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Full text of "Zeitschrift für Ethnologie"

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ZEITSCHRIFT 

FÜR 



ETHNOLOGIE 



Organ der Berliner Gesellschaft 

für 

Anthropologie, Ethnologie nnd Urgeschichte. 

Bedac tioDS - Commission : 

A. Bastian, R. Hartmann, R. Virchow, A. Voss. 




Fünfzelmter Band. . 
1883. 

Mit lO lithoKraphirten Tafeln.' 



BERLIN. 

Verlag von^A. Asher & Co. 
1883. 



1J3V30 



Inhalt. 



Seite 

Kollmann, J., Die Autochthonen Amerika's. (Hierzu Tafel I) 1 

Bartels, Max, Die Gemme von Alsen und ihre Verwandten. (Mit Holzschnitten) . 48 
Sommer, W., lieber fünf lettische Grabschädel von der Kurischen Nehrung. (Mit 

OuTvenzeichnungen) 65 

Krause, £., Abergläubische Kuren und sonstiger Aberglaube in Berlin und nächster 

Umgebung 78 

V. Schulenburg, W, Schlange und Aal im deutschen Volksglauben 94 

Schwartz, W., Der Zauber des ,.,riickwärts** Singens und Spielens 113 

Gat sehet. Albert S., Der Yuma- Sprachstamm, nach den neuen handschriftlichen 

Quellen dargestellt 123 

Schliemann, Heinrich, Untersuchung der Thermopylen 148 

Bötticher, Ernst, Analogien der Funde von Hissarlik. (Hierzu Tafel IV) . , . 157 
Arzruni, A, Neue Beobachtungen am Nephrit und Jade!t. Nach einem, am 

17. März 1883 in der Berliner anthropologischen Gesellschaft gehaltenen Vortrage 1G3 
Kulischer. M., Die Behandlung der Kinder und der Jugend auf den primitiven 
Kulturstufen. Vorgelegt in der Sitzung der Berliner anthropologischen Gesell- 
schaft am 21. April 1883 191 

Finsch, Otto, üeber weisse Papuas 205 

Undset, Ingvald, Zwei Grab'stelen von Pesaro. (Hierzu Tafel V und 3 Holzschn.) 209 
Miscellen und Besprechungen. 

First Annual Report of the Bureau of Ethnology to the Secretary of the Smith- 
sonian Institution 1779—80, by J. W. Powell, Director, S. 62 — Wahl, L'Alg^rie, 
S. 63. — Berge, de la, En Tunisie, S. 63. — Largeau, Le Sahara alg^rien, S. 63. 
— Choisy, Le Sahara, S. ^3. — Bonnafort, Douze ans en Algerie, 1830 k 1842, 
S. 63. — Faring, Kabiles et Kroumirs, S. 63. — Vigoni, Abissinia, S. 63. — Doyle, 
The English in America, S. 63. — Lesson, Les Polynesiens, S. 63. — Abbot, Primi- 
tive Industry or illustrations of the handiwork in stone, hone and clay of the Native 
Kaces of the Northern Atlantic Seabord of America, S. 63. — Burgess, Notes on the 
Amaravati Stupa, S. 63, 156. — Herm. Dietrichs und LudolfParisius, Bilder aus der 
Altmark, S. 64. — John T. Short, The North Americans of antiquity, their origin, 
migrations, and type of civilization considered, S. 64. — J. F. Bransford, Archaeo- 
logical researches in Nicaragua. Smithsonian Contributions to knowledge, S. 64. — 
JoLKanke, Beiträge zur physischen Anthropologie der Bayern, S.64. — B.B.Redding, 
Wie unsere Voreltern in der Steinzeit ihre W^erkzeuge machten, S. 110. — Beal, Ab- 
stract of four Loctures on Buddhist Li terature in China, S. 112. — Hörn, Geschichte 
der Literatur des Skandinavischen Nordens von den ältesten Zeiten bis auf die Gegen- 
wart, S. 112. — Cowan, The Bora Land, a description of the Country and People, 
S. 112. — J. W. Powell, First annual report of the Bureau of Ethnology of the 
Secretary of the Smithsonian Institution 1879 — 80, S, 151. — Lewis H. Morgan, 
Hooses and house life of the American Aborigines, S. 152. — Victor Gross, Les 
Protohelvetes ou les premiers colons sur les bords des lacs de Bienne et Neuchatel, 
8. 152. — Alfred Kirchhoff, Rassenbilder zum Gebrauch beim geographischen 
Unterricht, S. 153. — Hermenigildo Capello and Roberto Ivens, From 
Benguella to the Territory of Yacca, Description of a Joumey into Central- and 



West-Africa. Expedition organized in the jears 1877 — 80. Translated by A. Elwes, 
S. 154. — Alfredo de Sarmento, Os Sertoes d'Airica, S. 165. — Falb, Das Land 
der Inca, S. 155. — Medina, JosÄ Tosibio: Los Aborijenes de Chile, S. 156. — 
Sewell, Lists of the antiquarian remains in the Presideney of Madras, S. 156. — 
Elutschak, Als Eskimo unter den Eskimos, S. 156. — Kaltner, Konrad von Mar- 
burg, S. 156. — Voigt, Die Wiederlebung des classischen Alterthums, S. 156 — 
Bonnemere, L'ame et ses manifestations k travers Thistoire, S. 156. — Maine, Sir 
Henry Summer, Dissertations ou early law and custom, S. 156. — Transactions and 
Procedings of the New-Zealand Institute 1881, S. 156. — Proceedings of the Royal 
Geographical Society, S. 204. — Ploss, Das Kind in Brauch und Sitte der Völker, 
S. 204. — Revue de Phistoire des religions, S. 204. — M. Bailand, Ein altes Straussen- 
ei, S. 204. — A.Bastian, Amerikas Nordwestküste, S. 220. — Arthur Milchhöfer, 
Die Anfänge der Kunst in Griechenland, S. 221. — Oscar Schneider, Naturwissen- 
schaftliche Beiträge zur Geographie und Culturgeschichte, S. 223. — John Anderson: 
Catalogue and hand-book of the archaeological collections in the Jndian Museum, S. 224. 



Verhandlungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte 

unter besonderer Paginirung. 

Ein specielles Inhalts- Verzeichniss der Sitzungen, sowie ein alphabetisches Namen- und 
Sach- Register befinden sich am Schlüsse der Verhandlungen. 



Verzeichniss der Tafeln. 



Tafel I. Graphische Darstellungen der amerikanischen Srhädelfornicn ( Zeitschr. 

f. Ethnol. S. 1.) 
„ II. Alterthümlichos Haus aus dem J*flertschthal in Tyrol. (Verh. S. 11.) 

- III. Fmidstücke aus einem Kurgan bei Stawrojiol. (Verh. S. 171.) 

IV. Orientalische Gesiclitsumen und Libirgefasse. f Zeitschr. f. Ethnol. S. 157.) 

- V. Grabst^len von Pesaro. (Zeitschr. f. Ethnol. S. 209.^ 

- VI. Alterthumer von Colorado, Alt- und Neu -Mexico. (Verh. S. 3()4.) 

VII — VIII. Xeolithische Thongefässe aus Cujavien, der Altmark und Anhalt. 

(Verh S. 430.) 
., IX. Bronzespeei-spitze mit Runen von Torcello. (Verh. S. 520.) 

jt X. ThongerUthe und eisenie Pincette aus dem Gräberfelde von Kischan, 

Kr. Berent, Pomerellen. (Verh. S. 55(5.) 



Verzeichniss der Holzschnitte. 



Zeitsohrift für Ethnologie. 



Seite 53. Gemme von Roden. 

, 72. Curven von Maassen der Lettenschädel. 



214. 
218. 
219, 



218. Stelen von Bolo^a. 

Verhandlungen der anthropologischen Q-esellschaft. 

21. I)ie Bökelnbiirg in Holstein. 

27 Kartenskizze der Gegend von Tellingstedt in Holstein. 

31 Baueraburg von Wettingstedt in Holstein. 

37. Kartenskizze der Umgegend um den ToUense-See, Meklenburg. 

42. Karte von Prillwitz und der Lieps, ebenda. 

45. Karte des Hanfwerders in der Lieps, ebenda. 

46. Durchbohrter Knochen (Pfeife?) vom Haufwerder. 

49 — 53 13 Stück Alterthuraer aus der Umgegend von Guben. 

73—75. G Holzschnitte, betr. Mikrocephalen von Eschbach, Nassau. 

78 — 79. 4 Holzsclmitte von westpreussischen Spielen. 

86. Zinngeräthe aus Gräbern von Amrum. 

112. Thongeräthe aus dem Silberberg bei VVollin und von Michendorf bei Potsdam. 
116. Gefässstrichler aus Stein. 
121. Skizze einer Wohngrube von Premyslenl in Böhmen. 

123. Verzierungen von Gefässen aus dem Umenfeld von HoHneves in Böhmen. 

124. Zweispitziger Speer aus dem Walde Lisek bei Stradonice in Böhmen. 
128. Fundstücke von Kl. Ladebow bei Greifswald, 

149. üeckelgefäss und Scliale mit Hakenkreuz von Loitz, Vorpommern. 

153. Omamentirtes Falzbein von Tangermünde. 

1()5. Bronzegefäss von Unia, Kr. Wreschen, Posen. 

166. Bronzenadeln von Dlnzjn, Kr. Kosten, Posen. 

174. Thongeräthe und Bronzespiegel aus einem Kurgan von Stawropol. 

196. Goldfigur mit Tapinfissel von Medellin. 

199. Bronzewagen von Cometo. 

208. Bronzereif aus der Mlezka, Ostgalizien. 

209. Kirchenmarken von Dippoldiswalde. 

218. Kalkstein von Schwarzau, Kr. Neustadt, W.-Preussen 

219. Bronzeringe von Brünhausen, Kr. Neustadt, W.-Preussen. 
221. Kartenskizze des Umenfeldes von Jüritz und Jessen, Lausitz. 

247. Karte über die territoriale Verbreitung der Zwölftengottheiten in Nord- und 

^litteldeutschland. 
252—253. Topfscherben aus dem Burgwall Waldstein im Fichtelgebirge, darunter 

ein Bodenstempel. 
254. Nadel und Nadelbüchse von Bronze von La Tene, Schweiz. 
289. Unterirdischer Steinbau von Zeust bei Friedland, Lausitz. 



Seite 294—95. Thongefässe von Borgstedt^rfelde, Holstein. 

„ 300. Thongefässe von Radewege bei Brandenburg, darunter ein durchlöchertes 

Seihgefäss. 

, 305. Gussform aus Thon von Koban, Kaukasus. 

, 310. Schädel mit occipitaler Verletzung von La Tene. 

^ 321. Sepulcraikrug von Albano nebst Inhalt, 

j, 323. Backofenume von Marino am Albaner Gebirge. 

„ 324. Hüttenunie mit Verzierungen von Marino. 

„ 331. Bogenfibula von Bronze aus der kleinen Tschetschna. 

., 343. Kartenskizze alter Ansiedelungen hei Schlagsdorf, Kr. Guben. 

., 348. Schulzenstab (Kringel, Kuli) von Saalfeld, Ostpreussen. 

„ 354. Amulet mit der Satorfonnel. 

„ 3G1. Trapezförmige Feuersteinscherben aus der Gegend von Berlin, 

j, 373-374. Thongefässe und Ohrring von Bronze mit Glasperlen von Tangermünde. 

„ 375. Eiserner Gürt^lhaken und Nadel mit Bronzescheiben von Tangermünde. 

„ 404— 40G. Knochengeräthe aus einer Höhle bei Mentone. 

, 416 — 417. Bronzewagen von Cortona. 

„ 420. Thonkegel (Kiehnspahnleuchter) von Carwitz, Meklenburg. 

y, 421. Tauschirte Eisenaxt von Guben. 

„ 423. Kartenskizze des Gräberfeldes von Zilmsdorf bei Teuplitz, Lausitz. 

„ 425. Eiserne Geräthe von da. 

„ 426. Thöneme Dose von Platkow bei Müncheberg. 

„ 427 — 428. Steine mit Radomamenten von Herrestrup und Aspatria (Cumberland). 

„ 434. Kugelume vom Goplo-See. 

„ 435—436. Thonscherben von Eichenhagen, Posen. 

, 438 — 441. Neolithische Gefässe von Tangermünde. 

„ 443. Thongefässe von tVose, Anhalt 

, 446. Thongefäss von Jerxheim, Braunschweig. 

„ 447. Thongefäss von Güsten, Anhalt. 

„ 449. Bronze -Armplatten von Tangermünde. 

„ 450. Thonscherben von Albsheim, Pfalz. 

„ 4(>6. Schädel aus der Pampa de la Plat^. 

„ 472—473 Neolithische Thongefässe und Steingeräthe von Nickelsdorf, Kr. Zeitz. 

„ 474—475. Näpfchen und Rillen an neolithischen Grabplatten, ebendaher. 

, 476—477. Thongefässe, ebendaher. 

„ 485. Eiserne Pfeilspitze mit Widerhaken aus Berlin. 

^ 487. Silberring von Schluckenau, Böhmen. 

„ 489. Brandgrube von Vettersfelde bei Guben. 

,., 513. Topfböden mit erhabenen Ornamenten von Waldstein, Fichtelgebirge. 

„ 515. Thonrad aus dem Pfahlbau von WoUishofen, Züricher See. 

j, 516. Grundplan und Profildurchschnitt der Höhle im Ith bei Holzen, Harz. 

„ 518. Fundstücke aus Knochen und Bronze, ebendaher. 

„ 552. Kupferner Ohrring aus der ältesten Stadt von Hissarlik. 

„ 555. Fibula mit Glasflussbelag des Bügels von Kazmierz, Posen. 

„ 557. Steinkistcngrab von Schloss Kischau in Pomerellen. 



I. 

Die Autochthonen Amerika's. 

Von 

Prof. J. EoUznann in Basel. 



Hierzu Tafel I. 



Die vorliegende Untersuchung über die autochthone Bevölkerung Ame- 
rikas bezieht sich ausschliesslich auf somatologischo Merkmale. Es handelt 
sich in allererster Linie um die Feststellung der Rassen Vielheit und um 
eine vergleichende Prüfung über die Vertheilung der Rassen in diesem 
für Völkerwanderung ungünstig geformten Kontinent. Seine langgestreckte 
Gestalt und die Richtung seiner Gebirge sind o£Penbar weniger hierfür ge- 
eignet als Europa, das streng genommen nur ein Vorgebirge des compakten 
asiatischen Welttheiles darstellt. Es kommt aber noch eine andere Erwä- 
gung hinzu, welche gerade die Prüfung Amerikas nach dieser Seite hin als 
wünschenswerth erscheinen Hess. Für Europa ist uralte Einwanderung 
nachgewiesen und zwar zum erstenmal während der diluvialen Periode. Seit 
jener fernliegenden Zeit ist der Strom der Einwanderung nie mehr zur Ruhe 
gekommen. Die Folgen davon zeigen sich überall. Die Spuren anthropolo- 
gisch verschiedener Elemente sind unter jedem Volk nachweisbar. Schon 
seit vielen Jahrhunderten bestehen die Völker Europas nicht mehr aus einei 
einheitlichen Rasse, und in der Gegenwart existirt kein auch noch so ent- 
legenes Thal, das Reinheit der Rasse aufzuweisen vermöchte. In Europa 
sind dadurch alle die ethnischen Fragen sehr complicirt und es lag nahe 
von einer anderen Seite her, diesem Problem von der Herkunft der Völker 
nahezutreten. Amerika schien hierfür manche Yortheile zu bieten, wie 
gänzlicher Mangel an ausgedehnter Vermischung durch moderne Einwan- 
derung, zweifellos für die präcolumbische Geschichtsperiode, und ein bereits 
sorgfaltig beobachtetes Material von gesicherter Provenienz. Man durfte 
also erwarten, Aufschlnss über manche Fragen von Völkerwanderung und 
Völkerehe, die auf gegenseitiger Durchdringung beruht, von dort drüben 
her gerade auch für Europa zu gewinnen. In welch' unerwarteter Weise 
dies der Fall ist, werden die nachfolgenden Blätter zeigen. 

Bei einer anthropologischen Umschau über den weiten Raum zweier 

Z«iuehrirt fnr StbnoloKie. Jahrg. 1869. l 



2 J^ Rollmaon: 

Kontioente treten aber noch aodere Probleme in den Vordergrund, deren 
Berücksichtigang kaum umgaDgen werden kann. Darunter ist dasjenige 
von der Lebensdauer der mensclilichen Rassen und dasjenige von der Ein- 
heit oder Vielheit menschlicher Spezies in dem folgenden besprochen 
worden, beide freilich nur auf Grund der somatologischen Erfahrungen. Ich 
habe jüngst die Thesis von der Unveranderlichkeit der menschlicheu Rassen 
aufgestellt und manche Belege beigebracht (16. 28), daas die Menschheit 
heute nicht mehr unter dem allgewaltigen Eiafluss der natürlichen Zucht- 
wahl stehe, dessen fördernde Kraft för die Stammesgeschichte aller Lebe- 
wesen unverkennbar ist. Gerade dieser Satz von der Un Veränderlichkeit 
der Varietäten des Menschen soll noch weiter ausgeführt werden, als dies 
bisher geschehen konnte. 

Eine ausgedehnte Vergleichung diluvialer und moderner Schädel 
hat herausgestellt, dass sich die am Schädel und aui Skelet vorhan- 
denen Rassenmerkmale seit der diluvialen Periode nicht geändert haben. 
Seit jener Zeit hat also in dem Sinn des Darwin'schen Wortes „Variation" 
der Mensch nicht variirt anter dem Einfluae der natürlichen Zucht- 
wahh Seine Rassenzeichen haben mit grosser Zähigkeit den äusseren Ein- 
flüssen Aviderstanden and haben trotz derselben ausgedauert. Dieses, wie 
mir scheint, wichtige Ergebniss craniologiacher Prüfung steht freilich im 
Widerspruch mit der geläufigen Ansicht, welche dae Gegentheil: eine be- 
ständige Umänderung dea Menschen annimmt. Allein bei genauerer Ueber- 
legung wird man zugeben müssen, dass sich die von mir beigebrachten Be- 
lege wenigstens (16) in meinem Sinne deuten lassen. Die folgende Dar- 
stellung meiner Auffassung von der Beständigkeit der Menschenrassen wird 
aber, wie ich hoffen darf, zeigen, dass sie weder mit der Deacendenztheorie 
noch einer unserer täglichen Erscheinungen im Widersprucb steht- Ich 
nannte den Menschen einen „Dauer typus"" (28). Diesen Ausdruck hat 
Huxley in die Literatur eingeführt. Ich citire ihn aus einem Vortrag über 
die Entwicklungaletre (29), von dem ich wünschen möchte, dass ibn alle 
lesen j welche sich für die Urgeschichte des Menschen interessiren, weil 
darin eine vortreffliche Darstellung von der langen Dauer epecifi scher 
Lebensformen zu finden ist. Cnvier versuchte bekanntlich die La- 
mark'sche Hypothese, dass die Thiere allmählige, fortschreitende Umbil- 
dungen erfahren, durch Vergleichung der Skelete und der Mumien, mit den 
entsprechenden Theilen der jetzt in Aegyten lebenden Vertreter dieser Arten 
zu prüfen. Das Resultat ist bekannt, er kam dabei zu der Ueberzeugung, 
dass bei diesen Thieren im Laufe dieses beträchtlichen Zeitraumes keine 
merkliche Veränderung stattgefunden habe. Und die Berechtigung seiner 
Schlnssfolgerung ist unbestreitbar. Ganz dasselbe gilt für die Menschen 
des Nilthalö. Diese^ wie die mumificirten Ibisse und Krokodille Aegyptens, 
sie liefern alle Beweise von der langen Dauer spezifischer Lebensformen, 
Der Fortschritt der Forschung bat aber noch viel auffallendere Beispiele 



Autor btbonen Amerika*». 



3 



aufgedeckt. Ein bemerkcnswertlier Fall findet öich in Amerika in der Nähe 
der Niagarafälle. In den oberflachlicheo Abkgerungeo, welche deo felsigen 
Untergrund in jenen Gegenden bedecken, kommen üeberreate von Thieren 
10 vollkommener Erhaltung vor, und darunter Molluskenschalen, welche zu 
genau denselben Arten gehören, die gegenwartig die ruhigen Wasser des 
Erie-Seea bewohnen. Aus der BesclmflPenheit des Landes geht hervor, dass 
diese Thierreöte dort zu einer Zeit abgelagert worden aind, wo der See sich 
noch über die ganxe Gegend erstreckte. Daraus ergiebt eich aber, dass sie 
gelebt haben und gestorben sind, ehe die Fälle sich ihren Weg durch die 
Niegaraschlucht gebrochen hatten, und man hat berechnet, dass damals, als 
diese Thiere lebten, die NiagarafaÜe loindestcns 10 Kilometer weiter strom- 
abwärts gelegen haben müssen als jetzt Ueber die Geschwindigkeit, mit 
der sich die Fälle rückwärts verschieben, glaubt Hnxley innerhalb der 
Grenzen der Vorsicht zu sprechen, wenn er annimmt, dass sie dazu 
einige 30 (X)0 Jahre gebraucht haben. So lange Zeit wird etwa vergangen sein, 
seitdem diese Species, deren Reste wir in den erwähnten Ablagerungen 
Enden, nicht variirt haben. Allein wir liaben noch stärkere Belege für die 
lange Datier gewisser Typen. In der langen Reihe der tertiären Forma- 
tionen giebt es viele mit den jetzt lebenden identische Thierarten. Die Ge- 
steine der Kreidezeit zeigen Ueberreste von einigen Thieren, welche sich 
selbst bei der genauesten Untersuchung in allen ivesentlichen Beziehungen 
als nicht verschieden von den jetzt lebenden erweisen. Das ist z, B. bei 
einer Terebratula aus der Kreide der Fall, welche bis auf den heutigen Tag 
unverändert oder wenigstens ohne bedeutende Veränderungen geblieben ist. 
Das ist ferner der Fall bei den Globigerincn, deren angehäufte Skeletc 
einen grossen Theil der englischen Kreide ausmachen Jene Globigerinen 
lassen sich biß auf die Globigerinen hinab verfolgen, welche an der Ober- 
fläche der jetzigen grossen Oceane leben, und deren zu Boden -fallende 
Ueberreste einen kreideartigen Schlamm bilden. Danach muss man zu- 
geben, dass es gewisse Thierarten giebt^ welche keine deutliche Spur einer 
Veränderung oder Umgestaltung im Laui^ der ganzen Zeit, die seit der 
Kreideperiode verflossen ist, zeigen, d. h, in einer Zeit, die, mag ihr ab- 
solutes Maass sein, welches es wolle, sicher weit über 30 000 Jahre ge- 
dauert hat In der mesozoischen Periode giebt es Gruppen von Reptilien 
wie die Ichthyosaurier und die Plesiosaurier, welche kurz nach dem Beginn 
dieser Periode auftreten und in ungeheuren Mengen vorhanden sind. _ Sie 
verschwinden mit der Kreide, und während der ganzen Reihe der mesozoi- 
schen Gesteine sind keine Veränderungen an ihnen nachzuweisen, 'welche 
sich mit Sicherheit als Belege für eine fortschreitende Umbildung betrachten 
Hessen. Thatsachen dieser Art sind ohne Zweifel verhängnissvoll lur die 
Annahme, dass alte entstandenen Thierformen sich beständig umbilden; und 
ebenso entschieden widersprechen sie der Ansicht, dass solche Umbildungen 
mit derselben Geschwindigkeit bei allen verschiedenen Typen der Thier- 

1* 




J, KoUmann: 

uad Pflatizenwelt statttindeD müsaten» Ein anderer Forscher^ der sich auf 
da» eingeliendöte und Jahre hindurch mit grosseo Gruppen der STuige- 
thiere bcfasst hat, kommt gänzlich uaabh äugig von Hwxlcy zu ähnlichen 
Anschaunngen, Ich will seio echwerwieüjendes Zeugoiss besonderes deshalb 
hier anfuhren, weil diese Säuget hiere hoch hinauf reichen auf der Stufe der 
Organiäulion^ mitten tinter uns leben und noch heute jedem die Prüfung 
und Beobachtung gestatten, Kütimeyer (30) legt neuestens die Ergeb- 
nisse seiner anatomischen, speciell craniologi sehen Studien ober die Familie 
der Hirsche vor, die sich jedocb gleichzeitig auf geographische und histo- 
rische Beziehungen erstrecken. Bei Vergleichung der gewonnenen ResuUiUe 
mit denjenigen, zu welchen ähnliche Arbeiten an anderen Wiederkäuer- 
gruppen führten, drängt sich ihm der Eindruck auf, daes der Typus Hirsch 
trotz fast cosmopolitiöcher Verbreitung in Bezug auf Schädelbau sich inner- 
halb viel knapperer Grenzen bewegt, als die Mehrzahl der anderen Formen 
von Wiederkäuern. Man könnte geneigt sein, solche Eintörmigkeit als ein 
„Symptom geringer Elasticität von Structur oder als Folge einförmiger 
Schicksale der Familie zu deuten. Allein weder die Zeichen von Lebens- 
energie noch die geologische Fri.st, in der wir bereits die Thiere kennen, 
gestatten eine solche Deutung, Viel eher wurden solche Erscheinungen 
für eine ungewöhnliche UnabhiVogigkeit von Einflüssen irgend welcher Art 
sprechen, wofür sich unter Thieren, welche iür Nahrung und Bewegung so 
vollständig auf die Festlaudoberfläche angewiesen sind, kaum ein zweites 
Beispiel namhaft machen Hesse". Hier ist allerdings von einer grossen 
Familie die Rede,, aber was fax sie gilt von Zähigkeit gegen äussere Ein- 
flüsse, ist eben das Resultat der Eigenschaften einzelner Gattungen und ein- 
zelner Species. Es giebt übrigens gerade unter der Hirschfamilie zwei Arten, 
welche die äusöerste Zähigkeit zeigen. Aa den Rand der nördlichen He- 
misphäre verdrängt stehen zwei verschiedene Formen neben einander 
unter demselben Klima, unter ähnlichen Lebensbedingungen, and dennoi'h 
haben sie sich unverändert erhalten wähi-end der ganzen letzten geologischen 
Epoche, Es hat sich weder die systematische Kluft zwischen ihnen ab- 
geschwächt, noch haben sie, soviel mir bekannt ist, irgend welche Modi- 
ßkationcn der Speciescharuktere erfahren. Obwohl Hausgenossen, stehen 
Elenthier und Renthier nach Structur einander seit alter, alter Zeit gegen- 
über und Keines der differirenden Merkmale hat sich ausgeglichen seit dem 
Diluvium. Das ist ein deutlicher Beweis, dasa es Dauertypen im 
strengsten Sinn des Wortes selbst unter hoch organisirten Thieren giebt, 
ja ganze Gattungen und Species in den Zustand der Beharrung ihrer typi- 
schen Merkmale eintreten können. 

Ganz dasselbe ist nun bei dem Menschen der Fall, er befindet sich seit 
dem Diluvium, was Species und Va rietätenmerkm ale betrifft, in dem 
Zustand der Beharrung, er iat eine Dauerlorm der Schöpfung geworden. 
Die Thatsuchen, auf die ich (16) hingewiesen habe, verlieren nichts an ihrer 



Die AutochfhcDeii Amerika 's. 



5 



Beweiskraft durch den Einwurf, dass dadurch ja die Periode der Yariabilität 
in der Menscheunatur hinter das Diluvium zuruckverlegt würde. Zii der- 
selben Annahme ist die vergleicbende Anutomie und die Palaeontologie 
längst gezwungco für die grösste Zahl der Wesen des Thier- und Pflanzen- 
reiches. Wir haben uns allzu sehr daran gewöhnt, gerade unter der Herr- 
schaft der Darvvin'öchen Theorie, alle Wesen um ans her in beständiger 
Umwandlung zu wähnen* Wir müssen jetzt daran gehen, die Unterschiede 
nnd die Grenzen des Variirens im Kaum und in der Zeit genauer zu 
Studiren, Die lange Dauer gewisser Tbier- ond Pflansentypen oder die des 
Menschen ist deswegen noch kein Einwurf gegen die Eutwickluugshypo- 
these. Man kann sich um so mehr in dieser Beziehung beruhigen, als 
gerade die Geschichte der Säugethiere auch entgegengesetzte Falle klar- 
gelegt hat Rütimeyer hat auf das Schlagendste z. B. für Rinder und 
Pferde den Nachweis erbracht, das 9 ihre Formen noch heute nicht fest 
gefugt, sondern im Gegentheil bis in liefliegende Einzelheilen noch formbar 
im höchsten Grade sind, sowohl durch die natürliche als durch die künst- 
liche Zuchtwahl. Das letztere wissen die Thierzuchter nur zu gut. Auf 
der heute noch fortwirkenden Variabilität beruhen allein die erfolgreichen 
Resultate der künstlichen Züchtung bei diesen Familien, Aber sie hat 
zweifellos auch ihre Grenzen, Die einen erreichen diese Grenzen später, 
die andern früher. Der Mensch gehört aber nach allen Zeugnissen, die er 
ans in seinen Grastatten hinterlassen hat, zu den letzteren Wesen. Er hat 
sich, so lange er in Europa wandert, weder in seinen osteologi sehen 
Rassencharakteren noch in seinen osteologiachen Merkmalen der 
Varietäten verändert. Ja man kann dasselbe auch bezüglich der Muskeln 
annehmen, insofern ja die Knochen durch ihre Muskellinien einen Rück* 
achluss auf diesen beträchtlichen Bruchtheil seines Organismus gestatten. 
Diese Ueberzeugung habe ich an osteologischem Material europäischer Kassen 
gewonnen, sie steht jedoch für mich auch fest für diejenigen Amerikas und 
der übrigen Kontinente. Ein auffaüendes Exempel von der weitgehenden 
Gültigkeit dieser Regel ist abgeseheD von vielen andern die Differenz 
zwischen Papuas und Malayen* Seit undenklichen Zeiten wohnen sie neben 
einander in denselben tropischen Gegenden, welche physikalisch so gleich- 
geartet sind, und dennoch sind sie verschieden. 

Obwohl die Varietäten nnd Rassen merkmale des Menschengeschlechtes 
nach meiner Ueberzeugung von zäher Dauer sind, und noch keine Äende- 
rung erworbener typischer Merkmale nachgewiesen werden konnte, halte ich 
doch selbstverständlich an der gleichzeitig bestehenden Thatsache der iudu- 
viduellen und sexuellen Variabilität der Menschen fest. Es ist ferner 
wohl überflüssig hier zu erklären, dass die Widerstandsfähigkeit der thieri- 
sehen oder menschlichen Natur gegen die Specieszeichen nicht auch Immu- 
cität gegen Krankheiten in sich schliesse. Das Individuum, die Person 
kann in ihren physiolugischeu Lebensäiisserungen gestört werden, und wird 



6 J. KollmaDD: 

es ja oft genug, Mensch wie Thier, aber die Species hat ein anderes Leben, 
sie überdauert geologische Epochen. 

Nichts liegt mir also mehr fern, als die auffallenden Erscheinungen der 
sexuellen Variabilität zu bestreiten, um deren Feststellung die menschliche 
Anatomie schon so manchen Streit gefuhrt hat. Denn was ist es denn 
anders, wenn der weibliche Schädel kleiner ist als der mannliche, die 
Muskulatur schwächer, wenn dsLß Skelet der Brust und des Beckens ver- 
schieden ist gegen dasjenige des Mannes und sofort bis in die Organe 
hinein und selbst bis in die geheimnissvoUen Tiefen der physiologischen 
Function? Also Variabilität existirt, aber die eben hier fluchtig skizzirte 
gehört in das Bereich der sexuellen Variabilität, deren Grenzen noch immer 
der endlichsen Feststellung harren. Daneben giebt es noch eine indivi- 
duelle, welche aber ebensowenig, wie die vorhergehende meine Annahme 
von der Unveränderlichkeit der Menschenrassen irgendwie berührt Die 
Höhe der menschlichen Gestalt, die Stärke der Knochen, der Umfang der 
Muskelatur, die Dicke der Haut, kurz alle Organ können variiren inner- 
halb einer bestimmten Grenze. Ich will nur an ein Organ, an das hervor- 
ragendste von allen, an das Gehirn erinnern. Welche individuellen Unter- 
schiede! Kann doch seine Schwere innerhalb der enormen Grenze von 
mehr als 500^ bei dem Durchschnittsmenschen hin und her schwaQken, 
der physiologischen Leistung gar nicht zu gedenken! Um die Schwankungen 
der individuellen und sexuellen Variabilität festzustellen, ist es aber 
unerlässlich, dass erst die Merkmale der Rassen bestimmt seien. So lange 
dies nicht der Fall, wird der Boden der Kassenlehre überhaupt, und auch 
derjenige der Craniologie, die ja ein Theil derselben ist, jene Festigkeit 
vermissen lassen, welche die physiologische oder die pathologische Be- 
trachtung erheischt Nun sind die Schwierigkeiten nicht gering. Die 
meisten Männer von Fach ziehen sich überdies von dieser Aufgabe zurück, 
und folgen nicht selten mit Geringschätzung den Bemühungen der Morpho- 
logie der Menschenrassen. Auch dass ändert sich wohl noch, unterdessen 
wächst, wenn auch langsam, der Schatz der Thatsachen, freilich wie überall 
nur in dem Widerstreit der Meinungen. So wird mir neuestens entgegen- 
gerufen wegen meiner Thesis von der Unveränderlichkeit der Menschen- 
rassen seit dem Diluvium, die Craniologie sei also jetzt glücklich an der 
Arche Noah angekommen; das erste Aoftr^en rücke eben in unfassbare 
Feme. Ich bedaure, dass wir selbst noch hinter die Arche auf die Suche 
gehen müssen, wie wir das schon längst gethan haben mit sammt der ganzen 
Paläontologie, und bedaure, dass wir noch nicht soweit sind, den Pro- 
anthropos vorzeigen zu können. Wer übrigens nach dieser Seite schnelle 
Befriedigung wünscht, dem können wir nur dringend rathen, eine 
modeine Anthropogenie oderi eine sogenannte Schöpfungsgeschichte zur 
Hand zu nehmen, er wird darin selbst weitergehende Wünsche erfüllt sehen. 

Ein wichtiges Ergebniss, das ich mit ausgedehnten Belegen versehen 



Die Äutocbthonen Amenk«'«. 



habe, und daa an mittelbar aus der ÜDV^eränderlichkeit folgt, ist ferner, dass 
wir Europäer, die wir alle von uraltem Gescblechte sind, seit dem Diluvium 
bestäüdig auf der Wanderschaft begriflen sind. Durch ein unablässiges 
Hin- und Herziehen durchdrangen sich im Laufe der Zeiten die verschiedenen 
Rassen, ein Vorij^ang, den ich mit Penetration bezeichnen will. Sie 
brachte es dahin, daäs heute, wie schon vor vielen Jahrtausenden überall 
in Europa Vertreter mehrerer Rassen neben einander leben, jedea Volk und 
jeder Staat also einen Theil der verschiedenen Rassen in verschiedener 
Proportion enthält. Diesen Schluss zog ich aus einer Vergleichung von 
mehr als 3000 Schädeln europäischer Völker. Die Zahlen selbst ergaben 
dieses Resultat, und ich habe mich jeder Interpretation enthalten. Dass 
dieses Ergebniss überraschen, und liebgewonnene Vorstellungen zerstören, 
folglich auf Widerspruch stossen würde, habe ich wohl erwartet, dass es 
oebenbei als ,, Nekrolog auf die ganze von Retzius inaugurirte Graniologie 
angesehen würde und als erfreuliches Ende der Selbstzerselzung" ist eine 
jener seltsamen Hoffnungen, welche mehr erheiternd als nachhaltig wirken. 
Es ist allerdings unbequem, dass die Möglichkeit, an denJGräberschadeln 
die Nationalitat abzulesen, dabei verloren geht, wenn es sich herausstellt, 
dass das gegenseitige Durcheinanderwandern der Rassen, schon überall seit 
langer Zeit in ergiebigstem Maasse stattgefunden. Allein man darf doch 
nicht übersehen, dass nur im Anfang der anthropologischen und speciell der 
craniologi sehen Studien ein blindes Vertrauen auf solch' diagnostische Lei- 
stnngen bestanden hat. Sehr bald wurde es erschüttert und wird heute 
nur mehr von wenigen mit ganzer Ausdauer festgehalten. An dem Schädel 
lassen sich eben nur anatomische Merkmale ablesen. AJs diese sich 
entwickelten und befestigten, gab es weder Germanen noch Sarmaten noch 
Gallier u. s. w. Unseren westlichen Nachbarn und vor diesen, den Jung- 
Amerikanern blieb es vorbehalten, politische Graniologie zu treiben. Die 
einen fühlten das Bedürfniss hierzu um die Sclaverei mit Hülfe der .Granio- 
logie zu rechtfertigen, die andern nm „natürliche'' Grenzen zu ziehen oder 
nationalen Ingrimm auf anthropologische Gründe zurückzuführen. Eine 
Variante aus einem allerdings edleren Beweggrund vertritt Holder (31), 
der mit unerschütterlicht*r Ausdauer für die anthropologische Einheit der 
Germanen eintritt, offenbar darauf hingeführt, weil sie einst als grosse 
kulturhistorische und staatliche Einheit in der Geschichte auftraten. 
Er beharrt bei seinem Glauben trotz aller Beweise, dass an die 50 pGt. aus 
andern Rassenelementen und aus Mischbngen bestanden. Das ficht ihn 
wenig an. Er hilft sich auf seine eigene Art über die Schwierigkeiten 
hinweg. Da sind nur einige „Servi", Knechte, die in die gute Gesellschaft 
eingeschleppt wurden, im übrigen „bestehen die Germanen aus lauter 
Menschen gleichen Schlages. In dem glänzenden Bilde eigenartiger Kultur- 
entwicklung, welches einen grossen Zeitraum und das weite Gebiet von 
Ipinz Westeuropa umfasst, stehen in der That die Germanen als eine ge- 



8 J. Kollmaiin: 

schlossene Yölkergruppe da. Nichts erscheiDt einftcher, mh der gleicii- 
gearteten EntwickluDg in Sitte and Sprache mehr iibereinstinuBend. als die 
Annahme, dass alle diese Völker einer und derselben Absummiuig gsevesen 
seien, dass dieser grosse einheitliche Zag in den Gehirnen cnd StiJdelii 
einer und derselben Menschenabart allmählich gewachsen, und ämk sie 
über die Hälfte eines Welttheiles getragen worden seL Allein wihreod ich 
die Einheit germanischer Kultar, and germanischen Geistes anerk^eose. rnnss 
ich gestehen, dass der Beweis von einer specifischen ^germani&cben Rasse* 
nicht erbracht ist, und dass er sich auch niemals erbringen la&$t. Xiemals 
in keiner Epoche, die hier in Betracht falle bestanden die Germanen aas 
einer einzigen Rasse, sondern sie waren eine mechanische Mischung 
von Abkömmlingen verschiedener Rassen, die sica zu einem ein- 
heitlichen Volk ineinandergelebt hatten. 

Es ist keine schwierige Aufgabe, den Nachweis eines zusammen- 
gesetzten craniologischen GefQges innerhalb der germanischen Völker zu 
führen (16, 28). Wer irgend nur eine gewissenhafte Zahlentabelle über die 
Form Verhältnisse der vorliegenden Schädel gemacht, kann uumöglich die 
Ueberzeugung von der anthropologischen Gleichartigkeit der Germanen fest- 
halten. Ueber die geradezu unvereinbaren Gegenaaae ^sr Sdiadel aus 
germanischen Gräbern hilft sich Holder dadurüh itixwfic. dass er fünf 
v'ersc.hiedene Typen innerhalb der Germanen a&xarci£ä»&äciL. Also doch 
typische unterschiede trotz der Einheit? Dabei denki er sich offenbar die 
Völker herangezüchtet wie Tanbenrassen. Europa i«:t r»ewohiit, woher die 
McnHchen kamen, ist für ihn eine milssige Frage, genug sie vermehrten sich 
wacker, bildeten staatliche Gruppen, reiche sich immer scharfer trennten, 
nicht blos geographisch oder politisch, nein., auch phjsisch. Mit einem 
Schlag sind die Germanen auf dem Plan mit fünf für ihn „langen Schädel- 
typen^. Das klingt scheinbar sehr einfach, aber doch nur für die Cranio- 
logen von Württemberg zufriedenstellend. Dass in der paläolithischen und 
iu der neolothischen Periode mit Mammuth und Renthier und später mit 
unscrn Hausthieren genau dieselben „Typen^ vorkommen, wird einfach 
ignorirt, erst mit den Germanen kommen nach seiner Anschauung die 
echten Langschädel in die Welt, aber gleich mit fünf verschiedenen Typen. 
Was er sich unter „Typen** denkt, ist unklar. Sicher ist für den Leser 
nur, dass Holder folgendermassen rechnet: Fünf mal Eins, macht Eins, 
ergo beweisen fünf Typen die Einheit der Germanen. Ick denke diese 
„zoologische** und von ihm besonders als „natürliches System* bezeichnete 
Aufstellung können wir zu weiterem Ausbau ihm selbst überlassen. 

Wichtiger ist die Stellung zu der Frage von der Einheit des Menschen- 
geschlechtes. Die Craniologie muss sie mit entscheiden helfen, soll sie 
festen Boden gewinnen. So lange man nicht klar ist^ ob nur eine Species 
und mehrere Rassen, oder viele Species und wenig Rassen, kommt auch 
der Streit, wo Rassenmorkmale beginnen und die Speciesmerkmalc auf- 



Dfe AtitocKthaoen Amenka's. 



I 



hören, zu keiner Eotscheidang, ja man wird nicht einmal im Stande sein, 
die sexuellen Charaktere feststellen zu können. Nuu mochte ich hier 
wiederbolen, dass ich an der Einheit des Menschengeschlechtes festhalte, 
and dasB ich von diesera Gesichtspunkt aus mir verschiedene Unter- 
urten, und in sehr secnndärer Reihe dann Yarie täten, Subvarietäten u. 6. w, 
sehe. Die Unterschiede zwischen dem Neger, dem Indianer, Kaukasier u. a. w. 
sind einmal nicht so gross, dass man jeder Form den Werth einer beson- 
deren Species beilegen könnte. 

Wozu also die Voraussetzung eines grossen Saaten wnrfes von ver- 
schiedenen Specles, der sich nicht beweisen lässt? Daraus folgt, dass ich 
von einer einzigen Stammform aus die Subspecies oder Unterarten ableite 
und von diesen aus die Varietäten. Nach meiner Auffassung von der Einheit 
des Menschengeschlecbtes, und von der Unverrtnderlichkeit der Species- und 
und Varii^tntenmerkmale seit dem Diluviara, folgt selbstverständlich, dass ich 
die Periode ihrer Variabilität in die praglaciale Periode verlege. 
Ofleubar hatte auch die Species homo sapiens eine praglaciale Urgeschichte, 
iu welcher der gemeinsame Stamm in die verschiedenen Zweige auseinander- 
ging. Diese erste Periode musste sich präglacial abspielen, nachdem seit 
dem Diluvium keine Variabilität zu beobachten ist Der Mensch verhält 
sich eben hier genau so wie die grösste Zahl der noch heute ihn um- 
gebenden Wesen, In der That, „hinter der Arche Noah*', wie sich Rieger 
(24) ausdruckt, ist noch meiner Meinung die Diffcrenzirung der Species 
erfolgt, nachdem xunn sich heute vergeblich nach Beweisen für die fort- 
dauernde Kraft umgestaltender Einflüsse auf den Menschen umsieht. 

Von diesen Gesichtspunkten ausgehend, findet der Leser am Scblass 
einen Stammbaum des Menschengeschlechtes aus der praglacialen Periode, 
von einer Stammform, einer Species ausgehend. Er enthält sechs Unter- 
arten, von denen sich je drei, also 18 Varietäten abgliedern. Ein Stamm- 
baum für die Menschenrassen der glacialen Periode ist nberflüssig, weil sie 
sich seit jener Zeit ja nicht mehr geändeit haben. Die Aufgabe der Anthro- 
pologie und der Craniologie für diese jüngere Periode liegt darin, die Zu- 
sammen ae-t zun g der Völker zu geben, soweit sie dazu berufen ist, 
d. h* soweit ost'eologische Merkmale Aufschloss geben. Die Ethnologie 
Linguistik und Archäologie mögen von andern Punkten ausgehen, die Her- 
kunft und die Eigenschaften der Völker zu bestimmen; die Wege werden 
sich schliesslich begegnen, dessen darf man überzeugt sein. 

L 

Die Frage nach der Herkunft der autochthonen Bevölkerung Amerika's 
knüpft an die übrigen Kontinente an. Ist das Räthsel gelöst für Europa* 
Asien, oder für Afrika, dann liegt auch die Lösung für Amerika nicht mehr 
fern, vorausgesetzt, dass man sieb auf den Boden von der Einheit der Ab- 
stammung stellt. Dann ist uämlich der innige Zusammeubang selbst- 





t (fi» Cieij rtea sieht so tief 
ÜMffall diccelbeB wären und 
arkesnbv Uieben. Der Schädel 
inor wis Jon. «fieaeObcm GesicLtdbriMn kommen 
ji Mies, 'xeaiesn tw. me iienexL (iem Besbcektcr kdigtich Varietäten dar, 

1er EUrnkapael, allerdings 
3«^ajLi£rea MuLaalea tod einander ab. Der 
amie lieec alao cbrin^ das Basaenzeichen inner- 
iah ^liie:» if i iHmiiTniga ^ilmaBtifig erkaanc za haben. £a wäre aber falsch, 
3L srnmoL flflK» Ziel mi dadnrdi err«ckbar, dass man sich nun zunächst 
jDC -Kulaai Sny aoc 'ia» anthcopdociache and craniologiscbe Stadiam eines 
maiiaiaii ii. BTimÄnmn» anaacUkftilxdi werfe. Im Gegentheil, je weiter die 
f i niirnaii iesa =aadher werden die Xebel sich zeratrenen. 

In. Edvnm lanea äek Ter^ckiedene Unterarten nachweisen. Die- 
iebesa kmuBisn. «wcs mciiie £i£ümuigen reichen, fiberall vor, aber in 
aad«r«a VazietäsesL So kaoa ea nicht aberraschen, dass wir auch in 
and K]insck*del in alter and neuer Zeit und weit in die 
P«w«ie znrack finden. Ea handelt sich also um die Zahl 
jor sa^rikaAi sehen MenschenTarietäten und um ihre hauptsächlichsten 
f. In £es«r FrageateHong zeigt sich schon ein wesentlicher Fort- 
; ia «itf Kesncnisa der anthropologischen Verhältnisse dieses Kontinentes. 
Fr^&er xMboe ann. eine einzige Rasse sei über ihn verbreitet, vom Kap 
H«« knaof b» zn dtn grossen Seeen des Nordens. Ich bin weit entfernt, 
älr iüä« Anskkt ansschliesalich Blumenbach verantwortlich machen zu 
w^iikm. mack de m noch riel später Morton und Andere auch für dieselbe 
sind. Denn ea scheint mir der naheliegende um nicht zu sagen 
Gang nnserer Vorstellungen zu sein, dass wir einen Kontinent 
vva Mtldker Focm and solch isolirter Lage — die starren Eisfelder des 
N^xd^tts sind Ton ebenso isolirender Kraft, wie das wogende Meer — 
lunSbckss Ton einer dnzigen Kasse bevölkert denken. Die genauere Unter- 
^ttcknng hat zwar bald gelehrt, dass diese eine Rasse doch sehr bedeutende 
Varianlen basiize, und der Gedanke von mehreren autochthonen Rassen ist 
anck bi»w^en ausgesprochen worden, aber festen Fuss hat er trotz mancher 
aaaK>HÜacker Gründe nicht gefasst. Wer den Standpunkt bis zum Jahr 1865 
k^ttnen lernen will, den darf ich auf die vortreffliche Studie von Th. Waitz: 
Di« Indianer Nordamerika's verweisen, welche von Dr. Ploss nach dem Tod 
diesem bewunderungswürdigen Gelehrten herausgegeben wurde. Entscheidende 
Thal^taclien gegen die unitarische Ansicht hat später erst Andreas Retzius 
b^'ig^bracht« Wenn sie nicht jene Beachtung fanden, die sie verdienten, so 
li«gt der Grand unzweifelhaft darin, dass er sofort die Lösung der grossen 
Pn>bleme> welche die physische Anthropologie Amerika's birgt, mit kecker 
Zuveraicht versucht Er beweist aber, dass in Amerika zwei verschiedene 
Menschenrassen zu finden sind, im Westen des ganzen Continentes eine 



Die Anfocht honen Amerilta's, 



11 



kurzköpfige und im Osten eine langköpfige. Das ihm vorliegendle Material 
war entscheidend für die Doppeloatur der Äutochthonen. Das Dogma von 
der Kassen ein heit war für Amerika dadurch zerstört, nnd scheinbar war er 
im Recht, nach der Provenienz des ihm vorliegendeD Materiales eine ganz 
bestimmte Vertheilung dieser beiden Rassen anzonehmen. Aber es hat sich 
später herausgestellt, dass sie in dieser Art nicht existirt. Der Gebirgstock, 
welcher den langgestreckten Erdtheil vom Norden bis zum Süden durch- 
zieht, bildet keine Volker^cheide, wie A. Retzins nach der Provenienz der 
ihm zur Verfügung gestellten Schädel annehmen durfte. Der Wunsch, auch 
die Herkunft dieser beiden Rassen sofort aufzuklären, legte ihm dann noch 
die Vermuthung nahe, die langköpfige Bevölkerung sei vom Osten von 
Afrika her, eingewandert vielleicht als Berbern und Guanchen, während die 
dea Westens von Asien stammen sollte, und auf mongolische und vielleicht 
auch malayische Stämme zurückgeführt werden müsse. Die angenommene 
geographische Trennung der Rassen war aber bald durch die Beobachtung 
als falsch erwiesen, und so hat auch weder sein Erkläruogs versuch vou der 
Herkunft derselben noch der Nachweis zweier Kassen tiefere Spuren in der 
Anthropologie Amerikas zurückgelassen. 

Mit einem Vortrage R. Virchow's (3J tritt die Rassenfrage Amerika s 
in eine neue Phase. „Von dem Standpunkt der klassificirenden Anthropologie 
aus drängen die Beweise zu dem Schliisse, dass es unter der autochthonen 
Bevölkerung Amerika's keine Einheit der Rasse giebt." Wir haben, führt 
er aus, nach zwei Richtungen hin, in den am wenigsten cultivirten Theilcn 
des grossen Conti nents z\^ei ganz auseinanderiiegende Typen kennen geler dL 
Bei den Eskimo' s, den Tapuio^s, Botokuden und Patagoniem, selbst bei 
Peruanern und Chibchas sind dolichocephale Formen gefunden, und auf der 
anderen Seite stossen wir bei den Moundbuilders und Muschelmenschen, 
den Garaiben, Araucanem und Pampeos auf kurzköpfige Rassen. Beide 
müssen seit undenklicher Zeit existirt und sich durcheinander geschoben 
haben. Mit ruhiger Ohjectivität enthält er sich jeder Folgerung, welche 
von beiden die frühere ist und sv eiche die spätere. Denn es steht, wie er 
ausdrücklich hervorhebt, noch keineswegs fest, dass nur eine dolichocephale, 
und eine brachycephäle Rasse sich gegenseitig verdrängt haben. In diesen 
letzten Worten liegt deutlich der Hinweis, dass das Problem der physischen 
Anthropologie Amerika's mit der Entdeckung der Zweiheit der Rassen 
keineswegs abgeschlossen sei. In der That taucht in Amerika sofort die 
Frage nach der V'^ielheit und in naturgemässem Zusammenhang damit 
auch diejenige nach dem Alter dieser Rassen auf, gerade wie in Europa, 
Bei uns währt der Streit hierüber schon geraume Zeit, und die Ueberzeugung 
gewinnt mehr und mehr die Oberhand, dass wie in der Geologie eine Reihe 
von Schichten in strenger Zeitfolge sich über einander gelagert, so auch in 
der Bevölkerung des kleinsten aller Continente eine Stratihkation von auf- 
einanderfolgenden Rassen nachzuweisen sei. Die Entscheidung dieser Frage 



jl ^ J. Kollmanoi 

für Amerika wurde für die in Europa von nicht geringerem Einfluss seiiij 
als ea der Nachweis mehrerer Rasaen ist Auch hierfür gicht Amerika einen 
unerw^arteten rSeitrag, um tlie Sachlage in Europa zu entscbeiden. 

Ich will zunächst lediglich an der Hand cranio logischen Materiales 
Zablenbelege beibringen: 

1, Für die Piuralität der Varietäten*) in Amerika, 

2, Für die Verbreitung aller dieser Varietäten über den ganzen 
Kontinent 

Das Verfahren, das ich hierfür einschlage, besteht in der Benützung 
der Lüngt;nbreitenindices von 1500 Schüdelo aus allen Gebieten vom Feuer- 
land bis zur Behringstraase. Diese Zahl scbeint mir ausreichend, um damit 
wenigstens eine allgemeine Uebersicht zu gewinnen» Denn aus einem zahlen- 
mässigen Vergleich der Haaptdiraensionen an der Hirnkapsel muss nicht 
allein die Frage über Einheit oder Vielheit sieh endgiltig entscheiden lassen, 
auch die Verbreitung dürfte wenigstens in den allgemeinsten Umrissen bei 
einer solch ausgedehnten Vergleich uug gewonnen w^ erden. 

Die in der Literatur vorhandenen Zahlen verzeichnen die Lange und 
Breite und zwar 

aus den Gebieten Nordamerikas für ... , 917 Schädel 

„ Central- und Südamerika für 248 „ 

„ den Gebieten der Eskimo's für .... 127 „ 
„ „ Mounds, Muschelhaufen u, s. w. für . 208 „ 

Die meisten Angaben über die autochthone Bevölkerung enthält Otis 
G. A. (1). 

In diesem Catalog des Army medical Museum von Washington, ist die 
Provenienz all der aufgeführten Speer mina gegeben, und zwar in so voll- 
ständiger Weise, dass keinerlei Zweifel bleiben kann über das Gebiet, aus 
welchem das mit der Catalognummer aufgeführte Object erhalten wurde. 
Die Sorgfalt ist noch weiter getrieben, denn die Indianerstämme sind mit 
Namen aufgeführt, deren Vertreter sich in dem Army medical Museum finden, 
so dass jedes Oranium bis zu seinem Stamm, also bis zu seiner ethnischen 
Ursprungastätte zurück verfolgt werden kann. Neben der Länge und Breite, 
Höhe und Circumferenz des Schädeldaches ist dann noch ein Gesichtswinkel 
und die Distanz der Jochbogen angegeben und überdies das Geschlecht be- 
zeichnet worden. Ich fuhi^e diese Umstände an, um einen Beleg für die 
Genauigkeit und Sorgfalt dieser Arbeit zu geben. Denn daduich recht- 
fertigt sich auch das Vertrauen in die genaue Abnahme der einzelnen Masse, 
welche für die vorliegende Arbeit in Verwendung kommen^). 

Für die vorliegende Untersuchung enthält femer der Thesaurus Craniorium 



1) Meba Bezeichnuijg »Vanetäf ist ideDtisch mit dem, was gew5bo1icb als Rasse be- 
zeichnet wird. 

2) Ich möchte die Aothropologen auf die&e Publicatioa aufmerksam machen^ weil in ihr 
noch eine Fiitle wer th Völler Zahlen zur Bearbeitung uledergelegt ist. 



Die Autochtht^Tien Amerika*«. 



13 



von B. David ansehnliche Zühlenreihen, und ebenso fruchtbar erweist sich 
jetzt schon das von der deutschen anthropologischen Gesellschaft in der 
Durchführung begriflfene Yerzeichnisö des in Dcutnchland vorhandenen an- 
thropologischen Materiales. Die, unter Leitung des Vorsitzenden Schaaff- 
hausenj zu diesem Zweck ernannte Cümmission hat bereite unter dem Titel 
jjdie anthropologischen Sara ailun gen Deutschlands** mehrere Verzeichnisse 
veröffentlicht Diejenigen, welche für meine Untersuchung Material boten, 
sind in dem Literaturverzcichniss am Schluss besondere aufgeführt. 

Dieses ansehnliche Material bedurfte einer bestimmten Gruppirnng. Sie 
erfolgte nach folgenden Gesichtspunkten. Zunächst wurden die Schädel aus 
den Mounds ausgeschieden. Wie Europa so hatte auch Amerika eine Hügel- 
gräberepoche höchst überraschender Art, über die bereits eine reiche 
Literatur vorliegt. Aus diesen Uügeln (Mounds) sind Artefakte ans Metall 
Qod Stein und Thon etc. erhoben worden, und ebenso menschliche Reste. 
Wie weit diese Mounds und andere Arten von präcolumbischen Bauten, 
welche von einer hohen ond weitverbreiteten Cnltur Zetigniss geben, in die 
vergangenen Jahrliunderte zurückreicheD, ist nicht festgestellt. Jedenfalls 
hat der Craniologc die Verpflichtung, die Schadet aus dieser Periode einer 
gesonderten Prüfung zu «üterw^erfen. Diese Mounds kamen vorzugsweise 
in Nordamerika vor< Es sind aber auch in CenU'al- und Südamerika Schädel 
in alten Grabstätten und Muschelhugeln gefunden. Alle solche Schädel, 
selbstverständlich auch jene der Cliff-D wellers, der Bewohner der Felsen- 
bürgen sind unter dem CoUectivbegriä der präcolumbischen Bewohner 
oder kürzer, obwohl nicht ganz richtig, der Mound-Builders, zusammen- 
gefasst worden. So bleiben denn noch 12^2 Schädel, welche zu einer 

L Aufstellung einer Gesamra tubersicht benützt wurden. Sie 
umfaast Cranien^ welche nur von Autochthonen Amerika s stammen. 

Dieser Ausdruck schliesst jedes Miaaverständniss, wie ich hoffe, voll- 
ständig aus. Es sind damit die Eingeborenen des Continentes gemeint von 
der Entdeckung Araerika's bis in unsere Tage herein. Es ist dabei gleich- 
giltig, ob die betreffenden Schädel aus Indianergräbern stammen, oder in 
irgend einem der letzten Kämpfe gewonnen wurden, ob also ihre einstigen 
Besitzer im 16. Jahrhundert nach europäischer Rechnung gelebt, oder die 
Schwelle der letzen Jahrzehnte überschritten hatten. Diese Gesammtübersicht 
findet ihren zahlen massigen Ausdruck in der Tabelle I, in welcher, wie in 
allen folgenden der Längenbreiteuindex (L. B.) in der ersten Columne, die 
Zahl der auf jeden Längenbreiteuindex gefundenen Schädel in der zweiten 
Columne aufgeführt ist, während die dritte Columne diese Zahlen anf 
Procente reducirt enthält Diese letzte Reduction der 1292 Cranien auf 
100, in procentischer Zusammensetzung und nach dem Längenbrei tenindex 
geordnet, gewährt einerseits eine klare Oebersicht der sonst schwerfälligen 
Zahlen, and entspricht andererseits selbst weitergehender strenger Methode. 
Wenn Rassen Verschiedenheiten exi stiren, so müssen sie durch ein solches 




u 



J. Kollmann: 



Verfahren, das auf einem grossen Beobachtungsmaierial beruht, zum Ausdruck 
gebracht werden können. — 

Tabelle I 

für eine Ourve der Autochthonen Amerika*s, nach dem Längenbreitenindex 
des Schädels (L : B) bestimmt. 





Zahl der auf 


Schadelzahl 








L:B 


jeden L : B 
kommenden 


anf 100 




Bemerkungen 






Schftdel 


redacirt 

1 








68 


2 


0,15 




Benutzt wurden fSr 


diese 


64 
65 



3 


0,00 
0,23 




Tabelle: 




66 
67 


2 

11 


0,15 
0,85 
1,00 




Eskimoschädel . . . . 


127 


68 


13 


(22,77 pOt.) 


Indianersch&del aus Nord- 




69 
70 


9 
32 


0,69 
2.74 


Dolichocephalie 


amerika 


917 


71 


29 


2,24 




Indianersch&del ans Cen- 




72 


25 


1,93 




tral- and Südamerika . 


248 


73 


35 


2,70 








74 


58 


4,64 




zusammen . . 


1292 


75 


74 


5,72 








76 


78 


6,03 


" 






77 


74 


5,72 


(36,92 pCt.) 






78 
79 


107 
104 


8,28 
8,00 








80 


102 


7:89 








81 


89 


638 








82 


(^8 


5,26 


(22,60 pCt.) 






83 

84 


50 
49 


3,81 
3.79 


Brach ycephalie 






86 


57 


2,86 








86 


32 


2,47 


' 






87 


27 


2,08 








88 


31 


2,47 








89 
90 


23 
17 


1,77 
1,31 


(14,3 pCt) 






91 
92 


11 
14 


0,85 
1.08 


Hyperbrachycephal. 






93 


10 


0,77 








94 


8 


0,61 








96 


8 


0,61 








96 


3 


0.23 








97 


4 


0,30 








98 


10 


0.77 








99 


3 


0.23 








100 


12 


0.92 








101 


7 


0.54 








102 
103 


2 
4 


0,16 
0.30 


(4,66 pCt.) 






104 
106 


t 


0,00 
0.23 


KünttHcbe 






106 


2 


0,15 


Braohyeephalie 






107 


2 


0,15 








108 


1 


0,07 








109 


3 


0,28 








111 


1 


0.07 








114 


1 


0,07 








116 


1 


0,07 








110 


1 


0,07 









Dte Atitoebtboneti Amertka^s. 



15 



Auf die Berechnung von Mittelzahlen wurde gänzlich verzichtet Der 
Grund hiervon soll später hervorgehoben werden. Dagegen habe ich von 
der sogenannten graphischen Methode Gebrauch gemacht, wie solche «eit 
lange in den physikalischen^ physiologi sehen und statistischen Disciplinen 
verwendet wird, und die neuerdings auch in der Anthropologie Eingang 
gerunden hat. Sie überträgt die Ergebnisse der Messung der Cranien und 
die der prozentischen Berechnung von den Unterschieden der Form in eine 
Fjgur, die ans auf- und absteigenden Linien zusammengesetzt ist Giebt 
es z. B, von einem bestimmten Längenbreitenindex viele Schädel, so steig 
die Linie in die Höhe, umgekehrt fallt sie auf die sogenannte Abscisse zurück. 
So entstehen jene Curven, welche dem Kenner mit einem Blick alles sageUj 
was in den Zahlen verborgen ist. 

Als Abscissen sind an der Curventafel, ähnlich wie in den Tabellen 
die Längenbreitenindices fortschreitend von 62 — 116 aufgezeichnet, als 
Ordinate D ^itehen die Zahlen der Schädel, an welchen dieser Index be- 
obachtet wurde. Durch die Curven sind Trennungsstriche gezogen, um die 
einzelnen Abtheilungen tür Dolicho-^ Meso-, Brachycephalie und namentlich 
auch für die künstliche Brachycephalie leichter unterscheiden zu können^). 

Die enorme Länge der Abscisse ist nothwendig geworden für Amerika, 
weil dort die künstliche Schädel verbildnng geübt wird und zwar vorzugs- 
weise in der Absicht, möglichst breite und hohe Schädel hervorzubringen. 
Dadurch erhält die Curve ein für diesen Continent eigenaitiges Gepräge, 
Ich habe aus guten Gründen auch diese künstlich erzeugten Formen mit 
aufgenommen, weil es zur Zeit unmöglich ist, die äussersten Grade der 
Hy per brachycephalie von derjenigen durch absichtliche Umformung ent- 
standenen zu unterscheiden. Im Allgemeinen dürfen wir sagen, dass alle 
Schädel, deren Längenbreitenindex jenseits von 95 Hegt, nur durch gewalt- 
same mechanische Mittel soweit getrieben wurden. Unter diesen allgemeinen 
Ausdruck fallen auch jene alten Gräber schädel, welche post mortem durch 
das Gewicht der Erde allmählich „verdrückt wurden/ 

Es ist in vielen Fällen unmöglich zu entscheiden, ob vor dem Tod oder 
nach dem Tod die Deformation eingetreten ist. In weitaus den meisten 
Fällen ist sie nach den vorliegenden Berichten intra vitam geschehen. 

Nach dieser allgemeinen Uebersicht über die 1292 Schädel (siehe Ta- 
belle 1 und Curve 1), wurden dann noch einzelne grosse Gebiete speciell 
untersucht, und zwar 

2. Nordamerika, umfassend das Gebiet der Vereinigten Staaten und 
Britisch- Amerika mit Ausschluss der sog* Polarvölker: Tabelle 2 und 
Cnrve 2. 

3. Central' und Sudamerika. Tabelle 3 und Curve 3, Wegen der 



1) Bei d6r Berechoung der Indices und der Hersteiluog der Tftbellea und CurTön hat 
mich Herr Studiosus med. Nordmaon aua Basel uaterfttuLzt* 



16 J. KoUrnann: 

eigenartigen Kultur wurde Mexiko ia diese Abtlieilung eingeatellt, 
B. Davis zählt wie üblich in dem Thesaurus craniorum Mexiko zu 
dem Norden. Nach meiner Ueberzeugung hat der Anthropologe das 
Kechl, anthropologische Grenzen zu ziehen ^ind sich von den poli- 
tischen Grenzen zu befreien, wie dies offenbar stets auch die Hassen 
gethan haben. Eine besondere Zusammenslellung omfasst ferner: 

4. Die Eskimo'ö. Es ist dies der CoUectivbegriff für die verschie- 
denen Stämme, welche unter einem anderen allgemeineti Ausdruck 
auch als Polar Völker betrachtet werden. Es wurden alle Cranien 
von dem arktischen Gebiete Nordamerikas berücksichtigt, also das 
ganze durch die Literatur erreichbare Material zusammengetragen. 
Die gewonnenen Resultate enthält die Tabelle 4 und die Curve 4. 

Endlich sind wie schon erwähnt 

5, die präcolumbischen Volker getrennt von den Üebrigen auf- 
geführt in der Tabelle 5 und der Cnrve 5. Diese Trennung hat 
etwas willkürliches, allein es giebt bei dem Fehlen jeglicher geschicht- 
lichen Grenze kein anderes Mittel, als der Archäologie das letzte 
Wort einzuräumen- Die Art der Bestattung wurde hier der Weg- 
weiser. 

Um überdies möglichst sicher zu gehen, wurden alle Cranien, welche 
als Alt-Peruaner und als Peruaner überhaupt in der Literatur aufgeführt sind, 
der actuellen Bevölkerung Centralamerikas zugezählt. Ich glaube, man hat 
kein Recht, die Altperuaner als präcoLumbisch zu bezeichnen und sie mit 
den Mound-Builders zusammenzuwerfen, Sie gehören mit zu der Gruppe 
der spatem Autochthonen, ihre Nachkommen leben noch heute, Reste des 
Volkes haben sich erhalten wie seine Gräber und seine Mumien, Der eth- 
nische Znsammen hang ist; gewahrt von der Eroberung des Gontinentes bis 
herein in unsere Tage. Das alles lässt sich von den Mound-Builders nicht 
sagen, sie gehören einer früheren für uns völlig dunkeln Periode an und 
was von ihnen an anatomischem Material vorliegt, können und müssen wir 
getrennt benrtheilen. 

Ich darf diese Bemerkungen über die Methode, das vorliegende cranio- 
logiscbe Material zu benützen, nicht seh Hessen, ohne einige andere Bemer- 
kungen über den Werth des Längenbreitenindex für die Bestimmung der 
Rassen merkmale beizufügen. Für die vorliegende Studie wurde nur ein 
einziger Schädelindex verwendet, der allerdings stets eine besonder© Beach- 
tung für die Bestimmung der Rassen gefunden hat. Der Längenbreitenindex 
giebt nämlich einen zahlen massigen und kurzen Ausdruck für die Länge der 
Schädelkapsel in dem Verhaltniss zu ihrer Breite. Die Species Homo zeigt 
in dieser einen Dimension so bedeutende Unterschiede, dass man schon seit 
A. Retzius Unterarten mit langem und solche mit kurzem Hirnschädel 
von einander treant. Sie werden einander gegenüber gestellt, und die Be- 
rechtigung zu dieser Auffassung ist von allen Seiten anerkannt. Später hat 



Die Antocbthonen Amerika^s. 



17 



Tabelle II 

für eine Curve der Autochthoneu Nordamerika's, nach dem LäDgen- 
breitenindex der Schädel (L : B) bestimmt. 





Zahl der auf 


Schädelzahl 




L:B 


ieden L : B 
kommenden 


auf 100 1 


Bemerkuof^en 




Schädel 


reducirt | 




65 


1 


0,10 




Benutzt wurden für diese 


66 
67 


""" 


^"~ 




Tabelle 917 Schädel von An- 


68 


2 


0,21 




tocbthonen Nordamerika's i. e. 


69 
70 
71 


1 


0,10 


(15,75 pCt) 


von Indianern. Davon befinden 


8 
10 


0,87 
1,09 


Dolichorephalie 


sich 845 im U. S. Army med. 


72 
73 


7 
15 


0,73 
1,63 




Museum zu Washington. Die 


74 


43 


4.68 




übrigen in verschiedenen Mu- 


75 


58 


6,32 




seen Europa's. 


76 


61 


6,65 


' 




77 


58 


6,32 


(40,26 pCt.) 




78 


90 


?'H^ 


Mefiocephalio 


Namen der Autoren, denen 


79 

80 


88 
83 


9,05 
8,99 


das Zahlen materinl entnommen 








ist: 


81 


72 


7.85 


( (25,81 pCt.) 
Bracbycephalie 




82 


58 


?'?? 


Otis (Nr. 1) 


83 
84 


39 
39 


4,14 
4,14 


Spengel (Nr. 2a) 


85 


31 


3,86 


, 


Broesike (Nr. 2b) 


86 


18 


1,90 




Ecker (Nr. 2c) 


87 


13 


1,41 




Schaaffbausen (Nr. 2d) 


88 
89 


20 
12 


2.18 
1,30 




Virchow (Nr. 8) 


90 


14 


1,52 


(11,96 pCt.) 


Davis B. (Nr. 5) 


91 
92 


7 
11 


0,73 
1,19 


Hyperbracbjcepbal. 




93 


5 


0,54 






94 


5 


0,54 




NB. Die Schädel aus Mexiko 


95 





0,65 




wurden zu der Tabelle der 


96 


1 


0,10 




autochthoneu Rassen Cen- 


97 
98 


4 
8 


0,43 
0,87 




tral- und Südamerika's 


99 


3 


0,32 




gestellt. 


100 


8 


0,87 






101 


5 


0.54 






102 
103 


1 
2 


0,10 
0,21 


(4,48 pCt.) 




104 




__ 






105 


2 


0,21 


Künstliche 




106 
107 


1 
2 


0,10 
0,21 


Brach ycephalie 




108 












109 


3 


0,82 






110 





— 






111 


1 


0,10 






112 





— 






113 





— 






114 


1 


0,10 







ZcMRchrift für Ethnologie. Jabry. 1833, 



18 ^^HB^I ^' Kullmann: 

man dann zwischen den DoHchocephalen und den Brachycephalen auf Grund 
eingebender Studien eine mesocephale Unterart festgestelk, NcnesteDs i»t 
ciidlicii noch eine hyperbrachycephale unterschieden worden, in der ako alle 
jene Cranietj Kusammengefasst werden, welche durch eine besondere Kurze 
sich auszeichnen. Die zahlenmässigen Grenzen für diese verschiedenen 
Schädelformen werden wie folgt angenommen: 

Die Dolichocephalie (Langschädel) liegt unter . 75,0 

,, Mesocephalie reicht von 75,1—80 

yy Brachyccphalie (Kurzschädel) reicht von . . 80,1 — 85 
„ Hyperhrachycephaüe liegt über ..... 85,1 ^) 
Dieser allgemein gehaltene Maassetab untersuch cid et abo nach dem 
liängenbreitenindex vier verschiedene Rassen. Die Skala dient, das sei aus- 
drücklichst bemerkt, fär die methodische Craniologie überhaupt, nicht blos 
für jene Amerika'» und wenn ich sie anwende, ao halte ich jede Diskuaeion 
über die Berechtigung einer solchen Aufstelhing selbstverständlich offen. 
Die Einwurfe sind ja bekannt. Man kann darüber streiten, ob es hyper- 
brachycepliale Russen und ob es mesocephale Rassen gebe. Ich will be- 
züglich dieser noch bestrittenen Kategorien hier keinerlei Norm aufstellen, 
obwohl ich zu der Frage über die Existenz einer typischen Mesocephalie 
wenigstens für Europa viele Thatsachen beigebracht habe. Man kann ge- 
trost die Entscheidung hierüber noch der Zukunft überlassen. Das Zahlen- 
material in den Tabellen und die Gestalt der Curveo an jener Stelle, wo 
die Grenzen für die Mesocephalie eingetragen sind, sprechen so vernehmlich, 
dass sie jedem Craniologen ein quos ego zurufen, und die Erörterung dieser 
Frage für Amerika ebenso wenig umgangen werden kann wie für Europa. 
Ich ziehe es aber vor, über die Mesocephalie und die Hyperbrachycephalie 
zunächst nur die Tabellen und die erklärenden Ciii'ven reden zu lassen. 

Bezüglich der am meisten nach rechts in den Curven befindlichen Ab- 
theilung, derjenigen für die künstliche Brachycephalie bemerke ich da- 
gegen folgendes. Die künstliche Schädel bildung ist in Bexug auf die extremen 
Grade der künstlichen Verdrückung und in der Häufigkeit des Vorkommens 
eine charakteristische Eigenthnmlichkeit des amerikanischen Continentes. 
Aus keinem Gebiet mit dem barbarischen Gebrauch gewaltsamer Umformung 
des Hirnschädels sind so zahlreiche Specimina bekannt geworden, und dabei 
Cranien von solch extremer Kürze. Ganz besonders lehrreich sind in dieser 
Hinsicht die Curven 1, 2, 3 und 5^ auf welchen künstliche Brachycephalie 
bis zu einem Längen br ei tenindex von 114—116 wiederholt vorkommt. Dar- 



I 



1) In den Curven kommeu stark ausgezojireiie Linien vor. Sie bezeichnen die Grenzen 
der obigen Schädel längen. Solche Linien erleichtem den Ueherblick, denn die äusaerste licke 
Abtheil ong jeder Curve enthüll die graphiache Darstelluigg von der Hiu%keit der Lang- 
achadel; an der iassersten rechten Abtheilung sind die künstlich verbildeten und extrem 
kurzen Cranien erkennbar, und die mittleren Abtheitungen enIhulteD die Meso- und Brachy- 
cephalie. 



l>ie AijtofTithöneu Amenk^'s, 



19 



über hiuttua öclieiut ^icli der kiiidlicbe Schädel oiclit widorniUCirlicli ver- 
schieben zu hi8äf!Q, Wahrend damit die eine Grenze der küDstlicheu Brachy- 
cephalie feätgeatellt ist, fehlt an den Cranien leider oft das Criteiium, um 
die leichteren Grade zu erkennen. Das ist zwar für uns hier in diesem 
Fall im Ganzen glcichgiltig. Um jedoch vollkommen sicher zu gehen, habe 
ich in den Tabellen und Curven den Anfang auf den Längenbreitenindex 
yon 95,0 gesetzt* Manche der ah^ lijperbrai*iiyce[>hal durch den Maassstab 
bestimmten Schädel mögen wold schon künstlich deformirt sein, allein das 
ändert wenig an dem Ergebniss, daa.s die Ilyperbrachycephalie auch durch 
natürliche Bedingungen hergestellt sehr bedeutend vertreten ist* Die Angaben 
der Autoren, welche die Schädel gemessen iiaben, sind in dieser Hinsicht 
so präcid als immer möglicb. Rechnet man alle Fälle ab, in denen auch 
nur der Verdacht auf künstliche Umformung besteht, so bleibt dennoch eine 
betrachtliche Zahl reiner Hyperbrachycephaten in Amerika, die übrigens ja 
auch in Europa in grosser Ausdehnung zu fiudrn ist. Ich verweise in dieser 
Hinsicht nur auf die Arbeiten J. Rauke 's (15) über die Schädel der alt- 
bayerischen Landbevolkeruug und meine Beiträge zu einer Craniologie der 
europäischen Völker (16). So anfgefasst dürfte vs^eder die in den Tabellen 
und Uurven erscheinende Kategorie der Hyperbruehyoephalen, noch diejenige 
der kün etlichen Brachycephalen auf schwerwiegende Bedenken stossen. 

Die weite Grenze, welche ich der Hyperbruchycephalic gesteckt, schliesst 
jedenfalls den Vorwurf aüs, dass ich die Zahl der künstlich erzeugten Kurz- 
schfidel zu hoch gegiifien. Ich verzichte darauf, in weitere Details über die 
Arten der kunatHchen Schädelumformuag hier einzutreten. Sie sind schon 
oft, und erst wieder in der jüngsten Zelt erschöpfend behandelt worden, z. B. 
durch V. Lenhossek (18) und A. B Meyer (17). Es handelt sich hier 
nur um eine übersichtliche Darstellung der allgemeinen Rassen vcrhältuisse 
Amerika's. Das überraschende Ergebnias, dass unter den Monnd-Builders 
die DeformiruDg am stärksten betrieben wurde, zeugt für das hohe Alter 
dieser seltsamen Sitte, 

Ich muss wohl noch des Umstandes gedenken, daas die Methode die 
Länge des Schädels zu messen nicht überall dieselbe ist, und dass manche 
der von mir benutzten Autoren ein anderes Verfahren angewendet haben 
Allein ich darf diu an erinnern, dass die Unterschiede oichl sehr beträchtlich 
sind. Für brachycephale Schädel ist es nahezu gleichgiltig, ob man die 
Länge nach dem Projections System bestimmt, oder mit dem Tasterzirkel. 
Für die Doüchocephalie ist der Unterschied in manchen Fällen, nicht in 
allen, etwas beträchtlicher, allein er kommt nur in Frage an den Grenzen 
zwischen der Dolichocephalie und Mesocephalie, Zur Beruhigung kann ich 
mittheilen, dass Schädel, welche nach dem Projectionssystem einen Längen- 
breitenindex von 74,6 aulweisen, durch kein Messverfabren der Welt in die 
Mesocephalie hinaufgerückt werden, sondern stets der Seite der Dolicho- 
cephalie zufallen. Dadurch, dass also Projectionssyätem und gewöhnhche 

2* 



'^^O J* Kollmann: 

Art der Langem essung für dieso StuJie Zahlen geliefert, wird nur .die Menge. 
der Mesocephalen etwns geringer, eJn Umstand, der vielleicbt Manchem 
vertrauenerweckend rr8clieint, nacbdcm die Mesocephnlie in den Tabellen 
und Curven, und folglicli atjch unter der autochthonen Bevölkerung Amerika 8 
eine kaum minder hervorragende Rolle spielt, als in Europa. 

Die letzte AUtheilung der Curven 1, 2, 3 und 5, die der künstlichen 
Brachycephalie ist nicht vollständig dargestellt, sondern aus rein äussern 
Gründen abgekürzt. Es hätte die Ciirventafel zu sehr in die Breite gedehnt, 
wären alle einzelnen Abscissen von 96 bis 114 oder bis IIG eingetragen 
worden. Ich habe also einen Theil eliauoirt und die hörliste Ziffer der 
beobachteten künstlichen Schädeh^erkürzuog an das Ende der Ordinate ge- 
setzt. In den Tabellen ist dagegen die auf die betreffenden Indices beob- 
achtete Zahl eingetragen. — 

Wie schon erwähnt sind die Cnrven nach der anf 100 redueirlen Zahl 
entworfen, ^iehe die dritte Columne der Tabellen Bei der starken Hcduction 
entstehen nothweodig Bruche, die sich in der Curventafel nicht ausdrucken 
lassen, wie z. B. von 2,3 pCt. Dolichocephalen. Es wurden nun alle Bruche 
nach oben abgerundet, und die betreffende Zahl auf der Ordinate ringetragen. 
Es erscheint also in den Curven die reducirte Zahl von OAO—Oßi) pCt. 
ebenso, wie 1,0 pCt. auf der Ordinate 1, 1,10 — 1,90 und 2,00 auf der Ordi- 
nate 2 u. s, f. 



Diese Erortcrungen hahen den Leser, wie ich hoffen darf, in den Stand 
gesetzt, die Zahlentabellen und ihre Uebersetzung in Curven richtig zu beur- 
theilen. Ich kann nunmehr daran gehen, die Sprache der Tabellen und 
Curven in unser geliebtes Deutsch zu übertragen, wie folgt: die verschie- 
den eu Schadellängen, welche wir als Lang- Kurzschädel u* s. w. unter- 
scheiden, sind durch alle Grade über den ganzen amerikanischen 
Kontinent zerstreut, und zwar von der extremen Dolichoccphalie (Langen- 
breiten index 63,0) bis zu der extremen Brachycephalie (Länge nbrcitenindex 
95,0). Siehe die Tabelle 1 und Curve L 

Um zu beweisen, dass weder der Norden noch der Stiden eine andere 
Zusammensetzung aufweise, wurden die Indianer Noidamerikas und die 
Autochthonen Central- und Südamenka's gesondert untersucht AU ein die 
beiden grossen Gebiete zeigen dieselben Schädelformen. In der nord- 
lichen, wie in der südlichen Hälfte deis Kontinentes ist die au- 
tochthoue Bevölkerung aus denselben Rassen zusammengesetzt. 
Nur die Procentverhältnisse derselben verschieben sich. Tabellen und Cur* 
veo II und III. Man kann angesichts der Zahlenbelege also nicht von 
einer amerikanischen Menschenrasse sprechen, sondern nur von amerika- 
nischen Menschenrassen. Die drei oberen Curven und die entsprechenden 
Tabellen sind unumstössliche Beweise für die Pluralität der Rassen in 



Amerika* Der GeJanke an Einheit muss, -wie schon Virchow auf Grund 
seiner vergleichenden craniologischeü Studien angenominen hat, volktändig 
aufgegeben werden. Ich will sogleich hinzufugen, dass auch die Hoflfoung 
ausgeschlossen ist, vielleicht noch iuuerhalb kleinerer Gebiete die Einheit 
der Kasse zu finden, in der Weise zum Beispiel, dass einzelne Stamme, sei es 
des Norden» oder des Südens, nur aus Dolichoccplialen oder nur aus Brachy- 
cephalen beständen. Es wäre ja denkbar, dass in einigen Thrilern die 
Penetration der verschiedenen Rass^en noch nicht so weit gediehen wäre, 
dass man nicht doch irgendwo einen Stamm fände, der undurchaetzt ge- 
blieben ist Aber wir können aus mehrfacheo Gründen mit einer solchen 
Möglichkeit nicht rechnen. Ich bemerke iti dieser Hinsicht folgendes. 
Diese Annahme setzte voraus, dass iu pracolumbisächer Zeit der Grad der 
Vertheilung aller Rassen Über den ganzen Kontinent geringer gewesen sei. 
Prüft man nun diese Voraussetzung an der Hand der Tabelle 5 uud der 
Curvc 5, so ergiebt sich, dass die Völker der Mound-Builderi und Clifl- 
Dwellera schon aus denselben Rassen bestanden, welche später 
vorkommen. Ja, so wie die Zahlen erweisen, war die Penetration schon 
so voUstuodig, dass ein gewisses Gleichgewicht herrscht Auf Procente 
redtacirt befanden sich unter denselben: 

Dolichocephale 12,56 pCt. 

Mesocephale 23,09 „ 

Brachycephale 22,09 „ 

Hyperbrachycephale .... 20,65 „ 

Die präcolumbiöche Kultur, welche bekanntlich viel höher war, als 
die der heutigen Indianervölker, war nicht von einer einzigen Rasse ge- 
tragen, sondern von mehreren. Man wird also zugeben, dass schon die 
ältesten Schädelfunde des Continentes die Pluralität der Rassen 
verkünden^}* Quatrefages und Hamy (20) stellen die Ansicht auf, 
dass die Mound-Builders brachycephal seien und dass Brachycephale über- 
haupt die erste ethnische Schichte Ämerika's darstellten. Offenbar war das 
den beiden Forschern vorliegende Material ungenügend, um diese Frage 
endgiltig zu enti?cheiden. Mit der Erweiterung desselben hat sich das Er- 
gebniss völlig geändert. Schon die Mound-Builders und Cliff-Dweüers sind 
Völker aus mehreren Rassen zusammengesetzt gerade wie die Menschen der 
ersten diluvialen Periode in Europa, oder unsere Rennthierjäger, Pfahlbanern, 
Germanen und Kelten. Das ist ein höchst überraschendes Krgebniss, denn 
es lehrt, dass Amerika wohl ebenso lange bewohnt ist, wie Europa und 
Asien, wo ebenfalls jedes Volk aus mehreren Varietäten besteht. Man muss 
sich diese Thatsache immer vor Augen halten, und es wird noch vieler Be- 



1) Für die Pluraütit der pr&columbiacheri Rftssea finden flieh b«i Virchow (21) «inige 
bemerkeDswerthe Btispietep auf die ich besonder» hinweise, weil sie alt}}iit&fnuiscbe und alt- 
cMJtiüaehe Schädel btt reifen« 



29 



J. Kollmann: 



weise bedürfen, um ihr allgemeine Geltung zu verschafFea, Icii werde des- 
halb noch eine besonders schlagende Beobachtung hierfür mittheilen. Es 
liegen aus Amerika vollkommen zovürlässigo Beweise vor, aud zwar aus 
der Zeit der Mound-Builders, dass innerhalb der allerengsten geogra- 
phischen Grenzen die verschiedenen Rassen Amerika's untereinander 
und miteinander lebten. Im Staat Tenessee wurden Ausgrabungen ge- 
macht, und zwar auf einer Farm fünf Bcgräbnissmounde untersucht, welche 
zusammen 600—800 Stcitigraber enthielten, einer derselben enthielt alleiu 
200- Dieselben waren in fünf un rege! massigen Reiben oder Stockwerken 
aufgebaut, und jedes Stockwerk war von dem folgenden dui*ch eine Schicht 
Erde getrennt 60 englische Meilen entfernt (bei Nash rille) wurden ähn- 
liche Begräbniasätätten geöffnet, die Ausbeute bestand ebenfalls in einer 
Anzahl leidlieh wohl erhaltener Schädel und in einer bedeutenden Menge 
8ehr iutercssanter Artefakten. Die letzteren führen zu folgenden Schlüssen: 
Das Volk Tenessee's, welches seine Todten in Steiugräbero beiset/.te, stand 
in naher Beziehung zu den Erbauern der Mouuds in Missouri^ Arkansas 
und Illinois Die Gleichheit der Thonwaaren in Bezug auf Form und 
Ausführung, die Uebereinstimraung des Ornaments auf SchmucksachcD, 
Muscheln etc. gt'ben Grund zu dieser Annahme. Dieses Volk begrub we- 
nigstens in diesem Theil Tenessec's seine Todten stets in aus Steinplatten 
zusammengesetzten Steingräbern, es hat ohne Zweifel bis zu einer gewisaen 
Ausdehnung Landwirthschoft getrieben, es stand in ausgedehnten Handels- 
beziehungen (Kupfer vom liake superior, SeemuschelschaleD), Die ausge- 
dehnten Untersuchungen Pntnam*s (19) haben „keinen einzigen Gegenstand 
europäischer Herkunft zu Tage gefördert". Es lässt sich daher mit sehr 
grosser Wahrscheinlichkeit sagen, „dass die Stone-grave Leute vor dem 
Eindringen der Europäer in Amerika lebten,** Soweit der Archäologe von 
Fach» Seine Wissenschaft zeigt ihm ein Volk, eine Sitte^ einen und 
denselben Giad der Kultur. Nun sollte man doch wohl erwarten, analog 
den herrschenden Vorstellungen, dass die Schädel aus diesen Mooods einer 
einzigen Rasse angehörten^ dass sie alle dieselben charakteristischen anato- 
mischen Merkmale an sich trögen. Aber das entgegengesetzte ist in Wirk- 
lichkeit der Fall. Hören wir den Anatomen, der diese Schädel untersucht 
hat, Hrn. Luc. Carr (12): „Die ans den erwähnten Gräbern stammenden 
Schädel kommen von Localitaten, deren ganze Verhältnisse dafür sprechen, 
dass es ein einziges Volk gewesen ist, dem sie angehörten. Nichtsdesto- 
weniger zeigen sie sehr bedeutende Verschiedenheiten untereinander, es finden 
sich Dolichocephale, Meso- und Brachycephale darunter und starke künstlich 
deformirte« Ich setze die folgenden Zahlen aus der dem Bericht beigefugten 
Tai» eile hierher. 



I 



I 

I 



I 




Die Antocbthooeo Amerika'«. 



S3 



Scbädelzahl Capacität 



Breite n- 
iDdex 



L DoHcbocepbale Scli&de] . . 

2. Mesocephale , . . 

3. Brach jcepbale « . ^ 

4. stark sloliopädische Schiidel 



Diese Zahlen bedürfen keines Comraentars. Sie reden laut nicht allein 
für die Pluralität der VarietäteD, sondern aoch für ihre Verbreitung über 
den ganzen Kontinent. Jetzt, wie in der Periode der Mouud-Bailders und 
der Maöchelbaiifen sind sie alle, überall vorbanden, im Süden*) wie im 
Norden. 

Das kann nur geschehen unter dem Einfluss eioes anaufhörlichen 
Wanderns der Kassen in der allerfrübesten Zeit. 

Seit der Mensch auf der Erde lebt, wandert er, sowohl die Individuen 
wie die Völker. Da mögen manche lange, beharrlicb an ihrem Platze 
bleiben, aber endlich treibt irgend ein äusserer oder innerer Grund selbst 
die sesöhaftesten fort. Seit der glaciaien Epoche dauern diese Wanderungen, 
das ergeben die Schädelfunde in Europa, das zeigt die Ubiqaiiät der ameri- 
kanischen Rassen anf dem weiten und für eine rasche Verbreitung sehr un- 
günstig geformten Continent. Für dieses unablässige Durcbeinanderlaufen 
brauchen wir in der Ethnologie und Anthropologie einen besonderen Begriff, 
sollen nicht beständig Miss Verständnisse auftauchen. Ich habe dies bisher 
als die mechanische Mischung der Rassen bezeichnet und davon die Kreuzung 
unterschieden. Allein bei dem Ausdruck „Mischung" taucht doch der 
Gedanke an Kreuzung immer wieder auf, und alle lateinischen und griechi- 
schen Ausdrücke, welche den Begriff Mischung enthalten, rufen dieselbe 
Vorstellung hervor. Ich werde deshalb den Process, der schliesslich das 
Resultat der Allgegenwart, aller Rassen eines Continentes herbeiführt durch 
das lateinische Wort Penetratio^) bezeichnen. 

Dieee Penetration ist jedoch, das sei bemerkt, keine nur in Amerika 
vorhandene Erscheinung. Genau in derselben Weise hat sie auch in Europa 
und in Central- und Südafrika stattgefnuden, von Nordufrika zu schweigen, 
das ja seit Jahrtausenden der geschichtlich erwiesene Boden für Raesen- 
penetration ist. 

Ueber Central- und Süd- Afrika wird in der nächsten Zeit eine Arbeit 
erscheinen, welche diese Thatsache auch für diesen Welttbeü mit Zahlen 
nachweist. Für Europa Belege beizubringen, halte ich an dieser Stelle für 



1) Die TOn Ecker (18) beacb riebe oeti Scheel von eiuer und derselben Begrabnisast&tte 
der Halbinäel Florida zeigen dieselbe Erscbeinnni^. 

2) Da« DurcbdriDgeQ oder Durcbsetzeu eines V'alkes, Landes, Coiitineiites mit verscbie* 
denen Raä&enelementeo. 




24 .). Kollmatin! 

aberflQssig. Sio finden sich in der Literatur der Anthropologisclien Gesell- 
Hchaftcn Deutschlands zu Dutzenden. Virchow allein hat eine ganze 
Reihe davon beigebracht. Die Rassen verhielten sich jedoch dabei nicht 
etwa so, dass jede an einem besondern Fleck sich festgesetzt und dort ein 
Volk gebildet hat, uoin die Rassen drängten sich durch unaufhörliche 
Wanderungen durcheinander (Penetration), und aus bestimmten, durch 
natürliche Grenzen oder anderen Ursachen zusammengefugten 
Haufen dieses Rassenaggregates entwickelten sich die Völker. 
Die Begri£Pe von Rasse und von Volk sind also streng auseinander zu 
halten. Rasse bezoichnet stets eine anatomisch charakterisirte Varietas 
generis humani, Volk bedeutet dagegen eine ethnische Einheit, welche nach 
den Ergebnissen der Craniologie aus einer anatomischen Vielheit (von 
Rassen) besteht. Ethnos schliesst nur den Begriff politischer und socialer 
Verwandtschaft in sich, nicht auch den der Rasseneinheit. Erst in der 
letzten Zeit hat man diese Vorstellung irriger Weise häufig damit zusammen- 
geworfen, und von einer germanischen, sla vischen und romanischen Rasse 
gesprochen. Es giebt nach dem eben Gesagten einen germanischen, roma- 
nischen etc. Sprachstamm, germanische, slavische und romanische Völker, 
aber keine germanische etc. Rasse, ebensowenig eine Rasse derMoand-Builders. 
Die Mound-Builders und die Gormanen u. s.w. bestehen aus mehreren Rassen, 
welche sich zu einer ethnischen, einer nationalen Einheit vereinigt haben. 
Sociale, religiöse, sprachliche Kräfte haben z. B. die Entwicklung der 
Germanen, Slaven, Romauen etc. seiner Zeit vollzogen. Diese gewaltigen, 
geistigen Mächte haben sie zu dem gemacht, was sie waren, eben dieselben 
Mächte haben das Reich der Abbassiden auf drei Welttheile aasgedehnt 
und das der Pharaonen mit begründet. Durch Einheit der Varietäten bat 
sich keines derselben ausgezeichnet. Weder in Afrika noch in Europa 
waren jemals die oben genannten Völker das Produkt einer einzigen Rasse, 
Mondoni umgekehrt aller Orten bestanden sie aus mehreren^). Ich habe 
dieses Resultat craniologi^cher Prüfung schon früher ausgesprocheo, und 
fQr Europa durch eine Curventafel bewiesen (16). Ein Blick auf jene 
C'urvou lehrt, wie ausserordentlich verschieden der Grad der Penetration 
in Wirklichkeit ist Sobald man von dieser Erscheinung an und für sich 
spricht« so taucht zunächst die Vorstellung auf« als ob sich die Penetration 
ikborall gleichmässig im Lauf der Zeit vollzogen habe. Allein es hat jeden- 
fwlls oino grosse Mannigfaltigkeit der Bedingungen geherrscht nnd sehr ver- 
sohiedoue Cirade nicht blos in Europa^ sondern in allen oben erwähnten 
Woltt heilen hervorgebracht. Für Amerika ist der Vei^leich der Canren 
untoreiuaudor und immonilioh mit deijenigen der Eskimo*s in dieser Richtung 

l> IVher di<» Inselwelt fch'en mir binr^!cb«nii« Bekf«« na die obi««a SitM aoch auf 
»II« auMUtlohiien. Was 1«;$ jeiit Tor!i«|^l« i»t nork im fhinentuiicli. Jedenfclis darfeii wir 
auf hoch»! ätM^rra^ch^ntl^ Krsobeinuu^n \oo dort k«r g«Xassl mib« etauo wie aaf diif Ke- 
»ultat* onuiioKyi<ohor l ; («r>u«;buimE«u o«s »ch^arMu tVutiMBlM^ 



Die Autochtboneu Amerika*8. 



25 



Tabelle III 

für eine Ourve der Autochtbonen Central- und Südamerika^ti 
dem Längen breitenindex (L : B) der Schädel bestimmt. 



nach 





Zahl der üiif 


äcbädalzahl 






L:B 


küen L : B 
lom tuende IL 


auf 100 




Bemerkungen 




Sefaidel 




reducirt 






66 


1 


0,40 




ßeuötit wurden für diese 


G8 
69 


1 
2 


0,40 

o^eo 




Tabelle 248SGbadel, darunter 


TO 


4 


i:6i 


^ (16^ pCt.) 


tnuch die Meici kauen 


71 
72 


5 
6 


2,01 
il2 


Dol{i.-h(KephaUa 




78 


7 


%m 






74 


7 


%m 




Namen der Anlüren, denen 


7ö 


8 


3,26 




dai betreffende Zableomaterial 


76 


13 


bM 


^ 


entnommen istt 


77 


11 


4.43 


, (29,02 pOi ) 


Olia (Nr. 1) 


78 
79 


15 
16 


6,05 
6,45 


* Meflücephalie 


Spengel (Nr. 2a) 


80 


17 


6,85 


^ 


Btoeflike (Nr 2b) 


81 


15 


6,05 




Ecker (Nr 2c) 


82 


8 


B.26 


(19,79 pCl.) 


Schaaffbauaen (Nr.Sd) 


aa 

34 


10 
10 


4,03 
4,03 


Rrachyci'philie 


Vircbow (Nr. 3) 


86 


Ü 


2,4'^ 




Virchofv {Nr. 4) 
Bohr (Nr. 6) 


86 

87 


14 
13 


6,61 
6,24 




Broca (Nt, 7) 


88 


11 


4,40 




Flower (Nr. 8) 


89 
SO 


11 
3 


4,43 
1^ 


(27,78 pCL) ! 


Huxley (Nr. 9) 


91 


4 


1J61 


H]rpt»rbracijyce|>baK 


ßessets fNr. 14) 


9i 
93 


3 
5 


1.20 
2,01 




Da?is (Nr. 6) 


94 


3 


1,20 






95 


S 


0,80 






96 


2 


0^ , : 




97 


— 








98 


2 


0,80 






m 


2 


0,80 






100 


8 


1,20 






101 


S 
1 


0,80 
0,40 


(7,00 pCt,) 




m 

im 


! 


0,80 
0.40 


K5iiBt1iebs 




u» 


1 


0,40 


HracbyoephaHft 




m 


__ 


^ 






m 


1 


0,40 






%m 




. — ■ 






HO 


'^~ 


■ 






115 


1 1 


0.40 






m 


1 


0,40 







26 



J. RoUmanii: 



Tabelle IV 

fär eine Corve Qber die Eskimo 's, nach dem Längenbreitenindex des 
Schädels (L : B) bestimmt. 





Zahl der auf 


Schädelzahl 






L:B 


jeden L:B 
kommenden 


auf 100 




Bemerkungen 




Schädel 


redacirt 






63 


2 


1,57 


Benätzt wurden für diese 


(U 


— 


— 




Tabelle 127 Eskimoscbädel, yon 
denen 76 in der Check-List von 


65 


2 


1,57 




Otis aus dem Army med. Mus. 


66 


1 


0,80 




yerzeichnet sind. 


67 


11 


8,66 






68 


10 


7,87 


(85,14 pCt.) 


Namen der Autoren, denen 


69 


6 


4,72 1 


das betreffende Zahlenmaterial 








Dolichocepbalie 


entnommen ist: 


70 


20 


16,55 




Otis (Nr. 1) 


71 


14 


11.02 




Spengel (Nr. 2a) 


72 


12 


9,43 ! 




Brösike (Nr. 2b) 


73 


13 


10,23 




Ecker (Nr. 2c) 
Schaaffhausen (Nr. 2d) 


74 


8 


6,73 




Virchow (Nr. 3) 


75 


8 


6,37 




Dali (Nr. 10) 
Toldt (Nr. 11) 


76 


4 


1,14 




Dayis (Nr. 5) 


77 


5 


3,93 


(8,21 pCt.) 




78 


2 


1,57 


Mesocepbalie 




79 


- 


— 






80 


2 


1,57 






81 


2 


1,57 






82 


2 


1,57 






83 


1 


0,80 


(3,94 pCt.) 
Brachycephalie 




84 


— 


— 






85 


— 


- 






86 


— 


— 


(0,80 pCt.) 




87 


i 1 


0,80 


Hyperbrachycephal . 





Die Aatochthonen Amerika's. 



27 



Tabelle V 

fiar eine Curve der präcolumbiachen Bewohner Amerika's (Mound- 
Boilders etc.),- nach dem LäugeabraiteniDdex des Schädels (L : B) bestimmt. 





Zfthl der auf 


S€bädelza1]l 






LiB 


jeden L^B 

kotumcQcten 

Schilde] 


atif 100 
redücirt 




Beiuerkunf^en 


72 


4 


1,92 


[ (12,56 pCt.) 

1 Dollcbacepbalie 
J 


Benfitit wurden fSr diese 


73 
74 
7ö 


7 

10 
1 


4^S0 
0,48 


Tabelle 208 Seh&deL 




Die All- Peruaner blieben 


76 


9 


4.36 


\ 

(^,09 pCt) 


ausgeschlossen. 


77 


7 


?'^ 




78 
7^ 


13 

6 


6,25 

3,84 


Meaocepbftlie 




80 


It 


5.28 


Namen der Autoren, denen 










das betrefl'pnd^ Zablenniatfirial 


81 


10 


4,80 




entnommen ist: 


m 


d 


1,44 


(29,09 pCt,) 




sa 

84 


13 
10 


b,25 
4^ 


Brachjcephftiie 


Otia (Kp. 1) 


85 


10 


4!80 




Gurr {Nr. 12) 
Ecker (Nn IS) 


m 

87 


10 
12 


4,80 
5,77 


' 


Virchow (Nr. 3) 


88 


5 


2,40 




Bessels (Nr. 14) 


89 


7 


3,36 






90 


il 


1,44 


(20,60 pCtJ ' 




91 

m 


6 
4 


2,88 
1,92 


Hyperhrachyrepbah 




m 


a 


1,44 






B4 


(1 


1,44 






B& 


3 


1,44 






iHr 


4 


i,m 


\ 




97 


4 


1,92 






il8 


& 


2,40 






99 


:i 


1,44 






lOU 


5 


2,40 






101 


3 


1,44 






102 


2 


0,9(1 






loa 


— 


' 






104 
105 


■ — 


— 


(n,7G pCt.) 




106 


^ 


— 


Eüitstlicbe 




107 


. 


— . 






106 


4 


1,92 


Brachyi'epbftUe 




109 


— 


— . 






110 


. — . 


— . 






111 


2 


0,96 






112 


-^ 


_* 






118 


— 


^^ 






lU 












115 


-^ 


^ 






iia 


2 


0,96 


jl 





28 

höchst leljrreieb. Die letzteren Völker eDtbalten 85 pCt. DolicLocophalc. 
Die Zalil anderer Rasseiiindividiicu, welche unter die Langköpfe eich biiiein- 
geschoben, ist also Behr gering: ein lehrreiches Beihpirl sowohl für die 
geringe penetrirende Ltjst der Hassen nach den polaren Gegenden, die ja 
sehr erklärlich ißt, als für den Sutx, duss die am zahlreichsten vorhandene 
Rasse einem Volk das anthrrpologische Gepräge verleiht. Die dolicho- 
cephaleu Araerikacer erscheinen als der an Zahl hervorragendste Tb eil der 
Eakimovölker und die reisenden Forscher werden nur von solchen erzählen 
und die anderen kaum beachten, wie das in der That der Fall iat. Einer 
ähnlichen Ersclieinung begegnen wir bei den germanischen Völkern, welche 
zur Zeit der Iränkisch-allemanniachen Periode aus ungefähr 50 pCt* europäi- 
scher Dolichocephalen bestehen. Sowohl von diesen n\s den übrigen 
Repräsentanten der verschiedenen Rassen war wohl ein Tb eil, wie noch 
heute, blond. Vielleicht war die Zahl der blonden Männer noch grösser 
als heute- Sic mussten den vorzugsweise brünetten Römern auffdlllg er- 
scheinen, weil sie so oft davon sprachen, dass es selbst Tacitus zu Ohren 
kam. Wie wir uns heute den Italiener oder den Franzosen nur mit 
dunkelm Aug', rabenschwarzem Haar und gelblicher Hautfarbe vorstellen, 
also in dem extremsten Brünett, ebenso stellten sich ilaraals die Römer 
alle Germanen, aber als blond vor. Das war zweifellot^ für viele richtig, 
doch keinesfalls für alle. x-Vllein wie so oft, so ward auch von Tacitus 
die pars pro toto genommen> In ganz denselben Fehler verfallt jeder 
bezüglich der Indianer. Die Bezeichnung „Kothhaut" genügt, um die 
falsche Vorstellung immer aufs Neue auf die Oberfläche zu treiben, doss 
alle Indianer eine kupferrot he Farbe beaasseu. Colorirte Abbildungen 
vollenden dann noch den Irrthum. Die Hautfarbe variirt aber auch 
dort in grossem Maasstabe Der Coniinent bietet alle möglichen 
Farben von dem tiefsten fast schwärzlichem Braan bis zu einem sehr 
hellen, fast curopäi selten Weiss. Nur das eigentliche Negerschwarz 
fehlt Das ist ein für Alle offen daliegender Beweis von der Verschieden- 
heit der Varietäten und gleichzeitig von dem gänzlichen Erlöscheu der 
Variabilität seit undenklicher Zeit, Hätte der Uontinent an sich, sein Clitna 
etc irgend einen Einfluss auf die Rnssencharaktere gehabt, dann könnte 
man nur lauter „Rothhäute" finden. Dag wirkliche Verhalten, die Ver- 
schiedenheit der Farbe ist ein vortrefflicher Beleg für den Menschen als 
Dauerlypus. In derselben Form, in der die Varietäten in Amerika ein- 
wanderten, haben sie sich erhalten. Nur bezüglich eines einzigen Rassen- 
zeichens scheint völlige Uebereiustimmung in Amerika zu herrechen, nämlich 
bezüglich der Haare. Die straffen Haare scheinen allen amerikanischen 
Rassen gemeinsam zu sein, soviel wir bis jetzt wissen. Ich füge jedoch 
bei, dass diese Haarsorte nicht lediglich auf den amerikanischen Coutinent 
beschränkt ist, sondern bekanntlich auch In Asien vorkommt (bei nord- 
asiatischen Volkern und auf Inseln des stillen Oceans), 



Die Ati bebt honen Amerika^ 



29 



Also auch die Form der Haare ist nicht aueschliesölich auf den amerika- 
Diöchen CoatiDeat beschränkt, wieder einer jener starken Beweise, dass 
liasseumerkmale unter dem Einflu^s des Climas seit der glacialen Epoche 
sich nicht änderten. 

Die Zahlcntabelle und die Curven zeigen, das durfte ak sicher- 
gestellt erscheinen, dass in Amerika, wie in Europa, die Zusanimen- 
setzang der Volker auf denselben anatomischen Grundlagen 
beruht, Sie bauen sich auf aus verschiedenen Rasseuelementen, 
heute gerade so, wie in den vorgeschichtlichen Epochen (Mound- 
Builders und Germanen). Man ist nun, naraenttich im Anschluss an 
die Ergebnisse der Ethnologie, sehr f];ene!gt, au jedem Volk auch nach 
einer gewissen Summe anatomischer Eigenschaften zu sucheu, welche 
ihm ausschliesslich angehören ^ die aus ihm eine besondere Varietas 
generis humani machen sollen. Die Theorie von der naturlichen Zuchtwahl 
hat diese Meiautig besonders plausibel gemacht. Denn wenn, so hört mao 
sagen, im Laufe der Zeit unter dem Einlluss der VariabilitTtt Thierrassen 
entstehen, warum nicht auch Menschenrassen und Völker? So ist es nahe- 
liegend, jeder der grossen Nationen auch sppxilit^che Rassencharaktere zu- 
zuschreiben und die Berechnung der Mittelzahlen aus den Maassen einer 
bestimmten Schädelmenge hat dafür scheinbar craniologische Belege ge- 
liefert Allein die Mittelzahlen geben, in der bis jetzt gebräuchlichen Form an- 
gewendet, nur einen ganz allgemeinen Ausdruck für die craniologiscbe Be- 
schaffenheit eines Volkes, weil sie eine mittlere Schudelform herausstellen, 
die nicht existirt. Und dennoch steckt ein Theil von Wahrheit in diesen 
Zahlen. Sie verkünden eben doch den Satz Von einer spezifischen Eigenart 
der ethnischea Einheit* Berechnet man nämlich die Mittelzahlen der Seh adel- 
in dices für verschiedene Volker, so stellt sich schliesslich doch ein be- 
stimmter Unterschied heraus, der zahlenmässig gefunden ist und der sich 
nicht we^disputiren läast Ueberdies ist eine gewisse physische Verschieden- 
heit der Nationen angenföllig, und es wäre falsch, sie zu leuguen, von der 
man so viel spricht, die jeder zu kennen glaubt, ohne doch im Stande zu 
sein, die unterscheidenden Merkmale klar und bestimmt anzugeben. Wenn 
ich selbst immer und immer eine solche Differenz anerkannt habe, so habe 
ich mich dabei mehr auf den Standpunkt des allgemeinen Urtheils gestellt, 
und habe mich von der weitverbreiteten Stimme, der eigentlichen vox popuU 
leiten lassen, mehr als von den Ergebnissen einer direkten Beobachtung, Denn 
sobald man die zweifelhafte Bahn des sog. ersten Eindruckes vcrlässt, und 
an die Erscheinung näher herantritt, dann gleiten alle die überraschenden 
Angaben von deutlichen Unterschieden zwischen benachbarten Gebieten 
durch die Löcher, welche die kritische Umschau in diese Rassenhülle der 
Nationalitäten schlagt. Und mit jedem Schritt, den man %veitergeht, wird 
das Problem complicirter. Ich will gar nicht davon reden, dass der Eng* 
länder von dem Pranzosen durch physische Merkmale unterschieden ist; die 
Existenz von ganz prägnanten Unterschieden wird bis in die Amtsbezirke 



90 ^- KollmanTt- 

hinein behauptet. Ich habe überall, wq ich immer reiäte, Erkundigungeo 
eingezogen, und jeder, seihst der urLheiLsfähigste> ist der festen Ueberzeugung 
gewesen, die Bevölkerung eines Dorfes sei von der des nächsten ver- 
schieden. Hier in der Schweiz, wie in Bayern, und wohl wie überall, hl 
diese Ueberzeugung allgemein verbreitet, und sie tritt mit einer Sicherheit 
auf, welche jeden zum Nachdenken darüber zwingt und die Annahme eines 
einfach negirenden Standpunktes ausschlietist. Ein solch' allgemeines Ur- 
theil kann doch nur auf einer thataächlichen Unterlage beruhen und der 
Reöpect vor den Zahlen, obwohl nur Mittelzahlen, hat mich immer aufs 
Neue veranlasst, dem Problem nahe zu treten, obwohl ich in dieser meiner 
respectvollon Rücksicht sehr oft und sehr auffallend erschüttert worden bin. 
Bei dem interoationiilen anthropologischen Congress zu Pest umgab uns 
auf den Ausflögen nach Valko und Hatvan Landvolk in Menge uad einige 
Gutsbesitzer aus der Umhegend begleiteten mich, um mir echte Ungaren zu 
zeigen. Sie behaupteten des bestimmtesten, sie von eingewanderten Slaven 
und Dentacli-Oesterreichern unterscheiden zu können. Sie waren nicht 
wenig erfreut darüber, dass ich mich für die Magyaren interessire und 
Name und Alter und Wohnort, die Farbe der Augen, dt-r Ilaare und Haut 
aufschreibe, Sie gaben sich also alle Mühe, nur Magyaren von reinstem 
Blat ausliridig zu machen. Das Resultat war für die Lehre von der phjsi- 
acheu Charakteristik der Nationalitäten höchst bedenklich. Denn da fanden 
aicli Blonde mit blauen Augen darunter nnd alle Uebergange bis zu den 
Brünetten mit geraden und krummen Nasen. Sehr bald war zu bemerken, 
dasa der Schnitt der Kleidung, der Haare^ bei Männern die Art den Bart 
zu tragen und ähnliche Dinge die Entscheidung herbeiführten* Kehrte ich 
nunmehr das Experimetit um, dann waren die Irrthümer meiner Führer 
nahezu permauent. OriflF ich aus der Schaar junger Männer solche heraus, 
die den kleinen gekrenapten Hut und die kurze geschnürte Jacke tiugeu^J 
so ging die Diagnose stets auf Magyar, während mehr als 50 pCt. bei der 
Erkundigung nach der Herkunft sich als Slaven oder Deutsch- Oesterreic her 
entpuppten* Noch niederschlagender w^aren meine Erfahrungen in der 
grossen Kabylie. Von den zwei Völkern, welche das alte Numidien und 
Maurilanien bewohnen^ sind nach der Ansicht der Ethnologen die Kabylen 
der autochthoue Stamm, und in allem, in 8itte und Sprache und körper- 
lichen Merkmalen verschieden von den Arabern, Aber auch hier wieder- 
holte sich dasselbe Schauspiel Da wurde bald der Araber für einen 
Kabylen oder umgekehrt, der Kabyle für einen Araber erklärt. Immer war 
der Schluss lediglich auf die Merkmale der Tracht gegründet. Das Exterieur 
der eigentlichen Menschen, nämlich seine Gesichtaform^ die des Schädels, 
die Farbe der Haut spielten nur eine secundare Rolle dabei. Es liegt dies 
offenbar daran, dass die Beurtheilung rein körperlicher Merkmale bestimmte 
und sehr genaue Vergleichung erfordert. Zeigt es sich doch selbst bei 
Reisenden von Profession im Innern des dunklen Coutinentes, dass die 



L 



Ok* Anti>chthon«n Amerikas. 



31 



Trennung io Völker und Stämme bei dem Mangel der Bekleidung sich auf 
Sprache, Sitten, anf Ackerban oder Viehzucht, oder anf i^estimmte Form der 
WaOen (Lanzen-, Messerformen, Bog^n arten) u, a. w. gründet, anatomische 
Zeichen dagegen sehr spärlich herbeigezogen werden. 

Sobald man also au die einztVlnen Individuen herantritt, hört die ünter- 
scheidungsfahigkeit auf, welche doch den grossen ethnischen Gruppen 
gegenüber mit einer groaaeu Beharrlichkeit und mit Recht festgehalten wird. 
Urn diese Unterschiede zu erklären, kommt man immer wieder auf die Ver- 
muthuüg von dem allmählichen, umändernden Einflusa der Natur. Dennoch 
ist sie falsch, denn die Rasaenmerkmale ändern sich nicht. E8 giebt 
nirgends in der Literatur zuverlässige Belege einen umgestaltenden Ein- 
flussea. Man hört so viel von dem, enropäische Einwanderer so tief modili- 
cirenden Eiaflues des amerikanischen ContineuteB, die Basse würde mager 
und hoch, die Muskeln würden dünn, das Fettpolster verschwindej aber alt- 
gesehen davou, dass dieft gar keine Rassen meikmale sind, sondern lediglich 
individuelle Varianten, welche unter jeder HimraelHgegend wechseln, haben 
sie absolut nichts charakteriätisches für Amefjka. Denn competeute Leute 
versichern^ dass eingewanderte Europäer auch in Amerika muskulös und 
fettleibig würden, und ich kann das von vielen Amerikanern bestätigen. 
Aber der stärkste Beweis für die Unveränderlichkeit der Rassen bleibt, ich 
wiederhole es, die Thatsache, dass seit dem Diluvium die Rassen mcrkmale 
am Skelet sich trotz des Wechsels der natürlichen Bedingungen nicht im 
geringsten geändert haben. Wenn nun dennoch die Nationen körperliche 
Unterschiede aufweisen, so müssen sie auf einem anderen Wege entstanden 
sein, als demjenigen der Umwandlung der einzelnen Individuen durch die 
sogenannten natürlichen Einflüsse. Ich habe weiter oben diese Bedingung 
schon erwähnt, es ist die Penetration der Rassen untereinander. 
Aber sie erfolgte nicht überall in derselben Weise. In Europa, auf dessen 
Boden fünf verschieden e Rassen noch heute aufzuweisen sind, ist die 
Penetration in verschiedenen geographischen Gebieten sehr ver- 
schieden gewesen. Diese zahlreichen und feinen Abstufungen lassen 
sich mit Hilfe der Laogenbreitenindices oder irgend eine:« anderen Rassen- 
merkmales, zum Beispiel der Farbe der Augen, der Haare und der Haut, 
leicht nachweisen. Das habe ich für mehrere Gebiete Europa'ö gethau. 
Es hat sich dabei ausnahmslos herausgestellt, 

L dass jede ethnische Einheil Europa's aus den Nachkommen mehrerer 
Rassen aufgebaut ist; 

2. dass die Penetration in alleu Culturstaaten schon so weit gediehen 
ist^ dass in jedem noch so entlegenen Dorf Vertreter der verschiedenen 
Baasen vorkommen; 

3. dass das Verhältniss, in welchem die verschiedeneu Rassen und ihre 
Abkömmlinge zu einander stehen , in den verschiedenen ethnischen 
Gebieten eine verschiedene ist. 



J. Koll mannt 



lu dieser Verschiedenartig kbeit der Penetration liegt der 
ScLlüsscl zu einer n aturgem aasen Erklrirting jener typiechen Züge der 
einzelnen ethnischen Gruppeo, welche mit so grosser Zähigkeit in der Tradition 
wie in der Gegenwart festgehalten werden. Diejenige Rasse, welche 
innerhalb eines politischen Vorbandes, sei er gross oder klein, 
am zahlreichsten vertreten ist, giebt der ethnischen Einheit das 
bestimmte somato logische Gepräge. Sie tritt, weil in der Uebcr- 
zahl, ans am häujigsten entgegen, prägt sieb in einem Collectivbild unserer 
Vor8te!lung ein, und wird für das, was wir nationalen Typus nennen, erklärt , 

Die übrigen noch vorhandenen Rassenelemente werden, auch dann, wenn 
ihre Zahl beträchtlich i^^t, von unserm Urtheil nicht weiter berücksichtigt, 
sie Hlecken in denselben Kleidern, und die Aufmerksamkeit wird gerade 
dadurch von den körperlichen Merkmalen des Gesichtes völlig abgelenkt 
Dennoch sind sie vorhanden, und die complicirte Zusammensetzung, ebenso 
das numerische Uebergewicht einer bestimmten Rasse innerhalb einer ctb- 
niöcben Gruppe lässt sich zahlenmassig nachweisen. Die noch so 
wenig beachtete Statistik über die Farbe der Augen, der Haare and der 
Haut ergiebt in Verbindung mit den Schädelmessungen die unumstössliche 
Thatsache, dass nicht allein die centraleuropriischen Völker, nein, auch 
Stamme, denen sonst Rasseneioheit nachgerühmt wird, wie Esten, Letten 
und Finnen, in Wirklichkeit ein Produkt mehrerer Rassen darstellen. 

Und diej^es Ergebnis« hat craDiologisches Material geliefert, das nicht 
aus den Städten stammt, sondern aus ländlichen Bezirken, welche eine 
sogenannte ungemischte Bevölkerung enthalten, ein Material, das überdies 
aus den älteren Grabstätten dieser Gebiete entnommen ist, und die Garantie 
bietet, dass die politischen Umgestaltungen der letzten zwei Jahrhunderte 
von keinem Einfluss auf unser Ergebniss gewesen sind. Die Thatsache 
von der ßassenmehrheit innerhalb der Nationen muss also dem 
früheren irrigen Dogma von der Rasseneinheit gegenüber gestellt werden* 
Der Gedanke an solch' beträchtliche Mischung innerhalb der Völker mag 
dabei vielleicht unwillkommen sein. Die Vorstellung von „reinem Blut" 
in den Adern schmeichelt Individuen und Völkern und das Gegentheil 
klingt nicht wie ein Lob. Als man im Jahr 1870 den Preussen vorwarf — 
es war Herr de Quatrefages — sie seien eine Mischung von Slaven, 
Finnen und Borussen, da sollte damit entschieden etwas sehr Schlimmes 
der Welt m^itgetheilt werden. Vielleicht wird man aber bei genauerer 
Untersuchung einsehen lernen, dass gerade in dieser starken Penetration 
der Rassen untereinander ein Vorzug liegt Bringt doch jede Rasse ein 
bestimmtes Erbtheil nicht allein körperlicher, nein auch geistiger Eigen- 
schaften als Vermögen mit in die Ehe. Und nachdem, wie nach einem 
Naturgesetz, die edleren Eigenschaften des Geistes allmähüch die Oberhand 
gewinnen, so muss diese Penetration günstig wirken. Femer ist es be- 
kannt, dass nicht die Ehe unter Blutsverwandten, sondern diejenige unter 



Dift AutochtboaeB Äiuerika'a, 

Fremden die besser organiöirien NachtommeD liefert. So ist es im Leben 

der Familie uod im Leben der Völker. Ja man könnte den Satz mit guten 
Beispielen belegen, dass eine hohe Ciilturstufe von dem Grad der Raasen- 
mischung abhängig sei. Die Häufung verschiedener Rassenelemente inoer- 
halb einer Nation ist nach der Zusammensetzung der central- uod west- 
europäischen Völker eher als eine Bürgschaft iür vielseitige geistige 
Begabung und physiscbe Vollkommenheit ^u betracbten, als mit vorwurfs- 
vollem Tadel aufzufassen. Alle Völker, die Englands ^ Scandinaviens, 
Frankreichs, Deutschlands, Italiens etc, sind aus verschiedenen europäischen 
Rassen zusammengesetzt. Jener Winkel unseres Kontinents, auf dem eine 
auclj nocb so kleine Gemeinde reiner Rassenmenschen lebt, harrt noch der 
Entdeckung und wird wohl niemals aufgefunden werden. Diese Erfah- 
rungen der Anthropologie über die Zusammensetzung der 
europäischen Völker haben ihre volle Geltung auch für die 
Autocht honen Amerikas. Dort kommen andere Varietäten in Betracht, 
allein ihre Penetration ist auf diesem Continent ebenso intensiv gewesen, 
wie in Asien oder irgend einem andern der grossen Continente. Dabei 
sehen w^ir aller Orten, dass die Völker sterblich sind, „unzählige versanken 
im gähnenden Schoos der Zeil**, aber die Rassen bleiben erhalten und dauern 
aus mit ihren physischen Merkmalen. Dieselben Elemente werden unter 
neuen Namen Theile anderer Nationen. Die Sitte wechselt, die Sprache 
ftndert sich, die Tradition erblasst oder nimmt neue importirte Bilder auf, 
während die verschiedenen Rassenelemente sieb ewig verjüngen, und sich 
im breiten Strom des Lebens untereinander Terbinden. 

Wenn man den Ergebnissen der vergleichenden Craniologie Rech- 
nung trägt, dann lehrt die Untersuchung der Autochthuneo Amerikas unti 
die zweifellosen Parallelen innerhalb europäischer Völker, dass sich die 
Eigenart der ethnischen Gruppen auch ohne die Annahme von 
äusseren umgestaltenden EinflQssen, und naturgemäss als eine noth- 
wendige Folge der Zusammensetzung aus verschiedenen Rassen 
erklärt Die Zahlen tabellen und die Curven sind hierfür die nächsten un- 
umstössliehen Belege, — Wird die Beweiskraft der Zahlen anerkannt, so 
kommen wir zu dem ferneren Ergebniss, dass die amerikanischen Menschen- 
rassen, soweit sie craniologischer Untersuchung erreichbar sind, keine Zeichen 
von auffallender Abweichung ihrer Merkmale durch die Natur aufweisen. Ich 
erinnere an die Mound-Builders und die heutigen Indianer. Die Schädel* 
formen sind dieselben und zeigen keine Spuren von Umänderung durch die 
äusseren Einflösse des Klimas oder um ganz allgemein zu sprechen, keine 
Spuren der natürlichen Zuchtwahl seit undenkhcber Zeit. 



IL 

Ich habe bisher zumeist den Ausdruck Rasse gebraucht, um die 
charakteristischen Unterschiede in der Menschheit anzudeuten. An nnd für 

ZiilfrclirlA für Elhuologl«. Jihrg, 1833. 3 



J. Kolltn^nn; 



sich ist dies vieißrebrauchte Wort hierffir verwerflich. In Wirklichkeit be- 
zeicbnet es ja die im Culturziistande durch die ktnistliche Zuchtwahl eiit- 
standeneo Subspecies und Varietäten. Nachdem aber jede kuosliiche 
Zuchtwahl bei dem Menschen ausser Betracht lullt, mosa man versuchen, 
dem Begriff „Rasse** sein Burgerrecht in der Anthropologie für die Zukunft 
gänzlich zu entziehen, — Der Formen kreis der Species Mensch ist ausser- 
ordentlich gross. Aber selbst die extremsten Formen werden nach den 
gystematisirenden Grundsätzen von den Naturforschern zu einer einzigen 
Art gehörig angesehen, wenn sie durch eine zusammenhängende Reihe 
fein abgestufter Zwischenfonnen continuirlrch verbunden sind, oder sobiild 
sich die Abstammung von der gemeinsamen Slammart empirisch erweisen 
lagst. Bei dem Menschengeschlecht treffen diese beiden Bedingungen 
xusamroeD, und deshiilh entsteht die Verpflichtung, alle Formen unter eine 
Species zu ordnen. Die aus einer Art hervorgegangenen unterscheid- 
baren Formen, welche bestimmte, erworbene und dauernde Eigenscliaften 
regelmässig auf die Nachkommen übertragen, müssen dann je nach der 
Sumnae dieser cbarakterislischen Eigenschaften entweder in die Kategorie 
der Subspecies, Unterarten, oder in jene der Spiehirten, Varietates ein- 
gereiht werden. Es sind Raogstufeo, welche innerhalb der Species Gruppen 
vereinigen, welche sich durch eine bestimmte Summe von Eigenschaften 
auszeichnen. Ihre Unterscheidung ist von der höchsten Bedeutung für das 
Verstandniss der natürlichen Verwandtschaft W^äbrend ich nun den Regeln 
der klassifizirenden Zoologie folge, und den Nachdruck auf die Unter- 
schiede lege, so bin ich doch weit entfernt, das Gemeinsame in der 
Erscheinung des Menschengeschlechtes aus dem Auge zu lassen. Die 
Qualität der unterscheidenden Merkmale ist ja niemals das für eine Art 
Charakteristische, sondern die Conatanz. Constanten Merkmalen kommt 
auch eine viel höhere Bedeutung zu, als z. B. der räumlichen Trennung, 
der wir unbewusst ein grosses Gewicht beilegen, WasH&ckel (25) in 
dieser Beziehung für die Thter- und Ffanzenvarietaten als wichtig hinstellt, 
hat auch ffir die des Menschen Geltung. Zwei Varietäten, wenn sie aus 
zwei entfernten und nicht zusammenhängenden Gegenden stammen, \Yerden 
oft als zwei gute Species betrachtet, während Jedermann dieselben nur als 
untergeordnete Varietäten einer und derselben Species betrachten würde, 
wenn sie in derselben Gegend gemischt vorkämen^). 

Um die Unterschiede innerhalb des Menschengeschlechtes zu klassifiziren, 



I 



I 
I 



1) Von örtheilsfShi^en Beobacbtem habe ich wiederholt bei deo Schaustellungen der 
Lüf^pl&Dder oder der Indianer d&s Urtbeil gebort, das seien eiufueh uiaskirte Schwhbc'n oder 
Bayern, obwohl die Aecbtheit, von den berufensten Ethnologen fest^estdli , ausser Zweifel 
war. Da» tst ein deullicher fioff^rzQig, wie «nffallend gering der Unterschied seltist sehr 
diiTerenter sog-, R&sseo ißt, uud dasa es nothwendijr i^ird, im Hinblick auf die vorliejjenden 
Thatsachen von der Gemeinsamkeit der wichtigsteu Merkmale, io der Aufetellung der ver- 
schiedenen KAtegorien den Maasfistab oicbt tu hoch anzulepfen. 



Die ÄubchÜionön Ameriki.*s. 



35 



lügen vollauf zunächst die Begriffe voo Sabspeciea und VarietasJ) Damit 
können voltaul' die verschiedenen Grade in der Con stanz der wesent- 
lichen Differential Charaktere bezeichnet werden, wobei die Snbspecies 
eine grössere Summe von solchen E)ifferentiakbarakteren enthält, die Varietät 
eine geringere. 

Von diesen Gruudslitzen ausgehend, werde ich einen Stammbsam der 
lebenden Formen des Menschengeschlechtea weiter unten aufstellen, worin 
von einer Species eine begrenzte Anzahl Subspecies (Soustypes der 
Franzosen) abstammt nnd zwar nur sechs, welche wiederum die Ausgangs- 
punkte der Varietfiten geworden sind. Darüber hinauszugehen ist hier nicht 
meine Aufgabe, doch wird es später wohl DOth wendig werden, auch Unter- 
varietaten anzunehmen. 

Ethnologische Bezeichnungen sind, weil die Missverständnisse und 
IrrihQmer durch sie in Permanenz erklärt werden, gänzhch bei Seite ge- 
bliehen. So habe ich mich denn bei der Herstellung des Stammbtiumes 
lediglich voo anatomischen Merkmalen leiten lassen. Nach dem Prinzip 
der Vermehrung und der stufenweisen Divergenz der Eigenschaften der von 
einem gemeinsamen Ahnen abstammenden Unterarten, Varietäten, und in 
Verbindung mit der erblichen Erhaltung eines Theiles des gemeinsamen 
Charakters lassen »ich die ausserordentlich verwickelten und strahlenförmig 
auseinandergehenden Verwandtschaften begreifen, wodurch alle Glieder dieser 
Gruppe miteinander verkettet werden. Denn der gemeinsame Stammvater 
einer Reihe von solchen Unterarten und Varietäten bat einige seiner Charaktere 
allen gemeinsam mitgetheilt, und die verschiedenen Formen werden nur 
durch Verwandtschaftslinien vun verschiedener Lfmge mit einander verbunden 
sein, welche eben in der Stammform ihren Verein igungspunkt finden. Die 
Schwieriji^keitenj sich von dem verwickelten Vorgacge einer solchen Descendenz 
ein deatliche» Bild in der Vorstellung zu entwerfen, sind sehr beträchtlich. 
Darwin hat hierfür einen treffenden Vergleich gewählt. Wie e>^ schwer 
ist, die Blutsverwandtschaft zwischen den zahlreichen Angehörigen einer 
alten Familie sogar mit Hilfe eines Stammbaumes zu zeigen, und es fast 
unmöglich ohne dieses Hilfsmittel zu thun, so begreift man die mannigfaltigen 
Schwierigkeiten, auf welche Naturforscher ohne die Hilfe einer bildlichen 
Skizze stoasen, w^enn sie die verschiedenen Verwandtschafts bezieh unp^en 
zwischen den vielen lebenden und erloscheneD Gliedern einer grossen natür- 
lichen Gruppe nachweisen wollen. Dabei ist die Annahme, dass viele 
Zwischenforroen erloschen sind, welche einen grossen Antheil an der Bildung 
und Erweiterung der Lucken zwischen den verschiedenen Abarten und 
Varietäten des* Menschengeschlechts hatten, nicht voo der Hand zu weisen- 
Sowohl aus den früheren Erörterungen, als aus den zunächst folgenden geht 



1) Ich Teriichte atif phj8iolD|pflche Variet&tea und Subspecies. Die Morphologie bat 
alkin bei der prakttsclien Unterscheidung einer Benenuung iQBäcbst deo Aasschlag za geben 

3* 



;)g J. Kollmann: 

doutlioh hervor, daas auch ich an ein Yariiren des MeDSchengeacblechtes 
glaubo, aher die Zeit der Variabilität auf Grund der vorliegenden Constanz 
dor heutigen Abarten und Varietäten in die präglaciale Periode 
zurückversetze. Man kann dies die erste Epoche in der Urgeschichte des 
Mennchcn nennen, und muss die zweite mit der glacialen Epoche be- 
ginnen lassen, in welcher diese Varietäten bereits in Dauertypen am- 
gewandolt waren. Nach den vorliegenden Thatsachen ist nun folgende Auf- 
fassung über die Entwicklung der Unterarten und Varietäten des Menschen- 
geschlechtes von einer gemeinsamen Stammform aus, gestattet 

Aus der ursprünglichen, einen Menschenspecies, die wir der Deutlich- 
keit halber als Stammform, als Homo sapiens primigenius bezeichnen wollen, 
und die ich mir als eine mesocephale Form mit niedrigem und breitem Ge- 
sicht, niedrigen, viereckigen Augenhöhlen, platyrrhiner Nase, überhaupt was 
die Form des Gesichtes betrifft^ mit niedrigem Gesicht, also chamaeprosop 
vorstelle, gingen unter dem Einfluss der natürlichen Zuchtwahl die Subspecies 
von folgender Beschaffenheit hervor: 

a) chamaeprosopo Langschädel, Breitgedichter mit langem Schädel. 

b) chamaeprosope Kurzschädel, in der Weise nämlich, dass die chamae- 
prosopen Mesocephalen zunächst die Form des Gesichtes im Wesentlichen 
beibehalten, dagegen am Hirnschädel beträchtliche Variationen zur Ent- 
wicklung brachten. Die Annahme einer chamaeprosopen mesocephalen ^) 
Stammform liegt in dem Umstand, dass die chamaeprosope Mesocephalie wie 
die übrigen chamaeprosopen Unterarten entschieden mehr pithekoide Zeichen 
HU sich tragen, als die leptoprosopen Formen. 

Der eine Zweig erhielt also dolichocephale Himkapsel, der andere brachy- 
oopbale. So lieferte die Stammform zunächst zwei Varietäten, während 
die ursprüngliche gleichfalls erhalten blieb. 

l>ie Stammform der chamaeprosopen Mesocephalen veränderte sich aber 
auch noch in folgender Weise. Unter anderen Einflüssen der Zuchtwahl 
kam nicht allein die Urform des Hirnschädels in Flnss, sondern auch die- 
jenige dos Gesichtes. 

Es wurde schmal und hoch« die Augenhöhlen wurden rund, der Nasen- 
rücken erhob sich, wurde gerade and gebogen^ und es entstand so eine Form 



\) l^tT Wid<»r»prucb $^^d die Existent einer ckimaeprosopen Mesocephalie wird sich 
wohl DAoh uu(i nach \erHer^D. wenn man statt dti RaisonaemeDts die ^nane Verurleiciiaiig 
\\^T Sch*\iel «ciuuul \<^T»uoheu virvi. Das^elb« isi der Fall mit den Randbemerkongea ober 
\\\^ y^K^A^wXwx^ Kitx ohautaeprv>$op^n [V>Uchocepha]ie ^Holder). Die bekannte Unterscheid ong 
i'iuor u^^oUtischiMi uiM paU^oüthisch^n D.«Iicboo«pha)ie, wie sie Ton sorgf&ltif^n Beobachtern 
lS««ittiioht wiTxi, unvi d^e Kii^teni ^in«r iraoiea Literatar bieräber dürfte weni^tens Veran- 
Uiisuni; g^b^n. di^^ Anca^<^n obj^^tiT m pnf^n. -- Dass die Chaniaeprosopie an sich der 
prinur^u v»i?>ioh!!iform enis;*r:oht. mini danfh das Antiitx des neugeborenen Kindes, durch 
Jii» .»hjj^eudfv^rW tpbt*: •*:!* Kjb^^le^t, welche stete niedrig ist. Auch bei den jngendlirhen 
Auihu^l^Mxi^n isj ^w ObAnwepiwsopie x.^rhAndea« wie akh ans den Zahlen bei Virchow (22) 
b^iiKhueu U»t. 



/ 



Dia Autochthonen Amerika*s. 



37 



des Gesichtes, die ich schmal, leptoprosop genannt habe. Diesen schmalen 
Gesichtern gesellten sich bei den einen kurze Galvarien, bei den andern auf 
dem Wege allmäbliger Entwicklung lange Galvarien hinzu, und so ent- 
standen die längst bekannten und oft beschriebenen Rassen: 

a) leptoprosope Dolichocephalen (dolichocephale Langgesichter), 

b) „ Mesocephalen (mesocephale ,^ ), 

c) „ Brachycephalen (brachycephale „ ). 

So ergeben sich sechs Unterarten, deren nähere oder entferntere Ver- 
wandschaft die folgende Tabelle errathen lässt 



18 17 16 15 14 13 12 11 10 

j ! IST? T 

i 



'# 






\\ 



/ 



f' 



Leptoprosope: 



// 



Dolicho- Meso- Brachy- 

cephalen cepbalen cephalen 

VI V IV 



Y 

! 



9 8 

f 
i 

i 



•^,1/ 



6 6 4 8 



a 
1 • 



~¥ l 



Chamaeprosope: 



Dolicho- 
cephalen 

m 



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/ : 



Meso- Brachy- 
cephalen cephalen 
U I 



%4 

u 

P 



Chamaeprosope Mesocephalen 



(Stamm- 



form) 



Species homo sapiens 



38 J- Kollmaan: 

Wir erhalten drei chamaeprosope und drei leptoprosope Unterarten 
aus der einen Stammform. Offenbar musste die Isolirnng^) der neuen Unter- 
arten anfangs geschehen, damit sich dieselben befestigen konnten. 

Der Stammbaum auf der vorhergehenden Seite macht verstandlich, dass 
die Divergenz der einen Species in sechs verschiedene Unterarten sehr we- 
sentlich differirende Formen erzeugt hat, welche durch so markirte Zeichen 
getrennt sind, dass der Gedanke an besondere Species wohl auftauchen 
konnte. Ein chamaeprosoper Dolichocephale III des Schema ist von dem 
chamaeprosopen Brachycephalen durch eine beträchtliche Kluft getrennt 
Diese vergrössert sich, je weiter wir in der Reihe nach IV, V, oder VI fort- 
schreiten. Das Schema bringt in diesem Fall eine Erscheinung zum klaren 
Ausdruck, welche die Craniologie und die klassifizirende Anthropologie 
schon längst festgestellt haben. Denn es treten sowohl die Unterschiede 
als der gemeinsame Ursprung ins rechte Licht, oder wie dies weiter oben 
angedeutet wurde, die Qualität der Unterarten in die Constanz der Species. 

