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Full text of "Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung auf dem Gebiete des Deutschen ..."

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IJiifol /^ 




HARVARD 
COLLEGE 
LIBRARY 




ZEITSCHRIFT 

Vergleichende 
SPRACHFORSCHUNG 

AUP DEM GEBIETE DES 

DEUTSCHEN, GRIECHISCHEN UND 
LATEINISCHEN 

llERADSOEQEBEN 



2>r. ABAXiBZiatT XVBIT, 

PROrBSSOR AM CÖrjnSCHKir OTMNASIUM 2U BERUH. 



BAND XVm. 



BERLIN, 

PKRD. DOMMLBR'8 VERLAGSBUCHHANDLUNG 

(HASSWITZ OND OOSSHANN) 

1869. 



Tftifol /S 









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i ' j : . : ■ 
I LI Kl 



Verzeichnis der bisherigen mitarbeiter. 



Directar dr. Ahrens in Han- 

nover* 
Dr. Andresen in Berlin. 
C. Arendt s. z. in Peking. 
Pro£ AscoU in Mailand. 
Prof. dr. Th. Aufreckt in Bdin- 

borg. 
Prof. dr. Ag. Benanf in Ber- 

yn t- 

Prof. dr. Tk. Benfcff in Gottin- 
geiu 

Prof. dr. BickeU in Münster. 

Dr. A. Birhnger in Bonn. 

Staatarath dr. 0. e. BoehiUngk 
z. s. in Jena. 

Prof. dr. BoUensen in Witten- 
haasen a. d. Werra. 

Prof. dr. F. Bopp in Berlin f- 

Prof. mchel BrM in Paris. 

Prot. dr. Ernst Brüche in Wien. 

Dr. Jo%. Buden» in Pesth. 

Prof. dr. G. Bühler in Pnna. 

Prof. dr. Sophius Bugge in Chri- 
atiaoia. 

Dr. W. Ciemm in Oieisen. 

Prof. Z>. CamparetH in Pisa. 

Prof. dr. W, Corssen in Berlin. 

Prof. dr. G. Curtius in Leipzig. 

Dr. Eerthold Delbrück in Halle. 

Dr.Lor^fM Diefenbach in Frank- 
furt a. M. 

Dveetor prof. dr. A. Dietrich 
in Erfturt 



Prof. dr. H. Düntner in Cöln. 

Dr. H. Ebel in ScbneidemfihL 

Dr. Gu$t, Eschmann in Barg- 
steinfurt 

Aug. Fick in Göttingen. 

Oberbibliothekar prof. dr. E. 
Förstemann in Dresden. 

Dr. Froehde in Liegnitz. 

Dr. G. Gerland in Magdeburg. 

Schnlrath dr. A. Goebel in Kö- 
nigsberg i. Pr. 

Heinr, Gradl in Eger. 

Prof. dr. Grafsnuinn in Stettin. 

Hofratb J. Grimm in Berlin f. 

Prof. dr. F. Grohmann in Prag. 

Prof dr. M, Hang in Manchen. 

Dr. Ludwig Hinel in Frauen- 
feld (Cant. Thargan). 

Hofratb dr. HoUtmann in Hei- 
delberg. 

Prof. dr. Ht^feld in Halle f. 

J. B, Janku in Florenz. 

Prof. dr. Jülg in Innsbruck. 

G. Jurmann in Wien. 

Prof. dr. H. Kern in Leyden. 

Prof. F. Kielhom in Bombay. 

Justizr. dr. Th. Kind in Leipzig f. 

Prof. dr. Kirchhoff in Berlin. 

Dr. Gustav Kifsling in Bremen 

Dr.K. V. Knoblauch. 

Dr. Reinhold Köhler in Wei- 
mar. 

Prof. dr. A. Kuhn in Berlin. 



Verzeichnis der bisherigeD mitarbeiter. 



Gymnasiallehrer dr. Gustav Le- 

gerloU in Soest. 
Dr. F. A. Leo in Berlin. 
Prof. dr. H, Leo in Elalle. 
Prof. dr. R, Lepsius in Berlin. 
Prof. dr. M. Lexer in Würz- 

barg. 
Prof. F. Liebrechi in Luttich. 
Prof. dr. C. Lottner in Dublin. 
Prof. dr. A. Ludwig in Prag. 
Dr. W. Mannhardt in Danzig. 
Dr. H, Martens in Bremen. 
Prof. dr. Mafsmann in Berlin. 
Dr. Maurophrydes aas Kappa- 

docien in Athen f. 
Prof. dr. Leo Meyer in Dorpat. 
Prof. dr. Michaelis in Berlin. 
Fran% MisteH in St. Gallen. 
Prof. dr. Th. Möbius in Kiel. 
Prof. dr. K. MMenhoff in Berlin. 
Prof. dr. Max Müller in Oxford. 
Prof. dr. Friedrich Müller in 

Wien. 
Prof. dr. Mussaßa in Wien. 
Dr. Pauk in Münden. 
Dr. Ign. Fetter s in Leitroeritz. 
Dr. FHedr, Pfeiffer in Breslau. 
Prof. dr. A. Fielet in Genf. 
Prof. dr. A. F. Pott in Halle. 
Prof. dr. Karl Regel in Gotha. 
Dr. Rieh, Rödiger in Berlin. 
Dr. Rossekt in Berlin f. 



, Prof. dr. R, Roth iu Tubingen. 

Prof. dr. J. Savelsbergin Aachen. 
' Prof. dr. A . Schleicher i n Jena +. 
I Dr. Johannes Schmidt in Bonn. 

Prof. dr. M, Schmidt in Jena. 

Prof. dr. Schmidt' Göbel in Lern- 
berg. 

Prof. dr. Schnitterin Bllwangen. 
; Dr. G. Schönberg. 
! Dr. Schröder in Merseburg f. 
' Dr. Hugo Schuchardt. 
I Prof. dr. H. Schweizer- Sidler 
\ in Zürich. 

! Rector dr. W, Sonne in Wismar. 
I Prof. dr. Spiegel in Erlangen. 

Prof. dr. H. Steinthal in Berlin. 

Director G. SHer in Zerbst. 

Dr. Strehlke in Danzig. 

Dr. Techen in Wismar. 

Prof. dr. L, Tobler in Bern. 

Prof. dr. W. Treitt in Marburgf. 

K. Walter in Freienwalde a. O f. 

Prof. dr. A. Weber in Berlin. 

Prof. dr. Hugo Weber in Weimar. 

Prof. dr. Weinhold in Kiel. 

Prof. dr. Westphal. 

Dr. mibrandl in Rostock. 

Fr, Woeste in Iserlohn. 

Oberlehrer dr. Zeyl^ \n Marien- 
Werder. 

Prof. Zyro in Bern. 



Inhalt. 



Srite 
Beitiige zur lateinischen Uatlefare and etymologie. 1. Die doppelte te- 

nma. Von dr. Carl Pauli 1 

Zur diakktforschung. II. Alemannisch. Von dr. A. Birlinger . . 40 

Die verba auf -erare -izon. Von Alfred Ludwig 52 

Amor und Psyche — Zeus und Semele — Piirflravas und Ui'va9i. Von 

Felix Liebrecht 56 

Yil. Clemm: De compositis Graecis quae a verbis incipiunt Ange- 
zeigt von Rieh. Rödiger 66 

F. C. August Fick: Wörterbuch der indogerm. gmndsprache. Ange- 
zeigt von B.Delbrück 78 

Lachmann. Von K. G. Andresen 79 

Ueber den indogermanischen, speoiell den vedischen dativ. Von B. Del- 
brück 81 

Jubere. Von Wilbrandt 106 

Il^nTa — flyo/Jaia. Ein beitrag zur Charakteristik der griechischen 

vnlgttrsprache. Von dr. Theod. Kind 118 

W. D. Whitney: Language and the study of language. Angezeigt 

von W. Clemm 119 

Am^d^e de Caix de Saint-Ay mour: La langue latine dtudi^e dans 

Tunit^ Indo-Europ^enne. Angezeigt von W. Corssen . . . . 125 
Gustave Deville: ^tude sur le dialecte tzaconien. Angezeigt von 

D. Comparetti 182 

J.H.Oswald: Das grammatische geschlecht und seine bedeutung. An- 
gezeigt von Johannes Schmidt 150 

Zar kenntnifs der ältesten runen. Von Th. Möbius 158 

Schlittschuh oder schrittschuh. Von K. 6. Andresen 168 

Eisenmengo-. Von demselben 159 

Lateinische wortdeutimgen ; 1) prope. 2) fovea. favissa. Von F. Froehde 159 

Alt-, mittel-, neüurdeutach. Von £. Förstemann 161 

Altoskische sprachdenkmlUer in griechischer schrift. 1 ) Grabschrift von 

Sorrento. 2) Grabschrift von Anzi. Von W. Corssen . . .187 

Ceres. Von Max Müller 211 

Hephaistos. Von demselben 212 

Franz Stark: Die kosenamen der Germanen. Angezeigt von K. G. 

Andresen 216 

Ph. Dietz: Wörterbuch zu dr. Martin Luthers deutschen Schriften. An- 
gezeigt von A. Kuhn 287 

Erklärung. Von W. Clemm 287 

Antwort. Von Rieh. RÖdiger 240 



VI Inhalt. 

Seit« 
Altoskische apracbdenkniKler in griechischer schrift. 2) Grabschrift von 
Anzi (schlufs). 8) Weiheinschrift eines helmes zu Palermo. Von 

W. Corssen 241 

Ueber die entstehung des o aus u im lateinischen. Von F. Froehde 258 
Zum ostürtnkischen vokalismus. III. Metathesis. IV. Verengung. Von 

Heinrich Gradl 263 

F. Baudry: Grammaire compar^e des langues dassiqnes. Angezeigt 

von H. Schweizer-Sidler 284 

W. Corssen: Ueber ausspräche, vokalismus und betonung der latein. 
spräche. Zweite ausgäbe, erster band. Angezeigt von H. Schwei- 
zer-Sidler 291 

Aiiyio und ^^t/yM'^ft. Von G. Schön berg 811 

Lateinische wortdeutnngen : 1) frendo. 2) infestns. Von F. Froehde . 818 
Nachruf (August Schleicher). Von Johannes Schmidt . . . 816 
Wilhelm Scherer: Zur geschieht« der deutschen spräche. Angezeigt 

von A. Kuhn 321 

Lira und porca das ^ackerbeet; fitkivti die hirse, malva die malve. Von 

A. Fick 412 

Allerlei: ira^fto;, ntpa^, nXarvq salzig, nlrfff/ia same, nQ^<r/*at qtUoq, 

Xogdöq] hiiirto, fon, fani. Von demselben 414 

Lateinisches und romanisches. TV. Die Corssen'sche benrtheilung meiner 
ansichten über die lateinischen fortsetzer der indogermanischen und 

gräkoitalischen aspiraten. Von G. I. Ascoli 417 

Revue de linguistique et de philologie compar^e. Tome premier, I*' et 

II« fascicule. Angezeigt von Job. Schmidt 446 

Zu den secund&rsnffixen -an, -Ina, -inja, -tä, -tva, -vant. Von A. Fick 458 

Nimis. Von Michel Br^al 456 

Sach- und Wortregister. Von £. Kuhn 457 



U(3'\ . ' «>-■ 1^ 



ZEITSCHEIFT 

\ FÜR 

,1 
'i 

( VERGLEICHENDE 

SPRACHFORSCHUNG 

AUF DfiM GEBIETE DES 

DEUTSCHEN, GRIECmSCHEN UND 
LATEINISCHEN 



HERAÜSQEGEBEN 



Br. ASAX.BSItT KUHN, 

PROFB880R AH CÖLNISOHEX OTM2VASIUM ZU ft^SSJOS, 



BAND XVm. 
ERSTES HEFT. 



BERLIN, 

PERD. DOMMLBB'8 VEBLAGSBDCBHANDLUNO 

(HABBWITZ CHD GOSSUAIIII) 
1868. 



Inhalt. Seite 

Beiträge zar lateinifichen lantlehre und etjmologie. Von dr. Carl 

Pauli 1 

Zur dialektfonchung. Von dr. A. Birlinger 40 

Die verba auf -erare -izon. Von Alfred Ludwig 52 

Amor und Psyche — Zeus und Semele — Purüravus und Urva^i. 

Von Felix Liebrecht 56 

Anzeigen: De compositis Graecis quae a verbis incipiunt. Diss. 

inang. Scripsit Vil. Clemm. Von Rieh. Rödiger ... 66 
Wörterbuch der indogermanischen grundsprache in ihrem bestände 

vor der Yölkertrennnng. Ein sprachgeschichtlicher versuch von 

F. C. August Fick. Von B. Delbrück 73 

Miscelle: Lachmann. Von K. 6. Andresen 79 



Beilage: Prospeot über die Donner^ sehe Uebersetzung des Sophokles. 
6. Auflage. Verlag der G . F. W i n t e r ^ sehen Verlagsbuchhandl ung 
in Leipzig und Heidelberg. 



Verlag von F. C. W. Vogel in Leipzig. 

Der Bundehesh. 

Zum ersten Male herausgegeben, transcribirt, über- 
setzt und mit Glossar versehen 

von 
Ferdinand Jnsti. 

Prot In Uarbttrg. 
4. 540 Seiten, geh. Preis 14 Thlr. 



3n unfcrm Verlage crfd^icn focben: 

®pnä)XoüxkXf JRcbcnSartcn, Sietmc 

gcfammclt öon 

Dr. ;?lnton ISirlinger. 

@cbcj. clcg. gc^. 12 @gr. 

3)icfc intercffante fleine ©ammlung Wließt fid^ an ^öfcr'« „3Bic baö 
iOoIt \pn6ftf* an. @te gä^It 1191 9htinmem. 2)er $ret6 fttr ba9 9 Sogen 
^oxUf elegant andgefiattete SQuäf ift fe^t niebrig gefleHt. 

Seritn. 9etb« Cummlet'^ SetlagdBu4(anb(utig. 

(^arrrni^ tmb ©ogmann.) 



Beiträge zur lateinischen lautlehre und ety- 
mologie. 



Jtlia 



1. Die doppelte tenuis. 



is sind bekaontlieh im lateinischen eine anzahl Wörter 
vorhanden, welche theiU ausschliefslich , theils in wecbfel 
mit der einfachen, mit doppelter tenuis geschrieben wer* 
den. Die worter sind zum theil schon einer behandlung 
unterworfen worden, namentlich die, welche cc enthalten^ 
80 von Meyer im sechsten bände dieser Zeitschrift und von 
Gorssen in den kritischen beitragen und in den kritischen 
Dachträgen. Allein eine weitere anzahl dieser bildungen 
sind noch nicht untersucht worden, und überdies ist selbst 
in den bereits behandelten manches noch nicht zu einer 
solchen klarheit gediehen, dafs eine abermalige Untersu- 
chung überflüssig wäre. 

Um zunächst den sto£P zu sichten, so sind von den 
zu behandelnden Wörtern alle fremdwörter auszusohlieTsen. 
Aufser den offenkundig aus dem griechischen stammenden, 
wie attagen das haselhuhn u. dgl., sind es etwa folgende: 
1. Saccus sack gilt gewöhnlich f&r dem griechischen 
entnommen. Gorssen krit. nachtr. 64 hält die entlehnung 
f&r nicht erwiesen und zieht es mit sagum und soccus zu 
einer wurzel sag decken. Dieselbe ist aber weder bei We- 
stergaard belegt, noch findet sie sich im Rigveda. Das gr. 
aärrm rüste aus, bepacke, fülle an, häufe auf hat bei He- 
rodot das plusquamperfect i<fs(xdxccTo, aus welcher form 
aber auf den wurzelauslaut nicht geschlossen werden kann. 
Dazu gehört ($dyua packsattel, oberkleid, schilddecke, 
worin das y wie im particip rfetTayfAivoc; des nasals wegen 

Zeitochr. f. vgh sprachf. XVITI, 1. t 



2 Paali 

stehn kann. Von (sdyfAa sind nicht zu trennen adyoi; sei- 
datenmantel, adyi] saumsattel, waflfenrüstung, kleidang. 
Hier zeigt sich die wurzel also auch unabhängig vom na- 
sal mit der media. Curtius grundz.' 602 zieht mit recht 
auch adxoQ schild zu ödxtfa und demnach wäre als würze! 
sak aufzustellen, welcher wurzelform obige Wörter nicht 
widerstreiten, da sich ja in griechischen Wörtern öfter der 
Wurzelauslaut von tenuis zur media schwächt, wie Curtius 
im Index lect. Kil. aest. 1857 bewiesen hat. Die bedeutun- 
gen der obigen Wörter weisen alle auf den grundbegriff 
des ,,drüberdeckens^ hin, woraus sich leicht die des man- 
tels (toga : tego), des Schildes (scütum : sku), der rfistung 
(tegumen : tego), des satteis ableiten. Von diesem begriff 
des drüberdeckens nun liegt aber in Saccus keine spur: 
Saccus heilst das filtertuch, ein stQck zeug zum (kalten 
oder warmen) uuischlag, der kornsack, der bettelsack, ein 
härenes gewand, sacculus das filtertucb, ein geldbeutel, 
sacceus aus Sackleinwand gemacht, sacco ich filtrire. Alle 
diese bedeutungen weisen klar genug darauf hin, dafs Sac- 
cus (denn dies ist ja das Stammwort der andern) ein stück 
groben, rauhen zeuges sei, hauptsächlich benutzt zum 
filtriren, aber auch zu umschlagen (wie unser löschpapier), 
zu Säcken und grojben kleidern. Genau dieselbe bedeutaog 
zeigt nur das griechische adxxog mit seinen ableitungen: 
aaKxos ist grobes, dickes zeug aus Ziegenhaaren und das 
daraus verfertigte, als Seihtuch, sack, kleid (auch ein rau- 
her, zottiger hart), aaxxiov Seihtuch, beutel, adxxivog aus 
sacktuch gemacht, aaxxaoj ich seihe. Aber die Überein- 
stimmung geht noch weiter. Das hebr. piD, plur. a-'piD (also 
mit kk) heifst grobes, härenes zeug, filtertucb, getreidesack, 
trauerkleid, das verbum ppr (t und is sind etymologisch 
gleich nach Gesenius lex. hebr. sub litt, in) seihen, klären, 
läutern. Eine vierfache möglichkeit nun liegt vor: entwe- 
der die Identität der semitischen worte mit den gpechisch- 
lateinischen ist zufall, oder die letzteren sind ersteren ent- 
lehnt, oder umgekehrt das semitische wort den Indoger- 
manen, oder es findet Urverwandtschaft statt. Von letzte- 
rer möglichkeit darf ich wohl absehn, das spiel des zufalls 



beitrage znr lateiniBchen lauüehre and etjrmologie. 3 

aber müfste f&r sehr bewunderangswürdig gelten, also bliebe 
nar * entiehnuDg. Und da ist es doch wahrscheinlioher, 
dafs das wort den Griechen mit dem stofFe aus ziegenhaa- 
ren selbst und durch die Griechen den Lateinern, durch 
diese den Goten u. a. zugeführt sei, als umgekehrt, denn 
die hebräischen Wörter sind durchaus semitischen ansehens, 
während die griechischen und lateinischen Wörter, nament- 
lich das griechische mit seinem kk (das lat. cc erklärte 
sich eher), einen gewissen barbarischen typus nicht ver* 
leugnen können und überdies nicht auf eine indog. wurzel 
zurQckzuftkhren sind, da sie eben zu dem oben genannten 
aak „ drflberdecken ^ der bedeutung nach nicht stimmen, 
und man dem von Benfey gr. wll. I, 432 gemachten ver* 
suche aus lautlichen gründen kaum wird beistimmen kön- 
nen. Gerhard Johann Vossius wird daher doch wohl recht 
behalten müssen, wenn er im Etymologicon sagt: „Saccus, 
uon a sago, — sed a Graeeo aäxxog^ quod ipsum est non 
a öarro} — , sed ab Hebraeo pttJ*'. 

2. bracca und bräca die hose. Da das wort zu- 
erst von Ovid und zwar nur von ausländischer tracht ge- 
braucht wird, später mit der sache selbst nach Rom im- 
portirt wurde, da ferner die hose nord. brök, schwed. brök, 
dftn. brög, ags. bröc, engl, breeches, fris. brök, niederl. broek, 
ahd. pruoh, mhd. bruoch heifst, sämmtlich formen, deren 
lautstand den germanischen lautgesetzen völlig entsprechend 
ist, so dafs hier von entlehnung aus dem lateinischen nicht 
die rede sein kann, so ist bräca (wie alsdann zu schreiben 
ist) ohne zweifei germanischen Ursprungs. Das gael. brio- 
gm hosen könnte auch auf celtischen Ursprung deuten, 
scheint mir aber selbst der entlehnung aus dem angelsäch- 
sischen verdächtig, da es sehr vereinsamt im celtischen 
steht (wenigstens sind mir weitere formen nicht bekannt). 
Gleichzeitig mit Ovid findet sich das wort auch im griechi- 
schen, wo es beiDiod.Sic.5, 30 in der form ßodxai auftritt. 

3. baccar, baccaris (auch mit cch geschrieben) 
celtischer baldrian wird auch wohl celtischen namen ha- 
ben, wenigstens stimmt das gaelische bächar, welches im 
gaelic dictionary der Highland Society mit der bedeutung 



4 Panli 

tbe herb ladj's glove, digitalis angefahrt wird, ioaofern zu 
baccar, als es wenigstens auch nanic einer pflanze ist- 

4. beccus der schnabel Suet. Vitell. 18, welches von 
den lexicis als gallisch angegeben wird. Ich vermag zwar 
aus dem mir zugänglichen material keine celtischen ver- 
wandten beizubringen, allein echt lateinisch erscheint das 
wort jedenfalls auch nicht, weshalb ich es hier aufflQhre. 

5. CO cc um die Scharlachbeere, zuerst bei Horat. sat. 
2,6, 102, dem gr. xoxxog entlehnt, welches in der bedeu* 
tuDg kern von fruchten sich schon im hymn. Cer. und bei 
Herodot, das adj. xoxxtvo^; scharlachroth bei Aristoph. vesp. 
1067 findet. Allein auch das gr. xoxxog sieht sehr nngrie- 
chisch aus, ohne dafs ich freilich etwas verwandtes angeben 
könnte, denn, was Benfey gr. wll. II, 159 vorbringt, ist 
wenig wahrscheinlich« 

6. matta die matte Ov. Fast. 6, 680. Das wort fin- 
det sich aufser im lateinischen nur noch in den deutschen 
sprachen, ahd. matta, mhd. matte, matze, ags. meatta. Die 
deutschen Wörter stimmen weder untereinander, noch mit 
dem lateinischen in bezug auf die lautverschiebung. Es 
ist also höchst wahrscheinlich, dafs sie entweder dem la- 
teinischen, oder auch mit diesem gemeinsam einer dritten 
spräche entlehnt seien, was dann doch wohl nur das cel- 
tische sein könnte. Celtisch aber vermag ich kein ver- 
wandtes wort nachzuweisen, daher wohl die erstere an- 
nähme die richtige sein mag. Es hat aber nun auch das 
lateinische wort weder im lateinischen, noch sonst im in- 
dogermanischen ein passendes etymon, denn Pottes versuch 
(n% 108), es aus nadh nectere abzuleiten, wird kaum bil- 
ligung finden. Sollte es daher nicht wie Saccus semitischen 
Ursprungs sein und der name mit der sache den Römern 
importirt sein, zumal es ein dna^ kByouevov wenigstens 
des klassischen lateins ist? Vossius denkt an hebr. nxs'ü 
bett, polster. Da aber das wort den Griechen fehlt, so ist 
es den Römern wohl eher von den Carthagern, als von 
Asien aus über Griechenland zugeführt (vgl. mappa unter 
no. 9). Vergleichbares vermag ich aber nicht beizubringen. 

7. mattea (mattya, mactea) leckerbissen, gilt f))r 



beitrage zur lateinischen iautlehre and etymologie. 5 

dem griechischen ptatrva^ /Kcxrrt/r/, auch uarrvt^g ein be- 
stimmtes gericht entlehnt and die Schreibweise mattya be- 
weist das wohl als begründet. Das gericht soll ans Ma- 
cedonien nach Griechenland gekommen sein, und wird dar 
her auch der name von dort stammen ( cf. Hesych. s. t. 
fuzTtvfjg Schm.), da die herleitung von fAecaato kneten we- 
gen des hier wurzelhaften gutturalauslauts y oder x schwie- 
rig ist. Die formen mattea und mactea halte ich dem 
streben entsprungen, das wort lateinischem munde gerech- 
ter zu machen^ letzteres vielleicht unter anklang an macto 
schlachten. 

8. cottana, auch cottona, cotona und, wie eben 
mactea, mit et fQr tt coctana geschrieben, ist der name 
kleiner syrischer feigen. Da auch Hesych. das wort in 
der glosse xottava* eloog (fvxwv fAtxQtav kennt, so ist an- 
zunehmen, dafs dasselbe den Lateinern von den Griechen, 
diesen mit der Sache von Asien zukam. Meiner meinnng 
nach liegt darin das hebr. qatön klein oder eine fthnliohe 
syrische form, da die gleiche wurzel z. b. im syr. qatlnö 
minutus sich findet. 

9. mappa serviette, nach Quintil. 1,5,57 punisch. 
Lateinisch scheint das wort nicht zu sein, wenigstens die 
erkl&rung Isidors aus manupa befriedigt nicht, und andere 
etyma liegen gleichfalls nicht vor, so dafs wir auf Quinti- 
lians autorität hin den punischen Ursprung des wertes an- 
nehmen mQssen. 

10. struppus riemen, struppus oder stroppus 
kränz, bouquet soll das griechische avQOfpog sein. Da 
dem werte offenbar die bedeutung des gedrehten, gewun<> 
denen zu gründe liegt, so wird es sich wohl an avQiq>m 
anschliefsen und aus atQ6q>og umsomehr entstanden sein, 
als die betreffende wurzel im lateinischen selbst media im 
inlaut zeigen müfste, bei entlehnung dagegen die griechische 
aspirate ganz regelrecht durch die tenuis vertreten ist. Die 
Verdoppelung kommt auf rechnnng der geschärften aus- 
spräche, wovon nachher. 

11. supparus, supparum leinenes gewand, firauen- 
hemde, toppsegel. Varro 1. 1. 5, 131 giebt es für oskisch 



6 Pauli 

aas. Das wort macht den entschiedeoen eindruck eines 
compositums aus sub und parus. Nun aber findet sich die 
prftposition sub nicht in den erhaltenen oskiscben denk- 
mftlem, und es könnte daher der oskische Ursprung des 
Wortes zweifelhaft erscheinen. Allein bei der immerhin 
doch nahen Verwandtschaft des oskischen mit dem lateini- 
schen und umbrischen ist ohne bedenken anzunehmen, dafs 
das lat.-umbr. sub auch oskisch vorhanden gewesen und 
uns nur zufällig nicht erbalten sei. Das spricht also nicht 
gradezu gegen den oskischen Ursprung des wertes. Es ist 
aber noch ein grund da, der dafllr spricht. Bekanntlich 
schwächt das lateinische den wurzelvocal des compositums, 
das oskische versehrt ihn nicht. Zwar hat ja auch das 
lateinische seine ausnahmen und es steht z. b. in gleicher 
lautlage, wie sie supparus zeigt, comparo, aber es sind 
doch nur die ausnahmen, worüber zu vergl. Corssen aus- 
spräche I, 320. Aus diesem gründe daher, weil das a rein 
blieb, halte ich Varros angäbe für richtig. Es fragt sich 
nur noch, was in dem parus steckt. Man hat das griech. 
(fäQOQ stück leinwand darin sehn wollen, mit unrecht, wie 
ich glaube. Urverwandt mit demselben kann es nicht sein, 
das anlautende p und das kurze a, durch dichterstellen 
gesichert, widersprechen; entlehnung ist bei einem jeden- 
falls alten worte, noch dazu einem componirten, an sich 
wenig wahrscheinlich, und überdies würde auch hier die 
kürze des a Widerspruch erheben, obwohl sich allerdings 
auch q>d(}og mit kurzem a findet. An lat. pario erzeuge, 
paro bereite schlieist es sich der bedeutung wegen nicht 
ungezwungen an, ich glaube daher, es ist pa-ru-s zu tbei- 
len, und darin dieselbe wurzel pa enthalten, die im griech. 
ntj^vo-g, ni]-V9] einschlagsfaden, nfj^v-i^co webe, haspele, 
lat. pannu-s (doch wohl für pa-nu-s?) ein stück zeug, 
Schnupftuch, serviette und dgl, got. fa-na ein stOck zeug, 
tuch, schweifstuch vorliegt und deutlich genug die bedeu- 
tung des webens zeigt, so dafs aus ihr supparus sich au& 
trefflichste ableitet. 

12. mattici cognominantur homines malarum ma- 
gnarum atque oribus late patentibus Paul. p. 94 L. Schon 



beiirige zur latciiiinchen laatlebre und etymologie. 7 

G. J. Voesiiis et. lat. s. v. und And. Dacier ad* Fest, lei- 
ten das wort von des Hes. fiarvai' yvd&oi her, so dafs 
es gleich dein griecfa. yvdii-wvei; sei. Es scheint, als ob 
bei Hes. (uarrvai zu lesen sei, denn das wort steht zwi- 
schen fÄarraßavfievog und fiavTvt^g^ und Vossius liest in 
der that so, Mor. Schmidt aber hat nur ein r. Da sich 
innerhalb des lateinischen keine befriedigende etymologie 
ftbr matticus aufstellen läfst, so halte ich des Vossius an- 
sieht fbr die richtige. 

Es darf uns nicht wundern, dafs eine yerhältuifsinft- 
fsig so grofse anzahl von fremdwörtern unter den ohnehin 
oicht so überaus zahlreichen Wörtern mit doppelter tennis 
sich findet. Denn grade die genannten Wörter bezeichnen, 
mit ausnähme von beccus und mattici, s&mmtlich pflan- 
zen, zeoge, kleidungsstficke, speisen, deren bezeichnung ja 
so hänfig mit den gegenständen selbst der fremde entlehnt 
wird. Man vergleiche z. b. unser baldrian, ackley, guir- 
lande, bonquet, Sackleinen, matte, shirting, paletot, Che- 
misette, beefsteak, ragoüt und dgl. mehr, ja selbst harle- 
quin würde aufzuführen sein, falls mattici ein ausdruck 
der comödie war. 

Aulser den fremdwörtern schliefse ich von der behand- 
lung aus die naturlaute und schallnaohahmungen, wie 
atta Väterchen, pappa zu essen I 
stioppus oder scloppus ein klatsch 
und dgl., wozu auch wohl friguttio mit seinen verschie- 
denen übrigen Schreibweisen gehört, ferner die eigenna- 
men, wie 

Acca Larentia, Appius, Cotta, Attus, Met- 
tius u. a., 
denn da die bedeutung der letzteren nicht gegeben ist, 
w&re ihre etymologische bestimmung auf das blofse rathen 
angewiesen. Unter die eigennamen gehört auch: 

13. Tapulla lex, wi% Paulus, oder tappula, wie 
Festus schreibt, der name einer lex convivalis, welche, wie 
es scheint, dem luxus der convivien steuern sollte und 
deshalb vielfach verspottet und nicht beachtet wurde; so 
erwähnt Festus eines jocosnm Carmen des Valerius Valen- 



8 Pauli 

tinus, offenbar einer parodie desselben, und eines verses 
des Lucilius, 

Tappalam rident legem concere opimi, 
wie er nach den handschriften lautet, wofür congerrae, ein 
sonst nicht vorhandenes wort, vermuthet worden ist, ob- 
wohl es sich viel mehr empfiehlt, congri oder vielleicht con<> 
geri opimi zn lesen, die fetten meeraale, welche des ge- 
setees eben schon durch ihre blofse anwesenheit beim 
mahle spotten. In der erklärung des wertes, glaube ich, 
hat bereits Ant. Augustinus das richtige gesehn, der zu 
der stelle des Paulus das wort auf das cognomen Tappula 
oder Tappulus, welches in der gens Villia sich findet und 
als name eines consuls in den capitolinischen fasten auf- 
tritt^ zurückfahrt, so dafs sich also der ausdruck dor wei- 
teren etymologischen erklfirung entzieht. 

Unter den nun noch übrig bleibenden echt lateinischen 
Wörtern erklärt sich die doppelte tenuis auf dreifache art, 
erstens n&mlioh durch zusammenziehung rednplicirter sil«> 
ben, wie in 

reccidi, rettnli, repperi ftlr 

rececidi, retetuli, repeperi, 
worüber zu vergleichen Corssen ausspr. II, 46. Diese ent- 
stehung des verdoppelten lautes ist etymologisch unfrucht^ 
bar. Zweitens aber entsteht die Verdopplung durch blofse 
schärfung der ausspräche, und zwar zumeist nach langen, 
mit Sicherheit jedoch auch nach kurzen vocalen. Drittens 
endlich erscheint sie da, wo präfixe oder suffixe an wur- 
zeln treten, vereinzelt ohne, vielfach mit assimilation. Es 
darf als bekannt und feststehend angesehen werden, dafs 
die lateinische Schreibung der gemination überhaupt in 
confusion gerathen ist, namentlich- nach langen vocalen 
häufig sich findet,'' wo etymologisch nur der einfache lant 
Berechtigung hat. Der fall liegt nun auch ftkr die tenuis 
unbestreitbar vor in hicce fbr hl-ce, denn nur so ist das 
wort nach der analogie von qui zu zerlegen, und in Jnp- 
piter, welches nur für Jupiter, *Djoupiter stehn kann, 
denn an eine entstehung des pp aus dem sp, welches dem 
skr. Djäuä pitä, dem griech. Zevg nati^Q entsprechen würde, 



beitrüge zur lateinischen lanüehre and etymologle. 9 

ist schwer zu glauben. Es ist* vielmehr ausfall des s vor 
p anzunehmen und pp lediglich orthographisch aufzufassen 
als zeichen der geschärften ausspräche. Diese geschärfte 
ausspräche nun, der wir selbst oben schon bei den lehn- 
Wörtern in bracca begegneten, findet sich nach langen vo- 
calen in einer ziemlichen anzahl von Wörtern. 

Zunächst gehört hieher eine reihe von formen mit pp, 
die sich auf keine andere weise erklären lassen. Sie wür- 
den nämlich nur erklärt werden können, wenn man ent- 
wreder oin sufHx idg. pa annähme, was bis jetzt nicht nach- 
gewiesen worden und auch wohl nicht vorhanden gewesen 
ist, so dafs man also nicht lip-pus etc. trennen kann, oder 
in pp assimilation sähe. Das ist z. b. von Pott etymol. 
forsch.' geschehen, der u. a. lappa aus lap-ta, lippus aus 
lip-tus erklären will. Nun ist allerdings die vorsohreitende 
assimilation im latein nicht zu läugnen, formen wie ferre 
fbr fer-se, velle ftlr vel*se, facillimus fflr facil-simus, acer- 
rimus ftlr acer-simus, Collum fOr col-sum, verres fdr vers-es 
weisen sie auf, aber hier ist stets eine liquida im spiel. Ffir 
vor schreitende assimilation zweier tenues ist aber sonst 
im lateinischen kein beispiel bekannt, weshalb wir also nur 
noch das pp als schärfung von p ansehen können, wobei 
es die etwa identischen Wörter verwandter sprachen ent- 
scheiden müssen, ob ein kurzer vocal oder ein langer an- 
zusetzen sei, obwohl von vom herein nach den sonstigen 
analogien der Wortbildung die wage sich auf die seite des 
langen neigt. Hierher gehören nun folgende Wörter: 

14. vappa kahmiger wein wird bereits von Benfey 
gr. wzll. I, 267 mit vapor dunst und vapidus kahmig zu* 
sammengestellt, welche von Pott et. forsch. 11', 205, Cur* 
tius gmndz. I ', 111 mit lit. kvap-a-s hauch , ausdünstung 
zu Wurzel kap (kvap) ausdünsten, wovon griech. xanvo^ 
dampf, gezogen sind, deren bedeutung sich im lit. pa- 
-kvimp-ü, welches von dem geruche verdorbener speisen 
gebraucht wird, durch specialisirung ganz ähnlich gestal* 
tet, wie in vappa. Letzteres hat somit im anlaut ein k 
verloren und steht für *lcväpa, dessen langer vooal sich su 



10 PauU 

dem kurzen in vapor, vapidus verhält, wie ». b. der von 
eQp^o zu eupidus, wovon nachher. 

15. lappa klette wird wohl, wie schon Benfey griech. 
wzll. II, 121 meint, zum plattdeutschen khbe, dem namen 
der klette, gehören. Allein wenn Benfey die beiden Wör- 
ter auf lit. limpü klebe zurOckfuhren will, so ist das ein 
irrthum. Innerhalb des deutschen gehört kllbe zunächst 
zu ahd. khban festsitzen, hangen an etwas, welches mit 
seinen ableitungen zwar fiberall wurzelhaftes i zeigt, aber 
doch nicht von rohd. klembern klammern und dem diesem 
verbum zu gründe liegenden nomen 'klaniber, klammer 
getrennt werden kann. Dadurch stellt sich das a als wur- 
zelhaft, i wie auch sonst als in die i- reihe übergetreten 
dar, und wir erhalten mit regelrechter lautverschiebung 
als Wurzel gli^ „hangen an etwas ^ und fbr lappa die 
grundform *gläpa mit abfall der muta vor der liquida, wie 
er ja im lateinischen auch sonst vorkommt. Die wurzel 
glap freilich vermag ich sonst nicht zu belegen. Aufser 
dieser etymologie liegt noch die möglichkeit einer andern 
vor, die ich wenigstens andeuten will. Die klette hat ei- 
nen schuppigen kelch und deshalb könnte man versucht 
sein, an eine Verwandtschaft mit griech. ksnii; schuppe 
zu denken, mir scheint aber obige erklärung die bessere. 

16. lippus triefäugig, dessen Verwandtschaft mit gr. 
Ar^-o-t; fett, Xm-aQ^g klebrig so wenig zu läugnen ist, als 
mit skr. lep-a-s salbe, sl. lep-ü leim, lit. limp-ü klebe, lip- 
-ü-s klebrig, ohne dafs man es deshalb mit Curtius grdz. 
I S 231 fbr ein lehnwort aus äolischem äXinncc zu halten 
braucht. Es erklärt sich vielmehr rein lateinisch als ftir 
llpus, älter ^leipos stehend und identisch mit skr. tepas 
und sl. I^pu, letztere beide substantivirte adjectiva mit der 
bedeutung „klebrig^ von wurzel lip „kleben^. Auf den 
ersten blick scheint eher lit. lipüs identisch zu sein, allein 
das ist eben nur schein, denn das lit. suffix üs ist dem lat. 
US völlig fremd, somit entsprechen sich beide Wörter in 
ihrer bildung durchaus nicht, und kann deshalb auch das 
kurze lit. i nichts f&r die kürze des lat. vocals beweisen. 

17. cippus grenz- oder leichenstein. Das wort tritt 



beitrug zur lateinischen Uutlehre und etymologie. 11 

auch in der form Cippns oder Cipas als n. propr. auf, z. b. 
Ovid. met. 15, 565. Ea scheint demnach mit Sicherheit ci- 
pus, alt ^ceipos angesetzt werden zu müssen. Formal ver- 
gleicht sich skr. p^pas schweif, schwänz, allein ich sehe 
nicht, wie sich dessen bedeutung mit der von cippus eini* 
gen liefse, da pepas nebst piprä, dessen bedeutung man fbr 
gewöhnlich als „gebifs^ angegeben findet, welches aber 
nach mündlichen mittheilungen Grafsmanns in den stellen 
des Rigveda vielmehr „bart^ bedeutet, jedenfalls eine Wur- 
zel mit der bedeutung ^rauh, behaart sein^ voraussetzt. 
Ich glaube daher eher, dafs das wort im anlaut ein s ein- 
gebüfst hat, so dafs es f&r altes *8ceipos stände, dessen 
verwandten ich im ahd. skivero steinsplitter, schiefer er- 
blicke, wozu ja die gestalt z. b. des cippus Abellanus, 
wie sie in der abbildung in Mommsen's unteritalischen dia- 
lekten erscheint, trefflich pafst, insofern derselbe in der 
that einer Schiefertafel ähnlich genug sieht. Die wurzel 
muls dann als skip angesetzt werden, etwa mit der bedeu- 
tang spalten, wozu ich auch gr. ^icpo^^ bei Hesych. axhfo^ 
Schwert ziehe. 

18. cuppes leckerraaul bei Plaut. Trin. 2, 1, 17 mit 
den verwandten cuppedo leckerhaftigkeit , cuppSdinärius 
adj., zur leckerei gehörig, subst, delikatessenhändler, cup- 
p^iom leckerbissen, cuppedia leckerhaftigkeit. Dafs die 
Wörter zu cupio begehre gehören, ist selbstverständlich und 
daher die Schreibweise mit doppeltem p etymologisch nicht 
gerechtfertigt. Es fragt sich nur, ob der vorhergehende 
vocal lang oder kurz gewesen sei. Ich glaube, dafs man 
sich far die länge entscheiden mufs und zwar deshalb, weil 
sich das doppel-p nur bei diesen Wörtern mit dem begriff 
lecker findet, nie aber bei cupio, cupidus und den andern 
gleicher wurzel, es mufs also hier ein specieller grund vor- 
handen gewesen sein, und das konnte eben nur die natür- 
liche länge des vocals sein. Auch die bildung der Wör- 
ter spricht dafbr, denn wie albedo auf albus, so weist cup- 
pedo auf ein *cuppu8 oder richtiger *cfipus, welches be- 
gierig, lecker bedeutet haben mufs, dem skr. sa-köpa-s zornig, 
au%eregt entspricht und das zu cupio sich ebenso verhält, 



12 PauU 

wie skr. sa-köpa-e zu küp-j&mi in erregung geratben, aus 
welchem letzteren worte wir auch den grundbegriff der 
Wurzel „incitatum^ esse gewinnen, der sich im latein auf den 
geschlechtstrieb und den ganmenkitzel, im sanskrit auf den 
zom specialis! rt. Von cuppes ist uns der genetiv nicht 
erhalten f es scheint mir von *cüpus abgeleitet, wie dives, 
durch Suffix it. 

19. stüpa werg, auch stuppa und stipa geschrieben. 
Curtius I, 185 und Meyer vgl. gr. I, 33 geben bereits das 
richtige. Das wort ist gleich dem gr. (tttni^ auch OTvnnri^ 
werg, welches sich zwar erst bei späteren findet, aber als 
alt durch das abgeleitete arwt^uov bei Her. 8, 52 erwie- 
sen wird, und gehört zu wurzel stup dicht, fest sein, die 
im gr. aTi(fO) mache fest, lat. stipo u. a. vorliegt. Der bil-* 
düng nach kann nur stüp-a zerlegt werden, so daüs das 
bloise a suffix ist, da ein sufBx pa nicht erwiesen ist, Pott's 
deutung aber, et. forsch. JLI^ 51, aus stupta, die er selbst nur 
fragend vorbringt, nach den lateinischen lautgesetzen, wie 
schon oben gesagt wurde, ni<*ht möglich ist, da pt nicht 
zu pp assimilirt wird. Der Wechsel der vocale wie in li- 
bet neben lubet. 

20. sappin US oder säplnus fichte, gehört jedenfiftlls 
mit säpo seife und sapa most zusammen und setzt ein no* 
men *säpus voraus, aus dem sapo abgeleitet ist, wie naso 
aus näsus, und welches etwa die bedeutung „saft, harz^ 
gehabt haben mufs, so dafs säplnus der harzreiche bäum 
ist, ähnlich wie pinus, falls es für *picnus steht. Die Wur- 
zel sap, welche noch im gr. atjTico faulen erhalten ist, mufs 
etwa „triefen^ bedeutet haben. Wenn lit. sakai harz, sl. 
sokü safl verwandt sind, was sehr wahrscheinlich ist, so 
ist ihr p aus k entstanden. 

21. applüda oder aplada spreu, kleie, an dessen 
herleitung von ä und plaudo wol nicht zu zweifeln ist, wie 
ja auch wir noch sagen: die kleie abschlagen. 

In den Wörtern mit cc, sofern eben nicht assimilation 
vorliegt, könnte man nun versucht sein, das suffix ka zu 
suchen, allein es ist an das zu erinnern, was Leo Meyer 
vgl. gr. II, 493 sagt, dafs dies suffix zur bildung unabge- 



beitrage zur lateinischen Untlehre nnd et^mologie. 13 

leiteter Wörter ^^aarserordeiitlich selten^ sei, so dafs es mir 
gerathener scheint, in folgenden Wörtern gleichfalls blofs 
orthographische doppelung anzunehmen: 

22. vacca kuh. Dies wort ist den mannichfachsten 
erklämngen ausgesetzt gewesen. Gemeinhin bat man es 
zn skr. ukdan stier gezogen, cc aus assimilation von ks er- 
klärt und als wurzel entweder vagh ziehen oder uks be- 
netzen, befruchten aufgestellt. Ebel zeitschr. IV, 451 be- 
stritt das und leitete das wort aus vatca ab, indem er skr. 
Tatsa kalb verglich. Ascoli zeitschr. XIII, 160 zog es zu 
skr. ▼a9ä kuh, udtar pflugstier und nahm als wurzel vak 
begierig sein, als suffix ka. Fick endlich, idg. wb. 158, 
stellt es mit skr. vapä zu wurzel vak brüllen. Letzteres ist 
das allein richtige, die wurzel lebt im ved. vä^ati er brüllt, 
Täva^änas brüllend, v&^räs brüllend, f. kuh, so wie im lat. 
yfigio schreie (Fick 167) und im md. wüchz geschrei, und 
es fragt sich nur, ob vacca für väca oder vaca stehe. 
Nach dem skr. vsl^ könnte das letztere scheinen, allein 
es findet sich doch Rigv. G39, 31 auch die form v&^&s, 
welche in der bedeutung „rauschend, tönend^ als beiwort 
des drapsÄs erscheint, also zu unserer wurzel gehört, so 
dafs das femininum vä^Ä gleich dem fem. vft^ri jedenfalls 
die küh bedeutet haben kann, und weil eben sonst bei 
dem Suffix a, ä die gunirung, resp. Verlängerung der wur- 
zel das gewöhnliche ist, so scheint mir auch fbr vacca eher 
vfica als vaca die grundform zu sein. Ob auch ukäan und 
ultar der gleichen wurzel wie vacca angehören, ist hier 
an sich gleichgültig, die möglichkeit möchte ich indef« 
nicht Iftugnen, indem ich für uätar an das verhältnifs von 
tvaätar zu takäan erinnere; jedoch sind die herleitungen 
▼OD nks benetzen oder vagh ziehen gleich ansprechend. 

23. vaccinium der name einer pflanze und zwar, 
wie J. H. Voss zu Virg. Georg. 4, 137 meint, der von den 
Griechen vdxiv&oß genannten, was nach Georges die iris 
germanica L. oder das delphinium Ajacis L. ist, nicht un- 
sere 'hyacinthe. Klotz dagegen s* v. hält vaccinium fQr 
die rauschbeere vaccinium myrtillus L. Voss sieht dem- 
nach auch den namen vaccinium für eine entstellung des 



14 Panli 

gr. vdxtv&og an, was an aich wohl möglich wftre, denn 
*ifaxh&iov könnte ganz gut zu lat. Tacolnium werden, al- 
lein das wort kann auch ebenso gut rein lateinisch und 
von vacca abgeleitet sein, wie ja auch wir verschiedene 
pflanzen nach der kuh benennen , z. b. leontodon taraza- 
cum die kuhblume und die arten des melampyrum kuh- 
weizen. 

24. maccns der hanswurst in den Atellanen ist schon 
Ton G. J. Vossius mit gr. fiaxxoäv desipere zusammenge- 
stellt. Dies verbum steht bei Hes. zwischen f^iaxxovg^ und 
uaxovvtovj woraus sich ergiebt, dafs Hes. fiaxoäv schreibt. 
Andrerseits aber verlangt der vers des Aristophanes, equ. 
315, ein trochäischer tetrameter, 

xai to tov drjuov n()6g(anüV ^axo^ xa&i]fA€vov 
an der stelle eine länge, so dafs also das verb uäxoafo 
heifst und das xx, wie auch sonst im griechischen, nur dop- 
pelte Schreibung ist. Es fbhrt uns somit ficcxodw auf ein 
*fiäxog^ dem das lat. maccus fOr *m&cu8 gleich ist. Die 
Wurzel mak heifst jedenfalls verspotten, und zwar durch 
nachäffung, wie dies aus gr. ^mxog spott, fitvxog Spötter, 
bei Hes. auch fjiwgog bedeutend, und ficoxaouai verspotten, 
nachäffen hervorgeht« 

25. bacca oder, wie nach Klotz lex. s. v. die vor- 
herrschende Schreibweise der altern handschriften ist, bftea 
beere ist ziemlich allgemein entweder mit sanskr. bhakä 
oder mit bhag zusammengebracht worden, so dafs im er- 
sten falle cc f&r ks stehn, im letzteren assimilation aus 
bhag-ca geschehn sein sollte. Ich mufs an beiden erklfr- 
rongen zweifeln, da, worauf schon Corssen krit. nachtr. 63 
von Curtius aufmerksam gemacht worden ist, kein beispiel 
im lateinischen vorhanden ist fOr die Vertretung eines an- 
lautenden idg. bh durch b, vielmehr stets f oder auch h 
sich zeigt. Corssen 1. c. will deshalb bacca auf würzet 
pak coqüo, maturesco zurückführen, es sei die ,» reifende^ 
beere. Doch auch diese erklärung hat ihr bedenkliches. 
Einmal pafst diese bedeutung nicht recht zu dem gebrauche 
des Wortes bei den lat. Schriftstellern, wo es stets frflchte 
von der art bezeichnet, wie die des oleastri, myrti, juni- 



beitittge zur lateiniBcben lanüehre und etymologie. 15 

peri, piperis, also kleine bärtlicbe, runde und glatte beeren, 
nicht weicbee, reifes obst, wie es doeb die berleitung von 
pak erwarten liefse. Äufserdem aber ist aucb die annabme 
der erweicbung eines anlautenden p zu b nicbt obne be- 
denken, denn die beispiele, die Corssen 1. c. 1 76 sqq. dafür 
vorbringt, sind entweder lehnwörter, wie buxus, buxis, 
Bruges, Burrus, oder sie geboren dem stamme ba trinken 
an, dessen erweicbung aber, wie ved. plbämi, skr. pivämi 
zeigt, schon voritaliscb ist. Dann bleiben als stützen nur 
bustum und comburo, vorausgesetzt, dafs Corssens etymo- 
logie aus Wurzel prus die richtige sei, und die von Terent. 
Scaurus angeflQbrten balatium und Boblicola, also nicht eben 
viele. Urtbeilen wir rein nach dem vorliegenden lautstande 
von baca, so wird eine wurzel bak erfordert, wie sie un- 
zweifelhaft in gr. ßdsc^TQov, fiax-rtjQia stock, ruthe und 
ebenso in bac-ulum vorliegt, welches ich früher (verba auf 
uo 26) anders gedeutet hatte, und es fragt sich nur, wie 
deren grundbedeutung anzusetzen sei und ob sich bäca 
daraus erklären lasse. Seiner bildung nach heifst ßdxrgov 
ein naittel zum — gehen, pflegt man zu sagen, aber woher 
das X? Beim scboliasten zu Ar. Plut 476 wird ra ßdx?,a 
erkl&rt durch tvtAnava^ ^vka, oli^ rmrovrat hu rolg äixa- 
(SxriQioig Ol ri^wgovuevoi, d. h. also ßdxxQov ist ein mittel 
ziun — schlagen, so dafs sich nun zur wurzel bak auch 
das skr. bakuras stellt, welches Rigv. 1, 117, 21 steht: 
abhi däsjum b&kur^nä dh4mant& 
urü gjötis ^akrathus Äriäja 
anblasend den feind mit dem bakura, schüfet ihr (Apvinen) 
weiten siegesglanz dem Arier; und in adjectivischer ablei- 
tung Bigv. 9, 1,8 

t4m im hinvanti agrüvas 
dh&manti b&kuram dftim 

ihn liebkosen die Jungfrauen (die finger), 

sie blasen das bakurafell. 
Aus letzterem ausdruck scheint mir hervorzugehen, dafs 
baknras kein blasinstrument, wie das Pb. wb. vermuthet, 
sondern eine art trommel oder pauke sei, also der andern be- 
deatung des gr. vCfxnavov genau entsprechend und wie die- 



16 Pauli 

ses auf eine „ schlagen ^ bedeutende wurs&el zurückgehend. 
Das abbi dh4mantä und dhamanti stört nichts wenn man ee 
etwas allgemeiner abersetzt: ^ umtosend^ und y,sie lassen 
erschallen^. So, glaube ich, darf man also wohl eine wurzel 
bak schlagen aufstellen, ich muTs jedoch darauf verzichten, 
bäca seiner bedeutung nach damit zu einen. Das got. basi 
beere halte ich fbr unverwandt mit bäca. 

2l>. baccina bilsenkraut ist eine bloise ableitungvon 
bacca, gebildet wie der pflauzenname accipitrina von acci- 
piter und benannt nach dem beerenähnlichen samen, der 
dem gewächs im griechischen den namen vogxvafiog sau- 
bohne verscbafite. Auch baccalia eine lorbeerart ist je- 
denfalls von bacca abgeleitet. 

27. cracca gleichfalls der name einer pflanze bei 
Plin. 18, 16,41, nach den lexicis die vogel- oder tauben- 
wicke, also vicia cracca der botaniker, ein zierliches ge- 
wächs mit schlanken und ranken stielen. Ich erkläre da- 
her den namen aus der wurzel kark schlank, dOnn sein, 
wie sie im lat. gracilis schlank, dOnn, dem cracentes gra- 
ciles des Paulus, dem skr. kr^jämi dQnn werden, krpas 
schlank, hager, kä.r9Jam magerkeit vorliegt. Da im Sans- 
krit gleichfalls verschiedene pflanzen ihrer schlanken gestalt 
wegen kär^jas oder kärsjas benannt sind, so stehe ich nicht 
an, auch cracca fQr cräca auf diese wurzel zurückzuführen 
und es als die „schlanke, zierliche^ zu erklären. 

28. fl accus welk ist, um anderer unhaltbarer ety- 
mologien zu geschweigen, von Benary röm. lautl. 148 als 
flag-cus versengt, welk erklärt und mit flävus für *flagvu8 
zu flagro gestellt worden. Das wäre lautlich wohl möglich« 
wenn nicht eben das suffix dann wieder als primäres ge* 
fafst werden möfste. Daher erscheint mir folgende etjmo- 
logie sicherer. Es giebt im sanskrit ein verbum bhra^atS, 
bhra^jati oder bhf9Jati dejici, dejectum, demissum esse, 
caus. bhräpajati dejicere, demittere. Eine ableituog hier- 
von *bhräpas würde demnach dejectus, demissus heifsen 
können. Nun aber hat flaccus genau die bedeutung von 
demissus, wof&r man folgende stellen vergleiche: aures de- 
mittere Hör. carm. 2, 13,34, auriculas demittere id. sat. 



beitrBge ssiir lateinischen lantlehre und etymologie. 17 

1 , 9, 20 mit aures flaccidae Cd. 6, 30, 5, anres pendulae 
flaccent Lactaot. opif. D. 8, aaricalae flaccae Varro r. r. 
2, 94, aares flaccae Cato r. r. 2, 9, ferner fracto animo et 
demisso Cic. fam. 1, 9, 16, Sulla demisras Cic. pro Sull. 26 
mit Messala flaccet Cic. ad Q. fr. 2, 15, 4, ferner 
— floreecunt tempore certo 
Arbueta et certo demittunt tempore florem. 
Lucr. 5, 669, wo es mir durchaus nicht nöthig scheint, di» 
mittunt zu lesen^ falls nicht letzteres, was ich nicht weife, 
bandschriftlich besser bewfihrt ist, mit frons flaccescit Vitr. 
2, 9, folium fiaccidum Plin. 15, 30 (39). Aus diesen stellen 
folgt mit hinlänglicher Sicherheit, dafs Saccus in der be» 
deutung dem demissos gleich steht, fiaccere gleich demis* 
sum esse ist und dafs daher Saccus i. e. *fidous wirklich 
dem oben gebildeten ^bhrfipas, idg. bhrftkas gleich ist von 
Wurzel bhrak herabfallen und mit herabhangend, schlaff, 
welk zu übersetzen ist 

29. siccus trocken. Auch bei diesem worte hat 
man sich, ähnlich wie bei vacca und vielen andern, z« b. 
amor neben skr. kfimas etc. , von der sirene der gleichbe- 
deotung irre leiten lassen, indem man siccus mit skr. ^1- 
kas, baktr. huskö trocken zusammenbrachte. Lautlich aber 
führt keine brücke von ^suskas, wie die idg. form lauten 
mOiste, zu siccus, und beide Wörter sind so wenig mit ein- 
ander verwandt, wie etwa mare und skr. samudras, fiuvins 
und skr. nadf. Nach strenger lautlehre kann die wurzel 
von siccus nur sik lauten, und so heifst sie auch, wie das 
Spiegel zeitschr. XIII, 365 und Fick idg. wb. 176 bereits 
gesehen haben, die mit siccus das skr. sik-ata sand, baktr. 
hik-u-8, hik-väo, high-nu trocken, ha^kö n. trockenheit, u^ 
ha^Kajemi trockne aus verglichen haben, zu denen sich 
noch das altwelsche syoh trocken (Ebel beitr. II, 164) und 
vielleicht ahd. sihte seicht gesellen. Dadurch wird auch 
die bildung von siccus klar, denn es verhält sich zum 
baktr. neutrum haäKö, wie z. b. gr. Bvgvg zu evgog n. oder 
wie lat. f idus zu foedus n., steht also für sicus, älter *sei- 
cos, mit guna gebildet, wie haeKö. Nach dieser völlig 

Zeitscbr. f. vgl. sprachf. XVIII, 1. 2 



18 Pauli 

unantastbaren etymologie bedarf es auch Gorssens an sich 
wohl möglicher erkl&rung aus siticus nicht. 

30. bucca backe, pausbacke, als eigenname, cogno- 
men eines Aemiliers, meist Bflca geschrieben. Die ableitnn- 
gen des Wortes aus skr. bhu^ essen mit suffix ka (Benary 
röm. lautl. 173) oder bhuki dass. (Meyer zeitschr. VI, 221) 
oder bhakö dass. ( Bopp gloss. s. v. bbak i ), wo kö zu cc 
geworden sein soll, oder aus bhag essen und suffix ka 
(Corssen kr. beitr. 26, zurückgenommen kr. naohtr. 64), so 
wie die Zusammenstellung mit skr. mükha maul (Bopp a. o.) 
oder ahd. paccho backe (Schweizer zeitschr. XIII, 303) 
halte ich allesammt aus naheliegenden lautlichen gründen 
ftür falsch. Von den bisharigen etymologien ist nur die 
neuere Corssen's annehmbar, der es an skr. bukk latrare, 
gannire, loqui ableitet. Allein die wurzel ist nicht belegt 
aniser in bukkana das bellen und zeigt aufserdem in dem 
kk ein so spätes ansehen, dafs sie in dieser gestait sicher 
nur indisch ist. Es ist vielmehr aus ihr eine ältere form 
buk zu erschliefsen, die im altsl. buöati mugire und im skr. 
buk-kära gebrüll des löwen noch erhalten ist. An diese 
wurzelform also lehne ich bucca, sehe aber in dem cc nicht 
das suffix ca, sondern fasse büca als echte Schreibweise. 

31. bucco^ bezeichnung einer person in den Atella^ 
neu, ist nur eine ableitung von bucca, indem es entweder 
den pausback oder den, der beim sprechen den mund voll 
nimmt, bedeutet. 

32. bficina Signalhorn. Hier ist nach Fleckeisen f>\\ 
artikel 8 die Schreibweise mit einem c besser beglaubigt. 
Kuhn zeitschr. XI, 278 erklärt das wort aus bov-i-cina und 
hält das gr. ftvxdpf] trompete f&r ein lehnwort aus dem 
lateinischen. Die erklärung aus bov-i-cina wäre sehr gut, 
wenn ftvxdvtj wirklich ein lehn wort. wäre. Das wort findet 
sich freilich erst in der späteren gräcität, lebt dort aber 
in einer menge von bildungen, ßvxavdoa und ßvxavi^fa ich 
trompete, ßvxavrjua und flvxaviauog trompetenstofs, ßvxa^ 
vfjTTJg und ßvxapiavrjg trompeter, so dafs schon dadurch 
die entlehnung nicht grade wahrscheinlich ist. Nun aber 
ist die Wurzel buk auch sonst noch im griechischen lebendig, 



beitrflige zur Uteinucfaen lantlehre and etymologie 19 

ibr faUen za ßvxrtjg' (fvawv Ues., ßvxrdmv Ttvkovrwv^ €pV' 
CfütAv id., ßovxtfiotg' <pvatjTiK>i id., welches Mor. Schmidt 
zwar als de scriptura suspectum anführt, allein, wie ich 
glaube, mit unrecht, da es ja, was er selbst andeutet, la- 
konisch sein kann. Es führen also bucca, sl. bnöati, bücina 
and die griechischen Wörter allesammt auf eine wurzel buk, 
deren grundbedeutung sich leicht als die des „blasens^ er- 
giebt in allen schattirungen dieses worts, bucca die aufge- 
blasene backe, bucati blasen, tönen, brüllen, bücina, ßvxdvi} 
blasinstrument. Zu dieser wurzel gehört nun auch mhd. 
pillchen pfauchen, schnauben, dessen refiex sich auch als 
niederdeutsches puchen oder pochen schelten, räsonniren 
findet, wodurch genau die wurzelform buk als die Ursprünge 
liehe erwiesen wird, interessant genug, da hier einer der 
seltenen ßüle vorliegt, dai's sich b als altindogermaniscb 
herausstellt. 

33. mücus schleim, rotz. So ist nach Corssen kr. 
beitr. 26 die bessere Schreibart. Daneben aber findet sich 
das wort selbst, so wie seine verwandten mücidus rotzig, 
mucosus rotzig, schleimig, müculentus rotzig, mficinium 
Schnupftuch mit cc geschrieben. Etymologisch richtig 
aber ist die Schreibweise mücus, denn das wort entspricht 
dem griech. (Avxoq^ welches, wie es scheint, in der hedeu- 
tnng schleim sich findet. Die wurzel ist muk, welche vor- 
liegt im skr. mui^Kämi efiundo, dimitto, solvo, wie schon 
Bopp gloss. s. V. 1. muk und andre angeben, ferner im gr. 
ano-uvarxia ich schnauze, f/ivxnJQ nase, f^v^a rotz. Ihre 
grundbedeutung ist also fliefsen lassen. Ueber lat. e-mungo 
ich schnauze, welches auch hierher gehört, in einer der 
n&chsten abhandlungen. 

34. mücor schimmele kahm. Die ableitungen sind 
mücidus schimmlig, müceo bin schimmlig, mücesco werde 
schimmlig. Auch hier steht wieder cc neben e, aber c ist 
nach Corssen a. o. gleichfalls bessere Schreibweise. Ver- 
wandt sind gr. fiwxrjg, -tirog pilz, fxvxrjuvog von pilzen ge- 
macht, deutsch muchen dumpf riechen, muchig, muffig 
dumpf, faulig riechend. So nach Benfey gr. wzll. I, 518. 
Kuhn zeitschr. XV, 452. Von Curtius grundz. P, 131, 

2* 



80 Pauli 

Meyer vgl. gr. I, 360, Corssen kr. bcitr. 26 werden ftuoh 
diese worte der eben genannten wurzel muk zugewieeen. 
Es siebn mücor, mücidus, müceo in dem bekannten Ter* 
h&ltniis der endungen -or, -idas, »eo, mücor ist also dem- 
nach nicht der concrete Schimmel, sondern nur das abstrac* 
tum, der zustand des geschimmeltseins, es liegt aber allen 
drei werten als Stammwort ein *macu8 zu gründe, wie toh 
albus herkommt albor^ albidus, albeo. Diesem ^mflcus ent* 
spricht das gr. fÄVxog* fnaoui^ Hes., es heifst also müceo 
ich bin verunreinigt, in specie durch schimmel, woftkr sich 
die Wörter festsetzten. Dies *mücus unrein, unsauber ge- 
hört nun aber, wie ich glanbe, allerdings zu obiger wurzel 
muk flieisen lassen, effundere, indem das verhältnifs der be- 
deatungen ein ähnliches ist, wie zwischen commingo be- 
sudle und skr. ni^hämi effundo, megha wölke. Es geht 
auch das gr. uvxij,^ pilz auf die weise aus uvxo*^ hervor, dais 
CS der verunreinigende ist, nicht etwa so, dal's der schim- 
mel als pilz bezeichnet sei, denn davon wuisten die alteo 
noch nichts, es wfire das ein anachronismus in der an- 
schauung. 

35. sücus saft, bessere Schreibweise als succus nach 
Corssen kr. beitr. 27. Nach der analogie der bisher be- 
handelten Wörter mufs als wurzel suk angesetzt werden,, 
welche vorliegt im lit. sunkä saft, siinkti eine flüssigkeit 
ablaufen lassen, altsl. susati sfiugen, sfisici mamma, ahd. 
sügan saugen. Auch lat. sügo fQr süco gehört hieher mit 
erweichung der tenuis, die, wie ich bald zu zeigen ge- 
denke, im lateinischen sehr häufig ist. Der Zusammenhang 
von sücus und sügo ist schop von Benary röm. lautl. 148* 
172; Pott I', 234; Hoefer beitr. zur etym. 361 und neue- 
ren angenommen. Nicht verwandt sind jedoch altsl. sokü 
saft, das von Miklosicb rad. 92 zu lit. sunkä gestellt und 
auch von Curtius grundz. ^ 408 verglichen wird, ferner 
griech. 0:104; saft, welches Curtius gleichfalls f&r verwandt 
hält, Pott aber bereits trennte, und ahd. saf saft, wie 
Schade altd. wb. s. v. angiebt und das niederdeutsche sap 
beweist, ein lehn wort ans dem lat. sapa, welches selbst 
vielleicht zu sokü, sakai gehören mag, worüber bei säplnus 



beitrage zur lateinischen lautlehre und etymologie. 21 

QDter DO. 20 zu vergleichen. Die bedeutnng der wurzel 
Buk ist offenbar die des saftigseins, woraus saugen und 
säugen sich leicht ableiten. Das gr. av/jjv feige wird von 
Hoefer a. o. dazu gestellt, allein das äol.-dor. rwcav wider- 
streitet. 

36. sacinum bernstein, auch succinum geschrieben, 
halte ich nur für eine ableitung von sücus, so genannt 
wegen der saftigen färbe, nicht, weil er ein geronnener 
harzsafl ist, was den alten wohl nicht bekannt war. 

37- groceio, wie bei App. Flor. p. 366, 19, oder 
cröcio, wie bei Plaut. Aul. 4^ 3, 2 gelesen wird, ich 
krSchze. Hier leitet schon die letztere Schreibweise auf 
das richtige, deren mittleres c in groccio doppelt geschrie- 
ben ist, während das anlautende c sich vor der liquida zu 
g erweichte, wie in gracilis neben cracentes und in glöria 
von wurzel klu. Demnach haben wir in eröcio eine wür- 
zet krak krächzen anzusetzen, die sich auTserdem im lat. 
gracnlus dohle, auch gracculus geschrieben, in lat. gra- 
cillo ich gackere (von hühnern), beide gleichfalls mit er- 
weichtem anlaut, so wie in skr. krka-väkus hahn, pfau, gr. 
xiQXog' aksxrovwv Hes., gr. y,6()Xüoo<^ ein vogel, skr. kraka- 
ras, krkaras, krkanas eine art rebhuhn (Fick idg. wb. 33), 
endlich im lit. krokiu ich röchle, krächze erhalten findet. 
Neben eröcio (-Ire) und cröcitus das krächzen des raben 
weisen die formen crocito krächze und crocätio corvorum 
vocis appellatio Paul. Diac. auf ein *croco (-äre) mit knr- 
xem wurzelvocal hin. Die wurzel krak selbst ist weiter- 
gebildet aus kar schreien, wie es vorliegt in skr. käravas 
krähe, gr. xü()a^ rabe, xo{)U)vii krähe, lat. corvus rabe, cor- 
nix krähe. Auch mit g weitergebildet findet sich die 
wur/el im gr. xocii^toj xixQäyu schreie, x^w^oj krächze, 
uord. hrökr, ahd. hruoh krähe, und mit labialem determi- 
nativ im ahd. hraban rabe. 

Nach analogie der Wörter mit doppeltem pp oder cc 
läüst es sich nun annehmen, dafs tt in manchen formen 
gleichfalls nur der orthographische ausdruck fQr die ge- 
schärfte ausspräche sei, obwohl hier im einzelnen die ent- 
scheiduDg dadurch erschwert wird, dafs viele primäre suf* 



22 i'auli 

fixe mit t beginnen, was ja bei p und c nicht der fall 
war, 80 dals also das zweite der beiden t auch suffixal 
sein kann. In folgenden formen aber, glaube ich, ist das 
tt als schftrfung zu erklären: 

38. blattio, bt&tio und blatio schwatzen, plap- 
pern, mit bl&tero, blatero dass., zusammengehörig, ist ge- 
bildet wie gluttio, glfltio, setzt also ein nomen *blfttns vor- 
aus von der wurzel bal, bla schreien, die wir im lat. bftlo 
blöken und mit x weiter gebildet im gr. ßlnx^] ^^^ blö- 
ken, das kindergeschrei finden. Verglichen mit flatus er- 
scheint die form *bl&tus, blatio als die normale, tt als zei- 
chen der schftrfung, der vocal in blatio, blatero gekOrzt. 

39. vitta binde kann auf viererlei weise den latei- 
nischen lautgesetzen gemäfs erklfirt werden, entweder als 
vit-ta von einer wurzel vit winden, die im got. vindan 
winden vorliegt (so nach Pott et. forsch. I\ 230), oder von 
derselben wurzelform, jedoch nur graphisch fbr *vlt-a, ftlter 
*veit-ä, oder direct von der primären wurz(^l vi winden, 
von der vit secundär, so dafs es *vl-ta älter *vei-ta za 
trennen wäre, wie vx-tis ranke, rebe, welches gleich baktr. 
vaetis weide, lit. vfX\% weidengerte, sl. viti argocfo^ ist 
(Fick idg. wb. 171), oder endlich, wie es Schweizer in d. 
zeitschr. III, 375 will, fßr victa von der secundären wurzel 
vik winden, binden, wie sie in vinculum, vincio vorliegt. 
Die entschcidung, welche dieser möglichkeiten die wahr- 
scheinlichste sei, ist daher kaum zu geben, ich persönlich 
möchte mich fQr *vl-ta erklären Und habe daher das wort 
hieher gestellt. Dafs sich stets die Schreibung vitta mit 
tt findet, geschah wohl wegen der Scheidung von vita, 
welches selbst, nebenbei gesagt, für vitta, victa stehn mufs, 
wie nitor neben nixus sicher fnr nictor steht, da die wur^ 
zel in beiden Wörtern sicherlich guttural auslautet. 

40. lltus gestade, auch littus geschrieben. Die 
bisherigen etymologien aus likh graben suff. tus (Benary 
röm. lautl. 285) oder aus skr. li anhaften (Benfey gr. wzU. 
I, 122, Curtius grundz.', 329) scheinen mir nicht passend, 
erstere aus lautlichen gründen, letztere wegen der bedeu- 
tung, denn die von Curtius gegebene Vermittlung ist doch 



beitiü^ zur lateinischen laatlehre und etjmologie. 23 

ZU kOnstlich. Und Qberdies liegt eine andere etymologie 
viel näher. Zugestanden, dafs vor 1 und r im anlaut des 
lateinischen die tenues abfallen können, wie es fast allge» 
mein für laus lob von klu hören, Idmentum klage von kal 
rufen, latus getragen von tal tragen angenommen wird, so 
ist nichts einfacher, als fbr lltus ein älteres *chtus anzu- 
setzen, welches mit gr. xAitvg abhang, hOgel, nord. hllO' 
bergabhang, got. hlaiv, ahd. hleo hOgel, grabhügel, got. 
hlains hflgel zu kli sich neigen gehört, wovon die verba 
gr. sAipw, lat. cllno sich neigen, ahd. hlin^n sich lehnen. 
Das suffix tus n. zeigt sich sonst noch, wie im skr. srö-tas 
flufs, 9rö-tas ohr, re*tas same, vielleicht im lat. pec-tus 
brüst. Der bedeutung nach ist lltus die absenkung, abda- 
cbung des landes am meere. 

41. litte ra buchstabe, wie nach Corssen kr. beitr. 19 
die bessere Schreibweise ist. Alle ableitungen aus lictera 
und liptera, ersteres anlehnend an skr. likh schreiben, letz- 
teres an skr. lipi schrift, halte ich mit Corssen kr. nachtr. 
61 sq. für nicht genögend, obwohl, wie wir nachher sehen 
werden, die assimilation von et und pt zu tt dem ^atein 
nicht völlig fremd ist. Ich stimme vielmehr Corssen bei, 
wenn er es zu wurzel li streichen stellt, dafs aber des ahd. 
sb-m schleim wegen, wie er meint, die wurzel ein s im 
anlaut eingeböfst habe, ist nicht sicher erweislich, obwohl 
wegen ll-mus immerhin möglich. 

42. glitt US in der glosse des Paulus glittis subactis, 
levibus, teneris, also glatt, locker bedeutend. Dies verhält 
sich zu lit. glitüs glatt, schlüpfrig genau so, wie lippus zu 
lipüs, daher wird es auch auf gleiche art %u erklären sein, 
d.h. es steht fär glltus, älter *gleitos, wurzel glit glatt, 
klebrig sein. Diese wurzel ist belegbar im lat. glis, glitis 
lockere erde bei Isidor, gr. ykurop' yloiov Hes. und, wie 
ünrtius (grundz. I', 334) meint, mit abfall des g auch in 
Ug^ JkiTog glatt, kahl, Xitog glatt, kiaaog für *kiTj6g glatt, 
so wie in der genannten lit. form, im lett. gllst glatt, gllsts 
lefam (Benfey gr. wzU. U, 119) und im deutschen kleister, 
in den letztgenannten formen mit Übergang der dentalis 
vor dentalis in s. Als primäre wurzel ergiebt sich gli im 



U Pauli 

grieob. ylia leim, ykoiog klebrige feachtigkeit, ylivr^ leim. 
Das sl. glina thon ist wohl nicht von der primären wurzel 
abgeleitet, sondern, wie Miklosicb rad. s. v. aus dem serb. 
glib schliefst, aus ^glibna assimilirt, welche Weiterbildung 
mit bh auch im sl. glibati fest machen zn tage tritt* Es 
ist noch zu erwähnen, das einige bandschriften des Paulus 
glutis lesen, was allenfalls richtig sein könnte, so dafs 
dann das unter no. 43 behandelte wort vorläge; glicds 
aber, wie eine handschrift hat, ist sicherlich falsche schreib* 
weise, wie oben mactea und coctana. ^ 

43. glütus, von Cato r. r. 45, t vom zähen, kleb- 
rigen boden gebraucht, ergiebt sich schon dadurch als bes- 
sere Schreibart fOr ginttus, dafs es das particip von gluo 
ist, welches alte lexika darbieten. Seine lateinischen ver- 
wandten sind glos, -tis der leim, glaten und glütinum dass. 
and die ableitungen von letzterem. Als wurzel ergiebt sich 
somit glu kleben , die sich nach Benfey wzll. 11, 1 1 9 auch 
im lett. glfids lehm findet und, wie Curtius grundz. I^, 334 
meint, eng verwandt mit gli im gr» ykia leim u. a. ist. In 
meinen verben auf uo 21 hatte ich vermuthet, das g von 
gluo sei aus k erweicht, es scheint mir jetzt indefs, dafs 
es ursprOnglich sei. 

44. glütus oder gluttus Schlund. Auch hier ist ety- 
mologisch glütus die richtige Schreibung, denn glü ist Wur- 
zelsilbe, tus sufBx, wie in-gluv-ies kehle zeigt Wie im- 
-pluv-ium auf pluo, so gehen glütus und ingluvies auf ein 
verlornes *gluo verschlingen zurück. Dies würde nach son- 
stiger analogie direct auf eine wurzel glu weisen, die aber 
nirgends zu belegen ist. Ich glaube daher, dafs Bopp gloss. 
s. V. gar und Pott I^, 227 recht haben, als wurzel gar 
verschlingen anzusetzen, und darum habe ich auch in mei- 
ner abhandlung über die benennung der körpertheile 13 

45. glütio oder gluttio ich verschlinge, welches 
nur eine ableitung von glütus ist, mit skr. gala, lat. gula, 
ahd. käa u. a. kehle bedeutenden Wörtern zu skr. girdti, 
gil&ti, wurzel gar verschlingen, gestellt. Alsdann mufs die 
Wortbildung folgende sein. Aus der wurzel leitet sieh zu- 
nächst ein nominalstamm ""gelu ab, wie von wurzel arg 



beitrftge zur lateiDischen Uutlehre tmd etymologie. 25 

weiis sein ein *argu, davon kommt *geIuo wie argno, des- 
sen erklftning in meinen verbis auf uo 22 ich als falsch 
hiermit zurücknehme, dann tritt syncope des e ein, wie in 
gnftsoor fbr genäscor (gebildet wie iräscor), von dem so 
entstandenen gluo leitet sich glütus, wie von argao argü- 
toB ab, glatio endlich ist wieder ein denominativum von 
gltLtns, wie raucio von raucus heiser. Dem glütio in der 
bildong ziemlich analog ist sl. glutiti , nur dafs dies wort 
u statt eines völlig parallelen u zeigt. 

Diese Verdoppelung der teouis zur bezeichnung der 
geschärften ausspräche findet sich aber nicht blofs nach 
langen vocalen, sondern auch nach kurzen, bald als vor- 
wiegende Schreibart, bald mehr vereinzelt. Das bekannteste 
und sicherste beispiel dieser art ist quattuor, wo, wie Cors- 
sen kr. beitr. t9 richtig bemerkt, ein etymologischer grund 
nicht vorliegt. Weiter zeigt sich diese erscheinung mit 
Sicherheit in cottidie, was neben cotidie, quotidie sich ge- 
schrieben findet (Corssen ausspr. I, 69), denn hier ist an 
der etymologie von quot ss skr. kati interr. wie viele?, in- 
def. etliche, adverb. oft nicht zu zweifeln, wie der ge- 
brauch von quot diebus alle tage, quot mensibus alle mo- 
nate, quotannis alle jähre ergiebt. Auch succerda schweine- 
koth steht far sucerda mit kurzem u , denn der analogic 
von mus-cerda noch ist es aus su und cerda zusammenge- 
setzt, der stamm su hat aber im lateinischen entschieden 
kurzes u, was zwar nicht aus sulnus, suile, wo vocalis 
ante vocalem gekürzt sein könnte, wohl aber aus sucula 
schweinchen hervorgeht. Auch vacillo wanke, schwanke 
ist bei Lucret. 3, 504 in der ersten silbe lang gemessen, 
weswegen Lachmann vaccillo schreibt. Der Wortbildung 
nach ist vacillo ein verbum deminutivum, welches ein ein-; 
facberes voraussetzt. Nach der analogie von jaceo neben 
dem oansativen jacio kann dies kaum anders als *vaceo 
angesetzt werden, welches wie jaceo einen kurzen vocal 
fordert. Die wurzel liegt im deutschen vor. Da ja in- 
lautende tennis zwischen vocalen sich bereits gotisch zur 
media statt zur aspirata zu verschieben pflegt, so könnten 
wir die wurzel gotisch in der gestalt vag wiederfinden. Da 



26 Pauli 

ferner got. gavigau das gr. calevBiv^ got. vögs das gr. öei- 
Cfjiog^ xkvöoip übersetzt, abd. wSgan sich bewegen besonders 
von der bewegung des hebeis oder wagebalkens gebraucht 
wird^ und diese bedeutungen viel genauer zu der von va- 
cillo stimmen, als zu der der wurzel vagh fahren, ziehen, 
wozu obige deutsche Wörter gewöhnlich gezogen werden, 
so glaube ich, dal's sie nicht zu wurzel vagh fahren, son- 
dern zu vak schwanken zu ziehen sind, welche wurzel im 
Sanskrit gleichfalls von der bewegung einer flOssigkeit ge- 
braucht wird, wie im got. v^s, nämlich in der stelle Bigv. 
7,21,3 

tu&d vävakre rathtas na dhenäs 
von dir her rollten die milchtränke, wie wagenlenker. An- 
dre deutsche Wörter zeigen durch ihre bedeutung den Zu- 
sammenhang mit wurzel vak schwanken noch deuüiöber. 
Dahin gehören ahd. wagä wiege, abd. wagön sich wiegen, 
schwanken, wogen, ahd. wäga wage, kippe, mhd. wägen 
auf die wage legen, mhd. waege übergewicht habend, nicht 
jedoch abd. wagan wagen und got. vigs weg, welche nach 
wie vor der wurzel vagh fahren zuzusprechen sind. Nach 
analogie dieser formen, in denen mit Sicherheit die ortho- 
graphische doppelung der tenuis auch nach kurzem vocal 
sich findet, erklären sich nun folgende Wörter: 

46. catta, welches nur bei Mart. 13,69 steht und 
vom gloss. Cyrilli 369, 16 durch ailouQug erklärt wird, mit 
recht, wie sein masculinum catus kater zeigt, wofür sich 
gleichfalls die Orthographie cattus 'findet nach Doederlein 
synon. V, 115. Dafs aber hier die Schreibweise catus, cata 
die etymologisch richtige sei, zeigt das lat. deminutivum 
catulus, so wie das lit. kät-a-s kater, sl. kot-ü-ka katze. 

47. flocces der bodensatz des weines, und 

48. floccus die flocke sind schon von Corssen kr. 
beitr. 29 als verwandt mit einander hingestellt worden. Die 
weitere Verwandtschaft indessen, die nach ihm die Wörter mit 
flaccus welk, fraces öltrestern, fraceo mulsch sein, fragesco 
mürbe werden haben sollen, halte ich nicht für erwiesen, 
da weder a mit o, noch 1 mit r im lateinischen wechseln, 
ohne dais dieser Wechsel in der Wortbildung oder lautge- 



beitrage zur lateinischeD lautlebre nnd etjmologie. 27 

setzlieh begrQndet wäre, was hier nicht der fall ist Auch 
anderweite erkläningen, wie die von Meyer Zeitschrift 
VI, 222 oder von Proehde zeitschr. XIII, 455 befriedigen 
nicht. Letztere giebt aber einen fingerzeig, sofern sie flo-ces 
trennt und c als ableitend ansieht. Damach gewinnt man 
blofs in flo die wurzel, die ich im ahd. pläan, mbd. blae- 
wen, blaejen, blaeen, ags. biävan, engl, to blow blähen finde. 
Der bedeutung nach pafst diese vergleichung trefflich, denn 
sowohl die weinbefe, wie die wollflocke haben gleicher- 
weise eine geblähte form. Bei dieser etymologie ergiebt 
sich als richtige Schreibung fio-cus und flo-ces, welch letz- 
teres neben flocces sich findet. 

4f>. eccere soll nach Curtius zeitschr. VI, 92 das 
passiv von ecce siehe! sein, dies selbst aber imperativ eines 
*eco ich sehe + ce, welches in hice enthalten ist. Diese 
erklärung des eccere halte ich fQr unmöglich, weil das ce 
im lateinischen nicht zwischen activform und medialendung 
in die mitte des wertes treten kann, wenn schon im litaui- 
schen das k des Imperativs zwischen wurzel und endang 
steht. Allein das ist eine speciell litauische eigenthQmlich- 
keit, die nicht auf eine andere spräche übertragen werden 
darf Es bleibt sodann f&r eccere noch die andre ge- 
wöhnliehe erklärnug übrig, welche es gleich ecastor, equi- 
rlne aus e, welches wohl blofse interjection sein wird, und 
Ceres ableitet. Da sich die Schreibweise ecere gleichfalls 
findet, da ferner s am ende oft abfallt, wie in amäbere ne- 
ben amäberis, in poeta aus poetäs, quatuor aus quatuores 
und in vielen declinationsformen , so ist kein grund, diese 
erklärung für falsch zu halten. Es ist demnach auch in 
eccere das cc nach kurzem vocal geschrieben. 

50. accipiter babicht führe ich, wie es meist ge- 
schieht, auf die wurzeln ak schnell sein und pat fliegen 
zurück, ohne mich indessen im einzelnen mit den bisheri- 
gen ableitungen einverstanden erklären zu können. Man 
bat es theils unmittelbar mit skr. &9up&tvan (Benfey zeit- 
schr. IX, 78, Meyer vgl. gr. I, 369 ), theils mit gr. (ixvnte- 
Qog oder uixvnitr^g gleichgestellt. Dabei ist acci- aus aqni* 
erklärt und dies gleich ä^u-, o>xv- gesetzt worden. Das 



28 Pmü 

lat. öcior beweist, dafs in dem betrefTenden adjectiv auch 
im lateinischen der vocal zu ö sieb gestaltet hat, also kann 
acci- nicht gleich uxv- sein. Ferner soll cc aus qu assi- 
milirt worden sein, es fehlen analoge beispiele, also ist 
diese assimilation nicht erwiesen. Endlich soll auch das 
Suffix -er gleich dem skr. -van sein. Hier bandelt sich^s 
um ein princip. Wer, wie ich, die ganze Benfeysche suf- 
fixtheorie fQr nicht richtig h&lt, kann auch die identität 
obiger suffixe nicht zugeben. Aber weshalb ist es denn 
überhaupt nöthig, dafs die Wörter identisch sind? So we- 
nig wxv7tre{}üg und atxvTiiri]^ identisch, hingegen nur fthn- 
lich gebildet sind, so wenig accipiter und die andern Wör- 
ter. Bleiben wir also auf dem boden der lat. laut- und 
Wortbildungsgesetze I Danach setzt -piter ein simplex *pat- 
-aram, lateinisch jedenfalls '^pet-rum flügel voraus, dessen 
reflexe im skr. pat-ram, griech. titsoov für *7iBT-eoov flögel, 
ahd. fed-ara feder (nur im geschlecht verschieden) klar vor- 
liegen. In acci' aber ist die Orthographie der geschärften 
tenuis vorbanden, es steht also für aci- und dies mit der 
Schwächung des stamm vocals, wie sie z. b. in mauifestus, 
manipulus u. a. zu tage tritt, für acu-. Dies *acus (-üs) 
aber hat als Substantiv die bedeutung Schnelligkeit, wie 
bei Plac. gl., wo acu pedum durch velocitate pedum er- 
klärt wird, als adjectiv aber heifst es schnell und so ist 
es erhalten in des Paulus glosse: acupedius dicebatur, cui 
praecipuum erat in curreudo acumen pedum, und in den 
ableitungen acuo ich treibe an und dem eben bei Paulus 
genaunten acumen Schnelligkeit, die mit den homonymen 
acuo ich spitze zu und acumen spitze, Scharfsinn aufser der 
gleichen wurzel ak nichts gemein haben, da diese zunächst 
von acus nadel oder *acu8 spitz abgeleitet sind, welch 
letzteres in aquipenser spitzflossig, «dem namen eines see- ^ 
fisches, und aquifolius staclielblättrig erhalten ist Ich sehe 
also in accipiter ein possessivcompositum ^schnelle flügel 
habend^ und setze es gleich einem skr. *a9upatras, idg. 
*akupataras und leite von dem zu gründe liegenden *aku 
auch den namen des adlers, aquUa, her. Der pflanzenname 
accipitrina als ableitung ist oben bei bacciua bereits erwähnt. 



beitriEge znr lateiniflchen Uvtlehre und etymologie. 89 

Ed findet sich vereinzelt ein altes wort suppns, wel- 
che nach den stellen des Festus und Panlus Diaconus fSr 
saplnus steht, nach Isidor im wQrfelspiei einen wurf be- 
zeichnet. Diese beiden erklärungen beziehen sich meiner 
meinnng nach auf zwei verschiedene Wörter, indem 

51. suppus rückgeneigt jedenfalls mit suplnus und 
ffr. vTiTiog zu sub, resp. vnd gehört und das doppelte p 
gleichfalls nur das einfache vertritt, hier aber mit vorher- 
gehendem kurzen vocal der betreffenden präposition, die 
zu gründe liegt, aber nirgends sonst gedehnt oder gunirt 
sich findet*, wohl aber mit verdoppeltem consonanten, wie 
z. b. f&r supremns sich suppremus geschrieben findet in 
zwei handschriften des Panlus Diaconus, wie Lindemann 
s. V. angiebt, obwohl auch hier das u kurz ist. Das suffix 
anlangend, so ist supus aus sub gebildet, wie superns aus 
super. Ändern Ursprungs aber ist das 

52. suppus des Isidor, welches der wurf heifst. Ich 
erkläre nämlich die betreffende stelle trinionem suppnm 
vocabant so: trinio nannte man einen wurf, so dafs nicht 
suppus, sondern die ungewöhnliche form trinio für temio 
erklärt werden soll. Dies suppus wurf steht nämlich nicht 
ohne verwandte da, insofern des Paulus notiz: supat jacit, 
unde dissipat disicit, et obsipat obicit, et insipat, hoc est 
inicit uns das denominativum zu supus, wie alsdann die 
etymologische Schreibweise, und zwar mit kurzem vocal, 
liefert. Die wurzel findet sich auch sonst erhalten, näm- 
lich lit supü schaukeln, dessen derivata zum theil auch mit 
der schon oben erwähnten Schwächung des p zu b auftre- 
ten. Es ergiebt sich somit eine wurzel sup mit der be» 
deutung des lat. jactare, aus der supus einfache nominal- 
bildung ist. 

53. tippula bestiolae genus sex pedes habentis, sed 
tantae levitatis, ut super aquam currens non desidat, sagt 
Paulus Diaconus und schon Gerhard Johann Vossius er- 
klärt es als das thier, quod „Belgae vocant waterspinne, 
quasi dicas araneum aquaticum^, gewifs richtig. Bei die- 
sem Worte sind wir in der glflcklichen läge, die richtige 
form durch hülfe der metrik herstellen zu können. Die 



80 P«üi 

l&oge der paenaltitna beweist der beim Nonius angef&hrte 
trimeter des Varro: 

levis 

tippula limphoa frigidos trausit lacus, 
die kQrze der ersten silbe der auch von Paulus beigebracht4<i 
vers aus Plaut us Pers. II, 2, 62, ein trochäiscber tetra- 
metor: 

neque tipulae levius pondus est quam fides lenonia, 
zu lesen: 

neque tipulae leviu' pondust quam fides lenonia. 
Es ergiebt sich also das pp hier nur als orthographischer 
ausdruck der geschärften tenuis nach kurzem yocal, und 
tiptda oder besser wohl tipuUa ist die richtige form des 
Wortes. Die formen auf uUus sind meist die deminutiva 
der Wörter auf ö, önis, wie lönullus von Idno, CatuUus von 
Gato u. a., so dafs man auch för tipulla ein simplex *tipo 
erschliefsen darf, welches bereits von Dacier zum Paulus, 
spftter von Benfey griech. wzU. II, 237 zum griech. Ti(pog 
stehendes gewässer und von Förstemann zeitschr. III, 58 
zu dem Ti(pf] in Arist. Ach. 884. 889 gestellt ist, welches 
gleichfalls ein insekt bezeichnet. Wenn aber Fiek idg. 
wb. 78 auch r/Ayi; bQchermotte mit obigen Wörtern zu- 
sammenbringen will, so vermisse ich den nachweis der 
lautlichen möglichkeiU Die für tipulla, rlfpog^ riiptj sich 
ergebende wurzel tip vermag ich sonst nicht nachzuweisen, 
Fick 1. c. vergleicht lit. tepü schmiere, aber das e stört. 

54. vappo, nur aus des Probus stelle bekannt: vappo, 
vapponis animal est volans, quod vulgo animas vocant; 
lectum est apud Lucretium hos vappones. Hiernach wird 
Fick idg. wb. s. v. väpala wohl recht haben, wenn er vappo 
durch y^vxv^ Schmetterling, motte crkl&rt und es fragend 
zu Wurzel vap stellt. Letztere herleitung halte ich fllr si- 
cher, da auch eine reihe anderer flatternder geschöpfe ihre 
Damen dieser wurzel entnehmen, so gr. i)nio?.o'^ motte, ahd. 
wibil kornwurm, lit. v4balas käfer, worin b aus p erweicht 
ist, wie in blusä floh und bluinis milz, die doch kaum 
▼on pulex, resp. skr. pllhan zu trennen sind, femer lit 



beitrlge zur lateinischen lanüehre nnd etymologie. 31 

vapsh bremse, ahd. wafea wespe, latein. vespa dass. (Fick, 
i. c), wo alao ps umgestellt ist, und die bedeutang von 
Wurzel vap paTst aaf das trefflichste, welche nach dem 
mbd. waberen sich hin- und herbewegen, nord. vftfa wan- 
ken, schwanken, vafrlogi die. waberlohe, das flackernde 
fener, so wie nach Odins namen Vafuör der flatternde 
Sturmgott (cf. Mannhardt götterweit I, 1 53) sich als ,,flak- 
kem, flattern^ herausstellt. Ich setze demnach vappo als 
*yapo mit kurzem vocal an, wie das eben s. v. tippnla 
erschlossene *tipo. 

Aufser der doppelt geschriebenen geschärften tenuis ent- 
steht nun doppelte tenuis nachweislich auch durch assimi- 
lation und zwar zunächst beim zusammentritt von präpo- 
sitionen mit verben oder auch andern Wörtern, so ha- 
ben wir 

cc aus b + c in occido, succido, 

cc aus d + c in accedo; 
tt aus d + t in attineo; 

pp aus b + p in oppugno, suppeto, 

pp aus d + p in appareo. 
Der lautliche Vorgang ist hier der, dafs den betrefTenden 
Präpositionen ob, sub, ad ursprünglich die tenuis zukommt, 
die sie im gr. ^niy imo^ skr. &ti haben, es schwächte sich 
aber hier im auslaut des lateinischen die tenuis zur media, 
wie auch sonst, im compositum aber wMrde der auslaut 
vor der tenuis des verbums erst wieder zur tenuis, was 
Schreibweisen, wie optendere, optulerat (Corssen ausspr. 
I, 56), deutlich zeigen, bis endlich dieser halben assimila- 
tion die völlige folgte. Hierher gehören auch zwei nomina, 
die, weil ihre etymologie nicht sofort zu tage tritt, beson- 
ders zu erwähnen sind, nämlich: 

55. succidia, gewöhnlich als su-cldia aufgefafst 
und mit Speckseite übersetzt (nach Varro de 1. 1. 4, 22, 32), 
es beifst aber vielmehr das einschlachten und das einge- 
schlachtete, wie dies die redensart succidias humanas fa- 
cere beweist, die nicht heifst: menschliche Speckseiten 
machen, sondern menschen niederschlachten, also deutlich 
die ableitung von succido zeigt. 



32 Piwli 

54. attegia zeit, welches angeblich arabischen ui^ 
spranges sein soll, aber gewifs nicht von tugurium hOtte 
zu trennen ist, mit dem es zn tego zn stellen sein wird; 
in der präposition ist wohl das anlehnen an die Zeltstangen 
bezeichnet. 

Aber nicht blofs bei präpositionen findet sich diese 
assimilation, es giebt eine zahl andrer fälle, in denen sie 
ebenso leicht an andrer stelle nachweisbar ist. So steht 
oc resp. cqu ftir d + c in hocce, hoc für hod (neutr.) 

-hce, 
cc resp. cqu fbr d + c in quicquam neben qnidquam 

(Corssen, aosspr. I, 17), 
CO resp. cqu fär d + c in ac, welches aus atque nur 

durch die Zwischenstufe acque zu erklären ist; 
tt fQr d + 1 in adgrettus (Paul. Diac. p. 6 L.), 
tt fbr d + t in cette fbr cedite von cedo gieb her; 
pp für d + p in quippiam neben quidpiam, 
pp fQr d + p in quippe fQr quidpe. 
Es sind somit die assimilationen aus 

b + c und d + o zu cc, 

d + t zu tt, 
b + p und d + p zu pp 
sicher, dagegen werden yermifst die formen 
g + o zu cc, 

gk+t und b + t zu tt, 

g-t-p ztt PP» 

in welchen sämmtljchen formein die media, das erste ele* 
ment, selbstverständlich auch schon von anfang an eine 
tenuis sein kann. Dafs g + c, wo es zusammenträfe, zu 
cc werden würde, unterliegt keinem zweifele es fehlen eben 
nur die beispiele. Schwieriger liegt die frage, ob g + t, 
resp. c + 1 in tt oder, was ja bei der überhaupt im latei- 
nischen schwankenden Schreibung der doppellaute dasselbe 
sagt, in t mit vorhergehender vocallänge übergehen könne. 
Viele forscher, die man bei Corssen krit. beitr. 3 sq. auf- 
gezählt findet, haben sich für die möglichkeit dieser assi- 
milation ausgesprochen, Corssen selbst bezweifelte früher 
(1. c.) das stattfinden derselben, giebt aber jetzt (kr. nachtr. 



beitrige znr lateinischen lantlehre und etymologie. 33 

45) diesdbe in einzelnen* ftUen 20. Ich kann nicht umhin, 
mich hier der majorität anzuschiielsen und meine meinung 
dahin auszusprechen, dafs auch Corssens jetzige ansieht 
den Vorgang noch zu eng falst. Denn er giebt ihn nur 
sn in autor, Adauta, Vitoria, Vitorius und dem unsicheren 
Beneditus. Dabei verlangt er fAr letztere form dem lante 
nach Benedittus, so dafs *hier wirklich assimilation vorliege, 
in den andern formen hingegen ausfall. Beides ist aber 
der Sache nach dasselbe, denn der ausfall setzt nqthwendig 
lantphysiologisch vorherige assimilation voraus, wie z. b. 
auch Schleicher comp. I^, 243 die sache f&r das slavische 
richtig darstellt. Nun ist aber diese assimilation des et 
zu tt ftkr die romanischen sprachen gradezn regel, sie tritt 
nach allen vocalen ein, wie folgende beispiele zeigen: 

tat. factus, directus, dictus, octo, fiructus, 

ttal. fatto, diretto, dettp, otto, frutto, 

prov. fatz, dreitz, ditz, oit, fruitz, 

altfrz. fait, droit, dit, uit, fruit, 

neben faict, droict, fruict, 

frz. fait, droit, dit, huit, fruit, 
wobei zu bemerken, dafs das auslautende z des proven^a* 
lischen nur das alte nominativ-s ist, dafs die altfranzösische 
Schreibung mit et allerdings bis ins 15. Jahrhundert reicht, 
dala daneben aber die Schreibweise ohne c bereits bis ins 
12. Jahrhundert zurückgeht, so dafs der ausspräche nach 
die assimilation längst vollzogen war. Nun finden wir 
ancb sonst, daGs romanismen oder wenigstens ansfttze dazu 
sich schon meist in alter noch römischer zeit zeigen, vor- 
wiegend in der lingua rustica, aber nicht ausschlieMich. 
Es wird dadurch also von vornherein wahrscheinlich, dafs 
auch spuren dieser assimilation von et zu tt oder t bereits 
im lateinischen sich finden, namentlich in solchen Wör- 
tern, die isolirt stehn, also in eigennamen und solchen 
nominibus, deren Zusammenhang mit einem wurzelverb 
durch specialisirung der bedentung dem bewufstsein der 
sprechenden nicht mehr gegenwärtig war, während ety- 
mologisch durchsichtige formen das et rein bewahrten. 
Dazu kommt, dafs wir Schreibungen, wie mattea, salpitta, 

ZeitTChr. f. vgl. sprachf. XVIH, 1. 3 



34 PMli 

cottana mit mactea, salpicta, coctana wechselo sehr; gleich- 
viel nun, welches die richtige sei, jedenfalls beweist das, 
dafii zu Zeiten des Schreibers bereits et und tt der aas- 
spraohe nach zusammenfiel. Man braucht also nicht anza- 
stehn, wo sich durch annähme dieser assimilation eine 
leichte und gef&llige etymologie darbietet, dieselbe als ge» 
schehen zu betrachten. 

Aehnlich liegt die sache bei p + t. Auch hier ent- 
sprechen sich 

lat. captiyus, Septem, debita, subtus, *8ubt&na, 

ital. cattivo, sette, detta, sotto, sottana, 

prov. caitius, set, sotz, 

altfrz. chaitif, set, dete^> soz (souz), 

frz. ch^tif, sept, dette, sous, soutane, 
wo ja im franz. sept das p der ausspräche nach gleichfalls 
assimilirt ist, während in sous die Schreibweise eigentlich 
souts sein müfste. In isolirten oder etymologisch undurch- 
sichtigen lateinischen Wörtern scheint also allenfalls auch 
diese assimilation angenommen werden zu können. So 
bleibt nur noch die formel g + p oder c + p zu pp flbrig, 
(Qr deren existenz ich allerdings nichts beizubringen ver- 
mag. Durch assimilation nun halte ich die doppelte tenuis 
entstanden in folgenden Wörtern: 

57. pecco sündige ist von Bopp, gloss. s.v. päpas 
mit diesem worte und mit griech. xaxog verglichen wor* 
den^ auf welche möglichkeit bereits Pott etym. forsch« 
n^ 277. 600 hingewiesen hatte, obgleich er auch eine her- 
leitnng ans ped-co oder perd-co und Verwandtschaft mit 
perdo, p(^jor und pessimus fflr möglich hält. Aus der stelle 
Cic. parad. 3, 1 : peccarc est tanquam transilire lineas ent- 
nehmen wir, dafs die bedeutung des wertes etwa die un- 
seres „übertreten^ ist, also nichts böswilliges enthält. Da- 
her wollte es schon 6. J. Vosdius aus pecicare von pecn 
ableiten mit der bedeutung a^oytag agere instar pecudis. 
Das ist nahezu richtig, aber nicht ganz. Nach der lat 
Wortbildung setzt pecco ein nomen *peceus voraus, welches 
nach den lat. lautgesetzen sehr wohl aus *pedicus entstehn 
kann. Andrerseits erfordern pöjor und pessimus einen po- 



beitrlge zur Uteiniachen Unüehre nnd etymologie. 35 

sitiy ^pedns, aus dem pöjor hervorgeht ftkr pedjor, etwa 
wie mfijor aus magjor, pessimus f&r pedtimus wie egressus 
ftar egredtos. Von diesem *pedas ist 'pedicus abgeleitet, 
wie das dem verbum albico zu gründe liegende *albicu8 
▼on albus. Dies *pedus aber gehört zu skr. p4djate, wel- 
ches im Bigv. zu fall kommen, biofallen, umkommen be- 
deutet, femer zu sl. pad^ ich falle, von wurzel päd, deren 
Bedeutung sich nach dem gr. niäop boden nnd den Wör- 
tern, welche fufs bedeuten, etwa als „den boden berühren^ 
herausstellt, theils gehend, theils hinfallend. Damach 
heilst dann *pedu8 ungef&hr „am boden befindlich, niedrig^, 
p^jor niedriger, schlechter, *pedicu8 gleichfalls ^am boden 
befindlich^, pecco also „am boden sich befinden, gestrau- 
chelt sein, gefehlt haben ^. Gleicher wurzel ist auch lat. 
pessum, welches ich ftkr den local gebrauchten accnsativ 
eines verbalnomens halte, entstanden aus dem starken verb 
*pedo (ss sL pad^) oder *pedio (=a skr. pädj&mi) ich faUe, 
*pessus also der fall, occäsus, pessum dare in den unter- 
gang geben, zu falle bringen, pessum ire in den Untergang 
gehn, untergehn, constrairt wie venum dare, vönnm ire. 

58. occo ich egge ist gleichfalls ein denominativnm 
und zwar von dem in den gloss. Isid. erhaltenen occa egge. 
Man hat letzteres wort zunächst mit gr. o^vfj zusammen- 
gebracht und cc fQr assimilirt aus ks erklärt, aber so we- 
nig ahd. egja ich egge, lit. aköju dass. mit occo in der 
Wortbildung übereinstimmen, ebenso wenig ahd. egida egge, 
lit. ak^'czos, gr. o&vri mit lat. occa. Es besteht zwischen 
den betreffenden Wörtern bloise wurzelgemeinschaft. und 
so wenig lat. acidus trotz des gr. ö^i;^, oculus trotz skr. 
akäi in ihrer bildung ein s enthalten, so wenig auch occa 
neben gr. o^pij. Nach analogie von pecco liegt es nahe, 
occa aus ocica zu erklären, wie dies auch von Corssen 
kr. beitr. 27 unter beistimmung von J. Schmidt wurzel ak 
73 geschieht. Da aber das suf&x ka nur secundär auftritt, 
so erfordert occa eine einfachere, primäre bildung *ocns 
spitz, wovon ocifca die mit spitzen versehene ist. Die ge- 
staltuug des wurzel vocals als o ist neben oculus, wxvg^ 
öcior, o^pij nicht auffallend. In occa ist somit einfaches 

3* 



86 PvnU 

anemaiidertreten zweier tennes durch aoestofs des tieftoni- 
gen vooals, der auch in pecco stattfand, geschehen. 

59. mattus oder matus betrunken bei Petr. 41, 
welche Schreibweisen sich verhalten, wie adgrettus Paul, 
pag. 6 L. zu adgretus ibid. pag. 58, d. h. tt ist die ety* 
mologisch richtige Schreibweise, aus der matus, adgretus 
erst durch die schwankende Schreibung der lat Verdopplung 
Oberhaupt sich bildete. Die etymologie des wertes ist 
bereits von Pott etymol. forsch. 1% 245, Pictet zeitschr. 
V, 323, Fick idg. wb. 135 richtig angegeben, welche das 
wort dem skr. mattas freudige betrunken gleich stellen. Es 
ist somit particip zumadeo und yerh&It sich zu madidus 
wie stultus zu stolidus. 

60. blatta schabe wird von Fick idg. wb. 123 zu 
lit. blakö wanze, lett. blaktis wanze, schabe gestellt und tl 
aus et erklärt. Es ist kein grund, diese vergleichung oder 
assimilation zu bezweifeln, obgleich die wurzel dunkel 
bleibt 

61. mitto entsende ist von Lottner zeitschr. VII, 186 
richtig zu lit metü werfe, sl. metn§ dass. gezogen worden, 
denen sich auch sl. vümet§ werfe anschliefst. Femer ver- 
gleicht Ebel zeitschr. VII, 228 skr. mathnämi agito und 
gall. matara geschofs, gleichfalls richtig. Wenn er aber 
nach Pott's vorgange wegen cosmitto als wurzelanlaut sm 
verlangt, so verweist Corssen kr. beitr. 431 dagegen mit 
recht auf ostendo, sustineo und h&lt nur mat f&r die Wur- 
zel. Das tt erkl&rt Meyer vgl. gr. I, 93 für assimilirt aus 
tj, ohne diese annähme durch analogien zu stützen. Ich 
zweifle an der zul&ssigkeit derselben und erkläre das tt 
lediglich als aus zusammenrückung entstanden, nämlich 
des Wurzelauslauts und jenes präsensbildenden to, welches 
wir ganz unzweifelhaft doch auch in flecto beuge, necto 
knüpfe, pecto kämme, plecto schlage, plecto flechte haben, 
hier freilich nach gutturalen, allein an sich ist ja das suffix 
durchaus nicht an gutturale gebunden, und so steht es 
denn in mitto auch einmal nach einem dentalen. Auch 
die perfectbildung auf si, die gestaltung des supinums zu 
sum, welche mitto mit den genannten verben theilt, unter- 



beitrige zur lateinischen laatiehre und etymologie. 37 

w 

stfitxt die annähme analoger bildung. Schwächung des 
wurzelvocals a za i ist vor doppelter consonanz im latei- 
schen ja nichts seltenes. 

62. topp er, dessen bedeutungen sich bei dem hier 
stark verderbten Festus und bei Paulus als ,|Sofort, schnell^ 
und „vielleicht^ ergeben« In per steckt jedenfalls die auch 
in semper^ nuper vorhandene enklitika. Das pp halte ich 
für assimilirt aus dp, indem ich das wort in tod-per zer* 
lege, tod aber f&r das adverbial gebrauchte neutrum des- 
selben pronomens halte, das auch in tum, tarn verliegi. 
Za ergänzen ist etwa momentum oder ähnliches, so daTs 
z. b. die bei Paulus citirte stelle: topper fortunae commu- 
tantur hominibus zu erklären ist: hoc ipso momento. In 
der bedeutung „vielleicht'^ hat das per nicht die hervorbe- 
beode kraft, sondern, wie ja auch im gr. nsQj die von qui- 
dem, und tod ist nur stütze f&r die enklitika, so dafs des 
Ennius vers: topper quam nemo melius seit sich so erklärt: 
quam quidem nemo melius seit, und topper besser durch 
„gewiis, sicherlich'^ übersetzt würde. 

AuTser den genannten assimilationen sind noch zwei 
andre angenommen worden, nämlich erstens die von n+c 
zu cc von Corssen ausspr. I, 106. In der form nucquam 
för nnnquam liegt dieselbe thatsächlich vor, und deshalb 
stimme ich auch Corssens ansieht bei, wenn er 

63. ecce siehe aus en-ce erklärt', wie dies schon 
Pott etym. forsch. II', 138 gethan hatte.. Gegen die gleich- 
falls schon von Pott angebahnte ansieht, die von Benfey 
gr. wzll. I, 225, Curtius grundz.* 407, Meyer vgl. gr. 1, 113 
acceptirt und verschiedenartig durchgeführt ist, dals näm- 
lich Wurzel ak „sehn'^ darin enthalten sei, spricht vor al- 
lem der umstand, dafs wir nirgends den vocal dieser Wur- 
zel zu e sich gesf^ten sehn, er wird, wenn er nicht a 
bleibt, stets zu o, wie bei Curtius Spaltung des a*lautes 34 
zu ersehn. Die gleiche assimilation tritt nach Corssen 1. c. 
auch ein in 

64. ecquis irgend jemand, ecquando irgend ein- 
mal, und ebenso in ecqui irgend einer, ecqui irgend wie, 
ecquo irgend wohin. 



38 Pauli 

Zweitens noch hat man aseimilation von c + s za oc 
angenommen in vacca, flaccus, bacca, bucca, ecce, occa 
neben skr. ukjan, mrakä, bhakfi, bhukd, iki, gr. o^ivvj und 
vereinzelt auch von s + c su cc in siccns neben skr. ^üäkas. 
Alle diese Wörter, vielleicht mit ausnähme von bacca, ha- 
ben oben auf andre weise eine ausreichende erklftrung ge- 
funden, so daTs zur annähme dieser physiologisch gewalt^ 
sam erscheinenden assimilationen kein grund vorliegt. 

Zum schluls sind nun noch einige wenige Wörter vor- 
handen, deren bis jetzt vorliegende erklflrungen nicht be^ 
fiiedigen, ohne dals ich andere an ihre stelle zu setzen 
wflAte, oder die sich bis jetzt jeglicher erklärung entzogen 
haben. Es sind folgende: 

65. soccus schuh, welches von Spiegel zeitschr. 
Xm, 372 und Fick idg. wb. 172 zu baktr. hakhö m. fiifs- 
sohle gestellt wird, von Corssen kr. beitr. 27 dagegen mit 
sagum und Saccus zu einer wurzel sag bedecken. Über 
welche bereits unter no. 1 bei Saccus die rede war. Mög- 
lich scheinen beide erklärungen, aber der möglichkeiten 
giebt es noch mehrere, wie soccus aus ^sodicns von ^sodus 
s=s gr. oSog, Wurzel sad gehen, oder aus ^sopicus mit sL 
sapogu zu Wurzel sap anhangen, so dafs eben eine sichere 
entscheidung dadurch vereitelt wird. 

66. guttur kehle hat Benary röm. lautl. 174 aus skr. 
ghui tönen suff. -tur, wie in vultur, abgeleitet, Benfey gr. 
wzll. II, 115 dagegen es zu skr. ^ösämi liebe, lat. gnsto 
gestellt; andere nehmen es fbr gul-tur. Alle drei erklä- 
rungen haben lautliche bedenken. Möglich wflre es, an 
skr. ^atharas bauch, gr. yaftTtJQ^ got. qipus zu denken und 
das wort aus *gvat-tur zu erklären, möglich auch, es in 
*gfl-tur zu zerlegen und aus gu schreien abzuleiten, sicher 
aber nichts. ^ 

67. gutta tropfen wird von Benary 1. c. und Benfey 
1. c. U, 375 ans gud-ta erklärt und mit got. giuta zu Wur- 
zel ghu (skr. hu) „giefsen'^ gestellt. So lange nicht sicher 
im lat anlaut g vor vocalen als Vertreter der aspirata er- 
wiesen ist, ist die erklärung nicht annehmbar. Eine eigene 
habe ich nicht hinzuzufiügen. 



beitrüge zur lateinlBchen laatlehre und eiymologie. 39 

68. gut tu 8 kaDne, und 

69. gattarniam opferkanne geböten offenbar zusam- 
meD. Erateres erkiftrt Benary 1. o. aus gud-tüs von wurzel 
gba giefaen, was unannebmbar. Für gutturnium giebt Paulus 
£e form cotumium, wonach in gutturnium das g erwei- 
ebong ist wie in gubernator, gurgulio u. a., worüber Christ 
gr. UtttL 99 zu vergleichen. Dann scheinen sich die Wör- 
ter an gr. xoTvXti becher, schale anzusohliefsen, obgleich 
das als richer nicht angesehen werden kann. 

Gänzlich der erklärung ermangeln 

70. blatta purpur, 

71. atta der auf den fufssohleu geht Paul. Diac, 

72. aalpitta backenstreich, wofür auch salapitta 
ond salpicta gelesen wird. 

Das ergebnifs der Untersuchung ist also folgendes: 
Die doppelte tenuis entsteht: 

I. durch geschärfte ausspräche eines lautes 

1) nach langen vocalen: 

in hicce, Juppiter; vappa, lappa, lippus, cippus, cuppes, 
8tappa, sapplnus, applüda; vacca, vaccinium, maccus, bacca, 
bftcdna, cracca, flaccus, siccus, bucca, bucco, buccina, muc- 
coB, muccor, succus, succinum, groccio; blattio, vitta, 
littus, littera, glittus, gluttus, gluttus, gluttio (34 formen); 

2) nach kurzen vocalen: 

in quattuor, cottidie, succerda, vaccillo; cattus; fiocces, 
floccus, eccere, accipiter; suppus, suppus, tippulla, vappo 
(13 formen). 

U. durch zusammentritt zweier laute 

1) ohne assimilation: 

in perfecten, wie rettuli etcJ, und in mitto, occa (zwei 
formen); 

2) mit assimilation: 

a« von muta an folgende tenuis: in den präpositional- 



40 BifUnger 

compositis und in bocce, quicquam, ac; adgrettus, cette; 
quippiam, quippe; mattus, blatta; topper (10 formen); 

b. von n an folgende tcnuis: in ecce, ecquis, ecquando, 
eoqui, ecqui, ecqao (6 formen). 

Weitere assimilationen waren nicht erweislich, weder 
vorsehreitende von tenuis an tenuis, noch die von c + s 
oder 8 + c zu cc. 

Lauenburg in Pommero, den 28. mftrz 1868« 

Dn Carl Pauli. 



Zur dialektforschung. 
n. Alemannisch. 

Schimpf und Ernst von Job. Panli, herausgegeben von H. Oesterlej. 

Der name Johannes Pauli, des Schreibers der Gei- 
ler^schen predigten, ist in der geschiebte der deutschen li* 
teratur so hinlänglich gewürdigt, dafs ich da nichts hiib> 
zuzufbgen brauche. Das jähr 1866 brachte uns denn 
unter den verdienstvollen werken des stuttg. lit. Vereines 
auch das Volksbuch „schimpf und ernst ^, doch ohne jeg- 
liche sprachliche bemerkung, nur mit höchst mangelhaftem 
Wörterverzeichnisse; desto besser hat der herausgeber sich 
des sachlichen theiies beflissen und niemand kann zwei 
herren zumal genügend dienen. Ich will darum zur spräche 
Pauli^s im genannten volksbuche einiges herbeitragen. 

J. Pauli ist ein Alemanne durch und durch; er sagt 
die Wahrheit in derbster weise und läfst manchmal, wie 
sein gesinnungsgenosse, der wackere Geiler, tiefe einblicke 
in die zeit thun, einblicke in wundmale, die nur allzusehr 
nach gänzlicher reformatio in capite et membris schreien 
auf politischem wie religiösem gebiete. — Er ist darum 
an manchen stellen ein commentar zu dem satirischen „netz 
des teufeis ^ und zu Geiler selbst. Seine spräche ist die 
hochdeutsche, mit hie und da stark gefärbtem alemanni- 
schen anstrich. Als Schreiber von Geiler's evangelienbuch 



zur dialektforachnng. 41 

nnd der Geiler'scben meisterwerke schaut der origiDeDe 
mann auch dort heraus, wie er sich in schimpf und em«t 
zeigt Der anstrich ist der elsftssisch-oberrheiDische; die 
meisten seiner sprachlichen eigenheiten sind heute noch dem 
altstrafsburgischen bisthumsgebiete und dem Schwarzwalde 
eigen. 

Die alten kflrzen besonders zweisilbiger Wörter, die der 
Alemanne noch vielfach vor seinen nachbarn bewahrt hat^ 
bezeichnet J. Pauli mit verdoppeltem consonanten: häsz 
(lepus) 8. 30; pl. hassen s. 37. närrung 145. nässen (pl. 
zu naSQ) 39. häffen, hafen 95; pl. heffen. essel (asinus) 
8.95. maulessel 118. hgffelin 159. man Iisset und lessen 
inf. 22. vermitten 38. mit widden 337. hössen 29. 276. 
köUer, der (Köhler) 153. löss (ausculta) 65. gelösset 50. 
Die echt alem. ei für i: leigen =» liegen 174 und fttr in 
in letgen und Stelen 240; was heute noch weit über des 
Schwarzwalds säum hinab spurenweise fortlebt, ie richtig 
in kriegen 27. Das ou f. ö: koupf 21, kastfaut (vogt), 
wie im Ulenspiegel foud, bont; koupf in der sage von 
Karl M. und der schlänge, zOrich. mittheil. d. antiq. gcs. 
ED, 4 und Geileres evangelienbuch f ]8f)a. houlz in der 
dorfordnung von Achem 15. jahrh. Mone zeitscbr. 14,285. 

Die alten äi in s&ijan' sind echt der Volkssprache 
gemäfs ey geschrieben: kreyet (der hahn) 20. weiet der 
wind 355. neyien 363 u. s. w. Das ing = ig: reisin^en 
hengst 25 klingt ganz riefsisch und bairisch. n in pflun^ 
feder 341. Die echt alem. elsäss. Umsetzung: es birnt 140^ 
in mark(t) fehlt t wie echt bairisch heute noch (273). 

S. 238 ist zeile 7 von unten meigten statt toeigten zu 
lesen. 

Dieses wenige Ober die lautverhältnisse, die mit den 
Geiler^schen predigten , dem allerweltsdistillierer Brunswick 
und Ulenspiegel genau stimmen. Ebenso treffen diese in 
dem Wortschatze zusammen. Ein alem. Schlagwort, wie 
wir es in unserer Zeitschrift XV, 193 ff. aufgeführt haben, 
ist „dottenboum^ 146. 316, das neben dottenbär 235 
in sofaimpf und ernst begegnet. Vgl. Ulenspiegel 136, 137: 
da kamen die begynen nnd leyten den todtenboum wider 



42 Birlliiger 

uflf die bar. — als der boam erwent was a. a. o. wan als 
sie all standen nun uff dem kircfabof umb den todten- 
boum n. 8. w. Die strafsburger polizeiordnung 1628 hat 
f. 94: tax der todtenbäum. Im übrigen haben unsere 
liebe geheime mittrathsfreund, die fbnfl&ehen von diesena 
defs taxt der todtenbäum halben geordnet — es mag 
gefordert und zalt werden für einen der j^dsten und wol 
ausgemachten todtenb&um 1 pfiind, zehen Schilling u. s. fr. 
Ganz f&r einen ähnlichen gegenständ scheidet sich Baiem 
wieder durch das uralte wort rechbrett (hraiva-) streng 
yon Alemannien. Der Baier spricht ch scharf: rtehbrett(hh) ; 
es sind die mit schwarzen kreuzen bezeichneten todtea- 
bretter, worauf der todte gelegt, die man in wäldem und 
feldern an wegen tri£%. In der zweiten hälfte des IT.jahrh. 
konnte der volksthflmliche prediger Heribert von Salum 
es auf der kanzel bringen: ^zween Capuziner nahmen sich 
nun den todten körper an, weiten ihn auf das rechbreth 
legen und gebührend ankleiden^. „Man solte sich gedulden 
bis der todte auf das rechbreth gelegt^ u. s. w. Dieses 
wort treffen wir nur in altbairischen, tirolischen, österrei* 
chischen gebieten. 

Das andere Schlagwort anke, swm. butter hat Pauli 
ebenfalls. 54: da was in dem kloster wein, brot und 
ancken; 9: und uff einmal hat sie ein heflin mit anken 
u. 8. w. Sieh zeitschr. XV, 212 ff. — Das dritte wort ist 
keib = aas; 68: sie sein gleich den thieren die die kei- 
ben umbston, die grosen thier, als lewen, bereu n. s. w. 
die reissen gross stQck us einem keiben u. s. w. Unsere 
zeitschr. a. a. o. s. 199. Grimm wb. V, 431. Geiler, evan- 
gelienbuch f. 202 sagt vom fuchs, der sich todt stellt „so 
kumen dan die rappen und sizen uf in und bicken in in 
und wenen er sei ein keib^. Her, im veldbauw 1537 
f. 220b: „man sol (die hund) sie von keinem keyben oder 
selbstgestorben thier essen lassen^. 

. Entschieden ist matte alemannisch 115. 367: da kam 
er uff ein matten u. s. w. man trüg in uff ein matten 
oder wisen u. s. w. Unsere zeitschr. a. a. o. 207 wo ich 
auf maden im bairischen und schwäbischen verwies; a 



zur dialektforacbong. 43 

solhe wie inn&dl/trädl (D&ian, träian), organisch ä sein; 
aDein die übrigen südd. dialekte haben ä und die alte kurze 
ausspräche alem.: madda; es dürfte wohl schwerlich ein 
altes matu angesetzt Werden. 

Echt alemannisch ist kensterli heute noch = kästen, 
Idste, trog; 148: das silberin geschir in einem kensterlin; 
175: und thet ein thürlin uff an einem kensterlin und 
meint es wer ein fensterlad u. s. w. Grimm -Hildebrand 
wb. V, 171. 

S. 200 ist ausser geschrieben und bedeutet da eine 
umhängende tasche: „da greiff der meister bald in seinen 
ausser und zohe ein amböszlin und ein hemmerlin herusz^. 
Ich setze aunser in unserer stelle. Das wort lebt heute 
noch auf der Alb und dem Schwarzwald bald für brot- 
sack, bald schul- und büchersack. Vgl. Grimm wb. I, 586. 
aogsb. wb. 35b. Weidftser oder brotsacklein bei Forer 
thierb. 33 b. Städtechroniken Y, 274 anmerkung. Schmid 
wb. 32. Pauli selbst setzt 210 fAterseckel daf&r; 377: 
d eschen schlechthin; ebenso 218. 229. 

Dafs es zu Itan, az steht, hat schon der alte Stalder 
bemerkt. Für den dienstag gebraucht Pauli z ins tag, 
echt alemannisch; währeud schwäb. (augsb.) schriftdenk- 
naSler nur „aftermentag^ haben und das volk auch noch 
so spricht. 

Echt strafsburgisch-alemannisch ist mdr mntterschwein 
(scrofa), j^ist noch im Elsafs gebräuchlich und in der 
Schweiz**. Frisch I, 669 c^ wo es auch im niederländischen 
nachgewiesen wird. S. 353: ^ist es (speck) von einer mo- 
ren oder von einem rotberg; 37: in dem da kam ein mor, 
ein saw daher lauffen, die was ganz katig und wüst; 408: 
da war vnngeferd ein saw, oder moor, die frafs den apf- 
fel^. In Geileres evangelienbuch f. 105a: ,,wan ein eher 
kambt zä einer moren und ir begert: wan die mor ein 
or gegen den eher henkt, das ist ein zeichen das die mor 
des ebers begert^. Her, im veldtbauw ,. Strafsburg 1567 
f. 221b: «wan sie entpfangen haben, sol man die eher 
von den moren absondern; dann so sie mit jnen stets 
kftmpffen vnnd sie stofsen, geben sie ursach darzA, das die 



44 Biriingttr 

moren verwerfen. Ein eher ist fUr 10 moren genägsam 
sie besteygen. Dann die moren trieben sie von sich, 
darumb das sie die jungen so übel beifsen im sangen 
f. 222a. Die moren rammlen dar ganze jähr, also das 
sie dreimal im jabr werffen mögen a. a. o. Ein jede 
mor sol man in ein sondern stall thnn, so sie werfen wil 
a. a. o. Nun ist aber besser, das ein jede mor jre jungen 
seug^ a. a. o. Grimm sv. bauemviol I, 1183. Frisius 666: 
scrofa, ein loofs oder mor, mutterscbwein. Dasypodios 
scropba, ein mutterscbwein, eyn lofs oder mor. In der 
strafsbürger polizeiordnung 1628 S. 8 (appendix) ,|da8 nie- 
mand kein roore in der statt ziehen soll''. 

Das wort rotberg, das Pauli gebraucht fllr männliches 
Schwein ist rotbarg; die zweite h&lfte lebt heute noch 
an der obern Donau und dem obern Nekar; sieh barg 
s=s porcus, Grimm wb. 1,1133. rotbergin schmer ist 
nicht selten in arzneibflchern des Oberrhein^s sogar Schwa- 
bens zu lesen. 

Für mor ist jetzt alemannisch und schwäbisch laofs 
allgemein; dafs es aber früher auch an der obern Donau 
üblich war, bezeugt das Moradöbele, ein wald bei Tutt- 
lingen. 

Echt alemannisch ist schlötterlin schlagen 338 
:= einem scheltworte anhängen; an der obern Donau: ^n 
schlätterling werfen. Im Allgäu (Amtzeil) „'n schlät- 
ter anhenka^. schlötterle anhenka, Freiburg i. B. 
Frisch II, 201c. In Geiler's evangelienb., Hedion^s cbronik 
und im narrenschiff. Es scheinen schlötterle, schnät- 
terling ausgespritzte tropfen einer weichen masse zu sein, 
z, b. von kühkoth; von etwas „schlotterndem^. Im 
bairischen „a klamperl anhängen^. Der schon ge* 
nannte Capuziner proyinzial Heribert von Salnm predigte 
einst am feste des hl. apostels Matthäus «von kläm per- 
len anhängen ''. An der obern Donau sollen besonders 
die frauen ihre ohrenbeichte gleich mit dem satz bin- 
nen „i h5 schlätterling gworfa^. späzlen, spätz 
reden in alemannisch, altem Schriften sagt ungefähr das- 
selbe aus. 



sor dialektfonchnng. 45 

Qefettern = wie verwandte spielen, kinderspiel 
treiben; 17: es kamen uff einmal fier jungfrawen zösamm 
und gefetteretten einander und schimpften mit einander. 
313: da erschein ir der her Jhesus in eins kindlin^s ge- 
stalt und gevetterlet und schimpft mit ir; 344: da kam 
ein h&bsches kneblin geloffen in iren geren, die fraw ge- 
vätteret mit dem kind u. s. w. 

Heute noch an der obern Donau, im Wiesenthal volk- 
fiblich. In dem festgedieht auf Hebels säcularfest am 
10. mal 1860 »en usstich^ von Raupp heifst es s. 30: 's 
bfiebli (Hebel) het g vetterlet, isch ummenander gsprunga^. 
dort hau i gvetterlet s. 40. Eine andere stelle: 

Het 's büebli gmacht, was eba d' chinder mache: 

's hett gvetterlet n. s. w. 
In Tuttlingen heifst heute noch das gassenspiel der Jugend 
so; sonst alemannisch auch gschäfferlen und im Allgftu 
an einzelnen orten gopa; am mittlernNekar ,,schimpfla^. 
Vergl. Theophilus, niederdeutsches Schauspiel von Hoff- 
man v. Fallersleben, Hannover, ROmpler 1853 v. 237: nn 
sp^ld hei gdme dat vadderspel; Hoffinann bemerkt hiezu 
s. 41 : „Gevettersspiel spielen^. Hier ist wohl kein 
bestimmtes spiel gemeint Es soll wohl nur heifsen: „wie 
zwei verwandte im einverst&ndnis gegen einen andern 
spielen^. 

Zu Isschmarren s. 139 und 318 vgl. Geiler's evan- 
gelienbnoh f. 170a: „Es ist das gotzwort, es sein predigen, 
das sihestu wol in den künigen und keiseren, ffirsten und 
bischof, die kalt sein als ysschmarren^. 

Zu „gegablete frag^ s. 73 vergl. evangelienbuch 
f. 54b: sie hAbent in eine gegablete frag fikr u. s. w. 

Wetten (81), anspannen, anjocben ist heute noch im 
Schwarzwald flblich, ebenso da und dort im Allgftu; wäh- 
rend es in Schwaben schon seit dem 15. jahrh. ausgestor- 
ben ist. Evangelienbuch f. 4a: uf einem füUi, dem sun 
der yngewetteten eselin u. s. w. 

Unklar ist in stelle 115: wir lesen von dem grosen 
Alezander, da er ein knab was, da kam er uff ein matt^; 
da lüffen die jungen edlen und burgers sfln der herren- 



46 Birlinger 

bar Qod betten knrzweil mit einander. In dem Allgäu, 
Tanheim sagen sie noeb „des berregang^ =s sogleich, 
was in der Baar flfttig und blofs beifsen kann. leb baite 
der (des?) berrenbar für dasselbe. 

Merz (273) ist beute nocb auf dem Scbwarzwald üb- 
licber ocbsenname. Vergl. in dem alem. liede von 1632 
in Frommann^s zeitscbr. IV, 97, 4 : 

mertz dabinda, moay bear u. s. w. 
Aueb vom Lesacbtbal verzeicbnet es Lexer a. a* o. 160. 

Weitling (246.382) » witwer lebt ebenfalls nocb 
als witling im obern Donau- und Nekargebiete. wit- 
weling im rotweiler stadtr. I, 71a. wittling, dem das 
weib gestorben ist bei Jos. Maaler f. 502 b. Ebenso Fri- 
sius 191. 

Wage SB wiege 169. 269 ist nocb üblicb im Scbwarz- 
wald als wagle, das. Scbmid 312 verzeicbnet es als dem 
Elsafs eigen. Wagle im Wiesentbai (Hebel). Im leben 
Liutgarts von Witticben, Mone quellens. III, s. 468 b: item 
in demselben dorf was ein kind, lag in der wagen. Ahd. 
waga. Graff I, 662. Im armen Heinrieb v. 868. Mhd. 
wb. III, 641b. 

Dem scbAbbletzer 379 entspricbt im fränkischen 
altraissn oldraissn; beute nocb auf dem höchsten 
Scbwarzwald altbietzer. (bietzen = flicken.) 

Zwecben 195; zwuog 35 ist heute oberdeutsch nur 
noch vom waschen des kopfes flblicb. 

Puncktcnlocb = Spundloch 23. In alem. Schrift- 
werken nur „bonten, ponten, bunten^. Scbmid 107 nennt 
diese unsere formen schweizerisch. Das Grimmische wb. 
II, 529 ff. bringt nur alemannische belege. Die donanesch. 
bs. no. 792 hat beuten öfler; auch bei Hebel. 

FQrgehen (93) bb vorübergehen sagt man beute noch 
allgemein im Mindeltbale; „er ist fQr ganga^ gerne von 
leuten die am fenster vorbeigegangen sind. Im evangelien- 
bucb f. 83 b: ^wan er (der) bilger durch ein dorf gat, das 
er die bauren under der louben siebt tanzen, er gat fQr 
und lAgt, das er sein fart volbring^. In dem neuen testa- 
ment nocb vor 1521 bei Froscbower in Zürich in 32^ ge- 



' zur dialektforschnng. 47 

druckt (augsb. bibl. des bist, y.) steht es oft $ z. b. f. 22 a: 
unnd do sy horten das Jesus fflrgieng, schreyen sy und 
sprachen n. s. w. f. 55 a: ynn do Jesus fürgieng, sach er 
Levi, den sun Alphei um zoll sitzen u. s. w. 

Sügferlin (93) = saugschweinchen , auch im rotw. 
sUdtr. f. 34 a (I, 65 b); ferlin im ülenspiegel 136. 

Speidel (165) =s keil von holz um holz zu zerspal« 
ten, ist allgemein in der rottenburger gegend; wogegen das 
alem. bissen mehr einen eisenbescblagenen „weck^ beden* 
tet. unsere zeitschr. XV, 278. 

Plaphart (114. 172) eine ursprfinglich nur alem. 
münze; andere formen sind blaffert^ plaffert; sie fanden 
niit dem anfange des 15. jahrh. allgemein eingang in der 
sQdwestecke Deutschlands; man nannte sie noch länger 
nebenbei Schillinge. Schon a. 1423 gab es neue und alte 
blafferte. 32 bl. machten I pfund bäller. Die basler, 
lanfenburger, freiburger bl. waren allbekannt. In den alem. 
Schriftwerken wird blaff er t ofl; gebraucht als mafs für 
dinge von kleinem umfange. 

Dnnken, swf. suppenschnitte (167) i^und was er inen 
sagt oder rat, so ist ir dünken uff der snppen die 
best und die gesalzelt^. — An der obem Donau heute 
noch defkle ss dflnckle; sieh unsere zeitschr. XV, 264. 

Kutzhfit (185) „der pfaffenkleid , das sein die wei- 
chen kutzhat die sie in dem winter umb das maul schla- 
gen^. Als frauenkleidungsstfick ist es ebenfalls strafs- 
bnrgerisch echt volksthümlich: „ein runder dicker kragen 
um den hals, von zobcllfell oder marder überzogen, wel- 
chen die weiber zu Strafsburg umschlagen; unter dem 
halse mit einer grofsen schlauffe oder masche zugebunden^. 
Amaranthes frauenz. lex. 2. aufl. s. 921. Im evangelienbuch 
f. 208 a: „du sihest wol, wie mein Überrock, mein chorhemd 
nnd auch der kutzhüt so weich und gut lind seint, wa 
es mich an den bakken anrüret, so gibt es mir warm^. 
Im niederdeutschen galt beffe daf&r. Sieh Theophilus 
▼. 335 (Hoffmann v. F.) beffe, chorkappe, chorhut der 
domherren. Teuth. beffe, cboirhoit. „Almucium. Malmu- 
dum. Ambucius^. Kiliaen verweist bei beffe auf AI- 



48 Blriinger • *• 

mutse: pallium pelliceiim quo sacrifieus capnt humeros qae 
tegit. Vergl. Hoffmaon dazu 8. 43. Wenc. Brack in sei- 
▼ocab. 1487 hat noch „Almucium. Kotzhuot^. 

Dazu gehört kutzenstreicher 89 (unten) und 303 
^= Schmeichler. Vergl. auch im evangelienbuch f. 159a: 
„er mufs jederman den kutzen streichen und federn von 
dem ermel lassen^. Neben den kutzenstreichern haben 
die d e 1 1 e r 8 c h 1 e c k e r s. 40 ihren platz, die man schlecht- 
bin zusammen in der ftltem spräche „zututtler^ nennt (ado- 
latores). Vgl. augsb. wb. 130. 

S. 39 lese ich (zeile 28) trotten statt t rossen^ weil 
ersteres in diesem sinne vorkommt in alem. Schriften und 
in der spräche der rebleute noch üblich ist; trottboum 
ebenso. Vergl. die ,,trabel üs treten und trotten^, ün* 
sere zeitschr. XV, 278. trotteln ist noch hochdeutsch 
erhalten. 

Kemmet (41) ist allgemein üblich im alemannischen 
und schwäbischen, wogegen die Baiern kemmich, kemmj 
haben. 

Die Maltzen (284), die Malazen spielen am Oberrhein 
eine bedeutende rolle; noch jetzt örtlichkeiten nach ihnen 
benannt. Sieh wbl. z. volksth. s. v. 

Essichenden wtne (51) vergl. dasselbe „essichen- 
dem wtne^ (dativ) in der donauesch. hs. 792 f. 62 a. 

Hdrensack 55. In Zusammensetzung mit sack in 
üblen titulaturen des excessiven weibervolks überbieten sich 
besonders die volksthümlichen altern kanzelredner: schlepp- 
sack, madensack u. s. w. Vergl. augsb. wb. 383a. La- 
stersack kommt auch oft vor. Reinhold Köhler hat eine 
hergehörige notiz: kunst über alle künste 1864 s. 215. 

Erüssen (69) = krug ist echt alemannisch. Baar. 
Schmid und Stalder bezeugen es. — Bei Tübingen und 
und Rotenburg scheint es nicht mehr üblich. 

Furt (70) hat sich alemannisch und schwäbisch in 
unzähligen örtlichkeiten erhalten, wo alle äufsern anhalts-- 
punkte längst weggefallen sind. 

Ürtin (173) 1) Zechgelage, 2) zeche, geld hat sich 
heute noch auf dem Schwarzwald erhalten. 



* 



zur dialektfonchimg. 49 



Knüwlin 85; knQlin 333 = ein kleiner knäuel 
garn; knuile gegen dem Allgäu hin; knoil dem bair. 
wald za;«böppele in der rotenburger gegend. 

Erneissen (150) = experiri, explorare, ausschnüffeln, 
gleichsam wie der hund, der fuchs mit der nase aufspüren. 
Evangelien buch f. 48 a: also erneissten sie alle ort, wa 
sie etwas f&nden, das sie in möchten verklagen. Vergl. 
Grimm wb. IQ, 922 (erneusen). Es ist kein specifisch alem. 
wort, was man etwa den beispielen im wörterb. entnehmen 
könnte; die Baiem haben es ebenfalls nur mit ihren be- 
liebten Vorschlagsilben der- und g: derneissen, gneis- 
sen; sieh Schmell. II, 707. 

Bauern figil (360) und hoiiert in die kirchen vnd 
sazt einen grossen bauern vigel. Der abenthürer st&nd 
uff und hofiert an des pfaffen bett ein grosse bauern fi* 
gil a. a. o. Grimm wb. I, 1183: bauernviol = stercns; 
bei Geiler „Sünden des munds^ bauernviol, burenviel 
a. a. o. 

Hopsertanz (148) noch heute üblich, meistens blos 
hopsar. 

Bei der kartüsz (195) vergL Grimm -Hildebrand 
V,243. 

Die ausdrücke wamisch (167) = wamms; Schei- 
be nhdt (184) grofser, breitrandiger hut (Frisch II, 169 a); 
wetschger (86,185,379) sind alemannisch und schwä- 
bisch. 

Ködern (148) = schleim ausräuspern und ausspucken; 
koder schleim; noch heute volküblich. 

Be raffen (203) bereden, heute noch allgemein üblich 
bis Tübingen; besonders bei unheimlichen künsten, bei 
besegnungen muis man „aübrafflet des ding döa^. Vgl. 
Grimm wb. I, 1485 ff. Im evangelienbuch be raffe 1 in 
nit und nit far in an vor den leuten £ 752 a. warumb 
hat er sie berafflet und uberboldert f. 108 a. 

Kegel (208) was ein grober kegel zä Villingen. 
Vergl. evangelienbuch f. 139a: die wüsten kegel, die tag 
und nacht vol seind. Ganz wie im evangelienbuch f. 36 b 
kn ollen, wan zA diser zeit sprechen die groben knol- 

Zeitschr. f. vergl. sprachf. XVIIL 1. 4 



50 Biriiiig«r ^ 

lea: wir hon nit geni lang predigen, vi\ lieber lange brat- 
warst. Vergl. Grimm-Hildebrand V, 387. 11. 

Seilen (374) eine bettstatt; vergl. evangelienbuch 
f. 33 a: item der herr schlug ein nagel mit dem andren 
uIm^ als da man ein beth seilet. 

Hotzeln (292): «der keiser nam die zwen heller und 
fte&g an a& lachen, das er hotzlet^. Dieses hotzeln, 
das F^ix Wfirz ebenfalls braucht, bedeutet heute noch 
aofiitoften; in folge des körperschüttebs speisen, speichel 
aus dem munde geben. Baar. Hier: ^der kaiser lachte 
da£i ihm der speichel zu dem mund und besonders den 
mundwinkeln in folge des lachens, des körperschüttelns, 
herabrann. Die stelle bei F. WOrz: „und das kind weinet 
und nicht mehr das hotzlen, umbhertragen und aufheben 
erleiden kann^ (= schOtteln, schottein). 

Hudlerin (351), haderlumperin bairisch = lumpen- 
•ammlerin. Hieher gehört der in unserer zeitschr. XV, 2d9 
richtig gedeutete kinderwiegenreim hudel, hadel u. s. w« 
Bei Keiaersberg kommt hudel oft vor, worauf schon Frisch 
I, 471 b aufmerksam macht. Eyangelieubuch f. 68 a: ire 
httdlen, ire deider, rock und mentel: das sein die lum- 
pen und die sudelen, die du auf den esel legen soltest 
Et (St. Martin) het einen zerrifsnen, hudelechten 
mantel £ 197b. es hudlet als umb in ist kein dapferkeit 
£ 150b. 

Erittling (396) das adv. ist heute noch sehr volks- 
thQmlicb. — lipfel (275) — lipbefilde, begrftbnis. 

Lotterbettl in (117) faule bank, pritsche meist beim 
ofen, ist noch heute alemannisch und 49chwäbisch volksüb- 
lich. Augsb. wb. 319a. Im evangelienbuch f. 44b: und 
14gen (die frauen bei der Westerlege) das sie u£P das lot- 
terbettlin kummen. 

Andere bemerkenswerthe mir theils bekannte theils 
unbekannte Wörter sind: blotterspil 95? dömeln 328? 
gernlin 274? guoter montag 237 ist alt und bekannt, 
geren: rockzwickel (216, 344) hat vielen alemann, gleich- 
gestalten Auren und w&ldern den namen gegeben, m er- 
ben 222. 248 ist auch schwftbisch. trüsel 140 kommt 



zur dialektfoTichnng. 51 

bei Geiler oft vor. b rossen 318. Bin gutee wort ist 
der Verses z 59, die verstrichene zeit und das damnnm 
emergens« rösch 67 allgemein damals, := resch, Ulen- 
Spiegel. 

Zur liturgischen spräche gehört s. 314: da die mess 
askam = als der celebrant zur Sakristei heraus auf den 
altar kam; noch heute schlechthin am Oberrhein 'ronfs- 
komma oder wie Pauli „m& d' mess ist Voufskomma^. 

M^sswein ist der opferwein 203. messliechtlin 73 
sind nicht die lichter auf dem altar, sondern die in kathol. 
gegenden auf einen kerzenstock neben dem altar aufge- 
steckten wachslicbtlein, die verschiedene fromme intensio» 
oen zum gründe haben können. 

Prediggelt scheint eine besondere heute nicht mehr 
bestehende abgäbe gewesen zu sein 314. 

Fronampt 344 ist die solenne missa oantata der 
hauptgottesdienst am sonntag oder . festtag, fronmesse 
im Ulenspiegel. tagmesse: misF.a quotidiana 212. der 
passion predigen am charfreitag 272. am grflnen dnr- 
8 tag 213. Das wort sigrist aus sacrista (406) beschränkt 
sich, scheint es doch mehr auf den alemannischen Ober- 
rhetn. S. 59 ist von vieropfer die rede. Es sind ur- 
sprünglich die grofsen volksthflmlichen opfer, welche das 
Volk der kirche an den 4 hauptfesten darbrachte; sodann 
worden, nachdem das opfer l&ngst aufhörte, nur noch die 
vier feste so genannt. Noch im 17. jahrh. heifst eine ab- 
gäbe im horber bezirk „vieropfer^, weil sie an den 
bezeichneten tagen an die herrschaft entrichtet werden 
nkofste. 

Ein jeger messe 57 = eine kurze messe, missa 
yenatoria schon im mittelalter genannt. 

Kurze mess und lange jagd 
einen guten j&ger macht. 
„Wie man schnappenwerk im bapstumb je germessen 
genennet hat^. Vgl. Uhland in Pfeiffers Germania 1, 1 ff. 
Kirchenschmuck von Schwarz und Laib (Stnttg. Metzler) 
1864 8. 59 XV. bd. 

Folgendes möge noch zur sachlichen erkl&rung dienen. 

4* 



52 Ludwig 

S. 33: in das haUyssin stellen ist die prangerstrafe 
oder der lasterstein. Vergl. Osenbrnggeu, alemann. strafr. 
8. 111. 

S. 39. Diese geschichte von der nase erzählt man 
fast ganz ähnlich von eiDem alten herrn vonThessin zu 
Kilchberg bei Tübingen und seinem hofnarren. 

S. 62 unten: die meinung, dafs man einer ersten mefs 
znlieb ein eiserne sohle an den schuhen durchlaufen soll, 
ist heute noch echt voliLSthOmlich. 

S. 357. Zu dieser geschichte von der schlänge und 
kröte vergl. die alem. Züricher sage von Karl dem Groisen 
und der kröte. Mittbeil. d. antiquar. gesellschaft in Zü- 
rich. Die sage ist ursprünglich niederrheinisch. 

S. 277. Die Pelagiuslegende, vergl. mein volksthüml. 
I, 416. 417. 

Berlin, aug. 1868. Dr. Birlinger. 



Die verba auf -erare -izon. 

Nichts ist für Sprachgeschichte von gröfserem inter« 
esse als für formen, die auf den ersten blick junger ent* 
stehung zu sein scheinen, entwicklungsstufen aufzufinden, 
welche dieselben ohne annähme eines sprungs, ohne will- 
kürliche Voraussetzungen in die reihen nachweisbar suc- 
cessiver bildungen einzufügen gestatten, und altern Zusam- 
menhang da zu statuieren nöthigen, wo man sonst über 
die annähme einer analogie zwar, aber einer gegenseitig 
unabhängigen hinauszugehn kaum wagen würde. Die for- 
men der derivativverba auf lat. erare, got. ahd. izon ison 
(vereinzelt -eron uoberon äpas) gehören unter diese klasse, 
unter die klasse von bildungen zugleich, von denen mau 
am allerwenigsten aufklärung wichtiger sprachhistorischer 
thatsacben zu erwarten geneigt sein dürfte. Das griechi- 
sche zeigt nur acrj^teAcroo {'Ow}^ dessen -a;^er>l*, identisch mit 
dem gleichlautenden dement in aaxdllo)^ skr. sahas ist, 
so dafs beide verba „nicht aushalten, nicht „ertragen (vgl. 



die verba auf -erare -ison. 53 

aegre moleste ferre, xalenuig fpi^e^v) bedeuten. Slaviecb fin- 
det sich KOX«caTii, dessen % höchst wichtig, und, was ich 
hier nicht ausführen kann, bflrge fQr das hohe alter der 
form ist. Ein paar litauische formen Qbergehe ich, da 
höchstens timsoju mit Sicherheit hieher zu rechnen. 

Wie man sieht, kommt diese bildung nur im latein und 
im deutschen in einer nennenswertheu zahl vor. Das Sans- 
krit, wo die form entweder -asäjä oder -ar&jä gelautet ha- 
ben müfste, bietet nichts der art; dagegen der Atharva- 
veda (XIV, 2, 20) eine höchst merkwürdige form asa- 
paijäit: 
jadi girhapatjam asaparjäit ptirvam agnim vadhtür ijam 
adbä sÄrasvatjäi näri pitfbhja^Ma namas kuru. 
Der sinn ist ganz einfach und nicht mifszuverstehn. Die 
form asaparjäit (3. imperf act.) erweist sich durch zwei 
elemente älter als die lateinischen und deutschen formen, 
durch eines das sie besitzt, durch ein andres das ihr feUt. 

Wir finden nämlich das im lateinischen zu -er-, im 
got. ahd. zu -is- umgewandelte neutrale -as in der gestalt 
-ari-, d. i. das alte schlufs-i der bildung, das wir vi^lfftch 
nachzuweisen uns bemüht haben, ist hier unwiderleglich 
vorhanden (vgl. saparjämi ratharjämi). 

Der zweite punct, der ein höheres alter dieser bildung 
erweist, ist das fehlen des -a vom -äja; wir haben statt 
einer äja- eine äi- bildung. Der entwicklungsgang war 

also: a i-äni a^i-äi a -äi-ä. In bezug auf letztern punct 

ist diese bildung analog den von uns bereits bekannt ge- 
machten formen a^aräit (Atharvav. VI, 32, 2), ^aräit (eben- 
das. VI, 66, 2); dazu noch vi ^aräis (ebendas. XII, 3j 18). 
Alle diese formen bieten mit genauer analogie zu dem Ver- 
hältnis zwischen den consonantischen und den davon wei- 
ter gebildeten a- stammen äi gegenüber jüngerem äj&. Ja 
man könnte streng genommen auch niprijäj4te (Atharvav. 
XII, 4, 11), da es die 3. plur. repräsentiert und als solche 
nach den regeln der a-conjugation -&nte haben müfste, für 
eine solche form ansetzen. Da indefs das wort am Schlüsse 
des verses vorkommt, so bleibt es vielmehr wahrscheinlich, 



54 Ludwig 

daTa das d nur ausgelassen ward, um die nothwendige 
kürze herbeisuf&hreD. Formen wie pÄra^ant (VI, 75, 1) 
opäetanr (XII, 3, 38) niranajit (X,4,26) etc. sind wie 
astavit als imperfecta zu betrachten. Der mangel der 
▼rddhi hindert sie filr aoriste zu halten. 

Eine form aber, die mit Sicherheit bieherzuziehen, ist 
Äpftg&it (Atharvav. XII, 3, 54): 

varääm vanuävÄpi gakba döv^ns tvakö dbümäm parjüt^ 

pfitajäsi I 
vi^vävjaKfi ghrt4prdthö bhaviäj&nt s&jönir lok&mupa jft- 

hetam II 
tanväm svargö bahudhd vikakre j&thä vidä atmannanjÄ- 

varnäm | 
ipfi^ait kr&nim rüpatim punänö ja löhini tarn te agn&ü 

guhömi II 
^erlange regen, geh zu den göttem, von der haut mach 
auffliegen den dunst, werde überall hindriogend ghrtabe- 
träufelt, als solcher mit wasser nahe dieser welt^ (sajöni: 
Tielleicht besser „als hausgenosse^ ). „Oft hat svarga die 
gestalt geändert, wenn er innerhalb seiner selbst die an- 
ders farbige sah; die dunkle (tvac) trieb er fort, und liefs 
so erscheinen die glänzende, die rothe opfere ich dir im 
feuer« (vgl. v. 21). 

Dafs äpä^äit nichts anderes als imperf. 3. sing. act. 
von ag-äi- ist, liegt auf der band. Die dunkle regenwolke 
löst sich in die hellen regentropfen auf. Dafs wir sonst 
von einem solchen stamme keine spur haben , darf gegen 
diese erklärung nicht vorgeschützt werden; viele von die- 
sen formen müssen früh dem sanskrit verloren gegangen 
sein. Findet sich doch noch von wz. tud vereinzelt vitü- 
däjasi (Atharvav. 2, 3?, 6). 

Die analogie der -äi- und -äja-bildungen zu den con- 
sonan tischen und a- Weiterbildungen tritt besonders in den 
slavisohen nominalen -äja (-nii) bildungen hervor*). Man 
vergleiche damit die sanskrit. aja-classe und die nomina 
auf -aja, slavisch n- (tn) und hü: äbhögaja ilaja ^aja vä- 



*) Oriech. hieher mit beatimmtheit avdw (ricfaüg avd^) nnd aifdfir< 



die verba auf -ei«re -izoii. 55 

-Kaminkhaja ahraja (statt ahvraja; ygL Atharvav. 8, 4, 14 
brnläe statt h^rnläe hrnftju), atiparajä (Ted.) nidfadraja ^ö- 
tojamfimaka (jävajaddvedas jätajaggana prävajat pati ""sakhi 
8tan4jadama Ködajanmati) cxauift (skr. ^r&vaja) b^abnA hou- 
pM u^iiN, offenbar verkQrzt Bos^k BorouoAik (prof. Miklosieh 
bild. d. nora. im altslov. p. 14). Hieza berechtigen adjecti- 
vische bildungen hS von %- stammen boshH von Bora, die 
griech. oixsiog von olxog genau so entsprechen, wie griech. 
6xy6ffti,.8lav. KBOiNTN. Gleich wol liegt auf diesen letztem 
bildangen, und denen, die in andern sprachen ihnen zu 
entsprechen scheinen, noch ein schwer aufzuhellendes 
dunkel. 

Prag, 25.jnni 1867. Alfred Ludwig. 

Anm. Die slavischen bezeichnungen cauBNü ba%oa% 
ftr nachtigall und widehopf seheinen uns unverkennbar 
eine beziehung zu dem mythus von dem könig Tereus an- 
zuzeigen. BHAOA« leitet prof. Afiklosich (v. lex.) von vad 
als reduplicirte form ab, die als intensive reduplication im 
Sanskrit vadvadÄ lauten würde. Wir wissen nicht, ob diese 
form wirklich vorkommt, was natArlich der unzweifelhaf- 
ten richtigkeit der erklärung keinen eintrag thut. Dage- 
gen kommt gadgada vor und beides ist wahrscheinlich, ja 
mit Sicherheit auf ein ftlteres gvadgvada zurfickzuf&hren. 
gadgada bezeichnet den, der mit von thrftnen erstickter 
stimme spricht: Et modo, si possit, reserato pectore dirasj 
egerere inde dapes demersaque viscera gestit; | flet modo 
seqne vocat bustum miserabile nati Ov. Metam. VI, 663 — 
665. cAABiifi dagegen, welches im sanskrit prävaja wäre, 
ist sicher eine passende bezeichnung fQr den vogel ä "Itvv 
izliv "Itw okoqwgatM ogvig atv^ofAiva Soph. El. 148 — 149, 
ond Odyssee t 518 — 523 wg S* ote HavSagiov xovgti ;|fAaH 
Qt^lg jifiStiv I xakov asiSfjaiv tagog viov iarafiivoio \ StP" 
Sgitav iv nndloKfi xa&s^ofjiivfi nvxivoiatv^ \ rJTB &afAa 
rQianw(fa ;^<«* nokvtix^cc (pvnviqv, \ TialS* 6ko(pVQOfiivfi'*TTviov 
q)ikov, ov nOTB x^^^V I ^^^^i^^ Si ä(pQaSiag ovgov Zti^i^io 
ävaxTog, 



56 ' Liebrecbt 

Amor und Psyche — Zeus und Semele — 
Purüravas und Urya^i. 

