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Full text of "Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung auf dem Gebiete der indogermanischen Sprachen"

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Zeitschrift 




für 



vergleichende Sprachforschung 

vaX. dem Oeblet« der 

indogermanischen Sprachen. 

Begründet Ton A« Kulm. 



Kflue Folge yareinigt mit den 

Beiträgen zir Eimde der indogermaEiselien Sprachen. 
A. Bezienfterger, E, Kohn und W, Schulze* 



Der ganzen Beüie 4L Band, 
Xß, (Döpp©l-)Heft, 




6otttndtii 

Tatidenhoedt and RuprtAt 
1907. 




Inhalt 

Über das Bekonstruieren* Von Eduard Heniiaisii , , 1 

Btüdieti über die Sprache des preuß. Encbiridions, Ton A, BezKeBberger 6& 
Ägyptische Lehnwörter in der äUereö griechi scheu Sprache. 

Tod Wilhelin Spiegelberi? , 127 

SlftTtsübe Äkaeat- und QujintitÄtsetudien H, Von W, Tondräk .... 183 
Zwei kldoo Abhandlungen, il. Kocb einmal die neugriechischon Zahlwörter, 

H* Znr ila vi sehen Vertretung von arioeurop, 0.) Von IL Vaemer . 154 

Gotica. Von Wilhelm Scholle ,.. .•..., 165 

ludisühe MiscesII&n. Von R, Pisi^hel .,.---.** 176 

Etrtiakisches. Von Alf Torp 185 

Zur Entstehung der indirekten Bade im Dentsehen, Von Paul Didfl , IM 

HeiyebglosBoii HI, Von A. Fick , , . J98 

LaL eommnw MBynJnjotrisch**, e&ncinnttrM 1. „T«rwÖfttea" 2, ,,inrichten". 

Von W- PrellwitK 202 

Zn Bd. XL 528. Von Ernst Maafl 204 

Zn BB. XXX 325 £f. Von C. C, Uhlenbeck 204 

Ein Brief von PVanz Bc^pp. Von S. Lefmann .*.,*--*-*. 205 

MQtti^naX^ t crä-ptäa. Von Edwin W. ¥B.y • . • . . 208 



Anf Anregung des ni it unter sei cbnüian Verlags und unter Zustimmung 
der Firma C. Bertelsmann in Güteraloh haben dia Herausgeber der »Beitr&gö 
xur Kunde der indogermanischen Sprachen« und der »Zeitacbrift für rer- 
gleiehenil© Sprach forechnng« beide Organe tu einer neuen Folge verecikmohen, 
deren erstes Heft hier vorliegt* 

Pör den Entschluß war der Umstand maßgebend, daß beide Zeitschriften 
dasselbe Ziel verfolgen, und daß die Gründe , welche die »Beitrige^ ins 
Leben gerufen haben, im Lauf der Zeit hinfällig geworden sind* Unter 
diesen Umständen ist es zweifelloB im Interesie der Mitarbeiter, der Leser 
und überhaupt dea Fortsohr itts der Wissenschaft gelegen, wenn die einschU- 
gl gen Arbeiten nach Möglichkeit in einem Organe vereinigt werden. 

Die Führung der Redaktion sgesohlfte, welche bandweise wechseln wird^ 
hat för den ersten Band der neuen Folge A. Bciienber^ger übernommen* Es 
steht jedoch den Herren Mitarbeitern frei, an welchen der drei Herausgeher 
sie ihre Beiträge gchicken wollen. 

Die Bände werden stärker aU die »B eitrige«, aber weniger stark als die 
bisherige »Zeitschrift« sein, dafür aber je nach Bedarf öfter erscheinen. Preia 
12 Mark. 

M an üskriptsen düngen wolle man richten entweder an Prof, Dr. A J*»- 
Msnherff*r iKdnigiberg i* Pr., Steind. Wallstr. 1/2), oder an Prof, Dr. -B. Kuhn 
(München 31, Hess-Str. 3), oder an Prof. Dr. W. Sehtäg^ (Berlin W. 10, 
Kaiserin-Äugu&ta-Str. 72). 

Die Redaktion bittet, zm den Manuskripten im allgemoinen lose Quart- 
bUtter itt verwenden. 

Bfispreehungen können nur solchen Werken zugesichert werden, ?on 
welchen die Redaktion ein Resensiona^Eiemplar erbittet 

H. Bntttt^trgtr. S. Kuhn. ISl. $d»iil|t. 
Tutidcnhofdi 4 ßopridit. 



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...•:• ::::: :•:•• 



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Inhaltsverzeichnis. 

Über das Eikonstmiet^a Von E. Hermann ... 1 

Studien Qber die Sprache des prealischeti EnchiridioDB. Von A. BoEzenb erger 6Ö 

Ägyptische Lehnwörter in der älteren griech. Sprache. Von W- Spiegelberg 127 

Sladsche Akzent- und QuantitätestudieD. II. Von W. Vondr^k . . , ISS 

Zwei kleine Abhandlungen. Von M. Vaemer 154 

Gotica. Von Wilh. Schnlze , . 105 

Indische Miscellen. Von R. PiBobol 176 

Etnmkiechee. Von Alf Torp ....*.......,.,. 185 

Zar Entsteh an g der mdirekten Rede im Dentschen. Von PanlDiela . 194 

Hesychglüssen. III. Von A. Fick 198 

Lat amdnnus „symmetriBch", ccncim^rc 1, „verwüsten**, 2. , zurichten". 

Von W. Prellwitz . . . - ,202 

Za Bd. XL 528. Van Ernat MaaA , , . 204 

Zu BB. XXX 325 ff. Von C. C, üblonbeck 204 

Ein Brief von Franz Bopp. Von S* Lefinftnn , . . 205 

Mgtti-nctli^i crü-p^da. Von Edwin W. Fay . 208 

Der angeblich passivische Charakter dea transitiven Verbs, Ton F. N. Finck 200 

Weib und WeibeL Von A. Bezzenberger ,'.... 282 

Zur Mjrthologie. Von H. Ehrlich ... 283 

Indisches nnd Italisches, Von J. Waokern agei 305 

Zdt Gmndivbildung im Arischen. Von Chr. Barthol omae . . . . B19 

Lat 8epdirr. Ton Wüh. Schnlfe . . 3S5 

Di« Indogermanen, Von A. Fick , SSS 

Der homensche Gebranch der Partikeln c/, ff x§ und tjif mit dem Eoi^nnktiv. 

Von C. Hentzo . . SöB 

Vertanschnnf der Snffiie on and on£ im Griechischen nnd im Lateinischen. 

Von A. Zimmermann 878 

Irisch Et^na, Von WhitUj S tokos . 381 

Etymologisches. Von Wilh. Lehmann . . , . 390 

Wort^eschichtUclieB, Von E. Lid^n 395 

Zn S. 209 ff. dieeeB Bandes. Von C. 0. Uhlenboek 400 

Sa^h- mä Wortregister , ... 401 

yerhtBsemngen ,,...,,, IV 



J^. ^ 




Verbesserungen. 

Seite 40 ZeUe 8 Ues: ,Piü«tale« statt „Zerebrale''. 

Seite 41 ZeUe 2 t. a. lies: pi statt pc. 

Seite 62 Zeile 6 ues: „iiachkliiigendes" statt „nachVlingendem" 



über das Eekonstnueren. 



I 



I 
I 



Ans der Hinteriassenschaft Schleichers ist abgesehen voß der 
litauischen Grammatik für den heutigen Sprachforscher nichts von 
größerer Wichtigkeit als sein Versuch, die Formen der indogerma- 
nischen Grundsprache zu rekonstruieren. Zwar gehen wir heut- 
zutage bei dem Rekonstruieren vorsichtiger und konsequenter zu 
Werke als Schleicher, und daher sehen die erschlossenen Formen 
meist anders aus als zu Schleichers Zeiten ; aber Schleichers Grund- 
gedanke ist geblieben: daß e^ möglich seij durch Vergleichung 
der verschiedenartigen Formen der aberlieferten Sprachen die 
einheitlichen Formen des ürind oger manischen , aus denen 
jene entstanden sind, wiederherzustellen. Es ist aber mit diesem 
Grundgedanken, der für die Entwicklung unserer Wissenschaft 
von höchstem Einfluß war und ist, leider» wenn auch modi- 
fiziert, auch jene Unklarheit Über die reale Bedeutung der 
rekonstruierten Formen gebliehen, die uns bei Schleicher so sehr 
frappiert. 

Schleicher hat bekanntlich nicht nur die von ihm erschlossenen 
idg. Formen als ganz reale Sprachformen behandelt, sondern so- 
gar eine Fabel mit Hülfe dieser Formen zusammengestellt. Wir 
sind daher mit Recht verwundert, wenn wir in seiner indo- 
germanischen Chrestomathie (1869) lesen (S. 342): „Eine auf die 
Lautstnfe der indogermanischen Ursprache zurückgeführte Form 
nennen wir eine Grundform (z. B. lat. generis, Grundform 
ganasas; gr. yivovg, Grundform ganasas). . . . Daß diese Grund- 
formen wirklich einmal vorhanden gewesen sind, wird durch die 
Aufsteüurig derselben nicht behauptet**. Auch in seinem Com- 
pendium*) spricht Schleicher davon, daß — allerdings nur in 
einzelnen Fällen — ^die von uns erschlossenen Formen der idg. 
Ursprache mehr oder minder zweifelhaft sind". Dieser eigen- 
tümliche Widerspruch, daß die rekonstruierten Formen auf der 
einen Seite genau so wie wirkliche Sprachformen behandelt, auf 
der andern aber in der Theorie mit der grössten Skepsis 
betrachtet werden, tritt auch heutzutage immer wieder hervor. 



»J Mir nm in der 2. Aufl. ¥on 1866 mgMgUch ; daselbst S. 8. Anmerk. 

Z*il»chrtfl fit retgl. SpTftchf. XLI, 1/2, J 




2 



E. Hennanii 



Der positive Standpunkt, den man zu ScMeichers Zeiten den 
Rekonstruktionen gegenüber eianalini, ist seit J. Schmidts Polemik 
gegen ilin so gut wie angegeben, wenngleich er hie nnd da 
doch noch durchschimmert, so bei Fick VgL Wb> Einl, S. 25, 
Collitz Am. Journ. Phil. XII 299; neuerdings noch bei Schrader 
BeaUex. S* XI. Diese Anschauung charakterisiert sich dahini daß 
eine Addition der erschlossenen Formen die idg. Grundsprache 
ergibt. Daß sie gänzlich unhaltbar ist, hat J. Schmidt Verwandt- 
schaftsverh, (1872) dargetan. Er sagt S, 30; „Sobald wir eine 
grössere oder geringere Zahl von Grundformen zusammenstellen 
und meinen, damit ein Stück der Ursprache, sei es so groß oder 
80 klein es will, aus einer und derselben Zeit gewonnen zn 
haben, schwindet uns aller Boden unter den Füssen . • , Wenn 
wir also einen zusammenhängenden Satz in der Ursprache 
schreiben woUen, so kann es leicht geschehen, daß er, wenn auch 
jedes Element desselben richtig rekonstruiert ist, als Ganzes 
dennoch nicht besser dasteht als die Übersetzung eines Verses 
der Evangelien, deren einzelne Worte man teils ans VulMas, 
teils ans des sogenannten Tatians, teils aus Luthers Übersetzungen 
entnommen hätte, da alle geschichtliche Perspektive in der Ur- 
Sprache noch fehlt. Die Ursprache bleibt demnach bis auf 
weiteres eine wissenschaftliche Fiktion*'. Schmidt war aber 
der Meinung, daß es ^eine ganze Reihe von Wörtern und 
grammatischen Formen" gebe, „deren vorhistorische Grundformen 
wir zuverlässig erschliessen können, selbst wenn sie in keiner 
einzigen Sprache unverändert erhalten sind'^ (S* 28,'29). Schmidts 
Standpunkt war also immer noch positiv, er ließ aber nur die 
einzelnen Grundformen, nicht ilire Addition gelten. Auch 
später noch stand Schmidt auf positivem Standpunkte, das zeigt 
z. B. eine Äusserung KZ. XXIV 303: ^Die Aufgabe der 
Sprachwissenschaft ist, nachzuweisen, welches die Formen der 
Ursprache waren und auf welchen Wegen daraus die Einzel- 
sprachen entstanden sind". Ebenso erhellt dies ans einem seiner 
letzten Werke, aus der Kritik der Sonantentheorie. Das ganze 
Buch wäre unmöglich entstanden, wenn nicht Schmidt an seiner 
positiven Überzeugung festgehalten hätte* 

Ahnlich wie Schmidt denken von den rekonstruierten Formen 
viele — vielleicht die meisten der heutigen Sprachforscher, So 
sagt Kretschmer Einl, gr, 8pr. 8. 1516: „Nach wie vor wird es 
Eecht und Pflicht der Sprachvergleichung sein, einheitliehe Grund- 
formen aufzusuchen*^. Hübschraann äußert sich gelegentlich so 



Üher da» HekoDstnüeren. 



3 



(IF. Anz, XI 25 Anm.): „Ist z* B, unser fesmi *bin\ weil es 
dem idg. Wort für 'ich bin' vielleicht nur ganz nahe kommt, 
ohne sich mit ihm vollkommen zu decken, nur eine Formel ?** 
Auch Mermger z. B. bekennt sich oflfen als Positivisten, Z. östr. 
Gjmo. 1HB8 S. 131/2: „Auch er [Brugmann] setzt als Aufgabe die 
Rekonstruktion der Ursprache stillschweigeud voraus* Dagegen 
ist gewiß nichts einzuwenden^* Andere Gelehrte mögen sich da 
oder dort ebenso klar als Anhänger einer positiven Anschauungs- 
weise bekannt haben. Ich gehe nicht darauf aus, die Zeugnisse 
MerfRr alle zu sammeln, ich begnüge mich viehnehr mit dem 
Hinweis darauf, daß eine positive Anschauung deutlich aus den 
Arbeiten z. B. von Bartholomae, Bezzenberger, Brugmann, Hii% 
Osthoff, Pedersen, Saussure u. a* spricht ; besonders aber sind es 
die Verfasser von Handbüchern, welche die rekonstruierten 
Formen ganz positiv fassen, wie außer Brugmann: Leskien 
{Ältbulg* Handbuch), G. Meyer (Grieche Gramm*), Sommer, Stolz, 
u. V. a. 

Zu den Positivisten rechne ich auch Bremer, dessen An- 
schauung sich allerdings wesentlich von der Schmidts unter- 
scheidet. Bremer hat erkannt (IF, IV 8 fg.), Aaß wir beim 
Ansatz erschlassener Formen auch innerhalb einer einzelnen 
Form leicht einen Anachronismus begehen können, „indem wir 
eine Form ansetzen, welche die Wirkung zweier Laut- 
veränderungen (oder Analogiebildungen) aufweist, deren eine 
vielleicht erst eingetreten ist, nachdem das Wort durch eine 
dritte Neuerung bereits eine andre Gestalt erhalten hatte". 
Bremer hat also Schmidts Bedenken auf das einzelne Wort über- 
tragen.*) Es mag sein, daß es unter den anderen Positivisten — 
auch unter den oben genannten — manche gibt, die Bremers 
Ansicht teUen, daß wir nur Laute erschließen können, daß aber 
eine rekonstruierte Form vielfach nur eine Fiktion ist. Und 
man wird sich Bremers wenn auch nur andeutenden Argumenten 
kaum verschließen können. Soviel ich weiß, ist ihm auch nie 
widersprochen worden. Dann aber muß man bei Ablautstbeorien 
oder Hypothesen über uridg. kombinatorischen Lautwandel mit 
ganz anderer Vorsicht zu Werke gehn, als es üblich ist, ganz 



"} Dai ftücb schon Schmidt nah© daran war^ die» eu «trennen ^ geht am 
einer Bemerkung in der Emleitnng' zu SclileicherB „Deuteche Sprä<'he''' S. D[ h er- 
ror, wo er aber Schleichers Eekonstruktion des ürgennMiißclion ap rieht. (Mir 
nur am Oertel Lectarea S. 121 bekannt). 




E. Hennaim 



abgesehen voü den überaus kühnen Kombinationen Hirts und 
anderer, die auch sonstige Vorsicht verschmähen; es gollte bei 
derartigen Problemen stets abgewogen werden, wie weit chrono- 
logische Fehler hineinspielen können. Merkwürdigerweise hat 
aber Bremers weise Warnung auf die Praxis der Glottogoniker 
und Eekonstruktoren gar keinen Einfluß gewonnen. Ja der 
Zwiespalt, der sich hier zwischen Theorie und Praxis in der 
Sprachwissenschaft zeigt, geht noch viel weiter. 

Es gibt eine ganze Anzahl von Forschem, die in der Theorie 
einen rein negativen Standpunkt den Eekonstruktionen gegenüber 
einnehmen; ihnen gelten diese nur als Formeln* Sie alle sind 
beherrscht von der Skepsis Delhrücks. Dieser hat sich 1880 Einleit 
i, Sprachstud.' S. 52 (jetzt verkürzt* S. 124) so ausgesprochen: 
^ . . Nach einem Jahrzehnt wird die UmschreibUDg vielleicht 
wieder eine andere Färbung angenommen haben, und es ergibt 
sich somit die Folgerung» daß die Ursprache nichts ist als ein 
formelhafter Ausdruck für die wechselnden Ansichten der 
Gelehrten über den Umfang und die Beschaffenheit des sprach- 
lichen Materials, welches die Einzelsprachen aus der Gesamt- 
sprache mitgebracht haben. Mit dieser Definition der Ursprache 
ist zugleich die Frage nach dem historischen Werte der rekon- 
struierten Formen entschieden. ... Ob sie gerade so aussahen, 
wie die jeweilige Forschung behauptet, deren Stand sieh in 
diesen Eekonstruktionen spiegelt, läßt sich natürlich nicht 
bestimmen". Delbrücks Ausdrucksweise erinnert au die Formu- 
liemng Schmidts (Verw. 8. 30): „Die uns erreichbare Grundform 
eines Wortes, Stammes oder Suffixes ist weiter nichts als das 
jeweilige Endergebnis unserer Forschungen über das betreffende 
Sprachelement und nur als solches für die Sprachgeschichte von 
Wert". Ich kann mir nicht recht denken, daß Schmidt unter 
dem Jeweiligen Endergebnis** dasselbe verstanden hat wie Del- 
bi-ück unter den „wechselnden Ansichten der Gelehrten" , denn 
das würde gar zu schlecht zu seinem sonst doch noch recht 
positiven Standpunkt stimmen. Ich glaube vielmehi', daß sich 
Schmidt in diesem Ausdruck in gewisser Abhängkeit von seinem 
Lehrer Schleicher befand, der (Compendium' S. 8 Anm.) einen 
Vorteil der erschlossenen Ursprache darin erblickte, daß sie „die 
letzten Ergebnisse der Forschung in konkreter Anschaulichkeit 
vor Augen stellt^. Ob nun Delbrücks Definition unter einem 
gewissen Einfluß der Schmidtschen steht, vermag ich nicht zu 
sagen; fast sieht es so aus, als sei dem Schmidtschen Ausdruck 



Üb«r dfti Eekünitraiereii. 



mit eiaem leisen Anflug von Spott eine ganz andere Nuance 
gegeben. Delbriicks Standpunkt läßt sich wohl yerstehen und 
würdigen, wenn mau bedenkt, daß er durch die ausscliließliche 
Richtung seiner Arbeit auf die Syntax sehr selten in die 
Verlegenheit kam, Formen und Laute zu rekonstruieren : es ist 
die Ansicht des außerhalb Stehenden, der jedoch genau verfolgt, 
wie in der Laut- und Formenlehre rekonstruiert wird. Das Aus- 
sehen der erschlossenen Formen hatte sich allerdinp von 
Schleichers erster Auflage des Compendiums ab (1861) bis zum 
Jahre 1880 gewaltig verändert, und auch nach dieser Zeit hat 
die Sprachwissenschaft — wenn auch nicht so viele — so doch 
genug Neurekonstruktionen erlebt, um Delbrücks Mißtrauen in 
den Bestand auch der herrschenden Rekonstruktionen gerechtfertigt 
erscheinen zu lassen. In ähnlicher Weise wie in seiner Einl- i. 
Sprachst, bezeichnet Delbrück die Urformen auch in der Vgl. Synt. 
I S. 68:9 als Formeln. Zu diesem Standpunkte Delbrücks haben 
sich nun eigentümlicherweise mehrere Sprachforscher in der 
Theorie bekannt, die in der Praxis der Forschung recht positiv 
denken, so z. B. Hirt Ablaut S. IV. Es ist das ein ganz unbe- 
greiflicher Widerspruch in Hirts Denken. Seine ganzen Arbeiten 
von seinen Akzentstudien bis zu dem Ablaut und dem Handbuch 
der griech. Sprache beruhen doch auf der Voraussetzung, daß die 
konstruirten Formen einmal wirkliches Leben besaßen. Hirt 
versieht ja sogar die idg. Grundformen in seinem Ablaut nicht 
einmal „mit einem überflüssigen Stern'* (S. V). Das Sternchen 
ist aber durchaus nicht überflussig, es soll zur Vorsicht mahnen, 
es soll an den Unterschied zwischen überlieferten, daher sicheren 
und nur erschlossenen» daher unsicheren Formen erinnern» Hirt 
hat seine Unklarheit auch mehrfachen Tadel eingetragen, aber 
der eineseiner Tadler, Pedersen, vgh KZ, XXXVIII 398 f. hat sich 
selber in einen unlöslichen Widerspruch verflochten. Wenn für 
Pedersen ebenfalls „die idg, Grundsprache weiter nichts als eine 
Fonnel ist» der wir zur Erklärung der Einzelsprachen bedürfen"; 
so verstehe ich absolut nichts wie er selbst dann Ablautstheorien 
und Hypothesen über die Entstehung der Palatalreihen auf- 
stellen kann, vgl. besonders KZ. XXXVIII 40ö f., Aspirationen i 
Irsk S. 192 f. t Theser 6 — 8. Ganz ähnlich widerspruchsvoll sind 
die Ansichten Meilleta Dieser sagt Introducüon k T^tude 
comp. d. lang* ide, S, Vm (vgl. auch S. 27, 29 u. a.): ^Pindo- 
european est Inconnu et les concordances sont la seule 
re^t^ qu'ait k studier le comparatiste". In der Tat ist er in 



6 



£. Hermäon 



diesem Buch iß den Bekoostniktionaa vielfach sehr vorsichtig. 
Daneben aber finden sich Stellen, an denen er sich in weit- 
gehenden Hypothesen über den Bau der iäg. Gmudsprache er- 
geht, z. B. S. 101 £, 145, 255 f., 266 f., 270 f. ^ Auch Oertel, 
der in seinem Buch: Lectures oa the study of language S. 87 f. 
(ähnlich schon Am. Journ. Phil XVIII 416 f., vgL IF. Anz. X 
68 f.) im Anschluß an Bremer und Delbrück eine längere Aus- 
einandersetzung über das Rekonstruieren bringt, vermag diesen 
negativen Standpunkt nicht zu behaupten* So sagt er S. 129 
„The posited Indo-European "^gm- signifies that Latin ge^i-, 
Avestan i^an-, Sanskrit :jan' etc., belong together. To claim 
more means losing oue's seif in a maze of speculative possi- 
bilities". Gleichwohl identifiziert er seine Ansicht mit der 
Kretschmers und Schraders (S. 128 und 131 Anm.), die beide, 
wenn auch unter sich verschieden^ positiv denken. Wer wirklich 
Delbrücks negativen Standpunkt festhalten will, für den wird 
nicht viel anderes übrig bleiben, als mit Friedrich Müller (Wien* 
Z, K. M. X 73) die Rekonstruktionen nur als „matliematische 
Formeln*^ zu betrachten. Es würde dann idg. § nicht heissen: 
indisch j, av, ^ etc. sind aus § entstanden, sondern nur : es gibt 
dnen indischen Laut j, dem av, ^j gr. y etc. entspricht; dem 
gegenüber hieße idg, g: ind. j, av. ß entspricht gr. y etc.; idg. 
gu würde bedeuten: ind, g = av. g ^ gr. /?, J etc. 

Aber wer von denen, die in der idg. Laut- und Formen- 
lehre arbeiten, vermag sich auf einen so entsagungsvollen 
Standpunkt zu stellen? Selbst ein so sorgfältig abwägender 
Gelehrter wie Solmsen z, B,, der den Rekonstruktionen doch 
geflissentlich aus dem Wege geht, vermag in seinem Aufsatz: 
Zur Vertretung der Gutturale im Griechischen KZ. XXXIII 294 f, 
nicht ohne Argumente auszukommen, die den rekonstruierten 
Laut als etwas ganz Positives nehmen, so wenn er S, 297 sagt: 
^3 + M ist auch aus physiologischen Rücksichten im höchsten 
Maße unwahi-scheinlich". 

Demnach scheint es mir in der Tat unmöglich, Delbrücks 
Skeptizismus in der Praxis durchzuführen, bei vielen Fragen 
können wir ja gar nicht umhin, das Aussehen einer Sprachform 
in idg. Gestalt in den Vordergrund zu stellen; wir müssten 
denn auf ganze Arbeitsgebiete unserer Wissenschaft verzichten. 

') übrigens fitimmt nicht alles untereinander. S- 93 wird *h*riip', gr. 7F(h- 
aa&nt als nomial hingestellt; nach der Ee^l 2 S. 102 sollte man *hfp* er- 
warten [ 



üb€r daa Eekonitniieren. 7 

Aber solcher Verzicht ist auch gar nicht aötig* In vielen 
Fällen sind wir zweifelsohne imstande^ nicht nur einen Laut, 
sondern ganze Wörter zu rekonstruieren* Ganz rait Recht meint 
sicherlich Hübschmann, dass f esmi von einer wirklichen Sprach- 
fbrm wohl nicht weit abliege. Es ließe sich leicht eine Reihe 
anderer Wörter und Formen hinzufügen f esti, f oms, f pro etc. 
Aber zwischen Rekonstruktion und Rekonstruktion besteht ein 
Unterschied! Neben den wenigen sicheren liegt eine Unmasse 
unsicherer. Und das ist es gewiss, was in Delbrück die Skepsis 
erzeugt und erhalten hat Mißtrauisch kann man schon werden, 
wenn man z. B, in Brugmanns Grundriss ^ oder KVG* die Liste 
der idg. Laute ganz objektiv betrachtet. Sie ist zu reichhaltig 
und zu harmonisch gegliedert, um natürlich zu sein. Gibt es 
eine Sprache mit so viel wirklich verschiedenen Lauten? Dabei 
hat Brugmann manche Finessen in seiner Liste noch gar nicht 
mit aufgeführt. 

Wenn Delbrück zu der geradezu ironischen Definition ge- 
langen konnte, dass die erschlosseneu Formen die „wechseln- 
den" Ansichten der Gelehrten über das aus dem Urindoger- 
manischen Mitgebrachte darstellen, dann wollte er doch wohl 
zum Ausdruck bringen, dass das Aussehen dieser Formen zu 
häufig gewechselt hat Naturwissenschaftliche Hypothesen 
hat noch nie ein Naturwissenschaftler als die wechselnden An- 
sichten der Gelehrten bezeichnet. Die sprachwissenschaftlichen 
Hypothesen in der Rekonstruktion dürfen wir daher unmöglich 
als die wechselnden Ansichten der Gelehrten über die Rekon- 
struktion definieren, sonst bringen wir unsere Wissenschaft 
selbst in Mißkredit. Zu einem muß uns aber Delbrücks Skepsis 
mahnen: zu einer Revision der Rekonstruktionsmethode. Denn 
wenn wirklich auch für die Zukunft noch ein ewiges, unsicheres 
Hin- und Herschwanken in unseren Ansätzen fortbestehen sollte, 
so kann das nur an einer fehlerhaften Methode Hegen* 



Abgesehen von der verdächtigen Reichhaltigkeit der Laute 
besitzt die rekonstruierte Ursprache vielleicht noch eine andere 
Eigenschaft, die sie von den meisten Sprachen trennt* Dies ist 
derjenige Gesichtspunkt, der uns in der Beurteilung der rekon- 
struierten Formen leiten kann. 

Wenn eine Mundart oder eine. Sprache sich verändert, 
dehnen sich die Neuerungen nicht immer gleich weit aus, 




8 



E, flennaim 



sondern manche ziehen das ganze Sprachgebiet in Mitleiden- 
schaft, andere nur Teile; bald decken sich die Ausdehnungs- 
grenzen, bald fallen sie nur teilweise aufeinanderj dort kreuzen 
sie sich, andere berühren sich nirgends; kurz, es gibt die ver- 
schiedensten Möglichkeiten. Das sind bekannte Tatsachen. 

Wie ist es nun mit den Neuerungen, durch welche die 
erschlossenen Laute hervorgerufen wurden j bis zu welchen 
Grenzen drangen sie vor? Wenn ^^ z. B. für das Wort 
^zehn"* eine Form *de%i ansetzen, so soll das doch, falls die 
Rekonstruktion mehr als eine Formel sein soU, heißen: in der 
indogermanischen Vorstufe des Indischen wie des GriecbischeUt 
des Germauischen wie des Slavischen, kurz in der Vorstufe 
sämtlicher acht Sprachzweige war der erste Laut einmal ein d, 
der zweite e, der dritte Je und der vierte ijl Zwar sind manche 
von uns der Ansiebt, daß in den Satömsprachen das k stärker 
palatalisiert war als in den Centumsprachen; aber auch sie 
nehmen eine ältere Zeit an, in der Centum- und Satamsprachen 
denselben Laut hatten, mag es ein Verschlußlaut oder ein 
Spirant gewesen sein. So ist es mit allen Lauten, die rekon- 
struiert werden; sie gelten für das ganze urindogermanische 
Sprachgebiet. Allerdings wird nicht von allen Seiten behauptet, 
daß die rekonstruierten Laute alle gleichzeitig auf dem Gesamt- 
gebiet gesprochen wurden. Bremer warnt ja direkt vor der- 
artigen Anachronismen (IF, IV 8). Selbst das läßt sich be- 
zweifeln, ob es eine einzige Mundart gab, die alle erschlossenen 
Laute gleichzeitig kannte. Die Rekonstruktionen können daher 
nur so viel besagen, daß sich alle jene Laute im Laufe der 
Zeiten über das ganze Sprachgebiet erstreckten, aus dem die 
erhaltenen Sprachen hervorgewachsen sind. In dieser Beziehung 
sind wir gerne bereit in der indogermanischen Grundsprache 
mundartliche Differenzen anzuerkennen. 

Ebenso in einer anderen, Oertel hat a. a, 0. mit Eecht 
darauf hingewieseUj daß es eine ungenaue Ausdrucksweise ist^ 
wenn wir z, B, sagen, die deutsche Form für das lateinische 
quinqiiaginta sei fünfzig. Die Aussprache differiert im Deutschen 
je nach den Mundarten, ja selbst die verschiedenen Individuen 
nnterscheiden sich und sogar dieselben Individuen in verschie- 
denen Zeiten. In diesem Sinn ist auch jeder rekonstruierte 
urindogermanische Laut nur ein idealer Typus'). Wenn wir 



Vgl. dum auch Hejuy BeTue critique 1896 S. 58. 



Übar das E^koQBtrniereö. 



9 



also z. B* im Anlaut von *dehii eine stimmhafte dentale oder 
alveolare Lenis ansetzen, so wollen wir damit nicht sagen, daß 
sie auf dem ganzen Gebiet durchaus gleichmäßig ausgesprochen 
worden sei. Die Lenis zerfallt in Verschluss, Pause und Lösung ; 
da könnte auf dem einen TeU des Gebietes der ganze Laut, auf 
einem anderen nur der Verschluß oder nur die Lösung stimm- 
haft gewesen sein; femer braucht die Artikulationsstelle nicht 
überall dieselbe gewesen zu sein. Aber trotz solchen Spielraums 
für mundartliche Differenzen ist doch dieser Laut d genau ab- 
gegrenzt gegen andere Laute: gegen die stimmlose Lenis, gegen 
die Fortis, gegen die Spirans, gegen einen Labial usw. Wir 
meinen eben bei dem d einen im großen und ganzen ein- 
heitlichen Laut für das gesamte Gebiet, Wenn also z. B., wie 
ich willkürlich annehme, alle indogermanischen d aus einem 
stimmhaften Spiranten d hervorgegangen wären, so hätte der 
landläufigen Rekonstruktion gemäß sich der neue Laut d über 
das ganze indogermanische Sprachgebiet ausgebreitet. Nicht 
anders steht es 2. B. auch mit idg, e. Kretschmer sagt aller- 
dings Einleitung S, 18: es ist ,,gauz unmöglich» die Färbung 
des zugrunde liegenden e- Vokales genauer zu ermitteln; sie mag 
schon von jeher ähnlichen dialektischen Schwankungen ausgesetzt 
gewesen sein wie in historischer Zeit". Dieses s verschiedener 
Färbung war einmal aus einem Laut *x (oder aus verschiedenen 
Läuten *x und *y) hervorgegangen, nirgends war das ältere 
*x geblieben, überall hatte es einem e Platz gemacht. Ganz 
entsprechend sind die mundartlichen Differenzen zu beurteilen, 
an die Brugmann Grundr, I=* 396/7 bei Nasalis und Liquida 
sonans denkt. 

Auch mit der von Schmidt Kritik d. Son. S. 49 f. konstruierten 
Differenz steht es nicht anders. Seine Ausführungen werden 
ihm allerdings die wenigsten geglaubt haben. Ich gehe aber 
doch hier darauf ein wegen der methodischen Bedeutung der 
Sache. Schmidt ist der Ansicht, daß zur Zeit der von ihm 
angenommenen Palatalisation der Velare «r, J, em, ^n nur noch 
in dem slavischen Dialekt des Urindogermanischen bestanden, 
während in den anderen Mundarten der helle Vokal ^ schon 
dunkel gefärbt gewesen sei. Da aber Schmidt eine ältere Zeit 
voraussetzt, in der alle Mundarten ,r usw. besaßen, gelangen 
wir wieder zu einer einheitlichen Rekonstruktion. Und so ist 
es mit fast allen lautlichen Differenzen der Grundsprache, 



J 



10 



E. Hermann 



Eine Ausnahme machen nur die Fälle, wo sich Differenzen 
ganz unvermittelt gegenüberstehen wie in ai. ahäm : gr. iym\ 
ai, nakhä : lat. unguis; ai. h^d : MagSia (vgL Brugmann Grundr/' 
I 629 f). Wenn man mit Brugmann oder mit Walde (KZ. XXXIV 
504 und IF. XIX 107, vgl Foy KZ. XXXV 19) auch diese Diffe- 
renzen erklären will oder ihre Entstehung zu ahnen meint, stehen 
diese Beispiele mit den bisher genannten allerdings auf einer 
Stufe* Wenn man sich dagegen mit der Konstaüernng der 
Differenzen begnügt und der€fti Erklärung fiir aussichtslos hält, 
dann würden wir hier in der Tat Fälle haben, in denen unsere 
Hekonstruktion nicht zu einer Einheit gelangt. Diese wenigen 
B^älle, die sich noch dazu häufig ganz ohne Gesetzmäßigkeit in 
den yerschiedensten Sprachen zeigen, verschwinden aber ganz 
gegenüber der Unmenge der übrigen, die immer nur dieselben 
Ausdehnungsgrenzen zeigen. Wir kommen also zu dem Eesultat, 
daß die rekonstruierten Laute wohl mundartlich differenziert 
gewesen sein mögen ; stets aber — von jenen vereinzelten Fällen 
abgesehen — kommen wir mit unseren Rekonstruktionen so weit 
zurück, daß die Ausdehnungsgrenzen der sprachlichen Neuerungen, 
durch welche die rekonstruierten Laute entstanden, aufeinander- 
fallen. Das ist höchst auffallend, denn die Theorie über die 
Verbreitung von Sprachneuerungen kennt hier ungezählte Mög- 
lichkeiten* 

Trotzdem brauchten unsere Rekonstruktionen deswegen allein 
noch nicht falsch zu sein. Denn es gibt Beispiele dafür, daß in 
einem Sprachgebiet die Verbreitung der Sprachgrenzen schließlich 
ganz aufeinander ßlllt. Dafür ist die Verbreitung der grie- 
chischen Koine ein — allerdings unvollständiges — Beispiel; 
hier hat sich eben der ProzeB der Aufsaugung der Mundarten 
nur nicht ganz vollzogen, wie ja schon das Zakonische beweist. 
Andererseits entstehen ausgedehnte Sprachgebiete ohne merk- 
liche mundartliche Differenzen bei allmählicher Okkupation eines 
Landes; hierfür scheinen die weitausgedehnten nissischen Dia- 
lekte zu sprechen. Es wäre also möglich, daß sich in der 
Sprache, aus der die indogermaniscben Sprachen herstammen, 
alle Sprachneuerungen über das ganze Gebiet verbreitet hätten. 
Oder aber es wäre auch möglich, daß die indogermanische Ur- 
sprache verschiedene Dialekte besaß» daß aber nur ein einziger 
von ihnen allen uns in den indogermanische Sprachen erhalten 
ist, Bo daß es nur den Schein gewinnt, als fielen die Aus- 
dehnungsgrenzen der rekonstruierten Laute alle aufeinander. 



über das Eakonetniiereii, 



n 



während sie sich in Wirklichkeit teilweise bis In ausgestorbene 
Mundarten hineinerstreckten- Jedenfalls aber oialrnt es zur Vor- 
sicht, wenn unsere Rekonstruktionen nur zu dem Resultat 
führen, daß sich die sprachlichen Neuerungen, durch welche die 
erschlossenen Laute entstanden, sämtlich über alle indogerma- 
nischen Vorstufen der erhaltenen acht Sprachzweige verbreiteten. 
Es gilt daher zu untersuchen, warum wir mit unserer 
Methode des Rekonstruierens immer zu einem ein- 
heitlichen Resultat gelangen, 

§3. 

Prüfen wir die Methode darum einmal an fingierten Fällen! 

^ Nehmen wir einmal an, von den acht indogermanischen Sprach- 

I zweigen wären vier verloren gegangen, und wir besäßen nur 

Idas Keltische, Gennanische, Baltoslavisclie und Älbanesische ! 

Wenn wir nunmehr z, B. die ^-Laute rekonstruieren wollten, so 

würden wir mit Hülfe der Gleichungen 

kelt. d germ. i balt-äl. d alb, d 

t p t t 

d d d d 

zwar zom Ansatz eines d und eines t kommen, so wie wir 

jetzt rekonstruieren; die Rekonstruktion db aber aas der dritten 

[Reihe würde unerreichbar sein; vielleicht würden wir ein d 

ansetzen. Dieser Ansatz wäre nach der geltenden Ansicht für 

das Keltische, Baltoslavische und Albanesische unrichtig, da wir 

nicht annehmen, daß idg, dh in diesen Sprachen erst über die 

Stufe d 2n d wurde. Und doch hätten wir dieselbe Methode 

angewandt wie sonst Denn wir legten die aus den Etymologien 

Imdh ergebenden Gleichungen zugrunde und suchten von hier aus 

einen Lautzustand zu en'eichen, von dem alle Laute der dritten 

[üleichung ableitbar waren. Wenn aber wirklich jene Laute 

lauf idg. äfi zurückzuführen sind, haben nach der landläufigen 

Annahme das Keltische, das Baltoslavische und das Albanesische 

die Aspiration verloren, das Germanische dagegen hat unter Aufgabe 

der Aspiration den Verschlußlaut in einen Spiranten verwandelt, 

M das so, dann darf man von den genannten vier Sprachen 

allein aus eine Rekonstruktion nicht vornehmen, denn der 

f^richtige" Laut: dtt wird durch keine dieser Sprachen an 

die Hand g^eben. 

Konstruieren wir noch ein anderes Beispiel! Wenn nur 
Altindisch ^ Altirisch , Gotisch , Althochdeutsch , Altsächsiscb, 



12 



E. Hermann 



Litauisch tind Slavisch Torhanden wären und wir sollten die 
w-Diphthonge erschließen, dann würde man wohl ein eu heraus- 
sondem können; aber ou und au wären nicht zu scheiden, da 
diese beiden Diphthonge in den genannten Sprachen zusammen- 
gefallen sind. Eine Scheidung auf Grund von a, a : o, ö; ai : oi 
würde auch nnr mit glottogomschen Hülfsmittehi möglich sein; 
läßt man diese aber beiseite, so bleibt nur eine einheitliche 
Rekonstruktion übrig* Auf Grund der Gleichung: 

ai. air got ahd. as» lii sL 
ö ö(ua) an oUf ö ö mi u 

würde man entweder ein idg. au oder ein idg. au ansetzen. 
Beide Ansätze wären aber nach unseren jetzigen Überzeugungen 
teilweise ganz sicher falsch. Setzen wir au an! Um dies 
neben der landläufigen Kekoosti-uktion (öu nnd au) zu ver- 
teidigen^ müßte man dann so sagen: alle diese «y, die sich aus 
dem Vergleich der sieben oben genannten Sprachen ergeben, 
gehen teilweise auf älteres au, teilweise auf ou zurück, die 
ihrerseits durch die Vergleichung der acht Sprachzweige ge- 
wonnen sind* Wie wäre das z. B. mit dem u in abulg. hnditif 
Hier wäre idg. ou zuerst zu au geworden und dann zu nl Das 
ist recht unwahrscheinlich. Es wird doch wohl ou so zu ü 
geworden sein, daß das o dem folgenden u assimiliert wurde. — 
Nun, dann setzen wir ou als den Urlaut für die obige Gleichung 
aus den sieben Sprachen an! Auch dieses Resultat läßt sich 
mit der landläufigen Rekonstruktion nicht vereinigen, auch nicht 
durch die Annahme, daß es ein Zwischenglied zwischen ihr nnd 
den Einzelsprachen wäre. Denn von au z. B. in got. aiika „ich 
wachse", lit, augviü „Wachstum" müßte man folgenden unwahr- 
scheinlichen Lautwandel annehmen: idg. au > Zwischenstufe 
0U > einzelsprachlich au. 

Man sieht also, wenn wir die acht Sprachzweige nicht so 
hätten, wie wir sie besitzen, würden wir mit derselben Methode, 
die immer angewandt wird, auch zu Rekonstruktionen gelangen; 
die Rekonstiiiktionen würden dann teilweise anders aussehen als 
jetzt; aber wie die zwei Beispiele zeigen, lassen sich da Fälle 
ausdenken, die nicht etwa als Zwischenstufe zwischen den 
Einzelsprachen und der landläufigen Rekonstruktion denkbar 
sind, sondern ihr widersprechen. Natürlich kann bloß das eine 
von den beiden sich widersprechenden Resultaten richtig sein; 
jeder wird geneigt sein, den Fehler bei den von mir kon- 
struierten Fällen zu suchen. Und in der Tat, er ist auch leicht 



Über das Eekonstnüorei], 



13 



zu entdecken, allerdings nicht hier allein: wenn der ansatz dh 
richtig ist, dann sind kelL, alb., balt-sL d, genn, d un- 
genügendes Material, um ihn zu erreichen; und wenn der 
ansatz ou neben au richtig ist, dann sind die gleichangen ai, o, 
air. ö (tm), got, au^ abd, ou, ö, Ut au, sl* ü unzureichend, 
um die ehemalige scheiduug erkennen zu lassen. Zieht man 
aus solch unzureichendem Material dennoch einen Schluss, dann 
macht man einen logischen Fehler* Mau kann sich dies am 
besten klar machen, wenn man versucht, die Schluiifolgeruug 
einmal in das Gewand eines genauen logischen Schlusses za 
kleiden. Der Schluß würde doch so aussehen: 
Obersatz : germ, d und kelt, alb., balt.-sL d haben dieselbe 

Abstammung, 
Untersat2 : d ist [außer d, das wegen der Gleichung germ, t = 
kelt., alb., balt.-sl. d nicht in Betracht kommtj der- 
jenige Laut, welcher mit germ. d, kelt., alb., balt.-sL 
d am nächsten verwandt ist. 
Schlußsatz: Also ist d der Laut, von dem germ* d^ kelt*, alb,, 
balt.*sL d abstammen. 
Eb liegt auf der Hand, daß der Schluß unlogisch ist; Ober- 
satz und Untersatz sind zwar korrekt; aber es fehlt der Mittel- 
begrüf, der den Schluß erst ermöglicht. Will mau den Mittel- 
begriff einsetzen, dann müßte man in der ersten Prämisse das, 
was erschlossen werden soll^ schon vorausnehmen, also so: 
Obersatz : germ. d, kelt., alb., balt-sl d haben dieselbe Ab- 
stammung und stammen von dem Laut ab, mit 
dem sie am nächsten verwandt sind. 
Untersatz : d ist [außer d] mit germ, d, kelt, alb., balt,-sL d am 

nächsten verwandt. 
Schlußsatz: Also ist d der Laut, von dem germ. £f, kelt, alb., 
balt-sL d abstammen. 

Das ist in der Tat der Weg, den wir vorhin bei dieser 
BekoustmktioE, ohne uns der logischen Glieder klar za sein, 
eingeschlagen haben. Aber der Schluß ist falsch, er ist ein 
Zirkelschluß; er kommt bloß zustande, weil das, was 
durch den Schluß gefunden werden soll» in der 
ersten Prämisse schon enthalten ist 

Denselben logischen Fehler machen wir bei jeder Bekon- 
stniktion, außer wenn^ wie das bei dem Streit um idg, a oder 
idg, a, €, geschehen ist, ein ganz anderer Weg betreten wird. 



14 



E. Herm&nn 



Der Fehler wird übrigens auch dann gemacht, wenn das 
Resultat richtig ist» Ich glaube — ich sage hier voi-sicbtig 
nur: ich glaube — daß die Mehrzahl unserer Resultate richtig 
ist Wenn sie aber richtig sind, so Liegt das nur daran, daß 
sich in den meisten Lauten die indogermanischen Sprachen so 
wenig von der gememsamen Quelle entfernt haben, daJ3 wir 
auch mit der falschen Methode richtig rekonstruieren können. 

Ich möchte die bisherige Methode noch an einem dritten 
Beispiel beleuchten* Setzen wir den Fall, daß wir durch einen 
glücklichen Zufall große Überreste eines neunten Sprachzweiges 
erschließen könnten, der altertümlicher wäre als die acht er- 
haltenen! Wenn nun statt der indischen Media aspirata nur 
zum Teil Media aspirata, zum Teil Tennis aspirata erschiene; 
wenn ferner manche Gründe dafür sprächen, daß diese Tennis 
aspirata zum größeren Teil nicht aus Media aspirata hervor- 
gegangen wäre, daß aber die indische Media aspirata in den 
entsprechenden Wörtern wohl aus einer Teuuis aspirata stamme: 
dann würden wir nicht wie jetzt rekonstruieren, sondern wir 
würden die Laute ähnlich verteilen wie in der neunten Sprache. 
Unser jetziger Ansatz wäre dann zum Teil falsch. 

Mit unserer bisherigen Methode gelangen wir 
eben immer wieder zur Rekonstruktion von Ein- 
heitslauten, weil wir immer denselben Fehler 
machen, weil wir immer nur eine Addition vor- 
nehmen, was auch schon Thumeysen IF. IV 83 in anderem 
Znsammenhang gerügt hat. Wir setzen erst stillschweigend 
voraus, daß die aus den Etymologien sich ergebenden Laut- 
gleichungen uns noch zu den alten Lauten vordi-ingen lassen; 
zu der Einheit, aus der sie ja hervorgegangen sein müssen; 
mit Hülfe dieser Voraussetzung beweisen wir dann, wie die 
Einheitslaute ansgesehen haben; den Beweis dafür, daß die 
Einheitsläüte zu finden sind, bleiben wir schuldig: wir bedenken 
nicht, daß die Einheit vielleicht zu weit zurückliegt, um noch 
erreichbar zu sein. Sehr oft mögen die Umstände so liegen, 
daß wir trotz unlogischer Methode das Richtige finden; in 
anderen Fällen hat uns das die Entwicklung der Sprachen wohl 
nicht so bequem gemacht; denn der zeitliche Abstand ist zu 
groß, und Parallelentwicklungen sind nicht ausgeschlossen (vgl. 
außer Thumeysen a. a. 0.: Meillet Note sur une difficult^ 
g^n^rale de la grammaire comparöe). Die Möglichkeiten, wie 
die Verschiedenheiten der Lautgleichungen zu einer Einheit 



über das Rekonetroieren. 



1& 



zui^ckführen, sind geradezu unzählig. Sie lassen sierh in drei 
Gattungen zerlegen. L Einer Latitgleichung entspricht als Ein* 
heit ein Laut 2. Einer Lautgleichiing entsprechen als Einheit 
zwei Laute. 3. Die Einheit für eine Laiitgleichung ist verquickt 
mit der Einheit einer andern Lantgleichung. Beispiel für 1 
wäre: iud. dk, gr. & etc. - urspriinghch x\ für 2: ind. dh, 
[gr, ^ etc, - ursprünglich x und y; für 3; ind. ^, gr. k etc. = 
ursprünglich x und y; ind. ft, gr. x etc. =^ ursprünglich x und i/; 
ind. k, gr. n, r etc, auch = ursprünglich x und y. Mit unBeren 
Rekonstruktionen denken wir immer nur an einen FaUj an 
Nr, 1, z. B. X - dh. Sollten wir damit jedesmal das Richtige 
getroffen haben! Werden unsere Rekonstruktionen nicht viel- 
mehr, wenn eine säuberliche Ableitung von ihnen zu den Lauten 
der Einzelsprachen nicht ganz gelingen will, wie z. B- in der 
Gutturalfrage, geradezu verkehrt sein müssen? 

Wenn man nun noch gar, wie es Schmidt KZ, XXV 114 t 
lund Hirt BB. XXIV 218 f, tun, die erzielten Reihen aus anderen 
entstehen und sich vermischen läßt, so gerät man an einen 
Abgrund, ganz abgesehen von den Unwahrscheinlichkeiten , die 
man nachweisen kann, vgl. Bechtel Hauptprobl. S* 374 f. ; Pedersen 
KZ. XXXVI 292 V) Auch Pedersen stellt BB. XIX 202 und 
Aspirationen i. Irsk 192 u. ö. eine dahin zielende Hypothese auf; 
er hütet sich aber wohlweislich, sie im einzelnen durchzufUliren. 
Denn der Örundgedanke mag noch so gut sein, im einzelnen 
muß es da verkehrte Schlüsse geben. Aber solche Versuche 
liegen ja gottlob jenseits der Bekonstrnktion, deren wir zunächst 
bedürfen ! 

Wenn die mit einem Stern versehenen Formen mehr 
sein sollen als Formeln in dem Sinn, daß sie die Laut- 
en tsprechungen der Einzelsprachen angeben, wenn sie viel- 
mehr zugleich die Laute angeben sollen, aus denen die Laute 
der betreffenden Wörter der Einzelsprachen entstanden sind: 
dann muß ein anderer Weg als der bisher übliche eingeschlagen 
werden. Es ist das gar kein neuer Weg» es ist derselbe, den 
die Sprachwissenschaft z. B. einschlug, als es sich um Zurück- 
weisung der alten Vokaltrias a, i, ti handelte. Hier fand der 
Ansatz eines e- Lautes nicht eher Annahme, ^s bis nachgewiesen 
war, daß im Arischen ä = europ. ? und ä = europ. a, ö einmal 
geschieden gewesen sein müssen. Das heißt mit andern Worten : 
man muß von jeder Sprache einzeln zu einem älteren Lant- 
^j Über Kibezzo £ieb# Korrekttunot« 1 im Atibang. 




16 



E. Hennann 



bestand vorzBdriDgen suchen. In größerem Umfang ist diese 
Methode auf diejenige Sprache angewandt worden j deren Laute 
neben der griechischen am altertümlichsten sind, auf das Alt- 
indische, und zwar von Wackernagel in seiner altindischen 
Gramniatik*), Daß aber Waekeinagel nicht genau auf meinem 
Standpunkt steht, den ich unten an Beispielen erörtern werde, 
zeigt Bich z. B. besonders bei den Palatalen S* 137 f. Anm, 
Sobald die Rekonstruktion vom Indischen aus unmöglich wird, 
setzt Wackemagel immer ohne weiteres die durch Vergleich 
mit den anderen Sprachen gefundenen indogermanischen Laute 
ein. Wackernagel äußert sich über den Gegenstand, so viel ich 
sehe, nur auf der Innenseite des Umschlages (Zur Einführung): 
„Für die Anordnung war der Grundsatz leitend, die altindischen 
Laute zu Grunde zu legen, nicht die Grundsprache. Bei der 
Grammatik einer Einzelsprache scheint dieses Verfahren i^issen- 
schatlUch geboten und jedenfalls praktisch zweckmäßig*^ ^ Ich 
ersehe hieraus zu meiner großen Freude, daß ich mit 
Wackernagel in meiner Ansicht über die Methode des Rekon- 
konstiniierena so ziemlich zusammentreffe. Ich stelle nur die 
Forderung, daß dieses Ausgehen von der Einzelsprache bis in 
seine letzten Konsequenzen durchgefilhrt werde, daß femer 
jeder aus der Einzelsprache heraus nicht erschließbare Laut aus- 
drücklich als unsichei-er charakterisiert, w^rde. 

Diese Rekonstruktion hat man für jede Einzelsprache getrennt 
vorzunehmen, auch das Indische ist dabei vom Iranischen, das 
Baltische vom Sla vischen zu trennen. Wir erhalten auf diese 
Weise statt der bisherigen einen Ursprache acht bis zehn 
vei^schiedene Urdialekte. So kommt noch mehr Klarheit in die 
Verhältnisse, die Kretschmer Einl. S. 12 f. beleuchtet bat Ich 
schlage vor, die indogermanischen Vorstufen der Einzelsprachen : 
Torurindisch, vorurgriechisch usw, zu benennen*). 

Wie ich mir die richtige Methode durchgefilhrt denke, will 
ich nunmehi* an einigen Beispielen zeigen. 



Wenn es sich z. B. um die Rekonstruktion des auslautenden 
-mhandeltj bewegtman sich vom Arischen wie vom Italischen 



*) tJber Niedennanna Pr^cia siehe Eorrelrtiimote 2. 

') Zw öeHch. d. Brintkatifes, Progr, Bergedorf 1004 S. 43 habe ich Am 
Aaadmck: arvormdlsch TorgeacMageD ; ich glaube jetzt Um beiaer durch den 
obigen ergetzen zxk müagen. 



ITbcr du B«koiutruieren. 



17 



■ 
■ 

I 



I 
I 



her auf festem Grund und Boden. Da die beiden Sprachzweige 
-m und -n kennen, kann der Ansatz eines vornrarischen und 
voruritalischen -m nur die Gefahr eines chronologiseheu Fehlei-s 
bei dem oder jenem Wort in sich bergen. Die Masse der -m im 
großen und ganzen muß bereits aus alter Zeit stammen, Meillet^ 
Gegengrilnde (MSL. IX 365 f.) sind nicht stichhaltig. Der 
gewichtigste darunter ist entschieden der gegen die Erklärung 
des Genetivs auf -anäm gerichtete; hier muß man natürlich die 
früher beliebte Annahme einer Differenzierung des Akk, Sing, 
Fem. 'Um und des Gen* Plnr. -am außer Spiel lassen. 

Wesentlich anders liegt es bei Erschließnng eines vor- 
urgr. -m. Dieser Laut besteht im Griechischen bekanntlich 
nicht, denn Fälle wie tq^ noltfiov können hier nicht in Betracht 
kommen. Es gibt aber sehr häufig -w. Unter diesen -n befinden 
sich einige, die mit m wechseln, wenn der Laut nicht mehr im 
Auslaut steht. So hat man neben /5<of (und dem dadurch 
beeinflußten ^^ovoi;) fv, evdop y^^afiaUtg, ^ia, So^tag, Für den 
Fall, daß diese Wörter auch in dem Nasal etymologisch mit- 
einander verwandt sind, ergeben sieb vorderhand drei Möglich- 
keiten : 

L -i' ist aus -m entstanden. 

2, ^1* ('^~) ist aus n entstanden. 

3. Beide sind nebeneinander aus x oder y entstanden, 

Die zweite Möglichkeit scheidet sofort aus: man würde 
sonst nicht verstehen, warum Wörter wie ddvatog, vlfpa^ q\6voQ, 
die vermutlich seit alten Zeiten ihr n in denselben Stellungen 
hatten, das n bewahren konnten, während die obigen Wörter m 
daraus machten^). WiU man aber für die Herleitung des -i^ an 
der dritten Möglichkeit festhalten, dann muß man auf jegliche 
Rekonstruktion verzichten. Außerhalb des Bereiches der Denk- 
barkeit liegt diese Möglichkeit allerdings nicht. Es wäre z, B. 
möglich, daß -v sowohl wie ju auf einen bilabialen nasalierten 
Spiranten zuilickginge, wie ihn das Keltische kennt, vgL ir. mm 
„Sommer", Man müßte sich die Entwicklung dann so vorstellen : 
der bilabiale nasalierte Spirant wurde im Arischen und Italischen 
zu m, im Griechischen an- und inlautend zu j«, auslautend zu -i'. 
Solcher Standpunkt hat aber gar keinen Anhalt; niemand wird 
ihn verteidigen. Um so mehr hat die erste Möglichkeit im 



>) Datzut ist natürlich die Möglichkeit oicbt berOhrt, da£ Jena m in prä- 
urimJögermaniseher Imi ann einem n entätanden aein konnten; tbfr dieies x* 
irkeen wir niehts- 

I 1 T«gl, Spiuhf. %1Ä, t/t. 2 





18 



K. Herrn anD 



sich. Sie führt zu dem Lauttibergang -m zu -y. Der Angel- 
ptmkt dabei ist, daß die Griechen auslautendes -m ohne Aus- 
nahnie nicht kannten. Für die Richtigkeit des Schlusses spricht, 
daß das Arische und Italische, die beide -n und -m kennen, in 
den genannten Wörtern nur m besitzen ai, Imnms pL^ lat, semet^ 
domihs; auch got. simlü „einst**, armen, mia-in „allein'* (vgl. 
Pedersen D. KgL Danske Vid. Selsk. Skr., 6. R, h o-f, Afd, VI 
3, 325) haben in den yerwandten Wörtern ein m. Auslautend 
kommt -m allerdings auch in den beiden ersteren Sprachen 
hierbei nicht vor, weü es keine entsprechenden Formen gibt. 

Günstiger liegt dies bei der Seknndärendung -v arisch -m 
neben der Primärendung -/*i, ar. -mi. Der etymalogische Zu- 
sammenhang wird hier schon durch die Parallele im Medium 
-^ai, -/ijyv gestützt. Ein Zweifel wäre nur durch die Ver- 
bindung mit der arischen Konjunktirendung -ni denkbar. Allein 
ein Zusammenliang zwischen dem sekundären -p und dem ganz 
anders gebrauchten arischen -ni ist schon deswegen unwahr- 
scheinlich, weil die Formen auf -ni eine jüngere Bildung zu sein 
scheinen, Bartholomae Altir. Verb. 8. 17 f, Persson IF. II 255 f. 

Nicht so sicher ist die Znriickfiihrung des -v anf -m bei 
/toüi'. Allerdings könnten die Wörter x^^M^* Sv^jx^m^^ dafür 
zeugen, daß j^^oJv auf einer Stufe mit x^^ steht; aber die 
Tatsache, daß zwar av. ^yani- „der Winter** ein »j, dagegen 
Bayan- „der Winter*^ ein n zeigt, läßt die Möglichkeit offen, daß 
man es hier mit zwei yersehiedenen Wurzelerweiterungen zu 
tun hat. Sa läßt sich an diesem Beispiel klar machen» wie die 
Vergleichung mit den anderen Sprachen zu verwerten ist: erst 
nachdem von der Einzelsprache die Rekonstruktion vor- 
genommen ist; denn die nur von einer Sprache aus er- 
schlossenen Laute bedürfen noch einer Bestätigung durch 
die anderen. Versagen die anderen Sprachen die Bestätigung, 
dann muß die Rekonstruktion unterbleiben. 

Wenn nunmehr der Lautwandel vorurgr. -m > gr, -v er- 
kannt ist, läßt sich vom Griechischen allein aus aDerdings ver- 
muten, daß noch mehr -v ein altes -m in sich bergen, zumal da 
-V so häufig ist. Allein welche dieser -v es sein können, läßt 
sich nur mit Hlllfe der andern Sprachen herausfinden, und zwar 
derjenigen, die -m und -n scheiden. Mittels eines Analogie- 
schlusses kommt man so auf vornrgr. -m in den Endungen des 
Neutrums, Akkusativs, Genetivs; -om, -am, -öm. Da aber ein 
Analogieschluß nie eine sichere Gewähr bietet — darüber unten 



Über das Rekonstruieren. 



19 



bei der Nasdis sonaas — leuchtet ein, daß ein -m in diesen 
Endungen nicht so sicher ist als das -m iu den vorhin ge- 
nannten Wörtern (i^V etc*). Eine Stütze findet der Schluß darin, 
daß Arisch und Italisch in diesen Endung^en wirklich noch ein 
-m besitzen* Mit dieser Behauptung bewege ich mich — wohl 
gemerkt — nicht im Zirkel; denn wenn im Arischen und 
Italischen jedes m zu v geworden wäre, würde man zwar mit 
der Lautgleichung gr, -v = m\ iL -i? vorurgriech. -om, 'am, *öm 
ebenfalls feststellen können, es würde aber dann das erschlossene 
vorurgriech* -m seine Parallele nur in einem erschlossenen — 
also weniger sicheren ~ vomrarischen und voruritalischen, nicht 
in einem noch erhaltenen -m haben. 

Das -m in h etc. beruht demnach L auf der Voraussetzung 
der Verwandtschaft der betreffenden Wörter, 2. auf einem 
Disjnnktivschluß, dessen einer Teil — daß -i' auf etwas Un- 
bekanntes zurückgeht — bei Seite gelassen wurde. 

Das -ni in den Nominalendungen beruht außer auf 1 und 2 
auch 3. auf einem AualogieschluB mit Hülfe der fremden Sprachen. 

Nicht zu übersehen ist, daß häufig die erst mit Hülfe der 
^mden Sprachen erschlossenen -m den Lautwandel vorurgr. -m 
> gr. -y bei Wörtern wie /ßiiv etc. sichem, denn x^^^ üsw. 
könnten -y eTentuell analogiscb angenommen haben; in den 
isolierten Fällen wie in der Nominalendung -ov etc. ist eine 
Analogie dieser Art ausgeschlossen. 

Die Rekonstruktion eines vornrkel tischen -m hat an 
die Doppelgestalt des air. Präverba com- gegenüber con-^ an- 
zuknüpfen* Die erste Form war ehemals Inlauts-, die zweite 
ehemals Auslautsform (Brugmann Grundr. I* 9T8); durch diese 
landläufige Auffassung wird Meület MSL. IX 365 am einfachsten 
widerlegt. In allen anderen Wörtern bedarf es der Hülfe des 
Italischen und Arischen. 

Für das Baltische läSt sich ursprüngliches -m nicht 
ebenso wahrscheinlich machen. Wenn Zubat^ IF. VI 269 1 
altlit. mesta7i*q „in die Stadt^, giren-q „in den Wald", lett. dmvan 
„zu Gott** richtig beurteilt hat, so ergibt das zusammen mit litau- 
iachen Dialektformen wie tan, tön „den** (Brugmann Gr.* I 387, 
889) und mit preußischen Akkusati?en wie Deiwan „Gott", nacktin 
»Nacht" einen gemeinbaltischen Akkusativausgang -«. Daß dieses 
-n im Vomrbaltischen einmal ein -m war, läßt »ich vom Balti- 
schen aus nicht erkennen. Das Baltische bietet überhaupt keinen 
Anbaltepunkt dafür, daß das -n einmal anders beschaffen war. 



20 



E. Hennann 



Eine Rekonstruktion ist nur mit Hülfe der andern Sprachen 
möglich: Baltisches -n vermag den Äkknsativausgang im Ita- 
lischen und Arischen nicht zu erklären; also kann -n nicht der 
einheitliche indogermanische Ausgangspunkt für den Endkonso- 
nanten im Akkusativ Sing, gewesen sein. Wahrscheinlichkeits- 
stützen für ein vorurbaltisches -m sind zwar wie beim Grie- 
chischen und Keltischen L die glatte Erklärung, die ein -m für 
alle Sprachen bietet, und 2. die Erhaltung des -m im Arischen 
und Italischen; aber die Rekoustruktion ißt bedeutend unsicherer 
als dort, weil das Baltische allein in keinem Fall auf den Laut- 
übergang von -m zu -n hinweist Ähnlich wie im Baltischen 
ist es in den anderen noch nicht erörterten Sprachen. 

Wir sehen so einen gewaltigen Unterschied in der Sicherheit 
der Schlüsse; L Günstigster Fall: Die Einzelsprache gibt den 
Lautwandel gleich bei dem betreffenden Wort an die Hand, 
2, Mittlerer Fall: Die Einzelsprache läßt den Lautwandel nur 
an andern Wörtern erkennen; für das betreffende Wort bedarf 
es der Hülfe der andern Sprachen. 3. Ungünstigster Fall: Die 
Einzelsprache läßt den Lautwandel überall nur mit Hülfe der 
anderen Sprachen erkennen'). 

Es gäbe ein einfaches Mittel die drei im Drucke zu unter- 
scheiden: 1. lateinische Autiqua-Lettem, 2, lateinische kursive 
Lettern, 3. fette Lettern. Das wäre gewiß eine sehr zweck- 
mäßige Unterscheidung, um auf den ersten Blick erkennen zu 
lassen, wie eine Rekonstruktion zustande gekommen ist. Ein 
vorausgesetztes f könnte bedeuten, daß der Ansatz als Rekon- 
struktion, nicht als Formel gemeint ist; für letzteres könnte 
man das bisher übliche * beibehalten. 



§5. 

Die Konsequenz der von mir befolgten Methode ist geeignet, 
ein neues Licht auf das Prohleni der sonan tischen Liquiden 
und Nasale*) zu werfen. Ich fiihre nur die letzteren hier vor 
und beginne mit dem Griechischen, 

Die Akkusativendung -a steht nur hinter Konsonanten oder 
da, w^o ein vorausgehender Konsonant ausgefallen ist (was ich 
hier nicht erst vom Griechischen allein aus beweisen will); die 



») Mathematisch berechnen lUt sich die Wuhrscheinlichkeit nicht, wie du 
öraeamann KZ* IX 22 gewoUt htt, da die Zahl der beweisenden Beispiele sich 
immer wieder ändert. 

?) Die Fälle Ter i V ^^^ Vokal habe ich absichtlich aoä^schlo^sea. 



über am Bekonsfaiueren. 



Akknsativendang -y dagegen nur hinter Vokal, Ebenso sind die 
Endongen -arai, -aro and «rr«*, -vTo, meist auch -ag und -yc 
getrennt. Diese Tatsache führt vom Griechischen allein aus auf 
die etymologische Verwandtschaft des « mit dem Nasal — ob mit 
n, V oder m, hängt natürlich davon ab, ob das -v auf altes n, v oder 
m zurückgebt. Wieder ist im Prinzip wie oben S, 17 Verwandtschaft 
auf dreifache Weise möglich. Aber während es sieh dort indirekt 
wahrscheinlich machen ließ, das /* nicht aus n entstanden ist, läßt 
sich der entsprechende Fall, daß der Nasal aus einem a her- 
stamme, nicht ebenso beseitigen: denn die Stellungen Ton « 
und V schließen sich gegenseitig aus. Mau könnte zunächst nur 
das eine vorbringen, daß dieser Lautwandel hinter einem Vokal 
vgL tpdQovTut im höchsten Grad unwahrscheinlich ist> Eine 
wirkliche Widerlegung aber führt in glottogonische Probleme 
über präindogerraanische Kontraktion zweier Vokale hinein, tJber 
den doppelten Disjunktivschluß, daß jene « entweder von einem 
Naaal oder einem ar, jene v von a oder einem x abstammen, 
kommt man erst durch folgende Betrachtung binans: Wenn man 
sich nach anderen Fällen umsieht^ wo a mit v wechselt, kommt 
man zu Fällen wie na&Hv : ninovS^a, ka^^nv : likoyx^t fiiftufiEV : 
fidßiüya, ydymfiev ; y^yora. Diese entsprechen aber genau Fällen 
wie Xinüv : kdkmna und tafi^v : oiSuf in denen postkonsonantisch 
ein vokalisches, postvokalisch ein konsonantisches i steht. Wenn 
nun in ktnetv^ ioßiv das i von kiXmna, oiSu sonan tisch erschemt, 
so läßt sich der Analogieschluß ziehen, daß in na^ftu^ ka/tt^, 
ud^<xft£y etc. der Nasal von ndnnvd^Uf Xdloy^ia, ^i^pva etc. eben- 
falls sonantisch gewesen ist, d. h. ein |^, f. Dieses % i^ ist 
also dann zu a geworden. Wie in na^iiv etc. erledigen sich 
viele a, so: in ndifiujai neben in^tpvov : ia^vtut, zaTog : /^vtog, 
Tuaic i X^Oig USW. 

Erst ein weiterer Analogieschluß führt zum Ansatz einer 
Nasalis sonans auch für die Endungen -«, -öir«i, -uto^ -«; und 
für die anderen a^ die zwar auch ndt einem Nasal wechseln, 
denen aber der Parallelismus mit einem i oder u und den dazu 
gehörigen Diphthongen fehlt, wie z. B. (pQaoi : ^Qh^t ^^^t * 

Bei soleben Wörtern, deren a nicht mit einem Nasal wechselt 
wie bei a^f*^, bedarf es erst der Zuhülfenahme anderer Sprachen. 
Mittels der Lautgleichung vorurgr. ii - gr, « = gerra* un^ die 
»ich aas got, imiit : mtum = olSa : i'rr/ify; man : mimum = 
fiift f}ifa : ^4f4aßiv ergibt^ findet man für ufi^t = got. um vor- 




32 



E. Hennann 



urgr. ^ heraus* Auch hxuTüy, (fha wird man au gat. hund, 
taikun anschließen müssen, falls man es nicht vorzieht, beide 
gleich mit r^tixorja usw, zu verbinden , da in t^imovra doch 
wahrscheinlich ein "^ixoyt für „zehn** steckt. 

Gestützt wird der Äu8atz einer vorurgriechischen Nasalis 
sonans dadurch, daß man vom Indischen aus — darüber unten — 
zn demselben Ansatz gelangt. Es besteht aber dem Ansätze 
eines vorurgr. -m gegenüber der große Unterschied, daß ein -m 
in mehreren Sprachen noch erhalten ist, NasaUs aonans da- 
gegen nicht — will man nicht etwa armen« tmn dafiir geltend 
machen. 

Überschauen wir noch einmal den Weg, der zu vorurgr, 
Nasalis sonans fUhrt. 1. Ann^ime eines Wechsels von a mit 
Nasal. 2. Analogieschi nß aus der Parallele mit den i-, t*- Wurzeln, 
Zum Ansatz des Lantes auch für die Endungen: 3. zweiter 
Analogieschluß aus dem schon gewonnenen sonantischen Nasal* 
Für den Fall a^^t: 4. anderer zweiter Analogieschluß aus den 
Lautgleiclinngen. 

Brugmann war seiner Zeit Curtius' Stud, DC 287 f. einen 
etwas anderen Weg gegangen. Er hatte Nasalis sonans bei 
gleichmäßiger Heranziehung von Griechisch und Indisch direkt 
aus der Verwandtschaft der postkonsonantisehen und post- 
vokalischen Endungen gefolgert. Er hat aber später MU> n 
156 f, seine Beweisführung als nicht einleuchtend angeordnet 
aufgegeben und ist hier von dem Parallelismus mit den i-, u- 
Wurzeln u. a. ausgegangen. Ich glaube, daß die schärfste 
Beweisfdhrnng, die möglich ist, in der obigen Anordnung liegt* 
Die Stütze, welche der Ansatz durch Hineinziehnng des Akzentes 
erhalten kann, lasse ich in dieser methodischen Erörterung 
darum außer Spiel, weil der griechische Akzent gegenüber dem 
vorurgriechischen zu viel Veränderungen erlitten hat, die ich als 
solche ebenfalls erst nachweisen müßte. Dies zu tun wäre etwas 
viel Komplizierteres als der Nachweis, daß -a in ßamXia usw. 
postkonsonantisch ist, ein Nachweis, den ich mir oben S. 20 
wohl schenken durfte. 

In meiner Beweisführung ziehe ich wie Brugmann einen 
Schhiß von i, n auf ^. J. Schmidt hat bekanntlich die Be- 
rechtigung einer solchen Schlußfolgerung angegriffen. Er sagt 
Kritik der Son. S, 11 - ^Von d darf man auf ei* schließen, von eiri 
auf sn. Völlig willkürlich ist es aber von der Beljandlung des 
ei^ eu im Tieftone auf die des er, elj em, en zu schließen*** 



tJb#r das Bokonstruiorc^ii. 



23 



Dieser Einwurf hat mehrfach Anerkeoanng gefunden, so auch 
bei Bartholomae ZDMG. L 683, B. fügt m der Anmerkung 
hinzu: „Wird doch sogar i und u gelegentlich abweichend be- 
handelt z. B, im Germanischen in den Anslautssilben*^* Dieser 
Einwarf ist nicht berechtigt. Ein Schluß von i, u + Kons, auf 
n -f Kons, ist ein Analogieschluß und ist darum im Prinzip gerade- 
so gut erlaubt^ wie es ein Schluß von i + Kons, anf u + Kons, 
oder von k -\- Kons, auf *i + Kons, ist, den Schmidt S. 4 zieht. 
Man darf nur nicht übersehen^ daß jeder Analogieschluß unrichtig 
sein kann. Man mache sich das einmal richtig klar an folgendem 
Beispiel, das mir durch Bernekers Russ. Gr S, 25 f , 37 nahegelegt 
wird: Buss» coat, cHa „Schlaf" und oront, oni» „Feuer** sind zwei 
Bildungen ganz verschiedener Art: denn coHt ist im ostronür- 
schen Evangelium cbH^ mit dem Gen. c^Ha, oroub dagegen ist 
dort orRb. Vom Neurussischen aus aber könnt« man, wenn man 
ähnliche Rekonstruktionen anstellen wollt« » wie sie bei dem 
indogermanischen Ablaut üblich sind, leicht zu folgender falschen 
Analyse kommen: „Beide Beispiele beweisen den Ausfall eines 
vor einer betonten SUbe", In der Tat aber hat ci>wh sein i. 
2U gedehnt und ornt hat ein o eingeschoben. Diese Tatsache 
ist geeignet uns gegen sämtliche Ablau tstheorien mißtrauisch 
ZQ machen. Denn wenn auch der Ausfall eines Vokals hinter 
langvokalischer Silbe wie bei vavg in zweigipfliger Betonung 
des vorausgehenden Vokals seine Spur hinterlassen haben 
könnte, so braucht nicht jede zweigipflige Betonung an solcher 
Stelle darauf zurückzugehen. Man darf eben nicht vergessen, 
daß in urindogermanischer Zeit eine Gleichheit der Betonung 
hergestellt sein könnte auch mit den FäUen, die etwa ur- 
sprünglich einen Vokal eingeschoben hatten wie russ. orouh. 
Diese Tatsache zeigt aber auch, wie trügerisch auch der näehst- 
liegende Analogieschluß sein kann* 

Auf der andern Seite wiederum kann ein Analogieschluß, 
der nicht so nahe liegt, richtig sein. Aus cohti cna kann man 
folgern, daß hier wie in Aeai>i 4hh, aber auch in oreu^, OTna 
der Genetiv einen Vokal ausgestoßen hat, und das ist richtig. 
Schmidts Argumentation, daß ein Schluß von m auf en unerlaubt 
sei, kann geradeso falsch oder richtig sein wie seine Meinung, 
daß man von eu auf ei und von en auf em schließen dürfe* Es 
gilt hier die näheren Umstände zu erörtern. Wenn man nun 
TaiQQ mit q^vxTug, ntfjra^ auf eine Stufe stellt, so hat man eine 
große Reihe von Parallelen, welche die Berechtigung der Zu- 



24 



E. Hennann 



satntnenstelliLDg wahrscheinlich machen; es gehört dazu z, B. 
das Präsens mit fi TfiVw, tp^t'yt^, nel&m; ferner n^na^rfra zu 

ninnvBa Wie i^vla ZU Olda Oder tBTVL^m : rd^tjo wie £0avfiai t 

fj£v(x} oder £?fa^v ** n^hnfxm wie eapfov : f^ca usw. Sieht mau 
sich dagegen nach einer Ablautsreihe entsprechender Fälle für 
nf MToc um, so gewahrt man, daß hier der Ablaut überhaupt rar ist* 
Femer kommt ein Nasal (und eine Liquida) wohl in mancherlei 
Sprachen als Sonant vor, wie nhd, halt'^, arm, tarn „zehn"^^ 
evt^n „sieben*", gn inoifjan (Kxetschmer Vaseninschr. S. 124)^ 
schwed, smrkn = svartna „schwarz werden*^ (Znpiiza Gutt, S. 19)^ 
ein k dagegen wird nicht häußg als Sonant auftreten, wie in 
thüringisch (auch coburgisch) hsacht „gesagt** (Sievers Grdz, d. 
Phon> S* 41 ^y „Nicht alle Laute besitzen dieselbe Leichtigkeit 
des Funktionswechsels", sagt Sievers. Brugmann hat nach all 
dem mit seinem Urteil durchaus recht, daß die Gruppen kt und 
rt, ft* nicht gleichwertig sind (Lit. CentralbL 1895 S, 1724). 

Die anderen Punkte, die Schmidt wider Nasalis sonans vor* 
gebracht hat, scheinen mir durch Brugmann (a. a* 0.), Bartholomaa 
IF, yn 82 und Bezzenberger G6A, 1896 S, 949 (über die 
Endung des 3. Flur, Perf* Med. im Ai.) hinreichend widerlegt. 
Ich möchte nur noch zwei Punkte erörtern, die mir noch nicht 
klar gestellt zu sein scheinen. L Wenn Schmidt S* 11 sagt: 
Für die Wandlungen der Laute ist „ihre Funktion überhaupt 
ganz bedeutungslos, ihre Artikulation das allein maßgebende**, 
so hat er Brugmann gegenüber, der sich MU. II 159 auf „die 
Funktion als Sonans oder Consonans" gestützt hatte, allerdings 
recht. Aber mau braucht nur Stellung fiir Funktion einzusetzen, 
dann bleibt das Recht bei Brugmann. Wenn im Griechischen 
intervokalisches s verhaucht ist, so hat das mit der Funktion 
des 8 gewiß nichts zu tun, wohl aber mit der Stellung* Gerade 
so wie ein s zwischen Vokal und Konsonant erhalten bleibt, da- 
gegen zwischen zwei Vokalen verhaucht, so kann ein Nasal 
zwischen Vokal und Konsonant ebenfalls bleiben, aber zwischen 
zwei Konsonanten sich zu a entwickeln. 2. Die Bemerkung 
Schmidts über die Akkusativendung der diphthongischen und 
der -r- und -n-Stämme erscheint mir wie Hirt (Ablaut S. 165) des- 
halb wertlos, weil die Aussprache eines m hinter r und n 
zwischen Sonant und Konsonant leicht schwanken kann ; so wie 

)) Die fünfte ÄuäAg« ist wed«r in Hambörit noch m Berlin augescbaift, 
was ich besondfrs mit Bficksicht auf die Erörtemngen unten Über die taaaU- 
Uerten Laote bemerke. 



über das Eekön»truieren. 



25 



die Aussprache von Ami. und Ärtii. Die Endungen in ai. pitäramt 
gv. nati^a und ai, <Urm7iant, gr. axfiora können daher auch wohl 
auf einer späteren definitiven Anlehnung an die anderen kon- 
sonantischen Stimme beruheu* Es besteht eben die Möglichkeit, 
daß die Nasale und Liquiden hinter Nasalen und Liquiden bald 
konsonantisch sind me hinter i, u und den damit gebildeten 
Diphthongen j bald sonantisch wie hinter den tonlosen Kon- 
sonanten. Damit fällt auch Schmidts Bemerkung 2 über den 
Nom. Plur. Neutr. 

Das Griechische führt also zum Ansatz eines vorurgr. y, 
nicht eines *n- Der phonetische Unterschied zwischen beiden 
ist allerdings, wie Brugmann öfters betont bat, so geringfügig, 
daß es nicht lohnt darüber zu streiten. Ich gehe daher auch 
gar nicht auf Hiits Unterschied ^^i : Hi^ Ji\ YU 141 f., LitbL 
g, r. Ph, 1H96 a 147, Ablaut S. 9 ein. 

Für das Vorurarische läßt sich ebenfalls Nasalis souans 
ansetzen. Wackemagel hat (Aind, Gr. § 6) genau den Weg 
vom Indischen aus eingeschlagen, wie ich ihn für allein richtig 
halte: L Annahme der Verwandtschaft von a mit Nasal ^rija^i* ; 
räjtlas); 2. Analogieschluß aus den i-, «-, r-Wurzeln. Es ist 
bloß hiazuzufügen, daß es 3. eines zweiten Analogieschlusses für 
die Fälle bedarf, die keine düekte Parallele unter jenen Wurzeln 
haben wie die yon Wackemagel genannten Endungen -afi, -ate. 
Fälle, in denen das Indische den Wechsel mit dem Nasal nicht 
mehr erkennen läßt, scheinen nicht vorzukommen: auch asmüitj 
asmat usw. sind nicht der Art, denn sie liegen näher an nas 
und nuu als gr. apift§j ä/dfuVj ä^fttg an vcöi. 

Von den anderen Sprachen aus gelingt die Rekonstruktion 
der Nasalis sonans nicht so einfach. Im Italischen sind die 
Entsprechungen für vorurgr. «, ^i^ f ^ gr, a - ai. a und ftlr 
vorurgr, en, em, m = gr, *»-, f^, rw = ai. a?i, am, avj aft be- 
kanntlich in: en^ em, ei? zusammengefallen. Daher sind in den 
Ablautsreihen die beiden Lautgruppen nicht herauszufinden ohne 
Hülfe der anderen Sprachen. Dazu sind die Fälle, wo i!u 
Griechischen «, im Arischen a mit Nasal wechseln, im Italischen 
ganz verwischt. Da im Lateinischen -em des Akk. Sing, auch 
in die i-Stamme eingedrungen ist, wie hostmn, im Umbr.Osk. 
die konsonantischen Stämme gar das -om der o-Stämme über- 
nommen haben und da die anderen in Betracht kommenden 
Endungen wie die der 3, Plur. Akt. in zu spärlichen Besten 
erhalten geblieben sind, gibt es im Italischen keinen Anhalt, um 





26 



W^^^^ E. Hermaim 



die zusammeDgefalleneo Laute zu treunen und Verwandtschaft 
von en, em> e^ (lat. iv) mit «, m, v festzusteUen. 

Es ließe sich darum die Möglichkeit gar nicht widerlegen, 
daß diese er^ em, ev = vorurgr. tj, t^i, p auch im VoruritalJschen 
nie 7j *p p oder überhaupt nicht geschwächt waren. Es ist 
vom Italischen aus ebenso unmöglich zu dem freien Akzent vor- 
zudringen, den man heutzutage gewohnt ist, für das Urindo- 
gernianische anzusetzen. Wie wäre es, wenn dieser Akzent im 
Voruritalischen nie üblich war, wenn er nur auf andere Teile 
der Urdialekte beschränkt gewesen wäre? Wenn er daher im 
Voruritalischen auch die schwächende Kraft nicht ausüben konnte, 
die ihm zugeschrieben wird? Wenn, wie ich oben andeutete (S* 23), 
der Ablaut gar nicht gleichmäßig entstanden wäre (ähnlich wie im 
Neurussischen) ? Aber auch wenn jener Akzent voruritalisch war, 
besteht nicht die Möglichkeit, daß die Silben mit Nasalen (und 
Liquiden) einen vollen Vokal behielten, während die i-, t^-Diph- 
thonge ihn verloren? Die späteren Schwächungen im Latei- 
nischen haben in der Gruppe Vokal + Nasal nirgends die 
Nasale sonantisch gemacht, wohl aber i, u in den Diphthongen; 
es heißt inlquus neben aeqims, inclüdo neben clai^o aber effringo 
neben frango, biennü neben anntis. 

Erst die Vergleichung mit den anderen Sprachen lehrt, daß 
auch das Italische einmal geschwächte Vokale oder son antische 
Nasale besessen haben konnte. Der Ausatz jeder voruritalischen 
Kasalis sonans ist demnach ganz und gar nicht so sicher, wie 
es manchem seheinen mag. 

Im Baltischen und Slavischen, besonders in letzterem, 
dürfte es sehr schwer halten, den Ausgangspunkt für eine 
Beweisführung zu finden. Gesetzt, es sei die Verwandtschaft 
zwischen in, im^ bez. f und w, m (wie im Grriechischen bei den 
Endungen -a, -v etc.) nachgewiesen, dann würde man von 
diesen Sprachen aus höchstens zu der Ansicht kommen, daß 
schon vorurbaltisch und vorurslav» in, im bez. f in Parallele zu 
en, em, on, om stand. Nimmt man aber hinzu, daß in lit* dumti 
„wehen'', abulg. dömq „blase** u. a» ein »t-Laut erscheint (Brug- 
mann Grdr,* I 410), so könnte man auch darauf verfallen, daß 
vor dem Nasal ein ähnlicher geschwächter MitteUaut zwischen i 
und u tibllcb war wie im Lateinisdien, vgl. optitmis ; optumus, 
Oder zeigt sich eine Verschiedenheit in dem Schwächungsprodukt, 
Je nachdem, ob es von em, en oder von om, on ursprünglich her- 
rührte? Ein Ansatz von g, ip, i? auf Grund der Vergleichung 



ÜboT das BeloQstraieren. 



27 



mit den anderen Sprachen ist also für das Vorurbaltische und 
Vorurslavische ebenso unsicher wie für das Voruritalische. 

Ganz ähnlich steht es mit den au deren Sprachen, die eben- 
falls Vokal 4* Nasal fiir den in Frage stehenden Laut besitzen. 
Wenn man so vom Italischen, Baltisch-Slavischen, Germanischen, 
Keltischen, Armenischen allein aus nicht zum Ansatz von Nasalis 
sonans gelanget, so wird klar, wie unsicher ein gemein urindo- 
germanischer Ansatz dieses Lautes ist Ebenso berechtigt 
Unde ich den Ansatz eines Vokals + Nasal, wobei der Vokal 
nicht ein a, d. h. Mornielvokal, zu sein brauchte. Denn es ist 
sehr wohl möglich, daß wir uns ganz falschen Illusionen hin- 
geben, indem wir meinen, mit dem Ansatz von mehr oder 
weniger geschwächten unbetonten Silben jederzeit eine gemein- 
nrindogermanische Sprachphase zu erreichen. Wie weit die 
Schwächung sich erst einzelsprachlich parallel vollzogen haben 
kann^ ist gar nicht zu ermitteln, Vokal + Nasal hielt sich 
vielleicht länger als Vokal + Verschlußlaut Man wird daher 
sehr gut daran tun , wenn man KasaJis (und Liquida) sonans 
bei Erörterung des Ablautes nicht in den Vordergrund stellt, 
zum wenigsten aber nur arische oder griechische Beispiele wählt. 

Mit der Rekonstruktion einer Nasalis sonans steht es er- 
heblich anders als vorhin mit -m. Wenn man auch z, B, vom 
Baltisch-Slavischen und anderen Sprachen aus nicht zum Ansatz 
eines -m gelangen kann, sondern nur zu einem -n, so vermöchte 
dieses -n den arischen, italischen (griechischen und keltischen) 
Auslaut nicht zu erklären; wohl aber erklärt ein -m den Aus- 
laut aller indogermanischen Sprachen. Hier dagegen lassen sich 
die Laute aller indogermanischen Sprachen ebenso wohl von 
Na^aiis sonans wie von einem kurzen, deswegen aber noch nicht 
gemurmelten Vokal (dessen Qualitä^t ich nicht bestimmen möchte) 
+ Nasal ableiten. Bei dem Ansatz eines gemeinuridg. -m 
scheint mir daher die Gefahr nicht groß zu sein, daß wir einen 
Fehler machen, viel größer aber beim Ansatz von Nasalis sonans. 
Das wahrscheinlichste dünkt mir hier eine mundartliche Differenz 
innerhalb des Urindogermanischen. Diese Differenz muß aus einer 
Einheit entstanden sein ; ob aber diese Einheit in einem einzigen 
prtindogermanischen Laut (Fall 1 S. 15) oder in mehreren 
{Fall 2 und 3) bestehtj liegt außerhalb unseres Wissens* 

Ich wende mich nun zur Media aspir ata und beginne mit 
dem Indischen. 



28 



£. Hennann 



Die genaue phooetische Bestimmung der indischen Media 
aspirata ist bekanntlieli iiiit eimgen Schmerigkeiten verknüpft.. 
Diese Schwierigkeiten sind aber bedeutungslos für das Folgende, 
da es mir nur darauf ankommt festzustellen, ob sich eine Einheits- 
rekonstruktion empfiehlt oder nicht. Vermutlich war es im In- 
dischen eine Media mit einem nachfolgenden tönenden Hauche. 
Die HanchdissimUalion ergibt sich vom Indischen her aus redu- 
plizierten Formen wie dadhatL Von da aus gelangt man — am 
besten mit Hülfe des Germanischen — zur Erkenntnis von Dissi- 
milationen wie bodhati er „erwacht" : got. anabhida „ich trage 
auf"* 

Die anderen indogermanischen Sprachen lassen mit Aus- 
nahme vielleicht des Italischen einen sicheren Schluß auf 
Media aspirata nicht zu, auch das Phrygische und Maze- 
donische*) nicht. Kretschmer ist EinL gr. Spn 8. 22^j aUerdings 
anderer Ansicht. Er sagt: „Daß der Verlust der Aspiration bei 
den Phiygern erst nach ihrer Einwanderung in Kleinasien fällt^ 
müssen wir aus dem Verhältnis von 0gvyiq zu Bgvyfg schließen". 
So gerne ich zugebe, daß dies eine sehr einleuchtende Erklärung 
sein kann, so dürfen wir eben doch nicht vergessen, daß erstens 
noch zu beweisen wäre, daß die Phryger oder ihre Vorfahren 
jemals eine Media aspirata gesprochen haben. Das ist gerade 
das von mir bekämpfte Dogma, daß alle Lautgleichungen auf 
einen Einheitslaut zurückftthrhar und die Laute einer kaum be- 
kannten indogermanischen Sprache wie Illyrisch, Thrakisch usw. 
ohne weiteres von unseren erschlossenen Lauten ableitbar seien. 
Zweitens dürfte Fick BB. XXIV 295 recht damit haben, wenn er 
meint, die Form Bovy^q, mit B sei auf dem Umweg über Maze- 
donien zu den Griechen gekommen Drittens aber sollte man 
sich überhaupt hüten, aus so kümmerlichen Sprachresten und 
besonders aus ein paar Lehnwörtern so weitgehende Schlüsse 
zu ziehen* Wie mannigfaltig und oft unbegreiflich die Laut- 
gestaJtung von Fremdwörtern sein kann, zeigen Claussens 
Arbeiten über die griecliischen Lehnwörter in den romaniscJien 
Sprachen. Ähnliches gilt auch fllr das Mazedonische. Die 
von Kretschmer vorgebrachten Zeugnisse (S. 287) scheinen mir 
daher nicht schwerwiegend genug, um die Frage zu entscheiden. 

B'ür das Griechische ^) beweisen weder Formen wie ov&d^ 
mit ^ (Meisterhans Gramm, att, Inschr.* S. 80 f.) noch Assimilationen 



^) Über Hoffmanni Änaichten in eeinem neaesten Buche vgl. Korrektum. 3, 



über d&ä Bekomtniiereii. 2!ut 

wie 0tt)(><;^foc, Qvtpti^i^t^z (Kretschmer Vaseninschr. S. 152 1) 
mehr, als daß zur Zeit ihres Aufkommens stimmhafte Aspiraten 
nicht vorhanden waren (vgl. Hatzidakis KZ. XXXVII 152 gegenüber 
Kretsclimer EinL S, 156), Geradesowenig sind das Nebeneinander 
von B^vyeq und <!>^vfBg oder eventuell aus dem Griechischen 
entlehute Wörter wie x^ßetl^ (das Richtige darttber scheint mir 
Fick zu behaupten BB, XXIV 298} auch nur irgendwie beweis- 
kräftig* Wohl aber lehrt der Vergleich mit den anderen 
Sprachen, daß die griechischen Tenues aspiratae nicht der Ans- 
gaogspunkt für die entsprechenden indischen, germanischen usw. 
Laute sein können, während die indischen Lautverhältnisse die 
Laute der sämtlichen indogermanischen Sprachen zu erklären im 
Stande sind. Es lieBe sich allerdings auch ein Weg ausdenken, 
wie man vom Griechischen allein aus zum Ansatz einer Media 
aspirata gelangen könnte» Es müßte dann erstens Beispiele 
geben, um zu beweisen, daß der Lautübergang, den man an 
xaßßaXt (l\T ^urßaU beobachten kann, das Stimmhaftmachen 
einer Tennis durch eine folgende Media auch schon in alter- 
tümlicheren Verbindungen vor sich ging; ß^im %. B. ist dazu 
ungeeignet, weil man hier erst wieder die anderen Sprachen 
braucht. Zweitens müßte dann eine Wurzel wie x^^-iz^i^) ^^ 
der Schwundstufen- und VoUstufenform deutlich vorliegen. Auch 
an einer auf Aspirata ausgehenden Wurzel, an die ein mit Media 
beginnendes Suffix antritt, ließe sich dasselbe zeigen. Leider 
scheint es solche Beispiele nicht zu geben. 

Weit geringere Schwierigkeiten ergeben sich, wenn mau 
vom Italischen aus den Versuch macht, zu einer Media 
aspirata vorzudringen. Einen Anhaltepunkt bietet das Italische 
allein für diesen Ansatz allerdings nirgends. Es kommt hinzu, 
daß die ursprüngliche Artikulationsstellung verwischt ist; nur 
ein Teil der zu den Guttural reihen gehörigen Laute lassen vom 
Italischen allein ans die Artiknlationsstellung erkennen: osk- 
umbr. b, lat. h, jr, vgl. unten. Daß aber z. B. das h von lat. 
nehda und verbtim zu zwei vei-schiedenen Eeihen gehört, ist 
erst mit Hülfe der verwandten Sprachen herauszufinden. Ich 
sehe eben gar keine Möglichkeit, vom Italischen aus folgende 
Lautgleichungen auseinander zu halten: 1. osk.-umbr» f= lat. f 
im Anlaut, b im Inlaut (= ind, hh) ; 2. osk,-umbr, f - lat. f im 
Anlaut, b in der Nähe von r, vor ?, hinter u (= ind. dJi). Ferner 
geht zwar aus osk. mefiai ^in media" Lok. Sing. F. und osk. 
edum „edere"* hervor, daß lat. meditis ein anderes d hat als 



E. Hennäiin 



e^o; nichts aber fUhrt darauf, daß in dem d von medius zwar 
derselbe ursprüngliche Laut steckt wie in dem f von fttmus^ 
aber ein anderer als in dem f von fem. Hat man aber erst 
einmal mit Hülfe der anderen Sprachen die zusammengehörigen 
Laute geordnet, d. h* die beiden angedeuteten Lautgleichnngen 
aufgestellt, dann wird man allerdings Waldes jüngstem Aufsätze 
zufolge (IF. XEX 98 f,) zu Media aspirata gefühi't. Es ist damit 
eine neue wesentliche Stütze auch für den Ansatz gemeinidg. 
aspirierter tönender Verschlußlaute gewonnen. Pederseus Deh- 
nung der Quantität kctus gegenüber: dlctus^ v^ctus (Nord. 
Tidsskr. f. FiL III 5. 32 U vgL IF. Anz, Vin 126) beweist ja 
nicht sowohl alte Media aspirata, als vielmehr nur, daß indischer 
Media und Media aspirata auch im Italischen zwei ursprünglich 
verschiedene Laute gegenüberstanden. 

Vielleicht wii'd man jetzt geneigt sein, sich den Weg zur 
italischen tonlosen Spirans nicht mehr über Tennis aspirata 
zu denken, sondern über stimmhafte Spirans, wie das früher 
einmal Hartmann DLZ. 1890 S. 1831 und 1892 S. 10 flüchtig 
angedeutet hat. Wenn man uritaliyche tonlose Spiranten 
ansetzt, stützt man sich meist auf das ins Griechische ent- 
lehnte XiTga - lat. Hbra, beide aus *lJ]^rä, vgl. Schulze KZ- 
XXXIII 222 1 ; allein auf ein einzelnes Lehnwort darf man denn 
doch kein zu großes Gewicht legen. 

Im Iranischen, Albanesischen und Baltisch- 
Slavischen sind die Verhältnisfie wegen des bekannten Zu* 
sammenfalls der betreffenden Lautentsprechuagen für indische Media 
und Media aspirata die gleichen. Die Äuseinanderhaltung der 
beiden Laute ist von diesen Einzelsprachen her zwar unmöglich» 
sie wird aber nicht nur durch die Vergleichung mit dem 
Indischen (und Italischen), sondern auch einerseits mit dem 
Germanischen und Armenischen und in der Labiovelarreihe mit 
dem Keltischen, andererseits mit dem Griechischen ermöglicht 
Die Laute, die man von jenen drei Sprachen allein aus er- 
reichen könnt«, vermöchten die Laute der andern Sprachen nicht 
zu erklären. 

Mit dem Keltischen liegt es zum größten TeÜ ebenso; 
auch in der sogenannten Labiovelarreihe^ wo h (= gr. ß, J) und 
ff (= gr. (f, ^) geschieden sind (Osthoff IT. IV 2641), ist 
natürlich nicht bewiesen, daß g jemals aspiriert war* Selbst- 
verständlich wird man aber hier trotz aller Skepsis zum Ansatz 
einer vorurkeltischen Media aspirata gern geneigrt sein. 



über daa Eekaustniiereti. 



31 



Das Germanische and Ärmemischa hinwiederum haben 
zwar die Entsprechungen für indische Media und Media aspirata 
getrennt, wie auch för Media aspirata nnd Tenuis aspirata, 
bieten aber von sich aus keine Handhabe zum Ansatz von 
aspirierten Medien* Von ihrem Lautstand aus lassen sich die 
Laute der anderen Sprachen nicht verstehen. 

Will man einen Einheitslant rekonstruieren, so kommt 
mau also auf eine Media aspirata. Gestützt wird der Ansatz 
1. dadurch, daß das Indische den Laut wirklich besitzt; 2, da- 
durch, daß er für das Itfüische mit Hülfe der anderen Sprachen 
leicht erschlossen werden kann; 3* dorch die ganz eigentümliche 
Entwicklung^ die dieser Laut in den anderen Sprachen ge- 
nommen hat. Auch wenn man das Indische nicht besäße, 
würde eine Einheitsrekonstruktion auf ihn führen. Bald ist der 
Laut mit der Media zusammengefallen, bald mit der Tenuis- 
aspirata der Einheitsrekonstruktion* Es gibt keinen anderen 
Laut, der in unserem Fall als gemeinsame Quelle näher läge 
denn Media aspirata. Besonders eine Betrachtung des Italischen 
und des Keltischen gewinnt für den Ansatz. Daß das Vor- 
tiritaliache Media aspirata gekannt hat, würde man, wenn man 
Walde (IF. XIX 98 f.) folgen will, auch ohne das Indische vermuten 
können; in Waldes Beispielen spielen ja indische Etymologien keine 
Rolle. Ferner sind im Keltischen Ind. b, bh zusammengefallen, 
ebenso d, dh und j, h (über letzere unten) wie im Iranischen^ 
Albaneaischen, Bai tisch -Slavischen; g^ gh aber nicht. Wird da 
nicht das Keltische einmal auch jene andern Laute geschieden 
haben? Wird ferner nicht auch im Iranischen, Aibanesischen, 
Baltisch-Slavischen einmal ein Unterschied gewesen sein? Obgleich 
keine Einzelsprache außer dem Indischen auf Media aspirata 
flihrt, hat der Ansatz also riel Verlockendes. 

Aber trotz alledem können wir uns mit diesem gemeinuridg, 
Ansatz arg verrechnen. Das zeigt folgende Überlegung: 

Der Ansatz Media aspirata läßt uns eine stattliche Anzald von 
Wurzeln erschließen, die zugleich im In- und Auslaut diesen Laut 
besitzen. Dem gegenüber könnte es auffallen, daß viel weniger 
Wurzeln statt der einen Media aspirata eine Media zeigen. 
Sollten vielleicht in präindogermanischer Zeit manche Medien 
durch Assimilation aspiriert worden sein?^) Sollte daher der 
Mangel an gemeinuridg, b rühren? Wie aber, haben dann die 



«) Vgl ftbrig^s Johaoßaon KZ. XXXYl fl89 f. 




32 



E. Hermann 



Vorstufen des Baltisch-SIavischen, Albanesischen, Iranischen an] 
dieser Assimilatioa teilgenomman ? Sollten sich vielleicht War*1 
zeln wie *bhudh so entwickelt haben; Präidg* "^budh^ vonirind,- 
armen,'gri6ch.-itaL-germ* ^bhudh {hh zeigte sich noch im ind. 
Desid. bubfuitsate); dagegen vorurbalt-sl,-kelL-aT,-alb. "^budh? 
Dann hätten abuig, budeti, lit, hudM% avest. bud „erkennen** niej 
ein aspiriertes b gehabt. Man müßte dann annehmen , daß 
Wörter von dem Typus der Wurzel bhng (av, baya „Gott**} zur 
Zeit der Assimilation statt der Media g etwa eine tonende 
Spirans oder anderes hatten. Hundert andere Möglichkeiten, 
wie z. B. die oben erwähnte (S. 14), sind denkbar, die so ge* 
lagert sein könnten, daß wir nicht imstande wären sie fest- 
zustelleD. 



p 



Von größtem Wert ist eine methodisch richtige Behandlung] 
in einer verwickelten Frage. Als solche ist neben dem Ablau' 
in erster Linie die Guttural frage zu nennen. Ich geh 
daher auf die Hekonstruktion der Gutturalreihen ebenfalls ein, 
allerdings wieder nur im allgemeinen; denn für eine Unte: 
suchung in solcher Gründlichkeit und Ausdehnung, wie 
unsere Wissenschaft ermöglicht, bietet weder der Rahmen eiae] 
Zeitschrift den nötigen Raum, noch fühle ich mich hierzu ge- 
sattelt. Ich beabsichtige hier nur einige Grundlinien deutlicher 
zu ziehen und befleißige mich bei den Schlußfolgerungen für die 
Rekonstruktion im folgenden größerer Kürze als im vorausgehenden. 

Ich beginne mit dem Indischen, Der springende Punkt 
für das Vorurin dische ist m. E. die Bestimmung der Aus- 
sprache der indischen Palatallaute. Eigentlich ist es selbst- 
verständlich, daß die erste Voraussetzung fUr eine richtig-e 
Rekonstruktion die Feststellung der Aussprache ist, wenn die 
Aussprache den Ausgangspunkt für die Rekonstruktion bildei 
muß und dabei die Ansichten der Gelehrten über die Aussprach« 
geteilt sind. Solcher selbstverständlichen Forderung ist nu 
nun gerade hier nicht immer nachgekommen. Barthol om, 
(Studien zur idg. Spracbgesch, I 49 Anm.) und mit ihm Wacker- 
nagel (Ai. Gr, I 137 f.) haben die Frage nach der Aussprach 
der Palatale in methodisch unrichtiger Weise mit der Fn 
nach ihrer Herleitung verknüpft» Bartholomae sucht Brugmatins 
Gleichsetzung von ai, j = g' (wie in „Gifb^), „trotzdem es un- 
gefähr zu dem stimmt, was die heimischen Grammatiker über 







über J 



über daa Eekonstruiereii. 



33 



die Aussprache der tälavya's angeben**, besonders durch folgende 
Frage zu beseitigen: „Soll das g, (jetzt Brugmanns §) durch 
ar, i wieder zu / geworden sein?" Wackernagel lehnt Brug- 
manus g* aus ganz ähnlichem Grande ab, da man sonst „die 
undenkbare Entwicklungsreihe indoir. i : urai, g : modern ai. di 
erhielte**^). Solche Beweisführung möchte ich als im Prinzip 
unrichtig bezeichnen. Woher wissen wir denn, daß jener 
Laut urarisch ein i, woher, daß er noch früher ein g' war? 
Eine Beweisfübruiig mit Hülfe der entsprechenden rekonstruierten 
Laute ist jedesmal ein Zirkel, 

Die Aussprache der altindischen Laute ist vor allem auf die 
Überlieferung in den Prätiääkhyen und auf unsere phonetischen 
Kenntnisse zu stützen, in zweiter Linie auf Schreibung indischer 
Namen in anderen Sprachen, auf die Weiterentwicklung im 
Prakrit und auf die moderne Aussprache. Wenn sich so eine 
Aussprache genau bestimmen läßt, und das Resultat stimmt 
^fichlecht zu den rekonstruierten Lauten, dann wird es immer 
lieh sein, erst noch emmal die Rekonstruktion auf ihre 
'Festigkeit hin zu prüfen. Aber solche Schwierigkeiten liegen, 
wenn ich richtig urteile, in unserem Falle gar nicht vor. Die 
Hauptsch^ierigkeiten liegen anderswo* 

Von den phonetischen Schriften der Lider habe ich nur 
folgende vier zu Eate ziehen können : 5kprätiSäkhyam hrsg. von 
Kegnier Joum. Asiatique 1856 f.^ von M. Müller in dem L Bande 
seiner P^gvedaausgabe ; VäjasaneyiprätiSäkhjam hrsg. von Weber 
Ind. Stud- TV 65 f ; Atharvavedapräti^äkhyam hrsg. von Whitney 
Joum* Am. Or* Soc. VIT 332 f. ; TaittiriyaprätiiSäkhyam hrsg. von 
\Vhitney ebenda IX 1 f. Unter diesen gibt das zuletzt genannte 
die genauesten Beschreibungen der in Betracht kommenden Lante> 

Tälau fihvamadhyena cavarge Tait, Pr. 11 36 „Am Gaumen 
wird mit der Mittelzunge in der ca-Eeihe [c, cä, j^ jk, n] arti- 
kuliert"* Ganz ähnlich lauten die Vorschriften K, Pn I 9 
(Regnier), I 19 (Müller N, 23), Y. Pr. I 79, A. Pr. I 21, wo 
wie auch anderwärts s mit eingeschlossen ist.*) Sie gehören 



») Dft§ ms Formen wie vra^im Inf. zti vraic ^abhauen'' kein Grand fttr 
«ine Ausepraelie des c als t& m entnehmen ist, tut Franke durch den Hinweis 
auf pilislerendc Reduktion van dreikonaanuitigen zn zweikonßonantigea Gmppen 
dar, BB, XXLtl 17a >, 

■) Dafi * an derMlBen Stelle iirtikaliert wnrde wie c, j steht fest; ob ei 
aber ein 9- oder etnS-Lant war, ist nicht feetznstellen » ygh Wackemagel Ai. 
Gr. a Z26, WhitneAn T. Pr. H 44, 




34 



E. Hermuin 



Stets zu den Sparta ^^den Verschlußlauteii'* (toq Bpar§ „berülireü**). 
WäreB sie zusammengesetzt aus einer Verschlußlaut- und einer 
Spirantenartikulation, dann würde das sicherlich in den Präti- 
^äkhyen gesagt sein. Sie sind also einfache Laute. 

Hierfür laßt sich auch das Metrum, allerdings nur in nega- 
tiver Instanz, geltend machen. Wenn ein kurzer Vokal vor c 
oder j nicht positione lang wird, so beweist das nicht, wie 
z. B. Brugmann Grundr,» I 77, KVG. S. 44 und Thumb Handb, 
des Sanskrit I 42 zu glauben scheinen, daß dann c und j ein- 
fache Laute gewesen sein müßten. Nur das hat man daraus zu 
folgern, daß die Silbe oflfen war, anders als die erste Silbe von 
nhd. hatte. Ein *sa4$ate = sacate mit Silbentrennung vor tS 
könnte ebenfalls ein kurzes a haben. Die Prosodie läßt sich 
also nur insofern verwerten, als sie jedenfalls nicht gegen die 
Einfachheit der Laute c, j spricht. 

Auch das aspirierte ah im Anlaut halte ich für einen 
einfacben Laut. Sonst dürfte es nicht unter den Sparäa auf- 
gezählt werden. Dies übersieht Havet MSL. II 351, nach 
dem ch „ä peu präs -£'^" ist. Gleichwohl macht ch, wie Inter- 
vokalisch für eck auch geschrieben wird, positione lang. Dem* 
nach mußte die Silbengrenze in diesem ch selbst liegen; ch 
hinter Vokal sprach man also nicht „dans une memo syllabe", 
wie Havet fälschlich annimmt« Diese vom übrigen abweichende 
Silbentrennung erklärt sich sehr einfach, wenn man annimmt, 
daß ük aus zwei Konsonanten, die ind, t -\- § oder « + ^ ent- 
sprechen, zusammengeflossen ist. Die beiden Laute waren ehe- 
mals auf zwei Silbeu verteilt, und als sie ch wurden , verblieb 
der ersten Sübe der Verschluß und der zweiten die Explosion. 
Wenn nun die Ansichten der indischen Phonetiker über die 
Schreibung von intervokaliscbem ch auseinander gingen, vgl. 
Whitney zu A. Pr. 11 17, so könnte daran bloß dieser außer- 
gewöhnliche Silbenschluß Anlaß gewesen sein. Die Schreibung 
ceh wäre dann ein unbeholfener Ausdruck für die Bezeichnung 
der in ch liegenden Silbengrenze. Daneben darf man wohl 
auch an Dialektunterschiede denken, wie bei Sakalyas Ortho- 
graphie R Pn IV 5: es; wenn das i nicht etwa nur etymo- 
logische Schreibung ist (Brugmann Grnndr.* I 525). 

Überall erscheint die c-Keihe trotz sonstiger Verschieden- 
heiten in der Anordnung — in den vier Prätiääkhyeu und bei 
Päyini (vgl. Müller S* 10) als die zweite Eeihe der SpanSa, 
deren fünf Reihen eine feststehende Ordnung haben. Es ist 



über du BfikonstmiereD. 



86 



I 



» 



dies iinverkeaübar eine phonetische Anordnung, aber nicht ohne 
weiteres in dem Sinne^ wie das z. B. Grassmann KZ. IX 31 f. 
gemeint hat: nämlich so, daß jede folgende Reihe weiter yorne 
gesprochen worden wäre, Davon^ daß bei der zweiten Eeihe 
„die Mittelznnge an den mittleren Teil des Gaumens**, bei der 
dritten „die Vorderzunge an den vorderen Teil des Gaumens" 
angelegt wurde» finde ich in den Prätiöäkhyen nichts. Wohl 
wird H. Pr. I 21 (Müller), I 11 (Eegnier) dem Vedamitra die 
Lehre zugeschrieben, daß die Stelle fiir das 4 die Zungenwurzel 
und der Ganmen sei. Aber obwohl der Kommentator hinzufügt: 
„Wer spricht anders?** so muß das doch eine von der üblichen 
abweichende Aussprache gewesen sein, wie ja überhaupt der 
Übergang von <? zu ^ zum Teil mundartlich war und beweist, 
daß die Zungenstellung bei gewissen 4 eine andere war als die 
bei t ¥ übliche. Nach Taitt. Pr. II 37 werden die ^Laute mit 
zurückgezogener Zungenspitze ^murdhani^j d, h., wie ich mit 
Whitney zn der Stelle und zu Ath. Pr, I 22 annehme, ganz 
allgemein „in dem oberen Teil der Mundhöhle" gesprochen. Der 
höchste Teil der Mundhöhle ist aber der harte Gaumen, Nach 
einer Bemerkung bei Muller S. 18 werden die Zerebrale heut- 
zntage im Bengali am mittleren oder hinteren Teil des Gaumens 
gesprochen, also weiter hinten, als Graßmann fttr die altindischen 
Zerebrale annimmt. In nordindischen Dialekten trat ja sogar 
kh fflr S ein, Wackemagel Ai, Gr, S. 136, Mir scheint es dem* 
nach durchaus nicht ohne weiteres festzustehen, daß die alt- 
indischen Zerebrale weiter vorne lagen als die altindischen 
Palatde; vermutlich stimmten darin « wie dies in anderen 
Punkten mehrfach durch die Präti^akhyeo durchschimmert, die 
Mundarten nicht ganz miteinander überein. Bedeutungsvoll ist, 
wie mir vorkommt, für die Beurteilung die Regel A, Pr, II 38: 
vargtmiparyaye spkotanaJj, purvem cedvirämah ^Werden Ver- 
scbluBlaute in umgekehrter Beihenfolge der Reihen miteinander 
verbunden, so tritt sphofana ein, wenn der erste im Auslant 
iteht^. Sphotana ist die deutliche Artikulierung der Explosion 
und des folgenden Verschlusses bei Verbindung zweier Verschluß- 
laute, vgl Whitney zu der Stelle und Eirste MSL. V 92 f. 
Hiervon gibt es eine Ausnahme A* Pr, H 39: «a tüvargasya 
cava/rgB kälaviprakar^astvatra bhavaii tanuihufj^ karm^^ iti „nicht 
[steht sphotana], wenn ein M^aut vor einem c-Laut steht; hier 
tritt eine Zeitentfemnng (Pause) ein, man nennt das kar^a^a"^. 
Nun sagt Sievers Phonetik* S. 165 über die Verbindung zweier 

3* 




E, HcrmaDu 



Verschlußlaute : „Liegt die zweite Verschlußstelle vor der ersten, 
so verliert sich das Öffanögsgeräusch noch gar in dem BUndsack, 
der durch den vorderen VersclUuß hergestellt isf". Demnach 
führt die Reihenfolge der Spar^areihen von einem weit hinten 
liegenden Verschluß allmählich nach vorne, nur die c-Reihe 
macht eine Ausnahme: entweder wird die c-Reihe an derselben 
Stelle wie die ^Reihe artikuliert oder weiter vorne*). Deswegen 
wird nach Ä. Pr. II 39 die Explosion des t uud der Verschluß 
des folgenden c nicht gehört, es ist bloß eine Pause, während 
welcher der Verschluß von der Zungenspitze zur Mittelzunge 
verschoben wird* Wackemagel Ai. Gr. S. 138 zieht mit Xirste 
aus der Regel den verkehrten Schluß, daß der erste Teil der 
Palatale ungefähr wie bei den Zerebralen artiknliert wurde; 
beide vergessen die verschiedene Znngenstelluug in den zwei 
Lauten. 

Gleichwohl ist die Reihenfolge der indischen Sparöa ver- 
ständlich. Eine kontinuierliche Lautreihe führt von den Guttu- 
ralen zu den Palatalen, von da kommt man nur mit einem 
Sprung durch Veränderung der Zungenlage zu den Zerebralen, 
von diesen geht es in kontinuierlicher Reihe weiter zu den 
Dentalen, um dann mit einem Si>runge wieder zu den Labialen 
zu führen^ vgl Sievers Phon.* S. 62;3, Die indischen Palatale 
€, j> ch (und ä) lagen demnach vermutlich entweder weiter 
vorne als die Zerebrale, oder sie wurden an derselben Stelle 
artikuliert Aber zweifelsohne waren sie Verschlußlaute, 

Man kommt in der genaueren Bestimmung der Laute erst 
weiter durch die Schreibung indischer Namen in anderen 
Sprachen* Für c haben die Chinesen nach Wackemagel Ai* 
Gr* S* 137 ts eingesetzt, während die Griechen 0, (jcf, ?, t?, t* 
schrieben (vgl. auch Bühler Sitz.-Ber. Wien. Akad, 1890 S. 122, 
Nr. XI 45 f»)ä letztere haben vor 1 auch x, das man aber nicht 
als Guttural anzufassen braucht, Havet 8. 350 Anm. Für j ündet 
sich griech, C ^t" Das griechische Ohr hat demnach, wenn 
nicht etwa eine Prakritaussp räche wiedergegeben ist, die 
Sanskritlaute nicht genau gekannt und hat sie eher als Spi- 
Spanten, bezw. als eine Verbindung mit einem Spiranten auf- 
gefaßt, denn als Verschlußlaute. 

Aber auch diese Schreibungen lassen sich neben dem aus der 
indischen Überlieferung gewonnenen Resultat verstehen, wenn man 



1] Letsteies idmint Whitnej lod. Qi.^ S, 22 ftti. 



I 



über da» BelEonstniieren. 37 

die indisclien Palatale als mouillierte Laute in dem Sinne betrachtet, 
wie sie Lenz KZ, XXIX 1 f. beschreibt, Lenz weist von den pala- 
talen mouillierten Versehlußlauten, die ja mit der Mittelzunge ge- 
bildet werden, nach, daß sich in unmittelbarem Anschluß an die 
Explosion eine schmale Kinne in der Zunge bildet, die Anlaß zu 
ainem FrikatiTlaut gibt (a.a, O. S. 21), Dieser begleitende Fiikativ- 
laut ist bei dem h' meist ein ,4^ bei dem t* ein /, bei dem i^ ein 
I und bei dem ^ ein x^- ^1^^ ^^i* ^^^^ ^^^ ^^^ Frikativlaut zu- 
sammen einheitliche Laute und nicht in zwei besonders artikulierte 
Laute zu zerlegen, Einer von diesen mouillierten Lauten oder ein 
^JÜmlicher muß ai, c gewesen sein. YieUeicht sprechen die Namen 
fai Griechischeo dafür, daß er weiter vorne lag als z. B. k\ 

Wenn Havet meint, daß die Palatale keine Ä' -Laute, d. h. 
palatalisierte je-Laute gewesen sein könnten, da ja Arm schon 
mit hellerem k gesprochen werde als kos und „0 est probable 
a priori que deux articulations aussi voisines ne se prösentent 
pas ä la fois dans nne meme laogue", so hat er tibersehen, daß 
dieser Fall tatsächlich vorkommt, wie im Albanesischen, wo mau 
z. B< Ud „bringe" mit anderem k spricht als im Anlaut von 
kek' „schlecht*^, vgl. auch Sievers. 

Zu solcher altindischen Aussprache paßt auch die Weiter- 
entwicklung des Indischen. Inschrijftlich findet sich der Übergang 
von i in d (Bühler ZDMG. XXXVD 576), wie er neben c > t oder 
s zu finden ist, während umgekehrt überhaupt im Präkrit iy und dy 
zu cc, jj und gelegentlich auch sv zu ch, tv zu cCj dhv zu ^jj werden, 
vgl. Franke BB. XXIH 177 f., der aus diesen Verschiedenheiten 
vieüeicht zu weitgehende Schlüsse zieht. Mundartliche Diffe- 
renzen darf man aber wohl in der Aussprache des ai, c annehmen ; 
nur daß sie so weit auseinanderUegen, wie Franke anzunehmen 
scheint, ist mir zweifelhaft. 

Auch die moderne Aussprache kann das obige Resultat nur 
bestätigen. Nach Bühler schwankt die heutige Aussprache 
zwischen Ua und tya^ sowie zwischen dia und dya (Sitz.-Ber. 
1890 S* 45)< In seinem Leitfaden für den ElementarkurBUs des 
Sanskrit') nennt er die Palatale: mouillierte Dentale mit nach* 
klingendem Zischlaut. Ind. Studies^) m 66 sagt er: m not 
English tsha^ but t§a, almost like tya. Diese ungenauen An* 
gaben erklären sich am besten, wenn das moderne ind. c 
mcbt ein zusammengesetzter, sondern ein mouillierter Laut 

^ Mir nur auj KZ. XXIX BS und BB. XX 111 177 bekannt. 





E. Hennänn 



im Sinne von Lenz ist. So dürfte sich auch die von Wacker- 
nagel aufrecht erhaltene etwas abweichende Behauptung, daß 
c eine enge*) Verbindung eines t- La Utes mit einem pala- 
talen ,5-Laut sei, erklären. Jedenfalls wäre es wünschenswert, 
wenn einmal einer von den wenigen, die das Indische an der 
Quelle studiert haben, uns über die moderne Aussprache der 
Palatale gründlichen Aufschluß gäbe. Aber auch jetzt schon 
kann man sagen — darin hat Bühler entschieden recht — daß 
die moderne Aussprache schon recht alt sein muß. Nur wird 
sich nicht bestimmen lassen, ob die Prätüäkhyen schon genau 
denselben Verschlußlaut beschreiben wollten, wie er jetzt ge- 
sprochen wird. Zum wenigsten ist es mir nicht möglich^ mich 
für einen der oben genannten vier mouillierten Laute zu ent- 
scheiden; selbst k* ist nicht gänzlich ausgeschlossen, da dieses 
fr' leicht zu einem heutigen t' oder <? oder c geworden sein 
kdnnte: denn nur soviel ist klar, daß c heute nicht mehr k' 
ist und wegen der Darstellung durch ^Lante im Griechischen 
wohl schon vor Christus nicht oder nicht mehr gewesen sein 
wird. Jedenfalls aber waren c, ch, j, ßh) Verschlußlaute, 

Während c von ^ geschieden ist, gibt es für je zwei Laute 
nur ein j und ein h. Wie man vom Indischen aus ohne 
Zuhülfenahme der anderen Sprachen diese je zwei in j und h 
zusammengeflossenen Laute unterscheiden kann, setzt Wacker- 
nagel Ai* Gr. S» 138 f. und 245 f* auseinander. Man erhält so 
zunächst die Laute c und j, zu denen sich statt einer Media 
aspirata das tönende h gesellt; sie wechseln mit den (-Lauten 
{kf g, ghy Daß in diesem h die alte Media aspirata zu j steckt, 
ergibt sich besonders deutlich z. B. aus dem dissimilierten Anlaut in 
jioAt zu han „schlagen*^ neben Perf, jaghäna. Von einer solchen 
reduplizierten Form aus und anderen wie cakara zu kar „machen", 
jagäma zu gam „gehen", jaghäsa zu ghas „essen** läßt sich ver- 
muten, daß die mouillierten Laute c, j und die Spirans h durch 
Einwirkung heller Vokale aus k, g, gh entstanden sind. Sie 
bilden mit fr g gh zusammen die Vertreter der reinvelaren und 
labiovelaren Reihe nach Thurneysens Terminus. 

Auf der andern Seite erhält man die Reihe i, j, K Hier 
sind es diejenigen j und h, die nicht mit g, gh wechseln. Die 
Zusammengehörigkeit von j und h ergibt sich wiederum aus der 
Reduplikation, vgl. pihömi zu Jm „gießen", Ä als dazugehörigen 
Laut liefert Wackernagels Beweisführung (S, 138,9): wie j wird 

1) Von mir geepörrt. 



über das Eekonstmieren. 



59 



§ mit s zü kß^ mit < zu ^, Tgl 2. uad 3. Smg. yafc^i, ya^ti von 
3/a? „verehren", t?aA:s'?i, voßti von i?ai „woUea"* Nur ein einziger 
von diesen drei Lauten, nur j, ist im Altindischen Verachlußlaut. 
Da aber j in der Keduplikation für h eintritt, muß h früher 
einmal ein j oder dessen Vorgänger enthalten haben ; d* h. es 
wird auch h einmal Verschlußlaut gewesen sein. 

Baß auch S einmal einer war, legt das ?c in h nahe, denn 
durch dieses ft sind der Verschlußlaut j und der Spirant^ gleich- 
mäßig vertreten* Genau genommen läßt sich allerdings aus dem 
Gesagten nur die Verwandtschaft zwischen § und diesem k fest- 
stellen. Wenn ich mich aber nicht für Spiranten als Ausgangs- 
punkt dieser Verwandtschaft entscheide, wie Fick Vgl Wb.*, 
Bezzenberger BB. XVI 235 Anm., Bechtel (vgl. besonders Haupt- 
probleme S* 297 f.) u, a., so bestimmen mich außer den Lauten 
in den Centumsprachen die hier folgenden Gründe: Von ^ + a 
aus ist ein h^ unverständlich. Man müßte etwa h > ^s > .9ß > 
tß > k^ werden lassen. Der letzte Teil dieser Entwicklung ist 
ohne Parallele im Altio diseben, ^ß ist nie lautgesetzUcb zu kß 
geworden. Ich halte darum auch Brugmanns Einwand (Gmndr. 
P 734) gegen Wackernagels Annahme, daß ^^ (= ß + s) durch 
Analogie zu k^ geworden sei, obwohl ms > ta lantgesetzUch war, 
fftr hinfällig. Brugmann sagt: „Mir scheint, daß h und U nicht 
in dieser Weise ganz verschieden beurteilt werden dürfen". Ich 
meine im Gegen teü, daß sie verschieden beurteilt werden müsse n, 
denn einem ss > t^ wäre nur ein ^^ > U parallel, vgL unten 
S. 41 k's\ Für ein solches aus ft^ entstandenes U halte ich diese 
Lautverbindung in dvil^u, L€k. PL zu dvi^ 7,Haß"; für t^ ist aber 
m. E. meist ^? analogisch wieder eingesetzt 

Wohl verständlich wird Ä^- für i H- ^ erst, wenn man annimmt, 
daß der erste Laut dieser Lautverbindung ehemals ein Verschluß- 
laut, die Tennis zu der Media j, war. Nehmen wir einmal an, daß 
dieses *c — wohl zn unterscheiden von dem erst später aus k 
vor hellem Vokal entstandenen c — in alter Zeit den Lautwert 
ft' hatte. Dann wäre k's zu t> geworden, so wie is > iß^ us > 
ußf TS > Tßf ks > k^. Während sich nun in anderen Stellungen 
ft' zu & weiter entwickelte, verlor es vor dem an derselben 
SieUe oder weiter hinten gesprochenen ß seine palatale Geltung 
und wurde gutturales k. 

Damit käme man zum Ansatz einer Reihe mouillierter k** 
Laute, ik\ §, #), von denen ^ seineu Lautwert im Altindischen 
vielleicht ja sogar noch besaß. 




40 



E. HenDami 



Vor Verschlußlaut wurden diese Laute zerebral. Ich möchte 
aber nicht an ein Zwischenglied denkeiij wie es Brugmann Gr.* 
I 559 mit anderen annimmt : *F- > s- > ,^-. Es ist. mb- zweifelhaft^ 
daß k\ f} vor Verschlußlauten im ürarischen bedeutend weiter 
vorne gesprochen wurden als vor palatalen Vokalen; auf av. 
sashistBmöj das einzige Beispiel vor einem Guttural, will ich 
dabei noch nicht einmal Wert legen. Denn die indische Aus- 
sprache der Zerebrale liegt, selbst wenn man für sie das 
Grenzgebiet zwischen Alveolen und Gaumen in Anspruch nehmen 
will, weiter zurück als Brugniauns ä. Es würde also sehr sonder- 
bar sein, wenn j in ß Palatallaut geblieben, dagegen in j& > i& 
zu einem dentalen Spiranten geworden wäre. 

Eine Form wie ca^(e, 3. Sing. Med* zu cah^ „schauen", deren 
# aus k*st herstammt, muß ihr s verloren haben, als k's noch 
nicht zu Ä? geworden war ; sonst würde man *cakte zu erwarten 
haben. Auf diese Weise erklärt sich auch am besten der Wechsel 
von -k und 4 in der 2. und 3. Sing. Aor. von s^j und ähnlichen 
Verben, in dem N, Sing, der Stämme auf §, j (= av. jp) usw. 
Man hatte bisher & als die lautgesetzliche Vertretung für aus- 
lautendes 'fo und t als analogische Büdung angesehen. Dem- 
gegenüber macht neuerdings Meillet IF. XVIII 417 f. geltend, 
daß 4 in den Nominativen und besonders in der Form ^ro^ 
schwerlich auf Analogie beruht. Meülets Argumente sind durch- 
aus einleuchtend; die Ait und Weise aber, wie er -t und -k 
lautgesetzlich erklären will, kann ich nicht billigen. Die normale 
Vertretung soll nach Meillet 4 sein, wähi^end -k nur unter be- 
sonderen Umständen entstand. Die für -k vorgebrachten Gründe 
sind aber wenig überzeugend. Für k nach r ist sein ganzer 
Grund: il y a uue difi'örenciation (vgl. MSL. XII 14 f). Die 
FäUe, in denen das Wort noch einen Dental oder Zerebral ent- 
hält, sollen auf Dissimilation beruhen. Nun mag man eine 
Dissimilation von *bhwaß > hhmk (oder von *bki^at > bhi^ak) 
wohl zugeben; aber flir *dw (oder *dit) > dik ist Dissimilation 
unwahi^cheinlicher : bei d und t (?) ist bloß der artikulierende 
Teil der Zunge (Spitze) derselbe, dagegen haben beide Laute 
schon die ArtikulationssteUe verschieden (Alveolen : Gaumen). 
Nun soll der ^Laut sogar in x^vik und gntamk gewirkt haben! 
Ich halte daher Meülets neue Hypothese für mißlungen. 

Eine Erklärung findet sich vielleicht auf folgendem Wege: 
Für die 2: Sing, war die lautgesetzliche Form vor Vokal z. B- 
^asraks a§vam daraus am^äk €u§vam „du triebst das Pferd an", 



f5T)or du Eekonttmieren. 41 

da vor Vokal überall die Pausaform Mode wurde; vor Kon- 
sonant dagegen war $ zwischen zwei Verschlußlauten gefallen: 
aus *asrdVs pitaram war *asräJc pitaram und hieraus asräf 
pitaram „du entsandtest den Vater" geworden. In der dritten 
Person hieß es lautgesetzlich awät ah)am und asrat pitaram^ 
beide aus *asra^(t}. So konnten die Formen leicht auch in der 
dritten Person analogisch mit k gebüdet werden. In derselben 
Weise sind auch die Nominative wie vit „Niederlassung" ebenso 
lautgesetzlich als tadfk „ein solcher", nur ursprünglich vor ver- 
schiedenen Lauten. Lautgesetzlich sind dann auch paiUrUa „Fessel" 
(entgegen Wackernagel 1 174) und vitpaü^ „Gemein deherr" (ent- 
gegen n 124)- — Daß bei der Abstoßung der einen Doppelform 
die vorausgehenden Laute eine EoUe gespielt haben, halte ich 
för wohl möglich. 

Die Verbindung von s + §, die unter den Präti^äkhyen bloß 
von A. Pr. II 61 erwähnt wird: ducchuna „ Unheil" aus du^ „tin-" 
-f- ^na „Elfolg", wird von manchen, besonders von Bartholoniae 
KZ. XX^TI 366 f., Studien idg. Sprg. I 40 f., Iran. Grundr. I 19 
u* ö., Zubat^^ KZ. XXXI 9 bekämpft; ich glaube: mit Unrecht, 
vgl. Foy KZ. XXXV 26 t, XXXVD 534 Anm. L Ich lege 
zwar auf die indische Etymologie keinen großen Wert; mir 
kommt aber der von den Indern behauptete Lautwandel ganz 
plausibel vor; dabei darf man getrost annehmen, daß die Regel 
Pä^inis Vni 4, 63, die den Wandel von § zu ch nach allen Ver- 
schlußlauten lehrt, übertrieben ist*). Übrigens würde Bartholomaes 
Lehre cch aus Brugmanns lih sehr gut zu meiner vornrindischen 
Rekonstruktion passen, wenn ich jene billigen könnte. Wie weit 
in cch ein sBi steckt, lasse ich ununtersucht. Ausschlaggebend 
ist für mich rap§ate „er strotzt**; dies Wort würde eine ganz 
singulare Bildung sein*), wenn man die Form nicht in Beziehung 
setzen könnte zu gacchati ^er geht" und anderen^ vgL auch Foy 
KZ. XXXV 27 Anm. 4. Geht gacchati auf sk' (Brugmanns s^) 
zuröck, dann findet rap^ate leicht seine Erklärung aus *rapsk*ate 
mit Verlust des s zwischen zwei Verschlußlauten. In gaccMti 
war dann sk* > 8§ zu §s geworden. So wie bs > ts, wurde 
^ > V^ (oder k*§^ wenn ai* c nicht t\ sondern ft' war). Sakalyaa 
Schreibung ei gibt diesen Lautwert wieder. In den anderen 
Dialekten wurde fä {oder k'§) zu ffA (oder Vk*h), Havets 

<) Bei Bartholomae BB. XY 168 7., 5 v. q. igt ^ fUr i geiJnickt. 
*) Barthol omaös Annahme (BB. XV^ 188 Anmj, da& pk'k ^ ai. jhj geworden 
i«t kat keine ParaUele. 



42 



E. HemiAnn 



Beobachtung (MSL. H 351, 356 Anm. 2), daß a und fVh 
kaum zu scheiden sind, erldärt letzteren Lautübergang sehr 
einfach. Havel dürfte sich nur im Unrecht befinden, wenn er 
meint, daß der Verschlußlaut t\ der in -tVt steckt, ein direkter 
Nachkomme eines alten h* sei. Wenn Hayets Lantentwicklung 
st'§ > hfä > t'r.4 richtig wäre, dann läge es nahe zu erwarten, 
daß st > ü wurde. Die Zischlaute gingen aber nicht tot 
homorganen Verschlußlauten in Verschlußlaute über» sondern 
bloß vor Verschlußlauten, die weiter vorne gesprochen werden: 
eälii aus *azdhi ist nicht über *addhi entstanden, denn ein 
*addhi hätte vielmehr *adhi mit SilbenscMuB zwischen Verschluß 
und Explosion des dJi ergeben; dagegen ward z zu i m padhhw 
L PI. zu pa§ „Blick**, vipru4hhi^ von viprti^ „Tropfen'* und ^ 
2U t in vifpati^' 

Ob in der Verbindung t + ¥ das t schon dem Verschluß- 
laut oder erst dem aus ihm entstandenen i assimiliert wurde, 
läßt sich kaum entscheiden; vielleicht war die Assimilation jung, 
da sie auch im Sandhi beobachtet wird. 

Chronologisch würden die Lautübergänge sich so darstellen: 
L Schwund des b zwischen zwei Verschlußlauten, 

2. k*s > k$, 

3. k' > §, k't > ^t; § > j, > ?h 

4. SS > k*3 oder t*i > eck. 

Daß ^ + 5 > ftv? und s ^ § > eck ergab, wurde im Äi. nicht 
mehr als Lautgesetz gefühlt, daher die häufigen Analogiebildungen 
mit t^ für k^ wie rafm für *rakm, L, PL zu raj ^^König**, Daher 
II für 6f -h i im Sandhi neben U, vgl. Väj. Fr. IH 8 und 9 
und Whitney zu Ath. Pr. n 40. Wenn §S und JjtS nebeneinander 
lagen, beweist dies, das bereits das neu eingeführte M nicht 
mehr als lautgesetzlich gefühlt wurde. 

Das Ergebnis ist also, daß man eine Reihe gutturaler k- 
Laate und eine Eeihe mouillierter Verschlußlaute oder vielleicht 
genauer ^'- Laute für das Vorurindische rekonstruieren darf. Auf 
die verschiedenartige Aussprache der fc-Lante je nach dem fol- 
genden Laut gehe ich hier so wenig wie im weiteren ein- 

Der vorurindischen dunkleren ft-Eeihe entsprechend erhält 
man auch für das Voruriranische leicht eine A:* Reihe, nur 
mit der Einschränkung, daß man bei der Media aspirata zur 
Rekonstruktion der Artikulationsar t die anderen Sprachen in 
Anspruch nehmen muß. 

Eine zweite Reihe ergibt sich vom Iranischen allein aus als 



über d» RekoDstmieren, 



43 



Verschlußlaute uad als %' -Laute im spezieUeu erst mit Hülfe 
des Indischen, obgleich die Media im Iranischen zum Teil als 
Verschloßlaut vorliegt. Nach Foy war im Altpersischen der mit 
d = B,v. z umschriebene Laut nicht nur im Anlaut^ gondem auch 
im Inlaut VerscMnßlaut (KZ. XXXV 12 f., 19 t; XXXVH 525 f.). 
Wenn man nun einmal mit der Anschauung bricht, daß altind- 
j - av- ^ ans einem nrarischen Spiranten hervorgegangen sein 
müsse, wenn man vielmehr ai. j direkt von vorurind, § ableitet, 
wird man in aJtp. d eine erwünschte Parallele erblicken und 
diesen Laut ebensowenig erst ans einem Spiranten entstanden 
sein lassen. Es gibt aber noch einen andern Punkt, von dem 
aus man mit Hülfe des Indischen zum Verschlußlaut geführt 
wird. Wenn die 2. Sing, zu va^mi „ich wül" = ai. va§mi ein s 
hat: va^i - ai. uaMi so läßt dieses iran. s darauf schließen, 
daß einmal ein anderer Laut als s vorausgegangen sein wird; 
denn s geht in dieser Stellung nicht in s über, und daß ein ss 
zu SS geworden sein sollte, wäre auch sonderbar. Bekanntlich 
geht aber der dentale .^-Laut {s und e) hinter &, g, r, t, u, femer 
hinter p, b in s, i über. Mit Ausnahme von ps, hz sind das 
genau die Fälle, in denen im Altindischen Zerebrallaut eintritt, 
wie ja außerdem auch noch ind, ^t, #/i = vorurind, h'i^ §hh 
iranischem st, ib entsprechen. So regelmäßige Entsprechung 
kann unmöglich auf Zufall beruhen. Die Greschichte des iran, 
s, i kann daher nur mit Hülfe des Indischen erschlossen werden. 
Es ist das ein raethodisch besonders interessanter FaU, daß wir 
gerade hier bei den Palatalen, wo die beiden sonst so nahe 
verwandten Sprachen in mancher Beziehung von einander ab- 
weichen, veranlaßt werden, die Entwicklung der beiden TeUe 
zusammen zu betrachten. 

In der Tat ist die Entwicklung von ind. .% $ und iran, s^ I 
ganz parallel Überall steht dem ind. ^ ein iran. s (bez. $)^ 
dem 5 ein s gegenüber; auch da, wo ind. cch = sk' erscheint, 
stimmt alles schön überein, wenn man als Zwischenglied ind, 
*i§ ansetzt: dem würde Iran, *ss > § entsprechen: gacchati - 
av, jasa*fi. Bei solchem Parallelismus ist es angebracht, die 
vonirind. Reihe U 4 f^h) auch für dats Voruriranische anzusetzen* 
Auch i == ai. fe wird auf diese Weise durchaus verständlich 
Im Iranischen war die Entwicklung zu einem ks ausgeschlossen, 
weü der Spirant nicht so weit hinten gesprochen wurde wie im 
Indischen : *Jcs wurde \ielmehr *A'^ und entwickelte sich zu *8s > 
*M > I, Nur in einem Fall ist trotz des gleichwertigen Resultates 



44 



E. HermanD 



kein Parallelismus anzunelimen ; aL M = ir* H aus *k*st. Bar- 
tholomae nimmt zwar (IF. in 1, ZDMS, L 723 u. ü.) Schwund 
von s in dieser Gruppe an, das aber gewiß mit Unrecht. Solcher 
Schwund ist nur indisch, nicht iranisch; im Iranischen blieb ^ in 
kst > xst und ist > st, also vermutlich auch in der Gruppe k*st. 
Vielmehr ward k*B wie sonst s und ergab mit folgendem t zu* 
sammen M. Wir erhalten nunmehr folgende Chronologie: 



Indisch 

1, k' ^ k'st > k't 

% M § fcV > k^ 

3. k'>i, ^>j, sk'>M,k't>,^, 

4. U > ¥^ oder f§ > eck 



Iranisch 

k" § kst bleibt noch 

&' ^ k*B > k's k'st > k'st ps > pS 
k' > s (^^ s)y ^ > i > altp. d 
av. e, k*8 > s, k'M > Mj sk* > ss, 
k*t > si, §b > ih 
SS > s 



Auffällig ist für den ersten Augenblick der Umstand, daß der 
speziell indische Schwund des s in vorurind. k'st älter sein soll als 
die parallele Entwicklung von k' > .<, ? bez. .% s. Allein das stimmt 
nicht bloß zu dem, was Bremer über ein entsprechendes friesisches 
Beispiel vermutet hat, IF. IV 8 f ; es ist das vielmehr etwas 
so Natürliches, daß vielfach nur durch derlei chronologische 
Verbältnisse die Scheidung von Sprachen denkbar ist. Wenn 
eine Sprache auf einem bestimmten Gebiet von einem fremd- 
artigen Volk übeiiiommen ^ird, mag sich durch Lautsubstitution 
u, s, w* mit einem Mal auf diesem Gebiet ein so großer. Wandel 
volkiehen, daß künftige Lautentwicklungen sich so gut wie nie 
mehr über das ganze bisherige Sprachgebiet verbreiten, sondern daß 
mit einem Schlage die Entwicklung gesondert wird* Dasselbe kann 
sich infolge geographischer oder politischer Trennung ereignen. 
In anderen Fällen, und die werden nicht selten sein, geht die 
sprachliche Differenzierung ganz allmählich vor sich: der eine 
Lautwandel ist auf ein enges Gebiet beschränkt, der nächste um- 
faßt die ganze Sprache, der dritte diese Teile, der vierte jene: 
kurz es äuliert sich darin nichts anderes, als es J. Schmidt durch 
die WeUentheorie ausgesprochen hat 

Meine Anschauungen von der arischen Lautentwicklung weichen 
von den herrschenden Ansichten in mancher Beziehung ab. Ich 
möchte zur Empfehlung meiner Hypothesen noch auf folgendes 
aufmerksam machen: Brugmann u, a, setzen für k*s urarisch x^ 
an. Dieser Anaatz stammt von Bartholomae (KZ, XXIX 576), 
Er hat nicht im geringsten indisches Aussehen, sondern nur 



über das Eekonstmiereti. 45 

iranisches. Nur das Iranische kennt antekoiiBonanlischen Ühergang 
von Verschlußlaut in den homorganen Spiranten, sowie den den- 
talen .s-Laut. Der Urheber jener Hypothese hat bekanntlich diesen 
Lautwandel längst aufgegeben, weil er nicht mehr an vorurind. k* 
glaubt. Bartholomae geht jetzt von idg. /{-^k* = Brugnianns J) aus. 
Aber da fragt man sich vergeblich, warum wohl x^ ™ Urar, 
blieb, während / sonst zu urarisch s geworden sein soll. Auch der 
Wandel von urarisch x^ > sii* k^ ist nicht ohne w^eiters verständlich. 
Der Übergang von ahd. ohso zu nhd. okse = Ochse z. B, ist keine 
genaue Paj'allele, h in ahd. ohso war Gutturallaut und ist das 
in nhd* k geblieben ; mit dem arischen / dagegen ist ein Palatal- 
laut gemeint, während ind. k in h wiederum guttural ist. Man 
kommt eben um eine Verwandlung des Palatallautes in den 
Guttural nicht herum, und da scheint mir der Gang k*s > k\^ > k^ 
bedeutend einfacher zu sein, als der von (k*s >) ;f5 > x^ > fcl > k^. 
Rätselhaft wäre auch urar, £^, nicht bloß wegen des Kreislaufes 
Verschlußlaut > Spirant > Verschlußlaut — denn daß wenigstens 
ai, i Verschlußlaut war und nenindischj Verschlußlaut ist, wird 
man mir zum mindesten zugestehen, wie ich hoffe — mehr noch 
deswegen, weil man lautphysiologisch nicht recht einsieht, warum 
sich der tönende Spirant zum Verschlußlaut entwickelt haben 
soll und der tonlose nicht. Umgekehrt ist es dagegen verständlich, 
daß die Media sich als Verschlußlaut hielt und die Tenuis nicht. 
Lenz sagt KZ, XXTK 17: „Die Explosivlaute sind stimmlos am 
deutlichsten; bei den stimmhaften ist wegen des geringen 
Exspirationsdruckes auch der Artikulationsdruck schwächer". Es 
ist demnach begreiflich, wenn im Ind. und Altpers. die stimm- 
hafte Media Verschlußlaut geblieben ist, weil der nachstürzende 
Frikativlaut nicht so deutlich war als bei der Tenuis und sich 
daher nicht zu einem selbständigen Frikativlaut entwickelte, dem 
sich der vorausgehende Explosivlaut assimilieren konnte, Lenz 
erwähnt in der Tat auch (S. 43 und 48) ein Beispiel aus den 
romanischen Sprachen, wo sich k zu f, g aber nur zu ^ 
verschoben hat; vgl. unten Ähnliches im Armenischen und 
Albanesischen')* Es ist das die ümkehrung der Erscheinung, 
die man dann findet, wenn der stimmhafte und der stimmlose 
moniUierte Laut einmal die nachfolgende Spirans deutlich ent- 
wickelt haben; dann geht die stimmhafte Explosion oft früher 
unter als die stimmlose (Lenz S. 47; vgl Kirste Arch. slav. 

*) Auch ^r das Griech. und zwar den arkad.-ltjpr. Dialekt glaubt Mansion 
Ui Guttaralee grecqaee ß. 69 emen äimÜchen Unterschied annekmen lu dürfen. 



46 



B. Hermann 



Phil. Y 381), Für letzteres liefert aber das SanBkrit kein Bei- 
spiel, wie Kirste meinte indem er sagt: „Daher die Erschein nng, 
daß im Sanskrit für di und znur ein Zeichen verwendet wird". 

Über das Ärmenisch{e muß ich als Nichtkenner hinweg- 
geben. Ich möchte nur erstens die Frage aufwerfen, ob der 
Zosammenfall von idg. qi* vor und hinter u mit idg. Je sich nicht 
ganz leicht auch in anderer Weise erklären läßt, als Pedersen 
KZ, XXXIX 441 annimmt. Jedenfalls läßt sich nicht bezweifeln, 
daß in der Aussprache von uk und ku hei starker Eundung und 
Verengung des Luftweges durch die Lippen hindurch leicht ein 
Beibegeräuscb an den Lippen entsteht, das dem Pfeifen ähnlich 
ist. Am leichtesten kann man sich davon überzeugen, wenn 
man ukii (oder auch ilkü) ausspricht. Sollte in ähnlicher Weise 
gl* 2U einem armen. Spiranten geworden sein? Wenn übrigens 
Pedersen im Recht damit wäre, daß alle reinen Velare im Armen»^ 
sehen in Labiovelare übergegangen waren (EZ* XXXIX 441, ebenso 
im Arischen KZ. XXXVI 85), dann hätte man z. B. flir arm, m^ 
,^Nebel", fli. meghas „ Wolke '^ anzunehmen, daB der Velar erst 
labialisiert wurde, um dann die Labialisation wieder zu verlieren. 
Ist das glaublich ? Zweitens möchte ich ä*agen, ob man nicht von 
p = idg. skj h^ § zu dem Ansatz eines früheren Verschlußlautes 
gelangen kann. Wenn p als Fortsetzer einer alten Media den 
Verschlußlaut nicht ganz aufgegeben hat, während die Tennis 
zum reinen Spiranten geworden war, hätten wir hier wieder ein 
ähnliches Beispiel wie im Indischen und Altpersisehen, 

Über das Albanesische darf ich mich leider nicht ebenso 
kurz fassen, obwohl ich das Albanesische ebenfalls nicht kenne. Pe- 
dersen hat das Albanesische durch seinen Aufsatz KZ. XXXVI 277 f. 
in das Centrura des Gutturalproblems gerückt ; ich muß daher zu 
Pedersen Stellung nehmen. Leider bin ich von Pedersen nicht 
überzeugt worden, daß das Albanesische die drei Gutturalreihen 
getrennt aufweise, und muß im Gegensatz zu Brugmann u. a. 
der ablehnenden Haltung z. B, Hirts (IF. XVII 388) und Thumbs 
(Df. A. XVin 40) beipflichten. Zunächst halte ich es a priori 
für nicht sehr wahrscheinlich, daß gerade in dem Albanesischen, 
dieser jüngsten und besonders stark zerklüfteten indogermanischen 
Sprache, ein Unterschied noch zu finden sein sollte, der in den 
andern — teüweise sehr altertümlichen — Sprachen ganz [oder 
höchstens bis auf minimale Spuren] verwischt wäre. Allein das 
ist noch kein durchschlagender Grund. Pedersens Ausführungen 
im einzelnen sind, wie mir vorkommt, nicht unbedingt richtig- 



über das Bakonätmiereti. 



47 



Pedersen tiat in dem Aufsatz nachgewiesen, daß das Älbanesische 
die sogenannte Labiovelarreihe je nach der Färbung des folgenden 
Vokals verschieden entwickelt hat, und hierin scheint er mir 
durchaus recht asn haben. Unrichtig beurteilt scheinen mir da- 
gegen die elf Beispiele S. 329 und 330 , die dartun sollen , daß 
indogermanische reine Velarlaute im Albanesischen vor palatalen 
Vokalen erhalten blieben, 

L g'm* „finde** 2, derg'em „bin krank *^ 3. erg'w „kleine Laus** 
5, heW „ziehe" 6, hek' „schlecht" 8, Vel „bringe, trage ^ 9, k*e^' 
„schere^ können sämtlich Analogiebildungen sein. Es könnte 
z. B. k'el mit dem von Pedersen S, 322 behandelten &jd „bringe" 
identisch sein; sjü wäre dann allein die lautgesetzliche Form 
und k*et eine Kontamination, die den i-Laut von Formen mit 
folgendem dunklen Vokal bezogen hätte, heW führt Pedersen 
S* 278 auf *sölqeiö zurück und fügt hinzu: ^Daß helk sich der 
gewöhnlichen Flexion der primären Verba anschließt, bedeutet 
nichts**. Mir scheint das im Gegenteil sehr bedeutungsvoll zu 
sein; im primären Verbum konnte sich der Ar-Laut in der L Sing«, 
L und 3. Plnr. halten. Ich betrachte daher hdk* als eine 
Kontamination aus Helqö und *solqei6 (wobei die rekonstruierten 
Laute nur als reine Formel betrachtet sein mögen). Ähnlich 
kann es mit den andern genannten Wörtern sein. 

10, k'ep „nähe" und IL Ä'y „futno" werden schwerlich etymo- 
logisch richtig erkannt sein. Auch die Etymologie von ng*ir, 
k'ir „mache heiser" kann leicht falsch sein. Gustav Meyer hat 
Etym, Wb. alb. Spr. S. 308 dieses Wort nur zweifelnd mit gr. 
ni^X^oQ zusammengestellt und ebenfalls zweifelnd an engl, hoarse 
^heiser*" angeknüpft (vgl. dazu Znpitza Die germ. Gutt. S. 52). 
Leider kann man mit solchem onomatopoetischen Wort nicht 
viel anfangen. Es können sich hier vielleicht auch alte Wurzeln 
veralischt haben, vgL Wood IF. XVUI 1 f. Oder sollte ur- 
sprüngliches i" die Erhaltung des ^Lautes bewirkt haben? 

7. koJu „Zeit" schließlich läßt verschiedene andre Auf- 
fassungen zu. Man kann ebensowohl au Ablaut denken als 
besonders daran , daß der Übergang von s > o älter wäre , sds 
der des palatalisierten Gutturals in den Spiranten s. 

Es lassen sich also auch andere Wege finden, um die Er- 
haltung der &- Laute in den genannten Wörtern zu verstehen. 
Ich habe Herrn Professor Pedersen meine Ansicht brieflich aus- 
einander gesetzt, und dieser hat nur zugegeben, daß sich die 
Beispiele samt und sonders durch Annahme von Analogie- 



48 



E, HennaiiJi 



bildungen u. s. w. beseitigen la8sen ; er hat mich auch besonders 
auf die in dem alb, Wörtb. von Kristoforidis stehende Form 
erg*€J^{i} hingewiesen ^ die alle Bedingungen für eine Analogie- 
bildung aufweise. Dieses Zugeständnis genügt mir^ obgleich 
Herr Professor Pedersen besonders wegen g*m* an der Drei- 
reihentheorie festhalten wird. 

Ich mcichte nm^ noch eins dazu bemerken: Es wäre auf- 
fällig, wenn die analogisehe Einführung eines ft-Lautes vor 
Palatal vokal sich durchweg in solchen Wörtern zeigta, die 
man von andern Sprachen her schon zu den Wörtern mit reinem 
Velarlaut gestellt hat. Darauf ist zu erwidern, daß doch eigentlich 
nur die Etymologien von g'eH\ derg*em, helk\ Jcofu und wohl 
auch kS& über allen Zweifel erhaben sind. Denn auch ergu 
kann unrichtig beurteilt sein. Bugge hatt« (Beitr. z. etym, 
Erläuterg. d. armen* Sprache, ForhandUuger i Videnskabs- 
Selskabet i Christiania 1889, Nr. 4 S. 17) erfiB mit armen, orjä 
„Laus"*, ai. UJc^a ^Lausei", neupers. risk, osset. Usk „Nisse**, lat. 
ricinus „Viehlaus*^, lit er-kä „Holzbock » Schaflaus^, lett ehr^e 
„Kuhmilbe, Buschlans" zusammengestellt Nun stimmen diese 
Wörter wohl in der Bedeutung, aber nicht so in der Lautgebung 
tiberein. Es kommt hinzu^ daß die tramschen Wörter mit ihrem 
k nichts beweisen können, da dieses seinerseits rätselhaft ist 
(Hübschmann Osset Studien S. 46 und 71). Es ist mir zweifel- 
haft, ob die arischen Wörter und das lateinische Wort Überhaupt 
mit dem albanesischen in engem etymologischem Zusammenhang 
stehen* Den beiden baltischen Wörtern aber und dem armenischen 
steht dann kein Wort mehr gegenüber, das zur Einreibung in 
die reine Velarreihe zwingen könnte* An der Verwandtschaft 
dieser Wörter wird man ganz besonders irre gemacht ^ wenn 
man Woods Ausführungen DF. XVIII 23 liest, wo sich zeigt, daß 
diese Wörter zu denen gehören, die in allerlei Gestalt auftreten. -- 
Auch kö/if, das nur in abulg. ^ess und preuß. klsman „Weile" eine 
Entsprechung hatj läßt sich zur Labiovelarreihe stellen. — Auf 
der andern Seite scheint doch in sjel neben k'el^ deren Etymologie 
außerhalb des Albanesischen mir übrigens gar nicht durchaus 
sicher erscheint, ein s wirklich in derartigen Wörtern eingetreten 
zu sein. Es bleiben also nur vier Wörter übrig [g*0i\ der' gern, 
helk\ k'e&)y die man auch von anderer Seite her zu den Wörtern 
mit &-Laut in Centum- und Satamsprachen stellen muß. 

Nach alledem scheint mir Pedersens These nicht bewiesen. 
Ich halte, da ich, wie ich noch zeigen werde, nicht an drei Reihen 



über dai Bekonstraier^ii* 



49 



glauben kann, für Vertreter der dankien k-Reilie (LaMovelar- 
ond Velarreihe) vor duEklem Vokal: k^ g; vor hellem Vokal k\ 
^t (analogisch); s, z (lautgesetzlich); ffir die der Palatalreihe : 
&, s; J, d, z. 

Eine andere Frage ist es, ob man vom Albanesischen allein 
aus zn diesen beiden t-Reihen emporsteigen kann. Die Rekon- 
stmktion der ersteren wird wohl yerhältnismäBig leicht möglich 
sein ; ich muß darauf verzichten , sie Yorznnebmen* Die Frage, 
ob man von 5, s; J* d, z ans etwa zn einer Verschlußlan treibe 
kommen kann, muß ich offen lassen. Wenn Pedersen S, 331 
behauptet, daß *§ im Anlaut zu *<J und weiter zn d geworden 
ist, so scheint mir das doch noch nicht so ganz fest zu stehen. 
Warum soll nicht etwa die stimmhafte Media wie anderwärts die 
Esplosion bewahrt haben? Denn wenn Pedersen seine Ansicht 
nur damit stützt, daß er sagt, d- = ^ sei viel häa%er durch den 
Sandhi in der Lautgestalt ^ erhalten^ als daß et- = idg> A durch 
den Sandhi in rf verwandelt sei, so möchte ich doch darauf hin- 
weisen, daß Zahlen — außer wenn der Unterschied gar zu groß 
ist — in solchen Fällen nicht viel beweisen können. Durch 
Vermehrung des etymologischen Materials kann sich dieses Ver- 
hältnis unter Umständen ins Gegenteil verwandeln* 

Für das Urbaltoslavische läßt sich die dunklere Reihe 
wiederum leicht heraussondem. Aus Fällen wie abulg. ieko 
fllaufe'^, 3. Sing* ^e^e^j, Iterat: ixcaii ergibt sich ganz einfach die 
Zusammengehörigkeit von t^ t und £?i, e, d^, ^ zu k und g^ 
während das Litauische die Gutturallaute als Verschlußlaute auch 
in palataler Umgebung beibehalten hat. 

Daneben steht eine Spirantenreihe, die im Litauischen als 
^, i; im Preußischen, Lettischen und Slavisehen als .^, z erscheint. 
Daß diese s, z aus urbalt-slav, ^, i hervorgegangen seien, wie 
man meist annimmt, ist weiter nichts als eine Behauptung, Es 
ist ebenso gut möglich, daß mauiUierte Verschlußlaute in einer 
Vorstufe des Litauischen einen a^- Nachklang, in der Vorstufe der 
anderen Sprachen (oder Dialekte) einen ^Nachklang hatten. Daß 
aber überhaupt diese Laute einmal Verschlußlaute waren, ist vom 
Baltisch-Slavischen aus an keinem Merkmal mehr zu erkennen. 

Faßt man die aus den Einzelsprachen der Satamgruppe 
gdwonneoen Resultate zusammen, so ergeben sich jedesmal zwei 
Reihen, eine Reihe weiter hinten gesprochener Laute, die in 
aUeii Vorurdialekten als Verschlußlaute anzusetzen sind: als 
/f-Laiite> Die andere Reihe ergibt vom Indischen und Iranischen 




50 



E. Hermanii 



her ebenfalls Verschlußlaute^ allerdings weiter Torne gesprochene. 
Dieses Resultat scheint mir, wie schon angedeutet, der 
Bestätigung durch das Armemsche und das Albanesische fähig. 
Es wird daher für eine weitere Lösung der Gutturalfrage, von 
Seite der Satamaprachen her, einer neuen Untersuchung in diesen 
beiden Sprachen besonders bedürfen. Nur aus dem baltisch- 
slavischen Zweig laßt sieh kein Zeugnis für ehemaligen Ver- 
schlußlaut ableiten* 

Betrachten wir nunmehr die Centumsprachen ! Ich beginne 
mit dem Griechischen* Man kann von dieser Sprache aus 
wiederum zwei Reihen erreichen c eine gutturale und eine labia- 
lisierte. 

Vom Griechischen aus stehen öi^Ko^ai, o^i^ta, «ycn, /i^ 
genau auf derselben Stufe wie )(^iaQ, >(Qy^^nQ, «yog „ Verbrechen *", 
tJt^iyjiii, Nichts läßt darauf schließen» daß sie wie in den Satam- 
sprachen zu sondern seien. Ebensowenig deutet irgend etwas 
darauf hin, daß sie sämtlich oder teilweise irgend einmal anders 
lauteten als im Griechischen* Man kommt also vom Griechischen 
aus statt zu einer Palatal- und reinen Velarreihe ^) der Drei- 
reihentheorie nur zum Ansatz einer einheitlichen Gutturalreihe, 
Daneben läßt sich vielleicht eine zweite Gutturalreihe er- 
schließen lind zwar durch folgenden Gedankengang; Etymologisch 
zusammenhängende Wörter zeigen je nach den folgenden Lauten 
einen Wechsel zwischen p- und t-Lauten, die sich bald in ein- 
und demselben Dialekt finden, bald auf verschiedene Dialekte 

verteilt sind, so: nmq : r/^, noiv^i : T/ai^, n§fjtnXn^i€PUQ 2 mpt- 

arkad* -ddk)M, ßifvlofiui : lokr, dBilo^tat, dor. ^^Xo^im; ^ovttq 
„Mord**» (jfjaTog : ^dvm. Daß die eine Reihe dieser Laute von der 
andern abstammt, erscheint ausgeschlossen, weil Ai^ übrigen 
jj- und i-Laute, die Labialen und Dentalen der verwandtes 
Sprachen entsprechen, nicht miteinander wechseln und nicht von 
dem folgenden Vokal abhängig sind. Man wird daher zu der 
Annahme einer vierten Reihe von Verschlußlauten gedrängt-. 
Da für die i-Laute dieser Art im Aeolischen ein p-Laut erscheint: 
lesb* ndtravQfg : jeTta^f^f böot, ßuXo^tivnq 1 lokr* Sfilofiai^ wird 
der Schluß nahe gelegt, daß diese Verschlußlaute sämtlich mit 
den Lippen artikuliert wurden, d* h. daß sie labialisiert waren, da 
sie Labiale selber nicht gewesen sein können. 