Auf die Periode der isolirten natürlichen Entwicklung der Unterarten 
musste eine Periode der Wanderung folgen, in welcher sie gegenseitig 
penetrirten, und allmählig die ganze Oberfläche der bewohnbaren Erde er- 
füllten. Es entwickelten sich nun erst weitere Formen, so wie dies etwa 
die punktirten Linien andeuten mögen. Diese Formen gehören in die Kate- 
gorie der Varietäten. Für ihre Bezeichnung habe ich die Eigenschaft der 
Haare gewählt, und zwar die drei Hauptunterschiede derselben, die schlichten 
Haare Crines lissotriches, die straffen Haare Crines euthycomi und die 
Wollhaare Crines ulotriches. Jede der sechs Unterarten ging in drei 
Varietäten auseinander, die wir, um jedes Missverstlindniss zu beseitigen, 
zunächst mit ihrem vollständigen systematischen Namen bezeichnen müssen, 
der die Charaktere der Unterart und der Varietät in sich vereinigt. 

Wir unterscheiden also folgende Varietäten: 

1. schlichthaarige Langköpfe mit niederem Gesicht, 

2. straffhaarige „ 

3. wollhaarige „ 

4. schlichthaarige Mesocephalen mit niederem Gesicht 

5. straffhaarige „ r> it j) 

6. wollhaarige „ » ^ « 

7. schlichthaarige Brachycephalen 

8. straffhaarige „ 

9. wollhaarige „ 









1) Jene, welche sich über die Redentong der Isoliran^ für die Entstehung der Arten ein 
Bild verschaffen wollen, verweise ich auf die beachtenswerthen Abhandlungen von Moritz 
Wagner (32) über die Migrationstheorie. Vielleicht finden wir auf einzelnen Inseln des in- 
dischen Oceans noch Unterarten, die, nicht penetrirt von anderen, ihre Wohngebiete erreichten, 
auf denen sie seit der präglacialen Epoche geblieben sind. 



Die Autochthonen Amerika's. 39 

(Langköpfe mit hohem Gesicht 
Mesocephalen „ ^ „ 

Eurzschädel » » ^ 

Jede der sechs Unterarten liess eine schlichthaarige, eine straffhaarige 
und eine wollhaarige Varietät aas sich entstehen. Um diese differente Eigen- 
schaft je nach der Beschaffenheit der Haare wenigstens anzudeuten, endigen 
die punktirten Linien, welche die Varietäten andeuten, abwechselnd gabel- 
förmig, punkt- oder ringförmig (Stammbaum Nr. 1—18). Die schlichthaarigen 
Varietäten der Lang-Kurzschädel und der Mesocephalen Europas werden also 
von mir in die Stufe der Varietäten, nicht der Subspecies verwiesen. Das- 
selbe ist der Fall mit den straff haarigen Menschenformen, oder mit den 
Wollhaarigen. 

Alle miteinander bilden eine Reihe, deren extremste Formen sehr 
weit von einander abstehen (Vergleiche den Entwurf des Stammbaumes und 
den Abstand zwischen 1 und 10 — 18). Man wird dadurch mindestens den 
grossen Unterschied der in der Reihe entferntesten Varietäten verstehen, 
der schon wiederholt soweit gefuhrt hat, dass man eine grosse Zahl von 
Species aufgestellt hat (Hack el u. A.). Ebenso erklären sich die allmähligen 
Uebergänge. Bekanntlich bedarf es genauer und sorgfaltiger Prüfung um 
die einzelnen Merkmale der Unterarten am Schädel aufzufinden, selbst inner- 
halb grosser somato logischer Provinzen. Einmal deshalb, weil wir die grosse 
Thatsache von der Constaoz der gemeinsamen Varietäten -Merkmale nicht 
hinreichend berücksichtigen, und uns die Differenzen grösser vorstellen, als 
sie in Wirklichkeit sind, und überdies Mischformen und wohl noch ein 
Theil der „Uebergangsformen" das Auffinden erschwert. Es wird noch be- 
sonderer Studien bedürfen, die Charakteristik der verschiedenen Varietäten 
festzustellen. Denn die Beschaffenheit der Haare ist nur eines der somato- 
logischen Merkmale. Als in der präglacialen Entwicklungsperiode des 
Menseben dieses Merkmal sich entwickelte, nahmen auch die anderen 
Organe an der Umänderung theil. Bis zu welchem Grad, ist nur für die 
schlichthaarigen Varietäten Europas und Westasiens in den Hauptumrissen 
bekannt. Ich will bezüglich des Schädels daran erinnern, dass bei den 
schlichtbaarigen leptoprosopen Formen der Knochen in allen Beziehungen 
ein gewisses Gleichgewicht und ein Ebenmaass in der Gliederung zur Schau 
trägt, das bei den straff haarigen Formen nicht in jenem Grade zum Ausdruck 
kommt. Ein ähnlicher Gegensatz besteht zwischen den schlichthaarigen 
Ghamaeprosopen Europas und den straffhaarigen Amerikas. Ich möchte 
hier auf diesen Unterschied nur hinweisen, ohne weiter in diese Aufgabe der 
Anthropologie einzutreten. — 

Die Existenz grosser somatologischer Provinzen soll hier eben- 
falls nur berührt werden. Es ist schon längst bekannt, dass die schlicht- 
haarigen Varietäten, oder die straffhaarigen u. s. w. nicht auf einen Gontinent 
beschränkt sind, sondern viel umfangreichere Verbreitungsgebiete besitzen. 



40 



J. KoUmanD: 



Entstehang der Unterarten (Subspecies) und der Varietäten (Varietates) des 
Menschengeschlechtes während der praeglacialen Entwickelangsperiode (Schema). 



Sechs Unterarten 
(Subspecies) 



1« Chamaeprosope 

Doliehocephalen 

(Lan^schädel mit 
breitem Qesicht) 



2, Chamaeprosope 

Mesocephalen 

(Hittelköpfe mit 
breitem Qesicht) 



8. Chamaeprosope 

Braehjcephalen 

(Karsköpfe mit 
breitem Gesicht) 



4« Leptoprosope 

Doliehocephalen 

(Dolichocephale 
Langgesichter) 



5« Leptoprosope 

Mesocephaleu 

(Mittelköpfe mit 
langem Gesicht) 



6« Leptoprosope 
Braehjcephalen 



Penetration der Varietäten unter sich 
und in die Continente 



[/ 



Europa 

Nordafrika 

Westasien 



\\\ 



V \ 



\/v ^^ 



\ \j 






\l 



Amerika 

Ostasien 

Inseln des 
stillen Oceans 



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^\ \ 



A 



VI 



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^ (3entralafrika, 
Südafrika u. 
benachbarte 

^ Inseln. 



Yariet&ten, bestimmt nach der 
Beschaffenheit der Haare 



Varietas cham. dolich. lissotrlehis 
, , mesoc. 

, • brach. , 

j, leptopr. dolich. , 

, mesoc. 



Varietas cham. dolich. enthyeoma 
9 , mesoc. 9 

„ , brach. , 

, leptopr. dolich. enthyeoma 
, , mesoc. eythycoma 

- y, brach. , 



Varietas cham. dolich. nlotriehüi 
, mesoc , 
, brach. , 

leptopr. dolich. « 

, mesoc , 
brachy. „ 



Die Äntocbthooen Aio«rika^s. 



41 



Die geographische Yerbreitung der ersteren Formen erstreckt sich z, B. ober 

ganz Europa, über Nordafrika und Woötasien. Die atraffhaarigen VarietateD 
zerstreuen eich über ganz Amerika, Oatasien und die ösflichen Inseln des 
stillen Oceans. Den Rest der übrigen Erde nehmen die Wollhaarigen ein. 
Diese Gebiete, die nur in ganz allgemeinen Umrissen angedeutet wurden, 
stellen also trotz trennender Meere grosse somatologische Provinzen dar, in 
welche die verschiedenen Unterarten eingewandert sind ^)* In ihnen erhielten 
sie dann wohl das specitisclie Gepräge der Varietäten. Zur Zeit kenne ich 
keine andere Deutung für die überraschende Erscheinung, dass in Europa 
mit dem Beginn der glacialen Epoche schon Abkömmlinge von fünf der 
obenerwähnten Varietäten auftauchen, chamaeprosope Dolicho-, Meso- und 
Brachycephalen und die leptoprosopen Vertreter derselben Schädelformen. 
Alle treten sofort auf den Schauplatz, wo wir sie noch heute finden. Es ist 
aus diesem Grunde ud statthaft, von alten und jungen Menschenrassen zu 
sprechen, denn alle sind gleich alt und gleich jung. Man mag von jungen 
und alten Völkern sprechen, aber darf nicht vergessen, dass wir als Re- 
präsentanten der Varietäten von uraltem Adel sind, der seinen Stamm- 
baum in der präglacialen Epoche hat. 

Die Wanderung der Unterarten in die grossen somatologischen Gebiete, 
und die Entwicklung der Varietäten mag in deu allgemeinsten Zögen das 
Schema verani^chaulichen. Die erste Colmnne enthält die Namen der sechs 
Unterarten. Von ihren verschiedenen Standorten begann die Wanderung in 
die grossen somatologischen Provinzen (zweite Columne). Diese Standorte 
mögen sehr weit auseinander gelegen haben, so dass z. B. Amerika von 
mehreren, verschiedenen Punkten aus Sendlinge empfangen konnte und zwar 
zu sehr verschiedenen Zeiten. Nach den vorliegeoden Erfahrungen drangen 
also in diese grossen Provinzen stets mehrere Unterarten ein, um dort unter 
dem Einöuss der Variabilität sich weiter umzuändern, sich in Varietäten 
zu spalten. Diese Ereignisse der menschliehen Urgeschichte werden durch 
die Columne III und IV ersichtlich. Das Schema stimmt mit der Thatsache 
überein, dass wir überall die Plurahtät der Unterarten in ihren Varietäten 
finden *)* 

Es bleibt weiteren Untersuchungen vorbehalten, wie viel Rassen in die 
grossen somatologischen Heiraathländer (Columne IL) eingewandert sind. 
Für die Länder der schlicblhaarigen Varietäten (Europa, Westasien und 
Nordafrika) ist die Zahl derselben von mir genauer bestimmt worden. Ich 
habe (16 des Literaturverzeichnisses) deren Zahl auf folgende fünf berechnet, 
nämlich: 

1) Auf dem lüsel&rcfaipel mögeu sicti die Verbreitang»gebjete sehr mannichfacb durcb- 
ecboeideo, ich lasse alio jeder scbärferen Umgrenzung völlig frei© Bahn. 

2) Mau darf die Wandening der Vunetiten nicht aj§ eine so gleicl) massige auffaBaen^ 
wie sie iu dem Schema erscheint. Duich EiDiuss« des Klimas, des Bodens u, s. w. sind 
offenhar niaunichfache Modifieationen des in dem Schema gleicbmässig erscheinendeu Vor* 
gaoges veranlaast werdeii« 



42 J. Kollmann: 

1. LeptoproBope Dolichocephalen 

2. „ Brachycephalen 

3. Chamaeprosope Dolichocephalen 

4. „ Mesocephalen 

5. y, Brachycephalen. 

Sie treten sämmtlich als schlichthaarige Varietäten auf. Dabei er- 
giebt sich aus den vorliegenden Arbeiten (Ecker, Bis und Rütimeyer, 
Virchow, Bogdanow und Anderer), dass oft einzelne Varietäten lange an 
Zahl überwiegen, so z. B. in der ncolithi sehen und in den Anfangen der 
Metallperiode die schlichthaarigen leptoprosopen und chamaeprosopen Lang- 
schädel, während später die schlichthaarigen Brachycephalen in der Ueber- 
zahl erscheinen, soweit die Gräberfunde ein Urtheil gestatten. 

Diese Schwankungen in der Zeit wiederholen sich in anderer Form auch 
im Raum, insofern als wir in einem bestimmten Gebiet mehr die breit- 
gesichtigen Unterarten antreffen (Amerika), oder diejenigen mit den schmalen 
Gesichtern (Europa). Diejenigen Unterarten, welche am zahlreichsten ver- 
treten sind, bestimmen dann den anthropologischen Charakter des ganzen 
Welttheiles. 

In Central- und Sudafrika und den angrenzenden Inseln sind dies die 
wollhaarigen Varietäten, in den beiden auderen Gebieten andere. 

Dieselben Erfahrungen, die in Europa über die Einwanderung von 
mehreren Varietäten und über ihre Verbreitung gemacht worden sind, gelten 
auch für Amerika. Soviel bis jetzt bekannt ist, sind nur straffhaarige 
Varietäten eingewandert. Nämlich: 

1. Breitgesichter mit langem Hirnschädel, 

2. „ „ mittellangem Hirnschädel, 
8. „ „ kurzem Hirnschädel, 

4. Langgesichter mit kurzem Hirnschädel. 
Ob die übrigen Unterarten in der Form von straflhaarigen Varietäten 
überhaupt fehlen, müssen erst weitere Untersuchungen unterscheiden. Ich 
kann auf Grund craniologischer Vergleiche nur für die Existenz dieser 
ebenerwähnten Varietäten einstehen, welche sich, wie schon wiederholt 
gezeigt, auf den ganzen Kontinent verbreitet haben, aber nicht überall in 
gleicher Zahl. Die langschädeligen Breitgesichter mit ihrem straffen Haar 
kann der Craniologe überall finden, im Süden und im Norden, am 
häufigsten wird er ihnen aber unter den Eskimos begegnen (Curve und 
Tabelle IV). Die mesocephalen Breitgesichter sind in den arktischen 
Regionen gering an Zahl, ebenso die brachycephalen Breitgesichter (siehe 
dieselbe Curve), dagegen beherrscht ihre Zahl den ganzen übrigen Continent. 
(Vergleiche die Tabellen I — V und die Curventafel). Was die straffharigen 
Schmalgesichter mit kurzem Hirnschädel betrifft, so besitze ich Objecte aus 
Peru, welche diesen Typus an sich tragen, sich durch einen hohen 
Nasenrücken auszeichnen, und gegen die Breitgesichter mit eingedrückter 



Die AulochlLoneD Amedka*g. 



43 



platter Nase einen auffallenden Gepjensatz bilden, welche ebenfalls in 
peruanischem Gräbern und unter den Peruanern von hente vorkommen. 

So lasst sieb trotz lückenhafter crauiologiacher Untersuchunpf schon 
jetzt des Bestimmtesten aussagen, dass die grossen und kleinen ethni- 
aclien Gruppen Amerikas eine complicirte Zusammensetzung be- 
sitzen, gerade so wie dies in Europa der Fall ist. Die einzelnen 
Völker sind seit undenklichen Zeiten auf den beiden so weit entfernten 
Continenten aufgebaut aus den Vertretern verschiedener Varietäten, 
die »ich unverändert erhalten haben, dort als straff haar Ige, hier als schlicht- 
haarige. Hier wie dort bestimmt die ladividuenxahl der einzelnen Varietäten 
das anthropologische Gepräge. Wenn die Etbno lotsen berichten, dass die 
Indianer Nordamerikas, dann die Autochthonen Central- und Südamerikas 
verschieden seien unter einander, sa ist diese Angabe gewiss zutreffend, aber 
ihre Erklärung ist nicht aui Eiufluss des Klimas zurückzuführen, s^mdern 
auf die innige Penetration. Die statistische Vergleicijung eines einzigen 
Merkmales wie des liängenbreitenindex reicht aus, um den durchschlagenden 
Beweis hierfür zu erbriogen. In den vorüegcnden Curven konnte nur dieser 
Index benutzt werden, und dennoch zeigt sich eine höchst bcmerkenswerthe 
Differenz auf den Curven von JI— V. Keine gleicht der nndern vollständig. 
Jede Zeit und jede der ethnischen Regionen erhält ihr eigenartiges Ge- 
präge durch die Verschiebung der Prozentverhältnisse der ein- 
zelnen Varietäten and zwar io Amerika so gut, wie in Europa-Asien^). 



Die Hauptsätze der vorausgegangenen Erörterungen lauten dahin, dass 
in Amerika 

L die Pluralität der Varietäten erweisbar ist, welche in Form straff- 
haariger Varietäten auftreten; 

2, die Ubiquität dieser Varietäten auf dem ganzen Gebiet ist zweifellos; 

3. die Penetration der Varietäten untereinander ist so vollständig, 
dass nirgends Völker nachzuweisen sind, welche aus einer einzigen 



1) Wft» weiter olien voti grossen somatoJogjachen Gebieteo gesagt wurde, die sich durch- 
&Q8 nicht io die engea Grenztü der sogenanoten Welltbeile eioschränken lassen, schliesat 
glekhaeilig die Änfürdening in sich, die Eititheiluug der Varietäten nach Welttheilen fallen 
in IflAsen, ao schwer es auch werden mag, diese fie wohnte VorsteiluDg zü verlasseo. Es ist 
also wönschenswerth, nicht von amerikanischen, eurnpäischen eic Varietäten des Meüscheu- 
geschlecht&» zu sprechen^ w^il d:i mit denselben eogere Verbreitungsbezirke angewiesen werden, 
als sie in Wirklichkeit besitzen. Nachdem ßine beHondere ErachafTung der Aut och I honen 
t, B. Amerika'« aiisgeschhjssen bleibt, also die Abstammnng auf die getueinschaftlichen 
Stsimmeltera hinleitet, ho dürfen die physisrhen Merkmale der Coustanz der Tnterarten nie- 
mab aus den Augen geliiss^en werden, Buhald die klassificirende Anthropübgie in ihr Recht 
tritt. Das obige Schema ist jeder Erweilerang f*hig, wekhe sich u&th einer Richtung hin 
scboQ Jetzt voraussagen läsat. Die Zahl der Unterarten wird wcihl dirrch ein© vermehrt 
werden, für jene der Pjfgmäeo, welche, wie e» icheint, eine eigenartige Stellung einnehmen. 



44 <^* Kollmann: 

Varietät beatehen; stets sind sie aus mehrereD zusammengefügt. 
Ferner ist erweisbar^ dass 
4. diese vollständige Penetration schon in der pracolumbiscben Zeit in 
sehr intensivem Grade vollzogen war. (Tabelle V und Curve V). 
Parallele Verhältnisse sind von mir bereits für die achlichthaarigen 
Rassen Europas nachgewiesen worden (Nr. 16 und 28 des Literatur- 
verzeichnisses), 

Der Nachweis der Ubiquität und der Penetration der Varietäten prä- 
eolnmbischer Periode wurde in der vorliegenden Mittheilung mit Hilfe des 
Läügenbreitenindex des Schadeis erbracht. Auf Grund weiterer Uater- 
suchuDg an lebendem und todtem Material lassen sich jedoch noch folgende 
Angaben machen: 

Es findet sich in Amerika 

a) die leptoprosope Brachycephalie, Kurxschädel mit schmalem Gesiebt, 

b) die chamaeprosope Brachycephaliej „ „ niedrigem ^ 

c) „ „ Mesocephalie, Mittelköpfe „ „ „ 

d) ^ ^ Dolichocephalie, Langköpfe „ „ „ 

sämmtUch als straffhaarige Varietäten. (Varietät es euthycomae). 

5. Die Unterschiede der Autocbthonen Amerikas von denjenigen anderer 
Continente lassen sich nicht auf klimatische Einflüsse zoröckzuführenj 
soweit auch craniologische Prüfung zurückreicht. 

6. Die Unterschiede der Indianervölker untereinander, d. h. die ethni- 
schen Gruppen sind abhängig von dem Grad der Penetration der 
VarietätcD, welcher weder im Raum noch in der Zeit gleich- 
massig war. 

Was das grosse Problem von dem Einfluss der umgebenden Natur auf 
den Menschen betrifil^ so fehlen positive Anhaltspunkte für eine solche 
Annahme. Wie in Europa alle Zeichen dafür sprechen, dass seit der dilu- 
vialen Epoche die Organisation keinerlei Umwandlung in Bezug auf die 
typischen Merkmale erfahren habe, so zeigen sich nirgends an den ver- 
schiedenen Varietäten Amerikas Eigenschaften, welche durch Klima oder 
ahnliche Wirkungen erzeugt worden wären. Auch die amerikanischen 
Varietäten des Species homo sapiens sind wie diejenigen Europas in den 
Zustand der Daoertypen seit lange übergetreten. Die Zeit der Elasticität, 
die Entstehung neuer physisch verschiedener Formen ist längst vorüber. 
Dagegen ist der Geist entschieden in einer wachsenden Periode, die Kraft* 
entfaltüDg des Gehirns ist in der Zunahme. Ich spreche ausdrucklich nur 
von der Kraftentfaltung des Gehirns und verstehe darunter die EDtwicklung 
der schon in das Diluvium mit hinüber gebrachten Fähigkeit zu geistiger 
VervoUkommnun g. 

Wo wir Menschen finden in den glacialen Schichten Europas, da sind 
sie sofort hoch organisirt, ebenso wie heute, Sie standen allerdings auf 
einer niederen Caltüratufe. Die gleichzeitige Annahme von der körper- 



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Die Autocbthonen Amerika's. 45 

liehen Inferiorität der ältesten Einwanderer beruht auf der falschen Voraus- 
setzung, dass die roh behauenen Steinbeile von Menschen hergestellt 
worden seien, welche soeben die pithekoide Natur abgestreift hätten. Die 
Schädelreste liefern den schlagendsten Gegenbeweis; sie sind ebenso hoch 
organisirt, als die der Culturmenschen unserer Tage. In der ersten Ueber- 
raschung ob der unerwarteten Funde von Menschenschädelu in so alter 
geologischer Zeit gab man etwas übereilte Entscheidungen über ihre physi- 
schen Eigenschaften und sprach von unergründlicher Inferiorität z. B. der 
Mammuthjäger. Bei ruhigerer Ueberlegung stellt sich nun aber mit aller nur 
wün Sehens werthen Bestimmtheit heraus, dass man sieh darin gründlich 
geirrt hat. Man darf also heute nicht mehr von primitiven Rassen 
Europas sprechen in dem Sinn, sie dadurch als „inferior^ zu erklären. Die 
europäischen Rassen haben einen primitiven Culturzustand aufzuweisen, 
das liegt in dem Entwicklungsgang der Menschheit, und diesen Nach- 
weis erbracht zu haben, ist das Verdienst der prähistorischen Forschung, 
aber es ist falsch, von einer niedern Culturstufe auf „inferiore Rassen^ zu 
schliessen. 

Damit fällt auch das alte und oft verkündete Dogma: die höher 
organisirten Rassen wären später gefolgt, und hätten die nieder stehenden 
vernichtet. Auch nicht der geringste anatomische Beleg ist hierfür zu finden. 
Wahr und unzweifelhaft ist nur ein stetiges Aufsteigen von niederer 
Culturstufe zu höherer. Vom rohen Steinbeil bis zum Bronzehammer und 
bis zum Eisen und Dampf und Telegraphen folgt ohne Unterbrechung 
eine culturgescbichtlich ansteigende Bahn. Es ist also eine gänzlich irrige 
Voraussetzung, jeden Fortschritt von dem Auftreten einer neuen, höher 
organisirten Rasse abzuleiten. Die Craniologie kann beweisen, dass die- 
selben Varietäten es sind, die zu immer höheren Stufen sich 
emporarbeiten. Es ist nicht die Verbesserung der physischen Merkmale, 
welche den Fortschritt gebracht hat, sondern der Gebrauch des Gehirns, 
die Weiterentwicklung der schon vorhandenen Fähigkeiten in dem belebenden 
Kampf um die Existenz. 

Basel, Ende Oktober 1882. 



literaturverzeiolmiss. 



1. Otis, 6. A., Check List of praeparations and objects ia tbe section of buman anatomy 

of tbe U. S. Army medical Museum. Wasbin^ton D. G. 1876. 8^ 

2. Schaaffhauaen, die anthropologischen Sammlangeo Deutschlands. Archiv f. Anthropo- 

logie von A. Ecker u. Lindenschmit Bmunschweig. 4^ Zur Benutzung standen: 



J. KoHmaDii: 



ä) Spengel, J. W., diö anthrop. SÄmiiilanjj von OSttinjjren. 



h) Broesike, 
c) Ecker, A., 



Berlin. 
Frei bürg. 



d) 8ebaaffhaiiHen, , , , , Boun, 

3- Vircbow, R., Anthrüpologie Amerika's. Zeitscbrifl für Elhnologie Verhüntilungen der 
Berliner anthrop. Gesellschaft, Ausserordenllüh© Sitzung vom 7, April 1877. 

4. Virchow, die Feuerländer. Ebenda. Sitzung vom H.November 1881. 8". 

5. DaTis, B» J., Thesaurus Cranionim. London 1867. 8". 

6. Bohr, Besuch vod Feoerlfindern m Bord S. M. S. Haosa. Ein© Notiz. Zeitschrift für 

Elhfiojogie. VerbLiTidlun^eo der Berlitier anlbropolog. Gesellschaft. Sitiung vom 
15. Jannar 1881 

7. ßroca, Sur deux series de cranes provenant dancieDTies »^piilturca indiennes des eti- 

virons de Bogota. Bulletin de Ja sociele d'Aiitbropolo^ie. VatU 1876, 8'' \k 359. 

8. Fiöwer, B*, Cat:i!ogue of tbe specimeDs illustnitinf; Ihe osteology elf. rootained io the 

museuro of fbe Hoysil Cdleg of Surgeons of England London 1879* 8''. Part L^ Man. 

9. Huxley, Juiirnal uf Anatomy and pbyeiotogy. 1868. Vol. ü. pag. 268. 

10. Dali, H. W., Tdbe» nf the extiem Norlhwest U.S. lleographical and geobtgical Survey 

of the Rocky-mounlaiii Rei^iMU. Sniiihsonian Inslitnlion. Washington 1877. 

11. Toldt, UeWr die Schädelform der Eskimo. Prager medici)ai*che Wochenschrilt. 1881. 

Nr, 3 Mit 2 Holzs* hnitfen. 

12. Carr, L., Observatiuns on tbe cmnia from tbe Stone graves in Teije«s-*c io If Ann, 

Ei'port Peabody Museum. VuL Iti pn. S81— 384. Siehe auch die Literaturangab« 
Nr. 19, 

13. Ecker, Ä,, üeber die körperlichen Eigenscliafteo der früheren Einwohner von Flonda. 

Archiv für Anthropologie, Bd. X, S. 101 und in: Die an tbropo logische Siimmlung 
von Frei borg i. B. ebenda. 

14. Bessels, J., The huoQan rematns fonnd among the ancient ruins of South western Colo- 

rado and Ni-rtbern Mexico, Bulletin of tbe ü. S geolog, and geograph. &urve]r. 
Washington 1876, Vol. II. pag, 48. Hieriu Taf. 23-29, 

15. Ranke, J.^ Die Schädel der alt bayerischen Landbevolkening, Beitrage lur Anihropologie 

und Urgeschicbte Bayerns. München 1880 gr. 8**. Bd, 111. S. 108. Mit 1 Cuiven- 
tafeL 

16. K oll mann, J., Betträge zu einer Craniologie der etiropäisrhen Volker, Archiv fiir An* 

thropolngie, Bd. XllI 1881 u. Bd, XIV 1882. Mit 5 Tafeln n, 1 Cnrventafel 
n. Lenbossi^k, Jos. v. Die künstlichen S^'hidelverbildnrtgen im Allgemeinen u. swei 
künstlich verbildete Stbädel aus üngurn. Budapest 1878. 4^» Blit 11 pbototypi- 
scben Figoren auf 3 Tafeln und mehreren Fignren im Text 

18. Meyer, A. B., Ueber künstlich deformirte Schädel von Borneo und Mindanäoj nebst 

Bemerkungen über die Verbreitung der Sitte der kÜDstlicben Schädel-Deformirong, 
Mit 1 Tafel. Leipzig und Dresden 1881. 

19. Putnam, F. W., Annual repurts of the trusteea uf Ihe Peabody uioseum of american 

archaeology and ©thnology 1868—1878. 11. Rep. pwg, 3(fö erschienen 1879. Nach 
eiTjem Referat von E. Schmidt in dem Archiv für Anthropologie. 

20. Qualrefages et Hamy, Crania ethnica. Paris 1882. 4^. pag. 462. Ebenda eine sehr 

gute üebersiiht der üeschi^bte der amerikanischen Ru^senfrage, 

Die beiden Autoren enthalten sieb jedoch ausdrücklich einer bestimmten 
Glassißcation und bringen nur thatsächliches Materini bei, das durch mehrere Tafeln 
auch bildlich vertreten ist. 

21. Virchow, R., üeber altpatagumiBcbe, altchileniscbe und niodero© Pampas-Schadel, Zeit- 

scbrift für Ethnologie 1874, Bd, 6. Verhandlungen der Berliner antbrop. Gesell- 
schaft S. (60)* 

22. Vircbow, R,, Ueber den Scb&del des jungen Gorilla. Monatsberichte der k. Akademie 

der Wiss. zu Berlin. Sitzung der pbysik.-tiiatL Klasse vom 7. Juni 1880. S, 516. 
Mit 2 Tafeln. 

23. Vircbow, R., Darwin und die Anthropologie, Rede gebalten bei der Vereammlung der 



Die Autochthonen Amerika's. 47 

deatschen anthropologischen Gesellschaft zu Frankfurt a. M. Gorrespondenzblatt 
dieser Gesellschaft f. d. Jahr 1882. September. S. 80. 

24. Rieger, Dr., Ueber die Beziehungen der Scbädellehre zur Physiologie, Psychiatrie und 

Ethnologie. Würzbiirg 1882. 8^ 

25. Haeckel, E., Generelle Morphologie der Organismen. Berlin 1866. II. Bd. S. 336. 

26. Darwin, Ch , Die Entstehung der Arten im Tbier- und Pflanzenreich durch Datürliche 

Züchtung. 2. Aufl. Stuttgart 1863. S. 125 ff. 

27. Kollmann, J., Ueber Slaven und Germanen. Ein Vortrag bei der Xill. Versammlung 

der deutschen anthropologischen Gesellschaft zu Frankfurt a. M. CorrespondenzbUtt 
dieser Gesellschaft 1882. S: 203. 

28. Hnxley, Tb. H., Wissenschaftliche Vortrage, in Amerika gehalten. Antorisirte deutsche 

Ausgabe von J. W. Spengel. 2. Aufl. Braunschweig 1882. 8.26. 

29. Rntimeyer, L., Studien zu der Geschichte der Hirscbfamilie. Verhandlungen der 

Naturforschenden Gesellschaft in Basel VII. 1. S. 3. 

30. ▼. Holder, Zusammenstellung der in Württemberg vorkommenden Schädelformen. Stutt- 

gart 1876. 4^ und: Die Skelete des römischen Begräbnissplatzes in Regensburg. 
Archiv f. Anthropologie Bd. XIII, Supplement. 
81. Wagner, M., Die Darwin'scbe Theorie und das Migrationsgesetz der Organismen. Leip- 
zig. Verlag von Dunker und Dumblot. 1868. Derselbe: Ueber den Einfluss der 
geographischen Isolirung und Colonienbildung auf die morphologischen Verände- 
rungen der Organismen. Vortrag in der Sitzung der k. bayer. Akademie d. Wiss. 
vom 2. Juli 1870. 



Erklärung der Curventafel. 



Jede Curve giebt ein Bild der Vertheilung der verschiedenen Varietäten und der Häufig- 
keit ihrer Vertreter (vergl. S. 12 u. ff.). Für die Herstellung (vergl. 8. 15) sind die Längen- 
breitenindices (L : B) von 1500 Schädeln verwendet worden. Die stark ausgezogenen senk- 
rechten Linien zeigen übersichtlich für alle Curven die Grenzen für die einzelnen Varietäten 
und die Form des dazwischen befindlichen Curvenabschnittes die Häufigkeit der Vertreter. 
Links befindet sich die Äbtheilung für die Langschädel, rechts jene für die künstlich defor- 
mirten Schädel (siebe S. 18 u. f.), die mittleren Abtheilungen zeigen die Häufigkeit der Meso-, 
Brachy- und Hyperbrachycephalen. 
L Curve für die Schädelformen des ganzen amerikanischen Continents mit Ausschluss der 
präcolumbischen Völker. Nach der reducirten Zahl von 1292 Schädeln herge- 
stellt. Vergleiche hierzu Tabelle l, S. 14. 
IL Curve für die Schädelformen der Indianer Nordamerika s mit Ausschluss der Pol ar Völker. 
Nach der reducirten Zahl von 917 Schädeln hergestellt. Vergl. Tabelle II, S. 17. 

III. Curve für die Schädelformen der Central- und Südamerikanischen Völker mit Einschluss 

der Mexikaner. Nach der reducirten Zahl von 248 Schädeln hergestellt. Ver- 
gleiche Tabelle 111, S. 25. 

IV. Curve für die Schädel der Eskimo's. Nach der reducirten Zahl von 127 Schädeln her- 

gestellt. Vergleiche Tabelle IV, S. 26. 
y. Curve für die Schädelformen der präcolumbischen Bewohner Amerika*8 (Moundbuilders, 
Cliffdwellers etc.). Nach der reducirten Zahl von 208 Schädeln hergestellt Ver- 
gleiche Tabelle V, S. 27. 



II. 

Die Gemme von Alsen und ihre Verwandten. 

(Nachtrag und Berichtigung.) 

Von 
Dr. Max Bartels in Berlin. 



Als ich im Joli des Jahres 1882 meine unter dem obigen Titel auf Seite 179 
bis 207 des vorigen Bandes veröffentlichten Aufsatz der Redaktion über- 
gab, da sprach ich bereits die Hoffnung aus, dass die in der Abhandlung 
beschriebenen und in Holzschnitt reproducirten zwölf Gemmen noch nicht 
die gesammte Anzahl der Exemplare dieses absonderlichen Typus v^ären, 
Vielehe auf uns gekommen sind. Diese Hoffnung hat sich bedeutend schneller 
bestätigt, als ich selbst es gedacht und erwartet hatte und ich habe mit dem 
vorliegenden Nachtrage gleichzeitig eine Unterlassungssünde wieder gut zu 
machen. Zwei unserer Gruppe angehörende Gemmen waren nämlich, wie 
Herr Dr. Ingvald Undset (Christiania) mir auf der anthropologischen 
Generalversammlung in Frankfurt am Main roittbeilte, bereits im Jahre 
1877 von dem Conservator des Rijksmuseum für Alterthümer zu Leiden, 
Herrn Dr. W.Pleyte, publicirt worden. Sie sind in seinem Werke: Neder- 
landsche Oudheden van de vroegste tijden tot op Earel den 
Groote. Leiden 1877) aut Tafel XVII Figur 12 a und e abgebildet und 
auf meine Bitte hatte Herr Dr. Pleyte die Gefälligkeit, mir Siegelabdrücke 
derselben zu übersenden und einige erläuternde Bemerkungen hinzuzufügen. 
Das erste dieser beiden Specimina ist: 

XIII. Die Gemme von Franeker. 

Fundort: Franeker. (Westergo, Friesland, Niederlande). 

Jetziger Besitzer: Die friesische Sammlung in Leiden. (Man 
vergleiche W. Pleyte a. a. O. Fig. 12 a). 

Ovale Glaspaste, einen nachgemachten Niccolöstein darstellend.. Bild- 
fläche: 27 mm zu 21mm. 

Drei stehende Figuren von ungefähr gleicher Grösse, die linke nach rechts 
blickend und die mittlere und^die rechte nach links blickend. Es sind 
kurze, breite, gedrungene Gestalten, an diejenigen des zweifigurigen Typus 
erinnernd. Sie gehören ganz unverkennbar zu unserer Gruppe von Kunst- 
werken und bilden ein interessantes Mittelglied zwischen den Gemmen mit 
zwei und denjenigen mit drei Figuren. 



Dr. Max Harteis; Die Gemuie von ,4Iseii und ilire VerwaDflten. 



Die linke Figur hat einen niedrigen Kopf mit flach abgeschnittener 
Scheitelhöhe und einer langen, ganz gegen die Stirn hin aufgekippten Nase. 
Das Kinn ist kurz und spitx nnti auch der HaU ist nicht lang. Der Rumpf 
ist kurz und breit. Der rechte Arm iet vom Ellenbogen abwärts öebr ver- 
dickt und die klumpige Hand hült nicht, wie es sonst dm Gewöhnliche ist, 
einen Korperfortsatz, sondern sie beröhrt scheinbar das hintere Körperende. 
Von dem letzteren entspringt ein dicker KörperfortsatÄ, welcher einem 
Schwänze abnlicb fast senkrecht heriibhängt und unten glatt abgeschnitten 
erscheint. Dieses Gebilde ist ungefähr noch einmal so dick, als sonst die 
Körperfortsätze und die Arme zu sein pflegen und reicht bis zur Höhe der 
Kniekehle abwärts. Es ist wohl das Wahrscbeinlichste, dass wir darin ein 
Schwert, welches umgegürtet ist und in der Scheide steckt, zu erkennen 
haben. 

Der linke Arm ist kurz und trifft sich nicht genau, wie das sonst immer 
der Fall ist, mit (\vr rechten Hand der mittleren Figur. BeidelHände liegen 
vielmehr in gleicher Hohe neben einander und scheinen einen kurzen, hori- 
zoDtalliegenden Stab zu halten, welcher sich bis zu der Unterbauchregion 
der mittleren Figur verfolgen lässt und als ein kurzer Stummel am hinteren 
Korperende derselben wieder zum Vorschein kommt. Auch dieses ist ver- 
muthlich wieder ein Schw^^rt. Die Beine der linken Figur verlaufen im 
leichten Bogen; die Fösse sind dick und klumpig und scheinen dadurcht 
da.S8 sie etwas oberhalb des untersten Endes den Unterschenkel treffen, mit 
hohen Absätzen versehen zu sein. 

Die mittlere Figur hat an der Scheltelhöhe des Kopfes drei kleine, spitze 
Fortsätze, weiche wohl als die Andeutung der Zacken einer Krone betrachte, 
werden müssen. Die Nase ist kurz, das Kinn ist lang, breit und unten ab- 
gerandet, wie ein grosser Kinn hart Der Hals ist ebenfalls lang und breiter 
als wir es sonst bei diesen hageren Gestalten zu sehen pflegen. Die rechte 
Schulter steht etwas höher, wie die linke, und die linke Hand berührt das 
vordere Endstück des bereits bei der vorigen Figur besprochenen Körper- 
fortsatzes, den wir als ein umgegürtetes Schwert gedeutet haben, in einer 
WeiBe, als ob sie sich auf den SchwcrtgrifT stütze and es scheint hierdurch 
die Schulter in die Höhe gedrängt zu sein. Die ganze Gestalt bekommt 
durch diese Asymmetrie in der Haltung einen ungemein trot/Jgen Ausdruck, 
von dem ich wohl glauben möchte, dass er von unserem Künstler wirklich 
beabsichtigt worden ist, und nicht nur zufallig zu Stande kam. 

Der linke Arm ist in gewöhnlicher Weise nach unten ausgestreckt und 
kreuzt sich mit dem untersten Ende des Schwertes. Seine Berührung mit 
dem rechten Arme der Nachbarfigur ist auch eine ganz absonderliche und 
wird bei dieser besprochen werden. Die Beine sind gerade und steif, die 
Fasse ziemlich gross und dick ; der Absatz des linken Fusses steht auf der 
rechten Fussspitze der rechten Figur, 

Die rechte Figur hat einen hohen, absonderlich abgerundeten Kopf, 

ZelUebrlf^ fEr EUiooloftie. Jubrg. 1S83. 4 



50 I>i'. Max Bartels: 

welcher aussiebt, als ob ihm eine niedrige Kaiserkrone aufgesetzt wäre. 
Eine ganx feine, aber lange Nase geht wagerecht von der Mitte des Antlitzes 
ab. Das etwas aufgekippte Kinn springt stark nach vom hervor, einem 
spitzen, von unten hinten her hochgestrichenen Kinnbarte ähnlich. Der Hals 
ist lang und sitzt dem Rumpfe schief auf, so dass der Kopf etwas vor- 
geschoben erscheint. Der Rumpf ist plump und in seiner untersten Partbie 
gespalten. Der rechte Arm ist dem .linken der mittleren Figur entgegen- 
gestreckt und verbindet sich mit ihm auf ganz absonderliche Weise. Man 
kann nämlich ganz deutlich erkennen, dass die rechte Figur den Vorderarm 
der mittleren von hinten her umfasst und die Hand um deren Handgelenk 
legt, fast so, als ob sie die mittlere Figur, deren Arm gestreckt ist, unter- 
fassen wollte. Hierin haben wir wieder einen neuen, interessanten Beleg für 
die Zusammengehörigkeit sämmtlicher von mir publicirter Gemmen zu er- 
kennen. Denn ganz dasselbe Motiv finden wir, allerdings nicht in dieser 
unverkennbaren Deutlichkeit, auf der (zweifigurigen) Gemme von Olden- 
burg (Nr. XII) wieder. 

Aber auch noch etwas anderes erinnert uns bei dieser rechten Figur 

an den zweifigurigen Typus. Das ist der linke Arm, welcher, weit vom 
Körper abstehend, durch eine abgerundete, aber lang ausgestreckte Schulter 
mit ihm. verbunden ist. Hier haben wir diejenige Form der oberen Extremität, 
wie sie sich bei der kleinen Gemme des Berliner Reliquariums (IXNr.5) 
und bei der grösseren Luneburger Gemme (XI Nr. 7) findet. Wir waren 
im Stande gewesen, nachzuweisen, dass diese Form des Armes als das 
Rudiment eines grossen Adlerflugeis betrachtet werden muss. Das Handende 
dieser Extremität berührt den untersten Theil eines Körperfortsatzes, welcher, 
das hintere Körperende kreuzend, vorn wie ein Phallus um ein kleines Stück 
hervorragt. Das ist mit grösster Wahrscheinlichkeit wieder ein umgegürtetes 
Schwert. 

Auch bei dieser Figur sind die Beine gestreckt und die Füsse ziemlich 
lang. Der rechte Absatz erscheint sehr dick, was durch Ausspringen der 
Gemmenoberfläche verursacht ist. Demselben Umstände scheinen eine Reihe 
regellos über das Gemmenfeld zerstreuter, kleiner punktförmiger Vertiefungen 
ihren Ursprung zu verdanken. Es sind aber noch zwei Attribute zu er- 
wähnen, welche an gewohnter Stelle über den Köpfen der drei Figuren 
schweben. Sie sind jedoch im Gegensätze zu dem sonstigen Vorkommen 
nicht symmetrisch gebaut. Ich glaube wohl, dass diese Asymmetrie eher 
eine Folge der Ungeschicklichkeit unseres Künstlers ist, als eine wirklich 
beabsichtigte. 

Das rechte Attribut erscheint als ein System von vier Linien, welche, 
von oben her kommend, sich in einem Punkte treflfen. Das ist wahrschein- 
lich wieder der Baumzweig, welchem wir ja schon öfters begegnet sind. 
Das linke Attribut steht etwas niedriger. Eine horizontale Linie kippt sich 
mit ihrem medialen Ende etwas nach oben; eine Senkrechte, von oben her 



Die Gemme von Alsen und ihre Verwandten. 51 

kommend schneidet sie eben noch, und eine von aussen herabziehende 
schräge Linie schneidet sie und die Senkrechte. Das hieraus resultirende 
Gebilde erinnert wieder mehr an die rohe Darstellung eines Vogels. Zwi- 
schen und über diesen Attributen genau in der Mitte befindet sich einer der 
vorhin erwähnten regellos vertheilten Punkte. Auch diesen Platz nimmt er 
wohl ohne Absicht ein. Ein zweiter schwebt zwischen den Köpfen der 
linken und der mittleren Figur, ein dritter über der Flügelschulter der 
rechten Figur, ein vierter zwischen den umschlungenen Armen dieser und 
der mittleren uud ein fünfter zwischen den Unterschenkeln der mittleren 
Figur. Endlich steht noch ein sechster neben dem Schwanzfortsatze der 
linken und ein siebenter unter den Füssen dtT rechten Figur. Der rechte 
Kand des Gemmenfeldes zeigt einen Defekt fast von der Grösse eines 
Hanikoms. 

Angeblich wurde diese Gemme bei Franeker, einem alten Euotenr 
punkte früh -mittelalterlichen Verkehrs, in der Erde gefunden, in Gemein- 
schaft mit bearbeiteten Thierkuocheu und Kupferschmucksacheu. Herr 
Dr. Pleyte erwähnt bereits die Möglichkeit, dass diese Gemme als Amulett 
gedient habe. Im Uebrigen acceptirt er die Stephens 'sehe Ansicht. 

Die zweite Gemme, deren Abdruck ich Herrn Dr. Pleyte verdanke, ist 

XIV. Die Gemme von Klaarkamp. 

Fundort: unbekannt. 

Jetziger Besitzer: Die friesische Sammlung in Leiden. (Man 
vergleiche W. Pleyte a. a. 0. 12 e — soll wohl heissen 12 d!) 

Ovale Gemme, wahrscheinlich ebenfalls eine Glaspaste. Bildfläche: 21mm 
zu 16 mm. Sie stammt aus Klaarkamp, dem altberühmten Kloster Clarae- 
campus bei Dantumadeel zwischen Dockum und Leeuwardeu. (Fries- 
land, Niederlande). 

Drei stehende Figuren von ganz besonderer Dünne und Magerkeit, ver- 
bunden mit ausserordentlicher Flachheit des Intaglio. Das alles findet sich 
in ganz ähnlicher Weise nur noch an der grossen Gemme des Berliner 
Reliquaiiums (IV Nr. 4). 

Die linke Figur blickt nach rechts, die mittlere uud die rechte Figur 
bUcken nach links. 

Die linke Figur ist etwas kleiner als die beiden anderen und trägt an 
der Stirn einen gekrümmten hornartigen Fortsatz, mit der Gonvexität nach 
unten, eine krumme Nase, wie ein Policinello, und ein spitzes, nach auf- 
wärts gekrümmtes Kinn, üeber dem Hörn, welches wohl einen vorspringen- 
den Kranz bedeuten soll, entwickelt sich die etwas nach hinten übergekippte 
Scheitelhöbe, welche zusammen mit dem Hörne fast wie eine Jockeymütze 
aussieht. Der Hals ist ganz besonders kurz und breit, die Schultern springen 
stark eckig hervor. Der rechte Arm hält einen Körperfortsatz (Schwert?). 



52 Dt- W«E Bartels! 

welcher etwas oberhalb de» Körperendes abgeht. Der linke Arm trifft sich 
mit dem rechten der Nach barfi gar so, dass beide vereint noch eine ziem- 
liche Strecke abwärts laufen. Dieses gemeinsame Stuck macht den Eindruck, 
als wenn die beiden vereinten Hände einen herabhängenden Gegenstand 
hielten. 

Der schmale Körper trägt in seiner Mittellinie eine feine, erhabene 
Lungsleiflte. Sie ist zweifellos ohne jede Bedeutung und verdankt ihren 
Ursprung nur dem Umstände, dass der Steinschneider den Leib durch zwei 
sich berührende Längsfnrchen darstellte; natürlicher Weise ist der Berüh- 
rungsrand dieser beiden Längsfurchen erhabener, vorspringender, oberfläch- 
licher, als ihre Mitte und erscheint somit als eine den Rumpf der Länge 
nach halbirende Leiste. Die Beine sind leicht im Knie gebeugt und die 
groseen Füsse sitzen an ihnen etwas oberhalb ihres unteren Endes, so da«s 
dieses letztere weiter herabreicht. Hierdurch wird der Eindruck hervor- 
gerufen, als hätte das Männchen habe Absätze. 

Die mittlere Figur hat * einen kleinen, runden Hinterkopf, eine stark 
und lang hervorspringende Nase und ein kurzes, spitzes Kinn. Auch hier 
ist der Hals kurz, aber doch viel langer, als bei der vorigen Figur, Der 
schmale Rumpt ist kurz und die fast geraden Beine sehr lang. Der rechte 
Arm wurde bereits erwähnt; die linke Hand hält einen kurzen Korperfortsatz 
(Dolch?) an seinem unteren Ende, berührt sich aber gleichzeitig mit dem 
rechten Arm der rechten Figur, 

Die rechte Figur hat einen hohen ^ schmalen, oben abgerundeten Kopf, 
eine grosse, rüsselförmig nach oben strebende Nase und ein langes, unten 
abgerundetes Kinn. Der Hals besitzt eine ziemliche Länge. Der Rumpf ist 
aber ausserordentlich kurz und die langen Beine sind durch zwei ganz 
gerade Striche gebildet. Das linke Bein wird etwas zurückgesetzt; die Füsse 
haben kurze Absätze. Der Arm hält einen sehr langen Körperfortsatz in 
seiner Mitte, vielleicht eine Lanze« 

Attribute entdecke ich in dem Gemmen felde nicht, wohl aber einige 
punktförmige regellos vertheilte Defekte der Oberfläche. Es sei gestattet, 
daran zu erinnern, dass auch die dreifigurige Gem me von Selchausdah 1 
(die kleine Kopenhagener Gemme) (III Nr. 3) anscheinend keine 
Attribute besass. 

Herr Dr, Pleyte hatte die grosse Freundlichkeit, mich noch auf fol- 
gende in den Niederlanden befindliche Stücke aufmerksam zu machen; 

XV. Die grosse Gemme van Utrecht. 

Sie zeigt drei stehende Figuren. 

XVI Die kleine Gemme von Utrecht. 
Auf ihr sind nur zwei Figuren dargestellt. 
Diese beiden Exemplare von unbekannter Herkunft zieren den Einband 



I 



XM^ Gemmp von kh^n und ihre WrwandleD* 



5a 



elaes Mb^sale in dem erzbiscböäicben Museum tu UtrecbL Es bedarf wobl 
Dicht erst der ErwuhntiDg, dass ich mich direkt an die DirektioD dieses 
Museums gewandt habe. Eine Antwort habe ich nicht erhallen und bin 
daher zu meinem grossen Leidwesen auch ausser Stande, Näheres über diese 
Gemmen anzugeben. Interessant ist es aber^ dass auch hier wie bei dem 
Reliquarium des Berliner Museums an demselben Gegenstände des christ- 
lichen Cultus eine dreifigurige und eine zweißgnrlge Gemme neben einander 
vorkommen. Natürlicher Weise kann das aber auch ein blosser Zufall sein. 
Da« dritte derjenigen Stücke, auf welche Herr ür. Pleyte mich hin- 
wies und das er mir durch eine Skizze und kurze Beschreibung bekannt 
machte, %'erdient unser Interesse in einem ganz besonderen Grade, Es zeigt 
uns nämlich mm ersteo Male vier eingeschnittene Figurf^n und eine höchst 
merkwürdige Abweichung in den schwebenden Attributen. Im Uebrigen 
»ieht man aber wieder auf den ersten Blick, daas auch dieses Specimen 
nnzweifelhaft zu unserer Gruppe zu rechnen ist. Denn die Technik, die 
Zeichnung und das benutzte Material ist dasselbe, wie bei den übrigen uns 
scholl bekannten Exemplaren, Ich bezeichne dieses Stück als: 

XVII. Die Gemme von Roden. 

Fundort: Lieveren. Gemeinde Roden, Provinz Drenthe, Nieder- 
lande. 

Jetziger Besitzer: Das Provinciaal Museum van Oudheden in 
Drenthe zu Assen. 

Der Sekretär der Commissie van Bestuur dieses Museums, Herr C. R. 
W. Kijmmetl hatte die grosse Gefälligkeit, meine Bitte um genaue An- 
gaben über diese ioteressante Gemme zu erfüllen und mir auch eine vor- 
zügliche farbige Zeichnung derselben mitzuschicken. Hierdurch iiin ich in 
den Stand gesetzt, diese erste Gemme vom vieriigurigen Typus dem Leser 
im Bilde vorzuführen und folgendes über dieselbe auszusagen: 

Es ist eine ovale* dunkelblaue Glaspaste, an den 
Handflächen f^chwarzblau, fast schwarz, weiche auf der 
Kehrseite glatt geschliffen ist, ohne jedoch hier irgend 
welche Gravirung zu zeigen. Bildflache: 2^7nm zu ISmm. 

Gefunden wurde das Stück vor 25 bis 30 Jahren 
in einem Torfmoore bei der zur Gemeinde Roden ge- 
hörigen Ortschaft Lieveren. l^/.j Fuse unter der 
Oberflache. Durch den Bürgermeister von Roden, 
Herrn C. W. E. Kijm'mell wurde der merkwürdige Fund dem Museum in 
Assen geschenkt. 

Von den vier stehenden Figuren, welche, wie gewöhnlich, sich die 
Hände reicheo, bückt die linke (w4e immer im Intagiio und vom Beschauer 
aus gerechnet) nach rechts, während die drei anderen den Blick nach links 
gerichtet haben. Wir müssen hierin eine interessante Analogie mit den 



fi- 



Gemmen vom dreifigurij^eu Typud erkcnneD, denn auch nuf dieseu allen 
i*teht ausnahmslos die linke Figor, nach reclits blickend, den beiden 
anderen gegenüber. 

Die linke Figur ist um em iranzcs Stack kleiner als ilie Uebrigen; es 
fällt dieses aber nicht sofort auf, denn sie steht etwas hüher, wie die anderen, 
ihre Füsse reichen nicht so weit herab, so dass ihr Kopf in derselben Ebene 
sich befindet, wie die Kopfe der übrigen drei Personen. Die Scheitelhöhe 
des Kopfes erscheint in horizontaler Richtung glatt abgeschnilten, was viel- 
leicht eine Krone zur Darstellung bringen soll. Die Nase springt lang und 
spitz hervor; das lang nach abwärts ausgezogene, abgerundete Kinn soll 
wohl mit einem Barte geschmückt sein. Der rechte Arm hält einen vom 
Korperende iibgehendcn Fortsatz, welcher wahrscheinlich ein Schwert be- 
deuten soll. Die beiden Beine, namentlich das Rechte, sind von einer ganz 
ungewöhnlichen Kürze, deren Ursache wir in dem Mangel an Platz auf dem:^ 
Gemmenfelde zu suchen haben. Ich halte es für berechtigt, hieraus den! 
tSchluss zu ziehen, dans der Künstler bei seiner Arbeit die linke Figur zti-^ 
letzt ausgeführt hat. Er musstc sie nun in den Raum componiren, so gut 
es eben gehen wollte. Und wir können auch hier wiederum erkennen, dass 
er bei aller ünbeboUenheit doch eine ganz genial angelegte Nattir gewesen 
sein muss; denn er bat sich auch hier wieder ganz geschickt zu helfen ge- 
Avusfit, indem er die Beine im Knie gebeugt darstellte und sie dadurch ein 
Wenig verlängerte. Die Gestalt macht durch diesen Kunstgriff den Ein- 
druck, als ob sie einen Sprung ausführte. Jedoch glaube ich, wie gesagt, 
nicht, dass dieser Eindruck ein beabsichtigter ist, sondern ich lialte ihn 
einzig und allein durch die Raumverhäl^nisse bedingt. Die Füsse erscheinen 
im Vergleich zu den Schenkeln etwas gross, jrdocii sind sie von der ge- 
wöim liehen Länge und sind durch den üblichen Querstrich angedeulet. 

Die linke mittlere Figur hat einen ziemlich hohen, anscheinend bekränzten 
Kopf mit kurzer Nase und grossem, vermuthlich bärtigem Kinn, Der Hals ist 
hing. Das linke Bein ist viel kürzer ols das rechte und wird etwas vom 
Körper abgespreizt gehaltent Das rechte Bein ist wieder nur durch einen 
senkrechten Strich markirt, welchem als Fuss ein ziemiich grosser Quer- 
strich angesetzt ist. Zwei grosse runde Vertiefungen markiren sich auf dem 
Bilde zwischen den Beinen dieser Person und zwar die eine ganz hoch oben 
zwischen den Oberschenkeln und die andere zwischen dem Hacken des 
linken Fusses und der Mitte des rechten Unterschenkels, Ob es zufällige 
Defekte im Glase aind^ oder ob der Künstler sie absichtlich eingrub, kann 
ich natürlich nicht sicher entscheiden. Ich vermuthe aber das Letztere, da 
wir auch bei der Gemme von Schonen (VI Nr, lOj solche runden Grüb- 
chen zwischen den Beinen der beiden Gestalten vorfinden, welche der links 
stehenden Figur zugekehrt sind. 

Die rechte, mittlere Figur erscheint in der Kopf höhe flach und breit, 
wahrscheinlich bekränzt. Die Nase ist sehr klein j der Kiunbart ist kurz. 



DiV Genim*^ von Alsen Mml ihr© Ver wandten, 



55 



Der Körper ist schriml uimI lang g&streckt; die langen Beino verlaufen im 
leichten Bogen. Einen K«>rperfortsat/ besitzt sie ebenso wenig, als die vorige. 

Die recliie Fififur liat einen kleinen, runde« Kopf mit kurzer Nase und 
kleinem Kinnbart Dif li^cb alter ist achmal; die linke Hund ist durch eioen 
kleinen, schrägen Strich markirt, Violieicht »oll dieser Strich aber aiieli ein 
kurzes Schwert bedeuten. Ihm parailel geht vom hinteren Korpereude ein 
kürzer Korperfortsatz ab. Die Beine ver hinten in leiclitem Bogen. 

Üeber den Köpfen der Gestalten betinfJen öicli in der Lnft schwebend 
drei Attribute, wuhrend wir sonst nnr zwei zu treffen priemten. Rechts und 
linka tiumlicli ««cliwebe« zwei Gebilde, welche wir wohl wieder als Sterne 
ansprechen müssen. Sie gleichen vollkommen denjenigen anf der Gemme 
von Jordloese (V. Nr. 9). Jeder Stero ist dadurch gebildet worden, dass 
vier gleich lan^e Linien sich unter ungefiilir gleichen Winkeln in demselben 
Punkte kreuzen. Somit ist jeder Stern aubtstrnhlig. E)er Linke schwebt 
über und zwisclien den Köpfen der beiden linken und der rechte über und 
zwigichen den Köpfen der beiih^n rechten Figuren. 

Das dritte der in der Luft schwebenden Attribute ist das Merkwürdijrgte 
vfin allen und ündct sich noch nicht einmal andeutungsweise auf irgend einer 
der ubri^ren 16 Gemmen. Es ist ein grosses Krenz. dessen Querbalken 
dem l^nngsbalken an Länge gleich ist und diesen fast genau lialbirt; nur um 
ein ganz Geringes ist der obere Abschnitt ktirzer als der untere. Sn entsteht 
also beinahe die Form eines griechischen Krenzes. Es ist aber jedem der 
vier Balkenendcn ein kleiner, den Abschluss luldcnder, Quer^strieh recht- 
winklig aufgesetzt. Dieses Kreuz .steht mit seinem senkrechten Balken ganz 
genau in der Längs^Mittelaxe de« Gemmenfcldes und füllt den Kaum zwischen 
den Köpfen der beiden mittleren Figuren und den beiden Sternen aus. 

Was haJ>cn wir uns unter diesem [vreuzc vorzustellen? Ist es das 
Symbol des Christenthums und sollen wir daher rinuehmen, dass auch unsere 
Gemmen von einem bereits christianisirteu Volke stammen? So sehr be- 



stechend diese Annahme auch auf den ersten Augenblick erscheinen 



mag, 



so dürfen wir doch nicht vergessen, dass uns das Kreuz iu sehr verscliie- 
denen Formen als einfaches Ornament an x\rtefakten unzweifelhaft heid- 
nischer Abkunft erhalten worden ist. Allerdings bin ich nicht im Stande, 
mit Sicherheit anzugeben, ob unter diesen letzterwähnten Kreuzen auch das 
ganz absonderlich geformte unserer Gemme sieh befindet. 

Sollten jedoch zwingende Gründe für uns vorliegen, dieses Kreuz als 
ein christliches anzusehen, so bleibt uns immer noch die Frage zu beant- 
worten, ob wir es auch als ein Werk unseres Gemm en Schneiders 
betrachten müssen, oder ob irgend ein Epigone den leeren Platz zwischen 
den tfchwebendeo Ornamenten benutzte und aus irgend welchen mystischen 
Gründen dieses Symbol des Gekreuzigten in sein Juwel hineingravirte. 
Dieses zu entscheiden bedürfte es naturgemäss der allerscrupulösesten Unter- 
suchung des Originales. Ich bin nur iui Stande nach der mir vorliegenden 



56 



Dr. Max Barteid; 



Zeichnung zu urtheileii. Jedoi-h kaon ich nicht verhehlen, dass es mir 
scheinen will, als oh das Kreuz in allen seinen G Theilen mit viel zu grosser 
Genauigkeit gravirt, fast wie mit riem Lineal gezogen sei, als dass wir es 
unserem Künstler zuzuschreiben Uerechtigt waren, dessen unsicheiL» und 
immerhio doch recht ungeschickte Hand wir an vielen Proben kennen ge- 
lernt haben. 

Was kann nun aber der Grund gewesen sein, dieses heidnische Kleinod 
durch das Zeichen des Kreuzes zu einem christlichen zu weihen ? Ich 
glaube, die Antwort auf diese Frage ist nicht sehr schwer. Waren, wie ich 
bewiesen zu haben glaube, die un« hier beschäftigenden Gemmen wirklich 
Amulette, so kann es uns nicht Wunder nehmen, dass sie unter Umstanden 
vom Vater auf den Sohn vererbt wurden und dass auch der Christ, welcher 
in ihren Besitz gelangte, den Glauben an ihre schutzende Kraft trotz seines 
Christenthumes beibehielt Um aber nicht eines Bündnisses mit den finsteren 
Mächten sich schuldig zu machen, so weihte und lieiligte er seinen Besitz 
diarch das Zeichen des Kreuzes. Mit Recht macht Dr. Pleyte darauf aul- 
raerksam (Privatraittheilung)» dass eine ganze Anzahl unserer Werke — es 
ist mehr als der dritte Thei! — an Geräthen des christlichen Cnltus sich 
vorfinden: zwei an dem Reliquarium in Berlin, zwei an der Altartafel in 
Lüneburg, eine im Klosterschatze in Klaarkamp und zwei an dem Mis- 
sal e-Ein bau de in Utrecht, Er ist der Meinung, dass dergleichen Steine 
nicht nur im gewabnlichen Sinne zum Schmuck der heilif^en Geräthe gedient 
hätten, sondern dass man ihnen auch noch irgend eine besondere mystische 
und magische Kraft und Bedeutung beigelegt habe. Natürlich Ist aber hier- 
mit noch immer nicht unwiderleglich bewiesen^ dass das Kreuz ein christ- 
liches ist 

Ueber die Bedeutung unserer Gemmen spricht Herr Dr. Pleyte die 
folgende Meinung aus, welche ich hier anführe, allerdings ohne sie zu theilen: 

,,Was reprasentiren die Figuren? Zwei Männer mit den zwei Sternen 
sind das Bild von Castor und PoUux, das Zwillingszeichen des 
Thierkreises, ein Bild des Horoacopes. Die dritte oder vierte Figur ist 
dann die Person, welche sich unter ihren Schutz stellt. Oder sie sind die 
Begleiter von den Seelen der Verstorbenen. Die einzelne Person ist vielleicht 
ein Mercuris, Thot oder Anubis." 

Oh wirklich unser Künstler sich so viel bei seinem Werke gedacht hat, 
möchte ich doch bezweifeln. Auch können wir bei der Rohheit aller Figuren 
durchaus nicht wissen, wie ich das ja früher schon ausgeführt habe< ob er 
sich immer dasselbe dachte; ganz abgesehen davon, dass er, wenn über- 
haupt, doch wohl viel eher an Gottheiten der nordischen Mythologie gedacht 
haben würde. Ich musa daher bei meiner auf Seite 203 ausgesprochenen 
Meinung verharren. Darin aber stimme ich Herrn Dr. Pleyte ganz voll- 
kommen bei, dass man eine genaue Durchmusterung der noch existirenden 
Kirchenschätze aus byzantinischer und romanischer vornehmen muss — und 



I 



Df*» nomine von Ahen nnd ihr/» Verwandtpn. 



57 



ich selbst habe seit Jabrea keine, Hieb mir birrzii darbietend«; Gelegen bei t 
voröbergeben lassen — dann wird mit aller Wnbrselieinlicbkeit noch manches 
interessante Specimen an das Tageslicht gefördert werden, duss der vor- 
liegenden Gruppe von Kunstwerken angereiht werden muss. aber heute noob 
ia Jahrhunderte Innger Vergessenheit des glücklichen und aiifmerksamen 
Entdeckers harrt. 

In meinen Aufsatz haheu sich ein Paar Irrthiiraer und Druckfehler ein- 
geschlichen und ich freue mich, an dieser Stelle die günstige Gelegenheit 
zu iinden-^ dieselben zu verbessern. Auf Seite 186 8te Reihe von unten ist 
eine Zeile ausgelassen. Der Satz muss heissen : „Der oberste Kürperfort* 
»atz, wie der Körze wegen diese Dinge genannt werden mögen, beginnt fast 
fiteis am Hinterende des Rumpfes und bisweil,en beginnt der 
nächstiintere fast an derselben SteLIe. Dann siebt es aus, als ob die 
Figur mit ein Paar nach hinten flatternden Frackschussen versehen sei.'' 

In den Figuren 2. 3 und 4 haben sich mehrere der im Text beschrie- 
benen und auf den Holzstöcken befindlichen feinen Details im Druck leider 
nicht niarkirt. 

Nr. 4. Die grosse Gemme des Berliner Reiiquariume ist in 
umgekehrtem Sinne gezeichnet Die im Bilde links befindliche Figur ist 
aUo die Rechte, die rechu befindliche Figur ist die Linke. Es blickt 
daher auch hier, wie auf den übrigen dreifigurigeii Geramen die 
linke Figur nach rechts, die rechte und die mittlere nach links. 

Auf S» 186 ist durch ein Versehen bei der iTemme von Schonen 
(VI. Nr* 10) angegeben, das« die Figuren umgekehrt, als auf den übrigen 
Gemmen vom dreifigurigen Typus gruppirt waren. Das ist nicht richtig. 
Sie stehen ebenso wie auf den anderen auch, die linke Figur 
nach rechts blickend und die rechte und die mittlere nach links 
blickend, wie auch die Figur 6 dieses Verhalten richtig wiedergiebt. Da- 
hin ist also die Angabe auf Seite 186 Zeile 3 — 7 und auf Seite 192 Zeile 9 
und 10 zu corrigiren. 

Nr. 6. Die Leipziger Gemme ist nach einem negativen Abdruck 
gezeichnet. Wir haben daher die linke Figur nach rechts und die rechte 
geflügelte nach links zu versetzen. Die Beschreibung ist demgemäss ge- 
macht worden. 

Endlich muas es auf Seite 197 Zeile 11 am Ende: Der linke Arm heissen. 



Ich halte es für meine Pflicht hier noch eine andere Sache zur Sprache 
zu bringen. .Unter dem 26. Oktober 1882 erhielt ich aus Athen folgendes 
Schreiben unseres Herrn Dr. Heinrich Schliemann; 

„Ihren Artikel „Die Gemme von Alsen und ihre Verwandten** 
habe ich mit höchstem Interesse gelesen, aber dabei ungemein bedauert, dass 
Ihnen die von mir im Juli 1881 der trojaniBchen Sammlung in Berlin 




beigefügleu und dort woIjI im GoldsdjiTtnk ftufgestellteii m y kenischen 
Gemmen unbekannt geblieben sind, denn die eine davon, — obwohl au« 
feinem Stein und spätestens aas dem 12. Jahrhundert vor Christo stammend, 
ist das voUkommenate Gregenstdck, welches siV ntir wünschen können und 
haben die darauf intaglirten Riesen die allergrosste Aehnbchkeit mit denen 
der scandinarisc h en Gemmen. Ich habe diese Gemme immer als eine 
phönizische Importation angesehen, da ich mich zu erinnern glaube, 
höchst ähnliche Gestalten in Bronze im Museum in Cagliari gesehen zu 
haben. Das Werk von V* Crispi über dies Museum bildet zwar nur wenige» 
so Rohes ab, aber Seite 54 sehen Sie bei einer eben so rohen Figur eehr 
?ihnliche Zeichen," 

Das Werk von Crispi habe ich mir leider nicht verschaffen können. 
Was nun aber die Schliemann'sche Gemme betrifft, so hat die Sache 
etwas Bestehendes : eine Aehntichkeit ist üözweifelhatt vorhanden, aber den- 
noch ist sie ebenso unzweifelhaft nor eine oberflächliche, ausser! iche. Die 
betreffende Gemme ist von Herrn Dr, Schlieraann in seinem Werke über 
Mvkenae ^) auf Seite 412 als Figur 540 publicirt. Selbstverständlich ist 
meine folgende Beschreibung aber onch dem Originale gemacht worden. 

Wir können g^nz davon absehen, dass sie als die einzige in wirklichen 
Edelstein, dunkejrotben Achat eingegraben ist, wahrend alle unsere 17 Exem- 
plare in übereinstimmender Weiae aus Glaspasten bestehen. För uns müssen 
die Unterschiede in der Ausführung und Zeichnung selbst massgebend sein. 
Bei dem ersten Anblick der Seh lie mann "sehen Gemme ist man aller- 
dings frappirt durch den glatten, scharf abgeschnittenen oberen Abschluss 
des Kumpfes mit den spitzen Schultern und dem darauf balancirenden langen 
Halse* Diese scharfe Grenze ist aber nicht wie bei uiisern Figuren die 
einfache Basis eines Keiles, dessen basale Ecken die Schultern repräsen- 
tiren. Hier stehen bei der rechten Figur auf derselben Grundlinie nach 
unten gerichtet drei gleichschenklige Dreiecke, ein mittleres grosses: der 
Brustkorb, und zwei seitliche kleine: die Schultern. Der Leib wird ange- 
deutet durch eine unten an der Spitze des Thoruxdreiecks stehende , nach 
links convexe Halbkreisliuie, wie ein abnehmender Mond. An der unteren 
Zacke derselben hangt als gerader Strich das rechte Bein, dessen hufahn- 
licher Fuss wieder durch ein kleines Dreieck repräsentirt wird. Das linke 
Bein entspringt als senkrechter, nach unten fein auslaufender, nur an der 
aussersten Spitze sich wieder etwas verdickender Strich von einer kurzen, 
schrilgen Linie, welche der Halhkreislinie benachbart ist, aber weder mit 
ihr noch mit dem Thorax in irgend welchem Zusammenhange steht. Wahr- 
scheiulicl» müssen i^ir hierin die linke Hütte erkennen. Der rechte Arm 
hängt als ein langer, leicht gebogener Strich an der Spitze des Schulter- 



1) Hemrich SchlietuaiiD, Mjkenae. Bencht über meine Forschungen und Ent- 
(lecküngeti in Mykermc und Tiryns. Leipzig, 1S78. 



Die G«mtn<^ ron khmi tm<1 ihre Verwand ton. 



S9 



» 



P 



dreiecks und reicht fast bif* in dem Fus>se beraU Der rechte Arm ebeoao 
an i»einer Schulter hängend, verlSuft nur bis zur Gurtelhöhe senkrecht und 
geht dann in eine sich stark verjüngende Zickzacklinie (mit vier abge- 
rundeten Ecken) über, so dass das ganze a*) den überlangen Aermel einer 
Zwangsjacke erinnert. Der strichförmige Hals, fast dem ganz.en Beine an 
Länge gleich, trägt den kleinen Kopf, von dem nachher noch gesprochen 
werden soll. 

Der Rumpf der linken Figur wird durch ein kurzes, verschobene« 
Dreieck gebildet, welches wieder, wie bei der vorigen Figur, nur den Brust- 
korb repräsentiren kann. Die Beine stehen in keinerlei Verbindung mit dem 
Rumpfe, entspringen aber alle beide oben aus demselben Punkte. Von 
diesem aus verlauft das rechte Bein ganz gerade nach unten, während da** 
Unke Bein einen kurzen Oberschenkel hat, dessen im spitzen Knie gebeugter 
Unterschenkel fast die dreifache Länge desselben besitzt. Beide Beine haben 
ebenfalls hufiirtige Füsse. 

Der linke Oberarm bildet die direkte Fortsetzung von der Grundfläche 
des Körperdreiecks; hierdurch erscheint er bis zur Horizontalen elevirU 
Senkrecht nach oben gerichtet schüesst sich ihm der Vorderarm an, dessen 
Hand an Form, oder vielmehr Formlosigkeit, und Grösse den beiden rohen 
Köpfen der Figuren in nichts nachsteht. Der rechte Arm hat wieder sein 
besonderes und zwar recht grosses Schulterdreieck und von diesem aus ver- 
läuft er in scharfem Zickzack bis zur unteren Grenze des Gcmraentydes, 
indem er zwei lateral wtirts gerichtete feine und zwei medianwärts gestellte 
grosse,, stark vertiefte Spitzen bildet. Das unterste Ende schliesst mit einem 
senkrechten Strich ab. 

Der Hais erscheint noch langer, als bei der vorigen Figur und ist dabei 
von linearer Feinheit „Ihre Köpfe sind nur durch eine kleine horizontale 
Aushöhlung dargestellt und es ist kein Gesicht vorhanden*" Es ist 
das also eine Darstellungsweiae, welche grundverschieden ist von den wohl- 
charakterisirlen und individuell ausgebildeten Gesichtern auf unseren Gemmen. 
Und so werden wir uns doch wohl der Annahme nicht verschliessen können, 
dass diese Dinge überhaupt ausser allem Zusammenhange stehen. Wurde 
dieses eigentlich schon bewiesen durch die vielfachen Abweichungen in der 
Zeichnung der Körper und Extremitäten, so stellen diese Cardioalunter- 
schiede in der Ausprägung der Köpfe die Heterogen ie der Stücke in das 
klarste Licht. 

Sollte man aber trotz alledem an die Möglichkeit glauben, dass doch 
eine innere Verwandtschaft dieser Gemme von Mykenae mit den unsrigen 
bestehen könnte, so wird man das Eine wenigstens zugeben müssen, dass 
nämlich die Erstere in jeder Hinsicht weit hinter den nordischen Gemmen 
zurücksteht und dass der Uebergang von jener zu diesen einen ganz unver- 
mittelten Sprung darstellen wurde. Es bliebe uns dann also nichts anderes 
übrig, als anzunehmen j dass eine Reihe verbindender und vermittelnder 




fiO •» - "Dr. ü&x Rartelt: ^^^^ 

^^^^^ 

Zwisnbenglieiler eKistirt linbe, aber nicht, bis auf uusere Ta^ö erhalteu worden 
»ei; und eine «niche Anr>alime bat doch ganz sicherlich ihr Missliches. Ich 
glaube daher wohl, dasR wir dabei verbleiben raüasen, die entfernte Aehn- 
lichkeit zwischen den beiden Gemmenarten aU eine rein äuaserlicbe und 
zufallige zu constatiren. Natürlicher Wei«e verliert deshalb die Gemme 
von Mj^kenae für uns durchaus nicht an Interesse, und wir miissen dem 
Herrn Dr. Schliemann sehr dankbar sein, dass er uns auf dieses Specimeii 
noch besonders hingewiesen hat. Es muss uns das ein erneuter Beweis 
dafür sein, dass wir unsere Forschungen und Studien auf diesem Gebiete 
uo^h lange nicht für abgeschlosseo betrachten dürfen, sondern dass wohl 
noch eine geraume Zeit hindurch von allen Seiten mit Ernst und Aufmerksam- 
keit auf diese Dinge geachtet werden mu.ss, bis wir z\i einem unanfechtbaren 
Abschluss gelangen werden. 

Ganz nahe verwandt dieser Gemme von Mykenae, aber ebenfalls mit di^n 
unsrigen nicht zn verwechseln, ist das Intagtio auf einer dreiseitig prismati* 
sehen Stein perle aus Athen, welche ku den neusten Erwerbungen des 
königlichen Museums von Berlin gehört. Dieses kleine steinerne Prisma 
ist im Sternsaale de.s Antiquariums ausgestellt. Es ist V/icm hoch, in der 
Richtung der Längsachse durchbohrt und auf allen drei Seitentlächen gravirt. 
Nur das lutaglio der einen Seitenfläche ist für uns hier von Interesse. Es 
zeigt eine einzelne, stehende menschliche Figur, deren Kopf durch ein kleine« 
auf der Spitze stehendes Quadrat zur Dar^^tellung gebracht worden ist. Der- 
selbe wird von einem Überlangen, strichförmigon Halse getragen, dessen 
IjUnge die des ganzen Kumpfes um fast das Doppelte übertrifft. Letzterer 
ist ein ganz kleines gleichschenkliges Dreieck, von dessen unterer Spitze die 
langen, in leichtem Bogen verlaufenden, strichformigen Beine ausgehen. Ihr 
Bogen ist nach vorn concav, so dass der kleine Mann die Kniee stark durch* 
zudrücken scheint. Die die Füsse raarkirenden Querstriche beweisen, dass 
die Figur nach links gerichtet ist. Der rechte Oberarm ist mehr als recht- 
winklig erhoben und «ein Vorderarm ist wie zum Schwüre senkrecht in die 
Höhe gestreckt. Zwei dicke, krebsscheerenartige Finger markiren die Hand. 
In gleicher Weise ist die linke Hand angedeutet, jedoch ist sie nach unten 
und etwas vom Körper ubge.streckt. Der linke Arm verläuft in einem Bogen. 
Die ausserordentliche Kohheit der ganzen Darstellung geht wohl schon aus 
dieser Beschreibung hervor; ebenso deutlich aber erhellt daraus, dass wir 
hier kein Analogon unserer Gemmen vor uns haben. Erwähnt mag noch 
werden, dass links oben und rechts und links unten im Gemmenfelde sich 
je ein schwer zu deutendes Attribut befindet. 

Erwähnen muss ich ferner noch, dass ein befreuDdeter Anthropologe 
mir den Einwurf machte, er hielte meine Annahme, dass ein einziger Künstler 
alle diese Stücke gefertigt habe, für eine irrige. Es handle sich eben ein- 
fach um Repräsentanten des damaligen Styl es. Allerdings vermag ich ja 



Die Gemme von Alsen und ihre Verwandten. 61 

nicht za leugnen, dass die Zahl der ,, Wanderer^ im Vergleiche zu den- 
jenigen StuckeD, welche in der von mir sapponirten Heimath des Künstlers, 
in der Insel Seeland gefunden worden sind, eine recht erhebliche ist. Das 
allein widerlegt meine Hypothese aber noch nicht. Denn wenn wir in prä- 
historischen Zeiten einzelne Stücke von Etrurien nach Scandinavien, andere 
von den Bernsteinküsten der Ostsee nach Mittel-Italien, uod endlich 
asiatische Nephritgerätbe bis nach der Schweiz und dem westlichen 
Deutschland wandern sehen, dann können doch auch unsere Gemmen, 
die im Vergleich zu jenen Entfernungen kleine Reise von Dänemark nach 
den Niederlanden zurückgelegt haben. Eine Wanderung dieser Stacke 
ist ja doch auch um so weniger zu verwundern, als ihnen, wie es wohl mit 
grosster Wahrscheinlichkeit anzunehmen ist, der Ruf von dem Besitze über- 
natürlicher Zauberkräfte anhaftete. Wären unsere Gemmen einfach weiter 
nichts als Repräsentanten des damaligen Stiles, so würden wir ohne allen 
Zweifel denselben Stil auch an anderen Artefakten aus derselben Zeitperiode 
nachzuweisen im Stande sein. Und da^ eben ist nicht der Fall. Es ist bis 
jetzt kein einziger Gegenstand bekannt geworden, welcher eine gleiche Zeich- 
nung aufzuweisen vermöchte, wie unsere Gemmen. Wir müssen deshalb 
auch ferner noch an der Annahme festhalten, dass es ein einziger Künstler 
gewesen ist, welcher alle unsere Gemmen gefertigt hat. 



Miscellen. 



Der Director der Etboolopgcben SaiumluD(|ren in Paris, dessen thätigen BemubuDgen Tor 
Allem die gläniende Eröffnung des Mosenms im Trocadero zu verdanken ist, bleibt aucb, wie 
früher, auf dem literarischen Felde tbätig, wo unter den letzten Veröffentlichungen i. B. zu 
erwähnen sind: 

Rapport 8ur le develeppoment et l'^tot actuel des Collections Ethnographiques, apparte- 
nant au Mioist^r^ de rinstruction Publique. (Extrait du Bulletin de la Society 
de Geographie.) Paris 1880. 

Cook et Dalrymple. (Centenaire de la Mort de Cook.) 

Les Toltiques, Conference du 26 Mars 1882, faite ä la Sorbonne. (Association Scienti- 
fique de France.) • 

Note sur les figures et les inscriptions, gravees dans Im ri)che a El Hadj Miraoun, pres 
Figuig. Paris 1882; aus der .Revue dEthnographie", die unter Leitung des gleichen 
Gelehrten, in jeder ihrer Nummern eine Reibe werthvoller Artikel bringt. Unter 
den „Memoires originaox^ (im ersten Bande) sind, neben den Namen des Heraus- 
gebers, zu verzeichnen: L. de Cessac, J. E. de la Croix, E. Duhousset, E. F^ueoz, 
A. Laudrin, Fr. Lenormant, Ern. Martin, J. Montano, J. Moura, A. Peney, A. de Quatre- 
fages, A. Retzius, G. Revoil, A. T. de Rochebrune, Dr. Scheu be, P. Schumacher und 
R. Vemeau. Vier Tafeln mit Abbildungen sind heigegeben. A. B. 



Bücherschau. 



First Anoual Report of tbe Bureau of Ethnology to the Secretany of the 
Smithsonian Institution 1879—80, by J.W.Powell, Director. Washing- 
ton 1881. 

Dieser erste Bericht, dem in einer hoffentlich, und voraussichtlich, unabgebrochen langen 
Reihe weitere folgen werden, ist freudigst zu begrussen, als eine neue Era in der Geschichte 
der Ethnologie inaugurirend. Hiermit ist das lange Gewünschte und für die gesunde Fort- 
entwicklung unserer Wissenschaft unbedingt Erforderliche schliesslich begonnen, ein auf brei- 
ter Basis genommener Mittelpunkt, von dem aus die unabsehbaren Massen des Materials, deren 
Sichtung und Ordnung es für die inductive Behandlung bedarf, unter einer systematischen 
Methode wird an die Hand genommen werden können. Und nirgends war diese Initiative 
naturgemässer zu erwarten, als eben in demjenigen der CuUurländer, welches als das jüngste 
ans den eingeborenen Unterschichtungen emporgewachsen ist, im Anschlnss an die von der 
Regierung organisirten Forschungsreisen und die umfassenden Sammlungen im Museum des 
Smithsonian Institution. 

Dass dieses Werk in keines dazu Berufeneren Hand hätte gelegt werden können, als eben 
in die des Herausgebers, Major Powell, bedarf keiner Erwähnung, und unter Vorbehalt eines 
Eingehens auf die einzelnen Artikel von Yarrow (Mortuary Custoujs*), von Holden (Picture 
writing), Mallery (Sign language) u. s. w., sowie von Powell selbst, seien zunächst nur, für 
allgemeine Beherzigung, seine Worte verzeichnet (S. 86): 



Mi^cellen und ßöcberscbau. 63 

«Antbropology needs trained devotees with philosopbic metbods and keen Observation to 
stndy every tribe and nation of tbe globe almost de novo, and from materials tbus coUected 
a science may be establibhed". Nur so allein! aber dann mit bester Zuversiebt für den Erfolg. 

Für die Linguistik können unter den Mitarbeitern die Namen Oatscbet, Riggs/ Dorsey, 
Pilling u. A. m. aufgeführt werden. A. B. 

Wahl, L'Alg^rie, Paris 1882. 
Statistique de la population, S. 169. 



Berge, de la, £n Tnnisie, Paris 1881. 
Histoire (3. partie). 

Largeau, Le Sahara alg^ricn, Paris 1881, 2. ed. 
Les Touaregs (Cap. 11, troisieme partie). 



Choisy, Le Sahara, Paris 1881. 

A defaut des Arabes, les races les plus etranges sont ici representeej», c*est un musee 
antbropologique vivant (in Ooleab). 

Bonnafort, Doaze ans en Alg^rie, 1830 ä 1842, Paris 1880. 

Als Beitrag zur Betrachtung .comment dans un pays nouvellement conquis, aux moeurs, 
et k la religion si differents des notres, la societe civile s'y est etabli. 

Faring, Kabyles et Kroumirs. Paris 1882. 

La Kabylie (Gap. XIII— XIV). Le pays des Kroumirs (Gap. XXXVI). 

Yigooi, Abissinia, Milano 1881. 

Besuch bei den Bogos (S. d3 u. ff.), dann nach Gondar. 



Doyle, The English in America. London 1882. 

Für die Golonisation in Virginien, Maryland, den Garolinas. Später ist die Behandlung 
Neu-England's (down to tbe end of the XVII Century) in Aussicht gestellt, sowie ein dritter 
Band. 

Lesson, Les Polynesiens. Paris 1880—1881, VoL I— IIL 

Nach den Reisen im Jahre 1827, dann 1840 und 1843—1849, durch Martin et heraus- 
gegeben. A. B. 

Abbot, Primitive Industry or lUustraiions of the handiwork in stone, bone 
and clay of the Native Races of the Northern Atlantic Seaboard of America. 
Salem 1881. 

Mit zahlreichen Abbildungen, denen fernere Vermehrung nicht fehlen wird, wenn der 
ausgesprochene Wunsch Erfüllung findet, die Beweisstücke stets gleich zu sichern «by placing 
them in a public museum*'. 

Burgers, Notes on the Amoravati Stupa, Madras 1882. Archaeological 
Survey of Southern India (No. 3). 

After some violent destruction, the stupa seems to have heen recon^tructed in a rough way. 

A. B, 



64 



Misrellen und Bücherschaii. 



Herrn. Dietrichs und Lydolf Parisius, Bilder aus der Altmark. Ham- 
burg 1882. 4. Mit 140 OriginaI-Holz.subniUeo. 
VoD diesem Werk \hjf^i j^egenwärti^*' der orstt' Band iü be^te^ typographischer Atij»stattiing 
volleadet vor. Die von Hrn. Die trirhs durchweg an Ort und Stelle au^enommeuen Ab- 
biidunjjen sind miislerbnir. Fnr die bier ^erlretjeiien Illtele^sen niD^sseti ti«ment!ich iiie hut- 
stelhmßfcn der mefsralitbischen ilonnineTJte der Alttuark, in der 6. lieferunfj, der Äufinerküam- 
keit der Facbgeiiosseu fmpfühleij werdMi, Der Text^ bei dessen Abfai^suri^ Hrn. Pari sin*, 
dem SpecialkeoDifr der Altmark, Ur, Dr. Schi^ebel zur Seite (resUiidcD bat, briiijft eine 
Fälle der wichtigsten Erinnerungen aus der ersten Zeit der Besiedelun^ de« Lan^i^s. (t. V, 

JoliB T, Short, The North Americans of antiquity, their origin, migrations, 
and type of civilization coDsidered. New- York 188(1 Zweite Ausgabe. 
Ein vortretnichei', mil zahlreichen liJastrationen ansgestattetes Werk, i^ekhes in geiiränp- 
ter iJar.'stellunp' die Fillle der ErJnneninfren aus (hr Vorzeit der amenk^nii^chen Stimme zii- 
sammeiifiisst. Das j^rhnelle Kracheinen einer zweiten Auflag-e legt ZenKni^s davon ab, welclken 
Eindruck dan-'^elbe in Amerika hervorgebracht bat. Mit ß[!ei eher Vollständigkeit sind das erste 
Auftreten des ileiischen, soweit es bis jetzt b«t featRestelU werden kunuen, und die R*'ihe der 
wicbti^s^ten prähistorischen Entwickelunpen, von den Mouüdbnilders und den Cliffdwellers an 
biti zu den Maya- nnd Nahua-Stämmen hin, ge^rchildert worden. Sowohl die Anatomie, ah die 
LiR^nietik sind iii der Anfklärufifj der dunklen nnd äusserst schwierii^en Probleme der ameri- 
kanischen AntbrO|>olO)srie beran^jezopen worden. Man kann sagen, da^s wir im Augenblick in 
Europa kein wiasenf^chattüebeä Werk besitzen, welche«» dnmit in Parallele gestellt werde u 
könnte. (t V. 



J. F. Bransford, Archaeological researches in Nicaragua. Smithsonian Con- 
tributions to knowiedge, Washington 188i. 4, 
Der Verfasser, frijberer üürinearzt, schildert eigene Erfahrungen, die er als Begleiter der 
Expedition des Comniandeirs Lull zur Aufsuchung einer Route für deo Schififahrtskanal durch 
Centralamerika ge«;ammelt hat. Ein Haupttbeil der Arbeit betrifft rfie sonderbaren Begrab nias- 
uruen von der Insel Omeiepoc, deren Bedeutung hier zum ersten Mate klar gelegt ist. Ver- 
schiedene Arten von Steingräbern, Mounds, Steinbildern und Fels Zeichnungen werden beschrie- 
ben Die Töpferei findet b«souf?ere Berticksichtigung. Auch brachte der Verfasser von Costa 
Rica 16 grüne Steine, sogenannte Chalchihuits mit. Er betont mit Recht dm grosse Inter- 
©Bse, welches dieses auf der Grenze mehrerör alter Cultnrvfilker gelegene Land in archiologi- 
Bcber Beziehung darbietet und gedenkt mit Anerkennung der Verdienste, welche der leider 
viel zu früh verstorbene Dr. Berendt und Hr. Bastian sich um die Erforachung seiner 
Älterthuuier erworben haben. R. V. 



Johannes Ranke^ Beiträge zur phy&ischen Anthropologie der Bayern. 
München 1883. gr. 8. 
Der Verfasser h^U eine Reihe von Specialarbeite Uj welche seit mehreren Jahrt'u in den 
»Beiträgen mr Anthropologie und Urgeschichte ßsiyerns* erßchienen sind, in einem growen 
Bande zusammengefasst, der mit Tabellen, Holzschnitten, Curventafeln nnd Lithographien reich 
ansgesistttet ist. Httuptgegenstand di-r UDter&uchung waren die Schädel der bayrischen Be- 
völkerung, wozu sich das Slaterial in reichlicher Anzahl in den Beinhäusern des Landes tind 
den wissenschaftlichen Anstalten gewinnen liess Allein darauf beschränkt sich die Dar- 
stellung nicht, auch die übrigen Verhältnisse der körperlichen Enlwickelung sind möglich 
ToJlfil5ndig geschildert. Auf Einzelheiten einzugehen, ist hier nicht der Platz, Wir können 
nur sagen^ dass ein gleich vollständiges und dabei gleich vorzügliches Werk über anthro- 
polc^giBcbe Landeskunde nirgend existirt. Hrn. Ranke *b Buch wird für alle derartigen Ar- 
beiten ein Vorbild sein können. Hoffentlich wird es an Nachfolge nicht fehlen Denn nur 
anf diesen] Grunde wird »ich der endliche Auf bau einer wahrhaft etbnogenelischen Erkennt- 
nis« der modernen Völker herzte Men lasüen, nach dem alle nnser© Bestrebungen fielen. 



III. 

Ueber fünf lettische Grabschädel von der Kurischen 

Nehrung. 

Von 

Dr. W. Sommer, 

Assistenzarzt an der ProTinzial-Irrenanstalt in Alienberg bei Weblau. 



Im Laufe des Sommers 1881 hatte ich die seltene Gelegenheit, auf 
ein Paar Tage die Kurische Nehrung zu besuchen. Wurde ich allerdings 
vorzugsweise von dem Wunsch geleitet, jene so merkwürdige und in sich 
abgeschlossene Halbinsel vom landschaftlichen Standpunkte kennen zu 
lernen, so war ich doch hoch erfreut, auch eine kleine ethnologische Aus- 
beute davontragen zu dürfen. Ich konnte nämlich fünf Schädel einigen 
alten Gräbern entnehmen, die von der unaufhaltsam weiter wandernden 
Dfine vor etwa zwei Jahrhunderten verschüttet und jetzt wieder freigelegt 
waren. Ich bitte nun um Erlaubniss, diesen Fund hier etwas genauer be- 
sprechen zu dürfen und hoffe nicht nur bei dem Anatomen Gehör zu fin- 
den, sondern auch bei dem Alterthumsfreund, der in poetischem Sinne es 
vermag, die trockenen Schädel mit frischem Leben zu beseelen und der in 
ihnen die Zeugen eines Volksstammes erblickt, der als solcher seiner Ver- 
nichtung schnell entgegengeht. So sind schon viele Völker im Laufe der 
Zeit fast spurlos verschwunden; unsere Pflicht ist es daher, wenigstens jetzt 
jeden sicheren Rest eines dem Untergang geweihten Stammes der Nachwelt 
zu überliefern, um uns ähnliche Vorwürfe zu ersparen, wie wir sie mit ge- 
wissem Recht der früheren Zeit machen dürfen. 

Bekanntlicli wurde die sogenannte Kurische Nehrung in den letzten 
Jahrhunderten von Letten bewohnt, einem indogermanischem Volksstamm, 
der nur noch in einzelnen Distrikten der russischen Ostseeprovinzen ver- 
treten ist, ohne dass dort indessen eine Garantie der absoluten Reinheit der 
Raee, wenn man sich so ausdrücken darf^ übernommen werden kann. Auf 

Nehrung aber gab es in Folge ihrer isolirien Lage bia zum Anfange 
[dieses Jahrhunderts kaum einen Menschen, der nicht rein lettischer Her- 
kunft war- heute freilich ist die Vermischung mit Lithauern und Deutschen 
schon so innig geworden, dass es schwer hält, cbarakterietische Typen 



r. 



$Q ^^^^^^^^^^^ W. Sommer: 

uoter den Lebendea aufzafitidea. ürabachiidel aus früherer Zeit besitzeo 
daher einen besonderen Werth für die Bestimmung der ethöologiflcheo Merk- 
male einer Race. — 

Die erste Grabstelle,^ die ich besuchen konnte, lag bei Pillkoppen. 
Es ist dies ein kleines aber freundlich und fast behaglich aussehendes 
Fischerdorf, das etwa in der Mitte der annähernd 13 Meilen langen Nehrung 
liegt und natürlich auf der Haflseite, wie alle Ansiedelungen daselbst; doch 
ist gerade an dieser Stelle die Kette der mächtigen Dünen von einem tiefen 
Pass durchschnitten, durch welchen sich früher ein Arm der Memel in die 
Ostsee ergossen haben soll. Wandert man nun von der Mitte jenes Passes 
auf dem niedrigen Plateau zwischen der See- und der Ilafidüne, die hier 
über 1()0 Fuss Höhe hat, mehrere Kilometer nach Kos Sitten zu, so trifft 
man auf dem nordwestlichen, tlach ansteigenden Abhänge der Haftdüne eine 
eigenthümliche schwarze Verfärbung, die als ein dunkler horizontaler Strich 
mit dem* so weit das Auge reicht, monotonen Gelb des unendlich öden 
Sandmeeres lebhaft kontrastirt In dieser Schicht liegen nun zahlreiche 
Gräber; die meisten sind freilich noch haushoch von der Düne begraben, 
einige aber waren zur Zeit meines Besuches schon freigelegt von ihrer bis- 
her sie verhüllenden Decke, die durch den über die See hin wellenden 
Westwind den Abhang der Düne hinautgewirbelt wird, um am Kamm der- 
selben nach dem Uafie herabzustürzen. Auf diese Weise wandert vom 
Meere her jener Sandwall nach dem Binnen lande zu, Alles verschüttend, 
was sich seinem unaulhalisamen Zuge bis zum Haff entgegenzustellen wagt: 
nach einiger Zeit aber hat er dann seinen Schrilt fortset/.en müssen; das 
früher bedeckte Terrain wird frei, und so kamen auch jene Gräber wieder 
zum Vorschein, freilich nur so lange die nächste Wanderdüne sie nicht von 
Neuem begräbt. Ein grossartiges Gefühl erfasst wohl Jeden, der in dieser 
grenzenlosen Eiusamkeit — kaum der grelle Schrei einer Möve dringt an 
das Ohr des vereinzelten Wanderers; auch nicht ein grüner Hahn erquickt 
sein Auge — zwischen Himmel, See und Saud nichts als die Spuren 
vergangener Generationen trifft, über die die Zeit erbarmungslos dahin- 
geschritten« Aehulich schwinden die kleinen Nationalitäten vor der Alles 
nivellirenden Kultur^ 

Das Jahrhundert, welchem jene Gräber angehören, ist schwer zu be- 
stimmen: an der Art der Bestattung, die, wie es scheint, in der Beisetzung 
in flachen, niedrigen Holzsärgen ohne weitere Beigaben bestand und aus der 
BeschaÖ'enheit der Skelettlieile kann man nur schlicssen, dass der Kirchhof 
nicht sehr alt sein kanu; soviel ich bei dem leider nur flüchtigen Aufent- 
halt festzustellen vermochte, ist derselbe 150 Jahre, vielleicht noch etwas 
älter, da keiner der Bewohner Pillkoppens etwas von seiner Existenz 
gewusst hat, ehe die heftigen Stürme des Winters 1880 auf 1881 ihn frei- 
legten. Mit den jetzigen Kirchhöfen von Alt- und Neu-Pillkoppen, 
welcher letztere Ort übrigens seit circa 70 Jahren auch schon wieder unter 



I 




üthtT fniif Intliscli« Hrabsthädel etc. 



Rl 



■ 



dem Saude ruht, wahrend das früher verschüttete Alt-Pillkoppen aageu- 
blicklich zum zweiten Male bewohnt -wird, hat er wahrscheinlich keJoen 
ZusammenhaDg: vielleicht ist es der Begräbnissplatz, von welchem Jach- 
mann in seiner 1825 erschienenen Schrift als von einem längst aufge- 
gebenen berichtet» 

Dieser Grabstelle konnte ich nun drei Schädel entnehmeD. Einer von 
diesen war schon vor einigen Wochen wenig^stens theilweise freigelegt und 
daher durch die ununterbrochen anprallenden Sandkörnchen an dem der 
Windseite ausgesetzt gewesenen Hinlerhaupt lädirt, ja an einigen Stellen 
völlig durchbohrt in ähnlicher Weise, wie man in neuester Zeit durch das 
sogenannte Sandgebläse selbst Glasplatten schleift uud durchlöcherL Sonst 
ist er wie die beiden anderen Schädel ausgezeichnet erhalten. 

In einem wesentlich schlechteren Zustande befinden sich aber die bei- 
den Schädel vom Konten er Todtenfeid. Hier stund in früherer Zeit ein 
Fischerdorf, von dem sich nnr die Sage noch zu erzählen wusste, da es 
schon vor langer Zeit von der erbarmungslosen Sand woge verschüttet war; 
erst seit etwa 20 Jahren Hegen die spärlichen Trümmer Jenes Dorfes wieder 
frei, — Von den Ilütteo ist freilich wenig zu erkennen; doch haben wohl 
auch die Bewohner, als sie flüchten mussteo, Alles, was irgendwie noch zu 
benutzen war, mit fortgeführt. Ja, wie Passarge in ^6iner lebenswahren 
Schilderung der Kiirischen Nehrung erzählt, hat sich noch bis jetzt die Tra- 
dition erhalten, das einzige massive Bauwerk, die Kirche, sei damals bis 
auf unscheinbare Reste abgebrochen und die Ziegel seien nach Nid den 
gebracht worden; dort sei aus dem Material der Konzener Kirche das 
Gebäude errichtet, in dem noch jetzt für die Niddener Gottesdienst ge- 
halten wird. 

Mit den Trümmern des Dorfes sind nun auch seine Gräber eröffnet 
Der Wind hat den Boden tief aufgewühlt, und nun bleiben die alten Gebeine 
unbedeckt, ohne Schutz gegen Sand und Sturm; um sie nicht ganz zer- 
streuen zu lassen, hat eine pietätvolle Hand eine kleine Pyramide von 
Knochen und Schädeln errichtet, die jetzt selbst schon wieder halb verweht 
dem Wanderer ankündigt, was ihn erwartet: ein Todtenfeid, wie man es 
vielleicht nur noch in der Wüste erblicken kann, als Keat einer jammervoll 
verschmachteten Karawane. — 

Allen Einflüssen der Witterung ausgesetzt, sind nun freilich die Schädel 
im Laufe der Zeit sehr beschädigt: alte sind zerfressen, verwittert und zer- 
fallen bei leichter Berührung in Trümmer. Ich konnte daher bei dem aller- 
dings nur flüchtigen Besuch nur zwei und auch nicht einmal gut erhaltene 
Schädel aufbewahren. 

Dass nun die gesammelten 5 Schädel der früheren Bevölkerung auf der 
Kurischen Nehrung vor mindestens 100 Jahren angehören und daher unver- 
fälscht lettischer Herkunft sein müssen, ist nach meiner Meinung wohl 
nicht zu bezweifeln. Sie können daher mit grosser Sicherheit als Typen 




68 



W. Sommer: 



des lettischen Kacenschädels betrachtet werden. Die Fizirung desselben ist, 
wie schon angedeutet, um so wunschenswerther, ja nothwendiger, als in 
nicht allzu langer Zeit durch die fortschreitende Vermischung mit anderen 
Volksstämmen die ethnologische Selbstständigkeit der dem deutschen Reich 
angehörenden Letten verschwinden wird. 

Ich lasse nun zunächst die genauere Beschreibung der 5 Schädel folgen 
und bemerke dazu, dass die Maasse (resp. ihre Abbreviaturen) genau den 
Definitionen entsprechen, die einer in Virchow's Archiv Bd. 89 und 90 
veröffentlichten grösseren Arbeit über 85 pathologische Schädel von mir be- 
nutzt sind. 



Maasse der 5 lettischen Schädel. 



P. 1 



Kapazität 

Maximallänge L 

Iniailänge Lin 

Mazimalbreite B 

Basislänge bn 

Basisbreite Bas 

JheriDg*8 Höbe HI 

Haximalböhe H max 

Auricularhohe H aur 

Cristae tempor. Cr 

Asterialbreite Ast 

Squamalbreite Sq 

Pterialbreite Pt 

Bimastoid. Bim 

Bistyloid. Bist 

Bispinos. Bisp 

Distanz der Frontalhöcker . . 

„ « Parietalhoclier . . 

, , For. spin. n. styl. 1. 

• 1» n » » «j r. 
Basion bregma b^ 

„ lambda bA 

Länge des For. magn 

Breite „ , 

HorizoD talumfang 

Längsamfang L-U 

Stirnlänge F 

Parietallänge P 

Occipitallänge 



1320 

183 

179 

138 

103 

123 

130 

132 

111 

96 

116 

122 

110 

101 

80 

57 

51 

127 



128 
112 
38 
27 
515 
353 
121 
114 
118 



1470 ' 
186 
175 
138 

97 I 
119 
133 I 
139 
115 

98 ' 
105 
122 
115? 

% ; 

82 ; 

63 

55 
124 

25 

24 i 
130 
126 , 

38 i 

30 
523 
377 
134 
121 



K. 1 

1400? 
180 
169 
135? 

% 

121? 
125 
128 
112 

97 
112 
121 

105? 

87 

61 

54 

? 

? 

? 

124 

107 

40 

29 

505 

359 

128 

138 

103 



P. 3 



K. 2 



1240 

173 

167 

134 

91 

114 

122 

123 

110 

96 

108 

120 

? 

89 
75 
56 
51 

112? 
? 
? 

120 
HO 
36 
29 
496 
349 
129 
116 
104 



? 

% 
116 

? 
? 
? 

91 

7 

114 
108 

? 

? 

56 

74 

? 



110 

? 
? 



Ueber fünf lettische Orabschädel etc. 



69 



Sehne zu 'F = ^ . . . . 

;, P = // . . . . 

„ = 12 . . . . 
*+/7 + Ä = Lü chord. . 
Breitenumfang = BU 
ÜDker Ast dess. S . . . 
rechter „ , D . . . 
Sehne «u S = -S" . . . . 

. D=J . . . . 
2-+^ = Büchord. . . . 
Längenumfang bis Inion. . 
Etbmoidealbreite Etbm. . 
Zygomaticofrontalbreite zz. 
Jochbogenbreite ZZ. . . 

Orbita links 

, rechts 

Gesichtslänge SL. . . . 
Gesichtsbreite SB. . . . 
Oberkieferlänge nx. . . . 
Länge der Nasenöffnung . 
Breite , , 

Nasenlänge ns 

Basion-Nasenstachel bs. 
-Alveolarrand bx. 
Choanenbreite .... 
Gboanenhöhe .... 
Längenbreitenlndex . . 
Längenböbenindex . . 
Breiten höhenindex . . 
Auricularindex . . . 
Gesichtsindex .... 
Obergesichtsindex . . 

Nasenindex 

Orbitalindex .... 
Choaneuindex .... 



P. 1 



106 

104 

100 

310 

302 

149 

153 

12G 

125 

251 

295 
25 

101 

130 
39:32 
39:32 

114 
% 
70 
35 
27 
56 
94 
% 
26 
24 
75,4 
72,1 
95,6 
60,6 

118,7 
72,9 
48,2 
82,0 
92,8 



P. 2 



K. 1 



P. 3 



118 
HO 
101 
329 
310 
156 
154 
129 
125 
254 
327 

25 

103 

131 

39:35 

39:36 

112? 

94 

70 

37 

27 

57 

89 

92 

29 

26 

74,2 

74,3 
100,7 i 

61,8 I 

110,1 I 

74.4 1 

47,3 : 

89,7 ' 
89,6 I 



109 
117 

86 
322 
303 
150 
153 
127 
125 
252 
319 

24 

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66 

38 

23 

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90 

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94,8 

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82,0 
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105 
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298 

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152 

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123 

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301 
23 

101 

125 
40:34 
39:34 

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85,0 
93,0 



K. 2 



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36:33 

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69,1 

49,1 

91,1 

84,6 



Pillkopper Schädel P. 1. 

Gut erhaltener, gelbbraun gefärbter Schädel eines 40jährigen Mannes 
mit massiger Asymmetrie durch stärkere Wölbung der rechten Seite. In 
der ProBlansicht rund, mit einem minimalen Sattel im vordersten Theil der 
ri'eilnaht, Scheitel flach abfallend und ohne Absatz in das Hinterhaupt über- 



tl(^h^fn4. 4»U $«tif^ «iifi ^xmfA tan tn^A «ir ler A!m€Bseite bereits in 
*U^ ^Aiit^^um v^^rrAn. nir -li^t Z«udiiuiiur ier Eraiuaak Ist koBplicirt, 
h^m TrHfpnnkt »t t#^ Vniafrtiiiinwr^inT*» üekc x^ekakb. Liage der 
H\k*uau\piiär,^MtiiUit ,. 1.^. r. J3 «jm. äeuie Sui]iop<iEinkEe UaSen, wmhrcnd 
'iut r^fUr» B^:^r»nz3iur t^r rjuusodinnir uwsfläiicen KeilbciBflfigel on- 
k^nnttirji j$l Liniu ^ai £aaar «nngüeBEoiaicBr Sekikkaocbett in der 

AJe K^tieJLan^'r^raarimpL, Sera- xiiii Schfnpfihiicfcpr, AngenbrmoenwQlste 
imi MoaSflüauiCBe tiiiii ur v^sqi^ usicüiliieL 

D»r «^nduasdukiei :^ ume -v3S9«sxiüi!iie Au^irmiiil; die Zihne sind 
zam Tiesi aacn iea Ti«ie ma^säüLgssL £e v^rUBde»ea sind aber gnt er- 
baitFO. mf ier ITini&i'hft ledeoiEsiii ibcadiäiSeL IVr linke Jochbogen 
iemc: ie* imii,u . 12iiii:<caciiei -vec ▼rrczesdiiiML 

Sdüi jemtiraff" aeaamsr •saiiabsi'viisc. wc4I aber die Spar einer 
jtirzmaii'rnta imi Siscb ier Zvascäeakfecsssaas bekkrseits. Leicht al^eo- 
!ara PrmcgaE&ie ieis C>h«fsie»» ^att loäer Arr^ciarfortsatz. — 



P. 2. 

MääEQC fiT ■— "aityn»^ Söbknei öcass^ etma 50jihrigen Mannes; die 
r^-'änf Sitta idr*g<5i:i sGicsar TiswöaB^ ak £e Unke. In der Profilansicht 
aof i«au SIC üeäes&ur 5«zn. Jafc'tiiifta' Sdieitel nnd gat gewölbtem Hinter- 
uoDC JLla Xüiutt :]i ier ^«rvsc^sattc begriffeD; ihre Zeichnung, soweit 
?ie aüca «unaMr. «n2a:a. T^i* Zaiaie der Laaibdanafat greifen mit breiten 
Tpa'iryBX .Lk&sx jut ite Sra^.i^eihiäne nber. 

£iLvä«fr>^ir<erIn^ imi Mcf^dansatae weni^^ entwickelt; Slimhöcker 
JK^HucOi. -«äpsoa Ali r:Kr«;f:a[hu<^«r aheeiaclil sind. 

?<i\Mrsiafi^ JL iisr Xjöc rröcbeik Sobeitelbein nnd Wangentheil ein 

v^-:^s»rifis«sc2;äSK .^öotf v^eMiLÜMiiif AKacRaitix: linker Jochbogen defekt 
V^^uiioitf Sbcx'iiakcrzsca. dbrärta- trt m s ciiaa igL Processus pterygoidei an- 

Sv'^ii^ ^«^«fscftoic SAiM euM« etwa 40jihrigen Weibes, mit massiger 
\^x-a.a>^r*^ iu^xä :§Mäci)e Veraddebang der linken Schädelhälfte nach 
i.4^f>t. IW JOJ^tr ^c^^tISHa aad besonders das Hinterhaupt scheinen 
iwru^^"^ ^<f^ Ml asSfli^vfkinsickeB Einlüssen ausgesetzt gewesen zu sein 
4^iv£ $»fei «öirvaL ii# aapraIW«ilea Saadkoraer bis auf die Vitrea zerstört, ja 
«X s-«^. a^fi^js<^MJkA;iniL i^Hnkieea gaaz durckbrochen. In der Profilansicht 
N^r^^C^ ii!^ ^^ära :A«tt ia die Höhe« am dann in kräftiger Wölbung in die 
^.v vXndhiHitic^ KrüwaaBtir des Uinterkauptes dberzugehen. 



Ueber fonf lettische Orabscb&del etc. 71 

Die Nähte siDd mit AusDahme der durch postmortale Einflüsse klaffen- 
den Schuppennähte obliterirt, zum Theil schon verstrichen und unkenntlich. 
Muskelansätze und Enochenvorsprunge wenig entwickelt; Stirnhöcker sehr 
deutlich. 

Gesichtsschädel ohne wesentliche Abnormität. Alveolarrand des Ober- 
kiefers prognath; auf der Gaumenfläche Margin alcrista und Gaumen wulst. 
Innere Platte beider Processus pterygoid. wenig entwickelt. Die Zähne sind 
gut erhalten, sehr bedeutend abgeschh'ffen. Der Unterkiefer zart, vorderer 
Kinnstachel weit vorgeschoben. 

Konzener Schädel K. 1. 

Stark verwitterter Schädel eines etwa 50jährigen Mannes; die beiden 
Schuppennähte sowie die Basisnähte klaffen weit; die Tempor^lschuppen 
sind postmortal weit nach aussen gebogen. Die rechte Hälfte des Gesichts- 
schädels fehlt ganz, ebenso das Gaumenbein. 

In der Profilansicht gleichmässig gewölbter langer Schädel ohne Sattel 
und ohne Absetzung des gut entwickelten Hinterhauptes. Sagittalnaht schon 
verstrichen. 

Alveolarrand des Oberkiefers atrophisch. Alveolen zum Theil schon 
geschlossen. Medianer Gaumenwulst nur angedeutet. — 

Konzener Schädel K. 2. 

Hochgradig verwitterter Schädel eines etwa 30jährigen Weibes, mit 
Stimnaht. Alle Nähte weit klaffend, die Knochen so verbogen, dass nur 
wenige Maasse sicher zu nehmen sind. Das ganze Hinterhaupt fehlt. 
Gaumenwulst und Marginalcrista angedeutet. 



Auf eine specielle Besprechung der ermittelten Maasse muss ich leider 
verzichten, da mein Material zu unbedeutend ist, um allein aus demselben 
sichere Schlüsse zu ziehen; da indessen gerade in den letzten Jahren die 
ethnologische Stellung des Lettenvolkes häufig und mit verschiedenem Re- 
sultat untersucht worden ist, so möchte ich mir doch noch einige Worte 
erlauben. 

Was zunächst den Längenbreitenindex der Lettenschädel anbetrifft, so 
stehen sich hier augenblicklich zwei Ansichten gegenüber. Nach den Mes- 
sungen dorpater Forscher, welche Letten der Jetztzeit untersucht haben, wie 
Stiede und Waeber, beträgt nämlich der Längenbreitenindex durch- 
schnittlich 77,5. Virchow fand dagegen bei der Messung lettischer Grab- 
schädel 73 — 75, also eine wesentliche Differenz; Kupffer und Bessel- 
Hagen haben dann in dem Katalog der Königsberger Schädel Sammlungen 
für 50 Schädel von der Kurischen Nehrung als Durchschnittswerth 78 ermittelt, 



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Ueber fünf lettische Qrabschädel etc. 



73 



während meine allerdings ' nar wenigen Schädel wieder einen ^Index von 
etwa 75 ergeben. Nach den Einen sind also die Letten lang- oder richtiger 
schmalköpfig, nach den Anderen nehmen sie eine Mittelstellung ein mit Hin- 
neigung zur Breitköpfigkeit. 

Für diese immerhin auffallende Differenz Messungsfehler verantwortlich 
zu machen, ist wohl nicht gestattet, wenn auch die Methode Waeber's, der 
lebende Letten maass und dann mit Rücksicht auf die Hautdicke u. s. w. 
eine empirische Reduktion eintreten Hess, nicht ganz einwandsfrei ist. Ich 
selbst habe nehmlich an einigen 20 Leichen sowohl den Kopf- als auch den 
Schädelindex im Sinne Broca's bestimmt und dabei in fast einem Viertel 
der Fälle für den frischen Schädel ohne Weichtheile einen höheren Index 
erhalten als für den Kopf, während Waeber einen konstanten Abzug von 
etwa 2 Einheiten empfiehlt; häufig ganz unberechenbar scheinen mir aber 
die Differenzen zwischen frischem Kopf und macerirtem trockenem Schädel 
zu sein ; in der folgenden kleinen Tabelle habe ich fQnf Fälle mit bedeuten- 
der Irregularität zusammengestellt; sie stammen sämmtlich[]aus der Allen- 
b erger Irrenanstalt. 



Geschlecht 
und 


Kopf 


Schädel 






Herkunft 


frisch 


frisch 


macerirt 


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— --- — 




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Mann, deutsch .... 


81,2 


84,2 


80,8 


.. Stirnnaht . . . 


79,5 


76,9 


77,8 


^ Litthauer . . . 


83,2 


85,1 


84,5 


Frau, deutsch .... 


76,3 


78,7 


77,2 


. Stirnnaht .... 


83,7 


82,4 


81,5 



Dass aber trotzdem die Methode Waeber's bei einem reichen Material 
praktisch verwendbar ist, dafür spricht die Uebereinstimmung seiner Resul- 
tate mit denen Stieda's, Kupffer's und Bessel-Hagen's; auch dürfte 
vielleicht bei meinen Messungen zu berücksichtigen sein, dass es sich um 
Schädel geisteskranker Individuen handelte, die ja häufig an mehr oder 
weniger ausgebreiteten Hyperostosen leiden, so besonders am Stirnbein; die 
abnorm dicken Knochen werden aber bei der Eintrocknung einer anderen 
Verbiegung unterworfen sein, als unter normalen Verhältnissen. 

Um nun auf die verschiedenen Werthe für den lettischen Längenbreiten- 
index zurückzukommen, so könnte man eine andere Erklärung der diffcrenten 
Resultate in dem Materiale selbst suchen. Waeber und Stieda haben 
Letten der Jetztzeit gemessen. Virchow nnd ich Letten aus ältereren 
Gräbern; ceteris paribus ist es aber klar, dass moderne Menschen wahr- 



(uniner: 



scheiulicli einer weniger reinen und nn vermischten Race ao gehören, als 
Leute auö fruliereü Jahrhunderten, und gerade in den russischen Ost^ee- 
provinzen, wo die lettische Sprache (nach Virchow's Mittheilungen) in der 
Jetztzeit an Ausbreitung gewinnt, und Liven und Esthen aozuaa^eu lettisirt, 
wird der echt lettische Typns zur Zeit schwieriger rein zu finden sein, als 
vor 200 Jahren. Doch ist auch dieser Erklärungsversuch nicht stichhaltig: 
denn die Königsberger Lettenschädel mit ihrem Index von 78,05 gehören, 
was ihr Alter anbetrifft, mindestens dem vorigen Jahrhundert an und stammen 
ebenso wie meine Schädel mit dem durchschnittlichen Index 75,5 von der 
sogen. Kurischen Nehrung, die noch vor etwa 80 Jahren mit Ausnahme der 
2-3 Prediger und der auch nicht viel zahlreicheren Schullehrer nur von 
Letten bewohnt war. Die Königsberger Lettenschädel stehen also in Uezug 
auf Alter und Racenreinheit den meinigeu völlig gleich, an Zahl aber über- 
trefien sie die mein igen bedeutend; die Ergebnisse ihrer Untersuchung wer- 
den daher a priori dem wirklichen Verhalten näher kommen, als die der 
meinigen; voraussichtlich wird es allein auf einem Zufall beruhen, dass ich 
nur schmale Schädel gefunden habe, während in der Königsberger Samm- 
lung auch sehr viel mittelbreite vorhanden sind. In jeder statistischen Ar- 
beit können aber die Fehler des Zufalls nur durch vergrössertes Material, 
soweit es überhaupt möglich ist, eliminirt werden; je höher die Zahl der 
verglichenen Objekte, desto wahrscheinlicher wird die Richtigkeit des Re- 
sultates. 

In der nebenstehenden Tabelle I habe ich mir- daher erlaubt, alle 
zweifellosen Letten schade), deren Maasse ich in der mir zugänglichen Ijiteralur 
zu finden vermochte, in Bezug auf den Langenbreiten- und auf den Längen- 
höhenindex nebeneinander zu stellen. Von dem Material Vircbow's, über 
das in den Verhandlungen der Berliner ethnologischen Gesellschaft aus dem 
Jahre 1877, 78 und 79 referirt ist^ habe ich nur diejenigen Schädel benutzt, 
die er selbst L c. 1879^ pag, 122 seq. zusammengefasst hat; aus den Königs- 
berger Sammlungen habe ich nach dem gedruckten Katalog derselben die 
einzelnen Indices und ihr arithmetische? Mittel selbst berechnet, wodurch 
sich der geringe Unterschied gegen die Endzahlen Kupffer^s und Bessel- 
Hagen^s erklären dürfte, und Wacber's Messungen habe ich ganz aus- 
geschlossen, obschon sie mit den Königsberger Resultaten gut überein- 
stimmen, da sie, wie schon gesagt, nicht am Schädel, sondern am lebenden 
Kopf genommen sind. 

Aus 81 Lettenschädeln ergiebt sich nun ein mittlerer Längenbreilenindex 
von 76,7-, sie sind also niesocephal mit bedeutender Hinneigung zur E>olicho- 
cephalie, und dabei werden die männlichen Schädel in genügender Ueber- 
einstimmung der Autoren durchgehends schmaler gefunden, als die weiblichen, 
ein Verhältniss, auf das bereits Virchow aufmerksam gemacht hat. 

Während ferner der Längenbreitenindex innerhalb ziemlich bedeutender 
Grenzen schwanki, jsclieint sich der Längenliölieniudex einer gewissen Kon- 



Deber fünf lettische GnbsebMel etc. 



75 



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76 



W. Sommer: 
Tabelle II. 





Männliche 


Weibliche 


Alle 


Differenz 
d. letzten 


1 ndices 


Schädel 


Schädel 


Schädel 


I ndices 
zwischen 












1 




Virchow 




Virchow 
73,1 


Sommer 
74,8 


Virchow 
76,0 


Sommer 


Virchow : 

1 


Sommer 


und 
Sommer 


LäDgenbreite 


77,4 


74,4 


75,4 


1,0 


Längenhube 
H max. : L 


73,7 


72,5 


72,7 


71,1 


73,1 


72,1 


1,0 


Breitenhöhe 
H max. : B 


99,7 


97,1 


%,2 


91,8 


97,8 


95,7 


2,1 


Auricularhöhe 
H aur. : L 


60,2 


61.5 


61,2 


63,5 


60,7 


62,0 


1,8 


Durchschnittliche Differenz der Schädelindices 


1,3 
2,6 


Gesichtsiodex 
SL :SB 


116,8 


118,9 


119,6 


123,5 


117,8 


120,4 


Obergesichts- 
indez nx : SB 


71,3 


73,0 


68,5 


72,1 


70,2 


72,6 


2,4 


Nasenindex 


47,9 


46,0 


51,1 


48,1 


49,7 


46,9 


2.8 


OrbiUlindex 


77,8 


84,5 


85,3 


87,0 


81,1 


85,5 


4,4 



Durchschnittliche Differenz der Gesichtsindices 



3,0 



stanz zu erfreuen, wenigstens differirt das Virchow' sehe Mittel nur ganz 
unbedeutend von dem Mittel aller angegebenen Werthe dieses Index 73,1 
gegen 72,9, ein Umstand, der vielleicht geeignet ist, Einwände gegen die 
Güte des verglichenen Materials zurückzuweisen, und um so mehr, als 
jener Werth schon an und für sich als ein relativ hoher und daher seltener 
anzusehen ist. 

In der 2. Tabelle sind dann die von Virchow angegebenen Zahlen der 
gebräuchlicheren Schädel und Gesichtsindices mit meinen Ergebnissen zu- 
sammengestellt, und ich möchte darauf hinweisen, dass die Uebereinstim- 
raung zwischen beiden Reihen genügend hervortritt; besonders die Ver- 
hältnisse der Hirnkapsel sind in jeder Weise befriedigend, sobald mau 
berücksichtigt, dass Durchschnitts werthe von einigen 20 Objekten solchen von 
nur 4 gegenüberstehen. Bedeutender sind allerdings die Differenzen in der 
Gesichtsform; doch ist diese ja natürlich grösseren individuellen Schwan- 
kungen unterworfen, die an nur 4 Köpfen nicht gegenseitig ausgeglichen zu 
sein brauchen. Ferner ist noch hervorzuheben, dass die meisten Indices 
für die beiden Geschlechter verschiedene Werthe ergaben; bald ist der 
weibliche Index höher, bald ist er niedriger, als der entsprechende männ- 
liche nach Virchow. Ganz analoge Schwankungen finden sich aber auch 
bei meinen Indices; kein einziges Mal ist eine Inkongruenz zwischen Vir- 



Ueber fünf Jettische Grabschädel etc. 77 

chow's und meinen Reihen auflallend: ist der weibliche Index bei Vir- 
chow niedriger, als der männliche, so ist er es auch stets bei mir, und 
umgekehrt. Trotz der verschiedenen Herkunft der untersuchten Schädel 
durfte dies wohl auch für ihre Racenreinheit sprechen. 

Um nun die bisherigen Resultate kurz zusammenzufassen, so sind die 
Letten8chädel also im Allgemeinen lang, dabei schmal und hoch; ihre Kapa- 
zität ist mittelgross, scheint aber beispielsweise von der der jetzt lebenden 
Bevölkerung Ostpreussens nicht wesentlich abzuweichen; sie beträgt nach 
meiner Messung 1396 cm für Männer und 1240 cm för Frauen. Das Ge- 
sicht sowohl wie der Oberkiefer allein ist ziemlich lang, die Nase schmal 
bis mittelbreit, die Augenhöhlen sind mesokonch. Eine alveolare Prognathie 
scheint nicht selten zu sein, doch sind sonst die Schädel wohlgeformt, 
Knochenvorsprunge und Muskelansätze sind nur massig ausgebildet, Naht- 
anomalinen und dergl. fehlen; kurz, deutliche Zeichen einer sogenannten 
Inferiorität sind bei den Letten nicht nachzuweisen. Dagegen scheinen 
einige Racenmerkmale vorhanden zu sein. Der von Kupffer undBessel- 
Hagen beschriebene mediane Gaumenwulst ist häufig ausgebildet, ebenso 
die Marginalcrista; dass die Gaumenfortsätze des Keilbeins auffallend wenig 
entwickelt seien, konnte ich mich an meinem Material nicht überzeugen, 
wohl aber von der ebenfalls von jenen Autoren entdeckten Annäherung der 
horizontalen Gaumenplatte an die parallele Schädelbasis. Wenn man die 
Distanz des hinteren Endes der medianen Gaumennaht von der hinteren 
Spitze des Vomer als Höhe und die innerhalb der Alveolarfortsätze gelegene 
hintere Kante des knöchernen Gaumens als Breite der Choanen betrachtet, 
so ergiebt sich für meine Lettenschädel ein durchschnittlicher Index von 
90,0, während ich an 15 zufällig herausgegriffenen Schädeln deutscher Her- 
kunft einen Index von 100,7 berechnet habe; bei den ersteren ist also die 
relative Choanenhöhe wesentlich geringer, als bei den letzteren. Ob dem 
entsprechend der Alveolarfortsatz des Oberkiefers besonders im hinteren 
Abschnitt höher ist, wage ich nicht zu entscheiden, da mir nur 5 Schädel 
vorliegen ; eine weitere Vermehrung des Untersuchungsmaterials ist jeden- 
falls sehr wünschenswerth, und gerade auf der Kurischen Nehrung werden 
sich vielleicht noch Hunderte von Schädeln bewahren lassen, die in kürzester 
Zeit wieder verloren sein werden, wenn jetzt nichts für ihre Rettung ge- 
schieht. 



IV. 

Abergläobische Kuren oud sonstiger Aberglaube in 
Berlin und nächster Umgebung. 

Gesammeb in den Jahren 1862—1882. 
Von 

E. Krause. 

A. Atarglirtiseke Karen, unter Reihfllfe 

1. der Mensciwn oder menschlicher Prodokte; ' 4. von Steinen ond Erden; 

2. Ton Thieren, ihrer Theile oder Produkte; 5. ohne obige Halfemittel. 

3. Ton Pflanzen; 

B« Sonstiger Aberglanbe. 

1. Dis Familienleben betreffend: | 2. Geschäftsleben betreffend! 

«. Gebart; | a. im Allgemeinen; 

ß, Kinderaeit; | ß, Aberglaube einzelner Berufsklassen. 

y, Hochzeit; \ 3. Aberglaube im Allgemeinen. 
i. Tod. 



A 1. 

Muttermale zu vertreiben. Man stiehlt beim Schlächter rohes Rind- 
fleisch Yon der Grösse des Males, oder lässt es sich schenken, ohne sich zu 
bedanken. Dieses Fleisch wird einer Leiche in die Axelhöhle gelegt, wo 
es drei, nach Anderen zwölf, nach Anderen 24 Stunden liegen bleibt und 
dann auf dreimal 24 Stunden auf das Mal gelegt wird und darauf unter 
einer Dachtraufe vergraben. Wenn es verwest ist, ist auch das Mal ver- 
schwunden. 

Andere lassen das Fleischstuck, nachdem es frisch 24 Stunden auf dem 
Male gelegen, mit der Leiche begraben. 

Ebenso werden lieberflecke vertrieben. 

Die Krankheit einem Anderen anzuhexen und sie dadurch 
dem Leidenden zu vertreiben. Irgend ein Abschnitt vom Körper des 
Kranken, z. B. etwas Haar, oder ein Abschnitt vom Fingernagel, oder auch 
ein Geldstück, das er in der Tasche oder eine Zeit lang auf der kranken 



E. Krause: Abergläubische Kuren und sonstiger Aberglaube in Berlin etc. 79 

Stelle getrageo, wird an einem Kreuzweg niedergelegt. Hebt es Jemand 
auf und steckt es zu sich, so überträgt sich die Krankheit auf ihn. 

An einem Junimorgen des Jahres 1879 früh 5 Uhr sah ich eine Frau 
an der Kreuzung zweier Strassen in der Gegend des Schönhauser Thores 
ein Gewirr von dünnem Bindfaden niederlegen. Ich nahm es auf und fand 
in seiner Mitte einen Fingernagelabschnitt, wodurch (wie durch die sonder- 
bare Art, in der sie es niederlegte, und dann hastig verschwand) es sich 
als ein sympathetisches Mittel kennzeichnete, weshalb ich es dem Märki- 
schen Provinzial Museum für seine Abtheilung für „Aberglauben etc.^ 
übergab. 

Warzen zu vertreiben. Aus dem Hemd, in dem Jemand gestorben 
ist, zieht man einen Faden, kräuselt ihn zwischen Daumen und Zeigefinger 
der rechten Hand zu einem Klümpchen zusammen, bestreicht damit dreimal 
kreuz weis die Warze, unter dem üblichen: „Im Namen Gottes, u. s. w., und 
thut ihn heimlich in den Sarg einer Leiche, am besten in die Axelhöhle 
des Todten. Geht dies nicht, so vergräbt man ihn unter der Dachtraufe. 
Wenn er verwest ist, ist auch die Warze verschwunden. 

Blutbesprechen — wird noch viel geübt und selbst von gebildeten 
Leuten daran geglaubt 

Das „Gerstenkorn" vom Auge zu vertreiben. Der damit Be- 
haftete muss in Gegenwart eines Anderen entweder durch ein Astloch oder 
soDst eine natürliche Oeffnung sehen, oder durch einen Küchen-Durchschlag 
(Blechsieb) in den Schornstein, wobei der Andere einen Spruch murmelt, 
angeblich: „Im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des heiligen 
Geistes.** Dies wirkt aber nur, wenn beide Personen verschiedenen Ge- 
schlechts und möglichst verschiedenen Alters sind. 

Wenn durch den Durchschlag in den Schornstein gesehen wird, muss 
der Patient dreimal sagen: 

„Durch den Schornstein geht der Kauch, 
Und meine Gerstenkörner vergehen auch." 
Im Namen Gottes u. s. w. 

A2. 

Beim Schichten der Kinderzähne wird dasWachsthum der neuen Zähne 
dadurch befördert, dass das Kind den ausgefallenen Schichtzahn über die 
Schulter wirft und dabei sagt: „Maus, da hast du den alten Zahn (oder 
„Beisser"), gieb mir einen neuen." 

Dasselbe muss derjenige, der sich einen Zahn hat ausziehen lassen, 
thun, um einen neuen zu bekommen. 

Kein besseres Präservativ gegen die Cholera giebt es, als eine sogen. 
Elephantenlaus (in den Apotheken käuflich) nebst etwas Camphor in einem 
leinenen Beutelchen an einer Schnur um den Hals getragen. 



80 E^. Krause: 

Als Mittel gegen Hühneraugeu wird „schwarzes Schneckenwasser^ ge- 
braucht. 

Fieberkranke müssen einen Frosch in der Hand sterben lassen, so 
werden sie ihr Fieber binnen dreimal 24 Stunden verlieren. 

A3. 

Orchis latifolia und Orchis maculata, Knabenkraut, auch ,,6otte8hand — 
Teufelshand^ genannt, auf unseren Wiesen wild wachsend, bilden um 
Johanni neben ihrer alten, bandförmig gethcilten, dunklen Wurzel, die 
ausserdem in lange krallenartige Wurzelfaden ausläuft, eine neue gelblich 
weisse Wurzel, welche die langen Wurzelfaden erst später bekommt. Im 
Volksglauben ist die alte Wurzel die Teufelskralle, die andere die 
Gotteshand, daher obiger Name für diese Pflarizen. Sie werden zu 
mancherlei abergläubischen Gebräuchen, unter anderen auch zu Wunder- 
kuren benutzt 

Bestreicht man um die Mittagsstunde des Johannistages (24. Juni) ein 
krankes Glied Jemandes mit der heilen Wurzel der frisch ausgegrabenen 
Pflanze dreimal kreuzweis, doch so, dass der erste Strich quer über das 
Glied, der zweite vom Körper nach dem Ende des Gliedes gezogen wird 
und ruft dabei die Sonne als Auge Gottes zum Zeugen an, ao wird das 
Glied gesunden, sobald die dem Kranken heimlich in seinem Kleide ver- 
steckte Pflanze vertrocknet und zu Staub zerfallen (resp. von ihm fortge- 
worfen) sein wird. Bestreicht man jedoch irgend Jemand einen Körpertheil 
dreimal in umgekehrter Reihenfolge und Richtung mit der „Teufelskralle**, 
so wird er sehr bald an diesem Theile erkranken. 

Letzteres ist namentlich sehr wirksam, wenn es um die Mitte der 
Johannisnacht an einem Schlafenden geschieht, doch darf der Mond es 
nicht sehen. So erzählte mir eine alte Landfrau in der Gegend von Königs- 
Wusterhausen und zeigte mir auch später einen fröhlich spielenden Knaben, 
kerngesund, der früher den „Schwund" am linken Beine hatte, und den sie 
mit obiger Kur geheilt hatte, was mir von den Eltern bestätigt wurde. (Na- 
türlich hatten sie so nebenbei einen Arzt.) 

Denselben Wunderglauben fand ich in der Gegend zwischen Spandau 
und Potsdam; er ist überhaupt weit verbreitet. 

Die „Rose" zu vertreiben. An das Besprechen der Rose wird 
noch viel geglaubt, es soll sogar noch hie und da von Aerzten verordnet 
werden. Deshalb w^ird es auch noch sehr viel geübt. 

Ein Dienstmädchen in Berlin hatte die Rose am Knöchelgelenk des 
Fusses. Der Arzt, der die geeigneten Mittel anwandte, konnte ihr nach 
ihrer Meinung nicht helfen; sie nahm deshalb zu einer alten Streich- und 
Kräuterfrau ihre Zuflucht. Diese kam und brachte von 7 HoUunderblättern 
die drei zusammenhängenden obersten Blättchen mit. Diese wurden unter 
„Pusten" und „Streichen" auf die kranke Stelle gelegt, wobei die alte Frau, 



Abeigl&abiscbe Euren und sonstiger Aberglaube in Berlin. 81 

welche ich unbemerkt belauschte, murmelte: „Helpt et nischt, denn schadt 
et nischt. Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen 
Geistes," wobei sie drei Kreuze über den Fuss schlug. Acht Tage lang 
wurde dies mit immer frischen Blättern wiederholt. Am neunten Tage 
war die Rose verschwurfden, worauf dem Spruch noch ein Amen hin- 
zugefugt wurde. Auf meine Frage, weshalb sie heute Amen sage, meinte 
die Alte: „Det is mien Dank, weilt nu jeholpen bat." 

In dem ^Helpt et nischt, denn schadt et nischt" liegt, nach anderem 
Aehnlichen zu schliessen, auch ein Aberglaube versteckt. Man darf näm- 
lich bei allen sympathetischen Kuren nie seine Absichten deutlich aus- 
sprechen oder zu Tage treten lassen, sondern muss sie möglichst, wenn 
auch nur durch Redensarten, verdecken und verstecken. Daher jene 
Redewendung, als ob der Besprechenden gar nichts am Erfolge der Kur 
läge, damit sie seiner um so sicherer ist. 

Ein anderer Spruch beim Besprechen der Rose lautet: 

Die Rose und die Weide, 
Die lagen beide im Streide (Streite); 
Die Weide die gewann. 
Die Rose die verschwann (verschwand). 
Im Namen Gottes etc. 
dessen Wirksamkeit noch dadurch erhöht wird, dass der Besprechende 
eine auf dem Wege zum Kranken gepflückte Weidenruthc versteckt (zu- 
sammengeknickt) in der Hand hält, auch wohl die kranke Stelle damit be- 
streicht. 

Die Kopfrose zu vertreiben. Man lässt sich, ohne dafür zu danken, 
neun Eicheln schenken. Von diesen isst man an einem Freitag, Morgens, 
Mittags und Abends je drei, zu Pulver gestampft, und die Rose wird ver- 
gehen und nie wiederkehren. Doch muss sich ein junger Mann die Eicheln 
von einer alten Frau, ein alter von einem jungen Mädchen, und umgekehrt 
schenken lassen. Beim Gebrauch wird natürlich wieder jedesmal gesagt: 
„Im Namen Gottes etc." 

Knochen- und „Krebs- "Schäden zu heilen. Hypericum perfora- 
tum, Johannis-, Jesuwunden- oder Siebziglöcherkraut. Es wird hauptsächlich 
gegen Knochenschäden (auch „Krebsschäden") gebraucht und soll bei 
längerem Gebrauch den Urin, ja sogar die Knochen von Menschen, oder 
Thieren, denn auch bei diesen wird es angewendet, roth färben, — ein 
sicheres Zeichen, dass die Kur einschlug. 
Spruche und Anwendung: 

Bei Deinen sieben Wunden i), bei Deinem Blute roth*) 
Befreie mich, Herr Jesu, von meiner Schmerzensnoth; 
Im Namen Gottes etc. 
oder (wie man in Berlin sagt): 

Zeiucbrifl für Ethnologie. Jahrg. 1883. 6 



g2 ^' Krause: 

Bei Deine ßleben Wunden i) nnd bei Dein rothes Blnt') 
Mach' lieber Herre Jesu mir meine Wunden gut; 
Im Nameu Gottes etc. 
oder: 

Grün wie Gras^), roth wie Blut') 
Miich' bald mir meiue Wunden gut 
Im Namen Gottes etc. 

Bei 1) siebt man durch die Blätter gegen das Licht, wobei die in den- 
selben b<,'liijdlicheij FetttröpfclieD für Löcher uud für Symbole der Wunden 
Jesu gehalten werde«; bei 2) reibt mau mit der rothfarbenden gelben Blüthe, 
resp. Knospe die krauke Stelle. 

Schwache Augen werden gestärkt, indem man an vier auf- 
einanderfolgeuden Morgen eine Stunde lang auf ein grünes Saatfeld oder 
einen Grasplatz sieht, mit dem Rücken gegen die Sonne stehend. 