Das märcheo, welches Apulejus erzählt, so wie das 
andere, damit genau verwandte von des holzhauers tochter, 
welches noch jetzt in Hindustan beim volke umläuft, darf 
ich wohl als hinlänglich bekannt voraussetzen, um ohne 
weiteres darauf bezug nehmen zu können. Ich bin nun 
der ansieht, dafs der mythus von Zeus und Semele auf 
derselben grundlage beruht, wie jene beiden märchen und 
dafs demgemäfs alle drei nur verschiedene Versionen ein 
und desselben gegenständes sind. Zeus nämlich will ebenso 
wenig von der geliebten in seiner eigentlichen gestalt ge- 
sehen werden, wie Amor in der seinigen, oder wie der 
Schlangenkönig Basnak Dau von Tulisa seinem namen nach 
erkannt sein will, und nur mit Widerwillen fögt Zeus sich 
in Semeies begehr, wie Basnak Dau in das der Tulisa« 
Die mutter des letztern entspricht genau der Hera, und 
so wie diese die gestalt der amme Beroe annimmt um Se- 
mele zu ihrer thörichten forderung zu bereden, ebenso be- 
gibt der verbündete der mutter Basnak Dau's, Sarkasutis, 
sich als alte frau zu Tulisa und bringt sie dazu, den ge- 
liebten nach seinem namen zu fragen, den dieser ebenso 
widerstrebend ausspricht, wie Zeus sich der Semele in sei- 
ner eigentlichen gestalt zeigt; denn beide wissen (gleich 
Amor), dafs aus der eifQllung des Wunsches nur unheil 
erfolgen kann, obwohl Zeus durch seinen schwur ganz so 
wie Basnak Dau durch eine höhere macht sich gezwungen 
sieht, das an ihn gestellte verlangen zu erfüllen. Semele 
wie Psyche und Tulisa handeln also gegen den wünsch oder 
das gebot ihrer liebhaber und alle drei büfsen dafbr, je- 
doch nur durch zeitweilige strafe; denn Semele und Psyche 
steigen nach ablauf derselben zum Olymp empor, Tulisa 
wird königin und mit ihrem geliebten wieder vereint wie 
Psyche mit Amor. Man kann hierbei die frage aufwerfen, 
ob in der altem fassung des Psychemythus Psyche nicht 
ebenso zunächst mit dem tode büfste wie Semele; ihr lan- 
ges leiden und suchen, wobei sie selbst in die unterweit 



Amor und Psycho — Zeus und Semele — Purüravas und Urva9i. 57 

za Proserpina binantersteigeD mufs, möchte vielleicht dar- 
auf hindeutcD. Doch sehen wir hiervon ab und weisen 
vielmehr ferner darauf hin, dafs Zeus bei seinem liebes- 
handel mit Persephone, mit welcher er den Zagreus zeugt, 
ebenso als schlänge erscheint, wie Amor vom orakel als 
saevum atque ferum vipereumque malum (Met IV p. 311 
Oad.) geschildert wird und Basnak Dau Schlangenkönig 
]8t. Zeus ist aber auch donner- und blitzgott; dafs nun 
Eros gleichfalls als feuergott aufgefafst wird (s. Jul. Braun 
naturgeschichte der sage I, 425 f ), will ich nicht urgiren, 
dagegen auf die italienische version des Psychemärchens 
hinweisen, welche sich bei Basile Pentam. V, 4 „Lo turzo 
d'oro^ findet und wo Parmetella's (Psyche's) liebhaber den 
namen „donner und blitz^ (Truone e lampe) fahrt. Da wir 
diesem indicium auch in einem andern zweige der vorlie* 
genden mythen- und märchenreihe mehrfach begegnen, so 
ist es an der zeit näher auf denselben einzugehen. Bisher 
haben wir nämlich gesehen, dafs es der liebende ist, der 
aus welchem gründe auch immer von der geliebten in sei- 
ner eigentlichen gestalt oder benennung nicht erkannt sein 
will, und dafs der fQrwitz der letztern hart gestraft, aber 
doch endlich verziehen wird. Das gegenstück hierzu, wel- 
ches sich leicht aus jener anschauung entwickeln konnte, 
versetzt nun den liebenden in die läge, in der sich dort 
die geliebte befindet. Hier ist ^r der fQrwitzige, der durch 
zeitweilige trennung von letzterer ebenso gestraft wird wie 
Psyche und Tulisa, obwohl endliche Wiedervereinigung der 
liebenden auch hier eintritt. Das ij^otjy aber, um dessent- 
willen in dieser wendun^^: die geliebte fQr eine zeit lang 
entschwindet, ist ein mehrfaches; entweder will sie von 
dem liebhaber nicht (nackt) gesehen werden; oder sie fin- 
det die ihr von demselben geraubte hülle (taubenhemde, 
schwanenhemde u. s. w.) wieder; oder sie wird von dem 
liebhaber (gatten) irgendwie beleidigt. Wir betrachten zu- 
erst den umstand, dafs die liebende nicht gesehen werden 
will; es leuchtet alsbald ein, dafs dies das nämliche motiv 
ist wie das, welches die trennung des Zeus, Amors und 
Basnak Dau's von ihren liebhaberinnen zu wege bringt; 



58 Liebrecht 

sie wollen särnrntlich Dicht in ihrer eigentlichen natur oder 
gestalt erkannt werden. In dieser zweiten version bietet 
sich nnn zuvörderst der indische mythns von PurtXraTaa 
und Urva^l; jedoch hat er sich von der Semele-Psycheform 
noch nicht ganz abgelöst; denn nicht etwa will ürva^ sich 
nicht (nackt) von dem geliebten sehen lassen, sondern sie 
soll ihn nicht (nackt) sehen ^ welches begehren eben nur 
dem des Zeus oder Amor entspricht, während der ange- 
ftahrte grund („und das ist ja die sitte von uns franen^ 
Kuhn herabkunft des feuere 81) als ein sehr dürftiger er- 
scheint und höchst wahrscheinlich nur als nothbehelf fbr den 
vergessenen ursprflnglichen eingetreten ist. Purflravas nimmt 
also in dieser version die stelle des Zeus »Amor ein und 
zwar ist nicht nur auch er ursprünglich ein feuergott, son- 
dern auch sein name, der nach Roth „der brfiUer^ bedeu- 
tet, weist ganz deutlich auf den Zeus igiyöovnoq. Ich 
komme nun zu den Gandharven des ürva^Imythns. Es 
bedarf keiner weitläufigen auseinandersetzung um zu zeig^ 
dafs sie der Hera, der mutter Basnak Dau's so wie d^r 
Amors entsprechen. Der letztern dünkt die Verbindung 
ihres sohnes mit einer sterblichen ungeziemend, und ganz 
gleich ist die meinung der Gandharven hinsichtlich ürva^^s. 
Auch sie bedienen sich daher wie Hera und Basnak Dau's 
mutter der list um die liebenden zu trennen und sie errei- 
chen ihren zweck wie jene. Der blitz scheidet Urva^ 
von Purüravas ebenso wie Semele von Zeus, wie der licht- 
blitz der lampe Psyche von Amor. Ein feuerzeug wird in 
den Psychemärchen mehrfach ausdrücklich erwähnt (Basile 
a. a. o. II, 183 meiner Übersetzung; in dem schwedischen 
märchen bei Hylt6n-Cavallius no. 19, A. Ulf-Prinsen 
Variante 2 aus Smäland und B. Prins Hatt under Jor- 
den u. s. w.), und man wird hierbei nicht unbeachtet las- 
sen, was Kuhn über die ältesten Vorstellungen von der 
hervorbringung des blitzes durch ein himmlisches feuerzeug 
dargethan hat. Auch der dreiarmige leuchter in der schwed. 
Version A läfst an den gezackten blitz denken. Mehr je- 
doch als dieser umstand ist ein anderer ganz besonders 
hervorzulieben. An ürva^l's lager sind zwei junge widder 



Amor und Psyche — Zeus und Semele — Pururavas und Ürva9l. 59 

angebunden, welche sie ihre söhne oder kinder nennt (Kuhn 
L c. 82, Benfey Pantschat. I, 263). Diese nun werden ihr 
▼on den Gandharven ganz ebenso geraubt wie in einigen 
Versionen des Psychemärchens der Psyche ihre kinder. 
Bei Hylten-Cavidlius a. a. o. Ulf-Prinsen geschieht es 
durch diesen prinzen selbst d. h den vater, ebenso in dem 
achwed. mfirchen Gräkappan bei Bäckström Srenska 
Folkböcker II, 140 ff., vgl Grimm K.M. IIP, 324 f., wo 
nicht nur auf den Zusammenhang dieses märchens mit no. 88 
„löweneckerchen^, sondern auch mit no. 3 „marienkind^ 
hingewiesen wird. In einer Version des letztern (s. die 
anm. dazu 1. c. s. 7 f.) ist es die böse Schwiegermutter, 
welche die kinder fortführt, und dies wird wohl auch die 
ursprüngliche form gewesen sein; Venus wird der Psyche 
ihre kinder geraubt haben, während letztere jetzt auf ihrer 
Mdenvollen Wanderung blofs als schwanger erscheint und 
die Voluptas erst nach ihrer Wiedervereinigung mit Amor 
zur weit bringt; aber schon über die Schwangerschaft ist 
Venus höchst erbittert (Met. VI p. 397 f. Oud,). Dieser 
Venus also, wenn meine vermutbung richtig ist, jedenfalls 
aber der kinderraubenden Schwiegermutter des deutschen 
märchens entsprechen die gleichen raub ausführenden Gan- 
dharven. Die Wiedervereinigung des Purüravas mit Urva^l 
im himmel erfolgt jedoch schliefslich ebenso wie in dem 
Psyohemythus die Amors mit Psyche, nachdem Purüravas 
(obwohl schon ursprünglich ein feuergott) unter die Gan- 
dharven aufgenommen ist, ebenso wie Psyche in den Olymp, 
Der Urva^Imythus hat, wie wir gesehen, die Umwand- 
lung des Psychemythus noch nicht vollständig vollzogen; 
«och ist es der liebende, der von der geliebten nicht ge- 
sehen werden darf, widrigenfalls trennung eintritt. Von 
den nun anzuführenden Wendungen des erstem d. h. von 
derjenigen mythen- und sagenreihe, wo der liebende mann 
die trennung verschuldet, stelle ich die in dem mhd. ge- 
dichte Friedrich von Schwaben behandelte sage des- 
wegen voran, weil auch sie noch deutlichere spuren ihres 
Zusammenhanges mit dem Psychemärchen bewahrt, nämlich 
in d^m umstände, dafs der held das gebot, die prinzeesin 



60 Liebrecht 

Angeiburg, die des nachts neben ihm ruht, nicht bei licht 
zu betrachten, übertritt, indem er mit einem feuerzeag, 
das ein zauberer, der buhle ihrer Stiefmutter, ihm gegeben? 
rasch ein ]icht anzQndet, worauf Angelburg zu scheiden ge- 
zwungen ist. Er erlangt sie jedoch später wieder dadurch, 
dafs er ihr beim baden das taubengewand raubt und sie 
ihm die ehe versprechen mufs, um es zurückzuerhalten. 
Nach mancherlei abenteuern von seiner seite erhält er sie 
auch wirklich zur gemahlin in ihrem reiche, welches die 
Hecht ouw heifst (offenbare reminiscenz der Asphodil- 
wiese, der amoena yireta, des göttersitzes u. s. w.). Was 
das in dieser sage und weiter unten noch oft erwähnte 
taubengewand betrifft (es heifst auch vogelgewand, schwa- 
iienhemd oder bei Musaeus Schleier „von einem unbe- 
kannten gewebe, feiner als spinn webe und weifser als 
frischgefallener schnee^), so stammt es ursprünglich von 
dem Wolkenschleier der Apsarasen, und einen schleier be- 
sitzt nach Webers beraerkung auch Urva^I, die sich damit 
vor den blicken des Purüravas verhüllt (Kuhn 1. c. 91). 

In dem altfranz. gedichte Partenopex de Blois soll 
dieser die fee Melior, bei der er des nachts schläft, gleich- 
falls eine zeit lang nicht sehen; da er aber von einer ne- 
benbuhlerin gereizt, die fee fQr ein ungeheuer hält und ihr 
gebot Obertretend sie beim schein einer lampe betrachtet, 
so mufs er scheiden, versöhnt jedoch später die erzürnte 
schöne und vermählt sich mit ihr. Der raub des gewandes 
(taubenhemdes) fehlt hier, findet sich aber wieder in dem 
Lai de Gruelan, welches zwar einige züge (verbot des 
schauens, lampe) verloren, jedoch an deren stelle die auf- 
erlegte Verheimlichung des liebesverhältnisses so wie di9 
Verletzung des geheimnisses gesetzt, auch die trennung und 
Wiedervereinigung der liebenden bewahrt hat. Der raub 
des taubenhemdes findet sich ferner in einigen hierher ge- 
hörigen orientalischen märchen, so in den von Benfey Pan- 
tschat. I, 263 f. angeführten; man füge hinzu: Der Tausend- 
undeinenacht noch nicht übersetzte . Märchen u. s. w. aus 
dem Arabischen ins Französische übersetzt von Jos. v. Ham- 
mer und ins Deutsche von Zinserling Stuttg. 1823 bd. I 



Amor und Payche — Zeus und Semele — Purüravas und Urva^i. 61 

8. 301 ff. „Dschamasb und die königin der schlangen^; fer- 
ner den „geraubten Schleier'^ bei Musaeus, und will ich 
bei dieser gelegenheit auch noch bemerken, dafs in Grimms 
K. M. no. 193 ^der trommler^ wahrscheinlich aus dem 
von Benfey angefahrten märchen der Breslauer Tausend- 
undeinenacht, „Asem und die geisterkönigin ^ herstammt, 
wo die Zaubertrommel eine ebenso grofse rolle spielt (s. 
bd. X 8. 220 ff. 1836). 

Air die zuletzt angeführten orientalischen Versionen des 
UrTa9l-Psychem7thus enthalten nach der trennung der lie- 
benden auch die Wiedervereinigung derselben; allein das 
verbot des schauens ist daraus verschwunden und daf&r 
der raub des vogelhemdes eingetreten. Diesem begegnen 
wir auch in einem mythus von Celebes (s. Kuhn 1. c. 88 
nach Schirren), der zugleich noch einen andern bemer- 
kenswerthen zog des Semele-Psychemythus bietet, indem 
nämlich Kasimbaha (Amor- Zeus) donner und blitz er- 
regt und zwar dadurch, dafs er seiner gemahlin Uta- 
hagi ein zauberhärchen auszieht. Reiner noch findet der- 
selbe zug sich wieder in einer neuseeländischen Überliefe- 
rung, die gleichfalls Kuhn a. a. o. nach Schirren kurz an- 
fbbrt, ich aber hier nach Tyler's forscbungen über die ur- 
geechichte der menschheit u. s. w. Aus dem englischen 
von H. Müller. Leipzig (1866) s. 448 f. vollständiger mit- 
theilen will. „Es war einmal ein grofser häuptling namens 
Tawhaki, und ein mädchen vom geschlechte der himmli- 
schen, deren namen Tango -tango war, hörte von seiner 
tapferkeit und seiner Schönheit und kam zur erde herab, 
sein weib zu werden, und sie gebar ihm eine tochter. Als 
aber Tawhaki das kleine mädchen nach einer quelle mit- 
nahm und es wusch, hielt er es mit ausgestrecktem arme 
von sich nnd sagte: „Pfui, wie garstig das kleine ding 
riecht^. Als Tango -tango dies hörte, war sie bitter ge- 
kränkt und begann zu weinen und zu schluchzen und end- 
lich nahm sie das kind und flog mit ihm zum himmel. 
Tawhaki versuchte sie aufzuhalten und bat sie zu bleiben, 
aber vergebens, und als sie eine minute innehielt, mit einem 
fabe ruhend auf der geschnitzten figur am ende der first^ 



02 LiebKöht 

Stange des baoses Ober der thür, rief er ibr zu, ihm ein 
andenken zurückzulassen. Da -sagte sie ihm, er solle sich 
nicht festhalten an die lose wurzel der krieobpfianze, die 
von oben herabfallend in der luft hin und her schwingt, 
vielmehr solle er sich festhalten an diejenige, die aus der 
höhe herabhftngend ihre fasern wieder in der erde festge- 
wurzelt hat. So schwebte sie empor in der Inft und ver- 
schwand, und Tawhaki blieb traurend zurfick. Nach ab- 
lauf eines monats konnte er es nicht länger ertragen und 
daher nahm er seinen jQngern bnider und zwei sciaven 
mit sich und brach auf, sich nach seinem weib und kind 
umzusehen. Die brdder kamen endlich zu dem orte, wo 
die enden der vom himmel herabhangenden ranken die 
erde erreichten und dort fanden sie eine alte vorfahrin, 
deren name Matakerepo war. Sie war angewiesen, die 
ranken in ihre obhut zu nehmen, und sie safs an der stelle, 
wo sie die erde berührten und hielt die enden der einen 
in ihren bänden. So schickte sich denn am nächsten tage 
der jüngere- bruderEarihi an emporzuklettem und die alte 
frau mahnte ihn nicht herabzusehen, damit er nicht schwind- 
lig werde und fallen möchte, desgleichen sich zu hüten sich 
an einer losen ranke festzuhalten. Aber gerade in diesem 
augenblicke machte er einen sprung nach den ranken and 
fafste aus versehen eine lose, und hinweg schwang er bis 
zum rande des horizonts, aber ein windstofs blies von dort 
und trieb ihn zurück nach der andern seite des himmels, 
wo ein anderer stofs ihn himmelwärts schlenderte, und 
abermals wurde er herabgeblasen. Im augenblick als er 
den boden erreichte, rief ihm diesmal Tawhaki zn, loszu- 
lassen, und siehe, er stand wieder auf der erde und die 
beiden brüder weinten, dafs er so mit genauer noth dem 
verderben entgangen. Darauf begann Tawhaki zu klettern 
und er ging aufwärts und aufwärts^ indem er während des 
klettems einen mächtigen Zauberspruch wiederholte, bis er 
endlich den himmel erreichte [wo er von den verwandten 
seiner frau verächtlich behandelt, endlich aber von ihr er- 
kannt wurde und sich als gott zu erkennen gab. Schirren.]. 
Die toohter brachten sie zum wasser und tauften sie in 



Amor und Psyche — Zeus und Semele — PurGravas und Urva^l. 63 

gehöriger oeuseel&ndischer weise. Blitz leuchtete aus 
Tawhaki's achselgrubeD und er wohnt noch dort 
oben im himmel und wenn er schreitet, machen 
seine fufstritte den donner und blitz, der auf er- 
den gesehen und gehört wird^. Die eben angeführte 
neuseeländische mythe nun mit der oben erwähnten aus 
Celebes (die ich aus Kuhn's buch als bekannt voraussetze) 
zQsammenfsissend, will ich auf diejenigen zöge beider hin- 
weisen, die sich auch in dem Urva^l- Psychemythus vor- 
finden* Dafs die donner- und blitzgötter Kasimbaha und 
Tawhaki dem donnerer Zeus entsprechen, habe ich bereits 
beiTorgehoben, ebenso das flughemde Utahagi's. Tango- 
tango's verwandte und Utahagi^s brflder gleichen den Gan- 
dharven und der Venus; die Verbindung mit einem ver- 
meintlichen sterblichen dQnkt ihnen erniedrigend; sie fügen 
sich erst dann, da Kasimbaha und Tawhaki sich als götter 
erweisen, wie die Gandharven und Venus erst dann nach- 
geben, nachdem Purüravas und Psyche in den götterhimmel 
au^enommen sind. Tawhaki's sclavendienst bei den ver? 
wandten Tango -tango's entspricht genau dem der Psyche 
bei Venus, dem der Tulisa bei der Schwiegermutter. Ka- 
simbaha gewinnt Utahagi wieder durch die hilfe kleiner 
thierchen, eines vögelchens, eines Johanniswürmchens, einer 
fliege; ganz ebenso finden wir bei Psyche die dienstfertigen 
ameiaen, bei Tulisa die eichhörnchen und bienen. Die 
alte frao, welche dem Tawhaki und seinem bruder bei ih- 
rer gefährlichen fahrt so freundlichen rath ertheilt, kehrt 
in einer oder der andern gestalt in fast allen Psychemär^ 
eben wieder; bei BasUe no. 45 ist es eine fee u. s. w. Als 
gmnd zur trennung der gatten finden wir in dem neusee- 
ländischen mythus eins der oben s. Ö7 angeführten motive, 
nämlich beleidigung der gattin (durch Schmähung ihres 
kindes). In dem mythus von Celebes ist das motiv nicht 
ganz klar, doch ist das ausreifsen des härchens wohl gleich- 
falls als beleidigung zu fassen. Man hätte aber eher das 
wiederfinden des flughemdes durch ütahagi erwarten sollen. 
Wie dem auch sei, die gatten werden schliefslich in beiden 
mythen wieder vereint, wie in sämmUichen bisher aufge- 



64 ' Liebrecht 

führten Versionen des Psyche -Urvapimythus, so dals man 
die frage aufwerfen darf, ob Semele, die allerdings nach 
ihrem tode gleichfalls zu dem wohnsitz ihres geliebten 
emporsteigt, nicht ursprünglich eine Heraform war und die 
jetzige rolle der Hera in der Semelemythe von einer an- 
dern göttin ausgefällt wurde. Die abwesenbeit des in rede 
stehenden zuges in der von Kuhn (herabk. 92) mit dem 
Urva^lmythus verglichenen Melusinensage macht es zwei- 
felhaft, ob dieselbe dem hier behandelten mythen- und sa- 
genkreise angehört, wenn man nicht etwa die spätere zeit* 
weilige Wiederkehr der fee um ihre kinder zu pflegen f&r 
eine getrübte erinnerung jenes zuges halten will. Man 
könnte aber auch noch weiter gehen und letztem als zu- 
weilen ganz verloren betrachten, z. b. in der von Wolf 
niederl. sag. s. 680 mitgetheilten, aus dem Spec. nat. 1. II 
c. 126 (nicht 1. III) stammenden sage, und das dort vor- 
kommende meerweib fdr eine ursprüngliche apsarase (Ur- 
va^l), so wie das verbot nach ihrer herkunft zu fragen f&r 
analog dem gleichen zuge in dem indischen mftrchen von 
des holzhauers tochter und dem verbot des schauens in 
den übrigen Psyche -Urva^l Versionen ansehen, in welchem 
falle dann noch eine grofse zahl anderer sagen hierher ge- 
zogen werden könnten. Dies schon jetzt zu thun, dünkt 
jedoch nicht rftthlich; vielleicht wird weitere forsohang 
später dazu berechtigen. Was die Melusinensage betrifil, 
so begegnen wir in derselben dem verbot des sehens oder 
nacktsehens wie bei Psyche-Urira9i, so wie dem schlangen- 
schweif, der au den Schlangenkönig Basnak Dan und die 
vorgebliche gestalt Amors erinnert. -Beiläufig vdll ich be- 
merken, dafs in der ältesten aufzeichnung der Melusinen- 
sage (bei Gervasius von Tilbury ; vgl. Kuhn 1. c.) der name 
dieser fee noch nicht vorkommt, und dafs der später als 
gemahl der Jtfelusine genannte Raimund, der das von ihr 
gebaute schlofs Lusignan bewohnte, bei Gervasius kein 
graf ist, auch nicht in Poitou seine heimat hat, sondern 
in der Provence, wo sein schlofs Russet bei dem Städtchen 
Trets nicht weit von Aix gelegen ist. 

Hiermit schliefse ich nicht nur die reihe derjenigen 



Amor und Psyche — Zeus und Semelo — Purüravas und Ünra9i. 65 

mythen und sagen, welche die Urva^lform des Semeie- 
Psycbemythus bilden, sondern auch diesen aufsatz über- 
haupt. Ich unternehme es zur zeit noch nicht die diesem 
ganzen kreise zu gründe liegende Vorstellung nachzuweisen. 
Was bis jetzt zur erklärung einzelner theile und Versionen 
desselben gesagt worden ist, mag immerhin fOr ein späte- 
res Stadium, wo die grundidce vergessen oder umgebildet 
war, mehr oder minder richtig sein, doch genügt es nicht, 
weil es „allzu abstract der mythischen gestaltung ältester 
zeit gar keinen sinnlichen hintergrund giebt^, wie Kuhn 
herabk. 87 treffend sagt; und dies ist nicht blos auf die 
dort gemeinte erklärung der ürva^imythe anwendbar. Je- 
denfalls aber mufs, wer jene aufgäbe zu lösen unternimmt, 
nunmehr das ganze jenes kreises ins äuge fassen, so wie 
ich es im obigen dargelegt; ja noch weiter wird er seine 
Untersuchungen ausdehnen müssen; denn dafs z. b. das 
siebente märchen des Siddhi-kür in den kreis des Psyche- 
mythus gehört, bezweifle ich nicht im mindesten (vergl. 
Benfey Pantschat. I, 255 ff); hier aber näher darauf einzu- 
gehen und alles sonst noch damit zusammenhängende dar- 
zulegen und zu erörtern lag aufserhalb des unmittelbaren 
Zweckes der vorliegenden abhandlung. Nur einen umstand 
kann ich nicht umhin noch zu erwähnen, der einen neuen, 
nicht uninteressanten beweis von der Zähigkeit, mit der sich 
einzelne züge der sagen- und mythen weit erhalten, liefern 
würde, falls sich die hier folgende Zusammenstellung als 
ein solcher betrachten liefse. Als nämlich Amor von der 
angehorsamen Psyche scheidend in die lufl emporfliegt, 
läfst er sich noch einmal auf den gipfel einer hohen cy- 
presse nieder und richtet von da an sie seine letzten worte 
(Met. V p. 364 Oud.). Ebenso hcifst es in der oben mit- 
getheilten neuseeländischen mythe, dafs Tango -tango, als 
sie von dem gatten beleidigt zum himmel auffliegt, „eine 
minute innehielt, mit einem fufse ruhend auf der geschnitz- 
ten figur am ende der firststange des hauses über der 
thür^, und von da Tawbaki noch einmal anredet. Auch 
io dem oben angeführten- märchen der Tausendundeinenacht, 
„ Dschamasb und die königin der schlangen ^ setzt sich 

Zeitochr. f. vgl. sprachf. XVIII. 1. 5 



66 Rödiger 

Dschanschah's gemahlin, nachdem sie das taubeohemd 
wiedererlangt, auf die spitze des daches und redet von da 
Dschanschah noch einmal an. In der Völundarkvida 28, 3 
endlich, welche, wie bekannt, gleichfalls in den kreis der 
schwanensagen gehört, ist es zwar nicht die dem Völundr 
entfliegende AWitr, aber doch er selbst, der später nach 
Bödvildr's Schwächung sich lachend in die luft erhebt und 
dann auf des saales sims sitzend mit Nidudr spricht. — 
Liegt nun in dieser vierfachen fast wörtlichen Übereinstim- 
mung ein überlieferter Zusammenhang vor oder blos das 
natürliche ergebnifs einer bestimmten Situation? Ich meine 
das erstere. 

Lüttich. Felix Liebrecht. 



De coinpositis Graecis quae a verbis incipiant. Diss. inaug. Scripsifi 
Vil. Clemm. Gissae 1867. 173 8. 8. 

An eine ausführliche behandlung einer reihe von Wort- 
bildungen, die ZU den verschiedensten erklärungeu heraus- 
gefordert haben, trat ich mit um so gröfserem interesse 
heran, als ich mich speciell mit griech. compositis beschäf- 
tigt und also auch die in frage stehende art einer, wenn 
auch nicht abschlieisenden, betrachtung unterzogen hatte. 
Freilich mufste ich bemerken, dafs meine ansichten weder 
in der hauptsache noch auch sonst in vielen punkten mit 
denen des herrn Cl. zusammentreffen. 

Unsre meinungsverschiedenheit beginnt bei den ein- 
gangsworten der vorliegenden habilitationsschrifl. Denn 
wenn es hier heifst: „Compositorum Graecc. quae sit pro- 
pria vis ac natura, quae origo et quanta utilitas tam saepe 
tamque accurate expositum est^ u. s. w., so behaupte ich, 
dafs, so übergenug die „utilitas" beleuchtet ist, so wenig 
erschöpfendes und überzeugendes über die „propria vis oc 
natura" der composita und ihre ^ origo", die jener erst 
sicheren inhalt gibt, gesagt worden ist. Das sprechendste 
zeugnifs f&r die noch herrschende Unklarheit und die un- 



anzeigen. q'j 

▼ollständige lösung des problems ist das bei J. Grimm und 
auch noch bei Justi (zusammensetz. d. nomm. i. d. idg. spr.) 
besonders stark hervortretende streben, das unverstandene 
etwas in den compositis auf den deus ex machiua „com- 
positionsvocal ** zurückzuführen, der für die verbundenen 
gliedcr erst die rechte befruchtung der bedeutung herbei- 
führen soll. Sie können anders nicht den oft auftretenden 
bedeutungsüberschufs des ganzen gegen die theile in ihrer 
einfachen addition begreifen und glauben diesem plus eine 
materielle grundläge geben zu müssen, während es -in Wahr- 
heit nur das ideelle produkt, der ertrag der geschichtlichen 
entwickelung und fleifsigen Verwendung dieser wortbildungs- 
form, solcher glieder in solcher Verknüpfung, ist. Aller- 
dings tritt diese zunähme des inhalts gegen das, was die 
aufsere form bietet, bei den von herrn Cl. behandelten 
compp. weniger deutlich hervor; um so unausweichlicher 
zwingen sie zu sagen, wie man über die entstehung der 
ganzen Wortklasse denkt. 

Der unbekannte recensent im litt, centralblatt vom 
22. febr. 1868 hofil, es werde, wer der Untersuchung des 
herrn Cl. folge, mit dem gesammtergebnifs derselben ein* 
verstanden sein, nämlich dafs diese gattung von Zusammen- 
setzungen ungeformte verbal- oder tempusstämme enthalte. 
Diese hoffnung triffi;, was mich angeht, nicht zu und ich 
denke, ivh werde damit auch nicht allein stehen. Wenn 
es wirklich das richtige wäre, dafs, wie herr Cl. will, in 
regmxeoavvog^ TteiiHrcuQog , öaxkO^vftog etc. reine verbal- 
stamme (verstärkte und unverstärkte), in aqainovg^ ilxsai- 
7i€7iXog etc. aoriststämme (mit ausgestofsenem oder erhalte- 
nem stammvocal des fortbildenden verb. subst.) ursprüng- 
lich anzunehmen seien, die willkürlich durch einen wer 
weifs woher geholten binde vocal i, e^ o mit den folgenden 
gliedern verbunden worden, ja dann hätten alle forscher 
vergeblich Schweifs und mühe verschwendet, die geglaubt 
haben in den ersten gliedern dieser composita durchaus 
lebendige glieder des Satzes erkennen zu müssen und nicht 
todte Corpora. Etwas anderes aber als todte corpora, die 
nie im leben der spräche haben eine selbstständige rolle 



68 Rödiger 

spielen köDoen, sind diese sogeuanoten verbalstämme nicht, 
denn sie sind nur abstractionen ; abstractionen allerdings, 
die sowohl fQr das wissenschaftliche denken existiren, als 
in gewisser weise auch filr das allgemeine sprachliche be- 
wulstsein, insofern es sich den durch die verschiedensten 
lebendigen verbalformen constanten lautlichen gruudstock 
bis zu einem gewissen grade verselbstständigt. Als ftlr 
sich selbststäodige faktoren in der Sprachbildung darf sie 
meiner ansieht nach nur verwenden, wer die entstehung 
z. b. der composita so vor sich gegangen denkt, dais es 
dem menschen einmal eingefallen composita zu bilden und 
da habe er unter andern auch verbalstämme hergenommen 
und sie mit nominalst&mmen verknöpft*). Hier wäre das 
belebende princip ein menschlicher „compositor^ (p. 166); 
hält man einen solchen fbr ein unding und glaubt, dafs in 
den sprachlichen formen selbst das lebendige princip ge- 
legen haben mufs, welches sie zur eingehung von Verbin- 
dungen befähigte und veranlafste, so dürfen in unserer an - 
schauungsweise von ursprünglicher Sprachbildung keine 
dergleichen formlose Stoffmassen vorkommen, die bewufster 
göttlicher oder menschlicher hülfe zu ihrer fortentwickeluug 
bedurft hätten. 

Dies wird hoffentlich niemand so verstehen, als wollte 
ich damit sagen, es seien später diese bildungen durch das 
bewufstsein noch viel anders erfafst, als in der form von 
Verbalstämmen unbestimmter gestaltung. Im gegentheil 
dies ist so gewifs, als es uns gerade deshalb so schwer 
wird, uns zu dem eigentlichen Ursprung der bildungen zu- 
rückzufinden. Nur um diesen handelt es sich hier. 

Sehr mit recht widmet der verf. ein besonderes capi- 
tel des ersten abschnittes seiner arbeit, der „de formatione^ 
überschrieben ist, während der zweite den titel „de signi- 
ficatione^ trägt, dem compositionsvocal (p. 124 — 136); denn 
hier liegt die achillesfersc seiner theorie einer prüfung von 
formaler seite gegenüber. Die reinen verbalstämme sind 



*) Herr Cl. hat 60gar compp. aus zwei reinen verbalstäromen p. 151 ii. 
a. a. 0. 



anzeigen. 69 

von dieser seile vermöge ihrer nicht bestimmbaren gestal- 
tung fast sturmfrei, aber gibt es keinen bindevocal der 
„ extrinsecus ^ und in beliebiger form als a, 17. o, €, i von 
der spräche aufgenommen werden konnte*), so steht der 
ganze mühsame bau in der luft. Wenigstens verstehe ich 
nicht, wie nicht mit dem bindevocal herrn Ci.'s ansieht 
steht und fällt, und deshalb auch nicht, wie der genannte 
recensent nach anerkennung des gesammtresultats fortfahren 
kann : „einzelnes bleibe allerdings disputabel z. b. die frage 
Ober den bindevocal^. Bei dieser Sachlage wird man sich 
billigerweise wundern, wenn herr CL das in rede stehende 
capitel, auf das auch im voraufgehenden öfters hingewiesen 
wird, mit dem satze beginnt: „Ac de natura quidem eins 
vocalis, quae in commissura vocabulorum conspicitur, du- 
bitari iam nequit, siquidem probabiliter disputata sunt, quae 
praecedunt^. Wennn nun aber das voraufgehende immer 
unter der stillschweigenden Voraussetzung der Wirklichkeit 
eines bindevocals, wie ihn sich der verf. vorstellt, abge- 
handelt ist, was dann? haben wir dann nicht eine offenbare 
petitio principii? Auch kann ich mich nicht überwinden 
einzusehen, dafs im folgenden irgend etwas neues oder 
schlagendes fbr den bindevocal beigebracht wäre; im ge- 
gentheil gibt sich herr Cl. eine bedauerliche blöfse, wenn 
er p. 126 adn. 206 sich auf die goth. manaseps, vigadei- 
nora, dauravards beruft, als Zeugnisse daflkr, dafs „praeci- 
pue in lingua Gothica de vocali compositiva dubitari non 
polest^. Wo er sich Ober die stammhaftigkeit des pseudo- 
bindevocals hätte unterrichten können, ist wohl nicht nöthig 
anzugeben. 

Meiner auffassung des bindevocals als eines rein pa- 
rasitischen anwuchses an consonantische stamme gegenüber, 
sowie der beschränkung desselben auf o und eines nach a 
erscheinenden t macht herr Cl. neben der unhaltbarkeit 
einiger erklärungsversuche von mir besonders geltend, dafs 



*) Sogar nach vocal. auslaat nimmt ihn herr Cl. an in i aXo^C^'Htiov 
etc. p. 129 (cf. I aXaff i(f{i(üi')\ aach spricht er, trotzdem er sich einmal ge- 
gen Grimms auffassung verwahrt, bei yXardQoqt T^iaarw^ und ähnlichen 
stets von weglassnng des bindevocals. 



70 R6diger 

ich bei genauerer berQcksicbtigung der in rede stehenden 
composita unübersteigliche hindemisse fbr meine ansieht 
gefunden haben würde. Ich habe aber die „ compp. asig- 
mata^, wie herr Cl. kurz die vBQm-xigavpog, agx^-&i<oQog 
etc. benennt, sowie die „signiatica^ (Hxeoi-nsTilog, rgva* 
'dvoüQ etc.) mit absieht bei seite gelassen, weil jene bei 
ihrer schwankenden erklärnng nicht in betracht kamen, 
diese aber mir schon damals als bildungen mit nomm. ag. 
und nomm. act. (z. b. (payfjainotna) auf <ri (ri) erschienen. 
Wie ich nachher gesehen kommt die priorität dieser ansieht 
L. Meyer zu (vergl. gramm. II p. 328). Derselbe vergleicht 
neben griech. ßogßogoTtxQa^ig „schlammumrfihrer^, ved. 
&97amidti (c£ giviäti, göääti). Vor allen aber sind hier zu 
berücksichtigen die auch von Justi herbeigezogenen, aber 
durch bindevocal i erklärten dätivgra, rantideva (wenn ihre 
Übersetzung „Alle gebend" und „götter erfreuend* richtig . 
ist), dann aber auch griech. beispiele in denen r für <t er- 
halten scheint: ßtari-dveiga „männer nährend" II. 1, 155; 
'Ogrlkoxog^ eine lesart für 'O^aLloxog (nom. pr. eines Mes- 
seniers, II. 5, 541. Od. 3, 488. 21,6), die durch Paus., 
Strab. und Hesych. bestätigt wird; Kaaridveiga^ n. pr. 
(et Kaaaänsia, Kdaaavdga)^ „männer übertreffend"; viel- 
leicht xElevördvbig (c£ rgvadvwg^ &gBilj/jv.og) neben xB?^av^ 
audo) (cf drjgtdouat : örjgtg, fijjTidco : iiijr/g), obgleich hier 
xeXevCTijg einem zu postulirenden xilevorig conourrenz macht; 
endlich y^vri-eg^ag Theoer. X, 42 würde sich der form 
nach prächtig hier einfligen, wenn sich eine Übersetzung 
wie »regen lösend" (oder „schweifs lösend"?) irgend recht- 
fertigen liefse. Gegen eine auffassung der ersten glieder 
dieser composita als participia mit bindevocal t liefsen 
sich wohl auch dxscfcfi- (novog etc.) = axBari-, rfiAcerc/- 
(yauog etc.) = tbIbüti- und die analogen bildungen geltend 
machen. 

Was nun das einzelne anlangt, so kann man über 
mängel in der latinität wie über den declinationsscbnitzer 
in adn. 83, über „maioris momenti est quam videri potest" 
(p. 87), „de assimilatione hie sermo esse nequit" (p. 132) und 
vieles der art hinwegseben, aber eine argumentation , die 



anzeigen. 71 

fortwährend mit den ouüaösen „multo simpiicius, verisimi- 
lias est, quis crediderit, vix poteris ab iilis segregare, nemo 
negabit^ u. dergl. operirt, ist unerträglich. Was gilt denn 
eine solche beweisführung und doch was läfst sich gegen 
diese unbehagliche art und weise der argumentation geltend 
machen? Trugschlüsse laufen auch mit unter z. b. p. 70 
Qber skr. bani^ (cf. p. 19); im übrigen lese man p. 5. 10. 
11. 15 ob. u. s. w., dann die polemik gegen Bopp, Pott, 
L. Meyer etc. 

Höchst verdienstlich ist immer, wo sie auch auftritt, 
die Zusammenstellung des vollständigen materiais zur ent- 
Scheidung einer wissenschaftlichen frage. Doch habe ich 
herrn Cl.'s enumeratio exemplorum, obgleich er p. 3 ver- 
sichert ^omnia quae exstant in litteris Graecis exempla 
quam potui diligentissime coliegi^, aus einer von mir früher 
gemachten Sammlung noch durch 40 und mehr beispiele, 
die von ihm übersehen sind, ergänzen können, noch ohne 
berücksichtigung der nomm. propr. Die beispiele gehören 
auch keineswegs nur der späteren zeit an und wenn dies 
so sind sie doch zum theii sehr lehrreich, wie ccQcjyovav- 
Ttjg Phil. Thess. „Schiffern helfend" {dgi^ywl). Abgesehen 
davon und von dem obigen „omnia collegi" hat der verf. 
um so weniger eine entschuldigung für Vernachlässigung 
auch der spätesten beispiele als ihn sein eifer f&r verbal- 
composita zur aufnähme von entschieden nicht hierher ge- 
hörigen beispielen hinreifst. Aus vielen nenne ich hier: 
Mai-fidx^i^ (cf. ^iaiim(S(Süii^ MaificcxTi]^)^ ' ETiapivvodoroq (zwei 
verbalstämme?), yfeiTto^acg (scythisch s. MoUenhofF mo- 
natsb. d. berl. acad. aug. 66), Evd&^innog Theoer. 2, 77, 
amfowv (1), rvijaiTiTiog (nicht yvtjffiog?). Damit nicht ge- 
nug nimmt er sogar worte auf, die er geständigermafsen 
selbst nicht versteht, nämlich: llr^vi-Xiivg (p. 9), wozu er 
nach abweisung der herleitung von wz. mv bemerkt „Non 
liquet**, und Kdv-öwXog (p. 13), dessen ersten theil, wie 
vielleicht auch in Kiv-ravqog^ die wurzel von xaivw (s=b 
XTsiviv) ausmachen soll; über die species des wunderbaren 
Wesens y^Swlog^ verlautet nichts. Soll man nicht zunächst 
an (fsid-cDlog, äfjiaQT'aakög denken und Kavd- wie in Kdv- 



72 RSdiger 

üakog (Pott in d. zeitschr. VI, 103) zu s^r. kand, lat. can- 
deo Candidas etc. ziehen? Was fdr ein yerbalstamm in 
dem ersten theil von oiX-ovQog (name eines fisches) steckt, 
weifs herr CL, wenn er nicht etwa die landläufige ver- 
knOpfung mit atioj für möglich h&lt, wohl auch nicht zu 
sagen (vergl. ävdaiX{X)og ,,mit aufgesträubtem haar^). 

Ob man das verfahren in den letzten fallen noch als 
i^nimia diligentia^ entschuldigen kann, will ich nicht ent- 
scheiden, jedenfalls ist mit einem „diligentissime^, das sich 
herr Gl. oben vindicirt, nicht vereinbar die erschrek- 
kende menge von druckfehlem (trotz eines, allerdim^s ma- 
geren, druckfehler Verzeichnisses) und nachlässigkeiten , die 
geradezu die nutzung der Sammlung nur mit der gröfsten 
vorsieht gestatten. Bei einem (fayoyrjgvg (für -y}]Qog)j kget- 
'ifßirgixog (för -toi;^©^;), auch avaxa^ixfjinovoq (für -nvooq) 
u. dergl. stöfst man wohl noch an , aber was soll man sa- 
gen, wenn herr Gl. drucken läfst: xgatri<sifttog (fllr -ftiag); 
Oßiaonvyog (fQr »nvyig); akB^dgtjg und aU^tdgfjg (p. 7. 9) 
während bei Hesiod nur ale^agt] vorkommt; ^iskn'TJpvog^ wohl 
fKkr fiBlTiTJTcog^ das ich allein in St. Thcs. finde (ist dies 
durch den setzer hierher gekommen?); uiaoy6vf]g, sc?MV(Si'' 
uox^og\ dia'AafAxfjoövvog wohl fiir ^idoyorig, x?^avaijaaxog^ 
daxTv?^oxafi\ffüö vvog^ welche bei herrn Gl. fehlen, während 
jene in St. Thes. nicht zu finden sind u. s. w. Anderer 
art und doch auch nicht einzig in seiner art (cf. p. 57) 
ist, was ihm p. 50 passirt; hier soll Dflntzer xgarrjamnog 
übersetzt haben mit „zur besiegung den fufs habend^. 

Ich wollte, ich könnte nach dieser reihe von ausstel- 
lungen (und ich habe nur eine auslese von fehlem gegeben) 
endlich anfangen zu loben, aber wenn ich sage, dafs mir 
die herleitung des nom. pr. IIooinBtsilaog aus flgcjT^BatXaog 
von ngoDrevü) ganz wohl gefällt, so mufs ich zugleich daran 
denken, dafs herr Gl. in adn. 77, wo diese erklärung vor- 
getragen wird, zweifeln kann, ob er dg^svoa auf dgxog 
(Gl. schreibt äoyog) oder agycoif zunächst zurQckf&hren 
soll, wie ijyBjiiovsvuj auf i}YBfA(av, 

Soll ich die erklärung der nominal- und verbalformen, 
in denen scheinbar eingeschobenes a auftritt (p. 99. 112) 



anzeigen. 73 

z. b. 36ia (Misteli in d. zeitschr. XVII p. 174 := Soxria)^ 
xauipog, x6lBV(rfia, SitSjut^, ilxvCTtjo etc., loben, nach der 
alle diese formen ableitungen von aoriststämmen wäre? Noch 
dazu, wenn darunter auch riksGua, veiXBfftrjQ^ axtarrig etc. 
begriffen werden sollen, in denen die anderweitige abkunft 
des ö so sonnenklar zu tage liegt? 

Oder wird jemand mit herrn Gl. einverstanden sein 
können, wenn er p. 68 „Justium praeda spoliat, qua in- 
struetnm sese ad Graeca composita pervenire dicit^ und 
mit Übertragung seiner theorie auch auf das gebiet des 
Sanskrits uns annehmbar zu machen sucht, dafs in vidäd- 
•vasu, bhar4d-vä^a nicht participialbildungen, sondern durch 
t verstärkte wurzeln die erste stelle einnähmen? 

Je weniger schon nach dem äufseren umfange des 
bnches zu läugnen ist, dafs hier trotz alledem ein tüchtig 
stück arbeit und fieifs verwendet ist, um so mehr thut es 
mir leid die arbeit als so wenig gelungen und empfehlens- 
werth bezeichnen zu müssen. Glaubt jemand an die ge- 
gebenen proben anderen mafsstab anlegen zu müssen und 
trotz meiner ansieht günstiger urtheilen zu können, so soll 
es mir lieb sein. 

Rieh. Rödiger. 



Wörterbuch der indogermanischen grundsprache in ihrem be- 
stände vor der volkertrennung. Ein sprachgeschichtlicher versuch von 
F. C. August Fick, Oberlehrer am g3rmnasiQm zu Göttingen. Mit 
einem Vorwort von prof. dr. Theod. Benfey. Göttingen, Yandenhoeck 
und Knprecht 1868. 

Der verf. des vorliegenden werkes construiert verbal- 
nnd pronominalwurzeln , einfache und zusammengesetzte 
Wörter der indogerm. grundsprache. Ueber seine construc- 
tionsmethode spricht er sich nirgends im zusammenhange 
aus. Die einzige derartige bemerkung, die ich geiiinden 
habe, ist in sich widersprechend. Unter tan, tä = stan, 
stä verbergen, stehlen heifst es nämlich: „Nur das sanskrit 
hat den volleren anlaut st bewahrt, da aber alle anderen 



74 Delbrück 

sprachen im anlaut t zusammenstimmen, ist das verb hier 
unter t gesetzt^. Wenn das sanskrit den anlaut st ^be- 
wahrt'' hat, so stammt er doch aus der zeit vor der sprach- 
trennung, und mu&te in einem Wörterbuch der indogerm. 
Sprache, wie sie vor der sprachtrennang war, seine stelle 
finden. 

unter diesen umständen ist es nöthig, in aller kfirze 
die methodischen grundsfttze f&r aufstellung indogerm. for- 
men zu erörtern. 

Eine form kann als indogermanisch beglaubigt werden 
entweder durch äufsere (historische) oder durch innere 
(grammatische) grfinde. Sprechen wir zunächst von den 
historischen. 

Unter indogerm. grundsprache verstehen wir die sprä- 
che, welche unmittelbar vor der Völkertrennung gesprochen 
wurde. Noch weiter zurück liegende perioden dieser spräche 
gehen uns hier nichts an. Dagegen interessirt uns ihre 
Spaltung in die einzelsprachen. Leider aber wissen wir 
über die Chronologie dieser Spaltungen wenig. Wir kön- 
nen wol einzelne der indogerm. sprachen als besonders nah 
verwandt bezeichnen. So ist das sanskrit mit dem zend 
näher als jeder anderen indogerm. spräche verwandt und 
bildet mit ihm (um vom altpersischen etc. abzusehen) die 
arische gruppe. Slavisch- litauisch und deutseh bilden 
die slavodeutsche gruppe. ,Von einer gräcoitali- 
schen sprachperiode ist man zunächst gezwungen zu schwei- 
gen, weil ihr die hypothese von einer näheren Verwandt- 
schaft des griechischen mit der arischen gruppe gleichbe- 
rechtigt gegenübersteht. Auch scheint die annähme einer 
speciellen Verwandtschaft des italischen und keltischen man- 
ches für sich zu haben. Wenn ich nicht irre, so einigen 
sich eine grofse anzahl jetziger forscher in der anschauung, 
dafs die idg. grundsprache sich zunächst in zwei grofse 
abtheilungen, die asiatische und die europäische spaltete, 
dafs aber das griechische zwischen den beiden gruppen 
die brücke bildet. Alle diese Voraussetzungen aber sind 
weit davon entfernt, sicher zu sein. Bis sie, oder andere, 
sicher gestellt sind^ mufs man folgendes festhalten: In der 



anzeigen. 75 

ganzen zeit von der ersten trennung an bis zur histori- 
schen zeit können neue Wörter und formen entstanden sein, 
die alle älter sein können, als die einzelspracben und alle 
jQnger als die eine grundsprache. Wir müssen also vor- 
derhand bis zu besserer erkeontnis des indogermanischen 
Stammbaumes jede einzelsprache als gleich nothwendig zur 
constraction einer indogerm. form erklären, jedoch mit der 
einschränkung, dafs die entschieden zu einer gruppe gehö- 
rigen fbr einander und die dialecte f&r die hauptsprachen 
eintreten können. 

Mifst man die aufstellungen des yorliegenden buches 
an diesem historischen maafstab, so ergiebt sich, dal's wenige 
der hier aufgestellten formen als indogermanisch gelten 
können. Fehlt doch das keltische fast durchgängig. Und 
:iuch wenn man das keltische als dem italischen am näch- 
sten verwandt und also durch dieses vertreten betrachten 
wollte, wQrde immer noch für eine grofse anzahl von for- 
men die historische beglaubigung zu gering sein. Speciell 
müssen wir uns dagegen erklären, aus griechisch -arischen 
parallelen indogerm. formen zu erschliefseut Denn wer sagt 
uns, ob sie nicht einer gräco- arischen epoche angehören, 
und also beiläufig ein paar tausend jähre jünger sind, als 
die wirklich indogermanische periode? 

Indessen der mangel der äufseren beglaubigung wird 
vielleicht aufgehoben durch die um so gröfsere kraft der 
inneren. Gesetzt, eine form — vielleicht eine verbalform — 
wäre nur erschlossen aus zwei sprachen, sie wäre aber in 
ihrer Zusammensetzung so durchsichtig, in allen ihren notb- 
wendigen bestandtheilen so vollzählig, in der gestalt und 
bildung dieser bestandtheile so ursprünglich, dafs ein ken- 
ner der indogerm. sprachen behaupten müfste: „so und 
nicht anders hat diese form gelautet, seit unsere spräche 
eine flectierende war^ — wäre dieser innere adel dem histo- 
rischen nicht gleich wiegend? Es ist gewifs, dafs mit der 
weiter fortschreitenden entwickelung unserer Wissenschaft 
auch diese metbode mehr zur anwendung gelangen wird. Vor 
der band aber bemerken wir : noch sind wir nicht durchweg 
einig, welches die nothwendigen bestandtheile einer form 



76 Delbrück 

Sind (vgl. inediiim), noch wird gestritten, welches die ur- 
sprüngliche gestalt der soffixe war, noch ist der ausdruck 
ursprüDgiichkeit ein vager. Das aber wissen wir, dafs die 
indogerm. grundsprache, wie sie kurz vor der völkertren- 
nung gesprochen wurde, schon jämmerlich ,, verstümmelt^ 
war im vergleich zu der spräche jener ersten zeiten, da 
es nichts gab, denn eitel wurzeln, dafs ihr also durchaus 
nicht lauter unverstümmelte formen zukommen. 

Weil aus diesen gründen die grammatische methode 
noch nicht überall sicher anzuwenden ist, kann sie uns vor 
der band die lücken der historischen nur selten ausfüllen . 

Weitere methodische bemerkungen schliefsen wir am 
besten an die betrachtung einiger einzelnheiten. 

Von den 30 compositcn, die herr F. der Ursprache 
zuschreibt, sind 20 aus griechisch - arischen parallelen er- 
schlossen y nämlich aktäpad agaru anudra apakiti apad 
apadhvasta amartja aroatra amuka aväta asvapna tripad 
triparl dampatan padäga paruti prativaika satjakravas 
samapatar dusmanas. Dafs diese sämmtlich nicht als in- 
dogermanisch angesehen werden können, folgt aus dem 
oben gesagten. Nebenbei sei bemerkt, dafs sie auch einer 
etwaigen gräco- arischen epoche nicht zugeschrieben wer- 
den dürfen. Eine Übereinstimmung wie prative^a und Tigog- 
oixog^ aus welcher ein indogerm. prativaika erschlossen 
wird, ist denn doch sicher rein zufällig. Nur wenn die 
lautgestaltung des wertes derart ist, dafs eine bildung in 
der periode der einzelsprachen unmöglich oder unwahr- 
scheinlich ist, kann man auf uralte composition schliefsen. 
Diese bedingung wird unter den hier genannten compositis 
— wie längst bekannt ist — nur von paruti neben ntQvri 
erfüllt. Gegen die parallelisirung mancher Wörter (unter 
agaru padäga dampatan) lassen sich überdies etymologi- 
sche bedenken geltend machen. Von den übrigen 10 com- 
positen sind 3 aus der Übereinstimmung des sanskrit und 
lateinischen erschlossen, nämlich anäpta aus anäpta und 
ineptus, trajasdakan aus trajödapan und tredecim, nauaga 
aus nävä^a und navigium. Sie können aber natürlich ebenso 
gut in der zeit der einzelsprachen entstanden sein und be- 



anzeigen. 77 

weisen also nichts. Aus sanskrit, griechisch und lateinisch 
sind erschlossen agn&ta unbekannt, tridant drei zähnig, pan- 
käkanta fünfzig (amarta unsterblich). Aus dem arischen 
and litauischen ist erschlossen vikpati. Eine gröfsere an- 
zahl von sprachen ist zugezogen bei den Zahlwörtern tri- 
dakanta dvädakan, über welche wie über paukäkauta man 
vgl. Ebel beitr. I, 433. Auch bei ihnen ist die indogerm. 
form nicht sicher zu construieren. Auch gegen* die meisten 
der einfachen Wörter mOfsten wir einspräche erheben. 

Doch wir verlassen die negative, um nicht den schein 
einer Unterschätzung des Fickschen Werkes zu erregen. 
Erklären wir nämlich auch die meisten seiner indogerm. 
formen f&r nebelhafte existenzen, so sind doch die unter 
jeder sogenannten indogerm. form sich findenden etymolo- 
gischen Zusammenstellungen von grolsem werthe. Der herr 
verf. zeigt in ihnen ebenso viel geist als gelehrsamkeit und 
hat durch sie die etymologische Wissenschaft nicht uner- 
heblich gefördert. Da herr F. die quellen, denen er seine 
Zusammenstellungen entnommen hat, nicht angiebt, so is- 
es, selbst wenn man ober alles linguistische material get 
bietet, nicht möglich, überall zu entscheiden, wo wir eigene 
combinationen des verf. vor uns haben. Denn es ist im« 
merhin möglich^ dafs er bisweilen etymologieen selbständig 
gemacht hat, ohne zu wissen, dafs andere schon denselben 
gedanken gehabt haben. Am meisten scheinen Benfey's 
arbeiten benutzt worden zu sein. Dagegen hätten die in 
dieser Zeitschrift niedergelegten forschungen wohl etwas 
reichlicher ausgebeutet werden müssen. Wer z. b. die be- 
handlung der aspiraten bei F. prüft, wird sehen, dafs er 
hier in manchen punkten inconsequent verfahrt, ^ was er 
nicht gethan hätte, wenn er die classische arbeit Grafs- 
manns im 12ten bände d. Zeitschrift überall benutzt hätte. 
Er hätte dann sicher nicht budhna oder bhudhna, sondern 
nur das letztere geschrieben, ebenso wenig digh, sondern 
dhigh, auch nicht gardh sondern ghardh und wahrschein- 
lich auch nicht bhug, sondern bhugh. Hat er doch in 
zahlreichen anderen fällen zwei weiche aspiraten in unmit- 
telbarer folge nicht gescheut. Auch in bezug auf die ags., 



78 Delbrück, anzeigen. 

alis. und altn. Spiranten wfirde er unzweifelhaft ganz an- 
ders urtfaeilen, wenn er Lottners worte zeitschr. XI, 188 
berflcksicbtigt hätte: „Hinsichtlich der mediae aus alter 
tenuis im inlaut ist besonders darauf aufmerksam zu ma- 
chen, dafs, da altnord. äT, f f&r d, b im inlaut fast regel- 
mäfsig erscheinen, man sich nicht durch den so entstehen- 
den falschen schein regelrechter Verschiebung 
täuschen lasse. In solchen fallen ist immer zuzusehen, ob 
ags. d oder dh steht. Hinsichtlich des f ist das angel- 
sächsische aber in gleicher verdammnifs, und mufs hier, 
sofern das gotische mangelt und auch keine altsächsische 
form vorhanden ist, in denen bh fQr got. b steht, f aber 
beibehalten wird, das althochdeutsche entscheiden, welches 
altes f gewöhnlich als f, v, altes b aber als b, strengahd. 
als p aufweist^. Herr F. hat sich durch solchen falschen 
schein sehr oft täuschen lassen. Schlimm ist — was hier 
erwähnt werden mag, da einmal das altnordische beröhrt 
ist — die Zusammenstellung von altn. rök (richtiger rökr) 
mit kvyaiog finster und ihre zurückführung auf ein indo- 
germ. ruga. Als ob altn. 5 einem alten u entspräche! Be- 
kanntlich ist es durch einflufs eines folgenden u (v) aus a 
entstanden, und rök wird wohl mit altind. rajas und got. 
riquis verwandt sein, das schon im urdeutschen ein u (v) 
hinter der gutt. entwickelt haben mufs. 

Die lexicalischen hQlfsmittel sind sehr fleifsig benutzt, 
so ist z. b. das petersburger Wörterbuch bis in's einzelnste 
hinein ausgebeutet worden. Nebenher bemerke ich, dafs 
bherldhrat, was F. s. v. dhran anf&hrt, nach BR. s. v. 
bherlghnat aus dem wertschätz des sanskrit zu streichen 
ist Gegen die unbelegten sanskritwörter ist F. barmher- 
ziger, als ich fQr recht halte. Dieser gegenständ ist hier 
nicht zu erledigen, doch schien es nöthig, die benutzer des 
buohes zur vorsieht zu mahnen. Sie wird auch wohl an- 
gebracht «ein bei den griechischen Wörtern. Denn der 
gefährliche Hesychius ist viel benutzt. Im ganzen darf 
man sagen, dafs das buch fftr diejenigen, die nicht im 
Stande sind, alle anführungen nachzuprüfen, nicht geschrie- 



AndrcBcn, miscelle. 79 

beo ist. Die fachgelchrten indefs werdeo es trotz aller 
mängel oft und gewifs dankbar benutzen. 

Halle, Januar 1868. B. Delbrück. 



Lachmann. 

„Im vertrauten kreise konnte er sich frohster heiter- 
keit überlassen und machte einer falschen deutung seines 
namens dann die gröste ehre^; so heifst es in J. Grimms 
rede auf Lachmann (kl. sehr. I, 161). Auch von anderen 
ist daran erinnert worden, dafs dieser name nicht als Fs- 
XaCiog zu verstehen sei*). Lieber hat man, auf goth. le- 
keis leikeis, ahd. lähhi bezogen, einen arzt daraus herstel- 
len wollen. Allein auch das schlägt fehl. Im mittelhoch- 
deutschen kommt das entsprechende wort nicht vor, son- 
dern nur mit dem n gebildete formen **)\ zudem mQste 
der mangel des umlauts auffallen (vgl. ahd. kähi, smähl, 
spähi, zähi; mhd. gaehe, smaehe, spaehe, zaehe). Wie 
dfirfte man aber ohne weiteres ins althochdeutsche zuröck- 
greifen? Pott, welcher (personennamen 640) den arzt fQr 
möglich hält, vergleicht daneben Anlach, Lachner, doch 
nur obenhin. Unterdessen darf hier die einzig wahre quelle 
erwartet werden, und allerseits bietet sich Unterstützung 
im überflufs dar. Lache bedeutet nicht blofs was wir 
heute unter pfütze***) zu verstehen pflegen, sondern über- 
haupt stehendes wasser, auch wohl einen teich (vgl. lacus). 
Das niederl. lak und das niederd. läke erledigen, wenn dar- 
nach zu fragen erforderlich sein sollte, die abweichende 
Quantität in den unhochdeutschen namen Lackmann, 
Liackemaun, Laackmann. An Lachmann und diese 



*) Bekannt ist die scherzhafte anspielnng mit dem namen Gelasander 
(Karl). 

**) lachen y lächenen, Ifichenie, lachenaere: Grimms mjthol. 2. ausg. s. 
1108. Mhd. wtb. I, 924. 

***) dem begriffe nach wie verschieden von dem ursprünglichen pn- 
teus! 



80 . AndreRen, misceUe. 

drei schliefsen sich nun zunächst die gleichbedeutigen ge* 
schlechtsuamen Lacher, Lachner, Lackner, ferner 
Lachenmeyer, Lachemair; sodann Mitte- und Mit- 
lacher ^) nebst Ueberl acher. Die den wobnort oder 
die herkunft bezeichnende präposition ist verwachsen in 
den namen Anlach*""), Biedenlack und Biederlacl^, 
Ob er lach und Ov er lack. Endlich tritt das wort allein, 
ohne mitwirkung irgend einer bcziehungsform, als faniilien- 
namen auf: Lache, Lach, Lack mit den Zusammen- 
setzungen Horlach***) und Rohrlack. 

Auch einige topographische benennungen können zur 
erläuterung dienen. In Köln gibt es, wie eine Pützgasse 
und einen Kliugelpütz, so auch eine gegend, welche „im 
Lach* heifst; in Hannover weist Schambach (wtb. 118a) 
als unteren lauf eines flOfschens den namen Steinlake nach ; 
und der alte Richey (hamb. idiot. 146) lehrt, Corslake oder, 
wie es heute gewöhnlich genannt wird, Curslack, ein hann- 
burgisches dorf in den von Eibarmen umflossenen Vierlan- 
landen, bedeute „Cords lachen*. 

Läfst sich, wie im vorhergehenden bereits geschehen 
ist, mit lache zu allernächst pfütze verglichen, so müssen 
von diesem hergeleitete namen in besonderem grade der 
heachtung werth erscheinen. Da finden wir: Putzmann, 
Püttmann, Pützer, Pfützner, Pfitzner, Pütter, 
Püttner, Putze, Putz, Pütz, Pütt. Also ist Lach- 
mann gleich Putzmann, und weiter können noch Brun- 
nemann, Dümpelmann, Hör- und Horrmann, Eolk- 
mann, Puhlmann, Sieckmann, Siep- und Sieper- 
mann, Sodemann, Teichmann berücksichtigt werden. 

*) Vgl. Interlaken und Pott s. 50. 

*•) Üeber Anlach und Laohner spricht Pott (vgl. 8. 841 und 640) 
unklar und wenig folgerichtig: lache und das in lachbaum, lachstein ent- 
haltene wort, wofür nach Grimms R. A. s. 544 ahd. hl&h angenommen wird, 
stimmen ja nicht ttberein, da jenes im ahd. lacha hiefs. Ein zweifei aber, 
welches der beiden Wörter dem namen Lachmann innewohne, kann auf die 
lange, dttnkt mich, nicht erhobep werden. 

♦♦♦) Mhd. horlache, schlämm pfUtze : wtb. I, 921; vgl. den namen H or- 
beck. 

Bonn. K. G. Andresen. 



Im Verlage von Franz Dnncker in Berlin ist erschienen und durch 
alle Buchhandlungen zu beziehen: 

Zur Geschichte der deutschen Sprache 

von 
Wilhelm Scherer. 

1868. 31 Bogen gr. 8. 2 Thlr. 20 Sgr. 
Dr. B. Delbrück in Halle schliefst eine eingehende Kritik des 
obigen Werkes in der Zeitschrift ftir deutsche Philologie mit folgenden Worten: 

„Sollen wir schliefslich in aller kürze angeben, was wir an diesem 
buche — das niemand, der sich für deutsche grammatik interessiert, un- 
gelesen lassen wird — der besondem beachtung empfehlen möchten, so 
ist dies zunächst das unternehmen einer wirklich historischen sprach- 
betrachtung, wie sie unseres Wissens noch nirgend so ernstlich angestrebt 
ist, sodann die herbeiziehung der phjsiologie und akustik, wodurch be- 
sonders der vocalismus riele und dankenswerte aufklärung erhalten hat, 
die theilung des deutschen in ost- und westgermanisch, die betrachtungen 
über den accent, die Schilderung des weichlichen Charakters der ahd. 
spräche dabei besonders der abschnitt über die mouillierten laute und viele 
einzelnheiten, die nicht alle aufzuzählen sind.** 



In Ferd. Dümmler's Verlagsbuchhandlung (ECarrwitz und 
Gofsmann) in Berlin sind erschienen: 

Harlan (Dr. med. et phiL ^.)^ Beiträge zur ver- 
gleichenden Psychologie. Die Seele und ihre Erscheinungs- 
weisen in der Ethnographie. 1868. gr. 8. geh. 1 Thlr. 20 Sgr. 

^irlinger (Dr. ^nton), Die alemannische Sprache rechts 
des Rheins seit dem XIII. Jahrhundert, Erster Theil: 
Grrenzen, Jahrzeitnamen, Grammatik, gr. 8. geh. 1 Thlr. 
10 Sgr. 

Diese Schrift er^mzt in gewissem Sinne Weinhold's Alemannische 
Grammatik, indem sie die Eigenthümlichkeiten der lebenden Sprache beson- 
ders ins Auge fasst. 

ßofp {ßvati})^ Vergleichende Grammatik des Sanskrit, 
Send, Armenischen, Griechischen, Lateinischen, Litaui- 
schen, Altslavischen, Gothischen und Deutschen. Dritte 
Ausgabe. Erster Band. Lex. -8. geh. 1868. Subscriptions- 
preis 4 Thlr. 

Diese neue Ausgabe des ersten Bandes wurde zum Theil noch unter 
den Augen des verew. Verfassers in Druck gelegt, nach seinem Hingange 
übernahm Hr. Prof. Dr. A. Kuhn freundlichst die Leitung des Druckes. 

Wir haben von dem Erscheinen dieses Bandes Veranlassung genommen, 
wiederum eine Subscription auf das ganze Werk zu eröffnen, die wir uns 
vorbehalten in einem oder zwei Jahren zu schliefsen. Exemplare des 
zweiten und dritten Bandes liefern wir innerhalb dieser Zeit zu gleichem 
Preise. Nach Erlöschen des Subscriptionspreises tritt der frühere Laden- 
preis von 5 Thlr. für den Band (15 Thlr. für das ganze Werk) wieder ein. 

^ahltv (Dr. f.\ Ueber die Wortzusammensetzung, nebst 
einem Anhang über die verstärkenden Zusammensetzungen. 
Ein Beitrag zur philosophischen und vergleichenden Sprach- 
wissenschaft 1868. gr. 8. geh. 1 Thlr. 



So eben ist erschienen: 

Kritische Grammatilc der Sansicrita-Sprache 

in kürzerer Fassung. 

Von 
Franz Bopp. 

Vierte duichgesehene Ausgabe. Preis 3 Thlr. 



Nalus MaM-Bhärati episodinm. 

Textus Sanscritus cum interpretatione latina et annota- 
tiouibus criticis. 

Edidit 
Franciscns Bopp. 

Tertia emendata editio. Preis 4 Thlr. 



Ardschuna's Reise zu Indra's Himmel 

nebst anderen Episoden des 
Mahä-BMrata. 

in der Ursprache zum erstenmal herausgegeben, metrisch über- 
setzt und mit kritischen Anmerkungen versehen 
von 
Franz Bopp. 
Zweite durchgesehene Ausgabe. Preis 2 Thlr. 20 8gr. 



Indische Streifen. 

Eine Sammlung von bisher in Zeitschriften zer- 
streuten kleineren Abhandlungen. 

Von 

Albrecht Weber, 

ProfMsor and Mitglied der Akademie der WissentchRften sa Berlin. 
Preis 2 Thlr. 20 Sgr. 

nicola^fd^e iUerlagebitd^ljanblttng in 9erltn. 



Soeben wird ausgegeben: Antiquarisches Teneichnifs 
No. 85 Oriental. und Sprachwissenschaft — enthaltend auch 
die Doubletten der Bibliothek des verstorbenen Prof. Bopp. 

Berlin. Jägerstr. 53. J. A. Stargardt 



A. W. Sehade'8 Bnebdruclcerei (L.8ehAde) in Berlin, StelUobreiberetr. 47. 



M' ij 



ZEITSCHRIFT 

FÜB 

VERGLEICHENDE 

SPRACHFORSCHUNG 

AUF DEM GEBIETE DES 

DEUTSCHEN, GRIECHISCHEN UND 
LATEINISCHEN 

HERAUSGEGEBEN 



Sr. ASAXiBBUT SUBH, 

'l PSOrSSflOR AM CÖLMUOHBH OTHHASIUM ZU BSBUH. 



BANDXVm, 
* ZWEITES HEFT. 



BERLIN, 

PBRD. DOMMIAR'S VEBLAGSBUCSraAMIOAJNO 

(HABBWRX UKD aOSSMAHN) 

1869. 



Inhalt. Seite 

Ccber den indogermaniiohen, specieli den ▼edlschen dativ. Von 

B. Delbrüdk 81 

Jabere. Von Wilbrandt 106 

ÜQoxa — nQoßaxa. Ein beitrag snr Charakteristik der grieohitoben 

Tolgfinprache. Von Dr. Tbeod. Kind W'i 

Am eigen: Langaage and the study of langaage. Twel?e lectores 
on the prindples of h'ngnistio science by W. Whitney. Von 

W. Clemm 119 

La langne Latine ^tadi6e dans Tonite Indo-Enropöenne. Histoire- 
Grammaire-Leziqae, par AmM^ de Caiz de Saint -Aymour. 

Von W. Gorssen 125 

£tade snr le dialeote tzaconien, thise ponr ie doctorat prdsentöe 

i la facolt^ de lettres de Paris, par Gnstaye Deyille, anoien 

membre de rifSoole fran^abe d^Atiiines. Von D. Comparetti 132 

Das grammatische geschiecht nnd seine sprachliche bedeutong. 

Eine akademische geiegenheiteschrift von J. H. Oswald. Von 

Johannes Schmidt 150 

Miscellen: Zar kenntnib der ältesten mnen. YonTh. Möblns 153 
1) Schlittechnh oder schrittechnh? 2) Eisenmenger. Von K. G. 

Andresen 158 

Lateinische Wortdentmigen. Von F. Froehde 159 



Inhalt der Beiträge Band VI. Heft I. 

Miscellanea Celtica, von dem verstorbenen B. T. Siegfried. Gesammelti 
^oordnet nnd heraosgegeben von Whitley Stokes. ~ Einige fälle der 
Wirkung der analogie in der polnischen declination. Von Bandonin de 
Courtenay. ^ Este, ^df«, usque nnd iki. Von Wenzel Bnrda. — 
Beitr&ge zur kenntnifs der sufBze im slawischen. Von demselben. 



Delbrück, ttber den indogermanischen, speciell doi vedischen dativ. 81 

Ueber den indogermanischen, speciell den 
vedischen dativ. 

Ich gebe auf den foIgendeD Seiten zunächst eine ver- 
kQrzende und berichtigende Überarbeitung meiner habilita- 
tionsechrift „de usu dativi in carminibus Rigvedae, Halis 
1867^, bei der es mir hauptsächlich darauf ankommt, den 
Stoff in einer besseren anordnung vorzulegen *). 

Zu den dativen sind zu rechnen infinitive verschie- 
denartiger bildung. Diese infinitive sind ursprüngKch nichts 
anderes als dative von suffixlosen oder mit den Suffixen 
-as -tu -ti u. a. gebildeten Substantiven, welche verbale 
constmction haben, so gut wie z. b. die substantiva auf 
-tar. Von vielen dieser substantiva kommen auch andere 
casus als der dativ vor, von den meisten nur der dativ. 
Daher erlangen diese dative eine gewisse Selbständigkeit 
im bewufstsein der sprechenden, so dafs die dativendung 
-S der snffixlosen nomina oder das suffix as in dativform 
(-ase) sogar an eine durch classen- oder tempuszeichen 
modificierte verbalwurzel antreten kann (puäjäsö von puä, 
praes. püSjati. giä^ inf. aor. von gi) **). Eine grofse an- 
zahl solcher vedischen infinitive führt Benfey vollst, gr. 
p. 431 flgd. an. Ich flQge noch hinzu: dative von fem. mit 
dem suff. i, also inf. auf ajd, wovon mehrmals vorkom- 
men dr^aje zum sehen und judhäje zum bekämpfen (V, 30, 
4 und 9. X, 38, 3). Femer dative von fem. auf -ti, also 
inf. auf -taje wie idtdje zum suchen, pitaje zum trinken 
(mit dem acc. constr. VIII, 86, 8, andere stellen wie VII, 
59,5. VIII, 33, 13 sind zweideutig) vitajö zum geniefsen 
I, 135, 4. sätaje zum erwerben I, 130, 6. Dazu gehört 
auch itjäi um zu gehen I, 113, 6. I, 124, 1. Von subst. 

*) Der grSfsere teil dieser Umarbeitung war vollendet und also auch 
einige irrtUmer beseitigt, als mir — zu spftt — die energische reccns.ion von 
herm Siegfried Goldschmidt (G5tt. gel. anz, 1868 no. 16) zu gesicht kam, 
in der mehrere solcher Irrtümer ebenfalls hervorgehoben sind. Trotzdem 
ergreife ich diese gelegenheit, zu erklären, dafs ich mir die mancherlei gold* 
komer aus der recension des herm Goldschmidt dankbar aufgelesen habe, 
obgleich sie freilich nicht in silberner schaale geboten wurden. 

♦*) Nachweisungen über das vorkommen sind nicht gegeben, wenn die 
betreffende form bei BR. leicht zu finden ist. 

Zeitschr. f. vgl. sprachf. XVIII. 2. 6 



82 Delbrück 

auf -a, also infinitiven auf äja ist ein beispid: ja^&- 
thäja V, 1, 2 (um zu opfern). Von einem neutruni auf 
-yan, also inf. auf -vane giebt es ein beispiel, nämlich 
dävÄnd um zu geben, zu empfangen« Zwar ist an den 
stellen des Rv., wo d&v&ne vorkommt, kein acc. davon 
abhängig (I, 139, 6 könnte man eine attraction annehmen), 
aber es wird V, 65, 3 und IV, 32, 9 ganz wie ein verbum 
mit den praepositionen pr& und abhi pr& verbunden. Als 
inf. auf -manS (dat. von neutr. auf -man) führt Benfey 
O. und O. I, 604 und II, 97 an: d4mane zum geben (VIII, 
82, 8) und vidm&nß zum wissen. Von ddmau kommt auch 
ein gen., von vidm&n ein instr. (Kuhn in d. ze]tschr.XV,304) 
vor. Als inf. auf- an e kann man turv&nß und dhdrvane an- 
sehefi, die einzigen vorkommenden casus der subst. turv&n 
und dhlirvan, die von den wurzeln turv und dhtlrv abzu- 
leiten sind. Doch ist von diesen inf. auf -mane und -an^ 
nirgends ein accusativ abhängig, also die berechtigung des 
namens infinitive zweifelhaft. Auch die construction von 
bhirmand und dh&rman6 (X, 88, 1) ist nicht notwendig als 
eine verbale aufzufassen, wie Roth z. Nir. VU, 25 tut, 
wovon später. 

Die grundbedeutung des vedischen dativs ist: die nei- 
gung nach etwas hin. Er trifft also nahe mit einem 
teile des locativs, dem locativ des zieles zusammen, wof&r 
ich in meiner schrift „ablativ localis instrumentalis^ p. 45 
beispiele angeführt habe. Ich ftkge ihnen als besonders 
bezeichnend hinzu: utdparfbhjö magh&vä vi gigje filr die 
Zukunft siegte da der mächtige I, 32, 1 3, und mit dem loc. 
des Zieles: utdpari&u krnute säkhäjam fOr die zukunft schafft 
er sich einen freund X, 117, 3. Ob nun aus dieser Überein- 
stimmung etwa Schlüsse auf gemeinsame abstammung die- 
ser beiden casus zu machen sind, ist doch sehr fraglich. 

In den dativ tritt dasjenige ding, nach dem hin etwas 
anderes sich neigt oder bewegt Wir sprechen zunächst 
von räumlicher oder doch räumlich gedachter be- 
wegung, und zwar 

1) von körperlicher neigung oder bewegung, 
und behandeln demnach den dativ bei verben wie: gehen, 



aber den indogennaniBchen, speciell den vedUchen dAtiv. 83 

streben, sich beugen nach-bin (hören), werfen, 
befördern, ausstrecken nach-hin, zeigen, spre- 
chen zu. 

gehen, streben: pr4 viänave ^viikm etu manma gi- 
rikSita urugftjäja vränö zum Yidnu strebe das kräftige lied 
dem höhenbewobnenden, weitherrschenden regner 1, 154, 3. 
pr& räj^ jantu auf beute mögen sie losgehen VII, 34, 18. 
ä nö navi matinfi' jätam pärdja g&ntave | jun^ithfim a^vinft 
r&tham fahrt mit dem schiffe unserer andachten heran, um 
9sum jenseitigen (menschlichen) ufer zu gelangen, schirret 
A^vinen den wagen an I, 46, 7 (vgl. acc. pär&m ^tav€ um 
zum jenseitigen ufer zu gelangen 1,46,11). Eine reihe 
Ähnlicher beispiele fQr den dativ bei ja, gam, dhäv, sru, 
die in der angefahrten habilitationsschrift p. 3 beigebracht 
sind (in, 31 , 13. I, 5, 5. I, 39, 7. VII, 70, 6. 1, 117, 2. I, 
116, 18. 1, 184, 5. Vm, 26, 15. VI, 62, 10. 1, 184, 5. VIII, 
9,11. IX, 21,1. VIII, 80, 3), lassen auch eine deutung 
des dativs als dat. commodi (der aber aus demselben grund- 
begriff hervorgeht) zu. n4 svapnäja sprhajanti sie begdi- 
ren nicht nach Schlummer VIII, 2, 18. Tipvö rfija iäudbjati 
jeder strebt nach reichtum V, 50^ 1. tv&n tkm agnä amr- 
tatvä uttam^ mirtan dadhfisi pravas^ divd-divä | jäs t&tiv 
d&n& nbhajäja ^anmanö m&ja: krnöäi pr&ja & Ka sOr&je du 
Agni bringst den sterblichen zur höchsten Unsterblichkeit, 
zum rühme tag ftkr tag, der du dOrstend nach beiden ge- 
schlechtern (heftig begehrend nach göttem und menschen) 
Inst und freude schaffst dem sänger I, 31, 7. 

sich neigen,^ beugen hin-zu: indr&ja hi djäür 
Äsurö ananmata dem Indra beugte sich der göttliche him* 
mel I, 131, I9 vergl. VIII, 6,4 samudrdjeva sindhava:. 
Qgr&sja Kin manj&vö ni namante rigä Kid ^bhjö nama it 
krnoti (die wflrfel) beugen sich nicht selbst dem zome des 
starken, der könig selbst erweist ihnen yerehrung X, 34, 8. 
Di te näsfii plpjän^va j6ää maijäjeva kanjä' ^a^vaKfii tä ich 
will mich neigen zu dir wie ein säugendes weib (zu ihrem 
kinde) wie ein mädchen zum jüngling, so will ich dich 
umarmen III, 33, 10. Analog ist der dativ zu erklären 
bei hören, eig. sich mit dem ehre zuneigen. 6 6ü svasära: 

6* 



84 Delbrück 

kftr&ve prnöta horchet ihr Schwestern dem sftoger III, 33, 9. 
& Tö j&mftja prthivi Kid apröt eurem gange horcht ängstlich 
die erde I, 39, 6. pniätiv&nö hi dfi^üäe d^v&s auf den opfe- 
rer hören die götter I^ 45, 2 (vgl. 11, 30, 1. III, 56, 4. UI, 
33, 5. Roth lit. und gesch. p. 101). 

werfen, befördern: brahmadyiäd t&puäl h^tim asja 
auf den frommenhasser wirf die glOhende lanze III, 30, 17. 
räidvlie maruta: parimanjava Uun nk srgata dvidam auf 
den sftngerhasser ihr Maruts auf den wfltenden schleudert 
euren hals wie einen pfeil 1,39, 10. iva sr^a döv^bhjö 
havi: entsende zu den göttern das opfer I, 13, II. Zwei- 
felhaft, ob man nicht den dativ des Zweckes in ansprnch 
nehmen soll, kann man sein bei: &väsr^a: sartav^ sapta 
sindhün du hast entsendet zum fliefsen die sieben ströme 
I, 32, 12, vergl. I, 55, 6. I, 57, 6. I, 130, 5. U, 12, 12. III, 
32,6. V, 29,2 etc. iä: pr4 pbhiübhjö düt&m iva vÄkam 
iöje zu ZU den Rbhu's entsende ich das gebet wie einen 
boten IV, 33, 1« Kud: sa tvÄn nö vira virjija Ködaja du 
o held befördere uns zu heldentum IX, HO, 7. mknö da- 
n&ja ködÄjan seinen geist antreibend zur freigebigkeit (so 
gedacht, dafs der geist zur freigebigkeit hingelangen soll) 
VIII, 88, 4, vgl. IX, 75, 5. ap&: s4rmäja ködajan die was- 
ser antreibend zum fliefsen I, 80, 5. Vergleicht man damit 
stellen, in denen der dativ entschieden final ist, wie td- 
bhjöd indra sva ökje^ söman Icödämi pitäje zu dir o Indra 
befördere ich (oder fbr dich giefs' ich eilend aus) söma 
damit du ihn trinkest 111,42,8, so filllt der unterschied 
in die äugen, gü: gftsä räj^ kavitarö ^un&ti den klugen 
befördere der klügere zu reichtum VII, 86, 7. hi: kr&tve 
d4köäja nö hinu befördere uns zu klugheit und geschick- 
lichkeit IX, 36, 3, vgl. VIII, 60, 5. t^ nö hinvautu s&ta)^ 
dbij^ giää die mögen uns befördern zu crwerb, andacht, 
sieg I, 111,4. ukth&v&hase vibhvg' manlädn drünfi na pä- 
r4m irajä nadmäm zu dem gebetföhrenden m&chtigen gotte 
bring das gebet, wie mit einem rüder zum anderen ufer 
der flüsse VIII, 85, 11. jihhl r^bhan nivrtä sitam adbhj& 
üd vandanam äirajata svär dr^^ mit welchen (hülfen) ihr 
den Röbha den bedeckten gebundenen, aus den wassern 



aber den indogcrmauischai, speoiell den vedischen dativ. 65 

den Vandana hinf&hrtet zum lichtschauen I, 112, 5, vgl. I^ 
117, 24. pra-tar: pr& vigebhis tirata pQJj&se na: mit 
reiohtQmern befördert uns zur blute VII, 57, 5. pra-su: 
▼ipvan ^Ivam prasuv&ntl Karijät alles lebendige belebend 
zur regsamkeit (Karijäi dat. von Kari f. beweglichkeit) 
VII, 77, 1. präsävld dvipat pri Htudpad itjfti er belebt 
die zweifAfsler und vierfQfsler zum geben I, 124, 1. kar: 
Die ursprüngliche bedeutung von kar scheint mir zu sein: 
9 zu etwas bringen^. & tvim r^ipvä sakhj4ja Kakre R^- 
gvan brachte dich zu seiner freundschaft (machte dich zu 
seinem freunde) V, 29, 11. üsö j&d agnl' samidhö Kakartha 
als du o Usas den Agni zur anzOndung brachtest (mach- 
test, dafs er entzündet wurde) I, 113, 9. ut& väta pitÄsi 
na Uta bbrätöta nah säkhä | s& nö ^vätavä krdhi o wind 
du bist unser vater, unser bruder, unser freund, du bring 
uns zum leben X, 186,2. tv&m indra sr^vitavi ap&s ka: 
du Indra brachtest die wasser zum fliefsen VII, 21, 3. &kar 
dhiuiT&nj itjetavi u du brachtest die wüsten zur begehung 
(machtest sie gangbar) V, 83, 10, vgl. I, 112, 8. I, 116, 14« 
n, 13, 5. IV, 16, 4. V, 29, 4. VII, 81, 4. X, 39, 8. X, 88, 
10. Aehnlich kann auch dh& gebraucht werden: indram 
erk dhiö&nä sät&jö dh&t den Indra bringt der becher zum 
erwerben V, 19, 2, vgl. VH, 31, 12. 

bringen: vah: ni ped&va übathnr O^tim apvam dem 
Pedu brachtet ihr ein schnelles rofs I, 117,9. 9&n na i 
vakSad dvipade k4tuäpad€ heil möge er bringen unseren 
sweif&fslem, unseren vierflirslern 1, 1 57, 3. b h a r : asmibhjan 
nrmnam & bhara bringe uns manneskraft V, 38, 4. & nas 
tögrä rajim bharäpan n4 prati^änate bring uns kinder und 
reichtum, wie ein draufgeld dem der auf den handel ein« 
geht (nach Roth) III, 45,4. j&s te bharäd inuijate Kid 
iinnam wer dir dem speisebegehrenden speise bringt IV^ 
2,7. nl: agnS naja supathä räj^ asmän Agni führe uns 
auf schönem pfade zum reichtum I, 189, 1. &-vart: i nö 
mitr4varun& n^atjä djävä hotr&ja prthivl vavrtjä: bringe 
zu unserem opfer Mitra Varuna, die Näsatja, bimmel und 
erde VI, 11, 1. 

ausstrecken, erheben: prisrdg b&hli bhüvanaqa 



86 Delbrück 

pra^bhja: er streckt die arme ans sa den weseo der weit 
hin IV, 53, 4. &dh& vrtr&ja pr& vadh&ä ^abhfira da erhob 
er die wa£Ee gegen Vrtra II, 30, 3. üd j&d indrö mahat^ 
dfinavija v&dbar jamiäta säbö &pratltam als Indra gegen 
den grofsen D&nava die waffe erhob, die unerreichbare 
kraft y, 32, 7. Anfbgen kann man hier: die waffen schär- 
fen gegen jemand: pi^lts pi^unebhjö vadhim er schärft die 
waffe gegen die Verräter VII, 104, 20. 

geben nnd verwantes: da: m4 nindata }& imim 
m&hjä rätin dßvö dadfiü m&rtjäja tadelt ihn nicht, der mir dem 
sterblichen, ein gott, dieses geschenk gab IV, 5, 2. ghöä&jfii 
Kit pitrs&de durön^ p&tii^ ^rjantjä apvinäv adattam selbst 
der alternden Ghoää die beim vater im hause safs, habt ihr, 
Apvinen, einen mann yerscha£% 1,117,7. k&rtä vlrdja süävaja 
u lök&n dita Y&su stuvat^ kiraje Kit räum schaffend dem 
opfernden beiden, gut gebend preisendem sänger VI, 23, 3. 
kö nö mahjd aditaje pünar dät wer giebt uns der grofsen 
sündlosigkeit wieder? I, 24, 1. mah^ Kana Uim adriva: p&rä 
pulkdja dejäm selbst grofsem preise (far grofsen preis) möchte 
ich dich nicht hingeben Vm, 1, 5. dhä: Äsunvanta saman 
^ahi dün&9ä }6 n& t$ m&ja: | asmabhjam asja v^danan 
daddhi schlage jeden der beständig nicht opfert, der dir 
nicht angenehm ist, gieb uns sein besitztum I, 176,4. ju- 
v&n k&nyfij4piriptäja c4käu: pr&tj adhattam ihr habt dem 
blinden Kanva das äuge wieder gegeben I, 118, 7. j^ tvä 
nid^ dadhirß welche dich dem neide überliefert (ausgesetzt) 
haben II, 23, 14. dha mit prat glauben: prad asmäi dhatta 
glaubt ihm 11^ 12, 5. ^r&ddhitan te mahatd indrij4ja ge- 
glaubt wird deiner grofsen kraft I, 104, 6, vergl. I, 55, 5. 
I, 103,5. X, 147, 1. vi-bhag: W dä^üäö bhagati stinara 
▼&SU dem opferer schenkt er reiches gut V, 34, 7. jam: 
9&rma värma Khardir asm&bhjä jäsat schütz, schirm, Ver- 
teidigung möge er uns spenden I, 114,5, vgl. IV, 25,5. 
IV, 12, 5 etc. vgl van I, 140, 11. VII, 18, 1. pikä: (?i- 
kSejam asmäi dits^jam manläine | jad ahan göpati: sjäm 
ich würde ihm schenken, ich würde dem beter spenden, 
wenn ich kuhherr wäre VIU, 14, 2. rä: j&smä iräsata ksa- 
jan givdtun ca praKetasa: dem ihr weisen schenkt heim- 



über den indogennanischeD, BpecieU den vedischen dativ. $7 

wesen und leben VIII, 47,4. Aue der masse Ähnliches 
bedeutender verba mag noch erwähnt werden duh: trfni 
sar&i prpnajö duduhrö vagrfnS m&dhu drei tränke, den 
meth haben die Maruts dem donnerer gespendet VIII, 7, 10. 
Daran schliefsen sich an die verba welche opfern bedeu- 
ten. siK: ^ndum indräja siukata giefset den trank dem 
Indra aus ¥111,24, 13« sa: indräja sunaväi tvä pakrÄja 
sonaväi tvä dem Indra will ich dich pressen, dem starken 
will ich dich pressen YUI, 80, 1. hu: täsmä etÄt p4nja- 
tamäja güdtam agnäü mitrija havir 4 guliöta diesem ge- 
priesensten Mitra opfert im feaer das geliebte opfer III, 
59, 5. dä9: jas tübhjan di^^än na täm äbö apnavat wer dir 
opfert, den erreiche keine bedrängnifs IL, 23, 4. vidh: j6 
asmäi havidividhan nk tam püääpi mröjate wer ihm mit 
einem opfer dient, den verletzt Puäan nicht VI, 54,4. 
Durch den begriff übergeben lassen sich mit den vor- 
hergehenden vermitteln die verba, welche unterwerfen 
bedeuten. So, um zunächst verba zu nehmen, die auch 
geben bedeuten: rä: j&d indra jävatas tvam etdvad ah&m 
f^Ija I stötÄram id didhiäöja radävasö n& päpatvija räsija 
wenn ich Ober eben so viel geböte wie du Indra, so würde 
ieh den lobsänger für mich zu gewinnen suchen, ich würde 
ihn nicht der armut unterwerfen VII, 32, 18 vgl. VI, 44, 11. 
parä-dä: mä na indra pljatnave md pärdhate pärä 
da: übergieb (unterwirf) uns nicht o Indra dem hasser, 
nicht dem stolzen VIU, 2, 15. randh: sunv&dbhjö ran- 
dhajä kän lad avrat&m unterwirf den frommen jeden gott 
losen I, 132,4 vergl. VI, 53, 5. star: md na: star abhi- 
mätaje unterwirf uns nicht dem feinde VIII, 3,2. hä: 
^ahür vi^väni bl^Öganä suddsö sie überliefsen alles gut dem 
Sudäs VII, 18, 15. ril£: gäj^va patjö tanvä' riri^äm wie 
ein weib dem gatten will ich dir meinen körper überlie- 
fern X, 10, 7. 

zeigen: ävir bhü: ävir öbhjö abhavat stiija: es zeigte 
sich ihnen die sonne I, 146, 4. kit: divödasäja mdhi keti 
▼am äva: dem Divödäsa wurde eure grofse hülfe offenbar 
1, 119, 4. 

sprechen zu: vak: mänträ vökömägndje | är^ asm^ 



88 Delbrück 

Ka (roTat^ ein gebet wollen wir sprecheu zum Agni, der 
auch lu der ferne uns hört I, 74, 1. ah: j6 m& jügjö vä 
sakha Yä sväpnö bhaj&cn bhlr&vä m&hjam &ha welcher ver- 
wandte oder freund mir dem furchtsamen im schlafe furcht- 
bares sagt II, 28, 10/ brü: k&ksusmatö ^rnvat^ te bra- 
Ylmi zu dir spreche ich der da hört und sieht X, 18, 1. 

2) Bewegung des geistes nach etwas hin, wie: 
seine aufmerksamkeit auf etwas richten, gnädig 
sein (helfen), zürnen« 

budh: asm&bhjä sü maghavan bödhi gödÄ: auf uns 
wende deinen sinn, kuhspender III, 30, 21. kit: jad indra 
h&ntave mfdhö yfdä vagriÄ kik^tasi wenn du auf tödtung 
der feinde regner, keilträger, dein augenmerk richtest I, 
131, 6. jö nö däsa drjö vä purustutädöva indra judh^jö 
kiketati welcher barbar oder arier, vielgepriesener indra, 
uns gottlos zu bekämpfen trachtet X, 38, 3. man: mäojS 
v&n gätäv^dasä ja^adhjäi ich gedenke euch ihr ^ätav^das 
zu verehren (ich richte meinen sinn auf das euch-verehren) 
VII, 2, 7. 

gnädig sein: mard: sa nö mrlatldf^e er sei gnädig 
gegen unser einen IV, 57, 1. jÖ mrläjäti kakruie kid ägö 
vajä sjäma värune anägä: seien wir sQndlos vor Varuna, 
der gnädig ist selbst gegen den, der sQnde begangen hat 
Vn, 87, 7. Dabei mögen verba mit dem begriffe helfen 
erwähnt sein: sad: tv&n deva maghavadbhja: suiSüda: du 
gott sei förderlich meinen lohuherrn VII, t, 20. sidh: 
näsmäi vidjün nä tanjatü: sis^dha nicht nQtzte ihm der 
Uitz, nicht der donner I, 32, 13. 

zarnen: kirn asmabhjan ^ätavgdö hmlöe was zürnst 
du uns o G'ätavödas? VII, 104, 14 vgl. VII, 86, 3. 

Auf den begriff der neigung läfst sich leicht zurück- 
führen der sog. dativus commodi, der darum an dieser 
stelle durch einige beispiele belegt werden mag: ava sthiri 
maghavadbhjas tanuäva spanne den bogen ab, meinen her- 
ren zu liebe 11,33, 14. 4pa tj^ täjävö jäthä näksaträ jantj 
aktübhi: | stiräja vi9vakakdas^ die Sterne gehen wie diebe 
mit der nacht fort, um der allsehenden sonne willen I, 
50, 2. ^atair apadran pan4ja indrätra dÄpönajS kavaje 



ttb«r den indogennaniflcheD, speclell den vedischen dativ. 89 

'rkaafttfia mit bunderten o Indra liefen damals dre Panis 
hinweg *) am des dichtere Da^öni willen (von ihm vertrie- 
ben) VI, 2O9 4. 4gne jägisthö adhvar^ dev&n devajat^ jaga 
Agni opferwertester beim opfer verehre die götter zu gang- 
sten des opfernden III, 10, 7. amäja vö marntö jitavö 
djäür gihlta vor eurem gewaltigen schreiten barst der him- 
mel VIII, 20, 6. tväätä Int tava manj4va indra vevigjate 
bbiji Tvaätar selbst bebt aus furcht, um deines zornes 
willen I, 80, 14. Äsvapajad dabbftajö sahasrä trlpitä 
häthäi: | däsän&m indrö mäjdjä Indra senkte in todesschlaf 
dreifsigtausend der barbaren mit seinen schlagen, dem Da- 
bhlti zu liebe IV, 30, 21. tjäid kit parvatan girf ^ata- 
▼anta sahasrinam | vi stötfbbjö rurögitha du hast diesen 
borg, den hundertgestaltigen, tausendfachen geöffnet fflr die 
lobsänger Vin,53, 5. tvä ha tjdd indra saptä jüdhjan 
ptu'ö vagrin purukütsäja darda: du hast damals kämpfend 
die sieben städte fQr den Purukutsa o keilträger gebro- 
chen I, 63, 7. vi^väsmibhjä san ^ajatan dh&näni alle 
reicbtQmer eroiegt ihr fQr uns I, 108, 13. indrasjdügirasäh 
kestfiü vidat sarÄmä tänajäja dhäsim nach anweisung des 
Indra und der Angiras fand Saramä nahrung fQr ihre nach- 
kommenschaft I, 62, 3. västrä putrÄja mätärö vajanti die 
mfltter weben gewänder fQr den söhn V, 47, 6. tväätä 
dnhitr^ vahatün krnöti Tvaätar richtet seiner tochter die 
hochzeit aus X, 17, 1. üpägirÄ puruhütija säpti härl ra^ 
thasja dhürSv i jnna^mi die schnellen rosse schirre ich 
dem vielverehrten an die joche des wagens III, 35, 2. 9a-« 
t&n te ^iprinn ütaja: sud&se hundert hülfen hast du, bärti- 
ger, fbr den Sudäs VII, 25, 3. punini hi tv^ puruvära 
s&n^ agne v&su vidhat^ r&^ani tve viel gut ist o gabenrei-' 
eher in dir dem könig fdr den opferer VI, 1, 13. gäür 
aai vira gavjat^ | &9VO apväjat^ bhava ein stier bist du fQr 
den stierbegehrenden, ein rofs sei dem rofsbegehrenden 
VI, 45, 26. sug&: panthä anrksarä dditjäsa rta jatd wohl 
gangbar ist der pfad, domenlos f&r den, ihr Aditjas, der 
recht wandelt I, 41 , 4. Will man sich alter categorien 



*) Anders fassen BB. im wb. apadran. d. red. 



90 Delbrück 

bedieneD, so kann man die folgenden beispiele etwa unter 
den dativae incommodi rechnen: jd vö mäj4 abbidrühe ja- 
^aträ: p4^ä äditjä ripaye viKrtta: | BL^viva, t4n kti jeäa ra- 
thena eure listen ihr anbetungswflrdigen gegen den betrü- 
ger, eure schlingen die geöffnet sind fQr den feind, möchte 
ich über diese hinwegkommen, wie ein reisiger mit einem 
wagen II, 27, 16. j6 nö agn^ ärarivän aghäjür arativd 
marliajati dvaj^na | m&ntrö gurü: pünar astu s6 asmäi wer 
uns o Agni, ein gottloser Sünder oder nichtspender, durch 
falschheit zu schaden sucht, dem sei sein eigener sprach 
seinerseits schwer, d. h. dessen Zauberspruch treffe ihn sel- 
ber I, 147, 4. 

Ein dativus commodi ist auch der dativ bei adjectiren 
und Substantiven mit der bedeutung lieb, befreundet 
u.a. prija: idan nämö rudräja pr^stham diese Verehrung 
ist dem Rudra die liebste VII, 36, 5 (am häufigsten findet 
sich bei prij& gen. und loc). Itiru: rigä vipdm atithip 
Mrur äjave könig der stamme, lieber gast dem menschen 
II, 2, 8. sakhi: tan tvä vajä' vipvavärd päsmahe pura» 
hüta I sakhe vasö ^aritrbhja: dich rufen wir o gabenreicher 
heran, vielgerufener, guter freund den preisenden I, 30, 10. 
Bei avitar Schützer finden wir in einem satze gen. und 
dativ: tväm ^kasja vrtrahann avitd dv4jör asi | ut^dr^S ja- 
thä vaj4m du o Yrtratöter bist der helfer eines oder zweier, 
du für solche wie wir sind VI, 45, 5. 

Weiter kann unter den dativ commodi subsumirt wer- 
den der dativ bei den sog. participien der notwendigkeit» 
welche dem lat. sog. participium futuri passivi entsprechen 
(vgl. verf. abl. loc. instr. p. 66) sakhä sakhibhja Mja: ein 
fireund den freunden zu preisen I, 75, 4. imd u väm bhj> 
mäjö m&DJamäna juvÄvate na tu^ä abhüvan eure bekannte 
regsamkeit war für euren Verehrer nicht eine anzutreibende, 
d. h. brauchte nicht durch euren Verehrer angetrieben zu wer- 
den (BR. s. V. bhrmi) 111,62, 1. üdjatasruKe bhavasi ^ravijja: 
für den opferlöffelerhebenden bist du ein zu preisender I, 
31, 5, vgl. II, 4, 3. n, 19, 4. Ebenso bei sinnverwanten 
adjectiven: dßvö-döva: suhävö bhatu mähjam jeder gott 



über den indogennasischen, speeiell den vedischen dativ. 91 

sei mir wohl anzarafen V, 42, 16, vipv&ni b{ suä&hä täni 
tübbjam alles ist für dich leicht zu besiegen IX, 94, 5. 

Als letztes beispiel fl)r denjenigen dativgebraucb, bei 
dem die grundbedeutung der neigung nach etwas hin noch 
deatlicb zu fühlen ist, ftkhre ich an den dativ bei dem 
verbum as sein. Oanz rein ist dieser grundbegriff erhal- 
ten I, 55, 7: dänija mana: sömapävann astu te zum geben 
hingewendet sei dein sinn, o somatrinker. Leicht abzulei- 
ten aus dem begriff des neigens und zufallens ist der 
possessive dativ indra tübbjam in maghavann abhüma 
vajän dätr^ Indra dir o mächtiger gehören wir an, dem 
geber VI, 44, 10. &thä vajam aditja vrat^ tayinfigasö &di- 
tajg sjäma dann mögen wir o Aditja bei deinem dienst 
schuldlos der Aditi gehören I, 24, 15. indra tübbjam 
anuttä vlijäm Indra du hast unüberwindliche krafl 1, 80, 7, 
vgl III, 14, 7. in, 31, 13. Vn, 34, 1 1. Interessant ist eine 
andere Verbindung des verbums sein mit dem dativ, wo- 
durch nicht gerade ein besitz, aber doch eine Zusammen- 
gehörigkeit oder nahe Verbindung ausgedrückt wird. Meist 
steht in dieser art Sätzen eine negation, jedoch kommen 
auch positive vor, z. b. sjÄma te däväne v&sünäm mögen 
wir für dich (hingewendet) sein zum empfangen von gutem, 
d. h. mögen wir solche sein, die von dir gut empfangen 
müssen oder zu empfangen pflegen 11^ 11, 1 (vgl. ebenda 
vs. 12, wo eine andere wendung desselben gedankens ge- 
wählt ist). räj&: sjäma dharünan dhijddhjäi seien wir be- 
stimmt zu empfangen die grundlage des reichtums VII, 
34, 24. vajä' sjäma bhüvanesu ^v&s^ seien wir bestimmt 
zum leben in der weit IX, 86, 38. In den meisten fällen 
aber findet sich dabei eine negation: nismdkam asti t&t 
t4ra dditjäsö atiäk4de | jüjäm asm&bhjam mrlata nicht, o 
Aditjas, ist dieser unser (frommer) eifer zu übertreffen, seid 
ihr uns gnädig! VIII, 56, 19. Oewöhnlich ist das verbum 
sein zu suppliren: tad vö manitö nädhrä^ ^äva: diese eure 
kraft o Maruts ist nicht zu bekämpfen V, 87, 2, vergl. I, 
136, 1. V, 8, 5. nahi te agne vräabha pratidhfäe gimbhasö 
jad vitisthasS nicht o Agni ist deinen kinnladen zu wider- 



92 Delbrück 

stehen, wenn da sie aufsperrst (eig. ofFeo stehst) VIII^ 49, 
14. na te dämäna gddbhs nicht können deine gaben (die 
du uns zugedacht hast) verkürzt werden VIII, 21, 16. nä 
ta indra sumatäjö na rija: sanKakde nicht ist dein wohl- 
wollen, nicht deine schätze zu überschauen YII, 18, 30i 
sadjä: so asja mahimÄ nk sannape durchaus ist seine grölse 
nicht zu erreichen VIII, 3, 10- na tat te agne pramfäe 
nivartanam nicht darfst du deine rückkehr vernachlässigen 
III, 9, 2. jamö nö gätüm prathamö viveda näisi. gavjütir 
äpabhartavä u Jamas hat uns zuerst den weg gefunden, 
dieses Weideland kann uns nicht entrissen werden X, 14, 2. 
naklm indrö nikartav^ na ^akrä: pdripaktave nicht ist In- 
dra zu unterwerfen, nicht der starke zu überwinden VIII, 
67^ 5. n& värtave prasava: s4rgatakta: nicht zu wenden 
ist der schnelle lauf (der flüsse) III, 33, 4. agn^r iva pra- 
sitir niha värtave ja'- ja ji^gan krnut^ brahmanas pati: wie 
des feuers zug ist nicht zu hemmen der^ welchen zu sei- 
nem freunde macht Brahmanaspati 11,25,3. j&sjdmit&ni 
virjä' na rädha: pdrjötav^ dessen kraft unermefslich ist^ 
dessen reichtum nicht zu übertreffen VIII, 24, 21. na tat 
te sumn4m äätav6 diese deine wohltat ist unerreichlich IV, 
3U, 19. nahi gräbbäj&rana: suf^vö 'nj6darjö manasä man- 
tavi u ein tüchtiger fremder aus anderem blute kann nicht 
erlangt werden, nicht einmal in gedanken (nicht einmal ist 
daran zu denken) VII, 4, 8, vgl. Roth Nir. III, 3. Oft 
ist der dativ zu übersetzen durch ein adjectivum im no- 
minativ oder accusativ. tveäisö agn^r amavantö arlcajö bbi- 
m&sö na pratit4jö scharf, gewaltig sind die flammen des 
Agni, furchtbar, unnahbar I, 36, 20. jäd bä'hiöthan n4ti- 
vidhe sudänü akhidrä ^arma bhuvanasja göpä | t^a nö 
miträvarunav avistam welcher der festeste nicht zu ver- 
letzende ununterbrochene schütz ist, ihr wohlspendenden 
Schützer der weit, mit dem helft ihr uns, Mitra und Va- 
runa V, 62, 9. sugöpÄ asi na dabhäja ein guter Schützer 
bist du, nicht zu täuschen V, 44, 2, vgl. VII, 91,2. IX, 
73, 8. dvida^äran nahi tag garäja varvarti l^akr&m pari 
dj4m ritäsja das zwölfspeichige nicht abzunutzende rad 
dreht sich am himmel des Opfers I, 164, 11. rbhuks&nan 



über den indogermanischeo, speciell den Tedischen dativ. 93 

ua vartava ukth^Su tugrjävfdham | indrä s6m€ sakä sut^ 
den Rbhukäan, den nicht zu hemmenden, den bei den Tu- 
grja weilenden Indra (besinge ich) in liedern beim soma 
Vm , 45 , 29. Bei dem passiven sinn, den diese infinitive 
im satze bekommen, ist es nicht zu verwundern, wenn bei 
ihnen ein instr., wie auch sonst beim passiven verbum auf- 
tritt, ja €nam ädidepati karambh^d iti pu^anam | na t^na 
deva adi^e wer den PüSan aufruft mit dem namen „kohl- 
esser", von dem ist der gott nicht aufzurufen VI, 56, 1. 
asja vratÄni nidhfs6 pävam&nasja düdhjä' die werke des 
Pavamäna sind nicht zu überwinden durch den bösen IX,53, 3. 
nänj^na st6mö v&siäthä äuvetavä va: nicht von einem ande- 
ren ist euer lobgesang o Vasisthas zu erreichen VII, 33, 8. 

Analog dem lateinischen gebrauch wird auch „dienen, 
gereichen zu etwas" ausgedrückt durch as mit dem dativ. 
Dabei kann derjenige, dem ein gegenständ zu etwas ge- 
reicht, im genitiv oder auch im dativ stehn. asmÄkam id 
vrdh^ bhava uns gereiche zur f5rderung (diene zu unserer 
färderung) I, 79, 11. An stellen wie I, 89, 5. V, 51, 12. 
V,46,6. VI, 15, 3. VI, 46, 3. VI, 46, 11. VII, 24,1. VIII, 
13, 3 ist es zweifelhaft, ob man gen^ oder dat. annehmen 
soll. Der dativ ist deutlich : && nö harlnäm pata indö deväp- 
sarastama: | s&kheva säkhjä närjö Tv3t4 bhava Indu liebling 
der götter, herr der falben, gereiche uns männlich zum lichte, 
wie der freund dem freunde IX, 105, 5,. vgl. VIII, 27, 4. 

Von allen diesen gebrauchsweisen scheidet sich für 
unser geflkhl deutlich ab der finale dativ, obgleich auch 
dieser sinn des dativs aus dem grundbegri£P der neigung 
und richtung hervorgegangen ist. Als einteilungsgrund für 
das weite gebiet des finalen dativs bietet sich, so weit ich 
sehe, nur dar die engere oder entferntere beziehung, in 
welcher der dativ dem sinne nach zu dem satze steht, in 
dem er vorkommt. In dem satze: sv4disthä dhltir ulcAth&ja 
^asjatä das lioblichste lied wird zum preise gesungen I, 
110, 1, oder: dävas tvastÄvase i&ni nö dhät der gott Tv. 
möge uns dies zur hülfe geben lU, 54, 12 steht der dativ 
offenbar weniger selbständig, als in sätzen wie der folgende: 
gdür amimed anu vatsam midintam mürdh&nä hinn akrnön 



94 Delbrück 

m&tav4 u die kuh blökte nach dem kalbe hin, das die 
äugen aufschlägt, sie schreit nach seinem köpfe hin, damit 
es sie erkenne I, 164, 28 (vgl. Roth Nir. XI, 42) oder asmä 
&pö mätara: sapti tasthur nrbhjas t&räja sindhava: sa- 
p&r4: ihm standen still die wasser, die sieben mfltter, 
den männern die leicht passirbaren ströme, damit sie 
sie flberschreiten könnten Vm, 85, 1. Ich bespreche 
zunächst diejenigen finalen dative, welche zu dem verbum 
des Satzes in naher beziehung stehen, weil sie den besten 
anschluTs an die erste abteilung des dativs gewähren, 
mufs aber bekennen, dafs es mir trotz aller mühe nicht 
hat gelingen wollen, eine übersichtliche gruppirung zu ge* 
winnen. 

Zuerst mag erwähnt werden der finale dativ bei: 
gehen (kommen), aufstehen, sich setzen« 

^ndra jähi pitAjö mädhu ^aviätha somj&m komm heran 
gewaltiger Indra, um den süfsen somasaft zu trinken VIU, 
33, 13, vgl. VII, 59, 5 et^ ^ukrisö dhanvanti sömä d^va- 
sas tin üpa jätä pibadhjäi hier strömen die reinen tränke, 
kommt, ihr götter, zu ihnen heran, um zu trinken IX, 97, 
20. i häsÄsö n4 ar^saräni gantana mädhör mädäja geht 
wie Vögel zum neste, um euch im methe zu berauschen 
n, 34, 5. 4 nö makhdsja dävän^ '^väir hiranjapänibhi : | 
d^väsa üpa gantana um unseren preis zu empfangen kommt 
ihr götter heran. mit den goldhufigen rossen VHI, 7,27. 
dviääs tar&dhjä rnaj4 na ijase um die feinde zu überwin- 
den mögest du schuldrächend zu uns kommen IX, 110, 1. 
&thÖpa präid judhäjö ddsjum indra: da ging Indra vor, um 
den feind zu bekämpfen V, 30, 9, vgl. V, 43, 8. VI, 49, 5. 
X, 57, 4 u. s. w. prä pavamäna dhanvasi söm^ndrftja p4- 
tave du strömst ^ o flammender, f&r den Indra, damit er 
trinke IX, 24, 3, vgl. IX, 25, 1. 36, 3. 62, 8. 100, 5 u. s. w. 
pr& sadam It sr4vitav6 dadhanju: sie quollen hervor, um 
in einem fort zu strömen IV, 3, 12. uK khväitr^jö nrlÄh- 
jäja tasthäu der söhn der Qviträ stand auf zum beiden- 
kämpf I, 33, 14. üd u 9rij& uä&sö roKamänä &sthur apä' 
nörmajo rüpanta: zum glänz erhoben sich die leuchtenden 
morgenröten wie der wasser glänzende wogen VI, 64, 1. 



über den indogermanischen) speciell den vedischen dativ. 95 

ardhvas tilthä na ütaje erheb dich uns zur hülfe I, 30, 6. 
ürdhv^va snätf drpäje nö asthät wie ein badendes weib tritt 
sie aufrecht hin, dafs wir sie sehen Y, 80, 5, vgl I, 123, 
11. asm^ indra 84Kä sut^ ni öada pltaj3 mädhu bei unse- 
rem opfer setz dich nieder o Indra, um den meth zu trin« 
ken Vm, 86, 8, vgl I, 25, 10. I, 45, 9. II, 41, 21. 

Die arme ausstrecken, nehmen, zu erlangen 
suchen zum zweck einer sache. 

vi^vasja hi ^rustaje dSva ürdhy&: prä bäbdvä prthü- 
päni: sisarti zum dienste des all streckt der breithändige 
gott aufrecht seine arme aus 11, 38, 2. grbhnÄmi te säu- 
bhagatväja hästam ich ergreife deine band zum glQcke 
(spricht der gatte bei der Vermählung zur gattin) X, 85, 36. 
dhänur hästäd ädadänö mrt&sjäsm^ käaträja värkas6 baläja 
den bogen nehmend aus der band des todten, für uns zur 
herrschaft zum glänze zur kraft X, 18, 9. t&m apsanta 
p&vasa utsav^u n&ro n&ram ivase tan dhänäja ihn (den 
Indra) suchen sie zu gewinnen bei den Unternehmungen 
der kraft, die beiden den beiden zum zweck der hülfe, der 
beute 1, 100, 8, vgl. Vin, 49, 10. 21, 14. 24, 12. 

geboren sein zu, stärken^ unterstützen, 
schmücken, begeistern zu etwas. 

dasjuhatjäja ^agnise du bist geboren zum feindetöten 
I, 51, 6, vgl. IX, 94, 4. &süta pf^r mahat^ ranäja tv€d&m 
aj^&m marütäm änlkam Pr^ni gebar die glänzende schaar 
der behenden Marutas zum grofsen kämpfe I, 168, 9. ruk^ 
gananta stirjam sie erzeugten (gewannen) die sonne zum 
leuchten IX, 23, 2. &gl^ana Ööadhlr bhö^anäja k&m du hast 
die kräuter zum genusse hervorgebracht V, 83, 10. brah- 
m^a indram mahdjantö arkäir &vardhajann ahaje häntavd u 
die Sänger, den Indra preisend mit ihren liedern, stärkten 
ihn wegen des Abi, damit er ihn töte, d. h. damit er den 
Abi töte (über die sog. attraction siehe unten) ¥,31,4, 
vgl in, 52, 8. VIII, 82, 7. I, 4, 9. devinäm patnir u^atfr 
avantu na: prävantu nas tngäjö vÄ^asätaje der götter feu- 
rige gattinnen mögen uns schützen, sie mögen uns verhel- 
fen zu nachkommenschaft und reichtum V, 46, 7. jäbbi 
ratham ävatan fpäi (die hülfen) mit denen ihr (unserem) 



96 Delbrück 

wagen zum siege verbolfeo habt I, 112, 12. Dieselbe cod- 
struction bei p& helfen: tan ma rtam p&tn 9at49ära€[&)a die- 
ses Opfer schütze mich, so dafs ich hundertjährigkeit er- 
lange VU, 101, 6. eta' tja haritö dä^a marmrgjante apa- 
sjüva: I j4bhir midäja ^ümbhate diesen (den trank) machen 
die zehn geschäftigen mit somasaft gef&rbten (finger) zu- 
recht, durch welche er geputzt wird zum zwecke des rau- 
sches IX, 38, 3, vgl. IX, 2, 7. I, 130, 6. Kiträir an^ibhir 
yapuSe vj ängatg mit buntem schmucke schmücken sie (die 
Marutas) sich um schön zu sein I, 64, 4, vgl. VII, 57, 3. 
VIII, 7, 25. IX, 45, 3. IX, 109, 20. - s4 im mamäda mÄhi 
kärma kartavö (der soma) hat (Indra) begeistert, die grofse 
tat zu tun n, 22, 1 , vergl. I, 139, 6. I, 176, 1. IX, 81, 1. 
h^rsasva häntave 9üra ^Ätrün begeistre dich o held die 
feinde zu töten X, 112, 1, vergl. IV, 21, 9. VIII, 19, 29. 
Daran läfst sich anschliefsen der dativ des Zweckes bei 
dem verbum trinken: pibä s6mam m&däja kam trinke den 
soma zum rausche VIII, 84, 3, vgl. I, 130, 2. II, 19, 1 etc. 
t4n indra sahasS piba trinke die^e (tränke) o Indra zur 
Stärkung I, 16, 6, vgl. VII, 98, 3. III, 32, 5. IX, 109, 2. tri 
6äk4m indrö manusa: säräsi sutam pibad vrtrahätjäja sö- 
mam drei kufen des mannes trank Indra auf einmal, den 
geprefstcn soma trank er zur vrtrascblacht V, 29, 7. pibä 
sömam mahatä indrijäja pibä vrträja hantav^ trink den 
soma zu grofser kraft, trink ihn des Vrtra wegen, um ihn 
zu töten X, 116, 1. 

heranbringen, knüpfen und lösen, rufen, an- 
flehen zu einem zwecke. 

jkt te jamä' väivasvat4m mänö ^ag4ma dürakam | tat 
ta 4 vartajäma8lh4 ksajäja glv46e deine seele die weithin 
gegangen war zu Jama Väivasvata, die bringen wir wieder 
heran, damit sie hier wohne und lebe X, 58, 1 , vergl. III, 
37, 1 . Vin, 58, 1 7. indram itth4 giro m4m4chägur iditä 
it4: I ävrte sömapitaje zum Indra vor allen gingen meine 
lieder, die von hier entsendeten, um ihn her zu bringen, 
damit er soma trinke III, 42, 3. 

knüpfen und lösen: väjür junkte röhitä vajür arunÄ 
väjti r4the agir4 dhuri völhavg Väju schirrt die roten, die 



ttber den indogeraMnischeo, speciell vedischan datir. 97 

glänzenden die schnellen an das jocb zom fahren 1, 1349 3* 
^ukta sdra ^ta^m pdvamänö manav idhi | antarikfiena j4* 
tave Süra schirrte das rofs an, flammend über den men- 
schen, um durch die luft hin zu wandeln TX^ 63, 8, vergl. 
I, 48, 4. 1, 157, 1. I, 87, 3. II, 18, 3. III, 50, 2 etc. jdtbft 
jugä' varatr&jä n&hjanti dharünäja kam | €vä dädhära te 
manö givitavS nk mrtj&v^ Hhö ariät&tätaj^ wie sie das joeh 
festigen mit einem seile, damit es halte, so habe ich deine 
seele festgehalten, damit sie lebe, nicht sterbe, vielmehr 
damit sie unverletzt sei X, 60, 8. ava sja 9ür4dhvanö 
ninte 'smin nö adja sivan^ mandadhjäi spanne aus o beld 
wie am ende des weges, damit du dich an unserem beuti- 
gen opfer ergötzest IV, 16, 2. munkämi tvä havidä gfva- 
nfija kam agnätajaksmät utk rägajakdmdt ich löse dich 
mit dem opfer damit du lebest, von anschwelluog und ab- 
zehrung (nach Grohmann Webers ind. stud. IX, 400) X, 
161, 1. jat sim 4nu pr& mulkd badbadh&nä dlrgham anu 
prasitl sjandaj^dhjäi als du die gefesselten (wasser) befrei- 
test, damit sie den langen weg hin flöfsen IV, 22, 7. 

rufen: indram prätar hav&maha indram prajatj ädhvarej 
indrä sömasja pitajö den Indra rufen wir in der frohe, den 
Indra wenn das opfer vorwärts geht, den Indra damit er 
soma trinke I, 16, 3, vgl 1, 4, 1. I, 19, 1. I, 21, 3 und oft. 

loben, preisen: ta hi ^äpvanta flate sruki deva 
ghrta^küta | agnl' havjdja völhave ihn flehen sie fortwäh- 
rend an mit dem buttergiefsenden opferlöffel, den Agni um 
des Opfers willen, damit er es (zu den göttern) führe V, 
14, 3. kirip Kid dhi tv4m fttö dütjäja der Sänger erbittet 
dich zum botenthum (bittet, dafs du sein böte seiest) VIII, 
92, 13. tarn it sakhitvÄ Imahö ta' räj^ tä' suvfijä ihn er- 
bitten wir zur freundschaft (loc), zum reichtum (dat.), zu 
heldentum (loc.) I, 10, 6. tv4m Imahe ^atakratö | indra 
vrtr^ja hantav^ dich flehen wir an o weiser, Indra um des 
Vrtra willen, damit du ihn tötest III, 37, 6, vgl. 5. agni' 
dviiö jötaväi nö grnimasj agnl' 9a' j6q Ra dätavö den Agni 
flehen wir an, unsere feinde zu entfernen, und gutes za 
spenden VHI, 60, 15, vergl. IV, 32, 9- X, 74, 6. I, 3^, 13. 
katj agndja: k4ti stirjfisa: kätj uädsö k&tj u svid 4pa: | n6- 

Zeitachr. f. vgl. sprachf. XVIII, 2. 7 



98 Delbrflck 

paspl^a ya: pitar5 vad&mi prKb^mi va: kavajo vidmAnö 
k&m wie viel sind der feuer, wie viel der sonnen, wie viel 
der morgenröten, wie viel doch der wasser? nicht zum f&r- 
witz frage ich euch ihr vftter, ich frage, um es zu erfahren 
X,88, 18, vgl.I, 164,6. 

Scblierslich mögen sich einige belege anreihen fCir den 
oft vorkommenden fall, dafs ein dativ in nahem Verhältnis 
zu einem verbum und einem davon abhängigen Substantiv 
steht, tübhjam . . • dbasi' hinvantj attave dir bringen sie 
speise zum essen VIII, 43, 29. tvam purd sahasräni ^at&ni 
Ka jüth4 dänÄja mähase du mögest uns viele tausende und 
hunderte von herden zum geschenke geben VIU, 50, 89 
vgl. VI, 45, 32. tva söma mah^ bhagä tva jdna rtäjat^ 
I dakfö dadhäsi glvasd du o Soma giebst dem alten opfe- 
rer glück und dem jungen, du giebst kraft zum leben I, 
91, 7. bh&gö arjamÄ savitÄ pürädbir mahjä tvädur g&r- 
hapatjäja devd: Bh. A. S. P. die götter gaben dich mir, 
damit du die herrin des hauses seist X, 85, 36. 9a' na: 
kä^tram urü gjötrsi söma gjön na: sdijä dr^äje rinhi gieb 
uns heilsam weiten Wohnsitz, lieht o soma und lange die sonne, 
damit wir sie schauen IX,91,6, vgl. 11,27, 10. devä na aju: 
pra tirantu glv&sö die götter mögen unsere zeit verlängern^ 
dafs wir leben (oder, indem mau glväsö noch näher mit Äjus 
verbindet, „unsere lebenszeit") I, 89, 2, vgl. 1, 44, 6. VIII, 
18, 18 und 22. VIII, 48, 4. X, 14, 14 etc. jdnis ta indra 
nij&dö akäri ein platz ist dir bereitet zum niedersitzen 1, 
104, I. urü nas tanv^ tana urü käajäja nas krdhi | urü 
nö jandhi glvase räum schaff fOr uns und unsere kinder, 
räum ftkr unsere wohnung, räum auf dafs wir leben VIII, 
57, 12. pfirvfr hi te srutäja: sänti jdtave viele pfade sind 
dir zum gehen IX, 78, 2. sugdn pathö akrnön nirÄ^e gä: 
wol gangbar machte er die pfade, um die kahe herauszutrei- 
ben m, 30, 10, vgl. I, 113, 16. IV, 37, 7. VII, 44, 5. Vffl, 
5, 9. VIII, 7, 8. VIII, 45, 30. X, 75, 2. X, 108, 6. gj6tir 
andhdja kakrathur vik&kse licht habt ihr dem blinden ge- 
flacht zum sehen I, 117, 17. abhi västrä suvasan^nj arää- 
bhi dh^nü: sudüghä: püjamäna: | abhi kandri bhartave nö 
hiranjä ströme uns flammend zu (o gott Soma) schön ein«- 



aber den indogeiin«iiiseheii, specieU vediachen dstir. 99 

hflllende kleider, schön milchende kflhe, glänzenden gold- 
schmnck zum tragen IX, 97, 50. 

An diese aufzählung von beispielen knClpfe ich einige 
allgemeinere methodische bemerkungen, um schliefslich Ober 
den dativ des griechischen lateinischen und deutschen ein 
paar worte zu sagen. 

Der ausdruck „grundbedeutung^, den ich oben p. 82 
gebraucht habe, ist ebenso wichtig als vieldeutig und bedarf 
also einer genaueren definition. Man hat sich der ursprflng- 
lichen bedeutung der casus modi und tempora auf versciiie- 
denen wegen zu nähern gesucht. Der erste war der philo- 
sophisch-construierende. Er ist heut zu tage unbetreteo. 
Bs ist nicht mehr nöthig, gegen diejenigen, die nur eine 
bestimmte zahl von casus als möglich aufstellten, und je- 
dem casus in diesem Schema seinen platz anwiesen, zu 
polemisieren. Eine zweite art, den grundbegrifTen auf die 
spur zu kommen, ist durch die vergleichende formenlehre 
nahe gelegt. Man zerlege die casusform in ihre bestand- 
theile und bestimme vermittelst der etymologie den sinn, 
den die form haben kann. Wenn der zustand unserer ety- 
mologischen kenntnisse eine solche erklärung der casusfor- 
men gestattete, so wäre gegen diese methode nichts einzu- 
wenden, aber leider wissen wir Ober diejenigen elemente, 
die aus dem thema die casus bilden, aufserordentlich we- 
nig, und sind also factisch nicht im stände, der syntax von 
Seiten der etymologie zu hOlfe zu kommen. Mithin sind 
wir ftkr unseren zweck angewiesen auf beobachtung des 
Casusgebrauches. Aus dem gebrauche nun hat man 
wol versucht, den eigentlichen sinn eines casus derart zu 
ermitteln, dafs man die einzelnen ftlle nebeneinander stellte, 
das verwandte zu umfangreicheren und inhaltsloseren be- 
grifTen bereinigte, und so einen logischen Schematismus 
aufbaute, dessen spitze irgend eine allgemeine kategorie 
wie causalität Wechselwirkung und ähnliche bildet. Auf 
diesem logisierenden wege ist es vielleicht möglich, für 
mehrere (nicht ttiv alle) casus eine ganz allgemeine kate- 
gorie zu finden, aber die erkenntnifs der sprachlichen Vor- 
gänge gewinnt dabei nicht, da es natürlich nie anzunehmen 

7* 



100 Delbittek 

ist, dafs einem aprechenden voIke bei dem gebrauch seiner 
oasos solche philosophische allgemeinheiten im bewuistseiii 
geschwebt hätten. Man darf vielmehr aus der gebraucha- 
weise eines casus seinen grundbegriff nur zu eruieren Sa- 
chen auf dieselbe weise, wie man die grundbedeutung je- 
des Wortes zu finden sucht: auf historischem wege. £a 
handelt sich nicht darum , den höheren begriff zu findeuj 
unter den die einzelnen gebrauchsweisen sich logisch ein- 
ordnen lassen, sondern den historischen ausgangspunkt, von 
dem die bedeutungsentwickelung anhebt Um diesen punkt 
zu finden, dazu verhilft bekanntlich bei einer menge von wer- 
tem die directe oder indirecte Überlieferung. Bei andern ist 
man lediglich auf die allgemeine erfabrung angewiesen, 
dafs sich begriffe aus anschauungen , nicht anschauungen 
aus begriffen zu entwickeln pflegen. Die am meisten sinn- 
liche bedeutung hat im allgemeinen das präjudiz für sich, 
die ältere zu sein (vgl. G. Curtius grundz. p. 87 flgd.). 

Wenn man nach diesen grundsätzen den gebrauch 
eines casus behaudelt, kommt man auf einige, günstigenfalls 
auf einen begriff, an welchen der übrige gebrauch sich an- 
geschlossen haben muis. Diese älteste erreichbare bedeu- 
tung eines casus, gleichviel ob aus einem oder mehreren 
b^riffen bestehend, nennen wir seinen grundbegriff*. Da- 
mit ist natürlich nicht gesagt, dafs dieser grundbegriff dem 
casus anhaftete, als die casusform geschaffen wurde, son- 
dern nur, dafs es jetzt nicht gelingt, weiter in die ge- 
schichte des casus vorzudringen, als bis zu diesem oder 
diesen begriffen. 

Was nun speciell den dativ betrifil, so haben hoffent- 
lich die angeführten beispiele bewiesen, dafs man als grund- 
begriff des vedischen dativs aufstellen mufs, „die körperliche 
neigung nach etwas hin^. Und dieses scheint a«ch der 
grundbegriff des dativs überhaupt zu sein. Der dativ 
scheint in der that als der Vertreter einer körperlichen be- 
weguog des sprechenden aufgefai'st werden zu müssen. Ich 
versuche die entstehung des dativs an einem phantasierten 
falle deutlich zu macheu. Gesetzt, in der wurzelperiode 
der indogermanischen spräche habe jemand einem andern 



ttber den indogermanisdieB, speciell Tedischen datir. 101 

erziblen wollen „Ich habe dem manne das gold gegeben^. 
Es standen ihm drei.^wnrseln^ mit dem sinne mann gold 
geben zur verfOgung. Die Verbindung, in welche diese 
wurzeln dem sinne nach treten, wurde nicht sprachlich 
aosgeddlckt, sondern durch gesticulationen angedeutet, um 
zu zeigen, dafs von ihm selbst die rede, deutete der. Spre- 
cher auf sich, die grölse des überreichten g^enstandes 
beschrieb er mit den händen, und auch der mann figurierte, 
wenn auch nicht in person, sondern vertreten vielleicht 
dorch den angeredeten, oder wenigstens, indem ein fleck 
der erde bezeichnet wurde, wo er befindlich gedacht wer- 
den sollte. Man kann das auch so ausdrflcken: die erzäh- 
Inng war urspünglich eine scenische darstellung des ge- 
schehenen, bei der die phantasie die fehlenden dinge als 
gegenwärtig zu denken aufgefordert wurde. Es werden in 
der erzAhlung anch die gesten der handlung reprodnciert, 
also auch die bewegung des gebens nach dem fingierten 
empf&nger hin wiederholt. Bei dieser bewegung stellte 
sich, gerade weil sie selbst durch den mangel eines em- 
pfiUigers wenig sprechend war, ein laut oder lautcomplex 
ein (nach welcher association zwischen laut und körperli- 
cher bewegung, wissen wir nicht). Dieser laut oder laut- 
complex begleitete und vertrat die bewegung, er wurde, 
wie wir uns modemer ausdrücken würden, eine praeposition 
mit der bedeutung „nach etwas hin geneigt^. Diese prae- 
position trat hinter das wort mann, und als dieses sich 
mit der zeit zu einem nominalthema gestaltet hatte, wuchs 
es mit ihm zusammen, und die so entstandene form nennen 
wir dativ. Die form dieser praeposition könnte, nach 
dem sing, zu schliefsen, ai gewesen sein. Was dem dat. plur. 
nnd dual, zu gründe liegt, ist noch nicht hinreichend er- 
mittelt (vgl. Curtius Chronologie 72 flgd.). 

Dieser grandbegriff wie er sich aus der betracbtung 
des vedischen dativs ergiebt, ist zugleich der gmndbegriff 
des indogermanischen dativs, denn er ist so einfach und 
ursprünglich, dafs ihm kein anderer vorausgegangen sein 
kann. Auf denselben grandbegriff würde man auch durch 
die betracbtung des lateinischen dativs gekommen sein. 



102 Dfabrttck 

Der sog. dativ des griechischen and deutsehcn sind za- 
sammengesetzte casus, wie ich in meiner schrift ,,abL loc«^ 
etc. erwiesen habe. Ob der lateinische einfach oder zcft- 
sammengeselzt sei, war ohne die vergleichung mit dem 
vedischen nicht zu bestimmen. Schon daraus allein ergiebC 
sich die richtigkeit von Miklosich^s behauptung: ^dw alt- 
indische erweist sich als der wahre ausgangs- 

punkt f&r die syntax der arischen (d. i. indogermanischen) 
sprachen^ (M. der praepositionslose k>cal in den slaviseben 
sprachen. Wien 1868; besond. abdruck aus den sitzung&* 
her. nov. 1867 p. 26). Ist aber der vedische gebrauch der 
ausgangspunkt ftkr das verständnifs, insofern er allein die 
richtige anordnung an die band giebt, so ist er auch am 
besten der ausgangspunkt für die darstellung. Dazu kommt^ 
dafs wenigstens in betreff des abl. loc. instr., wie ich glaube, 
aus dem vergleich mit denselben casus in anderen sprachen 
erwiesen ist, dafs die vedischen casus dem ursprünglichen 
bei weitem treuer geblieben sind, als die casus der ver* 
wandten sprachen. Aus diesem gründe erscheint mir meine 
hypothese^ dais die vedischen casus ungefähr denselben 
syntactischen umfang hatten wie die indogermanischen (abl. 
loc. instr. p. 75) wol begründet*). Und darum ist denn 
auch der gebrauch des vedischen dativs in dieser abhand- 
lung vorangestellt. 

£s ist noch übrig, einiges Ober den dativ im griechi- 
schen, lateinischen und deutschen zu sagen. Ich habe 
schon abl. loc. instr. 73 darauf aufmerksam gemacht, dafs 
der griechische dativ oder vielmehr localis aus dem lo- 
calen, dem instrumentalen und dem reinen dativ besteht, 
und die paragraphen in Curtius grammatik bezeichnet, die 
den reinen dativ behandeln. Mit gröfserem rechte als der 

*) Schweizer in d. zeitschr. XYII, 802 meint, ich »glanbe einfach an- 
nehmen zn dürfen, dafs die indogermanischen casas die bedentangen von 
anfang an gehabt haben, weh he sieh aus deren gebrauch im reda eruieren 
lassen** Dabei ist mein ungefähr unbeachtet gelassen, und das ^yon an- 
fang an** mifsverstttndlich. Ich habe nur sagen wollen, dafs die casus im 
ganzen und grofsen denselben bedeutnngsumfang in der periode dicht vor 
der volJcertrennung gehabt zu haben scheinen. Von dem sinne der ca- 
sus in einer noch älteren zeit der indogermaniachen spräche habe ich nicht 
gesprochen. 



ttber den radogeraanischeii, speciell vedischen dfttiv. 103 

gewöhnlich so genannte dativ wird dem altindisohen dativ 
parallelisiert der griechische infinitiv. Wenigstens scheint 
mir das eine fest zu stehen, dals die inf. auf '/iBvai dative 
von neutralen Substantiven, nicht loc. von femininen sind. 
Es scheint mir in der that nicht der geringste grund vor- 
zuliegen, warum man das homerische iöfisvai anders auf* 
&S8en soll, als das vedische vidm&ne (vgl. aufser den oben 
angeführten stellen von Benfey und Kuhn auch Grafsmann 
zeitschr. XII, 255). Man darf also die Infinitive auf -usvai 
sicher mit den vedischen dativ- infinitiven vergleichen, die 
flbereinstimmung des gebrauches ist, wie man sich leicht 
flberzeugen kann, in der that grofs. Auch darin Iftfst sich 
der gebrauch vedischer und griechischer infinitive veif^Iei- 
chen, dafs in beiden sprachen der infinitiv im sinne des 
imperativs gebraucht werden kann. Z. b. tä' vö dhiji n&- 
yjas)& ^viätam pratniun pratnav&t paritasaj&dhjfii den kräf- 
tigen setzt in bewegung mit eurem neuesten Hede, den al- 
ten auf alte weise VI, 22, 7. süktdbhir vö v&Köbhir dev&- 
guätllir indrft nv kgnt ivas^ huvadhjäi mit euren gesängen, 
euren gottgefälligen gebeten ruft Indra und Agni her zu 
bOlfe V, 45, 4. Im sinne der ersten pers. plur. des imper. 
a(^ä n4 tvä vdravantä vandädhjä agnf namöbhi: wie ein 
langgeschweiftes rofs wollen wir dich loben o Agni I, 27, 1, 
vielleicht im sinne der ersten sing. VI, 67, 1. Ueberall 
erscheint nur der inf. auf -dhjäi, im griech. sowol der auf 
'(f&ai z. b. Ilias V, 124, als der auf -eiv. Der inf auf 
-dhjäi ist sicher ein dativ (zeitschr. III, 360). Auch die 
(^echischen auf -^ai (Max MOller zeitschr. XV, 220) oder 
"if&ai sind dative. Die griech. auf -eiv weifs ich nicht zu 
eiklftren. Mögen sie nun acc. sein (zeitschr. XI, 317) oder 
dative mit verkürzter endung wie Schleicher comp. p. 426 
annimmt', oder endlich locale, wie neuestens Scberer zur 
gesch. d. d. spr. 474 aufstellt {tpkotiv aus ffiQtn loc. eines 
neutrums) — jedenfalls stammen sie von einem casus, der 
die richtung nach etwas hin ausdrücken kabn, und aus 
chesem sinne des casus erklärt sich auch der imperativische 
gebrauch des infinitivs. Ueber denselben gebrauch im 
deutschen Grimm IV, 86. 



104 Delbrftdi 

In dem lateinischen dativ ist eine formelle misohong 
mit dem loc. eingetreten, syntactisch aber scheint er rein 
zu sein. Die bedeutungen des alten localis sind vertreten 
teils durch den in resten erhaltenen alten localis, teils durch 
den ablatiT (verf. abl. loc. instr. p. 72). Es schrint also, 
daCs der ganze dativ des lateinischen zur vergleichung mit 
dem vedischen herangezogen werden dürfe. Dafs auch die 
lat« infinitive anf -re dative und zwar von subst. anf -as 
sind, ist jetzt wol allgemein anerkannt (Schleicher comp. 
472). Auch die lat. iiif. finden daher ihre erklämng nur 
rom dativ aus. Als interessant f&r die lateinische syntar 
ist mehrfach, z. b. von Benfey kurze skr. gr. p. 237, die sog. 
attraction bei dem vedischen dat.-inf. bezeichnet worden. 
Er sagt darüber: „bei den als inf. gebrauchten dativen steht 
überaus häufig das von ihnen abhängige nomen ebenfalls 
im dativ, worin deutlich der innige begriffliche zusammeo- 
hang zwischen dem infin. und dem partic. fat. pass. (ge- 
rundivum), wie er am stärksten im lateinischen hervorbricht, 
zu erkennen ist, z. b. vrträja hantave Vritrae occidendo 
(ad Vritram occidendum), tamas^ viprke tenebris dividendis 
[IV, 13, 3], drpe vi^väja gewissermafsen omni videndo (ad 
omne videndum) [I^ 50, 1, vgl. Sonne zeitscbr. XII, 357]^. 
vergl. auch Roth Nir. IV, 18 und VII, 25. Ich glaube 
nicht, dafs man in der mehrzahl der hierher gehörigen ftlle 
ein recht hat von attraction zn sprechen, vielmehr glaube 
ieh, dafs vrträja hantave zu übersetzen ist „des Vrtra we- 
gen, damit du ihn tötest^, so dafs jeder der beiden dative 
selbständig zu seinem rechte kommt. Diese auffassung 
pafst auf alle fHlle, in denen der dativ vor dem inf. steht^ 
und diese sind weitaus in der überzahl, z. b. 111,29,4. 
in, 37, 5 und 6. V, 2, 9 und 10. V, 14, 3. V, 3S 4. VIH, 
82, 7. VIII, 85, 5. IX, 61, 22. IX, 86, 20. X, 16, 12. X, 
116, 1. X, 182, 3 u. a. m. Dagegen scheint in den weit 
selteneren fällen, wie t^v asmäbhjä drpdjs stirjäja pünar 
dätäm asum adjeh& bhadr4m mögen die beiden uns beute 
wieder frohen lebensodem verleihen, dafs wir die sonne 
schauen X, 14, 12 und X, 88, 1 (Itoth Nir. VII, 25) aller- 
dings eine art attraction vorzuliegen. Doch trägt diese 



über den indogermanisclien, speciell vedischen dativ. 105 

SO weit ich sehe zur aufklftrung des latein. genindivums 
nichts bei. 

In dem casus, den man im deutschen mit dem na* 
men dativ zu bezeichnen pflegt, sind vier indogermanische 
casus vereinigt, nämlich der dativ, localis, Instrumentalis, 
ablativ. Nur indem man den dativ in diese vier bestand- 
tbeile scheidet, vermag man ihn durchsichtig darzustellen, 
was A. Köhler in PfeiflPers Germania XI ^ 260 flgd. nicht 
getban hat. Aus Grimms darstellung des dativs gehören 
som reinen dativ folgende partien: IV p. 684 no. 1, 2, 3, 
4 — p. 691. No. 5 auf p. 691 gehört vielleicht zum theil 
zum localis (vgl. abl. loc. instr. 38 und 74). Femer gehört 
xnm dativ no,6— 18 und p.746 A. B 1—5, 7,8,9 vielL 10. 
Echte dative aus dem angelsächsischen und altnordischen, 
die dem grundbegriff des dativs noch ganz nahe stehen, 
fahrt Dietrich Haupts zeitschr. XIII, 128 flgd. an. 

Ob die Urform des deutschen infinitivs ein aec. dat. 
oder loc. gewesen sei, ist nicht deutlich, er ist also nicht 
so sicher mit dem vedischen dat-inf. zu vergleichen, wie 
der griechische und lateinische. 

Auffallend ist, dafs mit dem dativ weder im sanskrit 
noch im lateinischen praepositionen verbunden werden. 
Ebenso wenig im griechischen, denn bei kv^ dva^ ^f^^fA 
ini, nagd, nBQt^ ngog^ vno steht nicht der eigentliche, son- 
dern der locale dativ, bei övv und jusra der instrumentale. 
Von den gotischen praepositionen die mit dem dativ ver- 
banden werden, verlangen den ablativischen dativ: af, us, 
faora, fram, alja, vielleicht die comparativischen afar, hin- 
dar, ufar, ufaro, undaro, obgleich man bei ihnen auch an 
den localis denken könnte; den localis: ana, at, bi, in, uf; 
den instrum.: mip. Für den reinen dativ bleiben nur du 
und die späte praeposition nehva. Im litauischen ist eben- 
falls nur eine praeposition der Verbindung mit dem dativ 
Ahig, nämlich po (Schleicher 291). Häufiger ist diese 
Verbindung im zend (nach Justi bei aibi, avi, ä, pairi, mat). 
Bedenkt man aber die wahrhaft erschreckende liste von 
casu8-„umtanschungen^ bei Justi p. 386, so kann man sich 
der meinung nicht erwehren, dals im zend der casusge* 



106 WUbmndt 



brauch Oberhaupt in unordoung gerathen ist« Bei diesem 
Stande der sache wird es wahrscheinlich, dafs der indoger- 
manische dativ nicht mit praepositionen verbunden wurde. 
Halle, juli 1868. B. Delbrflck. 



Jubere. 

Mancher stamm und manche wurzel des lateinischen 
zeigt uns, wie leicht der lippenselbstlaut den entsprechen- 
den hauch hervortreibe, wie leicht u v doch wiederum sich 
dissimilire. Wie neben, ja schon vor vacuus (Accius) va- 
clvus (Plaut.) erscheint, neben nocuus (Ovid.) kaum jünger 
nocivus (Phaedr.), wie neben deciduus (Laber.) decidivus 
(? Perv. Veneris), so sehen wir von Status nicht blofs sta- 
tua (Bnn.; doch wohl imago statua eig.)^ sondern schon 
bei Varro stativus. Auch ohne dafs ich noch ruvidus bei 
Plin. (Forcell) von ruere neben nvus anftkhre (sollte dies 
auch von sru stammen, zeitschr. XII, 413), erräth man, 
was ich will: jene paare stammen aus formen mit -tLvus. 
So hat der alte Lucr. noch fiavidus (nach Lachm. II, 452 
auch fiuvidus); wie Forcellini neben Fluonia Fluvonia (var. 
lect. auch Fluvionia) beut, so las Saumaise bei Solinus 
fluvitare. Besonders in hauptwörtern sieht man vor i das 
alte UV sich ofb behaupten: fiuvius; con-, defluvium (auch 
diffluviare, denominativ), influvium (?), profluvium; plnvia: 
com-, dis-, impluvium; exuviae, induviae, rednvia; col-, 
di-, inter-, malluvium, pelluviae, proluvium, subterluvio, 
subluvies, circumluvium (oder -o), eluvies, il-, reluvies. 
Von Zeitwörtern finde ich nur depuvit (Lucil.); denn op- 
puviare ist ja erst aus oppuvium denominativ. Verdächtig 
(Forcell.) abluvio, praefluvium. Hat man nur die ange- 
fahrten hauptwörter vor äugen, so mag uv im lateinischen 
beliebt scheinen, wie denn confluges (im slavischen, wenn 
zeitschr. XIV, 224 recht hat, in derselben wurzel diese Ver- 
mittlung regel) sehr als ausnähme neben confluvium, Con- 
fluentes steht; doch dürfen wir uns vor allem nicht ver- 



jttbere. 107 

heblen, dafs fast ohne auBnahm,e die beweglicheren Zeit- 
wörter diese behäbigkeit verschmähen: fiuere, pluere, exnere, 
induere, luere. Wir sahen schon oben fkw zu Iv erleichtert; 
dem ähnlich wäre noch anzuführen qnadrivium aus qua- 
toor, eine erleichterung, die freilich auch in quadrijugus 
erscheint« Umgekehrt tritt aber auch, uv zu dissimiliren, 
erschwerung des selbstlautsein: perplovere (Corsa. II, 160), 
conflovont (Corss, I, 238- 261), foverint*) (Corss. II, 159) 
nicht blofs als Vorgänger, vorQbergebende, jener perphiere, 
sondern auch Jovis. Wie nun nach obigem, uv zu dissi- 
miliren, der Selbstlaut entweder (mehr in älterer zeit) Stär- 
kung oder Schwächung erlitt, so tritt nun neben den aus- 
wurf des hauchs (fluere) die Stärkung desselben zur media. 
Darf man nicht nach Marruvium, Marrubium auch Litu- 
bium beurtheilen? Freilich bleiben Lanuvium, Simbruvium; 
Pacuvius, Vitruvius so stehn; das darf nicht wunder neh- 
men nach obigen beispielen, um so minder als namen 
— da sich minder aus dem Zusammenhang, was oder wen 
man meine, ergibt — wohl noch starrer sein möchten, 
wenn ja gleich zuzugeben, dafs wiederum das festhalten an 
der Wurzel hier durchaus nicht interesse war. Dübius von 
düo scheint mir so unzweifelhaft als dafs das o hier dual- 
enduDg; denn das b aus v entstehn zu lassen, hindert 
mich wßder zeitschr. XIII, 397 noch XVI, 438. Dort die 
Zusammensetzung von aiAtfigßriXHv wie tveifis zugegeben, 
hätten eben diese beispiele warnen mögen in dubius Zu- 
sammensetzung unsers Zahlworts mit einer wurzel die hier 
als „b" erschiene anzunehmen; hier aber ist vidadhsti as 
(di)vidit wohl ganz vergefsen? Ich komme noch einmal auf 
Jövis zurück. Ihm aufs haar gleicht bovis; davon das von 
Varro verworfene — doch also gesprochene! — bövile. 
Wir thun wohl recht im anschlufs an zeitschr. II, 4 als 
ursprfinglichen laut der nominative den doppellaut anzu- 
setzen. Wie douco : düco, so Jupiter. Dafs es nun bös 



^) Anch diese form darf angeführt werden, sollte auch Gorwen recht 
b«lialten, der als das ursprüngliche hier einen doppellaut (foa-e-rint) annimmt 
Efl ward eben ans fou-e-rint zwar fuerint (wie douco : düco), aber doch mit 
umgebusg yon uy ttlter foverint. 



108 WUbrandt 

biefs, mag dem streben der gleichsetzung (mit bovis u. s. w.) 
zu verdanken sein — bovis u. s. w. werden zu beartheilea 
sein wie oben föverint. Wir finden nun aber formen, in 
denen auch bei der consonantischen vermittelung dem ver- 
einfachten doppeliaut die dehnung gewahrt blieb. Die 
dehnung aber bestand in fl und — die vermittelung daan 
in h! Bübile (Curt. II, 159) gefiel dem conservativen Vanro 
befsor. Aehnlich Babona, bübulus. Dafs auf diese weise 
das wort förmlich im stamm wuchs, mag eben seiner ein- 
silbigkeit zu danken sein: bildete man doch sogar bubse- 
qua — eine form die wohl meine aufiTassung von dubius 
oben stOtzen mag. Onomatopoetischem einflufs nämlich 
mag es hier zugeschrieben werden, wenn das dissimilirende 
6v dem dissimilirenden iib wich: bübulcus, subulcus*), sü- 
bare (sss ißäv) dürfen noch minder auffallen als jenes buh» 
sequi). Zum dritten und letzten mal a Jove principium! 
Jnbar nämlich deutet zeitschr. lU, 162 ausjuvas, der Wur- 
zel entstammend, der Jupiter, Jovis u. s. w. gehören. Ich 



*) Man erlaube mir diese ausdrücke nach moglichkeit auch ihrem zwei- 
ten theil nach ins klare zu setzen. Promuleum, reranlcum (Corsaen I, 259) 
sind ja natttrlich nicht von jenen zu trennen. Festus (: remulco est, cum 
scaphae remis navis magna trahitur), sieht man, will mit seiner erkUnmg 
auf remtis hin, und ich gestehe, trotzdem dafs der (freilich späte) Ansonina 
rifmulcum hat, trotzdem dafs wir gewifs in erster reibe an entlehnnng aus 
QvfiovXxflv zu denken haben (Am. XVIII, 5 beut rymnlcis, dat. pL): die 
entstellung mag anklang an remus sein. Mit remeligines (remorae) es co- 
sammenzubringen, hindert mich die bedeutung; eher mochte ich bei diesem an 
ftfvtiv denken, von dem ja auch dissimilirend ftikktu- stammt (jAÜktt ist activ 
zum medium mdnjate d. h. meminit, cogitat, vgl. j'ai pens^ monrir), ja dessen 
Wurzel selber schon aus dem beharren in das andre übergeht; ufvfir (uifioroc) 
: fiito^f f4iftaa= yn'ia&at> iyiynra) : yitoq, yf'yaa' Nicht viel leichter flUlt 
promulcum mit promellere (== litem promovere Fest.) zusammenzubringen. 
Dies promellere wird ja ein causativ von meare sein, wie trt/lXf.i' bei Hom. 
neben ar^i-ai und unser „stellen'' tritt, wie neben dbajati ^ 9-rJTcu, wie 
sich auch ßiiikka dazu verhalte (vergl. indessen dev£s ^ &ti\)i fellat, frei- 
lich ohne causa tive bedeutung; vergl. also cantillare, noch besser conscribil> 
lare; so kommen auch sonst causativ und deminutiv zusammen, vergl. 8tei> 
gern, räuchern mit stochern, plattd. bäwe'n (gleiche, hebern von beben, wie 
von tremere : it. tremulare, franz. trembler), klettern. In promulcum aber 
scheinen wir genSthig^ ein lateinisches verhältnifswort anzuerkennen: prom, 
entsprechend dem goth. fram, engl, from, sich zu allemächst aber anschlie- 
fsend an nQOfinq, Der zeitwortstamm aller obigen ausdrücke wird auf ^Im§§ip 
zurückkommen, aus dem ja sulcus wie nlcns zu deuten — wie Gurt. I, 830 
wegen f^i|rm u. s. w. zuletzt auf svar zurückkommt, hätte er auch 106. 107 
wohl Uxtt und fkxm; vereinigen sollen. 



Jubere. 109 

schliefse mich dieser ansieht i^n, lasse also X, 356 nur in^ 
aofern gelten, als jüba and jübar gewifs zuBammengehören. 
Bei dieser Wörter Zusammenstellung mit i&etga fehlt nämlich 
der nachweis, dafs je sonst ü s= e. Fälle wie scopulns, 
nebula, Siculus, triobulus, auch mulgere =i a/Äskystv (Cors- 
sen I, 258. 259) sind doch verschieden — als wenn man 
mit peUo, pepuli, pulsus; vulsus von vello obiges belegen 
wollte I Für jene ältere deutong von jubar (und juba) läfst 
sich, meine ich, auch noch etwas mehr anfahren, als jene 
dichterstelle, welche in merkwürdiger weise die bedeutun- 
gen der wurzel, um die es sich hier handelt, zur gemein- 
samen anschauung bringt, Vergil. I, 588: Restitit Aeneas 
elaraqne in luce refiilsit Os umerosque deo similis; nam- 
que ipsa decoram Caesariem nato genetrix lumenque 
jttventae Purpureum et laetos oculis adflarat honores. 
Was nämlich jubere betriffl;, so erräth man nun, wie ich dar- 
fiber denke: zu jüvare (gut sein) gehört jubere (gut heifsen). 
Im tit.Mumm. kommt ja jovbere vor (zeitschr.11,368). Diese 
alte Schreibart ist auch meiner vermuthung günstig. Dafs 
av sich zu ov oder üb dissimilirte, ist oben nachgewiesen. 
Sollte nun der Steinmetz beide dissimilationen verbunden 
haben? Vielleicht sprach damals (nach 146 vor Chr.) noch 
nicht jeder ohne ausnähme so hart (üb) aus: jeuer setzte un- 
parteiisch beide weisen nebeneinander, wie unsre, uns selbst 
nach grade seltsam scheinende Schreibweise „ Stadt ^ platt- 
deutschen, dann hochdeutschen gerecht wird; ja wenn 
nun wirklich joussi (zeitschr. II, 363) vorkommt, was wird 
das anders sein, als erinnerung, nachklang des alten jovere 
(ein ziemlich beliebter tonfall: monere, docere, tongere, 
horrere, mordere, sordere, fovere, movere, vovere, torrere, 
spondere, tondere, torquere)? Freilich mathematisch genau 
hAtteu sie jovsi oder jossi schreiben sollen. Dies jossi aber 
deotet uns wieder an, in wie vielen formen des Zeitworts das 
o (ja nur aus u dissimilirt) gar nicht recht durchgedrungen 
gewesen sein mag, n&mlich überall wo der grund zur dissimi- 
lation fehlte. Jussi, meine ich, läfst sich aus jubeo mit urspr. 
oder gar p gewesnem b gar nicht erklären — man vergl. 
doch nur: nupsi glupsi scripsi gegen ussi, gessil Die rechts- 



110 Wilbrandt 

gelehrten liefern uns manchen beweis, dafs die bedentung, 
welche bei Lübker (in Klotz' wb.) zuletzt steht („ geneh- 
migen **), zuerst stehn mufs, dafs jubere zu juvare sich 
wirklich verhält wie pläcere zu pläcare, sedere zu s^dare. 
Zwar erscheinen piftcare und södare als factitiva zu ihren 
▼er wandten, auch pärare zu pärere; aber die geringe zahl 
der ftlle wie die nicht einstimmigen quantitätsverhältnisse 
wQrden ein einmal umgekehrtes verhAltnifs in den bedeu- 
tungen gar nicht so wunderbar erscheinen lassen — was 
es aber in der that kaum ist; denn doch ist auch jubere 
das consequens, so: quod senatus censuit, id si populum 
juvare visum erit, populus fieri jubebit*). Die alten for- 
mein, die dies verh&ltnifs als das. eigentliche darthun, sind 
aufser der: velitis, jubeatis, Quirites! 6aj. I, 99: Populus 
rogatur, an id fieri jubeat. Liv. I, 46: Servius ausus est 
ferre ad populum, vellent juberentne, se regnare? XXX, 43: 
tribuni plebis ad populum tulerunt. Vellent juberentne 
senatum decernere ut cum Karthaginiensibus pax fieret? 