1) An Be^Äenberg^ei-Beclitela Vertretung' durch f-L»ate vor heUen Vokalen 
glaube ich mit Bmgmaim u. a. nkht. 



Allerdings ist es nwt der geringste TeÜ der Merhergehöi igen 
Wörter, der sich dtirch den Wechsel tod ji- und (Lanten 2U 
erkennen gibt. Die meisten müssen erst mit Hülfe der anderen 
Sprachen festgesteUt werden, so wird man wegen des Parallelis- 
mns ntä^t Ttg : lat, quw^ ai- kos; n^ßTitl^, ntVrf : lat quinque, ai, 
paüca auch tn^fiat lat ^€$iii, ai, saaUe^ n : Ist. <|ue, ai. ca^ ^na^ : 
ai* yakjfi u. s. w. hierherstellen. 

Daß die labialisierten Laute auch im GriecMschen mit den 
/r-Lauten zu tun haben mußten, läßt sich ebenfalls erst erkenneo, 
wenn man die verwandten Sprachen heranzieht. Denn erst durch 
diesen Vergleich werden ntnti^, ojfoo^T«, irtn im u. a. als hierher 
gehörig erkannt, die duich Formen mit 00^ tt : ndüöm^ iant^ 
di^iaffm Beziehungen zu fc*Lauten verraten. Steht doch dieser Laut 
sonst nicht in Austausch mit j^LauteDj wohl aber mit t- Lauten, 
wie z. B. in: att jt^tTm, nguum u. s, w. Auf diesem Wege 
fortschreitend darf man dann auch diejenigen Etymologien 
heranziehen, die im Griechischen einen A-Laut in der Um- 
gehung eines u bewahrt haben, wie £v^<t^tai u. a. Die Art und 
Weise, wie dies Mansion, der Verfasser einer Monographie über 
die griechischen Gutturale (Les gutunUes grecques* Universit^ de 
Gand, Kecueü de travaux pnblies par la faculte de philosophie 
et lettres, 29* fasc, S. 40 f ) tut, kann ich nicht gut heißen. Nach 
Mansion soll die Labialisation verloren gegangen sein 1. nach 
altem u 2. vor sekundärem u ; sie soU sich erhalten haben 3. vor 
altem tt. Thumb hat die Schwächen der Position Mansions 
richtig herausgefunden, IF. A. XVni 40 f. Es will mir ebenfalls 
mehr so scheinen, als könne jedes u vorher oder nachher delabi- 
alisierea. Bedenklich ist mir bei Mansion femer besonders die 
Erklärung von yvv^ und ni^lnQ. Mansion setzt eine Grundform 
*q!»eqd&B an, die ira GriecMschen ze *3t/ix/Xo^ und durch Dibsimi- 
latioD zu *x/fKXog geworden sei. Auf Grund des Ablauts 
♦ajf^pftos : *snpnQ$ und *m^raks *$ttraks habe man dann *x/fxÄog ; 
xvxloq und ebenso *fft^vä (aus *gmna): ;^rva gebildet Hier 
aehwebt nicht weniger als alles in der Luft. Erstens gibt es 
keine griechische Form, die ein *ic/(xXog und *fftvä fortsetzte, 
Haben sie je existiert? Zweitens bilden sich solche analogiscbd 
Ablante nur im Reim, vgl frage ^ frag nach trage, trug. 
Drittens ist doch wohl ans dem labialisierten Laut im Griechi- 
schen kein Doppellaut geworden, dessen zweiter Teil eine Labiata 
gewesen wäre, denn sonst kommt man ja mit fnnog^ böot rä 
nn/tfiaTa^ OtonnaaroQ gegenüber €7io,uat etc< in Konflikt Das 

4* 



m 



E. Hermann 



rätselhafte u in yvyj^ und xmlo; wird also wohl anderea Um- 
ständen seine Entstehung verdanken. 

Mit dem soeben an dritter Stelle genannten Argument läßt 
sich aber der vonirgriechische Laut in seiner Artikulation genauer 
bestimmee. Es war kein Verschlußlaut -|- nachklingendem u* 
sondern ein Verschlußlaut, bei dem (Zupitza Die germanische 
Gutturales* 1) „gleichzeitig mit der Zungeutätigkeit eine den 
akustischen Eindruck modifizierende Lippenrundung [oder all- 
gemeiner gesagt : Lippenartikulatian] stattfand*^- Daß dieser also 
labialisierte Laat ein Guttural war^ ist erst dann zu ersehließen^ 
wenn man die Delabialisation in der Nachbarschaft eines 7t mit 
in Betracht zieht. Davon aber daß diese labialisierten Gutturale 
weiter hinten gesprochen worden wären als die oben festgestellten 
vorurgriechischen reinen Gutturale, ist nichts zu bemerken. 

Außer acht gelassen habe ich bei meinen Auseinander- 
setzungen das schwierige Verhältnis zwischen ß und i vor £, i 
und die Formen mit x wie thess. xtc, Jon. sem^y xor^^^g u, s. w. 
Es konnte dies geschehen, ohne dem Endzweck dieser Unter- 
suchung Eintrag zu tun. Nicht also darf ich mit den Fällen 
verfahren, in denen die griechischen Fortsetzer der Gutturale + 
U vorliegen. Bekanntlich soll ja das Griechische, wie viele 
Forscher annehmen, reinen Velar (= ai. fc) + y von Palatal 
(^ ai. tf) + u scheiden. Die dafür vorgebrachten Beispiele 

sind KOitai, xlutra, xanyoQf xdlnr^^ xikuo^, nlßaküQ. Alle läSSeu 

sich anders unterbringen. Thumb sucht sie durch die Annahme 
von indogermanischera Schwund von ^ zu erklären IF. A, 
XI 24, ebenso Hirt Handbuch S. 135, 144; IF. XVn 388 f; 
vgl. IF. A. XVni 7. Ich stehe diesem Versuch nicht ablehnend 
gegenüber. Es gibt aber noch einen anderen Ausweg, Wer 
Thumhs Vorschlag nicht billigt, kann ^haa, «otTai von lat in- 
vitus, apr, qtiaits „Wüle" trennen und mit ai. cii „begehren", ketu 
„Begierde*^ verbinden* Denn er hat dann die Wahl zwischen 
beiden Etymologien, Die anderen Beispiele enthalten sämtlich 
einen Labial. Nun hat aber Solmsen (Über Dissimilations- und 
Assimilationserscheinungen bei den altgriech. Gutturalen, War- 
schau 1902, deutsche Übersetzung eines Aufsatzes im Sbornik 
statej V 5est& F. F. Fortunatova)^ wahrscheinlich gemacht, daß 
Gutturale durch benachbarte Labiale ihres labialen Naehklanges 

*) Der Aufsatz, den ich in den Bibliotheken in Hamburg tmd B^rÜn 
vergeblich gesuebt hatte, wurde mir durch die besondere Gut» dee Herrn 
TerfasBera zugänglich gemacht. 



über am Kekonstnueren. 



53 



{u oder v) entkleidet werden k5nnen. Ich möchte hier nur 
nehenbei daran! hinweisen, daß sämtliche Beispiele mit Ausnahme 
von iTiiKov^o;^ das sich leicht anders denten läßt, den Grnttnral 
vor dem Labial (hez, LahiOTelar) haben: m^i^og, ni^vQ^^ yi^pv^u, 
fXwnm, nagniQy xalnog (voo Solmsen mit p angesetzt mid yon 
prenß. poquelMön ^knieend" getrennt), Kanra^j ujcmmw, iptoxonog, 
xiafAoq, Hieran anknüpfend darf man aach bei xanvoq, naknfi, 
Äo^aioc mit Dissimilation rechnen , wie auch schon Pedersen 
KZ. XXXIX 441 Torschläg^. So sind also Beispiele wie nüfia einer- 
seits und T^finvüg andrerseits nicht geeignet, uns ein % von qi^ 
im Griechischen mit Brngmann scheiden zu lassen. Daß aber 
dieser Unterschied fallt, muß selbst dem Anhänger der Dreireihen- 
theorie eine gewisse Genugtuung sein, da ihm die wackelige 
Stütze an der schwerglaublichen Entwicklung ku und q\^ an- 
lautend - w, qu anlautend = x nur lästig sein muß. 

Nach alledem vermag ich bloB zwei Reihen für das Vorur- 
griechische zu rekonstruieren, L reiue Gutturale 2. labialisierte 
Gutturale. Zur ersten Seihe stelle ich inn^g wegen ai. ü§vas 
mit *Äyj zur zweiten ^unviq wegen lit kvapas ndt vonngr. 
*qm-^) Nun bindert aber entgegen Mansion S, 212 auch 
nichts mehr, Töißco mit aisL strykua zu verbinden (Zupitza Die 
genn. Gutt 8.94), 

Für das Voruritalische lassen sich dieselben Reihen wie 
für das Vorurgriechische rekonstruieren* Beispiele wie lat* decem, 
altumbr. teciiries „decuriis*^ einerseits > lat muco, osk. vinder 
^viucitur d, h. convincitur" andrerseits sichern vomritah k ; solche 
wie lat, quis, osk, piß^ umbr. pis4 einen labialisierten Guttural 
Die Zugehörigkeit von c statt qu vor u oder Konsonanten er- 
hellt aus qiierctis: qtierquetmn, secundm: seqtwr (Bersu Die 
Gutturalen und ihre Verbindung mit 2; im Lateinischen S. 133 f); 
coxif cöüium: coquo; assecla secia^ söciiis: sequoTj insexit 
pdixerit", inseciiones : insequef zu dem auch umbr. prosikiirmt 
gehört (Bersu S. 123 f., 127, 162) u. s. w. Die Media g erledigt sich 
aofi lat. argmitumj osk- aragetud wie aus lat» gelu^ osk. yika. 
-»Reif, während der labialisierte Laut aus miguö:tmxif undum; 
aviüa : agnus; alat. fivere : fbci (Bersu S. 124 f.) erschlossen werden 
kann, zu denen sich mit Hülfe der anderen Sprachen isolierte 
Falle wie lat grams; venire^ lenmt „venerit** Fut. II, osk, kiim^ 
tiii^d pConvenit" hinzugesellen. 



*) Wie rieh der Nachweis für vomrgr. 1^ hierbei aün)iiut, siehe S. 64. 




54 



E. Hormann 



Die HekoBStruktion der Media aspirata macht am meisten 
Schwierigkeiten, auch abgesehen davon, daß die Arüknlations- 
stelle bereits nur mit dea verwandten Sprachen herausgefunden 
werden kann. Übrigens läßt sich mit Hülfe der Dissimilation 
nur ein gh feststellen (ßradio7% grunda, glab&r, Walde IF. XIX 
98 t), der labialisierte Laut ksmi nur mit einem Analogieschluß 
als Media aspirata erschlossen werden, Die Schwierigkeiten 
bestehen darin, daß als Vertreter von gh : g, f^ k; als solche des 
labialisierten gk : g^ g% % f erscheinen. Die Verwandtschaft 
von / und h lassen fidvos : helvos, die von g und h, falls nicht 
Hoffmanu BB, XXVI 129 t recht hat: tragula : traho, mingö : 
vieiö (für "^meiho^ wie die vom Lateinischen aus durchsichtigen 
Ktjmiologien ml - nihilf nemo = *nehemöj blnm^ - bihimiis an 
die Hand geben); fingo figulus : osk, feihms „muris*" erkennen. 
Die Verwandtschaft von f und g ist vom Italischen ans nicht 
ersichtlich. 

Für labialisierte Media aspirata muß man von 7iinguitf nives, 
nix; conixij coniveOf ausgehen. Die Zugehörigkeit auch von f 
folgt nur aus dem Vergleich mit den verwandten Sprachen, die 
Überhaupt die meisten Beispiele erst erkennen lassen. 

Auf Einzelheiten gehe ich hier nirgends ein , da ich Neues 
nicht vorzubringen habe. Nur an den bekannten Fällen, die griech, 
sianvoq xorrai u. s. w. entsprechen, darf ich nicht vorübergehen. 
Es sind die Wörter vapor, vis, invitarej vaimm, für die man 
idg. qu gegenüber ku m queror, equos angesetzt hat. Abgesehen 
davon, daß die Erhaltung der Verschiedenheit geradeso eigen- 
tümlich wäre wie im Oriechischen , muß ein Lautwandel qu > 
ital. u als sehr unwahrscheinlich bezeichnet werden* Im Grie« 
chischen liegt die Sache wesentlich anders: wir können den 
Schwund von u rückwärts deutlich verfolgen: im Attischen war 
es am frühesten geschwunden, in anderen Dialekten blieb es je 
nach den umgebenden Lauten kürzer oder länger erhalten, in 
manchen Verbindungen war es in allen Dialekten geschwunden; 
pu = ^t warum hätte es nicht auch in einem qu spurlos 
geschwunden sein können? Es mußten deshalb andere Gründe 
gegen vorurgr. qu neben ku und gif vorgebracht werden. Im 
Italischen dagegen enthält die gemeinhin geglaubte Laut- 
entwicklung eine innere Unwahrscheinlichkeit. Auf welchem 
Weg soll die Entwicklung vor sich gegangen sein? Wurde 
etwa qu erst zu gu und fiel dann mit der labialisierten Media 
zusammen? Oder soll es erst zu qhu ^ hu > u geworden sein? 



über das Kekonitmiören. 55 

Ist nicht das eine so gut wie das andere ein unerhörter Prozeß 
für lateinische Laute? Und ein so unwabi^cheinliclier, aof so 
wenig Beispiele basierter Vorgang soll die ebenfalls nnwahi*- 
«cheinliche Scheidung Tcu und qu einerseits; qu andererseits 
wahrscheinlich machen oder gar eine Hauptstütze der — an 
sich doch auch nicht so sehr einleuchtenden — Dreireihentheorie 
sein? Ich hofie wiederum, daß auch Anhänger dieser Theorie 
die im Italischen ebenso wackelige Stütze wie im Griechischen 
mit mir aufgeben, wenn es gelingt, eine andere Deutung zu 
finden. 

Das, was ich vorbringe, ist allerdings kein durchaus über- 
zeugendes Mittel, aber es ist wenigstens eins, Lat. v Ist sonst 
entweder vorurit. u oder gu (g^h). ti kann in unserem Fall 
auBer für vis, invitare, Sommer Handbuch S. 582 ') nicht ernstlich 
in Betracht kommen, da entsprechende Etymologien fehlen und 
idg. U' neben ku- im Sandhi kaum anzunehmen ist Dagegen 
darf man vieUeicht vorurital. ffu- als Nebenform von hj an- 
setzen* Das einzige Beispiel, in dem anlautende Tennis und 
Media wechselt (Brngmann Grundr.' I 629 f*), bietet zufällig 
gerade das Lateinische: bibo : ai. pihnmi, air, ihim, wo aber 
Media vielleicht alt ist Aber auch sonst ist das Lateinische 
mehrfach mit Media vertreten : sc^Of vibrOf scindOf pinffo^ vigintij 
fu^io, denen rumpo, pax, dicoj poj'aiSf vices mit Tennis gegen- 
überstellen* AuBer den Gründen, die Brngmann für den Wechsel 
nennt, möchte ich noch einen anderen anfübreu, an den mich 
Wood IF. XVTII 1 t gemahnt, nämlich, daß sich zwei ähnliche 
Wurzeln mit gleicher oder ähnlicher Bedeutung durcheinander 
geschoben haben, so könnte pibami, ibim eine Kontaminations- 
bildung aus der Form filr lat biho und der für gr. nlvw, ai. 
pipate, falisk. pipafo sein. In ähnlicher W^eise mögen auch die 
Verhältnisse bei vapor : gr. ^anvi^, lit. kväpa.^ etc. liegen. 

Man gelangt demnach für das Voritalische wie fiir das Vor* 
lirgriechische zum Ansatz bloß von zwei Gutturalreihen, Die 
labialisierte Reihe sieht aber hier anders aus als dort. Da lat. qn 
and gu zwei Laute darstellen, vgl Seelmann Aussprache S. 337 f. 
— auf das qoi der Dvenos-Inschrift (Bechtel Hauptprobl, S. 369) 
möchte ich nicht viel gehen — hat man für das Voruritalische 



>) Zimmennanns Erklärung von lat m aoB voh BB. XXVI 304 hat mich 




56 



£. Hermann 



eben diese Doppellatite zu rekonstruieren. Nur die Vergleichung- 
mit den andern Sprachen lehrt, daS in diese Doppellaute zwei 
verschiedenartige Lautreihen zusammengefallen sind: eine Guttural- 
reihe + u und eine labiaJisierte Gutturalreihe derselben Art wie 
im Vorurgriechischen. 

Über das Keltische und Germanische weiß ich gar 
nichts Neues zu sagen, ich fasse mich daher mögüchst kurz. 
Für beide Sprachen läßt sich eine rein gutturale und eine 
labio - gutturale Reihe erschließen. Die letztere ist der im 
Griechischen analog, wenn man von den einheitüehen Lauten im 
Keltischen und denen im Gotischen (q, fo), vgl Colütz Z, t d. 
Ph. XII 481 ausgeht, denen allerdings in den andern germani- 
schen Dialekten Doppellaute entsprechen. Mit welchen Schlüssen 
die Rekonstruktionen zustande kommen, will ich hier auch nicht 
einmal andenten< Ich erwähne nur, daß im Keltischen einzig 
die Tennis (air> e =^ akymr. p) auf labiaUsierten Laut führt, 
während die entsprechende Media mit der Labiata, die Media 
aspirata mit der reinen Gntturalis völlig übereinstimmt. Im 
Germanisehen werden die verschiedenartigen Vertretungen durch 
das Vemersche Gesetz zusammengehalten ; für die Erschließung der 
Artikulationsart (Tennis, Media, Media aspirata) lassen sich die 
Doppelformen mit und ohne anlautendes s- verwerten, wenn man 
nicht mit Siebs KZ. XXXVH 277 f, alten Wechsel von *sk : g, 
sq¥ : gu annehmen will. 

So weit gelangt man in der Eekonstruktion in den Einzel- 
sprachen, Will man die Resultate einander annähern, so muß man 
Satam- und Centumgmppe erst einmal jede für sich betrachten. 
In allen vier Sprachen der Satamgruppe ergibt sich die Reihe 
der fc-Laute gleichmäßig; die andere Reihe dagegen zeigt große 
Differenzen, Am wichtigsten für Beurteilung der ganzen Fra^e 
ist es, daß wir vom Indischen aus zu einer Reihe von Ar'-Lauten 
kommen und daß wir bei der parallelen Entwicklung der Laute 
im Iranischen diesen Ansatz auch fiir die Vorstufe dieser 
Sprache zu machen veranlaßt sind. Damit stelle ich mich 
dnrchaus in Gegensatz zur herrschenden Anschauung, die für 
das Urarische nur Spiranten kennt. Meine Hypothese» die in 
mancher Beziehung mit der Havets übereinstimmt, aber — schon 
wegen der Verbindung mit dem Iranischen — hoffentlich besser 
begründet ist als diese, schaltet damit den Ansatz von gemein- 
uridg, Spiranten, wie es Fick, Bezzenberger, Bechtel, Bartholomae 



tt)€r du Pekonstmieren. BT 

u. a. wollen, voa vorneherein aus*). Die Entwicklung: Spiiant 
(idg.) > Verschlußlaut (urar. k') > Spirant (ai, §^ ay. s, altp. ^^ s)^ 
wie man sie nach meinen Auseinandersetzungen sonst für das 
Indische und Iranische anzunehmen hätte, wäre ja in sich schon 
unwahrscheinlich. Nicht unwesentlich kann dieses Resultat unter- 
stützt werden, wenn sich das fest begründen läßt, was ich nur 
als schüchterne Vermutung habe hinwerfen können, daß im 
Annenischen und Albanesischen noch Spuren eines tönenden 
Verschlußlautes (J) vorhanden sind. Man fände dann in vier 
Satanisprachen : im Indischen, Altpersischen» Armenischen und 
Albanesischen die Media länger bewahrt als die dazu gehörige 
Tennis» Das Baltisch-Slavische wäre dann die einzige Satani- 
sprache, die überhaupt nichts mehr von palatalen Verschlußlauten 
versptiren üeße. Es eröffnet sich demnach ein Weg, wie man 
für die Satemgruppe für sich bereits zwei Eeihen von Verschluß- 
lauten, eine k*- und eine ft-Eeihe, erschließen könnte. 

Aber auch, wenn meine Vermutung mit dem armenischen 
und albanesischen Verschlußlaut fehlgetroffen hat, wird man zu 
demselben Ansatz kommen. 

In der Centumgruppe vereinigen sich die der Ä'*Reihe der Satem- 
sprachen korrespondierenden Laute zu einer t-Eeihe, während die 
labiaüsierte Reihe so angesetzt werden muß, wie man sie vom 
Griechischen, vielleicht auch vom Germanischen und Keltischen 
aus erhält. Welcher Art die labialisierten Ä-Laute in den Centum- 
sprachen waren, läßt sich nicht weiter bestimmen : es können die 
lippen bloß gerundet, vorgestülpt, ja sogar mit dem Gaumen- 
verschluß gleichzeitig geschlossen gewesen sein. Um sie als einheit- 
hdie Laute zu kennzeichnen, schreibe ich sie im folgenden q, g, gh. 

Nunmehr gilt es Centum- und Sat^mgruppe miteinander zu 
vereinigen* Damit aber setzen geradezu unüberwindliche Schwierig- 
keiten ein. Am einfachsten ist es noch^ die Ä-Laute der Sat^m- 
spracten mit den ^-Lauten der Centumgruppe zu vereinigen, 
öemeinuridg, q scheint mir hier darum den Vorzug zu haben» 
weil ich mir den Verlust der Labialisation in den Satamsprachen 
leichter erklären kann als eine Entwicklung der Labialisation 
aus fr-Lauten heraus üi den Centumsprachen* Gibt es in anderen 
Sprachen überhaupt den FaU, daß fe-Laute zu labialisierten k- 



i 



*) NiehtB beweisen gegen die Spirantöntheorie 4io Argument© KrotachnwjrB 
Eißleitnag S. 105: babyL-aflayr. pilakku (Foy IF. A. X 4) und der UmstaDii, da^ 
die Anderen Spiranten nicht ebenBO in vier Ärtikiilationsai*ten vorkämen (siehe 
m^ Bm^mann Gr.* I 543 Anm.), 



58 



E> Hennann 



Lauten werden? Aber hei der Wahl zwischen den fr' -Lauten 
der Satemsprachen und den ft-Lauten der Ceotumsprachen gibt 
es keine Entscheidung^ fiir einen gemeinuridg. Laut; hier ist 
ancli gar kein Kriteriutn vorhanden. 

Allein die größte Schwierigkeit beginnt erst da, wo die fr- 
Laute beider Gruppen einander gegenüberstehen. Es ist das 
Verdienst Oslhoffs (MU. V 63 t Anm.) nnd besonders Bezzen- 
bergers (BB, XVI 2S4 f,), daß heutzutage diese Lautentsprechungen 
aUgeraein scharf von den eben erörterten abgetrennt werden. 
Bezzenberger hat gewißlich recht, wenn er nachdrücklich betont, 
daß man die Entstehung der fc-Laute, die sich in Ceutum- und 
Satamspracheu entsprechen, nicht in das Sonderieben der Einzel- 
sprachen verlegen darf, etwa anknüpfend an kelt f/ = gh und 
gh, griech, X = q hinter u und in xfjnog etc* durch Dissimilation- 
Ich vermag ihm aber nicht zu folgen, w^enn er hieraus den 
Schluß zieht, daß im ganzen drei Reihen (eine g-, k- und 5-Reihe) 
zugrunde liegen. Ich will dabei die Frage unerörtert lassen, 
ob man sich diese drei Reihen — wie ich es ja müßte — als 
drei gesonderte Reihen von Verschlußlauten im Gebiet der 
Palatale und Gutturale denken könnte. Ich bitte aber von 
folgender Seite aus an die Prüfung der Frage herauziitreten : 1 
Keine einzige Sprache kennt drei Reihen, jede nur zwei; von ^M 
keiner einzigen Einzelsprache aus wird man zur Rekonstruktion 
derselben geführt; nirgends ist auch nur eine Spur von drei 
geschiedeneu Reihen zu finden — wenn ich mit meinen Aus- 
einandersetzungen oben recht habe. Dann aber ist die Rekon- 
struktion einer dritten, der sogenannten reinen Velarreihe, 
methodisch etwas Außergewöhnliches. Das muß man sich nur 
vergegenwärtigen. Der Ansatz einer Nasalis sonans z, B* birgt, 
wie wir oben sahen, die Gefahr manchen Fehlers in sich. Der 
Ansatz hat aber lange nicht so viel Bedenken gegen sich als die 
reine Velarreihe, Allerdings ist Nasalis sonans vielleicht nirgends 
erhalten, aber zweimal wird man von einer Einzelaprache 2U 
der hypothetischen Nasalis sonans gedrängt: vom Arischen her 
wie vom Griechischen aus. Die reine Velarreihe ist auf ganz 
anderem Wege gefunden, sie ist nur die Konsequenz der Einheits- 
rekonstruktion. Für diese Reihe spricht nichts, aber auch gar 
nichts anderes als nur der eine Umstand, daß die Einheits- 
rekonstruktion das bequemste Mittel ist, Schwierigkeiten bei den 
Rekonstruktionen beiseite zu schieben. Wer aber bloß aus 
diesem Grund an die reineu Velare glaubt, verzichtet auf eine 



über dae HekoiMtmieren, 59 

wissenschaftliche Msung der yerwickelten Guttiiralfrage. Die 
Einheitsrekonstruktion halte ich in diesem Fall geradezu für 
unerlaubt Man mache sich, bitte, noch einmal die oben im 
aUgemeinen geäußerten Bedenken gegen diese Methode klar, 
und man wird mir hoffentlich zustimmen, daß der logische 
Fehler, den die Einheitsrekonstruktion stets in sich schließt, bei 
der Gutturalfi*age zu einem falschen Eesultat fiibrt! Es ist 
allerdings unangenehm, daß wir das unbedingt wieder aufgeben 
sollen, was seit 16 Jahren fast zum eisernen Bestand der Indo- 
germanistik gehört hat Aber es hilft nichts, wir müssen uns 
davon losreißen, wollen wir uns nicht selbst Sand in die Äugen 
streuen. 

Das Schlimmste dabei ist, daß ich kein neues Gebäude an 
die Stelle des alten setssen kann. Allein daraus erwächst mir 
kein Vorwurf, Wie die Dinge jetzt liegen, halte ich die 
Gutturalfrage für unlösbar, und ich füi^chte fast, daß sie es 
bleiben wird* Wir haben eben anzunehmen, daß die sogenannten 
Velarlaute z. B* im Vorurgiiechischen mit dön Är-Lauten, deren 
Äquivalent in den Satamsprachen fc'-Laute waren, im Vorur- 
arischen dagegen mit dön /c- Lauten identisch waren, deren Äqui- 
valent in den Centumsprachen die labiaUsierten Laute waren. 
Wenn man ftlr die Satömspracheu k*- und g-Laute ansetzt und 
fiir die Ceutumsprachen k- uiul g-Laute, würde man so zu 
rekonstruieren haben : k' für ai. kitam, q für kravi^ und fiir ka.<, 
k für gr. hnatov und fiir xosa;, q für ri^. Die Wörter mit den 
sogenannten reinen Velaren würden demnach in den beiden 
Gruppen verschieden rekonstruiert werden. Woher diese Ver- 
ichiedenheit kommt, wüßte ich nicht zu beantworten. Vielleicht 
gelingt es mit Hülfe der Glottogonie eine Losung anzubahnen. 
Auf eins aber ist dabei ganz besonders scharf zu achten, daß 
solche Untersuchungen genau so wie die über die Entstehung 
der Ablantsreihen jenseits der Grenze der empirischen Sprach- 
veiigleichung liegen. Dies haben diejemgen, welche eine Lösung 
tersucht haben, wie J. Schmidt KZ, XXV 114 f., Hirt BB, 
XXIV 218, nicht immer vor Augen gehabt. In eine Kritik 
dieser Lehren brauche ich nicht einzutreten. Ich will nur 
darauf hinweisen, daß nicht bloß folgender palataler Vokal, 
sondern auch ein folgendes l, r, vielleicht auch noch andere 
Laute, die geschwunden sein müßten , eine A:' -Reihe ans einer 
g^Reihe hervorgebracht haben können. Der Möglichkeiten^ die 
Gaituralfrage zu lösen, sind aber so viele: Einwirkung benach- 




£. Hermann 



barter Laute, Dialektmischiiiig (Bartholoniae, Foy), Entlehnung 
(Zupitza KZ. XXXVn 398 f,, der einen Teil der Schwierigkeiten 
mit seinem Vorschlag behebt), Konsonantenalternation (Zupitza 
Guttun S, 35) usw., daß man mit keiner Hypothese allgemeinen 
Beifall finden wird. Nur eine Möglichkeit möchte ich abweisen, 
die Zupitza KZ. XXXVII 395 zur Erklärung anderer Schwierig- 
keiten mit in Erwägung ziehen will; Spielraum in der Aus- 
sprache, Wenn wir dieses Moment zulassen, könnten wir bald 
ans Ende unserer Wissenschaft gelangen. Das, was auf austra- 
lische und amerikanische Sprachen passen mag> dürfen wir 
durchaus nicht ohne weiteres auf das zu erschließende Urindo- 
germanische übertragen. Alles, was wir durch Rückschlüsse 
über diese Sprache herausfinden ^ deutet daraufhin, daß sie mit 
den heutigen indogermanischen Sprachen durchaus auf einer 
Stufe stand, daß die Lautunterschiede sogar sehr genau ein- 
gehalten wurden. Ein so großer Spielraum in der Artikulation, 
daß b und p beliebig wechseln können -- übrigens sind h und 5 
und p und p auch noch recht verschiedene Dinge — läßt darauf 
schließen, daß entweder das Ohr oder die artikulierenden Organe 
auf einer tiefen Stufe stehen müssen. Daß die Urindo- 
germanen der Zeit, in welche die rekonstioderten Laute zurück- 
reichen, auf solcher Stufe standen, ist ganz unwahrscheinlich. 
Schließlich sollte man den Vergleich mit amerikanischen und 
australischen Sprachen, von deren Geschiclite wir keine Ahnung 
haben und deren phonetische Besclireibung wohl noch ganz 
besonders viel zu wünschen übrig läßt, überhaupt besser aus 
dem Spiele lassen* Ist denn die verschiedenartige Aussprache 
in jenen fremden Sprachen wirklich dmch die Weite des Arti- 
kulationsspielranms bedingt? Oder liegen vielleicht nur ver- 
schiedenartige Aussprachen vor, die durch Sandhiregeln ur* 
sprüngUch veranlaßt, dann aber beliebig verwandt worden 
sind? 

Mein Vorschlag geht nunmehr dahin, in Zukunft die Guttu- 
rale überhaupt nicht mehr für das Gemeinurindogermanische 
anzusetzen, sondern nur innerhalb der beiden Gruppen zu rekon- 
struieren, also: 

Centumspracheo 1. ft-Eeilie (= Palatale und Velare Thurneysens), 
2. 5-Reihe (= Labiovelare), 
Satsrasprachen L i'-Reihe (= Palatale), 

2. 3-Eeihe (= Velare und Labiovelare). 



L 



Über das Bekonstmieren. Ql 

So wie die bisherige Rekonstruktionsmethode in der Laut- 
lehre auf einem logischen Fehler beruht, so ist dies natürlich 
auch der Fall io Formenlehre und Syntax. Dort wie hier hat 
die Methode zum Teü zu falschen Resultaten geführt. Ich be- 
ßchränke mich auf einige Ändeiitungen, Die Gefahr, mit der 
alten Methode Fehler zu machen, scheint mir in der Syntax 
unter anderm da besonders vorzuiiegeD, wo von den synkre- 
tistischen Kasus die Kede ist Es liegt auf der Hand^ daß 
die Kasus, die im Indischen oder einer andern Sprache oder 
mehreren vorhanden waren^ darum noch nicht auch in der Vor- 
stufe der übrigen indogermanischen Sprachen vorhanden gewesen 
sein müssen; denn gerade so gut wie es im Griechischen Dual- 
endungeu -f, -oiv gibt, die ganz oder fast ganz auf das Grie- 
chische beschränkt sind, ohne darum junge Bildungen sein zu 
müssen, ebensogut werden manche andere Kasusendungen und 
Kasus nur Teile des urindogermanischen Gesamtgebietes umfaßt 
haben. Es kommt eben wie in der Lautlehre so in Formenlehre 
und Syntax darauf an, von einer einzelnen Sprache in der 
Eekonstmktion auszugehen* Betrachten wir z. B. daraufhin 
den vorurgriechischen Ablativ, Es ist wohl allgemeine Ansicht, 
dafi der Ablativ der o-Stämme im Griechischen bis auf geringe 
Keste verloren gegangen ist, d* h. mit andern Worten ; daß er 
im Vorurgriechischen vorhanden war. Belegt sind kret. m^ onm, 
rmiii lokr, OT, ontai delph, foi^ctja mit ablativischer Bedeutung, 
Daß diese Formen wirklich einmal einen ^Laut verloren haben 
(ob -t oder -d ist unentschieden^ vgl Kappus Der idg, Ablativ^ 
Marburg 1903), kann man als sehr wohl möglich zugeben; 
wenngleich gar nicht kontrollierbar ist, ob nicht vielleicht ein 
hh oder iigend ein anderer Konsonant abgefallen ist. Indes das 
Ist ani' die lautliche Seite des Problems, Man kann mit Recht 
iragen, was dafür spricht, daß im Vorurgriechischen bei den 
o-8tämmen wirklich Geniüv und Ablativ formell getrennt waren. 
Die Formen m^ onw, r^Se beweisen diese Trennung nicht, sie 
zeigen die Trennung nur für die pronominale Deklination; dazu, 
däS beim Pronomen beide Kansas geschieden waren, stimmt es, 
wenn Formen wie ^oi, aot, oi außer lokativisch und dativisch 
zwar auch genitivisch, nicht aber auch ablativisch gebraucht 
wurden. Beim Substantiv sind Ablativ und Genitiv nur in den 
homeriacJien Formen auf q^t geschieden, insofern sie oft abla- 
tivisch, fast nie genitivisch angewandt erscheinen; aber das ist 



E. HeiTDatin 



auch noch keio Beweis dafiii"^ daß mau früher ein mal am o- 
Stamm regelmäßig Genitivform und Äblativform unterschied. 
Der einzige griechische Ablativ eines o-Stammes joUm könnte 
daher sehr wohl auch eine griecliische Neuerung sein, den 
Proüominibus nachgebildet. Erst Spezialuntersuchungen können 
diese und ähnliche Fragen entscheiden. 

§9- 

Diese Beispiele mögen genügen! Sie haben hoffentlich ge- 
zeigt, daß das von mir eingeschlagene Verfahren ein Fortschritt 
in der Methode ist. Die Einzelrekonstruktion scheint mir be- 
rufen, uns über manche bisherige Unklarheiten hinwegzubringen. 
Zunächst laut sich die Unklarheit über die Realität der Rekon- 
struktionen beseitigen* Ganze Formen lassen sich ohne weiteres 
überhaupt nicht erschließen, sondern nur Laute. Der Zweck 
der Rekonstruktion ist aber nicht nur, eine bequeme Formel zu 
kurzem Ausdruck zu erreichen, sondern ebenso auch: die wirk- 
lichen früher einmal gesprochenen Laute anzugeben, wenn auch 
nur approximativ. Deswegen ist es erforderlich, ein äußerliches 
Kennzeichen dafür zu besitzen, ob ein Ansatz nur als Formel 
oder als Rekonstruktion gelten soll. Ich mache den Voi'schlag^ 
das übliche Sternchen * dann zu gebrauchen, wenn nur eine 
Formel gemeint ist, das Zeichen f dagegen davorausetzen, wenn 
rekonstruiert wird^ vgh oben S. 20. So würde z. B. vorurind* *m^t = 
ind. äsam bedeuten: ind. ^ = gr. e etc, ind. s = gr, *t etc., am - 
gr. u ete. Dagegen würde f esmi ^ ai. asmi bedeuten : ind* a stammt 
von früherem fe her, altes e aber läßt sich zwar vom Indischen 
aus erschließen, nicht aber in diesem Wort; ind, smi geht auf 
altes fsmi zurück und ist unverändert erhalten gebliebeu* 
Femer würde vornrind. "f-qe - ind. m bedeuten: ind* c geht 
auf q zurück, das sich nur aus der Vergleichung mit den andern 
Sprachen ergibt; ind, a stammt von e ab, das man wegen des 
vorausgehenden c vom Indischen her erkennen kann. In vielen 
Fällen wird es bei wirklicher Rekonstruktion nicht leicht sein» 
sich für die eine oder andere Art des Druckes zu entscheiden. 
Um so besser! Mau wird es dann mit dem Eekonstruieren 
stets recht genau nehmen müssen. Gar manchmal wird man 
dann einsehen, daß man bloß ein * vorsetzen darf, d. h,, daß 
die Laute des Ansatzes nur als Formel gedacht werden sollen. 

Mein Vorschlag engt niemanden ein. Wer nach wie vor 
ohne besonderen Hinweis das Zeichen * gebraucht, von dem 
nehme ich an, daß er entweder meine Forderung, daß wir in 



über dae Kefconstmieren. 63 

Zukunft mit riel größerer Vorsicht bei Eekonstruktioneo zu 
Werke gehen müssen, nicht kenuen gelernt hat oder keine Lnst 
hat sie zu beachten und sich mit ihr ansemanderzusetzen. Für 
jeden, der mir recht gibt, wird aber dann jede solche Form 
mit * eben keine Rekonstruktion, sondern nur eine BVmel sein. 

Am meisten wird in der Ablantslehre sowie in den Hand- 
büchern zn ändern sein. Hübschmann hat IF. XI 25 Anm, 1 
gewiß recht damit, daß Formen wie f esti, apo, pro und andere 
80 ziemlich die wirklichen gesprochenen Formen sind* Es ist 
aber nur eine recht beschränkte Anzahl von Woltern, die auf 
gleicher Stufe stehen; wenn die Einzelsprachen-Rekoustruktioe 
von verschiedenen Seiten ans dasselbe Resultat liefert, wird 
man allerdings solchen indogermanischen Formen recht nahe 
kommen oder sie selbst treffen. Aber wer mit kombiniertem 
Lautwandel, mit Ablaut usw. opeiiert, wird sich bei jedem 
Beleg für seine Aufstellungen fragen müssen» ob es für seine 
Behauptungen gleichgültig ist, daß die Form nur Formel sein 
kann, oder daß einzelne Laute derselben oder das ganze Wort 
für einen einzelneu Urdialekt oder für das öemeinurindogerma- 
uische als erschlossen zu gelten haben. Das wird manchen 
übereilten Schluß verhüten können. 

Im besonderen aber wird es Sache der Handbücher werden 
müssen, sich viel reservierter auszudrücken. Die Angabe z. B,; 
die indogermanische Ursprache besaß folgende Laute; e, & etc. etc., 
wie 810 allenthalben zu lesen ist, muß ganz entschieden fort- 
bleiben. Denn hier wird mehr behauptet, als wir wissen können. 
Durchweg wird ferner der Weg zu bezeichnen sein, wie man 
die einzelnen Lante erschließt. So wie die Handbücher jetzt 
beschaffen sind, werden die rekonstruierten Formen fast immer 
so hingestellt, als seien sie nicht weniger sicher denn die über* 
lieferten Formen. Daran ändert eine einschränkende Bemerkung 
in der Einleitung der Handbücher nicht viel Dieser Umstand 
aber ist es ganz besonders, der die klassischen Phüologen seit 
Jahren von einer Vertiefung in die moderne Sprachwissenschaft 
abgehalten hat. Wer den Betrieb in unserer Wissenschaft nicht 
durch Studium des Indischen kennen gelernt hat, steht als 
klassischer Philologe einem Werke w^e Brugmanns so vorzüg- 
licher gi-iechiscber Grammatik oder gar einem subjektiv geförbten 
Buch wie Hirts Handbuch fast ratlos gegenüber. Wie soll er 
sich in Laut- und Formenlehre eine selbständige Kritik gegen- 
über den Behauptttngen dieser Werke verschaffen? Ein um- 




1 



64 E. Hermann über daa Eekonfitmier^n. 

schwnng: kann aber mit einem Male eintreten, wenn eine grie- 
cbiBChe Grammatik noch konsequenter als Wackernagels ai, Gr, 
YOE der Einzelsprache ausgeht. So dürfte die von mir verlangte 
Methode auch praktische Vorteile zeitigen. Zugleich werden 
wir damit aber einen Teil unserer Selbsttäuschung loswerden. 
So gut, wie die Handbücher es hinstellen, kennen wir die ur- 
indogermanische Sprache noch lange nicht. Im übrigen ist 
„urindogeroianisch'* ein Begriff, den wir mit „Sprache der ür- 
indogermanen vor ihrer Spaltung'^ immer noch sehr wenig 
wissenschaftlich definieren; ein BegriflF, den man lieber möglichst 
meidet — Es wird bei dem bleiben müssen, was Bremer HF, 
IV 10 ausgesprochen hat: Es ist unwahrscheinlich, ^daß wir 
je die postulierte ur indogermanische Sprache wieder in ihren 
Hauptzügen werden aufbauen können. Wir werden uns mit der 
mundartlich stark differenzierten gern ein indogermanischen Sprache 
begnügen und fdr diese Sprache einen weiten Zeitraum gelten 
lassen müssen^. Ich möchte noch hinzufügen: Als erste Auf- 
gabe hierbei liegt es uns ob, die Mundarten dieser Sprache im 
einzelnen zu rekonstruieren, 

Bergedorf, Eduard Hermann. 

Kc^rrektnmoten. 1. RibfKzo (D problema capltale deUe gutta mli iudoeuropee, 
Estratto <ial rendiconto deU* acad, di NapöH XVII 1903) bringt, wie er übrigens 
aelbfit hervorhebt, ebenfalls keine defliütiTe Lösung der Guttural frag-e. Richtig 
erkannt mag der gelegentliehe Zusammenhang der Labiaüsation mit vokaHschem 
H iein. wodurch ODheqneme Beispiele wie yvt^i} : ßay€i beseitigt werden. Die 
Verteidigimg der HirtBchen Theorie Über die Palatal- and reine Vejarreihe wiU 
nieht viel beBogen, Nicht stichhaltig sind die Gründe ftlr die Labialidemng 
(8. 37^46) und die gegen Brugmann vorgebrachten Argumente (S. 46 — 51). 
S. 46 ist das Ärmenisclie übersehen, das den beaten Beweis für die Einheit der 
drei Bcihen üefem konnte; aljrigens wird nicht nur vor u, sondern auch nach 
u delabialisiert. Das nn von litnii^ mit dem von Qnnwg (S. 54^'55) auf eine 
Stufe zu ütellen, iat verkehrt. 8. 61 bleibt v in i^apor unerklärt* 

2. Auch Niederraanns Pr^cie de phont^tiqne historique du latin hält sicli in 
seinen Schlüssen nur innerhalb des Lateinischen, aber nur aus pädagoglsclieft^H 
Gründen; daher auch S. 106 z. B. ein Bchlu& vom Deutschen her. ^H 

B, Hoffmanns soeben erBchlenenes Buch i Die Makedanen und ihr Velkatum 
erweist die Makedonen als Griechen, waa oben tJ. 29 ins Gewicht faUen kann — 
wenngleich noch andere Möglichkeiten bleiben. Die Seiten 2S2— 241 werden 
durch Sievers Phonetik^ § 415 u. 425 widerlegt^ letzterer Paragraph erklärt 
auch n in 2:uJl^'m, — k und IC sind in ht und k'th unmöglich stärker ge- 
schieden gewesen ab in ^e und k'e, — Wlre es schließlich nicht sonderbar, 
da& man die tonlose Media bald mit der Media {li&r^fn) bald mit der Aspirata 
(in x^) schrieb, ^o mit den Buchstaben für die Lante^ die wenigstena später« 
wie die heutige Aiwsp räche beweist, hier wirklich gesprochen wurden? 




Ö5 



Studien über die Spraclie des preussischen 
Enctiridions, 

Am 18. Mai 1569 visitierte der samländische Bischof Joachim 
Mörlin das Kirchspiel Pobethen, Die Zensur, welche der Pastor 
locij j,Herr Abel Will**, bei dieser Gelegenheit erhielt, war recht 
böse* Der Visitationsabschied*) sagt: 

,,Wiewol nun dieser Pfarherj wie offenbahr, in dem gottes- 
lesterlichean Ihrthuuib der Osiandrischen Lehre gesteckett, auch 
fast ein unordentlich, ergerlich Lebenn gefuhrett, dadurch er 
leyder, mit seiner Lehre und Lebenn, viel Leuthe geergertt: 
Weyl ehr aber den Irrthumb auff der Cautzel öffentlich wider- 
ruffen, daneben solcher Lehi-, auch seines bösenn Lebens halb 
hertzUcb lejd getragen unnd den Herrenn Bischoff iu Gegenwertt 
der Beywehsendenn umh Verzeihung mit weinenden Augen ge- 
beten, auch sein Leben hinforder zu bessern zugesagett — So 
hatt der Herr Bischoff ihm christlich verzihen, ihnen anfc new 
zum Pfarampt verordent, auch ernstlich seiner Geluebnuß und 
Zusage trewlichen nachzufolgen ermalmett/ 

Des weiteren wird getadelt, daß der Pfarrer zuweilen 
en Acker verpachte, der infolgedessen heruuterkomme, daß 

Gälten seiner Widenij „also auch die Helder" (Fischteiche) 
verwahrlost, die Bienenstöcke eingegangen, und die Zäune bruch- 
fäUig seien. 

War indessen Abel Will wirklich ein so schlechter Geist- 
licher und Hauswirt? 

Ich kann auf diese Frage keine bestimmte Antwort geben, 
muß aber Mörlins Urteil als befangen ablehnen und neige zu der 
Ansicht, daß Will ein ganz braver Mann gewesen ist, denn sein 
Osiandrismus war kein Mangel seines Charakters, und was sein 
Oberhirt sonst an ihm tadelt, läßt sich teUs bezweifeln, teils 
entschuldigen. 

Ärnoldt Kuj^gefaßte Nachrichten von allen seit der Refor- 
mation au den lutherischen Kirchen in Ostpreußen gestandenen 
Predigern (Königsberg 1777), Samland S. 29 berichtet über WUl: 
,Äbel Wül war 1554, und ist des Osiandrismus wegen • * . in 
das Gefängniß gekommen, auf Cautioii der Gemeine aber wieder 






") KöDJg^berger Staats-Archiv Oitpreai. Foliant Nr 1277 Fol 85. 

KvUiel^rtll fttr rt-t^. Bpriicbf. XU. 1,1. § 




66 



A. Bozzenborg^r 



losgelassen worden. . . . 1575 ward er wegen Blindheit auf 
Lebenslang in das Gr. Hospital in Königsberg zum Unterhalt 
gegeben *". — In dem genannten Jahre 1554 hatte Botho von 
Eulenbnrg wagen können, einem osiandrischen Pfarrer aus christ- 
lichem Eifer den Kopf abschlagen zu lassen (Hase Hei^og 
Albrecht von Preußen und sein Hofprediger S. 217), und da 
aus demselben Jahre der bekannte Brief Abel Wills datieii: 
(N, Preuss. Provinz?. -Blätter 1855, 1396; Altpreuß. Monatssrhrift 
XXVI 514), in dem er seinen vorgesetzten Amlshanptmann, 
Georg V. Eichicht, ein Werkzeug des Satans nennt und der 
Tyrannei bezichtigt, so liegt der Gedanke nahe, daß der Haupt- 
mann die Stimmung dieser Zeit benutzte, um durch Wills In- 
haftierung über jenen Brief zu quittieren. Indessen, wie dem 
auch sei: offenbar bestand zwischen dem Pfarrer und dem 
Hauptmann eine persönliche Gegnerschaft, und man weiß, daü 
solche Verbältnisse nur zu oft zu gegenseitigen Verdächtigungen 
des Lebenswandels führen* Ebenso sicher ist es mir aber auch, 
daß die Gemeinde in dieser Spaltung auf Wills Seite stand. Hätte 
Mörlin die einfachen Leute gefragt, so würde er also vielleicht 
gar nichts Übles übei- Wills Leben gehört haben. Statt dessen 
folgte er aber dem Urteil der Partei des Hauptmanns, mit der ihn 
der Haß gegen die Osiandristen verband, und es lag in seiner Art, 
Abel Will, den Gevatter Funcks, diese seine Gemütsstimmung 
raub ftihlen zu lassen. ^Keiner*' sagt Hase a. 0. S* 153, hat 
den Streit über Osiandera Lehre „mehr und ungebührlicher als 
Joachim Mörlin" „auf die Kanzeln und dadurch ins Volk ge- 
bracht'' und S, 203 spricht er von Mörlins „rober Weise**. Abel 
Will aber mußte sich demütig dem Bischof unterwerfen, denn er 
wuüte, daß Mörlin vor der Amtsentsetzung eines Gegners nicht 
zuriickschreckte (Hase S. 386), das Landes-Begiment aber ihm 
keinen Schutz gewähren würde, und er fühlte sich einem Kampfe 
überhaupt nicht mehr gewachsen. Drei Jahre vor der Visitation, 
am 2K Oktober U>Gtj war Funck der Kopf vor die Füße gelegt; 
die leidenschaftliche Bewegung, der Will sich angeschlossen hatte» 
war damit kläglich und in einer Weise gescheitert, die selbst 
des Herzogs Albrecht Kraft gebrochen hatte; Wills Hoffiinngeu 
waren getäuscht, sein Lebensmut war dabin, sein Auge getrübt 
Was galt ihm nunmehr ein Widerruf, der doch nur ein Gericht 
des Höchsten anerkannte! Was lag ihm noch an Gärten und 
Bienen! Vanitas vanitatum et omnia vanitas! 

Ich würde das Vorstehende hier nicht haben drucken lassen, 



Sprühe dee pretii. Enchindi&iia. 



67 



wenn mir Dicht eine Analogie zu bestehen schiene zwischen 
Abel Will als PfaiTer and als Übersetzer des EDchiridions, 
mit dessen Sprache ich mich im Folgenden beschäftigen 
will. Hier wie dort ist Will auf das schäilste getadelt *Wer 
aber meine Apologie des Geistlichen richtig, oder auch nur 
erwägenswert findet, fliird mich nicht als bloßen advocatns dia- 
boli behandeln können, wenn ich auch filr den Autor eintrete. 
Um hierin aber nicht mißverstanden zu werden, will ich ein für 
allemal erklären, daß auch ich sein Preußisch für scha aderhalt 
und seine Übersetzung vielfach für höchst nacb lässig halte. Es 
kommt mir nur darauf an, den Tadel über ihn und seine 
Sprache aaf das rechte Maß zu bringen* 

Denselben FamilieDnamen wie Abel Will führte sein Vor- 
gänger im Pfarramt von Pobethen, und im Jahre 1527 wurde 
einem Matthias Will die dortige Mühle verschrieben (Rogge 
Altpreuß- Monatsschrift XI 53t) ff.). Die Vermutung ist daher 
nicht abzuweisen, daß Abel Will ein Kind seines Kirchspiels 
war. Aber auch wenn dies irrig ist, wenn er also nicht von 
klein auf das dortige PreuBisch gekannt hat — welche Vor- 
stellung muß man sich denn von dieser Sprache machen? Eine 
Bauernspracbe ohne die geringste Politur — das Idiom einer 
politisch und religiös überwältigten Bevölkerung — die Jatwägen 
des sudanischen Winkels zur Seite') — in fortwährender Berührung 
mit dem Lettischen^) — in Handel und Wandel auf das Deutsche 
hingewiesen^) — 25 Kilometer von Königsberg, in dessen ältester 



') Lohmejer GeBcbichte von Ost^ und Westprenlen I» 120- 

') Vpl. meine Kurischo Nehrung S. 104 f. 

■) Auf eine sehr starke Beeinflassting durch das Deutsche weist anler 
Tieleni anderen der Gehrauch der Präpositionen an und m. Es ist beVwiiit, 
dm& sowohl im Hoch-, wie im Kiederdeutechen an und in durchoLaander g-ehen 
{a. das GronmiBche Wörterbuch und Schiller-Lühbeu unter an), xmd was das 
Ordensland im besonderen betrifft, ao steht in Schrifttitöcken de& XXT, Jahr- 
hnnderts oft auf einer Seite z. B. »am 10. April" und „im 10. April", und 
Henog Albrecht bekennt eigrenhandig „ich ^laub in got^ aber eine alte Hand 
zitiert dies als „ich gleub an Getf* (Älbrecht Lnthers kleiner Ivatechismna . . . 
vom Jahre 1540 S, 4 ff.). Hieraus erklärt sich der Gebrauch von an lür en im 
L KAteebiEmDs. Er hat nnbedingt richtig: (as drowe) an DeitAatij an Jesum, 
m »mntart mtönien „an Gott* nsw , ^cops ^begraben", m pcybafifUm ,in Vor- 
iuchnjj^", m iüissan swetan „in aUe Welt**, et* emmm „im Nameri% aber an 
Ihr en m: an dangon „im Himmel" (anch „gen Himmel"), an atan navtin „in 
4er Nacht", an nmian ktaugen „in meinem Blut". Bemoker S. 131 (deBsen 
Angaben hier übrigens ungenau sind) nimmt lautliches Schwanken an, aber dio 
einmalig«» Formen fammay (neben fantmy : femmay, fenmiüy II), atmma 

5* 



Ä. Bezzenber^r 



Kirche seit etwa 1550 polnisch g^epredigt wurde^) — lOO Jahre vor 
dem Verstummen des PreuJSischeii überhaupt (vgl. Leskien Dekli- 
nation S, 32) — wie hätte diese Sprache richtig, wie hätte sie raiB 
sein können! Um einen Maßstab für ihre Beurteilung zn ge- 
winnen, muß man Dialekte in Betracht ziehen, die unter ähn- 
lichen Verhältnissen vegetieren, und wenn man nun auf der 
kurischen Nehrung z* B. hört ifen deUsi „in den Wolken", tcLs 
mage hüne „das kleine Kind"» apsistiktschamvis „ich würde 
mich umdrehen" (Sprache der preuß. Letten S. 49, 98, 169)» 
wenn im Kreise Heydekrug ein ffane fehis i$ fests kdps ^ganz 
guter und fester Weg" bei Litauern für litauisch gilt, weun 
man unter der Fülle masuriseher Germanismen sogar die deut- 
sehen Zahlwörter findet — wie kann man dann Abel Will allein 
daliir verantwortlich machen, daß seine Übertragung des Enchi- 
ridions so wenig unseren Erwartungen entspricht? Femer aber; 
wie verträgt sich die glatte Verurteilung seiner Übersetzer- 

{a wieder vor a) und direrpmmian (neben athkiwuns, atskketmUf ütwcrpds, 
atwerpirnay, (ittwerp^annan) reichen dafHr mcht ans und bha (bah), ama sind 
durchgeftüirt. — Wir verstöhen nun aoch das en und an des H. Katechismus,- 
Er hat ^^ieh gleube in Gott" iisw* (ho auch die ^ Kinde rpredig'' Bl. 47 v., vgl. 
unten) Überaetat, schreibt also richtig m\ tleyumn usw. (vgl, Ut. tikiu ing di^cq) 
und ebenso richtig: mqitftptztj en dengan (mi denganjj m perband<isnani tn 
u?yssmi sncytafif m rmnm, en mayiey h'ctuwiey; dagegen an tiräm deynan 
„am dritten Tage*^ („amb trittö dag" Herzog Älhrecht in der oben erwähnten 
Aufitoichnung) — für „in" also mi^ für „an" an (für „gen" na : na d^mgon). 
Die einzige Unregelmäligkeit ist an stan nakün „in der Nacht" (hier also an 
„in" wie in I). Entweder ist dies nn versehentlich aus dem I. Katechismus 
etehen geblieben fNB! in der Zeileneinteilung der 1. Seite der Vorrede stimmt 
n genau zu I], oder auch dem Schreiber von 11 ist ein deutsches an für in 
(im korrekten Preußisch hätte hier überhaupt keine Präpoiition gestanden) in 
die Feder gekommen (vgL an rler naht Müller-Zamcke Mhd. Wi3tterbnch unter 
naht). — In WiEs Sprache endlich ist die Bivalltät zwiacben an und eti zu 
Gunsten von en auggeglichen. Sie bietet an nur in ankfütitfu (neben fmkaiiltm, 
beides einmal) ^ angefochten", offenbar einem unwillkürlichen Germajiismus, 
und in animts ^ genommen" das nicht richtig sein kann, denn das häufige emmt 
{enintmimaif enijnU usw,) bedeutet stets „annehmen" und die Bedeutung „an* 
genommen** pait für animts ganz und gar nicht. Ich lese dafür auimt^ (au- 
imta). — Es mag immerhin eine preußische Präposition an gegeben haben (vgl. 
Sotmsen KZ, XXIX 97 Ajim., Zubaty IF, Ti 272, auch lit anipalas „gefromes 
Aufwasser auf Eis"), aber sie ist daun dem deutschen an dermafien angepafiti 
dal sie für die Sprache der Katechiamen ata verloren zu betrachten ist. Ihr an 
ist das deutsche, 

„Im 16. und 17. Jahrhundert finden wir eine polnische Bevölkomng 
unter der dienenden Klasse fast Über die ganze Provinz verbreitet" L> Weber 
Preußen vor öOO Jahren S. 131. VgL Grzjbowaki Geschichte der Steindammer 
Kirche S. 6, 9, U. 



Spra^be des preufi. Enchiridions. 



69 



Tätigkeit mit der zuversichtlichen BeQUtzuog seiner Länge- 
Zeichen, mit der Aufmerksamkeit, die — wie wir durch Fortu- 
natov BB. XXII 15B wissen — er der schwierigen preußischen 
Betonung gewidmet hat, mit seiner subtilen Unterseheidimg von 
tu und tu (J. Schmidt Neutra S, 220 Aum., Fortuuatov a. 0, 
S, 161 f.)? Hat er hierdurch nicht bewiesen^ daß er die preu- 
ßische Sprache mit offenen Ohren erlauscht und sich ehrlich um 
ihre Beobachtung und Darstellung bemüht hat? Und endlich: 
ist es statthaft zu verlangen, daß Abel Wills preußischer Text 
genau das gibt, was die Katechismus -Erinnerungen unseres 
Elementar-Uuterrichts in ihm suchen? 

Die Geschichte des Lutherschen Katechismus ist von hohem 
Interesse und an und für sich wert, daß mau sich mit ihr be- 
schäftige» Wer dies einmal getan hat, wird sofort bemerkt 
haben, daß seine Herausgeber sich eine gewisse Freiheil wahrten, 
nicht selten aber anch gedankenlos nachschrieben. So ist auch 
Will verfahren. Das sinnlose und, das in der Erklärung dos 
zweiten Artikels: „erworben, gewonnen und von alleu Sünden" 
der deutsche Text des Enchiridions gleich anderen alten Kate- 
chismen*) zeigt, hat er harmlos übersetzt (Bemeker S* 38, 39), 
an anderen Stellen aber seine Aufgabe mit Überlegung und 
Selbständigkeit behandelt. Deutlich ergibt sich dies z. B. 
aus der Betrachtung der preußischen Erklärung des zweiteu 
Gebots, die keineswegs „ein Überbleibsel jener im Kat. I ge- 
rtigten Tolkenmanier ist, die nicht genau das Deutsche wieder- 
gab und Zusätze machte" (Bemeker S- 90)* 

Im Jahre 1554 hat Herzog Albrecht durch Joh. Daubmann 
in Königsberg unter dem Titel „Catechismus oder kinderpredig" 
dne in seiner Heimat, iu Nürnberg, verfaßte homiletisch© 
Kinderlehre drucken lassen, um den Übelstand zu beseitigen, 
daß „iu der Kinder leere (So man den Catechisraum nennet) fast 
ein jeder seines gefallens handlet, was vnd wie er will". Hier 
ßt^bt nun am Ende der Predigt über das zweite Gebot: „Da- 
rumb meine liebe Kindlein, merckts mit fleiß, vnd wann man 
euch fraget: Wie versthestu das Ander gebot? So «olt jr also 
antworten: Wir sollen Gott den Herrn, vber alle ding förchti^n, 
vnd lieben, das wir mit*) seinem namen nicht Ahgüt^st^f 
treibeuj noch schweren, fluchen, spotten, zenberen^ oder Uegm 



1) K. Euoke D. Martin Lotben 
I) ?reu&. 9€h; der begleitende 






70 



A. BeMsenbtrger 



ond triegen, Sonder denselben in allen nöten anruffen, bitten, 
bekennen, loben vnd dancken*". Bis auf das von Abel Will 
ansgelasseoe „bitten"') ist dies aber der Gruudtext seiner 
preußischen Erklärung des zweiten Gebots, nnd es ist klar, daß 
er sie gewählt hat, weil er sie jeder anderen Erklärung vorzog — 
vielleicht wegen der Hinnesart seiner PfaiTkinder, aber jeden- 
falls nicht weil er dem „Catechismus oder kinderpredig** grund- 
sätzlich eine maßgebende bedeutung zuschrieb, denn so w^eit ich 
bemerkt habe, ist er seinen Besonderheiten sonst nie gefolgt» 
nnd dies ist nm so bezeichnender, als autfällige Verschieden- 
heiten zwischen dem deutschen und dem preußischen Text des 
Eucbiridions jenen auf seiten des „Catechismus oder kinder- 
predig", diesen aber auf selten anderer alter Katechismen (s. die 
Abdrücke Knokes) zeigen. Ich verweise z. B. auf die Er- 
klärungen des dritten , vierten , achten , nennten und zehnten 
Gebotes. 

Es ist vorderhand unmöglich j den Grund jeder aufiäUigen 

Fassung des preußischen Textes festzustellen und also nach- 
zuweisen, ob Abel Will durch andere Katecbismns-Versionen, 
oder durch eigenes Nachdenken — sei es richtiges , sei's un- 
richtiges — veranlaßt ist, sieh gerade so auszudrücken, wie er 
es getan hat. Aber dies ist einem Sprachforscher auch gar 
nicht zuzumuten. Was dagegen von ihm verlangt werden muß, 
ist, daß er sich bei der Kritik des preußischen Textes weder 
von dessen sogenannter Vorlage^ noch von der Schul tradition 
des Katechismus blenden läßt und allen Absonderlichkeiten der 
preußischen Hedaktion ein philologisches Verständnis abzugewin- 
nen sucht, ehe er sie verurteilt. Ich will an einigen Beispielen 
zeigen, daß ich hiermit weder etwas sehr Schwieriges, noch 
etwas Langweiliges, aber etwas sehr Nötiges fordere. 

In dem Abschnitt 31 (Bernerker S, 48, 49) ist „mit allen 
Sünden und bösen lüsten" Übersetzt durch: stm wissamarts gri- 
kans hhe war ff an poqtwitUmin, offenbar weil Will in CTedankeu 
oder auf dem Papier vor sich gehabt hat: ^^bösem [oder: bOse] 
[GeJLüsten". „una cum peccatis & cöcnpiscentia'* bietet über- 
einstimmend ein lateinischer Katechismus von 1529 (Knoke a, 0. 



Man versteht diese Aaal&^uiig bei Beröckaichtigung des Voraasgehendeü- 
Da ist aufgei^ahlt (DL 12): ^Zam Ersten, aoUen wir jn anmffen*^, nZuiii Aiideni, 
floUen wir den namen Gottes bekentiDti*, „Zum Dritten, eoUen wir den namen 
^ütleB prejson**, und das Beten ist dem Anrufen Angesehloisen. 



Spruche des preai. Encbiridions. 71 

S. 93), den Will auch bei der Fassung der Erklärung der 
zweiten Bitte vor Augen gehabt zo haben scheint. 

Für „der ist recht würdig nnd wol geschickt '^ gibt der 
preuüische Text sta$ ast tickars wertlngs bhe lahJjai pogattamnts 
(Bernecker 8. 56» 57). Außer von Bopp Sprache der alt^n 
Preußen S, 100 ist tickars (als Nonu Sing. Mask* statt des 
Adverbs) wohl allgemein trotz lablmi (Nesselmann S. 80) ver- 
urteilt, ist aber ganz richtig, sobald ein Komma — also etwas, 
womit man im XVI, Jahrhundert recht frei umging — dahinter 
gesetzt wird: „der ist recht, würdig und wohl bereitet*. Wer 
sich die Mühe macht, den Artikel „recht'' im Grimmschen 
Wörterbuch durchzusehen^ wird diese Abteilung der Worte nicht 
unnatürlich finden. Äußerlich erinnert sie an einige deutsche 
Katechisraus-Ausgaben, die nicht „Gott den Vater, allmäcbtigen 
Schöpfer**, sondern rp^^ter, Allmächtigen, Schöpfer"^ bieten und 
also Aümächtigen „als Substantiv zur Bezeichnung eines selb- 
ständigen BegritFes fassen" (Knoke a. 0. S. 7i» Anm.}* — Wenn 
Nesselmann Sprache der alten Preußen S. 80 auch in dem 
weriiwingB der vorhergehenden Frage kas pogaunai stawtdan 
facrammtan wertiiiings „wer eropfähet [denn] solch Sacrament 
wirdiglich" einen Fehler sieht, so muß ich geltend machen, daß 
Geistliche, die ich um eine Bestimmung dieses „würdigUch" bat, 
es für den Nomin. Sing, erklärten. 

In der Hanstafel liest man in dem Abschnitt ^den Ehe- 
männern'* (Bemeker S, 64 f.) für „Ihr Männer . . . gebet dem 
Weibischen * , , seine Ehre, als Miterben" Jaü^ tmjrai , . . daiti 
deisnm ffennemskan . . . swaian teisin kaige sendraugiwBldnikai *)* 
Nesselmann erklärt setidratigiw&ldnikai für den Dat, Sing. ; Ber- 
neker S, 189 will «die Möglichkeit im Auge behalten, daß hier 
ein Nom, Plur, vorliegt**, nimmt mir aber die Freude an diesem 
Gedanken durch seine Begründung, ,,es sei nicht wahrscheinlich, 
daß in der Apposition der richtige Kasus festgehalten sei"* Für 



^) drav^- in draugiwa i dt kt& n, Bendraugiweldnikai iit gleich Et. drang* 
m draüi^brolw, tlraüg-darbininkas usw.^ und dies steht für drmtfft. Leskien 
BUdimg der Nomina S. 283 sieht hieriii den InstninLciital {drauge) von draugi 
^GeaeUschaft^ unter Benifnag- anf WolouczewÄkia Schreibimg drauffl Aber 
derselbe schreibt aueb t. B. büi (Wwk. U 36). und um sein draugi steht es 
ilw ebenso, wie z. B. tun das der WonenbQtÜer Posüne (GaigaUt MitteiL d. 
liL Uten GeaeUschaffc V 20; vgl Bß, X 3L2, XXVI 182). Entscheidend ist 
dagegOT Siyrwids draugie (Funkt sak. S. 7 Z. 19, S, 100 Z. 31, 8. 116 Z. 30), 
und drangt ist also eine form wie azal€f beruhend auf *draugs mit gestoleuem. 
< ^ preuü. *drattgif als unbetonteö Kompositionäglied geschriebeu draugi-. 




72 



A. Berienberger 



nrich wird die Stelle zugunsten Wills erledigt durch den Text 
des Saiu^omaunus : „Viri similiter cohabitent secmidum scientiam, 
velut infii'miori vasi mnliebri impartientes honorem, tanquam 
etiam cohaeredes gratiae vitae" (Knoke a* 0. S, 111). 

Eine starke Abweichung von dem begleitenden deutschen 
Text enthält der Abechnitt 9G (Berneker S, 86, 87), aber nicht 
etwa weil Abel Will jenen nicht hätte llbersetzen können, 
sondern weil er eine andere Fassung vorgezogen hat Zum 
Beweise setze ich den deutschen Text (A), den preußischen (B) 
und meine Übersetzung des letzteren (C; vgl Nesselmann 
S. XXXII) nebeneinander und hebe die Wörter, die der eine 
Text mehr, der andere weniger hat, heryor. 



A. 
Wir bitten dich 
gantz gehoi-samlich, 
das du diß Kiudt, so 
nun mehr dein Kindt 
worden ist, bey der 
empfangenen wolthat, 
gnediglich bewareu 
wollest, damit es 
nach allem dei- 
nem wolgefallen, 
zu Lob ynd Preyß 
deines heiligen Na- 
mens, auff das trew- 
lichst vnd Gotseligst, 
anfferzogen werde, 
ynd entlich das ver- 
beissen Erbtheyl, im 
Himel mit allen Hey- 
ligen entpfahe, Durch 
Jhesum Christum, 
Amen, 



Mesraadliniaitien, 
gantzei poklusmin- 
giskan, kai ton schien 
maüiijkan, kas teinü 
toüls twais malneyks 
postänns ast , prei 
steisei pogauton lab* 
baseggisnan , Etiii- 
wingiskai pakönst 
quoitilaisi, prei Po- 
girrien bhe Teisin 
twaias Swintan Em- 
nen, tans dijgi 
nostan, vcka ifarwi- 
skai bhe Deiwa dei- 
wütskai poaugints 
postanai bhe enwän- 
giskaDj stan potan- 
kinton weldlsnan en 
Dengan, sen wLssans 
Swinückens engau- 
nai, pra Jelnm Chri- 
stum, Amen. 



Wir bitten dich 
ganz gehoi-samlich, 
daß du dies Kind, 
welches nunmehr dein 
Kind geworden ist, 
bei der empfangenen 
Wohltat gnädiglich 
bewahren wollest zu 
Lob und Ehre deines 
heiligen Namens, es 
auch darauf auf das 
treulichste und gott- 
seligste auferzogen 
werde und schließUcb 
die verheißene Erb- 
schaft im Himmel mit 
allen Heiligen emp- 
fange durch Jesum 
Christum ^ Amen. 



Ich glaube nicht, daß meine Übersetzung einer begrifflichen 
Erläuterung bedarf: die Gemeinde bittet, daß Gott zum Lobe 
seines Namens das Kind bebiite, und daß das Kind darauf 
{nostan), nämlich auf Gottcss Namen (vgL 89 : nokan täns crixtÜB 



Sprudle de« preofi. Encbiiidio&s. 73 

postänai) erzogen werde. Hierdurch wäre der „ai^ge Verstoß 
gegen die Spracheigentümlichkeit'^, den Bemeker S. 98 in no 
dan vcka-ifanviskai (^anf das trenlickste'^) gesehen hat, erledi|:tj 
wenn mcht das ebenso von ihin getadelte hq vckalängwingiskai 
(13) „auf das einfaltigesf^ (nicht ^aufs einfältigste" wie Bemeker 
a* 0, schreibt) mi Wege stände* Allein hier kann ich na über- 
haupt nicht anerkennen: Eine sklavische Wiedergabe des deut- 
schen „auf das'' hätte no dan erfordert, und läßt sich also 
nicht behaupten, zumal da „einfaltigest'' richtig durch das Adverb 
ausgedrückt ist. Weiter tallt sehr in das Gewicht, daß WiU 
bei der Wiedergabe desselben Ausdrucks sich sonst (an drei 
SteUeo, also in der Hegel) von diesem Germanismus frei ge- 
halten hat: vcka kingiimngukai 19, rcketäfigewingiskai 28, uka- 
längewingiskän^) 40* Daß an den beiden letzten SteUen der 
deutsche Text den Positiv hat, tut nichts zur Sache; auch Sau- 
romannas hat beidemal den Superlativ (simplicissime) gebraucht 
(Euoke a» 0, S, 89, 97), Nach den Regeln der philologischen 
Kritik ist jenes no also nicht zu halten* Es ist wohl möglich, 
daß an der ersten Stelle, an der Will ein „auf das" mit dem 
Superlativ zu übersetzen hatte — also eben der hier in Kede 
stehenden — , no „auf* in seine Feder gekommeu und un- 
ai^gestrichen in die Druckerei gewaudert ist — ja ich bin über- 
zeugt, daß dieser Fehler nur so zu erklären ist^}. 

Das Vorstehende wird meine oben ausgesprochene Forderung 
hinreichend begründet haben* Gilt es mit Becht sonst überall 
für unerlaubt, einen Text zu beurteilen, bevor er pliüologisch 
durchgearbeitet ist, so darf das Enchiridion nicht anders be- 
handelt werden, und der schon erwähnte Brief WUls kann 
hiervon nicht dispensieren, sondern unterstützt mein Verlangen 
nachdrücklich. Erstens nämlich gab es zwar sicherlich viele 
sehr schlechte Tolken, aber es gab gewiß auch gute (s. die 
Vorrede des II, Katechismus), und bis Abel WiU als Lügner 
erwiesen wird, müssen wir ihm doch glauben, daß der seinige 
«sonderlich vor anderen dieser Sprache wohl kundig, und auch 
darin von Gott mit sonderen Gaben begabt*^ war. Ferner aber 
beweist dieser Brief, daß Wills Übersetzung nicht in eiu paar 
Wochen gemacht ist, sondern aus verschiedenen Zeiten stammt, 

«) Alao Adverb. Das zweite a ist falsch. Wodarch mag sich Bemeker 
i^, 210 äta dein Adverb htsnan haben yi^rführen lassen? 

»> Den Anklang an lit. noplac^usias (Fortanatoir BB. III G8) halte ich 



74 



A. Betsenberg^r 



denn er ist datiert 26. Juli 1554, die KirclieDOrdiinng abe 
welche sich der Text des Trau- und Tauftbrmulars anschließt 
(Bechtel Ältpreuß. Monatsschrift XVm 310), ist erst 1558 er- 
schienen, und das Enchiridion enthält also mindestens zwei nm 
Jahi*e auseinander liegende Arbeiten, die sich gegenseitig kon- 
trollieren. Hieran ist bisher überhaupt nicht gedacht worden. 
Ich kenne wohl Herzog Albrech ts Klage, daß „bei seineu Zeiten 
schier keine Seelsorger zu bekommen gewesen^ die in un- 
dentscher preusischer Sprachen dienen können" (vgl Toppen 
Geschichte Masurens S» 223), und wenn ich sie auch für ein 
wenig übertrieben halte, da nach der Vorrede zum Enchiridion 
„weuig Prediger solcher Sprachen kundig" waren und in den 
Jahren 1544—1549 elf „Pruteni" in das Album der Universität 
Königsberg eingetragen sind, so sehe ich in ihr doch ein sehr 
beachtenswertes geschichtliches Zeugnis. Aber um so unwabr- 
scheinlicher kommt es mir vor, daß dieser gewissenhafte Fürst 
die preußische Übersetzung des Enchiridions sorglos dem eisten 
besten anvertraut, daß er zu ihr einen Mann gewählt habe, der 
so dumm gewesen wäre, daß er in vier Jahren nicht hätte 
Preußisch lernen können, und daß demselben Manne später auch 
die Translation des Tauf- und Trau-Forraulars übertragen sei. 
Die zweite Aufgabe setzt notwendig voraus, daß Abel Will 
durch die Behandlung der ersten das Vertrauen seines Auftrag- 
gebers nicht verscherzt hatte (vgL J. Grimm Kl. Schriften IV 162).^^H 

In sprachwissenschaftlichen Übungen, die ich im vorigen l 

Winter hielt, wurde ich gebeten, die preußischen Texte zu be- j 
handeln. Ich tat dies anfangs im Anschluß an Bernekers \ 
Preußische Sprache, sah mich aber schon nach den ersten ] 
Stunden gezwungen, mich ganss auf die eigenen FüBe zu stellen 
und jede preußische Spracherscheinung unabhängig zu prüfen. 
Zu meiner eigenen Überraschung habe ich dadurch öfters eine 
leidliche Ordnung gefunden^ wo ich selbst früher Regellosigkeit 
sah. Ein Ergebnis dieser Studien enthält mein kleiner Aufsatz 
über pöj Göttinger Nachr, 1905 S. 454, andere lasse ich hier 
folgen» 



Bie Betonung de;^ Nominativ Sing* Femin. im Enchiridionu 

I. Nach geschleifter Silbe, die hochbetont vorkommt^ hat die^ 
Endung das Läugezeichen : antra (vgl. antran^ Bemeker S. 111 f.) 
- lit* antra (afitras; got anpar)-^ imtä (vgl. Imt) = lit imtä 



L 



Sprache des preiil, Enehiridiona. 77 

ansehen können, ob es gestoßen oder geschleift, d. h. ob ste 
Instramental, oder Ablativ ist — Die III. Prät wedde ferner 
nimmt durch ihre merk würdigte Betonung eine Ausnahmestellung 
ein, die sie von Bernekers und Fortunatovs Beweismateriai 
vorläufig ausschließt; sie wird gleich ifmiq&f müB n. a. weiterhin 
zur Sprache kommen. — Auch (emmfi kann ich nicht als klassi* 
sehen Zeugen anerkennen, da ich sein & für en halte (s. unten), 
und packe endlich ist belanglos, da es so und nicht ^pacJcB ge- 
schrieben ist und unzweifelhaft auf poln, pokoj beruht, sein e 
also (wenn überhaupt richtig) unursprünglich ist. 

Gegen die obigen Regeln verstoßen kanxta^ wenn hier die 
Wurzelsilbe geschleift war (känxtaif kanxtin gegen kanxtei, ni- 
kanxts^ vgl. Berneker S, 112), und krawia (lit. kratijm), wenn 
es ^krauja zu lesen ist (vgL Kegel T). Darl* man es dagegen 
als dreisilbig ansehen (vgL Zupitza KZ. XL 252), so wäre das 
Fehlen des Längezeichens über dem Auslaut richtig (s* Regel 
II). Zweifelhaft ist auch tenna {tmiua^ je einmal, neben drei- 
maligem temm)^ das übrigens durch daa selbstverständlich 
richtige sta (daneben da) beeinflußt sein kann. In dem di-ei- 
maligen kawida dagegen ist unbedingt eine Ungenanigkeit an- 
zunehmen. Entweder müßte datlr *kaimda (gestoßenes I), oder 
*kaimdä stehen (vgl. kawkis^ stamds usw.), denn daß Will sich 
in diesem Fall, wie vielleicht in anderen (vgl. ainaj sm bhe prei 
im 30. Abschnitt) vom Satzakzent habe leiten lassen, ist durch 
kawids (oder kawida) im 84, Abschnitt ausgeschlossen. 

Unter den Nominativen auf 'isku, von denen ich es hier 
dahingestellt sein lasse, ob sie sämtlich für -iska stehen (wie 
ich glaube), oder zum Teil für -iskva (Berneker S. 174), hat 
nnr einer, aucktimmisku^ das Längezeichen über dem Aus- 
laut, Die übrigen sind: deiwutiskUf kanxtiskit (Nomin. 
fehlerhaft fiir Akkus.), lahbisku, peröniskti, seilisku, und 
von diesen streiten deiwutisku^ perönk^kn ausdrücklich gegen 
Betonung des -u. Da überdies die litauischen Adjektiva auf 
'is^ka-s unwandelbaren Ton auf der Antepenultima haben, so 
ist aucktimmiskü sein Längezeichen zu nehmen. 

Im Gegensatz zu den hiermit abgehandelten Nominativen 
auf langes a und langes u zeigt kein einziger Nominativ auf 
t = lit. ^ auslautendes l, und dies ist wahrscheinlich ganz in 
der Ordnung, obgleich der Setzer des Enchiridions gerade mit 
dieser Type willkürlich umgegangen ist, und dieselbe, wenn ich 
nicht irre, hier überhaupt im Auslaut nicht vorkommt* Für die 




78 



A. Bezienberger 



Kichtigkeit des i von mutij peröni^ rtki {=ryekyir)^ fmkni 
(als Genidv gebraucht) und rupuni treten diese Wörter selbst 
durch ihre Längezeichen ein, und lit. mot^, ämoneSj iiupdne 
bilden dafür eine weitere Bestätigung. Auch der als Vokativ 
gebrauchte maskuL Nominativ hräti (ved. hhrä*ta) ist un- 
anfechtbar* Ebenso richtig sind unzweifelhaft knrpi (lit. kürp^) 
und trintawinni, eine Bildung wie lit. nmrginf^, beruhend 
auf trudawä-^ vgl* lett tHtawa, trttaw^ ^Wetzstein'' und die 
lit Nomina auf -inwä- (Leskien Bildung der Nomina S. 565 f,, 
530); desgleichen teisi, daa sich zu lit tmis^ teisüs verhält, 
wie lit. meiy zu meilüs. Gegen druwi {dräwi? dreimal ü) 
(neben dnmns) ist nichts einzuwenden (vgl lit. dwäs^, trldä), 
und du € Uli hat zwar Ut, dukti zur Seite, kann aber der Be- 
tonung von rnati^ brati gefolgt sein. Ältari und iapali 
brauchen nur erwähnt zu werden, — Die letzten Nominative 
auf i sind tirti und ainaseilifigL 

tirti (neben tlrie, tirtaUf Hrfin, tlrtiaHf tinsmu) fehlt un- 
bedingt eiu Längestrich. Seine Abweichung von allen übrigen ^ 
Formen dieses Zahlwortes in der ersten Silbe legt es nahe, ihn H 
der zweiten zu geben^ aber der Tonwandel ün[i]a8 : tirti wäre 
60 auffallend, daß tirti besser in tlrii korrigiert wird. Aus 
analogem Grunde nehme ich in ainaseilingi unbetonten aus- 
lautenden Vokal au (vgl ni-gidingi^ und mutingis). Die Frage, 
au welcher Stelle es hochbetont war, will ich in einem Exkurs 
zu beantworten suchen. 

Im Vorstehenden sind alle Nominative enthalten, die das 
Längezeichen auf dem Auslaute haben, bis auf Cemme und 
au -lau sc (je nur einmal) , und diese bereiten besondere 
Schwierigkeiten, Da femme dem lit, itmi^ widerspricht (wofilr 
*remmi zu erwarten wäre), so erklären es Bemeker S. 138 
(vgl, Arcliiv 1 slav. Phüol. XXV 476 f.) und Fortunatov (BB. 
XXII 151), 17H) ftir endbetont wie russ. zefnljä; da aber ^endjä 
gestoßene preußische Endung fordert, so gibt Berneker femme 
^geschleiften Ton^ wie lit. duktil nasdS, peM (wohl erst nach 
dem Muster von dnkti, Streitberg IF. I 295)'^. Indem ich nach 
dem gegenüber nur an Tatsachen halte, muß ich einwenden, 
daß sich der Satz von der Erhaltung der gesclileift betonten ^ 
oben S. 76 als unglaubhaft ergeben hat, und daß Bernekers 
Erklärung von fmim^ auf au-lame nicht anwendbar ist. Man 
müßte weniptens sehr weit ausholen, um hier Endbetonung 
vorauszusetzen (vgl. lit. liowiisit bestimmt Uowusioji)^ und wie 



Sprache de« preul. Enehirldiona. 



79 



üH'lau^e gar zu geschleiftem e gekonuneii sein sollte^ vermiig 
ich nicht zu erkennen. ~ Ich trage kein Bedenken in femme 
femmen (vgl. BB. XXDI 288) d, i» den Instrumental zu sehen 
{imi asse femme ^dn bist Erde"^ wie lit. ius dietvais este Bei- 
träge z< Geschichte der lit. Sprache S, 240, f/alwit moieristes ira 
wiras Lit u. lett, Drucke IV 91 Z* 28, vgl Gaigalat a. 0, S. 239, 
wo sehr \\ilde Konstruktionen), und au4ause halte ich für die- 
selbe Forni, falls sein e nicht fehlerhaft ist (vgl lit. in hbis fnis 
appleschimu Beitr. z, Gesch. etc. a. O.)- Wegen seines e über- 
haupt vgl die lett. femininischen Partizipialfonnen auf -n^e 
(Lett. Dialekt -Stud, S» 73 Anm., Sprache der preul^. Letten 
H. 69), 

Was endlich die Nominative auf 'ai% -oi, -ei betrifft: 
aitckiimmi'iikai (so!), deiwatiiikaif crixtmiaij po-klil-smai (s, unten 
S. 81 Anm.2), menmi^ quaif riki/iskait .^chltifnikaif septnmi, staij 
smitaif usehtai; giwei, giwätdei {Nomin.? besser mit J. Schmidt 
KZ, XXVI 361 Gerund., vgl. stanintßi^ -ti), fii-eb-wunltei (fehler- 
haft für 4ai; vorher geht bmisei bhe)\ qiwi, pirmoi — so sind 
zwar Einzelheiten auffallend ; deiumtiskai neben deitvfäisktij 
menmn neben menm, aber sie reichen nicht aus, ihre Betonung 
auf eine allgemeine Regel zu bringen. Wahrscheinlich waren 
Doppelformen wie die augeführten in bezug auf die Tonstelle 
nicht verschiedeOp Besonders zu behandeln ist hier nur weniges. 

Berneker S* 177 (vgL Leskien Deklination S. 114) ist ge- 
neigt in giwei ^ einen Mittellaut zwischen e und i zu sehen '^. 
Da aber das von ihm verglichene lett, dtitve gestoßenes l hat, 
und das Verhältnis driwe : dfiws = lit (/gwa^ durch lit, plynd : 
plynmf pl6ne : pUnaa - lett. plins bestätigt wird, so ist für 
dti^m preuß* giwl (vgL den Akk. gywin) zu erwarten, und die 
zahlreicheu übrigen Nomioative auf i - e gestatten nicht, in 
giwH lediglich einen schriftlichen Ausdruck dieser Form zu 
sehen. Der Akkusativ warein (zweimal), den Berneker geltend 
macht, ist unbedingt falsch und entweder in warrin (gleichfalls 
zweimal) oder warien (vgl. das einmalige warrien) zu ändern 
(VgL unten S. 92); sein ei kann nicht für i stehen, weil die 
Analogie des Akkus* Sing, der ^-Stämme auf -an (Berneker 
S. 182) einen Akkusativ warin ausschließt*). Die richtige Be- 



1) fffikmtBnai Berneker S, 175, 177 gibt eg nkht. 

*) Vgl. Nomin. mergu^ peröniaku : Akkus, m^gauj pcrrnkkan. Daneben 

*w, grHni*pfmyrpiiii^ wie neben den Gonit. atgm, gahüm('äeUlk») : dui- 

bu9. Der Uuterf^thied kommt daher, da& nach .^nalagio von Femiomeu auf 




80 



A. BeiiGEberger 



nileilung von giwei gibt septmai an die Hand. Denkt man sich 
statt seiner einen Nominativ auf -ä, so müßte er in der Sprache 
des Enchiridions entweder septmo (vgl. ißdofiog) oder septmü 
(vgl skr, mptamä) lauten. In sepimai hat m aber anf das 
folgende a nicht eingewirkt, sei es weil es von Hans aus kurz 
war, oder weil es zwar lang, aber als Komponent eines i-Diph- 
thongs einer solchen Einwirkung entzogen war. Das letztere 
ist das wahrscheinliche. Wie ^spptmo (^^septm^) neben seiihnai^ 
steht aber *giwl neben ffiwm. Dort ist -e lantgesetzlich za * 
geworden, hier aber in der Vereinigung mit i gehUeben, und 
wir werden noch genug Fälle kennten lernen, in denen es sich 
unter derselben Bedingung erhalten hat. 

Wenn aber sepimai richtig ist, warum heißt es pirmoi? 
Klärlich kann es nicht mit X Schmidt KZ. XXYU 389 dem 
liL pirmoji gleichgestellt werden (Berneker S* 176), denn es läßt 
sich von dem Maskulinum pimiois (ebenso im H. Kat.) nicht 
trennen, und pirmoji könnte im Enehiridion nur durch *pirmnji 
oder *j?irmiii, bezw, *pirmR vertreten sein (ebenso lit, sekmoji durch 
*s€ptmüji oder ähnlich: also auch sepimai sicher nicht bestimmte 
Form). Unzweifelhaft wäre es das bequemstej pirmoiSj pirmoi 
fftr Lettismen zu erkläreui aber vor der Hand mrd es geratener 
sein, eine Bildung wie lit musüjis anzunehmen, d, h. die Ver- 
bindung einer (adverbiell gebrauchten) B'onn aaf unbetontes a 
oder von pirmas (vgl. lit. pirmäf plrmai) mit dem Pronomen 
(j)is (vgl. Leskien Bildung der Nomina S. 340), Dagegen ge- 
hören pirmonnis, pirmonnien wahrscheinlich zu lit pirmonlSf und 
pirmatmien (pirmannin) ist bestimmter Akkus. Sing, von pirnms. 

Aus den obigen Ermittlungen ergeben sich verschiedene 
Nutzanwendungen sowolü für das Preußische, wie fiir das 
Litauische* Einige von jenen will ich hier anschließen. 

Der Instrumental (sen) isspresnan soll nach Berneker S, 197 
Jedenfalls unter dem Hoch ton seine Länge bew^ahrt haben"* 
Da aber die Bildungen auf -sna nicht alte Oxytona sind, nnd 
die Betonung isspresmn der Regel III widerspricht, so ist 
isspres^nuH zu lesen. Überdies ist das a seiner Endung wahr- 
scheinlich kurz (vgl. lit. mergq und kadeHf kaäden = lit* Aarf^), 



-4, Gen* '-oä, Akk, '*«» zu den NominatiTen ^powirpxi'^ *d%mgu^iQ^' der ÄJtk* «if 
-«ft und der Gen. auf -m gebildet wurde. Auch m fdsis, temn tiäw. sehe ich 
iolche Neubildungen (Nomin, teüi) — «8 sei denn, da& der Übergang von f in 
t «ich bereits ?olhogen hatte, ehe die VerkünEung geechloßsener Endsilben 
eintrat. 



^ncbe des preafi. Encbindions. 



81 



und imter dieser Voraassetzung ist (seit) krawian utibediiig:t 
regelrecht, Gegen (sefi) mensan ist in keinem Falle etwas ein- 
zuwenden (vgl lit, gälvjq). 

Der ?iermaJige Akkns. Plur. runkans (lit raukäs) verstößt 
gegen Regel I. Die Erklärung dieser Unregelmäßigkeit ist be- 
reits von Fortnnatov a* 0* S. 159 (vgl S. 161) mit der Be- 
merkung gegeben, daß hier dieselbe Akzentstelle vorliegt, wie 
im Akk. Sing, rankan *). 

In dem einmaligen asmau ^^ich bin" ist nach Fortanatov 
^-au = ow ans dem u nnter dem Akzent entstanden, dem im 
Litauischen ü mit fallender Betonung entspricht*" (a, 0. S. 164), 
Nach Regel UI läßt sich aber der Sprache des Enchiridions 
mmü* (mit verschohenem Ak2ent) nicht zumuten, und gegen die 
Annahme, daß es in dem gleichbedeutenden (ismu vorliege» spricht, 
4aß hier kein Längezeichen über dem u steht. Es findet sich 
zweimal, aber innerhalb fünf Zeilen neben viermaligem asmau 
Berneker, der asmau mit Recht verwirft, sucht asmu zu recht- 
fertigen (S. 223). Aber nicht nur sein Auftreten macht ea 
unglaubhaft, sondern auch die Tatsache, daß es im Preußischen 
sonst keine einzige 1* Sing, auf -i* gibt. Auch als litauische, 
oder lettische Form läßt es sich aus geographischen Gründen 
nicht ansehen. Wenn man es nicht kurzerhand in astnai^ 
sondern in asmei ändert und also annimmt, daß der Satzer ei 
in u verlesen habe, ist ihm genug Rücksicht geschenkt 

Exkurs* 

Die Bildnngen auf -ingi-s, -ing-s (Fem- 'ingi). 

Mit Anga- werden im Litauischen Adjektiva gebüdet a) aus 
Substantiven, b) aus Adjektiven, c) aus Verben (vgL Leskien a. 0. 
S, 526 1). Derselben EinteUung unterliegen die bezeichneten 
prenfliacben Bildungen: 

a) ni-gldings (lit, gädingas; vgl. gidan)^ klsmiugiskai (Adv-; 
Insman), ni-quäitings (quaii^), aiHa-seilUigi und längi-seilingina 
(seüin) 

b) po-klÜsmingi^) und po-klmmingins {po-kliismai, po-klm- 
man usw.), wesselingi (Adv,; wessaU) 

^) Bemeker S. 195 venEutct in perpetta» einen Akk. PI. auf -Os. Mdglicher- 
weke liegt diese Bildung auch vor in tmaian klrkis ißaiku (Bemeker S. 193) 
da iriiger Übersetzung eines „da erhältst deine Kirchen** (Akk, SingJ. 

*) Nur im 59. Äbachnitt poktüsmitigi, poklusmai, gonst durchweg (elfmsd) a, 
4tB niBKrdem auch poMtismingiskan und po-kluämai ,wir gehorchen^ zeigen. Dlt 
Zultoeliilfl fBj vtr^I. B^tm^M. XU, 02. & 




88 



Ä. Befaetiberg'er 



labbings (labs)^ wertwgs und ni-werUngs nebst wertmgiskan 
(werts) 

c) grmtings (lett. gr^Cigs^ Leskien a. 0. S, 528)» au-Mkings 
(zu laikt^t^ III. Präs. toift^*)> ^schlüfingis in acidunfigisku (schbi- 
Ittweijf dilsai'furgawingi (furgaiä) 

par-eiingwkai (Adv.; per-Ht')^ mufingis (siebenmal; Ygh 
mufilaij^ ifs~pretUngi (ifs-prestnn)^ 

Einige Wörter sind zweifelhaft naunlngs kann auf nauns 
„neu**, oder auf er-nannlsfnjan „Erneuerung** bezogen werden^ 
und auf drumnginf ni-druiiingi usw* erheben sowohl druwi 
„Glaube", wie dmimt „glauben** Anspruch. — feisingi hat ni- 
-teh'ingLskanj aber vielleicht auch tcis^ingi (BB. XXII 188 Anm., 
XXIII 286) zur Seite^ indessen diese drei Formen erscheinen je 
nnr einmal, und mau kann sie von einem Adjektiv (vgl. lit 
teisingas), üder von dem Substantiv teisi^ oder von dem Verbum 
teimd ableiten* Im letzten Falle wären brettingi und lau- 
stifigins (s, unten) zu vergleichen, die sich so wenig von bre- 
füinnimai (I. Plur.), Imistifieiti (11. Plur.) trennen lassen, daß sie 
scheinbar nicht in brew-ingir laust-ingins^ sondern in hreivin-gi^ 
läustin-gim zu zerlegen sind. Ohne indessen der Frage vor- 
zugreifen, ob etwa die baltischen i?f^-Bildungen von den Verben 
auf -hdi ausgegangen sind, und ohne z. B. bretviugi aus *bretvin' 
ingt durch Verlust des ersten -in- entstehen zu lassen, glaube 
ich diese beiden Wörter den obigen gleichauslautenden Formen 
unmittelbar anreihen zu dürfen, denn au4äikings zeigt eine sehr 
große Freiheit in der Schöpfung solcher Wörter, und Bildungen, 
die sozusagen in der Luft liegen, dürfen nicht pedantisch ge- 
messen werden. — Neben lanMingins stehen übrigens länstingis- 
Jean und taustineiii (alle drei Formen nur einmal), sodaß seine 
richtige Schreibung nicht auszuraachen ist» 

Die litauischen Bildungen auf -inga- haben den Hoch ton 
entweder auf der Stammsilbe, oder — und dies ist die Eegel -^ 
auf dem i des Ableitungselements. In beiden Fällen ist der 
Hochton gestoßen. Also: gMingas (g^da)^ kdulingas (käukts)^ 
kümngas (kanas), lytingas (lpt\i)f nüUingas (miltai) — akmemngm 
(äknieni), darbmgas {darbas^, vgh BB. XVH 223, XXI 295)* 
gedHngas (gidrasjj ünksmuigas (liUksmas) ^ meüwgas (meilu). 



Suite des Origmals. m( der jener Abschnitt steht, enthält zahlreiche Setzer- 
flachtigkeiten (das wiederholte pertatginn-^ -seggientinSj buwivantit anddänsfif 
kfUdj bhe l/tbilli • die Übereetmng von |,und Yennanimge*' in dem 60. Abschmtt 
fehlt). Ans diesen Gründen ändere leh -Mm- in -kht$-. 



Sprftcbe des prenl. EneMiidions. 



83 



I 



bagoüfigas (baffStas), snrdtnffas (^firdl). IMes Verhältnis weist 
darauf hin, daß 1, das in ron -inga^ durchweg gestoßen ist^ 
2, die Bildungen auf -inga* ursprünglich den Hochton ihres 
Stammwortes hatten, 3. derselbe, wenn er geschleift war (und 
'inga- ihm unmittelbar folgte, vgL BB. XXI 294 Änra. 1), als 
Stoßton auf die erste Silbe von -inga- trat, 4. infolge des nan- 
mehrigen Schwankens der Betonung zwischen Stammwort und 
Ableitungseleraent eine Unsicherheit eintrat, welche die Regel 
verwischte und sowohl siirdlngm (statt "ssirdingm)^ wie l^ingas 
(statt *lytingas) herbeiführte. Ein dunkles Empfinden der Regel 
hat sich aber gleichwohl erhalten and gab lytingas seinen Stoß- 
ton, als käme es von lyli und nicht von lytüs (lytii) her. 

Dasselbe Schwanken» dieselbe Eegellosigkeit zeigt das 
Prenöische: nl-gidings neben wertlngs bei gestoßener Betonung 
des Stammwortes, grenfings neben par-eilngiskai bei geschleifter. 
Aber zugleich stellt es vor eine neue Schwierigkeit Ist nämlich 
sein *ing- zu beurteilen vne rankan, antran usw., so war es 
geschleift (Berneker S. 114 f., vgL Fortunatow a, 0, S. 160) 
nnd hatte also nicht die Kraft, vorhergehenden geschleiften Ton 
zu attrahieren, so befindet es sich ferner in einem höchst be- 
fremdlichen Gegensatz zum Litauischen. Ein solcher besteht 
freilich auch in thematischer Hinsicht (preuß. Angi^ lit, -Inga-), 
aber ein Zusammenhang zwischen beidem läßt sich nicht fassen; 
stimmen doch im Litauischen h^is, ßldis^ margis^ pälssis in der 
Betonung zu b^m, jMasj mdrgaSf pähzas. Einen Ausweg aus 
diesen Verlegenheiten scheint mir lediglich die Annahme zu 
bieten, daß das f von jveriings usw. nicht geschleiften Hochton 
andeutet, sondern gestoßen betontes langes i ausdrückt — sei 
es, daß lit. -Inga- auf -htga- beruht (vgL Brngmann Grundriß 
n 252) und diese Altertümlichkeit im Preußischen erhalten ist, 
öder daß sich aus Wörtern wie mttflngis (murilai) bezw* dm- 
mngiH (dmwitjj naunings (er-uaunlsnan) -Uigi- als Nebenform 
?on Angi- losgelöst hat. 

Was nun die Betonung von aina-steilingi betrifft, das diesen 
Exkurs veranlaßt hat^ so trat neben "^seiU (mit gestoßenem Ton) 
regelrecht *seiluigi. In der Zusammensetzung langi-seilwgins 
gehen wir aber das erste Kompositionsglied betont, und es kann 
kein Zweifel sein, daß dadurch der Hochton des zweiten Gliedes 
zum Nebenton geworden ist. Demgemäß fasse ich oina-seiHnffi 
%k äina-seilmgi auf. 

6* 



84 



A. Be^xenberger 



Bie Haniitsaehen der Konjugation. 

Quoi heißt ^kh wül^ „dn wülst'**) ^er will", ist aber nur als 
in. Sing, formell ohne weiteres verständlich (Beraeker S, 146, 
221). Hierdurch wird man vor die Frage gestellt, ob in der 
Sprache des Enckiridions die III. Person auch sonst an Stella 
der X, und II. Sing, getreten ist, ob hier also ähnliche Konju- 
gations-Verhältnisse bestanden haben, wie im Nordlettischen 
(Lett* Dialektstud. S. 1 3() t), und schon eine flüchtige Umschau 
gibt dieser Frage einen Nachdruck, der ihre sorgfältige Prüfung 
zur Pflicht macht. Stößt man doch sofort auf z. B. it-laihi „du 
erhältst*^ und po-läikn „er behält" = lit. Mko, auf madU „ich 
bitte'* und „er bittet** = poln. modli, auf rikawie (riekawie) „du 
herrschest" und „er herrscht" = lit. rykauja. 

Diese Verhältnisse sind selbstverständlich auch von Nessel- 
mann nnd Berneker (S, 221, 223, Archiv f. slav. Phil. XXV 477) 
bemerkt, aber jener hat sie einfach hingenommen, und dieser 
setzt sie auf das große Schuldkonto WiUs, ^dem man doch wohl 
schließlich alles zutrauen kann". Mir dagegen scheinen sie zu 
den Zügen der absterbenden preußischen Sprache zu gehören, 
denn es wird sich zeigen, daß die m. Sing. Plur, und nur diese 
die Grundlage zahlreicher Neubildungen gewesen ist und folglich 
für den sprachlichen Instinkt besondere Bedeutung gehabt hat< 

Praesens Ind. 
I. a-8tämme (außer denjenigen auf -ja^ bezw, -na), 

m. Sg* PL g^itva „iBbt*^, po-lmka „bleibt", sen-rlnka „sammelt", 
er-tr^f^ „übertreten** (Inf, trapt)^ wirst (tm/rst und einmal wirst) 
„wird" „werden^ 

U- Sg. giwasai „lebst" 

I. PL giwammai „leben *^, po-prestemmai „fiihlen" 

n, PL tvirstai „werdet", 

imma „ich nehme" wird später behandelt. — immuti, po- 
lynktij per-weckammai nnd wirshnai sind konjunktivisch gebraucht 
nnd scheiden deshalb vorläufig gleichfalls aus. — Auch gitve^ 
glwUf giwemmai (gimt) stelle ich zurück (S. 89), 

(sen')rinka ist nicht identisch mit lit, reüka^ sondern hat 
sein i aus dessen nicht-präsentischen Formen (rinkauy rinkti) 
bezogen (vgl. lit. Präsentia wie gim(Uu Geras S* 200, Mitteil, d, 
lit, liter. Gesellsch. IV 244 Anm., 250 Anm, 2, ßindencHtis Ut 
lett, Drucke I 26 Z. 32), — wirst {wirst^ werst [fehlerhaft] I, 
*) ny koytu »wilta nit* Gronau. 



Sprache des preufi. Enchitidions. g5 

wirst II) ist = lit. wifsta, lett wirst (Fortonatov a. 0* S. 159, 
Hirt Akzent S. 120), Benieker bestreitet dies, weil „der Abfall 

-des a aufiallig und ohne Parallele^ sei (S, 216). In Hiablick 
imf die Endsüben-VerkürzuugeD, aof ainawarst (Berneker 210), 
ast „ist", ifrankli^) , . > perklantlt bhe ifmaitint m 80. Abschnitt 
(vgl. Beitr, z. Gesch. der lit Sprache S, 70 f., 350, Brückner 
Archiv f. slav. PhiL XHI 564), und anderes, besonders auf zahl- 
reiche Formen der III. Präs. (s. uoten) ist dieser Einwand aber 
ohne Bedeutung, zumal bei diesem oft angewandten und begriftlieh 
eng an ast geknüpften Worte. — po-prestemmai (vgl. das Sup. 

I irs'predun) dieser Klasse zuzuweisen, habe ich mich nur ungern * 
entschlossen, aber es liegt am nächsten (vgl. J* Schmidt Jen. 
Lit.-Ztg. 1874 Art 47B) und wird durch die Dat. PL vremmans 
^den Alten**, mrdemmans (Berneker S. 143, 217) hinreichend 
begriindet, — wlrstai steht fiir wtrH-tai und läßt sich mit z. B. 

|lit eitom, eitat (BB, XXVI 177), poln. jestemf jede§ usw. ver- 
gleichen*), d. h, es ist von wirst aus gebildet. Eine ebensolche 
NeubildUDg ist vermutlich gitvassi , dessen Anslant aber auf* 
fallend ist. 

n. Stämme auf -auja-. 

in. Sg. PK rickawie „herrscht** (vgl rickaüsnan ^^Kegimenf*), 
ffO'ffer4awie „predigen" und prei-gerdawi j, verspricht*^ (Inf, ger- 
\daut)^ per-ftirgaui „versorgt*^ (Inf. furgaut)^ wBraui „währt", 
timJcawi „fordert" (vgl. Prät per-wakanns d* i. -wühau-uns; be- 
tont wie lit. seükaiäi) 

L Sg. gerdaivi „sage" und dlnkama (dinckama) „danke" 
(Inf. dmkaut^) 

n, Sg. rikawie „regierst" 

I. PL dinkaumai „danken*^. 

Außerdem dinkauimai in konjunktivischer, riMuite in impe- 
rativischer Anwendung, worüber später (desgleichen über die 
Iiyunktivformen gerdaus, dinkautt). 



") mes ni maffimai ifrankit postät Bem«ker S. 97 steht nicht im Teit — 
W*gen z. B. grikai ast e^ierpton vgl. z. B. Mitteil, der lit. liter. Ges, IV 24S 
kam. 13, V 237. 

») Man beachte auch die »Itlit. Formen de»titmj düstit, deaHtiea Beitr, «. 
Ütsch. d. Ut. Sprache S. 198 l 

*) dlTtkaut «etzt langes gefftoienes i vorwi». VermnÜich beruht e§ auf 
Mnkuut, ebenso *dlnku (Aldk. din^Jcim) auf dtnka « paln. in^^ rg-K lit 
len^o«, t€entari9 (wo en vor Konsonant f^r en stehen kann] aas Lfch% wifciert 
fflrücbier Fremdwörter 8. 103, 152). 




86 



A. BeEKcnberger 



Das zweifellos unrichtige dinkama ersclieiot zweimal (an der 
ersten Stelle dniekanta), aber in demselben Abschnitt und in der 
gleichen Wendnng, so daß der Setter oder Korrektor sich an 
der zweiten Stelle der ersten notwendig erinnern mußte. Da die 
Änderung von dinkama in "^dinkaumai (Berneker S» 222) viel zu 
gewaltsam wäre, die Änderung in dmkawa oder -kana (Nessel* 
mann S* 95) aber grammatisch und bezw, auch graphisch nicht 
befriedigt, während ein flüchtiges ui leicht in m verlesen werden 
konnte, und diese Buchstaben erwartet werden dürfen, so setze 
ich beidemal -kauia voraus und stelle *dinkauia „ich danke" 
neben crixtia ^ich taufe**, lasse es aber vorläufig unentschieden, 
ob der Auslaut dieser Formen = ö (lit* t*), oder = ä (Endung 
der ni. Sg< Fl) ist. Im letzteren Falle wäre hier ä nach j (i) 
erhalten wie z. B* in dem zweimaligen etwerpsmnimi oder in 
dem häufigen rikljmh Dagegen ist diese Endung in rickmme^ 
pQ-gerdawie (über die Schreibung Zupitza KZ. XL 252) zu e 
geworden und in prei-gerdaivi, per-rurgaid usw* abgeworfen. Den 
gleichen Verlust zeigt popeckuwi „er behütet" *), und lit. prane- 
schmv = praneminja (Beitr. z. Gesch* d, lit, Sprachen S. 194, 198), 
rikmv Lit. und lett. Drucke HI 22 Z, 16 gehen über ihn noch 
hinaus. Was Berneker S. 165 über 'furgaui usw. sagt, schließt* 
eine gewaltsame Trennung der III* Sg. PI. -gerdamie und -^er- 
datii in sich und ist deshalb, aber auch wegen seiner Beurteilung 
Ton immimai usw. fiir mich gegenstandslos. Nicht minder muß 
ich seine Vermutung über die II. Sg. rikatvie (S. 221) ablehnen, 
denn man würde sich über die Winke, welche die Sprache selbst 
durch qiiöi usw, gibt, mutwillig hinwegsetzen, wenn man darin 
und ebenso in der I, Sg, gerdawi nicht die III. Sg* Fl mit der 
Bedeutung der n, bezw. I. Sg. sehen wollte. 

Da von der III. Sg. PL wirst aus die II. PL wtrstftjai 
(ebenso die L PL wlrstmai) gebildet ist, so würden die Plural- 
formen *fHrgammaij "^furgauitai: UL Sg. PL furgatä in dieser 
Präseusklasse nicht überraschen können, und solche Neubüdungen 
sind wahrscheinlich dinkanimai, rikaiiite. Es erscheint aber 
keine in. Sg. PL auf -aw, und obgleich ich es für sehr wahr- 
scheinlich halte, daß solche Formen bestanden haben, trage ich 
wegen Ihres Fehlens doch Bedenken^ die I, PL dlnkaumai nach 



») Vgl. 



poln. opieh^e. Daliegen dt^r hifin. p(>ptküt (papecktU) sob poln. 



Sprach© des preufi. Enchindions. 



If 



Mä&gabe yon wirstai zu erkläreop und sehe in ihr eine uorichtig 
äuge wandte InjiinktivforiEi 

in. Stämme auf -ija-. 

ni. Sg. PL grlkif'si) ^versündigen (sich)" (vgl polo, gvBes^y^, 
lit gressyti), madli „bittet*^ (Inf, madlit^ poln, modÜc)^ maffi 



(neben mufllai 

maiü 



„möge**; 

„vielleicht^, 



jjkanu** und m-maffi „können nicht "^ 

vgL poln* moe, in, Sg, moie, woher lit. 

tind Brückner Arch. f. slav. PML XX 490) 

I. Sg. crixtia „taufe" (Inf. erixtitwi, lit. krlksatyti, poln. 
ekrecif), madli „bitte", sehlfifi „diene" (Inf. scJdufitwei, lit. mW- 
iytif poln. shiäye) 

n. Sg. wa/Vt „magst" 

I. PI. grikimai „sündigen", madlimm „bitten"^ maffimai 
^mögen", per-Bchlufimai „verdieneu" 

1I< Ph sehluriti „dient '^ (Willent an derselben Stelle : slußiet). 

Einige dieser Formen sind auch konjunktiviscli gebraucht: 
maffij maffimaij schlaf imai^ und gleichfalls konjunktivisch sind 
mmtimai, ep-mmtimai^ m^-nertimaL Sie werden gleich madliti 
^bittet!" später erledigt werden. 

Einige oben angeführte Formen decken sich beinahe mit 
den entsprechenden polnischen: III. Sg. Ph madli == poln. modUf 
wmdlimai - modUmy (masur. modUm)^ -schlutimai - sluiymyf schlü- 
liti = sbiiycie, und da die Verben dieser Präsensklasse den Einfluß 
des Polnischen auf das Preußische auch sonst sehr deutlich zeigen, 
«ehe ich in jenen Formen geradezu Polonismen und nebme folglich 
auch in den ihnen gleichstehenden polnische Flexionsweise an. Da- 
> gegen spiegelt crixtia die litauische Flexion dieser Klasse (I. Sg. 
I krikßztyßi, III, Sg. PK krlksHyja) klar ab und beweist dadurch, 
daß auch sie im Preußischen vorhanden gewesen ist. Man darf 
daher annehmen, daß hier Doppelformen wie *madlia und madli 
vorgekommen sind, und wer eine besondere Veranlassung der 
Apokope verlangt, die z. B. wirst, prei-gerdawi zeigen, kann sie 
in solchen Doppelfonnen finden. Ebenso werden durch das Ver- 
hältnis von III. Sg. PI. madli zu madlinmi^ ferner aber auch 
durch z. B. läikti : läikumai, turri : turritnai (s, unten) Neu- 
bildungen wie wirstai gerechtfertigt. 

Weder der litauischen, noch der polnischen Flexion ent- 
sprechen dagegen die I. Sg. madlif schluit und die 11, Sg. maffi. 
Die Gleichsetznug von II. Sg, *s€hlüfi mit Ut. szlUiyß wäre ein 
handgreiflicher Fehler. Hier ist vielmehr wieder der Gebraach 
der ni- Sg, als I., II, Sg, anzuerkennen. 



88 



A. Beizetiberger 
IV, Stämme auf -a- 



m. Sg. PL per-banda „versucht** (lit bando), (/ia », fürchten** 
(lit bljo-s% lüiku „halten", er-luiku „erhält**, if-lüika dass., po- 
'Uzihi „behält" (lit. Mko) 

IT. Sg, it-lailm „erhältst". 

Mku (et'laihmn) ist auch konjunktivisch gebraucht , die 
L PL laibumai (en-laikümai^ po-biikumai) kommt nur konjunk- 
tivisch, die n, PI* laikufei (en-laiktäi) nur Imperativisch vor. 

Die zu per-hända, bia, laiku gehörigen Infinitivstämme hieteu 
per-bandamanj biätwei, laiküi. Daß das Litauische hijSfi — 
handyii^ laikyti gegenüberstellt, glaube ich hier auf sich beruhen 
lassen zu dürfen (vgl. Geras S. 196 ff,). 

if'laika ist in iriaiku zu korrigieren (Zubat^ IF, VI 300)» 
end mit diesem ist die gleichlautende II. Sg. identisch. 

V. Stämme auf -äja-. 

* m. Sg* PL peisai „schreibt**, peisüi „schreiben" {vgL pei- 
säion „geschrieben", asL pbsatif poln, pisar)^ et-trai „antworten" 
(Inf. at-traiwei). 

Diese Formen sind apokopiert wie mr$t, prei-fferdawi usw, 
imd reihen sich an die litanischen dekawaijf domoi (Beitr. z* 
Gesch. d. lit, Sprache S, 198), nekaraig u* a. (Gaigalat a* 0. 
iS, 'i31). Da neben den letzteren auch Formen auf -o vor- 
kommen {waikBCBtö, tesidabü Lit. u. lett. Dr. III 47 Z. 12, 106 
2. 9, Jiessdf teapsaugo ZubatJ' IF. IV 475), ferner lett. runä 
^er redet" flir runai =? *nmaja eingetreten {Lett. Dialektstud. 
S. 107 f.), und endlicli im Enchiridion ,,sie lauten" durch kehüi 
und kaltzü (worüber w, unten) tibersetzt ist^ so dürfen dieser 
Präsens-Klasse auch zugewiesen werden; maita „er nährt" (Inf. 
maitähin-sin) und dmigvhhu „er zweifelt" (vgl. dwifnigiä) — 
pnd sie dürfen es nicht nur, sondern müssen as, weil sie lautlich 
nur zu Schleichers (Lit Gram» S* 249) VI. (preuß. läiku) oder 
Vn» (preuß. peisai) Klasse gehören können, ihre Betonung aber 
(vgL Üt kowoJH : kowoii) für ihren Anschluß an die VII. Klasse 
entscheidet. 

Zweifelhaft ist dagegen das vereinzelte en^t^rpo ^nützt" 
(d. L mi4erpa)j das sich auf beide Klassen beziehen läßt (vgL 
iL laiko VL — Uidoja VH.). 

Die ni. Sg. en-waiita und die L PL waitiämai bleiben vor- 
läufig beiseite, weil sie konjunktivisch gebraucht sind. 



L 



Sprache des preoA. Enchiridioni. 89 

VI. Stämme auf -eja-. 

DI. Sg, PI. hudB p^wachen** (lit* huMti, Präs. gewöhnlich 
fruwdw, aber htjdeja Tiesos Prietel. 1880 Nr. 49), d^ge „hassen^ 
(Part. Prt* dergeuns, worüber unten; vgL lit. derg^iuwas von 
*dergSti : *dergiu [wie kenmi : kencsu], Part. Präs. Pas. der- 
gemas Beitr. z. Gesch. d. lit, Spr. S. 280), druw^ (dreimal, ein- 
mal drtiwe) ^glaubt** ^glauben" (Inf. dmnfit)^ giwe „lebt" (vgl. 
gmH^))t paUapse „begehren" (Int pallaipMweij palhxpdtwei\ 
luke „Sucht" in kaimaluke^) ^sucht heim** (lit. lukSju : Uik€ti 
„harren*^), at^-schmids „traut" (Inf au-sckaudltwei) ^ segge „tut^ 
(Inf. segglt), en-wacki „rufen an" und prei-wacke „beruft" (Inf, 
tmckltwei)j tvargs „ist leid, gereut" ') 

L Sg. dmwB (so fünfmal, einmal drmve) „glaube", segge 
„tue", pasktdB und pa-skolU „ermahne" (daueben das noch un- 
erklärte po-skuUiüie:^ Inf po-shdit, verschieden von lit, skdlgti) 

n. Sg. druwe und dmwese „glaubst", seggesei „tust" 

I. PL druivmnai „glauben" (Willeut an derselben Stelle: 
Hkim)^ segg^mai „tun", en-ivackemai „rufen an" und (juvenunai 
flehen" (WUIent: ßiwata wedam)^ für das ich handschriftliches 

\) Aofierdem asL o-iiveti (Präs. -^q) ^^reviviacero'* (Slikloeich Lei, pal.) and 
m1. lifeti „l^b^n*' (Pris. ^x^^mj Tgl. Wiodemann Beitr, t. abülg. Conjugat. 
B. 146, Meillet Mem. de la Soc, d© Ling. XEl 369). 

*) In käimaluke liegt gewi£ nicBt der Stamm kaima- vor, Bondem kaima- 
bat hier denielben Wert wie heint in seinem Vorbild heinmt<:hen (über Äfi»i 
Wftld« Germ. Äiifllautagesetae S. 3 ff.), tmd tiomn in oaerb. domapyta6 (Brückner 
SUf. Fremdwörter S. 197 AnmJ, d- h. es ist Adrerb. FormeU steht es ver- 
niDtlicb auf einer linie mit winna „ heraus"^ das sich sowenig von mnnen 
„Wetter", ^his (Vok.) „Luft" trennen lÄfit, wie lett, drä „hinaoa" Ton üt. örm 
»Wetter* „Luft** — woraus folgt, dafi die Zusammenstellung von wmna, asU 
ptnä „binans^, i'bm j,draalen" mit ikr. vin^ „ohne^ (Bopp Spr, d. alt Prenfien 
8. 103. J. Schmidt K2. XXVII 286) keineswegs sicher ist Die fleiirbche 
Bearteilaog Ton käinia, mnna mu& ich dahin gestellt sein lassen. 

») Ändere Formen dieses Verbs fehlen, wargisnan (Bemeker S. 213) gibt 
^ nicht. Das begriffUch vergleichbare lit gaüetis hat das Fräs. gaüiUs, wo^n 
*ich tsarge verhält, wie dn-g€ an lit. *dergiu {s. oben), 

*•) Bemeker S. 143 (vgl S. 213) setzt giwemmai •^ ^itüammai (oben S, S4), 
Dies ist Zulässig (vgl. po-prfgUmmai), aber das ^ von gltcemmai wird geatÄtzt 
iuith giwe^ gimt, und die Eonjogation der präsent, ä-Stämme ist durch eine 
1, H, auf -emmm bereits anangenehm genug belastet — glvcu „du lebst" lä&t 
man am besten boiÄeite, Es steht an einer korrupten Stelle {kas du G^wu „der 
da lebst") und sein l scheint fehlerhaft zu sein, da au 6er in dem einmaUgen 
^wtm (es ist konjunktiv,) alle ihm zunSchststehenden Verbalfonnen i in der 
Wnnelailbe haben (10, abgesehen von ^wU and giwantei). Es kann auch nicht 
etwa filr *giwa stehen (vgl. die II, Sg. -laiku S. 88 nnd leti dßveät), da hierfür 
•|ff«fo EU erwarten wäre (vgL en-terpo S. 88). 



90 



A. Beixenberger 



und vom Setzer mißverstaiidenes *giw&mai voraussetze (vgl. pai- 
kemmai nebeu aupaicksmai u, a,, worüber später) 

n. PL ärnwi?iei ^glaubt" (Willentr tikit), segg^ti „tut". 
Die in. Sg. PL segge ist auch konjunktivisch gehraucht, 
und es ist gewiß nur Zufall, daß sie nur in dieser Anwendung 
mit auslauteüdem ^ geschrieben ist. Auch seggemai hat zugleich 
konjunktivische Bedeutung, und en-iüackBimai und waidleimai 
korameu nur konjunktivisch vor und fehlen daher in der obigen 
ITbersicht. seggltei, das oben gleichfalls ansgelassen ist» ist viel- 
leicht einmal (im 6K Abschnitt) indikativisch, sicher aber nicht 
immer indikativisch gebraucht, und deshalb als Indikativform zu 
beanstanden. 

Die richtige Erklärung der Indikativfonnen dieser Klasse 
ergibt sich aus dem Vorherigen von selbst und ist übrigens 
ßchon von Zubat^- (Anzeiger f. indog. Sprach* u. A]tert,*Kunde 
XVI 57} vorgezeichnet. — Die Erhaltung ihres e ist begründet in 
der halbvokalischen Aussprache des ihm folgenden 7 (ygLpo-baiinf, 
pareiingiBkai, an-deiansts [?], krawia u, a.). Indem es mit diesem 
eine diphthongische Verbindung einging, wurde es der lautgesetz- 
lichen Verwandlung in i entzogen und erhielt sich, nachdem der 
Ausgang der lU. Sg. PL *-&ja (^-eia) seine Endsilbe gänzlich 
aufgegeben hatte (*-Pia > -*a > -b). Man beacht« die ver- 
schiedene Behandlung von B und ^i) im Germanisehen (^ > a, 

€(%) > ß). 

Wesentlich anders werden buds^ dergB usw, von Fortnnatov 
a. 0, 8* 178 beurteilt (Bernekers betr. Ansichten sind mir nicht 
klar geworden), der den ürund der Erhaltung ihres B in dessen 
angeblich „ steigender "* BetouuDg sieht. Allein ich habe schon 
bestritten, daß nur gestoßenes € zu % geworden sei (oben S* 76), 
und bestreite auch, sowohl daß das e der Verba auf -Bja- : -sti 
innerhalb ihrer Konjugation von Haus aus verschieden betont 
gewesen sei^ als auch, daß etwa der Ausgang -Bja durch den 
Verlust des auslautenden a geschleütes B erhalten habe* Denn 
fiir eine akzentnelle Wirkung eines solchen Verlustes gibt es im 
Enchiridion kein sicheres Judicium, und z. B. grikaut einerseits, 
-wierpt andererseits sprechen positiv gegen ihre Annahme^ über 
lit iino^ iinoti usw. aber urteile ich anders als Fortnnatov; 



*) Dir Präs. Ind. ist im I, Kat. vertreten durch at drow^ „ich gkabe", 
^rowc „er glaubt*, ni-drwu?« „«r glaubt nicht" (vgl gobunn — per-gt^ns\ im 
II- durch drowy (L 8g.) — dmwe, ni~drmee (III. SgJ, Vorläufig mag m Ju- 
wels ftuf diese VerhÜtoisie genägen. 



Sprache dei prenl. Enchindions, 



91 



'ich halte das o von ihm (ebenso laika usw.) fGr entstanden 
durch Kontraktion und seine Betonung (Hno : Hnaü) für eine 
Nachahmuiigf derjenigen von süka ( : sukii) *). 

Erhalten ist der volle Präsens-Stamm nur in dem partizl- 
pialen wargn-segglentins , d. i, -seg&janHm^). In der I. und ü. 
8g. und PL ist er verdrängt durch die in der angegebenen 
Weise entstandene III. Sg. PI. auf -ß, indem dieselbe die Ver- 
tretung der übrigen Singular-Formen zum Teil einfach übernahm, 
kjLnBerdem aber als Grundlage von Neubildungen benutzt wurde: 
[druwese, seggesdj setjgimaij en-wackBmaif druweteij segg&tL Daß dru- 
\§ve9€y seggssei die Endung der II. Sg. der Wurzel verba (assd, duse, 
pami, ^misse) erhalten haben, läBt vermuten, daß zur Zeit ihrer 
iBildong die sog. thematische Konjugation keine besondere Form 
ier n, Sg. Präs. mehr besaß, und bestätigt insofern die An- 
ime, daß die H. Sg. rikawiej if-lmku, druwe uicht Schnitzer 
[.Wills sind. 

VII, Stämme auf -im- (aus -eja-). 

HI, Sg. PL mils (so zweimal, einmal mile) „liebt" „lieben" 
[(Inf. milyt), turri und turei (elumal turrei)^ iure (einmal) „hat" 
, haben** (Inf, turltj turtüweij turrit) 

L Sg. turri „habe^ (bezw. „soll") 

II. 8g. turrij turd ^hast" (im I. und IL Katech. tur) 

L PL klrdimai nhOren"* (Inf. kirdlU kirdltwn), turrimai 
, haben" 

IL PL turrüi „habt". 



1) Die merkwflrdige Verwandlung' dm gestofienen Tons in den gesellte Uten 
[im üt Optativ, die Eozwadowski IF, VH 253 ans Licht gebogen hat, bringe 
[ich in Zns&mmenhang mit der TonTeTBchkdenhdt zwischen den Iniuiitdyen max- 
§öHf pa'klöt% bärtif lyti und den Substantiven mazgutt, pa-klodij barni» ßafni)^ 
^^i^ (ipu) : im Optativ fteckt d:^ Snpitmm , a!»o auch eine nominale Fonn, 
Allerdings ist eine solche auch dor Infinitiv, aber er mag- diese Geltung weniger 
silie feeti^halten hahen^ ali» das Supinnm. VgL MeiUet Bechercbes lar Femploi 
du g^nlttf-accnsatif en Vieox-Slave S. 162, dessen Ut Beispiele (vgl. ßettr. z. 
Geteh. d. M. Spr. S. 259) aber nicht zwingend sind. Vgl kiekwimm nordu 
gimdit karatuno^ ktmigayhcioj didiiQs gimines lit. u. lett. Dmcke IV 71 Z. 3, 
^) Das abweichende nl-druwintin ist 'bilUntk nachgebildet infolge des Zu* 
tammentreffens von druwE und bilU (S. 99). Weshalb ich druiclt (vgl. got 
troMaida) und einige andere im Teste g-enannte Verba nicht hilllt usw. ui- 
fwchloflfien habe^ ergibt sich daraus, da£ es kein *dniivi\ *druici usw. gibt — 
Dia Part. Prät. von stg^ßt : »egglutis ist tadeUos. Daa ihm widerap rechende 
iergiuns ist in dcrgiuns tu. fiodem — es sei denn, dal ea von dem denkbaron 
PiM. *d€rge neu gebildet ist. 



98 



A^ Beizenbeif^T 



turei (m, Sg.) uad turrimai iommm auch konjunktiTisch^ 
iurriti auch imperativiach vor. 

unregelmäßig sind mü^ und turei (turrei), tttre, müi ist 
aber ohne weiteres klar: es ist nach druwi^ gebildet. Ebenso 
läßt sich iure (in der Verbindung turedi) erklären, daa aber 
besser als Druckfehler angesehen wird (es steht in einer Frage, 
in deren Beantwortung ihm tiirridi entspricht). Der nahe- 
liegenden Annahme aber, daß auch turei (turrei) seine Endung 
der Flexion der Präsensstämrae auf -eja- yerdanke, stehen die 
Schwierigkeiten entgegen, daß die H, Sg. turei viermal, die 
m, Sg, PL turei (turrei) achtmal vorkommt, die entsprechenden 
Formen der Präseusstämme auf -Bja- aber durchweg nicht mehr 
auf -ei, ßondern auf -e (bezw. e) endigen (o, S. 89), und daß nie 
türm geschrieben ist, Bernekers Behauptung: Jurei ist wieder 
turi + ai"^ (S, 213) ist für mich unannehmbar, denn ich halte 
seine preußischen Partikel ai für eine rein imaginäre Größe 
(s. später), Irre ich nicht, so wird die richtige Erklärung von 
turei dadurch an die Hand gegeben, daß seine Nebenform auf 4 
(turri) ausnahmelos mit zwei rr geschrieben ist, turei aber nur 
einmal turrei zur Seite hat — ein Unterschied, der zuweilen 
höchst aulMlig ist (vgl den 71. und 12. Abschnitt). Dies macht 
vermuten, daß im Manuskript des Enchiridions an Stelle von 
turei durchweg turri gestanden hat und nur ein Lesefehler des 
Setzers, das einmalige turrei aber eine mißglückte Korrektur 
von turei ist. Auf demselben Lesefehler {re für rr) beruht viel- 
leicht der Akkus, warein (oben S. 79), 



Vill, Stämme auf -ia- (-ja-)* 

ni, Sg. PL gBide und gieidi „warten** (= lit. geidia „ver- 
langen", Inf, geisti), kunti „pflegt*^ und po-künti „behütet"^ (Int 
po-f pa-kmist\ Ufe „kriecht" (Part. Prät. lifom, -uns\ polu. Iei6^ 
III. Sg* lefie), trinie „droht" (vgl trinsnan „Eache^), et-wi&rpei 
^vergibt" (Inf -werpt^ -wierjptf -wierpt; lit wefpia „spinnt*^, Inf. 
ttrefj?fi?) 

L Sg. et-werpe „vergebe** 

n, Sg. et-w&re „Öflnest" (vgL lit. ät-tveriü) 

I. PL et-werpimai ^vergeben'* (= at-werpimatf I, et-tverp^ 
may II). 

Die zu derselben Klasse gehörigen I* PL gaWimatj girrimai 
sind konjunktivisch* 



Sprach© des preal, EnchiridionB. 



33 



et'Wi&rpei (von Beraeker S* 199 wieder mit setDer Partikel 
ai bedacht) ändere ich in et-wim-pie* Hierin nnd in trinie er- 
scbeiot die zu erwartende Endung (lit. -ia), während in ^^e 
und life (wenn dies nicht reiner Polonismus ist) 4e durch e 
ausgedräckt, oder zu e geworden ist (vgl lit atleidemf gieiden- 
c^ius usw. im Katechismus von 1547^ BB, XXVI 179)» ffimdi 
und Mnti aber den thematischen Vokal verloren haben. Auf 
Grund eines ihoeu gleichstehenden *et-wBrpi ist et-werpimai neu 
gebüdet, und die I. Sg. et-werpe, die II. Sg; et^w^e sind formell 
m, Sg, PL — Übrigenä ist das ^ von et-w&re nicht richtig, 
sondern in et-were zu ändern (vgl. das optativ. et-werreis 
„dffne")^), 

IX. Stämme auf -ai-. 



III. Sg, Pl- po-gmmai ^emp- 
fängt*^, eb-immai 
„begreift", au- 
'pallai „findet", 
ptdai „trägt** 



B. 
po-gauni „emp* 
fängt" 



imma „nehme" 



po-finna 
kenne" 



-be- 



immimai „neh- 
men" und eii-im- 
mimai(sin) „ neh- 
men (uns) an"j 
ser-npimai „er- 
fahren", er-finni' 
mai ^erkennen", 
po-stänimai^weT- 
den". 

Die HI. Sg. PI, eri-gaunai (-gamm), per-pidai, po-ItnnOf 
po-stänai (einmal po-stanai)^ die I, PL au-gaunimaif po-gmmimai, 

9 Die Farüz. ft-wiriun» gehört nicht unmittelbar zu et-^^tj sondern xn 
ftnem Verh *ei-wirlt (für -wir Et), das eich zu lit- ätwiras „offen"* yerlaält wie 
mL bügatlä „reicli Bein'* %u bogaU, lat albsre „weil sein" zu albtiä usw. and 
bedeutet «offen ^wordeii% abo „anfgetan" (vgl BB, XXYH 1811). Bernekera 
(S. 96) und Nesselmannft (im Glotaar) Kritik von wint etmrium iat also ab- 
iflweisen, und för die von Wiedemann Präterit. S. 120 entwickelt© Hjpothefie 
Bl ^wirium belanglos, Selbstreratfindlich ändere ich ea in etwinum^ vgl. 
hob^m» Qit kabBi). 



u 



A. Besienberger 



ffunnimaif pWimaij po-ßmnmai und die II* PL immatif er-rifinaü 
haben konjunktivische Bedeutung und bleiben deshalb hier bei- 
seite; ebenso die imperativ* ü* PL ripaitL Die Indikativformen 
po-gaunai und au*pallai sind auch konjunktivisch gebraucht (als 
po-gäunaij au-pallai)^ desgleichen immimaL 

Durch eb'immai : immimai neben dem Inf» imt (m-imt), 
po-gaunai : Inf. po-gaUt^ pö-stänhnai : Inf. po*sfät ergibt sieh, 
daß als Infinitiv von er-finminai nicht 'finvat^) = lit. iinoti^ 
sondern */i??t - Ht. pa-ilnti anzunehmen ist (vgL gumnmai : 
guntiVd). 

In dem nämlichen Verhältnis wie ^fint und -ßnnat stehen 
vielleicht der Int py$t (Part* pej^-pists) und das Part, "^pydauns 
(wie ich för püdaum lese, BB, XXIII 300). Aber ich ziehe es 
vor, in *pgdaims eine Nenbildung nach däuns^ po-stännsj eb-ßg- 
näuns zu sehen, welche die IFbereinstimmung der lU. Sg, PL 
Prät. per-pidaif dai, pö-staij Fignai hervorgerufen hat^ und ver- 
werfe deshalb die Möglichkeit, ptdai als ^pida[ja] auf *pgdaum 
EU bezieben, sehe in ihm vielmehr den Präsensstamm ptdai-, 
dessen Annahme wegen des konjunktivischen pldimai kaum zu 
umgehen ist. 

Die Einordnung von au-pallm, ser-ripimai in diese Präsens- 
Klasse rechtfertigt die Übereinstimmung der Partizipformen an- 
paüiisis und immusis% ripiniin und stanintei (4i)^ sowie die 
Injnnktivform npaiti (wortlber später). 

Zwischen dem Ausgang der Singnlarformen unter A (-ot) 
und der Pluralformen unter B (■imai) besteht ein Ablauts» 
Verhältnis, and nach allem, was über die iQdogermanischeu 
Verbalstämme ermittelt ist, läßt sich hier nur der Ablaut ai : l 
annehmen (vgL Bartholomae Stud. z, indogerm, Sprachgeschichte 
n 155; aupallei ist aber ein Druckfehler). Ob das mittlere i 
von immimai usw. im Preußischen kurz oder lang war, ist ihm 
freilich nicht anzusehen, aber prinzipiell kommt darauf nichts 



Einmal po-finnat^ zweimal ^-finnat Entweder lat hier a in a^ oder in 
dem einmaUgen Partie. po-tinnatB ^ in a m ändern. Entscheidet man sich für 
die Kurse, bo iit an2nnehmen, dal äich -/Inn^f bu Ut tinöli verbfilt wie w^a 
iB Iit. wwä (oben S. 75), in tin6ti also dor Akzent verschohcn ist, 

») Bemeker S, 23X Bcheint nur diese Formen als Nom, PI. des Part PrÄt 
anzuerkenneil, aber Über die Erwäg-aagen J, Schmidts E^. XXV^l ^64 kann man 
mcht einfach hinweggehen, ond ich halt^ per-ächlüßung nsw* für echte Formen 
dieser Art. Wegen ihres Verhältnia&es in fmmtisis (vgL %. B, zem. tapim^ 
jjai^edttats Zem. Wysk* 11 6) sei erwähnt, da& das Litanische »Ä^-tt ond »i^ 
kwii^^'ü gestattet tmd neben sQtkf regehnlfig^ sükmhji braiachl 



Sprache am preui. Enchiridiüua, 95 

an, denn es kann nach dem Torhergehenden Akzent verkürzt 
sein (vgl* Geras S. 166; auch in Ut, mktwnbime läßt sich diese 
Verkürzung annehmen). 

Größere Schwierigkeit, als diese Pluralformen, bereiten die 
Formen des Singulars, denn hier gilt es, die Eodangen -ai und 
-a, die Formen eb-immai und imwa in das rechte Verhältnis zu 
bringen, und dies ist nicht ganz leicht. Beide Endungen be- 
gegnen auch im Präsens der Verba auf -int und zwar unter- 
schiedslos sowohl in der III. Sg. PL (ni-sivintina „entheiligt", 
m-smntinai „heiligen nicht"), wie in der L Sing» {po-laipimm 
„befehle**, po-druktimi „bestätige'^), aber auch hier liegt ihr 
gegenseitiges Verhältnis nicht am Tage, und diese Analogie 
bietet deshalb für die Erklärnng von eb4mmai : imma keinen 
unmittelbaren Nutzen. Man kommt ihr aber näher, wenn man 
berücksichtigt, daß a hinter Labial dunkel gesprochen ist und 
zwar auch dann, wenn ein j nach ihm geschwunden ist (ygl- 
dwigiihhü S. 88 und das präteritale po-glahü). Demnach kann 
imma wieder aus *-imai entstanden seüij noch — Vertretung 
von ö durch a zugegeben — dem Ut. imu entsprechen — es sei 
denn, daß sich vor seinem a ein n versteckt hat, und "^imai 
für *4nmäi^ lit imü für *inmö steht ^), Wie mir scheint, ist 
diese Fährte anzunehmen, denn auf sie führt auch die ÜI. Sg, 
Prät imma „nahm^, und ohne die Herleitung der I, Sg. Präs, 
imma aus Hmna würde diese Form in einem befremdlichen 
Abstand von -imnmi : immimai bleiben. Derselbe würde gänzlich 
aufgehoben, wenn man dies hnma = "^immai {Hmnai) setzte, 
aber obgleich dies nicht nur möglich ist, sondern durch die 
Doppelform -stmntinai : &wintina (s. unten) empfohlen wird, kann 
ich mich zn dieser Annahme doch nicht entschließen, denn sie 
würde zu der sehr unwahrscheinlichen Trennung von po- Zinna und 
lit iino' nötigen. Ich nehme deshalb für die L Sg. immaj po-ünna 
je einen anderen Stamm an, als für -im^nai : immimaij er-Itnni' 
fmL Wird er als *imnä*, finnä- (vgL J. Schmidt Festgruß an 
Roth 8. 181) angesetzt, so verhält sich *imnä zu dem Stamm 
Ton -immai : immimaij wie ungefähr got frathna zu lit, pa- 
pras^aim : praszyü^ oder — wenn 4mmm ; immimai auf imnai- : 



VgL J. Schmidt Sonantcotheoriö S. 144, die Mer d'Öerte Literatur mid 
ttbtr lit m — mn ÜÜA, 1896 S, 964 ff. Außerdem Mellbt Möm. de la Soc. 
^t Ung. Xin 366, Pederaen KZ. XXXVIII 348, -- Sehr bedenklich ijt e«v 
miiigi« ^^Lgenehm^. VieUekht iat -ifmitnji- verlasen ftQB -immim-, tmd aus 
^mnmnc ein Part. Prfi«. Paa. auf -ma- zu gewinnen. 



96 



A. Bezzenberger 



imnu beruhen — wie xigvrj^i : xiQva^tv zu skr. kni(^[i]ti . 
hntfite. Eine Entscheidung wage ich nicht zu treffen. 

Formell sehe ich sowohl in po-gaunai usw., wie in imma, 
po-finna die m. Sg. Präs. mit sekundärer Endung (also -gaunait, 
-ßnnat). DaB die I. Sg. nur die Endung -o, die m. Sg. PL 
die Endung -ai (bezw. -i) zeigt, ist auffallend, aber zufällig (vgl. 
das Präsens der Verba auf -int). — Das vereinzelte po-gauni kann 
Druckfehler für -gaunai^ kann aber auch eine Neubildung sein 
(vgl. z. B. nuidlifnai : madli). 

In engem Zusammenhang mit den eben behandelten Prä- 
sentien stehen diejenigen der Verba auf -int und einiger Verba 
auf 'lt. Sie weichen von jenen aber dadurch wesentlich ab, daft 
sie auch Formen vorauszusetzender ei-Stämme enthalten. 



I. Präs. 
A 

m. Sg. PI. Minai „wiitt« »)» 

an", er-fchwaig- 
sHnai »erleach- 
tef, ni'8mntina% 
„heiligen niclit*') 



I. 8g. 

n. Sg. 

I. Fl 



pihdrüktinai „be- 
stätige« 



Ind. der Verba auf -int. 

B C D E 

gewinna „arbeiten'', .po-iraufin- po-UMit- 
kümpinna „hindert**, nei „be- dinne „be- 
tnukinna „lehrt**, if- deatet** deatef 
-rankinna „erlOst**, 
saddinna (und fehler- 
haft «erfinna) „setzt**, 
Bchpartina „stftrkf*, 
aujintina „heiligt***, 
ni-ncintina „enthei- 
ligt**, toaidinna 
„zeigt** „zeigen** 

po-laipinna „be- taukinne 

fehle* „gelobe** 



8iUuinei 
„sättigst** 



prei-ttat- 



aSteUea 
Tor* 



>) Das Partizip düants „Arbeiter** geht znrflck auf poln. dziaiaö. 

*) In der Erkl&nmg der dritten Bitte: „so ans den Namen Gottes nicht 
heiligen and sein Beich nicht kommen lassen wollen". Übereinstimmend in 
Willents und Sengstocks Katechismus nepaschwentiny wozu Bechtel anniheind 
richtig bemerkt: „man erwartet nepaschtoentinti'* (so der lettische Eatechismoi 
Ton 1586: nhe sweetiff). Allein denselben Irrtum zeigen der Hamburger Kate- 
chismus von 1529 („nicht hilliget**) und der Parvus catechismus des Saaromannoi 
(„non sandaficent"), Knoke a. 0. S. 85. 



Bpncbe des preufi. Etocliiridioiii. ' 97 

Einigte dieser Formen kammeii zugleich — teilweise in ab- 
weichender Schreibung — konjunktivisch vor: spartina (spart inno)^ 
sioi7iti}m, 'fwaigstinai Nur konjunktivisch sind die III. Sg. PI 
en-laipinne, er-kinina^ wartimia und die I. PL bebinnimai „spotten", 
brewimtimm „fördern**, fnukimiinmi „lehren*", ticklnnimai (und 
teckhminiai) „machen*'. 

Im Infinitiv endigen die zu dieser Klasse gehörigen Verha 
auf -int (bezw< 'iniun, -intwei): kumpint, nmkintf spartintf mvin- 
tint^ po-waidint sowie bebbint^ ep-deinnltint^ po-gadint^ galliniwei^ 
po-gaüaunnt, glandint^ jauJdnt, kackint (kaklnt)^ eti-kaiisint^ kita- 
teidintun-si}i, sklaitint, smünintt Bflfidifiiw{e]i, teisint, tickint (tec- 
kini), ülintt tüalnint (walnenimit)^ wartint Hierzu stimmt die 
Büdung des Part* Prat. Pas,: en-laipints, nmkints^ en-sadints, 
sfüintintSj po-tüukinton nebst po-attgintSf pa-brendinis, en*k^me- 
nints (-inints), if-mmtintonf au-skandintsj ni'skffstintSj if-sklaitintfff 
per-tengninton. 

Die Reihe diUnai {HI. Sg,) — po-laipinna (I. Sg,) — prei- 
dattimiimai (I, PL) — kumpint entspricht nun der Reihe e6- 
immai — imma — immimai — if nt so genau, daß es Über- 
windung kostet, diese Symmetrie anzugreifen. Aber dies ist 
nicht zu vermeiden, denn der Ausgang von po-Mpinna unter- 
scheidet sieb in nichts von dem der HI. Sg. PL gewinna usw., 
and daß hier und dort -inna fttr -innai steht, wird durch die 
Doppelform ni-stvintinai : ni-sunntina, das kon^espondierende 
'waidinnei : -waidinne und die I. Sg. po-drüktinai wahrscheinlich 
L^emacht. Auch die Zumutung, in dieser Klasse neben den 
Formen auf -ai > -ä und -ei > -^ auch noch solche auf echtes 
Hl anzuerkennen, nimmt gegen die formale Gleichsetzung von 
po^aipimm und imma (*imna-) ein. Soll sie trotzdem anerkannt 
werden, so kann dies nur unt^r der Annahme geschehen, daß 
die sonstigen Übereinstimmungen zwischen der Konjugation von 
z. B. imt und Verben wie swintint im Präsens der letzteren 
*«^-Forraen einbürgeiten. — Daß der Auslaut von gemmia usw. 
ü war, ergibt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit daraus, daß er 
nie apokopiert ist Der Unterschied zwischen fnmttina und lit* 
S2wentifm erscheint mir also ebenso groß, wie der zwischen lit 
Imffeikijm und lett. Bwdema, 

Mit dieser Einschränkung darf aber der aufgeführte Paralle- 
lismus der Hauptsache nach wohl für beweisend gelten, mid ich 
schließe aus ihm, daß wie -imnmi : immimaif so ddiuai : "^dili' 
tiimai auf einem -ai- : -i-Stamme beruht. In ihrer starken 



A. ßes^zenberger 



Form haben sich viele solche Stämme dieser Verbalklasse im 
Litauischen und Lettischen erhalten, und es muß seinen guten 
Grund haben, daß sie im Litauischen besonders im Präteritum 
erscheinen (neue Belege für 4nojm(^) bei Gdigalat a, 0. S, 120). 
Ich vermute, daß neben der L Sg. Präs- auf -i«äi-mi die I, Sg. 
Imperf. auf -inäj-on {vgl. ai- äsam, aal. dvigB) stand, und daß 
diese die Verwandlung von -hmi-mi in -inaj-ö begünstigte und 
Infinitive auf 'iiia4i hervorrief, während andererseits zu den 
alten Infinitiven auf 'in-ti Präsentia auf ~in-u und in der Folge 
Präterita auf 'in-au geschaffen wurden. Überhaupt ist diese 
Elasse reich an neuen Gestaltnngen. Ich verweise auf Geras 
S, 198 t, Lautenhach EB. XVII 279 f. und die Bildung von 
Prfisentien auf *-hiä-u^ die den späten Infinitiven auf 4nä4i zur 
Seite gestellt sind: lett mitinu, mitinh mithm (aus "^mitinau usw.) 
nnd möglicherweise das vereinzelte lit. rupinais (Beitr, g, Gesch. 
d. lit. Spr. S. 193). 

Durch die Basierung von *diUnai : *dlünunai auf einem 
Stamme -imi- : -im- treten die 8. 96 unter C und D auf- 
gefiihrten Formen ohne weiteres in ihr Becht. Neben dem -ina- 
der Verba auf 'inü erscheint nämlich im Litauischen -ine-. VgL 
apsibiaurineies^ uf^muredinetii Gaigalat a, 0. S. 121 — ifchbi- 
aurinoia, fuhiaurhioiatiy ufzmtitzduwm Beitr, z, Gesch» der lit 
Spr. S- 114 (S. 115 Anm, 1). Wie dies Verhältnis^) zu erklären 
ist, lasse ich hier unerwogen. Mir genügt die feststehende Tat- 
sache, und diese weist darauf hin, daß es neben den Stimmen 
auf -hmi- solche auf -hm- gegeben hat 

Was den flexivischen Wert der unter A^ — E verzeichneten 
Singularformen betriift, so sehe ich in ihnen ausnahraelos die 
m. Sg. mit sekundärer Endung: düinaift] > *dilina (^ *dilim), 
-waidinrmp] > -^waidinn^ (= 'Waidiime), Wenn es aber je* 
mand vorzieht, dilinai, 'Waidinnei aus einem in die £i ^Konjugation 
ausgewichenen dilinaja, -waidine^ja hervorgehen zu lassen (vgl 
Ut, lyrioja, mmznoja „hämmert", mti^in^ja dass. usw.), so werde 
ich ihm nicht widersprechen. Ganz unvereinbar mit meinen 
Anschauungen sind dagegen Bemekers Meinungen, daß -fchwaig- 

^) Es ist KU hemerlcen, dafi iolche Präterita biabor nur bei Verben auf -inH 
n&chgewiesen sind^ dic^ auf der drittletzten Sübe betont werdem duHetinH 
nai^inii^ kHi^intl nsw,, nicht aber bei Verben wie mokmÜ. Ich kann dafttr 
aber keinen graminatischen Gmnd erkennen. 

■) Vgl. darüber Bartholomae a. 0. S. 144, 152 t und wegen des hier er- 
wähnten df$pim J, Schmidt An Eoth S. 186. Aufierdem Meillet & 0. S. 371. — 
Ob solche Dubletten auch bei asl, imamb : imUi zu berücksichtigen sind? 



Sprach« des preni. EnehiddioiiK. 



99 



sHnmh po'drtiktmai die angebticiie Partikel ai eatbalten, tülninai 
und sätuinei ihre Endung dnrch Übertragung Ton asmi be- 
kommen haben, in po-waidinne e für a und in iaukinne für a 
stehe (a 212, 221 f., Archiv l slav, PMJ. XXV 479). — Die 
einzige Plnralform {prei'äattmtmnai) ist an sich klar. 

Wie im Litauischen (rupinii^ Jcäkinti — mok}nü% so waren 
auch im Preußischen die Verba auf -int in zwiefacher Weise 
betont: dllifiai nsw- — gewin na usw. (dort ein, hier zwei n : 
mmnibm lit. s^wenlina; mddiuna Ut. sodhm), — Die Utanischen 
Betonoiigen darinHif daivin^i, khtmn^ti, mHlnHi^ selmttnPft^ 
UnkmiinoÜ, stiprinoii mögen zum Teil dnrch regelrechte Akzent- 
Terschiebnng (von dem neutralen in auf die folgende gestoßene 
Länge) zu erklären sein, sind aber zum anderen Teil nur durch 
den Druck der Verba auf -M, -oti yerursacht, denn Ufikmias — 
Rnksminti — linksminoti (Karscbat Gram. S, 3o2) bilden eine 
normale Beihe, die Betonung linksminoti dagegen ist eine In- 
konsequenz nnd hat keinen gesetzmäßigen Grund. Es ist falgUch 
in der Ordnung, daß in Knbrik B und D (S. 96) kein Länge- 
zeichen über dem Auslaut erscheint. 



n. Präs. Ind. einiger Verba auf -it 



m. Sg, PI. 



Ha 



A 


B 


C 


D E F 


kehni 


kaUta ^laxi- 


bUla 


biU^ (Tier- friöc(rffeimal) »taUi 


iBQten" 


ten**, biUü 


(emm&l} 


mil) „sagt** „Bpricbt% ,,Btfht** 




(dreimal) 


„spricht' 


* „spricht** staUt, (drei- 




„sagt- 




^heifit\^ioi- mal) „steht" 




„spricht^ 




tf„wm"„wol- „itehen'^und 




ni-qüoita 




len*^ and po- per-giaUe 




jjWoUtB 




~qtiQitE-la ^b^ „stehen vor* 




mcht". atcüla 




^hrt-, stai- 




^nUhV 




iE (zweimal) 
„steht** „ste- 
hen* iiDd per- 

Tor" 

biUr (einmal) HUi 

„sa^e"* (dreimal) 

„sage- 

„spreche" 

bfißU 

(einmal) 








bmEmai f. 




.woUen'* 




„sagend "^ 
qumti^ti 
„wollt", Stül- 

te« ,itehf 7* 




100 



Ä, Beizenberger 



Außerdeni das vereinzelte dallu^ ^steht" (vermutlich eine 
vom Setzer mißverstandene Korrektur sei es von *stanaj sei es 
von stalle), 

üie in, Sg. PI. bills und per-stallE kommen je einmal auch 
konjunktivisch vorj desgleichen die II. PI. quoiML Die in. Sg. 
büU und die I. PL stallmnai nur so. 

Es wird schwerlich einem Einwand begegnen, wenn ich 
Rubrik C an B und Rubrik E an D anschließe und annehme, 
daß die in ihnen enthaltenen Formen durch ein Längezeichen 
über dem Auslaut zu korrigieren sind. Wir haben es daher im 
Singular nur zu tun mit Formen auf -ai, -a, -e, *i, und bei -i 
ist die Bemerkung S. 77 über das Fehlen eines auslautenden l 
zu berücksichtigen. 

Neben hillä^ bills usw.^ stalläj stalle usw. liegen die Infinitive 
ÄißiÄ (auch billit^ biUit, büUtivei^ bilitwei), stallit (if-dallU), die 
Part. Prät. Akt. billmns, stallhms (in einem Verse, betont 
staUtuns) und das Part.. Prät. büliion. Von keMi^ -qnoita usw, 
gibt es keinen Infinitiv^ aber die Partizipien po-quoitiuns^ po- 
-quöitlton und die (irrtümlich? vgl. den Gebrauch von lat, clärm, 
nhd. hell) in der Bedeutung „lauter" („echt*" „rein") gebrauchten 
Formen kalsiwhigiskan , kaUemingiskai ergeben auch fiir sie 
einen Infinitivstamm auf hochbetontes -i. 

Das Verhältnis von Ulla zu bille ist analog dem von 
gmmnna zu po-waidmne. und die hieraus entgegenspringende 
Vermutung, daß auch für bittä : bilU ein Starampaar auf -ai- ; 
-är anzunehmen sei'), wird bestätigt durch a) kehui^ b) das b 
von UU^^ billBniai, das unbegreiflich wäre, wenn es nicht m ver- 
trEtCj c) das Ablautsverhältnis billa^ bilk^ : bilht 

Verba wie bilUt stehen demnach Verben wie pldai : pyst 
morphologisch sehr nahe. Sie unterscheiden sich von diesen 
aber wesentUeh durch die Betonung: pldai — keh&i, billa (d. i, 
%iUa[i]). Infolge dessen traten kelsüi^ Ulla (d. h. Formen me 
pldai[t]) neben peisai, maitä (8. 88), ebenso bilU^ quoite (aus 
-BßtJ) neben btidef dergE (S. 89), und dies Zusammentreffen — 
so nehme ich an — begünstigte die bereits naheliegende Neu- 
bildung der Pluralformen quoitämaiy biUmnai usw, auf Grund der 
ni. Sg. PI. -quoita, bille usw- Diese Neubildung verdrängte die 
ursprünglichen Pluralformen auf -tmai^ -itai^ welche die Analogie 



*) VgL Ameiger filr indog. Sprach- und Altertumskimde XVI 57. Die hier 
besproclieiien Schriften PoriemskiJB kemie ich mcht. 



Sprache dee prenfi. Eiichiridiona. 



101 



P 



pidai : *ptdimai fordert, überdies aber das imperativ, bilUtei 
^Bprecht" (S. 118) und die partirfpialeii Fonnen ni-auhillintis^ ni- 
'auhiUintai ijidizieren. Daß aus dem in ihnen entliaitenen schwachen 
Stamm auf 'l- auch der InÜnitiv, die präteritalen Partizipien und 
die Singularformen auf -i (stallij hilli) entsprungen sind, ist ebenso 
Mar, als daß in sämtlichen Singularformen die III. Sg. Ph vor- 
liegt. Unklar ist es dagegen, ob jene Formen auf -i schon ge- 
bildet sind, als uoch flektiert wurde ^bilMift] : Hnlimai (vgL po- 
^gauni S, 96), oder ob man sich erst später durch den Infinitiv 
zu ihnen hat verfuhren lassen* Wer das letztere annimmt, darf 
aber uicht mit Berneker S. 214 madlit : madU als Muster be- 
trachten — denn in dieser Klasse war in der Regel der Infinitiv- 
ansgang unbetont') — , sondern turit : iurri 

Im Litauischen entsprechen den Verben dieser preußischen 
Klasse solche auf -auf -ojaitj *6ti und solche auf -aü, -iauj -0. 
Die erste Entsprechung liegt klar vor in lümtf hilarjau, hiloti^) 
nnd m Verben wie dilpmUf liiiJcsaüj mirksmi, timpsaü, wypsaü : 
-söjau, -söiij welche dasselbe Ableitungselement ^) enthalten wie 
keMi, kaltm (vgl xaXdto, Berneker S. 296). Es ist gewiß kein 
Zufall, daß auch sie Verba auf -Mi zur Seite haben (GGA. 1878 
8. 198, Leskien Ablaut S. 448), aber ich lasse dies hier auf 
sich beruhen, da die Abwandlung der Verba auf -.^tti und -söti 
verschieden ist {hUnffsMi, mirksM : Präs. -nw; dilps^ti : -§«?), 
und die Verfolgung dieses Umstandes mich 2u weit ab fuhren 
würde. — Außer hilau gehört zu lit biloti auch das Präs. 
hüoju^) und diese Bildungen verhalten sich zueinander wie lett 
miiinu zu nntina-ju (S, 98)- Sie werden also auch ebenso wie 
diese entwickelt sein* — Mit der IIL Sg. PL dieses Präsens 
bilöji^ scheint nun Zubat^ IF* VT 303 billa zu identifizieren, und 
ich war früher nicht nur geneigt, ihm darin zu folgen, sondern 
zwischen büla und billa dasselbe Verhältnis anzunehmen, wie 



■) madHt nur einmal^ da^ei^en ftUi&ial madlit (wie nach dem Palnkchen zu 
erwarten Ml Vgl. S. 76, 

*) 8o der KatochJ&roas Led<?smaB; s. übrigens Geras S. 1^7 Änm. 1. 

») Wegen desselben 8, Holtzmann Ad. Gmn, I 130, Ludwig KZ, XVHI M, 
Tobkr KZ. Xm 134. 

*) Äufierdem noch btlu Univewitaa S. 52 (vgl. Ro^wadowsld IF. VII 246), 
das fieich dem neben ibin aafge führten fiatihi aus dem PrätDiitnm und Infinitiv 
in die Konjugation von gtdM ansge wichen iat. Wogen des y s. Bartbolomae 
Ä 0. S, 184. Auch im I. und 11, KaU^chismüa scheint daa Verbum f zu haben 
(1. bela, btiaUf IT, htjta, bilafH, \gt t,B. edeittt^ — ydkißi), aber im Enchiridioii 
^rd l durch im regelmäfiige U geBichert. 



102 



A. Bczienberger 



zwischen lit. biUja and bilo. Ich bin hiervon aber zurück 
gekommen^ weil Ulla nur eine graphische Variante von biüä ist 
(S* 100), und die Erklärung von billä aus biläßaj die Geschichte 
dieser Form unnötig kompliziert. Sie konnte aus dem auch für 
biloja vorauszusetzenden bilailtj unmittelbar hervorgehen. 

Die angegebene zweite lit. Entsprechung der preußischeu 
Verba biUit usw. Hegt vor in klamaü : klansytiy das sich als ain 
Verbum durch die Injunktivfonn (te)kUusai (Geras S, 201), lett, 
klamdit (Bielenstein Lett. Spr. n 126) ergibt und im Enchiridion 
durch klauB^nai ^(daß) w^ir hören *^, po-klaiislmanas^ klausitmi^ 
klmmunSf po-klauBj/h^nan vertreten wird, khns&nmi ist zwar 
konjunktivisch gebraucht (in Willen ts Katechismus entspricht 
klausitiimbim) und deshalb oben nicht angeftthrt, aber es wird 
sich zeigen (S. 115 f.), daß es eine Indikativform sein kann, und 
als solche ist es gleichwertig mit biUenmi. 

Wie sich gezeigt hat, entspiechen lit. Verben wie ktattsaü 
aber auch preußische Verba auf -a- : -a-t (Imku : Mküt), und 
auch diese können lit. Verba auf -aü : -6H zur Seite haben. 
Was ich hieraus schUeBe, ist, daß alle diese Konjugationsklassen 
auf einer morphologischen Einheit beruhen und aus ihr durch 
eine Menge von Spaltungen und Paarungen erwachsen sind. 



Die einzigen Formen des Ind. Präs. der thematischen Kon- 
jugation, die ich im Vorstehenden mcht habe unterbringen 
können, sind per4ankei „gehört'*, per-lünki „gebührt". Für ihre 
Bestimmung bietet sich kein sicherer Anhaltspunkt. 

Der Ind. Präs. der sogenannten Wurzelklasse ist im wesent- 
lichen so klar, daß ich hier von seiner zusammenfassenden Be- 
trachtnng absehen und mich auf ein paar Worte über das Ver- 
hältnis von waisei (waisse) „weißt" zu waidinmi „wissen" be- 
schränken kann. Entweder spiegelt es asl. vesi : vedeti ab^ und 
das i von waidiniai ist lang; oder dieser Laut ist der „Binde- 
vokal" ai. i, got. u^ und rmidimai ist durch Anpassung an 
waisei usw* aus *widimai entstanden (vgl. asl venu, vestßf vedpta 
aus *vedbrd!i). Ich lasse die Entscheidung dahingestellt sein'). 

Schließlich sei bemerkt, daß durch die Einfülirung der 

*) Beiläufig bemerkt kt tmfdikamnan „2eugtiis" {das vorausgehende rrdd« 
iat Adverb, i „f&lHchlich^ vgl den I. imd IL Katechismus) kein echt preußisches 
Wort, sondern geht zurück auf ])ohi. widok „Zuschauer'* (russ. mddJb ^ Augen- 
zeuge")» das in *ndikaä umgestaltet wurde (vgl, z. ß, prEisiks^ lit. skuntUka»}. 



Sprache dea preufi. Encbindions. 