Der Thau, der Morgens vor Sonnenaufgang stillschweigend von der 
Saat mit einem reinen Gefäss abgestreift wird, ist gut gegen AugenQbel. 

Die Wansersucht zu vertreiben. Der Kranke muss seinen Urin 
durch einen aungehöhlten Uettig lassen, worauf dieser im VoUmondschoin 
Kum Trocknen aufgehängt wird. Ist der Rettig vertrocknet, so ist auch die 
Wassersucht verschwunden. 

Fieberkranke niUHsen um die Mittagszeit durch ein blühendes Roggen- 
feld gehen und die einzelnen Aehren (3, nach Anderen 7) durch die Hand 
zieh«*n. Die in dt^r IJaiid bh'ibendcn Thoilo der Bluthe (Staubkolben) wer- 
den eingenommen und schützen (bis ganze Jahr hindurch, bis zur neuen 
Roggenblüthe, vor Fieb^'r. Der Gang durchs Feld muss an 7 aufeinander- 
folgenden Tagen wiiMlrrholt wt^rden. Für Gesunde ist dies Mittel ein Prä- 
servativ gegen das Fii'bor. 

Fieber winl vt*rtrieben dadurch, dass der Kranke dreimal um einen Baum 
geht und dem Hauin sein FiebiT anklagt. 

Drei reife KaHtanien (Aesculus llippocastanuui) in der Tasche oder in 
einem leiiuuien Heutelcheu am Halse getragen, vertreiben das Reissen. 

Die Kastanien muss num selbst finden, sie stehlen oder geschenkt er- 
halten, ohne sich zu InMlanken. 

Das Einschneiden (oder Al)nies8en) der gelben Sucht (Gelb- 
sucht). Kin junger Seliuss vom llollunder (JSanibucus niger) wird abge- 
schnitten und seine Länge durch Verkürzen des oberen Endes der Höhe 
des aufrecht stehenden Kranken gleich t^emacht. Darauf werden die ein- 
zelnen Cilieder (Interiuulien'i des Triebes abgeschnitten, doch muss der 
Schneidende von sieh weg sehneiden, nicht zu sich, weil sonst die gelbe 
Sucht auf ihn ül)ergeht. l>ies Alles muss Angesichts des freien Himmels 
geschehen. Früher, als man noch weite Schornsteine hatte, durch die man 
den Himmel sehen konnte, gesehah es (wie auf dem Lande noch heute) 
unter diesen, was die Kur noch wirksamer machte. Die abgeschnittenen 



Abergläubische Kuren und sonstiger Aberglaube in Berlin. 83 

Glieder des Hollandertriebes werden dann in ein Bündel gebunden in den 
Schornstein gehängt. Wenn sie verdorrt sind, wird auch die gelbe Sucht 
vergangen sein. Naturlich wird wieder: „Im Namen Gottes etc." dabei ge- 
murmelt. 

„Bewährtes Mittel" gegen Hühneraugen. Man nehme Knoblauch 
Freitags Nachts frisch aus der Erde, zerstosse ihn und lege ihn kurz vor 
Mitternacht auf^ so fault das Hühnerauge heraus. 

Kunzein im Angesicht, sowie Sommersprossen vergehen, wenn man sich 
mit Wasser von weissen Lilien wäscht; auch giebt dies ein zartes, frisches 
Aussehen. 

Gegen das Ergrauen des Haares und zur Wiedererlangung der 
Farbe für schon ergrautes Haar muss man täglich zweimal zwei Loth 
Melissenwasser trinken. 

Das Gerstenkorn zu vertreiben. Man geht mit einem entwendeten 
Gerstenkorn in der entsprechenden Hand stillschweigend an ein fliessendes 
Wasser und wirft im Anblick des Wassers das Gerstenkorn nach hinten 
über den Kopf, ohne sich jedoch umzusehen. Darauf geht man stromauf- 
wärts nach Hause. 

A4. 

Warzen werden durch Besprechen vertrieben, indem der Besprechende 
zu gleicher Zeit einen kleinen, runden Stein auf die Warze drückt, am 
besten einen versteinerten Seeigel (Echiniten), sogen. „Krötenkrone" oder 
Kröten stein. 

Gelber (auch rother) Ocker heilt die Gelbsucht und schützt Gesunde 
davor. — 

A5. 

Vertreibung des Fiebers. Auf dem Lande, namentlich in sumpfi- 
gen, oder waldigen Gegenden kommt das Wechselfieber, sogenannte Drei- 
tägige, oft vor, bei dem der Kranke einen Tag um den andern vom Fieber 
frei bleibt. An einem solchen fieberfreien Tage macht der Kranke mit 
Kreide innen an der Stubenthur drei Kreuze und schreibt dahinter: „Fieber 
bleib' aus, ich hin nicht zu Haus'," wobei er: „Im Namen Gottes etc." 
murmelt. In Zehlendorf bei Berlin beobachtet. 

In Berlin schrieb eine Dame auf Anrathen eines Bekannten, als ihr 
Mann am Fieber krank war, einige Worte unter eine an den Thürpfosten 
gehängte Schurze, doch so, dass der Kranke nichts davon sah. Er durfte 
auch die^ Schürze nicht aufheben. Sein Fieber verschwand. 

Welche Worte unter die Schürze geschrieben wurden, konnte mir nicht 
verrathen werden, wahrscheinlich dieselben, wie oben. 



Bla. 

Kftcb der Gebort eines Kindes pflegt die Hebeamme dem Vater die 
al^^ieirocknete Kabelficfanur zu überreichen, mit der eindringlicLen Empfeh- 
lung, me »orgeam zn bewahren: denn solange sie aufgehoben wird, lebt nnd 
gedeiht das Kind und ist tot Krankheit geschätzt 

Eine Wöchnerin daxf in der ersten Zeit nach der Niederkonft keinen 
maciilidt^en Beeocher empfuigen. anch nicht die nächsten Verwandten, wenn 
sieht zuTor drei Besncherinnen« die nicht gleichzeitig za ihr kamen, bei ihr 
gewec»es sind und ihr Kiodlein gesehen habeo. Handelt sie dem zuwider, 
ao wird ihr Kind kein Jahr ak werden, und sie wird nie wieder eines Kin- 
des geoei^en. 

Neng^^Kvene Kinder dürfen nicbt gewogen werden, weil sie sonst nicht 
«cliwerer werden, nicht gedeihen. 

Säuglingen dürfen die Fingernägel nicht beschnitten werden, sondern 
müssen ron der nährenden Mutter oder der Amme abgebissen werden, 
weil sie sonst nicht länger wachsen. 

Täter tragen die ausgefallenen oder ausgezogenen Zähne ihrer Kinder 
als Berloqnes, om ihnen neue Zähne zu verschaffen und die alten stand- 
hafter zo Sachen. 

Foehszaline. ab Amulet um den Hals getragen, erleichtern den Kindern 
das Zahnen und rerschaffen ihnen gute und dauerhafte Zähne. 

Belemniteo "^sogenannte Donnerkeile). Schrecksteine, im märkischen 
Kie^i^sande Läufig vorkommend, werden von säugenden Müttern als Amulet 
getragen, damit dem Kinde die Milch nicht schade, wenn die Mutter einen 
Selireck bekommt. Auch wird etwas, von dem Schreckstein abgeschabtes 
Pulver dem Säugling zu demselben Zweck eingegeben. Belemniten-Stücke 
sind unter dem Namen Schrecksteine in vielen Apotheken, selbst in Berlin, 
zum Preise von 5 Pfennigen das Stück käuflich. 

Ans Serpentin geschliffene Schrecksteine werden zu demselben Zweck 
als Amulet getragen. 

Kindern, die nach ihren Eltern schlagen, wächst die Hand aus dem 
Grabe, - 

Schneiden Kinder Grimassen, so wird ihnen dies ängstlich verwehrt, in 
dem Glauben, dass wenn inzwischen die Uhr schlägt, oder die Kinder einen 
Schreck bekommen, ,.das Gesicht stehen bleibt^. 

Am (1. und) 30. April und am 1. Mai machen sich die Kinder mit 
Kreide weisse Kreuze auf die Schuh und die Kleider, um sich gegen böse 
Hexerei zu feien. 

Ein Kind, das eine blaue Ader quer über der Nase hat, wird nicht ein 
Ja^ir alt. 



Aber((läabi8che Kuren und sonstiger Aberglaube in Berlin. 35 

Kinder, die Branntwein zu trinken bekommen, wachsen nicht. 

Wird ein Kind „Kröte'' geschimpft, so gedeiht es nicht, sondern muss 
„elendiglich verquienen^ (dahinsiechen). 

Steigt man über ein am Boden liegendes Kind hinweg, so wächst es 
nicht mehr; soll der Zauber gelöst werden, so muss man sofort wieder über 
dasselbe zurücksteigen. 

In Caputh bei Potsdam dürfen Kinder . Abends nicht an's Wasser 
gehen, sonst holt sie der Kockernoll. 

Bly. 

Bei Hochzeiten muss der Wagen so vor das Haus der Braut fahren, 
dass er nach dem Einsteigen derselben nicht Kehrt zu machen braucht, um 
zur Kirche zu fahren, weil sonst die Ehe eine unglückliche wird. Auch 
auf dem Wege von der Kirche darf der Wagen nicht Kehrt machen. 

Regnet es der Braut auf dem Wege zu oder von der Kirche in den 
Kranz, so wird die Ehe eine thränenreiche, unglückliche werden. 

Tritt die Braut beim Jawort vor dem Altare dem Bräutigam auf den 
Fuss, so wird sie das Regiment im Hause haben. 

Will ein Mädchen ihren Zukunftigen kennen lernen, so muss es von 
dem ersten Grünkohl, der im Jahre gekocht wird, einen Mund voll direkt 
aus dem Kohltopf nehmen, damit an den nächsten Kreuzweg gehen und 
dort den Grünkohl ausspeien. Der nächste, ihr entgegenkommende Mann 
ist ihr Zukünftiger. 

Nach Anderen muss dies am Weihnachtsheiligabenä, am Sylvester, na- 
mentlich aber am Gründonnerstag geschehen. 

Wie man einen ungetreuen Liebhaber zur alten Treue zu- 
rückführt: Einem jungen Mädchen war ihr Schatz untreu geworden, 
weshalb sie sich an eine ^kluge Frau" wandte. Diese verlaugte von ihr 
ein Bild des Schatzes, eine Nadel und ein Hemd des Mädchens, das dieses 
eine Nacht getragen hatte. Mit der Nadel durchstach sie die Photographie 
in der Gegend des Herzens und wickelte dann beides in das Hemd, welches 
das Mädchen Nachts unter das Kopfkissen legen musste. Andern Morgens 
musste das Mädchen der Alten ihren Traum der letzten Nacht erzählen, 
und da sie erklärlicher Weise von ihrem Geliebten geträumt hatte, wurde 
ihr das Erscheinen desselben am nächsten Sonntag in sichere Aussicht ge- 
stellt, was diesmal auch eintraf. 

Lichtmess-Orakel sind noch vielfach im Schwnnge: 

Die liebesdurstige Maid muss sich Abends in ihrem Kämmerlein vor 
einen kleinen Tisch der Thür vis-ä-vis setzen; auf dem Tisch stehen zwei 
Lichte und dazwischen etwas selbstgebackener Kuchen und ein Glas Wein. 
Bis Mitternacht muss das Mädchen am Tische bleiben, ohne sich zu rühren 
und ohne den Blick von der Thür zu wenden, dann erscheint der Zukünftige 
und kommt auf den Tisch zu. Greift er dann nach dem Kachen, so wird 



86 E. Krause: 

er ein häuslicher Ehemann und die Ehe eine glückliche; greift er nach dem 
Glase Wein, so trifft von beiden das Gegentheil ein; rührt er nichts von 
beiden an, so erreicht die Ehe schon vor Ablauf eines Jahres durch den 
Tod eines Gatten ihr Ende, oder es stirbt einer von beiden schon vor der 
Hochzeit Statt des Kuchens wird auch wohl gebratener Fisch angewendet. 

Fällt eine Spinnewebe von der Decke des Zimmers senkrecht herab, so 
kommt bald ein Freier in's Haus. An der Zimmerdecke häugende Spinne- 
weben werden überhaupt ,,Freier" genannt. 

Geschwister dürfen nicht an demselben Tage Hochzeit haben, weil sie 
damit ihr Glück verscherzen. 

Bld. 

Auf vielen Dörfern in der Umgegend von Berlin herrscht die Sitte, dem 
Vieh, den Gebäuden etc. den Tod des Herrn anzusagen, sobald dieser ge- 
storben ist; dem Yieh wird es ins Ohr gesagt, in die Scheune, die Ställe 
die Keller wird es hineingerufen, nachdem vorher an die Thür, oder den 
Thfirpfosten geklopft worden ist. Auch den Obstbäumen und Weinstocken 
wird es gemeldet. Es geschieht dies, um zu verhüten, dass der erste Todes- 
all weitere nach sich zieht, und damit keine Krankheit eintrete, sondern 
Alles gut gedeihe. 

Der Holzwurm in den Möbeln, die sogen. Todtenuhr zeigt den Tod 
irgend eines Familien gliedes vorher an. 

Spielen Kinder auf dem Hofe oder im Garten Beerdigung (mit Puppen, 
Stückchen Holz etc.), so wird bald Jemand im Hause sterben, auch wenn 
sie beim Spiel choralartige Lieder singen, wird es bald eine Leiche im 
Hause geben. Dasselbe geschieht, wenn der Hofhund ohne ersichtlichen 
Grund anhaltend heult, oder wenn Nachts die Eule schreit. 

Sitzen Dreizehn zu Tische, so muss noch in demselben Jahre einer von 
ihnen sterben. 

Trifft es sich zufallig, dass eines Tages sämmtliche Mitglieder einer 
Familie in schwarz gekleidet gehen, ohne dass sie einen Trauerfall (in kür- 
zerer Zeit) gehabt haben, so werden sie bald einen solchen zu beklagen 
haben. 

Fällt Jemandes Bildniss von der Wand, so muss er noch in demselben 
Jahre sterben. 

B2a. 

Ist man von Hause fortgegangen, so darf man, selbst wenn man zu 
Hause etwas vergessen hat, nicht wieder umkehren, weil man sonst Unglück 
hat und einem alle Unternehmungen fehlschlagen. 

Beim Ausfahren von Hause darf man nicht von der linken Seite auf 
den Wagen steigen, weil man sonst, namentlish bei Geschäften resp. auf 
der Jagd, Unglück hat. 

Am Freitag ein Geschäft zu beginnen oder abschliessen, ist nicht rath- 



Abergläubische Euren und sonstiger Aberglaube in Berlin. 87 

sam, da es zum Unglück ausschlägt; dagegen ist f&r solche Handlungen 
der Dienstag sehr zu empfehlen, da er ein Gluckstag ist. 

Der 7. und der 13. Tag jedes Monats sind ünglückstage; ebenso der 
28. Februar. 

Handgeld. Die Marktleute und andere Händler sah ich öfters das 
erste am Tage eingenommene Geldstuck, das „Handgeld^, bespeien (schein- 
bar), dann an die Erde werfen und mit dem Fuss drehend darauf treten, 
worauf sie es dann erst, indem sie zugleich dabei sagten „Handgeld^, in die 
Geldtasche thaten. Essoll dies Verfahren Glück bringen, ihnen eine reiche 
Einnahme verschaffen. 

Das erste in einem neuen Geschäft eingenommene Geldstück, „Hand- 
geld,^ ist ein Heckestück und wird in Papier eingesiegelt in die Kasse ge- 
legt und sorgfältig aufbewahrt, weil dies dem neuen Geschäft reichen 
Segen bringt. 

Fällt Geld zu Boden, so kommt denselben Tag noch mehr ein. 

B2/?. 

Kein weibliches Wesen darf das Gewehr eines Jägers berühren, weil 
es sonst nicht mehr trifft. 

Die Eckzähne von erlegten Hirschen (Hirschhaken) werden von Jägern, 
namentlich von den Berliner Jagdliebhabern an der Uhrkette getragen, um 
ihnen Glück bei ferneren Jagden zu bringen. 

Wünscht man einem Jäger Glück auf den Pürschgang, so wird er sicher 
Unglück haben, d. h. nichts vor's Rohr bekommen. Als Gegenmittel gegen 
solchen Glückwunsch muss der Jäger dem Glückwünschenden einen Besen 
an den Kopf werfen. Soll der Jäger Glück haben, so muss man ihm wün- 
schen, dass er sich das Genick breche, nach Anderen — Hals und Beine. 
Der Wunsch wird ausgedrückt, indem man einfach sagt: „Na, Hals und 
Bein." 

Wenn Jemand ein guter Jäger werden will, so muss er von dem ersten 
in seiner Gegenwart erlegten männlichen Stück der hohen Jagd (Hirsch 
oder Reh) beim Ausweiden einen Hoden durchbeissen und verzehren. Noch 
vor einigen Jahren in der Gegend von Bernau zur Ausübung gelangt. 

Trifft der Jäger nicht, so glaubt er, dass ihm Jemand „einen Waid- 
mann gesetzt" habe. Wie dies geschiebt, darüber konnte ich nichts er- 
fahren. Er muss dann sein Gewehr auf eine besondere Art reinigen, um 
es wieder treffEahig zu machen. 

Andere sagen, das Gewehr sei verhext und wenden dasselbe Gegen- 
mittel an. 

Läuft dem Jäger morgens oder gleich nach Beginn der Jagd ein Hase 
quer über den Weg, so wird er den ganzen Tag nichts vor^s Rohr bekommen 
oder immer fehl scbiessen. 

Kugeln, die ein Stück Wild erlegt haben, sogen. „Treffer", auch wohl 



88 £• Krause: 

„Freikogeln^ hebt der Jäger auf, denn sie treffen immer. Auch die yon 
entwendetem oder gefundenem Blei gegossenen treffen besser, als andere, 
ebenso die um Mitternacht gegossenen. 

Will der Jäger, dass seine Hunde klein bleiben, so gicbt er ihnen in 
der Jugend Branntwein. 

Soll Jemand ein tüchtiger Angler werden, so muss er den ersten ge- 
fcmgenen Fisch durchbeissen; am besten wirkt ein Kaulbarsch. 

Angler speien auf den an den Angelhaken befestigten Wurm, damit die 
Fische besser beissen. 

Fischer retten keinen Ertrinkenden, weil sie sonst selbst bald ertrinken 
müssen. 

Diebe haben Mittel, die Hunde zu bannen, so dass sie nicht bellen und 
sie auch nicht beissen. Welche Mittel sie anwenden, ist mir nicht bekannt 
geworden. 

Haben Diebe einen Einbruch ausgeführt, so verunreinigen sie den Ort 
der That durch eigenen Auswurf, um nicht gefasst zu werden. Noch vor 
einigen Jahren geschah dies in der Philipps-Kirche zu Berlin. 

Holzdiebe können die Förster bannen, wenn sie ihnen in der Forst be- 
gegnen. «Und wenn hinter jedem Baum ein Förster steht, gehe ich doch 
in den Wald nni hole Holz" sagte ein alter Holzdieb in der Gegend von 
Bemax .Ich weiss etwas, womit ich sie banne, dass sie mir nichts an- 
haben können.* Womit er sie bannt, hat er nicht verrathen. 

Im Volksglauben ist der Wald herrenloses Gut. .,er wächst fiär Alle;'' 
deshalb ist e^ acch kein Unrecht. Holz aus dem Walde zu holen. Holz- 
üebssahl kennt das Volk nicht, doch passirt dann doch einmal etwas, was 
sie Tca Holzsiehlen abschreckt, 

Eiz. al^er Bauer im Dorf Stolpe bei Potsdam hatte auch den obigen 
GIa^'i^s ::i:d machte daraus kein Hehl, war aber doch schliesslich daron 
a-.Zrk.sziei; ii.i -:rng niiht mehr in den Wald", weil ihm in einer Nacht 
i'.^rzyt cerkw^i;^^ Erscbricane wurde. Als er gerade dabei war. eine 
jLr»ii*c* T£;*:er) Stange mit seiner Axt zu fällen, wurde es plötzlich om 
-jLi. ".t^-tli 7^i es ^riüZiX^ ein Brausen. Als er mit der Arbeit inne hielt. 
r^ryjT *d'-i Tj^litA. sxk\m sich aber beim ersten Aithiebe wieder ein. «Seit 
2i!£L Thzi zehe icL ucLt mehr in den Wald,^ erklärte er, «denn es ist dock 

B3. 

Zyr,r..,i.: 'a: citer Fefcilichkeit ^Geburtstag. Hochzeit etc.) Glas oder 
y.^rx^.AiX. iü*rL*M.Jii. er-T'eres. e-o bedeutet das Glück. 

T'ia.vuujin i:.jr.«i \A ^\l*:t Ta§§e Kaffee oder Thee ein Häufchen kleiner 
i.:fc^»*a- ♦^.i G^-v^-^ÄiL* ^^ n.QSS man dieses vorsichtig mit dem Ldffel ab- 
i**r.**;i uiiC •..:jr»r:K-'r: :i. deii Müiid nehmen, und man erhält noch «elhigeii 



Abergläubische Euren und sonstiger Aberglaube io Berlin. gg 

Klingt Einem das Ohr and trifft Jemand auf die Frage: „Welches Ohr 
klingt?" das richtige, so wird Gutes von Einem gesprochen; Schlechtes hin- 
gegen, wenn er das richtige Ohr nicht nennt. Am Besten wird von Einem 
gesprochen, wenn das linke Ohr klingt und richtig getroffen wird. 

Auch erzählt man, dass, wenn Einem ein Ohr klingt, Jemand an Einen 
denkt, und dass das Ohr so lange klingt, bis Einem der richtige einfällt. 

Steht Jemandem ein Examen, oder sonst etwas Wichtiges bevor, so 
müssen seine Freunde während der Entscheidungszeit den „Daumen drücken", 
d. h. den Daumen in die Handfläche legen und mit den umschliessenden 
Fingern drücken, so gelingt Alles gut. 

Am Tage der Ziehung einer Lotterie, in der Jemand mitspielt, muss er 
und seine Freude den Daumen drücken, dann gewinnt er. 

Begegnet man einem Leichenwagen, oder dem Schinder, oder hört man 
den Kukuk rufen, so muss man seinen Geldbeutel umschütteln, damit er nie 
leer werde, sondern das Geld darin sich vermehre. 

„Spinne am Morgen, 
Unglück und Sorgen. 
Spinne am Abend, 
Wohlthuend und labend." 

Geht man aus und begegnet zuerst einem jungen Mädchen oder dem 
Schinder, so bedeutet das Gluck. Man soll aber umkehren und wieder nach 
Hause gehen, wenn man zuerst einer alten Frau oder einem Leichenwagen, 
der dieselbe Kichtung verfolgt, begegnet, denn man vrird Unglück haben; hin- 
gegen bringt ein einem entgegenkommender Leichenwagen Glück. 

Ein gefundenes, schon gebrauchtes Hufeisen bringt Glück; mit der ge- 
schlossenen Seite nach aussen auf die Schwelle genagelt, verwehrt es dem 
Teufel, überhaupt dem Bösen den Eintritt. 

Sagen zwei. Personen zufällig zu gleicher Zeit dasselbe Wort, oder 
sprechen denselben Gedanken aus, so leben sie noch ein Jahr zusammen. 
Nach Anderen geht ihnen ein sofort geäusserter Wunsch sicher in Erfüllung. 

An einer Schafheerde so vorüberkommen, dass sie Einem links bleiben, 
bedeutet Glück; rechts Unglück. Schweine müssen im ersteren Falle rechts, 
im zweiten links kommen. 

Für Juden bedeutet die Begegnung mit Schweinen immer Unglück; sie 
müssen dann an Eisen — Schlüssel, die sie in der Tasche tragen, oder 
Messer — fassen, um den Bann wieder zu heben. 

Yierblätterige Kleeblätter finden bedeutet Glück. 

An jedem Haselstrauch wächst in jedem siebenten Jahre eine Ruthe 
von „sehr wunderbarem Ansehen"; das ist eine Wünschelruthe. Doch nur 
ein Sonntagskind, das den rechten Glauben hat und ganz unschuldig ist^ 
kann sie in der Johannisnacht finden, dem liegen dann alle Schätze der Erde 
offen. — ^ 

Ehe man ein Brot anschneidet, soll man mit dem Wasser dreimal dais 



90 £• Krause: 

Kreaz auf der Unterseite schlagen, oder leicht einritzen, so wird es Einem 
gut bekommen. 

Geht Jemand aus, so muss man hinter ihn her spucken, damit er 
Glack habe. 

Zieht man in eine neue Wohnung, so muss zuerst ein Stück Brot und 
etwas Salz auf den Ofen oder an einen anderen nicht sehr zugänglichen Ort 
gelegt werden, und Wohlstand (Brot) und Zufriedenheit (Sulz) werden in der 
neuen Wohnung herrschen. 

Andere tragen ausserdem einen Eimer Wasser in die Wohnung oder 
schieben ein Geldstuck (Groschen) unter den Ofen oder die Thürschwelle. 

Wer des Morgens nüchtern „aus heiler Häuf*, d. h. ohne das Niesen 
künstlich erzeugt zu haben, niest, erhält am Tage ein Geschenk. 

Sonntagskinder haben Glück. 

Sonntagskinder, d. h. solche Leute, die an einem Sonntag geboren sind, 
können Gespenster sehen, doch müssen sie daran glauben. 

Spricht Jemand von seiner, oder eines Anderen Gesundheit oder Glück, 
so sagt er dabei dreimal „unberufen^, damit nicht Gesundheit in Krankheit, 
Glück in Unglück sich wende. 

Wer Morgens mit dem linken Fuss zuerst aus dem Bette steigt, wird 
den ganzen Tag unwirsch sein und es wird ihm Alles fehl schlagen. 

Juckt Einem die Nase früh Morgens, so wird man etwas Neues erfahren, 
oder auch mit der Nase in den Schmutz fallen. 

Zum Binden von Blumen sträussen und Kränzen, darf kein schwarzer 
Faden verwendet werden, weil das „Unglück bedeutet." 

Wer eine Katze tödtet, wird eines schweren Todes sterben. 

Wenn Einem eine Katze über den Weg läuft, muss man dreimal aus- 
speien („spucken") und umkehren, weil man sonst Unglück hat. 

Um den Einfluss des „Bösen" abzuhalten, muss immer ein Stück von 
jeder Gattung Ilausthiere ganz schwarz sein, also: eine schwarze Kuh, ein 
schwarzes Huhn, eine schwarze Katze etc. 

Töpfe mit Milch, überhaupt Gefässe mit Flüssigkeiten dürfen über 
Nacht nicht offen stehen bleiben, — es fallt Unglük und Krankheit hinein 
„wie Mehlthau". 

Wenn ein Mitglied der Familie stirbt, so muss der Kanarienvogel, resp. 
jedes andere Hausthier auf einen anderen Platz gesetzt werden, sonst stirbt 
es bald. 

Wer sich einen Knopf an einen Rock nähen lässt, den er an hat, über- 
haupt Zeug auf dem Leibe flicken oder die Stiefel auf den Füssen putzen 
lässt, wird eines schweren Todes sterben (oder sich im Todeskampfe ver- 
unreinigen). 

Eierschalen von in der Wirthschaft gebrauchten Eiern darf man nicht 
verbrennen, weil sonst die Hühner auch am Hintern verbrennen und nicht 
mehr legen. 



Abergläubische Euren und sonstiger Aberglaube in Berlin. 91 

Das Brot darf nicht mit dem Rücken auf den Tisch gelegt werden, 
noch mit der angeschnittenen Seite von der Mitte des Tisches abgewendet, 
oder es giebt Krankheit und Noth, oder überhaupt Unglück. 

Wenn bei Tische ein Unverheiratheter die Butter anschneidet, so muss 
er noch 7 Jahr ledig bleiben. 

Wer bei Tische an der Ecke sitzt, bleibt noch 7 Jahr ledig. 

Von jeder anderen Speise darf man ungestraft verschütten, nur vom 
Brod, „dem lieben Gut", nicht. Ein Krümchen Brot, an die Erde geworfen, 
zieht schwere Strafe des Himmels nach sich. 

Bei Tische das Salz umschütten, bedeutet Zank. 

„So viel Körnchen Du verstreuest. 
So viel Sünden Du begeuhst," 
heisst es, wenn Kinder Salz verschütten. 

Wer den Mund mit der Serviette wischt, ehe er einen Bissen im Munde 
hat, dem gedeiht das Essen nicht. 

Fällt einem ein Bissen von der Gabel weg an die Erde, so ist er 
einem von irgend Jemand nicht gegönnt. 

Hat man aus einem Gefass — Glas, Tassen köpf etc. — getrunken, so 
darf nicht eher wieder frisch eingeschenkt werden, als nachdem das Geschirr 
ganz geleert, weil man sonst die Gicht bekommt. Junge Mädchen, die, ohne 
auszutrinken, sich neu hinzugiessen, werden alte Jungfern. 

Trinkt ein junges Mädchen mit einem bärtigen Mann aus einem Glase, 
so bekommt es einen Bart. 

Zu Weihnachten muss etwas Grünes gegessen werden (Grünkohl), weil 
das Gluck bringt; zu Neujahr werden Fische gegessen, weil man dann reich 
vrird. Einige Fischschuppen werden in das Portemonnaie gethan, dann 
„wird einem das ganze Jahr hindurch das Portemonnaie nicht leer^. 

Beim Essen darf man dem Nachbar, oder dem Gegenüber nicht auf den 
Mund sehen, weil ihm dann das Essen nicht bekommt. 

Thut man Jemandem Haar, oder Fingernägelabschnitte in das Essen, 
und isst er das mit, so wird er siech. 

Fällt Einem ein Messer, Gabel, Scheere auf den Boden und spiesst 
sich dabei in die Diele, so giebt es Besuch — „spitzfindigen" sagen Einige. 

Niest Jemand, der den Schnupfen hat, so darf man nicht „Prosit" sagen, 
weil er dann seinen Schnupfen nicht los wird. 

Wenn man einen Schlucken hat, so denkt Jemand an Einen. 

Schuhe und Stiefel dürfen nicht auf den Tisch gestellt werden, sonst 
giebt es Zank. 

Fingernägel müssen Freitags geschnitten werden, sonst wachsen sie 
nicht nach. 

Das Haar wird bei zunehmendem Mond geschnitten, damit es zunimmt, 
wächst und stark wird; bei abnehmendem Mond geschnitten, würde es ab- 
nehmen, ausgehen. 



92 E. Krause: 

Bandwarmkaren beginnen, selbst auf Yerordnang von Aerzten, bei ab- 
nehmendem Mond. 

Kartenlegen, Schäfer- and Soharfrichterkuren sind noch sehr beliebt, 
sogar bei gebildeten Leuten, ebenso das Wahrsagen aus den Linien der 
Hand, den Adern der äusseren Handfläche, der Kopf- und Stirnbildung, 
aus dem Kaffeesatz, Eiweiss, aus dem in der Neujahrsnacht gegossenen 
Blei etc. 

Oft; treiben Nachts Kobolde ihr Wesen in Küche und Schrank, indem 
sie Geschirr umwerfen, Flüssigkeiten, namentlich Milch, umschütten and 
dann auflecken, oder Fleisch und andere Speisen benaschen. Man kann sie 
fangen, wenn man eine tiefe Schüssel mit Wasser aufstellt und das Wasser 
mit Mehl bestreut; doch nur ein Sonntagskind kann sie in ihrer wahren 
Gestalt sehen; für Andere nelimen sie die Gestalt von Mäusen an. 

Nachts bedrückt oft ein „Alp" die Menschen. Er hat die Gestalt eines 
mit scheusslicher Fratze, langer Nase und Buckel behafteten Affen. Er 
setzt sich auf die Brust, erschwert das Athmen und verursacht grässliche 
Träume. Oft erstickt er auch die Schlafenden durch seinen Druck. Von 
ihm Befallene fühlen sich am anderen Morgen sehr matt, wie betäubt, ganz 
„duselig" im Kopfe und haben oft wochenlang Kreuzschmerzen und Schwere 
in den Gliedern. Offene Fenster erleichtern ihm den Zutritt. 

Wer Jemandes Blut leckt oder trinkt, kann nicht mehr von ihm lassen; 
Andere behaupten, dass er dann die „Sucht" bekäme, öfters fremdes Blut 
zu trinken, und sich so zum Vampir ausbilde. Noch nach dem Tode wird 
er Nachts bei offenem Fenster in Gestalt einer Fledermaus in die Schlaf- 
zimmer dringen und den Schläfern das Blut aussaugen. Dies hört erst dann 
auf, wenn man seinen Leichnam in der Herzgegend mit einem spitzen 
Eisen — Dolch etc. — oder mit einem spitzen, an der Spitze verkohlten 
Pfahl durchsticht und das stechende Instrument in dem Leichnam stecken 
lässt. Man hüte sich deshalb, wenn sich Jemand Anderes in den Finger 
gestochen oder geschnitten hat, die Wunde auszusaugen, weil dies der An- 
fang zum Yapirthum ist. 

Wer einen Meineid schwört, dem schwören die bei dem falschen 
Schwur erhobenen drei Finger ab. Andere behaupten, dass sie, wenn er 
auf dem Todtenbette liegt, zuerst sterben und vor seinem Tode verwesen; 
ausserdem zwingt ihn dann sein Gewissen, den Meineid einzugestehen, 
sonst kann er nicht sterben. 

Das Verzehren des Herzens, Leber und Lunge oder das Verzehren des 
Herzens und der Besitz von Leber und Lunge eines unschuldigen Kindes, 
namentlich von einem Mädchen, macht unsichtbar und schützt vor Ver- 
folgung. Schon oft sind in Folge dieses Wahnes scheussliche Verbrechen 
— Morde, Leichenschändungen — begangen worden. 

Li Caputh bei Potsdam wurde einer Bäueriu ein Schwein krank. Wahr- 
scheinlich hatte es in Folge des Genusses von Fischen Gräten in den Hals 



Abergläubische Kuren und sonstiger Aberglaube in Berlin. 93 

bekommen und zeigte deshalb Unlast zam Fressen. Nach Ansicht der Be- 
sitzerin war es von in ihrem Hause wohnenden Sommergästen behext. Sie 
malte deshalb mit Kreide drei Kreuze über der Stallthür unter fortwähren- 
dem Gemurmel und Drohen mit der Faust nach dem Fenster der Wohnung 
der Sommergäste hin. 

Schiebt man unter die Schwelle eines Viehstalles ein Büschel Haar vom 
Besitzer des Viehes oder von einem seiner Familienmitglieder, so fangt 
das Vieh an zu siechen. Auch Theile von getragenen wollenen Kleidern 
ihnen dieselben Dienste, nach Einigen auch die Haare und Kleider der die 
Hexerei ausübenden Person (meist Frau). Ich habe öfters auf dem Lande 
in der Nähe Berlins beim Erkranken von Vieh nach dergleichen Dingen 
fahnden sehen. 

Um Raubvögel vom Gehöft und dem Hausgeflügel abzuhalten, wird in 
Zehlendorf, Kr. Teltow, eine Stange aufgerichtet, auf der ein Rad wagerecht 
befestigt ist. 

Raupen aus dem Garten zu vertreiben, wird Folgendes angewandt. 
Die Besitzerin oder ein weibliches Glied ihrer Familie begiebt sich nach 
Sonnenuntergang, einen Reissbesen hinter sich herschleifend, in den Garten 
und umgeht diesen, von der Thür aus rechts anfangend, in seiner ganzen 
Ausdehnung, indem sie immer den Besen hinter sich herzieht und fort- 
während murmelt: „Guten Abend, Mutter Rupsch (Raupe), Sie sollen mit 
Ihrem Mann in die Kirche kommen.^ (Doch darf sie sich dabei nicht um- 
sehen.) Die Gartenthür bleibt dann bis vor dem nächsten Sonnenaufgang 
geöffnet. Nach Anderen muss der Umgang um Mitternacht ausgeführt 
werden. (Eberswalde, auch in Meklenburg gebräuchlich.) 

Der Glaube, dass verscharrtes Geld sich Nachts durch aus dem Erd- 
boden schlagende Flammen bemerkbar mache, ist weit verbreitet. 

An der Chaussee von Königs- Wusterhausen nach Storkow steht rechts 
hinter Körbis-Krug dicht am Graben ein etwas stärkerer Kieferbaum, als 
die umstehenden. Seine Wurzeln sind beim Ausbeben des Grabens zum 
Theil blosgelegt oder abgehauen worden. „Hier hat vorigten Mittwoch Geld 
gebrannt," sagte mir der Kutscher, als ich (vor einigen Jahren) daran vor- 
überfuhr. Es sei eine blaue Flamme gewesen, die aus dem Erdboden kam, 
ohne dass Holz da gewesen wäre. Der Maier des Gntes kam Nachts mit 
ihm aus der Stadt gefahren. „Wenn de Meier nich redt hädde, dann hadd' 
ick'n Kobold gefasst un dünn hädden wir't Geld utgraben können. De olle 
däselige Meier !^ sagte er betrübt. Ich stieg ab und schalmte den Baum 
an, um ihn wieder zu erkennen. Einige Tage darauf fuhren wir wieder 
nach K.-W. Ich nahm einen Spaten mit und grub an der bezeichneten 
Stelle dicht unter der Grabensohle aus ziemlich festem Lehmboden grosse 
Mengen verwitterter und unverwitterter Schwefelkiesknollen, was der Kutscher 
natürlich fiir unreines Gold hielt, das ich ihm jedoch grossmüthigst über- 
liess. Aufklären Hess er sich nicht einmal vom Goldarbeiter, zu dem er 



94 £• Krause: Abergläubische Kuren und sonstiger Aberglaube in Berlin. 

mit seinem Schatz ging. „Der wolle blos billig kaufen ^^^ meinte er, „dnim 
mache er es schlecht 

Auch bei Zehlendorf haben schon öfter Leute Geld brennen sehen, doch 
regelmässig beim Graben gesprochen und deshalb den Schatz nicht heben können. 

Wie man einen Dieb ermittelt. Die „Streich- und Tretfrau" des 
Dorfes, d. h. diejenige, gewöhnlich sehr alte Frau, welche mit „Streichen", 
„Pusten **, ^Treten ** und „Besprechen" alle möglichen Leiden heilt, oder 
wenigstens in dem Rufe steht, sie heilen zu können, besitzt auch das Ge- 
heimniss, nach geschehenem Diebstahle den Thäter zu ermitteln. 

In einem Dorfe bei Königs- Wusterhausen waren während meines Aufent- 
haltes daselbst mehrfach Gänsediebstähle vorgekommen. Man hatte mehrere 
Personen im Verdacht der Thäterschaft. hauptsächlich aber einen etwas blöd- 
sinnig aussehenden jungen Menschen, der erst einige Monate als Knecht im 
Dorfe im Dienst stand. Bei einem Tanzvergnügen im Kruge war die Rede 
von dem letzten Diebstahl, über den man allgemein entrüstet war, weil 
einer armen Tagelöhnerfamilie ihre fetteste Gans gestohlen war. Da die 
Verdächtigen mit auf dem Tanzboden waren, wurde beschlossen, die Streich- 
frau zu rufen und durch sie den Dieb ermitteln zu lassen. Sie kam, liess 
sich die Sache vortragen, sah jeden Einzelnen scharf an und verliess dann 
auf kurze Zeit den Tanzsaal. Bald kehrte sie wieder zurück, ging in die 
Mitte des Saales, machte unter wunderbaren Gesten und stetem Gemurmel 
einen kreisrunden Kreidestrich um sich herum auf dem Fussboden und setzte 
sich mitten hinein auf einen Stuhl, doch so, dass sie die Stuhllehne unter 
einem Arme hatte, der Rücken also frei wur. Dann liess sie alle An- 
wesenden in eine Reihe hinter einander treten, so dass der erste dicht 
hinter ihrem Rücken stand. Nun wurde alles Licht im Saale ausgelöscht 
und der Zug setzte sich in Bewegung; unter stetem Gemurmel der Alten 
musste ihr jeder einen leisen Schlag auf den Rücken geben. Der Dieb, so 
sagte sie, würde eine schwarze Hand bekommen. Vor dem Saale war es 
hell, jeder musste nach dem Schlage sofort hinausgeben und zweien Un- 
parteiischen, die an der Thür standen, seine Hand zeigen. Alle hatten 
schwarze Hände, nur jener Knecht nicht. Er hatte im Bewusstsein seiner 
Schuld und im festen Glauben an die Zaubermacht der Alten sich wohl gehütet, 
sie auf den Kücken zu schlagen, um nur ja nicht die Hand schwarz zu färben. 
Er gestand, so überführt, den Diebstahl ein und wurde mit Schimpf und Schande 
fortgejagt, seine Lohnforderung den Bestohlenen als Ersatz zuerkannt. 

In einem andern Dorfe war von einem Gehöfte Holz gestohlen worden. 
Die Streichfrau kam, zählte die Anwesenden und liess sich nach den oben 
beschriebenen Vorkehrungen von jedem die Hand geben, natürlich wieder 
im Finstem. Der Schuldbeladene machte sich w^ahrscheinlich durch Zittern 
beim Handreichen verdächtig, denn bei der Besichtigung der Hände hatten 
Alle nur leichte Spuren von Schwärze, er eine ganz schwarze Hand. Auch 
er gestand sein Verbrechen ein. 



VI. 
Schlange und Aal im deutschen Volksglauben. 

Von 

W. V. Soliulenbupg. 



Seit Alters wird im Volke behauptet, dass Aale in warmen dunklen 
Sommernäcbten das Wasser verlassen und über Wiesen in nahegelegene 
Brbsenfelder geben. Streue man im Grase, wo sie ihren Pass haben 
Asche aus, so könnten sie nicht wieder zurück und man könne sie so 
fangen. 

üeber diese Meinung ist viel geschrieben worden und Naturforscher 
haben ihre Erfahrungen gegen sie ins Feld geführt. Es konnte bisher, 
unseres Wissens, kein zuverlässiges Zeugniss erbracht werden, dass jemals, 
ein Mensch Aale in die Erbsen gehen sah, um Erbsen zu fressen^). 
Nichtsdestoweniger hört man in ganz Deutschland diese Meinung von un- 
zähligen Menschen wiederholen. Es fehlt auch nicht an ähnlichen unerwie- 
senen Behauptungen, z. B., dass Männer mit weisser Leber keine Frau 
behalten, und umgekehrt: solche Frauen keine Männer, Bienen aus Aas 
entstehen, Molche und Schlangen Schlafenden in den Mund kriechen und 
im Leibe jungen, Kröten und Schlangen den Kühen die Milch aussaugen, 
wie man dies und anderes von klein auf im Volke erfahren hat. 

Ich selbst habe seit einer Reihe von Jahren sehr viele Landleute, 
darunter auch alte erfahrene Fischer, welche alle von der Erbsenliebe der 
Aale zu berichten wussten, gefragt, ob sie oder ein ihnen bekannter leben- 
der Mensch Aale in Erbsenfelder hätten gehen und Erbsen verzehren 
sehen. Allein unter so vielen war nicht ein einziger, der, eindringlich zur 
Rede gestellt, hätte sagen können: „Ich selbst habe es gesehen, oder kenne 
einen lebenden Augenzeugen.'^ Immer war schliesslich der Grossvater oder 
sonst ein Verstorbener der Beobachter gewesen, ungeachtet dessen sprachen 
alle von der wunderlichen Aalfrage wie von einer feststehenden Thatsache. 



1) Dass zufällig Aale auch in Erbsen gefanden worden sind, ist leicht möglich. — 
Mehrere glaubwürdige Leote erzählten mir, sie hätten Aale ausserhalb des Wassers, aber 
nahe demselben, im Grase gesehen. 



96 W. T. Schalenbarg: 

Diese Sicherheit und die AUgemeiDheit der Meinung liesscn mich schon 
vor Jahren vermuthen, dass die letztere auf das mythische Gebiet zu ver- 
weisen sei. 

Nichts von Allem, was die Herzen der Völker bewegt hat, selbst nicht 
die grossen Thaten und Ereignisse in der Geschichte, die das Wohl und 
Wehe von Millionen umfassten, ist haften geblieben in der Erinnerung der 
Menschheit; alles ging unter im Strom der Vergessenheit. Nur die alten 
mythischen Vorstellungen, welche, voll unverwüstlicher Lebenskraft, oft auf- 
gefrischt durch erneute Eindrucke, in Sagen und Gebräuchen sich ablagerten, 
haben die Zeit überdauert und sich zum Theil aus Zeitaltern, Jahrtausende 
von dem unsrigen entfernt, zu uns hinübergerettet. 

In vorgeschichtlichen Zeiten — und das muss bei dem Widerstände 
gegnerischer Meinungen immer wieder hervorgehoben werden, glaubte der in 
seiner Anschauung noch nicht durch viele Erfahrungen bereicherte Mensch 
in gewissen Erscheinungen am Himmel, wie in der Natur, Erscheinungen 
und Vorgänge zu sehen, welche er an sich selbst oder in seiner Umgebung 
auf der Erde wahrnahm, denn er hatte keine weiterliegenden Erfahrungen. 
Je älter, desto roher, sinnlicher, einfacher (nach unserer jetzigen Auffassung) 
war die Vorstellung. Je mehr der Geist des Menschen und sein äusseres 
Leben sich entwickelten, desto reicher und geistiger entwickelten sich auch 
die mythischen Anschauungen. In Wolken, welche noch heute selbst bei 
Gebildeten die Erinnerung an Thiergestalten wachrufen, sah man Rinder, 
Wölfe, Hunde, Katzen u. dgl. Trieb ein leiser Abendwind die Wölkchen, 
welche wir noch Schäfchen nennen, über den Himmel, so glaubten unsere 
„Alten*^ (oi 7ia?Mioll)^ am Himmel treibe ein Schäfer seine Heerde, und 
was der Schäfer auf der Erde thun könnte, müsste auch der Schafer am 
Himmel thun können. Seitdem sagt man noch: n^er Schäfer ist am 
Himmel, es giobt gutes Wetter." Wer jemals in der Natur Wolken be- 
schaute, weiss, wie er oftmals, wieder aufblickend, erstaunte, wenn eine noch 
eben vorhandene Wolkonform verschwunden war, oder allmählich unsichtbar 
wurde, oder wie durch Zauber sich in andere Form verwandelte ^). 

Solche Verwandelungen und Zaubereien im mannichfachstcr Fülle sahen 
Jäger, Fischer und Hirten der Vorzeit, und was sie am Himmel mit Thieren 
und Zauberwesen vor sich gehen sahen, das übertrugen sie wieder auf ähn- 
liche Thiere und Vorgänge in ihrer Umgebung. Nur auf Vergleichen schritt 
der menschliche Geist weiter. Der Blitz erschien den Alten u. A. wie eine 
feurige Kuthe. Oft folgt auf Blitze Regen. Darum folgerte man: die 
Kuthe oder Zauberweseu, die mit der Kuthe hantieren, machen den Regen. 
Wenn man das nachmacht, kann man sich auch Regen machen. Daher die 
Volksmeinnng, jetzt und ehedem: bei Dürre soll man Teiche mit Ruthen 
schlagen, dann giebt es' Regen. Aber die Einbildungskraft, diese Quelle 

1) Vergl. W. V. Schulenburg, Wendisches Volksthum, Berlin, 1882, S. 166, Anm. 2. 



SchlaD(|re und Aal im deutschen Volksglauben. 97 

aller Dichtung und Kunst, im Laufe der Zeit mehr und mehr vom Verstände 
verdrängt, indem Wissen an Stelle des Glaubens trat, war damals, weil sie 
das ganze Weltall in sich aufnahm und in ihren Anschauungen wieder- 
spiegelte, eine so reiche und grossartige, dass wir Menschen mit vor- 
wiegender VerstandesaufiPassung nur mit Muhe in jenen gewaltigen An- 
schauungen uns zurechtfinden, welche im Regenbogen nach Seh war tz das 
Hom einer Euh oder eine riesige Sichel sahen. 

Bei den Deutungen solcher uralten Vorstellungen, zum Theil so alt wie 
das Menschengeschlecht, muss mancher Irrthum unterlaufen, wenn sie zu 
sehr auf Einzelheiten sich erstrecken. Sie werden da am zuverlässigsten 
sein, wo sie auf den Ursprung der Vorstellungen zurückgehen. Dann kommt 
man an die Grenze, wo die einfachsten Vorstellungen liegen, die in den 
mannichfachsten Zusammensetzungen, in Sagen und Mährchen und Götterge- 
schichten, entsprechend einer höheren £ntwickelung des geistigen wie 
äusserlichen Lebens, immer wieder so zu sagen als GrundstofiPe vorkommen. 

Unbestreitbar ist, dass den Indogermanen, wie den meisten Völkern 
der Erde, die Blitze, welche vom Himmel sich nieder schlängelten, 
auch als Schlangen galten, gleichwie bisweilen noch Landleute bei 
Gewittern Blitze^) den Schlangen vergleichen. HerrSchwartz erfuhr dies 
einmal und auch ich hörte ebenso bei einem . schweren Gewitter eine 
Wendin die Blitze voll Schrecken als Schlangen bezeichnen. Hierbei ist 
nicht zu vergessen, dass solche gewaltigen Naturerscheinungen in der 
freies Natur ganz anders ergreifend auf das Gemüth der Menschen ein- 
wirken, als in dem Treiben und Wogen einer Grosstadt. Erwiesen ist 
femer, dass das alte Heidenthum in gewissen Himmelserscheinungen ein 
Milchmeer, gemolkene Milch, kurz Milch^) wahrzunehmen glaubte, wie 
denn auch die Milchstrasse der verspritzten Milch der Here von einer 
ähnlichen Anschauung bezüglich der Sternenwelt Zcugniss ablegt. 

Es ist nun, wie schon erwähnt, noch heute ein alter Glaube in unserem 
Volke, dass Schlangen den Kühen die Milch aussaugen. Mir erzählte^) ein 
alter sehr verständiger Bauer: „Als mein (verstorbener) Onkel einmal in 
den Kuhstall kam, fand er eine Schlange. Die hatte sich einer Kuh um 
das Bein gewickelt und saugte ihr die Milch aus. Als er sie todt ge- 
schlagen hatte, brüllte die Kuh nach ihr wie nach dem Kalbe'^. Auch bei 
sängenden Frauen finden sich die Schlangen ein, springen nach der Brust 
und halten so fest, dass sie nur mit Mühe und Noth entfernt werden 
können. Allbekannt sind die Sagen vom Scblangenkönig, der zu kleinen 
Kindern geht und die für sie hingestellte Milch verzehrt. Dieser Vorfall, 



1) Sehwartz, Ursprung der Mythologie, 26; W. y. Scbulenburg, Wendische Sagen, 
(8. 271, Anm. 1.) 

2) Schwarte, Ursprung, S. 44, 229 und a. 0. Oberwendisch heisst die Milchstrasse 
nach Pfuhl) belosta (von bely weiss, belomli^ny milchweiss). 

8) Wendische Sagen, 8 97. 

ZeSticbrift for Ethnologie. Jahrg. 1883. 7 



98 W. V. Schulenburg: 

der sich in verschiedenen Bauernfamilien, wie lebende ältere Mitglieder 
derselben aus voller Ueberzeugung versichern, zugetragen hat, liefert ein 
sprechendes Beispiel für die Uebertragung mythischer Anschauungen auf 
die Verhätnisse des Lebens. Inwiefern die Neigung der Schlangen zu 
kleinen Kindern in Beziehung steht zu den Blitzgeburten, der Wiederkunft 
der Seelen u. d. m., muss hier übergangen werden. An jene Ueberlieferungen 
reihen sich in erweiterter Beziehung die Berichte vom Milchmelken ans 
Stricken und Peitschen, vom Buttermachen der Hexen und dem unfläthigen 
Buttern des Teufels u. d. m. An die Milchgeluste der Schlangen schliesst 
sich ferner die ganz allgemeine Meinung an, dass mau Blitzfeuer nur mit 
Milch löschen^) kann, dass ebenfalls die berüchtigten Diebsfinger, wenn sie 
brennen, nur mit Milch auslöschbar sind. Indessen verbietet sich hier ein 
weiteres Eingehen auf diese Ueberlieferungen, welche alle im inneren Zu- 
sammenhange stehen mit dem Wesen der mythischen Schlange. Gleich der 
Schlange zitzt auch die Kröte die Kühe (ebenso soll der Iltis die Kuheuter 
aussaugen). Wie eine freundliche Mittheilung des Dr. Voss besagt-, wird 
in dem südlichen Theile des Kreises Camrain in Pommern süsse (rohe) 
Milch als Mittel gegen den Biss der „Schnaken" (Schlangen) getrunken, 
ebenso aber auch, wie überall, gegen jedwede Vergiftung. Es muss daher 
sehr fraglich erscheinen, ob man bei diesem Mittel an mythische Beziehungen 
denken darf. 

Fast allgemein wird bestritten, dass Schlangen überhaupt Milch saufen. 
Wenn aber auch vereinzelt der Fall einträte, so entzöge sich diese That- 
sache wohl zu sehr der allgemeinen Kenntniss, um Veranlassung für die 
Entstehung so vieler uralter germanischer, litthauischer, slavischer u. a. 
Sagen zu werden, in denen Schlange und Milch wesentliche Bestandtheile 
bilden. Vereinzelte Erfahrungen geben niemals die Grundlage für einen so 
weit verbreiteten Glauben ab. Alles weist deutlich auf den mythischen 
Hintergrund. Dergleichen Ueberlieferungen leben noch immer in unseren 
Tagen fort, sie sind der dichterische Schimmer, der über dem Dasein des 
Volkes ausgebreitet liegt. 

Auch ein entsprechender Gebrauch konnte nicht die Veranlassung für 
diesen Glauben sein, denn der Gebrauch folgt erst der Erfahrung. 

Nach Prätorius ^) setzte zu Nürnberg Paul Creuz in einem gewissen 
Plan ein neues Tischlein hin, deckte darauf ein weisses Tuch, stellte darauf 
zwei Milchschüsslein, ferner zwei Honigschüsslein, zwei Tellerchen und 
neun Messerchen, zerriss eine schwarze Henne über einer Kohlpfanne u. d. m. 
Dann kamen zwei Bergmaunlein (Zwerge) aus der Erde und setzten sich 

1) Wendisches Volksthnin, S. 12ö, lai, Wendische Sapen, S. 241 und a. 0. Im vori- 
f^n Jahre erwiderte mir auf meine Fnipre: war wioilcr Feuer in der Nachbarschaft? ein 
kleiner Junge in der Lausitz: „Bei Lapans hut der Blitz ein^^eschlagen, aber Me hatten Milch 
im Hause.* Zu ergänzen war: sie konnten deshalb gleich löschen. 

2) Grimm, deutsche Sagen, I, 4i2. 



100 W. V. Schalenburg: 

Pferden silberne Hufe unterschlagen Hessen und dergleichen mehr. EDdlich 
gingen sie gar so weit, dass sie ein Schwein ins Bett legten, ihm ein 
Hemd anlegten und den Pastor kommen liessen, dem sie sagten, es sei da 
ein Kranker, welchem er das Nachtmahl reichen solle. Da ist der Pastor 
auch gekommen, und hat es thun wollen, aber im selben Augenblicke hat 
er auch gesehen, dass ein Aal aus dem Feuer des Herdes hervorkroch, 
und daran erkannt, dass sich Ungeheures begebe. Da hat er sich schnell 
zu Pferde gesetzt und ist eiligst davongesprengt, und unmittelbar hinter 
den Hufen seines Rosses ist das Land weggebrochen nnd von der See 
verschlungen worden und so sind die sieben Kirchspiele untergegangen." 

Gleichwie der Blitz im feurigen Wolkenherde erscheint und hinter ihm 
die Regenfluth sich ergiesst, so erscheint hier der Aal gleich der Blits- 
schlange, und ihm nach die Wasserfluth. 

Schärfer und bestimmter noch hebt der mythische Grundriss dieser 
Sage bei Müllenhoff^) sich ab. „Rechts vom Wege von Schalkholz nach 
dem jetzigen Telliugstede, nicht weit vom Schalkholzer Tegel, lag das alte 
Tellingstede. Die Leute waren so gottlos und übermüthig, dass sie einen 
Prediger zwangen, einer Sau das Abendmahl zu geben. Doch schon als 
er ins Haus kam, drang ihm ein Schwefelgeruch entgegen und als er nach- 
her wieder auf die Diele trat; wimmelte sie von Aalen mit grossen Augen 
und zischend wie Schlaugen, und grässlicbe Kröten und andres Ungeziefer 
lief umher und ein furchtbarer Sturm erhob sich und die Hunde heulten. 
Da rief der Prediger schnell die frommen Leute des Orts zu sich nnd sie 
flohen und erbauten nachher das jetzige Tellingstede. Gleich hinter ihnen 
war mit Krachen das alte Dorf in die Erde gesunken und ein trfiber 
bodenloser See, der Ecksee oder Neckssee, steht jetzt da, in dem kein Fisch 
lebt." Hier finden wir eine ganze mythische Gesellschaft vereinigt. Es 
wimmelt von Aalen, wie die Schlangen um den Schlangenkönig wimmeln, 
oder bei der ünthat, die der Schlange vom Menschen widerfahrt, wimmelnd 
sich erheben. Sie haben grosse Augen, wie die sagenhaften Fische, wie 
die Gewittervögel, Eulen und Hexen 2). Sie zischen wie Schlangen, Kröten 
und sonstiges Ungeziefer, laufen umher und treten uns als mythische 
Bekannte entgegen. Dazu kommt furchtbarer Sturm, die Windhunde heulen, 
es fehlt nur der wilde Jfiger oder der zürnende Wolkengott, der seine 
eiserne Keule aus der Höhe niederschleudert auf die Sterblichen. 

Hier ist kein Zweifel: die Aale sind an die Stelle von Schlangen 
getreten. Schon der Schwefelgeruch 3) ist bezeichnend. Er ist so oft der 
Gestank, den der Gewitterteufel mit höhnischem Lachen hinterlässt. 

Zwei kleine Stunden von Göttingeu liegt der seeburger See. In alten 
Zeiten stand da eine stolze Burg, auf welcher ein Graf^ Namens Isang, 

1) Müllenhoff, Sagen aas Schleswißr-Uolstein, S. 131. 

2) Vergl. Schwartr, Poetische Naturanschauungen, S. 108. 

3) Schwartz, UrspruDg, S. 6, 74, 19G-198. 



102 W. V. Schulenburg: 

worden. Diess alles lässt man verrichten in der Stunde von Mars. Dieser 
also zubereitete Degen Hess alle Degen der Gegner in Stucke springen. 

Wenn man von keinem Menschen verwundet werden will, so kann 
man auf den rechten Arm eine Schlangenhaut binden, welche mit einer 
gegerbten Aalhaut überzogen ist. Dann lässt man ein eiser. es Zeichen 
von einem Stücke eines Henkerschwertes schmieden ** u. s. \v. Die Ver- 
wandtschaft des Aales und der Schlange in volksthümlicher Aufiassong 
spricht sich hier sehr deutlich aus, wie denn auch manche Leute keinen 
Aal (oder Pezker) essen mögen, weil er sie zu lebhaft an die Schlange 
erinnert. Selbst allgemeiner war früher die Abneigung vor dem Genoms 
der Aale. 

Auch die Erbse hat ihre mythologische Bedeutung. Dem deutschen 
Donnergotte, Donar, scheinen Erbsen geweiht gewesen zu sein und ihm 
zu Ehren isst man noch Donnerstags in Berlin Erbsen^). A. v. Perger 
führt in seinen Pflanzensagen bezüglich der Erbse siebzehn Gebräuche und 
Sagen an. Bei ihm heisst es u. a.: „wer eine einzelne Erbse findet, soll 
sie nicht unbeachtet liegen lassen, denn mancher gewann durch Erbsen 
eine Königstochter und ein Schloss." Darin tritt klar genug das Wesen 
der zauberkräfligen Erbse hervor. Bei Haupt 2) wirft Martin Pumphut, 
der ein verstecktes Verhältniss mit der Schlange^) hat, Erbsenkörner*) in 
den Kacheltopf (Ofenblase), dem sofort eine ganze Schwadron ausgerüsteter 
Reiter entsteigt. Auch Pumphut fängt unerlaubt Fische und stiebitzt 
Aepfel im Lustgarten des alten Dessauer ^), geht auch ungefährdet über 
Wasser. Bei Kuhn und Schwartz^) sind die Erbsen besonders berück- 
sichtigt. Der Drache lässt seine Last in einen Brunnen fallen, und als 
nun einer hinging, um zu sehen, was es sei, war der Brunnen bis zum 
Rande mit Erbsen gefüllt. — Der Drache, der sonst auch halbverbranntes 
Korn, Weizen und Goldstücke fallen lässt, ist ursprünglich einer der 
wichtigsten Vertreter der Gewitterwesen. Auf den mythischen Ursprung 
aber muss man zurfickgeheu, will man aus dem mannichfachen Wirrwarr 
der Sagenwelt einzelne Gestalten bestimmen, weil ihnen trotz aller Wand- 
lungen und Zuthaten in den verschiedenartigen Sagengcbilden die mythisch 
wesentlichen Eigenschaften von ihrem Ursprünge her noch immer anhaften. 
— Einer Frau schenken Zwerge eine Erbsranke. Sie musste nämlich, zam 
Tode verurtheilt, in den unterirdischen Gang hinuntersteigen, der ehedem 
auf Usedom von Pudagla nach Mellenthin führte. Unten sprang vor ihr 
eine grosse eiserne Thüre auf und sie sah viele Zwerge um einen Tisch 
sitzen, die ihr dann die Erbsranke gaben. Als sie wieder oben war, 
verwandelte sich die Erbsranke vor aller Augen in eine schwere eiserne 



1) Schwartz, Ürspranfr, S. 248. Norddeutsche Sagen, S. 446. 

2) Haupt, Sagenbuch der Lausitz, I, S. 185. 3) Wand. Sagen, S. 45. 
4) Sonst Häcksel, Hirse oder Hafer. 5) Wend. Sagen, S. 45. 

6) Kuhn und Schwartz, Norddeutsche Sagen, S. 5, 12, 138, 411, 445, 446^ 6M» 



Schlange und Aal im deutschen Yolksglaubon. 103 

Kette, die zam Andenken am Soot befestigt wurde, wo sie noch bis auf 
den heutigen Tag hängt. — Erbsen darf man nur am Mittwoch oder Sonn- 
abend säen , sonst holen die Vögel sie hinweg. — Am Johannisfeuer 
kocht man Erbsen, dienlich zur Heilung von Wunden. — Sie sind ein 
Sonntagsgericht. In Berlin sagt man: _ Erbsen mit Speck müsse man 
Donnerstags essen, an anderen Tagen bringen sie Schwären. — Sie bilden 
die Lieblingsspeise der Zwerge und das Gericht beim Mahl der Hexen. 
Mit Erbsen soll man an den Zwölften die Hübner füttern, dann legen 
sie viele Eier. — Aber durchaus nicht soll man während der Zwölften 
Hülsenfrüchte, Erbsen essen, das ist ganz allgemein Vorschrift aus Rück- 
sicht für die heilige Zeit der Gottheiten. Isst man in dieser Zeit Erbsen, 
so bekommt man Geschwüre^). In einer Räubergeschichte wird erzählt, 
wie ein Räuberhauptmann sich als Freier auf einem Schlosse einführt und 
die junge Gräfin in den Wald verlockt. Hingestreuten Erbsen folgend 
gelangt sie durch eine Eiche und dann durch einen (wohl unterirdischen) 
Gang in die Wohnung oder das Schloss der Räuber^). Aehnlich hatten 
Räuber ein Mädchen gefangen und in ihre Höhle, die Mordkuhle am Mord- 
kuhlenberge bei Damme, geschleppt. Nach langer Zeit erlaubten sie ihr 
(zu Ostern) in die Eirche zu gehen, wenn sie keinem Menschen ihren 
Aufenthalt verrathen wollte. Wie sie dann wieder aus der Kirche war, 
kaufte sie sich Erbsen, stellte sich vor den Kirchthurm hin und klagte ihm 
ihr ganzes Leid, sagte auch, dass sie wieder in die Mordkuhle zurückkehren 
und Erbsen hinter sich streuen werde^). Kuhn gedenkt dabei einer andern 
Sage, nach der die Räuber verdeckte Leinen über den Weg gespannt 
hatten, welche zu Glocken führten, und das Mädchen nach sieben Jahren 
Gefangenschaft die Erlaubniss erhielt, Ostern zu feiern. — Die Erbsen, 
welche zur Eiche und nach dem (wohl unterirdischen) Schlosse hinführen, 
sowie die Eiche erinnern daran, wie auch die Zwerge bei Eichen ihre 
unterirdischen Gänge und Löcher haben. So wird überliefert*), dass die 
Lntchen bei einer der berühmten Rieseneichen unweit von dem Dorfe Straupitz, 
am nördlichen Rande des Spreewaldes, ihren Gottesdienst abgehalten haben; 
vermuthlich wohnten sie auch in der Nähe. In oder bei dem Dorfe 
Lucknitz (Muskauer Gegend) sollen sie unter einer Eiche gewohnt haben, 
unter die ein Fusssteig führte, wo sie ein und ausgingen^). Noch sei aus 
dem Wendischen ein Volksreim erwähnt, der also lautet: „Juro, puro, 
pjer§<5en groch, dunder (oder dundix) baba, zberaj groch." Deutsch: Juro 
(Jürge, Georg), puro, Ring, Erbsen, Donnerfrau (Gewitteralte), lies die 



1) Wendisches Yolksthum, 8. 134. 

2) Wendische Sagen, 8. 6 Anm. 1. 
8) Kahn, Westftlische Sahiren, 21. 
4) Wendische Sagen» S. 22, 276. 
6) Wendisches Yolksthum, 8. 170. 



104 W. V. Schalonburg: 

Erbsen auf^). Diese Worte beziehen sich sicherlich auf ein mythisches 
Yerhältniss; aach hier tritt wieder die Erbse in Beziehung zur Donnerfran. 

Es ist also ein Verhältniss der Erbsen zu den Gewitterwesen erweis- 
bar. Wie die Erbsen mythisch zu erklären sind, ist hier nebensächlich, 
genug, dass sie mythisch sind. 

Es wäre sehr erklärlich und kann gefolgert werden, dass auch die 
Schlangen mit den Erbsen zu thun haben, weil der Drache ebenfalls in 
Gestalt einer feurigen Schlange*) durch die Luft zieht. 

Auch Auen oder Gärten, in denen wunderbare Blumen blühten, kennt 
die Mythologie. Noch spricht der Landmann vom Gewitter, das aufblüht, 
von blühenden Wolken u. d. m.^). Die Alten kannten desgleichen Wiesen 
mit Blumen und Kräutern. Es genügt, auf die Wiesenauen im Wasser* 
reiche hinzuweisen, wo die Verstorbenen weilen und die Gottheit über sie 
waltet, jene unterseeischen Gefilde in zauberischer Pracht, die nur selten 
der Fuss Lebender betrat, wenn ein eigenes Schicksal sie dorthin führte, 
um Verwünschte zu erlösen oder Todte zu befreien. Wem wäre nicht ans 
den homerischen Gesängen die Aphodeloswiese vertraut? Mit jenen Eräatem 
haben auch die Schlangen zu schaifen, sie kommen und holen die heilenden. 
Asklepios, dem Gott der Aerzte, umwindet die Schlange den Stab. Es 
folgt nothwendig aus den vorhandenen Ueberlieferungen, dass man auch 
Erbsen dort vermuthete. 

Wie der Aal zeigt die Schlange, welche vornehmlich nach Milch und 
gebratenen Eiern*) geht, und ihre Verw^andtin, die Kröte Naschsncht 
Wolf berichtet*): „In einem Hause zu Gent wohnten ein paar bejahrte 
Leutchen, die konnten kein Essen in ihrem Brodschranke über Nacht ver- 
wahren. Das klagten sie einst ihrem Schwiegersohne und der sprach, 
er wolle es schon machen. Li der folgenden Nacht versteckte er sich unter 
den Tisch und da sah er denn, wie um Mitternacht ein Schlänglein unter 
dem Boden herauskroch und nach dem Scliranke schlich. Gleich darauf 
kam eine Kröte aus einem andern Loche und die machte sich gleichfalls 
nach dem Schranke zu. Als das Schlänglein an das Schloss rührte, 
sprang dies auf und die beiden Thiere theilten sich in den Vorrath von 
Essen, den sie fanden." 

1) Wendisches Volkstham, 8.216 Anm. 1; Voiksthum, S. 175 Anm. 1. Ein anderer 
Volksreim lautet: 

»Geh, hole Weizen, 

Geh, hole groch (Erbsen) 

Und schiess das alte Weib ivg loy,* 
Bemerkens werth die Verbindung zwischen dem alten Weib und £rbsen, welche letzteren auch 
in einigen Rinderreimen noch vorkommen, indcä&en \suhl ohne tieferen Sinn. 

2) In China soll, wie ich einer Mittheilung des chine^siscben Hauptmannes Herrn Za Lenn 
Biau entnehme, die Auffassung vom Drachen als einer goldgeschuppten Schlange, die Regen 
bringt, im Volke allgemein sein. 

3) Wendisches Voiksthum, S. 164, 165. 4) Wendische Sagen, S. 97, 100. 
5} Wolf, Deutsche Märchen und Sagen, S. 492. 



Schlange und Aal im deutschen Volksglauben. 105 

Ansser den Aalen mit ihrer merkwürdigen Vorliebe für Erbsen zeigen 
auch noch andere Geister oder mythische Wesen entsprechende Essgelüste. 
Vor allen sind es die Zwerge, die als Näscher in die Erbsen gehen. 
Statt vieler eine Sage^) aus dem Spreewald, die auch sonst in Deutschland 
sich vielfach wiederholt. 

In der Dorfgemeinde Burg liegt der Schlossberg, bekannt durch seine 
vorgeschichtlichen Alterthümer. Auf dem hatte ein Mann Erbsen gepflanzt, 
aber der Schoten waren alle Tage weniger. Er hörte immer etwas in den 
Schoten knistern, aber sah keinen Menschen. Da wurde er ärgerlich, 
nahm einen Dreschflegel und schlug in die Erbsen. Da schlug er dem 
Zwerge die Nebelkappe ab und sähe, es war ein Lutchen da. Der sprang 
ein paar Schritte, zog sich die Nebelkappe wieder auf den Kopf und war 
dann verschwunden. Entsprechender noch zieht sonst ein Mann mit seinem 
Knechte ein Seil^) über das Feld und streift den Zwergen in den Erbsen die 
Nebelkappen ab^). 

Aehnlich von himmlischer Herkunft wie die Zwerge sind die deutschen 
Nixe , in deren Bereiche wir auch Wasserfräulein finden. Denn von 
weiblichen „Nixcn^ ist mir im Volke nichts bekannt geworden, trotzdem 
alle Welt davon redet Darum tragen die Nixe auch rothe Käppchen, oder 
grüne mit rother Puschel, haben rothe Kleider und trennen mit einer 
Zauberruthe das Wasser wie Mauern, gleichwie der Blitz durch die Wolken 
fahrend auch diese wie Wände theilt und öffnet. 

Bei dem Dorfe Neustadt (in Schlesien), gelegen an der Spree, die dort, 
umsäumt von hohen Bäumen, in breitem Bette ihr Wasser führt, war früher 
ein tiefes Loch in dem Flusse*). Nicht weit von dieser Wassertiefe hatte 
der Förster seinen Acker und da kam der Nix immer aus dem Wasser 
und ist in die weissen Rüben auf dem Felde gegangen. Also auch 
beim Wassergeiste Neigung in die nahegelegenen Felder zu gehen, nur dass 
er statt der Erbsen Rüben nascht oder stiehlt. 

„Einem Manne zu Wetleren wurde in jeder Nacht, die Gott er- 
schaffen hat, sein Tabakfeld zerstört, die Blätter niedergeschlagen, 
abgebrochen oder was Anderes, kurz er fand jeden Morgen eine neue 
Ursache zu Aerger und Verdruss. Schliesslich verbarg er sich Abends 



1) Wendische Sagen, S. 285. 

2) Seil heisst in vorgeschichtlicher Sprache auch Blitz. 

3} Yergl. Kuhn) Westfälische Sagen. Einem Bauer naschten die Zwerge fortwährend 
die Erbsen aus, ohne dass er sie jemals sehen oder fangen konnte. Da erhielt er den Rath, 
er sollte mit seinoi» Knechte hinausgehen und ein s\H snöre mitnehmen, aber noch vor 
Sonnenaufgang. Deshalb ging er bereits am Abend hin, um die Nacht bindurch- 
tQwachen. Wie er so sitzt, hört er die Zweige miteinander sprechen; da sagt der eine zum 
anderen : 

aDaf s gaut, dat dat de dumme biure nich weit, 
Dat de sünn um twölben npgeit* u. s. w*^ 
4) Wendisches Volksthum, 8. 53. 



106 W. T. Schulenburg: 

mit einer Flinte in der Nähe des Feldes. Bis Mitternacht blieb alles still, 
dann aber regte es sich in den Blättern und eins wurde nach dem andern 
geknickt Dreimal versuchte er zu schiessen und erlitt selbst Ungemach. 
Sein Hut wurde ihm eine Viertelstunde weit geschleudert, dabei hörte er 
ein schallendes Gelächter: ,,Hahaha! Da hab' ich euch einmal festgehabt^ 
Da erkannte er, dass ihm der Wassertcufel den Streich gespielt habe und 
ging still nach Hause zurück^)." 

Gerade so gehen und schleichen auch die Hexen in die Kuhställe, 
um Milch oder den „Nutzen^ ^) sich zu holen. Was jenem Manne mit dem 
Wasserteufel, widerfuhr ähnlich einem Bauer in der Lausitz, als er na 
opargi (auf Wolborgen) mit geladener Flinte den Hexen auflauerte. Mond- 
schein war und völlige Stille. Ein trockenes Blättchen kullerte an ihn 
heran und auf einmal war ein grosser Sturm, ü. s. w.*) 

Eine Hexe sagte: 

„Ich thue einen Schritt, 
Butter und Käse du musst mit." 
Der Bauer mit dem Knüppel: 

„Ich thue einen Schlag 
Auf den Dunder- Wetter-Sack." 
Hier wird ausdrücklich noch das ursprüngliche Verhältniss gekennzeichnet. 

Einer wachte mit Degen und Stahl im Stall und machte einen Kreis um 
sich. — Um Mitternacht kam ein grosses Thier, wie ein Drache, mit silberner 
Krone und vielem Feuer; selbigem hieb er einen Flügel ab. Am anderen 
Morgen fehlte einer Nachbarin, einer Hexe, der Arm. So zeigt sich überall 
ein wechselreichcs Eintreten, weil die meisten Geister Verwandte sind. 

Hinter der Stadt Vetscliau lebt noch jetzt ein alter, vom Volke in 
seiner Würde bestallter „Tliierarzt", der weithin Ruf hat. Auf Bitten einer 
Frau ^citirte" dieser eine Hexe zu sich. Die hatte zwei grosse Flügel, 
wie ein Drache, war ganz dünn wie ein Gerippe und fuhr durch die Decke 
hinaus. Davon entstand in der Stubendecke ein grosses Loch, das man 
noch heute sehen kann. Ein solches Loch in der Decke macht ebenso der 
Drache. Ein wendischer Bauer, mit dessen Sohne ich gut bekannt bin, 
hatte einen Drachen, der alle Nächte vom Boden zu ihm herunter kam und 
unter's Bett kroch; dazu war in der Stubendecke ein Loch. Sehr oft 
knasterte es auf der Decke, u. s. w. 

Es war vorher von den Erbsen in mythischem Sinne die Rede ge- 
wesen; hier muss ihrer noch in anderer Hinsicht gedacht werden. Da sie 
als Schoten ein Lieblingsgericht der-Kinder sind, scheucht man letztere wie 
aus dem Korn, den Weinbergen, von den Erbsen zurück und droht ihnen 



1) Wolf, Deutsche Sagen, S. 193. 

2) Das Wort „Nutzen* in diesem Sinne ist ein ganz bestimmter Fachausdruck in der 
Volkssprache, auch nicht zu verwechseln mit dem .Nutzen* in der Nachgebart einer Kuh, 

3; Wendische Sagen, S. 164, 170, 165, 164. 4) Ebenda, S. 104. 



Schlange and Aal im deutschen Yolks^^lanben. 107 

mit allerhand Gespenstern, so in der Gegend von Zossen mit dem Hanne- 
mann. Aber die Kinder singen spottend in den Schoten^): 

^Hannemann! Hannemann! husch! hasch! husch! 

Ich sitz' in Deine Schoten, 

Wenn der Hannemann käme, 

Mit de rot he Bräme (Augenbraue), 

Mit de rothe Mütze, 

Juch, wie wollt' ich flitzen"^). 
Bei Trebatsch: 

„. • . Wenn der Amtmann käme. 
Mit de lange Zähne, 
Mit de rothe Pudelmütze . . .^ 
In Deutschland werden verschiedene solcher Erbsengeister*) genannt, auf 
die näher einzugehen hier nicht der Ort ist. 

In der Niederlausitz, da wo man wendisch spricht, heisst das Erbsen- 
gespenst pos^erdanc, preäerpajnc, priserpajnc, serpotnica, serpowa baba, 
serpel, serp. Wie es scheint, wiederholt sich in allen diesen Namen, die 
der Mehrzahl nach mit Muhe nur im Volke noch aufzufinden sind, das Wort 
serp, Sichel. Diese ist also das Wahrzeichen des Feldgeistes, wenn wir 
wollen, einer Gottheit, wie auch die wendische Mittagsfrau, prezpol^nica, 
namentlich nach der Oberlausitz zu, mit der Sichel erscheint, die sie an 
einer Stange über der Schulter trägt. Beide fallen zusammen^). 



1) Wendische Sa^jfen, S. 300. — Eine Volksmeinung ist, dass der Blitz Löcher wie eine 
Erbse schlägt. — Die Zwerge, das kleine Volk, auf der Edenburg in Sachsen, wollten Hoch- 
zeit halten und sprangen hinab auf den glatten Fussboden, wie Erbsen auf die Tenne ge- 
schüttet werden. Grimm, Deutsche Sagen, J, S. 84. — Der mythische Jäger, ein nord- 
deutscher Theseus, welcher das alte Schloss zu Lübbenau wieder auffand und von Ungethümen 
reinigte, nahm dem Schlangeukonig die Krone fort. Als ihn deshalb die Schlangen ver- 
folgten, warf er zu eigener Rettung seinen Mantel vom Pferde. Den fand man nachher ganz 
durchlöchert und zerschunden. Dieser Jäger gilt als Stammherr und Ahne der Grafen 
Lynar u. s. w. (Sagen, S. 97). Bei Haupt (1, S. 76) heisst es in derselben Sage: , Augen- 
blicklich hört er ein helles Pfeifen und da schiessen die Schlangen vom Berge herab und 
links aus dem Wasser in unzähliger Menge, und alle hinter ihm her wie feurige Blitze u. s.w. 
Zu gedenken ist hier noch der Schlange (nach den weiteren Ausführungen des Talmud auch 
in die Klasse der Haus- und milchschleckenden Schlangen gehörig), welche im Wonnegarten 
Paradies mit den zauberhaften Äpfeln zu schaffen hat, von denen Eva, die Frau des Adam 
(wie Embla des Ask im Germanisch-Nordischen), in zwergenhafter Weise heimlich und un- 
erlaubt geniesst. Das Verständniss einer solchen Auffassung und Gedankenverbindung, 
die schon vor Jahrtausenden selbst in jenen Euphratländem im ursprünglichen Sinne 
nicht mehr verstanden wurden, liegt uns natürlich sehr fern (um so mehr, da wir ganz 
ausserhalb jener kleinasiatischen Mythen- und Sagenkreise stehen), etwa ebenso, wie jenen 
Alfuren, die nach dem Bericht des Herrn Joest (Zeitschr. f. Ethn., 1882, Verh., S. 75) die 
Missionare über die Unterhaltung zwischen Eva und der Schlange auslachten und sagten: 
»Eine Schlange kann ja gar nicht sprechen, das wissen wir besser.* 

2) Vergl. Mannbar dt, Die Komdämonen, u. A. 

d) Wendisches Volksthnm, S. 148, 45. Sagen, S. 89. -- Schon der treffliche Zwahr 
(Wend. Wörterbach, S. d81) sagt: sserpyschyja eine Mittagsgottheit oder Gespenst, sonst 
psehfepolniza genannt. 



108 W. V. Schulenburg: 

Unter Deutschen schwingt der wilde Jäger, unser mächtiger Wode, eine 
Sichel, Sicheln tragen die Weiber der Hulda^), mit Sicheln schneiden die 
Mäher, welche den von Odin in die Höhe geworfenen Wetzstein aufGEmgen 
wollen, auf der Wiese einander die Hälse ab. Mit der Sichel verscheucht 
der griechische Zeus die Gewitterwesen, die Pschespoliza die, welche es 
wagen, in mittäglicher Ruhe den Acker zu betreten, und der Sserpel (bei 
Trebatsch die Sichelfrau) die Erbsennäscher. 

Leute in Sakrow (nördlich vom Spreewalde) nannten das Schoten- 
gespenst Mürawa (= wend. M6rawa). Wenngleich ich diese Bezeichnung 
nur vereinzelt gehört habe, so verdient sie immerhin Beachtung. Morawa 
ist dieselbe Göttin, welche, wie die deutsche Fricka, Berchta, Holda, Harke, 
Fuik, nicht duldet, dass zwischen Weihnachten und Heiligen drei Königen ge- 
sponnen wird. Auch wo sie auftritt, dürfen in den Zwölften keine Erbsen 
(keine Hülsenfrüchte) gegessen werden. 

Im Wasser- und wiesenreichen Burg im Spreewalde ist der Glaube oder 
die Erinnerung an den Sserpel oder die Sscrpelbaba. die Sichelfrau, sehr 
geschwunden und statt ihrer ein anderer serpel oder serp, nämlich der so 
genannte Wachtelkönig (Crex pratensis) eingeruckt. Dieser Vogel, von 
vielen gehört, von wenigen gesehen, dessen Ruf man treffend mit serp, serp 
wiedergiebt und dem W^etzen einer Sichel vergleicht, hat daher seinen Na- 
men. Von ihm sagt man, dass er, der hörbar, aber unsichtbar im Grase 
nasser Wiesen lebt'). Nachts in die Erbsen gehe. Ich für meine Person 
habe ihn unmassgeblicher Weise niemals in den Erbsen gehört. Doch mag 
es vorkommen, wie denn der Wachtelkönig auch in Getreidefelder gehen 
soll. Indessen kommt er sicherlich nicht in Erbsenfelderu vor, welche weit 
von nassen Wiesen entfernt liegen, und doch sagten die Leute auch da, 
dass er in den Erbsen sich hören Hesse. Also auch der beziehungsreiche 
Wachtelkönig „geht in die Erbsen". 

Ob es nun mit den Besuchen des Sserpels eine ähnliche Bewandtniss 
habe, wie mit denen der Aale in den Erbsen^), sei gänzlich dahingestellt 



1) Schwartz, Ursprung, S. 113 und a. 0. 

2) Beim Heumähen mrd ihm öfter Kopf und Ilals wegf^eschnitten, darum der Ruf der 
Mäher: serp, serp, syju pfec, syja prec, Sserp, Sserp, den Hals wegl 

8) Nichtig ^äre der Einwand, dass keine Vorstellungen von Erbsen überliefert werden 
konnten, falls man s. Z. keine hatte. Dann yerglich man mit ähnlichen Kurnern, etwa 
Wicken, Saubohnen und dgl., an deren Stelle in der Auffassung die Eibse trat, sobald sie 
Bedeutung gewann. 

Unter dem mehrschichtigen Ürnenlager in Müschen (Kreis Cottbus) fand ich in zwei zer- 
fallenen Thongefassen erbsenäbn liehe, schwarzverkohlte Körner, welche indessen nach dem 
Urtheile des Herrn Prof. Wittmack, der sie gütigst einer Besichtigung unterzog, sehr wahr- 
scheinlich Sau- (Pferde-, Futter-) Bohnen, Faba vulgaris Munch oder Vicia Faba Linn. sind, 
von geringerer Grösse als die jetzt hier heimischen Arten (auch als Erbsen bestimmt, ver- 
gleiche die Verhandlungen). — Saubohnen waren früher bei der Bevölkerung der Lausitzer 
Niederung ebenso wie anderwärts eine Hauptnahrung (Vergl. Zeitschr. f. Ethn., XII, 1880, 
S, 247, auch in Wend. Sagen, S. 18, llö). Auf alte Hoperga (stara hoperga), das war acht 



Schlanfife uod Aal im deutschen Volksglauben. 109 

So viel aber steht fest, dass der Aal mythisch an Stelle der Schlange 
vorkommt, daher es auch berechtigt erscheint, die durch keine naturwissen- 
schaftlichen Beobachtungen festgestellte Vorliebe der Aale fQr Erbsen auf 
einen mythischen Ursprung zurückfuhren. Denn wenn wirklich mehrmals 
Aale in Erbsenfeldern, Erbsen verzehrend — und das könnte doch nur ihr 
Zweck sein — getrofifen worden wären, was trotz der unzählbaren Menge 
der Beobachter noch niemand hat erweisen können, so wurde eine so ver- 
einzelte Naturbeobachtung schwerlich zu solchem Ansehen im Volksglauben 
gekommen sein; dazu gehört mehr. 



Tage nach Walpurgi, der hohen Zeit der HexeD, ^o sie sich versammelten und ihr Festmahl 
hielten, wurden nach Hantscho-Hano in Schleife früher bei den (Grenz-) Wenden in der Mus- 
kauer Gegend Saubohnen gekocht. Hierl>ei sei an das Erbsenessen der Hexen bei Kuhn und 
8chwartz erinnert. 



Miscelle. 



B. B. Redding: Wie unsere Voreltern in der Steinzeit ihre Werk- 
zeuge machten. The American Naturalist, November 1879, p. 668. 

Gonsolulu, ein kräftiger Greis vom Stamme der "Wintoon oder Cloud-RlTer- 
Indianer, die um den Fuss des Sbasta-Bergcs, im Norden von Californien wohnen, brachte, 
in Hirschfell eingewickelt, ein Stück Obsidian, etwa ein Pfund schwer, ein Stück Hirschhoni 
von einem der Länge nach gespaltenen Zacken, etwa 4 Zoll lang, einen halben Zoll im 
Durchmesser und an den Enden glatt abgescbliiTen, so dass jede Endfläche einen Halbkreis 
bildete, ferner zwei Zacken eines Hirschgeweihes (Cariacus columbianus), deren Spitzen zu 
einer viereckigen scharfspitzigen Feile (a square sharp pointed file) zugeschliflPen waren, die 
eine viel kleiner als die andere. Er hatte auch einige Stücke Eisendraht, die an hölzernen 
Stielen befestigt und in derselben Weise zugescblifTen waren. Diese, sagte er, benutzte er 
mit Vorliebe seit die Weissen in's Land gekommen, weil sie härter sind und nicht so oft 
geschärft zu werden brauchen. Den Obsidian erhielt er angeblich von einer Stelle, etwa 
GO Miles N. vom Berge Shästa, aus einem Gebiete, das früher die Yreka-Indianer be- 
anspruchten, und da die Triuity-Yreka und Modoc-Indianer, sowohl als die Wintoons des 
Steines bedurften, so erlangte man ihn selten ohne Kampf. Das Stück, welches er hatte, 
war hellblau, er schätzte es auf zwanzig Dollars; wäre es weiss, so würde es, wie er meinte, 
40 bis 60 Dollars werth sein. Ich konnte nicht erfahren, dass weisser Obsidian härter oder 
leichter zu bearbeiten sei; der höhere Werth liegt wohl nur in seiner grösseren Seltenheit 

Er legte das Stück Obsidian in die linke hohle Hand, steckte zwischen den ersten und 
zweiten Finger derselben Hand das vorher beschriebene Stück gespaltenen Hirschhorns, so 
dass dessen gerade Kante etwa '/^ Zoll von dem Rande des Obsidians entfernt war, ent- 
sprechend der Dicke des abzusprengenden Scherben; dann wählte er einen kleinen, ab- 
gerundeten, etwa ein Pfund schweren Rollstein und gab damit auf das andere Ende des 
Hirschhorns einen scharfen Schlag. Der erste Versuch misslang, es wurde ein l^cherben ab- 
getrennt, er zerbarst aber in kleine Splitter. Der Mann wiederholte den Versuch, indem er 
das Hirschhorn anscheinend fester und sorgfältiger aufsetzte, der zweite Schlag gelang; ein 
vollkommener Scherben mit schönem muschligen Bruch sprang ab; ich kaufte ihn und liess 
einen anderen absprengen, um eine Pfeilspitze daraus anzufertigen. Es gelang abermals. Die 
Form, welche der Obsidian naturgeniäss annimmt, wenn er in dieser Weise abgesprengt 
wird, ist die einer Lanzenspitze, und er könnte mit geringer Modification als solche verwerthet 
werden. 

Die Dicke des abzusprengenden Scherben wird bedingt durch die Entfernung vom Rande 
des Obsidians, in welcher die gerade Kante des Hirschborns aufgesetzt wird, bevor der Schlag 
erfolgt. 

Der Mann hockte auf dem Boden, auf seinem linken Fuss sitzend, sein rechtes Bein war 
aasgestreckt, eine Stellung wie man sie oft bei Schneidern während der Arbeit wahrnimmt. 
In seine hoble linke Hand legte er ein Stück wohlgcgerbtes Hirschleder, anscheinend vom 
Halse des Thieres herrührend, es war dick aber weich und geschmeidig, darauf legte er den 
Obsidianscherben, den er mit den ersten drei Fingern derselben Hand fest in seiner Lage 
erhielt. Den Ellenbogen stützte er auf das linke Knie, wodurch der linke Arm und die den 
Scherben haltende Hand festen Halt bekamen. Dann nahm er mit der Rechten den grösseren 
der Hirschgeweihzacken, dessen Spitze, wie erwähnt, in Gestalt einer viereckigen Feile zu- 
geschärft war, hielt ihn wie ein Holzschneider seinen Stichel und begann damit den einen 
Rand des rundlichen Scherben in eine gerade Linie zu verwandeln. Indem er den Daumen 
der rechten Hand auf den Rand der linken Handfläche stützte, kam die Spitze des Geweih- 
zackens etwa V^ 2oll, oder weniger, vom Rande des Scherben zu liefen; durch einen starken 
Druck derselben nach unten brach dann jedesmal ein Stück von der gewünschten Grösse mit 
muscbligem Bruch ab. Die Spitze des Zackens wurde dann etwas weiter gerückt und das- 
selbe Verfahren wiederholt bis nach wenigen Minuten der eine Rand des Scherben eine gerade 



Miscelle und Bncbersehan. 111 

Linie bildete. Da dnrch diese Bearbeitung alle Splitter von der untern Seite des Scherben 
abgesprengt wurden, so würde die Pfeilspitze, hätte man sie in diesem Zustande gelassen, 
nicht gleichmässig gestaltet gewesen sein, d. h. die beiden schneidenden Kanten würden sich 
nicht in der Mitte befunden haben. Deshalb rieb er auf der scharfen Kante, die er gemacht 
hatte, mit der Seite des Hirschhomes kräftig hin und her, bis die Schärfe abgestumpft war. 
Dann wurde der Scherben umgedreht und das Absprengen von Neuem begonnen. Nach 
Vollendung dieser Arbeit war von jeder Seite des Scherbenrandes gleich viel abgesprengt und 
die schneidende Kante lag in der Mitte. Jetzt war es klar, dass der auf diese Weise her- 
gestellte gerade Rand eine Seite des langen gleichschenkligen Dreiecks bilden sollte, welches 
die Form der von diesem Stamme verwendeten Pfeilspitze ist. 

Wenn der Obsidianscherben fest in dem Kissen der linken Hand lag, und die Spitze des 
Hirscbhoms kräftig gegen den Rand des Scherbens gepresst wurde, so war die Wirkung die- 
selbe, wie die des Schlages, welche den Scherben von dem grossen Stück absprengte. Während 
der Alte aber der Wirkung des Schlages nicht immer ganz sicher war, schien er mit der 
Spitze des Birschhoms im Stande zu sein genau das gewünschte Stück absprengen zu 
können. Das dicke weiche Hirschleder scheint keinen andern Zweck gehabt zu haben, als 
die Hand gegen Schnittwunden von den unzähligen abgesprengten scharfen Splittern zu 
schützen. Nachdem nun die eine Längsseite der Pfeilspitze vollendet, wurde der Scherben 
umgedreht und die andere Seite auf dieselbe Weise hergestellt. Da aber hier vielmehr Ob- 
sidian fortgebrocben werden musste, so wurde stärkerer Druck angewendet, und grossere 
Stücke abgebrochen, bis der Scherben die gewünschte Form annahm, worauf dieselbe Sorgfalt 
der Behandlung, wie bei Bearbeitung der ersten geraden Seite angewandt wurde. Bei dem 
Absprengen der grossen oder kleinen Scherben blieb die Handhabung dieselbe. Der Druck 
der Hirschhomspitze ge^en die obere Kante des Scherben schien nie ein Stück abzusprengen, 
welches an dem oberen Rande über den Ansatz des Hirschhorns hin aussagte, während auf 
der unteren Seite das ausgebrochene Stück doppelt so gross war. 

Jedesmal nachdem eine Reihe Splitter abgesprengt, wurde die scharfe Kante abgerieben, 
der Scherben umgedreht und das Absprengen auf der andern Seite fortgesetzt. Durch dieses 
Verfahren erlangt man, dass diese schneidenden Kanten in derselben Ebene liegen. Die 
Basis des Pfeils wurde in derselben Weise gebildet. Linien wurden nicht gezogen, aber ge- 
legentlich betrachtete der Alte sein Werk, während es fortschritt, und bearbeitete die eine 
oder die andere Seite, um sie gleichmässig zu erhalten. Die Basis der vollendeten Pfeil- 
spitze wird in eine Kerbe im Ende eines hölzernen Schaftes eingepasst und mit Hirsch- 
sehnen daran festgebunden. Damit die Pfeilspitze am Schafte festsitze und die Sehne das 
Eindringen des Pfeiles nicht hemme, wird ein etwa 7^ Zoll grosser Ausschnitt in beiden 
scharfen Kanten der Pfeilspitze angebracht, etwa Vi Zoll über der Basis. Daher sieht die 
Pfeilspitze aus, als hätte sie Widerhaken; es scheint aber nur auf ein Mittel abgesehen zu 
sein, um die Pfeilspitze fest an dem Schafte zu befestigen, ohne ein Hindemiss für das Ein- 
dringen derselben zu schaffen. Das Ausbrechen dieser Oeffnungen war die letzte Manipula- 
tion, und schien mir schwieriger als alle übrigen, ich fürchtete, dass alle bisher aufgewendete 
Geduld und Mühe dabei aufs Spiel gesetzt wurde. In Wirklichkeit aber war das Verfahren 
das einfachste, sicherste und schnellste von allen. Der Mann hielt die wohlgeformte Pfeilspitze 
zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Hand, die Spitze nach oben, die Basis auf dem 
Lederkissen in der Handfläche ruhend, dann nahm er den kleinen Geweihzacken, der in der- 
selben Weise, wie der grosse zugeschärft, aber in allen seinen Verhältnissen viel kleiner war; 
seine Enden konnten nicht über ^ji^ Zoll-Quadrat gross sein. Er stemmte dieses Ende gegen 
den Rand der Pfeilspitze, wo er die Vertiefung anbringen wollte, und begann in wiegender 
Weise damit hin und her zu sägen, die feinen Splitter sprangen von jeder Seite ab, die 
Spitze des Hirschhorns drang tiefer und in weniger als einer Minute war der Ausschnitt 
fertig; dann drehte er die Spitze um und wiederholte dieses Verfahren an der anderen Seite. 
Es schien, als hätte er auf diese Weise in wenigen Minuten die Pfeilspitze mitten durch- 
schneiden können. Nun besah er seine Arbeit im hellen Sonnenlicht, und übergab mir, da 
er damit zufrieden war, die Pfeilspitze. Er hatte vierzig Minuten gebraucht um die beiden 
grossen Scherben von dem Obsidianstück abzusprengen und einen derselben zu einer Pfeil- 
spitze zu formen. Als es an das Feilschen ging, fand ich, dass sie 75 Cents (3,20 JC) kosten 
sollten, zahlbar in Muscheln (Deutalium eutalis), welche er höher schätzte, als ihren Geld« 



112 Miscelle und Bücherscban. 

wertb. Der Wertb des Scherben und der Pfeilspitze gründete sich nicbt aaf die verwendete 
Zeit nnd Mnbe, sondern auf den Wertb des Obsidians, da sieb der Mann erbot, mir för einen 
DoUarwertb in Muscbeln, zebn aus Bierliascbenboden gemacbte Pfeilspitzen von g;leicber 
Form und Grosse zu überlassen. Die Celte, Messer, Schaber, Meissel der Steinzeit sind alle 
viel leichter herzustellen, als dergleichen Pfeilspitzen. Ich bezweifle, dass bei ihrer Anferti- 
gung Steinhämmer benutzt wurden, ausser um Scherben von einem grossen Stück Feuerstein 
oder Obsidian abzuspreugeo, und in solchem Falle wurde der Schlag wohl durch ein Stück 
Hirschhorn oder hartes Holz, in der Art, wie ich es beschrieben habe, übertragen. Ein un- 
mittelbar mit dem Steinhammer auf den Feuerstein geführter Schlag würde selbst in geübter 
Hand sehr nnsicher in seiner Wirkung sein. . . . Wahrscheinlich könnten grosse Splitter ans 
der Kante eines Scherben ausgebrochen werden vermittelst einer Einkerbung am 'Ende eines 
Geweihzackeus, so wie jetzt die Eingebornen von Alaska den Walrosszabn verwenden, und 
wie ich Fensterglas mit einem Schlüssel habe ausbrechen sehen; eine Pfeilspitze aber ist zn 
klein iind zu fein für derartige Manipulationen. 

Ich kann nicht umhin zu glauben, dass unsere Voreltern iu der Steinzeit in derselben 
Weise wie Consolulu verfuhren. F. Jagor. 



Bücherschau* 



Beal, Abstract of four Lectares on Buddhist Literature in China. London 1882. 

Die werthvollen Beiträge, welche der Verfasser seinen," zu den fundamentalen im Buddhis- 
mus gehörigen, Arbeiten femer zufügt, vermehren sich durch 5 Tafeln, ,copied from those 
found in Jin-chau's History of Buddhism (Fa-kiai-lih-tu),* Mount Sumeru, the four kings, 
the Sakwala, the four Dvipas, the thirty-tbree gods. A. B. 



Horn's Geschichte der Literatur des Skandinavischen Nordends von den Ute- 
sten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig 1880. 

Für berechtigte Anspräche auf Interesse des deutschen Lesers, führt der Verfasser unter 
den ersten Gründen an, ,weil die nordische Literatur im Ganzen genommen ein Ausdruck 
des Geisteslehens einer mit der deutschen nahe verwandten Volksindividualität ist,* und fühlt 
sich in der That diese Verwandtschaft mehr und mehr, je mehr in der Anthropologie und 
Pr&historie gerade gemeinsame Studien zusammenführen. A. B. 



Cowan, The Bora Land, a description of the Country and People. Antfr* 
nanarivo 1881. 

Dem Besuche dieses Districts (lying to the south and west of southern Betscheo) ist eine 
Karte beigegeben: South Central Madagascar, Sketch map of the Bora (nach den Aufnahmen 
der Reise). A. B. 



VII. 
Der Zauber des „rückwärts" Bingens und Spielens*). 

Von 
Direktor W. Sohwartz in Berlin. 



In der anthropologischen Gesellschaft ist öfter von der Zauberformel: 
sator, arepo, tenet, opera, rotas die Rede gewesen und die Wörter 
haben allerhand eigentumliche Deutungen dann hervorgerufen, wie auch sonst 
schon, indem eine individuelle Lösung gesucht und die Sache nicht auf eine 
breitere Basis dazu gestellt wurde. Die Formel steht nämlich nicht isolirt 
da, wie einfach ein Einblick in Wuttke^ Der deutsche Yolksabcrglaube, 
Berlin 1869, zeigen kann, der unter vielen ähnlichen, aus dem Mittelalter 
stammenden Formeln auch diese anführt, indem er bei den vielen Spielereien 
in dieser Hinsicht mit Worten und Buchstaben auch das sator, arepo, tonet, 
opera, rotas als oft vorkommend erwähnt und hinzusetzt: „diese fünf W^örter 
zu je fünf Buchstaben, finden sich sehr oft vor zu vielerlei Zauberzweck, 
oft genau unter einander geschrieben, so dass man die 25 Buchstaben nach 
jeder Richtung lesen kann. Sie werden auch dem Vieh gegen Behexung 
eingegeben und auch Pferde müssen Zauberzettel fressen. Es wäre vergeb- 
liche Muhe, wenn man aus allen diesen Buchstaben und Wörtern einen Sinn 
heraus deuten wollte u. s. w." — „Die grosse Verschiedenheit der Buch- 
staben- und Zeichenformeln för dieselbe Sache," fahrt er fort, „zeigt übrigens, 
dass (im Einzelnen) keine bestimmte Ueberlieferung vorliegt, sondern die 
erfinderische Willkür waltet.** So Wuttke im Anschlus an J.Grimm, 
indem er zum Schluss noch darauf hinweist, „dass die speciell in auf- 
geschriebenen Worten bestehenden Zaubermittel sich im Allgemeinen mehr 
an das orientalische, durch die Araber weiter gebildete und nach Europa 
gebrachte Zauberwesen anlehnen, womit nicht ausgeschlossen, dass nicht 
auch hebräische und lateinische Wörter und Buchstaben in Anwendung 
kämen, ja zuletzt auch der Name Christi und der Apostel und dergleichen 
hineinspiele.^ 

Das Charakteristische dieser Art von Zauberei war nämlich, dass sie 



1) Mit einem Nacbtraff Tom TodtenfäbrmaDn and der Schatten weit. 

ZcitM-hrirt für Ethnologie. Jahrg. 188S. 



114 ^^^^^^^^ W. Schwartz: 

zunächst aus mehr oder minder gelehrten, wenigstens schriftkuDdigen 

Kreiden dem allgeraeiDeti^ in Europa, herrschendeo Volksglauben eutgegetikara, 
und hieriu liegt auch der Grund, dass sich zum Theil doch auch in dieseE 
Abstrositäten eine ge wiese Methode zeigt. So beraht z, B. die o^| 
erwähnte, aus der Kenntniss des Lateinischen gebildete FormeP) auf dem 
alt h e idn i scheu, weit verbreiteten Glauben, dass ein Zauber durch 
Umkehr uüg gewandelt, ja äogar aufgehoben und man dies letztere be- 
sondere erreichen könne, wenn man Zauberiieder „rückwärts" spräche 
oder spiele, was dunn auf dem Gebiet der Worte and Buchstaben 
zu solcbeo Konstruktionen und Erfindungen wie die obige führte. Denn 
der Kernpunkt des Spruches ist ja, dass in diesem Sinne die Worte zu- 
sammengestellt sind-, dumn sator, arepo, tenet rückwärts geleaeo beisst 
tenet, opera, rotas; tenet ist gleichsam die Axe, um die sich das Ganze 
dreht; einen Sinn hat es weiter nicht! 

Diese Eigenthümlichkeit beim Zatiber, namentlich beim Gegenzauber, 
hebt auch Wuttke S. 171 hervor, indem er sagt: Eine verwandte Bedeutung 
hat es, wenn beim Zauber vieles umgekehrt gemacht werden muss; maD 
geht rückwärts, spricht bestimmte Formeln und Gebete rückw^ärts und 
dergh mehr." Das ist uralt und tritt in Sage und Gebrauch in der mannich- 
fachöten Weise hervor, namentlich im Sinne des Aufhebens, des Ruck- 
gängigmachen s, wie schon angedeutet, von jeglicher Art Zauber, Bu- 
schwöruugen u. dergl., was auch schon Voss zu Georg, IV. 485 ff, für das 
klassische Alterthum ausspricht. Wie z. B. in deutschen Sagen der Jäog- 
ling, welcher die Prinzessin erlosen will, sich nicht nach all' dem bei dem 
Erlösungswerk um ihn auftauchenden Spuk umsehen, sich nicht um- 
kehren darf, sonst verschwindet der Zauber, und die Prinzessin ver- 
sinkt in die Tiefe unter dem dröhnenden Nachruf ^Ewig verloren", wird 
auch Jason aufgefordert, als er die Hölle mit der Hekate am Himmel herauf- 
beschworen, ruhig fortzugehen und sich nicht nach all dem Spuk um- 
zukehren, sonst störe er das Zauberwerk, und als Orpheus bei dem- 
selben Verbot eich doch nach der durch sein Spiel aus der Unterwelt 
heraufgezauherten Eurydike, welche die Sage zu seiu er Gattin macht, 
umkehrt, so versinkt die aus der Tiefe heraufsteigende Gestall 
wieder, wie die Prinzessin uud ist ihm ewig verloren (Voss a.a.O. 
dann Heut. Volksgl. 1862 p. 109 £ Berl. Zeitschr. f. Gymnasial wesen 1866. 
p, 786 fl. Poet. Nsturan, II 154 f,, wo die Scenerie der betr. Sagen am 
Gewitterhimmel^ das Versinken des betr. weiblichen Wesens, ursprüng- 
lich der Sonne, im niederfahr enden Blitz u. s. w. nachgewiesen). 

Was in diesen Sagen, trotz der eigenth um lieben Gestaltung, die sie in 
ihrer individuellen Entwickeinng zeigen, immer noch hindurchreflektirt, triti 
uns bei lateinischen Dichtern in Bezug auf die Anwendung von Zauber* 

1) Wie w«it sie auch später gewaadert und welche Umwandlungen sie auch im Kinwlaw 
erfabr^ri hat. darüber u. Zeitschr. f. Eibnol. 1881 8.85 und 1880 ».556. 




Der Zauber des ,rdckwärt8*' Sinfirena uo<i Spielens. 



form ein als gelorderter Gebraucli behufs Aufhebung des Zaubers 
(inf^lvoifjg f{iVüftoL\ Hom bymn. m Cererem v. 230j uocb direkt entgegen. 
So läsest 2. B. Ovid den Maüareus, des Odyseeus Gefäbrteu, seine und 
seiner Genossen Entzauberung Metam. XIV, 297 ff, folgendermussen er- 
zählen. Als Odyeseus von der Circe die Aufbebung des über seine Ge- 
^» fährten verhängleu Zaubers fordert, heisst es: 
^B »pargiuiur inuocuae succia raelioribus herbac^ 

^B percutimurque capul conversae verbere virgae: 

^^^K verbaque dicuntur dictis contraria yerbis. 

^^^B quo magis illa canit^ magis hoc tellure levati 

^^^B erigimur: setaeque cadunt clc. 

^H Neben dem heilenden Salt treten charakteristisch die umgewandte 
' Zanberruthe') und die verba dictis contraria^ um den früheren Zauber 
aufzuheben, und dass mit letzterem nicht etwa bloss ein Gcgenzauberlied, 
sondern faktisch das alte rückwärts gesungen (wie oben beim sator 
arepo n. s, w ) gemeint ist, zeigt ausser anderen Analogien, auf die wir gleich 
noch kommen werden, schon einfach eine Stelle beim Valerius Flaccue 
1. 779 ff,, wo es von Aeson in Betrefl' einer wieder am Himmel herauf- 
beschworenen Hölle heisst: 

Ihunc (seil, taurum) sibi praecipnum gentis de uiore nefandae 
Thessalis in serös Ditis servaverat usus. 
TergemiiTam tum placat heram Slygiasque supremo 
obsecrat igne domos jam jam exorabile retro 
Carmen agens; neque enim ante leves niger avehit umbras 
portitor et vinctae pigris stant fancibus Orci, 
Nicht eher verschwindet die am Himmel heraufgekommene Unterwelt 
it ihrem Todtenkahu, den man namentlich in der dunklen dahiD 
gleitenden Gewitterwolke zu erblicken wähnte^}, nicht eher sinken 
die dunklen Schatten wieder in die Tiefe hinab, ale bis das Zauberlied, 
^^ welches sie heran beschworen, rückwärts gesungen. 

^B Dieselbe Vorstellung zeigt die deuti^iche Sage beim zauberhaften Citiren 
und Vertreiben der Gespenster überhaupt. In Ladebiirg in der Mark hörte 
ich eine dahin schlagende Sage* Die alten Zaubergescbicbten , heisst es, 
stehen alle im VI, und VU. Buch Mose; das hat eiunuil Einer gehabt und 
hat es liegen lassen. Ein Knecht kommt darüber und, wie er anfangt au 



f 1) Eine Doppelwirkuiig der Zaubermthe tritt amh sonst beim caduceuB hervor. Wen 
Hermes mit dem dicken Ende desselben berührte, tier starbt wen mit dem dÜDnen, der 
lebte. Urspr, d. Myth. S. 12ö; ebenso heisst es allgemeia bei Vergil voü ^eiüer Knihe immer 
in doppelter BeziehuDg , IV, 242 ff,: 

tum Tir^am <!apit^ iiac animas itle evocat Ot(^o 
pallentis, alias snh Tartara Iristia mittit, 
dat aomnos adimitque et Inmina morte resij^nat. 
2) Eine maanjchfach entwickelte Vi)r.stellüai( der Indogermaiieii. Ürspr, d. Myth, 273. 
Fast, Nalnran. IL s. aiiib den Anhang zu diej^om Aufsatz, 

8* 




116 



W, Schwurtz: 



lesen, füllt sich das gaoze Gehöft mit Ratten und, wie er immer weiter 
liest, mitRaben^ die kamen von allen Seiten geflogen, dann kamen lauter 
schwarze Männer, Zum Gluck sieht es der Gutsherr, der kannte die 
Geschichte und dränge sich durch und risa dem Knecht das Buch fort. 
Dann fing er an, rückwärts zu lesen, uad wie Alles gekommen war, ver- 
schwand Allee allmählich wieder V). Eine ähnliche Sage, nur mit etwa» 
modificirter Sceneric, berichtet Roch holz aus d*fm Aargau*) und bemerkl 
dazu; „die Geschichte von dem rückwärts gelesenen Zauberbuche wird 
auch dem Heinr. CorneL Agrippa uacherzäblt in Philonis Magiologie 
(1675)8.246.'* Dazu stellt sich ferner, wenn Liebreich, Gervasius von 
Tilbury. Hannover 1856. S, 117, wo er von dem sössen, zauberhaften 
Gesang und Spiel der Elfen und dem dänischen Strömskarlslag, der 
selbst leblose Dinge tanzen machte, redet, folgendermassen fortfahrt: 
„dem Zurückspielen dos Musikstückes wird nach dänischem Glauben die 
Kraft beigemessen, die zauberische Wirkung zu brechen, ebenso dem 
Rück wärt 8811 gen des Paternosters nach schottischem Glauben, s. W. Scott 
zur Batlade Young Benjie in der Minstrelsy." 

Sind es gleich nur wenige Bruchstücke eines alten Glaubens, welche 
nns der Zufall bat übrig gelassen, so genügen sie doch, die Entwicklung 
desselben erkennen zu lasseo. Ergiebt sich das liückwärtsschreibeD 
in den Formeln wie sator arepo u. s. w., das angebliche Rückwärtslesen 
schon von vornherein mit der Verwendung der Schrift als eine spätere 
mehr mechanische Anwendung eines alten Glaubens, so gilt auch dasselbe 
zum Theil, einfach vom Standpunkt praktischer Ausführung aus, schon von 
dem sogenannten Rück wärtssprechen, während zu dem ursprunglichen 
Charakter aller Zauberformeln, wo es weniger auf einen bestimmten Inhalt 
als auf ein gewisses gefaeimnissvolles Wispern und Murmeln (Summen I 
and Singen) ankommt, ebenso wie bei dem Strömekiirislag, dem zauberhaften 
Gesang und Spiel, sich die Vorstellung eines gleichsam ansteigenden 
und dann vice versa sich senkenden Affekts als etwas natürlicheres sich 
ergiebt, und in dieser Form auch der Ursprung der doppelten Wirkung des 
Heraufbeschwören s des Zaubers und die Kunst, ihn wieder ver- 
schwinden zu lassen, zu suchen sein dürfte. 

Das Summen und Wispern des Zauberliedes hat ausser Grimm 
auch schoD Wuttke a. a, 0. hervorgehoben und bei griechischen wie 
romischen Dichtern tritt es gleichfalls auf das cbarakteriatischste hervor. 
So heisst es z. B. Orpheus Argon, V* 1001, als der Schlaf beschworen 
wird, den Drachen einzuschläfern: 

xlayia ö'a^ ik x^Xvnq ßa(ivav%iva (p(i}v^v 

aiyaliog aff^iyzcyv BfioJg vno xBikBat niftnmv*^ desgl. 



1) Ifärkbche Forschutigeii. Berlin 1863. VII T. 184. t wo ich mich auch über das Hinein- 
xjeh«a dei angebt. Vi; und VIJ. ßuch» Muses f^äuAftert habe. 

2) Schweizeraagen. 185G. iL 147. 




Der Zauber des pr5ckw5rU' Sinjfens utirl Spielen». 



in 



Metam. VIL 251 von der Medea: 

quos ubi placavit (Medea) precibiisque etraurmure longo. Ebenso: 
WL Valeriua Flaccua Argon, VII. 463 ff. 
^^^H carmina nunc totos volvil Bgitque per artus 

^^^H AesoDidae ot totum nepteuo murmure fertur 

^^^H per clipeiim atqiie viro f^raTiorem reddidit ImBtam, ' 

^^^^ Ea ist immer mehr ein gesummtes oder gemurmeltes oder still gesungeues 
"Ijied, wie ea auch meist immer als Carmen bezeicbnet wird und von einem 
Singen die Rede ist, z, B, bei Silius Italicus VIIL 473 f. kurzweg von 
Jen Miiröern hei st: 

hae belbre acies norant, at Marsica pnbea 
et bellare manu, et cbelydria cantare soporem, 
vipereumque herbis hebetare et c arm ine dentem, 
5JDe hierher gehörende Stelle erinnert aoch noch apeciell an die oben 
erwähnten Sagen vom Heraufzaubern der Gespenster und dem sie wieder 
TTertrei ben, wenn es beim Papinius Statins IV. 550^ wo Teireaias mit der 
Manto die Geister der Unterwelt heraufbeschwort, heisst; 
^L jusaa facit carmenque serit, quo dissipat umbras, 

^m quo regat et sparsas, 

^M Die exstatische Steigerung des Gemurmele aber bis zum Geheul 

^Blritt in anderen Stellen hervor und bringt uns damit die Vorstellung dea 

Auf- und Absteigeos reap. Rückwartssin gena oder Spielena noch 

speciell naher. So heisst ea bei Ovid Metam. VII, 1874 von der Medea, 

als sie zu ihrem Zauberwerk die Geister der Nacht beschwört: 

eilet humidus a6r« 
sidera sola micant: ad qune aua brachia tendens 
ter se convertit: ter sumtis flumine crinem 
irroravit aquia; ternis ululatibua ora 
solvit; ... Di omnee noctis adeste: 
quarum ope, cum volui, ripis niirantibna, amnea 
in fontcs redierc suos: concussaque sifito, 
stautia conoutio cantu freta; nubila pello; 
nubüaque inducoi ventoa abigoque, vocoque etc 
Wetter ausführt ea faican. Phars., wenn es von der Erichtho VI. 655 
bei einer Beachwörung der Geister der Nacht heisst: 
tunc vox Lethaeos conctts pollentior herbis 
excantare deos, confundit murmura primnm 
d i 8 s n a , et li u m a n a e m u 1 1 u m d i s c o r d i a 1 1 n g u a e. 
la trat US habet illa canum gemituaque luporum. 
quod trepidus bubo^ quod atrix nocturna queruntur, 
quod strident ululantque ferae, quod sibilat anguia 
exprimit et planctus illisae cautibua undae 
silvarumque sonum fractaeque tonitrua nubis; 



118 W. Schwarte; 

tot rerum vox uua fuit» mox ct^tera canta 
explicat HaetQonio, peüetratque in Tar 

Diesena dämonischen Zauherlied treten nachher wieder carraTB?r 
magica gegenüber ^ durüh die, entsprechend der Scenerie, das dissipat 
um b ras das Statius ausgeführt werden soll, denn in diesem Falle lässt 
Lucan nur einen Todten wieder von der Schwelle der Unterwelt zurück- 
gerufen und belebt werden^ sonst kommt, wie schon angedeutet, in finstrer 
Wolken nacht die ganxc Hölle mit ihren Scbreckbitdern herauf. 

Ueberschauen wir das beigebrachte Material und erwägen folgende 
Momente, dass nach den im Urspr. der Myth. und tu den Poet Naturao, 
gegebenen Ausführungen 

1) bei Griechen, Römern und Dentachen — den Hauptreprasentanteo 
der Indogermaneu für uns — die Vorstellung zauberhafter Wandlonge^f 
in plastischen Bildern und daran sich schliessenden Gebrauchen (\velche 
dann die Tradition, unbekümmert om ihre Ausfuhr burkeit, festhielt) besonders 
an die plötzlichen wunderbaren Veränderungen des Gewitter- 
himmels sich anlehnte und an ihnen entwickelte, und demgem&sa vor allem 

2) Regenzauber, Ge^vitter machen, sowie, — indem man die aa 
Himmel heraulkömmende Gewi ttcroacht als eine heraufsteigende Untcr^ 
weh, eine Art Hölle fasste, welche losgelassen sei, — allerhand Vorölellungen 
von Todtenbeachwörungen und dergL in den verschiedensten Formen 
an jene himmlischen Erscheinungen sich anschlössen, in denen der Donner 
dann angeblich als die himmlische (weissagende) Stimme eine Roll 
spielte und dem Ganzen elwae Prophetisches gab^); erwägen 
ferner, dasa 

3) der Wind und der Blitz die hauptsächlichsten „Media" für die' 
Herbeiführung jener im Gewitter sich abspielenden Zauberscenen 
abzugeben schienen*), letzterer als die Zauberrnthe, ersterer als das 
geheimnissvolle Zauberlied, das Zauberspiel, welches summend, 
wispernd, murmelnd anhebend, sich in immer volleren Äccorden 
steigerte, und wie das oben erwähnte Lied, zuletzt alle Tonarten des 
Sturmes annahm^), bis es die Zauberwelt, d. h. die Geisterweit der 
Schatten beschwor; so werden wir auch hierin allein den Urs prang des 
Accidens finden, dass wie der Zauberstab die Geister heranffübrte 

1) z, B. der Glaobe auch solche Figuren schuf wie di© des Tiresias, den Prophctao der 
Unterwelt, die Sibylle oder auch historische Personen an ihre Stelle treten und aus der 
Unterwelt excitirt werden Hess, wie Samnel bei der Hexe von £iidor, Danos in den PerseiSH 
bei AeBcbylos, Lajus in der Thebaia bei Statins und dergl mehr. ^| 

2) Urspr. d. MythoL die unter ^Zauber&tab'' und * Verwandlungen' im Indax angeführten 
Stellen; über den .Wind". Poet Naturao. II 61. 

3) Daa oben cliirte Zaubcrlied des Lucan ht in seiiiem ganzen Tenor noch deutlich ein 
Sturmlied, iodem rias anlänfrlkhe Marmeln sich zum Klagen, Henleo^ Zischen n. s, w. bis 
Kum donnerähnlichon Braosen steigert j Momente, welch© überall in der mythischen AuffassuD^ 
des Sturmes reüektirea. s, Poet. Naturan. [I unter Wind, TergL die Stimmen des Tjpboeufi* 
ürspr. d. Mytliol. 32. 







Der Zauber <ie» „räclcwarts" Sini^ens nnd Spfelens. 719 

und scheuchte und so im Einzeloeu dann überbiiupt doppelte Bedeutang 
erhifjlt, so auch das Zauherlic»d und Spiel einmal die Geister herauf- 
beschwor, dann aber umgekehrt, d.h. faktiach in entgegen ge setzte r 
Wetae, d, h. rückwärts gesungen oder gespielt^ die Zauberwelt wieder 
verschwinden liesöO. Der Wind, zu immer Tolleren Tönen anschwellend, 
fuhrt das Unw^etter herauf; sein allmähliches Sinken von dem Höhepunkt 
mit dem gleichzeitigen allmählichen Verschwinden der beraufbe- 
scbworenen Gewitternacht ist das auch augeblich jenes bewirkende 
rückwärts Spielen. Was sonst realiter keinen Sinn hat und kaum eine 
Ausführung zuiässt, ergicbt sich so ganz natürlich innerhalb der analogen 
Au sc bau ungs kreise als eine der [irimitivsteu, aul gläubiger Naturanschauuug 
beruhenden mythischen Vorstellungen und hat dann im Laufe der Zeiten 
lin den verschiedensten, den Culturverhältnissen sich anscbliessenden Formen 
weitere mehr formale Ausbildung erhalten. 



Ein Nachtrag vom Todtenfährmann und der Schattenweli (^ S. 115/^) 

Die ruinischen Epiker sind, wie wir schon z. T. gesehen, !>e9onder9 
reich an Bildern, welche sich auf eine im Gewitter heraufkommende Unter- 
welt und ihre ev. Beschwörung bezichen. Ich habe in einer Abhandlung „über 
die angebh Schmarotzerpllanzen am himmlischen Liciitbaum'*, welche sich 
dem Artikel über den bimmlischen Lichthaum in dieser Zeitschrift (v. J. 1881) 
anschÜesst und demnächst mit jenem vereint, als „Beitrage zur indogerma- 
Dischen Mythologie 1, Heff* veröffentlicht werden wird, eingehender darüber 
zu handeln Veranlassung geliabt. Denn abgesehen von dem Blitz als 
Zaubcrruthe und dem Winde als Zaubergesang spielen auch gewisse 
Blumen und Rankengewächse in den betr. mythischen Bildern als 
Repräsentanten entsprechender, dem Gewitter vorangehender Wolken- 
bildungen, mit den ,, Blitzen** eben als „Ranken" zu jenen angeblichen 
„Wolken hl umen" gefasst, dabei eine bedeutsame Rolle, indem sie entweder 
auch die Unterwelt heraufbeschwören oder den Eingang zu ihr, wie 
z, B. die Mistel beim Vergil in der Aeneas-Sage, zu öffnen schienen. 

Hier will ich nor noch auf ein in den oben erwähnten Stellen hervor- 
tretendes Moment hinweisen, welches für die Alterthümlichkeit und Volk.s- 
thumlichkeit der aus den erwähnten Dichtern beigebrachten Stellen ein 
charakteristisches Zeugniss ablegt und den ganzen mythischen Hintergrund 
weitet, nebenbei aber auch noch apeciell fiir die Elemente einer gräco- 
italischen Mythologie und ihre Beziehungen bedeutsam wird. Es hieas 
oben beim Valerius Flaccus: 

neque enim ante — ehe nicht das Zauberlied rückwärts gesungen — 

leves niger avehit umbras 

portitor et vinctae pigria stant faucibus Orci* 



b 



1) Es ist derselbe Gegensaht, den man im Jahre 1848 in Betreff der revolutionären Volb- 
timmimg mit ,Äuf-'' und .Abwiegeln" bezeichnete, 




tiwaftt: 



Dass die liier licrvortreteude Erwähnting des niger portilor als 
Fährmfinn der Schatten am Himmel nicht bW ein herangezogener, 
bildlicher Ausdruck, sondern die Sache auf vr>lksthumlicher VorstclItiDg 
beruht^ testÄtigt neben anderem eine Stelle in Statlus Thehais XL 587 tt, 
wo e« von ebendemselben heisst, dass er zu Zeiten sein gewöhnliches Amt 
in der Ünterwt^lt verlässt und am Himmel erscheint: 

qualia si (|>uppe relicta) 
exosus pigri manee sulcator Averni 
exeat ad superos solemque et pallida tnrbet 
astra, nee ipae diu forti^ patiensque superni 
aeris^ (interea longum cessante magistro 
creacat opus Lotisque expectent saecula ripis)'). 
Wie die betr. Dichter ganz gewöhnlich von einem tnrbo piceus, pro- 
cella nigrans, einem aterNotus, einem Boreas mit schwarzen FlögelD 
oder in mehr mythischer Gestaltung von einem Jupiter niger oder dem 
Pluto als moestus rcx ooctiö reden, der dann als Beherrscher und 
Föhrer der Todieti annlog dem Hermes im Unwetter gleichfalls mit 
einem Goldstab, dem Blitz, auftritt^), so eröffnet jener niger portitor, 
der den Himmel verdunkelt, nur ein modificirtea Bild der letzteren Scenerie, 
indem die um Himmel wie ein Eahn dahingleitende schwere Gewitter- 
wolke unter dem Reflex der dahinziehenden Geistorwelt die Vorstellung 
einer Ueberfahrt der Seelen^ eines Geisterkahnes, eines Fährmanns, 
dem dann in den fallenden leuchtenden Blitzen sein Zoll gezahlt 
werde, weckte^). Hat sich in jenen oben erwähnten sagenhaften Zügen 
römischer Dichter noch das Protolyp des mehr ubgeblassten homerischen 
Charon erhalten nnd ergiebt sich nach Allem so die betr. Vorstellung als 
ein alter gemeinsamer gräco-italischer Glaube, so hat derselbe auch noch eine 
weitere Basis im celtischen Westen, wie Grimm nach Procop, Tzetzes und 
späteren Sagen auf das manuichfachste auch den Glauben von der Ueberfahrt 
der Seelen nach einer fernen Insel, von dem Todtenkahu oder dem 



I 



1) Die eingeklammerlen Stellen beziefaeii &kh auf die frewöbnlicbe h«»kalisirun^ 
der Hölle in der Tiefe, oebm d«r tu Zeiten d&im der niger portitor am /Himmel'' erscheint 
ursprünglich fiind mao ihn uberbaupt nur um Himmel zugleich mit dem piger Averntis, 
Aeheron, Styx, Pyriphlegethon u* s. w. in den betr. Gewitterericheinungen und davon ist 
iein seitwei&es Auftreten noch eine ReminiäceriK od^r Reproduktion der betr. ÄDächauuag, 
cf. ApolJ. Bhod. 4. 1694 sqq, 

Lucrez. VI. 251. QuckI bunc per totum concrescunt aere nubes 
Ündique, utt teoebras omnes Acberunta reamur 
Liqui»fie ei magoas ce«li complesse caTernas. 

2) Urspr. d, Myth. p. 126 
3} Urspr d, Mylb, p. 27B \\. 248 vergl. Wein hold'!* Bemerkungen daiu in deo Grab- 

Älterthümem aus Klein Glein in UoterslftieTinark. örati 1861 p. 10. desgl Kuhn and 
Öchw&rtx, Nordd.Sag^n 1849. S.291 und S. 126 ö und Beutiger VolksgK 1862. p.SBf. 43 f. 




Der Zauber des ^röckwärfs* Slngctt» nnd Spielens. 



121 



der Luft, dessen Räder knarren und dergl. mehr 



Todtenwagen m 
nacbgewieseo liat*). 

Wie ahnr der im Gewitter daliin fiilirende T od ten wagen, dessen 
Kader mnn au& der Höhe hurt, an di^n myihm^hen Donn erwägen er- 
innert, den man ganz gewöhnlich im rollenden Donner vernahm, so 
erscheint Pluto wie Charon daneben dann auch im Unwetter, jener zu 
Wagen, dieser in der niederen Mytliulogie der tokaUuge auf dem Donner- 
rose, dessen hallenden Hnfschlag man im Donner zu vernehmen 
glaubte, während in der nationalen Mythologie letzterer nur eben als Fähr- 
mann nnd jener als Todtenkönig galL Ursprünglich sind die Bilder in 
ihrem natürlichen Hintergrund, abgegeben von der Färbung, die ihnen 
die betr. Sage im Uebrigen verleiht, parallel, wenn es vom Erscheinen des 
Pluto beim Raube der Proserpina, der Sonnen Jungfrau z, B. beim Claudian 
heisst: 

ecce pol um nox foeda rapit, tremefactaque nutat 
insula cornipedum strcpitu pulsuque rotarum. 
»osse nee nurigan^ licuit: geu mortifer aestus, 
seu mors ipsa fuit lotor permanat in herbas. 
deficinnt rivi, squnhint rubigine prata, 
et nihil afflatum vivit, pal lere ligustra, 
expirare roaas, decrescere lilia vidi, 
ut rauco „reducea'* tractti detorsit habeuaa^), 
nox suH prosequitur eurrum; lux redditur orbi, 
Persephone nusquam. — 
unil daneben noch heut zu Tsige neugriechischer Volksglaube den Charon 
im Unw^etter mit den Todten hinziehen lässt, indem ein neugriechisches 
Volkslied von ihm sagt (cf. Urspr. der Myth. p. 126): 

Warum sind schwarz die Berge dort und stehen da so duster? 
Ob wohl der Sturm mit ihnen kämpft? ob sie der Regen peitscltet? 
Nicht kämpft der Sturm mit ihnen jetzt, nicht peitschet sieder Regen, 
Nein, Charos ist's, der über sie mit den Verstorbnen ziehet 
Alle diese verschiedenen Bilder kehren auch in deutscher Mythologie 
wieder und knüpfen sieb hier meist an Wodan; er zieht mit dem Geiaterheer 
im Gewitter^); weder der Donnerwagen, noch das Donnerross fehlen; 
diinn steuert er auch auf goldenem Kahn — golden, weil er im Gewitter 
leuchtet — die Erschlagenen von Brävalla nach Valhall. Ursprung der 
Mythologie 273. 

Dass aber nicht blos die europäischen Indogermanen unter den manoich- 
fachst nüancirlen Bildern die Vorstellung eines im Gewitter auftretenden 
Todtenreichs gehabt, ergiebt der indische Jama, der auf der einen Seite 
himmHscheo Ursprungs als Sonnensohn, andererseits als Todtengott 



1) Grirom, Myih. 790 f. und das Ende dieses Anfsatfes« 2) Die ,rednces" babenae 
eatsprecheo dem , rückwärts'" Spielea, sowie ^UmkuhreQ* des Zauberstabes. B) Ileatig^r 
\oiksgl 186S. 



122 ^* Schwarte: Der Z:iuW des , rückwärts* 8?R??iifl and Spielern, 

mit dem Seepter auf einem Büffel (dem brüllenden Donner stier) ein- 
herreitend mit seiner ganzen dämonischen Umgebung in ecbt indischer Weise 
dann die ganze Gewitt erhölle repräsentirt, s. namentlich die Schilderung 
eines Kampfes der Diener Jamas mit denen Wischnu's in der Altindischen 
Myth, V. Wollheim da Fonseca, Berlin 1857* p. 106 f. Die Blitze er- 
scheinen als Seile seiner Diener oder als Schlangen, cf, Angelo deGu- 
bernatis, Die Thiere u. s» w. Leipzig 1874. 8. G47. 

Ja noch weitere Kreise zieht die Vorstellung, und eigenthümlicher Weise 
finden wir auf den Sudseeinseln nicht blos den Glauben an in der Nacht 
dahin ziehende Seelen, wie bei Homer, sondeni auch die oben geschilderte 
Vorstellung der Todtenkahne in der primitivsten Form im Anschluss speciell 
an den GewitterhimmeK ^Auf Neuseeland hört man zur Nacht, be- 
sonders nach grossen Schlachten, den Flug der Geister durch die Luft. 
Unaufhaltsam ziehen sie ihren Weg wie Schatten, welche man vergebens 
zu greifen trachtet*" Besonders aber heisst es, „wenn es stürmt, blitsst 
und regnet, bereiten die Götter ihre Kähne zur Todten fahrt. Schirren, 
Die Wandersagen der Neuseeländer. Riga 1856. S. 93 und 110^). 

Die Anfange derartiger Vorstellungen treten überall mehr oder weniger 
hervor^). Sie sind eben menschlich uatürlich und reflektiren im Glauben 
wie in der Sprache, aber bei begabteren Völkern und unter einem fort- 
schreitend sich entwickelnden Kulturleben haben sie selbst reicher sich 
entfaltet und, indem sie Poesie, Religion und die Kunst in ihren Ent- 
wicklungsphasen begleitet, in diesen Kreisen allmählich immer ideellere 
Elemente menschlichen Denkens und Empfindens in sich aufgenommen und 
damit Scenerie und Form oft in solcher Weise gewandelt, dass der elementare 
U^^!prung fast ganz verdeckt worden ist und nur stellenweise noch in einzelnen 
Momenten hindurchschimmert, lo den unteren Volksschichten leben freilich 
noch öfter Ueberreste der alten Vorzeit, von Geschlecht zu Geschlecht 
überliefert, in alter roher Form fort, um den Weg zu weisen zu der Urzeit, 
wo die ganze Menschheit sich noch in ähnlichen Kreisen bewegte. 



1) Wie oben beira Tod ten wagen das Rasselo und Rollea des Donners mit binein- 
spielte, tuaj? aoch bior neben der Ver^leicbung einer lan^satn dahin ziehenden Wolke 
mit ein^m Scbiff ein Änalogon mit dem Kamtschadaliscfien Glauben initgrewirkt haben, 
nach wekbem, wenn es donnert, ^der Kutka seine Kribno'* aus dem Flus-a über die Kiesel- 
steine nach dem Ufer ziehe und davon der Donner entstehe. St elter, Kamtacbatka 
1714. p U. 

2) Wie weit historischer Zo^ammenhnng fnr die Urzeit gehl, mit Sicherheit 2U beMimmen, 
dam fehlen um noch viele Mittelglieder, auch roÜBste eine derartige Untersnchnnu allseitiger 
und blos lu diesem Zweck unternommen werden. Ziel der mythologischen Wissen- 
scbaft bleibt auch dies; zunäeh&t ^It es aber ersi, die Fundamente tu legen. 



I 



vriL 

De r Y u m a-Sprac lista iii iii, 
nach den iieuesteü liaiidscliriftlicheii Uiiellen, 

dargestellt von 

Albert S. Gatacliet in Washington. 
Zweiter Artikel. 



Seit dem Jahre 1877, id deni ich einen längeren Artikel über obigen 
Gegenstand in dieserZeitöclmft veruffentlichthabe(Seiten341— 350; 365 — 418), 
ist wieder neues Material zu Händen gekommen, welches unsere Kenntoiss 
des Sprachstammes auf dessen Nord- und Südgränze beträühtlich erweitert 
und gleichzeitig werthvolle grammatische Andeutungen über alle Dialekte 
liefert. Ich halte es daher für angezeigt, dag Neue in seinen wichtigsten 
Zügen in der Form von Vocabnlarien und KUgebörigen ethnographischen und 
gramniati sehen, namentlich phonologischen Bemerkuögcn den Lesern des 
früheren Aufsatzes zum Stndiom vorzuführen, und bedauere nur, dass sich 
der Horizont diesmal nicht auch über diejenigen Stämme aufgeklärt hat, die 
höchst wahrscheinlich noch dem Yumastamme angehören: die Koninos und 
die Indianer des Südens der Halbinsel Californien. 

Ich führe nun die diesmal abzuhandelnden Stamme und Dialekte in fol* 
gender Ordnung anf: Yävapai, Könino, Tooto, M'Mat, Seri, und gebe die 
einschlägigen Vocabnlarien zum Schluas des Artikels* 



Nationale Stammesnamen. 

Als Ergänzung zu der in der Ztscbr. f Ethnoh, 1877, Seite 368 — 371, 
enthaltenen Liste erwähne ich folgende, von den Znni, Yavapai, Seri und 
Nachbarn gebrauchte Stamm esbezeichnungen (der Stamm, der sie gebraucht, 
ist in KlaTOmern beigefügt): 

Ahwa-pÄya-kwaüwa: ,, Feinde, alle, sprechen"; die Apache* Tontoa 
(YÄvapai). 

Atchi-hwa: die Maricopa (Ydvapai). 

Apats: die Tinne-Äpaches (Seri), 

Avesü-pai: „Drunten- Volk"; die Könino (Yävapai, Hudlapai etc), d. h. 
das Volk, das drunten im tiefen Canon wohnt. 



124 ÄIHert S. (latBcb«t: 

Hnyuko-häni: Mexikaner (Yavapai), 

Hayako-jiyatclii: Neger (Yiivapai). 

Ha-hwddslia: die Pinaleno- oder Pinal-Apachca (Yavapai). 

Kmike: so nenueo sich die Seri selbst. 

Kolieain: die Apache-Moliaves oder Yavnpai (Pinaleno, Nävajo). 

Koksol: die EinwohiK^r der mexikrjiigchen Staaten (Seri). 

Könino, Casnino elc. Siehe Avrsii-pai, Der Name Kööino soll der 
MtSkisprache entlehnt sein. 

Ku^nij plur. KüTcni-k«e: Könioos (Zuni). 

Kuweveka-paya: „Volk im Süden'', die mit den Tonloa zusaramen le- 
benden Apache-Mohavee oder Yavapai; von den ülirigen Yavapai so 
geheissen« 

Mukdba: die Mohaves (Yavapai), 

Nasuid-kue: die Uta-Indianer (Zuiii). 

Nätch<Sn: „Eidechsen", die Apache-Yuuia oder Tulkepaya (Pinaleno). 

Pa-ingotisätch: die Amerikaner oder Weissen (Moliave); Wliipple. 

Payiidshe, die Ptii-Uta; so corrurapirt, bedeutet der Name im Yavapai: 
„alle Augen**, oder ^ganz voll Augen**. 

Papani: die Papagos (Seri). 

Shiwi, plur, Ashiwi: so nennen sieb die Zufii-Indianer selbst, 

Täbkc-paya: „Nordvolk'*, die Hualapais (Yivapai); abgeknrzi aus Muta- 
veke-paya. 