*) Hiernach habe denn auch ich durchaas nichts dagegen, dafs jubere 
^alte causalbildung** (zeitschr. VI, 298) sei. Es ist eben: sich gefallen las- 
sen. Zeitschr. VII, 60. Dafs svSpajati ^ sdpit (das. 50), wer wird das 
bestreiten? Den andern gleichsetzungen dort wird man wohl seinen beifall 
versagen, vgl. Gurt grundz. I, 32. 2xa>f ») (zweifelhaft nach Pape) wird aus 
auair^il erklärt. Sollte das auch fttr a*diffi wirklich gelten (dort wahr- 
scheinlich gemeint): was wird nun aus «rxa/'fi's axaifeiAi, axnjtrq^ üxajta'i 
Bei so reichlichem vorkommen des ij^ in dieser wurzel läge doch scabere zu 
vergleichen näher, als wegen entstehung des (p an ein sanskritaüix zu ap- 
peUiren. Wird das. s. 6$ moveo erklärt aus mopejo, so mochte man dagegen 
firagen: soU denn auch mutare ein p verloren haben? Nach obigen conflovont 
u. s. w. stehe ich nicht an mutare, movere als neuen beleg für juvare (ad- 
jntare), (jovere) jubere zu nehmen. S. 56 soll gar fervere, febris mit ^al- 
ntyv zusammengehören; aber die frühere deutung (zeitschr. V, 347) wird uns 
jetzt noch dadurch unterstatzt, dafs babhnis bei Hematt. und in der Medini- 
kösa gradezu „feuer<* erklärt wird. S. 56 wird hSbes auf hl^iajati zurflck- 
gefUhrt (amittit). Und warum? Verwandte dieses Zeitworts {yalav^ xavrm) 
haben die bedeutungen: klaffen, erschlafTen. Ich meine: bedenkt man, wie 
o^i'c und wxi'c, acupedius und equns acer einander bertthren, so wird man 
sich doch vielleicht eher entschliefsen, lat hSbes auf lat. habere (»was fest- 
gehalten wird*) zurückzuführen, zumal da x^ß^^ (xi/ftn?) der festhaltende 
manlkorb ist. Haben wir nun nach alle ' dem wenig grund lat b , v als 
entartung eines p, das nur noch selten ind. p entspreche, gelten zu lassen, 
so wird auch wohl die Zusammenstellung unsres jubet mit einem jnpajati 
aberwunden sein. Dies jupajati nämlich ist selber gar nichts wirkliches; 
vielmehr lautet von jfiuti (junSti, junite) das causativ jävajati, ebenso von 
jujöti, welches letztre ja freilich auch schon der bedeutung wegen (arcet) so 
wenig passen würde als jupjati, das wirklich vorhanden (er verwirrt). 



jubere. 111 

Fern^ bei der freUassung und erblaseung: Oaj. I, 21 Üb«* 
esse jassus et heres institutus. fr. 49: Si here8....dare dam- 
natus aut quis über esse jussos est. Brisson: Liberias di* 
recta ita relinquebatur: Liber esto vel liberi sunto, liberum 
esse volo aot jubeo. — Jussus esse liber pro praeoiio. Gaj« 
II , 117: Titius heres estol Titium heredem esse jubeo. 
Brisson: Jussus possidere; praetor latitantis bona possidere 
jabet. Drittens — woraus sieb der ausdruck fidejussor =» 
fidedictor erklärt, wurde der bürge, nachdem ihm der In- 
halt der bflrgschaflb noch einmal vorgesagt war, gefragt: 
Ita tu bona fide esse jubes? Viertens: Die klage desjeni- 
gen, der mit dem hanssohn contrahirt hat, gegen den haus- 
vater wird bezeichnet: actio (emti, venditi u. s. w.) quod 
josso, nicht blofs wenn der haussohn im auftrage des haus- 
Vaters contrahirt, sondern auch wenn später der hausvater 
ratihabirt hat. Endlich knflpfl an die alte stelle: Restitui 
debere et posse hereditatem fidei commissam Äpronianum 
SC. jubet — Brisson noch die bemerkung: Contra ea „non 
jubere^ idem aliquando est ac vetare vel inhibere. Er- 
klärlich, wenn jubere ,»gut heifsen^ war, „ erlauben ^I — 
Man sieht, ein so belegter gebrauch mufs wohl der alte, 
eigentliche sein. Dafs aber juvare und jubere wohl zu- 
sammengehören mögen, dafQr noch ein paar stellen. Cic. 
or. 48, 159: refer ad aures, probabunt: quaere, cur? ita se 
dicent juvari. Seneca epist 106: quae scire magis juvat 
quam prodest. Juven. VI, 222 : Hoc volo, sie jubeo! Sit 
pro ratione voluntas! So steht denn jubet dem ind. dfvjati 
ziemlich gleich (auch dies wird ja „stäuti^ erklärt) — es 
ist nur mit Vorliebe fbr entwickelung der consonanten, dies 
aber südlicher, vocalischer gebildet; auch ist die abwan- 
delang verschieden, da dfvjati nach cupit geht. „Ichlobe% 
,,ich lobe mir*^, das war also der urbegriff des Zeitworts, 
dem aus Cic. angeführten probabunt nahe tretend. Man 
erlaube mir noch einige parallelen mit dem oben nachge- 
wiesenen gebrauch aus heimischen quellen. Loben ist bei 
Wächter = bestätigen, im Schwabenspiegel =: geloben, 
spondere, stipulari. In den Nib.: in die hant loben; einen 
ze manne loben. So im Sachsensp. lop sss gelöbnifs, im 



112 Wilbrandt, jubere. 

oberl. gloss. =rs ObereinetimmuDg, bei Stalder sogar feadat* 
abgäbe voa eiDeoi landgote im falle einer hand&Ddenuig 
(offenbar als zeichen des einverstaDdenseins). So beut das 
bremisch-nieders. wb. nicht blofs (111,25) to der S waren Lare 
d. h. so dafs die geschworenen bei der scbaunng nichts 
daran zu tadeln finden, sondern auch: mit Erven Lave 
d. h. mit dem gutheilseu, der bewilligung seiner erben. 
Endlich bei Richey (Hamb. Id.): laven d. h. rei venali pre* 
tium statuere, z. b. : by em is laven un geven eenerlejr d. h. 
er läCst sich nichts abdingen. Wenn ich hinzufüge, dafs 
schwedisch löflesman ss fidejussor ist, so hoffe ich ge- 
wonnen zu haben. Die belege davon, dafs jubere einst 
„gut heiisen^ war, habe ich zwar reichlicher beibringen 
können, als die spuren, dafs man einst jövöre aussprach. 
Bedenkt man aber, dafs das recht wohl conservativer in 
der anwendung der ausdrücke als in der ausspräche der- 
selben war: so ist die vermuthung vielleicht nicht gan>: 
unstatthaft, dafs das entschiednerwerden der bcfdeutung (von 
y^gat hcifsen^ zu „heifsen^) band in band ging mit der 
festigung des lauts. Fragen könnte man ja allerdings noch, 
wie es doch geschah, dafs das uv in jüvare sich hielt. 
Meine antwort: gemildert war dies sonst offenbar nicht 
beliebte durch den Wechsel von üv und üv (jüvi); auch 
liefse sich wohl behaupten, dafs, wenn ein unterschied gilt, 
jedenfalls die sogenannte l.conj. die starrste, hauptwort- 
ähnlichste von allen ist; endlich ist adjuvare, wie es scheint^ 
h&ufiger im gebrauch gewesen (schon bei Enn. und Pacuv.), 
dafs der accent wenigstens im ganzen nur selten auf jenes 
UV fiel: adjuvat wie depuvit (zeitschr. I, 548) — während 
Zusammensetzungen von jubere kaum bekannt sind. 

Nur als schüchterne anfrage wollen die nachfolgenden 
Zeilen aufgefafst sein. Wer mir oben wegen juba beistinunt, 
ferner sich vielleicht nicht mehr verhehlt, welches das Ver- 
hältnis von xofifi und xofAüv eigentlich sei, nämlich xo^iri 
was schmuck, (dem äuge) lieb ist, xofAilv das liebe erwei- 
sen; — der mag es der prüfung nicht unwerth finden, 
wenn ich vorschlage auch unser laub in derselben weise 
aufzufassen, mit andern werten: dem von Grimm ange- 



Kind, ;r^eiia — nQÖßaia. 113 

nommenen liaban („tegere, fovere^) vielm^r die bedeatung 
JQ^are zuzuweisen; so bleiben wir bei dem kreise von be- 
deutUDgen, die dieser wnrzel tbatsächlich zukommen, in 
einer weise die gegenseitig mit den so eben gemachten 
xosammenstellungen sich stOtzen mag. Die slavischen aus- 
dröcke lit. lapas, böbm. lupen u. s. w. scheinen vielmehr 
mit JÜTiog^ Xkntiv (freilich dann auch Xtnxog) vergleichbar, 
das laub also mehr im gegensatz isum derberen stamm 
u. 8. w. hinzustellen. 

Bestock, 17, mai 1868. Wilbrandt. 



üqdxa — Hqoßaxa. 

Ein beitrag zur Charakteristik der griechischen 
Vulgärsprache. 

Die griechische vulgärsprache , die ihren besonderen 
ausdruck in den Sprüchwörtern und Volksliedern findet, hat 
mehrere wortformen und dialektische eigenthQmlichkeiten 
aufzuweisen, die sich oft durch die eigenthümlichsten Ope- 
rationen , welche mit den werten vorgegangen sind , z. b. 
durch ab- oder ausstofsen von vocalen oder ganzen Sil- 
ben, erklären lassen. Diese spräche kennt im allgemeinen 
die formen der apokope und aphäresis in unzähligen 
fiUlen, und sie sind ihr selbst zu einer sprachlichen eigen- 
thümlichkeit geworden, die sie auch beim schreiben und 
im schriftlichen verkehr beibehält, während andere in 
ihrer auffallenderen bildung mehr oder auch nur ausschliefs- 
lich der eigentlichen und ursprünglichen Volkssprache, der 
gesprochenen spräche {xa&oudovfiBVfj yläatta) und dem 
mflndlichen verkehr des volks angehören. Eine solche 
eigenthümliche form, die sich in neugriechischen Volkslie- 
dern findet, ist die wortarm ngdta. Man ist bei der 
grammatisch -etymologischen erklärung dieser form, die 
mao aber nicht etwa gerade einem besonderen dialekte zu- 
zuweisen hat, zunächst davon ausgegangen, dafs es eip 
ZeiUchr. f. Tgl. tprachf. XVIII. 2. g 



114 KiDd 

Hohl gricehiscbes wort ist, das man vor sich bat und das 
durch das volk in seiner weise und unter anwendung einer 
ihm sonst geläufigen form umgebildet, sogar, wenn man will, 
verstömmelt und entstellt worden ist. Solcher formen, die 
durch abwerfung oder ausstofsung von vocaleu oder silben^ 
zu anfang oder in der mitte des wertes, entstanden sind, 
kennt die griechische vulgärsprache viele, und sie können 
in den einzelnen beispieien, die sie darbietet, auch ftJr die 
erklärung der obigen form gewisse, gar wohl mafsgebendr 
winke gewähren. Ludwig Rofs stellt davon in den „bei- 
tragen zur kenntnifs und beurtheilung des neugriechischen^ 
im dritten bände seiner „reisen auf den griechischen in- 
sein (Stuttg. 1845) s. 167 mehrere beispiele zusammen^ und 
sie lassen sich noch vielfach vermehren. So sagt die neu- 
griechische Volkssprache fAciri dri/iofn) statt ofipkdnov^ Qfa- 
rdu) statt hqmrdfa^ Tregnaraj statt nBQtnaiM^ öfiiyio statt 
öVfAuiyu)^ ebenso tt^onq^ca för avyx^Q^^» (f^ct^ixta för övy- 
Xagixia^ eQfiog för egtiuog, rd cfdutv für vd (fdyiouBv, nov 
n^S för nov vndyeig^ d-e rd för &^}.(ü vd u. s. w, Aebn- 
lich ist es mit dem ausstofsen von consonanten, woftkr 
Rofs ebenfalls beispiele anfahrt (a. a. o. s. 173), z. b. Xiu) 
und selbst kcH för keyu)^ was man, wie er sagt, Ober ganz 
Griechenland hört, während er dagegen solche formen, wie 
ngoatov für ngoßarov^ &oaX6og för d'BoXoyog (ein dorf auf 
Rhodos), oXiog för oA/yog, €t;^yö} för öei'xvio u- s. w. nur 
auf einzelnen inseln (Rhodos, Karpathos, Chalke, Ealym- 
nos) hörte. 

Die obgedachte form ngdra kommt in Volksliedern 
mehrfach vor. Schon Fauriel : Chants populaires de la Gr^ce 
moderne (Paris 1825) bd. U, s. 90 theilte ein Volkslied 
mit, in dem ein hirt, der auf kurze zeit seine schafe ver* 
läfst, um nach hause zu gehen, sagt: 'Ano rd ngdra 1^- 
XOfioti, (v. 6). lu der Sammlung von Passow: Popularia 
carmina Graeciae recentioris (Leipzig 1860) heifst es in 
einem ähnlichen, aus der atheniensischen Zeitschrift Flav- 
d(6ga entlehnten volksliede (s. s. 305 no. 429 v. 7 uud 9) 
ebenfalls von einem hirten, der von seinen schafen kommt : 
läno rd ngdra fitog^^ofiai (dno rd ngdra fAov ^^^fnai, wie 



n^aTOt — TTQnßaia. 115 

• 

auch in der UavöwQa steht), and gleich nachher um ans* 
zndrQckeo, dafs er bald wieder zu ihnen zurOck mOsae: 
K* ix^ (*° ^^^ IlavSiüQa steht: xai x^) ^^ ngdra ia 
uQvaxd. Ebenso steht auch in einem anderen Hede no. 431 
V. G bei Passow s. 306 , das im wesentlichen dasselbe mit 
jenem ist nnd nur kleine sprachliche änderungen aufweist: 
j-Itio tu ngdva utiq^f^uai. In gleicher weise hat der 
Grieche Chasiotis in der von ihm herausgegebenen ^j^V/v" 
Xoyrj rwv xard ti^v "HnuQov SrifxoxiTtmv (fCffidtuiV (Athen 
1866) s. 167 ein ähnliches Volkslied über den nämlichen 
gegenständ, wo ebenfalls der hirt seine schafe kurze zeit 
verläfst und sagt: ctTTo rd nqdrct iQ^ovitai {xv3. für ^p- 
XOfiai). 

' Dem ganzen zusammenhange nach ist an allen diesen 
stellen offenbar nur von schafen die rede, und es liegt 
nach den oben angezogenen beispielen die vermuthung 
nahe, dafs ngdra aus Ttooßara entstanden sei. Schon 
an sich sprechen die obangefQhrten ähnlichen formen der 
griechischen vulgarsprache dafür, und den Übergang zu 
dieser form kann in gewisser hinsieht das von Rofs ange-^ 
merkte beispiel von der insel Rhodos machen, wo das volk 
ngoitrov f&r TiQoßarov sagt. In dieser weise sehen, ety- 
mologisch-grammatisch betrachtet, auch der Grieche Cha- 
siotis, sowie Passow, die sache an, und namentlich bemerkt 
orsterer in seinem, den Volksliedern angehängten glossar: 
Tigdra^ avti ngoßara. (Fauriel übersetzt einfach: Je 
viens d^aupr^s de mes troupeaux.) Diese erklärung erhält 
eine art Unterstützung durch andere Volkslieder. In Ulrichs 
„reisen und fbrschungcn in Griechenland'' bd. I (1840) s. 141 
findet sich ein Volkslied, das den von Fauriel, Passow und 
Chasiotis mitgetheilten ziemlich ähnlich ist, welches Ul- 
richs von einem alten hirten in Arachowa am Parnafs hörte 
und aus dessen munde niederschrieb, und das nämliche 
Volkslied theilt dann auch Tommaseo im dritten bände 
seiner Sammlung: Canti popolari (Venedig 1842) s. 302, 
unabhängig von Ulrichs, mit. Wo in jenen vier ersten 
Volksliedern rd ngdva steht, haben Ulrichs und Tom- 
maseo: TiQoßata, Das volk, das seine Volkslieder singt 

• 8* 



116 Kind 

und dabei ändert und hinzusetzt, wie es mag, hat bei dem 
Worte Tigdta in jenen stellen offenbar nur an ngoßarn 
gedacht. Gleichwohl ist kürzlich die richtigkeit dieser er- 
klärung und ableitung bestritten worden, und sie hat so- 
gar zu einem literarischen streite anlais gegeben, auch 
wenn dieser streit von der einen seite offenbar mit sehr 
ungleichen waffen geführt worden ist. Die sache ist diese. 
Im jähre 1867 gab der bekannte griechische gelehrte Ale- 
zander Risos Rangawis eine ^Grammaire du grec actuel^ 
in Paris heraus, in der er zugleich als proben dieses grie- 
chisch mehrere stellen aus neueren dichtem und einige 
neugriechische Volkslieder nebst anoierkungen mittheilte. 
Dort fand sich auch das streitige wort ngdra^ und Ran* 
gawis erklärte es als eine zusammenziehung aus nQayfActra. 
Damit war aber ein französischer kritiker, P. Meyer, der 
in der pariser Zeitschrift: Revue critique vom 4. Januar 
1868 jene grammatik besprach, nicht einverstanden. In- 
dem er im allgemeinen die getroffene wähl jener Schrift- 
stücke und den dazu gegebenen commentar, als keiner 
besonderen anerkennung werth bezeichnete, führte er als 
einen charakteristischen irrthum des Verfassers an, dals 
dieser, „obgleich er ein Grieche sei*^, das wort ngdta 
(„Schafe**) auf die obige weise erklärte. Und Meyer setzte 
hinzu: j^nqdra ist aus ngoßara entstanden**. 

Rangawis blieb die antwort darauf nicht schuldig. Er 
erklärte in der nämlichen pariser Revue critique vom 
11. April 1868 (p. 242), dafs zwar ngdta fftr ngdyuaxa 
(wofür das volk auch ngdituara sagt), die schafe bedeute, 
denn so nennen — bemerkt er — in ganz Griechenland 
die hirten ihre schafe*), aber „die abkürzung des wortes 
nqoßata^ das den accent auf o hat, kann niemals, nach 
dem geist der spräche, ngdra sein**. Wie Rangawis dies 
meint und wie er dies behaupten kann, ist nicht klar. Er 
selbst spricht sich darüber nicht näher aus, aber es liegt 



♦) Dm bestätigt unter anderen der Grieche Protodikos: ^Iditaxi^ua t^; 
¥imxfQa(i Uiliji'tx^i; xXtaaatjq (Smjrna 1866), indem er 8. 60 bemerkt: 

nqoßaxci^ alyt^i ßovq^ oro* xk. 



itqdta — n^oßata. 117 

nahe, diesen grund nicht weiter za berOckeichtigen, zu* 
mal es an Beispielen nicht fehlt, in denen die neugriechi- 
sche spräche, namentlich die ;^vda/a ykwaaa, gerade in 
Sachen des accents den geist der spräche, besonders wenn 
man bei behandlung dieser spräche und bildung einzelner 
Worte dieser xvSaia yXüöCa dem geiste der altgriechischen 
Sprache sein recht zugesteht, nur gar zu häufig verletzt. 
Wie Qbrigens das ausstofsen der silbe in nQ(Qß^ata — 
Tigdra^ an sich und durch Übertragung des tones auf a, 
eine Verletzung des geistes der spräche enthalten oder be* 
dingen soll, ist schwer zu begreifen. 

Der genannte Franzose Meyer läfst jedoch nach dem 
allen die sache nicht auf sich beruhen. Er bezieht sich 
bei mittheilung der erwiederuug des Griechen Rangawis 
a. a. o. zunächst darauf, dafs die erklärung, welche ngdva 
von TtQoßata ableitet, von Passow sei (worauf an sich 
nicht viel ankommt, zumal auch andere die nämliche an- 
sieht haben), und er meint, dafs sie „wohl ebenso viel 
gelte als die andere^. Meyer scheint also die Verantwor- 
tung f&r die -richtigkeit der ableitung ngdra aus ngo' 
ßaxa nicht auf sich nehmen zu wollen. Dagegen möchte 
ich vielmehr ftr meine person und nach dem obbemerkten 
jene ableitung: ngäta von ngoßara f&r die allein richtige 
halten, da die gegengrQnde in der that nichts stichhaltiges 
und Qberzeugendes haben, und ngdta fbr ngayuara 
oder TifjäfAfiata weit eher etwas gewaltsames haben 
dürfte, als jene. Aufserdem erwähnt aber Meyer noch 
eine dritte erklärung, die der Franzose Fr. Lenormand auf- 
gestellt habe, und er giebt sogar dieser erklärung vor den 
beiden andern den vorzug. Darnach soll nämlich das grie- 
chische wort 71 Q ata vom italienischen prato sein, und es 
beruhte also das erstere auf der blofsen beibehaltung des 
italienischen prata, da die Italiener nicht blos i prati, son- 
dern auch le prata sagen (ähnlich frutti und frutta). In 
dieser hinsieht wäre niclits dagegen zu bemerken. Die 
neugriechische spräche hat manche italienische Wörter ent- 
lehnt, und namentlich brauchte man gerade hierbei nur an 
das Dengriechiscbe xafi^og, vom lat. campus oder ital. 



118 Kind, :t(taia — x^^oßma. 

oampo, zu erinnern. Aber ein grolker irrthnm ist es, wenn 
Meyer hinzusetzt, dafs jene ableitung des Wortes ngdra 
ans dem italienischen sehr gut der stelle entspreche, wo 
es vorkomme: ano tä ngäva igxoiiai^ „ich komme von den 
feldem^ (richtiger: von den wiesen, da es sonst heiisen 
mQfste: äno rovg xdfinovg)^ und dafs es viel besser passe, 
als: ,,ich komme von den herden^ (vielmehr: von den 
Schafen). Darüber w&re indefs noch zu streiten. Jeden- 
falls ist es überhaupt und besonders f&r den griechischen 
hirten, dem die werte in den mund gelegt werden : dno rd 
ngdta ÜQxofiai^ bezeichnender, wenn er spricht: „ich 
komme von den schafen, oder von meinen Schafen^, als: 
„ich komme von den wiesen, oder gar (insofern es dort 
auch heifst: dno td ngdza f^ov) von meinen wiesen^. 
Aber das h&ngt gewissermafsen von dem gefOhle des ein- 
zelnen ab, und bleibt geschmackssache. Allein es ist falsch, 
wenn gesagt wird, dafs eine ableitung des wertes ngdra 
vom italienischen prata (die wiesen) dem zusammenhange 
nach zu den einzelnen stellen weit besser passe, als die 
andere erkl&rung. Denn diese ableitung pafst vielmehr 
gar nicht zu dem sinn jener stellen, und der französische 
kritiker hat nur eine stelle gelesen. Was macht er denn 
mit der anderen stelle, wo es heifst: 

K' ix^ (oder xae *x**^) ^^ ngdta u fiovaxd — ? 
Dem ganzen zusammenhange nach will hier der hirt dar- 
legen, warum er bald wieder zu seiner herde zurück müsse, 
denn — sagt er — l^x^ ^^ ngdta (ngoftatd) fAov fiO" 
vaxd „ich habe meine schafe dort allein'^ (zurückgelassen). 
Soll hier etwa auch der ausdruck: wiesen (oder: felder) 
passend oder gar besser sein? 

Ich überlasse dies ganz und allein dem Verständnisse 
und gef&hle des lesers. 

Dr. Theod. Kind. 



Clemm» anzugen. 119 

Lugaag« and tbe study o{ laoguage. Twelv« loctons oo the principleB 
of linguistic science by W. Whitney. London 1867. 489 pp. 8. 

Das beispiel M. Müller's, das verstftndDifs und das 
interesse eines gröfseren publioums f&r die Sprachwissen- 
schaft durch eine populär-wissenscbaftliche darstellung ihres 
ziels und ihrer methode zu wecken, hat nicht nur, wie die 
wiederholten auflagen des Originals und die Qbersetenngen 
beweisen, vielen beifall, sondern im vorliegenden werk 
nunmehr auch nachahmung gefunden. Herrprof. Whitney 
in New-Haven hat es unternommen, die principien der 
Sprachwissenschaft in einer reihe von zwölf Vorlesungen an 
erörtern, welche die Überarbeitung und erweiterung meh- 
rerer in den jähren 1864, 65 zu Washington und Boston 
gehaltenen vortrage bilden. Es ist in der that eine erfreu- 
liche erscbeinung, dais jetzt auch in America den Studien 
eine weitere anerkennung verschafft werden soll, welche 
schon lange mit immer wachsenden eifer und erfolg auf 
unserem continent gepflegt werden. Dafs hr. Wh. dem- 
gemftfs sein buch speciell für sein americanisches publicum 
berechnet und, wo es irgend thunlich, die engl, spräche 
zum ausgangspuukt der Untersuchungen gemacht hat, dflr- 
fen wir ihm, wenn schon dadurch einer Übersetzung erheb- 
liofae Schwierigkeiten in den weg treten, nicht verargen, 
sondern müssen es im gegentheil nur billigen, wenn er es 
aasdrOcklich f&r seine methode erklärt, von bekannten din- 
gen auszugehen und durch induction zur erkenntnifs höhe- 
rer Wahrheit aufzusteigen. 

Mäher verbreitet sich der vf. über seinen zweck und 
plan in der ersten Vorlesung, worin er, ausgehend von dem 
unterschied zwischen erlernung einer spräche zu practischem 
gebrauch und deren wissenschaftlicher erforschung^ zunächst 
ansetnandersetzt, was man unter Sprachwissenschaft zu 
verstehen habe, und deren werth für die entwicklung des 
menschen selbst und für seine geschickte kurz berührt. 
Den hauptinhalt seiner Untersuchungen |prmulirt er in die 
frage: warum sprechen wir, wie wir sprechen? und ant- 
wortet darauf: weil wir es von. deneu, die uns von kind- 
heit auf umgeben, nicht anders gelernt haben. Raoe und 



120 Clcmni 

blot haben nichts mit der spracthe zu than, die erlernong 
der mntterspracbe verdanken wir hlob unserer erziebüng. 
Jede spräche steht nur unter dem einflusse der Persönlich- 
keit des redenden, denn weder versteht einer unter dem* 
selben wort genau dasselbe, wie der andere, noch beherrscht 
einer in gleicher weise den Sprachschatz wie der andere, 
ja nicht zwei individuen sprechen dasselbe englisch. An 
dem beispiel dieser spräche werden dann auch die haupt- 
bedingnngen fRr die Veränderungen einer spräche erörtert, 
sowohl nach inhalt (namentlich durch Vermehrung des 
wortvorratbs mit fortschreitender erweiterung der k^mt- 
nisse) als nach der form, hier namentlich durch erleichte- 
rung der ausspräche för unser organ und durch das stre- 
ben nach Vermeidung von unregelmäfsigkeiten. Da nun 
die spräche das werk der Überlieferung ist, so ergiebt sich 
schon hieraus, wie in der zweiten Vorlesung auseinander- 
gesetzt wird, dafs ihr nur in bildlichem sinn selbständige, 
objective existenz zugeschrieben werden kann, thatsächlich 
existirt die spräche nur im geiste und im munde des spre- 
chenden. Mit recht wendet sich hr. Wh. gegen M. Mfil- 
ler's entgegenstehende ansiebt: allerdings ist die Sprache 
nicht abhängig von dem individuum, aber der grund liegt 
nicht darin, dals die menschen keine macht über die sprä- 
che haben, sondern im gegentheil darin, dafs sie alle macht 
darüber haben, dafs eben der gebrauch die spräche macht, 
usus norma loquendi. Nur die Übereinstimmung der ge- 
meinschaft derjenigen, welche eine spräche sprechen, kann 
dem individuum einflufs auf dieselbe gestatten. Ein grund, 
weshalb man die spräche einen naturorganismus genannt 
und die Sprachwissenschaft den naturwissenschaften beige- 
zählt bat, liegt in der analogie theils des inhalts, theils der 
methode, aber dies ist auch nur eine mehr oder minder 
instructive analogie, weiter nichts. Die Sprachwissenschaft, 
leine historische disciplin, bedarf zwar auch der hülfe der 
naturwissenschaft, ^. b. der pbysiologie, doch ihr mittel- 
punkt bleibt immer der menschliche geist. Andrerseits 
benimmt die abwesenheit aller reflexion und bewufster ab- 
sieht der spräche den Charakter der subjectivität^ den sie 



anzeigen. 121 

sonst als erzeagnifs einer freien willensthätigkeit an sich 
tragen würde. Ein weiterer minder gewichtiger grund, 
weshalb man die Sprachwissenschaft zu einer naturwissen- 
Schaft hat machen wollen, ist der, dafs man den namen 
Wissenschaft nur denjenigen menschlichen kenntnissen zu* 
schrieb, welche sich auf die unwandelbaren natorgesetze 
stützen. Allein das liegt, wie hr. Wh. zeigt, nicht im 
begriff der Wissenschaft, sondern ist eine einseitige und 
falsche auffassung. Aufgabe des Sprachstudiums ist es, 
die historische eotwicklung der spräche bis zu ihrem Ur- 
sprung zu verfolgen, und hierbei handelt es sich zunächst 
um die etymologische erklärung der Wörter und deren zu- 
rückfilhmng auf die ursprüngliche form. — Eingehend be- 
spricht die dritte Vorlesung die hauptbedingnngen, welche 
fbr das leben der spräche, ihr wachsthum und ihren ver- 
fall in betracht kommen. Viele lautlichen Vorgänge lassen 
sieh nach des vf.'s ansieht zwar begreifen, aber nicht er- 
klären. Dahin rechnet er auch die lautverschiebung, ohne 
jedoch die vorhandenen erklärungsversuche als ungenügend 
nachzuweisen. Neben ihrer äufseren gestalt aber verändert 
die spräche auch ihren inneren gehalt, ja der Wechsel der 
bedeutnng ist fast noch wichtiger, als der der äufseren 
laute. Dieses moment, auf welches übrigens auch schon 
Steinthal hingewiesen hat, besonders hervorgehoben zu ha- 
ben, ist ein wesentliches verdienst unseres buches. Der 
grund für den Wechsel der bedeutung ist nach hrn. Wh. 
derselbe, wie der für die phonetische Veränderung: kein 
inneres band verknüpft laut und bedeutung, der Verände- 
rung dieser beiden factoren steht nur eine schranke ent- 
gegen» die allgemeine Verständlichkeit. Der procefs der 
namengebung wird von verschiedenen Seiten beleuchteAnd 
geleugnet, dafs der mangel an sog. „ sprachsinn ^ ein zei- 
chen des Verfalls sei, weil der gebrauch der Wörter von 
der etymologic unabhängig ist. Diese betrachtungen wer- 
den in der vierten Vorlesung fortgesetzt und namentlich die 
äufseren umstände, die zeitlichen und örtlichen Verhältnisse, 
welche auf das wachsthum der spräche einwirken, erörtert. 
BOcksicbtUcb der entstehung der dialecte kommt in erster 



122 Clemm 

linie die Verschiedenheit der individnen in betracht, welche 
aber wieder bestimmt ist durch die gemeinsohafb derjenigen, 
mit welchen man zusammen lebt und verkehrt. Dialecte 
sind nicht unterschiede der art, sondern des grades. Alles, 
was die gemeinschaft beschränkt und isolirung bewirkt, 
begünstigt die entstchung der dialecte, während umgekehrt 
alles, was die gemeinschaft bewirkt und den verkehr und 
die berfihrung der einzelnen volksciassen oder volksstämme 
fördert, zu einem aufgehen der dialecte in eine allgemeine 
spräche hinführt. Im anschlufs hieran bekämpft die fünfte 
Vorlesung die abweichende ansieht Renan's und M. Müller's, 
wonach die natürliche anläge der spräche sie von der viel« 
beit zur einheit hintreibt und die dialecte vor der spräche 
vorhanden sind. Nach hrn. Wh. ist aber der Vorgang 
ein umgekehrter, die worte verändern im laufe der zeit 
ihre ausspräche, form, bedeutung und difFerenziren sich 
so, z. b. das lat. verita[t]-s lautet in den neueren sprachen 
ganz verschieden verite, verity, verdad, veritä. Sodann 
wird der englischen spräche ihr platz in dem grofsen kreise 
der sprachen angewiesen, durch ihre doppelte Verwandt- 
schaft mit den germanischen uud den romanischen sprachen 
gelangt der vf. zu der indo-germanischen familie oder, wie 
er lieber will, der indo-europäischen. Wir gehen auf die- 
sen genugsam erörterten und doch ziemlich unwesentlichen 
punkt nicht weiter ein, sondern bemerken nur, dafs der 
Vorwurf, der name ,,indo-germanisch^ schmecke nach na- 
tionaler Voreingenommenheit, bereits von Fr. Spi^el in 
den heidelb. jbb. LXI, s. 21 zurückgewiesen worden ist. 
Die frage nach dem nrsitz des indogermanischen volkes 
erklärt hr. Wh. f&r unlösbar, wenn er auch — und gewifs 
mit^recht — zugiebt, die allgemeine Wahrscheinlichkeit 
spreche ftlkr Asien. (S. dagegen Benfey's vorrede zu Fick's 
indogerm. Wörterbuch s. XI). Nicht minder ungelöst scheint 
dem vf. die frage nach der allmählichen abtrennnng der 
einzelnen stamme, gegen Schleicher's annahmen wird s. 204 
die Stellung des keltischen geltend gemacht. Was dann 
weiter über die civilisation und lebensweise des indoger- 
manischen Volks vor der sprach trennimg, insofern die 



anzeigen. 123 

spracbvergleichung darüber aufschiuCis geben kaon, mitge- 
theilt wirdy dürfen wir als bekannt übergehen, ebenso das, 
was in der sechsten Vorlesung über die einzelnen stamme 
and über die bedeatung der indogerman. Sprachforschung 
f&r die gesammte Sprachwissenschaft gesagt wird, treffend 
sind hier namentlich die bemerkungen über etymologie, ihre 
methode und leider noch allza gewöhnlichen fehler. Kön- 
nen wir nun, so fragt der vf. in der siebenten Vorlesung 
weiter, bestimmte züge eines sprachzustandes nachweisen, 
der im vergleich zu dem unsrigen ein primitiver war? Indem 
er diese frage selbstverständlich bejaht, gelangt er auf 
dem wege historischer analyse zu den einsilbigen wurzeln 
als den letzten bestandtheilen der Ursprache. Den ersten 
schritt aus dem monosyllabismus heraus that die Sprache 
durch Zusammensetzung der beiden gattungen von wurzeln, 
der verbalen und pronominalen, es entstanden die ver* 
schiedenen verbal- und nominalformen. Gegen die hier 
vorgebrachten erörterungen liefse sich nun freilich manches 
einwenden, dessen ausführung wir jedoch unterlassen müs- 
sen, anffallend ist z. b., dafs hr. Wh. das perfect noch für ein 
tempus der Vergangenheit hält und sich dasselbe nach dem 
imperfect oder vielmehr dem aogmentpräteritum entstanden 
denkt. Schade, dafs ihm die schrift von G. Curtius, zur 
Chronologie der indogerm. Sprachforschung (s. diese zeitsohr. 
XVII, 292 £f.) noch nicht vorliegen konnte. Gelungener 
ist, was 8. 283 über die gründe gesagt wird, weshalb in 
den alten sprachen die synthcsis vorwiegt, während in den 
neueren die analysis das sprachbildönde princip ist. 

Eine Übersicht über die nicht zur indog. familie ge^ 
hörenden sprachen giebt die achte und neunte Vorlesung, 
worin sich der vf. entschieden gegen das monstrum einer 
BOg, turanischen familie erkl&rt, wie es von einigen Sprach- 
forschern angenommen worden ist. Mit gleichem rechte 
spricht er sich dann in der zehnten Vorlesung über den 
Vorzug der genealogischen Classification vor der morpholo- 
gischen aus: jene, welche allerdings durch diese ergänzt 
werden mufs, ist das eigentliche ziel der historischen Sprach- 
forschung, indem sie mit deren resultaten für ethnologic 



124 Clemm 

und geschichtc der menschheit eng zusammeohäiigt. Das 
verhältnifs der spracbwissenechaft uod uatarwisseDSchafb zur 
ethnologie wird hierauf näher auseinandergesetzt, wobei hr. 
Wh. die frage^ was denn die erstere hinsichtlich der ein- 
heitlichen abstammung des menschengeschlechts lehre, als 
unlösbar und — unfruchtbar abweist. Die elfte Vorlesung 
wendet sich zum problem vom Ursprung der spräche und 
untersucht zuerst das verh&ltnifs von denken und sprechen, 
zwischen beiden herrscht keine nolhwendige Verbindung, 
wie zwischen leib und seele, das erstere geht dem letzteren 
voraus. £s folgt dann eine kritik der neueren haupttheo- 
rien über den Ursprung der spräche, unter denen M. Mcd- 
lers kling *kIangtheorie als g&nzlich unhaltbar bezeichnet 
wird. Hr. Wh. selbst gesteht dem interjectionalen, beson- 
ders aber dem onomatopoetischen *) princip eine grolse 
berechtigung zu, wenn man nur festhalten wolle, dafs die 
Worte nicht treue abbilder der gedanken sind, sondern nur 
das mittel, diese andern mitzutheilen. Die zwölfte Vorle- 
sung endlich kehrt noch einmal zu der im anfange aufge- 
worfenen frage zurOck: warum sprechen wir wie wir spre- 
chen? und prüft diese von neuen gesichtspuokten aus. 
Hier wird dann auch der rOckwirkung der spräche auf die 
gedanken und die gesammte geistige entwicklung des men- 
schen gedacht und dabei auf die hQlfe der schreibkunst 
hingewiesen, deren geschichte in einer skizze gegeben wird. 
Ob die engliche spräche, deren aiphabet und Orthographie 
der vf. .schliefslich bespricht, wirklich dereinst zu einer 
Weltsprache berufen scheint, ist ein punkt, über den sich 
auch unter zugeständnifs aller ihr vindicirten Vorzüge 
.streiten liefse. 

Doch wir dürfen uns auf das einzelne hier nicht ein- 
lassen, so ungern wir uns auch die mittheilung mancher 
treffenden und fruchtbaren gedanken, welche das reich- 
haltige und durchaus von besonnenem urtheile zeugende 
buch enthält, versagen; vorstehendes möge genügen, es 
dem Studium aller Sprachforscher — auch derjenigen, 

♦) Zu dieser ansieht bekennt der verf. vorrede s. 1 und 2 erst durch 
neuere Studien angeregt worden zu sein. 



anzeigen. 125 

welche dem vf. in manchen stücken nicht beistimmen wer- 
den — zu empfehlen. «- 

Giefsen. W. Clemm. 



La langae Latine ^tndi^e dans Tunit^ Indo-Enropdenne. HiBtoire-Gram- 
maire-Lexiqne, par Am^^e de Caix de Saint -Ajrmonr. Paris 1868 
(462 1. 8.). 

Das ist ein viel versprechender titel, und ein bnch, 
das auch nur einigermafsen erfbUt, was derselbe verhelfst, 
mttfste der Sprachwissenschaft willkommen sein. Aber 
schon der erste abschnitt des buches, der sich „geschichte 
der indo-europäischen familie'' nennt und der folgende ^ge- 
schichtlicher blick auf das lateinische und seine dialekte^ 
sind ganz dazu geeignet, die erwartungen jedes sachkundi- 
gen von diesem buche herabzustimmen. Das brauchbare 
an diesen abschnitten verdankt der Verfasser anderen, und 
was er selbst hinzuthut, ist unbedeutend oder vom Obel. 
Mit grofser Sicherheit läfst er zur erklärung des Ursprunges 
der griechischen und der italischen sprachen Ario-Pelasger 
auftreten, die sich dann in Hellene -Pelasger und Italo- 
Pelasger trennen, und stellt den letzteren in Italien semi- 
tische Etrusker zur Seite nach dem „beweise^ M. Stickeis, 
dafs die etruskische spräche im wesentlichen semitisch sei, 
ein satz , den M. Cbav^e „ enthüllt und vergröfsert haben 
soU^. Von den Widerlegungen der grundlosen Stickeischen 
hypothese weifs derselbe nichts. M. de Caix würde wohl 
thun, sich über dieselbe bei Ascoli belehrung zu holen 
(Intorno ai recenti studj diretti a dimostrare il Semitismo 
della lingua Etrusca. Estr. dalF Archive Storico Italiano. 
Nuov. ser. Tom. XI, p. 1 f.). Was er über das ver- 
hftltnifs der lateinischen spräche zu den verwandten itali- 
schen dialekten vorbringt, hat er in Mommsens römischer 
geschichte gelesen oder gelegentlich aus Bopps verglei- 
chender grammatik entnommen. Er geht denn auch bald 
von diesem gegenstände ab und erzählt einiges über die 
romanischen sprachen. Hiermit ist der erste grofse hanpt- 



126 CorsMB 

abschnitt seinee werkes: Histoire beendet, und es beginnt 
p. 41 der ss weite: Gramraaire. Hier zeigt sieb nun gleich 
in dem ersten abschnitte, überschrieben „les sons et les let- 
teres", wefs geistes kind M. A. de Caix de Saint -Aymour 
ist, an dem dürftigen und armseligen gerede, das er über 
das lateinische aiphabet und die ausspräche so wie die 
Wandelungen der lateinischen laute zu markte bringt. Von 
dem heutigen Standpunkte der forschung auf diesem ge- 
biete in Deutschland ist keine künde zu den obren des 
M. de C. gedrungen, und er weifs von der sache, Über 
die er* schreibt, nicht mehr als M. A. Rispal in seiner 
l^tude sur la prononciation de la langue Latine (d. zeitschr. 
XIV, 279). Mit jener von keinen zweifeln getrübten Sicher- 
heit, welche die unkenntnifs gewährt, bringt er die gröb- 
sten irrthümer vor in einem tone, als gäbe er sichere und 
kostbare aufschlüsse. So z. b. behauptet er, jedesmal, wenn 
ein laut einer kurzen silbe im lateinischen schwinde, werde 
die kurze silbe gelängt (p. 76). Nun hätte er wohl dafbr, 
dafs diese ersatzdehnung in hochbetonten silben mehrfach 
eintritt, belege anführen können. Aber von den beispielen, 
die er vorbringt, hat in den meisten keine ersatzdehnung 
stattgefunden« Im acc. plur. ^novöns aus dem novös 
entstand, in *meliönsis meliösis, meliöris (a, o.), in 
dem sufBx -önso, -öso (s. 148) war das o vor -ns schon 
lang vor ausfall des n. Als beispiel der ersatzdehnung 
werden ferner die ablativformen wie rosa, populö ange- 
fahrt, die ihr a und o zum ersatz für abgefallenes d ge- 
dehnt haben sollen. Später kommt er zwar selber zu einer 
anderen erklärung dieser vokallängen (s. 165) aber ohne 
seinen früheren irrthum zu widerrufen. Von den messun- 
gen Gnaivöd, med, t^d, söd- u. a. verräth M. de C. auf 
p. 76 kein bewufstsein. Aber das stärkste ist doch, dafs 
er unter den beispielen für ersatzdehnung auch „miles^ 
anftkhrt. Wenn er auf der schule die quantität der endsilbe 
von nominativformen auf -es, gen. -itis, -etis nicht ken- 
nen gelernt hat, dann hätte er sich doch über dieselben 
aas seiner grammatik des M. Dutrey, die er so sehr schätzt, 
aafscblufs holen sollen, um den leser nicht in die leidige 



anzeigen- 127 

nothwendigkeit zu versetzen, schliefeeu zu müssen, dafs 
M. de Caix de Saint^Aymour zu der lateinischen prosodie 
nur in dem verbältnirs einer entfernteren bekanntscbaft 
stand, als er sein werk Qber die lateinische spräche schrieb-. 
Die lautwecbsel der lateinischen spräche gestaltet oder ver- 
unstaltet derselbe mit grofser Sicherheit und freiheit so, 
wie sie ihm fOr seine etymologischen einfalle in den kram 
passen. Nach diesen ist z. b. lubido aus ^glubido ent- 
standen, lepus aus ""vepos (p. 148); das suffix -vant 
wird nicht blofs zu -lento, sondern auch zu -met, 
-ment, -mento, -men; iste ist eine superlativform vom 
pronominalstamm i-; aus derselben ward durch die mit*» 
telstufe *ispe auch ipse, das also gleichfalls ein su« 
perlativ ist (p. 120); occa entstand aus *rcca, octo 
aus *rcto, indem r sich in u verwandelte, und das u dann 
zu av gesteigert wurde (sol p. 450). In dem abschnitte 
über die redetheile ist nun insbesondere hervorzuheben die 
eintheilung der indogermanischen verba nach ihren Ursprünge 
liehen grundbedeutungen in drei hauptklassen : 1) bruire 
oa retentir. 2) presser. 3) tendre, die jede wieder 
in drei unterabtheilungen zerfallen, nämlich kl. 1 in a)crier. 
b) Bouffier, c) d^truire, kl. 2 in a) presser sur. . 
DU poser-ötablir. b) serrer-condenser. o) flechir- 
courber, kl. 3 in a) tendre vers. b) ^tendre. 3) r6- 
pandre (p. 106 f. 212 f.). Mit dieser eintheilung ist M. 
de C, wie er versichert, auf dem „höchsten gipfel seiner 
linguistischen Studien^ angelangt (p. 108). Indem er Cha- 
vee als den eigentlichen urheber dieser eintheilungsmethode 
preist, sagt er von denselben, p. 109: C'est donc lui, qui 
appliquant au langage une rigoureuse methode naturelle, 
a contribue le plus h elever cette ätude ä la hauteur d^une 
science positive digne des preoccupations de notre epoque 
et des succds de Favenir. Was ist denn die Sprachwissen- 
schaft vor Chav^e gewesen? War Bopps methode etwa 
eine unnatürliche? Stand Bopps lehre nicht auf der höhe 
einer positiven Wissenschaft? War sie nicht wissenschaftlich 
and nur negativ? Ist etwa das werk des grofsen spraohfor* 
Sehers nicht würdig, dafs Zeitgenossen und nachkommen 



128 Corasen 

es stadieren? Es ist hier uicht der ort und nicht mehr die 
zeity um über das ?oc fast zwei Jahrzehnten erschienene 
buch von Chav^e: Lexiologie Indo-Europ^enne, Paris 1849 
eingehend zu sprechen; aber dafs dasselbe mit den for- 
schungen eines Bopp, Grimm und Diez nicht auf einer 
stufe des wissenschaftlichen werthes steht, das wird wohl 
auch der mildeste beurtheiler jenes buches, wenn er es mit 
der Wahrheit ernst nimmt, zugeben. Der obige satz des 
M. de C. ist weiter nichts als eine hohle und unklare 
rhetorische pbrase, eine lobhudelei auf kosten der Wahrheit, 
die dazu dienen soll, die haltlose und willkürliche lehre 
von der entwickelung der bedeutung der wurzeln, die Cba- 
v^ zuerst vorgebracht (Lexiolog. p. 63—79. 169 — 172 f. 
183 f. 313 f. 381 f. 395 f. 405 f., vergl. Revue linguistique 
I, 138 f.)) M. de C. wieder aus der Vergessenheit hervor- 
geholt und neu aufgestutzt hat, eine theorie, die weder 
der mannigfaltigkeit der sprachlichen thatsachen gerecht 
wird, noch auf einem philosophischen, der natur der 
menschlichen seele und ihrer sinneswahmehmungen ent- 
nommenen eintbeilungsgrunde beruht, im lichte einer 
grofsen entdeckung erscheinen zu lassen. In welcher 
weise überhaupt die rhetorische phrase in dem vorlie- 
genden buche des M. de C. in blfithe steht, dafür mag 
hier noch ein beispiel platz finden. Vom femininum er- 
fahren wir, es sei „le plus gracieux des genres^ (p* 156). 
Glaubt denn M. de C. wirklich, dafs z. b. die femininen 
suffixvokale ä, i durch anmuth hervorragen? dafs die fe- 
mininen suffixformen skr. -tri, gr. -r(>id, tat. -tric zier- 
licher oder lieblicher sind als die masculinen skr. -tar, gr. 
-ro(i, lat. -tor? Ihm schwebten wohl anmuthige firauen^ 
bilder vor, deren reize er auf jene sprachlichen suffixe 
übertrug. Rosa soll entstanden sein aus rosa+a, indem 
das erste a zum stamme gehöre, das zweite das zeichen des 
femininums sei; man wisse ja, dafs Manu befohlen habe, 
den frauen namen zu geben mit langem vokal im auslaut. 
Wie kam es nun, dafs das a in rosa kurz ist? Er ant* 
wertet, p. 158: Haas! il y a lä une raison de clart6 d'ex- 
pression, qui, tont en itaxkt louable dans sons but, est d^ 



anzeigen. 129 

plorable, quant ä ses effets. L'ablatif rosa, long par soi 
et par la chute du d, a foroe les Romains ä faire leur 
Dominatif bref, bien qu'il düt rester long pour des raisons 
positives et p^remptoires. Die vorstehende sentimentale 
pbrase mit dem helas! loaable und deplorable macht schon 
deshalb einen komischen ein druck, weil die lateinische 
Sprache hier eine Zurechtweisung von M. de C. erhält, 
wie ein geliebter schulknabe, der in guter absieht einen 
dummen streich ausgeführt hat und dabei ku schaden ge» 
kommen ist, von seinem hofmeister. Hätte der verf. ge* 
wnfst, dafs das ä des nominativs von a- stammen in der 
altlateinischen metrik noch lang gemessen wurde, hätte er 
bedacht, dafs die lateinische spräche fünf casus von cornu 
völlig gleich gestaltet, dafs die spätlateinische Volkssprache 
nach abfall des auslautenden s und m fast alle casusformen 
des Singulars von abstammen und o-stämmen völlig gleich 
gestaltet, dafs die lateinische spräche in zahlreichen f&Uen 
die tieftonigen auslautenden silben gekürzt hat, dann würde 
er die obigen redeblumen schwerlich vorgebracht haben. 

Die lehre von der Wortbildung und wortbiegung meint 
der verf. zu bereichern, indem er alle möglichen sufBxe 
in pronominalstämme auflöst ohne gewahr zu werden, dais 
er dabei für die entstehung der bedeutung der einzelnen 
stammbildenden oder casusbildenden suffixe so gut wie 
nichts erklärt. Auch hier übertreibt er übrigens lediglich, 
was er bei Chav^e gelesen hat (Lexiol. p. 39 f.) Um die 
lateinische lautlehre und die wohlbegründeten erklärungen 
anderer kümmert er sich auch hier nicht, weil er von bei«'» 
den in der regel keine kenntnifs hat. So behauptet er, da« 
snffix -ta, der demonstrative pronominalstamm, nehme bis^ 
weilen den zitterlaut r als zeichen der Bewegung und der 
thätigkeit eines wesens an sich, und so entständen die suf* 
fixformen -tar, lat. -ter, -tor, -sor, -trix (p. 113 f.). 
Das c von hi-c vermengt er mit dem -que von quando- 
-que (p. 116). Er redet mit ästhetischer entrüstung von 
abscheulichen pleonasmen wie *hic-ce, entstanden aus 
ht-i-ce -f-ce, indem er trotz buchdrnckerkunst und te- 
legraphenwesens noch keine nachricht erbalten hat von 

Zeitechr. f. vgl. sprachf. XVIII. 2. 9 



180 CorMon 

Bitschis schon Tor anderthalb Jahrzehnten gef&hrtem be- 
weise, dafs eine form *bi-c-ce in der lateinischen spräche 
niemals vorhanden gewesen ist Tantus ist nach M. de C. 
nichts anderes als eine art Superlativ durch reduplication 
ta+ta (p. 118), und diesen nichtigen einfall bringt er so 
papier, ohne dals die erklArnng von Bopp auch nnr erw&bnt 
wird. Qnantus ist hingegen „der bruder des skr. kati^ 
(a. o.). Aus dem angeblichen casussujff. -na des objects ist 
novus entstanden, und das zahlwort novem ebenso, denn 
dieses bedeute die i^neue^ zahl nach der zahl acht, die 
herauskomme, wenn man alle zehn finger ausstrecke und 
beiden dftume abrechne (s. 123). Und das nennt M. de C. 
„die zahl neun studieren^. Quattuor stammt von wz. 
kat- abschneiden, octo von wz. ak- theilen (klasse d^- 
truire), decem von wz. dak- zeigen (klasse presser). 
So meint der verf. auf dem räume einer halben seite das 
geheimniik der Zahlwörter zu enträthseln, ohne dafs er 
von den forschungen von Lepsius, Pott und anderen auf 
diesem gebiete irgend etwas vernommen hätte. Was er 
über steigerungssnfißxe (s. 125 f.) und über die bildung der 
pronomina (s. 127 f.) vcTrbringt, ist ungefähr von demselben 
werthe wie seine ein Alle über die Zahlwörter überall, wo 
er seine Weisheit nicht aus Bopp geschöpft hat. In dem 
abschnitt Ober die bildung von verbalst&mmen und nomi* 
nalstämmen enthüllt M. de C. „das grofse gesetz, das den 
Vorsitz führt bei der schöpfiing von stftmmen dieser klasse^, 
nimlich „dasjenige der entgegensetzung und des bezie- 
hnngsweisen vorherrschens der Vorstellungen des Stoffes 
(pronomen) und der handlung (verbnm)^ (s. 142). Wenn 
die idee der handlung vorherrscht, dann büfst der prono- 
minalstamm ta- die hälfte ein, z. b. in da«-t; das t kann 
dann auch ganz schwinden z. b. in leonis (p. 143); es 
kann auch zu s werden wie in genus u. a. (p. 144). Wenn 
aber die Vorstellung des stoflfes überwiegt, dann bleibt der 
pronominalstamm -ta unversehrt, so in den participien auf 
•tn-s, ota, -tu-m (p. 146). Bei der enthOllung jenes 
„den Vorsitz führenden gesetzes^, das lediglich ein erzeug- 
nifs der lebhaften einbildungskraft ist, die bei den schö« 



anzeigen. 131 

pfhngen des M. de C. den vorsitz ftkbrt, erfahren wir un- 
ter andern, dafs in dem sufBx der lateinischen supina auf 
-tu-m, -tn die wurzel tn- anf&Uen, erftkllen steckt, und 
dafe comitare, flagitare u. a. durch ,,yerdoppelung^ 
entstandene frequentative sind. Bei der Betrachtung der 
lateinischen flexion folgt der verf. M. Eichho£P (Parallele des 
langues etc.) und M. Dutrey (Grammaire Latine), während 
ihm auch hier die neueren eingehenden Untersuchungen 
deutscher Sprachforscher fremd geblieben sind. Es genfigt 
ein beispiel ans diesem abschnitte hervorzuheben, aus dem 
der Standpunkt der kenntnisse und der methode des M. 
de C. erhellt. Ffir seine paradigmen der deklination von 
18 und qüi citiert er in den anmerkungen Inschriften; et 
ist aber noch bei Muratori, Egger und Orelli stehen ge- 
blieben, wenn er diese wirklich selber nachgesehen hat. 
Dieser mann, der fiber die lateinische spräche ein buch 
schreibt, das nach seiner einbildung an der spitze der Sprach- 
forschung marschiert, weifs noch ganz und gar nichts Ton 
den epigraphischen forschungen von Fr. Ritschi und Th. 
Mommsen und deren bedeutung för die geschichte der la- 
teinischen spräche. Ffir den nom. plur. iei bringt er in 
einer anmerkung das citat: „Dans toutes les inscriptions^ 
(s. 185). Das ist in der that ein ebenso umfassendes als 
kurzes und ffir den citierenden bequemes citat, und wenn 
dasselbe richtig wäre, so wäre an der Sache gar nichts 
auszusetzen. Aber leider ist von dem Vorhandensein der 
formen des nom. pl. ieis, ei, eis in inschriften wieder 
keine künde zu den obren des verf. gedrungen. Nachdem 
M. de C. dann aus Bopp einiges über die lateinischen con- 
jugationen mitgetheilt hat, gelangt er endlich zu dem dritten, 
dem lexikalischen theile seines bucbes, den er schon vorher 
als den „höchsten gipfel seiner linguistischen Studien^ an- 
gekfindigt hat, der „den marsch der ideen in den indo- 
europäischen idiomen" verfolgen soll (p. 21 3 f.). Diese läfst 
er nämlich sammt und sonders ausmarschieren von den 
schon oben angefahrten drei klassen von grundbedeutun- 
gen, nach denen er eine art von wurzellexikon der latei- 
nischen spräche herzustellen versucht. Wer sich davon 

9* 



132 Comparetti 

Öberzeugen will, was fhr wilde, lose und windige ein&Ile 
der Verfasser auf diesem ideenmarschc ohne kenntnifs der 
gesetze lateinischer Wortbildung und lautlehre und längst 
erwiesener etymologien vorzubringen w^t, der lese zum 
beispiel, was er schreibt über pious (p. 227), tussis 
(p. 231), cincinnus (p. 240), sternuere (p. 244), cor 
(p. 256), clamor (p. 262), ludere (p. 264), veru (p. 284), 
8entire(p. 316), averc (p. 527), queri (p. 335), cupere 
(p. 359), fingere (p- 424), fenestra (p. 434), oblivisci 
(p. 441), perdere (p. 448), occa, octo (p. 450), vulnas 
(p. 452) u. a. Es ist zwecklos und überflüssig, sich auf 
Widerlegungen einzulassen gegen jemand, der statt sach- 
kenntnils dreiste behauptungen, statt beweisführungen rhe- 
torische phrasen zum besten giebt« M. de C. huldigt viel- 
leicht dem grundsatze: docendo discimus; aber er hätte 
doch einigermafsen den gegenwärtigen Standpunkt der for- 
schung kennen lernen sollen, ehe er das Wagestück unter- 
nahm, andre über die lateinische spräche belehren zu wol- 
len. Die blöfsen, die er sich auf schritt und tritt bei die- 
sem vergeblichen versuche giebt, werden durch hochtra- 
bende redensarten von der strengen natürlichen methode 
der Sprachforschung, vpn der höhe einer positiven Sprach- 
wissenschaft, von grofsen gcsetzen, die bei der Wortbildung 
den Vorsitz f&hren, von dem marsch der ideen in dem 
indo-europäischen idiom und ähnliches wortgepränge kei- 
neswegs verdeckt; sie stechen gegen diesen flitterstaat nur 
noch hälslicher ab. 

Berlin. W, Corssen. 



Ätode 8ur le dialecte tzaconien, thhse pour le doctorat pr^sent^e ^ la fk- 
cult^ de lettres de Paris, par Gustave Deville, ancien membre de 
räcole franfaise d' Äthanes. Paris 1866. 

Eine der sonderbarsten anomalien in der heutigen 
Wissenschaft ist die geringe aufmerksamkeit, die man, bei 
allem eifer fbr philologische Studien, dem neugriechischen 
und seinen dialekten zu widmen pflegt. Man studirt die 



anzeigen. 133 

altgriecbisohe spräche mit unermüdlicbem fleifse, selbst in 
den epocben ihrer abnehmenden blQtbe und in ihren weni- 
ger dassischen formen ; man schreibt gelehrte abbandlungen 
aber die werthlose inschrift eines ostrakon, Aber einen 
Abraxas, über einen zauberpapyrus; man liest, publicirt 
und commentirt die albernheiten eines byzantinischen scbo- 
liasten; man füllt ganze bände mit unbedeutenden anekdota; 
man müht sich ab mit jedem altgriechischen wort, gleich- 
viel woher es komme, und wie es beschaffen sei, — aber 
dasselbe wort im munde eines Nengriechen findet keine 
beacbtung und bleibt ausgeschlossen aus dem kreise ernst- 
hafter und wissenschaftlicher Untersuchungen. Das Hesy- 
chische glossarium gilt ßir einen schätz, weil es uns eine 
menge von Wörtern und dialektischen formen bewahrt hat, 
die sich in den auf uns gekommenen antiken Schriftstellern 
nicht finden, und wenn morgen ein neues glossarium gefun- 
den würde, welches uns andere antike neuigkeiten dieser art 
offenbarte, so würde eine solche entdeck ung, und gewils mit 
recht, in der ganzen philologischen weit wie ein fest gefeiert 
werden. Findet man dagegen in den heutigen griech. dia- 
lekten viele jener ungewöhnlichen Wörter die Hesychius auf- 
fiihrt, oder andere, die uns zwar von keinem der alten schrift- 
steiler überliefert wurden, die aber dennoch sicherlich von 
alter berkunft sind; findet man lebendige dialektische formen, 
deren existenz in der dassischen zeit uns kaum von einem 
grammatiker angedeutet ist, so erscheint das als ein völlig 
gleichgültiges factum, mit dem es nicht der mühe lohnt 
sich zu beschäftigen. Ohne zweifei, die neugriechische 
spräche hat schwere Sünden in den äugen mancher philo- 
logcn. „Wie soll man sich^, sagte mir eines tages ein 
junger doctor aus Bonn, „mit einer spräche abgeben, die so 
tief gesunken ist, dafs sie anu mit dem accusativ construirt?^ 
Es hat sich wohl dieser und jeuer von den gelehrten, die 
Griechenland besuchen, herabgelassen, uns einige proben 
von der spräche der lebendigen bewohner des landes mit- 
zutheilen, aber meistens geschah es in der ungenügenden, 
ungenauen und nachlässigen art eines, der sich bewufst ist 
i^ü) xov n^ayuaioq zu schreiben über dinge, auf die es im 



1S4 Coinparetti 

grande wenig aQkommt. Eine umfassende, tiefe und wahr- 
haft wissenschaftliche erforschuug jener spräche ist bisher 
noch nicht unternommen worden, und obwohl man nicht 
sagen kann, dafs es ganz an neugriechischen Studien fehle, 
so darf man doch behaupten, dafs dieselben noch nicht 
Aber die grenzen jenes dilettantismus hinausgekommen sind, 
mit welchem sie unter dem einflufs der durch die erste 
griechische revolution hervorgerufenen Sympathien began- 
nen. Das werk von Mnllach ist, wie bekannt^ nicht das 
resnltat von unmittelbar im griechischen volk angestellten 
Untersuchungen^ sondern nach den höchst dOrftigen und 
unvollständigen proben der griechischen vulgärsprache ver- 
fafst, die wir gedruckt besitzen. Und dafs dieses buch 
dennoch das beste ist, was bisher über den gegenständ 
geschrieben wurde, zeigt uns das maafs einer iQcke an, 
welche die Wissenschaft, schon um ihrer ehre willen, nicht 
länger unausgefQllt lassen darf. 

Um so erfreulicher ist inmitten dieser Vernachlässigung, 
an der zum grofsen theil die pedanterie und einseitigkeit 
einer gewissen klasse übrigens höchst achtbarer gelehrten 
schuld hat, das beispiel eines jungen pbilologen der fran- 
zösischen schule von Athen, welcher sich dem Studium der 
neugriechischen dialekte gewidmet hat, beginnend mit dem 
tzakonischen , ohne frage dem bemerkenswerthesten von 
allen, sei es um seiner seltsamen formen willen, sei es wegen 
der fremdartigen eigenthümlichkeiten seines Wortschatzes. 

In der einleitung, die seiner arbeit vorhergeht, giebt 
herr Deville (mit beifügung einer karte) einige topogra- 
phische notizen über Tzakonien, welches land er zweimal, 
in den jähren 1863 und 1864, besuchte. Dann folgen hi- 
storische nachrichten, soviel deren der vf., oder andere vor 
ihm, über die alten und neuen bewohner Tzakoniens auf- 
finden konnten. Die arbeit selbst zerfällt in drei theile. 
Der erste enthält eine liste von 374 tzakonischen Wörtern 
mit etymologischen anmerkungen; der zweite bandet von 
der phonologie; der dritte von der grammatik des dia- 
lekts. 

In den wenigen worten, mit denen hr. D. am anfange 



anieigtii. 1S5 

seiner schrift derer gedenkt, welche vor ihm daaaelbe thema 
behandelt haben, ist er weder so genau, noch so vollstän- 
dig, noch so gerecht, wie man es hätte erwarten dürfen« 
Nach seiner meinung hätte Leake nnr das wesentliche ans 
Thiersch^s abhandlang in seinen Peloponnesiaca wieder- 
holt; wobei hr. D« vergifst, dafs Leake schon vor Thiersch 
in seinen Travels in the Morea und in seinen Resear* 
chee into Oreece einzelheiten über den tzak. dialekt 
mitgetheilt hatte, die auch Thiersch gewissenhaft citirt. 
Allerdinga brachten die umstände, unter welchen Leake 
Tsakonien besuchte, es mit sich, dafs er in einige irrthflmer 
verfiel, die Thiersch dann verbesserte. Was femer Thiersch's 
abhandlang betrifit, die hr. D. in seinem ganzen buch nur 
swei* oder dreimal nennt und auch dann nur um sie sa 
tadeln, so ist es zwar wahr, dais sie in dem grammatischen 
theil mancherlei fehler und ungenauigkeiten enthält; im hi- 
storischen jedoch hat sie hr. D. in ausgedehntem maalse be- 
natzt, ohne sieb weiter die mühe geben, sie zu citiren.^Am 
meisten aber befremdete uns das absolute stillschweigen, mit 
welchem er die schrift eines Tzakoniers fibergeht, die wohl 
anderswo unbekannt geblieben sein mag, aber sicherlich nicht 
in Griechenland. Sie fQhrt den titel : flgayfiateia negl rijg 
Aanmvixiiq (T^axavix^g) yXdöatig öwTfxx&üöa vno xov ix 
AboüviÖiov Q, M, OixovofAov. !d&iivrj(fiv 1846. Da wir in einem 
bericht des hm. Dehäque *) aus dem jähre 1864, in welchem 
von der damals noch nicht veröffentlichtem arbeit des hm. D. 
die rede ist, gelesen hatten, dafs hr. D. inTzakonien die gast- 
fireundschaft eines Protopapas Oikonomos genossen, so hat- * 
ten wir, in dem glauben, dafs dieser der Verfasser jener schrift 
sein möge, um so bestimmter erwartet dieselbe von hm. D. 
erwähnt zu sehen; jedoch war der Verfasser vielleicht ein 
anderer. Wir erwähnen dies, weil jene schrift, wenn 
anch sehr kurz und lakonisch bis zur un Vollständigkeit 
und voller orthographischer fehler, dennoch als von einem 
Tzakonier geschrieben, soweit es sich um thatsachen han- 



*) Rapport fait an nom de la commission de l*6coIe fran- 
9 als« d'Athänes snr les travaux etc. Paris 1864, e. 6. 



136 Comparetti 

delt, von grofBem gewicht und interesse ist. Aufser den 
grammatischen notizen, enthält sie als probe des dialekts 
einen dialog in 360 versen, von einem kleinen w5rterbueb 
begleitet. 

Hr. D., der direct ans der quelle schöpfte, hat sich 
wenig um das bekOmmert, was andere vor ihm geleistet. 
Nicht mit unrecht nennt er die angaben seiner Vorgänger 
,, unbestimmt, unvollständig und sich widersprechend^. 
Obwohl auch seine arbeit mancherlei ergänzungen zulä&t 
und in einigen punkten einer Verbesserung bedarf, und ob* 
wohl auch er sich in bezug auf thatsachen mit anderen 
im Widerspruch befindet, so stehn wir doch nicht an es aus- 
zusprechen, dafs er seine Vorgänger, zumal in der methode, 
flbertroffen hat. Jedenfalls hat sein buch über jenen merk- 
würdigen dialekt, über den Ahrens (II, s. 1) etwas zu 
schnell den stab gebrochen, mehr licht verbreitet. 

Die liste der tzak. Wörter, die den ersten theil der 
schriFt des hrn. D. ausmacht, bietet wegen der alten wör* 
ter, die sie als noch lebend aufweist, ein solches interesse 
dar, dais man nicht umhin kann zu bedauern, dafs hr. D. 
ihrer nicht noch viel mehr gesammelt hat. Als beispiel 
führen wir die folgenden an, die Hesychius, manchmal mit 
geringen abweichungen, als lakonische oder von lakonischer 
form aufRkhrt. 

axxo, schlauch ; äxxoQ^ doxog, yldxwveg. Das g am ende 

des Wortes, im lakonischen dem <r der allgemeinen 

Sprache entsprechend, ist abgefallen. Vor einem vocal 

erscheint es jedoch mitunter wieder, z. b. rag äfABgij 

(rijg iifAigag). 
ßsgydSi, zicklein, steht, wie hr. D. richtig bemerkt, ohne 

zweifei in Verbindung mit /jigxiogy eXacpog imo jfaxd' 

VOJV. 

daßelij feuerbrand; daßikog^ öakog^ AdxiovBg^ 
xovßdve^ schwarz; xovavä, fiikatva, AdxvovBg, Hiermit 
rechtfertigt sich Rubnken's Verbesserung, die man an- 
gegriffen hatte, um dem xova^a des MS. den Vorzug 
zu geben. 
fiovvraXiaj myrte; juivgrakig, ?) o^viivg^ivri^ dig Adx<avtg» 



anzeigen. 137 

Bei anderen Wörtern, die sich im tzak. dialekt finden, 
giebt Hesychius nicht die heimath an, wie z. b., bei fol- 
genden: 
äÖB^e dQnn (von geweben); ärgiov, v(pog Xenrov, 
äkijTa, mehl, ist das ältjrov, äXsvgov des Hesychius, das 

auch Hippokrates gebraucht. 
ßdpv€j lamm; ßccweta^ ägveia. Sehr bemerkenewertb, 
weil es beweist, mit welchem unrecht einige die He- 
sychische glosse haben Andern wollen. 
X(ßvklixa, knh; xikXi^y ßoxg to tv xigag %a»^ SiearffafA-- 

fjiivov, 
ogxo {ogxo fxi^ meine angen, (Aatia ^ov) bestätigt vor- 
trefflich die interessante glosse ogxt}^ otffig. Vgl. Cur- 
tius, gr. et. 587. 
tyxaTS^ hecke; %Qxarog^ (pgay^og. 

<povxxa^ bauch; (pvaxt], xoMa auch durch den gebrauch 
einiger alter Schriftsteller bekannt, wenn auch mit ge- 
wissen abweichungen in der bedeutung. Yergl. auch 
ngr. (fovöxa^ blase. 
Nicht immer . hat hr. D. den Hesychius zutreffend ci- 
tirt. FQr äSgi (sprich adschö), grofs^ die Hesychische 
glosse äSgog^ aÖQw/nivov anzufahren, ist überflüssig. Die 
bedeutungen von adgog sind auch ohne Hesychius bekannt. 
Für das wort aofiaai (sprich schomasi), citirt D. die 
glosse aagfioi^ ö-sQfioi, Kagvcrrcot und zieht daraus den 
schlufs, dafs wir es hier mit einer Verwandlung des a in o 
zu than haben. Aber eine andere glosse zeigt obquoi^ &egfAoi^ 
jidxG)vsg. Bei dem wort \fuovxccgov8a, Schmetterling, citirt 
er die Hesychische glosse ipvxrj^ L,wv(fiov Ttrr^vov; man hat 
aber den Hesychius nicht nöthig um beweisen, dafs y^v^rj 
aach in der bedeutung von Schmetterling von den alten 
gebraucht worden. Im gemeinen griechisch sagt man fer- 
ner nicht nur (wie hr. D. meint) netakovSa^ sondern auch 
fpvxccgovSa ebenso wie xfjvxdgi^ und übrigens hätte hr. D. 
niemals aus dem vergleich von xfjiovxctgovSa und nerakovSa 
auf eine Verwandlung von A in ^ schliefsen sollen. So wie 
ywxocgovda gehören noch einige andere von D. als tzako- 
nische angeführte Wörter der gemeinen spräche an. So, 



138 ComparetU 

z. b., ^ovvovzog fl&r BVPovxoQi so aach x^f^^^^^ niedrig 
(tzakoD. ;^a/<6A€) Dicht x^f^^^^^S' KogSovxxov ist das ge- 
meine xogöt^ü) mit tzakonischer endung. SxovriXa teller, 
ist ein wort der gemeinen spräche, und nicht das antike 
xotvXrj (das tzakonische hat xovrovle^ hölzernes gefiUs), 
sondern das latein. scntella, ital. scodeila. Allerdingrs 
sagt man statt des antiken n(jivog (tzakon. nglve)^ wie hr. 
D. bemerkt, gewöhnlich ytovgvägt^ jedoch sagt man anch 
nQi^pccQi; die alte form ist erhalten in Zusammensetzungen 
wie TiQivoxoxxia^ Xuongivog (yergl. Heldreich, die nutz- 
pflanzen Griechenlands s. 18, 56). Andere Ton hm. 
D. als dem tzakon. dialekt angehörig citirte Wörter finden 
sich auch in anderen dialekten, vornehmlich im kretischen 
und kyprischen. Hr. D. hat das wenige, was Ober diese 
dialekte gedruckt ist, zu yergleichnngen benutzt, aber 
nicht überall mit gleichmftfsiger Sorgfalt. So verstehen wir, 
z. b., nicht, warum er, während er o£Fenbar das im <UtXioriAQ 
veröffentlichte verzeichnifs kyprischer Wörter kennte nicht 
bemerkt, dafs äSgog (tzak. adQi)^ grofs, sich ebenfalls im 
kyprischen findet; dafe yaßoy schielend, mit dem kyprischen 
und wohl auch gemeinen C^ßog, quer, verkehrt, eins ist; 
dafs kdfiv(ti fOr iXavpwj mit etwas abweichender bedeutung 
(rudern, gehn, reizen) im kyprischen, so wie in der gemeinen 
spräche vorkommt, und ebenso A/^a, Aifcac^o», hunger, hung^ 
rig sein. Mit'C^^ klein, findet man im kypr. fjiiT^^e wieder. 
Das alte xgdußrjy das im tzak. xga^ßoivi erhalten ist, findet 
sich auch im kretischen xQafinovtödva (brassica cretica) 
und im albanesischen grabi& (vgl. Heldreich s. 80). Da 
ich das albanesische genannt habe, so will ich noch be- 
merken, dafs hr. D. das Wörterbuch dieser spräche für 
viele tzakonische Wörter mit nutzen hfttte zu rathe ziehn 
können. So z. b.: 

xxidovXa^ tropfen; vgl. alb« stjegula, regentraufe. 

ßovkej bahn; alb. guli (geg.). 

fiAOvCcc^ fliege, steht dem alb. miza näher als dem ge- 
meinen fAvyUj oder dem altlakon. fiovia (Hesych.). 

^lovvSov, saugen, erkennt man leicht im alb. ment. 

finoQTixij flehte, findet sich im alb. bor ige. 



aoMigen. 139 

Von ftirci, klein, haben wir schon gesagt, dals es auch 
im kyprischen vorkommt (kitvI^c;); wir ffigen hinzu, 
dafs es sich auch in den griechischen dialekten Sod* 
italiens findet {fÄiT^iädt)j so wie im albanesischen 
(mitsi). 

xautüi^ kind, kommt ebenfalls in den griechischen dia- 
lekten SOditalienB vor (kecci), und ist verwandt 
mit dem alb. ketsi (geg.), katsi, ketsi (tosk.), Zick- 
lein (ngr. xaxL^tTCi). 

fiBkfiyxm'ij ameise; albanes. melingore, melingone 

(geg-). 
unovüi^ fAnaiy ferkel, von dem hr. D. fragt, ob es das 

lat. pnsns sei, ist vielmehr das alb. bitsi. 
f^aov fut. von UyxoVy ich gehe (perf. i^dxa)^ ^a^hcxav, ich 

f&hre, scheinen verwandt mit dem alb. etseig, ich 

gehe*). 
Diese Zusammenstellungen sollen natfirlich nicht be- 
weisen, dafs mehrere der hier angef&hrten Wörter nicht 
griechischen Ursprungs seien, wie hr. D. mit recht meint, und 
wie es bei einigen derselben auf der hand liegt; aber sie schei- 
nen uns wegen der fast völligen Identität der form bemer- 
kenswerth, welche zwischen den Tzakoniem und Albanesen 
beziehungen offenbart, die bisher von niemand beachtet 
worden sind. 

In bezug auf die etymologie einiger Wörter sind wir 
mit hrn; D. nicht ganz einverstanden. Z. b. glauben wir 
nicht, dafs ä&rjy bruder, sich, wie er meint, aus dem co- 
polat. a und der wz. -S^rj (Curtius, gr. et 227) erklären lasse, 
und dafs es mithin „nourri au meme sein^ bedeute. Die 
Hesychische glosse dmpia, dSektpijg t] dÖBlq^ov vnoxoqtafAa^ 
welche hr. D. an einer andern stelle, zur erklärung des pL 
ffOvr(a.d (no. 35 t) citirt, läfst sich auch auf den sing, a^if, 
bruder, d&vid (nach Thiersch), schwester, anwenden« 
Nachdem sich das n dem q> assimilirt, hat sich das 9>, wie 



*) Ich hatte diese meine bemerknngeii dem brn. Camarda mitgetheUt, 
worauf er freundlichst folgende Zusammenstellungen hinzufügte*, xaralrov, 
beifsen, alb. kapsoig; rtrl, was?, alb. tse, tsi; volov, hören, alb. njo 
▼wttelMiiv vwndunen: ßavpihvt Bchreien, stöhnen, alb. wajtoig. 



140 CoiDpaietti 

es häufig im tzakonisühen gegchieht (t^iAe, <ptlog\ oud-^^ 
6(pig etc.), in t'/ verwandelt; daher a&i und a&tä. Das 
ursprüngliche (p ist dagegen erhalten in dem plun der di- 
minutivform, {povxaia^ d. h. a(fovx(Jia^ d&ovt(fia. 

avayavia „chemin montant en zigzags^. Hr. D. be- 
merkt, dafs im makedonischen dialekt {^MJaxtag^ III, 1 18) 
yavia ohrring bedeutet, und schliefst daraus, die eigent- 
liche bedeutung des tzakonischen worts sei kurve, kreis. 
Aber unseres wissens versteht man unter zig zag eine li- 
nie, die ecken bildet, und keine kurve; und im alt- wie im 
neugriechischen existirt das wort ywvia, 

dnoxxaksj schwanger, leitet hr. D. von dno und einer 
form fyxaXog (f&r fyxvog) her, die ihm durch die Hesychi- 
sche glosse xaXdC^i^ oyxovrai, !Axciioi gerechtfertigt schont. 
Wir glauben vielmehr, dafs hier oxx aus oyx (von oyxoq) 
und nicht aus syx entstanden sei. Das suffix -As (== -Ao$) 
vertritt die stelle von -da in gravida (vgl. oyxtjgog, 6y^ 
xv?.og^ und Pott in Kuhn und Schleicher's beitragen 11,40). 
Da sich ferner das e am anfang der Wörter im tzakonischen 
mituuter in cc verwandelt ( De ville s. 91), so glauben wir, 
dals dnoxxake für knoyxake, inoyxrjkog steht. "Enoyxog in 
der bedeutung „schwanger^ findet sich bei den alten. 

Tcev äkka axgia (Kastanitza), rdv d dvxgia (Lenidhi), 
übermorgen. Dieser seltsame ausdruck setzt hm. D. in 
Verlegenheit, und er fragt, ob cxqia vielleicht das altgr. avy^ 
xvQia sein könnte. Wir glauben das nicht, mmdestens 
was die bedeutung betrifit. Das einzige griechische wort, 
welches sich dem sinne wie dem klänge nach mit aicgia 
in Verbindung setzen liefse, ist vatBQaia (in bezug auf die 
Verwandlung des e (ai) in i vergleiche man das tzak. xqU 
für xqkag). Doch hat diese etymologie manches gegen sich, 
und die Verwandtschaft mit dem lat. cras scheint uns nft- 
herliegend (vgl. in einigen ital. mundarten crai, morgen, 
und pescrai, pescherai, übermorgen). 

uTtkiyyov, verjagen, hält hr. D. für das altgr. dva-- 
nXri6(S(ja^ wz. nXay. Aber dvanhijatSia kann nicht die be- 
deutung von ixnhiGGiü haben , und überdies weifs hr. D. 
wohl, dafs im tzakonischen wie im gemeinen romaisohen 
das (A vor einer labialis am anfang der Wörter nicht noth- 



anzeigen. 141 

wendig die praeposition dvd repräsentirt. Er selbst theilt 
ans femer mit, dafs -Byyov in den tzak. vcrben eine häufig 
Torkommende endung ist, die dem alten and neuen -ww 
entspricht. Uns scheint ^mliyyov von der gleichen wurzel 
abgeleitet wie das lat. pello, wenn es nicht gar von jenem 
lateinischen verbum selbst herkommt, das die griechische 
form angenommen hat. Gerade mit dieser endung -£va> 
pflegen die italienischen verben in die griechischen dialekte 
Süditaliens überzugehen (z. b. suspirevo, ich seufze). 
Femer ist zu beachten, dafs der tzakonis6he dialekt meh- 
rere Wörter von sicherer lateinischer abstammung aufweist. 
Hervorzaheben ist besonders das verbum 

fiovQtxxov^ tddten. Hr. D. citirt das bekannte uoqrog^ 
'd'PFjTog des Hesycbius, und fügt desselben (lOQOifAoi^ 
Ol ivot^oi dg ß-dvaxov hinzu, welches keinesfalls 
hierher gehört, vergifst dagegen das hiogr^v, dni^a- 
v€Vy über welches freilich Lobeck zweifel geftufsert 
hat. Nach unserer meinung haben jedoch diese He- 
sychischen glossen mit jenem tzak. wort nichts zu 
zu schaffen; dasselbe stammt vielmehr aus dem la- 
teinischen, so wie ohne zweifel das aib. morti latei- 
nischen Ursprungs ist. Die transitive bedeutung ist 
der endung -ixxov zuzuschreiben, welche diese bedeu- 
tung vielen tzak. verben beilegt (z. b. nsgoi durchgehn, 
nepatxxov durcbgehn lassen). Man bemerke, dafs 
sowohl morti im albanesischen als ^ovgixxov im 
tzakonischen unter den übrigen Wörtern, die sich auf 
denselben begriff beziehen, ganz vereinzelt bleiben. 
In intransitiver bedeutung scheint die wz. (log im 
tzakonischen nicht vorzukommen. Wir finden nur 
naivdxxov, sterben. Fut. naiß-dvov^ perf. knaivüxa» 
yovXa, kohl, welches hr. D. für das altgr. yoyyvXig hält, 
ohne die reduplication, ist das lat. caulis (eher als 
das gr. xavl6g\ in dem sich au in 01; verwandelt hat, 
wie im franz. chou (vgl. Diez, gramm. I, 229). Die- 
ses wort ist ferner nicht aussohliefslich tzakonisch; 
es findet sich bei Ptochoprodromos, I, 214, und im 
gemeinen romaischen bedeutet yovki koblstrunk (auch 
kaxavoyovlov genannt), oder auch eine kohlart, die 



142 Compuretti 

man in CoDStantinopel nach Skarlatoa ipgayxoldxavov 
nennt. 
Andere Wörter lat. Ursprungs sind: 
?M(poiaj lorbeer, lat. laurea. 

ßtrVidqixa (.9 as b) Zwillinge; welches wort in Kastanitza 
gebräuchlich ist, während man in Lenidhi ^cfjtfAciQtxit 
sagt. Im albanesischen finden wir binj4ku, der Zwil- 
ling. 
xUAa, hans, ist unzweifelhaft lateinischer und nicht ita- 
lienischer herkonft, so wie das gemeine onirt. So 
auch 
igirge, aratrnm, in dem das a am anfang sich in e ver- 
wandelt hat, wie im albanesischen ans argentnm 
ergjent geworden ist. 
Ein wort, das zwar nicht lateinischen Ursprungs ist, 
das aber die Griechen den Lateinern verdanken, ist aayo^ 
welches in Tzakonien vorkommt, ebenso wie das kleid, wel- 
ches es in der alten zeit bezeichnete. Hr. D. führt es 
nicht auf, wir finden es aber bei Oikonomos s. 31: adyo, 
knavoipOQtov ttav notfAivoav dvev fiapixtcov ix rgt^^iZv xata- 
axsvafffjiipov f fAtTaytiQiC,6fiBvov hv xatg(p x^^f^f^vog. Dieses 
wort, welches sich auch noch bei den byzantinischen 
schriftsteilem findet, hat im heutigen griechisch eine dem 
ital. sajo ähnlichen form (adytov, oayidxi) angenommen. 
Vgl. Diefenbach, Origines Europ. s. 414 flg. 

Zum schlufs bemerken wir noch das wort varvdxa, 
wiege, das gleichzeitig das ital. nannare, wiegen (ngr. 
vavovgiZ^), und nacare in sich vereinigt, welches letztere 
im sicil. und calabr. dialekt ebenfalls diese bedeutung hat 
Was die vorliegende arbeit von derThiersch's am wesent- 
lichsten und zwar zu ihrem vortheile unterscheidet, ist der 
abschnitt über phonologie, deren eingehendes Studium dem 
hm. D. weit tiefer in die etymologie der Wörter und der 
formen einzudringen gestattet hat, als esThierschgethan. Was 
dem leser in diesem theil der schrift zunächst auffällt, ist ein 
gewisser mangel an Ordnung in der darlegung der phonetischen 
thatsachen. Der vf. spricht zuerst von denjenigen unter den- 
selben, die er archaismen nennt, und dann von den neueren 



anzeigen. 143 

Terftoderongen; von beiden jedoch in ziemlich bunter folge. 
Die uDterscbeidnng, welche er zwischen den phonetischen 
erscheinnngen älteren nnd neueren datums macht, mag, 
anter einem gewissen gesichtspunkt betrachtet, sehr richtig 
sein, nnd f&r einige thatsachen als unzweifelhaft gelten; 
aber die unvollständige kenntnifs, die wir von den gespro- 
chenen dialekten des altgriechischen und den verschiedenen 
mehr oder weniger alten phasen derselben besitzen, macht 
es uns unmöglich, die phonetischen erscheinnngen eines 
neugriech. dialekts mit genauigkeit in jene beiden kategorien 
zn vertheilen. Diese Schwierigkeit zeigt sich, z. b., wenn 
hr. D. aus wenig triftigen gründen die Verwandlung des A 
nnd des v in (> unter die archaismen, die metatheeis des (} 
onter die modernen verftnderungen setzt, und in anderen 
ähnlichen iSllen. Wir glauben, er würde besser gethan 
haben, wenn er die phonetischen gesetze des tzakonischen 
in der weise angegeben hätte, dafs er sie nach den orga« 
nisohen kategorien der laute vertheilte und dabei gelegent- 
lich die analogien dieser gesetze mit dem, was wir von den 
alten dialekten wissen, bemerkte. Eine klasse von archais- 
men konnte er immerhin ausscheiden ; doch hätte er in die- 
selbe nur diejenigen phonetischen thatsachen setzen müssen, 
die heute nicht als durchgehende gesetze im dialekt herr- 
schen, sondern nur in einigen, in ihrer alten dialektischen 
form erhaltenen Wörtern wahrgenommen werden. 

Bemerkenswerth ist im tzakonischen das häufige vor- 
kommen des lautes seh, welcher, sich im albanesischen 
nnd in den griechischen dialekten von Epirus und Make- 
donien so verbreitet findet*). Obwohl hr. D. demselben 
im tzakonischen einen modernen Ursprung beimifst, so 
sdbeint es uns doch, was diesen dialekt betrifft, nicht fiber- 
flOssig daran zu erinnern, dafs das nichtvorhandensein jenes 
lants im alten gesprochenen dorisch oder in seinen Varie- 
täten keineswegs bewiesen ist**). 

In dem theil, welcher die tzak« grammatik betrififk, ist 



**) Vgl. Ham-ophiydes in dieser Zeitschrift VII, 140. 
**) Chrisfs andegcmg (gr. lantl. 180) des pindarischen , das San be- 
tidftnden flragmente ist unhaltbar. 



144 Comparetti 

es D. besser als Tbierscb gelungen, den wenigen gramma^ 
ticaliscben formen dieses dialekts eine ricbtigere orthogra* 
pbie in röcksicbt auf ibre ableitung nnd eine glOcklicbere 
anordnung zu geben. Einige irrthümer Tbierscb^s finden 
sieb bei ibm verbessert, obne dafs er übrigens jenen nennt 
oder den unterscbied bervorbebt« Einen grofsen febler be- 
gebt jedocb br. D., wenn er sieb in allgemeine fragen einl&Tst, 
die er um so mebr bei seite lassen sollte, als er sie meist in 
einer weise beantwortet, die die sebr geringe reife seiner 
linguistischen Studien an den tag legt. So fübrt ibn, z. b«, 
die Wahrnehmung, dafs die tzakoniscbe declination den ge- 
nit. plur. verloren bat, auf reflexionen über den fortfall der 
casus im allgemeinen und veranlafst ibn zu folgender erklä- 
rung dieser thatsache : ^On ne doit pas bdsiter ä dire que 
la conservation ou la perte des flexions casuelles est en 
raison directe du plus ou moins de nöcessit^ des cas. En 
d'antres termes, les cas qui ont disparu sont pr^cisement 
ceux qui, sauf certaines nuances dont la langne usuelle 
tient genäralement assez peu de compte, pouvaient se rem- 
placer par nne forme analytique, comme, par ex., le datif 
dont les fonctions pouvaient etre remplies par un accusatif 
jet une preposition'^ (s. 98). 

Der artikel allein ist es, der im tzakonischen den acc. 
plnr. vom nom. unterscheidet bei den masculinis und femi* 
ninis. Hr. D. ist der erste, der uns lehrt, dafs der acc. 
plur. des artikels masc. und fem. zu Kastanitza v^ ist {tijq 
vor einem vocal), während er, wie man bereits wufste, in 
Lenidhi rov (tovq) lautet. Hr. D. bemerkt, dafs das rtj 
oder Tijg von Kastanitza nicht f&r eine contraction von rcUg 
nnd mithin nicht ßXr einen acc. fem. genommen werden darf. 
Er citirt stellen aus Volksliedern zum beweise, dafs man auf 
Ejreta rat] statt rovg und raig sagt; aber es war ohnedies 
schon bekannt, dafs man nicht nur im kretischen dialekt, 
sondern auch in der gemeinen spräche t^i] statt rovg, ralg 
nnd tilg sagt, was auch schon MuUacb bemerkte (s. 190). 
Hr. D. ftkgt ferner hinzu, dafs sich im alten dialekt von Athen 
TYig f&r xovg und ralg gebraucht findet. Aber aus all diesem 
vermögen wir nicht recht einzusehen, wie er zu dem scblals 



anseig«!!. 145 

gelangt, dafs nj oder t^p ^nne forme exp^ditive et 
abr^gee^ von rot^^ sei. Wir geb^i zu, dafs der artiket 
Tijo ursprQnglich m&nnlich war, bevor er oommunis wurde, 
glauben jedoch, dafs er aich zum regelmäfsigen rovg wie 
der gemeine acc. fem. talg zum alten rag yerbält, und 
würden daher nicht ttjq sondern roig schreiben. Das von 
Mullaeh (s. 1 52) in bezug auf das gemeine taig citirte bet* 
spiel des alten aeolischen dialekts, der ebenfalls taig statt 
rag gebraucht, l&fst sich auch för diese dialektische mad« 
Coline form anfahren, da, wie bekannt, das alte aeolisch 
auch roig ftr rovg setzte. Man könnte glauben, daft in 
diesem ttfO von Eastanitza eine Verwandlung des lauts u in 
i stattgefunden habe, hervorgerufen durch die ähnliche 
Verwandlung, die mit dem t; geschieht, das iq vielen tzak. 
Wörtern seinen alten laut bewahrt, während es in andern 
den beutigen laut i annimmt. Aus demselben gründe &tk^ 
den sich auch im tzakonischen in mehreren fällen i und ti 
io ov verwandelt, und auf ähnliche weise im gemeinen 
romaischen der laut e des artikels pl. nom. fem. cci in i (jy), 
der Veränderung der ausspräche des ?; folgend« Doch ist 
zu bemerken, dafs auch in Kastanitza das rov der gea. 
masG. und neutr. unverändert geblieben ist 

Bisher hatten wir auf die autorität Thiersch's hin ge- 
glaubt, dafs die dativform, die im gemeinen romaisch be- 
kanntlieh bis auf einige äufserst seltene Überreste ganz 
verschwunden ist, im tzakonischen noch existire. Thiersch 
geht sogar so weit, dafs er nicht nur behauptet, jenes fac- 
tum sei „wenigstens im singuIar nachweisbar^, sondern 
auch in den paradigmen der declinationen die dai sing« t^ 
vofifp^ r^ yovvai^i^ t^ fifjvij und für die pronomina perso- 
nalia fc/, Pi, vi auffährt. Ueber diese so positive behaup- 
tnng Thiersch^s, die Mullach sorgfältig registrirt (s. 97), 
sagt hr. D. kein wort, indem er sich auf die bemerknng be- 
eebränkt, dafs der dativ im tzakon. „est remplac^ comme en 
grec moderne par la forme analytique: alg et Tarticle h Fac- 
Cttsatif^. Diese seine aussage wird von Oikonomos bestä- 
tigt, der nur vier casus, nämlich den nom» gen. acc. und 
▼oc. anfahrt. Thiersch hat sich arg versehen« Was er r^ 

Zeitschr. f. vgl. sprach/. XYIIIi 2. 10 



146 Compar«tti 

v6fi<p schreibt, wird Tielmehr rro vofWj d. b. ^g tov vofwv 
geschrieben. Der genitiv femer der fem. in a impor. en- 
digt bei einigen Substantiven in €, bei andern in »; (ra 
ygovaai, tSq ceuBoij). Tä yovvai^ij (nicht yovwcuCfi 
Thiersch irrt sich auch im accent, der in diesen tzak. ge- 
nitiven immer auf die letzte silbe fällt) ist kein dativ, son- 
dern ein genitiv, und was Thiersch fbr den genitiv von 
yovvaixa ausgiebt, tä yovval^s (vielmehr yovvaiCi) exisirt 
nicht ftr dieses snbstantivum, sondern ist eine nach dem 
beispiel anderer substantiva von ihm gebildete genitivform. 
Von der form t^ fA^vi finden wir bei D. keine spur. Beim 
Personalpronomen der ersten person ist (li (man sagt auch 
ifiiov; vgl. das altdorische kfiiai) genitiv und nicht dativ; 
der von Thiersch citirte ausdrnck di fii entspricht dem 
gemeinen dog uov. Ni ist der acc, und nicht der dat., 
des pron. der dritten person. Ein vi der zweiten person 
«zistirt nicht. — Alles dies bestätigt Oikonomos. 

Wir schliefsen unsere kritik mit einigen bemorkungen 
4lber das tzak. verbum. Dasselbe hat keine eigenthümliche 
form fQr das praesens und imperfectum, mit ausnähme 
des substantivverbnms, dessen praesens und imperfectum 
verbunden mit den participien der fibrigen verba fikr letztere 
jene beiden zeiten ersetzen. Das imperfectum des substan- 
tiwerbums ist, nach D., folgendes iua^ ^cra, ixi^^ Hfiai^ h- 
Tai, ijyxtj oder ijyxia'i. Um die formen des pluralis zu ei^ 
klären, weist hr. D. darauf hin, dafs in den dialekten 
Nordgriechenlands die erste und zweite pers. pinr. aor. act 
die endungen -cr^^i^, -atav {-Brav) statt der gemeinen 
-flTjKflv, -axBv (-BtBv) habcu. Demgemäfs erklärt er die en- 
dnng ^at als aus -avi entstanden, indem, sagt er, das i 
finale paragogisch ist und das v ausgestofsen wurde. Da 
femer der tzak. dialekt das 6 in den aoristen ausstölst, ist 
nach seiner ansieht die vollständige form der dritten person 
Tfyxi^aapi oder TjvtTjaapi. — Wir bemerken zunächst, dafs 
man, um das wesen jener endung richtig zu verstehen, sich 
gewisse endungen der 3. pers. pl., die dieser dialekt aufweist, 
verg^enwärtigen mufs, nämlich die 3. pl. fttt. act t^a ogavi^ 
3« pl. ftit« pass. ß-ä OQad'ovviy 3. pl. fut. act iJ-a yiovQi(foi\ 



147 

3. pL aor. act. iwQaxai^ 3. pL aor. pass. iwQax&a'i, Wir 
b^^ifen nicht, wie br. D., der im phonologischen theil sei- 
ner arbeit so richtig die ausstofsung des er, wenn es zwischen 
zwei vocalen in einer endung steht, bei anderen formen des 
tzak. verbums bemerkt hat, dieselbe ausstofsung in den en- 
dungen -aC^ -oi Obersehen konnte. Auch in den griech. dia- 
lekten SQditaliens findet sich ein solcher ausfall des <t, und 
man sagt, z. b., tfiQa'i statt tiigaai und letzteres statt des 
gemeinen fjvgavj rjvgave^ welches übrigens ebenfalls in jenen 
dialekten vorkommt, denn die endungen -orve, -aai, -€4', 
und -^vPBj -ovai (-ol* haben wir bis jetzt nicht gefunden) 
werden in denselben vermischt gebraucht. Und dieses ist 
nicht nur den griech. dialekten Süditaliens eigenthümlich, 
sondern findet sich auch sehr gewöhnlich in anderen dia- 
lekten, z. b. im kyprischen, sowie bei den ältesten romaischen 
schriftsteilem. In manchen fällen ist auch die endung -ai^e 
oder -aai nur angefiQgt, und verlängert nur eine bereits 
vollständige form, wie, z. b., wenn aus kygaqovto kyga^ 
ipovvTovs und hyqaq>ovvtaöi wird, wie man, u. a., häufig 
beim Demetrius Zenns findet. Kehren wir nun zum tza- 
konischen zurück, so ist es hiemach klar, dafs die endun- 
gen der 3. pL -cri', -ot den erwähnten endungen ^aat^ -ovai 
und die endungen -avi^ -ovvi den gemeinen -av6, -ot/ye 
entsprechen. Im imperfectnm des subsf an tiv verbums ist 
die eigentliche form der 3. pl. ijyxi (so würden wir schrei- 
ben nicht rjyxrj) ; die andere, rjyTaa'Cj ist nichts als das näm- 
liche 'i]yxi mit der additionalendung -ai' {-aai). Dieselbe 
additionalendung wird auch an die erste und zweite person 
angehängt, i^-ai^ ^rr-ai', in derselben weise wie beim ge- 
meinen imperfectnm des substantivverbums und der passiv- 
form der verba überhaupt jenen beiden personen die ad- 
ditionalendung -aöTt {ijfi'aatBj ija-affTS^ iyQa<povfi^aate^ 
iypag>ovC'aifTe) angefügt wird. 

Wir haben im tzakonischen eine spur des imperf. pass. 
im aorist erhalten. Der aor. pass. lautet: (agdfia (auch 
itoQceua)^ wgat&BQE^ (agccTd-e^ utgäfiat, (agdt&atef (hgccT&al, 
Offenbar hat die 1. pers. sing, und plur. nicht die form des 
aor., sondern des imperf. {cagdfia^ wQtifiai wie ifia, ifiai), 

10* 



I4d Conparetti 

In einem anhange giebt hr. D. als proben des dialekte 
sechs kurze teak. lieder mit flberseteung und erklfirungen^ 
die mehrzahl im dialekt von Kastanitza. Diese proben sind 
zwar etwas bedeutender als die von Thiersch mitgetheilten, 
aber immer noch sehr ungenflgend. — Wir verstehen nicht, 
zu welchem zwecke hr. D/in diesen anhang noch drei in* 
Schriften aufgenommen hat, die weder im dialekt geschrieben^ 
noch überhaupt älteren datums als 1 678 sind, und eine vierte 
Inschrift, die zwar alt ist, aber nur die gewöhnlichsten do- 
rismen enthält. (Die letztere ist ein proxeniedeoret der stadt 
Gerouthrae, welches sich der no. 1 334 des C. I. O. zur seite 
stellen läfst). «— Es scheint uns eine tadelnswerthe sitte — die 
übrigens nicht hm. D. allein vorzuwerfen ist — , alte In- 
schriften in büchem zu publiciren, in denen es niemandem 
einfallen wird sie zu suchen. 

Der schlufs, zu dem sich hr. D. durch seine arbeit ge- 
führt sieht, ist der, dafs iler tzak. dialekt der erbe jenes la- 
konischen sei, der ehemals in derselben gegend gesprochen 
wurde*). Bis auf einige einschränkungen ist dies richtig, 
and hätte sich hr. D. hiermit begnügt, so würden seine be- 
hauptungen in den thatsachen ihre begründung finden. Aber 
gelockt durch das beispiel Thiersch^s, dem er Oberhaupt im 
historischen theil seiner schrift stillschweigend gefolgt ist, 
hat er noch weiter gehen wollen. Das von den Tzakoniem 
bewohnte land bewohnten nach Herodot ehemals die Kynu- 
rier, die zwar jonischen Ursprungs waren, unter den Dorem 
aber, wie sich der grofse geschichtsschreiber ausdrückt, £x- 
S$d(UQiBvvTai, Der lakon. dialekt ferner ist, nach Ahrens, 
ebenfalls praedorischen Ursprungs; mithin mufs sich im tza- 
konischen unter den dorismen ein uraltes jonisches element 
erkennen lassen. — Dies ist im gründe nichts anderes, als 
was auch Thiersch schon behauptete. Wenn man aber 
fragt, welches denn eigentlich diese mysteri(ysen und vor- 



*) Den namen TCaxMtia erklärt hr. D. aus dem adjectiy T^aj^onr, 

welcher in der „Chronik von Morea* in der bedeatnng von steil vorkommt; 

. ein beiwort, das sehr wohl auf Tsakonien pafst. Im tzakoniscben verwandelt 

sich das ^ nach den zahulauteu iu seh, daher T^axcrir^a, T^axw ••#(;. — Wir 

glauben kaum, daf^ diese etymologie jemanden befriedigen wird. 



anzeigen. 149 

sOndflutblichen jonismeD, die das tzakonische enthalten soU, 
seien, so antwortet Thierscb unbedenklich: man erkenne 
sie in „der Weichheit und milderung der formen, im ab- 
stofs und ausfall der Konsonanten, in der anschwellnng 
der Yoeale, in dem offenhalten der diphthonge und, in meh« 
reren ftllen, in der entfernung der contraotion o. s. w.^, 
Hr. D., der wohl bemerkt haben mag, daJb diese behaup- 
toDg Thiersch^s etwas kQhn sei, beschränkt sich darauf SU 
sagen, dafs der ursprQngliche jonismus des tzakonischen 
sich in den „ particularit^s laconiennes du dialecte^ offen- 
bare, von denen die dorismen durchaus zu sondern seien* 
Thierscb bleibt übrigens bei obigem noch nicht stehn, son- 
dern verirrt sich, auf dem abschüssigen wege der conjecturen, 
bis zu den Pelasgern,. die hr. D., vielleicht weil sie heute 
nicht mehr in der mode sind, weislich zu hause läfst. 

Offenbar enthält dieser tzak. dialekt untermischt mit 
vielen clementei^ andern Ursprungs, romaischen, albanesi- 
schen, lateinischen und auch türkischen, deutliche spuren 
des altdorischen und speziell des lakonischen, sowohl im 
Wortschatz als auch in der grammatik"^). Hr. D.'s arbeit 
läfst hierüber keinen zweifei. Aber obwohl sie die best^ 
ist, die wir bis heute über den gegenständ besitzen, so 
kann sie doch keineswegs für erschöpfend gelten und UUst 
noch viele wünsche unerf&llt. Wir hoffen, dafs hr. D. 
dieses feld hiermit noch nicht verlassen und demselben in 
Zukunft noch gründlichere und der wissenschaftlichen methode 
noch treuere Studien widmen werde. Ein möglichst voll- 
ständiges lexicon und eine reichhaltige Sammlung von pro- 
ben des tzak. dialekts wären vorzüglich zu wünschen. 



*) FOr ein curiosnm kann es gelten, dafs Hopf, in seiner geachicht« 
Griechenlands vom beginn des mittelalters bis auf ansere seit 
noch heute die Tzalconier fUr Überreste der slaviscben eindringlinge Griechen- 
lands hftlt, nnd dafs sein recensent im llter. centralblatt im Juni 1S6S 
die Phantasien Fallmerayers wiederaufzniViscben nnd zu vertheidigen sucht. 

Pisa. D. Comparetti. 



150 Schmidt 

DaB grammatische geachlecht und seine sprachliche bedeutnng. Eine aka- 
demische gelegenheitochrift von J. H. Oswald. Paderborn 1866. 

Die vorliegende abhandlnng könnte unbeschadet ihres 
Inhaltes zwei drittel ihres umfanges entbehren. Der Ver- 
fasser, nicht Sprachforscher von fach (kath. theologe), trägt 
seine, nicht immer genügende grammatische dnrchbildung 
verrathenden ansichten mit wenig rOcksicht auf die zeit 
des lesers vor. Mancherlei, oft weit abfahrende, exenrse 
unterbrechen die darstellung. Wenn man eine sprachliche 
erscheinung untersucht, so handelt es sich vor allem darmn 
festzustellen, worin sie besteht, in unserem falle ist also 
die schwierige frage zu beantworten: wie, d. h. durch 
welche lautlichen mittel, bezeichnet die spräche das genus. 
Der verf. indeis „rechnet dies nicht zu seiner aufgäbe^ 
(s. 71 und 58 anm.), sondern setzt die thatsache, dafs die 
indogermanische spräche das genus bezeichnet, einfach vor- 
aus. Dafs die Untersuchung dadurch an klarheit nicht ge- 
winnt, ist natürlich. Erö£fhet wird die abhandtung mit der 
thatsftchlich unrichtigen behauptung, „dafs nur die sprachen 
auf der höchsten stufe der Organisation den unterschied 
des grammatischen geschlechtes aufzeigen^. EKe congo- 
caffrischen sprachen, welche gewifs nicht zn den höchst- 
organisierten sprachen zählen, unterscheiden sogar mehr 
als drei unseren genera entsprechende categorien. Von 
den sprachen, welche das genus nicht bezeichnen, wird 
das magyarische als beispiel herangezogen und sehr aus- 
führlich erörtert. Ganz unberechtigt ist aber folgender 
schlufs: „Da nun die anderen constitutivelemente der decli- 
nation, die abwandlung durch casus und oumerus, mit der 
motion des genus auf gleichem fufse stehen, so fallen auch 
ca§us und numeri als wahrhaft grammatische formen aus, 
und jede wahre, d. i. flexivische declination ist unmöglich^ 
(s. 15). Wäre dies richtig, gäbe es keine „wahre** decli- 
nation ohne geschlechtsunterscheidung , so wäre die decli- 
nation unserer indogermanischen personalpronomina auch 
nicht „wahr**, und da sie von der declination der geschlecb- 
tigen pronomina und der nominalen declination zwar ab- 



anzeigeD. 151 

weicht, aber doob nicht principiell irerachieden i«t, so folgte, 
dafe auch die noininaldecliiiatioD, trotzdem dafs in ihr der 
genusunterschied hervortritt, nicht „wahr*^ wäre, d. h. daCs ' 
es im iDdogermauischen überhaupt keine ,, wahre** declina- 
tioa gäbe. Der verf. erklärt dann auch (s. 17), dals die 
magyar. oasussuffize -nak, -at u. s.w. „nicht entfernt un- 
seren flexiyischeu casibus entsprechen, sondern nur in rea- 
listischer nachahmung die casuellen besiehungen auszu- 
drflcken suchen^. ^Am beweisendsten f)Qr die unfleziTische 
natur dieser casus ist der umstand, dafs lediglich das sub- 
statftiv, nicht die voraufgehenden attribute das casuszeichen 
bekommen: a' j6 ember := der gute mann, a' jö em- 
bernek dem guten manne. Wäre das flezion, so müiste 
es heiTsen aznak jönak embernek wie Ttß aya&fp aif- 
tf^gwnqi^. Dies ist nicht richtig. Das magyarische falst 
offenbar a' jö ember u. a. als ein ganzes und setzt daher 
die ihm zukommenden beziehungselemente auch nur «iitmal 
an den schluis des ganzen. Freilich bekundet dies ein im 
▼ergleiche zum indogermanischen unausgebildetes gefQhl 
filr Worteinheit, welches man aber nicht auf den mangeln- 
den genusunterschied zurOckf&hren darf*). Die magyari- 
schen suf&xe sollen nur ^^realistische bedeutungslaute^ und 
damit toto coelo von den sufSzen des indogermanischen 
verschieden sein, welchen man doch auch weder realismus 
noch bedeutung absprechen darf. ^Mit einem werte, es 
fehlt Qberall das formbildende princip und damit der höhere 
Sprachgeist. Es verhält sich die ungrische spräche zu einer 
indogermanischen wie ein überaus künstlich angefertigter 
automat zum belebten Organismus des menschlichen leibes^. 
Wer hat denn den automaten gemacht? Es folgt dann noch 
eine lange Verherrlichung des indogermanischen, veibunden 
mit ungerechtfertigter herabsetzung des magyarischen, welche 
um so unbegreiflicher sind, als der verf. den allein wesent- 
lichen unterschied zwischen den flectierenden und aggluti- 
nierenden sprachen, nämlich die Veränderlichkeit der wnr- 

*} Auch unsere eprachen bewahreu noch eine den obigen magyarischen 
bfldungen entsprechende form im gen. sg. der a-sUbnme, wie ich aa 
anderen orte zeigen werde. 



152 Sohmidt 

aei^ocaie 2um zwecke des beziehungsaußdruckes in ersterao 
•als ^ftiifserliche phonetische erscheinungeii^ fafst (s. den 
itiOL excure s. 32 ), der nach des Verfassers meinung unge- 
heure abstand awischen bmden also gar keinen thatsächli- 
chen anhält (NB. nur f&r den verf.) haben kann. 

Der folgende abschnitt bespricht die verschiedene be- 
handlung des grammatischen geschlechtes im indogcrmani*- 
sehen und semitischen. Das im indogermanischen neben 
den beiden natürlichen geschlechtem auftretende ueotrum 
wird erklärt als das kindliche noch nach keiner von beiden 
Seiten hin entwickelte, woraus sich dann die vorstellungm 
des kleinen, zarten, niedlichen und in uugflnstiger beziehung 
des unreif rohen, ungeheuerlichen entfalten. Da das neu- 
trum beide geschlechter implicite in sich enthält, so be- 
zeichnet es femer das beiden geschlechtern gemeinsame, 
allgemeine, abstracte (s. 36 f.). In Wirklichkeit ist ja aber 
das femininum wenigstens ebenso oft zur bezeichnnng des 
abstracten gebraucht wie das neutrum, ich erinnere an ab* 
stracta auf skr. -ti, lat. -tia, -tion-, gr. -avvtj^ deutsch 
-nng, -nifs u. a. Uebcrhaupt kann man sich nicht verheh- 
len, dafs es um eine scharfe begriffliche Scheidung der drei 
grammatischen genera sehr mifslich steht. Entsprächen der 
bezeichnnng der geschlechter wirklich so stark verschiedene 
voi^stellungen wie die des männlichen, weiblichen und noch 
nngeschlechtigen in der natnr, so wären die zahllosen Qber- 
tritte von werten aus einem genus in das andere ohne 
merkbare modification des begriffes sowie der umstand, 
dafs manche werte zwei geschlechtem angehören, ganz 
unerklärlich. Recht gut entwickelt der verf. die inneren 
grQnde, weshalb Indogermanen und Semiten am pron. l.p. 
sg. das gpschlecht nicht bezeichnen (s. 48 ff.). Der redende 
als solcher ist nur geistige person, also über den geschlechta- 
unterschied erhaben. Lesenswerth ist auch die bespreobung 
der pronomina der beiden anderen personen, ganz verun- 
^Qckt aber der versuch (s. 51 ff.) die dedination der indog. 
geschlechtslosen pronomina als derivation zu erweisen, wel- 
cher, abgesehen von vielen einzelnen Unrichtigkeiten, zeigt. 



ansci^tti. 158 

dab dem verf. der unterficbied zwisoben Wortbildung und 
stammbildang nicht klar geworden ist 

Aus der ausdehnung des genus auf das verbum im 
aemitischeii scbUeist der verf.^ dafs in dieser spräche über- 
haupt die Unterscheidung zwischen nomen und verbum 
noch nicht so scharf und vollständig YoUzogen ist wie in 
der sprachlichen Schwesterfamilie. Der schluissatz ist rich- 
tig, folgt aber nicht aus den prftmissen des Verfassers. 
(Vgl. Schleicher die Unterscheidung von nomen und verbum 
in dear lautlichen form). 

loh schlielse hiermit daa referat, welches sich auf die 
wiedergäbe des gedankenganges im ganzen und greisen 
beschrftnkt, eine menge einzelner Unrichtigkeiten aber, 
welche der fachgenosse sofort als solche erkennen wird, 
gans unerwähnt gelassen hat. Mehr eingehen auf das 
Üiatsächlich gegebene und weniger philosopheme wären zn 
wünschen gewesen. Im ganzen mifst der verf. der bezeich- 
nnng des grammatischen geschlechtes (wie sie geschieht, 
wird leider gar nicht untersucht) eine viel zu hohe Wich- 
tigkeit fiEkr die morphologie der spräche und des denkens 
bei. £ine störende zugäbe sind die druckfehl^, welche 
die ganze arbeit durchziehen. 

Johannes Schmidt 



Zur kenntnifs der ältesten runen. - 

In zwei artikeln der kopenhagner zeitschr. fQr philol. 
und pädagog., bd. VII, s. 211—252 und 312 — 363, die 
aoeb besonders gedruckt sind, hat Sophus Bugge in 
Christiania eine anzahl (12) der „ältesten^ runeninschriften 
behandelt. Die resultate seiner entzifferung sind filr das 
TeffständniTs dieser inschriften wie die kenntnifs der in ihnen 
angewandten spräche und sohrift wichtig genug, als dafs 
wir den leser der Zeitschrift nicht durch eine besondre hin- 
Weisung sowohl auf diese selbst, als auch die mit ihnen 



154 ll5bia« 

in naher Verbindung stehenden arbeiten von Ludv. W im- 
mer und E. Jessen in Kopenhagen aufinerksam machen 
sollten; es handelt sich uns hier weder um eine erschö- 
pfende mittheilung, noch eine kritik, die wir unsem mno- 
logen fiberlassen. 

Unter ^ältesten runen^ aber oder „runen der langem 
reihe ^ verstehen B., W. und J. diejenigen, die man bei 
uns die ^ deutschen ^ nennt ( W. Grimm ), im norden aber 
— seitdem man dort ihre spräche als nordische erkannt 
zu haben glaubt — auch die „altnordischen^ im gegensatz 
zu den gewöhnlichen, den „skandinavischen'*, der kfirzem 
reihe. (Wenn freilich Geo. Stephens sein Bunenwerk 
[Part I, Lond. and Cheapinghaven 186(i, fol.], was sich 
nicht nur auf jene „ältesten'^, sondern auch auf die angel- 
sächsischen runen erstreckt, betitelt: The oldnorthern 
runic monuments of Scandinavia and England^, so thnt er 
dies auf grund seiner eigenthQmlichen Überzeugung, dais 
die spräche, die er in beiderlei runen findet und auch zur 
eiklärung der erstem anwendet, nftmlich die angelsftchsisobe, 
nicht — wie wir andern alle bisher vermeinten — eine 
deutsche sei, sondern, was man dem eifrigen skandinavisten 
zu gute halten möge, eine nordische; der werth und die 
Zuverlässigkeit seiner sehr sorgß&Itigen runenbilder wird 
übrigens dadurch in keiner weise geschmiüert). 

Die von Bugge behandelten inschriften sind einmal 
das goldne hörn und die steine zu Tune und zu Vamnm 
nebst einigen kleinern inschriften, andrerseits die blekinger 
steine zu Istaby und Björketorp; die Stentofte-, Gommor- 
und Sölvesborg-inschrift nur in einzelnen werten. 

Sie werden, meist unter Zugrundelegung der abbildtta- 
gen bei Geo. Stephens, von S. B. gelesen und erklftrt wie 
folgt: 

I. (hörn, Nordschlesw.): ek Hlewagastir Holtingar 

homa tawido: ick, Hlmoagast HoUs nac hk omme 

d. i. : sohn^ fertigte tku hom. 
II. (Tune, Norw.), 1 : ek Wiwar after Wodnride wita- 

dahalaiban worahto runor : tcA, Vic, toürkte nack (stmv 

andenken an) Voduridj den genossen^ die 



miscellen. 155 

ni. (Tuue, Norw.)) 2 :* arbinga singoster arbingan Op- 
liogor dohtrir dalidun [afte]r Wodaride staina: 
der (d. i.: von den) erben die ältesten erben ^ die 
töchier der Odlinga^ fertigten (?) nach W. den 
stein. 
IV. (Varoum, Schwed.): ubar Hite Harabanar [wi]t jah 
ek Erilar runor warita : über dem Hit schrieben wir 
beide^ ich Hrafn und Jarl, runen. 
V. (Berga, Schwed.), 1: Fino: Finna (name). 
VI. { ji „ ), 2: Saligastir: S. (name). 

VII. (Etelhelm, Schw.): m(i)c M(e)r(i)la w(o)rta: mich 

(d. ]. : die inschrift) tcürkte Merila. 
VIII. (Tanom, Schw.): prawingan haitinar was: {der 
stein) war (der) des Thrat>ingi geheifsen. 
IX. (Himlinghöie, Dänem.): Hariso: Harisa (name). 
X. (Istaby, Schw.): afatr Hariwnlafa Hapuwulafr Hae- 
ruwulafi(ng)r warait runar paiar: nach (is. and. an) 
Hariwulfr (d. i. : Herjulfr) schrieb Hathuwulfr Sae- 
ruwulfs (d. i.: BöSulfr Björulfs) söhn diese runen. 
XI. (Björketorp, Schw.): uparaba-spa. sar pat barutr 
uti ar wela daude. haera malausr ginarunar aragea 
falah ak Hadr oag haidrrQ(nar) noronu (altn.: upar- 
faspä. aar pat brytr^ üti er vel daadt. her mdllauss 
ginnrünar ergju fal ek Haddr, öak heiiTrrünar nor- 
roenu): Verfluchung, der welcher dies abbricht^ (für 
den) ist draufsen jedenfalls der iod; hier barg tcA, 
Haddrj sprachlos der hexerei kraftrunenj bange 
(d. i.: mit scheu erfüllt) bin ich vor den nordischen 
ehrenrunen. 
Die spräche, offenbar eine germanische, sehr antiken 
gepräges, am nächsten der gothischen, obwohl bald mehr 
bald minder alterthQmlich als diese, zeigt doch vorwiegend 
nordischen (nordgerman.) charakter im gegensatze zum 
deutschen (südgerman.). 

Das hohe alter wird bezeugt (aufser dem mangel des 
Umlautes, dem e sss i, o as u, dem d = d* u. a.) vorzugs- 
weise durch das hervortreten der thematischen vocale, das 



156 Möbitu 

nordische namentlich durch das an die Btelle des goth. 
flexions*8 getretne r. 

Jene thematischen voce, a, i, n, vor allem das a, zei- 
gen sich in: Hlewa- (L), witada-*(II.), Hart- (XI.), Hal>ii- 
(X.), Haerw- (X.), in: -gastir (I.), Holtingar (L), Wiwar 
(IL), Harabanar (IV.), £rilar (IV.), haiti;iar (VUL), in: 
horna (L), staina (IIL), -wulafa (X;)- [Äulser dem the- 
matischen a, findet sich dieser vocal aber noch in zweifa- 
cher weise, epenthetisch und paragogisch; epenthet. in: 
halaiban (IL), worahto (IL), Harabanar (IV.), waritu (IV.) 
und warait (X.), afatr (X), -wulafa und -wulafr und -wu- 
lafi(ng)r (X.), in: uparaba- (XI.), barutr (XL), arageu (XL), 
falah (XL); paragogisch in: wela (XI.), haera (XL), gino- 
(XI.) -]. 

Der nordische (d. i. : nicht-deutsche) charakter beruht 
auf der deutung derjenigen rune, die in den spätem, skan- 
dinavischen rnnen m bezeichnet, der aber Bugge in diesen 
ältesten durchgehend den werth des r (goth. s) vindiciert; 
die Istaby-inschrift (X.), wo es nicht andere gelesen werden 
kann (Hapuwulafr, Haeruwulafir, runar, paiar, neben afatr, 
wo eben r nicht s= s, sondern == r) dient ihm als basis. 
Sonach : -gastir (I.), Holtingar (I.), Wiwar (H), ubar (IV., 
vgl. afatr X.), Harabanar (IV.), Erilar (IV.), runor (IV.), 
haitinar (VIIL), barutr (XL), ar (XL), malausr (XI.), 
Hadr (XL). 

Deutung und erklärung obiger inschriften, wie die 
principien derselben und die ansieht von ihrer spräche ge- 
hören, wenn auch vorwiegend, doch nicht — wie allerdings 
die Björketorp -Inschrift — ausschliefslich Bugge; neben 
Bredsdorf und Munch , Dietrich und Hofmann u. a. ist es 
vorzugsweise Ludv. Wimmer, der theils ganz unabhän- 
gig von Bugge, theils zustimmend und im anschlnis an 
ihn wesentlich dieselben resultate ausgesprochen. Dies gilt 
namentlich von der erklärung der spätem m-mne als eines 
r (=s goth. s) in diesen ältesten inschriften und in folge 
dessen von der dentung der betreffenden spräche als einer 
nordischen; ebenso hat er sich den nach weis der ihenuiiti- 
schen v<>oale in diesen inschrifiben besonders angelegen sein 



miflcelleii. 157 

lassen. Letztares in seiner schrift über die altdänische 
declinatioD (Navneordenes Bojning i aeldre Dansk. Köbh. 
1868), die zugleich s. 41—45 die hörn- und Tune-inscbrift 
eingehender bespricht; ersteres in zwei (auch separat ge- 
druckten) artikeln der Jahrbücher (Aarböger) der kgl. nord. 
alterthumsgesellsch. 1867, 1 — 64 und 1868, 53 — 75, von 
denen der erstere eine kritik von Geo. Stephens' runenwerk 
L enthält, der letztere die durch sie hervorgerufne antikri- 
tik von G.Stephens (Aarb. 1867, 177—231) beantwortet. 
— Zweifel und anfechtung haben dagegen die Buggischen 
erklärungen, zunächst der sieben ersten inschriflen, von 
E. Jessen erfahren, in Aarb. 1867, 173 — 176 und 274 
— 282; namentlich ist es jener angelpunkt des r, insonder- 
heit dessen ausnahmslose anwendung, wogegen J« mehrere 
nicht ungewichtige bedenken erhebt. Auf diese wiederum 
hat Bugge in einem besondern anbange zum zweiten jener 
oben angeführten artikel, s. 353 — 363, geantwortet. 

Eigenthümlich ist Bugge, wie bereits bemerkt, die oben 
g^ebne deutung des blekinger Björketorpsteins. B. selbst 
bezeichnet sie als eine sehr fragliche und stellt als princip 
seiner erklärung die jedenfalls sehr sinnreiche vermuthung 
auf, dafs sie, in unzweifelhaft „ältesten^ runen geschrieben, 
doch nicht deren sonstige spräche, sondern die altnordische 
miodestens des 11. jahrh. darbiete (formen wie ar ss er 
und arageu ^^ ergja weisen auf die mitte desselben), so- 
nach einer zeit, wo jene runen bereits längst durch die 
jüngeren, skandinavischen verdrängt waren. Wenn jene 
gleichwohl hier zur anwendung gekommen, habe der Schrei- 
ber seinem fluche (üparfaspä) einen gewissen mysteriösen 
Charakter verleihen wollen. Er nennt sie selbst: ginnrünar 
ergja, weil sie zu seiner zeit nur noch zum zauber (aber 
nicht zur schrifi;) angewendet wurden, im gegensatz zu den 
damals üblichen, jedem verständlichen skandinavischen ru- 
nen: heidrrünar norroenu. Rüc£flichtlich der Stentofte-, 
Gommor- und Solvesborg-inschrift verweisen wir den leser 
auf Bugges eigne auseinandersetznng. 

Th. Möbins. 



158 Andresen 

1) Schlittschuh oder schrittschuh? 

Als Klopstock, wie in „Wahrheit und dichtung^ (buch 
15) erisählt wird, Göthen und F.eiue freunde „zurechtwies^, 
dafs nicht „schlittschnh^ sondern „schrittschuh^ 
zu sprechen sei, „das wort komme keineswegs von schüt- 
ten, als wenn man auf kleinen kufen dahin fähre, indem 
man, den homerischen göttem gleich, auf diesen geflögelten 
sohlen über das zum boden gewordene meer hinschreite*': 
da traf er völlig das richtige, ohne sich indes, wie zu 
vermuthen steht, der entscheidenden formverhältnisse hin- 
reichend bewust zu sein. Trotz jener einleuchtenden er- 
klärung, die der hauptsache nach schon von Richey im 
hamburg. idiot. gegeben worden war*), und obgleich zu 
keiner älteren zeit von „Schlittschuhen^ je die rede 
gewesen ist, scheint doch diese form, mit ausnähme etwa 
von Norddeutschland im engeren sinne, allenthalben das 
übergewicht zu behaupten. Im mittelhochdeutschen be- 
gegnet schriteschuoch, schrittelschuoch, im alt- 
hochdeutschen demgemäfs wohl nicht scrtte- sondern 
scritescuoh (Grimm gr. II, 681), mit dem Substantiv zu- 
sammengesetzt. Der niederd. dialekt sagt stridscho, 
stridschau (vergl. Schambach 214b), aus striden, engl, 
stride**). Offenbar soll nun „Schlittschuh*' (dr „be- 
zeichnender^ gelten (Förstemann in d. zeitschr. I, 10); dies 
leuchtet jedoch keineswegs ein, am wenigsten dem geschick- 
ten, selbstthfttigen und selbstbewufsten läufer, der vielmehr 
von der Klopstockschen erklärung erbaut ist. Ursprung 
und bedeutung zeugen gleich mächtig fbr„schrittschuh^, 
gegen „Schlittschuh^, dessen gänzliche Verwerfung min- 
destens aus der Schriftsprache angemessen erscheinen and 
vielleicht erreichbar sein dürfte. 



^ »womit man auf dem eise wacker fortschnitet**. 
**) auch im hochdeutschen vorhanden; s. Grimm gr. I*, 861. 987. 1087; 
mhd. wSrterb. II, 2, 690. In der Wetterau kommt noch heute «schtruten* 
in diesem sinne vor (d. seitschr. IV, 82). 



miBcellen. 159 

2) Eisenmenger. 

Die erklärung Grimms im Wörterbuch: ^Eisenmen- 
ger^ eisenmischer^ trifft schwerlich das rechte, wird auch 
durch das, was unter ,, fischmenger ^ bemerkt steht, still- 
schweigeods wieder aufgehoben. Eisenmenger gehört ohne 
zweifei zu menger, mengaere, mangsere (lat. mango, engl. 
moDger) und bedeutet .eisenhändler, eisenkrämer, welches 
letztere ebenfalls als familienname vorkommt. Ueberdies 
sind die engl. Wörter ironmonger, ironmongery bekannt. 
Aufser Fischmenger begegnet auch Stromenger*) als 
geschlechtsname, desgleichen Meng er und Mang er selbst. 
Die älteren Zusammensetzungen vlas- (flachs-), vieisch-, 
wkU (tuch-), witemanger (engl, woodmonger) zeigt das 
mhd. wörterb. II, 60 und Schmeller bair. wtb. II, 599 ; unter 
diesen hat sich fleischmenger noch viel später erhalten **). 
Bonn. K. 6. Andresen. 



Lateinische wortdeutungen. 
1) prope. 

Der von Ebel zeitschr. XIY, 37. 78 zur vermittelung 
von prope mit dem snperlativus proximas angenommene 
Übergang des labials in den guttural läfst sich, wie Corssen 
nachtr. 72 zeigt, durch kein sicheres beispiel dieses laut- 
wandeis im lateinischen stützen. Corssens eigene erklärung 
ist auf eine dreifache Voraussetzung gestellt, nämlich dafs es 
ein von prope abgeleitetes *propicus gegeben, dieses den 
superlativQS *propic-simus fbr propicissimns gebildet 
und dieser wiederum durch die mittelstufe *prop-c-simus 
sich in das historische proximus umgewandelt habe. Alles 
das läfst sich doch nicht genügend sichern. Ich mache 
daher die einfachere annähme, dafs in prope der Übergang 
von c in p stattgefunden habe, der f&r lupus popina 



*) Die foim Strommenger ist vieUeicht blofte entstellnng. 
^ Vgl. eine FleiBchmengergasee in K51n. 



160 Froebde, miiceUen. 

Epona naohge wiesen und fQr unaer wort durch proximas 
ebeueo angezeigt ist, wie z. b. der ausfall des r in tos tarn 
durch torreo, der dentale Ursprung des b in jubeo (w. 
ju-dh) durch jussi u. a. Als wurzel bietet sich skr. parK 
verbinden, in berQhrung bringen, die in verschiedenen for- 
men durch die sprachen geht. Mit erhaltenem r findet sie 
Kuhn zeitschr. VIII, 67 in comperco, Walter XII, 378 
in Parca; dafs sie auch in porcere erscheine, habe ich 
beitr. z. lat. etym. p. 9 zu zeigen gesucht. Die bedeutungen 
von prope ergeben sich aus dieser wurzel ohne Schwierig- 
keit; analogien bieten juxta von jüngere, apud von apere, 
goth. nehva, wenn die herausgeber der umbrischen Sprach- 
denkmäler (II, 72) recht haben, dasselbe nebst umbr. ne- 
simo zu lat. necto w. nee zu stellen. Wie von necto 
necessitudo Verwandtschaft, necessarius verwandt aus- 
gehen, so von prope propinquus. 



2) fovea. favissa. 

fov-ea grübe, loch, eine bildung vne cav-ea, ist nach 
form und bedeutung dem griechischen x^'^^^ (®P* für j^cm) 
loch, höhle fQr ;^<^-€ta gleich, indem ursprüngliches av im 
griechischen 6(/'), im lateinischen ov wurde wie in novos, 
viog. Die wurzel fav gr. x^^ (x^if)'^^)^ weiterbildnag 
von x^') fii^dc^ siob Auch im slawischen und deutschen 
(Diefenbach vergl. wörterb. II, 338). Der ursprQngliche 
vocal hat sich erhalten in fav-issae unterirdische rftome, 
höhlungen (Gellius U, 10). In beiden bildungen ist j|f durch 
f vertreten, wie in dem wurzelverwandten fatisco. 
Liegnitz. F. Froehde. 



fBetlag ^on 3« <Bttttentag in Betliit* 

@oe6en erfd^ien neu: 

TiimVio-rf Tli« "17 ^*® giiechischen Fremdwörter, einge- 
.uauut/l t^ X/l • XJ»y leitetiLlexikaUsch erklärt. 102S. Geh. IGSgr. 



Stetig fäc y^ttolegett mib ttf)mi4fotf4ec! 

@ttt betttf^»|itett§if(|tö äSocaiuIattum aud bem 
Sittfange bed fifotf^el^ttim Sctl^tl^ttttbertö. 

9la(]^ einer ©Ibmger ^anbfd^rift mit (Srlouteruttgen l^erauß« 

gegeBen üon 

®^ $^* %. 9teffe(mattii. 

t0ntg0Berg 1868. 

Herios Hon Sl^. ftl^ciU^ft Uru^banblung ($. ^et^n). 



Bei Gteorg Reimer in Berlin ist soeben erschienen nnd dnrch jede 
Buchhandlang sn beziehen: 

I W E I N 

eine ErzShltmg 

von Hartmann von Aue 

mit Anmerkungen 

von G. F. Benecke nnd E. Lachmann 

Dritte Ausgabe. 

Pveis 2 Thhr. 15 Sgr. 



Im Verlage von S. Hirzel in Leipzig ist soeben erschienen: 

Studien 

zur 

griechischen nnd lateinischen Grammatik. 

Herausgegeben 
von 

Oeorg Curtins. 

Zweites Heft, 
gr. 8. Preis: 1 Thk. 10 Sgr. 
Die bis jetzt erschienenen Hefte bilden zusammen den ersten Band. 



3m Verlage Don ^. ^Mfm\% in £))ß^tln xft fo eben erf dienen: 

3»m ©clbftuttterrfd^t für jeben geBilbetett. Son Dr, 3ul. 
3«<)ifea. ®e^. 16 ©gr. 



▼erlag von E. C. W. Vogel in Leipzig. 

Soeben erschien und ist darch jede Buchhandlnng za beziehen: 

Abfertigung 

des 

Dr. Martin Hang, 

Mitgliedes der kSnigL bayer. Akademie u. Professors des Sanskrit in Manchen 

Ton 

Ferdinand Jnsti, 

Verfasser des altbaktrischen Wörterbuchs. 
Gr. S\ 64 Seiten. Geh. Preis 10 Sgr. 



Statt 18f Thlr. for 10 Thlr. 

Mntanabbii carmina cum commentario Wahidii 
ed. Dieterici. 110 Bogen gr. 4. 1861. 

E. S. Mittler & Sohn. 

Mut. übt als der berühmteste Dichter d. 4. See. d. H. auf die 
Literatur der Araber den gröfsten Einflnfs. Die Erklärung des Wahidi 
zeugt von feiner Sprachkenntnifs und ist voller Citate aus alten Dichtem. 
Das Buch ist somit für die Freunde der arabischen Literatur unentbehr- 
lich. Den Werth dieser Ausgabe haben Meister wie Reinaud, J. Mohl u. A. 
gewürdigt und allgemein anerkannt. 

Statt 1^ Thlr. for 22| Sgr. 

Dieterici. Streit zwischen Mensch und Thier, 
ein arabisches Märchen aus den Schriften der lauteren 
Brüder. 8. 1858. 

E. S. Mittler & Sohn. 



3n JFerb. jDümmltr^e HrrUgelni^l^iiitblttita (^amoiQ luib (S^ogmonii) 
in Berlin ifl legt loollft&nbig erfci^ienen: 

3ettfd^ft für S6Kertif9(^o(og{e unb ®|irad^t9{ffenfd^aft 
,^erau8gcgeben üo« ^rof. Dr. ^ ^ajaru» unb ^rof. Dr. 
|. 5tcintl)al. gunftcr »anb. (3n 4 ^eftctt.) ?)ret8 3 Jl^Ir. 

JDiefct Sattb entölt u. St. folgenbe Slbl^anbluttgcn: 

$. eteint^al, 2)ad (S^od. — %tU% 2xtUtäft, ^ottentottifd^e 
SRSt^cn. — $. 6teint^al, 3nm Urf^rung ber €$^rad^e. <— $. ®te{n# 
t^a(, 3ut ^^vfiotogie ber ©^rad^Iaute. — %. Sßaftxan, ^nx Dergleichen' 
ben $fi^o(oate. — ®. Bifirom, 2)ad ruffifd^e $o(f«e)>Dd. — 8. 2:oBrer, 
lieber bte ^pt^flologtfd^e Bebeutung ber Sortgafammenfe^nng, mit ^qng 
auf nationale (E^arafteriftif ber ^^xaäftxi, — $. b. Slomberg, 3n 6ac^ 
beS {^arleCin. Qine culturgef^idfttliii^e ^xahMt, — ®. @(erlanb, 2)te 
Sebülfemng ber anflraßf((en 3nfe(n>elt — 9. 9aflian, 2)er ^anm in ber« 

gleid^enber (St^nologie. — Dr. Wl. ^olgman, Sinige ^emerhmgen fiBer 
a9 9er^Itni6 be9 ÜRittel^od^bentf^en }nm iReu^o^bentfd^en. — gr. b. 
{^olfeenborff, Ueber bte neneren heften in S^orbamenfa. — {^ermann 
(Collen, SD^pt^oIogifd^e iGorfleKungen bon^ottnnb 6eele, pf^d^ologif^ ent* 
toufelt. — Dr. 9. S^fetefig, Srntt^eUnngen fiBer bie®t>ra4e ber Urem« 
tDo^ner gormofa'd. 



A.W. Schadt's Baebdnickerei (L. Sohad«) in B«r]is, StaUsehrelbwttr. 47. 



4l^, u 



ZEITSCHEIFT 

FÜR 

VERGLEICHENDE 

SPRACHFORSCHUNG 

AUF DEM GEBIETE DES 

DEUTSCHEN, GRIECHISCHEN UND 
LATEINISCHEN 

HERAUSGEGEBEN 
von 

»r. A]>AX.BEltT XUBH, 

PR0PS880R AM CÖLNISCHBir OTHKAnUM CU BBRUK. 



BAND XVin. 
DRITTES HEFT. 



BERLIN, 

FBRD. DÜMMLBR'S VEBLA08BDCHHANDLDN0 

(BABBWITZ miD GOSSMAinr) 

1869. 



Inhalt. Seite 

Alt-, mittel- neaardeat«cb. Yon Förstern ann 161 

Altoskische sprachdenkinfiler in griech. schrift. Von W. Gorssen 187 

Gere«. Von Max Möller 211 

Hephaestos. Von Max Müller 212 

Anzeigen: Die kosenamen der Germanen. Eine stndie von 

dr. Frans Stark. Wien. Von K. G. Andresen 216 
Wörterbuch zu dr. Martin Lather^s deutschen Bchrif- 

ten. Von Ph. Dietz in Marburg. Von A. Kuhn . 237 

Erklärung. Von W. Clemm 237 

Antwort. Von Rieh. Rödiger 240 



Beilage: Statut und Reglement für die Verwaltung des Agatboi 
B e n a r y 'sehen Uni versitäts - Stipendiums. 



Vorläufige Anzeige. 

Unter der Presse befindet sich: 

DEUTSCHE GRAMMATIK 

VON 

JACOB GRIMM. 

Erster und zweiter Theil. Neuer vermehrter Abdruck. 

Herausgegeben yon 

Prof. Dr. W. Scherer. 

Dieser Wiederabdruck der 1822 erschienenen zweiten Ausgabe dieses 
Theiles wird aus den Handexemplaren des Verfassers herausgegeben. Das 
erste Buch (etwa 32 Bogen umfassend) ist nahezu im Druck beendet und 
erscheint um Ostern d. J. 

Ferd. Diimmler's Verlagsbachhandlung in Berlin. 



3eitf(^tift für Sölfer^if^c^ologie unh ®|irad^t9iffenf((af(. 

$eraudgege]6en t}on 
^rof. Dr. M. ?tojartt0 unb ^rof. Dr. ^, Steint^aU 

$eft 1 nnb 2 ht9 fed^eten lOanbe« enthalten u. a. folgenbe arbeiten: 
3ur SWordflaafttf. SSon Dr. (gttennc 2a«|)CJ?r€«. — iKt^t^otofliWe 
©orpeUungcit \)on ©ott unb ©ecle, ^jfj^cf^ologtf^ enttoidctt (@c^Iu6) öon 
^ermann (Jojcn, Dr. phU. — 2)a8 rnfftWc Soff«e^o«. H. »on ©i* 
Prom. — 3)ic bid^terifc^c ?}6atitaflc unb ber 2W€(^ani«mu« bc« »ctoußtfein«. 
®on $. (So^cn. — SBcurt^cilungcn bou $. (Stein t^al. 

¥rciö bc« «anbe« bon 4 ^cften 3 Zf)lx,, cinjetner ^eftc 25 @fir. 

Betlin. %tth. Summlet^d Knlaa^hu^^mhUn 

({^armi^ u. ©o^mann.) 



Ffintomamii alt-, mittel-, neuurdeutsch. 161 



Alt-, mittel-, neuurdeutsch. 

Die Vorstellung, nach welcher man sich einen sprach- 
stamm als einen bäum mit immer weiter ins feine sich 
theilenden ästen und zweigen, auch mit saften, laub, blü- 
then und frQchten denkt, hat in der that eine gewisse be- 
rechtigung. Nur darf man dabei das omne simile Clau- 
dicat nicht vergessen; ein familienstammbaum ist filr einen 
sprachstamm schon in mancher hinsieht ein besseres bild; 
abgestorbene stammeitern, spätere Verbindungen zwischen 
früher getrennten linien, auswanderung einzelner glieder 
giebt schon mehr analogien her zu der Sprachgeschichte. 
Doch bleiben wir vorläufig bei dem bilde eines rein vege- 
tabilischen baumes stehn; offenbar haben wir da in irgend 
einem beliebigen sprachstamme nicht einen frei vor uns 
von unten bis oben sichtbaren bäum, sondern einen sol» 
eben, dessen stamm und dessen meiste äste und zweige 
uns durch irgend einen undurchsichtigen gegenständ, z. b. 
ein haus, verdeckt sind; nur seitwärts und nach oben hin 
ragen einige zweige hervor; das sind diejenigen sprachen, 
die es bis zu literaturen oder wenigstens bis zu literatur- 
ansätzen gebracht haben. 

Die gegenwärtige periode unserer Sprachforschung geht 
nun offenbar darauf aus, es bis zu wirklichen Sprachge- 
schichten der einzelnen sprachstämme zu bringen; das 
heifst also, wir sollen jenen uns grofsentheils unsichtbaren 
bäum zeichnen. Das wird ein guter Zeichner in dem 
oben angeftkhrten ungfinstigen falle allerdings können, wenn 
er weifs, in welcher weise eine gewisse baumart sich zu 
entwickeln pflegt. Dazu gehört nun für uns linguistische 
Zeichner, dais wir uns Qber den verlauf der unsichtbaren 
äste und des Stammes ein möglichst sicheres urtheil bil- 
den. Wollten wir uns aus den literarisch erscheinenden 
sprachen eines sprachstammes die geschichte dieses sprach- 
stammes bilden, so wären wir in demselben falle wie ein 
genealog, der nur die Schriftsteller einer familie berück- 
sichtigen wollte. Solch ein genealog könnte nie einen stamm- 
Z«itBdir. f. YgL 8pxach£. XVm. 8. 11 



162 Förstern ann 

baam, geschweige denn eine familiengeschichte sehaffeD, 
und der entsprechende Sprachforscher könnte zwar sein 
werk eine Sprachgeschichte nennen, aber es würde darum 
niemals eine sein. 

Wir wenden das alles nun auf unsern deutschen sprach- 
stamm an. Hoch Ober dem dache des den vollen anblick 
versperrenden hauses ragen die ausläufer von drei ästen, 
jeder mit mehreren zweigen, jeder zweig mit zahlreichen 
blüthen und frOchten hervor, der nordische, hochdeutsche 
und niederdeutsche ast; zur seite des hauses aber erscheint 
tiefer unten ein vierter ast, kräftiger als die andern, herr- 
lich im wachsthum, aber im absterben begriffen, der go- 
thische; seine einzelnen zweige sind theils abgefallen, theils 
unsichtbar. 

Versuchen wir nun uns ein bild von dem bäume zu- 
nächst ganz leicht zu skizziren; wir dürfen dies nur mit 
dem vollen bewufstsein, dafs die aufgäbe schwer und die 
kraft für jetzt noch gering ist. 

In welchem näheren oder entfernteren Verhältnisse stehn 
jene vier allein sichtbaren äste der deutschen spräche zu 
einander? wo haben sie sich getrennt? wie mögen sie ver- 
laufen sein, ehe sie uns sichtbar werden? ist nicht noch 
irgend wo eine spur eines fünften astes (des altfränkischen) 
zu entdecken, der uns helfe, die vier andern in ihrem ver- 
lauf zu zeichnen? Ueber den fünften hinaus dürfen wir ja 
wohl keine hoffnung mehr hegen. 

Die roheste anschauung setzt das hochdeutsche den 
drei andern entgegen; wer das thut, nimmt allein die zweite 
lautverschiebung zum Wegweiser, ohne die doch schon wahr- 
scheinlich ein halbes Jahrtausend lang das hochdeutsche 
bestanden hat, macht also die tochter zur mutter. In der 
dreizehnten nummer des diesjährigen literarischen central- 
blatts wird ein werk besprochen, dessen Verfasser das nor- 
dische dem gothisch-germanischen, das heifst den drei an- 
dern ästen gegenüberstellt. Der recensent dieses werkes 
rechnet dagegen das gothische einfach zum nordischen und 
scheidet beides von dem hoch- und niederdeutschen. Es 
sollte mich nicht wundern, wenn irgendwo auf englischem 



alt-, mittel-, nenurdentBch. 163 

oder niederländischem boden die ansieht aufträte, als sei 
das niederdeutsche den drei andern entgegenzusetzen; ist 
ja doch stets das Hebe ich dem ausgesetzt, seine nächste 
omgebung f&r etwas ganz besonderes zu halten. Das go- 
thische kann einen derartigen einheimischen fürsprecher 
nicht mehr haben, denn die sind seit lange stumm; aber 
Jacob Grimm hat die stelle eines solchen genügend ver- 
treten, und das ist keins seiner geringsten Verdienste. Nun 
fehlt noch eine einzige einigermafsen vernünftige anschauung, 
diejenige, nach welcher ein historisch zusammengehöriges 
gothisch-hochdeutsch einem nordisch -niederdeutsch gegen- 
überträte; und eine solche anschauung hat, obwohl ich sie 
nicht theile, eine menge der überraschendsten thatsachen 
für sich. 

Was hier unsem blick trübt und die frage überhaupt 
zu einer Streitfrage macht, ist eine erscheinung, die ich die 
ancipität der sprachen nennen möchte. So schliefst sich 
ja das griechische in gewisser hinsieht dem arischen, in 
anderer dem italischen unverkennbar eng an, so das kel- 
tische dem italischen und andrerseits dem deutschen, so 
das slavische dem deutschen und doch wieder in merkwür- 
digen fällen geradezu dem eranischen. Auf welchen grund- 
lagen diese ancipität beruht, kann hier nicht einmal an- 
deutend erörtert werden; eine art physiologie der sprach- 
trennungen mufs sich einst damit eingehender beschäftigen; 
f&r Völkerpsychologie ist das eine aufserordentlich lohnende 
aafgabe. 

Nun aber wird es zeit diejenige ansieht zu entwickeln, 
durch die sich die drei in der Überschrift zum ersten male 
genannten sprachen rechtfertigen und näher bestimmen sol- 
len. Es ist das nur eine ansieht, ein verschlag oder ver- 
soch, keineswegs eine behauptung; wer jenen beschei- 
denen versuch als eine verfehlte behauptung ansehen und 
mich von solchem Standpunkte aus angreifen will, trifft 
mich nicht. 

Versuchen wir es also einmal folgende ansieht vorzu- 
schlagen zu weiterer prüfung: die älteste einige deutsche 
spräche, die sich von dem lituslavischen gesondert hatte 

11* 



164 Föntemann 

und die wir ordeutsch oder wegen des gegensatzes gegen die 
beiden andern alturdeutsch nennen wollen, lebte eine geraume 
zeit, bis sich von ihr, vorbereitet durch dialektische Ver- 
schiedenheiten, eine spräche sonderte, deren jQngsten aus- 
läufer wir kennen und als das gothische bezeichnen. Nach 
jener sooderung bestand der Qbrig bleibende theil als mitr 
telurdeutsch Jahrhunderte lang in gemeiosamkeit, wenn 
auch in dialekte geschieden, weiter fort, bis die vorfahren 
der nordischen Völker durch ihre Wanderung Qber das meer 
ihren besondern weg einschlugen. Was nicht an der wau- 
derung theil nahm, redete das neuurdeutsche (d. h. die 
neuurdeutschen mundarten), bis hier eine Spaltung io hoch- 
deutsch und niederdeutsch eintrat. 

Aber von welchen zeiten ist da eigentlich die rede? 
Eine antwort auf diese frage zu verlangen heifst viel ver- 
langen. Vielleicht ist indessen wenigstens die jQngste son- 
derung, das ende des neuurdeutschen, uns noch einigermar 
Isen greifbar. Ich denke mir, dafs im zweiten und drit- 
ten Jahrhundert, als einzelne, und zwar wesentlich ostdeut- 
sche Stämme nach Süden und westen zogen, dort keltisches 
land besetzten und die römischen grenzen einschränkten, 
diese gewaltige erschütterung sie eben zu Hochdeutschen, 
zu einem besondern volke gemacht hat. Mag man ihnen 
im allgemeinen auch schon vor diesem ereignisse im we- 
sentlichen den namen der Herminonen beilegen, ich glaube 
doch, dafs Hochdeutsche erst seit dieser zeit anzunehmen 
sind und lehne es ab unter den Völkerstämmen bei Tacitus 
Hochdeutsche von Niederdeutschen sondern zu wollen. 

Wann aber begann das neuurdeutsche, wann also 
lösten sich die nordischen Völker aus der deutschen hei- 
math ab? Das müssen wunderbar gewaltige ereignisse ge- 
wesen sein, die eine nicht ganz kleine volksmasse auf einem 
oder zwei wegen über das nordische meer hinaustrieben; 
vielleicht war es der andrang nachrückender Slaven. Solche 
grofsen ereignisse pflegen weithin ihren wogenschlag zu 
senden; vielleicht ist in diesem falle der Cimbernzug 
die letzte spur solchen wogenschlages; dann (aber wir 
behaupten nichts) wären im zweiten Jahrhundert vor 



alt-» mittel-, netiiirdeutsclL. 165 

angerer zeitrecbnnng die wanderangen nach norden und 
das ende des mittelurdentschen erfolgt. 

Und wiederum, wann begann das mittelurdeutsche 
und wann fingen die stammvfiter der uns bekannten Go- 
tben ihre gesonderte Sprachexistenz an? Vielleicht (aber 
wir behaupten wiederum nichts) damals, als die Qbrigen 
Deutschen hineinrQckten nach Deutschland, dort die kel- 
tische völkerweit in unruhe und zum theil auf die wande^ 
rung brachten und die südlichsten solcher Kelten, von 
ihren eigenen brfidem gedrängt, im anfange des vierten 
Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung Rom in schutt und 
asche legten. 

Bestätigte sich das alles, so hätte das alturdeutsche, 
in nnbestimmbarer zeit vom lituslavischen gesondert, im 
vierten Jahrhundert v. Chr. ausgelebt, das mittelurdeutsche 
hätte sein ende im zweiten Jahrhundert v. Chr. geftinden, 
das neuurdeutsche etwa im zweiten Jahrhundert nach un- 
serer Zeitrechnung. 

Man rede nicht davon, dafs die Oothen noch zu Ta^ 
citns Zeiten an der Weichselmündung gefonden werden, sich 
also noch nicht von den andern Deutschen gesondert hät- 
ten und erst später nach Süden gewandert seien. Von alle 
dem weifs ich nichts, wenn man den ton auf die Gothen 
legt; ich weifs nur, dals bei deutschen stammen, am schwar- 
zen meer wie an der Weichsel und in Scandinavien, das 
wort Gothen als volksname üblich gewesen ist; vielleicht 
war es einst der echte eigenname der noch völlig unge- 
theilten Germanen. 

Erheblicher wiegt schon der einwand, dafs ich die 
erste lautverschiebung, die doch Grimm ins zweite Jahr- 
hundert unserer Zeitrechnung zu setzen geneigt ist, wenn 
er auch fllr die westlichen stamme eine frühere zeit zu- 
giebt, dann in ganz graue fernen rücke. Dieser wunder- 
bare gang der laute, so viel ausätze dazu sich auch in an- 
dern sprachen finden, mufs doch im deutschen nothwendig 
EU einer zeit erfolgt sein, als noch alle deutschen stamme 
eine geschlossene einheit bildeten, ^elleicht also schon 
mehr als vierhundert jähre vor unserer Zeitrechnung. Dann 



X66 Forstemann 

müssen alle die deutschen namen, die uns seit den zeiten 
des Cimbernkrieges überliefert sind, schon längst verscho- 
ben sein, von unverschobenen uns jede spur mangeln. Von 
den neun formein der lautverschiebung lasse ich aber drei 
überhaupt beim deutschen unberücksichtigt, das sind die 
drei, in welchen wir die alten aspiratae untergehn und 
durch mediae ersetzt sehn. An diesem Wechsel nimmt ja 
das ganze lituslavische , das ganze keltische und ziemlich 
häufig auch das älteste italische theil, und zwar in so durch- 
greifender weise, dafs wir hier noth wendig einen einzigen 
geschichtlichen Vorgang aus den zeiten vor der trennung 
dieser sprachen annehmen müssen; es ist also ungenau zu 
sagen, dafs im deutschen aspirata zur media geworden sei; 
der Vorgang traf nicht die deutsche, sondern viel eher die 
westindogermanische aspirata. Prüfen wir dagegen die 
sechs andern formein: 

1) g:k. Die Marcomanni haben das k (wodurch sie 
z. b. dem lat. margo gegenüberstehn) schon bei Caesar, Asci- 
burgium schon sec. 1; Thumelicus sec. 1 ist gleichfalls 
schon verschoben, mag in der letzten silbe goth. leik cor- 
pus oder -leiks similis liegen. Ebenso hat SSsai^axos bei 
Strabo schon das k des goth. thagkjan, nicht mehr das g 
des altlateinischen tongere. Wenn Strabo einen Sigambi^r- 
namen im genetiv Baixoqiyog^ nicht -xoq schreibt, so folgt 
er damit gallischen analogien wie !äSiat6giyog\ dem deut* 
sehen namen kam gewifs schon der k-laut des goth. reiks 
zu. Die Silva Bacenis bei Caesar setzt Grimm zu hoch- 
deutschem Buchonia, zu lateinischem fagus u. s. w., nimmt 
also selbst hier schon lautverschiebung an, während Glück 
darin das alts. und altn. hak tergum, ags. bäc sucht. Dafs 
im dritten Jahrhundert die Gothen Cniva und Gundericos 
schpn die tenuis haben, ist nach alledem selbstver- 
ständlich. 

2) d : t. Die Tubantes, Tovßavxoi haben sec. 1 schon 
das t von dem späteren Twente, Northtuianti, nicht mehr 
das d vom lat. duo u. s. w. , zu dem Grimm den namen 
stellt. Ebenso zeigen die Chatti, Chattuarii schon dasselbe 



alt-, mittel-, neuurdeutsch. 167 

t, das wir noch im sächsischen gau Hattemn bewahrt 
finden. 

3) b : p, bekanntlich der mifslichste fall der lautver- 
sebiebung. Erwähnt werden mag, dafs der Aovniag (die 
Lippe) schon bei Strabo den sächsischen consonanten hat. 

Nicht das geringste widerspricht also der annähme, 
dafs media bereits lange vor Caesars zeiten in deutschen 
Damen sich zu tenuis erhoben habe. Schon das verstärkt 
unsere vermuthung, dafs auch die Verschiebung der tenuis 
zur Spirans resp. aspirata (wenn goth. th wirklich als mo- 
mentaner laut anzusehn ist) zu einer sehr frühen zeit vor 
sich gegangen sei. Doch werden wir es den Römern, durch 
deren vermittelung wir allein diese namen kennen, nicht 
verargen, wenn sie uns zwar das p : f deutlich wiederge- 
ben, das k : ch und das t : th aber uns oft nicht erken- 
nen lassen, indem sie die unrömischen ch und th meiden. 