103 



sekundären Endung der III. Sg. in die IIL Sg. PL der tlienia- 
tischen Präsens -Flexion, durch den späteren Verlust dieser 
Endung und den hierdurch bewirkten Zusammenfall von 8ta,mm 
und IQ, Sg. PL ehen diese Form iiir Neubildungen eine Be- 
deutong erhielt, welche der durch ihre primäre Endung schaif 
charakterisierten DI. Sg, PL Präs, Ind. der Wurzelklasse ver- 
sagt bleibt* Das ist der Grund, weshalb — so weit wir sehen 
können — in dieser Klasse im Gegensatze zu jener Neu- 
bildungen auf Grund der III. Sg. PL nicht erfolgt sind. 



k 



Präteritum. 

B 

en-deirä t,sah 

am", eb-ßgiiä 



billa „sprach", 
imma ^nahrn*^. 
küra „baute"*, 
laftnna „ legte ** 



per-traüki 
p überzog" 





laipinna „f&bot* 




F 


G 


H 


fcft, beit he 


po-glabü 


hüiät$ ^Bp^w5h^ 


^war« 


^hente", teika 


(Hnkauts ^dmk- 




(eiDmaL) und 


to*^, irnmat» 




ieiku (s^eimal) 


„nahm*', Itmau^ 




„fichuf 


^brach^B" 



m. Sg^ PI. dai „gab«, driau- 
dai „bedrohten'*, 
[ pfr-pidai „brach- 

^^^ tcn", postüi und 

^^H poatai (je einmal) 

^^K «ward'', fifftmi 

^^V ^segnete *^, tmddm 

L Sg. bülai ^ sprach" 

E 

ra. 8g. PL hiUe ^nannte'', iA 
mige „entacblieP, 

hwedtk „Mite** 
Ich beginne die Besprechung dieser Formen mit der HI. Sg. 
ngnai (Inf. fipmi - lit. iegnSti and figgnai = poln. ^effnai\ aus 
lat. signare). Da ihre Herkunft die Annahme eines fli-Stammes 
ausschließt und Fortunatovs und Bernekers preußische Partikel 
-ai in der Luft schwebt, so kann der Ursprung ihres i nur in 
dem j von lit. zeg^rnjo gesucht werden (Zubat^ IT. VI 301 Änm.), 
nnd alte lit, in. Prät. auf -d im -ejo (Gaigalat a. 0. S. 28) 
geben sogar die Gleichung tigtiai = iegnojo an die Hand*), Mit 
Verlast eines auslautenden langen Vokals darf aber weder in 
der Sprache des Enchiridions , noch im älteren Litauisch ge- 
rechnet, und deshalb kann weder fignai aus *figfmjä, noch ein 

») ßemeker S. 228 erklärt freilich: ^Ein fondamentaler Unterschied gegen 
dai Litauische beätebt darin, da6 die abgeleiteten Verba sich nie dea -jjo-Snffix 
tut Büdnng des Präteritums bedienen". 



104 



Ä. Be^zenberger 



}tarei der Wolfenbüttler Postille aus Horejö erklärt werden. 
Demgetnäß ist zur unerläßlichen Veremigung vou fignai (wie für 
fiffnai zu schreiben ist) and iegnSjo, sowie zur Erklärung yoü 
narei usw. die Annahme notwendig, daß fignai^ narei aus- 
lautenden kurzen Vokal verloren haben , oder mit anderen 
Worten: daß sie aus Formen auf -^ verktirzt, und daß in 
Formen wie iegnojo diese Endung durch -a (o) erst recht spät 
ersetzt ist*). Daß ein solcher Ersatz überhaupt stattgefunden 
hat, ist wegen der Herkunft der präteritaJen Endung ä 
(Wiedemann Präter. S* 171 ff.) selbstverständlich. Auf die An- 
nahme einer I, Sg, Prät. auf ön wurden wir bereits S* 98 
geführt. 

Was ferner po-stäi und äai (zweimal) hetriffl, so wird selbst 
der, welcher indogerm, sthai „steheu^^ döi „geben" filr annehm- 
bar hält^), es unwahrscheiölich finden, daß diese Wurzelformen 
prenß. stäiß], dmt[tj hätten erzeugen können. Ebensowenig 
aber kann man sich die Zumutung gefallen lassen, po-stai (nach 
Berneker S. 228 aus posta-ai) von dem gleichbedeutenden Ut 
pa-stojö loszureißen, da -stäi und -stoj- handgreiflich identisch 
sind* Alles kommt dagegen in Ordnung, wenn po-stui : pa-stSjo 
und dai ebenso wie oben fignai : äegmjo aufgefaßt und för, 
sagen wir: in. Sg. des Imperfekts von lit. sioju =^ asl. siajiu 
bezw. ash dajq erklärt werden* Weder düian, dämns (Leskien 
Büdung der Nomina 8. 316), noch pefdäiran „Ware" darf hieran 
irre machen* Das letztere ist Entstellung von *perdaJan, denn 
es hat perdatai neben sich und beruht auf poln* pr^daia ^Ver- 
kauf". Möglicherweise ist die Enstellnng durch poln, priedai 
dass, (vgL Brückner Archiv f. slav* Phil XX 492) veranlaßt* 

Auch auf per-pldai und widdai (vgl. got* vitaip „beobachtet** 
und vitöp „Gesetz*^) ist diese Erklärung ohne weiteres anwend- 
bar, und ich ziehe sie hier jeder anderen (im besonderen Ber- 
nekers S, 117) vor. Es liegt freilich nahe genug, ihr -ai dem 
'äit der altindischen Formen agamit, äsapargait (BB. II 158, 
Bartholomae a. 0, S. 115) anzureihen; wenn ich aber mit Recht 
die III, Sg, Präs. pidai als piäai[t] erklärt habe, ist für die 



Demgetnfifi aind mch die von Bnigmann (Lit. Voltdieiler usw. S- 292) 
nächgewieseuon llt. Prät» aus Godlewa zu beurteilen, und da hiar die Endung 
der in. Frfis. (a) festgcihalten wird (S. 316), so ist Verlust von -4st, nicht etw» 
Ton -ait sicher gestellt. 

") BB, XXVH 179 f. Vgl Bartholomae BB. XVH 131, Wackeinafel Ai, 
Gram. I 208. 



Bpr^be d«« preii£. Enchiridiona. 



lü& 



HI, Sg, Prät, eine andere Grundform anziinelimenf denn es ist 
nndenkljar, daß die Präsenstbrm die sekundäre Endung erhalten 
habe, wenn eine gewisse Vei-scliiedenheit zwischen ihr und der 
ni. Prät. nicht dabei gewahrt geblieben wäre. — Auch die 
formale Möglichkeit, per-ptdai als Form eines Verbs *pldüt zu 
erklären (ygl ^pydaims, worüber oben S. 94), ist m, verwerfen, 
denn dieses würde iterative Bedeutung gehabt haben. Die 
litanisehe Übersetzung der Bibelstelle, in der perpidai vorkommt 
(^sie brachten Kindlein zu Jesu" usw.), in der Forma chrikstima 
und den Katechismen Willen ts und Sengstocks {ätne^s^, neseuH' 
CEmius) nötigen aber, es einfach perfektiv zu nehmen. 

Nach allem dem scheint n^^ auch die letzte KI. Prät auf 
-ai, driatidai (von Nesselmann im Glossar und Fortunatov a. 0. 
S. 157 als Druckfehler verdächtigt), auf --ajet zurückgeführt 
werden zu müssen, obgleich es an einer unmittelbaren Be- 
stätigung hierfür fehlt. Da aber für seine Beurteilung zunächst 
in Betracht kommen: ni-drmidieiti ^wehret nicht"! lett. drdudii : 
dräudet, lit, draudiü : drausti, und sich lit. draud^ü zu lett. 
dräudu verhalten kann, wie lett. rdutchu zu mudu (Bielenstein 
Lett. Spr. I 414), diese Formen aber auf raudüi- zurückgehen 
(Geras S, 198), so erscheint eine Basis auf -fli-, -ei- : -l- sehr 
wohl denkbar. Unter ihrer Voraussetzung l%e das lett. Prät. 
drniid^Ju neben drimtdai wie po-timdinnei neben dUinai (S- 96), 
'draudidti und draudiü enthielten den schwachen Stamm, und 
draüsH wäre eine Neubildung zu draudiü — und ich bin über- 

I zeugt, daß sich die Sache so verhält, denn driüudai usw. läßt 
iich nicht trennen von lett, dräuwät^ draitwet „bedrohen*^, drawet 
^drohen** (alt^n Entlehnungen aus dem Deutschen), und draudet 
gehört also zu den lett. Iterativen auf -det, die zuweilen mit 
solchen auf -dtt wechseln (Bielenstein a. 0. S. 432) und eng mit 
den lit. Wrben auf -dau : -dyti {stitnidau, s^dudau usw,) zu- 
sammenhängen ^) ^ d. h, mit einer Verbalklasse, die als regel- 
i»echter Veitreter von -äi- : 'ci-YeThen angesehen werden darf 
<s. z. B. oben S. 102). 

Meine Erklärung der L Sg. hiUai brauche ich kaum aus- 
^=:asprechen. Ich sehe darin die III. Sg. Imperf. des Fräsens- 
^^tanimes hillüi-^ hillaj[et] und ändere sie in billüL 

Von den beiden Formen unter B wird die zweite durch das 
^aoehen stehende fignai als eb-fignali] s^UB eb-fi§naj[etj erwiesen 

') In weitei^iii Zusammenliaiig^ stehen &i. ^rdhaya^ grudhlyd^ gr. ia^im 
-^ Luawig Infin. L Veda S. 136. 



106 



Ä, B&Essenberger 



(vgl. Zubat^ a* 0*), und ebenso erkläre ich ethdeira (Inf en- 
dmrU). Es gehört zn lit. dairaü-s : dairyti-s „umhergaffen", 
lett. dairä-s (ETI. dairä-s): dairSÜ-s „sich herumtreiben" (eigent- 
lich „gaffen", Bielenstein a. Ov S. 441) und steht neben der lit 
in, Prät. dain^, wie vielleicht teika (uBt^n S, 109) neben lit, 
täike. 

Nicht minder halte ich hilla (viermal) für biüa[jet]^), denn 
es hat neben sich büläts „sprach" (dreimal; b, unten), bill€ und 
das als I, Sg. gebrauchte billaL Das ausnahraelose -a ist auf- 
fallend, allein zoi- Annahme eines *btUä[t] „sprach" bietet das 
Preußische ebensowenig eine Handhabe, wie das Lettische, das 
Litauische aber wenigstens keine sichere Stütze, denn das 
Verbum bilti (Leskien Ablaut S. 320) hat inchoative Bedeutung, 
das Pms. btfu (S, 101 Anm. 4) ist ganz vereinzelt und unbedingt 
jnng — wenn überhaupt echt: „antiquum" nennt es der Ver- 
fasser der Universitas — , nnd bila „sprach** in der Bretkenschen 
Bibel (Beitr. z, Gesch. d. lit, Spr. S, 205) ist gleichfalls ver- 
einzelt und vielleicht ein Schreibfehler für bilaia (es folgt un- 
mittelbar ieniiis). 

Eine HL Prät. wie lit, suko^ bkwo (= lat, fnät Fick GGA* 
1883 S. 587) ist dagegen tflra*), obgleich das Lit hierfür Icur6 
hat — ein Unterschied, den man vorläufig einfach hinnehmen 
muß. Jede andere Erklärung von kura wäre gesucht. 

Für gleichartig mit kura scheint Bemeker S, 227 imma 
(neben zweimaligem imma-ts) zu halten. Allein *ima[tl wäre 
zu Htm geworden, und imma kann nur ffir *imnät (vgl z. B, 
ved. d'Strtjtüt)^ oder für Hmnafjet] stehen (vgh S. 95), denn ein 
auch denkbares *iniat wäre innerhalb der baltischen Sprachen 
HL Präs, — Nur im- (nicht im«-) enthält dagegen das Part. 
Prät, : en-immans, immitsis (beides Nom. PL), denn diese Form 
wird mit wenigen Ausnahmen {dergeum?, *ptjduuns S. 89, 91 
Anm. 2, 94) im Preußischen vom Infinitivstamme gebildet (YgL 
biUinns usw. S, 100, düuns : döi, bouum : bii). 

Ans diesem Grunde beweisen die Part, Prät. larrinnum^ 
laipinnons (lAiipinnar^j po-kiipinnons) nicht, daß latuiNU and 



1] — bcla im Lf byla im II Eateohismofl^ die aber wafaricheinlicb i haben 

(oben S. 101 Amn. 4), 

') DeBgleichen proic*'la(-(Un) »nian verriet (ihn)'* im L und II. Katecbümm 
(mit e; daiu pra-wUts im Eachiridion, vgl, Leskicu Ablaut S. ^>4). 

*) Zu lesen larfimmm^ Vgl. die Auf;£ähliuig der gleichartigen Partizipien 
bei Neüelmmita S. 67 t 



Sptiehe dm prenl. Enchiritlions. 



107 



Impinna (HL %. mit der Bedeutung der I,, vgl- lapynna GrunaE) 
mit üt atiglno, rakino: Inf, 'mti in der Endung übereinstimmen, und 

das Präsens der Verba auf -int spricht gegen eine solche Annahme; 
ebenso der Umstand, daß im Litauischen 'inni- besonders im Präte- 
ritum auftritt» Höchstens könnte man annehmen, daß im Preußischen, 
wie im Litauischen, im Anschluß an den Infinitivstamm und auf 
ihm beruhende Formen (vgL po-gaUewhdai S< 111) ein Präteritum 
mit der III. Person auf -inä neu gebildet sei (S. 98)* Für mich 
ist das preuß. -inna der Vertreter von -umja (z. B. ImksminoJQ), 
beruhend auf -ifiäjet. 

Ohne weiteres klar ist per-tranki; es steht für 4räuh^ = 
lit. trduk^. Auslautendes *? (und zwar litauisches geschleiftes f^) 
ist hier also der Eegel nach zu i geworden, und wenn Bemeker 
trotzdem in bill& eine Form wie lit, säkf^ vermutet (S* 228) und 
weddf; - lit, wed€ setzt (ebenso Fortunatov S. 179), so kann 
ich darauf eher nichts gehen, als bis diese Gleichungen akzentuell 
und lautlich in Ordnung gebracht sind. Durch Bemeker und 
Fortunatov ist dies nicht geschehen (vgL oben S, 76 und S. 90). 

Für mich ergibt sich die Erklärung von hiUe aus der 
Nebenform hilla und der m. Präs. hilU, Ich sehe darin also 
UlUßet] (vgl lit. mirei o. S, 104). 

Um if-mige zu verstehen muß man sich an lit, bundü : hudBi 
„wachen" (oben S< 89) erinnern und an sein Verhältnis zu asl 
h^idq : i$dHi^ weiter an z. B. asl. pri'hpnqti (Präs, -hpnq) 
„adhaerere" : pri-hpeti (Präs. -hpljq^ -pim) dass. (vgl Meillet 
a, 0. S. 366). Hieraus ergibt sich die unzweifelhafte Berech- 
tigung, if-mige nicht auf lit. mUtgü (Lit. Forsch. S, 142) : -mikti 
fl(ein)schlafen** (asl. mbgnqti), sondern auf asL mb^ati ,,oculos 
claudere" (poln, nüef- „die Augen zumachen, halb wachend 
schlafen") zu beziehen und darin also eine Form zu sehen, die 
im Litauischen -mig^JQ lauten würde. Hierdurch kommt -mig^ 
in jeder Hinsicht zu seinem Kecht^ und es kann auch gar nicht 
Xiefremden, daß in der Ermahnung „und als denn flugs und fröh- 
ft lieh geschlafen" e^i-miggoHs = lit. i-miges „fest eingeschlafen" (lett, 
' **midA>, aber Präs* 'rnfgu^ vgL wi-t^f/u Schleicher Glossar) steht ^). 

') Was den von Beraeker S. 97 scharf getadelten imperativiechen Gebmuch 
■*^«s Piirt. Prät. betiifft, sö mnfi man sich des ungeheuren EinfluÄeea Ltitborü 
^^*^i seiner Sprache auf die Zeit Abel Wma erTJonem , uro Um enticbuldbar in 
^«aden. Andere tJbersetzer haben sich von ihren klaäsischen Vorbildern nicht 

'^'«myer den Kopf verdreben lassen, und WiJl mochte seiner Arbeit %vl nützen 

Ctan^«!!, wenn er LntiierB StU nachahmte. 



I 




108 



A. Bezsenberger 



wedd^ erscheint in der Verbindung weddpdin ,, brachte sie*'. 
Da wir auch hUle din, poglalfüdins und ferner kaidij käigi (neben 
kai, Fortunatov a. 0. S. 166, 176), p&rdin^ preidin, preidins 
u. dgl. finden (eine Erscheinung, die an das ^iy^gety*^ des 
griechischen Akuts erinnert), so liegt die Frage nahe, ob weddB 
sein ^ nur seiner Verbindung mit dem enklitischen dm verdankt* 
Sie ist aber zu verneinen, denn wir lesen auch turedi, und in 
UUe din, poglabüdins ist die auslautende Länge unbedingt alt 
Überdies wäi^e "^lüedde als Vorläufer von weddp nicht zu recht- 
fertigen. — Noch näher liegt die Frage, ob wedM etwa Druck- 
fehler für ^weddi ist, was lit. wed^. erwarten läßt. Aber auch 
sie ist abzuweisen, denn wedäe hat die III. Präs. Konj, per-weddü 
^verftihre'' zur Seite, und diese beiden auflällenden Formen 
stützen sich gegenseitig *) und fordern eine einheitliche Erklärung. 

Berneker S, 115 sieht in -weddü lett* wadä (Inf, tvaddi „hin 
und her führen^) unter Berufung auf sedhum (oben S. 96) neben 
mddmna (dessen a aber lang sein wird : Ut* sodlnti; lettisch 
freilich sedinäty das aber im Enchiridion "^sidint lauten würde, 
vgL f^idons, sidatis). Wer dies für erlaubt hält, kann ebenso gut 
zu lett, ivadii : wadit „führen" seine Zuflucht nehmen und 
würde — bei der Vertretung der Verba auf -au : -yti ün Preu- 
ßischen — dadurch die Berechtigung gewinnen, -ivedda : wedde 
nach biüa : bille zu beurteilen. Das wird auch geschehen 
müssen, aber gegen die Voraussetzung eines solchen Verbs 
sprechen in diesem Fall alle zugehörigen Formen (Inf. west, 
westweif jyra-weddunSf weddeis) und der unverkennbare Zusammen- 
hang von wedde mit lit wi^d^ und asL vede-achs% Soll dieser 
ganze Zusammenhang nicht zerrissen werden, so wird aber an- 
zunehmen sein, daß aus dem „11. Stamm*^ im Anschluß an die 
Mehi^ald der preußischen Präterita ein Präter. m. Sg. vedSßetJ 
gebildet wurde (vgL lit. drebü : dreU^au, iadu : iadejau), und 
sich ihm später nach dem Muster btllß : billa eine III. Sg. Präs, 
wedda zugesellte. 

Ein ähnliches Verhältnis wie zwischen lit* wdd^ und weddv 
nehme ich zwischen asL be ße-achsj und b^ij bei, be (je einmal) 
an* Für bei ist bä, für be wahrscheinlich be = 6ß/i/, möglicher- 
weise aber auch bH zu schreiben (die Stelle, an der es vor- 



Aafier Uuien koamit vom west nur noch eine fitiite Form vor, die II. 8g, 
Opt. ^ßtdd€i». 

') Vgl. Ja^tf Arch. f. slav. Phil, XXVIII 28, MmUet a. 0. 8. 369 ff.. Von- 
diik BB. XXTX 303 f., Wiedemaim Beitr. x. abulg. Eonjng, S. 124. 



Sprache des preii£. EnchiridionB. 109 

komnit^ ist ib Unordoung). Die Ähnlichkeit dieser Formen mit 
södosUett. bejut hiejn halte ich für zufällig (Lett Dial.-Stud. 
S. 132). tei = hi-j[€t] trat meines Erachtens vor der Zeit des 
Überganges von ö in t für be[t] = asl be ein, vielleicht unter 
dem Einfluß von po-^täi, neben dem ein staftj gerautmaßt werden 
darf. Vgl. ftbrigens Bartholomae a. O, S. 145 Anm. 3, 191, 195. 

po-glabüfdins) entspricht dem lit -globojo^) ebenso, wie das 
neben ihm stehende eh-fignäidins) dem lit* -iegnojo (S. 105). Keine 
bestimmte Erklärung läßt sich dagegen von teiku geben, denn 
es hat zur Seite 1. die Injunktirform telks (nuten S. 110)^ 
2* teickiU {lnt\ teiküuns und en4eiküuns (Part* Prat» Act.)^ 
m4mkütön (Part. Prat Pas.) und teiküsnanf m4eikasna (Nom, 
Act.). Stellt man teikü zu telks, so ist es eine Form wie Icura 
(S. 106)j und ihre richtige Schreibung ist ieiku (d* i, *teiko^ 
*te\ka). Bezieht man es aber auf teickut (me für -td zu 
schreiben ist), so wird es III. Prät. eines Verbs wie Mküf^ 
biätwei (Sp 88) sein, da ihm, freilich nur annähernd, lit. täikau : 
taiktfti (vgl* laikyti : laikat) entspricht. Nach seiner Bildung 
vergliche es sich dann mit lit* bijojo-s und würde als lU. Präte- 
riti von laikat *laika aus latkäßetj (gegenüber lit. laik^) fordern. 
Wer diese mir wahi^cheinlichere Erklärung annimmt, muß die 
Schreibung teiku verwerfen. 

Schließlich gibt es vier III. Sg. Prät. auf -ts : hillats „sprach" 
(dreimal), dmkauts und (fehlerhaft) dinkauts „dankte", immats 
„nahm er" (vorher imma ians) und „nahm'^, Itmauts ^brachs". 

Läge hiemeben nicht astits ^ist's" „sei", so wäre es ver- 

lockend, diese Formen und ebenso die ITT. Präs. po-qumtets 

„begehrt*" in billat-s usw. zu zerlegen und in -t die Endung der 

m. Sing,, in -s aber eine Enklitika zu sehen. So aber muß 

Jnan -ts (aus -d[i].^?) für enklitisch halten (Bopp a. 0* S, 104, 

-Arch. f, slav. Phil. XXV 485) und biU^-, ditikau-f imma-, Umau- 

^ftr fertige Verbal formen. Von ihnen sind billa, imma bereits 

Erledigt (S* 106), d'mkau ist III. Sing, des Injunküvs (s* unten) 

trnd HmaU' entweder dasselbe, oder fehlerhaft, Innaufs erscheint 

Hur in der Verbindung dmkauts bhe limatits, wofür der El* Kate- 



*) Der GögenaatK if-migs (mit -i, nicht -i, aus -^jet) — po-0lah4. (mit -ü 
»Hb -^ei) benihtf wexm nicht auf dorn vcrBchiedcnen lautlichen Verhältaii von 
^3 fl xa jf so darauf, da& der (Jberganp von einfachem ^ in i einer viel früheren 
^^it ajigehört, ab das Hervorgehen von il-migt ans ^-ei[d]. 



110 



A. Bezxenberger 



ebismus dinkatäBt bhe lymucef hat*). Ändert man es bieroach 
und zwar in limü4sy so wäre limu- eine Form wie po-ghiba und 
gehörte zu einem iteratiyeü Verbum, das sich zu limtwei ver- 
hielte, wie lit. mvyroti zu swlrti (vgl. Rozwadowski TF. IV 40^0* 
Hält man dagegen llmauU fest, so ist ein Deiiominativum auf 
-aut anzunehmen. Ich ziehe die angegebene Änderung ?or. 



InjunktiT. 

(Unechter Konjunktiv. Let.) 

Pur Injunktivformen nicht abgeleiteter Verba halte ich teiks 
„stelle*^ (d. i. stelle dar, „indica**)^) und po-wierptei ^lasset** 
(vgL *'wierpie, 'W&rpimai S. ^^2) und sehe in ihrem Ebenmaß 
den Beweis dafür, da6 tmks nicht aus telks-s (Injuuktiv des 
r-Aarists, bezw. Futurum: Berneker Archiv f. slav. Phil. XXV 
481; richtig dagegen Preuß, Sprache S. 226) entstanden ist. 
Zweifelhaft kann man wohl nur darüber sein, ob teiks = teihs 
oder = teike-^^ und ob 'mim-ptei eine alte Form ist, oder eine 
Neubildung aus einer IIL Sg. PL -we?p-t oder -wef-pe-t 

Eine andere unecht-e Konjunktivform sehe ich in au-däsin 
„geschehe", das Nesselmann (Glossar) und Berneker S. 227 
wegen audas^eisin, audaneyshi im I. bezw. IL Katechismus in 
aiidaseidn bezw. audasesin ändern wollen, ohne (so viel ich sehe) 
daran Anstoß zu nehmen, daß „es komme*^ (dein Reich) in L 
mit pergeiH, II* mit pareysey^ dag^egen im Enchiridion mit pereii 
übersetzt ist. In meinen Augen ist au-düsin = au-daftj-sin, und 
'daftj = ved. ilät, avest da(. 



*) Im L EatechiBinnB dafittr dinköuyah bha ütnat^, wo limatz fehlerb afl flär 
Hmutz {vgh das zweimaUg-c stinmui) stehen wird, dinkmcat^ aber eine Mifi- 
bildang zu sein Bcheint, die der poln. Infin. dsifkowa^ teraalalte. — ÄEierdem 
haben der L und 11. Katecbistotis fol^c^nde Ul. Prdt. auf -t#- 

belatM I (zweimal), byfaczt, bUatß U „Bpracb", der Form nach =* biliar 
daitgj daiU I, dait^, dayh II .gab's" ngab** « dai S. J54 + te 
ymmit», jmmitz I, ymmeifs, ynmeyts U ^nahm er**. Das Gegeaemmder 
ron -f- und -H* läfit vermuten» dafi das -i- lang war und in IT durch ei be- 
zeichnet ißt (vgl polUygn I pohygo II, prdkm I preykm U neben cm-pf%kin 
Ench. [aus poln. w przeki], weydikaiisfmn II « wideMumian 1 [oben S, 102 
Anm.]i reykek U «- ritkvt I), Dmm lige in ymmi-fts)^ ymmei{-U} ekle Form 
auf -e (vgl lit. Fm^) vor. Vgl Berneker S. 228* 

Eine m. Sg. Prils. auf -ts ist vielleicht auch nnduta I („dtzt* hat die 
^Kinderpredig**)» Berneker S, 230. 

«) Violleicht nicht m lit teikti ,mteilen<^, eondem lett. teM ttflageti, be- 
lichten'' gehörig'. 



Spradte des preti£. EncMridioti?. 



in 



Es gibt ziemlich viele Injunktivfonneii im Preußischen, die 
ebenso durchsichtig, außerdem aber mehrere, die dtireh Anfügung 
von lai verschleiert und in dieser Verbindung einer sekundären 
flexivischen Behandlung unterzogen sind (vgL Brugmaun Grundriß 
n 844). Ich beginne mit dieser Gruppe und ateUe in ihren 
Vordergrund (quai) battlai „(welche) sei'^ = boülai „wäre^ und 
Hlai „(daß) gehe", per-ellai „(daß) komme*^, d. i. bü[tj = ved. 
bMt (ma bküt), eiftj ^ lit (te) ei (Brugmaun a. 0. S. 1278) 
(vgl. Ted. ait) + Partikel lai (die aber selbstverständlich erst 
nach Verlust der Personalenduiig angefügt, ist). 

Die übrigen auf -lai endigenden Formen der m, Person 
Bind: pö-gatteiüinlai „(auf daß) er zurichtet" (Inf. po-gattawint)^ 
imlai „(daß) er nehme'^ (Inf. imt), nniniai „(auf daß) er möge", 
quoitilai (so zweimal und je einmal quoitylai, qitöitilai) „er 
wolle" und „(daß) er wolle (wolt)" (vgl, Part po-quoitUön\ 
if-raHkilai (Text: ifräikilaif Berneker- ni/i/ti/ai) „(daß) er erlöse" 
(vgl if-rankhmSf if-rankit und if-7*anck~mmn)i schlüfihi „(daß) 
er diene" (Inf* schlüfitwei)^ au-skimdlai „(daß) es ersaufe "", 
turilai (so einmal und zweimal turrlJai) „hat" (konditional) „er 
sollte" „er müßte" nebst ni-turrUai „(die) nicht habe" (Inf. turit) 
und neben allen diesen konjunktivischen bezw. optativischen 
Formen eine mit scheinbar indikativischer Bedeutung: lemlai 
„(wenn Gott) bricht"* Ist hier aber nicht etwa ein Verb wie 
lit. imlöti (Oeitler Lit. Stud* S* 78) vorauszusetzen, so wird an- 
zunehmen sein, daß WiU Infolge des unzweifelhaft häufigen 
Gebrauchs von konjunktivischen Formen in Kondizionalsätzen ^) 
lemlüi in die Feder gekommen und unkorrigiert geblieben ist (es 
folgt das richtige kümpinna% lemlai in Wirklichkeit also „brechen 
whrde" bedeutet (Inf limtweiy im I, Katechismus ImnUwey). 

Einige dieser Formen, vielleicht sogar die meisten, mögen 
nach den Vorbildern ^ilüij boülai : Inf. -eit, böfit ohne weiteres 
vom Infinitiv aus geschaffen sein, aber diese Entstehung ist aus- 
geschlossen bei 'skiändlai wegen seiner Verschiedenheit von 
seinem vorauszusetzenden Infinitiv (lit* skesti) und bezw, bei 
lemlai (Inf» limttvei, vgl. oben S. 106 Anm. 2{ -wela : -wilts und 
Leskien Ablaut S, 333; anders Berneker S. 138 t). Mindestens 
-skiendlai besteht also sicher aus einer fertigen Verbalforra + 
iai, und zwar kann diese Form nicht auf skend-i zurückgehen^ 



") kaääcn deiws . . . I^ilai „wenn Gott bricht", nicht qud . . . lentlai 
,wo . . . bricht*', wie Berneker S. 97 gegen aeirse ©igeiiG Ausgabe echreiht. 




112 



Ä. Bezzenb erger 



da hieraus *skens entstanden wäre. Alles ist dagegeu in Ord^ 
Dung, werni ske^idfet] + lai z\x gründe lag. 

Indem diese Formen erstarrten, erhielten sie das Ansehen 
Ton solchen wie pldai (S. 93), und infolge dessen gebrauchte 
man sie nicht nur als L Sg*: schlnfilai (lies: schhirilai) „(daß) 
ich diene '^, sondern bildete auch von ihnen aus die neuen 
Formen; quoitilaisi „du wöllett** (vgl. die Neubildungen driiume, 
seggesei S. 89) — turrUinmi „wir müßten" (vgl. immimm usw. 
S. 93, während Beraeker S. 227 turrllimai in -luimai ändern 
möchte) — quoitilaUi (quoUyJaiti) ^wollet" (vgl. unten S. 119 
rlpaüij Mnmstinaitai usw, gleichfalls mit ai für zu erwartendes i). 

Trifft diese Behandlung der lai- Bildungen das Richtige, so 
ist zu deren völliger Klarstellung nur noch der begriffliche 
Zweck der Anfügung von lai nachzuweisen *). Dies scheint mir j 



^) Den preaüsclien Formen kominen sehr nahe lett. es hich* Idh mes Isim 
läi „ich will, wir woUen gehen'* (Wolmftr). Das fiir lett. Idi voTkommende 
Md (Lit lett. Dnicte 11 52 Änm.) ist volkietymologisch, nnd lai (Ini) nag 
eine alte Optativform im Sinne von „möge" „wolle" sein, ohne aber ala *t^ni [tj 
au%eWt werden zu müsaen {Bnifmann IP* XY MO, vgl. PreUwitz Et, Wbch.* 
unter X^p.vc). Lett. läi toinsck U^ preafi. ei[tJ4ui vergleichen eich dann rjii^| 
taktbch mit lit. noH eydme, iiransime (Lit. lett. Drucke IV 116 Z. 28), kmU 
nori prigatawomm (Beitr. %. Geech. d. lit Sprache S. 259), väyj hui' flau} 
Juskevic DÄjnos Nr. 627» lat. qtäd f^is faeiam. 

Das LitaniBche braucht l-ai heute nur in einem Teile seines n5rdlichen 
Gebiets, in Überoinstinimung' mit dem Lettischen und wahrscheinlich nar als 
Ijctti^mtiB, Aber ich glaube, da£ es in ihm früher einen gro&en Bpielraam 
g-ehabt hat, denn ea scheint mir nicht nur in eRlini (eshti, esle Beitn ä. Oeach, 
d. nt. Spr* S. 64 Anm. 3) enthalten zu sein, sondern auch in dem permisaiven 
trgül (von Chjlinefci ond vermatMch auch in der Wolfenbüttler Postillc nicht 
gebraucht: Mitteil. lit. liter. Ges. IV 235, V 232, dagegen von PieliiewIcÄ : Archif 
f. ßlav. Hlnl. Xin 567), dessen Erklämng ^er, sie, es liege**, ,]al es liegen*" 
(Schleicher Gmm. S. 227, Kurschat Gram. § 1160) durch ktfül ein „mag er 
gehen** tegtd gtoias (Lit. lett. Dr, lY 98 Si. 16) Lügen gestraft wird. Ich sehe 
darin te-gu4fa}i und in gn die gleichlautende Partikel, die zwar fast tmr fragend 
geh raucht wird, aber noch eine etwas freiere Anwendung erkennen Ififit (Beitr. 
i£. Gesch. (l Ut. Spr. S. 262, 264, Leakien IF. XIV 9S, Mitteil, lit liter Ge=, 
IV 240 Anm. 6, Jmyi oder jdgu*' Kurschat lit Wbcb., ntyu ib.. neyü „anßer"* 
Juskeviu DiljnoB Nr. 200, negiit Geitler Stud. B. 97, Miezinys unter ney) und de reu 
Herkunft (J. Schmidt KZ. XKV 95, Zubaty IF, VI 307) eine solche voraussetzt 
Übrigens ist auch das mit lai identische asl. 11^ rusB. li, h (Fick Vgl. Wbch.*^ 
n 647) Fragepartikel (die Be^rt<^ilTmg von rasa. jMi ^wenn", poln. jfieli, /c^i^H 
jeM daes. müB ich den Slavisten überlassen). Unterstützt wird diese Erklänmg 
^en tegül durch das neben ihm vorkommende tegü (Bmgmann lit. Volkslieder 
usw, S. 287), das nicht l verloren bat, sondern nichts weiter ist, als ie*gu, ent- 
sprechend der Verbindung te-gi (alt: tegistoWj tegiwekdjf vgl. in Jiiäke?ic^ Däjnos 



Sprache dea preai. EMcbiridiotis. 



aber niclit möglich zu sein, detm ein funktioneller Unterschied 
zwischen ihnen und den übrigen Injunktiven läßt sich nicht 
behaupten. Sie treten zwar besonders in Nebensätzen auf, aber 
hier erscheinen auch konjunktivisch gebrauchte Formen ohne lai 

Von den übrigen Injunktivforraen treten als solche klar 
hervor : 

en-diris j, siehe an** (Inf en-dyritwei, lit, dyrHi), (ßerdaus 
^sage***) und en-gerdam „erzähle"*) (Inf gerdaut), en-grmidw 
^erbarme dich"^) (en-graudlman ^Barmherzigkeit"^), mgli^ „liebe***) 
(Inf milyt). 

Diese IL Sg, sind von gleicher Art mit telks (S. HO). Zu 
gerdaus stimmt dinkauü „danket** sowie die III. Sg, dinkati-tt* 
(8. 109) und wahrscheinlich die L PI. dinkaumai (S, 85 t). 

Fiir n. PI Inj* halte ich auch: kmhfti (zweimal) „hörot** 
<Inf. kirdltf kirditwei; daneben L PL Ind. kirdimai und kirdtnU^ 
worüber unten), mibßi „liebet" (vgL oben mijüft und miW H. 91) 
und seggltei (zweimal), seggiia „tut!" mggdm^ gegytin „(daB) ihr 
tut" (s, S. 90)^), 

Die Grundlage aller dieser Fonnen war nicht der PräNi;rm^, 
der lofinitivstamm* Diei ergibt dch durch ihr ÄuBertm 



g%d .»Uegt" (neben gidi Nr ÖSift, «89) Nr. 1«), W^, 22fi, 411, fiOff, im, n^M 
843 Biiw., gal (neben gdli Nr. ia9| Nr, 200, W^, S8Hb, jfff tm\ tut Nr H3JM, 
tut Nr. 411, m Nr 219, 51B (ancli iMff), MM Hr. tm, mi, 2IS0. r,tH, miH, 
Jcd Nr. 613, paköl Nr lU. 2U, U2. atgät ,,mt«<|[« Nr. tfiA, t^i^ Hi. KM 
— ttgü Nr. 79, 229, 266. 4£8. 511, SMI, mt, M, WJ mm. h0 j^ „w«M*^ 
Nr. 19K ei3 and im üim Mg^AMt n^). — Du I^Mw^ "tmmUk Mr 
Updfai] jit d« THmüi Mh iifcwjwi filwmMif «fi4 »iifolf «4«hmmi MI4«ti 
mm Ugi^, Ugtä^. Ugtti k^ürkt (Mtr, «. Oüclii 4. IH i^^. U, %i%, fgl 
Kiuiclui Gram, f um, MB t) uid kmm hM pmMtf^im WnrMHmimifmn mUmt 
Ü^ (tägml) am gäl WBd läi anM gut «flMf m lliftfi^ *iir*ir //%f4 ^M(tfr</y 'if^f 
j4 « Bu Itfi^ nr«i«il M MiMi 

Ton 1S31 MiM (Eaifc« a. 0. ». »1/. - ttmi4m i* M tMUNlMtf^L ./^^^^ fhPt^ft 
«giiiel Mo*, ttM g*«ü iMtt» wnr44> )^^^^, «4« Mf^^^l/f Ml 4iHi MiuukH^Mitf»- 

^ 3m mmm JMiM ^kHäiM lU »% MiMiM^^ gjpki ». ü. 8. Wh ^*^f 
IL 

«} Idl tedcft fai Mi%i. 

^) Dm0äätm müM^ U *miMk U ^imtMJ*. - tlkm wimß mA mMää 

XU 1«. % 



X 




5 



114 



Ä, Bezzenberger 



(man beachte seggltei neben seggeü) und durch ihre Betonung, 
die, abgesehen von mylis, derjenigen des Infinitivs entspricht, 
m-dim (aus -dlr&s) ist also von anderer Art als au-skimdlai 
(S* 111), und derselbe Unterschied besteht zwischen diesem und 
turilai^ qiwitllüi, falls diese Formen nicht schematische Nach- 
bildungen sind. 

Die übrigen Formen, die ich für den Injunktiv bestimmt in 
Anspruch nehme, werde ich weiterhin nennen (s, S. HO f., 122) und 
wende mich nun zu denen» von welchen es mir zweifelhaft \s% 
ob sie diesem Modus zuzurechnen sind, weil sie sich äußerlich 
von präsentischen Indikativformen nicht unterscheiden, und solche 
öfters konjunktivisch gebraucht sind. Veranlaßt ist dies durch 
die Entwicklung der haltischen Konjugation, die den Unterschied 
zwischen Indikativ und Injunktiv verwischte, indem sie sekundäre 
Personalendungen in das Präsens einführte, also z. B. *laikati 
^er hält*' und *laikat ^er halte" in laika[f] zusammenfalten ließ 
(lit. $s^ko — te-es^ko; preuß. er-laiku ^erhält", läiku ^halten" -^ 
Miku „halte", et-laikumi „enthalte sich^), zugleich aber, wie ich 
glaube, die Freiheit erhielt, Injnnktivformen primäre Endungen 
zu geben (vgh Delbrück Altind. Verbum S, 31 ff*, Bartholomae 
Altir. Verbum S, 30, 44, 130 ff.)- Dies ist vielleicht geschehen 
in Sit (vgl Btlm) : kai tcbbei (bezw, tebbe) lahban Bit *) „daß dii"'s 
wohlgehe" (Willen t: idant gier hdu\ per-eit timis rtjks „dein 
Reich komme", und eit stände dann auf einer Linie mit der lit. 
III. Optat. büt (Kurschat Gram. S. 300, Gauthiot Parier de 
Buividze S. 52), die ich auf hiäji] zuriickführB (vgl boühii 
S, 111)^). Ich kenne sie aus dem Südlitauischen, das die 
Endungen so sehr pflegt, daß mir Entstehung von büt aus hüt^ 
undenkbar erscheint, zumal da auch diese Form, nicht aber fiwin 
Mar vorkommt. Freilich besitzt dasselbe Dialektgebiet auch den 
persönlichen Genit, Plur. mtis neben müsü (dies seltener), allein 
die Lautverhältnisse nötigen, auch diese beiden Formen zu 
trennen* 



Die prenliBche Fassung' dee vicrtGt) Gebotes entspricht der eines Leipdgcir 
deutschen KatechiffiDua von 1543 (Knoke a. 0. 8, 70). 

») Beüäufig bemerlst ist jede Behandlung des üt.-lett. OptaÜTS Stückwerk, 
die nicht den „hochlettiBchen" Fonnen auf 4ib^ -iim^ -ümtt Eechnung tifigt 
p^tt, BiäL'St^d. S. 72 Anm.)^ und ea ist klar, da£ die Endungen der lit I. Sg. 
Opt -czq, -czau, -crö, -czo ein -ti- Toraussetzen. — Dal s#htm6tatt nirgends 
belegt ist (Archiv f sla?* Fhü. XXY 487). ist richtig, aber nxmdctumbimi kann 
man schon seit 1890 in Bystrons Ansgabe dea KatecMim Ledesmj S. 61 leaea 



Sprache des preafi. EnehiridiouB, |]5 

Ob mt so zu erkl&rea ist, muß aber dahin gestellt sein, da 
es ebensowohl III, Präs. lud* in konjunktivischer Verwendung 
sein kann. Bei einer anderem Form ist diese Möglichkeit da- 
gegen aasgeschlossen. „Auf daß ich sein eigen sei und ia 
seinem Reiche unter ihm lebe und*) ihm diene" ist übersetzt : 
nostan kai as . . . asmai bhe . . . giwlt bhe . . sclilufilai, 
Nesseluiann S, 73 macht Will die^e Stelle zum Vorworf , aber 
man sieht, daß der Irrtum auf selten des Tadlers, d. h. daß 
gimt eine als I. Sg. gebrauchte HI, Sg. Inj. mit primärer 
Endung sein kann (vgl giim^ *giivmai S. 89)*). 

Wie dem aber sei — jedenfalls sind Formen, die sich 
Äußerlich ganz als Indik. Präs. darstellen, in den baltischen 
Sprachen konjunktivisch (bezw* adhortativ, imperativisch) ge- 
braucht. So lit. eimef eiväf eite, regite^ neded (Schleicher Gram, 
a 252, Gaigalat a. 0. S, 233, Beitr. z. Gesch. d, lit Spr, S. 210), 
zegmdes aus iegnößjdews% lett. eima, palidCf swetij sudi (Bielen- 



*) i,imd" Mit im deutschen Text. 

>) Die bdden deutschet] Bdchiformen bei Knoke a. 0, 3. 94 legen et nahe^ 
aacll in (pogätmai . . .) dwihugüt . . . druwli („dal man empfahe . . . 
mcbt iweivel , . . gleube**; Abichnitt 32) solche Formen fu sehen. Aber der 
deuteche Text des Enetündioiiif auf den man doch zuDächst angewiesen ist, hat i 
_(man empMe . - .) iweifeln . , , glauben** und nötigt also tu einer gmi 
anderen Erklärung yon dwibugütj druwU: sie sind imperativisch gebrauchte 
lufinittre und als solche vielleicht gar keine Germanismen (vgl. Beitr. t. Geich. 
d. lit. Spr. S. 218 f,, 259). 

Ähnlich &teht es um milyt nnd tetaint in der Erklirang des &eebsten Gebots 
Der Magdeburger niederdeutsche Eatechismas von 1531 hat: n(dat) ein jeder 
pjne echte gade leff hebbe unde eere**, Sauromannos ; ut nnnaqnisqae suam 
conin gem amet et honoret" (Knoke a, 0. S, 71)^ indessen auch hier genügt der 
dentache PaiuUeltext vCdlig. Er hat die Infinitive ^iLieheu'* uud „ehren'', ab- 
hängig von dem einleitenden „wir sollen", und ebenso hat Will konstruiert 
Daa&elbe Verhältnis zeigt die Erklärung des neunten Gebotes (wo der deutsche 
Teit mit seinem „trachten" und „nicht*' auf selten der „Kinderp redig** steht 
[oben S. 70]): mcs turrimai . . . »chhiiAngigku boüion und Witlents lit. Über- 
fettung des fideheuten: turim , . . padeti daujdnti ir apginti. — In der Er* 
klänmg des achten Gebotes steht im Schlul noch einmal turrimai im Gegeu- 
mti lum deutschen Teit, aber Wülent hat es nicht selbständig, sondern im 
AögcbloJI an andere Katechismen gesetzt (Knoke a. 0. S, 72 f.). nnd der deutsche 
Teit ist deijenige der Banderpredigt. Innnerhin ist es lehrreich för die Er- 
kUmng der betr. Infinitive» die also troti Nesselmann a. 0. und Brückner Arch. 
1 ilav. Phil- IV 27 ganz richtig sind. 

') Oder aus lcg7iQk-d^wg? Zweifelhaft bin ich auch über pade div)as (so 
JftftiTic DÄjnoB Nr. 518, 822, 893, 974), padediSy -daiis (s. Zubaty Anz. f. indog . 
Bpnch- und Ältertums-Kunde XVI 63)» weil daneben zwar ddpadi (Juskeviß a. 0. 

L^r. 780)» aber auch diwe padik vorkommt — Euthalteü diese volkstamlichen 




116 



A. BezzenUer^er 



Stein Lett. Spr n 164, 2ü8, vgl jäe^e Prellwitz BB, XXIX 322). 
Aus dem preußischen Enchiridion führe ich zunächst an : 

asmai „(auf daß) ich sei", astits „(auf daß) er sei**, astai 
„seid!*^^ dost „(daß) er lasse" (neben dasi „gibt"), Hen au-d^&t 
„(daß) er geschehe** (neben audäst sien „geschieht")*), biU^ ^er 
spreche** (und „spricht"), Jclansemai „(daß) wir hören'* (oheo 
S. 102), en-laipinne „(daß) sie befehlen"') (Tgl, S, 96), qtioüeti 
„(daß) ihr wollt" (vgl S. 99), per-stallB „(der) vorstehe" und 
staUeniai „(daß) wir stehen" (s. ebenda), seggB „(daß) sie tun", 
segs (segge) „er (man) tue", Beggmmi „(daß) wir tun" (vgl, S. 89 f.)i 
waiditi „wisset" (und „ihr wißt", Willent: $innoi\ vgl, S. 102), 
mlrsi „werde" (und „wiid") und wirf^tmai „wir würden" (Willent: 
butumbim; vgl 8, 84) (wirst „werde" auch in I). 

Es wäre ein aussichtsloses Unterfangen, diese Formen von 
dem Indik. Präs< loszureißen, und deshalb trage ich kein Be- 
denken, demselben auch die zahlreichen anderen zuzuweisen, die 
hierunter verzeichnet sind, ohne indessen zu bestreiten, daß sich 
mehrere von ihnen für den Injunktiv in Anspruch nehmen lassen. 

giwa „(welcher) lebe" (im 31, Abschnitt, Willent: giu-entn) 
(vgl, S, 84). — läiku „er halte" und et4äiku-sin „er enthalte 
sich", e}i'ivaitia „er rede an" (Inf. waitiat; asl vestati^ Präs, 
veMajq) (vgL S. 88), 

maffi „er möge" (vgl, S, 87), — sm-gydi „(daß) er er- 
lange"^), kirel „er habe" (s, indessen S. 121), po*künti „er be- 
wahre" (vgL S, 91 f,), — hüli „er spreche" (vgl, S. 99). Femer 
m*-lMng% „er erhebe" und po-hjcki „er beschere***). 

er-klnina (falls nicht Druckfehler fiir erkinint) „er erledige" 
(vgl. gr. Ti¥vjLiai)^ spartina (und falsch spartiww) ^st^rke", swin- 

Aaadröcke db III. Sg. Im per. auf -k, so erschüttern sie die sonst sehr ein- 
kochtende Annahme BrÜcloieFS lituslsT. Btud. I 165, flai ^der Gebrauch der 
II, Sg. Imper. für die III. Fers, ein Slavismns sei**. VgfL S. 119 Anm. 1, 

>) Die Inyersion wie im Deufechen : „er begibt dch**, „wie begibt sich* — 
„dal fiich begebe '', aber unabhängig vom deutschen Teit. 

^) l)ik& entep rechende „arifahen" des deutschen Textes bt Infinitiv. 

Ä) Von einem Verbum der Schleichersehen Klasse IV 2 gehCJrig zu j^eJd*, 
giHdi „warten* (S. 92; vgl. lit Idukti ^warten**, m-lätikti „durch Warten be- 
komnaeu**), wie lit bjdiu (Ipdim), lydeti „begleiten" zu Imdixi, I^H „lassen''. 

*) Der lit. Permißsiv te liki „möge bleiben'* (Zubatjf Sitzungsber der bdhm. 
15 ea, d, W. 1901 S. 12) ist far die Begtimmung von po-hjcki belanglos, Ebenso 
das lu diesem gehörige Part. Prät. po^hkms (die einzige Form dieser Art auf 
-in$) denn es kann sowohl in po-likum, wie in po-Iikium gefindert werden . 
(Beiläufig bemerkt ändere Ich ati^ninkis „betrübt" id an-nümBs ™ au-minrnm, 
Nom. PI., virl, H. 94 Anm. 2). 



Sprache des proii£. KDcMi-idions. 117 

Htm „(daß) er heiliget" (Willent: pmcktvgnstu)^ po-ftmigstinüi 
^er erleuchte", umrtinna sin „er wende sich" (ygL S, 96). 

ghvassi (auch ffiwasi) „(auf daß) du lebest" (vgl. S* H4). 

et-skimai bhe winna per-siniai „(daß) wir auferstehen und 
heraus kommen" (der deutsche Text umgekehrt; ^herauskommen 
und auferstehen'^ entsprechend der „Kinderpredig")'). 

giwarnmai ^(daß) wir leben", per-weckammai „(daß) wir 
verachten" (wörtlich „versprechen", vgl. den rahd. Gebrauch 
dieses wortes und gr; ßnag), wirstmai „(wenu) wir würden" 
(Wülent: huttmbim) (vgl. S. 84), 

mariimai „(daß) wir mögen", tn^ntimai „(daß) wir lügen" 
und ^'mmümai „(daß) wir belügen", er-nertimai „(daß) wir 
erzürnen *^» schhinnmi „(daß) wir dienen" (vgl S. 87). 

läihivmi „(daß) wir halten" nebst en-laikmnai (so!) „(daß) 
wir anhalten" und po-laiktimai „(daß) wir behalten", tvaitiämai 
^(daß) wir reden" (vgl S, 88). 

turrimai „(daß) wir sollen" (im 19. Abschnitte kai mes 
druwit iurriniai^ Willen t: idant tikietHmhim) (vgl* S, 91). — 
gaMmai „(daß) wir helfen" (vgl. Part, Prät. po-gaMon und lit. 
qe^senti^ -anti Beitr. z. Gesch, d. lit. Spr. S, 66), girrimal „(daß) 
wir loben" (Inf* girtwei\ Mt. glriame „wir loben") (vgl S. 92). 
I au-gaunimai „(daß) wir gewinnen ** und po-gaunimm „(da- 

mit) wir empfangen", gmmimai „(daß) wir treiben" (Inf. guntwei)^ 
immimai 7, (daß) wir nehmen^, pidimai (und falsch pidimai) 
„(daß) wir bringen", ^o-A«?iünai „(daß) wir bekennen" (vgl. S, 93). 

bebinnimai „(daß) wir spotten", brewinnimai „(daß) wir 
fördern" (vgl. brewwgi „förderlich"), mukinnimai „(daß) wir 

I lehren" *), tickinnimai (teckinnimai) ^(daß) vrir machen" (vgL 
8- 96). 
*) WÜl bat UTiter Bcboldiger Berückiichtigxmg der folgenden Stelle dea 
Bßmerbriefet sowohl eiegetiich wie ipracUich richtig' übersetzt; der &lte Adam 
m uns loll täglich eterben, wir aber soUen täglich, wie Chrit^uj — in dossen 
Ted wir durch die Taufe eingeleibt sind (so die „Kinderpredig*') — aus dem 
ISrabe, aufersteben: (als) ein neuer Metiscb, der ewiglich lebe (^also soUen wir 

»iDch in einem neuen Leben wandeln**)- — Hätt« „der gnte Pfarrer" nach dem 
Verlangen NesselmannA S. 73, das Bemekar 8. 06 xu t«?ilen scheint, die ent- 
i|rre eben den Infinitive geaetzt^ eo bfitte er sich sehr mi^veretändlicb ausgedrUcki^ 
denn der alte Adam B0II keineswegö auferstehen. 

») Nicht ^lernen** (Neseelmann 8. IJ8). obgleich dies der deutsche Teit bat. 
Der prenijsche Teit entfipricbt dem des Lonicenis: „libenter tum audire ab al^s^ 
hmi alioB dgcere** (Knoke a. 0. S. 71). Veranlait mag diese Fassung sem durch 
4b landläufige (auch oatpreuliscbe) Verwechslung der dentacben Wörter „lernen" 



118 



A. Bezi!enberg0r 



au-paicksmai ^(daß) wir abtrügen*^ (Willent: atwilotumbimy 
uod paikemnm „(daß) wir trügen" (vgl unten po-paikä), klan- 
temmai „(daß) wir fluchen" und per-hlantemmai 7,(daß) wir ver- | 
raten" (vgl, Mantiims, per-klantlts)^). ^d 

madliii „bittet!" (vgl S. 87), — ttirriÜ „habt!" (vgl 8,91).—^ 
laiJcutei „haltet!", m-laikuti „haltet an" (vgl S, 88), — bimBi 
„sprecht!", latikyti „suchet!" (Inf, laiiM; vgl S. 99 ff und oben 
biüi „er spreche"). 

Unrichtig ist po-paika ^(daß nicht) betröge" (es folgt bhe 
perweddäj vgl S, 108), Ich ändere es in -paiku d. l paikaßtj^ 
das sich zu 'paick^nm verhält, wie billü zu biU^maL 

Zweifelhaft sind po-rimm „(daß) man bekennt", immati 
„(daß) ihr nehmet" und er-Iinnaü „(daß) ihr erkennet". Sie | 
können konjunktivisch gebrauchte Indikativ- oder Injnnktiv- (vgl 
S. 95), können aber auch echte Konjunktivforinen sein {-finnimai : 
'finfiaii - al krimmä}} : krlrjtatha). Die Betonungsverhältnisse 
(vgl ved. praminänm) bereiten dieser Erklärung nicht mehr^H 
Schwierigkeiten als jenen. ^^ 

Eine echte Konjunktivform ist möglicherweise auch po-lynkt^ 
„(daß) sie bleiben" neben po-Unka „sie bleibt" (S. 84). Es 
würde als solche aber die einzige ihrer Art sein*), 

Optativ« 

Unzweifelhafte Optativformen sind zunächst duis (zweimal) 
„gib"* ^laß" (- duis I, daps II) und däiti (fünfmal ff, viermal a) 
„gebet" „lasset" (neben dase „du gibst", dast [siebenmal] und 
dost [viermal] „er gibt" „läßt"), und zwar kann dais = Jo% 
sein, da e zu l geworden wäre. Wahrscheinlicher ist es aber 
im Anschluß an däiti gebildet, und dies wird - dä-i-ti (nicht 
da-i-ti) sein* Von gleicher Art sind möglicherweise lit dumaik, 



und „lehren^ (das letztere bieten niederdeutsche FäraHelsteUen), aber e& iA\ 
klar, dai Will nicht den Begriff „lernen'*, sondern den Be^ff , lehren'* hat 
aoadiücken woUen, denn für dies braucht er mnkint, für ^er lerne** aber leeen 
wir mukitmi-sin. 

*) Obgleich paikemmai -pakkemai neben sich hat und zur Annahme emea ^ 
abgeleiteten Verbams nötigt, hält es Bemeker S, 216 fiir *paikammaL — Ich. 
uetze Verba wie hiU^tf klaimtoji voraus (vgl, oben pa-jiaikä) und erkl&re dw 
-eiumni Ton klantfnimai, paiktmmm wie das von ^wiCT«wai (S. 89 f.). wertemmai 
^(dal) wir schwüren*^ lasse ich als unklar belseita (etwa für werdetnmai, wghi 
Ut waräytif ivat'döti „besprechen**?). 

•) In dem Infiniti? pö4aikt „bleiben*' wird ai ^ Ut, ä sein, v^. z, B. lit. 
^zmntii, stwmH «hell werden" neben sxfvimt, sswtkii „ leuchten* (intr). 



Sprue ho dßö preuft. Enchiridions* UQ 

iinaik usw., doik und wahrscheinlich huik (Gaigalat a. 0, lY 418, 
V 30, 233 0* Mit Brugmanu Grundriss II 1302, 1310 dais zu 
den oi-Bilduugen zu rechnen, ist unnötig (Zubat^ IF. IV 470). 

Ebensolche Formen selie ich in fiffnais (gedructt ßffnai.% 
Ton Nesselniann korrigiert) „segne", et-trais (oft) „antworte" 
und at'traiü (siebenmal) j^antwortef^ trotz der III. Präs. ot-lrai 
(S. 88), da eine hiervon neu gebQdete II. Sg. als *et-träisei 
(oder ähnlich) erscheinen würde*). 

Ob auch dinkanimai „(daß) wir danken", rikauUe j,herrschet" 
Optativformen sind, ist mii^ zweifelhaft, und ich ziehe es vor, 
darin Formen des Indikativs zu sehen (vgl. S. 86). lüt Ent- 
schiedenheit trenne ich dagegen vom Optativ: 

immais (imais; nicht immeis^ me Nesselmann im Glossar 
und Berneker S. 226 schreibt; ymays Grünau) „nimm", kackin- 
nais „reiche'^, smmnnais „ehre" 

en-ffaunai (und falsch '(faunei) „(daß) er empfange*^ und 
po-gäiinai dass, (s. Fortunatow a. 0. S, 158), po-stanai (so 
siebenmal, einmal po-stamii) (daß) „es werde" „sie werden", 
au'pfdlai (und aa-) „(daß) er finde*', per-pldai „(daß) mau 
bringe*^ 

immaüi (imaiü) „nehmet" (= ymayti I, n, jmmaiUy T, 
ymmayii II), rlpaiti ,,folget", buwinaiti (gedruckt buuinanti^ von 
Nesselmann korrigiert) „wohnet", khmisti7jaitm „klopfet an^, 
mukumiti „lehret" (^ mukifiaity I, mitkineyti H), er-püninaiti 
„erfiillet", tickimiaiti „machet", tübmmiti „mehret", 

da sie von den klaren Indikativformen eb*immaij po-ffmmai, 
aa-paJIaif ptdai^ tühiinai (S. 93, 96) nicht losgerissen werden können. 
Da sie sich femer auch nicht wohl voneinander trennen lassen^ so 
halte ich wegen der Endung von immais^ kackinnais, smiminais sie 



») Ee liegt ätn nächsten, buik für bülftj'ki zu crkläjieti und äd Zunehmen, 
dafi die ÄhnJichlceit von *hiiiki und Idtiki, merkij sikij Möki (U, Sg, Präs.) den 
Gebraack von huik als II. Sg. Imper. horbciMirte, VgL aber S. 11& f. Anm. 3. — 
Je4en£^lä ist buik bei der Erklärung^ von -bimtf -bite des Optativs £ü beachten 
(rg-l, WJedemann Beitr. t. altbulg. Gonjugation 8. 34). Vielleicht beruht das 
eine auf bu-l-^ das andere mxt bu-i-. 

^) Die Folgerungen, die Fertunatow BB. XXU 166 aus dai^ : däiti, ettrim ; 
fitträiti deht, sin^ mir zweifelhaft Die beiden letzten Fermen kommen nur 
formelhaft vor an<! zwar cttrats im Enchiridion und aiträiti in dem späteren 
Tauformular. Man wird nicht annehmen dürfen, daß WiU sich um jedes neue 
tttrak senderlich bemüht habe. VieUeicht wendete er dafttr eine Abkürzung 
ID. Ich sehe in ^f^j cttrai»^ wie in daiti nur Nachlässigkeiten. 



120 



A. B^nonberger 



Hämtlich fllr Injimktivformen 0- Wegen des ai van immaiti 
(nebeo immimai) usw. vgl, qnoHUaiti {S, 112) und z. B. got. 
ga-ktimm'ip ^xuraftud^ftf** (Geras S. 206). 

Keine Etitscheidung läßt sich treffen über das rereinzelta 
po-dingai „(daß) gefalle" und gerbais „sprich**, fferbaiti „sprecht '^ 
(je einmal; Inf« g^bt)^ aber wegen lit dlngo-s, dingSja-s läßt sich 
annehmeB, d-A'^-dingat entweder dingäi-t (Inj.), oder dinga-i-t {O^t) 
ist^ und es eoipfiehlt sich, gerbais^ gerbaiti für Iiijunktivfornien eines 
Verhs gef'bai' : gerbt (\ghpiiim- :pgd und gerbaisa „beichten" Gru* 
iian) zu erklären, da hierdurch eine gute Ordnung der preußischen 
Optativfürmen erzielt wird. Den oben behandelten von Stammea 
auf a (dais usw.) stehen nämlich solche mit -ei- in beträchtlicher 
Zahl gegenüber, und dieser Unterschied ist nur einmal verwischt 
(durch idaiti) und wohl begründet. Die folgende Besprechung 
der ei-Formen wird hieran hoffentlich keinen Zweifel lassen. 

jei$ „gehe", jeiti „gehet" (= jeühy 1, jeiti U) sind gebüdet 
wie gr, im, iot^iiv (Bopp a* 0* S. 109)* — poieiti „trinket"**) 
ist dagegen nicht eine Form der Wurzelklasse (ai, päti, Vpöi% 
sondern beruht auf dem Präsens-Stamm pöja- (vgh Schulze KZ. 
XXVII 423), den der U. Katechismus durch puieUi „ihr trinkt*" 



*) In den Ut. II. Imper. pa-pildni^ i»ch'klattMaij pa-mi-daray sehe ich den 
Verbalstamm auf -ni*, in den III. Penn. U klausai usw. (Beitr z. Geach. d, lit 
Spr. S. 209, Brückner .^chiv f. sla*^, Phil. XIII &67. Gaigalat ö. 0. S. 232) and 
in jja-prasduiim Inj unktiv formen (auf -t, hetw. -nie ; \gL Geraa S. 200 f.)- Ich 
halt© also (tejkhntstil und 2, B, preufi. per-phlai für dieselbe Bildnng^> — Zu 
den bereits bekannton Ut, Permisaiv-Formen auf -ai füge ich tegü täjsaj (neben 
der III. Präs. täßu) und ie-d-Hmij JoäkeTiö DdjnoB Nr. 514, 436. 

*) Neben dem zweimaligen pmeiU stehen die Infinitivformen poUt^ poüton 
and püf6}t, poutwH (vgL d. pätave) und pofm „das Trinken^ (v^L ai. -pAf^ft, 
-päyiü „Trinken" und foraieU au eh lit. wojwf). Dieser Unterschied (o — oö, «) 
eriuuert an kfmfi^ po-künH, po-ktiftsi, Inf. -kUmt : -po-kuntieix ; *€t'iüiErjH€f et* 
-wtrpimaif -ut^rptf -ici^rpt (freiUch auch ci-ieerpe) ; et-werpeis; iiefi8tu>ti : tttisdti 
„roi/ttl** und m die Terechiedene Behandlung von betontem und unbetontem 
ü ^ ä nach Labial {o — ü, GN. 1905 S. 460), Es scheint also, da£ das 
Proußischo weni^tens teilweise den Optaüvcharakter betonte (vgL lit te-ituJce\ 
und altes ^ «^ lit. il im Knebiridion nach Labial in betonter Stell an g zu Uj oü 
gt! worden ist (vgl. wflkam). Bei der Spärlichkeit des Materials will ich vor- 
läufig nicht mehr sagen. Daß poQt nsw. altes ö enthalten, stobt mir fest {j>woti< 
Lit, lett, Dr. IV 95 Z. 4» piwta Szyrwid Dict, nnter bimada). An ein© Wnrxel* 
form pu {Bemeker S. 150, Archiv f. sla?. Phil. XXV 476) hat schon J. Schmidt 
Jen. Lit.-Etg. 1874 Art. 478 gedacht. — Über den akientuellen Unterschied 
pmeiU (d. L -Hti} : te-»uke S. 123, 

In dem n von *wmaf sehe ich die Tiefetufe von öu ^ lit. u in ä^arüti nsw, 
(Geras 8. 193 f. Anm.), Vgl äi .■ I. 



Sprache des preul. ^chiridioim. |2l 

neben puieyti „trinket!" ergibt (der I. KatecMsmns braucht 

beidemal die Optativform: pugeiity bexw. pogeiity mit o für fl, 
wie in tayköimms und gobnns; Grünau bietet pogeys „trinck")* 

An poieiti schließt sich von selbst po-ktintieis ^behüte** 
(n. Sg,, worüber S. 124) aus -kuntioH'S^ geh()rig zu kuntif 
pO'künti „er behütet^ und „er bewahre** (8. 92, 1 16\ und an 
dieses reihen sich: die II* Sg, ei-werrek „öffne", et-ivef'peis „vergib*^ 
(ebenso ü, at-werpeis I) (vgl* S. 92) nebst teriseiü „reizet" (Inf. 
Ümstwei; lit. tedu : te§ti% in denen die „Erweichung'^ vernach- 
lässigt, d. h* ei - iei ist* Dasselbe nehme ich an in klrdeiti 
„höret** (vgL S, 113), dessen Betonung übrigens verdächtig ist 
(vgl. das von Schleicher Lit. Gram. S. 227 angeführte gidii im 
allgemeinen bilden solche lit. Verba nicht den Permissiv auf -S^ 
Kurschat Gram. S. 279). — Wer will, kann auch turei (S* 116) 
hierherziehen. 

Dem Anscheine nach reiben sich an po-kuntiei!? auch ni- 
df'audieiti „wehret nicht" und klausieiii „gehorchet", allein diese 
Formen bernhen auf -ai- ; -l-Basen (S. 102, 105) und sind zu be- 
urteilen wie jeiti, d. h. sie stehen für -l-oite. Wurde in diesem 
Ausgange l verkürzt, so konnte es nach einem Konsonanten in der 
Schrift veraaclilässigt wei-den (s. oben), und daher läßt sich 
crixteiti auf krlksti-oite ssurtickfuhren (diese Betonung ist voraus- 
zusetzen)* Es wäre dann Optat. Aor. Aber im Hinblick auf 
crixtia „ich taufe" (S. 87) glaube ich, daii es sich auch als 
Optat. Präs, auffassen läßt*). Unbedenklich ist diese Auffassung 
bei delUeis „er teile mit"*), über dessen Endung noch zu 
sprechen sein würd (vgL ht, dulyju : dalyti). 

Ein Opt. Aor. scheint mir dagegen vorzuliegen in po-skuleis 
„ermahne" (II. Sg.), Ans -skäUjo-u (vgl. S* 89) wird es nicht ent- 
standen sein, da dies zu -skttlleis oder -skuUeis geworden wäre 
(vgl. -seygiefdins S. 91 und (hüieis). Als -skäl^-ts ist es dagegen in 
der Ordnung^). — Ebenso steht es vermutlieh um en-wackeimai 
„(daß) wir aurufen" (Willent: prasehUnmbim) und waidleimai 
„(daß) wir zaubern" (Willent: ßolmetumbim\ Der Gegensatz 
en-urnkf^imm — en-tmckernui (Ind»; S. 89) scheint von Fortu- 

^) Nach seiner Erklärung hat fleh die von phtey^ „bezdU" Omnaa (poln. 
placid) zu richten. 

*) Das Objekt „aUeriei^^tea" ist onüUersoUt gebüebeti, vieUeicht weil ihm 
WiU tm Ende dea Satzes Eechniing' tragen wollte, aber es hier Terg^essen hat 
{vgl. die lit. tTbereetzung Willents, bei der Eraamus benutzt ku sein scheint, 
B. Knoke a. 0, S. 109). 

^) In gleicher W^eia« erklär ieh »^^Üty l^ sege^ti H |,tiit**i 



^ 



122 



A, BeÄ^enbcrg^r 



natov a, 0. S. 167, 178 und Berneker S, 218 für ganz be- 
deutungslos gehalten zu sein. 

Schwer zu beurteilen sind die 11. Sg. dereis „siehe" (vgl. 
S. 106) und if-rmkeis ^erlöse'* (vgl S* 111), welches durch den 
I, und n, Katechismus bestätigt wird, sowie das vereinzelte hirteifi 
„irret*^ (aus poln. karcic „bestrafen, tadeln" ? dann wie crixteiti). 
Ich vermute iii dereis, wofür ich deireis lese, und -rankeis II. Sg. 
des I^jmlkt^vs von Präsens-Stämmen auf -Bi- (S, 100). Wer ihr 
-eis = -%s setzt, hat es bequemer* Ihrer Vereinigung mit -werreis^ 
tenseitif klrdeiti oder erixteiti stehen mancherlei Bedenken entgegen. 

Keine Optativ-, sondern Injunktivformen sind bestimmt po- 
-aufjmneiü „erziehet", laustinmti „demütiget" undpo-waidinneHi „be- 
weiset", denn sie lassen sich von po-waidimiei (S. 96) nicht losreißen. 

Zu erledigen sind hierDach nur noch: tdeiti und fduiti (im 
Druck: Idaiti) „esset" (jede Form nur einmal; in I edeitte, in 
II ydieyti), setti „seid" (fünfiual ei, zweimal ei) nebst seisei „er 
sei** (worüber später) und ureddeis „ftlhre" (einmal; in I weäaü, 
in II tiwdeys) ^). 

Soweit sich sicher urteilen läßt, bilden also alle Stämme, 
die nicht auf -a auslauten, den Optativ mit -^i- und zwar fast 
ausnahmslos (s. idaiti). Hieraus ergibt sich aber eine Schwierig- 
keit, insofern dies ei griech, m, got, ai vertritt Bei jeis^ 
-kuntieis nsw. läßt sie sich dadurch umgehen, daß man in dem 
e die Wirkung von i f^;) auf folgendes a sieht Dies tut Ber- 
neker S, 225 und hat sich dadurch zu einer Erklärung von 
s^tij seisei verleiten lassen, die nicht nur sehr gekünstelt, 
sondern auch objektiv zu bestreiten ist, weil L ein Stamm no- 
in den baltischen Sprachen nicht nachzuweisen ist (ob ihn 
jemand aus lett. eschu Bielen stein Lett. Spr, IT 258, Kaulih 
BB, XIV 143, XVI 337 zu folgern wagt, ist abzuwarten), 2. fiir 
ind, syas usw. im Enchiridion sies > sis zu erwarten wäre, 
3. seMj seimi durch ihr konsequentes ei (nie iei oder ia?, vgl 
Berneker »S* 163 f) ihrer Zurückführung mfsiai- widersprechen*). 

Ebensowenig laut sich iai für iddti (vgl gr. idot; 4^di 
Julkeviö Dajnos Nr. 792) und weddeis voraussetzen, und weddeis 
auf wedds zu beziehen, nicht aber auf lit le-rvedM (asl. vedij 
wird sich wohl niemand entschließen. 



1) Dazu kt^rtdii „üo* ünmau, vgl lit. ktrtü : kifsti ,^haiien*', Weg-ea des 
y <%} vgL -r%nka S. 84, 

*) Daher darf m-m auch nicht an den Stamm /e/^f denken, der mir in got 
syit (I. Daal. Imperf, siin ^Äi-t^a?), djaip aaw. zu stecken scheint 



Sprache des preul. EnchiridionÄ. 123 

Da also das optat. ei nicht nur nach % (j) erscheint imd in 
. 0llkf pü-kimtieis, settif tdeitij iveddeis anzweifelhaft identisch ist, 
so muß sein Hervorgehen aus oi als ein Voi^ang betrachtet 
werden, der durch das Vorhergehen von i (j) nicht bedingt, ist. 
Als solcher erscheint es aber^ wenn man niit mir annimmt, daß 
das Preußische in einer früheren Zeit das litauisch-lettische 
€ ß) besessen (BB. XXIII 29^») und in unseren Optativformen 
ebenso zu ei verwandelt hat, wie in tennel (vgl lit. tS, ane)^ 
tenmimans (-mons), stMmans {Bi und ei ungefähr gleich oft, 
selten et; vgl. lit. i&m[ujs, got, paim), tenneison (einmal -mmi)^ 
stHson {si^isan^ meist ei, seltener H; vgL asL tech^, an, peira; 
anders Bemeker S. 202). Durch diese Verwandlung scheint 
teilweise die Ton-Qnalität alteriert zu sein: deiws tit derma, 
deinan lit d^nq (im Lettischen freilich dlws^ dhm) und ebenso: 
seiti (seiti) lit. (€-86^ iveddeis tih te-wedi usw* (vgl, indessen 
Vondräk BB. XXX 135 f.), — Weshalb e nicht immer durch ei, 
sondern auch durch ai vertreten, und ob nlaiti geradezu fehler- 
haft. ist| wird Sache einer eigenen Untersuchung sein müssen *), 
Einstweilen sei nur daran erinnert, daß die deutsche Schrift- 
sprache der Zeit, welcher das Enchiridion angehört, ain neben 
gewöhnlicherem ein duldete. 

Eine besondere Abteilung des Optativs bilden die Formen 
boüsei usw., die von Bopp a. 0, 8, 104 (vgl Lottner KZ. VII 45) i 

dem Aorist, von anderen dem Fnturnm angeschlossen sind. Ehe j 

ich auf sie eingehe, will ich bemerken, daß ich in Hsei „du 
gehest*" (WiUent: ei$i}y po-sfasei „wirst** „werdest" (Wülent; 
kisif pawirsi) und et-skisai „du fährst" (erhebst dich; Wülent: 
kefmesi) die II. Sg, Fut. {-sei =? lit. -si) vermute (vgl. Bemeker 
S. 220). — Die betreffenden Formen sind: 

1. Endung -sai : bousai „er sei", däsai ^er gebe", galbsat 
„er walte" (je einmal) 

2. Endung -sei : boüsei „er sei** „sie seien" und (daß) „sie 
sei" „seien" (siebenmal) und haUsei „er sei" (zweimal), au-dmei 
(sc. sien) „geschehe" (einmal), seisei „er sei" (einmal)*) 



^} tu @mnaaa maynta aabe ich weder die dem asl. mMo urverwandte Fonn 
Oemeker S. 306)^ noch Venächreibung von myasta (Brückner Arch. t ilav. Phil, 
XL 606), sondern daa entlehnte lit. nwstm mit demselben ay -= m^ B, wie in 
mntlay (Forttinatov BB. XXII 172 Anm.). 

•) VgL au-dassd-uin I, au-dasey-sin 11, pai^ey^ey U. 



124 



A. Be^ienberger 



3. Endung -se ; boüse „er sei** (zweimal), dase „er gebe" 
(zweimal), galbse „er waJte^ lielfe" und einmal nach dem deut- 
schen Texte „Iiilf* (zusammen dreimal), tusstse „er schweige^ 
(einmal) ^) 

4. Endung -si : po*känd „er behüte", eh-tignasi „er segne *" 
(je einmal). 

5. Endung -s : deUieis ^er teile*^ (einmal). 

Außerdem scheinbar die Endung -sii in nmkinsusin „er 
lerne", das aber nicht richtig sein kann und wahrscheinlich in 
mukinsei-sin zu ändern ist. 

Daß WiU galbse nicht, wie Nesselmann meint, als II. Sg, 
gebraucht hat, ergibt die Stelle, an der es dem deutschen „hilf 
entspricht (Abschnitt 20). Wir lesen hier; sta galbse maus myh 
tawB eadaugon „das hilff uns lieber Vatter im Himmel" . , . 
essestan iwkuntieis nians deitgnennis tawa „da behüt uns für 
himlischer Vatter", Also bei galbse der Nominativ, bei pohmtieis 
der Vokativ; folglich galbse auch hier II L Sg* und po-ktmiieis 
IL Sg. 

Ist aber po-kiintieiH nicht III. Sg. , so steht deUieis im 
Enchiridion vereinzelt. Vielleicht ist es falsch. Es folgt ihm 
unmittelbar anlautendes s (stesmu), und es kann also verhört 
sein*). Aber die Endung -s der III* Opt. ist darum doch nicht 
zu leugnen, s. p&rgeu (d. i. per-jeU) „zukomme" im I, Katechismus, 

Zur Erklärung von bousai usw. hat Brugmann (Jrundriss II 
1187, 1351 (mit der Bemerkung: „auch -ei-, -e für ^ai"^) die 
Dowkontschen Formen sogaiisajj turiemj herangezogen und hier 
wie dort -ai „für ein angefügtes, ursprünglich selbständiges 
Element" erklärt, .^dasselbe, das in den Nom. Sg, wie tasai 
neben täs vorliegt" (eine nicht ganz neue Ansicht; Geitler Stud, 
S. 60). Benieker ist ihm darin gefolgt (S. 22tj f., vgl S. 212 f.). — 
Solche Formen der III, Fut. sind in Dowkonts Sprache ganz 
gewöhnlich, haben aber, wie Geitler a* 0. bereits betont hat, 
nichts Optativisches. Im Prasma sind sie Nebenformen der- 
jenigen auf -s, und ihre Anwendung in den „Dajnes Ziamajtiü** 
seheint nur durch den Rhythmus bedingt zu sein : nepaluiksmins | 



*) Vgl nirse „werde" H. 

•) Umgekehrt scheint mir in stai wirdai km ahci atalU (Bemeker S. 175) 
ka f etile rhäft für km zu stehen, das hier und in sta drumf hu . - auschaudi 
(Abschnitt W), fuimiSt km nofcmmitn Hfe (Bemeker S. 98) DÄch letüsclier 
Weiso gebraucht ist (vgl. die Ictl Bibel von 1877 ^ par wißsahm dwa»chahm, 
kas ken wirs femmes 1, Mob. 1. 28; 9, 16). 



4' 



■ 




Sprache des preul. Enchiridions. 



125 



tij paiiksBtelej — kad tmt reksaj i iszwaiiotiti Nr* 32 (vgL rejks 
man Urjotl Nr. 73, reks j kare joft Nr» 75); par hieksaj itr- 
€fplis ! — par msz ikapeles Nr. 75. Ferner gehören bekanntlich 
auch zum Präsens Formen der III. Sg. PL auf -ai (sogar „essaij 
yra, est, essa'^ Prasmt^ S* 50), und auch diese sind nicht nur 
rein indikatiyisch^ sondern scheinen von Dowkont gleichfalls nur 
dem Rhythmus zuliebe gebraucht zu sein: krimtaj rasele / krim- 
taj nnglele \ krimt Tr merguieles Nr. 71, tvyst mtelej, tvyst roieles 
Nn 3 ~ pamysiaj roieUs . . Ir wajnikas kad pawtstaj Nr, 109 
und in Prosa: km n€s^ nas^q, tas tor Hnott did ko jf neseaj 
Bud^ S. 173. 

Ich glaube hiernach nicht, daß noch ^dies -ai im Permissiv 
besonders wichtig scheinen" kann (Schleicher Lit. &ram. S. 228); 
(te) Ihtaj, (te) jedaj sind lediglich III, Präs. Ind. Weder sie, 
noch die indikativischen Futurformen auf -sai haben also eine 
innere Beziehung zu preuß. bousai usw; und eine maßgebende 
Bedeutung für die Erklärung der letzteren. Im besten Falle 
könnten sie demnach nur als zufallige Analoga in Betracht ge- 
zogen werden, allein, wie mir scheint, ist auch dies nicht 
angängig. 

fDie Annahme eines preuß. Partikel -ai^) schwebt völlig in 
[der Luft. Gerade da, wo sie zunächst zu erwarten wäre, im 
Nom. Sg. Msk. der pronominalen Deklination, fehlt sie hier» und 
menn Berneker sie trotzdem sogar in der I. Sg, Präs, und der 
' IIL Prät, annimmt, alsoV an Stellen, die ihr selbst im Litauischen 
unbedingt verschlossen sind, so ist das nur ein Eingeständnis 
der Verlegenheit. 
Aber es fehlt dem Preußischen nicht nur das zweite Glied 
der angeblichen Zusammenrückung bous -\- ai, sondern auch das 
, «rate : es gibt kein bous^ kein düB, kein galhs usw., und dellieiSf 
;pergeis berechtigen nicht, dergleichen Formen anzunehmen, weil 
fiie ihr s nur einer Übertragung aus Formen wie boiisai ver- 
danken können. 
Endlich bleiben die Formen auf -sai an Zahl weit hinter 
«denjenigen auf -mi und -se zurück, und um boüsei, boft^e mit 
«ler Trennung bous-ai in Einklang zu bringen, müßte man zu 
lit patsey u. dgl. (Beitr, z. Gesch. d. lit. Spr. S. 173, E einhold 



») Oder *3üi? Ich lasse diose Fragte hier aaf sich beruhen, gebe aber 
^itiige EJe betreffonde Verweiße : Gaigalat a. 0* S- 131 f. ; Jawnia Praelectio 
CPet#rebar^ 1900) S. 27; Meillet Mem. de la soc. <Je ling. X 135 (vgl. BB. 
XlV 176); Iteinhold Mitt*U. d. Ut. liter. GeseUschaft IV 236 Anm. 4. 



126 A, Bezzenberg^ir Sprache dea proafi. Encliiridions, 

a. 0, S, 229 Anm. 14, Öaigalat a. 0. S. 26) seine Zuflucht 
nehmen, oder Übergang von -ai (nicht etwa -^0 in -ei über- 
zengend nachweisen, oder endlich Beniekers Behandlung von 
-saif -sei, -sej -d beipflichten. Er sieht in -sai „die Injanktiv- 
form^ (auf -s-t) -f ai; ^-si kann der lit* Futurendnng Imd (wie 
türi) direkt entsprechen ^), während -^e für *sk steht: htbimame 
neben hnsime^. „Trat an eine dieser letzteren die Partikel -ai 
an, so entstand -sei aus *-siai^ (ö. 226 f., vgl. 199 f,). — Ich 
brauche dem gegenüber weder meine obigen Einwendungen 
zu wiederholen, noch das Fehlen ?on -siaif -mei geltend zu 
machen, denn ich verwerfe grundsätzlich ein Verfahren, wie es 
Benieker hier angewandt hat. So lange nicht die lautliche 
Vereinbarkeit gleichwertiger Formen als unmöglich bewiesen ist, 
ist ihre einheitliche Erklärung anzustreben. 

Eine solche scheint mir in unserem Ealle aber recht nahe 
zu liegen. Ich halte die fünf Endungen sai^ sei^ Be, si, 8 für 
Spielarten einer einzigen, die ich als -$e ansetze. Die Berech- 
tigung hiei-zn ergibt sich aus den Nomin. PL stai, quai : temwi, 
asswi : assei : mse „du bist" (vgl giwassi S. 84 f., 117 und lit 
essie-gu Beitr, z, Gesch, d. lit. Spr. S. 198), da^e „du gibst**, 
ivaisei : waisse „du weist^, stamniei : stäninti ^stehend" (vgl. 
S, 79), wtwei : istwe „essen", biätwei : bmtud „fürchten" (vgl 
ai. krätve und X Schmidt KZ, XXVI 361), die Infinitive auf -1, 
die Nomin. PL if-rankltj per-klunittf if-maUintf em-pyrint*). 



*) Wie hier, io setzt Bemeker «ueh Archiv f. alav, Phil. XXV 4SI Anm. 
eine lit. HI. Fut. auf -si, wenn auch ala «Ncbetifonn" vomus, was ich unter- 
Btreiche. — MeiUet (s. MfioL de la soc. de Vnig. XI S18, XD 230, XIII 362) 
woUe mir gegtatteD, um atif nemirm Gaigalat a. 0. S. 232, lett. ftete^if him 
(Bielenetein a. 0. H 155} und die infiäntischen Formen atraij düi usw. (Lett 
Dialekt-Stud. S. 146 Anm.) hinznweiöent die auch dem Verfaaser der DiBpositio 
nicht fremd waren (KOnigaberger Studien I 203, 209)» Das Aufgeben emes aus- 
lautenden i gehdrti wie MeiUet anerkennt , zu den Freiheiten der alten litaaigcbcu 
Spruche. We&halb diese Endung in der in., Fat, schonungsloser behandelt ist» 
alB in der UI. PriB., liegt am Tagei türi war von turi akzentuell verschieden, 
während Huresi „er wird haben*" „sie werden haben** init htresi (ans -s?) „du 
wirst haben** znsammeng-efallen wäre, und so benutzte man die Freiheit der 
lautlichen Vertürzung , am eine aniweideutige Üeiivische Unterscheidung zu 
g-ewinnen. 

») Vgl, S- 85. Nesselmann S. 63 und Beraeier S. 97 sehen in if-ranl^t 
usw. fehlerhaft gebrauchte Infinitive, aber WiU hat bont, po-stütf womit ai» 
Tcrbunden sindj oft genug richtig konstruiert Freilich steht im 83. Abschnitt 
kai täns . . . erlaikut mafÜ postnt Aber hier scheint mir die Redaktion de» 



W* Spiegdbcrg' Äg-jptiscJie Leim Wörter in der älteren kriech. Sprache. 127 



■ In ÜbereiastiminnD^ mit dieser Annabme stelle ich housai, 
boüsei usw. zu lett. idt usw. (Bielenstein a. 0, 11 154, KauUn 
BB. XIV 122, Lett. Dial-Stud, S. 164). — Was endlich seisei 
und pergeis^ tezw, deüieis angebt, so ist hier die aptati?ische 
Endung *se an fertige III. Sg. Opt. (*5ei vgl s^tij *jei YghjdSj 
jeiti) angetreten, und dies ist wohl verständlich, *sd „er sei" 
wurde deui gleichbedeutenden zweisübigen böusei angeähnlicht^ 
u/id indem dafür seisei eintrat, erhielt -se den Anschein einer 
Endung der HI* Sg. Opt. 



Ich bilde mir nieht ein, jede in dieser Abhandlung unter- 
sucht« Form endgültig bestimmt zu haben* Da ich die Ent* 
Scheidung oft über das Knie brechen mußte, wird sich vielmehr 
über zahlreiche Einzelheiten streiten lassen. Aber es würde 

i wenig nützen, wenn dies mit der gewöhnlichen Geringschätzung 
Wills geschähe, der vorläufig doch noch der beste Lehrer des 
Preußischen ist. 



A. Bezzenberger. 



Ägyptische Lehnwörter 
in der älteren griechischen Sprache, 



Die Frage, ob das klassische Griechisch ägyptische Lehn- 
wörter') beherbergt, ist vor etwa 20 Jahren von Erman BB. 
VII 96 und 337 ff, verneint worden. Ich glaube, so nahe diese 
negative Beantwortung damals lag, so befremdlich wird uns 



Textes nicht ftbgeschlo&gen tu sein, dtr einen Infinitiv nahe legt, und da& Will 
»irklich einen solchen im Kopf gehabt haben wird, macht die entep rechende 
Stelle der Fonna chiikstima wahrscheinlich (img . . . pergalegima apturthi). 

1) Katflrlidi rede ich hier mit Erman nur von solchen Lehnwörtern» die 
sich im ält«n?n Griechiach tlaa TeUe Bürgerrecht erworben haben, d. h. solchen^ 
die nicht mehr ats ägyptiiche Fremdlinge empfunden wurden. Aus diesem 
''»"önde find hier Wörter wie tf»ft{>«üi(*^), ßttQtg, xüi/i*, xo^ifit, mi^^tt udnv^ot 
^cht aufgenommen worden. Aach x^nog (Äffe), daa ebenso wie nip ^ ^Jt- 
%Tpt gf(u7) (bereits 2Ö0O t; Chr. zn belegen) xnröekgeht, ist als spätgrlechisch 
^>fei8€ite gelassen worden. 




128 



W. Bpief e)b«rg 



heute aus allgemein eu Gesichtspunkten dieses Resultat erscheinen, 
wo wir die nahen Beziehungen Ägyptens zn der gesamten 
Mittelmeerkultur mehr und mehr feststellen können. 

Man wird immer die größte Aussicht haben^ auf solchen 
Gebieten Lehnwörter zu treffen, wo sich auch stofliich eine 
Entlehnung nachweisen oder doch mit großer Wahrscheinlichkeit 
vermuten läßt. Aus diesem Grunde habe ich mich auf dem- 
jenigen ägyptischen Industriegebiet umgesehen, welches zu allen 
Zeiten im Altertum eine große Bedeutung hatte, die Linnen- 
industrie. Eine sehr lehrreiche alte Stelle findet sich in den 
Pyramidentexten: Mrnr" 591 ff. (^ P I 413) — um 2500 v. Chr.^) 



v^w 



Md pw n(j) wid't n ^dmj §Uj m jr-t Hr(tv) Jene Binde aus 
grünem und rotem Linnen, welche aus dem Horusauge ge- 
sponnen ist*". 

Es ist nun interessant» daß fast alle in diesem alten Zitat 
erscheinenden Wörter in andere Sprachen Eingang gefunden 
haben. 

Daß H^ „spinnen" in ''rm und den zugehörigen semit. 
Stämmen steckt, hat Bondi Aeg. Zeitschr. 1895 S* 139 ff. sicher 
erwiesen* 

In w^d'i dem „grünen" Linnen*) liegt wahrscheinlich das 
Prototyp von y^Il und ßvtFaog vor. Zu dieser Gleichung ist zu 
bemerken, daß die Wiedergabe von anlautendem w durch ß im 
Koptischen (s. Sethe Verbum I § 162) häufig ist. Das weibliche 
tv^d4 würde eine Form *n]£13 erwarten lassen. Aber einmal 
beweist l?i gegenüber D'ntj daß die Feminineudnng nicht 
immer durch die entsprechende weibliche Form wiedergegeben 
wurde, sodann könnte das Fem* im Ägyptischen das einzehie 
Stück hezeichneus während ivid^) den Kollektivbegriff darstellt 
Da im neuen Reich (1500 v* Chr. und später) w^d zu tvt (orarr) 
geworden war, so kann ßmaog als relativ junge Entlehnung 
nicht direkt aus dem Ägj^ptischen entlehnt sein. Die griechische 
Wiedergabe des Stadtnamens Bovrat (aus P(r)-W^4j4) bei Herodot 



1) Aui dieser Zeit stammt die uns vorlieg^ende Kopie, deren Oripnal 
(Archetypus) sehr viel älter sein mag. 

') Vgl. BrogBcli Wörterb. V 95 und 172 und tSazu Demotic ma^t-al 
papjniB III 33— M. 

>) Das Maskulinum ist mehrfach belegt. Siebe Brugsch Wb. Y 404. 



Äf jpti»che Lehnwörter m der Mteren griech. Sprache. 



129 



zeigt zudem klar, daß der Grieche bereits im 5. vorchristlichen 
Jahrhundert das aus d entwickelte t in diesem Wort durch 
wiedergab. 

Also muß ßviTiTOQ auf semit y^a zurückgehen, und dieses 
ist ans dem Ägyptischen zu einer Zeit entlehnt^ wo das d noch 
nicht zu t gewordea war, im alteo oder mittleren Reich. Da 
wir jetzt auch für diese frühe Zeit, namentlich die letztere 
Periode, lebhafte Handelsbeziehungen zwischen Ägypten und 
Syrien annehmen dürfen, so hat die Entlehnung eines ägyptischen 
Wortes durch den semitischen Nachbarn in dieser frühen Zeit 
nichts Auffalliges* Es steht also der Annahme nichts im Wege, 
daB das ägyptische tmd^ der Name einer Linnenart, durch die 
Vermittlung des semitischen yi3 in die griechische Sprache 
gelangt ist*), Dazu stimmt die alttestamentliche Angabe (Ez, 27,16) 
gut, daß 7*0 ((j^^) syrische Leinwand sei im Qegensat^ zu mm, 
der ägyptischen, die bekanntlich*) auf ^^(j)^) zurückgeht. 

Ebenso wie w^d - ßvaaoz ist nun auch der Name der zweiten 
in der obigen alten Stelle genannten Linnenart. nur in indirekter 
Entlehnung in das Griechische eingedrungen. Das ägj^ptische 
Wort 'ffmj ^rötliche Leinwand" lautet vokalisiert etwa «'ff'*m*j*): 
«'^tn'j (*AT"M). Die Nominalbildung ist dieselbe wie in TOY<^T 
,,Statne" aus ttv^tw AMOYW aus 'm^n*w. Das tonlose 'j ist nach 
Sethe Verbum I § 99 b abgefallen. Auf dieses '^'d^mf^j) geht nun 
gewiß griech, o^ovr}, üd'ovtoy zurück, aber wie schon angedeutet 
wurde, nicht unmittelbar* Denn ""^d^mCj) lautet im neuen Eeich^) 
(etwa von 1500 v* Chr. an) *'^"«i(''i>, und damit bleibt das & in 
dem entsprechenden gi*iechischen Lehnwort unerklärt* Vielmehr 
geht dieses wieder auf das zunächst aus dem Ägyptischen ent- 
lehnte ytOH zurück* Daß dieses Wort seine Heimat in Ägypten 



*) Ich bin hier nicht auf die anderweitig vorgeechlagenen Etymologien ron 
ß^aüGs efajgegwigen. Unmöglich ist auch Bmpcha (Wb. VII 1203) Ableitung 
Ton p^H, denn der Artikel vorbindet sich in griecb. Umschreibungen stets mit 
dem fplgenden h m hk 

') So auch Erman im ..ägyptischen Glosear". 

■) Nicht auf kopt, *3HC, ^^ ^^^ angenommen wird. Das koptische Wort 
geht, wie Grimth Stories of the High Priests of Memphis S. 89 richtig erkanot 
hat, auf &i n »inj „KOnigsleinwand'' zu nick. 

*) Der Büdungsvokal ü bezeichnet die iltere Vokaliaation. Siehe Sethe 
Verbmn I g 44, 2. 

*) Für die relativ späte EnÜehntmg spricht anch der Übergimg dee m in «, 
VOD dem weiter unten die Kede sein wird. 



130 



W, Spieg'dberg' 



hat, ist oft*) auf Grund der Verbindung ü^^Tü ^IDK (Prov. 7/16), 
in welcher das hebräische Wort allein vorkomm tj vermutet worden. 
Ich halte es für sicher^), daß ^dmj das gesuchte ägyptische Wort 
ist Beispiele für den Übergang von m in n^ der hier vorliegt, 
findet man bei Sethe Verbum I § 220, 3, Ich wiU noch t[2 neben 
Vp „Memphis" (MHf €) hinzufiigen. ]1UH (vokaKsiere liD» 
oder 1*-DK) ist demnach ganz regelrecht aus ""^d^mf'j) entwickelt. 
Auffallend bleibt nur» daß das t des nenägypL ***£%* durch D 
wiedei^egeben worden ist. Ich könnte mir das etwa so erklären^ 
daß das Wort zur Zeit der ersten Entlehnung, als das alt« 
ägyptische Prototyp **'#m'j" (oder ^'dhn^j siehe oben) lautete, 
♦TQ'IDK gesprochen wurde. Als später das jQ in 3 überging, hat 
man vielleicht die etymologische Schreibung mit a bewahrt. Wie 
dem auch sei, o^av^^, o&ovtnv kann nur auf dem Wege über das 
semitische "j^öÄ in das Griechische eingewandert sein» 

Als ein weiteres der Linnenindustrie angehöriges ägyptisches 
Lehnwort_ wird häufig atvdww betrachtet, welches vielfach auf 
indw't ^^NTw „Schurz'* zurückgeführt worden ist Diese An- 
nahme erledigt sich indessen dadurch, daß das vermeintliche 
griechische Derivat eine ganz andere Bedeutung haben würde 
als das ägyptische Prototyp. Man tut also recht daran, bei 
diesem Wort vor der Hand Ägypten aus dem Spiel zn lassen.') 

Aber auch außerhalb der Weberei, för die ich zur Zeit nur 
die besprochenen Wörter nennen kann, besitzt das Griechische 
ägyptische Lehnwöiier, von denen zwei Handelsartikel darstellen. 
So ist ¥tTony, X/rpöF „Laugensalz", wie bereits Brugsch (Wörter- 
buch VI 708) richtig erkannt hat, altäg, ntr(j) „Natron^ ^). A. Müller 
(a, 0. S. 294) hat also recht gehabt, wenn er die semitische 
Etymologie von nro (i**^) bezweifelte. Das hebräische wie das 



^) So auch von A. MoUer in meinem belcannten Aufsatz ,,S0miti»che Lehn^ 
^orto im älteren Grieehisch** (BB. I 294). 

J) Einen Grand, das alte 'dmj ak filr ein Lehnwort ans 10T&4 (Mai W.Müller 
in Ag. ZeiUchr. XXX 59) zu halten, aebe ich nicht ein. Das SgypÜÄche Wort 
ist gut ägyptisch und aus dfnj ^^-re reinigen, verbinden**, wohl einem terin. tedm. 
der Woberei, zu erklären. 

«) Diese ablehnende Stellung hat auch Wiedemann : Herodots iweitea Büch 
S. 358 eingenommen. 

*) Die Natroniteen des Wadi Natrün (Nitiia, Nitriotia der Griechen) im 
Westen des Deltas lieferten im Altertum wie noch heote Natron. Vgl z. B. 
die BcEchreibnng dies ob Distrikts in figypte-Guide Joanne HI 013, bei Stein-i 
dorff: Das Eloiter des heihgen Makarios m Velhagen und Klaainga Monate- 
heften XX, 7 S. 18 ff. 



ÄgTptiäclie Lehnwörter in der UteTen griech- Sprache. 



131 



griecUsche Wort geheu auf das ägyptiscbe ntr zurück, vielleicht 
daß wieder die semitische Sprache die Mittlerrolle übernahm. 

Daß das Wort YaotQ^ OuutQ auf das ägyptische <^o 
«fft kopt. OTA^e „Oase*^ zurückgeht, hat Sethe aXc^^^ 
(Ägyptische Zeitschrift XLI 47) einwandfrei begründet. 

ÄEch eßsvog (Herodot HI 97, 114) ist, wie seit langem') 
erkannt worden ist, ä^ptischen Ursprungs und geht auf hbnj 
zurück, ein Wort, mit dem schon im alten Reich (um 3000 v. Chr.) 
das auB Nubien importierte Ebenholz bezeichnet wird. Aus diesem 
hbn ist auch das 1T^2T\ (Ezech. 27, 15) — Plural von *'*32n — 
entlehnt. Dabei bleibe dahingestellt, ob nicht das ägyptische 
Wort seinerseits ein altes nubisches Lehnwort ist. Für unsere 
Frage ist das belanglos, denn das ändert nichts an der Tat- 
sache, daß das griechische i'ß$voQ aus ägypt. hbnj ^ Ebenholz*^ 
entlehnt worden ist. 

Als einen weiteren Kandidaten, der in der Liste ägyptischer 
Lehnwörter in Frage kommt, möchte ich xfovm^ „Mücke" nennen, 
die Herodot (11 95) als ägyptische Plage erwähnt Die z. B. 
bei Prell witz*) gegebene Ableitung aus xwv-oq „Kegel" (im Sinne 
von Stachel l) ist kaum möglieh. Nun heißt die Mücke ägyptisch 
h,nm^ kopt, :5fOAMeC. Nehmen wir als Vokalisation hn^m*^ an"), 
so konnte sich daraus kn^ps entwickeln, wie aus rms „Papyims- 
nachen" ^w^mQ und gwip geworden ist^). Das h ist wie so 
häufig*) griechisch durch n wiedergegeben und das so entstandene 
*icvm}p, vielleicht in Angleichung an die jctüi^oc-büdungen, in xtSvat^ 
umgebildet worden, Schwierigkeiten macht bei dieser ganzen Ent- 
^Wicklung nur das kopt, :!iOAMeC, welches auf eine Vokalisation 
h^nm'^ weist, aber nur scheinbar. Denn wir kennen auch sonst 
Fälle, wo ein ägyptisches Wort im Laufe der Zeit seine Vokali- 
sation verändert hat, z. B, Mifuqiigy MCMBe, HtHBB aus M'n-n^f^^ 

Fassen wir das sichere Besultat der obigen Ausfiihrungen 
kurz zusammen, so ließen sich mit Sicherheit vier ägyptische 
Lehnwörter ßvaaog^ o^ivri {-tov\ virgov, iß^yrtq Uüd aimagg im 



') Siehe mletset Schrader B«alleiikoii der indogennamaclien Ältertamffkmnde 
1 14B, 

*) Bildtmg wie ^tu^^eM ^^^ ^^ (Steindorflf Kopt Gramm.* g 109). 
*) Siehe G liffith -Thompson : Deraotic magical papjras S. 66 and Wücken 
iV^longeä Nicole S. 587. 

*) Siehe Orientalist. litteratarztg. IX (1906) S. 108. 
*) Seihe kg. Zeitflchr. XXX 116. VgL auch Vß^iig filr Wtrm^'frho. 

9* 




1 32 ^^'- Spiegelberg- Ägyptische rjehnwnrt<M- in der älteren griech. Sprache. 

älteree Griechisch nachweisen, während xtivta^ zweifelhaft blieb. 
Unter den sicheren Beispielen ließ sich für die ersten beiden 
Wörter eine mittelbare Entlehnung durch Semiten wahrscheinlich 
machen; ob wir in üinen Phönizier sehen dürfen, denen man ja 
so gern die Rolle der Kulturvermittler zuweist, lasse ich dahin- 
gestellt, da sich doch namentlich durch den Amama-Fund auch 
andere Möglichkeiten bieten. 

Mit diesen wenigen Worten ist natürlich der Besitzstand 
der ägyptischen Lehnwörter im älteren Griechisch keineswegs 
erschöpft. Je besser wir die ägyptische Sprache kennen lernen 
— ^ir stehen ja noch in den Anfangen lexikographischer For- 
schung — um so häufiger werden wir solche Wörter entdecken, 
die namentlich dem Handel^) und der Industrie entlehnt sind. 
So will ich denn zum SchluÖ noch von einem Worte sprechen, 
das oft unter die ägyptischen Lehnwörter eingereiht worden ist, 
|/^og „Schwert*^. Schon Brugsch hat es (Wörterbuch IV 1213) mit 
^^x^ sß CHH€ T)Messer" zusammengestellt*) Diese Gleichung 
^ gewinnt jetzt, wo wir die Technik der mykenischen 

Dolchklingen für ägyptisch zu halten geneigt sind, einen histo- 
rischen Halt^). Man könnte z. B. annehmen, daß in der myke- 
nischen Periode das ägyptische Wort für Messer mit diesem 
selbst zu den Trägern der Mittelmeerkultur (Kreta) gekommen 
und durch diese in die griechische Sprache gelangt sei. Jeden- 
falls — und das allein gibt das Recht, in der angegebenen 
Richtung zu suchen — gibt es im Indogermanischen keine be- 
friedigende Etymologie für das Wort.*) 

Straßburg. Wilhelm Spiegelberg, 



») Beiläofig- erwöino icll hier yauko^, das schon mehrfach mit ägypi h-f\ 
kwr, k-rj ..öchiff"* und ebenso mit "f^^ ,,Schi<f * zasammen^estoUt wordon ist 
Das ägj-^itisch© Wort kann ich vor dem 13. rorchriati. Jahrhundert nicht nach- 
weisen. Welche Bß Ziehungen indesien zwischen diesen drei Wörtern bestehen» 
iit vor der Hand anklar. 

>) Zu der Wiedergabe von » durch S vgl Lagarde Mitteünngen IV 380 ff. 
und G, Meyer Xndogerra. Forschungen I 328, 

3) Vgl. mein kurzes Beferat in dem Bulletin de la Soci^t^ de liuguigtiqno 
4e Paris Vm (18931 — S^ance du 11. juin 1892. 

*) Siehe t.. B. Schrader Bealleiikon der indogerman. Altertumflkuiide S* 748. 
Die dorische Form ist oxititi^ Slg, griech. Dialektinschriften Nr. 444G» 23 
<rxi</.«id^u<jr, oxtqvtfoioy Epichann, Fragm. 42, 5 (Kaibel)» oxitfie^s ib. 68t 1 
(in gnter Athenänflüberliefenmg). Vgl auch Heejch-GlosBen axltfi^i und a^tiffi^tiw^ 
(Mejer Griech. Gramm.» S. 339). Die Angabe der Grammatiker, dafi das Wort 



W. Vondr&k Slayisclie Akzent- und Quantitätsfitudien* 



133 



Slavische Akzent- und Qnantitätsstudien. 

Zn den schwierigsten Problemen der slav. Akzentlehre 
gehölt ohne Zweifel die Frage, wie das Verhäitnis der litauischen 
Intonation zur sla\dseheii aufeufassen sei und wie die durch die 
Intonation verursachten Gesetze im Litauischen und Slavischen 
zu begründen wären, was ja zum Teil mit der ersten Frage 
zusammenhängt. Diese Fragen berührte ich a. a. 0. S. 149— 152, 
sehe mich aber genötigt, einige der dort vorgebrachten Ansichten 
zu modifizierenj da ich für die hier in Betracht kommenden Tat- 
sachen eine andere und, wie ich glaube, bessere Erklärung ge- 
funden habe. So glaube ich zwar nach wie vor, daß der Wort* 
akzent in mss, ruM, ^ak. mkä usw, erst im Slavischen von der 
Stammsilbe auf die Endsilbe verschoben worden sei und analog 
auch in lit. raukä ganz unabhängig vom Slavischen. Nun ging 
Meillet, wie wir sahen, so weit, daß er diese Akzentverschiebung 
nicht einmal als eine gemeinslavische Erscheinung auffaßte. Ich 
glaubte ihm hierin nur insofern folgen zu müssen, ads ich annahm, 
daß nicht das ganze gemeinslavische Gebiet von ihr tangiert wurde 
(S. 151), Nun muß ich aber selbst auch diese Restringierung 
zurücknehmen, d. h. ich fasse die Akzentverschiebung als eine 
gemeinslavische Erscheinung auf, die sich auf das ganze ur- 
slavische Gebiet erstreckte. 

MeiUet führte als Grund folgendes an. Wäre das Gesetz 
urslavischj so hätte ein urslav, *k6paje' zu kopä^je- werden müssen 
(das a war lang und hatte infolge dessen eine gestoßene Intonation). 
Nach der eventuellen Kontraktion hätt« man daraus kopä- erhalten 
müssen. Statt dessen hätten ^-ir dort, wo kontrahiert wird, also 
im Serbischen khpam, kipüs (das a habe denselben Effekt wie 
ein ursprüngliches ä mit geschleifter Intonation hervorgerufen^ 
sonst müßte es hopäS heißen), aber in der 3, P. PI. kopaja. So 
auch tgrämf igras^ aber igrujn; pltam^ pita^, aber piiaju usw> 
Ebenso auch im ka^ubischen Heisternestschen Dialekt (MSL. XI 
350—351), Aber wie schon Pedersen gezeigt hatte (KZ. 
XXX Vin 3S5), ist dieser Einwand nicht stichhaltig, da wir im 



iolk«h sei, beruht wahr&cbehilich auf Inttun (Hofiimum Griech. Dialekte II 510). 
FteUwiti Et>TiioJog. Wr»rterbuch der griech. Sprache * S. 319 kann nur lettiache 
FojiDeD i\xm Vergleich heranziehen, — Ich Terdanke diese Orientierung der Güte 
Rmno Eeik. 

*) VgL BB. XXX 100— t,^l 



134 



W. Vondräk 



Russischen doch auch nach der erwarteten Regel: kopäjii, kopäjeU 
etc*; igräju, igräjeh; pitäjUf pUäjest> haben, Daxu kommen noch 
die östlichen balgarischen Dialekte mit ihrem igrajq^ tgräjes, igräje 
gegen gUdam, gUdas^ gleda (Leskien Afsl PhiL XXI 8 t). Wir 
mässen daher mit Pedersen das serb- kopam unbedingt fiir eine 
jüngere Form halten; sie setzt eben ein kopäje' voraus. Wurden 
nun zwei Silben, von denen die erste betont war, kontrahiert, 
so entstand daraus entsprechend den slavischen Intonations- 
verhältnissen eine lange Silbe mit fallender Intonation* Das 
sehen wir ganz deutlich im Slov*, worauf schon Valjavec auf- 
merksam machte (Kad CXXXn 208). So haben wir hier igram 
aus igräjemj igrdam; igräs slu^ igräjeS, igräas r, igrajeh, dagegen 
gospä aus gospojä, gospaäf weil die zweite der zu kontrahierenden 
Silben betont war. Nun wurde weder im Urslavischen noch dann 
einzelsprachlich im Serbischeo eine fallend betonte Silbe im Wort- 
inneni geduldet, sondern gab ihren Akzent au die vorhergeheude 
Silbe ab. So mußte aus kopäm ein kbpäm entstehen, ebenso 
köpcU aus kopm, aber ganz regelrecht kopaßu Analog verhält 
es sich mit dem Gen. PL ßzlka, In jvHk hatte daa i als eine 
ursprachliche Länge eine gestoßene Intonation (daher wurde sie 
im Serbischen verkürzt: jmA, nicht jeeik). Im Gen. PL wurde 
eine gestoßene Länge bei der Dehnung, wie ich S, 142 gezeigt 
habe, zu einer geschleiften (fallenden), daher *je£ik(a); daraus 
mußte aber jeelkfa), bez. je^gks schon im Ursla vischen entstehen. 
Analog setzt das §tok. hSsjeda ein e mit steigender (gestoßener) 
Intonation voraus» im Gen, PL war daher besjmh {ursis^v, besHa\ 
das schon im Urslavischen zu bSseds, §tok. hmj€d(a) führte, wie 
Leskien richtig erkannt hat (Afsl. Phil. XXI 398), Weiter 
serb, mah, Gen. oraho^ aber Gen* PL oraha; korito^ Geu. PL 
kdrlta uaw, Meillet macht nun dagegen geltend, daß korito, 
oraii ihren Akzent auf i und a infolge des Saussureschen Ge- 
setzes hatten, und daÖ sich der ursprüngliche Sitz des Akzentes 
im Gen. PL kbrlffa), bräha finde (AfsL PhiL XXV 426), Damit 
sollt* offenbar bewiesen werden, daß auch in serb. k^pam^ kopäi 
der ursprüngliche Sitz des Akzentes gewahrt ist. Allein das ist 
nicht riclitig, wie man bei serb. jeiik — und in dieselbe Kategorie 
gehören alle die hier angeführten Worte - nachweiseu kann* 
Wäre in diesem Worte der Akzent urspränglich auf e gewesen 
und wäre er erst infolge des Fortunatov-Saussureschen Gesetzes 
verschoben worden, so hätte das f^ da es als Nasal lang war, 

•) Urslav. eigentlich jy vgl akel. if^Au. 



81ftvie€he Akzent* and Quantiiätssttidion. I35 

eine gescbleifte Intonation haben müssen* Nun würden mir aber 
nicht bereifen, warum diese geschleifte Länge im Serbischen 
verloren gegangen wäre: ß^ik und nicht jSeikf wenn sie in 
anderen analogen F'ällen erhalten worden ist, man vgl serb, 
Iträda^ öak. bräda, serb. räka, zinm usw. Der Gen, PL je^ikä 
wäre noch mit Rücksicht auf serb. mladmt^ patpasaj (päs) usw. 
vom serb, Standpunkt« aus halbwegs begreiflich, nicht aber der 
Nom. ß^ik. Es kann sich also hier nicht um eine Akzent- 
Terschiebung, wie Meillet meint, handeln, vielmehr verhält sich die 
8ache wohl folgendermaßen. In aksl, jf^t/ks war schon vor der 
Akzentverschiebung im Urslavischen das y betont und hatte eine 
gestoßene Intonation. Was die Silbe je anbelangt, so geht ihr 
Nasal, wie schon Bezzenberger (BB. III 134) Dachgewiesen 
hat, auf ein silbisches n zurück (*diiguä, got. tuffffo^ lat. Ungua, 
preuß. i«5K?üi5, d vor n ist abgefallen). Im Slavischen muß aber 
dieses jj bei der Wortbildung eine Dehnung erfahren haben, denn 
nur ein § führte zn f (bez. a, vgl. BB. XXIX 207 f). Nun 
worde, wenn zwei Längen aufeinander folgten, die erste häufig 
verkürzt (vgl BB* XXX 133) und zwar besonders dann, wenn 
die zweite betont war und eine steigende Intonation hatte (vgL 
auch Sachmatov Ka istorii zvukova russk. j^. 1903 S. 55), 
was eben in unserem Falle zutrifft, daher serb. jesik^y Was 
im Gen. PI eintreten mußte, haben wir schon oben erwähnt. 
Nur muß daran festgehalten werden, daß aus ^je^j/ka schon im 
ürslavischen ein je^yks oder /fzt/fca entstehen mußte, letzteres im 



*) D&i die Kürtt spessicll im Serbischen erat Tom Gen. PI. aus^ wo sie laat- 
g&aehhch wÄre (eine gestofieno Länge müsste anter dem Akzente verlcürit werden), 
much in die anderen Eaaus eingedrungen sei^ braucht man mcbt atizunehmen, da 
wir de jm auch im bflhm. j^n/k und im poin. jt^yk finden, tjbrigens spricht daa 
höhm. jd^i/te üiit seinem kurzen y dafrlr, da6 dieses aacb im Bohmiächen ur- 
^rOnglich betont war, da in eolcheo Fällen, wenn dann der Akzent nach der 
aUgememeti Eegel anf die AnfangeBÜbö Ycrlogt wurde, die nachfolgende ur- J 

tprttnglich betunte l^g^ verkürtt wurde (vgl die ImperatiTo chvalij chval, piH, I 

pik etc., BB. XXX lES; wir werden weiter unten darauf noch zu sprechen 
kommen). In dieselbe Kategorie gehört auch z. B. koryto^ rues. koryto, serb. 
kftrito; dann bflhm. orerh, serh. brah. Vgl dagegen böhm. kaniyk, weil hier i 

schon im Crölarischcn die Anfangssübe betont war, vgl. böhm, kdmeti, aerb. | 

kämen. Wenn also auch das B^hmißche auf eine ursprüngUche Bet^jnung korijto, j 

jpyJb, orich^ etc. hinweiatt so hätte, wenn man hier Überhaupt eine Akzent- 
Verschiebung uachwebcn könnte^ Melle schon im UrBlavischen stattgefunden 
haben müssen, was eben gegen die ganze Theorie MeiUets spricht. Außerdem 
ersehen wir ms dem Böhmischen, daß jäzi/k^ koryto, ot'tch ganz analog beurtoili 
Wf^rden müssen. * 




W. Vondräk 



Siiuie des Südslaviachen. Das sehen wir auch im Sloven. Zu 
vr^h lautet der Gen. PL or^hov für öt0i, nicht fiir oreh^ wie 
Valjavec meint (Rad OXXXn 172), ebenso zujenk Gen. PL je^i- 
höv fiir je^ik, nicht für je^lJCf denn eine gestoßene Länge mußte im 
Gen- PL zu einer geschleiften oder fallenden werden, wie schon 
oben hervorgehoben worden ist. Nun können wir nicht annehmen, 
daß im slov. orfhfov), je^tkfov) hinsichtlich des Akzentes der 
direkte Fortsetzer eines ursla vischen orechSf je^yks zu suchen 
sei, da schon im Urslavischen der Akzent auf die erste Silbe 
verscbobeu werden mußte, indem ein Wortakzent im Wortinneni 
mit fallender Intonation nicht geduldet wurde. Die slov* Formen 
sind also erst aus örech^^ jf^^yks nach der bekannten sloveiiischen 
Akzentregel entstanden. In keinem Falle kann in slov- orBim^ 
jezikov der ursprüngliche Sitz des Akzentes gesucht werden, auch 
nach Meillet nicht, sondern diese Formen setzen ein orechö, je^tfka 
Toraus, das selbst wieder nach uns sekundär ist, nach MeiUet 
aber primär sein müßte. Wie würde uns aber Meillet in diesem 
Falle die fallende Intonation der betreflenden Kürzen — wie die 
des von orechs — erklären? Diese kann doch nur etwas 
Sekundäres sein, d, h» sie setzt eben schon im Urslavischen eine 
folgende betonte Silbe mit fallender Intonation voraus. 

Doch selbst auch wenn Meillet diese Falle richtig gedeutet 
hätte, würde daraus nur das folgen, daß die Akzentverschiebung 
im Fortunatov - Saussureschen Sinne erst eintrat, nachdem im 
Gen. PL die bekannten Ersatzdehnungen mit Intonatious- 
änderungeu schon vorüber waren. Da aber diese noch ins 
Urslawische fallen, so hätte Meillet dadurch nicht nachgewiesen, 
daü auch die Akzentverschiebung nicht ui-slavisch sein könnte. 
Und das serb, kbpamf kipä^ kann, wie wir insbesondere aus dem 
Slovenischen ersehen haben, schon gar nicht in diesem Sinne, 
wie etwa MeiUet wollte, erklärt werden. Meület macht zwar 
auch auf den Dialekt von Üblja aufmerksam (russ.): 1*P^ bfft)äuuj 
3. P. byväuutf aber 2. P, Sg* hyvas (das erklärt sich ganz ein- 
fach, me auch serb. kdpäi). Das Serbische hätte fniwju durch 
biväm ersetzt und sonst müsse es erklärt werden, wie im Serb,, 
d. h, es folge daraus, daß die Akzentverschiebung nicht urslavisch 
sei (AfsL PlüL XXV 425^-426), Hier ist von bißt auszugehen, 
das y war lang und hatte eine gestoßene Intonation: böhuK byti, 
serb, biti; daraus ist das Iter. byvaii gebildet worden, indem das 
y den Dehnungsgesetzen unterworfen werden mußte, d, h, aus 
dem gestoßeneu y wurde ein geschleiftes. Da aber das a lang 



Skvisehe Akzent- und Qtiantitätästudien. 137 

war und eine gestoßene Intonation hatte, mußte hier der Akzent 
verschoben werden : russ» byvätb^ serb. bivati ebenso im Präsens- 
stamme byvfijo-, byvaje-. Durch Kontraktion entstand hier wieder 
eine lauge Silbe mit fallender Intonation, weshalb der Akzent 
auf die erste Silbe verschoben werden mußte; bhnm. Daß er 
hier wieder eine fallende Intonation aufweist, könnte unter anderen 
Umstanden eine speziell serbische Erscheinung sein, auf die ich 
(BB. XXX 139) aufmerksam machte, und man kann daraus dureh- 
aus nicht schließen, daß in serb. bivam noch der ursprüngliche, 
unverschobeue Akzent zu suchen sei. 

Die Bedenken, die Meillet gegen die Annahme, daß die 
bewüßte Akzentverschiebung schon im Urslavischen stattgefunden 
habe, geltend macht» sind also durchaus unbegründet. Es wäre 
auch von vornherein eine Annahme, daß die Akzentverschiebung 
erst einxelsprachlich im Slavischen sei, recht unwahrscheinlich* 
Sie kann doch nur die Folge von bestimmten Intonatious-* 
Änderungen sein und wäre es da wahrscheinlich, daß diese in den 
so vielen Dialekten alle gleichmäßig vor sich gegangen wären? 

Wir gehen also hier von der Ansicht aus, daß die bewußte 
Akzentverscliiebung im Urslavischen vor sich ging. Da sie aber 
auch im Litauischen analog stattgefunden hat, so kann man von 
vornherein nicht die Frage abweisen, ob sie etwa nicht lituslav. 
sei. Ich habe zwar schon in der ersten Studie S. 150 auf Grund 
des Acc. Sg. russ» rnkn, serb* rülii die These verteidigt, daß die 
Akzentverschiebung erst auf slavischem Boden ebenso wie un- 
abhängig davon auf litauischem vor sich gegangen wäre. Aber 
die erwähnte Form allein genügt nicht, um das zu beweisen, 
zumal sie auch, wie wir sehen werden, andere Deutungen zu- 
lassen könnte. Wir müssen uns also noch nach einem anderen 
Beweis material umsehen. Am meisten würde ein solches Material 
überzeugen, aus dem hervorgehen möchte, daß die Akzent- 
verschiebung in solchen Fäüeu vor sich ging, in denen es sich 
um eine speziell litauische oder slavische lutouationsänderung 
handelt. Solche Fälle haben wir wirklich im Slavischen. Es 
ist dies vor allem der Imperativ (ehemaliger Optativ) russ. nesh 
nedte, serb, pleti, pletite usw., worauf ich S. 135—136 aufmerk- 
sam machte. Hier ist also erst auf slavischem Boden infolge 
der Analogie die Intonation der Endsilbe von einer geschleiften 
zu einer gestoßenen geändert worden, was dann auch die Akzent- 
verschiebung im Gefolge hatte. Wenn nun die Akzentverschiebung 
infolge eines Gesetzes schon lituslavisch gewesen wäre, ist es 



138 



W. Vondräk 



da wahrscheinlich, daß es auch noch auf slavischem Boden fort- 
gewirkt hätte? Ich glaube nicht. Gegen diese Ansicht könnte 
man nun Aas früher erwähnte r. rükUf serb. rtikii geltend machen, 
da es anch im Litauischen entsprechend rankq heißt. Es sollte 
nämlicli auch end betont sein, da die Endung auf den gestcisaenen 
Langdiphthong -am (vgl gr* rtfi^r) zurückgeht* Da nun weder 
im Litauischen noch im Slavischen die erwartete Akzent- 
Verschiebung stattgefunden hat, so könnte man daraus schließen, 
daß auch hier eine schon litaslavische Intonationsäuderung Tor- 
liegen müsse, was eben eher dafür spräche, daß die Akzent- 
verschiebung schon lituslavisch sei. Aber eine solche Schluß* 
folgerung wäre, wie ich glaube, nicht zwingend* Ich glaabe, 
daß in diesem Worte deshalb der Akzent nicht verschoben wurde, 
weil sich dabei sowohl im Litauischen als auch im Slavischen der 
Einfluß der weiblichen i-Stämme geltend machte. Der Akkusativ 
dieser Stämme war nämlich im Litauischen und Slavischen stamm- 
betont. Man braucht also nicht an eine Übertragung von den 
o-Stämmen zu denken» wie es Hirt tat (Der idg. Akz. S, 147—148, 
IF. Am, VI 20). Wo dagegen der Nom» Sg, schon ursprünglich 
endbetont war, blieb er auch so im Akk. Sg., daher russ. tramy 
serb* trämt; russ. chvalüf serb. hvähi; russ. lemi^ serb. ^nm usw* 
Wenn es nun wahrscheinlich gemacht worden ist, da6 die 
Akzentverschiebung erst auf slav. hez» litauischem Boden statt- 
gefunden hat, so fragt es sich, wodurch sie eigentlich hervor- 
gerufen worden ist. Man hat bekanntlich die Nähe, bez; mit 
Rücksicht auf das Slavische die Entfernung der Tougipfel dafür 
verantwortlich gemacht. Letzterem könnte aber unmöglich richtig 
sein, weil sowohl im Litauischen als auch im Slavischen eine 
Akzentverschiebung stattfindet, wenn vor einer gestoßenen Länge 
eine betonte Kürze vorhergeht, z. B, lit. phää „Kruste** gegen 
Gen, plütos, russ, kosä, Akk. kosUf öak. kosäf kSsn, lit. kasä^ Akk. 
käsq. Nun wird aber hier im Slavischen nicht die äußerste Grenze 
der Entfernung vom Intonationsgipfel erreicht, wie es z. B. 
der Fall ist bei zwei aufeinanderfolgenden Längen, von denen 
die erste eine geschleifte und die zweite eine gestoßene Intonation 
hat. Da aber die Verschiebung doch stattfindet, so kann ihr 
Grund nicht in der Entfernnng der Gipfel liegen. Man könnte 
ihn somit nur in der Nähe der Intonationsgipfel suchen, da 
diese im Litauischen in beiden Fällen ihre äußerste Grenze 
erreicht hat, d, h, in beiden B^ällen folgen zwei Intonationsgipfel 
unmittelbar aufeinander. Daraus würde notwendig folgen, daß 



SlsTÜche Akzent- and UnantitStairtudion. 



139 



I 



die litauischen Intonationen älter sind und daß sie auch im 
Slawischen einmal so beschaffen gewesen wären, daß sie sich 
aber dann erst hier geändert hätten, nachdem die Äkzent- 
Terschiebungen schon vorüber waren. Das wäre gewiB recht 
unwahrscheinlich, schon auch mit Rücksicht darauf, daß die 
Intonationen sich so ziemlich in das Gegenteil verwandelt hätten, 
ohne daß eine Konfusion eingetreten wäre. 

Die AJtzentverscldebung kann demnach weder durch die 
Entfernung noch durch die Nähe der Intonationsgipfel hervor- 
gerufen worden sein, sie ist vielmehr dadurch veranlaßt worden, 
daß mit dem Wesen der Intonation selbst eine Veränderung, 
aber in einem anderen Sinne (nicht was die Lage der Tongipfel 
anbelangt), vor sich gegangen ist und zwar sowohl im Litauischen 
als auch — davon unabhängig — im Slavischen, In diesem Sinne 
suchte ich eine Erklärung der Akzentverschiebung (I 150—152), 
indem ich annahm, daß sich sowohl im Litauischen wie auch im 
Slavischen bei der reg. gestoßenen Intonation der eine Intonations- 
gipfel ei-st einzelsprachlich aus einer einfachen Länge entwickelt 
habe. Allein eine solche Erklärung befriedigt mich nun nicht 
Die Intonationen müssen viel älter sein, schon auch mit Rücksicht 
auf das Griechische* Ihr Wesen muß sich demnach in einem 
anderen Sinne geändert haben, und da liegt es nahe, anzunehmen, 
daß die Intonationen ursprünglich tonische (musikalische), nicht 
exspiratorische Gipfel aufwiesen, die also durch eine Stimm- 
erhöhung, aber nicht durch eine Stimmverstärkung hervorgebracht 
wurden. Dadurch würde also auch eine Übereinstimmung mit 
dem Griechischen herbeigeführt. Später änderte sich jedoch das 
Wesen der Intonation sowohl im Litauischen als auch im Slavi- 
scben, indem die exspiratorische Komponente, die ja allerdings 
gleich von Anfang an auch mit im Spiele war, zu überwiegen 
anfing: aus den tonischen Gipfehi sind exspiratorische geworden 
oder sie wurden wenigstens von intensiveren eispiratorischen 
Gipfeln allmählich begleitet, als es früher der Fall war. Es ist 
klar, daß bei dieser Änderung am meisten die geschleifte Into- 
nation in Mitleidenschaft gezogen wurde, d. h, daß sie am meisten 
ihr Wesen ändern mußte. Das cbarakteristische derselben war 
jedenfalls gleich von allem Anfang das, daß sie zwei gleiche 
Gipfel hatte. Nun ist es wohl nicht recht denkbar, daß sich 
diese Gipfel, wenn sie einmal mehr exspiratorisch geworden sind, 
hätten behaupten können. Vielmehr wird wohl nur einer von 
beiden mehr hervoi-ge treten sein, wie wir es jetzt noch z, B, im 



J 



140 



W, Vondrak 



Serbischen beobachten können. Der zweite konnte sogar ganz 
verloren gehen, so daß die geschleifte Intonation auch eingipflig 
geworden ist, wie wir es in einzelnen Sprachen wahrnehmen 
können. Welcher der beiden Gipfel den Sieg davontragen sollte, 
ließ sich von vornherein nicht bestimmen, indem es sich da nm 
einzelsprachliche Erscheinungen handelte; jedenfalls war selbst 
auch ein Eausalnexus zwischen der Ändemng der geschleiften 
nnd jener der gestoßenen Intonation, indem sie dieselben Wege 
einschlagen konnten, nicht ausgeschlossen, so daß die Differen- 
ziemng nicht mehr aufrecht erhalten wurde, wie wir es in 
einzelnen Sprachen bemerken* Hinsichtlich dar geschleiften 
Intonation hat jedenfalls das Slavische noch das ältere bewahrt, 
indem sich hier noch der zweite Gipfel im Serbischen, wenn 
auch in verkümmerter Form, nachweisen läßt (MSL. XI 336 f)- 
Auch im Griechischen ist beim Zirkumflex nur ein Gipfel er* 
halten und zwar der erste, also ähnlich wie im Slavischen, 
nur wurde er ein wenig verschoben, indem diese Intonation auch 
zu einer steigenden geworden ist* Die ganze ansteigende Be- 
wegung wurde aber der ersten More zu teil, während die zweite 
eine geringere Höhe hatte, so daß ein Ziv etwa als Ziv auf- 
zufassen ist. Die geschleifte Intonation im Litauischen würde, 
falls sie 2u einer absolut steigenden geworden ist, schou eine 
bedeutende Abweichung von dem ursprünglicheren, älteren dar- 
stellen , 

Was die gestoßene Intonation anbelangt, so erwarten wir, 
daß sie, da sie Im Griechischen absolut steigend ist, diese Eigen- 
schaft gleich vom Anfang her hatte. Da nämlich die geschleifte 
wegen der Zweigipflichkeit ursprünglich im Anfang der Silbe 
unbedingt fallend gewesen sein mußte, so können wir nicht an- 
nehmen, daß sich beide Intonationen im Griechischen nach einer 
Richtung hin (steigend), die überhaupt von allem Anfang an hier 
nicht vertreten gewesen wäre, verändert hätten, d, h. beide 
steigend geworden wären. Viel walirscheinlicher ist es, daß eine 
von ihnen von Haus aus steigend war — nnd das konnte nur 
die gestoßene gewesen sein — und daß die andere (die ge- 
schleifte) teilweise ihrem Einflüsse unterlag, indem sie auch in 
ihrer ersten Hälfte zu einer steigenden wurde. Nun hat die 
gestoßene Intonation im Slavischen dieselbe Eigenschaft wie im 
Griechischen, d. h. sie ist auch hier steigend, folglich hat auch 
hier das Slavische dem Litamschen gegenüber das ältere bewahrt. 
Wenn Leskiens Wahrnehmung richtig wäre, daß nämlich im 



Slawische Äkzeut^ imd Quatititätsstudien. 141 

Litaolscben sowohl der gestoßene als auch der geschleifte Ton 
fallend sei (Untei"S. S. 552, bez. 26), so hätte hier ein teilweiser 
Ausgleich stattgefunden wie etwa im Griechischen, nur in der 
entgegengesetzten Richtung. Ihre Eiehtigkeit wird allerdings 
bestlitten, aber ich muß gestehen^ daß eine solche Xonstatierung 
der Tatsachen die Differenzen zwischen der litauischen und sla- 
vischen Intonation am einfachsten eiklären würde. Denn Leskien 
selbst sagt: „, , * ich kann aber zugeben, daß bei dem sogenannten 
geschliffenen Tone nach dem Sinken oder Schwächerwerden» sei 
es überall, was ich dann nicht höre, sei es lokal, eine leise 
Wiedererhebung oder Verstärkung im zweiten Teile der Silbe 
stattfindet, ein zweigipfliger Akzent eintritt, und bin der Meinung, 
daß die Lehre vom geschliffenen Tone als steigendem (auch bei 
Baranowski-Weber Ostlitauische Texte S. XX ff,, XXIX) auf solchen 
Kebenakzenten beruht"^). Daraus würde nämlich heryorgehen, 
dass sich auch im Litauischen der erste Gipfel bei der geschleiften 
Intonation erhalten hat und daß davon allmählich die gestoßene 
Intonation beeinflußt wurde, so daß aus ihr auch eine fallende 
geworden ist. Daß diese Qualität der gestoßenen Intonation im 
Litauischen nicht ursprünglich sein kann, geht auch aus folgendem 
hervor* Bei der gestoßenen Intonation mußte der einzige Gipfel 
durch das Üherwuchem des exspiratoiischen Elementes an Inten- 
sität nur gewinnen* Wäre nun im Litauischen von allem Anfang 
an die gestoßene Intonation fallend gewesen, so müßte sich hier 
dieselbe Erscheinung wiederholen, die wir im Slavischen bei der 
geschleiften Intonation bemerken, die auch mit einem Gipfel 
beginnt also fallend ist: es könnte nämlich im Litauischen im 
Wortinnern keine gestoßene Intonation vorkommen ebenso wie 
im Slavischen keine geschleifte Intonation hier vorkam, da eine 
Silbe nicht mit einem tonischen und gleichzeitig exspiratorischen 
Gipfel anheben konnte, vielmehr begann die Steigung (Erhöhung) 
schon in der vorhergehenden Silbe, wodurch schließlich eine 
Akzentverschiebung auf die vorhergehende Silbe stattfand, eine 
Erscheinung, die sich dann später im Serhisch-Stoka vischen 
wiederholte und auch im Böhmischen, wie ich glaube, die Anfangs- 
hetonung der Worte herbeiführte*). Da nun im Litauischen im 



>} Aoeh Gaatbiot apricbt bctkaiuiüich der lii geschleiften Intonation die 
Zwdgipfligkeit m (HSL, XI 345). 

*) BezüfUch des ürsbvischcii vgl serb. pSvcst, rasa, p^vish, das ein älteres 
porhtb voranssetat (i mit gesphlpiflor Intonation), slor. povBst, das erst auf dov, 
ücbiet aas ^mempoimt entstanden iet. Vgl auch tmu. perekipa and zahlreiche 




142 



W. VoDdräk 



Wortmnern sowohl geschleifte als auch gestoßene Längen Tor- 
kommen können , so folgt daraus^ daß die gestoßene Intonation 
nur allmählich ihren Gipfel unter dem Einflüsse der geschleiften 
gegen den Anfang zu verlegte, daß aber auch die geschleifte 
Intonation selbst teilweise unter dem Einflüsse der gestoßenen 
stand, da sie nicht gleich mit dem Gipfel einer Silbe anhob, 
sonst wäre sie im Wortinnem nicht recht möglich. Auf Grund 
der Leskienschen Walirnehmimg würden wir uns also die Diflerenz 
zwischen der litauischen und slawischen Inti)nation ganz gut er- 
klären können* Damit könnte auch die lettische Intonation als 
die ältere, die mehr mit dem Slavischen übereinstimmt, ganz gut 
in Einklang gebracht werden. Jedenfalls wird richtig sein, daß 
sich auch im Litauischen bei der geschleiften Intonation der 
erste Gipfel erhalten hat Das Verkümmern des zweiten 
Gipfels mag nun in verschiedenen Gegenden einen verschiedenen 
Grad erreicht haben. Ging er ganz oder fast ganz verloren, so 
wurde der erste und jetzt einzige Gipfel weiter lunausgeschoben, 
so daß man es dann auch mit einer steigenden Intonation zu tun 
hat. Es müßte aber angenommen werden, daß noch bei der ans- 
geprägten Zweigipfligkeit der geschleiften Intonation ein Ausgleich 
oder besser ein Kompromiß zwischen den beiden lotonatiouen 
hinsichtlich der Situation der Tongipfel (bei der geschleiften 
kommt nur der erste in Betracht) stattgefunden hat, wobei sich 
jedoch der Einfluß der geschleiften als der stärkere erwies. 

Wir haben oben erwähnt, die bewußte Akzentverscldebung 
sei der Intonationsänderung, bei welcher die früher tonischeu 
(musikalischen) Gipfel jetzt mehr exspiratorisch wurden, zuzu- 
schreiben* Das wäre nun folgendermaßen zu erklären. Dadurch, 
daß die Gipfel exspiratorisch wurden, hat jedenfalls der eine 
Gipfel der gestoßenen Intonation ungemein an Intensität ge- 
wonnen^ da sich hier die Stimmverstärkung innerhalb einer Silbe 
sozusagen auf einen Punkt (Gipfel) konzentrieren mußte. Anders 
bei der geschleiften, da hier zwei Gipfel waren, so daß anfänglich 
jeder etwas von der Stärke erhalten mußte, indem es nicht gleich 
im Anfang zu einem Verluste des einen von beiden kam. Es ist 



andere Beispiele, aas denen wir ereehen, dasi ecbon im Ur5la?ischen im Wort- 
innem eine betonte SUbe mit geschleifter Intonation ibran Akzent auf die ror^ 
herg-ohende abtrat. Aach oben bei der ErklÄnmg des s^rb, Gen, PI, fi^Jkä 
begegneten wir derselben Er^cheinong. Aaf btok.-serb. Gebiete wirkte dann 
wegen der ipezieÜ fitotaidscheti lötonationfifißdemDgen dieses Gesetz weiter, daher 
tm k^päSj daa auch oben tm Sprache kam. 



SUvische AJtzeut- önd Quantitäteatttdieii. 



143 



daher begreiflich, daß eine Silbe mit gestoBener Intonation den 
Wortakzent der vorhergehenden geschleiften langen oder selbst 
auch jenen einer einfachen Kürze an sich reißen konnte. 

Es wäre auch der Fall nicht undenkbar, bei dem die erste 
von zwei aufeinander folgenden gestoßenen Längen den Wort- 
akzent der zweiten an sich riß. Der erste gipfel stach infolge 
des neuen Exspiiationsstromes so stark hervor, daß der zweite 
allmählich seine Intensität nicht mehr en^eichen konnte, obzwar 
er einer Sübe zukam, die ursprünglich den Wortakzent enthielt. 
Durch eine solche Äkzentverschiebuüg suchte Pedersen den 
lit Instr. gälva, Akk. PL galvas (hier war -05 im Litauischea 
gestoßen, vgL rankäs aus rankans sekundär nach -om) gegen 
den Gen, Sg. galvds (KZ, XXXVni 333) zu erklären. Den slav. 
PL döUta (russ*) gegen den Sg. doloto möchte ich nicht so er- 
klären wegen firj^og'fifjgaf vavgoP-VBvgd USW. 

Nach unserer Erklärung wäre es also ganz irrelevant, in 
welcher Lage sich die betreffenden Intonationsgipfel befinden. 
Das Entscheidende ist hiebe! einzig und allein das 
Überwuchern des einen Gipfels bei der gestoßenen 
Intonation als des ursprünglich einzigen. 

Wie die Situation der Intonationsgipfel im Urslavischen war, 
verrät sich ziemlich deutlich aus den lautlichen Resultaten, zu 
denen einige diphthongische Laute eben unter dem Einflüsse 
der verschiedenen Intonation führten» Wir erwarteu, daß sich 
vor allem jener Bestandteil eines derartigen X^autes erhält, der 
mit dem Intonationsgipfel koinzidiert und das trifft auch tat- 
sächlich einigemal zu. So ist bemerkt worden, daß das ur- 
Blavische e im Auslaute in der Eegel zu i wird, wenn es eine 
geschleifte Intonation hatte, z, B, aksL mati ^Mutter** aus "^mate, 
lit. rnoti. Analog auch noch in einigen anderen Formen* Daraus 
folgt, daß schon im Urslavischen der zweite Gipfel bei der ge- 
schleiften Intonation dem ersten gegenüber ganz verkümmert 
war, so daß der Nachdruck auf dem ersten Bestandteil eines 
diphthongischen Lautes, in unserem Falle auf dem i — denn 
das e muß unbedingt als ein urslav» ie, *e aufgefaßt werden — 
ruhte. Die geschleifte Intonation war also schon im Urslavischen 
fallend. Daß die gestoßene Intonation dagegen steigend war, 
folgt ans folgendem. Wie ich BB. XXIX 207 f. darzustellen 
suchte, geht ein ursprachliches i^, 3 im Slavischen in f oder q. 
über, während ein kurzes tj«, ^i zu s oder führte. Das ist auch 
nur einfach durch die Intonationsqualität zu erklären. Wie über- 



144 



W. Voinliik 



häupt ein langer Vokal hatte auch ifi , n eine gestoitene Intonation, 
d. h. als dann im Slavischen daraus 6n, piw, btit, s^ii geworden w:ir, 
da fiel der Nacbdruck auf das ^, ^, so daß diese diphthongischen 
Laute zu einem Nasal führen mußten. Bei den Reflexen des 
kurzen J^^*, ^i, die auch zunächst a/^/, 6/|i, ay, bu ergaben ^ fiel 
dagegen der Nachdruck auf den Halbvokal, während der Nasal 
verloren ging, so daß es nicht zur Entstehung von nasalierten 
Vokalen kommen konnte. 

Merkwürdig ist es, daß auch jene langen Vokale, die erst 
durch Dehnung aus kurzen auf slavisehem Boden entstanden, eine 
gestoßene Intonation erhielten» So z. B. in dem Worte aksL 
tysqHüf tys^sta „tausend". In der oben erwähnten Abhandlung 
S, 208 — 209 habe ich es aus *tHsmtja im Gegensatze zu *sfiifo 
„hundert*^ abgeleitet. Es ist mir aber damals noch nicht gelungen, 
die Länge — das f[i — zu erklären. Sie kann auch nicht ohne 
weiteres hier angenommen werden, denn wäre sie hier wirklich 
im Urslavischen vorhanden » so hätte sie sich wohl noch im 
Serbischen nach dem Akzente (ätok, tisiU-a) erhalten können 
(vgl. im Montenegrinischen gmüt, timüknüt usw. Eeietar Die 
Betonung usw* S, 33, 159), Ich glaube daher, es ist hier vom 
Gen- PL auszugehen. Im Gen. PL mußte eine ursprünglich kurze 
Sübe vor dem Suffixe gedehnt werden und bekam eine gestoßene 
(steigende) Intonation, wie ich (BB. XXX 142) gezeigt habe. 
Aus fi wurde hier j^ bez. *f, und die Nasale drangen, allerdings 
als Kürzen*), auch in die anderen Casus ein. was sich bei ssta 
nicht wiederholt hat. Daß der Einfluß des Gen, PL bei tysaßta, 
tysesta größer war als bei ssto, ersehen wir ans polu* ty$iqf, 
böhm. tisic (alt ti§tiv), slov, tis^^f denn alle diese Formen sind 
eigentlich nichts anderes, als der alte erstarrte Gen, PL^ der 
eben die Länge noch aufweist und der infolge' des häufigen 
Gebrauches dieser Form erstarrte und als ein Nom* Sg. dann 
gebraucht wurde und zwar an^ogisch als ein Maskulinum, im 
Slov* noch als Fem, und Mask. Für die erwähnte Erstarrung 
spricht auch der Umstand, daß das Wort im SIov* meist in- 
deklinabel ist: dm (dve) tisoö, tri tisod usw. Für den Gen. PL 
ßpricht auch der Akzent im Slov., wo das tisk^ sonst nicht recht 



^) Mao mui annahnieDi d»i die arspTüngUch langen Volcale in bestimuiten 
Stellimg'en schon im UrelaTiachen yerkürEt wordeti sind, so s. B. das a dos Nom. 
Sfj. der a-Stämiae. Dasselbe gilt auch von c und rt, von denen man lüciht 
bohaupt^en kann, dass sie im Ürslavkchetx durchweg als Längen anznBeftzen sind, 
TgL das f dea schon oben beeprochenen j^i/k^. 



Slaviiche Äizent- und QaantitafeitailieiL 145 

begreiflich wäre, Pleterönik gibt allerdings an, daß auch 
tiso^ vorkommt, das kann aber nicht ursprünglich sein. Das 
tu- (ty-) war ursprünglich lang, mußte eine gestoßene IntoDation 
ergeben; im Böhmischen war es daher ursprünglich lang: ty-^ 
aber Tor der folgenden Lauge -süc- ist es verkürzt worden, 
daher iUüc, tisic (ti st ty wegen des folgenden weichen Kon- 
sonanten ^, im Serbischen regelrecht eine Kürze: üsu/a^). 

Aus gewissen lautlichen Vorgängen können wir uns demnach 
einen Schluß erlauben, wie die Situation der Intonationsgipfel 
schon im Urslavischen beschaffen war. 

Umgekehrt können wir aber auch aus dem Akzente und den 
durch ihn bedingten Quantitätsverhältnissen mitunter ersehen, 
wie bestimmte Formen zustande kamen. So habe ich S. 135 f* 
gezeigt, daß die Kürze in den böhmischen Imperativformen chval, 
chvalte ein langes betontes l in chvalif ckvaMte voraussetzt. Als 

I dann der Akzent auf die erste Silbe verlegt wurde, ist auch das 
i verkürzt worden. So erkläre ich nun auch, nebenbei bemerkt, 
böhm, nerad gegen räd „gern*', ifist (altböhm,) und rieHst, wo 

I ich früher den (rrund der Kürze in dem Zuwachs einer Silbe 
sah (S. 134), was offenbar unrichtig ist. Diese Erscheinungen geben 
uns nun einen Wink, wie wir uns die Konjugation milujq — 
milovati erklären sollen. Da das w, wie wü* sehen werden, eine 
gestoßene Länge, die auf einen langen Vokal oder Langdiphthong 
znrückgehen kann, voraussetzt, so bat man diese Verba von 
Nominalstämmen oufo) abgeleitet und mit griechischen Verben 
auf -ii5», eL §iu} =? *fjf-im, wie Inn^m „ich reite" verglichen 
(Meillet ^^tudes S. 147 ff,, Brugmann Kurze vgL Gramm. 
§ 693, 3, b). An eu wollte man nicht recht denken wegen 
seines vermeintlichen Überganges in jti, was allerdings nicht 
ganz berechtigt wäre, denn ein mi, m brauchte nicht unbedingt 
zu einem jn zu werden, wenn ich mich auch der Erklärung 
Mikkolas, der diesen Übergang absolut leugnet (EF. XVI 95—101), 
nicht anschließen kann*)» Aber solche Substantiva haben wir 
überhaupt nicht im Slavischen und wenn man den ganzen Bestand 

^) £9 kann daran gedacht werden^ dai auch die abwelchünd^n Längen in 
pok. mimqc, £ajqe, pimiqdgf die ßonet bis jetzt nicht tefnedigend erklärt 
worden amd, als Reflexe dea Gen* PI. amfgefafit werden müssen. Analog auch 
im Bdhiniscben ; mMCj zajic, penig f wo also die Längen auch vorkommen. 

») Mikkola meint, et* hätte im Ölariscben nur u ergeben, daß j« wäre 
digegen aus ntf *u und zwar durch die Übergangsstufo *äu (!J entstanden. Wir 
fmgen ihn aber Tergeblich» wie wieder diese Übergangsstufe entstanden ist, und 
einen Diphthong wegen slav, u lit. au brauchen wir unbedingt. 

Z*n*chrlfll fiir TBFgl, Spfftchf. XLL J,,'fi. iQ 



I 



146 



W. Vondrak 



der Verba der VI. Klasse noch so genau prüft, nügends wird 
man eine darartige Spur finden , Die Verba weisen vielmehr wo 
anders hin- 

Es kann nicht daran gezweifelt werden, daß unsere Verba 
arsprünglich denominatiT waren und von u-Stämmen abgeleitet 
worden sind, vgl. celovaii „salutare" zu cels „sanus**; sJadovati 
^silß sein" zu sladii-ks n^üß^, lit. saUtis. Desgleichen mögea 
hier ursprünglich einige substantivische Stamme vorliegen, die 
jetzt nicht mehr klar sind und die anderen Stämmen zum Vor- 
bilde dienten, vgl darovati zu durs; dhgovaü zu dhg^. 

Die Konjugation war ursprünglich ganz analog wie jene der 
o-Stämme in umeti^ umejq zu mm; b^leiif belejq zu beh ^weiß" usw- 
Der o-Stamm hat also die gedehnte e-Stufe im Stammesauslaot. 
Übertragen wir es auf unseren Fall, so erhalten wir im Priisens 
*€Meu-iesi, *cel&i^'ieti nsw. Daß die Süben so getrennt und l)e- 
handelt wurden, wie hier angegeben, wissen wir z. B. aus aksL 
uj „Onkel*^ aus "^au-jos, preuß. awi$ „Oheim*^ und aksL hg ^ ai 
savyas ^links". Nun wissen wir ans anderen Tatsachen der 
slavischen Lautlehre, daß sich die Diphthonge im Blavischen 
Terliältnismäßig lange behaupteten. Das eu führte hier, so wie 
im Loc. Sg. der li-Stämme z\x ü mit einer gestoßenen Intonation, 
wie wir es eben bei einem ursprünglichen Langdiphthong er- 
warten. Im Serbokroat. ist daher das u^ wie schon Meillet 
darauf aufmerksam gemacht hat, in allen Fällen kurz, sowohl 
unter dem Wortakzente, wie in psüjetn, kupujmii als auch als 
ursprünglich unbetonte Silbe, wie in vjerujem. Als eine gestoßene 
Länge zog es natürlich den Wortakzent an sich, falls die vorher- 
gehende Silbe eine geschleifte Intonation hatte (oder auch wenn 
me kurz war, nach dem Saussureschen Gesetze): russ, iorgiiju^ 
serbokr, trguj&m zu russ* torgä^ torga^ serbokr. trg^ trga, dagegen 
russ. virujuy serbokr. vßntJBm zu russ, vSra^ serbokr. vjera^ böhm, 
vira; russ. hesMuju zu russ. besSdüf serb* hesjeda. Auch das 
Böhmische bezeugt die gestoßene Länge* War sie unter dem 
Wortakzente, wui*de sie erhalten, was hier ursprünglich wahr- 
scheinlich verallgemeinert wurde, und das hatte zur Folge, daß 
eine lange Stammsilbe, die vorherging, verkürzt werden mußte, 
daher kralujn zu krälj ktipuji zu koapiti usw. Ich ging früher 
hier vom Infinitiv aus (S. 135), wir werden aber sehen, daß der 
Inf. auf -ovaii sekundär ist und daß er in akzentueller Hinsicht 
ganz vom Präsens beeinflußt wurde. Später als der Akzent im 
Böhmischen auf die erste Silbe verschoben wurde, ist die nach- 



Sltvische Akzent- und Quantitätastudien, 147 

folgende uad früher betont gewesene Länge — hier das u — 
verkürzt worden» wie wir Beben früher deraitige Beispiele an- 
geführt haben. Jetzt ist das u hier durchwegs kurz: müuju^ 
milujes etc., ebenso wie das i im Imper» chrali, piH etc, kurz 
geworden war*). Die gestoßene Länge wird schließlich noch 
durch das lit. tarnäujti, tarnduii; ragäujii, ragäuti bezeugt* Hat 
die vorhergehende Silbe eine gestoßene Intonation, so wird 
natürlich auch hier der Wortakzent nicht verschoben: r^kaujii. 

Es ist noch der Infinitiv auf -ovc^i zu erklären. Da zu 
umejq etc, der Int umeti gehört, erwarten wir zu *mUeu'H 
einen Inf. ""mil&u-th wie wir es auch tatsächlich analog im 
Litauischen haben: tarnäuti usw. Es ist wahrscheinlich, daß 
auch im Slavischen der Infinitiv analog hieß. Da aber die 
Deverbativa wie hipovati etc. eine iterative Bedeutung erlangten, 
erlagen sie in den lufinitivfornieu offenbar der Analogie der so 
zahlreichen Iterativa auf -ati Das hatte zur Folge, daß *^mileuti 
von miUu-ati verdrängt, wurde und zwar schon zu einer Zeit, 
als der Diphthong noch hestand. Durch die verhältnismäBig späte 
Monophthongierung ist dann mUovati entstanden* Dort, wo der 
Akzent infolge seiner Verschiebung auf ett ruhte, kam er im 
neuen Infinitiv auf das o, und da das ^ des Infinitivs eine 
gestoßene Intonation hatte, mußte er neuerdings vei^choben 
werden: russ. torgovätb^ serbokr. irgbvati; russ, cSlovätb usw. 
Wahrscheinlich ist übrigens der Akzent sofort verschoben worden, 
als es noch den Diphthong bu gab, bevor also daraus noch ein 
QfU wurde. Der Regel entspricht natürlich zdravstvovatt>, vgl. 
gäüTövbj böhm. zdnw^ serbokr. zdräv ^gesund*^. 

Große Schwierigkeiten bereitet die Erklärung des Präsens 
aksl. I^q^ leiiM zum Inf. leiaii „liegen" and aksl. prasq, prösisi 
zu prosiii ^bitten". Da das Präsens bei beiden Konjtigations- 
arten dieselben Formen aufweist, so werden auch beide häufig 
aus denselben Urformen abgeleitet. Allein das ist nicht richtig, 
denn weuu auch beide im Präsens das Suflix i aufweisen, so ist 
doch dieses verschiedenen Ursprungs. Das zeigen uns eben 
wieder die Akzentverhältnisse. Was nun das i der UI. Konj. 
2* Gruppe anbelangt, so glaubte Meillet^ daß es eine geschleifte 
Intonation gehabt hätte (MSL. XI 547), allein nach dem vor- 
liegenden Material müssen wir es gerade umgekehrt für gestoßen 
erklären. War also die Stammsilbe kurz oder fallend (geschleift) 
betont, mußte das i den Akzent auf sich ziehen, und das bemerken 

*) Hierher gehört aach das oben erwähnte Jazykj koryto^ ortch jmsw. 

10* 




148 



W. Yondr^ 



wir aach tatsächlich: russ* iotju, bölisbj botita; gorßi, gorisbt 
goriis; glj^ü^ gliadim, gladits; leiü^ leii^b, leiits; boßisb, hojwbsjaf 
böjitsja usw, nur smatrSttj terpStöj deriätb wechseln den Akzent : 
1. P, nach der Regel smotrß\ terpljü, deriü, aber in den übrigen 
Personen smStrisby terpisb, derliSb usw. Meillet hält dies für die 
ältere Betonung, die den Verbis der 3. Konj. 2, Gruppe zo- 
gekommen wäre, da das i nach seiner Ansicht geschleift gewesen 
sei; allein das ist wohl nicht richtig. Die Betonung der er- 
wähnten drei Verba ist offenbar dem Einilasse einer großen 
Gruppe der Verba der IV, Konj. wie prom, prosisb usw, zuzu- 
schreiben, während wir sonst, wenn wir boljü bolisit etc. für ein 
sekundäres Produkt halten wollten, keine entsprechende Analogie 
hier ausfindig machen könnten. An den Infiaitv ist, me wir 
sehen werden^ nicht zu denken. Daß das die ältere Betonung 
war, dafür spricht auch folgender Umstand, Wo die Stammsilbe 
eine gestoßene Länge aufwies, da wurde der Akzent nicht ver- 
schoben: russ. vüUj vidisby vidits etc<; slißu^ slysisbt slyHts; so 
auch serbokr. vidi, ostbnlg. vide, vUü; vUet vms {Leskien AfeL 
Phil. XXI 9) und im Dialekt von Sofia: mdim, uidis (S, 7). 

Sonst bei anderen Verben im Serbokr. auch : trpi, dfH (hier 
ist also bei beiden Verbis im Gegensatze zum Russischen noch 
der Reflex der urslavischen Betonung erhalten); iiinm, Hvls etc, 
zu iwjeti (das l wird weiter unten erklärt werden). Meillet hat 
diese Betonung durch den Einfluß des Infinitivs erklärt. Es wäre 
aber ein merkwürdiger Zufall, daß sich gerade hier, wo wir die 
urslavische Betonung oder ihren Reflex finden» der Einfiuß des 
Infinitivs geäußert hätte. Wenn der Infinitiv mit seinem ^ {-eti) 
auf i-Formen des Präsens in ak2entueller Hinsicht eingewirkt 
hätte, so würden wir es um so mehr beim Inf, der IV. Konjugation 
{jpTösm^ prösiti) mit seinem i {-iti\ da auch hier die Präsens- 
formen ein i enthalten, erwarten. Wir werden aber gleich sehen, 
daß hier der Infinitiv akzentuell und demnach überhaupt nicht 
auf die Präsensformen eingewirkt bat. Folglich ist es auch bei 
der in, Konjugation 2. Gruppe nicht anzunehmen. Im Infinitiv 
mußte allerdings, da das e auf e zurückging und demnach eine 
gestoßene Intonation hatte, unter den bekannten Bedingungen 
der Akzent verschoben werden : rnss. veUtb, hoUib, gorUb^ smotrStb, 
terpStb, dereätb. Dagegen ganz nach der Regel: mdetb^ slymtb, 
serbokr- vldjetii sUsati, russ. m-visetb = serbokr. vlsjeti^ weiter 
StarJet L Weiter im Serbokr. gorjeii, Seljeti, kUeati, krifMi nsw. 
Im Infinitiv bemerken wir diese Erscheinung auch im Litauischen. 



SläTiBche Akzent- und Qu&DtltItg«tadien. 



149 



WeEü wir non als den ursprachlicheo Typus dieser Kon- 

jugation ini Sing, z. B. ein legBi-mi, legBi-si, leff&i-H^ im Plur, 
ley^-fnSs, legl-tS, legi-nü ansetzen, so erwarten wir auch, daß 
das i eine gestoßene Intonation hate, da im Sing, ein Lang- 
diphthong und im Plur, ein langer Vokal vorliegt. 

Anders verhält sich jedoch die Sache mit dem i der 
IV. Konjugation. Wäre das i, das wir auch hier haben (aksl. 
nosq^ nosüi^ nosits etc.), ans den Infinitivformell im Präsens 
eingedrungen, wie Brugmann meinte (Gnmdn II 1144), so 
müßte hier dieselbe Erscheinung auftreten, die wir bei der 
in, Konjugation 2. Gruppe beobachtet haben, denn das i des 
Inf, war gestoßen, vgl lit* vartytu Wir bemerken hier aber 
statt dessen etwas anderes. Bei den Iterativen und Kausativen, 
die hier zunächst in Betracht kommen müssen^ ist der Akzent 
beweglich: in der L P* Sing, auf der letzten Silbe (Akzent- 
verschiebung, da das q aas *-am eine gestoßene Intonation hatte), 
in den übrigen auf der vorletzten, also russ, voiü^ vodisb^ vodits; 
nosUf nomb, fwsitä; prorn^ prosisb etc, ; choiii^ chodih , * *; bum^ 
bndiSb; IjubljUf Ijübm . , . usw, (Boyer S. 37). Serbokr, nositif 
nisim^ ndsUf nb^j ndslmOf nMtej n9s^. Die L P. Sg, ist also 
Wer nach den übrigen ausgeglichen. Ebenso vdditij gonitif desit% 

^molitu höditi (DaniöicS, 51 — 52). Bei den Denominativen ist der 
Akzent entweder fix : russ. gostiUf gosdUf gostim ; veseljü^ veseUsb^ 

^vmdtU; govorjit^ govorUby gövönt5\ nur wenige davon gehen 

pach der ersten Gruppe: zenitb^ ienjü, imiSb; kupljü, bitpisb. 
lan muß tlberhaupt sagen, daß die Denominativa eher die 
Eentuation der Iterativa und Kausaüva annehmen; das um- 
fekehrte bemerkt man äußerst selten, Oder es richtet sich der 

{Akzent Überhaupt nach dem Nomen: gotovitb^ vgl gotovyj^ und 

rfeleibt dann fix. 

Wir sehen hier demnach, daß das i anders auf den Akzent 

[einwirkt als bei der IIL Konjugation 2. Gruppe: es war also 

[geschleift. Nun handelt es sich darum, diese geschleifte Intonation 
zn begründen. Neben den Kausativen und Iterativen haben wir 
hier Denominativa, die meist einen 0-, a- oder i-Stamm voraus- 
setzen: aksL phniü „fWleu" zu phm ^voll", chvaliti „loben '^ za 
chvala „Loh** und gostiti ^bewirten" zu gostb j,gast". Alle diese 
Kategorien haben im Slavischen im Präsens ein i, was auffallend 

[ist, da wir im Litauischen ein a hier finden: vartail, 1. Plur. 

