oder süsser 
Schnaps gekauft wird. 

In dem letztgenannten Orte werden auch die Frauen gehänselt. Wenn nämlich 
eine junge Frau zum erstenmale nach ihrer Verheiratung Kuchen oder Brot backt, 
so muss sie im Backhause den anwesenden Flauen eine Flasche Kirschschnaps 
zum besten geben. 

Braunschweig. Otto Schütte. 



Der Nikolausabend am Abersee im Salzburgiscken. 

In dem Thale, welches den Aber- oder St. Wolfgang-See u