TcbikiiQ; 80 nennen sieh die Pinaleno-Tinn^ selbst. 

Tulkepaya venuna tchehwdie: ^Tulkepaya mit gefleckten Bäuchen*^; 
Spottname der Apache-Yuma, gegeben von den Yavapai. 

Tchishe-kue: Tonto-Indianer von der Tinn^-Rasse (Zuui). 

Ydkkom: die Y^aqui am YaqaifiuRse in Sonora (Seri); vgl. korokak: Volk* 

Yava-paya, Yavapä: so nennen sich die Apache-Mohaves selbst. 

Ydvapai. 

In einem etbnographiscben Anhange zu seinem Yavapai- Vocabular be- 
richtet der Arzt W. H. Corbusier Folgendes über diesen Yuma-Stamm: 

„Die Yava-päya oder Apache-Mohaves behaupten, dass sie als Erbe von 
ihren Vorfahren das ganze Thal des Rio Verde, sowie die Black Mesa zwischen 
dem Rio Salado nnd dem Bill Williams -Berge empfangen haben. Können 
wir iodess einer Sage der Moki-Indianer Glauben schenken, so liaben diese 
bis vor fünf Menschenalteru („five old nien ogo"*, wie der charakteristische 
Ausdruck lautet) das Rio Verde-Thal bewohnt, die jetzt in Ruinen liegenden 
Steinhäuser darin erbaut und die Höhlungen unter den überhängenden Felsen 
(cliffs) mit Mauern verseben ; verlassen hätten sie das Thal bloss, weil eine 
anhaltende Dürre mit gleichzeitiger Epidemie viele dahinraffte. Dass die 
Yavapai den Mobaves und anderen Stämmen des Colorado-Thalcs entsprossen 
sind, unterliegt wegen der Aehnlichkeit der Sprache keinem Zweifel, doch 



Der Yuaia-Sptichstamiii. 



125 



sageD iUrtj Traditionen hierüber nichts Befitimmtos aus, und die Trennung 
gehört daher einer bereit a langst vergungeoen Zeit an." 

Die Manner der Yavapai sind von ebenmässigem und liohcoj Wüchse, 
messen im Mittel 5 (engl.) Fnss 8j Zoll, und zeigen ein mittleres Gewicht 
von 157|^ Pfund. Diese Messungen wurden an 24 Individuen vorgenommen, 
von denen einige wenige, wie der Arzt bemerkt, noch nicht völlig aus- 
gewachsen waren. Die Weiber sind meist kurz und corpulent, und zeigen 
eine Mittelhöhe von 5' 3'% bei einem mittleren Gewichte von 140 Piundm. 
Im Winter ist die Hautfarbe dieser Indianer ein helles^ im Sommer ein dunkles 
Mah^gony- Braun. Ihr grobes, straflfes Haar wird in der Höhe der Augen- 
brauen quer über die Stirne abgeschnitten; im Sommer etwas tiefer, um die 
Augen gegen die Sonnenstrahlen zu schützen. 

Der Stamm der Apache-Yuma oder Tufkepa) a spricht dieselbe Sprache 
wie die Yavapai, ist jedoch an Zahl geringen Die Tulkepaya sind ein Miscli- 
volk, das sich erst in neuerer Zeit aus Bestandtheilen der Kutchän, der 
Yavapai und Mohaves gebildet hat und als ererbtes Land die Gebirgsgegend 
zwischen den Yavapai und dem Coloradoöusse beansprucht. Die^^elben sind 
etwas knochiger und schlanker als die YAvapai; als Mittelwerth für die 
Statar der Männer fand Corbusier 5 (engl) Fuss 8| Zoll, für ihr Gewicht 
152|| Pfund (Mittel aus 22 Individuen). 

„Langjährige Kampfe mit den Truppen der Vereinigten Staalen-Regierung 
übten einen so vernichtenden Einfluss auf diese Stamme aus, dass sie im 
Mai 1873 allen Widerstand aufgaben. Ungefähr 1000 Apache-Mohaves und 
500 Apache* Yoma wurden Ruf die im Rio Verde-Thale ftir sie eingerichtete 
Reservation gebracht. Ausserdem betanden sich dabei Tontoa oder Tunto- 
Apaches, sowie Tinne-Apaches von den Pinal-Gebirgen (oder Pinaleiios), 
beide zusammen etwa 500 zäblend. Sie erholten eich bald von dem aus- 
gestandenen Elend und begannen mit Erfolg den Boden zu bebauen. Doch 
als im Frühjahr 1875 die Regierung deren VerpflauKung nach der San Carlos- 
Reservation^ isudlich vom Rio Verde, oo befahl, protestirten viele gegen diese 
Maassregel und aU dies nichts half, flüchtete sich eine Anzahl in ihre früheren 
Gebirgssitze zurück, während andere sich als Kundschafter in di(* Armee 
aafnehmen liessen. Die Mehrzahl ist indees seit jener Zeit auf der San 
Carlos-Reservation verblieben, in unmittelbarer Nachbarschaft einiger Tino^- 
Apaches-Horden, die ebenfalls auf dieser Reservation untergebracht sind und 
in neuester Zeit (Spätjahr 1881) die Fahne des Aufstaodes erhoben haben "* 

In diesen zwei Volksbenennungen: Apaehe-Mohaves und Apache-Yuma, 
ist, wie Corbusier erklärt, das Wort Apache aus apa-ahua-tche in contra- 
hirler Form enthalten, Äpa ist, wie pä, pa-a, dpa: Mann, im Plural Volk, 
ahua Krieg, Kampf, und -tche ein Substantive bildendes Suffix, und a^iatche, 
ap&tcb bezeichnet demnach kriegerische, oder feindlich gesinnte^ weiterbin 
auch wilde, uoge7.ähmte, in den Gebirgen lebende Indianer, ohne Unter- 
schied der Rasse, der sie angehören. (V^gl. Ztachr. f. EthnoL, 1877, S, 369.) 




Albert S. Gitachet: 

^ Diese zwei Stämme, wie auch andere Yuma-Yölker, besitzen ein eigenes 
Mittel, um sich vor allzu stiirker SoDnenhitze zu schützen. Beide Ge- 
sciilechter bedecken sich namlicb mit pulveriüirtem Thon, meist von rother 
Farbe, den sie vorher mit Speichel angefeuchtet haben, in ziemlich dicken 
Lugen den ganzen Leib, ist dies geächehen, so ziehen sie mit den Fingern 
gerade sowohl als wellige Linien durch diese Masse, so dass die Haut da- 
selbst wieder zum Vorschein kommt. Das Gesicht wird dagegen mit einer 
Mischung von Bleiweiss und verkohltem Mescal eingerieben und die frei- 
gelassene Nase, sowie das Kinn, roth angemalt. An Abwechselung in den 
im Gesichte angebrachten Farbenlinien und -Punkten fehlt es nicht; diese 
Bemalung verleibt indess den Indianern nicht gerade ein anziehendes 
Aeuasere* Sie achatzt das Individuum gegen Kalte im Winter, gegen allzu 
grosse Hitze im Sommer, und Vorrnthe von geknetetem Thon werden daher 
zu künttigem Gebrauche, in Ringen geformt, am Leibgurtel befestigt, be- 
standig herumgetragen.'* 

Einige der in Dr* Corbusier's Wortsammlung*) enthaltenen Ausdrucke 
werden durch folgende Analyse verdeutlicht: 

pa-hemi: Mann; wörth: „grosser Mann^; hemi: gross, erscheint auch 
in hamanyc-hemi: „Kind, grosses*', d. h. Knabe; wohl auch in 
yavinyrmi: Bart 

hi: mein. Dies Pron. praeüxum tritt in diesem Vocabular blos als hi-, 
nicht als i- auf. 

hwaiyda: Feind, feindlicher Krieger; enthält ahwä: Krieg. 

akua hamat: Kochkessel; wortl.: Eisen, Metall (akua) f&r das Fleisch 
matr, mat). 

hapii: Bogen; heisst so, weil aus Weiden -(hapii)- Holz verfertigt 

mätr-haiya: Wind, d. h. „was aber das Land (raate) bläst** (yalya, blasen, 
athmen). 

ikwi-w6: Regen, von ikwi; Wolke. 

ahake tchikemi: Thal; wörtl.; „Wasser-Schlucht** 

kwäka: Reh und kwakata: Hornvieh; von kwa: Hörn, Geweih; letzteres 
also: grosses Reh (täya, ta gross). 

kanümdi bezeichnet ursprüngh die Enten -Species, genannt teal-duck 
(QuerqueduUi). 

hami: sehen, anblicken, betrachten. 

Eönino. 

Eine enge, bei 7000 Fuss tiefe und äusserst steil abfallende Schlucht im 
Nordwesten Arizonas fuhrt die Gewässer des Cataract Creek in Westsüdwest- 




1) Am Scbluas« dieses Artikeln folgen Auszöge aaB Hro* Dr. Corbaaier^s, des Arttes 
auf Her St. Carl us- Reservation, handschriftlichem Yavapai-VocabuUr^ das derseltw dem Bureau 
of Ethnolo|rj in Washington, D. C, eingesandt hat. Ich habe besonders solche Ausdrücke b«- 
räckskbtigl, die vun ethnographischem fnteres&e htnd. 



M 




Der YoniÄ-Sprachstamni. |27 

lieber Richtuiig dem Colüradoflusse eu. Diese Schlucht enthält die Wohn- 
sitze des, wie man i^hmbt, etwa 100 Fumilien umfasscoden Stammes der 
KÖQiDO- Indianer, und die Unwirthliclikeit der Gegend ringsum erklärt es, 
warum diese Schlucht erdt vor Kurzem von Forschern e^esehen worden ist* 

Herr G. K* Gilbert, MitgHt'd der alljährlich nach dem Westen ent- 
sendeten geologischen Regierungsexpeditionen, gelangte zuerst 1871) an den 
Rand dieset* schreckenerregenden Abgrundes und erblickte unten die Hütten 
der Bewohner, bekam jedoch keinen derselben zu Gesiebte. Die Hualapai 
ia der Nähe theilten ihm indessen mit, „dass sie eine ähnliche Sprache 
sprächen wie sie selbst und nannten sie Avesii-pai, Akuesii-pai, Nävrau-pai, 
Sdpai. Der Name Konino ^ei iboen von den M6ki in Oniivi gegeben wurden 
und auch die Nävajos nennten sie so.'' Die Zuni nennen sie Kuxui-kue 
(kue: Volk, Stamm) und auch die Namensformen; Kokoninos, Coconinos, 
Cochnichoos werden dort gebort. Avi^sü-pai heiest: ^das Volk da drunten" 
üod in den jährlichen Bericfiten des Indianer-Bureaus in Washington werden 
sie jetzt als Suppai aufgeführt 

AIphoDse L. Pinart besuchte fast gleichzeitig den Stamm unten im 
Canon und nahm ein Vocabular ihrer Sprache auf, dm^ über seine Zugehörig- 
keit zum Yuma*Sprach?^tamoie, wie er behauptet, keinen Zweifel aufkommen 
Iftsst. 

Der Cataract Creek ist ein Flüsschen von etwa 25 Meilen Länge, das 
einen west^ud westlichen Laut durch das Colorado-Plateau innehält und da in 
den Coloradotluss einmündet, wo sich der Grand Canon desselben befindet 
(112" 50' westl. L., Se"" 10' nördl Br,). Die Wohnsitze der Avcsü-pai liegen 
zwischen zwei Wasserfallen, nicht allzu weit vom Ooloradoflusse. 

Eine Abbildung von drei diest_T Indianer findet sich in Capt. Sitgreaves 
Bericht an die Vereinigte Staaten-Kegierung, abgestattet den 12. Februar 1853; 
ebenso von Yävapai, Zuni und anderen Stämmen. Neuerlich bat auch Frank 
H, Cushing, ein Ethnolog des Smithson'^chen Instituts in Washington, 
eine sehr ausführliche und lesenswerthe Schilderung seines dortigen Be- 
suchen im Bostoner „Atlantic Monthlj**, vom Oktober 1882 veröfientlicht^ be- 
titelt: j,Tbe Nation of the Willows** (pag, 541—559). Herr Cushing hat sich 
von 1879 an stets bei den Zuni -Indianern aufgehalten und hat auch über 
diesen Stamm neue und wichtige Atifschlüsse in amerikanischen Zeitschriften 
niedergelegt. Ihm zutblge nennen sich die Coconinos die „Kinder des Coyote- 
wolfes^ leben in polygamischer Ehe, beerben sich in mäonlicher Linie und 
sprechen einen Yuma-Diaiekt. Letzleres ist auch durch ein von ihm er- 
wähntes Wort ahäniga: „Dank"* Jingedeutet, dm dem Mohave a)[6tk, dem 
Hualapai aj(änega, dem Tooto ahönni: gut, recht entspricht. 



Tonto. 

Durch das Bei samoien wohnen von Tonto-Yuma mit Apache -Indianern 
von echter Tinnö-Rasse hat sieb, wie neuerlich vielfach bezeugt wird, der 



128 



Albert 8, Ottschet: 




Name ToDto auch auf echte Tinn^-Apaches ausgedehnt, wae üaturlich ethno- 
graphische Confusion zur Folge haben muss. 

Diese Tonto-Tiöoe gehören am nächsten zu den Coyotero-Apaches und 
das Vocabular von Charles Smart (erwähnt 1877, S, 374), das sich ßeither 
vorgefunden hat, enthält einen Apache-Tinue- Dialekt Die Sprache der 
Touto-Yuma zeigt grosse Aehnlichkeit iini der der Yavapai und hat sich 
wohl einst von ihr abgezweigt. 

Charles Smart erwähnt, dass vor dem Eintreffen der amerikanischen 
Bundestruppen in Arizona, aUo bis 186f>, die Tinne-Tontos, die sich selbst 
Coyoteros nannten, in der Gegend des späteren Fort Mac Dowell gewohnt 
hätten, am Rio Verde, wenige Meilen oberhalb seiner Vereinigung mit dem 
Salinas. Dort führten sie ein Käuberleben, befehdeten sich mit den Pirna 
und nährten sich von Hasen und Coyote Wolfen, Die Amerikaner und Mexi- 
kaner geben den Namen Coyoteros einem südlich vom Gila in den Gebirgen 
wohnenden Tinne-Starame, 

Am Schlüsse dieses Artikels gebe ich eine Fortsetzung der Auszöge aus 
Dr. John ß, White'ö Tonto-Vocahiilarj die sich für das Studium des ganzen 
Sprachstammes als sehr fruchtbar erweisen wird. 

M Mat. 

Der Kutch^n- Stamm derM'Mat wurde im Januar 1876 von J. T, Helmsing 
am unteren Cüloradoflusse, und zwar zu beiden Seiten desselben, auf Cali- 
fomiachcm und auf Arizona-Gebiet angetroffen. Sein Name enthält das Wort 
amat: Erde, Land, Landstrich, das allen Yuma Dialekten gemeinsam ist. 

Helm sing, der seiner Handschrift zufolge f*in Deutscher ist, hat sich 
sein Alphabet aus spanischen und englischen Lautwerthen zusammengetragen; 
er bemerkt dazu, „dass sich das spanische Alphabet am besten zur Dar- 
stellung der Yumasprachen eigne." Sein c, qu habe ich durch k, j durch x^ 
cti durch tch, n durch ny wiedergegeben ; h, sli, w sind wie im Englischen, 
th ist der eugb Äspiratlaut tb in: month, dh der in: other, the; zh ist das 
franz. j, gh das gälische gh. Geminirte Consonanten setzte ich als einfach, wo 
nicht die Phonetik es anders erforderte. Die Wörter des Vocabulars sind 
durchweg accentuirt. 

Da dasselbe von den zwei früher von mir publizirten Kutchan -Wort- 
verzeichnissen oft bedeutend abweicht, so habe ich es hier nach dem Yavapai 
abdrucken hissen und Leser werden viele Formen desselben als sehr in- 
structiv für Beurtheilung der übrigen Dialekte erkennen. 

Besondere Bemerkungen, 
Kind, Säugling; wenn weiblich: X^™^^ xetchin. 
mein Vater: na-aya, wenn von der Tochter angeredet, 
mein Sohn: s^äwa, wenn von der Mutter angeredet 
meine Tochter: nyepesa-üts, wenn von der Mutter angeredet. 



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Die Sabata&irri izi Ar-*er^Ti »rf -ri^ *:ti \frK::!hl;i:h .Vnxr^rtcr, 
oder waren es frcker: *•:- •rii-ri*: ** :2:3T> \»r5.;;rvMe: «^ ^5i kah: ^*|vr^^: 
er ist surk. mirhtig. 

Xuuttä-ik: Fren-yrg. ^ai 3l*er :>: ein ::si ii^.s^'lSe Wv^rt: ^viel 

»W ■■IM I ^.^- 

knlojoiiio 'n-ik: 3l?r2«u i i. isr sjuräirol^^nle T**:. 

nikopilke: Soauser: i L zya-ik azilke: üe S-ri:ce i>: heisju 

Die Wörter in IL wie x^^- F^^-'*- X'^'*"^= KaamcbeB, lokAmil): ><n1w. 
enthalten wohl alle das spanische Korifllirte II. 

Die Fürwörter man. abaa. s'tat*an. bex^in. vei:ia eQthai:en im Aus^lauie 
das spanische monilHrte n 

Wir ist entweder a^sbiktik: wir zwei, oder a\ftmoktik: wir drei« oder 
etche-nrabaptik: wir rier a. s. w. 

In den etchi-, tchi. etsa-etc. welche aU Prädxa einige Verha bilden« 
erkennen wir das itchi-. tchi- des Tonte, das itcha-« toha- des Mohave mit 
Leichtigkeit wieder. 

Seri. 

Die Seri, auch Ceri« SScn geschrieben, sind ein unabhängiger Volks- 
stamm des Köstenstaates Sonera, der. in neuerer Zeit wenigstens« auch die 
Insel Tiboron (d. h. Haifischinsel) bewohnt und wegen seiner Rohheit und 
Grransamkeit stets bei den Mexikanern ein Gegenstand des Abscheues ge- 
wesen ist 

Der Chronist Villa Senor (Theatro Americano, Mex. 1748. p. 99*2"^ er- 
wähnt die heidnischen Seri and Tepoca als die Wüste bewohnend vom 
Presidio Pitiqai bis zur Küste des Golfes Ton Califomien. Die von ihm 
(p. 400-— 401) geschilderten Seri waren sämmtlich Christen geworden und be- 
wohnten die Missionen el Populo und los Angeles; die Salineros, eine Tuter- 
abtheilimg derselben, lebte an der Mündung des Pitiqui-Flusses. Bartlett 
(1851 — 52) lasst die Seri dagegen hauptsächlich die Insel Tiburon bewohnen« 
mit Ausnahme der zu Christen gewordenen« welche ein Dorf bei Hermosillo 
inne haben. Die älteren Nachrichten über dieses Volk sind gesammelt bei 
B aschmann, Sparen der aztek. Sprache, S. 218 — 221. Die Guuymas und 
Upangnaimas werden von Pimentel und Orozco y Berra (p. 354) ebenfalls 
den Seri beigezählt; dagegen sagt Pinart, der die Gegend bereist hat, das 
GoATmas sei ein Dialekt des Pirna bajo, indem er von demselben sogar 
noch einige Aasdrücke hat sammeln und zu Papier bringen können. Oio 
Cocomaqaes sprachen nach Orozco y Berra dieselbe Sprache wie die 
Gaaymas. 

Die Kähne der Seri, welche nachfolgend beschrieben sind, scheinen in 
ihrer Constraction beträchtlich von den central- und südamerikanischen MalsiiM 
alnniweichen; ihr Vordertheil und Stern endigt nämlich in einer bogenförmig 
geschwongenen Linie. 

ZcHMltflft fb Sttaotofto. Jahrg. ISdS. *.) 



130 Albert S. Qatüchct: 

Herr H* v. Ba^er, ein deutscher Ingenieur an Bord des Ver, Staaten- 

Vermessungsdauipfcrs ^Narragansett"^ besuchte diese Küste im Jahre 1874 
und giebt folgende Einzelheiten in seinem Berichte') (p, 145): „Die Seri- 
Indianer, die auf dem Festlande leben, briogen einen grossen Theil des 
Jahres auf der Tihuron-Insel zu, und ihre Lager sind dem Strande entlang, 
namentlich auf der Ostseite der Insel, von der See aus sichtbar. Sie gelten 
für höchst gefährlich und sollen sich namentlich den Landungen Fremder 
mit vergifteten Pfeilen widersetzen. Beim Besuche des Dampfers ^Narra- 
ganaett^ zeigten sie sich erst scheu und machten drohende Geberden; da 
sie jedoch bald unsere friedliche Gesionung bemerkten, so wurden sie freund- 
licher und besuchten uns selbst an Bord, wo sie oft lange verweilte«. Auf 
der Jagd und beim Fisch- und Scbildkrötenfang sind sie äusserst behende, 
Ihre sonderbaren Kähne tiind aus langen, mit Stricken faschineo artig äu- , 
sammen gebundenen Stuben von Schilfrohr construirt. Drei dieser BCmdel 
werden alsdann zusammen verbunden und besitzen Schwebekraft genug, um 
eine bis zwei Personen zu tragen (hierzu Abbildung im Bericht). Das Wasser 
dringt in die Kähue ein und steht darin ebenso hoch als ausserhalb j wenn 
sie ihre an beiden Enden mit einer Schaufelflache versehenen Ruder hand- 
haben^ so knieen sie am Boden des Kahnes. Sie verkauften uns eines 
dieser Fahrzeuge gegen zwei Paar alte Hosen und eine Flasche AikohoL, 
stark mit Wasser versetzt." 

L Alph. L, Pioart's Wort er Sammlung. Im Frühjahr 1879 trat Herr 
Alphonse L, Pinart eine Forschungsreise durch die nördlichen Staaten 
Mexikos an. Er gedachte auch das Gebiet der Seri-Tndiauer zu berühren, 
vernahm jedoch, als er im Gebiete der Opata und Pirna Felsen Inschriften 
indianiechen Ursprungs copirte, dass im Lande der Seri Krieg ausgebrochen 
sei (laut Correspondenz aus Caborca, Sonora, vom 6. März 1879), Dieser 
Stamm verwüstete damals die Ansiedlungen auf dem Festlande gcgeuüberi 
der Insel Tiburon und raassakrirte z, B. auf einer Hacienda über ein Dutzend | 
weisse Ansiedler. Nichtsdestoweniger gelang es Pinart, am 18. April mit' 
einem Anführer oder Haupt des Stammes (an jeneral) in Verbindung zu 
treten; er erlangte von ihm und einem Begleiter ein reichhaltiges Vocabular, 
wovon inliegende Wortreibe ein Auszug ist. Derselbe war der einzige Mann 
von seiner Abtheilung oder Baude, der einigermassen des Spanischen mächtig 
war. Alle Fragen des Reisenden über die religiösen Gebräuche und An- 
schauungen seines Volkes liess er unbeantwortet. Pinart schildert die Aus- 
aprache als sehr guttural und findet hierin Analogie mit den Dialekten der 
Sauta-Barbara-Spracbgruppe im südlieben Küsteutheil des Staaten Californien. 



l) The West foaat of Mexico; from the boundary lin© betweeti tho IL S. and Mexico to 
Cape Cürrientea etc. Washington, 1880. 8**. 209 Seiten, uiit vielea Kusleaprofileti. — Bildet 
Baod Nr, 56 der Publicationen des U. S. Hydrograpliic Office, I3ureau of JJavigatioD. Loider 
wurde eine grosse Zahl uaturwisseDschaftlicJiQr und ethoographiBctier Beobachtungen, die 
H. V. Bayer niedergettcbriebeü^ aus dem gedruckten Berichte weggela&seQ. 



riima-SpracbsUmm, 



Weitere Dialekle des Scri i^iebt es, seiner bestimmtcD Ausaage ziifoJge, 

keioc. Das Tepoca, das südlich vom Rio del Altar gesproclien wurde oder 
wird, ist identisch mit i?eri. 

Nach Pioart's Wortsamralung stellt sich das Lautsystem dieser Sprache 
dar, wie folgt: 

Vocale: u, o, a, c, i mit ihn^n Längen; der Urlant e (bei Lepsiusre) 
ond ein dem russischen Halbvocule yersi eDtsprecheoder Laut, auch 
lang gesprochen j voq mir durch u wiedergegeben, 

Diphthonge: oi, ai, ei. 

Gutturale: k, k, x^ laryogeale G.: -, h. 

Palatale; y, %. 

Lioguale: tl, s, I, 1* 

Dentale: t, s, d. 

Labiale: p, b, f, v, m. 

In vootth: Coyotewolf, patth: Röhricht, erscheint ausserdem noch 
ein Laut, der vielleicht dem englischeo th (oline Stimmton) CDtsprioht. Das 
il wird beschrieben als „un son detonn ant assez semblablc au ll des Mexi- 
cains et de la cote nordouest^, also wohl das deotal-linguale t des Lep* 
81 US 'sehen Standard-Alphabet, 1 ist „beinahe das 11 im Welsh**; ^ ist das 
plötzliche Einhalten des Atbems, das allen hidianern eigen ist und das will- 
kürlich angebracht werden kann. B erscheint blos einmal in ba-a^t: Mistel, 
r nur in meron: Melone, also einem Fremdworte; letzterer fehlt daher ver- 
muthlich in der Sprache. Die meisten explosiven Laute finden sich auch 
geminirt vor, sowie alle Vokale; unter den Cooeonanten namentlich k, t, m, 
1, p, 8, V, sogar h 

Consonantenhäufuugen sind nicht selten (mtk, slkl, 11)[, ](sh u. A.) und 
ea lauten ebenso viele Vocabeln consonantisch wie vocalisch aus; in dieser 
Hiß sieht ist der Unterschied gegenüber dem Maricopa und Tooto, namentlich 
dem letztereo, sehr auffallend.' 

In Folge der genaueren Notirung lässt sich aus Piaart's Wörter- 
aammluDg ein bedeutend schärferes Büd der Seri-Phonetik gewinnen, als es 
bei den zwei anderen Vocabularien der Fall ist. 

Nach dem Vorstehenden ist die gutturale, linguale und labiale Artiku- 
latioo über die anderen stark vorwiegend; die paiatale ist sehr schwach 
vertreten, was den übrigen amerikaoischeo Sprachen gegenüber fast wie 
eine Ausnahme erscheint. Nicht vertreten in diesem südlichen Lautsystem 
sind mehrere Diphthonge, die Umlaute: ä, ö {ü?)^ die Consonanten: w^ g, 
d (b?), dsh^ n, z (das mit Stimmton gesprochene s) und k\ h ist im Voca- 
bular durch sh wiedergegeben. Die Zahlwortreihen von 1 bis 10 im Voca- 
bular rühren beide, die absolut wie die conatruirt gebrauchte, von A. L. 
Pinart her. 

IL Herr John Russell Bartlett nahm das hier an zweiter Stelle ab- 
gedruckte reichhaltig© Vocabular am 1. Januar 1852 von eineos Seri-Indianer 




4 



n 



182 ^^^^^^^ Albert S. Gatscbet; 

in HermoBillo auf. Dasselbe liegt in der Gestalt vor, wie es von G, Gibb 
(in einigen Ausdrucken wenigstens) transliterirt wurde und befolgt die voa 
dem Letzteren empfohlene Ortliogra|ihie. Eine Anzahl Wörter sind accen- 
tairt; der Lautanstoss (arrested soaad) zeigt sich häufig, wie in kipk'ha: 
klein; so auch die gedehnten Vocale: li, l, iL 

Eigene Buchstaben für Laute, die der Sprache eigeothüinlich sind, 
wurden von B. nicht verwendet; der Laut ch steht hier meist für x, oft auch ^ 
furjt, scheint jedoch nirgends den Palatal: tch (deutsch; tsch) zu bezeichnen; H 
Bartlett hat auch hie und da h für -( gesetzt. Mit seinen hr, sr, seh, ~ 
jrch, tl will er offenbar eigen thüni liehe Laute bezeichnen, die bei Pinart 
oft genauer angedeutet sind. Das Pron. praefixura mein steht bei allen Ver- 
waadtöchaftagraden und Theilen des menschlichen Körpers in der Form i-, 
während es bei Pinart meist hi- lautet Ueberhaupt erscheinen die Wörter 
bei Bartlett fa-st durcliweg in einer abgeschliffeneren Gestalt, als bei 
Ersterem und namentlich gilt dies von den Endungen. 

Zum besseren Verstandniss diene Folgendes: 

Die Begriffe: Bruder, Schwester sind bei Bartlett nicht in alter, 
jünger differenzirt 

si-ip: Knabe, bedeutet ursprünglich jung, und alternirt mit aep, 

l-apU: Winter und kalt ist ein und dasselbe W^ort. Die dortige Gegend 
besitzt nur zwei Jahreszeiten: Regenzeit und trockene Periode de» 
Jahres. 

Das für Name gegebene Wort ist vermuthlich ein ganzer Satz 

iko-oht: tanzen; vielleicht ikocht zu lesen, 

Bartlett und Pimentel haben nur je eine Serie von Zahlwörtern; 
Bartlett hat die kürzeren, beim continuirlichen Zählen benutzten Formen 
wie folgt: 

1 = tohom, 2 = kahom. 3 — phra-om* 4 ^ scoch-hom. 5 = huavat'hom. 
6 = napk'öchoch. 7 = kachq'hue oder kachkwe, kacbkue. 8 — phraque 
oder phrakwe. 9 = sobantl. lO^honachth Die übrigen sind ia 
der Zahlenreihe aufgeführt. 

IlL Herr Francisco Pimentel hat in der zweiten Auflage seines „Cuadro 
de las lenguas indigenas de Mexico**, 11, 2'29— 242 (Mexico, 1874—75), eine, 
wie es scheint, anonym der Geografihitsch- Statistischen Gesellschaft von 
Mexico zugegangene Liste von etwa 70 Seri-Vocabelu abgedruckt, welche 
ich hier unter Chiffre P, zur Vergleich ung beifüge. Der Autor derselben 
hat das spanische Alphabet zu seinem Zwecke benutzt, und da er zur 
Bezeichnung eigenthumlicher Laute keine eigenen Zeichen verwendet, so 
sind gewisse Laute höchst unvollkommen wiedergegeben. Sein j ist unser 
X^ wie jedoch das daneben vorkommende x ausgesprochen w^erden soll (okaxla 
Wolke), wird nicht gesagt; sein b, bb entspricht ziemlich unserem v» und das 
h steht oft für X* 

Zur Bildung des Plurals bei Nomina bietet er folgende Anhaltspunkte: 



1 



Der Yurna-Sprarhstamm. 



133 



(für ktam): Manu; pL iamuk, ktamuk. 
kmum: Weib; pl kamujik. 

öip: jang, Knabe; pl. psipilkj. 
atepim: Hand korb; pL atepiska. 
Das seinea Zeitwörtern präfigirte p- bezeichnet die erste Person. Die 
Zahlwörter lauten bei Pimentel wie folgt; 

l=taso (tüjon: der erste). 2 = kokjl (knjom: der zweite). 3 = kupjtku. 

4 = kosojkl, kosojbL 5 =^ ko-uton. 6 - snapkaBhroj. 7 = tonakujkcni. 

8 = 09rojoBkmn(?). ^ == ksobbejo- aul. 10 = taul. 20 ^ taul jaukl. 

100 - tatd taul 



Weitere Vocabelnj die sich in 
Boden^ sind: 

ajojkora: zündender Blitzstrahl 

(rayü); haxo^kura bei Pinart: 

im Cabita: yukums. 
yutj: BInme. 

asot, Maguey: hassoot bei Pinart. 
moan: eine Art Bohnen (judias)* 
mazojl : amerikanischer Löwe; jtatio 

maasol bei Pioart 



der Liste bei Pimentel noch vor- 

kokeb, Chile (eine Gewörzechote); 

vergl Wald. 
obeke: Balg, 
atankai: Brot. 
juakir: hören, 
amtiki; hinab; unten, 
amlarsu: Jabr. 
ijae; Oheim» 

Die mir vor einiger Zeit vom Pfr, Wilh. Herzog in Oppau (Rhdnpfalz) 
mitgetheilte Vermuthung, dass das Seri ein Yama- Dialekt sei, habe ich voll- 
kommen bestätigt gefunden und habe daher diese Sprache dem Yumastamme 
beigezählt. Die Ergeüthümlicbkeit der spanischen Orthographie verdeckt zwar 
nicht selten die Zeichen der Affinität; das Seri ist ein von den Gila- und 
Colorado-Dialekten sehr weit abstehender Dialekt und (n dianern jener Ge- 
genden nur in wenigen Ausdrücken verstandlich. Bezüglich der Theile des 
menschlichen Körpers stimmen indess die Ausdrucke für Blut, Fiogernägel, 
Kopf, Stirn, Zunge, und ich vermuthe, dass in den Wörtern für Arm, Hand, 
Finger auch das sal, säl der nördlichen Dialekte enthalten sei. Wenigstens 
findet es sich im Seri: isselka — Fliigel. In den Zahlwörtern findet wenig 
Üebereinatimmung statt, am ersten noch mit dem Cochimi auf der anderen 
Seite des californischen Golfes. Andere Ausdrücke^ die übereinstimmen, sind; 
Seri: x^üo massol amerikanischer Löwe; Yavapai : hana wild, in: kutli4r't 
hana: Coyotewolf, wörtL: „wilder Hund". 
„ ehe, e-a Baum; Yüvapai: i-i'h; M'Mat: e-i etc. 
„ hukkua Fichte (auch unter Holz); M'Mat: X*'^"» Moh. : o älya. 
„ apis Tabak; Diegoeiio: öpe'; Cocopa: opi etc. 
„ amime Himmel; Yävapai: umiyä etc. 
„ kotam spalten, in e-ipa-kohotom : Beil, Axt; YÄvapai: tekäte, in i-i- 

tckäte; Beil; vergl. die übrigen Dialekte, wie Tonto etc. 
In den Ausdrucken für Erde, Wasser zeigt sich ebenfalls Affinität mit 
allen Dialekten Arizonas und wäre die Phonetik des Seri einfacher, so 
wurden noch weit mehr derselben sich zeigen. 



184 



Albert S. Gatscbet: 



Augenfällige Aebnlichkeiten mit anderen Yuma-Dialekten weist Seri ferner 
auf in: sehen (YÄv., Hudl.); sechs (Tonto, HuÄl,, Yäv.); Du, Pronomen (alle 
Dialekte); Taube (Cochimi, M'Mat); Fliege, Hund (M'Mat); Abend, Nacht 
(Marie, Hual.) u. s. w. 

Aus welchem der vielen Yumastamme sich die Seri-Indianer zunächst 
ablösten, als sie nach Süden zogen, ist aus dem jetzt vorhandenen Sprach- 
material wohl kaum mit Sicherheit zu entnehmen, doch war es jedenfalls 
einer der westlichen Stämme. 

Vergleichende Worttafel dreier Yuma-Dialekte. 



Deutsch. 



^aon (vir) 
Weib (mulier) 
Knabe 
Mädchen 
Kind, Säuglin{( 
mein Vater 
meine Mutter 
mein Gatte 
meine Gattin 
mein Sohn 
meine Tochter 



Tävapai. 

W. H. Corbusier. 



M'Mat. 

J. T. Helmsing. 



Seri. 

A L. Pinart; J. R. Bartlett; P. = F. Pimeotel. 



pa, pa-h^mi 
puki 

hamanye-h^mi 
musi 

i hamäny^ 
tcbiti; tali 
tchiti 

j lowah 

: homlh; tbaüwi 
' hSTetchi; bn- 
tcbän 



mein alter. Bruderl — 
mein jung. Bruder — 

meine ältere • tchi-mu8i 

Schwester 
meine jüngere ; k§li 

Schwester 
Indianer — 

Volk ! — 



Kopf 

Kopfhaar 

Antlitz 

Stirn 

Ohr 

Auge 

Nase 

Mund 

Zunge 

Zähne 

Bart 

Hals 

Arm 



küwawa 
yo 

himSpüla 
smäll^ka 
yu'h 
hu 
ya 

hi-päl 
yo'h 

I yavinygmi 
hi-pük 
thudi 



knra-aka (s. alt) 

sinya-aka 

;fumär sj 

muzha;^a-i 

/umar 

iniko; na-aya 

ntaya 

i-ngraake 

nya-abe 

;^uniay:i; s'awa 

nyepevetsits 

nyepentsen ku 
kütsintsah 

sho-otskuannogh 
intsab 

nyepentsen ku 
kütsintsah 

nyi'ik 

kutchan; yuka-i; 

pi-ipa 
pi • ipa tsepalle- 

nam 
e-dsuksba 
e-e 

e-dokuämkoba 
dokullem^ 
shmälke 
e-dhö 
\-yö 
i-yä 
i-pal 
e-tbayo 
e-yavome 
miak'ke 
e-shal 



ktam; 

kmam ; 

sep; 

shakam; 

ove (Säugling); 

hio; 

hittan; 

bikam ; 

bikkom ; 

isaak; 

bivek ; 

imiak; 

ishksb ; 

hipäk ; 

hikömroi; 



komkak; 

illit; 

iilit kopt'no; 

hipen ; 

hitto-o/fi; 
hif; 

hiten; 
hip/1 ; 
bitast; 
hitamokken ; 
i-ap; 
innol/'- ; 



eketam; P. 'tarn 
ekemam; P. kmam 
si-ip; P. sip 
srakam; P. — 
h'racht kisil; P. — 
ive; P. ib, ip 
ita; P. itta 
ikam; P. ikum 
ikom; P. — 
iket; P. isak 
iket brakam; P. — 

imiak; P. — 

— P. o-iach-j 



ikomi; P. — 



komkak; P. — 

i-hlit; P. - 
i-na; P. — 
i-yen; P. — 
i-pen; P. — 
i-stia; P. — 
i-to; P. iktoj 
i-fe; P. — 
i-ten; P. iten 
i-pl; P. — 
i-tast; P. — 
i-tamoken; P. - 
y'-ape; P. — 
i-noyl; P. inte 



Der Yuma-SpracbstaiDiD. 



135 



Dentscli. 


TAfapai. 


M'Mat. 




Seri. 


W. H. Corbusier. 


J. T. Helmsing. 


A. L. Pinart; 


J. R. Bartlett; P. = F. Pimentel. 


Haod 


s&l 


e-sbaltchagpeyen 


intlasb; 


i-nosiskersk; P. — 


Finger 


— 


e-sb&lke sharap 


inol'-tis; 


i-Dos-shak; P. 


Daumen 


s&l kub^te 


i-shal tcheveta 


inor-veko/; 


— — 


N&gel 


smhö 


sbäl glo;^6 


inoskl;^; 


i-nosk'l; P. — 


Leib, Körper 


mät)^; mat 


i-mat 


isso/; 


i-soch'l; P. — 


Brost 


— 


i-wa v^ 


ippes; 


— — 


Bauch 


▼enüna 


i-tö ^ 


anoyahet; 


i-a/-; P. - 


weibl. Brüste 


nyinidya 


i-nyama ^ 


himt; 




Fnaiachenke] 


thimuwäla 


e-mä 


hippeiJ; 


i-tahom; P. — 


FU88 


mrh 


e-megn zlapazlap 


ittOTa/; 


i-toTa; P. itoba 


Fusszebeo 


s^Uho 


e-megue zaraps/ 


— 


i-nosshak; P. i-tÖTa 


Knochen 


tchiyaka 


ndshashähk' ^^ 


— 


hrehitak; P. — 


Knie 


mäpuk 


— 


hifl; 


— — 


Herz 


hi-waiya 


i-guako*obo-6t 


himmos; 


i-morch; P. — 


Blut 


hwat 


nye/uit 


ayat; 


avt; P. — 


AoriedeluD^i^ 


— 


abä (s. Haus) 


— 


a-irritom; P. — 


Häoptlin(( 


pa-mülwa 


kapitan 


— 


ki-eheh; P. — 


Krieger 


hwaiyöa (Feind) 


mntapde;enekoy- 


— 


h'tammukoka; P. — 


Freund 





metashu-upaügh 


— 


e-ahamikoka-eme; P. — 


Haus 


— 


uba 


asbamtako; 


aki; P. - 


Kochkessel 


dkua hamat 


itsilülgue 


— 


hrehrepäsonich ; P. — ^ 


Bogen 


hapü 


o-otish v/ 


hakken; 


akon; P. - 


Pfeil 


apa 


e-epa u^ 


ha/ash-sha; 


ahasa; P. — 


Beil 


i.it^käte 


takiat 
sha'hk v/ 


e-ipa-kohotom ; 


e-epakötam; P. — 


Messer 


äkua tchSmälS 


vennom; 


b^no; P. - 


Boot, Gaooe 


k^lho 


gul/0;!fa 


— 


is'sbaskom; P. — 


Moccasins 


nyähänyo 


n/aminyii 


asapato (span.) 


; ataint; P. — 


Tabakspfeife 


mulhu 


mil;f6 


— 


amahi-inpäkka; P. — 


Tabak 


üba ^ 


U-ÜT 


apiskuptua; 


apis; P. — 


Himmel 


ümiya 


m'ma-i ^ 


aminone; 


amime; P. ammime 


Sonne 


ny& 


nya V 


shaa; 


schra; P. rahj, lahj 


Mond 


hala 


XeWi 


ish-sha;^; 


isab; P. — 


Stern 


hamSsi 


/amerse '^ 


vaBtlk; 


▼asoh; P. bassojh 


Tag 


— 


nya-ik "^ 


shaabepkak; 


amtifey'r; P. — 


Nacht 


— 


tiny&m ^ 


ihammok; 


i-amok; P. yamok 


Finsteroiss 


— 


— 


— 


kekup6-il; P. jikopo'hl 


Morgen 


— 


kuloyomo 'yä-ik 


itapl;fk; 


italpch; P. — 


Abend 


— 


nya/dbnk 


aneiyaot; 


anayäuet; P. — 


Frnhling 


mn^mi 


;^azata-ik 


— 


eshaketamoch; P. — 


Sommer 


ny&rayi 


oikopilke 


— 


ekasyom; P. — 


Herbst 


— 


matimk 


— 


i'pkeki; P. - 


Winter 


«tchüdr^ 


/atsürgae 


— 


i-ap1; P. — 


Wind 


m&tS-haiya 


mut;^a \/ 


avü; 


äve; P. abb (aire) 


Donner 


knVho 


amopotka v 


^in/1; 
ivam;fo; 


inekl; P. — 


Blitz 


mSr'abi 


uravgue; ukäsk^ 


iyamqua; P. — 


Regen 


ikwi-wö 


oba-uk ^ 


bipka; 


ipka käoknk; P. ipka 


Schnee 


pW 


sa-ik ^' 


— 


ach'hihaps; P. — 


Feuer 


o-6h 


a-ä-u - 


— 


amakinocb; P. amak 



136 




Albert S. Gatschet: 




Deutsch. 


TäTapai. 


H'Mat. 


SerL 


W. H. Corbusier. 


J. T. Helmsing. 


A. L. Pinart; J. R. Bartleit; P. = F. PimeoteL 


Wasser 


aha; U 


,, y 


Ä/; 


ache; P. ahj 


Eis 


thSpdtch 


;^a-nap4tsk 


a^e^apsh; 


— — 


Erde, Land 


mat; dmdt; mäte 


h^mat 


harnt; 


am*t; P. ampte 


Meer 


— 


;^azata-ik 


ieppe; 


hipe; P. - 


Fluss 


aha ketchjkemi 


X& abil 


hassol/; 


asoch; P. — 


Landsee 


— 


/enyo / 


— 


ash kakiton; P. — 


Thal 


— 


mata-kdksi 


hamtkash (cafiada); 


kaTilch-k milcht; F. — 


Wiese, Prairie 


— 


;^atamats pa;^aLke 


— 


— — 


Berg 


wi; wi-kutaya 


mata-olke; abi 


hast; 


astkakoch; P. ahstaka- 
koj (peäa) 


Hagel 


— 


— 


— 


— P.a8tasro(cerro) 


Insel 


— 


atishke y/ 


— 


hepe-ipach; P. — 


Stein, Fels 


wi; wi'h 


abi 


hast; 


ast; P. — 


Salz 


hathi 


s*i >/ 


— 


amtipt; P. — 


Eisen 


akua; kwa 


;)fata/manyio 


— 


bennom; P. — 


Wald 


— 


tomarresi-imä 


— 


— P.kokabate(bot- 
que) 


Baum 


i-i'h 


e-i 


ehehapek, ebehamtisp 


; e-a-omt-kite; P. ehe 


Holz 


i-i'h 


e-i y 


aka/-;^ukua (s. Fichte) 


; ukahoke; P. — 


Blatt 


therk; habSsüwi 


aDaWerhera 


ebe-istkl; 


istl; P. - 


Baumrinde 


therk 


/ana-odil 


— 


ina>olch; P. — 


Gras 


iwilla 


;ifatamdts (siehe 
Wiese) 


— 


kooö; P. amptijubl 
(yerb») 


Fichte 


— 


/uäll 


bukkua (pino); 


— ^ 


Mals 


tiy&tch 


teditche 


▼ap/o1fl;r; 


— P. bapute 


Kürbis 


— 


/mat 


/am; 


— P. jam, kam 


Fleisch 


mate; mat (siehe 
Leib) 


kaekoä-iv 


— 


^ven; P. — 


Hand 


kutbart 


/atsoksök 


a/sh; 


achks; P. - 


Büffel 


— 


kuekuav-ipa 


— 


— — 


Bär 


— 


ba;fuet 


tonnom; 


— — 


Wolf 


— 


;^fatelu^ 


/ekkos; 


bashokeYlch; P. — 


Coyotewolf 


kutbart häna 


— 


▼aottb; 


— P. bo-ot 


Fuchs 


kokötra 


matkoava 


— 


— 


Hirsch, Reh 


kwäka 


koäk/ 


heppem ; 


epem; P. — 


Biber 


pioä 


/am-abir 


— 


— — 


Hase 


— 


— 


hevve; 


- P. ehe 


Kaninchen 


kül«; h^Iö 


/ellä-u . 


vap/a; 


— — 


Schildkröte 


hälSkäbä 


kapet ^ 


/tamosün; 


'h'tamösn; P, — 


Pferd 


ahat; hat 


/at emsin 


kavai (span.); 


— — ■ 


Fliege 


tbimpüdrka 


;ifäl-esm6 


/1/ommo/t; 


hlomolch; P. — 


Moskito 1 


— 


shampüilkev 


koshipka (zancudo); 


koshipka;. 


Schlange 


hänupüga 


abe ^ 


— 


kovemach; P. kabimaj 


Klapperschlange 


mm 


a-abe 


— 


— — 


Vogel 


— 


etsiyerre 


shek; 


schaik; P. - 


Ei 


sakaüwa 


kuliya-stere-ür 


ip;^; 


schek-äipch; P. 


Federn 


müsema 


etsiyerre e-emist 


inna; 


brek-ina; P. — 


Flügel 1 


w4lle 


etsiyerre mila/ö " 


isselka; 


is^ka; P. — 


Ente 


kanümü | 


/anamö < 


vak; 


ahanohrft-ik; P. — 



Der Tnma-SprMhstamm. 



187 



Dentach. 


TAtaiiai. 


M'Mat. 




8ert. 


ATOHIOVII» 


W.H.Corbusier. 


J. T. Helmsing. 


A. L. Pinart; J. B. Bartlett; P. = F. Pimentel. 


TrntbabD 


yäs 


t 
oröta 




— P. to-obo 


Taube 


ikawi 


ko& 


kniukku; 


koyöchko; P. — 


Fisch 


etcbi 


etsi \y 


she;^kam ; 


schechkam; P. — 


Name 


— 


mumdlk v 


— 


itasi-iyatcuyip; — 


weiss 


nyum^s&bi 


;|rama1gae \/ 


koho/p; 


köpcht; P. - 


schwarz 


nyitchi; nyä 


ny^lgue v/ 


kopo/I: 


kopolcht; P. — 


roth 


tch§*bwäta (siehe 
Blnt) 


kuikdv-o;|ruit 


kfeyeil; 


kiyilch; P. - 


hellblau 


hab^sdwi 


m'mai; m*maiko- 
/oshanyÄ 


koyür;f; 


yalch kopolch; P. — 


gelb 


aka&tha 


aku^ske 


kmassol/; 


k*m&so1; P. kmozol 


hellgrän 


habSsüwi 


;|rtbashdk 


koynl/, ;fpanam8; 


köyilch; P. — 


gross 


t4ya, ta; hSmi 


beta-ik 


kakkoi; 


kakolch; P. 


Ueiu 


kötchi 


n*nok V 


kissil;^; 


kipVha; P. - 


stark, mächtig 


— 


esp^r^e 


— 


kayohach; P. — 


alt 


— 


kara-aka 


— 


ikomikolch; P. kmakoj 


jung 


— 


i-ipdk v/- 


— 


si-ip (8. Knabe); P. — 


gut 


hani 


a/6tk v^ 


;Keppe; 


kipi; P. - 


böse, schlecht 


kal^pi 


ria-ik X 
opd-ik ^ 


/omipli, kmiplä; 


homi-ip; P. — 


todt 


pih 


ko/Jce; 


koch'he; P. - 


lebendiijr 


— 


ellopü-imuk 


— 


ekäm; P. - 


kalt 


mani 


/otsüigue 


kapll; 


hyapl; P. - 


warm 


mue 


— 


— 


— — 


heiss 


i'u^'h 


apilk v^ 


kmatkl; 


kemachtl; P. — 


ich 


ny&tche 


n*nyip ^ 


eye, iyye; 


iye; P. ibe 


du 


match 


man / 


me; 


me; P. — 


er 


nu-idshi; nyuwi 


aban ^.. 


imki; 


imk; P. — 


wir 


— 





oye; 


oye; P. — 


ihr 


— 


man dshekedik 


moyye ; 


moye; P. 


sie 


— 


sHub&n 


imkoye; 


moye; P. — 


dieser 


nyiy&-a; TÜ-a 


bezan; vedan 


— 


ipk^, P. - 


jener 


niuya-i; nyü^pi 


sftab4n 


— 


imk^; P. itäm (s. Mann) 


jeder, alle, ganz 


paya 


tchdmill 


moyekos; 


koch; - 


fiel 


laüwi 


e't4.ik v/ 


kat^o, /otio; 


kafho; P. - 


welcher 


— 


mukitch 


ki-ia? 


kiya? wer? sherame? was? 
P. — 


weit, entfernt 


tuwdya; kürama 


ekork v/' 


to/kaka; 


nahe 


hip^ 


/eipdnik ^ 


imtail; 


ickh; P. - 


hier 


▼iäki; y&m 


yed^hi 


ishkak; 


— — 


dort 


yidl; ydl 


zeyill 


imkahaka; 


— — 


heute 


nyäyam 


nyata-öryuk 


sha-ipkapete ; 


aposhk; P. — 


gestern 


l^nyahum 


ten4-i 


mn;^emma ; 


moch*h^mma; P. — 


morgen 


yW; y^g«™ 


kuliyi-um 


ampo/en; 


ampt poher; P. — 


jal 


m iki\ 


hVdl tÄ-Qtl 


— 


yoa! P. yoha! 


nein! 


öpi! ömil 


kubargM 


— 


6-om! P. o-oml 


eins 


siti 


sh^ntik 


tash-sho; 


tokj^om; P. — 


zwei 


hi^wäki 


;ifubik 


ko-ok/; 


ka;^kum; P. — 


drei 


hl^maki 


;ifamök 


kap;fa; 


piao; P. - 


▼ier 


hop4 


tcha-umpap 


kshu/kuä ; 


sho^kum; P. — 



188 



Albert S. Oatiohet: 



Dentgch. 


TATApai. 


M'Mat. 




8eri. 


W. H. Corbnsier. 


J. T. Helmsing. 


A.L. Pinart; 


J. R. Bartlett; P. = F. Pimentel. 


fünf 


b^räpi 


sa-arap, sar&p 


ko-0;Ktom; 


kuaotom; P. — 


sechs 


despe 


;^o-um;if6k 


imapkasho; 


napsho;^; P. — 


sieben 


hgwak-espe 


pa.a;rkek 


tomka/kue ; 


ka;Kk;fUe; P. — 


acht 


hSmuk-espe 


si-ip;fök 


ksho;^olka; 


piak;fue; P. - 


neun 


hälSthuyi 


/um;|ramük 


ksOTikanl;r; 


so;fanthe; P. — 


zehn 


buwäwi 


shaha;^6k 


kanl/; 


/ona^-; P. - 


eilf 


sitikwa-ä'hli 


shaha;^6k umaiga 
shend 


— 


tantasokue; P. — 


zwölf 


hewakS kwa-ä'hli 


shaha;^ök umai 


— 


tanchltokue; P. 


zwanzig 


hSwakS buwawi 


shaha;^6k a-a /a- 
vik 


kanljK ko-okjK; 


e-anslkoch; P. taul jaukl. 


dreissig 


hSmakS buwawi 


sh. a-a /amük 


— 


eanslkapka; P. — 


▼ierzig 


hopachS buwÄwi 


sh. a-a tse-umpap 


— 


— — 


fünfzig 


h^r&pg bawdwi 


sh. a-a sa-arap 


— 


— — 


secbBzig 


despaya buwawi 


sh. a-a/o-um;f6k 


— 


— — 


siebenzig 


h^wakespaya ba. 


sh. a-a pa-a;|fkek 


— 


— — 


achtzig 


hSmukespaya bu. 


sh. a-a se-ip;fök 


— 


— — 


neunzig 


hül^thüyi buwawi 


sh.a-a^um/omuk 


— 


— — 


hundert 


sShana-siti baw. 


sh. a-a shaha/6k 


— 


hiantl kantl; P. taul Uul 


tausend 


sShuna buwawi 


sh. a-a sh. ababa 
ashentik 


— 


— — 


essen 


ma 


m'mam 


ikohet; 


iko-a; P. — 


trinken 


— 


e'sim ^ ' 


kassi; 


ikosi; P. — 


rennen 


— 


hab^sbk 


— 


ikoch 'horch; P. — 


tanzen 


himä 


i-imak ^ 


a^üt; 


iko-oht; P. — 


singen 


— 


ahashbargue 


— 


ikos; P. — 


schlafen 


sma-kiydkum; 
sma 


ashmam ^ 


iki; 


iki-im; P. — 


sprechen, reden 


kwaüwi 


tchokaerk 


— 


ikavato; P. — 


sehen 


bami 


iyük^ 


— 


ikehom; P. — 


lieben 


— 


aramnyinamgue 


— 


ikomsho; P. — 


tüdten 


n^hi 


topüik 


ikoyink; 


ikovikae; P. — 


sitzen 


mua 


n'näk ^ 


amtil/; 


amtikiche; P. — 


stehen 


güskui 


ab'a-nk 


— 


ikafit; P. — 


geben 


yami 


eb'ak V 


— 


ikatarch; P. psitahj 


kommen 


— 


abedik^ 


— 


m'keven; P. psif 


zu Fass reisen 


bo 


arao-ik 


— 


— — • 


arbeiten 


härahära 


etsumevgue; et- 
suvim 


— 


— """ 


stehlen 


— 


kutßitsuigue 


— 


— — 


lügen 


— 


etchinya-ik ^ 


— 


— — 


geben 


— 


abik -■ 


— 


— — 


lachen 


tchik^vdre 


tchikabargue 


— 


— P. psiyzon 


weinen 


— 


hamim .. 


— 


— — 


schreien 


— 


— 


ikkentl; 


"~~ "~" 



^^B 


Der Yuma-Sprachatamm. 

• 


^^^^^^u^^^l 


^ Yävapai-Wortverzeichniss 


. ^^ 1 




Dr. W. H. Corbusier. 


H 


^^ «ibib; Riesencactus (Cereus 


riabttika: 1. Exkrement; 2 Ver- 


hnnlkerapa: Scbnietterlißg. ^^^B 


(sn^fanteup, bis 70' hoch). 


ricbtunj^ der Notbdurft. 


banikusäha- Tausend fus««. ^^^^| 


abiVbalchl: 1. bitter; 2. Cbina- 


d sb tdka - b wdte : Ruhr; von 


hnpi: steinerne Keibeplatte: ^^^^| 


rinde. 


dshelka, und bwät: Blut. 


die mexikanische metlatl. ^^^^| 


Aha ka teber&kua; Name von 


dshelko: After, Ende dea Maat- 


Vergl. bäbetchü. ^^^H 


Peck*sL:ike, IBengl. Meilen 


darm?, 


bapü-mesnmr Bogensehne. ^^^^| 


riürdlich Ton Camp Verde; 




hatawih 1. ein Oewäch?, zu ^^^| 


wörtl. ^gehoffenps Wasser*; 


emii: die drei Sterne im Guttel 


Pfei Iscbaften verwendet. Vg. ^^^| 


See in Gestalt eines EM- 


des Orion; wurlL ,Ber^- 


atä. 2. Pfeilscbafl. ^^H 


moudea. 


schaf-. 


batälniu mesaba: Eae). ^^^H 


Aba kidsbekedsha uom. pr. : 


er iir'e : Nävajo - ücberwurf ; 


hatyä: die Pleiaden. ^^^H 


Gilaflasst. 


ein aui^serst dauerhaftes 


hat venuna.Spielkii riet). Diese ^^^H 


afaa pük: Quelle. V|»K pok, 


wollenps Gewebe, auch als 


Karten werden aus dem ^^^| 


Wi-puk. 


Bettdecke dienend. 


Banchfet) (venüna: Bauch) ^^^| 


abai muf-i*. Stute. 


©sabithti tcbe-üdre, oder esa- 


der Pferde (bäta) verfertigt ^^^| 


ahän&le, banale: L Kärbis; 


batbü: Federschmuck; an 


und 40 machen ein Spiel ^^^| 


2. kleiner, hohler Kürbis^ 


den Haaren befestigt und 


^^^H 


der von dem Schiimanen 


meist aus Adlerfedern be- 


batbi: trinken; wo rtl*, Wasser ^^H 


mit SteiDcbeD gefüllt und 


stehend. 


schlürfen''. ^^^H 


dann beim Onriren tils Lirm- 


elchi-yöye: Fischangel, Fisch- 


hrLbetchä: Stein, womit auf ^^^H 


Instrument verwendet wird. 


buken. 


dem bapi Korner zu Mehl ^^^H 


akna niu^rka; Taschenmesser, 


etchüdre: Jabr. 


£@Trieben werden, ^^^| 


aktia-sebiiiwa: Pfeilspitze aus 




bäuübi, ho>ümi: rechtaeitig; ^^^H 


Stein. 


Hak' athielu,nom. pr.: Rio 


säl h.: rechte Hand, ^^^^| 


uktia tikewekoa: Taschen- 


Sabdo, oder Salt River, 


he-ella: Laus. ^^^B 


masser. 


nördlicher Zuflnsa des Gila. 


hen^ku: Halsachinuck; be* ^^^H 


a-kwal: gegerbte lürschbaut. 


(halbi: Salz.) 


stehend ans einem Strang ^^^H 


Ver^L Icbi-thkuila. 


IIa ba riiya: Name eines 


aus Hirschleder, an dem ^^^H 


amät: LErde, Kotb- Land. 


Baches auf der Rio Verde- 


Korallen, Glasperlen etc. ^^^H 


2, j rdene r Topf, Krug, a ro at 


Reaervation, der warm ans 


aufgereiht sind. ^^^H 


hatbiwa: grosser irdener 


dem Felsen «trömt. VergL 


bene- Constelhition de.« ^^^^| 


Wasserkrng, 


aha, royi'b. 


Grossen Büren. ^^^^| 


apa makuana: Scbiesspulver. 


Ha ke so-onwa, nom, pr. von 


hepä " tumi : Morgendamme- ^H 


ata; 1. Snmpfrohf; 2. Pfeil - 


Camp Date-Creek; wortl.: 


^^^H 


scbaft aus Robr. Ver|fL 


„der einsame Cottonwood- 


bithtil- tchiyi: Unterkiefer; ^^H 


hatamiL 


banm," 


wörtl. : gKtnn Knochen*. ^^^^| 


aläta: L Dotd; 2. Granne. 


hata ke räpa: Schale einer Bi- 


hiuye-üyebi: eine ganz der ^^^^| 


Ver^K tchelatata. 


vftlve, als Halsschmuck ge- 


Bkäliskfiü gleichende Kinn- ^^^H 




tragen. 


Tätowirung der Frauen; ^^^H 


bete: 1. adj. ifross; ifross und 


hamänie kuadro, oder b. 3 äki: 


drei Verticalstriche statt ^^^H 


breit ; dick, carpulent ; 2.ad v. 


Tragekorb , an welchem 


^^^^H 


1 riet, hetr&cbtlicb. 


Säuglinge befestigt und am- 


hornfh: Gürtel, Gurt. ^^^| 




hergelragen werden. 


howal: Weisatanne. ^^^H 


desp^bika: der andere (von 


hameBi: Stern; hamesi sike* 


bowal tchibiyi : Bretterboden. ^^^H 


zweien). Verf^L midespeha. 


wekwa: Polarstern. 


buale: Vertiefung im Boden, ^^^^| 


drabi, drabi, rubi: 1. dünn. 


häna: 1. wild, iingezähmt; 


Loch; aba bualewa: Ci- ^^^H 


majter; 2. trocken, dürre. 


2. wildes Thier. 


steme, Ziehbrunnen. ^^^^| 


auBgedorrt; s. ravi im Mo- 


haoa tömekum! ea ist in der 


hualebnale: röhrenförmig. ^^^H 


b*Te. y^Tgl ya: Mond, 

1 


Ordnung! so recht! 


humiräpa: aQs Haaren ge- ^^^H 



140 



Ja tieftet s 



fertigte Schnar; ?oii den 
Nävajo-lDdiauern verfertigt. 

Jiuöiekü: Frosch. 

hwaiyoa: 1. feindlicher Krie- 
ger j 2. Kriegs|fefangener, 

hwoyömi: zleleo (mit dem 
Bogen, Gewehr etc.). 

i-i muamä: Wurzel, Baura- 
wurzeL 

i-i tekttto: Kriegakeule. 

mäya, yise: Schatten eines 
Baumes, Felsens etc.; tuko- 
s4ya: Schatten eines Men- 
Bchen. 

it&se: Sykomore (Fiatanus). 

itemärika : Beg ribnias* 

itcbinälii fallen lasaent mit* 
chinälil la8s es fallen I 

itcbipäya; Tbier. 

ya^Mnnd; y4-arubi: durstig; 
wörtl: «Mund trockfln*. 

y&ko: Betl, Nachtlager. 

yäläka: wilde Gans. 

yätch: Pflanzen saroen; durch- 
weg als Nabrungsmittet ge- 
braucht. 

yipübi: Kocher. 

yiti : genug; yebel is ilha yiti? 
ist dies hinreichend? 

yu, yuh: l.Aoge; yuh-baomi: 
blind; yuh-keleme: Augen- 
braue o; 2. Gesicht, Antlitz; 
ya - theluthelu : Blattern- 
Darben. 

yuhupiiki: vorne dran, auf 
der Vorderseite. 

kapitmpka: Heoscbrecke. 
kava, kwa? pron. rebt.; in 

kwiUha? was? kavayümi? 

was? warum? weshalb? 

kava nyyku? wann? 
kätharo: links dl ig; säl kl- 

Ihäro: Unke Band, 
kedshi: wenig; pa k^dshi: 

wenig Männer; püki kt!dsbi: 

wenige Weiber, 
kele-uiki: Kugel; pa keie-ulkü 

kurzer, dicker Mensch; säl 

tchikeie-üiki :geballte Hand, 

Faust. 
keDÜmi, in : aäl kenämi : Zeige- 
finger, 
kiyäroi : loftschi essen , ab 

schiesaen (Pfeil, Kugel etc.). 



kithi4: Är^t; wörtKi „zu 
trinken gebend"; von thi: 
trinken, schlarfeu. 

kiyli^ kluii: lang, hoch, hoch* 
gewachsen. 

kiikwa^ adv.: sehr; yä-a riibi 
kükwa: sehr durstig. 

kuadra, kuaj : Schmioke, 
Farbe aur ßemalung des 
Körpers. 

kuadrakio: rother Tbon, in 
Kuchen- oder Riiigform ge- 
backen; ab Schminke und 
Ueberzug über den Körper 
dienend. 

kuadra-tchiätui: rotber Thon^ 
als Farbe in's Gesicht ge- 
schmiert. 

kuaka takwä: Pul verhorn. 

kuäka tapäbi: Fleisch in eioer 
Erdhöhlung ruslen, braten. 

kuathevriya: Tasse, Schale. 

kuluma; After^ Ende des Mast- 
darms. VgK dshelkü. 

kuniehuidewi : Fell lur Be- 
deckung der Lenden und 
Scham tbeile. 

kuthak : grosser Korb von ko- 
ui scher Form; von den 
Weibern lum Gewinnen von 
Pflanzensamen benutzt und 
auf dem Rücken getragen. 

kn-trh* runder, niedriger und 
wasserdichter Korb. 

kuwe-i\ kuwevi: 1. herab, ab* 
wärts; SS. Süden» 

kwa tesotcbätcha : Regenbo- 
gen. 

Kwathaaiki*ita: nom.. pr. von 
Prescott, politische Haupt- 
stadt von Arizona. 

kwauwa: ürossvater. 

1 a b e - ä n y i : scbei hen f ör m ig. 

m i k a ; hinter^ hintendran, 
auf der Rückseite, auf der 
anderen Seite (im Tonto: 
Eücken}. 

luaka-tetcheku: der hintere 
Tbeil des totch^kwa, s. d. 

matavi: Norden. 

Mai bathi: nom. pr« von Camp 
Verde, Lagerplatz auf der 



Rio Verde - Reservation ; 
wörtl.: ,SaIz-ErdeV 

mateyiisi: Jahr. 

matektinu miella; Adobe; 
Lebmiiegel. 

Mate kütebÄha, nom. pr. : Rio 
Verde, ein nördlicher Zu- 
fluss des Gila, Arizona. 

mute kutchiika; Lehm und 
Stroh mischen (zur Adohe- 
fabrikation). 

mat-sehepe-i: Schaufel. 

märamirai bald, baldigst 

metäma: hinauf^ aufwärts. 

mevil: hölzerne Pfeilspitze. 

miävi : hinauf, anfwärts. Vgl. 
metama. 

miella: Gebackenes; Brot. 

midespeba: ein halber Real; 
sechs amenk. Cents- Münze. 

mf'bt Fuss; in mi-muwala: 
Wade; mi-tikitha: Absatz 
des Fasses. 

miyuli: süss. 

minyi - häta : zahmes Thier, 
Hausthier. 

muiit: wildwachsende Gerste 

mue: warm; hakamue: war- 
mes Wasser; muemi: Früh- 
ling. 

mubü: Gesichtsmaske oder 
maskenartiger Anzug, um 
auf der Jagd das Gewild zu 
tauschen: Rebfelle, Hirsch- 
Geweihe u, s. w* 

mulbn : Tabakspfeife aus Stein 
oder gebranntem Thon und 
ohne Biegung. 

muniemiya, s. tchipebi. 

musema: Pfeilfeder. 

müsi: weibl. Thier; küthart 
m.: Hündin. 

JDnsma: 1. Wurzel; venat 
musmu: Wurzel der Yucca 
baccata; 2. Strange Schnur, 
Sehne. Vgl bapü-mesmi. 

muwiye, adv,, 1. mehr, in 
grösserer Menge; 2. wie- 
dernm, nucbmals; müwi 
kuwarubi: immer, stell. 

uäli: hinabsteigen, herunter- 
kommen; hat näll: vom 
Pferde absteigen; ve nälil 
me Däiki! komm herabl 



Der Yuina-Sprftchstiiinin. 



141 



i 



uegi: die Bogensehne ^n 
ddben^ spanneü. 

iii3li«ipu: Seh ie^sw äfft?; so- 
irohl Feuerwaffe als Bogen 
und Pfeile; hapü. Bogen. 

Uli, nya, nyä: Pfad, Fahrte, 
Weg. Vergl Sonne. 

nii r'opi: SonDeountergaiig; 
nii ropohi: Westen. 

nia tchexalöbi; Osten. 

nii ve/nd kakwäm? zu welcher 
Zeit (od. Slnufte}? wörtL: 
,dio Sonne woV* 

ni-ibdya: Soppe« 

nistukuwälkat Skorpion. 

ajawib; Kleidungsstörk; Be- 
kleidung. 

nfiiui Begattung. 

o'hwayä: Rauch 

o-o kidshi: 1. der Busi^h, der 
d&t por5»e Höh 2um Feuer- 
Beibeapparat liefert; 2. 
Fencr-Reibeapparat ; o-ö vi- 
huJubi: Feuersignal, Rauch- 
Bignal. 

o-otbna: Stein zum Glätten 
der Pfeilschäfre; ist drt-i 
Zoll lang und wird vor dem 
Gebraucbe heiss gemacht. 

padur: Spitze (des Hessers, 

Pfeiles etc.). 
pädormi: weniger als die 

Hälfte; ein Vieriheil u, s. w. 
pabu: Kerbe am unteren Ende 

des Pfeiles, 
pa-semitchet Zauberer, Scba* 

mane; s. semdtche. 
pemi: nicht mehr, nicht langer. 
pidur: nur, blos, allein ; match 

pidurr dti allein, nur du; 

viitchi p. : nur dieaer allein, 
pokuldta: Tarantel, 
pudr: Hut; Kopfbedeeknog. 
pudrpadr'kutn : «rahenförmigr 

cylindrisch-TüDd. 
pdk: unteres Ende, Basis; 

ßaumstrunk. 
pumii: Ruthen mm Verfer- 
tigen von Körben. 

rujTb: beias, siedend ; haka 
rnyi'h: siedendes Wasser. 




I fettig; beleibt; 2. sahst. 
j Fett; kwabatft &njA: Fett 
I von Rindern. 

säläm: Vorrichtung z, Schutz 
der Hand heim Abschiessen 
Ton Pfeüen. 

sebehuwebi: Kronx. 

siedshdtut: L eine au« sieben 
Verticalf trieben bestehende 
Täte wirung am Kinn der 
Weiber; 2. eine dito am 
Kinn der Männer, aus drei 
Strichen bestehend. 

semd, s'ma: Schlaf. 

Seinätchet t. Name des im 
Osten wohnenden Gen ins; 
sein symbolisch gebniurbtefl 
Zeichen ist ein Stierkopf» 
der auch die Sonne dar- 
stellt. Von 56m ä: Schlaf 
u. dem Nominal&uffix -tcbe, 
2. Schutzgeist eines Zau- 
berers oder Schamauen. 

sili: auf den Kohlen röslen 
(Fleisch). 

simküirki: Cigarrctle; wörtL: 
^gerollt'. 

sitemi: irgend einer; ein an- 
derer (von mebr als zweien). 
Veigl despebika. 

sidyi; tlasselbo wie biuye- 
dyebi, q. v. 

skäliskäli: dieselbe Kinn Ver- 
zierung wie sedsbdtui ^ die 
zwei änasorsten verticalen 
Seitenlinien lauleo jedoch 
jEickzackartig aus. 

smäleka küli: Mault hier; wört- 
lich: , lange Ohren". 

suku-dla: Glasperlen: Ko- 
rallen zu Halssclinüren etc. 

sowah: Wasserflasche aus 
Flechtwerk, oder ans ge- 
branntem Thon. 

snkäbi: Schnur mm Binden, 
nyahänyo sukabt : schmaler 
Riemen lur Befestigung der 
Moccäsius. 

sukwmya: Fruchtkapsel der 
amerikaniächen Aloe. 

suminui: Franse an Fellen. 

snpehi : V ordert heil des tetcbe- 
kwa, q. V. 



§ijm (Mgz. se): 1, adj. fett, I labiler Eidechse. 



Inma, und wi'htämi: Steine 
mit der Schleuder (udshelite) 
werfen. 

taliäl: Flöte; aus dem Stengel 
der Yucca- oder Soap- 
weedpflanze verferUgt. 

Täse kubete: nem. pr. der 
Rio Verde- Indianer-Reser- 
vation ; wörtlich : ., gros so 
Sykomore". Vgl. itise. 

teniödewa: Buch. 

tenidri, tenydri: 1. Schrift, 
Geschriebenes; 2. Zeich- 
nung, Malerei; magischer 
Zirkel oder Zeichnung dea 
Zauberers. 

terafi: eine aus vielen Pnnk- 
ten und drei Vertical- 
stricben bestehende Kinn- 
Verzierung. VgLsedsbutuL 

tetchekwa: Unterrock oder 
Schurze von Hirschfell; ein 
Kleidungastuck d. Frauen* 

thempd: gelbe Wespe. 

Ihi: schlurfen; s. hathi. 

thipidöf; Haarschmuck. 

thirikuthirikn : Heimchen. 

thitu: färben. 

tibi: tatuirtea Bild axif den 
Armen der Weiber; eine 
rohe Menscbenfigur dar- 
stellend. 

tiyddäha: Vorfahren. 

tirhui: um etwas hemm ge- 
wunden; säl tirbuir Arm- 
band von Glasperlen. Vgl. 
nyahänyo tiri: Schnur zur 
Befestigung der Moccasins. 

tobobi: Karten spielftn. 

to-ole: kochen; to-nle nl-ibÄya; 
Suppe kochen. 

tdburai: halb, die Hälfte 
(raumliche Dimension); tu- 
mu-hubd: balbwegs. 

(uelkepdba: Ereu^i das im 
Haar befestigt wird und als 
Amulet dient. 

tnh: Tod ten Verbrennung. 

tukö; Magen im Yävapai; 
tälkö im Tulkepdya^ 

tulkwumt gehörnte Eidecbse, 

t n m esa y a : N us s ke rn . 

tdfebi: 1, Stab, Stange; 2. ein 
Gesellschaftsspiel, worin ge- 
worfene Ringe mittelst 8tä- 



U2 



Albert S. GaUchet: 



bell aufgefangen werdeü. 
Die KutcMnit oben dasselbe 
Spiel. 

tcbäk: hinauf, auffrlrU; 8. 
metnma, miävi. 

ichebuanimehuelu: Jobaonis- 
beere. 

tcbesa nyewa: Vogelnest. 

tcheta: Wt'izefi 

Icbetatätat cuitivlrte Gerste. 
YergL atata. 

Icbibek&bo: reunen: nyi bat 
tch. ; mein Pferd tauft 

icbimi^ül: grosso Ameisen- 
Art. 

tcbinapnka: kleine Anieiseu- 
Art. 

tchinieki: Bogen mit ge- 
spannter Sehne. 

tibipebt: Bettdecke; Ueber- 
wurf; die Apache -Ytima 
sauren d^fur munyemiya. 

tchitmisi: iihnecbBelnd rothe 
u, Kchwarzeverticale Striche 



(Cor 



von Schminke^ ins üesicbt 

gescbmiert. 
tcbi-tbkoih: Hirschrell, Reh- 

feil, 
tchiviyämi: renneUi laufen, 
tchiwäki: t«*mporäre5 Lager, 

aus uwä'b (s. d.) bestehend, 
tcbn-obi: kämpfen, fechten 

(voß iweieo); tchau-obi (von 

vielen Individuen). 

libatcha: Taba,k rauchen, 
tidsbelite: Schleuder Vergl. 

täma. 
umuhöl : Ast' he. 
utchi; f^luheude Kohle, 
uwä'h: Hütte oder Zell vc^n 

Strauchwerk und Zweigen. 

vamr jetzt ; vam drabi: gerade 
jetzt; vaui bepil: letzte 
Nacbt. 
venit: eine Yuccaapecies: 
I Yucca baccata* 
l viel: amerikanische Aloe; ihre | 

busier's f Ist ein haibvocaüaches 



Blatter; viel therk; ihre 

Fruchtkapsel: äukwtnya. 
vi^l maikamä: Hexcal (Frucht 

der amerik. Aloe) in einer 

Erdbühlung rösteu. 
vikei? wo? 

wäye; Sessel, Stuhl. 

wal wälle, wa^lwadre: Fieber- 
fros^t, Schuttelfi eher. 

wikiyatch: Bergkrystall; »Is 
Amulet getragen. 

Wi-kuse-iiyebä, n. pr*; North 
Peak, in den Matzatzjil- Ge- 
birgen. 

Wj-kutchäsa, nom.pr.: „Fnur 
Peaks*, mit Gebüsch be- 
deckte Anhöben in den 
U atz a tzal - G ebi r|r e u , 

WI-Hji'me-kwä, nom. pr.: die 
Sau Francisco - Gebirge; 
wortl,: ,8ehr kalter Berg*". 

Wi-ptik, öom, pr,: der Mo- 
gollori-Mesa; wortLj ^breite 



Basi&'* 
n) 




Tonto-Wortverzeichniss. 

Von. 

Dr. John B. White. 

(Die Seitenzahlen in vürliegendem Vocababr beziehen sich auf die früheren Verzeichnkse 
in dieser Zeitschrift, 1877, Seile lOäR — 418, — Hier sind die Vocabeln, die mit u und nach- 
folgendem Vocal begiunen, uuter w eingetragen und die Wörter auf tcb-, ts- von denjenigen 
auf t- im Alphabet getrennt Da s mit at durchweg alteniirt, so wurden beide, wenn in 
Anfang eines Wortes befindlicbi in eine Keihe combinirt. — muvjami^ S. 410, corrijfire man 
in nuveyami; sasawi, S. 411, in savawi; bamiM, S. 408, bedeutet Haut.) 



a-a-ivi-i: zubören, aufmer- 
ken. 

ah nie: Wasserkrug. 

aha si)u: Ziehbrunnen; vgl, 
bat» siyu, S. 408. 

abat itcbitaima: Hafer; vergL 
hata; Pferd. 

ahata tatikui-isa-u; S^ittel. 

ahonami^ hanami, hemi-omi: 
schlecht; vgl. aboiini: gut. 

akälavi: erzürnt, aufgeregt. 

:*kawi; brechen; vergL itikati. 

akua, oft apbäret. koa; b. 
S. 408 (auch Glaa, und 
Glatfabrikate). 



akua am'lo, amblo: kleines 
Trinkglas, oder zinnerner 
Trinkbecher; akua hamilu: 
Lederbecher. 

akua ajihajkuavi jfuli: Zügel^ 
Zaum. 

akua gawuge: Pfeilspitze. 

akua guli: langes SJes^er, 
Dolch; «ürtL: , langes Me- 
tall, Eisen." 

akua hatchuti: Zinn. 

akua imjübikuavi: Schnalle. 

akua iwa! knöpfe Dich zu! 

akna yovi: Messer, scbirfes 
Instnrraent 



»kua kaitchi: kleine Gleeke, 
akua kaniabewü : Gbj^flasche; 

s, kanesha. 
akua kuavi: 8c bloss (an Tbö- 

ren). 
akua nala: Traggefis« für 

Flüssigkeiten^ Kantine, 
akua £^huadi, shwati; Bügel 

(Blasinstrument), 
akua tigiti, a. tikati: Spitz* 

hammer, Spiizhaue; siehe 

S. 408. 
akua timapi; SchleifsCein. 
akua liwagf: LeticbUtoek, 

Kerzenstock. 



I 
I 

I 





r^er Yiima-Spracbstirmm. 


^^^^ H 


^^^ aSSAvakan hiUr Gescbuti; 


goisüli: Kork, Stöpsel. 


bipawo: Jahr; YergLbalawägi, ^H 


*örtl.: ,MetaJj - Geräusch 


giili: lang; gow»«a g.: langes 


halnyagi: Monat. ^H 


vier. 


Haar; ipagnti: erwachsener 


bo giadt, ho-kiati: Nasenbein. ^H 


igijfuilfi: Tuch. 


Mann; vergl yula: Strick. 


bo-giali: Schlund zapf eben, ^M 


itikuadi: Kobre. 


gufpali, itieipali: Knoten (an 


Uvula; w,: .Kopf-knochen". ^M 


aliMyatie, aktia toyidie: Sieb, 


Stricken etc.). 


hn-kina: den Kopf schütteln; ^^^B 


Steioflieb oder Kiessieb. 


gutwiraa-hatni: Unterhosen. 


^^^^ 


aloye, itoye; warm, heiss; 




ho yovi: die Nase abschneiden. ^^H 


?er^. iraat aUi-i, u, ituye. 




hewnle: Fichte und Fabrikate ^H 


S.409. 


ha (ans aha): 1. Wasser; 


aus Fichten hok; wal (aus ^M 


aiüikwa*. Galtin 


2. alles wüsgrige» flüssige. 


howale): hölzerner Tisch. ^^^| 


aweya: Flamme, Lohe; ver^l 


trinkbare. 


^^^M 


oveya: raachen u o-naiti. 


ha dsbüki: tiefes Wasser 


ibuUavi ko: Eopfschmer- ^^^| 


8. 41L 


ba-kidito: Spekhel. 


zen; vergl. iravi. ^U 




ha metesbue : Wassermelone. 


i'iQi Zündbolzcben; wortl.: ^M 


ba-imile: Verwandter; s. 


Im iiudsha: Kaßee; wortl: 


^Sub dea Feuers"; bo-o: ^| 


pa-imila, 8. 41 L 


,F€hwar?,© FlÜ8si!jkeit'. 


Feuer. S. 894. ■ 


bika, im Plursil owicHmi, wo- 


ba tchawi yukie: Ruder. 


i-ituga; es ist so, dem ist ^^^^ 


koßiwi: Frau; vgl. anlikwa, 


ha-vidsbo: Thau, Thau- 


^^^M 


bikU bite (make b. L o e w , 


tropfen. 


Wi twayir Baum. ^^^B 


8. 390). 


ba-wali: Damm, Flusseindäm- 


iyogi: gurgeln, z. ß. mit ^H 


biki: ait; ipa b, : alter Mann. 


mung. 


Wasser: vergl. yt^ki, S- 409. ^M 


bik-lapi oder ipa bik-lapi: 


badilwayi: lieben. 


iyule: herumdrehun, tpiirlen. ^| 


alte Frau; vergL habpj, 


bale veta: Vollmond. 


ikil iiop:«: Fass. H 


8, 406. % 


halhaie: Streifen. 


ikilcbldi: verstecken, ver> ^M 


bokiyadß: Schale, Schössel- 


halpiti: rauh, uneben. 


beblen. ^| 


chen (patella). 


hamdokiti: unzünden. 


iködsbe: schwerer Wagen ^M 


bomuBbma: Drücker an d^r 


bamili : ungegerbte Haut ; akua 


(engl, wagon). ^| 


Flint« 6tc. Vergl gititi 


harailn : Lederbccher. 


ikuigdmi? dasselbe wie: k&- ^M 




banarai, hani-omi: scblecbt, 


weituye? ^B 


etra-ii Tragebrelt, worauf 


unbrauchbar; dass. Wort 


ikutsi: die Arme binden, ar- ^M 


l der Säugling befesi igt wird ; 


wie ahonami. 


retireu. ^U 


Wiege. 


hashma: in Blasen aufsteigen, 


ikule: lang, tanggestreckt; ^M 




Blasen bilden. 


dass. Wort wie guli; vergl. ^H 


Itili: Pferdefliege (horee-fly); 


haia: öeberachwemmungCbu: 


yula, S. 409. ■ 


eine grosge, farbenscbil- 


Wasser, ta: gross). 


ildsbegowali : Scblundkopf, ^M 


Icrnde Fliege. 


hata, abata, ahat: I.Pferd; 


Laryni. ^^^H 


gilchimi-i: Bajoanet. 


2, die Königin im Karten- 


imat atüi, atoyi: Hitze der ^^^| 


fre*dii§: kyrz; gowäva geidi«; 


spiel 


flaut. Vergl. atoye. ^^^| 


kurzes Haar. 


hata batcbelgir Pferdedünger, 


imat wikuidl: Papierdrache. ^^^| 


g^-iabali: Regenschirm. 


batavi: Peitsche. 


imi, mi: beweinen, seufzen; ^^^H 


giagi, ßiadi, tiyagi: Knocbeii, 


hata vi-i'i oder hitavi i-i: 


a. mi, S. 410. ^M 


gid^bidawJ^gQo : kauern, — 


Peitscbenstockj engl, whip- 


imiBhikuav), s ahua. ^^^| 


bocken. 


BtMk. 


imitjg«»; giessen. ^^^| 


gilage: Narbe. 


bäte kuä-e: Pferileinähne. 


imoni bati: zahmes »Schaf; ^H 


gimaimi: grosser Ldlfel, 


bäte sbakamwite: Pferdebul. 


amo-nio bat, im Mobave. ^M 


Schöpflöffel; g. shlvi : LutfeL 


bat savi: Fohlen; vgl. lava. 


impadt tigiomt! kreuze die ^M 


gilili: Drücker am Flinten- 


bätsi: sich erniessen. 


Beine t V 


schlossii vergl bomnsbma. 


hawagitawi: sich niederlegen. 


inavi : peitschen. Vgl halavi. ^ H 


golaTe; idontiach mit kalyave, 


hempi: durstig. 


inina: wiegen, bin- und her- ^M 


q.Y. 


hi-ivi? verstehst du? verstan- 


bewegen. ^H 


golkc»; 9. ahal golko. 


den? 8. ivi, S. 409. 


inyeti tiuuti: Diute; vergl. ^H 


gonoi Herd^ Feuerstitte, a. 


hilo: Salz; auch iii. 


tinuvi, tinutivi, S. 411 und ^^H 


gvno gl wo, S. 408. 


bimami atadiwe: letzte Nacbt, 


ittyudit schreiben. ^^^| 


gudiyndeke: du m|ifig, dunstig. 


gestern Nachts. 


inkatye? wa» willst Du? ^^H 





ifhwAv^i: Krtu- 

iUmJATi: Frost, KiUe. 

ftavi: «frfeo. 

fUfiUkj: Bett, Lager. 

itbttlcooit Hitf der Wieder- 
Jtiaer. 

iCiawäli: PHaiix«!! tien Uzw- 
kom«. 

itidibedsbi kedthe : kleine Axt. 

itidibed^hi iwa i: Axtstiel 

it%0lTiki: Wa^e, 

Hijnil^ h Bleistift, Schreib- 
»lift; Scbreibfeder; i, wami: 
FtedpaAS^ vom Agenten der 
RüerTation den iDdianerQ 
aosgeateltt; 2. Acbreiben. 

itlk8j>i: Stecknadel. 

itikoeji, ikuavi, ilima; ipte- 
eben, sieb onterbalten; s. 
ma kuariwa, 8. 410. 

itikwitba: grCm; ». idikuifb», 
8.408, 

itipasi: fühlen, empfinden; 
ver^L uiikiiitbL 

itopalawi: mit Karten spielen; 
¥gL t<»bi,S.411; f. Pftlawi, 
8. 87t 

ito-i: loiknüpfen, tosbinden, 

ilcha - epulwa; Haus, Woh- 
nung; vergl. owapultL 

itcheni^o: sich aufhalten, ste* 
h«iu bleiben. 

ikbi fibwili: FischbAken. 



Kfr; wrtL; ,«bi Schwmrxer* 
iTiri: Läim, Gerittsek 
ifoti jvlt: 

ivaUlMT»: Dofanetaeher. 
iwalkaoie: SintmpC 
ivameihtcbx: wischen; eti|ft 

U swaep 
iwo: gehen, tu fum gehen; 

Tg;!, magawo. 
iwutoje: kntschiren{?); engl. 

to drive* 

ja, je; L Mond: 2. Lippe; 

fergh jaapidimi; 3, Loch, 

Bohlung, Vertiefung. 
ja (ye) apidimi and ja kelepe : 

Dnterltppe; «, yipi, S 409. 
jatiahi ; «chlageu (von Uhren) 
ja jngnaU: Stiefel; Tgl. yayn, 

ikoali. 
jali: nuten, unterhalb. 
James hosi: Ra«irmes«er, - 
yandiira nafi! lege es wieder 

bin! bringe es dahin wo 

zuvor! TgL mamavi^ S. 412. 
yapa: lebendig, lebend; vgl, 

ipa, Mann. 
yebodshe : Hals (nicht jebuka^ 

8. 390). 
jowitaTi-i; Hotpilse, 
yndc, judi: Leibesumfanp, 

Taille, 
ynde-okini; Weste. 
yu golavi: von hasHlichem 

Aussehen, 
jugiiegi, yu mihi mir von et- 
was abtreten^ weggehen (to 

get off), 
ynla: Faden; Strick; Sehne; 

siehe nknavi, kas&ta yuli, 

S. 4ia 

juli kuomi: stoben, 
y n mi d ika m i : au fr ä hren . 



ka-ileki, ka-Hslii: 






9Uwß 



Vgl ketf ja; 
kaiteU: kleiM 
kalatm, kaljBTbt, 
golavi: L 

kali:i 
sharp-sidD ha«k (Acdflla' 

fdscns), 
ktneiba, kanisbeva: Glaa. 
kasake: Korb; kaaake b^tiya: 

kleiner Korb. ^^ 

kasata-sava; BändiD. ^M 
kastohidiiiibi: Speer mit faa- 

gern Griffe. 
ka«eitaye? was ist los? 

was bandelt es sielt? 

iknigaiiii 
ketiya: klein; kasak«rola1 

tija: kleiner Korb, 
kishav ^bave: Ifan^. 
kobita: Elenntbier; ans kaa 

bita: ,Oross-Horn*. 
kotcbe: pnlairen« schlagen: 

k. iya: das Ben puUirt 
kowata ikwasbse: Rexsesaek, 

Felleisen, 
kowavi shinknibj: Haarlocke, 
kua: Hörn d. Viebes, Hirsche» 

U.S. w. (Davon;) 
knaki^ kvoaki: Hirsch, Refa. 
kuakitij ktiariti, kua-iti: Rind; 

Kuh. 
küsklti bita: SÜer; vgl. kobita. 
kna4ü iboga: ein Joch Ochsen, 
kna-emake r Oceipi talknocheo; 

vergL mago: Rücken, ^i 
kuaktbävi: Biber. ^1 

knall amyuga: Stiefel röhr; 

ikuali. 
kna-mati: Rindfleiseh; kuama- 

tüfi: getrocknetes Ochse n- 

Heiseh. 
kuamkuandi: Pulver. ^M 
kuapo-uli: Nastuch. ^1 

kuasbwade, goswandi: Pans- 

üöte, Mundharmonika, 
kuate veyill imi : ledigerMann ; 

vergl manbi. 






^lier Yurna-SprachRlimm. 


^^vn 


■ kSäfimeyi: Knbeuter; vergl 


miigegi: sich lanken. 


nimiweyoA^a., s. wasipili. H 


V imeyeJ Milcli. 


miyugi; L sich niedeHegen; 


nishe: Skorpion; mani-ia im H 


koe gia^a mesba.Ta; Bernd - 


vgl. bawagitawi ; 2. nieder- 


Mohave. H 


knöpf (kne alalt alraa). 


legen j fihal miyugi: 8ich 


nindsba, nndsba: schwarz; ^^H 


kuini: Band; pudi kuinir Hut- 


die Hand reichen* 


vergL ba nudsbe. ^^^^ 


band. 


mikuithi: fühlen, eropßnden; 


niuvaJ vorwärts! ^^B 


knioo, kuno: Eotli. 


vergl. itipasu 


'nkowa, ingowa, warne wa: H 


koittt Zuber. Eimer. 


mluyntir Scbweater. 


flitzen, Vergl- mowa. H 




roi-o-i; Bcbulden, 


nkimvi: Bogen; n. yula: Bo- ^^H 


ma-anmK iwiscben. 


mi-pate, mi-tchishuve: Fus«- 


gensehne. ^^^| 


maj;awo: zn Fuas sariick* 


zehe. 


nowaba: frenndlich; vergl ^^H 


kebröD; verjfl, iwo, maki- 


mi'BhalehoQ ; Zehen-Nagel 


enovaha: Frennd (Mohave). ^^H 


bomi. 


misbe-i. wiahe-i: Athem, 


'nshavi i-imi : Fahne, Bnnner. ^^B 


makibomi: zurückgeben. 


Älbemholen, 


nudliamwitbit büisten. H 


inakjyumiwila: Hoseo; im 


misheve: brav, tapfer; vergl. 


nulmiwavi: hassen, verab- H 


MobaTe; memtokobava 


misbäwi: feige. 


scheoen, H 


loakiwajrui isichberomdrehen. 


miaiti: ans'Ainden, z.B. nasse 


H 


mjikaoß«; riecben^ v, trans. 


Tücher. Vergl. milyiali, 


o-o-i: 1. buÄten; 2. schnar- H 


minba, matiM: Jünf^^liß^, an- 


8, 410. 


chen. ■ 


verheiratbeter Mann; m. 


misbiteyi: Mädchen; etwas 


oakidi: schrauben. ^^^| 


maiileyi und m, teyihi: 


älter als bimani». 


otiwati: Docht der Kerze. ^^^| 


Knabe, dem Jünglingsalter 


mitavigege; drucken (Band 


oy' mbhavi: Cigarette; s, ^^H 


nabe. 


f. B.). 


numisbawi, S. 408; ova, ^^H 


niftnleyi; Mädcben; etwa« 


mitaralatami: Sfinod, Pfropf; 


S. 411. 


älter als himania. 


engl, a top per. 


owapiilti: Hans, W-iboung; 


masbkooi: AnBtreicherpinsel. 


mityiyiga: eine Art ßühueu. 


vglbuwa: Haus(Diegnefio). 


masbma: Adern. 


miloyi! binde es ziisammeu! 


owidimi, a. bika. 


raatati, matyali, mtiTati: lau- 


mnwa: aich niedersetzen; vgL 


owilaila: Eichel 


fen, renneti. 


*okowa. 


owilegeyu, ouvehas Wöiden- 


roategatie: Koth, Scbbmm; 


mu shi m ik uidi : eine Fl asche 


bauro. 


ft. knino. 


verkorke D. 




matuaboU: Harke; nucb ha 




pa-geteya: junger Mann. 


m&tepiye« 


naga,nage: Glocke; n. bita: 


pavigo-it4 : Hefe-Pulver. 


matingülibi: Staub. 


grosse Glocke; n. kailchi: 


pokego-otega: Hagel. h 


matyali : laufen , rennen; 


kleine Glocke. 


polwndsbi: Tauäendfnss. ^^^| 


tispida m.: scbnell rennen; 


napodikamh mit der flachen 


pnte, pntyi ahavä: Mutze» ^^H 


s. tnatatL 


Hand acbbgeo, züchtigen; 


^H 


matchikiati: Nabelschnur, 


engl, to spank. 


^^^^^M 


matskaawavi: Grand, Boden, | 


uatchipa: Tag, Tageslicht. 


shakawi: Vogelnest. Vgl ^^H 


Erdoberfläcbe; vgL mata: 


Vergl. nia: 9nnne. 


wakei-tchi. ^^H 


Erde; oiJ-am'ti, S. 410. 1 


ndehesba: Erdban, Erdwoh- 


shale, sbal, sali 1. Hand; ^^| 


mboler Stirn, Stirnbein; pola 


nung (der Nagethiere etc.). 


2. Hand mit Vorderarm; ^^B 


(Loew). 


Dia: Säugling. 


3. Flägel ■ 


menokuo: b&sslicb, utiscbon; 


nia shite: beute; vergl niai 


shal giagi ; Radius am Vorder- H 


Ä. kalete. 


Sonne, und natebipa» 


arm. 1 


-mi, -omi, -ami ist ein oft vor- 


nia ahipogo? veretebat Du? 


^htil golko: Handschelle. ■ 


kommendeÄ Privativ-Suffii 


iabipo, 8 412. 


shal bele, abale ade: Hand- H 


in Ädjei'tiven, wie abonami, 


nianibeyi: seh willen. 


fläche. ^^ 


ni-eT©ami, waabiami. 


niatuyi: Sommer; au» nia, 


i»hal goigidsbe: Handgelenk. ^^H 


iniabi ; zerfilosaen , durch 


ütüyii.beisse Sonne*. Auch 


shal igitämi: Zeigefinger. ^^H 


Stossen ^jder Schlagen ter- 


yalaki atüyi. 


shal tokvodi^hiavi ; Rlnglinger. ■ 


kleißern. 


ni-evearaii gran; vergl. iti- 


shal tome: Fingf»rring. H 


mt-edshil nimm es! 


kuithe. 


fibal tcb^yüdi: Handscbub, ^^fl 


mißisbrna: Flechse, Sehne, 


nimeyagedie ; Brustwarze; vgl. 


sbale-wö: Fingernagel ^^H 


Ligament. 


imeye: Milch. 


sbateyj: Zaunkönig. ^^H 


Zoiuehrm fBr Glbnctlogie, J«brg 


UBZ, 


^H 



146 

&d?a, shavät sbüve: jimg; 
klein; kualis.: jongeroder 
kleiner Hirsch* pute shavä, 

s^Tawi; GeburtsireheD (aicht 

aasawi !) 
Beiseyi; es regnet, 
sheya: Fett, Oel; tgL shaTie: 

htL 
s^ß, so»: pfeifen, 
aimpu wjt Wespenoest. 
shitiTi; MaarbürMe. Vorgl, 

-tbl in nudliiim^ilbi, 
sivilidikua: öeJäugnissraum. 
shivUho: Ripi>e. 
sodi: Knoten im Holz, 
sudya: HambiasD. 
shumbjlübi^ ertränken, 
suvi g:iage: Ulna-KnocUen am 

Vorderarm. 



Umai Zwiebac^k; äof^liscb 

Crackers, 
tawakwodiwi: hochroth, lina- 

uberroth; engl« vermiliDtt; 

auch itcbi-wakuota, s. d. 
iiyagif tiagi; Euocben, bei 

Loew kuevata. S. giadi, 

811 vi giage. 
tiyu deke; Pillen, 
timieki: behalten, bewahren 

(to keep). 
tiahmatie: Traum (aus iti- 

bhiDa-tie); vgl, ishma. 
tispida, adv«: schnell, ge- 

scbvüod« 
tistili (statt itUuli): Wasch- 
brett; 8. S, 409. 
tishwülvi: Fingerknöchel, 
liikami: klatschen, k!n|jpen; 

vergl. itcbikauii. 
togobogobi: klopfen, an* 

klopfen, 
tome, s. shal toiDe. 



Albert S. Gatscbet; 

travi, ravi: krank; vgl. ma- 
nuna travi» S. 410j im Mo- 
haTe.' rävi. 

tcbagi- iato • i: mit dem 

Fasse stampfen, 
tchakuadshi: gafen. 
tcbavfyedi: sich niederlegen. 

VergL hawagitawi. 
tchaweyi: auf etwas treten, 

hinanftreten (to gel on). 
tchawiti: Ellhflgen. 
tcheyiigi, aba tclieyngi: 

schwimmen; aha tcbayngi, 

S,406. 
tcbewata: Flanell, 
tchidfpavi: Leiter, 
tchikapa: hinaufklettern, he- 

steigen, 
tsidigo: in Furcht gesetzt. 
Ichiviliokuandiobu : Oeffnung 

des Flinten [auf es, 
tchokgo havashuva: ,blae- 

bird"* (h,: blau), 
tchü vinkinmi : springen ; einen 

Sprung machen, 
tchukato * i oder tchitato - i; 

einen Fusstritt vorsetxen. 
tcbulkuibi: krumm, gebogen, 
tchutchuli: grübeln; yo t.: in 

den Zähnen stij ehern. 

n V i a m i : stumpf (Messer etc.). 

w a i I a y i : erzu rn t ^ missge- 
giöüUmmt. 

wakei-khi: V^ogeloesl; vergl. 
ti$ba: Amsel, und &hakairi. 

wake yagi: vargcalern. 

w^knabnbui wakuiimbo : lang- 
sam gehen, schlendern ; vgl. 
iwo. 

Vi ak i t j bi V i : Hof u m das Haus, 
Vorplatz, 




wakue, wakua: 1. Schale; 
shikvdU viakue: Eieröchale; 
2, Clitoris. 

wakniamikaro : Adstern, zu- 
tlüfllern. 

wamitavi: 1. miauen; 2. blo- \ 
ken; auch vom Geschrei^ 
anderer Thiere gebraucht. 

waUilse: Ahle. 

wamyamtche: Junger Mann; 
vergL pa-getega. 

wa'nabave: Zelt; wtl. ; ^weisse 
Wohnung' (uwa), 

washami: 1. zuschliessen ; 2. 
Thor. 

«ashiami, pashiami: 1. ein- 
fältig, idiotisch; 2. betrun- 
ken. 

wasipili: Lederaelt, Wohnung 
mit Häuten bedeckt; auch 
nimiweyowp. 
' wathiwi! lebe wohl! 

watapave: ßrc«t. 

wawati: bluten; bn w.: aua 
der Nase bluten. 

wedshi; oberster Theii; putu 
wedshi: Kopf des Hutes. 

wevi: VVade. 

wit L Vagina^ s. weya, 8. 411, 
2, Schamlippen; 3. Oeff- 
nung, Behälter; aimpn-wi: 
Wespennest. 

wi bita: Felsen, Felablock. 

wi-iboga^ Schulterbein (hu- 
mer us). 

wi-lipi: OS iDnoruinatum, ein 
Enocben in der Leudeu- 
gegeud. 

wilmiya- Gerste. 

wisiuya: Mark. 

wis'hosi: schnitzen. 

wUiti-i; erschrocken; auf der 
Hut seiend. 

wokiniivi, s. bika. 

wudi watige; kitzeln. 



Der Yuma-äpracbstamm. 



147 



ZahIwSrter. 



Die von Dr. J. B. White notirten Tonto-Zahlwörter lauten wie folgt: 



1 sisi. 

2 wagi. 
8 mofri, 

4 hopa. 

5 sarapi. 

6 dishpi. 

7 wagispi. 

8 mogispi. 

9 alesayi. 

10 wavi. 

11 washidi. 

12 wawagi. 

13 wamogi. 



14 wahopa. 

15 wasarapi. 

16 wadishpi. 

17 wawagispi. 

18 wamogispi. 

19 wa-alisuyi. 

20 wakwayi. 

21 wakwavi sisi. 
30 mogoayi. 

40 hopayiwayi. 
50 sanipiwayi. 
60 dishpiwavi. 
70 wagispiwavi. 



80 moßispiwavi. 
90 alesuyiwavi. 
100 shunesbidi. 
200 wagishaneshidi. 
300 mogishuneshidi. 
400 bopashunesbidi. 
500 sarapisbunesbidi. 

etc. etc. 
1000 owavisbuDesbidi. 
5000 sarapiwavishunesbidi. 
10000 owavi-wavisbanesbidi. 



10» 



Untersuchung der Therm opylen. 

Von 

Dr. Heinrieli ScMiemann, 



(Bnefliche Mittheilung au Herrn Virchow,) 



Athen, 4 Februar 1883. 
Dat Dampf boot mit welchem ich am Dienstag, den 30. Januar, von Stjlis 
abzureisen dachte, k»m gar nicht an, denn es war bei Euboia gescheitert; 
ich ging daher nach Volo, dem alten Jolkos, wo das Schifi „Ärgo" für die 
Argonautenfahrt gezimmert wurde, um von dort mit dem französischen Dampfer 
zurückzukehren; dieser war aber durch das schlechte Wetter um 2 Tage ver- 
spätet; aus gleicher Ursache blieb auch der österreichische Lloyd-Dampfer 
aus, und so konnte ich erst gestern den Piraeus erreichen. Der Engpass 
der Thermopylen hat seinen Namen von den hcissen Salzquellen, die aus 
der steilen östlichen Felswand des Berges KalUdroraos, eines Ausläufers der 
Oetischeo Bergkette, hervorströmen und jetzt, wie auch bestimmt im Alter- 
tham, als Heilquellen benutzt werden. Die starken Ablagerungen dieser 
Quellen, sowie die AUuvia des das Thal durchströmen den Flusses Spercheios 
haben die Physiognomie der Thermopylae so total umgestaltet, dass der 
Reisende Zeit braucht, um sich zu orieotirtn und auszufindeuj wo denn 
eigentlich der berühmte Engpass gewesen ist, der nach Herodot nur eine 
Wagenbreite hatte. Bekanntlich wurde derselbe auf der Südseite von der 
steilen Felswand des Kallidromos, auf der Nordseite vom unmittelbar daran 
grenzenden Meere und tiefen Sümpfen gebildet. Durch die Alluvia aber ist 
im Laufe von 2363 Jahren das Meer um mehr als 10 km zurückgedrängt- 
Man findet zwar genau den Ort des Engpasses^ denn dieser kann ja nur 
auf der kurzen Strecke gewesen sein, wo die Felswand am steilsten ist und 
keinen Ausläufer hat, aber unmöglich ist es jetzt, genau den Schauplatz der 
von Herodot beschriebenen verschiedenen Phasen des Kampfes der Spar- 
taner und Perser auszufindeu: den engsten Theil nämlich, wo die Spartaner 
in den ersten Tagen fochten, und den breiteren Theil, in den sie hervor- 
traten, als sie wussten, dass Ephialtes (vgl. Herodot VII, 213) ihnen die 
Perser in den Rücken führte* Denu gerade da, wo die Felswand zu steil ist, 



Dr. Heinrich Srhliemaun: l^ntersurhnno^ der Thfrmnpylen. 



149 



lim eretiegeß zu werden, eiod die beiöseo Salzquellea, deren Ablagerungen 
eine sich auf mehrere Kilometer nach Norden und Osten ausdehnende bori- 
zoutale Felsfläche von Kalkstein gebildet ond den Boden bedeutend erhöht 
haben. Ein am üstlichen Ende der heisseu Quellen befindlicher, etwa um 
200 m vorspringender, circa 80 m breiter, unter einem Winkel von etwa 18° 
ansteigender Ausläufer des Kaüidromos, der wobi so alt ist als der Berg 
selbst, bringt den Besucher noch mehr in Verlegenheit, denn die Versuchung 
ist stark, anzunehmen, dass im Engpasa, westlich vor diesem Ausläufer, die 
von Herodot (Vif, 225} erwähnte Schntzraauer war. wnd dass daher dieser 
Ausläufer die Anhöhe ist, auf die sich die Spartaner, nachdem Leonidas ge- 
fallen war, zuröckzogen, um den letzten Todeskampf zu fechten; ja, man ist 
um so mehr zu dieser Annahme versucht, als hinter oder östlich von diesem 
Ausläufer der Fels weniger steil abfallt, und daher von hier ab von einem 
Engpass eigentlich nicht mehr die Rede sein kann Man ist ebenfalls stark 
versucht, anzunehmen, dass dieser Ausläufer die Anböbe ist, die Herodot 
(Vll, 216) K£Qx(jj/i(t}p i'ÖQat^) nennt und als an der engsten Stelle des 
Passes gelegen bezeichnet. Weiterhin (Vll, 228) sagt Herodot, dass die 
Spartaner dort, wo sie gefallen waren, begraben wurden; jedoch besteht diese 
Anhabe aas, mit nur wenig Humus und vielen grossen Steinen bedecktem, 
mit Gebüsch überwachsenem Fels, und ist daher an ein Polyandreion hier 
gar nicht zu denken; ebenso wenig konnte ich, trotz eifrigster Nachgrabungen, 
hier auch nur eine Spur von einzelnen Gräbern entdecken. Uebrigens nennt 
Herodot {\IU 225) die Anhöhe, auf die sieb die Spartaner zurückzogen und 
auf der sie von den Persern nledergetnetzelt wurden, „xn^.w»'f;£;", welches 
Wort nur auf einen einzeln dastehenden, kegelförmigen Hügel angewandt 
werden knnn, unmöglich aber auf diesen ansteigenden und mit dem Höhen- 
rucken des Kallidromos zösammenhaugenden Ausläufer. Ausserdem sagt 
Herodot (VII, 225), dass auf dem xolmvog dem Lconidas zu Ehren ein 
steinerner Löwe errichtet wurde, der auf diesem Abhänge ebenfalls nicht 
wohl gestanden haben kann, da es hier an einer horizontalen Fläche dazu 
durchaus fehlt. Da nun die Natur dieser Anhöhe den Angaben Herodot's 
widerspricht und sich weiter westlich kein Hügel findet, so müssen wir den 
xohamg weiter östlich suchen. Nach dieser Seite hin begegnen wir, etwa 
300 m von jenem Ausläufer entfernt, einem 9 m hohen, unter einem Winkel 
von etwa 45° ansteigenden, sich lang ausstreckenden Hügel, der eine durch- 
schnittlich 8 m breite, ziemlich ebene, 53 m lange Oberfläche hat nnd von 
allen Reiseführern als das Polyandreioo gezeigt wird. Zwar passt die Ge- 
stalt dieses Hügels durchaus nicht für die Bezeichnung „nohovog^^ auch eignet 
sich seine Lage nicht recht dafür, besonders da er durch eine etwa 3 m 
hohe, 50 m lange, 8 m breite Anhöhe mit dem steilen südlichen Höhenrücken 
zusammenhängt und daher leicht umgangen werden konnte. Dieser Hügel 

1} Dia GercopeJt m^nren possierliche^ koboldartige Wesen, welt;be deu Bercules bald neckte u, 
bitd belnstigtea. 



150 



Dr HßiDricb Schliemann: üntersacfainig der Tberniopy}«fi. 



hat aber den Umstand für sich, daB8 auf ihm jedenfalls der steinerne Lowe 
gestanden zu babeo scheint, denn alle älteren Reiseführer in Athen erinnern 
sich sehr wohl der hier auf der Fläche des Hügels gelegenen, grossen, wohl- 
bearbeiteten Blocke, die 1856 weggenommeii and zum Baa der vom Strom der 
heissen Salzquellen gedrehten Mühle verwandt wurden, und die höchst 
wahrscheinlich als Fundamente des steinernen Löwen gedient haben, der 
hier wenigstens bis zür Zeit des Kaisers Tiberius gestanden hat*) und auf 
dem die Inschrift war: ^^ ^6iv\ ayyikkeiv ^Jaxidai^oyioigy Sti tfjÖs y.€lfi6iPa 
loig xsiHt/y (if]fiaot 7ifi*'>oi/ei'0/." Nocb jetzt sieht man hier die Spuren der 
Ausgrabungen zur Hebung jener Blöcke. Dieser Hügel besteht aus uralten 
Kalkablagerungen der Salzquellen und ist mit einer nur 40 bis 50 cm tiefen 
Humus-Schicht bedeckt Er eignet sich daher aasgezeichnet zum Polyan- 
dreion, und dennoch ist hier, wie meine Ausgrabungen bewiesen haben, 
weder ein solches, noch eine Spur von einzelnen Gräbern, Auch an der 
steileren Nordseite dieses Hügels^ wo vom Winterregen ein bedeutender 
Theil desselben abgelöst ist, sieht man nur reinen Kalkboden, Etwa 300 m 
weiter östlich ist ein zum grössten Theil aus naturwüchsigem Fels bestehender 
Hügel, welcher der Kegelform etwas näher kommt und der identisch sein 
mag mit dem von Herodot „Melampygos" genannten Felsen, bei dem der 
geheime Fusssteig endete, auf dem Ephialtes die Perser leitete; dieser Fuss- 
steig hiess, gleich dem Berge, über den er führte, ,^Anopaea". Dieser letztere 
Hügel, auf dem man die Ruine eine^ kleinen türkischen Gebäudes, wahr- 
scheinlich eines Wachthauses, sieht, kann aber, nach meiner Meinung, in 
gar keine Beziehung mit dem letzten Kampfe der Spartaner gebracht werden, 
da er reichlich 600 m östlich vom eigentlichen Engpass, ausserdem auf viel 
höherem Boden liegt und von allen Seiten angegriffen werden konnte. Noch 
viel weniger kann ein noch um ca, 50 m weiter östlich gelegener kegel- 
förmiger Fels in Betracht kommen. 

Das Resultat meiner Forschungen nach dem Polyandreion fasste ich 
daher in dem einen Wort „unfindbar** zusammen, welches ich Ihnen am 
30. Januar von Lamia telegraphirte. 



1) Vergl. das Epigramm ron ßiis8Q$. 



Besprechungen, 



J. W. Powrll, First aooual rcport of the Bureau of Ethnology fco the Secre- 
tary of the SmithsoBitm iDsHtiition 1879 — 80. Washington 1881. kl. 4, 
603 p. 

Durch eine Congressakte vom 3. März 1879 wurden die Terschiedenen Abthöiliingen des 
Geographica! and Oeological Survey of ihe Temtories in eioeo eändgen Cnited States Geo- 
' logicti! Survey vereinigt, ÄiijrU^ich aber angeordnet» dass die bisher von jenen Behörden aos- 
' geführten anthtopologisicheri rntersncbungfen über die iiordanierikanischen Indianer durch ein 
Bureau nf Ethnolojey Uüter der Direktion der Smiihsonian Instilution fortResetjtt wordon soll- 
tet]. Professor Baird, der Secretär der Instimtiou, stellte an die Spitze des neuen Bureaus 
als Direktor den verdienten Leiter de» bis dahin bestehenden Geogr and Geol. Survey of tbe 
Rocky Monntain Region, der so viel dazn beigetragen hatte, dasB die untbrüpologist^be Kennt- 
niss des Westens in wenigen Jahren .so gewjdti^e Fortstbriite gemaebt hat. Major Powell. 
So ist es möglich geworden, die Continuität d«?r Arbeiten ohne jede Sturung tu erbalten, wie 
der jetzt vorliegende erste Jahresbericht des Bureaus in seiner stattlichen Ausdehnung und 
mit seinem reichen Inhalt bezeugt. Die Ansstattung des Biicbes ist mit jener Liberalität 
aoageführt, die wir von den Publikationen der Smithsooian Institution kennen: Karten, Licht- 
druck- und chromolitbographlsche Tafeln, sowie Eulisehnitte sind in reichster Weise den Artikeln 
beigegeben, welche eine Reibe der bewährtesten Forscher bearbeitet hat. Wir müssen uns 
hier darauf beschranken, eine karze luhsiltsangabe zu geben: 1) 0r* Powell selbst bringt 
4 Artikel (über Fntwickelung der Sprache, Skizze der Mytbologie der oordamerikanischen 
Indianer, sociale Einrichtungen bei den Wyandots und BeaehräDkungen in der Be- 
nutzung anthTOpologischcr Daten) voll geistvoller Bemerkongen und umEassender Kenntniss; 
2} Dr* H. C. Yarrow, jetxt am Ärmy Medicni Museum angestellt, liefert eine grosse, sebr 
reich illustrirte Äbbandfung über die Begräbnissgebräuche der nordamerikaDiscben Eingebomen, 
wekbe eine staunenswert he Mannichfiiltigkeit der allerTerscbiedenaten Bebandlungsw eisen der 
Todten ergiehtj 3) Hr. Holden. Professor der Mattiematik an dem ü. S. Naval Observatory, 
hat Studien ül>er die ceolratamerikaniscbe Bilderschrift angestellt* Es ist ihm gelungen, 
einige grundlegende Punkte festzustellen, z. B. die völlige üebereinstimmung gewiiser Zei- 
chen, die Richtung, in ii^flcber die Zeichen gelesen werden müssen, aber da ihm dit> Kennt- 
niss der Sprachen, namentlich der Maya -Sprache abgebt, so konnten positive Ergebnisse nicht 
gewonnen werden» 4) Landabtretungen Seitens der Indianer von Hrn. Royce. 5) Zeichen- 
sprache der Indianer von Oberst Garrirk Maller y, eine weit umfassendo und höchst lehr- 
reiche Abhandlung über einen fast prähistorischen Gegenstand. 6) Katalog der linguistischen 
Mannskripte in der Bihliulbek des Bureaus durch Hrn. Pilling. 7) Darlegung der Methode, 
die Indianersprache in Beispielen und Erzählungen zu fixiren, durch die Herren Dorsay, 
Gatschet und Riggs« 

Wir begrÜÄsen das schone Werk mit unserer herzlichen Theilnabuie und sprechen im 
Voraus unsere üeber/eugung aus, dass auf diesem Wege^ bei einer so glücklichen Cooperaiion 
der besten Kräfte, das Dunkel der amerikanischen VoTgeschicbte bald In grosserer Ausdehnung 
gelichtet werden wink Major Powell drütkt ati verM:hieden»n Stellefi weine Üeberzeugung 
aus, dass die Reste der Eingebornen, nachdem sie Mch der Culturbewegung des Landes au- 
gescbloBsen halben, nicht nur in guten Verhältnissen leben, sondern sich auch wieder zu vor* 




152 ß^'sprechnDzen 

mehreo aofingeD: es ist daher auch Aussicht Torfaandeo. dass eine encfaöpiead« 
derselben, namentlich in lingois- tischer ucd mythologischer Richtung, «iid bcrfwulh 
ki'nneD. Virch«v. 

Lewis H. Morgan, Houses and house-lite of the American Aborigtnes. 
Washington ISSl. (Cöntributions to Xorth American Ethnology. VoL IV.) 



r-Ie :e-ztr pL^-.ikati.n des früheren Geozr. an: Geol. ScrTey Gf the Rocky 
Ee^:— \<z dtr rrirhtijre Kani. dessen Titel cb-ec angefahrt ist. Eine gr»>«eTC AnaU d« 
iirl: =:::^:he:;:en Einie^ Leiten ist schon frdher in Zeitschriften und EncTklopidim m- 
§.:'!:*= Tl. i'tter r^rai* iis enropäisihe Pü^'ikiim. Jem viele dieser VerT-flentlicbiiiigvB iw- 
5.:h.;***- £*:■..*■"*=. *i:.1, wiri Major Powe'/. :n b hrc Grade dirktir dafür s<in, da«« 
es :i= ^erf»ss^r ern:3f':cLt h:W das ,L:riarLehkan:«che Hans* einmal ia Games duifr- 
«'^.>~ -.' : iiTiz nz:*ich die interessintesten s:ci:.:tbis len M:::h?Lnn^n in knipfes. Dii 
1*- ;*w.ire-e ReLLt-iss 'ier Puebls T.:n N>--Mei:::. Li: wesentlich daiu bg gtüJf , 
i:*se:i Ui:ers-^hnr^ec eine »reite Thätsä:hl::he rrterlaje vi schafen. A^s Haspteifebni 
s:ei ; s>:i die merkvcrii^e Erscheir.ung heri'.:«. dass nbera'.: in Noriimerika, nacMaoi fii 
i:ecer> ei S:i;ei der Existenz ut<e:ircniei waren, iäs eiifaohe Familienhans ani hm***«-* u' 
iiflr ^'ss^re öemeiihäuser errichtet «urier. in «e'.cben eine Mehrzahl von FamÜMB CbIb^ 
k:=zen fmi. Mes« Einrichtung «ird knsführlich i^r£es:ellt und dorch gute ZekksamHi 
e-ÜTiter:. X-^-h ien A'^s: 6 br Winsen 'es Verfasser« siii i.t Ei^seboreen too NoidaacAa 
L.r^tnif ':• s zi ier .etzien Per. >2e ier B:>r «rei. «ei'.he u'3ii:tel6jr in die Cin isaticn abcfffoht, 
1 rre*:!::::*!: ei., Tbe.l T.:n ihnen lerharrte in cer ä'teren Perlode, deren Bcginm Hr. Mor- 
gan =i: ier E ntdhmnr ier T-Tpferei ditirt: ein mierer fcliLzte bis in die uiittif FariiJlb 
«eile ^:::r:h iie Anwen^iur;: der Bicks:?:ne a::':e br.cks uni 'iuich die EiiJihmy te 
R:e*r":n.:cr :ir Miis uii a:. 'ere f rSnien t'ezei:hne; :*!. I'ie lärmte. Innc ge«iBBl ciac b^ 
siriere Verr:! >"inäi^::ng Jaiurch. ■■"ass .:er Veri??er nich: fc::s» die c^^iamerikaBia 
•l:nxe>.rir=. e zsjhliessÜ.h der M.^cn :-':-u;l:crs uid Clif-dweller«. r«hacdelt. fondciB i 
-is El--* der Azteken -nj ias der sessi^rte- Ir.d.aner ^cn Yüc-un und Ceni 
^ir^ich erTrerT- 

Ein :*>.n:rr* in:eres54n:er TLeil i*: ierer.ire, »einher i;e Puetlrs tob X 
»3:5:. M:i Verjr.j^en ersehen wir, iiss sich Mr. Cusbicz ia Acfirage des Boimeb rf 
E:i:i.:;fy '-n:er :ei Z-ni-Iniiiner- ani:e?i*ie:: rat, ux ei'iehecie StndieB m iBirkM 
An:h l»r. mstav Brih: ha: iies-m .fir we*:* e »e- Be£.::b ir^estauet, über «elchcB »«r- 
'i-^e Ber.:L:e i:. ;*■.:- ,Ti*:.:^hen Cincim'i V..käba::* Teröfen:;icht sind. Vircko«. 



Victor vires?, L-?? Pn:::helv'.:es • u les premiers cclons sur les bords des 

lacs de Bionse er N^üoha:e:. B« Hin 1^^3. A. Asheri Co. gr. 4. 114 p. 

Mi: 33 L:ch:'iru^k:at-ln und HolzS-h-'-en. 

En reich a'-*^t*:j::e:cs un: iLha:*'^:'. es Wfrk. »el.ie* ien .\c«chittss jcDer laofia, 
W.T t De^t-r ULI Sch«a: e::*:e.^::e:er. ".Lr.i >: -:-rr»-;s ':-:h:bAien Reihe tob ÜBtü- 
*jv-h-rce:. ier PrtriYi-*:^::::.-- rr ^Vv-T-iine:; ::— j:. l:e Seik^r; i«r Seen ihuck BB- 
'asser.ie hydrctech:. s^rhe Ar:-r.'.en .l Ve: .-.iLi: m: :ezi ^er::.:rn Wa4s*r»tasde des letillB 
Jahres hat e? enn'^'.ioh:, len B:>:cn :er ?:>. i-:e>. jer ^-le: siihsaffi iurch Baiagtra Bld 
Fischer au*;:e-eu:e; wu-ie. -nr.-.i^tir :. A: zr.z :?. r.ei^rL -»; ier An ic duKkarbciUB, 
'.a*s dain.i mvh. :5r ic:n:c: er. .\rs:h -?> ^e^rr-en s^i- ^jrz. Se.tsi die ^«rikaite SlatiOD 
Tca La lene, «e.che .Vrij^.s n :h: ire«: T-.:TLs:in: -.e: i esziali^ec BespreckBBf dM 
Verfjksser? is\ .^ar: ^«irenmär::^; ni-T"- /.> er^;i'r^ ariressie. werden. Hr. GrcM. der Mit 
vielen Jahrein mit ^r.s*:-.: A.;:=:eriSi=:kT.: :e .\.:j:--:r ier :jTa-$«*c dieils abervackt, 
theii* se;i#i a^sjmmelt zä:, :espr.:h: ::. :e= x : :ej:ei:e- W^rie die StitMaec der Staia- 
ui:d der Br.n:e:t/ uv.i ..e'-.r: e ::.f j^i:.: ^:'. *-.ir.::.:r l f:-r-&.:i: :es ^esan:al«B «MofaiSaia* 
derse.ten. l»ie ^^r. :nas se :s: ^rx..;:::'! rL.:;>T4;h *:iri A-fnahmei =nd aie iazaack tob 
Hrr. Hä:kma:Ln :n 0?r >•:;:.- i .Me. --.rL :.::hi-- ku"* ' »erier w:h'. *bt Ifng« Zeit die 



Besprecfautigen. 



153 



I 



Grundlage deß verf^Wicheoden Studiums aller derer bilden, welche diese frühe Periode m der 
Eotwirkelunfr des europlif^ctien Mannes gepaner studiren wollen. Die Danitellunj;^ des Hrn. 
Qrots ist eine so sorgfäUi^^e und seine Treue in der Wiedergab© der wespiitlicbeii Merkmal« 
der Gegenstände eine bo vielfach erprobte, da-ss sein Werk als ein wahres l^rkundenbiicb der 
Prutoheketier, wie er das alte Volk nennt, angesehen werden kann. Es mag hier bemerkt 
werden, dnss er die Pfahlbauten als die wirklichen Wobnst&tten dieses Volkes und iiubt ata 
btoase Zufluchtsstätten oder 3fagazine ansieht. Die vnn ihm coti&truirte und als TitelTignette^ 
fpef^ebene Abbildung des pprotofaeivetiscben naused**, beil&ußj3[ gesaf^t« eines Rundbause^ mit 
herum! au Tender Plattform, entspricht «Ueser, durch seine Nachweise unzweifelhaft featgestellten 
^ Dachau un(|r. 

Die Ver]af(»buchhandlun^, welche mit so grosser EntschlosBeubeit und Rüstigkeit die 
archäologische und anthropidogische Literatur in die Hand genommen und in wenigen 
Monaten eine Anzahl der koatbaraten Knplerwerke verüfFentlicht hat, erwirbt sich ein be- 
sonderes Verdienst, indem aie eine Publikation in Vertrieb genommen hat, welche für die 
Cnlturgescbichte des Menachen überhaupt bleibenden Werth haben wird. Möge ein reicher 
Absatz ihr und noch mehr dem Hrn. Verf., der so i^iel Mühci Zeit nnd KoSkeu an die Arbeit 
geaelzt bat, lohnen, was^ üe der präbistorischen Wissenschaft durch dieses Werk geleistet 
haben. Virchow. 

Alfred Kirchhoff, Rasseubilder zum Gebrauch beim geograpkischen Ünter- 
ricbt. Erste Lieferung. Kassel 1883. Verlag von Tb* Fischer, 

Die sehr thatige und durch die Trefflicbkeit ihrer llluslrationen weit bekannte VerUgs- 
b&ndlung hat es unternommen^ eine Art von S^bulatlas aDthropulngi^cber Typen in grosstem 
Format herauszugeben. Das ganxe, auf 4 Lieferungen zu je 3 Blatt berechnete Werk soll 
noch im Laufe dieses Jahres beendigt werden. Der Preis (3|60 M, für die Lieferang, 1,20 M. 
für das einzelne Blatt) kann als ungewöhnlich billig bezeichnet werden, so dass die An- 
schaffung für Schnlanstalten dadurch sehr erleichtert wird. Der Text, soviel tu ersehen, nur 
als Tafelerklärung gedacht, soll in deutscher, franiösiseher und englischer Sprache erscheinen* 
Wie jede neue, auf weitere Entwick«?Iung des Änscbaunngs-Unterricbts berechnete Unter- 
nehmung, begegnet auch diese unserer Sympathie, Die Berliner anrbropologisebe Gesellschaft 
hat bei verschiedenen Oelegenbeiten, insbesondere bei der unter tbrer Mitwirkung erfolgten 
Hemnsgabe des Atlas Dammann, gezeigt, wie sehr ihr die Verbieitnng gnter Abbildungen 
der Menschenrassen am Herzen liegt. Noch jetzt ist die Anthropologie nur bei lau Hg ein 
Gegenstand des Schulunterrichte, und auch in der vorliegenden Ankündigung erscheint sie 
in fremdem Gewiinde, als ein Glied des .geographiachen Unterrichts", fndeas jeder Weg, anf 
welchem sie einen Zugang zu der Schule findet, kann ihr an sich recht sein ; man wird sich 
bei der praktischen HandhabLing am schnellsten davon dberzeugen, dass weder in dem Inhalt, 
noch in der Methode der Anthropologie ein Grund liegt, sie in die Geographie einzuverleiben, 
und die Eman€i|<ation der Anthropologie, die in der wissenschaftlichen Behandlung vollständig 
Tullzogen ist, wird auch in der pädagogischeu Behandlung nicht mehr kuge zurückgehalCtsn 
werden können. 

Die erste Lieferung bringt die Brustbilder eines Seh wargfoss -In dianers vom obersten 
Missouri nach dem RHsewerke des Prinzen Maximilian zu Wied, eines ostafnkaniscben 
Negers nach Dammann's Atlas, und eines Papua von Nea-Guinea nach Job. Mülle r's Hum* 
boldtsbai. Es treten dabei einige Miastaude recht lebhaft hervor. Vor Allem der ganx ver- 
schiedene Maass!»tab der einzelnen ßlulter. Um die Rothhaut und den Papua in weit ab- 
steheDdem Federschmuck darstellen zu können, mui^ste durch Verkleinerung des Körpers 
Raum auf dem Blatt geschaffen werden. Das erschwert natürlich das Verstand niss .ausser- 
ordentlich und lenkt den Blick des Schülers auf das Aeusserliche. Man mag ja zugestehen, 
dass es vou Interesse ist, auch das bloss Ornamentale in der Erscheinung der Menschen mit 
iDr Anschauung zu bringen, aber man wird nicht leugnen können, dasa durch das Hertordrängen 
Iyou Hchmuck und Tmcbt die Aufmerksamkeit in eine ganx falsche Richtung gelenkt wird. 
Nichts ist schwieriger, als düS Yerstandniss für die physischen Besonderheiten der einzelnen 
Stimme zu erscbliessen. Man kann diess am besten daraus ersehen, dass unsere Künstler, 
sowohl die Zeichner, als die Bildhauer sich von den ihnen gelänfigeu europäischen Tjpen 

10*' 




i 



154 BefT»reetranireti. 

■titoii fmQ£ l<töQ]«cben können; un^illkörlich europüsireii sie die Fremden« und uüc\ 
YOffkfendeD BtAtt«m i$t dieser Vorwurf nicbt abiuspreffaen. Wir verireU«ii in di«eer 
mlmtij? aaf die Bebandloof^ de« Ha&res des Nefen tmd det P&pu», welches recht gut i 
Ulf dem Kopfe eines Europäers Plati findeo könnte. Jede Herrorfaebon^ des Kostämt 
«ioe Krscbwening für das Sludiam des Körpers, and wenn sie, wie hier, augkich in ei 
TeräoHetun^ des Maassjtabes iwingt, i^eradeia verwerflieb. Nicht tnindere Bedeoken bat 
10 demselbeD Werke Photofp^aphien und bloa«e Zeichnungen ata Vorlagen zu t^outJteaT i^* 
weon oan reine Profile mit ganzen nnd halben Vorderansichten Knsammenstellt. Die 
sonderen Fehler jeder einzelnen dieser Methoden ver^sjeni sieb bei der Ver^letcbung n 
rerer EUtter unter einander, and wie der Zeichner nur in leicht in die Gefahr kommt, dn 
Hineintiehen ihm geläufiger Zügt in das fremde Bild eine C&rrikstar zu sehafea, so em 
ein Itanzer Atlas der Art den Eindruck öbertriebener Gegensätze, ohne doch das Diagnostil 
zu ToUer nnd reiner Erscheinung zu bringem Wir möchten durch diese Ben»erkung6n dai 1 
dienst der VerlugSHOStalt nicht herabsetzen« aber es wird tieUeicbt möglich sein, hm i 
folgenden Liefenmgen noch eine gewisse Einwirkung auf die Ansführong und die Wahl 
Objekte SD^oulien. So neblig es ist, doss man nicht componirte, irteficielle Tjpentil< 
sendem wirklii he ludiTidualbilder giebt, so wird es doch nothwendig ^io, in der Anai 
groe^ Vormcht zu beobachten, und wir würden es mit Freoden begTÖsaea, wenn dabei * 
dem besonderen Aufputz der Indiriduen möglichst abgesehen und als Vorlagen auf^cblisasl 
gut ausgeführte Photographien beoutzt würden. Dia Ethnologie kann alletdings a^ Eestj 
bilder nicbt Tenichten; für die Anthropologie dafegta atellen sie nur «ersehwereode l 
aüade* dar. Virehev. 



From Besguella lo tbe Territory of Yacca. Descriplion of a Jotuney fl 
Central* and West-Africa by Hennemgildo Capello and Roberto Ivel 
Expedition organized in the vears 1877^1880. Translated by A. ^Bj 
London 1882. 2 toL S"** fl 

So lautet beträchtlich ibgekant der Titel eines Reiseberichtesi, wetcbeo tot Karren 
beiden portugiesiscbeQ Matineofduere Capello und iTens, nraprönglicb ala Breiter i 
I>urch(|uerer Afrikas« Major Serpa Pinto tuertheilt^ über ibi« unabbaogtf von letilel 
ao&geführte Heise in West Afrika in englischer Baarbeituttg Tmfientlichten. Serpa Pil 
hatte in seinem eigenen Reisewerk die beiden Offisiere angeklagt, ihn in Aengateu und Not! 
SQ Bilembo am Caläe-Flua»e Terlaaaen xu haben. Capello und Ivens vertbeidigeD sich 
ihrer Vorrede sehr energisch g^gta jeden derartigen ihnen femachten Vorwurf. Wir veriae 
abei dieae rein persönliche Angelegenbeit um so «choeller und um so lieber, als »ebliecä 
dvrcb sie keiner der Betheiligten enkstlich geschädigt er^beint. Das Buch der beiden Pa 
gieseu ist gut und spannend geschrieben, enthalt auch viel Belehrendes in etbuo^ogiatlMr 1 
in rein naturge^rhichtlicher Beziehung, so daas wir es immerhin unter die baaseren Reä 
werke über Westafrika rechnen müssen. UeberaU sind die Herren Capello und Ivens 
strebt gewesen, selbst zu beobachten, mit Fleiss und Cmstcht au sammeln. Ein Ibnlk 
Verdienst gebohrt übrii^na auch Serpa Pinto. Wenn diese drei wackeiea Offisiara i 
nicht gans selten die naturwissenschaftliche Komendamr u. s. v. etwas aalep behandelt hal 
so sollte ihnen daraus kein besonderer Vorwurf gemacbt werfkn. Diaaer kusinle koeM 
den englischen und den deutschen Cebersetzer tref^n, wekbtsieiiilteDbedeBjtaiB aoOea, bfl 
wie Fetus arboreus (Filii arboreus? d. h. Bjiufflfam? — bei Pinto' und Aebolicbeg» 4m 
geheu lu lassen. Die oben erwibnten Reisenden sprechen ohne Ausnahme mit fTOaam L 
Ton dem Naturforscher Joz^ de Anchieta, wekber bocbgebildetf arm, abet eelliatlos» elai 
derer Poeppig und Tschodi, Tieie Jahre seines beschverdenreicben Lebens der Flora, Wm 
und den ethnografbischen VerhiltBisBBQ daa inneren Westafrika gewidmet, welcher das W 
booer üus^um und andere europäisebe Sammlungen mit den koalharsteii Plipailtn iNnisl 
bat. Am Schtuss des Weikee too Capello und Wens fisdan mtk leÄt daftliMW 
naturwiaseßscbaftliche Anhänge, ferner Vokabultfien, namentlich des ITiwIwmda it.a.w* ! 
HehlUfSsessay über die Weetafrika bewohnenden nigritiscbeo Stämme «olfcitt atfich« • 
harsigenawertbe. Aueb dieser Theü Territh d>s Bemühen der BiiMideA, Lkkt in die a 




Besprechungen. 



155 



Thei! noch so wenig bekannt© Lander- und Völkerkunde Afrikas binemzuKringen, Der illo- 
«trative Theil des Werke» ist bis auf einige Daratelltingen von Waffen und Gerätben, lowie 
von einzelnen Thieren des Landes onr eelir massig geratfaen. Die beigegebenen Karten sind 
dagegen saaber ausgeführt. R, Hart mann. 



I 



AKredo de Sarmento, Os Sertoes d'Africa. (Apont amentos de Tiagem.) 
Lisboa 1880, 8, 731 p. 

Obne die Frätension, eine wisf-enschaftliebe Darstellung liefern zu wollen, bestrebt sich 
Verfasser, welcher am 27, Juli 1856 von Loauda nacb den Kupfenuinen von Bembe anfbracb, 
Interessantes über den Cbarakter^ den FetiacbismiiSj die Sitlen und Gebräuche der west- ' 
»frikaniscben Schwarzen, über die natürlicben Hnifsquellen von Congo utvd Angola beizubringeiL 
"Verfasser beklagt, wie schon Manche vor ihm, das» so grosse vegetabilische Reichtbümer, 
nutzbare Hölzer n. s. w , dass die vieles versprechende ßienenzncht^ dass werth volle minerali- 
sche StoiTe unter der gegenwärtigen Coliinialwirlhachaft vergeblich ihrer methodischen Ana- 
bentuniT harren. Eine augeblich schrecklicbe Geissei dieser Gegenden, a doent« do somnOf 
die in Tod endigende Schlafsucht, wird vom Verfasser m Kurze berührt. Die von ihm 
und Dr. De bange veranlasste Obduktion dreier Opfer dieses üebels ergab keinen Anhalt fär 
dessen Entstehnng. Habituelle Raucher einer angeblich narkotischen Pianse, der Liamba 
(vielleicht Hanf?), sollen jener Kranibeit besonders leicht anbeimfallen. Cnter den, Sarnaento'» 
Werkchen begleitenden, nur dürftigen Abbildungen fiel dem Referenten die recht charakteri- 
stische Kopf Silhouette eines der «Ra^a Unxiconga* angehörenden, jugendlichen Individuums 
auf. Die bcige|,rebene Karten$kiz?e enthält fast nur eine zwischen Ämbriz, Bembe und Encoge 
aich erstreckende Marschroute. R. IL 



Falb, Das Land der Idch. Leipzig 1883. 

I Wer na^h dem Aufschlagen des obigen Buches noch weiter hineinzublicken den 

Mnth haben sollte, wird unter dem Yerffunderlichen aus dem Wnndem kaum heraus- 
kommen, — bis tum Erstannen über die hier verschwendete AuBstattung nicht minder, wie 
über die desperaten Versnebe, welche sich hie und da in den Spalten einiger Blätter her- 
vorgewagl haben, eine scheinbar ernstlich gemeinte Besprechung tu simuliren. 

Ans geologischen Antecedenticn könnte dieses Buch erinnern an das »Buch Cbevilla*, 
das über die «bevorstehenden Katastrophen am Kode der Welt Johel* unterrichtet, und in 
,»Enthnllung der gottlichen Hieroglyphen* entdeckt vrar (178E p. d.). Doch treibt bei den 
peruanischen der Wirrwarr noch wuster, vom Kopf bis zur Zehe (susqne deque), weil meist 
auf philologischem Gebiet, einem an sich schlüpfrigen, das selbst die mit schulastiscber Vor- 
bildung Ausgerüsteten oft genug zu Falle bringt. Wer nun ohne solche Mcb hinaufwagt, 
dessen Irrfahrten ptlegen allzu sehr in s pathologische Gebiet zu streifen, als dass sie auf 
einem anderen in ernsthafte Betrachtung gezogen werden konnten. 