[mHo-nie, mrtytL Daher vermutete Brugmann» daß der Sieg 
der ü' über die eio- formen (vgl ai. patägämi, gr. notiü^ai ^ich 



150 



W. Vofidräk 



flattre, fliege umher** und patäijaü „er macht fliegen") bei diesen 
Verben iu die Zeit der balt-slav. Urgemeinschaft falle und daß 
der slav. Flexion vrastq, vrafisi eine andere und zwar eben 
3. Pers. Sing, *vortatby L Plur. "^vörtanu^ vgl imataf imama voran- 
gegangen ist (Gruüdr, II 2, S. 1145). Das ist aber nicht wahr- 
scheinlich, vielmehr müssen wir annehmen, daß auch im ürslav, 
eine der ejo-Flexion entsprechende vorhanden war und zwar 
zunäch&ät bei den altüberkommeneu Iterativen und Kausativen. 
Da ferner die Denominativa jetzt dieselbe Konjugation haben, 
so ist ein Zusammenfallen dieser Gruppen dann begreiflich, wenn 
sie auch ira Slavischeu ursprünglich eine der ursprachlicheu 
entsprechende Konjugation hatten (vgl* ai. manträyate „er berät" 
zu mätitras „Rat'', got. hailja, ahd. heilfi)ii „ich heile**, die ö- 
Stämme sind hier als solche ganz deutlich erhalten, und die 
davon abgeleiteten Verba nabmen ursprilngUch die ^lo-Konjugation 
an). Neben der ejo-Flexion — ein Reflex derselben sind auch 
die eio-Stämme wie umejq-umeti — war auch die -flfi^-Flexiou 
wie voHJati-vonjajq zn vonjaj igrati4grajq zu igra und dann 
auch delati etc. zu dMo vorhanden. Diese Flexion bemerken 
wir auch in anderen Sprachen, wie z. B. im Griechischen yoita 
Jammere" zu f6o^ „Greheul'' nach Ti^tam etc. Das hatte zur Folge, 
daß diese beiden Flexionen einander beeinflußten, vgl. z, B. gr. 
noTfio^ai neben noteofiat, also selbst auch da, wo es sich nicht 
mehr um Denominativa handelt. Analoge Erscheinungen finden 
wir im Litauischen, wo die Verba auf -au, -oti im Präsens 
gelegentlich auch die Konjugation -oju annehmen, z. B, Ündojit, 
also wie die Denominativa, z. B. päsakoju, päsakoti „erzählen" 
von päsaka „Erzählung", Es muß aber hervorgehoben werden^ 
daß sie im Lettischen auf -aju^ -at ausgehen, also wie im 
Slavischen die Iterativa, denen sie sich hier auch hinsichtlich 
der Bedeutung anschließen, indem sie ebenfalls iterativ sind. 
Daher ist es auch begreiflich, wenn die Verba auf fßi mit ihrem 
Präsens in diese Gruppe tibergingen, also sakail, saJcßi „sagen"; 
pUdan, pUdyti ^füllen'*. Diese Präsensformen sind demnach 
sekundär. So meinte auch Heichelt, daß die lit. Verba auf 
-mi, -yti ihr Präsens ursprünglich wie aksl, vmMq^ vratisi, bezw, 
thematisch wie velyju bildeten und erst unter dem Einflüsse der 
Verba auf -au, -oti diese Bildungen aufgegeben hätten (BB. 
XXVn 83). Tatsächlich führt auch üljanov aus dem MÜit. 
Formen an wie pmlfm für püdafi^ hidiin für indart^ itläo; 
giesiu flir gesaU, vodHu för rodau usw* (Znaßenie I 57)» Es 



SlcfiBehe AJczent- ond Quäntitätssindien. 



151 



liegt hier demnach eine der alten idaur. Iterativ-Kaiisativflexion 
auf eio noch mehr entsprechende Flexionsart vor, Indeni roJiu, 
rodyti = sL riisdq, raditi, wofür jetzt rodau, rodyii gebraucht 
wird (Berneker Afsl Phil XXV 497). 

Es ist nun zu ermitteln, wie die alte Flexionsart mit eto 
im Slavischen za einem i mit geschleifter Intonation führen 
konnte: aksL mcdm, vratiU usw, Wii" haben schon Denominativa 
wie limejn-umeti^ heUjq-heieti von ö-Stämmen angeführt. Des-' 
gleichen gab es auch analoge Bildungen tob t*-Stammen, wie 
nir sahen, z. B. celuja aus *c:eZ^y-i^wi. Analog mnßte es auch 
von i-Stämmen Bildungen geben wie z. B. *godei-iesi ^gmiei-ieÜ 
zö gostb „gast"* Zu diesen Kategorien gehört auch lit. jukfiju^ 
fut jukfisiu zu ßkas ^Scherz '^^ Es ist möglich, daß es auch im 
^Slavischen solche Verba von o-Stämmen gab, also nicht bloß ein 
}heleti etc. mit ^, sondern auch solche mit ö, das im Slavischen 
^€in a ergeben mußte, also -ajq^ ajesi wie detujq. Wenn wir 
sagen, daß bei dieser Flexionsart die von a-Stammen abgeleiteten 
* Verba (wie voiijati) maßgebend gewesen sind, so ist es also viel- 
cht nicht ganz richtig. Wahrscheinlich ist nun unter dem 
Einflüsse eines Heg^ui, ^Ug^iii, ^^^ wir oben ansetzen mußten, 
auch das ^gost^i-iesi^ ^gosUi-i^ti zu ^gostemj gosUiti geworden, 
nur mußte das m, da es sich auch um eine Kontraktion zweier 
SUben oder, wenn man will, um eine Ersatzdehnung') handelte, 
eine geschleifte Intonation bekommen, die natürlich dann auch 
fdem darans entstandenen i- zukam* Bevor jedoch die Mono- 
I phthongierung eintrat, wirkten Formen wie gosi^-mi etc. wahr- 
scheinlich assimilierend auf die anderen verwandten wie v&deiesi 
usw., unter welchen es auch viele Denominativa gab. So würden 
wir uns etwa erklären kdnnen, warum alle hierher gehörigen 
Verba die i-flesion angenommen haben. Daß es das i der 
Infijiitivformen wäre, ist mir aus dem schon erwähnten Grunde 
unwahrscheinlich. Nach unserer Erklärung hatte also das i der 
IIL Konjugation eine gestoßene Intonation, dagegen das der 
IV* eine geschleifte. Bei der III. Konjugation sollte demnach 
im Serbokn in allen Fällen, wo der Akzent im Urslavischen auf 
r^as i verschoben wurde, dasselbe verkürzt werden. Statt dessen 
Itnden wir hier zwar die Länge: trpi^ dfil usw., das darf aber 
[nicht befremden, weil wir diese Längen sonst auch bei der 

)) Das «i hAtte ftb Langdiphthong eiü4^ gestoiene Intonatioit. Wird Aber 
' €iuf derartige Länge Qäüirfaträg'licli nocli gedehnt, bekommt ite eine geschleifte 
' lutonatiotj {ygL BB, XXX 142), 



152 



W, Vondfäk 



serbischen Konjugation im Suffixe finden nnd zwar auch dort^ 
wo es sich um urslavisehe Kürzen handelt. Sie ist also einfach 
übertragen worden und zwar hier wohl yon der IV. Konjugation 
aus. Im Böhmischen könnte man wieder bei twsis^ nosU vodi etc 
den Einfluß der in. Konjugation sehen: ?eii#, lelif trpi usw., 
denn hier wurden gestoßene Längen unter dem Akzente erhalten. 

Das Walten der beim Gen* PI der a- und o-Stämme kon- 
statierten Dehnungsgesetze (BB. XXX 141^143) wird sich mit 
der Zeit wohl auch in anderen Fällen, in anderen Bildungen 
noch nachweisen lassen. Ich habe zwar S. 144^145 Deminutiva 
meist aus dem Buhm. und Serbokr* angeführt, bei denen auch 
etwas Analoges beobachtet werden kann, aber hier müßte es 
sieh wohl um einzelsprachliche Erscheinungen handeln, da man 
ja nicht annehmen kann, daß der Halbvokal in diesen Bildungen 
schon im ürslayischeu verloren gegangen wäre» 

Dagegen kann man bei den Iterativa noch ziemlich deutliche 
Spuren finden, woraus wir ersehen, daß die Gesetze hier auch 
schon im Ui'slavischen wirkten. Diese Bildungen datieren näm* 
lieh meist ans dem Ursla\1schen, und es wurde bei ihnen der 
Stammvokal gedehnt; derselbe konnte natürlich von Haus aus 
kufÄ oder lang sein, im letzteren Falle konnte er weiter ent- 
weder eine gestoßene (steigende) oder geschleifte (fallende) 
Intonation haben, so daß hier alle drei Dehnungsgesetze zwt 
Geltuug kommen konnten. Dabeibist zu bemerken, daß das a- 
Sufiix der Iterativa als ein einfach langer Vokal eine gestoßene 
Intonation hatte und daß es infolge dessen bei Vorhandensein 
der uns bekannten Bedingungen den Wortakzent auf sich reißen 
mußte. So haben wir hier unsere drei Gesetze in folgender 
Weise vertreten: 

L War der Stammvokal kurz, so erlangte er bei der 
Dehnung eine gestoßene Intonation; serbokr. klmjatif klänjämj 
russ. Mänjatbf Uänjajti, aböhm* kläneü (bei Hus), daneben dann 
klaneti, aber in Zusammensetzungen noch -kläneti (aus klänjati) 
zu böhm* Jdonitif serbokr* kloniti; serbokr. säslanjati (läklanjati) 
„schützen", böhm. m-däneti „verdecken, beschirmen" zu böhm. 
^aslonUi, serb. ^aslmiiti usw* Im Böhm, namentlich zahlreiche 
Fälle, wie Mzeti zu JiodÜi „w^erfen", tadeti zu toüiti j^drehen"; 
kräöeü zu kroöiii „sehreiten", dychati zu aksL dnchnqti „atmen^; 
na^eti zu nosiü „tragen*^, haeeü zu hoditi „werfen" usw, 

2, War die Stammsübe lang und hatte sie eine gestoßene 
Intonation, so wird diese in eine geschleifte verwandelt; daher 



■ 



BlaTiscbe Akzent- nnd QuantitätsEtadien. 



153 



muß hier regelrecht eine AkzentverschiebüDg stattfinden: russ* 
hyvätbj hyvaju^ serhokr, hwat% bwäm (das ist sekundür) zu serb* 
blti^ böhm, h0L Ut* biäi. Im Böhm, ist hier natürlich die Länge 
erhalten, weil sie vor dem urslav, Akzente steht, daher: byvatii 
russ. ubivatb^ serbokr; uhijatif übijäm zu übitij mss. iibitb^ 6Wi, 
hijemt böhm. biti; russ. pokryvMb^ serbokr, pokrivati j^bedecken"» 
böhni, pokryvati zu serb. hfitif pokriti, böhm, kr0; mss. ump- 
vätby serbokr. ttmivati, üm'wümj böhm. umyvati zu serbokr» mtti, 
böhm, myti usw* 

3, War die Stammsilbe lang und hatte sie eine geschleifte 
Intonation, so wird diese in eine gestoßene verwandelt; daher 
kann es hier ursprünglich zu keiner Akzentverschiebung kommen : 
russ. kükitb, serbokr. küsati, ktisam^ böhm, kotmti zu serb. Mdtif 
küsim (Daniele Akcenti n glag, S, 44, be^;, 90), böhm. kimti^ 
o-kimti; russ, h^gaiby serbokr. bjegat% bßgüm, böhm. jetzt nur 
in Kompositis, wie iiblhatif pfebikati etc,, sonst jetzt knrz behati 
zu serb. bßlatit niss. beiätb^ böhm. beeeti; böhm* 'botieeti zu 
btiditif serb* büditif büdim. Insbesondere ist lehrreich: russ. 
vorodatbi voroöajii, serbokr. vrMati^ vrä6äm zu serbokr, vrdtitif 
vrätim^ russ, vorotUbi voro^üf vorotisb. Daß die Stammsilbe eine 
sclUeifende Intonation hatte, ersehen wir ganz genau aus dem 
Inf, russ» vorotitbf serb* vrätit% da ja hier eine Akzentverschiebung 
sonst nicht möglich gewesen wäre. Im Russischen ist offenbar 
aus einem ursprünglichen vöto^h^ "^uörotisb etc, ein uorod^f, varoti^b 
nacbtiäglicb geworden. Im Böhmischen ist im Infinitiv die Länge 
vor dem Wortakzente erhalten worden, daher vrätiti und unter 
dem Einfiusse des Infinitivs offenbar auch das Präsens: vrätim, 
vrätw etc. modifiziert worden. Da sich aber bei der Bildung 
des Iterativums die Intonation sonst änderte, so mußte zu einem 
vrätiti ein Iterativum vraceti gebildet werden, was also eine 
speziell böhmische Form ist. 

Es gibt hier aber sonst auch zahlreiche Ausnahmen, da sich 
der Einfiuß gewisser Typen mächtig äußerte. So griff im Serbokr, 
mehr die geschleifte Intonation des Stammvokals um sich : biraÜ, 
Mräm (also mit Akzentverschiebung); pro-ricatif pro-nclBm usw. 
Analog zeigt es sich auch im Russischen, da hier auch häufig 
das a betont erscheint, wo die Stammsilbe nicht eine geschleifte 
Intonation haben konnte: rcudtb^ r(Mäju. 

Wien, W. Vondr&k, 



^ 



154 



M. Vasmer 



Zwei kleine Äbliandlungen. 

L Noch einaial die neugriechischen Zahlwörter, 

In einem Aufsatz, dessen Erscheinen in der „ByzantiiiiKcheü 
Zeitschrift" XVI, 1—2 in nächster Zeit bevorsteht, habe ich versacht, 
die Synkope der Silbe -xo- in den griecbischen Zahlwörtern wie 
TQtuvza, (TuguvTat nfvrjvTu etc. dttrch viügär lateinischen Einfluß 
zu erklären. Meine Erklärung, an der ich auch jetzt noch fest- 
halte (siehe unten), ist also mit der Erklärung Hatzidakis Ein- 
leitung S. 149--150; Dieterichs Untersuchungen S. 125; Thumbs 
Byz. Zeitschr, IX 238—239 nicht in Einklang zu bringen , die 
darin eine Dissimilationserscheinung sehen, und steht auch mit 
der Auffassung Jannaris Historical greek gramniar S. 172 sq. in 
Widerspruch, der an eine Abnutzung dieser Formen durch öfteren 
Gebrauch denken möchte. Nachträglich erfahre ich aus dem 
Aufsatz Tlmmbs Indogernu Forsch, Anz. XV 179, daß Densu^ianu 
Romania XXVI 290 ngr. Staut 01!:^ statt t^trg xui Sfxa und 
t^iavta statt TQtt^xovta aus ramanlschem Einfluß erklärt, doch 
ist mir der betreffende Auisatz, dessen erste Behauptung mir 
sehr zweifelhaft^ die zweite dagegen recht glaubhaft erscheint 
(darüber unten), nicht zugänglich, | 

Ein guter Kenner des Mittel- und Neugriechischen» HeiT 
Akademiker Th, K Korsch in Moskau, hatte neuerdings die 
Güte, mir gegenüber seinen Zweifel an meiner Erklärung der 
Synkope des -teo- in den Zahlwörtern auszudrücken. Da, wie| 
ich sehe, auch Thumb IF, Anz, XV 179 diese Erklärung be- 
zweifelt, so haben die vorliegenden Zeilen den Zweck, meine 
Ansichten gerade nach dieser Seite hin zu verteidigen: Gegen 
meine, a. a, 0. näher begründete Erklärung könnte eingewendet 
werden, daß die griechischen Zahlwörter überhaupt zu wenig 
Ähnlichkeit mit den lateinischen haben und daher wohl schwer- 
lich von ihnen beeinflußt werden konnten. Lateinisch öctojinta, 
nachlässig ausgesprochen: agdojinda^), stimmt indes genau mit 
der giiechischeu Form überein. Wenn das Romanische auch 
die Betonung octSginta^) erschließen läßt, woraus späteres *öctönt4i 
(vgl. itaL otfanta, wobei Anlehnung an das -anta von quarrantn, 



^) Dal eine Jeiartig'e Aiiiloiiationeßkouoraio im Vulgarlateiiiij^chen gang 
und gäbe war^ »zeigen die Beispiele bei F. äonimer Hajidbucli der lateiniicbftti 
Laut> und Formenlehre S* 275. 

>) Hit BpirantiBcbom y %. Sommer Handbuch S, 498. 



Werne Abhandlungen. 155 

cinqiianta, sessatita etcJ) vorauszusetzen ist), wobei der Akzent 
nicht mit dem Griechischen (auf 4) übereinstimmt, so ist dies 
für die Entwicklung der griechischen Formen wohl kaom von 
Belang; gerade die viilgärlateinischen Formen der Zahlwörter 
zeigen, wie stark gerade hier die Wirkung der Analogie ist*) 
(siehe Sommer Handbuch S. 498 sq.) : bis zum lateinischen Einfluß 
hatten die betreffenden griechischen Zahlwörter die Endung 
-r^Hnpta, und das betonte i dieser Endung hat auch später, nach- 
dem der lateinische Einfluß durchgedrungen watj den Sieg davon- 
getragen. 

Ferner konnte aus sexag^inta, durch volksetymologische An- 
lehnung an f5«, i^f^itm'Tu, nur h'^^vTct entstehen. Desgleichen unter 
dem Einfluß von nonaguda — hev^vraj aus ivtv^mvTa. Daß aber 
diese drei Formen durch Analogie die Entwicklung zweier anderer, 
von den entsprechenden lateinischen Zahlwörtern entfernterer 
griechischer Formen nach sich ziehen konnten, wird wohl von 
niemand bezweifelt werden. So erklären sich, wie mir scheint, 

die Formen: nfpri^yrtt aus Jiti^i^xnvja, tß^nß^via aus ißSo^i^^*tyTä 

(also nicht direkt unter dem Einfluß von quinquagmtaj sepiHOA/mta^ 
die gewiß wenig Ähnlichkeit haben). 

Eine eigene Bewandtnis hat es mit mgr, tmoavta und jqiuvxu. 
Gerade weil hier die Endung -^ikovtol ursprunglich fehlte, so 
war hier eine Wirkung der Analogie der anderen Formen von 
vornherein ausgeschlossen. Wir bemerken jedoch, daß zBfjüot^tU 
Mfipta schon früher zu aa^axtttfzu geworden ist (siehe Jannaris 
Historical greek gr. S. 173; Hatzidakis Einleitung S. 150), Die 
vulgärlateinische Form lautet, wie bereits erwähnt: qimrrantaj 
und unter ihrem Einfluß geschah die Umbildung von intndxoyta zu 
ctt^ayia^). — Wiederum isoliert steht Tpjwrr^rrr*, Doch auch hier 

*) Gerade diese Foruiun zeigen, wie Bchwacli im Vulgirlateiniscben in 
fokhen FäHon der interrokaliscfie Spirant j aos^e&p rochen wurde, was meine 
Ansicht noch l^ckräftigt, denn dadurrh wird Yal^äriat, *ocknnta dem griechJachen 
4ytJo4ftn noch näher gebracht. Daß aber der lateinische Einfliifi gerade von 
dieser Form aaBglng, eehen wir an der rweiten neugriechischen Form dieee« 
Zahlwortes-; oj^cfw*'?« was genau zu vnlg.-laL *ovt6nta stimmt. Ober öy^wjcayra 
siehe Ratzidakii Einleitung S. 150; Mavser Grammatik der grieclüschen Papyri 
der Ptolemäerxeit II 2; Dloterich Byiant. Zeitschr. X 652. 

') Dftf diese Wirkung der Analogie auch im Griechischen sehr grol gewesen 
ist^ iieht man an einer ganzen Reihe von ßeispiolont so ist ngr. TfjfTjedffat, 
f^ffxiatot aoa agr iiHnxöatoi anter dem Einfluß von TeiQftxöaioi entstanden 
{$. Jannaris Histor. greek gr. 8. 174)» 

*) Darana, dal die Syniope der SiJbe -xo- in cfÄ^iis^vr« schon in so früher 
2*U eintrat folgt, nebenbei bemerkt^ die Unmöglichkeit einer slavbchen Etf- 




156 



M, Vasmer 



ist der inilgärlatemische Eiüflaß leicht nachzuweisen; bekannt ist 
die vulgärlat. Form trienta (Soinmer Handbuch S. 498)^ auch wissen 
wiij daß latein. -m aus Gründen der Artikulationsökonomie von 
den Griechen durch -mt wiedergegeben wurde. VgL ^aXai^^fai 
aus calendae^) (belegt bei Dietarich Untersuchungen S. 19 — 20; 
G. Meyer Neugriechische Studien n 33; III, 7 und 23), gleich- 
wie auch im späteren Griechisch -av für slav. -oaj, -ev erscheint : 
xoXiavta, jtoXiavripa ZU aksl. kökdü (s. G* Meyer Neugr, Stud, 
II 32 — 33), vgl ndyyo^ — paqks, dyyQvTtnag — qkotb^ XayyQ^ 
Xayyd^a — Iqkü^ (G, Meyer Neugr, St. II 10). — Bei direkter 
Entlehnung hätte also vulgäriatein. triefita gerade das ngr. r^tavta 
ergeben. Also war hier sogar eine volksetymologische Umbildung 
unter dem Einfluß von t^ia, r^taxGVTa nicht einmal notwendig. 
So glaube ich die Synkope der Silbe -xo- in den oben an- 
geführten Zahlwörtern erklären zu müssen* Nahe zu liegen 
scheint die Erklärung durch Verkürzung infolge häufigen Ge- 
brauches, wie Thumb Byz. Zeitschr, IX 239 anzunehmen geneigt 
ist; doch ist, so glaube ich, eine dissimUatorische Abkürzung 
der ZahlwÖiter im Griechischen um eine so frühe Zeit kaum zu 
erwarten- Ferner, wenn schon in Formen wie jQtaxoyja nui 
ivo etc. eine Dissimilation von nicht unmittelbar aufeinander- 
folgenden Silben eintreten mulite (an deren lautphysiologischer 
Möglichkeit ich natürlich nicht zweifle), so wäre doch gerade 
hier der dissimilatorische Schwund des vollständig überflüssigen, 
w^ohl in der Schrift, aber nicht in der Sprache betonten xai 
zu erwarten (vgl, dagegen Thumb Byz. Zeitsehr. IX 239). — 
Ich fasse das Ergebnis meiner Ausführungen folgendermaßen 



mologie: fuss. soroJa, rienig, ist nicht aus griech. aa^axot^Tu (a. Mikloüc 
Etym, Wörterb. d. slav, Spr. S. 317) ©ntiehnt, denn dieses war Bchon m attQtitfJtt 
geworden (s. Jannark Historical greek gr. S. 172), sondöm wie das ©inst «na dem 
Busaiscben entlt^hnte pob. sorok „Bund ZobelfeUe zu 40 Stück ^ teigi, aus urslav. 
*S(}rkcL Efl g©hart also zu aksl. srakyt BmkUj sradica, rusB. soroöka^ sof^oka eU^ 
». Miklobic Etjm. Wörtb, S. 316. 

*) Ea iat also hier wohl kaum mit Dieterich Untersuchungen S. 119 an ein© 
Vokalaisimilation zu denken ; ?iel niher liegt die Erklimng durch das Beatreben 
zur Ei^paning der ÄrtikalationBenergie* Denn uo ist entschieden leichter ans- 
zuap rechen als em und ov, da a der artikulatorisch einfachste Vokal ist, denn 
die Zunge entfenit aich hierbei nicht viel auB ihrer Ruhelage (s. E. Sierert 
Gmndiöge der Phonetik "> S. 81), 

*) Wohl schwerlich ist letyyQ^ eine Kontaminatiensform voa laytoif + äynüi 
(wie neuerdings Amantos Die Soffiie der ngr* Ortsnamen S. 25 sq. und Kretschmer 
AtcMt f. alav. Phil. XXYII 234 annehmen). Denn dies hätte *Xdyyog ergeben. 
Auch hindert nns die Bedeutung, diese Etymologie anzunehmen* 



^wei kleine Abhandluugey. 



157 



zusammen: die vTilg^är-lateinischeii Zahlwörter unterlagen einer 
volksetymologischen Umbildung auf ^echischem Boden; diese 
Umbildung geschah unter dem Einfluß der griechischen Zahl- 
wörter ohne Synkope, t^f a^üvra, aagim^Ta etc. und wurde 
begünstigt durch den Umstand, daß die Formen mit -na-, infolge 
häufigen Gebrauches, ihre unbetonten Silben beträchtlich redu- 
zierten (übertrieben ist diese Reduktion bei Jaunaris Hist greek 
gr* S, 172)* Diese synkopierten neugriechischen Zahlwörter sind 
also gewissermaßen Eontaminationsformen der vulgärlateinischen 
und altgriechischen Zahlwörter* 

n. Zur slavischen Vertretung von arioeurop. o, 

P. Kretschmer hat soeben eine interessante Studie: „Die 
slavische Vertretung von idg. o", Archiv t slav, PhiL XXVII 
228—240 veröffentlicht, die aus mancherlei Gründen das Interesse 
der griechischen Sprachforscher beansprucht. Auf Grund grie- 
chischer Orts- und Eigennamen slavischer Herkunft, sowie der 
nicht besonders zahlreichen slavischen Lehnwörter im Griechischen 
hat Kretschmer den Versuch gemacht, die Brugmannsche Lehre 



< 



iUt, 



(s. 



Brugmann Grundriß 
an anderer 



p-i o^ 



n, ^) 



I vom arioeurop* o, wonach idg- 

I* 146), durch eine neue (von ihm Übrigens schon 
Stelle aufgestellte) Lehre ^) zu ersetzen, wonach: 

I Idg* a a 

^^^^p balt-slav* a ( nß4 

^^^^r halt, a slav* o. 

I Gerade wegen der großen Wichtigkeit der betreffenden Frage 

für die arioeuropäische Sprachwissenschaft ist eine Revision der 

IKretschmerschen Arbeit von seiten der Neogräzisten höchst 
wünschenswert* Vor allen Dingen muß geprüft werden» ob 
nicht die lautlichen EigentümUchkeiten deijenigen Sprachen, 
aus denen Kretschmer seine slavischen Belege zusamraeustellt, 
eine andere Erklärung der von ihm beobachteten Wiedergabe 
I des slavischen Reflexes von arioeurop, o zulassen. Die latei- 
nischen und deutschen Belege sind denn auch wohl kaum stich- 
haltig zu nennen: sie entstammen einer späten Zeit, deren Sprache 
uns auch noch durch slavische Denkmäler überliefert worden ist, 
wo von einer -ö-Ärtikulation des slavischen Reflexes von arioeur, 
keine Spur zu merken ist. Dalmatinische Schreibungen wie 



<^, ^^J, 



^) TgL EretsehmerEiiileitang^ in die Geecliichte der gnech. Sprache S.ill^ 115* 



158 



M. Vaamer 



Dabra — Dobra, Balislaua — Bole^lava et€. (Kretschmer S, 237) 
bezeugen daher nur, daB roman.-lat. o eine bedeutend ge- 
schlossenere Artikulation hatte als slav, o, und daß letzteres 
daher näher zu romau. a als zu o zu neigen schien und infolge 
dessen durch lat a wiedergegeben werden mußt*. Diese Annahme 
wird schon dadurch geBtützt^ daß romau,-lat a in slavischen 
Lehnwörteni durch o wiedergegeben wurde: z. B. pogam aus 
paganus, komora — camera etc. (siehe Vondrak Alt kircheiislavische 
Grammatik S. 42; Sobolevskij Drevnij cerkovno-slavjanskij jazyk^: 
Fonetika^) S* 27). ^- Die germauischen (deutschen) Belege 
Kretschmers, wo a für slav» o erscheint, sind schon von ihm 
selbst (Archiv XXVII 238^239) angezweifelt worden. Ihre 
Beweiskraft wird vollständig erschüttert, wenn man in Betracht 
ziehtj daß germ. a in slavischen Lehnwörtern regelmäßig als o 
erscheint: Ygl gomenqti aus goL gani^aUf Spolifia — SpaU = ^n«iÄo* 
(siehe Vondrak AltkirchensL Gramm, S. 42; Sobolevskij Fonetika 
8. 27). — Zieht man ferner in Betracht, daß germ.-lat. o im Sla- 
vischen regelrecht durch u wiedergegeben wird (siehe E, Th, 
Korsch Sboruiks statej po slavjanovedeniju posvja^^ennychs pro! 
M. S. Drinovn S, 58; Vondrak AltkirchensK Gramm. K 52—53; 
Sobolevskij Fonetika S. 27), so ergibt sieh daraus mit Sicherheit^ 
daß zur Beurteilung des Schicksals des arioeur» o auf slavischem 
Boden sämtliche lateinisch -germanischen Belege Kretschmer» 
(a 237—240) wegfallen müssen^). 

Um die Bew^eiskraft der griechischen Belege Kretschmers 
(S, 231— 23ü), auf die er das Hauptgewicht gelegt zu haben 
scheint, zu prüfen, müssen wir die Geschichte des o auf grie- 
chischem Boden näher ins Auge fassen. Gerade weil die Bei- 
spiele Kretschmei-s so verschiedenen Zeiten angehören, muß die 
Artikulation des griech* o für alle Zeite n festgestellt werden. 
Kretschmer (S. 236) behauptet davon: . T . ^daß das griech. o 
(o^ £ü) ein durchaus offener Laut ist nnd schon zur Zeit 
der Aufnahme der slavischen Wörter war; dies folgt aus der 
Wiedergabe des geschlossenen italienischen p und des lat ö 
durch griecL ov (siehe Byz. Zeitschr, X 586}^), Griech. o {m) 

1) Dieeee Yon Zubaty IF. A. I 146—146 ßo sftreng verarteüt« Buch ist $h 
MatorialBammlung gerade in aolchen Fallen mit Erfolg; heran mzieheii. 

») Sühon dadurch freilich, dal sie alle den späteren Jahrbimderten angehören, 
denen Sprache uns durch slarische Sprachdenkmäler überliefert iet, ist ilmeu von 
TOrnherein keine grofie Bedentung beizorneasen gewesen. 

*) Ich hoffe in nächster Zeit in der Byz. Zeitschr. mich mit dem Yeifi8S«r 
über diesen Punkt auifüfarlich anseinandenaetzen tu kü^nnen* 



Zwei kleine Abhandlunf^n. 



159 



I 

I 

I 



wäre also zur Wiedergabe eines offenen slav, o sehr geeignet 
gewesen, nnd wenn statt seiner ginech. a verwendet wurde, so 
muß der slavische Vokal mehr nach a als nach offenem o hin 
gelegen haben, d. li. er war e ntweder reines a oder höchstens 
ein j?^ mit minimaler labialer Färbung, Nun wird ja tatsächlich, 
wie wir erwarten, in der Zeit^ wo die Slaven schon o sprachen, 
dieses Immer durch griech, o wiedergegeben, und nur in den 
ältesten Belegen slavischer Namen und Wörter im Griechischen 
findet sich dafür a. Daraus folgt mit Sicherheit wenigstens das 
eine, daß im yiavischen ein Vokalwandel stattgefiinden hat (! 1), 
der sich in der Eichtung von a nach o hin bewegte*^. — Eine 
ungenaue Formulierung hat, wie ich im folgenden zu zeigen 
versuchen werde, Kretschmer zu einer höchst ungenauen 
B^olgerung verleitet. 

Wie bekannt, hatte agr. o eine geschlossene Aussprache 
(siehe Brugmann Griechische Grammatik^ S, 30 § 9). Diese ge- 
schlossene Artikulation zeigt sich auch später darin, daß gi'iech, 
in vulgärlateinischen Lehnwörtern ständig durch u wieder- 
gegeben wird: amurca {äfiogyfj% cummi^ gummi (jfo^jui), purpura 
{7fopfpvpu\ rmnpia Qo^ifpata) etc. (siehe Klaussen Die griechischen 
Lehnwörter im Französischen, Erlangen 1903 § 12; desselben: 
Griechische Elemente in den romanischen Sprachen, Neue Jahrb, 
f. d* klass. Altertum, Gesch. u. deutsch. Litt, u, Pädagogik XVI 
(1905) S. 412 u. 417). Geschlossene Aussprache von griech. o 
(% ca nach dem Zusammenfall langer und kurzer Vokale) wird also 
auch für die vulgärlateiuische und „nrromanische'^ Zeit bestätigt. 
KJaussens Annahme (l. c.) erhält noch eine Stütze dadurch, daß 
lat. u in griecliischen Schreibungen öfters durch c*) vertreten ist: 
^aTOfvtyo^ Appiani Histor, ßomana ed* Mendelssohn p. 592, 14 
für Saturninus; Honho^ ibid, 604, 16; 605, 1; 619, 2 etc. für 
Publiiis; loyo^&u ibid. 607, 9 für Ju^iaiha; Üfißiumg ibid. 612, 14 
für Umirici^susw.*) — Die Annahme, daß griechisch o zu vulgär- 
lateinischer Zeit und auch später noch eine geschlossene Aus- 
sprache hatte, wird durch andere Tatsachen noch gestützt: Syrische 
Qaellen zeigen u für griech. o: konünö — xavdv, hlgmanö — 
^fipitiv, hedjutö — iditiTr^g USW. (siehe Soholevskij Fonetika S. 27). 
Dazu stimmen die älteren slavischen Entlehnungen: poroda nap«- 






') Di«B08 war eben lateiniBchem u näher als lat o. 

») Die Belege» die ein besser Ausgerüstöter leicht wird vennebren iönnen^ 
stammen ^ub meinen zu fälligen Aufzeichnungen. 



160 



M. Vaamer 



\ 



Suao^% oUiarb — alti^iv (dafür Belege bei U* Meyer Neugr, 
St rV 8) usw. (siehe Vondrak Kirchensl Gramm. S. 42), wo griech- 
n durch slav. o wiedergegebea ist, ferner Solomun^ — ^ok<>^(iv, 
Solum — ifefraalovlitfi (Vondrak a. a. 0* S, 52—53), wo griech. o 
durch slay. u vertreten wird* Die Beispiele zeigen ganz deut* 
lieh, daß griech. o zu alter Zeit schon (vgL die orientalischen 
und lateinischen Belege) eine geschlossene Aussprache hatte, die 
es auch in späterer Zeit behielt, wie wir aus den slavischeu 
Beispielen ersehen, Grriechisch o war also dem slav, u näher 
als dem slav* o und mußte daher in slavischen Lehnwörtern zu 
i£ werden, VgL russ, ukstisa — griech. o|oc etc. 

Erst in späterer Zeit, vielleicht sogar unter dem Einflüsse 
des Verkehrs mit Slaven, erhält das griech. o eine offenere Arti- 
kulation : nur so können wir die alteren, eben angeführten Belege 
für geschlossene Aussprache des griech* o mit den späteren, auf 
eine offene Aussprache desselben hinweisenden Beispielen iu 
Einklang bringen* Denn daß griech, o nach dem Xn. Jahrhundert 
ungefähr schon ein offener Laut war, folgt aus der Wiedergabe 
des geschlossenen italien* g und des lat. ö durch griech. o (worauf 
Kretschmer selbst aufmerksam gemacht hat, Byzant, Zeitschr. X 
586; übrigens schon früher ungenau angedeutet von G. Meyer 
Neugr. St IV 3 sq.). 

Meme Ansicht von der Artikulationsveränderung des griech. 
in christlicher Zeit wird durch noch einen Umstand wesentlich 
gestützt: die griechischen Lehnwörter im Armenischen (die zu 
verschiedenen Zeiten entlehnt und daher für die Geschichte der 
griechischen Sprache besonders wichtig sind, vgl. Hübschmann 
Armenische Grammatik I 322 sq.^ Thumb Byz. Zeitschr, IX 388 sq.) 
deuten auf geschlossene Aussprache des griech- o in alter und 
offene Artikulation desselben in neuerer Zeit (s, Thumb und 
Hübschmann Byz. Zeitschr. IX 449 sq*, Thumb ibid. 393 sq.)- 
Gleichzeitig zeigen die armenischen Quellen o für griechisch a: 



So and nicht ander« Bind ancb die von Kretschmer heigobracliteii Bei- 
spiele zu ferstehen: aksl. inohtrz ans gr. ^d^uB^qo^^ poMa — gr. nukd^^^ 
7i^ldtip^ pop^ — nand^ vom Genet Tjanä &. Korsch Sbornik otdöL mssL 
jazyka i sloveanosti Imp. AJc. Nauk» LXXVIII 24, Mbh — got katils, osbh — 
got. asilus (nn^naa Eretechmor S. 230; Belege bei Schmidt Vokaliemus II 170 
Änm.). Es liegt kein Gmnd vor, in dorn o dieser slavischen Belege mit Kretschmer 
»eine Labialisienrng von a zu o in jüngerer Zeit" (!I) zu sehen: gerade d&rans 
eieht man. dafi slav. o dem genn.-lat. -griech a näher stand als dem o, mid daher 
das a dieser Sprachen wiedergeben masite. 



Zwei kleines Abband lung-c^n. 



161 



so erkläre ich das von Thumb Byz, Zeitschr. IX 393 nicht 
gedeutete: siulobay neben südabay = griech* avllaß^. 

Wenn indogerm. o im Slariscben wirklich, wie Kretachmer 
7M beweisen sucht (@. Archiv f. slav. PhiL XXVII 229 sq,, Ein- 
leitung in die Geschichte d, gr. Spn S, 111, 115), zu a geworden 
wäre, so müßten die Beispiele dieses Lautwandels bereits in 
Älteren Quellen (jedenfalls nicht später als die ersten Jahr- 
hunderte unserer Ära) zu suchen sein, denn selbst die ältesten 
slavischen Sprachdenkmäler zeigen keine Spur einer -a-Aussprache 
der slavischen Reflexe des indogerm. o. Gerade für die ältere 
2eit aber, welcher dieser ^eventnelle" Wandel von arioeurop, o 
zu slav, a angehören könnte, muß die geschlossene Aus- 
sprache des griechischen o(o, o?) in Betracht gezogen 
werden: also können griechische Quellen über die betreffende 
Frage keinen Aufschluß geben; wegen seiner geschlossenen 
Artikulation war das griechische o (nach dem Zusammenfall der 
Quantitäten) zur Wiedergabe eines o ffenen Blavischen o wenig ' 
geeignet, und gerade daher wurde der slavisßhg^üJjaut von den 
Griechen durch jt wiedergegeben. kf^Ky ^i^ oL ? 

Aus dem Gesagten folgt^ so scheint mir, die Unhaltbarkeit ^-^y^x^ 
der Kretschm ersehen Lehre, Freilich könnte diese Lehre vom / ' 
^Übergang" idg, o in slav. a vielleicht auf andere Weise be* 
wiesen werden; doch sieht man gerade an den aufgefiihrten 
BeispieleUj mit welcher Vorsicht hierbei zu Werke gegangen 
werden muß. Vorläufig aber, glaube ich, muß bei der alteu 
Lehre von der slavischen Vertretung des idg, o beharrt werden 
(Brugmann Grundriß I* 146: o idg. blieb . . , auch im Slavischen 
o), die, als die einfachere, von vornherein, finde ich, mehr Wahr* 
scbeinlichkeit filr sich hatte* 

Ich habe einen großen Umweg machen müssen, habe grie- 
chische, slavische, orientalische Belege scheinbar durcheinander- 
geworfen, um meine Zweifel an der neuen Lehre von idg. o im 
Slavischen näher zu begründen. Leider ist hierbei der Wider- 
spruch ausschließlich zu Worte gekommen* Trotzdem scheint 
mir Kretschmers Abhandlung für die Lösung einer anderen Frage 
von großer Wichtiorkeit zu sein: Indem er das Material der 
griechischen Orts- und Eigennamen, auch Lehnwörter slavischen 
Ursprungs für die Slavistik auszubeuten versuchte, zeigti ifi 
was für ein Interesse er der Erforschung der „Slavischen Ele- 



J 



162 



H. Vaamer 



ment€ im Neugriechischen" entgegenbringt^). Und in der Tat ^bt 
uns das von Kietschmer (S. 231—236) zusammengestellte Material 
die Möglichkeit, mindestens zwei verschiedene Entlehnungs- 
perioden slavischer Wörter durch die Griechen zu unterscheiden : 
Die ältesten slavischen Lehnwörter des Griechischen gehören der 
Zeit an, wo griech, o noch einen geschlossenen Klang hatte; das 
offene slavische o war also dem griech, « näher und wurde 
daher durch dieses ersetzt: außer Ungayauxog — Pimgostb 
(Kretscbmer S. 231) vgl. ^myaltQv (Kretschmer S. 233; G. Meyer 
Neugr, St. II 53) , aksl. rogözs; xagovra — koryto (Kretschmer 
a233; G. Meyer Nengr. St. 11 30); boarih, noarakt^) — kroat. 
postol etc. (s. MikloSiß Et Wb. d. slav. Spr. S. 260; griechische 
Belege bei G, Meyer Neugr. St, 11 45) usw.*) — Für die Ge- 

*) Kretschmer berührt hier eine Frage, 4«ren gründlicho, detaillierte Be* 
handlang schon seit langer Zeit ein dringendes Desideratiim der sla?ischeii 
Sprachwieficnächsill ist: die Bearbeitung des in griechischen (vonngswoise mgr.) 
Quellen verborgenen slavischen SpracbguteB nach dorn Muster, wie Bandonin 
de Courtenaj das slaTiiche Sprachmaterial lateinischer Quellen aasgebentet hat 
(t, Beine Schrift: drevnje-porskoin jazyk^ do XIV stol&tija, Leipiij^ 1870). 

') G. Mejer Nengr. St. II 45 glaubt, griecb. ho^iaXi, nG^rtili etc. sei wom 
türk, portal entlehnt, welches wiedenim auf die davischen Fonnen zurückgehe. 
Soviel ich wei&^ Oele sich dann aber das -ä- dieser Form nicht ans dem Tür- 
kischen erklären. Mir scheint daher direkte Entlehnung der griechischen Form 
ans dem Sla\aschen näher ^u liegen. Das griech. -a aas elav. -o erkläre ich 
dnrch die offene Augspracho des slav. -o tu der Zeit, wo griech. a noch eine 
geschlossene Artikulation hatte. Türk. postal, wie auch bidg. postol^ sind also 
griechische Lehnwörter. Bnlg. postal^ kann Eontaminationsbildtmg von früherem 
*pöäiolz -f griech. TJOHTtiU sein. Vgl. dagegen G. Mejer Albanes. Wörterb, StSi 
Hatovs Grscko-b»lgarski stndü S. 78. 

*) Die Beispiele ^dMftvof, ytiQtttrJott^fj^ (Kretscbmer S. 232 — 2S3)» nautdfit 
(Kretschmer S. 234), nftyavid (mit Anlehnong an nnynyog G. Mejer Nengr. Si 
II 49, was dnrch den Akzent bestätigt wird) hätten nicht angeMirt werden 
dfljfen: es liegt auf der Hand^ da& wir es hier mit einer Yokalassimilation in 
tun haben, die zu allen Zeiten Torkommen kann. Der Einwand Kretschmen 
{S. 236—237 Anmerkung), da& im Griechischen ÄBaimilation von o an a selten 
sei, befriedigt wenig und scheint durch die Äntorit&t Hatridakis' verursacht 
worden zu sein. Gerade Hatzidakis ist aber in der Annahme von Assiimlaläons- 
erscheinnngcn äufierst skeptisch. Vgl Hataidakis Einleitung S. 331 sq., deeaelben 
lJ*^*'« IV 471. Doch haben die Forechnngen anderer Gelehrter gezeigt» welche 
Verhreitnng diese Erscheinung im Griechischen hat Siehe Thnmb IF. II 80 sq,, 
121 sq,; IF. Vn35— 36 (nnd die daselhst verzeichnete ältere Literatur); W. Mejer- 
Lüblce Bjr* Zeitschr. II 143; Ökonomidei Lantiehre des Pontischen I Ö— 6; 
W. Mejrer Portias S. 73 etc. ; auch HatzidakJs IF. II 374 hat später neu© ßeleg» 
der Assimilation beigebracht. 

Die von Kretschmer übersehene Fenn b<iffTalt (Belege bei G. Mejer o. 1.) 
kaim auf den ersten Blick, wegen üires tönenden Verschlusslautea, ab Entlehnung 



Zwei kleine AbhandluBgen, 



163 



»chiclite der kulturellen Beziehungen zwischen Griechen und 
Slaven ist es wichtig, zu konstatieren, daß einige slavische Lehn- 
wörter im Griechischen schon seit längerer Zeit fortleben. Diese 
Annahme erhält aber durch die zahlreichen Ortsnamen (Kretschmer 
S. 231 — 236) eine Stütze, wo giüech. « für slav, o erschein t^ — 
Einer späteren zweiten Entlehnnngsperiode, wo griech. o schon 
einen offenen Klang hatte, weshalb es auch zur Wiedergabe des 
slay. o geeignet war, gehören die zahlreichen, von G. Meyer 
Neagriechische Studien II zusammengestellten Beispiele an, w^. 
slavischem o griechisches a entspricht. 

Andere lautliche Eigentümlichkeiten gestatten uufi, die zwei 
Entlehnungsperioden slavischer Wörter im Griechischen noch 
genauer zu präzisieren: Wie bekannt, besitzt die siidslavische 
Sprachgrnppe heutzutage nur eine „einseitige Palatalisation** 
(siehe Baudonin de Courtenay Lekcii po sraynit. gramm, sla\jansk. 
jaz, S, 55—56), d, h. eine Nichtunterscheidung iiichtpalataler und 
palataler Konsonanten, welche den Zusammenfall von Vokalen 
wie i — ^, ö ^ ;j zur Folge hat (siehe Florinskij Lekcii po 
slavjanskomu jazykoznaniju I 62 sq*; Lavrov? Obzor^ zvukovychj i 
fonnal&nycha osobennostej bolgarskago jaz. S. 114 sq.). Diese Eigen- 
tümlichkeit ist dem Altkirchen slaviscben noch fremd, obgleich wir 
auch hier bereits ihre Anföuge bemerken können (siehe Leskien 
Handbuch* S. 32 sq.; Vondrak Ältkirchenslav, Gramm. 8. 88—91). 
Sie zeigt sich auch in einer ganzen Reihe slavischer Lehnwörter 
im Neugriechischen: xövgvja aus bulg. korita (Belege bei G. Meyer 
Nengr. St II 30), g^t^TfOQ aus grzU (s. G. Meyer Neugr. St II 37)» 
^nvpxH^m — serb. mrkmäi (G- Meyer S* 42), ^or/xa — bnlg* motika 



%m neuevter Zeit ang-eacheti iK'erden. Man ma& jedoch in Betracht ziehen, dafi 
dieses b den sla^ischea Fonncn fremd war und aof griechJicbem Boden entitanden 
ist Hier aber liegt schon zu byzantimscher Zeit eine phonetische Erscheinung' 
Tofp die im KeDgriechiächen recht grole DimDnsionen angenommen hat and 
lebhaft ans Vulg-ärlateinische erinnert (leider ist diese Erscheinung- bis jetzt 
wenig beachtet worden). Es ist dies der Wandel von tonloaeu Verschln&lauten 
m tlStjendeö (also pt tj k ^ h^ dj g). VgL yovßti aus -'tf/i^i ßuvjiya ans ßvjiyti, 
Tiinir/j usw. (Foy LautBjBtem S. 18), ygdßßftro^ aus x^nßßttTOi^ {Sophoclis Ledeon 
1. T.) sind Beispiele desselben Wandels ans älterer Zeit. Dazu die neaeren Belege: 
htards — Tttojdf, h&yttxog — jiQvtAXo^ etc. (Foy Lautsystem S. 26). g^tdtlXi — 
alaT. krdd (G. Meyer Nengr. St n 23)* &*öi*e*f — peMera (G. Meyer Nongn St. 
n 44)« dfhfg6;tt — ital. tubtroi^ (G. Meyer Neugr. St, IV 66). ^ Die Erscheinung 
Brheint anf den Anlant beschränkt la sein, doch hoffe ich b nächster Zeit ihr» 
TerhreitiiDg', Bedingungen nnd Chronologie in einem besonderen Änf&atze fest- 
itellea so kSnnen. 

11* 




164 



M. Vaatnor Zwei kleine AbhaniDiingon. 



(G. Meyer c. 1, S. 43), futiniAq — bulg. hik (&. Meyer S. 44) usw. Alle 
diese Lehnwörter entstammea aJso einer Zeit, wo im Südslavischen 
die „eingliedrige Palatalisation'* bereits durchgedrungen war, Ihre 
tönenden Verschlußlante sind ja auch ein Merkmal der späteren 
EntlehnuDgszeit, denn ältere Entlehn nng hätte diese Wörter die 
griechische Lautverschiebung (&, g^ d zu ß, y, 6) durchmachen 
lassen müssen (s. Gr. Meyer Neugr. St. 11 12)* — Daneben haben 
wir einige, wenn auch nur wenige slavische Lehnwörter, die 
Spuren älterer Entlehnung tragen, denn sie zeigen u für slav. tj 
welches später mit i zusammenfiel (also griech* t ergeben musste) : 
xuQovta, xagovTi (G, Meyer Neugr. St. II 30) — koryto, ftayoUa ~ 
mogyl^i (G. Meyer Neugr. St. II 69), ^QvyxfuXa} — fygaü (G. Meyer 
Neugr. St, U 78) usw. 

Diese kurzen Andeutungen mögen genügen, um auf die Not- 
wendigkeit einer Neubearbeitung der „Sla vischen Elemente im 
Neugriechischen'* hinzuweisen. Daß in Meyers schätzenswerter 
Arbeit noch lange nicht das ganze Material zusammengebracht 
ist, habe ich an anderer Stelle zu zeigen vei^ucht*) Der neue 
Erforscher der interessanten und für die Lösung wichtiger Pro- 
bleme der slaviscben Phüologie durchaus nicht gleichgültigen 
Frage wird also vor allem das reichhaltige Material der grie- 
chischen Ortsnamen und auch Eigennamen (wie JI«(iayaaTfjg, 
KsXafutcToQ etc.) berücksichtigen müssen, auf deren Wichtigkeit 
Kretschmer soeben (Archiv f slav. Phil, XXVII 231—235) hin- 
gewiesen hat, ferner wird er auch verschiedene Entlehnungs- 
perioden unterscheiden, das Lehnwörterbuch Meyers durch die 
zahlreichen neugriechischen Dialektwörterbücher und namentlich 
mittelalterlichen Sprachdenkmäler bereichern und das ganze 
Material sprachwissenschaftlich und kulturhistorisch für die 
Slavistik auszubeuten haben. Wer eine derartige Arbeit unter- 
nimmt» handelt gewiß im Sinne des verstorbenen Balkansprach- 
forschers, 



St Petersburg. 



M, Vasmer. 



1) Mein Nachtrag- zu G, Meyers Ntüf r. Studien 11 erscheint demnächst in 
den Ixvfrstij» otdfel. russltJaK. i slovesnosti Imp. Äkad. Nanka XI, Heft 2, S. 386—418 
In niaBiicher Sprache. 



165 



Gotica, 



^ 



1, In des Ulfilas Bibelübersetzung liest man 

Äkaja [cod. A, Amia B] 'W;taV«\) 

aikklesjom Äsiais al ixuXt^aim trjg 'An tag, aikklesjom Oahtiau 
tatQ ixxk^aiaiQ r^g /«Xttriag, ana fera Kileikiws rig ta KXißctta 
t^g KiXtxiaQt (^^ wisandui kindiim Syriais ^yf^oytvüPtüg T^g ^vpiag^) 

in allai Akmjai iv oXij t^ ^A^uif^ in Asiai iv tfj jinla, us 
Äsiai ano jitrifxgf du Dalmütiai ug AaX^atiav, du Oälatiai fig 
FmlatiaPt af Makidonjai uno MaxB^nviag^ in Makidonjai ilg 
Max^^QViav^) 

Makidouja Maxedoviav, in Makidsnja dg MaxeSoviav*^)^ 
dagegen 

all ludaialand nana ^ ^lav^ma /WQU^) 

OaMlmas rjjc raWkamg^), Ituraim r^g 'iTovQaiag^), IndaiüS 
TJj^ !fov<Ja/ag*) 

in Arahiu ir rtj ^AQußia% in OaleiMa iv tff /aAUö/a'"), 
fmm Oaleilaia anh rijg Falikaiag^^)^ ns Oaleilaia dno (ix) tfjg 



'J 2 Cor 9, 2 

») 1 Cor 16, 19 B [A fehltj — 1 Cor 16, 1 B [QaloHeA] Gal 1, 2 B [A fehlt] — 
Od 1. 21 ß [A fehlt] — U 2, 2 

*) 2 Cor 1, 1 B [A fohlt] — 2 Cor 1, 8 B [A fehlt] 2 Tim 1, 15 AB, 1 Cor 
subBcr A [B fehlt] - 2 Tim 4, 10 A [foMt m B] - 2 Tim 4, 10 AB — 2 Cor 
1, Iß, 7, 5 B [Makaulonjai A mit gelehrter Anpa&sojig an die Originalfonn] 

*) 1 Cor 16, 5 AB (iweimalj 2 Cor 1, 16. 2, 13 B [Makaidof^a A] 

•) Mc 1, 5 

") 9mal (Elis Die Fremdworte und fremden Eigennamen in der gotischen 
Bibelübersetzung^ [G Ottin ger Dissertution 1903] 52), z. B. stfnagogim Galeilaum 
Lc 4f 44 im Gegen öatae tu aikklt'sjom Gaintiuia Gal 1, 2. JMt Galälaim le. 
Uifidis Lc S, 1 

') pig Ituraiaa jah TrakauneititlmiB landis Lc 3, 1 

*) 6mal (Elis 58), z. B. aikkieMJom ludaim ittlg ixxXr^ütait ujf 'i^vinia^ 
Oll 1, 22 AB im Gegensatze zu den schon genannten Stollen, die yon aikkle^m^ 
Am4ii$f GalaÜaig reden. UnmittelbÄr vorher, Gal 1, 21, steht der GeneläT Kü^kiais. 

•) Gal 4, 25 B [A fehlt] 

»^) Mc 15, 41 loh 7, 1, 9. Dazu qam Imig in Qalmlain ^X^ibt */^aoyf tif 
tr^y Pitltlafay Mc 1^ 14. E\h 52 hat die Form g^nx mechanisch ak AccusatiT 
geh acht Aber die gotisch© Santax zieht in solchen Fällen, neben qif>ian nnd 
hfiggan, den Dativ vor. vdGabelentZ'Loebe 2. 1, 92 r. Coi (91 L Col.), VgL 
daza JGrimm DG 4, 939. 967. 975 n. Abdr, (Reste alten Sprachgebranchi bei 
Otfrid % 24, 31 tind % 14, 99, 3, 1, 8 vergUchei» mit 1, 16, 6?], H. M. Beiden 
Engl Stud. 32, 366. 

») 5lt 27, 65 



i^ 



166 W. Schulze 

raXiXaiag^), wipratvair^ Oäleilaia ivriniga rijg raXiXaiag^f U8 
Idumaia dno rfjg 'Wov^o/aj '), in ludaia iv r^ *[ov6aia (iv ffj 
^I<w6tt, iv ^lov6a)% U8 ludaia an 6 rijg ^lovialag^), raginondin 
Puntiau Peilatau ludaia fjyffiovevovrog HovtIov ÜsiXarov x^g 

in Qaleilaian tig xjjy raxiXa/ay^, pairh Oäleilaian Sia xtjg 
raXiXaiag^)y and alla Oaleüaian tig SXfjv t^v raXiXaiav^)^ in 
ludaian cig r^v lovialav^% pairh midja Samarian jah OaXeUaian 
iia fiiaov Sa/uaglag xai ruXiXaiag ^^) ^ ganz vereinzelt and cUla 
ludaia iv oltj rfi ^lovSaitf [Lc 7, 17, vielleicht nach Mc 1, 39 
and aUa Qaleilaian zu korrigieren] und gasandjan mik in ludaia 
ngonf/mfdijyai eig rijv ^loviaiav [2 Cor 1, 16, WO die Syntax viel- 
leicht auch dativische Auffassung der Form zuläßt^')]. 

Eine ähnliche Differenzierung der Flexion läßt sich auch bei 
einigen Städtenamen auf -a beobachten: 

in Äntiaukiai iv jivnoxeltf, qam Paitrus in Antiokjai IjXd'ev 
nirgog eig ^AvnoxBiav, in Bairaujaij qitnands in Bumai ysv6/ji€$fog 

aber 

Bejfania tj Bij&avia^*) 

losef af Areimapaias Itoa^tp 6 ino jigifia^alag, Lazarus af 
Bepanias jlat^agog dno Bii&aviag, weihsa Kaisarias pizos FUippaus 
rag xcofiag Kaiaagsiag rijg OiXinnov^^) 

in Laudeikia iv jlaoiixsla^^ 

in Bepanian eig Bfjd^avlav^''). 



>) Mc 3, 7 Lc 2, 4 loh 7, 41. 62 (Skeir Vm d) 

«) Lc 8, 26 — ») Mc 3, 8 — *) loh 1, 1.1 Thess 2, 14 Neh 6, 14. 6, 18 

») Mc 3, 7 (fehlt bei Elia 56). Dazu af ludaia Skeir IV b — •) Lc 3, 1 

') Mo 16, 7 Lc 2, 39. 4, 14 — •) Mc 9, 30 Lc 17, 11 — ») Mc 1, 89 

»•) Lc 2, 4 loh 7, 3. 11, 7 

i>) Lc 17, 11. Die Angabe bei Heyne s. y. Samaria „(decl. sw. m.)'' ist falsch. 

") ^S^' L<^ 10, 3. Freilich steht da anch im griechischen Texte iv fiia^ 
Ivxtjy. 

») 2 Tim 3, 11 AB — Gal 2, 11 B [A fehlt] — 2 Tim 1, 17 AB. Batroitfai 
steht in dem gotischen Ealenderbmchstflck. Gemeint ist Beroia in Thrakien. 
HAchelis Der älteste deatsche Kalender, Zeitschrift f. d. nentestamentL Wissen- 
schaft 1, 1900, 317. 326. Got. Bumai wird man ans dem Lateinischen herleiten 
müssen, nicht ans dem gr. Vtafi^. Die Form des Ethnikons Bumoneis « Bomam 
Iftftt dardber keinen Zweifel. 

") loh 11, 18 — ") Mt 27, 57 Mc 15, 43 — loh 11, 1 — Mc 8, 27 

>^) Col 4, 13. 16 A [Laudikaia B, nach LaudtkoMn Laudeikaion uiaodixiiav 
16 wiUkürlich geändert] 

") Mc 11, 11 



Qotica. 



167 



Nur tritt hier eine neue Variation liinzu, da sich die mit 
hana hanan, arbja arbjan zufallig fast identischen Formen des 
Nominativs und AGCUsativs Bepania Bepanian — ebenso wie die 
weiblichen Personennamen Marja Marpa Sarra — in die 
Analogie der männlichen «-Stämme haben abdrängen lassen: 
neinva was Bepanijin rjyyiusv lig Bfj&avtuv, in Bepanifjjin uq 
Bii&ayiuVf US BePaniui ix Bti^uvia^^). 

Der Unterschied der beiden Flexionstypen ist seiner Art 
nach ganz klar. Hier mechanische, nur gelegentlich in die gotische 
Analogie ausweichende Beibehaltung des griechischen Paradigmas, 
zuweilen sogar unter gröblicher Mißachtung der gotischen Syntax'): 

n, ladaia g. ludaias d* ludaia a» ludaian% 
dort konsequente Angleichnng an die national-gotischen Para- 
digmata von fera [n, a, fera d* ferai\ und qens [g. qetmis d* qenui]: 

n- Akaja g. Asiais d. Makidonjai a* Makidonja, 
Merkwürdig scheint es freilich auf den ersten Blick, daß man 
die Flexion dieser fremden Ortsnamen so ungleichmäßig gestaltet 
hat, indem man die Foimen der ö- und der i-Stämme miteinander 
mischte. Vielleicht darf man vermuthen, daß hier ein ganz be- 
stimmter, die Wirkung der scheinbar nö^chstliegenden Analogie 
durcbkrenzender Einfluß gewirkt hat. Unter den altgerraanischen 
Völker- und Stammesnamen spielen die i-Stämme keine unwichtige 
Rolle; fremde Namen haben sich ihrer Analogie mehr als einmal 
tilgen müssen*): ahd, Kriacki [got Krekos] „Griechen" M6ri 



1) Lc 10, 29 — Mc 8, 22 [neben qtsmun] 11, 1 loh 12, 1 [wie Mc 0, 22] — 
Mc 11, 12 

«) Bernhardt m Mt 27, 67 

*) 8o Bteht Buch Abeilcni Mr Ahtikn£ Lc 3^ 1 cmd reflektitirt eioeQ gr. 
Ditar Hßukf^vp m gi]t wie daB ummttelbar ToriD^chotide ludaia fdeehiichem 
*Jo\^^aLie (oder Mc 16, 3 Magdalenc grieciüschem MaySaXtj»fjj) entspricht, fiu^ 
Ituraias jah Trakauneitida[i9 hndia i^^ 'houQaia^ xtti TQtc/tot'iinfoi^ X*^V"^ 
an derselben Lncas-Stelle, beidemal mit BelbehaLtaiig der nur mechanisch Ina 
ÖotiBcho transskriblorbeti fremden Genetivfonn, 

-) Sie?er8 Ags. Gr.^ 138 § 264, Koreen An. Gr." 233 § 377. 237 § 382 
[nmlaQÜose g. pL in Boga-land f)€la-m^rk, die genau zn den got. Formen auf 
*€ rtmunen], Pogatscher Zttr Laatlehre der griech., Lat und roman. Lehnwörter 
im AltengÜBchen [QF 64], 159 (über Embene -« Änibiani noeh 193 n. 208), 
Klage StannnbildnngBlehre ^ 5 § 5, der mit H^cbt got. Säur an das lat Swnts 
rtatt an gt. Zi'^of anknüpft. In den Donäuländem hatten die Goten jedenfalli 
Oelegenbeit genng^ Suri aJa Händler oder Soldaten kennen zu lemen, CIL III 
ft. col. 2645 t. V. Syriaf Tamm Ursprung der Bumänen 31. Brandia bei PÄuljr- 
Wiflftawi 4, 1967. 



168 



W. Schake 



„Mohren" Sm-ii „Araber***) wie got* Saurew [= StiH] Rumoneis 
[- Romani] Makidonel% das sich im Suffix oÖeobar an das schon 
länger eingebürgerteÄ*t«oHeiÄrangeglicheii hat, Gaiateis [= r«XüT«i]*)- 
Nacli uraltem Brauche können die Völkernamen für das Land ein- 
treten^): at [wisandin kindina SyriaisJ rüffinondin Sattrint Kyre- 
naiau ^yiftovivnyjog j^q Svpmg Kvgrjvlov Lc 2, 2, WO die in den 
Text eingedrungene Ühersetztingsdoublette die Identität von 
Saurlm und Syriais beinahe urkundlich beweist*)* Daneben hat 
sich nun im Gotischen eine ziemlich sonderbare Freiheit des 
Gebrauchs herausgebildet, die auch die Siugularformen eines 
Ethnikons vom Typus der Sanreis und MakidoneiSf mit der 
Flexion allerdings der weiblichen i-Stämme, wenigstens im 
Genetiv und Dativ direkt als Ländernamen zu verwenden erlaubt: 



i) Sarüt' Arabes Ahd. GL3. 610ii Sem 1»S16»3, doch SerzQ' Arabs^,m2e. 

SerzUinl {SnHlant] 1, 814^1 ■ Dazu das AdjectiTiuii sareisc serdjsc strzisc 1, 406fri. 
666». Mit orhaltenem k an. Serkir [ags. Sercingm Widaid 75]. 

>) Hl erber eich er auch Kreteg [lies Kretei»] KtJ^ri^ Tit 1, 12 A [B fehlt]. 

^) Ai. Knru^u MaMvr^e^a ^im Lande der Kani, der Mahävrsa", Gandhil- 
rebhyai^ „aue dem Lande der Gandhära** Chändogya^npan. 1, 10. L 4, 2, 5. 6^ 14, 1. 
Ebenso im Päli, Magadhe»u „im Lande Magadha", K&Ralvinu „im Gebiete der 
Kosala*', Gr. 'hityirtitt h' TttuQüt^. Tjflt Bruttii Lucani Wölfflb Arck f lat 
l^edkogTaphie 12, 332. Ahd. Gl. 1, 30s? AeÜiiopia- M&ri 3. Id» in Motnatm^ 
in Waihum (aus den Easgeler Glossen). Gej^iania- thiudiitca liudi Wadstein 
106, 2. hntJido Graff I 503 (Altalem, Ps 113, 1). J Grimm DG 3. 418. 
4, 343 n. Abdn Bernhardt zu ülfilas Mt 11, 21 Stohenbarg ZfdPh 37, 35a 
<^^"Q%h T(ff l^;f«*«£- anoBtodeina Aka^e 1 Cor 18, 15 B Itf iqI^ kUpiuatr 
T^f l'^fnftif in landa AkaJ€ 2 Cor 11, 10 B dniy Bfj^fJd'M T^ff fttltlala^ 
fram ScpE{mda Qaküaie loh 12» 21 irjc ^aXtiaa^g rijg rftlilftfttg tf,g Ti- 
^*pi*rcfov' marcin po Galcitaic jüh Tibairiade 6, 1 (et Mc 7» 31) 'lov^n 
hidaie Noh 6, 17. Vgl. auch Ool 4, 16, „In Italien", altdeutsch in Walhunh 
heilt cecbisch ve YluHch — m liest man*s z, B. auf dem zweisprachigen 
Hadetzld-Denkmal der Prager Kleinseite — , „nach Italien" do Ylach Act 27, L 6 
[poln. do Wlf}eh\ „aoi Italien" z Vlack 18^ 2 [poln- z Whch]. Im Cechischen 
wie im Polnischen ist diese Art, Ländernamen zu bilden oder zu ersetzen, hm 
heute herrschend geblieben. Gebauer Pfirucni mkvnice jazyka ceski^ho ' 94 § 108 
Soerensen Poln, Grammatik I 43 g 50. Sicher ist sie einmal giemeinslaviscb ge- 
wesen. MkJosich Syntai 45 [Lei. palaeoBlov. i. v, VhvH ; aus seiner vergleichen- 
den Lautlehre 431 ^ 6 habe ich mir gelegentlich ein klr. z ühm* „er Ungari»*^ 
angemerkt] Jagic Beiträge zur slay. Sjntai [Denkschriften der Wiener Akademie, 
phil.-hist. Cl. 46, 5] 27: an beiden Stellen kommen merkwürdigerweifie Polen mid 
Cecbeii nicht zu iJirem besonderen Recht. — VgL noch cech. v hultch ^\n der 
Judenstadt'', Ahd. Gl 1, 453 tu ü den ehamnm ^.ad cameram pastoram'-. 

*) So mul einmal 1 Cor 16, 1 die Doppellesart Gatütiai^ [so B] und Galate 
^ Ttjg rrtXftTiffs bestanden haben. Durch Kontamination ii^t darans in A die 
Unform Gfduüt! geworden. 



iiotica. 



1G9 



flwa ferm Saurais jaJi K'deikiais eig r« vllfiara tqg ^vgiag xui t^g 

\Kiktmag^), aikldesjom MaJcldmiais ralg in^l^aiatq r^g MaKfSoriug, 

\ns Filippai Makidomi9% in allai Makidanai iv olj^ tf} Mirdfdnvin, 

af Makidonai ant} MaxiStjyiftg^)^ vielleicht Werliergehörig auch 

in Kretai = #i' K^qj^i^), das sich zu Kreteis [überliefert Kretes] 

genau verhält wie Sanraw zu Smtr Saunm und wie Makidonai 

Izu Makidoneis Makidoinm% Daß hier der Grand zn suchen ist 

[fiir das Umschlagen von Asia Amü in die Analogie der feminini- 

Isetaen i-Stämme, der die Genetive Asiais Kileikiais naw. folgen, 

scheint mir deutlich zu sein. Das Schwanken zwischen Makidonjai 

'und Makidonai, die Nachbarschaft von Saitrais und Kileikiais in 

[Gal Ij 21, der Parallelismus von aikklesjom Makidanais und 

aikklesjons Ädais lassen erkennen, wie leicht beim Sprechen 

oder Schreiben der Sprung aus der einen in die andere Analogie 

vollzogen werden mochte. Der auf diese Weise entstandene 

Mischtypus ^) zeigt seine werbende Kraft niclit nur gegenüber 

, den Namen der Städte 0ihnn(ii und &frTaaloviKfj, deren allein 

'belegte gotische Dativformen Filippai und paismlaumikal aus der 

Lautgestalt des griechischen Originals kaum unmittelbar, ohne 

den konkurrierenden Einfluß einer gotischen Analogie, abgeleitet 

werden können '), sondern auch bei Tv^o; und ^ticiy% us Filippai 

i) Oal l. 21 B fA fehltl 

*) 2 Cor 8, K\B — 2 Cor sübscr A. Dam 1 Tim l, a galeipamk Maki- 
\d(Malä [B, Makvdtmain A] nontvo^iyog tf^ Muxe^oyittt^ 

») l Theas 4. 10 B — 2 Cor 11, 9 B Phil 4. 15 B [A fehlt überall] 

*) TR 1, 6B [A fehlt] 

^} UnwinktLrlich denkt man an die Analogie der Biarischen CoUectiva wie a&L 
\MHrt ^Aethiopes** Snrb „Syri'* ruKs. Cnth „Finnen'* Dom „Dmii'* Rmif ^En&sL 
KoBsia". MikloBjch Stammbildun^ehre 54. 57 Jagic aao. 27. Da» von Miklodch 

I erwähnte rues. Conectivuni ztiaU „Bekannte** zeigt, wie die Formdifferenz von 
Igr. yymi6i lett. /nijte lit. ivnMs nnd ai. jnaW} ad. zftb z\k erklären, und damit 
' zngleick, daE der Wortbildnng^tyiinä alt ist. 

*) Solche Deklinationsmischiing-on sind nicht ohne Beiapiel. Z. Geschieht« 
Ut Eigennamen 302. Im Ag-e, Mierce Mierena Kluge StammbUdmigslehre * 9 

I I 16 a. Aas dem Gotischen gehören die bekannten FäUe tigffilus^ aggüeiä ua, 
hierher. VieUeicht darf man auB lordanes 7C, 13 Mo. [an«!*] ecbUe&on, dafi 
schon die heidnischen Goten amm „Gott": anJids flektierten. 

') Doch beachte die mir nicht rtcht vorBtÄndliche Form Aitmieika EMx^ 
2 Tim 1, 5. 

*) In jüngerer Zeit noch bei ^Ji^dn&kis (■/f««/ioA*f}; in Jairupfd^ii steht im 

Kalenderbruchsttlck, da ist das auch Col 4, 13 ermähnte phrygische llierapolia 

gemeint [Altertümer von Hierapolis 46]. Dagegen lautet sein Name m der Bibel- 

Nbetsetzimg ?ielmehr in lairaupttuleln h* 'Jt^tt^it^ln ganz wie in DaikapaiUein 

iv jp JtxftiUlii Mc r>, 20. Hier hat der griechische Dativ [sprich -pöt\] ein n 



170 



W. Scbttlie 



djio 0tkmnü}y [1, 2, Cor subscr Ä] gegen in Lysirys iv Avatgmg 
[2 'Hm 3, 11 AB]; in paissalaiineikai iv QfatTOLXüvhri [Phil 4, 16 B], 
du paiss'almmeiJcaif du Oalatia% du Dalmatiai cic Be^rraXoyUf^yf 
«V r«Aairtttv, «c JtiX^uriav [2 Tim 4, 10 AB], wogegen mau 
etwa das S* 167 Anm. 3 erwähnte Aheileni "^ßnXr^v^ [Lc 3, 1: 
lies Äbeilene] halten mag* in markos {af markom) Tyre jah 
Seidone ug ri ft£&6gta (i« rSv o^lmv) Tv^ov nai 2t6oävo^ [Mc 
7, 24. 31 vgl Lc 6j 17], Tyrim jah Seidonim Tigr^i nai 2ii&pi 
[Mt 11, 22]; Mer vertritt das pluralische Ethnikon den griechischen 
Stadtnamen Ol na-ch welcher Analogie ohne Zweifel aach in A]}einim 
iv ^A^^vfug [1 Thess 3, 1] zu beurteilen ist Anders in Saraipta 
Seidonais ug ^a^Bma jijg ^tdcopiixg [Lc 4, 26], in Tyrai jah 
Sddonai iv Tv^tp nat 2iMyt [Lc 10, 13], Tyrai jah Seid&nai Tv^t^ 
xöi -JiJwi'i [Lc 10, 14], bi Tyra jah Seidona n^gi Tv^&v xai ^tdmva 
[Mc 3, 8] ^y Der Einfluß von MaJädoneis : Makidonais Mabidonai^ 
Saureis: Saurais ist ebenso handgreiflich wie der Parallelismus | 
des Ablaufs in den Flexionsreihen n. Akaja g. Asiais d, Akajai 
Makidonjai a. Makidonja und [n. Tyra Seidona] g. Seidonais^ 
d, Tyrai Srndanai a. Tyra Seidona. Die Nominative Tyra SeidanOf^^ 
auch Filippa paissalauneika darf man dainach, wie es längst ge* ~ 
schiebt, unbedenklich erschließen; die im Gotischen durchgeführte 
Einbeitlichkeit der Form, die so merkwUrdig absticht von der 
Vielgestaltigkeit der griecbischen Originale — Tvgog ^tSdr 
0iUnnnt &tn<salnvlufi — beweist, daß hier eine vom Griechischen 
unabhängige Analogie zu freier Wiikung gekommen ist. Indes 
bezeichnenderweise nicht bei allen Städtenamen. Tvgm nai 2iimn 
ayfxjoTtgov iatai h ^f^iga x^/afojg Tyrim jah Seidonim (suii^Q 
im}irpiß in daga stauos [Mt 11, 22], Tyrai jah Seidonai suti£0 
wairpip in daga statws [Lc 10, 14]; dag^en trotz gleicher 
Wortfttgung av£XTOT£ßoi/ f errat ^oiojuoig jj rofiigging iv i^^iigu 



angenomnien» um dch in dio Fkrion der ^t, Stäoiint auf -ein- einfilgon zq la^seti. 
Ebenso sind die Dative Aifaison [5 mal] Damash/n 2 Cor 11, 3i [— Jm^aoMt^, 
in demselben Vera© wcchseLod mit baurg Damaakai •= t^tf n6liif Jttfiftn3t^i'4lir] 
Eikmmiün 2 Tim 3» 11 Kaurinpoti 2 Cor 1, l [« KoQtyB^, %is KaurinPon 
Born sabscr] direkt aus den ^iechiächen Formen auf -qt erwachsen (rgL hyampon 
jah undlai Skeir IH c). Auch 2 Cor 1, 23 ni qatn in Kaurinfion GvxiTi tfl&üi^ 
tk K^^ty^oy meint der Gote den Dativ. 

') Mt 11^ 21 i£t den Pluralgenetdreu Tom Übersetzer land beigefügt worden. 
Tyrio lanM endi Sidmüo l^inda [Mc 3, 8] Wadstcin ö3r « Ahd. GL 4, 294i». 

*) Wegen baurg Damüskai B. 169 Anm. 8. Hier an adjektivischö Verwendimf 
[fgl. JGrimm DG 3^ 418 Anm. n. Abdr.j zu glanben, sehe ich keinen recht»» 
Anlafi. 



Gotica. 



171 



xQia£mi; siituo ist Saiidaumjam aippau Oautnaurjam in daga 
Staues [Mc 6, 11], lodofim^ iv vfi jj^i^^ imivti dvettJOTegov hrm 
Saiidaumjam in jatnamma daga mitieo wairjnp [Lc 10, 12], yj[ 
^odofiü^p dviXTOTBQov i'arai iv ^^d^f xQtaB(ag airpüi Saiidaumje 
mdi^o wairpip in daga stauos [Mt 11, 24]* fi iv Tigm xai 2tSmwg 
ifdvoyTö ul dvvufiBti; ip in Tgrai jah Seidonai waurpeina maiit^ 

I[Lc 10, 13] (ip wajurpeina (in Tyre jah Seidouje landa mah(teis) 
[Mt 11, 21], dagegen wiederum « *V ^odoftmg if^v^Bricav al 
Sv¥uft£ig (jabai in Sjaiidaumjam (waur)pe(ina mjaJdm [Mt 11, 23]. 
Die Nominative 26^ofia rSfio^ga sind Rom 9, 29 unverändert als 

tSatidauma Oaumaurra in den gotischen Text herilbergenonimen 
worden. Das zu Tgrim Seidonim Apeinim stimmende, durch die 
lebendige Analogie germanischer Völkeraamen gefofJnte Saudau- 

Imim begegnet demgegenüber nur ein einzigesmal : mno ^^oUfimv 
HS Saudaumim [Lc 17, 29], 
Und noch an einer vierten Stelle beobachten wir das gleiche 
eigentümliche Verfahren der Differenzierung, das an der griechi- 
schen Form gar keinen Anhalt hat und deshalb zunächst launen- 
haft erscheint, in Trauadai iv T^tiiuSi [2 Tim 4, 13 A] qimands 
in TranMai iX^p ei^ t^p T^ifuäa [2 Cor 2, 12 AB] gegenüber 
^s Jturaiüs jah Trakauneitidans landis tj}*^ 'hovQaiag xa/ T^a/m- 
piTidoQ ;rüj(»£ic [Lc3, 1] us Tilfairiadau in TtßfQtaäog [loh 6, 23]*), 
Dort finden wir die uns nun schon geläufige Analogie der Dative 
auf -ai wirksam, hier ist der griechische Genetiv auf -rfo^ 
ohne ernstlichen Versuch einer Gernianisierung beibehalten und 
das Schriftbild, das an die gotischen Genetive der le-Stämme 
erinnerte, hat weiter zu der etwas gewaltsamen Neubildung des 
Dativs auf -dan geführt')* 

I Diese differenzierende Behandlung, die vielen im Griechischen 

gleich oder ähnlich auslautenden Ortsnamen zu teil wird, wirkt 
zunächst wie ein Symptom der Willkür und der Unsicherheit des 
Übersetzers gegenüber der für die eigene Sprache erst zu ge- 
winnenden Masse fremden und durch seine Fremdartigkeit un- 
gefügen Sprachstoffes. Aber genauerer Betrachtung enthüllt sich 



1) ufar mar^n ßo Gnleilaie jah Tibairiade u^^^cp i^g ^cfiftffff^f r^r 
fttltlaitt^ T^^ Tißs^iatfo^ loh 6, 1. Hier bat sich Tibairiade mcchaniseh nach 
dem anmittelbar Torau£gehen<!en Galcüaie g^e richtet, das als Ersatz för t^^^ 
rtUtXaia^ auch sonst vorkommt. Oben S. 168 Anm. 3, 

') V^i miß Klemaintau fitra Kli^fut^iog Phil 4, 3. Anders, al>er ebenea 
wiMkärÜch ist der Name der Herodiaa von dem gotischen Übersetier behandelt: 
EU Herodia g. Herodiadim a. Merodiadein, 




172 



W. Sehtilze 



doch bald eüie gewisse Stetigkeit und Konsequenz, die trotzr" 
einzelner Irregularitäten und Schwankungen den Stoff im ganzen 
sicher und bestimmt gruppiert. Auf der einen Seite stehen fast 
ausschließlich die Namen der heiligen Geschichte, deren Kenntnis 
den Goten erst durch die christliche Predigt vermittelt sein wird, 
Sie reflektieren j auch in den obliquen Casus, entweder einfach 
die griechische Grundform oder sind aus ihr durch eine mecha- 
nische Zurech tmachung umgebildet: AheUeni Areirmpaias BePania 
(Bepanihi) Oaleilaias Gaumaurra {Ganmaurjam} Idumaia Itnraias 
Itidaia Kaisar Las Samarian Smidauma {Saudaiimjam) Tibairiadmi 
TrakaHneitidaus^), Das ferne Land Arabia und das selten 
genannte Lmtm ihueu beirechnen zu müssen, wird niemandem 
befremdlich sein* Das einzige Landeikia tritt als Name eine^| 
bekannten phrygischen Stadt gan^ aus der Reihe heraus^)» 
Auf der anderen Seite haben wir die Provinzen» Landschaften 
und Hauptstädte des römischen Reiches in Europa und Asien, 
bis zu denen der Gesichtskreis der durch ihre Raubzüge 
in der praktischen Geographie gewiß vielseitig orientierten 
Goten schon vor dem Beginn einer intensiven lüssionstätigkeit 
gereicht haben mag^): AJiaja Antiokjai {Antiankiai) Asiais Apel' 
nim Dalmaimi FUlppai Oalaüaw KUeikiais Kretai Makidonja 
{MaMdofml^) Rumai Syriais (Saurais Saurim) Seidon^ {Seidönim) 
Tratmdai Tyra (Tyrim) paissalmmikai, vielleicht auch Dammkai, 
Erst hier spüren wir das lebendige, gewiß unbewußte Wirken 
echt gotischer Analogien, die Befreiung von der Tyrannei des 
Buchstabens. Recht im Gegensatze zu der ersten Reihe machen 
die Formen in ihrer Gesamtheit den Eindruck, daß sie auf dem 
Boden natürlicher Sprachentwicklung frei gewachsen, nicht von 
der überlegenden Willkür des einzelnen künstlich zurecht gemacht 

*} Vgl. noch den transskribierten Genetiv Daikapatüawn Mc 7, 31 ; aufierdein 
die Ethnika Künaneitm Mc % 18 Sawareitc^ Lc 17, 16 loh 8j 48 IsrnelaU'» 
ßom 11» 1 pl. Israelitai 9, 4 (daneben Iwaeleiteig 2 Cor 11, 22 unmittelbar 
naeh roranfgegangcncm Haibruieis). ^M 

^} Man beachte anch den Gegensatz i wischen dem mechanisch b«ibehalienettH 
g. pL Lfttidikaion Lattdekaion ^Iftodixitui^ Col 4, 16 AB nnd den gotiacii flek* 
lierten Formen du paimaluumkaium n^b^ Qitjafüo^'i^fi^ 2 Thesa praescr B 
IpaismUtunfhaum A] aikklr^jon paimidauneikak t^ ixi^l^Qi*^ 0t0fjf(l&ytjitittt¥ 
1, 1 AB. 

■) Vgl, Happaport Die EinßÜle der Goten in das Eömlsche Eeich bia auf 
Konstantin [Leipzigs 1899], ThessaJunike haben sie m&hnnala herannt, in der Troas 
nion zerstört, Kreta verwüstet, Dljnciim und Achaia ebenso wie die Landschaften 
Asiens plündernd durchzogen , Ton Tyroi^ Sidoo und Daniaskos kann ihnen dabei 
lekht durch Hörensagen Kunde xugDkommen sein. 



Goüca. 



I 



I 



I 



sind. Hätte Ulfilas geographischen Namen wie ludaia und Äaia, 
Ärabia und Dalmatia in gleicher Freiheit gegenübergestanden: 
was in aller Welt hätte ihn veranlassen sollen, die Genetive als 
ludaias [= lovdaiaQ] und ÄsiaiSj die Dative als Arabia [- ^A^aß/t^] 
und Dahnatiai zn differenzieren? Alles wird erst begreiflich durch 
die Voraussetzung, die sich mit zwingender Notwendigkeit dem 
unbefangenen Beobachter aufdrängt, daß LMlas bei einet schon 
beträchtlichen Anzahl fremder Namen durch den Sprachgebrauch 
seiner Goten im voraus bestimmt und beschränkt wurde ^), Frei 
war seine Entscheidung nur in solchen Fälleu, wo sie ihm dnrch 
die lebendige Entwicklung noch nicht vorweggenommen worden 
war, und da sehen wir, wie er geneigt ist, sich der Autorität 
des Originals knechtisch zu beugen oder nach Analogien zu 
gi'eifen, die nicht immer den natürlichen Tendenzen der Volks- 
sprache gerecht werden : BePanUn gegenüber Ämai, Satidaumjam 
gegenüber Seidonim. 

Nicht recht klar will mir werden, auf welche Seite eigentlich 
Dative wie Aifaison KaurwPon oben S, 169 Anm. 8 zu stellen 
sind. Den Goten, die beide Städte erobert und geplündert haben, 
müssen die Namen von 'F^tcrog und Ki^tp&üt; gewiß geläufig 
gewesen sein- Das Nebeneinander von in Damaskon und baurf/ 
Dmnaskai 2 Cor 11, 32 erinneit an ähnliche Fälle beabsichtigtt^r 
Variation, die ich in den Sitzungsberichten der Berliner Aka- 
demie 1905, 743 Anm. 4 744 Anm. 3—9 verzeichnet habe. 

Verhältnismäßig volkstümlich sieht in seinen gotischen Formen 
auch der Name Jerusalems aus, trotz des aus dem Original bei- 
behaltenen fremdartigen //-Vokals: g. lairiisaulpmos^} d. lairit- 
muli/mai a. lairumuhjma [kontaminiert aas 'hQovaaX^^t und 
If^QfTokvfta]^) neben mechanisch traosskribiertem lairusaulymon 

») £ebte VolkstÄmlichkeit der Form wird für Makithnm ganz deutlich durch 
die eigentümücb abweichende VokaHäation enrieseti: i für « wie in uffffüm; 
*onevs nach der Endung von Rummieis. Die Varianten unserer Üljerliefening 
lehren, daJI spätere g-otiache ITieoIogen vom Schlage der Simja und Fril>ila in 
tlliel angebrachter Gewissenhaftigkeit einen engeren Anschluß an die griechische 
Original form herxusteUen versuchten. 

>) m aüaim uubmdnndam lapim lüirmaulfßmm nnct^ jots TigaaJtx^fi^yoi^ 
lütQiiiQi*^ 'h^QifartX^ft Lc 2, 38 (vgl. beidunth laß>onfm Israelis nQnadtxdfitt'o^ 
nmgdithjat^ tov '/*j^«#|i 2, 2b). UMlas aubstltuiert hier dem nnflektifrten 
*liQ^tmalfJfi der grie<: hischen Vorlage in Gedanken das gotischer Flenon beqnem 
ittgängüchc Vfpoffdit^jtiR. Merkwürdig, dafi der Genetiv hier auf -os^ nicht auf 
-a« ausgeht* Wie mag Ultilaii den Genetiv von Eunnj( gebildet haben? Belegt 
i«t nur der Dativ Uumai. 

») Elis »ao. 54, 



174 



W. SchulEc 



= IfQOfiaXv^tiüv^) und uiiflektiertem lairumlmt, das im Texte 
des gotischen NT als n, d» a. (nicht als g.) vorkomEit ^), Jairu' 
mulymeis ot ^h^o fjolvfitrai Mc 1, 5 us lairmmdymim dno ^h^ü^ 
uülv^iüv 3, 8^). 7, 1 neben lairifsaidymmm loh 11, 18, das nach Ana- 
logie von Saudmimim: Saiidaumjam anf eine ehemalige Doublett'e 
lairusaulymim: lairiisauhjmjam schließen läßt, und lainisauhjmeite 
liQOfTokvfHTmp loh 7, 25*). In diesem Durcheinander mechanischer 
Transskription und lebendiger Umformung mag, wer will, ein 
Zeichen des Kampfes zwischen Tolksmäßiger Tradition und theo- 
logischer Buchstabeütreue erblicken. Ich wage keine bestimmte 
Entscheidung über die Stellung, die Ulfilas selbst in diesem 
Kampfe eingenommen hat* 



^) US aUamma kaimo Qaldlams jah ludaim jeih TairuBa^Uymon (x niiöf}^ 
jfeuju^f Tjjf rttlilRias itai 'loväaißf xni ^UQQvaak^^ liC 5, 17. Wieder sübstitiiiort 
der Übersetzer die Fonn 'h^oadlvfia, um di& Mdglichkeit einer kenntlichem 
GenetivbilduDg m gewinnen, aber diesmal fügt er sich einfacli griechischer 
Analogie, ganz wie bei Galcilaias ludaias^ Anders in der S. 173 Anm. besprochenen 
BteUe. S. auch Bemhardt m Le 5, t7. Tu der Parälle) stelle af aUafunia lud^ias 
jah laimsfilefn dri^ Titiatj^ Tjff 'Soadaiag srifj 'It^yQvottl^ßi Lc 6, 17 ßoU man 
nach der Absicht dm Ulfilas das nnflektierte lairtmalcm gewil aber als Dativ, 
abhängig direkt Ton ufj antfasseD. Ein Genetik lairuäalems steht nur im Nehe- 
tnlaabruehstück 7, 2, 9; er widerstrebt, wie aus den in den Anm. besprochenen 
SteUen mit Imrusattlymos und fah^vtsaidymofi ^ g. 'IiQovonXtjju hervorgeht, der 
Fraiis des Ütersetzora, dem wir das NT verdanken, — Auch das von mir in den 
Sitznn^berichten der Berl. Akademie 1905^ 745 behandelte indeklinable salbat^ 
Ist Neminativ nnd Datir, aber nnfEhig-, :£ngleieh den GeneÜT mit^u vertreten. 

') af lairtMÜeiH Lc 10, 30 -^ af lairtAm^dymai tinh'Iiqoaolü^my Me 3/22» 
du lainASülem Lc 9, 6B ^^ du lairusaulymai e/f 'ftgoa^lvpa Mc 10,32. 11, 15< 
27, in lairtisalem Lc 2, 2Ö. 43. 9, 31 ^ in lairttsaulymai (v Ut^Gsoltt^ots 
loh 10, 22, nehtva laintsalnn Mc 11, 1 Lc 19» 11 -^ nchwa luirumtdt/miam 
[sie] loh 11, 18 ; [iddjedun, gaggan, idt^a^ usgaggam] in lairmal^n Mc 15p 41 
Lc 9, 6t. 17, 11, 18, 31 -^ [usgaggan, gtüfiifit usidtlja] in lairumuiyma Me 
10, 33. 11, 11 Lc 2, 42, 19, 28 Gal 2, 1. [briggan] in lairumkm Lc 2, 22. 
1 Cor 16, 3 nrnfi verglichen werden mit [tiimip Jesus] in lairusaidymai loh 
12, 12. Denn qimun nnd briggan werden gleichmifiig als Bnheverba konstnüerl 
Oben S. 1G5 Anm. 10. pizai nu lairusaleftt jp rü*^ VipoyaßAg/* Gal 4. 25 so iupa 
lairv^aleni ^ ät^w 'UgovüaX^ß 26. Bei der Wahl «wischen den beiden Formen 
folgt Ulfilaa^ wenn nicht besondere Eückdchten ihn zu einer Abweichnng be- 
stimmen, dentÜch seiner Vorlage, die awischen 'liQüirnttl^ft nnd '/^^ooöAü/iff 
abwechselt. Da£ es indes nicht ganz an Diskrepanzen zwischen den anf nna 
gekommenen Bibeihandschriften nnd dem von ihm zu Grunde gelegten Tert« 
fehlen kann, ist selbstverständlich. YgL Mc 15, 41. 

*) U9 Jairttmulymim jah tts Idumaia dnh^IiQttaQiijfiwp äftl dnh r^g 'lSov~ 

*} Wie Samardte Lc % 52. 



I 
I 

i 



I 



2. Die gotischea Codices schreiben Esam^ {Emmas) Esatan^ 
Helios (Heleias) Helian {Seleian\ Mraimianj Zakarim Zakarian 
voc. Zakaria — im ganzeu 32mal. Aber neben Esaiin Mc 1^ 2 
Esamins Lc 3, 4. 4, 17 loh 12, 38 Heleiins Lc 4, 25 Haileiins 
1, 17 Zakariins 1, 2L 40 Zaxarüns 3» 2*) läßt die Überlieferung 
auch Helißn zu» Mc 9, 5 Lc 9, 33* Ebenso heißt es Be^ania 
loh 11, 18 Bepanias 11, 1 Bepanian Mc 11, 11 ~ in Überein- 
stimmung mit Äiödian Antmukiai Ärabia Asiais Dalmatiai Qala- 
iiais Kaisarias Kileikiais Laudeikia Samarian Syriais — , aber 
neben BePaniin Mc 8, 22. 11, L 12 begegnet wieder die Schrei- 
bung Bepanijin Lc 19, 29 loh 12, L Daraus ergibt sich von 
selbst die Kegel, daß der ^-Einschub nur ^i\ischen zwei i erfolgt. 
Der Nominativ znAbijins Lei, 5 [gr.^Aßta] muß also alsAbiufs) 
angesetzt werden, nicht wie es meines Wissens jetzt ganz all- 
gemein geschieht*), als AMja. Ein ähnlicher Unterschied der 
Behandlung läßt sich bekanntlich auch für saian: saifjjip kon- 
statieren: das ganz vereinzelte ^saijandsMo. 4, 14 ist wohl durch 
das folgende saijip beeinflußt*^ ^), Das parasitische j hat sich 
demnach nicht sowohl aus dem vorangehenden als aus dem 
folgenden i entwickelt* Vgl. über muüisugil vGrien berger PB 
21, 217. Das anscheinend widersprechende Akmjai 2 Cor 1, IB 
ist vermutlich nichts anderes als Kontamination aus den Schrei- 
bungen Äxma 2 Cor 9, 2 A und Akaja ibid, B, etwa wie das 
unmögliche Oalatie aus den Varianten Galaiiais und Oalate, 
lairusaiih^miam aus laimsaulymim und lairtmiulymjam zu- 
sammengeschweißt sein muß*). Nach dieser Analogie darf man 
dann gewiß auch Akavje 1 Cor 16, 15 B neben Aliuje 2 Cor 
11 j 10 B beurteilen. Die Schreibungen Äkmjai Akmje beruhen 
nur auf dem Zeugnis des cod. B; A versagt an beiden Stellen. 



Berlin. 



Wilhelm Schulze. 



") Dazu kommen ama Neh 6, 17. 18. 7, 2. 21. 45 noch mehrere B^iipiele 
fär -etm -tin ^eün», 

») Bei Streitberg im Glossar de» ElementarbncbeB [1897], bei Bethge in der 
Lwit- and Fonnenlehre <3er altgermaniBcheu Dialette 1, 209 [1898], in der 10. Auf- 
lage det H^yiie-Wrodoeclien Ulfilaa 233. 364 [1903]. Dagegen richtig Ahia 
TdGabele^itE-Loebe 2, 1, 3. % 70. 

*) Btreitbtrg Got. ElemenUrbnch 35 § 35 b nach BremeT PB 11, 7ö. 

*) Oben S, 168 Ämn. 4. 174. 




176 K- Kschel 

Indische Miscellen. 

1. aagj,f,itt. 

Hesychios hat die Glosse: aufi/na * oyyavop ^ovaixov nagä 
"IvSotg. Louis H. Gray und Montgomery Seh uy 1er haben im 
American Journal of Philology XXII 200 aafi^u = Sanskrit 
saman gesetzt mit der Bemerkung: „the meaning attached to 
(Tufifza by Hesychios is hardly to be pressed too closely". Bei 
der vorgeschlagenen Etymologie macht aber nicht bloß die Be- 
deutung, sondern auch die Form Schwierigkeiten, (rd/nfia ist = 
Päli *8amma = Sanskrit §amya „a kind of cymbal** (Apte). Im 
Päli ist das Wort bisher nur als Maskulinum zu belegen, z. B. 
Milindapafiha 60, 20 f. : duve samtnä . . . eko sammo . . . dutiyo 
sammo; Dighanikäya 16, 5, 18 = Parinibbänasutta 55, 24 ed. 
Ghilders (vgl. Jätaka I, 3, 5): sammasaddena. Hier steht es 
vor talasaddena. Öfter wird es mit täla oder taia zu einem 
Kompositum sammatala, Häla verbunden, das ebenfalls „Cjrmbel'' 
bedeutet nach Abhidhänappadipikä 142. So z. B. Theragäthä 
893. 911: sammatalappabodhano. Im Sanskrit lautet das Wort 
Samyatala (B. s. v.). Im Lalitavistara 40, 20; 163, 6; 206, 14 
schreibt Lefmann, wie Räjendraläla Mitra irrig sampa- 
taiOj 301, 16 ta^sampa. Auch tala bedeutet für sich „Cymbel*^. 

2. Päli samma. 

Das im Päli so häufige samma ^mein Lieber!*" „Freund!^ 
wird von Ghilders s. v. = Sanskrit saumya gesetzt. Das ist 
unmöglich, samma ist = Sanskrit §amba, das die Lexikographen 
in der Bedeutung ^glücklich'', „schön^, „schmuck^ anfftbren 
(B-R. s. V.). Das Wort stellt sich also zu Päli ammä = anAä, 
arammana = alambana, Präkrit amma, Apabhraip^a ammi = ambi, 
ammlS = ambike und dem Lutrimini^ = Lumbini^ der Rummin-dei- 
Inschrift. (Pischel, Materialien zur Kenntnis des Apabhraip^ 
S. 23, wo hinter ammä = amba Deöln. 1, 5 noch der Verweis 
auf Präkritgrammatik § 391 hinzuzufügen ist). 

3. trikorjM. 
W. Schulze hat in dieser Zeitschrift XXXIX 611 f. ge- 
zeigt, daß die Bezeichnung Sdkia flir das alSotov ywatxitov 
lediglich wegen der gleichen Gestalt gewählt worden ist. Daß 
sie auch bei uns nicht unbekannt ist, zeigt die fünfte Strophe 
eines im Kladderadatsch vom 6. Juli 1902 veröffentlichten „Zur 



Indiiche MlgreUcn. \1J 

Mode** überschriebenen Gedichts. Sie ist aber auch alttndisch. 
Für trikona ^Dreieck" führen B-R. s. v. nach dem Sabdärtha- 
kalpataru im Sabdakalpadrnma auch die Bedentung „vulva" an. 
Böhtlingk hat im kürzeren Wörterboche diese Bedeutung 
nicht mehr erwähnt. Sie steht aber bei Äpte und anch in der 
zweiten Auflage des Sabdakalpadruma, wo nach der Kavikalpalata 
neun Dinge aufgeführt werden, die die Gestalt eines Dreiecks 
haben: trikomm yottih t iti ^darthakalpatamli / . . , trikof^a' 
vastUfd yathä i halaJi 1 Mvacak^nh 2 Kamahhyä 3 vaknimatiiü- 
lam 4 eharah 5 vajram 6 §rik§atam 7 §Qkatadi 8 yonili % i ifl 
KavikalpaMü \l „Nach dem Sabdärthakalpataru ist trikotjia = 
vuIva . . . Die Kayikalpalata nennt als dreieckige Dinge 1. den 
Pflug, 2. das Äuge des Öiva, 3, Kämäkhyä, 4. den Fenerkreis, 
h. den Buchstaben e, 6. den Diamant, 7, das Dreieck, B. den 
Karren usw., 9. die vulva/ „Das ^Äuge des Siva** bedeutet 
natürlich die drei Augen des Siva, die in der Form einea Drei- 
ecks stehen. Kämäkhyä ist Name eines Tempels in Assara (vgl. 
B. s, V*)* in>gäta kann auch die dreieckige Nuß der Trapa 
bispinosa oder einen dreieckigen Platz bedeuten. Ob vajra ab 
„Diamant*' oder als ^ Donnerkeil*^ zu fassen ist, bleibt unsicher. 
Der Diamant heißt sonst mfkona (Räjanigha^tu ed. G-arbe 174; 
vgl 176 m4ära; Agastimata 33. 35; Agastiyä Ratnapariki^ä 18), 
und die Zahl der vajrakom ist sechs (Alanikäradekhara 18» 1 ; 
Kävyakalpalatävftti S. 183, 19). Auch der Donnerkeil ist sechs- 
eckig {m4^sri; MBh. B, 100, 11), vaJinimati4üta bezieht sich, 
wie äiracahi^i, auf die Anordnung der drei Feuer; vgl di(- 
Abbildung bei Hillehrandt Das altindische Neu- und VoU- 
mondsopfer (Jena 1880) S. 191. 

Die Bedeutung „vulva** für trikona läöt sich auch aus der 
Literatur belegen. Im Brhaddharmapuräna 31, 6 ff . erzählt Suka 
dem Jaimini eine Schöpftingsgeschichte , die damit endet, dali 
Siva sich in einen daumengroßen Penis verwandelt {aifigusthamü- 
traJi samabhal lifigarüpl maheivarcjf. 34), die Prakfti, die die 
Gestalt eines Leichnams angenommen hatte, in eine Vulva (devl 
m §avaritpini mvaräpani parityajya yoniriipa babhüva ha 35). 
Dann heißt es weiter: 

trikonama}j<falakäre lif\gam aropya svatmani j 
maheSvaraprajasr^ty^i tmmajja salile dvija 'J 36 // 
„Nachdem sie, die die Gestalt einer runden Vulva hatte» 
den Penis in sich eingefiihrt hatte, tauchte sie in das Wasser, 
um die Nachkommenschaft des Siva zu erschaffen, o Brahmane*^. 

Zfliuefarlfi for T«rg]. Bpn«hf. XI.I. ijt. 12 



n 



178 



E. Kscbel 



Hier ist frikom == yoni, und maY)4ala „Kreis", „Rmid** zei^, 
daß die ursprüiigliche Bedeutung von trikona „dreieckig*^ bereits 
ganz in den Hintergrund getreten war* In den Äbbildungeo 
erscheint die Yoni oft als ein mit der Spitze nach noten ge- 
richtetes Dreieck und wird als Dreieck oder Triangel auch in 
älteren, europäischen Werken bezeichnet, wo von dem Lioga 
die Rede ist Vgl z, B* Niklas Müller Glauben, Wissen und 
Kunst der alten Hindus (Mainz 1B22) Tab. III, Fig. 28; Tab. IV, 
Kg. a2 und Darstellung der Brahmanisch-indischea Götterlehre, 
Religionsgebräuche und bürgerlichen Verfassung, Nach dem 
lateinischen Werke des Vaters Paullinus a St Bartholomaeo 
bearbeitet (Gotha 1797) S. 47. 49 („dies Joni oder Dreyeck der 
Göttin Bhavani"). 

Ob hierher auch yoni tribhuj AV. 8, 9, 2 gehört, worauf 
B*R. s. V* trikot^a vei'weisen, ist bei der Dunkelheit der SteUe 
nicht zu sagen. 

4. hamma gatau. 

In der viel besprochenen Stelle Mahäbhä^ya 1, 1, 1, 5 be- 
streitet Pataßjali die Ansicht, daß es Worte gäbe, die uicht 
gebraucht würden. Bei dem überaus großen Gebrauchsgebiete 
eines Wortes fiinden sich manche Worte nur in bestimmten Ge- 
genden* So werde Samü in der Bedeutung „gehn" not bei den 
Kambqjas gebraucht, während die Äryas nur die Ableitung äava 
gebrauchen. Die Surä^tras gebrauchen für „gehn" Jmmmatif die 
Östlichen und Mittleren ranhati, die Äryas nur gacchati. In 
den Dhatupäthas erscheint in Übereinstimmung mit Pataf^jali das 
den Sm*ästra zugeteilte Wort mit doppeltem m So heißt es in 
dem Pä^ini zugeschriebenen Dhätupätha 13, 24 = 1, 495 ed. 
Böhtlingk hamma gataii. Hemacandra Dhätupatha 1, 394 fUhrt 
unter ausdrücklicher Berufung auf das Bhäsya die Formen 
hammati, ^ahamma^ hammita, kammitmnf jmnJiammyate ^ oder 
nach andern ßhammyate^ an. Der Dhätupatha des Cändravyä- 
kara^^a 1, 155 hat hamya gaiau. 

In der älteren Form ghammati fuhrt das Wort im Päll an 
Kaccäyana 6, 4, 20 S, 256 ed. Senart: gamuma ghammam II gamn 
icc etassa dhatussa sabbassa ghammadeso hoti vä I ghammatu I 
ghammaki t ghammämi jj Bisher ist das Wort im Päli nicht 
belegt. Im Präkrit wird ftammai mit den Kompositen }iihammm\ 
^ihanimm, ahammaü paftammai von Hemacandra 4, 162 ohne 
nähere Angabe erwälmt. Im Gaüdavaha 871 erscheint paham- 



IndiBche MiicelleD. 



179 



rnanU als v. h für pavajjanüf und der Scholiast Haripäla weist 
irrtümlich hiunma- der Sprache der Kambojas zu. Vgl Pischel 
Grammatik der Präkritsprachen § 188. E. Kahn (Beiträge zar 
Päli-&rammatik S. 7 Änm.) ist geneigt, Immmati dem Dialekte 
yon Giruar zuzuteilen. 

Es ist nicht erkannt worden, daß die „bis jetzt noch nicht 

^ weiter nachgewiesene" (Weber Häla S. 351; Ind. Stadien XIII 

364) Wnrzel längst in einem vedischen Texte vorliegt» Aitareya 

Upanisad 3, 3 heißt es: tad etat sr^fam parat\ atyaßghämscU, 

fSaiiikara erklärt atyajighanisat mit atiganium aicchat, Säja^ia 

I mit atUayma hantum gantum aicchat Dementsprechend übersetzt 

Max Müller (Saered Books of the East I 240): „it wished to 

iee" und Denssen (Sechzig Upanishad's S. 17) „suchte ihm 

wegznlanfen**. Böhtlingk (Drei kritisch gesichtete und über- 

setzte Upanishad mit erklärenden Anmerkungen S. 41 des SA.) 

f setzt hinter die Erklärungen der Scholiasten ein Credat Jndaena 

ApeUa! und verändert willkürlich atyajighünisat in aiyajigamsat, 

wie bereits im FW, und BW. s. v, han mit ati vermutet 

worden war. 

Daß wir in dem Anlaut gk für g eine Eigenheit des Dia- 
|lektes in dem die Aitarejins schrieben, vor uns haben, beweist 
Aitareya Brähmai^a 8, 28, 12 £ Dort steht fünfmal parän pra- 
\jigkyatu nnd parafi prajighyati, das SäyaQa mit vimukho bhütm 
\prakar^etm gacchatu oder gacchati erklärt. Böhtlingk (Sanskrit- 
I ChrestomatMe ^ %. 352) hat allerdings auch diese Formen ver- 
iworfen nnd in '^jigat%i^''jigüti geändert, Aufrecht (Das Aitareya 
BrähmaQa S. 431) sie anter die „grammatischen Ungetüme" ge- 
stellt- Das von Weber erwähnte jighati (Supaqiädhyäya 29, 2) 
und die ganze Art der Überliefernng des Aitareya Brähma^a 
schließen aber jede Änderung schlechterdings ans. Die Formen 
prajighyatUf praji^hgati dürfen freilieh nicht zu l/'hi gezogen 
werden, wie anch Liebich (Pävini S. 76) tut, sondern zu der- 
selben Wurzel gha ^gehn'', von der das Präsens jigfmti bel^t 
ist, jighyati zeigt denselben Verlust des Wurzelvokals wie 
vhyaii zo cho, dyaii zu do^ §yati zu lo^ syati zu so, Wurzeln, 
die man als ehu, da, §a^ sä anzusetzen pflegt (Whitney § 761^ 
d, 3). Die Formen jighati, prajighyati, praßghyatu verhelfen 
Uns zum richtigen Verständnis von atyajighan^sut. Es ist Im- 
perfekt des Desiderativs zu hanmm gafau der Grammatiker, 
Offenbar verhält sich gha zu ga, wie gJmm zu gam, d. h. kam- 
maii = Päli ghammati ist eine präkritisierende Präsensform von 

12* 



180 



R, Plßchd 



gham - *ghatnyati im Sinne von gam^ gacchati Der im SaDskrit 
ungewöhnliche Präsensstamni hamma- wurde als eine Wurzel 
hanm aufgefaßt, die in Wahrheit ham ist. Daß Pataüjali im 
Maliäbhä§ya Prakritworte erwähnt, ist hekatint (Weber Ind. 
Stud. xni3fJ5; Kielhorü ZDMG. XXXIX 327). Zu derselben 
Wurzel kam für gam = gham wird auch das hanti gehören, das 
Naigha^tt^a 2, 14 in beiden Rezensionen neben ganti^ in der 
zweiten auch neben hamniaü im Sinne von ^ig^l^*' aufgeführt 
wird, hanti wird also ursprünglich filr *hamti stehen, genau 
wie ganii für *jamfi. Daraus ist dann die Wurzel hau „gehii" 
erschlossen worden, die die Dhätuputhas erwähnen, wie der an- 
gebliche Pä^^im § 24, 2 = 2, 2 ed. Böhtlingk : hana hinisägatj/ofß ; 
Hemacandra Dhätupätha 2, 42 hunamk himsägatpob ; Bopadeva 
IX, 6: hau lau hifßsägatgch^ auch einige Päli-Dbätupäthas 
(Franke JPTS. 1903, S. 110), Wahrscheinlich gehört zu harn 
auch die Partikel hanta, Päti handa, die ursprünglich wohl ein 
Imperativ = „allez** ist, kam wurde mit Imn zusammengeworfen, 
und es ist nicht unmöglich, daß so auch das präkritische Passi- 
vum hmnmm 2u hau ^schlagen *^ entstanden ist, das auch als 
Deponens gebraucht wird (Grammatik § 540. 550; Kumärapäla- 
earita 7, 77 — 79), Auch hanati neben hanti, wie gamaü neben 
ganti (Naighan^tuka 2, 14) kann Analogiebildung sein. 

hau „gehn** wird oft zu Etymologien verwendet. Wo es in 
der Literatur erscheint, betrachten die Rhetoriker es als Fehler 
(Kävyaprakä^a ed* Maheöacandra Nyäyaratna S. 132 f. ; Sähitya* 
darpa;ia 57 4^ S, 218 f, j Vagbhatalaijikära 2, 13; AlairikäraaSekhara 
4, 1), weil die Dichter es nicht gebrauchen {kavibhir na pra- 
yuJäaJi; na kaviparamparägmn prasiddhalt) , und es die be- 
absichtigte Bedeutung nicht klar wiedergibt (asammiha). Überall 
steht die 3. Sing. hantL hau „gehn" gut als der mlecchabhä# 
angehörig, wie Nllakantha zu Mahabhärata 1, 145, 23 bei der 
Erklärung von kak^aghna = pür§va€ara m Übereinstimciung nut 
Mahabhärata 1, 2, 103; 1, 147, 6 bemerkt: haiiter aprmiddham 
gaiyartliütvafn ^ mlecchahlm^atvät ^), 

Wir werden also annehmen dürfen, daß die Aitareyins im 
Dialekt von Surä^^tra schriebeUj was auch die zahlreichen andern 
Eigenheiten in ihren Schriften erklärt, die Aufrecht und 
Böhtlingk zusammengestellt haben. 



*) Di# gmm SteUe erfördert eine eingehende Behandlung in Verbiudaui^ 
mit zahlreichen anderen Stellen, wo bhä^aiibdäa «rwahnt werden. 



Inditehe MiBceUen. 



181 



Ich möchte noch die Frage auf werfen, ob zu kam „gehn** 
Eicht hamsa „Gans" gehören kann. Vom indischen Standpunkt 
aus wäre diese Herleitung mit üi:iädisuffix m ganz tadellos. 
Der Gang gilt den Indern als charakteristisch für die Gans, Es 
ist eiu Kompliment für Frauen, wenn ihnen der Gang der Gans 
^ugescbrieben wird, weil dieser auf ihre vollen Hüften hinweist. 
So heißt es z. B. im Sarasvatika^thähhara^ia ed* Borooah 199, 10: 
hatrisayate mrngatena kantä^ und umgekehrt Vikramonrai! ed. 
Bollensen 62, 8 hmjiBa jwayaccha me kantani g^tir aBijus ti)aya 
hrtä, Beispiele sind sehr zahlreich. 

Nach den Lexikographen von Naigha^tuka 1, 14 an be- 
deutet hamsa auch ;,Pferd**. In dieser Bedeutung wird das 
Wort mehrfach im Jaiminiya Ä^vamedhaparyan gebraucht: 4,72. 
76, 108; 15, 104? 41, 10; 43, 6; 51, 55. Wie haya „Pferd^ zu 
hayati gatau gehört, so könnte auch hamsa „Pferd" von hammati 
gatau stammen. Ob aber die verwandten Sprachen für hamsd 
„Gans" die Herleitnng von gham, harn „gehn*^ gestatten, kann 
ich nicht entscheiden. 

Im Gäthädialekt findet sich öfter eine Form gamsämi „ich 
gehe". So Mahävastu II, 86, 5 gmnsami Yanahacchakam \ II, 
86j 18 €^a gamsami t?o grham\ II, 87, 7 e^a gammmi te grharf^; 
11, 240, 15 gamBämi te akämasga; III, 168, 8 gamsami aham 
pravrajitva puna}j taiasya sakäSam. Das Wort scheint als 
Präsens zu fassen zu sein, wie 11, 86, 12 gacchämi Yamkaccha- 
kmi zeigt, VgL auch gansl d. h, gamsi III, 45, 10. Das würde 
-also eine Wurzel "^ganis :,gehn" voraussetzen, die sich zu *gham^ 
in hamsa^ falls dies hanis-a abzuteilen ist, verhalten würde, wie 
gam zu gham und gü zu ghä. Ehe aber ein *gains nicht ander- 
weitig nachgewiesen ist, möchte ich darauf kein Gewicht legen. 
Es wäre nicht unmöglich, daß gamsmni nichts weiter ist als ab- 
gekürzte Form für vedisches jigamsami - klassischem jigänisej, 
also Desiderativ* Dem Sinne nach paßt dies an allen Stellen. 

Sollte es sich bestätigen, daß hamsa zu hamma gatau gehiSrt, 
so wäre damit der wichtige Nachw^eis erbracht, daß indische 
Dialektworte zur Erklärung bereits indogermanischer Worte ver- 
wendet werden dörfen. hamm wäre etwa „der Watschler". 

5* gandha ardane. 

Der Dhätupätha § 33, 11 = 10, 145 ed. BöhÜingk kennt 
eine Wurzel ganäh, gandhayate in der Bedeutung „bedrängen", 
„peinigen", „hart mitnehmen** > Hemacaudra Dhätupätha 10, 262 



182 



ß. FiBchol 



führt sie als gandhh} ardane auf, iektiert sie ebenfalls gandhayate 
and gibt als Ableitungen gandha, gmidhana und, was gar nicht 
uninöglicli ist, auch gandharva. Das Adjektiv gandhana „zer- 
störend", „vernichtend", substantivisch ,,der Zerstörer*^, „der Ver* 
nichter'' hat E ühler (WZKM. VIII 39) aus dem Päli nachgewiesen 
in kulagandfiano Itivuttaka S. 64, 9. Der Kommentator Dham- 
mapäla erklärt es mit hulmchedaho and erwähnt die v. U hula- 
dhamsano. Unsicher sind die beiden Beispiele, die Franke 
(WZKM. Vm 329) beigebracht hat. 

Bühler erklärte gaudhayati für ein Denaminativum von 
gandha, das, wie er glaubte, öfter „eine Spur'', „etwas unendlich 
Kleines" bedeute. Aber in dem von ihm angeführten, modernen 
Beispiele mmifiya vidyagündho ^pi nüsti bedeutet gandha „Geruch" = 
^der bloße Geruch", wie in BW. ganz richtig erklä^rt wird. 

Die Wurzel gandh findet sich in dem alten Padhänasutta = 
Suttanipäta 443: 

yani ie tut^i na ppasahati 

senani loko mdevako 

tüffi te patiMya gaechämi 

ammji pattani va amkanu jj 

Für gaechämi hat die Handschrift B* v&cchupi^ B* v^jjhämi 
d* h. vffcchämi = vetsyämi, Futunim zu vidh, eine deutliche 
Glosse* In der Version des Laiita vistara 329, 12 ed. Räjendra- 
läJa Mitra = 263, 1 ed. Lefmann lautet der letzte Vers: hhet- 
sgämi praJHaya tarn te amapfäram ivambufm^ im Mahävastu H 
240, 11; täm prajMya te hhetsyümi OmapJttrarii va ambmiij. 
Bisher ist gaechämi ganz rätselhaft gewesen, Fausbdll (SEE. 
X 71 Anm,) veränderte es in bhanjämi, was Andersen (A Pali 
Reader I 104) angenommen hat. Win di seh (Mära und Buddha 
S- 8 Anm. 3) sah in gaechämi eine alte Konuptel für bk^ehämi, 
das er in den Text setzte. 

gaechämi ist ganz richtig überliefert'). Es ist Futurum zu 
gandh ^ st^ht also für ^galsyümu Whitney § 155 zeigt, daß 
man nicht notwendig *ghaechami erwarten darf. Es sei noch 
darauf hingewiesen, daß dem Sanskrit graibita auch die Be- 
deutung „verletzt", „beschädigt" gegeben wird. Ob etwa zwi- 



i) (Janz richtig' überlipPert iat in Strophe 4^ auch esa »lutyVftf» pariharr. 
Eb erklärt aich aus dem von Fleet JHAl:^, 1906, ö. 173, Ämn. 1 hesprochonen 
indiichen Gebnmeb des Scliilfrohrp und tlrmses, über den ich später ausfilhrUch 
handeln werde?. 




Indleche Miscellen. IgB 

sehen granih und gsindh ein Zusammenhang hesteht, wage ich 
nicht zu entscheiden. 

6. galda. 

Die Erklärung, die ich Vedische Studien I 83 f. von dem 
Worte gaida gegeben habe, hat nicht allgemeine Billigung ge- 
funden. So erklärt sie Fortun atOT (KZ. XXXVI 12 Änm, 2) 
für nicht überzeugend; andere haben sie überhaupt nicht er- 
wähnt Inzwischen hat sich eine Parallele zu dem zweiten von 
Yäska 6, 24 erwähnten Beispiele in der Literatur gefunden. Sie 
steht Mänava Srautasütra 1, 7, 2, 18 und verderbt auch bei 
Äpastauiba Srautasütra 8, 7, 10. Im Mänava Srautasütra lautet 
die Strophe in Knauers Text; 

a mü vi^antv indava ä galdä dhamanmäm i 
rasena me rasoffi prna väjino me yajM vahäni // 

Für tmhäni ist mit M'C zu lesen vahän. Bei Äpastamba 
steht a galga dhavamnärn- Von der bei Yäska zitierten Stelle 
unterscheidet sich die unsrige nur dadurch, daß für Yäskas tvu 
hier mä steht. 

Der Sinn ist ganz klar: „Eindringen möge in mich der 
Soma, eindringen, indem er die Adern anschwellen macht. Fülle 
mit Saft meinen Saft an; die Pferde mögen mein Opfer ziehul** 
Was ich Ved. Studien I 84 über diese Stelle bemerkt habe, ist 
also nur darin zu ändern, daß nicht agaldu als ein Wort zu 
lesen ist. Zu ü ist nochmals visantu zu ergänzen. Die Wieder- 
holung steigert die Aufforderung, An meiner Erklärung von 
^IV. 8, lj20 hat man vor allem deswegen Anstoß genommen, weil 
gtüdaya zu weit entfernt von girä steht. Sobald man aber die 
dazwischen stehenden Worte als das auffaßt, was sie sind, 
nämlich als Parenthese, schwindet jedes Bedenken. An mä tva 
^omaspa sävane^ii ciikrudham^ galäaya sädü yäcann ahäm ffi^ä^ 
hhürmm mrgam m würde man keinen Anstoß nehmen. Ganz 
ähnlich liegt der Fall in PV. 10, 93, 6, worüber ich Ved. Stud. 
II 99 gehandelt habe. Vgl. auch Ved. Stud. I 265, 11 91. 

Daß galda und garda identisch sind, ist doch kaum zu be- 
streiten, ebensowenig» daß garda „geil'*, ^brünstig"^ bedeutet. 
Säyapa zu TS. 3, 1, U, 7. 8 (S. 78) erklärt garda mit hubkuk^ 
Htä. Er hat aber die ganze Strophe mißverstanden, Sie kann 
nicht getrennt werden von AV. 6, 22, 3, wo für gardä steht 
glahä oder galhä^ wie die v, 1, hat Gegen mein^ Erklärung 
von AV. 6, 22, B hat sich Whitney (Atharva-Veda Sariihita 
translatad I 296) gewendet. Er selbst übersetzt den zweiten 




184 



H. Piiehel Indische MisceUen. 



l'eil: f^the glaha sball bestir itself^ like a girl that is tbrust^ 
thrusün^ the erti, like wife with busband". Dazu bemerkt er: 
„The text of this verse is hopelessly cornipt, and all attempts to 
uiake connected sense of the second half must apparently be 
(like that of Pisthel iu Ved. Stud. I 81 tf ) forced and unsuc- 
cessful'^. Was an meiner Erklärung „forced" sein soll, vermag 
ich nicht einzusehn. Bie ist grammatisch und sachlich gans 
tadellos. Whitneys Übersetzung ist hier, wie auch sonst 
meist, jedenfalls kein Fortschritt. Für eru läßt sich jetat nach- 
weisen, daß ich das Richtige getroffen hatte, eru hängt offenbar 
zusammen mit eraka Jätaka 4, 88, 4. 9» Sanskrit eraka (PW. 
und BW. s. V.; in BW. ist VP. o, 37, IL 39 zu lesen) „eine 
Schilfart**. Das ist aber eine Parallele zu nada, von dem ich 
(ZDMG. XXXV 717 f; Ved. Stud, I 183 ff.) gezeigt habe, daß 
es „Schüfrohr" und „Penis*' bedeutet, wie vaitasa und mryd 
(Ved, Stud. I 106). Es wird wohl also auch mit glaha oder 
galM seine Richtigkeit haben. 

Zu den für han Ved. Stud. I 84 beigebrachten Stellen kann 
ich jetzt noch zwei hinzufügen: Sarasvatikairithäbhara^a ed. 
Borooah S, 16, 15 und Kutten imata S. 153. Eine deutsche 
Parallele finde ich in dem Gedichte „Schuld*' in Des Knaben 
Wunderhom ed. Boxberger 11 55: „Er zog ihr aus die Kleider 
imd schlug sie also sehr, hat ihr genommen die Ehr"» 

7p babhau = hahhüva. 

Mahäbhärata 12, 283, 3 lesen wir: kathatn e^a malmpräjUa 
JvaraJi pradur babliau kutaJj. Das kann nur heißen: „Wie und 
woher, sehr Verständiger, kam dieser Jvara zum Vorschein?'^ 
In Strophe 39 steht dagegen pradur bahhüva sumaJian agnüh 
Vjj^^upuräna 1, 12, 24 findet sich: rak^anisy ävir babhus tatah. 
Die Adverbia avis und pradm werden so regelmäßig mit bha 
verbunden, daß es schwer ist, anzunehmen, babhau und fmbhtia 
seien zu Wurzel bha „scheinen*^, „erscheinen" zu ziehen. Beide 
Formen babhava und babhau stehen nebeneinander Mahäbhärata 
12, 283, 7: devo , . . upavi^to babhuva ha milaräjasuta cüsya 
nityam pärSve sthita baihau. Auch hier wäre babhau von Wurzel 
hha sehr sonderbar. Auch Jaiminlya Asvamedhaparvan 28, 24: 
tathuvidhafti vana^ji dr^tvä Sita romäficita babhau und Brahma- 
purä^a in Lassens Anthologia Sanscritica^ 54, ti ity uJävä 
miidita babhau zieht man babhau besser zu bhu als zu bha. 
Zweifelhaft kann man sein bei Mahäbhärata 13, 153, 16; aniäd 



I 



Alf Torp Etrusldeches. 



185 



bhitmäd hahhiüj, ^ailäJ^. Besser paßt bhü als bhu^ das aber tu 
ähnlichem Zusammenhange steht Mahäbhärata 12, 289, 14: üsana 
düratas tasya babkau. Nllaka^tha erkJäH habhau hier mit ätmü- 
naffi (^rHtavün. 

In Verbindung^ mit Partizipien des Präteritum dürfte babJiau 
sich noch öfter finden, namentlich in Puränas. In den drei an- 
gefiihrten Beispielen stellt es am Ende des Verses, wo ur- 
sprünglich überhaupt sein Platz gewesen sein wird. Es reiht 
sich also, ebenso wie babhus, den abgekürzten Formen am Ende 
des Verses an. 



Berlin-Halensee. 



B. PischeL 



^^H Etroskisclies. 

^^^^P 1* Das Wort etnam, 

l In der Nordisk Tidsskrift for Filologi 1905 S. 113 nennt 

Herr 8, P. Cortsen meine Deutung von eu als „dreimal** eine 
^reine und schiere" Hypothese, die u. a. auf der falschen Ver- 
mutung beruhe, daß vacl „Spruch'' bedeute. Gegen diese Be- 
hauptung muß ich beatininit Einspruch erheben. Meine Deutung 
von ci als „drei"* beruht auf einer ganzen Eeihe von Beobach- 
tungen, Die Bedeutung von vacl kommt dabei gar nicht in 
Betracht. Zwar bin ich noch immer davon überzeugt, daß das 
Wort j,8pruch" bedeutet, aber wenn das auch ganz falsch wäre, 
80 würde für ci die Bedeutung „drei" die eiuzig mögliche 
bleiben. Auch auf den Agr. Mumien bin den würde fiir €iz, weil 
dort von sakralen Handlungen die Rede ist, die sakrale Zahl 
drei besser passen als z, B. zwei oder vier. Ich habe auch auf 
das triuper der iguvinischen Tafeln liingewiesen, welches ja 
auch in Verbindung mit anderen Verben als solchen, die Rezi- 
tation bezeichnen, vorkommt, sowie auf altbabylonische Rituale, 
in denen sehr häufig gesagt wird, daß die eine oder die andere 
Ritus-Handlung dreimal zu wiederholen sei, 

„t^o^-;", sagt Herr C. weiter, „kann nicht ^Spruch' bedeuten, 
weil es mit etnam zusamraengese^t wird: vadtimm'*. Diese 
Folgerung scheint mir etwas voreilig. Weiß denn Herr C, was 
ilieses vermutete Xompositionsglied bedeutet? Krall hat sich 
zwar dabei so etwas gedacht wie 5^ Opfergabe", aber das bleibt 
ja immerhin nur eine Vermutung, sogar eine ^reiue und schiere**, 




186 



Alf Torp 



und solange wir nicht bestimmt wissen, was etnam bedeutet, 
kann ja unmöglicli der umstand^ daß das Wort scheint mit rael 
zusammengesetzt werden zu können, als ein Argument an- 
gewendet werden, sei es fUr oder wider die Annahme, daß dieses 
letztere Wort „Spruch'^ bedeute. 

In meinen Etr, Beitr, I 82 habe ich gesagt, daß ich die 
Terinntung Krall s in betreff der Bedentnng von f^tnant wahr- 
scheinlich finde. Jetzt bin ich von der Unrichtigkeit derselben 
fiberzeugt. Im folgenden will ich eine andere Erklärung ver- 
suchen. 

Ob das Wort (oder ein verwandtes) auch außerhalb der 
Agr* Mb, vorkommt, ist unsicher. Vielleicht in Ga. etnace^fl- 
miarcef und möglicherweise in der Inschrift von Capua, Z, 6, iu 
der Form Um. 

Wenn wir nun die Agn Mb. durchmusteni, sü merken wii^ 
tins alsbald in betreff des Wortes etnam die folgenden Eigen- 
tiimlichkeiten : 

L Das Wort eUmm kommt liier weit häufiger vor als irgend 
ein anderes Wort^ nämlich 36mal, und noch dazu anscheinend 
als zweites Zusammeuset^uiigsglied 9mal, also im ganzen 4Dmal. 
Zum Vergleich mag erwähnt werden, daß die drei Wörter, die 
nach eftmm die größte Häufigkeit aufweisen, nundenfS)^ fler (mit 
den Eleiionsformcn und Ableitungen fleref fler.% flereSf fiererif 
fiet)fvaf fterxi^e) und vacl bezw. 25-, 23- und 22mal vorkommen. 

2. Es weist keine Flexionsforraen auf, indem es immer in 
derselben alleinigen Form etnam erscheint. 

3. Es wild anscheinend auch als zweites Zusanimensetzungs- 
glied verwendet Dies ist, so weit wir sehen können^ mit keinem 
anderen Wort der Fall. Zwar habe ich in meinen Etr, Beitr. II 
auch andere etruskische Zusammensetzungen vermutet; allein das 
bleibt alles unsicher. 

4. Es wird oft in der Weise wiederholt, daß ein einzelnes 
Wort, und zwar jedesmal ein anderes, worin man leicht ein 
Attribut vermuten könnte, unmittelbar darauf folgt. Außer den 
je einmal vorkommenden Verbindungen &€san tin^ »esan aiseras 
6eu§ und apnts anlax apnU urx iudet derartige Wiederholung 
bei keinem andern Worte statt Solche Wiederholungen sind: 

etnam tesim etnam celucn^ öfters, 
{Daneben einmal: iedm etnam cehieumy 
etnam vel^inal etnam aisunal 




Etmsldschea. 



187 



einam velHte etnam aisvaU 

df^am $i trud^ etnam handin etnam cehwn etnam a&umitn. 

Häufige Wiederholung des Wortes findet aucli statt CoL 
Vn 2 f. Hier wird aber immer dasselbe cu vad^ einmal nur 
ck, hinzugefügt. Über diese Stelle siehe im Folgenden. 

5. Wenn solche unmittelbar auf etnam folgende Worte ala 
Attribute zu dem Wort zu betrachten sind, so hat dieses Wort 
eine große Menge von Attributen, Enthalt etnam einen nomi- 
nalen B^riflF (z< B. „Opfergabe") so muß eine große Anzahl von 
Arten dieses Begriflfe oder von Umständen bei demselben an- 
genommen werden. Wir haben dann mindestens die folgenden 
aufzustellen; tesimt celucn, kam<pe&ij laeti, veldinal, velHte^ aimt- 
nal, aisvalej &i trn% han^in, adumiin, aisna, woran noch die fünf 
Zusammensetzungen mit (eHnam anzureihen sind» 

6. Wenn das Wort in dieser Weise durch eine große An- 
zahl von Attributen näher bestimmt wird, so ist es sehr auffällig, 
daß es andererseits so aussieht, als ob es auch in einer großen 
Anzahl von Fällen ohne jedes Attribut gebraucht werden könnte. 
Besonders fällt es auf, daß, wie es scheint, eine und dieselbe 
Formel das Wort etnam enthalten oder weglassen kann: 

Vgl. nundend^ etnam far^an aisera§ Mi^ chtram h^encve V 7 — 8 

und nun$en far&an aisera^ §ea4 cletram §refi€ve U 11 — 12, 

Auch das scheinbare Attribut, das in dem einen Fall er- 
scheint, kann in einem anderen ganz analogen fehlen : 

etnam aisna esa i;; }md^L4 ^a^umiS XI 15 

etnam ix eslem eial^uü XI 17 

etnam aisna ix matam XII 9 

einam ix matam VII 22, XI 5. 

Andere Eigentümlichkeiten bei dem Vorkommen des Wortes 
sind: 

7. Es steht öfters unmittelbar vor dem Wörtchen ixr ic: 
dnam eisna ix flereS crapUi VI 12 
etnam i^ clevrnS VII 16 
etnam ix matam VII 22, XI 4. 5 
etnam aisna ix matam XII y 
etnam ic esviti etia^ VIII 2 
dnam aisna esa ix hiidU za$i^imü XI 15 
etnam ix esletn dalx^t^ XI 17 
etnam aisna ix nac reuSce XII 1 — 2. 
Vielleicht auch: etnam räum ica ^u^ova XI 2, 




188 



.yf Torp 



Sonst findet sich t;^ auf den Agr. Muraienbinden nur in den 
beiden Verbindungen: smttuqf ix reaSceSiJ VI 2, und eis cemnax 
ix velM X 10. 

8- Es erscheint zweimal in der Nähe von gewissen Zahl- 
angaben, worin ich Bezeichnungen für Monatsdaten gesehen 
habe^). 

Diese beiden unter 7 und 8 genannten Arten von Ver* 
bindungen geben kaum irgend einen Aufschluß über die Be- 
deutung des Wortes. Mehr Licht scheinen die übrigen, nnter 
1 — 6 verzeichneten Eigentümlichkeiten darauf zu werfen. Daß 
das Wort kein reines Adjektiv ist, scheint schon aus der un- 
verhältnismäßigen Häufigkeit desselben hervorzugehen , sowie 
auch ganz bestimmt ans dem Umstände, daß wir neben etnam 
aisna ix nsw. auch etnam ix finden. Wir könnten dann an- 
nehmen, was von vornherein viel näher liegen würde, daß etnam 
ein Substantiv sei. Daß es keine Bezeichnung einer Person 
(z, B. irgend eines Opferpriesters) sein kann, davon überzeugt 
man sich sofort Es wäre dann vielleicht irgend ein Gregen- 
stand dadurch bezeichnet, und die verscliiedenen anscheinend 
angefügten Worte wären als Attribute zu demselben aufzufassen, 
-allein dagegen seheint mir besonders das unter 5, und Ck an- 
geführte zu sprechen. Es scheint nicht möglich, daß irgend ein 
nominaler Be^ff, der oifenbar, wie Krall annahm, ein sakraler 
(z, B, „Opfergabe") sein müßte, so viele verschiedene Bestim- 
niüngen zu sich nehmen könnte, und ebensowenig, daß ein 
Begriff, der in dem Maße solcher Bestimmungen bedürfte, 
andererseits ebenso oft ohne irgend eine nähere Bestimmung 
auftreten könnte. 

Wenn wir neben etnam farMn aiseraS Sm^ cletram irencve 
auch farBün msera§ §mi§ cletram $rencve finden, also dasselbe 
ohne etnam, so spricht auch dieses gegen die Auffassung von 
einam als einem Nomen. Denn in diesem Satz haben 'mr schon 
ein Nomen, cletram, das offenbar das Objekt des Verbs fardan 
bildet: ^bringe (oder: man bringe?) der Aisera Seu ein clelram'^. 
Sollte das in der Variante fehlende dmm ein (iigend einen 
Gegenstand bezeichnendes) Nomen sein, so könnte es hier nur 
als eine Apposition aufgefaßt werden: „wie ein dnam*^ (z< B- 
eine Opfergabe); aber dies ist sehr wenig wahrscheinlich. Und 
jedenfalls ersieht man deutlich, daß es in anderen Fällen (z. B. 



^) Etr. MonaUtlat^B. 



BtrnsfcUches 



189 



» 



da wo es mit Z wisch enräumeii voü nur eiüem Worte wiederholt 
wird) nicht in der Weise angewendet wird. Man könnte zwar 
zur Stütze der Meinung^ daß die auf ehiam unmittelbar folgenden 
einzelnen Worte Attribute seien, die Verbindung etnmn ai&na 
anführen. Denn diese kommt nicht weniger als fiinfmal vor 
(und dazu noch die beiden vielleicht verwandten etnam aismial 
und etnam aisvak je einmal) und sieht somit allerdings wie eine 
feste Verbindung aus. Allein dies wiegt meines Erachtens gegen 
die übrigen Bedenklicbkeiten wenig, zumal da aima auch sechs- 
mal ohne etnam vorkommt. 

Wir dürfen somit gewiß davon ausgehen, daß etnam weder 
„Opfergabe*" bedeutet, noch überhaupt ein Nomen ist. Es kann 
auch nicht ein Verb sein. Ich bedaure, daß ich in Etruscan 
Notes S. 10 eine solche Vermutung ausgesprochen habe. Denn 
dagegen spricht sowohl der Umstand, daß wirkliche Verben wie 
farSan und triu dicht bei etnam vorkommen, wie auch der 
Gebrauch des Wortes als eines zweiten Znsammensetzungs 
güedes. Das scheinbare Fehlen einer Flexion stimmt auch 
wohl mit der Auffassung, daß das Wort weder Nomen noch 
Verbum sei. 

Es bleiben dann Pronomen und Partikel übrig* Daß es 
kein Demoustrativum ist, geht sowohl aus dem Zusammenhang 
an den betreffenden Stellen, wie aus der Häufigkeit des Wortes 
hervor, um gar nicht davon zu redeu, daß ein Demonstrativ, 
das hier so häufig gebraucht wäre, doch wohl auch irgend ein- 
mal in anderen luschriften erscheinen müßte. Auch der Gebrauch 
des Wortes am Ende einer Zusammensetzung spricht nicht nur 
gegen ein Demonstrativ, sondern gewiß auch gegen ein Pronomen 
Hberbaupt« Sollte das Wort ein Pronomen sein, so wäre wohl 
s^unächst an die Bedeutung „derselbe" zu denken. Für diese 
Annahme könnte die Verbindung etnam ix angeführt werden. 
Denn für ix habe ich Beitr. I 25 etc. die Bedeutung „wie^ 
Bachge wiesen, und ^derselbe wie** würde ja trefflich zusammen 
IJtissen. Aber schon die Häufigkeit des Wortes macht diese 
Bedeutung wenig wahrscheinlich — denn von dem Wort „der- 
selbe** wäre doch wohl schwerlich fast doppelt so oft Gebrauch 
gemacht als von den sonst am häufigsten vorkommenden Wör- 
tern — und direkt widerlegt wird sie sowohl von Col, Vit 2 f,, 
worüber im folgenden, wie auch von anderen Stellen, auf die 
ich hier nicht näher eingehe* Daß auch nicht „selbst" paßt, 
davon überzeugt man sich noch leichter, „Keiner" ist noch nn- 




190 



Alf Torp 



gereimter. Und es wird sich sofort zeigen, daß es überhaupt 
kein indefinites Pronomen gibt, das etnam vertreten könnte. 

Es bleibt dann, so weit ich sehen kann, einzig die Kategorie 
Partikel übrig, Fm die Bestimmung der Bedeutung scheint mir 
besonders die Col VII 2 t wichtig. Denn diese Stelle gestattet 
ein gewisses Verständnis des Inhaltes, indem hier gans; offenbar 
von gewissen Beschwörnngen oder Formeln älinlicher Art die 
Bede ist. 

Wir nehmen wahr, daß gewisse Worte mit einigen Al>* 
weichungen in den Hinzufügungen wiederholt werden, im ganzen 
(wie es scheint, denn der Anfang fehlt) fünfmal. Hier ist offen- 
bar in dem Aufbau des Ganzen eine gewisse Synmetrie vor- 
banden, die uns dann auch bei der Zerlegung der einzelnen 
Teile Hilfe gewähren muß. Denn selbstverständlich ist das 
Ganze so zn zergliedern, daß die größte Symmetrie erreicht wird. 
Dann haben wir aber die Stelle so zu zerlegen: 

(Zu ergänzen:) cU vad ;?——]/ eeia hia^ 

etfiam cii vacl trin j^veldre j male ceia hia^^ 

etnam cu vacl j^aisvale / male ceia hia'^ trind- 

etnam cu „ale I male ceia hia^ 

etnam dz vacl j^vile vale ! staile stmle hia**. 

Die hier zwischen „ ^ gesetzten Teile enthalten den Wort- 
laut der Beschwörnngen. Sie enden alle mit ceia hia (bezw. 
einmal hia). Ich fasse die Worte als E'ormelD zur Verschenchung 
gewisser Dämonen, oder eines gewissen Dämons. Vergl meine 
Erklärung von ceia hia als „nicht hier^ (Etr. Notes 3), Die 
einleitenden Sätze enthalten alle das Wort cw „ dreimal", was 
ja vor Beschwörungen trefflich paßt. Das Verb ist trin, resp. 
tnnd"^ trin und trin& sind nach meiner Erklärung» Etr, Beitr, 
I 58 f., gleichwertige Imperativformen. Das Verb steht nur die 
beiden ersten Male; leider fehlt, wie gesagt, der erste Teil 
dieser Stelle, da aber am Anfang von Z, 1 noch -in- gelesen 
werden kann, so ist es nicht unwahrscheinlich, daß auch diese 
ZeUe trin oder trinS- enthielt. Daß das Verb die beiden letzten 
Male fehlt, ist nicht autfällig; es mag dadurch veranlaßt sein, 
daB es da, wo es zum letzten Mal steht, hinter die Beschwörung 
gestellt und somit dem Folgenden nahe gerückt worden ist. 
Das Objekt, welches dreimal steht und einmal fehlt, ist vacl^ 
d. h. „Spruch" oder ähnl* Als die Bedeutung des Verbs trin 
scheint somit etwa ^^machen"^ angenommen werden zu miissen; 



Etniski&ches. 



191 



wahrschelDiicli ist es mit ar-, welches öfters mit vad verbunden 
i^ird (vad ar n. ä*)^ wesentlich synonym. 

Es bleibt uns dann das Wort etnam, welches alle vier Male 
vorkommt und worin, wie wir glaubten, eine Partikel zu sehen 
wäre (daß es nicht ein Nomen ist, ist jetzt ganz offenbar, da 
wir hier in vad trin Objekt und Verb gefunden haben). 

Da etnam hier mit einem Imperativ verbunden ist, so kann 
es natürlich nicht eine relative Partikel irgend einer Art sein 
(„wenn**^ T,wie**, ^jUachdem** usw.), was übrigens auch aus 
anderen Stellen deutlich hervorgeht- Die Partikel muß not- 
wendig eine demonstrative sein: Man könnte dann an „so" 
denken r „so soll man einen Spruch tun, dreimal", also auf den 
folgenden Wortlaut hinweisend. Diese Annahme konnte durch die 
Verbindung etnam i/ gestützt scheinen, denn hier würde ja 
„so wie"* sehr gut stimmen, etnam tesim etnam celucn wäre 
dann: „so (wohl auf das vorhergehende bezogen) (soU man) 
das tesim (machen), so das celucn^. Auch an vielen anderen 
Stellen würde, soweit wir von dem Inhalte eine Vermutung 
haben kOnueu, die Bedeutung „so*^ (oder vielleicht „in derselben 
Weise") nicht unmöglich scheinen, wenn man auch zugeben 
müßte, daß der reichliche Gebrauch dieses Ausdrucks befremdend 
wäre. Allein gegen diese Annahme spricht bestimmt der Um- 
stand, daß etnam als letztes Zusammensetzungsglied gebraucht 
werden kann. 

Dann bleibt kaum etwas anderes übrig als „darauf". Diese 
Bedeutung paßt für VII 2 f. trefflich. leb verstehe die Stelle so : 

[facit4> ter deprecationem ^— — ] ceia hia^i deinde ter 
deprecationem facito ^vel&re male cela hia^[ deinde ter depre- 
cationem „aismle male ceia hm^ facito; deinde ter „afe male 
ceia hia'^; deinde ter deprecationem jyvile vale staÜe staÜe hia.^ 

Darauf folgt eü trinOaSa usw. mit den beiden weiteren 
Imperativen sal und arB, Ich habe Beitr. I 60 f* trin^a^a als 
eine Bildung gleicher Art wie ten&as und svaldas erklärt, als 
eine Art von Gerundium, sval^as scheint ganz bestimmt zu 
bedeuten: t^^uag. Ich üißte früher -^a^a als eine vollere Fonn 
von 'da^ auf. Wahrscheinlicher steckt aber in der Endung -a 
ein pronominales Objekt 

Es wird somit mit der Wiederholung fortgesetzt: „nachdem 
man ihn (diesen letztgenannten Spmch) dreimal gemacht hat^ 
HoU man nsw," 



IVZ 



Air Torp 



Für die Verbindang änam ieHm etnam celnen und die ana- 
logen, die wirklich wie Aufzähl uiigen aussehen, paßt ^dauach"* 
vollkoinnien: „danach tesinij danach celucn^. Die Variante tedm 
etnam cehicum wäre; y^tesim deinde et celuc*^, 

etnam ix matam, etnam aima i^ matam ist wahrscheiulich : 
^danach (*Opfergabe' oder ähnliches, wenn aima dies bedeutet) 
wie zuvor^. 

Eine ahgeschwächtere Bedeutung, etwa ^ferner** oder 
^weiter", scheint etnam zu haben, da wo es auf Monatsdaten (?) 
folgt (es ist zu bemerken f daß es in diesem Falle nach- 
gestellt ist). 

etilem cmlx^is etnam aisfia — — ö^i XI 12, d, h. „An 
dem 28. ferner soll ein aisna gebracht werden*^ (oder ähnliches; 
über €&ri siehe meme Beitr, II 13 f, usw*)* 

&-unem cial^u^^ etnam ix eslem cial/j^ XI 17, d. h. „An 
dem 29. ferner wie am 28'^, 

Endlich haben wir die Zusammensetzungen vacltnamf cntnam, 
suntnam, putnam, calatnam, wahrscheinlich synkopiert aas vacl- 
einam nsw% (Weniger wahrscheinlich wäre ettmm in e-tnam zu 
verlegen und in e ein Pronomen, in -inam eine Postposition zu 
sehen,) 

Hier seheint etnam als Postposition zu fungieren: vacltnam 
wäre „nach einem Spruch", cntnam „nach diesem*^, swntnam, 
putnam und ralatnam enthalten unbekannte erste Glieder. Nach 
putnam und calutnam folgt, wenn ich in meiner Deutung von 
tei (Etr» Notes S, &1 ff*) recht habe, je eine Quantitätsbezeichnnng: 
piitnam &ii calatnam td. Dieser Umstand braucht keineswegs 
gegen meine Auffassung von etnam zu streiten. Denn die 
^uantitätsbezeichnung kann sehr gut zu dem vorangehenden, 
ebenfalls dunkeln, canva gehören, z. B. „man soll nehmen 
(oder ähnl) nach pu ein canva, nach cala aUe'^. 

Somit ist etnam ein Wort, das sowohl als Adverb wie als 
Postpositiön gebraucht werden kann, ganz wie z. B, lat. post^ 
Adv. und Präp, Mit etnam ist meines Erachtens hetum ver- 
wandt. Ich habe schon Beitr. II die Vermutung ausgesprochen, 
daß hetum^ das oft neben vinum und mit z. T, denselben Ättri- 
hüten versehen vorkommt, irgend einen Opfertrank hedeuten 
muß* Jetzt glaube ich, daß hetum und vinum dem pune und 
dem vinu der iguvinischen Tafeln entsprechen. Wie das lat. 
posca mit der Präp. posft) und das umbr. pune wahrscheinlicli 
mit der Präp< po verwandt ist (vgL auch an. afr „Nachgebräu" 



KtTUAkidchßi. 



im 



: skr. äparü')^ so etr. ht4um mit etnam. In einam ist dann das 
ursprünglicha h- geschwuuden. 

2. Zam Zahlwort 

Eine in Foiano bei Bettolle gefundene Schale träg^ diö 
folgende Inschrift (Ga, App. 912 bis): 

eku »liHiaf^re/iwazelt^kilzipiü^emivapurtimiraprHetm urareketL 

Die Zerlegung einer Inschrift ohne Wortabtrennung bleibt 
immer eine heikle Sache. Trotzdem glaube ich, daß in dieser 
Inschrift wenigstens der erste Teil sich mit ademlicher Sicherheit 
in einzelne Worte zergliedern läßt eku ist aller Wahrschein- 
lichkeit nach mit eka „dieser** entweder identisch oder nahe 
verwandt» Teilen wir dann weiter ^utüah re^uva £eMuUi 
puldesuva, so erhalten wir zwei Wortpaare, die ganz sym- 
metrisch gebaut erscheinen, Indem in jedem auf ein Wort anf 
'Uf bezw* U% ein anderes anf -uva folgt. Diese Symmetrie, die 
nicht zufällig sein kann, zeigt uns, daß unsere Zerlegung richtig 
war. In den beiden Worten auf -uva möchte ich weiter -ra 
als ein eigenes Element ausscheiden (siehe Etr. Notes ä, 11), 
Wir erhalten dann zwei auf -ti endigende Wörter rexu- und 
piädesu', sehr wahrscheinlich Präteriti ptcpia auf -u (Beitr, X 5), 
von welchen das letztere wohl mit pidtuce zusammengehört 
^äiiuU und £ele§uUi zeigen die gleiche Endung, denn -£i ist 
die vollere Form von -^, der Endung der Zahladverbia, z» B. iu 
eie, eui „dreimal". Hier liegen also Zahladverbia vor, was 
auch dadurch bewiesen wird, daß der Anfang beider Wörter 
von je einem Zahlwort gebildet wird: ^-.Eel-; in dem letzteren 
ist eine Nebenform zu Bai zn sehen. Was ist nun das l vor 
der Endung -^O)? Die Antwort ist einfach. Da das Wort 
leleiidsi ein Zahladverb sein mui3, da es aber nicht direkt von 
dem Zahlwort ^al, der Kardinalzahl, gebildet ist, so kann es 
allein von der entsprechenden Ordinalzahl gebildet sein, und 
diese Ordinalzahl lautet demgemäß £elesnL Dies ist um so 
sicherer, weil wir jetzt auch aus einer neugefundenen Inschrift 
(Torp-Herbig Nr, 48^)) gelernt haben, daß die Ordinalzahlen 
auf -( ausgehen, indem von ci die Ordinalzahl rianü gebildet wirtL 

Die der Cardinalzabl 3t* entsprechende Ordinalzahl lautet, 
wie ich vermutet habe (Etr. Notes und sonst), &u^, duti Jetzt 
lernen wir auch die Nebenform dutiiaf kennen. Wenn die von 



1) Bitznagsb, d, K. Bajr. Ai. d, Wlsi, 1904 S. 489 ff. 



13 




194 P. I>ielß 

inir begründete Beihenfolge der ersten G Zahlen noch immer 
weiterer Stütze bedürfen sollte, so liegt hier in dem Umstand, 
daß auf du- zel- folgt, eine solche vor. Denn „zum zweitenmal*^ 
paßt doch sicher besser nach einem „zum erstenmal", als z. B. 
^zum drittenmal" nach einem „zum fünftenmal", wie es hier 
heißen müßte, wenn du und zal^ wie Thomsen meint, fünf und 
drei bedeuten. 

Auf weitere Deutungsyersuche lasse ich mich nicht ein. 
Was hier zum ersten- und zum zweitenmal geschehen sein soll, 
weiß ich nicht. Es genügt mir, die drei Ordinalzahlen dtUi(al), 
2ele§ul und danil nachgewiesen zu haben. 

Christiania. Alf Torp. 



t 



Zur Entstehung der indirekten Rede im Deutschen. 

Die indirekte Rede, wie wir sie gebrauchen, kennzeichnet 
sich — soweit überhaupt Kennzeichen gegenüber der direkten 
Bede vorliegen — durch den Moduswechsel und die Verschiebong 
der Personen. Beiden Differenzpunkten ist man bereits nach* 
gegangen (vgl. vor allem Wunderlich Der deutsche Satzbau 
I 343 ff.), um eine Erklärung des Vorgangs zu gewinnen. Mao 
zieht die Bedeweise des „gemeinen Mannes" heran und sieht in 
einer gerichtlichen Aussage wie „Herr Prof. Lenbach sagte, die 
Bilder im Keller brauchen nicht aufgehoben zu werden, da kann 
ich mir nehmen" eine Art Urzeugung. Das ist in keiner Weise 
zwingend: der Aussagende schließt ein augenblickliches Kom- 
promiß zwischen der Erinnerung an die gehörten Worte und 
einer in der gebildeten Sprache feststehenden und 
alten Ausdrucksweise. 

Die indirekte Bede folgt heute in der Stellung der Worte 
durchaus der direkten. So ergab sich ein Schein des Bechts^ 
von „Parataxe" zu reden. Diese Auffassung wird aber hinfällig 
durch die Tatsache, daß die indirekte Bede da, wo sie uns 
zuerst entgegentritt, sehr deutliche Kennzeichen der Nebensatz- 
Stellung trägt: einstweilen nur 6in Beispiel: Notker Bo. 54, 4 
Tu putas fortunam erga te esse mutatam = Tu uuänest sih tiu 
fortuna habe uuider dih keuuehselot Vgl. auch Erdmann Deutsche 
Syntax I 169 f. Wir hätten also eine spontane Entwicklung 
von der Parataxe zum Nebensatz und wieder zur Parataxe» 



Zur Eutätebuugf der iiidirektpii Hede im Doatscbeu. iy5 

oder voü einer nicht weiter erklärten Hypotaxe zuf Parataxe. 
Beides vnrd man verwerfen müssen. 

Wunderlich nennt I 347 als ein wesentliches Moment der 
Oratio obliqua die enge Verbindung mit einem Verbum dicendi 
oder sentiesdi, die den Satzinhalt diesem unterordnet* Er ver- 
sucht S. 349 die Ausbreitung des Gebrauches verständlich zu 
machen. Auch mii- scheint es richtig, diese Beziehung zu be- 
stimmten Verben aufzuzeigen, die in der alten Sprache deut- 
licher ins Auge fällt als in der gegenwärtigen. Ich beschränke 
mich dabei im wesentlichen auf Notkers philosophische Schriften 
(Pipers Ausgabe Bd. I). Die sonstige ahd. Prosa ist sehr arm 
an Beispielen, Den Grund dafür sieht Wunderlich n 320 mit 
Recht in dem Einfluß der lateinischen Vorlagen. 

Wir finden die indirekte Rede nach 

quedan: No. Bo. 58, 27 ünde er r/iW. uuola so tüon müosL 
67, 8 Er cbU iet- scriptor uuoUL dm man , , , 127, 5 Sed 
quod tu te dicis avidum andiendi — Aber das ik chist kenio 
gehortist, 161, 12 Honestissima quidem foret iocunditas coniugis 
et liberorum = th chdde chiuske uuünmt iiuärtn . chena unde 
chint. 257, 12? Categg. 411, 3 ünde chtt iz ein iänmSrh d. 
422, 7 Tob ii ist, täz chtt man si eines änderis. 470, 13 sed 
contrarium = er chit h imo si unideninärtigj ähnlich 470, 15. 
486, 17 föne diu ehit nian iz st erera ünde altera. Int. 505, 3 
Dico autem quoniam consignificat tempus = Ik chido i? tempus 
pezeichenne, mit dnderro he^eichetimssedo. Mcp. 728, 20 Se igitur 
eos iam pridem amore mutuo coUigatos idcirco paulolum distu- 
lisse ne . . . = Ünde chäd er sie in forn geminne . ddHimhe ge- 
fristet häbeti . mo er , . . Wess. GIB. U Dm, 95, 22 Nu kit 
diu heilige schrift^ der gloiibe der sii tot an diu werch die , . .— 
poetisch: Dm. Saraar, 10, 24 siu qtmt sus lihitif common ne 
kebitL Georg 17, 50 quimt so nua*** ferlorenoj . . , Merigarto 
32, 1**, 31 der chuit man vara über daz rota mere, 2', 62 seumn 
wnpringe chuit man zuene rinneny . . , 2**, 67 man chuit oith 
n ein prunno ... 94 unt ivirt i^ . , ,, so chodint $i diu wolla 
irsprechüu mitt-allü* 96 In Idtimea ahmt man ouh si ein aiia. 
8unima TheoL 34, 5, 7 er chot wolti si^^in nordin, . . . 

soffen: poetisch Merigarto Dm, 32, 1**, 65 der sagata mir ze 
uuara • , ., er wäre givarn in Islant, dar . . . 2^, 72 ouh sagant 
maniga An Walser si in Campaniaf düz . . . 

sprethan: poetisch Friedb. Chr. Dm. 33, D*, 9 ouch sprach 
er er were godes sun. 

13* 




196 P. Dielg 

uuienen: No. Bo. 30, 20 Nee arbitror mihi fas esse . . / = 
Noh ih neuuäno mir müoza si . . . 33, 4. 52, 6 Sed nt arbitror 
band mnltum laboranerim . . . ^ Ih neuuäno ouh türfe boreuüo 
ringen ... 54, 4 Tu pntas fortonam erga te esse mutatam » 
Tu uu&nest sih tiu fortuna habe uuider dih keuuelisdot 88, 27 
üuänest tu daz koÜ titirera si . ünde diu gesämenota mänegi des 
scazzes . tanne . . . 104, 20 Num mentem coherentem sibi firma 
ratione amonebis a statu ...» üuänest tu dehein müot keueste- 
notez . mit redo aha stete eruuekk^st . ihide iz pringest üzer . . . 
169, 16 An tu arbitraris . qaod nihilo indigeat . egere potentia? 
= üuänest tu daz niehtes türftxg neist . mähte dürftig st? Cat. 
443, 5 Fortasse autem diffidle sit . . . = i> ^^leuuäno ouh teht 
semfte sl . . . — poetisch Dm. Hildebrd 2, 29 ni waniu ih iu 
lib habbe, Mnsp. 3, 28 uuanit sih Mnada diu uuenaga sela, . . . 
Merigarto 32, 1^, 25 — 28 nah ieglichemo lante wan iz sinen sito 
iventej nah ieglicher erda uuan iz fara uuerda. 

mir dunchet: No. Bo. 37, 22 üidere autem uideor nefarias 
offidnas . . . fluctuantes . . . = Mir dunchet ih nü sehe foUe- 
uuemon . . . 169, 2 üideor mihi intueri quidem ueluti . . . = 
Mir dunchet ih iz sehe . . . samo dürh . . . 

uestenon: No. Cat. 483, 8 Aber uestenmdo . ünde Uugenendo . 
socrates A . aide nesi . uuirdet . . . 

lougenen: s. unter uestenon. 

neist nehein zxAuel: No. Bo. 86, 18 Dubitari nequit, si . . ., 
quin omne mortalium genus fine mortis in miseriam labatur = 
86 neist nehein zutust . . . alle mennisken sterbendo . zeuueneg- 
heite uären. 

sich vermezzen: poetisch Friedb. Chr. Dm. 33, D*, 7 Sich 
vermaz Jhesus, cebreche wir daz godes hus, er tvolde iz eino 
geberon. 

geheizzan: Benedb. GIB. HI Dm. 96, 32 er geheizzet uns, 
ob der rehte begriffen werde mit dem gahem tode, er chome ze rawe. 

si müoza: No. Bo. 32, 29 Sed fas fuerit nefarios homines . 
qui . . . nos quoque perditum ire uoluisse . quos . . . - Nü si 
ouJi müoza dien argen . die . . , ouh mih kerno uerliesen . uuan- 
da ih . . . 

manon: No. Bo. 347, 24 Qui petis . . ., animum quoque 
feras in sublime = Tiz pilde mänöt tih . . . Tüdir , . ., taz müot 
ouh üfheuest. 

thiggen: poetisch Samar. Dm. 10, 21 ih thicho ze dir, ihaz 
uuazzer gabist du mir, daz ih mer . . . 



Zur Entstehung der indirekten Rede im Debt^hen. 197 

bidden: poetisch Friedb. Chr. Dm. 33, Fb 63 si badun lt 
bit in wolde gmi in Emmans , * , 

tmeUen: No. Bo. 46, 30 Si uuolta er chude ad bmum. cf, 
47, 29. — 175, 16 Tä^ uuolta ik tu darmtte chädist 303, 9 Ih 
uuolta si rähtt incidentes quesüones, 

miohhen: Monseer Fragmente ed. Heneh 15^ 2 quaerentes 
eum tenere = enti fiohhituti . sie inan kaf engin. 

Diese Liste der unTerbunden angefügten Nebensätze (m- 
direkte Eede oder Absichtssätze) läßt sich aus Otfrid leicht er- 
gänzen, ich yerweise auf Erdmann Syntar der Sprache Otfrids, 
bes, I § 288 ff. und 2m ff. Auch Erdmann konstatiert für die 
Absichtssätze, daß gewisse Verba eine von beiden Konstruktionen 
ausschließlich oder vorwiegend erfordern (§ 294), für die indirekte 
Rede im Konjunktiv, sie sei häufig nur nach zwei Verben, nämlich 
nach qiiedan und wänettf sonst nur in vereinzelten Fällen, und 
zwar nach gUoubenf thenkmif mih thunkitt firneman, rätaUf huggen, 
bidrahtön, lesmif sagen, spreahan, zellen, msi und märi duan^ 
meinen, sih biheimn, giheisan, intheizan, swerien (§ 298). 

Mir kam es darauf an, durch Sammlung der Prosabelege 
den Nebensatzcharakter der Satzform außer Zweifel zu stellen, 
nicht weil er im Verborgenen liegt, sondern weil mau das 
Faktum bei der Erklärung durchaus nicht genügend berück' 
sichtigt hat Erweist sich die indirekte Eede als ein Neben- 
satz zur Äusfdhrung gewisser Verben, so ist jeder Versuch, 
ihre heutige Fortsetzung als „Parataxe" zu deuten, verfehlt 
Wer in der alten Form „einfache Hypotaxe" sieht, erklärt nicht, 
welche Veränderung der Voraussetzungen den llbergang in eine 
ebenso einfache Parataxe veranlaßt haben könnte. 

Es ist begreiflich genug, daß ein unverbundener, d. h* mit 
keiner einleitenden Konjunktion versehener, Nebensatz der Ana- 
logie der Hauptsätzstellung verfällt. Die Zahl der ganz indiffe- 
renten Fälle ist sehr groß. Will man aber nicht annehmen, daß 
dasselbe Sprachgefühl die Hypotaxe schuf und wieder vernichtete, 
so bleibt nur die Möglichkeit, daß mechanische Zerstörung einer 
ursprünglich vorhandenen Einleitung den Nebensatzcharakter 
verdunkelt hat. 

Erdmann hat seltsam geirrt, wenn er (DS. 1 169) die indirekte 
Rede des Ahd, in Gegensatz zum gotischen Gebrauch stellte, der 
die Anfügung ohne Partikel nicht kenne. Gerade das Gotische 
weist uns den Weg, denn der Unterschied der da^-SkUe und 
der indirekten Eede im Ahd. entspricht einigermaßen dem got. 