4) k : ch, h. Schon im ersten Jahrhundert vor unse- 
rer Zeitrechnung erschallt der name Cherusci, der auf jeden 
fall schon verschoben ist, mag er sich an gothisch hairus 
anlehnen oder sonst einen Ursprung haben. Auch die Ha- 
rüdes ftlkhrt uns schon Caesar an, und Grimm, der sie zu 
hart Silva stellt, mufs hier gleichfalls schon frühe lautver- 
schiebung annehmen. Im ersten Jahrhundert unserer Zeit- 
rechnung sehen wir reines h in Bojohaemum (Bo^atfiov)^ 
wo doch die urverwandten sprachen klares k haben. Aus 
demselben Jahrhundert überliefern uns die Römer die Schrei- 
bungen Chamavi, Chatti, Chasuarii, Chauci, Chariovalda 
trotz ihrer abneigung gegen das ch. Die Chamavi stim- 
men schon zum späteren Hamaland, die Chauci zu Hug- 
merchi und zu den ags. Hugas. Der inselnamen Bvqxc^viq 
Burchania aus sec. 1 kann nicht mehr die altindogermani- 
sche aspirata haben, da diese längst nicht mehr existirte, 
sondern es mufs hier schon die junge aus tenuis verscho- 
bene Spirans vorliegen, was auch die etymologie des na- 
mens sei. Diesen thatsachen gegenüber wird man doch 
nicht etwa das späte und entlegene Caucalandensis bei 
Ammian in anschlag bringen. Auch das inlautende c^ von 



168 FSistemann 

Chaoci verschlägt nichts; dafs anch hier eine Spirans ge* 
gölten hat, zeigt die griechische Schreibung Kavyoi (der 
Vellejus mit seinem Cauchi folgt); hier ersetzten die Grie- 
chen die anlautende spirans ihrem lautgesetze gemäfs durch 
tenuis, während die Römer, denen es zu viel zumuthen 
hiefse, wenn sie echtes Chauchi hätten schreiben sollen, 
meistens die tenuis im inlaute schrieben. Catualda und 
Catumerus halte ich fQr ungenaue Schreibungen. Die silva 
Caesia bei Tacitus wäre noch un verschoben , wenn wir 
sie in dem altsächsischen Heissi wiederfinden mQfsten; das 
ist aber keineswegs der fall; Coesfeld, bei dem noch im 
mittelalter ein mons Coisium liegen soll , hat mindestens 
eben so grofse ansprüche auf Zusammenstellung mit Caesia» 
Auch die Caninefates des ersten Jahrhunderts wollen wir 
doch nicht mit Orimm zu un verschobenem centum u. s.w. 
stellen; er stutzt freilich mit vollem rechte schon selbst, 
wenn er an Kenemare, Eenmerland, Kinnin, Einhem dabei 
denkt; wahrscheinlich liegt der name eines kleinen Aufs- 
ehens darin. 

5) t : th. Das oben angefahrte JSeai&axog bei Strabo 
zeigt schon den gehauchten laut. Selbst JbvSoqi^ bei 
Strabo spricht mehr (sowohl im anlaute als inlaute) f&r th 
als fQr t; die Schreibung ist wohl erst durch keltische ver- 
mittelung ungenau geworden. Die Römer^aber bringen 
uns in ihrem Teutoni, Teutonoari, Teutobod, Teutoburg, 
Canninefates, Catualda, Catumerus lauter t, wo ich doch, 
selbst fOr die zeit des Cimbernkriegs, schon verschobene 
th annehme. Gerade diese t hat man wohl ohne grund 
besonders schwer wiegen lassen, wenn man einen späteren 
eintritt der lautverschiebung darthun wollte (übrigens ist 
in der that wenigstens die Schreibung Theutoni in den 
handschriften nicht selten). Nerthus aber hat ganz rich- 
tig sein th, wie das altn. Niörd'r es verlangt. 

6) p : f Die beiden von Ptolemaens überlieferten Orts- 
namen AovTtcpovoSov und TovXiifovqSov zeigen uns das ge- 
meindeutsche f des bekannten ortsnamenelements, nicht 
mehr das unverschobene p der verwandten sprachen; eben 
so stehen die hier abermals zu erwähnenden Caninefates 



alt-, mittel-, neuurdeutsch. 169 

dem skr. patis u. s. w. entgegen. Und wenn die Frisii eich 
wirklich mit einem aus der asiatischen beimat mitgebrach« 
ten namen benannt haben, der dem der Perser gleich oder 
nahe steht, so darf doch das Vorhandensein der lautver*- 
schiebung uns nicht stutzig machen. Die Usipetes darf 
man aber durchaus nicht als unverschoben den Caninefates 
entgegenstellen^ denn jetzt ist es wohl als sicher anznsehn, 
dafs in diesem -etes nur eine keltische plnralendung liegt 
(Zeass gramm. Celt. I, 297f.). Das verderbte Pranci fQr 
Franci auf der tab. Peuting. wird man vollends nicht in 
anschlag bringen. 

So steht also nichts dem entgegen, dafs man die erste 
lautverschiebung und damit die alturdeutsche spräche bis 
in sehr ferne Jahrhunderte zurückversetzt. Im übrigen be- 
schränke ich mich darauf, aus meinen vorhandenen schon 
ziemlich reichen Sammlungen über das alturdeutsche, des- 
sen existenz ja niemand bezweifeln kann, nur wenige an- 
dentongen zu geben; das mittel- und neuurdeutsche sind 
es ja nur, deren berechtigung ich darzuthun habe. 

Dem alturdeutschen ist mit seinen schwestersprachen 
der kämpf gegen das vorherrschen des alten a gemeinsam, 
doch mit grofsen eigenthümlichkeiten, und ohne dem a 
so viel von seiner sphaere zu entziehn, wie es z. b. das 
lateinische und griechische thut. Fünf oft wiederkehrende 
lantübergänge müssen dieser periode schon zugeschrieben 
werden, nämlich a : i, a : u, ä : ö, ai : ei, au : iu, sämmt- 
lich auf einschränkung des a-lautes berechnet und mit aus- 
nähme des dritten entschiedene Schwächungen. Hiednrch 
gewinnt aber der begriff der Schwächung bei deren regel» 
mäfsiger Wiederkehr eine gewisse bedeutung und diese 
Schwächung neben der altindogermanischen Steigerung vol- 
lendet erst das wunderbare deutsche ablautssystem. 

Was die auslautenden vocale angeht, so sind die mei' 
sten erscheinnngen des Westphalschen anslautsgesetzes nicht 
dem leben der gothischen, sondern der alturdeutschen 
spräche zuzuschreiben. Manche fälle von Synkope, so wie 
aach gewisse spuren von umlaut (jedenfalls einige epen- 
thesen) werden dem alturdeutschen nicht abgesprochen 



170 Forstemaon 

werden können, ebenso wenig wie hie und da ein vocal- 
einschub. Im eoneonantismus gehört dieser periode, wie 
gesagt, die ganze lautverschiebung mit vielen fällen ihrer 
unterlassang und wenigen ihrer beschleunigung an. Aus- 
lautende consonanten (d. h. solche, die keinen vocal hinter 
sich gehabt haben) werden zwar nicht in dem mafse ge- 
tilgt wie im urslavischeo, doch fallen wenigstens die den- 
tale t, th, d stets ab (deshalb muls auch der abtat, sing, 
untergehn). Das s des nom. sing, schwindet bei stammen 
auf «ra, wenn vor dem r ein vocal vorhergeht, wie im 
latein, nachdem synkope des a eingetreten ist. Die en- 
dung -am des acc. sing. masc. und fem. fällt ab, im gen. 
plur. ebenso das m der endung -am. Das alte m in den 
zahlen 7, 9, 10, das noch einige der lituslavischen spra- 
chen haben, ist im alturdeutschen schon zu -n geworden. 
Assimilationen von consonanten finden nur wenige statt, 
die sichersten fälle sind nv : nn, sm : mm und In : IL 
Anlautende consonantengruppen werden öfters verstümmelt, 
wenn der zweite consonant ein v ist; so vnrd mehrmals 
SV : s, thv : th, kv : v, gv : v. Wie schon jenseits 
des urdeutscben dentale ten., med. und aspir. vor t zu s 
werden, so dehnt das deutsche in seiner ältesten periode 
diese erscheiuung dahin aus, dafs es auch gutturale und 
labiale ten. und med. (von aspiraten ist nicht mehr die 
rede) vor t in die entsprechenden Spiranten verwandelt, 
also kt und gt wird ht, ebenso wird pt und bt zu ft; 
im umbrischeu, oskischen und altirischen finden sich schon 
ansätze zu diesem wandel, ihn zu einem gesetze zu erhe- 
ben ist speoiell deutsche eigenthttmlichkeit. Mannigfache 
verstfimmelungen von consonantenverbindungen kennt auch 
schon das alturdeutsche; die durchgreifendste ist die, dafs 
statt eines nicht mehr erlaubten nh entweder h oder ng 
eintritt. 

Der alturdeutsche Sprachschatz besteht aus vier schich- 
ten: 1) altindogermanisches sprachgut, 2) speciell germano- 
slavische Wörter, 3) eigenthümlich deutsche Stammwörter, 
4) eigenthümlich deutsche, aber gewifs schon urdeutsche 
ableitungen und Zusammensetzungen. Die erste dieser schich- 



alt-, mittel-, neuurdentsch. 171 

ten erkennen wir schon jetzt als eine ziemlich grofse, die 
zweite dagegen scheint noch dOnn zu sein und läfst auf 
eine nicht lange dauer der germanosiavischen periode schlie- 
fsen. Die dritte ist auffallend grofs, sie mufs aber bei 
fortschreitender Wissenschaft noth wendig kleiner werden; 
es mufs auch einmal die vielfache berOhrung zwischen ger- 
manischem und lappisch -finnischem besonders behandelt 
werden, und sollte es sich zeigen, dafs diese berührung 
namentlich solche ausdrücke betriffl:, die nicht dem ur- 
indogermanischen Sprachschatze angehört haben, so eroff* 
nct sich der Sprachwissenschaft eine ganz neue perspective. 
Die vierte schiebt endlich dehnt sich mächtig aus, am 
mächtigsten auf dem gebiete der schwachen verba; sie 
giebt zeugnifs von einem langen bestände des alturdeut- 
sehen. Diesen vier schichten gegenüber steht ein nicht 
geringer kreis von Wörtern des älteren indogermanischen 
Sprachschatzes, welche erst während der alturdeutschen, 
zum theil wohl schon während der germanosiavischen pe- 
riode verloren sind. Diese einbufse ist aber durch neu- 
schöpfungen überreich ersetzt oder vielmehr erst in folge 
dieser neuschöpfungen eingetreten. 

In der flexion ist das alturdeutsche kaum mehr schö- 
pferisch gewesen, es hat aufser den lautlichen Veränderun- 
gen fast nur einbufsen erlitten. Die Stammerweiterung 
durch -n (schwache decl.) erstreckt sich im sanskrit nur 
auf einzelne casus, ergreift aber im deutschen häufig das 
ganze wort, doch wohl zunächst nur bei masculinen. Eine 
Stammverkürzung tritt bei den neutris auf -is (altes -as) 
schon früh im singularis ein, wo dieses suffix meistens ver- 
loren geht, so dafs später die endung (z. b. ahd. -ir) als 
eine blos plurale erscheint. Drei casus, locativ, ablativ 
und instrumentalis, und ein numerus, der dualis, sind schon 
im urdeutschen fast ganz verkümmert, ja schon vor den 
letzten vorhergehenden Völkertrennungen sind diese formen 
sehr in den hintergrund getreten gewesen. In der prono- 
minalen declination giebt es eine speciell deutsche erschei- 
nong, den acc. sing. masc. auf -na, über deren erklärung 
man sich bisher noch nicht hat einigen können. Bei den 



172 Förstemann 

adjectiven ist es dem deutschen eigenthümlich , dafs ein 
jedes derselben bald nach der pronominaldeclination, bald 
als substantivischer stamm auf -n behandelt wird. Das 
adjectivsuifix -eina (z. b. goth. gultheina) wird im gerina- 
nischen auch für die Possessivpronomina und dann auch 
für den gen. sing, des Personalpronomens (meina, theina, 
seina) verwandt. 

Bei der conjugation bethätigte sich das sprachleben 
des alturdeutschen unter anderm in folgenden vergangen: 
Wie das augment schon früher aufser gebrauch gekommen 
war, so begann auch das eigentliche zeichen des perfectums, 
die reduplication, zu schwinden, und die früher beim per- 
fectum nur eine secundäre bedeutung habenden vocalver- 
&nderungen in der Wurzelsilbe wurden nunmehr das eigent- 
liche zeichen der tempusunterschiede; zu der urindoger- 
manischen Steigerung im perfectum tritt eine speciell deut- 
sche Schwächung im praesens und part. pass. hinzu. Von 
den fünf ursprünglichen indogermanischen tempusformen 
ist das imperfectum schon jenseits des slavogermanischen 
untergegangen, erst das alturdeutscbe verliert auch das fu- 
turum und den aorist, die im slavogermanischen beide noch 
vorhanden waren ; so bleibt auf deutschem gebiete nur prae- 
sens und perfectum übrig. Bei den modis geht in dieser 
periode keine Veränderung vor sich, denn der conjunciiv 
ist schon jenseits des slavogermanischen aufgegeben, der 
indicativ, optativ und imperativ ragen noch bis in die deut- 
sche zeit hinein. Während die tempusbildungen mit wz. 
as dem untergange geweiht sind, 8cha£% dagegen das alt- 
urdeutsche in der wz. dhä ein neues determinatives de- 
ment für tempusbildungen, welches dem slavogermanischen 
noch unbekannt war. Das passivum beginnt wohl schon 
jetzt zu verkümmern. Zahlreicher als bei andern sprachen 
entwickeln sich die praeteritopraesentia bei besonders häu- 
figen geistigen begriffen. 

Nicht gering ist die anzahl derjenigen Wörter, deren 
bedeutung sich schon im alturdeutschen verschoben hat; 
es finden sich darunter anziehende beispiele von einer 
selbständig deutschen auffassung der begriffe. 



alt-, mittel-, neaurdeatsch. 173 

Von Syntax kann bei einer nicht zur literatur gekom- 
menen spräche kaam die rede sein. 

So viel in schnellem fluge über die älteste periode un* 
serer spräche. Sie endete damit, dafs die Gothen aaf der 
Wanderung hinter den andern Stämmen zurQckblieben und 
dafs das gotbische seinen besondern weg einschlug, auf 
dem es uns aber^erst spät, vielleicht nach obiger hypothese 
erst mehr als siebenhundert jähre nach jenem ereignisse, 
verbal tnifsmäfsig kurze zeit vor seinem fast völligen unter- 
gange bekannt wird. 

Die andern deutschen mundarten scheinen sich nach 
der trennuDg des gothischen noch ein paar Jahrhunderte 
lang gemeinsam weiter entwickelt zu haben; diese periode 
gemeinsamer entwickelung wage ich hier zum ersten male 
mit (lem namen der mittelurdeutscheu zu bezeichnen. 
Ist etwas an dieser sache, so werden folgende Vorgänge 
des Sprachlebens, die nicht einer zufällig gleichen entar- 
tung der einzelnen getrennten sprachzweige anzugehören 
scheinen, in diese periode fallen: 

Der vocalismus bereichert sich um mehrere laute; das 
1 und ü, welche im alturdeutschen wohl nur in ansätzen 
vorhanden waren, gelangen zu voller entfaltung und das 
ältere ei geht häufig in dies jQngere i Ober. Auch ein 
kurzes o tritt auf und zwar an stelle von manchem älteren 
u; man vergleiche goth. fula (pullus) zu altn. foli, ahd. 
folo, ags. fola; goth. hulths (carus) zu altn. hollr, ahd. 
holt, ags. hold; goth. auhsa (bos) zu altn. oxi, ahd. 
ohso, ags. oxa; goth. dauhtar (filia) zu altn. döttir, 
ahd. tohtar, ags. dohtor; goth. haurn (cornu) zu altn., 
ahd., ags. born u. s. w. In die stelle der dadurch gewis- 
sermafsen vacant werdenden u rücken manche vom a her 
ein, denn der während der alturdeutschen periode bemerkte 
kämpf gegen das übergewicht des a hat hier seinen wei- 
teren fortgang. So wird z. b. die plurale dativendung -am 
zu -nm und nur in einem speciellen dialekt, dessen spä- 
tere spuren uns in den schleswigschen runeninschriften be- 
wahrt sind, scheint das alte -am unangetastet geblieben 
oder wiederhergestellt zu sein. Eine Verwandlung des u 



174 Fontemann 

za i, die wir im dat. sing, des persönlichen pronomens der 
zweiten person finden (goth. thus, thuk tibi, te gegen das 
i der andern sprachen) ist nicht blos rein lautlich, son- 
dern entsteht wohl zugleich aus dem streben, die zweite 
person mit den stammen mi und si der beiden andern in 
Übereinstimmung zu bringen. 

Die wichtigste Verwandlung auf dem gebiete der con- 
sonanten ist die massenhafte Vertretung von altem s durch 
r; schon im alturdeutschen mag etwas an dem bestände 
des alten s gerQttelt sein, wie das gothische tönende z zu 
bekunden scheint. Beispiele fär diesen allbekannten laut- 
wechsel zu geben unterlasse ich; sie begegnen ja in Stamm- 
silben sowohl als endungen unendlich oft; vor andern con- 
sonanten ist diese entartung nur auf einzelne fälle, nament- 
lich sj und sd beschränkt (man vergleiche goth. laisjan, 
nasjan, huzd, gazds, mizdo, razda mit ihren verwandten 
in den andern deutschen sprachen). Ein sv scheint noch 
unentstellt geblieben zu sein; vgl. den suevischen namen 
Nasua bei Caesar mit altn. Narvi. Auch fQr das alte no- 
minativzeichen -8 nehme ich sowohl bei Substantiven als 
pronominen mittelurdeutsches -r an, das später im nordi- 
schen blieb, im hoch- und niederdeutschen aber bei Sub- 
stantiven abfiel. Dafs auch aufserhalb der eigentlich nor- 
dischen gegenden in Substantiven einst ein -r gegolten 
habe und nicht etwa das -s unmittelbar abgefallen sei, da- 
von liefert z. b. der wohl auf alter Überlieferung beruhende 
Mennor bei Frauenlob für den taciteischen Mannus ein 
anziehendes zeagnis; und ist wirklich auf dem tondern- 
schen hörne EQevagastir Holtingar zu lesen (vgl. liter. cen- 
tralblatt 1868, no. 10), so braucht darum noch nicht nor- 
discher dialekt angenommen zu werden. Der ganze Vor- 
gang ist gewifs zuerst im inlaute zwischen zwei vocalen 
eingetreten, dann von da auch in die nominative geschli- 
chen, ganz wie im lateinischen. Und wenn jene hypo- 
these, dafs das mittelurdeutsche etwa das vierte, dritte und 
zweite Jahrhundert v. Chr. erfüllt hat, in der that begrün- 
det ist, so steht auch darin germanisches und lateinisches 
sich nahe, dafs etwa um dieselbe zeit in beiden getrennten 



alt-, mittel-, neuurdentach. 17( 

epraoben derselbe Übergang eingetreten ist. Ist das ganz 
znfall? Ich glaube in der that daran, dafs selbst getrennte 
sprachen, ohne dafs an zufall zu denken ist, von gemein- 
samen lautübergängen ergriffen werden können (noch in 
weit späterer zeit wird t zum z -laute, o zu uo gleichzei- 
tig im hochdeutschen und romanischen). 

Verstümmelungen von consonantengruppen werden sich 
bei weiterer forscbung noch manche dem mittelurdeutschen 
zuweisen lassen. Wenn von dem dv des goth. fidvor (qua- 
taor) im altp. fior, ahd. fior, alts. fiwar, ags. feover 
das d eingeborst wird, dagegen von dem tv des goth. 
gatvo im altn. gata, ahd. gaza, ags. gate das v dem 
härteren laute unterliegt, so wäre das ein wunderbarer Vor- 
gang, wenn er in allen übrigen sprachzweigen gleichmäfsig 
und nicht vielmehr vor deren trennung geschehen wäre. 
Die 3. pers. sing, ist (est) scheint in dieser periode ihr t 
verloren zu haben; dafilr spricht das altn. er, ags. is, alts. 
is, woneben freilich im Heliand schon ist eintritt. Dafs 
im althochdeutschen und zuweilen im altsächsischen das t 
noch erscheint, ist wohl nur der analogie der andern verba 
za verdanken; das ist wohl nicht ein bewahren, sondern 
ein wiedereinführen des alten. 

Ceber die erscheinung, dafs viele gothischen aspiraten 
(resp. Spiranten) in den andern deutschen sprachen^ also 
wahrscheinlich in der mittelurdeutschen periode, zu medien 
herabsinken, hat Lettner in d. zeitschr. XI, 188 ff. gehan- 
delt, woselbst die beispiele nachzusehen sind. 

Bemerkenswerth ist noch, dafs sich in der dentalen 
reihe im altnordischen, angelsächsischen, altsächsischen zwei 
aspiraten, eine harte und eine weiche, entwickeln, von de- 
nen die letztere nur in- und auslautend, nie anlautend auf- 
tritt. Im hochdeutschen ist dieser unterschied wieder zu 
gründe gegangen, da beide in die media übergingen. Aber 
die Spaltung dieser aspiraten mufs dem mittelurdeutschen 
angehören. 

Der Sprachschatz mufs in dieser periode mannigfache 
einbufse erlitten haben; substantiva wie goth. ahaks (och 
lamba), milith (mel), adjectiva wie kaurs (gravis), bauths 



176 FSntanumo 

(surdas), manvas (paratus), partikeln wie ei (at), uf (sab), 
and (per) gehn den andern deatsohen sprachen ab. Das 
pron. interrog. verliert seinen plural (gotb. noch acc. plar. 
hvans), ebenso sein fem. sing. (goth. noch hyö). Auch 
die spuren der alten part. perf. act. (goth. beruseis, juku- 
seis) verschwinden völlig, und die substantiva auf -ubni, 
die instrumentalen adverbia auf -ba (nebst -bai in ibai 
und jabai), die den andern deutschen sprachen mangeln, 
werden keine gothischen neuschöpfungen gewesen sein. 

Welchen ersatz sich die spräche um diese seit f&r 
mannigfaltigen abgang durch neue ableitung oder zusam* 
mensetzung gebildet habe, das zu entscheiden f&llt schwer, 
da der goihische Sprachschatz uns so lückenhaft überlie- 
fert ist; das unbelegtsein eines wortes im gothischen darf 
nicht als beweis fbr dessen fehlen gelten. Aber wenn dein 
altn. konüngr, köngr, ahd. kuning, ags. cyning nur 
ein goth. reiks gegenübersteht, dem altn. verold, ahd. 
weralt, alts. worold, ags. veruld nur ein gotb. mana- 
seths oder fairhvus, dem altn. fies k, ahd. fleisc, alts. 
fl^sc, ags. flaesc nur ein goth. mammo oder mime, 
dem altn. heilagr, häligr, ahd. heilag, ags. h&leg nur 
ein goth. veihs, dem altn. vinstri, ahd. und alts. wini- 
stra, fries. winistere, ags. vinstra nur ein goth. hlei- 
duma, dem altn. hundratT, ahd. hundert, alt&ies. hon- 
derd, ags. hundred nur ein goth. hunda entspricht, so 
werden wir, wenn auch im einzelnen ein wort im gothi- 
schen verloren sein könnte, doch in vielen ftllen die ent- 
stehung der ableitung oder Zusammensetzung der zeit des 
mittelurdeutschen zuschreiben müssen. Gewifs ist, dab 
die Zusammensetzung der pronominalstftmme ta + 8J<^ 
(nhd. dieser) der periode des mittelurdeutschen angehört 

In der flexion geht die alte durchsichtigkeit der for- 
men mit starken schritten unter. Die spuren der i* und 
u-declination beim adjeotivum verschwinden völlig. Es 
beginnt die neigung starke verba in die schwache conju- 
gation umzusetzen zuerst bei denjenigen verbis, die nicht 
durch eine grofse anzahl von analogien geschützt sind. 
So gerathen z. b. die im gothischen noch klaren verba 



alt-, mittel-, neniirdeatach. 177 

▼aian und saian in verwirrang und schwanken in den ein- 
zelnen mnndarten zwischen starker und schwacher Bildung; 
nnr das angelsächsische scheint sich doch zuletzt blos wie- 
der für die starke zu entscfareiden. 

Die perfectreduplication beginnt sich zu verwischen, 
doch behält diese periode (und auch noch die neuurdeut- 
sche) noch immer beide consonanten, den der stamm- und 
den der reduplicationssilbe. Der dual beim verbnm geht 
immer mehr unter, verschwindet jedoch in einzelnen mund- 
arten noch immer nicht völlig. Vollständig aber verschwin- 
det das' nach art des griechischen, indischen und erani- 
ecben gebildete urdeutsche mediopassiv, welches die Let- 
ten nnd Slaven ebenso verloren haben wie alle ungothi- 
acfaen stamme der Germanen. 

Von bedeutungsveränderungen werden sich bei weite- 
rem forschen manche beispiele finden lassen; ich erwähne 
s. b. das eben gebrauchte wort finden, das im gothischen 
cognoscere, im altn., ahd., ags. fast nur invenire bezeich- 
net. Zum bedeutungswechsel gehört eigentlich auch der 
genas Wechsel ; das goth. neutrum sigis (victoria) scheint 
z. b. im mittelurdeutschen zum masculinum geworden zn 
sein, vielleicht durch mifsverstand des in dieser periode 
za r gewordenen s. 

Mittelurdeutsche sind es gewesen, die über das meer 
hin wahrscheinlich auf verschiedenen wegen, zumeist wohl 
von der südöstlichen ecke der ostsee her, nach Skandina- 
vien aaswanderten. Diese auswanderer waren aber zu den 
verschiedensten stammen des yolkes gehörig, und so kommt 
es 9 dafs eine nicht geringe anzahl deutscher völkemamen 
mit über das meer in die neue nördliche heimath überge- 
fbbrt werden. Zwei solcher völkernamen knüpfen sich an 
die beiden gröfseren auf dem seewege liegenden inseln, 
Gothland und Bornholm (Burgundarholm) ; auf dem skan- 
dinavischen festlande erscheinen aufser den Gothen auch 
Heraler und Rugier; die skandinavischen <PiQaiüot des Pto- 
lemaeus erinnern an die Friesen, die AlXovaifüvtg dagegen 
an die skandischen Hilleviones, and dafs auch die Suiones 
d^B Tacitus ihren namen von Süden her schon mitgebracht 

Zeitschr. f. TgL BpracMl XYUI, S. 12 



178 FdftteiiMiiii 

liaben, wird durch die nördlich vom schwarseo sMere er- 
wähnte SvithioO' der Ynglingasaga wahrscheinlich* 

Die Stammväter der Oothen und die der SkandinaYen 
haben also zuerst ihre besonderen wege eingeschlagen; beide 
Stämme waren im anfange die östlichsten Germanen und 
hatten als solche den stofs nachdringender Völker aaszn- 
halten, wurden also auch am ersten von der seite ibror 
blutsverwandten abgesprengt. Worin das gothisohe zum 
altnordischen tritt, beruht zum tbeil (und solche punkte 
habe ich eben eine anzahl erwähnt) auf dieser reihenfolge 
der Sprachtrennungen, zum theil aber (und das geht ans 
hier nichts an) gewiis auch darauf, dafs beide mundarten 
als die der östlichsten Germanen vor der trennung schon 
in engerer beziehung zu einander standen als zu den übri- 
gen germanischen dialekten; denn die Sprachtrennungen 
gehn schwerlich plötzlich, sondern mehr allmählich vor si<^; 
es giebt einen Übergang zwischen voller Sprachidentität 
und voller geschiedenheit 

Was nach allen jenen völkerzügen, die sich noch in 
weit spätere zeit fortsetzten, südlich von der ostsee übrig 
blieb, bildete die Völker der neuurdeutschen zeit; wa^ 
ihnen sprachlich gemeinsam ist, nenne ich die neuurdeut* 
sehe spräche, die gewifs wieder ihre mannigfachen mund- 
arten gehabt hat. Ihre zeit wird etwa dem letzten vor- 
christlichen und den beiden ersten Jahrhunderten unserer 
Zeitrechnung angehören. 

In bezug auf die vocale des neuurdeutschen hebe ich 
heraus, dafs, wenn auch gewifs in dieser periode das alte 
a an umfang verliert, dennoch dasselbe sicher in manchen 
f&Uen bewahrt blieb, wo wir es in dem zu literaturspra- 
eben gewordenen gothischen und althochdeutschen schon 
entartet finden. So ein fall liegt z. b. im gen. und dat, 
sing, der Substantive auf -an vor (goth. hanins, hanin, abd. 
hanin, aber ags. hanan, aitn. hana, altfries. bona, alta. 
banon). 

Zwischen u und i scheint mannichfEicher Wechsel statte 
zvfinden; so z. b. goth. trudan, altn. trod'a, aber ahd. 
tretan^alts. tredan, ags. tredan, altfries. treda u.s.w.; 



alt-, mittel«, nennrdentsch. 179 

dagegen goth. leitils, altn. litill, aber ahd. luzil, lia- 
sii, luzich, alts. Inttil, luttic, ags. lytel neben 
litel. 

iu ist wohl schon neuurdeutsch in einigen fUlen zu 
ü geworden: ahd. süfu bibo, lüchu claudo, sügn 
sugo, ags. süpe, lüce, stlce. 

Im consonantismus ist die wichtigste erscheinung das 
abfallen des ans s entstandenen scbliefsenden r. Wir fin- 
den es erstens bei allen nominativen der mascnlinen sub- 
stantiva, wo dem goth. fisks, hairdeis, sunus, balgs 
dem altn. fiskr, hirdir, sonr, belgr in den andern 
sprachen nur formen ohne diesen schlufsconsonanten ent- 
gegenstehn. Dasselbe wird auch wohl der Vorgang im 
nom. der fem. von i-stämmen gewesen sein, wo im altnor- 
dischen (z. b. äst gegen goth. ansts) wohl erst nach der 
sonderung dieser spräche das r abgefallen ist, um eine 
Übereinstimmung mit den andern femininen hervorzubrin- 
gen. Ferner im gen. sing. fem. von i-stämmen (gotb. an. 
stais, altn. ästar, ahd., alts., ags. und altfries. ohne aus* 
lautenden consonanten) ; endlich im nom. plur. der n-stämme 
(goth. hanans, tuggons, altn. hanar, tungur, in den 
übrigen sprachen ohne den letzten laut). 

Grofse Veränderungen scheint der Sprachschatz im neu- 
nrdeutschen erlitten zu haben. Eine nicht geringe anzahl 
von Wörtern, die uns im gothischen und altnordischen be- 
gegnen, mangeln mit merkwürdiger Übereinstimmung in 
den übrigen sprachen. Ich hebe als beispiele folgende sub- 
Btantiva hervor: goth. niuklahs, altn. n^klakinn neu- 
gebornes kind, goth. fraiv, altn. fr io same^ goth. hallus, 
altn. hallr der fels (wogegen das fem. altn. höll, ahd. 
halla auch in den andern sprachen lebt); auch das goth. 
sauil, altn. 8 öl sonne verkümmert wenigstens in den an- 
dern sprachen^ die es nur noch in spuren haben. Im pro- 
nomen ist auffallend das untergehn des goth. sis, altn. 
s^r (sibi), desgleichen der des goth. bvarjis, altn. hverr 
(quis). Im verbum tritt neben das goth. im, is, altn. em, 
ert (sum, es) im ahd. bim, bist, im ags. beom, bist 
IL8.W.9 woneben indessen das alte wort noch zum theil 

12 • 



180 Föntemami 

fortbesteht. Die ersl im altardeutschen entstandenen (den 
verwandten sprachen fremden) an das part. perf. pass. der 
starken verba angelehnten verba auf -nan, welche einen 
ursprünglich stets passiven sinn haben, sterben im neunr- 
deutschen wieder aus (goth. auknan, batnan, bignan, 
bruknan, altn. batna, blikna, brotna, dafna und 
viele andere). 

Nicht verschwiegen werden darf, dafs viele Wörter im 
gothischen und altnordischen fehlen, in den andern spra* 
chen aber vorhanden sind; auf diese erscheinung darf bei 
der Iflckenhaftigkeit des uns Qberlieferten goth. sprach» 
Schatzes nur wenig gegeben werden. Doch mögen na* 
mentlich manche Zusammensetzungen, in denen althoch- 
deutsch, altsächsisch und angelsächsisch zu einander stim- 
men, wirklich erst im neuurdeutscben gebildet sein, wenn 
das 'auch niemals von einem- einzelnen bestinunten falle 
behauptet werden darf. 

Dagegen scheinen dem neuurdeutscben mit ziemlicher 
gewifsheit manche neue ableitungen anzugehören; man 
vgl. ags. väter, alts. watar, ahd. wazar mit goth. vato 
(gen. vatins) und altn. vatn; ahd. apant, alts. aband, 
ags. aefen mit altn. aptan^ aftan; alts. himil, ahd. 
himil, altfries. himul mit goth. himins, altn. himinn; 
ahd. tugnnd, ags. dugutf mit altn. dygtf. Das ahd. 
geist, ags. gast, alts. gast begegnet im gothischen und 
altnordischen noch nicht; das altn. jastr fermentum ist 
zwar verwandt, gehört aber nicht unmittelbar dazu. Man 
halte ferner alts. dunkal, ahd. tünch al obscurus zu altn. 
dökkp. Auffallend ist auch, dafs ahd. gröz, ags. greät 
im gothischen und altnordischen fehlen; dadurch wird es 
wahrscheinlich, dafs hier eine neuurdeutsche ableitung vor- 
liegt, dann aber wiid die Zusammenstellung mit lat. gran- 
dis hinfällig. Die ahd., ags., alts. gerundia fehlen eben- 
falls dem gothischen und altnordischen; sind sie deshalb 
wirklich als neuurdeutsche ableitungen anzusehn, so dürfen 
sie nicht, wie bisher mehrfach geschehen, an sanskritbil- 
düngen angeschlossen werden. 

Nun zur flexion, deren leben von jetzt ab nur noch 



alt-, mittel-, nemirdeiitscli. 181 

eine reihe von grenzverrückungen darstellt; es gilt hier 
das recht des stärkeren (sprachlich ausgedrückt die ana- 
logie). Die schwache declinatioD dringt in das gebiet der 
starken und reifst hier den gen. plur. an sich (ahd. tagan6 
dierum, mhd. tagen, mnl. daghen, ags. dagena, altfries. 
degana). Das masc. und neutr. überwältigen das fem.; 
denn die feminina der comparative haben im gothischen 
und altnordischen einen i-vocal gegen a im masc. und 
neutr. (goth. fem. maizei, blindozei, altn. blindari), wäh- 
rend in den übrigen sprachen dieser feine unterschied ver- 
wischt ist. Der acc. sing, des reflezivpronomens nimmt 
die stelle mit in besitz, die firüber ein eigener dativ (goth. 
sis, altn. sär) ausfüllte. Der acc. sing, des Personalprono- 
mens (mich, dich) wirft sein k und h in den acc. plur. 
hinüber; er lautet ahd. unsih, iwih, ags. üsic, eövic, 
und so wird er auch wohl eine zeit lang im altsächsischen 
gelautet haben; dem gothischen und altnordischen (uns, 
086, izTis, y0r) ist diese erscheinung noch unbekannt. Der 
nom. plur. reifst den acc. in allen den f&Uen an sich, in 
denen sich beide casus bis dahin noch unterschieden hat- 
ten; es scheiden sich noch gothisch fiskos -fiskans, 
harjoB-harjans, sunjus-sununs, balgeis-balgins, 
ansteis-anstins, blindai-blindans; auch altnordisch 
fiskar-fiska, hirdar-hirda, synir-sonu, belgir- 
belgi, blindir-blinda, aber althochdeutsch gilt f&r 
beide casus visca, hirta, suni, belgi, ensti, blinde, 
alts. fisc6s, hirdjös, blindft, ags. fiscas, hirdas, 
blinde u. s. w. Eine abgeleitete form gesellt sich zu 
der primitiven, um diese zu verdrängen, im gen. plur. 
des zweiten Zahlworts; er heifst goth. tvaddje (duorum), 
altn. tveggja, ahd. zueio, ags. tv£ga; daneben aber tritt 
ein ahd. zueiero und ags. tv6gra ein, welches sich im 
neanrdeutschen gebildet zu haben scheint; eben so verhält 
es sich mit goth. baddje und ags. bSgra. 

In der conjugation ist die wichtigste erscheinung des 
neaurdeutschen, dafs der optativ sich in der 2. pers. sing. 
des perf. in den indicativ einnistet, und zwar bei allen 
starken verben; so heifst es goth. vast eras, altn. vart, 



1Q2 FOntemsnn 

aber ahd. wäri, ag8« yaore, altfries. wSre. Ein eindrin- 
gen des perf. in das praes. beobachten wir in den abd., 
alte, und ags. nebenformen sindun, sindon fllr sind. 
In bezog auf die reduplicirten perfecta werden wir anneh- 
men müssen, dafs im neuurdeutschen die Wiederholung des 
consouanten noch nicht aufgegeben, der vocal der Wurzel- 
silbe aber schon synkopirt ist; darauf f&hrt uns die erwft- 
gung des ags. hebt, leolc, reord, leort für haihait, 
lailaik, rairoth, lailot. 

Auch bedeutungs- und genusverschiebungen scheint 
das neuurdeutsche manche erlebt zu haben; ich hebe her- 
aus unser wort fleisch, das im altn., schwed. und dän. 
(flesk, flfisk^ flesk) übereinstimmend speck bedeutet, da- 
gegen ahd. fleisc, alts. flesc, ags. flaesc, engl, flesh 
nnl. vlisch, fries. flasc die bedeutung von caro ange- 
nommen hat. Das ahd. östra, ags. eÄstran scheint erst 
neuurdeutsch auf eine bestimmte zeit (fest der Ostara) be- 
zogen zu sein, daher im hochdeutschen, s&chsischen und 
angelsächsischen die anlehnung an das christliche fest, ßix 
weiches das gothische und altnordische noch das hebr. 
pascha gebrauchen. Goth. namo und altn. nafn sind 
noch neutra wie das lat. nomen, hochd., ags. und altfries. 
gilt das männliche geschlecht. Goth. kinnus und altn. 
kinn sind fem., dagegen ahd. kinni und ags. cinne masc, 
goth. lithus, altn. Vitfr sind masc, ags. und ahd. tritt 
daneben auch neutraler gebrauch ein. Dergleichen wird 
sich noch viel mehr finden lassen. 

Hat das neuurdeutsche bis ans ende unseres zweiten 
Jahrhunderts gelebt, so gehören die alten uns von den Rö- 
mern überlieferten namen sämmtlich dieser periode an. Den 
Römern aber erschollen diese namen, mochten sie sich auch 
auf ferne stamme wie Gothen und Marcoroannen beziehn, 
zumeist am Niederrhein. Dort aus ubischem oder sigam- 
brischem munde gelangten gewifs die nachriohten über die 
Cherusker und deren bündnisse- nach dem standlager zu 
Colonia Agrippina. Diese Völker am Niederrhein sind aber 
die Stammväter der späteren Franken, ich nenne sie weder 
Hochdeutsche noch Niederdeutsche, da ich diesen unter- 



altr, mittel-, nemirdautseh. 188 

schied ftr jene zeit nocli nicht kenne. Wir haben nun 
jene namen darauf hin anzusehn, ob ihre lautfftrbung dem 
bilde entspricht, welches wir uns vom neuurdeutschen, das 
helfet Ton der gemeinsamen quelle des hochdeutschen, alt- 
sächsischen, angelsächsischen und altfriesischen machen 
müssen, oder ob sie sich näher an das altfränkische an- 
schlielsen, wie wir es z. b. uns zur zeit des Gregor von 
Tours in Gallien gesprochen denken mtkssen. Letzteres, 
nicht ersteres ist in der that der fall. 

So müssen wir annehmen, dafs das neuurdeutsche ein 
langes ä noch nicht durch 6 ersetzt hat und dafs dieser 
wandel erst im gothischen nach seiner trennung Tor sich 
gegangen ist. Und doch spricht Caesar und alle andern 
Römer schon von den SuSvi, Taoitus von Inguiomirus, 
Segimörus, ActumSrus, Chariom^rus, glSsum, gerade wie 
wir diese Vertretung am fränkischen des 5. und 6. Jahrhun- 
derts kennen; bei Jemandes ist AudoflSda eine fränkische 
königstochter und bei Gregor sind uns manche namen auf 
-mSres, -fledis überliefert u. s. w. Ebenso begegnen uns 
bei den römischen Schriftstellern zahlreiche aus i entartete 
e; man erwäge die ersten silben von Hermunduri, Che- 
msci, Nerthus, Segimerus, Segimundus, Segestes. Es ist 
ganz undenkbar, dais die verschiedenen deutschen Völker, 
den^i jene namen angehören, in so alter zeit an diesen 
stellen wirklich das e gehabt haben; ebenso undenkbar, 
dafs die Römer, die gerade dem i-vocal besonders zuge- 
than sind, ihn hier überall ausgemerzt haben sollten. Sehn 
wir aber die zahlreichen fränkischen namen auf -fred an, 
ebenso die im polyptychon Irminonis neben Sig- aufser- 
ordentlioh oft vorkommenden Seg-, so wird es uns klar, 
dafs auch jene alten namen uns nur in fränkischer gestalt 
überliefert sind. Strabo's handschriften geben 2!cyifiiJQog 
neben JSeyifitjgog*, hier scheint mir das t den wirklich che- 
ruskischen, das < den fränkischen laut wiederzugeben. — 
Wir wissen, dafs die Gothen sich selbst mit einem u in 
der Stammsilbe schrieben, und so hat auch Pytheas nach 
Plinius an der ostseeküste Guttones gefunden. Warum 
geben nun die römischen Schriftsteller der ersten jahrhun- 



184 Föntemum 

derte hier ein o? wohl wiederum, weil sie auch die kennt- 
nis dieses entlegenen volkes wesentlich am Rheine erlang- 
ten; dort aber wird schon damals dasselbe o gegolten ha- 
ben, das ein anderes deutsches volk, die Thoringi, noch 
bei Gregor aufweist. Auch das o der mittelsten silbe von 
Maroboduus wird kaum marcomannisch, weit eher nieder- 
rheinisch gewesen sein. — Das alte ai, das im gothisohen 
und selbst im althochdeutschen so lauge treu bewahrt bleibt, 
erscheint dennoch im Taciteischen BoiohSmum schon zu 6 
entartet; so wird den Römern am Niederrhein der name 
erklungen sein, genau so, wie den Franken der lex Salica 
ein Salohemj chrenecruda, chreo und neben laisus ein Itens 
galt. — Das eu in Teutones und Teutoburgum ftkr altes 
iu finden wir wieder in dem beudus (mensa) der lex Sa- 
lica, in leudis, in den namen auf -deus und -teus; Gre- 
gor schreibt auch in gothisohen namen ein eu f&r iu. Wie 
weit dieses altfränkische dem übrigen neuurdeutschen ge- 
genüber selbständig gewesen ist, das können wir natflriicb 
ftkr jetzt nicht mehr entscheiden. 

Hiemit schliefse ich ftlr jetzt meine darstellung. Es 
war für mich ein bedürfnis mit diesen ansichten hervor- 
zutreten, um eine gröfsere sprachgeschichtliche arbeit, nüt 
welcher ich mich schon lange beschäftige und wohl noch 
länger beschäftigen werde, nicht etwa auf falschen grund- 
lageu aufzubauen; sind aber meine ansichten falsch, so 
wird schon diese kurze mittheilung genügen, um sie zu 
widerlegen und mich eines besseren zu belehren, und darom 
bitte ich in diesem falle herzlich. Wer mir aber z. b. ein 
näheres übereinstimmen des altnordischen und angelsächsi- 
schen entgegenhalten will, der möge erst bedenken, dals 
nicht jeder fall von Übereinstimmung auf eine längere ge- 
schichtliche gemeinschaft zweier Völker hinweist, sondern 
auch noch aus manchen andern gründen hervorgehn kann. 

Ist dagegen die hier entwickelte ansieht richtig, so 
wird eine künftige geschickte unseres deutschen sprach- 
stammes in folgender weise zu ordnen sein: 

Den ersten theil nimmt die betrachtung derjenigen bis 
ins gebiet des germanischen hineinragenden bildungen und 



alt-, mittel-» neanrdentach. 185 

thatsachen ein, welche schon ans einer jenseits des ger- 
manoslaTischen liegenden periode stammen; im zweiten 
theile ist zu untersuchen, in wie weit sich die spuren die- 
ser germanoslavischen zeit noch bis in unsem sprachstamm 
verfolgen lassen. Der dritte abschnitt ist dem alturdeut- 
sehen gewidmet und giebt an, welche lautverhältnisse, Wort- 
bildungen, flexionen u. s. w. dieser epoche zuzuschreiben 
sind. Hierauf folgt die betrachtung des speciell gothischen 
Sprachlebens, dann die des mittelurdeutschen , hierauf die 
des altnordischen sowie der daraus hervorgegangenen neue* 
ren sprachen. Die nächste stelle nimmt das neuurdeutsche 
ein, die dann folgende das althochdeutsche, mittel- und 
neuhochdeutsche und die neueren hochdeutschen dialekte. 
Was nun noch nach ansscheidung dieses zweiges als Über- 
rest des alten Stammes anzusehn ist, bildet die niederdeut- 
sche gruppe, deren Charakteristik am besten mit ihrer zu 
reconstruirenden grundsprache, der ursftchsischen , zu be- 
ginnen ist. Darauf ist das altsächsische mit seinen töch- 
tem, das mittel- und nenniederländische, sowie das friesi- 
sche zu betrachten. Nun erst folgen wir unserer spräche 
und unserem volke auf seiner weiteren Wanderung über das 
meer, behandeln das angelsächsische und mittelenglische 
und schliefsen das ganze naturgemäfs mit dem englischen. 
Diese vom alturdeutschen räumlich wie sprachlich am wei- 
testen abstehende spräche, die am meisten das specifisch 
germanische kleid abgestreift hat, wurde eben dadurch fH* 
big sich durch romanische demente so vollkommen durch- 
dringen zu lassen, dafs sie demjenigen bilde, welches wir 
uns von einer Weltsprache der zukunft machen, unter allen 
lebenden sprachen am nächsten kommt; auch ist sie schon 
jetzt die am meisten verbreitete unter allen. Die Schick- 
sale des englischen und des deutschen in America mögen 
einen anhang des ganzen bilden, eines Werkes, f&r dessen 
harmonische durchfikhrung freilich Ar den augenblick noch 
viele bedingungen fehlen, das aber immerhin schon ver- 
sacht werden mag. 

Bezeichnen wir schliefslich den gothischen sprachzweig 
mit 1, den nordischen mit 2, den hochdeutschen mit 3, 



186 F5xBtemaim, alt-, mitt«!*, nauurdentBch. 

den niederdeatschen mit 4 und versuchen wir die haupt*- 
▼eranlassungen anzugeben fQr die yerschiedenen combina- 
tionen, in denen wir diese vier zweige zu einander stim- 
mend oder von einander abweichend sehen, so ergiebt sich 
folgendes : 

1 gegen 2, 3, 4: hohes alter der trennung, zurück- 
bleibendes gegen vordringendes. 

1, 2 gegen 3, 4: reihenfolge der trennung, ostgermiH 
nisch gegen westgermanisch. 

1, 2^ 3 gegen 4: getrennte zweige gegen fortentwicke- 
lung des grundstocks (darf ich sagen männliches gegen 
weibliches deutsch?). 

1, 3 gegen 2^ 4: Sodgermanen gegen Nordgermanen, 
continentale gegen maritime mundarten, unter letzteren viel- 
fache spätere berührungen. 

2 gegen 1, 3, 4: dort nähere beziehungen zum finni- 
schen sprachstamm, hier verhältnifsmäisiger mangel der- 
selben. 

3 gegen 1, 2, 4: dort nähere berührung mit romani- 
schem, hier geringere. 

Nach den gesetzen der combinationslehre ist nur noch 
ein siebenter fall möglich: 2, 3 gegen 1^ 4, ftr diesen fall 
aber läfst sich kein historischer grund angeben; wo solche 
näheren berQhrungen eintreten, ist das walten des zufidb 
anzunehmen. 

Schleicher hat es (deutsche spräche s. 94) unt^nom- 
men, den im anfange dieses aufsatses erwähnten dentschen 
sprachbaum wirklich graphisch darzustellen. Ich wQrde 
von ihm darin abweichen, dafs ich den zweig 2 nicht mit 
1 von demselben punkte des Stammes ausgehn Heise, son- 
dern zu Unterst 1, weiter hinauf 2, noch höher 3 ansetzte; 
überdies würde ich 1 und 3 (wie es die geographischen 
Verhältnisse mit sich bringen) nach links, 2 dagegen nach 
rechts hin vom stamme abzweigen. 
Dresden. E. Förstemann. 



Consen, altoskische sprftchdenkmKler Jn grieeh. schrifL 187 

Altoskische Sprachdenkmäler in griechischer 

Schrift. 

1. Grabschrift von Sorrento. 

CIPINEIZ 

Die vorstehende inschrift eines zu Sorrento in Cam- 
panien gefundenen grabsteines ist die genitivform Virineis 
eines namens, der im nominativ oskisch Virins lautete 
vom stamme Virino- und der name eines verstorbenen 
war (Mommsen, unterit. dialekte s. 190, XXXIV. Fa- 
bretti, Corp. Inscr. Italicar. 2827). Das hohe alter die» 
ser grabschrift folgt erstens aus der Verwendung- grie- 
chischer Schrift fflr ein oskisches Sprachdenkmal, welche 
auf eine zeit hinweist, ehe in Campanien, Lucanien, Brut- 
tium und ünteritalien überhaupt die macht und der ein- 
flofs der griechischen städte durch die eroberungen der 
Samniten gebrochen wurde, zweitens aus der einnamigkeit 
des verstorbenen Virins, während die Inschriften späterer 
zeit in jenen oshischen Sprachgebieten mindestens zwei 
namen von einer person aufweisen, den vomamen und den 
familiennamen, wie z. b. in der benennung des samniti* 
sehen censors von Bovianum in der altoskischen inschrift 
von Pietrabbondante: Aiieis Maraieis (Verf. Z. XI, 
403 f. Fabr. a. o. 2873) oder drei namen, und zwar nach der 
einheimischen samn.*osk. sitte den vornamen, den familienna- 
men und dazu den Vatersnamen, wie schon in der griechisch 
geschriebenen alten Mamertinerinschrift: ^rsvig Kali^ 
vig ^TaTTitjigj Maqag TIo^inTiBg NiVfiaStrjtg (blo. 
s. 193, XXXIX. Fabr. 3963), seltener sogar vier namen, näm- 
lich Vornamen, familiennamen, Vatersnamen im genitiv und 
Zunamen wie in der altosk. tempelinschrift von Bovianum 
Gn . Staffs Mh . Tafidins = Gneius Staius Magii 
filius Tafidinus(Verf. Z.XI,363f. Fabr.2872). Momm- 
sen setzt daher die abfassung der grabschrift von Sorrento 
in oskischer spräche mit grieeh. schrift nach griechischer 
sitte und mit einnamiger bezeicbnung des verstorbenen in 



188 CorwMi 

das älteste Zeitalter der oskischen Sprachdenkmäler, die 
auf uns gekommen sind, von dem eindringen der Samni- 
ten nach Campanien bis zur ausbreitung der römischen 
herrschaft Ober dieses land, also etwa von 421 bis 338 
vor Chr. (Mo. s. 104. 106. 112). Dieser periode gehören 
die osk. münzaufschriften von Uria, AUifae und Phistelia 
an (a. o. 112. 200. 201). Der oskische name Vir-ine-is 
verhält sich zu dem familiennamen osk. Virr-li-s der blei* 
platte von Oapua (Verf. Z. XI, 338f. Pabr. 2749) lat. Virr- 
-iu-8 wie Flamin-inu*8 zu Flamin-iu-s. In Virr- 
-ii-s röhrt das doppelte r lediglich her von der geschärf- 
ten ausspräche des consonanten in hochbetonter silbe, wie 
das doppelte consonantenzeichen in vielen anderen oski- 
schen -wortformen, z. b. in ekkum, pokkapid, triba- 
rakkiuf, alttrei, alttram, JS'rami^tg, mallom^ 
mallud, Akudunniad, dekmanniois, kvaisstnr. ESs 
ist daher unzweifelhaft gerechtfertigt Virri-ii-s und Vi r- 
-in-eis vom stamme des lateinischen wertes vir- her* 
zuleiten, wie im griechischen die eigennamen l^vdQiagj 
jivSgBiay !dv8Qivgf 'AvSgtxog^ jivSgiaxog^ Av'^ 
dglfov^ jiv8Q(av^ jivSgw^ AvSgaviSag und zahlreiche 
andre vom stamme von avi]Q gebildet sind. Die grab- 
Schrift von Sorrento, obwohl sie nur aus einem werte be- 
steht, ist besonders deshalb wichtig, weil sie die thatsache 
feststellt, dals die Osker von Campanien im f&nften bis 
vierten Jahrhundert vor Christus ihren verstorbenen grab* 
denkmäler setzten nach griechischer sitte mit griechischer 
Schrift;. 



altoakisehe Sprachdenkmäler in griech. sehrüt. 189 

2. Die grabschrift von Anzi. 



^nT£:o^ 

[AX^PHIA(P>:AK£iTrHA 

^EZQXBPAraA4A1E>AlAN> 



Der hier dargestellte stein ist gefunden bei Anzi in Basi- 
licata, dem alten Anxa in Lucanien, am abhänge eines 
hügels eine halbe miglie vor der Stadt in sfldöstlicher rich- 
tang, wo ihn Mommsen gesehen und ein facsimile abge- 
nommen hat (onterit. dialekte taf. XII, 36. s. 191. Fa- 
brctti, Corp. Inscr. Italicar. 2903. Tab. LVI). Er sagt 
TOD demselben, a. o. : „dreieckiger stein rechts 1 palm, links 
1| palm, unten 2 palm 2 zoll lang, mit ungemein tiefer 
schöner Schrift von ziemlich altem Charakter; am unteren 
rande ist der oberste theil eines jugendlichen, wie es 
scheint, männlichen lockigen kopfes in hohem relief noch 
erhalten. Es scheint ein fragment einer Aedicula in der 
art vieler capuanischen grabsteine, welche oben im dreieck 
die inschrift und auf der hauptfläche zwischen Säulen die 
figar des verstorbenen zeigen, gewöhnlich in ganzer ge* 
stalt, wie es auch hier der fall gewesen sein muis^. Der- 
artige grabsteine von Capua sind von Mommsen in den 
Inscriptiones Regni Neapolitani dargestellt (n. 3791. 3815). 
Es kann also nicht zweifelhaft sein, dafs in dem steine 
von Anzi ein ähnlicher grabstein vorliegt mit griechischer 
inschrift und knnstdarstellung eines griechischen meisters, 
falls es gelingt die oskischen wortformen der inschrift un- 
ter strenger beobachtung sonst bekannter gesetze und 
eigenthflmliohkeiten der oskischen lautlehre, wortbiegung 



190 ConMA 

und wortbildang als oskische grabschrift zu deuten. Die 
tbatfiache, dafs im f&nften bis vierten Jahrhundert in SOd- 
italien oskische grabscbriften in griechischer schrift abge- 
fafst wurden, ist ja schon durch die grabschrift von Sor- 
rento erwiesen. 

Grabsteine in der form des spitzgiebels eines kleinen 
hauses oder tempels mit insehrift und kunstdarstellung bil- 
deten die Vorderseite von grabkammern oder beb&ltem von 
aschentöpfen, aschenkisten und grabumen, mögen diese 
behälter nun freistehend gearbeitet oder in die wände von 
Columbarien eingelassen sein (Abeken, Mittelitalien s. 248. 
249. 251. 256. 257. 258. 259). 

Die griechische schrift des Steines von Anzi weist das 
dorisch - sicilisch - chalcidische aiphabet auf (Momms. unt. 
dial. taf. I). Das a hat die Form A ^ie in der Söldner- 
insehrift von Ischia, die vor 326 v. Chr. abgefafst ist (a. o. 
8. 197 f.); die buchstaben Q und H sind in der insehrift 
von Anzi bereits gebräuchlich wie in der oskischen in- 
sehrift der Mamertiner von Messina (a. o. s. 193), während 
andere oskische inschriften in griechischer schrifl noch E 
für langes Q aufweisen wie die insehrift von Fermo in dem 
namen /.sgexXeig (a. o. 190) und fQr langes ö wie die 
aufschriften von Monteleone, dem alten Vibo in Bruttium, 
die' in die zeit zwischen 356 bis 193 v.Chr. fallen, in 
den Schreibweisen ^egCogsi und vaovriov (a. o. 191. 
192. 112 f. Fabr. 3034. 3039). Das berechtigt zu keinen 
schlössen über die Chronologie dieser inschriften, da das 
schwanken zwischen E und H wie zwischen und Q im 
griechischen schriftgebrauch frühzeitig angefangen und lange 
gedauert hat. Mit der wortabtheilung, die Mommsen fast 
durchweg richtig erkannt hat, und herstellung einzelner 
verstümmelter oder ganz weggebroohener buchstaben lautet 
die insehrift von Anzi folgendermafsen: 

IIa>T ^okXoA üiifA aoQOjrtofi tiv. xanidinafji KaAag 
Xsixsity xwax^Qfji kioxaxBit ffjrafi €öor ßpatmfi 

Hfid in lateinische schrift Obertragen: 
Pot vollobom sorovom* ein . kapiditom Kahas 



altoskifche flprachdenkmSler in griech. sehrift 191, 

leikeit, ko'acherei liokakeit svam esot bratom 

Meiaiana[i]. 

Dafs der griechische Steinmetz die griechischeD schrifl- 
zeichen Q und H nicht immer richtig brauchte ftlr lange 
Tokale, sondern auch unrichtig ftlr kurze, ist mit Sicherheit 
XU erweisen. Die form xcd — ax^grn ist, wie sich weiter 
unten herausstellen wird, eine locativform singularis eines 
auf -o auslautenden oskischen wortstammes, deren auslau- 
tender diphthong ei in griechischer schrifl durch 17» be- 
zeichnet wird, während der lautbestandtheil e desselben 
das aus ö abgeschwächte kurze oskische e war. Eben die- 
ses kurze e des oskischen diphthongen ei wird in griechir 
scher sehrift falsch durch 97 bezeichnet in den oskischen 
genitivformen von o*stämmen KoTTeitjig^ ^rattiTjeig, 
NiVßic3ii]ig in den angefahrten inschriften von Yibo in 
Bruttium und von Messina (a. o. 192. 193. Fabr. 3035.3063). 
Vergleicht man ferner nutz der Inschrift youAnzi mit 6<Tor, 
80 wird man nicht anstehen jene Schreibweise für den nom. 
acc. sing, neutr. des osk. relativen pronominalstammes po- 
zn halten, der auf dem Cippus von Abella und der tafel 
▼on Bantia pod geschrieben wird, yfieaaor der nom. acc. 
sing, neutr. des oskischen demonstrativen pronominalstam- 
mes eso-, eiso- in esi-dum, eiae-is, eise-i u.a. (Ebel 
zeitschr. II, 61; Bugge a. o. V, 2; Verf. a. o. XI, 324. 403. 
415) ist, dem auf dem Cippus von Abella die neutrale 
ablativform eisod entspricht. Dafs auch in der Mamer- 
tiner inschrift von Messina (o falsch für ö geschrieben ist, 
zeigt die Schreibweise twvto fOr das oskische wort touto, 
nominativforih des Stammes touta-, tovta, der mit ein- 
ÜLcher Yokalsteigerung von wz. tu- gebildet ist (Verf. aus- 
spr. I, 371 f. 2ag.) und im oskischen munde jedenfalls kein 
langes o enthalten haben kann. Also thatsacfae ist, dafs 
in der vorliegenden inschrift von Anzi co fälschlich auch 
fbr ö geschrieben ist, dafs man mithin berechtigt ist diese 
unrichtige Verwendung des griechischen schriftzeicbens (o 
durch einen griechischen Steinmetzen auch für die wort- 
formen j:oXXoß.(üfA^ aopo^wfij xani3iT(0fAy ßgattafA 
anzunehmen, die somit ganz das ansehen oskischer accu** 



192 GonsflB 

sativformen oder neutraler nominativformen voll ob öm, 
soroYöm, kapiditöm, bratöm gewinnen, and ala solche 
sich weiter unten mit Sicherheit herausstellen werden. Zu 
erwägen bleibt noch, welche bedeotung das schriftaseichen 
/ in den wortformen ^o^Ao/cuic und Ka/.ag hat Eb 
bezeichnete sicher nicht einen aspirirten gutturalen laut, 
da dieser in der grabschrifl von Anzi durch x ausgedruckt 
wird, wie die wortform xw^ax^Qf^i zeigt; es bezeichnet so 
sicher den blofsen starken hauch wie in /.BQsxlBig der 
weiheinschrift von Fermo und wie Oberhaupt in der grie- 
chischen Schrift. Einen blofsen hauchlaut h zwischen vo- 
kalen, die getrennt geschrieben werden, kennt auch der 
oskische dialekt. Im umbrischen wird h zur bezeichniing 
des langen vokals nach dem vokalzeichen gesetzt, und c[aD0 
mehrfach auch noch der vokalbuchstabe nach h wieder* 
holt; h bezeichnet aber auch den zwischen zwei getrennt ge- 
sprochenen vokalen wahrnehmbaren hauchlaut, der mit dem 
lautansatz des zweiten vokals ausgestoJQsen wird (AK. umbr. 
sprachd. I, 76 f. Verf. ausspr. I, 16. 17. 2 ag.). Denselben 
hauch bezeichnet das griechische schriftzeichen h h&ufig in 
namensformen des messapischen dialektes wie Klo/^ij 
KXaoß^iy Aa^iavtg^ So)^ aSovag^ MoX3a/.iag^ Mol-- 
Sa/i^ai/-i^ Kika/, laij^iy TaoTtvaAiaija,^ Fgai/ ai/Li^ 
Ja^ifiai^t^ Ka^ageij^iy Kga&SABiAif IIXaxoQqhi^i^ 
MoQXiAi, Ja^o/ovvij. i (Momms. unterit. dial. 8.74f.). 
Dieselbe bedeutung hat der buchstabe h in der Schreib- 
weise sp&tlateinischer inschriften der römischen provinzen 
Gallien und Germanien, z. b. in den formen Bomanehis, 
veteranehis, Hamavehis, Rumanehabns, Lane«* 
hiabus, Vesunahenis, Vesuniahenis, dihaconus, 
Bohetyus (Verf. ausspr. I, 111. 2 ag.)« Auch in der äl- 
testen oskischen Schrift hat das schriftzeichen h dazu ge- 
dient sowohl die länge des vokalischen lautes als auch den 
hauch zwischen zwei getrennten vokalen zu bezeichnen. 
Die länge des diphthongen au bezeichnet das schriftzei- 
chen ji in der mit griechischen buchstaben geschriebenen 
oskischen au&chrift einer münze des apulischen Au Sen- 
ium: Av^vaxXi[vo fi] (llomms. eu o. B. 103.201; J.Fried- 



iltotkiBche spnchdflnkmller in grieeh. schrift. 193 

Under, die osk. münzen s. 6. Fahr 2923), nnd dann ist das 
laatseicben v des diphthongen a v nach dem / wiederholt 
worden in ähnlicher weise , wie in der nmbr. schrift nadi 
dem längeeeichen h das schriftzeichen des vorhergehenden 
Tokals nodi einmal gesetzt worden ist. Eine form *Ava8- 
klo*, die ich frfiher annahm, ist nicht erweislich, die an- 
nähme auch überflüssig (zeitschr. XIII, 183). Den hauch 
zwischen zwei getrennt gesprochenen vokalen bezeichnet 
der bnohstabe h mehrfach in der alterthQmlichen schrift 
des opferstatnts von Agnone, eines der ältesten nns erhal- 
tenen Sprachdenkmäler, wie anderen orts zur spräche kom- 
men wird. So in der dritten pers. sing. conj. praes. pass. 
saka-h-it-er vom- yerbnm saka*um, fllr saka-it-er 
verglichen mit den formen der dritten pers. sing. conj. praes. 
aot. sta-it as lat. stet, sta-iet =: lat. Stent (zeitschr. 
Xm, 247 f. 250f.) tada-it =>lat. tendat (zeitschr. V,94f. 
252f.) deiva-id (Verf. krit beitr. s. 392; zeitschr. XIII, 
250 f.)« Den hauch zwischen getrennt gesprochenen voka- 
len bezeicbjiet oskisches h femer in der dativform pif-h- 
-ioi in der Verbindung, t. Agn. B, 15: Diovef pilhioi 
regature{s=lat. Jovi pio rectori (Momms. a.o. s. 129. 
287; Verf ausspr. I, 448 f. 2ag.) zu vergleichen mit der 
sabelUschen benennnng einer gottheit: Regena piaCerie 
Jovia s=s lat. Regina pia Ceria Jovia(yerf. zeitschr. 
IX, 133. 150f.; Ausspr. a. o.) und der lateinischen: Junoni 
piae(Ornt. 25, 1). Der oskisohen Schreibweise pif-h-ioi 
entsprechen die nmbrischen pi-h-atu = lat. pi-ato, pi- 
-h-aii ea lat. pi-avi, pi-h-aner =b lat. pi-andi, pi- 
-h»az ^ lat.pi-atu8 und die volskische pi-h-om ss 
lat« pi-um (Verf. d. Volscor. ling. p. 8 f.; AK. umbr. 
sprachd. 11, 412 f.), während die altsabellische inschrift von 
Crecohio die formen pio es lat. pio nnd peien = lat. 
piaverunt aufweist (Verf. zeitschr. X, 1. 14. 21. 25). Das 
gemeinsame italische grundwort dieser wortformen pl-o- 
stammt von der wurzel pn- „reinigen^, ist also aus pu-io 
entstanden, und die nrsprflngliche bedeutnng „rein^ hat 
rieh noch erhalten in lateinischen Verbindungen wie far 
piam, sal pium nnd in der sabellisohen pio bie «s: lat« 
Z«itaelir. f. Tgl. ipraohf. XVlll, 8. 13 



194 Consen 

pio bove (Verf. krit. bcitr. s. 391 f.). Die länge des vo- 
kals i ist in der oskischen Schreibweise pii*b-iol durch ii 
ausgedrQckt wie auch sonst (Verf. ausspr.I, 17. 2 ag.). So- 
mit ist also erwiesen, dafs in altoskischen Sprachdenkmä- 
lern h wie in umbrischen die länge des vokalischen lautes, 
nach dem es folgt, und den hauch zwischen zwei getrennt 
gesprochenen vokalen bezeichnen kann, dafs es diese or- 
thographische bedeutung also auch in den geschriebenen 
wortformen Ka/.ag und ^oIXoa o>f^ der grabschrift von 
Anzi haben kann, deren bedeutung weiter unten nachge- 
wiesen werden wird. 

Nachdem die besonderheiten der schrift und Orthogra- 
phie erklärt sind, welche der grabschrift von Anzi theil- 
weise ein fremdartiges, von andern oskischen sprachdeok- 
malern abweichendes aussehen geben, ist der weg zur deo- 
tung der inschrift geebnet. Da mar s=s jfod nom. acc. 
sing, neutr. des relativen und eaor = eisod nom. acc. 
sing, neutr. des demonstrativen pronomens sind, da die bei- 
den wortformen Xbixbit und kioxaxsir unzweifelhaft als 
dritte pers. sing, von verbalformen kenntlich sind, wie schon 
Mommsen gesehen hat (a. o. 273); da die form bratom 
schon in anderen oskischen und sabellischen Sprachdenk- 
mälern als nom. acc. sing, eines neutralen nomen der o-de- 
klination nachgewiesen ist, mag dieselbe nun einem latei- 
nischen parat um gleich stehen, wie ich bisher mit Bngge 
angenommen habe (zeitschr. XV, 241. 247. 248. 250) oder, 
wie Stokes neuerdings aufgestellt hat und sehr ansprechend 
erscheint, mit Gall. ßgarov-Se (ex voto?) Ir. br&th ge- 
müth, urtheil zusammengehören (Beitr. z. vergl. sprachf. V, 
342 anm.); da die form Ka/^ag die gestalt des nom. sing, 
eines oskischen personennamens hat, wieTanas einer alt- 
samnitischen inschrift von Aspromonte (Momms. a. o. s. 174, 
VIII. Fabr. 2879) und Magag der Mamertinerinscbrift von 
Messina (a. o. s. 193, XXXIX. Fabr. 3063), so ist klar, 
dais die inschrift von Anzi aus einem relativen vordersats 
und demonstrativen nachsatz besteht, dessen gerippe mit 
seinen grundbestandtheilen subjekt, prädikat und objekt 
sich folgendermaßen darstellen lä&t: 



•Itoakische Sprachdenkmäler in griech. schrift. 195 

ntMtt — Ka/ag A<cx6ir — , k^oxaxaiv — 9(fot 
quod — Kahas -it — , -it — hoc 

ßQaXfOfA . . — 

— am — 
Die herleitung der aocusatiyform /9(>aT(u/i = bratom von 
lat parat um verwirft Stokes aus dem gründe, weil in oak. 
em«*bratur f&r lat im-perator das b aus p durch ein* 
flols des vorhergehenden m erweicht sein soll. Das ist 
aber eine unrichtige annähme, weil m in den altitalischen 
sprachen einen solchen einflufs niemals ausübt, ja die laut- 
Verbindung mp sogar gesucht wird, wie em-p-tu-s,sum- 
p-tu-s, com*p-tu-B u.a. zeigen. Stokes hätte vielmehr 
geltend machen sollen, dafs em-bratur nur das zur zeit 
des bundesgenossenkrieges in das oskische übertragene la^ 
teinisohe wort im-perator ist, dafs in demselben das e 
in der Wurzelsilbe des zweiten gliedes das compositum aus- 
gefallen ist wie in osk. me-mn-i-m f&r *me-men-io-m 
(Verf. zeitschr. XI, 358 f.)? mithin also em-bratur nicht 
beweisen kann, dafs aus einem oskischen einfachen worte 
*paratom das wurzelhafte a geschwunden ist. FQr Stokes 
gleichaetzung des osk. ß^anafA = bratom mit gall. ßga- 
Tov- spricht auiser der genauen Übereinstimmung der bei- 
den wortformen noch die thatsache^ dafs die bedeutung 
Votum für das wort ßXc diejenigen stellen oskischer und 
sabellischer Sprachdenkmäler passend ist, wo brato- vor- 
kommt; so tab. Baut. 67: deivatud — siom ioc co- 
mono mais egmas touticas amnud pan pieisum 
brateis auti cadeis amnud — pertumum s=s lat. 
iurato-, se ea comitia magis rei publicae causa 
quam alicuius voti aut petiti causa — perimere 
(Verf. zeitschr. XV, 249 f); und in der sabellischen inschrift 
von Navelli: T. Yeti duno didet Herclo Jovio; 
brat[a] data. =s lat: T. Vettius douum dedidit 
Hercnli; vota data [sunt] (a. o. XV, 241f. 254). Dafs 
in der vorliegenden grabschrift von.Anzi bratom das 
grabmal als ein „gelobtes ding^ bezeichnen kann, also den 
sinn des lat particip. votum hat, wird sich im weiteren 
laufe dieser Untersuchung herausstellen. Wie im nachsatz die 

13* 



196 Corssen 

accusativform ßgartafi abhängt von dem verbum Xivxa- 
xeiT, so sind unter den formen des Vordersatzes /oX- 
Ao/ft)^, aoQo^iOfi, xaniSiTb)^ die objectsaecusative fbr 
die verbalform Actxstr zu suchen, und zwar, da die erste 
derselben in ihrer endung -oao^ von den beiden folgen- 
den auf '(ofi abweicht, so hat man zunächst in diesen bei- 
den die objectsaccusative zu vermuthen. Da nachgewiesen 
ist, dafs das cn derselben in der sohrift des steines von 
Anzi das oskiscbe kurze o bezeichnen kann, so können 
sie, in die lateinische schrift der tafel von Bantia über- 
tragen, sorovöm, capiditum lauten und unzweifelhaft 
accusativformen des siflgularis von o-stämmen sein. 

Sie sind verbunden durch die copula 6<i/, die schon 
Mommsen als dasselbe wort erkannt hat, wie [Bivt]i^ in 
der Mamertinerinschrift von Messina (a. o. 193. 195.264). 
In der oskischen schrift der älteren Sprachdenkmäler hat 
diese copula mit der bedeutung et die gestalt inf m (Cipp. 
Abell. a. o. 264; Verf. zeitschr. XI, 330), in jüngeren pom- 
pejanischen inschriften mit abfall des auslautenden m die 
form ini, ini (Momms. a. o. 185, XXIX, a. b; zeitschr. 
n, 55); die tafel von Bantia schreibt in im (z. 6), wo das 
wort vollständig geschrieben ist. Dem oskischen binde- 
wort in im entspricht in form und bedeutung umbr. enem 
„und% und neben der Schreibweise [Bivs]ifi desselben er- 
scheint eine umbrische form eine mit abfall des m, wie 
osk. ini (AK. umbr. sprachd. I, 136). Das si, ei dieeer 
formen ist entstanden durch vokalsteigerung des proDomi- 
nalstammes i«, wie in osk. ei-se-is, ei-se-i, ei-so-d, 
e-sei, e-si-dum, e-ki-k, e-ka-k, skr. e-na*m, goth. 
ai-n-s, griech. oi-vo'-g, lat. oi-no, umbr. e-no-m u.a. 
(Verf. ausspr. I, 386f. 2 ag.). Da der buchstabe h im os- 
kischen nur den kurzen mittellaut zwischen i nnd e be- 
zeichnet, so folgt daraus, dafs in osk. i-ni-m wie in lat, 
e-ni-m der gesteigerte laut der ersten silbe sich wieder 
gekürzt hat (a. o. I, 387 f.). Der zweite wurzelhafte be- 
standtheil von i-ni-m u. a. ist der pronominalstamm na-, 
der auch in na-m, nu-m, ne-m-pe u.a. auf italischem 
Sprachboden erscheint (Verf. krit beitrage s. 288 f. 290)- 



altoskiBche spnehdenkmSler in griech. Schrift. 197 

bt die Schreibweise [ctyejiju der MamertiDeriDSchrift, die 
uDsicber überliefert ist, die ächte, dann ist das schriftzei- 
cben Bi der zweiten silbe zur bezeicbnung des mittellautes 
zwischen e und i statt des oskischen h verwandt, was 
begreiflich ist, da der Schreiber derselben i] und a>, wie 
oben nachgewiesen ist, auch zur bezeichnung der kurzen 
oskischen vokale e und ö verwandt hat, also die quantität 
der oskischen vokale in seiner griechischen schrift nicht 
genau bezeichnete. Man würde diese auffassung auch fiir 
das 6$ der ersten silbe von [civejt/i zulassen müssen, 
wenn nicht die zweimalige Schreibweise der entsprechenden 
nmbriscben form eine die länge des durch ei, ei bezeichne- 
ten lautes hier verbürgten. Da fbr in im auf der tafel von 
Bantia neunmal die abgekürzt geschriebene form in er- 
scheint (Kirchhoff stadtrecht v. Bantia s. 5 f.), so ergiebt 
sich, dafs auch die Schreibweise biv der grabschrifl von 
Anzi abgekürzt ist för siv{if4) oder Biv{Bfi). Da auch 
der Schreiber dieser inschrift in seiner griechischen schrifl 
die quantität der oskischen vokale zum theil unrichtig be- 
zeichnete, so braucht man in der form s-ao-t derselben 
neben e-sei, e-si-du-m, el-so-d, ei-se-is, ei-se-i 
(Verf. zeitschr. XI, 330) nicht nothwendig Verkürzung des 
vokals der ersten silbe anzunehmen (Verf. ausspr. I, 387. 
2 ag.). Da die inschrift von Anzi zu den ältesten oski- 
schen Sprachdenkmälern gehört, die wir kennen, so ist diese 
annähme sogar nicht glaublich. 

Die beiden accusativformen sorovom und capidi- 
tom, welche durch die copula ein [im] verbunden und 
von dem verbum des Vordersatzes abhängig sind, bezeich- 
nen nun, nach zahlreichen lateinischen grabschriften zu 
schliefsen, entweder das grabmal selbst oder dinge, die 
m demselben gehören, in die grabkammer oder das grab- 
hftaschen hineingestellt werden, oder beide zusammen, je- 
denfitlls gegenstände, die deijenige, welcher das denkmal 
setzt, beschafit und weiht, die im nachsatze der vorliegenden 
grabscbrift mit der benennung esot bratom zusammenge- 
fafotsind. Die oskische bezeichnung für ein „denkmal^ eines 
verstorbenen ist me-mn-i-m entstanden aus *me-men- 



198 Consen 

-io-m, am nftchRten verwandt mit lat. me-min-i, me- 
-men*to, also in der bedentung dem lateinischen mon-n» 
-mentu-m and dem spätlateinischen me-mor-ia «grab- 
denkmal^ entsprechend. Das wort für graburne, abchen- 
topf ist oskisch ola ^ lat« olla. Daher heifst es in der 
fluchformel der bleiplatte von Capua: Nep deikum nep 
fatium potlad, nep memnim nep olam sifei heriiad s= 
lat.: Nee dicere nee fari possit nee monumentum neo 
ollam sibi capiat (Verf. zeitschr. XI, 338. 344f. 356f. 358f. 
360 f.)* Die lateinische spräche ist sehr reich an bezeich- 
nungen fQr „grabdenkmal^. Neben den gebränchlichsten 
tumultts, monumentam, sepulcrum, memoria wird 
dasselbe genannt aedificium (Or. 4519. 7321), munimen- 
tam (Or. 4561), später verwechselt mit monnmentum, 
Schach, vok. d. vnlgl. 11, 137), heroum muneitnm (Or. 
4531) als „festes bauwerk«, tectum (Or. 7369) als „über- 
dachter bau", arca (0. J. Lat. 1109), wenn es die form einer 
kiste oder trnhe, a e di c u 1 a(Or. 4512. 4523), wenn es die form 
eines kleinen tempels mit spitzgiebel hatte, cnbicnlnm (Or. 
H. 7361) als „rnhestätte^ des verstorbenen, sedes (Or.4534) 
als „Wohnsitz^, domns aeterna (C: J. Lat. I, 1008. 
1059) als „bleibende behausnng^ desselben. Daneben er- 
scheinen die griechischen bezeichnungen in das lateinische 
übertragen wie heroum (Or. 4531) eigentlich „heldengrab^ 
mausoleum spätlateinisch häufig, eigentlich „grab des 
Mausolos^, königs von Karien, coemeterium „schlafstätte'* 
des todten, dieta membrorum (Or. 4509) „todtenkam- 
mer, beinhaus^ basilica (Or. 7373), wenn das grabmal 
die form der basilika hatte, eepotaphium (Or. 4514. 
4515), wenn es von einem garten umgeben war. Hierzu 
kommen eine ganze anzahl von benennungen, die eigentlich 
adjectiva waren, zu denen ursprünglich monumentum 
oder sepulcrum zu ergänzen war, hergenommen von dem 
zweck des grabmals, von den gegenständen, mit denen es 
ähnlichkeit hatte, die zu ihm gehörten oder die es enthielt. 
So ward das grabmal bezeichnet durch conditorium 
(Or. 2473) und conditivnm (Or. 4511), als „herberge** 
destodten, durch adcnmbitorium (Or, 4511), als „ruhe- 



altoskifche Sprachdenkmäler in gpriech. schrift. 199 

Stätte^, ebenso durch reqaietoriam(Or.4532; Grat. 954,1. 
1030, 8), als armarium (Or.4549), wenn es einem schranke 
glich, and colambarium wurde ganz gewöhnlich ein grab- 
geoiach genannt, das viele grabkammern oder nischen reihen* 
weise über einander enthielt und somit ähnlichkeit mit dem 
inneren eines taubenhauses hatte, wie noch heutigen tages 
zu ersehen ist, dann auch gelegentlich eine einzelne jener 
grabkammern (Or. 4544). Ein grabmal heifst vigiliarium 
( Or. 4557 ), insofern es eine statte ist, die bewacht wird, 
yiridiarium (a. o.), insofern es im ^grQnen^ lag wie ce- 
potaphium ein „gartendenkmal^ ossuarium (Or. 4544. 
4556. 7368) „beinhaus«, cinerarium (Or. 4544. 4358) 
„ aschenbeh&Iter % ollarium, insofern es nicht blofs den 
aschentopf enthielt, sondern daneben auch andere krflge, Ur- 
nen oder vasen (Or.4513: ollae sunt numero XXIII. Or. 
4541: ollarum numero XXII. Or. 4544: columbaria 
VIII, ollae XVI; a. o.: columbaria im, ollas VIII; 
a. o.: columbaria numero X, ollarum numero 
XXXX; a. o.: ollas ossuariasVII; a. o.: ollas XIIX; 
a. o.: columbaria numero IV, ollas numero VIII et 
cinerarium), die theils für todtenfeste und den dienst der 
todtengottheiten verwandt wurden, theils zum schmuck und 
zierrath des grabmales dienten. 

L&fst sich nun nachweisen, dafsdie oskischen formen 
soroYom und kapiditom in ähnlicher weise ein grabmal 
bezeichnen wie das eine oder das andere der besprochenen 
lateinischen Wörter, dann wird die deutung der vorliegenden 
inscbrifk wesentlich gefördert sein. Zu-soro-vo-m hat 
man zunächst das altgriechische wort aogo-^g zu verglei- 
chen, das schon bei Homer vorkommt, wo die seele des 
gefallenen Patroklos zum Achilleus spricht, H. XXIII, 91: 
wg dixal oaiia vmv OfAt] aoQog afitfixalwitoi xQV<f^og 
ifA^KpoQBvg. Die scholien bringen zur erklärung von 
aofo-g an dieser stelle Xagvai bei, das sich an einer an- 
deren stelle bei Homer findet, wo es von den geb einen 
der verbrannten leiche des Hektor heifst, II. XXIV, 795 : 
xai Tciys j^pi/a^/r/i' kg Xdqvaxa &ijxav iXovTBg. Es er- 
hellt also, daia aogo-g an der ersten stelle einen metallenen 



900 Oonsen 

doppelbenkeligen krag bedeutet, in welchem die koochen 
und die ascbe des verbrannten leicbnams beigesetzt und 
bestattet wurden, also genau dasselbe wie lateinisch olla 
ossuaria (Or. 4544). Das griechische wort tsog^o^q 
stammt von wz. aar- „fest, stark, unversehrt sein^, von 
der lat. sar-te heil, vollständig, sar-c-ire heilen, herstel- 
len, skr. sar-va-8 vollständig, ganz, lat sol-l-istimu-m 
das heilste, vollständigste, sol-i-du-s fest, stark, osk. lat. 
sol-lu-8 ganz, heil u. a. abstammen (Verf. ausspr. I, 485¥., 
2ag.). 2oQ-6^Q bedeutet den aschenkrug als „festes^ ding, 
weil er die todtengebeine „unversehrt^ erhalten soll, wie eol- 
-in-m von derselben wurzel „die todtenkiste, den sarg^ 
und arca, verwandt mit arx, arc-ere u. a. (Curt gr. et. 
n. 7, 2. a.) „die aschenkiste^ oder „todtenlade^ als „wah- 
rende, bewahrende^. So wird ja auch das ganze grabmal 
munimentum, heronm muneitum, arca genannt, weil 
es ein festes gebäude sein soll, in welchem die gebeine des 
todten unversehrt und sicher ruhen. Dafs das oskische 
wort soro-vo-m mit dem griech. cro^o-^ von derselben 
Wurzel stammen kann, ist einleuchtend. Man könnte den 
stamm sor-o-vo- unmittelbar zusammenstellen mit akr. 
sar*va- lat. sal-vo-, so dafs es wie diese unmittelbar 
von wz. sar- mittelst des suf&zes -vo gebildet, und das o 
der zweiten silbe durch den gewöhnlichen osk. vokaleinschub, 
durch das o der vorhergehenden oder der folgenden silbe 
hervorgerufen wäre. Aber der dem skr. sar- va-, lat. sal* 
-vo- entsprechende wortstamm lautete im oskischen mit 
vokaleinschub sal-a-vo-, wie er in der namensform Sal- 
-a-v-s =:= lat. Sal-v-iu-s erscheint (BuU. Nap. n. 5. IV, 
105. Verf. zeitschr. XI, 325, wo in der inschrift a, s. 3 
der name Salavs beim drucke ausgelassen ist, Fabr. a. o. 
2761). Auch ein sachlicher grund spricht dafldr das osk. 
soro-vo- von dem griech. wort aoQo- abzuleiten. Aus dem 
griech. in das osk. übertragene Wörter und namen sind ver- 
hältnifsmälsig häufig: so thesavrom, ^niXlowri^y 
Meelikiieis (MBiXix^ov)^ Meliissai (fieAiacra), He* 
re.kleis (Momms. U. D. Gloss. Grafsm. zeitschr. XVI, 103). 
Dafe in Italien das beisetzen der todten mit ganzem on* 



altoflkiflche spnchdenkniiler in griech. schrift 301 

y«rbraiiBteD leibe die ureprfiDgliche udcI einheimieche sitte 
war, beweisen die gr&ber von Caere, Pyrgoi, Alsium und 
Cbiusi in Etrurien, wie die Nurbagen und die riesengräber 
Ton Sardinien and die einfachen unterirdischen steinkammem 
von Samnium, Campanien und Apulien (Abeken, Mittelita- 
lien, 8. 234 f. 251 f. 258). Auch die älteren grabm&ler von 
Praeneste bieten nur Sarkophage zur aufbewabrung des 
leichnams (C. J. Lat. I, 28), und bei den Altesten Römern 
war das Terbrennen der todten nicht sitte. Beide arten 
der bestattung bestanden dann neben einander. In den 
gr&bern Etruriens finden sich sArge neben der viel gröAe- 
reo zahl von aschenbebältern (Fabr. a. o. p. XXIV f.), im 
grabmal der Furier zu Tusculum Sarkophage neben aschea- 
krfiger (C. J. Lat I, 27). Dafs die Scipionen ihre todten 
bis zur kaiserzeit nicht verbrannten, haben ihre grabmäler 
bestätigt (a. o. p. 11 ), während die römischen grAber der 
Vigna S. Cesario etwa seit dem Zeitalter der Gracchen 
zahlreiche aschentöpfe aufweisen (a. o. p. 200). Die sitte, 
den leichnam unversehrl^ zu bestatten, ist auch niemals in 
Italien ganz abgekommen, bis sie durch die Christen wieder 
allgemein gebrAuchlich wurde. Dais Griechen mit ihren 
pflanzstAdten auch ihre sitte des todtenverbrennens nach 
Italien verpflanzten, daf&r zeugen die zahlreichen in den 
grAbem Etruriens gefundenen bemalten thongeftfse mit 
griechischen mythologischen darstellungeninalterthümiichem 
konststil. Da nun auch in dem grabstein von Anzi uns 
die giebelfront eines grabmak mit griechischer schrift und 
griechischer kunstdarstellung vorliegt, so ist man zu der 
fidgernng berechtigt, dafs das oskische wort soro-vo- auf 
demselben weiter gebildet ist von dem mit der griechi- 
schen spräche und schrift nach Lucanien übertragenen 
griechischen wort cogo- mit dem neutralen suffix «vo wie 
im lateinischen Mener-va mit dem femininen sufiSz -va, 
von dem alten nomen men-er-, das dem skr. man-as 
„geist, sinn, verstand^ entspricht (Curt. gr. et. n.429, 2ag.). 
Bbenso ist gebildet acer-vu-s von einem nominalstamme 
ac-er- „schArfe, spitze^, verwandt mit ac-ie-s. Wie 
Miner-va die „mit geist begabte^ göttin, acer*vu-s den 



902 Con86n 

haafen ak „mit spitze versehenes^ diog» so bezeichnet os* 
kisch soro-vo-m das grabmal als „mit aschenkrug ver- 
sehenes^ ding, und zu diesem ursprflDglichen adjectivum 
ist das neutrale oskiscbe substantivum memnim „denkmal** 
zu ergänzen wie zu oll-ariu-ra „mit asohenkrug versehe- 
nes^ ding das lat. monumentum, bis osk. soro-vo-m 
wie lat. oli-ariu-m die substantivische und verallgemeinerte 
bedeutung ^grabkammer, grabdenkmal^ erhielten. Da in- 
defs griech. aoQo-s ausschliefslich den aschenkrug bedeutet, 
der die gebeine des verstorbenen enthält, olla jedes gef&fs 
in einem grabe, so läfst sich die bedeutung von sorovom 
am passendsten wiedergeben durch die Übersetzung cinera- 
rium oder ossuarium, da ollä cinerariä (ossuarift) 
praeditum monumentum zu weitschichtig ist. 

Das oskische wort kapid-i-to-m ist eine Weiterbil- 
dung vom stamme kapid-, der erhalten ist in lat. ca- 
pi(d)-8 „ henkelkrug ** , Varr. L. L. V, 121. M: Quae in 
ilia (sc. mensa vinaria) capis et minores capulae a ca- 
piendo, quod ansatae, ut prehendi possent, id est capi. 
(Verf. krit. nachtr. s. 295). Dasselbe wort ist umbrisch 
kapir-e = lat. capid-e, und kapir-us = capid-ibus. 
Die Verbindungen: capif sacra aitu = lat. oapid-es 
saoras agito, capif purdita dupla aitu = lat, ca- 
pides porrectas duplas agito beweisen, dafs umbr. 
oapir- einen beim opfer gebrauchten, dargereichten krag 
bedeutete, mit dem man eine opferhandluDg vornahm, also 
einen henkelkrug, in welchem unter andern der opferwein 
enthalten war, wie lat. capid- (AK. umbr. sprachd. II, 207 f. 
Verf. d. Volscor. ling. p. 20 f.)* D^ oskische wort ka- 
pid*l-to-m ist von dem italischen stamme kapid- ebenso 
weiter gebildet wie die lateinischen adjective vestl-tu-s, 
aurl-tu-s, crinl-tu-s, ignl-tu-s, pellx-tu-s, ratl«> 
tu-s, turrl-tu-s, art-ltu-s, av-l-tu-s, mell-l-tu-s, 
Cerr-l-tu-s, patr-l-tus u. a. von den stammen vesti-, 
auri-, crini-, igni-, pelli-, rati-, turri-, arta-, 
avo-, mell-, Cerr- (für Cerer-), pater- (Pott|[et. forsch. 
11,1010. Verf. krit. beitr. s.518. Au8spr.I,304f.2ag), indem 
von diesen nominalstämmen zuerst denominative verba der 



altoskiBclie Sprachdenkmäler in griech. echrift. 203 

i-oonjugation gebildet wurden und von diesen weiter verbal- 
adjective mit dem suffix -to. Osk. kapid-l-to-m bedeu- 
tet also ein ,,mit henkelkrflgen versehenes" ding wie lat. 
crinl-tu-m „mit haaren versehen", turrl-tu-m „mit 
thürmen versehen". Indem zu kapid-l-to-m ursprünglich 
das neutrale memnim ergänzt wurde, bedeutete es ein 
mit henkelkrQgen versehenes grabgemach wie oU-ariu-m, 
zu dem monumentum oder sepulcrum ergänzt wurde, 
eine mit krfigen ausgestattete grabkammer, bis das oskische 
wie das lateinische wort die substantivische und allgemeine 
bedeutung „grabgemach, grabkammer" erhielt. Wie in 
etrurischen gräbern sich vielfach bemalte griechische henkel- 
gefäfse, amphoren von thon, mit darstellungen der griechi- 
schen mythologie gefunden haben (Abeken Mittelitalien, 
8. 256 f.), so ist es begreiflich, dafs das lukanische grab* 
tempelchen von Anzi mit seiner griechischen schrift und 
dem reliefbUde des verstorbenen an der vorderen giebel- 
seite ebenfalls eine oder mehrere henkelgef&fse, amphoren 
barg und daher kapiditom genannt wurde. 

Somit haben sich zwei altoskische benennungen filr 
„grabgemach, grabkammer" herausgestellt, sorovom ei- 
gentlich „aschentopfstätte" und kapiditom eigentlich 
„henkelkrugstätte", jene der lateinischen cinerarium oder 
ossuarium, diese der lateinischen ollarium entsprechend. 
Wie in der oskischen grabschrift zwei synonyme Wörter 
filr grabgemach nebeneinander vorkommen, so häufen sich 
in lateinischen grabschriften nicht selten die ausdrücke fbr 
grabdenkmal, grabkammer, grabgefHis; so heifst es Or. 
4358: ollarum et cinerariorum, Or. 4512: haedicu- 
las et oUas, Or. 4512: aedibus et columbariis, Or. 
4507: aedificia — monumenti, sive sepulchrum est, 
et ollarum quae in bis aedificiis insunt, Or. 4509: hör- 
tulum maceria cintum cum monimentis et dieta mem- 
brorum quinque et atriolo. 

Um die wortform ^oAAo/ o>^, vollohom zu deuten, 
hat man zunächst zu untersuchen, welche bedeutung das 
schriftzeichen h, h in derselben hat, ob es zur bezeich- 
Qung der vokallänge eines dient, oder zur bezeichnung 



304 Coreson 

des hauchlautes zwischen zwei getrennt gesprochenen vo- 
kalen o, die verschiedenen bestandtheiien der Wortbildung 
angehören. Wenn das erstere der fall wäre, so würde der 
Steinmetz dasselbe vokalzeichen, das er vor dem f. geschrie- 
ben hatte, auch nach demselben gesetzt haben, also o, da 
ja bei der im oskischen gewohnlichen bezeichnung der vo* 
kaliänge ein und dasselbe vokalzeichen doppelt geschrieben 
wird. Aus dem umstände, dafs vor dem / ein o, hinge- 
gen nach demselben ein cn geschrieben ist, mufs man also 
folgern, daüs diese beiden verschiedenen schriilzeichen zwei 
getrennt gesprochene vokale o bezeichneten, mithin / das 
zeichen des hauches beim lautansatz des zweiten ist. Dafs 
das ft> xn joXXoß-ia\i ebenso wie in aogo^taii und xa- 
nidiTtafi nach der Orthographie der vorliegenden inschrift 
einen kurzen o-laut bezeichnen kann, erhellt aus dem oben 
gesagten. Es fragt sich nun weiter, welchen verschiedenen 
wortbestandtheilen die beiden getrennt gesprochenen vokale 
o in vollohom angehören können. Man könnte vermu- 
then, an der stelle des h sei ein consonant zwischen den 
beiden vokalen ausgefallen. Das könnte nach sonstigen 
analogien auf italischem sprachboden nur einer der beiden 
halb vokale v oder j sein. Aber auch f&r den ausfall die- 
ser laute findet sich im bereich der älteren Sprachdenk- 
mäler des oskischen dialektes keine spur, und da die grab- 
acbrift von Anzi beide gewahrt hat in den Wertformen so- 
rovom und Meiaiana[i], so darf man nicht voraussetzen, 
dafs in vollohom ein v oder j zwischen vokalen ge- 
schwunden sei. Ist das richtig, dann erhellt also, dafs in 
vollo-h-om sich das auslautende o eines wortstammes 
voUo- und das anlautende o eines sufBxes -om berühren. 
Dafs an einen auf o auslautenden nominalstamm ein wort- 
bildendes sufHx -o getreten wäre und sich getrennt neben 
demselben erhalten hätte, ist im ganzen bereiche der ver- 
wandten altitalischen sprachen durchaus ohne beispiel. Man 
mufs also schliefsen, dals vollo- ein verbalstamm ist und 
-om die endung eines verbalnomens, und zwar dasselbe 
sufBx, das im oskischen, umbrischen und volskischen zur 
bildung des infinitivs verwandt wird. Im oskischen ist mis 



altoskische sprAchdenkmiÜer in griecli. schrift 905 

dieses iDiinitivsufBx bisher nur aus jüngeren sprachdenk- 
mftlern bekannt und lautet dort stets -um; so in dem in- 
finitiy des bilfsverbum ez-um ==» lat. esse, yon yerben, 
welche im lateinischen der dritten conjugation angehören, 
deren stamme also ursprünglich auf kurzes ä auslauteten, 
das sich auf italischem sprachboden zu ö, ü oder zu e, i 
geschwächt hat: ac-um ^ lat. agß-re, deik-um, deic- 
-um = lat. dice-re, a-ser-um = lat. as-sere-re, 
pert-um-um ^ per-ime-re, von auf & auslautenden 
verbalstämmen : censä-um = lat. censß-lre und moltfi 
-um =s lat. multäre; von einem auf 1 auslautenden ver- 
balstamnie fati-um = lat. fatö-ri, aber mit der bedeu- 
tung fari (Momms. U. D. Gloss. Kircbh. stadtr. v. Baut. 
s. 34. 5'3. 65f. 79f. Verf. zeitschr. V, 107. XI, 338. 344). 
Im umbrischen lautet diese infiuitivendung in den älteren 
mit umbrischer (schrift geschriebenen Sprachdenkmälern 
-um, in den jüngeren lateinisch^fgeschriebenen -om; so in 
er-u, er-om ^ lat. esse, a-fer-um ^ lat. *ambi- 
fer-re, fa^i-u, fap-u = lat. facere, a-seri-o = lat. 
ob-serva-re, ai-u = lat. al-re (Fleckeis. z. krit. altlat. 
dichterfr. s. 6. 8; Verf.| ausspr. I, 90, 2 ag.), stiplo- für 
*stipla-u = lat. stipula-ri (AK. umbr. sprachd. 1, 148). 
Im Yolskischen lautetr^dieselbe infiuitivendung auf -om aus 
in fer-om = lat. fer-re (Verf.fd. Volscor. ling. p. 9). 
Der infinitiv wurdet also in^'diesen sprachen gebildet, in- 
dem ein neutrales suffix -o an verbalstämme jeder art trat, 
darunter auch an solche, die auf ä, i und 1 auslauteten, 
also den lateinischen auf ä, l und & der ersten, vierten 
und zweiten conjugation] entsprachen. '^«Dafs es aufser die- 
sen denominativen verben im lateinischen auch solche ge- 
geben hat, deren stamm' auf o auslautete wie die griechi- 
schen auf -O'Wy habe ich schon früher aus den participien 
aegrö-tu-s und Nodö-tu-s von ehemaligen verbalfor- 
men *aegrö-re, nodö-re geschlossen (krit. beitr. s. 518. 
1863) und Curtius hat darauf noch mehr spuren dieser 
o-conjugation im lateinischen aufgesucht, unter denen na- 
mentlich cust-ö-(d)-8 von einem alten verbum *cu- 
8t5-re nicht zu bezweifeln ist (über die spuren einer la- 



206 Consen 

teinisehen o-conjogatioD. Symbol. Philol. Bonn. I, p. 274 f.; 
vgl. Verf. ausspr. I, 304. 355. 2 ag), während andere abwei- 
chende erklftrnngen zulassen (Verf. krit. nachtr. s. 146). 
Man ist hiemach berechtigt yoI16-h-om Ar eine 08- 
kische infinitivform der o-conjngation zu erklären, die 
griechischen wie (fTavqO'eiv darin entspricht, dafs sie 
vor vocalischem anlaut des infinitivsufSxes kurzes o auf- 
weist. Diese infinitivform vollo-h-om entspricht dem 
lateinischen yal]a-re in allen wesentlichen bestandtheilen 
des wortstammes ebenso wie das griechische yerbum atav- 
QO-iiv dem lateinischen -staura-re in in-staura-re, 
re-staura-re (Verf. ausspr. I, 357. 2 ag.), Val-1-a-re 
stammt mit val-Iu-m „befestigung, umfriedigung^, val- 
-vo-lu-s „hülle", vol-va „hülse", skr. var-anda-s „be- 
deckter gang, halle", goth. var-j-an „schützen, wahren, 
wehren", ahd. war-i „schutzwehr, brustwehr, landwehr" 
u. a. von WZ. var- „decken, bergen, schützen" (Verf. a. o. 
459 f. 465 f.). Osk. vol-1-o-h-om stammt also von der- 
selben Wurzel und bedeutet „festigen, befestigen" wie lai 
vall-a-re. Für das bauen eines festen steinernen grab- 
denkmals brauchen lateinische grabschrifben aufser facere 
(Or. 4500. 4507. 4510. 4512. 4514. 4536. 4541. 4542), per- 
ficere (Or. 4531), comparare (Or. 4549. 4507. 4572), 
aedificare (Or, 7372), exstruere (Or. 4519), instru- 
ere (Or. 7321), auch munire (Or. 4531) und contegere 
(Or. 7373). Also ist im oskischen f&r den bau eines fe- 
sten grabmals, in welchem die gebeine des verstorbenen 
sicher und ungestört ruhen sollen, der ausdruck: vo Ho- 
hem sorovom ein[im] capiditom, etymologisch er- 
klärt: vallare <foQ^ et capide praeditum (sepul- 
crum), eine ebenso natürliche Sprechweise wie im latei'* 
nischen: munire cinerarium et ollarium. In der wei- 
ter unten gegebenen lateinischen Übersetzung der ganzen 
grabschrift von Anzi ist vollohom nur deshalb nicht mit 
vallare übersetzt, weil dieses wort in dem Sprachgebrauch 
lateinischer grabschriften f&r das bauen eines grabmals nicht 
verwandt wird und Überdies den schein bieten würde, als 
solle vollohom so viel bedeuten wie maceria cingere 



altoskische sprachdenkmKler in griech. achrift. 207 

(sepulcrum), ein grabmal mit einer mauer einscbliersen. 
Diesen sinn kann aber vollohom nicht gehabt haben, 
weil im Vordersätze der grabschrift ein verbum durch den 
Zusammenhang geboten ist, das die allgemeinere bedeutung 
^fest bauen^ hat, wie sieh im verlaufe dieser Untersuchung 
immer klarer herausstellen wird. 

Der infinitiv vollohom hängt ab von A«ex€ir, lei- 
keit, dem verbum finitum des relativen Vordersatzes der 
mit mar =: pot beginnt. Wie lateinische grabschriften ver- 
balformen in der dritten pers. sing. ind. perf. act. enthalten, 
die das ,, darbieten, bauen, herstellen oder weihen^ des 
grabdenkmals bedeuten, so hat man auch in leikeit eine 
dritte pers. sing. ind. perf. act. zu suchen mit einer dieser 
bedeutungen. Schon Mommsen hat in diesem oskischen 
leikeit eine dem lateinischen licet verwandte verbalform 
vermuthet. Ich glaube erwiesen zu haben, dafs lat. por- 
-ric-ere „darreichen^, pol-lic-e-ri „flör sich darreichen, 
versprechen**, de-licare „weihen, widmen**, lic-e-ri, 
lic-i-t-ari „ftir sich bieten**, lic- et „ist dargeboten, ver- 
gönnt**, osk. lik-i-tud =: lat. lic-e-to, ahd. reihh-an 
„sich erstrecken, herbeireichen, darreichen, darbieten**, nhd. 
reichten, goth. leih-v-an, ahd. llh-an, von einer Wur- 
zel rik- „sich erstrecken, ausdehnen, hinreichen, darrei- 
chen, darbieten** abstammen (Verf. ansspr. I,50lf. 2ag.). Zu 
dieser habe ich auch bereits die altoskische perfectform 
leik!-ei-t gestellt. In derselben ist der wurzelvokaH zu ei 
gesteigert, wie in lat. in-veid-i-t und zahlreichen an- 
dern italischen perfectformen Steigerung des wurzelvokals 
eintritt (a. o. I, 550 f. 557 f.). In der gestaltung des bil- 
dungsvokals des italischen perfects entspricht osk. leik- 
ei-t der umbrischen perfectform tr€b-ei-t, der bedeutung 
nach lat. struxit (a. o. I, 559 f.) und den lateinischen per- 
fectformen de-dei-t, fuu-ei-t, po-sed-ei-t, red-i- 
-ei-t, ob-i-ei-t, ven-i-ei-t (a. o. 1,560. 608 f. 724 f.). 
In diesen und anderen italischen perfectformen bezeichnet 
das schriftzeichen ei, ei den langen mittellaut zwischen 
dem ursprünglichen bildungsvokal I dieses perfects und 6, 
der in manchen oskischen und lateinischen formen der drit- 



208 Corisen 

ten pers. sing, auch zu S geworden ist (a. o. I, 609 — 620. 
816f.)* Dft Also por-ric*ere „darbieten^ bedeutet, lic- 
-e-ri ^för sich darbieten % pol-lic-e-ri ^för sich dar^ 
bieten, versprechen", de-Iic-a-re „weihen, widmen**, so 
ist klar, dafs die oskische perfectform leik-ei-t die be- 
deutung „hat dargeboten, versprochen, gelobt oder geweiht^ 
haben konnte ( a, o. I, 559 ), und daft die oskischen worte 
leikeit ,— vollohom sorovom ein[im] capiditom 
zu übersetzen sind: pollicitus est — exstrnere cine- 
rarinm et ollarium. Das darbieten oder hergeben eines 
grabdenkmals oder begräbnifsplatzes wird in lateinischen 
grabscbriften ausgedrückt durch die verba d are (Or. 4538. 
4539.4540), don are (Or. 4500), adsignare (Or. 4539), 
mancipio dare (Or. 4541), concedere (Or. 4553. 7323), 
iegare (Or. 7330). Es ist also natürlich, dafs die oski- 
sche grabschrift von Änzi ein verbum mit ähnlicher be- 
deutung enthält, und somit ist die deutung von leikeit 
= lat. pol-licitns est in jeder beziehung gerechtfertigt 

Diesem verbum des relativen Vordersatzes entspricht 
im naohsatz A<oxcrxetr = liokakeit als verbum finitum, 
von dem die objectsaccusative esot bratom abhängen, das 
also wie jenes die dritte pers. sg. ind. perf. act. sein mnis. 
Da ein diphthong io auf italischem sprachboden durch vo- 
kalsteigerung nicht möglich, da auch nicht ersichtlich ist, wie 
die beiden laute i und oin liokakeit bestandtheile zweier 
verschiedener Wörter sein sollten, die durch Wortzusammen- 
setzung in berührung gekommen wären, so mufs man 
schliefsen, dafs liokakeit aus *lokakeit entstand durch 
hinzutreten eines lautes zu dem anlautenden I, der in grie- 
chischer Schrift durch I bezeichnet ist und weder etymo- 
logisch bedeutsam ist, noch der Steigerung des vokals o 
dient. Ein solcher durch I bezeichneter lautzuwachs von 
consonanten zeigt sich in Sprachdenkmälern mit oskischer 
Schrift in tiurri = lat. turrim (Momms. U. D. s. 302), 
eitiuvam, eitiuvad neben eituas, eituam der tafd 
von Bantia, sabell. eituam (Verf. zeitschr. IX, 153), Ninm« 
sieis, Niumeriis neben lat. Numerius (Momms. a. o. 
6.282), Diumpais, das neben latLumpheis steht wie 



OBkiflciie BprachdrakmlUer in griech. aehrift. 209 

osk. Akudunniad neben lat. Aqoilonia (a. o. 256. 246)9 
w&brend in Viibis, liimito, piiho, Kiipiis, Viinikiis, 
Meliissaii, Piistiai das ii wahrscheinlich nur die be- 
zeichnung eines langen nach e hinneigenden lautes I ist 
(Verf. ausspr. I, 17, 2. a.). Im volskischen erscheint ein 
durch I bezeichneter lautanwuchs des vorhergehenden con- 
sonanten in der perfectform sistiatiens fSr ^sistatens 
=85 lat. statuerunt (Verf. d. Volscor. ling. p. 5 f.). Die 
entstehuug des iu, ia, ie in diesen altitalischen wortformen 
ist bereits verglichen worden mit der entstehung des ie in 
betonter silbe aus e in den romanischen sprachen, z. b. in 
den neapolitanischen wortformen lamiento, mieza, 
pienza, pulveriella, tiene (Momms. a. 0. 313. Schuoh. 
vok. d. vnlglat. II, 328 f.). Auf dieselbe weise ist io an 
der stelle von o zu erklären in liokakeit. Also den con- 
sonanten t, d, n, 1, bei deren ausspräche der verschlufs in 
der mundhöble zwischen der Zungenspitze und den vorder- 
z&hnen oder dem Zahnfleisch unmittelbar Ober denselben 
gebildet wurde, gesellte sich ein halbvokalischer palataler 
dem i ähnlicher nachklang bei, der entstand, indem sich 
nach lösung jenes verschlusses der mittlere theil der zunge 
gegen den mittelgaumen hob. So entstand auch in den 
romanischen sprachen und im albanesischen Ij aus einfachem 
1 (Schuch. a. o. 11,490). Dieser halbvokalische palatale 
nachklang, der durch dem buchstaben i bezeichnet wird, 
ist ein ähnlicher lautzuwachs der dentalen laute in den 
angeftihrten oskischen und volskischen wortformen, wie der 
dnrch das schriflzeichen V ausgedrückte halbvokalische, 
dem vokal u ähnliche labiale nachklang der gutturalen te- 
nuis im lateinischen laute qu (Verf. ausspr. I, 73. 75 f. 2 ag.) 
und der gleiche lautzuwachs des g in wortformen wie stin- 
guere, unguere, linguere, tinguere, nrguere u.a. 
(a. o. 86 f.). 

För die etymologie der perfectform liokakeit fflr 
*lokakeit in der oskischen wortform weist der gebrauch 
der Wörter locus, collocare in lateinischen grabschriften 
den weg. Der begräbnifsplatz heifst ganz gewöhnlich ein- 
fach locus (Or. 4498. 4503. 4517. 4539. 4562 u.a.) und 

Zeitechr. f. vgl. gprachf. XVITI. 8. 14 



210 Consen, oskisdM spnchdenkniftler in griedi. tehrift. 

mit genauer bestimmenden zas&tzen locom terrae (Or. 
4500), locus agrei (Or. 4562), locus sepulturae (Or. 
4502.4504), locum immortaiem (Or. 7364), locus diis 
manibus consecratus (Or. 7345). Das zuweisen und 
herrichten des begräbnifsplatzes und des grabmales wird 
ausgedrückt durch die redeweiseu coucessit locum (Or* 
4553), loca dua concessa (Or. 7323), locum adsig- 
nari (Or. 4539), comparavit locum (Or. 4566); voaa 
beisetzen des leichnames am begräbuifsplatze wird gesagt 
corpore conlocato (Or. 4552). Oben ist gezeigt wor- 
den, dafs leikeit = lat. pol-licitus est vom „darreichen, 
hergeben^ des grabmales für den verstorbenen gesagt ist; 
also mufs man sohliefsen, dafs liokakeit für *lokakeit 
mit dem sinne von locavit, collocavit von dem „setzen^ 
desselben auf dem begräbnifsplatze zu verstehen ist. Von 
aoristformen oder perfectformen auf -xa wie griech. if-i9i;- 
-xa, rä-, &ei*xa ist im bereiche der lat. spräche und der 
ihr zunächst verwandten ital. sprachen keine spur zu finden; 
also kann man auch nicht in osk. liokakeit eine solche 
▼ermuthen. Liok-ak-ei-t flkr ^lok-ak-ei-t ist vielmehr 
ein compositum, bestehend aus dem stamme osk. loko-, 
lat. loco- und der 3. pers. sing. ind. perf. -ak-ei-t vom 
verbum ak-um, das auf der tafel von Bantia ac-um lau- 
tet und ag-ere bedeutet (Kirchh. stadtr. v. Bant. s. 15), 
indem das auslautende o des Stammes loko- vor dem an- 
lautenden vokale des zweiten compositionswortes schwinden 
mufste. Wörtlich Obersetzt bedeutet also liok-ak-ei-t : 
locu-m eg-i-t. Diese erklärung wird dadurch noch ein- 
leuchtender, dafs die lateinische spräche zahlreiche compo- 
sita aufweist, deren zweiter compositionsbestandtheil ein 
von der vnirzel ag- in ag-ere abgeleitetes wort ist. Solche 
sindaure-ax, rem-ex, aur-ig-a, prod-ig-u-s, rem- 
-ig-iu-m, nav-ig-iu-m, lev-ig-are, mit-ig-are, 
gnar-ig-are, pur-ig-are, amb-äg-e-s, farr-äg-o, 
im-äg-o, or-lg-o, rob-ig-o, aer-üg-o, lan-üg-o n. a. 
(Verf. krit. uachtr. s. 60; ausspr. I, 577- 2 ag.). 
Berlin. W. Corssen. 

(Fortsetzung folgt.) 



Max HoUer, Oeres. 211 

Ceres *). 

Wie vat und vas dialectische nebeoformen sind, so 
auch at und as. Sie sind nicht auseinander, sondern ne- 
ben einander entstanden, und der gebrauch hat jeder von 
ihnen zuletzt ihre bleibende stelle angewiesen**). In der 
ältesten Sprache schwanken manche worte noch zwischen 
der enduug auf as und at. Von ushäs kennt der Rigveda 
nur den instr. plun ushadbhiA, nie ushobhi^. (S. anm. zu 
Rt. I, 6, 3). In der inetaplastischeu declination der stamme 
des participiums auf vas, nehmen alle pada-casus das suffix 
vat, die anga und bha-casus das snfBx vas. 

Hiernach halte ich CerSs, Cereris, flQr eine nebenform 
zu skr. iSaräd, welche im sanskrit «aras, «aräsaA, gelautet 
haben würde. Saräd heifst herbst, d. h. die reifende oder 
kochende Jahreszeit, von der wurzel sslt oder sri, welche 
indische grammatiker in den erweiterten formen «rä, «rai, 
9X1 anfahren, von welcher aber das regelmäfsige participium 
mta lautet. (Rv. IX, 114, 4; X, 16, 1; 2; IX, 83, I5 I, 
162, 10; X, 27, 6; VII, 18, 16). Zu derselben wurzel gehört 
das lat. calere, während die causativform «rap, das griech. 
xagaog^ frucht, auch das deutsche herbst erklärt. 

Herr professor Grafs^ann weist in seiner schönen ab- 
handlung über die italischen götternamen (zeitschr. XVI, 
175) die frühern ableitungen des wortes Ceres von der 
wurzel kar, oder von dem sanskritischen götternamen Sri 
ab, und schlägt statt dessen, namentlich auf oskische formen 
gestützt, eine ableitung von der wurzel krish vor. Diese 
wurzel bedeutet aber zu entschieden das furchen ziehn oder 
pflügen, um auf die fruchtgöttin zu passen, und kommt in 
der technischen bedeutung des ackerbaus in keiner der 
nordarischen sprachen vor. Das deutsche kar st paTst 
nicht hierher, und gehört wohl zu kehren. 

*) Auf den wonach des verf. ist in dieeeni und dem folgenden artikel 
•eine transcription des sanskriUlpbabeU beibehalten worden, anm. d. red. 

*♦) Das sufBx at vertritt im Veda auch das sufßx an, z. b. ydvat, Rv. 
X, 89, 8, statt yüva, wie bei magbavan und maghavat. Siehe M. M. sau»> 
kritgrammatik, §. 200. 



14* 



212 Max MttUer 

Hephaestos. 

Professor Kuhn leitet "Htfaiötüq von sabheja ab, wo- 
von der Superlativ sabbeyish/Aa lauten wQrde. Es bieten 
sich dabei zwei bedenken. Erstens, wie läfst der begriff 
sabheya, häuslich, eine Steigerung zu, zweitens, kann ish/fta 
je auf das taddhttasuffix eya folgen? 

Während nun sabbeya als beiwort des Agni im Veda 
nie vorkommt, so erwähnt professor Kuhn selbst ein im 
Veda sehr gebräuchliches beiwort des Agni, nämlich yä- 
vishfAa, der jüngste, und da prof. Kuhn dieses yavish/^a 
nicht zur erklärung von i/ffaiaros heranzieht, so darf man 
wohl schliefsen, dafs er die phonet. Schwierigkeiten för un- 
überwindlich hielt. Die Schwierigkeiten sind nun allerdings 
nicht unbedeutend, ich glaube aber doch sie lassen sich 
entfernen. Wäre rjcfaiaxoq ganz regelmäfsig gebildet, so 
wäre es eben fQr mythologische zwecke unbrauchbar ge- 
wesen, denn ganz durchsichtige und verständliche appella- 
tiva werden nur selten zu trägern mythologischer ideen. 
Die frage ist also, war eine solche bildung, wenn auch 
nicht nach streng griechischer, so doch nach streng arischer 
grammatik zulässig, und dies glaube ich mit ja beant- 
worten zu können. 

Für yüvan haben wir die nebenform yavan, die theils 
im Sanskrit Superlativ yavish^Aa, theils im zend yavan her- 
vortritt. Hiervon würde ein abstractum im sanskrit yävyä 
lauten, was das griechische r^ß^j ist. 

Die nächste frage ist nun, ist es möglich, dafs das 
ursprüngliche v, welches hier durch ß vertreten, jemals 
durch (f vertreten werden kann. Es ist dies eine alte 
Streitfrage, und, so weit das material sich jetzt beurtheilen 
läfst, darf man die Vertretung von skr. v durch cp nur mit 
gröfster vorsieht annehmen. In acfog für svas steht sie 
fest, andere fUle (zeitschr. VIII, 407) sind zweifelhaft. 
Andrerseits ist es aber nicht richtig, wenn man das <jp in 
acfOQ als durch das vorhergehende a bedingt darstellt 
(Curtius, grundzüge, p. 530). Denn in allen andren mit 
8v anfangenden werten wird v nie zu </^, und auch in diesem 



Hephaeatoi. 213 

pronomiDalstainme hat es sich nur dialectisch neben iog 
und Ob* erhalten. Wir dürfen also Vertretung des y durch 
(p nur dialectisch oder local annehmen, und da götternamen 
oh ihren alterthOmlichen und localen Ursprung durch dia* 
lectische eigenthümlichkeiten bethätigen , so darf 17^77 be- 
dingungsweise als nebenform von ijßtj gelten. 

Dafs in gewissen arischen dialecten das sufBx ista 
oder ish^Aa die Wurzelsilbe verstärkt^ hat bereits prof. Kuhn 
nachgewiesen. Von dirgha haben wir dräghiyas und drä- 
gishfAa, von sthüla, sthaviyas und sthavishfAa, von yuTan, 
yaviyas nnd yavishf^a. Geben wir fQr yuvan vriddhi statt 
guna zu, so wie in dräghish/Aa, so gewinnen wir *yä* 
vishiAa, und im griechischen tjqiarog, 

Giebt es nun aber in irgend einem arischen dialect 
einen praecedenzfall fQr einen Superlativ, der im griechi- 
schen uns rj^a^iOTog statt tjipiGTogj der jüngste, gäbe? Ich 
glaube ja. Im zend finden wir statt sthavish^Aa, «tävaesta, 
d. h. wir finden vriddhi des wurzelvocals, wie in 7J(fa$aTog^ 
und beibehaltung des auslautenden stammvocals vor dem 
snperlativsuffix ista. Nach analogie von «tävaesta könn- 
ten wir von yavan ein yävaesta bilden, und dieses bildet 
den fernen, aber doch noch fafsbaren hintergrund zu '^(fai- 
fSvog. 

Was nun yavisb^Aa selbst betrifft, so ist es ein ste- 
hendes epitheton des Agui, und, so viel ich weifs, keines 
andren gottes im Veda. Viele götter werden yüvan ge- 
nannt, aber Agni allein yavishfAa. Die stellen sind zahl- 
reich. Der vocativ findet sich: I, 22, 10; 26, 2; 141, 10; 
147,2; 189,4; n,7, I; HI, 15,3; 19, 4; IV, 2, 10; 13; 
4,6; 11; 12, 4; V, 1, 10; 3, 11; VI, 15,14; 48,8; VH, 
1,3; 7,3; VIII, 23, 28; 84,3; X, 1,7; 2,1; 4,2; 45,9; 
69, 10; 80, 7; 87, 8; als adyudatta, II, 6, 6. Der nomi- 
nativ, I, 141, 4; IV, 12, 3; VI, 6, 2; VII, 4, 2. Der accu- 
sativ, 1,44, 4; VI, 5, 1; VII, 3, 5; 10, 5; 12, 1 ; X,20, 2. 
In allen diesen stellen bezieht sich yavish^Aa, als name 
oder bei wort, auf Agni, nur in zwei stellen (I, 161, 1; X, 
143, 2) kommt es als adjeotiv und ohne beziehung auf 
Agni vor. 



214 Max Midier 

Wie sehr y&vishfAa zum eigenDamen Agni^s wurde, 
zeigt das weiter abgeleite yavishfAya, welches ebenfalls 
eine feststehende bezeichnung Agni's ist. Ais vocativ : Ry. 
I, 36, 15 (ädyudätta); I, 36, 6; 44,6; HI, 9, 6; 28,2; 
V,8,6; VI, 16, tl; 48, 7; VH, 16, 10; VIII, 60, 4; 
8; 75,3; 102,3; 20. Als accusativ, V, 26, 7. 

Wie bereits bemerkt, ist der positiv von yavishiAa 
sehr häufig auch von andern göttern gebraucht, und zwar 
bedeutet es überall jung, stark, lebendig. So nennt man 
Indra Agkram yüvänam, den nie alternden, den jungen: 
III, 32, 7; VI, 19, 2. Er heifst yüv4 kÄviA, I, 11, 4; der 
junge seber; yüv& säkhä, VI, 45, 1 ; VIII, 45, 1 ; der junge 
freund; yüvä, jung, überhaupt, 11,16,1; 20,3; VII, 20, 1; 
VIU, 21, 2. Die Maruts heifsen oflt die jungen, die leben- 
digen oder frischen, 1,165,2; 167,6; VIII, 20, 17; 18; 
auch kAvaya* yüv4na», V, 57, 8; 58, 3; VI, 49, 11. 
Auch ihre schaar heifst die junge, wilde schaar, 1,87,4; 
V, 61,13. Aufserdem gilt dasselbe beiwort för Rudra, 

V, 60, 5; II, 33, 11 ; ftr Vanaspati, III, 8, 4; ßlr Savitar, 

VI, 71, 1 ; für Soma, IX, 14, 5 und für die A«vins, I, 117, 
14; in,58, 7; VII, 67, 10; VI, 62, 4 etc., fär ihre doppel- 
ganger, Miträ-Varufiau, VII, 62, 5. Vishnu heifst 1, 155, 6, 
yüv4 Äkum4raA, jung, aber kein kind. 

Auf Agni angewandt bedeutet nun yüvan offenbar 
jung, frisch, lebendig, sei es nun das lebendige feuer des 
altars oder das ewig neue feuer der sonne. So heifst es 
II, 4, 5 : ^u^urvän ykh mühur ä yüvä bhät 
Agni der, wenn er gealtert, stets wieder jung wird. 

I, 144, 4: div& na naktam palitäA yüvä a^ani 
Nachts wie am tage ward er, nachdem er ergraut, jung 
geboren. 

Agni heifst, wie Indra, yüvä käviÄ III, 23, 1; V, 1, 6; 45, 
9; Vm, 44, 26; und einfach yüvan I, 12, 6; IV, 1, 12. In 
einer stelle finden wir in demselben verse sowohl den po* 
sitiv als den Superlativ. 

VI, 4, 1 : huvä vaft sünüm sähasaA yüvänam ädrogha» 
väAam mati-bbiA yävish/Aam 



Uephaestöfl. 215 

Ich rafe för euch den ji^gen söhn der kraft, mit liedern 
ihn dessen rede untrüglich, den jüngsten. 
Sodann lesen wir 

VII, 4, 2: akh gritsa& agniA taruitaA j;it astu, j&tah ya- 

vishthsLh a^anisbfa mätüA 
Obgleich noch zart, soll Agni doch gescheit sein, da er 
entsprofs als jüngster seiner muttcr. 
Hier bedeutet yiivishfAa, der jüngste, gleichfalls yoU 
Ton Jugend, toII von lebenskraft, nicht etwa natu mini- 
nins, der jüngste oder letzte unter den göttem. 

Dafs bei den Griechen von anbetung des feuers und 
Verehrung des feuergottes, wie im Veda, nicht die rede 
sein kann, versteht sich von selbst, aber der elementare 
Untergrund des legendenhaft gestalteten Hephaestos, kann 
darum doch, wenigstens in seinem namen, bewahrt sein. 
(Siebe Welcker, griechische götterlehre, p. 659). 

Eine ähnliche etymologie für den römischen Vulcanus 
hatte bereits Schlegel entdeckt, der es vom skr. ulka, feuer- 
brand, ableitete. Dieses wort findet sich auch im Veda, und 
zwar in bezug auf die funken des feuergottes, 
IV, 4, 2 : asai/itditaA vi sriya vishvak ulkäA, 
Ungefesselt streue überall hin deine funken 1 
Professor Grafsmann hat auf die ursprünglichere form vari-- 
-as, als etymon für Vulcanus, hingewiesen. (Zeitschrift 
XVI, 164). 

Oxford, Dovember 1868. Max Müller. 



216 Andrenen 



Die ko8«iiamen der Germaneu. Eine stadie von dr. Franc Stark. Wien, 
Tendier 1868. 8. 188 und XII Seiten. 

In den Sitzungsberichten der phiL-hist. klasse der kais. 
akad. d. wiss. (bd. 52. 53) hatte der Terf. seine yieljährigen 
mObevoUen und grflndlichen Untersuchungen über die alten 
germanischen kosenamen zuerst yeröffentlicht; das gegen- 
wärtige buch, wie im Vorworte gemeldet wird, enth&ltjene 
abhandlung vollständig umgearbeitet und reichlich erwei- 
tert. Von Förstemanns altdeutschem namenbuche will es 
sich mit rOcksicht auf die vor allen dingen wichtige er- 
keuntnis und Scheidung der wortstämme grundsätzlich ent- 
fernt halten, will somit namentlich eine menge etymologi- 
scher irrthümer, welche sich vorzflglich bei der Würdigung 
der hypokoristischen formen dort und anderswo kund thun, 
hinwegräumen. Als nöthig für seinen zweck hat es der 
verf. betrachtet sehr häufig auf keltische namen, denen er 
überhaupt eine mehr als gewöhnliche aufinerksamkeit wid- 
met, zu verweisen; unter den heimischen unhochdeutschen 
dialekten ist ihm neben dem sächsischen insonderheit der 
friesische eine überaus reiche quelle gewesen. 

Darnach wie die deutschen personennamen in den Ur- 
kunden ihrer form nach erscheinen, nämlich entweder aas 
zwei Wörtern zusammengesetzt oder nur aus einem gebil- 
det, ergibt sich die vollkommen zutreffende eintheilung al- 
ler kosenamen in zweistämmige (Gerd t, Tamm^ Wilm) 
und einstämmige (Benno, Hein, Wolf), über deren ge- 
genseitiges Verhältnis der verf. den grundsatz, welcher seine 
schriflb durchdringt, schon in der einleitung dahin aus- 
spricht: die einfachen, einstämmigen namen sind Verkür- 
zungen der zusammengesetzten. Von den einstämmigen 
kosenamen, die aus der Zusammensetzung nur ein wort be- 
wahrt, das andre abgeworfen haben, handelt die erste grö- 
fsere hälfte des werkes; in der zweiten werden die zwei- 
stämmigen kosenamen aufgeführt, in welchen beide theile 
des zweigliedrigen namens vermöge der zusammenziehung 
bruchweise vertreten sind, z. b. Thiemo, Timmo aus 
Thietmarus, Bolf = Rodolfus. Beide klassen von 



anseigen. 217 

Damen sind vielfachen Veränderungen unterworfen durch 
neue verkflrzungen , denen auch assimilation und gemina* 
tion hinzutritt, vornemlich aber durch die besondem for« 
men der deminution. Angehängt sind dem buche drei ex- 
curse: 1) Qber zunamen, 2) über den Ursprung der zusam- 
mengesetzten namen, 3) über besondere friesische namens- 
formen und Verkürzungen. 

Gegenüber einer so werth vollen, auf die umfassend- 
sten Sprachkenntnisse nicht minder als auf die fleilsigste 
und geschickteste benutzung der quellen gegründeten ar- 
beit eröffiiet sich vermöge der roannigfaltigkeit des behan- 
delten Stoffes und nicht geringen Schwierigkeit einiger Sei- 
ten desselben, zum theil auch wegen einer gewissen eigen- 
thümlichkeit der wissenschaftlichen darlegung, welche sich 
in einigen wesentlichen punkten offenbart, allerdings ein 
überaus reiches feld der beurtheilung, auf dem gleichwol 
beschränkuDg auch fßr den kundigsten, geschweige für den, 
der nicht überall selbständig und unabhängig zu forschen 
vermag, pflicht zu sein scheint. 

Den nachtheil, welcher sich durch herbeiziehung frem- 
der, namentlich keltischer demente in die deutsche Sprach- 
forschung geltend macht, hat der verf. anzudeuten nicht 
unterlassen; von gröJberer bedeutuug erscheint es ihm 
jedoch^ dals erst durch erkexmtnis und Würdigung der kel- 
tischen namen an vielen hundert stellen der eine oder der 
andre Ursprung mit Sicherheit könne nachgewiesen werden, 
unterdessen darf man es wohl beklagen, dafs nichts desto 
weniger ziemlich häufig des Verfassers immerhin berech- 
tigte zweifei über germanische oder keltische uationalität 
entgegentreten, und um so mehr beklagen, als diese zwei- 
fei in der regel blofs mitgetheilt, nicht begründet werden; 
vgl. 8.22 not., 24 Bucca, Argimirus, 26 Bertram- 
nas, Bechta, 27 Narduinus, Nardo, 44 Sundo, 
49 Malo, 53 not. 5, 55 Sania, Durius, 61 not. 2, 66 
not. 2, 70 Chriotger, 82 not., 146. 

Die frage nach dem Verhältnis der einfachen zu den 
zusammengesetzten namen beantwortet der anfang eines 
eigenen sehr anziehend geschriebenen excurses, welcher 



218 Andresen 

von der entstehung der zusammengesetzten namen handelt. 
Hier nach wiederbolnng des satzes, dafs die zweistämmi- 
gen namen die ursprünglichen, die einstämmigen secundäre 
Bildungen seien, fiDgt der verf. hinzu, dafs gleichwohl in 
vorhistorischer zeit alle personennamen anfanglich einfach 
gebildet, die zusammengesetzten erst allmählich, jedoch 
noch innerhalb jener periode entstanden zu sein scheineo. 
Wenn es mühe macht diesen unterschied, auf den sich das 
umgekehrte Verhältnis der beiden namenklassen und ihrer 
Priorität gründen soll, klar zu erkennen und aufzufassen, 
so dürften die beispiele, welche zur veranschaulichung der 
ursprünglichen namengebuog dargeboten werden, der deut- 
lichkeit noch geringeren Vorschub leisten. Nachdem aas 
den Vorgängen innerhalb der historischen zeit eine ähn- 
liche namenbildung in der vorhistorischen zeit gefolgert 
worden ist, heifst es beispielsweise: „Hiefs der vater Ebur, 
die mutter Swinda, so mochte die tochter Eburs wind a, 
der söhn etwa Swindebur genannt worden sein^. Das 
klingt an sich ganz gut und annehmlich, aber es drängt 
sich unwillkürlich die weit wichtigere frage auf: Sollen 
hier, wo ausdrücklich von vorhistorischer zeit die rede ist, 
Ebur, Swinda als nicht hlofs scheinbar, sondern wirk- 
lieb einfache oder aus bereits zusammengesetzten gekürzte 
namen gefafst werden? Der Zusammenhang spricht für die 
erstere geltung, mit welcher sich indessen nicht leicht ver- 
einigen läfst, was s. 1 57 ausdrücklich aber wieder beispiels- 
weise von Swinda gelehrt wird, dafs es nämlich keine 
ältere bildung sei als Irminswint, sondern einer jünge- 
ren zeit angehöre. Soll angenommen werden, dafs Swinda 
der vorhistorischen periode für einen einfachen, Swinda der 
historischen zeit für einen aus Irminswint oder einer 
andern gleichartigen Zusammensetzung gekürzten namen zu 
gelten habe? Eine vollständig befriedigende antwort auf 
die frage nach dem historischen Verhältnis der beiden nar 
menklassen zu einander darf nirgends, daher auch in die- 
sem buche nicht erwartet werden; ohne zweifei empfiehlt 
sich Starks ansieht weit mehr als die von ihm bekämpfte. 
Aber sollten nicht bei den einstämmig auftretenden namen 



anseigen. 219 

anterschiede gemacht, nameo wie Bruno, Hugo, deren 
der verf. Oberhaupt nicht erwähnt, als wirklich einfache 
Damen betrachtet und den beigehörigen Zusammensetzun- 
gen nicht voran aber ebenbürtig zur seite gestellt werden 
dürfen? 

Wenn man es bisher beinahe als einen grundsatz hin- 
stellen zu können glaubte, dafs deutsche personennamen 
im gegensatze zu den fremden, welche in vertraulichem 
gebranche vorzugsweise ihres ersten theiles verlustig gehn, 
nur hinten abgekürzt zu werden pflegen*); so liefert die 
vorliegende Sammlung beispiele des entgegengesetzten vor^ 
ganges, den der verf. gleichwohl ausdrücklich als aus- 
nähme betrachtet wissen will, in hinreichend beglaubigter 
menge. Eben dahin habe ich von jeher Nöldeke, ]Söl- 
dechen gerechnet (aus Arnold), vermag jedoch diese 
namen urkundlich nicht nachzuweisen, halte sie vielmehr 
fftr spät gebildet; aufs haar gleichen sie dem s. 134 ver- 
einzelt stehenden aber vollkommen gesicherten Nardus 
= Eginardus. 

Es ist bemerkenswerth , dafs die namen auf -man, 
welche doch auch zu den kosenamen gezählt zu werden 
pfl^en**), keinerlei berücksichtigung gefunden haben. Wahr- 
scheinlich spricht ihnen allen der verf. hypokoristische be- 
deutong ab, obgleich sich fragen läfst, ob namen wie 
Güntzmann, Thideman, welche früh genug begegnen 
um aufgenommen zu werden, in andrer weise zu verstehn 
seien***). Auf jeden fall war es von bedeutung und in- 
teresee zu erfahren, wie ein so hervorragender Sammler 
über solche namen, deren er sich in demselben umfange 
wie aller übrigen wird bemächtigt haben, zu urtheilen ver« 
mag. Mit noch mehr grund vielleicht dürften formen auf 
-scb (Dietsch, Fritsch, Göttsch, Hinsch, Nitsch) 
vermifst werden, deren manche dasselbe alter haben, dem 
andre herbeigezogene namen anheimfallen. 

*) Tgl. Grimm gramm. III, 690. W. Wackernagel umdeutsch. 82. 

**) vgl. Fr. Becker im progr. Basel 1864 s. 17. Weinhold die perso- 
nennamen des Kieler stadtbuchs 1866 s. 10. 

***) vergl. Oone Onsteman s. 170. In Kappe Iman s. 182 erkennt 
der verf. Kappe =s Kampe. 



220 AndreMD 

Mit beziebung auf die oft sebr scbwierige und swei* 
feihafte erkläning der einzelneD kosenameD aus den ibnen 
zu gründe liegenden zusammengesetzten formen bat es der 
verf. unterlassen dem leser die stufen der glaubwQrdigkeit, 
sei es durcb eine einleitende aUgemeinere bemerkung oder 
durch besondere zusätze, deutlich zum bewustsein zu brin- 
gen. Wenn Lflbben in Haupts zcitschr. X, 299, wo er 
bypokoristische formen aus dem friesischen vorf&hrt, sich 
zu der angemessenen mittheilung veranlafst siebt, dafs er 
in den Urkunden auf keine fingerzeige gestofsen sei, etwa 
auf ein „qni et dictus^ oder ähnliches; was er gefunden, 
habe er theils aus dem heutigen gebrauche, theils aus ana- 
logie erschlossen: so unterrichtet uns Stark am Schlüsse 
seiner einleitung blofs mit den Worten, dafs er in hinrei* 
chender zahl beispiele gefunden habe, welche den vollen 
und verkürzten namen einer und derselben person nach- 
weisen und endgiltige folgerungen gestatten. Dieser nacfa- 
weis, soll er als voUst&ndig gesichert und beglaubigt gel- 
ten, betrifft doch in der that, wie nicht anders zu erwar- 
ten steht, eine verhältnifsmäfsig sehr geringe anzahl von 
namen*); h&ufiger wird ein zweifei angedeutet oder aas- 
gesprochen und bisweilen sorgfältig begründet*'^); über- 
wiegend jedoch findet man den vollen namen dem ver» 
kflrzten ohne weiteres beigescbrieben, und es f&llt nun die 
prafung, welche der Verfasser, vorausgesetzt dafs es ihrer 
bedarf, mit viel geringerer mühe hätte fibernehmen kön- 
nen, dem leser zu. Freilich in den meisten ftUeo darf 
man einem so kundigen und geschickten, dabei vorsich- 
tigen und gewissenhaften f&hrer getrost folgen; aber im- 
mer bleibt es wfinscbenswerth genau davon unterrichtet zu 
sein, ob dieser ffihrer bestimmt und unwiderleglich zu be- 
weisen oder blofs treffend und annehmlich zu schlieisen 



*) Qrimizo =s Theadgrim 14, Eda = £&dvine 16, Sicco = 
Sifrid 20, Bucco sr Bnrchard 24, Atto = Adelbert 40, Weselo 
= Wernher 98, Lampe ssaLambert 124, Aleffssa Adolf 189, Fick 
sss Friderich 186. 

**) Einmal erstreckt er sich gleichm&fsig über eine menge mit s gebil- 
deter deminntiya aaf mehr als drei Seiten (86 fg.). 



anzeigen. 231 

vermag. Wenn Lfibben a. a. o. mit deutlichster iinterschei- 
dong lehrt, dafs Ficko aus Friderich urkundlich ge- 
kürzt erscheine und darnach auch wohl Focko, Hicko, 
Ucko als hypokoristische formen von Folchart, Hil- 
derich, Ulrich anzusehen seien; so fQhrt Stark diese 
selben ableitungen so auf, dafs sie der leser, welcher in 
dergleichen Untersuchungen nicht eben bewandert ist, fOr 
historisch ausdrücklich beglaubigt anzusehn leicht veran- 
lagt wird. Ferner bemerkt der verf. in der einleitung zu 
den zweistfimmigrn kosenamen s. 103, dafs er nur solche 
zusammengezogene namen benutzt habe, deren volle for- 
men urkundlich überliefert seien. In diesen worten kann 
doch nur liegen: die zusammengezogene und die von dem 
verf. zu gründe gelegte volle form sind urkundlich gesi- 
chert; keineswegs erstreckt sich, wie man im ersten augen- 
blicke zu verstehen geneigt sein köonte, die Versicherung 
auch auf eine historische beglanbigung des Zusammen- 
hangs dieser beiden formen. Einmal finde ich die durch 
ein in der alten quelle zwischengesetztes „sive^, wie sich 
annehmen läfst, bestens verbürgte identitfit des gekürzten 
ond des vollen namens nicht ausdrücklich hervorgehoben; 
mindestens verzeichnet Förstemann 775: „Immo sive Ir- 
minfrid% während sich Stark« (24) zu derselben stelle 
mit „Immo = Irminfridus^ begnügt. 

In der höchst dankenswerthen und lehrreichen rück- 
schau über die einstämmigen kosenamen (95 fg.), wo sich, 
nebenbei bemerkt, die vermuthung fast bis zur gewiisheit 
geltend macht, dafs die deminution ein der blofsen Verkür- 
zung nachfolgender Vorgang gewesen sei, wird dreimal 
auch ableitendes d genannt, ohne dafs dieses ausdrucks in 
der abhandlung selbst noch auch im Sachregister erwäh- 
QUDg geschieht. Namen dieser art finden sich s. 58 not. 2. 
Mag immerhin einsieht in das angedeutete Verhältnis dem 
unterrichteten und erfahrenen leser zugetraut werden, so 
erfordert doch auch eine so streng wissenschaftliche arbeit 
wie die vorliegende, ja in gewisser hinsieht sogar in hö- 
herem grade, deutlichkeit und Ordnung. Diese durften in 
dem gegebenen falle vorzüglich auch insofern vermifst 



222 Andresen 

werden, als in derselben rQckscbau und zwar auf der nftchai- 
folgcnden seite die bezeicbnnng ,,ableitnngen mit t (gotb. d)^ 
gebraucht wird; wossa stimmt, dafs das register s. 191 mit 
bezug auf s. 146 der abhandlung, wo der einzige name 
Albito*) verzeichnet uteht, sich desselben ausdrucks be* 
dient. Ferner enthält das register zu s. 56 eingeklammert 
die friesische deminution ts, st, je, tje; an der betreffen- 
den stelle der abhandlung aber sieht man blofs den namen 
Eggest, und obwohl andere namen solcher art später fol- 
gen sollen, fahrt doch das buch eine selbständige behand- 
lung derselben nirgends vor. Zwar stehn ihrer mehrere 
8. 74 (wovon diesmal das register nichts meldet), aber ans 
den Sammlungen anderer entlehnt; bei namen auf -je, 
welche hier und schon früher, kaum später begegnen, wird 
durchweg, wenn ich mich recht umgesehen habe, auf Ru- 
prechts Programm (Hildesh. 1864) verwiesen: Taatje, 
Wardje 70, Wemje 71, Oetje, Eltje 72, Goetje, 
Hieltje 73, Schwantje, Altje, Geertje, Ihntje, 
Lttitje, Mentje, Nantje, Ontje, Suntje 74. 

Wer das vorliegende buch fleifsig durchmustert^ wird 
einer Qberraschend grofsen menge von formen gewahr, de- 
nen heutige familiennamen begegnen. Wenn dies bei be- 
kannteren namen, deren erklärung auf der band liegt oder 
doch leicht gewonnen werden kann , nichts zu bedeuten 
hat, so gewähren dagegen andere fälle ein ganz besonderes 
interesse, und es hätte sich gewifs der kleinen möhe ver- 
lohnt, dafs eine weit gröfsere anzahl unserer heutigen ge- 
schlechtsnamen verglichen wäre, deren wahrer Ursprung 
schwerlich im allgemeinen so bekannt sein dQrfle, als dafs 
W ei gel, woran der verf. s. 56 zu erinnern nicht vermieden 
hat, älterem Wigel entspricht. Folgende namen z. b., 
mit denen schon manchmal sehr unvorsichtig und verkehrt 
umgegangen worden ist, finden hier ihre blofs stillschwei- 
gende erklärung: Vack 28, Ihne 63, Sello 67, Ranke 71, 

*) In einer note wird dazu Hubetho = Hubertus verglichen, welcher 
HAine an Gebetho s=Gebehardu8 s. 68 erinnert, beide aber zugleich an 
Egbeth, Arneth n. a., deren dentalauslaut der verf. aU zum Btarame ge- 
hörig betrachtet. 



anzeigen. 28S 

Sandrat 83, Pertz, Bonitz 87, Betzel 93, Hipp 
118. 128, LQbbe, Nobbe, Wöbbe, Wübbe 119. 128. 
129, Seibt 136, Abeken, Kopke 144, LObke, Wöbcke 
145, Bening 171, Wohlers 183, Sibbern, Dibbern 
187. Ausdrücklich dagegen macht das buch auf einige 
im allgemeinen wohl viel weniger bekannte heutige ge- 
schlecbtSDamen meist aus Österreichischem gebiete aufmerk- 
sam, vermuthlich in der absieht zu zeigen, dafs alte mehr 
oder minder ungeläafige namensformen von zum theil etwas 
zweifelhaftem Ursprünge noch nicht verklungen seien, z. b. 
Struntz 77, Luntz83, Streinz und Strenn 85, Bunz 
87, Lumbe 113, Baming 116, Zippe 119. Schwerlich 
indessen entspricht das heutige deminutiv Röckl, wie 
B. 91 vorföhrt, einem alten Rudikilo, sondern wird mit 
Stöckl, Zöpfl und dergleichen handgreiflichen namen 
ZD vergleichen sein. Und hei Spatz dürfte wohl weniger 
an abd. Spatizo (8.81), obgleich das Verhältnis der for- 
men nichts vermissen läfst, als an Sperling und Lüning 
gedacht werden. Für die erklärung des familiennamens 
Dulk kann der namc Gosen von Dulk = Goswinus 
^ Dnlchius a. 1463, der sich s. 130 zu anderem zwecke 
aufgeführt findet, von gröfserer bedeutung sein alsTulko, 
dem er s. 28 gleichgestellt wird; man möchte einen be- 
kannten ort darin vermuthen« 

Bei dem aufserordentiichen Verdienste, das sich Stark 
um die erklärung einer grofsen menge bisher noch nicht 
enträthselter, zum theil noch nirgends ernstlich besproche- 
ner namen erworben hat, und bei der geschicklichkeit, mit 
welcher er zu deuten versteht, kann es nur bedauert wer- 
den, dafs in mehreren fällen die zurflckführung der ver- 
kürzten form auf ihren Ursprung, wo nicht unterblieben, so 
doch nicht ausdrücklich vorgeführt, sondern nur etwa vor- 
ausgesetzt worden ist. Man betrachte z. b. die bekannten 
friesischen namAi Onno und Oncken. Die frage, welche 
8. 70 in der anmerkung aufgeworfen wird: „Onno = 
Anno?** ist nur geeignet in gröfseres dunkel zu versetzen, 
zumal da Anno selbst eigentlich unerledigt geblieben ist 
und 8. 70 und 169 fQr jene namen vom u ausgegangen 



224 Aadroaen 

wird. Freilieb schliefst das Verzeichnis der an der letzte- 
ren stelle vereinigten namen mit dem compos. Unbald, 
ohne dafs sich ein Zusammenhang wahrnehmen liefse; der 
stamm an aber scheint mindestens zu dem^ was Ober Anno 
und verwandte namen s. 51 *) vermuthet wird, nicht zu 
stimmen. Zu Danzo 8.88 (vergl. Dentzelin 94) wird 
zwischen Danizo und Dantizo die wähl gelassen, aber 
weder ein voller name noch eine andeutung Aber den sinn 
des Stammes kommt zum Vorschein. Ueber den Ursprung 
von Momme (Momsen), Monno, Momke, Monike, 
welche s. 173 von Mammo, Manno, Manke getrennt 
auftreten, während Nomme, Nonno,Nomke mitNaame, 
Nanne,Nanneke zusammengenommen vorgeführt werden, 
belehrt ebenfalls kein fingerzeig. Bisweilen dagegen hat 
sich der verf. über die quelle eines schwierigeren namens 
sowie Ober die bedeutung des zu gründe gelegten Stammes 
ziemlich eingehend ausgesprochen; man vergleiche Kadal- 
41, Sund- 44 fg., Reitke und Skeltko 70, N&zo und 
Stazo 81, Piezo 83, Strinzo 85, Hripo 114, Joppo 
117, Cnebba 122, Hobba uud Hobbo 128, Totila 150. 
Am ausführlichsten sind s. 33 fg. Dudo und Poppo, so- 
dann 108 fg. Wamba, dessen erklärung durch goth. vamba 
(venter) einsichtsvoll zurückgewiesen wird, behandelt wor- 
den. Bei Dudo und Poppo, deren formelle beschaffenbeit 
dem verf. veranlassung gibt diese namen im zusammenhange 
zu untersuchen, was er mit Scharfsinn und grolser gelehr- 
samkeit ausführt, sei es gestattet einige augenblicke zu 
verweilen. Bekanntlich wird Dudo mit Liudolt, -olf 
gleichgestellt. Nach besprechung der ansieht Lappenbergs, 
dafs es hier auf einen Wechsel der stamme liud und thiud 
ankomme, wirft St. eine andre frage auf: ist etwa Düdo 
aus Lüdo durch assimilation des 1 zu d entstanden? 
Schliefslich neigt er sich jedoch zu der annähme, Dudo 
sei keine Verkürzung von Liudolt, -ol ff sondern ein aus 
anderem stamme**) hervorgegangener zuname. Zwischen 



*) im register Bteht verdruckt 15. 
<*) vgl. Weinhold b. 16. 



atuE«igeii. S26 

dieeen erklärnngen, deren jede aufmerksamkeit verdient, zn 
entscheiden fällt schwer. ^Venn sich sichere analoge bei- 
spiele in hinreichender anzahl für die angegebene assimi- 
lation von Düdo aas Lüdo (Liudo) beibringen liefsen, 
meint der verf., stehe der deatung nichts im wege; er 
selbst vermag nur span. Nnno (aa Munio) und das be- 
rühmte engl. Bobby, Bob flir Robert zu vergleichen. 
Ich habe mich nach andern beispielen umgesehen, aber nur 
auf dem gebiete lebender mundarten noch ähnliche Alle 
getroffen. Dafs in Basel Jakob in traulicher rede Böppi 
oder Beppi genannt werde, versichern W. Wackemagel 
in Pfeiffers Germ. V, 318 upd Fr. Becker im progr. 1864 
8. 18. Der letztere fQgt hinzu, in Oesterreich sei Beppi 
=s Joseph^ also aus Seppi, wie deutlich zu sehen ist, 
entstanden. Femer gehen auf Joseph, Josepha im spa- 
nischen Pepito, Pepita zurück; vgl. südd. Pepel und 
Pep7 bei Pott person. 112, der aus dem italienischen an- 
fser Peppo (Oiuseppe) auch Pippo &» Filippo vorf&hrt. 
Dem namen Bob steht im englischen nichts vollkommen 
gleich: Ted (neben Ned) für Eduard*) zeigt, wie 
Nanny aus Anna, einen anderen obwohl verwandten 
Vorgang. Die deutschen kosenamen Lili, Lolo, Lulu, 
Mimi sind reduplizierte formen. Nun aber erhebt sich 
eine neue frage: Müssen die hypokoristischen namen den 
vollen formen, aus denen sie hervorgehn, unbedingt der- 
gestalt entsprechen, dafs ihre entwickelung auf dem wege 
der Sprachgesetze oder nach der analogie der spracher- 
scbeinungen hinreichend erkannt werden kann? Im allge- 
meinen darf diese frage und insbesondere flir die alten 
deutschen kosenamen gewifs bejaht werden; die englische 
Sprache jedoch zeigt unwidersprechlich einige Verkürzun- 
gen, die nicht in derselben weise ihre erklärung finden, 
vielmehr jedem wissenschaftlichen verst&ndnie zu wider- 
streben scheinen. Dick = Richard oder Mab = Abra- 
ham brauchen nicht hervorgehoben zu werden, weil sich 
assimilation, die freilich hier anders als bei Bob auftritt, 



*) Vgl. HSfer in feiner seitschr. I, 828. 
Zeitoehr. t vgl. spnchf. ZVm. 8. 15 



226 AndrMtn 

behaupten Iftfet. Wer aber vermag das P in PegssasMar-» 
garet und Fat = Martha, das T in Till « Will*) 
lautlich zu erklären? Mit vollkommenstem rechte bemerkt 
Pott 110: ,,die ärgsten namen verderber sind die kinder, 
ihnen gerade aber ahmen gern in tAndelhaftem spiele die 
erwachsenen nach^. Wie nun, wenn in Poppo, dessen 
allseitig angenommene Identität mit Folcmar von St. be- 
stritten wird, ein ähnliches Verhältnis vorliegt wie in Peg 
und Pat? Dafs vorzüglich der buchstabe P su absicht- 
lichen oder unabsichtlichen verderbungen von Wörtern und 
insonderheit namen erfahrungsmäfsig geeignet zu sein scheint, 
darf hier nicht übersehen werden; die für vertrauliche be- 
nennungen Oberaus günstige form der reduplikation träte 
unterstützend hinzu. Freilich gehört viel dazu alle hin- 
dernisse, die sich dem, was hier als blofser einfiül hinge- 
worfen ist, entgegenstellen, annehmlich hinwegzuräumen, 
namentlich die entlegenheit der zeit und in ihr der mangel 
von analogien. Auch ist die frage zunächst durch die von 
dem verf. selbst für die möglichkeit, dals Poppo aus Rod- 
bert entstanden sei, herbeigezogenen modernen koseformen 
veranlafst worden; das aber wird wohl auf allgemeinere 
beistimmung rechnen können, dafs Poppo, alles in allem 
genommen, eher = Folcmar als sss Rodbert zu fas- 
sen sei. 

Mit beziehang auf eine ziemliche anzahl älterer nie- 
derdeutscher namen auf -bern und -lef entfernt sich das 
buch von einer sehr verbreiteten, den meisten wohl fast 
stillschweigend giltigen ansieht. In den friesischen namen 
Albern, Frethebern u.a. warbern, sächs. barn(kind) 
erkannt worden**); St. aber lehrt s. 187, dals dieses -bern 
aus -brand durch metathesis und apokope des dental zu 
deuten sei, vermag auch Sibern «ss Sibrand und TIa- 
brenn neben Tjabbern urkundlich zn belegen***). In 

*) Vgl. Höfer 881; doch scheint die angäbe bedenklich. Aach mnTeer* 
halb Englands gibt es fthnliche erscheinnngen, z. b. D^d^fe, wenn es wmhr 
ist, dafs so im Hennegan fttr Josephchen gesprochen wird (s. Pott HS). 
•♦) S. Weinhold 14. 
***) Vgl. Lobben bei Hanpt Z, 299. Roprecht 8. 



anseigeil. 227 

mhw anmerkung nimmt er jedoch wiederum eine reihe 
namen aus und läfst in ihnen jenes bern, das ^kind^ be- 
deutet, walten. Weicher grund der erkenntnis und Schei- 
dung hier vorliege, ist mindestens nicht deutlich genug 
richtbar; es wird manche leser auf den ersten blick be- 
fremden, dafs der im text befindliche friesische name Rod- 
bern dem in der anmerkung angeführten ebenfalls friesi- 
schen namen Rodbern nicht identisch sein soll. In Pfeiff. 
Germ. IX, 483 hatte der verf. nach Crecelius dem alts. 
Thiadbarn das friesische Thiadbern'') gleichgestellt; 
jetzt entspringt ihm Tjabbern, Tiabbern aus Thiat- 
brandus, während alts. Tiatbarn bei barn verbleibt. 
Sind nun jenes Thiadbern und dieses Tiabbern iden- 
tisch oder nicht? Es folgen die Zusammensetzungen mit 
-lef z. b. Thiadlef alts. Detlef""). Dafs dieser name 
dem ahd. Diotleip entspreche, hat bisher jeder geurtheilt, 
auch Lübben und Ruprecht; Stark jedoch deutet aus 
Thiadulf (s. 140. 186), indem er von der metathesis -lof 
und deren Veränderung in -lef unterrichtet (139. 185). 
Auf dieselbe weise werden auch Radle f, Riclef u. a. 
uamen *""*), denen in Pfeiff. Germ, noch ein ganz anderer 
stamm von dem verf. zu gründe gelegt war, erklärt****). 
Und wiederum gibt er s. 141 zu, dafs neufries. -lef bis- 
weilen auch ahd. -leip sein könne, z. b. Radlef, Riclef 
bei Crecelius. Genau entspricht Godlef dem ahd. Got- 
leip, St. aber fragt (s. 140) nach Godolf. Man sieht 
somit, dafs es dem leser fürwahr nicht leicht gemacht 
wird, was er bestimmt zu wissen verlangen trägt, deutlich 
zu erkennen. 

Sehr interessant und belehrend ist die abhandlung der 
ans -boldy -bod und -bert gekürzten namen auf -b et. 

*) Weinhold 62 yerzeichnet verschiedene formen. 
••) Viele formen bei Weinhold 68. 

^^*) Vergebens habe ich mich, beiläufig bemerkt, sowohl hier als in den 
andern angezogenen Schriften nach dem auch heute noch geläufigen namen 
Edlef umgesehen. 

**** ) Im althochdeutschen begegnen Radolf, Richolf sehr häufig, R a^d - 
leip, Richleip sehr selten. Lttbben 806 und Ruprecht 8 haben gleichfalls 
Riclef SS Richolf, Weinhold 64 Radelev, Radelof, Radolf. 