Aus derartigen Hexenküchen und dem, was der Wahnwitz dort zusammenbraut» i^llt ge- 
rade auf die Augen derjenigen, auf deren Urtheil ea ankommt, zeitweise Miscreditirung der 
Ethnologie und ihrer Ziele. Unverbrüchlich, wie an einer Lebensfrage, hat sie festzuhalten 
ao dem Grundsatz, dass beim Betreten der ungeheuren Weiten ihres noch unerforschten Ge- 
bietes jeder und jeglicher einzelne Schritt vorsichtig nüchternste Prüfung erfordert, dass es 
bedarf voller Kraft der Entsagung (einer ^?io/jj und no(ttmift^ wie Ton altersher schon ver- 
Ifljjgt;: nicht heute, am Tage erster Anpflanzung, die Früchte schon geniessen zu wollen, die 
nach hundertjähriger Arbeit erst vielleicht zur Keife berangedeihen mögen (und dann zum 
Besten onaerer Kenotnisg vom Menschen). Von dem zehrend, was unsere Vorfahren für uns 
angelegt, haben wir unsererseits für die später Kommenden naturgemäss gesunde Nahrung 
vorzubereiten, — sofern bewahrt Tor solchen Katastrophen, wodurch Erdbeben- und andere 
Ünglücks-Propheten die fest unter den Fusseo gebreitete Basis der Thatsacben erschüttern zn 
können meinen (im Sinne jenes Neger-Potentaten, dem das Weltall aus den Fugen geht, 
vrenn sich auf seinem krausen Scheitel die Mütze schief rücken sollte, wofür dann meist gute 
Grunde). A. B. 




Analogien der Funde von HissarliL 

Von 

Ernst BötÜcher, 

liauptmann a. D. zu Berlin. 
(Hierzu Tafel IV.) 



I. Gesichts-Umen. 

In Hissarlik sind, gleichwie in vielen Grabstätten, Gesichts-Urnen ge- 
fanden worden. „Eulenvasen** nennt sie Hr. Dr. Schliemann. Ihr Aus- 
sehen hat zwar Nichts ausschliesslich mit der Eule gemein, man könnte sie 
z. B. ebenso gut „Sperbervasen (-kanopen)** nennen. Hr. Prof. Virchow 
stimmt Hrn. Dr. Schliemann in der Eulenfrage nicht völlig bei (Ilios, Vor- 
rede, S. XV) und exemplificirt auf die nordischen Gesichts-Urnen. Auch 
Hr. Dr. Schliemann erwähnt zwar eine Gesicht«-Urne mit Falkenschnabel 
des Danziger Prov.-Museums (cfr. Ilios, 331), aber die Gesichts-Urnen mit 
,, Sperbertypus ** in der ägyptischen Abtheilung der Kgl. Museen in Berlin 
scheint er nicht zu kennen (sie stehen sehr versteckt), sonst durfte er diese 
vollkommenste Analogie zu seinen Eulenurnen nicht übergehen. Der Schmuck 
der Graburnen mit einem Vogeltypus, mag man Falken, Eulen oder Sperber 
darin erkennen, die Ausbreituug derselben Sitte von der Ostsee bis an den 
Nil, ist sehr bemerkenswerth. In der Darstellung des Vogelgesichts treten, 
trotz der verschiedensten Grade künstlerischer Leistung, durchgehende Ana- 
logien hervor: 

1. Im Allgemeinen: Die Bogenlinien über den Augen sind überall 
gleichgezeichnet und stark accentuirt, wo sie oder entsprechende Leisten und 
Vorsprünge überhaupt vorhanden sind, was bei nordischen Urnen nicht 
immer der Fall ist. Dieser Zeichnung entspricht die bekannte ägyptische 
Sperberhieroglyphe und die analoge auf den Hissarlik-Idolen, z. B. Nr. 202, 
209 u. a. in Ilios (cfr. Tafel). 

2. Im Besonderen: Die ägyptische Kanope, Nr. 7184, im Saal V der 
ägyptischen Abtheilung der Egl. Museen, zeigt uns ein wunderliches Ge- 
misch von Menschen- und Vogeltypus in einer Ausführung, die jeden Zweifel 

ZeiUehiül Ol Bthnologle. Jahrg. 1883. 11 



158 Krnst Rotticher: 

ausschliesst, dass hier ein Gesicht von menschlichen Umrissen mit menschlich 
gebildeten Ohren einen Schnabel, deshalb keinen Mund, und kreisrunde Vogel- 
augen besitzt. Andere Eanopen, z. B. Nr. 7201, 345 u. a., haben dagegen 
ein reines Vogelgesicht vom Sperbertypus, bestehend lediglich aus dem 
Schnabel zwischen kreisrunden Augen. Wieder andere Eanopen , z. B. Nr. 
7165 und 7168, zeigen in ebenso künstlerisch vollendeter Ausführung ein 
menschliches Gesicht. 

Alle drei Kategorien nehmen wir auch unter den Gesichts-Urnen von 
Hissarlik und vom Ostsee -Gebiet wahr, so schwierig auch bei den nor- 
dischen, in Folge geringer Kunstfertigkeit ihrer Verfertiger, die Unterscheidung 
zwischen Nase und Schnabel sein mag. Aegyptische Kanopen, wie Nr. 345 
(gelbes Etiq.), haben auch keinen so scharf ausgeprägten Schnabel wie 
andere, z. B. Nr. 7184. 

Kategorie 1: Die in Ilios Nr. 235 abgebildete Gesichts-Urne hat, gleich 
ägyptischen Kanopen mit Sperbertypus, nur Schnabel und kreisrunde Augen. 
Gleiches finden wir an dem kanopischen Gesichtsdeckel, Ilios Nr. 236 u. v. a., 
und an nordischen Gesichts-Urnen. Das ist der reine Vogeltypus. 

Kategorie 2: An dem kanopischen Gesichtsdeckel, Ilios Nr. 991, be- 
merken wir den gemischten Typus, wie an der ägyptischen Kanope 7184 
(s. oben) mit menschlich geformten Ohren. Gleiches lässt die nordische 
Gesichts-Urne I, 5123 a der Sammlung nordischer Alterthiimer der Kgl. 
Museen erkennen; an ihr ähnelt die Bildung des Schnabels — mangels 
Mundes werden wir nicht Nase sagen dürfen — durchaus derjenigen in Ilios 
Nr. 234, 235, 986 u. a. m. 

Kategorie 3: „Rein menschlicher Typus." Wir finden in der Schlie- 
mann-Sammlung der Kgl. Museen 3 Gesichts -Urnen mit ausgesprochen 
menschlichem Typus, Nr. 604, 606, 609. Sie sind sicher nicht die einzigen, 
welche in Hissarlik an's Licht gefordert wurden, scheinen aber Herrn 
Dr. Schliemann's Aufi:nerksamkeit entgangen zu sein. Der menschliche 
Typus ist unverkennbar, nicht nur wegen Vorhandenseins eines Mundes, 
sondern auch durch die längliche menschliche Bildung der Augen mit halb- 
geschlossenen Lidern, eine für Todtenumen sinnreiche Besonderheit. Trotzdem 
erwähnt Hr. Dr. Schliemann Nichts von solchen Gesichts-Urnen in seiner 
Abhandlung (Ilios 318 — 332). Er sagt, die Verfertiger der nordischen Urnen 
hätten zweifellos immer ein menschliches Gesicht darstellen wollen und un- 
terscheidet von ihnen seine Eulenurnen (cfr. Ilios 330) als einzig in ihrer 
Art Einzig! Und die ägyptischen Sperberkanopen? — Ilios 372 sagt Hr. 
Dr. Schliemann bei Besprechung des Kopfes, Nr. 190, der wie ein rohes 
Urbild des von uns abgebildeten, etruskischen, kanopischen Gefassdeckels 
(vgl. Tafel) aussieht, jene Völker hätten trotz dieses Beweises für ihr Können 
nicht auch menschlichen, sondern beständig Eulentypus auf ihren Vasen 
(Urnen) und Idolen angebracht. Diese Behauptung wird durch die Existenz 
von Gesichtsurnen mit rein menschlichem Typus widerlegt! 



Analogien der Funde von Hissarlik. 159 

Auf Dordiscbeu Uruon habe ich kaum einen so ausgeöprochen mensch- 
lichen Typus feststellen können, wie der auf den Hissarlikurnen ist; auf 
keiner so menschlich gebildete Augen im Gegensatz zu den kreisrunden 
Yogelaugen. Auf Anfrage war Hr. Director Dr. Conwentz so freundlich, 
die Danziger Sammlung eigens darauf zu prüfen. Es scheint, dass die Augen 
der nordischen Gesichtsurnen durchweg kreisrund sind, sei es als Tüpfel • 
oder gehöfte Tüpfel oder als Doppelkreise. 

Nach ägyptischer Analogie könnte man bei ihnen das Vorhandensein 
oder Fehlen des Mundes entscheiden lassen, und z. ß. auf unserer Tafel die 
Urne I, c. 208 der Sammlung nordischer Alterthümer der Kgl. Museen als 
von menschlichem Typus ansprechen, die mundlose aber, I, 5123 a, in die 
Kategorie des gemischton Typus rechnen. An diesen beiden Urnen unter- 
scheidet sich auch deutlich Nase von Schnabel, dessen stumpfwinklige Form 
auch die ägyptische Eanope 345 und verschiedene Uissarlikvasen aufweisen. 
Nordische Urnen, ähnlich wie I, 5123 a, aber ohne Ohren, würden alsdann 
dem reinen Vogeltypus (Kategorie 1) angehören. 

Ein gemeinsamer Zug an allen diesen Gesichts- Urnen vom menschlichen 
und vom gemischten Typus scheint zu merkwürdig zu sein, um ihn mit 
Stillschweigen übergehen zu dürfen: die eigenthümliche Stellung der Ohren 
nach ägyptischem Typus. Es scheint dies nicht aus roher Kunstfertigkeit 
erklärbar zu sein, denn die etruskische Kanope des Antiquariums der Kgl. 
Museen, welche ich nach Levezow^s „Verzeichniss der Denkmäler^ etc., 
Taf. XV, 308, in dreifach vergrössertem Maassstabe zum Vergleich stelle, ist 
gewiss nicht von roher Arbeit, trägt aber ganz denselben Typus. 



II. Libirgefässe. 

„Gefässe mit Ausguss^, in Hissarlik wie überall gefunden, hat Herr 
Dr. Schliemann für etwas ganz Besonderes gehalten. Siehe Sachregister 
zu Ilios 864: „Saugflaschen für kleine Kinder. "" 3. Stadt 453, 454. 5. Stadt 
649. 6. Stadt 666. — S. 453 heisst es, diese kleinen Gefässe mit Ausguss 
könnten nur als Nährflaschen für kleine Kinder gedient haben. Diese ori- 
pnelle Idee hält er fest, obgleich ihm bekannt ist (siehe ebendort), „dass 
kleine Terrakottagefässe mit Ausguss am Bauch sowohl in den Gräbern auf 
Cypern als in altägyptischen Grabmälern häufig sind.^ 

Ausser den kleinen giebt es auch grössere derartige Gefasse, aber immer 

nur 80 grosse, dass sie noch bequem mit den Händen erfasst und regiert 

werden können. Von diesen sagt Hr. Dr. Schliemann, er könne ihren 

Gebrauch nicht anders erklären, als durch die Annahme, dass sie unter eine 

Quelle gestellt wurden, deren Wasser oben in die Vase rann, und dass die 

„durstigen Seelen^ den Mund an die kleine Rinne legten und tranken. 

(Wörtlich, S. 453.) 

11 ♦ 



160 Eni^t Bötticher: 

Hr. Dr. Schliemann hat die in Rede steheoden Geta66e aus ägyp- 
tischen Gräbern zwar im Louvre und British Museum gesucht, aber nicht 
in den Kgl. Museen zu Berlin, sonst würde er hier auch ihren Gebrauchs- 
zweck erkannt haben. Die von Hm. Prof. Lepsius eingerichtete Aegyptische 
Abtheilung dieser Museen ist eben einzig in ihrer Art. 

Bekanntlich sind die ihre Wände bedeckenden Abbildungen, meist Scenen 
des ägyptischen Kultus, der Mythologie nnd der Geschichte, mathematisch 
genaue Copien von ägyptischen Originalen aus Grabern, Tempeln and an- 
deren Denkmälern. Sie geben Aufschluss auch über den Gebranch dieser 
kleinen Gefasse mit Ausgur^s, wenigstens der ägyptischen, und dies schliesst 
die Wahrscheinlichkeit gleichen Zweckes der anderen in sich, angesichts 
des mächtigen Einflusses ägyptischer Kultur weithin über die Erde. 

Unsere Tafel bringt ägyptische Kultscenen, worin solche kleinen Ge- 
fasse mit Ausguss als .Libirgefasse*" in der Hand der Könige und Priester 
erscheinen. Vgl. im Saal I der genannten Abtheilung das 5. Bild der Ost- 
seite (Lepsius, Wandgemälde, Taf. 28, 2): ^Ramses X. libirt der löwen- 
köpfigen Göttin Tefennt und dem Sonnengotte Sii.'' Der libirende König 
hält ein Gefäss mit Ausguss mit beiden Händen empor und lässt seinen In- 
halt (Honigmilch, Wein oder Wasser) auf Lotoslilüthen träufeln. Die beiden 
sänlenartigen Ständer dienen, wie aus anderen Bildern ersichtlich, zum Auf- 
stellen des Libirgefasses, wozu sie eine entsprechende Vertiefung (wegen 
dessen Kugelgestalt) besitzen ^). Sehr häutig ist ein Opferstein über sie 
gelegt (Lepsius, Taf. 27, 2. 23, 2). Solche Ständer hat man auch in 
Hissarlik gefunden (Ilios, Nr. 1473. 2 w tief). 

Während auf den in Rede stehenden Gemälden eine gewisse elegante 
Form der Libirgefasse hervortritt, trägt ein solches Gefiiss aus dem alten 
Reich (siehe Gräber-Saal (II) Nr. 1430), von rothem Thon, ein primitiveres 
Gepräge. Ihm gleich in der Form, aber von schönerer Arbeit ist das kleine 
Bronzegefass, Nr. 4383, im Saal V (Schaukästen). Vgl. Tafel. Eine sehr 
primitive Form, entsprechend den Hissarlikgetassen (Ilios, Nr. 1126, 444, 
447 u. a.), besitzen Libirgefasse, weiche ich auf der Grabstele, Nr. 7273, im 
Säulenhof abgebildet fand. Vgl. Tafel. Sie sind oben schmal, unten weit- 
bauchig, ein Typus, der eher nordischen Gefässen eigen ist. 

Zwei kleine Getasse mit Ausguss in der Schliemann-Sammlung der 
Kgl. Museen, Nr. 281 und 819, sind in Ilios nicht abgebildet Da gerade 
sie eine hervorstehende Formverwandtschaft zu antiken Gefässen dieser Art 
bekunden, bringt unsere Tafel sie. Man wolle mit ihnen die im Antiquarinm 
der Kgl. Museen befindlichen, sogenannten Tropfgefässe vergleichen, deren 
einige aus Levezow's Verzeichniss der antiken Denkmäler im Antiqua- 
rium u. s. w. hier reproducirt sind. Ragen sie auch durch ihre Formen- 

1) Im Saal II (der bekanntlich nur Dinge aus dem alten Reich enthalt) stehen solche 
Ständer, sind aber im Verzeichniss der Aecrvptisohen Altorthümer als Kandelaber bezeichnet. 
Vgl. Nr. G2, 74, auch 100. 



1()2 Ernst BoUicher: ÄDalogien der Funde Ton Ilissarlik. 

hatten die auf dem Handelswege zu ihnen gebrachten Originale schlecht 
kopirt. Wenn dem so wäre, waram hat sich denn nie ein klassisches Ori- 
ginal dort gefunden, und warum giebt es im klassischen Boden die gleichen 
rohen Formen wie dort? 

Könnte nicht, hier wie dort, die Kulturentwickelung von gleichen An- 
fangen aus gleiche Wege gegangen sein? Dann wurden unsere nordischen 
Funde eine eigene Kultur bedeuten, deren höhere Stufe entweder unbekannt 
oder nicht vorhanden ist. Die Ursachen, warum am Mittelmeer eine gleich 
primitive Kultur zur höchsten Blüthe sich entfaltete, bedürfen keiner Er- 
örterung. 



XL 
Neue Beobachtungen am Nephrit und Jadeit. 

Nach einem, am 17. März 1883 in der Berliner anthropologischen Gesellschaft 

gehaltenen Vortrage. 

Von 

A. Arzruni, Professor in Breslau. 



Die Hauptveranlassung, die mich dazu bewogen hat, hier noch einmal 
auf die sogenannte „Nephritfrage^ zurück zu kommen, ist das Erscheinen 
eines diesen Gegenstand behandelnden äusserst verdienstvollen Werkes des 
Herrn Dr. A. B. Meyer, Director des zoologischen und anthropologisch- 
ethnographischen Museums zu Dresden, betitelt: „Jadelt- und Nephrit-Ob- 
jecte** ^), welches bereits vielorts in ethnographischen Vereinen und auch in 
mehreren Blättern besprochen worden ist. Ausserdem ist aber gerade in 
letzterer Zeit auch von anderen Seiten mancher werthvolle Beitrag geliefert 
worden, um der Lösung der Frage näher zu kommen^). Ich habe es daher 
für zweckmässig erachtet, diese Gelegenheit zu ergreifen, um an den Gegen- 
stand der Frage selbst zu erinnern und über ihren gegenwärtigen Stand zu 
berichten, um so mehr, als, meiner Ansicht nach, dieselbe in eine Phase ge- 

1) Der genaue Titel ist: .Königliches Ethnographisches Museum zu Dresden. II. und 
III. Jadeit- und Nephrit-Objecte. A. Amerika und Europa. ' 1882. Gross-Folio. 86 Seiten 
Text und 2 Tafeln in Lichtdruck (eine colorirt). B. Asien, Oceanien, Afrika. 1883. Gross- 
Folio. 33 Seiten Text und 4 Tafeln in Lichtdruck. Herausgegeben mit Unterstützung der 
Oeoeraldirection der Königlichen Sammlungen für Kunst und Wissenschaft zu Dresden von 
Dr. A. B. Meyer, Director des König), zoologischen und anthropologisch -ethnographischen 
Museums za Dresden. — Leipzig. A. Naumann und Schröder. 

2) Darunter sind zu erwähnen die bereits auch im Werke des Hrn. Meyer berücksich- 
tigten Abbandlungen mineralogischen Charakters: 

A. Damen r. Ncnvelles analyses sur la Jadeite et sur quelques roches sodiferes. Bull. 
soc. min^ralog. de France IV, 157; Cumptes rend. de TAcad. Paris 92, 1312 und Ann. de Gbim. 
et de phys. [5], 24, 136. 1881. 

£. Jannettaz et L. Michel. Note sur la nephrite ou jade de Siberie. Bull. soc. 
mio^ralog. de France IV, 178. 1881. 

H. Fischer. Ueber die mineralogisch-archäologischen Beziehungen zwischen Asien, Europa 
und Amerika. Neues Jahrbuch für Mineralogie. 1881. II. 199—227. 

W. T. Beck und W. J. v. Muschketow. Ueber Nephrit und seine Lagerstätten. Mit 
6 Tafeln. Verh. der Kaiserl. russ. Mineralog. Gesellsch. St. Petersburg [2]. XYIII. 1— 7G. 1882. 



164 ^' Arzruui: 

treten ist, in welcher sie für's Erste verbleiben wird, wenn nicht anerwartete 
und kaum in nächster Zeit vorauszusehende Entdeckungen dazu beitragen 
werden, sie umzugestalten, in andere Bahnen zu lenken, oder, was wahr- 
scheinlicher ist, die gewonnenen Ansichten noch mehr zu kräftigen. Denn 
ich bin, für meinen Theil, der Ueberzeugung, dass wir augenblicklich aaf 
den richtigen Standpunkt angelangt, genauer — zu ihm zurückgekehrt sind, 
obwohl uns noch mancher erwünschter Beweis dazu fehlt. 

Die Nephritfrage ist bereits vor längerer Zeit angeregt worden, eine 
Reihe von Gelehrten hat schon längst diesem Mineral ihre Aufmerksam- 
keit zugewendet und über die Bedeutung, welche ihm von Seiten vieler 
Volker beigelegt wird, berichtet, es ist und bleibt aber ein Verdienst des 
Herrn H. Fischer, in seinem bekannten, umfangreichen Werke die ganze 
Wichtigkeit der dem Nephrit sowie dem JadeYl in der prähistorischen Cultar 
und in dem Völkerverkehr zufallenden wichtigen Rolle eingehend hervor^ 
gehoben zu haben. 

Die meisten Funde von verarbeiteten Steinen erweisen aufs Deutlichste, 
dass die prähistorischen Menschen zu ihrem Bedarf sich desjenigen Materials 
bedienten, welches ihnen zugänglicher war, also meist denjenigen Gesteins- 
arten entnommen wurde, die in nächster Nähe der Funde anstehend oder 
auch als Gerolle in Flüssen und Alluvionen angetrofien werden. — Neben 
der überwiegend grössten Zahl aus nachweislich einheimischem Material gear- 
beiteter Steingegenstände finden sich aber auch solche, deren Material in 
natürlichem Zustande au Ort und Stelle unbekannt ist und daher als exotisch 
gelten könnte. — Unter solchen mineralischen Substanzen unbekannten Ur- 
sprungs verdient gewiss der Nephrit eine specielle Beachtung, schon aus 
dem Grunde, weil ihm auch jetzt an vielen Punkten der Erde, bei vielen 
Völkern eine ganz besondere Bedeutung, Heilkraft, Schutz vor Unglück 
und sonstige nützliche Eigenschaften und Wirkungen zugeschrieben werden, 
wozu zweifelsohne die ihn kennzeichnenden physikalischen Eigenthümlich- 
keiten, wie hohe Härte, Zähigkeit, vielleicht auch seine meist gefälligen 
Farben nicht am Wenigsten beitragen. Mö^^l Icherweise ist auch seine Selten- 
heit ein Moment für den hohen Werth, der ihm beigemessen wird. — 
Jedenfalls ist es allgemein bekannt, dass der Nephrit auch jetzt in Süd- und 
Ostasien, auf den Inseln der Südsec zu Schmuck- und Prunk-Gegenständen, 
zu Amuletten und dergl. verarbeitet wird, und mag er vielleicht auch in 
früheren, vorgeschichtliclien Zeiten eher zu solchen Zwecken gedient haben, 
als zur Herstellung wirklicher Waöen, trotz der W^affenform, welche bei 
weitem die grösste Zahl der prähistorischen Nc|)hrit- Objecto besitzt. 

Mit dem Nephrit wurden und werden auch jetzt noch andere derbe, fein- 
körnige, krystallinische Mineralien (zum Theil auch Gesteine, d. h. Mineral- 
gemenge) verwechselt. Sie wurden wie der Nephrit verarbeitet und werden 
häufig unter demselben Namen ausgegeben, — was entweder auf einer Ana- 
logie der meisten Eigenschaften oder der Farbe allein beruht. Untei* diesen 



Neue Beobachtun^^en am Nephrit und Jadeit lg5 

dem Nephrit ähnlichen Substanzen und mit ihm gleich hoch oder oft noch 
höher im Werthe stehend ist der Jadeit zu nennen, dessen chemische Ver- 
schiedenheit vom Nephrit von Hrn. Dam cur (G. R. Acad. Paris, vol. 56, 
pag. 861. 1863) festgestellt wurde, während es anderen Beobachtern vor- 
behalten war, dieser Substanz eine richtige Stellung im Mineralsystem zu- 
zuweisen. Der von Hrn. Damour gewählte Name — „Jadeit" sollte an die 
ursprüngliche, auch von Seiten der Mineralogen geübte Verwechselung mit 
„Jade**, d. h. Nephrit, erinnern. 

Auch dem Jadelt ist eine ebenso wichtige Rolle in der Prähistorie 
zngefollen , wie dem Nephrit, auch an ihn knüpfen sich bei vielen 
Völkern Vorstellungen, die einen Besitz aus diesem Mineral angefertigter 
Gegenstände erwünscht und nützlich erscheinen lassen. Solcher Aberglaube 
hat sich auch bis in die Gegenwart bei der Landbevölkerung derjenigen 
Theile Europas erhalten, in denen das Vorkommen resp. Auffinden von Ja- 
deltbeilen nicht zu den Seltenheiten gehört. So berichtet Hr. Damour 
(C. R. Acad. Paris, vol. 61. p. 362. 1865) über die Aufbewahrung von 
Jadettobjecten in Frankreich, als Mittel gegen verschiedene Uebel, über das 
Einmauern solcher Beile in das Fundament mancher Häuser, um ein Ein- 
schlagen des Blitzes zu verhüten u. s. w. 

In Europa ist bisher weder der Nephrit noch der Jadeit anstehend an- 
getroffen worden, auch nicht mit Sicherheit als Gerolle, sondern in ver- 
arbeitetem Zustande in der Nähe ehemaliger menschlicher Ansiedelupgen, in 
Höhlen, Pfahlbauten, Dolmen u. dergl. — Die verbürgten Fundstätten des 
Nephrites sind: in Asien — die Gegend von Yarkand und Khotan, im öst- 
lichen Turkestan, wo er anstehend von Hermann v. Schlagintweit und von 
Stoliczka angetroffen wurde; ferner an und in den Flüssen des südlichen 
Transbaikaliens, wo er in den Alluvionen in Gestalt von Gerollen abgelagert 
vorkommt, während man dort über die primäre Lagerstätte nichts Positives 
weiss. Eine dritte Fundstätte ist die Westküste der Süd-Insel von Neu- 
seeland, wo zahlreiche lose Blöcke von vielen Reisenden gesehen und ge- 
sammelt wurden, während es Forster allein gelungen ist, bis an das An- 
stehende zu kommen. Endlich ist vor wenigen Jahren dasselbe Mineral 
anstehend in Neu-Caledonien gefunden worden. 

Eine Fandstätte des Jadeit war bis vor Kurzem überhaupt nicht be- 
kannt; erst in ganz neuerer Zeit erfuhren wir, dass er in rohem Zustande 
aus Ober-Birma nach China und Indien importirt wird, von welchem Punkte 
aber speciell — ist immer noch un gewiss. 

In verarbeitetem Zustande besitzen beide Mineralien, wie aus den Nach- 
grabungen hervorgeht, eine nicht unbedeutende Verbreitung über den ganzen 
näher erforschten Theil der Erde, was zu der Frage drängt: Wo haben die 
Menschen das ungewöhnliche Material gewonnen oder wober haben sie es 
erhalten? — 

Der Aufgabe, diese schwierige Frage zu lösen, unterzog sich nun Ilr. 



166 A. Arzruiii: 

H. Fischer, und ein noch so fluchtiger Blick in sein Werk reicht schon 
aus, um zu überzeugen, wie viele zu berücksichtigende Nebenfragen dazu 
beitrugen, die Beantwortung immer verwickelter zu gestalten and die Haupt- 
frage ihrer Lösung zu entrücken. — Durch Aufwand der vielseitigsten £i^ 
fahrungen, Studium der ältesten, unzugänglichsten und üast von neaem 
zu entdeckenden Quellen, kritische Sichtung des in Folge dessen an- 
gesammelten gewaltigen Materials gelang es Hrn. Fischer, nicht nor auf 
bequemere und einfachere Mittel zur Unterscheidung der beiden in Frage 
kommenden Substanzen von anderen ihnen auf deu ersten Blick äusserst 
ähnlich sich verhaltenden Mineralien, sowie von einander hinzuweisen, sondern 
auch Klarheit über die Verbreitung von Nephrit- und Jadeit- Objecten zu 
verschaffen. Er gelangte zum Aufbau der bereits von Anderen mehr£Mh 
geäusserten Hypothese, dass die Fundstätten der beiden Mineralien in Europa 
und Ajnerika blos deswegen unbekannt geblieben seien, weil sie hier ebenso 
wenig wie dort vorhanden sind, dass alles Material vielmehr, sei es in 
rohem oder verarbeitetem Zustande, aus Asien, entweder durch Handels- 
verkehr oder während frühzeitiger Völkerwanderungen, herübergebracht worden 
sei. Er suchte seine Ansicht unter Anderem auch dadurch zu begründen, 
dass er in der Kunst der Verarbeitung, in der Ausführung der Arbeit selbst 
sowohl, wie in den dargestellten Motiven, Annäherungen bei Gegenständen, 
die einander sehr entlegenen Gegenden entstammen, wie z. B. China and 
Mexico, hervorhob. Auf Grund genauer statistischer Aufzeichnungen über 
die europäischen Funde von Gegoustäuden aus den beiden Substanzen, ver- 
suchte dann Hr. Fischer in Gemeinschaft mit Hrn. Damour (Revue ar- 
ch^ologique. vol. 36. p. 12. 1878. Paris) die Verbreitungsgebiete derselben 
in allgemeinen Zügen abzugrenzen. Er zeigte, dass wahrend der Jadelt vor- 
zugsweise im nordwestlichen Theil Europas sich findet, die Nephritwerkzeage 
fast ausschliesslich auf die Schweiz beschränkt sind, dass sie nur vereinzelt 
im östlichen Theilc Europas angetroffen worden sind, während im Westen, 
in Frankreich, blos zwei Nephritwerkzeuge sieh fanden, von denen es sogir 
zweifelhaft geblieben ist, ob man sie nicht vielleicht einem modernen Im- 
porte zuzuschreiben hat. — Schliesslich wurde auch darauf hingewiesen, dass 
die Form der in Europa aufgefundeneu Nephrit- und Jadelt-Beile eine von 
einander abweichende ist — für Nephrit sind verliältnissmässig dicke Beile 
ebenso charakteristisch, wie es, nach Hru. Virchow's Bezeichnung, die 
„Flachbeile^ für Jadeit sind. — Diese Uniformität ist, meiner Ansicht nach, 
offenbar auf die näheren Beziehungen der Bewohner innerhalb jedes der 
beiden gesonderten und durch das Auftreten des specifischen Materials 
charakterisirten Rayons unter sich und eher auf die specielle VerwendoDg 
der Objecte, als auf die Natur des Materials zurück zu führen. 

Gegen die von Hrn. Fischer vertretene Ansicht des Transportes 
exotischen Materials erhob sich von verschiedenen Seiten und von ve^ 
schiecleuen Gesichtspunkten aus Widerspruch. Man griff sie unter Anderem 



Neue Beobachtung[6u aui Nephrit und Jadeit 167 

aas dem Grunde an, weil in Norddeutscbland mehrere Nephritblöcke ge- 
fanden worden waren, deren bedeutende Dimensionen einen Transport durch 
Menschen während ihrer Wanderung unwahrscheinlich machten; weil man 
ferner annahm, dass, welchen Weg von Asien nach Europa der Verkehr auch 
eingeschlagen haben mochte, er sich, einer berechtigten Erwartung gemäss, 
darch eine Continuität in der Verbreitung von verarbeiteten Objecten oder 
von rohen Stücken desselben Materials ausweisen lassen müsste. 

Auf den ersten Einwand und die sich daran knüpfenden anderweitigen 
Hypothesen komme ich gleich zurück. Dem zweiten aber braucht man keine 
besondere Bedeutung beizumessen. Auf blossem Raisonnement basireud, 
lässt er sich, ebenfalls durch Raisonnement, wenn nicht widerlegen, so doch 
bedeutend abschwächen: die Annahme einer Wanderung schliesst nämlich 
nicht zugleich eine solche von dauernden Ansiedelungen auf dem durch- 
schrittenen Wege in sich ein, ebenso wenig wie es unbedingt nothwendig 
ist, dass, &ll8 solche Niederlassungen auch bestanden haben, sie nachweisbare 
oder bereits entdeckte Spuren ihrer Existenz zurückgelassen haben müssen. 
Noch viel weniger braucht der Weg des Durchzuges durch verstreute Gegen- 
stände gekennzeichnet zu sein. 

Im Gegensatz zu Hrn. Fischer's Ansicht, vertritt Hr. Meyer den 
Standpankt, dass uns in den verarbeiteten Gegenständen weder in Europa, 
noch in Amerika oder sonst wo exotisches Material vorliege; er ist vielmehr 
der Meinung, dass hinsichtlich des Nephrits und des Jadeits dieselbe Regel 
wie auch für alles andere Material volle Gültigkeit besitzt, dass nämlich 
immer das bei der Hand gewesene auch zur Verarbeitung verwerthet worden 
sei, naturlich unter sorgfaltiger Auswahl des Geeignetsten. Hr. Meyer kann, 
aelbstverständlich ebenso wenig wie seine Vorläufer in der von ihm ver- 
fochtenen Ansicht (z. B. Damour, Berwerth u. A.), auf bestimmte Locali- 
tftten als auf sichere Fundpunkte der beiden in Rede stehenden Mineralien 
hinweisen, meint aber auf Grund des differenten Verbreitungsrayons der aus 
jeder der beiden Substanzen gearbeiteten Gegenstände in Europa, dass 
Nephrit in den östlichen Alpen sich finden durfte, während er im Westen 
desselben Gebirges Fundstätten für den Jadeit prognosticirt, hauptsächlich 
sich auf die Ergebnisse einer Analyse des Hrn. Damour stutzend, die ein 
dem Jadelt sehr nahe kommendes, angeblich vom Monte Viso in Piemont 
herstammendes Gestein betrifil. Für die in Norddeutschland gefundenen 
Nephritblöcke beansprucht Hr. Meyer, wie es vor ihm schon Des or gethan 
hatte, einen skandinavischen Ursprung. Für die amerikanischen (in Mexico, 
Central- und Süd-Amerika gefundenen) Jadelt-Objecte — denn blos solche 
sind ans Amerika mit Sicherheit bekannt, während Nephrit dort gänzlich zu 
fehlen scheint, bis auf am Mackenzie-Fluss in Canada gefundene Nephritstäbe, 
die aber möglicher Weise sibirischen Ursprungs und dann wahrscheinlich 
neueren Importes sein dürften — will er auch eine einheimische Provenienz 
annehmen. — Vom ethnologischen Standpunkte aus erklärt er sich gegen 



168 A. Arzruoi: 

die Annahme von Handelsbeziehungen oder Wanderungen von Continent za 
Continent in prähistorischen Zeiten und will die Auffindung anstehenden 
Nephrits und Jadeits in Europa wie in Amerika der Zeit und genaaeren 
geologischen Nachforschungen in den Erfolg versprechenden Gebieten über- 
lassen, zumal er der Meinung ist, dass die Nephritfrage aufgehört habe, eine 
ethnologische zu sein und lediglich als eine geologische zu betrachten aei^). 

Im Wesentlichen Hrn. Mcyer's Ansicht theilend, will ich hier zu- 
nächst diejenigen Punkte hervorheben, in denen ich seinen Erklärungen nicht 
beistimmen kann. 

Dem Ausspruch, die Ethnologie habe sich mit der Nephritfrage nicht 
mehr zu beschäftigen, kann ich insofern nicht beitreten, als immerhin be- 
stimmte Beziehungen, bestinimte Wanderungen auch prähistorisch angenommen 
werden müssen, du solche allein die Verbreitung der Objecte aus einem and 
demselben Material auf einem und demselben Continent zu erklaren ver- 
mögen. Es ist klar, dass man nicht überall, in jeder beliebigen geologischen 
Formation nach Nephrit oder Jadeit zu suchen habe, sondern blos in Ge- 
bieten, in welchen krystallinische Schiefer zur Entwickelung gelangt sind, 
indem alle Aussagen über die Nephritvorkommen, sowohl in Turkistan, wie 
in Sibirien und in Neuseeland darin mit einander im Einklänge stehen, dass 
der Nephrit, der ein dieht(T Strahlstein ist, in Nestern an die ältesten kry- 
stallinischen Schiefer gebunden ist. Dasselbe dürfte auch vom Jadelt gelten, 
dessen Lagerstätten zwar geologisch noch nicht erforscht sind, der aber, ak 
dichte Pyroxenvarietät, wohl unter ähnlichen Bedingungen sich findet, wie 
der ihm verwandte Khodonit, der einzige dichte Pyroxen, der in grösseren 
Anhäufungen in der Natur bekannt ist, also ebenfalls in krystallinischen 
Schiefern. — Mag man für beide Mineralien in Europa die Alpen, Skandi- 
navien, Schlesien, Sachsen oder ein sonstiges Schiefergebiet als Heimath an- 
sehen, — von Amerika und dessen Jadeütlagerstätten abstrahiren wir, da das 
Land in geologischer Hinsicht zu ungenügend bekannt ist, als dass wir irgend 
welche bestimmte Theile desselben als wahrscheinlich Jadelt -fuhrende Ge- 
biete betrachten könnten^), — so musste von diesen Punkten aus das 
Material, ob roh oder verarbeitet, exportirt worden sein, um bis nach den 
nordwestlichsten Grenzen Europas oder nach dem Süden und Südosten dieses 
Continents zu gelangen, kurz, überall dahin, wo es jetzt in Gestalt verar- 
beiteter Objecte angetroffen wird. Die Wanderungen oder Handelsbeziehungen 
müssen dann doch angenommen werden, wenn auch in beschränkterem 
Maasse, als es Hr. Fischer will, weshalb es mir keineswegs correct er- 
scheint, die Nephritfrage in ihrem ganzen Umfange der Geologie allein za 

1) Herr Meyer hat diesen seiuen Standpunkt uusfübrlich in einem in Dresden gehaltenen 
und als besondere Schrift erschienenen Vortrage — ,Die Nephritfrage kein ethnologisches 
Problem", Berlin, K. Fried Und er & Sohn, 1883 — darj^clegt. 

2) Ich mochte daher Herrn Meyer in der Bevorzugung der Qehiele am Amazonenstrom 
und von Mexico nicht foI((on. 



Neue BeobacbtuDd^n am Nephrit und Jadeit. Ig9 

überweisen. Die Geologie weist nach den Gebieten hin, die Nephrit oder 
Jad^t beherbergen könnten, die Geologen werden vielleicht auch über kurz 
oder lang auf die Spur des längst gesuchten Materials kommen, den Ethno- 
logen allein fallt aber nachher die Aufgabe zu, darüber Klarheit zu ver- 
breiten, wie die Objecte aus dem Ursprungsorte der Substanz nach einem 
entlegenen Punkte, wenn auch desselben Continents, gelangt sind; welche 
Vorstellungen, welcher Glaube an diese Mineralien sich knüpfte; welche Be- 
deutung von Seiten der prähistorischen Menschen bestimmten Gegenständen 
beigelegt wurde; welche Nutzanwendung sie fanden u. s. f. Die Unsumme 
von ethnologischen Fragen, die sich an den Gegenstand knüpfen, hier auf- 
zuzahlen, kann nicht meine Aufgabe sein: den Ethnologen sind sie ihrer 
ganzen Bedeutung, ihrem Umfange, ihrer Tragweite nach besser bekannt 
and ihnen kommt es zu, sich derselben als Mittel zu bemächtigen zur Be- 
reicherung unserer Kenntniss der Urgeschichte, zur Erschaffung eines mög- 
lichst vollkommenen Bildes vom prähistorischen Menschen. 

Wenn Hr. Meyer die eminent-ethnologische Bedeutung der Nephrit- 
Frage leugnet, so hat er wohl die vorhistorischen Beziehungen von Continent 
zu Continent im Auge, welche allerdings Hrn. Fischer's leitender Gedanke 
sind. Dieses „Eminente^ mag der Nephritfrage nunmehr abgehen, eine 
grosse ethnologische Bedeutung, ein grosses berechtigtes Interesse bleibt dem 
Nephrit darum nicht minder gesichert, denn nicht unwesentlich ist die Rolle, 
welche er im psychischen Leben der Völker besessen hat und auch noch besitzt. 

Wenn ich so eben gesagt habe, dass eventuelle neue Funde von an- 
stehendem Nephrit und Jadeit in den Kegionen der Entwicklung der kry- 
stallinischen Schiefer zu erwarten seien und einige solcher Gebiete in Europa 
namhaft machte, so will ich, um etwaigen Missverständnissen vorzubeugen, 
gleich bemerken, dass, meiner Ansicht nach, in den Alpen, Skandinavien etc. 
die in Rede stehenden Mineralien gefunden werden können, nicht dass sie 
gefanden werden müssen. Freilich, hinsichtlich der Alpen lässt sich das 
Müssen kaum umgehen, denn die europäischen verarbeiteten Nephrite sind 
sämmtlich und zum Theil in grosser Anzahl in der Nähe der Alpen gruppirt 
(Schweiz, SQd-Baden, Bayern). Eine exotische Herkunft derselben ist 
ziemlich ausgeschlossen, nicht blos weil der Transport aus weitentlegenen 
Gegenden aus manchen Gründen unwahrscheinlich ist, sondern, wie ich es 
weiter ausführen werde, weil die schweizer Nephrite einen bestimmten, 
eigenartigen, keinem andren Nephrit zukommenden Charakter an sich tragen. 
— Anders gestaltet sich die Frage bezüglich Skandinaviens, wo nicht nur 
kein anstehender, sondern überhaupt kein Nephrit, weder als Gerolle, noch 
in verarbeiteter Form bisher gefunden worden ist. Trotzdem ist speciell 
aof Skandinavien das Augenmerk mehrfach schon gelenkt worden und zwar 
jedesmal, um die problematische Provenienz der zwei norddeutschen Nephrit- 
blöcke, welche bei Potsdam und bei Schwemsal gefunden wurden, zu er- 
klären. Ueber einen dritten Block, der auch in der Literatur erwähnt 



170 A. ArzruDi: 

worden ist, den leipziger, herrscht nicht nar ein zweifelhaftes Dunkel, son- 
dern sicher auch eine nicht zu lösende Verwirrung, weshalb es angebracht 
sein dürfte, denselben, vorläufig wenigstens, von jeglicher Betrachtang aas- 
zuschliessen. — 

Wie bereits erwähnt, hatte sich früher Desor, wie jetzt Hr. Meyer, 
in Anbetracht der Grösse des Schwemsaler Stucks (die sich aber leider 
nicht controliren lässt, sondern auf einem „on dit^ beruht) dasselbe f&r ein 
nordisches Geschiebe zu erklären bewogen gefühlt, wonach auch für das 
Potsdamer Stück denselben Ursprung anzunehmen nahe lag. Dieser Ansicht 
ist neuerdings auch Hr. H. Credner (Corr. Bl. Nr. 4, 1883) beigetreten. 
In einem, in dem Leipziger Anthropologischen Verein gehaltenen Vortrage 
hat er die geologischen Gründe darzulegen gesucht, weshalb, seiner Meinung 
nach, die norddeutschen Nephrite aus Skandinavien nicht etwa stammen 
könnten, sondern daher stammen müssen. Das Vorkommen des krystalli- 
nischen Schiefergebirges in Schweden; das anderweitig erwiesene Auftreten des 
Nephrites in Nestern, Knollen oder Bänken in solchen Schiefem; die un- 
vollständige Eenntniss der Geologie Schwedens, die das bisherige Nicht- 
auffinden des Nephrits daselbst erklärt; das Vorkommen unzweifelhaft schwe- 
discher Gesteine als Geschiebe im norddeutschen Diluvium, — das sind die 
ganz richtigen Voraussetzungen, von denen Hr. Credner ausgeht, um die 
von ihm adoptirte These zu vertheidigen. — Er giebt freilich zu, dass in 
Skandinavien kein Nephrit gefunden worden sei, meint aber, dass man sich 
dadurch nicht beirren lassen dürfte: es sei dies kein Hinderungsgrund f&r 
die Annahme einer nordischen Herkunft der norddeutschen Nephrite. Be- 
kanntlich lassen sich die meisten Geschiebe Norddeutschlands mit unzweifel- 
hafter Sicherheit mit dem Anstehenden in Schweden identificiren, weshalb 
auch ihr Transport von dort als erwiesen angesehen wird. Umkehren lässt 
sich aber, meiner Meinung nach, der Satz nicht, indem wir Alles, was sich 
hier findet und hier nicht als einheimisch gelten kann, auf einen nordischen 
Ursprung zurückführen. Es mag in dieser Beweisführung viel Prophetisches 
oder Divinatorisches liegen, für mich ist sie trotzdem eine Umschreibung 
des schlichten Ausdrucks: „darüber wissen wir Nichts!" — Wenn Herr 
Credner die norddeutschen Nephritblöcke als auf einer Transportlinie durch 
Schonen — Bornholm — Odermündung — Berlin — Leipzig sich befindend 
ansieht, so erblicke ich darin nichts weiter als eine Construction. Diese 
Linie ist allerdings dadurch charakterisirt, dass sie, von Nord nach Sftd 
verlaufend, Schweden mit Deutschland verbindend, zugleich die beiden 
Fundpunkte der norddeutschen Nephrite, Potsdam und Schwemsal berührt; 
sie könnte aber bequemer durch Verbindung dieser Punkte und Verlängerung 
nach Norden hergestellt werden und würde auch dann, ebensogut wie jede 
andre nach Schweden mündende Gerade, als Geschiebetransport -Richtung 
gelten, indem bekanntlich die auf skandinavischen Ursprung zurückführbaren 
Geschiebe der norddeutschen Ebene nach fächerförmig divergirenden Linien 



Nene Beobachtungen am Nephrit und Jadeit. 171 

über dieselbe ausgebreitet sind. Bemerken will ich übrigens noch, dass gegen 
die Geschiebenatar des Nephrits von Potsdam die Abwesenheit jeglicher 
Eisspuren, Eritzen, Schrammen auf dessen Rinde spricht. Die ursprüngliche 
Oberfläche des Schwemsaler Stückes durfte wohl nicht erhalten geblieben sein. 

Obwohl ich nach all dem Gesagten mich zu der keinesfalls erwiesenen 
Auffiissung über den nordischen Ursprung des norddeutschen Nephrits nicht 
bekennen kann, will ich dennoch nicht in Abrede stellen, dass dies im Be- 
reich der Möglichkeit liegt, und beeile mich, eine für Hm. Credner will- 
kommene Mittheilung hinzuzufügen, dass nämlich im Berliner ethnographi- 
schen Museum (Nordische Abtheilung, Katalog II. 76) ein flaches, dreieckiges, 
dunkelgrünes NepbritgeröUe, welches angeblich bei Suckow (bei Prenzlau) 
in der Uckermark gefunden worden ist, aufbewahrt wird^). — Suckow liegt 
allerdings auch auf der Linie Potsdam-Schwemsal-Leipzig. — Wunderbar 
bleibt es aber immerhin, dass auf der ganzen übrigen norddeutschen Ebene auch 
nicht die Spur von Nephrit vorgefunden worden ist. Sollte es eine einzige 
Linse gewesen sein, die alle die erwähnten Stücke geliefert hat, die auf 
einer Linie sich ablagerten, oder sollten vielleicht andere Linsen in Folge 
ihres grösseren absoluten Gewichtes nicht so weit transportirt, sondern in 
demjenigen Theil ihres Weges geblieben sein, der später zur Einsenkung 
der Ostsee sich gestaltete?! 

Die beiden Stücke von Potsdam und Schwemsal sind übrigens ihren 
sämmtlichen Charakteren nach so verschieden, dass sie kaum demselben 
Punkte entstammen dürften, da die Nephrite einer und derselben Localität, 
wie weiter gezeigt werden soll, durch auffallende Constanz ihrer Merkmale 
sich auszeichnen. 

Für die Annahme einer nordischen Provenienz würde, wie mir scheint, 
viel mehr sprechen, wenn die Roh-Ncphrite der norddeutschen Ebene nicht 
auf einer Geraden sich befönden. 

Wollte man sich in Hypothesen weiter bewegen, so könnte man ja 
sagen: wenn wir auch niemals zur Entdeckung von anstehendem Nephrit in 
Europa kommen sollten, so brauchen wir immer noch nicht der Annahme 
za huldigen, er sei exotischen Ursprungs; — es können ja in Europa die 
Nester dieses Minerals viel weniger zahlreich und viel weniger mächtig ge- 
wesen sein, als z. B. die turkistanischen oder neuseeländischen, uud können 
im Laufe der Zeiten sämmtlich aus den krystallinischen Schieiern, die sie 
beherbergten, erodirt worden sein; sie sind darauf als GeröUe liegen ge- 
blieben, da sie vermöge ihrer Härte der Zerreibung viel weniger ausgesetzt 
waren, als die sie umschliessenden Schiefer, und leisteten auch in Folge 



1) Herrn W. v. Schalen barg bin ich zu aufrichtigem Danke verpflichtet, mich anf 
diflses Stück aufmerksam gemacht zu haben. Dieses Gerolle ist noch nicht näher untersucht 
worden, jedoch hat Hr. Bastian die Freundlichkeit gehabt, das spec. Gewicht desselben be- 
stimmen zo lassen. Dasselbe betragt 3,01, also auf Nephrit gut passend. Das absolute Ge- 
wicht des Stückes ist 113,36 g. 



172 A. Arzruni: 

ihrer Compiictheit der Zersetzung einen grösseren Widerstand. Dieser Ge- 
rolle haben sich nachher die Menschen bemächtigt und sie sämmilich za 
Steinbeilen verarbeitet, so dass sämmtlicher europäischer Nephrit jetzt blos 
in Beilform existirt, soweit er nicht in der Tiefe der Ostsee liegt! .... 
Ich sehe nicht ein, weshalb eine solche „Hypothese^ (!) für absurder gelten 
sollte, als manche andre, der man doch mit allem Ernste nachhängt and 
durch deren Aufstellung man unsere Kenntnisse wesentlich gefördert zu haben 
glaubt. Es werden sich immer Menschen finden, die sich auch zu so einem 
Nonsens bekennen werden, wenn er nur mit genügender wissenschaftlicher 
Umhüllung vorgebracht wird, vielleicht auch mit aufrichtiger Ueberzeugang 
von Seiten des Begründers einer so bahnbrechenden und neues Licht ver- 
breitenden Hypothese! — Ist doch noch neuerdings allen Ernstes z. B. be- 
hauptet worden, dass die Reste der nächsten Ucbergangsformen von den 
anthropomorphen Affen zum Menschen in den vom Meere bedeckten Ge- 
bieten begraben liegen dürften! 

Uebrigens haben vorläufig, wie Hr. Meyer richtig bemerkt, die nord- 
deutschen Nephrite keine ethnologische Bedeutung, da die hier in Betracht 
kommenden verarbeiteten Gegenstände Deutschlands, bis auf das eine ba- 
dische ßeilchen und die zwei am Starnbergcr See gefundenen, ausschliesiich 
aus Jadeit gefertigte sind. Ich berührte hier aber diesen Theil der Frage, 
weil die sich an denselben knüpfenden, wenn auch lediglich geologischen 
Charakter besitzenden Hy))othesen dennoch das uns beschäftigende Mineral 
und dessen Provenienz betreffen. 

Unter den Beweisen, welche Hr. Meyer gegen den Import asiatischen 
Materials oder verarbeiteter Gegenstände nach Amerika vorbringt, vermisse 
ich einen sehr nahe liegenden. Alle dortigen Gegenstände, wie er selbst 
betont, sind lediglich aus Jadeit gearbeitete, denn es ist bisher kein ver- 
bürgter Nephrit von daher nachgewiesen worden. Kämen die Gegenstände 
aus Asien, so würden sich sicher darunter auch solche aus Nephrit finden, 
zumal, wie es scheint, man in China selbst nicht immer genau zwischen 
beiden Mineralien unterscheidet. Es müsste dann angenommen werden, 
dass zur Zeit, als die Wanderung und der Transport stattfanden, kein 
Nephrit in Asien gewonnen wurde, sondern lediglich JadeYt. Eine solche 
Annahme, dass die Gewinnung und Verarbeitung des JadeYts älteren Datams 
sei, als die des Nephrits, dürfte aber wohl jeglicher Begründung entbehren 
und dafür schwerlich ein logischer Beweis zu erbringen sein. Man müsste, 
um das gänzliche Fehlen von Nephrit in Mexico undCentralamerika zu erklären, 
zu einer der so vielen, auf den bestimmten Fall zugeschnittenen Hypothesen 
greifen, wodurch die Sache nicht einfacher, nicht annehmbarer sich gestalten 
würde. — Wie neuerdings Hr. Meyer, auf eine briefliche Mittheilung des 
Hrn. Baird in Washington sich stützend, berichtete („Ausland" Nr. 23, 
S. 456, 1883), wäre es übrigens nunmehr gelungen, in Amerika, und zwar 
in Alaska (nicht Louisiana, wie Hr. Baird in Folge eines Versehens schrieb. 



Nene Beol>achtangen am Nephrit and Jadeit. 173 

Vgl. ebenda Nr. 27, S. 540 und Nr. 29, S. 580), eine Fundstätte von Jadelt- 
objecten und rohem Material, welches zu ihrer Anfertigung gedient hat, zu 
entdecken. Wenn hierin vielleicht auch nicht der Fundort desjenigen an- 
stehenden Jadeits zu erblicken ist, welcher den Mexicaneru und Central- 
amerikanern das Material zu ihren Jadeltobjecten geliefert hat, so ist derselbe 
dennoch von grosser Wichtigkeit: er widerlegt die Behauptung, dass Ame- 
rika keinen eignen Fundort dieses Minerals besitze und es daher aus einem 
anderen Continent erhalten haben müsse. — Leider liegt uns über die geo- 
logischen Verhältnisse dieser Fundstatte, über Aussehen und Beschaffenheit 
des Materials zur Stunde noch nichts Näheres vor. — 

Vollkommen plausibel erscheint es mir, wenn Hr. Meyer die Annahme 
einer eventuellen nachträglichen Ummodelung bereits verarbeitet importirter 
Gegenstände als entschieden unwahrscheinlich verwirft. Wenn er sich aber 
dabei hauptsächlich auf den Geröllcharakter mancher Stücke stützt, so wäre 
vielleicht daran zu erinnern, dass dieser einem Stücke auch nach dessen 
Verfertigung verliehen werden kann. Oflfenbar wurden auch in den ältesten 
Zeiten die Ansiedelungen naturgemäss vorwiegend in der Nähe von Wasser- 
läufen oder an Seeufem angelegt. In Folge dessen konnten also bereits 
fertige oder gar in Gebrauch gewesene Gegenstände unschwer (etwa bei 
Ueberschwemmungen oder auch sonst durch irgend einen leicht denkbaren 
Zufall) ins Wasser gerathen, von demselben fortgerissen, dabei abgerundet, 
abgeschliffen werden und somit einen theilweisen Geröllcbarakter erlangen. 

Doch alle diese Beweisführungen beruhen auf ebensovielen Vermuthungen, 
Voraussetzungen, Deutungen, die für sich zwar eine grössere oder geringere 
Wahrscheinlichkeit beanspruchen dürfen, dennoch zu einer positiven Ent- 
scheidung nicht zu führen vermögen, wofür die so divergirenden, ja oft dia- 
metral entgegengesetzten Auffassungen bestimmter Facta einen ausreichenden 
Belag liefern. — Ich für meinen Theil bin der Ansicht, dass wenn auch 
der Import, als Ausnahmefall, nicht ausgeschlossen ist, die Regel doch 
lautet: das Material zu den in Europa und Amerika sich findenden 
Gegenständen ist, ohne Rücksicht auf die mineralische Natur 
desselben, ein einheimisches. 

Mit Recht hat Hr. Meyer zum Motto seines Aufsatzes, des bereits 
citirten Vortrages, die Worte: „Was der Ethnologie vor Allem Noth thut, 
ist — Methode" gewählt. Hier, in der vorliegenden Frage, kann nur mit 
naturwissenschaftlicher Methode vorgegangen werden und von dieser allein ist 
eine Entscheidung — wenn eine solche überhaupt möglich ist — zu erwarten. 
Bios chemische und mineralogische Untersuchungen sind hier am Platze und 
am besten ist es, wenn beide Hand in Hand geführt werden, sich gegen- 
seitig controliren. — Die chemische Analyse vermag Differenzen in der Zu- 
sammensetzung nachzuweisen, die, wenn auch noch so gering, von hohem 
Werth sein können, faUs sie constant wiederkehren, gesetzmässige sind. 
Hrn. Meyer' s Werk beweist uns, dass auch dessen Verfasser dieser An- 

Zeittchrift ffir Ethnologie. Jahrg. 1S88. 12 



174 ^' Arzrani: 

siebt huldigt, indem er sich die werthvoUe Mitarbeiterschaft des Herrn 
A. Frenzel sicherte, durch welche die Kenntniss der chemischen Natur 
der beiden Mineralien in hohem Grade gefördert worden ist. Hrn. FrenzeTs 
zahlreiche und sorgfaltige Analysen werden sicher noch zu manchem nicht 
gezogenen Schlüsse berechtigen. 

Die mikroskopische Untersuchung (denn es handelt sich ja hier um 
dichte Mineral Varietäten, bei denen andere Untersuchungsmethoden nur in 
ganz exceptionellen Fallen mit Erfolg anzuwenden sind) ihrerseits ist im 
Stande, auf Structurunterschiede, auf charakteristische Einschlüsse hinzu- 
weisen, die für eine bestimmte Localität, für eine bestimmte Art des Vor- 
kommens unter bestimmten geologischen Verhältnissen sprechen, wenn diese 
selbst, falls nicht genauer bekannt, sich vielleicht auch nicht in ihrer Voll- 
ständigkeit dadurch reconstruiren lassen. — Ein Beispiel mag das Gesagte 
verdeutlichen: die sibirischen, Nephritgerölle führenden Flüsse durchiiiessen 
ein Gebiet von krystalliuischen Schiefern, unter welchen die Graphitschiefer 
eine nicht unbedeutende Mächtigkeit besitzen und welche durch den Alibert*- 
schen Graphit eine Weltberühmthoit erlangt haben. Hrn. Fischer gelang 
es nun, zu beobachten, dass die Sibirischen Nephrite häufig mikroskopische 
Flitter von Graphit eingeschlossen enthalten, was uicht nur als Merkmal für 
den Nephrit dieser Provenienz dienen könnte, wenn sich diese Erscheinung 
als constanter Charakter erwiesen hätte, sondern auch zum Schlüsse be- 
rechtigt, dass die ausgewaschenen Nephrit-GeröUc und Blöcke ehemals auf 
primärer Lagerstätte in der Nähe des Graphits Nester in den krystallini sehen 
Schiefern bildeten. — Dadurch ist einigermassen auch das geologische Bild 
der Gegend mit grosser Wahrscheinlichkek in seinen allgemeinen Zügen 
recoustruirt, obwohl jegliche genaue Kenntniss der dortigen geologischen 
Verhältnisse darum nicht minder fehlt. 

Andere physikalische Merkmale sind, wie es scheint, nicht entscheidend, 
so z. B. das spec. Gewicht, das zwar erfahrungsgemäss bei einer und der- 
selben Substanz mit deren Zusammensetzung etwas variabel ist, jedoch nicht 
in dem Maasse, dass etwaige geringe chemische Dififerenzen sich auch 
durch regelmässige Abweichungen in demselben kundgäben. — Das spec 
Gewicht, welches von Hrn. Fischer anfänglich zur Unterscheidung von 
Nephrit und Jadeit von einander mit Erfolg angewendet wurde, läset uns 
selbst darin in manchen Fällen im Stich, wie neuerdings Versuche der 
Herren Damour und Frenzel gezeigt haben, geschweige denn, dass es 
sich eignen sollte, als Kennzeichen für verschiedene Varietäten des Nephrits 
oder Jadeits oder irgend eines anderen Minerals benutzt zu werden. — Dass 
übrigens . auch die chemische Analyse allein oder neben der Bestimmung 
des spec. Gewichts nicht immer ausreicht, oft nicht einmal zur sicheren 
Bestimmung des Minerals, ist dadurch erwiesen, dass ein IVüneral-Ge menge, 
also ein Gestein zufallig eine Elementar-Zusamracnsetzung aufweisen kann, 



Neue BeobachtuDgen am Nephrit und Jadeit. 175 

die za einer einfachen chemiechen Formel eines Minerals führt und auch 
ein mit diesem ähnliches spec. Gewicht besitzt. Auch nach dieser Richtung 
hin hat sich Hr. Fischer hohe Verdienste erworben, indem er für zahl- 
reiche sogenannte Mineralien den Nachweis führte, dass sie Gemenge ver- 
schiedener Substanzen seien; er gelangte zu diesen wichtigen Resultaten 
durch die mikroskopische Untersuchung (Kritische mikroskopisch -minera- 
logische Studien Freiburg i. B. 1869. 1. Forts. 1871, 2. Forts. 1873). Herr 
Dam cur zeigte seinerseits, dass die von ihm analysirten verarbeiteten Ja- 
deite Frankreichs oft aus nicht einheitlicher Substanz bestehen, sondern ein 
Gemenge, also nicht ein Mineral, sondern ein Gestein sind. 

In unserem Falle würde die Frage etwa so zu stellen sein: ist 
es möglich, durch die chemische Analyse, combinirt mit der 
mikroskopischen Untersuchung, zu entscheiden, ob zwei Ne- 
phrite oder Jadeite derselben oder verschiedenen Localitäten 
entstammen? 

Auf diese Fragestellung macht uns die Geologie gleich verschiedene 
berechtigte Einwände, die, wenn sie durchweg gültig wären, uns auch diese 
Methode aufzugeben veranlassen könnten. Es werden uns näiqlich zwei 
Erfahrungssätze in Erinnerung gebracht: erstens^ dass unter gleichen Be- 
dingungen Gleiches resultirt, aber auch unter verschiedenen Bedingungen 
das Nämliche entstehen kann, und zweitens, dass diese Bedingungen inner- 
halb einer und derselben Localität geringe Schwankungen erfahren können, 
in Folge deren das Endproduct nichts Einheitliches, vielmehr unzählige 
Uebergänge darbietet. 

Betrachten wir beide Einwände näher. Der erste würde also, auf un- 
seren Fall übertragen, Folgendes besagen: Der Nephrit und der Jadeit 
bilden beide Einlagerungen in krystallinischen Schiefem, diese aber verhalten 
sich überall, wo sie auftreten, auffallend ähnlich, folglich dürften auch für 
die uns hier beschäftigenden Einlagerungen derselben keine typischen, von 
der Oertlichkeit abhängenden Differenzen zu erwarten sein. Darauf lässt 
sich aber bemerken, dass die krystallinischen Schiefer selbst aus einer Reihe 
von Gliedern bestehen, von denen die entsprechenden an verschiedenen 
Punkten der Erde allerdings grosse Analogien, fast Identität zeigen, dass 
dagegen die einzelnen Glieder von einander wohl unterschieden sind und es 
also wohl auch deren Einlagerungen (d. h. Nephrit und Jadelt) sein dürften, 
falls sie in verschiedenen Niveaux, oder auch sonst, wenn auch unter un- 
merklich verschiedenen Bedingungen, auftreten. Ausserdem ist zu erwähnen, 
dass allerdings gewisse Mineralien eine auffallende Constanz in ihrem Habitus 
aufweisen trotz der verschiedensten Verhältnisse, unter denen sie entstanden 
sein mögen, dass andere im Gegentheil unter speciellen Verhältnissen auch 
ein ganz bestimmtes Gesicht annehmen. — Auf den zweiten Einwand lässt 
sich mit denselben Tbatsachen antworten, und somit reducirt sich unsere 

12» 



174 A- Arm.1^ 

5rv* hii z* i'.jig^aiO*:-. ^iitz den N«-:lini und d^m J&^^:; i>>nsunte Cba- 

jvcv^rt i^'-fr ii*^ Ter*'_\Lj*d*TiM'aL Er.i*:iet;;r4ff*l-<'i:ii2Tm2*a '•i?«^ cdcr rind 

c.'* '«i'kr-iiij:»!. lu-er CiAkTLinar*- tiifc^iiiiig:^ roa ihrer 2e>c-l':-ziMrb«i Uncebang 
laiC Sfe-«**- *•: :»*-D*'ir-»'i; i. oiiff s* r»:cr.t e;i.xL2Ü iriLrrriftl'r» eiuf-r oad (l«r«elbeB 

^»-iiX3H?: tn. II i:i.-»*rr*2i FiJIe Tcnrenit-T zu weriea. ue3 gläcklicLc-rveiM 
rrE" tsj* '. *-it y*:ir-; ir. der Tr.äi za. Der Jairl: djigegen »ckeÄci in 
•^^.»•iL ''^«rLi.r.*!. i*-: *rK:*T. -i : ihnrra Ka'e^r-rir aczo^ehvreo. ind«B « 
iiii!*rTii^!: ijer ••*:.:•* 1 L^'-Aliik: -»Tii^rLri.den ScLwa^ kanten in s^icer ckemi- 
te-ju^ Zl'ATi Ti*a.*'*'j;:ix :^:*r» irff-a i*i. dair:: aber ein merkwürdig coo- 
«aar.^ "^^r^tr.*! i-:i.«jiL*^'ji seiner Mikr'-s:rüci.ir. sc-fera djcss« die rÖDC 
r^u'-*"-«-: :»r^-'^. r»Kj. wrlii^ ?>:• »rii 2er.:. das« man nicht nnr die tct- 
— ji:rfr:/t!i.*r*a >'ljlz.:-5:1 — t— -■:*:•.? ri« jrzr. mi ^-':'.aa — t:*e«^izeBd€i 
«'fi*ü*':vt ^"1 *;iLii*r. «•citri. *:r alle s^T'Zakj vvc fiLem ai-drreii mr «elbe« 
-1 — in»:-* r-^ii'r^fi:»*^ K_L*rk_ fra i.:z:":-eer-r::hr:: Kfcc'drni*.. nichi zn iuii«r- 
-•-if*i.>»a --»mitar :■•. ▼'.»i- i:«^r r:n Ma^Ätbifilic*!. wairend ieoer eu 
J^Br-ta-Tii:*iirr:i*-r^!jL-i»- -Vu — W^^^ hl? a'.*o li-ih etwaige andere Merk- 
aai*r T-f*. z^ 1 :L' *»*^- r. v tt --=- V.:rk■::LII.:ii^^r cLa:ak:rr**'"r:^che fremde Ein- 
-»-.-iijij-^ tu Is'-i.tijjin^^jit^rd^iL l:efem waf *:ch :«e: vermehrMa Beob- 
rf--<j.iiL:?r*fi l*rr^^Uf•*r.*;lHa w„-: „ «•: werde:;, ia F:U:e der Oot«iaiiz der Mikra 
■mjtr.ir u.rr /'bü-*!;* uri itr. *eli*?' bei 5r3 a-> ärr*^lbeii Localiti: 
'^Tirz^-i'^-'i iili: ••-ü,»* i.i»'.i^Tw:r*-7i.en grrffrii S:":.waz.k.ingen in ikrei 
.-ü>fs--*:.f-n 1-ii^unini*n;4»*f;.r:xz ::i.rere Bemih-Lg*-. -n: '..r PrcTmienz fest 
zi^0^'.f<: -':i»*;r»*-n ***'• 't VTri-er zz.*rrz, gezeigt wrrder s:'-l- $>ci)einen abe 
:.-> '.-.V- ::;.L-?*^ ::i : '» *r;.iT*-i:gi^rL ::. dri: Jairlie^ geeigne; za sein, all 

-:*--':; r -.'-. "• i-*r.u-^i ?. 11 i:e V^rhilnis^f glr-srirer. Wenn aacl 
...r: . -- r -...'!.- -•: *-:ic 1^3 . r>:iLi.;* Str^:Ti^TiLerfcmaLie darbieteo 
jw-r .-,^. -*• 13 : • i/'H^^-eiej SiiLeriei-i i'> v.l ei-em ganz hMEtammiei 
' .-..:. -^^ -f-«yr:.r.i^..t »-i^."*c i.AJ.i~ =-: ^'^^ ^ •-'- i'^'^i^ wjii i:LT«r9chcidl»r 
>r- ••.;^..'*<' t:p* •*•*- Lie Vr:we:L*i"-i:ng acsS'rL-iesj.eL -'^ So rermaj 
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.^ .- . Lfü;*.:- : : ■ »'•»■• =^» -^ *'' * • "'■""• •'•=< '"'* »5*i«itisrbfL Nephrit 
■^'.' ■.■-■ ..-!^- -'-::" i.'Xr.ir: ■. i vr-r- .i;-.-.^» 



Neae Beobachtungen am Nephrit und Jadeit. 177 

seeländischen , sibirischen und turkestanischen , sowie die beiden letzteren 
von den neuseeländischen unter dem Mikroskop zu unterscheiden. Viel 
schwieriger gestaltet sich oft die Aufgabe, wenn es darauf ankommt, andere 
Vorkommnisse in sicherer Weise zu charakterisiren und typische Unter- 
scheidungsmerkmale für sie zu finden, wobei übrigens ein mehrmaliges Be- 
trachten eines und desselben Schliffes häufig hilft und viel dazu beiträgt, 
Eigenthümlichkeiten herauszuerkennen, die anfänglich verborgen oder un- 
berficksichtigt blieben. 

Es standen mir zur mikroskopischen Untersuchung folgende 18 ver- 
schiedene Varietäten des Nephrits (22 Objecte) zu Gebote: 
Aus dem Berliner mineralogischen Museum : 

Potsdam^), Fluss Bjelaja, „Türkei" (Originale zu Hrn. Rammels- 
berg's Analyse. Pogg. Ann. 62. 148. 1844), Gulbashen in Turkistan 
(durch H. von Schlagintweit), Neuseeland (durch Hrn. G. von 
Bnnsen). 
Aus dem Breslauer mineralogischen Museum: 

Eslohe, sw. von Meschede, Sauerland. Länge : Breite : Dicke = Scm: 
7^ cm : 2 cm (durch Hrn. von Lasaulx)*). 

1) Herrn A. B. Meyer ist es gelungen, die älteste, auf dieses Vorkommen sich beziehende 
und Tom Pagenhofmeister Johann Christoph Fuchs herrührende Angabe ausfindig zu 
machen. Herr Meyer hatte die Freandiichkeit, sie mir mitzutheilen. Dieselbe ist betitelt: 
«Fortgesetzte Beyträge zur Geschichte merkwürdiger Versteinerungen. Potsdam 1781' und 
ist in den Schriften d. Berl. Ges. d. Naturforsch. Freunde III, S. 151, 1782 abgedruckt worden. 
Die betreffende Stelle lautet: „Unter den übrigen in diesem Jahre gefundenen Versteinerungen 
scheinen mir folgende nicht unwürdig, bekannt gemacht zu werden: 1. Ein durch seine weiss- 
liche, yerwitterte Oberfläche mit einer schönen grünen Farbe durchschimmernder, ziemlich 
grosser Stein, dergleichen mir in unserer Gegend noch niemals vorgekommen war, gab bey 
der Probe, die ich davon abschneiden liess, alle Merkmale des lapidis nephritici cornei zu er- 
kennen. Der Herr Leibmedicus Brückmann in Braunschweig hat eine andere, ihm davon 
gesandte Probe bewährt gefunden. Und einer von meinen berlinischen Freunden hat aus der 
▼erwitterten Rinde sehr gute lapides mutabiles erhalten." Herr Meyer theilt mir ferner mit, 
dass auch der erwähnte Leibmedicus Brück mann (Urban Friedrich Benedict) in der 2. Fort- 
setzung seiner „Abbandl. von den Edelsteinen*", Braunschweig 1783, S. 217 von diesem Nieren- 
stein spricht und dessen Entdecker, den Pagenhofmeister Fuchs in Potsdam nennt. Die An- 
gaben Brückmann's hat auch Hr. Fischer (in Mitth. d. Anthrop. Ges., Wien 1879, VIII, 
S. 12) citirt, es ist mir aber leider weder die Original notiz Brückmann 's noch.Hrn.Fischer*s 
Aufsatz zugänglich gewesen. 

2) Bezüglich dieses Nephrits, welcher schon von Hrn. Fischer erwähnt wird (vergl. 
„Nephr. u. Jad.', S. 836 u. 387, wo von einem „fast schieferigen Bruch*, den ich nicht habe 
beobachten können, die Rede ist), hatte Hr. v. Lasaul x die Freundlichkeit, mir noch mitzu- 
theilen, dass er das Stück im Jahre 1861 in Siegen erwarb, dass aber auch ihm selbst un- 
bekannt ist, wie es zur Bezeichnung Eslohe gekommen. Hr. v. La sau Ix hegt ferner die Ver- 
muthung, dass es mit dem im Bonner mineralogischen Museum befindlichen als „aus China^ 
stammend bezeichneten Block, dessen dunkle, bläulich - grüne Farbe mit der des Esloher 
Stückes übereinstimmt, von gleicher Provenienz sei. Da ich nun Hrn. v. Las au Ix Material 
zur Herstellung eines Dünnschliffs verdanke, so werde ich in der Lage sein, den Vergleich 
auch hinsichtlich der Mikrostructur beider Stücke anzustellen. — Ueber den Bonner Block 
vgl. Fischer, 1. c. 336 und Zeitschr. f. Krystallogr. III, 593, 1879, wo auch eine Analyse 
des Hrn. v. Ratb abgedruckt ist und wo es auch heisst, dass ein anderer Theil dieses selben 
Blocks sich in der Privatsammlung des Hm. Sack in Halle, mit der Fundoitsangabe «Topayos- 
fluss in Südamerika' befindet. 



178 ^' ArzruDi: 

Von Hm. H. Fischer in Freiburg, Baden: 

Fhiss Eiioj. 
Von Hm. A. B. Meyer in Dresden: 

Stücke Ton .Lapis nephriticus*^ aus eiDCin von einer Urkunde aus 
dem Jahre 1658 begleiteten Vorrathe einer Dresdener Apotheke^); 
Cilli a. d. Sann (rgl. „Ausland^ Nr. 27, 1883), Fluss Onot = Berg 
Botogol (durch Hm. Alibert. Dresd. ethn. Mus. Nr. 5049 und Hrai. 
A. B. Meyers Werk, S. 40a): China, grünes Blatt (a. a. O. S. 45ä, 
Nr. 5102): China^ mit hohem Thonerdegehalt (ebend. S. 44 b); Yunan, 
Beil CIndian Museum Calcutta Nr. 985. ebend. S. 48a Nr. 8 und S.68b); 
Platte Ton unbekanntem Fundort, Dresd. Mus. Nr. 5037 (ebend. 8.38 b); 
Neacaledonien, Steinbeil, hell mit grünen Adern, Dresd. Mus. Nr. 5104 
(ebend. S 54a): Neucaledonien, dunkelgrün. 
Von Hrn. A. St übel in Dresden: 

SchwemsaL , Türkei*'^. 
Von Hm. Virchow in Berlin: 

Macracb. drei Steinbeile (vgl. diese Zeitscli. 1882, Verh. S. 563). 
Allen den genannten Herren, sowie den Herreu Websky und Roemer, 
Direct^jren der Mineralogischen Museen zu Berlin und Breslau, möchte 
1<L nioLt unterlassen, auch an dieser Stelle meinen verbindlichsten Dank 
flr das Interesse auszusprechen, welches sie durch Ueberlassung des Ma- 
t*nAl« meiner U::tersuchung gegenüber bewiesen haben ^). 

Ke folgen le Z'isammenstellung kurzer Diagnosen der einzelnen soeben 
*:Twi^ttn Vcrkommnisse mag als Versuch, dieselben von einander zu unter- 
<<eü>ieB. angesehen werden. Es muss dabei freilich bemerkt werden, dass 
«r« allerdings n::r schwer gelingt, scharfe und präcise Diagnosen aufzustellen, 
zcaul 3a.* Acge oft deutliche und constant wiederkehrende Unterscheidungs- 
■lerkzAle wahrnimmt, die in Worten sich trotzdem äusserst unvollkommen 
wi*?d*rg**^i. lassen. Diese Diagnosen beziehen sich auf Unterschiede, die 

1 r*r'*r V:r^:i* tc.r, Lapis cephrlticus in Apotheken vgl. Fischer. .Nephr. o. Jad.*, 

^ Viihth Hfjtfr^'. Trirj iri'tT. weisser Farbe ,',mölkenfarbis* nach Hm. Fischer*s Bc- 
zeiiccLLLj^ . vf-1'.Left Hr. Üxi'j':'. btrim MineralieDhäudler Dr. ßondi in Dresden erworben 
ifcne, Ut el:: deiL im Hn» Kaxnmelsberg analysirten unzweifelhaft identiicfa, vie die 
JffiKr-rtrbrtur durti »ty.Lt z',i l^riiec Stacke >ioh von anderen Nephriten unterstfheideit be- 
w*rir., Il der '.:i:r:*rL krj^A d*:? Hrc. Rammelsberc findet sich keine Angabe ober dis 
fcjMrr. GtwitLr. tlit £v.Lt:u i'«*-r. »tl.be er «ien im Berl. Min. Mus. befindlichen Splittern 
ißtiiutr^t, jrie''* ^S:»*-«.. Oe». ■- t*/;1^i Br.' a:., wo -Hr.- wahrscheinlich Breithaapt bedeutet, 
\0L oen. du Ktter^fe. ifrrrCir.e. Hr. Fischer, der die Analyse des Hm. Ramme labe r^ 
8»u5 «TL ;«ro^l*:n.fc::b':iiei; Ltit'iirtr N*-;.irit bezieht, beansprucht für denselben spe<. Gew. = 
i,^J5. wtiirfrLd c^t '.'.'.•^i Zti üci :tm einem anJeren. grün-graoen bis berggrinen, an- 
pe^ikL T*j Fi: lö w.L»er rt»*;-tL*rL h >:k zuk-mmt, der von einem poiciscben Offixier mos 
fler Türk*-. iLit-tbrfc'.l: wir jti fr*.:, h'.-.]. — Ve;. 'iaröJer Fischer, a. i. 0. 204 und 217. Wie 
biZiL liUL Sifrbt £•-£•* -»«i u*-' i.iJi->.T 11 Kir.klang zu brin^ien? 

V Aii^b^r ytL bitr «.'.l^cz^L.itL N^pbritvarietäten liegen mir noch andere nir Unter- 
»u'-iiLLr ^'jt. Lver die j'.L '«t! «rcr xzititii Gelegenheit /u berichten beabsicbtife. 



Neue BeobachtungeD am Nephrit and Jadeit. 179 

lediglich durch den Vergleich der Structur der einzelnen Vorkommnisse 
miteinander hervortreten; sie beanspruchen daher keinesfalls als absoluter 
Ausdruck der Kennzeichen zu gelten. So ist z. B., die durchgängige Fein- 
fiftserigkeit aller Nephrite vorausgesetzt, der Ausdruck „grobfaserig^ selbst- 
verständlich blos relativ zu nehmen. — 

Nochmals betone ich besonders die scharfen Differenzen, welche die 
schweizer, neuseeländischen und sibirischen Nephrite, mit einander ver- 
glichen, darbieten im Gegensatz zu Hrn. Fischer 's Ansicht, dass die 
ersteren auf einen gemeinschaftlichen Ursprung sowohl aus der zweiten wie 
aus der dritten der genannten Localitaten zurückgeführt werden können. 
Die mikroskopische Structur, welche auffallende und hinsichtlich der Vor- 
kommnisse aus räumlich getrennten Gebieten constante Unterschiede auf- 
weist, spricht ganz entschieden gegen die Hypothese gleicher Provenienz, 
also auch gegen diejenige des Transports. 

Alle nunmehr folgenden Angaben beziehen sich auf Beobachtungen in 
polarisirtem Lichte zwischen gekreuzten Nikols, da sonst die Struktur in 
Folge der vollkommenen Wasserhelligkeit der Dünnschliffe (bis auf einzelne 
opake oder gefärbte Einschlüsse) in den seltensten Fällen deutlich genug 
hervortritt Unter gekreuzten Nicols kommen bei allen Varietäten mehr oder 
minder lebhafte Interferenzfarben ^) zum Vorschein, was hier bemerkt wird, 
um später Wiederholungen zu vermeiden. 

Europa. 

Mau räch; bräunlichgrün, an den dünnsten Stellen durchscheinend^). 
Lange, sanftwellige, sehr dünne, seidenartige Fasern, die ziemlich parallel 
grnppirt sind (mikroschiefrige Structur) und in einer dichten flaumartig- 
Bchimmemden, aus noch feineren, selbst bei sehr starken Vergrösserungen 
kaum in ihre Elemente aufzulösenden filzigen Masse liegen. Einschlüsse 
von Magneteisen, z. Th. in Brauneisen umgewandelt, welches dann in die 
umliegende Masse diffundirt ist und derselben eine bräunliche Färbung ver- 
liehen hat. 

Cilli a. d. Sann; tief grün, Gerolle. Im Wesentlichen dem vorigen 
ähnlich; die sehr langen Fasern dicker, weniger elastisch, daher nicht ge- 
bogen, sondern vollkommen gerade gestreckt, zu parallelen, optisch wie ein 

1) Es ist eine Yolikommen falsche Ausdrucksweise, wenn die Herren Jannettaz und 
Michel (Bull. soc. min. de France. 1881. p. 182) in ihrer Beschreibung des Nephrits vom 
Flusse Onot von «dichroisme des plus eclatants*" reden. Die Erscheinung, die sie so be- 
zeichnen, ist das durch Interferenz der polarisirten Strahlen erzeugte Auftreten bunter Farben; 
sie hat mit dem Dichroismus, d. h. mit der den doppelbrechenden Ery stallen eigenthum- 
lichen verschiedenartigen Absorption einzelner Componenten des weissen Lichtes, je nach 
der Richtung, in welcher dasselbe durch den Krystall geht, also der daraus sich ergebenden 
Yerschiedenfarbigkeit des in verschiedenen Richtungen durchgelassenen, resp. austretenden 
Lichtes nichts zu schaffen. 

2) Die Angabe über Farbe und Durchschienenheit bezieht sich hier, wie auch weiter, 
auf das Stuck seihst. Der Dünnschliff ist 8t<^t8 ungefärbt und vollkommen durchsichtig. 



180 ^' Arznini: 

Krystall einheitlich sich verhaltenden Bundein gruppirt. An einem von 
beiden Enden abgebrochenen Bündel wurde gemessen: Dicke = 0,011, Länge 
= 2 mm. Mikroschiefrige Structur. Einschlüsse — nicht vorhanden. 

Potsdam; dunkelgrün, wolkig, an den Randern durchscheinend, mit 
einer theils weissen, theils orangerothen Rinde. Hr. Frenzel in Freiberg 
wird demnächst eine Analyse dieses Vorkommens veröffentlichen. — Die Fk- 
sern kurz, nicht stark gekrümmt, zu federballartigen Büscheln gruppirt, sonst 
die Masse feinkörnig, wie punktirt; die beiden Arten des Aussehens ent- 
sprechen longitudinalen und transversalen Schnitten durch die Büschel, wo- 
durch auch ihre nicht durchgängig parallele Lage erwiesen ist: Abwesenheit 
deutlicher Schieferung. Einschlüsse: grössere grau erscheinende Krystalle 
des Nephrits mit allen Merkmalen des Amphibols: rhombische Querschnitte 
mit Winkeln von 52° — 56^°, je nach der Schiefe des Schnittes zur Längs- 
richtung variirend, mit deutlichen Spaltungsdurchgilugen parallel der äusseren 
rhombischen Begrenzung, — theoretischer Werth des normal zur Längs- 
richtung geführten Schnittes: um 55.]° herum — mit diagonaler Auslöschung. 
Längsschnitte unter 15° — 17° gegen die Längsrichtung (welche durch parallel 
verlaufende Sprünge kenntlich) auslöschend. Optische Axenebene durch den 
stumpfen Winkel des rhombischen Querschnitts gehend, also parallel der 
Symmetrieebene des Krystalls; in denselben Querschnitten eine optische Axe 
excentrisch sichtbar. An fremden Einschlüssen: ein Pyroxenmineral, vereinzelt 
Quarz (?) in Körnern. Nahe der Rinde Umwandlung in eine Serpentin- 
ähnliche Substanz. 

Schwemsal; hell graugrün, durchscheinend. Die Fasern kurz und sehr 
verworren, daher einheitlich faserige Partien nicht vorhanden; punktirte, 
wie bei Potsdam, sind äusserst sparsam. Abwesenheit von Mikroschieferung. 
Fasern sehr, dicht aneinander gedrängt, zu plattigen Ausbreitungen vereinigt 
Einschlüsse: schmutzig grüngelbe Körner bis zur Grösse von 0,283 mm, mit 
deutlichem Pleochroismus; die Auslöschungsschiefe spricht nicht gegen ein 
Amphibolmineral, d. h. Nephrit selbst oder ein verwandtes; auch die Spalt- 
risse lassen sich auf ein solches zurückführen. Also keine fremde Ein- 
schlüsse. 

Eslohe; dunkelbläulich grün, wolkig, durchscheinend. Auch von diesem 
Vorkommen hat Hr. Frenzel eine Analyse in Aussicht gestellt. Masse 
feinkörnig oder faserig, je nach der Richtung des Schnittes; fast identisch 
mit Potsdam. Einschlüsse: zahlreiche grössere und kleinere Kryställchen 
derselben Substanz, deren zwei, unter beiläufig 60° (theor. Werth «= 55^**) 
sich durchkreuzenden Spaltrichtungen und deren optisches Verhalten, wie 
die je nach der Lage des Schnittes zwischen 0° und 14^50' variirende, 
diesen letzten Werth aber niemals übersteigende Auslöschungsschiefe mit 
Amphibol vollkommen harmouiren. Fremde Einschlüsse: grössere, bis 
0,226 7n7n Breite und die doppelte und mehrfache Länge erreichende Kry- 
stalle eines Pyroxens (Auslöschungswinkel = 33° 55'), der durch Para- 
morphose (moleculaie Umwandlung) in den faserigen Nephrit übergeht (vgl. 



Neue Beobachtungen am Nephrit und Jadeit. 181 

weiter unten). An den Rändern des Präparates, nahe der Rinde (?), eine 
anscheinende Umwandlung in serpentinähnliche Substanz. 

Dresdener Apotheke; zwei Stack. 1. „molkenfarbig^, 2. grQnlich 
gelblichgrau. Rundliche, äusserst feine, z. Th. punktartige Körner, wie die 
der folgenden Varietät, neben breiteren, parallelen Bändern, die aus sehr 
feinen Fasern bestehen. Die Bänder auseinandergerissene, parallel ausein- 
andergerückte und umgewandelte Spaltungsstücke eines ursprünglichen wahr- 
scheinlich pyroxenischen Minerals, dessen z. Th. frische Reste noch vor- 
handen (mit Auslöschungsschiefe um 18° herum; auch 0° — 13° 15' ist 
beobachtet worden); sie sind an den Rändern in die faserige Nephritsubstanz 
▼erwandelt und laufen in dieselbe aus. In 1. sind keine weiteren Einschlüsse 
vorhanden; in 2. ein einziges ziemlich grosses Korn von Quarz (?). 

„Türkei" = Leipzig?; milchigweiss. Aeusserst feinkörnig, punktirt; 
bei 275 maliger Vergrösserung theils körnig, theils blätterig, steugelig und 
faserig. Die Blätter unregelmässig begrenzt, zerfetzt, abgerundet, von fei- 
neren Fasern z. Th. quer durchwachsen, weshalb im Schnitt wie durchlöchert; 
sehr frisch. (Anslöschungsschiefe 10^° im Querschnitt: Rhomben mit nahezu 
44° resp. 136**, statt 55|° bezw. 1244**, wegen nicht genau normaler Lage 
zur Längsrichtung; optische Axenebene parallel zur Symmetrieebene; eine 
Axe fast in der Mitte — ebenfalls ein Hinweis auf die Schiefe des Schnitts. 
Alles spricht für Amphibol). Die Fasern kurz, verworren, scharf gekrümmt. 
Parallel- (Schiefer-) Structur nicht zu beobachten. Fremde Einschlüsse nicht 
vorhanden. — Mit dieser Varietät ist die des Apothekenvorraths zu vereinigen. 
Ist „Türkei" thatsäcblich = Leipzig (deswegen hier zu Europa gestellt), so 
würde die Identität des Apothekenmaterials damit erklärlich erscheineu. 

Asien. 

Fluss Bj^laja; dunkelgrün, kaum durchscheinend. Theils verworren- 
und kurz-faserig, theils mikroschieferig; einzelne gelbliche, unregelmässig ver- 
laufende Bänder — offenbar Spalten und Sprünge, in denen sich grössere 
Krystalle mit allen Merkmalen des Amphibols (Winkel von 55** 25', 51** 15' — 
theoretischer Werth um 55** 30' herum) finden. An fremden Einschlüssen: 
rundliche, z. Th. in Brauneisen umgewandelte und dann braun durchscheinende 
Kömer von Magneteisen (oder Chromeisen?), die fast stets von einem braun- 
gelb gefärbten Hofe umgeben sind. Damit stimmt auch der Befund des Hrn. 
Muschk^tow überein (a. a. 0. S. 11). 

Fluss Kitoj; dunkelgrün; Hr. Muschkctow giebt helle Flecke au, 
die ich indess nicht beobachtet habe, da mir blos ein kleiner Splitter vorlag. 
Sehr dicht aneinander gedrängte, sehr kurze Fasern, an gewissen Stellen 
einzelne Bündel nur schwer zu unterscheiden, weil in verworrener Lage; an 
wenigen Stellen gleichgerichtete, sauft wellige, zu Bündeln gruppirte Fasern; 
versteckte Schieferstructur. Fremde Einschlüsse: Magnetit (oder Chromit?). 
Nach Hrn. Muschköto w (a. a. 0. S. 18) noch Pyrit, Brauneisen, und hellere 



182 A. Arzruni: 

Adern mit Quer- oder Längsfaserang, die er für Asbedt hält. (Vgl. unten 
bei Fluss Onot.) 

Flu 88 Onot; bell, ^runlichweisa mit dunkelgrünen Bändern. Mikro- 
structur ähnlich der des vorigen; doch ganz deutlich parallel gefaserte 
(schiefrige) Grundmasse, in welcher Gänge einer äusserst feinfaserigen, seiden- 
glänzenden Substanz, deren Fasern quer zur Richtung des Ganges stehen 
und die beiden gegenüberliegenden* Wandungen desselben verbinden oder 
auch frei in einen Spaltenraum hineinragen. (Vielleicht ist es die Substanz, 
welche Hr. Muschketow bei Kitoj mit Asbest identificirte.) Wahrscheinlich 
nicht verschieden von der Hauptmasse. An fremden Einschlüssen nichts 
beobachtet. 

Gulbashdn; milchigweiss, mit einem Stich in's Gelbe. Unter dem 
Mikroskope sanft gebogene, fast gerade Fasern, aber verschieden gerichtet; 
an den Mauracher Typus etwas erinnernd; doch sind die Fasern hier viel 
dicker und viel kürzer, zeigen auch den seidenartigen zarten Glanz nicht; 
die flaumartige Grundmasse fehlt. Auch in radial gruppirten, kurzen, feder- 
ballartigen Büscheln. Andeutungen auf schiefrige Structur, welche Hr. Musch- 
ketow (a. a. 0. 36) leugnet, indem er sie körnig, dünnfaserig, lamellarkörnig, 
radialstrahlig nennt. An Einschlüssen fand Hr. Muschketow Magneteisen, 
als welches ich die äusserst feinen, schwarzen Körner, die ich beobachtete, 
anzusehen geneigt bin; dagegen sah ich keine Diopsid-(Pyroxen-) Einschlüsse, 
für welche Hr. Muschketow den Krystallwinkel von 87° augiebt, die Aas- 
löschungsschiefe longitudinaler Schnitte aber nicht erwähnt. Ich beobachtete 
hingegen vollkommen umgewandelte, parallel gelagerte, band- oder leisten- 
förmige Reste eines ursprünglichen Minerals, über dessen Natur sich aber, 
selbstredend. Nichts aussagen lässt. Sollten es aber ebenfalls Pyroxene ge- 
wesen sein, so ist aus einzelnen p]inschlüssen immerhin noch nicht zu folgern, 
dass die turkistanischen Nephrite keine dichten Amphibole, sondern Pyroxene 
(Diopside) sind (a. a. 0. 38 und 57). Auch ist der Ausdruck „Strahlstein 
der Diopsid reihe" kein glücklich gewählter. Strahlstein ist eine Amphibol- 
Varietät und eben kein Diopsid, der zu den Pyroxenen gehört. Als be- 
sonderes Merkmal für die Yarkander Nephrite führen die Hrn. Beck und 
Muschketow die Abwesenheit von Chrom in denselben an. Allein sie 
selbst haben gezeigt, dass dieses Element auch in manchen sibirischen 
gänzlich fehlt (Fluss Bystraja). Es ist ferner der höhere Eisengehalt der 
sibirischen Nephrite ebenfalls nicht geeignet, sie von den turkistanischen zu 
unterscheiden, denn, wie Hr. Muschketow selbst (a. a. O. 65) bemerkt, 
ist es in hohem Grade walirscheinlich, dass es auch unter den turkistanischen 
Nephriten grüne Abänderungen giebt, welche sich dann aber sicher als eben- 
falls eisenreich erweisen würden. Andererseits sollen unter den Vorräthen, 
welche Hr. Alibert aus Transbaikalien nach Europa mitbrachte, zahlreiche 
Stücke sich finden, die hellfarbig sind (vgl. oben das Stück vom Fluss Onot, 
welches ebenfalls den Vorräthen des Hrn. Alibert entstammt). Diese hellen 



Neue Beobachtongen am Nephrit und Jadeit. 183 

Tariet&ten Sibiriens müssen naturgemäss eisenarm sein, wie übrigens auch 
die Analyse der Hrn. Jannettaz und Michel beweist (Bull. sog. min. de 
France 1881, pag. 179, wo dieselbe als „vari^te blonde^ bezeichnet wird). Der 
yerschieden hohe Eisengehalt ist mithin nicht als untrügliclies Merkmal für 
eine Bestimmung der Provenienz zu verwerthen. — Noch will ich bemerken, 
dass es mir, ebenso wenig wie Hrn. Muschki^tow, gelungen ist, in den 
sibirischen Nephriten Graphit nachzuweisen, obwohl ich absichtlich, zum 
sichereren Yergleich, Schliffe eines Graphit führenden Gesteins anfertigen Hess. 

China; grünes Blatt; feinkörnig mit zerfaserten Kr}'stallresten , die 
grosse Aehnlichkeit mit Serpentin (Chrysotil) aufweisen. 

China; mit hohem Thonerdegehalt Ausgezeichnet durch sehr zahl- 
reiche- Pyroxen-Ein Schlüsse, denen wohl auch die viele Thonerde zuzuschreiben 
ist. Grössere, unregelmässig contourirte krystallinische Partien einer matt- 
grauen, stark zersetzten Substanz (Amphibol?), die an den Rändern rundum 
in feine, durchweg parallel gerichtete Fasern (Serpentinbildung P) ausläuft. 

Yanan; grünlichgrau. Typisch durch eine sehr ausgeprägte Bildung 
von plattigen Ausbreitungen der Faserbündel. Einschlüsse nicht bestimm- 
barer Natur, weil stark zerfasert. Gänge eines feinfaserigen, serpent.inähn- 
lichen Minerals, wie bei Onot. Braune Eisenoxydfarbuug. 

Platte von unbekanntem Fundort, fast identisch mit dem vorigen, 
daher hierher gestellt; etwas reicher an parallel gruppirten Faserbiindeln — 
mikroschiefrig. 

Neucaledonien; hellfarbig mit grünen Adern. Grundmasse an die 
gröberen, büscheligen Partien von Potsdam oder auch au Bjelaja erinnernd. 
Parallel gelagerte Reste eines zerfaserten (Pyroxcu?) Minerals. 

Neucaledonien; dunkelgrün. Grobe Fasern, z. Th. parallel gelagert, 
daneben noch nicht vollständig zerfaserte Bänder mit oft einheitlich aus- 
löschendem (Schiefe um 17.]° herum) Amphibolkern; endlich schön silber- 
glänzende Faserbündel. 

Neuseeland; die bekannte grüne Varietät. Die ganze Masse aus 
ausserordentlich dicken, scharfgekrummten und zu hahnenschweifförmig ge- 
wundenen Bündeln sich vereinigenden Fasern bestehend. Einzelne Stellen, 
durch diffundirtes Brauneisen, gelb geiurbt. Intacte fremde Einschlüsse fehlen. 

Aus den gegebenen Diagnosen ist es ersichtlich, dass man bequem fein- 
körnige („Türkei", Dresdn. Apotheke), feinfaserige mit weichem, flauniartigen 
Seidenglanze versehene (Maurach, Cilli), körnig-kurzfaserige (Potsdam, Es- 
lohe, Schwemsal), langfaserige, des zarten Seidenglanzes aber entbehrende 
(alle asiatischen und neucaledonischen), grob- und krumm-faserige (Neusee- 
land) Varietäten des Nephrites unterscheiden kann. — Nur sind die einzelnen 
Glieder der asiatischen Gruppe schwer von einander auf Grund ihrer Structur 
zu unterscheiden, indem sie darin ziemliche Uebereinstimmungen zeigen und 
man sich dabei an secundäre, nicht sofort auffallende Merkmale, wie die 
Serpentinbild uug bei den chinesischen (vgl. China, Yuuan), oder den auf- 



Ig4 A. Arzruni: 

fiallenden Silberglanz bei den neucaledonischen n. s. w., halten mass. Wenn 
je ein solches Merkmal je zwei Vorkommnissen gemeinsam ist, so lassen 
sich doch drei Varietäten vielleicht durch Combinirung zweier Merkmale 
unterscheiden. Z. B. Turkistan und Neucaledonien wären vielleicht dorch 
Abwesenheit von Magneteisen im letzteren zu unterscheiden, Sibirien von 
Turkistan durch das Aultreten von Amphibolausscheidungen im ersteren, 
während die mehr oder minder mikroschiefrige Structur allen drei Varietäten 
gemeinsam ist. Jedenfalls bedürfen die Glieder der Gruppe Neucaledonien- 
Turkistan-Sibirien noch einer präciseren Gharakterisirung. 

Beim Jadeit, zu dem wir nunmehr übergehen, wäre zunächst daran zu 
erinnern, dass der Entdecker desselben, Hr. Damour, dem das Mineral an- 
fänglich (1863) in einer reinen, ungemengten Varietät vorlag, bald (1865) 
die Ueberzeugung gewann, dass in manchen verarbeiteten Gegenständen 
(for^t de S^nart) Gemenge oder Gesteine zu erblicken seien, in denen ver- 
schiedene Pyroxene^) und andere Mineralien (Hr. Damour nennt auch 
Epidot, wie wir sehen werden, nicht mit Unrecht) in Betracht kommen dürften. 

1) Es ist dies die erste Andeutung, dass der Jadeit zu dieser Mineralgrappe gehören 
konnte, denn derselbe Autor hatte ihn zunächst (1863) zu den Wemeriten, darauf Hr. Sterry 
Hunt (1863) zu den Zoisiten gestellt. Ueber das Krystallsystem des Minerals war bis 1880 
Nichts bekannt, als Hr. Fischer (Zeitschr. f. Erystallogr. IV, 371) für dasselbe als wahr- 
scheinlich eine monokline Symmetrie in Anspruch nahm. Hr. DesCloizeanx zeigte darauf 
(in einer Anmerkung zu Hrn. Damour 's Arbeit über Jadeit und jadeitähnliche Substanzen 
— Bull. soc. miner. de France 1881, 158), dass der Jadelt optische und sonstige Charakter« 
eines Pyroxens aufweise, dem Diopsid besonders nahe komme und entweder dem monoklinen 
oder dem triklinen Krystallsysteme angehöre. Für letztere Annahme und dass der Jadelt 
ein Pyroxen sei, wofür die Priorität Hrn. Des Cloizeaux gebührt, sprach auch ich mich dann 
(diese Zeitschr. 1881, Verb. S. 281) auf Grund der Beobachtungen, die ich am Rabber Beil an- 
stellte, aus. Das grobkrystallinische, aus Banna gekommene Material gestattete mir Winkel- 
messungen an losgelüsten Fasern anzustellen, dabei zwei un gleich werthige Spaltbar keiten and 
eine Unsymmetrie in den optischen Charakteren zu beobachten, was meine Yorherige, Auf* 
fassung über die Zugehörigkeit des Jadeits zu den Pyroxenen und zwar zur asymmetrischen 
Abtheilung derselben befestigte. Neuerdings hat auch Hr. Krenner in Budapesth sich mit 
den Eigenschaften dieses Minerals beschäftigt und eine vorläufige, vom 9. April 1888 datirte 
Notiz veröffentlicht, von der ich durch die Freundlichkeit des Hrn. A. B. Meyer in Dresden, 
der mir eine Abschrift des Flugblattes sandte, die erste Kunde erhielt. Das gedruckte 
Blättchen hatte nachher auch Hr. Fischer die Güte, mir mitzutheilen. Hr. Krenner 
erkannte im barmanischen Mineral eine Diopsidvarietät (also, wie Qr. Des Cloizeaax and 
ich selbst, ein Pyroxenmineral), welcher er ein monoklines System zuschreibt. Daraus folgert 
er aber, dass das Mineral kein Jadelt, sondern Nephrit sei! Wenn ich auch trotzdem am 
asymmetrischen System des Jadeits, d. h. auch des barmanischen Minerals, festhalte, bin ich 
doch gern bereit, die Beweise, welche Hr. Kren n er für seine Ansicht in Aussicht stellt, abzn- 
warten. Bezüglich der zweiten Behauptung aber, dass nämlich das barmanische Mineral bisher 
fälschlich zu den Jadeiten gestellt wurde, möchte ich schon hier bemerken, dass Hr. Krenner 
im offenbaren Widerspruch nicht blos mit den Tbatsachen, sondern mit sich selbst sich be- 
findet. Er erkennt in dem barmanischen Mineral richtig einen Pyroxen und stellt ihn doch 
zu dem Nephrit, der, wie Hr. Fritz Berwerth (Sitzb. d. Wien. Akad. 1879. I. Abth. Bd. Sa 
Juli-Heft) nachwies, ein Amphibol, also kein Pyroxen ist. Die Zurechnung des barmanischeo 
Minerals zum Nephrit geht auch aus dem Grunde nicht an, weil wir unter «Nephrit* bisher 
noch niemals ein Alkali-Bisilicat verstanden haben, und darüber, dass das barmanische Uinenl 



Nene Beobachtnnfren am Nephrit and Jadeit. ]g5 

Meine Untersachang erstreckte sich auf folgende Jadeite und ähnliche 
Substanzen, die ich den Herren Fischer, A. B. Meyer und Virchow ver- 
danke. 

Vom ersteren genannter Herren erhielt ich: 

1. „Orient**, 3 Stück; 2. Moogkoung, Barma, 8 Stuck; 3. Mexico (6 Perlen- 
fragmente eines Kranzes); 4. Lüscherz (2 Stück); 5. einen Schliff eines im 
Bemer Museum aufbewahrten Discus, Fandort (?); 6. Schliffeines Fragmentes 
der Substanz des Humboldt'schen Aztekenbeils (Berl. ethnogr. Mus.); 7. ein 
Stück des Yon Hrn. Damour analysirten jadeltähn liehen Gesteins vom 
Monte Viso. 

Herr A. B. Meyer sandte mir: 1. zwei Bruchstucke von Perlen aus 
Mexico (vgl. A. B. Meyer, a. a. O. S. 9a und 9b, No. 1606, 4 und 1606, 8); 
2. ein Stück eines Steinbeiles von Yunan (abend. S. 48a, No. 5, Mus. 
Calcutta, No. 979; S. 68b). 

Durch Hm. Virchow's Güte standen mir zu Gebote: 1. das Beil von 
Rabber; 2. ein Beil von Unteruhldingen. 

Die gewonnenen Resultate sind, kurz, folgende: 

Europa. 

Rabber. Grobkrystallinische Masse. Pyroxen, asymmetrisch, ungleiche 
Vollkommenheit der zwei unter 86° 5' — 89° 25' sich schneidenden Spalt- 
richtungen: die eine bedeutend schärfer, die andere kaum angedeutet oder 
treppenformig abgesetzt; in Querschnitten ungleiche Auslöschungsschiefe gegen 
die beiden Spaltrichtungen 54° resp. 35°. In der reinen Pyroxensubstanz, die 
lebhafte Polarisationsfarben bei gekreuzten Nicols aufweist, kleine schmutzig- 
grüne KryslÄllchen — Epidot(?). Vgl. diese Zeitschr. 1881 , Verh. S. 281, 
wo ich übrigens den Kryställchen eine andere Deutung gegeben hatte. 

Unteruhldingen. Aus rundlichen Körnern bestehendes Gemenge 
eines Pyroxens mit viel Quarz. Der Pyroxen gab in sehr sparsam beob- 
achteten deutlichen Längsschnitten als Auslöschungsschiefe 36°. Einschlüsse 
kleiner, stark lichtbrechender Krystallnadeln (EpidotP), die unter einem 
stumpfen Winkel mit einander verwachsen — vorwiegend in Quarz ein- 
gelagert. Das Material ist also wohl kaum als echter Jade!t anzusehen, 
um so mehr als die schwere Schmelzbarkeit auch dagegen zu sprechen scheint, 

ein solches ist, lassen Hrn. Damoar*s Analysen keinen Zweifel aufkommen. Hr. Krenner 
mag vielleicht ein anderes Mineral in den Händen gehabt haben, als dasjenige, welches die 
HHrn. Damour und Fischer und ich selbst untersucht haben; Eines steht aber fest, dass 
kein Mineral zugleich Diopsid und Nephrit sein kann, falls es nicht Jedem Ton uns eine 
Sprache und eine Terminologie für sich zu gebrauchen beliebte. Eine Verwechselung in der 
Nomenclatur kann blos zu einer solchen in den Begriffen führen. — Auch die Hm. Beck 
und Muschk^to w unterscheiden nicht zwischen Nephrit und Jadelt, halten vielmehr letzteren für 
eine Varietät des ersteren (a. a. 0. S. 49). Verführe man in dieser Richtung consequent weiter, 
so brauchte man überhaupt auch zwischen Pyroxenen und Amphibolen keine Unterscheidung 
zu machen, wofür doch genügende Grande, vor allem ihre abweichende geologische Rolle und 
die Verschiedenheit aller ihrer physikalischen Eigenschaften sprechen. 



186 A. Arzruni: 

woraaf mich aach Hr. FiRcher brieflich aufmerksam machte. Danach nind 
meine früheren Angaben (diese Zeitschr. 1882, Verh. S. 566), zu berichtigen. 

Lüscherz. Sehr feine, z. Th. abgerundete Körner; Pyroxenstructur: 
Spaltbarkeit unter 86^ 55' — 89 ^ Aaslöschung gegen die Längsausdehnung s^ 
38** 5'. Punktförmige, feine opake, in Haufen gruppirte Einschlüsse — 
£pidot(?). Ob die Hauptsubstanz ganz homogen? 

Monte Viso. Fein- und gleichkörnige Masse, vielleicht nicht homogen; 
von Pyroxennatur nicht die Spur! Zahlreiche Einschlüsse schmutzig-grüner, 
etwas pleochrol'tischer Körner — Epidot(?). Ist wohl kaum zum Jadelt zu 
stellen; wohl zufallig Jadelt-ühnlichc Zusammensetzung und spec. Gewicht. 

Asien. 

„Orient"^. Keiner Jadeit. Die goniometrische Untersuchung abgelöster 
Fasern ergab für den Spaltungswinkel (zwei ungleichwerthige Spaltbarkeiten) : 
85** 56'. Unter dem Mikroskope — parallel stengelige Structur. Auslöschung 
an manchen Präparaten ganz einheitlich, was für einen vollkommenen Pa- 
rallelismus einzelner Krystallelemente spricht; Auslöschungswinkel = 33** bis 
40°. Lebhafte Polarisationsfarben. 

Mongkoung, Barma (z. Th. Originale zu Hrn. Damour's Analysen, 
Bull. soc. miner. de France 1881, pag. 157 ff.). Vollkommen homogene, grob- 
kry stallin ische Massen, die manchmal aus radial gruppirten längeren Erystallen 
bestehen. Ungleichwerthige Spaltbarkeit nach zwei Flächen. Spaltwinkel 
goniometrisch bestimmt zu 86°56' — 87*^20' (Hr. Des Cloizeaux fand 
85^*20', Hr. Kreuner 86° 55'). Unter dem Mikroskope wurde derselbe 
Winkel zu 86° 40' (Mittel aus 12 Messungen an verschiedenen Erystallen 
und verschiedenen Präparaten) gefunden. Auslöschungsschiefe in den Längs- 
schnitten gegen die Verticalaxe, rcsp. die Spaltrisse, meist um 35** heram 
(Hr. Des Cloizeaux giebt 31°— 32° an, Hr. Krenner: 33° 34'; beim 
Diopsid beträgt dieser Winkel nach Hm. Des Cloizeaux 38° 54'); das 
Maximum, welches ich beobachtete, betrug 41°. Die Auslöschungsrichtung 
in den Querschnitten ist unsymmetrisch gegen die beiden Spaltrichtungen 
(vgl. oben bei Rabber) und beträgt im spitzen Winkel des Rhombus 34° — 35** 
gegen die eine, 48*^ — 54° gegen die andere (Summa = 82° — 89°, im Mittel 
85.J, was mit obigen direkten Messungen des Spaltungswinkels gut har- 
monirt. Wenn die einzelnen Werthe stark schwanken, so liegt es daran, 
dass die Schnitte nicht vollkommen normal auf die Spaltflächen geführt 
wurden). Diese Jadeite sind die reinsten von siimmtlichen von mir unter- 
suchten: sie führen nicht einmal kleine fremde Einschlüsse, wie Rabber, 
der sonst auch wesentlich homogen ist. Durchweg grelle Polarisationsfarben. 

Yunan. Ist ein merkwürdiges Gemenge eines Jadeltahnlichen Pyroxens 
mit anderen, Bronzit- ähnlichen Varietäten dieser Mineralgrnppe. Deatliche 
Umwandlung in ein serpentinähnliches Gestein, wie solche aus Thonerde- 



Neue Beobachtungen am Nephrit und Jadeit. 187 

freien and Thonerde-armen Amphibolen und Pyroxenen (Diallag, Bronzit eto.) 
entstanden, nachgewiesen worden sind. Darin Koste des frischen Minerals. 

Amerika. 

Mexico. Alle Präparate fuhren, neben dem Jadeüt mit allen seinen, 
auch in den reinen Varietäten nachgewiesenen Merkmalen, Quarz, z. Th. in 
▼orherrschender Menge. Beim Jadelt: Auslöschungsschiefe in den Längs- 
schnitten 32—35, in Querschnitten: 35° resp. um 50® herum. Spaltwinkel = 
85^^ Derselbe ist nicht direct goniometrisch bestimmt worden, da die Sub- 
stanz feinkörniger als die barmanische und zu sehr mit Quarz gemengt ist, 
um ein Abspalten geeigneter Fasern zu gestatten. — Es scheinen einige 
Jadeite von Mexiko auch einen Arophibol zu fuhren. In den Quarzpartien 
sind Jadelt-Leisten häufig* radial vertheilt. — Mit diesen Varietäten, sowie 
mit der von Yunan hat ein mir von Hrn. A. Frenz el in Freiberg freund- 
lichst gesandtes Gestein von Waldheim grosse Analogien. Darin sind freilich 
ausser den hier erwähnten Gcmengtheilen noch andere (Glimmer, Feldspath?) 
enthalten, einzelne aus Quarz und Pyroxen bestehende Partien sind aber 
fast ebenso beschaffen, wie die mexicanischen JadeUe. 

Aztekenbeil. Ist kaum Jadelt. Die Masse aus äusserst feinen, rund- 
lichen, dicht aneinandergedrückten Körnern bestehend; ein Pyroxenmineral 
scheint vorhanden zu sein, aber ob Jadeit? Lange schmutziggrüne, quer- 
gegliederte Krystalle mit schwachem PleochroXsmus — Epidot (?) — sind in 
der körnigen Substanz eingebettet. 

Discus, ßerner Museum, Fundort? Weissgrau, mit grünen, ab- 
solut nicht pleochroitischen Bändern und Adern. Unzweifelhafte Jadeit- 
Structur; sonst sehr zerfasert. 

Resultat: Die reinsten und typischsten Jadeite sind die barmanischen. 
Einige europäische sind einschlussarm (Rabber, Lüscherz); ihre Einschlüsse 
(Epidot?) kehren aber bei allen europäischen, auch jadeit- ähnlichen Sub- 
stanzen wieder. Die mexicanischen sind sämmtlich mit Quarz gemengt, so 
dass nur einzelne Partien aus homogener Jadeitsubstanz bestehen und ein- 
schlussfrei sind; charakteristisch ist für sie auch das Auftreten von Amphibol. 
Yunan zeigt eine Serpentinisirung. Das Material vom Aztekenbeil, vom 
Monte Viso und vom Beil von Unteruhldingen ist entweder vollkommen frei 
von Pyroxen, also kein JadeU, oder als Pyroxengestein aufzulassen. Be- 
merkens werth ist es, dass die beiden letztgenannten Gesteine dieselben Ein- 
schlüsse führen wie die europäischen Jadeite, während die Einschlüsse des 
Aztekenbeils zwar auch ähnlich sind, was Farbe und Pleochrolsmus betrifft, 
jedoch durch ihre Quergliederung von den übrigen, meist körnig oder kurz- 
prismatisch gestalteten sich unterscheiden. Die Bestimmung, oder richtiger 
Vermuthung, dass hier Epidot vorliege, bedarf noch weiterer Prüfung. 



188 A. Arzruni: 

Es möge mir hier noch gestattet sein, an die eben dargelegten Thai- 
Sachen einige Bemerkungen über beide in Frage stehenden Mineralien vom 
geologischen Standpunkte aus anzuknüpfen. 

Bei dem Nephrit, der eine Amphiholvarietät ist, sind von Hrn. Masch- 
ketow zuerst (und nun auch von mir) Einschlüsse einer Pyroxensubstanz 
beobachtet worden, woraufhin der genannte russische Gelehrte die Ansicht 
äusserte, dass manche Nephrite überhaupt keine Amphibole, sondern Py- 
roxene sein dürften. Diesem Ausspruch kann ich mich nicht anschliessen. 
Meinerseits beobachtete ich aber in allen Pyroxene führenden Nephriten 
einen deutlichen Uebergang ersteren Minerals in die Nephritsubstanz, eine 
Erscheinuug, die ich mit der sogenannten ^Uralitisirung" (wie die moleculare 
Umwandlung von Pyroxcn in Amphibol ohne Veränderung der Zusammen- 
setzung genannt wird) in Zusammenhang bringen möchte. Für mich giebt 
es keine Nephrite oder Strahlsteine der „Pyroxenreihe** oder „Diopsidreihe'', 
wie Herr Muschketow sich ausdrückt, weil ich mir, wie gesagt, unter 
einem Mineral, welches zugleich ein Pyroxen und ein Amphibol ist, nichts 
vorzustellen vermag. Wohl aber kann ich mir den Fall denken, dass manche 
Nephrite aus ursprünglichen Pyroxen -Mineralien von gleicher oder nahezu 
gleicher Zusammensetzung mit dem Nephrit, durch „üralitisirung" hervor- 
gegangen sein mögen und ihre ursprüngliche Natur durch die eingeschlosse- 
nen z. Th. frischen Pyroxenreste, die aber auch in Nephrit-Fasern auslaufen, 
verrathen. Man könnte mir zwar einwenden, dass das gerade dasselbe sei 
wie „Nephrite der Pyroxenreihe" anzunehmen. Allein dem ist nicht so: ein 
„Nephrit" letzterer Art müsste mit der Feinfaserigkeit, die wir mit diesem 
Begriff verbinden, die Charaktere eines Pyroxens aufweisen; diese besitzt er 
aber nicht und sind solche meines Wissens auch niemals beobachtet worden. 
Aus den Pyroxenresten können wir schliessen, dass die ursprüngliche Sub- 
stanz, falls sie gleich massig beschaffen war, grob krystallinisch sein musste, 
und dtiss sie später erst, durch Umwandlung, faserig wurde und Amphibol- 
eigenschaften annahm. Ein Faserig-werden unter Beibehaltung der Pyroxen- 
natur, also eine Umwandlung eines Minerals in sich selbst, ist ein Unding 
und also, auf alle Fälle, ausgeschlossen. 

Unter Nephrit verstehen wir einen faserigen Amphibol, die ur- 
sprüngliche Substanz aber, sofern wir über dieselbe nach den Resten ur- 
theilcn dürfen, war weder das Eine noch das Andere. Dem Ausdruck 
^ Pyroxen nephrit" könnte blos dann eine Berechtigung zugesprochen werden, 
wenn damit angedeutet werden sollte, dass es sich um einen aus Pyroxen 
entstandenen Nephrit handelt, wie wir in der petrographischen Nomen- 
clatur. ^Diallagserpentin" u. dgl. anwenden. Der Pyroxen nephrit, in diesem 
letzteren Sinne, wäre demnach ein secundäres Mineral, während andere 
Nephrite als primär angesehen werden können, wie frische Amphibolkrystalle, 
die in manchen derselben auftreten, zu beweisen scheinen. Uebrigcns ist 
auch die Annahme eines ursprünglichen Gemenges von Pyroxen und Am- 



Neue BeobachtaDgfen am Nephrit und JadeYt. Ig9 

phibol nicht ausgeschlossen, wobei blos der erste „uralitisirt^ wurde, wahrend 
der zweite, der überhaupt viel beständiger ist und dessen Rückumwandlung 
nirgends in der Natur nachgewiesen worden ist, unverändert bleiben oder 
Umwandlungen anderer Art, auf die wir gleich zurückkommen werden, er- 
leiden musste. 

Eine zweite Erscheinung, die ich beobachtete, ist die Umwandlung der 
Nephrite in ein serpentinähnliches Gebilde (far andere Amphibole liefern 
z.B. die Serpentine der Vogesen, deren ursprüngliches Mineral unzweifel- 
haft ein Amphibol war, Analoga) mit allen Merkmalen eines solchen. Für 
eine solche (beginnende) Umwandlang spricht zunächst die Beobachtung, 
dass fast überaU die grösseren Amphibole der Nephrite mattgrau, trübe, 
nicht mehr frisch und durchsichtig sind, zwischen gekreuzten Nicols nicht 
einheitlich dunkel werden, sondern wandernde Schatten zeigen (Potsdam, 
Eslohe), besonders aber die direkt zu sehende, bereits begoDuene Umwand- 
lung in eine kurzfaserige Chrysotil -ähnliche Substanz (Potsdam, Eslohe, 
besonders aber China, Yuuan, Onot); endlich aber bestätigt sich diese 
Ansicht durch die Beobachtungen in den neuseeländischen Nephritlager- 
st&tten, wo der Nephrit von Tangiwai, d. h. Serpentin (Yar. Bowenit), be- 
gleitet wird. 

Der Jadelt, wie im Verlaufe dieser Zeilen mehrfach betont wurde, ist 
ein Pyroxenmineral. Es gelang mir aber, an Faserspaltstücken des barma- 
nischen Materials in zwei oder drei Fällen ganz scharf auch den typischen 
Am phibol winkel von 55^^ goniometrisch zu bestimmen, dabei aber auch 
die "Wahrnehmung zu machen, dass die Spaltflächen gleich vollkommen 
waren, was bei frischen Jadeltfasem niemals beobachtet wurde. Es liegt 
hier also wohl eine Umwandlung des Jadeits in einen gleich zusammen- 
gesetzten Amphibol, eine moleculare Umlagerung, eine Paramorphose vor. 
Das Auftreten von Amphibol in einigen mexicanischen Jadeit -Quarz -Ge- 
steinen (vgl. oben) würde eine solche Umwandlung des Jadeits, eine partrelle 
„Uralitisirung^ desselben bestätigen. Endlich ist auch seiner Umwandlung 
in ein serpentinähnliches Gestein (Yunan) Erwähnung gethan worden, wofür 
Analoga in den aus z. TL auch Thonerde -reichen Pyroxenen hervorgegan- 
genen Serpentinen (Windisch Matrey, St. Gotthard, Ural — sog. Diallag- 
serpentine u. dgl. mehr)^) vorliegen. 

1) Mit diesen Gesteinen identisch oder vielleicht aus Amphibol auf ähnliche Weise her- 
vorgegangen ist anch die von Hm. Pich 1er neuerdings fär Nephrit angesprochene Substanz 
(Tgl. Corr.-Bl. d. D. Anthr. Ges. 1883. No. 3. S. 17, auch in Tschermak's Min. u. petr. 
Mitth. V. 801, femer in Hm. A. B. Meyer's Werk 66b und 67a, und auch Corr.-Bl. 1883. 
No. 4 S. 25 und 29). Was aber die von Hrn. Fr aas bei dieser Veranlassung gemachten Be- 
merkungen (Corr.-Bl. 1883. No. 3. S. 26) betrifft, so sind dieselben so überraschend, dass sie 
nicht einmal einer Widerlegung bedurft hätten. Auch hat Hr. Fr aas seine Sache dadurch 
nicht verbessert, dass er im Corr.-Bl. 1883, No. 5, S. 85, erkl&rte, er habe es wohl gewusst, 
dass Fibrolith kein Nephrit sei, — denn diese Verwechselung hatte Hr. Fraas veranstaltet, 
um über die Auffindung des aNephrits' durch Hm. P ichler seiner Freude Ausdrock zu 
geben und anch seinerseits auf weitere europäische Nephrite, die .die Spanier Fibrolith nennen", 
Ztitoehrift fSr Ethsologi«. Jahif. 1681. 13 



190 A. ArzruDi: Neue fieobachtongeii am Nephrit und Jadelt. 

Demnach wäre die Entstehung der beiden hier abgehandelten Mineralien 

einerseits und ihre Umwandlung andererseits folgendermaassen auszudrücken: 

I — Nephrit 
Pyroxen mit Nephrit-Zusammensetzung < c ♦• 

J — Uralitisirter Jadeit d. h. Amphibol mit Jadelft-Zusammensetzang 
\ — Serpentin 
Hieraus erhellt, dass der Nephrit^ wenigstens zum Theil, als 
secundäres Umwandelungsproduct anzusehen ist, während der Jadelt als 
primär gelten muss. Ob zur Umwandlung des Jadeits in Serpentin ein 
Zwischenstadium der Uralitisirung unzunehmcu ist, oder ob es zwei unab- 
hängig voneinander und parallel verlaufende Umwandelungsprozesse sind, 
können erst weitere Beobachtungen lehren. 



Da vorstehendem Aufsatze eine gastfreundliche Aufnahme in einer 
ethnographischen Zeitschrift zutheil geworden ist, so will ich ihn denn 
auch damit schliessen, dass ich das ethnologische Ergebniss meiner Unter- 
suchung nochmals hervorhebe, ein Ergebniss, zu welchem auch Herr A. B. 
Meyer, obwohl auf anderem Wege und von anderen Gesichtspunkten aus- 
gehend, gelangte: 

Die typischen, constanten structurellen Unterschiede der 
einzelnen Nephrit- und Jadelt-Varietäten lassen sich meist mit 
einer Provenienz derselben aus räumlich getrennten Locali- 
täten in Einklang bringen, was die Annahme eines exotischen 
(und gemeinschaftlichen) Ursprungs aller über die ganze Erde 
verstreuten verarbeiteten Objecte überflüssig, ja unhaltbar 
macht. 



hinzuweisen. Wenn aber Hrn. Fr aas bekannt ist, dass der Fibrolith kein Nephrit iat, und 
er ersteren mit dem Namen des zweiten bezeichnet, um „sich auf den Standpunkt der alten 
Steinschleifer^, denen bis auf Härte und Zähigkeit alles egal war, zu stellen, so duifte die 
Frage vielleicht gestattet sein: in welcher Weise der spanische Fibrolith zur AaffinduDg von 
Nephrit in Europa beitragen kann? Denn darum handelte es sich in diesem Falle und oiebt 
am harte, zähe , Steine* im Allgemeinen, und deswegen hatte sich Hr. Fraas an der 
^Discussion über die Nephritfrage" wohl auch betheiligt. 



XII. 

Die Behandlung der Kinder und der Jugend auf den 
primitiven Kulturstufen. 

Von 

M. Eulisolier. 



Bei der Besprechung dieses Gegenstandes, könnte ich mich eigent- 
lich mit dem Hinweis auf die Werke von Bastian (insbesondere „Die 
Rechtsverhältnisse bei verschiedenen Völkern der Erde^) und Ploss („Das 
Kind in Brauch und Sitte der Völker^) beschränken, wo die Thatsaohen in 
Hülle und Fülle vorhanden sind. Da aber meine Folgerungen auf dem 
Boden der Thatsachen fusscn, so konnte ich nicht umhin, dieselben, wenn 
auch in Kürze, hier zusammenzufassen. 

• I. 

Die Nothwendigkeit, der Mangel an Lebensmitteln führt zum Kindermord, 
zur Ausrottung der Neugeburt, inwiefern die Mittel zu ihrer Ernährung 
fehlen. Diese Beseitigung der überflussigen „Mäuler^, der bouches inutiles, 
erscheint als eine allgemeine Thatsache auf den primitiven Kulturstufen. — 
Bei den Knistenos ermorden die Frauen zuweilen ihre Töchter, „um ihnen 
das Elend dieses Lebens zu ersparen''. Wie Mackenzie berichtet, treiben 
sie auch durch gewisse einfache Mittel die Frucht ab^). 

Die Indianer in Californien übten ebenfalls den Kindermord, »weil die 
Mütter nicht die Mittel hatten, die Kinder zu ernähren"^). Nach Lafitau 
tödten die nordamerikanischen Indianer „nach der Geburt von Zwillingen 
eins der Kinder** 3). Bei den Eskimo des Smith-Sundes erlebte Bessels 
einen Fall, dass eine Mutter, „das jüngste ihrer drei Kinder, ein Knäblein 
von fünf Monaten, eigenhändig erdrosselte, um der Nahrungssorgen über- 
hoben zu sein**^). Von den Guanas in Südamerika erzählt Azara, „dass 
die Mütter den grössten Theil ihrer Töchter gleich nach der Geburt tödten, 
indem sie dieselben lebendig begraben"*). Dasselbe erzählt Azara von 
den Mbayas, „nur mit dem Unterschiede, dass diese auch männliche^Kinder 
tödten** ^). Den Untergang der früher zahlreichen Nation der Guayacurus 
schreibt derselbe Azara dem Gebrauche des Kindermordes zu^). Bei den 
Abiponern ist der Kindermord, nach Dobritzhoff er, eine gewöhnliche 
Thatsache®). Auch von anderen südamerikanischen Yölkern wird berichtet. 



1) Klemm, Allf^emeine Kulturgeschichte II, S. 84. 

2) Ploss, Das Kind in Brauch und Sitte der Völker. Stuttgart 1876. 8. 181. 
8) Lubbock, Enstebung der Civilisation. S. 27. 4) Ploss, II. S. 181. 

5) Klemm, II, S. 83. Ploss, II, S. 182. Darwin, Abstammung des Menschen, II, 
320. 6) Klemm, ib., 1. c. Ploss, ib., 1. c. 7) Klemm, ib., 1. c. 

8) Klemm, ib., 1. c. Ploss, ib., 1. c. 

13* 



192 M. Kalischer: 

dass sie den Eindermord üben, speciell an missbildeten Kindern. ^Unförm- 
liche Kinder oder Missgeburten sollen von den Manaos in Südamerika, wie 
berichtet wird, lebendig begraben werden nnd es ist merkwürdig, dass hier 
ein Gebrauch wiederkehrt, der von den Zigeunern erzählt wird, dass sich 
nämlich .... die Bewohner der Hütte heulend so lange im Kreise um die 
Grube bewegen, bis das Neugeborene gänzlich von der Erde bedeckt ist, 
die £iner nach dem Andern darauf wirft^ ^). Auch im alten Mexico wurde 
von Zwillingskindern eins getödtet^). In Afrika war und ist dieser Ge- 
brauch weit verbreitet. „Werden zu Arebo in Guinea, so heisst es bei 
Smith und Bosmann, Zwillinge geboren, so pflegt man nicht nur die 
Kinder, sondern auch die Mütter zu ermorden. In Dahomey und in Ngura, 
einer der Schwesterprovinzen von Unyanyembe, bringt man ebenfalls die 
Zwillinge um's Leben und wirft sie in's Wasser, damit das Land nicht von 
einer Dürre, Hungersnoth oder Ueberschwemmung heimgesucht werde"'). 
Hier hat sich das Motiv — die Hungersnoth, die den Brauch wahrscheinlich 
hervorgebracht hat, in eine von Aussen her verhängte Strafe verwandelt. 
Folge und Ursache haben ihren Platz gewechselt. Nach Barth stehen 
Doppelgeburten überhaupt bei fast allen afrikanischen Völkern in Misskredit 
„und werden Zwillinge wohl meist getödtet"*). Als Missgeburten werden 
schon solche Kinder betrachtet, die sich in irgend einer Hinsicht von an- 
deren Kindern unterscheiden. „Wird bei den Sotho-Negern ein Kind mit 
einem Gebrechen oder mit Zähnen geboren, so wird es von den Wehe- 
müttem in einem schon bereitstehenden Topfe mit Wasser ertränkt"*). Bei 
einigen Völkern in Ostafrika wird ein Kind getödtet, dessen beide „Schneide- 
zähne in der oberen Kinnlade früher durchbrechen, als die in der unteren^. 
Solche Kinder heissen „tlola", d h. sie haben die von der Natur gestellten 
Normen und Grenzen überschritten" ^). , „Bei den Kaffern ist Kindesmord 
nicht selten; namentlich werden missbildete und eins von Zwillingskindem 
getödet. Bei den Zulus geschieht diess, nach Arbousset, in ähnlichen 
Fällen.^ Die Hottentoten begraben, wie Kolbe berichtet, „theils das Kind 
lebendig, indem sie es in die von einem Stachelschweine, Tiger oder an- 
derem Thiere ausgegrabene Höhle legen, und Erde und Steine darauf werfen, 
oder es an einen Baum binden, wo es sich todtschreien und verhungern 
kann, bis ein Raubthier es verzehrt, oder sie begnügen sich auch, das Kind 
in irgend ein Gebüsch hinzuwerfen" ^). Die Thatsachen über den Kinder- 
mord in Australien und Polynesien werden wir unten kennen lernen, wo 
sie zu einem anderen Zwecke angeführt sind. Bei einigen Völkern von 
Hindostan pflegt man, falls „Zwillinge geboren werden, meistens ein Kind 
zu tödten"^). Ueberhaupt ist in Ostindien die Aussetzung oder Tödtung 
Neugeborener, insbesondere der Mädchen sehr gebräuchlich, wenn man 
glaubt, sie nicht ernähren zu können^). Auch in China ist „das Aussetzen 
der Kinder weiblichen Geschlechts am Wege oder dicht am Wasser . . . 
noch Sitte" ^ *^), In Japan bringen die Ainos „immer nach der Geburt eines 
Zwillingspaares das eine Kind um"^^). Bei den alten Persern „war bis 
nach der Eroberung Persiens durch die Chalifen der Kindermord gestattet" * *). 
Der Kindermord herrscht noch gegenwärtig bei den Beduinen, wie er auch 
in alter Zeit bei allen Araberstämmen geherrscht hat^ ^). Der Koran erwähnt 
diesen Brauch: „Ihr sollt euere Kinder, heisst es dort, aus Furcht in die 
Armuth zu gerathen, nicht tödten; denn wir wollen sie erhalten, so wie wir 



1) PI088, II, S. 182. Bastian, Rechtsv., S. 356. 2) Ploss, II, S. 1%. 

3) Lubbock, S. 26. 4) Ploss, II, S. 192. 5) Ploss, ib., S. 188. 

6) Ploss, II, S. 187. Bastian, Der Mensch in der Geschichte, S. 284. 

7) Klemm, III, 8. 277. 8) Labbock, S. 26. 9) Ploss, II, S. 188. 

10) Idem, II, S. 189. Klemm, VI, S. 112. 

11) Lubbock, S. 26. 12) Ploss, II, S. 176. 13) Klemm, VI, S. 154-158. 



Die Behandlung der Kinder in der Jugend. 193 

Eadi erhalten"^). Bei den alten Hebräern mass diese Sitte ebenfalls gebräuchlich 
gewesen sein, wie die von der jüdischen Chronik einem ägyptischen Pharao 
sogeschriebene Vorfägung, alle Kinder männlichen Geschlechtes zu tödten, 
and dSe Aussetzung Mosis im „Schilf am Ufer des Wassers^ beweisen^). 
Die Procednr der Aussetzung am Wasser und der Ertränkung im Wasser 
ist fiist überall heimisch und es kann also bei der Aussetzung Mosis von 
keinem extraordinären einzelnen Fall die Rede sein, wie es die biblische 
Chronik darstellt. — Die Tschuktschen tödten, nach Wrangel „alle miss- 
gestalteten Kinder"*). Bei den Kamtschadalen herrscht, wie Steller be- 
riehtety die Sitte, „dass Mütter durch allerlei Getränke und äussere Mittel 
die ScJiwangerschaft hintertreiben und der Frucht auf unnatQrliche Weise 
sich entledigen, oder auch dass sie die neugeborenen Kinder erdrosseln, sie. 
lebendig den wilden Thieren zuwerfen und den Hunden überlassen''^). Wenn 
Zwillinge geboren werden, bringt man Eins um^). 

IL 

Dorch den Kindermord werden einerseits alle diejenigen, von denen 
im Yoraas schon constatirt werden kann, dass sie zum Kampf um*s Dasein 
nntanglich sein werden, aus der Welt geschafft. Alle Schwächlinge, Miss- 
geborten allerlei Art, wobei mau schon die kleinste Abweichung von der 

Sewöhnlichen körperlichen Organisation als Fehler betrachtet, werden aus 
en primitiven Kommunen beseitigt. Man erzieht nur diejinigcn Kinder, 
von denen man hoffen kann, dass sie im Stande sein werden, die ahgewor- 
denen Mitglieder zu ersetzen, d. h. die Thätigkeit der ausgeschiedenen Mit- 
glieder ftür die Ernährung und Yertheidignng der Kommune aufzunehmen, 
oder, was auf dasselbe herauskommt: diejenigen aus dem Nachwuchs, 
welche die Emährungskosten, die auf sie in ihrer Kindheit verwendet 
werden müssen, im späteren Alter durch ihre Arbeit der Kommune wer- 
den xnrückerstatten können. Andererseits wird durch den Kindermord 
das Gleichgewicht zwischen der Zahl der Mitglieder der Kommune und 
der Emährungsmittel, die ihr in einer gegebeneu Zeit zu Gebote stehen, 
festgehalten und bei jeder möglichen Störung durch Uebervölkerung immer 
von Neaem hergestellt. Nicht von dem Willen des Einzelnen hängt also 
die Yerminderung oder Vermehrung der Neugeburt und in Folge dessen 
der Bevölkerung ab. Feste Normen über die Zahl der zu erziehenden 
Kinder sind aufgestellt und eine Abweichung, eine Ueberschreitung dieser 
objektiven Normen wird keineswegs gestattet. Bei den Abiponern pflegten 
mehr als zwei Kinder nicht aufgezogen zu werden^). Bei den meisten 
nordamerikanischen Yölkern werden, wie Hunter berichtet, meistentheils 
,nicht mehr als zwei bis drei Kinder aufgezogen^ ^). Bei den Mbayos 
wurde nur das mutbmasslich letzte Kind leben gelassen ^). Yon den 
Eskimos des Smith Sundes berichtet Bessels: Die Zahl der Kinder 
einer Familie beträgt bei ihnen durchschnittlich zwei; was darüber ist, 
wird meistens getödtet; indem die Mutter das Kleine entweder strangulirt 
oder es an einem entlegenen Orte aussetzt und dem Hungertode oder dem 
Tode durch Erfirieren preisgiebt .... Man scheint hierbei weniger auf 
das Geschlecht, ob Knabe oder Mädchen zu achten^ ^). Nach v. Martins 



1) Koran, Sure VI. 2) 2. Mosis, I, 15-16, 22. II, 3. 

9) Pl088, II, 8. 188. Bastian, Mensch, III, S. 284. 

4) Steller, BescbreibuDK über Kamschatka 1774, S. 849. Klemm, II, S. 208. 

(A Bastian, Mensch, III, S. 285. 

6) l^alts, Anthropologie der Natarvülker, III, S. 47G. 
7} Idem, III, 8. 106. 8) Klemm, II, S. 83. 

9 ) AkUv 1 Anthropologie, VIII, 2. Heft, S. 112. Flosa, II, S. 180-181. 