198 A. Pick 

der jHxtei' uüd ci-Sätze. Aus Delbrücks Sammlungen (PBB. 
XXIX 207 ff.) wird dies sofort klar: ei herrscht in den ^finalen 
Optativsätzen, welche die Absicht enthalten, durch die das Sub- 
jekt des Hauptsatzes bei der VoUziehung der Handlung des 
Hauptsatzes geleitet wird^ (vgl. dazu den parallelen, aber 
immerhin sehr zurückgedrängten Gebrauch der Finalsätze bei 
Otfrid, Erdmann I § 279; z. B. IV 11, 12 legita stn giwäti, er 
in mändat dati), femer bei zielstrebigen Verben: handwjan 
^durch Zeichen auffordern", andbeitan, hidjan, anabiudan, faur- 
biudan, (ni letan), gameljan, merjan „predigend auffordern", qipan 
^befehlen", biswaran, wiljan, wilja ist mtinan, sokjan, sai- 
han usw. 

In Sätzen mit potentialem Optativ herrscht ei, wie D. 
nachweist, nach wenjan, pugkjan, (hugjan). qipan hat 
wenigstens ei c. ind. in sicheren Fällen nach sich, ei c. opt. 
scheint dagegen zu fehlen. 

Ich behaupte demnach: In Sätzen wie wenja ei und andi 
ufkunnaip ist das ei ebenso geschwunden wie in den Relativ- 
sätzen und den Sätzen mit patei. Die Analogie zu bemühen, 
wie es Delbrück fUr die cfa^^-Sätze und die Relativsätze tut 
(S. 213) halte ich für überflüssig: Die Annahme eines rein 
mechanischen Schwundes kann aus unserer Kenntnis der außer- 
gotischen Lautgeschichte weder bewiesen noch widerlegt werden. 

Berlin. Paul Diels. 



Hesychglossen IIP), 

1. anoqutv ' unuTtjnui. 

„pro anafHv^ bemerkt M. Schmidt mit Recht. Hierzu ist 
vielleicht das homerische dnotpdXiog zu stellen, das bis jetzt 
keine genügende Ableitung gefunden hat. Für die Zurück- 
führung auf StpiXog läßt sich die Bedeutung des Wortes geltend 
machen; auch ließe sich die Zusammensetzung mit ano im 
negierenden Sinne durch die Parallelen hom. dnfjv^g und antj- 
Ktyito; „rücksichtslos" zu uUyco (dies jedoch nur / 309) allen- 
falls rechtfertigen. Gegen 6<pfXog spricht jedoch die ganz ab- 
weichende Behandlung des Wortes in oix'(o(f>£U/] | 223 nach 
f}ixov otpdkkHv 'i 233. Ganz unpassend dachten einige Alten an 

») Vgl. BB. XXVIIl 84. XXIX IfW. 



Hesjcbglos&en ni. 



19U 



fpmXfigW andere an (fijlQ^ „trügerisch", aber dann wäre dno- 
müßig oder gäbe gar den Gegensinn* 

Die Herlei tnng von ajtofpuy = dnaipnv trifft die Redeutnng-. 
die Bildung würde mit äßa^rmlnQ zu i^a^tirv und untfrtjkto^ 
zu dnaTFfl/tc stüumen, und o neben « ist im aoliscben Dialekt 
häufig und beliebt duntpflp galt freilich sonst als rediiplizien 
aus dff'iifpitv, allein es kann ebensogut zu ana in änJ-?^ (wie 
ilßi'tri zu «/«-) gehören. Über die „Wui-zel" 95 ij handelt Prell 
witz sehr gut BB* XXII 81 und Wb.* unter <pair€ü. rpv „wer- 
den^ ist aus tpd/u - skr. bhatn- entstanden, wie skr, brfi aui? 
hravi', (dna-fsty zu ditdrpj etwa wie v-tfr^ germ, we-han zu 
ved. vätfüntij uta „gewoben*^ ?). 

Tikt{v)wu tg. Auf diese Bedeutung von ßix^fog geht ein Vers 
in den Sillen des Xenophanes, Hiller liest ihn in seiner Antho- 
logia l)Tica 8. 52: loidfriv d' ikurtj; nvxti'{f)t) n^tji dmfia{Ta) 
ßmym. Wie mir Blaß mitteilt, gibt Diels in den Fragmenten 
der Vorsokratiker unter Xenophanes die Fundstelle SchoL zu 
Aristides Panegjrr* ^tm ßdit^wg jovg KXd&ouq fiduvijtai dh Sfvo- 
tfävfig $v ^ilkotg ' safdfjtv S* iXutrj^ (ßtlit/Oi) tivkogv ntot dd^^cc 
wie es scheint, in besserer Fassung* 

Sollte dieser Gebrauch von /*«ie;roc für xlaSag für die Be- 
nennung des Gottes Ban/fvg zu verwerten sein? Nach einer 
Notiz bei Pherekydes hieß Dionysos so, als Jt^-vmag von vvaa: 
ixiiXotv Pimug tu S$yd^a, Welcher Sprache mögen ßtix/ng ' xli^o^ 
und rvtra „Baum'' angehören? 

und dazu ßyi* ini rov /Ätfalüv xui la/v^mt xm /uXtnnv li^crat. 
N 521 heißt Ares ßgt^nvog . ß^l, auch in ß^l-^m „wuchte^, ist 
entstanden aus ßqta in ß^m-^ug^ wie X-^og aus in-po^, -^qbv 
in ßQi-f}^n¥ ist /J7001', Wie Prell witz Wh.* unter ijpö gezeigt, 
gehören hierher die homerischen igi-ri^tg^ igi-ijQu Uatgof, die 
a. a. 0< richtig mit ksL i^era „Glaube", lat. verus, got. ttiB-verjan. 
deutaeh ftahr verbunden werden, 

xüäofiai ' (ti f^tfXtQttti 

und daÄll srmVo/rij ' opotiti d-fQU^aivt^g dno roi- ^oSf^^tfiffv^ Sirf(i 
irjjiV ir tnym tf'iwyfiv und xtyt^otifVft " ffovyfi rag xgtl^ng mit 



200 A. Fick 

weiteren Ableitungen. Prellwitz stellt Wb.* das Wort mit 

xiSvui • ai iy/dgioi ntq>Qvyjnivai tegi&ai, SSkr. Jcddru „braun*^ 

n. m. zusammen. ^ 

Sollte xodo/m^ griechisch sein? 

Die Sitte „Sangen" oder Grünkom zu bereiten, stammt ans 
Kilikien nach Stephanos nnter Tagaog, und nnter xl^vm werden 
„einheimische" (iy/mgioi) Sangen, offenbar im Gegensatz zu aus- 
ländischen erwähnt. Dazu kommt, daß xo^o^u^ und seine Ab- 
leitungen nur von alten Lexikographen bezeugt werden. 

Wir lesen bei Stephanos unter Ki^gf/na - noXig Avxiag 
ünoixog ^OXßioDV . eg/itjvsvBrai Sh aiiov q^gvyjLtig jj noXig, Kadrema 
ist echt lykisch gebildet; man vergleiche die lykischen Personen- 
namen Padräma und Padmimah Kretschmer Einleitung S. 323- 
Das in xoöo^u fehlende g ließe sich gewinnen, wenn M. Schmidt 
mit Recht xiövai der Hesychglosse in xidgai verändert hätte; 
der Codex bietet xi6vai. 

Aus xoSojui^iov bei Suidas neben xodouetnv PoU. läßt sich 
schließen, daß das Lehnwort seinen Weg über lonien nahm. 
Die Verse des Hipponax zeigen, daß das vulgäre Ionisch von 
kleinasiatischen Lehnwörtern strotzte. 

Zu der Sammlung der lonika bei Hesych BB. XXVin 84 f. 
sind xoXofi/ und avaaotri nachzutragen. 

ist das Feminin zu xoXoiog „Gelärm", das bei Homer Kolmog 
geschrieben wird, wohl zur Unterscheidung von xnXoioq „die 
(lärmende) Dohle". xoXoiato wird bei PoUux auf das Lärmen der 
Dohle bezogen, besser auf obiges xoXoifi^ Homers xoXonam wird 
damit identisch sein: o und cd waren im attischen Homertexte 
nicht geschieden. 

(Tvaaotfj 

von avaafvoo Hymn. Merc. 94 wird glossiert: ^ dv&^noStaTog (poga. 
Glosse wie Glossem haben einen philosophischen Beigeschmack. 
M. Schmidt wird daher mit Recht das Wort dem Demokritos 
zuschreiben, aovg aoog aaojng ist auch altes Namenwort. Zu 
den GP.* S. 252 f. sind nachzufttgen EvaoiSag Kephallene (5. Jhdt) 
Blaß Jahrbb. f. klass. Philol. 1891 S. 577 und Auaog Hermione 
(6. Jhdt.) d. i. Aä-aaog. Vgl. Xäoduoog (Ares, Athene). 



Ucflych^loftten OL ^^^^ gOl 

Unter gi^at 
sind zwei verschiedene Wörter vereinigt, wie das Glossem zeigt : 

afirjijaif ufttj^at^ nXvyat, Xotdoti^üat, xu^ä^at gehen auf ^viiTto, 

dagegen gotpfjaat auf gvi^tiVf {torpftv. Ebenso unter gvxpopted'm * 
jiu^apiüofte^a , ^o^r^ao^eda, — ^input ^schlüffen^ Verhält sich 
zu gvq^nv wie z. B. (laXagecf Hesych zu omkiiff^r Hesych, Aöia- 

'iavtfQ * ßor^aavTiQ Hesjch ZU laXayitv (Basiä ist bloß ;ia;ia'). 

Die Glosse 

hat uns schon BB. XXVIII 94 als Ableitung zu Qvq>nv be- 
schäftigt M. Schmidt bemerkt zu der Glosse: ^L. xara^^ot- 

ßS^trag aut xaja{x(M)gvßdi<Tftg^ . Offenbar hält er -gotßd^tragf 
weil es bei Homer steht, lur das allein richtige. Aber die 
Glosse steht an richtiger Stelle: zwischen xata^tiovta und 
xa^agv^v ai, uud die Ableitung von gv^ut s. o* gv^tip ist tadel- 
los. Dagegen ist das ot im homerischen avagporßSst, dpagmßSti 
ß 104.105, dvfoimß^fjtn ft 236- 431 schwer zu erklären, auch durch 
Heranziehung von lit. m'^ti „schlürfen" nicht zu rechtfertigen. 
Dazu kommt, daß die Hss* AH zu /^ lOö bieten; avvLovßSu mit 
übergeschriebenem m. Ferner entsteht durch die Lesung mit ü 
/* 104 in Xugvßdi^ dptipgvßdtr ein hübscher Anklang, wie das 
alte Epos solche liebt. So spricht vieles, wenn nicht alles dafür, 
daß im Homer v statt ot zu lesen ist* 

Die Ableitungen mit J sind im Griechischen sehr beliebt, 
man denke nur an ftfi-Stam, fpilnftH^c zu sskr. smäyate. Prell- 
witz stellt tpeido^tat ZU s, bhedatif lat. findere j^spalten'', deutsch 
beißen; sollte es nicht viel näher liegen, in q^fi^ftfiai eine Weiter- 
bildung von sskr. bhäyate, ksl. bojaii se „sich fürchten^ zu sehen? 
Von „sich scheuen" za ^schonen" ist der Übergang doch sehr leicht 

X^ifi ' ^axd^ti („zerstiebt"), dgvmei („zerreibt"), 

/ptagmidgu ' ^yntarigu nach Schmidt /m(it{^ffj}iBga ZU lesen. 
Hierher auch )rp6og „Flaum"? und /j*^n n*!^® Radbüchse", die 
auch /mviitt^ (tBr ^vntyiMri?) heißt? Jedenfalls ist jfv^i : ^pt die 
Basis zum germanischen gnidan^ s. Trautmann BB. XXX 329: 
^ags, tjnldan st. v. ^reiben*, ahd, gniian, md, gniden, udan, gnide^ 
nschwed. gnida dass. verbinde ich mit aksl, gntiiti 'anzünden'**. 
So ergibt sich die Reihe ghnei : gkni ghnoi — ghneit : ghnoit 
Hannover. A. Fick. 




202 W. Prellwitz 

Lat concinnus „symmetrisch", 
concinnare !• „verwüsten" 2, „zurichten", 

Lat. concinn u s „wohlzusammengefügt, gefällig, harmonisch 
abgemessen'' concinnare „gehörig zurechtmachen" finden bei 
Walde (Lat. et. Wb. S. 136) noch keine befriedigende Er- 
klärung. Denn seine Vergleichung von xoaitiog, das er aus *kot- 
-smos erklärt, mit einer angenommenen lat. Grundform ^ket-snos 
von einer sonst nicht bekannten Wurzel *ket „passend fügen" 
wird andere ebensowenig befriedigen, wie ihn die Vermutungen 
Ficks (KZ. XXn 378, BB. U 196, Wb. P 41 : aisl. hafp' „ge- 
schickt") und Vaniöeks (S. 67 : cado). 

Unerwähnt läßt er die Erklärung von Niedermann (e u. i 
im Lateinischen S. 54) aus ^con-centnos, das er zu lat. cento 
^Flickwerk", ai. kantha „geflicktes Büßerkleid" stellt, wozu gr. 
xivTQwv „Rock aus Lumpen" gehört. Diese Wörter gehören mit 
x&vTd(o, xivTQov, xovTog zusammen (s. Vf. Et. Wb. der gr. Spr.^ 
S. 216), ich sehe aber nicht, wie con-cinmts mit der Grund- 
bedeutung „stechen, zerreißen" in Zusammenhang gebracht werden 
kann. Auch lautlich erhebt sich der Einwand, daß lat. enn sonst 
erhalten wird, wie end^ ent. Daß dem gegenüber vor den drei 
Konsonanten ntn e zu i werden müsse, soll nach Niedermann 
außer concinnus noch hinmis und pinua beweisen. Ersteres 
kann zweifellos griechisches Lehnwort sein (Weise Gr. Wörter 
S. 22), für letzteres setzt er neben penna ein *petsna an, für 
das er in dem bei Festus (244, 17 Th.) überlieferten pesnis 
(= pennis) den Beweis findet. Aber diese Form *pesna aus 
*pet8na zeigt m. E. doch gerade, daß dieses nicht zu pinna 
geworden ist. Diese Form mit i von der Schwesterform mit e 
ganz zu trennen, wie es Brugmann vorgeschlagen hat, scheint 
mir wie Niedermann unmöglich. Auch ist die Vergleichung von 
lat. panmis, gr. nijvng bei Brugmann an sich sehr unwahrscheinlich. 
Vielleicht hilft hier die Annahme eines reduplizierten *pipt'na^) 
neben ^pet-na, *pet'sna am ehesten, zu dessen Reduplikation das 
von Niedermann S. 117 besprochene cicindeU „Glühwurm" (und 
eicendida „Lämpchen") ein Gegenstück böte. Auch ndd. fimie 
„Floßfeder", das Kluge* S. 107 mit pinna vergleicht, mag auf 
eine solche Grundform zurückgehen, ja selbst ai. picclia-m 

*piptna zu *pitna, phtna; vgl. vUncwt aus *vlpf rirus (BB.XKlll G9 A. 2; 
doch s. Walde S. 678) und annmt aus *atnus. 



Lat amännuSf eoneinnafr. 



203 



„Schwanzfeder", Cech. pisk y^nnge Feder"^ eine so starke Er- 
leichterung an Konsonanten erlitten haben. VgL Walde S. 468. 

Wir kehren za cönemmis zurück^ dessen Deutung durch 
Niedernmnu weder in der Bedeutung noch den Lauten von 
Zweifeln befreit worden ist, Georges erkläit emicimtare rait 
p zusammenfügen, so daß alle Teile zusammen passen". Aber ist 
dies immer möglich? Sicher nicht, man muß solche zunächst 
nicht passenden Dinge^ die man coneinn haben will, eben zurecht 
schneiden* Vintim concinnüre entspricht ganz unserm „Wein 
verschneiden^. Ich stelle also con'fjinuns zu caedo „haue, 
schneide", indem ich als Grundform ^con-ckl-no-s ansehe. Dies 
ist ein Partizip und bedeutet „zusammen geschnitten"^), d. h. so, daü 
etwas mit dem Vorbilde oder eine Seite mit der andern zusammen- 
paßt, „symmetrisch, harmonisch, angepaßt, bequem" ; in seiner 
Bildung gehört es zu "^caid-, wie ai. hhhinä-s „fissus" zu 
bhedati, idg, bheid-. S, Brugmann Kurze vergl. Gr, der indog, 
Spn a ai6 f 

Die bisher unerklärte Bedeutung des abgeleiteten concinnar^ 
jin dem ältesten Belege, den hervorgezogen zu haben ein Ver- 
dienst Kiedermanns bleibt, seheint mir meine Ableitung auf das 
beste zu bestätigen. Bei Naevirn* (bell. Pun. v. 41 l L. Müller) 
heißt es: transit Melitäm Komänus, insulani integram, öram ' urlt 
populätur vÄstat, rem hüstium concinnat, wo es doch nur als 
concldit p macht nieder, vernichtet'' wirklich verstanden werden 
kann. Hier liegt die Bedeutung also in der Wurzel, während 
con- nur verstärkt. Wir haben also: enn-cid-nos ^zusaramen- 
goechnitten'', d. h* 1. „vernichtet*' wie ronäms\ 2. „in Über- 
eiistimnmng gebracht", con for malus ^). Dvthev coneUuiare l^nVer- 
nichtäu, zerstören", 2. „in Übereinstimmung bringen". 

Es bleibt noch das erst bei Arnobius belegte cinmis „Misch- 
trank aus Speltgraupen, Ziegenkäse und Wein*\ dessen Deutung 



i) In der Bedeutung steht das Bimploi varäet*^ z. B. in Verbind un^ou wip 
^ifim caethu'i* , Pfahle zurecht hauen" bei Columolla, (*it/a rotttndn et aptc vaenft 
bei Quiutilian. 

«) Ut forma hei&t wohl am:h eij^utlich ^Schnitt, Modell" ; s. BB. XXIV 
217. Walde S. 237. Dann entspräche roHformäre etwa dem eoncinnari% dem 
Ursinn nafh, der ab#r bei der Bildung diesea Verbs aus forma kaum noch vor* 
geschwebt hat, üonfornm ist erst aus eonfonnare rüekwärts g'ebildet. während 
för ctmdnnm eine sok-be Ajumhiue nicht t\x he^rdnden wäi-c. Confo^^n^ire ist 
vielnjchr ein Praefiidenoniinativum in dem von luir fVynfv 8. 74 dargelegten 
^inne, dagfigen continnüre ein einfaches Denominativum von einem zusammeD- 
^elxtMi FrimitiTuitt wie i-*imfmd*tre\ da» beweist die Bedeotnnff. 




204 £• MaaA Zu Bd. XL 528. — C. C. UUenbeck Zu BB. XXX 325 f! 

aus *kentno'8 (zusammengeflickt?) durch Niedermann a. a. 0. wir 
mit Walde S. 121 abweisen werden. Aber ob es eine Rück- 
bildung zu cancinnare ist, wie Walde selbst fragend vermuten 
möchte, ob ihm das Partizip ^cidno-s noch selbst zugrunde liegt» 
vielleicht etwa, weil das Gemisch vor dem Genuß geschlagen 
wurde, oder ob es überhaupt anderen Ursprunges ist, darüber 
läßt sich bei der eng umgrenzten Bedeutung des fast zum Eigen- 
namen gewordenen Wortes nichts mehr ausmachen. 

Rastenburg. W. Prellwitz. 

Zu Bd. XL 528. 

Ich habe an der genannten Stelle, gestützt auf Analogien, 
in der Hesychglosse ayrog] svgog, ot äs Erginidfjg für ot de eine 
Bestimmung des lokalen SO-Windes vermutet, etwa 6 iSvgdwv* 
Die Form der Glosse bleibt ohne Anstoß, sobald man in EvgmiStjg 
statt des Dichters einen zweiten Wind sieht ^den aus dem Eu- 
ripos**. Wenn der attische Schiffer aus dem Hafen auf Sunion 
fahr, war SO ihm entgegen, bog er in den Sund an der Ost- 
küste Attikas, so „der Wind aus dem Euripos**. Die Glosse 
wäre also attisch. Daß -idfjQ eigentlich gleichwertig mit -log 
und einfach AbleitungssufiQx war, zeigen u. a. die thessaliscfaen 
Patronymika, auch der homerische KXitiog {n 327) neben KXv- 
Tldijg (o 540); vgl. I. Bekker Hom. Blätter I 109. BvglmoQ 
kennt Hesych u. d. W. als Beinamen Poseidons. 

Marburg i. H. Ernst Maaß. 



Zu BB. XXX 325 ff. 

Olsens Herleitung von bask. and(e)re aus kelt. *andera ist 
nicht neu. In meinen Beitr. zu einer vergleichenden Lautlehre 
der baskischen Dialecte (Amsterdam 1903) hätte er lesen können: 
„bask. andre : andei'e *dame'. Schon Dech[epare] hat andre 
neben andere. Ich vermute entlehnung aus kelt. *anderä (ir. 
ainder) *junges weib' (vgl. Stokes ürkelt. Sprachschatz S. 15)". 
Vielleicht aber ist dieselbe Vermutung schon noch früher geäußert 
worden. 

Leiden. C. C. Uhlenbeck. 



206 



I 



Ein Brief von Franz Bopp, 

lii meinem ^ Franz Bopp** ist natürlich auch der Name 
Ad, Fr- Stenzler recht oft genannt. Aber von Briefen zwischen 
Schüler und Lehrer konnte da keiner gebracht werden, bis aut 
einige Zeilen, die Stenzler einmal einem Schreiben Fr* Eosens 
angeschlossen, da die beiden in London zusammen waren. Um 
so angenehmer überraschte mich neulich eine freundliche Mit- 
teilung Prof, Hillebrandts aus Breslau mit der Abschrift eines 
Boppbriefes an Stenzler, der in kleinern Drucksachen des Em- 
pfängers sich gefunden imd nach der Meinung des giltigen Ein- 
senders und auch nach der meinigen wohl immer noch eine 
Veröffentlichung verdient. — Hier der Wortlaut: 

Berlin den 14 Nov. 1856. 
Hochgeehrter Freund ! 

Ihren werthen Brief mit einer kleinen Gesellschaft von 
Krebsen verschiedenen Alters aus meinem Selbstverlag habe ich 
erhalten und tibersende Ihnen hiermit zum Gebrauehe für Ihre 
ZuhOrer die verlangten 4 Exemplare meiner kleinen Sanskrit- 
gramatik* Ich bitte zu entschuldigen, daß diese Sendung nicht 
eini^ Tage früher abgegangen ist; ich war aber in den letzten 
Tagen etwas dringend beschäftigt mit einer wiederholten Durch- 
forschung des armenischen Sprachbaus zum Behuf meiner vergL 
Gramatik zweiter Ausgabe, deren Druck zu Anfang Deceniber 
meder beginnen soll. Ich beabsichtige dabei auch das Arme- 
nische %n berücksichtigen, wen auch nicht durchgreifend, doch 
m, dß ich das DecUnations- und Conjugationssystem soviel wie 
möglich mit dem der Schwesterspracheo zu vermitteln suche. 
Vieles* hat bereits Fr. Windischmana aufgeklärt in seiner Ab- 
handlung über das Armenische in den Abhandlungen der bai- 
rischen Äkad. der Wissenschaften ; er hat aber doch noch manche 
Rätbsel dieser, in ihrer Grammatik etwas verdunkelten u. ent^ 
arteten Sprache zu lösen übrig gelassen, die zu einer erneuerten 
Untersuchung reizen. — Leider habe ich keine Aussicht, dß es 
mir gelingen konnte vom ^Unisterium eine Verfügung zu er- 
wirken, wonach die Philologen beim Oberlehrer- Examen auch im 
tiebiete der vergleich. Grammatik geprüft werden müßten. Höchst 
zweckmäßig und zeitgemäß wäre allerdings eine solche Verord- 
nung, da die ungeheure Mehrheit der Studirendeu, besonders 
der Philologen, nichts treibt als was ihnen zu ihrem Brodstudium 
imentbehrlich ist, oder worin sie examinirt wird* Allein die Be- 




206 

antragung einer solchen Verordnung müßte, wie mir scheint, um 
Aussicht auf Erfolg zu haben, von irgend einem Schul-Collegium 
oder von Direktoren von Gymnasien ausgehen. Diese f&hlen 
sich aber größtentheils glücklich, wen sie über Griechisch und 
Latein nicht hinauszusehen brauchen. 

Für Ihre gütige Theilnahme an dem Fortgang meiner ver- 
gleich. Gram, in ihrer neuen Ausgabe sage ich Ihnen meinen 
wärmsten Dank und verharre in hochachtungsvoller Freundschaft 

Ihr ergebenster Bopp. 

Was in diesem Briefe besonders interessant und ihn zur 
Veröffentlichung noch immer empfiehlt, ist meines Erachtens ein 
dreifaches und zwar als erstes die Übersendung der kleinen 
Sanskritgrammatik für Stenzlers Zuhörer. — Man muB in den 
50er oder anfangs der 60er Jahre Sanskrit gelernt oder gelehrt 
haben, um die Bedeutung dieser Sendung recht zu würdigen. 
Die ersten und größeren Ausgaben Boppscher Sanskritgrammatik, 
sein ^Lehrgebäude^, 1827, und seine lateinische Bearbeitung, 
1832, waren für Anfänger wenig zugänglich und wenig geeignet, 
noch weniger, um anderer älterer zu geschweigen, Th. Benfey's 
größere Sanskritgrammatik, 1852, wenn auch ihr Verfasser wohl 
scherzend meinte, sie lese sich wie ein Koman. Hingegen war 
die kleine Ausgabe Boppscher Grammatik, die „in kürzerer 
Fassung^, klar und faßlich geschrieben, im ganzen korrekt ge- 
halten, und alle gelegentliche Vergleichung eher fördernd als 
störend. Sie war ein großer Gewinn, und die man seinen 
Schülern auch heute noch wohl zur Repetition empfehlen darf, 
war damals eine Anregung, ja Grund- und Vorlage zu einem 
kurzen, noch viel kürzeren Leitfaden, welcher dem Anf&nger 
die Hauptregeln der Lautverbindung, Paradigmata für Dekli- 
nation und Konjugation, einiges über Wortbildung und dazu 
geeignete Texte als Lese- und Übungsstoff andiehand gibt. — 
Wie Prof. Weber daher auch noch in den 60er Jahren die Her- 
stellung eines solchen laut forderte, da konnte ich ihm schreiben, 
ein solches Elementarbuch sei fertig und werde in Teubners 
Verlag erscheinen. Er habe das nur gesagt, antwortete Weber, 
um einer Stenzlerschen Bearbeitung den Weg zu öffiien und 
bäte er mich deshalb dringend, davon abzustehen. Was tut 
man nicht alles seinem Lehrmeister zulieb, obwohl das Stenzlersche 
Büchlein da noch ziemlich lange auf sich warten ließ. — Aber 
es ist meines Erachtens von allem dergleichen doch das beste 
geblieben, obzwar die Texte in einer neuen durch Prof. Pischel 



Eiji Biiel" von Frani Bopp. 



207 



besorgten Auflage nach vielleicht zum Teil mehr oder minder 
[giackJicher Wahl andere geworden. 

Das andere von Interesse m dem Boppbriefe ist dessen 

[ausgesprochenes Absehen auf Berücksichtigung des Armenischen 

lin der neuen Ausgabe seiner Vergleichenden Grammatik. In 

meinem Buche habe ich das besprochen* Wer das nicht kennt 

und einen Gang über so gar „holperiges'^ Feld nicht scheut, möge 

es dort nachlesen. 

Und das dritte ist dann Bopps Bemerkung über die Heran- 

, Ziehung von vergleichender Grammatik als Prttfungsgegenstand 

[beim Oberlebrerexamen, — Wir würden heute wohl allgemein 

I und einfach Sanskrit sagen, nnd ich kann auch da aus Erfahrung 

sprechen. Damals, anch in den 60er Jahren wurde in Baden 

eine neue Prüftingsordoung fiir Gymnasiallehrer vorbereitet^ und 

tmser verstorbener Professor Köchly mit einem andern namhaften 

Schulmanne, dem ich vonherzen noch langes Leben wünsche, 

wurden mit dem Entwürfe beauftragt. Suchen Sie doch, sagte 

► mir jener da aus freien Stücken, meinen Freund und Kollegen 

zur Berücksichtigung des Sanskrit (anstatt des Hebräischen) zu 

bewegen, und ein Tag in den nächsten Herbstferien sctiien meiu 

[entsprechendes Vornehmen zu begünstigen. W^ir machten allein 

[Eusammen einen Gang durchs Maderaner Tal in der Schweiz; 

ich kam auf die neue Prüfungsordnung zu sprechen und rückte 

jmit allem, was ich an guten Gründen hatte und w^ußte, zugunsten 

[des Sanskrit hervor; vergebens, mein ehrenwerter und liebens- 

rürdiger Begleiter war nicht zu gewinnen, ^ Das Prüfnngs- 

[jeglement ist dann fertig, auch seitdem noch oft und viel ge> 

l&ndert worden, aber mit Berücksichtigung oder vielmehr Nicht- 

[berücksichtigung von Sanskrit ist es beim alten geblieben. — 

jBopp hatte aber sicherlich recht, und man hat auch heute noch 

Irecht, vielleicht noch mehr recht, über jenes „banausische'* im 

[Studium zu klagen. Anderseits hat doch bekanntlich schon WUh. von 

[Humboldt als seine Überzeugung ausgesprochen, es sei das Sanskrit^ 

[kennen ^liir jeden, der Sprachstudien treibt, ein unentbehrliches 

[Bedürfnis^. Und so hat man auch den Vorwurf einer oratio 

[pro domo keineswegs zu fürchten. — Seit nun nahezu 40 Jahren 

[Dozent ist es mir bis auf ein einziges Urlaubssemester noch 

1 immer gelungen, mit bald mehr bald weniger Teilnehmern 

meine Sanskrit kurse zu halten. Auf die Zahl der Teilnehmer 

tlarfs uns nicht ankommen; ich habe selbst noch bei Bopp 

durch eiu Wintersemester hindurch ein vierstündiges Sanskrit- 




208 Edwin W. F»y xQat-ntilti : crä-pula. 

kolleg als einziger Zuhörer gehabt. — Da kommt einer von der 
Schale her angeregt, ein anderer von seinem Kommilitonen be- 
wogen, ein dritter aas lässiger Neugier, und alle, wenn nicht 
einer schon alsbald abfällt, werden gemeiniglich fleißige, selbst- 
tätig eifrige Schüler, weil der Geschmack mit dem Schmecken 
wächst. Man bekommt nachgerade Lust an dem Sanskritlemen 
und vermag den Vorteil des Könnens zu schätzen. Darum hätte 
das für Sprachen- und Geschichtslehrer an Mittelschulen auch 
nicht obligatorisch, aber mindestens fakultativ zum Prüfungs- 
gegenstand angezeigt und empfohlen zu werden. Gehörige 
Ausbildung des Lehrers betätigt sein Unterrichten, die Schüler 
bekommen Lust und Liebe zum Sprachenlemen , und vielem 
Einwand von heutzutage, rechtem oder schlechtem, ließe sich so 
kräftig begegnen. — Möchte unsere badische Regierung, die in 
so manchem schon zum guten und bessern voran gegangen, 
auch hierin die Initiative ergreifen! 

Heidelberg, Pfingsten 1905. Lefmann. 

KQ ai-n aXtj : cra-pula, 

To my thinking, CoUitz has proved in BB. XXIX 81 sq. that 
we should speak, not of the a-declension , but of the a(y)' 
declension. If we explain xpat-nakrj and Lat. crapula as Com- 
pounds, meaning „head-bursting, head-throbbing", they would 
seem to furnish a neat example for -a(y)'8tems. Alongside of 
xgäi' I put xQfj' in xQtj'Se/iivov „head-band^, further comparing 
xgatga „point, head", from x^at-ga (?). The cra- of crapula, if 
we are not to assume a solitary instance of Lat. a for ai in an 
early Greek „populär" borrowing (so Stolz in IF. XVII 88), is 
in the same stage as the xgtj- of xgijdtiavov. 

The Suffix — now to be regarded as the second member of 

a Compound naXtj (Lat. -ptila) belongs to Ypel-^ defined by 

Prellwitz Wbch. s. v. nakfj, as „klein machen, stoßen", and by 
Walde Wbch. s. v. pello (citing Erdmann) by „schlagen, klopfen". 
The same root with „movable" s- and a dental „determinative**, 
is to be found in Germ, spaltet „splits", Skr. sphtifati „bursts" 
(= „splits", intrans.), patati ^tears". A good proof of the 
definition is furnished by the base pel-, of Lat. peius „skin" (cf. 
Prellwitz s. v. niXtf]) ; pellis „skin" : y^pel- „to split"= ddg/na „skin" : 
yder- „to split**; cf. Lat. velltis „fleece": vellit „tears, plucks". 

The cra-pula was the head-splitting that followed on a 
drunken debauch. 

The root pel- is of very clear attest in Latin peptdit (pf.); 
cf. the frequentative pul-t-at, which attests a participle *p\dtm^ 
the „regulär** form pulsus being of secondary origin. 

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seine Zeit atoüt. Das Buch habe ein allgDmüine« kuHurgesrhir-htliebes 
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I 



I 



Der angeblich passivisclie Charakter des 
transitiven Verbs. 

Mit der nachstehenden Auseinandersetzung will ich der 
Aufforderung Folge leisten, die Hugo Schuchardt zu folgendem 
Abschluß seines leider liberkurzen Aufsatzes „Über den aktivischen 
und passivischen Charakter des Transitivs" (IF. XVUI 528—531) 
gestaltet: ^Mögen diese Bemerkungen, hinter deren dogmatischer 
Kürze sich mancherlei Bedenken verstecken, die Bebauer des 
arischen (idg.) Sprachgebiets zum Hinüberblicken über dessen 
Grenzen verlocken, damit sie untersuchen, wie viel von den 
berührten Übereinstimmungen dem Tölkergedanken^ der Ur- 
verwandtschaft, der Entlehnung angehören'^. Die wenigen Seiten 
dieser Abhandlung enthalten eine solche Fülle überraschender, 
fast erschreckender Behauptungen^ wie sie wohl selten, vielleicht 
noch nie auf so engen Raum zusammengepreßt worden ist. Und 
die verschiedenen Aufstellungen berühren Fragen von so schwer- 
wiegender Bedeutung j daß ein Znsammenbruch eines großen 
Teils dessen zu drohen scheint, was man fast allgemein filr 
sicheren Erkenntnisgewinn auf idg. Gebiete erachtet, daß ein 
beinahe völliges Umdenken allerdings auch in der Tat erfolgen 
müßte, wenn — die aufgestellten Behauptungen richtig wären» 
Der nicht gerade leichten Beantwortung dieser gewichtigen 
Frage hat Schuchardt nun leider, seine Bedenken hinter dog- 
matischer Kürze versteckend, nicht in der wünschenswerten 
Weise vorgearbeitet. Er sieht nicht nur von jedem Versuch 
eines Beweises ab, sondern vei'sagt sogar dem, der etwa ge- 
sonnen sein sollte, diesen Teil der Arbeit nachzuholen, jede 
auch nur halbwegs genügende Andeutung. Angesichts dieser 
Tatsache wäre man ja mm wohl einer eigentlichen Verpflichtung 
zu bestimmter Stellungnahme überhoben, und wenn es sich um 
die erste literai-ische Leistung eines noch unbekannten jungen 
Mannes handelte, würde ich auch, keine üblen Folgen befürchtend, 
rahig warten, bis der noch ausstehende Teil der Erörterung, der 
Beweis, erbracht würde. Nan sind es aber Aufstellungen eines 
Forschers, der mit Recht ein hohes Ansehn genießt, und die 
Gefahr liegt nahe, daß das Gewicht seiner Persönlichkeit, wenn 




210 



F. N. Fiuck 



auch nicht gerade als Be-weis, so doch als Bürgschaft für die 
Möglichkeit eines solchen angenommen werde. Man weiß, daß 
Schuchardt weit über den engen Kreis des idg, Sprachgebiet» 
hinausgegangen und tief in manche Enscheinang eingedrungen 
ist. Da ist es nun nicht nnr möglich, sondern fast zu erwarten, 
dafi mancher glauben wird, die kurzen Andeutungen des dog- 
matischen Aufsatzes bezögen sich auf lauter sonnenklar da* 
liegende VerhältnissCj an die man den vielgewandert^n Linguisten 
nur zu erinnern brauche, um das nur dem beschiänkten Blick 
nicht sofort deutliche Indogermanische ebenfalls in eine alles 
klarstellende Beleuchtung zu rücken* So ist es denn vielleicht 
nicht unangebracht, daß ich, der ich mich mehr mit Hinüber- 
blicken über das idg. Gebiet als mit dem Bebauen desselben 
befaßt habe, die von Schuchardt kurz berührten Fragen einer 
etwas ausführlicheren Erörterung unterziehe» 

Da gilt's nun zunächst, Schuchardts Meinung durchaus klar 
zulegen, was nicht ganz leicht ist, da es trotz der Kürze der 
Abhandlung nicht an Widersprüchen fehlt, und die dadurch 
schon geschaöene Schwierigkeit durch die Verwendung bestimmter 
Ausdrücke in einem andern als dem allgemein üblichen Sinne 
noch vermehrt wird. Ja, schon eine Kette von Widersprüchen 
ist es, wenn zunächst behauptet wird, die idg. Verbalform sei 
nur passivisch, dann das Zugeständnis kommt, daß im Hinblick 
auf die BUdung eines eigenen Passivs wie lat voeatnr für ein 
vocat ein aktivischer Charakter angenommen werden müsse, 
einem clamai dann endlich wieder ein italien. il chmma als ein 
ganz echtes Aktivnm gegenübergestellt i^drd. Und für eine 
ungewöhnliche Verwendung fest geprägter Ausdrücke bietet 
gleich der Anfang der eigentlichen Darlegung ein Beispiel: 
„Das transitive Verb (ich meine das, was man sonst Verbal-^J 
stamm nennt) ist neutral * _" etc« Darf man da nicht docbl^P 
fragen, mit welchem Rechte sich Schuchardt da über den voa^ 
allen Mitforschenden festgehaltenen Sprachgebrauch hinwegsetzt 
und zu welchem Zweck? Ich \\dderstehe der naheliegenden 
Versuchung, so etwas zum Scherzen auszubeuten. Ich würd^ 
sogar überhaupt von diesen Dingen geschwiegen haben, wenn 
ich nicht genötigt wäre, mich für den Fall eines Mißverständnisses 
nach einer Entschuldigung umzusehn. Soweit ich also Schuchardts 
Bemerkungen verstehe, besagen sie, das idg. transitive Verb sei 
nicht, wie mau im allgemeinen annimmt, von Haus aus aktivischen 
Charakters, sondeni Ausdruck einer passivischen Auffassung ge- 



Der iögeblich ptsHudsche Cbaralrter des transitiven Verbs. 211 

wesen und erst allmähliGh, hier mehr, dort weniger, hier eher^ 
dort später, zu einem Aktiv geworden; das, was man Nominatir 
nenne nnd in erster Linie fltr den Kasns des Subjekts halte, sei 
demnach auch anders aufzufassen, und zwar als ein dem so- 
I genannten Instrumental oder Ablativ nahestehender Kasus, als 
Aktivns, Es ist klar, daß dann auch der sogenannte Akkusativ 
anders gedeutet werden müßte, als es gewöhnlich geschieht, und 

Idaß er auch wohl von Schuchardt anders aufgefaßt wird. Die 
Gewißheit hierüber schneidet er aber leider durch die kurze 
Erklärung ab: ,,Anf die Entstehung des Akkusativs gehe ich 
nicht ein". Hinsichtlich der Zeit, wann sich der Übergang des 
ursprünglich passivischen Verbs in ein aktivisches vollzogen 
haben mag, und die Mittel, durch die er vermutlich zustande 
gekomuien sei, gibt er eine dankenswerte Andeutung: „Es fragt 

Isich, ob nicht die präsentischen Stammerweiterungen, wie das 
wohl mit den sehr ähnlichen kharthwelischen der Fall ist, 
der Umwandlung eines passivischen Transitivs in ein wirkliches 
Aktiv gedient hatten''. Da eine Kenntnis dieser kharthwelischen 
Sprachen nun noch nicht gerade zum eisernen Bestand der 
Bildung gehöil, so bedarf es wohl einer kurzen Klarlegung der 
I Verhältnisse, und zwar am zweckmäßigsten am Beispiel des 
bestbekannten Idioms dieser Gruppe, des Georgischen, In 
dieser Sprache werden Vorgänge, die nicht vom Menschen aus- 
gehende Handlungen, sondern von diesem aufgenommene Em- 
I pfindungen, Wahrnehmungen sind, in der Regel dem wahren 
Sachverhalt entsprechend dargestellt, d. h., man sagt, nicht: „ich 
höre den Euf^^ sondern „der Ruf ertönt mir" usw. Daß die 
I Örenzen dabei nicht mit der dem Logiker vielleicht wünschens- 
werten Schärfe abgesteckt werden, kommt natürlich nicht in 
I Betracht, Das Präsens derartiger Verben zerlegt sich nun in 
ein den Kern der Bedeutung enthaltendes Grundelement, ein 
dativisches Pronomen und eine Form des Hülfsverbs „sein'^, 
andern findet sich zwischen dem Pronomen und dem Grund* 
Clement bei einem Teil dieser Wörter auch noch einer der vier 
<Jie Bedeutung modifizierenden Vokale a e i ti, der sogenannten 
r^haraktervokale ; und in einigen wenigen Fällen geht dem 
pflanzen auch noch ein Präfix voraus, was aber ihr die vor- 
'i^^ende Frage nicht sonderlich von Belang ist. So heiJit es 
^Jso beispielsweise m-d^ul~s „ich hasse'* (etwa „mir-Haß-ist**, 
^^^-Wa, da dsid nicht vorkommt , sich aber in Verbmdung mit 
^'ifllxen findet wie ihul-ttHif deul-w-eh-a „Haß*^), g-dzul-s „du 

14* 




212 F. N. Finck 

hassest** („dir-Haß-ist"), s-dzul-s „er haßt" („ihm-Haß-ist"),5ru;-cfeti^« 
^wir hassen" („uns-Haß-ist**), g-dzul-s-f „ihr haßt" („dir-Haß-ist 
+ Pluralzeichen'*), s-dzuls-i"^ „sie hassen" („ihm-Haß-ist + Plnnd- 
zeichen"), ähnlich m-sur-s „ich wünsche", m-deag-s „ich verab- 
scheue", m-fsam-s „ich glaube", m-dzer-a „ich glaube" (-a> wie 
'8 aus aris „ist" entstanden, ist eine ganz geläu%e enklitische 
Form, z. B. is k'arfweli-a = is Varftveli aris „er ist Georgier"), 
m-goni-a „ich denke" (goni kommt als selbständiges Nomen mit 
der Bedeutung „Gedanke" vor), oder mit einem Gharaktervokal 
m-i-nd-a „ich will", g-i-fid-a „du willst", -Krtid-a „er will" (das 
Pronomen h „ihm", gleichwertig mit 5 in s-dzul-s, ist vor dem 
Vokal geschwunden), m-i-qtvar-s „ich liebe", m-e-smis „ich höre", 
femer mit einem Präfix mo-m-fson-s „mir gefällt", se-m-i-dzli-an 
„ich kann" {-an ist Plural zu a). Neben einer derartigen Ausdrucks- 
weise T^lrd nun auch nicht selten die dem idg. Typus der Tat- 
verben („ich sehe" statt „mir erscheint", „ich höre" statt „mir 
ertönt" etc.) ähnlichere angewandt, wobei dann das Grundelement 
durch ein Stammsuffix erweitert wird, z. B. neben m-i-qwar'S 
„mir lieb ist", g-i-qwar-s „dir lieb ist" etc. auch w-i-qwar-fjb 
„ich liebe" (mit Suffix -e6), i-gwar-eh „du liebst" (das Personal- 
präfix oder konjunkte Pronomen x^ das vor i- zu erwarten wäre, 
hat sich nur in spärlichen Resten erhalten, in j^-ar „du bist" 
und X'^^^ «d^ gehst"), W'i-qwar-eh-f „wir lieben" (d. h. „ich 
liebe + Pluralzeichen") etc. So findet sich neben m-f^sam-s auch 
w-i'^sam-eb „ich glaube", neben m-sur-s auch w-irstir-w-eb „ich 
wünsche" {'tv-eb aus den beiden Suffixen -aw und -eb entstanden) 
etc., wo also das Präsenssuffix ersichtlich das aktivische Verb 
schafft. Daß Schuchardts zitierte Bemerkung sich auf diese oder 
ähnliche Fälle bezieht, ergibt sich unverkennbar deutlich ans 
seiner Abhandlung „Über den passiven Charakter des Transitivs 
in den kaukasischen Sprachen" (Sitzungsberichte der Kais. Akad. 
d. Wiss. in Wien, phü.-hist. Kl. CXXXIH, 1895), wo es S. 81 
heißt: „wir haben zunächst den reinen Stamm mit passiver 
Bedeutung . . .; der Antritt von -eb oder eines der andereu 
präsentischen Suffixe verleiht ihm aktive Bedeutung (rein verbale, 
nicht nominale) ..." Aus eben dieser Stelle ergibt sich aber 
auch mit nicht geringerer Deutlichkeit, daß Schuchardt eineiv 
Nominalstamm, der einen Vorgang bezeichnet, per se für passiviscl> 
hält. Da darf man aber doch wohl fragen, woher diese Erkennt^ 
nis stammt. Wenn man freilich das, was andere Leute eine«^ 
Verbalstamm nennen, als transitives Verb bezeichnet, dann er^ 



Der angebEch paesiviscbe Cbirakier des tnineiitireii Yerbs. 213 

leichtert man sich den Eintritt dieses absonderlichen Gedankens 
nur zu sehr. Aus einem Nomen entsteht ein aktivisches trans- 
itives Verb, Nun nennt mau das Nomen, wenn auch ohne 
Bepiindung, transitives Verb, und da dieses unrechtmäßige 
getaufte Verb allerdings einen Gegensatz zum aktivischen 
transitiven bildet, so wird's eben wohl eiu Passlvnm sein. 

Die Kennzeichen des passivischen Charakters eines Satzes^ 
die Schuchardt anführt, die also doch auch wohl für seine Auf- 
fassung des idg. Verbs Gültigkeit haben sollen, sind freilich 
ganz anderer Art.. Es sind; die Stellung Verb + Subjekt, die 
Bezeichnung des realen Subjekts durch den Aktivus und die des 
realen Objekts durch das unerweiterte Nomen, während der 
aktivische Satz daran erkannt werden soll, daß das Subjekt dem 
Verb vorausgehe, das reale Subjekt durch das unerweiterte 
Nomen und das reale Objekt durch den Akkusativ ausgedrückt 
werde* Dabei denkt er hinsichtlich der Stellung von Subjekt 
und Verb allem Anschein nach in erster Linie an ein mit dem 
Verbalstamra mehr oder minder eng verbundenes Element, ein 
konjunktes Pronomen oder Affix, nicht an den freien, durch ein 
Nomen oder doch vollbetontes Pronomen gebildeten Subjekt- 
ausdruck, der ja bekanntlich auch sehr häufig eine andere 
Stellung als die mit dem Verbalstamm verbundene Subjekts- 
andeutung einnimmt, z, B, fiUuB voca-t patrem. Kurz; ein Verb 
mit Süffig oder nachfolgendem konjnnkten Pronomen ist seiner 
Ansicht nach passivisch, eins mit Präfix oder vorausgehendem 
konjnnkten Pronomen dagegen aktivisch, oder vielmehr einmal 
eins von beiden gewesen. Denn daß z. B. ein voca-i dem 
vocQrtur gegenüber als aktiv aufzufassen ist, gibt Schnchardt 
selbst zu, und er wird auch wohl kaum annehmen, daß im 
Georgischen die erste Person des Präsens aktivisch, die dritte 
passivisch sei, weil man beispielsweise sagt w-aseneb ^ich erbaue**, 
aber aseneb-s „er erbaut". Dabei hält er dieses Kennzeichen 
der Stellung des Subjektsandeuters offenbar auch für das wich- 
tigste der drei aufgestellten, für das im Falle eines Widerstreits 
allein ausschlaggebende. Das ergibt sich am klarsten aus seiner 
Beurteilung des Semitischen, dessen sogenanntes Imperfekt er 
fiir aktivisch, dessen sogenanntes Perfekt er ftir passivisch 
erklärt, wobei er freilich keine Kücksicht darauf nimmt, daß im 
Imperfekt neben den Präfixen auch SuflSxe vorkommen. Vgl 
2. B, den Ind. Perf, und Imperf. des arabischen Verbs 
qatcda ^er tötete'^ i Perf. Sing. 1. qatäl4Uy 2. Mask. qatäl^ta^ 




214 F. N. Finck 

2. Fem. qatdl'ti, 3. Mask. qätal-a, 3. Fem. qätal-at, Daal 2. 
qatäUtuma, 3. Mask. gdtoZ-ff, 3. Fem. qätal-ata, PL 1. gotdi-nff, 
2. Mask. qatäl'tumj 2. Fem. ^a^a^^uima, 3. Mask. qdtai'ü, 3. Fem. 
qatal-na, dagegen Imperf. Sg. 1. ^ä-qtul-u, 2. Mask. torqhUru^ 
2. Fem. te-g^MZ-fwa, 3. Mask. jä-qtul-u, 3. Fem. ^a-g^wi-w, Dual 2. 
ia-qtul'äni , 3. Mask. ja'qtul-äni, 3. Fem. ta-qUä-äni, PL L 
na-gfwZ-M, 2. Mask. ta-qtuUuna, 2. Fem. ta-qtül'na, 3. Mask. 
ja-qtul'üna, 3. Fem. ja-qtul'na. Daß es daneben ein Passivom 
gibt so deutlich, wie im Lat. dem voca^ ein voca^ur gegenüber- 
steht (z. B. arab. qutil-tu: qaiäl'tu, qtitiUta: qatcU-ta, *ü-q[tal'U: 
^ä-qtiil'U, tü-qtal'u: tä-qtulru etc.), kommt bei der dogmatischen 
£ürze der Abhandlung überhaupt nicht zur Erörterung, und die 
Bezeichnung des realen Objekts durch den Akkusativ auch bei 
dem angeblichen Passiv qatäl-tu, qatäl'ta^ qatäl-ti etc. wird zwar 
als ein Widerspruch anerkannt, aber offenbar nicht für gewichtig 
genug erachtet, als daß er das Zeugnis der Suffixe zu entkräften 
vermöchte. Bekanntlich liegt ein Einfluß des Tempus oder der 
Aktionsart auf die Konstruktion, der im Georgischen, Mingrelischen, 
Swanischen beispielsweise zutage tritt und daher auf eine ver- 
schiedene Verbalauffassung schließen läßt, im Semitischen nicht 
vor. Vgl. ^al'hamdu li-llahi llüdi ^anzala (Pf.) ^alä ^abdi-hi 
l-kitaba (Akk.) ^Lob sei Allah, der das Buch auf seinen Knecht 
herabsandte" (Koran 18, 1), "ara (Pf.) salfa (Akk. Sg. Mask.) 
haqaratin (Akk. PL Fem.) simanin (Akk. PL Fem.) ^ „ich sah 
sieben fette Kühe" (Koran 12, 43), nalmu naqxiß^u (Impf.) 
^alaj'ka ^ahisana (Akk.) l-qoßtm „wir werden dir die schönste 
Geschichte erzählen" (Koran 12, 3), \iqt\dü Jamfa „tötet den 
Josef" (Koran 12, 9) etc. etc., Tatsachen, über die ja übrigens 
auch jede Grammatik des Arabischen Aufschluß gibt, z. B. 
Caspari-Müller * Arabische Gramm. S. 216 ff., Socin Arabische 
Gramm. S. 91 ff. etc. Und daß es sich in den anderen semitischen 
Sprachen ebenso verhält, trotz der mehr oder minder starken 
Verwischung der Kasusunterscheidungen, ist so allgemein zu- 
gestanden, daß es keiner weiteren Ausführung bedarf. Wie 
stark die Notwendigkeit eines Akkusativs zum Ausdruck des 
realen Objekts empfunden wurde, wie scharf ausgeprägt also 
auch der aktivische Charakter des Verbs war, zeigt sich gan^ 
besonders in der hebräischen nota accusativi ^Bd, z. B^ 
b^-rBs^l& barä ^elöhim ^e& has-Sämäjim if-^e&'ha-äre^ „im Anfanj^ 
schuf Gott den Himmel und die Erde" Gen. 1, 1, deren Ver-^ 
breitung Hand in Hand mit dem Abfall der alten Kasosendungei^ 



D^r angeblich pasaiTiache Cham^ter am tranattiTeü Yerba. 215 

ZU gehn scfaeint (man ygh das fast ganz gleichwertige, nur 
konsequenter angewandte altarm, ^-, z.B. i skzbane arar mtvac 
£-erkin ev B-erhir Gen. 1, 1 etxj.). Trotz alledem soll das semitische 
Perfekt ein Passivum sein, und wenn man dagegen vielleicht 
auch noch geltend machen wollte, daß derselbe Nominativ, der 
beim intransitiven Verb dem Ausdruck des realen Subjekts 
diente in derselben Funktion beim Perfekt des transitiven Verbs 
erscheine, so würde man damit nicht weit kommen. Denn einen 
Nominativ gibts nach Scliuchardt*s Erklärung überhaupt nicht 
(p. , . abgesehen vom Nominativ, der gar kein Kasus ist , , ."); 
wenn ein den Urheber eines Satzvorgangs andeutendes Nomen 
mit einem Affix versehn, also nicht mehr reiner Stamm ist, dann 
ist es eben ein Aktivus („im Semitischen ist das reale Subjekt 
beim Transitiv ebenso wie beim Intransitiv duich das mit 
Endung versehene NomeUj also [!] durch einen Aktivus aus- 
gedriickt . . ."). Dieser verhältnismäßig jugendliche Kasus 
beginnt in neuster Zeit in ganz bösartiger Weise in den sprach- 
wissenschaftlichen Zeitschriften berumzuspuken* „Denn eben wo 
Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein"* 
(Faust I l91iDl996). Oder besser gesagt — man verzeihe die 
Kritik an dem großen Dichter — , wo eine klare und deutliche 
anschauliche Vorstellung fehlt, da ruft man ein verschiedenes 
bequem zusammenfassendes Wort zur Hülfe, ein einheitliches 
Erfassen vortäuschend, das ohne die begriffstützende Benennung 
gar nicht möglich AVäre* Der Ausdruck Aktivus zur Bezeichnung 
des Urhebers einer passivisch dargestellten Handlung findet sich 
schon, aber auch wohl zuerst, bei R, Hoernle A comparative 
Grammar of the Gaudian Languages § 370 ff. Soweit es sich 
nun dabei um eine deutlich ausgeprägte Kasusform handelt, die 
keine andere als eben diese Funktion hat oder diese doch 
wenigstens in erster Linie ausübt, ist die Sonderbenennung 
durchaus verdienstlich,' und dieser Fall liegt in der Tat z. B. 
bei den kharthwelischen (südkaukasischen) Sprachen vor, für 
deren Aufhellung Schuchaidts schon erwähnte, in mancher 
Beziehung bahnbrechende Abhandlung („Über den passiven 
Charakter des Transitivs , , ," etc.) denn auch durch die neue, 
bessere Benennung eines mißverstandenen Kasus in anerkennens- 
werter Weise gewirkt hat. Dieser Kasus hat üu (H-eorgischeu 
die Endung -many -ma oder -m, im Mingrelischen und Lasischen 
k% im Swanischen -em oder -ew-rf, dessen d die auch an Stelle 
des -em oder etnd gebrauchte Instrumentaleudung ist. Der 




216 F. N. Finck, 

georgische Kasus, auf dessen Betrachtung ich mich hier be- 
schränken möchte, da er am klarsten vorliegt, wird in der 
einheimischen Literatur „mof ;frobit*i" (= Narrativus) genannt (vgl 
z. B. Anton I. E'art'uli grammatika, gamofsemuli Alek'sandre 
episkoposis sap'asit^ Tbilisi 1885, § 5 und § 205; Joane batoni- 
Svili, Ealmasoba. Dimitre BakVadzis t'sinasitqwaobif. meore 
gamofsema J. T'Sit'Sinadzisa, TTp^ilisi 1895, S. 138 f.; P. Kwitfsar 
ridze K'art'uli sfsor-metqweleba, Tbilisi 1888, § 93; T. Zordania 
ICart'uli grammatika, TbiUsi 1889, § 26; AI. K'ut'at'eladze Pirwel- 
dat'sqebifi k*art*uli grammatika ^ Tp'ilisi 1894, S. 36 f.; An, Bena- 
Swili Mokre k'arfuli grammatika, rp'ilisi 1894, S. 10 f, etc.), 
worauf die russische Benennung ^povestvovatelöujrj" (z.B.M.Nasidze 
Uöebnik gruzinskago jazyka*, Tiflis 1894, S. 12 Anm.) und natfir- 
lich auch die lateinisch-deutsche „Narrativ" (z. B. R. v. Erckert 
Die Sprachen des kaukasischen Stammes, Wien 1895, S. 334, 344, 
351, 359, 362) beruht. Diese Bezeichnung mof;frobitM geht auf 
die Beobachtung zurück, daß dieser Kasus sich — von vereinzelten 
Ausnahmen abgesehn — auf den Gebrauch in Verbindung mit 
dem Aorist oder dem Konjunktiv des Futurs beschränkt. Da 
die ganze Konstruktion nun aber zeigt, daß er nicht mit dem 
Nominativ bezw. dem dem Nominativ entsprechenden Stamm anf 
eine Linie gestellt werden darf, da dieser in Verbindung mit 
dem mot*/robit'i das von der Satzhandlung betroffene, das reale 
Objekt, und nicht wie im Präsens und Imperfekt das reale 
Subjekt bezeichnet, so hat Schuchardt wohl mit Eecht fOr den 
Aorist eine ursprünglich passivische, nur durch den Oebrauch 
der Personalpräfixe oder konjunkten Pronomina ein wenig be- 
einträchtigte Orundauffassung angenommen und dementsprechend 
auch den dabei der Angabe des Urhebers dienenden Kasus eigens 
benannt. Einige Beispiele mögen das Verhältnis erläutern: deayl% 
(Nom.) hqaraulobda (Impf.) batonis saxls (Dat.) „ein Hund bewachte 
des Herrn Haus** (Nasidze § 22), fsxeni (Nom.) sfSams (Prä8.> 
halaxs (Dat.) „das Pferd ftißt Gras" (Nasidze § 30), erfs hebert 
dedakafss hqwanda k^afami, romelifs dyesi fifo kwerfs/s (Dat^ 
udebda (Impf.) „eine alte Frau hatte eine Henne, die täglict^ 
einmal ein Ei legte" (Nasidze § 33), dagegen erfma (Akt^^ 
kafsma (Akt.) didi sayli (Nom.) aasena (Aor.) „ein Mann erbaut^^ 
ein großes Haus" (Nasidze § 23), iremma (Akt.) fsqaUi (Lok,]^ 
Vsaixeda da favisi fsrdili (Nom.) daina/a (Aor.) „ein Hirscl^^ 
sah ins Wasser hinab und erblickte seinen Schatten^ (Gk)gebaSwi]^^ 
Deda-ena S. 117) etc. etc. So berechtigt es also ist, diesen Kasu^^ 



Der angeblich passmscb© Charftkter des tranBitiveti Verbs- 



217 



auf -Ulan (bezw. -ina, -m) mit einem besonderen Namen zu be- 
denken, diesen Kasus, der kein Nominatiy, kein InstrumeDtal, 
kein Ablativ oder sonst irgend etwas ist^ was schon auf Grund 
seiner wichtigsten Funktion mit einem Namen bedacht ist, so 
Terwiirend wirkt die von Schuchardt vorgenommene Anwendung 
des Ausdrucks Äktivus auf alles, was den Urheber einer passivisch 
dargestellten Handlung oder dach wenigstens seiner Ansicht nach 
passivisch dargestellten Handlung bezeichnet. In der schon er- 
w^ähnten Abhandlung über den passiven Charakter des Transitivs 
heißt es beispielsweise bei Behandlung des Abc hasischen 
kurz und bündig: „Sj Ü, Z = Nominativ,** d. h, in gemein- 
verständliches Deutsch übersetzt, für den Ausdruck des realen 
Subjekts beim intransitiv dargestellten Vorgang und des realen 
Objekts beim transitiv passivisch aufgefaßten (S), für den Aus- 
druck des Urhebers beim transitiv passivischen Verb (U) sowie 
fiir die Bezeichnung des indirekten Objekts und Ziels (Z) dient 
eine und dieselbe Stamniforra, und das heiEt weiterhin, das 
Äbchasische hat überhaupt keinen Nominativ, Aktiv, Dativ* Die 
Sache erinnert doch in geradezu peiDÜcher Weise an die alte 
Art, die lateinischen Kasus in die ganze Welt der Sprachen 
hineinzugeheimnissen. Das Wort Aktivus bezeichnet also all- 
gemach überhaupt keinen bestimmten Kasus mehr wie ein 
Nominativ, Genitiv, Dativ, Instrumental usw%, sondern ist einfach 
eine zusammenfassende Benennung der verschiedensten sprach- 
lichen Mittel geworden, sofern diese den realen Urheber einer 
sprachlich passivisch ausgedrückten Handlung bezeichnen, womit 
aber der Grammatik nicht weiter gedient ist, da es sich in 
dieser nicht um die Vorgänge der Wirklichkeit handelt^ sondern 
darum, wie diese sprachlich zur Darstellung gelangen* Da dieser 
Aktivus nun einmal in Mode gekommen ist, hat sich sein Herr- 
schaftsgebiet noch erweitert, so daß er jetzt das Subjekt des 
transitiven Verbs überhaupt bezeichnet, also das, was man fi^üher 
Nominativ nannte. So redet H. Pedei^en KZ, XL 152 von 
einem Kasus Aktivus gleich dem Subjektgenitiv, der sich von 
dem Genitiv in seinen sonstigen Verwendungen allmählich 
differenzierte, C. U ühlenbeck KZ. XXXIX 600 ff. von einem 
Aktivus, den man genauer einen Transitivus nennen könne, zu 
dem sich im Baskischen, Grönländischen, Dakota und anderen 
Sprachen merkwürdige Parallelen finden sollen. Eine von diesen 
angeblichen Parallelerscheinungen , die des grönländischen p- 
Kasus, habe ich (Sit^ungsbeiichte d. KgL pr. Akad. d. Wissensch. 




218 F. N. Finck 

1905 S. 280 AT.) dadurch aus der Welt zu schaflFen versucht, daB 
ich diesen als den unserem Dativ nahestehenden Kasus des Ziels 
bei einem durchwegs nach dem Typus der Empfindungsverben 
(„mir erscheint** statt „ich sehe**) dargestellten Satzvorgang zu 
erweisen unternommen bezw. dies wahrscheinlich zu machen 
versucht habe. Denn es läßt sich nun einmal nicht alles nach 
Art des pythagoräischen Lehrsatzes beweisen. Meine Aus- 
führungen sind nun offenbar nicht überall verstanden worden, 
was ich daraus entnehme, daß beispielsweise H. Pedersen EZ. 
XL 151 meinen Aufsatz zwar anfuhrt, aber ohne jeden Versuch 
der Widerlegung den grönländischen p-Kasus für einen Oenitiv 
erklärt, C. C. Uhlenbeck (Karakteristick der baskische grammatica, 
Verslag in meded. d. Kon. Akad. v. Wetensch., Letterkunde VÜI 
30 f.) die Frage aufwirft, warum man denn die sog. subjektiven 
Suffixe für Dative halten solle. Man wird es mir jedoch wohl 
nicht übel nehmen, wenn ich meinen Aufsatz über diese Fi*age 
hier nicht noch einmal zum Abdruck bringe. 

Betrachtet man nun nach dieser Orientierung die drei von 
Schuchardt aufgestellten Kennzeichen des passivischen Satzes 
noch einmal, so wird einleuchten, daß das zweite, der Gebrauch 
des Aktivus zur Darstellung des realen Subjekts, nur dann einen 
Sinn hat, wenn es durchaus ausgeschlossen ist, daß die Be- 
zeichnung des Urhebers der aktivisch dargestellten Handlung 
etwas anderes als eine durch nichts erweiterte Stammform ist 
Schuchardt nimmt dies fraglos an, sagt aber leider nicht, wanuD 
dies ausgeschlossen sein soll, warum* nicht ein das reale Subjekt 
des aktivischen Satzes bezeichnender Stamm durch ein Demon- 
strativ oder etwas Ähnliches hervorgehoben, warum sich dieses 
nicht mehr und mehr an das Nomen anlehnen und endlich 
ein Affix werden kann. Gibt man aber zu, daß der das reale 
Subjekt im Aktiv bezeichnende Ausdruck ein irgendwie deutlich 
gekennzeichneter Kasus sein kann, so ist der Aktivus natürlich 
erst am passivischen Charakter des Verbs zu erkennen, sein 
Zeugnis für diesen also eine entbehrliche Bestätigung einer 
bereits bekannten Tatsache. Das einzige Kennzeichen, dessen 
Wert unmittelbar einzuleuchten scheint, ist das dritte der flr 
die aktivische Konstruktion geltend gemachten, der Ausdruck des 
realen Objekts durch einen Akkusativ. Aber auch dieser Kasns 
kann täuschen. So haben sich bekanntlich im Irischen zu einigen 
Personalpronomen, nämlich tii (2. Sg.), e (3. Sg. m.), si (3. Sg. f.), 
iat (3. PL) Nebenformen gesellt, durch die in der modernen 



Der angeblicb pnusiTische Chsrakter des tratisitiveii Verbs. 219 

Sprache eine deutliche Unterscheidung eines Nominativs und 
Akkusativs zustande gekommen ist. Die Nominativfonnen sind 
jet2t tn, sS^ sif siadj die entsprechenden Akkusativformen th/fj e^ 
if lad, wohei letztere aber das reale Objekt nicht nur im akti* 
vischen, sondern auch ira passivischen Satze bezeichnen, z. B, 
jjchonnairc nüse marhh thti*^, ar san sagartf j,fuair tu bäs obann 
a^is bhi me i läthair numr rmreadh thu ^san uaiph^ „ich habe 
dich tot gesehn, sagte der Priester^ du starbst eines plötzlichen 
Todes, und ich war zugegen, als du ins Grab gelegt wurdest" 
(Dübhghlas de H-Ide, Cois na teineadh 47)* Eine zwar nicht 
gleiche, aber doch ähnliche Vermischung zeigt sich auf iranischem 
Gebiet (z. B. balütschi (^ mardä a mard jat .^yöu diesem Manno 
[ist] jener Mann geschlagen [worden]^ oder b marda a mardäm 
jat ^von diesem Manne [ist] jenen [od. jenem] Mann geschlagen 
[worden]", Grundr. f. iran. PliiL I 239) und in weiterem Umfang 
noch auf modern indischem, worüber John Beames A comparative 
Grammar of the modern Aryau Languages of ludia II 264 ff. 
III 151 f., Rudolf Hoernle A comparative Grammar of the Gaudian 
Languages S, 348, 487. Sollte man nun in solchen Fällen die ganze 
Konstruktion wirklich für aktivisch erklären dürfen? Dem irischen 
thüj e, if iad aber etwa den Akkusativcharakter streitig machen 
zu wollen, weil diese Formen auch in Verbindung mit dem Verb 
is „ist*^ gebraucht werden, geht nicht an. Denn in solchen 
Fällen dient das Pronomen zur Bezeichnung des Prädikats {is e 
entspricht einem c'est hü), zu dessen Andeutung selbstverständlich 
nicht gerade ein Subjektskasus uiMig ist. Wenn dieser im Idg. 
im allgemeinen beide Funktionen vereinigt, so dürfte das, worauf 
ich schon einmal hingewiesen habe (Der deutsche Sprachbau als 
Ausdruck deutscher Weltanschauung S. 55), als eine Übertreibung 
des Grundsatzes der Kongruenz aufzufassen sein, die psychologisch 
mit der tibertragung der Verbalendung auf Pronomina und Nomina, 
z. B. itah egU-iw (Fr. Diez Gramm, d, rom. Spr.^ S. 466 [II 89]), 
äii*. i-at, kymr. hnrif-tit (Zeuß-Ebel Gramm* celt S* 372)» die kreti- 
schen Plurale auf -tv (Job, Schmidt KZ. XXXVT 400 ff.) sowie den 
populären Wendungen „wenn-s du kommst" etc. auf einer Linie 
steht, eine Übertreibung der Kongruenz, der gegenüber engl. 
ü u me und Entsprechendes aus anderen Idiomen eine beachtens- 
werte Reaktion bedeutet. Noch weniger Wert als Kennzeichen 
hat der Gebrauch des unerweiterten Nomens, das bei Bezeichnung 
des realen Subjekts auf aktivische, bei Bezeichnung des realen 
Objekt.^ aitf passivische Konstruktion deuten soll. Denn wofür 




220 F. N. Finck 

soll man sich nun entscheiden, wenn es in einem und demselben 
Satze zu beiden Zwecken gebraucht wird, wie z. B. in dem 
türkischen Satze bir gün /odza komsusimdan bir kasan tüyr 
„eines Tages der Meister von seinem Nachbarn einen Kessel 
nahm" (6. Jakob Türkisches Lesebuch S. 16), wo kazan fraglos 
die unerweiterte Stammform ist, die auch das Subjekt beim 
Intransitiyum andeutet, z. B. in derselben Erzählung in den 
Sätzen kazan doytirdu „der Kessel hat geboren", kazan marhüm 
oldu „der Kessel ist selig verstorben''. Nun könnte man freilich 
einwenden, daß kazan im ersten Satze deshalb als Akkusativ 
aufzufassen sei, weil im Falle der Determination bei gleiche 
Konstruktion ein lautlich deutlich gekennzeichneter Kasus er- 
scheine. So heißts in derselben Erzählung ßne bir gün xpdza 
kazan-y ister „wiederum eines Tages der Meister den Kessel 
wünschte". Zugestanden. Aber dann nimmt man eben ein 
anderes von den Hunderten von Beispielen, die zur Verfügung 
stehn, z. B. einen chinesischen Satz oder noch besser eine 
kleine zusammenhängende Erzählung, um es ein für allemal 
klarzustellen, daß man am unerweiterten Nomen noch kein 
Kennzeichen von Belang hat. Die kleine Erzählung in nord- 
chinesischer Umgangssprache befindet sich in dem Büchelchoi 
Imao^ fan^ sui^ pi^, Anecdotes, historiettes et bons mots en 
chinois parl6 . . . p. Camille Imbault-Huart, Peking-Paris 1882, 
S. 68 ff. Als Umschrift, die ja leider Gottes hier nötig ist, 
wähle ich die von Th. Wade eingeführte Schreibung (T. F, Wade 
and W. C. Hillier Ytt Yen Tzü £rh Chi, A progressive Cioune 
designed to assist the Student of coUoquial Cinese etc., Schanghai 
1886), weil sie nun einmal die weiteste Verbreitung gefunden 
hat, und besonders deshalb, weil sie auch in Oiles' großem 
Wörterbuch (Herbert A. Giles A Chinese-English Dictionaiy, 
London 1892) zur Anwendung kommt. 1. cKing^ tei* (= to*) 
fu^, 2. yin^ ssa^ yen^ wang^ yu^ ping\ 3. p^an* kmn^ 
chiao* hsiao^ kuei^ tao^ yang^ chien^ chü^ cVing^ i* io* 
cKu^ ming* ti^ iai^ fu^ toi*. 4. hsiao^ kuei^ wen^ p^an* 
kuan^ tsen^-mo^ chih^ tao^ shih^ ko^ cKu^ ming^ ti^ toi* 
/u*. 5. |>*a?i* kxian^ shuo^ ni^ chü^ k*an^ men^ chHen^ ü^ 
kuei^ shao^ tzu*' jan^ shih*^ cKu^ ming^ ti^, 6. fa* Ä^* 
(cÄi') jen^ chi^ ping^ cÄi* ssü^ ti^ shao^ jpi* sÄi/t* cÄ'w* 
ming^ ti^ liao\ 7. che*' hsiao^ kuei^ chiu*' teo* yang* 
chien^ k^an* ko*' tai^ fu^ ti^ men* ch'ien* tmi^ shih* hao^ 
hsieh^ ko^ kuei\ 8, hu^ chien* i* ko* toi* /u* men^ chHen^ 



t 



D#r anf^blich jjaasivifichö Charakter des transitiven Verbe. 221 

fe'öti yu^ liang^ fto* kueiK 9* hsiao^ kuei^ ta^ hhi\ 10. cÄe* 
i^ ting* shih* frö* haö^ tai* fiiK IL chm*' yung*- kou^ hun^ 
p^ai^ kou^ tao*" tfiu^ ssü^. 12. p^an^ hmn^ wen* che^ ko* 
tai^ fuK 1% tii» tang^ liao^ to' nien* W tai* ftiK 14, chi^ 
tai^ fn^ shuo^, 15, wo^ ts^ai tang^ liao^ i^ fien^ ü^ tat* fu\ 
d, h* l . ^bitten Groß-Mann (= Arzt). 2. Weibliches + Prmzip-leiten 
(= der Unterwelt) Yama König haben Krankheit, 3. Richt- 
Bearater (der Voi*steher eines yin * ssä ^ eines der zehn Gerichts- 
säle, aus denen die Holle beateht) rufen Klein-Geist (Teufel 
unter dem Befehl des ijin^ ^äw. '- Vorstehers) kommen männliches 

I + Prinzip-Raum (= Erde) gehn bitten ein Stück herauskommen- 
nam-ig (= berühmt) Groß- Mann (= Arzt) kommen. 4. Kleiner 
Geist fragen Rieht- Beamten wie (mo* = Fragepartikel) wissen- 
Weg (= wissen Bescheid, wissen), ist Stück herauskommen-nam- 
iger AM, 5. Ricbt-Beamter sagen; du gehn sehn tür-vor-ig 
Geist (= Geist jedes unter der Kur des Ai'ztes Gestorbenen, 
durch ein Licht kenntlich gemacht) wenig, selbst so dann ist 
herauskommen-nam-ig. 6, Er geben Mensch behandeln Krank- 
heit behandeln sterb*ig wenig, notwendig ist heranskommen- 
nam-ig vollenden. 7. Dieser kleine Geist dann kommen manu- 
liebes + Prinzip-Ranm sehn jede groß-mann-ige Tür vor alle-ist- 
gnt-einige (= viel) Stück Geist* 8. Plötzlich sehn ein Stück 
Groß-Mann Tür vor da baben zwei Stück Geist {- Geist eines 

P Verstorbenen). 9» Kleiner Geist sehr sich + freuen. 10. Dieser 
eine gewiß ist Stück gut Groß-Mann. H. Dann gebrauchen 
Angel-Seele-Karte (= Paßkarte) angeln (= arretieren, mitnehmen) 
hingelangen (= zu) weibliches + Prinzip-leiten {^ Unterwelt). 

I 12, Rieht -Beamter fragen dieses Stück Groß-Mann. 13. Du 

■ praktisieren- vollenden (= praküsiert haben) viel wenig jähr-iger 
Groß-Mann? 14. Dieser Groß-Mann sagen: 15. ich dann prak- 

■ üsieren vollenden ein himmel (= tag)-iger Groß-Mann*^ d- b. 
nach Irabault-Huarts Übersetzung: „Le roi des eufers etait 

»malade, ün des jnges des enfers envoya uu diable sur la 
terre pour faire venir nn m^decin cel^bre. Comnaent saurais-jei 
demanda le diable au juge des enfers, quel est le plus c616bre 
mMecin? Si vons voyez peu d'esprits devant la porte d'un 
mMecin, c'est assur^ment le plus cölöbre, car celui qui ne fait 
monrir que peu de ses malades est assur^ment un habile doetßur. 
Ce diable vint donc sur la terre mais vit qn'ä la porte de tous 
les mödecins il y avait beaucoup d'esprits; tout iicoup il apergut 

irr""'"""""""" 



222 F. N. Finck 

se r^jouit grandement : celoi-lä, se dit-il, est certainement nn bon 
doctenr! et, k l'aide d'une passe, ü Tamena devant le tribunal 
des enfers. Docteur, demanda le jage, depuis combien d'annöes 
exercez-vous la m6decine? Le mMecin r6poudit: Je ne Tai 
exerc6e encore que pendant un seul jour." — Wie soll man nnn 
die einzelnen Sätze auffassen? Liegt eine aktivische, passivische 
oder eine genüsclite Konstruktion vor? Doch um die Antwort 
hierauf nahezulegen, hätte es nicht einer so weitgehenden Ab- 
schweifung bedurft. Ich habe dabei allerdings auch noch etwas 
anderes im Auge gehabt, was bei dieser Gelegenheit ein fBr 
allemal abgemacht werde. Man hört so oft, daß hier oder da 
allerdings etwas absonderlich Scheinendes vorliege, daß sich das 
aber nur auf die äußere Form beziehe, die ihr zugrunde liegende 
Auffassung sei eine ganz andere. So bemerkt auch Schuchardt^ 
bei einer Konstruktion wie dich ruft der Vater stehe der 
Nominativ nur der äußeren Form nach, hinter ihm berge sich, 
in der inneren Sprachform, der Aktivus. Da ist nun aber doch 
einmal daran zu ennnem, daß einem die innere Sprachform 
offenbar nur bei der eigenen Eede unmittelbar gegeben sein 
kann, daß sie in allen anderen Fällen aus der allein der 
Beobachtung zugänglichen äußeren erschlossen werden muß, und 
dabei zeigen die wenigsten Forscher die unbedingt erforderliche 
Fähigkeit, sich ohne das geringste Vorurteil, ohne jede Voraus- 
setisung zu erwartender Dinge der Beobachtung hinzugeben. 
Man liebt es nur zu sehr, Unterscheidungen in die Sprachen 
hineinzulegen, von denen dort gar nichts wahrzunehmen ist, die 
man einfach voraussetzt, weil es doch wohl so sein mfisse wie 
bei uns zu Hause. So haben selbst in ihrer Art hervorragende 
Linguisten im Chinesischen ein durchaus subjektives Verb, 
Präpositionen und mehr als das gesehn. Auch meint man 
wohl, solche Wendungen wie che^ ko^ jen* „ein Stück Mensch*' 
würden nicht mehr so empfunden, zumal wenn man erfährt, 
daß dieses Wort fco* in der jetzigen Umgangssprache ganz 
tonlos geworden, gewissennaßen also mit dem ihm vorausgehenden 
einen einheitlichen, zweisilbigen Ausdruck bilde (vgl. C. Arendt 
Handbuch d. nordchin. Umgangssprache S. 145, Einführung in 
die nordchin. Umgangssprache § 4, 3). Nun haben wir aber 
ein nicht mißzuverstehendes Zeugnis dafür, daß der Chinese 
allerdings ganz anders redet als wir, nämlich das sogenannte 
Pidgin-Englisch. Wir sehn da den Versuch, sich mit Hülfe 
des Englischen zu verständigen und sehn ihn auf eine recht 



Der angeblich paBsiTische Cliarakter des traositiTcn Verbs. 



223 



I 



I 



I 



I 



L 



charakteristische Art mißlingen. Wenn der Chinese ein subjektives 
Verb besäße, so sollte man sagen, er bediente sich dann auch 
des in einem solchen Falle doch leicht begreiflichen englischen, 
und wenn er in seiner eigenen Sprache Präpositionen gehrauehte, 
so würde er sich doch wohl auch der entsprechenden englischeu 
bedienen, Wie's sich aber in Wahrheit verhält, lehrt schon das 
flüchtigste Durchstöbern der kleinen Anekdoten und Lieder, die 
Charles G. Leland (Pidgm-Euglish Sing- Song*, London 1897) 
veröffentlicht hat Eine wird genügen (S. 110) On-etim (= time) 
plentp man foleign (= foreign) dfMlo {- dewil) go tnside (!) 
cöuntry, makee (= make) chow-ckow, Englitshman he talkee (= calls 
it) pic-nic^ Cfiina-dde no goi B-ifmhy allo man finishee chow- 
chow : pleniy nian too miichee dlunk (- drunk). One piecee 
(= chin. kö*) gliffin (^ griffln) talkee he hoy Just now mg 
wantchee Bmokum pipe'^ etc. etc* Ich denke, das ist deutlich 
und bedarf keines Kommentars* 

Keines der von Schuchardt aufgestellten Kennzeichen allein, 
um nun zum Ausgangspunkt dieser Ahschweifung zurückzukehren, 
genügt, um den Charakter des Verbs oder Verbalnomens fest- 
zustellen, und daß alle drei nebeneinander vorkommen, ist 
sicherlich der Ausnahmefall, nicht die Eegel. Es müßte demnach 
ungeheuer viel Vermischung aktivischer und passivischer Kon- 
sb'uktion zu einer verschwommen undeutlichen Auffassung vor- 
liegen, so ungeheuerlich viel, daß dies schon stutzig machen 
könnte. Doch zunächst ist noch die Frage aufzuwerfen, worauf 
Schuchardt die Aufstellung seiner Kennzeichen wohl gegründet 
haben mag. Sind es Erwägungen psychologisclier Art, die dazu 
geführt haben, oder beruht sie auf dem Eindruck, den der 
Beobachter durch unbefangene Betrachtung vieler Idiome ge- 
wonnen hat? Mir scheint — mehr läßt sich freilich nicht 
sagen — , daß beides der Fall ist, aber mir scheint auch, daß 
beide Fundamente nicht fest genug waren, um den Bau zu 
tragen. Eine Art Begründung durch einen Hinweis auf eine 
allgemein menschliche Greisteseigentümliehkeit versucht Schuchardt 
nur für die Differenz, die mit der verschiedenen Stellung des 
subjektandeutenden Elements beim Verb verbunden sein soll, 
den Unterschied durch die Sätze der Vate}- ruß dick und dich 
ruß der Fate* veranschaulichend, den letzteren für passivisch 
erklärend, weil das reale Subjekt als psychologisches Prädikat 
erscheine, erst nach dem Erfassen des Satzvorgangs in den 
Blickpunkt des Bewußtseins trete. Das heißt also — ich kann 



224 F. N. Finck 

es wenigstens nnr so verstehn — , das sich zuerst ins Bewußt- 
sein, das zuerst zum Ausdruck Drängende kann nur als Absolutiy 
oder als Stamm, wie man's benennen mag, hingestellt werden. 
Mit einer Äußerung zu beginnen, die in ihrer Beziehung zur 
Gesamtheit des Satzes gekennzeichnet auftritt, entspricht nicht 
der menschlichen Natur. Habe ich hierin Schuchardt recht yet- 
standen, so will ich gleich hinznfligen, daß ich dies in den 
tatsächlich vorliegenden Spracherscheinungen auch häufig, sehr 
häufig bestätigt finde. Aber sollte es nicht Ausnahmen geben? 
Sollte ein filium vocat pater wirklich nur eine Halluzination sein? 
Das glaubt auch Schuchardt nicht, kann er nicht glauben. Das 
Bild einer aktivischen und passivischen Konstruktion, das er 
leider nicht ausführt, sondern nur flüchtig skizziert, ist überhaupt 
wohl nichts in irgend einer Sprache klar und deutlich Vor- 
liegendes, wonach nun anderes erklärt werden könnte. Es ist 
vielmehr — wenigstens wird es mir nur so überhaupt begreif- 
lich — der Niederschlag einer reichen Erfahrung, das wie von 
Nebeln umhüllte verschwommene Bild zweier Orundtypen, die in 
tausend und abertausend Vermummungen und Verkleidungen alle 
möglichen leicht erkennbaren Gestalten annehmen und in ihrer 
ursprünglichen Natur meist nur noch erraten werden können. 
Man versteht hoffentlich, daß ich mich bemühe, Schuchardt 
gerecht zu werden, daß ich auch versuche, aus seinen spärlichen 
Andeutungen fär die Sache Gewinn zu ziehn. Ist diese meine 
Vermutung aber richtig, so leuchtet ein, daß von einer Wider- 
legung kaum die Rede sein kann, daß sich kaum etwas anderes 
tun läßt als Schuchardts Erfahrung eine andere, die meinige, 
gegenüberzustellen, in scharfumrissenen Zügen ein Bild von den 
Gestaltungen des Verbalausdrucks zu entwerfen, wie es mir 
erscheint. Nur möchte ich, der ich im allgemeinen zwar aacli 
die Kürze liebe, in diesem Falle doch nicht Schuchardts Vorbild 
folgen. Ich schreibe das folgende unter stetiger Berücksichtigong 
des TJmstands nieder, daß die meisten Leser dieser Zeitschrift 
Indogermanisten sind, die nicht oder doch wenigstens nicht weit 
über ihr eigentliches Gebiet hinausgeblickt haben, denen ich von 
femliegenden Sprachtypen erzählen muß wie von wundersames 
Erlebnissen, die man von einer Weltreise heimkehrend den An- 
gehörigen und Näherstehenden breit und ausfuhrlich darlegt, dnrcb 
die behutsame Einführung an das Fremdartige, anfangs unglaub- 
lich Scheinende gewöhnend. Darin liegt keine tJberhebung, soD 
wenigstens keine liegen. So gern ich die Überlegenheit jedes 



Der angeblich pasdrisehe Charatter des tranBitiTon Verbs. 



225 



I 
I 



Spezialisten auf seiuem engen Gebiete dem weit Umherschweifen- 
den gegenüber anerkenne — und wie könnte man auch diese 
Anerkennung vereagen? — so scharf muß ich es doch betonen, 
daß er sich nie zu einer so vorurteilsfreien, unbefangenen 
Beobachtungsfähigkeit durchringen mrd wie der, der Typen 
verschiedenster Art durchforscht Seine Befreiung von dem 
engherzigen Glaabeu an die AUgemeingültigkeit bestimmter ihm 
zufällig naheliegender Anschauungen bleibt, wenn sie ihm über- 
haupt gelingt, ein Spiel des abstrakten Denkens, das mit einer 
nicht näher bestimmten Möglichkeit anderer Auttassungeu rechnet. 
Damit ist man aber noch weit von jener Kunst des Beobachtens 
entfernt, die, durch anschaidiche Erkenntnis geschult, so oft an 
scheinbar allbekannten Objekten neues entdeckt. 

Die sprachliche Dai-stellung der in der Wirklichkeit sich 
abspielenden Vorgänge ist ihrem Wesen nach frei, und die 
unberechenbare , kaum zu tibersehende Mannigfaltigkeit der 
angewandten Mittel scheint in der Tat aller Anordnung zu 
spotten. Bei den zur Darstellung gelangenden Vorgängen selbst 
aber läßt sich eine Verschiedenheit von grundlegender Bedeutung 
feststellen, die natürlich nicht in der Sprache zum Ausdruck zu 
kommen braucht, was ja mit der nicht zu leugnenden Freiheit 
des Sprechens in Widerspruch stehn würde, aber als etwas dem 
Objekt der Darstellung Angehöriges diese doch vermutlich stark 
beeinflußt und deshalb in erster Linie in Betracht zu ziehn ist. 
Im Einklang mit der in der Physiologie beobachteten Verschieden- 
heit der nervösen Leitungsbahnen, die teils als zentripetale 
(s€nsorische)> teils als zentrifugale (motorische) erscheinen (vgl 
W. Wundt Grundzüge der physiologischen Psychologie ^ I 145 ff.), 
sind auch die sprachlich zum Ausdruck gebrachten Vorgänge in 
Wahrnehmungen und Handlungen oder Taten zu 
scheiden. Das Sehn eines Schiffs beispielsweise ist eine Wahr* 
nehmung und verliert diesen Charakter auch dann nicht, wenn 
dem eigentlichen Erblicken ein langes erwartendes Ausschauen 
vorausgeht. Ein Schlag oder Stoß dagegen ist eine Handlung 
oder Tat, und daran ändert der umstand gleichzeitiger Wahr- 
nehmung natürlich nichts von Belang. Derartige Berührungen 
und Verschlingungen verdienen aber insofern doch Beachtung, 
als sie die den wirklichen Verhältnissen so oft widerstreitenden 
sprachlichen Darstellungen begreiflich machen. Wenn man beispiels- 
weise statt der dem wahren Sachverhalt angemessenen Wendung 
mw erscheint ein Schiff auch den Ausdruck ich sehe ein Schiff 



t 



226 F- N. Pinck 

gebraucht, so wird diese streng genommen falsche Darstellang 
des Vorgangs im Hinblick auf ein gewohnheitsmftfiiges Auslugen 
leichter verständlich, wenn auch noch nicht erklärt Der tat- 
sächliche Grund für eine derartige schiefe Ausdrucksweise ist 
wohl einfach die überwiegend große Zahl formell gleichartigery 
aber sachlich berechtigter Ausdrücke wie er schlägt den Hvmd 
und dergleichen. Beide Arten von Vorgängen haben nun natfir- 
lich einen Ausgangspunkt und ein Ziel, aber bei der allem 
Sprechen eigenen Freiheit darf man deshalb selbstverständlich 
noch nicht erwarten, daß nun auch in allen Fällen beides oder 
auch nur eins von beiden angedeutet werde. Es kann geschehn, 
daß ein Vorgang ohne jede Rücksicht darauf dargestellt wird, 
woher er stammt und worauf er sich erstreckt, etwa nach der 
Art eines einen Fall nachahmenden h%%ms oder eines von einem 
Brand Mitteilung machenden Ausrufs Feuer, wobei natüriieh, da 
es völlig ungegliederte Ausdrücke sind, von einer durch die 
Verschiedenheit der Vorgänge hervorgerufenen Verschiedenheit 
der Konstruktion nicht die Rede sein kann, vielmehr höchstens 
eine der Wirklichkeit Rechnung tragende Scheidung von zwei 
Wortklassen, Wahrnehmung, Mord etc.: Erscheinung^ Tod etc., 
durch durchgehende lautliche Kennzeichen denkbar wäre, etwa 
in der Weise, daß die Wörter der einen Reihe von der der 
anderen durch immer gleiches Vokalverhältnis nach Art der 
arabischen Aktiv- und Passivkennzeichnung {qatala: qutilOj fdala: 
fuHla, kataba: kutiba etc.) geschieden würden. Eine Sprache, in 
der dies in ausgedehntem Maße vorkommt oder auch nur in 
einem Umfange, der es nicht mehr gestattet, von vereinzelten 
Erscheinungen zu reden, existiert jedoch wohl nicht. Von den 
beiden Darstellungen eines Vorgangs, die nur eins, Ausgangs- 
punkt oder Ziel, andeuten, ist erstere eine bekanntlich wdt 
verbreitete Ausdrucksform, die der sogenannten Intransitiva wie 
lat. vivi't „er lebt", plui-t „es regnet*^ etc., letztere dagegen 
wohl nur verhältnismäßig selten anzutreffen. Ein sicheres Bei- 
spiel ist der Gebrauch des neu(nord)chinesischen yu^ „baben^ 
in Verbindung mit einem Nomen, um nach Art des franz. iJry-a 
dessen Vorhandensein auszudrücken, wie yu^ ko lang^ ^haben 
Stück Wolf" (= es war einmal ein Wolf), yu^ ko ying^ „haben 
Stück Adler** (= es war einmal ein Adler) et<5. (C. Arendt Einf. 
in d. nordchin. Umgangsspr. § 12) et<;. Daß die Nomina Ic^ig^ 
und ying^ wirklich das Ziel und nicht etwa den Ausgangspunkt 
bezeichnen, yu^ also nicht etwa auch einem engl, there is gleich- 



Der angebürb passivische Charalcter des transitiven Verbs. 



227 



I 



I 



I 



zustellen ist^ wie man nach Arendts Angaben (Einfiihtung etc. § 6) 
vermuten könnte, zeigt der Gebrauch von yn ^ in Sätzen wie wo * 
ytt* ko bsiao* h^ua^ ^ich haben Stück Lach-Rede" (= „ich weiE 
eine lustige Geschichte"), lo^-ma^ ktw* ifu^ wei^ chiang^ chün^ 
„Rom Reich haben Sitz (Numerati v för Respektspersonen) Heer- 
ffthrer" (^ „in Rom gab es einen Feldherrn", „Rom hatte einen 
Feldherrn '^) (Einführung § 12) gegenüber wö^4i fii^-ch'in^ tsai^ 
chung^-kiw „mein Vater befinden Mittelreich" (= „mein Yater ist 
in China") etc* (Einführung § 29). Auch in diesen beiden Fällen 
scheint eine durchgehende Verschiedenheit der Konstruktion nach 
der Art des geschilderten Vorgangs^ ob Handlung oder Wahr- 
nehmung, auf keinem Sprachgebiete vorzuliegen, obwohl sie 
selbstverständlich leicht durch eine jeweilig besondere Subjekts- 
bezw, Objektsandentung zum Ausdruck gebracht werden könnte. 
Eigentliche Bedeutung scheint die besprochene Verschiedenheit 
der Satzvorgänge erst für diejenigen Ausdrücke zu haben, die 
sowohl den Ausgangspunkt wie das Ziel angeben, indem sie 
entweder zwei verschiedene Konstruktionsarten hervoiTuft oder 
durch Verallgemeinerung einer Auffassung der Sprache ein ein- 
seitig eigenartiges Gepräge verleiht. Ein Beispiel für eine zwar 
nicht streng durchgeführte, aber doch unverkennbar deutliche 
Scheidung von zwei Arten von Vorgangsausdrücken, die mau 
zweckmäßig durch die Namen Tat- und Empfinduugsverben 
{ich sehe: mir erscheintf ich liebe: mir gefällt^ ich genieße: mir 
schmeckt etc) auseinanderhält, hat schon das Georgische ab- 
gegeben: d^üyli hqaraulobda batonis sa^h „(der)-Hund bewachte 
(des)-Herm (dem)-Hause", „der Hund bewachte des Herrn Haus'* 
(Nasidze § 22), aber me-fs m-i-nd-a sensa-tvif Vsignis kif^m „mir- 
auch üjir-(+ Charaktervokal)-WiUe-ist dir-gleich Buches lesen"*, 
^ich will auch wie du ein Buch lesen" (Nasidze § 17), Es darf 
aber selbatverBtändlich nicht erwartet werden, daß eine einmal 
erfaßte Differenz von Tat- und Empfindungsverben nun überall 
auch eine derartige, uns leicht verstandliche und in gewisser 
Beziehung der Wirklichkeit angepaßte Äußerung fönde. Man 
muß auf das absonderlichste gefaßt sein. Denn das Wesen des 
Sprechens ist eben individuelles freies Schaffen trotz allem Gefühl 
der Abhängigkeit von früherem Sprechen, Daß ich's nochmals 
betone, möge man verzeihen. Aber man bat so viel von Gesetzen, 
Zwecken und dergleichen geredet, daß es vielleicht nicht schadet» 
einmal von Zeit zu Zeit wieder an die Ungebundenheit der 
ttienschlichen Rede zu erinnern. Von den Beispielen ftlr eine 

1&* 



228 



F. N. Finck 



andere Art der Scheidung von Tat- nnd Empfinduügsverben sei 
wenigstens eins angeführt, der nicht gerade besonders glücMiebe 
Versnch des Koptischen, die beiden Gruppen von Verben 
durch verschiedene Anknüpfung des sogenannten Objekts aus^^ 
einanderzuLalten, und zwar in der Art, daß dieses namentlich 
bei Verben der sinnlichen Wahrnehmung (allerdings nicht nur 
bei solchen und auch nicht immer) durch die Präposition e 
(= %ypt- T mit der Grundbedeutung y,^^^\ vgL A. Erman 
Ägypt. Gramm. § 308) verbunden wird, während sonst das 
Objekt entweder unverbundan folgt oder durch die Präpoaiticn 
n (= ägypt m mit der Grundbedeutung „innen"; vgl. A. Erman 
Ägn^t, Gramm* § 307) verknüpft wird. Folgende Beispiele des 
sahidischen Dialekts aus Steindorffs Kopt. Gramm, bezw. der 2U 
ihr gehörenden Cki^estomathie in Buchstaben Umschrift werden 
die Verschiedenheit klarlegen. a-u-Io-m ethe apa Hör ie mpe-f- 
ii döl eneh ^Tun-ihr (eorum)-Erzählen-ihr (eius) über Abba Hör 

^man erzählte von Abba 



daß nieht-sein-Sagen Lüge jemals*^, d. h. 
Hör, daß er niemals eine Lüge gesagt" 



(S. 1*), mp-r-ipo nB-in 



n-ou-mub „nicht-tun-erwerben Nutzen-euer inneu-ein-Gold*^, d. h. 

^ßfl HT^atja^f /pi/tfo»''* (Matth. 10, 9), aber n-ii-mpsa an e-nau 
e-p-aggelo^ „niclit-mein*würd% sein nicht {n . . . an = franz, ne- 
pas) zu-sehn an-dera-Engel'*, d. h. „ich hin nicht würdig, den 
Engel zu sehn'^* Die Ungeschicklichkeit des Ausdrucks hängt, 
wie leicht zu sehn ist, mit dem umstände zusammen, daß der 
koptische Satz aus lauter lose aneinandergereihten Possesav* 
ausdrücken besteht, worüber man niemanden, und zuallerletzt 
den Anfönger, durch Anwendung der durchaus unangebrachteu 
Benennung Subjekt, Objekt, Attribut hinw^egtäuschen sollte. Ein 
kurzer Hinweis auf einige Fälle muß genügen, da alles offen 
zutage liegt. Die den ganzen Satz durchziehenden Possessiv- 
pronomina (die sogenannten Personalsuflixe) sind: Sg, 1. i, 
2. m. fc, 2. f. e, 3. m, /", 3. f. s, PI. 1. ti, 2, in, 3. oh. Vgl 
nun: hra^f hra-h hr-e, hra-f^ hra-s^ hra-n^ hrB-tn^ kra-u ^mem 
Gesicht, dein Gesicht'* etc* (Steindorff Kopt Gramm. § 50); nto^ 
„du** (m.)j antö „du" (f.; e ist hinter o geschwunden), mito-f 
^er**, Buto-s „sie'', 9ntö-tn „ihr**, mito-ou „sie** (SteindorflF § 5t 
Für „ich" und „wii" sind besondere Wörter in Gebrauch, anok 
bezw. anon); po-i, pö-kf pö^ pöf^ pö-s^ pö-n^ pö4n^ pö-Qu ^der 
meinige, deinige** etc., tö-% tö-k^ tö etc. „die meinige, deinige^,] 
nou-i, noii'k, noii etc. „die meinigen, deinigen'' et€, (Steindorff 
§ 54); pa (aus *pe-i), pe-k, pn (undeutlich, im boheirischen 



^ 



Der atigebUch pasBiviBchc Oiarakter an transitiven ToTb«. 229 

Dialekt regelrecht pe), pe-f^ pe-s, pe-n^ pe-tn, pe-u ^mein (d* h, 
^der mein'', pe ist demonstrativ), dein, sein" etc.| ta, te-k etc- 
^ meine, deine "^ et€., m, ne-k etc. j, meine (Flur.), deine" etc. 
(Steindorff § 55); pehi-i, pehi-k^ per-e^ peM-f, peia-s, pem-n^ 
peM-in^ peia-u „ich .sprach, du spraihst"^ etc. (eine nur in 
geringen Resten erhaltene Flexion; Steindorff § 247), t-i-sötm, 
'k'Sötm, t-e-sötm, 'f-sötMy -s-sötm^ t-n-sotmy te4n-satm, -se 
(= ägypt m; Erman § 80) -söim ^ich höre, du hörst" etc. 
(Steindorff § 255. Der Ursprung des Hülfsworts und vielleicht 
HtUfsverbs steht nicht fest); t-i-fia-sotm, ~k-na-.wtm, t-e-na-sötm^ 
-f-na-sötm^ -s-na-mtm^ t-n-na-sötm^ te-tn'na'SQtm^ -Be-fia-sötm ^ich 
werde hören" etc. (na - kommen; vgL Steindorff' §256) ete, etc. 
Nun etwa anzunehmen, daß dnrch die abweichende Stellung dem 
f in f-sotm ^er höit" gegenüber dem in pem-f „er sagte" die 
ursprttngliche Possessivqnalität genommen sei, wäre durchaus 
unbegründet. Die Freiheit dieser Stellung ist vielmehr eine 
Folge des anreihenden (fragmentarischen) Charakters dieser 
Sprache, die in dieser Beziehung große Ähnlichkeit mit dem 
Hotten tot tischen hat, dessen allerdings nicht possessive, 
sondern mehr demonstrative Personal suffixe noch weniger fest 
gebunden zu sein scheinen. Man vergleiche beispielsweise ans 
der Erzählung vom Mond, der Laus und dem Hasen (Th» Hahn 
Die Sprache der Nama S, 57 f., danach auch bei Friedr. Müller 
Gmndn d. Sprachw. In 21 f, und W. Phtnert Über die Spr. 
der Hottentotten und Buschmänner, Mitt d. Semin. f. Orient. 
Sprachen Vni Abt. ni S. 1(H) ü-ta {ti = Pronominalstamm, ta = 
PersonalsüflSx der 1. Pers.) ra rj „ich pflegen sterben", d, h, 
„ich pflege zu sterben", tst-b !f/M !garu „und-er gehn vorwärts- 
kommen'', d.h. „und er ging voran", taree-ts kha m gon ^was-du 
denn suchen gehn'\ d* h. „was suchst du denn?", miha-ta nl-ga 

P ^verkünden- ich werden-daß**^ d, h, „daß ich verkünde**. Wollte 
man aber gegen den Possessi veharakter der koptischen sog. 
Personalsuflixe etwa deren Verwendung als wortbildendes Mittel 
geltend machen (vgl. /^orft-/* „ruhig": hrok „ruhen", ^or^^-s „Falle": 
d&rö jagen" etc., Steindorff' § 105 ff.), so dürfte man wohl auf 
franz. monsieur und tnadame hinweisen, die dem mon und tna 
Ihre Possessivqnalität auch nicht geraubt haben. Weit häufiger 

I als ein Neben einander von Tat* und Empfindungsverben als 
gesonderten Kategorien scheint jedoch das der AlleingiUtigkeit 
fich annähernde Vorherrschen bald des einen, bald des anderen 
Typus zu sein oder auch die ausnahmslose Geltung einer be- 




230 F. N. Finck 

Stimmten Art. Welcher Typus aber der bevorzugte ist, vermag 
wohl heute noch niemand zu sagen. Die gewiß vielen sich auf- 
drängende Neigung, sich für den der Tatverben zu entscheiden, 
beruht wohl nur darauf, daß die den meisten nahe liegenden 
und bestdurchforschten Sprachen ihn aufweisen, und wohl noch 
mehr darauf, daß wahrscheinlich aller Linguisten Muttersprache 
zur Gruppe dieser Idiome gehOrt, der dort herrschende Typus 
also gewissermaßen als etwas Natürliches, Selbstverständliches 
erscheinen muß. So tief ist aber wohl heute noch niemand in 
die ganze Welt der Sprachen eingedrungen, daß er, von allen 
heimischen Vorurteilen frei geworden, einen auch nur halbwegs 
genügenden Bericht erstatten könnte. Liegt die Sache doch 
auch nicht gerade auf der Oberfläche. So darf denn auch nicht 
von mir erwartet werden, daß ich nun eine kurze, zuverlässige 
Auskunft über die Verbreitung des Typus der Empfindungsverben 
gebe. Man wird es vielmehr vorläufig für genügend erachten 
müssen, wenn ich das Vorkommen einer derartigen die ganze 
Sprache durchziehenden Auffassung auch nur für einige Idiome 
nachweise oder wenigstens wahrscheinlich mache. Für eine 
Sprache, das Grönländische, habe ich diesen Versuch schon 
gemacht (Die Grundbedeutung des grönl. Subjeküvs. Sitzungs- 
berichte d. Eönigl. preuß. Akad. d. Wissensch., phil.-hist. EL 
1905 S. 280 ff.) und ich möchte das dort Auseinandergesetzte 
nicht hier wiederholen. Aber es ist vielleicht nicht unangebracht, 
zur Veranschaulichung des dort Erörterten einen kleinen Text 
nach meiner Auffassung zu interpretieren, um gewissermaßen 
die Probe zu machen. Wer mir nicht glaubt und die auf p 
auslautende oder eine ihr syntaktisch gleichgestellte Easusform 
für einen Genitiv oder gar für den an die siamesischen Zwillinge 
gemahnenden transitiven Nominativ + Genitiv hält, mag's dann 
einmal mit seiner Übersetzung versuchen. Als Textprobe nehme 
ich ein nicht übermäßig geistvolles, aber echtes, von einem 
Eingeborenen verfaßtes Stückchen aus der in Grönland er- 
scheinenden Monatsschrift Atuagagdliutit (1899—1900 S. 174), 
bei dessen Auslegung mich W. ThsJbitzer in entgegenkommender 
Weise unterstützt hat. Kagssut-it uter-ti-ta-t Ukiox mdna siku- 
jä-X'ing-mat üerKU-mig-tut ilimagUssa-tik tama-isa xogsst^-ser- 
sorp-ait Mäni-lo Kulissa-ne piniartu-t ilorisa avangnä-ngu^^ 
vti-ne Nügärssung-mik ati-lik nüv-a-gut xagssu-serp-ät sivitso- 
riä-ngi-tsor-dle inu-ata twälä-ktit taku-sar-amigit agsut narrU' 
jämiV'Ox napi'tU'p ümaviga-ltigit niitsug-simang-magitj erxä-l^ 



Der angeblich passiviicbe Charakter des trsasitiven Yeihs. 231 

ume-rör-tar-niar-dliigö unerrar-ssuan iakti-lerp-ä ivßinfffier-tigHt : 
puisse itüiti-ner-ame avä-mn-inax ingerdla-sima-ssox ; erng-lnar-dlö 
atuag-dlagp-ä , amla-nga-tsiar-dluni-le timimg'mnt sa'g'Sinmvoxj 
ütuarHllugo nagsh-u-sm^-fi-ne sauB'rxut'dlugo xagssuti-ne simumy- 
ai manilarta-ngna-mut nä4ig*dhfg'ii katag-mnag-ai , fuissi-h 
imingner-Ügiit mxi-vi'ue unior-dlugö kingn-mut arm-aimav-Oiti 
Magssnti4a-rssua-n€ &ikup xä-rmt katag-dlugit. Imdgdldi imi-ata 
kingti^mtit lä vi-ngar-am igit pig'Ssar-siv-fi-gi'Ssarp'ai napitor-ti- 
tar-anügit D. h. „ Masche- n (= Netz) zurückkehren- Cge)niacli-t-e'' 
(titerpox „er kehrt zurück**» davon uter4ipä „er bringt ihn zu- 
rtick^» Kleinschmidt Gramm, d. grönh Sprache, Berlin 1851, § 137, 
Kleinschmidt Den granlandske ordbog, Kj^henharn 1871, S, 402, 
451; davon uterti-taK ^zurückgebracht", Gramm. § 111, Ordb. 
S- 450, davon PL utertüat). Winter diesen Meereis- früb-sehr- 
nachdem-sein {siko „Eis auf dem Meere", davon sikit-järpox „es 
gibt Mb Eis auf dem Meere^ Gramm. § 131, Ordb. S. 423, 
davon sikuja-xaox „es gibt sehr früh Eis auf dem Meere '^, 
Gramm. § 131, Ordb. S, 423, davon s-ikujämigmat, 3. Sg, Konj., 
T, nachdem es sehr früh Eis auf dem Meere gegeben") gewohnheits- 
weise-wie {ilernoK ^Gewohnheit", davon d. Modalis ilerxumik 
^üblich", daran das Suffix tut „gleich, wie'', also = „wie üblich ") 
erwart-et-ihre {ilimagä „er erwartet es'^, davon ilimagi-Bsax „er- 
wartet", Gramm, § 111, Ordb. S. 450, daran das sog. objektive, 
d, h. meiner Ansieht nach absolutive reflexive Possessivsuffix der 
3. Pers, PL -tik, also = „ihre erwarteten" nämL Maschen, Netz) 
Allheit-ihrer {iamax + sogen, Subj., d. h. meiner Ansicht nach 
dativ. Nominalsuffix 'isa, also „sie alle", eigentlich „ihnen allen") 
Maschen-Auswerfung-Bedienung-ilu*e-ihre (xagsmserpox „er wirft 
dajs Netz aus" von xagssutU „Netz**, xagssuser-sorpox „er bedient 
sich des Netzausw^erfens", Gramm. § 128, Ordb. S. 453, davon 
d- sog- Transitiv 3. PI Ind, mit Suffix d. 3, PL, also pSie warfen 
sie, nämlich die Maschen, das Netz, aus"). Hier- und Jakobshavn- 
in Seehnndsfönger (Plur.) Teil4hrem (d. h, „einigen") Nord-klein- 
unserin (d. h- ^im Norden nicht weit von uns") Nügärssox 
(nom. propr.) -mit Namen- versebn (aiex „Name'' + Suffix -lik^ 
Gramm* § 121, Ordb. S, 428) Landspitze-seiner-nach (d. h. „nach 
seiner, nämlich des Landes [Land-]spitze") Maschen-Auswerfung- 
Uire*ihre (d. h, „sie warfen das Netz aus") dauern-noch-nicht- 
welches-aber {sivHsorjmx „es dauert lange", davon siiÄtsa-riarpox 
,^es fangt an lange zu dauern", Gramm* § 130, Ordb* S, 441, 
davon »ivitsöri&ngihx „es fängt nicht an lange zu dauern. 




232 F- N. Finck 

währt nicht mehr lange*', davon sivitsoriängi-tsox „das was 
nicht mehr lange währt", Gramm. § 111, Ordb. S. 453, + le 
„aber", demnach = „aber nicht lange nachher") Besitzer-ihrem 
Morgen-gegen Erscheinung-pflegen-weil + sie + sein (d. h. ^weil 
sie, die Maschen, ihm zu erscheinen pflegten", „weil er es, näm- 
lich das Netz, zu sehn pflegte" ; takutvä „er sieht es", davon 
taku-sarpä „er sieht es mehrmals", Gramm. § 131, Ordb. S. 450, 
davon 3. Sg. Konj. mit Suff. d. 3. Plur.) sehr Ärger-Stimmung- 
seine XJmgam-t-em lebendig-werden-d + ihr + sein (ümavox „er 
ist lebendig", davon ümavigä „er bewegt es", davon der sog* 
Infln. „bewegend" mit SuflSx d. 3. Plur., auf „Netz" bezogen) 
Ruck-schon-weil + ihr-sein {nxitsugpa „er zieht es mit einem Ruck 
zurück", davon nutstig-simawä „er hat es mit einem Ruck zurflek- 
gezogen", Gramm. § 130, Ordb. S. 447, davon 3. Sg. Konj. mit 
Suff. d. 3. Plur. = „weil er, nämlich der gefangene Seehund, es, 
nämlich das Netz, ruckweise zurückzog") Umgebung + seine-aber 
erscheinen-starr-wiederholt-versuchen-d -f ihr-sein (d. h. „wieder- 
holt auf sie, nämlich die Umgebung zu starren strebend", timerpä 
„er sieht auf etwas hin", davon ume-rorpä „er starrt auf etwas", 
davon umeror-tarpä „er starrt wiederholt auf etwas", Gramm. 
§ 131, Ordb. S. 450, davon nmeroHar-niarpä „er sucht wieder- 
holt auf etwas hinzustarren", Gramm. § 130, Ordb. S. 436, davon 
d. sog. Infln. 3. Sg. mit Suff. d. 3. Sg.) Spur-große Erscheinen- 
Versehn-ihr-sein (= „er versieht sie, nämlich die Spur, mit Sehn", 
„er macht sich daran, sie zu sehn", taknvä „er sieht es", davon 
tahi'lerpä „er macht sich daran, es zu sehn", Gramm. § 128, 
Ordb. S. 428) Eisbruch-über. Seehund Hinaufklettern- wohl + sein 
+ sein (d. h. „da er wohl hinaufgeklettert war") Umgebung-zn- 
fort (d. h. „vom Land weg") fortbewegen-schon-welcher; sofort- 
nur-und folgen-ein Weilcb^n-ihr -f sein (d. h. „folgt er ihr, nämlich 
der Spur, eiji Weilchen", Gramm. § 131, Ordb. S. 452) fortgehn- 
sehr-zieralich; 'litaber (d. h. „aber ziemlich weit fortgehend**) 
Rückseite-zu (= „zurück") Vorderseite- wenden-schon-sein (d. h. 
„hat sich umgewandt", sägpox „er wendet sich um" zu d 
„Vorderseite" + SuflSx -simavox Gramm. § 130, Ordb. S. 447) 
folgend + ihr + sein (d. h. „ihr, nämlich der Spur, folgend") 
Maschen- Aus werfungs-Ort-sein Seite-bewegen-d + sein -|- sein (d.h. 
„sich entlang bewegend") Maschen-seine Begegnung-ihre-seine 
Unebenheit- kleiner-an (d. h, „an einem kleinen Eisstück") Ende- 
machen-d + ihr-sein (d.h. „es, das Netz, an sich he^anziehend^ 
ndvä ^er beendet es", davon nä-tipä „er macht es beenden'^» 



Der Bngel)iicli passivisclie Charakter des traniitiTeu T^rbs. 



233 



Gramm. § 137, Ordb. S. 451, davon 3, Sg. Inf. mit Suffix d. 
3, Plur., auf Netz bezogen) Fallen-Lassen-sehon-ihr + sein (d. h. 
y^ev batte es fallen lassen", Gramm. § 130, Ordb. S. 447) See- 
bund-und Eisbruch-über Hinaufkletterns-Ort-sein verfehlen-d + 
sein-sein (d. h, „ihn, den Hinaufkletterungsort , verfeblend"^) 
Rückseite-zu (= „zurück, wieder"*) Hinabsteigen-sebon-seln (Gramm, 
§ 130, Ordb. S.44T) Mascheu-eigene-große-seine (dem) Eise (seiner) 
Oberfläche-anffaUeTi lassen-d + ihr-sein (d, h. „es, das Netz, fallen 
lassend**). Übrigens Besitzer- ihrem Eückseite-zn festhalten- wied er- 
holt- weil + sein H- sein (d, h, „daer sich daran, nämlich an diesen 
Platz, zu halten pflegte") haben-zukünftigen-Antreffens ort-haben- 
wiederholt-ihr + sein (d. h. ^pflegte es, nämlich das Netz, zum 
Ort des Antreffens des zukünftigen Habens zu haben", pe „Ding", 
dayon piga „hat es*', davon pigssavä „wird etwas haben", Gramm, 
§ 130, Ordb. S, 446, davon pigssar-sirä „trifift das zukünftige 
Haben an^, Gramm. § 128, Ordb. S. 448, davon pigssursw^fik 
^Ort des Antreffens des zukunftigen Habens", Gramm. § llii, 
Ordb. S, 459, davon pigssarsivfi-gä „er hat ihn zum Ort des 
Antreffens des zukünftigen Habens", Gramm. § 122, Ordb. S. 417, 
davon mit Suffix d. 3. PL pigssarsiv-figi-ssarpai „er pflegt sie 
zum Ort des Antreffens des zukünftigen Habens zu haben", 
Gramm, § 106, Ordb* S, 449) Netzgefang-en-macben-wiederholt- 
w^eil + ihr + sein (d, h. „da er sie, die Seehunde, zu Netz- 
gefangenen zu machen pflegte", mpiiortaii „im Netz gefangen", 
davon napitor-üpä „er macht ihn zum Netzgefangenen", Gramm. 
§ 137, Ordb. S. 451, davon napitorti-tarpä „er pflegt ihn zum 
Netzgefangenen zu machen", Gramm. § 131, Ordb. S. 450, davon 
d. 3. Sg. Konj. mit Suflfix d. 3. Plur.). In etwas freierer, unserer 
subjektiven Verbalform sich bedienender Übersetzung würde das 
Ganze nach meiner Auffassung also et^i folgendermaßen darzu- 
stellen sein: „Das zurückgekehrte Netz. Nachdem es diesen 
Winter sehr früh Eis gegeben, flogen wie \:l. . allen ihre 
erwarteten Netze aus. Auch hier in Jakobshaven flog einigen 
Seehundsfängem nördlich nicht weit von uns bei der Nftgarsojf 
benannten Landspitze das Netz aus, aber kurz nachher, als es 
seinem Besitzer am Morgen erschien, fühlte er sich sehr zum 
Ärger gestimmt. Indem es dem Umgarnten in Bewegung geriet, 
da es ihm ruckweise zurückging, fing ihm (dem Fänger), dessen 
Blick sich seine Umgebung wiederholt staiT aufdrängte, auf dem 
Eisbruch eine große Spur au zu erscheinen, da der Seehund 
wohl hinaufgeklettert war und sich vom Land weg bewegt hatte. 





234 F. N. Finck 

Sofort ging sie (die Spur) ihm (dem Fänger) ein Weilchen voran, 
aber er (der Seehund) hatte sich ziemlich weit fortgehend um- 
gewandt, und ihm (dem Fänger), von ihr (der Spur) angezogen, 
an seinen Netzausfliegensort sich entlang bewegend begegnete 
sein Netz an einem kleinen Eisstücke, wo es ihm (dem Seehund) 
beim an ihn Herangehn entfallen war; und der Seehund, dem 
auf dem Eisbruch sein Hinaufkletterungsort entging, war wieder 
hinabgestiegen, indem ihm sein (des Fängers) eigenes großes 
Netz auf der Eisoberfläche entfiel. Übrigens wurde es (das Netz) 
seinem Besitzer, da er (der Fangort) ihm (dem Fänger) ein 
dauernder Halt wurde, ein dauernder Ort des Begegnens zu- 
künftigen Inbesitzkommens, da sie (die Seehunde) ihm dauernd 
zu Netzgefangenen wurden.^ Dieser für die idg. Auffassung im 
eigentlichen Sinne verdrehten Übersetzung mag nun endlich noch 
eine freie, den Sinn erklärende Übertragung in normales Deutsch 
folgen, um die letzten Zweifel zu beseitigen : „Das zurückgebrachte 
Netz. Nachdem es den Winter sehr früh Eis gegeben, warfen 
wie gewöhnlich alle, von denen man es erwarten konnte, ihr 
Netz aus. Auch hier bei Jakobshavn warfen einige von d^ 
Fängern an der Landspitze ein wenig nördlich von uns mit 
Namen Nügarsox das Netz aus. Als aber kurze Zeit nachher 
am Morgen sein Besitzer nachsah, empfand er großen Ärger, 
da das gefangene Tier sich fortbewegend das Netz mit kleine 
Rucken weggeschleppt hatte. Anhaltend aufmerksam auf seine 
Umgebung starrend, erblickte er da auf dem Eisbruch plötzlich 
eine große Spur. Der Seehund war wohl hinaufgeklettert und 
hatte sich vom Land fortbewegt. Sofort folgte der Fänger der 
Spur ein Weilchen, aber der Seehund hatte sich, nachdem er 
ziemlich weit fortgegangen, umgewandt, und als der Fänger da: 
Spur folgte, kam er an die Stelle, wo er sein Netz ausgeworfen 
hatte, und traf es dort an einem kleinen Eisstücke, wo der 
Seehund es beim Heranziehn hatte fallen lassen. Und der war, 
nachdem er auf dem Eisbruch die Stelle, wo er herau^eklettert 
war, verfehlt hatte, wieder untergetaucht und hatte sein großes 
Netz auf der Eisfläche fallen lassen. Übrigens machte der Besitzer 
des Netzes (oder der Grönländer) später wieder Gebrauch von 
ihm, sich an die Stelle haltend, indem er Seehunde mit ihm 
erbeutete. ^ Verschiedenes, was der grönländischen Konstruktion 
ähnlich zu sein scheint und es stellenweise vielleicht auch ist, 
z. B. die Ausdrucks weise der australischen Sprachen, mnfi 
ich vorderhand noch von der Betrachtung ausschließen, da ich 



Der aoftblich passiTfacbe Charakter des troDsitiven Terbs. 



235 



eoch nicht zu einer mich befriedigenden Klarheit darüber gelangt 
Ipn, Nur das darf ich wohl unbedenklich kurz andeuten, daß 
die baskische VerbalaufFassung der grönländischen nicht gleich- 
gestellt werden darf, und zwar deshalb nicht, weil der Typus 
der Empfindungsverben dort neben dem der passivisch aufgefaßten 
Tatverbeu in geringerem Umfang vorkommt (vgl. H, Schuchardt 
Baskische Studien I 44), die normale Ausdrucksweise also doch 
wohl etwas anderes ist. Sollte aber auch meine Deutung des 
grönländischen Verbs falsch sein, so würde die Ähnlichkeit mit 
dem Baskischen doch noch ausgeschlossen bleiben* Denn zum 
Instrumental^ der im baskischen %-Easus vorliegt, wird man den 
grönländischen j>-Kasus doch hoffentlich nicht stempeln woUen 
(ich erlaube mir vorsichtshalber daran zu erinnern, daß dessen 
Rolle schon durch den sogenannten Modalis besetzt ist), mit der 
Benennung Transit! vus (C, C. ühlenbeck KZ, XXXIX 600, dessen 
Karakteristick der baskische grammatica, Verslagen en Mede- 
deelingen d. Kon, Akad. v. Wetenschappeu , Äfd. Letterkunde, 
46 Keeks, Deel VIU 29 ff.) aber seheint mir zunächst nicht mehr 
gewonnen zu sein als ein die Verscliiedenheit verdeckender Name. 
Und das ist wohl schlimmer als nichts« Es sei nun nur noch 
eine Sprache als Beispiel für den Typus der Enipfindungsverben 
angeführt, bei der freilich die Sache ein wenig verschleiert ist, 
die ich aber gerade deshalb für lehiTeich halte, die aztekische* 
Die Darlegung der Satzbildung dieses Idioms, die Wilh* v. Hum- 
boldt in § 17 seines Werkes j,Über die Verschiedenheit des 
menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluß auf die geistige 
Entwicklung des Menschaügeschlechts" geliefert hat, ist, soviel 
man auch an der weiteren Ausführung des Bildes gearbeitet 
hat, für die Grundauffiassung dieses merkwürdigen Sprachtypus 
doch bis heute maßgebend gebliehen oder, vorsichtiger geredet, 
noch immer nicht angefochten worden. Nach dieser allem An- 
schein nach also noch herrschenden Auffassung verbindet sich 
mit dem aztekischen Verb, von den Formen für die dritte 
Person abgesehn, stets ein Subjektivpräfix, und zwischen beide 
tritt, wenn die Bedeutung des Verbs es zuläßt, auch noch ein 
Ausdruck des Objekts im weitesten Sinne, sei's ein Nomen oder 
ein Pronomen, also um die schon von Humboldt gegebenen, die 
einfachsten FäUe betreffenden Beispiele zunächst beizubehalten, 
ni-nmti „ich lebe", ni-naha-kwa „ich-Fleisch-esse", ni-k-kwa in 
nakü'tl „ich-es-esse das Fleisch*^ (die Schreibung reguliere ich in 
allen Fällen nach dem Muster von Misteli Charakteristik der 





236 



R N. Fintk 



liauptsäehlichsten Typen des Sprachbaus S. 112). Der nomiöale 
Charakter des sogenannten Verbs ist dabei allerdings keineswei^s 
verkannt worden. Schon Stein thal weist ausdrüuklich darauf hin, 
daß ein jü-nemi streng genommen nur ?^üviel heiße vne ^Ich- 
lebender**. Aber der subjektive Charakter des Präfixes ni, der 
objektive des Infixes k gilt, wie es scheint, als ausgeiuaeh^M 
(vgl. H. Stein thal Charakteristik d, haupts^ächL Typen des Sprach-^" 
baues, Berlin 1860, S. 202—220; F. Misteli Charakteristik etc., , 
Berlin 1893, S. 112—135; Fr. MfiUer Gruudr, d. Sprachw, II 
Wien 1882, S. 260—270; Heinn Winkler Zur Sprachgeschichte, 
Berlin 1887, S. 48; James Byrne General Prineiples of the 
Structure of Langnage* I, London 1892, S, 189—192). Dieser 
Auffassung sicheinen mir nun aber doch jene Verbalausdrücke zu 
widersprechen, deren angebliches Übjektivinfix dieselbe Person 
bezeichnet, die durch das sogenannte Subjektivpräfis angedeutet 
wird, wie ni-uo-^jollaUa „ich-niich-freue'^ (F&bulas de Esopo en 
idioma mexicano publ. p. el Dr. Antonio Peöafiel, Mexico l^^Uo, 
S. 10; die Übersetzung zunächst in Anpassung an die geltende 
Auffassung), Ni-mUs-no-tlaeoH-lia „ich -dich- mich- liebe-fiir"^ - j,ich 
liebe dich für mich^: „ich Hebe dich" als Reverentialansdruck 
(Sacrificio de Isaac, anto en lengua mexicana escrito en afJo 1Ö7H 
trad. p. Francisco del Paso y Troneoso, Florencia 1899, S. 12 
ö-ni-Ho-maüa ^(Augnient)-ich-mir*wußt^" (Fabnlas S. 10), ti-mo- 
nimi-ltia „du-dich-leben- machst" : ^du lebst" (Sacrificio S. ü), 
m-mo-tSoki-li „du (vor Imperativen, Adliortativen, sonst fi-)-dich- 
weinest-fiir" : „du mögest weinen" (Sacrificio S, 9), o-mo*nmuii 
„(Augment)-sich-fürchtete'^ = ^^er fürchtete sich" (Fabulas S. ^\ 
O'netS'mo'nawati-li „(Augnient)-mir-sich-befahMur" : „er hat mir 
befohlen" (Sacrificio S. 17), H'tö-nmKii'Z'ke „wir-uns-fiirchten- 
werd-en" (Fabulas S. 22), ti-tö-^epan-awi-lfia „^ir-uns-einander- 
spielen ^machen" ^ ^vnr spielen miteinander" (Sacrificio S. 11) 
an-mo-Üaü-E-ke „ihr-euch*setzen-werd-et" (Lnk. 22, 30), o-mo- 
kniwtlake „( Augment )-sich- verbündeten" - „sie verbündeten sich*^ 
(Fabulas S. 22) etc. Denn von diesen angeblichen Objekts- 
Infixen stimmen die für die L und 2* Person genau mit den 
PoBsessivpräfixen überein, und das legt doch wohl den Gedanken 
sehr nahe, daß auch das Infix für die 3, Person einst ein Possessiv- 
pronomen, die ganze Konjugation also auch wenigstens in früherer 
Zeit einmal eine possessive war. Vgl. uo-ßwuh „mein Feind" 
(Fabulas S. 17), in mo-näu „die deine- Mutter" (Alonso de MoliuR 
Confessionario mayor en la lengua Mexicana y Castellana^ Mexico 



^ 



Der angeblich pasalvisetie GharaVt*r des trandtifen Verbs. 237 

1578, 8. 31), to-tMol «unser-Wort'' (Fabuias S. 22). mno'tmn 
^eaer-Haus" CSacrificio S. ly) etc, und auch Wendtmgen wie 
m-mo-kal-aki-tsmo „du mögest eintreten" (Sacrificio S, 10)p bei 
denen es auch auf Grund der herrschenden Ansieht kaum zu 
entscheiden Ist, ob es heißt j^dn-dir-Haus-eintreten -geruhest "^ oder 
„du-deiu-Haiis-eintreteii-geruhest''. Das Possessivpronomen der 
3. Person weicht nun allerdings ab, Ygl. i-iöka „sein-Name" 
(Lnk, Ij 5)j hn-üskawm „ihre-Schafe"^ (Luk. 2, 8) etc. Wegen 
der Gleichheit der Konstruktion wird man jedoch j wenn man in 
den angeblichen reflexiven Objektivinfixen tur die L und 2. Person 
Possessivinfixe erkannt hat, die für die 3* Person entsprechend 
deuten müssen, und es liegt nahe anzunehmen, daß dem mo = 
lat* snus einst ein i = eins gegenübergestanden hat, das all- 
mählich das reflexive Possessivpronomen verdrängt hat. Die 
Gleichheit der Konsti^nktion, des Dauerhaftesten in der Sprache, 
weist nun aber weiterinn auch noch darauf, einen einstigen 
Possessivcharakter auch für diejenigen Infixe anzunehmen, die 
zur Bezeichnung eines anderen als der durch das sogenannte 
Sabjektivpräfix angedeuteten Person dienen, d. h, für nüts „mich, 
mir", mits „dich, dir""» k ki „ihn, ihm", teU „uns", amets „euch*^ 
und kin „sie, ihnen**. VgL ti-nsts-ilwia „du-mir-sagst" (Fabnlas 
S. 11), ni-mits-itta „ich-dich-sehe'* (Sacrificio S. 11), ni-k-matl 
„ich-es-weiß" (Fabuias S, 29), 0'ti4PJhmo4siwi-li „(Äugment)-du- 
uns-dich-schufst*frtr" : „du schufst uns für dich" = „du hast uns 

I zvL erschaffen geruht" (Sacrificio S, 9), amBtS'maiHo-maka*^ „euch- 

" Zeichen*geben*wii^d'' (Luk. 2, 12), o-kin-ittake „(Ängment)-sie- 
saheü'^ (Fabuias S, 33). Man darf demnach vielleicht vermuten, 
daß sich uiijprünglich zwei Eeihen von Possessivpronomen gegen- 
überstanden, eine demonstrative nBts, mits etc. und eine reflexive 
no, mo etc., wofür man auch noch den Umstand geltend machen 

I darf, daß das Pronomen kin der 3. Flur* in bestimmten Fällen 
durch das possessive in (im) ersetzt wird, nämlich dann, wenn 
schon ein Pronomen derselben Reihe vorhanden ist. Vgl. darüber 
Misteli Charakteristik 8, 119: äi-mts-in-maka in mo-tötolwän 
m-mits-impieli-i „du-mir-sie-gib die deiue-Htihner , ich-dir-sie- 
bewahren -werde", d. h. eigentlich „du-mir-ihr-geben" etc. Vgl. 
im4tikawän „ihre Schafe"^ (Luk. 2, 8) mit km-namaka-e „sie- 

I verkaufen wird" (Fabuias S, 29). Das, was im aztekischen Satze 
unserem Objekt, daneben aber auch unserem Attribut, entspricht, 
ist also ursprünglich allem Anschein nach nur letzteres gewesen, 
das unser Objekt andeutende Pronomen war possessiv wie in 



\ 



I 




238 P- N. Pinck 

nicht wenigen anderen Indianersprachen. Eine Wendung wie 
ni-mits-itta „ich-dich-sehe" scheint also richtiger in ein Snbjekt 
ni nnd ein Prädikat mits-itta zu zerlegen zu sein und mit den 
sogenannten intransitiven Verben wie ni-tsoka „ich- weine" (Sacri- 
flcio S. 10) nnd der bloßen Nebeneinanderstellung von Pronomen 
und Nomen wie ti-i-kone „du-mein-Sohn** = „du bist mein Sohn'' 
(Luk. 4, 3) auf einer Linie zu stehn. Von einem Verb darf in 
solchen Fällen aber eigentlich überhaupt nicht geredet werden. 
Nur der Zusammenhang entscheidet darüber, wie es in unseren 
idg. Sprachen auszudrücken ist. Die beliebte Behauptung, daB 
jedes Nomen durch Vortritt der konjunkten Subjektivprftfixe in 
einen Verbalausdmck verwandelt werde, ist selbst dann falsch, 
wenn man unter dem Verbalausdmck ein Prädikatsverhältois im 
allgemeinen versteht. Vgl. z. B. si-kaki in-ti-te-nan „du höre, 
o-du-jemandes-Mutter" = „höre, Mutter*' (Sacrificio S. 14), was 
man doch beim besten Willen nicht als „du-höre die-dn-(bist)- 
jemandes-Mutter** denken kann. Denn Isaak redet zu seiner 
eigenen Mutter und denkt gewiß nicht daran, ihr die Mutter- 
schaft auf so merkwürdige Art zu bestätigen. Um nun die 
Grundbedeutung eines itta in ni-mits-itta „ich sehe dich** klar- 
zustellen, seien einige Beispiele aus einer Sprache zum Vergleich 
herangezogen, in der ein formal gleichartiger Vorgangsaosdrack 
verwandt wird, und zwar aus dem Pokonchi. ti-vihü „ich 
sehe dich" (Otto StoU Die Maya-Sprachen der Pokomgmppe I, 
Wien 1888, S. 65) heißt wörtlich übersetzt „du-mein-Sehn**, wie 
ein Vergleich mit ti-vulrik' „du schläfst** (StoU S. 61) und 
vu'Obax „mein Stein** (StoU S. 22) zeigt, in-vu-il „ich sehe ihn" 
(StoU S. 65) heißt eigentUch „er-mein-Sehn** (vgl. in-vtiirik „er 
schläft**, StoU S. 61), kin-avuril „du siehst mich** (StoU S. 66) 
heißt „ich-dein-Sehn** (vgl. kin-vulrik' „ich schlafe«, StoU S. 61, 
und avu-abax „dein Stein**, StoU S. 22), kox'k'-il „sie sehen uns'* 
(StoU S. 65) heißt eigentUch „wir-ihr-Sehn** (vgl. kox-vuirUc' „wir 
schlafen**, StoU S. 61, und k'-abax „üir Stein**) ^tc. SteUt man 
diesen Formen nun die anscheinend gleichgebUdeten aztekischen 
gegenüber, so zeigt sich eine bemerkenswerte Abweichung des 
Sinns. Das dem ti-mi-il „du-mein-Sehn** hinsichtUch der SteUung 
der Pronomina entsprechende aztekische ti-nstS-itta heißt nicht 
„ich sehe dich**, sondern „du siehst mich", das dem kin-am^ü 
„ich-dein-Sehn" entsprechende aztekische ni-mits-itta heißt nicht 
„du siehst mich**, sondern „ich sehe dich** etc. Mithin ist -iietif- 
itta nicht als „mein Sehn**, sondern als „mein Erscheinen" zu 



verstehn, das angebliche Subjektivpräfix infolgedessen als ein 
Kasus des Ziels, dem uaser Dativ wohl am nächsten kommt. 
Für diese urspiiinglich dativische Bedeutung der sogenannten 
Subjektivpräfixe spricht zudem auch wohl noch deren Gebrauch 
in Verbindung mit der Form auf -lo, die in den Grammatiken 
aJs Passivum bezeichnet wird, in Wahrheit aber wohl eine 
a4jektivische Ableitung ist. Vgl. in itskit$-iUa-lo j,das All-sicht- 
bare" (Saciifleio S. 9), in amo-itta-lo ^das Unsicht-bare" (Sacriflcio 
S, 9), in itta-h iwan in amo-itta-lo „das Sicht-bare und das Un- 
sicht-bare** (Sacriflcio S. 12) etc. So steht Luk. 1, 45 für „dir 
wurde gesagt" ö-ti-ihüi-lo-k (nach der herrschenden Auffassung 

I = (Augment) du -sag6n-(Pa3sivenduug)-(Praeteritalendung), wofür 
man, wenn ni'mits'ilma (Luk. 23, 34) wirklich „ich-dir-sagen" 
hieße, doch ein *o-mits-ibtH4o-k erwarten sollte. Daß der Dativ 
aber auch gleichzeitig als Absolntiv fungiert {ni no-piltdn „mir- 
[ich] dein 'Sohn** = „ich bin dein Sohn**) hat nichts Auffälliges, 
Man denke nur an das franz. moi, toi^ Itti usw. 

I Wenn eine derartige Darstellung von Vorgängen durch den 

Gegensatz zu der uns näherliegenden („dem Manne erscheint 
der Hund": „der Manu sieht den Hund") nun auch an eine 
passivische Dai'stellung erinnert, so bedarf s doch keiner langen 

I Ausfulirung, daß sie ihr deshalb noch nicht gleichgestellt werden 

' darf. Bei einer Ausdnicksweise wie „der Hund wird vom 
Manne gesehn" wird der Hund allerdings zum Ausgangspunkte 
der sprachlichen Darstellung gemacht, genau wie in dem Satze 
^der Hund erscheint dem Manne", aber man bleibt dabei doch 
der Ansicht, daß der Ausgangspunkt der tatsächlich verlaufenden 
Handlang, der Urheber derselben der Mann sei. Aktivum und 
Passivum haben mit der Verschiedenheit der Tat- und Empflndungs- 
verben nichts zu tun, und es wäre nicht undenkbar, daß auch von 
letzteren ein Passivum gebildet werden könnte. Bekannt ist mir 
eine solche Bildung jedoch nicht Bei der wundersamen Kon- 
struktion der Sprache von Encounter-Bay, bei der der 
Ausgangspunkt des Vorgangs durch einen Instrumental, das 
Ziel durch einen Objektskasus, also eine Art Akkusativ, an- 
gedeutet wird, konnte man vielleicht auf die Vermutung kommen, 
ein passivisch gewendetes Empfindungsverb vor sich zu haben. 
Diese Deutung würde aber doch auf nicht geringe Schwierig- 
keiten stoßen, und ich möchte die Vermutung wagen, daß es sich 
vielmehr um eine Konstruktion handelt, bei der wie beim chin. 
yü^ ko lang* „haben Stück Wolf" (= „es war einmal ein Wolf") etc* 



I 




240 F- ^^- Finck 

der Ausgangspunkt überhaupt nicht angedeutet wird, also eine 
Art Impersonale vorliegt. Die in Frage kommende Konstruktion, 
z. B. kom-il lak-in mäme „Mann-durch durchbohren-(Präsen8Suffix) 
(den) Fisch" („den Fisch", weil beim Pronomen ein Objektskasus 
vorhanden ist, der hier eintreten würde) wird in der Regel als 
eine passivische Wendung aufgefaßt (Fr. Müller Grundr. der 
Sprachw. IIi 56, Heinr. Winkler Zur Sprachgeschichte, Berlin 
1887, S. 77 u. S. 134) und das offenbar wegen des Gegensatzes 
zu der Ausdrucksweise kome lugel-in mam-ü „Mann durchbohren- 
(PräsenssuflSx) Fisch-durch" : „der Mann durchbohrt den Fisch**. 
Der Gegensatz von lagel- und lak-, auf den übrigens Fr. Müller 
gar nicht aufmerksam macht, könnte wie auch ngold (kel-ar 
ngold-un „die Hunde beißen"): ngolk- (ngolk-ur-an-el ^ich wurde 
durch ihn gebissen") natürlich Ausdruck eines aktivischen und 
passivischen Stamms sein. Was es aber in Wahrheit ist, läßt 
sich bei dem spärlichen Material, das Müllers Grundriß für diese 
Sprache bietet — und anderes steht mir nicht zur VerfÜgfung — 
nicht entscheiden. 

Die zweite Konstruktion hat eine genaue Entsprechung im 
Chürkilischen, nu tsama elqulla „ich Feuem-mit zünde an*'^ 
„ich zünde Feuer an" neben nu-ni tsami adilquUa „mich-durch 
Feuer (Nom. PL) werden angezündet" (P. K. Uslar Chiurkilinskij 
jazyk, Etnografija Kavkaza V., Tiflis 1892, § 140), das H. Schuchardt 
wohl mit Recht als Intransitiv erklärt, an Wendungen wie „mit 
Steinen werfen" = „Steine werfen" erinnernd (Üb, d, pass. Char. 
d. Trans, in den kauk. Spr. S. 23). Darf man nun das australische 
korjie lagelin mämil ebenso deuten, es etwa als „der Mann bohrt 
flsch-weise (= am IBIsch)" auffassen, so ist es vielleicht auch 
gestattet, komü lakin mame durch „es bohrt den Fisch mann- 
weise (= von Seiten des Mannes)" zu übersetzen, also anzunehmen, 
daß in der Sprache von Encounter-Bay nie Ausgangspunkt und 
Ziel, sondern immer nur eins von beiden angegeben werde* Mehr 
als eine Vermutung soll das hier Gesagte jedoch nicht sein. 

Damit dürften aUe aus dem Verhältnis zu Ausgangspunkt 
und Ziel entspringenden Verschiedenheiten des Vorgangsausdrucks 
angedeutet sein, die von beiden absehende Schilderung (bums^ 
Feuer) j die den Ausgangspunkt oder das Ziel angebende Dar- 
stellung (vivi-t, yu^ ko lang^) und der beides berücksichtigende 
Ausdruck mit der Doppelheit der Tat- und Empfindungsverben 
(„icÄ sehe ihn: er erscheint mir^\ wozu dann noch der Gegen- 
satz aktivischer und passivischer Auffassung tritt, der nur im 



Der angeblich passirische Cbarakter des tmnsitdyen Verbs. 241 

ersten Falle ausgeschlossen ist, aber tatsächlicli aach wohl nur 

bei einigen der anderen Fälle zur Entwicklung kommt. Erscheint 

. bei dieser schematischeu Darstellung das Passivuni als etwas 

I Sekundäres, das Äktivum Voraussetzendes, so soll damit jedoch 

keineswegs gesagt sein, daß überall, wo ein Passivum festgestellt 

»werden kann, dieses erst als Gegensatz zu einem Aktivum ent- 
standen sei. Es steht selbstverständlich nichts der Annahme 
entgegen, daß ein Tjpns wie der Hund tmrd vom Manne gesehn 
auch ohne yorausgegangenes der Mann sieht den Hund entstehen 
könne, und es ist mehr als wahrscheinlich, daß dies auch oft 

I genug geschehn ist. Und auch das bedarf wohl keiner aus- 
führlichen Erörterung, daß die angedeuteten verscliiedenen Arten 
des Vorgangsausdrucks nicht liberall scharf voneinander getrennt 

f werden, daß die absonderlichsten Berührungen und Vermischungen 
vorkommen können. Für die Vermengung einer aktivischen 
Konstruktion mit einer passivischen habe ich schon einige Bei- 
spiele ans dem Neuirischen angeführt und auf das Balutschi und 
Neu indische wenigstens hingewiesen, wo die verschiedene 
Verwendung des alten Passivpartbips ein interessantes Bild 
gewährt. Es sind in der letzteren Gruppe, wie es scheint, vier 
Typen im Gebrauch (vgl, dazu Hoenüe A comparative Grammar 
of the Gandiun Languages, London 18B0, § 487): 1, Die rein 
passivische Konstruktion „Pferd mich-durch losgebundenes", „Brief 
mich-durch gelesener^ (maratM ghora m% sariUi, pothl ml vacil% 
bindi ghorä mät-ne chora^ pothi mai-ne par-hl), 2. die aktivische 

- Konstruktion „Pferd (Acc/Dat) ich losgebundener", „Brief (Acc,- 

I Dat.) ich gelesener" (bihari [von Hoernle damals noch eastern 
hindi genannt] ghorä-ke niai chojHd, pothl-ke nmi parh^ld, bengali 
ghara-ke ümi chofilam, pothl-ke ami parhüäm, oriya ghorä-ku 
muhi chorilif pothhhi muhi parhüi)^ 3, zwei MischbU düngen, 
und zwar a) ^Pferd (DatJAcc) mich-durch losgebundener" (im 
Sinne eines Neutrums)'^, „Brief (Dat./Acc,) mich-durch gelesener" 
(im Sinne eines Neutrums) (maratlü ghoryä-U ml soriU^ pothi-la 
mi vädlif braj, ghorä-kaü tnui-ne chorgau^ pothl-JcaU mat-ne 

tvicgauj sindhi ghore-khe twk chorioj pothia-khe mü parhio)^ 
b. „Pferd mich-durch losgebundener*^ (in Genus und Numerus 
dem „mich-durch'' angepaßt), „Brief mich-durch geschriebener^ 
(nepali ghoro mai-le choriyO} potM mat-le parhiyo, gh^fo strich 
cÄon TjPf^^d Frau* durch losgebundene*^)* Von diesen beiden 
Mischbildungen steht letztere der des georgischen Aorists 
lehr nahe, über dessen Wesen erst Schuchardts' schon mehrfach 

Z«tU<il»lfl fir TfrrgL Sprftohf, XLI. 3. \% 




242 



F. N, Pinck 



erwähnte Abhandlang Aufkläruni^ gegeben hat. Währeud bei 
dem aktivjschen Präsens der Ausgangspunkt des gescbUderten 
Vorgangs durch den Nominativ und das Ziel durch den Dativ 
angedeutet wird, z. B. deafli sfsanis ^orfs-s da pur-s „(der) 
Hund frißt Fleisch (Dat.) und Brot (Datf (Nasidze § 28), dient 
der Nominativ im Aorist zur Bezeichnung dessen, was in der 
Übersetzung ins Deutsche aJs Objekt erscheiatj und unser Subjekt 
wird durch einen besonderen KasuSj den Aktivus auf 'man -ma 
-m angedeutet, z, B. deda-m (Akt*) dainaya mt/owara (Nom.) 
„die Mutter erblickte den Bettler" (Nasidze § 22)* Es ist also 
klar^ dali im Aorist eine andere Auffassung herrscht, und der 
Satz dedam dauta/ß mf/owara scheint wörtlich „von der Mutter 
wurde gesehn der Bettler** zu bedeuten* DaB diese Übertragung 
nun aber auch nicht ganz genau ist» ergibt sich daraus, daß^ 
dieser Aorist wie das aktivische Präsens für jede Person aüififl 
besondere Form hat. VgL me v-amwb „ich erbaue", sen asmd | 
^du erbaust", is asetteb-s „er erbaut", fstven v-aseneb-f „wir 
erbauen", f Je wen memb-t j,ihr erbaut**, \mni a^eneb-en „sie | 
erbauen^ mit me v-asen-e „ich erbaute", sen asm-e „du er- 
bautest", iman dsen-a „er erbaute", i^swen v-aSen-ef „wir er- 
bauten", tk'wen asen-et „ihr erbautet"^, imaf asen-es ^sie er- 
bauten" (Ar, K'ut'at'eladze Pirwel-daf sqebit'i k'art'uli grammatika 
S, 90, 91)* Der Satz dedam dmna/a mf/owara wäre also un- 
gefähr durch die Wendung „von der Mutter, sie sah ein Bettler* 
zu veranschaulichen* „Ungefähr" ist hinzuzusetzen, weil es im 
Georgischen obendrein noch eine Passivbildung gibt, hei der der 
Urheber der Handlung nicht durch den Aktivus, sondern durch 
den Genitiv (oder Instmmental) mit der die Herkunft angebenden 
Postposition gan bezeichnet wird, 2, B. iqo x^i^^^^^^i^p'^ ^i rome- 
lisa sak^mem arawisa-gan moigonebian „es war (einmal) ein 
Herrscher, dessen Taten von memand im Gedächtnis behalten 1 
werden können" (Saba Sulj^an Orbeliani T'signi sibrdznesifsm*™ 
wisa . . . gamarebuli N, Mt'wareligwüis mier, Tp'ilisi 1892, S<S). 
Eine derartige Passivbildung liegt auch in dem periphrasüschea 
georgischen Perfektum vor, das durch den Vortritt eines daü* 
vischen Pronomens seinen Charakter als Empfind nngsverb verrät 
und damit ein gutes Beispiel für den leichten Übergang der einen 
der beiden Anschauungen in die andere bietet, z* B, dfes fsems 
pirs nafsili ar m-i-hkarebi-a „heute meinem Munde Bissen nicht 



mir-berührt ist", d* h. „mein 



berührt" (Nasidze § 22), 



Mund hat heute keinen Bissen 
Allerdings weicht die präsentiscJia 



Der anf&llich passifieche Qjaralter des transitiven Verbs. 243 

Passivform ftlr die dritte PersoB dadurch ein wenig ab, daß 

der Stammauslaut i vor dem a {= „isf^) geschwundeii ist, „Er 
wird geliebt '^ heißt beispielsw* i-qareh-a imd nicht "^i-qarehi-a. 
Schuchardt (Üb. d* pass. Char. S. 78) hat aber schon richtig 
'bemerkt^ daß sowohl die Nebenform i-garebi-s „er wird geliebt*^ 
(s und a sind gleichwertig, beide ans arü „ist" entstanden) wie 
die Formen fiir die erste und zweite Person die Entstehung des 
i-qareb-a aus ^i-garebi-a dartun* VgL die Paradigmata aus 
K'ufat^eladdz S. 91 u. 115; 

tue m-i-senebi'a mir mir-(Charakt€rvokaI)-erbaut-ist 

sen g-i-senehi-a dir dir-(Charaktarvokal)-erbant-ist 

imas u-senebi-a ihm -(Charaktervokal)-erbaut4st 

fswen gw-i-mieU-a uns uns-(Charaktervokal)' erbaut* ist 
tk\ven g-i-ienebUü'f euch dir-(Charaktervokal>erbaut- ist -(Plural- 
suffix) 
imaf u-senebi'ü'f ihnen -(Charaktervokal)-erbaut-ist-(Pluralsufflx) 

und 
me W'i-fserebi ich ich-(Charaktervokal)-geschrieben 

sen i-fserebi du (Charaktervokal)-geschrieben 

^^ i^Vsereb-a er (Charaktervokal)-gesehrieben -ist 

^^men w44"serebi-t' wir ich-{Charaktervokal)-geschrieben-(Plural- 
I Suffix) 

fk'wen i-fserebi-t ihr (Charaktervokal) -geschrieben- (Pluralsuffli) 
mm i'feerebi-ün sie (CLaraktervokal)-geschrieben-sind* 
I Daß me im ersten Paradigma „mir", im zweiten „ich" heißt 

Ußw., zeigen die Formen der 3. Person und die Nomina. Für 
die Leichtigkeit, mit der endlich auch Enipfindungsverben zu 
aktivischen Tatverben werden, sind schon Beispiele angeführt 
worden {mi'qwar-s „mir-lieb-ist" : tV'i'qimreb Joh liebe** etc.)* 

Was nun die Mittel zum Ansdmck der hier umgedeuteten 
verschiedenen Arten von Vorgangsausdriicken anbetrifft, so 
herrscht da, wie es von vornherein zu erwarten ist, eine nur 
schwer zu übersehende, der ordnenden Darstellung widerstrebende 
Mannigfaltigkeit, Jeder Versuch, diese vielfaltig verwickelten 
Verhältnisse klarlegen zu woUen, wird geflissentlich von manch 
Individuellem absehn, einige scharf hervortretende Züge auf 
Kosten anderer Eigentümlichkeiten noch mehr hervorheben 
müssen, damit es möglich werde, statt lose aneinandergereihter 
Bescfareibongen von Einzelheiten eine das Ganze wie auf einen 
Blick aufweisende Anordnung zu schaffen* Einer derartig weiten 

16* 




244 F. N. Finck 

Umschau sollte sich nun aber auch der nicht entziehn, dem es 
in erster Linie am die Beobachtung einzelner Erscheinungen zu 
tun ist. Denn dieses Isolieren, dieses Herausreißen aus Zu- 
'sammenhängen , die doch unleugbar vorhanden sind, yennebrt 
naturgemäß noch die mit jeder Beobachtung und Darstellung 
schon verbundene Vergewaltigung der Wirklichkeit, deren möglichst 
unbefangenes, möglichst nur au&ehmendes Erfassen es doch in 
erster Linie, vor dem Versuch des Erklärens, gilt So sind 
denn die Mängel der Gesamtflbersicht , mögen sie groß oder 
klein sein, schlechterdings mit in den Kauf zu nehmen, und es 
sei mir gestattet darzulegen; welches Bild ich aus einer wie ich 
glaube vorurteilsfreien Betrachtung möglichst vieler Sprachen 
gewonnen habe. Ich bemerke ausdracklich, daß ich nicht den 
Anspruch erhebe, alles richtig erfaßt zu haben, glaube auch 
nicht, daß mir dies jemals gelingen wird. Aber da ich mich 
vorderhand aller Zurückfährung auf Ursachen enthalten und nur 
berichten will, so scheint mir eine Mitteilung der von mir 
gewonnenen Eindrücke keine Grefahr in sich zu bergen und 
vielleicht doch von einigem Nutzen zu sein. Auch die Er- 
zählungen der Weltreisenden lassen oft schmerzlich das tiefe 
Eindringen in den Geist eines Volks vermissen, das nur bei 
jahrelangem Beobachten von einem einzigen festen Stand aus 
möglich wird. Aber doch bleibt immer noch etwas f&r sie zu 
berichten übrig. Aller Mannigfaltigkeit zum Trotz, die sich bei 
den Versuchen abspielt, flr die Vorgänge der Wirklichkeit einen 
sprachlichen Ausdruck zu finden, schart sie sich doch, wie mir 
scheint, zu einigen wenigen durch annähernd gleiche Grund- 
auffassung verbundenen Gruppen zusammen, und wenn ich dabei 
nicht nur die Mittel des Vorgangsausdrucks ins Auge fasse, 
sondern mich des Gesamteindrucks erinnere, den die Beobachtung 
bei mir hinterlassen hat, dann bleibt nur noch eine Doppelheit, 
die am besten durch die Namen Anreihung und Unter- 
ordnung gekennzeichnet wird. Ich gebrauche beide Ausdrücke 
in allerweitestem Sinne, worüber ich sogleich genauere Auskunft 
geben will, etwa in der Umgrenzung, in der Heinrich Winkler 
Zur Sprachgeschichte, Berlin 1882, S. 245 ff. sie verwendet, mit 
dessen Anschauungen ich vielfach übereinstimme, durch dessen 
Darlegung ich vielleicht auch nicht wenig beeinflußt worden bin, 
auf der meine Auffassung jedoch auf keinen Fall im eigent- 
lichen Sinne beruht. Denn so schwer es auch ist, genaue 
Eechenschafb darüber abzulegen, welchen Einflüssen man unter- 



Der angeblich pauivuchc Chanicter des tnnsitiTen VuIm. 



245 



I 



l^en ist, das weiß icli gaaz genau, daß ich, als ich Winklera 
Boch zum erstenmal las, den Eindruck des fast SelbstTerständ- 
üchen gewann, worait ich das Werk nicht etwa herabsetzen wUl 
— ich schätze es noch immer als ein geradezu bedeutendes 
Werk — womit ich vielmehr nur andeuten möchte, daß sich 
bei mir schon eine aus unmittelbarer Beobachtung der Sprachen 
erwachsene Anschauung gebildet haben mußte, mit der ich 
Winklers AusflihrnDgen entgegenkommen konnte. Den Charakter 
der Anreihung im weitesten Sinne sehe ich in den Sprachen, die 
man als anreihende (im engeren Sinne) und stammisolierenda 
bezeichnet hat (vgL F* Misteli Charakteristik der haupts. Typen 
des Sprachbaues, Berlin 1893, 8, 99 ff*)> die ich in weitgehender 
tTbereinstimmnng mit James Byrne (General Prüiciples of the 
Structnre of Language, I^ondon 1892) für den Ausdruck eines leb- 
hafteUj sanguinischen oder cholerischen Temperaments halte (vgl 
F< N. Finck Die Klassifikation der Sprachen, Marburg 1901)» die 
mau vom geographischen Gesichtspunkt, wenn man's nicht allzu 
genau nimmt, kurz die Sprachen Afrikas und Ozeaniens nennen 
kann. Den Charakter der Unterordnung dagegen sehe ich in 
den sogenaunten agglutinierenden und einverleibenden Sprachen, 
die ich für die Idiome der Phlegmatiker und Melancholiker unter 
den Völkern der Erde halte, deren Heimat Aisien und Amerika 
ist. Von den natürlich auch vorhandenen Übergangsformen muß 
vorläufig abgesehen werden. Eineü nicht zu miBdeutenden 
greifbaren Ausdruck findet diese Verschiedenheit meist in der 
Stellung des Attributs, die freilich keineswegs allein entscheidet, 
aber kurz besprochen werden mag, weü ihre Bedeutung sich an 
naheliegenden einfachen Beispielen erläutern läßt. Voranstellung 
eiBee attributiven Adjektivs, um diesen FaU allein ins Auge zu 
fassen» ist Unterordnung, weü es für den Hörer unbedingt und 
bis zn einem gewissen Grade auch für den Sprecher erforderlich 
ist, einen solchen nur annähernd klaren Lautkomplex festzuhalten» 
bis das folgende Substantiv die Mehrdeutigkeit beseitigt, eine 
Arbeit, die zuweilen recht groß sein kann. Die appositioneile 
Änreihung hat dieses Zusammennehmen der Gedanken nicht 
nötig, sie gesellt Gleiches zu Gleichem, kaleidoskopartig immer 
neue kleine Bilder anfügend» Man vergleiche die Ausdrucks- 
weisen ein kleines weißes Herlichea lebendiges Kutschen und ein 
Kätzchen f ein kleines, weißes, zierliches, lebendiges und wird dem 
Gesagten xusümmen. Die hierdurch jedoch nur angedeutete 
jeweilige Orundauffassung durchzieht aber naturgemäB immer 



^ 



246 F- N. Pinck 

die gesamte Sprache, und um diesen tiefgreifenden unterschied 
anschaulich zu machen, mögen ein paar charakteristische Texte 
mit Erläuterung vorgelegt werden. Das großartigste Beispiel 
für einen unterordnenden Sprachbau scheint mir das Eski- 
moische zu bieten. Da aber schon eine Probe aus dem zu 
dieser Gruppe gehörenden Grönländischen gegeben worden ist, 
will ich davon hier absehn und zur Ergänzung eine kleine 
türkische Erzählung vorlegen. Einige Bemerkungen zur 
Grammatik (nach A. Wahrmund Prakt. Handb. d. osmanisch- 
ttirkischen Sprache«, Gießen 1898 und A. Müller Türk. Gramm., 
Berlin 1889), doch unter Beschränkung auf das notwendigste, 
mögen vorangehn. Von Lauteigentümlichkeiten hat die Unter- 
scheidung von gutturalen Vokalen, nämlich a, o, w, y (ein mit 
der Lippenstellung des i gesprochenes m, Bell-Sweets^ »high- 
back-narrow") und Palatalen, nämlich e, ö, n, i Bedeutung fttr 
die ganze Sprache, da beim Antritt von Suflixen deren Vokal 
derselben Eeihe angehören muß wie der des Stammes, wozu 
noch die weitere Beschränkung kommt, daß nach o und u statt 
eines y ein u eintreten muß und entsprechend nach ö und ü 
statt eines i ein ii. So kommt's, daß durchgehends mehrere 
Suffixe mit verschiedenem Vokalismus gleichwertig nebeneinander 
stehn, bald zwei, wie beispw. -lar bezw. -ler zur Bezeichnung 
des Pluralis {daylar „Berge", ok-lar „Pfeile'', kus-lar „Vögel", 
hyz'lar „Mädchen", aber ev-ler „Häuser", göe-ler „Augen", 
gün-ler „Tage"» iUler „Hunde"), bald auch vier, wie beispielsw. 
die Genitivsuffixe -yn, -in, -un, -iin (day-yriy ok-un, kw-tw, 
kyz-yn, ev-in, göz-ün, gün-ün, iUin). Für das Nomen und 
Pronomen kommen Plural-, Kasus- und Possessivsuffixe in 
Betracht, 1. Pluralsuffixe: -lar, -ler (den Kasussuffixen voraus- 
gehend). 2. Kasussuffixe: fttr den bestimmten Akkusativ -y, 
'i, 'Uj 'ü (mit Einschub von j beim Zusammentreffen zweier 
Vokale. Der unbestimmte Akk. = Stamm), fttr den Genitiv -yn, 
-iw, 'Un, 'im (nach Vokalen -nyn, -nin, -mm, -nün)^ fttr den 
Dativ -a, -e (mit Einschub von j beim Zusammentreffen zweier 
Vokale), für den Ablativ -dan, -den. für den Lokativ -da, -de. 
3. Possessivsuffixe (dem Pluralsuffix folgend, dem. Kasussuffix 
vorangehend) „mein" -j/m, -im, -um, -Um (nach einem Vokal -m), 
„dein" -yn, -in, -un, -ün (nach einem Vokal -;j)> r,sein" -y, -i, 
-M, 'ii (nach Vokalen -sy, -si, -su, -5m), „unser" -ymyz^ -imig, 
'Ummj 'ümilz (nach Vokalen -myz, -miZj -muz^ -milz)^ „euer" 
-ynyz^ -iniz^ -unuZy -iinüz (nach Vokalen -nyz^ -niz^ -nüz^ -nüz), 



Der ang«blicb pmssiTbclie Chsnkter des tnnsithren Terbs. 