15* 



228 AndreMB 

Ob jedoch Sibet, wie 6. 136 und 164 TorfikhreD, 
808 Sibold SB Sigibold zu leiten sei, darf zweifelhaft 
ersobeinen: die mittelform Sibod (10. jahrh.) erinnert mehr 
an Stboto = Sigiboto*). Genau wie -bet zu -bold 
steht -et zu -old, und hier ist es yorzflglich der name 
Arnet (nebenform Arm et), von welchem der verf. zur 
beortheiluDg einer reihe anderer namensformen derselben 
art ausgeht, wobei er zugleich daran erinnert, daft in eini* 
gen auch r vor dem auslautenden dental unterdrückt sein 
könne (Folket, Ulbet). Dafs Arnet = Arnold ist, 
steht fest, auch wenn es nicht urkundlich beglaubigt wftre; 
aber auch Arent, Arend und Arnd bedeuten denselben 
namen. Wenn Bereut, Berend nicht unmittelbar aus 
Bernhard hervorgegangen, sondern zunächst auf die ans 
dem vollnamen zusammengezogene form Bernd (vgl. s. 130) 
gewiesen zu sein scheinen, so hält es schwer sich davon 
zu überzeugen, dafs Arent fUr Arnet stehe, da sich 
Arent zu Arnd buchstäblich verhält wie Bereut**) zu 
Bernd. Wird aber geltend gemacht, dafs ja Bereut 
den älteren formen Berenhard, Berinhard entsprechen 
könne, so darf für Arent, obgleich im althochdeutschen 
bei diesem namen nur Arn- (nicht Arin-, Aran-) zu be- 
gegnen scheint, vielleicht ein ähnliches Verhältnis in an- 
spruch genommen werden (vergl. den zunamen Ahren- 
hold). 

Abfall des auslautenden dental bei vorhergehender li- 
quida erstreckt sich Qber viele beispiele, namentlich aus 
dem friesischen (Sibel***), Reiner). FOr die namen auf 
-er kann jedoch die erklärung oft zweifelhaft sein, weil 
auch mit heri zusammengesetzt wird (Eier, Lflder). 
Der name Härder soll nach s. 179 nicht, wie man ge- 



*) Vgl. Grimm kl. sehr. 2, 366. Dieser vollname wird aaoh tob Polt 
287 und Lobben 802 zu gründe gelegt. 

**) Die form Bern et kommt bei Stark nicht vor, wohl aber als heuti- 
ger alemannischer kosename bei Becker 16 (vgl. d. familiennamen Bennett 
in Hamburg), der übrigens das -et anders fkrst, da er auch Warnet ana 
Wernher yerzeichnet; Wernet stimmt su Wernhard (F5nt 1268), wie 
der hamb. geschlechtsname Gern et zu Gernhard (F6rst 61 S), 
***) Bartel fehlt gans im bveha. 



wohnlich annimmt, ausHardheri, sondern aus dem aller- 
dings Tiel häufigeren Hardger entspringen. Geht dem -er 
em b vorher, so ist der zweite stamm entweder brand 
(bern) oder bert, z.h. Lubber*), Rember (s. 188). 
Den namen Wnlber deutet der verf. (129 und 187) als 
Willibrand, Wilbrand. Hier scheinen noch andre er- 
klArnngen möglich zu sein: Wol brand sss Wolf brand 
(Ruprecht 6 und 9), Wolbert (Förstem. 1334. Stark 129). 
Ffir die zusammengezogene form Eert wird s. 130 zwi- 
schen Evert und Erhard geschwankt, s. 181 Evert al- 
lein aufgenommen; man möchte Erhard vorziehen und 
Gerdt = Gerhard vergleichen. Ebenso unwahrschein- 
lich dOnkt mich die annähme, dafs Evert aus Evehert 
entstanden sei; man vergl. die hochdeutsche keiner vermit- 
telang bedflrfende form Ebert. Unter namen auf -hart 
begegnet s. 181 auch Melchert, ohne dafs zugleich nach 
dem stamme gefragt wird, der sich durch das, was För- 
stemann 900 bietet, auch nicht aufhellen läfst. Bis auf 
weiteres darf es gestattet sein den namen Melchert, der 
erst ans dem 16. jabrh« geschöpft ist, als Me Ich er aus 
Melchior**) zu erklären. Bei Erloff (23) stehen -olf 
und ableitendes -of auf der wähl, unnöthig, wie es scheint; 
denn wie Eglof aus Eglolf (Agilolf) hervorgeht (Grimm 
gramm. n, 330), so istErlof als Erlolf (För6temann389) 
zo nehmen« 

Ans der grolsen zahl höchst lehrreicher etymologien 
verdient die treffende erklärung einiger berühmten namen, 
deren Ursprung man oft bald so bald anders verkehrt an- 
gegeben findet, insbesondere hervorgehoben zu werden: 
Abel (Adelbold, Adelbolda), Ferdinand = Fri- 
denand***), Harm (Harms) aus Herman****). Andere 

*) Von Lindbert leiten Lttbben 801 und Ruprecht 8; vgl. Weinhold 86. 
In dem ersten gliede kSnnte, an sich betrachtet, auch linb stecken (vergl. 
linbhait» Linbheri bei Förstern. 868). 

**) Alle drei sind heutige familiennamen. Anfüguig eines t an die aus- 
lautende liquida kommt sumal in späterer zeit bei eigennamen oft genug 
tot; YgL Pott 217. 

***) Bei Fdsstemann nicht Torhanden. Zur metatheais vergL Ferdo as 
Fredo •. 97, ftmer Alfert, Lempfert, Siefert. 

****) Und nicht ana Hieronjmus, wie unter andern W. Wackemagel 
im Sehweis. mna. 1, 98 und Becker 19 geartheilt haben. 



230 AndreMu 

dentungen, wie sich bei solchem gegenstände erwarten l&fst, 
mögen dem bedenken räum geben. Die möglichkeit, welche 
e. 32 versuchsweise auftritt, dafs die frauennamen Ima 
undHelmswint identisch seien, bleibe hier dahingestellt; 
desgleichen die erklärung des vomamens Flavius, dessen 
sich langobardische und westgothische könige bedient ha- 
ben, aus dem goth. frauja: näher liegt es einige andere 
ableitungen zu beurtheilen. Wenn Sibo s. 114 mit recht 
aus Sigi- mit folgendem b (-bold, -bert a.s. w.) ge- 
leitet wird, so ist nicht einzusehen, weshalb dessen bekann- 
tes deminutiv Sibicho (Sibuko, Syveke) auf Sige- 
bodo, wie aus der darlegung des verf. hervorzugehen 
scheint, beschränkt bleiben soll. Zu Lemke s= Lara- 
precht wird s.143 angemerkt: „falls Lemke st. Lampke 
und nicht statt Lanike d. i. Landico steht ^. Abgese- 
hen von der Schwierigkeit, welche hier einem Übergänge 
von n in m entgegenträte, gibt es noch vollnamen mit 
Lem*, die den sichern Ursprung aus Land- mit folgen- 
dem labiallaut beweisen (Lempfried, Lempfert, Lem- 
fer,Lempert); zudem ist neben Lemke ja auch Lembke 
bekannt''). Während es s. 69 von Hemke heifst, dafs 
es vielleicht aus Helmke hervorgehe, findet sich s. 172 
Zusammenstellung mit Henke. Was Förstemann 599, Pott 
158, Weinhold 26 bieten, hier bei seite gelassen, genfige 
es bei der zweifelhaftigkeit des Ursprungs folgende äofser- 
lich vollkommen abereinstimmende gliederung hinzusetzen, 
die etwa zu weiterer forschung dienen mag: Lemke**), 
Lemme (Stark 143), Lempe, Lampe (124) und Hemke, 
Hemme (172), Hempe, Hampe (beide 125). Wie die 
erste gruppe sicher aus Lambert, Lamprecht stammt, 
so kann, blofs lautlich genommen, der zweiten Haginbert 
zu gründe liegen. Was s. 144 von Kobeke bemerkt steht, 
vorzüglich die Verweisung auf das äufserst schwierige 
Cobbo weiter zu verfolgen schafft mflhe und bedenken; 



♦) Vgl. Weinhold 84. 86. 

**) Vgl. Lamke und Lampsma bei Ruprecht 38, Lammeke (Lam- 
me co: Weinh. 84) bei Stark 178, wo wieder auf land Terwiea«& wird, 
Lambert nnberflckaichtigt bleibt. 



anEeig«n. 281 

kaam kann man es sich versagen die vermnthnng auszu- 
sprechen, dafs wir es hier wiederam mit einem nndeut- 
schen namen zu thun haben, nemlich mit Jakob*). Die 
4* anmerk. auf s. 130 lautet: ^Gerdt kann bisweilen auch 
Goerdt, Gord d.i. Godhard sein^; unter Gerd (138) 
aber triffl; man den namen Goerdt nicht. Bis auf wei- 
teres dürfte sich der satz umkehren und noch bestimmter 
sagen lassen: Goerdt ist Gerdt; vgl. die heutigen ge- 
schlechtsnamen Görhardt, Görcke, Göring. Die un- 
bestrittene herkunft des namens Bening aus Bernhard 
(171) hat den verf. veranlafst auch eines gewissen Coerdt 
Penninck aus dem 16. jahrh. zu erwähnen. Der muis 
wohl fem bleiben, da in seinem nachnamen deutlich die 
mflnze steckt, woher eine menge heutiger familiennamen 
rfihren, die ich hier, soviel ich ihrer habe wahrnehmen 
können, mag die beziehung sein welche sie wolle, zusam- 
menfasse: Pfennig, Penning und (altwestf.) Piening, 
Gottspfenning, GQldenpfennig, Bedepenning, 
Repenning und Reepen, Rennenpfennig, Schim- 
melpfeng und Schimmelpenninck, Schmelzpfen- 
nig, Wehrenpfennig, Weifspfennig, Winnenpfen- 
nig, Wncherpfennig, Zehnpfennig, Zitterpennig. 
Dem grundsatze, dafs die einstämmigen namen verkOrzun- 
gen der zusammengesetzten sind, ist auch die deutung des 
namens Eampo (Campe) anheimgefallen. Zwar weist 
St (18) aus dem 15. jahrh. einen Friesen Olteke Eam- 
ping nach, der gleich darauf Olteke Eaperdes (»Ka- 
pert, Eampert, Eamphert^) genannt wird; allein 
sollte das zur beseitigung der Selbständigkeit des einfachen 
Wortes, welches sich so trefflich als beiname eignet**), 
genflgen? Mit nagal zusammengesetzte namen kommen 
wenn auch in sehr geringer anzahl vor; heifst es aber von 
einem Giselbertns: „dictus Nagil^ (s. 50), so scheint 
dieser zuname einfach zu nehmen. Eher leuchtet ein, 
wenn von einem „Wolfhardus cognomine Lupus* 



*) Vgl. Drisek« ans Andreas n. d. gl. 
**) Vgl« 8. 168 UUkir Käppi (Umpfer, bald) im altnordiseh«n. 



282 Andreseil 

die rede ist (IS), dafs Lupus nur die Übersetzung des aus 
Wolfbard verkürzten Wolf sei, obgleich diese kürzuog 
wohl nicht ftkr alle fälle zugegeben werden darf. Um 
ganz überzeugt zu sein, dafs Cirk = Sirck (Sigerik) 
und nicht aus Cyriacus zu deuten sei (135), müfsten 
andre beispiele des c für s (vom z ^ s sind hinreichend 
gegeben) vor äugen treten. Weinhold 25 sichert den Ur- 
sprung von Gesa aus Gertrud durch eine hannoversche 
Urkunde; Stark aber bezieht sich, ohne dieser ableitung zu 
gedenken, auf Geltrud (Giseltrud), läfst jedoch weder 
den historischen noch den sprachlichen beweis hinreichend 
erkennen. Wem von beiden mag geglaubt werden? Von 
allen selten wird gelehrt und bestätigt, der friesische name 
Jeppe sei ss Ebbe (Eberhard); diese erklärung findet 
flieh zwar s. 40 ebenfalls angenommen', doch mit der ein- 
schränkung: „wenn nicht bb Geppo^, und s« 128 ist le- 
diglich von diesem zweiten stamme die rede. Was soll 
nun das rechte sein? 

Dafs die einstämmigen namen Bruno, Hugo keine 
berücksichtigung gefunden haben, steht schon oben be- 
merkt. Hinzugefügt kann hier werden Hatto, da die 
s. 31 aufgeführte form Variante zu Hanto ist; ferner Odo, 
Oddo (Förstem. 163; Weinh.39), Scacco(Weinh. 45.46), 
Sido, Wendela und Windila (Forst. 1254. Weinh.58), 
auch Hinz und Heinz. Mit beziehung auf s. 80, wo 
von namen mit Fold- gehandelt wird, fällt mir ein, dafs 
ich noch nirgends den heutigen geschlechtsnamen Folt- 
mar, der doch nicht aus Fol km ar entstellt zu sein braucht, 
verzeichnet gefunden habe. Grofses interesse gewährt 
Fruohwin (42), zu fr noch an gehörig, bei Förstern, un- 
vorhanden; die nahe berühruog mit Frowin (Grimm myth. 
2. ansg. 192) legt die frage nahe, ob der von Pott 599 
aus einem programm entlehnte name Froh win jener oder 
dieser form gleichstehe (vgl. Froholf zu fruochan). Wes- 
halb der verf. bei Hippeke (145) auf Hebe (127) ver- 
weist, ist nicht einzusehen, da dieser letztere name einen 
anderen stamm birgt, als bei Hibbo (118) und Hippe 
(128) angegeben steht. Aaldrik (neben Wiohtert) als 



anzeigen. 233 

beispiel der bei Friesen sehr beliebten euphonischen ein- 
Schiebung eines t (oder d) ist wohl deshalb wenig treffend, 
weil sich in diesem namen ein Vorgang offenbart, der Ober 
ganze sprachen, ältere und neuere, verbreitet ist; vgl. av- 
Sgog^ Hendrik, Hundrich, fähndrich, baldrian, franz. moin* 
dre, tendre n. s. w. Die s. 32 aufgeworfene frage, ob 
Kalle = Karli, Karl, wie Weinhold 5 vermuthet, zu 
ndimen sei, fordert nach meinem urtheil bejahung; vergl. 
altn. kall (senex) statt karl (Grimm gramm. I^ 306), dän. 
källing aus altn. kerling (anns), engl. Kell, Kelley aus 
Charles (Höfer I, 329). Assimilation femer von Id in 11 
(22) ist zu gewöhnlich, als dafs es einer hinweisung auf 
das altnordische in diesem überwiegend so knapp gehalte* 
nen buche bedurfte. Dagegen hätte bei der sogar als zwei- 
felhaft bezeichneten Synkope des r in dem namen Bechta 
weit eher Bechtold als engl. Bat (aus Bartholomaeus), 
weil im englischen manches der art lieber fbr sich be- 
trachtet wird*), herangezogen werden sollen. Dafs von 
einem so ausgezeichneten kenner der friesischen spräche, 
wie sich St. offenbart, die annähme einer Verwandtschafts- 
bezeichnung in dem namen Söster stilisch weigends zu- 
rückgewiesen wird, fordert aufinerksamkeit. Er fragt nach 
Übereinstimmung mit Sestrit, und doch begegnet auch 
im altd. Suester, Sustar (Förstern. 113); Weinhold 
15 — 16 bezeichnet Fader, Moder, Broder, Söster, 
Fedder als friesische verwandtschafl^namen. Drücke, 
s. 72 blofs aus Seger entnommen, ist für Gertrud einem 
grofsen theile der Rheinprovinz überaus geläufig, auch 
Drückchen, in Hamburg Drütje (Pott 113); aufDrud-, 
wie St. daneben ftir statthaft hält, darf nicht zurückge- 
gangen werden. Weshalb s. 84 bei Matza, Metze der 
Ursprung ausMahthild verschwiegen bleibt, dagegen den 
gleich hinterher folgenden namen Hiza, Hizoihr stamm 
beigeschrieben steht, beantwortet sich etwa aus der nicht 
selten hervortretenden, schon oben angedeuteten ungleich- 
artigkeit der behandlnng. In der langen reihe von bei- 

♦) Dahin gehört auch Wat, Watty aus Walter (22). 



234 Andreseil 

spielen der nachbildaiig ans dem bereiche der nrsprfing- 
liehen deutsehen namengebung (158 fg.) werden die drei 
namen der alten heldensage, Heribrant, Hiltibrant 
und Hadubrant, ungern vermifst Gegenfiber den vielen 
fiülen, wo die erklärung entweder gar nicht oder nicht 
deutlich and ausdrücklich genug hervortritt, sondern oft 
blofs wissenschaftlich vorausgesetzt wird, hält es einigemal 
schwer sich von der nothwendigkeit einer nebenbemerkong 
zu fiberzeugen, z. b. dafs der name „Gord von Kord, 
Kort d. i. Curt s=s Conrad zu scheiden^ sei (138 n. 3). 
Den flberflufs bezeichnet auch die wiederholte hervorhe- 
bung des aus der grammatik hinlänglich bekannten aus* 
falls von d, g, b; vgl. s. 37 fg. 48. 84. Mehr f&Ut natür- 
lich die fast buchstäbliche Wiederholung ganzer sätze aa^ 
sowie die doppelte aufftlhrung von namen mit gleichen be- 
legen. Man sehe z. b. was s. 139 und 141 von -olf, -lof 
und -lef gelehrt wird, halte im allgemeinen 139 fg. zu 
185 fg.; man vergleiche Fidi s. 27 und 185, Ulbet 69 
und 164, Meleff 186 und 187. 

Die bezeichnung des ersten Stammes eines vollnamens 
mit „anlautend^, des zweiten mit ^auslautende erscheint 
nicht angemessen, um so weniger als die grammatik diese 
ausdrücke zu wesentlich verschiedenen zwecken zu gebrau- 
chen pflegt. Ohne noth bedient sich der verf. fitst bei 
jeder gelegenheit des fremden harten und rauhen wertes 
„ekthlipsis^. 

Zu den am schlufs genannten Verbesserungen mufs 
(aufser dem bereits bemerkten druckfehler in der zahl) 
hinzutreten: s. 27 assimilation des rd (statt dr im buch); 
störender ist, dafs sowohl s. 104 als im register 190 der 
auslautende statt der anlautende konsonant (vgl. den 
überblick s. 147) geschrieben steht. 

Endlich ein wort über die beiden register, auf deren 
ausführlichkeit im vorwort hingewiesen wird. Durchaus 
angemessen ist das Sachregister und erfüllt jeden ersicht- 
lichen zweck. Welcher grundsatz aber bei abfassung des 
namenverzeichnisses gewaltet hat, kann man auch nach 
einer sorgfältigen Untersuchung desselben nicht vollkommen 



anzeigen. 235 

deutlich erkennen, zu geschweigen, dafs auf jeden fall fbr 
die praxis nicht hinreichend gesorgt worden ist. Anfangs, 
als so viele namen nicht zu finden waren, fiel mir ein, es 
sei immer nur der erste name einer vergleichenden bespre- 
chung aufgenommen worden; aber gleich überzeugte ich 
mich, dafs dies nicht der fall sei, was zudem keinerlei 
denkbaren vorzug hätte. Es fehlen z. b. Eilger 49, 
Egert 180, Melchert 181, Hillerck, Htnerk 184, 
Hedlef 186. Wird entgegnet, das seien ja nicht eigent- 
lich kosenamen, da ihre zweistämmigkeit deutlich offen 
liege, so ist darauf zu erwidern, dafs för das Verzeichnis 
auf diesen unterschied, dem überdies der rechte grund 
mangelt, nirgends aufinerksam gemacht worden ist, und 
ferner, dais in der that dergleichen namen öfters aufnähme 
gefunden haben, z. b. zu s. 186 folgende lange reihe: 
Aleff, Alof, Frellof, Gerleff, Graleff, Jallef, 
Jullef, Luloff, Maroklef, Meleff, Rhenleff, Rio- 
lef, Roelof*). Dennoch scheint es darauf hinaus zu 
kommen, dafs der verf. sich vorgesetzt hat die einstAm- 
migen und diejenigen zweistämmigen namen, welche ver- 
möge der zusammenziehnng ebenfalls aus nur einem worte 
gebildet scheinen (s. 10), zu verzeichnen, den übrigen je- 
doch, auch wenn ihnen sonst eine eingebende besprechung 
widerfthrt, im allgemeinen die aufnähme zu vei^sagen, eini- 
gen jedoch zu gestatten. Den eben angemerkten friesi- 
schen namen können hinzugefügt werden: Afbaldus 23, 
Anagild, Anricns 51, Assemund 30, Bindelefa 
186, Borghers 182, Freemar, Freerik 38, Fre- 
thebern, Geilbern 187, Gilbert 48, sogar voUaus 
Lamtbertus, Lamtramnus, Lamtvinus 45. Wer 
sich aber belehren lassen will über Ferdinand, mufs in 
der abhandlung selbst suchen; schwerlich wird er wissen, 
dafs ihm allerdings im register Fern den weg weist. 
Ebenso steht es um andre namen, deren erörterung grade 
in diesem buche hervorragt und besondere aufmerksamkeit 



*) Anfser Hedlef fehlen za dieser seite Oberhaupt nur Didelef und 
Eakelef. 



286 AndrtMni «Maigtii. 

Terdient, s. b. Cirk (135), welcher name fiberdies 
form wegen vollberechtigt erscheinen molBte, Härder 
(179) u.a. Bisweilen trifft man statt zweier blofs eine 
verweisang, z. b. zu Hemke, wo aolser 69 noch 172 nach« 
zusehen ist. 

Am Schlüsse dieser anzeige will ich den wünsch, des* 
sen vollste berechtigung keinen zweifei leidet, auszuspre- 
chen mir erlauben, da& es dem gelehrten verf., dem wir 
fflr seine ausgezeichnete leistung so viel dank schuldig 
sind, recht bald gefallen möge seine auf die erforschung 
der namen jüngerer und jüngster bildung gerichteten stu« 
dien (vgl. s. 157) ebenfalls der öffentlichkeit zu übergeben. 
Eine solche arbeit, mit gleicher geschicklichkeit, wie sich 
voraussetzen läfst, auf dieselben hervorragenden kenntnisse 
und denselben andauernden fleifs gegründet, wird insbe- 
sondere für die betrachtung der deutschen kulturgeschichte 
von noch g^öiserem und jedenfalls mannigfaltigerem ge- 
winne sein als selbst die gegenwärtige abhandlung, aus 
der die Sprachforschung begreiflich am meisten hervor- 
leuchtet; sie wird neue gesichtspunkte eröffnen, eine menge 
hergebrachter und eingewurzelter irrthümer aufdecken, zahl- 
reiche berichtigungen fast unvermerkt auszustreuen im 
Stande sein und mit rücksicht auf die aufserordentlich vie- 
len an sich" zweifelhaften f&Ile, die auf dem gebiete der 
neueren gescblechtsnamen offenbar werden, noch mehr 
proben jener Überlegung und vorsieht, wdche in der eben 
besprochenen Schrift so vortheilhaft entgegentreten, zu «ei- 
gen Veranlassung haben. 
Berlin. K. G. Andresen. 



Wörterbuch zn dr. Martin Luthen dtutsohen schriAen. Von Pb. Diets 
in Marburg, 1. und 2, Ueferung von A — Dach. Loipiig 1S68. 884 as. 
- lez.-8. 

Ein vollständiges und zuverlSssiges Wörterbuch za 
Luthers deutschen Schriften ist auch neben dem Grimm- 
schen Wörterbuch nicht überflüssig, da es schon immerhin 



Clemm, erklären^. 237 

Ton groJber bedentang ist, den Wortschatz Lnthera in sei* 
ner sonderang von dem anderer zeiten überblicken zn kön- 
nen. Wenn sich nan aafserdem noch hier und da iQcken 
im Grimmschen wörterbuche zeigen, so ist deren ausfallnng 
durch die Yorliegende arbeit um so erwünschter, als der 
Terfasser sich seiner aufgäbe durchaus gewachsen zeigt, die 
er mit fleifs, verstand und umsieht ausgeführt hat. Das 
buch ist nicht nur für den theologen und den besseres bi- 
beWerstftndnifs suchenden laien, sondern auch f&r den 
Sprachforscher von bedeutung. A. Kuhn. 



Erklärang. 

In herm R. Rödigers recension meiner dissert. de com- 
positis Oraecis, quae a verbis incipiunt oben p. 66 ff. fin- 
den sich thats&chliche Unrichtigkeiten, die mit stillschweigen 
fibergangen worden werden, wenn sich nicht im anschlufs 
an ihre erwfthnung die beantwortnng einer wissenschaftlich 
wichtigen frage wenigstens andeutungsweise versuchen 
Hefte. 

Da ich mich über die entstehung der fraglichen com- 
poeita in meiner schrift ausführlich ausgesprochen habe, 
so kann ich nicht umhin, allen antheil an den seltsamen 
vorBtellnngen meines hm. recensenten, wonach z. b. bei 
meiner auffassung „ein menschlicher compositor als das 
belebende princip*^ verbal- und nominalstämme zusammen- 
gefllgt haben müfste u. dgl. m. abzulehnen. Hr. R. scherzt 
wohl nur, wenn er sich auf p. 166 beruft, wo ich mit be- 
zug auf gewisse komische Zusammensetzungen die betref- 
fenden dichter vocabnlornm illorum compositores nannte. — 
Wie viele sich mit hm. R. über die „offenbare petitio 
principü*^ wundem werden, dafs ich mich im verlaufe mei- 
ner Untersuchung auf das berief, was ich vorher, ohne ir- 
gendwie eine „stillschweigende Voraussetzung^ zu postulie- 
ren, gezeigt zu haben glaubte, mag dahin stehen, aber ist 
nicht die reihe des verwundems an mir, wenn ich „trotz 
memes widersprachs gegen Ghrimm bei f^l^avdQog^ xQva» 



238 Clemm 

'ävMQ and ähnlichen stets von weglassung des bmdeyocals 
gesprochen^ haben soll? Da£s diese compp. je einen com- 
positionsTOcal gehabt hätten^ konnte schon nach ihrer aof- 
fahrung unter der rubrik: vocalis compositiva inserta non 
est (p. 12) oder: membra nulla interposita Tooali conjiin<^ 
sunt (p. 24) kaum behauptet werden. — Gegen Justi habe 
ich die schwachen participialformen nicht, wie hr. R« an- 
giebt, in den ersten gliedern von skr. compp. wie vidad- 
-vasu, bbar&d-vä^a geleugnet, sondern vielmehr in den letz-* 
ten von karma-kft, pbana-bhft u. äbni., von jenen heilst 
u. a. p. 49: in eis prioribus membris, quae sunt parti- 
cipiorum praesentium debiliores, quas Focant, for* 
mae cet. — Bei der Sammlung und Ordnung meines ma- 
terials suchte ich allerdings eine solche Vollständigkeit zu 
erreichen, dafs von dieser seite her wenigstens keine er- 
heblichen einwände gegen meine resultate gemacht werden 

könnten, aber mit den werten : omnia exempla qoam 

potui diligentissime coUegi habe ich mir darum keineswegs 
ein unverdientes lob anmafsen und etwa die mögliohkeit 
ausschliefsen wollen, als liefsen sich nicht noch manche 
beispiele nachtragen. Schon die schlu&bemerkungen meiner 
abhandl. konnten mich, abgesehen von anderem, vor solcher 
mifsdeutung bewahren. Uebrigens hätte das fehlen einxel- 
ner, ohnehin in der masse verschwindender beispiele grade 
bei hm. R. vielleicht gnade finden dürfen, da er in seiner 
Schrift ganze dassen zahlreicher (ihm freilich unbequemer) 
composita weggelassen hat, die ihn trotz „ihrer schwan- 
kenden erklärung^ sehr nahe angiengen. — Dafs jenes ver- 
hängnifsvolle diligentissime, seinem Zusammenhang entrissen, 
gar noch herhalten mufs, den gegensatz zu versehen und 
druckfeblern zu markieren, ist jedenfalls leichter erklärlich 
als hm. R.S immuth über ausdrücke wie yerisimilius^ molto 
simplicius u. a., die selbst als stützen meiner „unerträgli- 
chen^ argumentation angesehen werden. Wäre dies der 
fall, so würde sich hr. R. vermuthlich nicht mit dem aas- 
druck subjectiven miüsbehagens begnügt, sondern den dro* 
henden einsturz meines „mühsamen baus*^ bei dieser gele- 
genheit in scene gesetzt haben. — Da die bestimmtheit^ 



erklärung. 239 

mit welcher eine behauptnng auftritt, den mangelnden be- 
weis f&r ihre richtigkeit nicht immer ersetzt, so wünschte 
ich, es hätte hm. R. gefallen, die aufgeftindenen »trug- 
Schlüsse^ wenigstens an einem Beispiel zu erläutern und 
aach eine der „Terbalformen (sie) mit scheinbar eingescho- 
benem (T^ zu nennen, die ich von aoriststämmen abgeleitet 
haben soll. Hierffir wäre ich ihm ebenso dankbar gewesen, 
ab ich es ft&r seine sorge um mein latein sein wQrde, wenn 
er mir nur auch in dieser beziehung ein besseres vorbild 
dnrch seine eigne schrift gegeben hätte, aus der ich ihm 
eine blumeniese hier gerne erspare. Oder sollte ich mir 
wirklich z. b. die classicität von gen. pl. bovum, ex eis 
(membris) solute positis quocunque etiam modo conjunctis ' 
cet., quamvis insolentiorem formam und von vielem der art 
zum muster nehmen? 

Möge es mir schliefslich erlaubt sein, die meinung hm. 
R.8 als irrig zu bezeichnen, wonach „meine ansieht mit 
dem bindevocale steht und fällt *^. Zwar — impavidum 
ferient minae, aber so gefährlich ist es wohl doch noch 
nicht. Denn wer einen compositionsvocal nicht annimmt, 
kann das e, i, o als thematisch d. h. als zu den betreffenden 
tempusstämmen gehörig ansehen, ohne dafs dadurch meine 
aoffiaasung wesentlich verändert wird. Schleicher und na- 
mentlich Curtius haben den weg gezeigt, auf welchem hier, 
wie ich glaube, fortzuschreiten ist. Wer also in *ix^'ai == 
fy^ig, *q>BQB^at «= q^i^aig^ in Hx^-rey (pige-re u. s. w. das 
zweite £ nicht mehr für den sog. bindevocal, sondern für 
thematisch hält, wird bei ix^'(pQuv^ (pepi^xagnog u. ähnl. 
zu der gleichen auffassung berechtigt sein; wer im aorist- 
stamm Xv-aa das a dem stamm selbst zuweist, wird in 
Xvci-novog u. ähnl. lieber an eine Schwächung jenes a zu ^ 
als an einen compositionsvocal glauben. Sollten aber des- 
halb die ersten glieder jener composita weniger leicht für 
Verbalstämme gelten dürfen? Ich dächte nicht. Doch es 
handelt sich hier nur um eine andeutung, nicht um die 
aaaführung. Was hr. R. von „rein parasitischen anwüch- 
sen^ redet, ist schwerlich überzeugender. 

Qielsen. W. Clemm. 



240 K5dig«r, antwort. 

Antwort. 

Auf die TorsteheDde erkl&rang habe ich nar wenig eq 
erwideni. Dals ich heim Cl. durch ein veraehen meiner« 
seits zugetraut habe, er wolle ein zur veretärknog des Ter* 
balstammes affigiertes t aufser in karmakrt, pfaanabhrt, 
^rutkarna u. dergl. auch in vidadvasu etc. anerkannt wis- 
sen, thut mir ehrlich leid, und wie ich es jetzt thne, wäre 
ich jederzeit, wenn nur darauf aufmerksam gemacht, bereit 
gewesen es offen einzugestehen. Meine übrigen behaup- 
tungen aber glaube ich trotz der auslassungen des herm 
Cl. im wesentlichen durchaus aufrecht erhalten, und ohne 
weiter für die sache unfruchtbare erörterungen anzuknQpfea, 
es dem urtheile derer, die sich f&r unsere Streitsache in- 
teressiren, überlassen zu können zwischen uns zu ent- 
scheiden. 

Der neue verschlag zur erkl&ruDg des an die Terbal- 
Stämme antretenden a, », o, der natürlich meine angriflb 
gegen den früher von herrn Cl. vertheidigten bindeTOcal 
nicht zu unberechtigten macht, scheint mir sehr gewinn- 
bringend nicht zu sein. 

Dafs mein ton in der anzeige etwas hart sei, ist mir 
auch von befreundeter seile gesagt worden; mein ehrliches 
bestreben aber mich rein auf dem boden der objectivitit 
zu halten beweist, denke ich, der schlufi^ der anzeige, d&r 
ausdrücklich um etwa nöthige correction des an die Tor~ 
gebrachten thatsachen angelegten mafsstabes bittet. 

Zum schlufs möchte ich zu meiner vertheidigung noch 
auf eine nach meiner anzeige erschienene schrift aufmerk- 
sam machen, deren Verfasser mit mir in seinem urtheile 
über herm Cl.s arbeit vielfach zusammentriflFi: „Gustav 
Schönberg, über griech. compp., in deren ersten gliedern 
viele grammatiker verba erkennen. Mitau 1868'. 

Rieh. Rödiger. 



3m Verlage beS Unterzeichneten ifl evfc^ienen unb in allen $u(^^anb« 
(ungen gu ^aben: 

Säibliot^tf ber ältefien beutfc&en Sitteratutbenfmalert 

herausgegeben üon ßloxVi ^qjne, Dr. phil., ^riuatbocent in 
^aOe. ' 

I. iSaub. lllfilas ober bte uns erl)aUenen jDenkmaler ber gott^ifd^en ^pra^e. 

2:e(t, ©rammatif unb SB8rter6u($. Gearbeitet unb herausgegeben toon 
^erb. ^ttbro. 3tamm< ?a(lor an @t. ?ubgeri in ^ermflebt. 35iertc 
Auflage, beforgt ))on Dr. ^ori^ %(^^^i $nt>atbocent in ^aUe. 
1869. gr. 8. 380 leiten, geb. 1 Zf)U, 20 @gr. 
2)iefe 4. Sinflage ifl fotool im Se^e (bnrd^ ^enu^ung loon Uppfirdm9 

Snateften) a{9 im ©loffar, bad gang neu gearbeitet unb aufd bo^^ette unb 

me^ir erweitert ifl, »efentlic^ öerbeffert unb »ermejrt. 

II. SBanb. ;aitnieberbeu(fd)e Denkmäler. 1. !$:eil: ^elianb. ÜJ^it au^Wr^ 

iidftm ©toffar herausgegeben toon Dr. idori^ ^et)net 1865. gr. 8. 
388 leiten, gc^. 2 X^Ir. 

III. 33anb. fitbmif. iWit auöfübrücbem ©toffar herausgegeben t5on Dr. 
^ori^ geijne. 1868. gr. 8. 288 (Seiten. 3»eite Zuflöge, ge^. 
1 Z\)U. 10 @gr. 

IV. Qanb. ;%ltnttberbeutrd)r Denkmäler. 2. !i:ei(: kleinere altnieber- 

beutr^e jDenkmäler. üJ2it ausführlichem ^(offar herausgegeben V)on 

Dr. ^orifj J^ei^ne. 208 ©eitcn. 8. ge^. 1 Zf^U. 
9IS grammatifc^eS Hilfsmittel reibt fidf biefen Gänben an: 
fkviV}t (ßrammatik ber allgemeinen 5prQd)|läinme. ($iOtV\\^, ^Itboc^beutfd^, 

2Htfä(^fif(b, Slngelfäcbfifc^, «Itfriepfcb, 9IttnorbiJ(b. 1. Steil: ^urjc. 

^aut- unb <flrrion6lei)re ber a(tgermanif(^en <8^ra(bfiämme. heraus* 

gegeben toon flX, Sei)ne. 1862. gr. 8. 342 «Seiten, geb. 1 S^fr. 

10 @gr. 
2)ic Strbeiten fiH, ^eijne^e^ ber aucj neuerbingS ttjieber oU jÄitorbelter 
an (5rimm*0 beutrd)em lOorterbu^e feine gfängenbe gä^igfeit, (^(of[are gu 
öerfaffen, betoiefen \)at, flnb t)on ber geteerten Söett als toorjüglicj an* 
erfannt. 

gerner crfc^ien: 

aSBalt^ec öon aq[Uttattiett» ^elbengebt^t in 12 ©efängen 
iiberfeftt unb mit ©rlauterungen unb Seitragen jur J^elbenfage 
unb SKptl^ologie »erfe^en Don jFranj finnig. 160 Seiten. 8. 
ge^. 10 ©gr. l^übfd^ cartoniert 12 ©gr. 

$aberborn. Sfetbinanb Sc^öning^. 

In Ferd. Dttmmler's Yerlagsbachhandluiig (Harrwitz und Gofs- 
mann) in Berlin sind erschienen: 

^ann^arbt (WillyelmX Die Korndämonen. Beitrag zur 
germanischen Sittenkunde. 1868. 8. geh. 12 Sgr. 

«odjljol^ (^rof. «. f.)^ 53eutj^er (Slaufce unb ©rau(% im 
@^)iegel ber ^eibnif^en Sorjeit. 3»ci S3anbe* 8. 1867. 
a3elin^)a^)ier. gel^. 3 Sl^lr. 

2)icfeS SBerf bringt über eine große Slnjal^ »eit verbreiteter, nament* 
ücb oberbeutfc^er (Sitten unb (S^ebräudbe, bie merbottrbigfleu SJZitt^ilungen 
unb f^arfllnnigflen Sluffc^tüffc ; »ir führen Jier nur an: OberbeutMc lOei^en» 
brauci^e; !2)erifno((encuItuS; Merfeefenbrob; ^eutf^e!Cßc(^entaQe;9(eman' 
nifc^eS S^o^n^auS; 9{ot^ unb ®Iau, bie beutfd^en 8eib# unb 92ationatfarben. 



In Ferd. Dümmler's Verlagsbnchhandlan^ (Harrwitz und Gof»- 
mann) in Berlin ist erschienen: 

^irUngcr (Dr. ^nton), Die alemannische Sprache rechts 
des Rheins seit dem XIII. Jahrhundert. Erster Teil: 
Grenzen, Jahrzeitnamen, Grammatik. 1 868. gr. 8. 1 Thlr. 
10 Sgr. 

Dieses Werk ist gewisserfnafsen eine Er^znng Ton Weinhold's 
Alemannischer Grammatik, dtQ das Alemannische besonders in seiner 
älteren Gestalt darstellt, w&hrend die vorliegende Arbeit mehr die lebende 
Sprache berücksichtigt 

In der Dieterich'schen Bachhandlang in Göttingen ist erschienen: 

Philologischer Anzeiger. 

• als Beiblatt zum Fhilologus 
herausgegeben von 
Professor £. von Leutsch. 

Jahrgang 1869. 12 Nummern. 1 Thlr. 20 Sgr. 

Der Philologische Anzeiger, als Beiblatt znm Philologua, wird mit 

demselben dahin streben, dem phil. Pnblicmn die aaf dem Gebiete der 

claasischen Philologie erscheinende wissenschaftliche Literatur des In- und 

Auslandes schnell zur Kenntniss zu bringen und deren Werth zu ermitteln. 



3n betn untergei^neten Verlage ftnb fclfjenbe @d^riften erf^ienen: 

!Bmtai)0 (^id^atl)^ Ueber Kritik und Geschichte 
des Groethe'schen Textes. 1866. Velinpapier, gr. 8. 
geh. 15 Sgr. 

Diese kleine Schrift stellt durch zahlreiche Beispiele unwider- 
leglich fest, wie verderbt der Text ist, den wir bisher in Goethe's 
Werken lasen. Sie ist allen Verehrern unsers grofsen Dichters zu 
empfehlen. 

®rimm f^acob), Ueber den Ursprung der Sprache. 
Sechste Auflage. 1866. 8: ff eh. 10 Sgr. 

, Rede auf Wilhelm Grimm und Rede 

über das Alter. Herausgegeben von Herman Grrimm. 
Dritte Auflage. 1865. Vefinpapier. 8. geh. 10 Sgr. 

jitritttlial (Prof. Dr. $.), Ged&chtnifsrede auf 
Wilhelm von Humboldt an seinem hundert fthrigen 
Geburtstage gehalten. 1867. Velinpapier, gr. 8. 
geh. 6 Sgr. 

;?lbf l (Dr. (L\ Ueber ®pxaä)t alö ÄuebrucI nationaler 
©enfwetfc. ein JBortrag. 1869. gr. 16. ge^. 5 ©gt. 

^hrlin^rr (^nton)« @o fprec^en bie ^ä)\Dahtn. 
@))rtd^n)orter, 9fteben9arten, Stetme. 1868. SSelin^a^iet. 
(9 Sogen). 16. 12 @gr. 

jTa^antB (9)rof. 0L\ Hebet ben Urf^rung ber (Sitten. 
Stoßet abbrnd. 1867. 8. gel^. 8 ©gr. 

Berlin. 9erb. SJtrninlet*^ Setloo^lm^^oiiMmg. 

(^armit nnb dhofimann.) 



A. W. 8ehade*0 Baebdrsekenl (L. Schad«) In BwUtt, SttfteehrilbMttr. 47. 



1f 



ZEITSCHRIFT 

fOb 

VERGLEICHENDE 

SPRACHFORSCHUNG 

AUF DEM GEBIETE DES 

DEUTSCHEN, GRIECHISCHEN UND 
LATEINISCHEN 

HERAUSGEGEBEN 



Dr. ABAXiBBlkT SlffBir, 

PROIS880B Ali OSLHUOBBH OmVAmCM SV BBBU«. 



BAND XVm. 
VIERTES UND FÜNFTBS HEFT. 



BERLIN, 

FBRD. DÜMMLER'S TERLAGSBÜCHHANDLUNO 

(BAKBWITZ ÜBD GOSSHAinf) 

1869. 



Inhalt. Seite 

AltoBkische Sprachdenkmäler in grieohiflcher icbrift. Von W. 

Co rasen. (Fortsetzung) 241 

Ueber die entstehnng des o aas u im lateinischen. Von F. Froehde 258 
Zum ostfränkischen vokalismus. Von Heinrich 6 radl . . . 263 
Anzeigen: Grammaire compar^e des langues classiqaes, contenant 

la th^orie ^iementaire de la Formation des mots en Sanscrit, 

an Grec et en Latin avec r^ferences auz ianffues Germaniques 

par F. Baudrj, 1'* partie: Phon^tique. Angezeigt Ton H. 

Schweizer-Sidler 284 

Ueber ausspräche, vokalismus und betonung der lateinischen 

spräche. Von W. Corssen. Zweite umgearbeitete ausgäbe. 

Angezeigt von H. Sohweizer-8idler 291 

Miscellen: Ariyat und J^gi^yvvfji^, Von G. Schönberg . . . 311 

Lateinische wortdeutungen. Von F. Froehde 313 

Nachruf. (Aug. Schleicher). Von Johannes Schmidt • . 315 
Anzeige: Wilhelm Scherer, zur eeschichte der deutschen 

Sprache. Angezeigt von Adalbert Kuhn 321 

Miscellen: l)Lira u. porca das aokerbeet, fieXhijdie hirse, malva 

die malve. 2) Allerlei: xdgffioq^ nlpai u. s. w. Von A. Fick 412 

Beilagen: Prospectus. Lexicon Sophooleum composuit Fridericus 
Ellendt. £ditio altera. Berolini. Sumptibus fratrum Bomtraeger. 
Verzeichnifs von linguistischen Werken. Verlag von Trübner 9l Co. 
in London. 



In Ferd. Dümmler's Yerlagsbachhandlimg (HarrwiU und Gofs- 
mann) in Berlin ist erschienen: 

ISein^olb (Aarl)^ ^rammatifc ber beutfd)en Ittunbarten. 
Erster Theil: Alemannische Grammatik. 1863. gr. 8. 

geh. 3 Thlr. 10 Sgr. 
Zweiter Theil: Bairische Grammatik. 1867. gr. 8. geh. 

2 Thlr. 20 Sgr. 

Nachdem darch Jacob Grimm die geschichtliche Grammatik der ger- 
manischen Sprache in bewondemswerther Art geschaffen und durch eine Reihe 
von Forschern einzelne Theile derselben von verschiedenen Standpunkten be- 
handelt worden, wandte sich die Auftnerksamkeit mit Vorliebe der Ergrttn- 
dang der deutschen Mundarten zu. Eine Anzahl von Idiotiken entstand, 
durch welche die Keuntnifs des deutschen Wortschatzes bedeutend gefördert 
ward. Noch fehlt es aber an einem Werke, welches die grammatischen Ver- 
hältnisse der einzelnen deutschen Dialekte nach festerem Plane nicht blos 
nach ihrem heutigen Zustande, sondern nach ihrer ganzen Entwickelung be- 
arbeitete, welches demnach eine wichtige und Ifingst verlangte Ergttnzimg zu 
Grimmas Grammatik gäbe. 

Prof. Weinhold beabsichtigt diese Lttcke auszufüllen und will die Dia- 
lekte der Alemannen, Baiern, Franken, Tfattringer, Sachsen und Friesen in 
einer Reihe von Bänden graumiatisch darstellen, so dafs die Lautverhältnisae, 
die Wortbildung und die Wortbiegung von den ältesten Zeiten an und so- 
weit die Quellen zugänglich smd , wie* J. Grimm dies an den germanisehen 
Hauptdialekten lehrte, entwickelt werden. 



Consen, altoskische Sprachdenkmäler in gn ech. schrift. 241 

Altoskische Sprachdenkmäler in griechischer 
Schrift» 

(Fortsetzung.) 

In der bildung des perfectsuffixea entspricht liok-ak- 
. e i - 1 genau der oskischen perfectform leik-ei-t,der umbr. 
treb-ei-t, den lat fun-ei-t, po-sed-ei-t u. a. In 
osk« ac-nm und liok-ak-ei-t verhält sich die wurzelform 
ak- zu der wurzelform ag- in lat. ag-ere u. a. (Verf. 
aasspr. I, 396« 2 ag.) wie die wzf. pak- in pac-i-t, pac- 
•i-sc-i zu wzf. pag- in pag-unt, pang-o (a. o. 393) 
und wzf. plak- in lit. plak-ü, schlage zu wzf. plag- in 
plag-a, schlag, plang-ere n. a. (a. o. 395). Von den 
hier seit alter zeit neben einander erscheinenden wurzelfor- 
men, die auf k und auf g auslauten, ist die erstere aller 
Wahrscheinlichkeit nach die ältere, so dafs schon in der 
Yorzeit der indogermanischen sprachen eine erweichung der 
tennis zur media stattgefunden hat. Nach dem gesagten 
bedeutet also liokakeit in der grabschrift von Anzi so 
viel wie col-locavit. 

Die unmittelbar Forhergehende form xio.axsQfjissko.a,- 
oh er ei hat ganz die gestalt einer locativform eines o-stam- 
mes wie alttrei, poterei-, thesavrei, Frentrei u. a. 
(Momms. U. D. s. 230), wie diese beiden letzten Wertfor- 
men mit dem suffix -ro gebildet. Es ist auch einleuchtend, 
dafie» .ach- in jener form wurzelhafter bestandtheil und ko- 
die oskische präposition com- ist, die auch in dem oom- 
poeitum com-parasc-ust-er erscheint (Verf. zeitschr. 
IX, 162). Welches der vor .ach- verschwundene buch- 
stabe gewesen ist, wage ich auch nicht vermuthungs weise 
auszusprechen. Jedenfalls liegt die schlufsfolgerung nahe, 
dafs die locativform ko. acherei unmittelbar vor liok- 
akeit ^ lat collocavit gestellt ein nomen ist, das den 
ort bezeichnet, wo das grabdenkmal gesetzt ist, etwa mit 
dem sinne in consecrato loco oder in loco maceria 
cincto, in consaepto oder in area. Weiter vermag 
ich tiber jene wortform nichts su ermitteln. 

Z«it8ehr. f. vgl. sprmchf. XVm, 4. 16 



242 Comaü 

Nach der bisher geführten Untersuchung kann Ka- 
-^-a-^ = Ka-h-a-8 nur der nominativ des snbjectes des 
Vordersatzes sein, das, wie sich ergeben wird, auch im 
nachsatze bleibt, der name desjenigen mannes, der das 
grabmal „dargebracht^ oder „versprochen hat^: leikeit, 
und es „gesetzt hat^: liokakeit. In Ka^/^-a-g^ Ka* 
-h-a-s ist das schriftzeichen / die bezei ebnung des laut- 
hauches zwischen zwei getrennt ausgesprochenen vokalen 
wie in ^o^Ao->-o^f4 = vollo-h-om. Der name zeigt die- 
selbe alterthümliche nominativform eines auf ar auslauten- 
den männlichen Stammes wie Tan-a*s in einer sehr alten 
samnitischen inschrift von Aspromonte unweit des alten 
Bovianum (Momms. U. D. s. 174, VUI) und Mag-a-g 
in der Mamertiner inschrift von Messina (a. o. s. 193, 
XXXIX), beides altoskische vornamen. Dieselbe nomi- 
nativform alter männlicher a- stamme hat sich erhalten 
in den altlateinischen compositen parri-cid-a-s und 
hosti-cap-a-s (Verf. ausspr. I, 588. 2ag.). Die geni- 
tivform eines so gebildeten mannesnamens ist erhalten 
in der au£schrift einer nolanischen vase mit etruskischer 
Schrift: Marahieis Puntais (Mommsen a. o. 8. 314), 
wo Punta-is gen. sing, eines Zunamens Punt-a-8 ist. 
Marai. Maqai, in den Verbindungen: Paakul Mulukiis 
Marai und Magat ^Yaovviov (Momms. unterit. dial. 
p. 178, XVI. 192, XXXVIU) sind keine genitivformen 
von Mar*a-s, sondern abgekürzte Schreibweisen für *Ma- 
raiieis, eine namensform, die sich auf der tafd von Pie- 
trabbondante vollständig erhalten hat (yer£ zeitschr. XI, 
403 f. 411 f.) oder Ar Maraies einer lukanischen bronze- 
platte ( Pabretti , Memorie d. deputaz. di storia della Ro- 
magna anno 3^. Im messapischen sind die nominativfor- 
men von mannesnamen auf -a-s häufig; so Ja^tjiovag^ 
Ja^if^ag^ Ja^Ofiag^ Jijravo^ag^ /.i/a^iag, Oboto^ 
gccg^ KccXarogag^ KqiO ovagj ^anagsSovagy Ao^ 
yerißccg, Mok8aj.iag^ Mogxo/^iag ^ So/^tdovag^ 
nXaxogag u. a. (Momms. a. o. s. 74 f. 80. 81). Der lu- 
kanische name Ka-h-a-s scheint desselben Stammes zu 
sein wielat. ca-tu-s, Varr. L.L. VII,46: Apud Ennkim: 



altoskische dprachdenkmlüer in griech. schrift. 24S 

j^Jam cata signa fera sonitum dare vooe parabant^, cata 
acuta; hoo eoim verbo dicaat Sabini; quare: ^oatus 
Aelius Sextu8% non, ut aiunt, sapiens, sed acutus, 
et quod est: „Tuno cepit memorare simul cata dicta% 
accipienda acuta dicta. Dieses ca-tu-s „scharf, scharf- 
sinnig, klug^ von WZ« ka- (J. Schmidt, die wurzel AK-, 
8. 10. 11) ist weiter gebildet in den römischen namen 
Ca-t-iu-8, Ca-tu-lu-s, Cft-ti-1-lu-s (Cft-ti-l-u-s), 
Ca-t-o, Ca-t-ul-lu*s. Demoach bedeutet Ka-h-as 
„der scharfsinnige, kluge, schlaue^ wie Tan-a-s, verwandt 
mit skr. tan-u-s dünn, griech. tav-a^o-g lang, lat. ten- 
-u-i-s, ahd. dunn-i dünn (Curt. Gr. Et. n. 230. 2ag.) 
„der schlanke^ und Mar-a-s verwandt mit lat. Mar- 
•ia-s, Mar«o, mer»u*s, Mar-(t)-s, griech. /ua(>-ju a(»- 
^zo-g u. a. (Verf. ausspr. I, 404 f.) „der glänzende^. Die 
einfache namensform Kahas beweist, dafs die grabschriffc 
von Ansi aus ebenso alter zeit stammt wie die von Sor- 
rento mit ihrer einnamigen aufschrift Virin eis, und da* 
fbr sprechen auch die Orthographie der inschrift und meh- 
rere alterthümliche wortformen derselben, von denen noch 
weiter unten die rede sein wird. 

Aus dem bisher gefundenen sinn der inschrift ergiebt 
sich, dafs neben dem namen Kahas des mannes, der das 
grabmal setzt, auch der name des verstorbenen in dersel- 
ben enthalten sein mufs, dem dasselbe gesetzt wird. Die- 
sen kann man nur suchen in den letzten buchstaben der 
inschrift fitiaiava^ deren letzter, von dem nur ein schrä- 
ger Schenkel erhalten ist, jedenfalls zu a ergänzt werden 
kann. Da hinter diesem a auf dem architrav des tempeU 
giebels, den der grabstein von Anzi darstellt, jedenfalls 
noch platz ist f&r den buchstaben i, so darf man jene 
buchstabenfolge ergänzen zu einer dativform Mtiatava[i\ 
Zwei namen fQr den verstorbenen, etwa einen Vornamen 
und einen familiennamen , darf man nicht annehmen, da 
auch derjenige, der das grabmal setzt, nur den einen na- 
men Kahas fahrt. Mei-ai-ana-i könnte dativ eines fe- 
mininen namens sein, wenn nicht das an dem unteren bruch 
des grabsteines noch sichtbare köpf haar der auf demselben 

16* 



244 ConM& 

dargestellten person zeigten, dafs der yeratorbene ein i 
war. Also mnfs man von jener dativform auf eine nomi- 
natiTform *Mei-ai-ana-8 derselben art wie Eaha-e, 
Mara-8, Tana-s schliefseD, welche die anffixe -aio 
(-aiio) und -ano enthält wie die oskischen namensfortneD 
Pomp-aii-an-8 , Pomp-aii-aoa-i, Bov-ai-ano-d. 
Das grandwort, das nach ablösung dieser suffixe übrig 
bleibt, Me-io<- ist schwerlich etwas anderes als der stamm 
Ma-iio* in der dativform Ma-iio-i des cippns von Abella 
und in dem namen Ma-io-g der inschrifb Ton Ischia, also 
von Mah-ii-s =s: lat. Mag-iu-s nnr durch den ausfali 
des gutturalen lautes verschieden (Verf. Z. XI, 327 f.)* 

Es bleibt endlich noch die wortform (tf a^ := svam 
der vorliegenden inschrift zu erkl&ren. Die erg&nzung des 
letzten unvollständigen buchstabens derselben zu ju ist um 
so sicherer, da nur dieser den räum zwischen dem raade 
des Steines und dem e von scot ausf&Ut, während die er« 
gänznng desselben zu A zu anfang der zeile einen leeren 
räum auf dem architrav des durch den grabstein darge- 
stellten tempelgiebels Qbrig lassen wQrde. Dieses sva-m 
erscheint als eine feminine aecusatiTform des pronominal* 
Stammes sva- wie osk. pa«m, pa-n, lat. qua-m vom re- 
lativen pronominalstamme ka- (Momms. unterit. dial. s. 291. 
Verf. zeitschr. XI, 403. 414. Ausspr. I, 115. 2 ag.), lat 
ta-m vom demonstrativen pronominalstamme ta- und lat 
na-m vom pronominalstamme na- (Verf. krit. beitr. e. 289« 
290). Osk. sva-m kann also jeden&lls adverbielle bedeu- 
tung haben wie ta-m, qua-m, pala-m, cora-m, per- 
pera-m, promisca-m, protina-m, bifaria-m, tri* 
faria-m (Verf. ausspr. I, 769 anm. 2ag.) und die art und 
weise bezeichnen. Sva-m ist zunächst verwandt mit der 
altlateinischen form sua-d, einer femininen ablativform des 
pronominalstammes sva-, die sie bedeutet (Fest. p. 3öL 
Verf. a. o. I, 196 f. 201 ), und dieselbe bedeutung ist daher 
auch far osk. sva-m anzunehmen. Es bedeutet im zu- 
sammenhange der grabschrifl von Anzi als adverbium zu 
dem verbum liokakeit s=s lat. collocavit, dais Kahas 
das grabmal „so^ gesetzt hat, wie es eben fertig dasteht 



altosiuBohe sprachdenkmVler in griecb. sohrift. 



845 



▼or den äugen deqenigen, der die inscfariffc desselben liest. 
Als ortsadverbium kann man sva-m nicht fassen, da die 
bestimmung des ortes fbr das grahmal schon in der Ter» 
stflmmeltexi locativform ko. ach er ei gegeben ist. 

Nachdem ich ron der Orthographie der grabschrift, 
Ton jedem lautbestandtheil und büdungsbestandtheil ihrer 
wortformen wie von ihrer bedeutang rechenschaft abge- 
legt habe, gebe ich hier die inschrift noch eipmal in grie* 
chischer und lateinischer schrift mit der Übersetzung in 
das lateinische, die letztere f&r einige wortformen doppelt 
einmal im engen anschlufs an die etymolc^e der oskischen 
Wörter, dann gemftfs dem sprachgebranche lateinischer grab- 
schriften: 



sorovom einim 

praeditum aoQtp et 



et 

leikeit^ 
pollicitas est, 



esot 
hoc 



ßgartafA 
bratom 
Votum 



Pot Yollohom 

Quod yallare 

Quod exstruere cinerarium 

xaniSiTiOfi Ka/ag 

kapiditom Eahas 

capide (sepulcrum) Cahas 

ollarium 

xw.ax^Qfji^ kioxaxBit a^ajA 

ko. acherei liokakeit svam 

in CO ö collocayit sie 

Meiaianai. 
Meiaianae. 

Die grabschrift von Anzi wird also durch die einna* 
migkeit der in derselben erwähnten personen neben der 
griechischen schrift in dieselbe zeit gewiesen, wie die grab- 
schrift von Sorrento, also in die jähre von 421 bis 338 
vor Christus. Auch die Verwendung des schriftzeichens >c 
zur bezeichnung des zwischen zwei getrennt gesprochenen 
vokalen entstehenden lauthauches theilt die besprochene 
grabschrift von allen oskischen Sprachdenkmälern nur mit 
der opferurkunde von Agnone. Diese zeigt sehr alterthOm- 
Hche bncbstabenformen mit nnregelm&fsigen stumpfen und 



S46 Conaen 

spitzen winkeln, spitz anslanfenden enden der schenke! 
and Verlängerungen derselben Über ihren Scheitelpunkt hin- 
aus ohne jede ligatur, bnchstabenformen , wie sie die äl- 
teste oskische schrift der münzaufschriften von Phistelia 
aufweist, die Mommsen vor 354 vor Chr. setzt. Die spä- 
tere oskische schrift, wie sie namentlich der Cippns von 
Abella aufweist, zeigt hingegen durchweg eine spätere, sehr 
regelmäfsige, rechtwinklige form der bnchstaben, deren 
schenke! niemals über ihren Scheitelpunkt verlängert und 
deren schenkelenden durch kleine querstriche geschlossen 
sind, und zahlreiche ligaturen auf einander folgender bnch- 
staben. Auch die wortformen der opferurkunde von Agnone 
zeigen spuren eines bedeutend höheren alters wie die wort- 
formen des cippus von Abella. 

Wenn somit durch ihre einnamigkeit wie durch ihre 
Schrift und Orthographie die grabschrift von Anzi bis in 
das fQnfte Jahrhundert vor Christus zurückgewiesen wird, 
so wird dieses ergebnifs durch alterthfimliche und sprach- 
geschichtlich wichtige wortformen bestätigt. Die nomina- 
tivform Eahas wahrt nicht blos das a des männlichen 
wortstammes, sondern auch das s des nominativs wie Ta- 
nas, Maras in altoskischen und lat. parricidas nnd 
hosticapas aus altlateinischen Sprachdenkmälern der äl- 
testen zeit. Der infinit! v voll oh om zeigt die ältere en- 
dung -om, während spätere oskische Inschriften nur -um 
aufweisen, wie oben nachgewiesen ist. Die neutralen ac- 
cusativformen der pronomina esot nnd pot haben das ur- 
sprüngliche t der neutralen nominativformen und accusa- 
tivformen erhalten. Zwar bieten handschriften des Festoa 
noch die Schreibweisen pit-pit, pip-pit fQr die der la- 
teinischen quid-quid entsprechende oskische pronominal- 
form; aber in diesen kann auslautend t statt d geschrie- 
ben sein, wie in Inschriften der kaiserzeit it, quit, qnot, 
quitquit, quitquam, illut, aliut. Kein oskiecbes 
Sprachdenkmal hat aufser der grabschrift von Anzi das ur- 
sprüngliche neutrale t der pronominalformen gewahrt; schon 
die opferurknnde von Agnone hat dasselbe zu d erweicht 
in -pid 3s lat. quid von potereipid wie die ältesten 



altOBkische spraehdenkmXler in griech. schrift. 247 

Ulis erhalteneD lateinischen Inschriften in id, quid, qnod, 
w&brend seit der Angusteischen zeit f&r dieses d i^ieder 
das ursprüngliche t geschrieben wird (Yerf. ausspr. I, 192 
— 194. 2 ag.). Die perfectformen leikeit und liokakeit 
haben das t des Personalpronomens der dritten person un- 
versehrt erhalten wie ombnet in der altoskiscben tafel 
von Pietrabbondante (Verf. zeitschr. XI, 414) und öbSst in 
der ebenfalls altosk. weiheinschrift des helmes von Palermo, 
die weiter unten zur spräche kommen wird (Verf. ausspr. 
I, 195). Die Opferurkunde von Agnone enth&lt keine for- 
men der dritten pere. sing. ind. perf. act. ; aber sie wahrt 
das ursprüngliche t in der dritten pers. sing. conj. praes. 
stait r» lat. stet (Verf. zeitschr. XIII, 250 f. 253 f.) und 
in der 3. pers. plur. ind« praes. eestint as exstant (a. o. 
XI, 370. XIH, 231). Das auslautende t der 3. pers. sing, 
ind. perf. ist schon zu d erweicht in der sonst sehr alter- 
thQmlichen form einer samnitischen tempelinschrift von Bo- 
vianum dadikatted = lat dedicavit (a. o. XI, 363. 
368 f.) und in unated a» unavit in der inschrift eines 
samnitischen censors von Bovianum (a. o. 403. 416) und 
regelmAfsig in den formen späterer oskischer Sprachdenk- 
mäler: deded, kombened, proffed, opsed, profat- 
tedy aamanaffed (a. o. XIII, 253. Verf. ausspr. I, 195. 
2 ag.). In der 3. pers. sing. ind. praes. hat noch die spät- 
oskische form faamat das auslautende t gewahrt (Verf. 
seitschr. XIII, 253. 259) und dem altoskiscben stait ent- 
sprechend findet sich noch auf der tafel von Bantia die 
3. pers. sing. conj. praes. tadait (a. o. 253). Aber in der 
regel ist das auslautende t dieser conjunctivform im oski- 
sohen zu d erweicht wie in fuid, fusid, hipid, pruhi- 
pid, fefacid, potiad, heriiad, deivaid (a, o. XIII, 
252. 253. Verf. ausspr. I, 195. 2 ag.). Die endung der 
dritten person pluralis -nt hat sich nur erhalten in der 
altoskiscben form eestint, sonst zu t erleichtert wie in 
86t SS sunt und in den futurformen censazet, triba- 
rakattuset, angetuzet (Ver£ zeitschr. XIII, 250. 254f.) 
oder zu -ns abgeschwächt in der 3« pers. plur. ind. praes. 
eitons (a. o. XIII, 259 f.), in der 3. pers. plur. ind. per£ 



248 Gonsen 

teremnattens und uapsens, ovnaBvg (a. o. 254) and 
in den formen der 3. pers. plor. conj. deicans, potlans, 
tribarakattins, patensins (a. o.). Im oskischen nnd 
umbrischen hat so wenig wie im lateinischen ein onterschied 
bestanden zwischen sogenannten starken und schwätzen 
verbalendungen (Verf. zeitschr. XI, 350f. XIII, 250). Die 
älteren oskischen Sprachdenkmäler haben das -t und -nt 
der dritten person von verbalformen im ganzen treuer ge- 
wahrt, als die späteren. Die formen leikeit und lioka- 
keit bezeugen also das hohe alter der grabschrifk von 
Anzi einmal durch Währung des t, dann aber auch durch 
die bezeichnung des urspranglichen eharaktervokals I durch 
6i, das die späteren oskischen sprachdenkmiüer in den 
formen wie deded, kombened u. a. zu e abgeschwächt 
haben. 

Für die geschichte der italischen conjngation sind 
wichtig die beiden formen vollo-h-om ss lat. valla-re 
und kapidl-to-m, wie oben nachgewiesen ist, eigentlich 
eine neutrale participialform eines oskischen verbum *ka- 
pidi-om, das lateinischen wie vestl-re entspricht, indem 
sie das Vorhandensein einer o-conjngation und einer i-con- 
jugation für den oskischen dialekt aufser zweifei setzen. 

Sicher sind also in den formen poti-ad, poti-ans 
vom verbum poti-nm =s lat. potl-ri conjunctivfonnen 
wie audi-at, audi-ant von audl-re (Verf. zeitschr. XI, 
338. 344 f. 356 f. Ausspr. I, 425. 2 ag.) erhalten; ebenso 
gehören der i- conjngation an die conjunctivfonnen heri* 
-iad, umbr. heri-iei (zeitschr. XI, 334£ 355) u. a. (Verf. 
ausspr. I, 468 f. 2 ag.). Auch fa-t-l-om „sprechen^ ist. 
hiernach ein verbum der i-conjugation, gebildet vom nomen 
f a - 1 i - = griech. (pa-Ti-^ während das lateinische deno- 
minativum fa-t-e-ri „gestehen^ der e-conjugation gefolgt 
ist (Verf zeitschr. XI, 344. Ausspr. I, 421 f ). In amfr-e-t 
= lat. amb-i-unt von einem verbum '^amfr-l-um as 
lat. amb-i-re (Kirchh. stadtr. v. Bant. s. 9. Zeitschr. U, 
382) ist ursprüngliches i vor der personalendung t zu e 
geschwächt wie in den perfectformen deded, oombened 
u. a. Also auch amfr-e-t gehört in demselben sinne det 



altoskische sprachdenkmiler in griech. schrift. 249 

i-conjugati<m an wie lat. amb-l-re nhd das einfache I-re. 
Hingegen wird man die oskischeo formen liip-id, pru- 
-faip-id, hip-o*st, prn-bip-u-8t neben lat. hab*a- 
-erit, pro-hib-u-erit, habe-re, pro»hib6-re, umbr- 
habe, habe-ta (Eirchh. a. o. 8. 37. Zeitschr. IQ, 419. 
XI, 371. AK. umbr. sprachd. I, 140) nicht umhin können 
fbr formen eines verbum der e-conjugation ^hape*um zu 
bähen, das dem lateinischen habe-re entspricht. Von 
einem oskischen verbam ^lonk^-um = altlat. *loace-re, 
lucö-re ist auch der oskische beinamen des Jupiter Lu- 
ce-t-iu-8 ausgegangen (Serv. Verg. Aen. IX, 570. Momms. 
unterit. dial. s. 274. Verf. krit. beitr. s. 471. Ausspr. 1, 367. 
2 ag.). Demgemäfs verhält sich auch der oskische name 
einer göttin Gene-ta-i „erzeugerin^ zu einem oskischen 
yerbum *genS-um „erzeugen^ wie lat M one-ta zu mo- 
ne-re (Momms. unterit. dial. 253* Zeitschr. I, 93. V, 10. 
Verf. ausspr. I, 438. 2vag.). Die yerbalform ei-tu-ns = 
lat. e-unt (zeitschr. V, 129. 402. VI, 24. 28. XIH, 259) 
▼on einem verbum *ei-tu-um entspricht lateinischen de- 
nominativen verben wie sta-tn-ere, fu-tu-ere. 

Der oskische dialekt hatte also wie die altlateinische 
q>rache abgeleitete verba, deren stamme auf ft, ß 
I und ö auslauteten; im oskischen dialekt überwogen 
aber bei weitem die abgeleiteten verba der a*conjugation 
auf -ft-um wie die lateinischen auf -a-re. In beiden 
sprachen ist von diesen verbalstftmmen eine ffiUe von no- 
minalbildungen ausgegangen (Verf. zeitschr. V, 96 f. Krit 
beitr. s.338f.). Auch im umbrischen dialekt überwiegen 
unter den abgeleiteten verben die der a-conjugation und 
die nominalbildungen von denselben (AK. umbr. sprachd. 
I, 140 f. 146.147. t«3.). 

Die schrift, die Orthographie, die alterthümlichen und 
sprachgeschichtlich wichtigen sprachformen und die einfa- 
chen namen der personen sprechen also übereinstimmend 
dafür, dafs die grabschrift von Anzi zu den Älte- 
sten oskischen Sprachdenkmälern gehdrt, die wir 
besitzen, und mit den ftltesten münzaufschriften von Uria, 
AUifiie und Phistelia dem Zeitalter vor dem beginne 



250 Consen 

der Samniterkriege angehören. Wie die in einheimi* 
scher schlangenförmig gewundener schrift eingemeifselteD 
aitsabellischen Inschriften der steine von Creochio und Gn* 
pra maritima überragt auch die grabschrift von Anzi an 
alter alle uns erhaltenen Originalurkunden der altlateinischen 
spräche. Wenigstens fehlt es bis jetzt an beweisen daf&r^ 
daüs irgend eine der altlateinischen aufschriften auf kunst- 
werken oder der weiheinschriften auf bronzetafeln ans dem 
fünften Jahrhundert vor Christus herrühre, obwohl das 
keineswegs undenkbar wäre. 



3. Die weiheinschrift eines helmes zu 
Palermo. 

Diese inschrift ist eingeritzt in einen heim unbekannten 
ftindortes, der gegenwärtig im museum zu Palermo verwahrt 
wird. Fabretti erhielt von derselben einen papierabklatsch 
nach einem kalkabdruck von Giovanni, Vorsitzendem der 
commission f&r alterthfimer und schöne künste von Sicilien 
und hat die inschrift nach demselben mitgetheilt und be- 
sprochen in den Verhandlungen der königlichen akademie 
der Wissenschaften zu Turin (Adun. d. cl. di sei. mor. stör, 
e filol. tenut. il di 29 di maggio 1864). Fabretti bezeich* 
net dieselbe als „un iscrizione recentemente scoperta, la 
quäle si legge grafSta su due elmi provenienti dal Sannio 
o dalla Lucania ed or conservati nel Museo di Palermo*'. 
Nach diesen werten mufs man schliefsen, daft nach Fa- 
bretti's ansieht ein und dieselbe inschrift auf zwei helmen 
geschrieben steht, wie sie auch im Corpus InseriptioiMim 
Italicarum wiedergegeben ist (n. 2890 a. b.). Derselbe be- 
merkt aber: ,,11 calco del secondo elmo, per la leggeresca 
del graffito, non presente Tiscrizione tanto ohiaro per ri* 
produrla in facsimile^, spricht auch in seinem aofiwtse 
immer nur von der facsimilierten inschrift des einen helmes. 



gltoskische spraehdenkniKler in griech. schrift. 251 

Allein von dieser kann also hier die rede sein, und was 
auf dem anderen - helme geschrieben stand oder steht, bleibt 
vorläufig ganz dahingestellt. 

Die vorliegende inschrift weist die bucbstabenfonnen 
des dorisch- sicilisch-chalkidischen alphabets auf, namentlich 
der dorischen vasen, schliefst sich also zunächst an die in 
Campanien, Lucanien, Bruttinm und Messina gefundenen 
oskischen Sprachdenkmäler in griechischer schrift an(Momms. 
nnterit. dial. s. 190—199, taf. XII). Nur das t hat in der 
helminschrift von Palermo die archaistische form f wie 
das etruskische aiphabet der noianischen gef&fse (a. o. 
taf. Xni, 1. 2. 4. 13. 14) und des thongefäfses von Bo- 
marzo und das umbrische wie das phönikische aiphabet 
(a. o. taf I.). Die schrift jener inschrift ist linksläufig wie 
die aufechriften zweier ziegel von Monteleone mit oski- 
schen namen (a. o. s. 196). Linksläufige anfschriften auf 
knnstwerken können aber ein besonders hohes alter der- 
selben nicht erweisen. 

Fabretti liest die obige inschrift: TQsßg KasiftEg 
SiStT und erklärt sie Trebins Seztius dedit (a. o. 
p. 2). Von dieser deutung kann ich nnr die erklärung des 
letzten wertes, der verbalform SsSev =s tat. dedit filr 
vollkommen richtig halten« In den vorhergehenden Wörtern 
sind zwar nominative von oskischen namen enthalten ; aber 
diese sind aus paläographischen und sprachlichen gründen 
anders zu erklären, als Fabretti aufstellt. Derselbe behaup- 
tet , der buchstabe > bedente in der inschrift k. Aber eine 
soldhe form des k ist den dorischen alphabeten völlig firemd, 
nnd der buchstabe > bezeichnet in denselben niemals etwas 
anderes als die media g (Momms. U. D. taf. I). Schon hier- 
aas folgt, dafs die buchstaben ^ > der helminschrift von 
Palermo nicht anlautendes ks eines oskischen wortes be- 
deoten können; dagegen spricht auch, dafs die oskische 
lantfolge ks in der griechischen schrift der Mamertiner 
v<m Messina durch | bezeichnet wird, in der oskischen 
wortform fi^SSsi^ fttr meddeiks (Momms. nnterit. dial. 
8. 193). Da femer der oskische ziscUant s in allen Sprach- 
denkmälern mit griechischer schrift sonst ohne ausnähme 



252 Comen 

durch griechisches^ bezeichnet wird, so ist es üDglauUicb, 
dafs in der vorli^enden helmauischrift eben dieser laut 
durch ks bezeichnet wQrde. Um das glanblioh machen, 
beruft sich Fabretti auf die Schreibweise Ivv fbr (Tvp, 
Aber in griechisch ^vv Terglichen mit den nebenformen 
xvv^ (Svv und lateinisch cum, com- ist sk jedenfalls ein- 
mal der aniaut der präposition gewesen (Curt. gr. et. s. 477. 
626. 2 ag). Dafs hingegen die oskische wortform für die 
sechszahl nur mit s anlauten konnte nicht mit ks, beweisen 
lat. sex, umbr. se-men-ie-s »s se-mes-tri-bns (AK. 
umbr. sprachd. II, 411) und das entsprechende sahlwort 
aller verwandten europäischen sprachen wie des sanskrit 
(Curt. a. o. n. 584). Also kann es weder eine griechiaehe 
Schreibweise *i^ 0*6 IT re^ f&r einen oskischen namen 2Bor%^ 
=s lat. Sextius gegeben haben, noch eine oskische wort- 
form ^Ka^öT^g = lat. Sextius. Der buchstabe > der 
in rede stehenden Inschrift kann also nur die gutturale 
media g bezeichnet haben. Da nun im oskischen dialekt 
nach allem, was wir von demselben wissen. So wenig wie 
in irgend einer verwandten Sprache eine wortform *Y<f%aT%q 
bestanden haben kann, oder gar ein Wortungeheuer wie 
*TqBß6y, so folgt mit zwingender noth wendigkeit, dafs 
der buchstabe > sowohl von dem vorhergehenden Tgeßg 
als von dem folgenden JSearsg zu trennen ist, dafs er 
gar nichts anderes sein kann als der anfangsbuchstabe eines 
oskischen namens oder titeis. Nun ist > die gewöhnlidie 
sigle des oskischen Vornamens Gaaviis ss lat Gains; so 
auf oskischen münzen: O. Paapi O. Mutil embratur 
= Gaius Papius Qai filius Mutilus Imperator 
(Momms. unterit. dial. s. 253. Leps. Inscr. Umbr. et Oao. 
Taf. XXX, 44. 46. Priedl. d. osk. mttn«s. Taf. IX, 6. 9) und 
auf einer tufeteinsäule der nekropole von Cumae: G. Silli 
G. = Gaius Sillius Gai filius (Verf. zeischr. XI, 325. 
Fabr. C. I. Ital. 2760). Einen mit g anlautenden titel dnes 
oskischen beamten kennen wir hingegen nicht. Es ergabt 
sieh also, dais auch auf dem heim von Palermo der bach- 
etabe > den oskischen namen Gaaviis bedeutet. Denmadi 
ist die Inschrift desselben zu lesen: 



•ItotkiBche spnchdeiikiiilller in grieoh. schrift. 253 

Tg^ßg r. Jtaateg SbSst. 
Auoh fkmilienDamen werden zwar in oskischen Inschriften 
abgekürzt geschrieben; aber dafs vomame und zuname 
ToUständig ausgeschrieben wären, hingegen der familienname 
blofs durch den anfangsbnchstaben angedeutet, ist in oski- 
schen Inschriften völlig ohne beispiel. Das > kann also auf 
dem heim von Palermo nur den Tomamen Gaviis bezeich* 
nen. EKe singularform des verb. Je^crsslat. dedit zeigt, 
dals Tor derselben nur eine person genannt sein kann, 
welche den heim einer gottheit geweiht hat, der name eines 
kriegers, der ihn im kämpfe getragen oder erbeutet hat. Ein 
und dieselbe person wird in osk. inscbriften mehrfach durch 
▼ier namen bezeichnet, nämlich vomamen, familiennamen, 
Vornamen des vaters im genitiv und zunamen, zum beispiel : 
L.(?) Staatiis L. Elar[i8] as Lucius Statius Luci 
filius Clarius (Yer£ zeitschr. XI, 363), Gn. Staus Mb. 
TafidinS|S=:Gnaeius Staius Magii filius Tafidinus 
(a. o.), L. Slabiis L. Aukll = Lucius Slabius Luci 
filius Aucilus (Momms. nnterit. dial. s. 179, XVIII). 
Da nun Tgeßg F, Sbötsq eine einzige person bezeichnet, 
und die sigle F nur den vomamen Gaviis bedeuten kann, 
so mufs man schlie&en, dafs das P nach Tpeßg vor ^e* 
cfTis den Vatersnamen im genitiv bezeichnet wie das L 
nach Slabiis vor Aukil, dafs also Tgsßg den familien. 
nameo des genannten kriegers bedeutet, ^eareg den zu- 
namen. Daraus ergiebt sich unweigerlich die schlufsfolge- 
ruQg, dafii in dem vorliegenden tezt der inschrift der Vor- 
namen des kriegers fehlt, sei es, dafs der Schreiber ihn 
ausliefe, sei es, dafs der anfangsbuchstabe desselben, in das 
metall des helmes leicht eingekratzt, undeutlich geworden 
oder verschwunden ist; und diese letztere annähme hat die 
Wahrscheinlichkeit fikr sich, da nach Fabretti^s angäbe die 
inschrift des anderen helmes so leicht eingeritzt ist, dafs der 
kalkabdmck oder der papierabklatsch die zQge derselben 
nicht vollständig wiedergab. Man kann natürlich nicht mit 
Sicherheit wissen, welcher buchstabe zu anfang der inschrift 
▼srchwunden oder weggelassen ist, welches der vomame des 
kriegers gewesen ist. Indessen dafe bei den oskisch redenden 



256 Corflsen 

Heiren-iu, Sil-ie-s, Stat-ie, Pont-il-s, Paapii, 
Stat-ii-8, Paap-ii, Heirenn-i-8, Paap«i (Momms. 
unierit. dial 8. 229. Oloss. Verf. zeitschr. XI, 325. 339 f. 
401 f. Xm, 191. Fabr. a. o.) und neben diesen auch Het- 
ren-8, Upii-s, Salav-s, Treb*8. Bei dieser vielge- 
staltigkeit der nominativformen, kann es nicht verwundern, 
zwischen den lokanischen forme» wie Mara-ie-s, Afar- 
*ie-s u. a. und den nominativformen wie Treb-s der vor- 
liegenden helminschrift in eben diesem Sprachdenkmal eine 
zwischenform Sest-e-s = lat Sest-io-s anzutreffen, ent- 
standen aus *Sest-ie-8, indem i vor e schwand. So ist 
dasselbe geschwunden in den formen der dritten pars, plur« 
Alt. I und II censa-zet, tribarakattu-set, angetn* 
-zet, deren suflSx -set, -zet dem umbrischen suffix -reat 
der dritten pers. plur. fut. II von benu-rent, fakn-rent, 
habu-rent entspricht wie dem lateinischen suf&z «rint 
von vene-rint, fece-rint, habue*rint und -runt von 
erunt, sufßxformen die alle von italischen grundfonnen 
*es-ie-nti, *es-io-nti einer ursprünglichen form *a8- 
-ia-nti, eines conjunotivischen iutnrums der wurzel ae- 
„sein^, ausgegangen sind (Verf. zeitschr. Xin,254f. XI, 
354. Ausspr. I, 563, anm. 2 ag.). Da die oskischen vor^ 
namen meist mit dem sufBx »io gebildet sind (Momms. 
unterit. dial. s. 242), so ist es erkl&rlich, wenn in der helm- 
inschrift von Palermo ein ebenso gebildeter zuname Sest- 
*e*s == lat. Se,st-iu*s erscheint neben dem lateinischen 
Zunamen Sextu-s. Wie osk. meddis aus meddiks enf^ 
standen ist, so führt der grundbestandtheil ses- in Ses- 
-t-e-s auf eine oskische form *eeks der sechszahl = lat. 
sex, die auch in umbr. se-men-ie-s == se-mes-tri-bus 
zu gründe liegt. Die helminschrift von Palermo ist nach 
der vorstehenden Untersuchung folgendermafsen zu Ober* 
setzen : 

[6.] Trebs 6. Sestes dedet. 

[G.] Trebius 6. f. Sestius dedit 
Der sinn derselben ist: [Gaius] Trebius Sestius söhn des 
Gaius, ein oskisch redender kriegsmann, hat nach fiberstan- 
denen feldzügen und kämpfen einen heim, den er entweder 



altoskische sprachdeDkmäler in griech. ichrift. 257 

selbst getragen (Hör. Od. III, 26, 3 f.) oder Tom feinde er- 
beutet hat (a. o. UI, 5, ISf.)) der gottheit geweiht, der er 
ftar ihren schätz in den gefahren und mQhsalen des krieges 
dankbar ist. Man darf annehmen, dafs jener krieger einer 
der samnitischen schaaren angehörte, die im fünften nnd 
vierten Jahrhundert vor Christus erobernd Lucanien und 
Bruttium durchzogen, zu denen auch die Mamertiner ge- 
borten, die sich später nach Agathokles tode Messinas 
bemfichtigten. Aus der oskischen inschrift von Messina in 
griechischer schrift erfahren wir, dafs zwei /neSSei^ genannte 
beamte nnd die gemeinde der Mamertiner dem Apollo ein 
heiligthum weihen (Momms. unterit. dial. s. 1 93, XXXIX). 
Dafs die weiheinschrift des helmes von Palermo nicht aus 
Samnium stammt, wo sich oskische inschriften mit griech. 
schrift überhaupt nicht gefunden haben, sondern aus Cam- 
panien, Lucanien, Bruttium oder Messina, wo griech. schrift 
oskischer Sprachdenkmäler erwiesen ist, liegt auf der band. 
Und da Messina doch mit Palermo in der nächsten und 
onmittelbarsten Verbindung steht, so liegt die vermuthung 
nahe, dafs der heim mit der oskischen weiheinschrift in 
griechischer schrift aus Messina stammt, und dafs der 
kriegsmann, der ihn weihte, ein Mamertiner war, der viel- 
Idcht dem samnitischen kriegsgotte Mamers seinen dank 
darbrachte. 

Dafs die besprochene inschrift aus späterer zeit stammt 
als die grabschrift von Anzi, beweist der ausgebildete ge- 
brauch der vier namen für eine person nach oskischer sitte. 
Die Mamertiner inschrift zeigt in der bezeichnung der beiden 
fi€3ÖBi^: ^JxBviQ Kcelivig ^raTTit]ig = Stenius 
Calinius Statu filius und MaQaq Ilo^nvies Niuf4,' 
(fäifiig = Maras Pomptius ^Numisidii filius die- 
selbe oskische sitte der benennung, nur dafs hier die Zu- 
namen fehlen. Mommsen setzt diese inschrift in die zeit 
bald nach dem tode des Agathokles (a. o. s. lOG)»- also in 
die zeit des Pyrrhus. Da nun die helminschrift von Pa- 
lermo sowohl durch die griechische schrift als durch die 
Wahrung des auslautenden t der perfectform dedet, von 
der schon oben die rede gewesen ist, sich als ein os- 

Zeitschr. f. vgl. sprachf. XVIII. 4. 17 



258 Froehd« 



kiflclies spraohdenkmal der filteren zeit kundgiebt, so ist 
man berechtigt zu folgern, dafs dieselbe dem Zeitalter vom 
beginne der Samniterkriegc bis zum beginne der 
pnnischen kriege angehört. 

Berlin. W. Corssen. 



üeber die entstehnng des o aus u im lateini- 
schen. 

Die unmittelbare entstehung des o aus wurzelhaftem o, 
wie wir sie im deutsehen, slawischen, im kyprischen dialect 
(Schmidt zeitschr. IX, 366), im neuumbrisohen (Aufrecht 
und Kirchhoff umbr. sprachd. p. 62; Corssen voc. I, 251 ) 
finden, wird von Schleicher (compend. p. 71) sowie von 
Schweitzer (an mehreren stellen dieser Zeitschrift) fbr das 
lateinische in abrede gestellt. Dagegen lassen andere ge* 
lehrte wie Pott, Curtius, Corssen, Fick diesen lautübergang 
in ihren etymologischen arbeiten zu und Curtius fahrt in 
der tabelle der regelmäfsigen lautvertretung o schlechthin 
als Vertreter des u ftlr das lateinische auf. Die folgenden 
bemerknngen wollen einen beitrag zur entscheidung der fbr 
den lateinischen vocalismus sowohl wie für die etymologie 
nicht unwichtigen frage geben, und unterziehen zu diesem 
behufe die beispiele, welche zum erweise des bezeichneten 
lautwandels angef&hrt werden können oder angeführt wor* 
den sind, einer genaueren prüfung. 

In den wenigen Überresten der latinit&t bis zum han- 
nibalischen kriege ist ein bezügliches beispiel nicht über- 
liefert; denn die formen exfociont und macistratos in 
der wiederhergestellten columna rostrata sind f&r jene zeit 
jedenfalls nicht beweisend (vgl. Ritschi de tit. col. r. cqmm. 
II, p. 4). Oefler finden wir langes o wurzelhaftem u gegen- 
über; allein hier ist nicht sowohl unmittelbarer Übergang 
als synizesis aus älterem ou anzunehmen in der weise, wie 
robigo fbr^^roubigo aus der wurzel rudh, oder cono- 
tos (carm. arv.) aus co(j)uncto8 (Corssen voc. ü, 43) her- 



aber die entstehUDg des o aus h im Uteinischen. 259 

vorgiog. So entstand Roma aus ^Rouma von wz. erii« 
(Corasen zeitscfar. X, 18); losna auf einem praenestinischen 
Spiegel (corp. insc. lat. Ö5) aus *iou8na von wz* Ins leuch- 
ten, die in altn. l^sa lios, lat. illustris erscheint; ferner 
Poloces (a. o.) aus *Polouces sss rioXvSsvxtig^ coraverunt 
(a. o. 75) aus couravcrunt '). 

Es ist indessen aus dem fehlen von beispielen noch 
nicht mit Sicherheit zu schlie&en, dafs der Übergang von 
u in o in jener alten zeit unerhört war. Denn gleich im 
anfange der folgenden periode der lateinischen spräche, in 
der Volks- und Schriftsprache mehr und mehr auseinander 
gehen, sehen wir in ersterer denselben in einzelnen bei- 
spielen hervortreten. So bediente sich Livius Andronicos 
nach Festus zeugnis (p. 297 M.) des plebejischen sortus 
fbr surrectus. Der spräche der landleute gehörte die form 
jogalis (wz. jug) an, die bei Cato r. r. 10. 14 überliefert 
ist. Ebenso gestattete der volksmund die giiechischen Wörter 
xväfopice (fÄ^la) Und ayxvga zu cotonea (mala) und an« 
cora* Dafs dagegen molucrum (Afran. 343 B.) dem 
griechischen entlehnt sei (Festus p. 141), scheint mir nicht 
ausgemacht; weder fprm noch bedeutung nöthigen zu sol* 
eher annähme. Weiterhin zn Ciceros zeit sprach das volk 
oonnus (aus cus*nus, vgl. Aufrecht zeitschr. IX, 232), wie 
aus ep. ad fam. IX, 22 zu erschliefsen ist. Wahrscheinlich 
haben wir unseren lautObergang anzunehmen in dem auf 
inschriften öfter vorkommenden Posilla f&r pusilla (corp. 
insc. lat. 953. 1035. 1098. 1306), obgleich die etymologie 
des Wortes noch nicht hinreichend aufgekl&rt ist. Wepn 
stndere dem griechischen antvöuv entspricht, so ist die 
form stodia (Orelli 4859) ein beiepiel aus der augustei* 
sehen zeit. Dais u in rudis ursprOnglich sei, ist meines 
Wissens noch nicht erwiesen, so dafs sich über erodita 
(corp. insc. lat. 1009) nicht sicher urtheilen l&fst. Fernere 



*} Da UL a aus oa öfter gr. «i> entopriclit wie in Ju-piter neben Ztv-^ 
in jogera jameDtum neben ^tvyt^ ^ivyfta nnd s vor c im anlani Uteinischer 
Wörter nicbt selten abgefallen ist, so wäre es möglich con-rare dem griechi- 
schen a*it*-üC^uv in der wurael gleichxusetsen; jedenfalls ist fttr die et3rmo- 
logie die eonstmction (curare procnrare aliquid) Ton Wichtigkeit ^ 

17* 



860 Froehde 

beiBpiele Bind noch Fortona (a. o. 1289), sescoDciam 
(a. o. 1430), domo» gen. (Augustus nach Mar. Vict. de 
met. 1,4). In der kaiserzeit nimmt der Qbergang von n 
in o mehr und mehr Oberhand und gelangt endlich zur 
herrachaft. Vgl. Schuchardt voc. des Yulgärlat. II, 49 ff. 

Dies werden etwa die beispiele sein, die sich zum er- 
weise des in rede stehenden lautwandels als aberliefert an* 
fiCkhren lassen. Allein alle diese formen gehören der Volks- 
sprache an, und sowohl die sorgftltigeren Schriftsteller der 
archaischen litteraturperiode wie die des klassischen Zeit- 
alters haben sich, die fremd Wörter, wie natQrlich, ausge- 
nommen, ihrei enthalten. Denn auch die Schreibung sob* 
oles, auf die sich Pott (praep. 652) beruft; und die aller- 
dings im Lachmannschen Properz (V, 1. 77) steht, ist nicht 
alt (vgl. Schuchardt a. o.). Ebenso lassen sich die formen 
fore forem, in denen Schleicher und Schweitzer eine 
ausnähme anerkennen wollen, anders beurtheilen. Nämlich 
nach analogie von pluo nuo u. a. aus *plovo *novo geht fuo 
auf älteres *fovo zurfick, dessen infinitivus *fovere in der- 
selben weise zu fore zusammengezogen werden konnte, wie 
aus •pover (puer na^tg) por in Marcipor entstand. Wo 
sonst noch im lateinischen formen mit o und n nebenein- 
ander stehen, ist das letztere unächt So sind die Schrei- 
bungen funte frundes frunte (Prise. I, 35 H.) nicht die ur- 
sprOnglichen und es konnte daher der stamm fönt nicht 
einem griechischen x^^h ^^^ überdies gar nicht vorhanden 
ist, unmittelbar gleichgesetzt werden (vergl. Corssen beitr. 
215). Für culina sagten die älteren coli na (Non. p. 55. 
18). Ich sehe keinen nöthigenden grund, mit Fick (wörterb. 
d. indog. grundspr. p. 45) dieses wort zu einer indogerma- 
nischen Wurzel kflr kfil, einer modification von kar zu zie- 
hen; es schliefst sich einfach an calere an und steht auf 
gleicher stufe mit poicer colpa indostruus u. a. (Prise. I, 
27 H.). 

In einigen Allen steht lateinischem o im griechischen 
V gegenüber; doch ist hier nirgends die priorität des letz- 
teren hinlänglich erwiesen*). Neben i9t;^a = fores finden 

*) üreprttngliehes a g«ht im griechischen vor o oft in v tther; so auch 



ttber die entstehuog de« o aus h im Uteinischen. 261 

wir &atg6g (Curtios d. 319) nnd die wurzel ist dhvar. In 
foria conforio neben gr. (fVQO) menge, besudele, (fOQVVia 
(fOQv^ (Hes.) (fOQ€vg ist vielleicht der anlaut aus sp zu er- 
klären und wurzelgleicfaheit mit <mvQanfog aniXiftog anzu- 
nehmen. Die Schwierigkeit formica mit ^vgfit^^ zu ver- 
einigen, wird erhöht, wenn man mit Curtius (n. 482) von 
einer wurzel mur ausgeht. Nichts nöthigt ferner folinm 
=s (fvlXov zur wurzel bha zu ziehen, wie Curtius (n. 418) 
f&r möglich hftlt; vielmehr wird die ableitung von wz. fla 
(Curtius n. 412) auch durch das deutsche blatt empfohlen. 
Ansprechend ist Kuhns gleichsetzung von spolium nnd 
gr. axvkov (zeitschr. IV, 25). Diese Wörter aber auf wz. 
ska tegere zurückzufahren, wie Corssen (nachtr. 121) will^ 
ist um so mehr bedenklich, da spolium immer die abge- 
zogene haut oder rQstung bedeutet, wie denn auch spo- 
liare nur berauben heifst. Meines erachtens hat Passow 
recht, axvXov mit öxvXktü rupfe, raufe, schinde zu ver- 
binden. Nun wird mit recht Verwandtschaft angenommen 
zwischen ötcvXXu) und öxdXXtü (Curtius n. 114). Die wur- 
zel 0xaX entwickelte sich zu *axfaX^ welches einerseits zu 
cxvX wurde (vgl. lat. quisquiliae ■= xocxv^ficcTtu)^ wie in- 
dog. WZ. stvar, skr. tvar, lat. turbare, abd. stören storran 
(disturbare sss ahd. zistorran) zu arvQ in arvgßäf^Wj andrer- 
seits sich zu *<rj:aX iXvX in avXdio erleichterte, wie stvar zu 
avQ in cvgßrj. In spolium nnd anoXdg schlug dan^ xf in 
p um. 

Endlich ist noch einiger etymologien zu gedenken, die^ 
wenn sie stichhaltig wären, den Obergang von u in o be- 
weisen würden. Fick (indogerm. wörterb. p* 78) erklärt 
ton de o aus tons^d-eo und bringt das wort zusammen mit 
zend. tus scheeren, schädigen« Allein dieser erklärung 
widerstrebt nicht nur der vocal, auch die auslautenden 
consonanten stimmen nicht reckt, während der vergleich 
des lateinischen wertes mit riväu) nage (Curtius grundz. 
n. 237) keine Schwierigkeiten bietet. Derselbe gelehrte 

in nv(iTO'i xi^^ti; geflecht, flacherreuse, xvgi- ivq fischer neben lat. cratei, 
rnlUi. hard, skr. wz. 9nith, kart (Diefenbach goth. w5rterb. 11, 589; Fiok in- 
dog. wörterb. p. 84). 



262 Froehde, flb«r die entitehnng des o ans v im lateinftebeo. 

fährt p. 186 scortum auf eine indogermanische würzet 
skur zurück, die er ans skar entstanden annimmt. E9 
ist ebenso leicht, scortum anf die letztere wurzel zu be- 
ziehen. Auch solea, fflr welches Fick (a. o. p. 177) als 
indogermanische grnndform snljS ansetzt, beweist den Über- 
gang von u in o nicht. Curtius (grundz. n. 218) stellt 
dieses wort, das, wie er richtig erkennt, von solum nicht 
getrennt werden kann, zur wurzel sad in idatpog ot'Jcrc, 
scheidet es demnach von dem lautlich and begrifflich glei* 
oben goth. sulja und setzt überdies den Übergang von d 
in 1 voraus. Ich habe meine abweichende meinung beitr. 
znr lat. etymologie p. 5 angedeutet und die w5rter der 
Wurzel sval zugewiesen, die im griechischen und deutschen 
klar vorliegt: 

altn. svalir pl.gebälk, svoli stamm, ahd. swelli schwelle, 
basis, goth. gasnljan &efiekiovi^ ^ sulja (favSdXioVj 
sauls Säule, altn. sylla balken, schwed. syll schwel- 
lenbalken, basis; 

gr. aikfiara gebälk, ail/Äa stamm, ruderbank, ivtf^ 
(fektiog ftlr kvtSjrsluog wohlgebälkt, vlia sohle; 

lat. solum grundlage,. sohle, boden, solea sohle, schwel- 
lenbalken (Yerrius Flaccus bei Festus p. 301). 
Keltische zugehörige verzeichnet Diefenbach goth. wörterb. 
11,289. Von solum wird solidns, dessen nentrum eben- 
falls den festen boden bezeichnet, um so weniger zu tren- 
nen sein, als das griechische okog im lateinischen andere 
Vertreter hat (Curtius grundz. p. 484). — Verrins Flaccus 
bei Festus p. 2!)9 erklärt auch solium ftlr gleicher wurzel 
mit solum, eine ansieht, die durch den gebrauch des letz- 
teren fflr thron bei Ennius (ann. 99 Vahlen) bestätigt wird. 
Auch vXt] fCkr övkri holz, Stoff, basis im chemischen sinne 
wird verwandt sein; daher denn auch silva für ^sulva bäum, 
wald. Ueber sella und subsellium, die im vocale ab- 
weichen (vergl. jedoch serenus neben sol), entscheide ich 
nicht. 

Dafs homo nicht zur wurzel bhü gehört, zeigt Schweitzer 
zeitachr. 111,344; focus, welches Benfey ( wurzellez. II, 
274) zu &v(o stellt, zieht Pott ( wurzelwörterb. 257) mit 



Onull, cum ostMLokiachen ▼okalismn«. 263 

Grimm zu bfihen; über jooua artbeilt jetzt richtig Pott 
a. o. p. 915. Getheilt sind die ansichten Ober die praepo- 
sitioD ob. Während Pott praepos. 510 in ihr das altindi« 
8che upa erkennen will, wird sie von .anderen wie Ebel 
(zeitschr. VI, 202), Cartios, Fick mit gr. ini^ skr. api 
identificirt. 

Das resultat der vorstehenden betrachtung ist demnach 
folgendes. Der unmittelbare Übergang eines radicalen a 
in o findet sich in der Volkssprache ziemlich frflh, die 
Schriftsprache bietet kein sicheres beispiel. 

Liegnitz. F. Froehde. 



Zum ostfränkischen vokalismus. 
in. Metathesis*). 

Die Vokalumstellung von diphthongen trifil im gebiete 
des ostfränkischen diaiektes, wie in dem verwandten sprach- 
kreise, nur die beiden laute (mhd.) ie und uo, sammt des 
letzteren umlaute üe, = nhd. ie, ü, il. Die durchgreifende, 
regelmäfsige metathesis ist eine so hervorstechende mund- 
artliche eigenheit, dafs sie allein schon, auch wenn keine 
andern gründe vorhanden wären, das erwähnte 'gebiet als 
von den andern umgebenden mitteldeutschen trennen und 
abseits stellen würde. In Oberdeutschland findet sich heut- 
zutage gar nichts entsprechendes**); von mitteldeutschen 
dialekten sind es nur zwei, die mit dem ostfränkischen die- 
ses Charakteristikum haben, nämlich die vom Niederrheio 
stammenden siebenbürgisch-sächsischen mundarten ***) (in 



*) Veigl. brec]b»uig und assimilation im XVII. band« dieaer seitachriA 
8. 1 — 10. [Wir halten den ansdnick metathesis fttr viele der hier bespro- 
chenen lantverhältnisse fttr verfehlt; die riditigkeit der vergleichungen bleibt 
jedoch im ganzen von dieser benennnng nnbertUirt Anm. d. red.]. 

**) Abgesehen von der dnreh ganz Dentscfaland (Baiexn, Tirol, Schwaben 
n. s. w. bis in westfUische gebiet) häufigen nmstellnng ui ss mhd. in (and 
Sfter ie) and einigen anderen minder hünfigen nmstellnngen). 

*^) In diesen aber ohne regelmäfsigkeit ; neben den omgestelltsii fonneo 



264 Gradl 

allen theileD, sowohl den sieben stuhlen, wie im Burzen«- 
und Nösnerlande) und die Kinzig-Lahn-dialekte *). Zu* 
sammenhängend findet sich in Niederdeutschland das grö- 
fsere gebiet des westfälischen, in einer solchen läge, dafs 
sowohl das siebenbürgische als frQh abgetrennter ausläufer 
erscheint, als noch jetzt die Verbindung zwischen westphä- 
Ksch und der südbessischen**) mundart fast völlig gewahrt 
bleibt. In früherer zeit mnfs die ausdehnnng dieses ge- 
bietes eine gröfsere gewesen sein als heute, wo nördlich nur 
noch das südliche Ostfriesland ergriffen ist; westlich vom 
westfälischen gelegene gegenden zeigten wenigstens ehe- 
mals eine der metathesen; so steht (vom altrheinischeo 
ei ist wohl abzusehen, insofern dieser laut durch epen- 
these entstand, s. h.) ou für uo im mittelniederländi- 
schen; aufserdem weisen noch spuren in einzelnen wer* 
ken und denkmälern, die in oder um jene gegend ver- 
legt werden müssen, den einstigen besitz der metatfaese 
auf (vgl. unten aus könig Rother). Ohne weiteren Zusam- 
menhang findet sich die Umstellung nur noch in Hinter- 
pommern (neben rein ndd. e und 6, 6) und in Natangen; 
sowie theil weise im walsischeu striche Vorarlbergs (äi =& 

der beiden diphthonge, die besonders am lande gang und gftbe scheineD, 
existieren die jüngeren und meiner ansieht nach erst ans diesen assimilierten 
a (aus ai ^ ie) und ö (aus an s= uo); s. unten. 

*> Das gebiet dieser wird, wie aus Firmenichs proben hervorgeht, im 
allgemeinen durch den westabhang des Spessarts, dann durch den Main and 
das Tannnsgebirge, weiterhin durch den Westerwald, durch die niederdeutsche 
und hessische (ober- und westhessische) sprachlinle, die sich von der Mar- 
burger gegend zum Yogelsberg und von hier zum Spessart zieht, abgegrenzt ; 
es umfafst somit die grafscbaft Hanau, die Welterau, einen theil vom ehmaligen 
Kassau, die Wetzlarer und Giefsener gegenden u. s. w. Jenseits dieses ge- 
bietes lassen sich indefs noch einzelne spuren, bald seltener, bald häufiger, 
verfolgen; so besitzt Sachsenhausen bei Franlifurt a. M. (welch letzteres eine 
verschiedene mnndart hat) noch ausschliefslich die metathesen (äi und ou); 
die gegend zwischen Höchst und Hofheim (zwischen Frankfurt und Wiesba- 
den) bietet noch einige (^i und au); am Taunus (z. b. um Schwalbach) und 
Westerwalde (Hachenburg) findet sich nur noch die Umstellung des uo (zu 
ou) sammt umlaut, keine des ie; ja schon in Limburg und Weilburg treten 
neben den umgestellten lauten auch beispiele mit rein mitteldeutschem i und 
n (5) vor. 

**) So nenne ich den komplex der Kinzig-Lahn-dialekte, da ihr haupt- 
kem im ftlrstenthnme Oberhessen liegt, während diese bezeichnung der mund- 
art des kalUer theiles, westhessisoh den Fuldagegenden aagemesaener ist. 



zum ostfränkischen vokalUmus. 265 

sonstigem aleni. io, wogegen die Alle mit A = iu = ie 
in beiden mundarten zusammenfallen). Ganz unerklärlich 
( — wenn nicht ein fränkischer Schreiber angenommen 
wird — ) sind einige metathesen in altoberdeutschen denk- 
mälern, wie die ou (= uo) in Notgers canticnm Abbacuc 
(s. u.). Gewöhnlich läfst sich diese metathesis spurenweise 
auch schon in den älteren perioden des dialektes nachwei- 
sen; für solche spuren (und nicht ftlr verderbte for- 
men oder fehler des abschreibers, vgl. Grimm gramm. 1, 99 
und 357) halte ich die ao althochdeutscher denkmäler, so- 
wie die ou des älteren Titurel, beide laute gleich jetzigem 
au, äu, ou"^). 

Die altwestfälischen laute ia und ua zu gründe gelegt, 
sind ai und au (sammt umlaut äQ) die reinen formen der 
metathese. Sie sind geblieben a) im stammlande der me- 
tathese, b) in den zweiggebieten dort, wo sie an der gränze 
des deutschen gebietes (s. u. ai, au von der Oberangel) 
oder inmitten von nichtdeutschen sprachen (wie in Sieben- 
bürgen) stehen. Sonst wirken umliegende dialekte (und 
vielleicht das im altsftchsischen auch als regel vorkom- 
mende ie, uo, wonach ei und ou) gewöhnlich verdumpfend. 
(Da ich indefs hier vom gemein - ostfränkischen ausgehe, 
mufs ich das 4i, au der Oberangel als „aufhellung^ an- 
setzen.). 

Die metathesen des ostfränkischen sind: 



*) Solche ao sind (von eigennamen abgesehen), wie die fttr ö, vorzüg- 
lich eigenthum (charakteristikam?) von denkmälern, die in das gebiet der 
metathese faUen. Es haben sie die hrabani sehen glossen (98: gaomono, 801: 
hertaom), die ezhortatio in der kafsler handschrift (exhort. A. : gaotes) und 
der in die nähe fallende Isidor (1 : saozono), aufserdem das emmeraner gebet 
(tepler handschrift = A; 86: gaotan). In bairischen orknnden nnd denk- 
mälem findet sich ao sonst nur in eigennamen; dabei ist zu beachten, dafs 
solche falle immer einen fränkischen Schreiber verrathen können (deutlich 
zeigt das Rieds diplomatarinm Ratisbonense, das mir fOr jetzt zu geböte 
steht, wo nur drei Schreiber: Kerhelmus nrk. no. 4, Taugolfus no. 6. 6. 14, 
EUenhardus no. 16. 21 diese ao haben — ) oder auch einen niederbairischen, 
da sich vom östlichen Franken aus .die an, ku (Schnegraff schreibt aon) llngs 
des bairischen waldes eindrängten. Von nom. pr. geben: Juvavia no. 6 (798) 
Caofttein, Meichelberg hist. frising. 1,664: Aodalhart, 367: Aogo, Kozroh 
örtlicfak. des bist. Freising 182: Aogo, 290: Aodalpald, 264: Aodalheri, 800: 
Aodalhart etc. (Beispiele ans Ried s. unten). 



266 OnuU 

^i (bei Schmeller and FrommanD 6i, 5i geschrieben) ss 
mhcl. ie; Schmeller gramm. §. 301. Weinhold bair. 
gramm. §.81. Frommann ausgäbe GrQbels 111,239. 
Bavaria, landeskuüde von Baiern, II, 1863, 8.203. 
Nassel laute der tepler mundart (herausg. vom histor. 
vereine in Prag, 1863) s. 11« Petters bemerkungen 
über deutsche dialektforschung in Böhmen (lesehalle 
deutscher Studenten in Prag, 1862) s. 70. 
a) SS mhd. ie*) allgemein l)in dentschen werten; z. b. 
b^i'^'n (bieten), böig'n (biegen), dfeib (dieb), fa - 
-drfeifs'n (verdriefsen), föicht'n (fichte; viehte), fl&ig ~d 
(fliegen), fr^is'n (frieren), knei (knie), kröich.n% 
kreigh (krieg), l^ib (lieb)^ laicht (licht; subst. und 
adj.), l^id (neben neuerem Itd), l^ig'n (Iflgen), möis 
(mies, moos), n^iss*n (niesen), g'nM'n (mhd. genie- 
ten), sch^ia' (schier), sch^i^m (schieben), schM' 
schlich (scheu, scfaiech), sch^ils'n, sM^'n, sp^üs (ne- 
ben häufigerem spifs), t^ia (thier), ba-treig*n (be- 
tragen), z^ia (städtisch zöig'^n =, ziehen) a. 8. w. 
Aus der älteren Sprache: etwey (Stromer, pQchel 
▼on meinem geschlecht, in Chroniken fränk. Städte, 
1,33^ 12. 57, 28), verdein (: sein Hans Sachs arm. 
und reicht.); — 2) aus älterem £o, aus zwei silben, 
in reduplicierenden präteritis u. s. w.: ^i (je), w^i 
(wie), feia' (vier), löifsat (ich liefse), r&iffat (ich 
riefe); — 3) aus fremden e in Stammsilben: br&if 
(brief), föiwa (fieber), sp^igi, z^ig.l; — 4) aus 
fremden e (und i) in den nachsilben ier, iereo 
Oberpfalz, Pegnitz; (im böhmischen theile Ostfiran- 



*) Als regel itehen die drei metatheseo im eigentlichen ostMnkitchen 
(Nab-Vils, Ober-Eger, Mies-Badbusa), dann im Altmtthl-, Pegnits- and 
Mittel-Eger-dialekte; das andere ttbergangsgebiet (am Regen) seigt schon ne- 
ben den rein ostfrftnkiichen formen äi, oa, Ml die bajoariicfaen eindringlinge: 
ia (^a'), ha, IIa (g^pr. ia) (^a*); vgl. Petters bemerknngen s. 70. 71. Die 
an (ae uo), die überidl weitet ttber das gebiet hinaasreichen (s. o. beim afld- 
heesbehen), ziehen sich in den grenzgegenden Baiems gegen SadwestbShmea 
noch ziemlich weit hinunter; die wftldlergedichte von Schnegraff bezeichnen, 
den laut mit aon (besser ab, wo 6 zwischen o und n schwebt: die anfheUnng 
des o in on inficiert auch den zweiten laut und hellt n zum ö). Weinhold 
bair. gr. §. 68 ttber dieses aon, nach ihm a'n. 



zum ostArtokisdieii vokalismns. 267 

kens daftlr ia*, ta'n): quärtöia', fexöia'n (vexieren), 
prow^ia'n u. 8. w. 

b) ie durch formenassimilation und fiexionsöbergänge, 
1) = mhd. iu im singular der praesentia der ie- 
klasse (eindringen des vokals aus dem plural) all- 
gemein (ausgenommen Oberangel und theile des Re- 
gengebietes, wo ui (s. n.) und einzelne striche der 
Mitteleger z. b. Petschauer gegend , wo &Q = die- 
sem mhd. iu, steht); z. b. b^igt, fl^igt, gäifst, kr^icht, 
g'neifst, reicht = er biegt, fliegt etc. (mhd. biuget, 
fliuget . . .) und im pronomen aller geschlechter 
und endungen, wie: dei die (m. f. u. n.) (ie aus dem 
neutrum übergegangen); — 2) «= mhd. i in folgen- 
den (allgemein geltenden) verben, die aus der t-klasse 
in die ie-klasse flbersprangen : gl^ifs'n (gleissen), 
grdi£F*m (greifen), kr^ig'n (bekommen; krtgen, da- 
neben schon mhd. kriegen). (Das allein noch stark 
gebrauchte zweite wort verrftth diese flexionsmo- 
tion, da es im part. g'groffm (gegriffen, schon bei 
Ayrer: ergroffen : geloffen 1808, 17) bat. 

c) ie ans brechung von i, S u. s. w.; die meist nur lo- 
kalen ftlle unter „brechung^ (vergl. diese zeitschr. 
XVII, 3). 

^i^, durch auf hellung, bewirkt durch nachfolgende na- 
sale (m, n, *n), allgemein; z. b. d^i*n, dei^na (die- 
nen), d^i^sta' (dienstag), ^i^mats (jemand), k^i* (kien, 
föhrenholz), nei^mäls (niemals), rii*ma (riemen); in 
gr^iwrl, gräiwrl (fettgriebe; Egerl.) bewirkte selbst 
schon das dem m verwandte w (= b) solche auf- 
hellung. 

at, unvermittelte auf hellung, am Regen und im angrän- 
zenden Böhmerwaldgebiete (vgl. unten &n, afi); (fehlt 
bei Schmeller). Beispiele: äitza (jetzt), w&i (wie). 

oi, unvermittelte verdnmpfung (wenn Firmenichs Schrei- 
bung oi den laut richtig wiedergibt, der aber solche 
oi auch statt gemein ostfränkischer äi, öi = mhd. e 
gibt und einmal 5i setzt, knöi == knie); in König- 
stein (obere Vils) Firmenich Germaniens völkerst. UI, 



268 Gradl 

306 f.; z. b.: doi (die), fa -droifsli' (verdriefsHch), 
foich (vieb; unorg.), loiwa (lieber), oisa (jetzt), woi 
(wie) u. a. 

h uud 

e siehe unter Verengung. 
Zu vergleichen: 

westfälisch ai (regelmäfsiger laut in diesem gebiete)*): 
a) = mhd. ie, 1) daif (dieb), daip (tief), flaige, flai«- 
ten (fliefsen), gaiten (giefsen), knai, kraipen (kriechen), 
laigen (lügen), ver-laisen (verlieren), saik (siech), 
sghaiten schalten (schiefsen), 2) wai, vair (vier), hailt 
(hielt), hait (hiefs), laip (lief), lait (liefs), raip (rief), 
slaip schlaip (schlief); 3) braif (brief); 4) kurairen, 
marschairen, mundairen (montieren), passairen, pur- 
gairen, scharmairen; b)==mhd. iu: 1) (seltener) teie 
(ich ziehe), (durchgängig) dai, sai (die, sie); c) bre- 
chung 1) = i: vaih, mai (wir); 2) = 6: hai (er), 
saihen, geschaihen, tain (zehn); vgl. Wöste in Fromm, 
m, 560, 2. Hoffmann ebend. ¥,44,24. Malier ebend. 
II, 126, 10. Wöste supponirt das alt westfälische ia 
(mittelwestf. ai ? ) ; — durch die in diesem striche des 
wf. häufige beumlautung entsteht: äi (Mark-Süder- 
land, Mittellüneburg um Winsen etc., seltener im 
herzogth. Bremen um Sittensen): gebäit (gebiet), däird 
(thier), däime (dirne), fläiten, knäi, läiwen (lieben), 
räid (ried); wäi, läit (liefs); quartair; säi; fräih (friede, 
Winsen), väih; häi (er), säihen (Wöste schreibt aoch 
äi z. b. beier hier, feier vier, plaseier pläsier); durch 
verdumpfung entstehen aü, öi, öu und zw.: äü (in 
den fürstenthümern Hildesheim und Lippe; ersteres 
auch ii, letzteres ausschliefslich die verdumpfung): 
verdraüssen, haOr (hier), kraOg (krieg), laüd (lied), 
maüte (miethe), schaür (schier), spaüss (spiefs); waQ^ 



*) Dasselbe reicht von der magdebmrger borde an durch Brannschweig, 
über den Harz, durch Sudhannover, Lippe, Nord waldeck und den gröfaeren 
theil von Westfalen (obere und mittlere Lippe, Buhr und Leuna) bis an 
das Bergisohe im sttdwesten und an das Siegerland im sOden. 



zum ostfrftnkiflchen TokaliBmus. 269 

▼Aur (vier), lauf (lief), laut (liefs); praü8ter, kuraü- 
ren; ^i (in der grafsch. Mark, um Tecklenburg und 
WiedenbrQck,']m hzth. Bremen um Sittensen u. s. w. 
Firm, gibt in diesem falle gewöhnlich 5i oder öü, 
auch eei, das ich als ei beurtheile): D^ierk (Diet- 
rich), deiner (diener), h^ir (hier), reeimen (riemen); 
höil (hielt), löip (lief), leeiten (liessen) ; pr^ister ; d^i ; 
h^i (als brechungsvokal besonders im Ravensbergischen 
g^iem (gern), k^ierl (kerl), w^iern (währen und wer- 
den)), öu (in Hildesheim, s. Malier a. a. o.): kröupen 
kriechen), schöuben (schieben); ni (vereinzelt in RO- 
then: Mflhlheim): fluig (fliege), kruig (krieg). 

sQdost friesisch ^i (nach Fromm. Si, vgl. daselbst V, 
141 f.): verd^inen^ d^ip (tief), fl^igen; reip (rief); 
sp^igel (Spiegel). (Vgl. das nachf. über altrhein.). 

rheinisch: (der laut ei in der älteren spräche dieser 
gegenden, vergl. der seele trost, ist, wie vorhin er- 
wähnt, wohl durch epenthese eines i entstanden; 
dafür sprechen nämlich die andern längen, die statt 
der niederdeutschen form ä, e, ö, ü, mit epentheti- 
schem vokal i oder e als ai, ae, ei, ee, oi, oe, ui, 
ue = mhd. ä, S, ei, ö, ou, uo, ü auftreten). Im 
neurheinischen vermischen sich die ausgedehnten 
brechlaute nur an einzelnen punkten mit der me- 
tathese, so dafs es schwer wird, diese zu erken- 
nen. Zwei striche indefs scheinen letztere ange- 
nommen zu haben, das Aachnische und Luxemburgi- 
sche. So zeigt Aachen: beie bieten, deiv dieb, hei 
hier, leiv lieb; leif lief, reif rief; meist mist, weische 
wischen; beissem besen, eisse essen und so viel^ bre- 
chungen; Eupen (nördlich von Aachen): deeyv dieb, 
leeyd lied; feeyl, heeyl hielt, leeyp lief; neeyt nicht 
u. s. w. Im Luxemburgischen gewährt Luxemburg 
(atadt): hei, leiven (lieben), speigel, neischt (nichts), 
geseiht (sieht) und de'w dieb und tief, le'w lieb, 
ze'hen, we', -e'ren = ieren, ze'ht er zieht, kre'n krie- 



270 <«r«dl 

geo, bekommen, de' die, der, ve'h vieh u. a^ Gre- 
venmachern: hei hier u. s. w. 

älteres mitteldeutsch, z. b. könig Rother: leib, heiz 
etc. (Massmann) »s lieb, hiez (Wackernagel). 

sfldhessisoh ^i (Dillenburg, Herboro, Hadamar, Gie- 
fsen, Nidda, Hanau, Alzenau, Falkenstein bei Frank- 
furt): a) aa; mhd. ie: 1) diier thier, deine dienen, 
fl^ihe fliegen, l^ihe lügen, t^if tief, zöihe ziehen n. s. w. 
2) w^i; veir vier; bl^is blies; 3) sp^igel; b) 1) b^it't 
bietet, verdr^isst, fröiert (Nidda) und freist (Dillen- 
burg) friert, kr^icht; d^i, s^i; 2) kröie bekommen; 
c) 1) deir (Falkenstein) dir, v^il viel, niit nicht, s^iht 
sieht, sp^il, gew^iss gewifs; 2) geleibt gelebt, seihe 
sehen (Hadamar); äi (Butzbach, Friedberg, Sachsen- 
hausen): däib, verdäine, fläige fliegen, l&ib, läid, ge- 
näise geniefsen; häiss, läif, läiss (unorganisch selbst: 
gräib, mäich == grub, machte, in die reduplicierenden 
ie-klassen übergesprungen); fläifst, zäikt zieht; väil 
viel, näit nicht, stäil stiel. 

siebenbürgisch ai (um Hermannstadt, Kronstadt): 
dai, dainst, fiaissen, laiw, schair; äi (Bistritz, Ro- 
senau): däi, knäi, läif; ^i (ebenda, Zeiden): d^i, ver- 
dr^issen, zeihen. (Vgl. Schuller ged. in siebenbflrg.- 
sächs. mundart, Hermatinst 1841). 

hinterpommerisch (spurenweise auch, wohl von hier 
abgetrennt, in Neuvorpommern, im Flatower kreise 
um Zempelburg und in Natangen: Schippenbeil, 
Friedland) ai: bair hier, verdaine, dair und daird 
thier, daiw dieb, laif lieb ; vair vier, fail hait laip lait 
raip =3 fiel, hiefs etc.; praiste priester; kuraire, re- 
gaire; sai, dai; vaih vieh, laiwre liefern; saihen sehen; 
Neuvorpommern: laid lied; Zempelburg (neben rein 
niederdeutschen lauten): laiw; lait liefs; praiste prie- 
ster; dai die; saihen sehen; Natangen: dai. — In 
Holstein haben Segeberg und Oldeslohe die meta- 
these; ist hier Zusammenhang mit Pommern oder mit 



Bnm oetfrinkfgchwi vokalUmos. 271 

westfUisohem gebiete ansonehmen? Beispiele: bair, 
▼air. 

waisisch ohnfti knie, ohnäia koien, fläiga fliegen, Ifiiga 
lagen, täif tief. (Vgl. Fromm. IV, 326). 

ou =s mhd. uo; Scbm. §. 378. Weinhold bair. gr. §. 103. 
Frommanns Grübel III, 240. Bavaria 11, 203. Mas- 
sel 12. Fettere bemerk. 70. 

a) s= mhd. uo, allgemein, nur mit den beschrfinkongen 
am sfidrande wie bei hi a). Z. b. bloud (blut), bouch 
(buch), brouda' (bruder), fleuch*'^ n (fluchen), fouda' 
(fuder), gout, houf, houst'n, hout, kou' (kuh), mou- 
da* (st&dtisoh mutta' := mutter), ron' (ruhe), rouda , 
roufs (mfs), schnoua' (sohnar), souch'n (suchen), 
stout (stute), woust (wüst), zou (zu, betont) u. s. w. 

b) durch brechung, vgl. diese zeitschr. XVII, 3. 
(Aus der filteren spräche fallen, meiner ansieht nach, 
hieher: Ried diplomat. Ratisbon.: Aodalpald (no. 4), 
Aogo Aopi (no. 8), Taomgiso Herimaot (no. 21); 
alt. Titurel: mouter, mouse (vgl. Grimm gr. 1, 357). 

äu, auf hellung, durch die nasale m, n bewirkt, Verbrei- 
tung wie vorhin, vergl. öi. Z. b. bläuman (blume), 
gräummat (grummet), gräun gräuna (sprossen treiben 
von lagerfrQchten,mhd.gruonen), mänm* (muhme), t&u" 
(thun, dagegen tou*n, sie thun, weil hier der nasal 
nicht unbedingt am vokale steht). Z. b. bau* (bube), 
kauch'^n (kuchen) u/s. f. 

o, Verengung, vgl. das nächste kapitel. 
Zu vergleichen: 

w&ldlerisch (als vom ostfrfinkischen ausgehend, zu- 
n&chst) aö (über ö s. v.): baöb (bube), faöfs, haöt, 
maöfs, g*na6g, raöa (ruhen), schaöb, taöch; s. Wein- 
hold bair. gr. §. 68. 

westfälisch au (vergl. ai): a) = no: l)dauk (tuch), 
faut (fufs), haut (hut), kauken (kuchen), klauk (klug), 
krauoh (kmg, schenke), planch (pflüg), rau^e (ruthe), 
raupen (rufen), räum (rühm), schaul (schule), schauster 



272 Gradl 

(schaster), spaale (spule), staul, tau (zu); 2) iu prae- 
teritis: drauch (trug), faur (fuhr), schlauch (schlug), 
selbst unorganisch: fraug (fragte, Grubenhagen- 
Göttingen, vgl. unser schlechtes nhd. frug), jaug (jagte, 
am Deistergebirge); b) durch brecbung: spauk (spuck, 
Celle). (Anm. Lippische beispiele, wie: kaum kern, 
taurn thurm sind nicht unter die metathesierte bre- 
cbung zu rechnen, insofern hier eo == mhd. uo ist, 
sondern gehören zur einfachen brechung). Hoffmann 
in Fromm. V, 45, 29. 30. Möller ebd. II, 131. 132. 
Wöste ebenda III, 560, 2. — Aelter westfäl. au, c. b. 
schau \ s. Wöste in Fromm. V, 160, 158 = schuh. — 
ku (Mark und anderswo), leichte verdumpfung, oft 
nur mechanisch; z. b. mäuder (Altena in der Mark, 
nach dem filteren dialekte). ou (Mittellüneburg, Süd- 
oldenburg, einzeln Minden, Ravensberg, einzeln Teck- 
lenburg, in Corvey, Marsberg): a) blouen (bluten), 
gout (gut), moud (mutb), mour (moor), mous (mus), 
mout (mufs), Woudan (Wuotan); b) dourt (trespe, 
altsächs. durth), fourd (die fürt), oursäke (ursache), 
tourn (thurm), wour' (wurde), alle in Limburg (Mark), 
aber schwerlich hieher gehörend, dagegen: wouern 
(geworden, Ravensberg); mit vokal verschlag iau 
(Willingen im waldeck'schen Upplande): fliauken 
(buchen), stianl (stuhl). (Ueber umlaute für uo s. 
später). 

(südostfriesisch au, nur: raue, ruhe. Nur wird 
dieses beispiel nicht hergehören, ebensowenig wie der 
ähnliche laut ö im Saterlande, der zwischen o und u 
schwebt.) 

mittel niederländisch ou z. b. bouc (buch), ghenonch 
(genug), plouch (pflüg), rouken (mhd. ruochen), rou- 
pen (rufen), souken (suchen) u. a., vgl. Grimm gr. I, 

482. 

rheinisch ( — für die jetzigen mundarten aus dem 
westf. o. stkdhess. erhalten, da altrheinisch die meta- 
ihese des uo nicht kennt — ); Aachen au: gaud. 



snm OBtflrlloUschen vokalifmns. 273 

kanh, rauh, staal, zau; ou: mout (mosste); (aa f&r 
o vielleicht hieher, da oa oder u a» 6) : kaucb (koch), 
lauch (loch); Eupen ou: blout, dou^ thue, gout, 
8chou\ souhe (suche); droug(trug); pouckel(buckel); 
kou8s (konnte) (die au s= u vor n nicht hieher); 
oui: wouys (wuchs); luxemb.: Grevenmaohern, Lu- 
xemburg ou (o*"): bloume, fouss, goud, moudeg (mu- 
thig), rouheg (ruhig), zou; brechuug: froum (fromm) 
und in den praeteritis (vgl. auderortiges u für mhd. 
ie in diesem falle): foung, houl, houng (fieng, hielt, 
hieng = pld. fnng, hui', hung). 
älteres mitteldeutsch ou z. b. Kother: schouch (wo 
Wackern. leseb. schöch gibt und das handBchriftliche 
wort bisher falsch als „schonch^ *) gelesen wird. 

sfidhessisch ou (Sachsenhausen, Kinzig, Nidda, Gies- 
sen, Dillenburg, Herborn, Hadamar): a) blout, bou' 
(bube), brourer (bruder), blourig (blutig), flouch, fouls, 
gout, hont, mourer (mutter), moufs (mufs), stoul, tone 
(thun), zou u. s. w.; b) koummer, soummer (kummer, 
sommer, Hachenburg), tout (das tuten, Weilburg), 
wour (wurde, Limburg), zoug (der zug. Höchst); 
gezou'e (gezogen, Friedberg) ; 6 u (Firm, schreibt oou, 
in Hachenburg): doout (thut), gooud, moous (mus); 
au (Höchst): gaut, kauche (kuchen), tauch (tuch); 
mit Vorschlag eau (Butzbach): deau (thue), geaut, 
zeau. Schm. §. 378. 379. 

siebenbürgisch: au (um Hermannst., Zeiden, Ro- 
senau): bauf (bube), blaut, gaud, grauw (grübe), 
maufs, rau' (ruhe), zau; aou (wohl au?, Bistritz): 
gaout; eou (Rosenau): meoufs; aui (au') (Zeiden): 
fau'fs, mauTs; ou (Bistritz): bloum, vgl. Schuller. 

hinterpommerisch au: a) blaut, dank (tuch), fauder 
(futter), gaud, bann (huhn), kau' (kuh), staul, tau (zu); 



♦) Ebenso falsch, wie das als „gnand« (Wackern. 1218, 18; Herrn, v. 
Sachsenbeim) gelesene gnaad, wie ich analog andern an dort (=s A) anactse. 

Zeitachr. f. vgl. »prachf. XVIU, 4. 18 



274 Gmdl 

b) faur (fuhr), schlaug, unorganisch: fraug (fragte, 
„frug^), mauk (I, machte); Zempelburg au: gaud, 
maus, tan; (kauke kochen, kaume kommen?, mhd. 6 
zu o); Natangen au: schau' (schuh); Segeberg = 
Oldeslohe au: faut (fufs), gant, schaul. (In West- 
schwerin au , keine ai z. b. bland, dauk, dann, faut, 
unfraudig unachtsam (zu altem vruot), gaud, raupen, 
schau' schuh, schaule; spauk der spuck. 

Motger cant. Abbacuc: fou5, mout u. a. 

hü (aus ö(k, zu sprechen als ^i) = fle; Schm. §. 388. 
Weinh. bair. gramm. §. 104.81. Frommanns GrObel 
in, 240. Bayaria II, 203. Nassel 12. Petters andeu- 
tungen 5 und bemerk. 70. a) =: mhd. üe, allgemein 
(abgesehen von den einschränkungen am Regen etc., 
wie bei ou und hi): bl^Q'a (blühen), br^ü'a (brflhen 
und brüten), fr^a (früh), fibfia'n (führen), mdü' (mühe), 
(m^üd, m^ü'n (und städtisch m^üfs'n = müssen), 
r^üa'n (rühren), s^Ofs (süfs), tr^ü' (trüb), wM*'n 
(wüthen), in pluralen und deminutiven: b^Ücha% 
b^üch-1 (bücher, büchlein), f^üfs- und f^üfs-l (ftllse, 
fftfslein), keü' (kühe) u. s. w.; b) = mhd. uo (organ. 
oder unorg. umlaut) : ffeütta* (futter; bairisch. wald), 
l^üg'ln (=3 ostfr. ]oug*ln, mhd. luogen; Mittelmies; 
oder *luogilan?), m6üda (mhd. muoder, nhd. mieder), 
nfeüt (nuth; Eger), s^üg'n (suchen; Doppau; vergl. 
suohjan), wfeOa* (flufswehr; Egerl.; mhd. wuor); 

c) durch brechung, s. d. zeitschr. XVII, 4. 

eü^, auf hellung vor m, n, n*, umlaut von äu, fundorte 
wie dort; z. b. bl^ü^ml (blümlein), gr^ü*^ (grün), 
h^Ü^^a (hühner). 

oü, verdumpfung, unvermittelt, vgl. oi = ie, fnndorte 
wie dort; z. b. va'-droüfslfe' (verdriefsHch), foüan 
führen; Firm, schreibt foihen), foütta'n (flattern). 

&ü, aufbellung, unvermittelte, umlaut zum obigen au ss 
uo, ebendort,- z. b. bÄüb-1 (büblein), kiüchi (küch- 
lein) u. a. 

ä, Verengung, a) = uo, b) = üe s. Verengung. 
Zu vergleichen: 



zniii ostfirttnlriteheii vokalismiis. 275 

westf&liscb &i, &ü (wo au) a) blaien blauen (biQhen), 
fallen faulen (ftkblen), faite faflte (f&fse), grain graOn 
(grün), hafen haQ'en (hüten), wailen waülen (wOhlen); 
b) batike (buche), daden (thun; Lippe), fafier (fuder, 
(fnder, Braunschweig), firaOgen (fragten, geg. um Han- 
nover), niaüme (mutter, zu muhme; Minden, Schaum« 
bürg), raube (rfibe, mhd. ruobe), schlaflg (schlug; 
Winsen), safiken (suchen), tafit (that; Ravensberg) 
u.a.; c) datier (dOrr; Ravensberg), kaüem (kom; 
Tecklenbnrg), spaOkerie spatikeding (spuck; Celle) 
u. a. äü (Erwitte): äfiwen (necken, wortl. fiben); 
däOt (thut); ftu (Lippe; zu unterscheiden von äü) 
regelmäfsig fAr uo: blftume, däun (thun), fauler (fu- 
der), föut (fufs), gäut, haut (der hnt), käu' (kuh), 
schau' (schuh), schftnle (schule), tau (zu); ^u (Büren; 
häufiger Driburg): d^uen thun; fräu (früh), göut, 
haut, k^u', t^u (zu); ^ü, ^i, öi (Sittensen bei Zeven; 
Deister gebirge): slöig (schlug), söiken (suchen, söite 
(süfs) u. a. und: freu (früh), meüten (begegnen), seüte 
(sflfs); wöir (würde; Limburg); oi (häufig; Boke und 
Thüle bei Paderborn, Büren, Marsberg, Brilon, Ru- 
then, Mühlheim, Driburg, einzeln Braunschweig, Göt- 
tingen: Grnbenhagen, Celle; immer neben au, aü): 
doit (thut, Ruth. Mühlh.), foiren (fahren, Brilon), foite 
(füfse), moidig (geneigt, Braunschw. Gott. Grub.), 
moie (müd, Brilon), soiken; foiwe (fünf, Villingen 
im waldeck'sehen Upplande, kroim (krume, Magdeb. 
böhrde), toiern (thurm, Ruth. Mühlh.); foüem (fahren, 
Marsberg), foüjer (fuder, Yechta), roüwe (rübe, Mars- 
berg) u. B. w.; äau (Willingen): häaun (huhn); äöü 
Padberg bei Brilon) : bedräöüwen (betrüben) ; — mit- 
telwestftlisch oi (vgl. Wöste in Fromm. V, 72, 80j.— 
Hoffmann in Fromm. V, 45, 34. Müller ebend.n,131. 
Wöste ebend. III, 253, 4: au, aü, ai. 

südostfriesisch öi (selten) z. b. möi'e (müde). (Im 
Saterlande: f&üre fahren). 

rheinisch; Aachen kü z. b. faulen (flihlen), maü' (müd), 
spaülen (spülen); bausch (leise, eigentlich hübsch); 

18* 



276 Grädi 

Enpen öQ, öfli z. b. blöQge (blühen), f&üt (f&sse), 
fröOg fröfigg (früh), möüss (müssen), pöfilje (kleiner 
pfuhl), röüre (rühren), stöülje (stOblchen); döügdeg 
(tüchtig), döürg (durch), pöükelje (buckelchen), 
schöüleg (schuldig); Luxemburg ^i: bleiben, bedreivt 
(betrübt), verföiren (verführen), fr^ileng (frühling), 
reihern (rühren). 

Süd hessisch ^i (^ü; Dillenburg, Falkenstein, Hadamar, 
Limburg, Wetzlar, Giessen, Nidda; Firm, schreibt 
el, öi, 5Ü): gebleit (geblüte), br^ih (brühe), fr^i' 
(irüh), vergn^igt (vergnügt), k^ih (kühe), m^ih (mühe), 
mfeid (müde), rMft (er ruft), treib (trüb); kr^imel 
(krümlein, Dillenburg), m^il (mühle, Nidda), teichtig 
(tüchtig, Falkenstein), zeigere (zögern, Falkenstein); 
feu (Firm, öu; Friedberg, Nidda): b^ust (er büfset), 
gl&uig (glühend), höuer (hühner), heure (hüten), ro^ufs 
(mufs), s^uss (süfs), weule (wühlen); oi (Dillen bürg, 
Friedberg, Hanau, Hadamar; Schwalbach): bloikt 
(blüht), broil (brühl), groin, koih (kühe), koil, moid, 
spoile (spülen). Schm. §. 39 1 . 

siebenbQrgisch ai (um Hermannst., Zeideu, Kron- 
stadt u. s. f.): draiw (trüb), fallen, grain (grün), mai^ 
(mühe), maid, gemaidig (gemüthlich), saifs; ^i (Kron- 
stadt): ber^imt (berühmt). 

hinterpommerisch aü: blaügt (blüht, Neuvorpom- 
mern), bedräuwt (betrübt), faüre (führen), plaüge (pflü- 
gen); baüke (buche; auch Usedom); Zempelburg oi: 
broidesch ( brudersfrau, wörtlich bruderische), groin; 
Natangen iai: fiait (flKfse), siait (süfs). 

ui aus älterem iu (= mhd. iu, ie, nhd. eu, ie) und zwar 

1) SB mhd. iu, am Begeu, im bair. walde, an der 
Oberangel; bei Pfraumberg vereinzelt) ; Schm. §. 260. 
Weinh. bair. gramm. §. Itl. Bavaria 1,360. Petters 
andeut. 46; z. b. fluigl (er fliegt), huit (heute), luigt 
(er lügt), nui (neu), ruifs'n (plorare, abd. riu5an). 

2) = mhd. ie, ebenda, vgl. dieselben; z. b. fa-druifsn 
(verdriefsen), fa'-luisn (verlieren), tuif (tief) u. a. 

Zo vergleichen: 



zun ostfriüikischen vokalUmns. 277 

bajoarisch (von woher es in den sfidosttheil unseres 
dialektes eindrang) ui vgl. Weinbold bair. gr. §. 111, 
westlich V. d. Isar Schni. §. 313. Bavaria I, 360; ti* 
rolisch (Unterinuthal ausgenommen) Schöpf in Fromm. 
III, 97, 1. 2. Maister 11. 12; kämt. (Lavanttbal und 
theilweise Gailthal) Lexer XI, in Oststeiermark und 
im heanzischen; in Südböhmen Germania VI, 490. 

aufserdem schon im althochdeutschen und mittelhoch- 
deutschen häufig; gegenwärtig noch im schwäbischen 
(Rapp, Fromm. II, 106); weiterhin im mittelrheini- 
schen, im märkischen u. s. w. 



IV. Verengung. 

a durch unvermittelte Verengung: 

1) 4 (aus au) = mhd. ü; an der Schwarzach und im 
Böhmerwalde rcgelmäfsig, um Haid (nördlicher) schon 
mit au wechselnd; sonst im ostfränkischen nur in 
wenigen beispielen. Weinhold bair. gramm. §. 7. 41« 
Schmeller §. 157, z. b. Schwarzach, Böhmerwald: äfs 
(aus), bäa' (bauer), brät, brä^ (braun), häss (haus), 
krät, träa (trauen), zä^ (zäun) etc.; Haid: brät, krät 
etc.; ostfränk. allg.: äf, äfs, hä'^'m (neben häu'*m, 
haube), klä** m (klauben), lätta' (lauter), säff'm (sau- 
fen), säwa' (neben säuwa', sauber), schäf*l, schrä'*'m 
(schraube), täk'^n (röhr, mhd. vocab. tüche). 

Zu vergleichen: 
siebenbürg, ä (= auslaut. ü): bä (bau), bä'n, trä*n 
(trauen). 

2) ä (aus äi, durch äe, äa?) = mhd. ei; a) im ganzen 
gebiete des Pegnitzdialektes (moment aus dem west- 
fränkischen) Grübel 111,230. Schm. §. 140. Weinh. 
bair. gramm. §. 7, 39: z. b. ä (das ei), älä^ (allein), 

* bräd, fläscb, hämli' (heimlich), kä" (kein), lab (brot 
— laib), läna (lehnen), mäna, g-schrä (geschrei), zwä 
(zwei) u. s. w.; ß) als regel auch im übergangsdia- 
lekte zum obersächsischen, nordöstliche Mitteleger 
(Duppau etc.) z. b. äma' (eimer), klä% mana u. s. w.; 



278 Gradl 

y) ausnahmsweise (woher?) findet sich ä in theiiiing 
mit äi (äa) noch im dialekte der Stadt Mies in fol- 
genden fallen (die andern haben eben äi, aa): aT 
(ein), äma , bä% gäs'l, gäfs (galfs), häd', hämli\ häsa, 
häfs, kä*, kir, kläd, l&b, lad, l&tta (leiter), msLna, 
räs-n, säf'n (seife), ftä% fträch'n, w&k'n (aufweichen), 
w&na, wäz (weizen), zwä (zwei). 

Zu vergleichen: 
a == mhd. ei in: westfränk, Schm. §. 140, Fromm. 
II, 189, 1; schles. Weinhold dial. 28, 7; obersächs. 
( voigtländisch , erzgebirgiseh, — in andern strichen 
i, 6, e — ), Odenwald, Taunus, Wetterau, im Trieri- 
schen); bajoarisch z. b. kämtisch LexerXI, iglauisch 
Noe in Fromm. V, 203, 2. 205, 2, vorarlbergisch (um 
Bludenz) Yonbun in Fromm. IV, 326; jüdischdeutsch 
vgl. Stertzing in Fromm. VI, 470, 4 a; aus älteren pe- 
rioden: in angels. (Grimm gramm. I, 357), woraus 
altengl. ä, neuengl. ö sich verdumpfte, in altnordisch 
öfter neben regelm. ei, z. b. ämr (eimer), fair (feil), 
ebenso in altfriesisch (neben regelm. I) z. b. äthom 
(eidam), fläsk (fleisch), fräsa (gefahr), cläth (kleid) 
u. a. , dann als sehr seltener fall in ahd. denkmälern 
z. b. halog (heilig, zweimal in einer bekehrungsfor- 
mel, s. Wackemagel lesebuch 20, 21. 22) und änich, 
wänich (einig, wenig) in Lamprechts Alexander. 
3) a (aus au) = mhd. ou; überall und (auslautsfälle und 
wenige andere ausgenommen auch) regelmäfsig; Schm. 
§. 171, Nassel s. 5. Grübel III, 229, z. b.: ä' (auch), 
bäm, h4pp (haupt), hafi^m (häufe), käfi**m (kaufen), 
lab, da -lä*'m (erlauben), g-la^m (glauben), la^'-m (laube), 
laflf-m (laufen), rafi'ra (raufen), s&m, schab, t&b, täff-m 
(taufen), träm, zäm, zäwa'n (zaubern); aufserdem in: 
fra (frau, wenn unbetont). 
Zu vergleichen: 
a = ou in allen bajoarischen und mehreren mitteldeut- 
schen dialekten regelmäfsig z. b. bair. Weinh. bair. 
gramm. §. 7. 41. Schm. §. 171. Lexer XI. Schöpf in 
Fromm. III, 17, 9. 89, 5. Noe in Fromm. V, 205, 2; 



xum ostfHinkiacheii vokulisnitts. 279 

westfrftnk. Schleicher 6; schles. Weinhold 28,8; obers. 
(Altenbnrg, Voigtland, Erzgebirge), pfälzisch, wet- 
terauisch; sonst als regel im altfriesischen s. Grimm 
1,409, vereinzelt im altsächsischen ( Freckenhorster 
rolle, s. Heyne 44). 

4) ä (aus 4Q) = mhd. öu (unter gleichen Verhältnissen, 
nur seltener als 4 = ou) Schm. §. 179. Weinh. bair. 
gramm. §. 40. Nassel s. 5. Schöpf a. a. o. III, 89, 6 
z. b : bäma, si' (sich bäumen)^ fräl'n fräla (fräulein), 
hä (heu), kräl (mhd. krewel, kröuwel), strä (streu), 
strä-n (streuen), tamisch (betäubt, zu mhd. toum), 
träma (träumen), zäma (zäumen). (Dagegen schon: 
baflma bäume, h4app*l häuptlein, haüff'l kl. häufe 
u. a.). 

Zu vergleichen: wie vorhin, 
ä, durch vermittelte Verengung*): 

5) & (aus 4i) = mhd. i; überall, besonders vor 1, öfter 
vor r, auslautend seltener. Schm. §. 237. GrQbel III, 
231. Bavaria II, 201. Nassel 8.4 z. b.: äl (eile), bä 
bä (bei; auch in den wenigen Zusammensetzungen mit 
bei — , die der dialekt erhielt, wie:) b&-bäz (beifuls, 
ahd. bi-böz), bä-läd-1 (kl. beilade, nebenfacb), da* 
(dein), fäl'n (feile, feilen), käl (keil), mal (meile), m&* 
(mein), pfäl (pfeii), sä (sei; sim), sä* (esse), wäl (weil; 
weile), zäl (zeile). 

Zu vergleichen: 
a = t vor 1 etc. im bajoar. häufig, s. Schmeller a.a.O., 
Wurth in Fromm. VI, 252, Noe in Fromm. V,205, 2. 

6) ä (aus 4i für ai, äa) s=s mhd. ei, vereinzelt vor 1, m 
z. b. älfa (elf), föm (feim, faum), häli' (heilig; n. b. 
seltsam ist bei diesem worte, dafs es in den mei- 
sten dialekten lautformen zeigt, die ein früheres t 
voraussetzen lassen, obwohl doch unbedingt ein ei und 
die ihm entsprechenden laute zu stehen haben!). 



*) Die fiüle, die ich als vennittolte yerengnng von denen mit nnver- 
mittelter scheide, stehen bei den oben citierten grammatikem meist ver* 
mischt. 



280 Gndl 

h&mm (heim ; eindringling neben rein dial. häim* ), ndT 
(nein; vgl. Ober dieses wort Schmeller §. 140anm.)« 

Zu vergleichen: 
österr. Wurth in Fromm. VI, 252. 

7) & (aus iu) =i mhd. ü, vor 1 und m. Schm. §. 159. 
Nassel 8.4. 5 z. b. däma (daumen), fal, gäl, hal-n 
(mhd. hüren; s. diese zeitsehr. XVII, s. 31), k&l (ku- 
gel, mhd. küle), kämm (kaum), mal, mäl^töia (maul- 
thier), mäl-b&a' (maulbeere), pfläm (flaum), ram, 
8&ffm (saufen), säl (s&ule), fa'-säma (versäumen), 
schftm. 

Zu vergleichen: 
Schm. a. a. o. Wurth a. a. o. No§ Fromm. V, 205, 2. 

8) & (aus aQ) = mhd. iu, wie 7, z. b.: kl (eule), bäl 
(beule), käl-n (keule), mala (mäuler), näli' (neulich), 
äb^schäli^ (abscheulich); noch auslautend in wä (in- 
strumental wiu von wa5) und vereinzelt in -rat (-reut 
in Ortsnamen). 

Zu vergleichen: 
Schm. a. a. o. Wurth a. a. o. Nog a. a. o. 
ä durch unvermittelte Verengung: 

1 ) ä (aus äa) =s mhd. ei, in nicht flektierten Allen (die 
flektierten haben ohne Verengung äa), in städtischen 
dialektcn; Vilz, Nab (obere), Eger, Misa. Schmeller 
§. 143, z. b. i. (das ei), äfst (eifs, geschwür), bräd, 
häfs, kläd; lab, lad, last (leisten des Schuhmachers), 
mäd (maid = meit; magd), räf, scbrä., schwSfs^ 
sträch, straf, tag (der teig), wach (weich), zwä. (zwei; 
neutr.); (der landdialekt hat: äa, äafst, bräad, bäafs, 
kläad etc.). 

ä, durch vermittelte Verengung: 

2) ä (aus äa, äi) = mhd. ei, ebenda wie im vorigen 
falle, doch ländlich und städtisch, stets vor 1, z. b.: 
fäl, wülföl (wohlfeil), häl (heil, gesund), häl'n (heilen), 
säl, säla (seiler), täl, täl*n. 

3) ä (aus äa) = mhd. ei, Obervilz, Oberostnab, auch 
vor m und n, s. Schm. §• 143 und unten 6, z. b. 
bä^ (bein), läm (lehm), stä^ (stein). 



znm ostfräokiflchen vokalismus. 281 

4) ä (aus äa) = rabd. ä, vor I z. b. mal, mäl'o (mit 
färbe), quäl. 

5) h (aus äu) =s mhd. ö, vor m, n z. b. bäna (bohne), 
frän- (frobn-), Räm (Rom), echä" (schon), trän 
(thron). — Dieses & scheint aber viel besser mit ö 
bezeichnet werden zu mQssen, da sonst vor n das 
volle au steht (wie: hau" höhn, lau" lohn, schäuna 
schonen, täu~ ton). 

e, durch vermittelte Verengung: 
1)6 (aus ^i, äi) = mhd. d, vor 1 z. b. sali (seele). 

2) e (aus ^Q) = mhd. 6, vor 1, n z. b. k61lToub*m (kohl- 
rübe, mhd. köl, kole), to'-Iena' (tag-l5hner), sch^nna 
sch^nnst (schöner, schönst, zum positiv scheu" = 
schön). 

3) ^" (aus ei", dieses auf hellung aus fei) = mhd. ie, 
vor m, n (die betreffenden fälle mehr städtisch, wäh- 
rend ^i" mehr auf dem lande), z. b. ^mmats (jemand), 
nemmats (niemand), rema (riemen); an der Tepl und 
Mies auch: verzfea (vierzehn). 

4) e" (aus ^ü", dieses auf hellung aus feO) = mhd. üe, 
vor m, n (sonst wie oben) z. b. blemm*l (ländlich: 
bleüm^l == blömlein), hena (1. heüna , heü^a = 
hühner). 

e, durch vermittelte Verengung: 

i) h (aus fei) = mhd. ie, vor 1 z. b. nfellara' (mhd. ieg- 
licher), trell'rl (etwas herabhängendes, vgl. mhd. triel 
u. 8. unten). (Fehlt bei Schmeller, s. dagegen 2). 

2) fe (aus feü) = mhd. üe, vor 1; Schm. §. 393 (besser 
bezeichnete ich hier und in 3 e) z. b. brfell (bröhl), 
frfelling (frühling), kfell (kühl), schfeUa (schüler, Chor- 
knaben), schwfell (schTvül; selten gebraucht), g'spfeUa 
(spOlicht, von:) spfelhn (spülen), stell' (stuhle und 
stfell-rl = stOhlchen), g-wfell (gewühl), wfelbn (wühlen). 

3) e (e, aus feü und dieses unorg. umlaut^ durch die 
dem i ähnliche natur des 1 bedingt, flQr ou) = mhd. 
uo. Schm. §. 383: z. b. mfelta (multer), schfell* (schule), 
spfell-n (spule; spulen), ftfell (stuhl), tfellna (Vertiefung 
an einem körper, Schm. 1, 366, ahd. tuolla). 



282 Gndl 

1, durch unvermittelte verengang: 

1 ) (nach alter Umwandlung aus ia) = mhd. le z. b. (all- 
gemeiner): frtsl (krankheit; sonst fr&is'n ^^ frieren), 
imma* (immer), lid. (häufiger als 16id; lied), nimma 
(nimmer), sptfs (auch als waffe, selten sp^ifs), stia^ 
(stier), ztrli' (zierlich); (im böhm. theile Ostfrankens 
auch immer): -ta (fremdendung -ier) und la'n (-ieren), 
s. oben. Anm. Die meisten dieser worte scheinen nur 
lehn Worte des dialektes, d. h. aus dem schriftdeut- 
schen in denselben herübergetragen. 

Zu vergleichen: 
i fQr ie ist Charakteristikum des mitteldeutschen (eben 
das ostfr&nk. gebiet, wo hi steht und einige kleine 
striche in Westfranken, wo ia nach sekundärer bre- 
chung erscheint, vergl. Schm. §. 307, ausgenommen); 
schon in alten denkmälern des mitteldeutschen tritt 
deses i auf und selbst rein -mhd. zeigen von ihm 
beeinflufste f&lle). 

6, durch vermittelte Verengung: 

1)6 (aus öa, äa) ^ mhd. ei (s. oben ä 3) vor m, n. 
Pfraumberg: bö" (bein), 16m (lehm), ft6* (stein). 

ö, durch vermittelte Verengung: 

1)6 (aus ou) = mhd. uo, vor 1; an der oberen Pegniiz 
(Schm. S. 376) und derMitteltepI; z. b. schol (schule), 
spul'n (spule; spulen), stol (stuhl). 

n, durch unvermittelte Verengung. 

1) u (statt ua) = mhd. n (vgl. i =s mhd. ie); mehr in 
lehnworten und im städtischen dialekte, z. b. bü^'n 
(bude), grüTs, hüa (meretrix), lüda , mutta , üfa* 
(ufer) etc. 

fi, durch unvermittelte Verengung: 

1) ü = mhd. fie, s. v.; z. b. Idda'lich (iQderlich), mAda* 
(mieder), drds'n (drfise), pr&f'm (prOfen), d^'m (Qben). 

Nachtrag. 

Eine weitere art von Verengung tritt ein, wenn ein 
wort, das unflektiert und lang gesprochen, die phonischen 



zum ostfrKnkischeii vokalianius. 283 

brechuDgsvokale &a, £a, ea, ta, 6a, 6a, üa, üa *) hat, id einen 
flektierten fall kommt oder doppelconsonanz nach diesem 
brecbungevokale eintritt ; ea verliert dann n&mlich der diph- 
tbong das tonlose a und steht als ä, e, h etc«, z. b.: 
dämpfn, ganz* (der ganze), sändi' (sandig), tänz-n (un- 
flektiert äa" =s an) ; 
krm* (die arme), starr (n. b. vor r läfst der landdialekt 
auch in diesem falle den tonlosen laut a nach dem 
vokal einstehen!) (unfl. äa' ss ar). 
b^rgb, harr, st^r'^'m u. s. w. (s. o.) (unfl. Sa* = er). 
mirk*n (merken), hirbst, kirz'n (kerze), ir'^-m (erben), irl* 
(erle) u. s. w. neben: bia', fa -dia ^-m, iarl etc. (siehe 
a. a. o.). 
homa (von hörn), ordli' (ordentlich) neben boa'n (boh- 
ren) etc. 
durft-n, kurza' (ein kurzer), tuma' (thürmer) neben düast, 

fdsLZ etc. 
för^ wQrft' neben fda', fAa fit etc. 

Das durch brechung entstandene äaT und ösT (=s mhd. 
an, on) lautet an der Pegnitz, Unternab und Obermies, 
Oberradbusa stets nur &*, o^ z. b. drä* (dr6~ = daran), 
kr (k6- = kann), kr^k (krö'^k = krank), lä^d, 16"'d 
(land), mk" (mö~ = mann), sä*d (sö^d aszs sand), döna 
(donen, strotzen), gwönat (gewohnheit) u. s. w. 

An der Pegnitz und im bairischen wald wird auch 
das durch zerdehnung entstandene ia (ss mhd. e, 5 vor 
einfachem konsonanten), üa (=s mhd. o vor einfachem kon- 
sonanten) und da (= ü, ebs.) immer, sonst in Ostfran- 
ken nur vor I, als i, ü, d gesprochen. 



*) Vgl. hier und zum folgenden Über phonische brechung diese seitschr. 
XVn, s. 4—8. 

Eger in Böhmen, november 1868. 

Heinrich Gradl. 



284 Schweizer-Sldler 

Orammaire coinparde des langues classiques, contenant la th^orie ^Mraen- 
taire de la formation des mots en Sanserit, «n Grec et en Latin aveo 
reA^rences aax lacgues Germaniques par F. Bandry, 1'* partie: Pho- 
ndtique. Paris, libr. de L. Hachette et Ci«. 1868. 

Wir begrQfsen das werk, dessen erster theil hier vor- 
liegt, als eine sehr gelungene darstellung des gewinnes, 
den die beiden classischen sprachen und das sanskrit selbst 
aus der vergleichenden Sprachforschung gezogen haben. 
Das buch ist mit der unsern nachbarn eigenen klarheit 
geschrieben, der stofF schön geordnet, die auffassung durch- 
aas verständig und mafsvoll; danach müssen wir kaum 
erst noch besonderes anführen und ausführen, dafs die 
kenntnisse des verf. sehr umfassend sind und er aufser 
Bopps grundlegendem werke auch andere deutsche for- 
schungen fleifsig benutzt hat. Die references aux langues 
Germaniques, welche, ohne einen haupttheil auszumachen, 
doch nicht selten vorkommen und die blicke, welche der 
verf. auf die romanischen sprachen wirft, bilden eine hüb- 
sche zugäbe. Gewifs wird herrB. sich nicht nur in Frankreich, 
auch in Deutschland vielseitigen dank und verdienst um 
weitere Verbreitung der diesfälligen Studien erwerben, wenn 
er das ganze gebiet der elementar- und formenlehre in 
derselben weise behandelt; für die Wortbildung findet er 
treflfliche vorarbeiten im eigenen lande, von denen wir die- 
jenige Regniers mit besonderem lobe hervorheben. £iQ 
ähnliches werk, wie dieses von B., fehlt uns Deutschen 
noch, während wir an streng gelehrten darstellungen der 
meisten partien der griech., latein., deutschen elementar- 
und formenlehre keineswegs arm sind und darauf stolz sein 
dürfen unsern nachbarn den wesentlichsten sto£P geliefert 
zu haben. Wir werden im folgenden nicht darauf ausge- 
hen unser lob im einzelnen zu begründen und eher punkte 
herausheben, in denen uns die ansichten des verf. zweifel- 
haft oder ungenügend erscheinen: gerade dadurch können 
wir unser interesse au dem buche thatsächlich beweisen 
und zeigen, dafs uns die lobenswürdigkeit des ganzen den 
blick im einzelnen nicht getrübt hat. 