194 M. Eulischer: 

ist es „bei den Guyacurus . . . sehr häufig, dass die Weiber im Allgemeinen 
erst vom dreissigsten Jahre an Kinder zu gebären und aufzu- 
ziehen anfangen '^,^). Sobald die Eingeborenen Australiens „so viele 
Kinder haben, als sie bequem mit sich herumschleppen können, tödten sie 
die anderen gleich nach der Geburt . . . Am Spencer-Golf, in Victorialand, an 
der Moreton-Üai und in Australia felix wurden ausserordentlich viele Kinder 
umgebracht; das dritte Mädchen ganz gewiss, oft schon das 
zweite . . . Am Cap York unter den Muralugs zieht man nur sehr 
selten mehr als drei Kinder auf, im Süden fast nie mehr als vier^'^). 
Auf einigen Carolinen-Inseln durfte „keine Frau aus dem Volke . . . wegen 
der Unfruchtbarkeit der Inseln mehr als drei Kinder auferziehen, alle 
übrigen mussten lebendig vergraben werden" *). Auf den Marianen durfte, 
nach Chamisso, keine Frau „wegen der Unfruchtbarkeit der Inseln mehr 
als drei Kinder auferziehen, alle übrigen mussten lebendig begraben wer- 
den''^). Auf einer der melanesischen Inseln, der Insel I^ate, zieht man 
nur zwei oder drei Kinder auf, die übrigen aber werden lebendig be- 
graben^). „Auch auf Neu-Guinea ist Kindermord zu Haus: selten zieht 
man .... mehr als zwei Kinder auf und künstlicher Abortus ist hier sehr 
verbreitet** *). Auf den Fidschi-Inseln sterbeu zwei Drittel aller Eander auf 
diese Weise ^) — es wird also nur ein Drittel der Neugeborenen am Leben ge- 
lassen. Auf Tahiti wurden ebenfalls zw^ei Drittel aller Kinder, hauptsächlich 
Mädcheo, umgebracht; die ersten drei Kinder, sowie Zwillinge tödtete man 
immer und mehr wie zwei oder drei Kinder zog Niemand auf** ^). Ueber 
diese That schämten die Einwohner dort sich gar nicht, „vielmehr gestand 
man sie offen ein und wunderte sich nur über die Europäer, die sie 
tadelten^ ^). In Hawai zog man ebenfalls „nie mehr als zwei oder drei 
Kinder auf" ' **). Auf einer polynesisohen Insel Tikopia werden, wie Capi- 
tain Di Hon berichtet, „alle männlichen Kinder mit Ausnahme der zwei 
ältesten nach der Geburt erdrosselt. Alle Kinder weiblichen Geschlechts 
lädst man am Leben^ ^ ^). Bei den Mulagaschen auf Madagascar werden 
alle Kinder, „welche im März und April, in der letzten Woche jeden 
Monats, an den Mittwochen und Freitagen des ganzen Jahres geboren wer- 
den .... ausgesetzt und so dem Tode preisgegeben"^^). Die Guanchen, 
die Ureinwohner der canarischen Inseln, haben, ^um der Uebervölkerung 
ihrer Inseln vorzubeugen, in den frühesten Zeiten nur das erste 
Kind der Ehe am Leben gelassen" *^). 

III. 

Die am Leben gelassenen Kinder müssen während ihrer Kindheit bis 
zu einem gewissen Alter von der Commune ernährt werden. Nachdem sie 
dieses Alter, gewöhnlich die Zeit der Mannbarkeit, erreicht haben, werden 
sie selbständiji^e Mitglieder der Commune und müssen ihrerseits zur Er- 
nährung und Erhaltung der Commune beisteuern. Zu dieser Thätigkeit 
werden sie aber nur dann herangezogen, wenn sie die zu diesem Zwecke . 
Döthigen Fähigkeiten und Eigenschaften that^ächlich besitzen. Die Neu- 
geburt wird unter einer sogouanteu resolutiven Bedingung am Leben ge- 
lasj^en und auterzogen, nämlich: dass sie in einer späteren Zeit» in einem 
gewissen Alter im Stande sein wird, gewisse Leistungen zu verrichten. Beim 

^^ Ploss, IL S, 1>-J. 1> Idem, H. S. 1S3. Waitz-Uerland, VI, S. 778—779. 

* Ploss, IL ^. 1S5. 3^ Waitt-GerUnd. W 2 Abth.. S. IIL 

-t Ii*ni, VL :>. tÄ\ 5' Liem, L c. tV Idem. VL S. 638. 

T Ii*nj. VL S. 13?. Lubbook, S. 3Ä Parwir. Ab>taiumiui^ des Menschen, II, 
8. ;=äOL S Ibi j , !. 0. 9^ Ibid., I. c. 

Iv* P:?*<. IL 8. 185. Waiti-Gerlaoi. V. i. Abih.. 8. 19L 

:r P\ms. IL 8. IS^ 1-2 Idem. IL 8 18v^ 



Die Behandlang der Kinder in der Jugend. 195 

Eintritt dieses Alters, dieser festgesetzten Zeit wird daher die heran- 
gewachsene Jagend einer PrQfuDg unterworfen, ob das Vo/ausgesebene sich 
bew&hrt hat, ob das, was als wahrscheinlich angenommen, in der Wirklich- 
keit eingetroffen ist, ob die Jugend die ihr gestellten Bedingungen erfüllen 
kann. Diese Pr&fungen sind ihrem inneren Wesen nach eine Wiederholuog 
des früheren Mord- und Aussetzungsprocesses, mit dem ünterbchied, dass 
diese Processe nicht an unbehülflichen Kindern verübt werden, die ihrem 
Loose nicht entgehen können, sondern an Erwachsenen, die aus den au 
ihnen verübten Gewaltthaten die Möglichkeit haben dennoch unbeschädigt 
hervorzugehen. Das heisst: die Prüfung besteht darin, dass mau den 
fr&her bei ihrer Geburt unterlassenen Mord oder die Aussetzung 
an ilmen jetzt als Erwachsenen verübt; wenn sie nach den Martern, 
denen sie unterworfen werden, am Leben bleiben, so erscheinen sie da- 
durch ipso facto lebensfähig. In Bezug auf die Kinder, die am Leben 
gelassen sind, ist der Mord- und Aussetzuugsprocess nur aufgeschoben, 
anf eine spätere Zeit anberaumt, aber nicht aufgehoben. Bei den 
Huronen, Irokesen und den Algonkin Völkern begeben sich die Kinder zur 
Zeit der Mannbarkeit, wie Lafitau berichtet, in einen Wald, die Knaben 
unter der Aufsicht eines älteren Mannes und die Mädchen unter der 
Aufsicht einer älteren Frau. Während dieser Zeit müssen sie streng 
£asten, das Gesicht, die Schultern und die Brust schwärzen. Sie beobachten 
mit grosser Sorgfalt ihre Träume und geben über sie umständliche Berichte 
an diejenigen, unter deren Aufsicht sie stehen. Nach den Träumen und 
der Aufführung der Kinder wird für sie ein Schutzgott — Manitou — ge- 
wählt, von welchem das Glück ihres Lebens abhängt i). Bei den Ojibwäeren 
bereiten sich die mannbar gewordenen Knaben im Frühling eine Hütte auf 
einem hohen Baum und verbleiben dort, auf Moos gelagert, „soviel Nächte 
fastend, bis die Qualen des Hungers und Durstes nicht mehr gefühlt 
werden und die Seele frei wird". Nach der Ansicht der Ojibwäer soll die 
Seele während des Schlafes im Himmel sich aufgehalten haben und ihr 
dort die Kenntniss des Lebens enthüllt worden sein^). Nachdem in Vir- 
ginien „die Knaben geprügelt und sonst gequält waren, wurden sie, in- 
dem die Mutter weinend das Grab bereitete, einer über den andern 
in ein Thal geworfen, gleichsam als wenn sie todt wären^. Sie blieben 
nachher neun Monate lang in einer Wüstenei und konnten während dieser 
Zeit mit keinem Menschen umgehen^). Sie gebrauchen hier keine andere 
Nahrung als ein Decoct von Wurzeln, das eine Verwirrung der Gehirn- 
thätigkeit hervorruft und dieses Getränk wird ihnen so lange servirt, bis 
man voraussetzen kann, dass sie dadurch ihre ganze frühere Umgebung 
vergessen haben. Wenn sie in ihre Heimath zurückgeführt werden, müssen 
sie sich anstellen, als ob ihnen hier Alles fremd ist, sie sich an Nichts 
erinnern. „Auf dieee Art fangen sie auf's Neue zu leben au, nachdem sie 
eine kurze Zeit gestorben waren, und werden zu den älteren Mitgliedern 
gezählt, nachdem sie vergessen haben, dass sie einmal Kinder gewesen 
sind*). Durch die hier geschilderten Handlungen >vird unsere Annahme über 
den Ursprung und den Sinn aller Ceremonien dieser Art auf das Glänzendste 
bestätigt. Eine Variation dieses Brauches finden wir in West-Carolina. 
Dort wurden die jungen Manner und selbst die Mädchen 5 — 6 Wochen 
lang in ein dunkles Haus eingesperrt, .... wo sie hart fasteten, angeblich 
um sie gehorsam zu machen und abzuhärten"^). Bei den Dakota und Sioux 
müssen die jungen Leute, ehe sie in die Zahl der Erwachsenen auf- 
genommen werden, verschiedenen Martern unterworfen werden, ohne dass 



1) Bastian, Rechtev., S. 394, 398— 399'Anm. 2) Idem, Rechtsv., S. 898—399. 

3) Ibid., S. 400. 4) Ibid., S. 401. 5) Waitz, III, S. 118. 



196 ^^^^^^^^^ ^* KuliBCher: 

gie dabei einen Seufzer ausstosaen. Eine von den Prüfungen besteht darin, 
daas „der Candidat, mit einem durch die Haut gezogenen ötnck an eine Säule 
befestif^, den Tag über" sich drehen mus8^ ^dem Lauf der Sonne folgend**^). 
In Cahfornien gab man den Kindern bei Erreichung der Mannbarkeit 
ein sinnverwirrendes Getränk, wie in Virginien. Nachdem sie in einen 
Zustand der Besoffenheit gerathen, liess man sie nicht einschlafen, indem 
man sie ohne Uoterlass befragte, ob sie irgend welche Raubthiere: einen 
Ldwen, einen Bär, einen Wolf u. s. w. sähen. „Je nach der Hallucination 
wird ihnen dann die Figur des Thieres auf Brust und Armen eingebrannt^). 
Bei den Eskimo, die Franklin besuchte, wurde den Knaben, die ihr 
aechszehntes Juhr erreicht haben, „die Unterlippe auf beiden Seiten des 
Mundes und der Nasenknorpel durchstochen, 'in welche dann Knochen, 
Glasperlen u. s. w. gesteckt wurden ** 3). Bei den Thlinket io Alaska wurden 
die Mädchen bei Beginn der Mannbarkeit „durch drei Monate, früher sogar 
durch ein Jahr in eine abseits gelegene Hütte verbannt .... Zu Ende 
des bestimmten Termins wurde ihnen die untere Lippe durchbohrt und ein 
silberner Stift , . , durchgesteckt"*)* 

Bei den Koljusclien an der Küste der Behringstrasse herrscht dieselbe 
Sitte, wieErman zn sehen Gelegenheit hatte. „Ansserhalb des Dorfes," er- 
zählt er, „steht eine Reihe S — 8 Fuss hoher Hütten oder Käfige, die nur 
mit einem vergitterten Lichtloch versehen sind. In jedem dieser Ställe 
befand sich ein Mädchen , , . , Man erfnhr, dass diese Mädchen eben 
menstruiren'*^). Nach Wenjaminow soll diese Einsperrung nach altem 
Gebrauch ein Jahr dauern, der unmittelbar die Durchscnneiduug der Unter- 
lippe folgt ^), Bei den Indianern im Norden von Mexico musste der 
nmunbare Knabe, ehe er aufgenommen w^urde, von einigen Kriegern ein 
Zeugüiss erhalten, dass er etwas aushalten könne. ,,Darauf macht der 
Häuptling die Probe ao dem nackenden Knaben: er rauft ihn an den Haaren, 
wiift ihn hin und her auf den Hoden, stösst ihm mit Fäusten. Dies ist die 
eriste Prüfung. Sollte der Knabe dabei nur einen einzigen Seufzer aus- 
stossen, würde er als ein untauglicher verworfen und abgewiesen. Wenn 
er dazu lacht, sich frisch und munter zeigt und zu viel raehrerem sich er- 
bietet, wird an ilim die zweite Probe gemacht.** Der Häuptling peitscht 
den Knaben mit Rutben nnd Dornen ^am ganzen Leibe, wobei zwar Blut 
fliesst, aber kein Ach dem Knaben entfallen darf. Jetzt muss er sich ooch 
dem dritten spitzigen Examen unterwerfen.** Der Häuptling „nimmt unter- 
schiedliche, den grossen Raubvögeln abgeschoittene, ausgestreckte und mit 
Fleiss dazu gedörrte Füsse, sticht, hackt^ kratzt und reisst den Candidaten 
am ganzen Leibe, dass er fast durchaus blutet, wozu der Knabe sich ganz 
m Hüter ohne Winden und Drehen darstellen muss. Ein eioziger aus- 
brechender Seufzer würde nicht zum Krieger tauglich erklärt werden,*' 
Nach bestandener Probe giebt der Häuptling dem Knaben Pfeil und Bogen 
und hält ihm eine Anrede, dass er niemals zaghaft sein soll, dass er und 
sein Volk allein nur Menschen wären, „und alle ihre Feinde nur als wilde 
Thiere vun ihm müssen angesehen und niemals gefürchtet werden, dass er 
sich und seiue Landsleute allezeit zu beschützen suche ^, Kaum ist der 
Bube angeoommeD, so schiebt maa auf ihn die schwersten Arbeiten. „Er 
muss täglich die Wege ausspioniren, um zn sehen, ob nicht Fusstapfen der 
Feinde vorhanden sind, muss mit Schwitzen die höchsten Berge erstetgea, 
bei jeder Witterung, Tag und Nacht das Vieh hüten .... und immer Boten 
lauten"^). Bei den südamerikanischen Mauhes „werden die Knaben im 
Älter von 8 — 9 Jahren den versammelten Nachbarn vorgestellt ^ denen 



4 

I 



I 



1) Bastian, Hechtäv., ?. 345 Adiu., 39Q Arn». 2) Bastian, Recbtsv., S. 3^. 

EJ) Klemm, 11, S, 209. 4) Flosa. II, S. 261-262. 5) Idem, U, S. 262. 

6) Idem, I. c, 7) Klemm, II, S. 89-90. Bastian, RecbtaT., S. 395. 



Die BehiDdlung der |[inder in der Jugend. 197 

mmn ein Mahl bereitet Dem Knaben legt man baumwollene Aermel an, 
die oben and unten zugebunden werden, nachdem man einige grosse, heftig 
beiesende Ameisen hineingesperrt hat. Sobald nun der Knabe vom brennen- 
den Schmerse gepeinigt zu iammern und zu schreien beginnt, schliesst die 
tobende Rotte der Männer einen Kreis um ihn und tanzt so lange jauchzend 
und aafmunternd um ihn her, bis er erschöpft zu Boden sinkt. Er 
wird nun, da die Extremitäten furchtbar angeschwollen sind, den alten 
Weibern zur Behandlung mit dem frischen oaite des Mandioccakrautes 
übergeben. Hat der Zögling seine Kräfte wieder erlangt, so wird der 
Yereuch gemacht, wie er den Bogen spannen kann. Diese Ceremonie wird 
gewöhnlich bis ins vierzehnte J:ihr wiederholt, wo dann der Zögling den 
Schmerz ohne Zeichen des Unmuths zu ertragen pflegt. Nun wird er als 
Mann betrachtet und darf heirathen"^). Die Mädchen müssen ähnliche 
schmerzhafte Proben aushalten^). Diese Proben bestehen bei den süd- 
amerikanischen Macusis, nach dem Berichte von Martius in Folgendem: 
,iMit dem Eintritt der Pubertät wird das Mädchen von den übrigen Be- 
wohnern der Hotte .... abgesondert und bringt den Tag in der Kugelspitze 
der rauchigen Hütte zu, die Nacht an einem von ihr entzündeten Feuer. 
Nach sieben Tagen Fasten darf es im dunklen Winkel den Brei sich 
bereiten und später wird es durch den Paje (Zauberer) durch murmelndes 
Anblasen entzaubert,^ wobei die von dem Mädchen gebrauchten Gegen- 
stände zerbrochen werden. Das Mädchen wird nachdem gebadet. „Nach 
der Rückkehr aus dem ersten Bade muss es sich während der Nacht auf 
einen Stuhl oder Stein stellen, wo es von der Mutter mit dünnen Ruthen 
gegeisselt wird, ohne eine Schmerzensklage ausstossen zu dürfen, welche 
die Schlafenden in der Hütte aufwecken könnte. Bei der zweiten Periode 
der Menstruation wiederholt sich diese Geisselung. Dann gilt das Mädchen 
f&r rein" und kann von einem Bräutigam heimgeführt werden^). Aehnlichen 
Pr&fungen werden, nach dem Berichte desselben Reisenden, die Mädchen 
bei einem anderen südamerikanischen Volke — den üaupes — unterworfen. 
Sie werden ebenfalls im oberen Theil der Hütte gehalten, auf karge Kost 
beschränkt und einer Geisselung unterworfen. „Sie empfangen von jedem 
Familiengliede und Freunde mehrere Hiebe über den nackten Leib, oft 
bis zu Ohnmacht oder Tod. Diese Exccution wird in sechsstündigen 
Zwischenräumen viermal wiederholt, während sich die Angehörigen dem 
reichlichen Genuss von Speisen und Getränken überlassen, die zu Prüfende 
aber nur an dem in die Schüssel gelegten Züchtigungsinstrumente lecken 
darf. Hat sie die Marter überstanden, so wird sie für mannbar erklärt***). 
Bei den Gnanas werden die Knaben im Alter von 8 Jahren, nach dem 
Berichte von Azara, folgendermassen behandelt. Sie „gehen ganz früh 
Morgens in's Feld und kehren erst Abends nüchtern in feierlicher Weise 
heim. Hier werden sie von einigen alten Weibern gestochen und ihre 
Arme mit einem spitzigen Knochen durchbohrt. Die Knaben geben kein 
Zeichen von sich und erhalten dann von ihrer Mutter zu essen^^). Und 
ebenso werden bei den südamerikanischen Passes die Knaben nur dann 
für waffenfähig erklärt, wenn man ihnen mit einem Speerschnabel die Brust 
blutig geritzt hat'). 

IV. 

Bei den afrikanischen Völkern finden wir dieselben Qualen zur Zeit 
der Pubertät wie bei den amerikanischen Völkern, mit dem Unterschied, 



1) Klemm, I, S. 237. 2) Klemm, ibid., 1. c. 3) Bastian, Rechtsv., S. 391. 
4) Bastian, Recbtsv., S. 392-393. 1) Klemm, II, S. 89. 

2) Bastian, Rechtsv., S. 395. 



198 M. Kulischer: 

dass die Qualen in Afrika eine bestimmtere Form allgemein angenommen 
haben: die Form der ßeschneidung. Aucb hier ist das Resultat der Qualen 
sehr oft der Tod des betreffenden Subjectes. Wenn aber der Tod auch 
nicht erfolgt, so ist allenfalls ein Theil seiner körperlichen Organisation 
statt des ganzen Körpers — ein noth wendiges Aequivalent zu Grunde 
gegangen. Bei den Hottentoten bestehet die Beschneidnng ,,in der Aus- 
schneidung des linken Testikels, welche ein alter, für dieses Geschäft 
besonders geübter Mann an den Knaben zwischen dem 8. und 18. Lebens- 
jahre mit einem ganz gemeinen, wenn auch scharf geschliffenen Messer vor- 
nimmt. Der Knabe wird mit ausgespreizten Armen und Beinen auf die 
Erde gestreckt, festgebunden und gehalten, an die Stelle des ausgeschnittenen 
Testikels eine mit Kräutern gemischte Fettkugel gelegt .... Dann wird 
der Knabe losgebunden, mit Fett tüchtig eingeschmiert und von dem Aus- 
schneider über und über mit Urin benetzt. Hierauf darf der Knabe in eine 
für ihn in der Nähe erbaute Hütte kriechen, während seine Verwandten einen 
Schmaus halten. Arme Hottentoten lassen ihre Knaben erst mit dem 
18. Jahre beschneiden, damit sie, im Falle der Knabe stirbt, wenigstens 
die Kosten; welche die Feierlichkeit verursacht, ersparen. Damit ist jedoch 
der JüDglin^ noch nicht vollkommen in den Kreis der Männer aufgenommen, 
dazu bedarf es einer anderweiten Ceremonie; der Aelteste im Kral ver- 
sammelt die Männer, diese setzen sich im Kreise auf die Hacken, stemmen 
die Ellenbogen auf die Kniee. Der Aelteste befragt nun die Versammlung 
um ihre Einwilligung und tritt, wenn diese erfolgt ist, zu dem ausserhalb 
des Kreises harrenden Jüngling und kündigt ihm an, dass er von nun an 
des Gehorsams gegen die Mutter enthoben und ihm gestattet sei, in die 
Gesellschaft der Männer zu kommen"^). 

Bei den Kaffern findet die Beschneidung nicht bei einzelnen Knaben 
statt, sondern bei mehreren zusammen, nämlich, wenn der Sohn des Häupt- 
lings das erforderliche Alter erreicht hat. „Alle die Knaben, die mit ihm 
von gleichem Alter oder etwas darüber sind, werden vor den Fürsten ge- 
bracht. Dieser lässt sie in eine eigens dazu an einem einsamen Orte er- 
baute Hütte bringen, wo sie eine Zeit lang miteinander leben, und die 
Aufsicht über eine Heerde Kühe führen, deren Milch ihnen zugleich als 
Nahrung dient.^ Endlich wird die Beschneidung vorgenommen. 9,Die 
Knaben werden einer nach dem andern auf den Rücken gelegt, an Händen 
und Füssen festgehalten, und, indessen sich zum Ueberflusse noch ein 
starker Mann über ihre Brust legt, verrichtet die dazu bestimmte Person die 

Operation mit einer scharfen Hassagay Dann werden die Wanden 

mit gewissen heilkräftigen Kräutern . . . verbunden. Man gestattet durch- 
aus nicht, dass sich eine Kruste auf der Wunde erzeuge, und hält streng 
darauf, dass die Knaben die Wunden immer frei davon erhalten. Dadurch 
wird die Heilung sehr in die Länge gezogen, und dauert oft zwei Monate 
lang . . . Nach völliger Heilung bringen die Jünglinge die Kleider, die sie 
bisher trugen, nebst den Milchkörben und allem übrigen Hausgeräthe, dessen 
sie sich während ihrer Absonderung bedienten, in die Hütte, und stecken 
diese in Brand." Man überreicht ihnen zuletzt Wurfspiesse und andere 
W^ äffen und erklärt ihnen, „dass sie nun unter die Zahl der Erwachsenen 
aufgenommen seien, und sich fortan als Männer zu betragen haben" ^). 
Bei den Negern von Central-Afrika findet die Beschneidung im 14. bis 
15. Jahre statt und wird, wie Mungo- Park berichtet, „wie bei den Kaffem, 
bei mehreren jungen Leuten zu gleicher Zeit vorgenommen. Die Jünglinge 
bleiben zwei Monate lang von aller Arbeit frei, und bilden während dieser 
Zeit eine Gesellschaft, welche Sobimana genannt wird. Sie legen Besuche 



1) Klemm, II, S. 289. 2) Klemm, III, S. 290—291. 



Die BehandluDg der Kinder in der Jagend. 199 

in den umliegenden Ortschaften ab „und leben von Almoäen*" ^). Man muss 
annehmen, dass diese Gesellschaft auch von Raub lebt, denn durch die 
AuBacheidanff der Jugend aus der Kommune wird wahrscheinlich ihre Fähig- 
keit sich Nanrungsmittel zu verschaffen auf die Probe gestellt. Von Bam- 
baok wissen wir ausdrücklich, dass die herumirrenden Knaben diese von 
ans bezeichnete Aufgabe lösen müssen ^). Aehnlichen Proben werden die 
Mädchen hei Antritt der Pubertätszeit, die mit der Verheirathung gewöhn- 
lich zusammenfallt, bei den Kaffern und Negern unterworfen^). In Kalabarien 
wird die Beschneidung der Mädchen, wie Dapper berichtet, auf folgende 
Art vollführt: Sie binden „Ameisen an einen Stock und stecken sie in ihre 
Schaam, auch wiederholen sie es zuweilen mit den Ameisen, damit der geile 
Kitzel am so besser möchte ausgebissen werden. Hiermit bringen sie zwei 
bis drei Monden zu, ja so lange, bis um die Schaam herum ein Hand wächst, 
ungefähr einen Finger lang und dann werden sie zum Beischlafen geschickt 
f^ehalten'' M. Dieselbe Art der Beschneidung soll auch, nach dem Bericht 
desselben Reisenden, in Ulkami zwischen Ardru und Benin gebräuchlich 
gewesen sein^). y,Bei der Beschneiduug der Knaben und Mädchen in Tom- 
bura ist, wie Raffen el meldet, das Gebot zugefügt, kein Wasser zu 
berühren, sondern getränkt zu werden, nur Abends zu essen, sowie 
Knthenschläge zur Erdulduug des Schmerzes^ ^). Bei den Paravilhaua, 
den Nachbaren der Cuburiceua am Cabuny, mussten die Knaben nach 
der Beschneidung eine Schale „mit dem bitteren Prüfungstrank Caapi 
leeren^. Nach Leerung der Schaale „wirft sie der Knabe heftig an die 
Erde, und flieht in den Wald, wo er sich einen Mr)nat einsam aufhält, 
nur verstohlen Nachts zur väterlichen Hütto kommend. Auch die Mad- 
chen haben bei ihoen durch Fasten und Schläge eine Prüfung zu be- 
stehen^ ^). 

Bei den Einwohnern des Kio-Nunez werden, nach Caillie, die Knaben 
im Alter von 12—14 Jahren an einen Ort versammelt, worüber man dem 
Zauberer — Simo meldet. Er erscheint an dem augezeigten Orte, um die 
Kinder zu beschneiden. Nach der vollzogenen Beschneidung zieht sich der 
Simo in den Wald zurück, wohin er alle der Beschueidung unterworfenen 
Kinder mit sich nimmt. Von dieser Zeit an haben sie keinen Umgang 
mit ihren Landsleuten. Im Walde wohnen sie in Hütten, die von 
Banmzweigen eingerichtet sind. Als einzige Bedeckung füi* den Körper 
dienen ihnen die Blätter der Bäume. Die Knaben müssen losgekauft wer- 
den, um in ihre Heimath zurückkehren zu können. Alle 7 — 8 Tage bringt 
der Simo die Losgekauften zurück, — die Anderen bleiben bei ihm im 
Walde, kehren nur zur Erntezeit zurück, aber nachher wieder in den Wald **). 
Bei den Quojas in Afrika werden die Knaben, nach dem Berichte von 
Dapper, nach der Beschneidung gewaltsam nach dem Walde gebracht. 
Dort bleiben sie einige Jahre und werden von den älteren Mitgliedern der 
Gemeinschaft — den Seggone — „in den Rechten den Dorfes und in den 
Kriegssachen unterwiesen**. Die Proben, denen diese Knaben unterworfen 
werden, nennt man Belli-Paato oder Belli-Paaro. Ihr Sinn und Bedeutung 
wird von den Quojas auf folgende Art erklärt: Es ist „ein Tod und 
eine Wiedergeburt, indem die im Busch Eingeweihten ganz ver- 
ändert werden, dem alten Leben und Wesen absterben und 
einen neuen Verstand mit neuer Wissenschaft erhalten." Wenn 
daher die Knaben „aus dem Busch zurückkehren, erzählt Dapper, stellen 
sie sich an, als ob sie erst in die Welt kämen und nicht einmal wüssten^ 

1) Wem, III, S. 291. 2) Bastian, Rechtsv., 8. 389 Anm. 

3) Klemm, III, 8. 292. Bastian, Rechtsv., 8. 390, 392. 

4) Bastian, Rechtsv., S. 392. 5) Ibid., 1. c. Anm. 

G) Ba.8tian, Reehtsv., S. 390-391. 7) Ibid., 8. 389, 39U. ö) Ibid., S. 387 Anm. 



200 H. Eolischer: 

wo ihre Eltern wohnten, oder wie sie heissen, was für Leute sie seien, wie sie 
sich waschen sollen oder mit Oel beschmieren, was Alles ihnen die Aelteren 
— So^gone — lehren müssen. Zuerst sind sie ganz mit Buschgewächsen 
und Voffelfedern behängen, aber später werden sie mit Kleidern, Korallen 
Leopardzähnen geschmückt''^). Die frappante Aehnlichkeit dieser Cercmonien 
mit denjenigen, die wir bei manchen amerikanischen Völkern gesehen 
haben, wie auch die ihnen gegebene Erklärung sind ein sehr starker ßeweis 
für unsere oben aufgestellte Ansicht, dass hier in Bezug auf die leben 
gelassenen Kinder der früher unterlassene Mord- und Aussetzungsprocess 
vorgenommen wird. Von diätetischen Massregeln und Gesundheitsrück- 
sichten, die man der Einführung der Beschneidung immer noch zu Grunde 
legt, von rationalistischen Erklärungen dieser Sitten, die einfach auf Qual 
und Martern hinauslaufen, kann keine Rede sein. Richtig aber ist, dass 
diese von der Vorzeit vererbten Qual- und Marter-Bandlungen sich an die 
späteren Umstände anpassen und dadurch umgeändert werden. Die an 
den Kindern zu vollziehenden Martern passen sich an die späteren Bedürf- 
nisse der Gesellschaft an. Man will die Kinder nicht durch Martern und 
Peitschen umbringen und zu Grunde richten, sondern man erzieht sie 
dadurch zu ihrem späteren Berufe. Sie müssen durch Mangel, Noth und 
Schläge abgehärtet werden. Die alte Gewohnheit bekommt ein neues 
Motiv, um beibehalten zu werden. Es ist die Erziehungsmethode der Ab- 
härtung, die der vererbten Gewohnheit zu Hilfe kommt. Auch die noth- 
wendige Betheiligung der Jugend am Militärdienste erscheint als Stütze der 
alten Ordnung, wonach die Kinder in Schule und Haus nicht zart behandelt 
werden sollen. 



Li Australien und Polynesien finden wir dieselben Qualen und Martern 
zur Zeit der Mannbarkeit. Meisten th eil s ist auch hier die Beschneidang 
heimisch. Zusammen mit der Beschneidung oder anstatt derselben findet 
die Verstümmelung anderer Körpertheile statt. So wird ein Zahn bei dem 
betreffenden Subjecte ausgeschlagen oder ein Fingerglied abgeschnitten. 
Diese verstümmelten Theile dienen ebenfalls als Ersatz für das bei der 
Geburt unterlassene Umbringen des ganzen Körpers. Dabei werden diese 
Marter- und Qualprocesse von solchen Gebräuchen begleitet, die auf ein 
Absterben und Wiederaufleben der mannbar gewordeneu hindeuten. 

„Am Cap York, wo Beschneidung und Ausschlagen des Zahnes im 
Gebrauch ist, geschieht beides verborgen im Walde .... Es folgt auf die 
Operation ein Monat, in welchem die Jünglinge gleichsam Novizen ihrer 
neuen Würde der Mannheit sind . . . .; nach Ablauf desselben kehren sie 
zu ihren Eltern zurück, noch mit dem Schmuck jener Festzeit, den sie 
tragen, bis er abfällt"^). Bei dem Goulburnstamm, nördlich von Melbourne, 
wird der Jüngling, der zur Mannheit eingeweiht werden soll, von drei 
Stammesgenossen in den Wald geführt, wo er zwei Tage und eine Nacht 
bleibt und sich die zwei oberen Schneidezähne ausschlägt, die er sorgfältig 
aufhebt und zurückgekehrt seiner Mutter giebt. Dann ^eht er wieder in den 
Wald, wo er nun zwei Nächte und einen Tag bleibt"^). In anderen 
Gegenden von Australien werden die zu beschneidenden Knaben „gewalt- 
sam den Weibern entführt, dann mit Ruthen gepeitscht, auf die anderen, 
welche sich nach feierlichem Zuge auf die Erde legen, hingesetzt und 
beschnitten"*). Wenn im östlichen Theil von Australien irgendwo in 
einem Orte eine Anzahl mannbarer Knaben vorhanden ist, so ertönt plötzlich 



1) Ibid., S. 388-389, 399. 2) Waitz-Gerland, VI, S. 787. 

3) Idem, VI, S. 786. 4) Waitz-Gerland, VI, S. 786. 



Die BehandluDg der Kinder in der Jugend. 201 

in der Nacht ein Schrei im Walde .... die Männer fuhren sie an einen 
Terborgen Platz nnd da werden sie unter Tanzen und Fechten, unter aller- 
hand .... Ceremonien, unter verschiedenen Proben von Muth und Stand- 
haftigkeit mit den Mannespllichten bekannt gemacht.^ ,,Dann wird bei der 
KOatenbevölkerung den Knaben ein Vorderzahn ausgeschlagen^). Das 
AasBchlagen des Zahnes wird, wie Hunt er berichtet, auf folgende Art 
vollzogen. Dem jungen Menschen wird ^das Zaimfleisch mit einer scharfen 
Muschel etwas losgemacht; der Zahn wird mit einem Stöckchen oft an- 
geschlagen und gestossen, bis ihm endlich der entscheidende Streich ver- 
setzt wird — die darauf folgende Entzündung und Geschwulst wird mit 
grosser Geduld ertragen***). Diese Sitte, die Beschneidung als Aequivalent 
rar den ganzen Menschen anzunehmen, hat wahrscheinlich ihren Grund 
darin, dass an diesem Gliede sich die vorzugliche Manneskraft oder Frauen- 
kraft äussert. Es scheint mir, dass ich eine solche oder ähnliche Er- 
klärung schon irgendwo gelesen habe. Ganz anders verhält es sich mit 
der Sitte, einen Zahn speciell als Aequivalent anzunehmen, und ihn bei 
dem Uebergang vom Jugendalter zum Manncsalter auszuschlagen. Der 
Brauch hat sich wahrscheinlich dadurch gebildet, dass man dabei einem 
Naturvorgang nachahmte. Wie bei dem Uebergang vom Kindesalter in das 
Jugendalter ein Wechsel in den Zähnen von selbst vorgeht, so wird hier 
der Uebergang aus dem Jugendalter in das Mannesalter ebenfalls durch 
Ausschlagen eines Zahnes bezeichnet. Es ist dasseli)e Merkmal des Ueber- 
ganges mit dem Unterschied, dass es nicht von selbst geschieht, sondern 
gewaltsam vorgenommen wird, als Nachahmung des ersten. 

In Sparta wurde der Knabe im siebenten Jahre ^dem Pädenomen, 
dem Vorsteher der gesammten Jugenderziehung zugeführt, der ihn dann 
einer bestimmten Abtheilung von Altersgenossen zuwies. Die Abtheilungen 
hiessen Hai oder Rotten, deren mehrere wieder eine grössere Gesammt- 
heit, eine Schaar ausmachten"^). 

Die ganze Lebensart der Jungen war auf sogenannte ,. Abhärtung" 
gerichtet. „Sie gingen unbeschuht, ohne Koj)fbedecku^g, leicht und knapp 
bekleidet, vom zwölften Jahre an selbst im Winter im blossen einfachen 
Oberkleide, ohne Untergewand, und mussten mit einem Kleide das ganze 
Jahr hindurch ausreichen. Das Haar trugen sie kurz verschnitten, durften 
sich selbst nicht baden und salben, einige Tage im Jahre ausgenommen, 
lagen in ihren Schlafstellen ohne Teppich und Decken, nur aut Ueu oder 
Stroh, und vom fünfzehnten Jahre an, wo die Pubertät sich zu entwickeln 
beginnt, auf Schilf oder Rohr .... Ihre Kost war nicht blos einfach im 
höchsten Grade, sondern auch so knapp zugemessen, dass sie zur vollen 
Sättigung nicht hinreichte, und die Knaben, wenn sie nicht hungern wollten, 

fenöthigt waren sich Lebensmittel zu stehlen/ Ausser den gewöhnlichen 
arten Strafen für Vergehen waren jährlich Dimastigosis — Geisseiproben 
— angestellt „am Altar der Artemis Orthia oder Orthosia, wo die Jungen bis 
aufs Blut gepeitscht wurden und es für schimpflich galt, Schmerz zu äussern 
oder um Nachlass zu bitten, derjenige aber, der am längsten standhaft aus- 
hielt, als Bomonikas, Sieger am Altar, gepriesen wurde. Es kam aber 
auch vor, dass Knaben unter der Geissei den Geist aufgaben"^). Diese 
Erziehungsart hat sich in Sparta bis auf die späteste Zeit erhalten^). Die- 
jenigen, die auf Eigenartigkeit und Diflferenzcn im Leben der Völker pochen, 
insbesondere aber im Leben der indo-europäischen Rasse, sollten diese 
spartanische Erziehungsart mit der Erziehungsart bei den oben angeführten 
Völkern vergleichen. Am allerwenigsten würde ein solcher Vergleich diese 

1) Wem, VI, S. 786. 2) Klemm, I, S. 291. 

3) Schoemann, Griecb. Alterthümer, I, S. 265. 

4) Schoemaniit Oriechische Alterthümer, I, S. 266—267. 5) Idem, S. 267. 



809 M. KuHscher: 

t$ohlü8S6 fördern, denn die Uebereinstimmung in der Behandlung der Kinder 
bei den Spartanern und den sogenannten wilden Völkern ist überraschend. 
Aber diese sogenannte spartanische Erziehungsmethode finden wir überall 
in Europa im Mittelalter. 

Von der Erziehungsmethode, die im Mittelalter gebräuchlich war, er- 
zählt der heilige Augustinus aus eigener Erfahrung: Man gab „mich in die 
Schule^ um mich in den Wissenschaften zu belehren, deren Nutzen ich 
Armer nicht einsah, während ich doch Schläge bekam . . . Das hatte den 
l^ifall der Aeltem; und Viele, die vor uns diese Lebensart (d. h. das Ler- 
nen) erwählt, hatten uns den mühevollen Weg bereitet; wir mussten ihn 
gehen unter einer Pein und MühsaK die den Kindern Adams noch yer- 
vielfacht w^r^. Im weiteren Verlauf seiner Erzählung kommt der heilige 
Augustinus wieder darauf zurück, dass die Aeltem zu lachen pflegten über 
die ^Martern, die uns Knaben von den Lehrmeistern angethan wurden . . . 
Es ergötzte uns das Spiel, und das wurde an uns von denselben gestraft, 
welche ohne Anstand dasselbe trieben. Aber die Kurzweil der Alten nennt 
man Oeschäfte; thun die Knaben dasselbe, ao werden sie von jenen ge- 
züchtigt** 0- 

Auf die Kinderzucht im Mittelalter wirft auch die Kaiserchronik ein 
Tiicht. Dort heisst es: 

Da sprach der König hehre. 

Nun vernehmet meine Lehre: 

Wer den Besen dem Leibe des Sohnes entzieht. 

Der hasset und schadet dem Sohn. 

Zucht und Furcht ist gut'). 
Und weitex heisst es in derselben Chronik: 

Meine Kinder müssen werden bezwungen 

Mit Frost und auch mit Hunger, 

Mit Nöthen und mit Arbeit 

Ueberwinden sie so die Kindheit 

Dann ehret ihre Weisheit das Reich''*)- 
Dieser Zucht wurde das ganze Mittelalter unterworfen, gleichviel, ob 
sie reich oder arm waren. Diese Zucht war ^hart, streng, mönchisch-finster. 
Die Ruthe war das allgemeine Strafinstrumeni. Fasten und Kasteien ge- 
hörten zu den Schulstrafen '^^). In der sogenannten Pariser Universität 
^bestand eine sehr gewöhnliche Strafe in Ruthenstreichen, die dem Schul- 
digem auf den entblössteu Rücken in Gegenwart des Rectors und der Pro- 
oumtoren gegeben wurvlen; und diese Strafe, die schon im Jahre 1200 als 
bekannt vorausgesetzt wird und die im ..XV. JahHiundert noch sehr ge- 
wöhnlich war« wurde nicht nur an Scholaren, sondern selbst an Baccalaureen 
voUiofii*n'**\ 

Ueber die Erziehung: in einem Pariser Colle«ium. wo Erasmns seine Ju- 

Seud zugebracht hat« haben wir einen Bericht desselben, der ans dem 
ahre 14^¥ stammt: ^Das La|£:er war hart die Speisen so schlecht und 
kärglich« die Arbeit mit dem Nachtwachen so beschwerlich, dass viele sehr 
begabte «IClnglin^^ in den ersten Jahren ihres dortigen Aufenthaltes starben, 
oder blind« wahn:!dnnig« aus^äuig wurden Dabei wurde die Strafe in 
Peitschenhieben mit Henkerstrenge volliogen~*\ In rinem Manoacript vom 
Jahre KV^O wird u. A. berichtet^ dass in dem bekannten engtischen Eton- 
OoUe«e Frt>itag ein Ta« der Züchtigung w^ir — fiogging day*). In der 
tnitteklterlichen Behandlung der Ju^^ finden wir üso die beoden Rich- 



te Sohmiai, i»<!Khvh:* 0^ rüj^.v*. H. .Cc;b?r' IST4 Sw 11— «X 

i^ ivWii. u. s. i::si >^ i>w«. IL >i. j:^ r li«. n s. la i) ä«l, s. 424. 



Die Behandlung der Kinder in der Jugend. 203 

tangen, das sogenannte Abhärtungssystem einerseits wie das Iso- 
lirangswesen andererseits vertreten. Das Isolirungssystem der Jugend, 
das Entfernen derselben aus dem Schoosse der Gesellschaft vor der Puber- 
tät haben wir schon bei den wilden Völkern gesehen. Dieses System ist 
eine Nachahmung des Aussetzungsprocesses. Im Mittelalter findet diess von 
einer früheren Zeit vererbte Syqtem eine neue Stütze in dem Umstand, dass 
die ganze damalige Wissenschaft sich in den Klöstern concentrirt und dass 
die ganze Wissenschaft in lateinischer Sprache vorgetragen wird. Die Kin- 
der, Knaben wie Mädchen mössen ins Kloster gehen, um ihre Studien zu 
machen. Sie werden also ieolirt. Dort treiben sie Griechisch und Latein 
und sind daher bei der Rückkehr in ihre Heimath von ihrer ganzen Um- 
gebung entfremdet. Sie erscheinen als ganz neue Persönlichkeiten, als 
Wiedergeborene, die mit der früheren Kindheit in geistiger Hinsicht keine 
Aehnlichkeit haben. Die von alter Zeit vererbte Aussetzungstendenz, die in 
der Erziehung lag, hat also dazu mitgewirkt die Kluft zwischen Schule und 
Leben, zwischen Lehrgegenständen und Lebensbedürfnissen auszubilden. 
Die Schule hatte ursprünglich keineswegs den Zweck, den Knaben für das 
Leben vorzubereiten, sondern einen neuen, nicht dagewesenen Menschen zu 
schaffen« Erst allmählich haben die Mord- und Aussetzungsprocesse sich zu 
Erziehungsmethoden ausgebildet. 



Besprechungen. 



Proceedings of tbe Royal Geographica! Society. Mai 1883, London, 

mit .Notes on the Central Provinces of Colombia*, durch Bobert Blake White, der durch 
seinen langen Aufenthalt dort am sachTerstindigsten darüber zn berichten Termag. A. B. 



Ploss: Das Kind in Brauch und Sitte der Völker. Berlin, 1882. 

Eine der monographisch grundlegenden Arbeiten, wie sie nnter der Masse des sich an- 
sammelnden Materiars für Concentrirung auf die einzelnen Gesichtspunkte der Ethnologie 
jetzt als nichste Aufgabe gestellt sind. Und keine günstigere Fügung konnte eintreten, als 
dass sie sogleich in solch' musterhafter Weise in Angriff genommen ist Ton einem Altmeister 
unserer jungen Wissenschaft, die auch von ihm, aus der Wiege zu heben, thitig mitgeholfen 
worden, und die er noch Unge dorch*s Leben begleiten möge, gleich dem Kinde, dessen Leben 
er uns ton der Wiege an erzählt. A. B. 

Revue de Thistoire des religions. Tome III. Paris 1881. 

Neben kritischen Besprechungen und Mittheilungen finden sich selbstst&ndige Artikel Ton 
Maurice Yerues (dem Herausgeber), Lenormant. Nicolas. Perrat, Tiele, BeauToit, 
BoQohe-Leclerq. A. B. 



M. Bailand: Ein altes Straussenei. Journal de Medec. et de Pharmac de 
TAlgerie. Ootober 1S81. 

In der Umgebung ton ChercheK dem römischen Casjrea. dem alten Jol — unter Juba, 
Hauptstadt tou MaQr>(Unien — finden sich lAhIrfiche Rainen. Im Jahre 1878 entdeckte 
mau beim Umarbeiten des Bodens ein Columbariom acd in diesem neben Medaillen ans der 
/.eit der Antv^nioe, neben Münien« Vis^n nach Art der schwarzen Töpferwaare ron Aretiam 
und meuKhlicheu Gebeinen, welche Spuren ier Verbremnucg trugen, zwei Stransseneier, 
von denen das eine« ausser einem !^ — T «in ärtvxs^n Lc<he an eicer seüier Spitzen intakt, das 
andere terbtoohen war. IVr Verfasser ▼ervr'iofc üe chemische Beschaffenheit der antiken E- 
fra^^mente mit denen eine« hiscben $;raus$ene:e< aus Siiiljcerien. IHe Dicke der Schale be- 
trag bei beiden :i aun. Pie Aussen- und Incen^icbe de» altes hatte jedoch Glani und Glatte 
verloren und erschienen ruoilig. ihclich wie Bisccii-PorcelUn. Das alte Kcsle sick anaser- 
ordentlich schnell in verduccter SalRs4ui«. d&s frische «ranx lacgsam. Die wwte w Unter- 
schiede stellen sich folgendermaasjien .iar: 

Ahe Eis^-hilf. Frisch EiKkale. 

Dkhte t^i ÄV ■ 2.^g^ 2314 

K.^hlensauiw Kalk . . . i4.14 ?lW 

Kohlensaure Magneisia . . vX»^ 2.05 

rh^>sph<Mr«atti«r Kalk 1.5e iXTö 

Oririni^he. schwe^Ibalti^ Ma:er> ;:vOo -U» 

Wasser OJ.^ aiS 

Verlust . i\I5 OgS 

L. Lewin. 



XIII. 
lieber weisse Papuas. 

Von 
Dr. Otto Flnsch in Bremen. 



W&hrend meines Aufenthaltes an der Sudostkuste Neu Guineas traf ich 
zum ersten Mal Eingeborene von so heller Hautfarbung \i^ie Europaer, die 
ich deshalb als „weisse Papuas^ und nicht als „Albinos^ bezeichne, weil 
ihnen der Hanptcharacter reiner Albinos, nämlich die röthUchen Augen, 
fehlten. Auch waren die betreflfendcn Personen nicht tagblind, wie echte 
Albinos, sondern konnten vollkommen gut sehen. Von irgend einer Ver- 
mischung mit weissem Blute kann bei keinem dieser Individuen nur entfernt 
die Rede sein. Ich traf überhaupt nur einen Mischling von einer Papua- 
motter und einem weissen Vater: ein kleines Mädchen, welches sich, wie 
alle Mischlinge von Weissen und Farbigen, sogleich als solcher erkennen 
liess. Das blonde, schlichte Haar dieser weissen Papuas, die ohne Zweifel 
in die Kategorie des Albinismus gehören, hat nichts mit einer muthmasslichen 
Vermischung mit Weissen zu thun, da solches Haar öfter bei reinen, 
dunklen Papuas in Neu Guinea vorkommt. 

Indem ich die Resultate meiner Untersuchungen hier folgen lasse, will 
ich noch erwähnen, dass die Eingeborenen diesen weissen Individuen keiner- 
lei besondere Beachtung schenkten, obwohl die Hautfärbung des weissen 
Mannes noch immer ein Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit und Bewunderung 
war. Sie haben keinen Eigennamen für solche weisse Individuen, sondern 
bezeichnen sie nur mit „uro-uro'^ d. h. „weiss^. Auch haftet an solchen 
Personen keinerlei Aberglaube, Abscheu oder Verachtung, wie dies in 
einem Falle von Melanismus bei weissen Eltern wahrscheinlich eintreten 
wurde. 

Ich beobachtete sonst nur noch einen Fall von Albinismus in der Süd- 
see und zwar an einer Maorifrau, im Gefolge des Königs Tawihao in Waikato. 
Ich hielt sie anfanglich fQr eine Europäerin, fand aber, und die eingezogenen 
Erkundigungen bestätigten es, dass sie eine Vollblut-Maori war. Sie hatte ganz 
hellblondes Haar und etwas blöde Augen, die das helle Sonnenlicht nicht gut 
ertragen konnten, — eine Eigenthümlichkeit, die ja f&r Albinos als typisch gilt. 

UiXMhrilt ßr Bthnolofle. Jahrg. 1998. 14 



206 Otto FiDSch: 

Albino No. 1. Ewarlnam, kräftig gebauter, starker Mann von gewöhn- 
licher Mittelgrösse, ca. 30 — 32 Jahr alt, aus dem Fischerdorfe Hula in Hood- 
Bai. (Hierzu Gesichtsmaske No. 171.) 

Höhe 1,61 c/n; Brustumfang 93 cm; Längsaxe des Schädels 182 mw. — 
Hautfarbung so hell als die eines Weisen, im Gesicht No. 23 (Broca), aber 
Ohren, Nase, Wangen, Brust, Arme, Schultern, obere Bauchpartie, also alle am 
stärksten von der Sonne beschienenen Theile lebhaft fleischroth, weil sonnver- 
brannt. Lippen roth, wie bei Weissen; Scrotum fleischroth; Brustwarzen 
klein, ohne dunklen Hof. An den sonnverbrannten Thcilen fühlt sich die 
Haut rauh an, an den übrigen weich. Auf fast allen Körpertheilen mehr 
oder minder stark, im Ganzen aber spärlich mit kleineren und grösseren, 
hell" und dunkelbraunen Flecken bespritzt. Die grösseren Flecke sind 
dunkelbraun und stehen am dichtesten längs der Wirbelsäule, obwohl auch 
hier die grössten nicht mehr als 6 mm im Durchmesser messen; keine der 
Flecken fliessen ineinander. Sie haben keine scharf abgesetzten Ränder, 
sondern die letzteren sind mehr oder minder ausgezackt. Die hellen Flecke 
haben ganz die Färbung und das Aussehen von Sommersprossen, und sind 
alle kleiner als die dunkelbraunen. Die dunklen Flecken sind, wie erwähnt, 
am zahlreichsten längs der Wirbelsäule. Hier bemerkt man ca. 20, von 
denen 5 auf der Rückenmitte fast einen Stern bilden; auf Oberschenkel ca. 
8, auf Schultern 7 ; im Ganzen sind die Flecke also spärlich. 

Augen gelbbraun, ungefähr wie No. 4, aber lebhaft und glänzend; sie 
verrathen keine Spur von Blödigkeit, wie der Mann in der That bei hellem 
Sonnenlicht sehr gut sehen kann, was bekanntlich bei Albinos nicht der Fall ist. 

Haar fein, lockig, ganz hellblond, wie sogenannte Flachsköpfe, aber 
mehr mit gelbem Schein. Augenwimpern hellblond; Augenbrauenhaar aus- 
gerissen; Bart, soweit derselbe nicht ausgerissen, hellblond; Arme und Beine 
mit kurzem, feinkräusligem, ganz hellblondem Flaumhaar ziemlich dicht be- 
setzt, was aber wegen der hellen Haut nicht deutlich sichtbar ist, auf Brust 
und Rücken kaum bemerkbar. Scham mit hellbraunem, kräusligem Haar 
bewachsen. 

Die Physiognomie dieses Papua ist ganz europäisch, trotzdem aber von 
irgend einer Blutsvermischung nicht die Rede. 

Ich untersuchte diesen Mann wiederholt und zog, als ich nach Hula kam, 
eingehende Erkundigungen über die Familie ein. 

Die Eltern von Ewarinam sind beide dunkel. Der Vater ist ein 
kräftiger Mann, anscheinend im Anfang der 50er Jahre; Hautßlrbung etwas 
heller als No. 29; Haar schwarzbraun mit helleren Enden; Augen dunkel- 
braun, etwa wie No. 3. ^— 

Der Bruder dieses Mannes ist ebenfalls dunkel, zwischen No. 29 und 30. 

Die Mutter ist etwas dunkler als ihr Mann, mehr zu No. 28 hinneigend. 

In der ganzen Familie war kein Fall von Albinismus bekannt; die 3 
übrigen Eander dieses Eltcrnpaares sind dunkel, wie dieses. 



Ueber weisse Papaas. 207 

Die Frau von Kwarinam war eine kräftig gebaute Frau von ca. 25 Jah- 
ren, etwas heller als No. 29 gefärbt; Haar schwarz, schlicht; Augen dunkel. 
Mit dieser Frau hatte Kwarinam zwei Kinder: 

1. ein Mädchen, ca, 4— 5 Jahre alt; dunkel, zwischen No. 29 und 30, 
im Gesicht etwas heller; Haar dunkelbraun, an der Eudhälfte blond, in 
langen, schmalen Locken; Lippen hübsch blassroth; Augen dunkel. 

2. einenKnaben, ca. 2 Jahre alt, kaum heller als die Schwester; Haar- 
farbung ebenso, aber fein lockig; Augen dunkel. — 

In demselben Dorfe (Hula) lebte ein zweiter Albino, der übrigens in 
keinerlei Familienbeziehung zu Kwarinam stand und in dessen Familie eben- 
falls kein weiterer Fall von Albinismus bekannt war. Seine Eltern waren 
beide dunkel. 

Albino No. 2. Kräftig gebauter Mann von ca. 28— 30 Jahren. Fär- 
bung ganz wie bei Kwarinam, ebenfalls sommersprossenartig dunkel ge- 
sprenkelt, aber weit weniger; Haar hellblond, eine zarte, weiche Wolke bil- 
dend; Augen wie beim vorigen. 

Der Mann war auf einem Auge blind, konnte aber auf dem anderen, auch 
bei Sonnenlicht, vollständig gut sehen. 

In dem zu dem grossen Dorfe Keräpuno in Hood-Bai gehörigen Fischer- 
dorfe Alt-Hula, von Hulaleuten bewohnt, die vor der Zerstörung des Dorfes 
hier siedelten, traf ich zwei weitere Albinos, Kinder, von dunklen Eltern, 
die ausserdem zwei dunkle Kinder hatten. Weder in der Familie des Vaters, 
noch in der der Mutter sind Fälle von Albinismus vorgekommen. 

Der Vater war ein kräftiger Mann von ca. 35— 40 Jahren; Hautfär- 
bung wie No. 29; Haar schwarz, groblockig mit braunen Spitzen. Augen 
dunkel. 

Die Mutter ca. 30 — 32 Jahr alt, hatte dieselbe Hautfärbung, wie ihr 
Mann; Haar ganz kurz geschoren, schwarz. Augen dunkel. 

Die Kinder dieser Eltern waren nach dem Alter folgende: 

1. ein Sohn, ca. 16 Jahr alt, unbedeutend heller als die Eltern, zwischen 
No. 29 und 30. 

2. Albino No. 3, eine Tochter, ca. 9 Jahr alt. Schlank gewachsenes 
hübsches Mädchen, das ihrer Mutter bereits über die Achsel reichte. Haut- 
farbung No. 23; auf den der Sonne ausgesetzten Theilen, namentlich Brust 
und Knieen, stark roth tingirt; die vom Grasrock bedeckten Theile so hell 
i^ie der übrige Körper; etwas sommersprossenartig dunkel gesprenkelt. Haar 
schlicht, hellblond. Augen hellbraun (zwischen No. 3 und 4); das Kind 
konnte auch am Tage sehr gut sehen. 

3. ein Sohn, ca. 7 Jahre alt; dunkler als der Vater fast wie No. 28; Haar 
lockig, dunkelbraun mit hellen Enden. 

4. Albino No. 4, ein Sohn, ca. 5 Jahre alt; Hautförbung genau wie bei 

der Schwester (No. 3), ebenfalls, aber äusserst wenig dunkel gesprenkelt 

14» 



208 Otto Fiosch: Üeber weisjie Papuas. 

schlichtes, hellblondes Flachshaar; über den ganzen Körper ein zartes, 
weisses Milchhaar; die langen Wimpern weiss; Lippen schön roth, Wangen 
zart geröthet. Augen hell gelblichbraun. Das Kindchen schielte auf einem 
Auge, vras im Ganzen äusserst selten ist, konnte aber sehr gut sehen. 

Die Hautfärbung dieser Kinder war genau so hell, wie die meines Armes, 
und sie würden, modern angezogen, auch nicht, was den Gesichtsausdruck 
anbelangt, in irgend einer Weise von Kindern weisser Eltern zu unterscheiden 
gewesen sein. 



XIV. 
Zwei Grabsteleu von Pesaro. 

Von 

Dr. Ingvald Undset aus Christiania. 

Hierzu Tafel V. 



In seinem, an neuen weittragenden Gedanken und anregenden Ideen 
80 reichen Buche „Ucber die Anfänge der Kunst in Griechenland*' 
hat Dr. Milchhöfer ausgesprochen, dass die etruskischen Grabstelen von 
Bologna in vielen Hinsichten uns an die von Schliemann über den alten 
Gräbern in der Burg von Mykenae aufgefundenen Grabstelen erinnern, 
trotz dem grossen chronologischen Unterschiede, der stattfindet. Diese rühren 
aus einer vorhellenischeo , geradezu vorhistorischen Zeit her, jene gehören 
einer nicht mehr frühen etruskischen Epoche an, in dem Gebiete nördlich 
des Apennin; und doch bieten sich für die Betrachtung mehrere Vergleichs- 
punkte dar: in der Hauptform der Stelen, in der Art der Bearbeitung, in 
den Ornamenten, in der Anordnung und auch im Inhalt der Darstellungen. 
Bemerkenswerth bleibt dabei, dass solche Stelen im eigentlichen Etrurien, 
südlich des Apennin, nicht aufgefunden worden sind. 

Aof meiner Studienreise durch das adriatische Küstengebiet Italiens 
kam ich im letzten Juni auch nach Pesaro, und sah dort in der Biblioteca 
Oliveriana die zwei Stelen, die ich hier veröffentliche. Ich gehe sofort 
zur Beschreibung dieser hochinteressanten Denkmäler über. 

Figur 1 — 3 auf Tafel V stellen das grössere Exemplar dar, Vorder- 
seite, Rückseite und Randseite. Die Stele ist, wie man sieht, oben voll- 
ständig und dort am breitesten, verjüngt sich nach einem kleinen Absätze 
nach unten, ist aber leider hier abgebrochen; was wir übrig haben, ist 
0,90 m hoch; die Breite beträgt 1,46 m oben, 1,48 m unten; wie viel fehlt, 
lässt sich vor der Hand nicht feststellen. Die Dicke ist etwa 11 cm. Die 
Steinart ist ein ziemlich weicher Sandstein. 

Von den Darstellungen auf der figurenreichen Vorderseite nimmt zuerst 
die Abbildung eines grossen Schiffes unsere Aufmerksamkeit in Anspruch. 
Der Kiel läuft vorn wie ein Stachel aus; der Vorderstefen ist hoch empor- 
ragend, nach vorn gebeugt, wie ein Vogelhals, und endet scheinbar als ein 
Kopf mit Hörnern; der Hinterstefen ist nicht mehr deutlich; das Steuer- 



210 Ingrrald üodset: 

rüder ist aber hier bestimmt wahrnehmbar. Mitten im Schiff steht der 
Mast, mit einem grossen viereckigen, quadratisch eingetheilten Segel; Taue 
laufen vom obersten Rande des Segels nach beiden Stefen. Im Schiffe 
sehen wir 15 Mann, alle in derselben Stellung, wie sitzend, mit vor- 
gestreckten Armen, rudernd, dargestellt; nur in der Mitte deuten schräge 
Striche vier Ruder an. In der Mitte, am Mast, hat man wahrschein- 
lich auch eine stehende Figur zu erkennen, die mit dem Segel beschäftigt 
ist. Unter dem Schiff sind 5 Fische gezeichnet. Unterhalb des grossen 
Schiffes sehen wir zwei kleinere Schiffe offenbar im Kampf; sie liegen gegen 
einander an, so dass die Vorderstefen sich kreuzen. Die Form ist im 
Ganzen wie die des grossen Schiffes, nur dass diese kleineren ohne Mast 
und Segel sind. Das Steuerruder ist nur bei dem linken angegeben; bei 
dem Schiffe rechts, das seine linke Seite uns zuwendet, müssen wir uns 
das Steuerruder an der anderen Seite denken; an beiden Schiffen 
scheinen 4 schräge Striche an der Schiffsseite Ruder anzudeuten, wie an 
dem grossen Schiffe oben. In diesen Schiffen stehen kämpfende Personen: 
in dem links drei (und hinter diesen vielleicht noch am Ruder eine sitzende 
Figur), in dem grösseren Schiffe rechts fünf Personen; alle schwingen 
Schwerter; ob die runde Form, die den Körpern gegeben, dadurch zu er- 
klären ist, dass die Männer schildtragend aufzufassen sind, scheint nicht 
ganz klar. Links sind unter diesen Schiffen 6 Fische. Rechts sieht man vier 
schreitende menschliche Figuren, die etwas tragen; diese sind umgekehrt 
gezeichnet, so dass sie die Füssc gegen den Schiffskiel wenden; ihre 
Köpfe fehlen, indem der Stein gerade hier abgebrochen ist. 

Oberhalb, vorn und hinten vom grossen Schiff sind mehrere zum Theil 
unklare Darstellungen. Rechts oben stehen zwei Menschen-Paare: die einen 
wenden sich gegen einander, die anderen folgen einander nach; in beiden 
Paaren sind die zwei Figuren durch eine Linie verbunden. Links vom 
grossen Schiff sehen wir drei Menschen, die mit etwas beschäftigt sind, 
was als eine grosse viereckige Flache, innen mit parallelen Zickzacklinien 
angefüllt, gezeichnet ist; das soll vielleicht ein Netz darstellen und somit 
eine Fischerei-Scene. Weiter oben eine räthselhafte Figur: von einem 
Mittelstück, das oben in 3 kleine Zungen ausläuft, gehen unten zwei lange 
gebogene Arme aus. Zu oberst erkennt man ein Thier, auf dem Rücken 
liegend, zwei Menschen stehen oberhalb; links davon sind zwei kleine 
Thiere, das eine mit einem langen Schwanz; vielleicht Jagdscenen? — 
Alles ist nur in Umrisszeichnung dargestellt, und wie man sieht, ganz roh. 
Die Verwitterung des Sandsteins hat viele Linien verundeutlicht, so dass 
mehrere Einzelheiten nicht mehr klar zu erkennen sind. 

Die ganze Rückseite ist mit Spiralornamenten gefüllt, in eigenthümlicher 
Verschlingung, so dass in jedem Spiralknoten Linien aus zwei Spiralen 
zusarammenlaufen und davon wieder in zwei andere Spiralen übergehen; 
echte, wirklich aufgerollte Spiralen kommen eigentlich nur an beiden Enden 



Zwei Grabstelen Ton Pesaro. 211 

der obersten Reihe vor; die anderen sind nur spiralartig in einander ein- 
gehakte Doppellinien, je zwei und zwei. Diese Seite des Steins hat von 
der Verwitterung sehr gelitten, namentlich an den Rändern; nur am ober- 
sten Rande ist ein grähtenförmiges Ornament sichtbar, das gewiss diese 
ganze Seitenfläche einrahmte. 

An den Schmalseiten laufen ähnliche Ornamente: zwei Reihen spiral- 
artiger Doppellinien, durch eine in der Mitte hervortretende Kante getrennt. 

Dieser merkwürdige Stein wurde um 1860 ausgegraben, 4 Miglien süd- 
lich von Pesaro, bei San Nicola nel Valmanente, unter der Höhe des 
Dorfes Novilara, oder genauer auf der halben Höhe der Hebung von San 
Nicola gegen Novilara. An dem Fundorte war früher Wald, jetzt sind 
Vignen da, aber die Localität trägt noch den Namen Selva di San Nicola. 
Der Fundort liegt jetzt etwa 1 km vom Meeresufer entfernt; das Land ist 
aber hier, wie überall an der oberen italisch-adriatischen Küste, stark an- 
gewachsen, so dass das frühere Ufer ziemlich nahe an San Nicola lag; der 
Weg, welcher von Pesaro nach Fano führt, wird etwa die ältere Küsten- 
linie bezeichnen. Der Stein lag nur zwei Fuss tief in der Erde; doch war 
er vielleicht früher tiefer, indem die oberen Schichten bei Wegräumung des 
Waldes und Anlage der Vignen natürlich viel umgegraben worden. Nach 
dem Bericht des Finders lagen in der Erde an dieser Stelle vielfach Frag- 
mente von Thongefassen, Menschenknochen und „sostanze carbonate.^ 

Der Stein wurde durch Vermittelung des Herrn F. Odorici, damals 
Bibliothekars der Biblioteca Oliveriana in Pesaro, 1871 in Bologna während 
der dortigen Session des internationalen archäologischen Kongresses aus- 
gestellt; bei dieser Gelegenheit wurde dies Denkmal aber nicht zum Gegen- 
stand einer Verhandlung gemacht; es scheint nicht, dass Jemand damals 
eine bestimmte Meinung darüber geäussert hat. Allein Worsaae, der an 
dem Kongress von Bologna Theil genommen hatte, soll kurz danach in der 
Gesellschaft für nordische Alterthumskunde in Kopenhagen einige Bemer- 
kungen über dies Denkmal mitgetheilt haben i); dieselben sind aber nicht 
publicirt und der Inhalt ist mir unbekannt; wahrscheinlich hat er zunächst 
auf die auffallende Aehnlichkeit dieser Darstellungen mit den nordischen 
Felsenbildern (Helleristninger) aufmerksam gemacht. 1873 hat Odorici 
diesen Stein veröflFentlicht und abgebildet^), ohne aber zu wagen, eine Mei- 
nung über Zeit und Stilcharakter zu äussern ; er theilt mit, dass er Abbil- 
dung an mehrere hervorragende Archäologen Italiens und des Auslandes 
geschickt habe, aber Niemand habe eine bestimmte Ansicht aussprechen 
können. Es war eben zu der Zeit noch nichts ähnliches bekannt, so dass 
wir wohl verstehen können, dass man nicht wusste, wie man dies Monu- 
ment auffassen sollte. Indessen scheint die Publikation von Odorici, — 



1) Hemoires de la societe les antiquaires da Nord. 1871. S^auces. 

2) F. Odorici: Di una pietra figurata, a forma di stele, discoperta a Pesaro 
(in: Oioraale di eradizione artistica, 11, 1873, Perogia). 



212 lüfrald Undset: 

in einer provinziellen nicht-archäologischen Zeitschrift — unbeachtet und 
wieder ganz vergessen worden zu sein; ich halte es deshalb für nützlich, 
hier die Abbildungen dieser Stele zu wiederholen, zugleich mit der einer 
zweiten, früher nicht publicirten ^). 

Figur 4 auf Tafel V stellt diese andere etwas kleinere Stele dar, Vorder- 
seite und Randseite. Sie hat dieselbe Form, wie die erste, oben am breite- 
sten, nach unten sich verjüngend; auch sie ist unten leider unvollständig. 
Die Breite ist oben 0,96, unten 0,82 //i. Die Höhe des erhaltenen Stückes be- 
trägt 0,75 fn; nach der Anordnung der Ornamente können wir schliessen, dass 
mindestens ein Stück von 0,25 m abgebrochen isL Der omamentirte Theil 
ist also von etwa 1 m Höhe gewesen. Dazu kam das nicht omamentirte 
Stück, was in die Erde eingesetzt sein sollte. Auch dies Exemplar ist 
von demselben Sandstein wie das erste; die Platte ist 10 cm dick. 

An diesem Exemplar ist nur die eine Seitenfläche decorirt und zwar 
mit Spiralornamenten von Doppellioieo, hier in klarer, durchdachter An- 
ordnung *). In der Mitte ist ein viereckiger Raum mit drei schrägen Spiral- 
linien ausgefüllt, durch Reihen von kleinen schrägen Strichen getrennt; die 
zwei leeren Eckräame sind mit Spiralschlingen ausgefüllt, die ganz an die 
Form der sogenannten brillenförmigen Bronzespiralschliogen unserer prä- 
historischen Funde erinnern. Ausserhalb dieser Mittelpartie laufen parallel 
mit den Kanten zwei Spiralreihen. Alle diese drei Abtheilungen der Fläche 
sind durch dasselbe grähtenförmige Strichomament eingerahmt, was wir 
auch an der Rückseite der ersten Stele bemerkt haben. Die Schmalseiten 
sind mit einer einfachen Spiralreibe decorirt. Die Rückseite dieses Steins ist 
ganz ohne Decoration. 

Wie man sieht, sind dis Spiralen an dieser Stele klarer gezeichnet 
wie an der ersten; hier kann man immer die eine Linie im Zusammenhang 
verfolgen; die andere Linie scheint in die Knoten an beiden Seiten wie 
eingehakt. Die Eckschlingen in der Mittelpartie, von einer ein&chen 
Linie gebildet, haben regelmässig aufgerollte Spiralen. 

Dies Exemplar wurde um 1865 gefanden, in der Nähe von Novilara« 
nicht weit von der Stelle, wo der erste Stein gestanden hatte. Das Grund- 
stück, wo diese zweite Stele eingegraben war, führt den Namen La tomba, 
weil dort viele Gräber und Menschenknochen gefunden sind. Odorici hatte 
auch von]^der Existenz dieses Exemplars gehört, es aber nicht gesehen, so 
dass er keine Beschreibung oder nähere Nachrichten geben konnte ; es diente 

1) Den Abbildan^en Fig. 1 — 3 auf ooserer Tafel V sind die von Odorici {^egebeoen 
Lithographien ond eine, allerdings sehr massige Photographie za Gmnde geleimt Die Ab- 
biidang der zweiten Stele Fig. 4 ist nach einer Photographie, die ich in Pesaro dorch 
die gütige Vermitteloog des Herrn Professor Grossi, des jetzigen Bibliothekars der OU?e- 
riana, habe anfertigen lassen. 

2) Man könnte Ticlleicht hieraus schliessen wollen, dass diese kleinere die ältere sei; 
jedoch kann der Zeit -Unterschied nnr so unbedeutend sein, dass man an diesem Punkt nicht 
D&ber au verweilen braucht. 



Zwei Grabstelen Ton Pesaro. 213 

damals als Tischplatte im Garten des Pfarrers in Novilara; nachher ist 
auch dies hochwichtige Monument vom Untergang gerettet worden und 
wird jetzt in der Biblioteca Oliveriana in Pesaro mit dem andern auf- 
bewahrt. 

Ich habe jetzt nicht die Müsse, diese zwei Denkmäler in erschöpfender 
Weise zu besprechen; wenn ich die mehrjährige Studienreise, auf der ich 
mich noch befinde, beendet und zu der nöthigen Literatur Zutritt habe, 
werde ich darauf zurückkommen; speciell werde ich dann die Schifisfiguren 
einer näheren Untersuchung unterziehen, in ihrem Verhältniss zu den 
ältesten Scbiffsdarstellungen auf den ägyptischen und phönicischcn Monu- 
menten, sowie zu verschiedeneu sehr alten Münztypen aus dem inneren Mittel- 
meergebiet, und innerhalb der Gruppe des Kunststyls der Dipylon-Yasen. 
Da ich aber eben jetzt die Abbildungsmaterialien bekommen habe, halte ich 
es für wünschenswerth, sie sofort zu veröflFentlichen. Der Beschreibung der 
Objecte luge ich hier nur noch einige vorläufige Bemerkungen und An- 
deutungen bei. 

Dass diese Steine Grabstelen sind, ist unzweifelhaft; nach den Be- 
richten scheint es, als ob zugleich Gräber an den Fundstellen aufgedeckt 
worden sind, von deren Inhalt aber leider nichts erhalten worden ist. 

Wir können verstehen, wie vor 10 — 12 Jahren, als Odorici die erste 
Stele einigen Archäologen in Abbildung vorführte, man nichts damit an- 
zufangen wusste. Dank den Funden Schliemann's in Mykenae ist uns 
jetzt eine neue, reiche, grosse Culturgruppe erschlossen worden, die unseren 
Gesichtskreis über die ältesten Verbindungen der Völker im inneren Mittel- 
meergebiet und ihre Culturbeziehungen im ungeahnten Grade erweitert hat; 
mehrere Forscher sind jetzt ernstlich an die Arbeit gegangen, diese Gruppe 
zu durchforschen, ihren Ursprung und ihre Entwickelungsgeschichte näher 
ans Licht zu rücken. 

Jetzt ist es nicht mehr schwer zu erkennen, dass diese zwei Grab- 
stelen in nächster Beziehung zu der Gruppe der mykenischen Alterthümer 
stehen. Die Spiralornamentik, die Weise wie an der Rückseite der ersten 
Stele mehrere Spiralknoten mit einander verbunden sind, die Art der Arbeit, 
indem die Linien in ganz niedrigem Relief herausgearbeitet sind ^), endlich 
auch die Hauptform, — Alles erinnert uns bestimmt an die ^ykenae- 
Gruppe, während wir sonst nichts Aehnliches kennen. Die figürlichen Dar- 
stellungen auf der Vorderseite des grösseren Steines werden wohl noch 
ziemlich alleinstehend innerhalb dieser Gruppe sein; die Zeit wird aber 
ho£Pentlich mehr ähnliches Material bringen. Die am meisten ähnlichen 
Darstellungen bieten uns, wie schon berührt, die nordischen Felsenbilder 
(Helleristninger). 

Alterthümer, die in näherer Beziehung zu der Mykenae-Gruppe stehen, 

1) "Wie oben bemerkt, sind aber die Figuren an der Vorderseite der grösseren Stele nur 
UinrisszeicbnuDgen mit eingeritzten Lioien. 



214 



fDf^Tald ündset: 



waren bisher in Italien nicht bekannt*). Es oxistirt jedoch nocb ein Stuck, 
was in diesem Zusamtneti hange vorgeführt werden nmss, nriralich der in 
llokschnitt 1 abgebildete Stein. Gozzatlini hat zuerst denselben be- 
schrieben als eine Grabstele; er ist in der Stadt Bologna selbst ^g- 
fanden. Die Darstellung ist eine merkwürdige: um eine Süule iu der Mitte 
sind zwei Thiere wappenartig angeordnet. Der uaterste Tb eil des Steins ist 
abgebrochen; scheinbar aber sind die Tbiere an den Hinterfiissen sitzend 

Hokschn. 1. 



^•VO 



1) Ich beniitie diese Gelegenheit, um auf ein^n allgemeinen Irrthinu aufmerksam zu 
machen. Im Aotiqnitriiim lu Münclieii befindet nkh ein eigenthömlicbes OelasB^ iba all- 
gemein als eine Art U:iusurne tnif^efasst wurde: sieben runde Hütten stehen auf einer Art 
Pbttform, die nnf 4 Beinen ruht, und umgeben einen offenen Hof in der Mitte : vorn ist ein 
Portal» Miin hat an einen Pf^ihlban jredacht. Aussen ist da» iiefä^s mit Spiralornamenten 
versehen. Dieser merkwürdige Gegenstand ist bei Linden seh mit, Altertbomer, 1, X 
lif, Fi|^. B abj^ebildet als ein Tbon^efüs<% aus Älbano; so wurde nämlich früher im Antit^uarinm 
tingegebfn. Es ist anietzt bei Virehow: Üeber die Zeitbestimmung der Haufturnen, 
Seite 7 und 13 «lederholl, Wie ich aber Tor Kurzem in München erfuhr, hat genauere 
Nachforschung ergeben. da$s dies ein Irrtbntn ist; in der Ausgabe von 1883 de.*; Führers 
durch d:is K. Antiqnarinm iu München^ von W.Christ und J* Lauth, heisst es jeUt 
S. 25 von diesem Gefäss: ^Grahcrefass von Topfstein, in einem alten^ wahrscheinlich kari- 
scben, Felsengrab der Insel MiJo (Melos) gefunden.* Wenn es hier kariach beisst, so ist das 
wobl mit Beziehung auf Koehler's Abhandlung in den MittheiL des archäol. Inst, in Athen 
jj^eschebeUf wo er die Ansicht tvk begründen versucht hat, dass die Mjkenae-Gräber karisehen 
Seeriubero zuiuscbreiben sind, — Sicher scheint es also, dass wir den Monumenten vorrath der 
Mykenae- Gruppe auch mit diesem Topfsteingefäsa von Meios ku bereichern habeD. 



J 



Zwei Qrabstelen von Pesaro. 215 

dargestellt; ihre Körper sind längs der Säule in die Höhe gestreckt; mit 
den YordcrfÜsscn stutzen sie sich an einem volutenartigen Absatz an der 
Säolc; ihre Köpfe sind nach hinten gedreht; sie sehen Kälbern am meisten 
ähnlich. Die Säule endet nach oben kapital-ähnlich und ist mit einer 
palraettenartigen Krönung abgeschlossen. Die Darstellung ist identisch^an 
beiden Seiten des Steins; indem der Kucken der Thiere und die krönende 
Palmette zugleich die Contouren der Platte ausmachen, bildet das Ganze 
mehr eine Vollbild-Gruppe, als ein doppelseitiges Relief. Brizio hat, glaube 
ich, zuerst ausgesprochen, dass diese Darstellung an das bekannte Re- 
lief vom Löwenthore in Mykenae erinnere*). Bekanntlich sind in neuester 
Zeit in Kleinasien zwei ähnliche Reliefs entdeckt worden, auch über Thoren 
angebracht. Nun hat Zannoni mir mitgctheilt, dass dieser Stein gefunden 
worden ist eben an der Stelle, wo die alte „umbrische" Stadt gegen den 
kleinen Fluss Aposa (der jetzt mitten durch Bologna unterirdisch fiiesst) 
ihre Grenze gehabt haben muss, wo wir also ein Thor anzunehmen haben; 
die Stelle ist in der Nähe der bekannten zwei schiefen mitteralterlichen 
ThQrme; alte Gräber sind erst eine Strecke weiter aussen gefunden worden. 
Die Annahme liegt also ganz nahe, dass dieser sculpirte Stein von einem 
Thor des aller-ältesten Bologna herrührt; die Form, nach oben sich ver- 
jüngend, passt auch zur Einfügung in einen über dem Thore ausgesparten 
dreieckigen Raum, ganz wie an dem Thore von Mykenae und den ge- 
dachten kleinasiatischen Thoren. 

Diese Monumente reichen einander jetzt die Hand und eröffnen uns 
neae hochinteressante und weite Perspectiven: Zur Zeit der mykenischen 
Cultur im griechischen Archipel drangen bereits dreiste Seefahrer tief ins 
adriatische Meer; an der Küste bei Posaro haben sie uns reich dekorirte 
Grabstelen hinterlassen, mit Spiralschlingen im Mykenae-Styl, mit Figuren, 
die ihre Schiffe darstellen, Scenen von Kampf und vielleicht aus ihrem 
Leben an dem fremden Ufer, von Fischeroi und Jagd. Wenn wir fragen, 
welchem Volke diese Seefahrer wohl angehört haben können, liegt es ja am 
nächsten, an Phöniker zu denken, die zu der Zeit und noch lange nachher 
die Rolle ausfüllten, Handels- und Industrieprodukte, Impulse und Samen- 
korner der Cultur von Volk zu Volk an den Ufern des Mittelmeers zu 
übertragen und zu verpflanzen. Das uralte Thorrelief von Bologna tritt uns 
als das erste Zeugniss entgegen, wie auch diese Einflüsse von der Küste 
ins Innere weiter vorgedrungen sind. Jetzt fällt auch neues Licht auf die 
Analogien der Certosa-Grabstelen mit denen von Mykenae; sie stehen einander 
nicht mehr so fern: unsere Stelen von der Küste bei Pesaro fallen in 
die geographische Lücke hinein; fernere Funde werden hoffentlich auch 
die chronologische mehr füllen. Ein derartiger Fund ist schon im letzten 
Jahre gemacht: auf dem Grundstück Arnoaldi, wo die Gräber bedeutend 

1) In einer Abhandlung: Monumenti archeulogici della proTincia di Bologna, 
enchienen in einer Pablication von 1881 des Club Apennino iu Bologna. 



216 IngTald Undset: 

älter sind als in der Certosa, ist ein Fragment von einer figurirten Stele 
entdeckt worden, die bedeutend älter scheint als die von der Certosa. In 
den Darstellungen zeigt sie auffallende Uebereinstimmungen mit einer eben- 
falls dort entdeckten neuen figurirten Situla, die auch noch nicht publicirt, 
aber älter ist, als die von der Certosa. Diese Stele wird wohl Zannoni, bei 
dem ich eine Photographie davon sah, nächstens publiciren. — Die Sitte, 
Gräber mit derartigen sculpirten Stelen auszustatten, ist also schon in 
mykenischer Zeit an die adriatische Euste direct übertragen worden und 
hat dort lange Zeit fortgelebt, noch bis in die verhältnissmässig späte etrus- 
kische Zeit herunter, gegen das Jahr 400. So wird es auch verständlich, 
dass wir solche Stelen im eigentlichen Etrurien nicht wiederfinden. 

Fernere Entdeckungen und Forschungen müssen uns über die wahre 
Art und Bedeutung dieser überseeischen Einflüsse auf das norditalische 
adriatische Küstenland belehren, ob wir nicht nur mit „Cultureinflüssen'^, 
sondern auch mit einem Eindringen von Volkselementen zu rechnen haben, 
ob Eigen thümlichkeiten in der Cultur der ältesten Bologneser Nekropolen 
auch unter diesem Gesichtspunkte aufzufassen sind u. s. w. Die Traditionen 
des klassischen Alterthums hatten keine klaren Erinnerungen mehr an solche 
Vorgänge hier; handelt es sich doch auch um Verhältnisse, die mindestens 
etwa ein Jahrtausend vor Christo fallen! 

Das Erste aber, was die Forschung auf diesem Punkte erwarten kann, 
ist, dass Ausgrabungen in den Grundstücken, wo diese Stelen gefunden 
worden sind, vorgenommen werden. Die Fundberichte sprechen ja davon, 
dass die Bewohner der Gegend an diesen Stellen vielfach Gräberreste und 
Alterthümer beobachtet haben. Ohne Zweifel werden die italienischen 
Archäologen sich in Bewegung setzen, nachdem die Aufmerksamkeit auf 
diese merkwürdigen Fundstellen nun hingelenkt worden ist. 

Einen Punkt will ich hier noch berühren. Es ist bekannt, dass an 
mehreren Orten des westlichen Mittelmeers, und noch weiter, eine Reihe 
von grossen merkwürdigen Steindenkmälern erhalten ist, auf Malta, Sar- 
dinien, den Balearischen Inseln, in Apulien, Spanien und noch weiter bis 
Frankreich, Irland und England; mehrere von diesen Monumenten erinnern 
an die Tholosbauten der Mykenae-Gruppe, an anderen finden wir Spiral- 
monumente, die jetzt unsere Gedanken in dieselbe Richtung lenken ^). In 
äusserster Reihe kommen auch hier die Felsenbilder der nordischen Bronze- 
zeit in Betracht. Der alte Nilsson, der Nestor unserer paläo- ethnologischen 
Forschungen, hat das meiste von diesem Material zusammengefasst und für 
seine phöuikische Bronzezeit-Theorie verwerthet. In dem Sinne, wie Nilsson 
vor 50 Jahren seine Theorie formulirt hat, wird sie nicht mehr erstehen; 

1) Sophus Maller bat auch neuerdings iu einer Abhandlung über die Alterthümer 
von Mykenae (in den dänischen Jahrbächern von 1882) dieses Monumeuten-Zusammenbangs 
gedacht und auch auf die analogen Erscheinungen innerhalb der liykenae-Cirup^e und der 
nordischen Bronzezeit hingewiesen. 



Zwei Grabstelen ▼on Pesaro. 217 

weDD wir aber viele Phänomene in jener fernen Epoche, welche die Bronze- 
zeit in Mittel- und Nord-Europa umfasst, erforschen und erklären wollen, 
wer3en wir gewiss auch mit den ausgedehnten Reisen und Handelsbezie- 
huDgen der Phöniker zu rechnen haben. 

Es besteht ein äusserer merkwürdiger Parallelismus zwischen der 
aiykenischen Culturgruppe in der griechischen Welt und der älteren nordi- 
schen Bronzezeit: auf beiden Gebieten tritt eine glänzende, reiche Cultur, 
mit grossen technischen und künstlerischen Mitteln auf, um nachher wieder 
zu verschwinden, ohne sich in der folgenden Entwicklung fortzusetzen; sie 
stirbt aus, fast ohne der folgenden Zeit etwas von dem in technischer und 
kOnstlerischcr Hinsicht Errungenen zu hinterlassen. Wenn später die Ent- 
wickelungen beginnen, die nachher in der historischen Blüthezeit ihre Früchte 
setzen, fangen sie so ziemlich von Neuem an. 

Ob und wie ein innerer Zusammenhang zwischen diesen Parallelen 
stattfindet, können wir noch nicht darlegen; unsere Forschungen sind noch 
nicht weit genug vorgeschritten, unser Material reicht noch nicht aus und 
fehlt gerade vollständig aus dem wichtigsten Zwischengebiet. Aber einige 
Facta können doch hervorgehoben werden: wie noch in homerischer Zeit 
Thrakien eine ganz andere Rolle spielt, uns als ein ganz anderes Cultur- 
land entgegentritt, als in der späteren historischen Epoche, wo es halb Bar- 
barenland geworden; wie Scherben mykenischer Thongefasse in Thrakien 
und selbst in Siebenbürgen gefunden worden ; wie die drei Alterthumsgruppen, 
innerhalb welcher die Spiralornamentik eine Hauptrolle spielt, gerade die 
Mykenae-Gruppe, die ungarische und die nordische Bronzezeit sind; wie in 
der Ornamentik dieser Gruppen schlagende Detailübereinstimmungeu sich 
wiederholen. 

Die wahre Bedeutung dieser Analogien und Uebereinstimmungen ver- 
mögen wir aber noch nicht zu überblicken. 

Salzburg, 15. September 1883. 



Nachsclirift. 

Als ich vor 10 Tagen diesen kleinen Artikel in Salzburg schrieb, ohne 
ein Bach bei mir zu haben, erinnerte ich mich nicht klar, wie es sich mit 
den ältesten Bologna-Stelen vorhält. Indem ich mich jetzt wieder in 
Bologna befinde, supplire ich das oben Angeführte mit Folgendem. Mehrere 
von den Bologna^Stelen, die kleineren und offenbar älteren, rühren nämlich 
auch Ton dem Grundstück Arnoaldi her; sie sind meistens ohne Ornamente 
oder mit einer einzelnen Figur u. s. w. Unter diesen kleinen Arnoaldi-Stelen 
befindet sich aber speciell ein Stück, welches in jeder Beziehung die Lücke 
aosfbllt. Auf der Vorderseite ist diese Stele, wie umstehender Holzschnitt 2 
deutlich macht, mit Kreis- und Spiralornamenten dekorirt, sowie mit fünf 




1) GoEiftdioi: IntorDo agli Rcav» artheoloRici fatti dal Sij?. A. Amoaldi 
Veli» ßülo^a 1877, Tav. XIII. Fip. 7, wooach iiDsere Abbildung gemacht ist, mit Correcturen 
nach dem Original. i>ie ganze Dekoration Ut auch hier in jß[anz flachem U<"Hef gegeben 
oder wie tnit hjeit ausgearbaiteteu Coutourlinieu peieichnet. Erst wpüti wir uns die g&m& 
Fläche ausserhalb der Figuren bis tnr Tiefi* der Umrisslinien weggemeissclt denken^ treten 
die Bilder id flachem Relief herror» ^^o ist das Verhältuiss an deu Uykenae-Steten und aD 
den am sorgfälligsteu ausgelübrleo spateren von liologiiii. 



■ 
I 



ik 



H 



Zwei Orabstelen von Pesaro. 219 

and Pesaro und den bogenförmigen von der Certosa. Nachstehende Umriss- 
zeichnung (Holzschn.S) stellt die Form der jüngeren Arnoaldi- und der Certosa- 
Stelen dar. Holzschnitt 4 zeigt die Form einiger bei Arnoaldi vorkommenden 
grossen kugelrunden Stelen mit Basis. Dieselbe Form kehrt auch im eigent- 
lichen Etrarien wieder, z. B. bei Orvieto , aber in ganz kleinen Exemplaren. 
Holzscbn. 3. Holzschn. 4. 





Man sieht, dass Figur 3 und 4 dieselben Contouron zeigen. Haben dann 
die eigentlichen Certosa-Stelen ihre Platten form von der älteren nord- 
apenninischen Form, die uns in den Pesaro - Exemplaren und den ältesten 
Amoaldi-Stelen in der Form, wie Holzschuitt 2, entgegentritt, ihre Con- 
to uren aber von der auch in Etrurien vorkommenden kugligcn, vollen 
Stelen-Form (Holzschn. 4) bekommen? 

Conestabile hat in seiner Abhandlung Sovra due dischi etc. die 
Pesaro-Stelen erwähnt, die Schififsdarstellungen mit denen der griechischen 
Dipylon-Yasen verglichen und auf die angenommeneu Eriegszuge von Mittel- 
meer -Völkern nach Aegypten unter Ramses II hingewiesen, sie aber nicht 
ausführlicher besprochen oder bestimmter charakterisirt. 

In seinem grossen Werke Gli scavi della Certosa hat Zannoni 
ebenfalls der Pesaro-Stelen Erwähnung gethan, p. 121, Not. 10, und sie als 
wahrscheinlich „umbrischen Ursprungs*' hingestellt. 

Bologna, 27. October 1883. 



Besprechungen. 



A. Bastian: Amerikas Nordwestkuste. 

Zorn ersten Mal erbalten wir in dem TOrlie^nden Prachtwerk ein Bild von der eigen - 
thämlichen Gultnr der Indianerstärame Nordwest-Amerikas, von der wir bis dabin fast nur 
durch die kleinere Arbeit Ton Dawson (Report on the Queen Charlotte Islands 1878) einige 
Kunde erhalten haben und deren Erzeugnisse Tor Kurzem in den europäischen Museen bei- 
nahe gänzlich fehlten. — 

Während seines Aufenthaltes in Portland (Oregon) war der berühmte Verfasser von 
Neuem auf das betreffende Qebiet anfmerksam geworden, und mehr noch wie anderswo drängte 
sich ihm die Wahrnehmung auf, dass hier ein hochinteressantes Stuck ursprünglichen Cultnr- 
lebens in Gefahr war, verloren zu gehen und vergessen zu werden. Seinen eifrigen Be- 
mühungen gelang es nach seiner Rückkehr, diejenigen Kreise Berlins, die schon mehrfach 
wissenschaftliche Unternehmungen durch ihre gern gewährte Unterstützung gefördert haben, 
für seine Pläne zu interessiren, und es glückte ihm ferner, in der Person des Herrn Jakobsen 
einen Reisenden zu finden, der mit Geschick und Verständniss die ihm gestellte Aufgabe 
löste. — Wem es vergönnt war, die im vorigen Sommer nach Berlin gesandte Sammlung von 
ethnographischen Gegenständen aus dem Gebiet der Haida- Indianer auf den Queen Charlotte 
Inseln zu besichtigen, wird überrascht gewesen sein nicht nur von der Reichhaltigkeit, son- 
dern auch von der verständnissvollen Auswahl der Gegenstände in der Sammlung, die, ausser 
den noch vor hundert Jahren allgemein im Gebrauch gewesenen Werkzeugen aus Knochen 
und Stein (die jetzt für die Eingeborenen nur noch als Reliquien Werth haben), alle die 
kunstvoll gearbeiteten Geräthe des Krieges, der Jagd, des Fischfangs und der Hausindustrie, 
wie auch die Symbole des Scharaanenthums und die eigenthümlichen Wappenbilder — To- 
tems — in einer grossen Mannichfaltigkeit nmfasste. — Die in dem vorliegenden Werke ge- 
gebenen prächtigen Abbildungen einiger ausgewählter Stücke dieser Sammlung, welche durch 
ausführliche kritische Beschreibungen der Herren Dr. Grünwedel und Krause erläutert 
werden, sprechen in ihrer Vorzüglichkeit für sich selbst Was Referent nur noch nach eigenen 
Erfahrungen in benachbarten Gebieten hervorheben möchte, ist dies, dass diese Sammlung, 
die erste, welche einigermassen erschöpfend die Cultur des Haidavolkes in ihrer natürlichen 
Ursprünglichkeit darstellt, höchst wahrscheinlich auch die letzte ist, die in einer der Wissen- 
schaft nutzbringenden Weise zusammengebracht werden konnte. Bis vor wenigen Jahrzehnten 
hatten die tfaidas und die benachbarten Völker der Tachimsean und Tlingit, trotz des leb- 
haften Verkehrs, den sie seit längerer Zeit mit Russen und Engländern unterhalten hatten, 
ihre Individualität fast unverändert erhalten; aber seitdem das frühere Russisch-Nordamerika 
in die Hände der Vereinigten Staaten übergegangen ist, haben sich die Verhältnisse sehr 
geändert. Hier und dort in dem Gebiete entstanden Ansiedlungen der Weissen, industrielle 
Unternehmungen wurden gegründet. Schulen und Missionen folgten, und seitdem die regel- 
mässig an der Küste nach Norden fahrenden Dampfer nicht bloss den Geschäftsmann, sondern 
auch zahlreiche Vergnügungsreisende aus S. Franzisko und Portland, die allerorten die «Indian 
curiosities*' aufkaufen, zu den gletscherreichen Küsten Alaskas hinaufführen, seitdem ist 
der Verfall der alten Sitten und Gebräuche ein so unaufhaltsam schneller geworden, dass 
ihr völliger Untergang nur eine Frage der nächsten Zeit ist. Von besonderem Einflui^s in 
dieser Hinsicht ist der Charakter des Indianers selbst, der die neue Civilisation mit Begierde 
aufnimmt; er ist zu klug, um sich nicht die Ueberlegenheit des weissen Mannes einzugestehen ; 
er sucht ihm ebenbürtig zu werden und zwar zuerst in Aeusserlichkeiten, in der Kleidung. 
Derselbe Indianer, den wir auf der Jagd in seinem kleidsamen Lederkostüm sahen, das seinen 
muskulösen Körper vortheilbaft zeigt, der auf weichem Mokassin geräuschlos durch das Waldes- 



BeBprechongen. 2S1 

dieldcht hindurchgleitet, präsentirt sich uns zu Haus« jedenfalls in einem schlecht sitzen- 
den Arbeitsanzuge aus dem Laden des Hindiers, mit groben Nägelschuhen an den Füssen 
und einem abgetragenen Filzhut auf seinem Haupte. Aber nicht nur auf Aeusserlichkeiten 
beschr&nkt sich sein Nachahmungstrieb; er hockt unter Knaben und Mädchen in der Schul- 
stube des Missionärs, um in die Geheimnisse des ABC einzudringen, er lernt Bibelsprüche 
answendig und singt einen Hymnus zum T^obe des Gottes der Weissen mit eben der Andacht 
und Erwartung auf guten Erfolg, mit der er früher die Beschwörungen der Schamanen an- 
hörte und im feierlichen Chorgesange die mystischen Manipulationen derselben begleitete. — 
Der Indianer der Nordwestkuste ist nicht zufrieden, sein Leben nothdürftig zu fristen; tiel- 
mebr ist der Trieb zu erwerben in ihm ausserordentlich entwickelt, und dem kann er nur 
«lurch engen Anschluss an die Weissen gerecht werden. Nicht nur, dass er diesen die Pro- 
dukte seiner Jagd und des Fischfanges verkauft, dass er den Zwischenhändler zwischen ihnen 
und den Indianervöikem des Inneren macht, er verdingt sich auch als Tagelöhner zu jeglicher 
Arbeit, er wird in den .Ganneries*, den Anstalten zur Herstellung von Fischconserven und 
Fischöl, beschäftigt, in denen er sich mit allerhand Maschinerie und Handwerkzeng vertraut 
macht, er hilft dem Händler bei Einkauf und Verkauf und befasst sieb als persönlicher 
"Diener mit Kochkunst und Aufwartung. Dem Prospector — Goldsucher — dient er als 
Führer und Träger auf Märschen in's unbekannte Innere und vermittelt die Communication 
zu den Goldminen; so namentlich in den sechziger Jahren nach den Caribou-M inen am oberen 
Fraserflusse, in den siebziger Jahren zu den Cassiare-Minen, zu denen der Weg von Fort 
Wrangel in Alaska den Stakblnfluss hinauf vorzugsweise in den Ganoes der Eingeborenen 
gemacht wurde und jetzt vom Lynnkanal zum Yukongebiet hinüber. In den Goldwäschereien 
selbst, z. B. in Junean City, werden sie als gute Arbeiter gern beschäftigt. — Seine altbe- 
währte Kunstfertigkeit in der Herstellung von Schnitzereien in Holz, Stein und Hörn hat der 
Indianer keineswegs vergessen, aber er bethätigt sie jetzt mehr in der fabrikmässigen An- 
fertigung von „curiosities*' zum Verkauf an die Händler und Besucher. Dabei hat er seinen 
Geschmack mehr nach dem des weissen Mannes geformt; er giebt seinen hölzernen Schüsseln 
und Geräthen fremde Gestalten und fremde Zeichnungen. Die hübschen, dauerhaft geflochtenen 
Körbe, Taschen und Hüte zeigen neue Formen und Muster, auf den silbernen Arm- un^ 
Fingerreif werden unsere Arabesken eingravirt und die Frauen und Mädchen sticken Blumen 
nach den vom weissen Manne erhaltenen Vorbildern auf die zierlichen Lederschuhe. — Wie 
die alte Kleidung und die alten Geräthe verändert werden, so verändern sich auch Sitten 
und Gewohnheiten. Unsere Kartenspiele treten an die Stelle des alten Stabspiels, die Kunst, 
das Feuerwasser zu brauen, ist dem Wilden nicht mehr fremd, Frauen und Töchter demo- 
ralisiren im Verkehr mit den niedrigsten Schichten der weissen Gäste und ansteckende 
Krankheiten bringen das Volk auch physisch herunter. 

Der Untergang der alten Cultur vollzieht sich unaufhaltsam überall, wo eine höhere 
Givilisation eindringt; aber an der Nordwestkuste Amerikas verknüpfen sich mehrere Ursachen, 
um diesen unvermeidlichen Prozess zu einem besonders raschen zu machen, Ursachen, die vor 
allen EHngen in den Charaktereigenschaften der ursprünglichen Bewohner, wie nicht minder 
in der Eigenartigkeit derjenigen Givilisation zu suchen sind, die im raschen Triumphzuge 
durch den amerikanischen Continent hindurch jetzt in dieses Gebiet gedrungen ist. — Um 
so mehr müssen wir dem hochverdienten Forscher Dank wissen, der mit scharfem Blicke 
das Rechte erkennend, noch in der letzten Stunde für die Wissenschaft die Reste einer 
untergehenden Cultur gerettet hat, deren näheres Studium von ganz besonderer Wichtigkeit 
für die Ethnographie Nordamerikas werden muss. Ehrend müssen wir auch die Bereit- 
willigkeit derjenigen Männer anerkennen, die in uneigennützigster Weise die erforderlichen 
Mittel zu einem Unternehmen hergegeben haben, dessen ausgezeichneter Erfolg, wie vor- 
liegendes Werk beweist, die kühnsten Erwartungen übertrofiTen bat. A. Krause. 



Arthur Milchhöfer. Die Anfange der Kunst in Griechenland. Leipzig. 
1883. 
Dieses interessante, in vieler Beziehung epochemachende Werk unternimmt es, gestützt 
auf die ältesten Reste der griechischen Kunst, ein Bild des ältesten Culturlebens der vor- 
hellenischen Völkerstämme zu entwerfen, zugleich aber auch die erzielten Resultate für die 

Zeitschrift für Ethnologie. Jahrg. 1883. 15 



232 EeaprechaDgea. 

Oesehicbte der Gesammtcultur za Terwerthen. Der Verfasser beg^innt mit der CbarakteriHirung 
der Funde von Mykenae aas fönf, von Schliemann innerhalb der ßarpr im Jabre 1876 auf- 
gefundenen Schacbtgr&bem: es sind Schmuck- und Geräthsachen , welche die verschieden- 
artigste Ornamentimng zeigen. Gerade die Gliederung dieser mannichfaltigen Elemente, die 
vortrefflich angelegte Gruppirung der verschiedenen Formen bat dem Verfasser die bedeutend- 
sten Resultate ermöglicht. Da ist in erster Gruppe eine „orientalische*' - Richtung, welche 
assyriscb-lgyptiscbe Formen bietet und sofort ausgeschieden wird, daneben aber eine zweite 
rein ornamentale, deren Hauptformen die Spirale, welche auch zu Knauf- und Knopfver- 
sierungen verwendet wird, dann aber auch die Typen der Flechtung, der Uolzverschränkunc 
und Webemuster enthalten. Diese Gruppe ergiebt sich als eine ungemischte Omamentgrund- 
form, weiche dem assyrisch-ägyptischen fremd gegenübersteht und als deren Parallelen der 
Verfasser die alte Metalltechnik Phrygiens und die Teppichmuster an phrygischen Gräbern 
(speciell am Grab des Midas) heranzieht. Indem der Verfasser in trefflicher Weise die 
Stellung der l'hryger zu den übrigen Völkern Vorderasiens, ihre Verwandtschaft mit den 
Armeniern und Iraniern hervorhebt, betritt er zuerst den Boden, auf dem im Verlaufe der 
Darstellung seine Vergleichungen theils von Kunst-, theils von Cultusformen der arischen 
Völker Asiens so interessante Resultate erzielen. Die erwähnten zwei Richtungen ergänzt 
eine dritte, welche aus den Elementen beider gemischt ist, sie enthält Abbildungen von Thieren 
des Meeres, — Polypen, zu deren Darstellung die alte Spirale verwendet ist, und derb- 
naturalistische Wasservögel und -Pflanzen. Diese dritte, auch dem Material nach bedeu- 
tendste Gruppe umfasst meist Goldringe oder massivgoldne «Schieber^, auf denen äusserst 
lebendige Scenen von Jagden, Wettfahrten und Kämpfen, oder blosse Thiei^ruppen, in ver- 
tiefter Arbeit, gebildet sind. Damit findet der Verfasser den Uebergang zu den «Insel- 
steinen*. 

Jene letzte Gruppe von Goldschmucksachen aus Mykenae steht nämlich im Zusammenhange 
mit den Grabstelen und besonders mit den geschnittenen Steinen (ebendaher und aus 
dem Kuppelgrabe von Menidi). Diese Gemmen aber stehen nicht allein, sondern reihen sich 
in eine ganz Griechenland vertretende Gruppe ein. Kypros, Rhodos, besonders 
jber Kreta, dann Melos, der Peloponnes und Nordgriecbenland sind vertreten, daneben aller- 
dings nur schwach auch Böotien und Attika. Die Darstellungen umfassen, den semitischen 
Einfluss fast völlig ausschliessend, was die Thierwelt betrifft, nur die europäischen Thiere 
des Hauses, des Waldes, des Wassers (hier allerdings wohl nur Geflügel) — aus der ersten 
■Reihe aber als das wichtigste das Pferd und zwar in verschiedenartiger Verwendung. Diess 
Lieblingsthier der geometrischen Kunst erscheint hier auch symbolisch: .pferdehäuptige, ge- 
flügelte, gewaltig kräftige Wesen, die ganze Stiere fortzuschleppen im Stande sind, zeugen 
von dem mythischen Gehalte der Darstellungen.* Der Verfasser betont mit Recht die Be- 
deutung des l'ferdes bei den Völkern arischer Rasse und bespricht in der interessantesten 
Weise mehrere epische Stellen, welche über die erwähnten Wesen ungeahnten Auf- 
schluss geben. 

Kr erklärt uns diese Bilder als die der ältesten griechischen Götter, — er findet Analoges 
in Iran und bei den indischen Aryas und entwickelt uns die ältesten Typen der Har- 
pyien, der Krinnys, der Gorgo, der Iris, sowie der Kentauren und Satyren; wir erfahren die 
Entstehung der Hippokampen und die der monströsen Chimaira. Und dass auch das Haupt- 
Htück alter arischer Sage nicht fehle, erscheint auf zwei Gemmen der vom Geier gequälte 
Promet heusi So viel Mythisches weiss der Verfasser aus den Darstellungen zu gewinnen: 
daran anschliessend entwirft er uns, indem er die Jagdeu, Schlachten u. s. w. behandelt, ein 
liild dor ältesten griechischen Cultur, in dem Schmuck, Bewaffnung und Bekleidung be- 
Hpruchen und das Resultat gewonnen wird, dass Bewaffnung und Bekleidung der Männer nicht 
so ganz ausser Zusammenhang stehen durften mit den auf ägyptischen Denkmälern der Ra- 
nioHsidvnzeit vorkommenden und so oft schon in anderem Sinne erklärten Abbildungen von 
«Völkern doM Nordens*, während in der Tracht und dem Goldschmnck, besonders der Frauen, 
Mich deutlich die Verwandtschaft mit den arischen Völkern Asiens bis über Iram nach Indien 
hin hcruusitellt. 

Diese Resultate werden nun auf Grund der griechischen Literatur in Bezug auf die 
ethnographische Stellung gewisser Stämme geprüft Die Minyer, Leleger und Karer erscheinen 
uU «Sonderbitdungen der ansehen Pelasger*, zugleich wird ihr Zeuskult, den man theilweise 



Besprechungen. 223 

lum Beweise für Semitismus f^enommeu hat, als arisch in Anspruch genommen. Dieser 
Kult ist der älteste und einzige der Pelasger, neben dem nur noch ein Kult 
Ton Dämonen steht, die ihre Entwicklung und feste Fixirung in bestimmte 
Gestalten erst dem Epos verdanken. Die älteste Culturentwicklung im griechischen 
Laben gehört, so fährt der Verfasser weiter aus, Kretn an, die Gestaltung der Kunst des 
Festlandes (Mykenae) ist nar von dorther abgeleitet. 

Doch genng! Alle übrigen Ausführungen, die sich in der klarsten und fast unwidersteh- 
lichen Weise anreihen, sollen dem Leser selbst überlassen sein; es soll nur, um die Bedeut- 
samkeit dessen, was sie bieten, hervorzuheben, erwähnt werden, dass die Galturarbeit des 
homerischen Zeitalters, die Entwicklung fester mythischer Gestalten, wie die Fortpflanzung 
und Verwerthung gewisser, auf mythische Stoffe verwendeter künstlerischer Typen sich an- 
schliessen und dass endlich noch die Ausführung des Verfassers, auch das alte Italien, — die 
Etruskcr dürften vom Pelasgerthum nicht gelrennt werden, das Werk zu Ende führt. Es 
ist in der That schwer, in knrien Worten den Inhalt des Buches zu charakterisiren, da man 
der gewaltigen Anregung des frischen und forsch nngsfroben Werkes nur langsam sich wieder 
entziehen kann. Orünwedel. 



Oscar Schneider. Naturwissenschaftliche Beiträge zur Geographie und 
Culturgescbichte. Dresden 1883. 
Ein ungemein interessantes und lehrreiches Werk, zugleich vortrell'Iich ausgestattet, 
welches allerdings nur in einzelnen Abschnitten die in dieser Zeitschrift vertretenen Disci- 
plinen berührt. Der Aufmerksamkeit unserer Leser mögen besonders folgende Abschnitte 
empfohlen sein: 

1) Ueber Anschwemmungen von antikem Arbeitsmaterial an der Alexandriner Küste. 
Der Verf. schildert in eingehender Weise, unter Heranziehung des mannichfaltigsteu literari- 
schen Stoffes, den Reirhthuni eines gewissen Abschnittes der Küste bei Alexaudrien an Edel- 
steinen und anderen werthvollen Mineralien, welche aus den Trümmern der alten Stadt stammen, 
und auf welche schon Hr. Fr aas hingewiesen hatte. Von besonderem Werthe für das Ver- 
ständniss der alten Handelsbeziehungen sind die Krorteningen über die Herkunft gewisser 
Edelsteine, welche schon lange den Gegenstand der Untersuchung gebildet haben, wie des 
Sapphirs und des Lapis lazuli. Der Verf. erwähnt mit Anerkennung, jedoch nicht ohne Ein- 
spruch, die Arbeiten des Hrn. H. Fischer, dem gegenüber er geneigt ist, den einheimischen 
Ursprung mancher Gesteine (jedoch nicht des Lasursteins) zu vermuthen; er verweist insbe- 
sondere auf die mangelhafte geologische Erforschung des Berglandes zwischen Nil und Rothem 
Meer, das in alter Zeit mit Bergwerk- und Steinbruchcolonien reich besetzt war, jetzt aber 
fast öde ist. 

2) Ueber den rothcn Porphyr der Alten (porfido rosso antico). Derselbe stammt von dem 
Gebet Duchan (mons Porphyrites) in Aegypten, der neuerlich durch Hrn. Schweinfurth 
einer genaueren Durchforschung unterworfen worden ist. Ausführlich wird der gesammte Be- 
stand der aus dem Alterthnm erhaltenen Nachrichten und Kunstgegenstände dargestellt. Es 
möge daraus erwähnt sein, dass auch in Metz, Trier und Bergheim bei Cöln Stücke der Art 
gefunden worden sind und dass die herrlichen Sarkophage der letzten Normannen und der 
Hohenstaufenkönige im Dum von Palermo derselben Quelle zugt^ seh rieben werden. 

3) Zur Bernstein frage, insbesondere über sicilischen Bernstein und das Lynkurion der 
Alten. Es ist dies derjenige Abschnitt, welcher die Prähistorie am direktesten berührt, und 
zugleich derjenige, den der Verf. mit besonderer Vorliebe bearbeitet hat. Er geht davon 
aus (S. 184), dass nach Pliuius, der sich auf Nikias beruft, der Bernstein im Altägyptischen 
(wie später im Koptischen) Sakal heisst. Dieses Wort erinnere au Sikolos, wie denn die Be- 
zeichnung Sukalscha in einer Inschrift Kammes' III auf die Siciiier bezogen werde. Bei 
Moses IL 30. v. 34 werde unter dem Käucherwerk Schechelet erwähnt. Da nun, wie er aus- 
führlich nachweist, in Sicilien Bernstein (oder nach Hrn. Helm Retinit) sehr häufig vor- 
komme, auch in neuerer Zeit viel zu Schmuck verarbeitet sei, so erscheine es in hohem 
Maasse wahrscheinlich, dass auch schon in sehr alter Zeit eine Verarbeitung desselben statt- 
gefunden habe. Indess dürfte das Material nicht als Bernstein (succinum), sondern als Lyn- 

15* 



224 BesprechüTi^n, 

kurion \u den Verkehr ^ebracbt worden sein. In der Septua^inta werde das Wort Lesicheni 
dofch Lynkurlnn wiederjreiifebpn nnd Strabon, der dtis Land der Lijfycr ids Fundort dc*s letzteren 
finführl, sa|?e aiit^dnlcklkh, da?» Lynkurion aoch Eleklnin (^ensinnt werde. Wir müssen weg^n 
einer pjenauer^n Wiürdifijun^ der sehr ausgedehnten BeHeisfnhnmp auf das Original verweisen, 
müchteii aber daranf aufmerksam nmcheri, diiss den Au«fubmn(^en de>( Qrn. Veif. ein em- 
pfindlicher Mangel anhaftet, der gerade für Feine Scbluaameiiiunij von der undten Keortt- 
niss des sicilischen Bernsteins von grosser Bedentung erscheint, nehmlich auf den Manf(el 
aller thciL»&chltcheii Beweise für das Vorkominen pdihistoriseber oder ältester hislorischer 
Fände ans sirili&i'hem Bernatein. Ich erinnere mich nicht, in den sicilianischen Museen 
irgend ein prähistorisches Stück gesehen lU haben, welches auf eiribeimische Bemsteinhe&r* 
b«itiing bingedeutet hätle. Das Vorkommen von Bernstein im allen Aegy pten ist bis jetzt 
überhaupt nicht nachgewiesen, und es ist daher die Fm^e wohl erlaubt, ob in der That das 
Wort Sakiil, Menn es wirklich alt*ägyptisch ist, die Bedeutung von Bernsloin bntte. Dass da- 
gegen in jener ziemücb spät historischen Zeit, ans welcher die uns zugänglichen Citate über dss 
Lynknrion stammen, dies^e Rezeicbiiung auf den, durch «eine Fluorescenz so au sgei^i ebneten 
Rötioit von Sicilien gedeutet werden kunne^ erscheint nach den Ausführungen des Verf. in 
der That möglich, Sache der Philologen wird es sein, die sprachlichen Annahmen des Verlv 
einer genatieron Kritik n\ unterziehen. Virchow. 



Jokn Anderson, Catalogae and haßd-book of the archacological collectioD.s 
in the lüdian Museum, Calcutta 1883. Part, L Asoka and Indo-Scyttian 
Galleries, 
Das Indische Mu&euni in Calcutta wurde lB54j gegründet. Den Kern dcäselben bilden 
dio arcbaolop;1scben Sammlungen der Asiat ic Society- die Erweiterungen bestehen hauplaäch- 
lieh aus Skulpturen von Bhurhnt, aus den Giindhära-Basrelicfss, aus den Schatten des Buddha 
Uayä und aus Abgüssen von den Tempeln von Orissa, Mr. Anderson, ursprünglich Zoo- 
loge, gegen wittig Superintendent desJJnseums, hat in Form eines rdsonuirenden Katalogs ein 
übersichtliches Handbuch der indischen Archäologie begonnen, {leisen erster^ jeHsit vorl legender 
Tbeil die alterten Ahtheilnngen des Museums nmfasst. Dabei mu^s jerloch bemerkt werden, 
dass die Funde ans den Cromlechs von Sudtndtpn» sowie die Steingeräthe, also die noch älte- 
ren Sachen, anderweitig untergebracht sind. Nach Mr. Anderson enthält die Astoka-Gallerie 
Skulpturen, welche mindestens zwei Jahrhunderte vor untrerer Zeitrechnung entstanden sind. 
Darunter steht obenan die durch General Cunningham aufgefundene boddhi^tUche Stup.i 
von Bharbut (in dem kleinen Staate Nagode), deren Einzeichnungen wichtige Aufschlüsse 
über die Bevölkerung jener alten Zeit gewähren. Nach dem Verf. war es eine verhältnissmäs^ig 
kleine Rasse mit mehr kurzem, rundem nnd fiiichem Oejjieht, gam verschieden von der grcisae- 
ren, mehr scharf* und langgesichtigen Bevulkeiung« webhe jetzt die Gegend bewohnt; sie war 
mehr den Uirassen des Plateaus von Centralindien^ als einem arischen Volke ähnlich. Die 
Einzelheiten der Stupa werden in ausführlicher Weiae geschildert und erläutert. — Die zweite 
Abiheilung, die sog, indoskytbische Oallerie, umfasset Gegenstände, welche den ersten zwei 
oder drei Jabrhnnderten der cbristlichen Aera lugeschrieben werden. Darunter befinden sich 
vor allem Skulpturen aus den Ruinen von Mathura am Jumna (Jomanes des Flinius) im 
Distrikt von Agra, einem der ältesten Platze Indiens (Metbora bei Arrian, Flinius, Ptole- 
maeus etc). Darin sind Leute dargestellt^ welehe mit denen auf einer noch älteren Stupa 
¥on Sanchi (p. 157) zusammengebracht werden; die Herren Fergusson, Beul und W, Simp- 
son halten sie für nördliche „Skythen* aus Afghanistan (p. 264). Es wird namentlich auf 
ihr lockiges (curly) oder wolliges Haar hingewiesen^ wie es sieb übrigens auch an den ülteslen 
Buddha- Bildern tindet (p. 175). Schon in jener alten Zeit mü^sten Skythen im Gangesthul 
gewohnt haben, während die Säkyas, zu denen Buddha selbst gehöre, ein turaniscber Stamm 
gewesen seien. 

Diejic Hinweise werden genügen, um zu zeigen j eine wie gross© Bedeutung diese Älter- 
Ihümer für die so schwierige Erfürscbung der indischen Ethnologie besitzen, und wie viel 
Dank wir dem Verf, schulden, dass er in so anschaulicher Weise die seltenen Schätze, welche 
seiner Obbnt anvertraut sind, geschildert hat. R, Virchow, 



Verhand-liiiigeii 



der 



Berliner Gesellschaft 



für 



Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte. 



Redigirt 



la-vad.. TTircliOT^. 



Jahrgang 1883. 



BERLIN. 

Verlag von A. As her & Co. 

1883. 



Berliner Gesellschaft 

für 

Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte. 

1883. 



Vorstand. 

Dr. Virohow, Professor, Vorsitzender. 



Stellvertreter 

dea 
Vorsitzenden. 



Dr. Bastian, Professor 1 9\ 

Dr. Beyrloh,Prof.,Geh. Bergrat hj v 
Dr.Rob. Hartmaiifi, Prof., erster Schriftführer. 
Dr. Max Kuhn, zweiter Schriftführer, Luisen- 
strasse 67, NW. 



Dr. Albert Vo83, dritter Schriftführer, Alte 

Jacobstrasse 167, SW. 
W. Ritter, Banquier, Schatzmeister, Beuth- 

Strasse 2, SW. 



Dr. Koner, Professor, Obmann. 

Dr. W. Reiea. 

Frledei, Stadtrath. 

Dr. F. Jagor. 

Dr. G. Fritsoli, Professor. 



Aussoliuss. 

Dr. Wetzstein, CodsuI a. D. 

Dr. Stelnthal, Professor. 

Deegen, Geh. Regier ungsrath. 

Dr. W. Schwartz, Gymnasialdirector. 



Ehrenmitglieder. 

Dom Pedro d'Alcantara, Kaiser von Brasilien. 



Dr. Lisch, Geh. Archivrath, Schwerin, M kl bg. 
Dr. Schott, Prof., Mitglied der Akademie der 
Wissenschaften, Berlin. 



Caesar GodefTroy, Hamburg. 
Dr. Heinrich Schllemann, Athen. 



Correspondirende 

1. John Beddoe, M. D., F. R. S. Clifton, I 8. 

Glocestershire. | 9. 

2. Huxley, Professor, F. R. S., London. 10. 

3. Sven Nilsson, Professor, Lund. i 11. 

4. Worsaae, Kammerherr, Kopenhagen. ' 

5. Graf UwarofT, Präsident der archäolo- V2, 

gischeu Gesellschaft, Moskau. 

6. Capellini, Professor, Bologna. 13. 

7. Dr. Giustiuiano NIootuccI, Isola di Sora, 

Napoli. 14. 



MitgUeder. 

Paolo Mantegazza, Professor, Florenz. 
Juan Vitanova y Piera, Prof., Madrid. 
Francisco M. Tubino, Professor, Madrid. 
Edouard Dupont, Directeur du Musee 

royale d'histoire naturelle, Bruxelles. 
Japetus Steenstrup, Professor, KopeA- 

hagen. 
Sir John Lubbocic, M. V, High Kims, 

Farnborough, Keot. 
Dr. Philipp!, Professor, Santiago, Chile. 



f^J 



16. 
17. 

18. 

19 

20. 
21. 

•22. 



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24. 
25. 
26. 

27. 
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29. 
30. 

31. 
32. 
33. 
34. 

3\ 

36, 

37. 

38, 

39. 
40. 



41. 
42. 

4H, 
44 

15. 



\)r, Jnitaft Naatt, F. R. S., Cbristdioreb, 46. 

Dr. med. A. WeittfcMfc, ConsUotiiMfieL 47. 

Loigt Miri, ProfeMor, Bologna. 

Edgar Leopold Layvi. Britiaeher Coo- 4^. 

aal, Paia, Braailien. 
GnaUT Haue, Director des kaukaai- 49. 

scbeo Museuma, Tiflia. 
RfaM, Holündiacher ResideDt, Flores. 5<>. 
Dr. um Bwiate r, Profcasor, Boeoos-Ajr^ 51. 
Loigi PffarW, Capo Sezioae nelU dire- 

zione generale dei Masei e degü Scari 52. 

del RegDO, Roma. 53. 

Dr. Pcreira ia CMtm, Prof., Lissaboo. 54. 
Dr. Cmwimi. Professor, DorpaL 55. 

Aogostns W. FnMk% 31. A., Loodoo. 56. 
V. JwdkmM, Schweizerischer Gesandter, 

Wien. 57. 

Dr. LctBMa^ Director, Leiden, Holland. 
Dr. HansHMiferaiii.Reichsantiqiiar.Di- 58. 

rector des historischen MuseoBs nod 

des MedaillencJibineta, Stockholm. 59. 
Dr. Carl Rml Washington. D. C. 
Conte GioTanni CmiKfci, Senator. Bo- (SO. 

logna. . 61. 

Stockholm. 
Professor. Stockholm. ' 62. 
\ Melboarne^.Aostralien. 
Professor. Director des 1 63. 

botanischen Gartens, Athen. 
Dr. Georg Zwfe^paMik \ledicinalin$pec< ; 64 

tor« Astrachan. 
Oscar Fta. Missionär. Ranchi. Nagpore« j 65. 

Ostindien. ; 

Bror Emil NMaferMii. ReichsarehiTar. ; 66. 

StookhiUm. 
A. L, Laraait^ Director des Alterthums- 67. 

Museums^ Bergen, Norwegen. 
Dr. J. R. Aaptlki> HeMngfors. Finland. (^S. 
John Evaaa. F. R. S.. President of the > 69. 

Numiüim. Society, Nash Mills, Herael 

Hempstoi). ' 

SpleialtlHll, Sohwed. Cousul, Smyroa. I 70. 
Frank GalvaH> Amer. Consul, Darda-i 

Hellen, Kleinasien. , 

Di\ KatPtnMil, Krakau. |71. 

Dr N. VM HiklMiio-Maolay, Sydney,! 

AuMralien. 72. 

Alt^xaniier CwiBiaglNiM, Major-Geueral, 73. 

hireot. Archaeol. Siirvey, Calcutta. 74. 



Dr. Oscar 
Baron vaa 
Baron F. V. 
Dr,v< 



Professor, Director des Ar- 
chäologischen Cabinets, Rrakau 

JodL Vi« Ltifeaaaak, Professor, K. Ratb, 
Budapest. 

Geotge M. Wfeatlar. Lieut. Corps of £d- 
ginecrs, Washington, D C. 

Dr. F. T. Kay*«, U. S. Geologist io 

Charge, Washington. D. C. 

J. W. P l tM . Major, Washington, D. C. 

Franz v. PünU. Director des Nationai- 
Moaeam, Budapest 

Dr. Fl.ÜMMr, Canonicus, Gross wardeio. 

B«ytf W. DawkiM, Prof.. Manchester. 

Dr. Dciaali. Washington, D. C. 

Dr. Wenzel Cm fe u , Prof., St. Petersburg. 

Dr. OimUbl Chefarzt der griechischen 
Armee, Athen. 

A tartraiC Director des Museums zu 
St Germain en Laye. 

Don Francisco MaraM, Director des 
National-Mnsenms, Buenos Ayres. 

Dr. BaJMr. Präsident der Academie, 
Krakan. 

Dr. BafiMaf, Professor, Moskau. 

RajaBajMiiiraLai« HHra, Bahadur, Cal- 
cutta. 

John Shartt, M. D., Rrcaud, Sheraroy 
Hills, Madras Pres., Ostindien. 

Giuseppe Ptazi, Professor und Senator, 
Rom. 

Dr. ErMt, Directordes Nationalmuseums, 
Caracas. 

F. A.iellaepatart, Assistant Superinten- 
dent, Port Blair, Andaman Islands. 

I fewÜ M Scfe i Mler , General und Telegra- 
phendirector, Teheran. 

Dr. V. MMbari, Staatsrath, Barnaul, 
Westsibirien. 

Dr. Ry|h. Professor, Christiaoia. 

Dr. Rieh. Sobonborgk, Director des bo- 
tanischen Gartens, Adelaide, Süd- 
australieo. 

Prof. Dr. Paul Topinard, Generalsecretar 
der anthropologischen Gesellschaft, 
Paris. 

Ch. 1:. de Ujfalvy de MezS-KSvead, Pro- 
fessor, Paris. 

Hubrig, Missionar, Oaoton. 

William Henry Flower, Prof., London. 

Dr. med. V. Gross, Neuveville, Schweiz. 



7&. Dr. meü. Qerlach, Hotigkon^. 

76. Pen!, von Hoßhstetter, Ititentlaut des k.k. 

iiulurhisloriscLei] Mudpums, Wien, 

77, J. F, Nery Oelgado, Att. GeoL Landes- 

jvufnahrae, Lissabon. 
E. Chantre, Prof, SuUdirector des Mu- 

5**ume, Lyon. 
E, OartailKaC; Toulouse. 
80. GiuBeppi* Belluoci, Professor, Perugia. 
8L Dr m(*d. Mor^elll, Prnfeaaor, Turin. 



78 



n 



90. 



V. Erckert. General, Petrowsk, HuBölaad. 
Friedrich Bayern, Tiflis. 
Dr. Ingvaid Undset, z. Z, iß Rom. 
Dr, Sopbus Müller; Kopeubageß. 
Dr. E, T. Hamy, Paris. 
Prof. Dr. Giiöt. Reülus, Stockholm. 
K Gulmit^ Lyon. 

J. H, Rlvett-Carnao, Allahaba.U Ost- 
indien. 
Dr, ßütimeyer, Profeasor, BaaeL 



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7. 

8. 

9. 
10. 
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14. 
15. 
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17. 
18. 
J9. 
20. 
2L 
'22. 

23. 

24. 

25. 
26. 
27. 



28, 
211. 
30. 



Abarbanell, Dr.^ SanitiUsrath, Berlin. 
AbfaoL Dt, med., Berlin. 
Abeklag, l)n med.^ Berlin. 
Acbenbach, Dr., Staatsminister, Oher- 

Präsident, Potsdam- 
Adler, l)r. med., Berlin. 
Adolph, Herrn.. CommerÄiejirath, Thorn, 

Westpreussen. 
Albrecht, P., Dr., Professor, Königsberg, 
Alfleri. L., Kauf mim o, Berlin. 
Althoff. Dr., G eh. -Reg.- Rat b, Ikrli«. 
V. Andrian, Krhr, Miaisterialratb, Wien. 
Appel, Gh., Dr. pbil, Stockholm. 
Arons, Alb., Gommerziearath, Berlin. 
Arzruni, Dr., Frivatdocent, Berlin. 
Ascherson* P., Dr., Profeasor, Berlin, 
Ascherson, F., Dr. pbil, Berlin. 
Aschotr, Dr. med., Berün. 
Assmann, Dr. med., Magdeburg. 
Audouard, Major, Charlotteaburg. 
Awater, Ür. med., Berlin. 
Baer, Dr. med., öanitätsrath, Berlin. 
Band. Dr,, Oberlehrer^ Berlin. 
Barchewitz, Dr., Hauptmann, Treptow 

bei Berlin. 
Bardcleben, Dr., Geh. Mediclnal-Rath, 

Berlin, 
ßarnewitz, Realgymnasiallehrer, Bran- 
de obnrg a/H. 
Barscball, Dr med., Berlin. 
Bartels, M., Dr. med., Berlin. 
Bastian ; Dr., Professor, Dircctor der 

ethnologischen Äbtheilung des Kgl. 

Museums, Berlin. 
ßauermeUterr A., Saigon, Cochiochina. 
Becker, Bauinspector, Berlin. 
Behla, Dr. med., Luckau. 



Ordentüclie Mitglieder. 

31, Beim, W., Maler, Tempelhof bei Berlin. 



52. Behrend, BLichhändler, Berlin. 

33. V. Benda, Rittergutsbesitzer, Berlin. 

34. v.Bennlgaen, Landesdirector, Bennigsen 

bei Hannover. 

35. Berendt, Dr., Professor, Berlin, 

36. Berglus, Oberstlieutenant, Berlin. 

37. Bernhardt, Dr. med., Professor, Berlin. 
3H, Bernliardy, Kaufmann , Berlin. 

39. Bert beim. Stadtverordneter, Berlin. 

40. Beuster, Dr., Sanitätsrath, Berlin. 
4). Beyfuss, Dr. med., Stabsarzt, Berlin. 

42. Beyrich, Dr., Prof., Geh. Bergrath, Berlin. 

43. Rogalla von Bleberatein, Vorsteher des 

Statist. Bureau der N ieder seh 1,- Mark. 
Eisenbahn, Berlin, 

44. Biefel, Dr., Sanitätsrath, Breslau. 

45. Blscboff^ Dr., Professor, Berlin. 

46. Blaslus, Dr., Professor^ Braunschweig. 

47. Blumenthalj Dr. med., Berlin, 

48. BQdinus, Dr., Berlin. 
40. Beer. Dr. med., Berlin. 

ÖO. Boehm, Dr,, Medicinalrath, Magdeburg. 
61. Boenlnger M., Rentier, Berlin. 

52. V. Boguslawki, Dr., Berlin. 

53. du Bois-Reymond , Dr., Professor, Geh. 

Medicinalrath, Berlin, 
v^ Bork, Kammerberr, Möllenbeck, Mek- 

lenburg-Strelitz. 
Bornj Dr., Berlin* 

56. V. Brandt, Oberst z. D., Berlin, 

57. V. Brandt, Gesandter^ Peking, China. 
V. Bredow, Rittergutshesitzer, Berlin. 
B res lauer, Dr., Professor, Berlin. 
Bretschnelder, Dr., Berlin. 
Bröalke, Dr. med., Berlin. 

I 62. Bruchmann, Dr. phiL, Berlin, 



54 



55 



5ö, 
59. 
GO. 
61. 
62. 



(6) 

63. Briokner sen.y Dr. med., Neu-RraDden- 105. FiakeliiNrg, Dr., Geh. Rogieningsratb, 

bürg. Godesbcrg bei Bonn. 

64. Briokwr, Professor, Dr., Berlin. , lOG. Fisdier, Dr., Marine - Assisteozarzt, 

65. BwMolz, Custos des Märkischen Mu- ; Berlin. 

seums, Berlin. 107. Förster, F., Dr.. Berlin. 

66. Bndezies, Schulvorsteher, Berlin. 108. Frtas, Dr., Professor. Stuttgart. 

67. BioMeMUiii, Regierungs-Assessor a. D., 109. Friikel, J., Dr. med., Berlin. 

Rcichstags-Abgeordneter, Berlin. 1 10. Frinkel. ßemh., Dr. med., Berlin. 

6^, Bitow, Geh. Rechnungs-Rath, Berlin. 111. Fraide, Rentier, Dessau. 

69. V. Bmaen, Georg, Dr., Berlin. 11^. Friedel. Stadtrath, Berlin. 

70. B«8Ch.Dr.,ünterstaatssccretair, Berlin. 113. Friederich. Dr., Stabsarzt. Dresilen. 

71. Ctro, Dr., Hofapotheker, Dresden. 114. Friedländer, Dr., Berlin. 

72. Cattai^Besitzerd. Panoptikums, Berlin. 115. Frisch. Photograph. Berlin. 

73. Cbrieteller. Dr. med.. Berlin. 116. Frltsch, Gust, Dr., Professor, Berlin. 

74. CorM, Schriftsteller, Berlin. 117. Frohihofer, Major, Berlin. 

75. Cnn^, Dr.. Proskau i Schles. 118. FirstenheiM. Dr. med., Berlin. 

76. Creaer, Abgeordneter. Berlin. 119. GaertBer, Consnl, Berlin. 

77. CroMT, Dr. Sanitatsrath, Berlin. 120. Gaffky, Dr.. .Assistenzarzt. Berlin. 

78. Cirlh, G.« Dr. med.. Berlin. 121. GelM, Banquier. Berlin. 

79. Baaes. Dr., Professor, Berlin. 122. Geatz. Professor, Berlin. 

80. Ptvidsoii. H., Dr. med., Beilin. 123. Gesenias. Stadtältester. Berlin. 

''l. DivMaol«, L.. Dr. med., Berlin. 124. Gierke. H.. Dr., Professor, Breslau. 

82. Beeflea. Geh. Regierunesrath. Berlin. 125. Götz. Dr.. Ober-Mediciualrath, Neu- 
>r». Befeaer. Amtsrichter. Königs- Wuster- Strelitz. 

hausen. I2i». GStze. Burgermeister, Wollio. 

84. Beaiel. Dr. Assistenzarzt. Berlin. 127. Götze. Ernst. Kaufmann. Zossen. 

85. Boriai, Dr.. Ober-Stabsarzt. Berlin. 12n. Goldschaiidt. Leo B. H.. Banquier, Pari;«. 
>6. Brieawl jr.. Fabrikbesitzer, Guben. 129. Goldschaiidt. Heinr.. Banquier. Berlin. 
87. Briese. Erust. Kaufmann. Guben. l3o. Goldschmidt Geb.. lu st izrath, Professor, 
S*^. Biaaebea. Dr.. Prof. Strassbur^ i Eis Beriir. 

89. Baawat Dr.. Berlin. 131. Gddeticker. Buchhänuler, Berlin. 

90. Medaczycki. Graf. Lemberc 132. GottdaaHaer, Dr. med., Berlin. 

91. Oell. Dr. med., Berlin. 133. Gcslich. Rentier. Berlin. 

*»2. Ehrearetdu Dr. med.. Berlin. l?4. Gossaiaan. J.. Verlagsbuchh.. Berlin. 

'.»:». Eade, Professor. B.iuratb. Berlin. I3ö. Gottschau. Dr. med.. Wurzburg. 

V4. Eaiel, Dr., Medecin-Insp. des bains 136. Grawitz. Dr. med.. Berlin. 

d*Helouan. Egypten. 137. Grenpler. Dr., Sanitätsrath. Berlin. 

9r>. V. Eferjesy. K. K. Oestr. Kammerherr. 138. Greve. Dr. med.. Tempelhof in Berlin. 

Korn. 139. Griesbach. Or. med.. Weissenburg i Eis. 

96. ErdaMaa, Gymnasiallehrer, Züilichau. 140. Gränwedel, Dr. pbil., Berlin. 

97. EaMbarg, Dr., Geheimer Sanitatsrath, 141. Gabitz. Rud., Notar, Berlin. 

Berlin. 142. Gubitz. Erich, Dr., med., Berlin. 

98. Ewald, J., Dr., Professor, Berlin. 143. Günther, Carl. Phoiograph, Berlin. 

99. Ewald, Ernst, Professt^r. Berlin. 144. Gössfeldt Dr. phil., z. Z. Südamerika. 

100. Ewald, C. A., Dr., Professor, Berlin. 145. Göterbocli. P.. Dr. med.. Berlio. 

101. Falkeasteia, Dr., Stabsarzt. Berlin. 146. Gottstadt. Dr. med., Berlin. 

102. Fasbeader, Dr.. Professor, Berlin. 147. Hagenbeck. Carl. Hamburg. 

lv>3. Feldberg in Meklenburg Strelitz. An- 14^. Hahn, Gust.. Dr., Oberstabsarzt, Berlio. 

throj^^logischer Verein. 149. Haha, Dr. med., Director des Allgem. 

lOi Felkia, K. W., Edinburgh. Städtischen Krankenhauses, Berlin. 



(7) 



l Hahn, Dr. m^<l., Stabsarzt. Spandau, 

163, Malberstadtj K.iufmoDu, Berlin, 
152. Handke. Rf>ntier, ßeriiiu 

lf)3. Handtmann, Prediger, Seeclorf bei Leo- 

len u, d. Elbp. 
15)4. Hanaemann, Rentior^ Berlin. 
155* Harms^ L. Heinr., Lübeck, 

156. Harseim, Geh, Kriegaraib, Berlin. 

157. Hartmann, R-, E)r., Professor» li(*rlin. 
15H. Martung, Dr., Stabsarzt, Trier. 

159. V. Haselöerg, Dr med,, Berlin. 
100. Hattwlch, Dr. med., Berliii. 
ICL HauDhecorne;Geh.Ob.-Bergrath, Berlin, 
162. Heifnann, Dr., Redactetin Berlin. 
IG:^. Heintzel. Dr., LFineburg, 

164. Henning, Prof., Dr., Strassburg i;Els. 
I(i5. Henoch. Anlon^ Kaufmaßo, Berlin. 

166. Hermes. 0., Dr., Berlin. 

167. Herrinann, Reiuh., Fabrikant, Guben. 

168. Hertz, VViUiara D , Lo ndrin. 
16H. Heriberg. Dr. med., Berlin. 

170. Heudtlass. Hotelbesitzer, Berlin. 

171. HHgendorf. Dr. pbiL, BprJio. 

172. Hille, Pr med., Strassburg i,Ei&ass. 

173. HirscIiberQ, Dr., Frofessorj Berlin, 

174. Hitiifl, Dr., Professor, Halle a/S. 

175. Hoffmann, Dr.^Geb.Sanitatsratlt. Berlin. 

176. Hoffmann. Landrath, Spremberg. 

177. V, Holleben, ^filliäterresideut, Berlin. 

178. Ho II mann, Landgericbtsiatbj Berlin. 
17f>. Hörn v d. Hork, Dr, z. Z. in Hougkimg. 
li^O. Horwitz, Dr., Rechtsanwalt, Berlin. 

181. Hoalua. Professor, Münster. 

182. Kousselte, Dr . Geh. Moii-Ratb, Berlin. 
18:3. Huld. r> , Dr., Stabsnrxt, Gnesen. 
1H4. Humhert; Geh. J.egatioasrath, Berlin. 

185. lacob, Dr med., Roembild. 

186. lacobsen, Dr. pbil., Beilio. 

1H7. JacobBthal, Professor, Charlottenburg. 

188. Jaffe, Benno, Dr. pbii.. Berlin. 

189. Jagor, i\, Dr., Berlin. 

l'JO. lahn, Rentier, Burg Lenzen a Klbe. 
191. Jannascti, Dr. jur. et phil, Berlin. 
1M2. Jaquet, Dr., Sanität'iratb, Berlin. 

193. Ideletj Dr. med,, Sanitätsratb, Dalldorf 

bei Berlin. 

194. lentsoh. Dr., Oberlehrer, Guben. 

195. Jetschln, Geh. Calculator, Berlin. 

196. Joist, Wilhelm, Berlin. 

U)7. Israel, Oscar, Dr. med., Berlin, 



198. JUrgena, Rud., Dr. med , Berlin. 

199. Junker, Dr.. 2. Z, in Africa. 

200. lunker v. tangegg, Dr, Berlin. 
*20L Kahlbaum, Dr. med., Görlitz. 