247 



I 



„ihr** -tof-jf, -ler-y (Pluralsaflix + Possessivsaffix der 3. Sg,). 
Beim Verb ist die reiche Eotwickluiig von ÄrtstammeD (Eeflesi- 
vum, Reziprokuin, Kausativiim, Passivum, Impossibilitivam etc, etc.) 
beachtenswert, braucht aber hier nur kurz andeutend berührt zu 
werden* Hinsichtlich des rein Lautlichen bemerke ich, daß die in 
runden Klammern stehenden Vokale bei Zusammentreffen mit einem 
andern ausfallen, das <j> nur zwischen Vokalen als Übergangs- 
laut erscheint, d in eckigen Klammern meist nach f, ts, s, y und 
k mit vorausgehendem gutturalen Vokal schwindet. Vom Grund- 
stamm wie ko-mak „setzen**, tSek-mek „ziehn" etc, {-mak, -mek 
ist die Infinit! vendung) bUdet man 1, ein Reflexivura mittels 
'(p^)j -^(Mi -0<>^ -('«>', z. B» tsek'in-mek „sich zurückziehn"; 

2. ein Reziprokum mittels -(yß, '(i)s^ -Ö^ß, -füß, z. B. fför-m- 
mek ^einander besuchen"; 3, ein Kausativum mittels -{djyr, 
~[djh% -[d]nr, -[djür oder 4^ z, B. gez-dlr-mek ^fuhren": gez-mek 
„gehn*^, uju't-mak ^einschläfern''; 4. ein Passivnm mittels -(y)l^ 
'{U)i -0'?A -f«>'t 2. B. sev-ü-mek ^geliebt werden*"; 5. ein 
Negativurn mittels -ma, -me, z* B* ßs-ma-mäk ^nicht schreiben*'; 
6. ein ImpossibiUtiviim mittels '<j>ama, '<j>eme^ z, B. jae- 
dma-mak „nicht schreiben können'". Vom Reflexiviim wie Uek- 
in-mek bildet man nun weiter L ein Reziprokum, woftir jedoch 
schwer Belege zu finden sind; 2. ein Kausativum, z. B. sev-in- 
dir-mek ,, erfreuen *" : .^ev-mt^k „lieben*^; 3. ein Passivum, z, B, 
»ei?4n-il-mek ^sich selbst gefallen*^; 4. ein Negativum, z. B, 
bul'im-ma-mak „sich nicht finden"; 5. ein Impossibilitivum, z. B, 
hid-un-äma-nrnk „sich nicht finden können". Vom Reziprokum 
wie fför-iis-mek bildet man wiederum L ein Kausativum, z. B. 
aev-tS'dir-meJc ^befreuuden'^ („einander lieben machen"); 2. ein 
Passivnm, z.B, diig-m-ül-mek „voneinander geschlagen werden"; 

3. ein Negativuni , z. B. gör-i(s-me-mek ^einander nicht besuchen", 

4. ein Impossibilitivurn , z* B. gör-üs-eme-mek „einander nicht 
besuchen können". Vom reziproken Reflexivum bildet mau 
1. ein Kausativum, z, B. ko-n-üs-dur-rnak „miteinander bekannt 
machen" (^bewirken, daß mau sich zueinander hinsetzt '^); 2. ein 
Passivum, z* B. ko-u-u^-td-mäk „zueinander hingesetzt werden"; 
3. ein Negativum, z, B. ko-ti-tfS-tim-mak „sich nicht zueinander 
lunsetzen**; 4* ein Impossibilitivumj z. B. ko-n-us-äma-mak „sich 
nicht zueinander hinsetzen können'*. Vom Kausativum wie 
gef 'dir-mek bildet mau L ein zweites Kausativum, z* B> kyr- 
dyr-t*mak ^durch einen zerbrechen lassen**, ver-dir-i-mek ^ durch 
Vermittlung zweier geben" ; 2, ein Passivum, z, B. öVdür-ül-mek 





248 F. N. Finck 

^getötet werden", uju-t-ül-mdk „eingeschläfert werden"; 3. ein 
Negativum, z. B. gez-dir-me-mek „nicht führen"; 4. ein Impossi- 
bilitivum, z. B. ges-dir-eme-mek ,,nicht führen können". Vom 
kausativen Eeflexivnm wie sev-in-dir-mek bildet man 1. ein 
Passivum, z. B. sev-in-dir-il-mek „erfreut werden"; 2. ein 
Negativum, z. B. pev'in-dir-me-mek „nicht erfreuen"; 3. ein 
Impossibilitivum, z. B. sev-in-dir-eme-mek „nicht erfreuen können". 
Und auf solche Weise bildet man, was hier nicht im einzelnen 
ausgeführt zu werden braucht, auch noch ein Eausativnm, Passi- 
vum, Negativum und Impossibilitivum zum zweiten Eausativurn 
wie kyr-dyT-t-mäk; ein Kausativum, Negativum und Impossibili- 
tivum zum einfachen Passivum; ein Passivum, Negativum und 
Impossibilitivum zum kausativen Reziprokum wie semS^ir'tneky 
zum kausativen reziproken Beflexivum wie ko-n-us-dur-mak 
und zum dritten Kausativum wie uju-t-dur-t-mdk „einen dorcb 
etwas einschläfern lassen"; endlich ein Negativum und Impossi- 
bilitivum zu allen Stämmen, die nicht schon eins von beidem 
darstellen, z. B. zu dem vom Passivum jaz-yl-mak „geschrieben 
werden" abgeleiteten Kausativum jo^-j/^d^-mo/c „schreiben lassen" 
(d. h. „machen, daß geschrieben wird") ein jaz-yl-dyT-ma-mak 
„nicht schreiben lassen" und ein jae-yUäyr-äma-mak ^nicht 
schreiben lassen können", Bildungen, die durch die Anpassung 
des Vokalismus der Suffixe an den des Stamms beredte Zeugnisse 
für die Tendenz der Unterordnung sind. Die Konjugation kommt 
durch Anfügung von Personalendungen ursprünglich possessiven 
Charakters an bestimmte Tempus- und Modusstämme zustande, 
und zwar 1. einen Aoriststamm auf -(ajr, -(ejr von den meisten 
einsilbigen Stämmen, auf -(y>, -(ijr, '(u)r, '(ü)r von mehrsilbigen 
StÄmmen und einigen einsilbigen auf r, Z, w, auf -g von Negativ- 
stämmen; 2. einen Präsensstamm auf '(y)jor, -(ijjor, -(ujjor^ 
'(ii)jor oder '(a)jor, '(e)jor\ 3. einen Futurstamm auf -Kjxxdiaky 
'<j>edzek\ 4. einen Nezessitativstamm auf -maiy, -wett; 5. einen 
Präteritalstamm auf -dy-, -di, -du; 6. einen Perfektstamm auf 
-wj/5, 'tnis, -WU5; 7. einen Konditionalstamm auf -sa, -se; 8. einen 
Optativstamm auf '<j>a, -<j>e. Der Aoriststamm bezeichnet 
eine Tätigkeit im allgemeinen (gör-ilr „er sieht, hat Sehf&higkeit"), 
der Präsensstamm ein bestimmtes Tun {gör-üjor „er sieht etwas 
jetzt"). Präteritum und Perfektum uuterscheiden sich dadurch, 
daß ersteres beim Bericht eines Augenzeugen gebraucht wird, 
letzteres, wenn etwas Erschlossenes, Vermutetes etc. mitgeteilt 
wird, z. B. vapor gitti „der Dampfer ist fort" sagt der, der die 



Der angeblich paesivische Charakter dea tranflitiven Verhb, 249 

Abfahrt gesehn hat und dies einem anderen mitteilt, vapor gitmw 
„der Dampfer ist fort^ ruft dagegen der zuspät zum Landangs- 
platz Kommende nnd ihn leer Findende aus (vgl, Aug. MliUer 
Türkische Grammatik, Berlin 1889^ § 72). Die Personalendungen 
sind I* für den Imperativ (sofern nicht der hloße Stamm ver- 
wandt wird): Sg, 2. -(ifM, '(i)*h '&0^h -(^^Ph 3. -5^«, -sin, -sun, 
-siüij PL 2. '(y)nyz^ -(ijm^, -(u)nm^ -(UJnüe, 6. = Sing* + Plural- 
snffij {-syn-hr etc.) ; II. für den Konditional und das Präteritum : 
Sg, 1, -iHj 2. -n^ PI. h -fc, 2. -nys, -nizj -nuz, -niiz^ während 
die 3. Sg* unhezeichnet bleibt, die 3. PI. das Pluialsnffix {-lar, 
4er) erhält; IH. für alle anderen Fälle: Sg. L -ym^ -im, -ttw, 
-üm^ 2. -syn^ -sin^ -stm^ -sünj PI. 1. -y^f -i^^ -tt^, -m, 2. -sye, 
'Si^f 'SUZf 'sii£ oder -synyB, -sinis^ -stmu^, -mnÜ2, während die 
3, Person wie bei II. behandelt wird* EBdlich sind noch ver- 
schiedene Verbalnomina zu erwähnen, eins auf -ma, -me, der 
bereits angeführte Infinitiv auf nia-k, -me-k^ der Inf. Prät. auf 
*dy*k^ 'di'k, der Inf* Fnt auf '<j>adia-k, '<j>ediekf ein Part. 

I Aor. auf '(a)r^ -(e)r, -(yjr^ '(i)r, -(u)t^ -(^K ein Part. Präs. auf 
-<j>aw, -<j>en und mehrere Gerundia» nämlich auf yp^ -ip-, 
-tip, -üpj -aräk^ -erek^ -ydMk, -idiek, -indzSy -a, -e, -mayyn^ 
-meßny -aly^ -elL Daß aoßerdem noch zusammengesetzte Verbal- 
formen in Gebranch sind, mag nur kurz erwähnt werden* Den 
nun folgenden Text, einen von den bekannten, an die Person 
des türkischen Eulenspiegels Nasr-ed-din geknüpften Schwanken 
entnehme ich G. Jacobs türkischem Lesebuch (Erlangen 1903) 
S. 16 f., ohne mich jedoch an die dort angewandte Schreibung 
m halten* Bir ffmi ^odla komm-mm-dan Inr kaean al-yr. 

I Iß-in-i gor-dük-den sora kasan-yn it^-tn-e bir kUtSük tmdeef'e 
ko-jup ge-tir-ip (aus *gel-dir*ip) sahyb-yn-a vef-dik-de mliyh-y 
ühan herif gör-ür ki kazan-yn UE-in-de bir kutsiik tendiere 
mr-dtfr, j^Bu ne-dir" /oeüet-iöt de-r, Xodia „kazan doyur-du'^ 
derdik'de herif tefidiere kabuUan-yr Jine bir gün /odla kamn-y 

_ jute-r, Äl-yp ev-in-e ge-tir-ip (aus *gehdir-ip) ktdlau-yr. Kasan 

f sakyb-y bak-ar bir gün bes giin jok kazan gel-me-dL Xodzu-ny^i 
eihiii-e gel-tp dakk-i-bab eße-dik-de ;fodia kapfi-ja gel-ip „ne iste- 
rmi** de-di'k'de Jca^an-y'^ de-di. Xodia ayd-yr: „Sen sdy ol! 
küEün merhum ohdu"^. Herif ayd-yr: „Xod£a efendi, hits kamn 
M'ür-mU?^ de-dik-de ^Ja doyitr-duy-un-a ynan-yr-syn-da öl-dii- 
jiiH'€ ymm^ma'^'tmj-synP' de-mw. Das heißt Wort für Wort 
etwa: ^Ein(es) Tag(es) Meister Nachbar— sein(em)— von ein(en) 
Kessel borgend. Geschäft— sein— das (ge)sehn— haben— von nach 



L 



250 F. N. Finck 

Kessel-s Inneres— sein-em ein(e)klein(e) Schüssel leg-end kommen — 
mach-end Eigentümer— sein-em (ge)geben— haben— in Eigentümer 
—sein sei-end(er) Kerl seh-end daß Kessel-s Inneres— sein— in 
ein(e) klein(e) Schüssel vorhanden— seiend. *Dies was -seiend' 
Meister — zu sag-end. Meister "Kessel geboren— habend' (NB. als 
Bericht eines Augenzeugen!) (ge)sagt— haben— in Kerl Schüssel 
— zu auöiehm-end. Abermals ein(en) Tag Meister Kessel— den 
wünsch-end. Nehm-end Haus— sein— zu kommen— mach-end ge- 
brauch-end. Kessel Herr — sein zuschau-end ein(en) Tag fünf 
Tag(e) nichtsein Kessel (ge)kommen— nicht — seiend. Meister-s 
Haus— sein — zu komm-end Klopfen — der— Tür (ge)macht — haben— 
in Meister Tür— zu komm-eud *was wünsch-end— du?' (ge)sagt 
—haben— in *Kessel— den' (ge)sagt — habend. Meister sag-end 
*Du gesund sei! Kessel erbarmt (ge)wes-en'. Kerl sag-end: 
*Meister Herr, jemals Kessel sterb-end-etwa' (ge)sagt — haben— 
in *nun(Ge)boren— haben— sein-em glaub-end— du — in (Ge)storb6n 
—seiend— sein-em glaub— nicht-end— etwa— du (= glaubend— nicht 
—etwa— du)' (ge)sagt— habend." In freierer Übersetzung lautet 
es : ^Eines Tages borgte der Meister von seinem Nachbarn einen 
Kessel. Nachdem er ihn gebraucht, legte er in den Kessel eine 
kleine Schüssel und brachte ihn zurück. Bei der Übergabe an 
den Eigentümer sah dieser, daß sich in dem Kessel eine kleine 
Schüssel befand. *Was ist dies?' sagte er zum Meister. Der 
Meister (antwortete): *Der Kessel hat geboren'. Der Mensch 
nahm die Schüssel an. Eines Tages wünschte der Meister 
wieder den Kessel. Er holte ihn, brachte ihn in sein Haas 
und nahm ihn in Gebrauch. Der Herr des Kessels sah einige 
Tage zu und bemerkte, daß der Kessel nicht zurückkam. Da 
giug er vor des Meisters Haus, und als der Meister auf sein 
Klopfen an die Tür gekommen und gefragt, was er wünsche, 
sagte er: *den Kessel'. Der Meister sprach: 'Mögest du gesund 
bleiben, der Kessel ist selig verschieden' (nur von Mohammedanern 
gesagt). Da sagte der Mensch : 'Meister, Herr, stirbt denn je 
ein Kessel?' Der aber erwiderte auf diese Rede: 'Wenn du 
geglaubt hast, er habe geboren, warum willst du dann nicht auch 
glauben, daß er gestorben sei?"*. Die wörtliche Übertragung 
würde gefälliger aussehn, wenn Formen wie al-yr, gm-ür nicht 
durch Partizipien, sondern durch finite Verben wiedergegeben 
würden. Aber damit würden diese Formen auch wohl verkannt. 
Daß die Gerundien aber auch durch Partizipien ersetzt werden, 
ist freilich ein Fehler, der nur damit entschuldigt werden kann^ 



I 



I 



I 



I 



I 



daß im Deutschen keine besondere Form dafür existiert Für 
daSj woram es sich hier handelt, kommt er aber auch nicht iu 
Betracht. 

Zum Vergleich sei nun ein Text einer durch und durch 
anreihenden Sprache vorgeführt, und zwar aus einem Bantu- 
Dialekte. Ich wähle das von Torrend (A Comparative Grammar 
of tbe South -AMcan Bantu LanguageSj London 1891) besonders 
berücksichtigte (Zambesi) -Tonga (nicht zu verwechseln mit 
dem Thonga, über das Henri A. Jnnods vortreffliche Grammaire 
Ronga [Lausanne 1896] Auskunft gibt), da dieses wegen der 
verhältnismäßig geringen lautlichen Verschmelzungen die Grund- 
züge des Sprachbaus besonders leicht erkennen läßt. Ich betone 
dies ausdrücklich, um einem Mißverständnis entgegenzutreten, 
das hinsichtlich meiner Anschauungen Über die Bantu-Sprachen 
entstanden ist. In einem auf dem vorigjährigen Kolonialkongreß 
gehaltenen Vortrage (Verhandlungen des deutschen Kolonial- 
kongresses 1905, Berlin 1906, S, 114 ff,) knüpft C. Meinhof an 
die Vermutung, daß ich mich in meinen Vorlesaugen über ver- 
gleichende Grammatik der Bantu-Sprachen im wesentlichen an 
Torrend angeschlossen habe, die Äußerung, daß er den Wert 
dieser Studien (d, h., wenn ich recht verstehe, Torrends Studien) 
als Mäterialsammlung nicht verkenne, sich aber mit dieser nicht 
auf exakter Phonetik beruhenden Methode nie habe befreunden 
können. Leider habe ich es versäumt, diesem Vortrage bei- 
OT wohnen, wo ich dann gleich die Angelegenheit hätte klar- 
steUen und mich auch in der folgenden Diskussion vielleicht 
hätte nützlich machen können (Ä, Wirth meint da z. B. „die 
kuschitischen und die Berber- Sprachen mögen mit kaukasischen, 
Georgisch usw., die Bantti mit Persisch und Malaiisch, Hotten- 
tottisch mit Tai verwandt sein"^, eine fröhliche Wissenschaft!), 
So sei denn diese nachträgliche Bemerkung gestattet Daß ich 
Torrend, dessen Buch ich übrigens außerordentlich schätze, und 
das nicht nur als Mäterialsammlung, im wesentlichen gefolgt sei, 
ist ein Irrtum» Ich habe das von ihm an die Spitze gestellte 
Tonga aus dem oben angegebenen Grunde auch meinen Hörern 
znniebst nur zur allgemeinen Orientierung vorgeführt, dann aber 
unter Berücksichtigung von ungefähr 50 Bantu -Dialekten, un- 
abhängig von allen Bilchern eine Lautlehre zu geben versucht» 
als wenn auch ich einen Hauch des Geistes gespürt hätte, der 
in Schleichers Kompendium weht, d. h. nach einer Methode, die 
auf alle Fälle als wissenschaftlich gilt und für ein bestimmtes 





252 



F. N. Finck 






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p S p ff » c p r; et 'r T^ 



f 

er: 












Vom Demonstrativpronomen leitet man eine prädikative Form ab, 
und zwar: 

1. darch Präfigierung von m vor atva^ awano, awdlia (XVI), 
wobei der ursprüngliche Anlaut j? erhalten erscheint, also 
mpatua, mpawano, mpawälia. 

2. Durch Präfigierung von ng vor a in anderen Fällen und 
vor 0, also beispielsweise ng-ojit, ngouno^ ng-aba etc. 

3. Durch Präfigierung von m vor c, z. B. m-ei, ns-eino etc. 



Der angeblieh pasdnsebe Chet^er des tniiisitiTeii Verl». 



253 



I 



I 
I 



Stadium der Foi*schnng auch wohl nach wie vor wird angewandt 
werden müssen. Ich habe dabei jedoch auch Meinhofs ,,Grundriß 
einer Lautlehre der Bantusprachen (Leipzig 1899}", der sich 
leider nur auf eine sehr kleine Zahl von Dialekten beschränkt» 
in ausgedehntem Maße berücksichtigt, seine Vorzüge auseinander- 
zusetzen gesucht^ aber selbstverständlich auch Kritik an ihm 
gettbt. Und daß manches verbesserungsbedürftig war, darauf 
deuten auch des Verfassers Nachträge mit ihren stellenweise 
nicht geringfügigen Umgestaltungen früherer Ansichten (vgl 
C. Meinhof Linguistische Studien in Ostafrika, Devs. Einige 
Bantuwortstämme, Mitteilungen des Semin, f, Orient Spr, VHm 
1 ff., 127 ff.). 

Zunächst nun nieder die notdürftigsten Bemerkungen zur 
Grammatik im Anschluß an nebenstehende (S, 252) tabellarische 
Übersieht der Pronominalformen. 

Die Nominalpräfixe und die aus ihnen durch Verkürzung 
bezw. Zusammensetzung entstandenen Pronomina sind die Mittel 
der sprachlichen Anreihnng: mu-ntu mu-lanfo ^Mann großer", 
ba-tdu ba-lanfo ^Männer große", H-hne liAanfo „Stein großer" etc- 
(Torrend § 604), e-Bi ii-ntu n-zi-hote j, diese Dinge sind — gut" 
(Torrend § 618) etc, mn-ntu u4ede „der — Mann schläft", ba-ritu 
ha-Ude „die— Leute schlafen** etc. (Torrend § 637), h-o ba-la ttiha, 
U'We u-lu siu „sie sie— sind weiß, er er — ist schwarz" (Torrend 
§ 663) etc., ka-mue ka-cece ka-a-ngu kora-fiia nd-a-koreika „eins 
meiner Kindchen ist gestorben, ich habe es begraben" (Torrend 
§ 42), wörtlich (da ba Deminutivpräflx istj dem -chen in Kindchen 
entspricht) „chen — ein eben — Kind chen— von— -mir chen— gehn — 
tod ich— gehn— chen— begaben" etc. etc. Singular und Plural 
werden durch die Präfixe geschieden, mii-ntuO) „Mann": ban4u 
(11) „Leute", ka-cece {UI) „Säugling, kleines Kind": tu-cecef^JI) 
„Säuglinge", ka-7itahuu (XHI) „Floh": hi-ntaha (XIT) „Flöhe" etc, 
(Torrend §§ 314, 315). Subjekt und Objekt in unserem Sinne 
werden nur beim Pronomen in geringem Umfang durch besondere 
Formen angedeutet (vgl. einf. anr. Pron- 2. Sg*, 3. Sg, I), sonst 
durch die Stellung, Das Subjekt geht dem Verb voran, das 
nominale Objekt folgt, das pronominale steht zwischen dem 
anreihenden Pronomen und Verb, z. B, mti-ntn n-lede „der — 
Mann er— schläft" (Torrend § 637), ha-yanda mu-lilo „ßie— beten 
—an das- Feuer" (Torrend S. 283), xt-ndi-homde „er— mich— 
Bah" (Torrend § 653), Ein Adnominalverhältnis kommt durch die 
Verbindung von anreihendem Pronomen + Präposition a „von'' 



254 P- N. PiDck 

+ Nomen zustande, z. B. tnuanakazi ti-a-mu-ame „die Frau 
die— von— dem— König" (oder ursprünglich vielleicht auch „die — 
welche" wie das persische i aus dem alten Relativ hya^ /ättoA- 
irpidär „das Haus des Vaters" etc., das hausanische na, ta^ 
yaro-n-sarki „der Knabe des Königs", ya-t-malam „die Tochter 
des Priesters" etc., A. Mischlich Lehrb. d. hausan. Sprache, 
Berlin 1902, S. 18 und auch sonst häufig), ba-anakasi ba-a-murame 
„die— Frauen die — von— dem— König" etc. (Torrend § 743). 
Andere unseren lokalen Kasus entsprechende Beziehungsverhfilt- 
nisse werden vereinzelt noch nominal dargestellt, z. B. mvrn- 
ganda (XVUI) mu-la-pia „Hausinneres es — ist— warm" (Torrend 
§ 644), meist aber durch Verwendung alter Präfixe als Präpo- 
sitionen wie u-a-fna mu-n-ganda i-orku „er stii'bt in seinem 
Hause" (Torrend S. 283), wörtlich „er— gehn— Tod in— dem— 
Haus dem (auf n IX von -ganda bezogen) -von — ihm". Die 
Hauptformen des Verbs sind: Grundelement -f ^ =" Imperativ, 
z. B. bon-a „sieh!, seht!" (Torrend § 835); ku- (Nominalpräflx XV) 
+ Grundelement + a = Infinitiv, z. B. ku-bon-a „sehn" (Torrend 
§ 853); anreih. Pron. + Grundelement + a = Ind. Präs., z. B. 
ndi'bon-a „ich sehe" (Torrend § 842); anreih. Pron. + äu + 
Grundelement + (^- Nezessitativ, z. B. u-ku-bon-a „du — zu — sehn^ 
„du mußt sehn" (Torrend § 854); anreih. Pron. + Grundelement 
+ e = Subjunktiv, Adhortativ, z. B. u-bon-e „du mögest sehn" 
(Torrend § 857); anreih. Pron. + Grundelement + ide (dabei 
verschiedene lautliche Verschmelzungen: alide zu ede^ atide zu 
ete, anide zu ene, onide zu uewe, amide zu eme) = Perfekti 
z. B. U'fu'ide „er ist gestorben" (Torrend § 860); ta + anreih. 
Pron. + Grundelement + i = negat Ind. Präs., z. B. ta-ti^bon-i 
„nicht— wir— sehn" , „wir sehn nicht" (Torrend § 872, 876); 
anreih. Pron. -f to + Grundelement + * = Prohibitiv und 
negat. Ind. Präs. in Relativwendungen, z. B. u-ta-bon-i „da£ du 
nicht siehst" „der du nicht siehst" (Torrend § 878). Dazu 
kommen verschiedene Hülfsverben, deren wichtigste folgende 
sind: a, ursprünglich wohl = „gehn", zur Bezeichnung einer 
nicht dauernden Vergangenheit und Gegenwart, z. B. t^a-bona 
„du— gehn— sehn" „du sahst, siehst" (Torrend § 892), mit -ka 
kombiniert zur Angabe einer entfernten Vergangenheit, z. B. 
u-a-ka-bona „du sahst schon, hast einst gesehn" (Torrend §966); 
la zur Bezeichnung einer dauernden Gegenwart, einer nahe bevor- 
stehenden Zukunft und Möglichkeit, z. B. u-la-bona „du siehst, 
kannst sehn, wirst sogleich sehn" (Torrend § 921); za und j^ 



Der an^Wch passivische Charakter dee transitiven Verbs. 



255 



I 

I 

I 

I 



zwischen anreih* Proo, und Infinitiv zar Bildung eiues Fntnrs, 
z. B, ndi'Zö'O'hüna {aus *ndi'Za'tt'bona aus *ndi~i'a'ku-bötm} ^icb 
werde sehn" (Torrend §948), ndi-yo-o-bona (Torrend §912); ka 
zur Bildung eines negativen Futurs, z, B. ta-mli-kö-o-hona (ans 
Ha-ndi'ka-U'bona aus *ta-ndi'ka'kU'bona) „ich werde nicht sehn" 
(Torrend § 961), Endlich sind noch einige Verbalableitungen zu 
erwähnen, ein Passivum mittels iqu^ it^ ik, i. B. ku~bön'i(ßii-a: 
kti-ion-a „sehu*^ (Torrend § 1047 u. 1054), ku-him-wa: hi-btma 
j, beißen" (Torrend § 1047), ku-fwu-ik-a: ku-nvu-a „hören" (Ton^end 
§1058); ein Applikativ mittels el, Ü^ en, z. B. kii4et-el-a „bringen 
fttr": hi'let'U „bringen", kti-u-il-a „fallen auf*: ku-u-a „fallen**^ 
ku-fugam-en-a „niederknien für, vor": ku-fugam-a „niederknien" 
(Torrend § 1067; vgl. das aztekische -Ua^ das malaiische kan, 
die arab. 3. Verbalklasse, worüber F. Misteli Charakteristik der 
haupts. Typen S. 123); ein Kansativum und Intensivuin mittels 
wi, z. B. kn-ny^i-isi-a ^tränken": kti-npii-a „trinken" (Torrend 
§ 1073), ku-amb'isi'ü „gut sprechen": hi-amb-a „sprechen" 
(Torrend § 1079); ein Heversiv mittels un oder wi, z, B. 
hi-Um'Ul'a „ausgraben'* : ku-lim-a „graben "^ (dazu ein Passivum 
durch Verft^andlung des ul in nk, also kn-lim-iiha; Torrend 
§ 1081); ein Ressiprokal mittels a«, z. B. ku-nvu-an-a „einander 
hören": Jcu-nvii-a „hören" (Torrend § 1084), 

Nach Fr. Müller (Grundr. In 256 f.), dem sich Heinr, Winkler 
im wesentlichen angeschlossen hat (Zur Spracbgesehichte S. 84 f,)^ 
soll auch in den Bantu-Sprachen der Typns der Empfindungs- 
verben vorliegen, da die unser Subjekt andeutenden Präfixe aus 
den Objektsuffixen entstanden und mit diesen noch fast identisch 
gden. Das, was wir durch ich liebe ausdrücken, sei also in den 
Bantusprachen nicht ich liehend^ sondern mir istLiube oder mich 
trifft Liebe. Das angeführte Argument dürfte aber doch kaum 
beweiskräftig sein, Eichtig ist allerdings, daU da, wo sich beim 
anreihenden Pronomen eine Subjekts- und Objektsform gegenüber- 
stehUj letztere die altertümlichere ist Besser als im Tonga, wo 
nur bei der 3. Pers. Sg. und der 3. Pers, Sg. der Klasse I die 
Unterscheidung stattfindet, xeigt sich dies im Kafrischen, wo sich 
auch bei Kl, ni, IV, VI, LX der obigen TabeUe neben der 
Subjektivform (u, i, a, i) eine vollere Objektivform (wiiy yi^ wa^ 
yi) erhalten hat. Beider Ursprung liegt, wie ein Blick auf die 
Tabelle jedem zeigen nintj, im Kominalpräfix, und das ist fraglos 
weder subjektiv noch objektiv. Und wenn nun auch die katrischen 
Objektivformen ganz den Eindruck erwecken, lautliche Übergangs- 




256 F. N. Finck 

stufen darzustellen, die Annahme also vielleicht berechtigt ist, 
daß ein u über fvu aus mu entstanden, so steht doch nicht fest, 
ob wu damals schon Objektsform war, und es läßt sich auch 

— soviel ich sehe — , durch nichts wahrscheinlich machen. Es 
liegt dagegen nahe, anzunehmen, daß von zwei einem Yorgangs- 
ausdruck vorangehenden Pronominalelementen das zweite zunftchst 
nur durch seine Stellung mehr vor einer Lautänderung geschützt 
war als. das erste und erst dann zu einem sofort erkennbaren 
Objektzeichen wurde. 

Der folgende Text ist von Torrend nach dem Diktat eines 
Eingeborenen aufgezeichnet und im Anhang zu seiner Grammatik 
S. 283—284 veröffentlicht worden. Ma-hsui nga a-kede mu Lu-igi 
ku'tdla a Ba-subia. Ba-yanda mu-lilo. Ba-ame ba-a-o mba-lumbu, 
Mbawo ha-nymsia ba-lozi mu-ade. Aha horlozi mba-iün hchloa^ 
ha-li a ma-saku, ba-ztia ma-säku. Mbu-li ci tu-bdeka, ci tu-euete 
ezi n-gubo, tirintie mti-ntu u-a-ku-bona u-a-ti: „ngti-a-euata n-gtibo 
zi-nona oidia mu-ntu." U-a-langisia u-a-ti: „urerede ku^fva^j 
ko ku-ti „a-fue aulia mur7itu". Oyu ta-a-mu-nvuide u-a-^mbola 
n-dbo, u-a-inkay Ura-fna tnw n-ganda i-a-kue. Ba-ntu ba-a-mtk-zika 
li bU'Cia, ba-a-mu-lila, Oyu mu-lozi ma-n-siku mbu-li Uno t4-a^ 
ku-tola mo in-zule i-a-kue. Be-enzinyina bora-ti: „Ura4ufnua a 
nzi mu-ntti ulia a Orfxia^ ? Ca-a mpoo u-a-bona i-saku corChfva^. 
U-mue murntu u-a-ti ku u-nme mu-ntu: „ndiue Ura-ka-ndi-ioda 
murana u-Orkorfiui" . TJe VrOrti: „pe^ tinsi ndime." Ue thü-ti: 
j^turia ku ba-ame^ ku ba-lumbu!*^ Borla-inka a ue ku ba-^undbu. 
Ba-a-sika, ba-lumbu barlormu-bika mu-julu a bu-sanza. BcHi-bika 
tvrsamOj tu-mue tu-OrsimbucL^ tu-mue Ui-a-ycdua e-tcda. Ki^nsi a 
bu'Sanza ba-a-bika mu-lilo. TJe vAi-kede a bursafiza. Ba-Iumbu 
ba-a-ti: „we murlozi^. Ue u-a-ka-sia urOrti: ^e, tinsi ndi mu- 
lozi^, BorOrti: ^u-nyue mursamo oyuj murode!^ Mu-ade ii-to- 
tuba^ ubed* anga nin-cefo. U-a-bueza mu-ntu, u-e-nyua. Ka a-K 
mU'botu ta-a-ci-fui pe, u-la-luka. Ka a-li murlozi, murode u^- 
mu-kolaj u-Orandula murtue. ü-lorcisa, u-ci-zezela, u-ci-ua. MuAüo 
U'la-pia, ba-la-mu-tenda. Mu-ntti ta-a-nvuide mu-lihj Ura-ka-fiia. 
Dies läßt sich ungefähr wie folgt wiedergeben, selbstverständlich 
aber auch nur annähernd: „Die (einf. Nom.-Präf. VI) — Botse 
es+sind-f sie (präd. Anr. Pron. VI) sie (einf. Anr. Pron. VI) — 
wohnen (aus *kalidey Perf.: kala) am (ursprüngl. einf. Nom.-Präf 
XVm) (einf. Nom.-Präf XI) — Zambezi (einf. Nom.-Präf. XVII) 

— Böschung (d. h. *zur Böschung', 'oberhalb') von den (einf. Nom.- 
Präf. n) — Subia. Sie (einf. Anr. Pron. H) — beten-f an das 



Der ^ft1>li€l] passivUche ChaTakter des transiüveii Verbs. 



257 



(einf. Nom.-Präf. IIT) - Feuer. Die (einf, Noin,-Präf II) - Haupt- 
linge die (einf. anr. Pron. II) — von — Ümm (o aus bo, konj. 
Pers.-Pron< II) es -f sind ~|- die (präd* Nom.-Präf. II) — Hellfaibigen. 
Es+sind+sie {präd. Pers^-Pron. II) sie (einl anr. Piou. IT) ^ 
tränken (Eaus. : Jm-uyiia 'trinken') die (einf. Noni*-Präf II) — 
Zauberer den (einf. Noin.-Prät III) — Gifttrank. Diese (Dem,- 
Pron, n) die (einf. Nom.-Präf, II) -- Zauberer es + sind -f die 
(prM. Nom,-Präf. II) — Leute sie (einf. anr. Pron. II) — ver- 
zaubern; sie (einf. anr. Pron. 11) — sind mit den (einf. Nom.- 
Präf. VI) — Teufeln, sie (einf. anr, Pron, II) — lassen-f^aus 
die (einf. Nom.-Präf. VI) — Teufel. (Präd. anr. Pron. XTV) — 
ist (d* h- ^mmm an, es sei*, 'angenommen*, 'z. Beisp,* etc.) 
während wir — arbeiten, während wir — anhaben (Perf. : hi-mata) 
diese (Dem-Pron. X) die (einf, Nom.-Präf. X) — Kleider, der 
(einf. anr. Pron. I) — eine der (einf. Nom.-Präf. I) — Menscb 
er (eint anr. Pron, I) — gehu-- dich— sehn er (einf. anr. Pron. I) 
— gehn — Saiden: es+ist+er (präd. anr. Pron. I) — gehn — an- 
zielm die (einf. Nom,-Präf. X) — Kleider die (einf. Nom.-Präf. X) 

— schönen dieser (Dem.-Pron. I) der (einf. Nom.-Präf, I) — Mensch. 
Er (einf. anr. Pron. I) — gehn — anstarren er (einf. anr. Pron. I) 
—gehn— sagen: du— seist + verzaubert zu (einf. Nom.-Präf. XV 
od. XVII) — Tod, das (konj. Pers.-Pron. XV od, XVII) es (einf 
anr. Pron. XV od. XVII) — sagt: er (subjunktives anr, Pron. 1} 

— sterbe jener (Deni,-Pron, I) der (einf. Nom.-Präf. I) — Mensch. 
Dieser (Dem.-Pron, I) nicht —er (negat. anr. Pron. I) — ihn 
(objekt. anr. Pron. I) — hörte (Perf.: ku^nvna) er (einf. anr. 
Pron, I) — gehn— sagen es-}- ist— so (präd. Dem. -Pron. XVI) 
(d. h. 'so'), er (einf, anr, Pron. I) — gehn— foilgehn, er (einf. 
anr, Pron. I) —gehn— sterben in (urspriingl. Noju.-Präf. XVIII) 
dem (einf. Nom.-Präf. IX) —Hause dem (einf, anr. Pron. EX) 
— von — ihm (konj. poss. Pron, I). Die (einf, Nom,-Präf. II) 
—Leute sie (einf. anr. Pron, II) —gehn— ihn (obj. anr. Pron. I) 

— begraben die (einf, Nom.-Präf. V, zu ergänzen *Sonne, Tag', 
das Ganze = 'wenn') die (einf, Nom,-Präf. XIV) —Dämmerung, 
sie (einf, anr. Pron. II) —gehn— ihn (obj. anr. Pron. I) —beweinen. 
Dieser der (einf, Nom.-Präf. I) —Zauberer in— der— Nacht (aus 
^ma-hirsiku, anr. Nom.-Präf. VI — anr, Nom.-Präf. XIV —Nacht, 
üroza ToiTend §556—559 zu vergleichen ist) es-j-ist+das (präd. 
anr. Pron. XIV) —ist (d. h. 'nimm an, gleichi\1e') die (Dem. -Pron. 
V, zu ergänzen 'Sonne, Tag', das Ganze = *jetzt') er (einf, anr. 
Pron, I) —gehn— SU — ausgraben darin (Pers,-Pron. XVID) das 



258 F. N. Pinck 

(einf. Nom.-Präf. IX) —Kleid das (einf. anr. Pron. IX) — von— 
ihm (obj. Pers.-Pron. I). Die (einf. Nom.-Präf. n, e ans a dnrch 
Angleichnng) —Eltern sie (einf. anr. Pron. II) — gehn — sagen: 
er (einf. anr. Pron. I) —gehn— gebissen4- werden (Pass.: Xru-Ztima) 
durch was, der (einf. Nom.-Präf. I) — Mensch dieser (Dem.-Pron. T) 
als (ans jpa, ursprüngl. einf. Nom.-Präf. XVI) er— gehn— sterben 
{a-fim ans a-orfna, das erste a = snbj. anr. Pron. I)? Das (einf, 
Nom.-Präf. VII, a statt i infolge von Angleichnng) —von es-f-ist 
+darauf (aus mpowoj präd. Pers.-Pron. XVI; 'beruht darauf^ 
daß', russ. po tomu [tjsto) er (einf anr. Pron. I) —gehn — sehn 
den (einf. Nom.-Präf. V) —Teufel es (einf. anr. Pron. VII) —gehn 
— sterben. Der (einf. anr. Pron. I) —eine der (einf. Nom.-Präf. I) 
—Mensch der (einf. anr. Pron. I) — gehn — sagen zu (ursprQngL 
einf. Nom.-Präf. XVII) dem— einen (d. h. 'dem anderen') dem— 
Menschen: es+ist+du (präd. Pers.-Pron. 2. Sg.) du (einf. anr. 
Pron. 2. Sg.) —gehn— gehn— mich (einf. anr. Pron. 1. Sg.) — 
behexen— für (Applikativ: ku-loa; das Ganze also: 'du hast für 
mich behext', *du hast mir behext') das (einf. Nom.-Präf. I) 
— Kind, es (emf. anr. Pron. I) —gehn— gehn— sterben. Er (koiy. 
Pers.-Pron. I) er (einf. anr. Pron. I) — gehn— sagen: nein nicht 
—ist (aus Ha-insi) es+ist-fich (präd. Pers.-Pron. 1. Sg.). Er 
er— sagt: wii'— gehn zu (ursprüngl. einf. Nom.-Präf. XVJLl) den 
(einf. Nom.-Präf. II) —Häuptlingen, zu den— Hellfarbigen ! Sie 
(einf. anr. Pron. II) — gehn - (Hülfeverb) — gehn mit ihm (konj. 
Pers.-Pron. I) zu (ursprüngl. einf. Nom.-Präf. XVII) den— Hell- 
farbigen. Sie— gehn— ankommen, die— Hellfarbigen sie -gehn— 
ihn— setzen in (einf. Nom.-Präf. XVQI) —Luft auf (aus pa^ ur- 
sprüngl. einf. Nom.-Präf. XVI) das (einf. Nom.-Präf. XIV) -Ge- 
rüst. Sie— gehn- setzen die (einf. Nom.-Präf. XTTT) — PfShle, 
die (einf. anr. Pron. XDI) —einen sie (einf. anr. Pron. XIIQ 
— gehn— befestigt-f werden (Pass.: ku-simiä) (nämlich im Boden), 
die— einen (d. h. 'andere') sie (einf anr. Pron. XTTT) — gehn— 
gelegt-f werden (Pass.: ku-yala) auf-f die— Böschung (d. h. 'dar- 
auf, aus *pa'i'tahy einf Nom.-Präf XVI — einf. Nom.-Präf. V — 
Böschung). Zum— Boden (d. h. 'unterhalb', einf. Nom.-Präf. XVII 
— nsi: mu'se 'Boden') von dem (einf. Nom.-Präf. XJV) —Gerüst 
sie (einf. anr. Pron. II) —gehn —setzen das (einf. Nom.-Präf. HI) 
—Feuer. Er (konj. Pers.-Pron. I) er (einf. anr. Pron. I) — ist— 
saß auf (urspr. einf. Nom.-Präf XVI) dem (einf. Nom.-Präf. XIV) 
—Gerüst. Die— Hellfarbigen sie— gehn— sagen: du der— Zauberer. 
Er er— gehn— gehn— verlassen (d. h. 'er leugnet') er — gehn— 



Der uigeblich pasairiscbe Charakter iies transitiven Verbs. 



259 



I 



sagen: nein es +ist+ nicht ich der -Zauberer. Sie— gehn — sagen: 
du — trinkest daS"Grift dieses, Mu-ade! Mu-ade er — gehu— weiß- 
sein, er — war (Perf*: ku-ha 'sein') gleicliwie es+ist+das (präd. 
Nom.-Präf. EK) —Arsenik. Er— gehn— einnehmen der -Mensch, 
er— gehn— es— tainkeu (aus "^ua-i-nu^m^ i = eint anr. Pron. IX, 
auf nin-cefo bezogen). Wenn er (subj\ anr. Fron. I) —ist er 
(eiiif. Nonip-Präf. I) —gut, mclit— er—noch- stirbt nicht, er^ — gehn 
—erbrechen. Wenn er— ist der— Zaubererj Mu-ade er— gehn— 
ihn— verzerren , er— gehn— brechen den— Kojrf. Er— gehn — 
brennen, er— noch— schwanken , er — noch— fallen. Das— Feuer 
es— gehn— brennen , sie-"gehn— ihn— verbrennen* Der— Mensch 
nicht— er— fühlen das— Feuer, er- gehn— gehn- sterben (d. h. 
'er ist schon vorher gestorben')." Ich muß zu dieser meiner 
Übertragung nun allerdings bemerken, daß meine Wiedergabe 
der Nominalpräfixe und eines TeUs der ihnen gleichweiligeu 
Elemente durch der, die, rfa^, dem, de^i etc. falsch ist. Es sind 
keine dem Nomen vorgesetzten Demonstrativa, sondern Teile 
des Vorstellnngsausdrucks wie die idg< Stammsuffixe. Aber es 
liegt eben weit mehr Hinweisendes, die sonst allzu lose Anreihung 
zu einer Art Ganzem Gestaltendes in diesen Präfixen, und das 
versuchte die ITbersatzung so gut wie's eben ging zu ver- 
anschaulichen. Die tiefgreifende Verschiedenheit eines derartigen 
leichtbeweglichen Redens von der sehwerfälligen Zusammen- 
fassung des Türkischen oder gar des Grönländischen muß un- 
mittelbar einleuchten; wer das nicht sofort sieht oder hört, 
— ich rede mit Absicht nicht von Begreifen — , der muß ein 
Lebewesen von so grundverschiedener Organisation sein, daß 
ich jede Verständigung für ausgeschlossen halte. Das aber zeigt 
sich vielleicht nicht in seiner vollen Bedeutung auf den ersten 
Blick und mag daher besonders betont werden, daß die immer 
und immer wieder hinweisenden Elemente, wenn auch nicht 
gerade nötige, so doch außerordentlich naheliegende HiÜfsmittel 
für das Zusammenhalten des Satzes sind. Dieser den anreihenden 
Sprachen eigene demonstrative Charakter ist besonders zu 
betonen, weil er für den Kern dieser Abhandlung, der leider 
mit einer übermäßig dicken Schale umhüllt werden muß, vor- 
nehmlich in Betracht kommt Doch darüber ei-st nathlierl Zu- 
nächst sei noch eigens bemerkt, daß es auf die ursprüngliche 
Katur dieser die Anreihimg vermittelnden Elemente sehr wenig 
ankommt. Es können echte Demonstrativa, aber auch Adverbien, 
Präpositionen, Interjektion, ja selbst Possessivpronoraina sein: 

17* 



260 F- N. Pinck 

der Grundcharakter eines Sprachbaus wird dadurch noch gar 
nicht alteriert. Wie wenig verschieden ein „hier, ich, mein**, 
ein „da, du, dein" etc. ist, läßt sich schon auf idg. Gebiete un- 
schwer beobachten, namentlich beim Armenischen, wo die 
SuflSxe -5, -d, -n die adverbiale, demonstrativ-personale und 
possessive Bedeutung friedlich vereinigen, z. B. mi hatxUaik^ 
atajnordacn jerocy zor iiacracis-d anvanBk"^ „glaubt nicht eueren 
geistlichen Vorstehern, die ihr da Nazarener nennt" (EliSe Mate- 
nagruf iunk', Ven. 1859, S. 21), or ^aragoin evs ß k'an eor grecak^-d 
„was noch schlimmer ist als was ihr da geschrieben habt" (EliSe 
S. 22), or o^-n B bari^ zain Ahrmn arar „was dort nicht gut ist, 
das hat Ahriman gemacht" (Eii§e S. 20), zor inf xndre^er-^i „was 
du dort erbeten hast" (Favstos Bonzandapi Patmuf iun Hayo«, 
Ven. 1832, S. 207), of du greger yorens-d kUim „hast du nicht 
in deinem Gesetz da geschrieben?" (Eznik Kolba^i Elc alando^, 
Ven. 1826, S. 248), tur inj i kavoi-d khimmB „gib mir von deiner 
Erde da!" (Eznik S. 244), hramanU astvacaser fagavorutean-i 
„der Befehl deiner gottliebenden Majestät" (Grigor NarekaQi 
MatenagrutMunk^ Ven. 1827, S. 389), patm'nfiun xronikonin^ zw 
ndvast catai'S Kristosi Hefum-s tBr Kotikösoy p^'oxeci % ftanlC 
groQ „Zeitgeschichte, die ich, Hethum, Herr von Eorikos, ich 
Christi niedriger Diener, aus fränkischen Btlchem fibersetzt 
habe" (Handschr. 1696 d. Bibl. Etschmiadsin Bl. 118 a). So zeigt 
denn auch das Bantu, Hottentottische, Hamitische, der ganze 
gewaltige Komplex der verschiedenartigen Negersprachen aller 
Sonderheit der Ausdrucksmittel zum Trotz doch eine überall 
durchschimmernde gemeinsame Grundauffassung, die natürlich 
zunächst noch gar nichts für etwaige genealogische Zusammen- 
hänge bedeutet, sondern eben afrikanisch ist. Man soUte sich 
allgemach auch an den Gedanken einer Glottogeographie 
gewöhnen. Es geht natürlich nicht an, für diese Überein- 
stimmungen hier ausreichende Proben zu geben. Wer den guten 
Wülen hat, die Sache unter diesem Gesichtspunkte zu betrachten, 
bedarf ihrer zudem auch kaum. Die Skizzen in Friedrich Müllers 
Grundriß, in Byrne's bekanntem Werk, die Andeutungen in Heinr. 
Winklers schon erwähntem Buch ermöglichen es auch dem, der 
auf diesen Gebieten keine eigenen Studien vornehmen kann, sich 
ein wenigstens ungefähr zutreffendes Bild zu machen. Nur eine 
kurze Probe aus dem ozeanischen Gebiet möchte ich noch vor- 
legen — es soll möglichst kurz abgemacht werden — einen 
kleinen samoanischen Text, der für die vorliegende Frage 



Der angebUcti pusivische Charakter de« transitiyen Verbs. 



261 



I 
I 
I 



I 



I 



als völlig aasreicliender Vertreter für alle anderen polynesischen 
Dialekte und im wesentlichen auch för die raelanesische und 
indonesische Gruppe, his zu einem gewissen Grade sogar als 
Eepräsentant der gesaraten ozeanischen Welt, auch der sonst 
nicht wenig verschiedenen papuanischen und australisclien Idiorae 
gelten kann. Die Bemerkungen zur Grammatik, die ich voraua- 
ßchicke, beruhn überwiegend auf eigenen Sammlungen, bei denen 
ich jedoch selbstverstäudlich auch vorliandene grammatikalische 
Hiilfsraittel benutzt habe, von denen George Pratt A Grammar 
and Dictionary of the Samoan Language^, ed. bj J. J. Wliitmee, 
London 1878, noch immer das beste, d. h. der einäugige König 
unter den Blinden, ist Das samoanische Nomen ohne weiteren 
Zusatz ist kollektiv oder plnralisclj, soweit eine solche Bedeutung 
eben möglich ist, z. B, 'im. maua 'o ia e fagata fao mea ,,getan 
gefunden oh er vonseiten Menschen rauben Dinge", d. h. „er wurde 
von Räubern gefunden" (Luk, 10, 30), dagegen 'na tali oü „getan 
warten Tod'', d- b. „wartete auf den Tod" (Luk- 10,30). Numerus- 
Unterscheidung vollzieht sich durch Hervorhebung mittels der 
zum Singular stempelnden Demonstrativa le „der, die, das** und 
s€ „ein, eine^ ein^* Vgl, die keltische Singularbildung von 
Kollektiven wie neukjmr. ader-pn „Vogel" : adar „Geflügel", 
plu^^n „Feder": plu „Gefieder", deil-ett „Blatt"*: döi? „Laub", 
bret. ed-en „Getreidekom": ed „Getreide" etc. (Zenß-Ebel Gram- 
matica celtica * p. 294 ff., W. Spurrell A Grammar of the Welsh 
Language^ Carmarthen 1870, § 123, E. Anwyl A Welsh Grammar 
for Schools, London 1898, § 77, E. Ernault Petita giammaire 
bretonne, Saint-Brienc 1897, § 26), z. B, Um o^'o ata i le mea 
^getan kommen hin zu der Stelle", d* h. „er kam hin zu der 
SteUe** (Luk. 10, 33), ^e mea „ein Ding" (Luk, 10,35), Unsern 
Kasus Entsprechendes wird durch Präpositionen bezw. Adverbien 
geschaffen (die Grenze ist nicht leicht mehr festzustellen), z. B. 
a, o „von** (zum Ausdruck eines Genitivverhältnisses), i „zu, in** 
(aswei im Tonga und anderwärts geschiedene Präpositionen ver- 
einigend, ki und i), wo, ma „für, mif^, e „vonseiten, durch '^, mal 
„von her" etc* Ein Vokativ entsteht durch meist nachgesetztes e ; 
allgemein hervorhebend, zum Mittelpunkt des Satzes stempelnd ist 
*o, im folgenden Text durch „oh"! wiedergegeben (vgl F. N. Finck 
Die samoanische Partikel 'o. Sitzungsberichte der Königl. Preuß, 
Akad. d. Wissensch. phU^-hist El. 1904 S, 1318 ff,). Jedes Nomen 
kann auch zum Ausdruck eines Vorgangs werden. In diesem 
Falle wird es von einer das Tempus andeutenden Partikel, 




262 F- N. Finck 

begleitet, te (bei vorangehendem Pronomen) und e (bei folgendem 
Pronomen) für Präsens bezw. Aorist (was ich im folgenden durch 
Jetzt" übersetze, damit jedoch ebensowenig wie in den noch zn 
erwähnenden Fällen dies für eine feststehende Grundbedeutung 
erklärend), sa oder na für ein Imperfekt („damals**), ^tia für dn 
Perfekt („getan"), *o le a, ein deutlicher Nominalausdruck, für m 
Futurum („oh das da"). Außerdem verbindet man mit dem als 
Vorgangsausdruck dienenden Nomen gern Adverbien wie nei „hier", 
na „dort", mai „her", atu „hin", ane „entlang", a^e „hinauf", ifo 
„hinab**, 'ese „fort**. Endlich sind auch noch verschiedene SufBxe 
in Gebrauch, deren jetzige Bedeutung noch nicht feststeht. Die 
angeblichen Passivsufäxe -sia, -mia^ -lia etc. sind zum größten 
Teil falsche Abstraktionen. Die anlautenden Konsonanten waren, 
wie im Indonesischen zum Teil noch zu sehn ist, ursprüngliche 
Stammauslaute, die sich vor den Sufäxen länger erhalten haben, 
z.B.tanti-mia: tanu „begraben** aus tanum-ia (vgl. mal. tanam), 
tagi-sia: tagi „weinen** (vgl. mal. ^langis) aus tagis-ia etc. 
(Vgl. auch H. Kern De Fidjitaal vergeleken met hare verwanten 
en Indonesie en Polynesie, Verh. d. Koninkl. akad. v. wetenscL 
Amsterdam XVI 72 ff.). Die Personalpronomina sind : a'w, *tte 
„ich** (vollbetont, absolut = franz. nioi\ ^ou, ta „ich** (schwach- 
betont, konjunkt = franz. je)^ ^oe „du** (vollbetont), *e „du** 
(schwachbetont), ia „er** (vollbetont), na *er' (schwachbetont), 
ta-ua (aus HaAua „wir zwei**), i tava „wir beide** (inklusiv, den 
Angeredeten einschließend und vollbetont), ta „wir beide** (in- 
klusiv, schwachbetont), moriui (aus *ma-lua „wir zwei**), i maua 
„wir beide** (exklusiv, vollbetont; vgl. franz. nmis autres etc., auch 
Goethe Eeineke Fuchs VIII 173: „Aber sie schonen uns nicht, 
uns andere Laien**), ma „wir beide** (exklusiv, schwachbetont), 
'oU'lua „ihr beide** (vollbetont), lita „ihr beide** (schwachbetont, 
eigentlich = „zwei**), la-ua (aus *la-ltia), i latia „sie beide** (voll- 
betont), la „sie beide** (schwachbetont), i ta-tou (aus *i ta-tolu 
„wir drei**) „wir" (inklusiv, vollbetont) tatou „wir** (inklosiv, 
schwachbetont), i ma-tou (aus *i ma-tolu „wir drei**) „wir" 
(exklusiv, vollbetont), matou „wir** (exklusiv, schwachbetont), 
*oti-tou (aus "^oii-tolu „ihr drei**) „ihr** (vollbetont), tou „ihr** 
(schwachbetont, eigentlich = „drei**), i latau (aus *i la-tok 
„sie drei**) „sie** (vollbetont), latou „sie** (schwachbetont). 
Daß ta-tia nicht etwa = „ich — zwei** usw., ergibt sich aus 
den melanesischen und indonesischen Sprachen. Vgl. W. Schmidt 
Über das Verhältnis der melanesischen Sprachen zu den poly- 



i 



Der angeblich passivische Charakter dee tninsitdT«n Veib». 



263 



y 



nesiscben und antüreinaDder, Sitzungsber. d. Kais, Äkad. d, 
WisseDSch. phü.-hißt Kl. 141, Wien 1899, S. 19 f. 80 fi^ Die 
Deklinatioii des Pronomens ist weseiitlicli wie die des Nomeiis, 
jedoch wird statt i zm* Bezeichnung des Objekts m te gebraucht. 
Beim Possessivpronomen liegen zwei verschiedene Bildungsarten 
vor, L l(e) (Demonstr.), s^i od, s(e) + a oder o („von*") + 
Personalpronomen, und zwar für alle Personen aller Numeri mit 
Ausüahme der 1* und 3. Sg., also l-a-^oe od, lo-'oe „der— von^ — 
dir" ^ „dein**, l-ü4atia od. l-o-taua „der— von— uns beiden** = 
„unser beider" etc* (für die 3. Sg, scheint diese Bildungsart nur 
im Markesanischen vorzuliegen, dessen t-o-ia „sein*' ein sam, 
H-oia entsprechen würde), s-a-^oe „einer— von— dir "^ = ^einer 
von deinen" et^.; 2, Ife)^ d oder $(e) + ^ od^i' ^ + Possessiv- 
suffiz (das in den indonesischen Sprachen dem Nomen un- 
mittelbar angehängt wird, anak-ko „mein Kind" etc., während in 
den melanesischen Idiomen die malaiiache und die poly- 
nesische Art. vorkommt und zwar mit einer die Ältertümlichkeit 
beweisenden Bedeutungsverschiedenheit), und zwar für den ganzen 
Singular (fdr die 2. Pers, also neben der aöderen Bildung), l-aAi^ 
l-o-^tif si-a-u, si'ö-u etc. sowie fiir die 2. PI., l-a-u-lua, l-o-ii-hm etc. 
Den folgenden Text entnehme ich der wertvollen Sammlung; 
Samoanische Texte . . ., gesammelt und übei^etzt von 0. Sttibel, 
hrsg, V. F. W. K. Müller, Veröff. aus d. Kön. Mus, t Völkerkunde 
IV, Heft 2—4, Berlin 1896, S. 216. 'o le fast tu sa masani ai 
Samoa i aso o le vavau, ^afai 'o se mm \ia saHlij 'a ^tia tupu 
ai S€ fe-finatmiga a se to'a-bm^ ona *aii mai ai le-a 'o le popo^ 
Um f(Ca4u i Inga o le fala^ e u i lalo i mulif ^a e u i Inga le 
mala, ona fa*-2^m le-a *o le Uipii: 'o le a vili nei le popo, ^afai 
e u 0*1* tö ie 'oe le mala ia e te fa^a-ßi fua^ 'a e te pepelo ^o 
'oe lava, ^afai foH e u mai ia te a*u le mata^ ^ou te fsta-fiti ftm 
/b*i a'ift, 'a e 'oii te pepelo. 'o le tasi fo^i le-a mea m fa^a4\i ai 
finauga a Samoa. *o le tad fo'i mea^ e fa^a-iUi ai finautja ma 
fa'a-ma^oni ai tahr ^ masani ai foH Samoa: ^afai e finau^ pea 
*iia le iloa se fda-mtj^oni^ otm fesili atii le-a *ö le tasi i le tasi: 
y^ ^ai*na *oe e ai, e te fatormcConi i fea?*^ ona te'tt ain lava 
le-a e ia^o le aitu Sili l-o-na mana na te 'ai-na^ ma tuUc atu 
föH le aitu o l'o4atou aiga, e fa^a-ma^oni i aL ona i't* ai le-a 
'a le-a finatt^a. 'a 'o o-na po nei ''afai e fai atn se tctsi: „e 
'aina *oe e ai?"" ^e 'aina aSi e Siova^^ „e te fa'a-ma'oni i fea?^ 
„'oii te fa'a-ma'oni ia Jesu''. Das heißt Wort flU' Wort ungefähr 
so: „Oh die eine Sitte damals Gewohnheit dort Samoa in Tagen 




264 F- N. Finck 

von der Vorzeit. Wenn oh eine Sache getan suchen, aber 
getan entstehn dort ein einander— Streiten von einer Person 
zwei, dann nehmen her dort das— da oh die Kokosnuß, getan 
machen— stehn in aufrecht von der Matte, jetzt richten nach 
unten zu Bumpf, aber jetzt richten nach oben das Auge. Dann 
machen — so das— da oh das Wort: oh das da Drehn jetzt 
die Kokosnuß. Wenn jetzt richten hin zu zu dir das Auge es, 
du jetzt machen — Leugnung umsonst, aber du jetzt Iflgen oh 
du wahrlich. Wenn wieder jetzt richten her zu zu mir das 
Auge, ich jetzt machen — Leugnung umsonst wieder ich, aber 
jetzt ich jetzt lügen. Oh das eine wieder das — da Ding, damals 
machen— Ende dort Streit von Samoa. Oh das eine wieder Ding, 
jetzt machen — Ende dort Streit mit machen— Beweis seitens 
Erzählung, jetzt Gewohnheit dort wieder Samoa: wenn jetzt 
Streit, jedoch getan nicht kennen ein machen — Beweis, dann 
fragen hin das -da oh der eine zu dem einen: 'etwa gegessen— 
werden du seitens wo, du jetzt machen — Beweis in wo ?' Dann 
nennen hin wahrlich das— da seitens ihm oh der Aitu Sili, der 
—von— seiner Kraft er jetzt gefressen— werden, mit nennen hin 
wieder den Aitu von der— von — ihnen Familie, jetzt machen— 
Beweis in dort. Dann enden dort das— da oh der— da Streit 
Aber oh von — ihren Nächten jetzt, wenn jetzt sagen hin ein 
einer: 'jetzt gefressen— werden du seitens wo?' 'Jetzt gefressen 
—werden ich seitens Jehova'. 'Du jetzt machen— Beweis in wo?' 
'Ich jetzt machen— Beweis bei Jesus'." Stübels freie Wiedergabe 
dieses Textes lautet so: „Was die Samoaner in alten Zeiten zu 
tun pflegten. Sucht man der Wahrheit einer Sache auf den 
Grund zu kommen, und entsteht hierüber zwischen zwei Personen 
ein Streit, so nimmt man eine Kokosnuß und stellt sie aufrecht 
auf die Matte, mit dem oberen Ende nach unten und dem Augen- 
ende (wo die Nuß an dem Stil angewachsen ist) nach oben. 
Hierauf sagt der eine: 'Ich werde die Nuß drehen (wie einen 
Ej'eisel), wenn das Augenende zu dir hinzeigt, so leugnest da 
umsonst und du lügst. Wenn aber das Augenende nach mir 
zugewendet ist, so leugne ich umsonst und ich Ifige'. Das war 
ein Mittel, wie die Samoaner einen Streit schlichteten. Ein 
anderes Mittel, einen Streit zu schlichten und die Wahrheit 
einer Mitteilung zu ermitteln, welches die Samoaner anwendeten: 
Hört man nicht auf zu streiten und kennt man die Wahrheit 
nicht, so wird der eine den anderen fragen: 'Von wem willst 
du gefressen werden, wo willst du die Wahrheit versichern?' 



Der angeblich passivische Charakter de« transitiven Verbs. 



265 



I 



f 



I 



Der andere wird den Aita Sili oennen, durch dessen (ttbernatür- 
liehe) Kraft er gefressen werden will, und wird mvh den Aitu 
seiner Familie nennen, hei dem er die Wahrheit versichert. 
Hiermit wird der Streit geschlichtet. Sagt heut einer zum 
andern: *Von wem willst du gegessen werden?' (so lautet die 
Antwort:) *Ich will von Jehoya gegessen werden' (und wenn 
einer fragt:) -Wo willst du die Wahrheit verBichern?' (so lautet 
die Antwort:) 'Ich versichere die Wahrheit bei Jesus'.** 

Bei aller Verschiedenheit der Mittel stimmt auch dieser 
Typus mit dem der Bantusp rächen in der leichten, beweglichen, 
immer nur ein kleines Schrittchen voranhüpfenden Darstellungs- 
kunst übereiü. Und diese unleugbai- ganz außerordentlich gi^oße 
Verschiedenheit zwischen den schwerfallig festgehaltenen großen 
rTedankenkonH>lexen des Grönländischen, Türkischen auf der 
einen und den nur ganz luse aneinandergereihten Bruchstüekchen 
des Bantn und Polynesischen auf der anderen Seite, eine Ver- 
iäiiedenheit, die sich nicht auf die angeführten Idiome beschränkt, 
Wndern trotz übrigens schwachen Versuchen zur Abweichung 
Asien und Amerika von Afrika und Ozeanien trennt, diese 
Verschiedenheit steht, wie mir scheint, auch in engem Zusammen- 
hang mit der Verschiedenheit der Wege, die man dort, die man 
hier eingescldagen, um einen passenden Ausdruck für die Vor- 
gänge der Außenwelt zu prägen. Ich setze als etwas ganz 
Selbstvei^tändliches voraus, daß, von verschwindend wenigen 
Ausnahmen abgesehn, das, was wir durch ein besonders gekenn- 
zeichnetes Verb ausdrücken, in der Kegel ein Nomen ist. Man 
hat vielleicht schon vor vielen Jahrtausenden Dinge wie Steine, 
Bäome, Sterne und dergleichen von Vorgängen wie Schlafen, 
Essen, Trinken und anderen unterscliieden. Das beweist aber 
natürlich noch nicht, daß man deshalb auch für beides sofort 
einen besonderen, formell (im weitesten Sinne) gekennzeichneten 
Ausdruck geschaffen habe. Selbst wir reden ja noch von Tod^ 
Krieg, Zeit, Nacht und dergleichen, als wenn das Dinge wie 
Steine und Bäume wären. Ist aber das, was bei uns Verb ist, 
in den meisten Fällen und ursprünglich mit einer der Gewißheit 
fast gleichwertigen Wahrscheinlichkeit überall ein Nomen, so ist 
von vornherein zu erwarten, daß die dem verschiedenen Charakter 
unterordnenden und anreihenden Sprachbans entsprechende Ver- 
schiedenheit des Adnominalverhältnisses auch heim VorsteUnngs« 
aasdruck Anlaß zu verschiedenen Richtungen späterer Aus- 
gestaltungen geben werde. Und die Erfahrung dürfte dem 
im großen and ganzen durchaus entsprechen. 





266 F. N. Pmck 

Sieht man einmal von den verschiedenen, freilich nicht 
seltenen Übergangsformen und von den nur auf einen ganz 
kleinen Kreis beschränkten Ausdrücken ffir ein subjektives Verb 
ab, so sondern sich dem die Gesamtheit überschauenden Blick 
die verschiedenen Versuche der Vorgangsäußerung hinsichtlich 
ihrer Mittel in vier große Gruppen : die possessive Darstellung, 
die passivische mit der Anschauung der Tatverben, die Dar- 
stellung als Empfindungsverb und eine indifferente 
Andeutung. Drei von diesen Darstellungsarten, und zwar die 
ersten drei scheinen mir nun überwiegend den Sprachen unter- 
ordnenden Baus eigen zu sein. Aus der rein possessiven Auf- 
fassung, die je nach der Ansicht über die Richtung des dar- 
gestellten Vorgangs durch die Beispiele „des Vaters — Sehn** und 
„des Vaters— Erscheinung** gekennzeichnet werden mag, ent- 
wickelt sich, wie es scheint, einerseits ein „durch den Vater— 
das Sehn**, andrerseits ein „dem Vater— das Erscheinen**, wodurch 
eine Sonderung des Vorgangsausdrucks von den eigentlichen 
Dingbezeichnungen angebahnt, den beiden Typen „durch den 
Vater wird gesehn** und „dem Vater erscheint** voigearbeitet 
wird. Die vierte Darstellungsart, die ganz indifferente, an das 
Stammeln der Kinder erinnernde, Anreihung aber erscheint als 
die, aus der ein subjektives, aktivisches Verb sich am leichtesten 
herausbilden kann und wahrscheinlich auch ohne eine lange 
herrschende Übergangsform herausgebildet hat. Es versteht sich 
von selbst, daß die hier angedeuteten Entwicklungsbahnen nicht 
die einzig möglichen, von Natur vorgezeichneten sind. Aber man 
darf doch wohl sagen, daß sie leicht begreiflich sind, während 
es z. B. als höchst merkwürdig angesehen werden müßte, wenn 
der Typus „des Vaters Sehn — der Hund" irgendwo plötzlich 
in den Typus „der Vater sehn — den Hund** oder gar „der 
Vater sieht den Hund" umschlüge. Und diese nicht zu erwartende 
Absonderlichkeit scheint sich auch in der Tat nirgends voUzogen 
zu haben. Wo ursprüngliche Possessivelemente später als un- 
verkennbare Subjektandeuter fungieren, wie es wohl in weitem 
Umfange auf ural-altaischem Gebiete der Fall ist, da hat 
sich der Übergang von „mein" zu „ich" sicherlich nicht un- 
vermittelt vollzogen, sondern dadurch, daß die intransitiven 
Verben des Sprechers Auffassung beim Gebrauch der transitiven 
beeinflußten. So hätte also beispielsweise ein magyarisches 
vär-om „ich erwarte ihn" (vgl. nap-om „mein Tag"), vdr-od 
„du erwartest ihn** (vgl. nap-od „dein Tag") etc., wenn es 



Der angeblich paserriEcbe Cfair^ter des tnuiBitiTen Veibs, 



267 



wirklicii durch luid durch subjektiv ist, seine GrondbedeutuDg 
„meiti Erwarten'', „dein Erwarten" etc. dnrch die Einwirkung 
des intransitiven var-ok „ich warte '^j vär-se „du wartest" etc. 
verloren. Ein derartiger Einfluß intransitiver, von Natur rein 
prädikativer Konstruktionen scheint überhaupt eine bedeutende 
KoUe zu spielen. Eines in seiner Wirkung freilich ganz anderen, 
merkwürdigen Falles ist schon bei Erwähnung des Chtirkilischen 
gedacht worden {tm fsama elquUu „ich Feuer — mit zünde an" = 
„ich zünde das Feuer an"), und wahrscheinlich sind auch die 
koptischen, bei einer Sprache mit possessivem Verb so über* 
raschenden Ansätze zu einer Objektsbezeichnung so 2u erklären. 
Während die altertümliche Ausdrucksweise a-f-äek p-nomos „er 
vollendete das Gesetz" (G. Steüadorff Kopt Gramm. § 329), 
d. h. „tun — sein— Vollenden das— Gesetz" eine ganz verbreitete, 
weil eben natürliche Erscheinung ist, die einfache Gegenüber- 
stellung zweier Nomina mit dem dadurch schon gegebenen 
prädikativen Sinn wie apei's. mana pitä Yislaspa „mein Vater 
(ist) Viätaspa'^ (Bh. I 2), "'Ear ogog ^6$ yvp^ „Hektors Weib (war) 
diese" (Hom. Z460), air* maith forfomiiu „gut (ist) euer Glaube" 
(Wb. 17 a 4) etc. etc. und als Norm im Eussischen (um von 
nichtindogermanischen Sprachen nicht zu reden), schleicht sich 
durch eine Wendung wäe a-ti-smine n-ou-diath&k& „sie schlössen 
einen Vertrag" (Steindorff § 331), d. h. „tun— ihr— Schließen in— 
einem— Vertrag" etwas Fremdartiges, die alte Einfachheit Stören- 
des ein. Eine etwaige Annahme, daß n reines 0bjekt2eichen 
geworden, atmnine subjektiven Charakter angenommen habe, 
wäre ganz unbegründet. So bleibt wohl als allein naheliegende 
Deutung die Annalime eines intransitiven Charakters, und es 
verdient wohl in Erwägung gezogen zu werden, ob nicht in 
vielen Fällen, wo eine lautlich gekennzeichnete Objektform er- 
scheint, einst die Verbindung eines Stammes mit, einer Präposition 
oder Postposition vorlag, ob nicht der Anschauung „er erwirbt 
Gold**, „er wirft Steine" etc. die Auffassung „er sucht seinen 
Erwerb im Golde", „er wirft mit Steinen^ etc. vorausging* So 
könnte man sich auch den Übergang eines Typus „des Vaters 
Sehn des Hundes" in „der Vater sieht den Hund" veranschaulichen. 
Für die vorliegende Erörterung kommt es nun übrigens nicht 
sonderlich in Betracht, wie sich die verschiedenen angedeuteten 
Typen nnterordnender Idiome zueinander verhalten. Für den Zweck 
dieser Untersuchung ist nui' folgendes zu betonen. Von den 
verschiedenen angedeuteten Typen, die nicht Denkmöglichkeiten 





268 F. N. Finck 

darstellen, sondern aus der Erfahrung gewonnen sind, steht 
keiner dem Passivum der Tatverben, also dem Idg. nach herr- 
schender Auffassung, näher als die Wendung „durch den Vater 
sehn der Hund", und weder bei diesem noch einem der etwas 
femer stehenden Typen „des Vaters Sehn der Hund", „dem 
Vater erscheinen der Hund", „des Vaters Erscheinen der Hund" 
liegt ein besonderer Anlaß dazu vor, den durch „Hund" an- 
gedeuteten Teil des Satzes durch ein formales Kennzeichen 
hervorzuheben. Es liegt mir natürlich fem, nun behaupten 
zu wollen, daß ein derartiges Kennzeichen deshalb auch nicht 
vorkommen könne. Aber es ist, da der Deutlichkeit Genäge 
geschehen ist, mindestens nicht unbedingt zu erwarten, und 
ist auch in der Tat auf dem Gebiete der unterordnenden Sprachen 
eine weit seltenere Erscheinung als bei den anreihenden Idiomen. 
Wenn nun bei einem Passivum wie beispielsweise dem indo- 
germanischen auch das dem realen Ziel entsprechende Nomen, 
also das grammatische Subjekt, ein besonderes formales Kenn- 
zeichen trägt, so tritt die Konstruktion damit in einen beachtens- 
werten Gegensatz zu den zahlreichen Fällen, wo die Passiv- 
konstruktion allem Anschein nach unmittelbar auf ein Possessiv- 
verhältnis zurückgeht oder — denn das läßt sich schließlich 
vielfach oder meist auch nur vermuten — wo sie doch min- 
destens keine Spur älteren aktivischen Gebrauchs aufweist. Daß 
das idg. Passivum etwas Sekundäres ist, wird nun auch wohl 
niemand in Zweifel ziehn. Aber für die im allgemeinen für 
aktivisch gehaltene, von Schuchardt flir passivisch erklärte 
Konstruktion gilt dasselbe. Wenn Schuchardt den sogenannten 
Nominativ flir einen Aktivus erklärt, weil er eine Endung an 
sich trägt, so tut er dies wohl hauptsächlich unter dem Eindmck 
von Sprachen wesentlich unterordnenden Charakters, in denen 
eben dem unserem Nominativ entsprechenden Ausdruck in der 
Regel, aber auch da doch wohl nicht ausnahmslos, der reine 
Stamm entspricht. Seine Bemerkung, daß der Nominativ gar 
kein Kasus sei, macht dies fast zur Gewißheit. Aber ein ßinm 
vocat pater würde doch, wenn es auch als „der Sohn wird 
gemfen vom Vater" zu deuten wäre, noch immer nicht dem 
Typus primitiver Passivkonstraktionen entsprechen. Denn filium 
ist doch ganz entschieden kein Stamm, sondern eine ganz be- 
stimmte Kasusform, und Schuchardts billige Mitteilung „auf die 
Entstehung des Akkusativs gehe ich nicht ein" schafft die 
Schwierigkeit offenbar nicht aus der Welt. Der idg. Satz hat 



Dflr ingeTilicli paasineche Chamlcter den tranßHJven Vorbs. 269 

eben das eigentttmliche an sich, daß in ihm beides^ Ausgangs- 
punkt und Ziel, durcli ein besonderes Kasiiszeichen angedeutet 
wird, eine Eigentümlichkeit, die sich den Sprachen unterordnenden 
Charakters gegenüber wunderlich genug ausnehmen mag, die aber 
in den anreihenden Idiomen häufiger ihresgleichen findet und auch 
; wohl auf ähnliche Weise erklärt Averden muß wie diese ver- 
wandten Erscheinungen. Je stärker das unterordnende Prinzip 
I in einer Sprache waltet, desto mehr wird der Ausdruck des 
Vorgangs überladen werden, desto weniger Gelegenlieit bietet 
sich zur Absonderung besonderer Formen filr des V^orgaugs 
Ausgangspunkt und Ziel. Ob es heißt ^des Vaters Sehn"^ ^das 
Vater— Sehn", „das vom— Vater --Sehn", „das durch— den— Vater 
' — Sehn" oder sonstwie, spielt keine Rolle, wenn einmal die 
Grundauflassuug des Unterordnens herrscht. Wesentlich ist, 
daß dann höchstens eins, Subjekt oder Objekt, als etwas nicht 
Abhängiges dem anderen großen Komplex gegenübergestellt wird 
! und, schon hiüreichend gekennzeichnet, keiner besonderen Hervor- 
! hebung bedarf. Ganz anders ist dies aber natürlich bei einer 
I Sprache, wo kleine, winzige Bruchstückchen gleicliwertig, 
I appositionsartig aneinandergereilit werden. Da wird ein HeiTor- 
heben. Hinweisen durch Demonstrativa, man kann nicht sagen 
» nötig — denn das Chinesische beweist ja allein schon das 
I Gegenteil — aber doch mindestens leicht erklärlich. Damit soll 
' wieder nicht gesagt werden, daß eine demonstrative Hervor- 
hebung nicht auch bei andersgearteten Idiomen vorkomme. 
Scharfe Grenzen sind ja überhaupt nicht zu ziehn. Ich weise 
nur auf die größere Häufigkeit in Sprachen anreihenden Charak- 
ters hin^ um damit auch für das Auftreten eines solchen Demon- 
strativs in anderen Sprachen, und namentlich für seinen Übergang 
in ein Suffix den ursprünglich appositionsartigen Charakter wahr- 
scheinlich zu machen. In dem s des idg. Nominativs hat ja schon 
Bopp (Vergl, Gramm.* I § 134) den Rest eines Demonstrativs 
vermutet, und das wohl ganz mit Recht Auch Schuchardt er- 
kennt dies an, wie er auch im Auslaut n des semitischen 
Nominativs den Rest eines Pronomens erblickt, ohne deshalb 
jedoch von der einmal gefaßten Ansieht, daß der sog. Nominativ 
ein Aktivus sei, abzulassen. Woran freilich der Aktivuscharakter 
nach Abstreifnng des s erkannt werden soll, bleibt unerörtert 
und lälit sich in der Tat nicht leicht erraten. Denn auf die 
passivische Konstruktion kann mau sich leider nicht berufen, da 
<ÜeÄe ja selbst erst nachgewiesen werden muß. Und warum 



^^ 



270 P- N. Pinck 

sollte nicht, wenn ßium vocai pater pajssivisch ist, der Aktiyns 
in filium stecken? Nun, wenn man, nm dies an£znklären, Ober 
die Grenzen des idg. Gebiets hinflberblicken will, so hat man 
sich selbstverständlich den Sprachen zuzuwenden, die annähernd 
Entsprechendes aufweisen, d. h. vor allem auch beides, 
Ausgangspunkt und Ziel des Vorgangs, durch ein mehr oder 
minder fest mit dem Stamm verbundenes Element hervorheben, 
und zu diesen Sprachen gehören die kaukasischen und das 
Baskische, auf die Schuchardt besonders hinweist, durch die seine 
Anschauung auch wohl am stärksten beeinflußt worden ist, eben 
nicht. Es liegt nicht in meinem Plan, hier eine vollständige 
Übersicht zu geben. Dazu fehlt's nicht nur am Raum, sondern 
obendrein auch noch an hinreichend sicheren Belegen. Wo mir 
keine Texte vorliegen, muß ich mich selbstverständlich eines 
Urteils enthalten, und leider trifft dieser Fall noch f&r eine 
bedenklich große Zahl von Sprachen zu. Aus einem anderen 
Grunde muß ich alle die Fälle ausscheiden, in denen der Aus- 
gangspunkt des im Satz dargestellten Vorgangs nur beim transi- 
tiven Verb durch ein lautliches Mittel angedeutet wird. In 
diesen Fällen liegt meistens eine nachweisbare passivische 
Konstruktion vor, und es ist zu vermuten, daß es sich auch da, 
wo der Beweis nicht so leicht oder vielleicht auch gar nicht zu 
erbringen ist, nicht anders verhält. Zahlreiche Beispiele fSr 
diese Konstruktion bietet die tibeto-barmanische Sprach- 
gruppe. Vgl. das SuflSx -roi (bezw. -loi nach einem Konsonanten) 
in dem zur Nägä-Bodo-Gruppe gehörenden Kabui (Kapwi): ka-bang- 
loi da-wB „sein— Diener— von antworten — (Präteritum)**, d. h. 
„sein Diener antwortete", kamai-roi ka-bang khat kaü-gang-na 
„ihm — von sein— Diener machen— kommen-d", d. h. „er, einen 
seiner Diener rufend", kamai-roi ka-pü kho dä-wB „ihm— von 
sein — Vater zu antworten— (Praeteritum)", d. h. „er antwortete 
seinem Vater", ka-pü-roi ka-kho sa-the „sein— Vater — von sein— 
zu sagen— (Präteritum)", d. h. „sein Vater sagte zu ihm** etc. etc. 
(Linguistic Survey of India IIIii, Calcutta 1903, S. 422; vgl. auch 
die entsprechenden Erscheinungen im Sopvomä III n 453 ff., 
Kachin HI n 506 ff. und verschiedenen Dialekten der Kuki-Chin- 
Gruppe III"! 26 ff., 64 ff., 73 ff., 76 ff., 81 ff., 117 ff., 131 ff., 139 ff., 
146 ff., 153 ff., 184 ff., 194 ff., 208 ff., 215 ff., 227 ff., 235 ff., 246 ff., 
256 ff., 265 ff., 283 ff., 335 ff., 351 ff.). Der Übersichtlichkeit zu- 
liebe will ich drei Fälle so gut, wie's bei solchen Dingen eben 
geht, auseinanderzuhalten versuchen: 1. die demonstrative Hervor- 



lianU«r dm tntnitiven Verbs. 



271 



I 






röng von Ausgangspunkt und Ziel ohne deutliche Unterscheidung 
der; 2* die emphatisch- demonstrative Hervorhebung beider mit 
hinzutretender Kennzeichnung des letzteren durch eine Orts- oder 
RichtuDgspartikel (Präposition, Adverb oder dergleichen); 3. die 
emphatisch-demonstrative Hervorhebung des Ausgangspunkts und 
Andeutung des Ziels durch eine Orts- oder Eichtungspartikel. 
Das Nomen der Hottentottensprache, die ein Beispiel für 
den ersten Fall gewährt, erscheint in substantivischer Funktion 
nur ausnahmsweise als Stamm und in der Regel — jedoch nicht 
Ausnahmen — wohl nur dann, wenn es sich um adverbielle 
Wendungen wie fgni isS (die Schreibung nach J. G. Ki*Önlein 
Woilschatz der Khoi-KIioin, Berlin 1889) „ein(e9) Tag(es) etc.*' 
handelt Fr, Müllers Angabe (Grundriß In 2), daß ein Substan- 
tiv als Prädikatsnomen normalerweise nicht mit dem Suffix der 
3, Pei-s. verbunden werde, findet weder in den Testen noch in 
Krönleins Sprachproben ihre Bestätigung* Vgl. ama khoi-h gye 
it^i'ba „wahrer Mensch ist er*^ (Krönlein 8, 5), ama un)^a khoi-b 
gye Sana-4kama „sehj* buntscheckiger Mensch ist S.", d, h, „S, ist 
ein echter Stutzer^ (Krönleiu S* 6), ama äo-ihiä^a ao-b gye ne-ba 
„sehr predig-lustiger Mann ist dieser** (Krönlein S, 10) etc. Als 
Ausdruck des Ausgangspunkts oder Ziels der Satzhandlung er- 
idieint das Nomen auf jeden Fall fast immer in Verbindung 
mit einem Sufi^ von wesentlich demonstrativem Charakter, 
hinsichtlich der Bedeutung an die armen. Suffixe -s^ -d^ -n 
„ich, mein, hier", „du, dein, da"^, „er, sein, dort" erinnernd. 
Aber eine Verschiedenheit von Subjekt und Objekt kommt nur 
in unmittelbarer Verbindung mit dem Verbalnomen zum Ausdruck, 
wo dem subjektiven ta „ich*^, ts^ tsa „du^ (MaskO> s, sa „du" 



(Fem.), Jj ba „er", s, 



ein objektives (i, tsi^ si, biy sti 



gegenübersteht, z. B* Ms gye gafuä-sa fkui tst gye öa-hi gamä-b-se 
^ond- sie (Verbalpartikel) Rind — sie trächtig -f werden und (Verbal- 
partikel) gebären -ihn Rind— ihn— als ""^ d, h. „und die Kuh wurde 
trächtig und gebar ihn als ein Stierkalb" (Theoph* Hahn Die 
Sprache der Nama, Leipzig 1870, S. 58, Planert Über die Sprache 
der Hottentotten und Buschmänner Mitteil, d. Sem, f. orient Spr. 
VIII liij Berlin 1905^ 9. 167), isi-n gye säu-bi „und— sie (Verbal- 
part*) folgen— ihm", d. h. „und sie folgten ihm'' (Hahn S. 58^ 
Planert S. 167), o-n gye gye t^-bi „und— sie (Verbalp,) (Verbalp.) 
fragen -ihn*^, d, h, „und sie fiagten ihn'^ (Hahn S. 5B, Planert 
S. 167), khoi-na gye mtitmi'^i tfl gye ;ffn(.^e i-ikkä-si „Mensch— 
8i€ (Verbalp,) sehn sitzen — sie und (Verbalp,) doch gehn — vorüber 



272 P. N. Finck 

—ihr", d. h. „die Leute sahen sie sitzen und gingen doch an ihr 
vorüber" (Hahn Jahresb. d. Ver. f. Erdkunde, Dresden 1870, S. 57, 
Fr. Müller Grundr. I n 23, Planert S. 166), tsi gye ü-khäi-si tei-6 
gye awd-si „und (Verbalp.) nehmen— auf— sie und— er (Verbalp.) 
schultern— sie" d. h. „und er hob sie auf und nahm sie auf den 
Rücken" (Hahn Jahresb. S. 57, Fr. Müller lu 23, Planert S. Iü6) 
etc. Dabei verdient auch wohl der Umstand Beachtung, daß ein 
gleiches SufSx in Sätzen, in denen das Verbalnomen mit dem 
passivischen -he versehen ist, auch den Urheber der Handlung 
bezeichnen kann, z. B. llkhä-bi-ta go st-he khoi-na loa „Mond — von 
—ich (Verbalp.) schicken — (Pass.) Mensch— sie zu", d. h. „ich 
bin vom Mond zu den Menschen geschickt worden" (Hahn Sprache 
S. 57, Fr. Müller In 22, Planert S. 165), wo bi offenbar den- 
selben Wert hat wie im folgenden Satze die Postposition xß- 
nsi'b gye Igä gei tsi-b gye gamä-s ;^a gye a ß-he „er— er (Verbalp.) 
Gras werden und — er (Verbalp.) Rind— sie von (Verbalp.) da 
abweiden— (Pass.)", d. h. „er (nämlich der berühmte Zauberer 
Heitsieibib) wurde Gras und wurde von einer Kuh abgeweidet" 
(Hahn Sprache S. 58, Planert S. 167). In Verbindung mit dem 
substantivischen Nomen zeigt sich nun zwar auch eine doppelte 
Reihe von Suffixen, nämlich neben den ursprünglichen Formen 
noch solche mit angehängtem anscheinend emphatischen a, das 
mit vorausgehendem i zu e verschmilzt und vor dem ein u 
schwindet. Daß letzteres übrigens eine noch verhältnismäßig 
junge Lauterscheinung ist, zeigt die bei Ethnologen noch immer 
beliebte Bezeichnung Namaqua- (Hottentotten) = nama-gu-a. Diese 
emphatische Form, die mehrfach fttr eine Objektform erklärt 
worden ist, wird aber keineswegs nur als solche verwandt, so 
daß eine deutliche Unterscheidung von Subjekt und Objekt, zu 
der die Hottentotten eben noch nicht reif sind, nicht zustande 
kommt. Vgl. Ilhhä-b gye gomä Igui ts6 uri-b-a khoi-n-a loa s% 
„Mond— er (Verbalp.) heißt's ein Tag Laus— er— (Emphat.) Mensch 
— sie— (Emph.) zu schicken", d. h. „der Mond schickte eines 
Tages, so sagt man, die Laus zu den Menschen" (Hahn Spradie 
S. 59, Fr. Müller In 21, Planert S. 164), o-s gye löa-s-a gye mi 
„und— sie (Verbalp.) Hase— sie— (Emphat.) (Verbalp.) sagen", 
d. h. „und der Hase sagte" (Hahn Sprache S. 57, Fr. Müller 
In 22, Planert S. 165), o-s gye llkawa llkhä-b loa gye 6a „und— 
sie (Verpalp.) wieder Mond- er zu (Verbalp.) umkehren", d. h. 
„und er (der Hase) kehrte wieder zum Monde zurück" (Hahn 
Sprache S. 57, Fr. Müller I n 22, Planert S. 165), esä /gda-ro-s-a 



I 



Der an^bUch passiTiache Cbar^ter d&a transitiven Verbs. 273 

ra jfö khoi-n-a kha „schön Kind-chea- sie — (empliat.) (Verbalp.) 
TerlässeE Mensch — sie— (emphat.) doch", d. h. „die Menschen 
verlassen wirklich das schöne Mädchen ?"" (Hahn Jahresb. S. 57j 
Fr. Müller Iit 23^ Planert S. 166), sore-s-a !ga-h ä-b ei gyetai 
„Sonne— sie— (emphat.) (Verbalp.) Rücken— er Besitz-er an 
(Terbalp.) haften^, d. h. „die Sonne blieb an seinem Rücken 
h^en** (Hahn Jahresb. S. 57, Fr, Müller In 23, Planert S. 166) 
etc. An ähnliche Unklarheiten in den Mande-Neg^er-Sprachen 
(Mande, Bambara, Soso, Vai) braucht nur kurz erinnert zu 
werden, da Steinthals bekanntes Buch (Die Mande-Keger- 
Sprachen, Berlin 1867) alles hinlänglich auseinandergesetzt hat 
Als Gegenstück zu diesem nicht ven^^erteten Überfluß an Bildungs- 
mitteln möchte ich dann noch auf das noch weit absonderlichere 
Holontalo auf Celebes hinweisen, wo verschiedene emphatisch- 
demonstrative Partikeln von einander naheliegender Bedeutung in 
Gebrauch sind, ohne daß auch nur der geringste Versuch vor- 
genommen würde, diesen Reichtum zur Scheidung des Ausgangs- 
punkts vom Ziel des Satzvorgangs auszunutzen* Zur Veran- 
schaulichung setze ich den Anfang der Sprachproben aus Wilh. 
Joests Dissertation „Zm* Holontalo-Sprache"* (Berlin 1883) S. 53 
hierher und übersetze die vei^chiedenen konkurrierenden Partikeln, 
um dem Original wenigstens annähernd gerecht zu werden, wie 
folgt: if „etwaig", o „wahrlich", lo „ein", ü „der", fio j,irgend". 
Das Zahlwort tuäu „ein" gebe ich, um es von lo zu unter- 
scheiden, durch die Ziffer 1 wieder. Jlit dieser Unterscheidung 
auch die jeweilige Gnindbedentung durchaus richtig erfaßt zu 
haben, behaupte ich jedoch nicht, iä lo-Iäi f^o-tä o mala läi 
kiki-f}ä ttiäu wä u ti amo-Uö bo-ito bia-biähe tuUde iXo-äju tvä u 
ma-he^lUo- olat-io u hihi-kihühla wo lo tvaloriö mo-nu wä u 
mo-lao ti amo-Uo ijo io la4io mao ho to wanibdo wala4o kiki-iia 
im lo tuUde bo-ito; ijo bo lo hiia to didahe tiiau ti ämo lo-tu 
kiki-fia bo-ito polt ma-i4o-lao ijo to-u ma-i^o-palntdo ti amo-Uo 
lo-loia iuUäu to ta läi kiki-m bo-ito^ im4ioi tmi hihüifta mo- 
ponü-u wö-ldu dila o hiläo mäo nw-milohe b-il-luo-ä-u ho li po- 
idla ho Jö tuU-a mdi lo-mot^oudulä-u to o4emu mä-lo-üdia po* 
mo-momi lo-monoudnJä-nm o-Uiu ivo lo po-mi'fniah'io dS-lo ho 
üde-lö io wahiAo^ Wort für Wort wahrscheinlich etwa = „Mensch 
eia — männlicher irgend— Mensch (ein Numerativ, malaiisch orang 
^Mensch*) wahrlich Kind männliches klein- es l mit etwaigem dem 
Vater — seinem jen-em hegen— pflegen Schlange irgend —Stück 
(Namerativ wie chin. i ' fro * *ein Stück') und etwaige vorhanden— 




274 



R N. Finck 



gegenseitig— nötig—dann— wahrUeh— Gewohnheit— ihre etwaige 
Genoß Genossin mit einem Kind— seinem vorhanden— dort (= wenn) 
mit etwaigem Vorhanden — Gebn der Vater— sein, dann zu Weg- 
gang—seinem damals jenes eine nur Kind— sein klein-es mit 
einer Schlange— ^j euer; dann jenes eine wiederum au Tag 1 der 
Vater ein(es)— Mensch(en) kleinen jenes wiederum vorhanden— 
in — einem— Gehn dann zu— etwaig (= nachdem) vorhanden— in— 
einem- Weggehn des Vater— sein eine— Rede Schlange zu Mensch 
männlich kleinem jen^em Rede- seine: he! Genosse vorhanden- 
lieben— Ort mit — mein nicht wahrlich Wunsch diesmal vorhanden 
— sehen Pflanz (mitPassiviiifix iI)~^Ört— meinen jenes— des (=über' 
dies) nötig — noch jener ein wahrlich Belohnungs -Ort kommen 
ein— Eltern— mein zu wahrlich - dein vorbanden— ein — hierher 
nötig— vorhanden— Liebe ein— Elteni— deiner wahrhch —mein mit 
einem nötig— hegen — pflegen— seinem zukünftig — ein jenes wahr- 
lich — zukünftig— ein da Kind— sein*", d. h. „ein kleiner Knabe 
und der Vater desselben hegten und pflegten eine Schlange, und 
sie wurde von ihm gewöhnt Genossin seines Kindes zu sein, nnd 
wenn sein Vater fortging, dann blieb nach seinem Weggehn sein 
kleines Kind allein mit jener Schlange. Da wiederum an einem 
Tage, als der Vater jenes Knaben wieder fortging, sagte die 
Schlange, als der Vater desselben fort war, zu jenem Knaben 
folgendes: o mein lieber Freund, willst du nicht einmal meinen 
Garten sehn ? Überdies fehlt noch das Eintreten einer Belohnung 
von Seiten meiner Eltern für dich wegen der großen Liebe deiner 
Eltern zu mir, und du sollst von ihnen wie ihr Kind gepflegt 
werden"» Mit ähnlichen Mitteln, jedoch bescheideneren Umfangs, 
nnd vielleicht gerade deshalb erreichen die diesem Idiom nahe- 
stehenden , auch gen ealogisch verw^andten polyuesischeu 
Sprachen, die als Veilreter der zweiten Gruppe angeführt seien, 
nun schon bedeutend mehr. Eine emphatische Partikel, meist 
ko bezw. *o, o Cbezeichuet den Kehlkopfverschlußlaut) je nach 
dem Dialekt, deutet zwar keineswegs immer, wie oft behauptet 
worden ist (vgl F. N. Finck Die samoanische Partikel 'o. 
Sitzungsb. d. Kön. preuß. Ak. d, Wissenscb. phil,-hist Kl, 1904 
S, 1318 ff), aber doch ziemlich häufig den Ansgangspunkt des 
aktivisch nach dem Typus der Tatverben dargestellten Satr^ 
Vorgangs an, während das Ziel in solchen Fällen zuweilen duich 
i (vor Pronomen und Eigennamen in der Regel io, ia te) 
bezeichnet wird. Über die Grundbedeutung dieses i läßt sich 
streiten. Wahrscheinlich ist es dieselbe Partikel, die als ^in' 



I 
I 

f 



I 

L 



Der an^biich pftsaiviache Charakter des transitiven Verbs. 275 

erscheint, von der sie sich mindestens nicht mehr scheiden läßt, 
während an eine Bedeutung „zu, gegen "^ wohl nicht gedacht 
werden darf, da diese mit kt bezw. 'ij dem Zeichen des so- 
genannten Dativs, verbunden ist Die emphatische Partikel dient 
zur Hervorhebung des Ziels, wenn der Ausgangspunkt durch e 
„von, seitens, dui^ch" angedeutet^ die Konstruktion also als eine 
passivische aufzufasseu ist* So kommt also wenigstens zu* 
weilen eine Subjekts- und Objektsandeutung wie im Idg. 
zustande, z, B. samoauisch *o h teve 'o le la*mi e tupu i le vao 
e malulu ho- na Uno, e tele l-o-na fe^u. 'afai e u i nifo ^o le 
tagata^ e matna tiga-ina tele 'o ia i le masüm ^atoa „oh das 
Teve, oh die Pflanze jetzt wachsen in dem Wald jetzt weich 
der— von— ihr Körper, jetzt groß das— von— ihr Beißen; wenn 
jetzt beißen in (Objektszeicheu) Zahne oh der Mensch, jetzt sehr 
gequält— w^erden groß oh er in dem Monat ganzen", d, h. „Teve 
ist eine Pflanze^ die im Walde wächst Ihr Schaft ist weich 
und beißend scharf. Beißt der Mensch mit den Zähnen hinein 
(beißt der Mensch die Zähne ein), so wird er einen ganzen 
Monat von Schmerz gequält werden" (Samoanische Texte S, 219), 
"iia mmt-a ^o ia e tagata fao mea „getan gefunden — werden oh 
er von Menschen rauben Dinge", d, h, ^er wurde von Räubern 
gefunden" (Luk, 10, 31), Das Hin undhersch wanken in allen 
polynesischen Dialekten zeigt jedoch deutlich, daß ein Snhjekts- 
uüd Objekts Verhältnis wie im Idg. auch nicht im entferntesten 
erfaßt ist, daß ko den Ausgangspunkt der aktivisch dargestellten 
Handlung nur unter anderem hervorhebt und eben deshalb kein 
Nominativzeichen geworden ist, weil es nicht nötig erscheint, gerade 
diesen Fall von anderen klar zu sondern. Wesentlich einfacher und 
mit beachtensw^erter Folgerichtigkeit vollzieht sich diese Scheidung 
W Ebasäi, wo dem von einem vorausgehenden Demonstrativ 
(k Mask. Sg,j ku Fem. Sg., ki Plur.) begleiteten Nomen, das so 
ÄUr Bezeichnung des Subjekte dient, bei der Objektsandeutung 
in der Regel die Präposition ia ^zu^ vorangeschickt wird, und 
damit eine Konstniktion wie die spanische el jjadre ama ä h 
hija „der Vater lieht die Tochter" entsteht. Von einem Nominativ- 
zeichen darf man deshalb freilich noch nicht reden, u, Im, ki 
sind, wie ihr Vorkommen in allen Kasusformen zeigt., zunäclist 
uur Demonstrativa, die, ähnlich wie die Präfixe der Bantn- 
apracheu, die Anreihung der einzelnen Satzglieder vollziehn, 
durch ihr Vorkommen in allen Kasus scharf von einem echten 
Nominativzeichen gf^schiedcn, das nicht wie etwas zum Stamm 

18* 



276 



R K Jlnck 



Gehöriges bei der Ableitung: beibehalten wird* Es heißt beispieli* " 

weise it-k^pa jong-me n la-pipi-iap ia-u-khün-massi „der — ^Vater 
von— dir (eigentlich wohl *Ding— du') der (Pr&t)— machen— *) 
sterben zu— dem— Sohn -Kuh", d. h* „dein Vater hat ein Kalb 
geschlachtet" (Lingnistic Survey of India II 13) ; aber aach m 
zur Andeutung eines Dativs; u-kypa u lu-ong ia ki-sJmkri jong^u 
„der— Vater der (Prät) — sagen zu den— Dienern von— ihni"^ d. k 
„der Vater sagte zu seinen Dienern** (Ling. Surv. II 13); dann 
auch formelle Gleichstellung von Subjekt und Objekt: hi-don 
U'Wei u-hrltv u-ba la-don ar-ngut ki-khün shinraHg ^(Prät,)— 
haben der— ein der— Mann der -welcher (Prät)— haben zm^ei— 
Personen die— Kinder männüche", d, h. j,ein Mann hatte zwei 
Söhne** (Ling. Surv. H 12); dann auch Fehlen des Demonstrativs 
wie u la*!ingotv kwaJi „er (Prät*)— fühlen Wunsch", d, h. „er 
wünschte*' (Ling, Suit* II 12), kurz, alles in allem auch nur ein 
noch schwacher Ansatz zur Nominativ- und Akkusativbildung. 
Faßt, allerdings doch noch nicht ganz, erreicht erscheint dieselbe 
dagegen bei einigen Sprachen der tibeto*barmauischen 
Gruppe und im Dravidischen, die als Beispiele des dritten 
Falls, der Hervorhebung des Subjekts durch eine emphatisch- 
demonstrative, des Objekts durch eine ort- oder richtungangebende 
Partikel, angeführt seien. Vgl aus dem Bära (Bodo, Kachärl), 
wo vokalisch auslautende Stämme zur Bezeichnung des Ausgangs- 
punkts häufig das demonstrative Suffix -u annehmen, die Stamme 
dagegen zur Bezeichnung des Ziels ohne Rücksicht auf ihren 
Auslaut fast immer durch -kho oder -kküü erweitert werden: 
hi-fm-a gägai-ni ba$thu-khö il-sür-nU ran-na-noi hü-naüse „sein 
— Vater-^(Suhj.) selbst— von Eigentum- (Obj.) dem— (Plur.)— zu 
teilen— (Part-Perf,) gehen — (Plusq.) — (Vollendungspartikel)", d. L 
„sein Vater verteilte sein Gut unter sie" (Lmguistic Survey 
EHn 18), bi nmnsrd-a ötnü gmmU gägai-ni diibti^äu bl-kho thin- 
hot-nai's!'' «jener Manu — (Subj,) Schwein hüten— zu selbst— von 
Feld— in ihn— (Obj,) senden -fort— (Plusq.) — (Vollendungs- 
partikel)*', d. h. ^ener Mann sandte ihn aufs Feld, seine Schweine 
zu hüten*" (Ling, Surv, III n 18), bl-fai-ä bi-khö mi-na-noi „sein 
Vater-(Subj.) ihn-(0hj0 sehn-(Part Perf.)**» d. h. „als sein 
Vater ihn sah** (Ling. Surv* Hin 19), mastor-u sang-ß^r-khö nä 



I) Die ITterBetetmg behauptet keinen etymologiacJieii Zusammenlianf top 
pyn mit dorn Verb pün „m^ben'* (y^!. W. Schmidt Gnindiügö einer Lautlehre 
der Kliasji-Spracbe Abh. d. E6n. Bair, Akad, d, Wisseasch. I. Kl. XXll Bi 
m. Abt S. 698); m bqü nur das Kausativinfii veranschaulichea 




Der «löblich pasBivisch© Charakter des tranBitiven Verbi. 277 

% lagi du häzi-au mti hfl-nai „Lehrer— (Subj.) uns — (Plur.) 
>j,) heim gehn— zu für zwei Uhr— in Erlaubnis geben— 
q-)**, d* h. „der Lehrer gab uns um zwei Uhr Erlaubnis 
nach Hause zu gehn" (Ling. Surv. Illn 21)* Daß die klare 
idg, Scheidung jedoch trotz alledem noch lange nicht erreicht 
ist, ergibt sich daraus^ daß -khö auch das indirekte Objekt 

(bezeichnen, -a auch fehlen kann und^ wenn auch vielleicht nur 
ausnahmsweise, beim Objekt erscheint. VgL burui-a hrai-khö 
hüng-nai-se „Greisin— (Subj.) Greis— (Dat) sagen— (Plusq.)^ 
(Vollendungspartikel)**, d. h. „die alte Frau sagte dem alten 
Manne"* (Ling. Surv. III n 27), ang-hU gmig-se Modhn-khö hü- 
naise „ich -auch (ohne Subjektzeichen, wohl deshalb, weil hU 

»schon hervorhebt) Schlag— einen Modhn— (Obj.) schlagen— (PI usq.) 
—(Vollendungspart.)", d. h. ^ich schlug Modhu einmaP (Ling. 
Sur?, niu 23), M gägai-ni udoi-a-khö bung-kU-nU man khlai- 
bä-bfi „er selbst -von Bauch— (^0—(ObjO füll-en— zu Absicht 
mach— (Subjunktiv) — auch'*, d. h. „als er seinen Bauch füllen 

I wollte** (Ling* Surv. nin 18). Ähnlich liegen die Verhältnisse 
im Gärö (wo die Scheidung jedoch meist nur beim Pronomen 
durchgeführt wird) und im Chutiyä, dessen -na dem khö im 
Bärä, dem kö im Gärö entspricht, VgL garö u-a u-kö wäk 
nirik-chi-nä äHang i(bä-ötKl wätät-ä-ha „er^ — (Subj.) ihn — (Obj,) 
Schweine Herde— für — zu eigen Feld - auf schicken— (Perf,)**, 
d. h, ^er schickte ihn auf sein Feld^ die Schweine zu hüten'* 

I (Ling. Surv. in n 75), ang-a salgi-na ärö nang'-ni nika-ö pap-kö 
dak-ä-ha „ich (Snbj.) Himmel— zu und dir --von Angesicht— in 
Sünde- (Obj.) tun— (Perf.)**, d. h. „ich habe gegen den Himmel 
und vor dir gesündigt" (Ling* Snrv. lUii 75), u-ni pa-ä u-kö 

Iniksö^B ^ihm— von Vater— (Subj,) ihn— (Obj.) sehn— vor", d. h, 
„ehe der Vater ihn noch sah", chutit/ä ay-yo misJii-u üthu chäng 
a-na bo-bem „mir— von Weib — (Subj.) Hand— mit mich — (Obj.) 
schlagen— (Prät*)**, d, h. ^ meine Frau schlug mich mit der Hand** 
(Ling, Surv. Hin 128), ä ay-yo mishi-iia digi mänai läri-mde 
„ich mir— von Weib— (Obj,) Faden spinnen geben— (Prät.)*^, d. h. 
„ich befahl meiner Frau zu spinnen** (Ling* Surv* IHn 128). 
Zu bemerken ist übrigens auch, daß diese Subjektsandeutung 

»auch im reinen Nonünalsatz erscheint, z. B. chtdiya ay-yo fidshi- 
ä hör chüjbu „mir— von Weib — (Subj*) sehr schlecht", d. h. „meine 
Frau ist sehr schlecht" (Ling. Surv, Hin 128). In der Sprach- 
gruppe endlich, die hinsichtlich einer Subjekts- und Objekts- 
andeutUBg dem Semitischen und Indogermanischen wohl am 
alchsten steht, der dravidischen, ist das unserem Nominativ- 




278 



R N. Ruck 



2eicheD entsprechende Element ebenfalls ein nn?erkennbares 
Demoüstrativiim, während die Grundbedeatixng des Objektssufflxes 
nicht, klar vorliegt. Die Scheidung von Subjekt und Objekt wird 
im Drawidischen nur bei Bezeichnungen lebender bezw. als ver- 
nünftig gedachter Wesen vollzogen, innerhalb dieser Umgrenzung 
aber nicht weniger streng als im Idg. aufrechterhalten. Diese 
Beschränkung braucht man nun wohl kaum besonders hoch an- 
zuschlagen. Ist doch der Gebranth der Äkkusativform der idg. 
Neutra fiir den Nominativ etwas, was ihr sehr nahe kommt, so 
daß dieser Umstand nicht davon abhalten könnte, dem Dravi- 
dischen einen dem idg, Nominativ volüg gleichwertigen Kasus 
zuzuschreiben. Aber der dravidische Subjektskasus ist ans einem 
anderen (trunde doch vom idg. zu trennen, und zwar deshalb, 
weil das sogenannte Verb ein wie jedes Nomen behandeltes 
Wort ist, was besonders auSallig bei den mit Kasusendungen 
versehenen Vorgangsausdrüeken zntage tritt, auf die Fr, Müller 
(Grundr. Uli VJ9) mit Recht hinweist, also beispielsweise bei einem 
narUind- py-itft/n(„ Wandel — (Prateritalzeichen) — ich — (Dati vsnfflx) * 
d. h, „mir, der ich wandelte'', das offenbar mit einem rmnidan- 
ukku „Mann— er— (Dativsnfflx)", d. h. „dem Manne" ganz auf 
einer Linie steht. Da es also im Dravidischen gewissermaßen 
nur Nominalsätze gibt, so kann der Subjektskasus auch nur 
einen Teil der verschiedenen Funktionen des idg. Nominativs 
ausüben, und er kann, was wesentlich ist, auf jeden Fall nicht 
gleich diesem den Urheber eines als Tätigkeit aufgefaßten Vor- 
gangs bezeichnen. Trotzdem aber muß man zugeben, daß der 
drandische Nominativ dem idg. nahesteht» Einige Beispiele 
mögen zur Erläuterung dienen. Vgl ans dem Tamil: kumur-m 
tagapp-aii'm nokk-i „Sohn— er Vater— er— (Akkusativsuffix) sehn 
—(Gerundivsuffix)'', d. h, „nachdem der Sohn den Vater gesehn*^ 
(Specimen translations in various indian languages coli, and ed. 
by G. A. tTrierson» Calcütta 1897, Nr. 32), oru tnanu^h-an-ukhi 
irauilu kumdr-ar ira-nd-är-gal „ein Mensch— er— (Dati vsuffii) 
zwei Sohn— sie sein— (Präterit)— sie— (Plur.)**, d. h. „einem 
Menschen zwei Söhne waren **, „ein Mann hatte zwei Söhne** 
(Spec. Nr* 32\ tagapp-an t^n fdiyakkär'ar-ai nokk-i „Vater— er 
selbstDiener— sie— (Akkusati vsnflix) sehn— (Gernndivsuffix)*^, d.h. 
^nachdem der Vater seine Diener gesehn" (Spec. Nr, 32)^ av-au- 
mlaii/a mntta kumär-an vayal-ü irii-nd-an „dort— er— (Genitiv- 
suffix) älterer Sohn— er Feld—auf sein— (Prät)- er**, d- h. ^dessen 
älterer Sohn war auf dem Felde" (Spec. Nr. 32, 2)» av-ar-ffol'tl 
ilaiyav-an taffapp-an-ai nokk-i „dort-sie— (Plur.)— in jüngerer— 



Der aagDblich pBaemsehe Giarakter deB traue itiven Verbe, 279 

er Vater— er— (Akküsativsuff,) sehn— (Gerund*)'^, d. h. „nachdem 
der jüngere von ihnen den Vater gesehn" (Spec* Nr. 32); aus 
dem Malayälam äyav-an av-an-e tan-re nilathml-il panni-gal-e 
meypän aya-ckchu „dort— er dort — er— (Akkns.) selbst— (Gen*) 
Feld— er— auf Schwein-e — (AkkO futtern schicken— (Prät.)", d.h. 
„er schickte ihn die Schweine auf seinen Feldern zu flittem" 
(Spec. Nr. 34), aus dem Telugu: den entsprechenden Satz ata-^u 
paffidu-Ia-nu meputa-ku tana polamu'la loki aia-ni pafHp-e-nu 
„da— er Schwein-e— (AkkO füttern— zu selbst Feld— er auf da— 
(Akk.) schick— (Prät)— er" (Spec* Nr. 30), pedda humäru-4u 
pöUimii'lo vumd-e-nu „älterer Sohn- er Feld— auf sein— (Prät.) 
—er" (Spec. Nr. 30), voka manushtßi-m-ki yiddam himäru-hi 
vatud-i-ri „ein Mensch — (Akk.)— zu (ni-ki - Dat.) zwei Söhn-e 
sein— (Prä t)— sie" (Spec. Nr. 30), aus dem Kanaresischen: 
hire mag-an-ti, Jiolad-alli idd-an-u ^älterer Sohn — er— er Feld — 
auf (Prät.)— er — er** (Spec. Nr. 36, 2), av-an-a tmnde av-an-amm 
nod4 „dort— er— (Gen.) Vater dort— er— (Akk.) sehn— (Ger und.)", 
i h. „als sein Vater ihn sah** (Spec. Nr. 36) etc. Wie die Bei- 
spiele zeigen, unterscheidet sich der dravidische Subjektskasus 
zum Teil auch noch dadurch bedeutsam vom idg., daß er me 
ein Stamm weiteren Ableitungen zugrunde gelegt wird. Das 
tamulische himär-an verhält sich nicht zu kumär-an-ai wie 
- ßiu-s zu ßiu-mf während der Gegensatz des kanaresischen 
I maff-an-u: iimg-an-anim {q^, mag-an-aj nrng-an-anna) diesem Ver- 
hältnis dadurch schon näher kommt, daß -an- nur als Singular- 
suffix ohne Rücksicht auf den jeweiligen Kasus dient. Vgl. 
kiirii^-an'U „der Schäfer", kurub-an-a j,deu Schäfer", kumb-an- 
k inda „durch den Schäfer "* etc. und kiirub-ar-u „die Schäfer", 

kuridf-ar-a „die Schäfer** (Akk,), kurtib-ar4nda ^durch die Schäfer** j 

et-c,, ähnlich wie schwed. handlande-n „der Kaufmann", handlande- u 

n-B „des Kaufmanns", handlande-na „die Kaufleute^ handlande' i 

Hü'S „der Kaufleute** etc. Was jedoch für die vorliegende Unter- ] 

Buchung allein in Betracht kommt, ist klar: das Subjektsuflix ist 

ein Demonstrativum und das Objektssuffix, wenn auch seine | 

eigentliche Bedeutung nicht feststeht, doch höchstwahrscheinlich \ 

etwas anderes und vermutlich eine den Ort oder die Eichtung 

andeutende Postpositiou. Ich sage vermutlich^ weil, soweit ich |] 

iehe, überall, wo sich die Schöpfung eines Objektskasus wie vor 

unseren Augen vollzieht oder doch Versuche dazu unternommen 

werden, eine lokale Partikel, Adverb, Präposition oder Post- 

Position zur Verwendung kommt. Auch auf idg. Gebiete zeigt 

sich dies, z, B. bei der schon erwähnten Verwendung des Dativs 




280 



F, N, F^ck 



mv Bezeichnung lebender Objekte im Spanigchen {el padre ama 
a la kija „der Vater liebt die Tochter**), im Persischen, dessen 
objektives ra (namah-ra ^rwandam „ich las das Bach" ete,) 
bekanntlich dem apers. rädiy entspricht, im Armenischen, dessen 
hinsichtlich seiner Grundbedeutung noch nicht völlig klargelegtef 
Akkusativzeichen z (i slmbane arar (istvac r-erkin er s-erkir ^im 
Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde*' Gen, 1, 1) auf 
jeden Fall eine Präposition ist. Vgl, ^- mit dem AbL in der 
Bedeutung „in betreff, über", mit dem Instr. in der Bedeutung 
„um— herum": Heiltet Esquisse d'une grammaire corapar^e de 
rarraönieu classique, Vienne 1903, §§ 67. 68 und die dort nicht 
erwähnte Verbindung mit dem Lokativ in der Bedeutung nS^gen'' : 
zi mi erb&k^ hartes e-¥ari B-otn k*o „fi^ noji ngoaxo^/fig n^ig 
Xi^ov Tov no^a croi?" Matth. 4, 6, £-ahi hareal „von Furcht er- 
griffen** (eigentl. „gegen Furcht geschlagen*^) Eznü s. Kolba^i 
Eic alandoc, Ven. 1826, S. 245 etc. Solche Beobachtnngen legeiii 
nun — wie mir scheint — auch den Gedanken nahe, daß auch^ 
die uridg. Akkusativendung -m wohl nichts anderes ist als der 
Anlaut eines bis auf diesen Rest geschwundenen Worts lokaler 
Bedeutung, vielleicht der Anlaut des Stammes *medJiio {mediufn^ 
ptianv etc.), so daß also ein Akkusativ wie eqxiam ursprüngliciij 
die Wortgrnppe ^elcua medhio gewesen wäre mit anfänglicij 
lokalem Sinn wie neuarm. jri meff „Wassers Mitte" „im Wasser*^ 
etc., vielleicht aber auch irgend etwas anderes. Denn mehr als 
eine Vermutung ist natürlich nicht möglich* Nur daran darf ich 
wohl erinnern, daß eine derartige Erklärung nicht gerade mit 
unerhörten Vorgängen operiert. Daß von einem enklitischen 
Worte zuweilen nicht mehr als der erste Laut übrig bleibt, 
auch wenn das Wort ursprünglich ziemlich lang ist, zeigt 
beispielsweise das russ. das Jawohl" aus da sudarj (Slovaq 
rus-skago jazyka sost. 2. otd. Imp, Akk. nault, Ptb. 1895, I 949), 
daß der Übergang eines Lok. in einen Akk. möglich ist, das 
Koptische^ dessen objektaulautendes n aus ägypt im ursprünglich 
„innen" bedeutete (A, Erman Ägypt. Gramm. § 307) und auch 
im Kopt. ja noch als Präp. „in" gebraucht wird (G. Steindorff 
Kopt. Gramm, § 350). 

Und nun nach dieser langen, dem Leser hoffentlich nicht 
allzu langweiligen Umschan zum Ausgangspunkte der Erörterung! 
Überall, wo beides, Ausgangspunkt und Ziel des im Satze zur 
Darstellung kommenden Vorgangs, bei nur halbwegs gelingender 
Scheidung am Nomen durch ein Satzelement angedeutet wird, 



4 



Der angeblich pÄesiTischc Charakter am tranBitiTeii Verbs, 281 

erscheint für ersteren, soweit überhaupt ein klarer Einblick 
möglich ist, eine hervorhebende, für letzteres eine den Ort oder 
die Eichtung angebende Partikel, und der Vorgang selbst wird 
als ein aktivischer znm Ausdruck gebracht oder aber als passi- 
vischer neben der aktivischen Auffassnng als etwas Sekundäres 
wie im Indogermanischen. Wo die passivische Auffassung des 
TjTtus der Tatverben herrscht und nicht Herausbildung aus 
einem früheren Aktiv wahnächeiiilich gemacht oder bewiesen 
werden kann, da erhält nur das den Ausgangspunkt, bezeichnende 
Nomen eine besondere lautliche Andeutnug, wo der Typus der 
Empfiudungsverben allgemein gilt, da wird nur das Ziel beson- 
ders angegeben- Und diese Verschiedenheit ist leicht erklärlich, 
wenn man sich der grundlegenden Verschiedenheit des unter- 
ordnenden und anreihenden Sprachcharakters erinnert. Damit 
möchte ich nun allerdings noch nicht behauptet haben, daß das 
Idg. vor der Entstehung der Flexion einen überwiegend an- 
reibenden Charakter nach Art des Polynesischen, Hottentottischen 
und Bantu besessen habe. Die Voranstelluog des attributiven 
Nomons, die durch die Komposita erwiesen wird, deutet sogar 
auf das gerade GegenteiL Zum drittenmal erlaube ich mir 
daher darauf aufmerksam zu machen, daß es keine Sprachgesetze 
und dergleichen geben kann» daB die Annahme irgend welchen 
ausnahmslosen Waltens im Sprachleben im Augenblicke, w^o man 
dessen Wesen erfaßt^ als eine vollendete Absurdität erscheinen 
muß. Da ich mich vor kurzem darüber hinlänglich geäußert 
MBhe (Die Aufgabe und Gliederung der Sprachwissenschaftj Halle 
1905), brauche ich die Sache hier nicht weiter auszuspinnen. 
Überdies würde ich dem, der's nicht begreift, wahrscheinlich 
doch nicht helfen können, und auf jeden Fall werde ich mir 
nicht die Mühe geben, es zu versuchen. Es soll also die idg^ 
Ursprache (im Gegensatz zu der der Trennung unmittelbar 
vorausgehenden Grundsprache; vgl H. Jacobi Kompositum und 
Nebensatz, Bonn 1897, S. 1) nicht für ein anreihendes Idiom im 
eigentlichen, engeren Sinne erklärt werden» wie ich auch nicht 
verkenne, daß das Dravidische wesentlich unterordnender, stark 
an das Üral-Altaische gemahnender Natur ist. Aber wie dieses 
trotz alledem auch eine Neigung zum Anreihen zeigt, sich also 
einfach als eine Mischung extremer Neigungen darstellt, so muß 
auch das Idg. durch ein Zusammentreffen verschiedenartiger 
Eigentümlichkeiten entstanden sein, und mir scheint, dem uu- 
befaiigenen Beobachter könne kaum entgehn, daß eben dieses 




j 



A* Be7,Äen berger Weib and Weibel. 



nicbt Einseitige, diese Harmonie den idg. Typus kennzeichne. 
Dies hier weiter auszufiihren, geht jedoch nicht an. Das würde 
ein Buch von stattlichem Umfang füllen, das ich auch über kurz 
oder lang zu schreiben gedenke, aber eben nicht hier schon im 
Auszug mitteilen kann. Das Krgebnis meiner langen Erörterungen 
wird nun gering erscheinen und ist es gewissermaßen auch. Es 
muß bei der alten Ansicht bleiben, das ist alles. Mir lag jedoch 
im Interesse der Sache daran, diese aktivische subjektive Yerbal- 
auifassung nicht nur als eine vor der Hand noch nicht widerlegte, 
sondern als eine dem Gesamtcharakter angemessene, natürliche 
erscheinen zu lassen» dabei freilich stark auf die meinen An- 
deutungen folgende» vielfache Lücken ergänzende Mitarbeit des 
Lesers rechnend. Denn unmittelbar gewonnene anschauliche 
Erkennt Dis läßt sich selbstverständlich nie ganz ersetzen und am 
aüerwenigsten durch ein paar kurze begriffliche Formuliernngea 
Zu einer einen annähernden Ersatz bietenden Gesamtschilderungi 
der sprachlichen Welt aber gebricht's hier an Raum, und zudem^ 
ist das ein Buch, das ich zwar auch zu schreiben vorhabe, abei 
noch nicht heute oder morgen» weil ich mich dazu noch nicht 
fiir reif erachte, Vorbehalten will ich mir jedoch nichts. Wenn 
einer mir zuvorkomnil, werde ich dies dankbar anerkennen. 



i 



Gr.-Lichterfelde. 



Franz Nikolaus Finck, 



Weib und Weibel 

Unter Berufung auf z, B. ahd* HufgJ'pertOj mnd, frthbeUe 
aus wikhelde^ gr. «('^loAog aus uty-qnXo; (Prellwitz), präkr. Vappairm 
aus Vak-pa^ (Pischel) glaube ich die Annahme wagen zu dürfen, 
daß in vorgermanischer Zeit kp in der Kompositionsfuge durch 
Assimilation nach naturlanger Silbe zu p geworden, und daß so 
ahd, weibel „praeco", ^Gerichtsdiener" aus vöi(kjp6- (oder voifk]- 
polö-?), und ahd. wib „Weib" aus vei[k]p6- enstanden ist Die 
weitere Erklärung dieser Wörter ergibt sich von selbst aus ved* 
vig-pati' „Hausherr'*, vi^-pätm- „Hausfrau", lit* visz-pats „sou- 
veräner Herr" (Femin. Dat Phm wieschpatmamus^ Postille von 
1573X preuß* wais-pattin ^Hausfrau"*, ved, kuh-pä- ^Familien- 
haupt" (skr. kula-paU-^ 'pätaka-), go-pä* „Kuh- Hirt" {go-pa-, 
gö-paü'), skr. nr-pa- „Fürst" (ved. nr-päti-^ nr-pätni-, nr-pdyia-, 
nt'plti-) usw. — Vgl übrigens Osthoff IF. IV 282, 

A. Bezzenberger. 



1 



^^^^ 88S 

Zur Mythologie, 

I* Jitno. 

„Vom Standpunkt der Vergleicbung", sagt Müllenhoff (Deutsche 
Ältertuuiskunde I 70 ff.), „wird man immer zugeben, daß nicht 
nur den Griechen eine reiche vielgestaltige Natur entgegenkam, 
die ihren Anlagen und allem, was sie mitbrachten, auch die 
reichste und mannigfaltigste Entwicklung gestattete, sondern 
auch, daß ihnen viel Fremdes von auBen her zugefilhrt ist, was 
sie aufgenommen und verarbeitet haben; dagegen aber z. B. nie 
einräumen, daß die Jiwvfi, die Juno {Diovino) der Italiker, erst 
in späterer Zeit dem dodonaischen Zeus beigesellt ist". Die 
Anschauung des alten Buttmann, der zuerst Ja&yri deu Lauten 
nach mit der römischen Jimo verglichen hat*), wird noch in 
neuster Zeit festgehalten, so von Hermann Usener (Strena 
Helbigiana S. 321), der glaubt, daß mit dieser Gleichsetznug „der 
erste Spatenstich zu mythologischer Erkenntnis** getan war. 
Formal wären nach ihm (Göttemamen S, 8) die Namen so zn 
vennitteln, daß man ^hmö aus einer verloi^enen Stammform Juna 
herleitete, die, auf ^djov-na oder "^äjov-ona zurückgeführt, der 
griechischen Gestaltung nicht aUzu fern stände. Es ist nun zu 
bemerken, daß diese nicht gerade einen uraltertamUchen Eindruck 
macht „Dione ist, wie ihr Name lehrt, nichts weiter als eine 
*Frau Zeus': Jijmpu ist von der schwachen Stammform von 
ZivQf dif, ähnlich abgeleitet wie ^Ax^imtivri, die Tochter des A,, 
von Akrisios*^ (Kretschmer Einleitung 8. 91). Scheitern muB 
Useners Hypothese an einer anderen Schwierigkeit. Er nimmt 
an, daß wie in Jupiter so in Juno der i^-Laut aus einem echten 
Diphthong ou hervorgegangen ist: damit befindet er sich, wie 
leicht zu zeigen ist, im Irrtum. Schon eine Inschrift des 
V. Jalirhunderts der Stadt schreibt Junoneuses Nr. 24 a in 
Schneiders DiaL Latin, prisc. exempla Nr. 40 (s. V): Qh Junto / 
C l Pöblet ios. Da ou in Pobhiios (zu ptibUais, pt4hes) als ö 
erscheint, müßte Vonio dastehen, wenn es sich um echten 
Diphthong handelte. 

Nr 46 1 ^^^^ (Praeneste s. Vj VT). 



^) Ejtkcirs V üi Spaldings Ausgabe vod Demogthenes Midiana ; Mythologus 
1 22 t 



s. VI/VII. 



284 H. EhrUch 

Nr. 49 (Praeneste s. V/VI): 

Loxicilia neben Jiinio. 
Nr. 72 (Pisaurum s. V): 

Juno Lohicina. 
Nr. 73 ] , , ,^ 

Nr. 74 f ^^^^^^ (s- V). 
Nr. 111 Junone Loucinai 
Nr. 112 Junoneil Loucina 
Nr. 113 Junone Loucina 

Das u von «7uno ist demnach nie diphthongisch gewesen'). 
Dieser Tatsache könnte allerdings üsener einfach anf die Weise 
Rechnung tragen, daß er *djuvna statt *djovna zagmnde legte. 
Aber damit ist es doch nicht getan; es erhebt sich die Frage: 
wie konnte es geschehen, daß ein *djuvna, ein klar charakte- 
risiertes Femininnm, in die Flexion der -ön-Stämme flbertrat, 
denen doch keineswegs allgemein die Funktion eignet, die durch 
einen solchen Übergang vorausgesetzt wird: nämlich belebte 
weibliche Wesen zu bezeichnen. Wollen wir den Namen der 
römischen Göttin verstehen, so tun wir gut, die Dione Oberhaupt 
fernzuhalten, können aber auch nicht umhin, Juno von Jupiter 
etymologisch zu trennen. Zunächst ein Wort Aber das Wesen 
der Göttin. Von jeher hat W. H. Röscher*) die Auffassung 
vertreten, daß alle Züge der Verehrung Juno als eine Mond- 
gottheit kenntlich machen. Ich fürchte, diese Deutung steht im 
Banne des etymologischen Vorurteils, das Röscher mit allen 
Früheren teilt. „Die Ehe zwischen Zeus und Juno ist das 
Prototyp und Ideal sämtlicher menschlichen Ehen^, sagt Röscher 
selbst. Und erklärt man Juno im Kern ihres Wesens nicht fllr 
eine Mondgöttin, sondern für eine Ehegöttin, so erscheinen die 



1) Das haben, wie ich sehe, auch zwei andere Forscher bemerkt: W. ScholM 
Zur Geschichte lateinischer Eigennamen S. 470 ff., wo man reichhaltiges Material 
findet, and, gleichfalls von ihm anabhängig, W. Otto PhiloL LXIY 177 ff. Diese 
Stadie (S. 161—223) mündet in den Satz: Jano ist eine Göttin der Unterwelt: 
dafür spricht wenig; was die Ziege im Kalt einer EhegOttin bedeatet, konnte 
Koscher Jano und Hera S. 22 N. 24 lehren, wo Plin. n. h. XXVm 266 ff. ritiert 
wird. Daiin liegt überhaupt anleagbar eine Einseitigkeit der Ottoschen Ari)eit, 
daß die Verbindung der Jano mit Jnpiter, deren Sinn Wissowa Beligion ond^ 
Koitus der B(}mer S. 114 viel richtiger erfaßt hat, für ihn völlig zurücktritt. 

<) Zuerst in den Commentationes philologae, Georg Cartius dargebracht^-^ 
(1874), S. 215 ff., dann in den Studien zur vergleichenden Mythologie der Griechei^^ 
und EOmer 11. Juno und Hera (1875), zuletzt Mythol. Lex. II Sp. 574 ff 



Zar Mythologie. 285 

Einzelheiten des Kdtus auch in dieser Beleuchtung verständlich. 
Ein bedeutsamer Einfluß auf die geschlechtlichen Funktionen des 
Weibes, Geburt und Menstruation, wurde dem Monde beigemessen. 
Die Göttin, deren Walten das physische Leben der Frau unter- 
steht, muß also auch Macht über ein Gestirn besitzen, dem der 
Volksglauben solche Geltung zuschrieb: Jnnö sispes besagt, ver- 
mutlich — i ist wohl lang anzusetzen^ vergleiche die Schreibung 
seispitei CIL. I 1110 — ^die über das Gestirn (den Mond) 
mächtige" = "^sids-potis (sidtiSf eris). So wird sie auch Liieina 
gerufen — aber höchst bezeichnender Weise nur als die Göttiu^ 
die über die Wöchnerinnen in ihrer schweren Stunde schirmend 
die Hände breitet Genug, Juno ist von Hause aus EhegOtün^ 
den entscheidenden Beweis erbringt die Etymologie. Denn Jutw 
entspricht fast Laut filr Laut dem vedischen yo^ä Genitiv yöm^^ 
Nom, Plur* yS^-anas (an-Stamm) Junges^ mannbares Weib, Gattin"*) 
= indogermanisch *i€usö ieumes^ nur daß bei den Italikem der 
Stamm schwache Gestalt hat: ursprünglich flektierte man ^Jüsö 
*jmnm = ^jünSs (-äs bekanntlich die ältere Form der Genitiv- 
endung). Später wurde das Paradigma vereinheitlicht durch 
Übertragung des -ii»- der Casus obliqni in den Nominativ: das 
gab jtinöf Genitiv — da *jüh&s allaiusehr aus dem Rahmen des 
Regelrechten heraustrat — nach senno^ opiniö etc. *jünöfWs 
*jünöms. Also Juno muß zu denjenigen pn-Stämmen gehört 
haben, die wie caro car-n-is die ererbte Abstufung bis in 
italische Zeit bewahrt haben. Die Hypothese klärt auch, wie 
sie muß, die morphologische Beschaffenheit des Monats- und 
Personennamens Jünius auf, der, wie Röscher*) mit Recht 
bemerkt, von Jtmo schon aus dem Grunde nicht abgesondert 
werden kann, weil an den Kaienden des Junius das Hauptfest 
der J7iiw Moneta^ der Grund nngstag ihres Tempels, gefeiert 
wurde. Nach Röscher wäre Junonms des gleichen Anlauts der 
beiden aufeinander folgenden Silben halber zu Jnnius vereinfacht 
Die Möglichkeit des Lautwechsels kann nicht rundweg bestritten 
werden; doch wäre das Üherspringen einer langen Silbe ttir 
das Lateinische etwas Ungewöhnliches**) Der wahre Sach- 



») B. Delbrück Di© iudogennanischen Verwand tschäftanamen S. 418. 

*) Jahrbücher fftr klasaxflche PMlologi© 1Ö76 S. 367 ff. 

*) Gegen Fick KZ. XXn 99 ff. mit Recht Pokrowakij ebenda XXXV 227 ff., 
der «eigt, dai nw^Ha? nicht auf *flufrtYn.r, dentia nicht ?kn^ *dent\tio, voluptariiis 
nicht ^ *tduptätarim zurück geht. Auch griechische F&Ue sind nicht gedchert^ 




286 



H. Ehrlich 



verhalt wird sein, daß Junius älter als Jti.nonius ist: dia] 
erschließbare Gi^undform ^im-n-ios verhält sich zu *imö getiai] 
wie ntlttj-tfi^ zu Ttnt^i}, Wir haben eine Adjektivableitung von 
ehrwürdigem Alter vor uns, in welcher der e^z-Stamm gesetz* 
mäßig die auf den bloBen Konsonanten reduzierte Form -«- hat, 
Ein Punkt der Lautlehre bedarf noch des näheren Eingehens..] 
Es ist angenommen, daß in Juno die Länge der ersten Silbe 
hervorgegangen sei aus einer Kürze, die Dehnung erfuhr unter 
Schwinden eines folgenden b vor Nasal Auffallen könnte nun, 
daß auch sehr alte Inschriften ein .? an dem Worte nicht zeigen» 
trotzdeoi in einzelnen Fällen die Gruppe s -\- Nasal bis in 
geschichtliche Zeit erhalten ist. jjPesnw penni'^ ut C4ismeHa8 
dicebant pro Catnents: et c[a]esms pro cfajenis^^ Fest, p* 205 M-" 
cf. p. 209. „Dttsmo in locö apud Lwinm sufnißcat dmno^im 
löCiim, Äntiqui enim interse^-ebmü s litteram d dicebant cosmittere 
pro committere et Casmenae pro Cammae"^ Paul, ex Fest. p. 67 
(Casntenm überliefert auch Varro de L 1. VII 26), osnum alt « 
omen Varro de 1. 1. VI 76. Losna = Lima Praeneste 55 Schneider. 
— triresmos = triremes columna rostrata (391 Schneider) i*> cosmU 
== comis j^freundlich" Duenosinschrift (Nr, 19 Schneider) i, jotut* 
meiita « iumenta Foruminschrift. Dar Fall cosmittere ist für sidi 
zu stellen, Etymologisch ist wahrscheinlich co-smittere (= cm 
miittere:) zu trennen; aber ein wortanlantendes s vor m hat sich 
wohl nur unter dem Schutze einer falschen Silbentrennung 
CösfconS') mittere halten können, indem man das Element con^- 
auf eine Linie stellte mit obs'ftrudo)^ sii8-(tineo)f ex- neben ec-. 
In cons- aber wurde -ns als Auslautsgruppe behandelt: mit ^ö.^- 
vergleiche sangul^ aus "^mngurns. Im übrigen gilt das Gesetz: 
s war, soweit es sich vor Nasal bis ins historische Latein erhielt, 
ein tonloser Laut Der Grund liegt darin, daß vor dem s ste^ 
ein Explosivlaut geschwunden Ist, der in der ältesten Sprache 
noch ausgesprochen wurde (ioH:rmnita), Casmenae geht nach 
Solmsen Stnd. z. lat. Lautgesch, S* 165 N. 3 auf *0/rrf-Äm^ija«, 
Camenae auf ^Cäd-menae zurück („die Glänzendeu"*, zn gTi 
TeBxaSfidrtiq), Pesrm aus *pet'sna neben penna aus *p<?^na< ee^m 
nach Brugmann und 7on Planta aus %'ert-ma (umbn persnat 

^fi-TQÖf ^Foltertnecht'* wohl nicht aas *CjyrvTpd(r. sondern aus der Wnnsel gßbild 
(cf di-Cfj-fdm)^ ebenso un-Ttjn „Sucher"'. f/Jtir^^dc J«- rrlotu^. jffyj -qo^ (Suffii 
-QQ-f vgl. jfi'i [jJ-tfitO ; xii'Tut^ hat also vieUeicht enteprechontl Snflfix -ihq, nidit 
-tuiQ. Kretisch i(iOy« nach Brugmann aus Vn/rnwrpn; fielmebr was r^i-f§-t^tt 
„cJreifaehp Zaldnng" (r/rtu). 





Zur Mythologie. 287 

„cenati** ai. kartati „schneiden"), Losna aus ^Lottks}m (cf. preiiß, 
laua^nos „Gestirne*^)» triresmos aus *tri'-rei-s-mQs ueben ii^n^/io^; 
falsch ist die Grundform rmno- bei Niedennann E und I im 
Lateinischen S* 56. omien = "^öcsmen "^oq^smen zu oeulus eigent- 
lich „das Gesehene"; formell steht griecli, o^/ia *07rfia *oqumQ 
nahe. Nicht zu halten ist der Ansatz *ovisnien (oi'o/i«i) Kretjschmer 
KZ, XXXI 455* cösmis „freundlich" aus *koksmis zu altbnlg. 
koehati „lieben" = *kok8atif litauisch k^ks^^ „Hnre*^* dusmos 
„struppig, stachlig"* leite ich aus ^duks-mos ab, vgl lit, dm^iü 
„stoßen*^, ahd. Ewangm „anstacheln" Fick 11^ 384. Einfaches 
s vor Nasal wurde tönend und schwand schon im ürlateinischen j 
weder hat, soweit wir zurückblicken können, ein römischer Mund 
*prismos stAtt primus gesprochen, während das Pälignische prismu 
im Sinne von lateinisch prhna belegt, noch besteht die Aussicht^ 
daß auf einer lateinischen Inschiift je eine Ji^^iio auftauchen wird. 

n. Müvffa, * 

Gegen den letzten Versuch neuerer Zeit» Movaa mit der 
Wurzel men „denken" in Verbindung zu bringen, den Brngmanns 
(IF. in 253 C), macht X Wackernagel (KZ. XXXIII 571 ff) 
berechtigte Bedenken formaler Natur geltend. Dagegen nacli 
der begrifflichen Seite hin scheint mir (anders Wackemagel) 
Brugmanns Etymologie wohl fundiert. Penn es sei, wie es 
seine Meinung ist, „die geistige Erregung^ des Sängers der 
Begriff, der in der Movaa körperliche Gestalt gewonnen hat, 
I so leuchtet es ein, daß die Gottheit zunächst als eine Pei-son 

' gedacht sein muß. ^ijnv anä^ ^ta, aväga füdi i'vvfnf Movau ist 

die älteste Form der Anrufung* Wenn die Musen späterhin in 
I der Mehrzahl auftreten, so geht damit Hand iu Hand die Tat- 
sache, daß sie auf Bergen und an Quellen lokalisieti: werden: 
beide Züge beruhen auf einer Vermischung von Mnsen- 
uüd Njmphenkult Jede Nymphe berührt sich in ihrem 
Wesen mit der Muse insofern, als auch sie auf Grund der 
begeisternden Kraft, die ihrem feuchten Element nach der 
I Anschauung des Volkes innewohnt, tt^üi^ Erregerin" ist: das 
heißt, wo Musen verehrt werden, werden in Wirklichkeit N^Tnphen 

Ials Mitvaiii verehrt. Die Erwägung demnach, daß Wackernagels 
Deutung von Momm als *^invr~ift „die Bergfi^au" etwas geschieht* |i 

lieh ünursprtingliches in die Natur der Göttin hineinträgt, bestimmt | 

mich, meine etymologische Bemühung auch meinerseits an den ( 

Brugtnannschen Grimdbegriff „der geistigen Erregung" anzulehnen. 





288 



H. Ehrüah 



Es ist bisher überseheaj daß die Dialekte ebensowohl gestatten, 
Mavofx bM *MfivT'iu als ant*Mopd^m zurückzuttihren. Die letzt©! 
GrEodform vermittelt nun aufs ungezwungenste die Anknüpfung 
an die Wurzel metdh „quirlen, erregen'' (ai. ma>dhati altbulg. 
m§tq taQfitTBiy). *fxop&-ta tindet nach Vokalisierung und Stamm- 
bildung vollkommene Deckung an ^toi^a aus *fio^-ia. Es sieht 
so aus^ als ob ^ßo^^tm eioe Abstraktbildmig zu einem ^nwuthos 
wäre (vgl, ai. romantha ^das Wiederkäuen'^ = ^rönm-tnanfhaf 
eigentlich ^das Umdrehen der Halsmuskeln** Joh, Schmidt Sonanten- 
theorie S. 100), gradeso^ wie es ^mtoa zu ^looo^ ist Derivate j 
der Wurzel im Griechischen sind zahlreich: ^tid-ag nGetÜMmel** 
mit einer Färbung des Vokals, die am besten durch Ausgleic 
in einem wurzelabstufenden Paradigma *^tnv3oc *fta.9mo (« = y) 
erklärt wird, UiBvhev Virnier aov^Xtvetr' jo fi&kvyoviu la^ßarift^ 
(seil, vScag) Phrjuichos; fid^iai' ymd^fii Hesych von ähnlicher 
Bedeutung wie althochdeutsch mindil „Gebiß", ftdaral bedeutet 
entweder „das Kauende*^ (Mund = yvfi^ot Alkmau fr, 144) oder 
„das Gekaute*^, ^die Atzung"* (1324); eine Nebenform fjiatana* 
Tffp ߣfia(friftdvfi¥ T^o(pi]}f überliefert Hesych. fiuaxun- /<f<7i auf- 
führen auf zugrunde liegende Stämme ftan%n- aus V«^+^o^| 
"^fmith-^to-j fifOTo- aus *fttvato- *menfh'\-tO' (vergK wegen das 
Lautlichen morog aus *nid'^JO'f (ipunvoTog auS *Ät^3+ro). fivarm^ 
schließlich entstand durch Kontamination von /i«rjr«| und jfr<7ra5.| 
Von gleichem Stamme ist natürlich /iwaatT^at „kauen"* Va^ido^«i*); 
das ei-schließbare Nomen *fim9^ia steht in engster Beziehung za 
*fi(ip^jia. Ahnlich hat ftQuuvvuv ' ftadäa&at ß^udBti}g nehaa sich 
*ßiu(ivv€iv, wie es folgt aus Man wt lag Äristophan. Wespen 4S3, 
nai^a^aavPTfjg j^Schmarotzer** Ephipp fr. 8 6 II 255 K. , Alexis 

1) Dazu lat. mandere „kauen** aiaa *manPo *mntlm. Mit der Glosse hei Siiidaa 
äfxamo^* 6 tifirhtjTOi, tut: «^ifföTofj d aytvato^. ilio SomoK^r IF. XL 265 auf 
meinen Mio weis verwertete, hat es eine besondere Bewandtnis. Qaelle ist, wi» 
ich Jetzt weifii Äpollonins Sephieta s, v. äitttatQ^i dyivtfTQC' mtana&ftt y«^ ro 

xoitfu^i'itxv ToCf fjt 7iQ0€ TO /i, Dbs oioy („quaaj") ^atgt^ daß dfinatO'; unr vif 
Erklärung von n^tatjTO^ konstruiert ist Der Eicerptor aber nahm dieses gram- 
mati&che Gebilde für echtee Sprachgut Vomclit in der Benutznng der alt«D 
LexiCÄi Übrigens scheint mir Sommers Wurzel *mad «schneiden'' tu Unredst 
angesetzt; ndd. mett ^gehacktes Fleisch** wird ansprecheöd genug als ^dai 
saftige, triefende" (lat. maderc) gedeutet, ir, mmdim , brechen* von Stokes 
(Urkeltifcher Sprachschatz) auf *mafö zurückgeführt und von Bezzenberger mit 
altbulg. motyka ^ Hacke" vergUchen; dazu stelle ich lat tfiateala ^WerkTeu^ 
zum Einschlagen in die Erde** iCato). — tJber udatiti richtig schon Proehde 
BB. Vn 330; fgL auch Zacher ripuf S. 229 ff. 



Ztir Mythologie. 



fr. 222 a n 379, Es wechselte also einmal *fiov(Tavy€tv (St V^s'^it?-) 
mit ^ftatravvttv (St. Va^^v-): die zweite Variante gestaltete sich 
unter dem Einflüsse der ersten 3?u fiocrovvftv um. Endlich ist zu 
erwähnen die Hesychglosse ^latvai' ypd$^Qt, welche, da ^tana- 
ßi^ivnQ vorhergeht, fmjtvfig anschlieBt, von Stephanus und Geßner 
mit Recht in fiaTtiai geäudeit ist (St. *fta^tvu). Lautlich deckt 

sich damit ^«tti'j;, ein xoivop opa^ia naVTa^V T(ov noXvT$lmp ^dV 

ü^fhmp, eine Erfindung der thessalischen Küche (cf. Athen. VI 
663 Äff.): eigentlich ein „Gequirltes", gut stimmend zu f^op&v- 
ifmty pfarcieren". Während in den bis jetzt behandelten Ab* 
leitungen die Wurzel ihren konkret- anschaulichen Sinn hat, 
finden wir in einer Bedeutung, die an Movua = ra^a/J näher 

heranführt, ^ivd^^^* g^fa^r/^ (cod. juty^jfpi), ^ivB^^tü' ß^^tf^v^am^ 

Suidas. Das Althochdeutsche kennt ein Verbum menden „sich 
freuen*^ {mandhmdi Keroniache Glossen, meidhenti Otfrid), 
welches in grammatischem Wechsel steht mit altsächsisch 
mendian (Braune Althochdeutsche Gramm,' § 163 N. 6): ur- 
germanisch *manpijö *mandijö eigentlich „sich erregen", daher 
„sich freuen** ist identisch mit altbulg. mqUU ta^arreip indogerm, 
*moHtheiö. Althochdeutsch mmdl „Freude", eigentlich „Erregung" 
aus *mänjn *m6fithi aber entspricht genau der griechischen 
Mtwaa ^ *m&idhia. 

m, ^EnTtft — Vesta. 

Das Verhältnis der griechischen Hestia zur römischen Veda 
ist bis in die neuste Zeit Gegenstand des Streites geblieben. 
P. Kretschraer Einleitung S, 162 ff. will die Beziehung als solche 
zwar gelten lassen, deutet sie aber so, daß die Römer die 
Entlehnenden wären. F. Solmsen Untersuchungen zur griechischen 
Laut- und Versgeschichte S. 190, 213 ff. erhebt Einspruch. Ent- 
lehnten die Römer, so übernahmen untentalische Griechen die 
Vermittlerrolle. Aber in Magna Graecia sprach man nicht 
'Eütia (Vffir/a), wie das die Kietschmersche Annahme voraus- 
aetzt, sondern 'laria. Solmsen stellt danach jeden Zusammenhang 
zwischen der giiechischen und römischen Gestalt, wie er auch 
gedacht werde, in Abrede. Wenn nun F* Sommer Griechische 
Laotstudien S. 94 ff. sich wiederum auf den entgegengesetzten 
Standpunkt stellten konnte — ihm ist wie Früheren Hestia-Vesta 
eine Gottheit der Urzeit — so liegt dies in den offensichtlichen 
Schwächen begründet, die der Solmsenschen Argumentation 



ZmiimGhHÜ für rergl. Spnobf. XU. ^ 




19 



290 



H, Ehrlich 



anhaften. Versagen wir uns einmal der „Sirene des Gleich- 
klangs'* nnd hören wir auf die Sprache der Tatsachen! Zwei 
Tatsachen sind es, die in der Erörtemng über Gebühr zurück- 
getreten sind. Die eine schließt ein sachliches Moment in sich. 
Hestia, eine Göttin, die nie in Tempeln, sondern nur in Bnlen- 
terien und Prytaueien Verehrung genossen hat, eine deutliehe 
Hypostase des Herdfeuers, verkörpert sich zu einem persönlichen 
Wesen erst in nachhonierischer Zeit; der erste, der sie 
kennt, ist Hesiod Theogonie 454. Das anleite ist: die älteste 
nnd verbreitetste Gestalt des griechischen Naraeos ist iaiia; 
tfftta ist die Form emes emzigen Dialektes: des attischen. Nur 
weniges ist gegen diese These geltend zu machen. Eine lako- 
nische Inschrift des 5. Jahrh. v.Chr. (genauer; 403) CIG* 1 1511 
besagt nach Bekkers Abschrift „ex schedis Fourmonti** (= Dittenb. 
SyU.^ Nr. 34) ZeUe 21: 

x{€)llog (da)^{in6g]. Schon Otfried Müller (Dorer I 181) besserte 
in ^(jpiatüi; so schrieb auch Roehl (Inscr. ant Nr, 69), Cauer 
(Del.* Nr, 11) und Roberts (An introduction to Greek epigraphy 
Nr. 258). Merkwürdig scheint zu der angeblich überlieferten 
Lesung zu stimmen die Notiz der Schollen zu Apollonius Rhodius 
A 909 (innerer Rand) itpiattm] tnotmt* Aamdmfiovioi ya^ i^v 
oiulav hat luv tpaaL Dem Scholiasten kommt es jedoch nur auf 
die Bedeutung^ nicht auf die Lautform an, die für Lakonieu 
iuTia gewesen sein wird; denn laria steht fllr die Kolonien 
Tarent nnd Herakleia sicher (Nachweise bei Sotmsen a. G). 
Anstoß nahm man auch mit Recht daran, daU „Inquilinen der 
Lakedämonier** (Boeckh) in persischer Münze zahlen sollen* Aue 
Zweifel aber sind gelöst durch die Neuauffindung der Inschrift, 
welche den Bogen der Türöffiiung an der Kirche des heiligen Vasi* 
lios südlich von Sparta bildet (vgl Fränkel Rh. M. LVH 534 ff.). 
Von Protts Abklatsch hat deutlich E0EIIOI Zum Überfluß hat 
Oraont festgestellt, daß E0E:^£Oi auch in Fourmonts Auf- 
zeichnungen steht, so daß Bekkers EÖESTIOI als bloßer Lese 
fehler erwiesen ist. Es fragt sich weiter, ob man auf einer 
Inschrift, die Zeile 20 anlautendes Digamma in ff4$[xopja] kon- 
serviert^ nicht auch den entsprechenden Anlaut bei mria erwarten 
müßte. Das Digamma ist außer in der Hesychglosse y^un« 
ifijfari? (zu korrigieren in ia^äga) überliefert in einer arkadischen 
Inschrift (Mantineia) GDI. 1203 le: /mr/aK Foucart, der sie 
allein gesehen hat, der Ungenauigkeit zu bezichtigen und die 



Zur Mythologie. $ffi 

Lesung zu bezweifeln, ist außer Solmsen niemandem in den 
Sinn gekommen. Tat er es, so geschah es nach seiner eigenen 
Äußerung (S. 216) ^auf die Gefahr, dereinst des Irrtums tiber- 
wiesen zu werden*^. Äusgi*abungen, die Kourouniotis im Herbst 
des Jahres 1902 auf dem Berge Kotilon in Arkadien (Umgegend 
von Phigalia) veranstaltete, haben eine Freilassuugsnrkuude auf 
Bronze tatel zutage gefördert; sie ist veröffentlicht in der 'Effrf^. 
^A^X^ioUf. 1903 Sp, 178: 

Xot^oSitavtu I Ei 6i jtg intS^auvs \ tovrmg, h^a ra ;fp(/)jtia- 1 ra 
lp<a>i nivja^ utb \ *iuiiag^ $<i>T iJA<A>og T<i>q \ t ^Anükkuipi 
TOI Baa<a>i* \ rat xai Tot Uuvi \ rmi JStvoevtt \ nai t' \4^Tifit 
Tal KoTi- I Xim xai ta Fo^^adta. 

Zufällig ist Zeile 8 ein kleines Stück der Tafel weggebrochen, 
doch fehlen nach Aussage des Herausgebers nur ein bis zwei 
Buchstaben* Zweifellos richtig ist von ihm vermutet, daß sich 
unter dem Komplex aaTtag ein Eigenname verbirgt. Nun lautet 
ein Eigenname aus dem gleichen Dialektgebiet Fwtiug^ eine 
Inschrift, welche / schreibt (Zeile 13 Fo^&aaia) stellt uns die 
Aufgabe, vor der Verbindung tat tag den Eaura flir einen oder 
zwm Buchstaben zu füllen: wir können nicht umhin, / als 
fehlenden Laut zu ergänzen. Mit einer Walirscheiulichkeit also, 
die an Sicherheit grenzt, werden wir iotia ursprünglich digani- 
matischen Anlaut zusprechen. Das abweichende Urteil Solmsens 
iat üicht hinreichend begründet. 

1. Eine Inschrift von Lato (Kreta) GDI, 5079 hat Zeile 7 
itfriat vor einem Worte, von dem angeblich nur anlautendes / 
erhalten ist; die Lesung ist falsch; es steht E da, das zu t(v/av) 
efiganzt wird. 

2. Böotien zeigt digammalosen Anlaut schon im 5. Jahrb.: 
hwTtatdag Tanagra GDL 914; daraus folgt, daß In Böotien m- 
zn einem stimmlosen / wurde, das in der Schiift ohne Konsequenz 
durch /&, / oder b bezeichnet wird (andre Beispiele almfiu inmavQQ 
iUTüg). 

3* Eine lokrische Inschrift des 5. Jahrb. (Oiautheia GDI. 
1478) schreibt bei sonstiger Erhaltung des / Zeile 7 und 16 
tatifxt. Hieraus ergibt sich, daß in diesem Dialekt su der gleichen 
Behandlung wie im Böotischen unterlag. 

4, Die delphische Labyadeninschrift GDL 2561 aus dem 
Anfang des 4, Jahrh, v. Chr., die im allgemeinen den Dialekt 
reiü wiedei^ibt, so auch anlautendes Digamma in j^ha^rt^Q u. s. f. 

19* 




292 



H. Ebrlicli 



beibehält^ hat C 43/4: ?}iaoTov ^x^^ boftiluTitav. So wenig wie 
ich Solmseo das Recht einzuräumen vermag, aus diesem Tat- 
bestand eine urgriechische Doppelheit 'ahaato^ *ajijcaato^ zu 
folgern, so wenig ergibt mir die Form bofi^riog etwas über den 
ursprünglichen Anlaut des Wortes. Denn im reinen Dialekt 
heißt „der Herd** nicht ioilu, sondern iatim: Daulis IG. ES 1|B 
638 itTt{ia)v, Ferner lautet ein Sklavenname auf einer delphischen 
Inschrift GDL 2085 (175/4 v* Chr.) s bis Vnrrßi, 3 'Eantö, * 'iuitt^ 
^Eaiici (die identische Inschrift 1807 zeigt i.€.».is.t5 dagegen 
durchgehend 7arito), Dies Schwanken läßt gleichfalls erkennen, 
daß der damals übliche Mischdialekt tntia als einheimisch neben 
geraeingriechisch ioita anerkannte. Daher glaube ich, daß 
liofidffTiog wie £3iaoto^ der (wesentlich attischen) Gemeinsprache 
entlehnt ist, die ihre Vorboten nach Delphi früh, aber nicht 
auffallend früh, entsendet. Auch für Phokis bewährt sich also 
der SatZj der fär andere Dialektgebiete gÜt, daß die genuine 
Form iattu durch attisch totla verdrängt wird> In Böotien ist 
alt 7aT(«id«c, jung '£ffi(mroc) Lebadeia CGS, 30173 (2. Teil des 
L Jahrh» nach Chr.), Im Äolischen ist alt iVr/a (Bohn*Schuchardt 
Altertümer von Ägä S. 34), jung ifTjli]ap GDI, 21547/8 (150 v. Chr.). 
Auf Kos GDL 3731» 'latif, 10 iarlag, 36379 iatia: 3636 (Ende 
des 4. Jahrh.) ""latia so.sfl.ii», karmr 48. Auf Kreta noch 5079? 
(Lato) iaTiüt^ 5024ßo (Gortys Ende des 2, Jahrh. v. Chr.) "itniav, 
kretische Inschrift in Magnesia (ed. Kern) 70ai *V[T/ai']. Aber 
GDL 4952i5 (Dreros 3, Jabrh. v. Chr.) 'Eariav, ebenso 5039n 
(Hierapytna). 

laria ist die Form eines einzigen Dialektes: des attischen. 
Die Lehre der Steine haben wir auf die handschriftliche Literatur 
anzuwenden. Jonisch ist i<rr/jj (i-):*) daher liest man auch niit 
der besseren Überlieferung ^lort^v Hesiod. Theog. 454, Jrmi] Opp* 
734, "liititj h. Hom, IV 22, XXIX 11, iü; korrigiert wird v. 1 
Sar/jy wie auch h, Hom. XXIV 1. Bei Herodot erscheint ifirifi 
inlaTiog ohne Variante; also bessere man II 100 0vv§<itt^ in 
(Tvvtfjufi, schreibe V 20 iart/jad-at {^trn^od'ai a, tlfTtt9J(j9at b), 
V 20 mit a mri^^ro^/ot; {saititTogiov b). Im Homertext ist über- 
liefert iar/i? I 159 p 156 w 304 v 231 gegenüber ifdarto^ B 125 
f 234 1^ 248 1^ 55 dvmxtQg I 63. Diese Attizismen sind aos 
Herodot zu berichtigen: sehreibe iniatiQ!; aviattog. Auch ifjWij* 
bei Herodas IV 10 VII 120 ist zweifellos attisch (mit jonischer 



Km& 46 3 Bechtel; MiJet Sitmn^ber. d. Berl. Akad. 1904, 610 ff. «t^ 



I 



Zur Hjüiologie. 293 

Endang)* Und schon Pindar bequemte sieh mit der Lautierüng 
inria^ die ZU semdfr Zeit gewiß keinem dorischen Dialekt eigen- 
tümlich war, der attischen Sprechweise an. 

Es lenchtet nnn ein, daß Kretschmers Ansatz */€üTia nie- 
mals eine monnmentale Bestätigung erfahren kann; denn das 
Ättika der geschichtlichen Zeit kennt nur iffTia, Vau war hier 
so früh wie kaum irgendwoanders verklungen. Diese Bemerkung 
ist vielleicht von Wert, um das Verhältnis zu iuvia deutlich zu 
machen. Es kann kein lautlicher Vorgang im Spiele sein, da es 
kein Gesetz gibt, das i in f wandelte» Ich erinnere daran^ daß 
„wenn zwei synonyme oder irgendwie verwandte Ausdrucks- 
formen sich gleichzeitig ins Bewußtsein drängen, so daß keine 
von beiden rein zur Geltung kommt, eine neue Form entsteht, 
in der sich Elemente der einen mit Elementen der andern 
mischen *" (Paul Prinzipien der Sprachwissenschaft* S. 145): 
Kontamination. Nun steht seit urgriechischer Zeit neben ßaTta 
das Synonymon m/agai der attische Dialekt brachte durch den 
Digammaschwuud die beiden Worte auch lautlich einander nahe* 
Wie durch Kontamination der Synonyma fidazui und ßvara^ 
pti^ta^ entsteht, so entsteht durch Kontamination der Synonyma 
tuTia und iox^Qu eor*a. So ißt jtotta von Vesta endgültig 
geschieden, /lai/« {latlu) ist auf urgriechisch ^ujitula zurück- 
zuführen. Etymologisch vergleichen sich altnordisch snida (Prät. 
Bimd) „brennen, sengen** - ahd, swidwn „brennen" (nur Präsens 
belegt, Otfrid, s. Braune Ähd, Gramm.* S. 330 Anm. 2), aus 
indogerm. *meitöj ferner ahd, swedmi „verbrennen'^ (nur Infinitiv 
in Glossen belegt) aus *sulto % lateinisch dtis für *suliis „glühende 
Hitze, Dürre, Dnrst**: diese Wurzel *meit ^brennen'* ist zu 
sondern von *su^id „schwitzen*^ (Schweiß etc.)^ /tat tu aus 
*si^ü^'tiä ist demnach eigentlich „der Brand" des Herdes* Da- 



^} ÄbleittmgeQ ?on diesem Stamme dnd ziemlich zahlreich: ahd. swetha 
,mdor* f*^H(7>, gti:edunga «- ags. svedung ^Wundpflaater" (mit dem Vokaliamti» 
ies Inf. 8wtiltiny Der Übergang' in die V. Ablautreihe ist jedenfallfi von swedan 
ms erst in germamscher Zeit erfolgi; Belege mhd. mcad «vapot*^, Btvddem 
. Dunst"; ags, Ä*a/>i*f niüht „Rauchqualm" (Grein)» sondern ^das EiahüUende, that 
tcAicA mathes or u^rap»" (Boaworth), swejbil ™ ahd, siccdiU — mittelndl, stßadd 
(BiÄde**» dazu aga. {he*^ ge-) sweä'mn „einhQUen", altnord, mmäa (ad) „Ut stmth^'^ 
(CI««iby-Vigfußaon). Falsch ist die Zusammenstellnng von mi'cdan mit »iodan (wi© 
IHetrieb ZfdÄ. V 216 noch Brugmann Gdr. I« 270), Man bemerke noch, dal 
tckteeißtn «rösten*' (*ttwaitjan) — auch schweitze». lautiert durch Kootaminatiou 
Ott »ektcitzen „röaten" (''simtjatt), daa damit zusanunengehört — eine Wurzel *^ifeid 
j^hfmmmi* ToraMMtzt, aul' die aneh lit. stiMti „gllDaen", lat. sidaa zurückweiieü. 




294 



H. Ehrlicli 



gegen Vesta wird unter Heranziehung von ai. vm „glänzen*^ als 
„Glanz** oder -Hamme" auch weiterhin ermrt werden dürfen. 