Obgleich in den veden metrisch kurz gewordene ö und 



anzeigen. 385 

6 nadigewiesen sind, mag der verf. dem sanskrit, wie man 
es bisher gethan, ein ö und e mit fug absprechen, und 
jedesfalls sind die 6 und e der europäischen sprachen ganz 
anderer art und, wie Curtius so trefflich nachgewiesen hat, 
für diese sprachen charakteristisch; aber gerade darum dOr- 
fBD wir auch fOr das gotische ö und e mit recht voraussetzen 
und diese laute werden dort in viel gröfserem umfange 
geherrscht haben, als man bis vor kurzer zeit zugegeben 
hat. Vgl. Scherer, zur geschichte der d. spräche, an meh- 
reren stellen. Unrichtig ist auf s. 8 der ausdruck, dafs 
oä z. b. im skr. krin&mi „ich verkaufe'^ aus nl, oder um- 
gekehrt karömi „ich mache ^ vor den pluralendungen zu 
kurmas „wir machen^ geworden sei. Die sache ist doch 
einfach die, dafs das ursprünglichere nä in deraccentuier- 
ten silbe als na, in der nicht accentuierten als ni er- 
scheint, und dafs ü durch den ton zu au gehoben wird, 
unbetont zum theile bleibt, zum theile ganz wegfällt. Der 
schlufs (s. 9) aus den alphabetischen zeichen für lange 
und kurze vocale, dafs die quantität vom sanskrit bis aufs 
lateinische mehr und mehr undeutlich geworden sei, be- 
ruht auf falschen prämissen. Einmal ist das lateinische 
an sich nicht eine weitere entwickelung des griechischen, 
dann ist ja die Unterscheidung von länge und kürze im 
griechischen alphabete nicht so sehr alt, und seinerseits . 
hat das lateinische, haben überhaupt die italischen spra- 
chen versuche jener Scheidung aufzuweisen, die viel um- 
fangreicher sind als die griechischen. Wir erinnern an die 
doppelte Schreibung der vocalzeichen, an EI und I longum 
für I, an den apex. Was der verf s. 10 ff. anzunehmen 
scheint, dafs positiou den vorausgehenden vocal an sich 
lang mache, können wir nicht einräumen. Wir stellen viel- 
mehr, wir denken, in Übereinstimmung mit allen deutschen 
Sprachforschern den satz auf, dafs in den classischen alten 
sprachen die positiou zunächst keinen einflufs auf die quan- 
tität des voransgehenden vocales ausübte, dafs also davor 
von natur lange und von natur kurze vocale stehen konn- 
ten, imd nnn bei der aufeinanderfolge gewisser konsonan- 
ten die silbe lang wurde, wenn auch der vocal an sich 



286 Schweiser-8id]«r 

kurs war. Nicht nur die griechische, auch die lateinische 
lautbezeichoung sprechen laut dafür, indem sie naturlangen 
vocal genau bezeichnen, wie in ictum, paastor u. s. f., 
niemals den von natur kurzen vocal vor position als Ter- 
l&ngert aufflkbren. Schwieriger sind die fälle von gemina- 
tion eines m, n, 1, s, einzeln auch der explosiven, aber 
nicht schwierig fOr die frage, ob sie einen naturkurzen 
vocal verlängern. Die erklärung, welche herr B. von 
der positionslänge gibt und welche von seiner annähme 
einer Verlängerung des vocal es ganz unabhängig ist, ist 
nicht nur sinnig, sie ist sehr wahrscheinlich ; die einzelnen 
f&lle aber, wo sie schwankend ist oder wo sie erst durch die 
hexametrische poesie im lateinischen aufkam, sind nicht 
genau verfolgt und einige aus dem deutschen beigebrachte 
Wörter nicht richtig angef&hrt: sunu hat im althochdeut* 
sehen kein fi, sondern u, und sonne lautet dort sunna. 
Endlich ist hier die aus Corssen citierte stelle mifsver- 
standen. Wesen und Stellung des accentes sind in un- 
serem buche mit geist und besonnenheit dargestellt, und 
in feiner weise ist die möglichkeit und Wahrscheinlichkeit 
der historischen wandelung nachgewiesen. Die auseinander^ 
Setzung des Verhältnisses von ä, e, 6 (s. 30ff.) kann ge- 
wichtiger und tiefer werden durch benutzung der schon 
oben von uns angeführten arbeit von G.Curtius. Zu vömo, 
vdco s. 33 stellen wir noch altes voto für veto, voci- 
vus f. vacuus, vocatio f. vacatio. Die deutschen bei- 
spiele s. 34 sind nicht gerade glücklich gewählt. O findet 
sich im althochdeutschen einige male bestimmt als Schwä- 
chung von a, wie in gewonaheit gewobnKeit u. a., be- 
sonders aber erseheint es als, wie es Grimm vielleicht nicht 
richtig nennt, gebrochenes u, wenn in der folgenden silbe 
a, o, e auftritt, es sei denn dafs mm, nn oder mit m, n 
gebildete consonantengruppen die brechung hemmen, und 
das ist nun gerade in sunna der fall. Im skr. puru, 
pulu (s. 35) etc. ist auch der einflufs des folgenden r mit 
anzuschlagen, und o im griechischen ^oAt;^ ist nicht etwa 
gleich u zu setzen, sondern ist selbständige griechische 
Schwächung von altem ä, vgl. ßixqvg neben gürn. Wenn 



anseigen. 287 

vom Terf. selbst gewils sehr richtig in soror u.E. blofs 
einflufs von v angenommen wird, so dQrfen auch indische 
Qkt& and iäta nicht so erklärt werden, als sei hier ä 
einfach ausgestofsen und y, j vocalisiert. Aus den quellen 
ftar archaisches latein ist wenigstens die Duiliusinschrift 
auszuscheiden, wie das nach Ritschis forschungen nicht 
mehr bezweifelt werden kann. Was die Schwächung von 
a in u und i Tor p, b betrifft, so hätten wir namentlich 
ein beispiel gerne aufgef&hrt gesehen, in dem wir die stu- 
fen noch verfolgen können, nämlich die Zusammensetzun- 
gen mit rSpio, von denen corrüpio etc. vor corripio 
existiert hat. und u war auch die Vorstufe von i in in- 
silire etc., wie uns consul, consiilo zeigen. Auch con- 
dumnari st. condemnari ist so zu erklären. Die anm. 
s. 42 gegebene etymologie von causa, caussa von wz. 
cnd „hauen, schmieden^ wird wenige befriedigen. Nicht 
genau ist die erklärung von eo, queo, eum etc. s. 43. 
Herr B. nimmt doch wohl mit Corssen u. a. an, dafs der 
vokal der wurzeln T von ire und qui von quire, i von 
is in der flexion gesteigert wurde, zunächst also ei, 3 
lautete; nun blieb eben diese form vor den vocalen a, o, u 
mit allmählicher Verkürzung, während sie sonst in l Qber- 
gieng. Schade ist es, dafs der verf., wo er von der ver- 
kfirzung der endvocale oder der vocale vor schliefsendem 
consonanten im lateinischen spricht, nicht die arbeiten von 
Bdcheler, Fleckeisen, Ritschi, Wagner u. a. benutzen 
konnte. 

Der tkbergang von as (skr.) in ^ in edhi „sei^ f&r as- 
dhi, und derjenige in o vor tönenden anlauten werden hier 
so erklärt, dafs i und u als compensierende vocale aufge- 
lafst sind. Orflndlicher ist die deutung von A. Weber, 
dafs, nachdem sich das s in die specialisierten hauche j 
oder V aufgelöst, diese schliefslich mit einwirkung der in 
ihnen liegenden vocale i und u verschwunden seien. Kq^It'^ 
Ttav werden wir nicht leicht anders erklären können als 
so, dafs wir doppelte Vertretung des i annehmen, wie in 
fui^av. Das lateinische hat denn doch (69) den hiatus in 
deesse, cooptare u. ä. gemildert und häufig. ganz ge- 



288 Schweizei^idler 

tilgt, und quercuum, taus, filii sind gerade die jlln* 
gern formen; fluere hiefs eigentlich floTere (vgl. per* 
plovcre), dann flouere, flüere, fluere. Die griechi* 
sehen <p^ x^ ^ nimmt B. für Spiranten, wie viele neuere 
and ältere, stellt aber zugleich die ansieht auf, dafs sie 
ursprQnglich wahre aspiraten gewesen seien. Die grieobi- 
sehe erscheinung, dafs in der reduplicationssilbe die tenues 
statt dieser laute auftreten, was sie denn doch eher als 
wahre aspiraten erkennen läfst, möchte in die urzeit zu- 
rückreichen, aber, waren sie in der classischen zeit Spiran- 
ten, so begreifen wir nicht recht ihre Vertretung im alten 
latein durch die tenues, im spätem durch ch, ph, th. 
Auch das lateinische (82) hatte einstmals buchstabe und 
laut z, und das oskische behielt ihn immerfort in doppelter 
geltung. In der genitivendung -azurn entspricht oskisches 
z dem gotischen und ißt, wie das gotische im althooh- 
deutschen, im lateinischen durch r vertreten. Die darstel- 
lung von dem fortschreiten der assimilation würde (s. 100) 
der verf. nach einsieht des Index zum ersten bände des 
C. I. L. von Mommsen etwas anders gefalst haben. Wir 
können doch nicht obenhin sagen, lat. g gehe in v über. 
Das goth. quius, ahd. quäh zeigt ganz deutlich eine 
vorausgehende entwickelung in gv. Auf derselben seite 
112 ist von der Schwächung eines c in g die rede. Diese 
findet seltener im anlaute als im inlaute zwischen zwei vo- 
calen statt. C (fQr C*ajus) aber haben wir immer mit wei- 
chem anlaute zu sprechen, rührt doch diese sigle noch aus 
der zeit her, wo c und k neben einander galten, jenes f&r 
g, dieses für k. Arguo (s. 121) ist von Meunier und B. 
sicher falsch alsad-guere „entgegen schreien^ gedeutet 
Der sinn dieses wertes mit seinen ableitungen spricht laut 
daAir, dafs arguere von einem lat. argus = *doy6g ab- 
zuleiten ist und eigentlich „hell machen^ bedeutet. Vafer 
(s. 126) ist uns doch nicht so dunkel, indem an seiner her^ 
knnft aus wz. vabh^ v(p^ w^ban kaum zu zweifeln ist. 
Laut und bedeutung stimmen trefflich. Zu humerus als 
beispiel von unechtem h läfst sich noch humidus u. s. f. 
fQgen; übrigens sind diese Wörter in unfern texten in der 



Anzeigen. 2S9 

regel richtig ohne h gedruckt. Die erweicbnng Ton h in 
g wird im iolante wohl immer mit nasaliertem vocale ver- 
bunden sein. Die deutsche lautverschiebung ist s. 142 ff. 
mit bertIcksicbtiguDg der nach Grimm aufgestellten ansich- 
ten behandelt; in eine neue phase ist die erkl&rung der- 
selben durch das geistreiche buch von Scherer getreten, 
welches B. noch nicht benutzen konnte. Die wandelnng 
von griech. v \n g nimmt auch der verf. (s. 154) nicht an, 
findet aber die Veränderung von v in >l, wie sie neuere 
sprachen etwa aufweisen, bei mehreren beispielen wahr- 
scheinlich, nämlich bei anja, äXXog'j dh^nu, &ij)Lvg na^, 
nanciscor, kay^cc^w; TtksvfÄtov neben mf&ifi<av. Frei- 
lich sind alle diese beispiele, wie Curtius nachgewiesen, 
nicht streng beweisend. Gegen ausfall des fi zwischen 
zwei vocalen im inf. hat Benfey (Or. und Occ. I, 606) be- 
grOndete einwendungen gemacht. Es ist in der that keine 
Ursache vorhanden, die uns hinderte neben der endung 
^pLtvai eine endung 'tvai aufzustellen. Zu s. 158 ist zu 
bemerken, dafs Ascoli neuerdings (siehe die folgende seite) 
nachzuweisen versucht hat, dafs die lateinischen novem, 
Septem, decem neutra, versteinerte neutra von a-stäm- 
men seien, und bei wegfall von pi begreift sich das grie- 
chisch auslautende a um so leichter. Auf derselben 
Seite, wo B. von diesen Wörtern spricht, ist nun wie früher 
vom griech. q^ X fbr v, hier vom lateinischen die rede, und 
es steht die sacfae nicht sicherer: das fremd wort groma 
fUlt aufser betracht, und lympha ist kaum gleich yt;^^)!?, 
höchstens später durch ph st. p ihm genähert worden; lat. 
ist lumpa und dieses steht gleich osk. diumpa quellwassen 
Es wird auch s. 164 lateinisches labor unrichtig an wz. 
labh ^greifen, nehmen^ gehalten, es sei denn, dafs der verf. 
diese als mit rabh gleich nachweise. Das slavische und 
das deutsche wort lassen uns in labor r als ursprüng- 
lichen anlaut erkennen. lam wurde nicht nur (wie es 
s. 192 scheint), wenn das gefflhl für die Zusammensetzung, 
wie in qnoniam, verloren war, zweisilbig gelesen, nunc- 
iam ist bei Plautus und Terenz immer dreisilbig. Ait 
ist 8. 193 zu kurz abgethan. Wir müssen beachten, dafs 

Zeitechr. f. vgl. sprachf. XVIII. 4. 19 



890 Schw«iMr^dler 

dessen arsprüngliebe messung die spoodeisohe gewesen ist, 
dann alt, sohliefslicb erst alt. Fleckeisen, zur kritik der 
altl. dichterfragm* p. 7 ff. Noch einige andere kleinigkei- 
ten könnten wir auiTQhren, in welchen eine andere auffas- 
sang möglich oder die richtige wäre ; das buch als ganzes 
bleibt aber eine hübsche und besonnene arbeit 

Zürich. H« Schweizer-Sidler. 



Während in obigem buche eine treffliche übersicht- 
liche darstellung ,der für das sanskrit, griechische, latei* 
nische wichtigsten resultate der vergleichenden sprachfor* 
schung gegeben ist, liegt uns von Ascoli eine gröfsere 
abhandlung „di un gruppo di deainenze Indo-Europee^ 
Tor, in welcher er mit grofsem Scharfsinne (nicht bIo(s 
„nicht ohne Scharfsinn^) und mit Sichtung eines umfassen- 
den materiales neuen gewinn zu erringen sucht und nach 
unserer meinung errungen bat. Wir theilen denselben in 
aller kürze mit. In den armenischen Zahlwörtern fQr 7, 
9, 10 sieht er *n, -an für spätem zusatz, nicht fär uralte 
Übereinstimmung mit dem sanskritischen Schlüsse der ent- 
sprechenden Zahlwörter an. Diesen sanskritischen schluis 
selbst bestreitet er und meint, dafs er blofs irrt'jümlich 
aus einigen formen der casus obliqui entnommen sei: ein 
n-stamm (panKan, saptan, aötan, navan, da^an) 
habe hier nicht existiert, sondern vielmehr im nominativus 
unflectierter a-stamm (panka etc.). Die lateinischen Se- 
ptem, novem, decem aber gelten dem yerf. als ver- 
kannte mit flexion des nominativus und accusativus verse- 
hene neutralformen eben solcher a- stamme, wie denn die 
griechischen invd etc. beweisen, dafs im auslaute derselben 
ein fi al^efallen sei. Aber die alte form -am zeige sich 
in einem worte noch weiter verbreitet unter der gestalt 
von av, ö, in dem worte für 8. Dieses dürfe nicht als 
dual gefaCst werden, aber, und das fährt den verf. auf den 
dualis Oberhaupt, der lautliche procefs sei hier derselbe als in 
dem genannten numerale. Die äu, w, € etc. des dualis seien 



antelgen. ^1 

ans -am hervorgegangen, wie das än^hn skr. dadftu ich 
gab. Ein solches ftu trete auch in skr. asftu, griech. ^;/fti 
n.s.f. und schliefslicb in ffigta u. s. £ auf. — Diese abband- 
lung ist, wie der kundige leicht aus den resultaten schliefst, 
wichtig finr lautlehre und formenlehre, und enthält beiläufig 
manche treffliche vergleichung von einzelnen Wörtern. 

Zfirich. R Schweizer-Sidler. 



Ueber Bttsspraclie, ▼okalismiis and betonvng der Uteinisehea spracbe. Von 
W. Cor s Ben. Zweite umgearbeitete ausgäbe. Enter band. Ss. XV 
und 819. Dmck und verlag von B. 6. Tenbner. Leipzig 1868. 

Mit welchem rechte diese zweite ausgäbe des trefflichen 
buches vonCorssenden namen einer völlig umgearbeiteten und 
erweiterten verdiene, zeigt schon das mafs ihres umfanges 
gegenüber der ersten. Der stoff, dessen behandlung in der 
letzteren nur 232 Seiten einnimmt, ftllt im vorliegenden 
bände der zweiten bearbeitung über 800 Seiten, nämlich 
aiphabet und schrift, ausspräche der consonanten und vo- 
cale, und der erste theil des Tocalismus, d. i. die entste- 
hnng der diphthonge und langen vocale, und die trflbung 
der erstem. Es war dem verf. Tergönnt jetzt nicht nur 
reicheres, sondern auch besser gesichtetes material lateini- 
scher inschriften verschiedener zeiten und neue funde auf 
oskischem und sabellischem Sprachgebiete zu benutzen, es 
traten femer in dem Zeiträume zwischen der ersten und 
zweiten ausgäbe faliscische inschriften ans licht, welche 
Mommsens vermuthung, dafs sich in Palerii eine der latei- 
nischen nahe verwandte bevölkerang gefunden habe, aufs 
glänzendste bestätigten; endlich haben inzwischen die for- 
schnngen innerhalb der lateinischen und überhaupt itali- 
schen Sprachdenkmale, so wie diejenigen auf dem felde 
weiterer historischer Sprachforschung und der lautphysio- 
logie ein frisches leben gelebt. Corssen selbst aber bethä- 
tigte sich fortwährend aufs eifrigste in mehrern dieser kreise, 

19* 



292 SchweUer-Sidler 

bald abwehrend, baf3 weiter bauend, und nahm im Obrigen 
meist alles dessen achtsam wahr, was irgend welche bezie- 
hung auf die grofse aufgäbe hatte, welche er sich als pro- 
vinz gewählt. Haben nun wirklich alle theile des Corssen- 
3chen buches, so weit es uns vorliegt, grofse bereicherung 
erfahren, so gilt dieses doch vor allem von demjenigen, 
welcher die entstehung der diphthonge und langen vocale 
behandelt. Wir folgen dem Verfasser mit lebendigem in- 
teresso durch ein volles wurzelverzeichnifs und die man- 
nigfachen und theilweise recht einläfdichen daran gereihten 
erdrterungen Ober italische wurzel- und Wortgestaltung, und 
fireuen uns, wo er die ersatzlängen im zusammenhange dar- 
legt und immer noch einzelne räthsel löst; kein forscher 
aber wird undankbar sein ftkr die entwickelung, welche der 
verf. den gesteigerten vocalen in wortbildungssuiBxen und 
flexionen angedeihen läfst, mag ihn auch da und dort eine 
erklärung minder befriedigen. Kurz, wir halten daflQr, dafs 
diese neue ausgäbe des vocalismus fflr jeden, welcher vom 
heutigen standpuncte der wissenschaftlichen kenntnifs des 
lateinischen sich unterrichten will, ein geradezu unent- 
behrliches hilfsmittel sei. 

Die wissenschaftlichen principien von C. sind bekannt, 
und auch wir haben dieselben schon mehr als ein mal dar- 
zulegen versucht und dieselben bis auf einen gewissen grad 
vollberechtigt gefunden. Der verf. fahrt seinen kämpf wohl- 
gerüstet und wehrt sich nach allen Seiten hin mit nie er- 
mattender beharrlichkeit. Es kann ihm dabei auch einmal 
begegnen, dals seine polemik kleinlich wird, was wir be- 
sonders dann nicht gut heifsen können, wenn es einem die 
Sache so ernst nehmenden, forsShungseifrigen und scharf« 
sinnigen manne, wie Ascoli, gegenüber geschieht. Wenn 
ein Italiäner, welcher deutsch schreibt, den ausdrnck spalt 
für Spaltung braucht, verdient er wahrhaftig darum kei- 
nen spott. Eine schwächere seite sind auch an diesem buche 
Corssens die allzu freie benutzung des sanskritwurzelver- 
zeichnisses und besonders die unzulängliche kenntnifs der 
altdeutschen formen, welche doch so häufig beigezogen 
werden und in der that für die anschauung der diphthon- 



anzeigen. 293 

gen- und längenentwickelung im lateinischen sehr wesent- 
lich sind. Wir dürfen diese kleinen schwächen um so we- 
niger verschweigen, da das werk sonst gerade durch seine 
grüudlichkeit imponiert und im übrigen trotz des ungeheu- 
ren reichthums an stoff nur selten ein versehen einschlei- 
chen läfst. So wird ein Germanist sich vielleicht wun- 
dern, wenn er von C. die deutung von h^lt, hialt u. 8.f. 
als ursprünglich rednplicierender perff. angezweifelt sieht, 
aber noch mehr, wenn er s. 400 mitten in einer trefflichen 
auseinandersetzung zu lesen bekommt: i^die wurzel sa ist 
auch erhalten im as. got. sibuu „sieben^ vgl. mit griech« 
cda) „ siebe ^, wo nach dem zusammenhange doch nicht 
vom gotischen zahlworte die rede sein kann, oder wenn 
er unter wz. bhug als beispiel gleichartiger Steigerung mit 
skr. bhöga, fügi das ahd. poko, ein ander mal als bei- 
spiel der deutschen ö- Steigerung chömen aufgeführt, 
fuogan und dergleichen geschrieben findet; und umsonst 
würde es sein hier kenntnifs der vocalbrechung und des 
vocalumlautes, kenntnifs der vocalischen auslautsgesetze 
und genauere Unterscheidung der germanischen dialekte 
zu suchen. Nach diesem allgemeinen urtheile wenden vnr 
uns zum einzelnen, nicht um armselig zu kritteln, son- 
dern um, wo möglich, wenn auch nur im kleinen zu er- 
gHnzen und die Wahrheit zu fördern. Zun&chst f&Ut es 
uns auf, bei der behandlung des alphabets die so be- 
deutende abhandlung Kirchhoffs „Studien zur geschichte 
des griechischen alphabets*^ nicht mit einem worte erwähnt 
zu finden, i:nd doch haben auch Mommsen in seinen neue- 
sten ausgaben der römischen geschichte und Kitschi in dem 
allerdings erst nach erscheinen unseres buches veröffent- 
lichten lichtvollen aufsatz „zur geschichte des lateinischen 
alphabets '^ das gewicht der resultate von Kirchhofis for- 
schung für erkenntnifs des Ursprungs, der gestaltung und 
der Ordnung der italischen alphabete in vollem mafse ge- 
würdigt. Wir dürfen wohl erwarten, dafs unter den nach- 
tragen des zweiten theiles die ergebnisse von Kirchhoffs 
und Ritschis Untersuchungen mit verzeichnet werden. Ueber 
das merkwürdige ROA\A aber wird sicher der verf. anders 



294 SchweiMr-Sidler 

urüi^en als Ritscbl. Das kaon doch eben, wie uns R. 
selbst lehrt, nichts anderes bedeuten als Roama, darf 
aber darum nicht mit robur in Verbindung gebracht und 
jfticht ▼, u aus b erklärt werden, sondern best&tigt nur wie- 
der die feine deutung von Corssen, welche mit der ge- 
schichtlichen aufiassung Mommsens, einer aufTassung, welche 
uns auch Cato an die hand gibt, trefflich stimmt. S. 14 
werden die Plautinischen messungen similumae, sagita 
UL a. erwähnt und gewifs ganz zutreffend erklärt; denn 
nicht darum, weil die doppelconsonanten nicht geschrie- 
ben wurden, wie einige meinten, konnten die silben vor 
ihnen als kurz gelten, sondern darum, weil sie nicht mit 
deutlich geschärften consonanten gesprochen wurden. 
Dafs gewisse, später doppelt geschriebene laute, selbst 
solche, deren doppelung sich durch assimilalion erklärt, 
anter bestimmten bedingungen in der scenischen spräche 
nicht volle metrische länge begründen, ist in neuester zeit 
wieder von Christ hervorgehoben und geschickt begrün- 
det worden; bemerkenswerth ist aber, dafs das in sagita 
wohl ursprünglich einfach lautende t geschärft und der 
accent versetzt ward, eine vereinzelte willkürlichkeit, welche 
eben dadurch ermöglicht ward, dafs vorEnnius eine feste 
abgrenzung in dieser beziehung noch nicht bestanden hatte. 
Wie Ennius die viel wichtigere doppelte Schreibung ge- 
schärfter consonanten in die schrift und metrik eingef&hrt 
bat, so gilt der dichter Accius fOr denjenigen, welcher die 
doppelte Schreibung gewisser vocale au%ebracht habe, um 
deren naturlänge anschaulich zu machen; Bücheier aber 
wdlte — in seiner gediegenen schrift über die lateinische 
declination — aus dem von Cato fQr diem geschriebenen 
diee schliefsen, solche Schreibung sei vereinzelt schon vor 
Accius vorgekommen. Das bestreitet C.s ib anm.und nimmt 
diee fbr einen ehrwürdigen Überrest der vollen form die- 
sem. Diese volle form als ursprüngliche anzunehmen, hat 
C. vollkommen recht, aber so jung, dafs ein derartiger 
rest noch zu Catos zeiten bestanden hätte, ist gewifs der 
ausfall des s nicht anzusetzen. Ebendaselbst spricht Cors- 
sen von h als längezeichen im umbrischen und oskischen 



antelg«n. 296 

und fflbrt den analogen gebrauch der deataohen Schrift seit 
dem spätem mittelalter an. Aber sparen eines soldien h 
UQ'I noch viel häufigere spuren der doppelten schreibang 
von vocalen, um deren natarlänge su bezeichnen, finden 
sich im deutschen um ein bedeutendes frfiber; Grimm, gr. 
1% s. 89. Wir dürften darum auch gar nicht daran den- 
ken, dais Accius seine schreibang von einem andern zfreige 
des italischen Stammes herholen mufste, wenn nicht auf- 
fielo, dafs er nicht auch OO schrieb, was allerdings entleh- 
nung von Oskem oder Sabellern wahrscheinlich macht. 
Was die Schreibung mit EI, I longum oder einfachem I 
ftkr I betrifft, so müssen da noch, wie über die Schreibung 
mit apex, die feinen und sprachgeschichtlich wichtigen er- 
drtemngen Useners in dessen aufsatz i^varronische ex- 
cerpte^, rh. m. n. f. bd. 24, hinzugenommen werden, um un» 
dieselbe ftlr die ausspräche richtig werthen zu lassen. Was 
Gorssen unter einer behandlung der ausspräche der latei- 
nischen consonanten versteht, ist bekannt: er erörtert in 
dem betreffenden abschnitte überhaupt das charakteristi- 
sche des consonantensystems, die möglichen und wirklichen 
Verbindungen derselben, ihre stärke und schwäche, und 
gewinnt dadurch in streng methodischer weise aufschlufs 
über die etymologie einer grofsen anzahl von lateinischen 
Wörtern und bildungen. Eine nicht unwesentliche frage 
ist hier, wie die aspiraten der verwandten sprachen in den 
italischen und im lateinischen insbesondere vertreten, ob 
wir berechtigt seien eine voritalische stufe anzunehmen, 
auf weicher den italischen Spiranten, wie im griechischen, 
tennes aspiratae vorangiengen, oder ob, wo lateinische Spi- 
rans im anlaute, media im inlante einer skr. media asp. 
entsprechen, eine blofs mechanische theilung stattgefunden 
habe, und was sich daran anschliefst. Diese frage bespre- 
chen wir nicht, da Ascolt, der von C. sehr heftig an- 
gegriffen worden ist, ohne zweifei den kämpf fbr seine 
voritalischen aspiraten und fQr seine anschauung der spi- 
rantenentwickelnng im italischen mit allem rüstzeuge aofiieh- 
men und durchführen wird. Die analogien anderer sprar 
eben begünstigen die ansieht, welche Ascoli in letzter 



296 Schweiser-Sidler 

zeit mit besonderem eifer vertheidigt bat, in hohem grade, 
nnd C. ist kaum berechtigt die diesfäliigen italischen vor- 
ginge unmittelbar an die sanskritische lautgestaltung an- 
zuknüpfen. Schliefsen wir uns auch Äscolis ansiebten 
Ober die entwickelung der italischen Spiranten an, so ver- 
lieren diese darum nicht dem griechischen gegenüber an 
ihrer Selbständigkeit. Wir greifen aus diesem abschnitte 
nur einzelnes heraus. Dafs Corssen nun um so muthiger 
seinen satz festhält, es sei in alter zeit kein -cit, -et in 
blofses -t mit vorausgehender länge übergegangen, d. h. die 
assimilation von tt aus et sei erst spätlateinisch und ro- 
manisch, um so muthiger, da seine erklärung von suspl- 
cio, convicium boden gewonnen hat, das ist natürlich, 
und er läfst auch heute noch (s. 37) das einzige setius. 
An welchem aber ein ursprüngliches g vor t geschwunden 
sei, als annähernd zutreffendes beispiel solches Vorganges 
gelten. Götze wollte jüngst Corssens herleitung von 86- 
tius aus seg-nis bestreiten und meinte, dessen trennung 
von secus sei formell höchst auffallend, es stimme aber 
auch die bedeutung von setius nicht zu derjenigen von 
segnis. Der beweis für diese ansieht ist nur durch die 
beigebrachte analogie nicht schlagend geleistet, existiert 
doch ein adjectivstamm penito, von dem penitius com- 
parativ ist, und ist doch eben das adverbium penitus 
nicht unmittelbar von einer wurzel gebildet, wie es das 
adverbium secitus sein mü&te, wenn man es mit secus 
gleichstellt und wie dieses von wz. sec herleitet. Aber 
vergleicht man socius, secta, sector (verb. intens, von 
sequor), so wäre sectus keine unerhörte form, und davon 
kann sectior, s6tior kommen. Sei dem wie ihm wolle, 
das steht durch die Überlieferung fest, s6tius ist = se- 
ctius, und dieses ist ein beleg für t =s et, tt mit ersatz- 
länge. Und das gibt uns das recht invitus aus invici- 
tus oder invictus zu erklären. Denkt man bei invitus 
an skr. vi und vergleicht vitus mit skr. vitas geliebt, 
erwünscht, mit zendischem vitas erwünscht, gut, invitus 
mit zend. e vitas „bös, nicht erwünscht^, so ist und bleibt 
der Umschlag des part perf. pass. eines transitiven yerbuma 



297 

in die active bedeatoDg sehr aufTallend, und man erwartet eher 
hoc mihi invitum facit als me inyito; überdies wäre 
die vereinzelte entlehnung eines particips doch wohl ein 
Aufserst seltener fall. Wie wir demnach bei invitns als 
einem invicitus, invictus von wz. vec = jx ass vap 
meinen uns beruhigen zu müssen, so trennen wir nicht 
vitare von jrex, iixw^ nicht invitare von vocare, um 
sie in gar künstlicher weise mit skr. wz. vi zusammenzu- 
bringen. Sehr instructiv und, denken wir, abschliefsend 
ist Corssens darstellung der assibilation von t und c. Ge- 
gen die ableitung jedoch von Bonifacius, älter Boni- 
fatitts (s. 57), sind jüngst schon im rhein. museum. be- 
scheidene, aber begründete bedenken erhoben worden. An- 
Ift&lich der alten assibilation von t in s bringt Corssen 
seine früher aufgestellte scharfsinnige erklärung von osk. 
patensins aperuerint und umbr. combifian^ust in er- 
innerung. Unbedingt ziehen wir aber die deutung vor, 
welche C. ebenfalls als die seinige ansprechen kann, sie 
jedoch am angefahrten orte unserer Zeitschrift schliefslich 
zurücksetzt. Von einem patenti konnte nur patentaum 
kommen wie lat. praesentare von praesenti u. s. f.; 
es liegt also dem oskischen worte ein thema patentio 
oder patentia zu gründe, und so ist selbst der Übergang 
von t in 8 noch mehr gerechtfertigt. Unter den beispie- 
len einer erweichung von c in g führt der verf. auch pro- 
mulgare auf und stellt daneben promulcum und re- 
mulcum, womit er in aller stille die deutungen von 
prom. aus provulgare oder proinvulgare beseitigt 
und wiederum einem beispiele für den Wechsel von v und 
m seine beweiskraft nimmt. Wir denken, C/ fasse re- 
mulcum und promulcum als ableitungen von meliere 
(in promeliere) und wolle promulgare als „hervor- 
ziehen^ deuten. An dieser deutung wird der verf. gewifs 
durch Wilbrandts bemerkungen, zeitschr. XVIII, 108, 
nicht irre werden. Auf s. 118 heilst es von ob wieder, 
es sei entweder verwandt mit griech. kni^ skr. api, oder 
mit skr. upa. Wir denken doch das erstere als nach form 
und bedeutung allein richtig erwiesen zu haben. Wir ken- 



296 Schw«iser-8idler 

Den keinen fall^ wo ureprßDgliohes u im lateinischen o ge- 
worden wäre and nehmen dieses selbst in före (vor r) 
nicht an, noch minder in jöcus. Nicht geben wir noch 
einmal auf diejenigen mit f anlautenden Wörter ein, deren 
etymologie jetzt noch streitig ist, wie famulus, faber, 
facere u. a., mQfsten wir doch nur altes wiederiiolen und 
bekämen die alten nach unserer Überzeugung nun einmal 
nicht genügenden einwürfe zurück. Ueber die wz. bhaj 
im Sanskrit aber dürfte sich nun doch Corssen, weil nicht 
durch uns, durch Böhtliogk-Itotb belehren lassen. In fa- 
mulus ist immerhin beachtenswerth, dals a kurz ist, wie 
denn überhaupt die quantität und dlfUlige erklärung des 
ausweichenden im vorliegenden buche — freilich bei so 
reichem materiale begreiflich — da und dort zu wenig 
beachtuDg findet, so in äcerbus, fimus, Venafrum. 
Noch leichter scheint es uns form und bedentung von feo 
zu begreifen, wenn wir feveo als grundform ansetzen; und 
daneben stellen wir unbedenklich und unbeirrt durch des 
verf., wir meinen, leicht zu beseitigende einwendnngen als 
alte präsensform von fu fövo auf. Ueber die wz. bhar, 
bhra, bhru (s. 145) hat schon Ascoli bd. XVI d. zeitschr. 
neues beigebracht, nun sind Böhtlingk-Roth s. v. bhur 
zu vergleichen; und blofse Weiterbildung von bhra ist 
bhram, neben dem ein bhru leicht erklärlich ist. Sehr 
ausführlich läfst sich C. s. 152 ff. über das mit ab gleich- 
bedeutende af gegen Curtius aus, und wir werden ihm 
einräumen müssen, dafs seine deutung von af aus einer 
form adhi, adh lautlich gerechtfertigt ist, wie keine an- 
dere. Da wir im lateinischen kein zweites beispiel aufzu- 
weisen vermögen, in welchem etwa urspn ausl. tenuis 
aspiriert worden und dann sich wieder zur media ges«ikt 
hat, so werden wir uns bei Corssens ansieht beruhigen. 
Aber minder durchschlagend erscheint die anm. s. 160 f., 
in welcher C. im gründe nur die lautlich sporadisch sich 
geltend machende erscheinung^ dafs auch im lateinischen 
s folgende tenuis zur aspirata, resp. Spirans umgestalten 
könne, bestreiten will.' Fallo aber ist ein nicht wegau- 
liomendes beispiel, und der verf. wird umsonst nachzuwei- 



aaaeigeii. 299 

sen Teroucbeo, daft es einst im sanskrit ein sbhal vor 
sphal gegeben habe. So scheint es uns denn auch uner- 
laubt funda von o^eväovrj und der wz. spand zu tren- 
nen. Die bedeutungen des lat. funda sind schon von der 
gewöhnlichen lexikographie ohne alle kfinstelei zu einer or- 
ganischen einheit vereinigt worden. Dals aber funda und 
C€p€v86vti zu spand gehalten werden, verwehrt uns nicht 
anch pendere zu derselben wnrzel zu ziehen: warum 
dürften wir nicht nur, warum sollten wir nicht auch auf 
dem wurzelgebiete zeitlich verschiedene entwickelungen an- 
nehmen, warum sollte nicht anch diese forschung eine Chro- 
nologie inne halten? Dafs plsbes (s. 165) so erklärt werden 
könne, wie Corssen erklärt, ist unbestreitbar; aber fQr 
denjenigen, der nicht darauf ausgeht das lateinische vom 
griechischen möglichst scharf zu trennen — ein bestreben, 
das bei unserm verf. stark hervortritt — , liegt die vec^ 
gleichung von nXij-d'oq mit p leb es sehr nahe und die 
ein Wendung Corssens triffi nicht zu, dafs sonst (?) den 
griechischen neutris auf -og im lateinischen solche auf -us 
entsprechen; haben ja doch gerade die neben einander 
stehenden formen nabhas, vi<pog^ nübes, sadas, iSogj 
sedes den begründer einer wissenschaftlichen Sprachfor- 
schung auf die richtige erklärung der lateinischen formen 
auf -es geflQhrt. Unter abies s. 170 ist wieder skr. edh 
als Steigerung von adh aufgeführt. Solches edh aber wird 
wohl einstimmig von den sanskritkennem als dialektische 
— und als solche erklärbare und nicht ohne analogie da» 
stehende — nebenform von ardh angesehen. Der wurzel 
arbh, welche mindestens nach analogie erschlossen war, 
begebe ich mich um so lieber, da der verf. dem dh von 
ardh sogar im inlaute doppelte Vertretung auf italischem 
boden einräumt. Wir meinen, dafs der verf. seine künst- 
liche deutung von quotidie und quotannis (s. 175 f.) 
nicht lange festhalten wird. Während er selbst in einem 
folgenden abschnitte seines buches sehr wahrscheinlich 
macht, dafs die pluralformen auf -eis, -Is in der o-de- 
cUnation relativ spät und vorübergehend gewesen seien, soll 
qvotannis seinssquot annis (f. anni) snst, und da- 



300 Schwetzer-Sidltf 

nach quotidie = quoti dies aas dem alten quöti mit 
gesteigertem i und nom. pl. dies. Die einfachste erkl&ning 
wird immer die sein, daüs wir in quotidie einen locati- 
Yus ^am wie vielten tage (es sei), in qaotannis einen 
ablativus sehen. S. 186 anm., wo vom abfall eines t im 
perf. die rede ist, meint der verf., die von Ritschi fbr die- 
ses tempus angenommene form deda = dedant s=s de- 
dgrant könne nicht gehalten werden, nnd es sei in der 
^betreffenden inschrift DEDA vielmehr als Deda, Stamm- 
form zu Dedia, Didia zu nehmen, wie denn auch frü- 
here geradezu Didia übersetzten. Seine einwendungeo 
sind sehr gegründet, aber die namensform steht ihm ent- 
gegen: Didii gab es, aber nirgend Didi, und um die 
frage abschliefsend zu beantworten, müfste wahrscheinlich 
gemacht werden können, dafs in Pisanmm ein i zwischen 
d-a nicht gesprochen oder dafs vom Steinmetzen nach- 
lässig geschrieben wurde. Wir fibergehen die sehr inter- 
essante anmerkung über apud, apor (s. 197), über altes 
8 und die nominativendung in Cusianes (s. 229); in an- 
merkung zu s. 232 ff. tritt C. einläfslich und gegen Pott 
polemisierend wieder auf die lateinischen formen dies, in- 
terdius, dius, diu ein. Wir erklären. uns im wesent- 
lichen mit seiner beweisflQhrung und seioen ergebnissen ein- 
verstanden: das nur können wir nicht einräumen, dafs 
jemals das neutralsuffix -us, lat. -os, -us mit langem vo- 
cale vorgekommen sei, selbst nicht in dem zur vocalstei- 
gerung allerdings sehr geneigten lateinischen. Diese ein- 
wendung wird uns kaum hindern dius und in interdius 
-dius für acc. sing, zu nehmen, da uns die bezeichnung 
interdius, diüs nach vergleichung der stellen nur Weis- 
heit der lexikographen zu sein scheint. Aber anders ver- 
hält sichs mit diu. Soll dieses aus dius entstanden sein, 
dann mufs die spräche letzteres mifskannt und als acc. pl. 
gefafst haben: immerhin ist der bleibende abfall eines s 
nach langem vocale und in einer form, neben welcher 
noch in litterarischer zeit jenes s stand -^ angenommen, es 
wäre u in dius, interdius wirklich ü gewesen — etwas 
höchst singniäres. Wir sehen heute noch nicht ein, warum 



anzeigen. 301 

diu nicht ablativns sein könnte, sei es nun f&r diö, sei 
es von einem stamme di(y)u. DaTs interdiu, interea, 
posth&c u.a. noth wendig mit accusativus zusammenge- 
setzt sein müfsten, wird uns zu glauben scliwer, und hät- 
ten das die Römer geglaubt, so wären die formen eä, 
häc nicht stehengeblieben. Wie erklärt Corssen aduor- 
sum eäd im S. C. de Ba.? Wir denken mit dagegen, 
und posteä ist danach. Grimm, gr. III, 130 f. ist auch 
f&r das lateinische wichtig. Dafs sich C. (s. 243), wie 
schon früher, durch Crain zur deutung von vis „du willst^ 
ans yir*s hat treiben lassen, können wir nicht gut 
heifsen. Einmal ist es sehr unwahrscheinlich, dafs in 
derselben conjugation die wnrzel zwischen r und 1 gewech- 
selt habe, und zumal eine wurzel, welche in dieser beden- 
tung auf europäischem boden nur mit 1 erscheint, ander- 
seits gibt es ja auch kein beispiel, wo statt eines auslau- 
tenden rs sich ein s zeigt. Es hat also hier so oder so 
ein beispielloser Vorgang stattgefunden, und Götze bat mit 
recht heryorgehoben, es heifse vis und nicht vll, um das 
zeichen der zweiten person zu retten, d. h. das Sprach- 
gefühl verlangte hier s. In einer anmerkung auf dersel- 
ben Seite handelt der verf. über die form Prosepnais 
etc. Wir wollen seine übrigen einwürfe gegen Useners 
Zusammenstellung von nsQOBcpovtj und Proserpina nicht 
bestreiten, aber den widersprach hervorheben, dafs hier 
dieselben werter mit si^fix -Ina aufgeführt werden, welche 
8. 606 Ina erhalten. Curtius wird die annähme von einem 
aoristus U im lateinischen (s. 261 ff.) und wie die benen- 
nnng gemeint war, selbst vertheidigen, jedesfalls hindern 
an dieser annähme nicht die indicativischen formen tägo 
n. ä.; ist es doch rein zufällig, dafs das griechische nicht 
auch im indicativus augmentlose formen ausbildete, und 
sicher, dafs die nasalierten gestalten ursprünglich eine be- 
deutungsmodification anzeigten. Kühn ist die s. 268 ff« anm. 
ausgesprochene vermuthung, nicht nur duo sei ein ver- 
steinerter dualis, sondern in duom-, duumvirum seien 
noch genitive dieses numerus erhalten. Der form und dem 
geiste der italischen sprachen nach ist diese vermuthung 



303 ScbiraiMr-Sidler 

höchst nnwahrecheinliüh. Ob in den namen Tities etc. 
(281 anm.) die angeooininene pluralendong -68 = -ei niciit 
im widersprach stehe mit dem später Ober die pluralen- 
duDg yoQ o-siämmen vom verf. gewonnenen resnltate, möch- 
ten wir von ihm selbst hören: ein flexomines kennen 
wir übrigens nicht mehr, aber ein sehr merkwürdiges 
flexuntes. Sehr instructiv ist die anseinandersetzung 
über -aiius, -aias, -ejus s. 303ff.; gerne hättmi wir da^ 
bei das lautliche und sachliche verh&ltnifs von skr. -ejas 
berührt gesehen. S. 307 scheint uns der verf. doch nicht 
klar bewiesen zu haben, wie cuius, hu ins zu ihrer na* 
turlftnge vor i, j gelangen. Wenn i von cuius, huius 
sich zum palatalen reibelaut verhärtete, so blieb eben wie- 
der u allein übrig. 

Aber so manches wir noch in diesem abschnitte des 
imposanten buches zu fragen, einzuwenden, und so oft wir 
besonders auf schöne funde aufmerksam zu machen hätten, 
wir eilen in unserem referate darüber hinweg, um nicht 
die wichtigsten partien des buches ganz übergeben zu 
müssen. Die partie über die zweilautige und einlautige 
Steigerung der vooale ist, wie wir schon oben anführten, 
sehr wichtig flQr die anschauung des bewegliehen sprach* 
liehen lebens in Italien, es kommen da aber noth wendig 
auch Wörter flQr staatliche, rechtliche, religiöse begriffe zur 
spräche, und der verf. verweilt bei derartigen auseinander- 
Setzungen mit besonderer liebe. §. 351 durfte deutsches 
koufön darum nicht als gleichartiges beispiel aufgef&hrt 
werden, weil dasselbe wie eihhön (unter aequare), sin- 
nen f. signare u. a. reines lehnwort ist und uns nichts 
berechtigt ein got. chuf, huf anzunehmen. Wie es aber 
mit lehnwörtern rücksichtlich der Verschiebung gehe, das hat 
Wackernagel „utndeutschung^ vor jähren nachgewiesen* 
unter der wz. skn „ aufschiefsen ^ hätte mit demselben 
rechte als codex etwa abd. scöz, nicht aber scöz 
„spröfsling^ das ein ö für u dnrch brechung hat, an%ef&hrt 
werden dürfen. Warum der verf. s. 357 und in ähnlicbeii 
fällen in deutschen Wörtern -auvan, -ouvan schreibe, ist 
nns anklar. Zu pu „schlagen^ (& 358) zählen wir aoek 



303 

pavere ^niedergeachlageD, feige Bein% und unter die erste 
rmhe in krii (8.360) ahd. biosyn, hlösön mit gebro* 
ebenem u, ein interessantes desiderativurn. Flüvius 8.363 
wird, wie porricere s. 369, druckfebler sein. Sowobl 
über die bildung als über die entwicklung der bedeutung 
von laedere, taedSre, pudere finden wir in unserm 
buche feine Weisung. Wir können nicht läugnen, auch 
▼erba denominativa im eigentlichen sinne des wertes sind 
in die dritte conjogation eingebrochen und zwar nicht nur 
▼erba der art wie metuere, fQr die wir ein metujere 
vorauszusetzen nicht als ungereimt erachten, sondern auch 
solche, welche das einfache thema auf -ä haben, wie lae- 
d-a, claud-a u. a. Taedet und pudet sind wie mi- 
seret hübsch als causative denominativa erklärt, „es macht 
voll, es schlägt nieder, macht unglücklich^. Dafs taedet 
von WZ. tu ausgeben und diese „strotzen^ beifsen könne, 
ist unbestreitbar. Für aequus, imitari etc. wird eine 
verlorene wz. ik (s. 374) statuiert, welche im deutseben 
als ah, im sanskrit als uK (nicht upl) erscheine. Solche 
verlorene wurzeln haben natürlich immer etwas bedenk- 
liohes, und auffallend wäre hier schon das, dafs im latei- 
nisohen ic, im sanskrit u^, nur im deutschen ah sich 
zeigte, überdies im lateinischen c vor m ohne ersatz aus- 
fiele* Da überdies aequus auch ohne annähme einer 
wz. ik sich erklären läfst, so fragt sich immerhin, ob nicht 
in diesem einen falle das reduplicierende m weggefallen 
sein dürfte, da mimi in der that eine um vieles unange- 
nehmere lautgebung ist als mama u. a. Eline wurzel iv 
zu statuieren, um skr. eva etc. zu erklären, sehen wir kei- 
nen grund, und über das wesen der wz.inv im sanskrit 
ist offenbar — wir wagen diesen ausdruck — C. nicht ge- 
nau unterrichtet. Die wurzel zu öva ist keine andere als 
i „gehen^. Unter wz. is (s. 375) ist mehreres durchein- 
ander gerathen. Skr. idti (nicht iSdi) „wünsch^ ist nicht 
dasselbe wort mit iäti „opfer^, welches ja nach bekannten 
skr. lautgesetzen von ja^ „opfern^ stammt, und selbst bei 
aisos u. s. f. denken wir noch, wie vormals, eher an skr. 
iura, Uqoq und die wz.iä «saftig, kräftig sein^ als an 



304 Sehweiser-Sidler 

iä „wünschen^. Vergl. Böhtl.-Roth s. V¥. 18, iura, id, 
idä. S. 376 ist ein skr. pr^ti „freude^ verzeichnet: freude 
beifst priti; präti ist = pra-iti 99 Weggang^. Saecu- 
lum ist s. 377 sehr höbscb und, wir meinen, auch unan- 
fechtbar als ableitung von wz. si gedeutet. Erwähnung 
und alli&Ilige formelle Widerlegung hätte die erklärung 
Mommsens (hinter seiner römischen Chronologie), der sae* 
culum als saepiculum von saepire genommen hat, 
verdient. In den deutschen Wörtern spähi u. s. f. (s. 379) 
ist die quantität nicht beachtet. Das deutsche fleh an 
(8.394) mag trotz des ihm entsprechenden got. thlaihan 
— freilich ist uns der Übergang von f in th noch immer 
nicht erwiesen — mit placare oder precari gleicher 
Wurzel sein, aber offenbar ist es nicht ein beispiel der Stei- 
gerung von a in 6, sondern got. ai und ahd. S sind durch 
verschiedene Ursachen bewirkte brechungen von T, oder, ist 
im got^ai, im ahd. S, so haben wir dort Steigerung von 
I, hier die vor h gewöhnliche Verdichtung von kl. Leider 
müssen wir auch die schöne reihe s. 396 ff. anfechten. Die 
vedische wurzel sagh, skr. sah heifst nirgend „schlagen, 
tödten^, sondern bedeutet nur sustinere, ^d^eiv und von 
ihr stammt got. sigis. Die italische wz. sag mag „scharf 
sein^ bedeutet haben, mag mit got. sakan „streiten^ zu- 
sammenhangen, aber nicht mit skr. sagh. Eher könnten 
wir hier eine alte lautsenkung von c in g annehmen und 
Zusammenhang mit secare gelten lassen. AnläTslich der 
Wurzel sap s. 399f., deren spröfslinge im lateinischen mit 
vielem geschick behandelt sind, ist auch des got. sibja 
u. 8. f. gedacht, nicht aber der längst von Kuhn n. a. ge- 
machten Zusammenstellung mit skr. sabhja, sabha, einer 
Zusammenstellung, welche uns den begriff der sippe voll- 
ständig aufhellt und lautlich vollkommen zutrifit. Ein sehr 
reiches und viel licht verbreitendes abschnittchen ist wz. 
mar mit ihren ableitungen. Ob gerade die sehr scharf- 
sinnige deutung von Mavors aus *maga = f^^XV und 
vortere das richtige treffe, mOssen wir dahin gestellt sein 
lassen; lautlich ist sie (vgl. mavolo) unanfechtbar. Unter 
der WZ. sa widmet der verf. verdienter mafsen dem alten 



anzeigen. 305 

gotte Sfitornas beeondere aofmerksanikeit. Die alte form 
SAIITYRNVS d. b. Saeturnus wiU er so erklären, dafs 
iD ae eine mittelstufe zwischen ä and 6 liege (sömen etc.). 
Wir kennen aber kein lateinisches wort, in welchem 
solche schreibang stattgefunden hätte and sehen ans ge- 
nöthigt ae als aS, al zu fassen. Gar nicht unwahrschein- 
lich ist nun, wie wir schon vor jähren vermuthangsweise 
äofserten, ein Zusammenhang dieses namens mit skr. sa- 
▼itar, dem zeugenden sonnenwesen; dabei sind aller- 
dings die lautlichen Schwierigkeiten, die C. vorbringt, nicht 
zu übersehen, welche auch wir nicht, so dafs es uns ge- 
nflgte, wegräumen können. Unter wz. fac s. 423 tritt u. a« 
focas auf, ein wort, welches die alten aaf foveo zarQck* 
fthren; und dafs es zunächst zu diesem gehöre, meinen 
auch wir. Wie wir jöcus nicht als unmittelbar fbr jücus 
gesetzt ansehen können, sondern ein joacus voraussetzen, 
so dOrfte auch föcus fQr foucus stehen. Wie in jübeo 
ftkr jöbeo, joubeo, pöpulus fQr poupulus, so ist in 
före fbr foure, fovere, jocus ftkr joacus^ föcas ftkr 
foocus diphthongentrAbung und verkflrzung eingetreten. 
Unter den wzz. pa und sna gewinnen wir manch sprach- 
liebes and sachliches, manches fQr erkenntnifs italischer 
Wortbildung und mythologie. Wir bemerken nnr, dafs 
fedan im angelsächsischen (s. 424) sein e blofs durch Um- 
laut vermittelst i erbalten hat, und dafs Grafsmann (s. 435) 
sehr mit unrecht getadelt wird. Wenn dieser der skr. wz. 
nabh die bedeutung „hervorbrechen, quellen^ gibt, so ist 
diese bedeutnng durch grammatiker und den Sprachge- 
brauch viel besser gestützt, als manche wurzelgestaltong 
und worzelbedeatang, welche Corssen nnbedenklicb als 
ausgangspunkte hinstellt. Ebenso wenig durfte Curtins' 
deutung von vofiog o. s. f. gescholten werden , wenn wir 
auch dem verf. einräumen, dafs die seinige lautlich mög- 
lich und sehr scharfsinnig ist. Geht denn nicht aus vifABiv 
zutheilen sehr leicht ein ertheilen nnd das urtheil hervor, 
und kann nicht auch namerus ohne Schwierigkeit nnter 
diesen begriff befafst werden? Nach Mommsen and Haltsch 
dttrfte nammns gar ein griechisches lehn wort sein, wie 

Zttitochr. f. vgl. spnchf. XYni. 4 . 20 



d06 ScliwMxer49idler 

hemiDaa. a. moneta wird doch kaum die pr&gestitte 
des geldes als die denkzeichen schaffende, die kennzeichen 
schaffende geheifsen haben, sondern nur nach der Juno Mo- 
nMh so benannt sein. Nicht unwichtig för die beurthei- 
luQg der römischen rechtlichen und sittlichen anschauun- 
gen ist der gesichtspunkt, ans dem sie religion und gesetz 
benannt haben. Corssen fafst 445 nicht nur religio als 
bindenden glauben, auch lex als bindende Satzung« 
Dafs lös nicht als Spruch erklärt werden dQrfe, hat schon 
Curtius herTorgehoben , aber die vergleichung mit altn. 
log und die von Lottner herrflhrende herleitung von ws. 
i£;^ .aller beachtung empfohlen. Wir dflrfen aber die latei* 
niscben und oskischen Wörter nicht trennen, ein griech. ^ 
erscheint aber im oskischen inlaute als h und wir hätten 
wohl lihud etc. zu erwarten. För die italischen Wörter 
müssen wir also Corssen beistimmen, die germanischen aber 
führen uns entschieden auf wz. Xex^ ligan zurQck, und C. 
wird sich dazu verstehen mOssen das gesetz auch als lie- 
gendes oder gelegtes anzusehen, wie er denn doch die 
,iSatzung^ als richtige anschauung anerkannt und die ^lage, 
gruudlage^ keineswegs etwas todtes bezeichnet. Bekannt- 
lich werden auch die got. bellagines von den Germani- 
sten einstimmig als bilageineis gefafst. Wiederum von 
mehrfachem Interesse ist die behandlung von wz. rag, 
unter welcher nicht nur lat. r^x, auch got reik-s und 
sogar skr. rä^an aufgeführt werden. Schon Kuhn, ind. 
Studien 1,332 ff. vermittelte diese Wörter, und nicht min- 
der deutet dies Benfey im Wörterbuch s. v. rä^an an. Aber 
Kuhn glaubt mit recht, dafs die grundanschauuog die des 
vorleuchtens sei. S. 453 ist sehr ansprechend Ober jaoio 
gehandelt, nur wird der Vorgang innerhalb des lateinischen 
ohne zweites beispiel sein. S. 458 läugnet Corssen, dafs 
skr. sldati u. s. f. aus reduplication si-sad-, sisid- ent- 
standen sei, seheint Oberhaupt den Wegfall eines wnrzel- 
eonsonanten und dann eintretende contraction einer ur- 
sprünglich verdoppelten form anch dem sanskrit abspre- 
chen SU wollen. Ueber t^nima u. s.w. treten wir unten 
im zusammenhange ein, hier möchten wir nur fragen, ob 



•itt«igMi. ao7 

Corssen aach in den sanskritdeoider., wie piki utid an- 
dern bei Benfey kurse sanskritgr. 8. 54 vereeicbneten eine 
solche zusammenziebung Iftngne. Jedeefalle kann das nicht 
als zareichender grund einer derartigen negierenden be- 
haoptung gelten, dafs daneben noch redaplicierende formen 
▼orkoramen, welche unversehrt fortbestehen: die sprachen 
. erscheinen uns in ihrer entwickelang und schon beim er* 
steu eintreten in unsem gesichtskreis in einem vielfach ent- 
wickelten zustande. Eine analogie zu der begrifbentwicke- 
lung von s^rus aas sar bildet skr. Kira von Kar gehen 
and dara von wz, du. Gern stimmen wir dem verf. bei, 
wenn er s. 466 v^rus von var ,,decken, schützen^ ablei- 
tet; denn so sinnig und von reicher analogie unterstützt 
die deotung Ascolis aus vas „bleiben, sein^ ist, so ist 
doch immer noch unerwiesen, dafs in diesem worte r aus 
s entstanden sei. Bei beiden ableitungen aber gewinnen 
wir ein gesteigertes a d. h. €. S. 471 mag die deutung 
von Venus richtig sein, aber das sinnliche braucht nicht 
krafs hervorzutreten, und in venustus tritt es sehr zu- 
rflok. Doch über die betreffende wurzel hat Kuhn im 
zweiten bände der Zeitschrift trefflich gehandelt, und wir 
erwähnen nur noch, dafs nicht blofs deatsches wini^ auch 
got. vßns, ahd. w&n, i?jtig^ dahin gehören. Ob cdra 
,iwachs^ (s. 472) von kar, Kar „laufen^ herstamme, ist 
uns doch noch nicht ganz ausgemacht, da unsers wissens 
sonst die anschauung des auseinanderfliefsens, zergehens 
Dicht in dieser wurzel liegt, während allerdings ein saus- 
kritwort dr&vaka von wz. dru „laufen, zerlaufen^ f&r 
wachs angefahrt wird. Callis und xiXEvd-og zeigen 
ans, dafs auch in den europäischen sprachen die anschauung 
des bestimmten gehens an dieser wnrzel hafi;ete. Ahd. 
sprizan ist s. 475 unrichtig als sprizan unter die reihe 
spar gestellt. Aber so gerne wir noch Ober manches ein- 
zelne in diesem wurzelverzeichnisse einträten, wie tkber 
res, persona, solätium (?), lictor, dirus (von wz. 
dar), harviga, wz. tar, ancile, pllum, rlpa, lltus, 
hbra, vitium u. a.: wir mttesen uns bescheiden und wen- 
den uns sohliefslich noch den abschnitten unseres bnohes 

20* 



a06 Schir«iMr-8i<Uer 

za, die gewisse oonjugatioos* uad dedinationsformeQ ent» 
wickeln. 

ZuDäehst werden wir dem verf. recht sehr dankbar 
sein fttr das reiche material, welches er behufs einer voll-* 
stiodigen überschau der italischen perfectformen vorfilfart. 
Wir werden auch bereitwillig den Scharfsinn anerkennen, 
mit welchem er seine heutige anschauung, das lat. per-* 
fectum sei vielmehr ein aorist, begründet und ihm sogsir 
eiorftumen, dafs seine ansieht vom einseitig italischen stand* 
punkte aus nicht mit erfolg wird angefochten werden kön- 
nen. Aber angenommen, meint C, was nicht richtig sei, 
das italische perfectum entspreche dem sanskritischen, grie* 
cbiscben, deutschen perfectum, man dürfte es von da aus 
beurtheilen, so sei auch im sanskrit und deutschen die re- 
duplication nicht ein noth wendiges dement dieses tem* 
pus, und das fkr. p^tima sei nicht aus pa(p)atima oder 
paptima, got. gebum nicht aus gaabum odergagbum 
2u erklären, ja auch holt, hialt seien nicht erwiesen =3 
haihald. Ueber fehlende reduplication im sanskrit hätte 
0. ober Benfey's ausf. gramm. s. 573, note 6 eitleren aol- 
leu als 8. 83. Freilich würde auch dieses citat nicht viel 
verschlagen« Auch die vedensprache ist relativ jung, und 
wir wissen ja genugsam, da(s in ihr schon völlig prakriti«* 
sehe wortformen sich finden. Das classische sanskrit nahm 
aber die spräche in die sucht und schaffte mundardicbe 
auswüchse und Verstümmelungen weg. Es kommt doch 
Oorssen gewUs nicht in den sinn das alter des augmentes in 
gewissen formen zu läugnen, die in den veden öder im 
Homer desselben aber entbehren, während sie in der da»- 
sischen spräche dessdben nie ermangeln. Und wir könn- 
ten ja Oberhaupt viel davon ertählen, wie oft in sprachen 
ein blofser rest einer form eine bedeutung beibehalten hat, 
welche ihr eigentlich nur als voller und ganzer zugekom- 
men ist. In einer zeit, welche vor der litterarischen Ober« 
lieferung der spräche liegt, sind nun auch formen wie pö- 
tima u.a. entstanden, welche wir, fassen wir bildung und 
flezion des skr. perfectums ins äuge, platterdings nicht an- 
ders erklären können, denn als weitere zusammenziehung^ 



d09 

▼an geslalteo wie paptima u« a., ob wir nun an ausato- 
(auQg oder an assimilation und nachberige vereinfacboDg 
deoken wollen, welcber dann ersatzdebnoog folgte. Was 
.das germanisohe betrifft, ao sollte man in der tbat anneb* 
men^ nacb der jüngsten darlegung Scberers, welcbe nnsera 
bedünkens die gelungenste partie in seinem genialen, übri* 
gens vielfach zu widersprucb reizenden buche ist, dürfte 
ein gebum u. a. aus gagbum nicht mehr angefochten 
werden; um aber ein giltiges urtheil abzugeben, muls man 
die deutsche starke conjugation und Scher ers entwickelang 
derselben im zusammenhange betrachten. DaTs bei alt aus 
haihald (nicht h&ihald) entstanden sein mOsse,. und dais 
stiaz u. 8. denselben procefs darchmachtea, kann den 
thatsachen, wie eben diesem hei alt und angels« leolc 
gegenüber, nicht geläugnet werden. Wenn nun in zwei 
enge verwandten sprachen ein derartiges ineinanderwach* 
sen v6n reduplication und wurzel vorkommt, so ist das 
natürlich kein beweis ftkr eine ähnliche erscheinung im la» 
teinischen, aber es läfst uns eine solche selbst dann be* 
greifen, wenn sie aus den in der litterarischen spräche be* 
stehenden lautgesetzen und lautvorgftngen nicht f&r jede 
einzelne dahin gehörende form erklärt werden könnte. Aber 
Gorssen will im lateinischen perfectum ja kein eigentliches 
perfect, er will darin einen aorist sehen. Dagegen darf 
trotz Corssens einwürfen zunächst die bedeutung des tem- 
pns geltend gemacht werden. Das sanskrit und deutsche 
brauchen wohl die perfectform aoristisch, nicht aber das 
sanskrit und griechische den aorist zum ausdrucke des ge- 
genwärtig vollendeten. Zweitens fiele die immerhin ziem- 
lich reiche anzahl rednplicierter lateinischer aoriste, ohne 
daCs dabei eine bedeutungsdifferenz waltete, auf, und drit* 
tens: wie sollte eine spräche, die das augment verloren 
hat, in welcher zwei einzige kümmerliche reste vom im- 
perfectum geblieben sind, gerade ein mit dem augmente 
auftretendes präteritnm, von dem sie aber das augment 
durchaus verwirft, im gegensatze gegen das reduplicierende 
tempns der Vergangenheit zum ausdrucke der bestimmten 
Vollendung wie des aoristes wählen? Da& aber bei gewis- 



310 ScbwttiteF-Sldler 

• 

ser beschaflenbeit der wurzel die redapUcation fallen konnte, 
das bat seine volle analogie wieder im germanischen. Wir 
dOrfen wobl im ganzen Scberers aafklärangen fflr das 
deutsche perfectnm auch fbr das lateinische folgen, und- 
es liegen uns auch im lateinischen die gestalten Terschie* 
dener Zeiten vor, aber alle zuletzt ausgegangen von redu« 
plicierten formen. Auch die endungeu oder, sagen wir 
lieber, der themavocal des lateinischen perfectums wird 
uns nicht zwingen in demselben einen aorist zu sebcD. 
Das aoristische liegt gewifs nicht in dem l. Dafs diese« 
scbliefslicb aus ft, ä entstehen konnte, wird Corssen am 
wenigsten l&ugnen, er, der das ursprflnglicbere -is, -it im 
prftsens mit recht schützt. Nach diesem allgemeinen, das 
aber meist schon von andern vorgebracht ist und womit 
wir den hochverdienten forscher zu belehren uns nicht ein« 
bilden, wagen wir auf dem vorliegenden gebiete noch 
einige einzelheiten zu bezweifeln. Es ist uns doch gar 
nicht ausgemacht, dafs die Wörter, wie pluere u. s. f. 
(s. 551), ihre perf. mit «vi gebildet haben. Warum soll* 
teh sie nicht gerade, wie ihre einstigen praesentia, einst* 
male auf -oui gelautet haben und ov, ou dann wie in 
andern fUlen zu ü, u geworden sein? Also plov-i, 
plou-i, plüi, plüi. Denn pluueram bei Plantus und 
ähnliche formen sind entweder noch Schreibungen wie 
flu vi US statt flovius, oder es ist das lange u durch dop- 
pelte Schreibung bezeichnet. Wir kennen wohl auch die 
ansieht, dafs hier eine neue Steigerung des einst prfisenti- 
sehen ov stattgefunden habe, sehen aber keinen grund un- 
sere einfachere dagegen aufgeben zu müssen. Von diesen 
verben vermögen wir nun schon um före willen, dann mit 
rücksicht auf das sanskrit und deutsche nicht das verbum 
fuo zu trennen, und die Schreibung fuuimus kommt 
unsere wissens auch bei ihm vor. Sehr interessant sind 
die perfectformen der nicht lateinischen italischen dialekte. 
Hier hat offenbar die Zusammensetzung n^t fuo weiter 
um sich gegriffen; aber aus covortuso, benust u.a. 
dürfen wir noch nicht schliefseo, dafs dieselbe Zusammen- 
setzung auch schon in der ersten pers. sing. per£ in dem- 



3U 

•elbeD umfaDge sioh eingedrftogt habe. Dafs wir auf das 
einmalige uupseDS (s* 554) so hohen werth legen, fordert 
gewifs der werL selbst nicht. Und was berechtigt nns 
fefftkust zu schreiben? Nichts als die nach unserer an- 
sieht immer noch sehr precäre Satzung, föci enthalte ein- 
fach eine vocalsteigerung. Tntüdi und -toudi, -tüdi in 
Gonttldimus können sehr wohl bildnngen verschiedener 
Perioden sein. 

Von annfthemd ähnlicher Wichtigkeit als die darstel- 
lung des perfectums ist diejenige eines theiles der casus, 
deren nähere betrachtung wir auf ein ander mal verspar 
ren. Wir wfirden unsere anzeige mit einem kleinen ver* 
seiohnisse von druckfehlem schliefsen, das wir uns ange- 
legt haben, wenn dieselben nicht von jedem anfinerksamen 
leser sofort als solche erkannt wfirden. Das groisartige 
werk ist fibrigens, wie wir dessen von der Teubnerschen 
Verlagshandlung gewohnt sind, prächtig ausgestattet Wir 
scheiden von dem buche mit warmem danke nnd dem 
wünsche, dafs diesem ersten theile die Qbrigen bald folgen 
mögen. 

Zfirich, im februar 1869. 

H. Schweizer-Sidler. 



AfJYO) und j^QfjywfAi. 

Curtius vermuthet gr. d. gr. et. 167 die wurzel Ver- 
wandtschaft von k^yo} mit kaya((6g^ Xdyvoq^ langneo etc. 
Das bleibt nur eine vermuthung, der die herbeigezogenen 
Hesychischen glossen Xayäa-öai aq)Biva^j XayyevH (pviyu 
nichts helfen. Bfir hat sich bei genauerer betrachtung der 
Homerischen formen von Xriyuv^ ano^kijyBiv die fiberzeu- 
gnng auegebildet, die wurzel des fraglichen wertes sei mit 
der von jrgijyvvfu ursprfinglich identisch. Die gründe Ar 
diese Überzeugung will ich hier kurz angeben. 

Für den abfall eines consonanten vor dem X von A17- 



312 ScbSabMg 

yeiv sprechea die beiden AA, ron denen das erste dorch 
aasimilaiion entstanden ist, in einigen Homerisclien formen 
▼on anO'Xrjyeiv: II. XV, 31 tv aTio-XXij^Tig anaraiav; Od. 
XII, 224 ano-U,ij^uav ivalgoi; Od. XIII, 151 ano-lkiiiioffi 
di nofinijg; Od. XIX, l66 ovxir dno-Xltj^Hg tov ifwv 
yovov i^€(}iowfa. Ferner bat das adjectiv a-kkr^xrog bei 
Homer immer doppeltes A, und schlieislich führt die posi- 
tionslftnge Od. VIII, 87 rJToi otb kij^euv a^iSmp &iIog aoi- 
öog auf anlautende doppelconsonanz in Xr^yiiv. 

Dafs aber der sonst geschwundene consonant das f&r 
jsQtiYVVfÄi nachgewiesene digamma ist, schlierse ich aus vie* 
len stellen des Homer, in welchen man Xi^uv^ a;co-(A)Ai7- 
yuv statt durch das blasse „schwinden, ablassen^ durch 
das sinnlichere „brechen, abbrechen^ besser wiedergiebt. 
Vgl. die angefahrten stellen Od. VUI, 87 und XIX, 166. 
Die hier, so wie II. IX, 97 hv aol fiiv ktj^Wj öio ä^ ap|o- 
^m; IL Xin, 230 r^ vvp fiijt dnokyye^ xikevi ts (ptaxi 
ixdavq) hervortretenden ausdrucksweisen „die rede abbrechen, 
den gesang abbrechen, unterbrechen etc.* sind auch im 
deutschen gebräuchlich, und, wie wir eine handlung ab- 
brechen, so sagt auch der Grieche: dno-Xki^^ioai di nofuiijg 
oder II. XIX, 423 oif Ai;|a), nglv Tgwag adr^v ikdaai no- 
kifioio oder II. XXI, 224 Tgoiag d* ov ngiv AiJS« imiQ- 
ifidkovg ivaQi^üQv. — Dazu ziehe man die lautlich, da g 
und k ofb wechseln, sogar im accente correspondierenden 
adjectiva ä-kkjjxvog und ä-gptjxtog z. b. in Od. XII, 325 
fjiijpa Sa ndvT äkkijxrog dvi Noxog und in II. II, 490 9)10177 
aQQTixTog. Wie wir in der letzten stelle im vergleiche mit 
der angefahrten Od. VHI, 87 auch äkknxxog statt aQpiixrog 
setzen könnten, so wQrde auch in II. XX, 150 agpfixTov 
vB(pikt]v ojfAoiarv ^aavTo das abgeschwächtere dkknixvo^ 
(ununterbrochen) ebenso gut den sinn wiedergeben, was ein 
beweis daf&r ist, dafs die bedeutungen beider Wörter in- 
einander verschwimmen. Ferner vergl. II. XXI, 305 ovSk 
^xdfAavÖQog ükt^ye ro ov fAivog und II. IX, 636 ool d* äk- 
hiXfov r€ xaxov tb &vfiov kvl arij&iüci deol &ifSav uvaxa 
xovgtjg etc. — Endlich gewinnt auch der herrliche ver- 
gleich II. VI, 146: 



miseelleB. 313 

Olli n€g tfvXXifjv ytvhj^ toir^ di xai avSgwV 
(fvlka rä fiip r äv€pio<; xafAcidtq xUt^ alXa öi ^' vkt] 
Ttii.id'ümaa q.vu^ Üagog d* kmyiyvBTfu wgri' 
wg avSQWv ytviti i} fiiv <pvBi tj S* anoktjyeu 
durch wiedergäbe von anoXfjyei mit „bricht ab^ oder 
„bricht zusammen^ in berOcksichtigung von q^vei „sprie&t 
empor *^ sehr viel an correetheit und Schönheit. Hierzu 
stellt sich sehr gut Hes. op. 419 (pvXXa hjyai jttoq&ow 
„das laub bricht vom zweige^« — Schlielslich beweist mir 
noch käxig äolisch figäxogy das von den If^dria Qayhvta 
Xen. Cyr. I, 6, 6 unmöglich und so wohl auch nicht von 
gnyog zu trennen ist, die ursprüngliche ideutität der wur- 
zeln von XiiiYtJii und jrgtjyvvfAi. Mit der zeit hat sich dann 
nach entstehung der form if)Xijyiiv die al^eblafstere be* 
deutung „schwinden, ablassen^ etc. in diesem worte fest- 
gesetzt, wfthrend die sinnlichere in ^gtjywfjit blieb. 
Mi tau, den 11. november 1868. 

G. Schönberg. 



Lateinische wortdeutungen. 

1) frendo. 

Dais frendere mit seiner grundbedeutung „zerreiben^ 
von fremere gänzlich zu trennen sei, zeigt unter anderen 
Corssen beitr. 208. Allein das von Walter zeitschr. XII, 
413 verglichene gr. xQ^l^^^^S hat, wie Fick indog. wör- 
terb« 69 erkennt, sein abbild in ags. grimetan, ahd. gra* 
mizön knirschen, grimmig sein^ so dafs es bedenklich ist, 
mit Walter das a im griechischen worte als vocaleinschub 
zu fassen. Dagegen stimmt zu frendere nach laut und 
bedeutung ags. grindan meiere, conterere, frendere, wozu 
altn.grenna attenuare, granda nocere (vgl. termentum, 
detrimentum ), grand granum, ahd. grint furfures capitis 
(vgl. furfur von wz. ghar). Wenn nun zu derselben wurzel 
mit Diefenbacb goth. wörterb. II, 432 ags. grist, gerst 



3U FWUkU 

molitara, farina su ziehen ist, so erweist sieb der nasal als 
uQursprOnglicb und wir werden zu einer wurzel ghardb 
geführt. Da ferner dh ein geläufiges wurzeldeterminativ 
ist, so liegt es nahe, die wurzel ghardh in ghar-dh zu 
zerlegen und als secundärbildung von gbar zerreiben sii 
betrachten. Ich treffe sonach mit Corssen zusammen, der 
a. a. o. frendo zur wz. ghar stellt, die nähere begrftnduDg 
dieser ansieht aber fehlen Iftfst. 



2) infestus. 

Potts herleitung des lat. infestus von infendere 
(et. forsch. I ', 2ö5. 11% 485), der Corssen (beitr. 183) und 
Curtius (grundz. n. 311) folgen, hat das bedenkliche, daCs 
sie das wort hinsichtlich seiner bildung isolirt. Die in der 
formation mit fen-d-o übereinstimmenden verba, die den 
nasal im perfectum behalten, stofsen ihn auch im supinom 
nicht aus, vgl. accensum, tentnm tensum, pensum, 
scansum u. a.; und so bildet infendo das regelm&Tsige 
particip infensus. Andrerseits kommen supina auf stum, 
das seltsame mixtum mistum ausgenommen, nur von 
verbis mit dem wurzelauslaut s: tostum, pistum, dep- 
stum, textum, gestum, ustum, haustum. Es setzt 
demnach die obige erkl&rung in doppelter hinsieht ein ab- 
weichen von der analogie voraus. Die folgende deutung, 
welche lautlich kein bedenken hat, scheint auch den gmnd- 
begriff des wertes noch schärfer zu erfassen. In allen 
sprachen ist vertreten die wurzel skr. dharä dreist sein, 
wagßn, sich wagen an, caus. sich an etwas vergreifen, Ober 
jemanden kommen, jemand bewältigen, bezwingen, beiUH 
ruhigen, etwas verderben, zu gründe richten (petersb. wör> 
terb.), zu der unter anderem dharSanam angriff, mii»- 
bandlung^ dbaröakas angreifend. Ober etwas herfallend, 
gehören. So wird auch infestus recht eigentlich vom 
feindlichen angriff gesagt im unterschiede von infensus, 
das mehr auf die gesinnung geht; die bedeutungen von 
infestare „feindlich behandeln, angreifen, beonrubigen, 
verderben^ entsprechen genau genug den angef&hrten von 



miaetlltii. 315 

dhardajati. Manifestus, welches von iDfestus nicht 
getrennt werden kann, deutet sich auf einfache weise: 
(homo) manifestus ist so viel wie manu oppressns. Ob 
confestim und festino hierher oder zu gr. 0q>töav6q^ 
^(f'oSQog eifrig, heftig, ungestüm gehören, ist nicht er- 
sichtlich. 

Das r der würzet mufste in infestns nach lateinischem 
lautgesetz ausfallen. Zu anderen von Corssen (beitr. 396 ff.) 
bebandelten ftUen der art wird vielleicht fa6*ti-go (vgl. 
fa^ti-go, castigo, vestigo) spitzen, fastiginm spitze zu f&« 
gen sein^ das sich auf die von Kuhn zeitschr. XI, 372 
nachgewiesene wnrzel bharä mit der gmi^dbedentung des 
emporstehens spitzer gegenstände unschwer zurfickfllbren 
I&fst. Zu ihr gehören skr. bbrdti £ spitze (z. b. des ber- 
ges), altn. bust fastigium tecti, ahd. parran rigere, par- 
runga superbia, invidia, nhd. barsch, börste u. a. Dafs 
mit fastigium fastus, fastidium (bildung wie custodia) 
gleicher wurzel seien, scheint Corssen (beitr. 1 97) mit recht 
anzunehmen (vgl. ahd. parrunga und die ähnliche Verwen- 
dung der synonymen wurzel von abhorreo), aber seiner 
berleitnng der Wörter von wz. bhfis glänzen fügen sich die 
bedeutungen nicht. 

Liegnitz. F. Froehde. 



Nachruf. 
Aagnst Schleicher, 

geboren den 19. februar 1821 zu Meiningen, gestorben den 
6. december 1868 zu Jena. 

Hio est iUe Bitaa cni nemo ciyis neqne boetia 
Qaivit pro factis reddere opis pretinm. 

Vor wenig mehr denn Jahresfrist ward der Sprachwis- 
senschaft ihr begründer entrissen, und schon stehen wir 
wieder an einem frischen grabe. Bopp war, wie wenigen, 
das glück bescbieden seine mission ganz zu erfüllen, er 



316 Naebref. 

gieo^ zur ewigen ruhe ein, nachdem er den grofsen ge^ 
danken seines lebens yerwirklicht and ihm allgemeine an- 
erkenuung errungen hatte. Er hat eine wisscmschaft hin- 
terlaasen, deren grundlagen durch ihn f&r alle zeiten sicher 
gestellt sind. 

Schleicher ist vom plötzlichen tode mitten aus frucht- 
barem schaffen hinweggeraffit worden voll von entwQrfen 
zu rastloser arbeit, ohne vollenden zu können was er als 
das hauptwerk seines lebens betrachtete. Wohl ist ihm 
ein beneidenswertfaes loos gefallen im voUgef&hle der kraft 
noch auf dem wege zum gipfel des ruhmes abgerufen su 
werden, die aber, welche gleiches strebens die von ihm 
gebrochene bahn verfolgen, empfinden schmerzlieh den Ver- 
lust des flahrers, dessen vorbild sie anfeuerte und dessen 
Zuspruch sie stärkte. 

Schleicher hat sich nicht ausgelebt, und doch was hat 
er geleistet! Mit ausnähme der etymologie gibt es kein 
gebiet der Sprachwissenschaft, welches nicht durch seinen 
Scharfsinn wesentlich gefördert ist. 

Wider willen war er zum Studium der theologie be- 
stimmt, doch sein reger geist war nicht geschaffen sich 
einem starren dogma zu unterwerfen, fbhlte sich vielmehr 
zur Philosophie hingezogen. Auch die Hegeische lehre 
vermochte den nach sicherer, objectiver erkenntniss stre- 
benden nicht dauernd zu befriedigen; er gieng in die schule 
strenger philologischer kritik und wandte sich, in ihr me- 
thodisch gebildet, dem theile der philologie zu, welcher 
der subjectivität am wenigsten Spielraum gestattet, der 
grammatik. Dies war das feld, auf welches ihn neigung 
und ungewöhnliche begabung gleichmäfsig hinwiesen; dafs 
er nicht alle theile desselben mit gleicher lust angebaut 
hat, lag tief in seiner natur begründet. Ueberall suchte 
er das gesetz der entwickelung, welches die persönliche 
willkflr des forschers ausschliefst, den labyrinthen der ety- 
mologie war er daher nie hold, sie bot ihm nicht genü- 
gende bürgschaften ihrer ergebnisse, welche selten noth- 
wendigkeit, meist nur möglichkeit Ar sich beanspruchen 
können; oft genug hat er sich geringschätzig über sie aus- 



Nachruf. 317 

gesprochen. Um so eifriger widmete er seinen fleifs den- 
jenigen Seiten der Sprachwissenschaft, welche, weniger dem 
individnellen ermessen anheimgegeben, in sich, selbst ein 
regulativ gegen den irrthum tragen: der lantlehre, stamm- 
nnd Wortbildung und der morphologie. Was Bopp in gro* 
Isen zQgen angelegt hatte, ist nicht zum wenigsten durch 
Schleicher weiter ausgef&hrt, schärfer gefafst und berich- 
tigt worden. Aber nicht die resultate allein, zu welchen 
er auf diesen gebieten gelangte, haben sein ansehen be- 
gründet, sondern vor allen dingen die art, wie er sie ge- 
wann und die gewonnenen der Wissenschaft einzuordnen 
▼erstand. Schleicher besafs ein glänzendes organieatori- 
sches talent. Wenige Wissenschaften bringen ihre jtlnger 
so sehr in gefahr auf unermesslichem meere die richtung 
zu verlieren, wie die Sprachwissenschaft. Dem vorgebeugt 
KU haben ist Schleichers nicht geringstes verdienst. Er 
ist es, der die Sprachwissenschaft in ein System gebracht 
und die ftllle des Stoffes unter feste, aus der natur der 
Sache selbst geschöpfte gesicbtspuncte geordnet hat. Mu- 
sterhafte klarheit und methode haben seinen arbeiten einen 
so durchgreifenden einflufs verliehen. 

Mit der beherrschung des ganzen uud der erkenntniss 
des allen indogermanischen sprachen gemeinsamen verband 
er einen scharfen blick für die eigenthümlichen Charakter- 
zfige der einzelsprachen, welchen er stets gerecht wurde. 
'Eat bekannte es gern, dafs er ein sclave der lautgesetze 
wäre, welche er bis ins einzelste beobachtete, verlor aber 
dabei nie das grofse ganze aus dem äuge. Gleichweit ent- 
fernt von einer aufgezwängten teleologie wie von einem 
rath- und ziellosen untergehen im stofFe, vom idealismus 
wie vom materialismus, strebte er stets das eigenthümliche 
wesen der erscheinungen zu erfassen und das in ihnen wir- 
kende gesetz zu ermitteln. Hierbei kam ihm seine frtkhere 
philosophische schule zu statten. Das, wodurch Hegel 
einen nachhaltigen befruchtenden einflufs auf die neueren 
wissenschaflen geübt hat, ist dafs er den begriff der ent- 
wickelung in den Vordergrund gerückt hat. Die organi- 
sche entwickelang in ihrer continaitftt, ohne Sprünge, nach 



318 Nachruf. 

inneren treibenden Ursachen, ist der leitstern, welchem 
Schleicher bei allen seinen Untersuchungen gefolgt ist. 
Streng hielt er darauf, dafs man nicht gesetze, welche in 
früheren perioden des sprachlebens wirkten, unbesebens 
auch auf spatere übertrüge oder umgekehrt. Hiermit hängt 
zusammen, dafs er die Verwandtschaft der indogermani- 
schen sprachen auf einen rationalen ausdruck zu bringen, 
d. h. ihren Stammbaum festzustellen und die Ursprache zu 
reconstruieren suchte. Mögen auch manche der hier ein- 
schlagenden fragen noch nicht endgiltig gelöst sein, so ge- 
bührt doch Schleicher das unstreitige verdienst sie ange- 
regt und künftiger forschnng ihre bahnen vorgezeichnet zo 
haben*). Nicht genug, dafs er die Verwandtschaft der in- 
dogermanischen sprachen genau zu bestimmen unternahm, 
wies er auch unserem ganzen sprachstamme seinen platz 
in der sprachenweit an und entwarf nach mafsgabe des 
morphologischen baues die grundzfige eines natürlichen Sy- 
stems der sprachen. Dies System wollte er zugleich als 
die einzig würdige Classification der menschheit betrachtet 
wissen, für welche er mit recht forderte, dafs man sie 
nicht wie die der thiere nach leiblichen merkmalen auf- 
stellte sondern nach dem eigenthümlicb menschlichen, d. h. 
eben nach der spräche. 

Erhob sich so sein geist zu den höchsten und weit- 
grcifendsten aufgaben menschlicher Wissenschaft, so ward 
er doch nie müde die anscheinend trockensten Untersuchun- 
gen der lautlebre mit gewissenhafter Sorgfalt und nüchtem- 
heit zu f&hren. Und unter seiner behandlung blieb nicht 
leicht etwas trocken, überall wufste er das wirkende gesetz 
herauszufinden und den stoff sachgem&fs zu ordnen. Am 
glänzendsten bewährte sich sein beobachtnngstalent und 
seine gestaltungskraft auf dem felde der slawolettiscben 
sprachen. Seine litauische grammatik wird lange zeit die 



*) Die mSglichkeiti ein bild der nnprache zn entwerfen , findet sich 
snertt angedeutet in SolüeiGhen formenlehre der ■ kirchenslawiachen epradie 
fl. 4. Befremden mafe efl, dafs an einem orte, wo die mftnner erwKhnt wer- 
den, »deren arbeiten auf die anfheUong des znstandes des indogermanischen 
Tolkes Tor seiner trennnng gerichtet sind**, Schleichers name fehlt. 



Naebruf. 319 

grandlage für das Studium dieser spräche bleiben. Auch 
das slawische ist hauptsächlich durch seine formenlehre 
des altkirchenslawischen den blicken der Sprachforscher 
näher gerückt worden. Leider sollte er die Tergleichende 
grammatik der slawischen sprachen, welche er als die 
hauptaufgabe seines lebens betrachtete, nicht Tollenden. 
Einen theil derselben, vielleicht den schwierigsten, hat er 
zum drucke fertig hinterlassen, die grammatik des jetzt 
verschollenen polabischen, von welchem nur dürftige und 
sehr entstellte aufzeichnungen unkundiger auf uns gekom« 
men sind. Hier gab es eine arbeit, wie sie Schleicher zu- 
sagte und der wenige aufser ihm gewachsen waren : es galt 
den Worten und sätzen, welche deutsche, der spräche nicht 
mächtige aufzeichner nach mangelhaftem gehöre ans vol- 
kesmnnde aufgeschrieben haben, ihre wahre gestalt zurück* 
zugeben. Schleicher hat vnederholt diese polabische gram- 
matik sein bestes werk genannt. Die übermäfsigen an- 
strengungen, welchen er sich unterzog um es zum abschlusse 
zu bringen, haben seine gesundheit so untergraben, dafs 
sie dem anfalle einer lungenentzOndung nicht mehr wider- 
stand leisten konnte. Wenige tage vor seinem tode war 
er noch mit der Vollendung des mauuscriptes beschäftigt. 

So schlofs ein rastlos f&r die Wissenschaft wirkendes 
leben mitten im besten schaffen. Was wir an ihm verlo- 
ren haben, darübar herrscht nur eine stimme. Nicht nur 
aus ganz Deutschland, aus fast allen ländern Europas hat 
man den hinterbliebenen die aufrichtigsten und zartesten 
beweise der werthschätzung des verstorbenen und der traner 
um seinen tod dargebracht. 

Schleicher war eine natur von bewundernswürdiger 
kraft und rücksichtsloser aufrichtigkeit. Was er als wahr 
erkannt hatte, danach handelte er gewissenhaft, und das 
verkündete er, unbekümmert ob es ihm bei anderen scha- 
dete oder nicht. Nicht geschaffen zu concessionen an 
herrschende von der seinigen abweichende meinungen zwang 
er jeden, der mit ihm in berührung kam, für oder wider 
ihn partei zu ergreifen. Dabei war er weder intolerant 
noch suchte er anders denkende zu seiner meinung zu be- 



320 Nachruf. 

kehren: ,,ich kann ja nicht verlangen, dafs alle menschen 
mir gleich organisiert seien ^, diese ftufsernng konnte man 
oft aus seinem munde vernehmen. In stiller surQckgezo- 
genheit lebend war er schwer zugänglich. Wem es aber 
gelungen war ihm näher zu treten, der konnte keinen treue- 
ren und aufopfernderen freund finden als ihn. 

FQr seine schfller war ihm keine mühe zu schwer, 
keine zeit zu kostbar. Stets war er für sie zu sprechen, 
mochte er in seinem garten arbeiten oder, was er in den 
letzten jähren oft tage lang hintereinander trieb, mit mi- 
kroskopischen pfianzenuntersuchungen beschäftigt sein, oder 
am schreibpulte schaffen. Wer das glück hat sein schüler 
gewesen zu sein, kann ihn nie vergessen. 

Alles was er war und wufste durch eigene kraft er- 
zielt zu haben, muiste dem manne ein stolzes bewufstsein 
geben. Niemals aber ward dies berechtigte Selbstgefühl 
zur Selbstüberschätzung, vielmehr bewahrte der schlichte 
mann eine fast beispiellose bescheidenheit, verbunden mit 
dem dränge nach immer höherer Vervollkommnung. „Ich 
habe mein ganzes leben hindurch nach klarheit gestrebt, 
und es soll ja alles noch viel, viel besser werden % waren 
die letzten worte, welche er, aus fieberträumen noch ein- 
mal zu sich kommend, sprach. 

So lange der name Bopp lebt, wird Schleicher sei- 
nen platz neben ihm behaupten. 

Johannes Schmidt. 



Kuhn, anxeige. 321 

Wilhelm Scherer, zur geschieh te der deutschen spräche. Berlin 1868. 

Das vorliegendo buch des scharfsiDDigen und gedanken- 
reicben Verfassers fa/st den begriff der gesehicbte hoher 
auf^ „als dafs sie eine blos gedankenlose anfaäafang wohl- 
gesichleten materials sei**, es forscht daher bei der ge- 
sehicbte der spräche nicht blos nach dem, was geworden 
ist, sondern uuch danach, warum und wie es so geworden 
ist. Bei einer forschung auf dem boden der geschichte 
der germanischen sprachen, die nur ein einzelnes ghed der 
indogermanischen sind, mufste dem tiefer dringenden for- 
scher daher die umscbau auch bei den äbrigen sprachen 
des Stammes sich von selbst aufdringen, und Scherer hat denn 
auch von einer sehr ausgebreiteten sprachkenntnifs zu seinem 
ssweck weitreichenden gebrauch gemacht. Aber wir müssen 
zu unserm bedauern erklären nicht immer den richtigen. 
Erklären wir uns näher: Scherer legt da, wo es ihm um 
ergrfindnng der ältesten sprachformen zu thun ist, fast 
aasschliefsiich die ihm als solche erscheinenden des sanskrit 
and zend zu gründe, ohne z. b. das griechische immer in 
ausreichendem mafse zu berücksichtigen. Ferner scheint 
er fast zu glauben, dafs alle vedischen formen einer ein- 
zigen Sprachperiode angehören, wenigstens kann ich seinen 
eifer gegen nichtbeachtung der lautgesetze bei der bishe- 
rigen erklärung derselben nicht anders verstehen, als dafs 
er meint, so verschiedene formen könnten nicht, wenn ans 
einer gemeinsamen grundform hervorgegangen, in einer 
Sprachperiode neben einander liegen, daher müfsten die 
verschiedenen formen verschiedenen Ursprungs sein. Die 
vedischen lieder gehören nun aber sehr verschiedenen epo- 
chen an und wenn man verschiedene formen eines und 
desselben wortstammes oder einer flexion neben einander 
in ihnen findet, deren entstehung auseinander mehrfach 
sich an verschiedenen stufen, die sie durchlaufen haben, 
nachweisen läfst, so hat man allen grund anzunehmen, dafs 
sie auch wirklich sich historisch auseinander entwickelt 
haben^ die verschiedenen formen demnach auch verschie- 
denen Zeiten angehören, wenn auch selbst oft die volleren 

Zeitochr. f. vgl. sprachf. XVITI. 6. 21 



322 Kohn 

formen der älteren zeit noch neben den kürzeren der späteren 
stehen, wie bei Homer die formen auf oio^ oiai neben de- 
nen anfot;, otg. Schon wer den in halt der yerschiedeneu 
lieder betrachtet, wird diese Überzeugung leicht gewinnen, 
wenn er sie die stufen von der Verehrung reiner elementar- 
götter bis zu der des brahma oder purnSa, der die kästen 
aus seinem kdrper scha£%, durchlaufen sieht, und nicht 
glauben, dafs eine priesterschaft, die ein interess^ hatte den 
Ursprung der kästen von der gottheit darzuthun und des- 
halb das bekannte stück in die Sammlung aufnahm, die es 
vielleicht gar that, um dem buddhismus entgegenzutreten, 
dieselbe spräche gesprochen haben müsse, als das stammes- 
baupt, welches den gott pries, der ihm im kämpfe um die 
heerden in den thälern von Sapta Sindhavas den sieg ver- 
liehen. Wer formen wie dhitä dem metrum gemäfs spre- 
chen, aber duhitä in den geschriebenen text setzen konnte *), 
der mufste einer zeit angehören, wo der Sänger sich 
nicht zu scheuen brauchte auch von päliformen gebrauch 
zu machen. Diese entschieden vorliegende historische 
entwicklung in den vedischen formen hat Scherer fast 
gar nicht beachtet, wie wir mehrfach zu zeigen haben 
werden. 

Wenn er aber dies schon bei den vedischen und sans- 
kritformen thun mufste, so war es noch in viel höherem 
mafse bei denen des zend nöthig, wo die Überlieferung der 
texte eine solche ist, dafs man nur bei einer gröfeeren an- 
zabl von übereinstimmenden fällen eine form als hinreichend 
gesichert ansehen kann, und wo überdies örtliche und zeit- 
liche Verschiedenheiten der spräche vielleicht in weit hö- 
herem mafse vorhanden sind, als es die in den ersten an- 
fangen stehende kritik der texte noch ahnen läfst. 

In beiden fällen scheint mir daher vom geschichtsfor- 
scher der deutschen spräche der geschichtliche boden mehr 
oder minder verlassen und das gebiet des ganz subjectiven 
erkennens von Ursachen in gro&em umfange betreten. Es 
ist gewi& ein hohes ziel, was der vf. als die aufgäbe der 
\ 

*) R. Vin, 118, 8. par^javrddham mahisi' U' sdrjMja dahiti bhant. 



aiiMige. 323 

gesammten Sprachwissenschaft hiostellt, wenn er sagt (wid- 
muDg s. Xni): „Wenn ich mur also sämmtliche wurzeln, 
prädikative wie formale, au%elöst denke in ihre einfachsten 
elemente, so könnte ich mit geringem fehler die anfgabe 
der gesammten Sprachwissenschaft, abgesehen von der laut- 
lehre, definiren als eine geschieh te der macht Verhältnisse 
jener einfachen laute, wie sie in Übertragung und differen- 
zirung ihre existenz und ihren sinn zur geltung bringen^; 
aber ich glaube doch, dafs wir uns hflten müssen uns jetzt 
schon zu sehr in den elfentanz dieser einfachen laute hin- 
einreifsen zu lassen, damit uns der albleich, sei es nun der 
wauwau- oder der i-a- spräche, nicht allzusehr sinn und 
h^z bethöre. In diesen fehler scheint mir Scherer nicht 
allzu selten zu verfallen und in seinen erklärungen sprach- 
licher formen das nur ihm als richtig erscheinende resultat 
zur grundlage kühn aufstrebender gebilde zn machen, die 
vor der nüchternen historischen forschung nicht bestehen 
können. Bei dem heutigen Standpunkt unserer Wissenschaft 
werden wir uns vielfältig noch bescheiden müssen vorerst 
nur die thatsachen sicher zn stellen und von den Ursachen, 
aus denen sie hervorgingen, so lange abzusehen als nicht 
neue thatsachen uns denselben näher führen. 

Der ganze abschnitt über die entstehung der nominal- 
und Verbalflexionen der indogermanischen Ursprache bei 
Scherer hätte daher nach unserer ansieht nach inhalt und 
form noch wohl ungeschrieben bleiben können^ ohne dafs 
des verf 's hauptzweck, die geschichte der deutschen spräche 
zu erhellen, dadurch beeinträchtigt worden wäre. Wir 
glauben sein buch hätte dadurch wesentlich gewonnen. 
Aber er ist nun einmal da und ich bin dem wünsche des 
Verfassers selbst eine anzeige desselben zu liefern nur nach 
längerem widerstreben gefolgt, konnte mich aber dieser 
aii%abe nicht entziehen, da Scherer das, was wir bisher 
für gesicherte resultate hielten, allzu oft als falsch und 
unbegründet hinzustellen bemüht ist. Die gründe, ans 
welchen wir seine ansichten f&r irrthümer halten, werden 
wir im folgenden darlegen, aber wir werden nur auf seine 
von der Ursprache entworfene skizze eingehen, da unsere 

21* 



334 Kahn 

auseinandersetzQDg so schon einen umfang gewonnen hat, 
der ffloh nor durch die bedeutnng des Verfassers und die 
geistreiche art, in der er seine ansichten vertritt, recht» 
fertigt. 

Noch eins aber mQssen wir bemerken, ehe wir zur 
prflfting des bnches im einzelnen schreiten; das betrijEft die 
darstellung desselben. Sie ist meist eine so knappe, dafs 
es oft schwer hält den Verfasser zu verstehen; er verlangt 
femer, auch ohne ausdrflcklich auf schon dagewesenes zu 
verweisen, dafs man dasselbe bis ins einzelnste wie er im 
köpfe trage, während es ihm doch eine geringe mühe ge« 
wesen wäre durch Verweisung auf den betrefienden ort den 
leser zu einem sicheren urtheil in den stand zu setzen. 
Aber noch viel schlimmer steht es in solchen fUlen, wo 
er die beweise nicht schon in früheren theilen des buches 
gegeben hat; er verweist da zur Vervollständigung derselben 
sehr häufig ohne oder doch nur mit sehr allgemein gehaltener 
Ortsangabe auf die späteren theile des buches und macht 
dadurch ein mifsverständnifs leicht möglich. Kommt nun 
.. dazu, dafs der Verfasser sich in wesentlichen punkten ge- 
legentlich selbst widerspricht, was er in der widmung s. IV 
auch selbst sagt, so mflssen wir doch billigerweise den 
ansprach erheben, dafs er all dergleichen in den nachtragen 
hätte berichtigen mQssen. Das ist aber mehrfach nicht 
geschehen. Wir bitten deshalb, wo wir ihn mifsverstanden 
haben sollten, nicht uns die schuld aufzubürden, sondern 
dem eilenden eifer, der ihn drängte dem schon dem gipfel 
sioh nähernden freunde naohzuklimmen, um einen blick in 
das gelobte land zu thnn (widmung s« XIII f.), ehe sich 
noch die nebel völlig zerstreut hatten. 

Die Untersuchungen zur formenlehre beginnt Seh. mit 
6er frage: „Ist die Unterscheidung der verba auf ä und mi 
eine ursprQngliche oder secundäre in den arischen spra- 
clien<<? 

,,Man hat bisher unbedenklich das letztere angenom- 
men. Mir scheint dagegen das erstere kaum einem zweifei 
so unterliegen^. 

Was hier zunächst die fragestellung betrifft, so ist der 



anaeig«. 3)5 

ausdnick „verba auf ft^ ein neuer, an dessen stelle ,|Terba 
auf o^ verständlicher gewesen sein wflrde; femer aber er- 
wartet man, dafs nun im folgenden die frage entschieden 
werden solle, ob die conjugation, welche gewöhnlich die 
bindevocalische genannt wird, oder ob die bindevocaUose 
die ursprflnglicbere sei. Darauf kommt es aber dem yerf. 
hier gar nicht an, er will nur nachweisen, dafs jene in der 
1. sg« ein anderes personalkennzeichen habe ab diese, näm- 
lich gar keins. 

Er behauptet nämlich (s. 173), „dafs jemals ein pro- 
nominales dement mit dem nominalstamm auf fi in der 
1. sg. ind. praes. dieser verba zur worteinheit verbunden 
gewesen sei, läfst sich auf keine weise erhärten, wenn auch 
ein solches pronomen als subject des satzes einst natflrlicb 
nicht gefehlt haben kann^. Diese reine nominalform wird 
dann als ein nominativ ohne s erklärt. 

Zunächst ist es denn doch eine harte zumuthung an 
unsern glauben, dafs wir annehmen sollen, die sogenannte 
bindevocalische conjugation im sanskrit habe ihre endung 
erster pers. sg. mi nicht ursprQnglich gehabt, sondern erst 
von der bindevocallosen her übertragen. Damit aber kön- 
nen wir freilich nichts beweisen. Bedenklicher ist jedoch 
schon, dafs das älteste griechisch bei Homer auch in der 
a>-conjugation noch die eigenthümlichen endungen der con- 
jugation in ^ui zeigt, da wir in ihm sowohl i&ilcDi^t, xrei- 
VMfii u. s. w. als id-khiCi, kdß^ai u. s. w. finden. Sollen 
diese formen auch nur spätere bildungen sein, wie Seh. 
mit Hirzel bei den äolischen (piX^pLi u. s. w. annimmt? Da 
beeret ouh geloube zuo! Also die geschichtliche entwick- 
lung wäre gewesen -ä, -o;, o/^i, -(u? Etwa um 1. sg. ind. 
und conj. besser scheiden zu können? Warum wurde dann 
die Scheidung wieder aufgegeben? Scherer scheint gewicht 
auf die Übereinstimmung der westarischen sprachen in be- 
zug auf diese form ohne mi zu legen, sowie darauf, dafs 
auch das ostarische im altbaktrischen daran theil nehme. 
Wir können ihm daher selbst noch aus dem sanskrit der- 
gleichen formen beibringen, nämlich 1. sg. von conjunctjven, 
die auf ä statt äni ausgehen, so z. b. stavä R. II, 11,6. 



326 Kahn 

X, 89, 1. nirajft R. IV, 18, 2 (v^gl. ebd. gamäni, anu gSni, 
prMhfti, judhjfti), pr& yoKfi R. VI, 59, 1. pr4 bravfi R. 
X, 39, 5 Q. a« Sie verhalten, sich also genau za den regel- 
rechten formen stavftni, nirajäni, prabravftni wie die vedi- 
sehen nom. acc. pK n. tft, ja, bhuvanft zu den regelrechten 
tftni, jäni, bhavanäni. Der umstand, dafs auch hier zwei 
solche formen nebeneinanderstehen, kann uns natfirlich nicht 
dazu bewegen, die kürzere ftkr die ältere form anzusehen. 
Doch f&r Seh. ist es vielleicht ein unerwartetes troesteltn, 
wenn es nicht etwa durch eine dritte, wieder abbruch er- 
leidet Neben dem eben angefahrten pra vöKs stehen näm- 
lich einige male gleichbedeutende conjunctivformen 1. sg. 
auf am, nämlich R. I, 32, 1 indrasja nü vlijä'ni pr4 völcam 
des Indra heldenthaten will ich nun preisen. R. I, 154, 1 
viänor nü kam virjä'ni pr& voKam des V. heldenthaten will 
ich nun preisen. R. V, 31, 6 prä te ptirvfini k&ranäni vo- 
Kam deine früheren thaten will ich preisen. Dazu gehören 
auch offenbar die formen auf am nach mä wie mä riöam 
dafs ich nicht schaden leide R. X, 18, 13. mä tvä nagnä 
dar^am dafs ich dich nicht nackt sehe (^at. br. XI, 5, 1, 1 
und nun erklärt sich, denke ich, auch weshalb der conjunc- 
tiv in 2. und 3. sg. bald si, ti, bald s, t zeigt; jenes sind 
präsentische, dies aoristische conjunctive. Aus pra vokam 
aber wurde pra voKä wie aus katham ved. kathä u. a. So 
hatte vermutblich auch das perf. in 1 . sg. einmal am , fbr 
das ä eintrat, denn zweimal finde ich eine solche form: 
bibhajä R. Vni, 45, 35. gagrabhä R. X, 18, 14, die durch 
das gr. a im perf. weitere bestätigung erhält, denn auslau- 
tendes a ist der regelrechte Vertreter von ä oder am, vgl. 
das a (t;) im nom. der feminina und das des accus. n68ct 
mit skr. ä und pädam. Auf die form mit am werden auch 
die perfecta wie dadhäu, papäu zurflckgehen. 

Uebrigens ist dem scharfsinnigen forscher bei der be- 
hauptung eine kleine bemerkung ganz entgangen, dafs er 
nämlich von der ersten sg. auf -ä spricht, während er die- 
selbe doch fQr den reinen nominalstamm ohne s erklärt, 
dieselbe also auf kurzes a ausgehen mOrste. Er hat diesen 
fehler erst später bemerkt (eine erscheinung, die sich grade 



anzeige. 327 

bei sehr wesentlicheo punkten im buche Afters findet und 
nicht weiter beurtfaeilt zu werden braucht) und darum auf 
8. 228, wo er ein neues personalsuffix der 1 . sg. auf a ge- 
funden zu haben glaubt, hinzugef&gt: ^Mit diesem a muüs 
man offenbar das & der ersten hauptconjugation im west- 
arischen*) und in mehreren formen des ostarischen gäthä- 
dialekts combiniren, an dessen stelle im sanskrit und alt- 
baktrischen durch formübertragung von der zweiten haupt- 
conjugation das mi getreten ist. Ich nehme daher die 
8. 173 darüber geäufserte ansieht zurück^. 

Aber selbst wenn man dem verf. zugeben wollte, dafs 
nun auch diese nicht geringe Schwierigkeit hinwegger&umt 
sei, bleibt doch noch anderes. Vor allem hält es Scherer, 
der doch sonst so streng auf beachtung der lantgesetze 
h&lt, nicht der erwähnung werth, dafs rein auslautendes 
ä der Ursprache nur durch griechisches ä oder a, lat. a 
▼ertreten werde, wie der nom« sg. der 1. decl. der feminina 
und der nom. acc. der neutralen a-stämme (vedisch & statt 
des Sni des klassischen sanskrit), ebenso wie die endung 
cr^a gegenüber skr. thä oder tha zeigt. Der beweis bleibt 
ihm also zu f&hren, dafs griechisch auslautendes oi, lat. 5 
irgendwo unzweifelhaft indischem ä im ausfaut entspreche, 
ohne daCs ein danach abgefallener consonant die Ursache 
der verdumpfung zu co, o gewesen wäre. 

Endlich hat Seh., wie schon oben gesagt, offenbar auf 
die Übereinstimmung der westarischen sprachen in betreff 
der Unterscheidung der verba auf & und mi besonderes ge- 
wicht gelegt, da er die worte gebraucht: „die westarischen 
sprachen kennen die Unterscheidung s&mmtlich (über die 
scheinbare lettoslav. ausnalime s. s. 189 '')^. Wie steht es 
nun mit dem thatsächlichen verhalt bei den lettoslavischen 
sprachen und in wiefern berechtigt derselbe von einer 
scheinbaren ausnähme zu sprechen. 

üeber das altslovenische sagt Miklosich vgl. gramm. 
der slav. sprachen III, 88 f.: »Wenn man die altslovenischen 



*) so nennt Scherer die europKischen gUeder der indogermaniecheii fa- 
niUie. 



338 Kubn 

personalendungen mit denen des sanskrit vergleicht, so sieht 
man, dafs in der 1. sg. praes. aus dem ursprünglichen mi 
regelrecht Mk entstanden ist^ welches nur ausnahmsweise 
sich erhalten, in der regel zu u abgeschwächt mit dem 
vorhergehenden vokale zu & sich verbunden hat^. Im 
neuslovenischen tritt sowohl in der sogen, bindevocalischen 
als in der bindevocallosen conjugation Qberall m ein (Mi- 
klosich ebd. s. 198). Im bulgarischen dagegen erhält siclj 
das m in der bindevocalischen conjugation nur in den ver- 
ben von kl. V. 1. und VI., in allen öbrigcn fällen schmilzt 
m mit dem vorhergehenden vokal zu % oder k zusammen 
(ebd. 230). Im serbischen erhält sich m in der regel, doch 
daneben steht auch y (ebd. 25")). Im kleinrussischen geht 
das m der ersten sing, mit dem vorhergehenden bindevokal 
in n über, die verba der kl. V. 1. haben aju und am (ebd. 
294). Im russischen bildet die persooalendung der l.sg. 
mit dem bindevokal ein y in allen jenen föllen, in denen 
im aslov. & steht (ebd. 342). Im cechischen erbält sich 
das m in den verben der kl. III., IV. und V. 1., in den 
übrigen tritt u ein, wofür die schrift i vorzieht (ebd. 407). 
Im polnischen hat sich das m bei den verben V. 1. erhal- 
ten, bei allen übrigen geht es mit dem vorhergehenden 
bindevokal in q, altsl. &, über; die Volkssprache zieht auch 
hier manchmal m vor (ebd. 490). Im oberserbischeu hat 
sich das m im praes. der verba V. 1. erhalten, sonst bildet 
es mit dem bindevokal o den vokal u; dialectisch kann 
sich m überall erhalten (ebd. 532). Das gleiche findet im 
niederserbischen statt (ebd. 564). In den wenigen verben 
der bindevokallosen conjugation dagegen erhält sich das m 
(mit oder ohne folgenden vokal) durchweg. 

Das litauische zeigt in der bindevokalischen conjuga- 
tion ü, in der bindevokallosen mi, doch ist die letztere 
bedeutend umfangreicher als in den slavischen sprachen. 
Das lettische zeigt im ersten falle u, im zweiten mu. 

Wir finden also in der bindevokaliscben conjugation 
überall entweder 1) das m, oder 2) einen aus demselben 
hervorgegangenen nasalen nachlaut, oder 3) einen vokal, 
der aus dem bindevokal mit dem nasalen nachlaut hervor- 



anzeige. 829 

gegangen ist. Wenn wir nun auch dem verf. zugestehen 
wollten, dafs die verba ad 1. ihr m erst einer neubildung 
verdankten, wie sie Hirzel för die äolischen (piXr/ui u. s. w. 
angenommen, sollen denn die ad 2. und 3. erst wieder aus 
diesem durch neubildung entstandenen m abgeschwächt 
sein? Wir werden auf s. 189* verwiesen, aber da findet 
sich gar keine anmerkung; dagegen findet sich eine solche 
auf 8. 190, wo von einem weiteren Umsichgreifen der se- 
cundären enduiigen im litauischen gesprochen wird. Seh. 
sagt: „3. sg. praes. v^a steht ohne zweifei fbr v4£at, nicht 
für veisLÜ. Und wenn dieselbe form auch fbr den plurai 
gilt, so sind eben veita für ve^at und ve^an (welches n ja 
litauisch nicht gesprochen wird) für veäan, nicht f&r ve- 
äanti zusammengeflossen. Ebenso steht 1. sg. veiä ganz 
regelrecht für ve^am, wäre aber doch sehr auffallend für 
vezämi, und dies gilt auch für das slavische: vgl. lit. esmi, 
ksl. jesmT. Im lit. dualis liegen gleichfalls die secundären 
formen vor äugen **. 

Hier wird also behauptet, dafs die litauische 3. sing. 
v6£a zunächst ans ve^at, nicht unmittelbar aus ve^&ati her- 
vorgegangen sein könne. Ebenso stehe ve^ü ganz regel- 
recht für ve^äm; das soll doch wohl nur heifsen, an die 
stelle der vollen primärendungen sind die secundären ge- 
treten, mi habe sich frühzeitig zu m abgestumpft und dies 
sei mit dem voraufgehenden vokal in ü Übergegangen, und 
wenn Seh. dann fortföhrt „und dies gilt auch für das sla- 
vische^, 80 kann man das doch wohl nur so verstehen, 
dafs auch &, u, y aus vorangegangenem am oder am ent- 
standen seien , dafs sich also asl. "pletämi, plet^, klr. ""ple- 
tämi, *plet^, pletu wie *ve4ämi, *veääm, veiü verhalten. 
Demnach wird doch Überall der nasal als ursprünglich 
vorausgesetzt. Wo bleibt denn da die scheinbarkeit der 
ausnähme? erscheint denn nicht überall ein, wenn auch 
abgestumpftes, personalkennzeichen? Ist denn auch nur der 
schein eines beweises in den werten des Verfassers zu fin* 
den, dafs dasselbe erst aus einer neubildung entstanden 
sei, dafs das reine verbalthema auf a in der 1. sg. praes. 
der slavischen sprachen das ursprüngliche sei? Soll etwa 



330 Kuhn 

die entwicklung veia, veiämi, vei&m, veih und analog in 
den slavischen sprachen gewesen sein? Dann yermissen 
wir den beweis dafür vollständig. 

Denn die blofse Behauptung s. 176, dafs nur im rus- 
sischen die altkirchenslavische mit dem altgermanischen 
und griechischen übereinstimmende abscheidung der verba 
in mi bewahrt sei, kann doch für einen beweis nicht gel- 
ten. Man sollte nach des verf. werten meinen, dafs das 
russische und altslovenische in* der ersten person reinen 
yokal, wie zend. E (griech. o»), goth. a zeigten, während 
doch, wie wir gesehen haben, Miklosich altsl. &, russ. y 
aus älterem am hervorgehen läfst Oder ist Scherer etwa 
gegen Mor. Haupt, Miklosich und Schleicher der ansieht 
Kopitar's gefolgt, dals a nicht nasalisch sondern reiner 
vokal sei? Dann hätte dies doch wohl ausdrücklich aus- 
gesprochen, resp.- durch neue und bessere beweise, der von 
Miklosich ausfQhrlich bekämpften ansieht gegenüber, dar- 
gelegt werden müssen. 

Die besprechung des m in der 1. sing, praes. ind. im 
althochdeutschen führt den verf. auch zur erwägnng der 
neben einander stehenden formen gäm und g6m, stäm und 
stem; über die letzteren sagt er, dals sie die f&rbung des 
reduplicationsvokals zu e voraussetzen. Das neben einan- 
derstehen von gianc und genc läfst doch wohl auf älteres 
giam fQr gern schliefsen, ebenso auf stiam für stem. Da 
schon in den veden gigämi und tisthämi auch im klassi- 
schen Sanskrit das i in reduplicationssilbe zeigen und für 
älteres gigämi, stistämi stehen, kann diese bildung schon 
aus der arischen urzeit herrühren. 

Für die 1. plur. praes. im gothischen nimmt Scherer 
(s. 189) an, dafs sie ma gewesen und aus den secundären 
endungen eingedrungen sei. Dies soll bei der litauischen 
analogie [das lit. hat me] wahrscheinlicher sein als West- 
phals deutung aus ms für mas. Wir werden uns natür- 
lich dieser ansieht nicht anschliefsen können, sobald wir 
das conjunctivische ma nicht mit Scherer aus'm-t-am 
oder m 4- äv entstehen lassen, und bei der bisherigen er- 



anseige. 331 

kläniDg verbleiben, die sieb auf die sichere analogie von 
dat. fiskam aus ^fiskamis, ^fiskams gründet. 

Bereits bei besprechung der gothischen auslautgesetze 
(s. 106 ff.) nämlich hat sich der verf. gegen die anffassung 
Westphals gewendet, der einen hilfsvocai (a) im gothischen 
als stdtze ftLr indog. t, d, n im auslant angenommen hatte; 
er sagt „dafs ein an sich bedeutungsloses lautelement eigens' 
dazu geschaffen wurde, um ein anderes zu schützen, läuft 
gegen alle erfahrung und bisherige kenntnifs des spraoh- 
wesens^ u. s. w. 

Man kann vielleicht Scherer den satz in dieser form 
für das gothische zugeben, ohne dafs man damit gleich 
einräumte, dafs sich überhaupt im auslaut keine vokale 
nach ursprünglichen consonanten entwickeln können und 
so gewissermafsen doch die auslautenden consonanten vor 
abfall schützen, man denke z. b. an das e im zend, wel- 
ches sich hinter r entwickelt, aq die niederdeutschen stark 
betonten icke, d^tte (welche schwerlich den ahd. ihha, goth. 
thata gleich stehen); aber wenn man den satz auch in 
WeAphals fassung nicht zugibt, wird man doch kaum 
Scherer^s eigene erklärnng dieser erscheinung glaublicher 
finden, welche in dem pronominalen hilfs-a die anhänge- 
Partikel am wiederfinden will, wie sie sich in ita gegen- 
über idam, in ina gegenüber imam darstelle. So wie wir 
über diese beiden Wörter hinausgehen, verliert der antritt 
eines am alle Wahrscheinlichkeit, da ja dasselbe nach Sche- 
rers eigener auffassung, die er später über das accusative 
m entwickelt, bereits in dem hvan-, than- von hvana, 
thana steckte. Hier wird also gleichbildung mit der de- 
clination der starken adjectiva anzunehmen sein, möge 
diese nun auf welche weise immer entstanden sein. We- 
nigstens wird niemand durch eine erklärung befiriedigt wer- 
den, welche goth. ina, hvana auf andere weise entstehen 
läfst als ahd. inan, hvenan. 

In diesem falle bietet uns Scherer denn doch wenig- 
stens eine anlehnung an das sanskrit; viel weiter geht er 
nun aber bei der erklärung des a im conjunctiv des verbi 



332 Kuba 

(8. 111). Hier soll das au der 1. sing., das a der i. du. 
plur. und 3. plur. aus derselben partikel am, die hier dem 
griech. äv gleichgesetxt wird, welche sich mit den endon- 
gen verschmolz, entsprangen sein. Der widersprach, in 
den Scberer mit sich selbst geräth, indem er das am oder 
äv in der 1. pers. sg. in u übergehen, in den flbrigen su 
ä d. i. goth. a werden liefs, hat ihn denn auch offenbar 
vermocht diese erklärung der 1. sing. conj. s. 472 in den 
nachtragen f&r falsch zu erklären, weshalb er auch schon 
s. 206 goth. sijau als fast genaue parallele zu skr. sjftni er- 
kannte. Allein die erkiftrung des a der übrigen personen 
ist beibehalten. Diese wird niemand glaublich finden, zu- 
mal wenn man sich ähnliche erscheinungen anderer spra- 
chen vergegenwärtigt. Das italienische setzt dem lat. ama- 
mus, amant amiamo, amano u. s. w. zur seite, an die 
stelle des lat. sum, sunt treten sono, sono, das neugriechi- 
sohe bildet die 3. pl. ygdffovve oder yga^pow^ tiyQd<paif€ 
oder Hygacpav u. s. w. in offenbarer nachbildang zu 1« pl. 
ygdcpouB^ T^ygccrpccfie^ ygdcpa^e^ das nhd. sie sind, wir 
sind. Wir werden also wohl nicht anstehen dürfen^ auch 
nimaina, nemeina aus der analogie von nimaima, nemeima 
entstanden zu erklären. Nur dürfen wir bei der ersten 
plur. nicht auf das ma der secundären tempora des klas- 
sischen Sanskrit zurückgehen, sondern auf das vielfach er- 
scheinende mä, dem das goth. ma der regel gemäTs ent- 
spricht. — Scbliefslich möge doch übrigens bemerkt sein, 
dafs der hilfsvokal anderen bewährten Sprachforschern 
nicht ganz so ungeheuerlich erscheint wie Scherer, denn 
Miklosich vergl. gramm. I, 85 sagt: „ Dagegen nimmt die 
auf T auslautende 3. sg. und plur. aor. und imperf. nicht 
selten ein i an, wodurch das vorhergehende t geschützt 
und erhalten wird^. Er läfst dann beispiele folgen and 
verweist am sohluis s. 87 auf die ähnliche eben bespro- 
chene erscheinung im gothischen. 

Für die erklärung der althochdeutschen endung der 
ersten pluralis auf mes schlägt Scherer (s. 190f.) einen 
ganz neuen weg ein, indem er zunächst auf die unüber- 
steiglichen lautlichen Schwierigkeiten hinweist, welche die 



anzeige. 333 

erklärang von mos aus skr. masi bietet. Man kann das 
unbedenklich zugeben, ohne doch darum die noch viel 
grö&eren Schwierigkeiten der erklärung Scherers, nämlich 
aas mansi, zu übersehen. 

Wenn er nämlich zunächst sagt, dafs es sicher aei^ 
dafs mds von lat. mtls (Corssen vokalismns I', 360) nicht 
getrennt werden könne und eine deutung der 1. pl. praes. 
gewifs auch auf die griechischen doppelformen fiag und 
fisv ihr augenmerk richten mQsse, so ist das zu unterlas- 
sen ja wohl auch bis jetzt niemandem eingefallen; es fragt 
sich nur, ob die auffassung von diesen formen, die Scherer 
bat, die richtige ist. 

Wenden wir uns zuerst zur endung mus, so weist 
uns Corssen a. a. o. die länge müs in einer plautinischen 
stelle, einer der Aeneis und einer der metamorphosen nach, 
in den letzteren durch metrische gründe gerechtfertigt (vers- 
hebnng vor der hauptcäsur); da nun niemand glauben 
wird, dafs das u in myrtus (metam. 9, 98), laurus (ib. 
15, 634) wie in mehreren anderen fällen (vergL Corssen 
a. a. o. 362 — 363) an gleicher stelle jemals lang gewesen 
sei, so bleibt nur die eine plautinische stelle übrig, die 
möglicherweise auch andre deutung zuläfst, jedenfalls aber 
zum beweise der länge des u doch wohl nicht ausreicht. 
Wir werden also das u von müs und das e von mos wohl 
einstweilen noch zu trennen haben. 

Was aber die doppelformen fiBg und uev betrifft, die 
auf ursprünglicheres ^evg zurückweisen sollen (verf. ver- 
gleicht S^kq>iv und dek(pis fbr äskcptvg und ähnliches), so 
wird auch diese auffassung sehr bedenklich, denn die laut- 
regel ist doch im griechischen eine andere, wie ut]v und 
fiiig ftr *fztjvg oder *u6vg^ Big für ^ivg, oiQQriv^ riQtjv, not' 
jUJ/y, Xif4i]Vf nv&fiijpj ctv^Tjv für *aggBvg, tSQBvg^ nv&piBvg 
u. s. w. zeigen. Die stamme auf -Ii/ und -füv^ die doch 
aber hier wegen des vokals nicht in betracht kommen kön- 
nen, schwanken allerdings zwischen v und g im nominativ. 
Wir halten deshalb auch hier an der bisherigen auffassung 
fest, dafs iibv aus i^g hervorgegangen sei und dafs der 
nasal sich beim schwinden des g ebenso entwickelt habe, 



334 Kuhn 

wie im päli die optativendung ü aus dem skr. us, wie 
im prskrit instr. -hl aus altem -bbis hervorging. 

In betreff der althochdeutschen endungeo der 1. plur. 
werden zunächst alle bisherigen erklärer zurechtgewiesen, 
dals sie sich nicht weiter umgesehen als das paradigma 
ftihrte, selbst Graff nicht, dessen materialien doch gerade 
auf das nach Scfaerers ansieht richtige hinleiteten. Nun, 
unter nmst&nden ist es jedenfalls gut, sich das paradigma 
anzusehen und daran festzuhalten, damit man nicht ver- 
schiedene formen durcheinander werfe, wie es dem verf. 
z. b. in betreff einiger sanskritformen begegnet ist (man 
vergl. das unten zu s. 228 bemerkte) ; flßr unsern £bJ1 scheint 
denn doch auch die erwägnng der flbrigen, nicht im pa- 
radigma Steheoden formen doch wirklich nicht von allzu- 
bedeutender erheblichkeit. 

Die Untersuchung ergibt nämlich aufser der form auf 
m^ noch eine solche auf mus. Ihre verhältnifsmäfsige sei* 
tenheit ergibt wohl, dafs sie nur in dialektischer eigen- 
thümlichkeit ihren grund haben wird, und man darf sie 
daher wohl, wie auch Weinhold bair. gramm. §. 283 an- 
nimmt, als durch verdumpfung aus mes entstanden anse- 
hen; jedenfalls kann sie f&r mansi oder maus nichts bewei- 
sen, da wir, wenn sie daraus hervorgegangen wäre, doch 
wohl statt ihrer muos zu erwarten hätten. 

Eine zweite ganz vereinzelte form (in zwei beispielen 
bei Graff II, 580) ist mas; sie beruht offenbar ebenfalls 
nur auf dialektischer eigenthOmlichkeit, welche für unbe- 
tonte vokale a eintreten liefs. Das eben besprochene mus 
könnte sich übrigens auch leicht ans mas entwickelt haben. 
Jedenfalls mQssen diese beiden formen auch nach Scherers 
eigener ansieht nichts zum beweise der ezistenz eines frü- 
heren mansi beitragen, da er sie bei seiner beweisfllhrang 
nicht weiter herbeizieht. 

Von einer dritten nebenform, nämlich der auf meo^ 
sagt Scherer, dafs Graff von ihr verhältnifsmäfsig viele bei- 
spiele habe und zwar aus sehr verschiedenen quellen; 
darunter die von ihm ins 8. jahrh. gesetzte und daher min- 
destens noch aus der ersten hälfte des 9. jahrh. stammende 



anzeige. 335 

glossensamiulaDg 6c. 4. „Und so geläufig, fahrt or fort, 
war dieses men neben mas den sohreibern, dafs sie es auch 
im lateinischen gelegentlich fbr mus setzten, snbigamen 
z. b. schrieben statt subigamus^. 

Statt „ yerhältnifsm&fsig viele ^ zu schreiben, hätte 
Scherer wohl am besten gethan zu sagen, dafs es im gan* 
zen nur zehn beispiele in zwölf handschriften seien, welche 
Graff beibringe. Ebenso schmilzt die grofse Verschieden- 
heit der quellen etwas, weun man sieht, dafs fünf ftlle 
aus den gloss. monsee. stammen. Dazu kommt, dafs dem 
doch sonst so gründlichen gelehrten, der über das para- 
digma hinausgehen will, entgangen ist, dafs Graff in sei- 
nem Verzeichnisse dieser formen (II, 589) für illemen den 
codex Gc. 4 als quelle angibt, während unter dem betref- 
fenden verbum (1, 229) dafür Gh. 4 steht; damit wird 
das 8. jahrh. für diese form zweifelhaft, neue Untersuchung 
mufs erst ergeben, an welcher von beiden stellen bei Graff 
der drnckfehler steckt Gewifs läfst sich aus dieser ge- 
ringen zahl von beispielen nicht der schlufs ziehen, dafs 
den Schreibern dieses men so geläufig gewesen sei, dafs 
sie es gelegentlich auch im lateinischen flQr mus setzten, 
sondern es wird eben ein anderer grund flQr den Ursprung 
dieser formen zu suchen sein. Vielleicht gibt die notiz 
von Graff, Diutisca III, 172, dafs die von ihm verglichene 
bandschrift der monseeischen glossen aus dem 9. jahrh. 
abschrift eines älteren codex sei, in welchem r und f noch 
zu verwechseln war, einen fingerzeig über die entstehnng 
des n in men. Wenn nämlich die älteren quellen, aus 
denen jene glossen stammten, die aufzeichnungen irischer 
bekehrer oder ihrer nachfolger gewesen wären, so wäre 
eine Verwechselung von p (r) mit p (s) ebenso leicht mög- 
lich gewesen als eine solche mit n (n), um so mehr als 
die facsimiles altirischer handschriften bei O'Curry (Lectu- 
rea on the mannscript materials of ancient Irish history, 
Dnblin 1861) vielfältig den unter die linie hinabgehenden 
strich der ersten beiden bnchstaben fortlassen und nament- 
lich n und r dadurch fast ganz zusammenfallen. Dazu vergL 
man, was Zenas in der vorrede zar gramm. celtica p. XX 



336 Kuhn 

über den codex Paulinus der Würzburger Universitätsbi- 
bliothek sagt: Atque hie codex is est, caius meminit Eck- 
bartus in Commentariis de rebus Franciae orientalis (I, 
272. 452. 847), ex quo etiaro quaedam excerpsit, sed falao 
passim. Nee mirum; magnum enim esset praedito ocnlis 
minus acutis, insuper ignara linguae, minutissimas istas 
literas, pallidas saepius marginem versus, quarum quaedam 
(e. gr. n, r, s) sibi valde similes apparent, recte legere 
et reddere. Dieselbe ähnlichkeit der zeichen für n, r, 8 
findet sich auch , wie mir mein College herr dr. G. Wil- 
manns mittheilt, in der angelsächsischen schrift. Wer da- 
nach suchen wollte, würde bald beispiele solcher verwech- 
selangen in den glossen finden; hier nur einige, die mir 
grade zur band sind, fiSr r aus n : in den strafsburger alt- 
sächsischen glossen steht kraru (das zweite r bei GrafiT 
cursiv zum zeichen, dafs die handschrift deutlich so liest) 
von Schmeller unzweifelhaft richtig in kranc gebessert: 
eulogio, benedictione ofelene Mart. 2, der Cod. hat 
ofelere Diut.II, 183; für r aus s: in den merseb. glossen las 
Leyser aerehiad, Heyne das richtige aeschiad* (so MS.I) 
= exigunt. Die vergleichuug der fehlerhaften Schreibwei- 
sen des codex Paulinus (wie sie Zeuss a. a. o. XXI an* 
gibt) mit den gleichen des Sg. 913 (Vocabularius S'. Galli) 
zeigt mehrfache Übereinstimmungen. Das parietas uuanti 
und culmes first des Vocabularius und ähnliches könnten 
auch die mas und mus der 1. plur. sehr wohl erklären 
helfen. — Eine andere möglichkeit wäre auch, dafs wenn 
die ursprünglichen Schreiber der glossen Iren waren, sie 
die ihnen geläufige irische endung der ersten pluralis auf 
me mit dem angehängten pronomen ni (dessen i geschwun- 
den wäre) an die stelle des deutschen mes gesetzt hätten, 
zumal drei dieser formen aus handschriften stammen, die 
mit geheimschrift geschrieben sind, wodurch dann die les- 
barkeit f&r den uneingeweihten noch weiter erschwert 
wurde als durch die blofse vertauschung der vokale mit 
den im aiphabet nächstfolgenden consonanten. Doch wie 
auch immer der Ursprung dieser räthselhaiten form zu er- 
klären sein möge, der umstand, dafs sie blos in glossen 



anzeige. 337 

vorkommt, nirgend in den ältesten zasammenhängenden 
texten zu finden ist, läfst doch wohl mit recht daran zwei^ 
fein, ob sie jemals in der spräche vorhanden gewesen sei. 

Aber auch wenn diese formen auf men wirklich rich- 
tig überliefert wären, so wäre ihnen doch für begründung 
einer form ^mansi nicht mehr oder vielmehr ebensowenig 
gewicht beizulegen, wie dem griechischen fiev neben /neg^ 
deren ableituug aus *mansi, wie wir sahen, in den lautge- 
setzen erhebliche Schwierigkeit findet. Scherer nimmt 
Schwächung des a von mans zu mens an und dafs fbr die- 
ses die form mes, mit 6 als ersatz der nasalirung, einge- 
treten sei. Hier wäre doch der nachweis anderer fälle 
nothwendig gewesen, wo ahd. ö in gleicher weise vor s 
oder andern consonanten durch ersatzdehnung für vocal + 
nasal entstanden wäre. Mindestens hätte doch Scherer 
auf 8. 104 zurückverweisen müssen, wo er die entstehung 
der ahd. acc. plur. bespricht, die aus den formen auf ans, 
ins, uns durch äs, Is, üs hindurch za äs, is, fis gewor- 
den und dann das s abgeworfen haben sollen, wobei in 
der parenthese kurzweg bemerkt wird, „wie aus 1. plur. 
mansi ahd. mes wurde ^. Selbst wenn man zugibt, dafs 
diese erklärung der formen der ahd. accusative pluralis die 
einzig mögliche sei, so müfste doch mansi auf germani- 
schem gebiet schon nach dem allgemeinen gesetz, das die 
auslautenden kurzen vokale vernichtete, mans geworden 
sein, und dies mans oder das daraus geschwächte mens 
hätte doch nach analogie der acc. phir. althochdeutsch zu 
mä oder me, dann zu ma oder me werden müssen. Ebenso 
wenig beweisen für den Ursprung des 6 aus en die in der 
anmerkung auf s. 430 beigebrachten fälle, die mit m£s zu- 
sammengestellt werden, da in den sicheren darunter ä aus 
Vorangegangenem ia, wie genc, föne aus gianc, fianc, ent- 
standen ist, abgesehen davon, dafs es sich hier um be- 
tonte Stammsilben nicht wie bei mes um eine tonlose en- 
düng handelt. 

Alles dies berührt naturlich nur die erklärung, 
welche Scherer von der endung mes gibt, an der existenz 
derselben sowie daran, dafs das e lang sei (denn es wird 
Z«it8chr. f. vgl. Bprachf. XVIII. 6. 22 



338 Kuhn 

wiederholentlich mees geschrieben) ist damit kein zweifei 
ausgesprochen. Wir werden daher nach einer wo möglich 
befriedigenderen erklärung suchen mQssen. 

Den weg zu einer solchen bahnt uns zunächst die 
beobachtung, dafs schon in den ältesten quellen die form 
auf blofses m neben mes erscheint und dafs kein den Über- 
gang vermittelndes mä oder me neben beiden erscheint. 
Das ^eht doch sehr danach aus, als sei mes keine ur- 
sprQngliche, sondern erst eine später angetretene cndung 
und für diese vermuthuug sprechen noch lauter die na- 
mentlich im perfectum auftretenden formen mit doppelter 
endung wie birunmös, quamunmes, comenra^s, gisahuumes, 
gihalotunm^. 

Femer erscheint diese endung bei Otfried nur im im- 
perativen conjunctiv, wie Kelle in Haupt zeitschr. XII, 103 
nachgewiesen hat. Dazu erwäge man, dafs Mfillenhoff 
altd. sprachproben vorrede s. IV sehr wahrscheinlich macht, 
dafs suohhemös, araughem^s u. s. w. sehr wohl die der 
1. plur. praes. indic. gleichlautende 1. plur. des imperativs 
sein könne und auch noch andre fälle nachweist, in wel- 
chen eine gleiche auffassung platz zu greifen scheine. 

Von diesem gebrauche aus möchte daher wohl das 
mes auch erst in andere formen eingedrungen sein und das 
wird um so wahrscheinlicher, als sich, vorausgesetzt dafs 
in mes ein angetretenes pronomen erster person stecke, 
dieser gebrauch dann in den mittelhochdeutschen formen 
ohne personalzeichen, wie heize wir, nemc wir gr. I, 932; 
werde wir, schaffe wir, tribe wir, Weinhold alem. gramm. 
8. 337 (mit weiterer aufgebung des auslautenden vokals 
verswlg wir, läz wir ebend. 341, fuog wir 366) fortsetzt. 
Ja im bairischen dialekt tritt dieser gebrauch noch mit 
bewahrung des alten m in der form auf in trage mer, gebe 
mer oder gemme', segme^ stemme^ zuweilen mit doppeltem 
pronomen: mir gemme% mir segme^ oder hamme' mir, 
gemme' mir, Schmeller bair. gramm. §. 909, Weinhold bair. 
gramm. 290, so dafs schon Schmeller §. 912 vermuthete, 
dafs das alte ro^s dem bairischen angehängten mer ent- 
spreche. 



anzeige. 339 

Wenn daher unsere voranssetzung dnreh die ganze 
fernere entwicklung der spräche einige stütze erhfilt, so 
entsteht nur die frage, in wiefern die annähme einer form 
m6s neben gotb. veis, ahd. wir (daneben noch älteres wer) 
sich begründen lasse. Hier zeigen denn nun die neueren 
Volksdialekte vielfach die form mir, mir an stelle des wir, 
wir. lu den nordischen dialekten findet sich die prono- 
minalform mit m im dual und plural bereits ums jähr 1300 
als mit, m^r und heutzutage ist me die alleinherrscfaeado 
(Aasen, norsk gramm. Christiania 1864 s. 179). In den 
slavolettischen sprachen lautet der nom. plur. des pron. 
1. pers. mit ausnähme des bulgarischen durchweg mit m 
an, altsl. uu, neuslov. mi, serb. mi, kleinruss. my, russ. mu, 
£ech. my, poln. my, oberserb. my, niederserb. my, lit. m^, 
lett. mSs. Im päli tritt ebenso majam statt skr. vajam 
auf. Da ist denn doch wohl die annähme keine allzu- 
kQhne, dafs auch das germanische frfihzeitig eine form 
mit gleichem anlaut entweder neben der alten form mit 
w gehabt oder neben ihr gebildet habe. Eine dem 
8kr. vajam analog gebildete germanische form wQrde daher 
mit V vajas, mit m majas gelautet haben. Jenes hätte 
eigentlich goth. vais, wie ^habajasi zu habais, werden müs- 
sen, ist aber zu veis geschwächt, majas mufste mais wer- 
den, aus dem regelrecht ahd. mes hervorging, wie aus 
goth. habais ahd. habes. Ich bin mir wohl bewufst, dafs 
diese ganze entwicklung nur auf einer hypothese beruht, 
aber das zusammentreffen der endung mes mit dem nom. 
plur. des selbständigen pronomens der ersten person lit. 
m^s, lett. mes spricht doch einigermafsen für die Wahr- 
scheinlichkeit derselben, eine Wahrscheinlichkeit die noch 
erhöht wird, wenn man die nahe berührung des nom. plur. 
des pronomens der zweiten person zwischen goth. jus und 
lit. jus, lett. jus mit in betracht zieht. 

In dem abschnitt über das personalpronomen s. 213ff. 
ist Scherer durch eine Untersuchung der personalendungen 
zu dem resultat gekommen, dafs man bisher durch will- 
kührliche annähme grofsartiger Verstümmelungen klarlie- 
gende dinge in Verwirrung gebracht habe. Dies resultat 

22* 



340 Kuhn 

ist z\var nicht in dieser form ausgesprochen, aber doch 
deutlich genug aus den werten herauszulesen. Scherer 
schlägt daher, wie er glaubt, einen richtigeren weg ein 
und geht bei demselben von dem satze aus^ dafs unbeton- 
tes a einst selbständiger monosyllaba, die mit ihrem ver- 
bal- oder nominalstamm zur worteinheit verschmolzen sind, 
oftmals spurlos verschwunden sei (s. 216). 

Wie beweist nun Scherer diesen satz? Mit den wer- 
ten: „die belege werden im verlauf des vorliegenden auf- 
satzes alle zur erwähnung kommen. Der beweis gegen die 
Verstümmelungstheorien wird dadurch geführt, dafs man 
auch ohne sie auskommt^. 

Es ist denn doch erstens eine eigenthtimliebe art der 
beweisf&hrung, dafs man dem leser versichert, ein 8ats> sei 
wahr und ihn indirect auffordert sich die beweise selber 
aufzusuchen in einem aufsatze, der beinah anderthalb hun- 
dert Seiten umfafst. Zweitens ist es doch wunderbar, dafs 
der gegen die willköhrlichen verstQmmelungstheore- 
tiker auftretende mann des gesetzes, der uns wenige zeilen 
vorher gesagt hat, dafs die sprachen, deren leben und ge- 
schichte wir beobachten können, uns lehren, da& feste 
gesetze über allen Wandlungen des auslauts wachen, dafs 
derselbe mann des gesetzes uns sagt, die von ihm bespro- 
chene erscheinung zeige sich oftmals, woraus wir doch 
wohl schliefsen sollen, dafs auch ausnahnien vorkommen. 
In welchem verhältnils nun diese ausnahmen zu dem ge- 
setze stehen, wäre doch aber gerade nöthig zu wissen; 
wir möchten doch gern die Überzeugung von der gesetz- 
mäfsigkeit der erscheinung wie der Verfasser gewinnen oder 
uns überzeugen, dafs er geirrt hat. Einstweilen, ehe wir 
von dem verhältnifs der zahl der beispiele für das gesetz 
zu der der ausnahmen nicht näher unterrichtet sind, kön- 
nen wir doch in dem satze auch nur eine willkührliche 
annähme und kein gesetz sehen. Wie aber der Verfasser 
ohne die Verstümmelungstheorie auskommt, werden wir im 
folgenden noch mehrfach zu erkennen gelegenheit haben. 
/^ Im folgenden entwickelt denn Scherer demgemäfs seine 
Xneue theorie der endungen des medii und passivi im gegen- 



anzeige. 341 

salz ZU den bisherigen auiFaseuDgeD, sieht sich aber gleich 
von vorn herein genöthigt zwei ausnahmen von derselben 
hinzustellen, nämlich die endungen griech. /i?/2/ und skr. 
thäs, die ihm als ,, versprengte reste einer sonst 
gänzlich verschwundenen formation und zwar eines 
eigentlichen mediums gelten^. Nun, bei der in betracht 
kommenden geringen zahl ursprönglicher endungen 
— es sind, wenn wir den dual bei seite lassen, eben nicht 
mehr als sechs — sind denn doch zwei endungen von eini- 
ger bedentung und es wird ein starker glaube dazu ge- 
hören, sie als solche versprengte reste anzusehen. Ja der 
zweifei wird sich noch mehren, wenn wir gleich nachher 
erfahren, dafs die dritten personen, die ursprönglich gar 
keine verbalbildungen waren, in des Verfassers darstellung 
gar nicht in betracht kommen und somit nur noch vier 
ursprüngliche endungen übrig bleiben. 

Scherer läfst nun die formen des activs aus denselben 
grundformen wie die des passivs hervorgehen und läfst sie 
uur durch den accent differenzirt werden; dvik tva gibt 
dv^käi und dvik tvä gibt dviks^, wobei freilich gleich 
wieder ein neues dement i zur erklärung herbeigeholt wer- 
den roufs. Doch sehen wir einstweilen davon ab, und 
wenden wir uns zu einem zweiten beispiel Scherers s.219, 
wo er sagt: „Setzen wir die 2. sing. aor. Häiig^ so zweifelt 
kein mensch, dafs als grundform 4 dhä sa anzunehmen sei. 
Dem liegt passivisch i&ov d. i. d^eao^ vormals a dha sk 
gegenüber. Wir sehen, das ursprünglich unbetonte active 
a der personalendung hat sich verloren, das ursprünglich 
betonte passivische blieb erhalten^. 

Wir machen erstens darauf aufmerksam, dafs hier 
ganz stillschweigend eine Verschiedenheit in der quantit&t 
des wurzelvokals angesetzt wird, über die man doch von 
Scherers Standpunkt aus nicht so leicht hinwegkommt, 
zweitens darauf, dafs selbst wenn man zugäbe, dafs der 
accent im medium ursprünglich auf der letzten silbe stand, 
man doch über das o der eudung nicht so leicht hinweg- 
eilen darf, wie es Scherer thut. Ich glaube wenigstens in 
dem aufsatz über einige medialendungen (zeitschr. XV, 



842 Kuhn 

406 ff.) dargethan za haben, dafs auBlautendes o im grie- 
chischen nicht der Vertreter eines ursprünglich rein aus- 
lautenden a sein könne. Da Scherer diesen aufsatz ge- 
kannt hat, denn in der anmerkung zu oben stehendem 
Satze citirt er ihn, so durfte er meine behauptung doch 
nicht mit stillschweigen ßbergehen, sondern er mufste sie 
wenigstens widerlegen, wenn er ihr nicht beistimmte. Aber 
selbst noch wenn wir uns auf Scherers Standpunkt stellen, 
bleibt das o von ao unerklärlich, denn das aus tva ent- 
standene sa soll ja accusativ sein (flexionslos und dem no- 
minativ gleichlautend) und der flexionslose accusativ des 
selbständigen pronomens 2. pers. lautet doch nicht ao son- 
dern cri, selbst noch wenn er nicht enklitisch ist, sondern 
seinen vollen ton hat. Und hier sollte das stärkere o ge- 
blieben sein, selbst nachdem nun der accent auf die an- 
lautende silbe getreten war? Wir werden einstweilen, ehe 
diese Schwierigkeiten nicht gehoben sind, doch noch lieber 
an der alten erklärung festhalten. Das thun wir auch in 
bezug auf die erklärungen, welche Scherer von allen an- 
deren medialendungeu im folgenden gibt, da es uns nicht 
möglich ist in voller ausdehnung darauf einzugehen, ohne 
ein ebenso umfangreiches buch wie das seine zur Wider- 
legung zu schreiben. Nur einzelnes wollen wir nicht Qber- 
geben. 

Scherer hat nämlich die ansieht dnrchgefQhrt, dafs 
das i der activendungen des praesens sowie das im me- 
dium hinter dem a des pronominalstammes erscheinende 
ein blos deiktischer zusatz oder vielmehr die zu lediglich 
verstärkender function herabgesunkene lokal partikel i, l 
sei (s. 219). Die medialendung der 1. sg. praes. ä im sans- 
krit ist ihm daher, da er a als personalsufBx der 1. pers. 
gefunden zu haben glaubt, aus a + i entstanden. Diese 
entdeckung hat er aber erst, wie wir bereits oben s. 327 
sahen, auf s. 228 gemacht und da er s. 219 gesagt hatte, 
dafs das i den beruf hatte im activum praesens und futu- 
rum, im passivum praesens und perfectum auszuzeichnen, 
so, sagt er nun s. 228, finden wir das personalsuffix a con- 



anzeige. 343 

sequenterweise im imperf. and aor. medii und im perf. 
activi wieder. 

Scberer handelt hier von den endungen des sanskrit 
und da sehen wir denn, dafs es doch manchmal gut ist, 
ein spraehvergleicher nach der yorstellung mancher hoch- 
gelahrten leute zu sein, welche glauben, dafs den sprach- 
vergleichern das Studium von lexikon und grammatik 
der sprachen genQge. Jedenfalls kann man das Studium 
derselben nicht ohne sie treiben, ohne in irrthOmer zu 
gerathen, wie es dem verf. begegnet ist, welcher die Lsg. 
imperf. und aor. medii auf a ausgehen läfst und wenige 
Zeilen weiter sagt, dafs dieselbe person im potentialis und 
precativ auf i ausgeht, während doch das umge- 
kehrte der fall ist. Die stellen aus Bopp's sanskrit- 
grammatik brauche ich wohl nicht herzusetzen. 

Den schlufs seiner Untersuchungen Ober das ich am 
verbum bilden bei Scherer die sätze (s. 229). „Nun er- 
halten wir die reihe: a, ama, ma. Ich meine: das prono- 
men a, seinen Superlativ ama und dessen Verstümmelung 
[also doch! aber freilich nur im inlaut] durch aphärese 
ma. Aus der Verstümmelung [schon wieder!] stammt das 
mi des praesens: so zeigt sich, wie die a- stamme mit ih* 
rem ä das ursprungliche bewahren^. 

Diejenigen, welche hier das i des imperf. und aor. 
vermissen möchten, mache ich, da es Scherer nicht ge- 
than hat, darauf aufmerksam, dafs er dies erst auf s. 234 
bespricht. Es ist ein bisher noch nicht bekanntes pronomen 
der 1 . pers. i und gleich dem i des pronominalstammes 
3. pers., welches als pronomen 1. pers. fungirt. Wir kom- 
men zu s. 234 darauf zurück. — Nach Scherers oben hin- 
gestellter reihe und den vorangehenden entwicklungen sind 
also das mi der mi-conjugation und das am der praeterita 
aus ama hervorgegangen; ehe das i (hier die locativpar- 
tikel) aber antrat, war das a der letzten silbe schon ge- 
schwunden. Hier wäre erwünscht gewesen zu erfahren, 
wie sich Scherer die entwicklung bei consonau tisch aus- 
lautenden wurzeln gedacht bat. Haben sich wirklich admi 



344 Knhn 

und dvesmi nach seiner ansieht in der reihenfolge adma^ 
adm, admi, dvggma, dv^m, dveämi gebildet? Wir vermis^ 
sen hier wie überall im ganzen buche die durchfQhrnng 
der gewonnenen theorie an beispielen, die Schleichers dar- 
steHung überall so klar machen. Man fragt doch billiger^ 
weise, worin das bedflrfnifs gelegen haben solle, dafe die 
mi-conjugation und namentlich die consonantischen wurzeln 
gleich von vom herein die verstümmelte endung ansetzten, 
während doch ama viel bequemer war? Man fragt, welche 
absieht hatte die spräche dabei, dafs sie im praesens 
U.S.W, der sogenannten a-conjugation das ich durch den 
bescheidenen positiv ausdrückte, während sie es in der 
mi-conjugation und im imperf. und aorist als „allerhöchst 
ich** im Superlativ auftreten liefs? Doch wir haben oben 
die grofsen bedenken, welche sich der annähme einer per- 
sonalendung a der 1. person entgegenstellen, entwickelt 
und sind dadurch der nothwendigkeit enthoben, weiter auf 
die angeblich daraus hervorgegangenen superlativentwick- 
lung einzugehen. Uebrigens ist es Scherer sowohl hier 
als bei der besprechung von amät, amä(s. 231) entgangen, 
dafs das sanskrit den pronominalstamm ama nicht nur in 
diesen adverbien sondern auch als selbständiges pronomen 
in der mehrfach vorkommenden formel „amö ^hä sä tvä 
der (bin) ich, die (bist) dn^ besitzt, vgl. petersb. wb. s. v. 

Wenn Scherer ferner s. 231 auch den skr. pronominal- 
stamm ana mit ama identificiert, der aber vom *ana jener, 
wie es im litauischen u. s. w. auftritt, zu trennen sei, wenn 
er sich auch in der Unmöglichkeit befinde für jetzt anzu- 
geben, was zu dem einen und was zu dem andern gehöre, 
so werden wir doch wohl thun, auch noch ferner beide 
auseinander zu halten, zumal das sanskrit mit ana immer 
das hier im gegensatz zum dort bezeichnet: ijä diese 
(die erde), asau jener (der himmel, die sonne). 

Was in bezug auf das I als pluralzeichen mehrerer 
casus von asäu auf s. 232 gesagt wird, ist für den, wel- 
cher s. 263 noch nicht gelesen hat, vollständig unverständ- 
lich. Wir kommen darauf bei der besprechung von Sche- 
rers acht pluralformen zurück. 



anzeige. 345 

Auf 8. 233 ff. wendet sich der verf. nun zur betraoh- 
tUDg des selbständigen pronomens der 1. person, in dessen 
a (a-hä) er natQrlich auch hier den positiv a erkennt; 
dasselbe a auch im pluralstamm asma anzunehmen, wie 
das Petersburger Wörterbuch thut, scheint ihm nur vom 
speciell sanskritischen Standpunkt aus möglich. Da näm- 
lich das germanische in un-sis, un-s noch ein n zeigt, so 
setzt er amsma, ansma (eigentlich amasma, anasma, also 
der superlativstamm von a+sma) als grundform an. Grade 
Ober die hauptfrage aber, wie er sich den Ursprung von 
UQsis, uns aus ansma denke, findet sich hier so wenig wie 
später (ausgenommen einmal eine leise andeutung aufs. 249, 
wo neben ansma in parenthese „ansva?^ gesetzt wird und 
noch einmal s. 265) irgend eine erklärung*). Sollte seine 
annähme flberzeugend sein, so waren doch die lautverhält- 
nisse der verglichenen stamme nicht mit so vollständigem 
stillschweigen zu übergehen und die griechischen äfifAsg 
und rijÄslg, das z. ahma- waren denn doch auch noch in 
die Untersuchung hineinzuziehen. Es mufste erklärt wer- 
den, warum unsis, uns das aus m entstandene v aufgaben, 
izvis es dagegen bewahrte. — Die wahrscheinlichste er- 
klärung des unsis, uns bleibt immer noch die von Bugge 
zeitschr. IV, 247 f. gegebene, wo das n als ein nasaler ein- 
Schub erklärt wird. Das päli zeigt in der 3. plur. aor. 
Isu statt des skr. iäus, in der declination -amha neben 
-asma beliebig wechselnd; vielleicht ging dem -amha ein 
-amsa voran, das dann auch unser unsa erklären würde. 

Auf s. 234 wird auch das s. 228 unbeachtet gebliebene 
personalkennzeichen i der betrachtung unterzogen, ohne 
dafs eine Verweisung auf jene stelle geboten würde. „Ge- 
rechtfertigt wird es, sagt Seh., durch die art und weise, 
wie auch in der 3. person der pronominalstamm i dem 
stamm a zur seitc steht^. Das wäre ein genügender be- 
weis dafür, dafs das i jemals pronomen der ersten person 
gewesen sei? Eine einfache vergleichung wirklich histori- 
scher Vorgänge auf sprachlichem gebiet ergibt wohl eine 



*) Ueber das verbttltnÜB von sma zu sva wird s. 269 gehaadelt. 



346 Kuhn 

natQrlicbere erklärung. Die eodimg 6 der 1. 8g. pf. ätm. 
wird im päli za i (vg]. die formen bei Weber in d. zeitschr. 
d. d. morgenl. gesellscb. XIX, 657), ebenso wird auch das 
i des imperf. und aorist ätm. schon im sanskrit aus vor- 
angegangenem ä entstanden sein. Das ist freilich verstQm- 
melungstheorie, aber wir werden ihr sowohl hier als noch 
mehrfach im folgenden ihr gutes recht wahren mQssen; 
die ideale weit, in, welcher die identität des ich und nicht- 
ich sich vollzieht, erleidet natQrlich auch dadurch ab* 
brach. 

Die erklärung des prftsentischen i scheint den verf. 
in bezug auf das imperativische dhi der zweiten person 
etwas in Verlegenheit gesetzt zu haben^ allein er fafst sich 
bald s. 237 und sucht in dhi nur das resultat eines neben 
tva stehenden Stammes tvi, wie dvi neben dva, die pron. 
Stämme ki, di neben ka, da, die partikel hi neben ha ste- 
hen, wie auch in der ersten person i und a nebeneinander 
gefunden seien. 

Dafs das letztere richtig sei, haben wir eben bestrit- 
ten, ob die übrigen analoga nicht vielleicht anders zu er- 
klären seien als durch ursprünglichen doppelstamm, bleibt 
doch fraglich, dvi z. b«, das als erstes glied in compositis 
auftritt, verhält sich zu dva, wie der vokal der reduplica- 
tionssilbe in gigämi, tiäthämi zum vokal der Wurzelsilbe. 
Ferner sind doch die partikeln hi und ha nicht etwa iden- 
tisch, so dafs die vokaldififerenz, vorausgesetzt sie seien 
reine wurzeln, in der begri£Plichen ihren grund hätte, also 
f&r unsern fall gar nicht pafste. 