202. Kantecki, Clemens, Dr., Posen. 

203. Karls. Kaufmann. Berlin. 

204 V. Kaufmann, R., Dr., Prof,, Berlin. 

205. Kayser, Em., Dr., Professor, Berlin. 

206. Kirchhoff, Dr., Professor, Halle a/S. 

207. Kny, Dr., Professor, Berlin. 

208. Koch, Dr , Regierungsrath, Berlin, 

209. Koehl, Dr., Ffeddersbeim bei Worma. 
210 Koehler, Dr. med., Kosten, Prov. Posen. 

211. König. Kaufmann, Berlin. 

212. Körbin, Dr. med.j Potsdam. 

21:1 Körte. Dr., Geh, Sanitätarath, Berlin, 

214. Koner, Dr., Professor, Berlin. 

215. V. KorfT, Baron, Oberst a, D., Berlin. 

216. Krahmer, Carl, stud. phih, Halle a/S. 

217. Krause, Ed., Architekt, Berlin. 

218. Krug, Rittmeister a.D, Jessen, Kr. Soruu. 

219. V. Krzyzanowski, Probst, Kamieniec bei 

Wolkowo. Posen. 
221K Kuchenbuch, A mtsgerichtsratb, Mijnche- 
berg. 

221. Kiinne. Buchhändler, Gharlottenburg. 

222. Küster. Dr,, Prof., Sanitütsratb, Berlin. 
22;i Kuhn. M., Dr. phil., Berlin. 

224. Kuntze. Dr. phil , Eutritzsch b. Leipzig. 

225. Kunz, Stadtrath, Berlin. 

226. Kunze, Kreisbauraeister, Samter. Pro- 

vinz Posen. 

227. Kurtz, Dr, phiL, Berlin. 

228. V. KüSserow, H.,Geh.Leg,-Rath, Berlin. 

229. Laehr. Geb. Sanitütsrath. Schweizerhof 

bei Zehlendorf. 

230. Landau, H,, Banquier, Berlin. 

231. Landau. Dr. med., Prlvatdoc, Berlin. 

232. Landau, W., Dr. phil., z Z. auf den 

Philippinen. 
23:1 Lange, Henry, Dr. phil., Berlin. 
234. Langen, Cupitain, Coln a,Rh. 
235 Langen, Köuigl. Baumeister, Kyritz. 

236. Langerbans, Dr. med , Berlin, 

237. Lasear^ Dr. med., Berlin. 

238. Lazarus, Dr., Professor, Berlin. 

239. Lehnerdt, Dr., Sanitätsrath, Berlin, 

240. Lelnlngen, Graf zu, Lieut. im 3, Garde- 

Regiment, Spandan. 

241. V. Le Coq, Darmstadt 



(8) 



242. Loriw, £., Elombitton bei Saalfeld, 

Ostpreussen. 

243. Letter, Ad., Dr. med.. Pri?at>Ioceot, 

Berlin. 

244. Leetier, P., CodsuI, Dresdeo. 

245. Lewie, Dr., Professor, Berlin. 

246. Uwie. Dr., Geb. Saoititsratli, Berlin. 

247. Ueke. Dr., Professor, Berlin. 
24^. Ueke. Professor, Gera. 

249. Liebeeow, Geh. Recbnungarath. Berlin. 
251». UebenuM, Geh. Comm.-Rath, Berlin 
:f51. UeberauuM, Felix, Dr., Berlin. 
252. UebenuM, Dr.. Profesbor, Berlin. 
25.3. Uebreieh, Dr., Professor, Berlin. 

254. Uaaa, Dr.. Professor, Geh. Medicinal- 

Rath, Berlin. 

255. Liffler, Dr.. Assistenzarzt Berlin. 
25G. Leew, Dr., Oberlehrer, Berlin. 

257. Lette«, Dr. pbil., Professor, Berlin. 

258. LiMei^ Dr. med., Wollin. 

2.M^. LOW, Dr., ObersUbsarzt, Beigard. 

260. Lavtte«, Dr., Generalconsul, Berlin. 

261. Unebvf, MuseamsTerein. 

262. Lttüf, Dr. med., Berlin. 

263 HafHt, P., Dr., Professor, Berlin. 

264. Mertey. O., Dr. med., Cairo. 

265. Maatt, Heinr., Raufm., Berlin. 

266. Maatt. Jal., Kaufm.. Berlin. 

267. Maratte. Dr. pbil., Berlin. 

268. Hareard, Ministerialdirector, r>erlin. 

269. Haren, Dr. med., Berlin. 

270. Härene, Siegb., Dr. med., Berlin. 

271. Härene, Dr., Sanitatsrath, Berlin. 

272. Harifraff; Stadtratb. Berlin. 

273. HarJBW y Tede. Sebastian, Or. med., 

SeTilla. 

274. ¥. Harten, Dr., Professor. Berlin. 

275. Hartbe. Dr., Oberlehrer, Beiliu. 

276. HartiL Dr. med., Berlin. 

277 Hayer, L.. Dr., Sanitaurath. Berlin. 
278. Haycr, Dr., .Sub?arzt, Berlin. 
27;^. Hebfit, Dr., Dürkbeim. 
29.K Hcftzea, Dr.. Geb. R^g,-R*ih. Berlin. 

281. Hdtiea. E., Dr., Berlin. 

282. WmifA. Dr. med.. PriTatdoc., Berlin. 

283. Heufcr, Dr. med., Berlin. 

281. V. Hereeebkewtky, C, Custos am Zoo- 
>f:.^MrLen Ic^titut, Petersburg. 

\ M'vritx. Dr.. G**h. Sanitätsratb. 



286. Heyer Ad., Buchhalter, Berlin. 

287. Heyer, Geh. Legat ionsratfa, Berlin. 

288. Heyer, G. Alf., Dr. pbil., Berlin. 

289. Heyer, Hans, Dr., Leipzig. 

290. HSIIer. Professor, Dr.. Berlin. 

291. Hotet, Dr. med., Berlin. 

292. Hnb. M , Dr., Wien. 

293. Hibleebeek, Gutsbesitzer. (;r Wachlin 

in Pommern. 

294. HihtaiB. Dr med., Berlin. 

295. Heller, L.. Dr, Berlin. 

296. Heiler. O., Buchhändler, Berlin. 

297. Hiller. Bruno. Kaufmann, Berlin. 

298. Heiler, Carl, Dr., .Medicinal-Kath, 

Hannover. 

299. Heiler-Beeck. Berlin. 

300. Hetzel, Gust., Tbiermaler, Berlin. 

301. Heak, Herm., Dr., Professor, Berlin, 

302. Nachtigal, Dr.. Geueral-Consul, Tunis. 

303. Nagel, Kaufmann, Berlin. 

304. Nathaa. J . Kaufmann. Berlin. 

305. Nehriag. Dr.. Professor, Berlin. 
30t). NewMUHi, G.. Kaufmann, Guben. 

307. Neeauiyer. Dr., Professor, Wirklicher 

Admiralitätsrath, Hamburg. 

308. Nieaderir, Amtsrichter, Berlin. 

309. NotiiBagel. Hofmaler. Berlin. 

310. Oeltaer, Fr., Amsterdam. 

311. Oettea. Subdir.d. Wasserwerke, Berlin. 

312. Olsbausen. Otto, Dr.. Berlin. 

313. Orth, hr., Professor. Göitingen. 

314. Orth, Dr., Professor, Berlin. 

315. Otborae, Ritterguutesiuer. Dresden. 

316. Otke. £.. Vereid Makler, Berlin. 

317. Paechter. Herm , Buchhändler, Berlin. 

318. Paetel, Staitverord neter, Berlin. 

319. Paettch. Job.. Dr., Berlin. 

320. PalBi. Dr. med., Berlin. 

321. Parey. BuobbÄndler, Berlin. 

322. Pedell. Dr., Stabsarzt, Berlin. 

323. Pelpers. Dr., Stabsarzt, Frankfurt a, M. 

324. PieUlerer. Pn^f , Dr., Charlotlenburg. 

325. PfWil, Dr yXnU Oterlehrer, Posen. 

326. PbUipp, D; . med.. Herlin. 

327. La Pierre. Dr., Sanitätsrath, Berlin. 

328. Pippew. Dr. med., Kreisphvsikus, Eis- 

leben. 

329. Pletsaer. Dr. med.. Berlin. 

330. Peaftek. Dr.. Professor, Breslau. 

331. PHagsbeiB. IV.. Pr\>fess«^r. Berlin. 



^^^^^^^^^^^^ (fl) ^^^^^^^^^^H 


332. V, Proliius, M., Meklenlmr^iscimr (»6-374. Schelbler. Dr. iiiej., Bt^rliii. ^M 


saniitt^r, UmIi> Li^^.-liaüi, lifvlin, Hlb. Schemel, Max, Pabrlkbesitzf^r, (iubeu. ^| 


333. Püchstein. Dn med., fierün. 


376. Scherk. Dn med., Berlin. ■ 


334. Pudil, H,. Hau- Verwalter. BiHii in 


377. Scblerenberg, Fninkfurt a M. ^M 


Bölimeu. 


378. Schillmann, Dr,, Sradt-Schulinspect^n-, ^^H 


335. von Quistorp, GiMiprul» Commamlant 


^^M 


von Spapdau. 


37!>. Schlemm, Dr, SanitaisratK, BerHn. ^^H 


330. Rabepiau, Öpcoiifuji. V^'iiscliau. , 


380. Schlesinger. H., Dr. med., Berlin. ^^H 


337 Rabl-RückharilJ)T.,liegim..ArÄtBnrlin. 


381. Schlesinger, Georg, Dr. jur, Berliji. ^H 


338. Rahmer H , Dr., Berlin. 


382. Schmidt. Emil, Dr., Leipzig. ^M 


33'J. V, Bamberg. Freibr., PremierlieuteDaDt 


383. Schmidt, F. W., Fabrik besiUer, Guben. H 


iin 2. Garde- Reßiiiieiit, r3f^rliii. 


384. Schneider, Ludwig, Fabrikdir^^otor. ^M 


340. RÄSChkow, Dr. med., ßerlin. 


Gitschin, BöhmeD. ^^^H 


34 L Rath, PauL Yoin, Cöln a/Rh. 


385. Schoch, Dr. med , Berlin. ^^^| 


34:?. Reichenheim. F erd , Berlio. 


386. Schöler. Dr., Professor, Berlin. ^^H 


343, Reichert, PrnfHj^srjr,üeh.Medicinalrath. 


387, Schoene, R., Dr. Gen^-raldirector di^r ^^H 


Berlin. 


Königl. ALigeeu, Berlin. ^^^H 


344, Reichert. Apt>il»i*ker, Berlin. 


388. SchÖnlank, ■ W., Kaufmann, Berlin. ^^H 


345. Reinhardt, Dr, Oberlehrer, Berlin. 


38!). Schröder, Dr, Geh. Med.-Rath, Pro- V 


346. Reinhardt, Riid. Küpferwerksbesltzerj 


fe^ftor, Berlin. ^M 


Bautzen, Köüigreich Sachsen, 


390. Schroeter, Dr. med., Dalldorf bei H 


347, Rela«, W., Dr., Berlin. 


Berlin. ^B 


348, Reisa. übrejifabrikaat, Berlin. 


391. Schubert, Kaufmann, Berlin. ^^^| 


3411. Richter, Oerth , B:ini|nier, Berlin. 


392. Schubert, Dr , Generalarzt, Berlin. ^^H 


350. Richter, Isidor, Bancjuier, Berlin. 


303 Schuchardt, Th., Dr., Görlitz. ^^M 


35 K Rieck, Dr. med., Köpenick bei Berlin. 


394. Schütz, Dr., Professor, Berlin. ^^M 


352. Riedel. Dr. med., Berlin. 


395. Schütze, Alb., Aead. Künstler, Bi'din, ^^H 


353, Ritter, W., Banquier, Berlin. 


396, V. Schulenburg, W.. Charlotten bürg. ^^^| 


354. Robel, Dr. phü., ßerlin. 


397. Schultze, Ose, Dr. med., Berlin. ^^B 


355. Rocholl Amt^gerichtsrath, Berlin. 


398. Schwarti, W., Gyninasialdirect.^Berlin. ^^H 


356. Röhricht Dr., Oberlehrer, Berlin. 


399. Schwarzer, Dr., Zümsdorf, Kr. 8orau. ^^H 


357. Roloir, Dr., Geh. Med.-R^itli, Direeior 


400. Schwebel, Dr., Oberlehrer, Berlin. ^^M 


der Thierurzneiachule, Berlin. 


40 L Schweinfurth, Georg, Dr., Prof., Cairo. V 


358. Rosentbal, Dr., AsäisleDzarzt, Berlin. 


402, Schweitier, Dr. med., Daaden, Kreis ^M 


359. Rosenthal, Dr. med., Berlin. 


Altenkircben. ^H 


360. Roth, Dr., Generalarzt, Dresdeu. 


403. Schwerin, Ernst, Dr. med., Berlin. ^| 


361. Rüge, Max, Dr. phil., Berlin. 


404. Seile, Apotheker, Kosten, Prov. Posen. ^M 


362. Rüge, Carl, Dr. med., ßerlin. 


405. V. Slehold, Alex., Freiherr, Berlin, ^M 


363. Ryge. Paul, Dr. med., Berlin. 


406. V. Slebold, Heinrich, Attache d. K. K. H 


364. Runge, Stadtratli, Berlin. 


Oe&terr. Gesandtschaft in Berlin. ^M 


365. Saohau, Prof., Dr., Berlin. 


407. Sieflttiund, Gustav, Dr., Sanitätsrath, H 


366. Samson, Banqnier, Berlin. 


Berlin. ■ 


367. Sarichei. Don Jose Villar, Sevilla. 


408. Siehe, Dr. med., Kreisphys., Calau. H 


368. Sander, W., Dr. med,, Dalldorf b, Berlin. 


409. Siemene,W., Dr., iieb.Reg.-Rath, Berlin, H 


369. Sander, Jul,, Dr. meii.. Berlin. 


410. SlerakowBki, Graf, Dr, jur., Waplitz H 


370. Sattler. Dr. med,, Fluntern bei Zijrich. 


bei Altmark, Westpreussen. ^^^B 


371. V. Saurma-Jeltsch, Baron, Bukarest. 


|41L Sieskind, Rentier, Berlin. ^^H 


372. Schaal, Maler, Berlin. 


.412. Slmcn, Tb., Banquier, Berlin. ^^^B 


373. Schall, Gutsbesitzer, Neu-lioofen bei 


413. Simonschn, Dr. med., Friedrichs fei de ^| 


Menz, Kr. R^ippin. 
1 


bei Berlin. ^H 



00) 



4H. Souchay. WniBhantllpr, Berün. 

415. Springer Verlagsbuclihäudler, Berlin, 

416. Stahl, Dn med., Berlin. 

417. Starke, Dr„ Oberstab^^nrzl:, Rerlin. 

418. Steohow, Dr. Assistenzarat, Berlin. 

419. Stechow, Kanitnerßer.-R(»ferend.,B<'Hin. 

420. V. d. Steifien, Stabsarzt, z.Z.Süd-Geor* 

gi*^n. 

421. SteinthaL Leop., Banquier^ Berlin* 

422. Steinthal, Or, Prufessior, Berlin. 
42H. V. Strasser, Fabrikhes,, Hiisio bei Prag* 

424. Straiich« Corv*itteri- Kapitän, Kiel. 

425. Strebel, Herrn , Kaufmann, EilUeck bei 

Hamburg. 

426. Strecker, Kreissekretair, Snldin. 

427. Stricker. Verlagsbuch hSVi] dl er. Berlin. 

428. Struck, Dr., Dir. des Reich »-Gesund - 

heits- Amtes, Geh, Reg.-Kath. Berlin, 

429. Stubel, Alf, Dr., Dresden, 

430. Sükey, G., Kaufmunu. Berlin 

431. Tappetner, Dr., Scbbrns Keieheiihach, 

bei Meran. 

432. Teige, Juwelier, Berlin. 

433. TepluchofT^ A., Gubcmiol - öecrelar, 

lljinsk, Gouv. PeriiK Russtand, 
4ti4. Teschendorf, Pmlr^dtmaler, Berlin, 

435. Tesmar, Ritterguts bo&iuer, Eichen- 

bagen, Provinz Posen. 

436. Thorner, Dr. med,, Berlin. 

437. Thunjg, Domäneupächter, Katserhof, 

Dn.sznik, Posen. 
43H. Tiedemann, Rittergutsbesitzer, ^labo- 
szewo bei Mogilno. 

439. Timann^ Dr. med., Berlin. 

440. Titel, Max, Kaufmann, Berlin. 

441. Trautmann, l>r. med., Oberstabsarzt, 

Berlin. 

442. Treichel, A-, Rittergutsbesitzer, Hoch- 

l'üleschken bei Alt-Kiscbau, Westpr. 

443. UbI, Mfijyr, Ingenieur- Officier vom 

Platz Spandau, 

444. Ulrich, Dr. raed., Berlin. 

446. Ümlayff, J, F. G., St. Pauli, Hamburg. 

446. V, Onryhe-Bomst, Freiherr, Landralh, 

Wollstein, Frovinx Posen. i 

447. Urban, J.. Dr. pbil., Schoneberg bei | 

Berlin. 

448. Vater Dr., Oberstabsarzt, Spandau. 

449. Veit. Dr , Geb. Sanitatsrath, Berlin. 



476. 
477. 
478. 
479. 
480. 
481. 

482. 
4^3. 
484. 
485. 
486. 
4H7. 

488. 



Viedenz, Bprgrath, Eberswalde. 
Virchow, R, Dr., Profes^wr, Geheinier 

Medicinalrath, Berlin. 
Voigtmann, CarL Hau meiste r, Guben. 
Vorländer, Fiibrikant, Dresden. 
Vormeng, Dr.. Stabsarzt, Berlin. 
Voss, A., E)r. med., Di rectorial- Assistent 

am ethnologischen Museum, Berlin. 
WankeK Dr. meij., Blansko bei Brunn, 
Wassmannsdorff, Dr. pkiL, Berlin. 
Wattenbach Dr., Professor, Berlin. 
Weber, Mder, Berlin. 
Wegacheider, Dr, Geh. Sanitätsratb, 

Berlin, 
Weichand, Kaufmann, Berlin. 
Weinberg. Dr. mnd., Berlin. 
Weisbach, V,, Banquier, Berlin. 
Weiss, H., Professor, Berlin. 
Weiss. Guido, Dr., Berlin. 
Weissstein. Bmiführer, Bpriin. 
Weithe, Dr. med.. Buk, Provinz Po?en. 
Wensieroki-Kwitecki, Graf. Wroblewo, 

Provinz Posen. 
Werner, F., Dn metl.. Berlin. 
Wessely, H.. Dr.. Berlin. 
Westphal. Dr.. Geb. Medictufd-Rath, 

Pn»tVssor. Berlin. 
Wetzstein, Dr, ConsuL Berlin. 
Wiechel, Ingenieur. Dresden. 
Wilke, Tbeod.. Rentier. Guben. 
Wileky, Director. Rununelsburg bei 

Berlin. 
Witt, Sladtrath. Cbarlottenburg. 
V. Wittgenstein, H.. Gutsbesitzer. Berlin. 
Wittmack. Dr.. Professor. Berlin. 
Woldt, Sebrift^teller. Berlin. 
Wolff, Alex.. Stadtratb. Berlin. 
Wollf, ^lax. l>r. med.. Pri?atdacent, 

Berlin. 
Wolff, J.. Kaufmann, Berlin. 
Woworsky, A., Riltergnlsbes, , Berlin. 
Wredow. Professor. P»erlin. 
Wütier, Dr. med.. Berlin. 
Zabel, K, Gymnasiallehrer, Guben. 
Zenker, Rittergutsbesitzer, Bruno w bei 

Heckelberg. 
Zlerold, Rittergutsbesitzer, Mietzeifelde 

bei Sold in. 
Zuelier, Dr., Privatdoeent, Berlin. 



SiUung am 20. Jan. 1883. 
Vorsitzender Hr. Virchow. 

(1) Die Wahl der Mitglieder des Ausschusses fDr das Jahr 1883 erfolgt in 
statutenmässiger Weise durch schriftliche Abstimmung. Ans der vom Vorstande 
vorgelegten Vorschlagsliste werden mit Stimmenmehrheit gewfihlt die Herren 
W. Reiss, Friedel, Koner, F. Jagor, Wetzstein, G. Fritsch, Steinthal 
Deegen und W. Schwartz. 

(2) Der Vorsitzende begrösst das in der Sitzung anwesende correspondirende 
Mitglied Hrn. Dr. Gustav Radde. 

Hr. Rivett-Carnac in Alhihabad dankt für seine Ernennung zum correspon- 
direnden Mitgliede. 

Als iipue Mitglieder sind angemeldet: 

Hr. Stabsarzt a. D. Dr. Hahn — Spandau. 

Hr. Graf Wensierski-Kwilecki — Wroblewo. 

Hr. Geh. Rath Prof. Goldschmidt— Berlin. 

Hr. Prof. Dr. Sachau— Berlin. 

Hr. Prof. Dr. Brückner— Berlin. 

Hr. Dr. Paul Rüge — Berlin. 

Hr. General von Qu istorp — Spandau. 

(H) Hr. A. B. Meyer in Dresden übersendet folgende Mitthoilung über ein 

alterthümliohes Haus im Pflertschthal (Tirol). 

(Hierzu Taf. II.) 

Als ich diesen Sommer einige Wochen in Gossensass auf dem Brenner weilte, 
hörte ich von Hrn. Ludwig G robner, dem gefälligen Wirthe des Grobner* sehen 
Gasthauses daselbst, dass im Pflertschthale, welches oberhalb Gossensass in das 
Eisackthal einmündet, ein uraltes Haus stünde: man sehe es als das älteste der 
ganzen Gegend an und schreibe ihm ein Alter von über 700 Jahren zu. 

Im Pflertschthal ist in früheren Jahrhunderten Bergbau betrieben worden, wie 
noch heute an den vielen Halden, besonders an der rechten Thallehne, zu sehen ist; 
auch ein grosses Stück Schwarzkupfer wurde mir als merkwürdiger Fund von einem 
Schmied im Thale gezeigt. Es sollen s. Z. 2000 Knappen dort beschäftigt gewesen 
sein; in Gossensass befand sich ein Bergamt, dessen Wahrzeichen aus Serpentin (?) 
noch heute über der Thür des Wohnhauses der Gröbner'schen Familie zu sehen 
ist, da diese nunmehr jenes alte Gebäude bewohnt, und eine Knappsohaftskapelle; 
diese stammt aus dem Anfange des IG. Jahrhunderts und ist eine gut erhaltene 
Sehenswürdigkeit des Ortes. 

Man erzählt nun von einem früheren Besitzer des alten Hauses im oberen 
Pflertschthal, er sei so reich und mächtig gewesen, dass die Messe Sonntage in 
Gossensass nicht eher beginnen durfte, als er mit seinen Knappen eingetroffen war 



(12) 



und *lpm (leisllidie» dm ZeicLen ^pgelien hatte. Oli es ßich wirklicli um einen 
Besitzer d^s betr» Hauses gehandelt hat — die Wahrheit der Erzählung voraus- 
gesetzt — konnte ich niclit ermitteln. Von WohlstantJ ist iin sdiunen Pflertächthal 
heute nichts mphr zu sehen; der Weg atii Flusse entlang ist miserabel geliaiten, 
kaum fahrbar; num pÄSsirt auf einer zwei Sfuuden langeTi Strasse in eiuem trotz 
meiner Hohe von 1000 — KiCiÜ w, wie der Pflanzenwuchs: WeiÄen, Laubhölzer, wilde 
Fiosen u, dgl. zeigt, milden Hochihale nur wenige Häuser, und der „Herr Curat" 
IQ Inn^-rpflertsch sucht seiue Heerde möglichst von dem Verkeiar mit der Aussen weit 
tibzuschliessen. Nach einem lialb* bis dreiTierteUtündigeD Aufstieg Tom „Curaten* 
aus gelangt man nach HinterpÜertsch nti das ^Blasbichl^ genannte alte Hau<^. das 
letzte irn Thal, welches als solches in Tirol vielfach diesen Namen führt. 

Es gelang mir nicht aus einer lueiehrift oder an sonstigen äusseren Zeichen 
einen Anhaltspunkt für das angeblich hohe Alter des Hauses zu tioden; allein 
dennoch bezweifle ich nicht, dass man es mit einem Hause von beträcht Hchena 
Alter zu thun bat, da es manche Kigenthümlichkciten aufweist, welche man an 
anderen Hatisern der Gegend nicht findet und welche daher die Tradition slutzen. 

Von aussen fällt zweierlei auf: 
L die terrassenförmig aufsteigenden Heukästen unter dem Giebel (Figur 3} und 
2. der Umstand, dass der Eingang des Hauses nicht, wie sonst, unter dem 
Giebel, sondern an der Seite liegt (Figur 4). 

In Hrn* Meitzen's belehrender Abhandlung: Das Deutsche Haus iu seinen 
volksthumlichen Formen, mit 6 Tafeln und 1 Karte (Verh. d. Deutschen Geogr.« 
Tages zu Berlin 1881), fand ich keinen Typus, welcher demjenigen des Hauses io 
dieser Gegend Tirols entspricht, oder etwa speciell demjenigen des vom dortigen 
tiroler Typus abweichenden allen Hauses vou Hinterpflertsch^ weder das fränkiecbe 
noch das friesisch- sächsische, noch das schweizer oder nordische Haus zeigeo ahn 
liehe Grundrisse. 

Gnindrtss und Ansicht des einfachen ^ in der Gegend von Gossensass üblichen 
Bauern bauses sind schematiach in Figur 1 und 2 dargestellt: der Haupteingang 
liegt unter dem Giebel, und Wohnung, Kiiche und Stallungen befinden sich an 
beiden Seiten eines Ganges, welcher die ganze Tiefe des Hauses tlurchläuft. Die 
Giebel sind in dieser Gegend meist mit Ziegenköpfen geziert 

Bei dem alten Bauwerk im Fflertächthal aber läuft der Gang nicht von vorn 
nach hißten, sondern von einer Seite des Hauses zur andern; hierin und in den 
auch sonst nicht üblichen terrassenförmig aufsteigenden Heukasten unter dem Giebel 
(Figur 5a, b, c) Hegt eine Sonderstellung^ welche auffällig und wohl nicht bedeu» 
tungslos ist Der ganze Zustand des Hauses, Steinmauern und Balkenwerk machen 
den Eindruck grossen Alters, wenn es auch nicht möglich zu sein scheint, ausser 
etwa durch Ausgrabungen im Hause selbst, zu eruiren, wie lauge das Bauwerk 
steht. [)a aber Wassers- und Feuersnoth dem interessanten Bau iiber kurz oder 
lang ein Ende bereiten könnten, so schien es mir nicht uberHilssig, denselben zu 
skizziren. Grundriss (Fig. 5), Vorder- und Seitenansicht (Fig. 3 und 4) geben eine 
genugende Vorstellung, so dass ich von einer detailHrten Beschreibung absehe. Ich 
bemerke nur, dass die Bezeichnung ^Keller'^ nicht einen tief gelegenen uoterirdischen 
Raum bezeichnet, gondern überhaupt einen Ruum, welcher zum Aufbewahren von 
Speise und Trank dient. W^ahrscheinliclt war früher der Haupleingang dort, wo 
jetzt der Ausgang i$t, so dass man s. Z. zuerst rechts und links die Stuben betrat; 
jetzt geht man an der dem Thalausgnag zugewendeten Seite ins Haus und durch- 
schreitet erst den ganzen H ausgangs ehe man an Stube und KiJclie gelaugt. Da« 
Ganze ist sehr verfallen und schmutzig. Die schwarz ausgezogenen dicken Linien 



(13) 

ip •^Pigur 5 bedeuten Steiütuaucrü, die dritiiien Holz wände. Der Herd ist enorm 
gross und nimmt den ganzen hinteren Theil der Küche ein. 

Leider ist wenig Aussicht vorhanden, über die ßesiedelung nnd die Geschichte 
dieser so lange ganz abgeschlossenen Oebirg^thäler etwas Gennueres zu erforschen. 

Der Vorsitzende begrübst diese Mittheilung mit Frt'uden. Seitdem die sich 
ergänzenden xVrheiten der Herren M ei Iren und Henning die allgemeine Auf- 
merksnrnkejt auf das deutsche Haus gelenkt haben, tritt auch für die anthropologische 
Gesellschaft die Aufgabe heran, die noch vorliantlenen Reste der ältesten Wobn- 
gebäuiie zum Gegenstand ilirer Studien zu machen. Viele Mitglieder werden viel- 
leicht gerade in dieser Richtung einen angeTiehtnen Anreiz für praktische Betheiliguog 
an den Arbeiten der Gesellschaft finden. 



(4) Der Herr Cuttusrainister übersendet zur Kenntnissnahme den 36, Bericht zur 

Aiterthumskunde Schleswig- Holsteins von Handel mann, 

(5) Hr, Handelmanu übermittelt irn Auftrage des Vorstandes des MeldorfiT 
Museums eine Photographie der Immens tadter Fundsachen, aufgenommen vor 
deren in Mainz erfolgter Reinigntkgj sowie eine AbhandJung über 

Thongefässe und Haselnüsse im Moor. 

In den Verhandlungen ISsö, S. 17 und 135, 1881, S. 22 kamen die Thon- 
gefässe zur Sprache, weiche hie und da in Mooren gefunden sind und ausser der 
hineingewachsenen Torfmasse nichts enthalten. Eine Zusamn^enstellung derartiger 
Funde habe ich früher in den Schriften des Naturwissenschaftlichen Vereins für 
Schleswig-Holstein ßd, H, Heft 2, S. 87 ff, veröffentlicht und ich bin jetzt in der 
Lage, einige andere Fälle oiitzutheiJen, welch« zu einer weiteren DiscuBsioD dieser 
Frage anregen dürften : 

1. Hr, Hofpachter H. Bockniaou schenkte dem Kieler Musen m No. 4907: 
ein kleines Töpfchen mit aufgesetzter schwarzer Glätte, hoch 8\, j cm , Durchmesser 
am Boden b cm^ an der Mündung ll'/jcm, während auf b ctn Höhe der grösste 
Durchmesser 13 cm beträgt. In der Einschnürung des Halses ist eine kleine, 1 cm 
lange, leistenrürmige Erhöhung. Gefunden in einem Moor bei Horusdorf (Kirch* 
spiel Schlamersdorf, Kreis Segeberg), w eiche a vor zwanzig Jahren noch als Fisch- 
teich benutzt wurde und früher mit dem Honsdorfer See in Verbindung gestanden 
haben mag. 

[n diesem Moor kommen wiederholt Töpfe vor; aber, wie Hr. Bockmann 
schreibt, „es ist nie etwas darin oder dabei gefunden.** Die früher ausgegrabenen 
Töpfe waren bedeutend grösser, wnrden aber niemals heil zu Tage gefördert. Eine 
derartige Scherbe ist im hiesigen Museum unter Ko, 4270 inventarisirt; s. Be- 
richt 36, S, 4, 

2, Die Zeitung „Dannevirke** berichtete, dass im Sommer 1880 „in einem 
kleinen Moor zwischen den Dörfern Ladegard und Stüding (Kirch^^piel Hamnie- 
leff, Kreis Hadersleben) beim Torfgraben Urnen von verschiedener Gestalt gefunden 
wurden, und dass es dem Finder gelang, eine wohlerbaltene Urne herauszuheben. 
Man hat seiner Zeit in das Moor Locher bis zu eiu Paar Ellen Weite gegraben, 
um die Urnen hineinzusetzen. Dass sie nicht in einen See versenkt sind, ist 
doatlich, denn die Erde ringsaia ist sowohl dunkler, als auch loser, wie die übrige 
Moorerde, Der betreflFende Torfgräber meint, dass die Urnen sich meistens in der 
Nachbarschaft der im Moor vorkomtnenden Eichenstamme finden, und dass diese 
Bäume nicht umgestürzt, sondern von Menschen timgehaueii sind. Im Moor findet! 



sich viele Haselnüsse, was keine Seltenheit und mich nicht sonderbiir ist^ Ja Ha'»ol- 
busche oh das Unter hob im Eicliwalde bilden. Dagegen erscheint es beai^rkenb- 
wertb, dass zwischen dem Moos vom Gründe des Moors kleine rothe Beeren vor- 
koromen, verinuthüch Moorheidelbeereti (Kranichbeereo, Vacciiiiuni oxycoccufi), was 
jedoch der Torfgräber bezweifelt, da d)e§elben nach seiner Meinung zu klein dafijr 
sind,** 

Aller Wahrscheinlichkeit nach ist dad oh gedachte wohlerhalteoe Thongefäss 
mit einer neuerdiogs angekaufteü Privateamnilung in den ßesitz des KieJer Museums 
übcrgegaügen. No. 5U91j Thongf^fäss mit schwarzer Glätte, hoch 13'/, cwi, Durch- 
messer am Boden 7 tm, an der Mündung 17 cm. Der Untertheil gleicht einer 
Schaale, welche oberhalb ihrer grossten Weite ('21 cm Durchmesser auf 6 cm Hohe) 
einen nngsumlaufenden eingeritzten Streifen mit Ornamenten zeigt. Der darüber 
ansetzende Hab ist scharf eingezogen und am Hände wieder aui^legetid. Gefunden 
in einem Mcmjt bei Ladegard in der Nähe des Törningsees (welche Ortsangabe 
mit obiger Zeitungsnotiz zutrifft). 

3. Laut einer Aufzeichnung im Archiv des Kieler Museums (No, G6 vom 
Jahre Jö7ö) fand der hiesige Anatomiediener Hanstfu vor Jahren beim Tor f graben 
in einer zum Gute l*'reudenhoim (Kirchspiel l^reetz» Kreis Piön) gehörigen Moor- 
parcelle unter dem mindestens 14 Fuss machtigen Torflager auf dem sandigen 
Grunde eine Stelle, welche mit Asche bedeckt war, zwischen welcher eine Menge 
Topfscherben lagen Als er seine Mitarbeiter herbeirief, erklärten diese, solche 
Stellen hätten sie dasyibst schon mebrere gefunden. In demselben Moor, mehr nach 
der Mitte hin^ lagen viele dick stämmige Tannen, der ganzen Lange nach, und zwar 
sämmtlicb, als ob sie bei einem Sturm au^ Nordwesten umgestuijct seien. Die 
Aschenstellen oder Herdstätten waren aa der Kante des Moors belegen. 

Anch in dem Moor bei Rasdorf (Kirchspiel Preetz, Kreis Plön), w*o die Stein- 
axt mit hölzernem Stiel No, 3557, ».Bericht 36, S, 12, gefunden ist, waren wieder- 
holt Urnen mit einer schmierigen schwarzen Masse Torgekommen, aber achtlos zer- 
schlagen worden, 

4. Als der Ein bäum von Vaalermoor, s. Bericht 35, S. 8, erhoben wurde, 
erhielt ich No. 4233: Scherben von einem kleinen dünnwandigen Thongefa^s mit 
plattena blindem Griff, welche etwa SQcm unter der Oberfläche des Moors, oberhalb 
des Einbau ras, gefunden waren. An einer Scherbe klebten noch einige kurze Haare. 
Daneben hatten vertrocknete Heeren gelegen, welche die Finder nicht zu bestimmen 
wussten. 

Am '25. Novbr. 1H80 schrieb mir Hr. Lehrer P. Voss in Vaale (Kirchspiel 
Wacken, Kreis Kendsburg); „Es herrscht hier wie im Vaaiermoor bei Cnkiviruug 
der Wiesen- und Moorländereieu die Methode, dass man mittelst einer Maschine 
die sehr tief liegende Kleierdej den sogen. Marsch niergcl, an die Oberfläche fördert 
und denselben alhdanu auf die Ländereien schaÜt. Etwas Mourerde liegt gewÖbnlich 
über dem Marschmergel, wekhe erst weggeräumt wird, und danach beginnt die 
Arbeit mit der Maschine. Mau hebt zuweilen den Mergel aus einer Tiefe von 2Ü 
bis 30 Fuss. An manchen Stellen kommt man gar nicht durch denselben hindurch} 
anderswo sitzt er nicht so tief und trifft man darunter wieder Moorerde. Bei der- 
ürtiger Arbeit sind iii diesem Herbst verschiedene Alterthumsgegenstiinde äu Tage 
gefordert, und zwar sämmtlich aus einer Tiefe von 2() i^u^s, was sich genau au 
der Maschine fesstellen liess. Es war in derselben Niederung, wo vor zwei Jahren 
der Einbaum gefunden wurde, circa 4tHl Rutlien nördlicK von der Fundstelle. 

Die eingesandten Fundsachen Kind: No. 4636 u) 8cherbeu von drei oder vier 
Thougelassen; h) Uührivukoochen und e) Itiuciistücke vom Unterkiefer eines Schafes? 



(15) 



d) piB Kliutspeer. Äussenleiu bracht*? tue Maschine pwe ziemlicbe Masse Holzkohlen 
mit in die Höhe, sowie auch mehre faualgrosße i^teioe. weiche in dem Marachthon 
eioe ungewöhnliche Erseheinuiif; mtu\, Hr Voss machte daraus folgern, dass die 
Thongefasse hier, ebeuso wie sonst die Urnen, mit Steinen Terpackt gewesen sind. 

Weiter schrith Hr, Voss; ^Beim Torfketschern werden sehr häufig Haaeltiüaße 
und zwar in ziemlicher Menge herausgefordert. Ich habe das Moor schon vor 
fTinfziisi Jahren gekannt; damals war es noch an vielen Stellen UDZugäiiglich, Weoo 
man darauf ging, so mnss>te man befi'irehttHi eiuÄiisiuken. Giösstentheils war es 
damals mit Hiiideknuit bewachsen, und von Striiu^hern uivtl Bfiscben sah man keine 
Spur. Nach meiner Erfahrung wä<:hBt der Hasel stranch überhaupt uicht gern auf 
Moor. Woher mögen also die Haselnüsse herrühren, welche beim Ketschern ge- 
funden werden?"' 

Djis Vorkommen von Haselnüssen ist bereits oben im Moor bei Ladegaard 
constatirt, und auch aus einem Moor bei Ahrenshöft (Kirchspiel Drelisdorf, Kreis 
Husum) im Bereich des vormaligen Friesen wal des sind früher HiiBelnüsse, No. 3369, 
eingeliefert. Ich übermittelte die Frage daher dem Hro. Professor Dr. A. Eugler 
hierselbst, und erhielt von diesem demnächst den betr. Bogfu des IL Bandes seiner 
^Botanischen Jahrbücher**, worin eine Abhandlung von Axel Blyft über ^die 
Theorie der wechselnden kontinentaleü uiKJ insularen Klimate** veröffentlicht ist. 
Daraus möchte ich die hier in Betracht kommenden Stelleo hervorheben, 

(S, '2iK) „Aus den dänischen Beobachtungen ergiebt sich, dass Lager von 
Wurzelstöcken auch in vielen Mooren Danemark«! vorkommen, und die genauen Be- 
schreibungen Steenstrup's weisen nach, dass sie zwischen den Torfschichten 
der verschiedenen Perioden auftreten. Daraus erhellt, dass diese Waldschichten 
die einzigen Deberbleibsel jener langen trockenen Zwischenzeiten darstellen, 
während welcher die Flora des Landes sich änderte und neue Baumarten ein- 
wanderten.** 

(S, 2l — 22.) ^Als das Eis während einer trockneren Periode sich Kurückzog, 
fand sich zuerst die arktische Flora ein, ~ unter den zunächst hierauf folgenden 
klimatischen Aenderungen fand die Einwanderung der subarktischen Flora statte 
während gleichzeitig die beiden ältesten Torfschichten und die älteste Waldschicht 
sich bildeten. — Die boreale Flora hielt ihren Einzug unter trockenem Klima mit 
starker Sommerwärme. Die Moore beweisen, dass die skandinavische Halbinsel 
einst weit mehr Laubwald besessen hat als in der GegenwarL Reste wärmeliebender 
Laubhötzer finden sich massenweise in deo Mooren, sogar in Gegenden, wo solche 
Bäume heutzutage nicht mehr vorkommen. Der Haselstrauch war einst viel häufiger 
als jetzt. Die Moore von Bohuslan bewiesen, dass der Vogelkirscbbaum seiner 
Zeit viel ausgebreiteter gewesen ist, als in der Gegenwart. — Vom Haselstrauch 
findet man Nüsse, vom Vogel kirseh bäum Steine in den Mooren. — Beide oben ge- 
nannte Arten sind boreale, und die HaseJstaude ist geradezu eini* Charakterpflanze 
dieser Artgruppe. "^ 

(S. 18,) ^Kohlen schichten liudet mao sowohl auf dem Grunde, wie oben im 
Torf, was auf wiederholte Waidbriindc deutet* Da der Blitz durrc Bäume anzündet 
und solche zur Zeit der Urwälder im üeberfluss vorhanden waren, konnten Wald- 
brände natürlich leicht entstehen auch ohue Zuthun der Menschen.** 

Zur Vergleichung möchte ich zwei Moorfundc aus Jütlaod heranziolien, w*etche 
Hr; Arthur Feddersen in den AarbÖger for Nordii?k Oldk^-ndighed og Historie 1881 
S. 369 ff, ÄUsfiUirlich beschreibt. 

Im siidiichen Theil des Moors ßroddcabj ävg, ziemlich dicht an {iandi\ atie99 



(Iß) 



man beim Torf^aben, April 18 
iefen Moores 
welche entzwei ging 



etwa 4 
verpftck 



auf einen Steio hänfen» der auf Jem Grunde den 

fgeatapeh war Zwischen den Steinen war eine 

Nach der Meinung des Finders sollte ^Aäche*^ 



hier 

Urne 

darin gewesen sein; aber es war durchaus keiue Spur dnvan oder von Knochen z\i 
constatiren« Dajj;egeii fanden sieb Scherben von wenigstens zwei ThoDgefUssen, uüd 
auf dem einen Bodf*nbtück war eine ziemlich unvollkommene Kreisßgur mit deut* 
liebem Mittelpunkt eingeritzt. An de*r Seite des Steinhaufens stand aufrecht eine 
8S cm hohe Priapusfi^wr von Eichenholz, welche Hr. F. mit der reichlich 1'/, i» 
hohen Holzößur V(m A 1 t-Frii?sack im Berliner Museum ') u.a.m. zusammenstellt. 

Ifu Lauf des Souimers 1880 fand der EigeBthCiraer im östUchen Theil desselben 
Moors und auf einem eng begrenzten Raum etwa zwanzig Topfe von schwarzer 
Masse mit den characteristischen scharfkantigen Granitkörnern; sie standen ziemlich 
dicht bei einander und waren alle leer, üeberhaupt sollen in diesem Moor Öfter 
Tbongefässe vorkommen, wie daselbst auch früher ein ßroncecelt und ein anderes 
Mal drei Stficke Kingschmuck des Bronzealters j^efnudpn sind. 

Im Moor Skj elm ose fand man b*^irn Torfgrahen 18M> einen aufrecht stehendeo, 
1 t/i langen awsge höhlten Eichenstumpf, auf denj die Rinde noch feüitsass; derselbe 
hatte weder Deckel noch Boden und war zum Theil mit kleinen abgerindeten 
Stocken angefüllt. Darunter war ein Steinhaufen, dessen Spitze augeblich in die 
cylinderfr^rmige Höhlung des Baumstumpfs hineinreichte^ und als die Steine auf- 
genommen wurden, zeigte sich, dass sie in einer tricbterr^rnugen Vertiefung auf 
dem Grunde des Moors eingegraben waren. In der siid westlichen Seite des Steiti- 
hanfens stand ein leeres Thongefass, 17 cm hoch, von schwarzer Farbe und mit 
Ornamenten; mitten in den Boden deäaelhen war ein Loch vom Umfange eines 
Bleistifts durchgebohrt. Neben dem Topfe lag ein BruchstQck von einem hölzernen 
Löffel nebst einigen anderen, zum Theil angebrannten Stücken Holz. Ausserdem 
fanden sich zwischen den Steinen Scherben von mehreren anderen Gefasseo* 
Zwischen beiden Steinhaufen waren verschiedene Quarzite und andere Steine, 
welche Spuren der Bearbeitung und des Gebrauchs trugen; in letzterem Haufeti 
auch zwei Bruchstücke von Qnemsteinen. 

Hr. Feddersen denkt an einen Opferbrauch, und in dem einen Falle mit der 
Priapuafigur wäre ich nicht abgeneigt, ihm beizustimmen. Im Allgemeinen jedoch 
scheint mir die Frage wegen der Thongefasae im Moor noch keineswegs spruchreif 
zu sein. 

Bei dieser Gelegenheit möchte ich auch berichten über 

zwei anderweitige Funde von Thongefässen in Dithmarschen. 

Etwa 24 m vom Weslabhang der Düne hei Lehe (Kirchspiel Lunden, Kreia 
Norder- Dithmarschen) stiess ein Arbeiter, August 1882, beim Sandgraben auf einen 
viereckigen Holzbau, welcher reichlich 1 in unter der Oberfliiche lag und etwa 1 in 
lang und 75 em breit war. Derselbe bestand aus etwa 5 Fuss langen, zugespitzten 
Eichenboblen, welche dicht aneinander in die Erde eingerammt waren, und soll 
angeblich mit einem (vermoderten) Holzdeckel verschlossen gewiesen sein. Leider 
wurde dieser merkwürdige Bau ohne sachkundige Aufsicht ausgeleert und grössten- 
theil B zerstört. Als Hr. Lehrer Heinrich Carstens in Dahrenwurth, welchem 
das Kieler Museum einen ausführlichen Bericht und die üebermittelung der Fund- 
Btücke verdankt, zur Stelle kam, war insbesondere nur noch eine mit Zapfenlöchern 



I 



1) Oorrespondenzbl&tt des Oesammtveioins der D«ulschen Qeschichts- im'l Alterthutna- 
vereine 1858, S. 104. 



(IT) 



Versehefle EokU^hie vtjfrbanden, und in diese Löcjjer passten genau die Zapfen von 
vier lerbrochenen dicken Queerbölzern. Es scheint uist> eine Art Rahmen in die 
Rrde geseUt zu Bein, der die ÄUBdeliüUDg der Grube bestimmte; oder die Queer- 
hölzer konnten dazu gedient baben, ein Ausweichen der Ffäble zu verhindern, 
Sämmtlicbe Bohlen schienen glatt und sauber bearbeitet 211 sein. 

In diesen Holzbau waren etwa (mindesteos) zehn Thongefässe hiüeiDgestellt, 
welche angeblich bis an den Rand mit „Asche" gefüllt waren; da diese Asche 
jedoch einen unangenehmen Geruch verbreitete, bo wurde sie weggeschüttet. So 
viel ist aber durch die sorgfältigen Nachfragen des Hrn. Carstens und namentlich 
durch die Aussage des Hrn. Conditor H. U ml an dt in Lunden, der noch früher 
2ur Stelle gewesen, als ausgemacht auzuseben^ dass unter der sogeuannteo Asche 
durchaus keine calcinirteu Koochenreste vorkameDj und dass also kein Urnen begrabe iss 
hier gewesen ii*t* Aucii ist von sogenanDteo Beigabeu oder Todtengeschenken durch- 
aus nichts gefunden worden. Dagegen wird eine gelblich -graue fettig -klebrige 
Masse erwähn t, die sich wie Butter schmieren liess. Die geringfügigen, eingetrock- 
neteo Reste, welche noch an den Scherben klebten, erwiesen sich als Thon, der mit 
organischen Substanzen vermengt ist. 

Von den Thongefassen sind nur zwei heil zu Tage gefördert^ die übrigen waren 
durch den Spaten vollständig zertrümmert und die Scherben in alle Winde zer- 
streut; doch gelang es, Einzelnes wieder zusammen zu passen. Es mnss übrigens 
bemerkt werden, dass in der Umgebung der Fundstelle schon seit Jahren beim 
Sandgraben Topfscherbeo zum Vorschein kamen. Auch hat man später nördlich 
vom Hobbau (grösstentheils auf dem anliegenden Acker, wo sonst keine Scherben 
g<>funden sind) eine Fläche blossgelegt, die mit schwarzer Äsche übersäet war. Es 
wird bei der Sachlage schwerüch an eine Leichenbrandstätte zu denken sein, son- 
dere eher vielleicht ao einen Brenn platz, wo die frischgeformten Töpfe (gleicli den 
jüfclä od ischeii Tatertöpfen) im Schmauchfeuer gebrannt wurden. Andererseits möchte 
ich den Holzbau mit dem wenn auch viel jüngeren Keller des Burgberges auf der 
Insel Rom vergleichen, dessen Umfassung aus dicken Eichenpfosten bestand*). 

Die in das Kieler Museum gelangten Stucke aus diesem Funde sind unter 
No. 41*95 inventarisirt, wie folgt: 

a. Krugförmiges Gefäss mit schwärzlicher Glätte, hoch 20 cw*, grösster Durch- 
mef*ser ll^j^cvt auf 10 bis 11cm Hohe, Durch messer am Boden 8'y.j ci/ij an der 
Mündung !>,8cm. Unten auf dem Boden iet ein Kreuz eingedruckt. 

b. Desgl. mit schwarzgrauer Glätte, hoch 17 rm, grösster Durchmesser \üy^ cm 
auf 1' cm Höhe, Durchmesser am Boden 8rm, an der .Mündung 11 ^m. Das unten 
auf dem Boden eingedrückte Kreuz ist noch deutlicher wie bei dem torigen Gefäss. 

Bei beiden Krügen hat die Glätteschicht sich nur am oberen Theil erhalten. 

c. Zusammengestücktes fragmentarisches Gefäss. wo nur am Kande Spuren einer 
schwärzlichen Glatte bewahrt sind. Eine horizontale Furche bezeichnet den Ansatz 
des HatseSj und unten auf dem Boden ist ein Kreuz. 

d. Bodenstück eines Gefasses mit schwarzer Glätte, auf welchem gleichfalls ein 
Kreuz ^) eingedrückt ist. Dicht über dem Boden laufen fünf Parallel furchen rings 
um den Fosb des Gefas&es herum. 

1) Zeitschrift der Oe^eü^chaft für Schlesw.-Holst.-Lbg. Geschichte Bd. IX, S. 189; vgb 
Bd. XII, a 400. 

2) Einfache Kreuze unten auf dem Boden kornmea Im Kieler Museum vor bei einer 
Grahurne von Tungendoif, Kirchspiel Neuraünster, und M iwei Thongefässen aus dem 
Tasch berger Moor. Ein drittes Gefäss aus eben diesem Moorfun^le zeigt uoten auf dem 
Bo<len ein HakenkTeuiJ. 

VcrhitidL der Bftri. Aniluopo). QeceUtcluka lü^S. 2 



C18) 

e— L Scherben verschiedener Art und Farbe, zum Theil lüit OrnameDtea^ 
im hanflschriftlichen Katalog genauer bescbriebeo siod). 

üeber eioeü zw(*ite» Fond von Thongefässen auf der Wurtb von Hassel 
b&ttel (Kirchspiel Wesselburen, Kreis Norder-Ditbmarschen) liegt noch wenig! 
vor. Vor sechs Jahren nämlich wurden beim Abbruch eines Backofens in der NSfc 
des abgebrannten Kruse' sehen Geweses und bei der nachmaHgen Ümpflügung di 
Grundstucks eine Anzahl Scherben und auch einzelne heile Gefa^se zu Tage gl 
fördert. Es war die Rede von einigen dreissig Töpfen, welche an einer etwi 
erhöhten Stelle in gleichoiässiger Tiefe nebeneinander gestanden hätten und m 
irdenen Platten zugedeckt gewesen sein sollten; sonst sei nichts mIs Erde in d« 
Topfen gefunden. Jedoch im Gaoxen war die Erinnerung an diesen Vorgan| 
dem mau s. Z. keine Bedeutung beigelegt hatte, durch ilie lange Zwischenzeit ziemlic 
abgeschwächt, und man wusste kaum die eigentliche Fundstelle mit Vüllstäodig« 
Bestimmtheit anzugeben, 

üeber eine daselbst am 13. Juli 1882 von dem Vorstande des Meldorf« 
Museums veranstaltete Nachgrabung hat Htjrr Professor Chalybäus mir gütigi 
Nachstehendes naitgetbeilt; „Wir Hessen auf dem Grundstück, welches mit Ruoke 
ruhen bepflanzt war, mehrere Quergräben bis zu 5^6 Fiiss Tiefe ziehen, wäbcfeg 
die Urnen nur ca* 3 Fusa tief gesessen haben sollen. Aber wir fanden nicbcdl 
einzelne Scherben, zum Tiieit vom oberen Rande, unter denen zwei fast 1 an ttÄf 
and von so hartem grauen Thon waren, dass wir — wären wir auf ganze Gefas! 
gestossen — diese ohne Zweifel unbeschädigt hätten heben können. Ein Stück hl 
ein Oehr mit Fingerspuren^ die dasselbe an beiden Seiten zusammengedruckt habei 
andere sind rothlich, in der Miete gran, andere schwarz; die letzteren nur halb s 
stark wie jene. Ganze Urnen, oder Bodenstucke, welche nach Aussage des Herr 
Kruse heim Pflügen an Ort und Stelle geblieben w^aren, konnten wir nicht findei 
Da das Grundstück bepflanzt war, so war immerhin etwas Schonung geboten; m 
Erlaubniss des Herrn Kruse wurden gegen fünfhundert Pflanzen ausgezogen, ui 
Gräben nach den verschiedensten Richtungen zu ziehen; leider vergeben sl Deshal 
gaben wir schliesslich die Sache auf. — Die Wnrth von Hassen buttei ist übrigen 
im höchsten Grade interessant; sie ist fünf Dithroarscher Morgen gross und misi 
an Höhe in der Mitte 22 Vj Fnss über ordinärer Fiutb. Namentlich an der Seeseit« 
wo der Fahrweg in einem Winkel von circa 40 Grad herabführt, ist die Höhe voi 
trefflich zu ii hergehen . In einer Tiefe von fünf Fusg folgte unterhalb der obere: 
Kleierde eine mehrere Fuss mächtige Schicht von verrottetena Reth, mistartigei 
Torf u. dgl.** 

Andererseite schreibt mir Hr. Kl, Peters in Jarren wisch, welcher zuerst i 
den Zeitungen auf diesen Fund aufmerksam machte, dass nächstes Frühjahr ein 
umfangreichere Nachgrabung vorgenommen werden soll. ,, Davon erwarte er besser 
Resultate, namentlich auch aus dem Grunde, weil ihm von glaubhaften Leuten mil 
getheiit worden, dass auf jener Wurth ein riesiger Felsldock vorhanden sei, welche 
mitten in die Marsch hinein nur durch Menschenhand und zu einem besoDderei 
Zwecke hat hingeschafft werden können." — E* mag in diesem Zusauimenhaog aud 
einer alten sageniiaften üeberlieferung gedacht werd|?n, wonach die Kirche, welch 
jetzt auf der Wurth Wesselburen steht, ursprüngliüii auf der Hassenbütteler Wi 
hätte erbaut werden Bollen. 



(6) Hr. Handelmann schreibt über 

vorgeschichtliches Bjjrgwerk und Brückwerk In Dlthmarachen. 
Die eigenthümliche politische Entwickelung Dithmarschens bis zu 



(19) 

gewttitsaineu Unterjochung im Jahre 1559 und die Sooderstelluapf^ welche die Land- 
schaft auch oachher nooh Jahrhunderte lang behauptet hat, erklärt sich nicht zum 
mindesten aus den physisch -topographischen Verhältnissen. Die Dithmarscher 
Geest ist nämlich p;egßn Osten fast Überall von Bächen, Niederiingea und Mooren 
umgeben und hängt nur mittelst eines schmalea Landstreifens mit dem Mittelrücken 
der Halbinsel ("Alt- Holstein) zusammen. Bevor also die modernen Chausseen und 
Eisenbahnen die Landschaft mit den andern Schleswig- holsteiniscb»^n Gauen zu- 
summen schmiedeten, war daher die Verbindung mit der Aussen weit zu allen Zeiten 
auf dem Wasserwege leichter und erspries^licher als zn Lande. Von jenseits der 
Elbe kam die christliche Mission; Atrebanus, der erste Märtyrer im ^Diethmarsgau** 
(7Ü2), war ein Schüler des nachmaligen Bremer Bischofs Willehad. Und seit der 
Zeit Karls des Grossen gehörte Dithmarschen zusammen mit dem südlichen Ufer 
der Eibemu ndnngr to geistlicher Hinsicht zum Sprengel des Bischofs von Bremen, 
in weltlicher Hinsicht zum Amtsbezirk des Grafen Ton Stade. Der damalige Hafen- 
platz Meldorf, unmittelbar auf dem westlichen Rande der Geest, wo derzeit die 
Mieie in die Elbe aiiindete, wurde der staatliche und kirchliche Mittelpunkt des 
Landes. Hier ist die erste Kirche erbaut, welche lange die einzige Taufkirche 
für ganz Dithmarschen blieb; hier stand die Burg des Grafen, von welcher die 
Geschichte allerdings nichts zu melden weiss, deren Andenken aber noch in den 
Namen der ^Burgatrasse** und des ^ Burgviertels" fortlebt. Ob bei solcher engeren 
Verbindung zwischen beiden Eibufern auch ein Geluhl gemeinschaftlicher Abstam- 
mung zu Grunde lag oder mitwirkte, d, h. ob die Dithmarscher ursprünglich dem 
grossen friesischen Volksstamm, der ringsum die Ufer der Nordsee bewohnte, an- 
gehört und erst in geschichtlicher Zeit allmählich die friesiBche Mundart mit der 
niederaachBischen vertauscht haben, wie desgleichen nachweislich später noch in 
pjidersledt, auf Nordstrand und Pelworm geschehen ist: diese neuerdings wieder 
angeregte Frage *) mnss hier unerortert bleiben. 

Auf der Landseite ist die Verbindung zwischen Holstein und Dilhmarschen 
noch in neuester Zeit schwierig gewesen. Ais vom Jahr 1849 an die Gemeinsame 
Regierung eine tägliche „Diligence" nach Meldorf u. s. w. einrichtete, erwiesen die 
Wege sich so schlecht, dass umwerfen im eigentlichen Wortverstande eine Zeit 
lang zu den taglichen Begebenheiten geborte. In der vorhergehenden Periode (ich 
finde diese Angabe schon im Altonaischen Almanach auf das Jahr 1785} fuhr die 
^Dithmarsische fahrende Post** einmal wöchentlich (Freitags Mittags) von Altona 
über Itzehoe nach Meldort Heide, Lunden und weiter über Friedrichstadt, Husum 
nach Schleswig (Sonntags Morgens) und von dort einmal wöchentlich (Sonntags 
Nachmittags) auf demselben Wege zurück nach Altona (Dienstags Nachmittags). 
Die alte L-mdstrasse ging vorüber an dem holsteinischen GrenzBchloss Hanerau 
und folgte dann dem einzigen Passweg, welcher zwischen den Quellen der Giselau 
und der Holstenau die dithmarscher Grenze überschreitet, während jetzt die Eisen- 
bahn von Neumünster nach Heide in gerader Richtung die Niederung der Giselau 
durchschneidet. 

Nordostlich von der jetzigen Eisenbahnbrücke, wo von Alters her eine Fürth 
ond ein Fussweg und Steg über die Giselau führten, haben sich üeberreste der 
uralten Grenzbefestigung erhalten^ Auf holsteinischer Seite, Feldmark Beldoif, 
liegt eine Erhöhung, umgeben von einem breiten Graben, um dessen südliche Seite 



1) Vergh den Aufsatat: ,Friesi*cbe Spuren in Dith marseben* von H, Chr. Tamm im 
[VI. Bande der Zeitschrift der Gesellschaft fnr Schlesw.^Qolst.-Lbg, Geschichte S. 1—93, 233. , 

2* 



f20) 



in halbmoodförmiger Wall lauf):. Dies ist obae Zweifel der eigentlicbe 
der zu den Erdwerken von abgestumpfter Kegel- oder Pjrainidenforni, wie » 
mach anderweitig zablreicb irorkommen, m recbneD ist. Auf ditbmarscher S«?it 
Feldmark Wennbütte], ist eine WalUtnie, die ziemlich gerade vom nordlicheD Ufi 
der An ausgebt and deren nördliches Ende sich schanzeDformig nmbtiBgt; von d« 
Mitte der Linie läuft ein Seiten wall bis ober den Weg, Früher ist der Kukswa 
wohl als eine Gerichtsstatte gedeutet, weil man im Jahr I5G0 übereinkam, d« 
künftige Streitigkeiten zwischeQ Holstein und Ditbmarschen durch beiderseiti| 
Schiedsrichter an dieser Stelle beigelegt werden sollten. Aber es kann kein Zweifi 
*eio, dass sowohl der Wallberg als die Walllinie ui^prünglich zu militärische 
Zwecken aufgeworfen sind. Erinnern wir uns des romantischen Bildes aus Gusta 
Freytag's „Ahnen** (Bd. I), wie Ingo hinaufsteigt zu dem Verbau, der die Wald« 
der Thünnge von den Katten schied, und wie der Grenzwächter ihm H»lt gebiete 
So mag unsere Phantasie steh auch ausmalen, wie hier an der Giseiau di 
Nachbarstamme der Holtsaten (Holsten) and der Diethmannger (Dilhmarschd 
gegen einander die Landesmark wahrten. Dm die Grenze wird hier oftmals un 
blatig gestritten sein; eine Erinnerung an diese Kämpfe haben uns die OrtsD&m« 
bewahrt. Die Giseiau z. ß, ist benaout nach einer Walküre Gisila, d. h» Spee 
Jungfrau, und auch manche Orts- und tlurnamen des holsteinischen Grenzkirct 
Spiels Hademarscben scheinen ihren Ursprung aus der altgermanischen Mythologj 
herzuleiten ^). 

Längs der Grenze breitete sich ein mächtiger WaldbestaDd aus der Rie» 
wohld, wovon jetzt nur der Name und geringe Restbestände übrig sind, der ahi 
vormals etwa das Gebiet der heutigen Kirchspiele Albersdorf uud Nord-Haste< 
bedeckt haben mag. Freilich ist nicht an einen unberührten Urwald zu deokei; 
die zahlreichen Graber aus der Stein- und Bronce- Periode zeugen vielmehr dafu 
dass schon die ältesten ßewohner Dithmarscheus den Riesewohld in ihren Bereit 
gezogen hatten. Und sie haben sich gewiss nicht darauf beschränkt, jene Gral 
denkmäler zu erbauen^ wo das Material, die mächtigen Felsblocke, zur Hand wäret 
es mögen auch auf einzelnen I^ichtuDgen Höfe gebaut und Ackerbau betrieben seil 
At>er Herkommen und Gesetz schützten den Grenzwald vor unbedachter und xnutl 
williger Zerstöruag. Wenn das Landrecht vom Jahre 1447 das Hülzfällen in d< 
Ramme oder im Schalkholz oder in irgend einer Landwehr mit der hohen Brucl) 
von 60 Mark Lübsch bedrohte, so hätte in jener Vorzeit Denjenigen, der da 
Riesewohld zu „verbauen'^ wagte, gewiss noch viel härtere Strafe getroffen. Den 
dieser Grenz wald war der Schirm und Schutz des ganzen Landes und mochte darui 
mit Recht, wie die Sage erzählt, als heilig gelten. 

Wo die Grenz Waldung im Süden zu Ende geht, da finden wir einen Ort! 
namen^ welcher für die älteste Kriegsverfassung Dithmarschens bedeutungsvoll et 
scheint: „Beristede^, später als ein gleichnamiges Dorf weiter nordwärts erwuchs 
„Kerkherstede" (Kirchen*HO und endlich Süder-Hastedt genannt Der Name dürft 
sich als die „Heerstatte^, Versammiungsplatz des allgemeinen Aufgebots, erkläre] 
Ob der Ring wall bei Scfaafstedt, von dem noch Spuren vorhanden sind, zu eine 

1) ZeilBcbrift der Gesellschaft für Scbl-HoUL-Lbpr, Geschichte Bd, I\% S. 16, Vaig 
Förstemann: , Altdeutsches l^amenfaucb* Bd. lli S. 1635: «Kulcesborg in der 
Hildesbeim,* 

2) Vergl- den Aufsatz: ^Dithmurschenkämpfe im Heidentbum" (mit einer Karte)! 
W, Mannbardt In dessen Zeitschrift rür Deutsche Mythologie und Sittenkunde Bä) 
S. 70 — 83. Jedoch sind bei Hannhardt die Oils- und Flurnamfu nicht immer richtig ac 




(21) 

VorpostenstelluDg dea Volkabeeres diente, oder ob eiu dithniRrscber Ceßcblecbt hier 
deu Versucb gcamcht bat, seiu Geböft auf ritterlicbe Weise oiit Tburm, Wall und 
Grabeu eiuzurichten, das mag dalimg**sLellt bleiben. Auch die Hofstelle Speersdielt 
ist yoß alten Wällen umgeben, und vom Frestedter Moor bis zur Au, aüdJi^b von 
Qtiickborn, ziehen äicli drei parallel laufende ßefestigungaliDieu, welche Laufgräben 
geöauDt werden» 

ün¥ergleichlicb grnssurtig«r ist die Bökeloburg *), welche auf dem Höhenzuge 
oberhalb des Kirchdorfes Burg belegen ist, und deren innerer Raum seit dem Jahr 
1818 als Begräbüiasplatz dieoL Der hohe kreisförmige Ringwall hat oben auf dem 






Fiß. 1. 

Kamm eiaen Umkreis von circa 547 Scbritteo; der ionere Durchmesser beträgt 
etsva 330 Fuss, Ala der Wendeßfüret Gottschalk ura das Jahr 1032 das ganze 
nordelbische Land mit Feuer und Schwert verheerte, da ist, wie der Chronist Hei- 
mold erzählt, seiuen Hiinden nichts eotgangen ausser den weitberühmten Burgen 
Itzehoe und Bökel tiburg, wohin einige Bewaffnete mit Weibern, Kindern und Hab- 
selii^keiten sich gefluchtet hatten, und zu demselben Zweck hatte der gewaltige 
Ringwall damals ohne Zweifel schon seit mehreren Jahrhuoderten fjfedieut. Die an 
seinem Fusse voruberfiiessende Au ist gleichfxdls nach einer Walküre Walburg be- 
nantiL Der verstorbene Kirchspiel vogt Messner zu Burg bewahrte in seiner Samm- 
lung (jetzt im Berliner Museum) „einen halben Stein bamraer, gefunden an der 
Ostseite der hohen ßurg^ am zweiten äusseren Wall"j doch darf man darauf nicht 
allzuviel Gewicht legen. Von anderweitigen Funden, die für eine Altersbestimmung 
besser zu verwerfchen wären, ist nichts bekannt geworden, obwohl man sie gerade 
hier, wo die jetzige Bestimmung des Orts fortwährende Grabungen veranlasst, am 
ehesten hätte erwarten sollen. 

Nach der altherkömmlichen Ueberlieferung wäre hier der Schauplatz der Sagen- 
geschtchte vom Untergang des alten Grafenhauses, die im Volksgesaog fortlebte, 
bis sie, wie Neokorus sagt, „durch Vielheit der neuen Lieder vergessen uud aus 
dem Gedachtniss entfallen". Ich habe an einem anderen Ort^) ausführlicher meine 
Ansicht dargelegt, dass der alte Grafensitz nicht hier in der Bökeln bürg zu suchen 
ist, sondern vielmehr in der obgedachten Burg bei Meldorf* Ich halle es für wahr- 
ficheinlich, dass dort im staatlichen und kirchlichen Mittelpunkte der Landschaft 
der Aufstand ausbrach, bei welchem Graf Rudolf umkam. Es war eben damals die 
Zeit, wo die Grafen der nordelbingischen Gaue^ welche vom sächsischen Herzog 



1) Die Atisiebt Fig. 1 ist nach einer im ersten Britkl dieses Jahrhunderts von Marston 
angefertjoteo Zeichnung, Jetzt Ist die ganze Anhöhe mit Bäumen bestanden. 

2) Zeitschrift der Gesellschaft für Schl-Boist.-Lbg. Geschichte Bd. IV, S. 3-13. 




(22) 

zur Ausübung der obersten kriegsberriicbeu und ricbterlichen Gewalt bestellt war 
den Versuch macbten, ibrc Befugnisse weiter auszudehnen und zu einer furstlicl 
Gewalt auszubilden. Dem Grafen Adolf in Holstein gelang es; er hat, wie £ 
mold schreibt« .den unbändigen Waldeseln zuerst den Zaum ubergeworfe 
Anders war der Verlauf in Bitbmarschen; Graf Rudolf ward am 15. März 1144 i 
den Aufstandischen erschlagen; ob in seiner Hauptstadt Meldorf, ob im Bur{ 
RingwalK wo er eine letzte Zuflucht suchen mochte, darauf kommt wenig an. ] 
*;rnsserer Zuversichtlichkeit können wir annehmen, dass im Jahre 1149, als < 
sächsische Herzog Heinrich der Löwe heranzog, um den Tod des Grafen an ,< 
Keichsfeindeu, den Dith marschern \ zu rächen, diese ihrerseits in die Bukelnbi 
flüchteten, ebenso wie ihre Vorfahren bei dem Kiiegszuge des Wenden fürsteD Gl 
schalk. Ueber die Einzelheiten dieser Reichs- Execution vom Jahre 1149 ist nie 
überliefert: wir wissen nur. dass die Dith marscher besiegt und gcdemuthigt si 
und dass sie (als Kriegscontribution) drittehulb Jalirhumlerte lang einen jährlicl 
Korn- und Viehzins an die holsteinische Burg Hanerau gezahlt haben, der uo 
dem Namen der .Zeheuten des alten Herzogs Heinrich'' bekannt war. 

Ich habe schon früher die Vermuthung ausgesprochen, dass den rebelliscl 
Dithmarschern damals noch eine besondere Demüthigung auferlegt sein mag, wel< 
den Anlass gab zu einem characteristischen Zug der Grafensuge. Bekanntlich 
zählt Neokorus, dass zur Zeit des Grafon Rudolf die Bauern zum Zeugniss ih 
Dienstbarkeit einen Klawen *) am Halse tragen mussten. Ein Gegenstück dazu fii 
ich in der grossen belgischen Chronik, welche in der zweiten Hälfte des 15. Ja 
hunderts aufgezeichnet ist. Diese berichtet: «Der Normannenkr»nig Gottfried, ( 
an den Rheinmündungen herrschre und im Jahre ^^.3 erschlagen ward, habe 
widerspenstigen Westfriesen unter ein so hartes, knechtisches Joch gezwungen, d 
sie alle einen Strick um den Hals iesohlunjjen tracen niussten.** Aber was 
spätere Sage hier wie vlort, in den Nie^ier landen mul in Dithmarschen. als Willk 
massregel eines überiualliigen Tyrar.Leii ausl.^g:, das wird vielmehr als eine der 
frühen Mittelalter ül -liehen Krire:^ strafen anzusehen s-.Mn. Missethater mussten 
demülhigendem Aufzuije, ein Zeicl.er. lier verwirkivi; Strafe auf ihrem Hals « 
Rücken tragend, v.>r ii.re::i Herrn erscheinen und eiue vorgeschriebene Stre< 
Weges wandern. Kaiser Frie irioh I . der Rothbart, setzte diese zum Tbeil sei 
veralteten Ehren strafen mit grosser Strenge wjp.Jer in Kraft. Z. B. als das reb 
lische Mailand li.'»'^ lezwuii^en war. erschiener. di'^ Riithsherren, Edelleute u. s. 
l.iifuss und ein Mankes S hwort :\m Halse vcr dem Richterstuhl des Kaisers; u 
nach der zweiten Capitulatioü \\*y2 musste die ganze Mailändische Burgersch 
njit Stricken um den Hals au?/iehen. Ks ist nicht unwahrscheinlich, dass Heinri 
der Lowe 114^^ hier in Dithmarschen Gleiches verlan^zte wie sein kaiserlieJ 
Vetter in Italien, und das* n.ich der Untorwerfai-i: e:i:e ähnliche Procession y 
dem siegreichen Herz-^ge vorül'cr detilirte. Anstatt des hänfenen Seils aber pflej 
man vormals die Weide, d. h- den aus frisci.en. zähen Eichen- oder Weidi 
iierten gedrehten Slrarg. zu gebrauchen, und dieser Weidenstrick kann spät 
als die alte Sitte in Vergessenheit gerieth. leicht mit dem hölzernen Klawen ▼< 
wechselt sein. 

Zwischen dem Kirchdorfe Burg und dem l>enach harten Dorfe Buchholz li< 
die sogenannte Burgholzupg. vormals Borgholt, welche in alter Zeit zu den land 



r «Klawen* bedeutet das hoUene Halsband für Hornvieh, «oran dasselbe angebonc 
«irl S. die AbhUduBg in Schitte*« bohteinischem Idiotikon Bd. li*. S. Ih^». 



(2;j) 



» 



I 

I 



I 



herrlichen Nutzungsrechten gehörte, naclimals dem G^^sahleclit der Vogedingmannpn ') 
lustätidi^ war, uod aua der Niemand HaI/. bauen durfte ohna allgeoieine Beliebuug. 
Oboe Zweifel ist dieser Waldbestand ursprünglich als öffentliches Bigenihum der 
Bökeln bürg zugelegt gewesen, damit man mi^ demselben das n5thige Material an 
Bohlen, Brettern, Faschiiieii u. dgl zum Burgwerk und ßrückwerk eutnehmea 
konnte. 

Noch etwas weiter sudwestlich, beim Dorfe Kuden, liepjt mitten in der Niede- 
rung der Walburgsuu die sogenannte nakwieso. Dieselbe war bei MenBchengedenken 
ringsum von Rieth wuchs (l)ak: Ijcbilfrohr, Rieth) umgeben und ist noch durch 
solchen vom Kudensee getrennt. Der höchste Tlieil wird gegenwärtig als Acker- 
land benutzt, und man ist hier mit dem Pflug wiederholt auf Piahle geßtoasen; der 
iibrige Theil ist feuchte Wiese. Bei einer Besichtigung im Herbst 1870 sah ich 
an den Gräben, welche Acker uud Wiese scheiden, ein paar aufrech tstchende und 
mehrere querliegeode EicheDpfäble; viele andere waren schon früher ausgerissen 
und entfernt. Neokorus (Bd, I, S. 26t>) hat bereits berichtet» dass, „wenn man 
hier ein wenig eingräbt, man viel verbauten Hohes findet; also auch eine rechte 
Steinstrassej so von Norden in die Dakwiese durch gen Süden gegangen.** Er fügt 
hinzu, „dass das Hok zu einer Gruudfeste gebraucht gewesen, und dass etliche 
meinen, es habe hier ein Junkern -Haus (also ein ndeliger Wohnsitz oder eine 
Ritterburg) gelegen.** Jedoch daran ist nach der BeschafFenheit des Terrains ganz 
und gar nicht zu denkeu. Die alten grossen Ziegelsteine, welche hier hin und 
wieder gefunden werden^ durften eher als Unterlage beim Feueranmacheo, als Heerd- 
platten gedient haben. Auch wird unter der ^Steinstrasse** des Neokorus ein Pfad 
von sogenannten Stapfsteine n, der durch das Moor führte, zu verstehen sein. Denn 
das eine und das andere ist an ähnlichen Stellon in gleicher Weise beobachtet^). 
Die Dakwiese war Dämiicii vor Alter» eine Art Insel mitten im Morast, welche 
wahrscheinlich in Krtegszeiten als Versteck und Zufluchtsort dif^nte, und die Pfälile 
sind hier wohl zur Befestigung des schwanken Bodens, sowie der Uebergaugsstellon 
hineingelegt oder eingerammt. Ob auch eine förmliche Bohlenbrücke vorhanden 
gewesen ist^ wird sich jetzt schwerlich noch feststellen lassen. 

(Welche ßewandtuiss es mit solchem Versteck im Moor hatte, davon giebt die 
Kirchspiels -Chronik von Oster- Lfigum, Kreis Apeunidp'), ^-^^ lebendiges Bild. In 
der Kriegszeit von 1657—1660, als sowohl die feindlichen Schweden wie die ver- 
bündeten Brandenburger, Kaiserlichen und Polen auf das schlimmste im Lande 
bausteo, hatten die Einwohner des Dorfes Habers! und sich mit ihrem besten Haus- 
rath auf die kleine Insel Bygholm, nördlich vom Dorfe, gefluchtet. Hier waren 
damals höhere Banme^ und ringsum war ein tiefer Morastr über den sich so leicht 
kein Feind wagte. Doch war man gewöhnlich im Dorf, hielt aber stets Wache in 
den hohen Eschenbaumeu, welche beim Hofe No. 27 A standen, uod sobald die 
Wache das Zeichen gab, zog sich Alles nach der Insel zurück* Wenn dann der 
Feind ins Dorf kam und keine Leute vorfand, so nahm er was zu nehmen war, 
steckte auch wohl einige Häuser in Brand und zog wieder ab.) 

Vom Kudensee ging früher ein Wasserlauf, der sogenannte Holsteograbeüj bis 
in die Elbe und bildete die Grenze zwischen der holdteiniscten Wilstermarsch und 
dem Dithmarscher Suderstrand (Sudermarscb). Die Grenzbecke heisst noch das 




1) Vergl den Aofiatz: ,Di6 Vogte und das Geschlecht der Vogdemanncn" von Professor 
Dr, Chalybaens in Meldorf (Beider Zdtung 1882, Nr, 28— 32), 

2} Zeitschrift der Gesellschaft für Schlesw. -Holst .^Lb|f, Geschichte Bd. X, 8,20» 34, i2, 
3) Jahrbürber für die Landeskunde von 8chle6w»-Hd»t, und Lbg. Bd. XI, 8.84-35. 



Crv'iL..:.: -f- «•: ii^ L i-rT riis.'.^f.i-t'rfr '^Ti-z t-r-r-^i: .W.r n ls*^i t:^"* Beim 
rr-:*. - -rl: Irr: l- i.* :.-:.r*i 'jjrri^tiz:} >. -»r.rir L,fr iz f*-r V^ffreft a 
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"»:^irs::-.i :i 'r-"«! if^r Hi. £-£i:iT is.;*. ■."*:-ri i i i.». i.r I^n-fL^tritirr Ix 
I™ "»^i . m »f.:!-: rr?-": *•-:: irn -."-rr 1**.' :_ii Tif . ■».r-i*T ^7 fr*'-*'st : 
!■•■: ?L*- IL.-- .LZ i.f: T:r I,:.:fi -r.i rr ".T-f I ::: I-iiri-":r-r:- ik? ^;;rcr£ «-ii 
• 1 N ::-: l --ziirz Tr.zi : i i.' L^z .-ri: : i^-?:'r: n.::* I».-? E:=:»;^ii 
^ .:fi •. 1 i_i t.Iti 11 :-:-:- W: 17. 1:1 -u.ifi. i:. z.ii ki— r.ü^ *4i£^ 
Z'» >* ' !*-?: 1 -.iri 5 :.;"::■:. _i-*:; :_ .i**"i ~ ;-:r r:._.r *:ri*- 5«:.!r dks m 
1' r: £*:.!.: ^-: >: I: ifi :r ,1 :1 ■ ri.-ir: ^ti i^.r.i :'r:r:i A.:-*räö:rf h 

^:.:-Il: ?^t I ■.: "p r: ■>.':.:■-* i._:i -■: Sl i-::-?:^:.: zzi r*f.-f- ri.-*r.>:. t 

--* «.Ti:*: 7: r:-- -^ t . : r :i:i : i-Tti. - i::f 1 _-f -i "^ r* 11 i irr «r»n < 
N ri^: tjr-i; i.i\:L-:. - :^: V ;: ■ :^ ^ t> ^: :i- ..- iii zz-irrZZrrT \''4k 

5. i.-:::i:- .l.:- •! ri: :* . .•.:■-->.-. .Kirii:- ^ ir.-r :if A-fffr^r-atsf« 
?-: : ::r:T-i"Sii:f }.rr. :.:r r:*.r -^: üti- Nr 1 -r-.ili-: : :-* Br:::Z"?4Jl-< 

T.r:r:^-: i:^ _-: Zt : >^ 7t:::^i:i-> ■ - :{r . _:i.l ::- CiriKrriiük« 
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I 



vorföbrleo. Die meisten Graber wür<*ii mit spärlichea ßeipabpii bedacht: ein 
Messer, ein Speereisen , ein Bündel Pfeilftpitzen u. s, w. \oi\ hervonragendem 
Kang uüd Reichtlmm aber zeugten zwei Gräber mit pnlcbti^em Frauenscbmuek 
und i»in drittes, welches einen Krieger in voller WiilVenriistunp barg. Sein Schwert 
und die mit Gold tauscbirten Steigbügel entsprechen den Formen des Dordischen 
sogenannten jüngeren Eisenalters, resp, der karotingischen Periode; sein Speer mit 
zwei vorspringenden Zapfen an der Tülle insbesondere dem T^Knebelspiess" der 
Wesaobninner Handschrift vom Jahre 8H\ Steigbügel und Sporn erinnern auch 
daran, wie der Todte vor den Leuteo geringeren Standes, zwischen denen er zur 
letzten Hube gebettet ist, sich dadurch auszeichnete, dass er hoch zu Ross in den 
Krieg zu ziehen pflegte. Dies Zahlen verbakniss stimmt zu der anderweitig ver- 
bürgten Th}«tsiache, dass die Norddeutschen der Zeit und auch später noch gewohnt 
waren, hauptsachlich zu Fuss zu kämpfen. In den Jahrbüchern Einbard's wird 
während des langwierigen Krieges zwischen Sachsen und Franken nur einmal aus- 
drucklich von einem Reitertreffen au der Lippe im Jahre 784 berichtet. 

Das sind die Zeiten, wo Kaiser Karl der Grosse mit eiserner Faust die nord- 
deutscben Stämme in den Schooss der christlichen Kirche und in den deutschen 
Eeichsverband hineinzwang. Auch Dithmarschen ist davon nicht unberührt ge- 
blieben; bei der wiederholten Schilderhebung Widukind's im Jahr 782 wurden 
überall die MissionJire und Christgläubige a hart verfolgt, und im Diethmarsgau 
erlitt der Geistliche Atrebanus den Miirtyrertod, Drei Jahre später (785) erliess 
Kaiser Karl zu Paderborn das berühmte Kapitular für die siichsischen Lande, daB 
wie mit Blut geschrieben ist; ein Artikel nach dem anderen lautet dahin, dass 
wer die neue christliche Staatsordnung verletzt oder rückfällig wird in heidnische 
Grauelj ^der soll des Todes sterben**. Hier kommen besonders zwei Artikel in 
Betracht. Kapitel 7 verbietet bei Todesstrafe die Leichenverbrounung, die damals 
in Norddeut^chland vorherrschend gewesen zu sein scheint. Doch sind daneben 
schon von älterer Zeit her einzelne Bestattungen vorgekommen, und um so leichter 
mochte der christliche Brauch sich allgemein einbürgern. Anders war es mit 
Kapitel 22, wo es beisst: „man solle die Leichen der christlichen Sachsen nach den 
Kirchhöfen bringen und nicht lu den heidnischen Grabhügeln.** Damit waren 
offenbar solche uralte Begräbnissplätze gemeint wie der Immenstedter Karkhof, 
welche durch alle Perioden hindurch benutzt sind. Die strenge Durchführung 
dieses Gesetzes hatte um so mehr Schwierigkeiten, da die Zahl der Kirchen in 
den neubekehrten Provinzen anfangs nur gering und die Entfernungen desl]alb uro 
so grösser waren. Fn Dithmarschen war lange Zeit nur die einzige Taufkirche zu 
Meldorf* So tnusste noth gedrungen bei den meisten Beerdigungen von einer geist- 
licheu Mitwirkung abgesehen werden, und es wird um so länger gedauert haben, 
ehe die althergebrachten heidnischen Begrabni^sge brauche ganz und gar abkamen. 
Im üebrigen mochte ich zum Vergleich den sogenannten Thyra-Hngcl bei JelHnge 
in Jütlaod heranziehen. Dort ist in derselben Grabkammer zur Seite ihres heid- 
nischen Gemahls, des Dänenkon igs Gorm, die Konigin Thyra Danebod beigesetzt 
gewesen^ welche nach Saxo Grammaticns eine Christin war, und für deren christ- 
liches ßekenntnias auch ein daselbst gefundeoes^ mit Gold belegtes Bronzekreuzeheu 
zu zeugen scheint'). Wer kann nach alledem wissen, ob nicht das cliristliche 
Taulwasser auch den ei neu oder anderen der Immenstedter Todten benetzt hatte? 



1) Kornerup: „Kongehöiene i Jellinge' S, 20 u, ff.; Worsaae in den Meinoires de Ja 
sociiHe Rojale des antiquaires du Nord 1878— 187^, S. 120—121. Ueber die uhweicheuHe An- 
sicht Kngelhardt'i^ s. Aarboger for Nordisk Oldkyndighed og^ Historie 1876, S. IIG n. £ 




(26) 



Dagpgen babeo wir gar keinen Grund iiüzuD^^hmeo, dass dieser alte B^grabni« 
jeronl» zu einem christUcIten Kirchhof geweiht wurde. Keioe Spur dcutC 
liiii, dass m Immeastedt jemals eine Kirche oder KapelJe geweseo sei. 

Von der Grenze (beim KukswaJI) fuhrt die alte Land&trasse in ziemlicb" 
Hichtiilig nach Meldorf, Der Fei od hatte ayf diesem Wege den Ries«»W€ 
passiren, utid ionerbalb dieser Greazwaldung oder utinnttelhar biDter 
muBflten selbstverstäüdlich VorkehruDgeii zur Abwehr getroffen werdeu. 
war hei Tensbijltel ein iiller Wall, der sogenannte Königsgrahen; auch soll 
wärts, zwischen Sarzbütlel und üdderade eine Burg gelegen hnbeu. Wie ea 
nun audi damit verhatten mag, uU der eigentliche Schlüssel zu Meldorf is 
Pass bei Delf brücke anzusehen, wo die Landstrasse die Norderau (Süder-Ä! 
überschreitet. Kurz vor DeUbrucke, diesseits (nordöstlich) TOii der Au, Heg 
runder Högel^ der mit einem breiten Graben versehen ist; um die Ostseite 
selben lieht sich im Halbkreise ein zweiler Wall, den wieder ein Süsserer Gl 
umgieht. Dieser sogenannte Schlossberg wird gewohnlich als der üeberres' 
Marienburg angesehen^ welche die Holsteiner im Jahr 141)3 erbauten. Ea 
jedoch auf der Hand, dass diese während des Kriegs und mitten in Feindes 
nicht Zeit üoch Arbeitskräfte geoiig zur Aufhäufung eines solchen Erdwerka g 
hatten. Dasselbe muss vielmehr damals schon vorhanden gewesen sein, um 
bolsteinibchen FeldhaupÜeutej welche die militärische Bedeutsamkeit dicBer Pa 
zu schätzen wusten, setzten sich darauf fest; sie liesscn hier ein Blocichani 
Pal issaden zäun und Graben^) errichten, welches den wiederhoken Angrifiei 
Dithmarscher trotzte, aber nach der Niederlage am St Oswalds- Abead 1404 
tragsmässig geräumt und geschleift werden mnsste. Die Delfbrücke ist Dacl 
Tou den Dithmarschern weiter befestigt worden; nördlich der Au scboeiden 
die üeberreste tieftr Bcfestigungsgrilben bastionsforinig in einen Hügel eio. 
der Burg wall reicht offenbar in eine viel frühere Periode zurück und ist zur La« 
vertheidigung^ nicht zum AngriB* erbaut worden. ^M 

Die Landstrasse von Delfbrücke nach Meldorf fuhrt bei Bmrgenstedt^J 
über die Spur einer Schanze südlich von diesem Dorf läset sich schwerlich i 
sagen. Bei Nindorf müadet ein anderer Weg eia, der von Schafstedt über K 
stedt und Farne winkel herkommt Vielleicht dass die Holsteiner im Jahre 
diesen südlichen Weg eingeschlagen haben; der damalige halb sagenhafte „H; 
krieg**'"') soll auf dem Krumstedter Viertb geschlagen sein. Die ScbaDzen 
Farnewinkel sind nach der Ueberlieferung erst 1713 von den Schweden aDg« 
Dagegen der Engelsberg daselbst, welchen NeokoruB die „ Engel sburg^ neoDt 
von dem er eine Riiubersage erzählt, ist offenbar nichts anderes als eioj 
Hünengrab.^) 



I 



Am nördlichen Ende des Grenzwaldes liegt das Dorf Tellingstedt," 
Kirche bereits um das Jahr 1140 urkundlich erwähnt wird; das ältere Urdorf 
der Sage nach*), zur Strafe des Frevels in dem benachbarten Ecksee Tersni 



1) Diese Erklärung ist um fO rnehr berechtigt nach dem, wa§ der Presbyter Breia 
Kap. 21> ausdrücklich von einer ^leichzei tilgen Befestigung der Burp; Haue ran berichti 
stnim H. munieruat palis loagis, ligneis meniis et novis domibas atL|Tie fossatis.* 

2) MüllenhofFs Sagen Nr. 11 ^ S. 19; Topographie von Holstein und La 
Bd. II, S. 58. 

3) Topographie Bd. 1. 8. 377; Zeitschrift der Geseltscbafl für SchL-H(jl«t.-Lbg. i 
Bd. IV, S. 14 

4) MÜHenhoffs Sagen Nr. 174| S. 131. 



- Breifl 
cht||^ 




(•27) 

sein. Eine kurze Strecke hinter Tellin^tedt ist der Üebergaug über die Ti(*lenau^ 
die Tielenbrucke, welche als der Schlüssel zur norderditlimarscber Geest galt und 
bis zum Dnterj[jang der Freiheit slark befestigt war. OestHch von TelHngstedt war 
vormals eine Befestigung in riiuder Form. Die Namen der benachbarten Ortschaften 
Oesterborstel und W«^stcrhor6tel deuten ohnehin auf eine altere Bauernburg oder 
Zufluchtsstätte. Dagegen die Hypothese, als sei hier in alter Zeit der Sitz einer 
adeligen Urenzerniannschaft gewesen, welche nian aus der ursprünglichen Namens- 
form ^Ethelingstede'* herzuleiten suchte, halie ich an eioera anderen Orte*) zurück- 
weise q jnÜBS4!n. 

Westlich von TelHngatedt breitet sich ein grosses, gegenwärtig recht gut ent- 
wässertes Moor aus; südlich Tan diesem ist der Holmer (Süderhol mer) See und 
jetzt auch dessen kleiner üeberrest, der Benuewohlder See, trocken gelegt, wahrend 
im Norden der tiühe und hodenlose Ecksee noch den ursprünglichen Lagunen- 
Charakter verriith. f^enn es kann kein Zweifel sein, dass die ganze Niederung in 
früherer Zeit Tollständig versyrapft, ein tiefer unzugänglicher Morast gewesen ist, 
aus welchem, wie noch deutlicli zu erkennen, verschiedene kleinere und grossere 
SandÄachen ineelartig hervorragten. Die grusste dieser Inseln bildet die Gemarkung 



*^,- w-J 



Schalkhafi 



J^ 



m> 







TiflingsUdt 



yB«ninie«9h|derseB 



R(f- 2- 



Redcrstall; eine zweite heisat im Volks munde „der Heiin **; eine dritte kleinere hat, 
als bald nach dem Orientkrieg von 185^ — 185G das erste Haus daseibat gebaut 
wurde, den Spottnamen „die Krim** erhalten. ^ Hr. Lehrer A. F, W. Thomsea 
iu Schalkholz hat gütigst die obenstehende Kartenskizze (Fig. 2) entworfen, welche 
die Situation veranschaulicht. Eben demselben verdanken wir auch die gelegentlich 
der Moorarbeiten festgestellte hochinteressante Beobachtung, dnss obgedachte InseJn 
zum Theil unter einander und mit dem eigentlichen Festlande durch Bohl brücken 
Terbunden sind^). 



1) Zeitscbrift der Gesellscbaft für Scbl-Hcilst,-Lbf, Geschiebt© Bd. XTI, S 397. 

2) Stehe dessen Aufsatz (^Eia Hammenweg?'') vom Octob^r 1&8U jn den Uzebner Nach- 
richten» 




(28) 



l, Nordilicb von Weslnrborstel fügt sich das Mnor so sebr elo, dass mun 
schwer mit einfm Sleinwurf die g^^genüberliegende Hohe (die Krim) erreicht. 1 
wurde im Sommer 18H0 auf der Sohle des hier tdcht tiefen ^foors ein querdu 
gehender Pfud blossgelegt, der aus ßtark scb rittweit auseinander liegenden groi 
Steiöblöeken bes^tand (sogen, Stapfstei«ie). Nur etwa 20 m davon ODtferot, faßd i 
ein etwa 2 Fuss unter der Oberfläche liegender BohleDdamra, der eine so ^ 
8anduuterh)ge hatte, dass das Moor zum Zweck der Torfbereitung unbro^act 
wird. — leb werde auf diese Bohlbrücke noch ausführlicher zurückkommeu. 

IL Die Krim ist ein schmaler Huhenrücken, der sich reichlich eioe Li 
Stunde in West Nord-West-Richtung hinzieht uud südlich von einem wasserreic 
Bache Öaukirt wird. Dem westlieheti Ende dieses Kückens nähert sich bis 
etwa 200 Schritt ein schmaler Ausläufer des Hell na, uud wieder stellt ein Dal 
der aber des hier tiefgehenden Moors wegen mehrfache Lagen aufweiset, in ci 
Tiefe von etwa 5 Fuss die Verbindung her. Wie es scheint, hat man hier vrenl 
als sonst Eichenhok gebraucht; Erlen- und Birkenstämme sind vorwaltend, 

lU. Von Schalk holi her ffdirte ein dritter Bohlendamm, der etwa 2 Fuss ui 
der Oberfläche lag, nach dem Hello hinüber. Zwei parallele Reihen ziemlich die 
Eichenstämrae mit einem seillichen Abftande von etwa 8 Fuss sind durch Sp 
pfähle verhindert, nach aussen ausÄUweichen. Bierüber ist eine dicht zusamiz 
schliessende Lage etwa ' >> Fuss dicker und ^j^ Fuss breiter Eichenbohlen gel 
und oben darauf finden sich geringe Spuren weissen Sandes. 

Der Hclln und Rederstall reichen mit den auasersten Vorsprungen dicht 
einander hinan; nur dass sich die Hederstaller Au zwischen beiden dorcbwin- 
Die beiden Inseln bildeten eine natürliche Zufluchtatätte mitten im Sumpf, und 
Einwohner sowohl der südlich wie der nordlich belegenen Geest hatten sich 3 
sichere Kückzugswege dahin gebaut. Drts Material zu den ßohlenbrücken war 
der Hand; denn erweislich ist der Helln in der Vorzeit ein prachtiger Wald 
wegen. Davon geben die gewaltigen Eiclienstümpfp, sowie die ganzen 2 — S t 
starken Eiche ostamme^ welche am Rande desselben noch im Moor gefunden 
ein redendes Zeugniss. 

IV. Wo dem anssersten südwestlichen Punkt der Insel Rederstall nicht all 
fern eine flache sandige Erhebung gegetiübeiliegt, führte ein vierter Damra hiniil 
welcher von besonders sorgfältiger und fester Beschaifenheit gewesen sein s 
Eine zur Längsrichtung im Winkel von 45 Grad nach links stehende, dichte Li 
aus lendendicken Stammen war von einer eben solchenj im gleichen Winkel m 
rechts geschichteten und diese von einer dritten, der Längsrichtung entsprechen« 
Lage aus gleichen Eichenstämmen überdeckt. Die beiden unteren Lagen waren 
den beiden Enden senkrecht durchbohrt und mittelst Hoknagel znsammeiigehalt 
Seitlich von diesem Damm in etwa einfüssigem Abstände hat noch ein Faschio' 
dämm gelegen, dessen einzelne Bündel von den umschliessenden Weidenruthj^ 
noch wohl zusammengehalten gewesen sind. ^^ 

Neuerdings schreibt mir Hr. Thomson, dass er vf>n einem fünften ßohlendac 
gebort habe. Südlich von IlederstaU ist namJich ein einzelnes Haus bis an ( 
Moor vorgeschoben j in geringer südöstlicher Entfernung von dort soll eine we( 
umfangreiche sandige Höhe liegen und nach dieser der gedachte Damm fuhr 
Das Gerücht erfordert eine genauere Prüfung und Lokaluntersncbung; doch ist < 
Möglichkeit keineswegs ausgeschlossen, dass auch noch an anderen Stellen < 
Moors derartige Dämme zu Tage gefördert werden. 

Vou hervorragender Wichtigkeit für die Zeitbestimmung dieser Bohlbruckeo 
ein bronzener Armring, ahidich wie die Abbildung bei Lindenschmit: ^Alt 



(29) 



^ 



^ 



^ 



ler unserer heidnischen Vorz^if* Bd. II, Heft 5, Tafel 3, Figur G, welcher im 
Friihjahr 1882 auf derß Damm Nr. I zwischen Westerborstel und der Krim ge- 
fbndeü wurde. Derselbe gehört jetzt dem Hm. Apotheker Fr, Hart mann in Tel- 
lingstedt und ist sowohl dem Kieler Museum wie auch dem IJöoaisch-GermaDischen 
Ceotral'Museum zur Aosicht eingesandt worden. Wie Ilr Hart mann gefälligst 
mittheiltj ist dieser Damm Nn 1 250 Schritte lang gewesen. An der Seite waren 
lugeapitzte Pfähle, daran Langsboblen, und darauf erst eine Luge von 2,30 m 
l&Dgeo Querbohlen, welche aus gespaltenen Baumstämmen von ca. G Zoll Durch- 
messer hergestellt und an beiden Enden gefalzt waren, so dass sie auf die Längs- 
hohlen fassten. Darauf lagen wieder zwei Schichten von runden, nicht ge^palteDen 
ßunmstämmeö oder Bohlen. Die ganze Brücke war mit weissem Sande beschüttet, 
und auch an jeder Seite derselben befand sich viel weisser Sand, Die Torfschicht 
oberhalb der BriJcke betrug etwa 1 m. 

Nach den von Hrn. Hart mann eingezogenen Erkundigungen hat der Ring in 
der Mitte der Briicke auf der untersten flachen und gefalzten Qu er bohle gelegen. 
Die ilöglichkeit, dass derselbe nach trag! icb zwischen den Fugen der Bohlen hin- 
durch gefallen sei, ist ausgeschlossen; da, wie gesagt, drei Reihen Querbohlen 
übereinander lagen, von denen die obersten die Fugea der mittleren und die mitt- 
lereo die Fugen der unteren bedeckten, so da&s der Ring hatte einen Zickzack- 
Weg machen müssen. Nach alledem kann kein Zweifel sein, dass der Ring beim 
Brückenbau verloreu oder niedergelegt ist. 

Man pflegt diese Art Armringe in die römische Kaiserzeit zn setzen. Jedoch 
im Sommer 1880 wurde ein solcher silberner Armring im Ried bei Lauterach (Vor- 
arlberg) gefunden zusammen mit einigeu anderen silbernen Schmucksachen, drei 
keltischen Qninaren und 24 romischen Denaren (Familienmünzen) aus der Zeit 
zwischen ca. 25t) und ca. 80 vor Chr.') Die Form reicht also bis in die Zeiten 
der römischen Republik zu rock. Die Einfachheit derselben und die äusserst prak- 
tische Einrichtung, dass sie durch spiralförmige Aufrollung des einen Drahtendes 
über das andere eine passende Vergrosserung oder Verkleinerung der Oeffuung 
zulieB», bewirkte, dass diese Art Ringe eine grosse geographische Verbreitung 
gewiinDen und sehr lange Zeit im Gebrauch blieben. Lind ensch mit weiset die* 
selben aus Merowingischen und Angelsächsischen Grabfunden nach; und nach einer 
Mittheihng des Hrn, Dr. Sophus Müller findet dieselbe Art des Verschluäsea 
sieb noch bei einer grossen Menge silberuer und goldener .Armringe aus der letiteu 
Zeit des nordischen Heidenthums, welche im Kopenhagencr Muüeum bewahrt werden 
und zum Theil aus grosseren Silberfunden herstammen. 

Wenn nach dem Obigen ein weiter Spielraum für die Zeitbestimmung bleibt, 
so möchte ich andererseits daran erinnern, dass eine Bohl brücke schon im Moor 
Taschberg bei Suderbrarup beobachtet wurde, wo die romischen KaisermiVnreo (die 
jöngste von Septimius SeveruSj 193—211) einen genaueren Anhalt für die Periode 
der Niederlegung des grossen Moorfundes gaben. Engelhardt-) berichtet darijber 
folgeodermassen: ^.Auf einer Stelle an der Westgrenze der Fundschicht fand sich 
eine Art regelmässiger Brücke oder üebergangsstelle, gebildet aus eingerammten 
Pfählen, auf welche querüber andere Pfahle gelegt und darauf das Ganze rait Busch- 
werk und Reisig bedeckt war: diese Pfählo waren mit einzelnen Ausnahmen von 
Erlen, Birken oder Ntissbaum," Ofifenbar hatte man diese Brücke erbaut, um jeu 



1) S. den XXL Reebenscbaftf^-Bericht des Ausscbupses des Vorarlheiijer Museum -Vereins 
in Bregenz über den Verein*jabrgat>g 1881» S. 12 u, ff. 

2) ,ThoT*bjerg Moaefund* S. 14. 




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dem tiefateu uod wasserreicbsteo T heile des Moörs, der sich zur opfern 
Versenkung der Kriegsbeute am besten eignete, bequem und aiciier gelaof 
köooen! Nach dem Obigen habe ich keine VeraolassuDg, darao zu zweifeto, d 
die Böhi brücken bei Tellingstedt wenigstens von gleichem Alter sein mögen 
die Scbleswigflchen Moorfunde, und weon, meines Erachtens, der Boblbrückeiil 
als ein uralter, aaturgemässer und daher bei den verschiedeusten Volkern i 
kommender Brauch anzusehen sein dQrfte, so bleibt oichtsdestoweniger die MogU 
keit, das« die hiesigen Erbauer zum Theil von der römischen Technik gelernt hat 
ebenso wie jener Schiffsbaumeister, der iu den Ein bau m von Vaalermoor Rip| 
einfugte und einen Spalt mit Schwidbeoschwanzen verschloss ^), 

Ehe wir die Nachbarschaft Tellingstedt's verlassen, ist noch zu erwähoeo, d 
ein Landgraben, auch Laufgraben genannt, von der Tielenbrucke über das wfl 
Moor sich nach dem Bennewohlder See liinzog. Ich veTmuthL% dasa derselbe a 
tereo Ursprungs ist und auf die Entwässerung des Moor» Bezug hatte. Als li 
teres allmählich trockener und pnssirbar wurde, wird man sich bemuht bab 
innerhalb desselben wenigstens einen Wasserlauf herstellig zu machea und ol 
zu halten, der die gefahrdrohende Lücke zwischen der Tieleoau und der ßroklaodi 
verschliessen ioUte. 

Hinter der Tielenbrucke, wo der Weg von Schalkholz nach Linden auf etc 
Geestrfjcken sich zwischen verschiedenen Mooren hindurch windet, ist DOcb e 
Landwehr gewesen. Quer ijber die Landstrasse zogen sich vier Reihen von ] 
Ellen langen Verschanzungen, welche durch ziemlich tiefe Gräben getrennt war 
an der östlichen Front war eine balbmotidformige Bastion. Eine Tradition apri 
von den Schweden im Jahre 1713; aber die Wälle sind jedenfalls viel älter i 
können kaum noch in den letzten Zeiten der Dithmarscher Freiheit eine militäriei 
Bedeutung gehabt haben. Nach einer gefälligen MilthRilui^g des Hrn. Lehr 
Tbomsen hiess die Schanze ursprijnglicb der ^Grafen wall^, und der ßesit 
erzählte ihnij dass bei dem Dorf Linden in alter Zeit ein Graf wohnte, der i 
Schanze aufgeworfen habe» Jetzt ist nur noch t^in Fragment übrig; bei der J 
tragiing soll in den Schanzen selbst nichts gefunden sein^ neben denselben mau eher. 
Insbesondere ein vermodertes menschliches Skelett, unter dessen Kopf ein 
geschoben war, wnd neben welchem ein Thongefass (Urne) stand '^). 

Eine gute halbe Stunde vom Dorfe Fedderingen liegt ein Fleck Landes, i 
im Volksmunde und im Erdbuche die „hoge ßtirg" heisst, wie die denselben u 
gebenden Wiesen die „ Borgwischen, ^ Dazu kommt^ dass ehemals eine Bolzu 
^ Borgholt" südlich von dem benachbarten Kirchdorfe Hennstedt gelegen hat. H 
war offenbar unter Benutzung der natürlichen Verhältnisse eine Zufluchtstatte | 
schaffen, und dass man zu demselben Zweck auch einzelne Bodenerhebung 
innerhalb der Eidern iederung benutzt haben mag^ darauf labsen verschiedene Or 
namen i*chliessen: bei Bergewöhrden erzählt man von einer Burg, und das D^ 
Wallen hiess vormals ^^to dem Walle", wobei man an einen Wallberg oder Burgw 
denken möchte, (Ebenfalls die nachmaligen holsteinischen Grenzschlösser T^^ 
bürg und Halvesburg sind hier in der Eid ern iederung erbaut worden.) ^M 



i 



Es bleibt uns noch die südlich von der vorigen belegene Geesthalbinsel zu I 
trachten öhrig, ^reiche zwischen den Niederungen der Broklandaau und der Mii 
belegen ist und im Wesentlichen den alten Bezirk des Kirchspiels Weddingsti 



1) Verhundlungen der Berliner anthropologischen Gesellschaft 1881, 8 406. 

2) Zeitschrift der OeseOschaft fnr Schl.-Dolst-Lhg. GeBchichte Bd. IV, 8. 15. 




(31) 

ausmachL Denn tn der bereits um das J. 1140 urkuDdlich erwähnten Weddingstedter 
Kirche war ursprüxigHch auch die jetzige 8tadl Htnde eingepfarrt, welche noch zu 
Anfang des 15. Jahrhunderts ein bescheidenes Dorf auf der Haide („to der Haide**) 
war, aber binnen kurzer Zeit die alte Landesfiauptstadt Meldorf überflügelte. Ein 
schmaler Geestrücken, die sogenannte Süder-Hamme, verbindet diese Halbinsel mit 
der östlichen Geest, und an dieser Stelle waren Vorkehrungen getroffen, um dem 
Feinde Halt zu gebieten. Der holsteinische Chronist zum Jahr 1404 ') erwähnt 
zwei oder drei Grüben im dichten Walde zwischen den beiderseitigen sumpfigen 
Niederungen und eioe enge Steinstrasse (Stapfsteine?) von der Länge eines Ballisten- 
Wurfes, welche sich durch den Wald hindurchzog. Diese kurze Schilderung erinnert 
lebhaft an den Grafenwall bei Linden, den Königsgraben bei Tensbuttel (auf dem 
Wege nach Meldorf) und den dreifachen Laufgraben zwischen Frestedt und Quick- 
born (auf dem Wege nach Burg), von denen oben die Rede war. Wann diese 
gleichartigen Landwehren zuerst angelegt sind, steht dahin; doch bin ich geneigt, 
ihnen ein verhältnissmäesig hohes Alter beizumessen» Von allen bewahrte nur die 
Söder-Hamme bis zum Untergang der Dithmarscher Freiheit ihre militärische Be- 
deutung; die übrigen sind ohne Zweifel viel früher vernacblüssigt und in Verfall 
gerat hen. 

Die grossajrttge Bauernburg des Kirchspiele Weddingstedt liegt unweit vom 
Kirchdorf an der Grenze der Marsch und zwar auf der Feldmark des Dorfes Borg- 
holz, Also ist auch hier der Name einer vormaligen BurghÖlzuug haften geblieben^ 
ebenso wie bei der „hegen Borg" von Fedde ringen und der Bökeln bürg in Siider- 



W- 



s 



9***^***— - .-^. 






Fig. 3. 

dithmarschen. Nach einem anderen etwas nördlicheren Dorf Stelle ist der Hingwall 
benannt; die Stellerburg. (Fig. 3.) Eine schmale moorige Niederung, durch welche 
die Steller-Au, ein ZuBuss der Brok landsau fliesst, trennt die Bodenerhebung, auf 

1) Pre«byler Bremensis CHp. 31. 




(32) 

welcher der Ringwall erbaut ist, von der ostlichen Weddingstedter Geest. .And 
seits soll die Burg durch eine jetzt 6 bis 7 Fuss unter der Oberfläche lieg 
Steinstrasse (Stapfsteine?) mit der nordlicher belegenen Geestinsel vod Stelle 
bunden sein. Der Ringwall, welcher an der Sudseite am höchsten ist, 1: 
14 Fuss, und auf dessen Kamm ich 380 Schritte zählte, umschliesst eine abgen 
viereckige, ungefähr 15 Ruthen lange und 10 Ruthen breite Fläche tod etwa 
Preussischen Morgen. Gegenwärtig fuhrt iu einiger Entfernung nordwestwärti 
Eisenbahn von Heide nach l'onning. süd westwärts die Eisenbahn vod Heide 
Wesselburen an der Burg vorüber. 

Was die Sagengeschichle betrifft, welche sich an die Stellerburg ankDÜpfl 
habe ich bereits an einem anderen Orte') die gänzliche Haltlosigkeit und 
späteren Ursprung derselben nachgewiesen. Der alte Ringwall ist niemals 
Grafensitz gewesen, sondern nur eine Bauernburg wie die anderen. Der wände 
Wald aber ist seit dem 6. Jahrhundert in vielen deutschen, dänischen, britischei 
Sagen nachweisbar, von denen durch Shakespeare und Schiller am bekannt« 
wurde die Sage vom Schottenköuige Macbeth, welcher unüberwindlich blieb, 

„Bis der Birnam-Wald auf ihn heran 

„Ruckt* zum Schlosse Dunsinan.** 
In Holstein lokalisirt sich dieselbe Wandersage auf der Jloh-Haide an der Bunzi 
Au (Kreis Rendsburg), wo Graf Gerhard der Grosse im Jahre 1317 die Dithman 
überfiel. Hier auf der Stellerburg erscheint der wandelnde Wald als der al 
kömmliche Festzug zur Frnhlingsfeier. wo man, mit grünen Maien geschmückt, 
Winter (den Tod) austrieb und den Sommer einholte. (Ebenso erzählt eine spi 
lübekische Sage, dass die Bürger heim Maigrafenfe^^t 122G die Burg überrui; 
und die Stadt Lübek von den Dänen befreit haben.) 

Ich darf nicht unerwähnt lassen, dass neuerdings in der Stellerburg eine 
grabung vorgenommen wurde, wobei man nur auf eine Heerdstätte gestossei 
Es fanden sich ausser Kohlen, Asche und den vom Feuer stark angegriff 
Heerdsteinen verschiedene caicinirte Knochen, von denen einige mit voller Si< 
heit als von einem Schwein herrührend bestimmt werden konnten, sowie auch 
Anzahl Topfscherben ohne Ornamente. 

Vergegenwärtigen wir uns, am Schluss dieses Ueberblickes über den Be 
einer kleinen Landschaft, welch ein ungeheueres Aufgebot von Arbeitskräften i 
in der Urzeit für die Landesvertheidigung aufgewandt wurde! Neben dem ei| 
liehen Kriegsdienst erscheint die Verpflichtung zur Erbauung und Unterhaltung 
Burgen und Brücken, das sogenannte Burgwerk und Brückwerk, schon bei 
Angelsachsen, dann im Karolingischen Reich und nachmals in manchen Th 
Deutschlands als die drei Leistungen, welche jedem Freigebornen obliegen (tri 
necessitas). In einem Gesetz des Kaisers Karl des Kahlen vom Jahr 864 wc 
bei den betr. Dienstleistungen ausdrücklich auch die Bohlbrücken (transitoa | 
dium) ^aufgeführt-). 

Erst im Laufe des 13. und 14. Jahrhunderts gewann die Grenze awii 
Dithmarschen und Holstein allmählich ein anderes Aussehen. In der langen ] 
densperiode, welche auf die Bornhöveder Schlacht vom Jahr 1227 folgte, §ßm 

1) Zeitschrift der Gesellschaft für Schl.-Holst.-Lbpr. üeschichte Bd. IV, 8 ^" 
S. 151 ; Bd. X, S. 42-43. 

2) Lappenberg: ^(Jeschichte von England* Bd. I, S. 579. W» 
fassungsgeschichte* Bd. IV, S. 30—31 



(33 

[die DitbiiiÄrscber, die alte SchuUwehr der GreuzwalduDg entbehreD zu konneo. 
uod der Kiese wohld wurde stark gelichtet^ um für neue Dorfaolagen Platz tu 
sciiaffeo. Davoü zeugeu die Ortönameo BeoDewöLld, Oesterwolld, Westerwobld, 
Odderade, Oesterrade, ScLelrade, Süderrade. Im Verzeiclioiss vom Jahr 1281 wird 
zuerst die Kirche zu Albersdorf ervväbüt, uud im Jabr 1342 die Kircbe zu Nord- 
Hastedt Bei letzterem Kircbapiel deutet der ursprünglicbe Name Reep - Herstede 
ausdrücklich auf ei De VermessuDg mit dem Reep, d. h. der MessscbBur, also auf 
ei De systematische Anlage, Auch weiter südwärts lasst der Name des Dorfes Rade 
(GrosseQ'Rade)^ Kirchspiel Süder- Baatedt, auf eine Hodung im vormaligen Wald- 
bestande scbliesaen. Die Folge lehrte jedoch, dass man diese neuen Dorfer im 
Kriege gegen den Grenz nacbbar nicht vertbeidigen konnte. Wenn im Jahr 1319 
Graf Gerhard der Grosse mit einem raschen Vorstoss über die Siiderbamme und 
Hemmingstedt bis nach Wobrden in der Marsch vordrang, so beweiset das deutlich 
genug, wie uflkitjg es gewesen, den Grenzwald zu „verhauen"' und die alten Land- 
webren zu vero ach lässigen. Der schoelle Wechsel des Kriegsglücks rettete damals 
Ditbmarscbens Freiheit; und seitdem hat man weiter rückwärts neue stärkere Ver- 
tbeidigungsliüien hergestellt oder ältere besser befestigt; (so die Norderbammc mit 
der Tielenbrüüke und der Aubrücke bei Suderheistedt. die Süderbamme, die Delf- 
brücke). Dagegen die östliche und südliche Geest muaste für die Zukunft preis- 
gegeben werden. Es ist offenbar das Urtheil eiaes erfahrenen holsteinischen Feld- 
hauptmanns, welches wir bei dem Chronisten lesen, ^dass die Kirchspiele Burg, 
Suder- uud Norder-Hastedt, Albersdorf und Telllngstedt, welche ohne SchutÄwebr 
auf der Geest liegen, leicht zu zerstören siad,** Der politische und militärische 
Schwerpunkt DithmarscheiJ& war eben längst nicht mehr auf der Geest, sondern 
die erst im 12, und 13. Jahrhundert eingedeichte fruchtbare und reiche Norder- 
marech war inzwischen, wie derselbe Chronist aagt, ^die ganze Kraft und das 
Herz des ganzen Ijandes" geworden« 



(7) Hr. General von Quistorp in Spandau macht mit Bezug auf S. 313 der 
Verhandlungen 18B2 folgende Mittheilung über 



den Gebrauch des Schul2enatabes in Werbelln. 



^B Im Frühjahr 1847 hatte ich ein Wacbkommando von Weissenfels nach Prettin 

~au der Elbe unterhalb Torgau zu führen und nahm auf dem Marsch eines Tages 

. Quartier in dorn Dorfe Werbelio, eine Meile südlich Deutsch, Es mussten i*us An- 

la88 dieser Eiinquartierung mehrere Anforderungen an die Gemeinde gestellt werden. 

hÜiii Mittag sah ich von meinem Fenster aus, das am freien Platze inmitten 
des Dorfes lag, einen Einwohner umhergehen und an die Tbür jedes Gehöfts drei 
Hammerschläge thun. Auf mein Befragen erhielt ich die Auskunft, dass der Schulz 
auf diese Weise die Gemeinde -Versammlung beriefe. That&ächlich sah ich etwa 
eine halbe Stuode später die Bauern an dem Baum (wahrscheinficli Dorflinde) um 

Pden Schulzen vereinigt, der — in allerdings bäuerlich formloser Weise — auf einem 
wohl zufällig vorhandenen Erdhaufen erhobt stand und mit seiner Gemeinde eine 
lebhafte Debatte führte. 

Das Instrument, mit welchem der Zusammenruf geschah, habe ich mir nicht 
Ingeseben; doch war es augenscheinlich ein Hammer, — 

DeT AnfsÄt» in den VerhandluDgen ruft jene Erinnerung in mir wach, da der 
Gebrauch eine Fortaetzung alter Sitte zu seio scheint 



(34) 



(8) Hr. BrückDer zu Neu- Brandenburg übersendet einen 

Bericht über eine Exoureion nach denjenigen Uferpunl(ten der Tollense und Uep 
weiclien die Lage von Rettira gesuolit worden Ist. 

Die seitens der Berliner anthropologischen Gesellschaft neuerdings aDge 
Untersuchungen über die Lage von Rethra haben den NeubraD den burger 
veranlasst, sich ebenfalls wieder mit der Rethrafrage zu beschäftigen. Die 
lassung dazu lag sehr nahe. Rethra ist in der nächsten Umgegend von Neabi 
bürg an mehreren Oferpunkten der Tollense und der südlichen Fortsetzung dei 
der Liepa, gesucht -worden. 

An der nordwestlichen Ecke der Tollense, da wo jetzt der grosshen 
Park von Belvedere liegt, hat Sponholz^), Pastor zu Rülow, die Stelle von 
finden wollen. 

An der südwestlichen Ecke der Tollense bei und um Wustrow und a 
gegenüberliegenden kleinen Werder, der Fischerinsel in der Tollense [vulgo ^Uü 
Häuschen, genannt nach einenr dort stehenden, dem Fischereibetriebe diei 
kleinen Häuschen] ist von Beyer^), Archivrath zu Schwerin, Rethm | 
worden. 

Die meisten Forscher haben Rethra an der südlichen Fortsetzung der T< 
an der Lieps, bei Prillwitz gesucht. — Hier glaubte es schon 1611 La 
(Bernhard Steinmetz) Rector an der lateinischen Schule zu Neubrandenl 
seinem Genealo-chronikon') suchen zu sollen. — Hierher verlegten es auch 
rius, Landsyndikus zu Neubrandenburg, und Masch^), Superintendent i 
strelitz. — Auch Lisch ^) bezeichnet nach seinen Untersuchungen Prillwitz 
Stelle^ an der Rethra mijsse gelegen haben. 

Auch F. Boll^), Präpositus zu Neubrandenburg, hat Rethra an den üf< 
Lieps gesucht; zunächst auch in der Gegend von Prillwitz. Später schien i 
Theil des zwischen der Tollense und Lieps liegenden sogenannten Liepsl 
die tief in die Lieps einschneidende, Prillwitz gegenüber liegende Halbinsi 
Angaben der alten Chronisten über die Lage der Stadt Rethra zu entsp 
Auf der gegen Morgen von dieser Halbinsel mitten in der Lieps liegende! 
dem ^Hanfwerder^, waren wiederholt Alterthümer gefunden worden. Dies 
konnte nach seiner Meinung vielleicht auch zu Rethra in Beziehungen gei 
haben. 



1) F.Tb Sponholz: Wo hg Bbetra? Versuch einer historisch-kritischen Beani 
dieser Frage. Neubrandenburg 18G1. 

2; Beyer in Jahrb. des Vereins f. Meklbg. Gesch. u. Altertbumskunde: Bd 80, { 
Seitenblicke auf Retbra und Arkona. Hd. 37, S. 55 ff.: Die Landwehren und Grenzheilij 
des Landes der Redarier. 

3) Dasselbe, als ^anuscript lange unbekannt geblieben, ist abgedruckt in Wei 
Monumenta inedita. Bd. 4. 

4) Die gottesdienstlichen Altertbümer der Obotriten aus dem Tempel zu Rhetn i 
lenzer See. Berlin 1771. 

5) Jahrbücher des Vereins f. Meklbg. Gesch. u. Altertbumskunde. Bd. 111, 8.21 

6) Fr. Boll: Ueber die Lage von Rbetra bei Priiwitz und ober die sogen. Pi 
Idole; in Archiv f. Landeskunde in d. Grossberzogtb. Meklbg. Jahig. 1868, S.40C 

Franz Boll, Pastor an St. Jobannis, Chronik der Vorderstadt Neiibnnduibw| 
brandenburg 1875) S. 296. 



(36) 

NacL den goeheu bezeichiieteu Fiiükteo, so weit sie am Sudeade der Tollouse 
lund an der Lieps liegen, hat der NeubraDdenburger Vereio am 28. Joli von J. 
teine Exkursioa utiternommen, der ßich zur Freude der übrigen TlieilEehmer Herr 
[Dr. Voss und Herr Künoe aus Berlio angescblosseti hatten, tis galt, zu prüfen, 
\ytie weit die gedachten Oertlicbkeiton mit den Angaben der Chronisten in Einklang 
riu bringen seien. 

Um diese Angaben noch einmal kurz hier zusammen zu stelleD^ so lag nach 
[Thietmar von Merseburg im Gau Ridirienira, umgeben von einem grossen und 
[Ton den Einwohnern unberührten und heiiig g'^haltenen Walde eine Stadt Ridegost, 
rwelcbe eine dreieckige [tricornis] Gestalt und drei Thore hatte. Das gegen Morgen 
[fechauende Thor führte an das Seeufer, zum Tempel und zu dem visu nimia horri- 
fbile, den Grauen erregenden Stätten des heidnischen Gotzenkultua. 

Nach Adam von Bremen lag Rethra im Gau der Retharier auf einer Insel in 
einem Seej eine Brücke führte hinüber. Die Stadt hatte neun Thore. Der Haupt- 
^gotze, welcher dort verehrt wurde, hiess Redigast. 

^1 Dass beide Chronisten dasselbe Heiligthum der Retharier beBchreibeD, ist 

^kuit Grund wohl nicht zu bezweifeln. 

^^ Von einer erneuerten üfitersuchung des am Nordende der Tollense gelegenen 
^pTerrains bei Belvedere konnte man bei der Exkursion absehen, Belvedere ist ein 
unfern von Neubrandeoburg belegener, vielfach besuchter Vergnügungeort. Die 
ganze Lokalität ist genugsam bekannt 

Sponholz, der hierher Rethra verlegt, stützt hauptsächlich seine Ansicht auf 
jdie schone Lage des Ortes, die eines Tempels würdig sei; — auf den umstand, 
Idass der Blick von hier aus gegen Morgen auf den See ßllt; — und endlich mit 
»besonderer Betonung darauf, d&as an dem hier steil in den See abfallenden hohen 
1 Ufer an der Westseite der Tollense einzig und allelD ein ^bart am See hinlaufender, 
[Schwindel erregender*), Fussweg* denkbar sei. So wird nämlich die Stelle 
[bei Thietmar: tramitem ad mare juxta positum et visu uimis horribile übersetzt. 
[Eine solche IJebersetzung würde aber nur einigermassen zulässig sein, wenn die 
[Stelle visu nimis borribilem lautete, 

Dass Rethra nun an der Stelle von Belvedere nicht gelegen haben kann, dafür 
[Bprechen mehrere entscheidende Gründe. Eiomal ist an der mehr oder weniger 
[insularen Lage von Rethra, oder wenigstens des Tempels von Rethra fest zu halten, 
[Eine Insel oder Halbinsel kann es aber bei Belvedere nie gegeben haben. — ^ Dann 
Ifiind dort auch nie Alterthümer gefunden worden, namentlieb nie slavische Urnen, 
leder Scherben mit slavischen Ornamenten^ und solche müssten doch dort, wo die 
iTulgatissima Retbre des Chronisten gestanden hat, zu finden sein, — Endlich liegt 
{ Belvedere auch nicht in dem alten Gau der Retharier, dem Radver. Im Radver, 
wie der Gau der Retharier auch kurzweg genannt wird, ist aber Rethra nach den 
Angaben der Chronisten zu suchen. 

Die Bestimmung der Grenzen des Radver ist für die Ermittelung der Lage 
JTon Rethra von besonderer Wictiiigkeit 

Die Untersuchungen über die Lage und die Grenzen des Radver sind naraent* 
!licb gefordert worden durch Boll*), Lisch '), und Wigger*). 



1) 8ponhi>lz a. a. 0. S. B6. 

2) F. Boll: Gesch. d. Landes SlargartJ. Tbl I, a 17 fr. 

3) Lisch: Juhrb. d, Vereins f. Mklbg, Gesch. n. ArteTtbumskunde. Tbl. 111, S. 11 ff. 

4) Dr* Friedr. Wigger: Meklenburgische Anualen bis zum Jahre 1066. (Schwerin 1860.) 



a* 



Nach ihren Untenacbungen ist die L»age des Radver mm devtlicIisteB n » 
kennen aus der Stiftungsurkunde des Klosters Broda. Diese Urkunde ist a m g MhJI 
im Jahre 1170, zwanzig Jahre nach der letzten Zerstörang Bethras, die ii di 
Jahr 1150 fallt Die Urkunde ist also ausgestellt zu einer Zeit, mls die alte 6» 

graphie noch genugsam bekannt sein musste. 

Fürst Kasimir fon Pommern ferschreibt in der Stiftaagearkunde dem Doli 
folgende Ortschaften: 

uilla Bruode, cum foro, taberna et omnibus attinentiis sais, nmiliter et hi 
uillas, Wointin, Caminiz, Wogarzin, Szilubin, Calubye usqae in floTiam, qoi foctft 
Pretustniza, Patsutin, Wolcazin, Crucowe, Michnin, Pacelia, Vilim, item TS^ 
Carstici, Cyrice, Wustrowe castrum cum villa. In Radair: Podnlin, Trilnii^ 
Wigon, Cussowe, Tuardulin, Dobre, Step, Roueoe, Priulbitz, Nicakowe, Malkc^ L- 
mino, Lang, Ribike, Tsaple, Nimyrow, Malkowe, Stargard, et Lipis, com omaSim 
uillis suis usque in stagnum Woblesko et sursum HaTelam usqae Chotibii% <t 
desertas uillas, quae a Vilim inter fines Chotibanz Lipiz et Hmyelam jecent 

Diese Urkunde, deren Mittheilung zum Verständniss des Folgenden notbvMii 
war, ist mitgetheilt nach dem Abdruck bei Lisch (Mekbg. Jmhrb. III. pa^ \\\ 
und ist als besonders wichtig bei derselben hervorzuheben, daas in der OrigiMl' 
Urkunde — wie Lisch sagt — „nach dem Worte yilla eio Pankt steht mid di 
folgende Wort „In^ mit einem gross und sorgfältig geschriebenen I beginnt^ io im 
also „In Raduir^ als Einleitung zu einer neuen Reihe von Namen an die Bfim 
gestellt wird. 

Die in der Urkunde genannten Ortschaften existiren dem grGseten Theik Mk 
noch heute mit ihren alten Namen und liegen im Umkreise weniger Meila ■ 
die Tollense herum. 

Es sind drei Gruppen von Ortschaften deutlich zu unterscheiden. 

Die in der ersten Gruppe genannten Ortschaften liegen alle westwftrts «m^ 

Tollensefluss, dem Tollenser See, dem alten Bach, [welcher firüher die d^ 

und einzige Verbindung zwischen Tollense und Lieps bildete], der Lieps und ~ 
Zufluss derselben, der zwischen Hohenzieritz und Prillwitz von der Sandmikh 
herabkommt Offensichtlich haben diese zusammenhängenden „Tollenaegewiiia', 
wie sie der Kürze wegen bezeichnet sein mögen, eine geographische Grenae swiKki 
den Ortschaften der ersten und zweiten Gruppe gebildet. Es wird dies ht 
sonders deutlich, wenn man auf die Reihenfolge achtet, in welcher die Ortidiita 
aufgezählt werden. Die Ortschaften der ersten Gruppe werden von Broda ans ■■ 
erst nach Norden und dann im Hogen herum nach Süden aufgexählt Bei fa 
Aufzählung der Ortschaften der zweiten Gruppe, die ostwärts von den TulliMi 
gewfissern liegt, beginnt dann die Reihenfolge wieder von Norden. 

Die Ortschaften der ersten Gruppe, soweit sie noch nachweisbar sind 1»» 
heute Broda, Weitin. Chemnitz, Woggersin, Lebbin, KalGbbe, Passentin, Wolkw^ 
Krukow, Maliin?, Penzlin, Gr. Vielen, Kl. Vielen, Hohen«ieriU, Wattn«, fc 
liegen nach der Ansicht der meisten Forscher im früheren Lande Wostrow [(te 
späteren Lande Penzlin] und in der alten Provinz Tholenk. 

Die zweite Reihe von Ortschaften, welche alle ostwärts von den 
wässern liegen, beginnt mit den Worten: In Raduir. Es hexest aho aa 
Ton dieser Gruppe von Ortschaften, dass sie im Gau der l^^^i trhl^ 
sind grösstentheils noch heute mit ihren alten Namen Vorhände«» 



(a?) 



Treptow® 



Lebbin ^ 
KalUbbeo ^A q Podewall 

Wog3.rslnO YJ] \ ^„„„h.jM 



ChemnH'zo 



PAS«entlnO Jf .. . Brod« 

-Wullciiizln Q 



Penzlin® ^ 

AHR«h« 



O GfsVieUn 

WuBtPowO 



O Kl.Vialan 
Hohan-ZiarltzO 



AdamsdonP 
o 



>är«^v>&ift^ , d«T >^ «V «N 



Neu-Stpelitz o 
V 





Wesenberg® 



Weetr^ 



(38) 



PoduUn hei86t jetzt Podewall. 
Tribinowe ^ „ Trolleohageo? 

Wigon lag wahrscheinlich im BordlicheD Theile des Neiibraodenburger Stadt- 

feldes. 
Cus&owe heisst jetzt Küsbow, 
Tuardulin ^ „ Warlio, 

Dobre wahrscheiDlich öötüch vod Neubrandeoburg auf Staditfeld, untergegangen. 

Step lag DachweLsbar auf Neubrandenburger Feldmark, südlich toü der Stadt. 

RoTiene heisst jetzt Rowa. 
Priulbits „ ^ Prillwitz. 

Nicakowe Dicht Dachau weisen. 
Malke nicht nachzuweisen, 

Kamino heisst jetzt Canamin, 
Lang nicht nachzuweisen. 

Ribike heisst jetzt Riepke. 
Tsaple „ „ Säbel. 

Nimjrow ^ „ Nemerow. 

Malkowe nicht nachzuweisen, 
Stargard heisst jetzt Stargard. 

Alle diese Orte, so weit sie oachzu weisen sind, liegen also ostwärts ron den 
Totlensegewässern im nordwestlichen Mekleubarg^Strelitz. Hier ist mttbia un- 
zweifelhaft das Land der RetharteTj der Radver, zu suchen > 

Die Westgrenze des Landes der Retbarier ist durch die bezeichneten ToUense- 
ge Wässer gegeben. Nordwärts reichte der Rad?er bis an den Landgraben, der noch 
heute die Grenze zwischen Mekleuburg und Pommern bildet, Jenseits des Land- 
grabe DS war Land Treptow. Wie weit nach Osten und Süden der Rad? er sich 
^ erstreckt haben mcjge, igt nicht mit Sicberbeit anzugeben. 

Nach Süden kann sich nbrigens der Radver nicht sehr weit erstreckt haben. 
Hier lag das Land Lipiz, derjenige Landstrich, welcher als dritte Gruppe dem 
Kloster verlieben ward: ^Lipiz mit allen seinen Dörfern bis zum See Woblesko 
(dem Woblitzsee bei Wesenberg) und die Havel aufwärts bis Cbotibanz (jetzt 
Adamsdorf)') und die wüsten Dörfer, welche von Vielen an zwischen den Grenien 
von Chotibanz, Lipiz und der Havel liegen.** 

Am echwierigslen ist es, gegen Osten die Grenze des Radver zu bestimmen. 
Das aber ist nach dem Wortlaut der Broda' sehen Urkunde nicht zu bezweifeln, dass 
die Tollensegewässer gegen Westen die Grenze gebildet haben. 

Die Hübe am Westufer der Tollense, auf welcher der Pavillon von Belvedere 
erbauet ist, lag ausserhalb der Grenzen des Radver. Hier kann Rethra nicht 
gelegen haben. 

Bas erste Ziel der Excursion, die zu Wasser ausgeführt wurde, weil man auf 



1) Nach P. Kübnel, Gymnasiallehrer in Neubrandenburg: Die slavischen Orfanamen In 
MekJetihurij (in Jahrk d. Vereins f. Jlkllig. Gesch. n. Alterthumskunde. 1S8L S. 21) heisst 
d. Ort 1170 Chotibanz, 1182 Chotebani, 1244 Chotihanz; später 1460 Kostal!, 1473 Kostal. 
Traditionell ist der Ort Koschwanz, Kiihscbwanz, und bis 1815 officiel Kostall, Kuhstall ge- 
nannt worden* Der Name Kostall kommt zueri»t 1640« also nach dor Dentscben Besledeluug 
vor. Ob da die gegebene Ableitung von altslav. Kostelu, Kastell, Thurm, poln. kosciol, Kirche, 
Tempel und die Deutunf^ f,Eirchort' richtig ist, scheint doch fraglich. War einmal Chott- 
ban* in Koscbwani cikrrumpirt, Bcbeint bei de utachen Bewobncm der üebcrgang in Kostall 
mit der Bedeutung Kuhstall doch dos WahrschBiulichere. — Nacb 1812 («stufte der Besitzer 
dm Gut um in Adamsdorf tum Andenken an einen in Rusaland gebliebenen Sohn, 




(39) 

diese Weise alle zu untersuclienden Puakte leicht erreichen konote, war die Fischer* 
iosel IQ der Südostecke der Tollense und das gegeDÖber liegeode Wuatrow. Nach 
zweistiiDdig<?r Fahrt über den schooen See wurde die Insel betreten. 

Die kleine Insel ist niedrig, theilweise sogar sumpfig,' sie ist 150 bis 180 
Schritte lang, 30 bis 36 Schritte breit und umfasst dabei ein Areal von rund G500 
Quadratmetern, 

Auf dieser kleinen Insel soll nach der Ansicht von Beyer der Tempel von 
Rethra und auch das castrum Wustrow gelegen haben. Die zu dem Tempel 
gehörende civitas yod Retlira soll dann auf dem bei Wustrow gegenüber liegenden 
Festlande zu finden sein uod nicht sowohl eine Stadt als vielmehr ein Tempelhain, 
jener van den Einwohnern unberührte und heilig gehaltene Wald Thietmars 
gewesen sein» Dieser heilige Tempelgau soll das ganae Land Wustrow, das spätere 
Land Pewxlin, timfasst haben. 

Lassen wir diesen heiligen Tempelhain ausser Acht, so ist nicht zu leugnen, 
doas die topographischen Verhaltnisse speciell bei Wustrow naanehen Angaben der 
Chronisten entsprechen. Ostwärts vom Featlande bei Wustrow tind nahe detn selben 
Hegt eine Insel im See, Von Wustrow und von der kleinen Insel aus blickt man 
gegen Morgen auf den Spiegel der Tolleßse, des grosaten Sees der ganzen Um- 
gegend, Wer diese Verhaltnisse auf der Karte betrachtet, nicht aus eigener An- 
schauung die ganze Gegend, die Ufer der Tollense und namentlich auch der Lieps 
kennt, kann sehr leicht auf die Idee kommen, Rethra müsse bei Wustrow gelegen 
haben. — Dass es Beyer so gegangen ist, erfahren wir von ihm selbst^)» ^Ich 
glaube — sagt derselbe — dass die Burg Adams auf einer wirklichen, ringsum 
von tiefem Wasser umgebenen Insel lag, und zwar nach Tbietmars Angabe am 
Westufer des Sees, so dass man aus der zu diesem hinausgehenden Pforte nach 
Osten schaute. Demnach suche ich die Tempel bürg am Westufer des Tollenser 
Sees, und hier findet sich an der hinter dem Dorfe Wustrow gelegenen Insel ein 
in jeder Beziehung geeigneter Platz,*' 

Aut?ser der Oertlichkeit bei Wustrow giebt es nun aber noch andere Plätze, 
die den Angaben der Chronisten entsprechen, ond von welchen man auch gegen 
Osten hinaus auf den Seespiegef blickt. Diese Plätze liegen an den ufern der 
Lieps, und wer diese Pliitze besucht^ wird sich leicht überzeugen, dass auf ihnen 
ebenfalls die Lage von Rethra denkbar i^t. Dieselben sollen spfiter ganz objectiv 
ebne vorgefasste Meinung betrachtet werden. 

Geht man aber von einer bestimmten Auffassung über die örtliche Lage von 
Rethra aus, so muss sieb dann Alles, was sonst noch über Rethra bekannt ist, 
dieser Auffassung anbequemen. 

Es ist oben bereits nachgewiesen worden, wo nach dem unzweifelhaften Wort- 
laute der Broda sehen Urkunde der Radver zu suchen ist. 