IV. Manes. 

Die römische Grammatüt kennt ans der alten Sprache ein 
Adjektiv nmnus. Hauptstalle ist Varro de 1, 1, VI 11 (daraus 
Servius ad Aen, I 139, II 208, Isidor on V 30, 14): bonum antiqui 
äicehant manum. Über die Verbürgtheit der von Varro gegebenen 
Erklärung ist ein Zweifel möglich. Denn vermutlich spielt er 
auf das Carmen Saliare an* Vgl. Paul ex. Fest p. 122: Et in 
cannine Saüari Cents manus inteUigitur creator honus. Da dieser 
uralte sacrale Text schon den Alten unverständlich war, so 
werden Grammatiker, die daraas zitieren, kaum ermangelt haben, 
einen Kommentar zu Rate zu ziehen : Verrius Flaccus und Varro 
benutzen, wie ich glaube, beide den Kommentar des Äelius Stilo 
zum SaliarUed, den Varro de 1. L VH 2 ausdrücklich anfiihit. 
Eine Nebentbrm mannos verbürgt derselbe Grammatiker: Mamws 
in carmimbns SaUaribm Äelius Stilo signifkare ait bonos Fest 
p. 146 M.; cf. Paul ex Fest p, 147 M*: Manues (verderbt nach 
W. Schulze Zur Geschichte lateinischer Eigennamen S. 474 N, 3) 
ÄnreVms signifimre ait bonos. Auch AureUus Opilius wird auf 
Stilo zurückgehn. Liegt die Sache so, so muß der Sinn von 
Cerus manus für uns zunächst unbestimmt sein; denn die Notiz 
bei Macrob. I 3, 13 . . , Lanuvini mane pro bono dicunt ist fttr 
sich zu stellen* Trifft nun die EtymologiOj welche mit manm 
die munüs zusammenbringt, das Rechte? Manes deute ich als 
„die ztlrnenden^ (Seelen der Abgeschiedenen): der verlorene 
Singular *wi^«i> deckt sich mit griech. fi^vig dor. fiävt^; (Bakchyl 
Xn [XIII] 111) „Zorn", Dieser Nominalstamm ist auch enthalten 
im Adjektiv immanis „grimmig, wild**, eigentlich qtd est in ^mam 
„im Zorne** (cf. in ludibtis esse u. dgL)*). Damit beantwortet sich 
die Frage nach etwaigem Zusammenhange mit Cerm tmnm. 
Cerm ist eine Erdgottheit; manus kann sehr wohl *manis 
sjmonym sein. Dann hätten wir in Cerus manm das männliche 
Gegenstück zur Demeter Erinys. Deutlich trägt den Charakter 



I) Vgl. ifjfittr^^. Schulze ermnert an „kroi i^ftayn^^ Ein solcher Noidj- 
naMy wird bcrkömmlit^h entnommen anis f^urtt^Ut^ Akk. Fl. GDI 5039»« 5041 n.i« 
(Hiprapjtna). Aber -in- ist als kretische Erscheinungsform Ton -ttt* aufiafiisseJi 
(io auch Blass), da eine andere Inschrift dieser Mundart ^/i,uo»'«[ik^| bietet: BCE 
IX 10 Nr. 9, Dieser Beleg de» Lautwandels ist also nachztitngen \>m Bolms«^ 
KZ. XXXn 633. 



Zar Mjl^ologie, 305 

dner Erd- und Todesgöttin die Oemta Mana (PUn. n- h. XXIX 

58, Plutarch Quaest Rom. 52), der wie der umbrischen Hontia 

Hunde geopfert werden — s. Bücheier Umbrica S. 128 — und 

zu der man betet: ^r^Sira j^fitfaiov anoßijvat TiBp oiHoyivcov ; In 

I der lateinischen Formel stand manns in der Bedeutung von 

I mortuus^): hier liegt eine Überlieferung vor, die nicht durch 

I Grammatikerspekulation verfälscht ist. 

r 



V. Lärm. 



Sowenig in mythologischen Dingen sich die neuere Forsch nng 
an Theorien der Alten zu binden vermag, so ist es doch fraglich, 
ob man — wie es neuerdings geschieht — recht daran tnt, von 
der antiken Auffassung abzugehen, die in den Laren die Seelen 
der Verstorbenen sehen wollte. Wie Varro (bei Amob. III 41) 
und Verrius Flaccus (Paul, ex Fest. S. 236) urteilten noch 
J. Grimm Deutsche Mythologie S. 284, 5U, Bücheier Umbrica 
a 128, Ehode Psyche^ I 254 N. 1, Schrader Reallexikon der 
indog. Altertumskunde S, 24 ( Ahnenkultns) ; dagegen Jordan 
Annali del instituto 1862, S. 18 ff., Preller Rom. Mythologie 
n 101 ff., Wissowa in Roschers raythoL Lex. II Sp. 1868 ff., 
Religion und Kultus der Römer S. 148 ff. erklären Lares für 
Flurgottheiten ^), Gewiß ist in geschichtlicher Zeit ihr Charakter 
der von ländlichen Schut^göttem ; aber wer damit ihr eigent- 
liches Wesen erfaßt zu haben glaubt, verkennt doch vielleicht 
die Wandlungsföhigkeit des Mythus. Auch die Seelen bringen 
dem Ackerbau Segen: Rhode Psyche* I 247; die Eumeniden 
(auch eigentlich die Seelen der Toten) schirmen den Ackerbau, 
und in Arkadien ist Erinys zu einem Epitheton der Demeter 
geworden* Als Schutzherm des Hauses begleiten die Laren ein 
jedes Mitglied der Familie über Land und Meer, sei's im Frieden, 
sei's im Kriege; so verstehen wir die Lares vialeSf viatorii; 
permarini; militwres. Und mancherlei Einzelheiten des Enltns 
lassen doch auch die ursprüngliche Natur der Gottheiten erkennen* 

1. Der Lar familim'is (durch die Augusteische Reform 
pluralisiert) empfängt einen Anteil an jeder Maübseit (Ov. fast- 
n 634; Plin. n. h. XXVIII 27), auch eine Weinspende (Petronins 



*) MaMa osk. ntaatüia halte man fern (ge^r^n Pokrowskij KZ. XXXV 

») Bei der Niederschrift unbekannt waren mir die Aosfühmngen von 

£. Bamter Familienfeste der Griecben and H^mer S. 105 ff. , Wis&owa Ztechr. 

L EeUgianswias. VD 42 ff., Otto Ärch. f. lat. Lexicogr. XV 113 ff. 




296 H. Ehrlich 

c. 60): ebenso wie bei den Griechen der dyadog SaifjKov^ an 
dessen Stelle auch die tigtoBg treten können; Bhode Psyche* 
I 254 N. 2. 

2. Hanpttage der Verehrung sind Ealenden, Nonen, Idus, 
regelmäßige Totanverehrung kennt auch Griechenland, so Athen 
an den rgm^caSsq^ ein Testament in Delphi befiehlt eine Toten- 
feier am 1. (der vov/nfjvla) und am 7. jedes Monats (GDI. 1801 
6. 7, Rhode Psyche* I 234 N. 1). 

3. Der Kult der Compitallaren wurzelt in dem verbreiteten 
Glauben, daB vorzüglich am Kreuzweg die bösen Geister ihr 
Wesen treiben. Am Dreiweg erhalten Hekate und die Seelen 
ihre Mahlzeiten und Opfer; Rhode Psyche* I 276 N. 2, n 85. 
„Zu den Orten, wo man die Scharen der Seelen am sichersten 
treffen kann, gehören die Kreuzwege" Mogk Gdr. d. gerroan. 
Philol. m 259. Auch in Indien steht der Kreuzweg in Be- 
ziehung zu bösen Geistern, besonders Seelen. Der Grund ist, 
Kreuzwege waren von alters Begräbnisplätze. Oldenberg Religion 

d. Veda S. 267, 562 N. 3. 

4. An dem Compitalienfest *) werden vor jeder Tür und am 
Kreuzweg Puppen (maniae) und Bälle aufgehängt: deutlich soll 
diese Zeremonie dazu dienen, die an ihrem Tage umgehenden 
Gespenster zu versöhnen und abzuwehren. 

5. Nach jedem Todesfall erhält der Lar ein Opfer von zwei 
Hammeln (Cic. de leg. n 55): unverkennbar ein Sühnopfer, das 
der Seele des Verstorbenen zugedacht wird. 

6. Es gibt, gestehen wir Wissowa zu, keine volkstümlichen 
Larensagen. Trotzdem sieht es fast nach einer Genealogie aus, 
wenn im italischen Kultus die mater Lamm eine Stelle hat 
Ihr opfern die fratres Arvales; sie heißt Mania nach Varro de 
1. 1. IX 61 ; Mania wird zusammen mit den Laren an den 
Compitalien verehrt Macrob. I 7, 34 ff. Für Wissowa ist diese 
Gestalt ein Produkt volkstümlicher oder gelehrter Spekulation 
(Roschers Lex. n Sp. 2323). 

Der Name der maniae soll die Handhabe für dieselbe ge- 
boten haben. Aber es ist ein handgreiflicher Irrtum, wenn die 
Bedeutung, die maniae im Ritual hat („Puppen^), als die ur- 
sprüngliche angesprochen wird, maniae sind von Hause aus 
Gespenster, mit denen die Ammen den Bändern drohen (Fest. 



Die TeÜBahme der Sklaven am Larenkalt ist nicht anfi&Uig, wenn man 
davon ausgeht, dafi der Lar als ältester Bebaaer des Gnmdstdckes und ziigleicb 
erster pater famüias verehrt wurde. 



Zur Mythologie. 



297 



MX i 



S, 129 M.): daraus entspringt die Anwendung auf deformes 
personae (Fest. S, 145), formidinuni imagines (Glossen), Der 
ZusammeDhang mit manes^ den abgeschiedenen Seelen, liegt zu 
Tage, Mania oder mater Lamm ^Mutter der Seelen** ist die 
Matter Erde, welche die Toten in ihren Schoß aufnimmt; so 
hieß die Erdgottheit Hekate volkstümlich Satftovmv fti^jff^, 
woraus in luittelgriecliischer Zeit die Bezeichnung eines bösen 
Weibes wurde j Khode Psyche' II 408. 

7, Es wäre von grundlegender Wichtigkeit, wenn wir die 
altrömische Darstellung der Laren kennten. In der Zeit 
nach der Augusteischen Reform ihres Kultes erscheinen sie als 
jugendliche Gestalten, ira Tanzschritt, aus einem Trinkhom 
(rhyton) in eine Schale {sitida) einschenkend* Es leidet keinen 
Zweifel^ daß dies ein bakchischer Typus ist, der aus Groß- 
griechenland entlehnt wurde; s. Jordan Annali del instituto 1862, 
S- 337, Reifferscheid das. 1863, S, 134, Wie wurden die Laren 
vor Attgustus bildlich aufgefaßt ? Wissowa vermutet : als Figuren 
in ruhiger Haltung, mit Füllhorn und Schale, wie sie uns 
ohne irgendwelche Beischrift — erhalten sind. Es spricht 
ite dafür. Aber es bedarf überhaupt keiner Hypothese, da 
wir die ältere römische Darstellung wirklich kennen. Zur Zeit 
Farros stand in Rom eine ara Lafiim praestitum, die angeblich 
Titos Tatius errichtet hatte (Varro de l l V 74). Ovid. fast. 
V 129 £, der sie nicht mehr sah, beschreibt sie nach Varro, 
auf den wohl auch Plutarch Quaest* Rom. 51 zurückgeht. Dieser 
Wn wirft die Frage auf: Jia xi twp ^ia^^i^rmv, ovq iditag ngai- 
üthitg xakovQij TOifToiq nimv napioTfjKfVf avr oi de Jti^mi^ 6tfp&£gaig 
i/i;re;f ovrai ; Eine Münze der Caesier aus dem 7. Jahrh. d. St. 
zeigt diese Gruppe, Babelon Monnaies de la R6publique Romaine 
I 282r „Les dieux Lares ä demi nus, assis de face, 
regardant ä droite et tenant an sceptre de la main 
droite; entre eoi nn chien, qu'il caressent". 

Täusche ich mich nicht, so gibt es ein weiteres literarisches 
Zeugnis aus Alt-Rom für diese Darstellung. Ein Fragment der 
Tunicularia des Cn. Naevius ist bei Fest. S* 2S0 M, folgender- 
maßen geschrieben; 

Theodötum 

mmpellus [eompella Scaliger] , . . qui ams CompUalibus 

sedens in cella circitmtedims iegetibtis 

Lares ludentis peni pinxit bubido. 




298 



H. EhrHcb 



Der Anfang mit kleiner Lücke ist nicht sicher herzustellen. 
Eibbecks Konjektur compeiles st* compellas macht eine ziemlich 
küiistliehe Interpretation nötig. Für das korrupte circumtechms 
liest man meist eireumtecfm^ Aber sehen wir von der Härte 
der a^yndetischen Nebeneioanderstellung sedens . , . *eircHmt€€tus 
ab, so weist auch der Plural tef^etibus auf ein pluralisches 
Beziehungswort. Richtig ist circumtectos tegetibm Lares = Aa~ 
^fixu(; aftnitj^o^ivoü^ ii<p&€^at^. Dann kann freilich hidentis 
nicht „tanzend** bedeuten^ wie Jordan Annali 1862, S. 337 wollte, 
und das ganze Fragment kann nicht beweisen, daß der Tji^us^^ 
der tanzenden Laren schon vor Augustus in Rom heimisch war.^^' 
Wir müssen ludentis im eigentlichen Sinne fassen nach Auleitung 
der Caesiermünze: ^entre eux un chien qu'üs caressent", 
Theodotus malte die fellbekleideten Laren spielend nämlich mit 
ihrem Hunde {passer deliciae meae pueUaej . . . quoieum Itiderei 
solet Oatull)* Was sagt uns nun diese Darstellung? Die feiernde j 
Festgemeinde des Dionysos hüllt sich in Bocksfelle: das Bocks- 
fell soll die Bocksgestalt vortauschen. Die Laren sind in 
HnndefeUe gehüllt, d, h. sie sind ursprünglich in Hands- 
gestalt vorgestellt Auch Hekate wird als Hündin ge- 
rufen; sie schweift mit Hunden umher, Erinyen und Keren' 
finden sich als „Hunde" aufgefaßt; Hekuba wird nach ihrem 
Tode in eine Hündin verwandelt Der Hund ist ein Bild der 
umherschweifenden Seele; Rhode Psyche* II 83 mit N. 3. 

In einer wenig günstigen Lage befinden wir uns einem 
andern Typus der Laren gegenüber, der leicht weit altertüni- 
lieber sein könnte, als die Überlieferung an die Hand gibt. Im 
XIII. Quartier der Stadt Rom bestand ein vwus Lamm alitum 
(CIL. VI 975). Wir hören sonst nichts von geflügelten Laren; 
daß damit Figuren von einem Erotenfries gemeint seien (Wissowa 
PhiloL AbhandL für Martin Hertz S, 160), ist aber auch nicht 
wahrscheinlich zu machen. Im selben Quartier gab es einen 
nicus Lamm rnralium, den man unbedenklich mythologisch ver- 
wertet; was ihm recht ist, ist dem ncus Lamm alitum billig. 
Geflügelt werden bei den Griechen Erd- und Seelendämonen 
gern dargestellt, so die ErinyeUs Harpyien, Sirenen. Eine 
Lekythos des Britischen Museums (bei Robert Thanatos Tafel 2) 
zeigt Thanatos geflügelt; dazu ist der Leib von einem rötlichen 
Flaum tiberzogen. Dieser Federflaum ist, denke ich, ein Rudi- 
ment der Vogelgestalt, mit der mau diese Gattung von Dämonen 
ursprünglich begabte. Analoge Anschauungen haben Germanen^ 
Slaven, Litauer^ Finnen, Grimm Deutsche MythoL S,478» 



Zur Mytiiölogie, ggg 

Es sind also der sachlichen Gründe nicht wenige, welche 
geeignet sind die Varronische Auflassung der Laren zu recht- 
fei"tigen. Bei dieser Lage der Dinge kann auch der Sprach- 
forscher zu Worte kommen, dem es unnatiirüch erscheinen würde, 
Lärm too Urme^ den Geistern der Verstorbenen, zu trennen. 
Zwischen Laves ^ altlat. Lases (Arvalüed Zeile 1) und larva^ 
altlat, lärtm ~ *laseuu besteht eine Ablautverschiedenheit wie 
zwischen äeer und Ifcerbns^ tSgo tegula usw. Nicht fem steht 
die sabinische Todesgöttin Larunda (Varro de 1. 1. V 74), bei 
den Römern *Laretita^ wie man aus dem Namen der Lareutalia 
zu entnehmen hat (Wissowa Religion und Kultus S. 188); auch 
an die Unterweltgöttin Liira (Ov. fast, II 599 S.) ist zu erijinern. 

Eine etymologische Betrachtung wird weiter auszngreifen 
haben. Das Indische kennt ein Imati „er ist lebhaft*^ = *leset% 
la^ati „er verlangt*^ aus *le-ls-eti; damit verbindet man passend 
liXaio/^at = *U-Xa0iOjuat (Hi-Us-) ^^efÜg verlangen", gotisch 
lustiis {*ls'tH-) „Lust", lat. läs-€ivm „lebhaft". Zu dieser Wui*zel 
ziehe ich auch dorisch *Aj^iai - kretisch Atim „wollen" aus 
*Aj7[a]f[i]£o {et Solmsen KZ. XXXII 514 ff., Baunack Inschrift 
von Gortyn S, 51 ff,)% Übrigens möchte Solmsen AEIOl 
u, dgL auf der großen Inschrift von Gortjn als Xi^Ut lesen; 
^fpjy^'ci in Dreros GDI 4952 B n soll zeigen, daß ti vor i nicht 
verkürzt wurde. Die Regel wird nur mit lokaler oder laut- 
physiologischer Beschränkung gelten: auch das vorangehende p 
kann eine besondere Entwicklung bewirkt haben. Welche Laut- 
gebuBg für Gortyn anzusetzen ist, lehrt eine neugefundene In- 
schrift: GDI» 5011 (ionische Schrift): Zeile 6 Xtifit, Eine Präsens- 
bildnng *kfj(a wird von Solmsen ohne Not angenommen wegen 
triphylisch XBohav (Optativ) GDI. 1151 5: nach Maßgabe von 
nmim 9. jg erwartet er ^XfjeocTuv als Optativ zu *Xfiim; aber 
läßt man die beiden e- Laute kontrahiert und ihr Produkt ?j vor 
m verkürzt sein, so gelangt man ohne Schwierigkeit von *X?iboi^ 
rav zu UohoLv. So ist denn der Optativ Afot in Knossos GDI, 
5072 Be und Oaxos 5125 A5 Bs. ta zu paroxytonieren (aus 
^krjiot *Aj7o*). Die Kontraktion hat natürlich nicht in allen 
Dialekten gleiche Richtung: -if- aus -^ot- -tie^i- zeigt A«^/ir 



1) Solmsen legt einen Neutralgtamm H*i/ia- zngnmde; du wäre für mich 
*i^<f-/*ff-. Doch ob überhaupt / auegefaUen iet, Mdbt nn sicher; denn dal im 
KretiBchen * nictt in * übergegangen ist, konnte auch der nachfolgende i-Laat 
Temtilafit haben. 



300 



a Ehrlich 



^ikoi^ii av Hesych; im streBgen Dorischen ist auch «/> zu m 
vereinigt: Xmvtt Epicharm Fr. 35a (Mscr, Xtmyu; Grundform 
*l7liovTiy Eine zweite Präsensbüdung liegt allerdings vor, ist 
aber In der Form *i«ß> Claac^ indogerm. *Ubo) anzusetzen: 
daraus Autjrta' ßnilf^rm Hesych, icö* dilta ders., Imfi^q (Cod. Im- 
^la»') Aristoph, Lys. 1162, lakon. ImvTi 3. PI. Indic. Theokrit 
IV 14, Partie, Xwv Kreta (aus Kydonia) GDL 516838 Dativ Iwvti 
KorkyraGDL3206na Epicharm Fr. 35 1 Xd^ou ' iBilovoa Hesych. 
NominalahleitUDgen sind 1. X^/nu aus *Xfja^ti j^WUle", ionisch^ 
attisch und dorisch: Epicharm Fr. 182 (Et, gen. cod. A in append. 
litt A); Xdftati bietet der Palatinus in dem dorischen Epigramm 
Anth- VI 50*: ein Hyperdorismus, der aus Planudes und Plutarch 
korrigiert ist; 2. hat Xrjtg - ßavkfiing Hesych, eine dialektische 
Entfaltung von X/^mg; x^aig ist bei Epicharm Fr, 182 wahr- 
scheinliche Konjektur (cod. xX^m^y). Ist das Objekt des „Ver- 
langens" ein persönliches Wesen, so entsteht die „Ldebe** j diese 
Nuance zeigt slav. laska „Schmeichelei, Freundlichkeit, Gunst** 
2U an. ekka „Liebe" {*äliska *äkska *d&sqä% wovon ableitet 
laskati „schmeicheln*^ ^ an. elska {elska^ „lieben". 

Eine zweite Wurzel *lm *schwächen, beschädigen" folgt 
scheinbar aus gotisch lasiws „schwach" = Hä^euosy mhd. erleswen 
^ermatten**; damit lautet ab ags, hjsa ^böse, verderbt etc," = 
HtmtvB *lsmoSy worin die Wurzel aktiven Sinn („schädigend") 
hervortreten läßt. Zu *fe ferner an, lasna „to decay", laßinn 
„düapidated, half broken, ailing", las-fmrda „feeble, ailing", lit 
ilstü (*ls-) „müde werden". Das Lateinische liefert siibledus 
„schwach** aus *sttb-lä8tös^ das Griechische uXaog aus *dXa(rk 
„bhnd" eigentlich „versehrt**; die Konstruktion von dXaom (eigent- 
lich „versehren ") mit dem Genitiv tifjf&itXf^ov (« 69) steht also 
auf einerJLinie mit der von xi^iaPt ßXantHtfi 

^fif}v iiai ^fu^jig ntsnaStiv A 334 

nülXnvg yig jiii to|ov dgiarrjag xixa^^au 

dvftov xai ^^x^g <p 153 (cf. 170) 

roQv ßfßXa^fiirög i<i&Xov Theognis 223. 

Zur selben Sippe gehört auch Xfi^gyog „frevelhaft, ver- 
brecherisch" (Archilochos Fr. 88 a, Aischylos Prom. 5). Ionisch- 
attische Gnindform ist *kTjav^fog H^jn-j^^yng, wie der Mangel 
der Kontraktion im Attischen beweist; das 17 ist urgriechisch ä 
cf- Xao^yup ' xuKüv^fnv, ^ixflm Hesych; die Noüz bei Photios 



I 



*) VgL auch äUiytjt „gierig" Semon. Fr. 7b* aus *dka^f-v4^. 




Zur Mjtbolo^e. g01 

S. Ximgyov: , . . Jm^titq ii dia tüv ov AfOüp/ai^ kann nicht 
riclitig seio. Der Stamiu *Xä/Q' *läff/o- steht fomiell got. lasiwsy 
in Form und Bedeutung ags, lym sehr nahe*). 

Die Vorstellung nun, als ob es zwei verschiedene Wurzeln 
*tes „wollen" und „schädigen*^ gegeben hätte, läßt sich nicht 
festhalten, aus dem einfachen Grundej weU bei einzelnen Deri- 
vaten beide Bedeutungen zusaramenfließen*). Ich habe hier 
griech. älatTtoQ ^laoTio} und das zT?eifellos zugehörige tiXi<jT(a^ 
im Auge. aXauTog aXanjim brachte man schon im Altertum mit 
Xav^a^w in Verbindung (s. Apollonius Sophista sub verbis); 
aXacToc wäre „unvergeßlich", clkafjidca „etwas nicht vergessen 
können" ; so noch Solmsen KZ, XXXIV 445. Der tatsächliche 
Wortgebrauch widerspricht dieser Herleitung. Wäre sie richtig, 
so müßte aXaojeti} „Groll hegen** besagen, auf die Gesinnung, 
nicht auf vorübergehende Stimmung gehen. Aber an den drei 
HomerstelleUj welche das Verbum zuerst belegen, zielt es zweifel- 
los auf den durch eine unrechtmäßige Handlung ausgelösten 
momentanen Unlustaffekt: 

Asios der Hyrtakide bemüht sich umsonst in die griechische 
Verschanzung einzudringen: 
M 162 

Sq ^u TOT* ^fim'^iv Tf Kai q5 n^nXjjyf to /<^^ca 

^AtJto^ ^YQjaxiärjg icat aXauTi^tTaQ enog fjvda* 

e;^)^e(iP Jf^hf^ov y£ ftivog na} /jt^as; ianTovg, 
Zens erinnert Hera daran, wie er sie einmal gestraft: 
O 21 

Xvtrat S"" övx idvvuyro na^aarador. 

Telemach erzählt der Athena, die ihm in der Gestalt des 
Mentes erscheint, von den Zuständen im Hause des Odysseus: 



t) Xiiwf Xims „gätia" (*i^io-) ist uü verwandt; vgl Uqi* „aehr*. 

»j Von *lm scheide ich eine Wurzel *i4* ^schmecken": daKii ai. ram 
„Oeschmack* (das nichts 2ü schaffen hat mit fo&a ^Saft" zu lat. rm „Tau", 
lit rma — slav. rom daas.) : mss, Imu j^Nlacher", Imovath „oaichen", litJü^iw 
vgefrä&ig'', apyUmiB „ wähle risch; wer Speisen wählt"; griech. A«j>df — to 
^nttt yMvoty i^iP bei Homer (SchiLhe QE. S. 26) ; Gnindform naatQÖ^. Gegen 
die tmk SeboJee Torgieschlag-ene Eeduktion auf ^Inji^d^ {Invat) spricht der Um* 
«tsnd, dal Homet Qher^ kontrahierten Vokal zeigt* während er« ans ä/i meiat 
<lffen bleibt t ai^H-lQv, tlioui^ X^^^ ^^- 



302 H. Ehrlich 

a 252 
Tov i* inaXaari^aaaa ngoarjvSa IlaXXag ^Ad'^vri. 

aXaarog hat Yon Anfang an zweierlei Sinn; es bedeutet 

1. „heftig*" von Affekten und deren äuBerem Ausdruck: 

niv&og fl 105, a 342, co 423. axog J 108 
aXaarov oSvQOfiai g 174 („klage heftig"). • 

2. „schädlich, schlimm, verbrecherisch" 

{aXaaxoq ' 6 adixog Herodian I 224«). 

So redet Achill den Hektor an: X 226 
''ExTog, fjifj fioi, äXaare, avvtjfioavvag ayoQBvs („du Schlimmer")* 

Alkman Parthen. y. 34 
äXaara Si 
€Qya ndaov xaxa fitiaofAsvot. 

Aischylos Pers. 888 
ivyya fioi ofjr 

ayadwy iragtov imofiifivjiaxcig 
aXaax* uXaara axvyva ngoxaxa Xiywr. 

Sophokl. Oed. Col. 537 
snudov aXaax\ 

Oed. Col. 1482 
aXaaxov avSga. 

Oed. Col. 1672 
nargog 6fiq>vT0V aXaatov aJfia, 
aXiarmg ist 1. „der Schädiger". 

Für die homerische Ethik schließt die Fähigkeit dem Feinde 
Schaden zuzufügen eine Auszeichnung in sich, daher kann das 
Wort auch als Eigenname auftreten: ^AXiarcog J 295 B 677, 
vgl. noQ&amv „Zerstörer". Dazu s. Sophokl. Trach. 1092 

Nefiiag evoixoVf ßovxoXtov iXaaxoQu 

Xiovx\ 

Lykophron AI. 1318 

xriv YV(ox6q>ovxiv xui xsxvtov aXaaxogu, 

In Zuständen einer geordneten Rechtspflege bekommt aXa- 
axtog tadelnden Nebensinn: „Frevler, Bösewicht, Verbrecher". 
Diese Bedeutung konstatieren schon die Alten: Chrysippos EM. 
57*5 . . . ini xov äjLtagxcoXov xai qtopdtog, Bakcheios, Hippo- 
krateskommentator um 200 v. Chr., bei Erotianos Gloss. Hippoerat 

S. dXaaxayg, Herodiau I 49 is, der glossiert 6 aasßijg 7] o xaxfh- 

nötig. Belege : 



Znr Mythologie. 

Aischylos Eumen. 235 
ävaaa* Wd'ai^a, jio^icv xeXevptaffiv 

Hippokrates de morbo sacio VI S. 362 Littr6 
ita^aigüvai fip rtwg i/o/ahoüg ri} vova^ atfiait tb xui 
äXkotoi JotavTOiOiv wüTie^ /aiuafta ti^ B^^yraq ^ dkaaTOQug tj 
n^tpa^fiayftivovg vno dv&^mneop ij t* ^^yov aviaiov Bi^yauiuiyovg, 

Sophokl, Ai, 372 
cS iiMTßO^ttg, ug x^9* f^^^ fie&^xa t&iig uXuarogag, 

Iiy d' kliXBönt ßovai xai xlvTOtg neadyp ainoXioig 
Eurip. Fr. 513 N.^ 
l'amg aXuatüg^ ovx troX^jyafy xrayifv. 
In zweiter linie erscheint dkaarmg fljmooyin mit ^^tvvg als 
der Rachegeistj die zürnende Seele eines Verstorbenen; Rhode 
Ehein, Mus. L 12 N, 2 mit den Stallen. 

In einem Falle findet sich Übertritt in die o-Deklination, 
die Bedeutung ist hier die sonst nicht belegte passivische: 
„versehrt, geschändet" : Roph. Antig. 972 

dXaav dlatjto^oiatv ü^ftatmy xvxXot<; 

„die Blendungswunde, geschlagen von der wilden Gattin den 

(geschändeten Augenhöhlen^. 
Nach alledem muß es einleuchten, daß jede Etymologie des 
Wortes in die Irre gehen wird, die nur an eine seiner An- 
Sendungen anknüpft. dXdaTtao kann nicht als ^die umber- 
iAwmfende (Seele)" gefaßt werden (s. Lobeck Paralip. S. 450 
R IBy dem Rhode beistimmt); dXaa&ai muß schon deswegen fern 
bleiben, weil dxdajo}^ nur aus einer Präsensform *uXd}^ofiut 
hergeleitet werden könnte, die nicht vorliegt Prell witz (Etym. 
I Wörterb.) vergleicht ai* randdhä „Peiniger, Quäler"; hiergegen 
las^sen sich Bedenken auch vom Standpunkte des Indischen 
geltend niacben. radh randh bedeutet im vedischen Dialekt nur 
;,in die Gewalt geben, dienstbar machen ; in die Gewalt kommen". 
Daß die Grundbedeutung damit erreicht ist, zeigt die Ver- 
gleicliung: randlmyaü entspricht genau dem litauischen lämdyii 
^zähmen'' (dazu lümmti dasselbe, ahd, luQ%m „nachgiebig, müde"^, 

IAls der Qnindbegriff, dem sich die mannigfaltige semasio- 
nz:" -""" "~" """" 




304 H. Ehrlich Zar Mythologie. 

läßt sich für die Wurzel *les derjenige der ^lebhafteD Erregimg'' 
erschließen. Hierher ai. lasati — lat. lascivus — gr. aXaarog (1) 
„heftig** CabS'to-). 

Das Objekt, welches die Erregung weckt, kann „erstrebt" 
werden: ai. la$ati — got. lustus — gr. XiXaLofiaiy *Xfji(o^ *kaca, 
akfjvijg — sl. laska^ an. elsJca. 

Der lebhafte Wille kann aber auch entgegengesetzte, feind- 
liche Richtung haben; äußert er sich nicht unbedingt in einer 
Handlung, so bleibt er ein bloßes „Zürnen": 

aXa0Tda> — dkaarcog (2) „Kachegeist" (*dfe«-tär) 

lat. Laves (*fo«-); ^^^ (Ov. fast. V 141), wenn alt, statt 
Las *lS'S, la/rva (*^eua)y Larunda, *Larenta, Lara. 

Der Wille wird aber auch zur Tat, zum „Schädigen*" : 
(aktivisch) ags. lysu {*lseuo) — gr. aXaarog (2) „schäd- 
lich", aXiarmg (1) „Schädiger", Xco9p/oc(^29«uo-^; 
(passivisch) got. l<mws — an. lasirm — lat stMestus (*hS'to) 
— lit. ilstijL — gr. aXaoq {*9l9S(h), aXaerogog. 

Wegen der Bedeutungsentfaltung im allgemeinen vergleidie 
ai. kup „in Aufregung geraten, zürnen", lat. cupere „begehren"; 
ai. haryati „begehren", hp^lte „grollen"; got. us-geisnan „sich 
entsetzen", us-gaisjan „außer sich bringen", aL hi4 „erzfimt 
sein", deutsch Oeist eigentlich „der Zürnende", ir. goite „ver- 
wundet", lit iaiedä „Wunde". 

Bemerkenswert und kaum zufällig ist es, daß drei Derivate, 
Lar, larva und aXaaToog gleichermaßen den Begriff der „zürnenden 
Seele eines Verstorbenen" ausdrücken *). Wenn die vergleichende 
Mythologie der Sachen uns auch an sich hinlängliche Sicheriieit 
darüber verschafft, daß das indogermanische Urvolk eine bewuBte 
Vorstellung von dem über die Grenzen des persönlichen DaseiiiB 
fortwirkenden Einfluß der menschlichen Seele hatte, so ist uns doch 
die sprachliche Bestätigung nicht unwillkommen, die darin liegt, 
daß wir — uugeachtet der Verschiedenheit der Stammbildungen — 
eine Wortbezeichnung für das Vorgestellte unbedenklich der Ur- 
sprache zuweisen können. 

Berlin. Hugo Ehrlich. 



>) Daza etwa ai. rasa ^Unterwelt", rasätala „Unterwelt, Hdlle'^ (khusiscliee 
Sanskrit)? 



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de virtutibus et vitiis. Pars I: Recensuit et praelatus 
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Guilelmus Seimige* 

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BoU ich diu Eigenart dieses ausgeteichneten Buches mit kur ee& 
Worten angebeö, bo mochte ich als solche bezeichnen : Yerhindung um* 
fassenden philo! ogiachen Wissens mit schärfster sprachwiBsoa» 
Ol baftlioher Methode* Ich stehe nicht an, das Werk in dieser Hinaichl 
vorbildlich zu nennen. Schulze verfügt über büdeiit^nden Scharfsinn, 
ataunenswertes GedächtniSi reiche Betesenheit^ endlieh feines Verständ- 
nis für poetische Diktion, das, wi& die eingestreuten Zitate i ei gen, 
durch die Lektfirö neuerer und neuster Poesie genährt und gebildet ist. 
So ist es kein Wunder, daB sein Buch reich ist an neuen und einleuch- 
tenden Ergehnissen, Die Darstellungs weise des Verf. ist gewandt 
und lebendig, sein Latein korrekt und klar. Besonderes Loh ver- 
dient das Geschiuk, mit dem er die Terminologie der modernen Sprach- 
wissenschaft lateinisch wiederzugeben wciS — die Behwierigkeit kennt, 
wer sie selbst einmal hat überwinden müssen ^ und mit dem er in 
dem umfMigreichen, sich stets mit denselben Gegenständen beschäfti- 
genden Buche Eintönigkeit im Ausdruck vermieden hat. Schulze hat 
die Frage, die den Hauptinhalt seines Werkes ausmacht, in aUem 
wesentlichen zum Abschlüsse gebracht. Sein Budb wird in der 
Geschieht« der Homerforschung einen dauernden Platz behaupten. 
(f. SolmscD in d. Anzeiger f. Idg. Sprach- it. Alta1iiiiuktu]d&) 






^ 



Iiibalt. 

Iitdii€hei und IlaiUchM. Yoii J« W&okernagel ,......«.» 305 

Zur GeruBdirbildimg im Afiflchea* Tob Chr. BÄrtholomae . . > . . 319 

Lat, *ip«/ir#. Von Wilhelm Bcliulze , 335 

Di© lodogermanen. Von Ä. Pick 336 

Der homerische Gebrauch der Parti keia *f, tf, Mi und »Jf mit dem Kon- 

juuktiT. Ton C. Hentze *...*... - , , 366 

TertauBchung der Suffixe on uad imi im Griechtacheik tmd im L&taiti, 

Ton A* Zimmermann , . * ,,.,.*•.* 378 

Irish Etyma. Von Whitlej Stokes 381 

Etymologisch^a, Von Wilhelm Lebmaan -......,.,,. 390 

WcnigeBchichtUöhes, Ton E. Liden ,,•♦,... 395 

Zö Seit» 209 ff. dteeee Bandea, Von C. C. Uhlenbeek , ,400 

Eegißte? auni 41. Bande. Ton Eeinhold Trautraanu .,,-,*,. 401 

Di© Führung der Eedaktionageachifte hat Bi den 42. Band W, 8diuUe 
übernommen, Ei steht jedoch den Herren Mitarbeitern fireii an welchen der 
drei Herausgeher aie ihre Beitrig© achicken wollen, 

Manuekriptsendangea wolle man richten entweder an Prof. Dr. AdM, 
Bmmherff^r (Königsberg i. Pr., Steind. WaU 1/2), oder an Prof. Dr. £. Kulm 
(München 31, Hesa-Str. 3), oder an ProL Dr, W. Schuk§ (Berlin W, IQ, 
Eaiaerin-Aaguata^Str. 72). 

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* 



I 
I 



Indisches und Italisches/) 

L Ahd, biben : ai, hihheti 

werden, seit Beafey das germanische und das indische Verhorn 
verglichen bat (Griech* Wurzellex. II 105), immer noch zusammen- 
gestellt, eventuell auch diese Etymologie zu Folgerungen für die 
Geschichte des germanischen Vokalismus benutzt, so zuletzt in 
der Dissertation von R. Trautmann Germanische Lautgesetze 
(Königsberg UlO(>) S. 13. Diese Etymologie ist falsch. Zunächst 
ist sie begrifflich wenig einleuchtend* In allen Sprachen, wo 
ig, hhi- belegt ist* bedeutet es schlechtweg „furchten"* . Wer es 
mit hlhmi gleichsetzt, muß annehmen, entweder daß das Germa- 
nische eine zugleich weitere und sinnlichere Bedeutung bewahrt 
habe, die auf indischem Boden schon der Veda ausgemerzt hätte 
und die auch Iranisch, Slavisch, Litauisch mit seltsamer Kon- 
sequenz vermieden hätten, oder aber daß das Verbiim ursprünglich 
pfürchtei]"^ bedeutet, und man dann im Germanischen Bebendes 
als „sich fürchtend'' bezeichnet habe. Ist eines oder das andere 
glaublieh ? 

Die Hauptsache ist aber, daß das altiDdische Präsens bibheti 
sicher nicht aus der Grundsprache stammt, wiewohl Brugmaun 
H 930 nicht nur ein „uridg. bkü>häimi^ konstruiert, sondern 
auch ebenda 11 2 i>* VIH ai. hibhSti als typisches Verhum der 
HL Präsensklasse hinstellt Als indogermanisch ist bloß ^hhhjetm 
ZVL erweisen : lit. hijoÜ-s aksl. hQjati s^ av. bayente byent^ stimmen 
zu ai. bhayate bhäyamüna- usw. aufs beste. Daß diese Präsens- 
bildung auf den Bigveda beschränkt (Delbrück Synt, F. V 230), 
nachher im Indischen verschollen ist (abgesehen von AV. 19, 15, 1* 
bhäyamahe = RV. 8, 50 [61], 13' = SV. I 274'^ - ü 671 ■), tut 
nichts zur Sache. Dagegen ein redupliziertes Präsens ist von 
der Wurzel weder im Baltoslavischan noch im Avestischeu noch 
außer C, 23, 2* {d-bibhyat) in den ersten neun Büchern des 
Rigveda zu belegen. Aber allerdings avestisch und rigvedisch 
ein Perfektum mit Präsensbedeutung „ich bin in Furcht '^p Dahin 



*) Dank der Liberalität der Erben tmd durch die gütige Verxnittlang von 
H. Oertel sind mir für das altin dische Verbum reiche handschriftliche Samm- 
ittugen zugänglich f die Whitney im AiiichluS im seine Boots angelegt hat. 
Auch im folgenden stammt einiges Tatsächliche aus dieser QacUe. 



306 



J. Wackeroagel 



aus dem Ävesta bhviwd „ümeES'', aus dem altera Eigveda 
hibhäya nsw» nebst bihhlvän bibhi/ü^- d-hibhyti^-. Wefiii nun 
daneben in ganz gleicher vom ingressiven hhäyate (Delbrück 
YergL Synt II 19) abweichender Bedeutung 6, 23, 2*= ä'Ubhyat „sich 
nicht farebtend^ 10, 34, IC^ und 10, 51, 4* Mhhyat, gebildet nach 
der Weise reduplizierter Präsensstämme, vorkommen ^ so ist es 
angesichts des Fehlens der Bildung in den verwandten Sprachen 
und der spärlichen Anzahl und des überwiegend verhältnismäßig 
späten Ursprungs der indischen Belege gegeben, Umbiegung 
eines präsentisch gebrauchten Perfekts in pväsentisehe Flexion 
anzunehmen. Nach keiner Seite fallen ins Gewicht hibhiyäi 1, 
41, 9\ bibhäatui 8, 55 [66], 15^ ahihhet 10, 138, 5*; sie passen gleich 
gut zum Perfekt w^e zum Präsens ; vgl TS, 2, 3, 3, 4 hybhiyüt 
als Optativ von ibid. bibhaya. — Nach dem Eigveda ist die Neu* 
bildung fest gew^orden und wird durcbflektiert. Zu der einen 
finiten Form des BV, tritt in AV, Uhhitäh^ m den andern 
Saiphitas abibhayur (TS. 2, 3, 2, 1; MS* 3, 3, 4 [30, 11]; 3,4,7 
[54, 14]; a, 7, 10 [90, 4]; TB. 1, 2, 4, 2 zweimal), im SB.; 
1, 7j 3, 28 bibhemi zweimal, 14, 4, 2, 3 bibheti nsw\ Aber da- 
neben wird bibhäya in seiner ursprünglichen Funktion weiter- 
geführt. äbUthymlr AY. 3, 14, 3% bibhfnja A\\ 5, 11, 4**; 10, 
8, 44^ 14, 2, 50^ TS. 2, 3, 3, 4, In bibhatja AB, 5. 25, 17 
und AA. I, 3, 4, ö ist die präsentiscbe Bedeutung durch Länge 
des Reduplikationsvokals raarkiert {vgl Delbrück Synt F. V 297), 
Wegen dieser präsentischen Bedeutung von bibhäya Würde 
behufs Gewinnung einer zn präteritaler Funktion fähigen Perfekt- 
form nach der periphrastischen Bildung gegiiffen (Delbrück Synt, 
F- V 427): vom Satapathabrähma^ia an ist hibhayäm cakara 
häufig und auch klassisch erlaubt. Wie Delbrück a. a, 0. richtig 
bemerkt, verdankt das damit parallel belegte ßihavihfi cakara 
sein Dasein dem Umstand, daß jiihava, weil auch Perfekt von 
hva- „rufen", als Perfekt von hu- unpraktisch war^). Mau darf 

1) Was Delbrück ebenda Über nücii/äni cakre (SB. 1, 6, 4, 1. 4, 1, S, 1} 

bemerkt» ist dahin zu präzisieren, da& schon TOTklassiBch die Neig'iujg bestand, 
nach Muster des gesetzmäiij^en gamdyali: i^amayäTi^ cuküra asw ztä primären 
Präsentia auf -ayatl -ayate Perfekta mit -ayAm zu bilden. Anfier mlayäm gehüit 
hiehor SB, 11, 6, 1, 10 a-vyaydfti cakara ^bereitete I^eid" (Geldner Ved. St I 
246 A.) und vielleicht JB, 2, 97 apacayät^ cakrur ,,Yerehrteö'* ; kl. das peri- 
phrastifiche Perfekt von ayate .^gehf^ dayate „teilt*" (P. S, L 37); epi&ch p&rä' 
jayam ä-nayäm (auch mit sam-ä- und anu-] vi'Stnayäm ii-hvayäm (letztere merrt 
richtig' erklärt von Misteh Ztschr. Vfllkeri>s. XI 453). Dieie Naehbildung- findet 
gich nur nach Fräyerbien; kl ayate ist auf die Yerbiiidoiig mit solchen be- 



IndiBches und Italücbes. 



307 



I 



dieser Erklärung nicht das präsentische (SÖS. 16, 15, 1, 5) ßtha- 
väifi haroH entgegeuliiüten. Spontane Entstellung wird man 
dieser Fonn um so wenig^er zutrauen, als die peripli rastische 
Konjugation mit -am von den Brähma^jas an überhaupt auf das 
Peri'ekt beschränkt ist, das einzige vid- ausgenommen* Einsicht 
in die Belegstelle läßt erkennen, daß juhavam karoH einem vor- 
ausgehenden jukavätn cakara nachgebildet und dem Bedürfnis 
entsprungen ist, zwei einander genau entsprechende Sätze formal 
möglichst ähnlich zu gestalten. — Nach dem Muster Ton hihhayäm 
bildete dann die klassische Sprache arbiträr auch hihharim und 
ßhraißm neben bahhara jihraya. Die zugehörigen Präsentia 
stimmten zu bihh&ti in der Bildungsweise (mit Einschluß des 
Akzents); bihhnrti außerdem im Anlaut, jihreii außerdem im 
Auslaut und dazu in der Bedeutung (vgl. die Sippe vou lat. 
vereriy) 

So erklärt sich die von hhnyate abweichende Diathesis von 
hibheti, Sie stammt eben aus dem Perfekt, deHsen aktive Flexion 
neben medialem Präsens bekannte Analogien hat. Doch ist bei 
bhl- der Aorist stets aktivisch, wie neben mamära : mriyäte (und 
medialem Aorist!) das Futurum mam-ydth Vgl. SB. ahhe^^yat 

Der Übergang von bibhäya in bibkäi steht nicht isoliert da. 
Man pflegt kl jagärti „er ist wach** entweder einfach der 
3» Präsensklasse zuzuweisen (Pott Etym. Forsch. I 50) oder 
da eine ursprüngliche Intensivbildung zu betrachten (Benfey 
Kieler Monatsschr. 1854 S. 27); y.jagartxka- „wachsam" gebildet 
wie die sicher intensivischen Saijih. B. dandasüka- „bissig", 
SB. S, yäyajüka' „fleissig opfernd^ {beide auch klassisch), kL 
janjaimka- „beständig murmelnd", ep. vüvadüka- „geschwätzig" 
scheint letzte Auffassung zu empfehlen. Aber schon Delbrück 
Ai. Verbum S. 132*) weist auf das Fehlen intensiver Bedeutung 



ichräntt (vgl. MliL 7, 186, 2 übhyiulrayafti cakre]^ dayntn hh jet2t nar mit ti 
belegt; als SimpLicia waren jayati und alle diese Verba den KatiBativeti auf 
-ayati viel weniger Ähnlich. 

1) hihharäiiit bahkfiva ,,gestabat** Eaghuv. 18^ 44 (45). Man wäre versucht, 
dieie Sonderbildung des Perfekts aus dem Bestreben zu erkllrun, die Sonder- 
bodeatong von biblmrä {Delbrück Vergl, Synt. II 18 t) auch au Gerhalb des 
Fliieiis klar zom Ausdruck zu bringen. Aber dem einfachen Pertekt habhära 
(Jabhara) konimt von jeher auch die nicht-tenninative Bedeutung des Tragens, 
UÜiTOnB zu, vgl. EV. 3, 1. 8*. 10». 4, 18, 4^ 7. 56, 4^, 

*) Was Delbrück ebenda an Intenalvbil düngen nicht intensiver Bedeutung 
anführt: cäkän cüka^nyät cäkandhi cäkanhi cäkanu, rärdn rärmidhi rarantu 
aräranith rürancij hat schon Whitnej zum Perfekt gestellt, 

20* 



308 J- Wackernagel 

hin. Die Tatsachen des Gebrauchs sind aber folgende. In KV. 
I-IX treffen wir von gf- einerseits ein Präsens järate „wach, 
lebendig werden** nebst kausativem Präsens järäyati und Aorist 
njtgar „wecken**, anderseits ein intransitives präsentisches Perfekt 
jägara jägära nebst Part, jagp^äms- mit derselben Länge des 
Beduplikationsvokals, die dadhära aufweist. Dagegen Formen 
eines Präsens jagarti existieren nicht: jagi'hi jägitam „sei, seid 
wach**, äjagar „wachte** können zu jagära gehören. Auch av. 
jayära joyäurvak- gr. iygi^yoQu führen darauf, daß zum Ausdruck 
von „wachen** ursprünglich einfach das Perfekt von ig. ger- 
diente. Aber wegen der präsentischen Bedeutung drängte sich 
im Indischen präsentische Form ein. Ganz schüchtern und ver- 
einzelt im zehnten Mav<Jala; hier 164, 3**. 5 "^ das Partizip jägrat- 
an Stelle von jagxvfms- nach dem Muster solcher Parallelformen 
wie dadaU : dadvänts-. In den andern Saiphitäs stellen sich 
dann auch finite Formen ein. Zwar der ältere AV. geht, wenn 
jagarasi nicht als Zeichen präsentischer Flexion gelten mufi, 
nicht über den RV. hinaus. Und modale Formen wie jäg^äm 
AV. 5, 30, 10^ nebst jägryama VS. 9, 23*; MS. 1, 11, 4 (165, 3) 
jagriyama TS. 1, 7, 10, 1 usw. beweisen nichts. Aber AV. 19, 
48, 5 bietet 3. pl. jägrati (ebenso SB. 2, 1, 4, 7), VS. 34, 55 
jagrtnl)., MS. 3, 6, 3 (63, 14) jägarti, vgl. AV. 5, 30, 10* 
Paipp jägratu. Daneben erhält jagj^-, weil der Begriff „Zustand 
des Wachens"* ausschließlich am Perfektsstamm haftet, den Cha- 
rakter einer „Wurzel** : TS. jagari^änt- „wachen wollend**, VS. 
30, 17 jagarafTtu- „wach**, B. jagaräyati jagaritär. Das alte 
Perfekt bleibt daneben in seiner präsentischen Bedeutung er- 
halten (PB. 10, 4, 4; lÖB. 11, 3, 1, 8). Klassisch ist es auf- 
gegeben (Har§ac. ud-jagara ist Fehler, vgl. Bö. Wb. Nachträge) 
und dafür zum Ausdruck des gewöhnlichen Perfektbegrifä jägor 
rätn cakära und jajägara gebildet. — (Das wunderliche j' von 
Mbh. jagxmi beruht wohl auf der Häufigkeit des Imperativs 
jtigxhi ; die epischen jagra-YoTmen setzen sich in pä. jaggati fort). 
Danach ist v. jagarüka- aus dem Perfektstamm abzuleiten. 
Und ebenso v. jägivi-. Dessen Genossen v. dtdivi- „scheinend** 
und dädhp)i- „haltend** sind vielleicht gleich zu beurteilen. Von 
dh^- ist eine Reduplikativform mit a im RV. nur in dem übrigens 
auch später häufigen Perfekt dadhara dadhartha belegt, während 
daselbst das Intensiv von dhi-- mit dar- redupliziert Wohl 
bieten dann die Saiphitäs eine 3. PI. dadhrati (TS. 2, 3, 1, 2; 
5, 3, 9, 2; Käth. 11, 6 S. 151, 5 = MS. 2, 2, 1 S. 15, 5), aber 



ItKlJGcbea tmd Italiscbes. 



309 



\ 



I 
I 



I 



dieses deckt sich begrifflich durchaus mit dädhära, das bekannt- 
lieh {wenigsteos meistens) präsentische oder zeitlose Bedeutmig 
hat (Delbrück Synt. F. 11 103. V 297); es imterliegt also dem 
Verdacht, daß es wie jägrati zu beurteilen sei. 

Danach wird man sich fragen, ob nicht gewisse eigen- 
tiinüiche Bildungen der klassischen Sprache auf diesem Wege ihre 
Erklärung finden. So die „Wui'zel'^ jak?- „essen". Das für 
deren Präsens charakteristische i erklärt sich am einfachsten, 
wenn wir annehmen, daß perfektiscbe Formen wie jakmä 
jak^imä zu jahiväs jak^imas präsentialisiert wurden und ihnen 
dann jäknmi usw. folgte* Hierzu bilden v, jagdha- jagdhväya 
Saqih. jagdhvA SB, ßgdhi gegenüber älterem -gdha- (TS, a-gdhid-) 
und -gdhi* (TS* VS. sä-gdhi-) insofern eine Vorstufe, als sie die 
perfektische Reduplikationssilbe wurzelhaft geworden zeigen ; von 
jakHvän aus? — Femer ist das ü von kl, üMte (so der Dhätup. 
16, 47; in geringem Texten auch aktiv) ^überlegen" nebst den 
Nomina fika- uhä nhya- nhana- gegenüber dem o des synonymen 
V. Shate nebst oha- ohas- nicht verständlich. Aber neben diesem 
steht das Perfekt nhe (normal aus ^imhe). Und da dieses 
präsentische Bedeutung hat, wird es in kl. tkate stecken. Wobei 
nur anzunehmen ist, daß beim Übergang in präsentische Flexion 
auch Verschiebung des Akzents eingetreten sei. 

Ich will jetzt nicht untei'suchen , ob didi- didhi-^ sowie 
plpt/üna- (neben p^pganä'% die einzige sicher präsentische Form 
vom Stamme pipi-^ analog zu erklären seien. Dagegen sei noch 
daran erinnert, daß der griechische Reflex von jctgara iy^^yo^a 
ähnliche Bildungen aus sich erzeugt hat wie dieses, und genau 
aus gleichem Grande: von Homers iygijfn^ji, eyQfjyogotoy an bis 
zum spätgriechischen r^rjyoQioi;, Auch avwym und einiges in der 
Geschichte der germanischen Präteritopräsentia ist zu vergleichen. 
Endlich was Osthoff MU. IV 7 über den sekundären Charakter 
von k], vedmi gegen über vedi^ch veda festgestellt hat* 

2. Ai. ädukat 

seheint allgemein als eine 3. Sg. Impf. Act, nach der VI. Klasse 
zu gelten. So nicht bloß BR., Grassmann, Whitney; auch Del- 
brück Synt. F. V 243 verwertet MS. 2, 2, 4 (18, 10) pfSmr mi 
t/ad Muhat als Beleg daßir, daß das Aktiv von duh- die Be- 
deutung ^strömen lassen*^ haben könne. Aber erstens wäre eine 
Form nach der VI. Klasse sehr aufiällig. Vom EV. bis in die 
klassische Sprache bildet dWi- sein Präsens ausschließlich nach 




310 



J. Walkern ag'öl 



der II. Klasse; duhet MS. 3, 6, 7 (69, 17) st duhtjät (?) ist filr 
sonstige thematische Flexion ebensowenig beweiskräftig, alsl 
andere in der alten Sprache neben wurzelhafteii Verbalstänimen j 
belegte Optativformen mit e (vgL meine Vermischten Beiträge I 
S, 48 ty Die Hauptsache ist aber, daß die Form sicher mediale i 
Bedeutung hat — Das Aktiv von duh- ist in der vorklassischea | 
Sprache völlig ausgeschlossen, wenn das Verbum „milchen, 
spenden" bedeutet; und darin geht gemäß P, 3, 1, 89 nebst V. 14^ 
zu P- 7, 1, 87 die klassische Sprache mit der alten Sprache zn- 
sammen, wiewohl hier nachlässige Poeten der Spätzeit es zu- 
stande bringen den Unterschied beider Diathesen zu verwischen. 
Demgemäß beurteile man RV, 10, 61, 19^ idäm dhenür aduhaj 
jäyamanä (ebenso AV* 2, 1, 1** Paipp.; im gewöhnlichen Text 
pi'snir st dhemir) und vergleiclie damit etwa RV, Ij 134, 6 
vi§v^ it ie dheuävö diihra äsirani ghitänt duh rata asiram. 
Ferner MS* 2, 1, 8 (9, 18) pfhiir väi päd adiihat, sä priyäflffur^ 
abhavat, 2, 2, 4 (18, 10) pfsnir väi yäd aduhat^ sä garmüä 
ahhavatf 4^ 5, 7 (74, 2) catmro väi pfsnef^ stanü amms^ tätas 
trihhir devebhyo 'du hat , , . tSnendraj/aivaduhat — Ebenso 
ist vom RV. an bei duh- das Medium vorklassisch Regel, wenn^ 
es die Bezeichnung des Herausgemolkenen als Objekt bei sichi 
hat, zumal neben einem zweiten das Tier bezeichnenden AkknsaÜT | 
(vgl. BR. SV. dnh' 2)). Dahin gehört aduhat in MS. 4, 2, 13 
(36, 17) iddni mrvam a duh ad yäd idmn km ca, parallel mit 
einer laugen Reihe gleichartiger Medien, und TB, 2, 2, 9, 6 
tSbhyo fnpunäye pätre 'mmm adtihat — Drittens ist bei duh- 
„melken" mit Objekt des gemolkenen Tieres oder Euters das 
Medium weuigsteus möglich, also kein Gruud an Stellen wie 
VS. 17, 74 ä dllhat . . gäm, TS. 2, 3, 6, 1 imän^ lokäms tredM 
'duhat eine Äktivfonn anzusetzen, zumal TS. 1, 7, 1, 1 yajfto 
^suräm aduhat das deutlich mediale yajüäm vai devä aduhran 
in gleichem Sinn neben sich hat. 

Ein zweites Beispiel von -at in der 3. Sg. Prät Med. eines 
nichtthematischen Verbums ist äSayat „lag*^, vom RV. an (hier 
siebenmal) bis in die Brähmaxia (TB* OB. AB.) häufig. Als 
thematische Aktivform, wofür es genommen zu werden pflegt 
(Delbrück Synt. F. V 234), wäre es völlig siugulär; Myet MS. 
3, 6, 7 (68, 12); 4, 6, 6 (87, 1); 4, 7, l (93, 10) steht als Op« 
tativ apart. (Ob nicht Sayeta oder gar Sayita zu lesen ist?) 
Die wenigen sonstigen thematischen Formen des RV. Sayate 
kiyante sind nicht aktiv; als Seiteubildungen zur 1, Sg, mye, die 



Indisches nnd Italisches. 



311 



I 



auch im Akzent mit kvAye usw, reimte, übrigens wohl Ter- 
standlich*). Hinwiederum aktiv ist nur das 0. ;i. v. se^an ; wie 
man immer die Form erkläre, so kann aus dem sigmatischen 
Aorist nicht auf den Präsensstamm zurückgeschlossen werden. 

ädtihat und dSayat haben gemeinsam, daß sie das Präteritum 
zu einer 3. Sg. Präs. auf -e bilden; alle altern Texte kennen 
(wie nur smn vide und meist ise) nur duhe saye. Wie nun die 
zugehörige 3. 8g, Im per. auf -am ausgeht: in allen alten Texten 
diihäm, AV. meist Sayam (nebst sani-vidäm AV. u, VS. 6, 36 = MS. 
1, 3j 4 [32, 2J), so ist nach der Entsprechung -ta : 46^ gr. -^o : 
-am als Präteritalendung parallel mit -e durchaus -a zu fordern. 
Bei zweien der obigen Verben liegt eine solche Form tatsächlich 
Tor: ai§a MS, 1, 6, 8 (99, 14) als Präteritum zu Ue ebenda 
(Delbrück GrG-Ä. 1881 S. 400, der hierin ohne zmngenden Grund 
eine Augenblicksbildung sieht) und äduha MS, 3, 3, 4 (36, 4), 4, 2, 2 
(24, 2) parallel mit Präsens duhe (36, 4 bezw. 24, 4) (Whitney 
§ 635)* Klärlich ist -at einfach aus diesem -a erweitert behufs deut- 
licher Charakterisierung der Form als einer solchen der 3. Person. 
Diese Verwendung eines aktiven Exponenten für eine Medialform 
könnte üben^aschen, wenn uns nicht in der 3. PL Med. ganz das 
gleiche begegnete. Dem -re der 3. PL Präs, und Perf, mufite im 
Präteritum -ra entsprechen; dies ist erhalten in ädnhra, der 
konstanten Form der 3. PI Impf, Med^ in der MS. 3, 3, 4 (36, 9); 
4, 2, 1 (21, 14, 15. 16, 17); 4, 2, 13 (36, 8 ff. siebenmal); 4, 7, 
4 (98, 13), Sonst ist -ra entweder entsprechend präsentischem 
-rate zu -rata erweitert, oder nach -dhve : -dhvam zu -ram, oder 
endlich mit Annahme des aktiven -n zu -j-a«. So auch v. aduh- 
ra^n, das sich zvL v, aduha-t genau so verhält^ wie MS. adtihra 
zu MS, aduka. 

Schon Windisch Sachs. Abhandl, X 469 nebst Amn. hat 
bemerkt, daß die Endungen der 3, Sg, -« -um mit r in der 3. PL 
zusammenzugehen pflegen; so im Perfekt, so bei Sl-j sani-vid-^ 



') iayadhve RV. 10, 108, 4^ iat bekanntlich Konjunktiv; ainyafa -tarn bleiben 
wohl besBer ans dem Spiel, wiewohl uns diese Formen, wenn zu ^i- gehöng, 
nicht stanrn würden. — Für Kätb. äayeya (?) and ^ayeta (34, 7) kommt 
anierdem das oben S. 310 Bemerkte in Betracht, wenn nicht einfach -it/a -liu 
einzusetzen ist. Da in AB. KB., den Sütren (auch MGS.; Knaücr p. XUIl), 
dem Epos (z. B, mch M, 3. 187 ni-niantratjJta) , den Inschriften (z. B. auch 
C. Inscr, Lid, 3, 56, 33) in Optativformen hinter y so oft i statt des »cset^mäligen 
€ erscheint (vg-l. meine Ai Graniin. I 35 = § 32 A), ist auch (kr umgekehrte 
Taasch wohl denkbar. Aach ist tu beachten, da& in den ESthaka^Handschriften 
«f nnd T gern vertauscht werden: Schroeder bei Boehtlingk ZDMG, LH 249, 



312 J. Wackernagel 

diih-, SpiV' USW. Da nun im Altindisclien der Potential seine 
3. PI. Med. auf -ran bildet, erwartet man für dessen 3. Sg. Med. 
-a oder -a-f. Auch dieses Postulat erfüllt sich: duhiyät ist KV. 

2, 11, 21^ 4, 41, 5« = 10, 101, 9« im Sinne des Strömenlassens, 
also ausgesprochen medial gebraucht (vgl. Orassmann und Pischel 
Ved. St. II 107 f.). Dies rief dann einer 3. PI. Med. duhiyan 
1, 120, 9* „sie mögen Milch geben" (seil, dhenävah 8^). Osthoft 
MU. IV 293 stellt unter Verkennung der medialen Bedeutung 
der beiden Formen ihr Verhältnis auf den Kopf. 

Hätte -ran im Plural des Optativ ursprünglich allgemeitt 
geherrscht, so würde -lya oder -lyat wohl mehrfach erscheinen. 
Die tatsächliche Beschränkung der Endung auf den Optativ von 
diih' hängt natürlich mit der entsprechenden Indikativflexion von 
duh' zusammen. Ein Beispiel von solchem Einfluß des Indikativs 
auf Gestaltung des Optativs liefert die klassische Sprache. Gemäß 
P. 8, 3, 78 tritt in der 2. PI. Med. des Prekativs ^ ein, wenn der 
Prekativendung ein Vokal außer a a vorausgeht, also z. B. rasi- 
dhvam paJc$idhvain aber k^fi^hvam cyo^hvam. Diese Regel klingt 
wunderlich, und Whitney Am. J. Philol. XIV 185 ist sehr ge- 
neigt, darin eine bloße Torheit zu sehen. Aber es ist einfach 
die entsprechende 2. Plur. Med. des IV. Aorist maßgebend. Hier 
fiel vor 'dhvam das s hinter Verschlußlauten und a spurlos weg; 
hinter andern Vokalen wurde es zunächst zu ? und bewirkte 
vor seinem Wegfall '^erebralisierung der Personalendung: also 
aradhvam apagdhvam aber dktihvam acyo^Jivam. Danach richtete 
sich dann der zugehörige Prekativ in dem Wechsel von -dhvam 
und (fhvam. Dabei müssen wir unentschieden lassen, ob ohne 
diesen Einfluß des Aorists im Prekativ ausschließlich -ähvam 
oder ausschließlich -ihvam oder in beliebigem Wechsel beides 
üblich gewesen wäre. Das erste ist das wahrscheinlichste; aber 
*-siihvam aus *-sl?dhvam wäre als Parallele zum Singular -sißthas 
wohl begreiflich; vgl. Whitney a. a. 0. 

Daß hier der Einfluß des Aorists im Spiel ist, folgt auch daraus, 
daß das Perfekt im entsprechenden FaUe -^hve hat z. B. cakf^hve^ 
was nur aus dem Vorbild von akx^ivam erklärt werden kann. 
Beniht es auf Rückwirkung des Perfekts (und des Prekativs?) 
auf den Aorist, wenn im 5. Aorist neben dem zu postulierenden 
und nach Whitney Grammar § 226 c ursprünglich allein üblichen 
•iihvam aus -iß-dhvam klassisch auch -idhvam zulässig ist (P. 8, 

3, 79; Vers 2 der Eärika zu P. 8, 2, 2ö)? Ist z. B. alavidhvam 
neben alavidhvam aufgekommen durch den Einfluß von bduvidhve 



ladUches nnd Italisch««. 



313 



I 



» 



Javifidfwam mit ursprlluglichem Dental? Jedenfalls ist dann das 
SdiTvaiiken der Set-Verba ans dem Aorist anf Perfekt end 
PrekatJ¥ übei-gegangen : daher hier die Nebenformen z. B. häU' 
viflhve lavmihvmn mit dh ^). 

Formen wie aduha aduhat duhiydt waren zu abnorm um 
sieb halten zu können, -a ist auf die MS. beschränkt geblieben. 
Bei aduhat führte die aktinsch aussehende Endung vielleicht zu 
gelegentlicher Verwendung als Aktivfornu Für Manu 11 76 
akäram . . * vedatrmjün nir aduhat (Jolly : nir aviiiat) ist diese 
Annahme notwendig, wenn die Lesung überhaupt richtig ist. 
.^Imählich kam fiii^ alle -tu auf* dnJnta neben dahlyat hat schon 
der Rigreda: meta liegt zuerst SB» 5, 5, 5, 6; 14, 1, 2, 12, 
adugdha zuerst PB* 21, 2, 5 vor. Entsprechend hat die klassi- 
sche Sprache bei diesen Verben aucli -am für -täm nicht mehr 
and *e als 3, Sg, nur im Perfekt, wo von Haus aus -te nicht 
konkurrierte* 

3. Päli gijjha- 

pflegt man mit dessen altindischem Synonymum v. gfähra- „Q-eier** 
gleichzusetzen. Aber dhr kann natürlich nicht zu jjh werden, 
Sieht man sich nach einem andern Grundwort um, so ist mit 
AV. 12, 2, 38* gfdhyaihy das lautUcb zu gijjha- passen würde, 
nichts anzufangen; man kennt die Bedeutung des Wortes nicht. 
Sicher bedeutet es nicht „Geier '^^ Aber die alte Sprache kennt 
auch ein Nomen gftsa-, das nach Pischel Vsd* St, I 231 « gierig" 
bedeutet, nach BB. ^gescheit", aber immerhin auch als Bildung 
aus gfdh-. Wie nun gidhra* die Bedeutungen ^gierig" und 
„Geier" verband, so darf das auch für gitsa- vorausgesetzt 
werden. Dieses geht aber nach bekanntem Gesetz auf ^gfdsJm- 
mit d^h aus dh$ zurück; vgl. Uhlenbeck sv* Wenn ai. ts mi* zu 
eck wirdj und vor-ai, ffih: ai, fe zu ^ijh (Verf. Ai. Gramm. I 239 



') Die tmditiotielle Erklärung von F. 8, 3. 79 beschränkt da» arbitrire Ein- 
treten von 4livam (iptve ^l(}hi'am] m Stelle von dh- mf den FaU, dal dem It ein h 
iider ein Halbvokal vorausg-ehe. Diese Lehre ist nicht bloß „senBclesi" {WMtnej^ 
(.Tranmiar S 226*); sie trägt auch dem rjh vorklassi scher Formen wie PB, abhy- 
artiifhvam S. vepi4hvnm nicht Kechnung; das haben Tor Whitney ichon die 
indJBchen Erklärer bemerkt; v^l Uaradatta zu P. 8, 3, 79, der auf SB. aidhi- 
#(Mim und T8. qjam4hvavi ausdrücklich hinweist Vgl. auch BöhÜin^ki zu 
P, 8* 3t 78. — Aber deswegen die ganie Kegel ond damit dae Dasein von 
^idhtktm m hestreiten , wozu Whitney Am. J. PhiloL XI V 185 1 geneigt ist» 
geht natürlich nicht an. Vielmehr mn& man anerkennen, dai P. 8, 3, 79 die 
8€t£iin^ Ton 4^ oder dh hinter It überhaupt hat freiatellen wollen. 





314 



J, Wackema^e! 



§ 209'; Pischel Prakrit S. 223 § 326), so mnß als Fortsetzang 
Ton vor-ai- d^h: alt ts mittelindisches jjh erwartet werden, was 
nun eben durch gvjjha-i gt^sa- belegt wird. 

4. kühera-- 

In der Atharvasaiphitä 8, 10, 28 liest man fasyah küber q 

va%&ravm}6 vatsä asitf * . . titn rajatmabhili kaberako 'dhok 
„Ihr (d. h, der Viräj) Kalb war Kubera, Soha des Visrava^a; 
. . , Eajatanäbhi Käberaka molk sie". Henry Les livres VIII 
et IX de rA,-V. p* 33 läßt kaberak<Ui ohne Deutung. Aber 
bereits BR. und Whitney Grainraar § 1204° bezeichnen es als' 
Patronymikum, Daran kann kein Zweifel sein. Es gehört zum 
Stil der alten indischen Prosa bei der ersten Nennung einer, 
irgendwie namhaften Person das Patronymikum beizufügen. Bei] 
Rajatauäblü konnte es um so weniger fehlen, als nicht bloß der] 
im gleichen Paragraph genannte Kttbera ein Patronymikum fiihrt» [ 
sondern derartiger Beisatz in allen entsprechenden Abschnitten 
der ganzen Erzählung AV, VIII 10 durchgeführt ist: das Subjekt 
der beiden wiederkehrenden Sätze, dessen mit vatsd (lunt nndj 
dessen mit adhok ist immer in solcher Weise zweigliedrig ge- 
geben. Die einzige Ausnahme 26 deväh mvitä bestätigt die Kegel 
Die Form des Wortes widerspricht dieser Auffassung nicht. 
Das oxytonierte -kd- ist dasjenige Deminulivelement, das P* 5, , 
3, 70 ffi, 85 f, eintreten läßt und das vorklassisch z. B> in v. pti- 
tra-kii' „Söhnchen" vamrakä' ^ Ameischen** VS, .^ahitita-kä- 
„Yögelchen** belegt ist. Streng genommen gehört aber die Oiy- 
tonese nicht dem Derainutivzeichen an, sondern ist paüonjTnisch; 
es ist -ak-d- anzusetzen, als eben solche deminutive Spielart des 
patronymischen -d- wie ^ak-i- solche des patronymischen -^-i- 
ist* Letzteres kommt vorzugsweise für verachtete Mensehen- 
klassen vor (Gubler Die at, Patronymika S* 67)* Aber deminutive 
Patronymika konnten auch mit anderer Bedeutungs-Nuance ge- 
bildet werden, etwa bei Bezeichnung kleiner Wesen — ein solches 
könnte der Rajatanäblii gewesen sein — oder in zärtlichem Sinne. 
Da Patronymika gerade bei der Anrede so beliebt sind (Gubler 
aaO. 27 ff.), kommt liiefiir in Betracht die auch auf indischem 
Boden nachweisbare Neigung der Anrede deminutive Form zu 
geben. So RV. 1, 2S, 5** uhikhalaka i, L: sonst immer nlükhah', 
10, 16, 14* fttike Mtikavati hlädike hlädikävati: vorkL sonst nur 
§ita-, Ä.Y. 1, 2, 2' jydke päH iw nama: RV, 10, i;53, l^ jyakäh 
Nom. PL verächtlich, sonst nur jyä. putraka- kommt vorklassiscli, 




IndiEchea iwd ItaliÄches. 

soviel ich sehe^ außer RV, 8, 58 [69], 8* nur vokativisch vor (die 
Stellen bei BRJ; man beachte besonders Alt. Br. 6, 33, 2 = KB. 
30, 5 (S. 144, 7) so *brmnt ptiträn (KB, sa ha puträn iwäca) 
^putrakah , * /; ähnliches gOt für die spätere Sprache, vgl. 
Sah. Darp, 172, 3 vatsa putraka tateti namna gotrena sutah 
(vaktavyaJ^) bei BR. V 1603. Aus dem Päli z. B. Jät. 3, 16, 20 
in der Anrede bhatiJca, aber 3, 16, 23 in der Erzählung hhatam. 
— Und dieser Neigung unterliegen auch Eigennamen: Ait. Br. 
4, 27, 9 wird janamejaya- mit janamejayaka angeredet. 

Das Grundwort des Patronymikums kaberakä- wagen BR, sv, 
nicht zu bestimmen. Aber sv, rajatä^iäbhi- führen sie es auf 
ktthera- zurück, Ihnen folgt Whitney Grammar § 1204 und in 
seinem Kommentar. Aber schon im indischen Altertum ist es 
so gefaßt worden; anders wäre die gleich zu besprechende 
Variante ^es kasrairischen Textes kauverako nicht zu verstehen. 
An dieser Deutung kann kein Zweifel sein. 

Die in den einzelnen Abschnitten vom AV. VIII 10 zu- 
sammengestellten je 2wei Personen, die welche als vatsa- fungiert, 
und die welche melkt, sind immer einander nah verwandte 
Gestalten, z. B. 23 König Yama und Antaka, Sohn des Mytyu. 
In 27 sind es Brüder, Söhne des Süryavarcas, Wer wird da 
den kaberakä' vom knhera- trennen wollen? Freilich erwartet 
man in der ersten Silbe bei einer Ableitung ans kabera- nicht 
a, sondern an. Das bietet die kasmirische Handschrift in 27*, 
wo sie den Rajatanäbhi mit Patronymikum an Stelle des Vasu- 
ruci hat, während sie 28 ** ka- zu haben scheint. Darin liegt 
offenbar ein Versuch vor, das Patronymikum dem Grundwort 
besser anzupassen, kaberakäl}^ ist deutlich die ursprüngliche 
Lesung. Lautlich kann aber dieses kä- nicht aus einstigem kau- 
entstanden sein^}. Vielmehr erinnert es sofort an die von 
P. 7, 3, 1 besprochenen Fälle, wo in Vrddhibildungen ans Nomina 
mit iiein der ersten Silbe ä statt ai erscheint. Hier repräsentiert 
das a in der Regel eine Altertümlichkeit, setzt eine Urform des 
Grundworts mit anderm Vokal als i i e voraus. So därghamttra- 
EU dirghoBattra- aus *drgha-\ noch ui*sprün glicher wäre ^drägha-^ 
aber jedenfalls steht dnr^ha- dem Alten näher als dairgha- 
{'tamam* -^ravasa-) in Sütratexten. Zu Päninis srm/a^a- aus 
ir^a#- vergleiche man Brngmanns Bemerkung (Grnndr. IP 556): 
„theoretisch erwartet man ^ray7jas-^; folglich als Vfddhi-Bildung 

') Whitney § 1204^ steUt hivera- mit miiva-: »mn- zaasunnieiij auf ümnd 
<Ier falschen Schreibung von küvem- mit r statt h. 




4 



316 



J. Wackemag-el 




*§räyyasa-. Bei AV. iäniMpd-i v* AV* sh^klpä „Dalbergia Sisoo'^ 
nimmt Uhlenbeck Etym, Wb* sv. mit Recht an, dal5 sich ein 
Ablaot ig, a^i 9 fortsetze (vgL Verf. Album Kern 150A über 
mahä-: mahi-). Unklar sind VS. datymthä- Bez. einer Hühner- 
art, das die Inder aus Sai^ili, dityaväh- ^zweijähriger Stier** 
ableiten (!) und kl. dävika- „vom Flusse devika stammend" trotz 
des scheinbaren Anklangs von deviJca an devä-. — Dafiir ist 
diesen yon Päpini genannten noch beizufügen SB. 2, 2, 4, 3 kälvälU 
kfta- „kahl gemacht", dessen Zugehörigkeit 2u VS. -hilva': lat 
calvus außer Zweifel steht, und vielleicht der alte Personenname 
gälavä-, den man versucht ist an giirä- anzuknüpfen'), 

Hienach müssen wir annehmen, daß, als das Patronymikum 
gebildet wurde, a (eventuell ig. s) statt u in der ersten Silbe 
von kühera- gesprochen wurde, a ist auf indischem Boden in 
labialer Nachbarschaft öfters zu u geworden. Aus flem, was 
Kuhn Beitr. S* 23 aus dem Päli anführt, betone ich besonders 
einerseits nimujjaü inmugga- zu ai* majj-j weil hier sicher nicht ^H 
NasaJis sonans zu Grunde liegt, andrerseits ketttiha- : ai. kaitabha-f^^ 
weil hier wie in kübera- der Labial auf das aus a entstandene 
u folgt. Für das Altindische lehrt im Anschluß an Benfey 
OuO. m 31 Meillet de radice IfEN S. 49 f. phonetischen Über- 
gang von ^n in un hinter Labial auf Grund von v. müm- : got. 
munins aisl. munr und vielleicht von pihmr y, wieder** gegenüber 
pä* pana* Den Fall von kübera- wage ich nicht zu Aufstellung 
eines Gesetzes zu benutzen, obwohl kein sicheres Beispiel von 
bewahrtem kab- in einem alten Simplex vorliegt, da für käbandha- 
der RV. kävandha- bietet und kabara- aus karbara- hervor* 
gegangen ist (Uhlenbeck sv.)* Aber bei einem Gottesnamen dieser 
Gattung ist (anders etwa als bei einer Verbalfonn oder einem i 
gangbaren AppeUativum) leicht möglich, daß eine ursprünglich 
bloß mnndai'tliche oder plebeische Form sich allgemein durchsetzte. , 

Jedenfalls steht ^kahera- als ältere Form fest. Setzen wir j 
dies in griechische Laute um, so kann ka- einem Uo^ IIa- Ko- 
Ka-i -e- einem uf ot €i entsprechen. Von selbst drängt sich die 

*) Wenn das Patron vmikuni Fayatd- (RV. 7, 33, 2*) zu dem dreisÜbigeü 
Yorder^gMed des Dvandta Vyänta-Päntä (RV, 1, 122, A^) gehört, um wegmi 
6m Fäntum in 7, 33, 2^ wahrscheinlich ist (?^L Geldner Ved. St IT ld% so 
lÄg-e bicr ein weiterer FaU von ä als Vrddhi eines t-Lautes vor, freilich ein 
solcher, wo dieses sicher auf ig, t beruht. Aber es ist V(i)y-dnt-: Vät/-at-ä- lu 
teilen and anzunehmen, daß -äy- altberechtigte Form der Vrddhi eines »-Laaia 
Tor Vokal war, wenn schon eonet ein niBprUnglich ailbifichea y v £tt (tiy aia^ 
vrddhiert wird. Geldner legt für Vat/atn- eine Nehenform Vayat- tu önmde. 



Indi^eheB und Italisahea. 3X7 

Gleichsetzimg mit Krißetgoc auf. Phonetisch ist sie uiitadeUmft. 
Ob sie sachlich zutreffend sei, niögeu die mj^thologischen Fach- 
leute entscheiden. Als Lme darf ich vielleicht wenigstens folgendes 
hemerkeiL Der thebanische wie der samothrakisclie Kabeiros ist 
ein chthoniselier Gott: Darbriiigungen an ihn werden in die Erde 
versenkt. Dasselbe ist der indische Kubera. An der Atharvaveda- 
stelle sind er und sein Sohn Vertreter der itarajamis „der andern 
Wesen*^, d. h. der Geister der Tiefe^ die man nicht näher zu 
bezeichnen wagt. SB. 13, 4, 3, 10 und in den Sütras bilden die 
EaL^aseUj also die nächtlichen Unholde, sein Volk. Später ist 
er der Gott der Schätze, auch das ziemt einem Gotte der Unter- 
welt, vgl. nXQVTm% Bis pater (Bechtel GÖttinger Nachr. 1H99 
S. 195), Endlich das folgende (worauf ich indes gar kein Ge- 
wicht legen will). Nebten Kubera erscheint an der Atharvaveda- 
Stelle, von der wir ausgegangen sind, Hajatanäbhi (wörtlich „der 
einen Nabel aus Silber hat"^) Sohn des Kubera: in Theben ist 
dem Kabiros ein nutg Kfißigou zugesellt, womit man das anders- 
wo nachgewiesene Paar eines altern und eines jungem Kabeiros 
= Kadnülos zu vergleichen pflegt (Eobert in Preller Griech. 
Mythoh* I 850), 

Freilich hat kein Geringerer als Joseph Scaliger Kaßfi^o; 
dem semitischen H^32 7,groß, gewaltig" gleich gesetzt. Und trotz 
dem Einspruch, den neben andern Lobeck im Aglaophamos er- 
hoben hat, ist man heute von der Eichtigkeit jener Deutung so 
allgemein überzeugt, daß Zweifelnde nach Roberts Verdikt (aaO. 
848) nicht beanspruchen dürfen als uileilsfähig zu gelten. Nun 
andere werden es besser als ich verstehen, dem Irrtum den 
Garaus zu machen. Ich bemerke nur, daß T'DD zwar bei den 
Semiten etwa von göttlichen Mächten prädiziert wird, nirgends 
aber als semitischer Gottesname bezeugt ist Die tiberall para- 
dierenden phönizischen Kabirim sind eine pure Erfindung. Wenn 
Philo Byblios von phönizischen JitygKav^ot ^ Kißftgoi ij Kogv- 
ßavTfg spricht, so läßt sich daraus über die Form der ein- 
heimischen Benennung jener Götter schlechterdings nichts schließen 
(vgL Lobeck Aglaoph, S. 1277; Crusius bei Ersch u. Gruber 
II 32 S. 24). Die Kombination *kabirim: Kdßngot ist auch 
darin irrtttmlich, daß sie von der PluraUtat der Kabiren ausgeht. 
Ursprünglich hat es nur einen Kabeiros gegeben* So im 
alten thebanischen Kulte, und Entsprechendes sichern alte Zeug- 
nisse für Büotien überhaupt, für Mazedonien» für Lemnos.*) 



^) FhoDetifiche Schwierigkeiten beäteheii gegen die semituche Deutung 




318 J- Wackernagel Indisches und Italisches. 

Übrigens braucht, wer der Glaichung Kuß figog: Kübera- bei- 
pflichtet, den Kabeiros deswegen nicht als eine rein und anfäng- 
lich hellenische Gestalt zu beti-achten. Man hat die Freiheit 
anzunehmen, daß er den Griechen von Nachbarn indogermanischen 
Stamms zugekommen sei. Auch thrakisch und phrygisch konnte 
der Name nicht anders lauten. 

5. Umbrisch etato 

ist einzig von Bttcheler (Umbrica S. 197) richtig beurteilt worden. 
Ein Imperativ wgelit**, der einen sofort auszuführenden Befehl 
ausdrückt, kann unmöglich futurische Form haben (v. Planta 11 
435). Also ist etato Iguv. VI*» 63 (= altumbr. statu 1^ 21) nicht 
durch Haplologie aus etaßujto entstanden, wie zuletzt noch Bück 
A grammar of Oscan and ümbrian S. 176 (§ 236, 2) angenommen 
hat, sondern sein -to entspricht der U. PI. des lateinischen 
Imperativ Präsentis. Damit ist auch die Erklärung gegeben für 
die medialen Imperative I** 19 armanu (zu lesen armamu) 
kateramu: VI** 56 arsmaJiamo caterahamo. Die übliche Er- 
klärung dieser Formen als Futura würde eine haplologische Her- 
leitung von -mo aus -mumo nötig machdti, die bei arsmahamo 
allenfalls denkbar, bei caterahamo ganz unwahrscheinlich ist 
Die Hauptsache ist aber, daß der Zusammenhang, worin die 
Formen stehen, präsentische Bedeutung für sie fordert, futurische 
ausschließt: gerade wie bei etato (v. Planta n 435). Und da 
aktives -to durch das Obige gegeben ist, läßt sich mediales -mo 
leicht erklären. Nach Ausweis des Verhältnisses umbr. mu: lat 
minö im Singular des Imperativ futuri, müßte die dem lateinischen 
'tninl entsprechende umbrische Endung *'me lauten. Nach dem 
Vorbild von -to ist dafür -mo eingetreten, gerade wie im Grie- 
chischen das '$ von -a&e durch das -$ von -t€ bedingt ist 

Und nun werden auch die Pluralformen des Imperativ- 
futurums {'ttito -munio) deutlich, wie ebenfalls schon Bücheier 
aaO. bemerkt hat. Das -to ist an etu u. dgl. gerade so an- 
getreten, wie im Latein -te an ito. Aber weil bei den Umbrem 
im Singular dieselbe Form für 11. und in. Person fungierte, 
wurde -tuto im Unterschied von lat. -tote auch für die JH. Plur. 



nicht; das ei wäre, wenn sie richtig wäre, wie das yon Kdfmqo^ za erklären, 
worüber anderwärts. Für nns ist die thebanische Schreibung KdßtQo^ normaler 
Boeotismus (vgl. Szanto Athen. Mitteil. XV 384), und deren Bevorzogong durch 
Alexion und Philoxenos (Etjm. Gnd. 289, 30) ans dem Einfloß zu erklären, den 
der thebanische Eabiros-Kultos über Boeotien hinaiu aasübte. 



I 



Ohr. Bartholomae Zur Gerundivbildimg' im Ansehen. 319 

verwendet. Entsprechend wm"de im Medium zur n. Pim\ Priis, 
*mo und zur II* III. Sing. Fut mu eine II. IH. Plur; Fnt 
-nwmo hiuzugebildet. 

Aber was ist -to? Bücheier bemerkt, daß es gegenüber der 
Übereinstimmung von Griechisch und Lateinisch in -t& auSallig 
sei. Gewiß: allein wir wissen uunmehi^ (und das ist eines der 
Verdienste von Hirts bekannter Abhandlung), daß die säuberliche 
Umibrraität im System der Person alendungen etwas sehr un- 
ursprüngliches ist. ümbrisch -o kaon ig* -ä sein. Danach konnte 
man in -to die von Bezzenberger BB* II 269 vom Baltoslavischen aus 
angesetzte Dualendung -tä erkennen wollen. Aber Ersetzung einer 
ursprünglichen Pluralendung durch eine dualische ist nirgends 
Uüwahrscheiolicher als im Imperativ. Nichts hindert uns ein um- 
brisches -o (altumbn geschrieben -a *u) auf ig. -o zumckzuführen 
(v, Planta I 567), Das so gewonnene gnindsprachlicbe 4Ö verhält 
sich zu dem sonst bezeugten -f^ wie lateinisch -mm zu griechisch 
'pitc^ Daß es neben -ti so dürftig bezeugt ist, mag auf seiner 
Koinzidenz mit der Endung der m, Sg. Prät, Med. beruhen. 
Wer weiß übrigens, ob nicht in lateinisch -te ein altes *-tö steckt 
oder wenigstens mit altem 4^ lautgesetzlich zusammengefallen ist? 

Göttingen, J. Wackernagel. 



Zur Gerundivbildung im Arisclien. 

1, Im Sanskrit vollzieht sich die BUdung der Part, Fut. Pass. 
durch die drei Suffixe ya-, tavya- und ani^ya- ; s. Päyini III 1, 95 ff. 
In der Sprache des Rigveda ist nur das ei'ste von ihnen belegbar ; 
an Stelle der anderen finden sich hier solche auf tva-j ejiya-, äi/ya-^ 
eya- und eyya-, von denen die letzten beiden Klassen freilich 
nur durch je ein Beispiel vertreten sind : didikpeya- und ski^^eyya'. 

2. Wurzeln auf a zeigen vor dem ya- des Gerundivs e^ 
s. Pä^ini VI 4, 65, wozu der Kommentar als Beispiele deya-j 
dheya-, heya- und steya- verzeichnet* Daß diese Bildungen auf 
Infinitiven mit dem Ausgang -e aufgebaut sind^ scheint mir 
nicht zweifelhaft; s, Brngniann Grundriß II* 1422, II' 196, 
Bartholomae ZDMG. L 686, wo ich mich gegen Wackernagels 
Deutung, Aind. Gramm, I 36 gewendet habe. Neben de „dare" 
(EV, V 4L 1)*) steht dSyalj. „dandus", neben §raddhe j,credere^ 



1) Bd. Bijftpa kavirdätrc. 



320 ^^^- Bartholomae 

(RV. I 102. 2)0 Steht sraddheyam „credendum" (AV. IV 30. 4), 
neben prame „metiendo procreare" (RV. IX 70. 4) steht meyäh 
„metiendi" (AV. VI 137. 2). S. noch unten § 13 ff. 

3. Dementsprechend darf man für didi'k^eyah ^spectandus^ 
(RV. in 1. 12) einen Infinitiv *didi'Jc^e voraussetzen. Wesentlich 
die gleiche Bildung zeigt das zu RV. X 120. 6 bezeugte Gerun- 
divum stuseyyam; s. Bartholomae Studien II 92 Note. Der 
Unterschied, der zwischen der Umformung des Infinitivs zum 
Gerundivum dort und hier vorliegt, besteht meines Erachtens 
lediglich darin, daß dort die Adjektivierung durch ia'(ya') 
vollzogen wurde, hier dagegen durch iia-y die übliche Wechsel- 
form dazu; iia- aber konnte in der Schrift hinter e nicht wohl 
anders als durch yya- zur Darstellung gebracht werden; die 
Verbindung ei im Wortinneren findet sich wohl im Prakrit, 
nicht aber im Sanskrit. 

4. Allerdings setzt die Erklärung voraus, daß die arischen 
ai zur Zeit der Bildung von stti^eyyam bereits zum Monophthongen 
€ geworden waren; aber diese Annahme begegnet doch keiner 
Schwierigkeit; s. Wackemagel Aind. Gramm. I 39. Ich halte 
es für gar wohl möglich, daß die Monophthongierung von ar. ai 
und au im Wortauslaut eingesetzt hat, und verweise dafür auf 
die Entwicklung dieser Laute im Awestischen. Die Infinitive 
*didik$e und stii^e gehören der gleichen Klasse an, der e-Elasse 
aus sigmatisch gebildeten Verbalstämmen, die bei Bartholomae 
IF. n 171 ff., Neisser BB. XX 54 ff, XXVH 252 ff., Delbrück 
Vgl. Syntax H 446 ff. und Oldenberg ZDMG. LV 306 ff., LIX 
355 ff. eingehend behandelt worden ist; s. auch Geldner Bigveda 
in Auswahl I 204«). 

5. In ganz nahen Beziehungen zu did^Jc^eyäh. hinsichtlich 
der Art der Bildung steht nach meiner Meinung didh%^äyydl,i 
„captandus*". Ich sehe den Unterschied lediglich darin, daß 
didxk^eyah einen un thematisch, didhi^äyyaJ.i dagegen einen 
thematisch geformten Infinitiv aus dem Desiderativstamm vor- 
aussetzt'). Entsprechend ist die Ungleichheit der Infinitivbildung 
bei Bind, praväce, jAwest. fravakaB-öa und jAwest. fravuJcai, sowie 
aind. adhivakäya^). Man vergleiche femer aind. pra-me und 



Bei Säyana Sraddhärtham. 

>) Wo gesagt wird: „inf. stu^e als verbam finitam". Als Belege dafür 
werden EV. VIÜ 74. 1 und V 58. 1 verzeichnet 
^) S. noch dadJiißei^ya-f woza unten § 30 ff. 
*) RV. Vni 16. 5: täm id dhäne^u hite^v adhiväkäya havante; s. 



Zur Gemndirbilduiig im AmcheiL 



321 



prati~mäi; de und parä-ddi ; sodann särtave und mrtaväij arävitave 
und sravitaväi usw., endlich aind. ä-vide und jAwest. vind^f die 
das Verhältnis von aind. ävidat zu ävindat wiederspiegela, 

6. Nun hat allerdings gegen meine Fassung von dhlhi^&yya- 
und der anderen Gerundiva auf äyym-, die ich zuerst BB. XV 227 
Note und in meinen Studien 11 92 Note ausgesprochen habe, 
Jensen KZ, XXXIX 586 £ Einsprache erhoben und eine ab- 
weichende Deutung aufgestellt, mit einer Begründung j die 
anscheinend für Brugmann völlig überzeugend war, da er 
Grundriß 11* 184 die früher II' 1422 vorgetragene Erklärung 
zugunsten der Jensenschen aufgegeben hat* 

7. Jensen rückt in den Mittelpunkt seiner Behandlung der 
j|/ya-Gerundiva jmnäyya-, von dem er KZ. XXXIX 587 schreibt: 
^panäyya- ist das Gerundivum zum vorhandenen Verbum pamy- 
nnd nicht aus dem erdachten Infinitiv *panai gebüdef^, 

8. Der Verbalstamm pmiäy- kommt ja in der Tat vor; 
freilich, trotzdem er von Fäpini III L 28 auch für die klassische 
Sprache vorgeschrieben ist, nur ein einziges Mal, in der Form 
pamyata RV, VI 75. 6, die den Schluß einer Ja^o^i-Zeüe bildet, 
während panäyanti, panayanÜ usw., mit kurzem a vor j/, im 
Rigveda neunmal bezeugt sind. Ich steUe es aber durchaus 
nicht in Abrede, daß der Verbalstamm panüy- ein altes Erbstück 
ist, das nur sonst überall umgeformt wurde, außer da, wo die 
alte Gestalt am Rhythmus Anhalt fand, 

9. Die Zurückfuhrung des Gemndivums panäyya- auf diesen 
Verbalstamm ist nun keineswegs neu. Sie findet sich ~ schon 
lang vor J, Schmidt Pluralbildungen 139, worauf Jensen verweist, 
— im Petersburger Wörterbuch IV 465 ausgesprochen und ist 
später noch mehrfach wiederholt worden, z, B. von Grassmann 
Wörterbuch 772 und von Ludwig Inf. im Veda 90. Durch die 
Gerundivbildung, wie sie in aind, jäyya-^) zu jäyati „er siegt", 
bhayya- zn bhäycUi „er fürchtet '^ vorliegt — s. Pä^jini VI L 81 ff., 
Whitney Grammar' § 963 b. 2 — war ja diese Fassung nahe 
gelegt und anscheinend zugleich bestätigt. Die Gründe, die mich 
abgehalten haben und noch abhalten, ihr zuzustimmen, sind die 
folgenden. 

10* Die zuletzt angefahrten Gerundiva wie jäyya- sind nicht 
vor der Brahmanazeit belegbar. In der Samhitu des Atharvaveda 

dixQ die Verbindung- von hdvate (nsw-) mit dvme, ütdyCf »t'asW*/f, Mntä^ej 
rayodhdi, vö4hat% üpagantavä u osw, 

So lu betonen : jayyä- bei Whitnej Wurzeln 54 ist Druckfehler, 




322 



Clir, B arthol omi« 



lautet das Gerundivum zu prahinoti praheya- (ÄV. V 17. 3), uatl 
entsprecheDde Bildungen schreibt Pai^ni a. a. 0. auch noch für 
die klassische Sprache vor; Jqiei/a- zu k^inoti soll die Notwendigkeit, 
hmifißi^- dagegen die Möglichkeit der Vernichtung zum Ansdruck 
bringen. Den spät auftretenden ayyd-Gerundiyen kann somit 
bei der Beurteilung der Bildungsart und der Altert ünilichkeit 
der d?/y«-GerundiTa, die so gut wie ausschließlich der ältesten 
Saiphitä augehören ^), eine entscheidende Kolle nicht zugeteilt 
werden. 

IL Es sind von diesen (*y?/a-Gerundiven mehr als ein 
Dutzend bezeugt. Aber nur neben einem einzigen unter ihnen 
kommt ein Verbalstamm auf ay- vor, das ist eben der einmal 
durch panäyaia belegte Verbalstamm panütj- neben panäyya- 
Somit ist dieses panhyya- das einzige Gerundiv , das auf Gruud 
des indischen Materials als eine ursprüngliche Bildung aus einem 
ä^-Stamm angesehen werden kann, Soll es als Muster für alle 
übrigen Gerundiva gleichen Ausgangs gelten? 

12. Diese Frage, über deren Beantwortung man sich nicht 
hinwegsetzen kann, hat sich auch Jensen aufgedrängt. Und d 
er Anstand nahm, sie zu bejahen, hat er den Versuch unter 
nommen, auch noch flir einige andere der belegten &yya- 
Gerundiva die Möglichkeit gleicher Entstehung wie bei panäyya- 
zu erweisen. Es sind das die Partizipien vidmjya- und äravayya-f 
für deren Herkunft, aus ^y-Stämmen lat, vidps^ got tmtais und 
griech. xltuo, lat» clueö angerufen werden. Aber auf dem Gebiet 
der arischen Sprachen sind diese Verbalbildungen nicht vertreten, 
Soll also mdäyya- auf dem in lat, videSf got, witais enthaltenen 
Verbalstamm idg, '^'uidei- beruhen, so muß die Entstehung des 
Worts in eine sprachgeschichtlich weit zunickliegende Zeit ver 
legt w^erden, aus der es sich erhalten hätte, während alle 
zugehörigen finiten Verhalformen uulergegangen sind. Noch 
weniger günstig steht es mit der gleichartigen Erklärung von 
h^avayija*^ da sie auch noch eine in vorarischer Zeit vollzogene 
analogische Umgestaltung der Wurzelsilbe — Vchu^i' statt 
^Jcluui^i' — zu Hilfe nehmen muß. Diese drei alten äyya- 
Geruudiva wären es nach Jensen, die den Grundstock der 
Bildunprsgruppe darstellen. Dadurch daß man vidäyya- mit ävidai 
in Beziehung setzte , sei man dazu gekommen, ein Bilduüp- 



II 



•M 



') Sonst findet sich, so fiel ich sehe* imr noch olnm^ panü^tfa-j Alt ßr. 
VI 15. 2. 



«I 



Zar Gerandivbjldnns' im Arischen. 



323 



I 



element äyya- in der Bedeutung des lateinischen (€)ndO' ab* 
zulösen, das alsdann produktiv geworden wäre. 

13. Jensen findet, wenn ich ihn recht verstehe ^ der an- 
genommene Vorgang der Umwandlung eines Infinitivs in ein 
Gerundivvmi durch Änfßgung; eines Adjektivausgaugs sei an sich 
nicht besonders w^ahrscheinlich. Ich verweise dem gegenüber 
auf Brugniann Kurze vergL Gramm. 605 und die dort angefiihrte 
Literatur. Bemerkenswert ist die Verschiedenheit der Lesung 
HV. X 109. 3 und AV. V 17. 3; dort steht: nä düiäya pmhyn 
tastha ef^a (nämlich hrahmajaija), hier: na dätäpa prahSyä tastka 
epi. Es ist also der Infinitiv prahye durch das Gerundium 
prahSya ersetzt werden. Man darf das wohl mit dem allmählichen 
Absterben des freien Gebrauchs der Infinitive in Zusammenhang 
bringen. Schon zu Päninis Zeit war er erloschen, daher er 
III 4. 14 f. die vedischen Infinitive auf -taväi und -e als K^ya- 
Bildungen, d. h. als Partizipien Fut Pass. bezeichnet und mit 
solchen erläutert; so anvetavai (s. RV. I 24. 8, VII 44, 5) durch 
üHvetavyamj nävagähe (Fundstelle?) durch nävagahitav^yam^ 
navacalc^e (RV* IV 58* 5) durch nävakkyalavyam. 

14. Die begrifiliche Annäherung des Infinitivs an das 
Gerundivum geschieht bei prädikativem oder attributivem Ge- 
brauch des Infinitivs , und zwar dann , wenn dessen Agens ein 
anderes ist als das des flniten Verbems im Satz, wenn, wie 
Delbrück Vergl. Syntax 11 460 sich ausdrückt , „der Lifinitiv 
sozusagen passivisch gebraucht ist*^. Das ist auch an der im 
vorigen Absatz angeführten Stelle EV. X 109. 3 der FaU. Bei 
Whitney-Lanman wird übersetzt: „she stood not to be sent for 
a messenger*^, und wegen der verschiedeneu Lesungen prafuß 
und prafteyä heiSt es mit recht: „the two readings are of 
virtually identical meaning" (Atharvaveda-S, 248)* 

15. Dieser Gebrauch des Infinitivs ist bekanntlich nicht der 
einzige. Wenn nun, wie ich behaupte, die Nominalbildungen 
auf Ayya- von Haus aus nichts anderes sind als adjektivierte 
Infinitive, so würde man sieh nicht verwundem, ja eigentlich 
erwarten dürfen, diese Bildungen auch noch in anderer als 
gerundivischer Verwendung anzutreffen, in einer Verwendung, 
die irgend einem andern Gebrauch des Infinitivs entspricht als 
dem in § 14 angegebenen, d, i. dem passivischen. Und mit dem 
Nachweis solchen Gebrauchs wäre eben auch zugleich die 
Richtigkeit der von mir aufgestellten Fassung der Ayya^Siämmt 
dargetan. 

21* 





324 Cair. Bartholomae 

16. Passivischer Gebrauch des Infinitivs setzt transitive 
Bedeutung des Yerbums voraus. Eine solche ist mindestens fär 
eines der Verba, die in Betracht kommen, zu bestreiten: für 
ddk^ati, daJc^ate. Der Dhatupatba gibt die Bedeutungen fjfddhau 
Hghrarthe ca an, bei Westergaard Radices 287: 1. „augeri, 
crescere", 2. ^festinare, strenuum esse". Im Petersburger Warter- 
buch werden die Bedeutungen so bestimmt: 1. Act. „es jemandem 
(Dativ) recht — , zur Genttge machen^, 2. Med. „taugen, tfichtig 
sein, bei Kräften sein*" ^). Aber unter däk^äyya- Acy. finden wir 
^einer, dem man es recht oder geschickt machen muß, dem man 
sich gefällig erweisen muß*". Wenn man dak^äyya- als Gemndi- 
vum nimmt, so ist das etwa so, wie wenn man zum lateinischen 
obsequor „ich willfahre*^ ein obsequendus „dem willfahrt werden 
muß^ bilden wollte. Dabei verschlägt es nichts, ob man dak^äyya- 
mit dak^' oder etwa mit einem dazu gehörigen Yerbalstamm 
dakßay- in Beziehung setzt, wie es Grassmann im Wörterbuch 
tut; denn das ay- solcher Stämme hat nicht etwa den Bemf^ 
intransitive Verba transitiv zu machen; welchem Zweck das 
indogerm. ei hinter Verbalwurzeln diente, weiß ich nicht; sidier 
aber einem anderen als dem erwähnten. 

17. Die vom Petersburger Wörterbuch vorgeschlagene, von 
Grassmann und anderen übernommene Deutung von dak^äyya" 
findet sich bereits bei Säya^a, der das Wort zu RV. Vn 1. 2 
mit püjaniyo havirhhir samardhaniyo va fibersetzt, zu RV. VII 
97. 8 mit vardhaniyah> Aber der gelehrte Kommentator setzt 
sich durch diese Erklärung des Worts im siebenten Maniala in 
Widerspruch zu dem, was er zuvor geäußert hatte. Zu RV. n 4. 3 
hatte er es mit samardhayitä data va gegeben, zu I 129. 2 mit 
pravardMnaMlah • . yadvä samarthah, endlich zu I 91. 3 mit 
sarve^atß vardhcücah. SäyaQa weist somit dem ffinf Mal vor- 
kommenden Adjektiv däkßäyya- zweimal die Bedeutung des 
Gerundivums, also passivische Bedeutung zu, dreimal aber 
aktivische. Auf Säya^a kann man sich somit fflr die hergebrachte 
Fassung des Worts nicht wohl berufen. 

18. Nun läßt sich allerdings zu deren Gunsten eine Stelle 
mit besonderem Nachdruck ins Treffen führen, weil hier dakßäyya- 
mit dem Instrumental des Täters verbunden zu sein scheint, 
RV. I 129. 2, wo es heißt: sd §rudhi yäh sma pftanosti käsu 



Geldner Kigveda in Aaswahl I 78 bietet: 1. «seine GleschickHchkeit 
zeigen, anstellig sein, es gut machen", 2. »Erfolg haben, gelingen, glackeo". 



b 




Zur Gtrandjvbildutig^ im AriscKen. 



cid duk^yya indra bhärahntaye nfhhir äsi pratürtaye nfhhi}}.; 
yäii .^firaUt sväJ} safiitü yo mprair väjaw tdndä. Man kann 
aber auch ganz wohl damit znrechtkominen , wenn man nfhhiljt 
in soziativem Sinn nimmt, wie es ja tatsächlich Ludwig in 
seiner Übersetzung tut, Rigreda II 37. Seine Bemerkungen im 
Kommentar, Rigveda V 37 können zeigen, welcher Kunststücke 
es bedarf, um sich und andere darüber hinwegzutäuschen^ daß 
die Bildung eines passiven Partizips aus einem intransitiven 
Terbum unmöglich ist, 

19. Ich bin der Meinung, daß dak^&yya- überall aktivisch 
genommen werden muß, dahAyyaJß ist so viel als *yö ^sti 
dakmya^j wobei dies in finalem Sinn zu fassen ist, also „der 
dazu da ist, es recht und gut zu machen, der sein Können für 
jemand (Dativ) bereit hält oder stellt, dienstbeflissen» bilfbereif^. 
So RV. Vn 97, 8: hfhaspätim . . . dak^Ayyäya dak^aia sakhäyaJ} 
karad brähmafjie sutärä sugädhä „den Bfhd^pati , .; dem, der 
bereit ist, es recht zu machen, macht es recht, ihr Freunde; er 
wird dem Gebet leichten Übergang und bequeme Furt verschaiFen"; 
— I 91. 3: Mci^ fväm ad priyo nd mitro dak^Ayyo aryamevasi 
soma „du, der lichte, bist wie ein lieber Freund, bist wie ein 
hilfbereiter Genosse^ o Soma*^; — VH 1. 2: affnim . , . dakmyyo 
y6 däma äsa nitycJß. „den Agni . , ., der stetig im Haus 2um 
Dienst bereit ist** ; — II 4. 3 : agn im . , . dak^äyyo yo dAsvate 
ddma ä „den Agni , , ., der hilfbereit ist im Haus für den , der 
(ihm) spendet*"; — endlich I 129, 2 (s* bei § 18), wo ich über- 
setze: „du höre, o Indraf der du, zu helfen willige in Treffen 
jeder Art bereit bist, mit den Kriegern zum Kampf aufzurufen, 
mit den Kriegern anzustürmen, der da mit den Helden das 
Himmelslicht erbeutest, der du mit den Sängern den Siegespreis 
gewinnst" ; ich nehme also zwei gleichartige Gliederpaare an^ die 
ehiastisch gestellt sind: bhärahntaye nfbkilßj pratürtaye nfbhU^ 
und Mrail} sväJi sänitäf mprair väjam tdruta ; das einmal gesetzte 
asi gehört zu allen vier Gliedern; allenfalls auch ptianämi 
k&BU tit. 

20. Es gibt nun aber auch ein zn einem transitiven Verbum 
gehöriges Adjektiv auf dyya-j das nicht nur ebenfalls aktivische 
Bedeutung besitzt, sondern auch bisher schon in den Wörter- 
bflchem mit aktivischer Bedeutung verzeichnet worden ist, und 
zwar im Gegensatz zu der von Säya^a gebotenen Fassung, Das 
ist p&yyn-, zu päti ^er schützt", in den Zusammensetzungen 
nfpmjya- und halmpäyya-j beide nur im Rigveda, jenes fflnf-, 



i 



Chr. Bartholomitö 



dies zweimal bezeugt* Die im (großen) Petersburger Wörterbucli 
angegebenen Bedeutungen sind „mäonerschirmend" und „viel- 
schirmend". Im kleinen sind die Wörter mit „Männersaal, große 
Halle'' verzeichnet, dabei wird aber von der Bedeutung ^Männer 
bergend", „viele bergend** ausgegangen. Dasselbe geschieht bei 
Reuter KZ. XXXI 542, der die Komposita als Nomina agentis 
bezeichnet. S. noch Wackernagel Aind. Gramm. IIa 177 unten. 
Säya^a dagegen befürwortet die aktivische Fassung des zweiten 
Kompositionsglieds nur für eine der sieben Stellen: für RV, X 
35. 12, wo er jiipAyyam durch npiäm rahmkam übersetzt (s. 
dazu Päiuni HI 1. 133); das Adjektiv^) bestimmt hier chard% 
während es sonst als Beiwort vou varüh ei-scheint. An allen 
übrigen SteUen hat Säyana das Gerundivum: netjbkir devaili 
patavyam (II 4L 7), netfbhir ftvigbhih polmmjam (\TII 9, 18), 
nei][hhyäm patavyam (VIII 25. 14, 15) und bahubhir abhigantavye 
bahubhi rakntarye va (V m. 6), bahubhir bhogyam (Vni 27. 22). 
21. Ich sehe somit die Quelle von "^päyya- „schützend** 
jener beiden Zusammensetzungen in dem Infinitiv *pai „zu 
schützen^, und es ist mir varfüi nxpäyyarn so viel als *vart\r 
yad asH nfpai*; s. dazu oben § 19. Wegen der Art der 
Infinitivbildung *pai zu päti verweise ich auf *yai (in avayäi, 
upaym usw,) zu yäü n. a. m. Nun ist es ja allerdings richtig, 
daß zusaramengesetzle Infinitive meist nur in Verbindung mit 
Verhalpraeflxeu vorkommen. Aber sonstige Verbindungen sind 
doch mindestens nicht unerhört, selbst dann nicht, wenn mau 
dem Begriff Infinitiv auch noch so enge Grenzen zieht*). 



^) Die im kleinen Petersburger Warterbuch angegebene Bedeotimg' (a. oben) 
scheint mir tjehr zweifelhaft. Auch Gelduer nimmt die Wörter ah ÄdjektiTa; 
5, Vod. Stodien II 30 und III 25 f., wo bahupdyya- mit „viel schüti-end" über- 
setzt wird. Zur Bestimmung von n^pdyya- als Beiwort ¥on mrti^- b, insbesondere 
KV, VIII 9. 11. 

') Warum man ^. B. sömapUayet 4m etwa 50 Mal beseu^ ist und zw»r 
meiet in Äbbfini^i^keit von Verben in der Bedeutung „herlcommen* oder »her- 
anrafen''^ nicht als Infinitiv gelten lassen wiU, sondern nur als finalen Dativ 
eine» Stammee somapStatj- „das SomatrinVon" ♦ der lonst gar nicht Torkommt, 
vermag ich nicht einzugehen. Daliei soll auf die SteUe EV, X 86. 2, wo man 
mmapitiii/c aläaJckusativtsch fiingierenden Infinitiv nehmen mtifi. wennmÄö den 
Teit nicht etwa ändoni will ^ 3iy äha prd rindastj ünyätra sömapXtuye ^mid 
du findest doch aonet nirg-endwo Sofrta zti trinken**, ^ nicht einmal besonderes 
Gewicht gelegt werden. Wie man sich nach dem kleinen Peterabtirger Wörter- 
buch die Stehe grammatisch zurecht legen soU. ist mir nicht ganz deutlich, 
j:^. noch imten g 34 Note, 



Znr Genindivbildung im Arischen. 327 

22. Auf ein weiteres gleichartiges Kampositum, in dem das 
Schlußglied pf^yfja- zu pähi „trink"* usw. gehört, will ich 
wenigstens aufmerksam machen, wenn schon bei der Unsicherheit 
seiner Bedeutung nicht viel darauf zu geben ist Ich meine 
ktin4^pat/ya'. Im Rigveda (VIII IT, 13) scheint das Wort 
Kigenaame zn sein. Dagegen wird es bei Päijini III 1, 130 
unter den Part. Fut, Pass. aufgeführt (s. III 1, 95), und zwar 
als Bezeichnung eines Opfers. Der J!'«*^- Kommentar zur Stelle 
erklärt es so: hif]t4ena piijaie somo 'smiHn iti: Immlapmjijah kratuli, 
d. h ^weil dabei der Sotna aus dem Krug getrunken wii'd, heißt 
die Opferhandlung kmd^payya^ . Ich verstehe nicht, vrie mau 
auf Grund dieser Erklärung des Worts die Meinung aufstellen 
kann — vgl, Wackernagel Aind, Gramm. IIa 182 oben — , 
^daß es ursprünglich etwa bedeutet hätte *mit Krügen zu 
trinken'". Es ist ja doch der Soma, der getrunken wurde, und 
nicht die Opferhandlung. Wenn kratuli Jaoj4ap^yy^s wirklich 
den angegebenen Sinn hat, so muß das Beiwort ursprünglich 
^für das Trinken aus dem Krug da, bestimmt, eingerichtet*^ be- 
sagt, also aktivische Bedeutung gehabt haben. Von da zur 
Bedeutung, „wofür das Trinken aus dem Kiug bezeichnend isf*, 
hat man nur einen kleinen Schritt. 

23. Bei der von mir vorgeschlagenen Zurückflihrung der 
Äi/1/a-Adjektiva auf ai-Infinitive erledigt sich auch die Frage der 
Betonung, auf die freilich Jensen gar nicht eingegangen ist. 
Der Wortton ruht überall auf dem a^ auBer bei ahnavayijä-j wo 
die Abweichung durch die Komposition mit der Negation bedingt 
ist; s. Knauer KZ. XXVII 42* Man vergleiche adme^yä- neben 
den Gerundiven auf mya-. Wenn nun panäyya- als (i)ya- 
Gerundivum zu panäyäti gehört, das den Hauptton hinter dem 
(l{y) tmg, wie kam dann die Bildung pamyya- zustande mit 
dem Hauptton auf dem a{y)? Warum nicht ^pamyyä- (d, i* 
*panayhja-)? Lautet doch sogar zu häyamanali mit dem Haupt- 
ton auf dem ä{y) das Gerundivum aMyyäh (d. i. akayhjaJjt) 
RV. IV 29. 5 mit dem Ton dahinter! Siehe auch prafiüyyMi 
Jhe messengers" AV. XV 3* 10, das ebenfalls als Gerundivum 
zu einer (ii-„ Wurzel'* (s. mein Air. Wh. 1688 unten) zu stellen ist, 

24. Freilich kann man, das gebe ich zu, gegen meine 
Deutung der «i/i^a-Ädjektiva die Tatsache ins Treffen fuhren, 
daß der von mir zugrunde gelegte ^i-Infinitiv neben keinem der 
bezeugten Adjektiva nachweisbar ist. Aber Jensen kann sich 
für seine Fassung auch nur auf ein einziges Wort beziehen, das 




328 ^^' Bartholomae 

wirklich belegt ist, s. oben § 11. Man maß also hier wie 
dort doch erschlossene Formen zu Hilfe nehmen. Daß aber 
Infinitive auf -ai*) — auch abgesehen von solchen aus a-Wurzehi 
— in älterer Zeit ganz und gar nichts Seltenes waren, scheint 
mir keines Beweises mehr zu bedfirfen; s. Bartholomae BB. XV 
228 ff. und Air. Wb. 1989 f. Die auf -iäi wie aind. rohi^yaiy 
avyäthi^ai^ Äwest. dyäi, vasdyai u. a., — zu denen auch die 
zahlreiche Gruppe derer auf dhiäi gehört wie aind. vakadhyai, 
säihyai, Awest. vazaiiyai, hüzdyai^ — betrachte ich lediglich als 
eine Sonderklasse derer auf wzt; das i darin stammt aus ffi- 
Wurzeln und von Tempusstämmen mit i'). 

25. Was die aind. A^jektiva panayäyya- neben panäyya-, 
mähayäyya'{?Y) und spfhayäyya- angeht, deren Bildung nach 
Jensens Lehre besonders beft'emdlich erscheinen muß, so ver- 
weise ich auf den jAwest. Infinitiv mrao^ayai, der mit dem 
Präsens us.raoöayeiti zusammengehört. In gleicher Weise stellen 
sich die Infinitive, die jenen drei aind. Gerundiven auf ayäyya- 
zugrunde liegen, der Reihe nach zu den Praesentien panayanta^ 
mahayanta und spj'hayantL 

26. Nicht wesentlich anders als die f&r panayya- und 
panayäyya- von mir vorausgesetzten Infinitive *panäi und 
*panaiäi verhalten sich die Infinitive mähe und mahdye zu 
einander; es besteht wenigstens nach meiner Ansicht kein 
triftiger Grund mähäye von mahayanta usw. loszureißen, um es 
als Dativ der i-Deklination wie agnaye usw. zu erklären. Über 
das Verhältnis aber, das zwischen den Infinitiven auf -ai (aind* 
-e) und auf -äi (aind. -ai) besteht, war bereits oben § 5 die 
Rede, wo auch Beispiele f&r das Nebeneinander von at- und 
äi-Infinitiven zum nämlichen Verbum beigebracht worden sind. 

27. Ich fSge noch hinzu, daß wie -ai und -ai so auch -ai 
und 'iai beim selben Verbum nebeneinander vorkommen ; s. aind. 



>) In der bei Delbrück Aind. Verbum 221 and bei Reuter KZ. XXXI 220 
gegebenen Aufzfihlung der ai-Infinitive fehlt vayodhäi. 

*) Vgl. z. B. jAwest. anu.mainyai zu mainyetey aind. mdnyate. Eine gleich- 
artige Bildung mit -asai ist aind. pu^ydse. — sdhyase BV. X 95. 1, das Delbrück 
Aind. Verbum 223 als Infinitiv veneichnet, mag beiseite bleiben. Der Padt^^afha 
hat ftlr säJiyasa des Saffihitapntha sähyasa^y und damit kann man rar Kot 
auch auskommen. 

3) Adjektiv nach Ludwig. Säyana: püjayai. 



Zar Gera ntÜTbil dang im AnBchtn. 



32d 



avydthm^) — avyathi^jai *) ; j Awest raose — aind. rohi$pai^) ; ferner 
-ai und 'iai: j Awest baesa^äi — hüBsaeyäi; hasavraynai — 
hazavraynyäi ; endlich -ai nnd -ißt: aind, vidbe ~ j Awest 
mrdi6ye. Zu einem Verbum findet sich der Inflnitv mit den 
drei Ausgängen -a% -äi und -lai; aind. §rad-dhe — vayo-dhäi — 
jAwest dyüL 

28. Neben dem Gerundivum did^k^eya- steht in gleiclier 
Bedeutung did^k?enya-. Es liegt ja nahe genug den Infinitiv 
^did^k^Sf der oben § 3 für diäfk^eya- vorausgesetzt wurde, auch 
in didfkH'^ya- zu suchen. Wie aber hat man sich die Büdung 
des Worts zurechtzulegen? 

29. Eine anscheinend ganz glatte Erklärung hat Brugmann 
Grundriß II* 197 für die auf enya- ausgehenden Gerundiva 
vorgeschlagen: „Aind. e-n(i)ya- entstand durch Erweiterung von 
Infinitiven auf -e mittelst n(i)ya-, z, B. ik^eiiya-h 'sehenswert' 
(vgl dSya-hY' Der Unterschied in der Bildung von didik^Syah 
und didj['k^enyali bestände somit lediglich in der Art, wie die 
Adjektivierung des *?-Infinitivs vollzogen wurde* Ich vermisse 
aber den Nachweis^ daß ein n(i}ya- auch sonst in gleicher oder 

I ähnlicher Weise als „Konglutinat" verwendet worden ist. Äußer 
den Adjektiven auf enya- {enya-) lassen sich alle vedischen 
Wörter auf nya- {nya-) deutlich hinter dem n abteilen, d. h. es 
silid Bildungen mit {i)ya- aus ^ Stämmen *" auf n- oder m-. Das 
fflt auch von den drei Wörtern, bei denen Grassmann Wörterbuch 
11 73/74 c ein Sufiix nya- ablöst: ninyä-^ pünya-, dhwiyor; ich 
verweise zum letztgenannten Wort auf Bartholomae IFAnz* XII 
28, zu pünya- auf Wackemagel Aind, Gramm, I 192, endlich zu 
nimjär auf Meillet Album Kern 121 t und zugleich wegen 
Meillets Heranziehung des got faimeis auf Brugmann Grundriß 
II * 270, wegen der von ksL vünatrlnjl usw. auf Vondrak Vergh 
Slav, Gramm. I 426 f. Ich glaube, daß sich dadurch die Wahr- 
I scheinlichkeit der Brugmannschen Deutung der aind, inya- 
Gerundiva ganz wesentlich vermindert. 

30. Von den etwa 18 Adjektiven auf mya- mit gerundivischer 
Bedeutung (s. Whitney Grammar* § 966 b, 1019 b, 1038, 1068 a, 
wo saparyenya- offenbar versehentlich fehlt) zeigen nicht weniger 




«) MB. I 2. 1? ; s. dazu Bartholom&e Bß. XV 230. 
') Vgl. (^bendi. 

■) Awest rao9- verhält iich zu arnd. rohi^- wie und. dhitaati lu dkidhi§üH r 
F. Bartholoinae IR VII 70. 




330 ^br- Bartholomae 

als 10 vor dem Ausgang ein s oder ?: advieenyä-^), ahhü^enya'% 

ahhyayaffisenya-, ik^enyar^\ did^k^Snya-, papfhetjiya diese im 

Rigyeda — jijfiasenya-, dadhi^eryyor, nint^erjtycL', äuSrü^enya-. 
Das ist mehr als die Hälfte, und davon schließen sich 8 — 
alle außer den beiden erstgenannten — deutlich an sigmatische 
Verbalstämme an. Ich kann mich nicht dazu entschließen, dann 
das Walten bloßen Zufalls zu sehen. 

31. Es gibt im Altindischen noch eine zweite Klasse zum 
Verbum infinitum gehöriger Bildungen, die dergleichen auffällige 
Beziehungen zu sigmatischen Verbalstämmen aufweist, das sind 
die Infinitive auf -dni. Sie zeigen alle mit Ausnahme von 
dreien, deren Charakter eben darum bestritten wird — rajäni 
RV. X 49. 4*), tardni JH 11. 3*), pupütäni X 132. 6«) — , ein 
$ vor dem Ausgang -awi, und zwar gehören die auf -ßani endenden 
Formen wieder alle mit Ausnahme von i^äni RV. II 2. 9^ zu 
sigmatischen Verbalstämmen. Sollte nicht zwischen den Infinitiven 
auf 'ßäni und den Gerundiven auf ßSnya- ein innerer Zusammen- 
hang bestehen? 

32. Die Umsetzung eines Infinitivs auf -äni — s. dazu oben 
S. 323 — konnte bequem in der Weise geschehen, daß man die 
geläufigsten aller Adjektivausgänge anschob, die der a- und a- 
Deklination. Also wäre zum Infinitiv bhü^äni das Adjektiv 

1) Zar Betonung s. oben S. 327 Note. S. noch den Nachtrag, S. 335. 

') BV. V 55. 4: ahhüß^yaffi vo maruto mahitvanäffi didfk^eii^yaffi sürya- 
syeva cdk^at^m. Die Aasleger von Säyana an schwanken, ob das Wort m 
bhävati oder za bMi^ati (im Petersbarger Wörterbach anter ^bhü$' und *bhü9-) 
za steUen sei. Dasselbe gilt vom Infinitiv prahhü^dz^i BV. X 132. 1: Ijänäm 
bhümir abhi prabhüßdinki. Man kann aaf beiden Wegen za einer annefambaien 
Bedeatang gelangen. Aber jedenfaUs ist för beide Wörter nar ein Weg gangbar, 
denn die Wörter gehören zasanmien. 

>) So gegen Aafrecht za betonen; s. Whitney Grammar' § 1217 a. 

*) ahäm bhuvatji ydjamanasya räjdni. Vgl zur SteUe Neisser BB. XX 42, 
der in rajdni einen „i-Nominativ eines an-Stamms" erkennt. Er begründet das 
hauptsächlich mit dem Hinweis auf X 49. Ic: ahdm bhuvatß ydjamanasya 
coditä; danach sei „rajdni offenbar syntaktisch gleichwertig mit coditd'^. 
Notwendig ist der Schluß doch nicht; vgl. Bartholomae Air. Wb. 929 f. anter 
3 und 4. 

*) arthaffi hy äsya tardn^i. S. dazu Neisser BB. XX 42 f.; zuletzt zur 
Stelle Oldenberg SBE. XLVI 261 f. 

•) dydur nd bhümih pdyasa pupütdni; s. § 34 f. 

') dühana dhenür vxjdne^u kardve tmdna ^atinam puf^räpam i^df^i. 
Böhtlingks Wörterbuch bezeichnet das Wort als ^optat. Inf. *möge entlassen, — 
ausspritzen''^; s. auch Oldenberg SBE. XLVI 197. Die ebenda vorgeschlagene 
Zurückfuhning von ißdijLi aus '^i^-^a'tii hat keine Berechtigung; s. anten § 86, 40. 



Zur GwiÄdiTblMüti^ im Aritcben. 331 

*bhü^äf]tia!j^ (*bhfi^änyali) zu erwarten* Wirklich bezeugt ist nun 
abßr hhfi.^eiiyab* Soll dessen Zusammenhang mit hhfmhii des e 
wegen geleugnet werden? Ich müchte das nicht befürworten. 
Vielmehr glaube ich, daß die Verbindung zwischen bha^Snyah 
und bhumni durch einen Infinitiv *bhfu?e hergestellt wird, der 
das e geliefert hat, d* h* unter dessen EinliuB das erwartete 
Hhu^ihpjah in hhüsenyah umgesetzt wurde. 

33< Ich gehe also mit Brugmann so weit zusammeo, als ich 
wie er zur Erklärung der Gerundiva didi-k?epali und didxk$e^yah 
einen Infinitiv ""didxkBe voraussetze, weiche aber von ihm 
insofeni ab, als ich nicht wie er in did^J^esyah eine direkte 
Bildung aus jenem Infinitiv erkenne, sondern nur eine dureh 
ihn hervorgerufene Umbüdung eines *didik^änyaljtj das seinei-seita 
wieder auf einem infinitir *didxk?dni aufgebaut worden war. 
Natürlich braucht nicht neben jedem e^?!/^-Gerundivum ein e- 
und ein ant-Infinitiv vorhanden gewesen zu sein. Hatte sich 
der Ausgang erst bei einigen Verben festgesetzt, so war damit 
das Muster zur Schaffung der Klasse gegeben. Zunächst schloß 
sich ihuja- jedenfalls an Verba und Verbalstämmen auf s^ ^ an, 
entsprechend dem, daß der Infinitivausgang -thii fast alleiu 
hinter diesem Zischlaut vorkommt. Die Gerundiva dieser Art 
haben in der Tat die Mehrheit. Dann ging mya- auch auf 
Verba mit anderem Stammauslaut über. 

34, Der auffälligste unter -den Infinitiven auf -dni ist ohne 
Zweifel puputmL Die Ansicliten über die Bedeutung und die 
Erklärung des Worts gehen sehr auseinander. Infinitiv ist es 
nach Ludwig Inf im Veda 14 und Rigveda IV 122< Entsprechend 
wird es auch von Säya^a aufgefaßt» der es mit parijmvane yaja- 
mänanäm püpasya Uhhane übersetzt. In Böhtlingks Sanskrit- 
wörterbüch heiBt es u, d, W. : „von unbekannter Bedeutung*^, und 
ähnlich auch bei Grassmann im Wörterbuch, der aber in der 
Übersetzung II 498 pup(u?ani, also einen Infinitiv herstellen 
möchte. Wenn man das Wort nicht für verderbt ansehen will, 
wozu doch wohl ein dm^chschlagender Grund nicht vorhanden 
ist, wird man sich der Anerkennung kaum entziehen können, 
daß pupfdäni einen Infinitiv darstellt, und zwar zu pävate^ der 
in prädikativem Sinn gebraucht ist. Die Stelle scheint zu 
besagen: „caelum velut terra lacte purganda (est)". 

35. Das Autfällige in pupatdui besteht darin, daß vor dem 
Ausgang ein t ersclieint, das nicht als Bestandteil des Verbal- 
stamms angesehen werden kann. Ludwig hat a. a. 0* geltend 





nu 



Chr. BartholomaG Zvlt Gerandivliildung im Ari&cheii, 



ist selbstTerständlich auch die etymologische und grammatische 
Deutung hOclist zweifelhaft. Stünde klrieiiyalt „laudandus" allein, 
so würde ich kein Bedenken tragen, darin die Adjekti?iening 
eines Infinitivs *ktrtani (^klr-täni) zu carJmrmi zu sehen. Aber 
Järtnyah „laudes**, khianam ^laudatio*" usw*, die auch ein t 
aufweisen, machen Schwierigkeit, indem es doch nicht angeht, ihr 
f von dem in klrtenj/al/ ohne besondere Begründung loszureißen, 

40. WeBentlich günstiger steht es um die Deutung eines 
jungAwestischen Worts auf faimja-f das ich ebenfalls für die 
Adjektivierung eines (arischen) f(7?u- Infinitivs halten möchte, d. i, 
jAwest. vasiröJatainjja' „wofür die Futter-, Wiesenmahd be- 
zeichnend isf^, das stehende Beiwort der Mittsommer-GattUeit 
(mai^fjöisam-). Der zweite Teil der ZusamDiensetzung gehört 
jedenfalls zu aind* däü, dtjäti „er schneidet ab, mäht**. Im Air. 
Wb. 1415 habe ich das Adjektiv als Ableitung aus einem vor- 
ausgesetzten *vaströAatima- „Futtemiahd" genommen, und man 
kann ja wegen des t auf grieclu öurfnaui verweisen; vgl Persaon 
Wurzelerweiterung 33, Prellwitz Etym. Wörterbuch^ 106. Aber 
auf arischem Gebiet kommt das „Wurzeldeterminativ" t bei 
dieser ^Wurzel" nicht vor, und hinter deren VoCforra auch sonst 
nicht. Sonach empfiehlt sich die Zerlegung in *dä-tan'', nicht 
aber in *dat'aw. Damit aber gewinnt die oben vorgeschlagene 
Fassung an Wahrscheinlichkeit, da Nomina actionis mit tana- 
statt ana im Arischen nicht zu belegen sind*)» vastTöduiainya- 
heißt der Gott der Sommersonnenwende, w^eil er dazu da ist, 
(uns) die Wiesen zu mähen, ^'vastra datami*, Kun kann man 
ja freilich gegen diese Erklärung die Tatsache geltend machen, 
daß ein Infinitiv der Art sonst im Awesta nicht bezeugt ist. 
Aber man muß anderseits auch in Ansehlag bringen, daß es sich 
bei dem Wort um einen stehenden, durch seine Beziehungen zum 
Kult gefeiten Ausdruck handelt, der leicht aus einer früheren 
Zeit bewahrt geblieben oder auch aus einem anderen Dialekt- 
gebiet herübergenommen sein kann. 

4L Die Lesung der altpersischen Infinitivformen mit -tanitj, 
nicht 4anaiy {s. § 35) wird — abgesehen von aind* puputäni^ 
i^fänihf kirtenyah (?) und jAwest* väsiröMiainya- — bis zu 
einem gewissen Grade auch durch die Flenonslehre untersttitÄt 



1) Dio voti Oppert a. a. 0. («t. § 35) unter ZaBtimmniig yozi Spiegel Efiil- 
in&chrifUn^ 149, ^ 168 vergliche neu ain^. Stänune anf iana- sind Adjel;tiT» 
Yon ganz besoD derer Bedeutung und seknnflärer Bildong; a. VMtitney Grammar^ 
g 1245 g und Brugmann Gnmdri£ < H 2S4, ^I. 



W, SchiÜKe Lat sepelire. 



dm 



Die «-Deklination zeigt, normal im Lok. Sing, den Voll-, m 
Dat* Sing, den Schwaclistamm ; so im EigTeda ähani Lok.: ahm 
Dat Diese alte Stamm Verschiedenheit set2t sieb sicher in den 
Infinitiven aind, im^if par^sriiii usw* und jAwest. xumie fort. 
Damit aber wird es nahe gelegt, sie auch in den Infinitiven 
apei-s. "^T'N'IY* und jAwest. aiwLxMiSne wiederzuerkennen, alsc 
jenen alt persischen Infinitiven den Ausgang -tanh/ zu geben. 
Entscheidend freilich ist der Grund nicht; denn das a könnte 
auch auf n zurückgehen, d. h. in solchen Infinitiven erwachsen 
und von ihnen aus verallgemeinert worden sein, darin Konso- 
nanttiuhäufung sich dem Silbenverlust widersetzte, also etwa in 
Infinitiven wie nipistan". Man halte dazu aind. säivane neben 
stdavve und die einschlägige Regel darüber bei Pä^iini III 1. 137, 
Whitney Grammar* § 421b. 

Gießen, L Mai 1907. Chr. Bartholomae. 

Xachtrag. 

Zn S. 330 Nr. 1 : Man beachte, daß Böhtlingk im kleinen 
Petersburger Wörterbuch advimny&' iu aktivischem Sinn nimmt: 
„nicht übelwollendj wohlwollend". S. dazu oben § 15. 



I 



Lat, sepelire. 

Da3 ai. mparyäti entspricht in der Form genau lateinischem 
sepelit, in der Bedeutung aber stimmt es vielmehr zn rfnerarL 
Ein Grabepigramm zeigt, wie sich die abweichenden Bedeutungen 
vereinigen. Buecheler carmina epigraphica 406 frater defimctum 
roluit vetierare septda^o. Sonst reden die Lateiner wohl von 
dem honos sepidcfi^ z. B. Ovid trist, 3, 4, 45, wir in etwas 
anderem Sinne von der „letzten Ehre", die man einem Toten 
durch Teilnahme an seinem Begräbnis erweist. Bei Homer liest 
man H 456. 675: 

^p&a i ra^^vawot uaotyvT^Toi rf trat Tf 

Zu ydgm<; gehört. f£Qaig£tv, das nicht ungeeignet zur Über- 
setzung des ai. saparyäti sein würde. „Solange wir Indogermanen 
kennen^ ehren sie ihre Toten mit einer dauernden Wohnung'' 
Schrader Eeallexikon ö. 76, das beißt auf Lateinisch eben ^sepe- 
liitHf" [Bezzen berger BB, IV 328 Aum.]. Ich denke^ man braucht 
sich auch durch Waldes absprechendes Urteil über die alte 
Gleichung sepelü - saparyaü nicht ernstlich irre machen 2U 
lassen. Das Verhältnis von saparydti sepelii zu ai. säpati [Fick 
I* 138. 561] erinnert an lett. smelu mie'U : Ut semiü shih 
^schöpfen". Wilhelm Schulze. 




336 



Die Indogermanen. 

Die Frage nach der ursprünglichen Gliederung und der 
Urheimat der Indogermanen ist von Hermann Hirt im ersten 
Bande seines groß angelegten Werkes ^Die Indogermanen*^ 
(Strasburg, Trabner. 2 Bde. 1905, 1906) S. 1—196 aufs neue 
behandelt worden. Der Blick des Verfassers ist hier wie aus 
der Vogelschau auf das Ganze und Große gerichtet, ohne jedoch 
gründliche Kenntnis des einzelnen vermissen zu lassen. Auch 
sind die Hfil&wissenschaften, die sich mit der Sprachkunde ver- 
binden müssen, um die Ur- und Vorgeschichte unsers Sprachen- 
und Völkerstammes, ja der Menschheit selbst an&uheUen, wohl 
berücksichtigt: Erd- und Länderkunde im weitesten Sinne, die 
Wissenschaft vom Menschen nach Leib und Seele, die Geschichte, 
insofern sie auf der Vorgeschichte beruht, kommen zu ihrem 
Rechte, während die vorgeschichtliche Altertumskunde in dem 
zweiten Teile des ersten Bandes „Kultur der Indogermanen^ 
eine umfassende gründliche Darstellung erhält 

Die Führung bleibt jedoch der Sprachforschung vorbehalten: 
wenige Wörter vermögen oft ein helles Licht über dunkle Ver- 
hältnisse der Vorzeit zu verbreiten. So beweist die Gleichung 
lat. fägus ahd. btiochä „Buche^, daß die Vorfahren der Italiker 
und Germanen bereits in Westeuropa gesessen haben, denn im 
Osten einer Linie von Königsberg auf die Krim kommt die 
Buche der harten Winter wegen nicht fort. Wie bedeutsam ist 
es femer, daß viele Wörter flLr den Ackerbau und seine Tätig- 
keiten zwar den Europäern unseres Stammes gemeinsam sind, 
bei den Ariern dagegen nur yäva-s „Getreide" = ?«/«> üt. javai 
auf einen gewiß höchst primitiven Kömerbau vor der Abtrennung 
von den Europäern hinweist. Vielen Ertrag vermag auch die 
Erforschung der Ortsnamen zu gewähren. So hat Bezzenberger 
vor Jahren die ostpreußischen Dorfiiamen auf -keim (altprenß. 
kaimis) und auf -kehmen^ d. i. litauisch kSmas 7,Dorf^ dazu 
benutzt, die alte Sprache und Volksgrenze zwischen Prussen 
und Litauem näher zu bestimmen (Altprenß. Monatsschrift XIX 
650, XX 123). Sehr treffend sagt Georges Badet in den 
Annales de la Facult^ des Lettres de Bordeaux 1906 p. 353: 
^pour r^poque interm^diaire entre la pr^histoire et Thistoire, 




I 



i 



k, Flek Die Ihdogennanen. 337 



oft n'apparait pas encore le tömoignage das teites litöiaires 
c'est la nomenclature g^o^aphique, qui fournit tact bien que mal 
aux dfecouvertes de rarcheologie le fll conducteur doiit elles out 
tant bßsoiü^. Mit Recht weist daher Hirt S. 16 und öfter auf 
die Notwendigkeit systematischer und erschöpfender Sammlungen 
der geographischen Namen zunächst in den Ländern Europas 
hin: hier bietet sich jüngeren Kräften eine Gelegenheit, sich mit 
wahrhaft wertvollen Vorarbeiten in die Wissenschaft einzuftthren. 

Besonders wichtig würden solche Sammlungen für die Ge- 
biete derjenigen Völker und Sprachen sein, die vor den Indo- 
germauen Europa beherrschten. Hirt zieht auch diese in der 
Einleitung S. 1—73 in den Kreis seiner Betrachtung, weU sie, 
wie er hervorhebt, gleichsam nachwirkend als „ethnologisches 
Substrat** auf die Dialekt-Spaltung und -Färbung der über- 
gelagerten indogermanischen Sprachen einen bedeutenden Einfluß 
ausgeübt haben. 80 erkennt er in romanischen Dialekten Spaniens, 
Frankreichs, Italiens sehr ansprechend Nachwirkungen des 
iberischen und ligurischen Untergrundes. Wenn Hirt S. 147 
bemerkt: ^die Kigentümlichkeiten des attisch-ionischen Dialekts 
werden sich wohl nur so verstehen lassen j daß sie die Folge 
einer Mischung mit anderen Sprachen sind", so ist er durchaus 
auf dem richtigen Wege. Attika ist am spätesten von allen 
giiechischen Landschaften von Griechen besetzt {Stm tö Ibttto- 
fimy fif ai, sagt Thukydides), wie die Menge der dortigen vor- 
griechischen Ortsnamen beweist, und die von Attika ausgehenden 
ionischen Kolonien trafen auf den Inseln und den Gestaden 
Kleinasiens auf die Karer und andere Asiaten» mit denen sie sich 
mischten. In dem Vokalismus dieser Sprache ist besonders auf- 
ftUig die Vorherrschaft eines ä- Lauts, der, z\\ischen ä und e 
stehend, im Lykischen auch durch ein umgeformtes A be- 
zeichnet wild* 

Es kann wohl nicht bezweifelt werden, daß es dieses ä der 
Asiaten war, das im Attisch- Ionischen die Umlautung des alten 
ä zu demselben ä-Lant bewirkt hat. Im altionischen Alphabet 
bezeichnete man diesen Laut durch H» während E für die echte 
alte Länge des e verblieb; später wurden im Ionischen beide 
Laut« durch H, wie im Attisclien durch E ausgedrückt. Auch die 
Entwicklung des intervokalischen i, wie in NfjUtag, noXitaq 
zu einem nicht diphthongischen u ist vielleicht auf denselben 
GinfluB zurückznfiihren , wenigstens bezeichnet das lykische E 
häufig einen Laut, der im GriecMsctien durch 1 wiedergegeben 



A. Fkk 



wird wie in TRHEAE: Ttgi^llm^ also zwischen e und i geschwankt 
hat. Noch dentlicher ist die Einwirkung des ni^sprün glich fremden 
Untergrundes im Komanischen der Alpen und im Eumänischen» 
die sich als Latein im rhätischen und dakischen Munde be- 
zeichnen lassen. 

Vielleicht noch stärker ist der Einfluß des älteren Volks- 
tums da zu spüren, wo eine indogermanische Sprache eine 
andere desselben Stammes überlagert hat Sehr ansprechend 
ffthrt Hirt die zweite süddeutsche Lautverschiebung auf den 
keltischen Untergrund südlich der Mainlinie zurück^ ohne freilich 
nach seinem eigenen Geständnis für die erste Lautverschiebung 
8, 179 einen ähnlichen Grund aufweisen zu können. 

Noch heute läßt sich an deutschen Volksmundarten der 
Einfluß eines fremden Untergrundes deutlich verspüren. Der 
deutsch sprechende Litauer bringt das deutsche» seiner eigenen 
Sprache fehlende h nur schwer heraus oder wendet es doch an 
falscher Stelle an: „Err Hunteroffizier" redet der litauische 
Soldat seinen nächsten Vorgesetzten an ; die Lüchowschen 
Wenden, deren Sprache völlig erloschen ist, sprechen noch heute 
durchaus kein h und werden von den Umwohnern daran sogleich 
als „Wenden** erkannt, während deren Sprache sonst dem Platt- 
deutsch ihrer sächsischen Nachbarn gleicht Auch das „harte 
i** in dem ^glangreichen Idiom" der königlichen Sachsen beruht 
sicher auf dem sorbischen Untergründe der Mark Meißen. 

Diesen Beispielen, sowie den anderen, die Hirt beibringt^ 
kann man noch eins aus dem Alt^riechischen hinzufügen. Die 
Sprache der Makedonen ist zwar, wie Hotimann neuerdings 
klargelegt hat, zweifellos ursprünglich ein altgriechischer Dialekt, 
aber im W^ortschatz und noch mehr in seinem Lautstande stark 
von der thrakisch-phrjgischen Umgebung beeinflußt« Die Sprachen 
dieser Gruppe haben wie die Slavoletten durchweg die weiche 
Äspirate an die Media verloren, und da nun das Haupt^H 
merkmal, welches das Makedonische von den übrigen griechischea^ 
Mundarten unterscheidet, in dem Ersätze der Aspiraten durch 
die Medien besteht, so läßt sich wohl nicht daran zweifeln, daE 
in diesem Punkte die Eroberer durch die Unterworfenen be- 
einflußt sind, so jedoch, daß der Media nicht die weiche, sondern 
wie bei allen Griechen die harte Äspirate vorherging, was hier 
freüich nicht näher begründet werden kann. 

Wo Dialekte derselben Sprache übereinander gelagert sind^ 
geschah dies in älteren Zeiten durch Eroberung oder Zuwanderung» 




Die Indo^minen. 339 

in Löher kultivierten Perioden durch die Herrschaft einer 
Bildungssprache, welche die urwüchsigen Votksmundarten all^ 
mählich verschlang, lu Griechenland drangen die Westgiiecheu 
— Thesproter, Böoter, Dorier — erohamd nach Osten und Süd- 
osten vor, und es entstanden so Mischdialekte ^ in denen bald 
der alte Untergrund, bald die obere Schicht die Herrschaft 
gewann. 

In Korn entstand eine freilich geringe Mischung der alten 
Sprache Latiums mit einem der östlichen p-Dialekte durch die 
Zuwanderung der Sabiner unter Numa PompiliuSj dessen Name 
schon — pömpe ^ lat. quinque — wie Hirt betont» ihn als Ost- 
italiker bezeichnet 

Das Vordringen der griechischen Bildnngssprache, der so- 
genannten aotyi^, und das Zurückweichen der Volksmundarten 
läßt sich an zahlreichen Inschriften ans jüngerer Zeit sehr genau 
verfolgen; die Wirkung der oberdeutschen Schriftsprache auf 
das Niederdeutsche umgibt uns noch jetzt in tausend Spuren* 
So haben die alten aspirierten niederdeutschen Medien heut- 
zutage allerlei Verkleidung angenommen: das gh spukt im ghut 
der Westfalen, chut der „Chöttinger*^, jut der Berliner, als jA 
in dem Familiennameo JheriTig; das bhj meist mit w wieder- 
gegeben, erscheint als 17 in den Geschlechtsnamen Qevehe =■ GHMca 
Försteraann S, 450, Siveke = Sibico ebenda S. 1085* Doch liegen 
diese Dinge ja jedem zu eigener Beobachtung vor. Nur eine 
sonderbare Mischung vom Ober- und Niederdeutsch sei noch 
erwähnt in den Abstrakten auf -igkeit wie Ewigkdt Nieder- 
deutsch müßte das Emgheit lauten, und so sprechen und schreiben 
die Holländer; oberdeutsch wäre richtig Ewih-heiL Das schrilt- 
deutsche Ewighmt ist eine wunderliche ^Kontamination" aus 
beiden, und was soll man nun gar zu Eitelkeit neben Dunkel- 
heit, Heiterkeit und Einsam-keit neben Gediegenheit sagen? 

Die Reste niederdeutschen Wortschatzes im Munde der ge- 
bildeten Norddeutschen schwinden durch den Einfluß der Schule 
rasch zusammen* Wir älteren sprachen und hörten als Bänder 
noch: Brusekamje oder Bruse, Drank in der Dranktonne fOr 
den Schweinetrank und ühle^ HanduJtlej jetzt werden die Kinder 
angehalten, Brausekanne^ noch feiner <}ieSkanne, Schweinetrank 
und Hand-eule zu sagen, bei Voß heiBt es noch im Siebenzigsten 
Geburtstag; (Mütterchen) hatte geuhlt und gefegt und mit feinerem 
Sande gestreuet. 

22* 




340 A. Pick 

Von den frflheren Versuchen, auf Grund der VerwandtechafU- 
Verhältnisse ein Bild von der ursprfinglichen GUedemng der 
indogermanischen Sprachen zu gewinnen, hebt Hirt S. 89 f. die 
von Schleicher und Joh. Schmidt hervor. Nach Schleichers An- 
sicht, S. 91 graphisch veranschaulicht, gabelten sich die Grund- 
sprachen zunächst in nordeuropäische und asiatische, womit 
noch heute mancher einverstanden sein wird. Wenn er aber 
weiterhin das Griechische in eine engere Verbindung mit dem 
Arischen setzt, so streitet das, von historisch-geographischen 
Bedenken ganz abgesehen, gegen die jetzt gewonnene Erkenntnis 
eines engeren Zusammenhangs aller /r-Sprachen, die sich dadurch 
von allen anderen abheben. Griechisch und Germanisch gehören 
darnach zu derselben Sprachengruppe. Hiernach ist die* ganze 
Darstellung abzuändern, und sind die drei Einheiten; Arisch, 
Osteuropäisch und Westeuropäisch (^-Sprachen) zu Grunde zu 
legen, wenn man nicht gar in der Reihe der Sprachen von 
myrien bis Armenien eine vierte Gruppe annehmen muß. Wie 
hierbei eine Urspaltung zu gewinnen, bleibt freilich unentschieden. 

Joh. Schmidts „ Wellen theorie'', S. 93 durch eine Zeichnung 
ineinandergreifender Ringe dargestellt, steht und fallt mit der 
Annahme einer dauernden räumlichen Verbindung der keimartig 
bereits in dem Urvolke und der Ursprache vorhanden gedachten, 
später entwickelten Völker und Sprachen. Nun ist aber bekannt- 
lich das gerade Gegenteil der Fall: die reine Abtrennung vom 
Mutterstamm ist von jeher Ursache zu neuer Stamm- und Volks- 
bildung gewesen. Selbst wo ein bloßes Überquellen Aber die 
alten Grenzen stattfand, wie das bei den Slavinen öfters vorkam, 
trat alsbald eine Scheidung, eine Entfremdung ein, die oft zur 
Verfeindung wurde: mochten auch die Auswanderer, wie beim ver 
sacrum der Italiker, die alten Götter oder selbst Fflhrer aus den 
alten Herrengeschlechtem mitnehmen, bald genug bildet der neue 
Gau eine neue kirchliche und staatliche Gemeinschaft. Das ge- 
samte Sprachgut des Mutterstammes haben sie zwar mitgenommen, 
aber in der neuen Gemeinschaft entfaltet es sich zu neuem 
Sonderleben, nicht an einer an den alten Stock angrenzenden 
Ecke, wie die übergreifenden Ringe der Schmidtschen Theorie 
andeuten, sondern im gesamten Leben des neuen Gaus. Wenn 
an den Grenzen zweier Dialekte derartige Übergriffe erscheinen, 
erklären sie sich historisch: wenn z. B. die Rheinländer an der 
westfälischen Grenze wie in Elberfeld dialektwidrig „dat, umi, 
natt" sprechen, so erklärt sich dies mit erschreckender Deutlich- 



Die Indog&rmmen, ^l 

keit ans dem Einströmen westfälischer Bevölkerung Über die 
Grenzen in die rheinischen Industriebezirke, Auch könnte ja 
altes Westfalenland von den Rheinländern oder altes KheinJand 
von Westfalen einst sprachlich untergepflügt sein — jedenfalls 
kann von einem mystischen Übergreifen eines Dialektringes in 
einen andern keine Rede sein. Doch genug der Polemik gegen 
eine Theorie, die, von dem gelehrten Vorkämpfer unserer Wissen- 
schaft herrührend, vielen viele Freude gemacht und viel An- 
erkennung gefunden hat, so daß man noch jetzt in Gefahr ist^ 
mit dem Geständnis j sich wenig oder nichts dabei denken zu 
können, seiner geistigen Begabung selber ein trauriges Armuts- 
zeugnis auszustellen. 

Übrigens ist auch Hirt im Grunde mit der „ Welle "^ fertig. 
„Ist diese Hypothese richtig*^, heißt es S. 95» ^so hätten wir 
keine Möglichkeit, etwas über die Wanderungen der Indo- 
gennanen zu erfahren''. Da nun aber nach Hirt alle Gliederung 
der Sprachen unseres Stammes auf Wanderungen beruht, so 
ist der angeführte Ausspruch eigentlich ein vernichtendes Urteil 
über die Wellentheorie, ffirt sucht zwar einiges an ihr zu 
retten; S, 94 meint er von dieser „gemtreichen Hypothese", sie 
sei zwar „an sich möglich, aber mit den historischen Tatsachen 
schwer zu vereinigen'*. Also müßte sie fallen, denn Hirt ver- 
ficht ja mit Elfolg den richtigen Gedanken, daß ftir die Ab- 
zweigungen der Völker und Sprachen in der Geschichte und in 
der Vorgeschichte dieselben Gesetze gelten, denn Geschichte und 
Vorgeschichte sind ja doch nur zeitlich, aber nicht wesentlich 
verschieden; W^andemngen, Aus-, Ein- und Zuwanderung er- 
klären, wie Hirt sehr gut und grilndlich dartut, alle Verzweigungen 
unseres Sprachstammes; das BOd der WeUe ist hierfür ganz 
unbrauchbar, 

\Venn Hirt trotz alledem mit der Schmidtschen Hypothese 
nicht ganz brechen mag, so ist der Grund dafür leicht zu er- 
kennen: er meint, sie spreche flir die europäische Urheimat, für 
die vermutlich er ehen schwärmt, weil ein Wellenschlag sich am 
ungehemmtesten von der Mitte einer Flüssigkeit nach allen 
Seiten hin fortsetzt. Femer gebraucht er die Welle, um eine 
nähere Berührung zwischen Slavoletten und Ariern herzustellen, 
deren er ebenfalls im Interesse seiner Theorie bedarf". Von solcher 
Berührung haben andere freilich wenig wahrgenommen. Die 
Gleichung slav. bogti = altpers, haga „Gott" zu bhaga „Anteil" in 
asL daidt'bogü wird jedenfalls Überboten durch skr. Dyaii^ piti 





U2 



A. Fick 



und Zeig ^ötijp, lat Jupiter. SlaTisch svptU^ lit» s^veMa-s stimmt 
allerdings sehr schön 2U ^end. ^eMa „heilig**, und die frühere 
Zusantmenstellung mit got. hunsl „Opfer" will G. Makler im 
n^ac 149 f. nicht gelten lassen. 

Die Gulturalfrage , für eine alte Völkertrennung von so 
großer Bedeutung, ist von Bezzenberger BB* XVI 234 t in durch* ■ 
aus befriedigender Weise gelöst. Darnach besaß die Ursprache * 
drei Lautreihen: 

1. Eeine Ar*Laute, vor dunklen und hellen Vokalen gleich- 
bleibend ; 

2. ^-Laute, die vor dunkeln Vokalen dunkel, vor hellen zuj 
hellen Palatalen wurden, und endlich 

3. f-Laute, d. h. Zischlaute mit Anklang an die Guttural- 
reihcü* ^d 

k und q kann man den semitischen Eaph und Qoph ver-^^ 
gleichen^ deren Zeichen als xtiftna und (vereinzelt auch) qinna 
ins griechische Alphabet Übergingen. ^ steht vielleicht neben s^ ^ 
wie semitisch Schin zu Sin* ^ 

Diese Lautreihen sind sämtlich bei den Ariern und Ost- 
europäern noch genügend zu erkennen. Doch sind im Arischen ' 
die Palatale durch den Übergang von e, S in a^ ä sehr leblos 
geworden, auch sind die ^-Laute nicht von /^-Lauten durch die 
Schrift unterschieden, und in ihrem einstigen Dasein nur durch 
den ursprünglichen Wechsel mit den Palatalen zu erkennen. 

In Osteuropa sind die Palatalen bei den Slaven und Letten] 
kräftig entwickelt, während sie im Litauischen und PreuBisehenJ 
den Gutturalen so nahe geblieben sind, daß die Schrift beide 
Lautarten nicht zu unterscheiden pflegt. Die ijLaute werden 
k, g geschrieben; im preußischen quoit „wollen**, lit* kvapm 
„Atem" sind vielleicht die Spuren erhalten. 

Dagegen haben die p- Laute in Asien wie in Osteuropa fast 
gar keine Beeinträchtigung erlitten, auch im Phrygischen, Thra- 
kischen, Albanesischen sind sie deutlich nachzuweisen, wen« 
auch ihre Aussprache einigermaßen verschieden war* 

Ganz anders liegen die Dinge in Westeuropa, Die Palatale 
sind nur im Griechischen, meist als r-Laute verkleidet, erhalten^ 
ein Beweis, daß sich die Griechen zuerst aus dem west-, 
europäischen Grundstocke losgelöst haben, dagegen haben sich 
bei allen Westeuropäern die alten g-Lante zu g? -Lauten verdickt, 
die dann in großem Umfang in j>-Laute übergegangen sind, qvj 
und p scheiden Latiner und Ostitaliker, Iren und Gallohriten, 



I 

:4 

i 

Je I 



Die Indogermanen. 



343 



Noch schärfer setzt sich die Westgruppe yoa ihren sämt- 
lichen Verwandten darch den Über^an^ der alten f-Eeihe zu 
reinen fc-Lauten ab, so daß nur die letzteren unverändert ge- 
blieben^ freilich in der Verschüttung durch die umgewandelten 
f-Laute niclit mehr als eigene Klasse zu erkennen sind. 

So haben sich die Westeuropäer durch eine Lautverschiebung, 
die fast ein volles Drittel sämtlicher Stumm laute betroflfen hat, 
klar und deutlich aus der Masse der Indogermanen hervorgehoben, 
wie das Germanische später durch eine neue, allumfassende Laut- 
verschiebung aus dem Westeuropäischen hervortritt. In den 
f!-Lauten sehen manche — Hirt droht sogar mit der Mehrzahl 
der Forscher — geradezu eine dritte Gutturalreihe, aber neben 
k und q ist für eine solche gar kein Eanra vorhanden. Mau 
könnte freilich für die gutturale Natur der fraglichen Laute 
geltend machen, daß auch in den ^-Sprachen hier und da ein 
Übergang von f- in A-Laute stattfindet So im skr. migh in 
meffhä „Wolke^ neben mi^h „harnen**, zend. maem ^Urin'*; 
skr. magJm neben mah; skr. klutnati neben gräma. So ist Slaven 
und Litauern gemeinsam lit akmS ksL kamy „Stein**; slav. mlgla 
^Nebel'* stimmt mit skr, meghä, während oi^tip^X^ zweideutig ist; 
slav. Bvekrnt aber lit. szesHüras; lett* knua „Hündin" zu su^ns^ lit. 
s^&\ ]it pebus ^Yieh^ zu skr. jja^w; liL klausyti „hören" zu slav, 
dovo. In allen diesen Beispielen, denen sich vielleicht noch andere 
anreihen lassen, ist der t-Laut durch benachbarte Labiale — 
M, »I, V — veranlaßt, und da den Labialen doch q näher steht 
als kt so werden wir hier den Übeigang in diesen Laut an- 
nehmen dürfen, der in den f-Sprachen wohl nur zufällig nicht 
graphisch bezeichnet ist; eine genaue Parallele neben dem k 
der Westeuropäer zu dem p der übrigen Sprachen findet also 
nicht statt. 

Gewiß sind die p-Laute den Gutturalen verwandt, aber nicht 
so nahe, daß sie als Gutturale bezeichnet werden könnten. Da- 
gegen spricht schon, daß sie dialektisch im Persischen in f*Laute 
übergelien: Titatagus sind die Satagyden i^tagti)\ ap. thatiy = 
foaeiti; ap. thard „Art" = zend. ^aredha] ap, daraya „See" = 
n.jrägas ^Fläche"; ap. ackm „ich" neben zend, a^em» Der Über- 
gang in ^Lante setzt eine vorhergehende Aussprache ts, d/>oraus. 
Sonach empfiehlt es sich, ursprachlich ^ b eh anzusetzen als eine 
den Indogermanen von Haus aus eigene Lautreihe; finden wir doch 
auch sonst, je weiter wir zurückgehen, immer mehr und schärfer 




344 A. Fick 

gesonderte Laute vor. So dfirfen wir unbedenklich mit Hinblick 
auf ffßiiy ^nag neben l^td, Z$vyvvfii, l^dto der Ursprache zwei ver« 
schiedene Jotlaute zuschreiben, obwohl diese Scheidung nur im 
Griechischen erhalten ist. Ebenso muß der Anlaut k^ des Sanskrit 
mit Hinblick auf "iigov, (p&lvio, xTt%(o ursprünglich drei ver- 
schiedene Gestalten gehabt haben, denn ^schaben'', ^^schwinden^ 
und „siedeln'' kann nicht durch denselben Lautkomplex bezeichnet 
gewesen sein. 

Auch in historischen Zeiten nimmt der Zusammenfall einst 
verschiedener Laute noch zu. So war z. B. das aa im Griechischen 
ursprünglich ein ganz verschiedener Laut, je nachdem es aus 
Guttural (x, /) oder aus Dental (t, d) + Jot entstanden war. 
Den Beweis hierfür hat Bezzenberger BB. VII 61 erbracht 
durch den Nachweis, daß aa, wo es gutturalen Ursprungs ist, 
nach kurzem Vokal zu allen Zeiten verdoppelt blieb, während 
oa, wo es ans Dentalen mit Jot entstanden ist, schon bei Homer 
vereinfacht werden kann : Sccog: oaog, fuaaog, aher fiiaov ^fiag^}. 
Es wäre zu empfehlen, in ältesten Texten, also im Epos, die 
Verschiedenheit der beiden aa auch durch die Schrift zu be- 
zeichnen. Auch anlautendes a war ursprünglich in aifta (skr. 
khyä), aevoD iaavxo (skr. cyu) ein anderes als in oijxtQ or^ft^goy 
{skr. tya „dieser"). 