An dies glücklich gefundene tvi „knüpfen sich noch 
weitere beobachtungen^ s. 237. 

„Wir finden dha resp. tva wieder in der i . plur. med. 
skr. praes. perf. mähe (zend. maidhe), imper. mahäi, was 
auf secundäres maha schliefsen läfst, welches das griech. 
fiB&a in der that darbietet. Als urform müssen wir matva 
aufstellen. Daneben läfst das skr. secundaire mahi auf al- 
tes matvi schliefsen mit dem i-stamm der zweiten person. 
Das wir ist als ich und du gefafst und durch ein 
dvandva- compositum gegeben, wie sie in den zahlwör- 



aDseig«. 347 

tern, z. b. quattuor-decim, fidvör-taihun aus uralter zeit 
vorliegen.* 

Also mabe, maidbe, mahäi steben ftlr ursprOnglicbes 
madbe, mabi flQr madbi. Das 6 des praes. ist nacb der 
daröber aufgestellten erklärung Scherers ganz in der Ord- 
nung, da madba + i madbe ergab; aber wie kommt es 
denn in den imperativ, von dem der Verfasser eben noch 
gesagt hat, dafs in ihm an das präsentisebe i nicht ge- 
dacht werden könne. Und das secundaire maha soll wirk- 
lieb durch griech. fjie&a sieb darbieten? Soll griechisch 
auslautendes a etwa der regelrechte Vertreter von sanskrit 
auslautendem a sein, so hätte Scherer das erst beweisen 
mflssen. 

Aber die form tvi fQbrt noch zu weit grofsartigeren 
entdecknngen. Scherer sagt nämlich weiter s. 237: „Ging 
das verständnifs fQr den eigentlichen sinn von matvi ver- 
loren, so konnte sie leicht als mat-vi aufgefafst und mat 
fbr einen ganz Qberflflssigen ablat. sing, gebalten wer- 
den, so dafs vi sich als stamm des plurals ergab, den wir 
im skr. vaj-äm, germ. *vaj-as (goth. veis) in der that vor- 
finden*. 

Nun in der that ohne die alte verstümmelungstbeorie 
kommt der verf. bei seinen erklärungen aus, aber nur in- 
dem er eine neue noch viel gewaltsamere an ihre stelle 
setzt. Er beruft sieb freilieb ftkr seine ansiebt auf eine 
ähnliche Verstümmelung des anlauts, die im pronominal- 
stamm khäma der gätbäs gegen jüäma vorliege, aber die 
verstflmmlung durch fortfall der silbe jü ist ja erst seine 
erklärung, f&r die er erst ein hypothetisches jugb oder jug 
ansetzen mufs, während alle anderen forscher bei erklä- 
rung dieser schwierigen form ein anderes verfahren einge- 
schlagen haben. Jedenfalls sind die seltenen formen des 
gätbädialekts, zumal bei dem zweifelhaften zustande des 
textes und seiner erklärung, nicht sebr geeignet um an 
sich gewaltsame combinationen zu atOtzen. Als probe, wie 
bedenklich es noch mit der erklärung dieser zendform 
überhaupt aussieht, wollen wir nur bemerken, dafs Hang 
ihr firüber die bedeutung y,jou^ gab, später aber ange- 



348 Kuhn 

nommen hat, dafs sie „that, such^ pluralisch bedeute, 
welches aus Y. 46, 10 deutlich hervorgehe (Essays p. 107). 

Auf s. 218 hatte der verf., uachdem er die formen 
dvekSi und dvikS^ beide aus dvik tva durch differenzirung 
aus verschiedenem accent erklärt, weiter gesagt: „Diese 
bemerkungen gelten für das ganze passiv [= medium 
8. 217]. Die personal bezeichnuDg war dieselbe wie im 
activum, nur der ton ein anderer". Nun war aber bereits 
6. 1 93, wie wir gesehen haben, als endung der I . plur. act. 
mansi angesetzt und danach hätten wir dieselbe endung 
auch im medio-passivum erwarten sollen; wir haben be- 
reits oben gesehen (zu s. 237), dafs flir dies eine andere 
endung angesetzt wurde. So führt der verf. seinen leser 
stets in die irre, während er doch mit leichter mühe gleich 
hätte auf die ausnähme hinweisen können. Doch hören 
wir den verf. Qber die form mansi! Sie soll aus dem ge- 
nitiv mama, z. mana mit dem pluralen s gebildet sein; so 
entstand mamas, manas, mit verlust des a mans. Die for- 
men mama und tatva, titvi (die letzteren werden der 2. pl. 
medii zu gründe gelegt s. 237) sind durch reduplication 
entstanden. „Es sind genitivformen, heifst es s. 239, de- 
ren Zusammenhang mit dem plural sich später aufklären 
wird." Wichtig wäre doch bei der begründung einer von 
der bisherigen so abweichenden erklärung gewesen, schon 
hier darzulegen , wie die formen des gen. sing, zu pinra- 
lischen werden; allein wir werden auf die zukunft verwie- 
sen. Da erfahren wir denn, vorausgesetzt dafs ich die 
richtige stelle gefunden habe, auf s. 260, dafs Scherer acht 
verschiedene arten des pluralausdrucks kennt, welche der 
arischen Ursprache zugeschrieben werden müssen und: „der 
plural wird erstens durch reduplication bezeichnet in 
*mama (aus mansi gefolgert, oben s. 239) und tatva (s. 237). 
Ueber reduplication als ausdruck der mehrzahl Pott etym. 
forsch, n, 67. Doppelung s. 176 — 205. 275. 299f. 302. 
Dafs der plural matva „wir^ nicht unter den pluralbildan- 
gen aufgeführt werden kann, versteht sich nach dem dar- 
über bemerkten von selbst". Dazu vergl. man noch 8.267. 

Also der zusammenbang der genitivform mama mit 



anzeige. 349 

dem plural sollte sich doch später aufklären, und wie ge- 
schiebt das? Dadurch dafs wir wieder auf die hypothese 
von s. 239 zurückverwiesen werden. Die Verweisungen auf 
Pott waren doch hier wohl überflussig, denn dafs in meh- 
reren sprachen pluralbildnng durch reduplication entsteht, 
ist doch eine allzubekannte thatsache. Hier war doch 
nachzuweisen, wie dies genitivische mama in den plural 
gekommen ist und warum sich die spräche nicht mit der 
reduplication zum pluralausdruck begnügt, sondern noch 
ausdrücklich einen plural auf s, wie sich Scherer ausdrückt, 
daraus gemacht hat. Einen nom. pl. auf s, der doch sonst 
nicht erscheint, denn das s. 239 verglichene z. jus vom 
stamme ju zeigt ja noch längung des vocals vor dem s, 
also nach Scherers auffassung symbolische pluralität durch 
Verlängerung -H s (vgl- s. 260). 

Aber wir wollen einmal zugeben, dafs mansi, maus, 
die ursprünglich dem mas^ mus, usg^ ^£i/, mes, m vorherge- 
gangene endung gewesen sei. Wie wird es wahrscheinlich, 
dafs das n in masi, mas, ma im skr. spurlos verschwunden 
sein soll? Dem sanskrit ist ja eine Verbindung von anu- 
svära mit s eine ganz geläufige, wie zahlreiche formen zei- 
gen, häsi (aus hau + si), häsa, äsa, däsu, amäsi (a-man-si), 
ja amästa, amästhäs u. s. w. Nur auf die nomina auf an 
könnte sich Scherer berufen, welche im loc. plur. das n 
vor 8 ausstofsen, wie rS^asn, nämasu, allein das kann er 
auch nicht einmal, da er fQr diesen fall gar keinen an- 
-stamm annimmt (vergl. s. 317 und 428), sondern einen 
a^stamm. Aber mansi soll ja gar nicht die ursprüngliche 
endung sein, da das i erst später antrat; die ältere en- 
dung soll ja maus sein, aus dem doch nach indischem aus- 
lautgesetz man und nicht mas werden mufste, wie äsan 
f&r äsans (äsans tatra) u. s. w. beweisen. Also nur man 
oder mus (wie in der 3. pl. potent, us aus ans) hätten aus 
maus hervorgehen können. 

Woraus ebendaselbst gefolgert wird, dafs das griech. 
f4.Bv, fjieg secundairsuffixe seien, welche das t nie besafsen, 
ist mir nicht ersichtlich. Ebenso wenig, warum im altir. 
ammin (für ammin nach Schleicher comp. s. 668), dessen 



350 KuhD 

n am folgenden wort erscheint, sich noch eine spur der 
alten endung mans oder mansi erhalten zu haben scheine. 
Abgesehen davon, dafs die eine form schwerlich viel be- 
weisen wftrde, wird sie auch von Schleicher ganz anders 
erklärt; indefs ist mir auch diese erklärung wegen des 
ephelkystischen n bedenklich. Sollte sich die form nicht 
einfach aus dem angehängten pronomen ni (nos) erklären, 
dessen auslautender vokal schwand? Die gebräuchliche 
form ist ja ammi, Zeuss 476. 

Auf s. 241 schreitet Scherer zur aufstellung der ari- 
schen grundformen des selbständigen pronomens, wie er 
sie erschlossen hat; wir können hier nicht in der ganzen 
ausdehnung darauf eingehen und beschränken uns auf ei- 
nige kurze bemerkungen. 

Ob das 8. 242 mit ^; (J, egö unmittelbar zusammenge- 
stellte ahd. ihha desselben Ursprungs sei, ist mir zweifel- 
haft, da es Graff Diut. I, 146 durch aegomet glossirt 
wird. Auch Grimm hat sich schon aus demselben gtiinde 
gegen die von Scherer ohne neue gründe aufgestellte an- 
sieht erklärt (gramm. III, 12). 

Als grundformen des accus, sing, werden s. 242 ma, 
m4m, tva, tvam angesetzt. Dafs skr. mäm in den veden 
ein paarmal ma-am gelesen werden mQsse (beitr. IV, 182) 
ist dem verf. wohl entgangen, dadurch würde wenigstens 
ma neben kf^e eine stütze gewinnen. Dafs diese formen 
auch durch das lateinische vorausgesetzt werden, läfst sich 
von Scherer's Standpunkt aus, der zwei Stammformen tva 
und tvi annimmt, doch wohl nicht behaupten, umbr. tiom, 
siom, lat. me, ta würden doch nach ihm auf die stamme 
mi, tvi zurückgehn. 

S. 243 wird zum ablativ, der im paradigma mat 
nach dem ostarischen angesetzt ist, bemerkt: „Doch halte 
ich auch mamat fQr keine neubildung^. Sollte man nicht 
meinen ein skr. abl. mamat wäre eine so allbekannte that- 
sache, dafs er, offenbar wegen seiner weitreichenden Ver- 
wandtschaft in den übrigen sprachen gleiches Stammes, 
nicht als eine neubildung angesehen werden dürfe? Diese 
form mamat nun kommt f&nfmal in dem zwiege^spräch 



anzeige. 351 

R. IV, 18)8. 9 vor, wo sie von Säjana durch pramädjat, 
pramatta, im petersb. wtb. durch modo-modo erklärt wird. 
Wie Benfey, der sie vollst, skr.- gramm. 8.332 für einen 
ablativ genommen, diese form aus dem Zusammenhang der 
stelle erklären mag, ist mir nicht klar. Jedenfalls ist sie 
als abl. 1. pers. ganz und gar zweifelhaft und das petersb. 
wtb. hätte schon darüber anskunft geben können. Aber 
sie pafste so schön zu mancher hjpothese Scherers, dafs 
er noch ein paarmal z. b. s. 267. 274 darauf zurückkommt, 
um sie als stütze anderer beobachtungen zu gebrauchen. 

S. 243 wird bei besprechung der formen des nom. pl. 
1. pers. gesagt, dafs die altpr. mes^ lit. m6s (aus mks ge- 
dehnt), ksl. my durch abfall des anlauts (as*, urspr. ans-), 
der durch den auf der endung liegenden ton herbeigeführt 
sei, zu erklären seien, was mir wenig wahrscheinlich er- 
scheint, wenn man lit. esmi, altsl. lecuik vergleicht, wo, we- 
nigstens im litauischen, der ton auf der endung ruht und 
trotzdem der anlaut bewahrt ist; man würde, wenn diese 
formen aus ansma, asma entstanden sein sollten, minde- 
stens die bewahrung des anlautenden s, wie bei skr. l.pl. 
smas, zu erwarten haben; vgl. neuslov. smo, bulg. smi. Man 
wird mit Bugge (zeitschr. IV, 245 f.) in diesem falle an- 
bildung an den singularstamm anzunehmen haben. 

Ebend. werden ansmä, juämä als ursprüngliche instr. 
plar. angesetzt, denn in asmäbhis, juämäbhis sei das bhis 
„offenbar pleonastisch ^ angetreten, „wie mi im lit. instr. 
sing, tä-mi, denn auf andere weise wäre das ä hier nicht 
za rechtfertigen'^. Verlängerung von vokalen in offener 
silbe im inlaut ist aber auch in anderen fallen nachweis- 
bar, so in havlman, bharlman, saviman neben haviman 
u. s. w., so in den intensiven ganigam neben ganigam, 
Karlkr neben Karikr, narnrt, narinrt, narinrt, Kanlkas, pa- 
nipat u. s. w. 

S. 250 möchte Seh. beim nom. pl. I mundartlich mir, 
II altn. ther zunächst an das dem verbum in fragender 
Stellung nachfolgende pronomen denken: kallidh ther fär 
kallidh er, bringem mer für bringen wir. Er vergleicht 
indefs den anlaut von päli majam (neben amhg) „wir^ und 



352 Kuhn 

tamhe »ibr^, welche Übertragung vermutben lassen. — 
Scbon oben (s. 339) ist von dem früh auftretenden nord. 
mer die rede gewesen. Beide auffassungen verbindet Aasen 
(norsk. gramm. s. 179): Formerne me og de synes frem- 
koQine ved en tillempning efter. eentallet, hvor man alle* 
rede havde et paar former med m i förste og d i anden 
person; desuden künde de ogsaa bestyrkes ved den til- 
svarende endeise i verberne, f. ex. er um ver (s. ere vi) og 
erudh ^r (ere I). Der umstand (s. oben), dafs frühzei- 
tig auch das duale mit neben vit erscheint, läfst den von 
Aasen vorangestellten grund als den richtigen erscheinen. 

Auf s. 260 ff. entwickelt Scherer seine kenntnifs von 
acht verschiedenen arten des pluralausdrucks , welche der 
arischen Ursprache zugeschrieben werden müssen. Dabei 
sei zunächst erinnert, dafs in den meisten der acht Wie 
nicht vom plural im ganzen, sondern vom nom. resp. auch 
acc. plur. gesprochen wird, mithin doch nur pluralzeichen 
dieser casus und nicht pluralausdruck im allgemeinen ge- 
handelt wird. 

Als erste bezeichnung des plurals gilt die reduplica- 
tion, wie sie angeblich in mama (aus mansi gefolgert) auf- 
treten soll. Diese annähme ist, denke ich, genügend im 
obigen beleuchtet. 

Als zweite wird die symbolische bezeichnung durch 
vokal Verstärkung des ableitungssufSxes genannt, wie sie 
sich in den zendischen neutris auf anh (d. i. as), an, man, 
deren nom. acc. plur. auf äo (äs), an (an), man (man): 
man-äo, däm-än, dun-män findet, aufgeführt. Die frage ist 
hier nur die, ob das verstümmelte oder ursprüngliche for- 
men seien; bisher hat man aus vergleichung mit dem sans- 
krit gründe für die bejahung der ersten alternative herge- 
nommen*) und Scherer stellt eine bloise behauptung ohne 
solche auf. 

Die dritte formation geschieht mittels eines beigef&g- 



*) z. b. Hang p. 94: anh. The nom. and acc. plur. is So, a con- 
traction of a fuUer form. p. 96: an, man. The nom. and acc. plur. is 
either equal to the sing, or i is added to an; now and then an alone re- 
mains e. g. dSmSn. 



anzeige. 353 

ten sma in a-sma, ju-sma. Hier haben wir also wirklich 
ein dem ganzen plural durchziehendes sufSx, welches plu- 
ralität bezeichnen könnte, denn die casuszeichen treten ja 
dahinter an, wenn nicht wieder an diesen mehrfach ein 
doch wohl ebenfalls wieder nach Scherer (s. o. maiis) den 
plural bezeichnendes s erschiene. Und nun erscheint dies 
sma in der pronominal - declination auch im singular, so 
dafs es doch jedenfalls eine andere bedeutung als plurali- 
sche gehabt zu haben scheint. Das naheliegende sama, 
sima, ahd. sama, engl, same scheinen doch eher auf die 
bedeutung von selb zu führen, so dals es wie myself, 
thyself, himself u. s. w. unser derselbe gebildet wäre. Wir 
kommen mit Scherer weiter unten auf dies sma zurück. 

„Viertens ist a pluralzeichen. Im neutrum allgemein, 
wie bekannt^. Aber es soll auch im nom. acc. plur., wie 
das zend evident lehre, stattfinden, wo „vac-a, ptar-a, 
vastär-a, bhrftthr-a, arshan-a, hävanta^ beispiele consonan- 
tischer stamme seien. Sollen denn das die ursprünglichen 
formen sein? Neben vada steht ja vaöo, neben dastSra 
stehen dätSro, nipätfira^ka Spiegel gr. 144. 163. Scherer 
sagt: „dafs nicht etwa s abgefallen, zeigen ptaorSr-Ka, 
maäja-ka^. Ist denn das ka so eng mit den formen von 
anfang verbunden gewesen, oder kann es nicht auch noch, 
nachdem eine Verstümmelung eingetreten war, angetreten 
sein? und gibt uns denn der zustand der zendtexte irgend 
eine gewähr, dafs wir es mit einem einheitlichen sprach- 
typus ^iner zeit zu thun haben? 

Dies pluralische a soll auch noch in mehreren anderen 
formen erhalten sein, auf die wir nicht weiter eingehen, 
da wir den thatbestaud im zend, wie oben gesagt wurde, 
anders erklären. 

Hervorzuheben ist nur, dafs auch die skr. personal- 
endung a der 2. plur. perf. dabei herangezogen wird. Das 
a „ist Stammauslaut und das personalpronomen hat sich 
damit nicht zur worteinheit verbunden, sondern ging ver- 
loren *. 

Was meint der verf. hier mit stammauslaut? Es soll 
wohl heifsen pluralkennzeichen? Soll denn das a von ye- 

Zeitschr. f. vgl. sprachf. XVIII. 6. 23 



354 Knhn 

yovn-^rs, das das ganze perfect, singiilar und plural (mit 
ausnähme 'der 3. sing.) durchzieht, einen anderen Ursprung 
haben, als das von tutuda und wie denkt sich der verF. 
das yerhältnifs z. b. bei dadhä, ist davor der wurzelvokal 
abgefallen? 

„Endlich, sagt der verf., gehören hierher die personal- 
endungen ma, tha, ta des plurals: wenn wir die Urformen 
ansetzen ma und tva. Sie unterscheiden sich in nichts 
von der reinen Stammform resp. von den snfBxen des Sin- 
gulars. In der actuellen spräche, des sanskrit z. b., findet 
thatsächlich keine lautgleichheit statt: neben dem plur. tha 
des praesens steht sing, si , neben dem plur. ta des imper- 
fects sing. s. Aber wenn die vorliegende pluralbildung ein- 
geftkhrt wurde als noch unverletzt und unverändert im sing, 
ma und tva bestanden, was für ein mittel stand der spräche 
zu geböte, um plural vom singular zu unterscheiden? Kein 
anderes als der accent. Und dafs er thatsftchlich so, also 
wieder differenzirend (vgl. s. 218) verwendet wurde, dOr- 
fen wir dem skr. ton der zweiten hauptconjugation und 
des perfects wohl glauben, der uns im ersten aufsatze die- 
ses buches so wichtige dienste zur aufklärung des germa« 
nischen ablautes leistete.^ 

Also ma und tva waren die ursprünglichen endungen 
des Singulars und des plurals und nur durch den accent 
als diese oder jene characterisirt. Worin bestand denn 
nun die einf&hrung der „vorliegenden pluralbildung^, wo 
zeigt sich denn ein neues a hinter ma und tva des plu- 
rals? Ich verstehe den Verfasser wirklich nicht. Denn 
wenn der verf. s. 219 den Vorgang im sing, so dargestellt 
hat, dafs nach seiner ansieht das im singular unbetonte a 
der endung schwand und erst, nachdem es geschwunden, 
das locale i antrat und wenn man nun auch annehmen 
wollte, dafs der erste Vorgang, das schwinden des a der 
pronominalwurzel , hier eingetreten sein soll, so ist diese 
annähme ja durch des verf.^8 satz vom schwinden des a 
nur in unbetonten silben unmöglich gemacht^ da wir 
es hier mit einer betonten silbe zu thun haben. Die au- 
sätze Scherer's lauteten ja 2. sg. act. dvik tva, 2. sg. pass. 



anzeige. ' 355 

dvik tvi, folglich mufs, wenn auch die 2. plur. act. dem 
Singular gegenüber durch den accent difTerenzirt werden 
soll, diese wieder dvik tva lauten, und dies betonte a kann 
nicht verschwinden: als daher die angeblich „vorliegende 
pluralbildung^ eingeführt wurde, konnte diese form ntir 
dvik-tvä-a d. i. dik-tvä lauten. Folglich mufste die endung 
tbä und tä lauten, wovon bei Scherer nichts zu finden ist. 
In den veden kommen nun dergleichen formen mit ä wirklich 
vor, was aber gar nichts fdr Scherers annähme beweist, 
namentlich so lange nicht, als die noch daneben stehenden 
vedischen formen auf na: tana, thana (sthana, jathana, 
sjätana, pipartana, dadhatana, aitana), die Scherer gar nicht 
zu kennen scheint, sowie vor allen das lateinische tis 
unerklärt bleiben. 

Bemerkung verdient übrigens doch auch noch, dafs 
jeder, der Scherers entwicklungen Über mansi gelesen, glatH 
ben mufste, er halte mansi für die primäre endung, man« 
dagegen für die secundaire, denn s. 239 hatte er ja aus* 
drücklich gesagt: „Ja wir dürfen nun bestimmter griech. 
fi€i/, fzeg als secundairsufßxe ansehen, welche das i am 
Schlüsse nie besafsen ^. Man wird daher einigermafsen 
überrascht sein hier abermals ein neues snfBx der 1 . plur.^ 
und zwar doch wohl ein secundairsuffix angesetzt zu fin- 
den. Gegen die ansetzung desselben gilt übrigens derselbe 
grund, der gegen tha, ta als mit pluralem a gebildet vor* 
gebracht wurde. 

Es wird gut sein, die ansätze des Verfassers für die 
urzeit einmal durch ein beispiel klar zu machen, da er 
dies, wie wir schon gesagt haben, nicht zum nutzen seiner 
beweisi&hrung, fast durchgehends unterläfst. Da würde 
also z. b. von wz. dft geben 1. sg. act. lauten: d&-ma ge^ 
ben -f- ich (s. 217 f.) oder geben + mein (s. 259) = ich 
gebe, 1. sg. pass. dä-m& geben + ich, geben + mein aae ich 
werde gegeben, 1. sg. praet. act. dd-ma oder ä-dä-ma (über 
die unwesentlichkeit des augments s. 231) (da) -h geben -+- 
ich =c ich gab s. 219, 1. pl. praet. act. dä-mä geben -i- ich 
SB wir gaben s. 262. Nimmt man ftlr unsern fall noch 
die drei gleichlautenden formen des nom. acc. voc. sing. 

23* 



a56 Kulm 

von diman das geben, Dämlich dÄma und die vedischen 
drei gleichlautenden des plural.: dima sowie die sechs 
ebenso lautenden von ddman das band, die fessel hinzu, 
so hat man ein stattliches contingent von ddma oder dfima, 
mit dem es den Urariern schwer geworden sein nmfs sich 
verständlich zu machen. 

Die fünfte pluralbildung zeigt X oder i. Scherer sagt: 
„Die länge ergibt sich, wie Friedrich Müller sitznngsben 
35, 60 hervorhebt, aus den skr. pronominalformen ami, 
amiföm, amXbhjas, amibhis, amiäu (immer der ton auf 
dem l)^. Hier wie bei der dritten bildung wäre doch die 
bemerkung am orte gewesen, dafs die pluralbildung in die- 
sen ftUen nicht erst hinter der casusendung sondern am 
stamme vor derselben auftrete. Ferner, warum soll das i 
von ami u. s. w. berechtigen I als pluralzeichen anzusetzen, 
ist es denn so unumstöfslich, dafs wir es mit einem plu- 
ralzeichen, nicht mit einer blofsen Stammvariation zu thun 
haben? Warum hat denn das masc. im acc. plur. amün, 
neutr. nom. acc. amüni und das ganze femininum im plur. 
amü, wie masc. fem. und neutr. im sing, ebenfalls den 
stamm mit u zeigen? Wäre es da nicht consequent gewe- 
sen, wenigstens auch eine durch vokalverlängerung (no. 2) 
entstandene pluralbildung mit ü anzusetzen? Nimmt man 
das oben (s. 344) besprochene ama hinzu, so erhält man 
die nebeneinander stehenden pronominalstämme ama, ami, 
amu, denen Benfey vollst, skr.-gramm. s. 334 anm. 4 ka, 
ki, ku, auch a, i, u (?) verglichen hat. Jedenfalls sehe 
ich danach keine berechtigung grade allein das I heraus- 
zugreifen. 

Was im übrigen das i als pluralzeichen betrifft, so 
soll es natürlich nicht geläugnet werden; ob es in allen 
den fUlen, die Scherer ansetzt, anzunehmen sei, ist eine 
weitere frage, deren erledigung uns hier zu weit fähren 
würde. Wir bemerken nur, dafs wenn Scherer sagt: „das 
allgemeine skr. i des nom. acc. voc. plur. neutri pflegt man 
als Schwächung von a aufzufassen. Schwerlich richtig. 
Denn wenn skr. dhämäni, vartmäni neben zend. dämän, 
dunmän stehen, so mufs doch wohl i einer pluralbildung 



•DMife. 357 

Dach der zweiten art blos hioasageaetst seiD u.8. w«^, so 
sieht man das zwingende doch nicht ein, da neben skr. 
dhamäoi ja noch formen wie dhfimä, dhfima stehen, zend, 
dämän also die mittelstufe zwischen dhämäni und dhftmli 
sein kann, gerade wie wir im conjunctiv vokäni, voKam 
und Yoitä nebeneinander haben, yergl. s. 326. Grade da(s 
das zend. auch näm^ni und ndmenl zeigt, könnte doch 
wahrscheinlich machen, dafs auch dort die symbolische 
bildung mittels vocalverstftrkung nur die zweite stufe einer 
einst volleren bildung war« Dazu kommt, dafs es sich 
mit i- und u- stammen im sanskrit Ähnlich verhält, indem 
sie neben purOni, bhanni noch purQ, bhün (?), puru, 
bhüri aufweisen. Aber das ganz vereinzelte nftmöni im 
zend läfst kaum Oberhaupt einen schlufs auf die pluralbil*- 
düng der neutra zu,, da daneben noch einige male nämä- 
nls vorkommt, was eine bildung wie von einem masc. oder 
fem. i-stamme zu sein scheint, da diese im nom. acc. plur. 
mehrmals mit der enduug Is auftreten. Dieser ansieht nei- 
gen sich wenigstens Spiegel und Justi zu; der erstere 
sagt s. 153: «Unregelmärsig scheinen die formen n&m^ni 
(Yt. IV, 2) und nam^nls (Yt. I, U. 16. 19); es scheint ein 
erweitertes thema auf i gebildet zu sein^. Der letztere: 
§.511. „Wörter der 8. decl. gehen über .... in die zweite 
naman (n&meni?)'^. Wenn daher Scberer fortfiihrt: ,,Und 
eine weitere nebenform desselben 'dialekta näm^nls belehrt 
uns Qber die natur dieses i : wir finden Is selbstst&ndig ab 
acc. plur. masc. vom pronominalstamm i, hier neutral wie 
auch sonst neutrale nom. acc. plur. auf as im plural be* 
gegnen'', so wird er doch wohl zugeben, dafs auf eine so 
einzeln stehende form eines einzelnen wertes, über dereo 
Ursprung wir durchaus nicht in entschiedener klarheit sind, 
die entstehung der ganzen kategorie der neutralen nonu 
und acc. plur. auf ani , ini u. s. w. im sanskrit nicht auf- 
gebaut werden könne, zumal ja die endung is als die ur-* 
sprüngliche angesetzt wird und die Verbindung von mas- 
culinen und femininen formen der pronomina mit neutris 
offenbar nur eine syntactische eigenthümlichkeit des zend 
ist, von der Spiegel s. 262 f. einige beispiele gibt* Es ist 



858 Kohn 

der umgekehrte fall von dem uns gelftufigen, dafs wir das 
nentrum setzen, wenn anch masculina und feminina folgen, 
wie: das sind meine freunde, das ist eine pracht u. s. w., 
worQber Grimm gr. IV, 275 ff. ausftkhrlich gesprochen hat. 
Dagegen das zend. täo^fiia imäo näm^nis dies (sind) meine 
namen Yt. I, 16. täo^ka mS näma zbaja^a bei diesen na- 
men rufe mich an Yt. XV, 48; wo täo, täo^ka das wenig« 
stens im letzteren falle mit dem neutrum verbundene pron. 
fem. im plural ist. Im ersteren falle darf man, wie oben 
▼ermuthet wurde, gradezu Übereinstimmung von uomen 
und pronomen auch im verbum annehmen. Die erschei- 
nung bedarf jedenfalls erst viel eingehenderer Untersuchung, 
ehe man kurzweg aus einem angeblich neutral gewordenen 
18 die endnng i der neutra ableitet. 

Die sechste bildung (s. 265) ist nom. voc. plur. skr. 
ftsas, zend. äoöhö, altp. ftha. Es soll eine combination der 
dritten und vierten bildungsweise sein (sma und a) und 
zwar indem smas = dem smas des nom.4>lur. der perso- 
nalpronomina (ansmas, jusmas) sei. Daraus entstand svas 
und wie sva „du^ zu sa, so wurde svas zu sas. Hier 
wird also wenigstens eine erklärung über den Ursprung 
des Schwindens von v im germ. plural des pron. 1. pers. 
sowie desjenigen der endung &sas gegeben. Aber sie ist 
eben nur eine vermuthung, die keine weitere Unterstützung 
durch die sprachen findet. Erstens liegen die falle sich 
doch nicht ganz gleich, denn nicht sva wurde zu sa son* 
dem tva, ob durch sva hindurch ist ja von dem Stand- 
punkt des verf.'s selbst aus zweifelhaft, da er auch die er- 
kl&rung von skr. sva, 2. sing. imp. med. aus dem reflexiv 
f&r möglich hftlt (vgl. s. 223. 236). Er sagt zwar s. 223, 
dafs tva durch sva hindurch zu sa gelangt sein müsse, 
aber der Übergang von tva in tha liefse doch auch den 
von tha in sa als möglich erscheinen, wenn sva bei der 
erklärung wegfallen sollte. Zweitens ist die lautverbin- 
düng sm im sanskrit sowohl im anlaut als im inlaut eine 
ganz geläufige und nur im fem. der pronomina, wo die 
consonantenhäufung smj eintreten würde, ist von den bei- 
den letzteren consonanten das m ausgestofsen und nichi 



anzeige. 369 

das j , wohl weil dies eben der das fem. cbarakterisirende 
coDSonant war, denn sonst wären masc. neutr. und fem. in 
gemeinsamem tasmäi zusammenge&llen. Ebenso ist nicht 
recht wahrscheinlich, dafs m oder das au seine stelle ge* 
tretene ▼ von ^unsmis, ^unsvis neben dem beibehaltenen ▼ 
von izvis ausgestofsen sein sollte, denn wollte man dies 
auf grund etwa der consonantenh&ufung thun, so wird das 
sehr unwahrscheinlich, da das gothische ja doch andere 
consonantenhäufungen ähnlicher art wie taibsvs, rohsns, 
haifsts svumfsl ohne widerstreben erträgt. Scherers neue 
erklärung scheint mir nur ein neuer milsglQckter versuch, 
die räthselhafte form zu erklären; „die ursprünglichen for- 
men der personlichen pronomina sind wohl kaum zu er- 
schliefsen '^y sagt Schleicher comp. §. 266 s. 650 und der 
vorliegende versuch erscheint mir wenigstens als ein neuer 
belag dazu. 

Schliefslich bemerke ich Qber die fassung des schlufs- 
Satzes von no. 7 bei Scherer, dafs sie wohl kaum recht 
verständlich sein möchte; sie lautet: „Dies smas folgte 
meiner ansieht nach selbständig dem werte, dessen mehr- 
heit es bezeichnete, als die neue formation aufkam: ä setzt 
sich dazwischen, wirkt als bindemittel, Verschmelzung fin- 
det statt im nominativ, während sma in anderen casps 
verloren geht^. 

Was heifst „die neue formation mit ä^? unter no. 4 
ist doch nur vom pluralzeichen a die rede gewesen, also 
sollen wir hier doch in dem ä die Verbindung des stamm- 
haflen und pluralen a erkennen, und nun: „ä setzt sich 
dazwischen^ zwischen pivä z. b. und smas? Also pivä + 
ä + smas? Das hat Seh. doch wohl nicht gemeint, er sagt 
es aber mit deutlichen werten. 

Zur Sache endlich ist die fast an zanber gränzende 
auffassung vom verschwinden des sma („während sma 
in allen anderen easus verloren geht^ sagt Seh.) 
aus allen übrigen casus des pluralis doch jedenfalls zu cha-* 
rakteristisch für des Verfassers ganz willkflhrliche auffas. 
sung grammatischer formen, als dai's sie mit stillschweigen 
übergangen werden könnte. 



360 Kuhn 

^Siebentens: fts^. Dafs hier das näo des gfithädia* 
lekts ftkr nö grade auf nSs d. i. na + as zurfickgehen soll, 
dfirfte doch nicht so obenhin zu behaupten sein, ohne dea 
Ursprung des äo im allgemeinen etwas genauer untersucht 
zu haben als bisher geschehen ist. Schon lat. nös neben 
acc. plur. öS dtt* zweiten könnte ja auf ursprüngliches 
nans, etwa für maus (vgl. äni f&r ämi) führen, zumal da 
näo auf den accusativ beschränkt ist. Wenn ferner ange- 
nommen wird, dafs selbst das neutrum auf a im zend die 
pluralbildung mit as zeigen solle nnd zwar sowohl beim 
nomen als beim pronomen, so ist schon oben zu no. 5 
8. 357ff. darauf hingewiesen, dafs diese erscheinung zum theil 
auf syntactischer eigenthfimlichkeit beruhe, andrerseits wird 
das fio auch hier erst nocli näher untersucht werden mfis- 
sen, ehe man seine identität mit äs schlechthin behaupten 
kann. Die wenigen beispiele mit äop beruhen doch wohl 
unzweifelhaft auf thematischen nebenformen von mascu- 
linstämmen. WOrde Scherer wohl incesta vom masc. in- 
cestus ableiten wollen, oder loca von locus? 

„Achtens: Der plural bleibt unbezeichnet u. s.w.** Wir 
kommen darauf unten ^l^ s. 319ff. zurück. 

Es wird hier am schlufs der aufzählung von acht arten 
des plnralausdrucks nicht überflüssig sein noch einmal zo 
bemerken, dafs nur die dritte ein pluralzeichen aufweist, 
welches wirklich den ganzen plural durchzieht, aber dafs 
dadurch, dafs es anderwärts auch im Singular erscheint, 
seine pluralnatur verdächtig wird. Aufserdem erscheinen 
nur noch bei no. 3 und 4 die angenommenen pluralzeichen 
hier und da in anderen casus als im nominativ und accu- 
sativ. Der beweis, dafs wir es überall mit wirklichem 
pluralausdruck zu thun haben ist also gar nicht erbracht. 
Wenn Scherer daher s. 26? sagt: „ üeberblicken wir nun 
sämmtliche arten des plnralausdrucks und vergleichen sie 
knit den übrigen formen der dedination, so gewahren wir 
bald, dafs sich fast alle acht irgendwo mit anderer beden- 
tung wiederfinden. Wie ich jetzt im einzelnen zeigen will.^ 
so brauchte uns das um so weniger in erstaunen zu. setzen, 
als f&r ihr erscheinen im plural nicht die pluralbedeatung 



anzeige. 361 

nacbgewiesen ist, die andere bedeutnng mit der sie im sin- 
galar auftreten mithin vielleicht die ursprfingliche ist und 
mit plaralität gar nichts zu thun hat. 

Betrachten wir diese spukenden wiedergänger etwas ge- 
nauer. Von dem angeblichen zusammenhange zwischen re- 
duplication, pluralität und genitiv ist schon oben die rede 
gewesen (s. 348). 

^Die oben nur als möglich hingestellte Verstärkung 
des Wurzel vokals gewähren die genitive tava und sava.^ 
heifst es weiter s. 267, d. h. also von wz. tu z. b. wOrde 
mit dem unter no. 2 au%esteilten biidungsmittel der plural 
tau lauten, also vom stamme tua regelrecht tava, von sua 
ebenso sava. Indefs ist dem verf. selbst diese erklärung 
nicht ohne bedenken, er verweist daher auf Aufrecht-Kirch- 
hoff I, 56 anm. 3, die ja aber vom stamme tu und nicht 
von tua wie Scberer ausgegangen waren und den guna aus 
antritt des denselben erfordernden a erklärten. 

Auch die erklärung der ostarischen locative auf äa 
von u- Stämmen, wonach die vokalsteigerung casusbildend 
sein soll, ist nicht zuzugeben, sor lern es ist vokalsteige- 
rung des themas vor dem suffix, das auch hier ursprQng- 
lich i gewesen sein wird, wie die vedischen locative viänavi, 
sünavi, sänavi (daneben auch sänö) wahrscheinlich machen. 
Erst nach abfall des i scheint als ersatzdehnung die weitere 
Steigerung von ö zu äu eingetreten zu sein. 

Die Verwendung von sma im sing, der pronominalde- 
klination weifs Scherer s. 268 nicht anders zu begreifen 
als wenn es selbst ursprünglich zum ausdruck des dativs, 
ablativs und locativs diente. »Die drei casus haben die 
Vorstellung des beisammen, der Vereinigung, der nachbar« 
Schaft mit einander gemein: diese liegt zu gründe, ob ich 
mich aus einer gemeinschaf); loslöse (ablativ), mich zu ihr 
hinwende (dativ) oder in ihr verweile (locativ)". 

Nun, die auf hebung der gemeinschaft (ablativ) so all^^^ 
gemein durch einen begriff des beisammen auszudrücken, 
wäre doch jedenfalls etwas wunderbar, aber sie ist doch 
nicht unerhört, wie das englische z. b. to part with one 
sagt und das vulgaire deutsch mit ohne zur auf hebung 



362 Kuhn 

des zusammeDseins verwendet {z. b. kaffee mit ohne milch). 
Aber viel auflalliger ist, dafs der eigentliche socialis, der 
instrumentalis, grade dies sma nicht zeigt. Scherer fragt 
daher mit recht, wie es komme, dafs er in dieser gruppe 
fehle. Doch er sagt, er fehle wohl nur scheinbar. 

„Man denke, fahrt er fort, an die skr. präp. smat (z. 
mat, griech. fjLSzdy goth. mith) und das im stamm unver- 
kürzte skr. säm (z. ham, preufs. sen, lit. sü), griech. ä/na^ 
ahd. samant. Ich zweifle nicht: alle vier genannten casus 
wurden einst durch die postposition sma (sammt) ausge- 
drückt: in jenen dreien schwächte sich die bedeutung, das 
wort verlor seine Selbständigkeit und schmolz an das pro- 
nomen, welchem es folgte; im sociativen sinne aber hielt 
es sich lebendig, blieb freie präposition und nahm verschie- 
dene ableitungssufBxe an.^ 

Da das gothische und griechische den socialen instru- 
mental nicht kennen, so kommen hier nur sanskrit und 
zend in betracht, die also den zweifei des Verfassers ge- 
hoben haben müfsten durch die beobachtung, dafs der in- 
strumental bei pronominibus oder pronominaladjectivis, denn 
um diese handelt es sich ja hier nur, häufig mit einer prä- 
position, die vom stamme sma oder sama herstammte, ver- 
bunden sei. Davon findet sich aber bei ihm nichts. Die 
hier in betracht kommenden präpositionen smat und sam 
finden sich aber gar nicht so häufig als ,,freie^, dafs sich 
daraus die erscheinung erklären liefse. Von smat habe 
ich mir einige fälle verzeichnet R. I, 51, 15; V, 41, 15; 
ibid. 19. VIII, 18, 4, wo es dreimal in Verbindung mit 
süribhis, einmal mit nadibhis auftritt. Die beispiele wer- 
den gewiüs noch zu vermehren sein, allein der umstand, 
dafs es sich im Sämaveda gar nicht findet, zeigt doch 
wohl, dgls sein gebrauch kein allzu lebendiger gewesen 
sein könne. Häufiger ist es als adverb oder in compoaitis 
in gebrauch und Säjana gibt ihm da gewöhnlich die be- 
deutung von SU, bhrpä, pra^asja, prapasta, nitja. Die freie 
präposition sam mit instr. ist ebenfalls nicht so häufig; 
wenn ich nichts übersehen habe, so erscheint sie als solche 
im ersten astaka des Bigv. gar nicht. Häufiger tritt die 



anzeige. 363 

Präposition sakä mit locativ, genitir and instrumental in 
gleicher bedeutung auf, aber der instrumentalis ohne pr&- 
position am häufigsten, doch gehört sie nicht zu der klasse 
der nach Scherer mit sama zusammenhangenden präposi- 
tionen. Ich bemerke übrigens auch noch, dafs nach Ben- 
fey vollst, skr.-gramm. §. 785. 2, 6 smät auch den accu* 
sativ regiert; beläge hat er indefs nicht gegeben. Mit dem 
zendischen mat steht die sache ziemlich ebenso wie mit 
smat. Der instrumental steht bei dem worte, sei es nun 
prä- oder postposition , in der mehrzahl der fälle, dazu 
kommt der ablativ (oder dativ?) und der genitiv, ob auch 
der accusativ ist zweifelhaft, Spiegel gr. s. 299, Justi wb. 
s. 224, aber Justi gibt im ganzen nur zehn f&Ue, zu denen 
sieh vielleicht noch einige finden werden, ohne dafs da- 
durch das verhältnifs wesentlich anders würde, ham, häm 
kommt nur als adverb und verbalpräfix vor, nicht als freie 
Präposition. Vgl. Justi wb. s. v. s. 320. Damit erledigt 
sich, wie ich denke, die vermuthung Scherer^s gänzlich 
und das hauptbedenken gegen seine auffassung von sma 
bleibt bestehen. Dazu kommt aber noch ein anderes: 
Benfey hat im Or. und Occ. III, 131 darauf aufmerksam 
gemacht, dafs sma auch mit anderen casus der pronomina 
in Verbindung erscheint, dafs es ihnen nämlich nachfolgt- 
wie es im abl. dat. loc. mit ihnen componirt ist; so tä 
smä R. I, 102, 3. tasja sma R. I, 12, 8. asmäkä sma R. I, 
102, 5. jena sma R. HI, 62, 1. äsu ämä R. VI, 44, 18. tä 
sma Yaj. S. 18, 59. tasja sma, tä ha sma Taitt. Br. III, 11,3. 
Da ist doch wohl der gedanke nicht mehr möglich, dafs 
sma ursprünglich nur zum ausdruck des dativ, ablativ, 
localis gedient habe. Uebrigens mag bemerkt werden, dafs 
in erklärung dieses suffixes fast alle forscher bisher ihren 
eigenen weg eingeschlagen haben. Pott, wie bereits ge- 
sagt, gibt ihm die bedeutung „selbst'^, Bopp sieht darin 
ein pronomen der 3. pers. (vgL gramm.II, 111. 421), Ben- 
fey den Superlativ von sa (sa+ma) „am meisten eins'' = 
„ganz, all*^, also asma „ich all'' sss wir, juäma „du all'' as 
ihr (vollst, skr.-gramm. §.773.111). Schleicher sagt (comp. 
s. 627) : „sma, wohl aus sa-ma einer stammbildung auf ma 



364 Kahn 

von der pronominalwurzel sa (hie), ist ein demonstrativuni, 
das sicii als selbständiges wort im altindischeo nur in der 
Partikel sma (vielleicht ursprQoglich instrumentalis) findet, 
welche etwa „damals, einst^ bedeutet 

Auch das lokativsuffix sva des zend weifs Scherer in 
sehr künstlicher weise mit sma in Zusammenhang zu brin* 
gen (s. 269 f.)* Aus dem physiologisch und durch beispiele 
nachgewiesenen Übergang von m zu y folgert er: ,,e8 
müsse ein dem sinne nach von ma nicht unterschiedenes 
Suffix va, es müsse namentlich ein superlativsuffix va in 
der arischen Ursprache gegeben haben ^. Die folgerung 
könnte doch höchstens die sein: da m oft in v übergeht 
und ein saperlativsQffix va mit derselben bedeutung wie 
ma existirt, so wird auch va aus ma hervorgegangen sein. 
Scherer aber schlieist, da ma superlativsufBx ist und m 
in V übergeht, so mufs va ein superlativsufBx sein. Kanu 
denn das va nicht eine vom ma unabhängige existenz ha- 
ben? In dem oben angeführten äsu ämä R. VI, 44, 18, das 
ffir äsma sma stehen müfste, wäre also das suffix doppelt. 
Es wird wohl mit z. sva, skr. su auch eine andre bewandt« 
nifs haben, als Scherer annimmt. 

„Ausfall des v wie im plur. sas f&r svas, smas möchte 
ich auch in dem sanskrit secundairsuifix sät annehmen^, 
s. 270. Da der ausfall von v bei äsas (s. oben s. 3ö8) 
nicht bewiesen ist, so wird er auch hier zweifelhaft blei* 
ben ; Benfey vollst, skr.-gramm. s. 244 erklärt sät als abla- 
tiv des pronominalthemas sa. Da auch der davon gebil- 
dete locativ sasmin in den veden vorkommt, sät auch dem 
griechischen dig gleich steht, thut man wohl besser dabei 
stehen zu bleiben. Dabei möge beiläufig bemerkt werden, 
dafs neben -sät auch sä vorkommt (Yv. 1 1 , 80 sarvä ta 
bhasmasä kuru), worin ich nicht etwa einen instrumental 
sehe, sondern einen der päliform gleichstehenden ablativ. 
Es ist entschieden ein irrthum, alle vedischen formen ohne 
unterschied als die ältesten anzusehen, wie dies auch Sche- 
rer mehrfältig thut; wir haben es mehrfach mit formen 
verschiedener epochen zu thun, die in einer Sammlung bei* 
samm^en stehen. 



anzeige. 365 

An die betrachtang der vier casus, welchen ema dient, 
reibt Scherer eine solche der casosformen, in welchen bhi 
als grundform erscheint und man wird seinen entwicklun- 
gen, die manches in den verschiedenen indogermanischen 
sprachen erst in das rechte licht setzen, im ganzen zu- 
stimmen können, wenn man auch schwerlich die ansieht 
von der grundbedentung des bhi theilen sowie die weitere 
entwicklung zugeben wird, welche diese wurzel gar in den 
wurzeln bandh, bhid, bhi wiederfinden will. 

Wenn Scherer s. 283 beweisen will, dafs das instru- 
mentalsuffix & im sanskrit auch im locativ erscheine, so 
scheinen mir die thaisachen, auf die er sich beruft, nicht 
dazu zu berechtigen. Er sagt: „der locativ sg. der stamme 
auf a, ä lautet im veda bisweilen ä, die stamme auf I, ü 
scheinen gar keine sing, locativendun^ anzunehmen, d. h. 
ihre einstigen locative ja, vä wurden contrahirt". 

Es wäre erstens gegenfiber der gewaltigen zahl der 
locatiye auf 6 von a-stämmen, die kleine zahl von beispie- 
len bei Benfey vollst, skr.-gramm, s. 301 §. 3T0 I. 1. b, 
welche das locative ä beweisen sollen; gnhä, madhjä, sa- 
manä sind adverbia, die sich entschieden ebenso gut als 
instrumentale fassen lassen, wie es die herausgeber des Pe- 
tersburger Wörterbuchs bei den beiden ersten thun; madhje 
und guhäjäm, die wirklichen locative kommen ja oft genug 
vor. ja^nä-jagnä Sämav. I. 1. 4. 1 = R. VI, 48, 1 ist un- 
zweifelhafter instrumental, wie schon der parallelismus mit 
girä in demselben verse ergibt. Ebenso ist in der stelle 
ja^nä-ja^nä va: saman4 tuturvdni: R. I, 168, 1 der instru- 
mental anzunehmen: „mit jedem opfer tritt alsbald euereifer 
ein^. vasantfi ftir vasante gibt der scholiast zu Pä. VII, 
1. 39 (vasantft jageta). Es findet sich öfter in der spräche 
der brähmanas (Weber theilt mir 10 stellen mit, darunter 
acht aus dem Käthakam) und ist mehrmals mit locativen 
(prävräi, grldm^, ^aradi) verbunden, so dafs die locativbe- 
deutung nicht zweifelhaft sein kann; aber auch hier wie 
bei ja^& wird die bedeutnng des socialis „mit dem frflh- 
ling^ = „im frühling^ die ursprüngliche sein und die alte 
form auf fi wurde dann neben dem locativ auf e auch lor 



366 Knhn 

cativiscb verwandt, nachdem der instrumental seine neue 
gestalt auf -ena angenommen hatte. Die letztere findet 
sich (ob zuerst?) Yagurv. 21, 23. — rasa (Sä. IL 6. 3. 16. 1 
= Rv.VlIL72. 13 Müll.) nimmt Benfey für rasäjäm, wäh- 
rend Säjana es durch rase (also von rasa m.) also wie 
jagnä, yasantä erklärt. Der instrumental wäre auch hier 
wohl denkbar, obwohl die gewöhnliche construction den 
locativ erfordert. — Was aber die stamme auf l und a 
betrilS^, so zeigen wenigstens die letzteren allerdings mehr- 
fach eine locativendung, aber nicht das spätere am son- 
dern i, so tanvi, kamvi und aus denen erklären sich die 
daneben stehenden tanü, Kamü (man berOcksichtige na^ 
mentlich die formen mit aus ü entwickeltem uv wie tanuvi) 
grade wie sänau aus sänavi. Bei den l- stammen konnte 
natürlich durch antritt des i aus älterem *iji ebenso nur l 
hervorgehen. 

Scherer fährt fort: „Man findet ferner den locativ 
näbhä vom stamme näbhi, und aus einem solchen ä, das 
sich an die stelle des Stammvokals setzte, ist meiner Über- 
zeugung nach auch das skr. äu im locativ der i* stamme 
hervorgegangen^. Nicht blos näbhi, sondern zahlreiche 
andere stamme auf i zeigen diesen locativ auf ä, wie ürmS, 
nßmadhita, ^ätätä, svarSätä (Bf. vollst, skrgr. s. 302 anm. 3)» 
sarvatätä, devatätä, jönä, agnä u. s. w. Dais aber ä aus äu 
hervorgegangen, nicht äu aus ä, machen doch wohl die 
oben (s.361) schon angefahrten visnavi, stlnavi unzweifelhaft. 
Die i- Stämme hätten analog ürmaji, jönaji bilden müssen 
und da mag, wie in der declination aller u- und i-stämme 
im deutschen sowohl als im sanskrit frühzeitig eine Ver- 
mischung eingetreten sein und dann aus ürmavi, jönavi, 
urmäu, jönäu und ürmä, jönä wie bei den u-stämmen sich 
entwickelt haben. So ist auch wohl das nebeneinanderste- 
hen der gleichbedeutigen stamme ijant, Ivant, kijant, klvant 
aus dem Wechsel von j mit v zu erklären, worauf wie häufig 
vor V Verlängerung des vokals eintrat. 

Im auschlufs an den so vermeintlich von ihm gefun* 
denen locativ auf ä erkennt dann Scherer (s. 284) auch in 
den formen wie ^iväjäm, nadjäm, vadhväm locative auf ä. 



anzeige. 367 

die nur durch das aotreteo der partikei am weitergebildet 
sind. Wir können, da wir die grundform nicht zugeben, 
auch diese auffassung nicht theilen, und ohne hier eine 
andre erklärung aufstellen zu wollen, erinnern wir nur an 
die scholien zu Pänini (värtika zu Pä, VII, 1. 39 bei Böht- 
lingk n, 310), wo "es heifst: dhuri daksinäjäs (R. I, 164, 9) 
daksinäjäm iti loke. Ob diese erklärung richtig ist, lassen 
wir dahingestellt; es genügt hier, dafs die indische gram- 
matik den genitiT-ablativ als locativ glaubte auffassen zu 
dürfen. Man vergleiche übrigens z. gen. loc. a^tvaithjäo, 
a^tvaithjö und den locativ der u-stämme bei Spiegel s. 141. 

Die im folgenden angefahrten zendischen locative der 
i-stämme auf ä, a, o und der u-stämme auf a, ö, vö sind, 
wie Spiegel bei der declination dieser stfimme gezeigt hat, 
blofse verstümmelungien der zum theil noch daneben ste- 
henden ursprünglichen formen (Spiegel gr. 132. 141). 

Dafs übrigens der instrumental auch locativbeziehungen 
ausdrücken könne, wollen wir durchaus nicht läugnen, vgl. 
auch Spiegel s. 133; sein gebrauch als socialis mufste schon 
von selbst dazu führen; nur dafs im sanskrit, wie es uns 
vorliegt, der locativ mit einer ursprünglichen enduug auf ä 
oder a sich finde, bestreiten wir*). Wenn auf s. 285 lat. 
ac vermuthungsweise („gleichsam ä Ica^) zur skr. partikei 
ä gezogen wird, so müfste dann atque davon getrennt wer- 
den, wozu sich kaum jemand verstehen möchte. 

Das locativsuffix i leitet Scherer von der enclitischen 
skr. partikei I, Im ab. Diese ist freilich ihrer bildung und 
bedeutung nach etwas unfafsbar, aber eine lokale bedeutung 
könnte man ihr ja wohl bei ihrem vermuthlichen Zusammen- 
hang mit dem pronominalstamm i zuschreiben. Da in den 
veden und im zend neben der locativendung i auch l vor- 

*) Diese anzeige war bereits zam dmck fertig, als mir das letzte heft 
des XXII. bandes der Zeitschrift der deutschen morgenländischen gesellschaft 
znging, in welchem Bollensen s. 617 ff. bei den a, i, n-stämmen das zusam- 
menfallen von locativ und instrumental im veda behauptet und femer antritt 
von ä zur bezeichnung beider casus nachzuweisen sucht. Mir scheint auch 
diese ansieht nicht haltbar, doch würde eine ins einzelne gehende prUfnng 
hier zu weit ftlhren; nur das sei bemerkt, dafs man in den meisten der 
letztgenannten fälle, die B. aufiftthrt, mit der instrumentalbedeutung vollstän- 
dig ausreicht und dafs sie in mehreren absolut nothwendig ist 



368 Kuhn 

kommt (wenn auch in den veden sehr selten, dhmätarl, 
etarl, kartari, vaktan, sarasi), so könnten diese locative sich 
aus dem antreten der partikel erklären lassen. Weiter 
können wir aber dem Verfasser nicht folgen. Denn wenn 
er nun gleich als älteste form i m ansetzen möchte, so steht 
dem doch das überlieferte im entgegen und wenn dies im 
nun gar in tasmin u. s. w. stecken soll, so wäre aus den 
lautgesetzen erst zu beweisen, dafs sanskrit auslautendes m 
io n übergehen könne. Aufserdem bliebe auch immer noch 
das sogenannte euphonische s nach tasmin u. s. w. vor t 
zu erwägen, das in analogen fällen auf ursprünglich aus- 
lautendes ns oder nt hinweist (äsans tatra, asmäns tatra). 
Soblie/slich wird die vermuthung ausgesprochen, dafs im 
neutral* oder accusativbildung vom pronominalstamm i sei; 
QDS liegt nur kein im vor. Ueber die bildung von Im 
aber gehen die ansichten noch sehr auseinander: Rosen zu 
Rv. 1,4,7 läfst es aus imam entstehen, Bopp vergl. gr.^ 
8. 522 anm. und Lassen anthoL^ s. 137 lassen es aus ijam 
contrahirt oder aus dem accusativ ^im durch Verlängerung 
entstanden sein. Jedenfalls scheint es wie auch im zend 
(Spiegel 375) noch mehrfach als accusativ des masculini 
aufzutreten und dafs es auch (vgl. zend Im) den nominativ 
des fem. vertreten könne, ist wohl daraus abzunehmen, dafs 
es R. VII, 66, 8 aus metrischen gründen zweimal einsilbig, 
also doch wohl Im zu lesen ist. 

Ueber die zendische locativform ja, die litauische je 
zu entscheiden ist schwer; die femininformen auf -taitja 
könnten Verkürzungen des oben erwähnten gen. loc. jäo 
sein; Spiegel s. 116 sagt: „Einige male scheint jedoch 
auch die vollere endung ja statt i vorzukommen^, vergL 
8. 151. Schleicher sagt über das lit. je comp. 569: „Die 
Stämme auf u und i und die feminina auf ä (10) haben 
die endung -je, die vielleicht zu skr. -j-äm zu stellen ist, 
aber auch eben sowohl anderen Ursprungs sein kann^. 
Läugnen läfst sich nicht, dafs wenn die endung ja des 
zend durch die wenigen beispiele vollkommen sicher gestellt 
wäre, sie die beste erklärung fQr den goth. dativ gibai aus 
gibä-ja liefern würde. 



anzeige. S6^ 

Der Vokativ der feminina aaf ä im sanskiit, welcher 
bekanntlich auf € aasgeht, soll mit der inteijection i oder 
I zusammengesetzt sein (s. 288); aber diese ist bis jetzt 
blos aus lexikalischen and grammatischen Schriften Qber^ 
liefert, kann also möglicher weise, eine sehr späte onomato- 
poetische bildung sein, so dafs sie zur erkldrung so alter 
formen nicht herbeigezogen werden darf. Äufserdem wäre 
es doch sonderbar, dafs nur die feminina auf ä mit solcher 
„herbei^ iy,d»** würde jedenfalls passender sein, weil all« 
gemeiner) bedeutenden partikel angerufen würden, während 
die übrigen feminina auf langen Stammvokal im vocativ 
Verkürzung ohne antretendes i zeigen und auch kurzvoka* 
lische stamme aller genera zwar guna annehmen, aber i^n 
der interjection frei bleiben. Dafs ein mechanischer laut- 
wechsel von ä in 6 stattgefunden, ist daher immer noch 
die wahrscheinlichere erklärung, zumal da vedisch auch 
das noch schwächere a in einigen fallen daneben steht. 

Auch die Vereinbarkeit des gothischen s4i, ahd. se mit 
dem imperativ goth. saihv, ahd. sih wird s. 288 bestritten, 
da sie den lautgesetzen widerstreben, „am nächsten bietet 
sich gleichfalls ein pronominalstamm sa, etwa im locativ 
auf I, im sinne von »da**. Vergl. Pott präpos. s. 414^. 
Der Verfasser nimmt freilich diese erklärung s. 475 wieder 
zurück, da auch sie den lautgesetzen widerspreche, aber 
die zunächst liegende, wenn man das durch sai übersetzte 
iSov vergleicht, will er doch nicht anerkennen ! Dem nieder- 
deutschen s^ mal steht sich mal zur seite, latzteres beson- 
ders zum ausdruck der Verwunderung, ähnlich scheiden 
schon die alten sprachen vom gothischen abwärts (gramm. 
ni, 246), so dafs man doch wohl' eine ausnähme von den 
lautgesetzen wird statuiren müssen. — Wir bemerken übri- 
gens, dafs sich das citat ans Pott wohl nur auf das „da*^ 
beziehen soll, denn auf derselben Seite sagt Pott: „ahd* 
se-nu tho, ecce eig. sieh nun jetzt^. 

Nachdem der Verfasser so f&r die interjectionen a, ä und 
i, I die bedeutung „herbei" geftinden hat, wendet er sich 
zum zend, wo sich die inteij. ai (in der bedeutung ol Spie- 
gel s. 225) und die präposition äi „zu" finden, und da die 

Zeitochr^ f. rgl. sprachf. XVni, 5. 24 



370 Kuhn 

vedischcn Infinitive auf -tavai einen accent auf der wurzel 
und auf der endung zeigen, so erscheint es ihm unzweifel- 
haft, dafs das dativsuffix da her seinen Ursprung habe 
(s. 289). Nur in der Voraussetzung, dafs die interjection 
ursprünglich gleich der präposition gewesen wäre und das- 
selbe wie diese bedeutet hätte, könnte diese doch hierher 
gehören; bei anrufung der guten wesen, die um ihre hülfe 
angefleht werden, könnte das wohl passen, wie aber ist es, 
wenn auch die bösen, wie Agro Mainjus (Vd. 19,32) da- 
mit angerufen werden? Doch lassen wir^die interjection! 
Wenden wir uns zur präposition, die ja mit ihrem sinne, 
vergleichbar dem frz. ä , dem engl, to , eine sehr passende 
bedeutung f&r den dativ gäbe, so ist ihre existenz nur in 
einem falle (eigentlich in zweien Vend. in, 14. 78, von de- 
nen aber der eine aus dem andern geflossen scheint) nach- 
weisbar, also immerhin etwas zweifelhaft. Spiegel führt 
sie, soviel ich sehe, gar nicht an, Justi setzt hinzu ^^gL 
aiti?". Eine nähere betrachtung der stelle (sie lautet Jat 
vä anäpem fii äpem kerenaoiti jat vä äpem ai anäpem ke- 
renaoiti Oder wer trocknes (land) mit wasser versieht 
(wörtl. zu wasser macht) oder wer wasser zu trocknem 
(lande) macht)^ sseigt, dafs sie nicht eben geeignet ist, die 
dativnatur des äi sehr klar zu machen, da andre verwandte 
sprachen ftkr diesen fall den accusativ verwenden. Dabei 
möge die von Justi angedeutete möglichkeit der unur- 
sprünglichkeit von äi doch auch nicht ganz unberücksich- 
tigt bleiben. Wenn nun auf dies einmal vorkommende äi 
hin daraus der zweite accent auf den infinitivformen 
-taväi erklärt wird, so hat das auf den ersten blick schein- 
bar viel ansprechendes, berücksichtigt man aber, dafs nach 
dieser infinitivform auch die partikel u häufig eintritt, so 
wird die erklärung Benfey's, welcher (kl. skrgr. s. 235 
§. 402 III. 1) die form aus pätave hi erklärt, allen an- 
Spruch des Vorzuges verdienen, sobald man nur nicht pä- 
tave, sondern pätavai hi als ursprüngliche form ansetzt; 
jedenfalls kann der Verlust des h kein bedenken machen, 
da er auch aus dem instr. plur. auf äis unzweifelhaft (wo- 
von unten mehr) hervorgeht. Dagegen wäre es doch, wenn 



anzeige. 371 

man Scherer's annalime folgen wollte, sehr aufftUig, dafs 
das bewufstsein des Ursprunges von tavai aus tav + äi, 
welches sich durch das festhalten des doppelten accentes 
kund geben soll, nicht mindestens auch bei den übrigen 
dativen auf äi bei den diaskeuasten des Bigr. (denn diese 
haben ja erst die accente, und nicht selten irrthümlich, 
gesetzt) noch fortgedauert hat. Und warum sollten denn 
nur die feminina das äi festgehalten, die masculina und 
neutra es zu 6 geschwächt haben? So ganz unberöcksich- 
tigt darf doch auch nicht bleiben, dafs in der nominalde« 
clination in den brähmana^s die' form mit äi als entschie- 
dener genitiv und ablativ neben äs auftritt. Rücksichtlich 
der entstehung des äi aus ä oder a + i oder l ist ferner 
noch zu bemerken, dafs nach sanskritischen lautgesetzen 
in beiden fällen hätte e daraus werden müssen, im zend 
aber entsteht äi aus a + e z. b. vehrkäi aus Tchrkag, Spie- 
gel gramm. s. 29. Ich will allen diesen bedenken gegen- 
über nicht verschweigen, dafs die ezistenz der präposition 
ai einige Unterstützung durch das in den brähmanas nicht 
seltene et, aus ä + it, mit der bedeutung „zu, hinzu*^ (mit 
dem accusativ und einem zu ergänzenden verbum der be- 
wegung) erhalten könnte, vgl. B.-R. wtb. I, 582 und Weber 
ind. Studien IX, 249 ; doch würde skr. & im zend entweder 
durch ae (ai) oder öi vertreten sein müssen. 

Der verf. fährt dann fort: ^^Dafs dann in der regel 
ai (nämlich skr. e,' das aus a+i entsteht) den dativ be- 
zeichnet, thut nichts zur sache, trifft man doch im veda 
die themen auf l (ja) mit der dativendung j& flir jäi d. i. 
jä-ai [doch wohl jä + äi?]. Guna und vrddhi können für 
die älteste zeit nicht strenge getrenot werden, gleich das 
e der feminina auf ä im vokativ [für ä-Hi oder ä-l-l] 
kann es lehren, nicht minder die medialendungen^. 

Dagegen ist zu bemerken, dafs das e in vrkj6 für 
vrkjäi u. a. doch nur eine seltene ausnähme und äi 
durchaus die regel ist; das e ist in den meisten fallen 
durch formübertragung aus dem masculinum auf ä ent^ 
standen, wie die faJle bei Benfey vollst, skr.-gramm. §. 726 
in, 2 klar machen. Was ferner die ausdrücke guna und 

24* 



372 Knhn 

vrddhi hier sollen, igt nicht zu verstehen, da es sich um 
einfache vokalverschmelzung von ä+i handelt. 

Die ganze folgende entwicklung von s. 290 — 294 ober 
ÜB des instrumentalis geht wieder vom zend aus, es mag 
daher genOgen auf Spiegel gramro. s. 375 zu verweisen, 
welcher sagt: „Im plural ist äis [nämlich das selbständige 
pronomen] ziemlich zweifelhaft und wird von der tradition 
ganz anders gefafst, doch spricht XLIII. 1 1 für diese auf- 
fassung^, und s. 378, wo er von den partikeln des gathftr. 
dialekts spricht, sagt er: „Ueber das zweifelhafte äis ha- 
ben wir schon oben §. 47 gesprochen, die bedeutung ist 
äniserst unsicher ''. Das ist denn doch. wohl keine basis, 
um darauf weiter zu bauen! Das ganz einzeln stehende 
nadjäis für nadibhis kann doch auch nichts weiter als eine 
formübertragung beweisen. Wenn Scherer schliefsUch auf 
s. 293 sagt: „die jetzt beliebte erklärung mflsse nicht nur 
die Verdünnung des labialen reibungsgeräusches zum blo- 
fsen hauch für die urzeit behaupten, sondern auch über 
die Schwierigkeit hinwegsehen, dafs aus a-bhis nach Schwund 
des bh nur ais, nimmermehr äis werden konnte^, so ist 
doch nicht einzusehen, warum nicht auch schon in der ur- 
zeit die Verdünnung des labialen reibungsgeräusches zum 
blofsen hauch stattgefunden haben solle, wenn man den 
begriff urzeit nur nicht gleich bis dicht an die eisperiode 
ausdehnt; hat doch das dentale reibungsgeräusch unzwei- 
felhaft mehrfach ungemein früh eine solche Verflüchtigung 
erfahren, z. b. in der imper. endung hi neben dhi, und 
wenn sich aus vedischem ebhis präkr. ehi entwickelt, warum 
soll nicht in einer noch früheren zeit äis aus äbhis durch 
ähis hindurch entstanden sein; wenn asmäbhis und judmä- 
bhis ä vor dem bh zeigen, kann doch dasselbe ursprüng- 
lich allen a-stämmen zugekommen sein; in ^ivöbhis kann 
ja das 3 ebenso wohl Schwächung aus älterem ä sein wie 
in präkr. siväS aus älterem (iväjäi, dem giväjäs voranging; 
^ivebhis und ^iväis sind eben nur verschiedene entwicke- 
lungen aus einer gemeinsamen form ^iväbhis. 

Aus den hypothetischen ausätzen eines mittels redupli- 
cation und sma gebildeten pluralis werden dann verschiedene 



anxeige. 373 

chronologische folgerungen gezogen, die wir, so lange die 
hypothesen nicht besser begründet werden, als oben s. 348 ff. 
353 gezeigt ist, nicht anerkennen können. Es soll z. b* 
die deklination der a-stämme älter als die der übrigen sein« 
Das läfst sich vielleicht, auch wenn man von anderen 
grundlagen ausgeht, wahrscheinlich machen; daher wollen 
wir es nicht bestreiten. Wenn der verf. am schlnfs sagt: 
„Ebenso fanden wir im verbum bei den a-st&mmen die äl- 
testen flexionsverhältnisse s. 222. 229^, so fragt man doch 
billig, ob das noch ein flezionsverhältniis zu nennen sei, 
wenn der blofse stamm verwandt wird, um z. b. nach 
des verf.^8 ansieht die 2. sg. imper. act. zu bilden ; über die 
zweite älteste flexion nämlich das s. 229 f&r ursprünglicher 
als mi gehaltene ä der l.ps. sg. ist oben s. 324 ff. ausi&hr- 
lich gesprochen und seine existenz bestritten worden. 

Das ablativsuffix at, das genitivsuffix as, der nom. 
sing, des pronomens 3. pers. sa, werden in rein hypotheti- 
scher weise auf einen stamm atva, der seinerseits wieder 
ein superlativstamm für atma sein soll, zurückgeführt. 
Mit der endung oder vielmehr dem „element^ as, das sei- 
nem ablativ-genitiv-locativischen sinne nach adverbien z. b. 
von Zahlwörtern dvis, tris, katur (f. Katurs, z. Mathrus) 
bilde, sollen dann auch, wie der verf. annimmt, die formen 
skr. avas-, uparis-, paris-, zd. vis, paitis, pairis, altp. abis, 
patis, griech. afAcpig^ gr. lat. e|, ex, ciip, abs u. s. w. gebil- 
det sein. In der anmerkung dazu werden ansichten ande- 
rer über dies s angeführt und auch die zendische form 
der adverbia auf äa beigebracht, die Windischmann, dem 
Spiegel folgt, mit griechischen verglichen hat (frada, apaäa^ 
mit ngoacD, nooctfoi und oniöCu) u. s. w.). Scherer sagt: 
„das leuchtet auch mir ein: als grundform des Suffixes 
wäre zunächst svä anzusetzen. Anders Curtius etymologie 
s. 256". Warum svä anzusetzen wäre, wird nicht gesagt, 
jedenfalls ist es durch die zendformen nicht wahrscheinlich 
gemacht. Und soll denn nun die im text stehende erklä- 
rnng über das -s daneben bestehen bleiben? 

Ueber die s. 315 besprochene singularform des zendi- 
sehen Personalpronomens auf bjas (vgl. auch s. 276) ver- 



374 Kahn 

dient doch aufser dem, was Spiegel s. 183 beibringt, auch 
das 8. 369 von ihm beigebrachte berücksichtigt zu werden ; 
jedenfalls steht diese casusendung des zend einmal unter 
den verwandten sprachen allein, dann vor allen dingen in 
ihrer erklärung noch nicht unumstöfslich fest. 

Auf 8. 3 1 6 geht Scherer zur behandlung des nomina- 
tivs über und sagt: „Es gibt für den nominativ dreierlei 
bezeichnungsweisen: erstens vokal Verstärkung des bil- 
dungssuffixes, zum theil mit Veränderung des thema's; 
zweitens beigefügtes am; drittens anfaängung von s^. 

„Unbezeichnet bleibt der nominativ im plural; im 
neutrum, gleichviel ob es mit einem neutralzeichen (d, m) 
versehen sei oder nicht; im femininum auf ä, l (ja), ü (vä), 
in den pronominalsufSxen ma, tva des verbums, sofern ist 
als subjecte anzusehen. Aufserdem im demonstrativum sa. 
Das zend regclmäfsig und das sanskrit in gewissen fällen 
verwenden zwar allerdings die grundform sas, aber dem 
gewöhnlichen skr. sa entspricht goth. sa, griech. 6, im 
gäthadialekt einmaliges he (vgl. k6, je) u. s. w.^ 

Wenn Scherer hier sagt, dafs der nominativ im plu- 
lal unbezeichnet bleibe, so ist oben s. 352 ff. zu 260 ff. schon 
gezeigt worden, dafs er die meisten seiner pluralformen 
nur am nominativ nachgewiesen hat, es bleibt also viel 
wahrscheinlicher, dafs sie bezeichnungen des nominativs 
und des pluralis zugleich enthalten. Ferner ist die allge- 
meine fassung, dafs der nom. im fem. auf a, I, ü unbe- 
zeichnet bleibe, da doch damit wohl der sing, gemeint ist, 
ungenau, denn das lateinische zeigt ja in der 5. decl. noch 
ein ies fQr altes iäs auf. Darauf dafs feminina auf ä in 
compositis im skr. nom. sing, auch s zeigen, will ich kein 
gewicht legen, da dasselbe aus dem masculinum einge- 
drungen sein könnte (vergl. das paradigma bei Benfey kl. 
skr.-gramm. §. 487), aber auch gnä zeigt es vedisch und 
die einsilbigen stamme der feminina auf l, ü im sanskrit 
zeigen es ja ebenfalls, vedisch auch mehrere mehrsilbigen 
(vgl. Benfey a. a. o. §. 497 ). Solche thatsachen darf man 
doch nicht mit stillschweigen übergehen I Und das prono« 
men sa soll auch zu den unbezeichneten nominativen ge- 



anzeige. 375 

hören? trotz des sas padläta, sas tava and ähnlicher for-' 
mein und trotz des so und z. bö? Und zeigt denn nicht 
auch das griechische noch das alte g in ^^ ö* og und weist 
nicht das o in 6, welches ja aus a im auslaut s geworden 
sein inQfste, darauf hin, dafs das g noch lange bestanden 
haben niufs, als die griechischen anslautgesetze bereits 
Festigkeit erlangt hatten? Und diese ältesten formen sas, 
Bö, hö (ha^kit), og, die uns in Sprachdenkmälern^ die zum 
theil mindestens tausend jähre älter sind als die gothischen, 
überliefert sind, die sollen wegen des Qbereinstimmenden 
skr. sa, goth. sa, griech. 6 filr nichts gelten in der sprach- 
lichen entwicklung? Und das einmalige he im gäthädialect 
(bei Justi unter ta finden sich noch ein paar beispiele), 
soll denn das auch för die urspranglichkeit des einfachen 
sa zeugen, trotzdem dieser vokal i doch aller wahrschein« 
lichkeit ans ursprünglichem ä hervorgegangen ist (vergl. 
Spiegel §. 18)? So findet sich ja auch im vedischen Sans- 
krit noch einmal sä fQr sa oder sas R. I, 145. 1 (vgl. Bol- 
lensen zeitschr. d. d. morgen], ges. XXII, 638). 

Nach dieser auseinandersetzung Ober unbezeichnete 
nominative wendet sich Scherer dann zu den bezeichneten 
und zwar zuerst zu denen, welche vokal Verstärkung des 
bildungssuifixes zeigen. Er nimmt diese art des nomina- 
tivausdrucks in mehreren fallen an, „in denen man unbe- 
rechtigt einstiges s und verschiedene andre consonanten 
abfallen zu lassen pflegt. Man legt sich die lautgesetze 
der Ursprache nach willkührlichen hypothesen zurecht ^. 
Auf diese weise sollen rägä, pitä, balavän, durmanäs ge- 
bildet sein. 

Was hier zunächst die willkührlichen hypothesen be- 
trifft, nach denen man sich die Ursprache zurechtlegen 
soll, so verweisen wir auf das, was wir oben s. 3409". über 
sein gesetz, welches das a bedroht (s. 216), gesagt haben 
und könnten fast hier schon zu der vermuthung kommen, 
wenn dem verf. jenes als gesetz, dies als hypothese er- 
scheint, so stelle sich das vielleicht nur in dem geiste des 
verf.'s so dar, während in der Wirklichkeit die Sache sich 



876 Ktihtt 

umgekehrt verhalte. Doch wir wollen die weitere daretel- 
long des Terfassers prQfeo. 

Er sagt: ^Zu dürmanäs stimmt, abgesehen vom ac^ 
eent^ griech. Svafievfig genau ^. Soll das fQr seine aufFas- 
SüDg sprechen? Doch wohl nicht^ denn eben darauf stützt 
sich ja auch die entgegenstehende. 

Femer heifst es bei dem nominativ-fi von stammen 
auf -an, da£s mit ihm ,,im lateinischen gleichfalls ä (hom6) 
oorrespondire^. Hier tritt dieselbe falsche auffassung des 
auslautenden (aus a oder ä + nasal hervorgegangenen) ö 
hervor, die wir schon bei der 1 . sg. praes. kennen gelernt 
haben (s. 327). Das fi soll nun symbolische vokalverstfirkung 
eines Stammes auf -a statt -an sein, wie er auch im nom. 
aoc. sing, der neutra (vartma) und vor consonantisch an- 
lautenden Casusendungen sowie als zweites glied der com- 
posita hervortrete. 

Es werden also zwei verschiedene stfimme in der de- 
clination dieser Wörter angenommen, aus denen sich die 
flexion zusammensetzen soll, der eine mit, der andre ohne 
nasal, rä^an und rä^a, aus letzterem entsteht durch Sym- 
bolik rä^ä als nominativ, sowie rägabhjas u s. w. Der 
verf. sagt das auch noch an einem andern orte, n&mlich 
s. 428, wo er das auftreten dieser doppelstämme im ger- 
manischen bespricht und sagt: „in der regel tritt vor m 
ein a-stamm fQr den an-stamm ein wie im sanskrit: 
hanam grundf. bana-bhjas wie skr. rä^a-bhjas^. Wie gut 
es doch manchmal ist, wenn man blos das paradigma be- 
fragt! rfi^a, als a- stamm, müfste ja rSg^bhjas bilden und 
so bildet er ja wirklich als zweites glied eines compositi! 
Es wird doch also ftkr räga-bhjas dabei bleiben müssen, 
dafs es, wie das auch immer geschehen sein möge, vom 
thema r&gan stamme, dafs dagegen mahärägebhjas Ton 
mahärä^a gebildet sei. Wenn man aber wirklich, wie 
Scherer will, zwei so geschiedene stamme annehmen könnte, 
dann mQfste ja noch ein dritter in r^ü-e und ein vierter 
in rä^&n-am angenommen werden. Will das Scherer wirk- 
lich annehmen, glaubt er, dafs nämn-as und das aus dem 
metrum der ved^n sicher erschliefsbare nämanas (vgl. no- 



anzeige. 377 

tninis, goth. narains) von zwei verschiedenen themen abge- 
leitet sind? Wir glauben es kaum. Selbst wenn man also 
zugeben wollte, dafs die an -stamme das nominativ-s nie 
gehabt h&tten, so würde doch wenigstens die symbolische 
Tokalverstärkung höchst problematisch bleiben und ersatz- 
dehnung f&r ausfall des n die viel natQrlichere annähme 
sein. 

Scherer fährt fort: „Gegenüber b&lav&n bezeugen die 
griechischen adjectiva auf oetg den nom. auf -vants, also 
eine nebenform mit s". Also die annähme ist: in alter 
zeit bestanden von diesen stammen zwei nominative, ein 
symbolischer und ein unsymbolischer balav&nt und bala- 
vants. Fiel ihm denn nicht ein, dafs das freilich im pa- 
radigma stehende balavSn doch oft genug vor dental oder 
palatal mit dem zischlaut erscheine (balaväns tatra, bala- 
vän^ Ka) und dafs diese zischlaute sich fast ausnahmslos 
als reste älterer flexionen erweisen ? Hier war also das alte 
nominativ-8 gerettet. Und daneben doch die vokalverstär- 
kung? wird Scherer einwenden. Kann sie anderen grund 
haben als ersatzdehnung ftkr den ausfall des t zu sein? 
Oder wäre das (a von rvnrwv auch blos symbolische Stei- 
gerung, während in diSovg die sigmatische form hervor- 
träte und müfste man f&r jenes einen nebenstamm rvnrov 
ansetzen? Unter allen umständen behalten wir in balaväns 
die beiden angeblichen bildungsmittel des nominativs, vo- 
kal Verstärkung and s, von denen doch eins jedenfalls über- 
flüssig wäre. 

Von den stammen auf tar sagt Seh. endlich , * dafs er 
sie oben s. 96 noch falsch beurtheilt habe und schliefslich, 
dafs sie noch nicht völlig aufgeklärt seien; um so mehr 
können wir uns wohl einstweilen bei der bisherigen an- 
nähme beruhigen. 

Aber selbst wenn man von allen diesen gründen ab- 
sehen wollte, so erhält die „wiUkührliche hypothese^ von 
der vokalverlängernng nach weggefallenen consonanten doch 
auch noch von anderer Seite her eine glänzende Unter- 
stützung. Es sind dies einige vedische aoristformen der 
2. und 3. sing., die den vollen beweis liefern, dafs die bis- 



378 Kuhn 

herige ansieht in ihrem rechte ist. Sie gehören der f&nf- 
ten bildung bei Bopp (der ersten bei Benfey) an und sind 
von consonantisch auslautenden wurzeln gebildet, während 
das spätere sanskrit diese aoriste nur bei Tokalisch aus- 
lautenden bewahrt hat. In der 2. und 3. sg. act. trat nun 
hier der fall ein, dafs die personalkennzeichen unmittelbar 
an den auslautenden consonanten treten mufsten und dafs 
dies einst, als die späteren auslautgesetze des sanskrit noch 
nicht' zu voller geltung gekommen waren, wirklich gesche- 
hen sei, beweist das aus jener periode noch Qbrig geblie- 
bene dart, 3. sg. aor. von wz. dar. (R. VI, 27, 5}. Als aber 
die sanskritischen auslautgesetze zur ausbildung kamen, 
mufsten s und t abfallen und nun trat Verlängerung des 
wuizel Vokals ein, als deutliches zeichen wirklicher ersatz- 
dehnung. Ich lasse einige beispiele folgen: 

WZ. k dar: „somo akää: (padatezt: akäär iti) der soma 
strömte« für akSart. R. X, 89, 7. IX, 107, 9. VergL Nir. 
V, 3 und dazu Roth erl. s. 54« 

WZ. tsar: ^löpd^a: slham pratjdnKam atsä: — der fuchs 
beschlich den löwen von hinten«. R. X, 28, 4. 

WZ. bhar: „mät^va putram prthivf purlsjäm agnf sve 
jönäv abhär ukhä wie die mutter erde den söhn puilsja, 
so trng die schOssel den Agni in ihrem schoofs«. Väg. S. 
12, 61, vgl. R. X, 20, 10. Dazu 1. sg. abharam: ,Jam4d 
aha' väivasvatdt subändhör mäna äbharam Von Yama, Vi- 
vasvats söhn, brachte ich des Subandhu geist herbei^. R. 
X,60, 10. 

WZ. sr^9 sar^: „pr4 bähii asräk saviti sdvimani, Sa- 
vitar streckte die arme aus beim schaffen« und: „prisräk 
bahti bhüvanasja pragäbhja: — er streckte die arme aus 
für die geschöpfe der weit«. R. IV, 53, 3. 4. Vgl. dazo 
3. sg. pass. asargi. 

WZ. drp, dar 9: „tasmäd äkakdänam ähur adrag iti 
sa jadj adar^am itj ähä 'thä 'sja ^raddadhati — deshalb 
sagen sie zu einem der etwas berichtet: „„sahst du es«« 
und wenn er sagt: „„ich sah es««, so glauben sie ihm«. 
Alt. Br. I, 6. — „KakSur väi satjam | adrä 3 g itj äha | 
ädar^am iti | tat satjäm — das äuge (sieht) ja die wahr- 



anzeige. 379 

heit; ^^sahst du es"** sagt man. »„Ich sah es***. Darum 
(ists) die Wahrheit. Taitt. Br. I, 1, 4, 2. 

WZ. prKh, praKh: „&kä€travit käetravfdä hj apr&t 
der ortsunkundige fragt den ortskundigen". R. X, 32, 7. 

WZ. kr and: binvän6 vikam iSjasi p&vamäna Tidhar- 
mani | äkrän dev6 nä siirja: — getrieben lassest du die 
stimme ertönen, du der sich läuternde rauschest in dem 
gefäfs (vidharman) wie der göttliche Sürja ". R. IX, 64, 9 
vgl. ebend. 69, 3 und 97, 40. Daneben steht akran ohne 
Verlängerung, wie dar neben dart, ebenso nur abibhar im 
imperf. u. s.w. Von wz. kar findet sich neben akar auch 
akat im patapatha Brähmana, vergl. das petersb. wb. s. v., 
von WZ. var^ findet sich vark, parävark vergl. auch P&. 
11,4,80 und Comment. s. 107. 

WZ. jam: „siirjara9mir härike^a: pur&stät saviti ^6tir 
üd ajän Ä^asram — der sonnenstrahlige, goldhaarige Sa- 
vitar brachte im osten das ewige licht herauf". R. X, 
139, 1. „tan no mahdn üd ajän dev6 aktübhi: — das brachte 
uns der grofse gott (Savitar) mit strahlen herauf". R. IV, 
53, 1, Von demselben aorist stammen auch der imper. 
jandhi, jantam, janta und der conjunctiv: jaman. 

WZ. vah: „tv4m agna llitö ^ätavedö 'väd dhavjäni 
surabhfni krtvf du gepriesener Agni G'ätavedas f&hrtest 
die opfer, sie duftig machend". R. X, 15, 12. 

Auch das mehrfach vorkommende äräik (w. riK) R. I, 
113, 1. 2. III, 31,2, zu dem die entsprechende 2. sg. aor. 
ätm. rikthäs lautet, R. III, 6, 2 gehört dieser biidung an, 
sowie das häufig erscheinende adjäut (w. djut) und mänk 
(w. muK): Jo 'smän dv^ti ja Ka vajä dviämas tam ato 
mä mäuk — wer uns hafst und wen wir hassen, den löse 
nicht von dort ". Väg. S. I, 25. Ueber die biidung vergl. 
noch Pä. VII, 2, 97 und VIH, 2, 62. ßopp skr.-gramm. 
374 b, Benfey vollst, skr.-gramm. §. 840. 

Hier sehen wir also in akäär, atsär, abhär, asräk, 
adräk, aprät, akran, ajä, aräik, avät, adjäut, amäuk für 
akäart, atsart, abhart, asrakt, adraks, aprakt, akrands, 
ajamt, avahs, ar^ßs, adjött, amökt die vokalverlängerung 
als ersatz fCkr den abgefallenen schlufsconsonanten eintre- 



380 Kuhn 

ten, denn wenn man auch mit Scherer, was unten noch 
weiter zu besprechen sein wird, die dritten persoüen als 
ursprünglich flexionslose ansehen wollte, so haben wir doch 
an adrUk, akr&n, av3t, aräik die 2. ps. sing«, bei der Sche- 
rer selbst das s als ursprOngliches personalkennzeichen an- 
sieht und diese sind von um so grdfserer bedeutung als 
sie mit der nominativbildung auf s bei consonantischen 
Stämmen in vollständiger analogie stehen. Von einer sym- 
bolischen vokal Verlängerung aber, um damit verschie- 
dene personen am verbum zu bezeichnen, wird doch hier 
unter allen umständen nicht die rede sein können. Wenn 
aber Scherer, wie wir oben anf&hrten, in bezug auf die 
annähme der vokalverlängemng als ersatzdehnung sagte, 
dafs man sich die lautgesetze der Ursprache nach willkflhr- 
lichen hypothesen zurecht lege, so fragen wir, ob er die- 
sen grundsatz überhaupt etwa nicht anerkennen will? Wie 
erklärt er dann z. b. das ä von punä ramate für punar 
ramate, das X von ravi ramate f&r ravir ramate u. s. w.? 
Ist das nicht ganz analog dem falle, dafs aus durmanass 
(etwa mit der durchgangsstufe durroana:s) durmanäs wurde? 
Und weisen nicht zahlreiche vedische auslaute wie -mä 
der l.ps. plur. und anderes auf gleichen Ursprung? Beru- 
hen nicht di« aor. pass. wie aläbhi neben alambhi, abhält 
neben abhanji auf demselben vorgange? Vor allen dingen 
darf man aber nicht übersehen, dafs diese lautregel kein 
durchgreifendes gesetz geworden ist, darum sehen wir ne- 
ben akrSn noch akran, neben abhär noch abibhar und 
ebenso sehen wir bei stammen auf -ant tudan, brhan ne- 
ben balavän, mahan und rti^rrwi/, ri&Biq^ SiSovq^ aiyaXouq 
neben balaväns, ebenso im griechischen noiuim für ^noi- 
lAtvet neben noifirjv^ im skr. rägasu neben rä^ und ähn- 
liches. Ein, wie ich meine, recht überzeugendes beispiel 
dieser doppelten art der bildung bei einer und derselben 
würzet sind das masc. nom. sing, avajäs von ava+jag 
und msc. nom. sing, upajad von upa+jag, vgl. das pe- 
tersb. wb. s. vv. und die dazu citirten stellen aus Pänini. 
So lange daher der verf. nicht beweist, dafs es überhaupt 
keine ersatzdehnung gebe, werden wir unsrerseits seine 



anzeige. 381 

annähme von der nominativbildung durch blof'se vokalver- 
Stärkung des bildungssufBxes als eine willkübrliche hypo- 
these ansehen müssen. 

Doch dürfen wir zum schlofs eine ansieht nicht mit 
stillschweigen übergehen, mit der Scherer unsere ansieht 
über die obige aoristbildung vielleicht zu widerlegen su* 
chen möchte. Es ist dies die von Benfey, Orient und oc- 
cident III, 248 f., ausgesprochene ansieht über die bildung 
der in rede stehenden zweiten und dritten personen sing, 
aor. Benfey nimmt an, dafs sie, wie abbärält aus abhar-H 
Sfilt entstand, so abhär f&r abhärs, abhärt aus 2.8g. da 
für äss, 3. sg. äs fär äst (diese alterthfimliche form äs 3.sg. 
findet sich bekanntlich noch in einigen vedischen stellen, 
vgl. petersb. wb. s. v.) gebildet seien, dafs sie also nur äl- 
tere bildungs weisen zu der gemeinsamen 1. sg. abhäräam, 
mit einem werte sigmatische aoriste seien. Dagegen spre- 
chen nun aber jene beiden oben angeführten stellen der 
brähmanas, in denen adar^am augenscheinlich als die l.sg. 
desselben aorists erscheint, ebenso wie das oben angeführte 
fibharam, ferner der ganz analog gebildete aor. pass. med. 
adar^i u. s. w., von dem noch unten zu reden sein wird, 
endlich auch die conjunctivformen ohne s, die neben dem 
indicativ ohne s stehen, wie 1. sing, darpam (mö sma tvä 
nagnä darpam Qat. br. II, 5. 1. 1 *))) 2. sg. jamas, 3. plur. 
jamao (Sä. II, 4, 1, 16, 2. R. VII, 69, 6. III, 45, 1), neben 
denen die formen vom sigmatischen aorist wie jäsat u. s. w. 
stehen, welche zu dem indic. act. ajäsit, med. ajästa ge- 
hören. 

Scherer wendet sich s. 319 ff. zum nominativ- oder 
subjectivzeichen -s der masculina und feminina und sagt: 
„Es mufs dem todten neutnim gegenüber das lebendige 
bezeichnen*^. Und dies leben findet er deutlich ausgedrückt 
im demonstrativ asäü, welches er GXr identisch erklärt mit 
dem locativ Äsäu von 4su „lebenshauch, leben ^. „Wie 
wenn einst, fährt er fort, dies asäu „im leben ^ d.h. „im 



*) Doch koonie darf am aach indicativ sein, da auch dieser nach mi 
folgt 



382 Kahn 

leben befindlich, lebendig" den Wörtern, die wir jetzt mit 
nominativ-s finden, anstatt des -s nachfolgte?" Also es 
wird angenommen, dafs es eine zeit gegeben haben könne, 
wo man sagte putra asäu söhn + lebendig statt des spft^ 
teren putras der söhn. Wer aber den gewöhnlichen ge- 
braach des asfiü kennt, wird sagen, das bedeute ja wohl 
grade das gegentheil, da asäu im gegensatz zu ajam, ijam, 
dieser weit hier, die jenseitige, den himmel, und alles was 
ihr angehört bezeichnet, as&u lokas, asäu äditjas, ami je 
rksäs jene weit, jene sonne, jene Sterne, folglich müsse 
putra asäu wohl den todten und nicht den lebendigen söhn 
bezeichnet haben. Und dies asäu, welches einst so ge* 
waltigen umfang gehabt, dafs es vor dem -s alles leben- 
dige im nominativ bezeichnete, das sollten nur die arischen 
sprachen bewahrt haben, in allen übrigen sollte es spurlos 
verschwunden sein? Doch wir wollen vom pronomen asaü 
absehen, obwohl wenn, wie Scherer vermuthet, in ihm die 
lösung des räths^els vom Ursprung des *8 stecken soll, doch 
wohl angenommen werden mufs, er halte sie beide filr ui> 
sprünglich identisch und nehme nur an, dafs sie später 
durch den accent differenzirt seien (s. 321). Wir wollen 
annehmen, asäu habe ursprünglich nur im leben bedeutet 
und sei masculinis und femininis nachgefolgt, das prono- 
men asäd sei erst auf arischem boden daraus entwickelt, 
obwohl es schwer wird zu begreifen, wie die spräche vom 
begriffe „im leben" zu dem von ,Jener, jene" fortgeschrit- 
ten sei, wie kam nun aber die spräche dazu an stelle des 
asäu -s zu setzen? Folgendermafsen : asu kommt einem 
nomen actionis von wz. as „verweilen, existiren ,* sein " 
gleich, jede nackte wurzel kann als nomen actionis flectirt 
werden, neben asäu war daher ein gleichbedeutender loca- 
tiv asa möglich. „Aus dem letzteren kann in ansehung 
der laute das nominativ -s sehr wohl entstanden sein: mit 
aphärese sa und nach geschehener Verschmelzung verlust 
des a der letzten silbe. Die bedeutung stimmt, wie es 
scheint, ganz genau. Grade der begriff eines lebens hö- 
herer art bildet sich in asu und seinem derivat asura all- 
mählich immer mehr heraus, einerseits im zend der herr, 



r 



anzeige. 383 

der höchste herr, andrerseits im sanskrit die geister, die 
götter, der höchste himmelsgeist. Spiegel beitr. IV, 326^. 

Also: ^die bedeutung stimmt, wie es scheint, ganz 
genau". Doch die von as&n und asa, fragen wir? Wie 
wäre es möglich, dafs sie nicht stimmten, wenn sie der 
Verfasser erst zu seinem zwecke macht!? Dafs ein nomen 
actionis von as so schlechthin leben bedeuten könnte, wenn 
es sich gebildet hätte, werden freilich andere bezweifeln, 
nnd dafs asu geeignet sei, das sinnliche leben zu bezeich- 
nen, ebenso, wenn sie sich an R. X, 15, 1 erinnern, wo 
von den vätern gesagt ist, asü ja ijus „die ins geisterleben 
gingen**. 

„Aber damit ist noch nicht alles erklärt. Wie kommt 
der determinative locativ in den nominativ eines demon- 
strativums.** 

Neben dem pronominalstamm sa, sagt Scherer, scheint 
die nebenform as existirt zu haben.' Die lichtspnren die- 
ses Scheins sollen in der lateinischen conjunction ast so- 
wie in lat. iste und seinen verwandten auftreten. Daraus 
wird auf einen nominativ asa geschlossen (der seinerseits 
erst wieder aus atva entstanden sein soll S. 312): „Dies 
asa, glaube ich, vermischte sich im Sprachgefühl mit dem 
determinativen locativ von wz. as. Im locativ asa wie im 
locativ äsäu wurde nur mehr ein pronomen empfunden, 
demgemäfs wohl asäü nach dem muster von as4 accen- 
tuirt, und dem sa, sä sowie dem asäü nach maafsgabe der 
determinativa vorzugsweise (nicht ausschliefslich was den 
stamm sa betrifiFt) der nominativ masculini und feminini 
als provinz zugewiesen: wenn auch damit f&r die stamme 
sa und as nicht der anderweitige gebrauch abgeschnit- 
ten war*. 

Also nachdem zwischen asa er und as& im leben 
Vermischung im sprachgefQhl eingetreten war und in asä 
im leben nur noch ein pronomen empfunden wurde, trat 
der Wandel zu sa, s ein. Vermischung des sprachgef&hls 
konnte doch aber nur eintreten, wenn die eine dieser for- 
men ihren begriff verloren hatte, das soll „asÄ im leben" 
gewesen sein, in der man nur noch das pronomen „asa 



384 Kuhn 

er^ empfand, folglich war doch der begriff ,,101 leben ^ 
daraus entwichen, ob konnte also nicht mehr geeignet sein, 
das lebendige auszudrücken, wie doch Scherer beweisen 
wollte. 

Auf grund solcher problematischen locativ*nominative 
werden dann die formen der sogenannten achten pluraU 
form, in welcher der stamm ganz unverändert bleibt, eben- 
falls als alte locative erklärt. Aber nur bei den Stämmen 
auf an fehlt ja das locativzeichen oft in den veden und 
sie lauten auf n aus, aber nicht die auf as auch auf blo- 
fses s. Aufserdem lautet ja aber der nom. acc. plur. der 
neutr. an-stämme weder vedisch noch im klassischen Sans- 
krit auf an aus, sondern dort auf a (auch ä), hier auf äni, 
was auch die veden oft zeigen. Was aber die neutra auf 
as betrifft, so ist bei ihnen flexionslosigkeit eine ganz ver- 
einzelte und seltene erscheinung, f&r die Scherer (nach 
Benfey kl. skr.-gramm. s. 306) die beispiele duvas und 
fldhas angegeben hatte (s. 266). Nun findet sich duva: 
allerdings flexionslos R. 1,34, 14: sänti kanvesu vo düva:, 
also das verbum im plural beim neutrum im Singular, ganz 
wie sich im zend bei collectiven oft dieselbe erscheinung 
zeigt, Spiegel gramm. §.319 s. 327f. *). Ebenso erscheint 
ß. I, 64, 5 neben dem singularen üdhar das adjectiv div- 
jäni im plural, aber in derselben weise wird öfter bei 
verbundenen adjectiven und Substantiven die flezion nur 
an einem derselben ausgedrückt**). Man kann also hier 
nicht von flexionslosen pluralen reden und am allerwenig- 
sten von locativ-nominativen. Denn wenn Scherer auch 
an ragas, was nach Benfey vollst, skr.-gramm. s. 301 
anm. 1 für ragasas stehen soll, erinnert, so wird dies wohl 
fortfallen müssen, da Benfey es schon in die kleine skr.- 
gramm. s. 306 nicht mehr aufgenommen und in seiner 
Übersetzung (orient und occident III, 146) als regelrechten 
accusativ gefafst hat. 



*) Vergl. auch Jetzt noch BoUensen zeitschr. d. d. morgenl. ges. XXII 
B. 618. 

**) Auch bierza vgl. Bollensan a. a. o. 



aiueige. 385 

Auf die kühne skizze der stammbildung, welche der 
verf. im folgenden entwirft, können wir nicht weiter ein- 
gehen; sie enthält unzweifelhaft manchen fruchtbaren g^ 
danken, aber der grundgedanke , auf dem sie ruht, dais 
alle sprachformen aus locativausdruck entstanden seien, 
muthet doch der arischen Ursprache eine allzu grofse ein- 
seitigkeit zu, als dafs wir ihn für richtig halten könnten. 
Nur auf die bildung der 3ten verbalpersonen müssen wir 
noch etwas näher eingehen. 

Aus dem präpositionalstamme an (ursprünglich ana 
ftlr a-ma mit der bedeutung „an, in, auf, bei^ (s. 340) 
wird nach dem Verfasser durch antritt des ablativischen 
Suffixes t ant, durch antritt Von as anas oder ans gebil- 
det. „Als stammbildungssufBz, fährt Scherer fort, ist ant 
aus dem part. praes. act. hinlänglich bekannt; ans trafen 
wir in ähnlicher function im compardtivsuffix »jans und 
im lettoslavischen vertritt es unter gewissen bedingungen 
das yane des part. perf. act. (Schleicher ksl. formenlehre 
6. 166 f.). Dieses v-ans, ebenso wie v-ant, m-ant enthält 
natürlich gleichfalls unser sufSx. Die demente v und m 
dürfen wir, falls die obige deutung (tf. 323 f.) richtig, auf 
die WZ. av und am zurückführen: „gesättigt mit, gefüllt 
mit^ giebt einen passenden sinn, die suff. vant und mant 
sind also participia praes. beider wurzeln intransitiv ge- 
nommen'^. 

Danach wäre also z. b. tudant gebildet aus tud-an-t 
und hieise „schlagen -J- an (in, auf, bei)-)- aus (von her)" 
oder etwa „vom im schlagen her", oder falls das ablati- 
viscbe Suffix, wie nach Scherer oft, rein lokativisch zu 
fassen wäre „schlagen -h an (in, auf, bei) -hin, also etwa 
„im im schlagen". So unverständlich die ablativische auf- 
fassung des Suffixes ist, so überflüssig scheint die doppelte 
lokativische bezeichnung, doch wir wollen sie einmal gel- 
ten lassen. Kommen wir denn auf diesem wege zur deut- 
lichen bezeichnung eines nomen agentis, bleibt diese dar- 
stellung nicht bei dem nomen actionis stehen, fehlt es nicht 
an der bezeichnung des subjects, an dem die handlung 
zur erscheinung kommt? Doch wir haben ja an den no- 

Zeitflchr. f. vgl. sprachf. XYni. 5. 25 



886 Kuhn 

Qiinibus agentis auf k ein analogoii ; auch das sind ja nach 
Scherer (8.331 f.) zu nominativen gewordene locative auf a. 
Von ihnen sagte er ja (s. 332): ^Und nun: bedenkt man, 
dafs das verbum substantivnm im satze ebensowohl stehen 
als fehlen kann, so wird man sich unsere nomina agentis 
leicht zurechtlegen als lokative neben denen das partic. 
praes. der wurzel as fehlf^. Also zu dem gefundenen be- 
griff der participia praesentis auf ant müfsten wir den des 
fehlenden partic. praes. der wz. as ergänzen. Kommen 
wir damit weiter? Ist denn das part. praes. von wz. as 
nicht eben solcher locativbegriff, bei dem es an der be- 
zeichnung des subjects fehlt? 

Ein zweites suffix soll ans sein, da es aber nur in 
der form jans oder ijans des comparativs und in vans (nur 
durch Verstümmelung in ans) auftritt, so sind wir jeden- 
falls nicht berechtigt eine form ans anzusetzen, denn dafs 
jans eine participiaie bildung von wz. i sei, ist doch nur 
Scherers vennuthung (s. 224). In ganz anderer weise 
könnte man aber ijans, jans als participialbildung fassen, 
nämlich so, dafs es f&r ijant stände, s also aus t hervor- 
gegangen wäre wie in vans aus vant (griech. -or), ijant 
ist wörtlich: „in dies gehend^ = soviel. Das scheint mir 
eine passende grundlage sowohl des comparativs als der 
lat. zahladverbia auf iens, ies zu bilden. Damit fiele dann 
die Scherersche annähme von dem participialsuffix ans 
gänzlich. Ebenso ist doch auch nur vermuthung, dafs 
vant und mant participia praesentis von wz. av und am 
seien. Bei vant fOr avant könnte die annähme noch eini- 
germafsen wahrscheinlich scheinen, doch würde die bedeu- 
tung eigentlich sein: „sich freuend an, sich sättigend an", 
also z. b. dhanavant „sich an schätzen freuend, sättigend^ 
und, da man sich in der regel nicht an fremden sondern 
an eigenen zu freuen oder sättigen pflegt: „damit begabt, 
versehen^. Die wurzel am dagegen mit der bedeutung 
„anfüllen mil^ ist wieder blofse hypothese, man vergl. das 
8. 323 bei Seh. darüber gesagte mit dem petersb. wörterb. 
I. 336; V, 1030. Aus ihr kann also die bedeutung nicht 
abgeleitet werden, höchstens könnte man Übergang von 



anzeige. 387 

vant iD maut durch Übergang von v in m annehmen, ob* 
wohl der umgekehrte Vorgang der gewöhnliche ist und 
vant sonst regelrecht in vielen fallen an die stelle von 
mant tritt, vgl. Benfey vollst, skr.-gramm. s. 239. — Uebri- 
gens darf doch nicht unbemerkt bleiben, dafs die suffixe 
vans und vant jedenfalls ursprünglich identisch sind, wie 
sowohl die declination von skr. vans (plur. vad-bhis, vad* 
-bhjas, vat-su, du. vad^bhjäm, neutr. sg. vedisch mehrfach 
-vat) als die des griech. tag, og^ gen. orog u. s. w. ergibt. 
Umgekehrt zeigen mant und vant den Übergang in den 
s-stamm im vocativ auf mas, vas. 

Wir wenden uns nun zu Scherer's ansieht von den 
dritten personen des verbums, von denen er s. 342 sagt, 
dafs in ihnen den raumpartikeln, wortpartikeln gleichfalls 
das wichtige geschäft grammatischer formung übertra* 
gen sei. 

Er beginnt mit einer kritik der bisherigen ansieht, in- 
dem er sagt: „Dafs in der 3. sing., sofern sie ein t ent- 
hält, das demonstrativ ta stecke, hat man bisher einstim- 
mig angenommen. Ich will nicht erst untersuchen, was 
man bei dieser erklärung stillschweigend voraussetzte und 
was man zu erwägen und zu bedenken sich ersparte. Selbst ' 
wenn man als bewiesen annimmt, dafs der prädicative ver- 
baltheil ein nomen agentis sei, so mufs man von den drit*- 
ten personen des participialfuturums lernen, dafs die spräche 
hier keines personalausdrucks bedurfte. Der neupersische 
aorist, der aus dem alteranischen participialperfect (vergl. 
Schleicher comp. s. 387 f. [wo aber nichts davon steht], 
Pott Zigeuner I, 386) stammt, flQgt an die erste und zweite 
person ein personalsuffix, die dritte läfst er unbezeichnet 
(Fr. Müller Sitzungsberichte XLIV, 240)«. 

Statt gerade herauszusagen, worin denn nun der feh- 
ler der bisherigen auffassung stecke, was man stillschwei- 
gend voraussetzte oder zu erwägen und bedenken sich er- 
sparte, verdächtigt Scherer blos die bisherige ansieht; 
das ist doch keine kritikl Aus den folgenden werten scheint 
hervorzugehen, dafs er wenigstens das eine damit meine, 
dafs es zweifelhaft sei, ob der verbaltheil ein nomen agentis 

25* 



388 Kahn 

nach der bisherigen aafTassung oder nicht etwa ein locativ 
auf a eines nomen actionis nach der seinigen sei, in bei« 
den fällen wfirde doch aber bei der bisherigen auffassung 
des ti, t aus ta der begriff derselbe bleiben, denn tuda-ti 
fQr tuda-ta wäre in jenem falle „schlagend + er'', in die- 
sem „im schlagen + er ^^9 worip ich doch keinen wesent* 
liehen unterschied sehen kann. Man erwog und bedachte 
aber auch, nach den ferneren worten des Verfassers zu 
schliefsen, offenbar nicht, dafs die spräche hier keines per- 
sonalausdrucks bedurfte, was man aus den dritten personen 
des participialfuturums lernen mufste. Fehlt denn nun 
aber der personalausdruck bei den dritten personen dieses 
tempus wirklich, oder ist er nicht immer durch das sub* 
jeot des betreffenden, resp. vorigen satzes gegeben und 
kann er darum nicht wie auch in anderen f&Uen am prä- 
dicativen theile des satzes fehlen?*) Die congruenz mit 
dem subjecte wird ja durch den casus und numerus, ja 
selbst einmal durch das genus ausgedrQckt (vgl. Bopp vgl. 
gr.II,539) und aufserdem ist die auslassung von wz. as doch 
auch aufser der 3. ps. nicht ganz unerhört (Bopp skr.-gn 
§. 422). Ferner hat der Verfasser auch vielleicht das noch 
* andeuten wollen, dafs man hier eine reine nominalforn», 
einen uncharakterisirten nominativ vor sich habe, wie ja 
im folgenden die dritten personen durchweg als solche no«> 
minalformen aufgewiesen werden sollen und schon früher 
bei der 1. sing, auf angebliches ä diese theorie der reinen 
nominalform aufgestellt wurde (s. 173). Wir haben dort 
gesehen, wie hinf&llig die ganze auffassung war, mQssen 
aber hier noch einmal näher darauf eingehen. Scherer 
bat sich dort auf das factum berufen, dafs verschiedene 
sprachen den nominativ ohne s noch bewahren und auf 
den folgenden aufsatz verwiesen. Damit ist doch wohl 
der Über das personalpronomen gemeint, in welchem s. 316 
von solchen nominativen gehandelt wird; wir haben oben 
8. 374f. gesehen, dafs der Verfasser die noch daneben ste- 

*) Dabei sei beraerict, dafs diese bildung docli entschieden eine ver- 
httltnirsmäfaig junge ist nnd Bollensen Orient and occident 11, 488 ihr vor- 
kommen im Bigv«d» gans Uognet. 



uuseige. 889 

benden bezeichneten nominativformen unbeachtet liefs oder 
entgegenstehendes wegzudemonetriren sachte. Derselbe 
sagte dann in der angefahrten stelle, dafs diese reine no- 
minalform in verbaler Function manches vergleichbare zur 
Seite habe und fbbrtc als solches den gebrauch des part« 
perf. passivi und der davon abgeleiteten form auf -vant 
zur bezeichnung des activä im sanskrit an, bei welchen 
asmi sowohl stehen als fehlen könne. Er berief sich da- 
bei zugleich auf meine recension von Böhtlingks sanskrit- 
Chrestomathie (H. A. L. Z. 1846 s. 1076). Aber von rei- 
ner nominalform kann doch in diesem falle nicht die rede 
sein, sondern nur von auslassung oder nichtvorhandensein 
der copula bei einer nach numerus und genus flectirten 
participial- oder von einem particip abgeleiteten adjeotiv- 
form, wie ihm die beispiele „kim arthä ^aptavän tväm 
warum (hat er) dich verflucht?^ „tata: kenaKid aham adi- 
dta: darauf ward ich von einem angewiesen^, „majä 'pi 
dbarmapastränj adbltäni auch von mir (wurden) die rechts- 
bflcher gelesen^ zeigen mufsten. Dafs, wenn das subject 
die redende oder angeredete person sei, das entsprechende 
pronomen hinzugefügt werde, hatte ich damals ausdrück- 
lich bemerkt, wie ich auch jetzt noch glaube, dafs der 
personalausdruck für die dritte person nur dann fehlen 
könne, wenn er sich unabweislich von selbst ergibt. Sche- 
rer hatte dann ferner das eranische participialperfect ver- 
glichen, mit dem es eine ähnliche bewandtnifs zu haben 
scheint, da fast nur die 3. sing, davon vorkommt Spiegel 
gramm. §. 225 s. 253 ; doch läfst die geringe zahl der bei- 
spiele kaum ein sicheres urtheil zu. üebrigens möchte 
doch zu erwägen sein, ob in diesem sogenannten participial- 
perfect nicht alte aoristi medii stecken (man vgl. die oben 
8. 378 f. besprochenen aoriste consonantisch auslautender 
wurzeln und die weiter unten zu besprechenden mediopassiv- 
formen derselben auf i und ta). Endlich hatte Scherer 
auch dort schon auf die 3. sing, des periphrastischen fu- 
tumms hingewiesen, bei dem die weglassung des asti regel 
sei. Dieser gebrauch fallt nun aber ganz mit dem obigen 
gebrauch des participii perfecti oder des participialen ad- 



390 Kufan 

jectivs zusammen, indem bei den dritten personen aller 
numeri die copula fehlt, der numerus aber ausgedrückt 
wird, während das masculinum (man könnte auch sagen 
Femininum, da das sufiBx tar ja in beiden fällen nom. *tä 
hat: pitä, mätä) die beiden anderen genera vertritt. Also 
auch hier keine reine nominalform, sondern ein flectirtes 
verbalnomen, dessen beziehung auf das subject der inhalt 
des Satzes oder der Zusammenhang der rede ergibt. Schon 
in den veden tritt diese form auf, doch einmal meist mit 
Zurückziehung des accents auf die Wurzelsilbe, dann auch 
meist mit präsensbedeutung (vgl. Bopp vgl. gramm. §.814. 
111,192)*). Die verbale natur dieses nomen agentis of- 
fenbart sich aber in dem davon abhängigen accusativ, wie 
er auch in Verbindung mit einigen anderen verbalen no« 
minibus erscheint. Wir lassen^ einige beispiele des gebrau- 
ches aus den veden folgen, die über den Ursprung des par- 
ticipialfuturi keinen zweifei lassen werden, aber auch zu- 
gleich zeigen mögen, was man aus dieser ausdrucksweise 
für den personal ausdruck der 3. person in ältester zeit ler- 
nen mufs. 

I. Ohne Copula: 

Rv. 1,86,3: sä gantä gömati vra^^ — er schreitet 
einher (oder: wird einherschreiten) im rinderreichen stalle. 

R. II, 9, 6 : SÄ ... . jäätä devän Äjagiätha: svasti 

rev&d didihi — du ... . die götter verehrend, am besten 
heil schaffend leuchte reichlich. 

R. 11,41, 12: indra ^^äbhjas pari sarväbhjo äbhaja 
karat | ^dtä p4trün viliaräani: — Indra schaffe uns von 
allen selten her Sicherheit, er besiegt (möge, wird besiegen) 
die feinde, der weise. 

R. III, 13, 3: s4 jantä .... agnf tä' vo duvasjata ditä 
jö vanitä maghä' — er wird spenden den Agni ver- 
ehret, der geber der gäbe verleiht. 

R. V, 30, 1 : kvä sja vira: ko apa^jad indra j6 

räjä va^ri sutasomam ikhän täd öko gantä — wo ist der 
held? wer sah den Indra? .... der mit reichthum, der don- 



*) Man sieht, dafa das participialfUturum verhftltDifsm&rsig jung sein 
mufs (vgl. oben s. 888). 



anzeige. 391 

nerer, nach dem gepre&ten soma yerlaogend zu diesem 
hause kommen wird. 

R. III, 26, 6: marütäm Öga imahe pfäada^vaso an- 
avabhrarädhaso gäntaro jagnäm — der Maruts kraft rufen 
wir an, die mit bunten rossen, bleibenden lohn verleihen, 
die zum opfer kommen. 

K. IV, 29, 4: äkhä jö g4ntä nädbamänam Qtf — der 
zum flehenden mit hülfe kommt (kommen wird). 

R. II, 23 9 13: bharesu hävjo namaso* pasädjo g&ntä 
vagesu sänitä dhanam-dhanam — der im kämpf anzurui» 
fende, mit Verehrung zu ehrende kommt in den schlachten, 
spendet schätz um schätz. 

R. VI, 45, 2: anä^ünä kid arvatä indro ^ätä bita dh&- 
nam — mit langsamem rosse selbst ersiegt Indra erfreu«' 
Jrchen reichthum. 

R. X, 1 07, 1 1 : bhogä: ^atrünt samaniköäu g^tä — der 
freigebige besiegt in den schlachten die feinde. 

R. I, 129, 2: ja: ^tiräi: svä: sanitä j6 viprair vägä 
tarutä i. ä. — der durch beiden den bimmel gewährt, der 
durch Sänger nahrung ersiegt, den u. s. w. 

R. II, 9, 2: tva vasja ä vrsabha pranetä — du leitest 
(wirst leiten) o segenspender zum reichthum. 

R. VIII, 16, 9 — 10: indrä vardbanti käitaja: | pran&» 
tarä vasjo akhä kartärä gjoti: samatsu — den Indra er- 
heben die menschen, der da zum reichthum leitet, der licht 
schafft in den schlachten. 

R. VII, 57, 2 : nikStiro hi marüto grn&ntam pran^tiro 
jagamänasja manma — die Maruts merken auf den sänger, 
sie leiten den gedanken des opfernden. 

R. V, 61, 15: jüjam martam vipanjava: pranetära itthi 
dhijä prötäro jdmabtstiän — ihr nach* preis begierigen (Ma* 
ruts) leitet den sterblichen durch rechte andacht, ihr hört 
(ihn) in den anrufungen der opfer. 

n. In Verbindung mit as oder bhü: 
R. II, 41,2: nijütvän väjav ägahi ajä' ^ukrö ajämitej 
gantäsi sunvatö grbä' — mit deinem vielgespann Väju 
komm herbei, der klare soma wurde dir geprefst, du wirst 
(mögest) zum hause des opferers kommen. 



89$ Kohn 

R. I, 17, 2: gantfträ hi 8thö Vase haTam viprasja mA- 
vata: — denn ihr beide kommt auf den ruf eines Bänger» 
wie ich zu helfen. 

R. Vn, 60, 5 : ime ketiro anrtasja bhtlrer mitro ar- 
jnmk T&runo hi santi — sie sind die rächer vieles Unrechts, 
Mitra, Aijaman, Varuna. 

R. VIII, 36, 1 : avitisi sunvat6 — du bist ein f3rderer 
des opfernden. 

R. IV, 16, 8: bhüvo aviti — mögest du ein förde- 
rer sein. 

R. VII, 96, 2 : s& no bödhj avkrf — sei du uns hei- 
ferin. 

R. VIII, 46, 13: s4 nö tS^^t avitd bhuTat — 

er möge uns in den schlachten helfer sein. 

R. III, 19, 5: 84 tvä' no agne \it^' h& bodhi — so 
sei du Agni uns hier ein helfer. 

R. I, 27, 9: 8& v^ä yi^väkaräanir 4rvadbhir astu 
t4rutä I viprebhir astu sanitä — er der weise möge nah- 
rung durch rosse ersiegen, durch s&nger gewähren. 

R. IV, 37, 6 : sä dhlbhir astu sanitä — er sei ein Spen- 
der mit gebeten (er sp. g.). 

R. I, 40, 8: n^ja varti na taruti mahädhane nirbhe 
asti va^rfna: — nicht gibt es einen wehrer des donnerers, 
nicht einen sieger im grofsen noch im kleinen kämpf. 

R. VI, 66, 8: ndsja varti n& taruti nv ästi märuto j&m 
avatha y^asätau — nicht gibt es einen wehrer noch einen 
meger dessen, dem, ihr Maruts, im kämpfe beisteht. 

R. VI, 23, 3 — 4: pÄtä sutäm indro astu sömam pra- 
nenfr ugr6 ^aritdram Xlti | kartä vlräja süävaja u lokä' ddtä 
Tasu stuvat^ kiräje Icit | gänt^' jänti s&vanä häribhjäm ba- 
bhrir y%ram papi: sömä dadir gä: | kärtä virä' n4rjä s4r- 
vavlrä ^rötä havä grnata: stomavähä: — Indra möge den 
geprefsten soma trinken, er, der mächtig den Sänger mit 
seiner hülfe leitet, er möge räum schaffen dem trankopfer 
spendenden manne, gut verleihen dem preisenden Verehrer; 
er kommt auch zu so kleinen spenden mit den falben, den 
donnerkeil führend, den soma trinkend, kühe verleihend; 
er macht den mann zu einem tüchtigen mit reicher schaar 



anzeige. 398 

umgebenen, er hört die annifung des preisenden und nimmt 
das loblied an. 

R. VI, 36, 1 : satrd vagänäm abbavo vibhakti — stete 
warst du ein vertheiler von nahrung. 

R. X, 61, 27: j^ sthA niKetäro amürä: — die ihr un- 
trfiglicbe merker seid. 

Noch mögen einige andre beispiele verbaler nomina 
folgen, die mit dem aceusativ, bei verbis der bewegung 
auch mit dem locatiy, verbunden werden. Vgl. die oben 
ans R. VI, 23, 4 schon angeftkhrten babhri, papi, dadi. 

R. I, 89, 7: vidätheäu ^&gmaja: — die zu den opfern 
kommenden. 

. R. II, 23, 11: vräabhö gagmir ähavä' niätaptfi pdtmm 
— der stier (starke), der zum kämpfe kommt, den feind 
vernichtet. 

R. IX, 61, 20: ^aghnir vrtr4m amitrijä sÄsnir vd^a 
div^-dive I göS4 u a^vasi asi — den feindlichen Vrtra triffst 
du, nahrung spendest du tag f&r tag, kühe- und rosse- 
spender bist du. 

R. VI, 50, 13: Uta sja deva: savit4 bh&go nö p&' n&päd 
avatu ddnu p&pri: — und der gott Savitar, der glückliche, 
schütze uns, der wasser sprofs, der den thau spendet. 

R. II, 17, 8: bhögä' tväm indra vajä' huv^ma dadiä 
tvam indr4' pftsi vä^än — dich Indra, den freigebigen, 
wollen wir rufen, du verleihst, Indra, heilige werke und 
kräfte. 

R. IV, 24, 1: dadir hi vir6 grnat^ v4süni — er der 
beld verleiht dem sänger schätze. 

R. VIII, 21, 6: &lchä Ka tvaind n&masä v&dfimasi kirn 
mühu^ Md vidhidhaja: j s&nti kimäso harivö dadis tvä' 
smö vajä' sÄnti nö dhija: ( — herbei rufen wir dich mit 
dieser Verehrung; warum zögerst du nur einen augenblick? 
wir haben wfinsche, o H., du (bist) ein gewährer, wir sind 
da, das (sind) unsre gebete. 

R. Vin, 21,7: fndrö vä gh^d ijan maghä' särasvati 
vä subhagä dadir vasu | tvä' vä Ijritra däpüd^ — entweder 
verleiht Indra dem opfernden so groCse gäbe oder die reiche 
Sarasvati (so grofses) gut oder du o K'itra. 



394 Kahn 

R. I, 15, 10 : jät tvä . . . . jÄgämahe &dha sma oo dadir 
bhava — weil wir dich verehren, darum sei ans auch ein 
Spender. 

R. II, 14, 1: kämt hi vira: sÄdam asja pitim — denn 
immer ist der held (Indra) ihn zu trinken begierig. 

R. IX, 88, 4: indro n4 j6 mah4 karmani kakrir hanti 
vrtrinäm asi soma pürbhft — der wie Indra grofse thaten 
thut, der feinde vernichter bist du, soma, Städtezerstörer. 

Taitt. brähm. I, 1, 2, 2: agninakäatram itj apakajanti | 
grhdn ha dahukö bhavati — es ist des Agni gestirn, so 
(sagen sie und) verwerfen es, das haus wird er verbrennen. 

Taitt. br. I, 4, 4, 7 : rudro 'sja pa9ün ghätuko sjät — 
Rudra wird sein vieh erschlagen. 

Die beispiele werden genQgen, um den Sprachgebrauch 
in das rechte licht zu stellen. Wir sehen also die nomina 
agentis ohne verbale form in der 2. und 3. person prädi- 
kativ gebraucht, wo dem subjecte eine bleibende eigen- 
Schaft beigelegt wird, daher wird auch von der beschrän- 
kung auf eine bestimmte zeit durch einen entsprechenden 
verbalen ausdruck abstrahirt; soll die eigenschaft aber erst 
zur erscheinung kommen, so wird bei der 2. sowohl als 
3. person ein verbaler ausdruck von wz. as oder bhü bei- 
gefOgt, ebenso wenn die Vergangenheit ausgedrückt wer- 
den soll; doch steht er auch zuvt^eilen beim ausdruck der 
gegenwart und zwar sowohl bei der 2. als 3. person, vor- 
zugsweise aber, wie es scheint, nur dann, wenn die nomi- 
nalnatur des bezüglichen wertes vorwiegt, was durch die 
Verbindung mit dem genitiv statt der mit dem casus des 
verbi hervortritt (R. VII, 60, 5; I, 40, 8; VI, 66, 8; VI, 
36, 1). Jedenfalls ist aber die beobachtung von vnchtig- 
keit, dafs die dritte person überhaupt, wenn auch seltener, 
mit der copula erscheint und wenn man dazu berücksich- 
tigt, dafs der knappe ausdruck der lieder den wegfall der- 
selben sehr begünstigt, so wird man sich dem Schlüsse 
nicht entziehen können, dafs die spräche des lebens wahr- 
scheinlich auch in diesem falle den vollen personalausdruck 
in weit gröfserem umfang gehabt haben werde, dafs mit- 
hin der schlufs auf abwesenheit alles personalausdrucks in 



anzeige. 395 

der arepracbe in diesem falle wenig Wahrscheinlichkeit 
habe. 

Der verf. wendet sich darauf zur 3. person pluralis 
und wie er die bisherige erklärung der 3. sing., wie wir 
sahen^ blofs verdächtigte, so sagt er hier: „dafs Ober die 
form der 3. plur. welche nt enthält irgend etwas annehm- 
bares aufgestellt sei, wird niemand behaupten wollen^. 
Jedenfalls lag ihm ob nachzuweisen, worin die nnannehm- 
barkeit der bisherigen erklärungen bestand, um damit die 
nothwendigkeit einer neuen und besseren darzuthun. Aber 
mit einem so allgemeinen satze, wie der: „Wer mit mir 
die strenge beobachtung der lautgesetze fUr den grnnd- 
pfeiler aller sprachlichen Wissenschaft hält, der mnfs u.s.w.^ 
kann er doch im ernst nicht meinen, die irrthOmer in den 
bisherigen ansiohten bewiesen zu haben. Es lag ihm um 
so mehr ob, die etwanigen verstöfse gegen die lautgesetze 
darzulegen, als er selbst, wie wir mehrfach gesehen haben, 
z. b. bei der hcrleitung von vajam aus einem thema matvi, 
sich sehr eigenthtkmliche ansichten von denselben gebildet 
zu haben scheint. Wenn er strenge beobachtung der laut* 
gesetze von andern verlangt, dann durfte er doch das von 
ihm selbst aufgestellte über den schwnnd des a im aus- 
laut nicht blos „oftmals^ wirken lassen. Er kommt also 
auch hier Ober die blolse. insinuation der willkOhr nicht 
hinaus, ohne sie zu beweisen. Doch gehen wir weiter. 
Scherer verlangt nun, dafs fOr die endung dritter person, 
den plural mit eingeschlossen, eine erklärung zu suchen 
sei, welche auf alle verschiedenen gestalten des sufSzes 
gleichmäfsig anwendung leidet. 

Er geht dann weiter zur erwägung „sämmtlicher for- 
men^ d. h. es kommen doch vorzugsweise nur die des 
sanskrit, zend und altpersischen, einmal auch die des grie- 
chischen und umbrischen zur erwägung. Und zwar wer- 
den nun die folgenden aufgestellt: 

„In der 3. sing. perf. act. erscheint a, und skr. zend. e 
der 3. sing. perf. (vedisch auch praes.) med. ist davon in- 
nerlich nicht verschieden.^ 

Darauf dafs weder die gothische noch die griechische 



396 Kuhn 

act eodung erwähnt werden, legen wir kein gewicht, da 
sie auf ehemaliges a zurückweisen , aber das lateinische t 
soll unbeachtet bleiben und wir sollen glauben, dafs tudu- 
dit nach anderem princip gebildet sei als tutöda? Wenn 
ferner gesagt wird, dafs skr. zend. 6 im ätm. erscheinen, 
ebenso vedisch auch im praesens, so ist an der ersehe!- 
nung allerdings nicht zu zweifeln, es fragt sich nur, ob 
sie nicht Übertragung aus der 1. sing, sind? Soll man glau- 
ben, dafs bei der Übereinstimmung von 968^, petä mit xe«« 
(Tttf, xeJrai das neben ^ete stehende ^aje ursprünglicher 
als 96te sei, oder das e von tutüde älter als das rai, Ton 
titxmzai^ Wenn man auf diese weise der eignen erklä- 
rung entgegenstehendes ignorirt, dann ist es leicht schliefs- 
licfa alles auf eine form zurückzuführen. 

Ferner: „In der 3. sing. aor. pass. erscheint im skr. 
und zend. i: z. b.'skr. a-tod-i von wz. tud.^ 

Auch das richtig ; aber dies atödi wäre eine alte pas- 
sivform? In älterer zeit fielen doch die functionen des me- 
dii und passivi zusammen und die bildungen der allgemei- 
nen tempora im sanskrit und griechischen sind ja deutlich 
selbständige entwickelungen dieser sprachen; also mufs 
diese form als passive relativ jung sein; daneben stehen 
auch in den veden mehrfach noch die regelrechten formen 
auf ista, wie agani und gäni (s. petersb. wb. s. v. gan) 
neben a^aniäta u. a. (vgl. Benfey vollst, skr.-gr. §. 878—883). 
Man wird nun schwerlich mit Bopp (skr.-gr. §. 458) an- 
nehmen dürfen , dafs die form auf -i aus der auf iäta ge- 
kürzt sei und ein blick auf die oben besprochenen aoriste 
wie akdär u. s. w. zeigt, wenn man sie mit diesen passi- 
vischen vergleicht, dafs sie aoristi medii sind, die sich hier 
in passivischer bedeutung erhalten und zuletzt die sigma- 
tische bildung in dieser person vollständig verdrängt hal- 
ben. Zu jenen aoristis activi mufste aber die regelrechte 
mediale form der l.sing. auf i auslauten, und so findet 
sieh wirklich von act. ädäm (ä + wz. da), ved. ädam, med. 
ädi*) (Benfey vollst, skr.-gramm. §. 840 n. 1 und petersb. 



*) Wenn wir hier statt der sigmatischen form die nncomponirte mediale 



anseige. 397 

wb. 0. V. da + 5), Ton wz. vr avri, was aber R. IV, 55,5, 
wie das metrum ergibt, avari zu lesen ist; so würde zu 
adarpam adarpi, zu ajamam ajami, zu a^anam agani als 
mediale form gehören, und so entsprechen mit Übertragung 
der endung der ersten person auf die dritte (vgl. das ve- 
disch so häufige e der dritten für t6) die dritten personen 
ajämi (jam), akäri (kr), adar^^i (df^), asargi (srg) u. s.w. 
den activen ajän, akar, adräk, asräk u. s. w., wobei die 
Übertragung der kürzeren endung auf die dritte person 
um so leichter platz greifen konnte, als die entsprechende' 
person des activs ihre personalendung in folge der aus^ 
lautgesetze ganz verloren hatte. 

Ferner wird von Scherer bezweifelt, dafs in den alt- 
pers. imperfecten ak'unaus (wz. kar) und adarsnaus (wz. 
dars) das s der endung aus t hervorgegangen sei, da man 
für diesen phonetischen Übergang keinen hinlänglichen an- 
hält besitze. Wir wollen vom bisherigen Standpunkt aus 
nur bemerken, dafs da ak'unavatä im medium daneben 
steht, ak'unaut für akunaus sich als die regelrechte form 
ergibt. Femer gibt doch die Verwandlung eines t in s, 
die in ein paar anderen flUen vorkommt (Spiegel §. 29 
8. 147 f.), einigen anhält zu der vermuthung, dafs sie auch 
hier eingetreten sei, zumal da s nach i und u bleibt (Sp. 
§. 24 s. 146), während es nach a verschwand. So ist auch 
zu vermuthen, dafs das t der secundairen tempora und des 
ablativs im altpersischen, da ihm a vorherging, vorher zu 
8 geworden war, ehe es ganz abfiel. Man vgl. das griech. 
ovT(o aus ovrwQy das aus -tat hervorging und ähnliches und 
berücksichtige, dafs dieser t-laut im zend nicht die reine 
unaspirirte tenuis ist, sondern (gewöhnlich t umschrieben, 
von Spiegel durch S) ein dem dh mit einem vokalischen 
nachschlage ähnlicher laut, wozu man das ff der ags., th 
der mittelengl. und s der neuenglischen 3. sing, praes. ver- 



wurzelform auftreten sehen , so wird auch adithäs, adita derselben bildung 
angehören, also in dieser aoristbildang (der vierten bei Benfey) auch wohl 
in andern formen (akithäs, akjta n. s. w.) eine mischung ans zwei bildon- 
gen anzunehmen sein. 



398 Kahn 

gleiche; auch Benfey fafst dies punktirte t aU den Zisch- 
lauten sehr nahestehend auf (pluralbild. s. 24). 

Diese beiden, ganz einzeln stehenden formen, deren s 
ja möglicherweise ganz anderen grund haben kann, dienen 
dem yerf. auch nur als brücke, um damit die paar formen 
der 3. pl. impf, auf sa für san, sant in Verbindung zu brin- 
gen, welche sich den griechischen auf aav wie iSidoaay 
anschliefsen. Der Zusammenhang zwischen beiden wird 
aber doch erheblich durch die Wahrnehmung gelockert, dals 
*dem ak'unaus die 3. plur. act. ak'unava (für -vant) und 
keine form mit sa zur seite steht. Die altpersischen for- 
men auf sa sowie -aav und "Caai (in laaai) werden des- 
halb wohl noch vorläufig ohne Vermittlung mit einem sin- 
gularen s bleiben müssen. 

Die endung us im plur. act. des perf., potent., preca- 
tiv und der secundairformen der 3. klasse im sanskrit hatte 
Pott etym. forsch. II, 657 f an das suff. vas des perf. act., 
nach dem verf. „sehr glaublich'^ angeknüpft. Da aber das 
su£Pl vas selbst erst aus vat, vant hervorgegangen ist, wie 
das griech. und skr. partic. perf. unwiderleglich darthun, 
so könnte diese annähme wohl das u erklären, aber der 
Ursprung des t aus s würde doch bleiben. Offenbar darum 
scheint denn auch dem verf. „die annähme der grundform 
ans (Aufrecht- Kirchhoff I, 107), gleichfalls ein perf. parti- 
cipialsufSx , näher zu liegen^. Wer das liest, sollte mei- 
nen. Aufrecht und Kirchhoff hätten die endung ans der 
3. plur. auf ein particip perfecti zurückgeführt,, während 
doch dort die erklärung derselben aus nt gegeben wird 
und der satz „mehrfach ist das umbrische s aus t her- 
vorgegangen^ die ganze auseinandersetzung einleitet. In 
dieser den leser irre führenden weise citirt der verf. oft, 
weshalb wir auf diese stileigenthümlichkeit besonders auf- 
merksam machen; bei Scherer heifst: y^vergL Pott, Bopp 
u. s. w. '^ ofl nicht: „die autorität dieser roänuer stützt 
meine ansieht ebenfalls^, sondern „Pott, Bopp und andere 
haben über denselben gegenständ gesprochen, sind aber 
vollständig anderer ansieht als ich^. — Wenn übrigens die 
secundairen formen auf an für ant (mit dem sogenannten 



anzeige. 399 

euphonischen s: auf ans) sohon das us als aus ans ent- 
sprangen auf das natürlichste darlegen, da ä oft zu u 
wird, so weisen die griechischen imperf. und aoriste üSiSov^ 
ißap, Jiatav neben skr. adadus, agus, asthus aufs deutlich- 
ste auf den gemeinsamen Ursprung aus der einen form auf 
ant hin. Wenn Scherer etwa meinen sollte, das spreche 
ja fbr seine annähme eines ursprünglichen ans, da die 
lautgesetze des sanskrit keinen wandel von t zu s kennen, 
wie er zu glauben scheint, so weisen wir ihn auf den vo- 
cativ der nomina auf mant und vant, der vedisch auf 
mas und vas ausgeht, sowie auf das neutrum des part. 
perf. auf vat, später vas hin (vgl. oben s. 387). 

Soherer fährt s. 344 fort: „Aus der dritten plur. perf. 
med. re des sanskrit ergiebt sich ein sufHx ra, im potential 
und precativ ran, d. h. r(a) durch aut vermehrt wie oben 
8 in grundf. saut. Wz. 91 zeigt dasselbe suflSx mit der ver* 
mehrung in praes. ^^rate, imperf. a^^rata, imper. 9eratäm. 
Und so nocji ähnliches bei Benfey ausf. gramm. s. 366: 
vedische formen auf ram enthalten vielleicht die partikel 
aiD. Im zend finden wir beide suffixgestalten und dazu 
das active re, das ist r. Vermehrt durch s oder is; res, 
ris, worin i wohl blos e vertritt wie Justi s. 361 §.37. 1". 

Beginnen wir hier mit dem zend, so bleibt zunächst 
unverständlich, was Seh. mit den beiden suffixgestalten, 
die sich im zend finden sollen, meint, da darunter doch 
wohl nur (das aus r6 erschlossene) ra und ran verstanden 
sein könnten, während doch re und r^ erscheinen. Ver- 
mehrt sollen sie durch s oder is zu res und ris sein. Nun 
hatte aber Spiegel bereits gramm. s. 250 §.219 gesagt, 
dafs die formen der 3. pl. pot. med. auf &res, äris auch als 
Spielarten der endung an im activum und zusammenhän- 
gend mit der endung us im sanskrit aufgefafst werden 
könnten, was Benfey (pluralbild. s. 26 n. 1), dem Spiegels 
buch erst während des druckes seiner arbeit zugegangen 
war , übersehen hat. Dieser erklärt nun (a. a. o. s. 20 ff.) 
are und ares für active und aus ursprünglichem ans für 
ant entstandene formen, und wer den eintritt des are Dir 
an in nominalthemen im zend anerkennt, wird sich unbe- 



400 Kuhn 

denklioh dieser ansieht aoschliefsen. Dafs dann aber die 
bisherige auffassung der indischen endungen rö und rao, * 
die bisher mit dem zendisehen are, ar^ verglichen wurden, 
eine wesentliche stütze verliert, mufs man mit Benfey 
(s. 27 f.) anerkennen. Nichts destoweniger glaube ich, dais 
die bisherige erklärung aus formen der wz. as festgehalten 
werden müsse, da die erklärung des unregelm&fsigen laut- 
wandels von s zu r im sanskrit doch nicht so ganz uner- 
klärlich ist, da agnir atra für agnis atra, agner asi flQr agnes 
asi und alle derartigen anderen fälle sich doch auch nur 
aus der innigen Verbindung, in die auslaut und inlaut tra- 
ten, erklären. Dafs dann, nachdem der Übergang einmal 
allgemein geworden, das rä, rate auch in einzelnen fällen 
an consonantischen auslaut trat,* wie in vidrate u. a., kann 
mich nicht von der Unrichtigkeit der erklärung überzeu- 
gen. Ueberdies finden wir bei der wurzel as ein lautlich 
sehr nahestehendes beispiel eines ungewöhnlichen Übergan- 
ges, indem das participialfutnrum im ätm. ja bekanntlich 
die 1. pers. sing, auf he statt se (dätihe) bildet. Und 
wenn so der Übergang des s in h in ganz analogem Ver- 
hältnisse möglich war, so kann auch der von s in r in 
unserem falle nichts bedenkliches haben. Ferner habe ich 
schon bei früheren gelegenheiten darauf aufmerksam ge- 
macht, dafs das nebeneinanderstehen von perate, a^^rata 
und xeiarai^ xiarai, xsiaxo^ xiavo^ dem man noch äsate 
liaraij ^arav hinzufüge, sowie vidrate und iCaCi^ in denen 
das griechische ursprüngliches (T in seiner weise behandelt 
hat, doch eine so auffällige erscheinung ist, daia es doch 
mehr als wunderlicher zufall wäre, wenn beide sprachen 
grade in denselben verbis zu nicht identischen ausnabms- 
formen gegriffen hätten. Der vereinzelt stehende lautwan- 
del von s zu r im inlaut des sanskrit hat sein analogen 
im altr- und mittelhochdeutschen, wo er zwar etwas weiteren 
umfang gewonnen hat, aber dann ein stillstand eingetreten 
ist, so dafs er nicht durchgreifendes gesetz wurde. 

Eine fernere unregelmäfsigkeit bildet der scheinbar 
active ausgang des potentialis und precativ auf ran; Bopp 
hatte diese endung (vgl. gramm. II, 312 §• 468) f&r eine 



anceige. 401 

veretflmmelung aus ranta erklärt; wenn daftkr schon ap^rata 
fQr a^eranta sprach, so hat sich jetzt dafür eine weitere 
bestätigung in einigen andern potentialformen des ätm. ge- 
fanden, so z. b. bharSrata fQr urspr. bhar^ranta, aus dem 
einerseits die geläufige sanskritform bhareran, andrerseits 
eben dies bharerata wurde, das sich R. X, 36, 9 findet: 
brahmadvisö yiävag ^nö bharerata — die gottlosen mögen 
das unglQck überallhin mit sich fortnehmen. Dabei mag 
denn doch bemerkt werden, dafs die sogenannte verstOm- ^ 
melungstheorie bei betrachtung solcher formen nicht so 
ganz im unrecht zu sein scheint. Das zeigt auch noch 
die form auf rä, ram, die sich zuweilen neben ran findet, 
namentlich bei wz. sr^ und drp; die form auf ram tritt 
vor vokalen auf, die auf ran vor vokalen und consonanten, 
im ersteren falle natürlich mit Verdoppelung des n. Da 
beide formen sich nur, soviel ich weiis, in passiver bedeu- 
tung finden, aber passiva in medialer form sind, so sind 
sie natürlich durch dieselbe Verkürzung wie in dem eben 
betrachteten falle aus ranta hervorgegangen, welches z. b. 
noch in der form avavrtranta B. IV, 24, 4 erscheint (da- 
neben vavrtran mehrfach vgl. Benfey Orient und occident 
m, 240) ; das nn vor vokalen ist durch assimilation von 
nt oder ns nach abwurf des auslautenden a entstanden, 
das m aber ist aus äs hervorgegangen, nachdem auch das 
auslautende s abgeworfen war, vergl. Bopp vergl. gramm. 
n, 497 §.613; Benfey a. a. o. 231, wo übrigens adr^ran 
als B. 1,50, 3 stehend angefahrt ist, während der text 
adr^ram hat, wozu aber Säjana bemerkt, dafs eine andere 
^äkhä: „ädr^rann asja k^tava:^ lese*). Nach darlegung die- 
ses thatbestandes der formen ranta, rata, rann, ran, ram 
wird wohl Scherers geduldiger nothnagel, die partikel am, 
der mehrfach herhalten mufs, wo kein anderes mittel mehr 
verschlagen will und den er selbst hier nur als „vielleicht^ 
angetreten bezeichnet, fallen müssen. Als äufserste Schwä- 
chung des ursprünglicheren ranta erscheint übrigens noch 
das vedische aduhra (3. plur. vergl. petersb. wb. s. v. duh: 

*) Ebenso ist sUtt VII, 62, 6 ebenda VII, 76, 2 zu lesen. 
Zeitechr. f. vgl. sprachf. XVIU. 6. 26 



409 Kuhn 

gandharvä apsarasö adnhra = adubata Pft. VII, 1, 8. 4 t ), 
das also auch den auslautenden nasal verloren hat. 

Was endlich die 3. pl. perf. med. auf rß oder irS be- 
triffl;, die nach Scherer mit dem nominalsuffix ra gebildet 
sein soll, so kann diese nach unserer auffassung von ranta, 
rata, ran, rate nicht getrennt werden, sie scheint durch 
falsche analogie gebildet und wie stave fQr stavate, pinve 
fbr pinvate eintritt, so scheint rß fQr ursprüngliches rate 
zu stehen und auch hier r fdr älteres s eingetreten. Die 
regelrechte Verbindung mit der reduplicirten wurzel mittels 
i bat dann wohl hier wie bei ran scbliefslich die unmittel- 
bare Verbindung des cousonantischen auslauts der wurzel 
mit r6 herbeigeftkbrt. Die nicht seltenen vedischen formen 
des perfects auf rirö erklären sich aus rirat^ für *si$ant^ 
siäate, wie das mediale asthiran von wz. sthä aus dem 
daneben stehenden asthiäata fikr asthiSanta. Scherer hat 
von ihnen gar keine notiz genommen. 

Scbliefslich sei bemerkt, dafs alle diese formen mit r 
der älteren Volkssprache eigenthflmlich gewesen zu sein 
scheinen und daher im klassischen sanskrit nur da erschei- 
nen, wo sie sich wie im perfect und in den einzelnen fäl- 
len wie ^erat^ u. s. w. schon gan? festgesetzt hatten. In 
den dialekten mtkssen sie aber noch Ober den erheblichen 
umfang hinaus, den sie schon in den veden zeigen, sich 
ausgedehnt haben, denn im pali treten sie auch in der . 
bindevocalischen conjugation mit bewahrung des themati- 
schen a auf, so stehen im Dhammap. (ed. FausböU s. 365) 
soKare, upapag^are, la^^are fQr pö^ante, upapadjant^ lag- 
^ante (vgl. dissante neben dissare Mahäv. bei Spiegel Kam- 
mav. VIII nota; nisevare Five Jät. s. 7, samakKhare 
ebd. S.48). 

Nachdem nun Scherer in der angegebenen weise die 
formen der 3. sing, und plu'r. aufgezählt hat, fahrt er fort: 
„Auf welche weise finden alle die aufgezählten formen ihre 
einheit? Sind nicht ant, ans, ra, ta participialsufHxe? Sind 
nicht a, i, ra, ta, s (as) locativ- und, was dasselbe besa- 
gen will, ablativsuffixe? Werden wir nicht demgeroäfs auch 
ant, ans im sinne unserer obigen erörterungen flQr solche 



anzeige. 403 

erklären müssen? Was haben wir demnach an ihnen allen, 
wenn nicht locativendungen und deren combinationen oder, 
anders gesagt, postponirte raurapartikeln ? " 

Glaubt Scherer mit dresen kurzen fragen, nach vor- 
anstellung der „sämmtlichen^ formen, wirklich seine neue 
theorie, dafs die dritten personen locative von participien 
seien, bewiesen zu haben? Das ist doch wohl nicht anzu- 
nehmen, denn es kann ihm doch nicht entgangen sein, 
dafs demjenigen, der vom bisherigen Standpunkt aus z. b. 
bödhati analog wie bödhämi, bödhasi aus einer Verbindung 
des Verbalthemas mit einem pronominalstamm erklärte, 
diese erkläruog ungemein viel wahrscheinlicher erscheinen 
mQsse, als wenn die Ursprache nun auf einmal den in den 
beiden ersten personen eingeschlagenen weg verlassen ha- 
ben und in der dritten mit dem locativ eines participii bei 
genau entsprechender handlung und nur veränderter per- 
8on eingetreten sein sollte. Wenn das wirklich glaublich 
gemacht werden sollte, konnten nicht solche allgemeinen 
andeutungen genügen, sondern der volle beweis .für jeden 
einzelnen fall war zu liefern. Bleiben wir einmal bei der 
3. pers. sing, praes. stehen: hier soll also, wenn wir den 
verf. recht verstehen, z. b. bödhati aus einem partic. praet. 
bödhata entstanden sein, das mit verlust des auslautenden 
a zum thema bödhat wurde, an welches dann das locative 
i trat. Diese form sollte also wohl „im erkennen (er)*^ ss 
^er erkennt^ heifsen. Wie kam denn aber die Ursprache 
dazu, das part. perf. pass. als praesentisches nomen ab- 
stractum der handlung zu verwenden, oder gab es zu der 
zeit, wo diese form sich gebildet haben soll, noch keinen 
unterschied zwischen part. praes. act. und part. perf. pass., 
existirten nur verschiedene formen von participien mit noch 
nicht ausgebildeter temporalbedentung und ohne unter- 
schied von actiy und passiv? Trotzdem, dafs fast alle ari- 
schen sprachen die form auf ta übereinstimmend zum tbeil 
bis heute in der bedeutung eines part. perf. passivi bewahrt 
haben? Und wie kam die spräche dazu, selbst wenn man 
eine solche unterschiedslosigkeit der participialthemen zu- 
geben wollte, das nomen agentis, das particip, zum nomen 

26* 



404 Kuhn 

actioDis umzuwandeln? Warum griff sie nicht zu dem viel 
einfacheren mittel, das reine nomen actionis, bödha, das 
sie ja auch in den ersten und zweiten personen verwandte, 
in den locativ zu setzen. War nicht bödhe „im erkennen 
(er)** eine viel natürlichere bezeichnung? Wie erklärt Sche- 
rer femer die nichtübereinstimmung zwischen dem voraus- 
gesetzten part. bödhata und der wirklich existirenden form 
buddha? Oder haben wir nur Scherer mifsverstanden und 
legt er für unseren fall die participialform bödhant zu 
gründe und wäre bödhati davon der regelrechte locativ? 
Dann hiefse also bödhati etwa „im erkennenden (er)^ und 
bödhat, etwa neutrum „das erkennende % wäre „dem er- 
kennen^ gleichgesetzt. Wie steht es dann mit dvesti, des- 
sen participialstarom doch dvisant ist, wonach also dviäati 
erwartet werden mflfste? Wie mit krnöti fQr welches 
krnvati, wie mit junakti fQr welches jungati, wie mit lunäti 
för welches lunati stehen mOfste? Und wie steht es nun 
mit den verwandten sprachen, die keine schwache form 
des participii kennen? Wären also z. b. lat. amat, docet, 
legit, audit = amanti, docenti, legenti, audienti, griech. 

TVTITBI =s TVTlTOVTl^ Ttt^tjÖC = Tl&ivTl^ goth. glbaudiu = 

gibith? Oder ist auch diese auffassung nur mifsverständnifs 
unsrerseits? Fast scheint es so, nach dem zu urtheilen, 
was Scherer Aber die Unterscheidung des numerus s. 345 f. 
und s. 359 sagt. Danach war das erste: unterschiedsloser 
gebrauch der 3. Singular, fbr das subject; sei es singular 
oder {Jural, dann trat eine differenzirung der Suffixe (s. 359) 
f&r die lebenden ein, während bei den leblosen die ur- 
sprünglich gemeinsame, nun nur dem singular angehörige 
form bestehen blieb („die construction des plur. neutri mit 
dem singular des verbums dürfte der arischen Ursprache 
zuzuschreiben sein^, sagt der verf. s. 346). Unsere erste 
annähme, dafs aus dem partic. perf. die 3. sing, hervorge- 
gangen sei, wäre also doch richtig, aber dafs die form 
nicht stimme, haben wir schon gesehen; doch das war nur 
ein beispiel der a-conjugation, in der mi-conjugation 
stimmt es vielleicht besser: asti, hari wäre ein beispiel, 
aber von as gibt es ja kein part. perf., also etwa dviä 



anzeige. 405 

partic. dvista, 3. sing. act. dvöSti, med. dviÖtS, das würde 
stimmen bis auf den guna im activ, der wobi nur durch 
die analogie der beiden anderen formen des Singulars her- 
vorgerufen wurde. Sehen wir weiter zu: bibharti, bhrta 
stimmt nicht; junakti, jukta stimmt nicht; krnöti, krta 
stimmt nicht; tanöti, tata stimmt nicht; junftti, juta, lunäti, 
luna stimmt nicht. Also mit dem singular scheint es 
nicht zu gehen ; die diffcrenzirung der suffixe, die fllr sin- 
gular und plural eintrat, ist nun aber wohl so zu verste- 
hen, dafs für den letzteren das praesenssuffix verwandt 
wurde; da stimmt freilich alles, also santi, partic. sant; 
dvisau^i, dviäant; bibhrati, bibhrat; jun^anti, jungant; 
krnvanti, krnvant; tanvanti, tanvant; junanti, junant, lu- 
iianti, lunant. Diese Übereinstimmung der 3. plur. praes. 
mit dem part. praes. ist nun aber auch der bisherigen for- 
scbung nicht entgangen und Benfey z. b. (kl. skr.-gramm. 
8. 2ü4 §. 355) sieht den participialstamm als identisch mit 
dem der 3. plur. praes. an, indem diese das i aufgab und 
nooiinalstamm wurde. Er hat also den umgekehrten weg 
wie Scherer eingeschlagen, indem er das nonien aus dem 
verbum entstehen liefs. Der Zusammenhang zwischen bei- 
den formen ist wohl unläugbar, aber der versuch Scherers 
nun, danach alle dritten verbalformen för nominalformen 
ZU erklären, scheint mir als vollständig gescheitert ange- 
sehen werden zu müssen. 

Und wie stände es denn nun, von all dem abgesehen^ 
mit der begriffsentwicklung der form nach Scherer? Er 
hat ja das partic. auf ant als aus dem locativischen an 
(s. 340 f.) mit angetretenem ablativ d. i. nach ihm wieder 
locativsuffix erklärt; soll die Ursprache „er erkennt^ wirk- 
lich durch „erkennen -t- in + in + in^ ausgedrückt haben? 
Wenden wir uns zu den modis, wie steht es da mit der 
hypothese, „in welcher alle au%ezählten formen ihre ein- 
heit finden?^ Im ä resp. a des conjnnctivs will Scfa. eine 
locativendung mit der bedeutung des „wohin^ erkennen, 
da wäre also etwa bödhäti aus ursprünglichem bödha+a 
-H an H- 1 H- i =s „erkennen -f- auf hin + in -|- in -H in ? ** 
Soweit konnte man sich also noch ungefähr eine vorstel- 



406 Kuhn 

luDg von dem wege machen, auf dem sich der begriff ent- 
wickelt hätte, beim potential und vielen der anderen for- 
men, die hier unberührt geblieben sind, wüfste ich in der 
that nicht, wie die entwickelung vor sich gegangen sein 
sollte. Wir werden also erst eine bis ins einzelnste durch- 
geführte darlegung Scherer's abwarten müssen, ehe wir 
auf eine weitere Widerlegung eingehen können. Nur das 
sei dazu bemerkt, dafs das locative a, welches auch hier 
seine rolle spielen soll, nach unserem obigen nach weis 
dieselbe hoffentlich ausgespielt haben wird. 

Auf alle die folgerungen, welche Scherer aus seiner 
erkl&rung zieht, weiter einzugehen, wäre müssige , arbeit, 
so lange die erklärung selber noch so mangelhaft ist. Nur 
auf eins möchten wir noch aufmerksam machen; wenn 
Seh. nämlich s. 346 sagt: „Die Verwendung des locativs 
für die blofse wurzel in der dritten person kann nach al- 
lem, was vorausgegangen^ nicht mehr auffallen. Ein paar 
analogieen mag man aus M. Müiler^s vorles. II, 13 — 17 
entnehmen^, so hätte er auch Müller noch weiter citiren 
sollen, der s. 24 (der engl ausgäbe von 1864) sagt: „Mr. 
Garnett, however, after establishing the principle that tfae 
participle present may be expressed by the locative of a 
verbal noun, endeavours in bis excellent paper to show 
that the original Indo-European participle, the Latin 
amans, the Greek typtön, the Sanskrit bodhat, were 
formed on the same principle: — that they are all in 
flected cases of a verbal noun. In thi^, I believe, he häs 
failed, as many have faiied before and after him, by ima- 
gining that what has been found to be true in one portion 
of the vast kingdom of speech must be equally true in 
all. This is not so, and cannot be so. Language, thoagh 
its growth is governed by intelligible principles throughout, 
was not so uniform in its progress as to repeat exactly 
the same phenomena at every stage of its life.^ Scherer 
folgt hier wieder der weise des citirens, auf die wir schon 
oben aufmerksam gemacht haben; hier war eine auf 
Müller^s abweichende ansieht hinweisende bemerkung doch 
wohl sehr am orte, um nicht den schein zu erwecken, als 



anseige. 407 

solle Malier mit der von Garnett und Scherer vertretenen 
ansiebt einverstanden sein. 

Scbliefslich geht Scherer in seiner Schwärmerei für 
den verbalen locativ so weit, zu vermothen, dafs im aor. 
auf im (vedisch fQr iäam), is, It*) auch ein locativ auf I 
mit angehängter personalendung stecken möge. Dafs der 
locativ auf i nur eine sehr seltene erscheinung in den veden 
sei (tanvi, dhmätarl, €tarl) und der dual und plural dieses 
aorists durchweg das s der wurzel as zeigen, scheint ihn 
dabei gar nicht zu stören. Mich wundert dabei nur das 
eine, dalis Scherer nun nicht auch das praesens und im- 
perfectum der bindevocalischen conjugation auf dieselbe 
weise erklärt hat, denn nach seiner auffassung ist ja a lo- 
cativendung, folglich konnte doch mit viel gröfserem rechte 
bödhämi (aus bödha + am -H i) bödha + s + i u. s. w. als 
„im schlagen ich hier, im schlagen du hier^ u. s. w. erklärt 
werden. 

Der sechste und letzte aufsatz dieses abschnittes ver^ 
sucht es, nach den vorangegangenen Untersuchungen die 
grundlinien der geschichte der arischen Ursprache zu ziehen. 
Da wir vieles in jenen bekämpft haben, können wir natür- 
lich auch hier den daraus gezogenen resultaten in den 
wenigsten punkten beistimmen. Dazu kommt, dafs Scherer 
auch hier wie in dem ganzen, buche im ausdruck oft so 
kurz und dunkel ist und es selbst mehrfach nicht einmal 
für nothig hält auf den ort, wo er die jeweilig besprochene 
sprachliche erscheinung behandelt hat, zurückzuverweisen, 
dals man sein buch, wie die Inder Pänini's sfltras, aus- 
wendig gelernt haben müfste, um sicher zu sein, dafs man 
ihn auch richtig verstehe. 

Die erste periode kennt nach Scherer die blofse juzta- 
position materieller wurzeln, in der sich feste, formelhafte 
Verbindungen von solcher macht und bedentung bilden, dals 
sie beibehalten wurden, als jene periode ihr ende nahm, 
und dergestalt innerhalb einer Sprachentwicklung, die von 



^) Es gibt ftlr die erste penon wohl nur die beiden beiepiele vadhim« 
kramlm. Man vgl. jedoch die paiiformen auf i wie Ssi u. s. w. 



406 Kuhn 

gams andera mftcbten bewegt wurde, dae vorbild and mo- 
8ter Ar neue formationen abgaben (s. 349). 

Das sind die composita, die älteste sprachliche Urkunde, 
die wir besitzen (s. 350). 

Wo sind denn nun diese Urkunden? Der verf. gibt 
uns hier auch nicht ein einziges beispiel davon und wir 
sollen ihm an dies adelsgeschlecht (s. 349) ohne die adels- 
diplome willig glauben? Es ist doch eine allseitig bekannte 
thatsache, dafs die composita, die aDen oder auch nur 
mehreren der indogermanischen Völker gemeinsam sind 
(wenn man von der Stammbildung, nominal- und verbal- 
flexion absieht, die schliefslich auch eomposition ist), eine 
▼erschwindend kleine zahl sind, und aus diesen wenigen 
resten soll man die gesetze der altarischen Wortfolge cor 
zeit der wurzelperiode abstrahiren können? Dazu geht 
Seh. wirklich muthig vor, aber er beschränkt sich auf das 
Sanskrit und selbst hier scheint ihm der vorhandene bestand 
nicht in seinem ganzen umfang bekannt, oder ignorirt er 
nur, was seinen resul taten widerspricht? Sein resultat näm- 
lich ist: „Object, prädicat, subject: dies die ahe Wortfolge' 
(s. 353). 

Hier wäre doch zunächst zu untersuchen gewesen, ob 
die tatpuruäabildungen, deren erster theil ein im accusativ 
gedachtes thema bildet, sich wirklich Aber ihre sechzehn 
ahnen ausweisen können. Und sagt nicht Scherer selbst: 
„Wie jung sind die accusative auf am!** (s. 348 vgl. s. 299) 
und diese accusativbildungen finden sich doch in den veden 
gar nicht selten in der eomposition (vergl. einige beispiele 
bei Benfey vollst, gr. s. 265 §. 653 ; ihre zahl ist viel grö- 
fser, mir fallen nur eben noch dhijäginva, vi^vaminva, ag- 
nimindha, purädara, a^vamiäti ein, vgl. noch Pän. VI, 3, 70 
und die värttika's dazu). Diese möchten doch also verhält- 
nifsmäfsig jung sein, zumal sie offenbar aus blofser anrQk- 
kung entstanden sind. Erwägen wir daher vä^ambhara 
neben bharadväga, so möchte doch die entscheidung für 
das höhere alter des letzteren ausfallen, und um so mehr 
als das zend und das griechische diese bildung ebenfalls 
in ziemlicher ausdehnung zeigen, vgl. Justi zusammens. d. 



anzeige. 409 

nomina 8. 42 — 45. 106 — 7. Jedenfalls geht daraus hervor, 
dafs die Stellung des objects, als die bilduog der com- 
posita aus stammen und nicht aus wurzeln stattfand, keine 
feste gewesen sein könne. Um stftmme handelt es sich 
nun aber freilich hier nicht, sondern um wurzeln; nur aus 
ihnen liefse sich ein beweis herholen; Wörter wie bhüpa, 
göpa würden den ausschlag zu gunsten von Scherers an- 
sieht geben, wenn man nur sicher wSre, dafs der erste 
theil im accusativ und nicht, was wahrscheinlicher ist im 
genitiv, gedacht wäre, denn neben ihnen stehen bhüpati, 
göpati und bhuvaspati, gay&mpati. Ehe also keine that- 
sfichlichen beweise aus der spräche vorliegen, können wir 
Scherer's vorangestellten satz nur f&r eine hypothese gelten 
lassen und zwar fOr eine solche, der seine eigne autoritftt 
entgegensteht, denn s. 217 hat er ja dvikS^ aus dvik tv4 i 
ss= „es hafst dich^ erklärt, mithin selber dem object seine 
stelle hinter dem prädicat angewiesen. Welchem Scherer 
soll man nun glauben, dem von s. 217 oder dem von s. 353? 

Einen analogen fall des Widerspruchs haben wir auf 
8. 331 und 340, wo die bildung der a-conjugation fbr jün- 
ger als die übrigen erklärt wird und an letzterer stelle 
drei perioden der verbalbildung aufgestellt werden, von 
denen die erste durch die verbalklassen 7, 9, 8, 5, 2, 3, die 
zweite durch 1, ß, die letzte durch 4 und 10 vertreten ist. 
Aber s. 222 hatte der verf. gesagt: „Keineswegs aber dürfen 
wir annehmen, es [nämlich das dhi des imperativsj sei wo 
der reine präsensstamm als 2. sing, imper. fnngirt, abgefal- 
len oder mit dem stamme nicht verschmolzen. Hauptsäch- 
lich die a-stämme, die sog. erste hauptconjugation des Sans- 
krit, zeigen diese ausdrucksweise, und wir werden im ver- 
bum noch ein beispiel haben, besonders aber beim nomen 
beobachten, dafs die flexion der abstamme sich zu- 
erst abgeschlossen hat und einen älteren zustand 
repräsentirt als die flexion der übrigen^. Wenn 
wir es hier nicht etwa mit einer jener oben s. 398 bespro- 
chenen stileigenthümlichkeiten zu thun haben, so möchte 
der Widerspruch allerdings etwas stark erscheinen und die 
ganze Chronologie etwas unzuverlässig machen. 



410 Kahn 

Scherer sagt ferner, dafs er für das älteste gramma- 
tische mittel nächst der geordneten Debeneinanderstellang 
die reduplication halte. ^Ihre entstehung, fährt er fort, 
dörfle in eine zeit zurückreichen, in welcher nar erst die 
wurzelform consouant mehr vocal existirte. Was damals 
Wiederholung der wurzel, war später Wiederholung des an- 
lautenden consonanten mit dem wurzelvokal^. 

Die möglichkeit dieser auffassung kann man wohl zu- 
geben, doch kann die wurzelbildung mit auslautendem con- 
ßonanten auch schon vorher eingetreten sein und jedenfalls 
hat es eine zeit gegeben, wo wurzeln aus consonant + vo- 
cal + con8onant, die volle wurzel rednplicirten, wie dies 
die intensiva dardar, kankal käkal fQr kallbtl (älteres kar- 
kar), badbadbäna, jamjamiti, nannamiti, namnamäna u. s. w. 
zeigen, und die vedische länge im pf. dädhära u.a. (bei- 
spiele bei Bf. vollst, gr. s. 373 n. 8) macht wahrscheinlich, 
dafs auch die perfecta noch längere zeit dieser bildnng 
gefolgt seien. 

Wenn wir nun aber zugeben, dafs die reduplication 
eins der ältesten grammatischen mittel für die verbalflexion 
sei, so können wir dasselbe doch nicht für die nominal- 
flexion zugeben (s. 355), da wir das, was s. 260 dafikr bei- 
gebracht ist, nicht flQr richtig halten; ein plural mamaoder 
mamas hat, wie wir glauben, nie existirt. Ueberdies läTst 
sich vermuthen, dafs die spräche das bedürfnifs die plura- 
lität concreter dinge auszudrücken viel früher gehabt habe 
als den . ausdruck mathematischer werthe f&r dieselben, wie 
es die pronomina sind. 

Gegen die annahmen, auf welche die folgenden ent- 
Wickelungen basirt sind, haben wir mehrfach im vorherge- 
henden Widerspruch erhoben und können daher auch die 
hier darüber vorgetragene historische entwicklung nicht 
anerkennen. 

Wenn Scherer ferner sagt (s. 358), dals, nachdem die 
a-stämme sowohl des nomens als des verbums gebildet 
waren, der kreis möglicher verbalbildungen geschlossen sei, 
„d. h. keine neu entstandenen nomina konnten durch blofte 
Vorsetzung vor die pronominalsufBxe verbale präsenastämme 



anzeige. 411 

werden^, so widerspricht dem das sanskrit, welches eine 
ganze zahl derartiger Bildungen aufweist, die wie z. b. 
krsnati, er bandelt wie Kräna, erst nach dieser periode ent- 
standen sein mfissen, da es in ihr noch keinen Kräna gab; 
das griech. Iqivvvhv^ durch welches man bekanntlich den 
namen der Demeter Erinnys zu erklären suchte, steht doch 
wohl auch auf derselben stufe und die skr. participialbil- 
düngen wie bhrgaväna, takaväna ebenfalls. Weitere bei- 
spiele findet man bei Benfey vollst, gr. §. 212 s. 98; kl. gr. 
§. 180 f. und Vopadeva XXI, 7—9, wo z. b. noch pitarati 
(▼OD pitar), löhitati neben löhitäjati, löhitäjate (von löhita) 
rotb werden sich findet. 

Am Schlüsse seiner skizze der vier epochen des alta- 
rischen sagt Scherer: „Wie wenig in dieser flQchtigen 
skizze und im vorliegenden aufsatze auch geleistet sein 
mag gegenüber der aufgäbe, die wir — dank den fort- 
schritten der vergleichenden linguistik — schon ins äuge 
fassen dOrfen, gegenüber der aufgäbe einer geschichte der 
arischen Ursprache: die grundlinien der flexionsgeschichte 
scheinen mir doch gezogen'^. 

Diese Selbstkritik harmonirt freilich nur in ihrem ersten 
theile mit der unsrigen, aber sie bewegt sich selbst in nur 
zu unvereinbaren gegensätzen, wie sie nur zwischen all und 
nichts, hochmuth und bescheidenheit gefunden werden kön- 
nen, als dafs sie nicht schon dadurch als nicht ganz un- 
parteiisch und daher nicht ganz das richtige treffend er- 
scheinen sollte. Jedenfalls empfiehlt es sich mehr, das nr- 
theil der mitforscher abzuwarten als ihm, wenn auch schein- 
bar noch so bescheiden, vorzugreifen. Wir können daher 
uDsern lesern die entscheidung darüber, ob sie auch dem 
zweiten theile von Scherer's obigem satze zustimmen wollen 
oder nicht, überlassen. 

A. Kuhn. 



412 Fick 

lira und porca das ackerbeet; fieUvrj die hirse, 
malva die malve. 

1. Lira f. das ackerbeet ist meines Wissens bis jetzt 
den etymologen noch TöUig dunkel geblieben, und doch ist 
es ein uraltes, wenn auch nicht indogermanisches, so doch 
den europäischen sprachen gemeinsames wort, das für die 
frühe ausbildung des ackerbaus in Europa einen weiteren 
beleg giebt. 

Es steht nämlich lira f&r Itsa und läfst sich in dieser 
form in den meisten sprachen Nordeuropas nachweisen. 
Betrachten wir zunächst die bedeutung des worts. lira 
heifst der zwischen zwei furchen aufgeworfne boden eines 
ackers, das beet, ackerbeet, sodann auch mit leichter Über- 
tragung die ackerfiirche; lirätim furchenweis, Ur-äre den 
samen in die fiirchen bringen. Dd-liru-s bedeutet eigentlich 
^aus der furche gerathend beim pflügen'^, sodann überhaupt 
^entgleisend^, endlich (und diese bedeutung ist allein über- 
liefert) „aus dem (richtigen) gleise (im denken und handeln) 
gerathen, yerrflckt, wahnsinnig^. Das denominativ von 
delirus, delirare, ist dadurch interessant, dafs es noch hier 
und da die ursprüngliche bedeutung „entgleisen, aus der 
richtigen bahn kommen^ zeigt. So in „nil ut deliret 
amussis^ freilich erst bei dem späten Ausonius. Von de- 
lirus stammt dann noch, um die ableitungen des worts alle 
zu nennen, dSlir-iu-m n. Wahnsinn. 

Unter den reflexen des worts in andern sprachen ist 
der altpreufsische der grundgestalt lts& am nächsten. Wir 
lesen nämlich in dem deutsch -preufsiscben vocabular, her- 
ausgegeben von Nesselmann, Königsberg 1868 unter no. 242: 
Bete lyso unter einer gruppe von Wörtern, die auf den 
ackerbau bezug haben, zwischen reen (rain) und pflüg. 
Richtig giebt daher Nesselmann in der alphabetischen Ord- 
nung an: lyso beet auf dem acker. j ist hier einfach zei- 
chen für langes i, das auslautende o f&r altes femininales ä 
ist eine eigenthümlichkeit des pomesanischen dialects der 
preufsiscben spräche, deren übrige quellen in diesem fiedle 
a zeigen. So lesen wir im vocabular menso fleisch, crauyo 



miscellen. 413 

blat, im katechismus mensa, krawia s. Nesselmano, voca- 
bolar 8. 6. Der dialect, in welchem der katechismus ver- 
fafst ist, würde demnach bieten: lisa f. ackerbeet, oder 
geradezu die unveränderte grundform des wort. Eine ab- 
geleitete form zeigt das litauische nämlich: lys-e f. das ist 
lys-ja, als dessen bedeutung Nesselmann angiebt „garten- 
beet, auch ein beet im roggenfelde ''. Im altbulgarischen 
lautet das wort: l^cha f. ackerbeet, beet {noaaid^ area bei 
Miklosich) mit dem bekannten übergange von ursprüngli- 
chem 8 zwischen vocalen in eh. Die weiteren reflexe in 
den übrigen slavischen sprachen sehe man bei Miklosich 
unter lecha. 

In der etwas weiteren bedeutung furche, geleise, der 
wir auch bei Itra begegneten, finden wir endlich unser wort 
im ahd. leisa, mhd. leise f. geleise, spur, auch im ahd. fora- 
-leiso m. der die spur vorher tritt, Vorgänger, Wegweiser. 
Im neuhochdeutschen ist nur die composition ge-leise, g^leis 
erhalten. Xri'iov saat, feld läfst sich wohl nicht mit \hk 
combiniren. Dagegen erhält ein anderes lateinisches wort, 
das ebenfalls ackerbeet bedeutet, aus der griechischen pa- 
rallelform sein licht. Nämlich 

2. porca f. hat aufser der bedeutung ^sau^ als femi- 
nin zu porcu-s, noch die ganz verschiedene „das zwischen 
zwei furchen hervorragende erdreich, ackerbeet^. Dafs 
nun die alten Latiner das ackerbeet „sau'^ genannt hätten, 
wer möchte das glauben? Vielmehr liegt hier ein ganz 
verschiedenes wort vor, das sich durch herbeiziehung eines 
griechischen worts aufhellen läfst. Es bedeutet nämlich 
im griechischen ngaaid f. das beet, allerdings nur das 
gartenbeet, allein dies wird man doch nicht als wirkliche 
differenz auffassen. Nun wird das so ähnliche nQaaov n. 
lauch reflectirt durch lai porru-m f&r porsu-m, parsu-m. 
Ist die annähme nun zu kühn, dafs ngaa-ia oder vielmehr 
sein Stammwort, etwa ngaoo- lautend, reflectirt sei durch 
ein lat. porro- f&r parso mit derselben bedeutung: beet? 
An dieses porro- beet trat nun, wie im griechischen das 
secundärsuffix -<a, so im lateinischen -ca, und so ward aus 
porr-ca por-ca ackerbeet. 



4U Pick 

3. Da wir einmal auf die alterthQmer des ackerbaos 
gerathen sind, mag hier noch der möglichkeit gedacht 
werden, eine getreideart, von der man das sonst nicht ge- 
glaubt, als gemeinbesitz aller europäischen Völker des in* 
dogermanischen Stammes nachzuweisen. puXivt] f. hirse 
begnOgte man sich bis jetzt mit lat. mil-iu-m n. hirse zu- 
sammenzustellen; allein das wort findet sich auch im li- 
tauischen. Hier heifst malnos pl. f. hirse, Schwaden. Der 
Singular malna f. ist zuftllig nicht gebräuchlich, er würde 
nach analogie von sora f. hirsekorn, pl. soros hirse, das 
einzelne hirsekorn bedeuten. Dieses lit. mal-na ist nun 
genau mit uikivtj identisch, indem das sufBx -iua im litaui- 
schen nicht selten zu -na verkürzt erscheint, wie z. b. in 
szlov-na-s berühmt verglichen mit ksl. slov-ifnü. Freilich 
Uefse sich auch an entlehnung denken; bis diese jedoch 
nachgewiesen, haben wir ein recht als europäische grund- 
form malin& f. hirse aufzustellen. 

4. Bin an fifMvfj malna anklingender pflanzenname, 
das lat. malva f. die malve läfst sich als allgemein indo- 
germanisch nachweisen durch die folgenden reflexe. Im 
Sanskrit bezeichnen maruva und maruvaka m. verschiedene 
pflanzen, besonders eine art majoran und ocimum, die in 
ihrem habitus den malven nicht unähnlich sind. Dafs auch 
das gr. fjiaXaxfj f. die malve hierher gehöre, dafs ^talaxri 
ftr piaXfaxfi stehe, wird bewiesen durch fidXßaxa^ einen 
accusativ entweder sg. von piaXßai, oder pl. von uakßaxov. 
Die bedeutung wird sein: die weiche pflanze, vergt. verf. 
Wörterbuch unter marva. 



Allerlei. 



xafoio^^ Titpa^, TiXarViS salzig, nXijofia same, UQ^^ua^ 
cpUog^ küoäo^'l hairto, fon, fani. 

Bei einer erneuten durchmusterung des Wortschatzes 
derjenigen sprachen, aus deren vergleichuog ich das lexikon 
der indogermanischen grnndsprache zu reconstruiren unter- 
nommen, fiel mir ein allerlei an parallelen in die bände, 



miscellen. 415 

das ich hier in bunter folge veröffentliche, wenn auch eini- 
ges nicht ganz neu und nicht sehr bedeutend sein sollte. 

1. xdqaio-g quer, schräg scheint auf ein älteres xagao- 
zu gehen, das im lit. skersa-s quer, schräg erhalten scheint; 
dazu gehört die ksl. praeposition cresü quer durch; femer 
lat cerron- für cerson- ein querkopf, cerr-itus verrückt. 
Wegen lit. skersa-s mufs man wohl skarsa als grundform 
ansetzen. 

2. niva^ brett, tafel kann nicht getrennt werden vom 
skr. pinäka m. n. stock, stab; keule. In der bedeutung ist 
eine kleine differenz; sie liefse sich ausgleichen durch an- 
setzung der grundbedeutung: holzstück, latte. 

3. nXarvg hat aufser „ breit ^ noch die bedeutung 
scharf, salzig, bei Herodot heifst nXarv vSwg salziges was- 
ser; in unsem lexicis wird dies nXarvq mit nXarvg breit 
herkömmlich zusammengeworfen. Natürlich ist es ein an- 
deres wort; im sanskrit entspricht genau patu scharf, ste- 
chend von geschmack, patu n. salz, patu steht fQr partu; 
man hat demnach anzusetzen ein indogermanisches partu 
scharf von geschmack. 

4. TtX-^a^a n. heifst fbllung, sodann aber „same^ wie 
nif4nXi]ui füllen und schwängern, neTilfja&aL voll und 
schwanger sein, nkrjöfia steht natürlich ilQr *nXrj^a^ und 
diesem wort entspricht ksl. plem^ n. same, das nicht etwa 
entlehnt ist und in reichen ableitungen in allen sl avischen 
sprachen erscheint. Lat. pl^men-, plSmentu-m in compo- 
sitis hat blofs die bedeutung „füllung^. 

5. nQTJaua n. brand, ngrjfiaivu) für 7iQ9]^aV'ioi) heftig 
wehen, von ni^Ttgtjui brennen, wehen. Dem entspricht ksl. 
plamy, gen. plamen-e ro. brand, wie denn das ganze verb 
Tigrj- brennen sich im slavischen sehr schön entwickelt 
nachweisen läfst. 

6. cpiXo-q ein vielversuchtes wort scheint mir am er- 
sten folgender combination sich zu fügen. Skr. bhävaja 
das causale von bhfi heifst bekanntlich auch pflegen, för- 
dern, bhävajämi ich fordere, pflege ist = lat. faveo fSrdere, 
pflege, skr. bhävajitar m. gönner entspricht fautor, alt favi- 
tor m. gönner. Von bhü in diesem sinne stammt bhavila. 



416 Fick, misceUen. 

welches günstig, hold bedeutet wie bhayja. Hiermit scheiot 
q>iXo-Q identisch und demnach för (f^iXo-g^ cpifiXo-g zu 
stehen. Aus (pifiko-q f&r (psfiko-g erklärt sich denn auch 
die länge des 7, hier und da bei Homer, Mit (filo^g o^er 
vielmehr ursprünglichem bbavila identificire ich ferner mhd. 
buole m. f. buhle; geliebter, geliebte, ursprünglich wie be- 
kannt keineswegs mit übler nebenbedeutung. 

7. logSo-g gekrümmt, gebogen sieht sehr seltsam aus; 
ich stelle dazu das ebenso seltsame ahd. lerz, lurz link, 
ohne über den Ursprung beider Wörter eine vermuthung 
zu wagen. 



8. Das thema *(s)kardan n. herz, das im goth. hatrto, 
stamm hairtan n. herz vorliegt, findet sich auch im zend. 
zarezdan n. herz, wo z eingeschoben ist. 

9. Goth. fon feuer ist in meinem Wörterbuch unrichtig 
zu skr. pavana feuer gestellt, da doch goth. o regelrecht 
altes k reflectirt. Vielmehr gehört es zu altpreufsisch (vö- 
cabular) panno f. feuer, panu-staclan feuerstahl, und zum 
griechischen nävo-g m. brand, fackel; herzuleiten vom vb. 
skr. pä trocknen. Das altpreufsische vocabular enthält 
überhaupt eine fblle schöner alter themen und verdiente 
eine sorgfältige behandlung. Ich nenne hier nur lauxno-s 
pl. f. gestirne, das ich mit zend. raokhsna glänzend, subst. 
m. glänz zusammenstelle, kirsna-n schwarz = skr. krsna 
schwarz, pannea-n moosbruch sss goth. fani thema fanja- 
koth, ags. fenn, fen, an. fen n., ahd. fenna und fenni f. 
sumpf. In meinem Wörterbuch sind unter panka goth. fani 
und ndaxo-g unrichtig zu skr« panka gestellt, womit sie 
doch nur die wurzel gemein haben; vielmehr gehören nd- 
cxo-g und lit. pöska f. sand und ksl. pesükü m. sand zu 
skr. pSsu, p&suka m. sand, staub. 

Göttingen, 14. decbr. 1868. A. Fick. 



3m SJctlagJ^SWagajin in Sürid^ ijl crfd^tencn unb but^ aUe 
.53xc 

im(id)tbttrfn ^Ifaberte 

bcr 

iptt^tnUn 3Äettf^^eit 

©erfaffct Tlnonymns. 
I. X^eil: 1. u. 2. JBcfl ^ 12 ©gr. 

S)ur(l^ atte ^ud^l^anblmtgen ju beate^en: 

^er ^almtub 

(Smaniul i^eutfc^^ 

«ibHot5«fat am »rüift^n SRufeum in Sonbon, SWitglieb ber «. «fiatifc^en ©efeafd^aft, 
b« 2)e«tf(^en 8»x>rfl«iläiibff«ien ©efeUfd^aft, bet Boyal Society of Litoratnre u. \. »- 

^\a bcr ficbentcn englifd^cn Auflage in'8 SDcutfd^c übertragen, 
^ntorifirte Ausgabe, 
gr. 8. ge^. 12 @gr. 
£)iefe Heine Schrift giebt eine unbefangene 2)arfteaung beS ^onmx 
Söeniaen gcfannten unb »on f o SHelen gef dbm&^ten merfwürbigen S3u*e|. 
©iefelbe ^at in euglonb ungeheures ^uffel^n erregt unb ift m m 
atte ©pxa^tn (guro»a'ö überfe^t worben. S)ie öorlicgenbe Ueberfejung 
^at ber löerfaff« felbft an toielen <SteUen ergSnjt unb toerbejfert. 
gerb. Tümmler*« ©erlag«bu(b^anblunfl in SöcrUn. 



3m SJcrIagc bcr (Srcu^'f^cn ©u(^b«nblung in SWagbcburg ip 
crfi^icncn unb bur4 atte l^ud^banblungen gu beatcbcn: 

Altgriechische Märchen 

der Odyssee. 

Ein Beitrag zur vergleichenden Mythologie 

von 

Dp. G. Gerland. 

geh. lOSgr. 
!Dur($ alle 8u(^baublungen ifl unentgeltlid^ ju ermatten: 

^fqeid^tti^ »Ott ^itd^ern unlk Jfttfd^nflen 

aus bcm ®ebietc ber ©^jra^forfd^ung fototc ber Stteratur* 
gefdötd^te, SDiptl^oIogte, @t\ä)i6)k unb SSülfertunbe. 

2)affer6c ent^SIt äffe auf <^]pracbe unb Literatur (ctafrtf($e, orientaüfd^c 
unb mobemc V^ilologic) \iäf bcaie^cnbcn ©d^riftcn unb ßeilfd^riftcn unferc« 
9erlage9, ^nffinbigung neuer Unterne(^mungen, foivic eine Siflc ber bereite 
t>ergrtffencn, unb enbltd^ bcr im greife ermägigtcn Sttd^er aud bcn genannt 
ten Gebieten. 2)a9 i^crjcid^nig umfogt fafl 200 9lummem. 

8er(in. %tth. £&mtttlet*^ Setla^^Bui^^anbluno» 

((^arrtoig unb ©pgmann.) 



Preisermässignng. 
Jetzt I Thaler baar (früher 3 Thaler). 
Libri ludicum et Ruth seC. versionem Syriaco-Hexa- 
plarem ex codice Musei Britannici nunc primum editi^ 

Saeoe translati notisque illustrati. Ed. Th. S. Kordam. 
avniae 1859. 

Bestellungen bitte mir über Leipzig durch Herrn 
K. F. Köhler zukommen zu lassen. 

Kopenhagen. j8tto 3(^nKtr^. 

3n ptxh. jDttmmler^ft iüerlogebn^l^anhlung ((^amDi^ ttnb (Sogmonn) 
in ©crlin jinb crfdi^icncn: 

2Frfnjtl(^arl), 9icuc (gtubtcn. 1868. a3eUrn>a|)ter. gr.8. 

@c^. 1 S^lr. 20 ©gr. 

3n^ialt: 2)a« „SWobctne*' in bet Äunfl. — ©tctor ^Ußo'ö fogialc 
aiomanc. — (gbgar iUan 55oe. — 2)er ^iflorifd^c 8loinan. — 2)1« Siöonb» 
gemälbc Äaulbad^'« im ?Rcue« SWufeum. — 2)cr \>olitifdJe 9?oman. — a>ic 
Briefe bed 3uniu9. — XadtaS nnb bie d^aren. — (Srnfl ä^encm'd 9^>oßeI. 
— a)ic ©orläufcr ©ariBalbi*«. — (Spoäftn ber bcutfdjcn ©efd^ic^tc — »itf* 
flabcn bct (ScWidJtfdJrciBung. — 

M^on bem gei^Doden f^euiUetomflen ber 9{attonaI«3cttvng Hegt ein 
S3anb „wiener €5tubten" t)or, weld^e wir auf ba« «ngelcgenttid^fle OTen 
cntpfe^fen, bie für fiunfl unb ffiiffenfd^aft ein ©ilbangStntercffe babcn. — 
S)ie lebendt}oIl[e gönn ber (Snttoicflung aller %n[i(l^ttn, tottdft {tet6 in bie 
tootte ©irfltt^feit hineingreift, ip nic^t ber geringflc SJorgng be« ©ndjefl unb 
mirb tl^re Sngie^ungdfraft auf einen gebilbeten £eferlreid beioä^ren.'* 

Siterar. (EentralBIatt. 



In Ferd. Dümmler's Verlagsbuchhandlimg (Harrwiu and Gois- 
mann) in Berlin ist im vorigen Jahre erschienen: 

Sobler (Dt. Ifubmi^f Professor an der Hochschule zu 
Bern), Ueber die Wortzusammensetzung mit einem Anhang 
über die verstärkenden Zusammensetzungen. Ein Beitrag 
zur philosophischen und vergleichenden SprachwissenschafL 
1868. gr. 8, geh. 1 Thir. 

Hl, Prof. Stein thal spricht sich im Eingange einer längeren Be- 
urtheilong (Zeitschrift für Völkerpsychologie nnd Sprachwissenschaft VI. 3.) 
dieser Schrift wie folgt aus: «Der Verfasser ist durch manchen sprach- 
wissenschaftlichen Aufsatz in dieser wie in andern Zeitschriften schon 
längst vortheilhaft bekannt. In der vorliegenden ausgeführten Monographie 
tritt der Charakter seiner Bestrebungen noch deutlicher hervor, als dies 
schon in den kleineren Arbeiten der Fall war. Indessen, wie sorgfaltig 
er auch um die relative Vollständigkeit, noch mehr um die richtige und 
genaue Darstellung der Thatsachen bemüht ist: nicht hier liegt der eigen- 
thümliche Weräi seiner Bestrebungen. Der ist vielmehr in der begrifflidien 
und idealen Durchdringung und Verknüpfung des Bestandes der "Diät- 
Sachen zu erkennen. — Sprechen wir nun nach der einen Seite hin, 
nämlich nach Seiten der Kenntnifs und Aufnahme der Thatsachen kurz 
und schlechthin unsere Anerkennung aus, und prüfen wir nun nach der 
andern Seite hin, inwiefern ihm nach der Ueberschan auch die Durch- 
schau der Thatsachen gelungen isf Die Benrtheilung schliefst mit den 
Worten: „Wer die angedeutete Aufgabe übernehmen wollte, würde in 
des Verfassers Buch eine vortreffüche Grundlage finden.* — 

A.W. Schade's Bochdrack«rei (L. Schade) ia Berlin, Stallaehrelbentr. 47. 



'•i .-. ,s I 



ZEITSCHRIFT 

FÜR 

VERGLEICHENDE 

SPRACHFORSCHUNG 

AUF DEM GEBIETE DES 

DEUTSCHEN, GRIECHISCHEN UND 
LATEINISCHEN 

HERAUSGEGEBEN 

VOM 

Dr. ADAXiBBaT KUHN, 

PROFB880R AV CdLKISORBN OTlUrASIUM ZU BBBLDf. 



BAND XVm. 

SECHSTES HEFT. 



^ BERLIN, 

FERD. DÜMMLER'S VERLAOSBUCHHANDLUNO 

(HABHWITZ UND GOSSMANN) 
1869. 



Inhalt. Seite 

Lateinisches nnd romaniscbes. IV. Von G. I. As coli . . . . 417 
Ans« ige: Revue de lingaittique et de philoIogie comparee, recueil 

trimestriel de docameote poar servir i la science positive des 

langaes, i IVthnologie, k la mythologie et k Thistoire. 1, 1 et 2. 

Aneezeigt von Johannes Schmidt 446 

Miscellen: Za den secand&rsuffizen -an, -ina, -inja, -tä, -tva, -vant. 

Von A. Fiok ; 453 

Nimif. Von Michel Br^al 456 

Sach- nnd Wortregister. Von £. Kahn 457 



Antiq. Yerzeichn. No. 88. Bibliotheca philolog. 
3300 Nummern. Preis 2^ Sgr. 

J. A. Stai^^dty in Berlin, Jägerstr. 53. 

Bei A. Franck (F. Vieweg) in Paris erschien: 

Oppert, J., älöments de la grammaire assyrienne. 

Seconde Edition considerablement augmentöe. 

1 Vol. in 8 de XXH et 128 pages. br. Preis 1 Thlr. 21\ Sgr. 

Bei A. Franck (F. Vieweg) in Paris erschien; 

M6moireB de la Sociötö de linguistique de Paris. 

Tome Premier, premier et deuxi^me faocicules. 
Gr. in 8^ de XX et 192 pages. br. Preis jeder Lief. 1 Thlr. 12]^ Sgr. 

Gontenn dn pi^emier fascicnle: I. Statuts, r^glement, liste 
des membres au 31. d^cembre 1867. — 11. £. Egger, De T^tat actnel 
de la langue grecqae et des r^formes qa'elle sabit — III. F. Mennier, 
De quelques anomalies que präsente la d^clinaison de certains pronoms 
latins. — rV. D*Arbois de Jubainville, £tude sur le verbe auzi- 
liaire breton Eaout avoir. — V. M. Br^al, Les progrbs de la gram- 
maire compar^e. — VI. G. Paris, Vapidus fade. — VII. B. Mo- 
wat, Les noms propres latins en atius. 

Contenu da deaxieme fascicnle: I. E. Renan, Sur les formes 
du verbe s^mitique. — II. C. Thnrot, Observations sur la significa- 
tion des radicaux temporeis en grec. — III. L. Gaussin, Un mot snr 
le Bhotacisme dans la langue latine. ~ IV. D'Arbois de Jubain- 
ville, :6tude sur le futur auxiliaire en breton armoricain. — V. P. 
Meyer, Phon^tique proven9ale. O. — VI. M. Br^al, Les donblets 
latins. — Vn. R. Mowat, De la d^formation dans les noms propres« 
VIII. G. Paris, gens, giens. 

Troisi^me fascicnle sons presse: 
Br^al, Le th^me pronominal da. 
Plois, Le dieu Janus. 
Thurot, La n^gation non. 

Mowat, Sur les noms k signlfication hypocoristique. 
P. Meyer, Les finales an et en. 
G. Paris, Le peUt Poncet. 
Vari^t^s, Thalassio par M. Robiou, 

La racine ose, par d'Arbois de Jubainville. 
Necesse, avayxrj par Michel Br^al. 



Ascoli, lateinisches und romanisches. 417 

Lateinisches und romanisches. 
IV. 

Die Corssen'sche beurtheilnng meiner aDsichten über die 

lateinischen fortsetzer der indogermanischen und gr&ko- 

italischen aspirateo« 

Die im vorigen artikel (zeitschr. XVII, 241 — 281, 
321 — 354) von mir vorgeschlagene theorie über die latei- 
nische Vertretung der indogermanischen aspiraten hat Cors- 
sen in den nachtr&gen zu dem eben erschienenen er^n 
bände der zweiten ausgäbe seines buches über ausspracne, 
vokalismus und betonung der lateinischen spräche (802 ff.) 
aufs entschiedenste verworfen. Ein anderer* sich eng daran 
anschliefsender aufsatz von mir (Le figure latine del de- 
rivatore originario di nomi dMstrumento), der mit etwas 
verschiedenem titel in De Gubernatis^ Rivista Orientale 
erschien (vgl. Schweizer -Sidler zeitschr. XVII, }46 — 150), 
und zugleich als dritter bogen des zweiten bandes meiner 
Studj critici, woran ich nicht weiter drucken liefs, einigen 
mitforschern mitgetheilt wurde , erfährt natürlicherweise 
das nämliche loos (a. o. 166ff.). Die fQr die vergleichende 
lautlehre, und nicht för sie allein, so erhebliche Wichtig- 
keit des gegenständes läfst es nun, bei der autorität mei- 
nes gegners, zweckmäfsig erscheinen, die Streitfrage so- 
fort in diesen blättern etwas näher zu beleuchten. Dabei 
werde ich mir die möglichste bflndigkeit und die reinste 
objectivität zur strengen pflicht machen. 

Gegen die gangbare ansieht, da(s der ursprünglichen 
anlautenden media aspiVata die lateinische Spirans*), der 
ursprünglichen inlautenden media aspirata hingegen die 
einfache lateinische media durch entziehung der aspi- 



*) Lat. und osk.-nmbr. h ond /, ferner orlat. k, p, f wurden im vorigen 
artikel, und werden anch im gegenwärtigen, als Spiranten qnalificiert. So 
erscheinen anch s. b. bei Schleicher italisches h nnd/ nnter den Spiranten; 
und so gelten spätgriech. ;^, &^ <p u, dergl. als Spiranten, im gegensata« 
an den eigentlichen aspiraten (vgl. Arendt, Cnrtins, Ebel u. a.). Bei Corssen 
heifst es hingegen (a. o. 98, 185 f., vergl. 189): «spirans, also hauch- 
laut-. 

Zeitschr. f. vgl. spracht XVni. 6. 27 



418 Ascoli 

ration entspreche, und zwar so, dafs z. b. lat. f in fer-o 
das ganze alte AA (bhar), lat. b in nubes hingegen blofs 
die erste hälfte des alten bh (nabbas) fortsetze, habe 
ich erstens geltend gemacht, dafs dadurch eine inco- 
härenz in der unmittelbaren lateinischen Fort- 
setzung der alten mediae aspiratae angenommen wird 
(bh-, ph-, f-; -bh-, -b-; u. s. w.), woflQr keine analogie aus 
irgend einer indogermanischen spräche aufgestellt werden 
kann, da man sonst nirgends findet, dafs die regelmä- 
fsige, in gerader linie sich fortentwickelnde Ver- 
tretung eines gegebenen ursprünglichen lautes 
ihrem genus und ihrer species nach verschieden ausfalle, 
je nach der stelle, die derselbe laut im worte einnimmt 
(a. o. 246), - 

Dieser einwand ist nach Corssen von keiner bedeo- 
tung. „Wenn aus kt> im anlaut (entgegnet er) sowohl p 
als Oy aus a sowohl e als o geworden ist, so kann im la- 
teinischen auch bh sich verschieden gestaltet haben zu f 
und zu 6. Auch Ascoli läfst seine angeblichen urlateini- 
schen Spiranten sich auf geschichtlich lateinischem sprach- 
boden in doppelter weise gestalten, nämlich urlateinischen 
Spiranten h zu lateinischem h und g und urlateinischen 
Spiranten f zu lateinischem f und 6.^ a. o. 802 f. 

Corssen meint also, dafs andere fälle im lateinischen 
selbst vorliegen, welche zu der von mir gerügten inco- 
härenz eine passende analogie darbieten, und dais die von 
mir aufgestellten lautübergänge ihrerseits einer gleichen in- 
cohärenz anheimfallen. Weder das eine^ noch das andere. 
Uro vom letzteren anzufangen, so habe ich auf die deut- 
lichste weise die doppelheit einer normalen sich direkt 
fortentwickelnden Vertretung gerügt, die sich durch 
folgende figur darstellen läfst: 




Jjasse ich hingegen aus urspr. bh (um uns der kürze halber 
auf dieses zu beschränken) einzig urlateinischee f entstehen, 
wofbr der thatsächliche bestand des oskischen und des 



lateinisches und romanisches. 419 

umbrischen noch immer zeugt, später aber dies italische 
f^ je nach der Stellung im worte, nach anderweitigen la- 
teinischen nnd auiseritaUschen analogien («um, eram a. s. w.), 
entweder als lat. f fortleben oder aber sich zu lat. fr ge- 
stalten, wodurch man die folgende figur erhftlt: 

bh 

I 

f- -b- 
so ist dies augenscheinlich keine sich direkt fortentwik- 
kelnde doppelte Vertretung eines gegebenen ursprüng- 
lichen lautes. So kommt beispielsweise im gotischen: abu 
neben af (a^o), im angels. sveger neben got. svaihro 
(socrus) u. s. w. vor; dies bedeutet aber nicht, dafs man 
f&r die gotische lautstufe: 

urspr. p urspr. k 

anzusetzen habe, Bondern, wie jedermann zugibt: 

urspr. k 




h 

f b hg 

Gesetzt femer, aus altem ko entstehe sowohl lat. p als lat. v 
so würde anerkanntermafsen in solchen sporadischen fül- 
len entweder eine einfache aphärese (*kvarmi-, vermi») 
oder eine besondere wechselwirkuDg zweier benachbarten 
laute (torqv-, trep-; osk. pod = quod) vorliegen; dies 
hfttte aber wahrlich mit einer regelmäfsigen, je nach der 
Stellung im worte in gerader linie sich entwickelnden dop- 
pelten Vertretung eines gegebenen ursprünglichen lautes 
nichts gemein. Auch wird sich jeder unbefangene dar- 
über wundem, wenn man der von mir gerügten incohärenz 
die verschiedenen schattierangen der lat. refleze des urspr. a 
entgegenstellt. 

Zweitens habe ich gegen die gangbare ansieht über 
die lateinische Vertretung der ursprünglichen mediae aspi- 
ratae eingewendet, dafs durch die früher berührte incoh&- 

27* 



420 Aacoli 

renz ein bedeutender spalt zwischen lateinischer zunge 
einer- und griechisch-oskiscb-umbrischer zunge andererseits 
entsteht^ der in jene Sprachperioden hinaufreichen 
mflfste, in denen wir gewöhnlich eine vollkom- 
menere Obereinstimmung der bezüglichen laut- 
systeme suchen und finden, a. o. 246 f. 

Auch dieser einwand ist nach Corssen hinfällig, in- 
dem er sich darQber folgendermafsen ausspricht (a. o. 803): 
„Zweitens soll durch die obige lehre ein spalt entstehen 
zwischen der lautgestaltuog im lateinischen und im um- 
brisch-oskischen. Das ist gar nicht befremdlich; ein sol- 
cher spalt zeigt sich mehrfach zwischen diesen sprachen^ 
z. b« darin, dafs das relativpronomen im lateinischen mit 
c, qu anlautet: quis, quod, im umbrisch-oskischen mit 
p: pis, pod. Ein spalt soll auch durch jene lehre in der 
lautentwicklung zwischen der lateinischen und der griechi- 
schen spräche angenommen werden. Ein solcher findet 
•ich aber thatsächlich vielfach zwischen diesen beiden spra* 
chen, z. b. auch darin, dafs viele griechische Wörter die 
tenuisaspiraten (ft Xt "^ enthielten, aber kein einziges in 
der spräche wirklich bestehendes, einheimisches altlateini- 
sches wort eine spur von einem dieser laute zeigt, dals im 
griechischen 9 zwischen vokalen in zahlreichen f&llen 
schwindet, wo es im lateinischen zu r wird, t> im griechi* 
sehen ausf&Ut, wo es im lateinischen erhalten bleibt, aue- 
lautendes ifi im griechischen zu n wird, wo es im lateini- 
schen sich h&It, und so in zahlreichen anderen f&llen. Und 
ebenso liegt zwischen der umbrisch-oskischen sprachsippe 
und der griechischen spräche ein so tiefer spalt, dafs es 
verfehlt ist, von einer griechisch-umbrisch-oskischen 
zunge zu reden ^. 

Die unter sich verschiedenen lautgestalten, wodurch 
auch sonst das lateinische vom oskisch- umbrischen oder 
das griechische vom lateinischen u. s. w. auseinandergehen 
(befremdlich genug zählt indefs Corssen als sonstiges 
beispiel eben die tenuisaspiraten), hat gewifs kein Sprach- 
forscher weder übersehen noch geläugnet, indem niemand 
daran denkt, lateinisch, griechisch, oskisch u. s, w. als eine 



lateiniflches und romaniflohea. 421 

und dieselbe spräche auszugeben. Dafs aber hierdurch ir- 
gend etwas gegen meinen einwand gewonnen werde, mufs 
ich aufs entschiedenste in abrede stellen. Denn wenn z. b. 
der Lateiner nutus sagt, und der Grieche vvog^ so gibt 
jedermann zu, dafs durch die beiderseitigen allgemein an- 
erkannten Vorstufen: *nu8us, *vvkog *vvaogj die lauteinheit 
noch diesseits irgend einer indogermanischen unitfttspe- 
riode wiederhergestellt wird. Ebenso wird auch Corssen 
Dicht umhin können, lat. quod und oskisch pod diesseits 
der indogermanischen einheit auf kfood oder kooi als auf 
ihre gemeinsame quelle zurfickzufübren , denn sonst w&re 
ja selbst seine italische muttersprache (vgl. z. b. krit. 
nachtr. 197,209) nicht mehr da. "Wenn wir hingegen, bei 
der lateinischen Vertretung der ursprünglichen aspiraten, 
uach der gangbaren ansieht folgende figur annehmen; 



so steigt lat. b unmittelbar zu bh hinauf, d. h. es steigt die 
besondere lateinische lautgestalt (als halbiertes bh) bis zur 
ursprünglichen hinauf, ohne derjenigen iautstufe zu begeg- 
nen, die das oskisch-umbrische nebst dem griechischen ein- 
nimmt. Da aber insbesondere der oskisch-umbrische con- 
sonantismus sonst mit dem lateinischen in der regel durch- 
weg übereinkommt, so ist die kraft dieses von mir vorge* 
brachten und keineswegs erschütterten einwandes sehr 
hoch anzuschlagen. 

Drittens habe ich gegen die gangbare ansieht über 
die lateinische Vertretung der indogermanischen aspiraten 
eingewendet, dafs die annähme: lateinische media ss alter 
aspirata nach abzug der aspiration, bei lat. b = ursprüngl. 
dh (über üdhar u. s. w.), wozu noch gewifs lat. 6 »s altem 
th kommt, so viel als reine Unmöglichkeit ist, da es ein 
wirklieh verzweifeltes mittel wäre, wenn wir noch dafbr, 
wie es Curtius fQr lat. f und b = urspr. dh gewagt hat, 
zu einem umsprunge von dh und <A, oder genauer von i% 
zu &A, unsere Zuflucht nehmen wollten, a. o. 247. 

Auch dieser einwand ist nach Corssen nicht stich- 



422 Aseoli 

haltig, indem er eDtgegnet: „Wenn de in 6, g in b^ c 
in p amscblng, wie thatsächlioh feststeht, so sieht man 
nicht ein, weshalb denn die folgerang, bh könne in ähnli- 
cher weise ans dh*) umgelautet sein (s. olf. s. 160), so ver- 
zweifelt sein soU.^ ausspr. u. s. w. 1% 803. 

Mein kritiker beruft sich dabei auf eine von ihm a. o. 
160 aufgestellte vermuthung, wonach f aus dh und gh durch 
dhv und ghv entstanden wäre, so wie 6 aus dD und gv 
oder p aus ko. Hier mufs nun vor allem bemerkt werden, 
dafs es etwas ganz verschiedenes ist, ob man z. b. bei ru- 
ber (radhir&) das lat. 6 als die direkte fortsetzung des 
ersten dementes eines aus dh umgelauteten bh auffalst, wie 
man nach der von mir beanstandeten und von Corssen 
a. o. 802 f. vertheidigten ansieht zu thun hat, oder aber 
nach Corssen a. o. 160 dh durch dhe zu f umlauten lälst. 
Dais übrigens, meiner meinung nach, f aus dhv keine laut- 
parallele zu b aus de und dergl. ausmachen würde, will 
ich hier der kürze halber nicht weiter verfolgen; mufs aber 
ferner hervorheben: dais es sich bei b aus gv u. s. w. um 
sporadische f&Ue handelt, wof&r sich im lateinischen selbst 
die ursprünglichere lautgestalt mehrmals vorfindet (duo 
bis), während sich hingegen anl. tat. f an der stelle von 
urspr. dh als ausnahmslose regel ergibt und ftlr lat. b ur- 
sprünglichem dh gegenüber eine ganze reihe dem inlaute 
zukommender falle sich aufstellen läfst, ohne dafts ein ein- 
ziges lateinisches beispiel für die dto-gestalt nachgewiesen 
werden könne; ferner aber, dafs bei italischem oder latei- 
nischem p aus uro, b aus ge^ das v auch sonst auf indo- 
germanischem gebiete zum Vorschein kommt (pod *kvod 
neben got. h va; be-n- *gve-n- neben got. qva-m- u.s.w.), 
während für das von Corssen ersonnene dhv nicht die ge- 
ringste stütze irgendwo zu finden ist. 

Also von meinen drei einwänden gegen lat. 6 als hal- 



*) Bei Corssen aus versehen: dh könne in ähnlicher weise aus 6Ä. — 
So steht bei ihm aus versehen, s. 802 letzte zeiie: / zu lat. k und ^ (statt: 
k SU lat. h und <7). 



lateinisches und romanifiches. 423 

biertes bh u. 8. w. ist kein einziger auf irgend eine weise 
durch Corssen's entgegensteliungen entkräftet worden. 

Lat. f wollte Corssen ausspr. I\ 68, krit. nachtr. 209 f. 
als eine labiale aspirata mit starkem hauche (also wahr- 
scheinlich nicht als eine blofse fricativa, als eine blofse 
Spirans) gelten lassen; und es sollte nach ihm entweder 
das vorwiegende A-element dieser aspirata, sowohl im an< 
laute als im inlaute, deren labialen bestandtheil verdrängen, 
oder aber das labiale element den sieg davon tragen. Da- 
gegen bemerkte ich (a. o. 248 f.): 1) dafs wir somit zwi- 
schen zwei entgegengesetzten lautgestalten schwanken, die 
sich etwa auf folgende weise veranschaulichen iiefsen: bhh 
bbh^ ohne übrigens zu solcherlei annahmen durch die über- 
lieferte beschreibung der ausspräche auf irgend eine weise 
berechtigt zu sein; — 2) dafs wenn wir sagen, von f bleibe 
entweder h oder b zurück, wir entweder eine lautchemische 
Operation ansetzen, die gewifs zu den erwiesenen dingen 
keineswegs gehört, oder aber die ausspräche von f jener 
von skr. bh gleichstellen; — 3) dafs die Schwierigkeit in be- 
treff der lateinischen labialen Vertretungen der alten den- 
talaspirateu dadurch nicht beseitigt wird. 

Corsseu^s erwiederung lautet jetzt zu 1): dafs ein sol- 
ches schwanken sich auch *darin zeige, dafs kv im lateini- 
schen sich einerseits zu p, andrerseits zu v gestaltet, aus- 
lautendes s bald abfällt, bald zu r wird, ursprüngliches a 
sich einerseits zu e, andrerseits zu o abschwächt, a. o. 803. 
Ich kann aber wahrlich zwischen den beiden unter sich 
streitenden aussprachen und der daraus folgenden zwiefa- 
chen halbierung einer und derselbeu aspirata einerseits, und 
den jetzt zu nennenden lautlichen erscheinungen : verschie- 
dene nüancierungen des grundvocals, Wechselwirkung oder 
apbäresis bei der lautgruppe Ar, ekthlipse eines urlatein. s 
Cspeses spes) und spätere regelmäfsige Umgestaltung des 
urlat. s zw r (*genesis generis) andrerseits, gar keine pas- 
sende analogie erblicken. So war im prakrit die reine 
einheit des ursprüngl. und skr. a gewifs nicht erhalten; 
dals aber daselbst aus skr. gh sowohl h als g entstehen 
könne, ist mir nicht bekannt. Und es bleibt noch immer 



424 Ascoli 

der absolute maogel irgend einer traditionellen stütze zu 
Corssen's annähme übrig, worauf wir später zurückkom- 
men. — Zu 2) aber entgegnet Corssen ebendaselbst: 
^Zweitens nähme (nach Ascoli) jene ansieht eine lantche- 
mische Operation an. Dieser nicht glücklich gewählte 
bildliche ansdrnck kann nur bedeuten: trennnng der 
beiden bestandtheile eines durch einen buchsta- 
ben bezeichneten lautes. Die trennbarkeit der aspi- 
rierten verschlufslaute haben schon die indischen gramina* 
tiker erkannt. Jede mediaaspirata besteht aus zwei in der 
ausspräche auf einander folgenden und deutlich wahrnehm- 
baren lautbestandtheilen , dem durch Sprengung des ver- 
schlusses in der mundhöhle entstehenden anlautenden, gnt- 
toralen, labialen oder dentalen, tönenden platzlaut oder ex- 
plosivlaut und dem nachstürzenden also auslautenden star- 
ken hauche. Dafs dieser hauch, der asper, sich abschwä- 
chen kann zu einem lenis, wird doch niemand bestreiten 
wollen; und aus dieser abschwächung der energie bei der 
ausspräche ist doch die entstehung der medien </, 6, d in 
fast allen indogermanischen sprachen aus den ursprünglichen 
mediaaspiraten ghj 6A, dh eben so erklärlich wie andere 
lautschwächungen^. Diese entgegnung gränzt ans unglaub- 
liche. Denn meine worte lauten: „dafs wenn wir sagen, von 
f bleibe entweder h oder b zurück, wir entweder eine laut- 
chemische Operation ansetzen, die gewifs zu den erwiesenen 
dingen keineswegs gehört, oder aber die ausspräche 
Ton f jener von skr. bk gleichstellen'^. Ich habe 
also nie in abrede gestellt, dals aus altem bh irgendwo ein 
einfaches b zurückbleiben könne, habe eben in der von 
Corssen gewürdigten arbeit (a. o. 258 ff.) über die trenn- 
barkeit der aspirierten ezplosivae gehandelt, und nur das 
bestreiten wollen, was ich noch immer getrost bestreiten 
kann, dafs aus einem lat. f, nach extrahierung eines h ein 
b zurückbleiben solle, et viceversa. Dies und blofs dies 
habe ich auf die deutlichste weise als eine unglückliche 
lautchemische Operation zurückgewiesen. Wenn jetzt Cors- 
sen (a. o. 135, 171, 803 f.) seine ansieht oder ausdrucksweise 
dabin modificiert, dafs lat. f ein reibelaut ist, der inlautend 



lateinisches und romanisches. 425 

durch die mittelstufe eines weichen dem gr. ß ähnlichen 
labialen lautes zu 6 wird (wodurch er onbewufst mit mir 
völlig Qbereinstimmt), ferner aber lat. f noch immer aus 
einem anlautenden labiodentalen tonlosen laut und dem 
nachdringenden starken hauche bestehen läfst, und meine 
in rede stehenden einwände noch immer hartnäckig bekämpft, 
so führt er wahrlich dadurch weder in der Sache selbst, 
noch in seiner Stellung als polemiker eine glückliche ände- 
ruDg herbei. Er besteht unter anderem hartnäckig darauf^ 
dafs man h aus f als den zweiten bestandtheil seines dop- 
pelreibelautes einzuräumen habe; und man weifs nur nicht, 
ob er h aus f auch im spanischen, im armenischen, im 
rumunischen u. s. w. auf eben diese weise erklärt wissen 
will. Wenn er endlich (zu 3) wegen f (6) aus ursprüng- 
lichem dh a. o. 804 bemerkt: „gerade weil f eben ein la- 
biodentaler oder dentallabialer laut war, wenn auch mit 
vorwiegend labialem lantbestandtheil , lag er ja in der mitte 
zwischen dentalen und labialen lauten, ist also ganz vor- 
züglich geeignet als mittelstufe den Übergang von dh durch 
f zu b zu* erklären", und dabei auch seine eigene hypo- 
tbese von f (b) aus dh oder von f aus gh durch dhv gho 
(s. oben) gänzlich vergifst, so erachte ich dagegen jeden 
einwand als überflüssig. 

Nachdem mein gegner auf diese weise „Ascoli^s sämmt- 
liühe einwände als hinfällig und unerheblich erwiesen hat", 
die jedoch sämmtlich in ihrer vollsten kraft noch fortbe- 
stehen, greift er die von mir vorgeschlagene theorie über 
die lateinische Vertretung der indogermanischen mediae aspi- 
ratae an, die ich durch folgende tabelle veranschaulicht 
habe: 

indogerm. aspir. gh 

urit. und urgr. asp. x 

urlat. Spirant. h 

lat. Vertretung h- g- -g- • 

Diese aufstellung mit ihrer vierfachen Stufenfolge er- 
klärt nun Gorssen (a. o. 804) als eine künstliche vom 
boden der sprachlichen thatsachen auf dem gebiete 



dh 


bh 


f 
f- -b- 


f 
f- -b- 



426 Ascoli 

der alten italischen sprachen ganz loBgerissene theo- 
retische hypothese. 

Was aber zuerst das vierfache in meiner stafenfolge 
anbelangt, so sind die erste und vierte stufe (z. b. indog. 
nnd skr. AA, lat. f^ b) weiter nichts als wirklich in 
spräche und schrift vorhandene thatsachen; und 
die beiden dazwischen liegenden stufen, also z. b. bei der 
iabialaspirata die lautstufen tp (als gr. und urit. tenuis asp.) 
und f (als iirlat. spirans) besagen eigentlich blofs dies: dais 
z. b. der stunjme italische reibelaut f (ein solcher ist lat. f 
fQr Corssen selbst, s. dessen lauttabelle a. o. 32) aus der 
ursprünglichen media aspirata bh durch die mittelstufe der 
tenuis aspirata pA, die im altgriechischen (und zigeuneri- 
schen) fortlebt, entstanden ist; was schwerlich von anderen 
Sprachforschern wird bestritten werden. Uebrigens ist, von 
urlat. p abgesehen, selbst die dritte stufe (A f als oskisch- 
umbr. und urlat. Spiranten) durchaus historisch, und somit 
stellt sich einer^its meine künstliche vierfältigkeit 
als etwas in der that überaus einfaches und natür- 
liches heraus, andrerseits wird aber der Corsstfn'sche Vor- 
wurf, meine hypothese sei vom boden der sprachlichen 
thatsachen auf dem gebiete der altitalischen sprachen los- 
gerissen, schon weit über die hälfte widerlegt. Sehen wir 
nun die positiven einwände an, die Corssen vom altitalischen 
Standpunkte gegen meine theorie vorzubringen vermag. 

Folgende thatsachen wären also nach ihm gegen die- 
selbe geltend zu machen: „Es gibt kein achtes, altla- 
teinisches wort, das den laut einer der tenuisaspiraten 
Xi tV- oder cp enthielte. Die älteren Kömer konnten daher 
diese laute in den aus dem griechischen entlehuten Wörtern 
nur durch c, (, p in der ausspräche wiedergeben; erst seit 
Cicero^s Zeitalter umschrieben sie diese laute durch die 
schriftzeichen cA, f A, pA. Die griechischen buchstaben 
für jene laute X, ft^, sind, als die Römer das griechische 
aiphabet der unteritalischen Griechen aufnahmen, und auch 
später nicht in dieser geltung in das lateinische ai- 
phabet mit aufgenommen worden, weil die altlateini- 
sche spräche die tenuisaspiraten gar nicht kannte. Es gibt fer- 



lateiBisches und romanischcB. 427 

Der kein ombrischcs, oskisches, sabelliscbes, toIs- 
kiscbes oder faliskisohes wort, so weit unsere bis- 
herige kenntnifs dieser dialekte reicht, in welchem ein den 
griechischen tenuisaspiraten ;^, \^ oder (p gleicher con- 
sonantischer laut bezeichnet oder erweislich wäre. Die 
alphabete dieser italischen volksstämme, die ebenfalls ans 
dem griechischen stammen, haben daher auch die griechi- 
schen schriftzeichen X, &, 4> niemals bei sich eingo« 
bürgert; sie weisen dieselben nirgends auf in wortformen 
an gleicher stelle mit verwandten griechischen Wörtern. 
Daraus folgt der schlufs, dafs die italischen sprachen 
seit der zeit, wo sie das griechische aiphabet aufnahmen, 
die tenuisaspiraten nicht kannten. Die folgerung: 
laute, die in keiner der italischen sprachen als 
\Tirklich vorhanden zur erscheinuug kommen, sind trotz- 
dem uritalisch gewesen, kann kein unbefangener 
für folgerichtig ansehen*, a. o. 804f. 

Die Sachlage ist aber nun diese: wir haben die altita* 
liechen fricativae (bestimmter Spiranten) h und f vor uns; 
es gilt die art und weise zu bestimmen, wie diese stummen 
fricativae aus den ursprfknglich tönenden aspirierten explo- 
sivae entstanden sind; die Qbergangsstufen müssen natOr- 
lieber weise vorhistorisch sein, denn sonst wäre kein pro- 
blem mehr da*). Die italischen sprachen haben aber die 
griechische schrift zu einer zeit angenommen, wo ihr laut- 
bestand im allgemeinen, und speciell in betreff der Vertre- 
tung der ursprünglichen aspiraten, anerkanntermafsen der-, 
jenige war, dessen entstehung man eben erforschen will. 
H und f waren also anerkanntermafsen reibelaute (Spi- 
ranten) als man zur darstellung der altitaliscben laute das 
griechische aiphabet annahm; folglich konnte man weder 
fQr h und f die griech. doppellautigen aspiraten (x d. i. kb, 
cp d. i. ph) gebrauchen, noch später x und cp durch h 

*) Solche vorhistorische mittelstafen kann natürlich Corssen selbst nicht 
entbehren. Vorhistorisch wären beispielsweise dessen oben gewürdigte lant- 
ansetzungen dhv und ghv. Weiter hoifst es a. o. 140: „Dafs zwischen dem 
ursprttngl. labialen verschlufslant bh und zwischen dem italischen labioden- 
talen reibolaut / einmal die mittelstufo eines labialen aspirierten 
reibe! au t CS gelegen hat, davon wird weiter unten (wo?) noch die rede 
sein <*. 



428 Ascoli 

und f umschreiben. Hiermit wird aber nicht im minde- 
sten die theorie erschüttert, nach welcher z. b. f aus bh 
durch ph entsteht, folglich die zolässigkeit einer urita- 
lischen tenuis aspirata nicht im mindesten geffthrdet. Dem 
fehlschlusse, den Corssen gegen mich construiert, mufs ich 
daher den folgenden entgegenstellen: ,,Um beispielsweise 
den übergangslaut zwischen urspr. hh und altit. f aufzu- 
decken, mufs man, dem Corssen'schen kriterium zu folge, 
nach dem fremden buchstaben fragen, wodurch die Italer 
ihr /*, nachdem es f ward, schriftlich bezeichnet haben^. 

Auf der von mir aufgestellten theorie, die Corssen als 
künstlich, haltlos und willkürlich kennzeichnet, mufs 
ich jetzt folglich, bei der nichtigkeit der dagegen vorge- 
brachten einwände, umsomehr bestehen. Sie empfiehlt sich, 
wie mich dünkt, durch ihre strenge consequenz, durch ihre 
allseitigen geschichtlichen stützen und durch die einleuch- 
tende einfachheit der dadurch erzielten physio-etymol. er- 
kl&rungen. Denn wenn wir so überaus deutlich (selbst nach 
Corssen: -6- aus f) von der lat. media -6- durch die frica- 
tiva f zu urspr. bh hinaufsteigen (tibi, tefe, tubhjam), 
weiter zwischen urital. f und urspr. bh die griech. tenuis aspi- 
rata uns begegnet (amf-r, aucfi^ abhi), und man folglich 

-b-, f, <3r, bh 
erhält, so ergibt sich als nothwendige parallele dazu (z. b. 
bei mingo, *meiho [mejo], 6-/a;^-^(ö, migh): 

und weiter, z. b. bei arduo-, *arpuo, 6q&6(;^ wz. ardh 
vardh: 

-d-, p (d. i. fricatives &\ & (d, i. th), dh; 
endlich wird durch die stufe des fricativen & (p), das sich 
bald zu einem (i-laut, bald zu einem /-laut auch in anderen 
sprachen gestaltet, der lateinischen doppelvertretung von 
urspr. dh (über, üdhar; beide Vertretungen neben einan- 
der: arf- [arb-] neben ard-, wz. urspr. ardh): 

b ' f I ^ ^^' *• ^"^*** ^^' * ^^' ^' **^^' ^^ 
jede Schwierigkeit entnommen, und z. b. urlat. mepio- 
(medius) mit osk. mefio- ohne allen zwang vereinbart. 



lateinisches nod romaniscbes. 429 

Das heifst weder, nach Corssen^s beliebtem ausdrucke, 
synkretisieren, noch die heiligkeit des lateinischen indi- 
viduums antasten; noch weniger heifst dies eine einheitliche 
gräkoitalische grundsprache voraussetzen, indem man als 
bewiesen annimmt, was vielleicht durch fernere sorgsame 
Untersuchungen einmal erwiesen werden wird (a. o. 805), 
oder ein sprachliches dogma auf dem irrglauben eines grä- 
koitalischen th weiterbauen (a. o. 167); sondern es heifst 
einfach, die mit zwingender consequenz gewonnenen resul- 
tate unbefangener und gewissenhafter forschung an den tag 
legen. Kein lautphantom, wie sich bei einer weiteren 
bald zu berührenden frage mein gegner ausdrückt, ist da- 
bei erdichtet worden; wohl aber sind Corssen's *dhf) *ghv 
zwischen urspr. dh gh und ital. f (s. oben) reine lautphan- 
tome; ein sehr furchtbares und schadenbringendes lautphan- 
tom ist ferner Corssen^s /*, das kein /*, kein pA, auch kein 
bh sein soll, und mit seiner mysteriösen ausspräche so vie- 
les zu erklären und so vieles umzustofsen sich anmafst. 
Auf dieses einbildungsprodukt zu verzichten, wäre es, wie 
mich dünkt, hohe zeit, da weder die bereits erörteten laut- 
geschichtlichen facta, noch die traditionellen und epigra- 
pbischen andeutungen, die Corssen geltend macht und die 
wir jetzt berühren wollen, f&r sein lautliches monstrum ein 
einziges wort sprechen. 

Die traditionelle hauptstütze f&r sein doppellautiges f 
(stummer labiodentalreibelaut mit nachstürzendem starken 
hauche) glaubt Corssen in Quintilian's bekannter stelle ge- 
funden zu haben: nam et illa, quae est sexta nostrarum, 
paene non humana voce, vel omnino non voce potius, in- 
ter discrimina dentium efflanda est: quae, etiam 
quum vocalem proxime accipit, quassa quodammodo, 
utique quoties aliquam consonantem frangit, ut in hoc 
ipso frangü^ multo fit horridior. Aus Quintilian's Wor- 
ten soll nach Corssen a. o. 137 zweierlei erhellen: „einmal, 
dafs bei der bildung der enge in der mundhöhle zur aus- 
spräche des lateinischen /" die zahne betheiligt waren, und 
'das können nach dem oben gesagten nur die oberzähne 
gewesen sein, zweitens, dafs bei der ausspräche desselben 



430 AieoU 

sich eiD starker rauher hauch durch die gebildete enge 
hindurohdrängte, besonders rauh, wenn dem anlautenden f 
ein consonant folgte wie in frangit^. Der starke hauch, 
der dem labiodentalen bestandtheile nachstürzen soll, wSre 
also aus Quintilian^s efflanda est zu folgern, denn aus 
quassa und horridior wird doch Corssen wohl die hor- 
ribilit&t des hauches, nicht aber den hauch selbst angedeu- 
tet wissen wollen. Wirklich heifst es auch bei ihm a. o. 
138: ^Quintilian's aussage, dafs es ein starker hauch war, 
mit dem f gesprochen wurde, wird bestätigt durch die 
äufserung des Terentius Scaurus über f und h: ^jUtraque ut 
flatus est^. Efflare könnte nun buchstäblich sowohl her- 
ausblasen als heraushauchen bedeuten; dafs aber der 
hauch im grammatikalischen sinne (die aspiratio) durch 
flare, efflare ausgedrückt werde, finde ich nirgends; es 
erhellt im gegentheil, eben aus des Scaurus werten (utraque 
ut flatus est), dafs unter flatus unmöglich die aspiratio 
verstanden werden konnte, sonst würden sie ja heifsen, 
dafs h und f eins und dasselbe ist; vielmehr ergibt es sich 
entschieden aus denselben, dals ihm flatus als eine gene- 
rellere benennuDg gilt, worunter sowohl ein blase- oder 
wehuDgslaut wie unser modernes /*, als ein leiser hauchlaut 
mitbegriflen werden kann, eben wie unter spirans bei 
modernen Sprachforschern. Keinem unbefangenen wird es 
daher in den sinn kommen, dafs inter discrimina den- 
tium efflanda est bedeute: zwischen den Schei- 
dungen der zahne, und zugleich behaucht, sondern 
es wird jedermann ein&tch darunter verstehen: durch die 
Scheidungen der zahne herauszublasen, heraus- 
zustofsen. Was aber weiter die horribilit&t der aus- 
spräche betrifit, so mufs man den context der in rede ste- 
henden quintilianischen stelle wohl beachten. Sie befindet 
sich nämlich unter eigentlich grammatikalischen betrach- 
tungen nicht; sondern es ist dort von der den Lateinern 
unerreichbaren gratia sermonis attici die rede (XII, 10, 35), 
und es heifst unmittelbar davor (XII, 10, 27. 28): Latina 
mihi facundia, ut inventione, dispositione, consilio, ceteris* 
hujus generis artibus similis graecae, ac prorsus discipula 



lateinisches und romanisches. 431 

ejQS videtur; ita circa rationem eloquendi vix habere imi- 
tationis locum. Namque est ipsis statim sonis durior: 
quando et jucundissimas ex graecis literis non babemus, 
vocalem alteram, alteram condonantem, quibus nullae apnd 
eos dalcius spirant: quas mutuari solemas, quoties illorum 
nominibuB atimur. Quod cum contingit, nescio quomodo 
bilarior protinus renidet oratio, ut in Epbyris et Ze- 
phyris. Qoae si nostris literis scribantnr, surdum quid- 
dam et barbamm efficient, et velat in locum earum succe- 
dent tristes et horridae, quibus Graecia caret. Mithin 
schrieb der römische rhetor, fQr dessen ohr das griech. ^ 
als jucundissima litera klang, dem vaterländisohen {c oder) 
u, griech. i; gegenüber, eine ausspräche zu, die tristis und 
horrida war, so wie die des vaterländischen f griech. (p ge- 
genüber. Man vergl. weiter unten des Mar. Victorinus er» 
schreckende beschreibung des so leise lautenden römischen h. 
Weder in Quintilian's noch in des Scaurus aussage 
ist also fQr das doppellautige Corssen'sche f irgend eine 
stütze vorhanden ; die bestimmungen der späteren gramma- 
tiker stehen aber eqtschieden dagegen. Nach Marius 
Victorinus ist lat. f weiter nichts als ein leiser blaselaut 
(F literam imum labium supremis imprimentes- dentibus 
reflexa ad palati fastigiam lingua leni spiramine pro-* 
feremus, wobei spiramen wohl wie in ventorum spi- 
ramina [soffio] zu fassen ist; und stünde es auch in der 
bedeutnng eines grammatikalischen Spiritus, d. h. sollte 
auch, was mir unmöglich scheint, durch leni spiramine 
blofs ein besonderer zug und nicht die gesammte ausspräche 
des f angedeutet sein, so wäre jedenfalls spiramen lene 
kein Spiritus asper sondern ein spiritus lenis, d. h. 
so viel als null, was leicht zugegeben werden kann)*); und 
aus Priscian's werten (hoc tantum scire debemus, quod non 
fixis labris est pronuntianda f quomodo ph [^], atque hoc 
solum interest) ist keine doppellautige, sondern bestimmt, 
eine einlautige ausspräche für lat. f zu entnehmen, da ge- 

*) Macrobins (ed. Keil V, 606): ...fallo, fefelli. F enim apnd Latinos 
Saau non est, qnia non habent consonantes Saaeiaq^ et F digammon est 
AioXimv, quod Uli solent magis contra vim aspirationis adhibere: taotam 
abest Qt pro «^ habendum sit. 



432 Ascoli 

wifs zu Priscian^s zeit gr. ^, das schon zu Quintilians zeit 
anter die „süfsesten^ laute gerechnet werden konnte, längst 
keine wirkliche aspirate mehr war, sondern eine einfache 
Spirans (vergl. Cnrtius grundz. 2. ausg. s. 370). Uebrigens 
weifs ich nicht, ob in Corssen's auseinandersetzung, die 
a. a. o. dahin zielt, die labialit&t des f zu beweisen, die Zeug- 
nisse der beiden letzteren grammatiker zur eigentl. feststel- 
lung eines doppellautigen f mit angewendet sein sollen. 

Es bleiben noch die epigraphischen Zeugnisse Qbrig. 
Dafs der labiale bestandtheil des f im altlateinischen noch 
entschieden kräftig war, soll sich daraus ergeben, „daüs 
er in den formen [tic^ com-fluont das labiale m der 
Präposition com- erhalten, in den Schreibungen im fronte 
und imfelix das n von in, in- zum labialen m sich assi- 
miliert haf. a. o. 138. Dagegen, dafs im altlateinischen 
eine kräftigere labialaussprache des f als z. b. die des heu- 
tigen italienischen f anzunehmen sei, hätte ich principiell 
nichts einzuwenden. Den ganz vereinzelten Schreibungen: 
com-fluont, im fronte und imfelix (bei comfluont und 
im-fronte ist übrigens die doppelconsonanz /I fr in erwä- 
gung zu ziehen) kann ich indefs eine lautgeschichtliche 
Wichtigkeit eben aus dem umstände nicht beimes- 
sen, den weiter Cors^en daf&r geltend machen will. Es 
heifst nämlich bei ihm (a. o. ebend.): „So hat auch der 
labiodentale reibelaut t?, der sich vom f nur dadurch 
unterscheidet, dafs bei jenem die stimme mitt&nt, bei 
diesem nicht, jener tönend, dieser tonlos ist, das m der 
Präposition com- erhalten in den altlateinischen formen 
com-vovisse, com-valem^. Sowohl bei com-valem 
als bei im- fei ix werden wir vielmehr ganz entschieden 
vor schwachem labial- oder labiodentallaut ausnahmsweise 
statt f» geschriebenes m erblicken. Wie dem auch Übri- 
gens sein mag (denn die geringere oder gröfsere labial- 
krafl des f oder des f) ist bei gegenwärtiger frage von 
keinem gewichte), so muis jetzt auf ein neues monstrum 
hingewiesen werden, das uns hier durch die angäbe ange- 
kündigt wird, t> unterscheide sich von dem doppellautigen 
f nur dadurch, dafs jenes tönt und dieses tonlos ist (vgl. 
a. o. 173). Also auch t?, woftkr sich das lateinische von 



latemischefl und romanisches. 433 

anfaog ao mit einer yokalischen buehstabenvertre- 
tung begnügt hat, ein doppellautiger stark gehauchter 
reibelaut, wie wir noch ausdrücklicher sogleich erfahren 
werden, d. i. etwas bis zu Corssen's krit. nachtragen (200) 
ganz unerhörtes und allen etymologischen betrachtungen 
trotz bietendes, wovor Corssen selbst zurückzuschrecken 
scheint, indemiyjte»-ir-nicht nur kein wort mehr darüber 
verlautet, solWern auch durchaus richtige sätze aufgestellt 
werden, die natürlicher weise der annähme eines doppel- 
lautigen stark gehauchten v aufs grellste widersprechen 
(„das lat. f> lautet im allgemeinen wie das deutsche ir, das 
griechische ^'^ u. s. w. ausspr. 323). Man höre aber endlich, 
wie es nach Corssen geschehen soll, dafs in der regel m-^ 
oder m-t? im lateinischen nicht vorkömmt: „'W'enn dagegen 
in Zusammensetzungen wie con-fero, an-fractus n. a. 
m vor f zu n geworden ist und in in-fero, in-fectus 
das n vor f sich nicht zu m assimiliert hat, so konmit das 
nicht daher, weil f an d (?) angeklungen hätte. Es war 
hier vielmehr derselbe lautliche grund wirksam, der in 
con-venire, con-vehi, con-vocare u. a. das m iFon 
com- vor v zu n schwächte und schon in altlateinischen 
formen co-ventionid und co-venumis ganz schwinden 
liefs. Der hauch, mit dem der tönende labiodentale reibe- 
läut V gesprochen wurde, hat hier die Schwächung des m 
zu n und das schwinden desselben bewirkt; 'der hauch, mit 
dem der tonlose labiodentale reibelaut f gesprochen wUjrde, 
hat trotz des entschieden labialen lautbestandes 
des /" vorhergehendes n in in-fero^ in-fectus u.a. nicht 
in den labialen nasal m übergehen, ihn in der form iferos 
ganz schwinden lassen*^, a. o. 138. Wir haben also, nach 
Corssen, z. b. in con-voco oder con-fero folgende com- 
bination vor uns: 

m + fester labialbestandtheil + h, 
und k soll durch transsultorische Wirkung das m auf 
eine weise modificieren, wogegen sich der da- 
zwischen liegende lautbestandtheil entschieden 
sträubt. Damit wird von Corssen's doppellautigen reibe- 
lauten der höchste gipfel des unglaublichen erreicht. 

Zeitechr. f. Tgl. sprachf. XYm, 6. 28 



434 Ascoli 

Lat. f bat gewifs vom italieniscben und deutschen f 
kaum verschieden gelautet, und dadurch erklärt es sich, 
warum das lateinische zu dessen schriftlicher darstellung 
das gr. digamma dem gr. (p (ph) vorgezogen hat. Eine 
genaue lautcorrespondenz bot freilich weder das eine noch 
das andere schriftzeichen dar; wäre aber das lat f ein 
stummer stark gehauchter labiodentaler reibelaut gewesen, 
wie es Corssen will, so hätte doch das lateinische eher zu 
(p (ph) als zum digamma (leises e) seine Zuflucht genommen. 
Es griff das lateinische ftkr sein ziemlich leises f zum di- 
gamma und nicht zum gr. 9), so wie es für sein leises h 
nicht zum gr. x» sondern zu dem Spiritus asper (H) griff *). 

Es darf zuletzt bei diesem abschnitte die bemerkong 
nicht unterlassen werden, dafs Corssen, der so wiederholt 
und hartnäckig sämmtliche tenues aspiratae den italischen 
sprachen überhaupt abspricht, mit sich selbst in einige 
Verlegenheit geräth. Denn es heifst bei ihm a. o. 96 ff.: 
„Die italischen alphabete haben den laut der gutturalen 
oder palatalen aspirata ch und den blofsen hauch- 
lau t h nicht durch besondere schriftzeichen geschieden 

Diese thatsache weist darauf hin, dafs der laut 

ch in der lateinischen spräche und den ihr zunächst ver- 
wandten dialekten eine geringe rolle spielt, dafs er schon 
in der zeit, als die Italiker ihre alphabete von den Griechen 



*} Welche gefahren man ttbrigens l&uft, wenn man nicht bei einzelnen 
angaben der lat. grammatiker die gesundeste kritik su rathe zieht, kann man 
beispielsweise ans der jetzt anzuführenden steUe des Mar. Victorinos, wovon 
bei Corssen unter h nichts verlautet, leicht ersehen. Latein, h ist natürlich 
auch nach Corssen, schon in der augusteischen zeit und frilher, überaus 
flttditig und unstät (a. 0. 103, 107, vergl. 108, 109, 112 f.); also je jünger 
Marius Yictorinus ist, desto leiser sollte von ihm die ausspräche des h an- 
gegeben werden. Nun schreibt er sie hingegen folgendermafsen vor: H. 
qnoque inter litteras otiosam Grammatici tradidenint, eamque aspirationis 
notam conjunctis vocalibus praefici, ipsi autem consonantes tantum quataor 
praeponi, quotiens Graecis nominibus Latina forma est, persuaserunt, id est, 
c. t. r. p. ut Chori, Thymos, Phyllis, Rhombus, quae proAindo spiritu, an- 
helis fkncibna, ezploso ore fundetur (Mar. Vict. grammatici et rhetoris d» 
orthographia etc. [Genevae]. Apud Petrum Sanctandreanum CIO. 10. LXXXLIV, 
p. 11 — 18). Aus diesen Worten könnte man eine so voluminöse aspirata ber- 
auspressen, die selbst ein Hottentote nicht auszusprechen im stände wtoe. — 
Beiläufig mag hier bemerkt werden, dafs es nicht richtig ist, mit Corssen 
a. o. 96 dem phdnikischen alphabete, die Unterscheidung zwischen h und eh 
abzusprechen. 



lateiniscbes und romanisches. 435 

überkameD, im verschwinden begriffen war und sich 
vielfach zu dem hauchlaute h verflQchtigt hatte 

Da auch die Latiner das schriftzeichen des do- 

Tischen alphabets von Cumae M^ zur bezeichnung der gut- 
turalen oder palatalen aspirata nicht in ihr aiphabet 
aufnahmen, so folgt schon aus dieser thatsache, dafs dieser 
laut schon frühzeitig im altlateinischen im ver- 
schwinden begriffen war, und dafs das schrifltzeichen H 
vorwiegend den blofsen hauchlaut bezeichnete^. 
Nun weifs man jetzt zwar, dafs der ausdruck aspirata 
bei Corssen nicht wie bei allen anderen Sprachforschern 
die aspirierte explosiva noth wendig zu bedeuten hat, und 
wirklich erscheint altlatein. ch in der lauttabelle auf s. 32 
unter den stummen fricativlauten. Wir haben jedoch mit 
einem italischen und altlateinischen laute hier zu thun, 
wofiir Corssen im griech. x ^^^ passendes äquivalent er» 
blickt und der jedenfalls zwischen kh und h die mittelstufe 
einnimmt. Ist aber mit einem solchen cA, das man doch 
etymologisch neben urspr. gh und gr. x wird stellen müssen 
(vagh,^6;^*, vech-, veh-)> die stufe der tenuis aspirata 
und überhaupt die tenuis aspirata für das uritalische nicht 
zugegeben? Sollte es auf diesem wege nicht leicht sein, 
den beweis zu fahren, dafs mein gegner mit meinem ganzen 
Systeme unbewufst einverstanden ist? 

Uebrigens stehe ich schon jetzt, von Corssen^s un» 
willkürlichen concessionen abgesehen, wegen der von mir 
vertretenen lautentwickelungen auch in bezug der lat. fort- 
setzung der indogerm. mediae aspiratae nicht so verlassen 
da, wie er es (a. o. 802) meint ; denn es hat Ebel vor mir, 
wie ich an den betreffenden orten angedeutet habe (ebend. 
252, 278), h als Vorgänger des inlautenden einem ursprüng- 
lichen gh entsprechenden lat. g aufgestellt, indem er z. b. 
lat. g in ango mit dem got. g in juggs neben juhiea 
zeitscbr. VI, 205 physiologisch vergleicht, und es hat weiter 
derselbe gelehrte (was freilich an und fQr sich minder entr 
scheidend wäre) urlat. ah-jo mih-jo zeitschr. XIII, 280 
angesetzt, wie dies auch Fick gleichzeitig ipit mir in seinem 
wörterb. der indog. grundspr. durcbgef&hrt hat — Nim 

28* 



436 Asooli 

mflssen wir aber einen heiklicheren boden betreten, indem 
wir zu dem kapitel der italischen, resp. lateinischen fort- 
aetzang gräkoitalischer (d. h. einstweilen zugleich altgrie- 
chischer und uritalischer) oder selbst indogermanischer von 
hause aus stummer aspiraten fibergehen. 

Wenn also, wie einstimmig anerkannt wird, italische 
fortsetzer der alten mediae aBpiratae vorhanden sind, in 
denen das hauchelement jener laute fortlebt, und wenn sich 
folglich das italische auch hierdurch an das griechische 
näher anschliefst, vom keltischen, germanischen und litu- 
slavischen aber charakteristisch unterscheidet, so ist nicht 
zu ersehen, warum man principiell der italischen zunge 
die analogen correspondenzen alter von hause aus stummer 
aspiraten (tennes aspiratae) absprechen soll. Vielmehr ist 
a priori die sparsame anwesenheit alter von hause aus 
stummer aspiratae, so wie im indischen und griechischen, 
auch fbr das italische einzuräumen, und deren Vertretung 
oder fortsetzung mit jener der alten mediae aspiratae, so 
wie im griechischen, zusammenfallen zu lassen. Also wie 
im griechischen sowohl aus altem bh als aus altem ph oder 
aspiriertem p anerkanntermafsen einzig (p wird, folglich 
g>iQia (bhar), xBtpaltj (kapäla), a(pdH(a = fallo (sphal), 
wodurch man neben 

bh, gr. <jp, altit. f 
auch die reihe 

ph, gr. 97, altit. f 
erhalten wQrde, so ist femer neben 

dh, gr. .», altit. f (lat. -fc-) 
auch die parallele 

th, gr. ;5^, altit. f (lat. -6-), 
endlich neben 

S^9 P'X^ altit.* (lat. -J-) 
auch die parallele 

kh, gr. ;f , altit. h (lat. -g-) 
theoretisch anzusetzen. Factisch lassen sich aber f&r 
die labiale von hause aus stumme altitalische aspirate we- 
nigstens fallo und fungus, neben a(fdlho, ünoyyoq^ 
a(p6yyoe^ nicht so leicht aus dem wege räumen. Will jetzt 



UteiniacheB und romanisches. 437 

Gorssen a. o. 100 f. eroteres aus eineoi monstrum herleiten, 
das er sbhal schreibt, so vergifst er unter anderm dabei, 
daTs falljen auf ursprflnglicbo tenuis (spal, sphal, cTigpaA) 
hindeutet; und wegen fungus cnoyyog u. s. w. (so wie 
auch wegen der von Corssen a. o. 123 beanstandeten Zu- 
sammenstellung spes- u. s. w., gr. cß^q^^ indog. svas) werde 
ich mir erlauben, auf meine erörterung zeitschr. XVII, 354 
zu verweisen. Hier wQrde also die nothwendig auch im 
lateinischen lautzustande unversehrt erhaltene stumme Spi- 
rans aus alter stummer aspirate vorliegen, die auch bei 
frans u. s. w. neben gr. dQav(o vorhanden ist, falls Curtius, 
wie mir scheint, recht hat, 9Qav aus tgav durch einflufs 
des f) zu deuten. FOr die regelmäfsig nach den theoreti- 
schen Schemen alterierte lat. Vertretung der urital. tennis 
aspirata liefsen sich femer mit grösserer oder geringerer 
Wahrscheinlichkeit: congius *conhio- xoyxos ^ankha, 
unguis *onhui- ovvx- nakha (a. o. 329 ff.), hordeum 
*hor(s)p- ^gharsth- (gerste xgi&ij a. o. 341 f.) aufstellen. 
Daran schliefst sich weiter die von anderen forschem vor- 
geschlagene Vereinbarung des lat. -tro mit ital. -fro, lat. 
-bro (d. h. urspr. -tra, griech. -tqo und zugleich -i9-(^o, 
ital. -tro und zugleich *-thro -fro), die ich unter den 
eben angedeuteten betrachtungen theoretisch zu be- 
gründen und durch Vermehrung solcher beispiele, in de- 
nen beide lautgestalten auf italischem boden nebeneinander 
vorkommen und eine doppelte bildung anzunehmen schon 
a priori^ ihrer logischen beschaffenheit wegen, höchst be- 
denklich erscheint, facti seh zu sichern gesucht. 

Nun spricht sich Corssen a. o. 167 f. (vgl. ebend. 805) 
über solche versuche dahin aus, es habe „Ascoli nichts 
gethan, als Kühnes annähme, dafs in manchen fUlen die 
suffixformen -bro, -bra, -bri, -ber aus ursprünglichem 
-tra entstanden sein können, die mit vorsieht und zurQck- 
haltung ausgesprochen war, verallgemeinert und auf die 
spitze getrieben^; breitet sich seinerseits über das 
nichtVorhandensein eines lA in den italischen sprachen, wie 
sie uns vorliegen, und über anderes aus, das ersp&ter 
wiederholt und worüber er bereits oben antwort erhalten 



4B8 ^ Asooli 

hat*); läfst ferner auch hier auf die behaaptuog, die aspira- 
tion der tenuis eei dem lateiDischen fremd, die notiz noch 
einmal folgen über die art und weise wie x^ ^9 <^ '^^ den von 
den Romern aufgenommenen griech. Wörtern gestaltet oder 
umgeschrieben wurden (vgl. a. o. 8ü4 und krit. nachtr. 187), 
so dafs es wirklich den schein hat, es solle auch diese 
notiz einen besonderen einwand ausmachen oder wenigstens 
dem vorangehenden satze eine kräftige stOtze verleihen. 
Meinerseits kann ich nicht umhin darauf zu bestehen, dai'ä 
dies alles auf folgende nichtssagende tautologie hinansgeht: 
bei der annähme des griechischen alphabetes hat sich das 
lateinische die drei griechischen buchstaben Xi ^% V i^i^bt 
angeeignet, weil es die durch dieselben dargestellten laute 
nicht mehr besals (wohl aber deren gesetzmäfsige fortsetzer); 
und bei der Umschreibung griechischer Wörter fehlten folg- 
lich später dem latein. alpbabete so wie der lateinischen 
Sprache die genauen correspondenzen zu ;^, ^, if. Es laug- 
net aber ja niemand, dafs den italischen sprachen, wie sie 
uns jetzt vorliegen^ die tenues aspiratae fehlen, indem sie 
uns eben daher h und nicht kh oder das von Corssen selbst 
zugestandene ch u. s. w. darbieten ; und es fordert ja nie- 
mand, dafs der Römer, um der etymologischen lautcorre- 
spondenz willen, gr. Xt <p durch h und f hätte umschreiben 
sollen. 

Auch dagegen mufs sich unsere disciplin verwahren, 
dais man, insbesondere vor laien und halblaien, wie Corssen 
es bei dieser gelegenheit und sonst gethan, das eigentliche 
lautproblem auch nur im vorbeigehen aus seinen fugen 
bringt. So spricht er sich a. o. I67f., indem er *fro (-bro) 



*) Was Corssen sagt, dafh ich ihm in den scbnh schiebe, er hätte still- 
schweigend ein italisches -thro angenommen, beruht auf einem mifsversttad- 
nifs. Ich wiederhole nämlich, an der angegebenen stelle, mit Corssen's eigenen 
werten, dafs er weder lat. th noch irgend eine lat. aspiration der tenuid oder 
tenuis aspirata zugibt; und füge hinzu, dafs, wie mir scheint, Corssen's 
wiederlegung (und zwar folgender satz in derselben: »das lateinische/, das 
sich im inlaute gewohnlich zu b gestaltet, ist nur aus den media -aspiraten 
bh, dhf gh entstanden, nicht aus den tenuis-aspiraten ph, <A, ch oder ans den 
tenuis p, f, c**) auch dahin lautet, dafs selbst wenn man, als blofse hypo- 
these, ein italisches -thro zugeben wollte, dies noch nicht zu lat. -bro füh- 
ren wttrde, indem lat. /, woraus -6-, nur aus bh u. s. w. entstehe. 



Uteiniflches and romanisches. 489 

ao8 -tro bestreitet, folgeDdermafseD aus: ,, AngenommeD, 
diese drei Wörter (fallo, fongus, funda) wären ursprlbiglich 
lateinische, nicht aus dem griechischen übertragene, so 
wOrde aus ihnen doch nichts weiter folgen, als dafs der 
ursprüngliche tonlose labiale verschluTslaut p sich durch 
den einfluls eines anlautenden s zu dem tonlosen labio- 
dentalen reibelaut /'gestaltete; es würde daraus nicht folgen, 
dafs jedes p in jeder lautverbindung zum labiodentalen reibe» 
laut werden konnte, nicht folgen, dafs jede tenuis, d. h. jeder 
labiale, gutturale oder dentale verschinfslaut im lateinischen 
zur tenuisaspirata oder zu dem entsprechenden stark ge- 
hauchten verschinfslaut habe werden können, also auch 
nicht folgen, dafs t zu th und dieses dann weiter zu f ge- 
worden sei^. Niemand hat aber, meines wissens, so vieles 
behauptet; wie ja auch niemand aus der ähnlichkeit 
der bedeutung die einerleibeit von -tro und -bro hat 
schlieisen wollen, so dafs die vielen worte, die Corssen 
weiter gegen diesen eingebildeten fehlschlufs vergeudet, 
blofs dazu dienen können, ihn selbst und andere zu ver- 
wirren. Die frage ist nur die: ob wie im griechischen 
^ß-Qo neben -r(>o, mit blofs sporadisch auftretender, durch 
die nachfolgende liquida bewirkter aspiration der dental- 
tenuis, so auch nrital. -thro neben -tro zugegeben werden 
kann, aus welchem -thro sich dann regelmäfsig -fro und 
lat. -bro ergibt; und auf lat. f (*sf) = griech. cyqp, ur- 
sprünglichem oder wenigstens vorausgegangenem sp gegen- 
über, wird dabei als auf einen analogen fall, d. h. auf einen 
fall gräkoitaliscber behauchung einer tenuis in einer dazu 
besonders geeigneten lautverbindung, verwiesen. Mag nun 
Corssen, gegen Ebel, L. Meyer, Kuhn, Schweizer -Sidler, 
J. Schmidt und mich, diese lautentwickelung nicht einräu- 
men; mag ihm ferner natürlich erscheinen, dafs in pal- 
pebra und palpetra, libra und litra, pablo- und 
patlo- u. s. w. immer zwei grundverschiedene bildungen 
vor uns liegen; mag er endlich uraltes *pä-kara oder 
pä-bhara (d. i.: wurzel + nom. agent.) fdr eine unbedenk- 
lich annehmbare morphologische combination erachten, 
— das kann man alles sehr leicht auf sich beruhen lassen; 



440 Aacoli 

aber eine karikatur der in rede siehenden fragen wQnschte 
man in einem ernsten bnche niemals zu treffen. 

Aehnlich spricht sich Corssen a. o. ebend. wieder aus: 
„Wenn nun Aseoli sogar die sufHxformen -cro, -cra, 
-cri, -cer ebenfalls auf -tra zurückfähren will, so thut er 
dies ebenfalls lediglich auf grund der ähnlicbkeit der be- 
deutung; den beweis, dais in der lateinischen spräche der 
Üteren und der klassischen zeit oder in den verwandten 
italischen dialekten jemals c aus t entstanden sei, bleibt er 
schuldig, natürlich, weil dieser lautwechsel niemals stattfand^. 

Der wirkliche thatbestand ist nun aber folgender (vgl. 
zeitschr. XVII, 149): Aus urspr. -tra ist wie im griechi- 
schen (-TQOj -rAo, '&ko) so auch im uritalischen: -tlo 
entstanden; gegen die lautverbindung il hat aber wenigstens 
das lateinische eine entschiedene abneigung; folglich habe 
ich die frage hingestellt, ob man nicht annehmen dürfe, 
dafs aus dieser besonderen gestalt unseres snffixes, nämlich 
aus -tlo, sich altes -clo ergebe, d. h. auch im altitalischen 
die nämliche Wandlung stattfinde, die im späteren Italien 
zur regel wird (vetlo-, veclo-), daf&r femer, immer 
versuchsweise, auf das inschriftliche sclis neben stlis und 
auf umbr. pers-klo- neben osk. pes-tlo- hingewiesen, 
endlich die lexikalischen begegnungen (po-cIo pa-tra 
u. s. w.) verzeichnet, die fär eine solche gleichung das wort 
f&hren möchten. Daran hätte ich anch jetzt kein wort 
zu ändern. Indem ich ausdrücklich eine eigentliche beweis- 
fthrung weiteren Studien vorbehielt (s. 46) und deren 
Schwierigkeiten ausdrücklich hervorhob (s. 45. 47), bin ich 
also auch bei der erwägung dieser schon früher von Ebel 
und L. Meyer vorgeschlagenen lautgleichung beflissen ge- 
wesen, dem wissenschaftlichen ernste treu zu bleiben, und 
habe keineswegs lediglich aufgrund der ähnlichkeit 
der bedeutung zwei verschiedene lautgestalten verein- 
baren wollen. Bei spätlat. cl neben tM (veclus neben ve- 
tulns u. 8. w.) ist Corssen seinerseits (a. o. 39 gegen Schu- 
chardt) auf die sonderbare hypothese gekommen, dafs diese 
Sprech- und Schreibweise durch suffizver mengung, 
nicht durch phonetischen lautübergang entstanden 



lateinisches ond romanisches. 441 

sei. Und auch hier irrt er ferner, indem er seinem leser 
(a. o. 168) ohne weiteres sagt, man wolle c aus t entstehen 
lassen. Auch im späteren Italien wäre z. b. ca aus ta 
etwas ganz unerhörtes, während hingegen cl aus tl als 
r^elmäTsige Umwandlung daselbst vorkommt. Ebenso 
wflrde niemand lat. t aus p oder o (k) ohne weiteres be- 
haupten wollen, während doch selbst Corssen lat. st aus sp 
und sc (sk) aufstellen mufs oder will (a. o. 278). 

Nachdem also eine ruhige und gewissenhafte Würdigung 
der Corssen^schen kritik mich zu gar keiner änderung in 
meinen theoretischen aufstellungen und den damit zusammen- 
hängenden etymologischen salzen bat bewegen können, die 
übrigens nach Corssen's aussprach sammt und sonders reine 
irrthümer oder haltlose und irrige folgerungen 
sind a. o. 168, 805, 811*), ich zugleich auch einen 
weiteren ziemlich wichtigen beitrag zur beur- 
theilung seiner eigenen hier einschlägigen hypo- 
theseii, und überhaupt seiner art und weise die 
geschichte der lateinischen consonanten zu hand- 
haben geliefert zu haben glaube, bleibt es mir noch übrig, 
die einwände zu erwägen, die in seinem neu erschienenen 
buche gegen meine behandlung einzelner Wörter zu finden 
sind. 

1. hordeum . friare. Die von mir a. o. 342, nach 
Schleicher's und Euhn's Vorgang, vertretene grundform 
hörst- (*/£()(Ti^a) soll mit der hypothese der tenuisaspi- 
raten zusammenstürzen (a. o. 796). Da aber diese hy- 
pothese, wenigstens f&r mich, immer fortbesteht, so mufs 
ich mich einstweilen mit der bemerkung begnügen, dafs 
hordeum nach Corssen anfangs (a. o. 100) aus skr. wz. 
ghars (ghars), später aber auf einer urspr. wz. ghard 
(a. o. 159, unter berufung von s. 100), endlich (a. o. 514) 
wieder aus skr. wz. ghars (gharä) stammt. — Was Cors- 
sen's hypothetisches ghar, reiben, anbetrifft, woraus er 



*) Auch einleuchtende, keinem principiellen anstände aasgesetzte ety- 
mologieen scheinen keine gnade geftinden zn haben; so s. b. skr. tarh = 
lat trahere. Es läfst Corssen seine von mir a. o. 272 verworfene got pa- 
rallele noch immer (a. o. 99) nnwidermfen bestehen. 



442 Aflooli 

friare u. s. w. herleiten will, so mufs ich auf dem ebend. 
344 f. von mir bemerkten bestehen. Dem versuche, friare 
u. 8. w. aus einem vermeintlichen ghar zu erklären, steht 
ferner das endergebnifs der Untersuchung Qber lat. f = or- 
spr. gh entgegen , wonach diese lautcorrespondenz der lat. 
Schriftsprache so viel als fremd bleibt. ^ 

2. fames. Skr. bhas, worauf ich fames ab „die 
fressende^ a. o. 346 zurückf&hre, heifst nach dem petersb. 
worterbuche: kauen,' zerkauen, zermalmen, verzehren (vgl. 
bhasita, bhasman), und bei dessen lautgerechter neben- 
form psä tritt der hunger (psäta, hungrig*)) bestimmt 
hervor. Die „zusammeogehörigkeit^ der wz. bhas mit wz. 
psä wird gewifs kein kundiger bestreiten (s. z. b. petersb, 
wtb, IV, 1194. V, 227; Benfey vollst gr. s. 73, gloss. z. 
ehrest. 210; Pott wurzelwörterb. I, s. 2); Corssen's Willkür 
mufs sie aber a. o. 80t „mindestens in frage stellen^ und 
räumt fQr bhas nur die bedeutung essen nach Benf. gloss. 
z. ehrest, ein, so dafs er dabei verharren kann, „dafs eine 
Wurzel, die essen bedeutet, am wenigsten geeignet ist, den 
zustand zu bezeichnen, der entsteht, wenn man nichts zu 
essen hat oder lange nichts gegessen hat^. 

3. longus. Ffir die Vereinbarung von lat. longus 
mit skr. dirgha und altpers. draiiga ist jetzt Corssen 
a. o. 211 gezwungen, den nämlichen grad von Wahrschein- 
lichkeit zuzugeben, den ich daflQr (zeitschr. XYI, 122, 
XVII, 280) annehme; dabei wirft er mir indefs vor, dafs 
ich ihm einen blofsen druckfehler zur schuld anrechne. 
Wenn man aber bei der besprechung von longus neben 
dirgha einwirft, wie Corssen beitr. 148 es that, dafs Wur- 
zel dhar bei longus zu blofsem / einschrumpfen wfirde, 
und folglich bei dem vermeintlichen dhirga (statt dirgha) 
an WZ. dhar denkt, so hat man nicht im mindesten das 
recht, das arge versehen dem setzer in die schuhe zu 
schieben. 



*) [Freilich reicht die im petersb. wtb. dafür angeführte aneicht Hali- 
jndha's schwerlich daau aas diese bedeutung genügend zn sichern. 

Anm. der red.] 



lateinisches und romaniscbea. 443 

4. WZ. fa- neben «da-. Wegen der doppelgestalt 
(fa- neben -da-), die nach anderer Sprachforscher Vorgang 
auch ich fQr die wz. urspr. dha im lateinischen annehme, 
spricht sich Corssen a. o. 800 f. folgendermafsen aus: „Für 
die angebliche wurzelgestalt fa- neben da-, skr. dha- fahrt 
Ascofi an, dafs ja auch im lateinischen ruf-us neben 
ru(dh)-tilas stände nach meiner ansieht. Dagegen ist 
zu sagen, dafs in ru(dh)-tilu8 der dental dh durch den 
folgenden dental t verhindert wurde in f umzuschlagen. 
Die wortform ru-tilu-s beweist also gar nicht, dafs im 
lateinischen ursprüngliches anlautendes dh- ein und derselben 
Wurzel sich zugleich zu f und zu d gestaltet habe^. Cors- 
sen vergifst aber seltsamer weise dabei, dafs ich an eben 
der von ihm citierten stelle (zeitschr. XVII, 337 f.) auch 
von einem dritten beispiele rede, wo die doppelgestalt 
dadurch noch auffallender wird, dafs sie nicht, 
wie gesetzmäfsig bei fa- neben -da- (fa-c-ere, con- 
-de-re), durch die verschiedene Stellung im worte 
bedingt ist, nämlich von arf- (arb-) neben ard- aus 
urspr. ardh, eine doppelgestalt, die er in Überein- 
stimmung mit mir ohne irgend ein bedenken a. o. 
170f. angenommen hat. . 

5. triticum. Ich habe zeitschr. XI, 451 die mög- 
lichkeit angedeutet, triticum auf wz. tra „erhalten^ zu- 
rückzuführen, die auch „erhalten^ als „nähren^ 
bedeutet haben könne. Dagegen bemerkt Corssen 

4||. o. 514: „Ja möglich ist das freilich. Aber so wenig 
servare „erhalten^ jemals die bedeutung „ernähren^ hat, 
so wenig mufs tra-, weil es „erhalten^ bedeutet, deshalb 
auch „ernähren^ bedeuten. Diese letztere bedeutung ist nir- 
gends erweislich fbr wz. tra- und wortformen von dersel- 
ben, kann also auch nicht in tri-ti-cu-m ohne weiteres 
vorausgesetzt werden^. Nun werde ich es mir nicht erlauben, 
meinen gegner wegen der bedeutungen von wz. tra auf eine 
andere schrift von mir, wovor er gcwifs zurückschrickt, zu 
verweisen; aber Justins orthodoxes Wörterbuch (vgl. Pott wz. 
wb. 1,104) sagt ihm doch: „thrä(=8kr. trä), schützen, er- 
nähren, thräiti, nahrung, thrätar, beschützer, emährer, 



444 Ascoli 

th räj a, ernäbrung ( th r äj öd r i gh u~, die bettler ernährend)^. 
Uebrigens lassen sich zu gunsten der etymologje des Varro 
Tiel bessere aoalogieen als die Ton bor de um anfthren, 
aaf die sich Corssen hat beschrSnken müssen. 

6. plebes. Ob ich unrecht gehabt habe, die that^ 
Sache hervorzuheben, dafs Corssen in einem und demselben 
buche plßbes auf zwei verschiedene arten erkl&re, ohne 
bei dem zweiten versuche auf den ersten ausdrücklich zu 
verzichten oder durch irgend eine andeutung darauf zu 
verweisen, mögen andere entscheiden. Meinerseits setzte 
ich lat. p leb es mit anderen forschem dem gv.TtX'^d'og gleich, 
indem der dentalaspirate in nlrj&og (über deren ursprüng- 
liche gestalt, ob dh oder th, niemand ein endgiltiges urtheil 
bei dem jetzigen zustande der forschung zu f&Ilen vermag) 
nach mir und anderen Sprachforschern, sei es nun urspr. 
dh oder lA, im ersteren falle auch nach Corssen, lat. -6- 
eben so wie in über ovd-ag (-bro '&qo) u. s. w. regelmälsig 
entspricht Nun lautet der Corssen'sche speciell gegen 
mich gerichtete einwand wie folgt (a. o. 165): „Ascoli 
kommt neuerdings auf die gleichsetzung von ple-b-es mit 
gr. nMj'&O'Q {7t?Si-&-og) zurück (zeitschr. XVI, 120). Da 
aber sonst der griechischen neutralen suffixform ^og im la- 
teinischen neutrales -os, -us entspricht, so würde jenem 
griechischen werte ein lateinisches neutrum *ple-b-08 
entsprechen, aber nicht das femininum ple-b-es^. Das 
gestehe ich wiederholt gelesen zu haben, bevor ich meinen 
äugen glauben zu schenken vermochte. Denn ersten^ 
sollte eine solche gräkoitalische betrachtung gegen meines 
gegners grundsätze sein, und ihm plebSs, in grammatika- 
lischer hinsieht, zu urspr. neutr. prathäs oder pradhäs 
eben so gut gefallen als z. b. dies zu urspr. neutr. diväs 
(vgl. z. b. a. o. 233); — zweitens aber verhält sich plö- 
bes, der form und dem genus nach, genau so zu 7tXrj9og 
wie sedös zu fiSog (sadas) oder nubös zu vicpog (nabhas). 

Somit sind, wie es mir scheint, s&mmtliche stellen er- 
ledigt, worin in Corssen's buche irgend eine von mir her- 
rührende ansieht bestritten wird, und ich sehe dem urtheile 
unbefangener mitforscher mit voller Zuversicht entgegen. 



lateinisches and romanisches. 445 

Meinem Tersprechen, bei dieser antikritik ganz objectiv 
za verfahreD, bin ich übrigens, wie ich mir schmeichle, 
möglichst treu geblieben. Nur eine persönliche bemerkung 
will ich mir jetzt zum Schlüsse erlauben. Die achtung und 
die dankbarkeit, zu denen ich mich prof. Corssen gegenOber 
verpflichtet fQhle, werden gewifs durch unsere lautgeschicht- 
lichen differenzen nicht geschmälert. Jedoch wfirde ich 
der aufrichtigkeit eintrag thun, wenn ich läugnen wollte,, 
dafs die widerlegungsversnche, die meine ansichten durch 
diesen gelehrten erfahren haben, mich s&mmtlich, sowohl 
dem Inhalt als der form nach, in nicht geringes erstaunen 
versetzen mufsten. 

Mailand, 10. november 1868. 6. I. Ascoli. 



Anm. (1869). Ueber die abhandlang, die Corssen so leichten Spieles ab- 
gefertigt zu haben glaubt, welcher jedoch die der indogermanischen Chresto- 
mathie beigegebenen nachtri^^e nnd berichtigangen manches verdanken, sprach 
sich Schleicher ebendas. 862 folgendermafsen aas: »Vgl. hierftber Ascoli in 
Kahns zeitschr. XVII, 241 flg. Der dort entwickelten theorie steht jedoch das 
keltische im wege*. Da Inders die in diesen worten gerUgte Schwierigkeit 
dem hingeschiedenen meister selbst keineswegs anUberwindlich , ihm femer 
mein Schema im wesentlichen als za recht bestehend vorkam, so mag es mir 
erlaabt sein, dessen eigene worte darttber ans einem vom 19. november 1868 
datierten brief an mich hier mitzatheilen, nnd zagleieh die bemerkang daran 
anzaknttpfen, dafs ich bei der geschichte der lateinischen fortsetzer von nxspr. 
gh, dh, bh aasdrtteklich von urital. und urgriech, asp. (XVU, 254), oder 
von entwickelangen, die sowohl in Italien als in Griechenland stattfinden 
(eb. 327), spreche, folglich das frühere oder spätere scheiden des italischen 
oder keltoitalischen vom griechischen für mich im grnnde bei gegenwärtiger 
firage dorchaas gleichgiltig ist. Ich lasse nan Schleicher's worte, vielleicht 
sein letztes wort in der Wissenschaft, folgen: 

»Soll ich ganz offen sprechen, so mnfs ich bekennen, dafs ich, eben 
weil mir jetzt die zeit feit dise äofserst schwinge fhige reiflich za verfol- 
gen, zn einer^ klaren, entschidenen ansieht noch nicht gekommen bin. 
Meiner kelto-italischen gnmdsprache mafs ich wol die alten aspiraten noch 
zn schreiben, die frage nach der vertretnng der aspiraten in der italischen 
grandsprache stellt sich für mich also so: was ist hier ans dem gh, dh, 
bh der italo-keltischen spräche geworden? Hier kann nnn immer noch die 
antwort in Irem sinne anfs fallen, nnr kommt das griechische längst nicht 
mer in betracht, da dises, nach meiner ansieht, schon längst als besondere 
spräche seine eigene wege c^eng, ehe es nnr eine italische grandsprache 
gab (vgl. das schema, comp. s. 9). Um fttr dise die Vertretung der aspi- 
raten zn ermitteln haben wir ans anfsschliefslich an die altitalischen spra- 
chen zn halten, aUe ans dem griechischen her geholten analogieen haben, 
meiner meinnng nach, hier gar keine bedentung. Hier gehen wir also 
weit anfs einander. Dennoch glanbe ich vor der band entschiden, dafs wo- 
nigstena ir schema: indogermanisch (ich sage italokeltiach) 



.44C Schmidt 

bk 
I 
itAliach f 

Uteiniscb f b 

KD recht besteht. Dts scheinen mir die tatsacben an die band za geben*'. 



Revue de lingnistiqne et de philologie compar^e, recaeil trimestriel de 
docameiitfl ponr serrir )^ la science positive des langnea, k Vethnolo- 
gie, h la mythologie et k Thistoire. Tome premier I et n, Fasci- 
cule, loillet et Octobre 1867. Paris. Maisonneuve et C'«. 

Jeder deutsche Sprachforscher wird mit befriedigang 
die ausbreitung unserer Wissenschaft — und keine darf 
wohl mit mehr recht eine deutsche genannt werden als 
gerade die sprachwissenBchaft — auch aufserhalb Deutsch- 
lands wahrnehmen. Als ein erfreuliches zeichen dieses 
immer wachsenden interesses im auslande begrQfsen wir 
das erscheinen der Revue de linguistique, deren zwei er- 
sten hefte uns vorliegen. Sie beginnt mit einem artikel 
von H. Chavöe: La science positive des langues indo-eu- 
rop^ennes, son präsent, son avenir. Der verf. gibt zunächst 
eine darstellung der indogermanischen Ursprache, welche 
sich im wesentlichen an Schleichers compendium anscbliefst. 
Allein er Iftfst sich auch auf selbständige, leider nicht sehr 
glückliche nenerungen ein. So heifst es p. 12: Mais il (Par- 
yaque) avait en outre la voyelle de la force par ex- 
cellence, une yoyelle que garde le sanskrit, mais qae nons 
n'avons plus en Europe, la yoyelle R . . . . Assez souvent 
ce R se change, soit en 'A, soit en ü, mdme sur le ter- 
rain de la langue m^re; et c'est ainsi que Bhrg fl^cbir, 
rompre, devient Bhag et Bhug. Mais le plus souvent, 
au Heu de s^afifaiblir ainsi, le R se renforce en R demi- 
consonne dans les groupes Ra, Ri, Ru, Ar, Ir, Ux. 
Vous trouverez par exemple, k c6tä de Rdh, s'ätendre 
fortement, crottre, s^älever non-seulement Ardh etUrdh, 
mais encore Rudh, avec la meme origine et la mdme si- 
gnifioation. A son tour, la demi-consonne R s'afFaiblit (?) 
parfois en JK vocal. p. 13 La diphthonge ai est d*or- 
dinaire un renforcement de i, comme dans la proDOQ- 



anzeige. 447 

ciation de Vi anglais terminant uoe syllabe ou la coneti- 
tuant ä lui seol, tandis que fti est souvent une pure aug- 
mentation de ai, äquivalent k a+ai. 

Im allgemeineD richtiger ist der consonantenbestand 
der Ursprache erörtert. Was sollen wir aber von mediae 
aspiratae denken ^tenant le milieu de Taxe entre B et P, . 
entre D et T, entre G et K« (p. 18)? Wie der verf. in 
dem vocalsystem der Ursprache eine iQeke gefunden zu 
haben glaubt, welche er durch den vocal r ergänzt, so 
sieht er auch eine lücke in den consonantischen lautge- 
setzen (p. 20): Et pourtant le code des lois positives des 
▼ariations phoniques präsente encore 9a et lä quelques 
lacnnes. Ainsi la loi de polaritä ou d^echange par appel 
du son contrastö (F rempla^ant V, Z prenant la place de 
S etc.), loi d'une application de tous les instants dans les 
idiomes germaniques, n^a pas mSme ^te soup^onnöe 
par les Allem an ds. Ainsi encore la loi du passage de* 
y (j allemand) initial ä g (pron. gue) devant les voyelles, 
dans un grand nombre de mots germaniques (YAbh de- 
venant gab; YUt devenant guth et goth; YAs deve- 
nant gas, ges et gos etc.). C'est k combler ces lacunes 
que la Revue mettra d'abord tous ses soins. 

Uns armen DeutiBchen werden noch mehrfache zurecht* 
Weisungen zu theil. Nach erörterung des lautsystemes geht 
der verf. nämlich auf die Stammbildung ein und verkündet 
mit greisem pompe: De lä trois Clements dans le substantif 
anssi bien que dans ses fr^res le participe et Tadjectif: 1^ 
un verbe (?), 2^ un pronom, 3^ nn signe du rapport que 
le pronom soutient avec le verbe. Ce n'est pas le lieu 
(warum nicht?) de dire en quelles graves erreurs est 
tombee T^cole allemande de linguistique pour n^avoir pas 
aper^u cette loi fondamentale de la derivation. Eine in 
der that bewundernswürdige Unbefangenheit! Die wurzeln 
werden als verba betrachtet, alle nomina von den verbis 
abgeleitet (hingegen lat. donatus direct von donum ab- 
geleitet s. 26) ; die conjugation ist auch nur une mani^re de 
därivation. Und diese Verwirrung von wurzeln und verben, 
Wortbildung und Stammbildung gibt d^n verf. die berech- 



448 Schmidt 

tigang die deutsche Wissenschaft schwerer irrthömer zu 
zeihen I Herr Chav^e v^ermifst femer la reconstitution des 
familles natnrelles des vocables et la Classification physio- 
logique, de leurs racines ou chefs de famille. La cause 
en est, si je ne me trompe, dans Tabsence (tomplMe, chez 
les fondateurs de la science nouvelle, de toute ideologie 
positive (s- 32). 

Diese ideologie positive wird dann in einem zwei* 
ten artikel (p. 138 ff.) vorgetragen. Sie besteht darin, dafs 
alle indogermanischen wurzeln auf zwei grundbedeutungen 
presser und tendre zurückgeführt werden, und um dem 
allerdings sehr gerechtfertigten argwohne, dais dies eine 
sehr leichte mühe ist, zu begegnen versichert uns herr 
Chavöe, dafs es un long travail de v^rification gewesen 
sei; mais j'acquis enfin la certitude que mon hypoth^e 
n^^tait qu^une anticipation de la loi. Dafs den gründem 
unserer Wissenschaft diese ideologie positive fehlt, ein Vor- 
wurf, welcher in den anzeigen am Schlüsse der beiden 
fascikel Curtius und Pott noch ausdrücklich insinuiert wird, 
halten wir ftkr keinen mangel. Zum tröste möge Übrigens 
dem verf. gereichen, dafs er nicht der erste erfinder solcher 
ideologie ist. Schon im jähre 1833 hat Karl Ferd. Becker 
(das wort in seiner organischen verwandelung s. 94 ff.) als 
den urbegriff aller wurzeln den der bewegung angenommen 
und aus diesem alle übrigen herzuleiten versucht Was 
davon zu halten sei, haben Pott (ungleichh. menschl. ras^ 
sen 212 f., etymol. forsch. 11% 238) und Heyse (syst, der 
spr. 132) genügend erklärt 

Wenden wir uns nun zu einem anderen artikel: Snr 
la declinaison indo-europ^enne et sur la d^clinaison des 
langues classiques en particulier par M. de Caix de Saint- 
Aymour. Von einem gründlichen eingehen auf den gegen- 
ständ ist auch hier wenig zu bemerken, desto mehr aber 
von Unrichtigkeiten und kühnen behauptungen. So erfah- 
ren wir (p. 52): que certains cas etaient form^s par des 
verbes, on plut6t par un seul verbe. Ces cas sont Tin- 
strumental, le dativ et Pablatif du pluriel, et le Suffixe 
verbal qui sert k les former est bhi. Ce bhi ... est issu 



anzeige. 449 

d'un verbe aryaque bha briller, luire etc. Neu wird den 
lesern dieser Zeitschrift auch sein, dafs skr. -ös (suffix d. 
gen. loc. du.) bei einigen stammen in ö „contrahiert^ ist 
z. b. manas-ö (p. 57), dafs im gotischen der dual nur 
bei den verben erhalten ist (ib.), dafs skr. man-as iui voc. 
sein nominatW'S ni(;ht abwirft (p. 58), dafs der nom. plur. 
▼on altbaktr. vak vaksö lautet (p. 205), dafs in osk. cen- 
8t-ur (so wird p. 207 getheilt) das -ur endung des nom. 
plur. sei, dafs l in skr. ^iras-l und ü in skr. sunü (nom. 
acc. du.) aus-as contrahiert seien (p. 209), dafs conso- 
nantische stamme im griechischen den nom. acc« du. auf 
'Sg oder -17 bilden (p. 210), dafs die accusative piras und 
bbarat fQr pirasam nnd bharatam stehen (p. 212) u.a. 
Höchst ergötzlich und zugleich charakteristisch für die 
grOndlicbkeit, mit welcher der verf. die von ihm citierten 
werke benutzt, ist die auseinandersetzung Aber den nom. 
plur. der griech. a-stämme. Schleicher (comp. ^ s. 534) sagt 
darüber wörtlich: yfinnot und ^evxral sind gebildet wie ol 
und a/, älter voi, Tai. Diese bildung ist schwer zu deu- 
ten, wahrscheinlich ist z. b. roi aus ta-j-as, fem. ra/ aus 
tä-j-as zu erklären, d.h. stamm ta-, tä- wie oft, durch 
j erweitert und suffix -as; durch abschleifung blieb von 
diesem tajas, täjas nur tai, täi, d. i roi^ taL Mög- 
licherweise hat hier streben nach dissimilation von den 
locativformen -o/^, -aiq aus -oicTi, -aiai mitgewirkt^. Hö- 
ren wir nun hm. de Caix de Saint-Aymour (p. 206): ces 
genres ont un nominatif pluriel fortement contractu en -oi 
et -tti [sie!] 9, plus anciennement 'toi et -tai^ selon M. 
Schleicher (op. cit. p. 534). „Cette forme est difficile ä 
Interpreter", ajoute aussitöt le m^me auteur, „et, vraisem- 
blablement, on doit expliquer le masculin to/ par ta^j-as, 
et le feminin tat par tä-j-as? Puis trouvant sans doute 
cette explication insuffisante, il se tourne d'un autre cöt6, 
et propose de faire venir „avec efFort" et par dissimila- 
tion 'Ol et -ai de la forme de locatif oig et aig, Nous 
sommes de Tavis du savant professeur d'I^na quand il re- 
jette sa premiöre explication de roi venant de ta-j-as. 
Cette explication serait ä poine süffisante pour les th^mes 

Zeitschr. f. vergl. sprachf. XVIH. 6. 29 



450 Schmidt 

oonsonnantiques en -r; mais que seraient devenus koy^^roi^ 
'AB(pah^ou etc.? — Nou8 ne pouvons non plus accepter 
la seconde explication de Tauteur du Compendium etc. 
Risum teneatis amicil Nach dem verf. ist die sache höchst 
einfach: Les noms qui se declinent comme rosae, do- 
rinini et pueri ont perdu Ts par contraction: rosae := 
rosft-«, domini == domini-es ou domiat-s. Das i 
des umbrischen aco. plur. ist aus s entstanden d^apr^s une 
habitude constante de cet idiome (p. 213). Jeder leser wird 
gewifs mit dem referenten bedauern, dafs kein einziges 
weiteres beispiel dieser neu entdeckten gewohnheit mitge- 
theilt ist. Verf. fahrt dazu als beleg aus der Lex Julia 
municipalis eafdem omnia an, einen offenbaren Schreib- 
fehler, welcher daher auch C. I. L. I, p. 120 z. 2 in ea» 
dem emendiert ist. Bien que ce soit un neutre (wo also 
ein s niemals vorhanden war!), il est hon de remarquer 
cette forme de provincialisme. Ich bemerke zum Schlüsse, 
dafs ich nur einen sehr kleinen theil der gröbsten ver- 
stöfse, welche jedem leser auch bei flüchtiger durchsiebt 
auffallen werden, gerügt habe. 

Sehen wir nun das inhaltsverzeichnifs an, ob sich 
nicht ein artikel finden läfst, welcher uns der traurigen 
pflicht des ewigen tadelns entbebt. Wir erblicken den 
namen des herrn Oppert. Ein geborener Deutscher, er 
wird also doch von den arbeiten deutscher Wissenschaft 
notiz nehmen! Les variations du v aryaque. Als einlei- 
tung werden uns einige allgemeine bemerkungen mitge- 
theilt, die von vorn herein dem leser eine grofse acb- 
tung einfiöfsen müssen, da sie nur als ausflufs sehr gründ- 
licher und umfassender Studien begreiflich sind: On ne 
peut plus nier que, si la seienee doit admettre des langues 
indo-europeennes, eile doit ögalement declarer qu'il n'y a 
pas de nations indo-europeennes. Höchst überraschend! 
Die indogermanischen sprachen sind mischsprachen , der 
Sprachschatz des lateinisehon besteht nur zu 40 proc. aus 
arischen werten, 60 proc. sind aufser-indogermanisch und 
5 proc. semitisch ; von den griechischen werten sind 65 proc. 
arisch, 20 proc. semitisch (15 proc. sonst reconnus). In der 



anzeige. 451 

that man weifs nicht, was man mehr bewundern eoU, die 
grofsartigen resultate der Studien des brn. Oppert oder die 
beispiellose bescheidenheit und selbstverläugnung, in wel- 
cher er sich versagt auch nur den geringsten beweis für 
seine bebauptungen , nur die kleinste kleinigkeit aus dem 
ihm ohne zweifei zu geböte stehenden ungeheuren mate* 
riale beizubringen, fiinigermafsen erschüttert wird diese 
bewnnderung indes durch die folgenden mittheihingen, 
welche die forsch ungsmethode Opperts darthun. Hr. Oppert 
belehrt uns nämlich, dafs im lateinischen oft v in m über- 
gehe: mare s= skr. vari (siel), maritus = skr. va- 
rita, mas hingegen = skr. vräa, mederi und mirus 
f&r midrus kommen von wz. vid, morari von wz. vas, 
mos von vasa ce qui est etabli, minnere von wz. van^ 
clamare von pru, amita von avus, promulgare von 
vulgus, caminus au Heu de cavinus de kav (s^miti- 
que) u. 8. w. Dafs dieser lautwandel in Deutschland schon 
von Bopp und anderen behauptet und zum theil mit den» 
selben beispielen belegt ist, dafs diese annähme aber auch 
schon längst, zuletzt von Corssen verworfen ist (krit. beitr. 
237 ff.; vgl. auch Breal Mem. de la soc. de linguistique 
de Paris I, p. 75 : nous n'avons pas un seul exemple cer- 
tain d'un v sanscrit representä en latin par un m), davon 
weifs oder sagt wenigstens der „persönliche schüler von 
Bopp^^) kein wort. Weiter: Le v aryaque se condense 
en p apr^s s dans les mots: sponte de sva suus, de 
svante sorte d'ablatif (!!) **), spirare de svas, skr. 
^vas, spe-s (sie!) de la m^me racine, sperno de svar, 
skr. svrnämi. Woher ist dies svrnämi geschöpft? Bei 
Westergaard findet sich nur svaratil) sonare, 2) in 



*) 8o nennt sich Oppert in seinem Discours fait k la bibliothöque Im- 
periale le 28. d^cembre 1865 (L'Aryanisme et de la trop grande part qa'on 
a füt h Bon inflnence) : Bopp . ., dont j'ai TbonneuT d'dtre T^^ve personnel- 
lement (p. 7). Den werth dieses disconrs hat Whitney in einem vortreff- 
lichen artikel »Key and Oppert on Indo- European Philology'' gebührend 
gewürdigt. Diesem an mehrere deutsche gelehrten versandten artikel fehlt lei- 
der die angäbe des Journals, in welchem er erschienen ist, er trügt die pa- 
ginimng 621 — 564 (vielleicht North-American review). 

**) Merkwürdiger weise findet sich genau dieselbe herleitung von sponte 
bei Friedr. Schlegel, spräche und weish. der Indier. Heidelb. 1808, s. 16. 

29* 



458 Schmidt, anzeige. 

Vedis: laudar^, cantare, 3) vexari dolore, flere? 4) ire, sc 
movere Nigb.; ebenso bei Benfey (S.-V. gloss.)*). Un- 
begreiflich ist, wie ein in Deutschland geborener gelehrter, 
ein „persönlicher schQler von Bopp'^, aller deutscher arbeit 
zum trotz dergleichen für Wissenschaft ausgeben kann. 
Nur zu begreiflich aber, wenn derselbe versichert, dafs 
die resultate der Sprachwissenschaft nicht dürfen pretendre 
ä prendre place parmi les grandes r^veiations de Thistoire 
(Discours p. 6), femer que la philologie comparee ne sau- 
rait fitre la science de Pavenir (p. 10), endlich que la sci- 
ence n'avancera plus notablement (p. 8). Wenn man un- 
ter Sprachwissenschaft solche arbeiten versteht, wie sie 
Oppert hier vorlegt, so darf die selbsterkenntnifs, welche 
sich in obigen urtheilen ausspricht, allgemeiner Zustimmung 
versichert sein. 

Doch der räum ist gemessen und ewiges tadeln ein 
trauriges geschäft. Wir brechen also hier die erörterung 
der einzelheiten ab und sprechen zum Schlüsse noch unser 
bedauern aus, dafs die in den verschiedenen abhandlungen 
aufgef&hrten worte oft in so incorrecter form gegeben sind. 
Schon den griechischen werten widerfahren sonderbare 
Schicksale, noch weit mehr aber den indischen und alt- 
deutschen. 

Durch Untersuchungen wie die vorliegenden, welche 
mehr geistreiche theorien als gediegene detailforschung bie- 
ten, mag vielleicht ein zahlreiches publicum bestochen wer- 
den, dem kleineren kreise der gelehrten wird wenig damit 
gedient. Hoffen wir, dafs die Übersetzung der meister- 
werke deutscher Sprachwissenschaft in Frankreich anregung 
zu gründlicheren Sprachstudien geben werde. Wer 
heutzutage sprachliche Untersuchungen veröftentlicht, mufs 
sich gefallen lassen, dafs man sie mit dem mafse heutiger 
Wissenschaft mifst. Diese aber kennt kein verschiedenes 
maafs f&r verschiedene länder. Wenn daher unser will- 



*) Whitney sagt a. a. o. p. 654: M. Oppert has done nothing on the 
score of which he can lay claim to repute as a Sanskritist, nor is he known 
88 « comparative philologiat. — [svfQftti findet sich bei Westergaard s. v. 
syf laedere, occidere. Anm. der red.] 



Fick, miflcelUD. 453 

komiiieusgrors der neuen Zeitschrift unfreundlich erscheinen 
mag, ungerecht ist er sicher nicht. Auch ist der tadler 
keineswegs der schlechteste freund. 

Johannes Schmidt. 



Zu den secundärsuffixen -an, -ina, inja, -ta, 
-tva, -vant. 

1) Das secund&rsufüx -an, -an zeigt sich am dent- 
lichsten im zend. Hier haben wir folgende bildungen die- 
ser art: puthran m. einen söhn habend, von puthra m. 
söhn, dat. puthräne; mäthran m. Vorleser, verkündiger Ton 
mäthra m. wort, gen. mätbränö, plur. nom. mäthrana^-ca; 
hazanhan m. räuber von hazanh n. gewalt, raub; bävanan 
m. titel des Mobed, der das Hom im mörser zerstölst, 
eigentlich der mörser- versehene von hävana m. mörser; 
endlich das adjectivische vi^an einen hansstand besitzend 
von VI9 haus. Diese zendwörter sind so bedeutsam, weil 
sie zugleich auf ein weitverbreitetes suf&x im sanskrit licht 
werfen. Es ist nämlich dies suiBx -an identisch mit dem 
skr. suf&x -in. Zend. putbr-an m. familienvater ist as skr. 
putr-in einen söhn habend, zend. mäthr-an m. Vorleser = 
skr. mantr-in spruch kennend, rath habend; endlich ha- 
zanb-an m. räuber steht parallel dem skr. sähas-in m. räu- 
ber, von skr. sahasa n. gewalt. Auf europäischem bodeu 
entsprechen lat. -ön und griechisch -coy, gen. -wv-oq^ wo 
diese suffixe von bereits fertigen nomen neue bilden. So 
entspricht ydcxQ-wv ro. dickbauch, starken bauch habend 
dem skr. jathar-in starken bauch habend, der monalsname 
'YÖQ'WV m. wassermonat dem skr. udr-in wasserreich, und 
der eigennamc l^lvSqwv für 'J^viqwv von a-v^Q- mann deckt 
sich mit dem sabinischen namen Ncron- Nero von ner 
mann. Das lange ö kann uns nicht befremden, da wir ja 
im zend neben -an die starke form -an in der flexion 
finden. 

2) Das secundärsuffix -ina, welches besonders gern an 
stoffuamen tritt und aus ihnen adjective bildet mit der be- 



456 Bn^al, miscellen. 

affiz an dieselben Wörter getreten, hier noch einen platz 
finden. Dem skr. pivas-vant strotzend von plvas n. fett 
entspricht nirj-eig für nift^'^evT-^ Tiifea-jrepv- fettreich von 
nJ^aa- fett in nif((S'TB()0'g, mia-regog und sonst; ferner 
decken sich wenigstens in der form skr. kakra-vant mit 
rädern versehen und xvxlozfBVT- kreisförmig; ebenso zend. 
vläa-vant giftig von viäa gift und ioetg {fir j:i(fO'j:e\T', das 
beiwort des eisens bei Homer, wohl mit recht von den 
alten „dem roste log ausgesetzt^ erklärt; endlich skr. 
Ichäjft-vant schattig, schattengebend und axio-jr^vr-^ axioetg 
schattig, schattengebend. 

Göttingen, 14. decbr. 1868. A. Fick. 



Nirnis. 

Dafs nimis eine comparativbildung wie magis, po- 
tis, pris (in pris-cus, pris-tinus) ist, darf als ausge- 
machte Sache gelten (Zeitschrift III, 278). Auch hat prof. 
Pott schon in der ersten ausgäbe seiner etymologischen 
forschungen (I, 194) richtig erkannt, dafs die anfangssilbe 
die negativpartikel ne, nr(ne-scius, ni-si, ni~hil) ent- 
hält. Wie sollen wir aber mis erklären? 

Ein wort wie nimis, dessen gesammtbedeutung „viel, 
zu viel** ist, und dessen erste Silbe die negation ausdrückt, 
mag wohl als zweiten theil ein wort enthalten haben, wel- 
ches „wenig, zu wenig ^ bedeutete. Nun aber kann das 
griechische fieiov im lateinischen nicht anders als meios, 
mios lauten. Die zusammenziehung von mios zu mis ist 
dieselbe wie bei satis, potis. Nimis heifst demnach 
wörtlich: „nicht wenig, viel% und daraus entwickelte sich 
wie beim griechischen ayav der begriff „zu viel". Aus 
nimis entsprang das adjektiv nimius, wie aus pris sich 
priscus, pristinus weiter gebildet haben. 

Neben /jslov besteht im griechischen der comparativ 
nkeiov: so mag es auch früher neben mis im lateinischen 
ein plis gegeben haben. Festus p. 204: plisima, plu- 
rima. 
Paris, den 27. april 1869. Michel Breal. 



inbceUen. 455 

sehe zeigt ueben dem alten, stark zusauimeogeschwunde- 
nen -yua-8, -inä-s massenhaft das suffix -ini-s d. i. inja-s, 
und so entspricht z. b« zemini-s dem zend. zemaenja irden, 
jilyvini-s von (Qbrigens entlehntem) alyva Ölbaum ge- 
nau dem griechischen klaheo-g. Ob nun aber das sufl^x 
-ainja sich schon vor der Sprachentrennung aus -aina ent- 
wickelt, oder ob die entstehung von -ainja aus -aina sich 
in den einzelsprachen selbständig und von einander unab- 
hängig vollzogen habe, darüber soll hier nichts aufgestellt 
werden. 

4) Das secundärsuffix -tä bildet abstracta im sinne 
unseres -heit von adjectiven, und war bereits der Ursprache 
eigen, denn es findet sich im sanskrit, im latein, im deut- 
schen und slavischen, wenn auch z. b. im latein nicht sehr 
häufig. Dort haben wir z. b. juven-ta f. identisch mit 
goth. jun-da f. jugend; dagegen entsprechen sich skr. ^ün- 
ja-tä f. und ksl. sujeta f leere; skr. dirgha-tä und ksl. 
dlügo-ta f. länge, skr. püriia-tä f. vollheit, fülle und ksl. 
plüno-ta, ahd. fullida, mbd. vullede f. fülle, vollheit, für 
fuluida, indem goth. full-a- voll bekanntlich für fuln-a- 
steht. 

5) Das suffix -tva, im sanskrit so überaus häufig ver- 
wandt, um abstracta aus adjectiven zu bilden, ganz wie 
-tä, scheint sich in den übrigen sprachen, wenn überhaupt, 
nur sehr sporadisch zu finden. So wäre es z. b. sehr ver- 
lockend das goth. frijathva, besser friathva f. liebe mit 
skr. prijatva n. das liebsein, liebhaben zu identificiren. Al- 
lein während das skr. wort aus prij-a lieb (für pri-a von 
pri durch a) und tva zusammengesetzt ist, möchte goth. 
friathva eher eine primärbildung und fri-athva zu trennen 
sein. Dem gothischen salithva f. nur im plural salithvos, 
herberge, wohnung, ziromer entspricht das ksl. selitva f. 
Wohnung (habitatio Miklosich) und scheint tva in diesem 
Worte allerdings secundäres affix zu sein. 

6) Das griechische affix -^€i'r- entspricht so völlig 
dem skr. -vant, dafs es fast überflüssig scheinen möchte, 
sich deckende bildungen dieser art in beiden sprachen auf- 
zusuchen. Doch mögen die wenigen beispiele, wo dieses 



458 



Sachregister. 



bedeutung des a, a des conjunctivs 
Dach Scherer 405. 406. 

Consonanten. Aalaat. idg. bh im 
lat. dnrch f oder h, nicht durch b 
vertreten 14; altidg. b 19; die lant- 
Terbindung uv im lat. und ihre Um- 
gestaltungen 106 — 108, namentlich 
ihr Übergang zu üb 107 f.; Vertre- 
tung von altem v durch qt 212, in 
ff^öq nicht durch «r bedingt 212, 
ist nur dialektisch und local 218; 
i-ähnliche uatnr des 1 bewirkt um- 
lant im ostfränk. 281 ; Übergang von 
n in 1 für das griech. und lat. we- 
nig gesichert 289; Übergang von 
inlaut. lat. h zu g wohl immer mit 
nasaliertem vocal verbunden 289; 
Übergang von m in n 860; Übergang 
von j in V im skr. 866; Übergang 
von -t in -s im iranischen und seine 
beziehnng zu dem zendlaute ( 897 f., 
Übergang von -t in -s im skr. 399 
(cf. 887); sporadischer lautwandel 
vun inlaut. s zu r im skr. und hoch- 
deutschen 400. — .ausspräche des 
lat. f 429 — 434, im besonderen: die 
Zeugnisse der grammatiker 429 — 432, 
epigraphische Zeugnisse (lautverbin- 
dnng mf und deren Verhältnis zu 
nf) 432. 438. — Vgl. auch noch 
unter: Aspiraten. 

Consonanteneinschub. Einschub 
von d zwischen n — r, 1 — r 288. 

Copula. Auslassung derselben 888 
—391. 894. 

Dativ. Bedeutung und gebrauch des 
indogerm., speciell vedischen dativs 
mit besonderer berücksichtigung der 
dativischen infinitivformen 81 — 105. 

— Ursprung des dativsuffixes äi, 8 
870 f. (cf. 101). 

Denominativa. Yerba auf latein. 
-erare, got. -izon, ahd. -isdn und 
ihre verwandten in den übrigen in- 
dogerm. sprnchen 52 ff. — lat. de- 
nominativa auf -io 25 ; spuren einer 
abgeleiteten -o - conjugation im lat. 
und osk. 205 f.; denominativa in 
der dritten lat. conjugation 808. — 
denominativa des sanskrit, durch 
blofsen antritt der personalendnngen 
an den nominalstamm gebildet 411. 

Deutsche dialekte. Dialekt von 
Job. Pauli's Schimpf und Ernst 40 

— 51: lautverhältnisse 4 1 ; beroer- 



kenswerthe Wörter 42 — 51. — Vo- 
calverhiütnisse des ostfrttuk. dialekts : 
Umstellung der diphthonge mhd. ie, 
uo, Üe (nhd. ie, ü, U), im ostMnk. 
dialekt und deren analoga in ande- 
ren älteren und neueren mundart«n 
268 — 276; Verengung ursprünglicher 
und secundärer diphthonge und de- 
ren analoga in andern dialekten 
277—288. 

Dual. Entstehung des dualen au 
290. 291. 

Ersatzdehnung im nom. sg. 875 ff.; 
in vedischen 2. und 8. pers. des 
activs von aoristen der 5. bildung 
(nach Bopp, der ersten nach Benfey) 
bei consonantisch auslautenden wur- 
zeln 878 ff. (Beufe/s ansieht von 
diesen aoristformen und die gründe 
gegen dieselbe 881). — Eraatzdeh- 
nung ist kein durchgreifendes gesetz 
geworden 380. 

Erweichung Von consonanten. Er- 
weichung von tennes im wurzelan»- 
laut im griech. 2; diese erweichung 
durch nebeneinanderatehen von wux^ 
zeln mit auslaut. k und g schon för 
die indogerm. zeit wahrscheinlich 
gemacht 241. — erweichung von 
aulaut. lat. p zu b nicht unbedenk- 
lich 15. — erweichung inlaut te- 
nues im lat sehr häufig 20. — er- 
weichung von anlaut. c im lat 21, 
89. — erweichung von anlaut p 
vor 1 im litauischen 80. 

Fränkisch. Spuren des altfränk. in 
der vocalisation der von den Römern 
überlieferten deutschen namen 183. 
184. 

Gemination. Gemination der tenuis 
im lateinischen 1 — 40 (übersieht 
sämmtlicher lat. wortformen mit ge- 
minierter tenuis 39. 40). — gemi- 
nation in der lat. Orthographie über- 
haupt in Verwirrung gcrathen 8. — 
Vgl. auch noch: Oskisch. 

Genitiv. Genitiv sg. der a- stamme 
151. genitivsufßx -as 373. geni- 
tiv-ablativ auf äi fUr -äs in den 
brähmaya 371. 

Genus 150—153. Scharfe begriff- 
liche Scheidung der drei genera sehr 
mifslich 152. — Verbindung ma»- 
culiner und femin. formen der pro- 



Sachregister. 



459 



noin. mit DeatrU im zend und ihre 
Analoga im deutschen 857. 858. 

Germanisch. Spaltungen der deut- 
schen gmndsp räche in ihrem ver- 
bältnis zu den uns erhaltenen sprach- 
zweigen 168 ff. — Charakteristik 
der einzelnen abzweignngen : altur- 
deutsch 169 — 172; mittelurdeutsch 
178 — 177 (beziehungen der Skan- 
dinavier zu den Sudgermanen 177, 
zu den Goten 178. 179); neuui^ 
deutsch 178 — 184. — verschiedene 
arten der Übereinstimmung zwischen 
den einzelnen german. dialekten und 
ihre gründe 186. 

Hilfsvocal a in gotischen flexions- 
formen, seine analoga im italieni- 
schen, neugriech. und slawischen, 
seine theilweise entstehung aus ana- 
logie 881 f. 

Imperfectum. Vedische 3. und 8. 
pers. des imperfects auf -iis, -äit 
68. 54. 

Indogermanisch. Methodische 
gmndsfttze für die aufütellung indo- 
germ. formen 74—77. — verschie- 
dene beziehungen der einzelnen 
indogerm. hauptzweige zu einander 
(„ancipität der sprachen**) 168. 

Infinitiv. Infinitivsuffix -taväi 870. 
— Weiteres ttber den Infinitiv siehe 
unter Dativ. 

Instrumental pl. der -a- und -&- 
Stämme im skr. 872. 

Lautverschiebung. Hohes alter 
der beiden letzten, dem deutschen 
allein eigenthttmlichen stufen der 
lautverschiebnng bewiesen durch die 
von den Römern überlieferten namen 
166 ff. 

Locativ. Locativ sing. 865 — 868: 
angeblich vedische locative auf ä 
von -a- und -a-stämmen 865 f. ; loc. 
der -i- und -ü -stamme 866; locativ 
der -i- Stämme auf ä und Su 866, 
der -u- Stämme auf &u 361, 866; 
locativ der fem in. auf -§m 867 ; 
locativformen mit -i, -i 867, 868 
(cf. 407); locativ sg. des zend 867. 
368, des litauischen 368; fehlen 
des locativzeichens bei stammen auf 
-an in den reden 884. — Locativ 
pl. auf -SU, zend. *-8va 864. 

Medium. Die endungen des mediums 
nicht aus denselben grundformen 



hervorgehend wie die des acttvums 
841. 842. 
Mythologisches. Mythus von Zeus 
-Semele und sein Zusammenhang 
mit dem mythen- und märchenkreis 
von Purüravas-Urva^i, Amor-Psyche 
und den schwanenjungfrauen 56 — 66. 

— beziehungen in diesen märchen, 
die auf die Vorstellungen von donner 
und blitz hinweisen 57. 58. 61. 68. 

~ aufsteigen zum himmel 56. 59. 
60. 62 f. — fraglich, ob die Melusi- 
nensage zu derselben grnppe 64. 

Namen. Erklärung einiger neudeut- 
scher familiennamen 79. 80. 159. 
222 f. 229. 281. 282. — germani- 
sche kosenamen 216 — 286. 

Nasal. Nasal im auslaut eintretend 
fUr schwindendes -e im grtech. und 
den indischen dialekten 888. 884. 
einschnb eines nasals 845. 

Neugriechisch. Abwerfhng und 
ausstofsung von vocalen, consonan- 
ten und ganzen Silben in der neu- 
griech. Volkssprache 114. — accent- 
regeln des altgriech. im neugriech. 
fifters verletzt 117. — paragogische 
formen im neugriech., namentlich 
tzakon. verbum 147. — ausfall von 
a zwischen vocalen in flexionaen- 
dungen des neugriech. verbums 147. 

— Weiteres s. unter Tzakonisch. 
Nominativ. Bezeichnnngsweisen des 

nominativs nach Scherer 874 ff.: 
unbezeichneter nominativ 874, 875 
(dagegen nominativzeichen -s auch 
bei femininis 874); angebliche no- 
minativbezeichnung durch vocal Ver- 
stärkung des bildungssufBxes 875 ff.; 
das nominativzeichen -s 881 — 884. 
Oskisch. Altoskische inschriften in 
griechischer schrift: 1) grabschrift 
von Sorrento 187. 188. 2) grab- 
schrift von Anzi 189— 210,241— 250 
(alter derselben 245. 249; Übersicht 
ihrer besonders alterthümlichen for- 
men, darunter namentlich mangelnde 
erweichung eines auslautenden t) 
246 — 248. 8) weiheinschrift eines 
helmes zu Palermo 250—258. 

Vocale: irrige bezeichnung kurzer 
osk. e und o durch rj und w 191; 
if im oskischen zur bezeichnung 
eines langen I 194. 209; parasiti- 
sches i hinter t, d, n, I im oski- 



460 



Sachregister. 



sehen und volskiscben und dessen 
•naloga im roman. nnd albanes. 
208 f. 

Consonanten: gemination zur be- 
Zeichnung gesch&rfter ansspracbe in 
bochbetonter silbe 188; bedentang 
des Zeichens f- als eines zirischen 
getrennt gesprochenen vocalen ein- 
tretenden baacblaates and seine ana- 
log« (h, /- ) in den Übrigen italischen 
dialekten 192 f. 

Declination: altoskische (wie alt- 
lat.) nom. sg. auf -as von mttnnli- 
chen a-stämmen 242, ef.244; gen. 
sg. dieser stAmme 242 ; verschiedene 
nominativformen der stamme anf 
-io 255. 266. 

Umbrisch - oskisch-volskische infi- 
nitive auf -om, -am 205. — classen 
der abgeleiteten conjagation im 
08k. 248. 249. — griech. worter 
und namen im oskischen 200. 
Participialfutarum 388. 390. 
Participialperfect des alterSni- 
schen ist vielleicht eher ein aor. 
medii 889. 
Participium auf -ant (and v-ans) 

885 ff. 
Perfectum. Bildung der italischen 
perfectformen 808.^811 (vgl. 207). 

— vedische 1. pers. sg. perf. auf 'ä 
weist nebst griecb. a und den for- 
men mit -&u auf älteres -am 826. 

Personalausdruck. Fehlen des- 
selben bei der dritten person 388 

— 896. 
Personalendungen. Erster person : 

1. pers. plor. auf .m im got praes. 
entstanden aus *ms, maa, nicht aus 
"^-ma (lit. -me) 830. ahd. -mds, 
seine nebenformen und seine ent. 
stehuDg 383 — 889; angebliche lat. 
1. pl. auf mds 888; die griecb. for- 
men -^if; und -/fCK 388. 884. — 
-mah§, z. -maidhS, giiecb. ^ftix7a 
und die verwandten endungen 346. 
847. 

Zweiter person : -dhl des impera- 
tivs 346. — vedisches -thä, -thana 
des plurals im präsens, -tä, -tana 
des plurals im imperativ 356. — 
•sva des medialen imperativ» 358. 

Dritter person 387 ff. 396—407: 
endung -e 396; endung -i des sg. 
aor. pass. 396 f.; altpers. -sa, griech. 



-aar, -ffaffft 898 ; skr. -us, hui898 f. 
— formen der 8. pL mit r (-r§, -ran 
u. s. w.) 899—402: die skr. formen 
-rS, -ran n. s. w. sind von den zend- 
formen -are, -ar^ u. s. w. zn trennen ; 
jene gehören zn wz. as 400; form 
-ran(n), -rata, -ram, -ra 400 ff. ; form 
-rS, -rire des peifects 402; form -are 
im plli 402. — Zusammenhang 
zwischen 8. pL anf -anti und part. 
anf -ant 405. — Scherers theorie 
Über die formen der 8. person 402 
—407. 

Personalpronomen: formen des 
selbstAnd. Personalpronomens 850 ff. 

Plural. Acht arten des plaralaua- 
dmcks nach Scherer 852 — 860, im 
besonderen: endung 'i (-Sni, -ini, 
-&ni) der nentra und ihre neben- 
formen 3 56 ff., endung -iSas 858; an- 
geblich flexionslose plorale der neu- 
tralen -as-stämme 884. 

PositionslKnge. Wesen derselben 
285 f. 

PrKsens. Das i in den flexionsen- 
dungen des präsens 842 f 

Präsensstämme mit -to im lat. 36. 

Pronominaldeclinatlon: sma in 
der pronominaldedination 353. 861 
— 864. locatlvendung (sm)in 368. 

Reduplication. Contraction redu- 
plicierter formen im skr. und deut- 
schen 308 f. (cf. 806. 807). — volle 
reduplication von wurzeln aus con- 
schant + vocal + conson. 410. 

Runen. » Aelteste ** runeninschriflen 
153— 157. — Charakter der darin 
vorliegenden spräche z. th. alter- 
thUmlicher als das gotische, jeden- 
falls aber nordisch, nicht deutsch 
(bewahrung der thematischen vo- 
cale, epenthetisches und paragogi- 
sches a, nominativzeichen r) 155. 
166. — Inschrift des steine von 
BjGrketorp 157. 

Snffixa. Lat. -it 12; sufBx -ka in 
primärei bildung selten 13; neutra- 
les suff. lat. -tus, skr. -tas 23; lat 
-uUo meist deminutiv von -ön 80; 
laU -tur 38 ; skr. adj. auf -aja = 
slav. -ij ,' verkürzt i 54. 55; -wXo 
71; lat. -ivo im verhältnifs zu -uo 
106; lat. -vo 201; osk. und lat. 
adj. auf -ito durch vermxttelnng de- 
nominativer verba auf -io von -i 



SachregiBter. 



461 



stummen nnd consonantischen stam- 
men 202; -at nnd -as, -vat und 
-vas als dialektische nebenfurmen 
211; vedisch -at (-vat) auch -an I 
(-van)^ vertretend 211; suff. -ist«,! 
-isfha mitunter Steigerung der wur- ' 
zelsilbe bewirkend 213; ital. -aiio, j 
-aio, -ejo und skr. Sja 802; skr. 
-BÄt, -sä 864; -mant und -vant 
885 ff.; ijis 886; Verwandtschaft 
von Suffix -väs und -vant 387; 
Wechsel von -are und -an zendischer 
nominalthemen 899; -ina lit. nicht 
selten zu -na verkamt 414; lat. 
-bro, -bra, -bri 487 — 440, -cro, 
-cra, -cri 440. — Uebereinstim- 
mende bildungen in verschiedenen 
indogerm. sprachen mit folgenden 
sufifixen : secund. suff. zend. -an, -Sn, 
skr. -in, lat.-ön, ^tar, gen.-w)'o;458; 
secund. suff. *-ina, *aina {-iroq, ksl. 
-inu, -inü — lat. -inus, got. -eina-, 
ksl. ^nü 454 1 seine Weiterbildung 
•inja, *ainja (zend. nom. aeni-s, 
-»ffo;, lit. nom. ini-s)454f.; secund. 
suff. -tä und -tva455; -vant, -J^tii 
455 ff. 
Tzakonisch. Bisherige arbeiten 
Über diesen dialekt 185. — tzakon. 
worter, die sich bei Hesychius wie- 
derfinden 186. 187; die auch im 
albanesischen vorkommen 138. 189. 
— Yocale: Übergang von anlaut. t 
in a 140; von ;, a» in i, 140; von 
au in 01/ 141 ; von anlaut. a in f 
142, von ( und ij in ov 145. — 



Gonsonanten : 



dem lakon. p für <t 



entsprechend, fällt tzakon. meist ab, 
erscheint aber wieder vor vocalen 
186; Übergang von rp in & 140; der 
laut seh häufig im tzakon., wie im 
epirotischen und makedon. neugrie- 
chisch und im albanesischen 148, 
entsteht aus q nach dentalen 148. 
— tzakon. -iyyov = gemeingriech. 
-tvut (mit dieser endung gehen ital. 
verba in die griech. dialf^kte Süd- 
italiens über) 141; -Uxov bildet 
tzakon. transitiva 141. — Declina- 
tion: acc. und nom. pl. nur durch 
den artikel unterschieden 144 ; dativ- 
formen von Thiersch für das tzakon. 
mit unrecht angesetzt 145. 146; 



gen. sing, der fem. in a impurum 
endigt tzakon. theils auf c, theils 
auf Ti 146. - Verbum 146 f. — 
Stellung des tzakon. zum altdorischen 
und lakonischen 148. 149. 

Verba, abgeleitete. Siehe Deno- 
mi nativa. 

Vocale. Schwächung des wurzelvo- 
cals im zweiten gliede von compositis 
im lat. 6, unterbleibt zuweilen 6, 
findet sich nicht im osk. 6 ; i und 
u im Wechsel im lat. 12; Schwä- 
chung von a zu 1 vor doppelcon- 
sonanz im lat. 37. — entstehung von o 
aus u im lat. 258 — 268 : entstehung 
von 6 durch synizese von ou 258. 
259; Verkürzung dieses o zu $ 305; 
unmittelbarer Übergang von ü in 5 
gehört der Volkssprache an, in der 
Schriftsprache kein sicheres beispiel 
260, 268 (cf. 298); lat. o =: griech. 
i; (durch Übergang von a in v vor 
q) 260, 261. — ahd. o einigemal 
Schwächung aus a 266; Schwächung 
von skr. a zu u vor r 286; Über- 
gang von a in i im zweiten crliede 
lat. composita durch u vermittelt 
287; vocalkürze im altlat. vor spä- 
terer, z. th. et^rmologisch begründe- 
ter doppelcon8onauz294; ouslaut. -ä 
der Ursprache durch griech. -a, lat. 
•a, kaum durch griech. -w, lat. -ö 
vertreten 827 (cf. 876); ahd. S aus 
ia durch zusammenziehung redupli- 
cierter formen 880 (cf. 887); zend. 
h aus a 875. 

Vocalreihen. üebergang deutscher 
wurzeln aus der a- in die i-reihe 10. 

Vocal Verlängerung in offener silbe 
im inlaut (sufi*. -iman neben -iman 
u. ä.) 851 ; vocalverlängeruDg vor v 
866. 

Vocativ der fem. auf ä 869. 

Wu r z e 1 n. Weiterbildung von wurzeln 
durch g 21, durch labiale 21, durch 
k 22, durch x '^^t d^^'c^ ^ ^^i 
durch bh 24. 

Zahladverbia des latein. auf -iens, 
-ies 886. 

ZahlwOrter. Ursprüngliche form 
der Zahlwörter für 5, 7, 8, 9, 10 
in den indogerm. sprachen 290. 



462 



Wortregister. 



IL Wortregister. 
A. OermaiuBche sprachen. 



l) fiotlsch. 

basi 16. 

bellaginea 806. 

fana 6. 

fani 416. 

foa 416. 

friathva, frijathva 455. 

gasuljan 262.