Zweifellos wurde auch C verschieden angesprochen, wenn 
es aus yj und wenn es aus ij entstanden war; jedenftdls konnte 
aaXnlaai, aaXniatiig erst gebildet werden, nachdem das 1^ in 
^knil^m aus ij und in cuknU^to aus yj zusammengefallen waren; 
daß sowohl aakni^ai wie oaXniaat aus dem Präsens gebildet sind, 
beweist der Ausfall des Nasals in aikmyi vor dem C* Dodi dies 
beiläufig zur Begründung der These eines fortschreitenden Zu- 
sammenfallens einst geschiedener Laute. Meines Erachtens ist 
die Ersetzung des k durch die Dreiheit k, q und p für die 
Gewinnung des Lautsystems der Grundsprache ebenso bedeutsam 
wie die Einführung des Dreiklangs e, o, a statt des eintönigea 
a oder der Mittelstufe a^ a* a^ . . . Nur bei dem Versuche, den 
Wortschatz der westeuropäischen Einheit darzustellen, mögen 
die mit dem alten reinen k zusammengefallenen ursprünglichen 



1) Das aa in jäyuaaa, /uynaaut ist nicht aas xij entstanden, das gäbe ^ 
sondern ans xj. 14yaxif hielen die Diosknren in Athen, die Flexion nut t ist 
jünger. Xivaato ist nicht identisch mit got.. litihtjanf sondeni ans Itv^jw «nt- 
standen. Xfvxijtu gäbe Mlto. Ebenso enltsteht ans dtyfoc (fü dif«) dtao4f, 
aber ans Jr/^jos (zu iix^ti) wird dil6g. Vgl. W. Schulze KZ. XXXIU 895. 



Die Indogermanen. 



345 



f-Laute mit einem besonderen Zeichen versehen werden^ nicht 
als ob sie sich noch in der Aussprache von diesen unterschieden 
hätten, sondern nur um zu zeigen, wie viel die Sprache der 
Westeuropäer durch das Zusammenfallen der beiden Lautreihen 
an durchsichtiger Klarheit und damit an Schönheit verloren hat. 

Die Wanderungen der Germanen, Kelten, Italiker und 
Griechen siud von Hirt sehr gut dargestellt, nur müßte neben 
Epirus auch Thessalien als Ausgangspunkt der Griechen genannt 
wei'den. Die Herkunft der Griechen von der Donau her bezeugt 
Hellanikos, wenn er berichtet, die Makedonen hätten einst f^uvm 
^fjä Mvaoji^, d. h* unter den Mosern in Mösien gewohnt; die 
Griechen nannten die Myser Kleinasiens und die Moser an der 
Donau mit demselben Namen. Sehr ansprechend werden S. 16 
Böhmen und Mähren als Wiege der Westeuropäer bezeiclinet: 
mit einiger Phantasie kann man sich ganz hübsch ausmalen, wie 
die Germanen der Elbe folgend durch die Sächsische Schweiz 
nach Norden abzogen, wie die Kelten sich in „Bojohaim" zu- 
nächst behaupteten, Italiker und Griechen in zwei Zügen nach 
Süden und Südosten abschoben. Beweisen läßt sich das natürlich 
nicht, aber dem ernsten Forscher ist es zu gönneni hier und da 
auf einem Ruheplätzchen seine Phantasie walten zu lassen. Ob 
auch die Illyrier, wie die Veneter den Westeuj-opäern zuzuschreiben 
sind, muß leider noch unentschieden bleiben. Daß die Albanesen 
die Nachkommen der alt^n lUyrier sein sollen, scheint mir 
ebenfalls sehr xweifelhaft. Ihr Name wird zuerst von Ptolemäos 
genannt, der eine „Älbanerstadt*' 'AlßavimnkiQ in Makedonien 
kennt, das zu seiner Zeit auch ^Neuepirus", das jetzige Gebiet 
der Albanesen umfaßte. Sehr zu beachten ist, daß im Albanesischen 
wie bei den Alt- und Neupei-sern die Media der ^^-Eeihe durch 
d ersetzt ist Vielleicht entstammen sie einem späteren Einbrüche 
l&itlicber Steppenvölker, wie die Geten, die wohl mit den Thyssa- 
geten, Tyrigeten und Massageten verwandt sind- In Dioskorides 
dakischen Pflanzen namen ist auBer einigen Anklängen an das 
Keltische — König Decebalus führt selbst einen keltischen Namen 
— nicht viel Deutbares zu entdecken. Die Albaner des Ostens 
führen bei Dio Cassius den Zunamen Maanayhau 

Die Vorfahren der Griechen haben sich zweifellos am frühsten 
¥on den übrigen Westeuropäern getrennt^ dafiir spricht ihr Fest- 
halten der Palatale, sowie manches Hochaltertümliche, insbesondere 
in der Flexion der Verben* Ein Datum, wenn nicht für ihre 
er^te Einwanderung, so doch für ihr Auftreten am MitteUändischen 




346 



Ä, Fick 



Meere glaubte man einer ägyptischen Quelle entnehmen zu 
können* 

Unter den Völkern, deren Angriff zu Wasser und zu Lande 
Kamses III. abschlug, werden die Äkhayva&a genannt, und in 
diesen haben (aach v. Lichtenberg Beiträge zur ältesten Ge- 
schichte von Kypros MitteiL d. vorderas, Gesellschaft XI 2 S* 69) 
alle Forscher außer Brugsch die Achäer erkannt; und in der 
Tat sind hier Achäer gemeint, aber nicht die Achäer des Epos, 
sondern ein anderes Volk, das die Griechen mit dem gleichen 
Namen benannten. Nach Herodot YII 91 war der frohere Name der 
Kiliker, die bekanntlich ursprünglich in Kappadokien zu Hause 
waren, ^Yn-u/atoL 'Yni wird hier wie auch sonst ^südlich** 
bedeuten, und so dürfen wir bei den starken Verschiebungen 
unter den Völkern Eleinasiens die Hypachäer Eilikiens un- 
bedenklich mit den Achäern am Kaukasus gleichset2en, die den 
schmalen Küstenstrich zwischen dem Pontes und dem Korai- 
gebirge, dem westlichen Ausläufer des Kaukasus gegenüber der 
Straße von Kertsch» bewolmten* Ihre Nachbarn waren die 
Kigicdrat, die heutigen Tscherkessen und die ^H^in^m, heuzutage 
noch Hainuch genannt, alle drei w^aren als arge Seeräuber ge- 
fürchtet , vgl Strabo 492 £ Die Endung -asa in Akhaymia 
klingt ganz kleitiasiaüsch; -atruo^, -afrog, -atnQg, lykisch -aH m 
Sppartaei „spartanisch'* sind für Kleinasien charakteristisch. 
Übrigens waren die Akhayva.^a an der Seeschlacht gegen die 
Ägypter gar nicht beteiligt (Lichtenberg S, 73), sie werden also 
unter den Völkern gewesen sein, die auf Ochsenkarren mit Weih 
lind Kind daherziehend über die Sinaihalbinsel her in Ägypten 
einfielen. Mit den vermeintlich griechischen AkhayvaSa^ denen 
auch Hirt S. 144 f. zweifelnd gegenübersteht, ist es offenhai 
nichts. — 

Die Völkerverhältnisse der Balkanhalhinsel waren in alten 
Zeiten, wie noch jetxt, äußerst verwickelt. Die Grundschicht, 
durch die Namen Pelagonen und Leleger bezeichnet, war nach 
Ausweis der ältesten Ortsnamen mit den Klein asiaten eng ver- 
wandt, über diese ergoß sich eine indogermanische Völkerflut, 
die auch den Norden Kleinasiens bis nach Armenien hin Über- 
iutete* 

Auffallend und vielleicht für die ganze Geschichte dieser Völker 
wichtig sind die engen Beziehungen des Phrygischen zu dem Slavisch- 
Lettischen. Zu den bereits bekannten Beispielen kommt ein neues. 
Wie bereits BB. XXIX 240 angedeutet, hat ebenso, wie durch den 



4 



Die lödoe&nnaDön. " 347 

Eioflaß des m aus a(;mön lit. akniä ksL kamy „Stein" geworden 
ist> im Phrygischen dasselbe Wort in der Bedeutnng „Himmel** 
4nrch die gleiche Einwirkung sein ^ in k verwandelt; bei Anti- 
machost (nach Plut. Mor, 275 A.) heißt es von Kronos, er habe 
die fi^dia naigog X^vgavov Idjeftovlö^oj abgeschnitten. Dieser 
Himmelsgott Akraon gehört, wie der gans&e Mythos von Uranos 
Entmannung, der phrygischen Mythologie an, ^Ax^iviov in 
Phrygien war von Akmon, dem Sohne des Manes (MaydoiQ) 
gegründet, auch gab es am Thermodon ein lät^fiovtov, einen Hain 
des Akmon nach Stephanos, da^n bei demselhen Joiavtog neiiop 

ri ^oiavTitov xai ^Ax^ivtov akaii. Aniaq heißt ^der Zwilling'* 
wie Yama, zend, Yima und germ, TuiakOj vgl niederdeutsch 
-I^Twäschen*^ Zwilling und nhd, „zwischen**. Akmon, Doias, Manes 
^röffiien einen Ausblick auf die plirygische Mj1:hologie, Nebenbei 
bemerkt, hat dieser phrygische Himraelsgott dem Jupiter Lapis 
der sinkenden Kömerzeit seine Entstehung gegeben. Wie schon 
BB. XXIX 240 hervorgehoben wurde, stimmte der Name für 
die Hüudimien nach Plato Im Kratylos 410 im Phrygischen mit 
ui xvy£g, fast gleichlautend im Anlaute mit dem lettischen hwa 
^Hündin** mit k für p durch Einmischung des u. So dürfen wir 
auch in dem Verse des Hipponax 

in KariavXtig die Übersetzung von xwäyx^ sehen, iav^g zu 
ksL daviti „würgen" stellen^ und kau aus kvan und dies aus 
fvan entstehen lassen, wie schon E, Curtius wollte. Die Mäoner 
waren keine Lyder, sondern gehörten wie die Myser den Ein- 
dringlingen phrygischen Stammes an. Damit wird wohl Hirts 
Annahme S. 61, 135^ daß sich auch in Eleinasien vor den Griechen 
Spuren der Absprachen nachweisen ließen, hinfällig werden. 
, Hirt tritt mit Feuereifer für die Urheimat der Indogermanen 

I in Europa ein; und gewiß mit Recht. Turan und Iran sind 
jedenfalls auss^uscbeideo^ Syrien und Eleinasien waren seit uralter 
Zeit von anderen Sprachen- und Völkerstämmen eingenommen, 
und so bleibt allerdings nur Europa als Ursitz unseres Stammes 
übrig. Aber Europa erstreckt sich von Ost nach West weithin 
und hängt doch wieder mit Asien eng zusammen. Ich selbst 
habe schon vor dreißig Jahren die Heimat der Indogermanen in 
I Europa gesucht, freilich sehr weit im Osten, in dem südlichen 
„waldreichen" Ural, doch bleibt dieser besser den Finnen vor- 
behalten. 




348 A. Rok 

Sehr weit nach Westen verlegte L. Geiger den ürsits, an 
die Südabhänge des Tannns, eine schöne Gfegend nahe bei 
Frankfurt, und „wie kann man nur net aus Frankfort sein^. 
Nach M. Much sind die Indogermanen von den Gestaden der 
Ostsee ausgegangen, mit ihm berührt sich Hirt einigermaßen, 
der uns S. 184 zwischen der Oder und der Weichsel die Wahl 
läßt, beides freilich trübselige Flachlandschaften. Tacitus kennt 
dort bei der Schilderung des Lebens der Fenni nur Wald und 
Sumpf. Die Oder, noch mehr die Weichsel scheint Hirt geeignet, 
die alte Grenze zwischen den k- und p-Sprachen zu bilden. 

Die Bekämpfung der Ansicht Schraders, der die Indo- 
germanen aus SüdruBland herleitet, hat sich Hirt zu leicht 
gemacht. Wenn er mit seiner Behauptung, in Südrußland habe 
es nie Wald gegeben, die Steppe habe dort von jeher wie heut- 
zutage allein geherrscht, so wäre von vornherein diese Gegend 
auszuscheiden, denn von SteppenvOlkem geht nur Eulturzerstömng, 
keine Eulturbegründung aus. Aber Hirt hat nur den gegen- 
wärtigen Zustand dieser Gebiete im Auge; noch zu Herodots 
Zeit sah es dort ganz anders aus. Nach seiner Darstellang 
IV 9. 18. 54 erstreckte sich vom unteren Borysthenes am Meere 
entlang bis zum Achilleios Droroos beim jetzigen Tendera nach 
Osten zu eine Waldregion, von den Griechen ^YXalfi genannt. 
Der einheimische Name war Abika nach Stephanos yxaia' /mgu 
JIovTix]^, ^Aßtxij Xiyofiivti, rovriany vXaia. Der Name wird 
fikythisch sein, von dbli- „schwellen'' abzuleiten, lat. abi-es ist 
wohl der Waldbaum, wie unsere „Tanne^ als waldbüdender 
Baum zu „Tann" = Wald gehört. Nach der von Herodot IV 8 f. 
mitgeteilten, allerdings stark hellenisierten Sage stammten die 
Skythen aus diesem Waldgebiete, dort sollte Herakles den Skythes, 
Agathyrsos und Gelonos mit einem oben als Jungfrau, unter- 
wärts als Schlange gestalteten Weibe erzeugt haben. Nach der 
echt skythischen Sage war Targitaos, der Ahnherr der Skythen- 
könige, ein Sohn des Zeus und einer Tochter des Flusses 
Borysthenes (Dnjepr), womit wir in dieselbe Gegend verwiesen 
werden. Die Namen der drei Söhne des Targitaos — das ist 
wohl der skythische Herakles — enden sämtlich auf -laig, wie 
Müllenhoff schon erkannte, auf -k^taya y,EOnig", vergleiche alt^ 
persisch khsayatiya. Diese -lai'^-Namen sind zugleich Eponyma 
dreier Skythenstämme, die sich selbst damit als Herreuvolk be- 
zeichneten, und so erklärt sich die griechische Benennung dieser 
echt arischen Skythen als 2xvd^ai ßaaiXiioi, ßaaiX^ioi bei Herodot 



I 



Die IndogertnatieD. 3tö 

Nach Kieperts Darstellung im Neuen AÜas von Hellas n* X 
reichte das Gebiet der königlicheu Skythen von der Hylaia und 
der Krim bis 2um Taiiais (Don). 

Wie weit sieh das Waldgebiet zu Herodots Zeiten nach 
Osten erstreckte, ist unklar, weil der Fluß (?) Hypakyris, den 
Herodot IV 553 als Ostgrenze bezeichnet^ nicht zu bestimmen 
ist* Jetzt ist die ganze Waldregion zur kalden Steppe geworden, 
■ „und von den ehemaligeD Wäldern haben sich nur spärliche Reste 
bei Celeschki erhalten", Neumann bei Stein zu Hdt IV 18. 

»Wie groß der Umfang dieses poutischea Waldgebiets tausend bis 
zweitanseud Jahre vor Herodot gewesen, läßt sich nicht ahnen, 
jedenfalls ist er damals nicht geringer gewesen. 

Da es, wie eben gesseigt noch zu Herodots Zeit in Stld- 
rußland einen bedeutenden Waldbezirk gegeben hat, so kann es 
durchaus nicht befremden, wenn ein mehr als tausend Jahre 
vorher doit wohnendes Volk Waldtiere, Waldbäume und Wald- 
prodnkte (wie den WakUionig) benannt und die Namen von da 
auswandernd in alle Welt getragen hat. Damit fallen die Be- 
denken, die Hirt 8. 184 f. gegen Schrader geltend macht Wenn 
der Aal, wie eben dort angegeben wird^ in den Gewässern Süd- 
I rußlauds nicht vorkommt, dagegen bei den Indogermaneo Ost- 
und Westeuropas einen oder gar zwei Namen von ursprünglicher 
Gleichheit führt, so beweist das doch nur, daß diese Namen 
geprägt wurden, als die Europäer in einem Aale hegenden 
Gebiete sich noch sprachlich und volklich nahe berührten; die 
Frage, ob sie damals noch nicht oder nicht mehr in Südrußland 
wohnten, werden Hirt und Schrader verschieden beantworten, 

Ije nachdem sie die Völkerzüge von der Oder an den Dnjepr 
oder vom Dnjepr an die Oder gerichtet sein lassen. 
Ohne der Ansicht Schraders völlig beizutreten, läßt sich 
doch manches dafür anführen, wenn man nur die Landbrücke 
zwischen Asien und Europa nördlich vom Kaukasus mit eiu- 
_ bezieht. Dieses Gebiet liegt ungefähr in der Mitte der Aus- 
P dehnung der Indogermanen nach Ost und West, Asien und 
Europa, auch lassen sich hier die wichtigsten Tatsachen der ari- 
schen und europäischen Urzeit ansetzen. Durch die kaspische 
Pforte drangen die Indoiranier in Asien ein, und im Kaukasus 
sitzt noch jetzt (nach Miller bei Hirt 113) ein Best der alten 
Skythen, die Osseten oder Iron. Von hieraus sind sie wohl 
zunächst nach Westen vorgedrungen: nach ihrer eigenen Stamm- 
sage zeugte, wie bemerkt, ihr Ahnherr Targitaos die Stammväter 




350 A. Pick 

der königlichen Skythen in dem Waldgebiet der Hylaia, und seine 
Mutter ist eine Tochter des Flusses Borysthenes. Noch tausend 
Jahre nach Herodot stand Targitaos bei deti Skjrthen in Andenken 
und Verehrung: nach ihm ist offenbar Tagyhiog benannt, ein 
Glesandter Bajans, des Königs der Avaren, an den oströmischen 
Kaiser Justinus im 6. Jahrh. nach Chr. (nach Menander Pro- 
tektor in MüUers Frg. bist. Gr. IV 263, Frg. 63). 

Die Gestalt Targitaos erinnert auffallend an den Thragtaona 
des Avesta, den Feridun der persischen Sage. Dieser zeugte wie 
Targitaos als Völkervater drei Söhne, den Tür, Qaha und 
Iraj, mit denen das arische Gesamtgebiet angedeutet ist (vgl. 
Justi Handbuch), wie Targitaos Söhne, Skythes, Agathyrsos und 
Gelonos, Skythien im weitesten Umfange bezeichnen, lliragtaona 
bindet den „verderblichen Drachen^, den Azhi Dahäka, und fesselt 
ihn an den „Schneeberg^ Demavend; damit war zuerst der 
Kaukasus gemeint, wie aus der griechischen Nachbildung in der 
Prometheussage hervorgeht. Targitaos (f&r den in der helleni- 
sierten Sage Herakles eingetreten ist, s. o.) bändigt die Drachin 
durch Begattung, ein uralter Mythenzug, verwendet z. B. von 
Uhland im „Königsohn^: 

„Die Arme wirft er um die Schlang 

Und hftlt sie fest umschlangen. 

Er k(Ut sie dreimal in den Schlond, 

Da mofi der Zauber weichen. 

Er hält im Arm ein holdes Weib, 

Das schonst' in allen Beichen." 
Der Kuß ist die Andeutung der Begattung. 

Die Schlangenjungfrau der Skythensage ist wohl als die 
Tochter des Azhi Dahäka zu denken: in der Kyrossage ist aus 
dem Drachen der böse Tyrann Astyages geworden, aber seine 
Tochter wird die Mutter des Sonnenhelden Kuru. 

Für den Übergang der Europäer von der Viehzucht zum 
intensiven Ackerbau lassen sich wohl kaum geeignetere Gebiete 
auffinden als am Dnjepr und auf der „schwarzen Erde*^ Stld- 
rußlands. Nördlich der Hylaia (a7io rairtig awa iovxi) Hdt. IV 18 
wohnten die JSxv&ai y$a}Qyoi\ „ihr Gebiet zog sich großenteils 
längs des Borysthenes, dessen breites Tal dem Ackerbau sehr 
günstig ist^, Stein z. d. St. Hier grenzten also Wald und 
Ackerbau unmittelbar aneinander. Die Sxv&ou aQor^Qtg IV 17, 9 
sind wohl in derselben Gegend zu suchen. 

Ob Herodots MtXayx^mvot wirklich von ihren schwarzen 
Mänteln so hießeui oder nicht viehnehr von der fiikaipa x^^^ 



Die Indogennaneo. 



351 



der schwarzen Humusschicht dieses Landes, so daß also die 
Bewohner der „schwarzen Erde" Rußlands gemeint waren ^ ist 
nicht zu entscheiden, x^nvoq rgl^ot^üp ^lalvav nennt Äesch, Ag, 
848 die Erdschichten über der Leiche; wir sprechen von „Mantel- 
öfen", und bei Schiller heißt es: „Schwingt den Hammerj schwingt, 
bis der Mantel springt". M^li^noä^g heißen die Ägypter niclit, 
weil sie schwarze Füße hatten, sondern weU ihr Land ftilafAniänq 
^schwarzgrüüdrg" war im Gegensatz zu dem weißen Sandboden 
der das Niltal umgebenden Wüste* K^upuot war eine poetische 
Bezeichnung der Attiker, weil ihr Land ^gavai-, x^uvu^-mtdog 
war; die Beispiele ließen sich leicht vermehren. — 

Genau den Punkt bestimmen zu wollen, von dem das TJr- 
Tolk der Indogermauen ausging, ist wohl kaum möglich; setzt 
man die Urheimat an die Nordabhänge des Kaukasus, eines der 
henlichsten aller Gebirge, so gewinnt man wenigstens ein 
würdiges Mutterhaus für den weltbeherrschenden Sprachen- 
und Völkerstamm* Die Indogermanen bUden nur ein Glied in 
der Kette der Völker- und Sprachfamilien der weißen Easse. 
Daher müssen wir von der Untersuchung der Urheimat irgend 
einer von diesen Familien, hier der Indogermanen, zu der Frage 
nach dem ältesten Verbreitungsbezirk der weißen Rasse und 
den ursprünglichen Wohnsitzen ihrer Glieder aufsteigen. 

Wir gehen hier passend von einer Betrachtung des geist- 
reichen Ratzel aus, die auch bei Hirt 8. 14 zu ihrem vollen 
Hechte kommt. Ratzel betont die Bedeutung zweier geologischer 
Tatsachen für die Rassenfrage. «, Asien und Amerika hingen in 
der Düuvialzeit noch zusammen, und die Mongoloiden von Asien 
und Amerika sind die Vertreter dieses einstigen Zusammenhangs''^ 
dagegen war in derselben Epoche Europa von Asien ,^durch 
Eis, Meer und Seen** getrennt, wodurch Europa zur Insel wurde, 
und so ist ^die weiße Hasse die Vertreterin des von Asien 
losgelösten Europas**. Hier ist die uralte Absonderung der 
weißen Hasse von den Mongolen und Mongoloiden Asiens sehr 
schön erklärt, richtig ist auch die weiße Rasse als Inselvolk 
bezeichnet, aber die Insel als Wohn platz dieses Insel volks ist 
in viel zu enge Grenzen eingeschlossen. Nicht bloß Europa, 
sondern ebensowohl Vorderasien ist gegen Ost- und Südasien 
inselartig abgeschlossen. Der Nordrand von Iran fällt wie der 
Ural gegen Seen, die noch jetzt unter dem Meeresspiegel liegen, 
gegen den alten Meeresboden der Steppen von Turan ab; spät 
erst sind hier Mongolen von Osten her vorgedrungen* Den 




352 A. Fick 

einzigen Zusammenhang mit Ostasien bildet der breite Gebirgs- 
isthmus des Hinduknsch zwischen den oberen Tälern des Ozoa 
und Indus, dessen Unterlauf einst einen tiefeingescbnittenen 
Meerbusen bildete. Im Sflden bildet das Meer die Grenze und 
vorher schon der Wüstengürtel, der von der Wflste Thurr östUdi 
vom unteren Indus fiber Gadrosien und Sfldarabien hinzieht, 
und über das Rote Meer hinweg sich in den Wüsten Afrikas 
fortsetzt. 

Nordafrika, das dritte Gebiet der weißen Rasse hängt zwar 
in seiner ganzen Breite im Süden mit dem Lande der Schwarzen 
zusammen, aber der Verkehr der beiden Rassen war in alten 
Zeiten durch den breiten WQstengürtel stärker gehemmt, als 
hätte ein breites Meer zwischen ihnen gelegen, ja er kann vor 
der Einführung des Kamels fast als Null bezeichnet werden. 
Auch die Verbindung von Nord und Süd durch das obere Niital 
war südwärts Nubiens kaum zugänglich. Erst das Kamel als 
Schiff der Wüste gab die Möglichkeit, das Sandmeer von Norden 
her zu durchkreuzen. Kamel und Wfiste denkt man sich als 
altverbunden und ist erstaunt zu hören, wie spät erst das Kamel 
von Arabien her in Afrika Eingang gefunden hat. In älterer 
Zeit, beißt es in Mommsens Römischer Geschichte V 2, S. 654, 
begegnet das Kamel bekanntlich nur in Asien bis nach Arabien 
hin, während Ägypten und ganz Afrika lediglich das Pferd 
kennen. Während der ersten drei Jahrhunderte unserer Zeit- 
rechnung haben die Länder mit den Tieren getauscht, und ist 
wie das arabische Roß so das libysche Kamel, man darf wohl 
sagen, in die G-eschichte eingetreten. Zuerst geschieht des 
letzteren Erwähnung in der Geschichte des vom Diktator Cäsar 
in Afrika geführten Krieges: wenn hier unter der Beute neben 
gefangenen Offizieren 21 Kamele des Königs Juba aufgeführt 
werden, so muß ein solcher Besitz damals in Afrika ein außer- 
gewöhnlicher gewesen sein. Im vierten Jahrhundert dagegen 
fordern die römischen Generale von den Städten der Tripolis 
schon Tausende von Kamelen für den Transport des Wassers 
und der Lebensmittel, bevor sie den Zug in die Wüste antreten. 

So war denn Nordafrika ringsum von Meeren und unpassier- 
baren Wüsten inselartig abgeschlossen und für sein Völkerleben 
nur auf sich angewiesen. Der Erkenntnis dieses insularen 
Charakters, insbesondere Nordwestafrikas, gaben die Griechen 
Ausdruck durch die Bezeichnung „AtlasinseP, vijaog l^rXaprig. 
Dies bedeutet ursprünglich durchaus sachgemäß „das wie 6ine 



Die Indogermanen. 



353 



Insel rings abgeschlossene Gebiet des AUasgebirges**, dies in 
weiterer Aii?idehouag gefaßt, von Kap Mogador bis zur Nordost- 
spitze von Tunis: wir würden etwa sagen „das Atlassystem"* 
So nannten die Griechen auch den Süden ihres eigenen Landes 
„Pelopsinsel", HilonavtjiTogf obgleich es eigentlich eine Halbinsel 
war- Als die Griechen später von den Karthagern mehr und 
mehr aus der Westsee verdrängt wurden, und ihre Kenntnis von 
Nordwestafrika sehr zurückging, verstand man den auf einer 
feinen geographischen Anschauung ruhenden Ausdruck nicht mehr 
und machte aus der bis an die ^aXuacru ^jirhtvjig reichenden 
Atlasinsel eine im Atlantischen Meere liegende große Insel 
Atlantis, ein Märchengebilde, das von Plato an die Phantasie 
viel beschäftigt, hat. 

Ähnlich hat eine andere ursprünglich ganz passende geo- 
graphische Bezeichnung durch Mißverständnis Anlaß zu einem 
wunderiichen Märchen gegeben« ^^tiino^ig, heißt es hei Stephanos, 

^KtiinoSB^ oder, wie Hekataios schrieb, ^xt^noSsg ^Schatten- 
fiißler^ heißen ganz sachgemäß die Bewohner der Tropenläuder, 
weil ihnen, sei es kürzer oder länger, die Sonne am Mittage 
senkrecht über den Köpfen steht, ihr Schatten Urnen dann beim 
Stehen oder Gehen auf oder zwischen die Füße fäUt Die 
Kenntnis solcher „Schattenfüßler" kam dem Kekatäos aus Ägypten, 
an dessen Südgrenze bei Syene der Wendekreis des Krebses 
beginnt, daher fand sich die Erwähnung der Skiepoden iv ne^t- 
^y^ast jiiyinTov, Und was ist später aus ihnen geworden? „Ein 
Volk im heißen Libyen mit so großen Fußsohlen, daß sie bloß 
ein Bein in die Höhe zu heben brauchten, um dieselben als 
Sonnenschirm benutzen zu können I" Pape-Benseler u. d. W. 

Der Satz ^die weiße Rasse ein Inselvolk'^ enthält eine große 
nnd bedeutsame Wahrheit. Der Raum, welchen diese Rasse 
ursprünglich innehatte, ist und war einst noch mehr von allen 
Seiten inselartig abgeschlossen. Im Norden und Westen bilden 
das Eismeer und der Atlantische Ozean die Grenze, im Süd- 
westen das Sandmeer der Sahara und der Libyschen Wüste, im 
Südosten bis zur Indtismündung der Indische Ozean und ein 
diesem vorgelagerter Wüstengürtel, der vielleicht in der Urzeit 
als verbindende Brücke zwischen den Schwarzen Südindiens und 
Afrikas gedient hat. Im Osten waren dit Grenzgebirge des Ural 
und des Nordrandes von Iran in der fernen Urzeit der Rassen- 
bildung durch Eis, Seen und Sahrwüsten von Asien abgetrennt^ 





354 A. Kck 

und der Ostrand Irans erhob sich aus den Sümpfen und Wüsten 
am unteren Indus. Nur der breite Gebirgsrücken des Paropamisus 
hat von jeher eine Brücke nach Ost- und Südasien gebildet, 
eine natürliche Brücke, die noch im Mittelalter von den Zigeunern 
bei ihrem Wege von Nordindien nach Europa beschritten worden 
ist. Auch die Walllücke zwischen dem Südfuße des Ural und 
dem Easpisee hat in späteren Zeiten vielfach als Einfallstor fftr 
die Mongolen und Mongoloiden Asiens nach Europa gedient 

Die drei großen Glieder, aus denen sich das Gebiet der 
weißen Rasse zusammensetzt, sind vielfach miteinander verknüpft 
Der Kaukasus und Eaukasien bildet eine breite Landbrflcke 
zwischen Vorderasien und Europa, Bosporus und Hellespont 
verknüpfen mehr als sie trennen, und die Inselflur des Ägämeer 
hat von jeher den Verkehr der Gegengestade vermittelt 

Vorderasien hängt mit Nordafiika nicht nur durch die Sinai- 
halbinsel und die Landenge von Suez zusammen, auch ist das 
Rote Meer nur eine schmale Rinne und in der Straße Bab el 
Mandeb noch mehr verengt. 

Der Verkehr zwischen Nordafrika und Europa ging von 
jeher am leichtesten über die Straße von Gibraltar; zwischen 
Sardinien, noch mehr zwischen Sizilien und Tunis verengt sich 
das Meer genügend, um den Gedanken an eine Absperrung der 
Westsee einst in Karthago aufkommen zu lassen. Zwischen Kap 
Malea und dem inselartig aus der Libyschen Wüste aufsteigenden 
Plateau von Barka liegt die kretische Inselreihe, die Kap Malea 
mit den Südwestspitzen Kariens verbindet, so daß von Kreta ans 
Europa, Vorderasien und Afrika beinahe gleich leicht zu er- 
reichen sind, eine einzigartige Lage, die sich in der vorgeschicht- 
lichen Bedeutung von Kreta deutlich abspiegelt. 

Die Untersuchung über die Urheimat der Indogermanen 
kann nicht abgeschlossen werden ohne den Versuch, auch den 
übrigen Unterformen der weißen Rasse ihre Ursitze innerhalb 
der soeben umschriebenen „Insel der Weißen" anzuweisen. 

Die Suraerier, um mit dem Volke der ältesten Kultur za 
beginnen, die Urbewohner von Babylonien und Elam, gelten 
vielen Forschern als nahe verwandt mit der vorarischen Be- 
völkerung von Medien und Iran. Nach den neuesten Forschungen 
(Ed. Meyer in kürzlich gehaltenen Berliner Vorträgen) sind die 
Sumerier in den keilinschriftlichen Quellen in Babylon noch lange 
nach der semitischen Eroberung in Typus, Tracht und Kult von 
den Semiten deutlich geschieden. 



Die Indogerman^o. 



355 



Die Urheimat der Semiten verlegte man früher nach Meso- 
potamien südlich Tom Ararat, neuerdings sieht man sie iu Nord- 
arabien, Für die nördliche Herkunft läßt sich der semitische 
Typus geltend machen, der ganz auffallend mit dem armenischen 
übereinstimmt. Dieser rührt zweifellos nicht von den im siebten 
Jahrhundert eingedrungenen Indogermanen, sondern von der 
Urbevölkerung, den ürartu oder Alarodiem her, daher er auch 
besser als der „alarodische*" bezeichnet wird. 

Für Nordarabien spricht nicht nur die Nähe Ägyptens, 
sondern auch die von vielen Forschem behauptete Verwandtschaft 
der semitischen Sprachen mit dem Ägyptischen, für die besonders 
lebhaft Benfey seiner Zeit eingetreten ist. Ein Urteil hierüber 
steht selbstverständlich nur dem gründliehen Kenner der beiden 
Sprachen zu. Berührungspunkte im Bau beider Sprachenkreise 
sind tatsächlich vorhanden. Die Urartu, Cheta und Eleinasiaten 
bilden eine große Völker- und Spracheafamilie. Ihre Heimat ist 
am Ararat, am oberen Euphiat und in Kappadokieu zu suchen. 
Nach Ausweis der Ortsnamen wurde das Balkanland und ein 
Teil der Alpen vor dem Eindringen der Indogermanen von 
Völkern bewohnt , die mit den Kleinasiaten in Sprache und 
Kultur nahe verwandt %varen. Wie weit die Kaukasusvölker 
der Chetagruppe zuzurechnen sind, ist nicht zu bestimmen; jeden- 
folls wäre es abenteuerlich, sie von anderswoher einwandern 
zu lassen. 

Der ürsitz der Ugrofinnen kann nicht zweifelhaft sein: im 
Osten lehnte er sich an den Ural, dessen Erzreichtum ihnen die 
Metalle lieferte, in deren Bearbeitung sie von jeher groß waren» 
und vom Ural her drangen die Magyaren im achten Jahrhundert 
in Ungarn ein. Sprachlich berühren sie sich vielfach mit den 
Indogermanen; ob die Verwandtschaft freilich eine so nahe war, 
wie Setälä annimmt (Hirt S. Td), mögen die Kenner beurteilen. 

AUe diese Ursitze von Glliedem der weißen Rasse liegen iu 
Einer Längsachse; setzen wir die Urheimat der Indogermanen 
in die Kabarda nördlich vom Kaukasus, so würde sie sich in 
diese Reihe zwischen den Kaukasiern und den Finnen ungezwungen 
eingliedern lassen. — 

Was man von den alten Völkern im Westen Europas, den 
Iberern, Ligurern und Etruskern w^eiß und nicht weiß, ist von 
Hirt S. 34 f. und S. 43 l und S. 50 f. gut zusammengestellt 
Wie weit Iberer und Nordafrikaner zusammenhängen, ist leider 
nicht zu bestimmen^ auf Verwandtschaft deuten manche Namen- 

23* 




356 C. Hentie 

anklänge, z. B. die ähnlich gebildeten Völkernamen Tnrd-nli und 
Tord-etani in Sttdspanien neben Gaet-nli, Manr-etani in Nord- 
afrika. Eine umfassende nnd systematische Namensammlnng ist 
hier ein dringendes Bedfirfhis. Manche iberische Namen stimmen 
auffallend anch mit solchen in Eleinasien and in den Alpen 
überein. So finden wir in Sardinien, das von Iberern besetzt 
war, Sagid, lat. Sardinia^ Einwohner Sardus: Sardones, ibe- 
risches Volk in den Ostlichen Pyrenäen: SuqShq in Lydien, 
SagStjaaog' noXig KiXixiag Stephanos. 

KuguXig, KagaXXig, jetzt Cogliari, Hauptstadt Sardiniens: 
KagaXXig ij KagaXXsia* noXtg Yuavpixj; Steph. KagaXtg See in 
Lykaonien Strabo 565. A. H. Sayce gibt in „The Language of 
Mitani" Proceedings of the Society of Biblical Archeologie Jan. 
1905 dem Mitaniworte kharali die Bedeutung „door"". 

Nciga, Ncogai Stadt im Sfldeu Sardiniens: Nmga ein Berg- 
schloß Eappadokiens, später Nfjgoaaaog genannt Plut. Eum. 
10—13. GrQnder der sardinischen Stadt war nach Paus. X 17, 5 
Ntigal^, FQhrer der Iberer nach Sardinien. Hängt der Name 
der Nuraghen auf Sardinien hiermit zusammen? Vgl. auch Nwgaxog 
in Pannonien, Noreja und Noriam? 

Die Besprechung des zweiten Teils des Hirtschen Buches, 
der die Kultur der Indogermanen behandelt, muß einem gründ- 
licheren Kenner dieses Gegenstandes vorbehalten bleiben. 

Das groß angelegte Werk verdient hohe Anerkennung und 
wird zweifellos den auf die Erforschung der Vorgeschichte der 
Indogermanen gerichteten Studien viele neue Freunde und An- 
hänger gewinnen. 

Hannover. A. Fick. 



Der homerische Gebrauch der Partikeln «', « « 
und ijv mit dem Konjunktiv. 

Nachdem ich BB. XXIX 280 den homerischen Gebrauch 
der Partikelverbindung al' xs dargelegt habe, lasse ich hier die 
Erörterung des homerischen Gebrauchs der Partikeln ei, si xi 
und rjv mit dem Konjunktiv folgen, der sich mit dem von ai xt 
mit Konj. am nächsten berührt. 



Der homerische Gebrauch der Pkrtiliela ft, tT xt und ^^ usw. 357 



I 



Die der Partikel a^' eigentümliche Bedeutung haben wir 
dabin bestimmt, daß darin eine mit Hoffnung verbundene Seelen- 
Stimmung des Sprechenden, die sich auf die Verwirklichung eines 
Vorgestellten richtetj zum Ausdruck komme* Dem gegenüber 
können wir für die Erörterung yon it, ii' xb und ^p mit dem 
Konjunktiv T welches auch die ursprüngliche Bedeutung der 
Partikel ** sein mag, nur die faUsetzeude Funktion derselben 
zu Grunde legen. Der Konjunktiv ist, wie bei m ir*, der 
futurische. Ist der Konjunktiv aber mit Mutzhauer (Philologus 
LXn 391 ff.) überhaupt als Modus der Erwartung zu fassen, 
so unterscheiden sich die Fallsetzungen mit ii, u »f und ^v im 
Konj» von denen mit fi im Ind. Fut< in der Weise, daß bei jenen 
der Sprechende auf Gnind von bestimmten Tatsachen und Ver- 
hältnissen oder auch Vorstellungen den Eintritt des gesetzten 
Falles erwartet, während er im Ind. Fut objektiv etwas als 
in Zukunft eintretend setzt ohne Rücksicht auf die Möglichkeit 
oder Wahrscheinlichkeit des Eintritts. Es erweitert sich aber 
der Gebrauch des futurischen Konjunktivs dahin» daß darin auch 
Fälle gesetzt werden, die bereits wiederholt eingetreten sind 
und deren Eintritt auf Grund dieser Erfahrung jederzeit wieder 
zu erwarten ist, oder, wie Delbrück Gebrauch des Konj. und 
Opl S, 25 sagt, der Konj. nicht bloß das bezeichnet, was von 
dem Augenblick des Sprechens an zu erwarten ist, sondern das 
fiir aUe Zeiten Natilrliche. So ist von dem futurischen 
Gebranch als eine besondere Abart der sogenannte iterative 
auszuscheiden. 

KL Der Gebrauch von d mit dem Konjunktiv« 
1, Der präpositive Gebranch. 
Von konditionalen Sätzen mit si im Konj. finden sich 
nur fünf Beispiele, von denen vier eine futurische Fallsetzung 

enthalten : X 86 f a/irktiit;^ £t nep yap fj§ xaTaHTUPfi, ov a* I't'^ 
iym fi uXaiaofiai iv ki^hctn* JC 346 f. fi ^* ^^ß^ TtaimtpS^fiui 
nodsaaiv, ahi fitv ini vija^ äno ar^aTOfi n^oneiXfrp^ e 221 f* 
« ä' ai itQ ouijjat ^fwp iyi olvont rtoPTt^^ tkiqno^at^ fji 348 ff. 
— ti ^e /ükmoiftfVOQ ri ßnmp ig^Qu^at^acoy Vfj' id'dlrj okiaai^ im d* 
P tünmprai &£tsi a^Xoi, ßQvlo^* a;ia| npog 9Wftu /avmv tino 9vf40P 
ikiaaat, jj d^^a atg^vy^aS^ai. Eine iterative Fallsetzung ent- 
hält 37 204 f, ii rf" öp« ttg xui ^ovpo<; iicy ^v^ßX^rai oSiirjg, ov fi 
xuTax^intovaiv, 




358 C. Hentze 

Zahlreicher sind die konzessiven a-Sätze mit Eonj. Von 
diesen enthalten aber nur drei Beispiele futurische Fall- 
setznngen : ^ 55 f. ei' neg yag g>dx)V€a} re xai ovx fim Siandgaai, 
ovx avioo q>doviovn' . • M. 223 ff. foq ^A^'^C» ^^ ^^9 ^^ nvXaq »ai 
Tit^og ^A^amv gtj'^ofied'a — , iil^coai i* *Axaioi, ov xoafitp naga 
vav(piv iXevnofisd^ avja xiXfv&a. M 245 f. ei neg yag r' iXkoi 
ys nBgiXTfivwfif&a navTsq, vijvaiv in jigyelcDV, aoi 6' oif Sioq eoz^ 

anoXia&ai. Iterative Fallsetzungen enthalten acht Beispiele: 

1. A 81 f. fi' nsg yag rs xoXov ye xai avrfjfiag xarandyni, aXXd 
T€ xai fieromadtv eyn xotov, oq>ga TsXiaafi, 2. A 2&Y f. bi neg 
yag r aXXoi ys xagrj xofiotovnq ^A/^aioi Saixgov nivcoatv, aov de 
nXitov Sinaq aiei earrix» • • 3. T 164 f. si neg yag dvfitp ye 
fjLBVoivatf noXe/Ltll^nv, aXXa tb Xa&gfi yvta ßagvvBxai . . 4. <D 576 f. 
Bi TiBg yag (p&afiBVog fiiv rj ovTuafi fjs ßaXtjaiv, aXXa tb xai nBgi 
dovgi nBnagftivfj ovx dnoXi^yBi dXxfjg. 5. K 225 f. fiovvog J* bI 
nig TB voj^Gfi, dXXa Td ol ßgdaamv tb voog. 6. ^ 116 f. ij «T 
Binig TB TV/fiGt fiaXa a/jS6v, ot5 SvvaTai aq>iv /paicijucry. 7. i7263ff. 
rovg d* Bi TiBg naga Tig tb xidv avd'gconog oSiTfjg xivi^aji dixmp, 
Ol «T aXxifiov fjTog BXOVTBg ngoaao) nag nixBTat xai dfivvBi otai 
TixBaaiv. 8. X 191 f. tov 6' bi nig tb Xadtjai xaTanTtjl^ag vno 
&u/nv(p, dXXd T dvix^Bvoav S'iBi sfinB^ov, oqtga xbv Bvgfj. Sämtliche 
präpositiven Konzessivsätze sind mit bI' nsg eingeleitet und ge- 
hören ausschlieBlich der Uias an; die Odyssee bietet, wie wir 
sehen werden, nur zwei postpositive Beispiele. 

Diese Satzgefüge mit ihren festen Formen erweisen sich 
den vereinzelten konditionalen Beispielen gegenfiber als die 
älteren, die, wie das Beispiel im ersten Gesänge der Blas zeigt, 
bei Beginn der homerischen Dichtung entwickelt vorlagen. Ihre 
parataktische Grundlage zeigt sich noch in den eigentflmlichen 
Formen, durch welche Vorder- und Nachsatz miteinander ver- 
bunden sind: dem in fünf Beispielen an der Spitze des Nach- 
satzes stehenden dXXd, besonders aber den in den Beispielen 
1. 5. 8 in Vorder- und Nachsatz einander entsprechenden Par- 
tikeln T£ — Ti, dort dem bi nsg, hier dem dXXd angeschlossen, 
die, wie Classen Beobachtungen S. 30 sagt, „eine Gleichstellung 
beider Satzglieder andeuten und somit, indem das Ganze der 
Periode auf dem Gesetz der Subordination beruht, die äußere 
Form der Koordination darstellen". Es können verglichen werden 
die korrespondierenden r« — Ti in parataktischen adversativen 
Vergleichungssätzen, wie ß 181 ogvi&Bg ii tb noXXoi vn^ avyag 
fjBXloio (poiTÖoa*, ovSi tb ndvTBg ivaiaifioi, ^ 208 Soaig i* oXlyti rt 



Der homerificbe Gebrauch der Partikeln i/, ff xt «nd '> üsw. 359 



I 



I 



fikij Tf. Die ursprüngliche Form dieser konzessiven Satzgefüge, 
wie sie in A 81 f- vorliegt, hat aber folgende Veränderimgeu 
erfahren. In M 245 t und J 261 f, ist im Vordersatze zwar 
nach £t mg das rd beibehalten, im Nachsatze aber an Stelle von 
dXKa TS das einfache adversative ä4 getreten, was sich daraus 
erklärt, daß die Gleichsteünng der Gedanken des Vorder- und 
des Nachsatzes hinter dem sich vordrängenden Gegensatz der 
Persouenbegriffe uXXm yB und aol (aoi-) zurückgetreten ist*). 
Liegt auch dieser Form noch ein parataktiscbes Schema zu 
Grunde {t$ — J^), so lassen dagegen zwei weitere Formen sich 
wohl nur daraus erklären, daß die ursprüngliche Bedeutung des 
TS in Vorder- und Nachsatz als korrespondierender Partikeln 
dem Bewußtsein der Dichter entschwunden war. So zeigen 
M 223 fl^ und ^ IIG f. (No. 6) im Vordersatze noch das t^, 
im Nachsatze aber gar keine Partikel, so daß tc aJs fester 
Zubehör zu ^i' ntg erscheint; die Beispiele 3 und 4 aber aWi tf 
im Nachsatze, ohne daß ii mg von li begleitet ist, so daß xi 
nur als Anhängsel von iXkm ohne wesentliche Bedeutung er- 
scheint. In dem Beispiel 7 wird ri, da es von u mg durch zwei 
Worte getrennt ist, nicht zu der Konjunktion, sondern zu t/; 
gehören, dem es sich öfter (in indefiniter Bedeutung, wie que) 
angeschlossen findet Nauck vermutete tIq xs statt rig z£. Hin- 
sichtlich der Stellung des f J-Satzes zeigen einen freieren Gebranch 
M 223 und ^ 116, wo der «-Satz zwischen dem Subjekt und 
den übrigen Teilen des Hauptsatzes eingefügt ist (ähnlich K 225), 
auch U 263 und X 191, wo das Objekt des fi-Satzes der Kon- 
junktion ft voranfgeht. 

An präpositiven f*-Sätzen mit Konj. ergeben sich überhaupt 
16 Beispiele (B. 13, Od. 3)* Die Beispiele der Ilias gehören 
den Gesängen AJKAMUT0X an. Es sind also die ihrem 
Hauptbestande nach alten Gesänge AAIIX mit Beispielen ver- 
treten, dagegen sind unter andern die Gruppen B — / mit Aus- 
nahme von J^ und NEO ohne Beispiel. Der Konj. hat futurische 
Bedeutung in 7 Beispielen (II. 5, Od. 2), iterative in 9 Beispielen 
(D, 8, Od. 1). 



1) Cltsaeti Beobachtungen S. 31 empfahl, nach A 81 f. in ^ 262 (toa' t* an 
SteUe Ton oov ^i t\x geh reiben, wie Stier <lani] getan hat. Er übersah, da£ in 
A 81 f. der ganze Gedankcninhalt des Vorder- ond des Nacheatzes mit t€ — H 
einander gegenühergeateUt wird ; wäre der dem ;f dlo*' yi des Vordersatzes im 
Nachsätze entsprechende Begriff xoto^ an die Spitze des Nachsatzes gesteÜt, 
eo würde es auch dort mit einlachem J^ geschehen sein. 




360 0. Hentze 

2. Der postpositive Gebranch. 

Konditionale ci-Sätze mit fnturischen Fallsetznngen 
sind nur mit den zwei Beispielen der Ilias vertreten : A 338 ff. 
reo S' avT(o fiagtvQOi saranf ngoQ ts d'Bmv — , si noxe 6ii avrs 
/paco ijLiBto yivrjTai. deixia Xoiyov ifivvai totg aXXoig nnd E 257 L 
rovTco S' av naXiw avrig anoiastov dxhg tnnot afiqxo agi' ^fielmv, 
Bi y ovv eTBQog yB (pvytjaiv^). 

Iterative Fallsetzangen liegen vor in vier Beispielen: 
eine vergleichende mit dg bI I 481 f. xai fiB q>iXfja\ mg bi tb 
naTfjQ ov natia fpiXi^atj fiwvov rijXvyBvov noXXotaiv inl xxBaxBaaiv, 
ausnahmsweise im Eonj., während vergleichende Fallsetznngen 
mit mg Bi sonst nur im Opt., einmal im Ind. Aor. stehen. Femer 
vereinzelt eine disjunktive Fallsetzung mit bIl xb — bi xb M 238 ff. 

xmv ov XI fiBxax(ßdnofi' ovJ' iXByi^oo, bi x' ini 6b%i icaai — , bi x* 
in uQiaxBQa, — Eigenartig ist ^ 95 f. aixov S' t/^dvia, — 
iBXq>tvag xb xvvag xb, xai bi no9i ^ftt^ov iXj^aiv xijxog. Es ist ZU 
vergleichen 17 319 ofpQ* av txtiai naxQÜa a^v xai Scöfia, xai bi 

nov roi fpiXov iaxiv (auch x 65 f.). Vereinzelt bI fi^ nov in 
§ 372 ff. ovSb uoXivSb sQXOfiai, bi fii^ nov ri nBQig>g(ov HtjVBXonBia 
iXd'i/nBV oxgvvfiaiv. 

Die vier Beispiele konzessiver ci- Sätze gehören der 
Odyssee an. Der Eonj. ist futurisch: a 187 f. Istvoi d'aXXi^Xcow 
naxgmoi BvxofiBd^ Bivui «| ^QX'J^» — ** ^^Q ^* ydgovx' BiQfiai 
snBX&mv jiaigxfjv und a 203 ff. oii roi ir» Sfjgov yB q>lX?jg ano 
naxQiSog al'tjg eaoBxai, ovS' bi nig xb aiSr^gBa Sda/nar^ ^/S^*^* 
(pgaaoBxai, cSg xb vdfjxai, insi noXvfitl ^avog eaxiv,^) 

Der Eonj. hat iterative Bedeutung in den beiden Konzessiv- 
sätzen a 166 ff. ovii xig fj/iiiv ^aXnoogij, bi nig Ti^ inix&ovltov av- 
d'gtonwv (pfioiv iXsvoBadai und tt 97 f. = 1 15 f. ^ xi xaaiyvr^xo^g 
ini/nifiq)Bai, olai nBg tiv^g fiagvafiivoiai ninot&B, xai Bi fiiya 
VBLxog ogtixai. 

>) Hier steht ff / oitf ganz vereinzelt. Aus Didymos, welcher diese Les- 
art ausdrücklich Aristarch zuteilt, ist vielleicht als Variante ff x' oJy zn er- 
schließen: Lndwich Ar. H. T. I 255, and so haben v. Leeuwen-M. geschrieben. 
Nanck vermutete al x" ovy. Aber es ist kein Gmnd zu sehen, die Lesart Ari- 
starchs aofzugeben, da ein 8t qaidem „wenn anders" mit Andentang eines Zweifels 
der Stelle angemessen ist. Ein doppeltes yi innerhalb desselben Satzes findet 
sich Öfter, in demselben Gesänge noch 288. 827, sonst II 30. X 266. 

') Die durchgehend konzessive Bedeutung der Partikelverbindang bX niq n 
läfit auch in dem ersten Beispiel nur einen Konzessivsatz annehmen: „wenn du 
auch Laertes fragen wirst '', ein in lebhafter Unmittelbarkeit der Rede der vorher- 
gehenden Behauptung angeschlossenes Zugeständnis, das aber nicht im Gegen- 




FDer homensehe G^braöcb der Partikelti ii^ if xt und 4y hbw. 361 
In dem im ganzen jungem postpositiven Gebrauchj der zehn 
Beispiele (E. 4 in .4EIM, Od. 6 in «mS^) umfaßt, sind Satz- 
gefüge mit so festen Formen, wie im prä positiven Gebrauch die 
Konzessivsätze mit ti m^ (rf), nicht entwickelt. Die sechs kon- 
ditionalen Beispiele (IL 4, Od. 2) zeigen, durch das jedesmalige 
Bedürfnis bestimmt, die wechselnden Partikelverbindungen : st 

der Gedankeninhalt dieser Sätze steht zum Teil nur in lockerem 
Zusammenhange mit dem Hanptsatze. Erst in der Odyssee wii^d 
die in präpositivem Gebrauch in der lUas so häufig gebrauchte 
konzessive Äusdnicksform $i ufQ (rf) auch postpositiv verwendet, 
daneben ä«/ «i. Die postpositiven fi- Sätze mit Konj, sind über- 
wiegend iterative (6, futurische 4), 

3< H mit Konj. in abhängigen Fragen, 
Bias und Odyssee bieten je ein Beispiel: 16 f. ov ßaw 

f^oiw ipiaoaa}, n 137 f. uXX' uyi fioi rö^e sine xai dtgexdmg xazd- 

Im ersten Beispiel ist die abhängige Frage eine deliberative 
in der 2. und L Person, im zweiten eine dubitative in der 
L Person. Im ersten hängt die Entscheidung vom Sprechenden 
selbst ab, im zweiten vom Angeredeten. Es ist klar, daß diese 
Fragen nicht aus Fallsetzungen mit ** hervorgegangen sind ; dem 
widerstrebt die voluutative Bedeutung des Koiyunktivs. Direkte 
Bestätigungsfragen mit ^ und Konj. finden sich nicht, es kann 
daher auch nicht daran gedacht werden, in dem Beispiel der 
Odyssee ^ zu schreiben und eine direkte Frage anzunehmen. 
Auch abhängige Bestätigungsfragen mit ij (wie an Stelle von ^ 

sstz EU dem Inhalt dieser auagfssproelieiit sondeni hinzugefügt wird, um einem 
Zweifd, den Tel&mach etwa heg^^n könnte, zu begegnen. Man darf vielleicht 
mh Caner Anmerk. zur Od. / S. S Toran«aetzen, dal Telemacb durch die Mit- 
t«Qiuig des Fremden überrascht ad und Mentes, der in seinem Gesicht etwas 
«ia Zweifel zu leien glaube, diesen durch eine bekräftigende Gebärde ablehne. — 
Für das fweite Beißpiel ergibt sich aus DidjmoB neben otfcT* */ die Variante 
tikl* ti, in welcher Cobet nnd Dmdorf die Leaart Aristarehs vermuteten, wa« 
aber Ladwieh Ar. H. T. 1 513 mit Grund bezweifelt. Bei dieser Lesart wUrda 
der f/-Satz aus seiner postpoEitiven SteUung in eine präpodtive gerockt 

') Hier ist die gewöhnliche Lesart *i, doch bietet üf #/, was von Wolf, 
Bekker n. a. aufgenommen wurde; Nanck schrieb hier nach andern QaeUen rj, 
m O 16 i^> vertnutete aber ii **, Die Neueren sind zu §1 zurückgekehrt, mit 
Auiiuhme von Ludwich, der ^ schreibt 



362 C. Hentze 

ZU schreiben wäre) sind nicht mit Sicherheit nachzuweisen: an 
den Stellen, wo früher namentlich von Bekker ^ geschrieben 
wurde, A S3. 111. v 414. r 325, wird jetzt auf Grund der 
bessern Überlieferung meist si geschrieben: vgl Prätorius Der 
hom. Gebrauch von jy (17«) in Fragesätzen S. 9 und Lange Ei 
I 424, 428. Auch Naucks Vorschlag, in 16 ei' x an Stelle 
von ei zu schreiben, ist abzuweisen, weil fi' xe nirgend in einer 
abhängigen deliberativen oder dubitativen Frage mit Eoi^., 
sondern nur in Fragen steht, deren Entscheidung von dritten 
Personen abhängt. Ist danach in beiden Beispielen ei zu schreiben, 
so ist diese sonst in abhängigen Fragen mit Ind. und Opt ge- 
brauchte, ursprünglich Fallsetzungen einleitende Partikel zuletzt 
auch zur Einleitung von abhängigen deliberativen und dubitativen 
Fragen verwendet, die, abgesehen von den hieher gehörigen 
Doppelfragen, in direkter Form einleitender Partikeln entbehrten. 
Dieser vereinzelte Gebrauch erweist sich damit als jünger: das 
Beispiel der Ilias gehört einer Partie in an, die die Kritik 
als jünger erwiesen hat. Daß aber in diesem Beispiel der Ilias 
die Frage von oiSa, in dem Beispiel der Odyssee von einem 
Verbum des Sagens abhängt, entspricht dem auch sonst be- 
obachteten unterschied beider Epen in dem Gebrauch der ab- 
hängigen Fragen in bezug auf die Verba des Hauptsatzes, vgl. 
rEPAS S. 107. 

Der gesamte Gebrauch von ei mit Konj. (die Fragesätze 
eingeschlossen) ergibt 28 Beispiele (D. 18, Od. 10), von denen 
16 präpositiv stehen (II. 13, Od. 3), 12 postpositiv (h. 5, Od. 7). 
Der Öfeii •auch verbreitet sich in der Hias über die 12 Gresänge 
AJEIKAMOnrOX; in der ersten Hälfte des Epos sind die 
Gesänge BTZHQ, in der zweiten NSP2YVa ohne Beispiel. In 
der Odyssee ist der Gebrauch auf die 6 Gesänge a e tj ^ % n 
beschränkt. Die Abnahme des konditionalen und konzessiven 
Gebrauchs in der Odyssee (H. 17, Od. 9) trifil vorzugsweise die 
Konzessivsätze, die in der Hias mit 11, in der Odyssee nur mit 
4 Beispielen vertreten sind. Dabei ist besonders bemerkenswert, 
daß die Beispiele der Ilias sämtlich präpositiv, die der Odyssee 
sämtlich postpositiv sind, die in der Hias so häufig verwendete 
Form der Satzgefüge mit präpositivem Konzessivsatz also in der 
Odyssee ganz aufgegeben ist. Es ergibt sich ferner ein Über- 
wiegen ebensowohl des konzessiven Gebrauchs über den kon- 
ditionalen (15 Beispiele zu 11), wie des iterativen Gebrauchs 
über den futurischen (ebenfalls 15: 11). Sämtliche präpositiven 



Konzessivsätze und zwei postpositive sind mit $i m^ {xi) eiü- 
geleitet, je ein postpositiver mit &v6* ei uIq t« und mit xtti &i 

Die 11 präpositiven Konzessivsätze mit $1' nto {t$) und Konj. 
nehmen aber in dem präpositiven Gebrauch dieser Partikel- 
verbindung überhaupt eine ganz hervorragende Stelle ein. Denn 
die übngen 17 Beispiele präpositiven Gebrauchs verteilen sich 
auf Ind., Konj. mit xi, Opt. mit oder ohne x4\ Da ferner diesen 
zahkeichen Beispielen präpositiver Konzessivsätze mit fi^ neg nur 
6 Beispiele präpositiver Konzessivsätze mit st xal gegenüber- 
stehen und xai u und ovd' f(, in postpositiver Stellung ent- 
wickelt, präpositiv nur ganz vereinzelt auftreten, so werden die 
präpositiven Konzessivsätze mit *j' nf^ überhaupt die älteste 
Form dieser Art von Satzgefügen darstellen. 



n< Der Gebrauch von ei xt {iv) und ^v mit Konjunktlv- 
A- Der Gabraacb van li' xe (av) mit EonjonktiT. 

Die Partikel xi (u¥), die sich in «'-Sätzen mit Konjunktiv 
und Optativ (vereinzelt auch in et-Sätzen mit Ind. Fnt und 
einmal mit Ind. Aor.) findet, ist so eng mit ii verbunden, daß 
beide Partüeln, wo sie nicht unmittelbar zusammenstehen, nur 
durch andere Partikeln (^eV, di, yrng^ ndgj ßh ya^, ni^ yapj 
xm vv) voneinander getrennt sind.*) Danach kann die Aufgabe 
der Partikel xd nicht wohl die gewesen sein, die Bedeutung der 
Verbalform zu modifizieren, sondern es ist mit Lange Ei II 519 
anzunehmen, daß die Sprache diese Partikelverbindung bildete 
infolge eines Bedürfnisses, verschiedene Arten der j'HÜsetzung 
durch verschiedene Formen der einleitenden Partikeln kenntlich 
zu machen. 



*) Von den 9S Bebpielea mit it xt und Eonj. leigen 38 (/ imd xi un- 
mittclbar verbunden, 32 nur dorcb di getrennt, 13 durch /**>, 5 durch nio, 
3 darch nt^t ydQ, 1 durch fi^v yti^}, 1 durch yna. In optativischen f /-Sätzen 
Find in 14 Beispielen ron 25 die Partikeln unmittelbar ?erbunden, in 4 getrennt 
durch Jt', in 4 durch n^Q yaty^ in je einem durch ydQ, n^Q^ xn£ w^ Eine 
Ausnahme machen nur £ 273. S 196, wo toörvj nri sehen ti und xi steht, wahr- 
acheinÜch aber TOt;rw ys ßtatt toinm k§, und q 223 rd*^ %^ f/, wo sicher 16$^ 
y 9i zu ichreiben ist. Wo in den Sätzen mit KonJ. xi tmmittelbar vor das 
Verbmn tritt, steht ei zugleich dem ti tlberan eo nahe, als die oben vorzeicbneten 
Partikeln es gestatten, und ist das Verbum tti nachdrücklicher Hervorhebung' 
den Übrigen Satetoilen vorangesteUt : .-^580. M 302. P 91. ^ 53 = 163. ^ 395. 
S98* n 403. 4Dö, oder überhaupt ohne nähere Bestimmungen : M 71. l 112 «- 
ß 139. q. 114. 





364 C. Hentze 

Das Bedürfnis solcher Unterscheidimg hat sich nun, ab- 
gesehen von den angegebenen vereinzelten Ausnahmen nur bei 
ftitnrischen Fallsetznngen im Koi^j. und Opt. herausgestellt. 
Ganz vorzugsweise bei denen im Koig.: denn mit diesem Modus 
ist ti xs (av) in 93, ^y in 34 Beispielen verbunden, während ci 
xe mit Opt nur mit 25 Beispielen vertreten ist. Vergleichen 
wir aber den Gebrauch von st xe mit Konj. (in 93 Beispielen), 
der nur mit drei Ausnahmen futurische Fallsetzungen enthält, 
mit dem von si mit Konj. (in 26 Beispielen), der 11 futurische, 
aber 15 iterative aufweist, sodann den Gebrauch von si xb mit 
Opt, dessen 25 Beispielen etwa die ftknffache Zahl entsprechender 
Beispiele von bi mit Opt. gegenübersteht, so ist daraus zu schließen, 
daß die Partikelverbindung bi xs sich vorzugsweise und wahr- 
scheinlich überhaupt zuerst in Fallsetzungen mit futurischem Konj. 
entwickelt hat. Nehmen wir femer hinzu, daß der Hauptgebrauch 
von Bi xB mit Konj., der konditionale und konzessive, in prä- 
positiver Stellung 57, in postpositiver nur 21 Beispiele umfaßt, 
so wird die Entwicklung dieser Sat^efüge von den präpositiven 
c^-Sätzen dieser Art ausgegangen sein. 

Ein Bedürfnis aber neben -den £i-Sätzen mit Koig. eine be- 
sondere Art von Fallsetzungssätzen mit bi xb und Ko^j. zu 
schaffen, ergab sich wohl daraus, daß Bi mit Konj. ebenso wohl 
verwandt wurde, wo ein Fall gesetzt wird, der erfahrungsmäßig 
wiederholt eingetreten ist und dessen Eintritt jederzeit wieder 
zu erwarten, als da, wo ein Fall gesetzt wird, dessen Eintritt 
auf Grund bestimmter Verhältnisse oder unter gewissen Be- 
dingungen in der nächsten oder näheren Zukunft zu er- 
warten ist. Fallsetzungen der letzteren Art von jenen allgemeinen 
Fallsetzungen zu unterscheiden, war aber der Zusatz von xdr 
oder av zu bi geeignet, weil diese Partikeln auf das Vorhanden- 
sein nicht näher zu bestimmender, außerhalb des Redenden 
liegender Bedingungen hinweisen^), welche die Allgemeinheit 
der Fallsetzung beschränken. 



>) So Bragmann Griech. Gramm. > S. 499. Lan^ £/ n 489: ,, welche Par- 
tikeln auf die mibestimmt bedingte Verwirklichong des Angenonmienen, die in 
einem (äy) oder irgend einem (xiy) Falle eintreten kann, aufmerksam 
machen^. L. Meyer Über die Modi im Griechischen (Nachrichten der E. Gesellsch. 
d. Wiss. zn GOttmgen, philol.-histor. El. 1903, S. 346), der ay mit dem lat. 
uid goth. an mit der Gnmdbedeatnng oder identifiziert and «im andern Fall** 
erklärt, deutet xiy »irgend wie, in irgend einem zu denkenden FaU". 



Der homerische Gebmuch der Partikeln */, iT xi ond ^V qjw. 3g5 

1- Der absolate Gebrauch. 

Es sind zunächst drei Terwandte Baispiele zu prüfen, in 
denen der f i-Satz ohne Nachsatz ist : ^ 580 f, si nsg yuQ n 

<p£graTQ^ itFTty. 567 f $i tJf xdy m Ti^QJTd^ot$$ jioXtQi; xar- 
fvaPTiay iX^to* xui yaQ &ijv Tovtr^ T^tatig Z^^^ ^^^^ xaXx^ . . 
(f 260 t ujug ntXix^ag y£ liai ü Jf* fimßiv Snavtag BürdfiiV' nv 
ftiv yaQ Jiv' ayaig^oi{jd-ai otio. 

Alle Versuche der alten wie der neueren Erklärer^ im 
ersten und dritten Beispiele entweder aus dem fi-Satze selbst 
oder aus den dem ^«^-Satze weiter folgenden Worten, auch 
durch Konjektur den fehlenden Nachsatz zu gewinnen, sind als 
verfehlt abzulehnen.*) An dem zweiten Beispiel scheitert von 
vornherein jeder derartige Versuch, Ebenso mißlich ist die 
Ergänzung eines Nachsatzes. So schafft in dem ersten Beispiel 
der Paraphrast durch die Ergänzung des Nachsatzes ^vvurut, wie 
Bentley durch die Konjektur uTVffXi^H statt art^^cX/l«! (als 
Nachsatz) einen überaus matten Gedanken, während Hephästos 
offenbar einen Gedanken der Art im Sinne hat, daß, wenn es 
Zeus einfalle, zwischen die Götter zu fahren, sie das Schlimmste 
erleiden würden, indem er an Mißhandlungen der Götter durch 
Zeus denkt, wie er selbst (V, 590 f.) sie erlitten hat. Es ist 
danach geraten, in dem *t-Satze nieht einen bedingenden Fall- 
setzungssatz zu sehen, der auf einen bestimmten Nachsatz 
berechnet wäre, sondern eine absolute Fallsetzung, die nur die 
Phantasie des Hörers anregen soll, die nach Eintritt des ge- 
setzten Falles zu erwartenden Folgen sich zu vergegenwärtigen. 
Der Sprechende knüpft dabei an die zuletzt vorhergehenden 
Worte {n(pga ^rj) avv ^' jjftty 6alT€L TaguEji au uud setzt den 
darin vorgestellten Fall mit ti n^Q als wirklich eintretend, 
ähnlich wie ^ 355 nach 353. Das Ganze aber ist in erregtem 
Tone gesprochen zu denken: ,idenn gesetzt wirklich (denke nur): 
es wird den Olympier etwa gelüsten, uns von den Sitzen zu 
stoßen! er ist ja bei weitem der stärkste".^ 

Das zweite Beispiel bildet den Abschluß eines Selbst- 
gesprächs, in dem der Sprechende die verschiedenen Möglich- 



*) Vgl. zu A 580 den Anbang ¥on Ämeis-Hentze zur II, I« 78^ m r/. 260 
4%n Anhang tnr Od. IV- 59 t 

«) Anch Leaf falt den li-S&tz als oine Belbßtändige FaUaetznng: „it h a 
enppOiition mide mteijectionally : only iuppose he should wiU drive Di away**. 





366 C. Hentze 

keiten des HandelDS nacheinander aufstellt, am sie nach Er- 
wägung der dabei zu erwartenden Folgen zu verwerfen, bis er 
zu der noch flbrig bleibenden gelangt, für die er sich entscheidet, 
indem er mit yig einen fttr diese sprechenden Umstand anführt. 
Wollte man hier den fi-Satz als bedingenden Fallsetzungssatz 
fassen, so würde es unmöglich sein, einen den Nachsätzen der 
vorhergehenden ««-Sätze (555. 563) entsprechenden zu ergänzen. 
Es ist auch hier eine selbständige Fallsetzung anzunehmen, mit 
der der Sprechende sich die letzte Möglichkeit des Handelns zur 
Erwägung stellt: „gesetzt aber etwa: ich trete ihm vor der 
Stadt entgegen! auch diesem ist ja doch wohl der Leib ver- 
wundbar usw."*) — Über das dritte Beispiel ist nicht mit 
gleicher Sicherheit zu urteilen, da die Überlieferung des Textes 
begründeten Zweifeln unterliegt. 

Dem absoluten Gebrauch sind femer mit Wahrscheinlichkeit 
die beiden Beispiele zuzuweisen : O 556 flf. n S* Sv iyd) rovrovg 
usv vnoxkovdsa&ai. iaaco IlrjXe'idfi liix^Xtji, noaiv d* ano xcly^Bog 
akXfj q>€vy(o ngog nsdlov ^IXi^iov, ofpQ Sv ixcofiai ''lifjg Tf xvrjfiovg 
xai re Qconijia dvco' ianigiog S* av emixa Xofaaifievog norafioVo 
idgco anoy/v/&€tg ngori "IXiov dnoveol/nTjv und X 111 ff. ei äd xfv 
aaniSa fiiv xaTn&Biofiai 0fiq>aX6taaav — , dogv de ngog reV^f^g 
igeiaag avrog icov ^AxiXijog afiifiovog avjLog eX^co xai ol vno- 
a/fofiat . . .^ 119 TgoDOiV i* av fitxoniad^B ycgovaiov ogxov SXcofiai 
firj Ti xaraxgiy/nv. . . 

Die beiden Monologe, denen diese Beispiele entnommen 
sind, zeigen in der Art der Gedankenentwicklung und in der 
Form eine so unverkennbare Ähnlichkeit, daß der eine dem 
andern nachgebildet zu sein scheint, wie ich im Philologus 
LXni 26 flf. dargelegt habe. Nun schließt sich in dem zweiten 
Beispiel an die Fallsetzung 111—118 mit Sd 119 ein weiterer 
Satz im Konjunktiv, der ausführt, was der Sprechende in dem 
vorher gesetzten Falle weiter noch (jisronia^s) tun werde, also 
die Fallsetzung fortsetzt. Dieser Satz kann ein Nachsatz zu 
dem €«-Satze selbstverständlich nicht sein, aber er kann auch 
bei der großen Entfernung von V. 111 kaum mehr von si ab- 



») Es mag hier auch auf die von Nicanor zu 4> 566. ö67 und X 111 S. 263 ff. 
Friedländer vgl S. 32 ausgesprochene Ansicht hingewiesen werden, dafi ei statt 
aQn (i^tnnoQnrtxoy) stehe, die zwar selbst nicht annehmbar ist, der aber die 
richtige Erkenntnis zu^Grunde liegt, daß in diesen selbständigen Fallsetzungen 
mit ii xe im Konj. eine den delibcrativen Fragen verwandte Form der Erwägung 
vorliegt. 



Der homerische Gebrauch der Partikeln ^l, *f xf und t^*^ usw. 367 

häBgen, Daß aber auch kein Nachsatz zu ergäEzen, auch 
nicht ein Vergessen desselben anzunehmen ist, zeigt der Fort- 
gang des Selbstgesprächs. Denn der Gedanke, der als Nachsatz 
zu der Fallsetzung 111 — 113, als Bedingungssatz gelaßt, hätte 
Terwendet werden können, folgt in Wirklichkeit V. 12^^ fl'., wo 
der Sprechende nach Abbruch der vorhergehenden Erwägung 
die von der in Aussicht genommenen Handlung zu erwartenden 
Folgen in einem selbständigen /^jj-Öatze mit parataktischem Nach- 
satze darlegt. — Wie in diesem Beispiel nach der Fallsetzung 
111 — 118 in V. 119 ein diese weiter ausführender Satz im Konj. 
folgt, so im ersten ein Satz Im Opt. mit Hv, der an sich wohl 
als Nachsatz zum vorhergehenden f/-Satz gefaßt werden könnte, 
wahrscheinlicher aber auch als eine weitere Ausführung der 
Fallsetzung gedacht ist* Dafür spricht besonders der dem in 
X 122 ff. ganz entsprechende Fortgang des Selbstgesprächs* 
Denn auch hier folgt nach der Formel aU« r/ 37 — ^^6c; ein 
jüjj-Satz im Konj. mit parataktischem Nachsatz, der die nach 
Ausfuhrung der in Aussicht genommenen Handlung zu be- 
■ fürchtenden Folgen ausführt. So ergibt sich bei der Annahme 
selbständiger Fallsetzungen für beide Stellen eine einfache und 
zumal im Selbstgespräch durchaus natürliche Gedaukenfolge. *) 

2. Der präpositive Gebrauch, 

Hier ist zunächst die Frage zu stellen, ob unter den Bei- 
spielen präpositiver Sätze mit u xe und Konj. sich solche finden, 
in denen die Fallsetzung noch selbständig und nicht bedingend, 
der folgende Nachsatz mithin derselben parataküsch angeschlossen 
ist. Ich nehme Parataxe zunächst in folgenden drei Beispielen 
an: P91 ff. m ^ot iymv* fi fiiv x^ linui xiia ttip^^a xaXa Jlutgo- 
xkiv ^\ og uelTut ifitjg rmf' ivd^uöw ri/ijjfg' fi^ tlg ftnt ^ayatBp 
vf fi fori Ott ttt j Sf xey ifffjtat. P B4 f. fi 6i xiv ^xto^i ftnvvo^ etir 

£ 466 ff. *i fih* x' hf noratüfff SvtsnfidiiÄ ymxa ^vA^crawi* /ijj ju* 

Auch diese Beispiele gehören Selbstgesprächen an, in denen 
der Sprechende verschiedene Möglichkeiten des Handelns in 
Erwägung zieht. So steht nach der obigen Darlegung der 



^} Aach in der AufTa&siiiig' dieser #/-Bitze befind« Ich micli m Ul^^niii- 
fünuiiimg mit Leftf. 



' 368 C. Hentze 

Annahme selbständiger Fallsetzangen jedenfalls nichts im Wege. 
Die Annahme parataktischer Nachs&tze aber wird dnrch den 
exklamativen Charakter der daran geschlossenen selbständigen 
Befttrchtnngss&tze empfohlen. Diese enthalten die nach Ans- 
fühmng der gesetzten Handlang za erwartenden Folgen, aber 
nicht als solche in logischem Zusammenhang mit der Fallsetznng 
ansgefQhrt, sondern in lebhafter Unmittelbarkeit der Rede der 
Fallsetzung als Einwarf entgegengestellt.^) Daß diese Art der 
Gedankenentwicklang eine flr Ei'wägangen im Selbstgespräch 
natürliche Form ist, leachtet ein. 

Femer wird noch Parataxe beider Sätze anzunehmen sein 
in dem Beispiel O 553 ff. ä fioi iydv $i fiiv xcv vnb xqutbqov 
'j4/iX9Jog (fBvyoa, rfj neg oi ukXoi arvl^ofievot xkovdnvrai' aigijati 
fjie xai mg xai avaXxtSa dfigoxo/mjaet, zum Teil auf Grund davon, 

daß wir in demselben Selbstgespräch die zwei weiter folgenden 
Fallsetzungen oben als absolute erkannt haben, zum Teil wegen 
der eigentümlichen Gestaltung des Nachsatzes. Denn, wie in 
den vorhergehenden Beispielen der Befürchtungssatz als Selbst- 
einwurf der Fallsetzung entgegengestellt wird, so tritt hier der 
Nachsatz durch die betonte Voranstellung des Verbum und xai 
wg (ähnlich ii 756 mit ovd' wg) in Gegensatz zu der Fallsetzung : 
„ergreifen wird er mich auch so," d. i. was ich durch die in 
Aussicht genommene Flucht zu vermeiden suche, wird trotzdem 
eintreten. 

Von den hypotaktischen Sätzen mit si' xc und Konj. 
erörtern wir zunächst 

a) die konditionalen Sätze. 

Sämtliche mit ei' xb eingeleiteten konditionalen 
Vordersätze enthalten eine futurische Fallsetzung. 

Eine hervorragende Stelle nehmen hier die Beispiele ein, 
in welchen mit fi fiev xb — st 6e xs zwei mögliche Fälle einander 
gegenüber gestellt werden. Zwei Beispiele davon gehören noch 
den Selbstgesprächen an, aus denen die oben erörterten Beispiele 



^) Wenn Nicanor Friedl. S. 247 in den ersten beiden Beispielen vor ,ai/ ein 
tvlnßovfjtti ergänzen wollte, obwohl ihm die Selbständigkeit solcher .ui^-Sfitze 
nicht zweifelhaft sein konnte, so hatte er wohl Beispiele in Erinnerang, wo nach 
ähnlichen Fallsetzangen mit tt xe in Monologen dem folgenden /u //-Satze ein 
cf*/Jw vorgeschlagen ist: * 419. 473, vgl. auch /n 122. Wir werden darin das 
Zeichen eines verfeinerten Sprachgefühls zu erkennen haben, welches die un- 
mittelbare Zusammenstellung eines ^i;- Satzes mit der Fallsetzung als eine Härte 
«mpfand, die durch ein vermittelndes cTf/Jto gemildert zu werden schien. 



Der homeniclie Gobr&ncb der Partikeln #/, it at unä ^t^ usw. 309 



absoluten und präpositiv' parataktischen Gebrauchs entnommeE 
waren; hier aber sind die «-Sätze zweifellos hypotaktische 
Vordersätze: X 99 {d pih xf, im Nachsatz eine faturische 
Aussage) nnd f 470 (*i Sd xb, Nachsatz SriSoa ^i^). Die übrigen 
Beispiele enthalten im Nachsätze teils Willenserklärungen des 
Eedenden im Fut. oder Forderungen im Imperativ oder im 
imperativischen Inf. oder in Ausdrucksformen gleichen Sinnes: 
r 28L 284. H 77. 8L g 395*), 398 (ti 6i xf /i^), n 403, 405. 
g 79 (u it£v), 82 (fi Ss m) — , teils futurische Aussagen: / 412, 
414 (neben Fnt Aon)- K 449 (ti fih y«p xf, im Nachsatz ^ rt). 
452 (im Nachsatz inutn) — , teils Urteile im Opt. mit «i' (ni) 
oder futurische Aussagen: a 287 {^ t' av mit Opt.). 289 {i^ 
inftra, iiuperat, Inf.). /? 218 (ij x* äi^ mit Opt). 220 (S^ innta, 
Fnt.). i 110 (täc £1 fiiv m, im Nachsatz xai und Opt mit xi). 

112 {iüT€ T£X^tatg&^mi). ft 137 (^ t av mit Opt.)' 139 {rite 
ttxfiai^nfifif). 

Einzelstehende Fallsetznngen sind dem Vorhergehenden an- 
geschlossen: teils mit Si {fi ^i xc): im Nachsatz steht eine 
Willenserklärung oder AnfFordernng oder ein Zugeständnis: 
j^ 137 f! <1* X* /ijf (Nachsatz mit Si im Konj. Aor. mit xe) ^ 
324, — / 135 {u 6d xfv aiif) = 277. H 87 {ti 6d mp ul). ju 53 
= 163 (Nachsatz mit U und roTf) — , eine futarische Aussage: 
B 364 (im Nachsatze innza). I 604. M 71 (sjtuTa). Y 138 
(avtix* hftTtt) — , ein Urteil im Opt. mit xi: I 362, tp 114, 
Sniw /ii? « 417* Mit ärip sind die Fallsetzungen an das Vorher- 
gehende angeschlossen: E 131 =820 (im Nachsatze Anffordemng)^ 
y 181 (im Nachsatze mit rnivixa fut Aussage) — mit yao: $i 
yap xe V 344 (fht, Urteil), « nt^ fag x€ „gesetzt wirklich" 5^355 
(Zusage im Fnt.) — asyndetisch: et xt »7 75 = C 313 (fut. 
Urteil). Ä 254 (tröj^ h x^y, Befürchtungssatz mit ^ij und Konj.), 
w 488, 496 (im Nachsatz mit Oj totb Zusage im Fnt,). 9 213* 
338 (Zusage im Fut). ^ 299 (warnendes Verbot mit jw^ und 
Konj.). ^ ei S' UV r 288 (im Nachsatz mit avn*^ Willens- 
erklärung im Fut*)- - 273 (fut. Aussage). — Die einzige Stelle, 
wo der Satz mit fi' xi in den Hauptsatz eingefügt ist» ist A 455. 

^} Hier hat Lad wich nach G if xfM yo^tr^ofitf an Stelle der gewöhnUchea 
Lesart 1/ f^^f tttv focti^'opj geschrieben, aber trofa der Trefflichkeit der Hand- 
schrift ht die von ihr g^ebot^ne Lesart schwerlich die nrapriiugliche. Denn ea 
steht ihr einmal der stehende Gebraach, die entg'eg^engesetiten möglichen F£Ua 
in der gleichen Modaiform einander gegenQbenustellen, entgegnen, beaonden 
aber auch, dsG der Opt. den gesetzten Fall gegenüber dem Konj. in weitere 
Peme rücken würde, was hier durchaas unpaisend ist. 



370 C. Hentze 

Der Gesamtgebranch der pr&positiven Eonditionalsfttze mit 
tl' x€ and Konj. umfaßt 54 Beispiele, von denen auf die Ilias 2G» 
auf die Odyssee 28 entfallen, so daß der Gebrauch in der letz- 
teren zunimmt. Die Beispiele der Ilias gehören den Gesängen 
ABFEHIKjiMnSYOXV an. Der Gebrauch tritt in der zweiten 
Hälfte des Epos zurück, welche nur 6 Beispiele aufweist Von 
der Gruppe B — H sind J und Z ohne Beispiel, F enthält mit 
^ die zwei einzigen Beispiele von n 6' iv, E (neben Y 181) 
Beispiele von arap ei' xc. Die Gruppe NEO enthält kein Beispiel. 

An unterscheidenden Besonderheiten im Gebrauch beider 
Epen sind folgende zu verzeichnen. Einzelstehende Fallsetzungen 
mit si' x€, dem Vorhergehenden asyndetisch angeschlossen, finden 
sich nur in der Odyssee, drag $i' xe und ei i' uv nur in der 
Sias. ^ r£ an der Spitze des Nachsatzes bietet außer K 449 
nur die Odyssee. Das einzige Beispiel, in dem die Fallsetznng 
eine Äußerung des Mitunterredenden aufnimmt, findet sich & 355 

{bI TtBQ yag xev) Vgl. 353 (ei xtv mit Opt.). 

Die Entwicklung der präpositiven konditionalen Sätze mit 
u x€v und Konj. ließ sich an dem reichen Material der homerischen 
Sprache ebenso sicher verfolgen, wie Lange die Entwicklung der 
präpositiven Konditionalsätze mit bi und Opt. aus selbständigen 
Wunschsätzen nachgewiesen hat. Es fanden sich, meist in Selbst- 
gesprächen, noch fünf Beispiele absoluten Gebrauchs und vier 
Beispiele mit parataktischem Nachsatz, welche den Weg be- 
zeichneten, auf dem ursprünglich selbständige Fallsetzungssätze 
sich zu konditionalen Vordersätzen entwickeln konnten. Auf die 
ursprüngliche Parataxe mögen auch in den hypotaktisch zu 
fassenden Beispielen zum Teil noch die Anschlußformen des 
Nachsatzes mit di A Idl = 324, adversativ ^ 53 = 163, und 
mit avTofQ r 288 weisen. — ensiTa findet sich im Nachsatze 
B 364. K 452. M 71. Y 138. a 289. ß 220. C 313. fj 75, rote 
oder S^ totb k 112. ^ 53. 139. 163. t 496, ravvexa Y 181. An 
Negationen finden sich: fii^ nach $i di xb A 137 = 324. § 398, 
fiTlSi a 289. ß 220, ov nach bi i* av vor dem Verbum F 288, 
xui oix im zweiten Gliede nach bi di xb Y 139. 

b) Die konzessiven Sätze. 
Der Gebrauch ist beschränkt auf «*' nig xb. Zwei Beispiele 
enthalten futurische Fallsetzungen mit futurischer Aassage im 
Nachsatze: X 113 =s /u 140. Das einzige Beispiel einer iterativen 
Fallsetzung mit bi ubq yig xb bietet M 302. 



Der faomerisclie Gebrauch der Fartikeln tl, ti^ xt und ^i* nüw. 371 

3, Der postpositiye Gebranch. 

a) Die konditioiialeü Sätze. 

Die postpositiven kondltionaleii Fallsetzungen mit tt nf nnd 
Konj. sind, wie die präpositiven. sämtlich futuriache. Im Haupt- 
satze steht durchweg eine fiiturische Aussage; meist im Ind. 
oder Inf. Fut., nur an zwei Stellen im Opt, mit xl Willens- 
erklärungen, Aufforderungen und Befurchtungssätze finden sich 
hier nicht. Einer futurischen Aussage im Hauptsatze folgt eine 
Fallsetzung mit ei ke: J 415. 535. X 106. ^ 315. M 368. 
O 498, n 499. F2Q. i 327. ^ 364. x 345, mit it n^^ iv „gesetzt 
wirklich" E 224. 232 (wo Pandaros die Fallsetzung des Aeneas 
224 aufnimmt, vgl ^ 355 mit 353). Nach Opt. mit xi folgt eine 
Fallsetzung mit li m: N 379. P 39. [In P 557 f, ist die am 
besten beglaubigte Lesart ii m' — i^Xn^fTatfatv , nicht il^t^amattf^ 
was indes von manchen Heransgebern aufgenommen ist, vgl. d, 
Anhang z. K YV 107.] 

Es ergeben sich überhaupt 15 Beispiele postpositiver kon- 
ditionaler Fallsetzungssätze, und von diesen gehören derllia8l2, 
der Odyssee nur 3 an. Während also der präpositive Gebrauch 
in der Odyssee zunahm, geht der auf die Gesänge trp/ be- 
schränkte postpositive Gebrauch in auffallender Weise zurück. 
Diese Erscheinung erklärt sich daraus, daß die postpositiveu 
konditionalen Sätze mit ai' nt und Konj. in der Odyssee mit 15 
Beispielen in ßSiX^v^vipto vertreten sind (vgl. BB. XXIX 
292 f.). Die Gesänge J und 0, welche kein präpositives Beispiel 
aufwiegen, sind hier mit je einem postp. vertreten. Dem Gesänge 
H ist hier die Paitikel Verbindung ti n§(} uv in zwei Beispielen 
eigentümlich. Die im präpositiven Gebranch nicht vertretenen 
Gesänge NEO und F bieten fünf postpositive Beispiele, N und P 
je eins, in dem der Hauptsatz ein Urteil im Opt, mit ni enthält, 
wovon bei präpositiver Stellung des «-Satzes in der Bias sich 
nur ein Beispiel in / 362 fand, während die übrigen der Odyssee 
angehörten. 

b) Die konzessiven Sätze. 
Konzessivsätze mit futurischer Fallset^ung finden sich 

nach einer fnturischen Aussage im Hauptsatze: eingeleitet mit 
nai ii x^ £ 351 ; mit tw^ Bt if# nach futurischer Aussage X 349*)^ 

*) Hier wird von ricneren Herftnsgebeni ein prfipoaitiFer Eonzessjvsatz an* 
g^ommf^n; ailein die Sätze mit ov^' tt, wie die mit xat tl, h^ben weg*«!] der 
steigeniden B©4f utung der Partilteln oifiTt tind acut Überhaupt ihre natärllche 

24* 




372 C. Hentze 

§ 140, nach einer Aussage im Präs. 9 478, mit iterativer 
Fallsetzung nach einer Aussage im Präs. eingeleitet mit et neg av 
r 25, mit xai fl' xf ji 391, wo der «i-Satz zwischen die Glieder 
des Hauptsatzes eingefflgt istJ) 

Die postpositiven Konzessivsätze sind überhaupt mit 6 Bei- 
spielen vertreten (D. 5, Od. 1), während von präpositiven nur 
drei Beispiele vorlagen (B. 1, Od. 2). Es ist bemerkenswert, 
daß die drei einzigen Beispiele von iterativen Fallsetzungen 
mit bI x€ {av) und Konj., T 25. ^391. M 302, sich in Kon- 
zessivsätzen finden und daß der iterative Gebrauch in der 
Odyssee völlig verschwindet 

c) Die abhängigen Fragesätze. 

Der Gebrauch der futurischen Fallsetzungen mit ti xe und 
Konj. in dem Sinne von abhängigen Fragen ist auf vier Beispiele 
beschränkt, in welchen überall die Frage rlg 6] oii' vorausgeht: 
O403f. Tig 6^ 0iS\ d xiv o\ avv daifjiovi dvfjiov oqlvco naptinw; 
i7 860f. /9 332f. >^216f. Historisch betrachtet waren, was 
Delbrück Gebrauch des Konj. und Opt. S. 174 f. wohl zuerst 
bestimmt ausgesprochen hat, beide Sätze ursprünglich selbständig 
und unabhängig nebeneinander gestellt. Daß dies für die Fall- 
setzungen mit fixe und Koqj. annehmbar, ist durch den absoluten 
und präpositiv -parataktischen Gebrauch S. 365 wahrscheinlich 
gemacht; und ihre eigentliche Bedeutung, die Setzung eines 
Falls, dessen Eintritt der Sprechende unter gewissen Bedingungen 
erwartet, ist auch im Abhängigkeitsverhältnis noch deutlidi er- 
kennbar. Denn das ,, vielleicht^, welches Bekker (Hom. Blätter 
I 288 f.) durch eine gar zu künstliche Interpretation aus der 
Frage zig d' oiSe gewinnen wollte, ist in der Fallsetzung an sich 
enthalten und nicht erst aus der Verbindung mit der Frage zu 
entnehmen'). Für die Erklärung dieser ist aber die Formel 



Stelle im Anschlag an eine Yorhergeh ende Aussage, nnd stehen auch nur mit 
seltenen Ausnahmen postpositiv. 

>) In X 351 bieten die besten Handschriften ttvuiyot, doch schreiben nach 
Bekker manche Herausgeber dyüiyp. In X 220, wo die Überlieferung swischen 
Opt. und Eoiij. schwankt, verdient der Opi den Vorzug, YgL Leaf sur Stelle 
und Lange Ei U 516 f. 

*) Mah kann die mittelhochdeutsche Formel waz obe in dem Simie Ton 
„yielleicht" vergleichen, worin das waz nur die Fallsetzung mit obt Toibenitet 
die ursprünglich sicher auch einen selbständigen Satz bildete und das .yieUeicfat'^ 
in sich enthielt. 



Der faomeriBcbe Gebraach der PartikelD ti, if jci und ^y üew. 373 

Ztvc ftiv Äou To yf m^i nmi ui^iparot &$ai aA^o« F 308 herao- 
zuziehen, an welche 5 119 f. sich eine Fallsetzung mit n x€ nnä 
Opt. anschließt, wie ji 792 an die Frage t/; 6* oiSt, Diese 
Formel bildet gleichsam den positiven Gegensatz zu der in der 
Frage enthaltenen Negierung: Was kein Mensch, sondern nur 
die Gottheit weiB, ist für den Menschen unbestimmt und zweifel- 
haft: es kann sein oder geschehen und kann nicht sein oder 
geschehen, wie denn in F 308 f. die abhängige Frage onn&td^f 
S-upuimo riXoQ nBn^oy^tivov iaiiv die eine wie die andere Möglich* 
keit in sich schließt. Aber es hat sich der Gebrauch beider 
Formeln in Verbindung mit einer Fallsetzung so fixiert, daß sie 
nur verwendet werden, wenn der Sprechende die Hoffnung hegt, 
daß der gesetzte, ihm erwünschte Fall eintreten werde. Danach 
würde O 403 parataktisch gefaßt etwa so lauten: „doch wer 
weiß? gelt allenfalls werde ich ihm mit Hülfe der Gottheit 
durch Zuspruch das Herz rühren". Vgl. auch Lange Ei II 507, 
Bei der von vornherein zur Abhängigkeit neigenden poatpositiven 
Stellung mußten diese Fallsetzungen aber früh ihre Selbständig- 
keit verlieren,*) 

d) Die motivierenden Fallsetzungssätze. 
Die Funktion, eine Aufforderung oder Willenserklärung da- 
durch zu motivieren, daß der nach Ausführung der in Absicht 
genommenen oder geforderten Handlung zu erwartende Erfolg 
daran angeschlossen wiid, ist, wie BB. XXIX ^83 ff. näher 
dargelegt ist, der Partikel Verbindung ai nt mit Konj. ganz 
besonders eigen, fi »f mit Konj* in diesem Sinne ist nur mit 
den beiden Beispielen zu belegen: O 297 f. arifo/i«', ti ub^^ n^mrcp 

igvl^Ofitv dvtiaiTayjB^ UUd ^ 75 ff. ini J^ avvi^ nd¥j£^ i/m^^y 
a^^Qüi^ ti xd fitv üvdov aniüisofi^v t}dk 3-v^atav, i'X&tafKV ^* am 

Man pflegte früher zur Vermittlung zwischen beiden Sätzen 
vor dem £i-Satze ein ufigd/ufpoi zu ergänzen, in der Voraus- 
setzung, daß dieser eine indirekte Frage bilde. In Wirklichkeit 
enthält der (('-Satz eine fnturische Fallsetzung und ist das Ver- 
hältnis desselben zu der vorhergehenden Aufforderung kein 



■) Noch würd? hieher die Stelle o 5S3 f. t{JJuc tu' ft Zih oldttf Xllvßi- 
jTiof «j if x4 ot^i 7i(jo ytiuoio jtlfvftioti. xftxo¥ ^^&fi gehören, wenn mitßergk 
Giieeh. Ut I S59 Amn. 157 in dem it der Endung in t^livtiati die Spur der 
ilteren Schreibwebe dea Konj. für /j zu sehen und mit t, I^^uwen-Mendes 
dft Coiti itlfvt^aß m sehreiben wire. 




374 C. Hentze 

anderes, als bei den motivierenden prohibitiven Erwartnngss&tzen 
mit iLti^ nnd Eonj. nnd den Wunschsätzen mit $t und Opt, die 
ursprfinglich selbständig waren und parataktisch neben den vor- 
hergehenden Satz traten. Hier aber sind die Fallsetzungssätze 
in beiden Beispielen offenbar nicht mehr selbständig, sondern 
von der Aufforderung abhängig, wie die unter c) behandelten 
von oidf. Von beiden Gebrauchsweisen finden sich die ersten 
Beispiele in den von der Kritik als jünger erkannten Partieen 
von 0.*) 

Der Gesamtgebranch von $i xc (av) mit Eonj. umfaßt 93 
Beispiele. Von diesen sind dem absoluten Gebrauch 5 zugewiesen, 
dem präpositiv-parataktischen 4. Der hypotaktisch-konditionale 
und konzessive Gebranch umfaßt überhaupt 78 Beispiele (D. 44, 
Od. 34) nnd zwar präpositive 57 (H. 27, Od. 30), postpositive 21 
(IL 17, Od. 4). Es ergibt sich, daß in der Odyssee der prä- 
positive Gebrauch sich steigert, der postpositive aber auf 4 Bei- 
spiele herabsinkt (H. 17). Von postpositiven fragenden Fall- 
setzungen finden sich 4 Beispiele (H. 2, Od. 2), von motivierenden 2, 
je eins in beiden Epen. Sämtliche 93 Beispiele enthalten futuiische 
Fallsetzungen, nur 3 Beispiele iterative und zwar in Konzessiv- 
sätzen. 

B. Der Bebranch ?on ^^ mit KonjmiktiT. 

Weit öfter, als die immer durch di getrennten Partikeln 
u und äv (nur r288. ^273. O 556) finden sich beide vereinigt 
in der Form ijv. Diese mit ei' xe, wie 482 vgl. mit 478 zeigt, 
völlig gleichwertige Konjunktion schließt sich aber dem Vorher- 
gehenden nie asyndetisch an, sondern stets von Partikeln be- 
gleitet (yaQ, dd, dtufj), 

1. Der präpositive Gebrauch, 
a) Die konditionalen Sätze. 
Von den 6 vorliegenden Beispielen enthalten 5 eine futnrische 
Fallsetzung, der Nachsatz eine fnturische Aussage: im Ind. Fut. 



MögUch wäre, wie CapeUe im Phiiol. XXXVI 683 urteilt, in O 297 
iQvio^ty als Fatumm zu fassen, da von der Verbindung «f xc mit Fut sichere 
Beispiele vorliegen. Aber ein anderes, dieser Stelle entsprechendes Beispiel von 
(l xt mit Fut. findet sich nicht, nur eine abhängige Frage in dieser Form 
524. — BenÜejs Vorschlag statt ft xe zu schreiben it /e ist nicht amiehm- 
bar, weil fl ohne xi in derartigen Sätzen ohne Beispiel ist. — Über den Opt. 
yiyono und die Variante yiynrai in ;f 77 vgl. den Anhang zur Od. IV* 69. 



Der homeriscbe Gebrauch der Partikeln f/, «I xt und ,;i^ mw. 375 



I 393 ^If fmg djj jue aocaai ^f 01 nai oiWaif* txta^tat, flifuvg &4y 
ptoi enttra fvvatxd f% fiidaerat avtag, m einem VOQ EXn^n&i ab- 
hängigen Inf, Fut. O504, in einem Befürchtongssatze .« 121 (/J»' 
yig — <ff/Jü3 /ij;J); einen von iiTSHP abhängigen Imperativischen 
Inf, €p 238 f. = 384 f. {i}v ^i). Die Fallsetzung ist eine iteraüve 

b) Die konzessiven Sätze, 
Die vier Beispiele enthalten eine futurische FaUsetznng, 
eingeleitet mit ^v mp yuQ T32, X 487, mit tjv w^p yuff nt n B18*), 
mit einer futurischen Aussage im Nachsatze; eingeleitet mit ov6* 
fjp, welches ein vorhergehendes ov6' Bt' xf aufnimmt, mit Nach- 
satz im Präs. 482. 

2* Der postpositive Gebranch* 

a) Die konditionalen Sätze. 

Von den 9 Beispielen enthatten 7 eine futurische, 2 eine 
iterative Fallsetzung. 

Den futurischen Fallsetzungen geht im Hauptsätze eine 
fnturische Aussage voraus: J dbd = / 359 (17V i&ikpfj^n nai «i 
jffV Töi T« ^mn^ji eingeschoben zwischen üxptai und den davon 
abhängigen Objekten) und X 55 {!iv /i^), ein Absichtssatz im 
Konj. / 429 - (.i92, ein potentialer Opt* mit xi /* 288 {^v nmg), 
ein Warnungssatz mit /*^ und Konj. r 83, wenn man mit Ari- 
starch ^p nmg liest, wahrend die Handschr. ^(jf na^g bieten, vgl* 
den Anhang zur Od. IV* '7. 

Die iterativen Fallsetzungen stehen nach Präs. im Haupt- 
satze * 120 und X 159 (Sjv ftq), 

b) Die konzessiven Sätze. 

Die beiden konzessiven Fallsetzungen sind futurischer ein- 
geleitet mit ovd* ijv nach einer Willenserklärung im Fut, J 90, 
mit jj*- n€Q Kai nach Imperativ n 276* 

c) Die fragenden Fallsetzungssätze 
säind nur mit dem einen Beispiel 31 f. vertreten: növ &* airtg 

ri Hat fvvtj^}, 

*) Hinnchs schrieb t^y ntf* yttQ t' nach dem hSni^n ff jji^ yd^ t*, 
?. Leeüwen-Mt?ndefi da Costa ft 7it{t yti^ x\ 

*} V. 18—31 sind h^chit wahrscheinlich interpoliert: vgl. den Anhang zur 
II. V l^fi. SchUeiit rnftti V. 32 an 17, 00 steht der Final&atz an richtiger Stona 




376 C. Hentze 

d) Die motivierenden Fallsetznngssätze. 

Futurische Fallsetzangen, die den bei einer in Absicht 
genommenen oder geforderten Handlung erhofften Erfolg ent- 
halten, motivieren eine vorhergehende Aufforderung: H 38 f. 
lExTogog ogawfABV xgaTfgov fisvog — , ^v xivu nov davamv ngoxa- 

XiaaiTuif P 245 xuXn, ijv Tic uxovatj, 11 39 {^v nov), eine Willens- 
erklärung X 419 {^v n(og\ eine futurische Fallsetzung mit €t 6i 
xt und der 1. Person Konj. b 417 (^r nov). 

Von diesem regelmäBigen Gebrauch entfernt sich das Bei- 
spiel Y 172 f. yXavxiotov 6* idvg q>dgfTat fiipfi, ^v rivu niipvji 
uvigwv 7} uvTog q>&i€Ta$ ngcSiif iv ofilXfi) dadurch, daß die Fall- 
Setzung (innerhalb eines Gleichnisses) aus den Gedanken nicht 
des Sprechenden, sondern einer dritten Person (eines Löwen) 
gesetzt und dem gehofften Erfolg auch das Gegenteil mit tj 
gegenübergestellt ist. 

Von den Beispielen der Telemachie haben u 94. 282. ß 216. 
360 das Gemeinsame, daß die Fallsetzung (Ijv nov axovafi [-o], 

ijv rlg TOf [fioi] ei'nfjai) sich an das Partizip ntvai^ivog (-ov) 
mit Objekt schließt und dieses zugleich als Objekt fftr das Ver- 
bum der Fallsetzung zu denken ist. Ähnlich bildet in y 83 das 
Objekt des Hauptsatzes xXiog (jA^jigxofiai) zugleich das Objekt 
für das Verbum der Fallsetzung Pjv nov axavaco. Bei dieser 
engen Verbindung der Fallsetzung mit dem Hauptsatze entsteht 
bei vorhergehendem nevai/nfvog der Schein einer abhängigen 
Frage, aber der Inhalt der Fallsetzung l&ßt diese Auffassung 
nicht zu. 

Ganz besonderer Art ist das Beispiel S 77 ff. vtf/i 6' in 
tvvawv ogitiioaofifv, tig xtv skd^ri vvX aßgojfj, ijv xai rj) ajio- 
a^oiVTai noXdjuoio Tgmfg' enena 64 xtv igvaaifjiBxfa vijag inaaag. 
Denn hier enthält der Fsdlsetzungssatz natürlich nicht den von 
dem ogfÄiC,Biv erhofften Erfolg, daher er auch nicht an og/Äiaaofov 
angeschlossen ist, sondern im Anschluß au den futurischen 
Temporalsatz mit fig S xe eine von dem Eintritt der Nacht 
erwartete Wirkung auf die Troer, die den Achaeem die Fort- 
setzung und Vollendung der in Absicht genommenen Handlung 
gestatten würde. Der nach den einzelnen Momenten gleichsam 



nnd wird die davon abhäng^ige Frage „ob Umarmang und Beilager dir etwas 
helfen, d. i. dich vor Schlägen schützen werden** verständlich. — v. Leeuwen- 
Mendes da Costa haben ans Vermutung geschrieben: tf 101 ''xQuWfny statt f** 
7 04 xQ^io^fl' 



Der homensche Gebrauch der Partikeln it, §t xi und /> usw« 377 

parataktisch entwickelte Gedanke würde hypotaktiBch zusammen- 
gefaßt lauten: „laßt uns die Schiffe hoch auf den ABkersteineo 
festlegen, um bei Eintritt der Nacht, falls dann, wie zu erwarten, 
die Troer den Kampf aufgeben werden, alle Schiffe in das Meer 
zu ziehen"^). 



Von ^y mit Konj, ergeben sich überhaupt 34 Beispiele (H, 19, 
Od. 15), An dem Gebrauch ist die Utas mit den zwölf Gesängen 
AJBBlMOnFTYX beteiligt^ die Odyssee mit den zekn Gesängen 
ußfil/unüttp. — Präpositive Stellung haben die Sätze mit ^i' in 
10 Beispielen (IL 6, Od, 4), postpositive in 24 (IL 13, Od, 11). 
Dies bedeutende Übergewicht der postposiliven Stellung beruht 
auf der großen Zahl der motivierenden Fallsetzungen (12 Bei- 
spiele)* Der konditionale und konzessive Gebrauch, der im 
ganzen 21 Beispiele umfaßt, verteilt sich auf beide Epen so, 
daß auf die Dias 12, auf die Odyssee 9 entfallen, präpositiv 
ateheu 10 (II, 6, Od. 4), postpositiv 11 (D. ü, Od. 5), Von diesen 
21 Beispielen enthalten 18 ftitnrische, 3 iterative Fallsetzungen. — 
ifv ist mit ntog verbunden A^ 419, ^ 288. t 83, mit not^ H 39, 
ff 39, f 417. a 94, ß 360, y 83, mit fi^ X 55. X 159. 

Vergleichen wii* den Gebrauch von ^v mit Konj. mit dem 
von li' xf mit Konj., so stimmen beide überein in der geringen 
Verwendung in abhängigen Fragen, wovon jjv nur ein Beispiel 
in 0, fi xf nur 4 in Ollßy (alle nach t/c i^' ottf§} aufweist, 
ebenso in dem Überwiegen der futurischen Fallsetzungen über 
die iterativen, da ^i ar* unter 93 Beispielen nur 3, jfi' unter 34 
nur 3 iterative bietet. Dagegen ist dem Gebrauch von tji^ die 
große Zahl der motivierenden Fallsetzungen eigentümlich (12, 
B, 6 und Od, 6), die etwa ein Drittel des gesamten Gebrauchs 
(34 Beispiele) ausmachen, während ii «f bei einem Gesamt- 
gebrauch von 93 Beispielen nur zwei motivierende Fallsetzungen 
in Ö und x bietet. 

Es wird aber diesem Gebrauch von jj»- mit Konj. in moti- 
vierenden Fallsetzungen kein hohes Alter zuzuweisen sein. Die 
alte Ausdrucksform, in der man an Aufforderungen und Willens- 
erklärungen die hoffende Erwartung eines Erfolgs anschloß, war 



i) v&n Leeüwen-Mendes da Coet». die ^V als nicht homeriBcb AberaU aua 
dtm TctUs auszumerzen suchen durch Einsetzung ?on ai xir oder li. haben 
auch hier «f ^itf geflehrieben statt t^y xai, Leaf «/ aty^ waa zwei Hsuidschr, 
bieten. 




378 ^' Zimmermann 

ai xe mit Eoig., und diese findet sich fiberall in den ältesten 
Teilen des Epos. Die Beispiele der motivierenden Fallsetzungs- 
sätze mit ijv und Eonj. gehören in der Ilias den Gesängen 
HSnPYX, in der Odyssee den Gesängen aßy€ an. Die alten 
Gesänge, A, der zwei Beispiele konditionalen Gebrauchs (V. 90. 
166) bietet, und A, der überhaupt ohne Beispiel ist, kennen den 
motivierenden Gebrauch nicht. In 71 39 ist ijv nov verglichen 
mit ai' xev A 797 höchst auffallend, und es ist wohl begrfindet, 
wenn v. Leeuwen-M. und Leaf auch in 77 aX xev nach einigen 
Handschr. geschrieben haben. Daß die Schlußpartie von X, in 
der sich ein Beispiel von ijv V. 419 findet, alt sei, wird mit 
Grund bezweifelt, vgl. den Anhang zur D. VIII 16 f. So ist der 
motivierende Gebrauch auf die jfingern Gesänge der Dias HSPY, 
auf die Telemachie und e (417) beschränkt. 

Göttingen. C. Hentze. 



Vertauschung der Suffixe on und ont im 
Griechischen und im Latein. 

Arjd(6v -ot'og bezw. d^oiv (cf. Mosch. 3, 9) hat wahrscheinlich 
ursprünglich nur die Bedeutung „Sänger(in)'' gehabt — denn 
nicht nur die Nachtigall, sondern auch die Heuschrecken, das 
Webschiff, die Sirenen werden so genannt — und ist somit 
seiner Bedeutung nach von aeiSw» (adoov) nicht verschieden; 
ebenso lassen sich einander gegenüberstellen dydp un aymv {alav 
'Ovog „axis** und u^cjv-ovTog?)^ ataydv -ovoq UUd araymv Part 
Aor. II von rrra^a) (cf. exgayov), g>ay(ov -ovog und (paydv Part. 

Aor. von ia&iüj, €ix(ov -ovog uud ein aus «ix« (II. XVIII 520) zu 
erschließendes Part. Präs. elxoov, Sgaxaiva und Part Aor. Sgawov, 

axoi'-jy und axiov -oirog, nsoov^ti und nsQmv^ ayyov-fi und ay^^v. 

Und so dürftem sich bei eifrigem Suchen derartige Parallelen 
noch in größerer Anzahl herausstellen. Da wäre es denn nicht 
wunderbar, wenn uns im Griechischen Fälle begegneten, wo 
diese beiden Suffixe für einander einträten. So steht offenbar 
SufSßx ont für on in den Gas. obl. von Xccov (cf. "kiaiva) und von 
^poxwy (cf. ^paxaiy«). Ähnlich scheint mir die Sache bei yi^tav 
-ovro; zu liegen. Sagt doch zu „yfpcJycfpvov" Leo Meyer Hdb. 
d. gr. Et. III 42: „in y^gav ist vielleicht eine alte Nebenform 
zu y^govT' (alt) erhalten, die sich ihrer Bildung noch mit xitlay 
vergleichen lassen würde**. Wie kam es dann aber, daß die 



VerUuachyiig der SuMie on oiid <mt 



379 



Neutralform yi^ov (cf. Od- XXII 184 acMog evqv ^igov) zu yi^av 
wurde? Das konnte doch mir gescheheu, wenn es zu diesem 
Worte ein Femininum *f4gatva gab (ßilav taXav : ßHmva ta- 
Xaivm = yeaav : '^f&Qutva). DuFCh die Form "^ys^atva wäre aber 
auch für yigwy yiaai* on als Su£fix erwiesen (cf. yiixtov ^tinaivu). 
Wer weiß, ob Pape nicht im Recht war, wenn er in seinem 
Wörterbuch der gr, Eigennamen rdarjp mit „Ehring" übersetzte 
(yipt^p : f£fm¥ - *pi)^v : €vtpgMv}l Dann Wäre FfQtfytog^y innuTa 
eben der alte Haudegen zu Ro(J (cf, JBtQi^ptQg) und r^Qfiviu 
soviel wie „AJtenburg^. 

Den umgekehiteu Fall, nämlich daB Suffix on für ont sich 
einstellte, finde ich eingetreten in dem mv des Nom. sing, grie- 
chischer Partizipien ; denn daß dies mv aus dem Suffix ont 
hervorgegangen sein könne, hat bis jetzt noch niemand über- 
zeugend nachgewiesen. Steht doch auch nfhov fiir od mg bei 
Herodot VI 107, 

Im Latein war das Verhältnis zwischen beiden Suffixen ein 
ähnliches; jedoch gestaltet sich hier die Beweisführung etwas 
schwieriger, du im lat. Part. Praes. das Suffix ont dem kon- 
kurrierenden PMt fast ganz den Platz geräumt hat. Immerhin 
können folgende Beispiele für Suffix oid beim Part, Präs, auf- 
geführt werden: soni? iuson.^ neben prae-sem ab-sens^ euniis etc. 
neben ieus^ volunt-us (vgl der Bedeutung nach i^lovr-r^v) neben 
voleus, secus (heres) aus *sequons secitna neben stqtwinif flexnntes 
neben fpkftivjt^g (nach Bechateiu Ctirt. St Vm 349), Vielleicht 
auch hierherzustellen Inam^ neben Intens ^ die sich ihrer Be- 
deutung nach zueinander verhalten würden wie Kringel zu 
krank. Parallelen mit dem o?i-Suffix kann ich hierzu nur zwei 
autthhren: volo-nk vgl. "EiPdkrstv Thera N, 569 und *Imco, zu er- 
schließen aus lucuncuhis (cf. avunctibt^). Um so häufiger treten 
aber diese Parallelen beim ewNSuffix uns entgegen, und was bei 
etit jetzt sich häufig zeigt, muß doch bei ont ursprünglich eben- 
falls sich häufig gezeigt haben. Man vergleiche nun darauf liiu 
die Suhstantiva: appetOf nmndit^ hamoiraho^ impono^ eombibo, 
cometlo, Uho^ edOf eomedo, assedo, scribOf avmrmwtw (cf. Ansones 
Aarunci), esnrio mit appetefis, mandenSf trahem, imponens, mm- 



») Die Eeihe ^Qta^' (auch als Eigenname g^ebräuf hlich cf. Bochtel-Pick S. 86), 
rigqy, rtQ4>'to^ (-'") lÄlt nieineH Erachteria auch Schlüsse auf die lateinische 
Onomatologie zü^ und beispie Isweiso durfte die Annahme eines nähern Ver- 
hiUtnisaes zwischen Naaofnnhw) und Nasenniits (urBp rundlich Na»enitmlf). die 
T. Planta vertritt, W. Schnlzc aber E 276 verwirft, dadurch eine Stütze erhalten. 



380 A. Zimmennann Vertaaschnng der Suffixe on und ont 

bibens, comedens, bibens, (ejdens, considens, assidens, scribens, 
averrens, esuriens. Diese Zahl würde sich erheblich vergrößern, 
wenn man die Participia auf ans (z. B. epülo neben epulans) 
noch heranzöge. Somit ist ein näheres Verhältnis der Wörter 
mit Suffix on zu denen mit Suffix ont ffirs Latein damit auch 
erwiesen. Hier vollzog sich der Umtausch beider Suffixe aber 
mehr zugunsten von on — wenigstens bei den Appellativis — ; 
wurde doch das Suffix ont von ent immer mehr verdrängt. Das 
sieht man besonders bei Fremdwörtern: leo draco flektierten im 
Genitiv leonis draconis trotz Xiovrog SQaxovtog. Anders kam es 
bei den Eigennamen. Deren Bildung ist ein Ergebnis der 
Vulgärsprache, die Schriftsprache nimmt sie meist unbesehen 
auf. Nun muBte der umstand, daß die Wörter auf o in der 
Vulgärsprache bald auf önis bald auf ötis weiterflektierten 
(Nerötis neben Neronis etc.), gar bald zur Bildung eines Eom- 
promißsuffixes ontis ftr den Genitiv die Veranlassung geben; es 
standen also wieder ontis und onis nebeneinander. Zu Tarco(n) 
lautete der Genitiv Tarconis und Tarcontis, zu Auxanon Atuca- 
nöntis und Äuxanonis etc. Im Griechischen gab es Kosenamen 
mit dem Suffix cov -oovog und von Bechtel so genannte Anschluß- 
namen auf (ov -oyrog; waren diese von demselben Nomenstamm 
gebildet, so hatte scheinbar dasselbe Wort im Genitiv sowohl 
coyog wie ovxog. Neben häufigeren ^Aqx^v ^'Aqx^^^q finden wir 
z.B. CIA. 2 N. 467 (IIiso) QioipiXog ''AQxovtoq. Weiterbildungen 
von solchen Wörtern lauteten dann im Latein bald auf onivLs 
bald auf ontius aus cf. ArchontitAS Tarconius Tarcontius, Leonius 
Leontius, Auch das Latein bildete Eigennamen mit dem Suffix 
onty so neben Volo Volonius nach volont- Voluntilius (fireilich 
auch Völentilius\ Secuntilla aus secus (Gen. secuntis). Letzterem 
Namen konnte man ein Secco(nitis) an die Seite stellen und so 
bildete man denn weiter neben Eigennamen auf o, oniu^ solche 
auf ontius : Barbunteius neben Barbonius Barbo, Caepontius 
neben Caepo, Acontius neben Aconitcs Aco, Tiruntitis cf. Manüitis 
Tiruntius VIII 9679 neben Tiro Tironius, Insontius neben Hiso- 
nitis (cf. riatovidag Bechtel-Fick S. 130), Sperontius neben Spero 
SperoninSy Begontitis neben Regonitis, Taruntenus neben Taronius^ 
Far-l-ontitis neben Farronius, Opontius neben OpponiuSj Oppo(u)' 
neius, Op(p)o, Vargunteius neben Bargonitis. 

München. Aug. Zimmermann. 



^^ 381 

Irisli Etyma. 

acrann F. „veatis"» oecurs in the Book of Leinster, 248» 44» 
cSiea acrann corcra „fifty purple corerlets'*, where it is gen. pL, 
and acrann „shoe*^ oecurs in Ml* 56^ 1, where it explains 
„ealceamentnm'^, and is preceded by ind the nom. sg. of the fem. 
article.*) Comparison with the Cymr. archen „vestis", „calceamen- 
tuin'' and the Bret. arc*henna „chansser" points t^ metathesis of 
r in ücrannj and to change of posttonic (? to a. An nrkelt. 
*arkenna would be cognate with Lat. arca, arcanns^ and arcera 
„a covered carriage for sick or aged persons"*). 

ad-gUdur „alloquor**. 
adglädur (gl. appello) Sg. 146^ 9 is compared by Wiederaann, 
KZ. XXXIII 164, with Gr. ylwaau^ which he proposes to bring 
from "^glödhiä. But surely Prellwitz' etymology (from "^flto/ia; 
et yAm/jg» r^^zk) is preferable. I follow Strachan in conDCCting 
ad-gkidur with Pindar's x4-x^aeitt: et also Skr, krädate ^tönt". 

äi „swan**. 

Hitherto this word has been found only in modern glossaries : 

ai no aoi ,i, eala, O'Cl, ai, a stmn, Egerton 158, no, 065. It 

may represent either äi or 6i in Old-Irish. If the former, cf. 

Gr, aiBiog (from *d/ttii^?), Lat, avis, If the latter, cf. Gr. oitavig, 

airghe ^a drove of cattle^* 
This Word with its varions other meanings (Meyer, Contribb*) 
may come from ^ar-agiüf cognate with ago, äyta, TiaQ-afoy, ajati etc. 

harc „abundance*^* 
bare Salt- na Rann 2819, 3H65, is glossed by iomad „abundance", 
O'Cl. It seems cognate with Lat. farcio^ frequens and far(c)tim. 

bloBC „noise", „sound'^. 
This word, gen. bhisCf may come from Hhlmgo-s, and be 
cognate not only with Lith* bläsguj bläsgäti^ hläzgyti, bnt with 
Gr, (pknrttßnQ, where, aecording to Prell witz, the „i kann vor o 
eingeschoben sein wie in T^t^tK^v neben älterem T^oJ;iy^. 

1) D«t, pl aterannmb, Wb. 6» 5: compd. iaU-acrandj ReT. Cell 11 396. 
>) 81 morbus aeaita&ae uitituö eecit iumentam dato, d nolet, arceram no 
itemlto, Xn Tab. 1. B. 




382 Whitlcy Stokes 

It may, however, come from *bhlodli8ko'S, and be cognate 
with Mhd. hlodern „rauschen", root bhlodh, a Weiterbildung of 
*bhlo „strotzen, hervorbrechen**, Prellwitz s. v. g^Uoo. 

boccad 1. „boasting", 2. boccad „shaking". 
Of these homonyms the former is the verbal neun of boccaim 
„I boast", from *bhoghm, cognate with Ags. bogan, Eev. CelL 
XXVn 86. The latter is the verbal neun of boccaim „I shake", 
from *bogn6. Idg. root gvog, gvag, whence Ags. ctvacian, Eng. 
quake. 

branar „fallow-field". 

branar, gen. branair Egerton 158, no. 336, may come from 
*mranaro- cognate with Ch. Slav. ea-mannü „eitel", „nichtig", 
Lith. marpias. The Cymric synonym braetiar, Bret. breinar, Eev. Celt. 
XXIV 409, may come from *bhragn'^r, where bhragn is cognate 
with Germ. Brachfeld, and ar (Cymric är) with Lat. arvum etc. 

cetlud „coitus". 
K. Meyer (Contribb. 361) doubtfuUy brings this word from 
*cet'toludj which would mean „sleeping together", and involves 
the ejection of a syllable. Better regard it as a Compound of 
luth, verbal neun of *luim „I go", Idg. root plou, plu, Urkelt 
Sprachschatz 253, with the prepositional prefix cet-, from Äjte, 
Gaul, canta^ Cjnmr. cant, Com. cans, Bret. gant, Gr. xara. The 
Latin coitus is thus a close parallel. 

cetne „same". 
This adjective (which has nothing to do with the prefix 
cetne „flrat") has lately been connected by Loth (Archiv f. celt 
Philologie HI 265) with the Comish keth „same", which comes 
regularly from "^kent-, as kethel „knife" from a Low Lat. cunteüus, 
and otv thas „my father" from *mon tat The Greek xara from 
*xvTa, in the Homeric xara konop ngofiioio, Od. XIX 23, is in 
form and meaning identical with keth. 

cimas „border", „ftinge". 
This word is fem., as we see from the dat. sg. cimais 
LU. 79» 44, and the acc. sg. cimais Ml. 137* 3, LB. 121«» 54. 
Ascoli (Sprachwiss. Briefe 45 note) compared the Ital. cimossa 
„Saum des Zeuges oder des Kleides''. The Ags. hem (gl. limbns), 
Wright-Wülcker 125, 13, (now Eng. hefn) seems a Teutonic 
cognate. In the Yellow Book of Lecan 260* 30, cimmas is speit 
with double m, and the Ags. hem should probably be hemm. 



IHsh Eti>ma. ^^^^B 333 

ciidan „murmur*^, 
TMs Word, with its derivative ciulänackf occurs in the Cath 
Catharda, a lenj^thy Middle Irish story fonnded on Lucan's Phar- 
salia, Books I— VII. Cuilan seetns derived from ceol „music" 
ex "^kmiplo- which has been connected wiüi Gotb, hiufan „weh- 
klagen", KZ. XL 246. 

clütad, clütufftid „act of C€vering"< 
In bis glossary to vols, I— V of the Ancient Laws of Ireland, 
Prof. Atkioson explains the corrupt chtdugad as „the act of nmr- 
ming^, But cUdad^ chUugud always mean „the act of cövermg^\ 
and are derived froni cUd (now clü^, a loan from Ags. cUd, 
Eng. cIohL 

c^mp „bntton". 
LL, 98 *" 60. Another loan-word, this time dither from IceL 
knappt „knob** or Ags, cnvepp „knop, top**, 

cülum ^skin", ^hide*^. 
cülum na chmissi „the skin of the ear", Ir. Texte m 304, 
pl. dat. coUmnaib Lü. 79 '^ 3, pl. noni. colamna fearbh .i. cuil- 
nieati[n]a fearbh .1. croicne bö „skins of cows", O'CL Colum 
„8kin'*, cuhidh „apparel**, cuilmenn „skin-book", ^are cognate 
mth Ags, htdu „huU, husk", Germ. HüUe. 

commairge „seeurity". 
commairge „Bürgschaft, Bürgen", Windisch» Tfiin bö Cüalnge 
p, 944, is from *com-bargm, cognate with Goth. hairgan^ Germ. 
bergen. In the Mid. Ir. commairce^ comairm the g is provected 
by r. 

condmla »,Gravierkunst**. 
eondiiala.L cäoinndualaigheacht no rionnaidheacht caoin, O'Cl.^ 
Windisch Ir. Texte m 268, is a Compound of the prep* prefix 
iSüH'^ and ^duala cognate with Ags. iol, Eng. tool^ Goth. iuujan 
„to make**, 

cuäck „cup"*, 

As this Word is disyllabic — la cöach ndniünnech ndergöir^ 
Salt, 638B, maroen fri chüach coemgrinn 6390 — it cannot be, as 
IB usually supposed, a loan from St Jerome's caucus „a driuking 
vessel*'. Some letter, s, j, v or j), must have fallen ont between 
the vowels ü and a. *küsako-, *knjäko-, *kuvako- would be without 



384 WhiÜey Stokes 

non-Celtic cognates. Bat a preceltic kapäko- woold not only 
yield in Irish a disyllabic cuach, bat woold be related to Lat. 
cüpa^ Gr. xvnekkop, Skr. küpa-s, Ags. hyf, now hive. 

dadumh ^atom^. 

This masc. word seems to occar only in modern glossaries. 
The Middle-Irish form is adam, pl. nom. cuUiiin, Battle of Moira 
108. The initial d is a, relic of the article, jnst as the modern 
dcUa, dara ^second^ are from the Old-Irish ind-^Ua^ ind-ara. 
With change of gender, adam is borrowed from the fem. Lat 
atomtis^ Gr. iroftog. 

deUrad „brightness^. 

For the sufflx -rad, -red see GC." 856. The dell is cognate 
with Ags. d&iU ^glänzend^, which Holthansen (Idg. Forsch. XX 
317) connects with Old-Icelandic Heim-daUr, DöUingr, Gr. &aXXto, 
Arm. dalar „grün, frisch", and Ir. deil „Reis, Zweig". 

deogaire „soothsayer". 

deogaire .i. drai „soothsayer", Stowe glossaries 56, shonld 
apparenüy be speit de-fogaire, a Compound of de^ dva „god" and 
a derivative of the root vog „tönen", ürkelt Sprachsch. 285, 
whence also Ir. fogur^ fogrigim^ füaim (♦vogmen), Lat. vagioj 
Skr. vagnü „Ton, Hof". A similar Greek Compound is dcongonog 
„Wahrsager". 

dese „crowds", „troops". 

dese .i. buidhne, O'Cl. occurs in Cath Catharda, and seems 
cognate with Lat. densus from *dent80'8 (Walde). The nom. sg. deis 
(ex *dentsi'?) is found in O'Davoren's glossary 613 (Archiv f. cdt 
Lexicographie n 295) Deis .i. ceile no cuirin no slögh. 

dumacha „mists". 

This word occurs twice in the Cath Catharda, and Dinneen 
(Irish-English Dictionary 1904) gives the acyectives dumhach 
„misty, dark"*, dumhsach „dark, dismal, gloomy". Notwithstanding 
the shortness of the u, I think we may compare Skr. dhüma-Sj 
Lat. fümus, Gr. dvfitam. 

echtach „a night-owl"? 

This rare word occurs in the Cath Catharda in a passage 
corresponding with Lucan's strix nocturna, Phars. VI 689. Can 
it be connected with Skr. dkta „night", from ^a? If so, the e 
is long. 



Irilb Et^iDft. 



385 



ecm „act of eaüng". 
ima A. caitheamh, 0*CL, who cites: hkoi an giolla ag öcna 
a choda „the boy was eating his portion". The etymology ia 
clear enoughi ec^ia frora *en-cfia a Compound of en = Qr, iv, Lat 
in, and cna cognate with Gr. xvu££x>, levucä. Examples of the 
Msh Tfirt cnaim are in Strachan's Verbal System of the 
Saltair na Rann p. 59. Add molc fo-chnä „fire that devours", 
O'Miilc, GL 758. 

ecne „salmon**, 

Sime Acallamh na Senörach, 2332, 2475, 3513, 3761, eiciii, 
T&in bö Cüainge ed. Windisch, L 1833, is now eigne, pL eigneacha. 
The Äi- may come regularly from an oiyton (p)eign6^ -nä^ -ni, 
and he cognate witli Skr. pb'iga-, ph)galä, Lat. ^n-n-go. For 
naraing a fish from its colour et lt. orc „salmon^j cognate with 
Gr, ndpHfi, 0. H. Germ, forhana, Forellej and Ir. brecc j^tront" 
identical with brecc „bunt", „gefleckt", 

feseor 1. „Separation*^, 2. fescor „evening*^. 
fescor ;i. dealugndh, Stowe Gloss. 373, feascor .1 dealodug 
(leg. dealognd), Lecan Gloss. 403, This word can hardly be an 
se parat ed from Ir. fescor „evening", which may originally have 
meant the time separating day and night. Cormac and others 
regard feseor „evening** as a loan from Lat. vesper^ and Vendiyes 
includes It (with a?) in Ms coUection of Irish words borrowed 
from Latin. Bot fesmr, from *ve-skoro, like the Cymric synonym 
ucher, from ^ve-shm-o-, ^vekserö- (Zimmer KZ, XXXIII 276), is a 
genuine word, and has nothing in common with vesper save the 
prefix ve „herab**, „weg von***)- For other derivatives of Üie 
root sker-y skor- see ürkelt. Sprachsch. p. 309, 310, 

fine „sin**, 
fine feccad, leg, peccad, Stowe Gloss. 361, acc. pl. ar fine i, 
ar pectha, Sanctain's hymn, Thes. paL Mb. II 351, whence fine 
WDuld seem to be a neuter stem in -io. Cognation with Lat. 
vieo, vi'tium, Ägs. widl seems probable. 

fonn „pleasure", „desiroas**. 
This word (Thes, pal, hib, II 295) is obviously cognate witb 
Germ. Wonnef Ags. wyrn^ Idg, root ven. The modern English 

>) See Bmgmann Idg. F. XUI 168, who coimeets vt- vrith the paroiyton 
Skr ära, Ir. 6^ Ün, 1 Boppose that ve- m^f descend from &n oxyto» lag. ai^e, 
as Cjmr. o, Lat po-, frum an lag. oijfcen apö (Gr. tin6y 



386 WhiÜej SiokM 

/im is not older than the 18th Century, when it was stigmatised 
by Johnson (1755), as „a low cant word^. Face Skeat and the 
Oxford Dictionary, it seems, like other ynlgar English words 
{shanty, shebeen, shillelagh^ galore, lace „to beat^, etc.) a loan 
from Üie Irish vemacolar. 

gres „gnesf*. 

PL greasa .i. äoidhedha no Incht önnaire ^gnests or people 
of one hour", O'Cl. Ores, from ^gred-to-, like Cymr. gresaw „a 
welcome", seems to come from a root *ghredj as Ags. gretan, Eng. 
greety Germ. Oruß^ from a root *ghr6d. *Ohred and *ghrod may be 
extensions of the Idg. Yghar, whence Gr. /a/^a>. Skr. härifoii etc. 

guas ^ danger". 

In like manner I would bring Ir. guas „danger", Thes. pal. 
hib. n 294, from *ghaud'tO'^ and thos connect it with Ags. getan 
„verletzen", „töten", and lath. itidyti „nms Leben bringen". 

1. iarfaiged „enquiry", 2. iarfaiged „protection". 

The root of the former of these homonyms is vag, whence 
Gr. /inog, Skr. vacas, Nhd. er-wähnen. The root of the latter is 
vag „to Cover", whence also Lat. vaglna and Lith. vSiiti, voHi 
„etwas hohles Ober etwas decken, fiberstülpen". As the latter 
homonym is comparatively rare, I give the instances that I have 
met with: 

Dond altram 7 dond iarfaigid dobertaisia formsa „Nach der 
Erziehung und nach der Ffirsorge, die du mir hast zu teil 
werden lassen", Windisch, T&in bö Güalnge 1917. 

b&i ic iarfaigidh a altram[a] „he continued safeguarding his 
(spiritual) nutriment", Geinemain ocns Bethu Moling § 72. (Bev. 
celtique XXVII 302.) 

Teid in t-iarfaighe (leg. iarfaighedh) fo cominnrice frisa foasc 
„the care (of the cattle) comes under the same estimation as the 
impounding", Laws IV 106, 1. 9. 

is a suidlu ailid cach econd a iarfaige [leg. iarfaigedh], 
„hence every senseless person demands protection", Laws V 490, 
1. 6—7. 

iarfaidhe [leg. iarfaighedh] .i. coimh^d. dlighidh othar iarfaidhe 
.i. dlighidh ant^ bhios i n-othras a choim^d „he who is in sickness 
is entitled to his protection", O'Clery's Foclöir. 



Irißh Etyma. 38t 

It is still doubtful whelher Ir* fairen „scabbard^, Cyrnr, 
ffivain^ are gennioe derivatives of the root vagt or borrowed from 

the Lat. väglna. 

istudf istiid „place**, „stead"*, 

Thi3 seems borrowed from IceL stadr rather than from Ags, 
siede, now stead. The prothetic i suggests that the immediate 
souroe was a Cymric i-stad, ystadd, which, however, I have not 
foirnd. Ä prothetic vowel occnrs also in Ir. e-scup, e-scop^ Corm. 
and Laws III 426, 26, which is borrowed (throegh Cymric?) 
from Lat. seyphm, just as e-sۆ)ul O'Mula GL 4^7, gen. e-shieuUf 
Wb. 32^ 4» is from scyphultis. 

Istad is sometimes confnsed with etsad Ml. 51* 8, andsiid^ 
Trip. Life 6^, 1. 4, which means „treasure", and seems a componnd 
of the prep. prefix aUb- and some word to me unlmown, 

maige „great". 

TMs adjecdve occnrs in the Cath Catharda as the Standing 
epithet of ^Poimp", i. e. Pompeius Magnus. It seems the Iiish 
reflex of the Gaulish magioSf in Magio-rix^ Äre-magios^ Dmw* 
nmgios etc., Holder Alt-celt Sprachsch. II 377. It is cognate 
with the Lat. Maius in dmts Malus = Juppiter, from *MagiO'S; 
see Walde Lat Etym. Wtb. S. 361 and Schulze Eigennamen, 
S, 4!19. 

A cognate adj. maighne J. mör „great" occurs in O'Clery's 
Foclöir. This seems to come from an nrkelt. *maginiö*8, cf. the 
Gaulish Maginaco^ Maginnus, Holder op. cit. 11 377, 

olor, olar „oil". 

olar Rev. Celt. XXI 154, gen. oMr LB. 215 •, and the adj. 
ölarda „oUy", are obviously connected with Lat. oleum, ollva, 
Gr. ilaiu; but whether they are to be regarded as loans (Uke 
0, Ir, olae Ml. 121» 4 and Cyrnr. oleu)^ or as cognates, I am 
ünable to say. Ohr n-Olar ^Oil of Oils**, a comic name in Äisl. 
raeic Conglinne 79, 19, shews that olor is nenter. 

ölart „hone'*. 
ölart „a hone**» Egerton 158» fo. 88 \ This is obviously a 
Compound of art „stone", as to which see Cormac's Glossary and 
Meyer, Contribb, The ol may b© cognate with Gr, dkim, äXtv^of, 
ulirai Xidoi, and Arm, aiam. 

25* 



388 Wbitley StokM 

mfais „diving". 

This carions word, whence onfaisech „a diver^, seems a 
Compound of *ow „water", preceltic *pono; *pona, Idg. root po 
„trinken, strotzen ** *), and *hai8 ex *basti, *bad'ti, cognate with 
Gr. aXi-ßdvm and perhaps Lat. imbuo from *en'bduo. 

onfais occors in Gath Finnträga, ed. E. Meyer, 1. 347, and 
a sister-form, onfaise^ in the Gath Gatharda. 

ror verbal preflx. 
Of this preflx (= Gr. ngonQo, Skr. pr&pra) about twenty 
examples are given in the Zeitschrift f. celt. Philologie HE 471, 
472. To these may be added doruirmneadar .i. do sailedar, 
Stowe Gloss. 43, (Archiv f. celt Lexicogi^aphie IQ 269) where 
doruirmneadar is a cormption of doruirmenatar ^ i. e. *to^or- 
menatar „they have thonght", root fnen „denken". 

scripad „act of scraping". 
scripad (T&in bö Cnalnge, p. 144: Lism. Lives, 1. 365) is 
the verbal neun of smpaim, now scrtobaim „I scrape**, „I Scratch". 
Idke sladha and slipad infra, it is an example of the assimilation 
of pretonic n, Idg. Forsch, n 167: KZ. XL 244. Scripaim is 
from an oxyton *skribhn6 cognate with Lat. scribo^ and the b 
in the modern scriobaim, like the c in the modern slactha^ is in 
exact accordance with the mle illustrated by Zapitza in EZ. 
XXXVI 244. 

sladha „stricken". 
Egerton 158, no. 534, part. pass. of slacaim from *8lacn6^ 
root slak, cognate with Goth. slahan^ Germ, schlagen. Irish 
cognates are slacc „sword" Duil Laithne, and the modern 
slacaire „a batterer", slacaireacht „a battery", slacairt „a beating*". 
There are sister-roots slog, whence sloighthe Exodns 25, 18, and 
sieg, whence the Cymr. lleas (ex *slegastü) „letum", „caedes", 
EZ. XXXV 596. 

slipad „act of polishing**, 

verbal nonn of slipaim, now sliobaim^ „I grind", „I polish**, 
whence sliptha (leg. sliptha) Täin bö Cüalnge 5597, and the 
modern sliobtha .i. rinngh6r „sharp-pointed", O'Cl. Slipaim comes 

») So Ir. m «water**, Corm. from *pinO', root pi. 



Irifib Etyma. ^^^^ 389 

from ^slibnOf Idg. root sleib 1, tröpfeln j 2. bestmchen, Urk. 
Sprachsch. 319. whence Gr. (<r)Af//Sa>*), Lat. libo, OHG, sUfmi 
y^gleiteii**, Brugmann Gr. Gr.^ S. 110. 

sritkide fola „rills of blood**, 
This phrase occars in LB, 129** 44, and also in Cath 
Catharda. I have not met with the nom. sg, But sritUäe is 
obviously cognate with Com. stret (gl latex), with OHG. streduHj 
Mhd* Strudel, and possibly with Lat. fretiim from "^sretöm. Bnt 
see in Walde two other eiplanations of fretum* 

tochi «stench". 
Glossary in Egerton 158, no. 615. tochd^ foch „an unpleasant 
smell", Macbain, „foetidus odor", Highland Soc. Dicty, wheie it is 
quoted from D. Mac Intyre's Gaelic Songs, It may come from 
HoiigiO' and thua be cognate with Gr. raffog, Ags. stenc (Eng. 
stench), Germ, ge-stank. For the compensatory lengthening of o 
see BesEz. Beitr. XX 34. 

mlib „restless", „flckle"* 
ind ualih (gl. inquiete) Wb. 26 ** 22. Hence uäilbe ^flcklenefls" 
gen. sg., Wb. 14' 21, 30^ 2P), htiaiWetaid dat- sg. (nom. *imilhetu) 
Ml. 63^ 8. In the üa of mlib 1 see the prep. üa (Skr. ava) 
here used, like the extended üad^ as a negative prefix: cf. hua- 
deret Cüa-de-r'^emt) „he uncovered", ML 51^ 14, üadficdichthi 
„velo exuti" Wb. 15*» etc. The üb, from Idg, Hibh-, *leibh „to 
stick to**, seems cognate with Öoth, bi-leU)an „bleiben** and Gr. 

üamond „skin*^; 
This loanword occurs in LL. 237^ 13: Htmmond alaind 
etrocht glan leis „a beautiful, bright, pure skin had he'*, i. e. 
Hector, In my edition of the Togail Tröi, p, 105, Calcutta 1881, 
I snggested tbat üamond was borrowed from the Lat. öfnentum^ 
with the regulär change of ö to lia and (in loanwords) of nt to 
nd. I mention it here, first, becanse it is omitted by Vendryea 



^) % ixme of tlifl initial a ia in the Homeric S^^a UtUpayii. 11. XXIV 285. 

^ miirenderad by „of pride** in Tbei. pal. Mb. I Ö93. 694. Bat iee Bergii, 
Eriu m 85, 

*) .mit V fitfttt TT darcb EntgleiJiung*, «aja Uhlenbwk^ wbo cotmecta bileihan 
md tiXii((uß with the Idg'. root lipf Skr. np. 




390 Wilhelm Lehmann 

in bis De hibemicis vocabolis qoae a latina lingna originem 
dnxenmt, and, secondly, becaose an a^ectiye, uamanntich 
„skinny'', derived therefrom, is foond in the Cath Gatharda. 

idchahhchän, tulchabhchan „owl**. 

„tolchabhcan, coileach oidhche an awl''^ Egerton 158, no. 580, 
pl. olchabbcb&in Isaiah XTTT 20. Here, as in toiremh „plonghman'', 
Egerton 158 no. 603, from in t-airem, the f is a relic of the nom* 
sg. of the masc. artide. The td is cognate with Lat. ulula^ Skr. 
ulüka^ and the cahhchan (leg. -an) is a derivative of *kabhakf 
or *kahhag, cognate with Ags. heafoc^ Ahd. habuh, Nhg. habich-t 

London, 23. July 1907. Whitley Stokes. 



Etymologisches. 

1. Ir. conträn: lat. conibretum etc. 

Idg. *Jcuendhro' wird außer durch lat. combrBtum „Binse 
(besondere Species)", lit. ssveüdrai „Schilfart", aisl. htiQnn (-jolh 
s. Walde s. v. alveus) „Angelica sylvestris" (vgl. noch d&n. farö. 
qvander ds., idg. *Jcii(mdhr(h) auch noch durch ir. gäl. conträn 
„Angelica silvestris" (bei Macbain unerklärt) repräsentiert 
Interessant ist, daß das keltische und germanische Wort (gegen- 
über dem lat. und lit. ihrerseits) in der Bedeutung zusammen- 
gehen. Die „Angelica silvestris'' ist eine durch bauchig auf- 
getriebene Blattscheiden und hohlen Stengel ausgezeichnete 
ümbellifere. Hierdurch und mit Hilfe anderer ir. Namen für 
diese Pflanze könnte man vielleicht der Grundbedeutung der 
idg. Bezeichnung näher kommen^). 

2. Ae. fyrs, ahd. ferza, lat. pertica. 

Von Steinmeyer als „unbekannter Name" bezeichnetes, Ahd. 
GU. m 500, 6 überliefertes ferea „Gentiana" (natürlich hier 
nicht „Enzian", sondern Gentiana = Aloe Gallica, Capparis, vgl. 
ib. 536 a 5; 549, 20; 554, 29; auch 585, 25 Gentiana scertwurse 
vielleicht: ae. scSard „schartig'' [Aloe und Ginster stechen]) stelle 

>) Daraber, in inderem Zusammenhang, handele ieh Zs. f. d. Woitt IX 
23 flF., 161. 



I 



ich zu ae, fyrs M. „fiirze". Die g^ermanischen Worte gehören 
möglicherweise zu lat, pertica „Stange" (umbr, permm „virgam"), 
lit, k&rtis ds., ir, celiair ^Lanze** (s. Walde s, pertica) oder zu 
ahd. first „Dachfirst", rad* etc. vorst ds, (idg. *pf) im Sinne von 
„Spitze **, 

3- Lat genisiaf genesta „Ginster"; genu „Knief Knoten"* 

Wiewohl mir die Art der Ableitung (vgL auch ariBta\ 
Beeinflussung?) nicht deutlich ist, vermute ich Zugehörigkeit von 
unerklärtem lat. genista, genesta „Spartium junceum** zu lat, genu 
„Knie, Knoteu*\ s. besonders geniculnm „Knoten an den Halmen 
des Getreides" : vgl* ae. cmo-holen (das 2, Glied < hoh^n „Hex** 
= ir. cHÜeann usw.) M, „ruscus, butcher's broom» stechender Mäuse- 
dom**, ae, cneöweht (vgl. bildungsgleich z, B, ahd, astaloht „tube- 
rosus**) ^knotty (of plants)", ferner vt.glmneach F. „knot-grass"; 
glün F. „knee; Joint of a reed or straw** = nhd. knöterich „Poly- 
gonum": knotend) 

4, Ae* gorst j nhd, gerste^ lat hordeum. 

Ae. gorst M. „furze" steht, worauf ich nirgends einen Hin- 
weis finde, offenbar im Ablautsverhältnis (vgl nhd, bort: brett) 
zu ahd* gersta „Gerste", Als Bedeutung für idg, *ghrBd- wäre 
damit vielleicht eher ^^stechend" als „starrend" (vgl. Walde Wh, 
s. hordetim) gewonnen, da letzteres ziemlich farblos ist. Jeden- 
falls aber wird so Uhlenbecks Auffassung als „Reibefracht" un- 
möglich. 

5, Lett gurni: nir, gorfm. 

Bezzenberger stellt im urkelt. Sprsch. 107 lett. gurni „Lende, 
Hüfte, Gabel, worin das Spinnrad läuft" zweifelnd zu urkelt. *garri-s 
in ir. gairri „süra", cymr. garr „poples*^ uswJ), vgl auch Walde 

1) Gegen die obig© Vorbindmig' von getiista mit gmn örhebt F- Solmaen 
den Einsprach, der Ginster zeige doch nicht eigentlich Knoten im pflanzen- 
morphologischen Sinne. Dem gegenüber Icann man freilich geltend machen, 
4afi m, cnto-holefi ja ebenfalb keioe <3urch Knotenbüdung, sondern eine durch 
Stacheln oder Dornen signifikante Pflanze bezeichnet. Nichtedeato weniger wiU 
mir jetzt ungieich gewisser scheinen, dal lat. gmisia mit nrkelt. gtni- „Keil" 
(Stokea Sprach. S. 110, vgl anch ib. S. 161 und S. 5), it. geinn „Keil*' zuBmmmen- 
gehört, Tgl, unter deeaen Verwandten hesonderB lett. dfenulis „Stachel", abg. iflo 
dl., lit, gcniü „ästele** nsw, (Zupitza Onti S. 97). — über eme mögliche Ver- 
bindnng tod lat genu mit gigno vgl. Ibrigena Pott Et. F-" I 253. — Ein Dom 
irt ja nichta weiter als ein £eil. 

«) [Ändtn BB. XXVQ 106. B.] 





392 Wilhelm Lehmaim 

s. y. gälba. Näher scheint mir die Verbindung mit nir. gofün, 
•üin M. „the hip, the bnttock (of animal)'*, gurrun M. „the 
bannch^ zn liegen. Zum Schwanken und Wandern der Be- 
nennungen von Körperteilen vgl. hier z. B. noch im Ae. bei 
Wr.-W. 26, 6 Ilia, midhridir, niodanweard hype\ femer mm. 
iie „Unterleib, Hüfte, Weichen**, mm. coäpsa F. „Hüfte" (aus 
lat. cooca ds.): frz. cuisse „Schenkel" (vgl. Pu^cariu Et rum. Wb. 
Nos. 773. 386). Merkwürdig ist auch mm. ümar „Schulter" in 
der Verbindung umänd obrasului (fe^i) „Wange" (ib. No. 1794). 

6. Ahd. listera: ir. Ion. 

Ahd. Ustara „turdus" (vgl. z. B. Ahd. Gll. IH 28, 19flF.; 
54, 47. 365, 25; IV 354, 50), hoU. (riet-, sang-) lyster ds., 
könnte, worauf neben nhd. lyster (Brehms Tierleben V* 152) und 
leistet (vgl. Kluge Wb.* S. 245)^) vorkommendes ßaum-ßiesi 
„Sauropates chloris" hindeutet, für *liestera stehen (vgl. Braune 
Ahd. Gr.' § 48a 3). Da in der Gmppe hs vor Konsonant der 
Guttural durch Assimilation meist schwindet (vgl. ndän. lys „Licht" 
< germ. Kw/wa-), kann eine Gmndform *litih(%)strjdn (vgl. suffixal 
andd. agastria „Elster", ags. hülfestre „pluvialis", nhd. heister usw., 
Kluge Nom. St.-B.-L.* § 49) erschlossen werden, die auf idg. *leuq8' 
„leuchten" führen und den germ. Drosselnamen an ir. Ion M. „Amsel" 
(verdeutlichend lon-dubh), Stamm *hiqsno- (Stokes Sprachsch. S. 243) 
rücken würde. Der Amselhahn nach seinem glänzend schwarzen 
Gefieder benannt (vgl. ir. loch „schwarz" : lat. Inceo, germ. bltxka- 
„schwarz": gr. q>kdya} „flamme, strahle"), vgl. nhd. schtvars- 
drossel, ne. blackbird, dän. solsort (vgl. Falk-Torp s. v., Holthausen 
EF. XX 321). Übrigens könnte analog lat. meruia „Amsel" an 
gr. fiag/nalga) etc. „schimmem" angeschlossen werden. 

7. Nhd. raun: lett. rünlt 

Für das von Holthausen IF. XX 319 besprochene mnd. riine, 
nl. ruin. westf&l. rinne, nhd. schwäb. raun „Gaul, Wallach", wo- 
zu auch mhd. rumit und me. rouncy „mannus, a common hack- 
ney horse"*) gehören, erweist ofries. han-rüne „Hahnrei" eig. 
„verschnittener Hahn" ^) als Grundbedeutung „equus castratus". 



») Vgl. etwa nhd. distd: ndd. äüsUl (Kluge Wb.« S. 79). 
«) VgL Verf. Das PrÄfix uz- bes. im Ae. usw. S. 19a Der Beleg bei Wr.-W. 
637, 39. 

^) Vgl mhd. kappün „Kapaun; vir castratus". 



EtjraologiBclies, 



393 



Es gehört mit lett. rnnlt ^kastrieren**, rfmifcis „qui castrat*^ zu- 
satnmeii, das aber nichts zu tuü hat mit gemeinsl. raniti (trotz 
Bielenfitein I 401 ; vgl. über letzteres SolmseE KZ. XXXVII 577 f.). 
Hierbei bleibt fragHch, ob nicht Entlehnung aus dem Ndd. statt- 
gefunden hat. Jedenfalls ist aber die Grundbedeutung gesichert» 

8. Lit, smiJkbi^s: nir. ^miolffaddn. 
Lit. smilklnps, smilkimo M., smükinne F. „die Schläfe am 
Kopf steht im Lit. isoliert: ich vergleiche es mit nir» smiol' 
ffadan M. ,,the juncture of the neck and Shoulders'^ (so Peter 
0*Connell) und „the collarbone" (nach Dinneen)* Zur Bedeutung 
vgL das Nr. 5 (xesagte. Dem neben smilkinps stehenden lit, 
spmginis M, ebenfalls „Schläfe'' kann ähnlich nir. spinne, f^plinnc 
F. „a high, projecting, pointing rock" (usually over a precipice) 
entsprechen. Semasiologisch vgl ebenfalls oben; ich nenne hier 
noch rnra. (aromun.) gmnU „Kinn" = daco-rum, gruiü „Hügel", 
got am.s „Schulter": aisL äss „Berggrat*^, apan* deso^ it. portug, 
sesso, afrz, ses „Gesäß": alb. se^- .^Ebene" und verweise ferner 
auf lett. pla^e „Schulterblatt" : gr. nka^ „Fläche" , lit. petps 
„Schulter": gr. nstavvvfii usw. (Prellwifz Wbch.^ S. 364) =^ lat. 
tetnpas, tempora „Schläfe"^: lit tempjii „ausdehnen, recken, 
spannen ** (zu den rum. Worten vgl- Puscariu Nos. 744* 1586, 
auch 702); sHid. stima^ gr, nri^mv ^Brust'^: aslov, strana „Land- 
strich**, nhd. wange: ahd. wanga (Ahd* GIL II 743, 13) „campua*, 
got waggs ds., nir. kaca „cheek, brow; side of a hiU*^, nir. mala 
„braw, eyebrovv; brow of a hillj slope*^ (Stokes S. 203), nir. cUr 
„level surface, piain, board, table, flat country** ; dar mdain 
„forehead", skr. tala „Fläche": urkelt. tahs „Stirn" (Trautraann 
Zs. l ä. Wf. Vn 270), mm. fäfä „Gesicht, Wange; Oberfläche 
u. dgl,^ ; VgL auch Falk-Torp s. Tinding und Nme, 

9. Lit. BkSris: ae* secgescsre. 
Lit, skeris M., dim. skerelis „Heuschrecke" steht zweifellos 
in Beziehung zu dem von J* van Zandt Cortelyou Die alt- 
englischen Namen der Insekten Spinnen und Krustentiere 85 f. 
behandelten ae, secge-scere „cicada, locusta"* Das Wort begegnet 
Übrigens auch, in schlechter Überlieferung, in den ahd, GU, : vgl 
ib. II 10, 22 Cicada, mtegesen; IV 35(>, 38 Cicatus st€gisnm\ 
Das lit. Wort wird nicht entlehnt sein. Die von v. Z,-C, an- 
genommene Zugehörigkeit zu *sqer- „schneiden'^ scheint mir 



nicht unbedingt sicher. 




394 Wilhelm Lehmtnii Etymologisches. 

10. Lit. skujd: air. sce. 
Lit. skujä F. „Tannen-, Pichtennadel, Tannenzapfen"*) stimmt 
zu air. sce F. „Hagedorn" aus urkelt. *8kvijät- (Stokes Sprachsch. 
S. 311); vgl. nir. sceach F. „bush, brier, bramble", sceath F. „a 
bush, esp. the white-thom", sceachoid F. „Hagebutte" u. dgl. 

11. Lat. tussilago: ttissis. 

Der von Walde Et. lat. Wb. S. 644 angezweifelte Zusammen- 
hang von lat. ttissilägo „Huflattich" : tussis „Husten" wird sicher- 
gestellt durch die Parallele nir. casachdaighe „Tussilago petasites": 
casachdach „Husten". Übrigens wird die Pflanze medizinisch auch 
in dieser Hinsicht verwandt, vgl. auch nhd. brust-wurs „Tussilago 
petasites"*). Andererseits wird ebenfalls vonseiten der Bedeutung 
Waldes Erklärung von lat. cicuta: cautes vielleicht nidit un- 
wirksam unterstützt. DaB nämlich die fein zerteilten, fleder- 
schnittigen Blätter des Schierlings^) in der Tat namengebendes 
Moment sind, zeigt nir. min-mhear^) M. „Cücuta" i. e. „Fein- 
Finger" (min „small, flne, delicate^ -f mear M. „Finger, toe") 
und auch sehr schön der nir. Name des verwandten „Conium 
maculatum" iteodha^) M. (?): ite, iteog F. „feather, wing, fin" 
(über letzteres Walde s. pennä). 

Eldena i. Meckl. Wilhelm Lehmann. 

(Gremsmühlen i. Holst.) 



1) Bielenstein I 331 führt als lett. Ortsnamen Skü^jaa an. 

•) Vgl. anch Falk-Torp s. Skreppe I (K.-N.). 

>) tjber seine germ. Namen v^l. Verf. PrSfix uz- S. 148. Za dem dort Dar- 
gelegten ygl. noch air. buinne „tibia; cicnta" (Stokes EZ. XXX 70). 

*) Bei Dinneen Foclöir Gaedhilge agns B^arla London 1904 pp. 493, 500 
moing-j muin-mhear M., also das erste Qlied moingj mmng F. „fen, moor, swam- 
py piain". 

*) E. Hogan bietet in seinem Loibhleabhr^ (Dublin 1900) p. 44 die Fonn 
iteögha „hemlock**. Das unter Nr. 1 erwähnte aisl. hvonn- liegt aach vor in 
Schweiz, wanne-bobbele „Anun macolatam**, zum zweiten Gliede Tgl. z. B. dän. 
boble „Blase". Aach der Aronstab trägt lange kolbige Blatenscheiden. Der 
nnorw. Name der Angelica skog-stut (: nnorw. stut „Hirtenhom", vgl. nhd. sMen 
„eine Art [gebogenes] Gebäck'') findet sich ebenfalls im Schweiz., ygl. Stuie 
„Amm mac.** (Darheim S. 12). Za ne. kex „Umbelliferenstengel n. ä." ygl. jetzt 
Engl. Stud. XXX 381 f. 



E, lidän WortgeBclLichtlich«!. 

WortgescMclitliches- 



395 



L Aal. jama — air. ß)uam usw. 

Asl jama ^ßn^wnq, ßi^^og^ Xaxxoq^, serb. ßma „Grube"*, 
nsl. jäma ^röiube, Vertiefung; Grotte, Erdhöhle; Grab, Loch'^, 
poln, jama „Höhle, Loch (Mauseloch usw,)", jam-ka „Augenhöhle", 
£ech. jama ^Giube, Vertiefung, Höhle ^, rms^jama „Grube, Gruft, 
Vertiefung, Loch in der Erde^. 

Die gemeinslavische Form jama kann ursprüngliches *ömä 
oder *afnü vertreten. 

Osthoff KZ. XXni 86 (s. auch seine Forsch, im Geb. d. 
nom. Stammbild. I 28 ö.) vergleicht ai. amatram „Gefäß, Krug, 
Trinkschale'*, gi\ tt^^ ^ Wassereimer; Schaufel; Harke, Rechen, 
Sichel**, ufiiq „Nachttopf", ifii^u „Graben, Wasserleitung'', arm. 
amaii „Gefäß '^ u. a. Dieser Erklärung stimmt Wiedemann BB. 
XXIX 317 in der Hauptsache bei. Es scheint mir aber, mit 
Meillet Etudes sur 1*6 tym. et le vocab. du vieux slave 11 249, 
daß die Bedeutungs Verschiedenheit der verglichenen Wörter allzu 
groß ist* — Qebauer Hist. raluv, I 611 vergleicht asl jft% jimq 
„nehmen" (Wurzel em-), was sehr wenig überzeugt.') 

Slav., /ama stimmt rücksichtlich der Bedeutung mit folgenden 
Wörtern, welche ich neuerdings in den Idg. Forsch. XIX 320 
zusammengebracht habe, genau überein: nir., gäl* uaimh Fem, 
„a hoUow, grave, cave, den", mir. ß)uaim, gen. wama^ -ad 
„Höhle, im Berg, in der Erde^, air. hnam gl, „specus**; — aw. 
una- Fem. „Loch, Riß (in der Erde)"; — gr. *i5mJ „Bett, Lager 
des Menschen, des Wildes, der Vögel usw," (ursprünglich „Aus- 
höhlung, Vertiefung, Kaule, die Tieren und Menschen als Ein- 
schlupf und Lagerstätte diente'', s, über €vv^ besonders Brug- 
mann Ber. d. Sachs. Ges. d. Wiss., phil.-hist KL, 1901 S. 113 ff., 
IF. Anz. XIV 47)'); vgl. ai* avata- „Brunnen, Cisterne"» aimiä- 
„Grube", lett. avtds „Quelle** n, a. 



») [NeaerdingB woUen aneb Charpentier kxth, t slat. Phil. XXIX 9 und 
Jokl daselbst 8. 29 t (vgl. XXVIII 8} jama mit j^-ti verbinden. Si<? sind zn dioser 
Annahme besondere ans RückBicht auf cech. jimkfi veranlafit ; jinika bedeutet 
«Fang^grnbe (in der BefeEtigungsknnst) ; Notdamm beim WasBerbaa nsw;" und 
gtbßrt selbstveratäridlich zur Wz. cm-^ cech. jimati „fangen, anhalten naw.** 
Aber f^r die Etymologie von jama „lioch. Höhle, Gntbe** ist roeinei Erachtona 
iimka ohne Belang.] 

') Die übliche ZusammeDstellung von etiV*?' mit ahd. won€nj nbd. u^ohfien, 
gewohn heit usw. sucht netierdingB PederBen KZ. XL 209 f. wieder zu Ehren zu 
bringen, indem er beeondere arm. nnim „habeo, teneo, capia'* mid oin 



396 G. lidto 

Im slav. jama möchte ich demnach den Reflex einer aus 
*öU'fna kontrahierten Grundform *önui' sehen. Die vom Keltischen 
vorausgesetzte Grundform *eu'ma oder *ourma steht der slavischen 
Form am nächsten. (2. April 1906.) 

2. Lat. vatitcs, vatax — ahd. wado. 

Ahd. wado]£, „sura, sufErago^, mhd. wade ^Wade^; as. utio- 
than „suras", mndd. wade „Wade**, nndl. wadeF. „Kniebeuge, 
Kniekehle, der eingebogene hintere Teil des Kniegelenks**; — 
awnord. vgdui M. „Muskel, besonders von den dicken Muskeln 
der Arme und Beine**, afl-vgdui „musculus biceps", nnorw. vodve 
(vove, verve, vovde, modve etc.) M. „dicke Muskel der Arme und 
Beine; die dicke Muskel an der DaumenwurzeP, auch besonders 
„die Muskel an der Wade** (Ross); adän. wapwce sar „vnlnos 
in parte corporis camosa** (Sk. L. ; = awnord. t;p(ftta-«dr),