Im Radver lag Rethra, Geht man von der Voraussetzung aus, Rethra habe 
bei Wustrow gelegen, so ist es vor allen Dingen nothwendig, nachzuweisen, Wustrow 
habe im Radver gelegen. , 

Es ist oben bei Besprechung der Brodaschen Stiftungsurkunde gezeigt worden, 
dass die dem Kloster verliehenen Ortschaften deutlich in drei Gruppen zerfallen. 
Die zweite Gruppe beginnt in der Urkunde nach einem Punkte mit einem gross 
und deutlich geschriebenen J und den Worten: In Radnir. Lisch, der die Urkunde 
selbst in Händen gehabt bat, bemerkt, es sei ganz unzweifelhaft, dass die Worte 
„Fn Raduir** an die Spitze einer neuen Reihe von Ortschaften gestellt seien, — Dm 



1) Jahrb. d. Vereins f. Mklbg. Oescb. u. Alterthamskunde, Bd. 32, S, 136, 



(40) 

DUD Wustrow io den Radier zu bringen, verändert Beyer die loterpunktion and 
die Schrift (das grosse J), Er verbindet: Wnstrow castrum cam viUa io Ridotr. 
Er meint, der Zazatz Wustrow in liaduir »ei bier zum üoterachiede töb mam 
anderen Orte Wufitrow, welcher südlich von Wesenberg am Rätzsee liegt, geoudt 
worden. Eine solche Umgestaltung des klaren Wortlautes einer Urkunde — oui 
IDUS8 sagen einer vorgefassten Idee za Liebe — ist mindestens doch sehr bedetl* 
lieh. — Dazu kommt dann noch, dass, wenn die Lesart ^on Beyer richtig viic, 
ein ganz sonderbarer Sprung in der Aufzählung der Ortscbaftea gemacht vtcl; 
auf Wustrow am Södende der Tollense folgte dann unvermittelt Podewall, ohtt 
weit nordlich der Tollense* Wenn durch die Worte „In Raduir^ nicht ein« o«w 
Gruppe von Orten abgegrenzt werden sollte, wäre es dann Dicht am natürlicbiiit 
gewesen, nach Hohenzieritz und Wustrow gleich das benachbarte PrillwiU a 
nennen? — Es kann nicht zweifelhaft sein, dass die oben bezeichoeteo ^Toücni»- 
gewässer** eine geographische Grenze gebildet haben. 

Liegt nun aber Wustrow nicht im Radver, so fiilit jeder Grand weg, hier 
Rethra suchen zu wollen. 

Dass man übrigens in den ersten Jahrhunderten nach der Zeratömng Rethm 
nicht bezweifelt bat, Rethra habe an der Ostseite der Tollensegewä&scr im Laadt 
Stargard gelegen, dafür spricht eine Stelle in den handschriftlichea Aafxeichouogfi 
des fahrenden Schülers Michael Frank ^), eines Studenten der Theologie^ der mctli* 
rere grosse Wanderungen gemacht hat Bei der ^Beschreibung des Meklenbarg« 
Landes**') heisst es u. a.; 

,Item Rhetra, da noch alte Uhrkundt und mdera einer feiaea Stmdt TorhandeOi 
allda auch ein Tempel des Abgottes Radagast gewesen; diese Stadt soll stebei 
feste Thor gehabt haben ^ auch mit tifen Graben und Mauern wohl verwahret, soll 
gelegen sein in dem stargartischen Lande nicht weit von einem grossen Set.* 

Grabungen, die anf der Fischen nsel bei Wustrow leider bei der^Excursion nicb 
vorgenommen werden konnten, weil die Arbeiter nicht rechtzeitig zur Stelle warfa, 
die aber später mehrfach nachgeholt worden sind^ haben gar keine Resultate ergeben* 
Es sind weder slavische noch mittelalterliche Reste gefunden worden« 

Nach Allem hat sich die Ueberzeugung Geltung verschaffen müsseii« 
Rethra an der Stelle oder in der Umgegend von Wustrow nicht gelegen 
könne. Der Besuch der Gegend war aber doch nicht ohne Interesse, 

Schon während der Fahrt auf der Tollense winkte von der ansehaliches Hfibe 
hinter Wustrow ein grosseft, noch ziemlich wohl erhaltenes, Kegelgrab herob». 
Der Besitzer von Wustrow, Hr Baron von Maltzan, hatte die Anfgrabaog des 
Kegels gestattet, und waren dazu alle Vorbereitungen getroffen worden. Allein als 
man auf der Höhe angelangt war, wurde es sofort klar, dass man fiir heute voo 
der Oeffnung des Grabes abstehen müsse. Das Grab, welches am unteren 
noch mit einigen Steinen umstellt ist, hat eine Hohe von etwa 4 bis 5 Metern 
einen Umfang von etwa 30 bis 3^ Metern. Zur Oeflfnung desselben waren l Sb 
i volle Tage erforderlich gewesen. Bei dem ferneren, für den Tag entworfeueo 
Programm war an eine Grabung bier nicht zu denken. 

Von diesem Eegelgrabe begab sich nun ein Theil der Ge^llschaft 
anderen, weiter entfernt liegenden Hügeln. Der grösste TheU des W^^s 



1) S#ine handschriftticbaii Aufzeicbnangen befinden sich in der BathsbibUolhah der Slidl 
Ziitan. Al>g«dnickt ist aus denselben in den Baltitchen Studien Jahigang 1880), S. bl £: 
»Waadcrnog eines fahrenden Scbölefs durch Posmern und Mekl^nhurg aono 1590. 
?) a. a. 0. S. 82. 



(41) 



I 



rte bergauf bergüb über schwereo, durch laugen Regen aufge weichte», frisch 
«mgebrocheEen Acker, Wer oicht mit festem, wasserdichtem Öclmh2eug Teraehen 
war, sah sich gezwungen, diese Expedition aufzugebeD. — Die beiden Hügel sind 
später, am 20, August, von NeubrandeDburg aus noch einmal besucht worden und 
sind bei der Gelegenheit die gteieh anzugebenden Maasse ermittelt worden. 

Die blosse Besichtigung lässt nicht mit Sicherheit erkennen, ob die Hügel 
nicht etwa ganz oder wenigstens doch theilweise durch die Natur gebildet sind. 
Der kleinere Hügel hat einen Durchmesser Ton 70 Fuss und mag etwa 220 bis 
230 Fuss im Umkreise messen. Seine Basia ht rund und hat derselbe ganz die 
Form der Kegelgraber. — Der grossere Hügel dürfte bestimmt dem grossten Theile 
nach eine natürliche Bildung sein. Er ist auf der Höhe 100 Schritte lang und 
15 Schritte breit; seine südliche Langseite geht unmittelbar in ein tief liegendes 
Thal über. An dem westlichen Ende des langgestreckten Rückens liegt eine ganze 
Anzahl grosser Geschiebeblocke in ziemlich regelmassiger Lage. Daas diese eine 
alte Grabstelle umschliessen, ist möglich. 

Der Theil der Geseilschaft, welcher die Expedition nach den Hügeln hatte 
ftufgeben müssen^ schiffte sich wieder ein und besuchte eine alte Ffahlstellung in 
der Lieps. Die Pfähle sind kurz über dem Grunde vermorscht und abgebrochen, 
Sie waren in dem trüben Wasser der Lieps, obschon dieselbe hier nur etwa 3 Fuss 
tief ist, nicht zu sehen, konnten nur durch Sondiren mit den Rudern aufgefunden 
werden. Ihre Stellung wurde dann durch neben gesteckte Zweige markirt. Die 
Fflhle stehen in einer graden Reihe; eine Doppelstellung wie bei einer Brücke 
ist nicht vorhanden. Die Reihe der Pfahle beginnt an der Mündung des ^alten 
Grabens** (einer künstlichen Verbindung zwischen Tollense und Lieps), und zieht 
sich in einer Linie mit dem Westufer des alten Grabens bis nach einer kleinen 
unbedeutenden Insel (von den Fischern Heidensriihe genannt) hin. An dieser Pfahl- 
steil ung wurden in einem Boote zwei Leute zurückgelassen mit, der Weisung, in 
der Nahe der Pfähle Proben vom Grunde des Sees heraus zu baggern* 

In dem Baggersch lamme haben sich ausser zahlreichen Conchylien nur he* 
arbeitete Holztheile, zugespitzte durch Moder geschwärzte Pfahlenden und ebenso 
beschaffene Bruchstücke von Zweigen und Ruthen vorgefunden. Das FIolz rührt 
theils von Elsen, theils von Weiden her. Die Zweigreste sind alle gewunden, als 
hätten sie einem Flechtwerk angehorf. Wahrscheinlich ist hier bei Anlage des 
alten Grabens durch Verzäunung und Flechtwerk eine Art Buhne als Schutz gegen 
Yerschlamroung des Grabens angelegt worden. Eine Zeitbestimmung dieser Anlage, 
da keine Alterthümer gefunden wurden, ist unmöglich. 

Nachdem die Gesellschaft an der Wust ro wer Ziegelei sich dann wieder ver- 
einigt hatte, wurde die Fahrt bis Prillwilz fortgesetzt, und hier zunächst ein Rund- 
gang durch den Grossherzoglichen Schlossgarten und das Dorf unternommen, um 
ein Bild der ganzen OertÜchkeit zu gewinnen. Das feste Terrain , auf dem das 
Dorf Prillwitz und der Schlossgarten liegt, ist begrenzt theilweise vom See, der 
sogenannten Lieps, theilweise von grossen Wiesenflachen, zwischen denen nur eiu 
schmaler fester Zugang nach Prillwitz hineinführt. Die Wiesen sind theilweise 
sehr sumpfig, theilweise bildet die Grasnarbe auch nur eine auf dem Wasser 
schwimmende Decke. Der Fischerei pachter, Hr. Melz, welcher die Gesellchaft als 
kundiger Wegweiser begleitete, zeigte eine mitten in der Lieps festsitzende kleine 
Insel, die im letzten Winter durch Abreissen von dem Bchwimmenden Prillwntzer 
Wiesenplane entstanden war. Es leidet keinen Zweifel, dass die Prillwitzer Wiesen 
nach und nach durch Zuwachsen entstanden sind, und dass das ganze Terrain von 
Prillwitz bis auf die schmale feste Verbindung früher von Wasser umflossen war. 




Angabe Ton neun Thoren und dem oeunfachen Styx klingt entschieden noch 
poetischer AusschnuickuDg» Drei Thore sind natnrgemass auf dem Terraia bei 
PnllwiU z\i constnnreti. Das erste Tlior führte auf dem schmalen Strich festen 
Bodens TOn Snden her in den Ort hinein. Von Westen oder Nordwesten her, vod 
Zippelow, wo jetzt ein aufgeschütteter Damm die Verbindung Tormittelt, bat es 
noch in ziemlich neuer Zeit nnr eine auf Pfählen Tuhende Holzöberbruckung ge- 
geben. Hier möaste also das zweite Thor gelegen hahen. Das dritte Thor, weichet 



M 



(43) 

gegen MorgeD hiDauablickte, fülirte danu nur an den See und zum Heiligthume 
(faDum), vermittelte keioe VerbinduDg nach aussen. 

Der Eindruck, dass auf der Stelle voo PrilJwitz Rethra könne gelegen hÄben, 
ist sehr vielen Besuchern dieser Gegend geworden. So z. B. sagt Liscb'): ^icb 
habe bei einer persönlichen Untersuchung an Ort und Stelle die Localitat von 
Prillwitz so überraschend und gowohl in den grossartigen Ausdehnungen, ak in 
den kleinsten Einzelheiten so ijbereinsticumend mit den alten Berichten gefunden, 

dass ich keinen Augenblick zweifele: Frillwitz sei die Stelle von Rethra 

Als eine grosse Merkwürdigkeit aber inusä es angesehen werden, dass auf den 
erhabensten Stellen von Prillwitz, auf dena mit tiefen Wiesen umgebenen Plateau, 
naraenilich in den Pfarrgärten und in dem lürstlicheD Garten eine so grosse Masse 
von blaugrauen Scherben von mittelalterHchen Gefässen gefunden wird, dass sie 
wahrhaft in Erstaunen setzt. . . . Zwei angestellte Proben lohnten , . . mit einer 
Hand voll Scherben, welche denen in den sogenannten Wendenkirchhöfen ähnlich 
waren, zumal da einige ganz charakteristische Verzierungen hatten.** Demnach 
hätte Lisch also Scherben mit sla vischen Ornamenten gefunden. 

Seitens der Theilnehraer der EKkursion ist nun auch mehrfach unten am Scbloss- 
berge im fürstlichen Garte o^ sowie auch im Pfarrgarten gegraben worden. Man 
war nicht so glücklich im Pfarrgarten irgend etwas zu finden. Was im furstliclieu 
Schlossgarten zu Tage gefördert wurde, waren mittelalterliche blaugraue Scherben, 
Scherben mit slavischen Ornamenten wurden nicht gefunden^). 

Directe Beweise einer stavischen Ansiedelung sind demnach bei der Exkursion 
nicht gefunden worden. Allein der Name PHllwitz, der entschieden slavischen 
Ursprunges ist, kann als sicherer Beweis dafür dienen, dabs Slaven hier angesiedelt 
waren. 

Aus dem Umstände, dass der Ort zwanzig Jahre nach der Zer&töruDg von 
Rethra den slavischen Namen Prülwitz trägt, hat Bucliholz, Pastor zu Lychen, 
in einer anonymen Schrift^), die gegen die Ausführungen von Masch gerichtet ist, 
zu deduciren gesucht^ dass Rethra nicht an der Stelle von PrillwiU gesucht werden 
könne. ^Es ist unbegreiflich** — sagt er — „dass die Sachsen, wenn sie an der 
Steile von Rhetra eine neue Festung Liaueu, und den alten wendischen Namen nicht 
behalten wollen, dieselbe mit einem neuen Namen aus eben der Sprache sollen 
belegt haben. Das war wider ihre Gewohnheit; wo ihnen das Wendische nicht 
gefiel, da gaben sie deutsche Namen." Wenn in der ßrodaschen ürkundü zwanzig 
Jahre nach der Zerstörung von Rethra ein Ort mit dem wendischen Namen Frill- 
witz genannt wird, so musa es allerdings Bedenken eiregeo, wie derselben Ort 
zwanzig Jahre früher den wendischen Namen Rethra geführt haben könne. 

Es dürfte nicht uninteressant sein, hier auf eine Bexuerkung von Sponholz"^) 
aufmerksam zu machen. ^'Pifr/Jat — sagt derselbe — heisat: Ausspruch, Gotter-, 
Orakelspruch. Wie, wenn unsere Chronisten das, in der ihnen zugekommenen 
Schilderung der Redarier^Stadt, ihnen Bedeutungsvollste': ^dort war das Orakel 
der Ungiäubigen'^ in der ihneo geläufigen griechischen Sprache bezeichneten, den 



1) Jährt», d. Vereins f. Mklbg. Gescb. n. AUertbumskunüe. ßtl. üf^ S. 21. 

2) Hr. Inspektor Engholm xu Prillwiti hat küriÜch eine grosse Menge von Seherlicn 
eingesandt, die beim^ünibau de» Pferd est ullea au?i gegraben wurden. Es sind durchweg mittel* 
alt« fliehe Topfstherleo. 

S) Hhetra und dessen Götzen. Sendschreiben eines Mürkers an einen Meklenburj^er über 
die zu Prillwitz gefnüdeiun wendischen Ällenhümer. Ijützow und Wismar 1773. 
4) a, a. 0. S. 3^. 




wicbtigvteii Gegenstand in der 5udt zum Namen derselbeo machteD?^ Will 
eine aolcbe Erklärung acceptlreo^ daisD lies^e sich Prillwits, aU Oft, mit dem 
Heiligtbame, dem Orakelplatz Eethra, ohne Schwierigkeit Tefcinigea. — Beachteos- 
wenh iBt dabei dann oocb, wie durch eine solche Annahme die Ter^hiedenen An- 
g;aben der ChronisteD eioigerraaaseen sich decken; wihrend der eine das Hei ligtLum, 
wo das Orakel ist, nach dem dort Terehrten Götzen (Riedegoet) benennt, wird 
es Ton dem anderen ganz allgemein nur als der heilige Ormkelplatz oder TempeJ* 
platz bezeichnet 0* 

Darauf mag schliesslich noch biogewiesen werden, dasa der älteste bekannte 
Eethraforscher; Latnmns, auch bei Prillwitz die Stelle toq Bethra sucht Konnte 
XU seiner Zeit, fünf Jahrhunderte nach der Zerstörung, sich noch eine Traditioii 
über die Lage Ton Eethra erhalten haben? 

Nachdem man im Schlossgarten unter schonen alten Bäumen am Ufer des 
Sees das mitgebrachte Mahl Terzehrt hatte, wurde unter Fühmog des Hrn* Pastor 
Jacobi im Pfarrgarten die Stelle besichtigt, an welcher angeblich die fraglichen 
Prillwitzer Idole gefunden sein sollen. Die Stelle liegt hinter dem Pfarrhofe un- 
fern Ton dem hier Sachen Seeufer* 

Nun drängte die Zeit zur Fortsetzung der Eiücursion. Es handelte sich für 
den Rest des Tages noch darum, die TOn Boll für Rethra in Anspruch genommenen 
Orte aufzusuchen. 

Nach BoU's') Ansicht entspricht die tief in die Lieps einschneidende, Prill- 
witz gegenüber liegende Halbinsel allen Angaben der Chronidten, «Ich wurde 
zuerst auf diese Lokalität aufmerksam — sagt Boll — als ich erfahr, dass auf der 
kleinen in der Lieps gelegenen lasel, dem sogenanoten Hanfwerder, eine grosse 
Menge eiserner Alterthümer gefunden wären« *^ Nach einer Mittheilung des Csadel- 
schen JiJüllers^ welcher den Haofwerder in Facht hatte, waren dort viele Thier- 
knocben von nnge wohnlicher Starke ausgeaekert, auch hatte man beim Ziehen eines 
Grabens eine grosse Menge von Hirschgeweihen gefunden. Eiserne Alterthümer 
waren nach der Aussage des Müllers wohl ein Scheffelstheil gefunden worden, 
darunter besonders viele Barbirmesser, Scheeren^ den Schaf seh eeren ähnlich, Huf- 
eisen, Lanzenspitzen u. dergl. Boll koonte xon diesen Dingen noch eine Lanzen- 
spitze, ein Hufeisen und einen sehr kleinen Dreifuss acquiriren. 

Die Halbinsel des Liepsbniches entspricht nun uDzweifelhaft io yielen Punkten 
den Angaben der Chronisten. Die Halbinsel, die nicht durchweg Bruch oder Wiese 
ist, sondern mehrere feilte, sehr wohl bewohnbare, grosse Horste einschliesat, bat 
eine vollkommen dreieckige Ges'talt. Sie kann von zwei Seiten allgemein zugäng- 
lich gewesen sein, — von Westen, von Wustrow her über den alten Bach und den 
alten Graben, — von Osten her über den Nonnenbach und den neuen Graben. 
Letzterer stammt allerdings aus verhält nissmässig neuerer Zeit, aber das Liepsbruch 
war abgesehen davon in früherer Zeit dennoch von beiden Seiten nur durch 
Brückenanlagen zugänglich. An der Wustrower Seite liegt noch heute in der Wiese 
gegen den alten Bach zu eine Doppelreihe von grossen Geschiebeblöcken. Etwa 
von 10 zu 10 Schritten stosst man auf eine solche doppelte SteinsteUöDg. Diese 
Steine können knum zu etwas anderem als zur üoterlage einer HoUbrücke dxirch 
die Wiese gedient haben. — Das dritte Thor von Eethra wäre dann am Oa^^fet 



1) Kühne 1 a.a. O.S. 116 leitet Rethra von dem alUliv. rati, Krieg, ah und «^5^>^ ^ 
Sciinfiink ralars Knegstenipel bedeuteu 

2) Archiv für Landeskund« in dem GrosshefZögtluni Meklenbur?. J.higanjf 1^^,^ - ^ 



(4«) 



r 



NatfirUche GroNte 



Im Neubraodenburger Maseam wird toq den 
Fanden^ die auf dem Haofwerder gemacht sind, Nach- 
gteheodef aufbewahrt: 

eine eiseroe Scheere, 

eine Hacke von Hirschbom, 

ein künstlich durchbohrter kleiner Knochen, 

(s. Abbildung), 
zahlreiche üroenscherben mit slaT. Ornament, 
Proben der Brand erde, 
zahlreiche Knochen rom Rind, theilweise zer* 

schJageo, om die Markhöhle zu öffnen^ 
Knochen vom Schaf, 
Zähne vom Schwein, 
ein Yogelknochen. 
Die Untersuchung des Hanfwerders hat uozweifel* 
haft dargethan, dass derselbe wahrend der Slavenzeit 
ein viel benutzter Wohn platz gewesen ist. 
Leider konnte wegen vorgerückter Tageszeit die Uotersuchung des Liepsbruches 
nicht mehr in Angriff genommen werden. Da unsere Berliner Gaste noch den 
Abendzug zur Heimreise benutzen wollten, war es die höchste Zeit, den Rückweg 
anzutreten. 

£3 ist dftnn später von Neu branden bürg aus speciell nach dem Liepsbruche 
noch eine Exkursion unternommen worden. Das Bruch worde von Osten her be- 
treten, und wurde die UntersuchuDg den sogenaonteti Horsteo , den festen Stellen 
zwischen den theiJ weise recht sumpfigen Wiesen, zugewendet Nach üebersch reitung 
des Noonenbaches gelangte man zunächst nach dem ^Leinhorst^ Derselbe war 
grösstentbeils zur Wegebessemng abgegraben, uod unterblieb deshalb hier die [Tnter- 
suchuDg. — Nach Üeberschreitung des neuen Grabens gelangte man dann nach 
dem ^kleinen Horst '^. Derselbe liegt am östlichen Ufer der Ha] biosei und ist 
26 476 Qm gross. Von hier aus blickt man gegen Osten auf den See und den 
gegenüber liegenden Hanfwerder. Diese Lage des Horstes forderte zu eingehender 
Untersuchung auf. E^ wurde deshalb an vielen Stellen gegraben^ nach der Mitte 
der Halbinsel zu und am Seeufer. Das Ergebnis» war wieder Erwarten ein sehr 
dürftiges. Die ganze Ausbeute bestand in einem Rinderknochen^ einer mittelalter- 
lichen Topfscherbe und einigen Scherben eines Topfes der Neuzeit. — Demnächst 
wurde dann der „grosse Horst** betreten. Derselbe reicht durch die ganze Breite 
der Halbinsel yom Ost- bis zum Westufer, und ist er 45 210 Dm gross. Er war 
an mehreren Steljen von der Grasnarbe entblösst, so dass sich diese Stellen leicht 
durchsuchen Hessen. Gefunden wurde nichts. 

Endlich wurde dann noch der an der Spitze der Halbinsel liegende „ Bachers- 
wall** durchsucht. Er ist M2BGm gross. Bell giebt an, dass er ihn mulden- 
förmig vertieft gefunden habe. Es konnte nur noch in der Mitte eine seichte Rinne 
bemerkt werden. Da er seit Jahren zum Kartoffel bau gedieut hat, wird seine 
Oberflache durch die Spateükultur wesentlich eine andere geworden sein. Mehrere 
tiefe Grabungen, die hier vorgenommen wurden, brachten eine Brandstelle mit 
Kohlen, Asche und Branderde und eine einzige Urnenscherbe zu Tage^ die glatt^ 
d* h. ohne alle Ornamente war. 

Spuren einer grösseren Ansiedelung im Liepsbruche gind demnach nicht ge- 
funden worden. 

Mit einem endgültigen Ortheil über die Lage von Rethra ist zur Zeit noch 



n 



C4R) 

af» t>[iiQibus (jupulis Slav^trum frequeDtarentur propter responsa et edduas sacriBclorum 
impeDsiones. Demnach ist anzunehmen, dtiss das gemeiDschaftlich vertheidigte 
oelebeirinitiin fanum auch ein den verböndeteo Tholenzero uud RÄdariero geoaeiD- 
schaf^liches war^ und dürfte daraus zu scbliessen sein, dass es demgetnaBS an der 
Grenze ihrer Gaue gelegeo hat Schwerlich hg das gemeiu schaff lieh vertheidigte 
faoum an deo Greuzen der Riezaner oder Ukrer. 

Kach Allem bleibt io Bemg auf die Lage vou Rethra eiostweilen ooch immer 
das Wahrscbeialichste, dass es an der Lieps gelegen hat Sollten eich am Wantz* 
kaer oder Rodliner See uicht etwa ganz unzweideutige Spuren auffiudeQ, ao kann 
man mit Bestimmtheit aussprechen, dass Rethra an der Lieps gelegen hat Dieser 
See ist auch tou alten Wasserbecken, die m Betracht kommen können, der 
grö&ste, ihn konnte der Chronist am ersten noch ein ^mare** nennen. An dtn 
Ufern der Lieps kann dann in erster Linie riur Prillwitz und dann Hanfwerder- 
Lieps bruch in Frage kommen. 

Hr, Voss bemerkt dazu» dass er, soweit er Augenzeuge gewesen, obigen Be- 
richt über die Excursion in Allem nur bestättigen könne. Auch darin stimme er 
bei, dass die Oertlichkeit von Prillwitst, sowohl der Terrainbüdung ab der insularen 
Lage nach wohl geeignet erscheine, einstmals einem bedeutendem Heiligthume als 
Sitz gedient zu haben. Allerdings sei die Bestältigung dieser Vermuthung dnrcb 
entsprechende Funde vorlaufig noch abzuwarten, Jedenfalls aber seien die anderen 
durch Funde coostatirten Niederlassungen auf den flachen Seeinseln, auf dem 
Hanf Werder^ sowie auf den Inseln des Carwitzer Sees wohl einst Ton grösserer 
Bedeutung gewesen als jene auf 3en ahnlich formlrten Inseln der Oberspree, dem 
Rohr wall bei Schmockwitz» der Liebesinsel bei Treptow u. s. w. 

(9) Hn Jeutscb bespricht 

VargeschlcMlIcNea aus dem Kreise Guben. 

L Das heilige Land bei Niemitzsch. Die in dem XIV, Jahrgange der' 
Zeitschrift für Ethnologie S, 112—128 enthaltenen Angaben vervollständige ich 
durch nachstehende Ergebnisse der vorjahrigen Untersuchung und durch einzelne 
anderweitige Nachträge. Im Laufe dVs Frühsomraers ist ein Theil der West wand 
abgestiirzt worden und zugleich ist auf der südöstlichen Erhebung eine flache Ab- 
tragung nach dem äusseren Rande hin erfolgt, welche vorzugsweise mit slavischen 
Resten durchsetzte Erdlagen eröffnet und die oberste der Schichten mit germani- 
schen Einschlüssen bloss gelegt hat: aus beiden sind zahlreiche Scherben und 
Knochen, aus den ersteren auch Geweibstucke, aus d^r letzteren ein theilweise zer- 
störter viereckiger Webestein zu Tage gefordert worden. Bis in die Tiefe, in 
welcher sich auf der bekannten Abbruchsteile (s. a. a, O. S. 114) Baure^te ge- 
funden haben, ist diese Bodenbewegung nicht eingedrungen» Endlich ist an der 
Sudecke ein ganz neuer Abbruch hergestellt worden, der bis jetzt nur grauschwarze 
Erde ohne Scherben^ ausserdem aber eine grössere Zahl von Schneckenbausern 
zeigt (vergl ebd. S. 114): die orsprijogliche Anlage scheint hier durch eine An- 
schüttung aus dem nahen Sumpfe entnommenen Bodens verstärkt zu sein, wenn 
nicht etwa, was erst später klar gestellt werden kann, eine ursprungliche OefiTuung 
im Walle nach S&den hin später geschlossen worden ist 

Aus der umfassenden westlichen Abgrabung sind (und zwar zumeist auf der 
Strecke^ welche a. a, 0. S. 114, Fig. 2, durch die Worte Ost und Söd beieichnet 




(49) 

ist) folgende Gegenstande gewonnen worden^ die, soferD nicbt anderes aogegelien 
iat, von Hrn. Potzßchke der Gubener Gymnosialsammlnng geschenkt worden sind: 
A. aus Bronie (vgl, ebd. S, 117): ein koopFartiger, massig gewölbter Gegen- 
stend, mit grüoeDi Ueberzug: eine runde, nach einer Seite hin ein wenig aus- 
gezogene Platte von 2,7 resp. 2,9 cm Durchraesser, aus welcher eine abgebrochene 
Spitze (Durclim. 4 mm) 2 mtn hoch hervorragt, und unter welcher ein 3 mm brei- 
ter, i?,5 cm langer Bügel in einem Abstände von 9 wm angebracht ist, durch welchen 
ein Riemen gezogen werden konnte (Fig, 1 c?, b). Das a. a 0. unter Nr. 5 erwiihnle 
schn&llenartige Schmuckstück von 38 ff Gewicht besteht, wie sich nach Entfernung 
des grossten Theiles der dasselbe nmhuHenden bröckligen und schillernden Masse 
ergeben hat, aus 3 zusammengebackenen Broozeringen von 2,8 im Durchmesser 
mit fast viereckigem Querdwrchschnitt. Der mittlere greift etwa bis zur Hälfte über 
den unteren und ist ein wenig übergebogen, der obere ist in den mittleren hinein' 
gedruckt und starker über ihn hin weggebogen. Die Lange des ganzen Stuckes be- 
trägt direkt gemessen 4 cm. Die ÜmhijUuog ist eine theils durchsichtig weisse, 
theila mattgrüne Glasmasse (Fig, 2). — B. aus Stein: l, ein abgestumpfter Kegel 
TOD blassrother Färbung mit nicht ganz ebener Oberflache von 13 vm Höhe, 10 cm 




unterem, 7 cm oberem Durchmesser, Gewicht 2065 g. Die untere Grundfläche ist 
beschädigt (Fig. 3). — 2. ein glimmerbaltiger grauer Stein j etwa in der Form eines 
halbierten Scheibenabschnittes, dessen runde Seite glatt und durch abgerundete Kan- 
ten begrenzt ist (Fig. 4); die kleine Seitenfläche (gleichsam die Halbieruugsebene des 
Scheibenabschnittes) ist uneben, also wohl abgesprengt, ebenso der eine der beiden 
den Kor per oben und unten begrenzenden Kreisabschnitte; der andere dagegeti i»^ 
eben, ohne jedoch durchweg geglättet tu sein. (Gegenwärtige Längsausdehnung i5 cfi*i 
grosste Breite 9 er«, Dicke 1,9—5 an). 3. ein flach abgesprengtes Stück von 4 c^^ 
Durchmesser und etwa 1 cm Stärke uiit einer ganz glatten Oberfläche; das Nlf|,^^^a\ 
ist ein nicht zu feinkörniger graubrauner Stein. 4. Aus älterer Zeit ist in dex^ -A\le^' 
thumersammlung der Lausitziachen Gesellschaft der Wissenschaften ein ovales ^ ^c\\-' 
bohrtes Stein platt che n vorhanden (nach deren handschriftlichem Katalog): offeci'^^;^ ^lO 
Schmuckstück gleich den Verband L 188], S. 183 beschriebenen, von welcher >^ «ia 
ovales Exemplar aus dem Reinhard tischen ürnenfelde bei Bautzen sich ini <3 
Stadtmuseum befindet C. Aus T hon; 1. (zu S. 118» IV, 4) ein vierkantiger- 



stein mit etwas eingewolbten Seitenwänden, (einschliesslich des oben ervv^ 



^:ttigei^ 
^^VVebe- 

hinten 




(50) 



?ierte aus dem beiligeo LaDde); 2. der Rest eioee aDScheiDend TJerseitiges~ 
giagftlrotheD Körpers, van dessen Seiten flüchea our sehr weaig erh&lt«ii ifit und 
durch deo eine gerade und glatte Durclibobrung von 5 mm Durch meBser hiadurcb- 
lauft; etwa der Rest eines NetÄbescbwerers. 3, ein etwa die hohle Hand füllendea 
flaches roth gebranntes Tbonstuck mit deutlichen Haimeindrückeo. 4. (zu S. U9, 6) 
eine wohl erhaltene, wenig verzogene, etwas nacbgeb rannte Flasche von H ctn Böbe, 
ri,5 cm Bodenfläche, 9,ö ctn grössteni DurchmeSBer, mit deutlich markirtem Halse und 
Janglicbem Henkel, der aber nur einen kleinen Finger einlasst (Fig, 5), Die stellen- 
weise noch mattgläDzende, meist rissige braune Oberfläche ist auf der dem Henkel 
gegeoüber liegenden Seite schwammig aufgetrieben, 5, (ebd. Nr. 8) ein Ausschnitt 
ans einem sechsten runden Thoabrett, glatt^ mit massig aufgerichtetem Rande, auf 
der Oberseite schwarzbrauo, a*if der unteren blassrotb, — unter den Scherben is^t 
ein isiemlich formlos gewordenes^ fast 1 cm dick aufgequollexies grosses RandstQck 
hervürzuheben, das 9 cm unter dem glatt geweseuen Rande eine wulstige Leiste 
mit Fingereindrückeo, und 2 (m unter dem Rande eine offenbar bei der Fabrikation 
hergestellte glatte Durchbohrung von 0,5 cm Durchmesser (jedenfalls zum Durch- 
ziehen einer Schnur bestimmt) zeigt, ^on der Art der S. 119 — 20 bescbriebenen 
Gefassfragmente sind sehr zahlreiche Exemplare gefunden r ich erwähne daraus nur 
eine Reihe von solchen, die concentrische Halbkreiseindrücke unter oder über paral- 
lelen reifen artigen Kehlstreifen tragen. 

Eine zwingende Deutung der Oertlichkeit lässt sich auch aus diesen Funden 
nicht herleiten; aJs sicher ergiebt sich (namentlich aus den Webesteinen) nur, dass 
der Platz mit Haushaltungen besetzt war. Von den beiden Auffassungen der An* 
läge, die aus der erFcböpfenden und wohl noch nicht überholten Behandlung der 
Burgwallfrage in Preusker*s Blicken in die Vaterland. Vorzeit 1 (1841) S, 104, 
Nr, 1, 3, vgl II, 195 ff., hier in Betracht kommen, ist keine ausgeschlossen: auch 
die heiligen Stätten konnten wie die Befestiguugs platze Wohnräume enthalten. 
Aber für die Annahme einer Cultusstatte spricht, wie bereits Zeitschr. f. Ethnol. 
LXiV, S. 127 bemerkt ist, keiner der Üeberrester sehr wohl kann die Anlage ein 
fester Platz — der dauernde Siti eines Führers oder eioe wiederholt benutzte Zu- 
flucht — gewesen sein. 

Das zweite, nächst den Funden bei Ermittelung des Zweckes in Betracht 
kommende Moment, die Tradition, ergiebt ebenso wenig ^twas Sicheres: es kann 
ein Hain, wie ihn Tacitus als den üblichen altgermanischen Opferplatz bejEeichnet, 
um den Wall her gelegen haben, obwohl dies in dem vom jetzigen guben-niemitzsch- 
sadersdoifer Fahrwege her ersichtlich achräg zur Neisse abfallenden, vormals offen- 
bar sumpfigen Terrain nicht sehr wahrscbeialich ist. Mit dieser Möglichkeit wäre 
aber die Einordnung der Oertlichkeit unter die von Tacitus bezeichneten Cultus- 
atätfcen noch nicht begründet Die lokale Tradition, welche in dem Namen dea 
heiligen Landes liegt, beweist nichts, weil der an sieb sehr wohl mögliche Zu- 
sammenhang mit dem germanischen Alterthum durchkreuzt wird durch die ebenso 
gut mögliche, Zeitschr. f, Ethnol. S. 127 erörterte Anknüpfung des Namens an die 
Einrichtungen der christiichen Zeit* 

Die Frage nach dem Zweck der Anlage, die zunächst wohl noch gegen 
die nach der Zeitstellung derselben zurücktreten muss, wird daher trotz der ver» 
hältnissmässig zahlreichen uns erhaltenen Einschlüsse vorläufig offen gelassen 
werden müssen; möglich, dass die Ergebnisse künftiger Jahre mehr Anknöpfuiigs- 
punkte für Folgerungen bieten oder dass durch sichere negative Resultate der Nach- 
forschung eine und die andere Deutung ausgeschlossen wird. 

Aus dem a. a. 0. S. 122 besprochenen üruenfelde am Finkenheerd sind durch 



I 



L 



(50 



die oeuerlicbcu Aut»giabungeu nur Scher beD gewooDeu wordiiu: 1. ein Tbeil eiues 
Fläschcbens aus dicbtem^ bulleiii Tbon; unloT dem deutlich abgesetzten Halsse ziehen 
sich 3 schmale Kehlstreifea, unter ihnen eine Reibe flacher tupfenartiger kreis- 
ruoder Eiodrucke herum. 2. Die Hälfte eines Näpfcbene mit eben aufliegendem 
Boden (Höbe 2,5 rm), mit kleinem, ober den Rand aufragendem Heukel, unter 
dessen unterer Ansatzsielle zwei Reiben you 2 resp. 3 fiacben Eio drucken» 3. einige 
FlaacheBbälse mit Henkel; 4. glatte Randstücke von Scbu&seln mit verdicktem 
Rande, doch ohne Verzierungen auf demselben; 5. Bruchstücke eines Decktellers 
mit dünnem, aufragendem, ein wenig eiugezogenein Rande, in dessen EinBchnüniug 
ein schmaler, langlicb heruntergehender Knopf sitzt; 6. Stücks aus Seitenwandungee 
mit Oehsen, die 2^-3 Längsstreifen tragen. — Farbe und Masse dieser Scherben 
zeigt von denen aus der unteren Schicht des heiligen Landes keine wesentliche 
Abweichung: die leichte Differenz der Färbung und Erhaltung erklärt sich aus der 
Einbettuag in verschiedenartigen Boden. Scherben mit Wulst und Fingereindrücken 
befinden sich unter diesen Funden nicht Die a. a. 0. beschriebene Schüssel ist, 
allerdings nicht ganz genau, gleich der zugehörigen Urne abgebildet in Freusker^ 
Blicke u. B. w. III, Taf. 6, Nr. yi f., wo auch (Nr. 30 a. b.) eine Abbildung des 
Rundwalles selbst und seiner Bösciningsverhaltüiese aus der Zeit um 1844 ge- 
geben ist — 

Was die slavischen Funde aus der oberen Schicht betrifft, so aind zu den 
a. a. 0. S. 124 besprocbenen Scherben nachzutragen die mit einem zweireihi- 
gen Kranze von scharfen Einstichen verzierten. Die einzelnen j länglichen Ein- 
stiche sind wie die Tannennadeln oder Fischgräten auseinander gerichtet. Zwei 
Fragmente zeigen einen Ersatz des den slavischen Topfen fehlenden 
Henkels: das eine trägt, an die Wandung des Gefasses angesetzt, den 3 cm 
langen Stumpf eines massiven Thonslieles, ähnlich dem Ansatz der Griffstiele mo* 
derner, thönerner Tiegel. Bei dem anderen ist vor die bei der Fabrikation her- 
gestellte Durchbohrung der Seiten wand (0,8 cm Durchmesser im Lichten) in der 
Richtung dieser Durchbohrung ein Thoncjlinder von 2 cm Länge und 2 an Durch- 
messer^ vorn roh abgernndet, vorgelegt, so dass durch die beiden correspondiren- 
den Oeffnungen des Gefasses etwa ein Stab durchgesteckt und dies selbst daran 
getragen werden konnte. 

Zu den 13 gezeichneten Topfbuden treten 16 andere hinzu: 4 mit kreisförmigem 
Stempel eindrucke der zum Theil sehr flach istj ein fünfter zeigt innerhalb 4 wenig 
hervortretender concentrischer Kreise einen ganz seichten, centralen Fingereindruck. 
Zu den in den Verhandl. 1882, S. 365, erwähnten beiden durchbohrten Boden- 
stöcken kommt ein drittes, dessen Oeffnung 3 cm Durchmesser hat. In demselben 
Bericht ist das Fragment mit einem nicht durchgehenden Einstich erwähnt. Her- 
austretende Zeichen tragen folgende; ein bis zu 5,5 cm, Hohe erhaltenes Töpfchen 
mit einem Bodendurchmesser von 5 cm zeigt ein flaches breites Kreuz, das nicht 
genau in der Mitte liegt; Länge der sich kreuzenden Linien 2 resp. 2,5 cm, 
Breite 2 inm; 4,8 cm über dem Boden beginnt die Riefeln og der Gefasswand. Auf 
einem Scherben ist das Kreuz von gleich langen Armen (Gesammtlänge der Linien 
3 cm) scharf markirt; auf einem andereo sind die Balken von 20 resp. 35 fmn 
Länge schräg gegeneinander gestellt. Auf einem Boden tritt ein achtstrahliger Stern 
(Fig- 6) deutlich hervor, dessen vier Hauptstrablen etwas länger (2 cm) sind als die 
übrigen und spitz auslaufen'); auf einem anderen von 9 au Durchmesser 5 starke 



1) Der Durchmesser des a. a. 0. 9. 125 erwähnten ach tspeich igen Rades beträgt 3 bis 
3^ cm. — Ebenda ist Z. 3 v, ob, zu lesen: 5,5 cm lang; S. 123, Fig. 6, Grosse »/s. 




(52J 

TParallelatreifeD, zwischeo deneo schwächere erkennbar sind und die ßenkrecht voo 
eiöem geraden erhabenen Streifen geschnitten werden. Eine 
ahn liehe, aber scbwäcbor hervortreteEde Zeichnung oebst 
einer kleinen Erhöhung in der Mitte hat ein dritter; auf 
eiiaem vierten gehen von einem centralen Knöpfchen unregel- 
maaaige, annäherd radial geordnete, stark heraiiagedr^Dgte 
Striche ans (Fig. 7). Eine flache knopfförm ige Erhöhung von un- 
regelurä seiger Peripht^rie (Durchmesser 2,5 resp. 4 cm) haben 
zwei Boden; der Thou scheint nachträglich angedruckt za 
sein. 

Von massirer Thonarbeit sind 3 Spinnwürtel nachzu- 
tragen r 1. koöisch geformter mit ein gewölbter Unterseite und 
etwas * eingezogener Seiten wand (Besitzer Herr Rentier 
Th, Wilke), 2 mit herauBtretender Mittelrippe, Von 
EiRengeräth folgende Stucke, die zugleich dem am Schliisse des Burgwallberichtes 
Verh. 1 882, 8, 3G7, gegebenen Verzeichoisse einzureihen sein würden: 1. ein kleiner Zier- 
rath von 3,7 cnt Länge, aus einem Ringe von 1,3 cm Durchmesser und daran befestigter, 
zwei Mal eingeschnürter Quaste bestehend (Fig. 8); 2, ein 5,5 cm langer Stift, der 
sich nach oben lanzettförmig verbreitert; 3, ein 8 cm langer, nach oben hin ein 
wenig sich verjiingender Stift, wohl zu einer Spindel gehörig (Besitzer Herr 
Th. Wilke); 4. ein Geräth in der Form eines der Länge nach halbirten Cylinder» 
von 12 an Länge und 4 cm Durchmesser (Fig. 9), dessen beide l^angskanten 
gekerbt sind und dessen Oberfläche zwei kleine Nagellocher symmetrisch geordnet 
zeigt; einem Pflug- oder Deichselbeschlage ähnlich. Ein gleichartiges vollßtiindigeres 
Gerath (Fig. 10) ist zu Guben im Baugrunde am Markt zugleich mit einer eiserueo 
Sehafschoere u. a. gefunden worden: hier setzt ein starker, an der Anaatzstelle ge- 
theilter, spitzwinklig zulaufender eiserner Griif an, — Das a. a. 0. S. 125 Fig. 10 
abgebildete krallenartige Gerüth No. 3 war vielleicht zum Bogenspannen bestimmt; 
der S. 126 abgebildete Körper (No. 10) ist anscheinend ein Degenknauf gewesen^ 
da sich an einer Seite eine dieser Bestimmung entsprechende Vertiefung gefunden 
hat. Anzureihen ist hier ferner ein Stück Eisenschlacke von 2370 g Gewicht, 
zwei Wetzsteine aus Glimmerthon (deren im ganzen also vier vorliegen), endlich 
ein angespitzter Eberzahn von 8 mn direkter Länge, ein Stuck defekten, angespitzt 
gewesenen Hirschgeweihs, endlich ausser zahlreichen Knochen und Geweihstücken 
&Ü8 dieser Schicht eine einzelne Fi&chschuppe (von der Grösse einer Karpfen- 
schuppe), 

IL In einem bei Schöneich, Kr* Guben, nördlich vom Gutshofe gelegenen, wohl 
völlig durchackerten ürnenfelde ist, quer durch dasselbe laufend, ein Damm 
aus Findlingssteinen aufgegraben worden. VergL Undset, Eisen in Nord- 
europa, S. 200. Die dort gefundenen Scherben sind dick, roh, rothbraun gefärbt; 
einer zeigt an der Oberfläche energische unregelmässige schrSge Einstriche dicht 
neben einander. 

IIL In den Gräberfeldern hei Goschen W., Jessnitz und Reicbersdorf sind 
zwischen den Beigefäsöen, in Wirchenhlatt sind neben den ohne ßeigefäaae ein- 
gesetzten Urnen hartgebrannte oblonge, nicht ganz regelmässig gefrirmte Thon- 
steine von graugelber Färbung und durchweg fein porösem Zustande gefunden 
worden; in einen derselben ist in Folge starker Hitze ein bläulicher Feuerstein 
glatt eingeschniolzen. Ein ebenfalls oblonger Stein von ganz ähnlichem Aussehen 
fand sich neben den Urnen in dem Felde nördlich von Plesse. Die Annahme 
liegt nahe, dass diese Gegenstände bei der Verbrennung der Leichen, vielleicht 



) 



9 



(53) 



^ 
n 



'/j natürl. Gr. V' natärl Gr- 



als Unterlage j VerweDduDg gefußdeD habtso, — Von anderer Art sind zwei im 
ganiep pyramidale, glekiifulls uo regelmässige Kör- p. ^n Fi« 13. 

per mit geradliuigeu Kanten und ebeaen, uo merk- 
lich eingewdlbten Seiten flächen, nnscheiDend aus 
feinkörnigem Öandätein, gefunden unmittelbar neben 
den Urnen bei Strega: sie dürften zum Formen 
oder zum Abreiben von Gegenstanden gedient 
habe». (Fig. 12 u. 13.) 

IV. StarzeddeL Dem ßabhebbel (s. Verb. 1882, S. 355) entsprechend tritt 
westlich von der Lubst aus dem HobenzügCj der jedenfalls cbemals das Flussufer bil- 
dete (Tergl, a. a. 0. S, 363 Plesse) ein Vorsprnng heraus (ebd. ö. 358), Garten und Feld 
des ßauerngutsbesitxers Seibke auf Lehmanns, der sehr gefällig Nach forseliun gen 
jeder Art gestattet hat. Dort sind den germanischen Burgwallscberben aus der unteren 
Schicht des Bai sh ebbeis durchaus gleichartige Gefässtrummer, namentlich von grossen 
kräftig gearbeiteten Topfen mit heraustretendem Wulst und Fingereindrficken 
auf demselben, gefunden worden; ausser diesen auch Randstucke mit spirali- 
gern Eindruck, einige mit einem einzelnen heraustretenden Knopf, andere 
Scherben mit vom Henkel ausgelienden flachen Einstrichen, nur wenige dünnere 
und sauberer gearbeitete, alles von dunkelbrauner oder schwärzlicher Farbe, zum 
Theil mattglanzeud, Stucke Ton kleinen ßeigefassen haben sich bis jetzt nicht 
gefunden. Während angeblich früher auch ganze Urnen vorgekommen sein sollen, 
sind jetzt grossere Fragmente nur von 2 Gefässen vorbanden. Das Feld ist namlicb 
bereits vor langer Zeit einmal als Baustelle benutzt worden: es findet sich darin 
allerlei Eisengerath und Scherben, die etwa in di^Zeit des dreissigjährigen Krieges 
und weiter zurück zu weisen sind. (Die Reste befinden sich in der Gubener 
GymnaBialsammlung). Geordneter Steinsatz ist nicht vorhanden; vereinzelt kommen 
Findlingssteine vor. Bis jetzt kann, da sich Leichen brand zwischen den Truraraern 
nicht konstatiren lasst, nicht entschieden werden, ob hier eine der Änsiedlung auf 
dem Baishebbel korrespondirende Begräbnissstclle vorliegt oder eine ähnliche An- 
lage, wie auf der weiter östlich gelegenen Insel, so daaa diese beiden den Lauf 
des Flusses beherrscht hätten. Vielleicht deutet auch die alte Sage, nach welcher 
vom Balshebbel ein unterirdischer Gang uoter diesem Vorsprung hin zu der noch 
etwas weiter westlich auf der Hohe gelegenen Kirche führte, den alten Zusammen* 
hang der beiden Oertlichkeiten hin. 

V. Der Kiebitzhebbel zwischen Guben und Buderose, ein dürrer 
Sandhügel ohne Hnmnsschicht, hebt sich, 300 Schritt östlich von der Neisse, 
400 Schritt nördlich vom Damm der Märkisch- Posener Eisenbahn gelegen j aus 
seiner Umgebung, die ein massig welliges Terrain ist, ersichtlich ab. Er Hegt 
östlich vom Guben- Buderoser Wege, der früher über ihn hingeführt haben soll, 
dicht anstoBsend an diesen Weg, über den er sich 4 m erhebt, im NO am höchsten. 
Er hat einen Umfang von 2ßO Schritt, eine Böschung von 25*'. Eine Einseukung 
ist nicht erkennbar. Im SW» ist er angegraben. Das Terrain gehört der Stadt 
Guben, ist aber seiner Unfruchtbarkeit wegen nicht verpachtet. Pretisker, seit 
dessen Zeit der Hügel nicht mehr untersucht zu sein scheint, ist geneigt, ihn für 
eine neuere Schanze zu halten, setzt indessen (Bücke u. s. w. HL 1844. S, 112) 
hinzu: ^Der Name kommt oft bei alten Wällen und Grabhügeln vor: Kepjez m. 
Grabhügel, Eopiza f. Grenzhügel. ^ Jene erstere Annahme hat sich als irrig 
erwiesen: der Platz ist bereits in vorgeschichtlicher Zeit benutzt worden, wie sich 
bei einer Untersuchung im Herbst v. J. aus den allerdings recht spärlichen Scherben- 





kwamr kleiaeren Brokern tealfl ääe 

Offtberfeld 
Mt cmi OQfCll 

Adterkb 2<rw«iditai Tboot kfiottlidb r»ilig«B»ehte Obaiicbe, eiii anderer einige 
oNffficUieh^ Elmrielifl. 

ft DtOl Vtrc^tekttM der ßargwlUe im nod mm Kreise Guben (i; Verb. 1882^ 
8^ M) bt der bttber (rgl, Preotker und Sehnater) oiebt beaebtete bei Schiedio 
M der Od«r |!el«(eii« eioitureibeii. , 

TU. fo de« ii5rdltcben Thetle des ümeofeldes auf dem Etablissemeot grüne 
Eiche bei SebeDkendorf, Kr. Guben, Qod zwar io dem dicht Tor dem ost- 
ficbao Baui« gettgeoeo biAher uoberuhrteo Stucke sind bei NacbgraboDgen im 
B&fUmnhtf d. J. die R«#te eioes grossereo Gefasses, eioes gewolbteo Decktellera mit 
flaeb aai||elegtem Rande und radialen scharfen EinstricbeD auf der AasaeDdeit«, 
BmcbttGcke von kleinen GeCässen Terscbiedener Form und unter diesen ein rier- 
fllttig«>r Tiegel gefunden worden fKig. H), ein Seiteostück zu dem rou Herrn Dr. 
Bebla in einem H&gelgrabe bei Weiseagk Kr* Lackau 187B gefundenen und jeUt im 
Königin Mufteum zu Berlin befiadlicheii. Der Durcbmesscr der unregelmäsdig ge- 
formteDi grob gearbeiteten, 5—7 mm dicken Schale betragt im Liebten 6,4—6,8 cm^ 
die IlJyhe dertelbeo 2,5 cm. Die Fusse^ deren einer abgebrochen ist^ und die sich, 
UDgleicbmiiilg geformt , ton l em Durchmesser nach unten massig bis zu 0,0 crn 
Terjdngen, uud 1,5 ctn hoch dind, bildeo die Ecken eine^ Quadrats. Die glatte Ab- 
bniebatetle zeigt, daes die Kusse der Aussenseite, deren Rand oben ein wenig uacb 
ouiaeQ gestrichen ist, aufgesetzt^ nicht eingefijgt sind. Das Material ist grob, durch- 
tatst mit Sand und Cilimmerspähochcn; die eine Hälfte der Aussenfläcbe und zwei 
KQsso sind s'/iegelrülb^ die ufjdere und die Ionen fläche grau und rissig j ein wenig 
blniig aufgetrieben. (Besitzer Herr Rentier Tb. Wilke in Guben,) 

VEll, Dio Fl ach 'sehe Frtvutsammlung ist durch Schenkung in den Besitz des 
hioitigen Gymnasiums übergegangen. 

VII, Beigelegt ist ein himdschriftlicher Schutzbrief gegen Verwundungen, ge- 
scbriiVben 182:i. 

(10) Hr. Fr t edel berichtet über 

Prerdeschädel als Sohlltten. 

Auf 8. 272 dfT Zeitschrift „Daheim*' von 1882 schreibt G. Ha m mann aus 
lluitenrod (Kt»g.*Be3E. Wiesbaden) Foigeodes: „Hinter der alten Stadtmauer meiner 
nicfit nnhokrinnten wetterauscben Vaterstadt Butzbach befand sich — und befindet 
Mich thrilwiiiso noch jetzt — ein grosser, tiefer Graben, mit steilen ßoscbungen. 
Da bildülQ es nun ein bauptsÜcblichea Winterverguugen der edlen Stadtbuben schar, 
mit ihren Schlitten dahin zu ziehen und über Hals und Kopf auf diesen in dio 
Tiefe zu jagen; auf der anderen Seite des Wallgrabens ging es dann unwillkürlicb 
noch oine ziemliche Strecke wieder aufwärts, um dann schliesslich kopfüber wieder 
riut dor Grabeusohio anzulangen. Unverdrossen ward, nach einiger Erholung von 
di*m Plnlfiir des eben ausgestandenen Follersturzes, das kleine, winterliche Extra* 
fuhrwerk die steile Hohe wieder hinauf geschleppt, um das halsbrechende sogenannte 
V^ergnügen aufs Neue zu beginnen etc. Wer aber nun nicht zu den Glücklichen 
gehörte, olnen regelrechten hölzernen, mit Eisen wohl beschlagenen Schlitten zu be- 
fidm^n, der lief nach dem etwa eine Viertelstunde entfernten Schindanger, um eioeu 



I 




io ZusaEnmPDSeUuQgeD wie hobgrozjs unihageo, ymschlieBSeD, umfasseo (gleichgültig 
ob mit eiüem geÜochteüeQ oder einem Lattenzaune). Es bat aucb den Begriff des 
ümkreisena; hobgroda, hobgroia, ist der Hof um den Mond*). Ich faud ingleicbeD, 
dasa maoche den Kreiß so nannte d. Hobgroda ist auch ein altes Wort in der 
Sprache der Zauberei und heisst Zauber kreis, aber den Jüngeren in diesem Sinoe 
nicht mehr bekannt. Will man einen festbannen^ &o mnss man einen Zauberkreis 
UQ] ibo z^ieben und liohgro/-ony ist der, welcher nach Sonnenuntergang so um- 
8ohlo8»eD, festgebannt, nicht von der Stelle kann, bis er durch Zauberworte wieder 
gelost wird. Die Endung in grozisco (oberwend, hrodzisco) bedeutet eine gewisse 
Ansdehtmng, Meng»', Ansammlung, FQÜe, so heisat das Wort Gebäge, Umzäunung 
(auch BurgwaJl, Scbanse), ureprüngtich Yielleicht aus Flechtwerk. Groiis^io '■') nanote 
man früher auch die aus Stangen angefertigten Schaafgehäge, Hürden. Aup dem 
BegriÖ'e des Wortes darf man vielleicht einen Schluss auf die ursprungliche Hnr- 
stellungsweise derartiger Anlagen machen. 

Der wendische Eigeothumer des Schlossberges zeigte mir einen Erdstrich, der 
sich auf einer anliegenden Wiese (irre ich nicht, in der Richtung von Morgen nach 
Abend) als ein sthr flacher Rucken hemerklich macht, und sagte: ^jHier hatte der 
wendische König seinen Weg herunterzugehen (vom Berge) nach Bun; da auf dem 
Striche wächst auch alles noch immer schlechter.** Bun ist die Wiese. Bon, bun 
heisst Hofedienst (Prohn), der als Gegenleistung bei dem früheren Erbpacht&ver- 
hältniss ühlich war. Bon heisst auch eine der Landstellen, welche die Fundstelle 
der Babower Ringe umgeben*). Dass beide Namen dasselbe Landstück bezeichnen 
sollten, acheint mir, wegen der Entfernung heider Stätten von einander, nicht wahr- 
scheinlich. Der wendische König hat also auf dem Brahmoer Schlossberge, ebenso 
wie derselbe auf dem Burger, einen Weg, der noch gezeigt wird *). Auf dieses 
Verhältniss gedenke ich vielleicht später noch zurückzukommen und will nur hier 
darauf hingewiesen haben. 

Auf dem Ackerlande, welches den eigentlichen Sehlossberg umgiebt, wurden, 
nach Aussage des dortigen alten Ausgedingers Döbrik, Kohlenheerde und ^Töpfe** 
mit Knochen gefunden. Scherben fanden sich vielfach, sowohl »olche von Lausitzer, 



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Schlostfberg sonat grodowa gora (in meinen wendischen Sagen S. 8, Anm. 5, ist das aui Ver- 
sehen gedruckte pytko tu (streichen) : gtoi Stall. 

1) Sonst auch dwor (Hof) und murja Mauer. 

2) Folaiöch heisst der Ringwall, wi© Albin Koho (Icr Ringwall bei Fordon, Posen 1880} 
anmerkt, gtodzist:ko, rütlienisch borcdyszrze, rii*sbch gorodyszcie, bobtnisch hradiisko u. ß. w, 
GroÄisco heifsen in der Niederlausit« die Orte Sonnen wald* (Kr. Luckau} und Grötsch (Kr. 
Cottbus; ein Dorf G rutsch noch im Kreis« Gaben, Brodzisco Gröditz In der Oberlausitz, Wie 
mir llr. Uan tsebo-linuo in Schleife Ireuudliclist mittheilte, beis&t eine Wiese bei Treben- 
dorf (Kr. Rutbeifburg) gradzina, deutsch ebenso benannt, ,weii sie in allen Zeiten gegen 
Wildschaden umzäunt war/ 

3> Diese Flecken heimsen, wie ich sie im Volke auffand und auf einer Gutskarte zu Wü* 
sehen, wenigstens zum Theil verzeichnet sah: chmjetiseo, zanak, tralina, hon, tleda, na kle, 
dlujka görka, Koppelhytung. Von ihnen sind In ihrer Bedeutung klar i-hrnjeliBCO Hopfenland, ■ 
oder derleii vom chmjel Hopfen* Aehnlich heisst ein Landstück in Bur|T- Kauper, wie denn ■ 
zu Burg überall wilder Hupfen wächst; siedu wohl Hinterland, von sledy hinten; na klo auf 
Klee, halb deutsch (wendisch Klee hier kwesiiia, sonst dxecelin u. a.), dlujka gurka langes 
Borgeben (Hügel) Bei tralina könnte mau an die nahee^leb enden trawa Gras und traeh 
Ftircht, Spuck, Gespen^it di^nken, ^ränden nicht spracblicLo Bedenken entgegen. Dunkel 
bleibt jtanak; die Form ianaki, welche Hn Veckenatedt b. Z. erwähnte, Ist mir nicht be- 
ksinul geworden (zanaac ^ irerlegen). 

A) Vergl. meine wend. Sagen, 4, 7. 



(57) 



wie Ton Burgwalltypiis. Von letzteren sah ich noch vor einigen Jahren einen grosseo 
Haufen bei dem dortigen Gehöfte liegen und habe eine Anxnhl derselben gesammelt 
Die Gefässe dieser Art mussten gross gewesen sein und mehrere von ihnen hatten, 
uacb den Scherben zu urtheileiij einen Durchme&ser von etwa 18 — 2i cm. Die Ver- 
«icrung besteht aus dreizinkig eingerissenen Zickzacklinien, über welche sich auch 
Reihen gleichmässig grosser , eingedrückter Punkte hinziehen. Die Masse ist bart- 
gebrannt und fest, von graner und erdiger Färbung. Die Stärke der Scherben selbst 
beträgt 9 mm. Von diesen Burgwallscherben fand ich neuerdings keine mehr vor. 
Ob die Scherben von Lauaitzer Typus nur auf dem eigentlichen Öchlossberge, 
oder nur auf dem umliegenden Acker, oder auf beiden sich vorfinden, konnte ich 
bisher nicht mit Sicherheit feststellen. 

Ferner Ingen Steine auf dem Berge, ^^wie ein Pflaster, hänfen weise, so dass die 
Leute mit der Schippe nicht konnten hineinkommen*'. Einen auf dem Schlossborge 
gefundenen Schleifstein, klein, sehr fein, mit einem Loche verseben, erwarb ich 
von dem Besitzer; solcher sollen mehrere gewesen sein. Auch sprach dieser von 
2wei metallenen (also bronzenen) Ringen, die er vordem besessen habe. Mitten auf 
dem Scliloasberge, behauptete er, liege, nicht tief, ein Meoschengerippe, „ein Reiter, 
Kopf und Alles,** und unfern (etwa zehn Schritte) von ihm, sein Pferd begraben. 
Starke Einbildung konnte hier also den wendischen König wiederfinden. Jener 
»eigte mir die Stelle und war bereit, die Gerippe auszugraben, doch lies» die grosse 
Nisse, eine Folge des diesjährigen Hochwassers (1882)^ und der beständige Regen, 
ea nicht iu weiteren Untersuchungen kommen. Die Thatsache bleibt demnach vor- 
läufig fraglich; jedenfalls handelte es sich dann um das erste vorgeschichtliche (?) 
Gerippe aus der Lausitz, was mir wenigstens Hr. Dr. Behla, der gründliche Kenner 
Lansitzer Altertbümer, bestätigte. Gelegentlich will ich hierbei bemerken, daas zu 
Burg eine Gegend, welche übel berufen; nass und unwegsam, Freoidlingea uo- 
bekannt, R^g^Q dem Stawenzfliesse^) liegt, ten carny rog, die schwarze Kcke heisst, 
^weil früher viel Wald da war, und der Töpferberg, gjancarska göra, ebenda so, 
weil ein Topfer da gewesen sein soll. Daselbst hat man viele alte Scherben, Kohle 
und Knochen gefunden. Da liegen auch jetzt noch die Gebeine von einem Schweden, 
oder wie andere sagen: Kosaken, der von Vetschau auf Ranb nach Burg geritten 
kam; es soll gerade Dürre gewesen sein*). Da schoss ihu einer — (manche sagen: 
Förster Laoschke*) — vom Pferde, die Leiche aber versenkten sie im Luch. Daa 
Pferd lief nach Vetschau zurück. Ein Vetschauer Schmidt, Namens Bartholomäus, 
hatte, so soll in einer Urkunde gest^inden haben, einen Mann in Vetschau erscblagen, 
und floh über die Grenze*) nach Burg, auf preussisches Gebiet. In der Wildniss 



1) Vergl. in der Zeilachr. für Ethuol. XII auf der vorgeschichtlichen Karte von Btn^ am 
linken Rande. Mehrere Sagen sind hier tu finden. Vergl. wend. Sagen IIG, 119, 281, 183. 

2} Wegen der vielen Wassörläiife etc. konnte ein Reiter sonst schwerlich da durch- 
kommen. 

3) Ein Forfiter Lanachke (?) scheint nach Allem, vvas ich erfahren^ thatsachlich In Bur^ 
gewesen sa sein, und hat ^ewuhiit in Burg- Kolonie, da, wo jt'tzt der Kaufmann Lecha-KuUk 
mohnt. Bier soll er eine Nachbarin (Hexe) erscho^^sen haben. Er muss ^mehr gekonnt haben 
wie andere*, denn um seinen Namen haben sich viele Sagen gesponnen. Berichte über 
ihn wend. Sagen 166^ 197. Es irtand mit dem Scbiossbergnetzker im Bnnde, beide trugen 
die berühmte Scbiees weite 9,ua* Dat^a die Sagten über ihn mythisch »ind, erbellt ancb ana 
denen, die vom alten Förster Petrik in Trebendorf (viend. Velksthnm. S7) umgehea, und 
anderwärts. 

4) Die fhächsische Grenze ging früher bis an das preussische Burg; an der Grenze von 
Bnr^, gen Stradow bin, fand ich zwischen ßänmeii versteckt, in der Erde noch stehend, den 



leUteo GreQzpf^hl (auf dem Steffenaebeii Flofe). Ich weüe dartuf hio» well er mit seinein 
KopFe einem aUen G5t3^eD gleicbend» eiomal auf derartif^eM angc^proclieu werden könole. 

1) Seese, wendisch Biez, ist ein Dorf bei Lübbenau. Solcher ZufluehtsÄfätten werden 
noch mehrere im Spree wald© nachg:ettie8eD. 

2) Dies letztere hp^tätigten auch sehr zuverlässige Leute. Ein ,Conducteur* (Vermesser) 
soll dort Pfähle mit eiserueu Spitzen gefunden haben. Zu meiner Zeit hatte der dortige Be- 
sitzer Wetülauk ein eispfn«» Beil irgendda in der Erde gefunden, Vergl. wend. S^gen» 16. 

3) In Müschen wurde mir s. Z. mitgetheüti dass hinter einem Hause des Dorfes xwei 
begraben lagen^ wie man muthmsiäste Franzosen. Mir wurde diese Stelle bt^kannt und ich 
grub mit Krbubniss des Eigenlhümers nach; dabei fanden sieb zwei Gerippe. Der eine 
Scbidel (oder z»ei?) war kurz und hatte sehr xiiedrige Stirn, die Zähne fehlten, obwohl sie 
angeblich IVüber vorhanden waren. Mit diesen Todten mnss es eine eigne Bewandniss gehabt 
baben. Wärei* sie in neuerer Zeit erschlagen werden, hätte sie niemand im Dnrle ver- 
graben. — Vor etwa drei, vier Jahren hriinnten im Dürfe Burg mehrere Häuser nebeneioander 
nieder* Als man mit dem Neuhan begonnen hatte, bteas es, dass KtiOfheu von Riesen in 
der Erde unter dem alten Hause gefundea seien. Als ich zur Stelle kam, fand ich noch 
Menscbenknochen von Armen und Beinen, aber nicht überm|Lssiger Gross© , und einen 
Schädel, den ich dem Königlichen Museum übergpben habe. Aus oeues^ter Zeit konnte das 
Gerippe auch nicht seln^ weil es tiemUch tief im Grunde nnter dem Gebäude gelegen hatte, 
das wer weiss wie lange gestanden hnt. 



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(58) 

siedelte er sich auf dem Topferberge an und lebte nar tod riscberei. i:»pater, lo 
KriegsDothen, zeigte er den Herrschaftea von Seese (andere sagen: von Eaddusch), 
den Weg zu seinem Verstecke, daher heisst in der Gegend ein Stück Land noch: 
nah ^.eikim, d, h. auf Seeseschem ^), üeber den Töpferberg sind die Schweden einmal 
von Straupitz nach Vetschau gezogen und haben über die Mühlspree vor der grossen 
Bank (Brücke) bei Werchosch (Kolon ic-Kaupen) eine Brücke geacblagen. Von der 
ist bei kleinem Wasser noch ein Pfahi zu sehen ^).'' So die Ueberlieferungen der 
Wenden, wie ich sie im Laufe von Jahren aus dem Volke zu&ammengebracht habe, 
nichtsdestoweniger braucht nicht Alles Sage zu. sein. 

Ab ich vor Jahren das erste MaJ auf dem Topferberge war, erzählte mir der 
dortige Eigenthümer Schichan, dass er das Gerippe des Schweden oder Kosaken, 
ich entsinne mich nicht mehr genau: beim Ragolen ausgegraben habe, oder nächstens 
ausgraben und wo anders unterbringen müsse* Ein Knochen des .p^Schweden'* vwurde 
mir gezeigt, der irgendwie über der Erde zurückgeblieben war. leb bat dringeod^ H 
mich zu benachrichtigen, wenn der Fall des Äusgrabens einträte, mir namentlich 
den Kopf zu überweisen, wurde über immer auf kommende Tage vertröstet, bin 
auch oftmals nachdem noch da gewesen, doch ohne Erfolg» So ist mir das Gebein 
nicht vor Augen gekommen und muss noch da im feuchten Grunde liegen. Es 
giebl nur sehr wenige Wenden noch, die vom Topferberge den Namen nach wissen, 
mancher ist wohl kaum in der schwarzen Erke gewesen. Noch bemerke ich, dass 
jenseits des Stawenzfliesses Lutchen (ludki, Zwerge) gewesen sind, da wo früher 
der „alte Barth el^, ein Häusler (das Wohnhaus steht noch), gewohnt hat. Sehr .H 
häufig sind ludki Anzeiger für vorgeschichtliche Fundstätten. Dass in neuerer Zeit 
ein Töpfer auf dem jetzt ganz abgeflnchten Topfer berge gelebt habe, ist ganz un- 
wahrscheinlich. 

Doch ich kehre zum Brahmoer Schlossberge zurück. Vor mehreren Jahren er- 
zahlte mir der greise Böbrik, dass ein fremder Herr einen „Topf", der dortselbst 
zugedeckt mit einem Hachen Steine (?), lu der Erde gefunden wurde, gekauft und 
mit sich genommen habe, üeber den Verbleib desselben war weiter nichts in Er- 
fahrung zu bringen. Auf eine Anfrage, hatte Hr. Alexander Raben au in Velschau 
die Güte, mir mitzutheilen: „Vor vielleicht drei Jahren, es kann auch noch binger 




(59^ 



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her seiQ^ hat ein Herr einen Topf mit aheni Gelde (sächsischeo Münzen, die in der 
Nähe des Schlossberges gefunden) angekauft. Wie ich glaube, ist es ein Cottbuser 
Goldschmied, oder ein jüdischer Händler gewesftn. Ich habe nur Scherben und ab- 
gerundete Steine gefunden.** Von dem Gelde ist mir an Ort und Stelle nichts ge- 
worden. 

Gleichfalls ist ^, vor Alters" dort erzählt worden: „Dass die Ltitchen ihre Leichen 
ir er brannten , die Asche in „solche Topfe** thaten und sie vergruben . Sie waren 
kleine Meoschcnj wohnten in Erdhudikeu ') und sagten: ^Poäiycio roe zHkii njezezku, 
iny buÄomy kolack*) njekolack pHnjasc, borgt mir Backfasschen Nichtbackfaaschen, 
wir werden (wollen) Brotchen Nichtbrotehen (wieder) bringen.'* Sie hatten solche 
Sprache, weil es solche wilden Leute waren, keine Christen, sie waren aus dem 
Auslände gekommen. Weil sie aber nichts wiederbrachten, haben sie nichts mehr 
geborgt bekommen. Vieh hatten sie nicht, raan weiss nicht, wie sie lebten. Bei 
der Dämmerung kamen sie vor, setzten sich auf die Mauerbank') und wärmten sich, 
und dabei sind sie auch gestorben (?). — Wie die Glocken kamen, gingen sie weg, 
die konnten sie nicht hören. Sie sind gestorben, geschwind, haufenweise. Den 
Graben am Schlossberge zog früher der Nachtjäger, ten nocny jaga^, von Muschen 
her entlang*)." 

So die Berichte aus wendischem Volksmunde; för den Schlossberg folgt daraus 
Diehts. Der dortige nocny jagar fällt, wie eine Sage vom Schwurstein*) beweist 
und andere ans Burg, nnmentlich vom Schfossberge'^) und Mal ka- Acker, welche dtirch 
den „Schatz^ mit dem wendischen Konige in Beziehung stehen, in mehrfacher Hin- 
Bicbt mit letzterem zusammen. 

Weiter heisst es im Volke: „Früher stand auf dem Brahmocr Schlossberge ein 
Schloss, in dem wohnte der wendische König. Er war aber auch auf dem Burgschen 
Schlosaberge, denn beide gehorten zusammen. Er war ein Räuber und hat die 
Christen beraubt. Die Hufeisen hatte er verkehrt aufgeschlagen, und es wiir immer 
»o, als wäre er ansgeritten; sie konnten ihn nicht abfassen. Ueber die Brücke ist 
er durch die Luft geflogen, als wenn er auf Erden ginge. Es hat kein Mensch er- 
fahren, wo er geblieben ist; auf einmal war er weg^),** Er nimmt also ein Ende, 
ganz wie Dietrich von Bern in der Deutschen Heldensage, der auf rabenschwarzem 
Hengst dahinfuhr, „so schnell, dass kein Vogel so schnell fliegen konnte. Sein 
bester Knappe ritt hinter ihm auf seinem besten Hengste Blanka^ und dem folgten 
alle Hunde. Da rief der Knappe ihm nach: ^Herr, wann wirst Du wieder kommen, 
weil Du HO schnell reitest?** . . . Da antwortete König Dietrich: ^Ich bin übel be- 
ritten, dies muBS der böse ^) Feind sein, auf dem ich reite. Doch wieder werde ich 
kommen.^ Demnächst kamen beide auf ihren Hengsten weit auseinander, so dasa 



1) Wendisch buda Bude» Ofitte, davon budka; budar der üläusler, Hütiner; budlis, 
bydlis wohnen. 

2) Hier zu sprechen kowack, pr = psch. 

3) = Ofenbank, die wie noch jelzt voa Steinen (vielfach vno Holz) früher steinern war,- 
wendisch mtrrja Maner, nuirka Ofenbank. Bei Zossen in einem Neujahrs wünsch der Schweine- 
hirten ... «die Mächen» liefen gern auf die Mure." 

4) Wend, Sagen, 7, 31, 137, 28a 

5) Eb. 87 (123, 135, 185, 32), 135 (4), wend. Volkstbnm 63. 

6) Wond. Sagen 214, 11, 1, 3, 9, 10, 12, (88, 100), 133-135. 

7) »Er hl mal fortgeritten und nicht wieder gekommen* beidst es zn Bnrg Ton den wen- 
dischen Könige auf dem Bürger Scblossbeige, Eh. 6. 

8) Theodorich« Asche wurde als die einei ^fSuch würdigen Ketzers* (A rianers) ans dem 
Rieseograbe in Ravenna hinausgeworfen und in alle Winde zerstreut.* 




(60) 

der Knappe den Kmig nicht mehr %sh. Und Dimmer h&t man eeitdem etwas von 
ihm vernommei]. Daher kann Niemand tod EÖDig Dietrich sagen, was aas i 
geworden ist,** 

Der germanische Fürst, der als geschichtliche Persoolichkeit in die Sage 
Dietrich'« verwoben wurde, war durch seine machtvollen Tbaten zu leb 
Herzen «einer Völker, als dass sie an sein Ende glauben naocbteiJ. Aber d«' 
Dietricli dc^r Heldensage nimmt auch noch ein anderes Ende. „Er war io die 
Stadt Höfferdli gekommen und als er erkannte, dass es bald mit ihm zu Tode ginge, 
da verbot er den beiden Knappen, die ihn begleiteten, irgend Jemand zu sagen, wo 
er war* Kurz darauf starb er an den Wunden, welche Witig, WielaDd's S0I1&, 
ihm geschlflgen hatte und ward in derselben Stadt begraben als ein Kaufmann*).* 
So weiss auch kein Mensch, wo der sogenannte wendische K5nig geblieben ist, er 
ist fortgeritten, aber auch begraben, denn es beisst von ihm*): „Er soll einen sil- 
bernen Sarg gehabt haben; vier haben ihn begraben. Sie wurden todt geschosiea, 
dass Niemand wissen sollte, wo er begraben ist. Er soll mit den Schweden da gi- 
lagert haben.'* Diese letztere Nflchricht von dem Begräbnisse, habe ich oor bei 
jüngeren, mehrfach ztigezogenen Bewohnern von Bahow gefunden. In Muschen wir 
sie nur einem alten Manne bekannt, und dem vielleicht auch erst von den Babower» 
geworden. Niemand wusste, dass das Grab an der Fundstelle der Babower Ring«') 
gewesen sei, von denen ich doch eher als andere gewuest habe, üeberhaupt habt 
ich vor dem Auffindrn des Babower Sclimtickes nichts vom Grabe des wendisckeo 
Königs dort gehört, obwohl ich grade in jener Gegend oftmals gewesen war, w«i 
dort viele Ortssagen spielen, z, B. vom Schworptein*), von der ßuHengrobe, dff 
Wasserfrau (einer Loreley), von der ehemals vielgekrijmmten Kschiscboka u* a, bl, 
alle nahe beieinander, und das Sammeln der alten Ueberlieferungen Difii 
Zweck war, Hr. Veckenstedt hatte diese Gegend woh! erst später besurbt, 
nachdem ich dem königlichen Museum in Berliu entsprechende Nncb richten ob^r 
den Fund und seine etwaige Erwerbung gegeben hatte. Erst nachher also h"»rte 
ich die Leute von dem Grabe des wendischen Königs erzählen, und dass man dußn 
nua diese Sage in Beziehung setzte zu dem Babower Fun de ^ der die Gerouther so 
lebhaft erfüllte, war sehr natürlich und ein Vorgang, der sieb überall wiederholt 
Ich habe selbst eine sogenannte Pilgerflasche, aus der der wendische König ge- 
trunken haben soll, weil sie angeblich auf dem Burger Schtossberge gefoodea 
worden ist, 

1) Wilkina nnd Nfflimjra-Saga, von Friedrich von den Haaren, Bresbo 1872, 469, 491 Hit 
den beiden Knappen, die Friedrich nachfolgen, ver^ldriie die heiden Gesellen, welfhe deft 
wendischen Konig begleiten (wend. S. 2). Wpnn der eine dieser beiden bisweilen MorkBiU 
genannt wird, wie auch der König und die Konigin ihre Namen haben, s;o scheinen mir auf 
Grund meiner eigenen Erfahrungen diese Kamen nicht ganz Tolksthümlich zu sein. Viel- 
leicht siud i^ie er8t ans Hrn. Prediger Berger 's E)arstellong der Sage TOm Kinderrau^« 
(Mtrja ifon Dronow, in: der SprcoiÄald von Dr. Berger, Cottbus 1866, und im CfartsUidifn 
Familien boten) weiter in das Volk gedrungen. Hr. Berge r, dpr in seiner Scbitdernng 
dankenswert he Einzel heilen ifieht, erfuhr diese Sage durch den Oherpfarrer Mttdra in Pek 
dieser sie durch den Lehrer Lehmann in Drehnow bei Pek^ dieser sie durch den tlt<B 
Kitte (,der ein alter Soldat war, ein präihtii^er Mann und Vorsteher einer Spree w»ld-Spi>K 
»fhale vor hundert Jahren*); dieser si« von einem alten Miltterlein irgendiwo im Bpreeimlile. 
— Vergh wcnd- Sagen 2. Eine eingehende Besprecbnng der Sagen vom wendischen Eüni^t 
muss ausführlicher Darstellung vorbehalten bleiben. 

2) Wend. Sagen, 7. 

3) Vergl Zeitschrift für Ethnologie, X* Verb, 318. 

4) Bbend. 1880, XII, 260. 




(ßl) 

Für den Brahmoer Schlossberg läs&t sich also Nichts aus der erwahüteü Sage 
[foigeru. Wollte man dies aber in der so häufig beliebten Weise, so könnte mnn 
B. sageD: Beziehungen zu den Schweden, etwa unter König Gustav Adolph, sind 
unverkennbar, die dort gemachten Funde wären am sichersten schwedischem Her- 
koromen zuzuweisen u. 8. w» Aüeiu das würde niemand glauben, weil die Kenntnis 
euer Schweden zeit, wie der Neuzeit uberhaijpt, zu gründlich ist. Die Sage von 
iinem derartigen Begrabnisse ist auch sonst in Deutschland allgemein verbreitet. 
äo berichtet z. B, Hr, Schwartz') in einer ganz gleichen Sage, dass Bischof 
IVepelitz von Havelberg in einem goldenen Sarge an den steilen Abhängen nach 
Idem Vorwerk Wepelit« lu ruhe. Als Soldaten da Schanzen gegraben haben» fanden 
^ftie Urnen und dergleicbeii. Waren das nun Gefässe aus dem ellften Jahrhundert, 
iie irgendwie mit dem Bischof in Beziehung standen, der 1041 gestorben ist, bei» 
rgesetzt im Havelberger Dom, wo er auf seinem marmornen Grabdenkmal liegend 
in Lebensgrosse zu sehen ist? Niemand folgert das^ aber in der Lausitz mit dem 
wendischen Konige ist derlei gestattet. Diese Begräbnisssage gestattet an und für 
sieb weder bei ßabow noch au anderen Orten einen besonderen Scbluss auf die 
Geschichte oder Völkerkunde. Wer das thut, ist sich über das Wesen solcher all- 
gemeinen Sagen nicht klar und begebt einen Irrthum. Man kann nicht ohne ganz 
bestimmte Merkzeichenj die ja bisweilen zu Sagen hirizutreteDj aus dem sagen- 
mässigen Begriffe „wendischer König** schltessen auf bestimmte thatsächliche Ver- 
hältnisse, die vorgeschichtliche Funde bestimmen könnten. Am allerwenigsten darf 
oian folgern, dass die Babower Ringe (gleichwie die Burger Bronze wagen) wendisch 
seien, weil in dieser Gegend Sagen sich eingefunden und entwickelt haben^ die vom 
wendischen Könige reden* Niemand weiss, wann sie sich eingefunden oder in 
^k.der jetzigen Fassung ausgebildet haben^ und nichtsdestoweniger sollen sie Zeit- 
^■HBgaben abgeben! In anderen Provinzen sind solche literarischen Sagen gespinnste 
^Bron den Alterthumsforiä ehern meist beseitigt, in der Lausitz werden sie immer noch 
^Kmit Vorliebe aufgebunden* Das liegl an einem hohen Grade von Voreingenommen- 
™^ beit, Subjectivitat, die so vielen derartigen Arbeiten in der Lausitz anhaftet*) 



1) W. Schwarte, Sagen der Mark Brandenburg, 1871, 153, — Bei Seeben bei Sali- 
wedel ist ebenfalls ein Grab eines Riefen oder Wendenlionigs, genannt Zamkal (welches man 
auch für den Namen des Wendenkonigs halt) und eine Sage von dem Jean Kaie fJübann) 
♦ . . Dort lag noch bis vor knnem ein Stein, den Jean Kai hatte nach Sal2wedel ^werfen 
wollen und der ihm aus der Hand gefallen war Vergl Kuhn, Märkische Sagen 1R43, 35, 
229. So auch bei Kemnitz bei Pritzwalk ein Riesenkonig in mehreren Särgen u. s. w. 

1) In: die GiStter Dentschlands, vorzüglich Sachsens und der Lansitz von Dr. Böuisch, 
ausäbendem Arzte, Wundarzte und Geburtshelfer, auch Stadtphysjco und Stirtsmedico tu 
Camenz, Mitgliede der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wiasen Schäften in Görlitz und der 
deutschen Gesellschaft für Sprache nnd Älterlhi^mer zn Leipzig u. b. w., einem Buche, das 
neben einem tücbtig^en Wissen viele beaebtenswerthe Bettierkuiigen enthalt, hehst es z. B. 
S. 1: ^Das Pnradies selbst, so wie die Namen Adam und Kva scheinen deutsche Worte zu 
gein, denn in Paradeus liegt anjjenfällig ein (erstes) Paar Deuts; Adam aber iat zu^Jimmen- 
geäetzt ans dt-m ersten Laute, welchen der Mensch als nengebüreties Kind von sieb giebt, 
nämlicb aus A, und aus dem ersten trocknen Plätzchen der Erde, auf welcher er wohnen 
ioll, Damm. Zu der Zeit nämlith . . , . i^ar jeder Damm ein Dempel, Damj^el, Dnmpel, 
Tempeij Haus und des Lateiners Templum nnd Domus erinnert noch ebenso . » . . an die 
frühen Tempel und Wohnungen .... Warf aber Adam den ersten Damm auf und bauele 
so das erste Haus, so war er auch der erste Bauer und so konnte Paradies auch den ersten 
Bau des ersten Dentschen bezeichnen. Eva scheint zusammengesetzt aus Ehe und Fe^ imd 
o bschon difi Sagen vou den Feen der Bewohner des sud liehen Asiens (des Dschesirad- oder 
Belad-Ml-Ar&d) am Sinai und Eoreb, am Astan und Euphrat, am rothen und persischen 




Der weDÜiscbe König ist oie ion Spreewalde gewesen und auch niemaU begraben 
i^'orden, aber er würde sich im Grabe uradreben, erfubre er, was aUes auf seine 
Schultern gewätzt wird. Er ist rein mythisch, keineswegs geschiebt! icb$ ähDÜcb wie 
der alte Fritz ^), der SchwedenkÖDig, Erka, Königin der Heuoen, der Heidenkomg, 
der HiiDenkooig, der Riesenkönig, der Konig der Zwerge^), der König der Erd- 
mannchen, und wenn wir Grimm'j folgen, der König der Etben (Elbericb, Lauriii 
und andere mehr), wie Huldra, Königin des Huldrevolks, Berchtba der Heimchen 
ist. Auch in englischen Uebedicferungen eine elfquecn, the fairy queen, im Alt- 
französischen roi Oberon, mit dem royaum de la feerie u. s. w. 

Er hat ebenso wenig gescbtchtlicbe Spuren hinterlassen, wie etwa an den 



Meere erst In dem Mittelalter von den Europäern beaebiet und iiitere^saut gefunden wurden i 
»0 sind sie nichts desto weniger uralte und In dem Namen Eva darf wohl untwdenkllch die 
erste nni Ada verehlicbte Fee, Eh-Fee gefunden werden. ^ S. 3 ,. , . weil er durch seinen 
wehenden Odem (den Weh'nd oder Wind) Oden oder Odiu {jenannt wurde," und dazu in 
einer Anmerkung: »Ocean, O^ieh an, Odin zieh an." — 

In dem Ruche: Skytbika von Liebusch, Oberpfarrer und Adjnnct der Spremberger 
Superintendentur zu Senftenberg, Gamenz, 1833: , Berlin helsst eine, in einer ziemlich nie* 
drigen Gegend ijelegene, i^rösse Stadt (elin). Die SylV»e bcr deutet die Beschaftenheit des 
TerrJiina an, auf welchem diu Sladt liegt und hat eine adjectivische Potenz, Mit einem 
Worte der jetzigen deutlichen und wendischen Sprache lässt sich Beilin nicht wiedergeben. 
Wollte mau den Namen durch ein neugebildetes Wort: TiefGrossstadt übersetzen, so druckte 
dies doch die ßedeu(uui;c de&selben nicht bestimmt und vollatäudig ans. Wäre die Gef^nd, 
in welcher Berlin ließt, noch niedriger, so müsste der Ort Birlin heisaen. Der Name Berlin 
darf nicht von dem jetzigen Worte Berg (mons) und von dem wendischen Lina (der Lehm) 
abgeleitet werden, sondern es ist ebenso fut primitiv als Budisain , . . . . Als Name eines 
(^rösaeren Ortes iat er generis masculini . . . » . Es ist Tiel wahrachelnl icher, daaa Coln auch 
nach den Regeln der Ursprache gebildetj als dasa es von dem lateinischen Oauptworte co- 
lonia ahfireleitet ist. Ist der Name Colo primitiT^ wie ea scheint, so sollte er Hein geschrie- 
ben werden. Das Wort Kein (kel-en, Uügelort) bezeichnet einen ein wenig höher liegenden 
Ort als Berlin Ist Bein kommt das Wort in dem Namen des auf einer Anhöhe liegenden 
Dorfes Kein bei ßautiten ?tir. Glinijio heisst ein, in einer niedrigen Gegend gelegenes, kleine« 

Dorf Die Sylbe ni bezeichnet die tiefe Lage des Ortes* — S. 92 Lieberose (lin-ber- 

ose) [heisßt wendisch Lnhorae, nnd Liebusch war des Wendischen mächtig! W. v, SJ. S* 94, 
Potsdam, bu'Cits-dam-uni [wird gewühnüeh in Uebereinstimmung mit einer älteren Form dieses 
Namens, aus dem wendischen pod dubami (mit 2wischengescbot}enem s) = unter Eichen er- 
klärt. W. V, SOi — Hifichhorn, her-isch-bar-on, — Ziegen hals, zie-egeü-bal-as, 8. d^X Königs- 
brück bat seinen Namen nicht von des Konigsbrücke, sondern es hiess vor der Corruption 
seiner gegenwärtigen Beneoniing ken-ik-bor-ik, welches eine kleine an einem niederen Berge 
gelegene Stadt bedeutet. S. 319. Aum. 7. Weil durch die Stadt Berlin ein Fluss fliegst, 
deshalb lautet die erste Silbe in dem Namen dieser Stadt Ber und nicht bal u. s. w. Zu 
aolcben Scbnurrpfeilereien kam bei einseitiger Betrachtungsweise ein Mann, dessen Gelehrsam- 
keit, wenn auch in abgenöthigtem Vorworte, «elbal ein Ritter hervorhebt. Um! doch hat 
Liebusch Einfluss gehabt nnd verschiedene Schriftsteller der Lausitz mit seiner Gelehrtheit 
angefüllt» Wie jene beiden sich in Wort zerr erelen ergangen haben, so andere bis in die 
neuere Zeit in Sagenspielereien. 

1) Geac hiebt lieh König Friedrich der Grosse von Preussen. 

2) Auch den wendischen König hörfe ich, wenn auch sehr selten, von Wenden Zwergen- 
kunig nennen, doch möchte ich hierin deutschen EinJlues vermulben, — Nach Hr. Dr. Bolle 
8oll| wo bei Ranschendorf [einer ausgedehnten, ergiebiegen und sehr beachtenswerthen vor- 
geschichtlicben Fundstätte] die Urnen gefunden werden, der Zwergen köuig begraben lie^n. 
Ebenda bei R, (Kr. Ruppin), auf freiem Felde, heisst eine Stelle Wendenfeld. Desgleichen 
soll der Zwergeniönig begraben liegen bei Lindow. Wend. Volkstbnm, 2* 

3) Grimm, Deutsche Mythologie, 4. Ausg. 1875, 374. 



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(63) 



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Dardanelleo beim I>ic!ite der Fackel auf hohem 8611er Hem den Freier erwartet« 
UQd dieser aachtlicb fltirch das Wasser zu ibr scliwauiiii *)^ uod in Deulsebland und 
undereu germaoischen Länderu cacb der Volksüberlieferting verscbiedeoe Liebes- 
und Leidensgeoossen dasselbe tfaatea. Oder wie vielleicbt Polykrates den Ring bei 
Samoa ins Meer warf Uüd der Koch ibn im Ma^u des Fiacbes faüd, deo ein Fiscber 
gefaugen hatte, uüd der Probst Conrad vod Sankt Severin in Cöln auf der Fabrt 
nach Xanthcn seinen Ring in den Rhein lallen liess, den der Koch wiederfand in 
den Eingeweiden eines Fisches, den ein Fischer gefangen baüe^). Ebensowenig 
wie der griechische Theseus auf Kreta, den Faden der Ariadne vom Knaule ab- 
wickelnd, in dem unterirdiscbeo Gewölbe des Labyrinths den stierartigen llirmtauros 
erlegte und die sieben Knaben und Mädchen befreite, und der mythische Jäger, 
welcher den Spree wald durchzog und vorm alten Schlosse zu Lübbenau, das so 
viele Fenster hatte als Tage im Jahre, das ünthier, den Ziegenbock mit gewaltigen 
fldToerD erlegte und nach sieben Jahren wiederkehrte mit sechs Gefährten, den 
Faden vom Knaule abwickelnd, um den Weg zu fiaden nach dem Scblosse, in 
dessen Kellergewölben der gefurchtete Basilisk hauste. Ebensowenig wie Dadalos 
aus Neid seinen erfindungsreichen Schuler Talos, weil dieser ihn übertraf, Vtin der 
Akropolis zu Athen herabstiirzlp, und in Deutschland der ^ebrenwerthe** Meister 
der Lausitz aus Eifersucht den kunstreichen Burschen erstochen hat, auf dass er 
nicht klüger wurde denn er selber. Ebensowenig wie derselbige Dädalus sich 
und seinem Sohne künstliche Flügel mit Wachs angeklebt hat und Ikarus aus der 
flöhe niederstürzte in das Meer, das noch nach ihm das i karische heisst, und der 
alte Fischer Krepel aus Leipe bei Lübbeuati sich Storcbflügel mit Fech angeklebt 
bat und aus der Luft niederstürzte, so dass noch heute die Rede geht: er flog wie 
ein Engel und fiel wie ein Teufel, won leseso ak janfei a panu ak cart; wie denn 
auch nach ihm eine Stelle im Tozkefliesse Krepelsecka heisst bis auf den heutigen 
Tag. Ebensowenig wie Dranos in Griechouland verstümmelt wurde und gleich 
anderen der alte Krepel dasselbe vornabm. Ebensowenig wie auf Sicilien bei 
Tische an einem Fferdehaare das Schwert des Dionysius über dem Haupte des 
Daniokles schwebte, und in Deutschland beim Mahle der unterirdischen der Mühl- 
stein an einem seidenen Faden über dem Kopfe der Dienstmagd niederhing. 
Und deren mehr. 

Der „wendiscLe König" ist oller Wahrscheinlichkeit nach überhaupt erst auf- 
getreten, als die wendische Herrschaft ein Ende hatte, und ich glaube behaupten 
zu können — die Wenden selbst (oder richtiger gesagt: die Bewohner der 
Lausitz) haben niemals den wendischen König gekannt, wenn denselben auch 
Hn Veckenstedt als „Messias der Slaven im Herzen Deutschlands**'^) auffasst. 
Sie haben den ^wendischen König** wohl erst von den Deutschen gerade mit dem 
Namen als Sagengestalt erhalten ^ wie solche Bezeichnungen* Wendenkonig*), 



1) Hat man doch sogar in neuerer Zeit sich bemuht durch ScbwimmleiatiingGn eile Mög- 
lichkeit d^r nach [liehen Besuche tu erweisen! Aus alleikm geht immer wieder hervor, ^ie 
innig die gesamtiit© höhere Geistesentwicklung unserer Zeit in ihrer poetischen Rieht iiug noch 
mit der Sagenwelt verweht ist utid wie noth wendig für die Jillgenieine Bildung es wäröi eud- 
lieh auf Schulen uud Hochachuleu, ebenso wie bereits griechische, römische und hebrüische, 
81» auch deutsche Sagen zu lehren. 

2) Wolf, Nied erb Sagen, Leipzig 1843, 24fij Panzer, Bayen Sag. 11, liMj Grimm, 
Deutsche Sag. I, 284; Sakuntala von A. v. Wohoi^en, Leipzig (Reclam) 46, Ö8, 

a) Veckenstedt, Weodiache Sagen. Graz 1880. S. VIL 

4) Ich schreibe lür die Lausitz: wendischer Konig, und nicht Wendenkunig, weil ich ibn 
denlach in der Lausitz, entsprechend dem (slftTiscben) serski ocler serbsM kral nur wendi&cher 




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Wendenschlachten ')» Seen gercithct vom Blute der Wenden, Wendengräber, Wenden- 
kirchliöfe u* dgU m. sich reichlich m Norddeutschlaod findeo. Ja selbst alte ver- 
knitterte IrtschnfteD, wie wir bei Haadtmant)^) ersehen^ gelten als weadische. 
Wendisch ist in der Yorst^llung des Volkes vorwiegend heidnisch^). 

(lewiase mythische und mythologische Erinnerungen aua alten und verschiedenen 
Zeiten haben vorgelegen. Si^ haben sich ruannigfach umgebildet in Sage und Dich- 
tung und verschiedene Namen hat man im Laute der Zeit auf sie ii bertragen. Denn 
mit dem Wechsel der Geschlechter im Volke und der geschichtlicljeD Anschauungen*) 
wechselte auch die Beoennuug (Bezeichnung) und die steitgemilsse Färbung, und da, 
wo die Erinnerung an die Wenden lebhaft vorherrschtCj wurde Alles wendisch, wie — 
unter ürostauden schwedisch, franzosisch u. s, w,, in Erinnerung an die harten ■ 
Drangsale, welche unser Land seiner Zeit von Schweden und Franzosen zu erleiden 
hatte, geradeso wie auf gevvtt^se eigenthümliche Persiinltchkeiten, die die Einbildung 
dea Volkes lebhaft erfüllen, gewisse alte Geschichten immer wieder von Neuem 
übertragen werden. So kommt es, da^s ein und derselbe umstand von den vex- 
scliiedensten geschichtlichen Persönlichkeiten oder mytbischeo Gestalten ausgesagt 
wird, ohne dass sie oftmals in unmittelbarer Beziehung stehen. Wie vielfach hat 
man (namentlich die classischeu E'hilologeii) zu allen möglichen und uumoglichen 
gekünstelten Erklärungen seine Zuflucht genommen, um solche Verhältnisse streng 
,,logiscli" zu erklären, die im Grunde einfach und natürlich auf Zufälligkeiten be» 
nihen. So w^oMte man altgriechischen Schriftstellern schwankende Auffassung zu- 
muthen, weil die diese oder jene, melir oder weniger sagenhafte Geschiebte (auch 
als Gebildete treu der Üeberlief^i-ung ilires Volkes) in verschiedener Weise erzählen, 
und man quälte sich ab, künstlich und gelehrt Uebereiustimmung, „System" in das 
zu bringen, was doch nie über einen Kamm geschoren werden kann. Ebenso viel- 
gliedrig und lebendig die ßestaudth eile der Volker immer waren, ebenso mannigfach 
sind ihre Anschauungen gewesen, die wir in Sagen überkommen haben. Leider hat 
man in frtiherer Zeit die betete Quelle^ als sie noch rein flo*s, unser eignes Volk 
selbst, fast nie erforscht, sondevu sich bemüht, eine diirftige Bücherweisheit fortzu- 
schleppen und weiterzuspimieu, wie denn noch jetzt von Staatswegen in Preussen 
der volksth um liehen Forschung meistentheils fast gar keine Unterstützung zu Theil 
zu werden pflegt. Während sie des „gemeinen Pöbels Wahn'* verachteten, die 
„albemen Sagen* und „Ammenmärchen** des Volkes*) und wie immer die beliebten 

König hake nennen bor^n. — in Burg hiess eine Gastwirthsebaft: zum wend'gcben König. 
Diese Bezeichnung verdankte ;)ber nicht einem volksibumlichen Drange, sondern meiner persön- 
Heben AnreguDg ihr Dasein. 

1) Ancb der Tortreffliche Haupt (Sügeohucb der Lausitz. Leipzlfr 1862. 11, 14 n. a. 0<) 
bringt zu willkürlich und unberechtigt die Kümpfer- oder Käropenberge mit Wendenschlacbten 
zusanümen. 

2) IT an dt mann, Sagen aos der Neumark und Kujmafk, ein leider noch unveröffent- 
lichies» inbaltreiche«, rein sachliches Werk. Hm. Ilandtmann ist es biBher (wie anderen) 
noch nicht gelungen, für diese wissenschaftliche Arbeit in Deutschland einen Verleger zu 
fiuden. Da wäre ea Fflicbt des Stautes, den Druck ?.u übernehmen 

3) So heisst aucb in der PflanEenwelt nach Ilrn. Dr. Bolle hier oder da in der Mark 
die Goldrntbe (Solidago virgfturea) wendisch oder heidniacb Wundkraut, Vergl. wend, Volkt- 
tbum 3. 

4) So haben aich bei un&eten Stammverwandten» g-ewissen VölkerBchaften im Kaukasus, 
nunmehr £um grossen TheÜ zersetzl und aufgelöst^ sehr alle EritiDerongen in unveränderter 
Weise erhallen. YergL die Sagen des Tsefaerkessen - Volks nuch 8chora-Bekniur8in*Nogmow h 
von Berge. Leipiig 18G6. I 

5) Vergl. daiu Bürgers Leonore, Göthes Erlkönij?. Heines Loreley, Schillers Teil u. a. 



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(65) 









Aösdröcke der Genügscbatsung im Munde vieler (lebildeten ') lauten » ilachtea sich 
msDche Bücbergelehrte sekr viel werthit>sere literarisühe Sagen aus. Spater sind 
dann diese „thörichten Fabeln*)** der betreffenden Gelehrten leider ab und zu ins 
Volk gekommen, dag zwar das Fremd artig;* te ausgestossen hat, aber doch manches 
in sich aufnahm. — Noch iat Zeit zum .Sammeln, aber die Jahre sind gezählt. Mit 
den Augen der „Alten% die unter dem Namen ntthsim bei maiicben Gelehrten als 
geachichtliche Quellen in grosser Anerkennimg stehen, schliesst sich für immer der 
iirft]t6 Bora germanischer Volkssage, Mit Aufbietung aller ivräfte, auch der staat- 
lichen Unters tijtzung, kann nocli vieles gerettet werden^ was sonst unwiederbringlich 
im Strome der Zeit dahingeht — 

Auch viele Einzelheiten über den wendischen König, welche in dem Sagen- 
werke') des Hrn. I>r. Veckenstedt berichtet werden, sind wohl nicht ursprimg- 
lieh. Wenn der Forscher nicht in der Lage ist, selbst alles im Volke sammeln zu 
könneD, so werden sehr leicht auf dem Zwischenwege durch andere (literarisch 
Gebildete, welche nnbewusst mehr oder weniger kritisircn), und namentlich durch 
unrichtige und drängende Fragen, subjective Aeusserungen festgestellt, die den Vnlks- 
riberliefernngen nicht entsprechen und spater die wisseusc haftliche Untersuchung 
auf unrichtige Wege fuhren müssen. Nur allein das Volk mit seinem innigen 
Glauben vermag die alten üeberlieferüugen in jener immergleichen und wunder- 
baren Treue weiterzufuhreD und wiederzuerzählen. Der Gebildete und vor Allem 
der sogenannte Halbgebildete, nimmt nicht bedingungslos an, sondern verändert und 
begründet nach seinem Verstände, was dem Volke gar nicht einfällt begründen zu 
wollen, wie es denn nach jetziger menschlicher Auffassung überhaupt nicht begründet 
werden kann. Dem Volke ist Glaube: CJlaübe, und in schlichter Treue überliefert 
es sein heiliges Vermächtniss unangetastet den Kommenden, Grade aber beim wen- 
dischen Konige sind mann ichfache Erzählungen im Volke auf literarischen Ursprung 
zurückzuführen, wie deutlich nachweisbar ist. 

Bei meinen Wanderungen in der Lausitz habe ich die Grenzen gefunden, wo 
der wendische Konig aufhört, und nichts ist von ihm da in der preussi^chen Lausitz 
bekannt, wo sich am meisten Wendenthum in der TJeb erlief er ung und Anschauung 
tiodet^ südlich von Spremberg in der Gegend von Muskau und Hoyerswerda, wo eine 
Marawuj Myrlata, Ssmerkawa, eine Dremotka uns recht volksthümlich entgegentreten, 
freilich auch ein Windhans (w^teroc Hansko), und als männliches Gegenstück zur 
wendischen Dremotka (^Schlummergottin^) ein deutscher Hermann*}, der wie ein 



1) Und das alles noch nach Jacob Grimm, der uns durch eine Gunst des Schicksals 
zu Theil warttt 

2) äJan braucht nur an die literarischen Stammsagen s^u denken. „Die Grafen v. Franken- 
berg führen drei Ziegel im Schilde und einen Luchs auf dem Helme. Sie stammen ab von 
dem tapferen messenis^chen Generale Arislomenes, der um das Jahr der Welt 3641 lebte. 
Dieser wurde einst von den Lac^dämoniern gefangen und in eine gemauerte Grube geworfen, 
dtrinnen er sterben sollte. Er entdeckte aber ein Loch, welches ein Fuchs unter der Mauer 
durchgegrabeo, brach einige Ziegel aus und entkam also glncklicb/ ü. d* m. Sinapius 
Schiesischer Curiosit&ten erste Vorstellung. Leipzig 1790 (bei Haupt, II, 80). 

S) Beiläufig t^emerkt, nennt leio bnrger Wende (wie in Veckenstedt's Sagen S. 21^ 23) 
den Scbkissberg zu Burg (wendisch Borkowy) Burgberg, allgemein und ausnahmslos ist sein 
Name Schlossherg (wendisch grod). Auch Haupt (U, 16j schreibt irrthumlicfa Burgberg. 

4) Wend. Volksthum 67, ^^ 168, VeigL auch Haupt I, 13, der die anderweitigen 
Quellen anführt, Berinann ivie im Deutscljen: Sandmann u. a, (uiederw. zaspicki). leb ge- 
denke »uf diesen Hermann nnd einige hindere entsprechende VerbÄltnisse noch eingehender 
zurückzukommen. 

VcrbABiU. <itr B«rL JUtbropoL QaadJAcliAft IBSS. 5 




(66) 

aeltsames Fragezeicht'n durch das Wendenthum hindurchhlickt, gleichwie in def 
Oberlau^itz und im Lande Bölieinij altdeutscher Heiiiiiith. lunge vor tschechischer 
Ausbreitung, Pan-E»iftrich, Bern-Dietnch, Bariadicitrich, Bajiditterch^ Dyterbernat, 
Dyter Beoada, Dykef^jadual, DjkeberBak*) noch wie ein Schlaglicht den Ruhmes- 
scbimmer des mächtigen Dietncli von Bern asu uns heniberwirft, in Erianwing ao 
Theodorich den Ostgotheu, unvergesshchen Angcdenkpoe bei den Völkern seiner Zeit. 
I>a also ist nichts vom wendischeo Konige bekutint, der nicht wendisch ist und 
nicht geschichtlich, sondern, wie er jetict vorliegt, eine allgemeine unbestiiurnte 
Sttgeogestalt, durch die folglich vorgeschichtliche Funde in keiner Weise bestätigt, 
werden können. 

(12) Hr. W. y. Schuleoburg macht neue Mittheilung über 
iten Topfach erben mit ftad Verzierung und prähiatorlsobe Erbse n von Mii sehen, Spree wald. 

Auf dem mit eig*^Dthumlicben Beigaben reich besetz ton üroenlager von Wüschen 
(Kreis Cottbus) fand sich unter vielen tausend Scherben von laiiäiJzer Typus, die 
ich mehrmals durchsuchte, ein einziger (dem Märkiscben Museum ubergebouer) der 
mit einem Rade verziert war. Dieses in erhabener Arbeit, 5,5 cm im Durchmesser, 
etwa 5 mm abstehend, angebracht auf der Seiten wand eines Gefässes, ist zur Hälfte 
abgeschlageo , jedoch erbalten drei Speichen und vom Reifen die grossere Hälfte, 
Auch das einzige Kad, welches Wagner auf einem Scherben im ßurgwall von 
Schlieben fand, war in erhabener Arbeit Ebenso nach Behla (Urnen friedhofe. 
Luckau, IS82, 62) das Rad auf einem bei Garrfnichen (Kr. Luckau) gefundenen 
Scherben (Sitzung vom 21. Oci. 1882, Yerh. S. 446). 

Ohne auf einen Zusammenhang hinweisen zu wollen, darf vielleicht daran er- 
innert werden, das« in der detitschen Mythologie das Rad dem Donar ynd Fro 
(Freyr) zugeschrieben wird. Wenn auch in dieser Richtung einzelne Untersuchungen 
noch ungenügend erscheinen, so sind die allgemeinen Beziehungen jenes zur Sonne 
und dem rollenden Donnerrad doch sicher. 

Auf derselben Begräbnissstätte kamen u. A. zwei gänzlich zerfallene ThongefUsse 
(keine Urnen!) zum Vorschein, der^n Inhalt aus schwarzer Erde und verkohlten 
Fruchtkörnern bestand. Von letztere n^ scheinbar Erbsen, habe ich s. Z. Proben dem 
Königlichen, sowie dem Märkischen Museum übergehen; dortsei bst wurde indessen 
keine Untersuchung veranlasst. Hr. Prof. Witt muck, dem kh eine Anzahl dieier 
Früchte neuerlich wieder vorlegte, hatte die Güte, sie zu untersuchen und kam zu 
der Ansicht, dass sie jedenfalls keine Erbsen, sondern mit aller Wahrscheinlichkeit 
eine Art der Pferdebohne seien. 

Hingegen erklärt Hr. Dr. Boller 

^Dass die Samen nicht von Bohnen oder Saubohnen (Vicia Faba) herrfibreu, 
unterliegt nicht dem mindesten Zweifel, Es sind, wofür ich sie mit einer ao Ge- 
wiesheit grenzenden Wahrscheinlichkeit erkläre, richtige Erbsen, doch ist es unmog* 



1) Ornhro!\Dn, Sagen aus Böhmen, Pra^ 18Ö3, 76; Hanpt, 1,^121, 128: ,DuTch die 
Flor«n mancber Ortschaften zieht sish piop sogenannte Branilader, riiese nennen die Wenden 
Dyter benmtowy püc, cL h, Dieter Bernhardts Wcf^.^ Vergl. auch Grimm, 11, 781 (Ab 
Si'hnitt XXI, der «Is Quellen bezeichnet: Job. HorUsrhan^ky von 8iüen und Gehräurhen der 
Wend<?n, 3. Abth. (Üessiiu und Görlitz 17S2;, LauBilz. Monätsschr. 1797, S. 74J*j Liehusch 
Skyihika 287, und auf Berndietrich ab N.-itxien des wilden Jägers Im Ürlai^üU hinweist, auf 
den versteinerten Bernhard am Bodekessel über der Rosstrappe, den von Fichte (einem Lau- 
sitzer; Dietrich v(»n Bern genannten Knecht Rnprechl it. d. m. 





(67) 

Itch^ genau zu beatimmeD, ob sie von der echten uod wirklicheo Erbse un&erer 
CultDren (Pisum sativum, L,) oder toh der ^«uen oder Ackererbse (Pisum ar- 
veoee, L.) herstammen. 

Letztere wird jetzt nicht mehr in der Mark angebaut, sondern kommt hier nur 
als Ackerunkraut vor, Wohl aber ist sie in Preu*>aen ein Gegenstand sorgfaltiger 
Cultur unter dem Namen der grauen oder preussischen Erbse. Die^ Samen der 
letzteren, nicht erbsengelb, sondern grau voo Farbe und weniger nind als die ge- 
wöhnlichen^ vielmelir ein wenig eckig, wurden anscheinend am allermeisten mit 
den Torliegenden Proben zusammenstimmen, erlaubte der ziemlich firagwördigc Zu- 
stand der Erhaltung ein genaueres ürtheil. 

Pisum sativtim, unsere gewöhnliche Erbse, im Jugendzustand der Frucht als 
Schote bekannt und beliebt, ist eine Pflanze nicht mehr bestimmbarer, wahrsthein- 
Heb aber s^orderassi »tisch er Herkunft, Niemand hat sie in neuerer Zeit mehr wild 
gesehen. 

Ihre f'ultur muss der ribereinstimraenden Benennungen wegen in mehr als 
einer Sprache, bei den arischen Völkern sehr froh eine allgemeine gewesen sein. 
Auch sind Funde der Samen aus der Bronzezeit in der Schweiz und in Savoyen 
verbürgt. Prof, Heer kennt sie sogar als Ueberbleibsel der Steinzeit, indem er 
dafür als Lokalität die Pfahlbauten von Moosseedorf, gleichfalls in der Schweiz, 
anfuhrt. 

Alle diese prähistorischen Erbsen sind kleiner als die der Gegenwart^ unstreitig 
durch Pflege und Sorgfalt im Laufe so langer Zeit verbesserten. Dies stimmt mit 
den Dimensionen der unsrigen ganz ijberein und lässt auch die Annahme, es konnten 
diese Platterbsen Samen gewisser LathyrusarteD sein, als unannehmbar erscheinen. 

In seinem neuerschienenen trefflichen Werke Origine des plantes cultiv^a 
fParis 1883) sagt Hr; Alphonse Decandoller Wenn diese Speciee sich auf die 
Steinzeit in der Schweiz zurückfuhren lässt, würde dies ein Urund sein, sie als 
bereits ?or den arischen Bevölkerungen dort vorhanden zu betrachten. 

In sehr früher Periode war die Erbse (groch) bei den Slaven Gegenstand des 
Ackerbaues. Dies heiläufig, denn die unsrigen datiren entschieden aus vorstaviBcher 
Zeit her^ was ja auch nach Erwägung der oben angeführten Thatsachen durchaus 
nicht Wunder nehmen kann ^ — 



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(13) Hr. V. Schulen bürg erörtert die 

Uebereinetimmung deutscher und kaukasischer Safee. 

Das in den Verhau dlungen S. 26*^ von Hrn. W. Dolbeschew mitgetheüte 
Märchen ^Die drei Brüder" kommt mit Veränderungen in Deutschland ebenfalls 
vor. Ich fand es in der Niederlausitz unter dem Volke auf, sciemüch ausführlich ^); 
mehr bruchstückweise zweimal in Sagensammlungen Deutscher; wo, ist mir ent- 
fallen. 

Bei mir hat ein Vater 3 Sohne (ebenso bei den T,), der jüngste, dumme Hans, 
mnss in die Fremde und bewacht hei einem Bauer l^ Nächte hindurch 3 Haufen 
Grummet gegen 3 Pferde (weiss, braun, schwarz), worauf in der 3, die 3 Haufen 
zu Gold werden. (Bei den T. fangt der :1 Bruder die 3 Rosse — Rappe, Fuchs, 
Schimrael — und nimmt von jedem 3 Haare). Eine weisse Maus begleitet als 
guter Geist Hansen^ der sich 7 Jahre stumra halten muss, über das Meer fahrt und 
Gärtner bei einem Grafen wird. Dessen ledige Tochter lässt Freier sich vorm 



1) W. V. Schulenhurgf, WenHiscbe Sagen. Berlin 1880. 8. 




^—11 der goldene Apfel. 
5* 



Scblosse TPFsammeln^ H, darf zusehen. Wen sie mit einem goldnen Apfel triffi:^ der 
soll der ihre mlu. Das Fratilein oifiiet im obersteD Stock das Fenster und trifft 
zufallig H. So wird er ihr Gemahl; aber mao sucht ibn los zu werden. 3 mal in 
den Kampf geschickt erhält er jedesmal besseres Pferd ond Waffen an einem Strauch 
durch das Mäuschen; wird, verwundet, durch eioe 2^ubersalbe gebeilt, ^ch neidet 
um Miltemacbt im Stall 3 Pferden (b. w. seh.) die Bäucho auf, aus deneu eiD 
Graf, Gräfin und wunderschönes Fräulein hervortipringen, Yerwuo6cht<» Nachbarn, 
— Dort bei den T. gewinnt der Jüngste beim Wettren oen in 3 Tagen die 3 Töchter 
eines Forsten, die 3 Pferdehaare jedesmal los Feuer werfend^ und findet zu Hause 
in der Erde vorm Kamin Gold und Silber, während die »wei bösen Bruder in SteiDe 
verwandelt werden'). 

Die üebereiDstimniung ist in einigen Zögen sehr gross. Dort fehlt der SoDDeo- 
m}'tbuSy und die Deutung der Pferde als Finsternif^se. Hr. Dolbescbew merkt au 
^Finsleruiss =^ Tma, die uureine Gewalt". Niederwendisch ist sma Dunkel, Fioater- 
niss. Der Scbluss lautet bei den T. ,,Vrin diesem Falle hörte mein Grossvater 
von meinem Vater.** Herr Dol besehe w bemerkt: „Letzteres ist der gewöhnliche 
Schluss, obgleich nicht verständlich,^ Wahrscheinlich sei es mehr oder weniger 
ernst gemeint, soll er die Glaubwürdigkeit der üeberÜeferung (wie ein Stamrobaum) 
bestätigen. Aehnlich schliessen unsere Sagenerzähler zur ßetheueruug der Wahr- 
heit, obachon sie nur bis zum Grossvater oder der Grossmutter zurückgehen. Wenn 
nicht weiter, liegt es daran, dass durch die Äusbreituug der Bücher das Gedächtniss 
der Völker schwächer wird. 

Auch die Sage vom Helden und Riesen (S. 271) zeigt unseren Sagen gemeinsame 
Züge; namentlich beraerken^werth ist der einäugige Nogaie mit seinem Hammer 
auf dreibeinigem Rosse und die Wiederbelebung der zusammengelesenen Knochen 
des durch deo Hammer zerschmetterten Tschetscheneo. 

Weitere denirtige üebcrlieferungeo derselben Mären mit vielem [>aDke zu be- 
gruBsen. 

(14) Hr. E. Fr i edel berichtet über 

neue Funde In der Onterspree innerhalb Berlins. 

Bei den FuEdirungsarbeiten fiir die neue hölzerne Lessing- Brücke in Berlin, 
welche die Slrom-Strasse mit der Lessiiig- Strasse verbindet, sind tiefere Schicht* 
proben des alt-alluvialen Spree*Grundes zu Tage gefordert worden, welche ich im 
September 1^82 untersuchtet Dieselben enthalten im scharfen Flusssande folgende 
subfossile Conchylien : 



A. Muscheln. 
h Anodonta (Fragmente), 
2, ünio tumidus Retz, 
3» V, pictorum L*, 

4. Cyclas cornea L,, 

5. G. Rivicolft Lara , 

6. C* solida Normand, 

7. Pistdium amnicum MülL, 

8. F. ca-zertanum Poli, 

9. F. henslowianum Shepp, 



B. Schnecken. 

L Paludina contecta Millel, 

2. P* fasciata Müller, 

3. Bjthinia tentaculata L., 

4. B. Troschelii Paasch,, 

5. Valvata contecta Müll. 



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1) Vergl. auch Veckenstedt (wendkcb. Sagen, Graz 1880, fi6% wo in der abgekürzten 
Sage ehenfnlls drei Brüder wachen. 



Vermischt mit diesen Coachylien finden sich io derselben Schicht viele häufig 
gespalteoe oder abgesägte bezieheatlicii abgeschlageoe Koocheti Ton starker ßräunuDg, 
Dach dem dicken und glänzenden Periosteum zu schHessen wenigatenfi theilweise 
voG Wildthieren herriihrend, vermischt mit groben aus niil Steingrus vermengten 
Thon gefertigten Oefässscherben, worunter ich verzierte bisher nicht gefunden habe, 
desgleichen geschlagene Feuersteinsplitten Alle diese Beste mÜB3(*n viele Jahr- 
hundert« im Wasser gelegen haben und dürften wendischer Herkunft sein. 
Die Funde erinnern an die von mir bei der Lunebnrger Strasse hieraelbst im 
Jahre 1881 gemachten nnd Verh. Band XIV S, 1S7 beschriebenen Funde aus der 
Spree und vom Rande derselben« 

(15) Hr F* Jagnr übergiebt einen Auszug aus einem 
neuen Bericht über ille Andamaneaen. 

Mr. M, V, Portman giebt Nachrichten über die Andamanesen ^), die um so 
werthvoller sind, als er seit Juni 1879 amtlich mit der Sorge für das Wohl der- 
selben betraut war^ ihre Sprache erlernt und im Walde mit ihnen kampirt hat. 
Nachstehend ein Auszug mit besonderer Berücksichtigung dessen j was unsere 
früheren Mittheikngen (Verb. 187C S. 18, 1877 S. 13, S, 428, 1880 S. 409) ergänzt 
oder von ihuen abweicht. Früh Morgens werden die Feuer angeblasen j die Deber- 
bleibsel der Nahrucgsraittpl verzehrt; die Männer gehen auf Jagd oder Fischfang, 
die Zurückbleibenden machen Bogen, Pfeile, auch Topfe-}. Ihre Moralität lässt viel 
zu wünschen. Sie essen nichts roh ^ rühren keine Austern an, früher wohl. Sie 
können nicht über zwei zählen. Kinder dürfen kein Schweinefleisch essen und kein 
Scbildkrolenfleisch anrühren, bis sie mannbar geworden sind, das erste Schildkroten- 
essen wird durch Tanz und viele Cerenaonieu gefeiert*). In der Regel werden 
Mannerleichen auf Gerüsten in Bäumen ausgestellt, Weiberteichen begraben. 

Die Süd-Andamanesen*) sind im schnellen Aussterben begriffen, weil sie mit 
der Civil isatiou in zu nahe Berührung gekommen sind. Sie gehören alle einem 
Stamme, dem der ßojingiji an, der früher in mehrere kleinere zerfiel, von denen 
aber nur noch geringe üeberbleibsel vorhanden sind. 

Auf der Mittel-Ändamane im Osten, Nordwesten und Centrum und auf Interview- 
Eiland wohnt ein ganz neues Volk, ein grosser niächti;^er Stamm, die Aka Kedes; 
an der Westküste ein kleiner Stamm, die Aka Jawais, die einen Uebergang zu 
den Bojingijis bilden; die Sprachen dieser Stämme sind ganz versehiedeCj ebenso 
die Form ihrer Bogen. Weiter nördlich sind die Hütten schöner und sorgfältiger 
gebaut, die Hautfarbe der Männer ist rother. 

Die Aka Juru, gering an Zahl, wohnen im Süden der Nord-Andamane, die 
nördliche Hälfte dieser Insel wird von den Aka Ghariars eingenommen. Die Aka 
Eris scheinen in der Mitte der Insel zerstreut zu leben. Die Sprachen aller dieser 
Stämme sind guttural, ihre Kochtöpfe aind V förmig, die der übrigen Andamanesen 



I 



1) Jonrn, R. As. 8oc, Lond. Oct 1881. 

2} Nach den mir gemachten Angaben tioHlen Topfe nur von Frauen an^fertigt werden. 

3) unter den auf der Viptr Insel verpflegten Andamanesen wurde diese Vorschrift lur 
Zeit meiner Anwesenheil (1B75) nicht beobachtet. ». .,. ein anderer (kleiuer Knabe) schabte 
mit einem grossen Messer von einem Stück Sc bi tdkröte das Fett ab und bot ^s mir dar, ver* 
schlang es aber seibat mit Behagen, da ich ea nicht annahm.** (». Verbamll 11. Febr. 1877.) 

4) Ei sind diejenigen, ujjt denen kh 1875 verkehrte. 



(70) 



wie eiu U geformt; ibre Bogeo sind yerscbieden Ton denen der Südauaaojauesea 
und schöner. 

YoD den Jarawa Stammen^) haust einer 5 Miles westl., ein anderer ebenso- 
weit 8Üdl. voQ Port Blair, Bis voriges Jahr wusst** man nichts von ihnen, obgleich 
sie in so grosser Nähe der seit 20 Jahreu bestehenden Niederlassang wohnen; ihre 
Existenz sogar wnrde von erfahreüen Beamten iäeherlich getuacht. Selbst Mr. Man 
giebt eine ganz unrichtige BeschreibuDg von ihoen, Bei eioer Expedition 1880 
gegen den Weststamm wurde ein altes Weib gefangen, ihr Haar war weiss und 
ungeschoren, sie war unbekleidet, trug nur, wie alle Jaiawaweiber. eine Schnur 
(a wreath) mit einer Pnschel um die Hüften, statt des BlatteB, Bei einer anderen 
Expedition, etwas nördlich vom Port Mouat, wurden ein alter Mann, 3 Weiber, 
6 Kinder gefangen, nach Fort Blair gebracht, bald wieder frei gelasseu, Ihr Vo- 
knbulor ist ein ganz fremdes. . . . Die Bewohner vom Centioal-Eüaud sind wahr- 
scheinlich mit denen von Klein*Ändaman identisch. 

Klein- Ändaman- Eiland ist nach einigen das Centrum, von wo die Jarawas 
herstammea; es ist sehr schwer zugänglich und daher wenig bekannt* 1873 be- 
suchte General Stewart die Insel, um freundschaftliche Beziehungen anzuknüpfen, 
wurde aber zur Selbstvertheidigung zu schiessen gezwungen. Bei einer späteren 
Expedition zur Bestrafung von Mordthaten wurde ein Koabe gefangen, nach Port 
Blair gebracht; man behandelte ihn mit der groseten Gute, als er aber eines Tages 
sein Bild im Spiegel gesehen, nnd vielleicht angenommen hatte, dass ihm einer 
seiner Landsleute erschienen sei, zehrte er sich ab und starb. 

Bald daranf fing h\T, Homfray einen Mann und eine Frau, vielleicht die 
Eltern, da sie eich ohne Widerstand abführen Hessen (Verb, 1877, S. 35). 

Die Eingeborenen diesor Insel sind immer feindselig; bei einer Expedition 
1880 wurde auf Oberst € ad eil und Mr, Port man geschossen. „Die Leute, die 
ich aah, glichen durchaus denen der Centinal-Insel, ihre Bogen und Canoes gleich- 
falls; sie waren mit gelbem Thon eingerieben, ihr Haar ungeschoren. 

Im November 1880 ist Mr. Portuian an einer neuen Expedition betheiligt, 
versucht Freundschaft zu schliessen, l&sst Geschenke an's Land schwimmen, seine 
Leute nähern sich den Eingeborenen schwimmend; endlich kommen einige der 
Letzteren an den Strand, Bogen und Pfeile mit deu Zehen nachschleifend, „wir werfen 
mehr Geschenke aus, plötzlich scLiessen zwei oder drei Eingeborene und verwunden 
einen unserer Sikhs, wir erwidern aber nicht das Schiessen*'. 

Bei der Rückkehr von Car-mcobar besuchen wir abermals Klein-Andaman* 
Eiland, schwemmen Geschenke ans Land, sie weiden angenommen, ich sende einige 
Ändamauesen mtt Geschenken aus, die Jarawas lassen Bogen und Pfeile fallen, 
kommen ihneti entgegen, höchst freundschaftliche Begegnung, sie umschlingen ein- 
ander mit deu Armen, springen auf dem Sande herum ujad jauchzen. Wir landen 
nicht, um sie nicht scheu tu machen. Nach einer Stunde riefen wir unsere Leute 
zurück, sehr erfreut über unseren Erfolg. Dm J 1 lande ich mit neuen Geschenken, 
wahrend Oberst Cadell mich vom Boote aus bewachte. Drei meiner Leute nähern 
sich den Jarawadas, kommen aber schnell unter ei Dem Regen von Pfeilen zuriick- 
gelaufen; gegen dreissig Kerle stürzen aus dem Walde und schiessen auf uns, so 
endete unser letzter Versuch.'' Nach einem Vergleiche der Bogen verschiedener 
Stämme beschreibt Portman die Hütten der Kleio^Andamanesen als grosse Bauten, 
oft BO Fuss hoch. Der Oberst maass eine von 60 Fuss Umfang. In der Mitte 



1) In d©n Verhandl. 1877, 8.63, sind die Jarawa nach Mr. Homfray's Schreibart Juni- 
vaddah genannt. 



(71) 



i*teht eiu Pfahl, 6 bid 8 Pfähle um Um, üaiitj nach etwa 6 Fuss Zwi^acbenraum ein 
Kreis voo kürzeren Pfählen, über welche sich das Dach ausbreitet bis es den 
Boden berührt. Kleine Locher am Rande gestatten den Bewohnen] hineinzukriechen. 
An mehreren Stellen in Norduodaman-Eiland b*^merkte Portman ähnliche Hütten, 
aber kleißer. Im Innern waren Plätze durch Stammslücke, die wohl als Kopfkissen 
dienen, abgetheÜt. Gegen 6 Fuss über dem Boden liegen Gestelle zum Aufbewahren 
von Nalirungsmittelnj Waffen etc. Der Boden der Hütte bestand aud den gewöhn - 
liehen Kuclienabfälien. Auch kleinere Hütten nach demeelben Muster wijren vor- 
banden. Gewöhnlich standen diese zu fünf im Kreise, Da« Auffallendste ist, dass, 
obwohl die Jarawadas auf der Hauptinsel Jahrhunderte hindurch in nfichster Nach- 
barschaft der ßojiügiji gelebf hoben, sie immer Feinde waren, dass ihre Bogen und 
ihre Sprache gänzlich verj?chieden sind, dass sie einander nicht kennen, aber fürchten. 
Die Jarawadas verw^endcn gelben Thon, die andern rothen nnd grauen, ihre Canoes 
Bind roher, haben keinen Schnabel, ihre Schmucksachen aber sind viel schöner als 
die der Gross -Andamanesen. Die Nahrungsmittel sind dieselben, die Netze und 
Kürbe auch, aber gröber. Sie tnigen nur die Unterkiefer ihrer verstorbenen Ver- 
wandten, keine andere Kochen. Alle Andamanesen verfallen in Waldbewohner 
(Ereratagas) und Strand bewohner (Aryitwtos)* Die Bewohner der grossen Andainane 
theilt Port man in zwei durch ihre Bogen j ihre Sitten, ihre Sprache bedingte 
Gruppen, 

I, Die nordiich der Homfray -Strasse wohnenden Aka^Chariar, Aka-Eri, Aka- 
Jaru, Ak&-Kede und Aka-Jnwai, die gleiche Sprache und gleiche Bogen haben. 
Alle diese nördlichen Stämme tatowiren sich auch in gleicher Weise, nämlich drei 
breite Striche längs des Rückens (auf dieser Eigenthümlicbkeit beruht z. Th. die 
Classificadon), 

Die Bojingiji^ umfassend die Bojingiji, Bojigiab und Balawa, fast alle wohnen 
südlich der Böaifray-Strassc, haben gleiche Bogen, ßojingiji ist die gt^mcinschaflliche 
Basis ihrer Spraciien. Sie sind über den ganzen Körper in Mustern tStowirt'), 

Zum Schluss hebt Mr. Port man die merkwürdige Thatsache liervor, dass so 
viele kleine Stäoime auf einer winzigen Inselgruppe lebend und offen t>ar von ur- 
sprünglich gleicher Abstsimraung, wie ihre zwerghafic Gestalt, schwarze Farbe 
und Verschiedenheit von allen rings um sie wohnenden Rassen zeigt, nicht nur 
verschiedene Sprachen reden, verschiedene Waffen führen, einander als Feinde be- 
gegnen, wenn sie zusammentreffen, sondern auch vor Gründung der Niederlassung 
in Port Blair thatsächlich von ihrer gegenseitigen Existenz nichts wussten, 

^Ich nehme an^ dass vor unserer Niederlassung die nord liehen Gruppen den 
böchsten Cuilur/ustaod erreicht hatten, dass die südlichen Gruppen nach ihnen 
kommen und die Jarawadas. aus denen möglicherweise alle übrigen hervorgegangen 
sind, am tiefsten stehen. Klein-Andnmau*Kiland ist äusserst dicht bev cd kerr, wanim 
soll dies nicht auch früher mit der grossen Andaroane der Fall gewesen sein? 
Jetzt aber ist in Folge verschiedener mit der Civilisation eingedrungener Epidemien 
der grösate Theil der südlichen Abtheibjog ausgestorben, obgleich Krankenhäuser 
errichtet und die Kranken sorgfallig aufgespürt und eingeliefert werden; sie werden 



1) Die südlich der ITomfray-Strasse wohnenden Andamane^<»n, mit denen ich einen Motiat 
Jung verkehrte, waren gar nicht titowirt: sie verzierten ihren KTirper gelegentlich durch Auf- 
tragen von welsMin und rolhem Thon in Mustern, mj»ehlen sU-h auch mit Glasscherhen Ein- 
schnitte in di« Baut, aber weder an bestimmten Stellen, noch nach bestimmten Regeln, 
r namentlich als Hdlmitteb wohl kaum zur Vfrschonpning; die kleinen Narben kommen iiiif 
^der schwaTxen Haut kaum tAw Geltung. Hoffentlich erfabren wir bald dnrtb Hrtj. Portman 
wie die Tat o wirungen iiusgtffuhrt werden? 



(72) 



aber too Knuilüieilca hri— ywfht, 
Pflege getiogeo wird, imd wMkt 
iaoerhaJb weniger Jalife TcrtdiviiMleC. 
Dm einzige, wa» wir tbaa kooBei 
Bcboiieii umI to fcfaiiell »k »dgisefc i 
iUrlMO M juu» bevOT die Wii 



liUa fittvis «eitles, daa» die Bme 

iit die Bocfa Oebericbeadea torglillif sn 
ies m B^refeode so eifofc i i ep, vmU 
nt ilioeB geoaoer bek&aoi geworden ist 



(1$) Hr Virchow tdgt pholopspidiclK AnÜMkineB der Fände ron Mmdi- 
•onTilie to Okto, wekbe ibm dtireb Hm. Dr. GasUv Bröbl in Cincinand za- 
gtfßttg<tü ftind. Er bebilt neb tot, spiter anl diene Aagelefnabett xar5cle sa 



(17) Hr. O. FUseb^ jeUt in Bero, berlcbtet ^h& 



Id dem Dorfe Etcbbach bei üsiDgeo, Regiernngabesirk Wienbaden, wobnt eine 
Paoillie» io welcher oebeo drei normal gebildeten drei ansgenpfndien microcepbale 
Kinder leben. Dem fTeuodlicben Entgegenkommen des Hm. Sanitätsratb Dr, Ho sen- 
kranz, KönigJ. KreUpbj^sicQB in Usingen, rerdanke icb die Möglichkeit, diese 
Familie und speciell die microcephalen Kinder einer üntersncbong zn unterziehen, 
deren Ergebnisse hier folgen. 

Die Familie besteht aus dem Oeconomen Hofmann, dessen Fran und 6 Kin- 
dern. Beide Eltern stehen im Alter von etwa 50 Jahren (die geoane Zahl habe 
icb Terainmt zu er&agen), sind gesund und geben ausdrücklich an, dass bei keinem 
ihrer Verwandten ähnliches vorgekommen sei. Frau Hof man d bat einen nicht 
unbedeutend asymmetrischen Kopf; es ist die linke Stirnseite deutlich Bacher als 
die rechte, anscheinend ist dagegen die rechte Hinterbaoptshälfte etwas flacher als 
die linke. -Das Haar des Mannes ist dunkel, jenes der Frau licbtbraun, gleich dem 
der Kinder, 

Frau Hof mann bat 6 Kinder geboren, welche sammtlicb leben: 

1. Johannes Hofmann, jetzt 25 Jahre alt, microcephal, 

2. Katharina Hofmanu, jetzt 20 Jahre alt^ microcephal, 

5. n. i. Zwillinge (ein Knabe und ein Mädchen), jetzt IG Jahr alt, normal, 
d. Knabe, jetzt 15 Jahre alt, normal, 

6. Lisette Hofmann, jetzt 12 Jahre alt, microcephal. 

Die Schwangerschaften verliefen sammtlicb normal, die Geburten leicht» Be- 
sondere Beschwerden, von der Zwülingsschwangerjscbaft abgesehen, haben nie be- 
standen und werden speciell für die Uicrocephaleo ausdrücklich bestritten. 

Von den Kindern waren aur Zeit meines Besuches im Hause anwesend die 
beiden microcephalen Mädchen und der IGjäbrige (Zwillings-) Knabe. Der ältere 
microcepbale Sohn war mit einem Bruder auf dem Felde. AusführHche Messungen 
konnten nur an den Mädchen Yorgenommen werden; auch diese nach Lage der 
Sache nicht mit absoluter Genauigkeit, da es zweckmässig schien, dieselben nicht 
entkleiden zu lassen, da ferner das dichte Haar die Kopfmessung erschwerte. Jo- 
bannes Hofmanu wurde nachträglich auf dem Felde aufgesucht, wo eioige Haupt- 
maasse genommen wurden; hier beschmnkten sich dieselben natürlich auf Tasteirk el 
und Bandcuass; von den Köpfen der Mädchen wurden, unter freundlicber Assistenz 
des Hrn. SaDitätsrath Dr. Rosenkranz und des Hm, cand. med. Berthold Guten* 
berg aus Darmstadt Curvenmaasse nach einem toö Hrn. Dr. Rieger in Wurzburg 




(73) 

eatworfenea und gemesfieneDy mit Hrn. Dr* HanB Virehow ausgebildeteo Systeme 
aufgenomtDen. 

L Johaones HofmaDU, 25 Jahre alt. Derselbe war auf dem Felde, etwa 2 km 
vom Hause mit eiDem jüngeren Bruder beim Koroschneiden beschäftigt Bei unserem 
Kommeu war er ziemlieh indifl^ereiit und arbeitete alsbald weiter, nach unserem 
Weggang schaute er uns aber längere Zeit nach, gesdculirend und aascheiuend mit 
seinem Bruder sprechend; seine Arbeit thut er langsam, aber mit grosser Ausdauer. 
Die mil der Sichel geschnittenen Bündel legt er gewissenhaft in die Rechen; er 
nimmt beim Schneiden mehr Dukraut mit, aJs andere thun würden. Er kennt das 
Unkraut; eioe Distel nennt er mit Namen. Seinen Namen kennt er; aufgefordert 
denselben atu schreiben, malt er einige Schriftziige auf ein Yorgebaltenes Blalt und 
sagt dann: das heisst Johannes Hofmann (Fig. 1). Den Messungen unterzieht er 

Fig, 1. 



Schriftprobe des Johannes Hofmanu. 



»ich jetzt willig; überhaupt soll er durchaus gutartig sein. — Haare dicht, licht- 
braun, Auge graublau, mehr nach grau. Sehr dicke Kopfschwarte. Der Kopf ist 
flach, die Stirn fällt flach ab mit massiger Vorwolbung der Augenbrauen -Gegend, 
Das Kinn tritt verhältnissmassig wenig zurück. Die PnpiJlen sieben centrisch und 
reagiren gut auf das Licht. Dm rechte Ohr ist abDorm gebildet durch auffalleode 
Breite der zwischen Belix und Anthelix gelegenen Flache; doch ist die Missbildung 
nicht so bedeutend, wie bei der Schwester Katharina. Die Wangen zeigen ziem- 
lich starken Bartansatz aus hellen Haaren; im Gesicht ist auch sonst ziemlich er- 
hebliche Lanugo- Bildung verbreitet Die Zähne sind defekt, regelmässig angeordnet; 
die oberen Schneidezahne sind stark abgeschliffen^ ausserdem unregel massig aus- 
gebrochen. Der Unterkörper erscheiut relativ schlank gegen den Oberkörper; der 
Bau ist ein kräftiger, die Haltung des Kopfes nicht in dem Maasse vorgebeugt, wie 
bei den Schwestern und anderen Microcephakn. 

2. Katharina Hofmano, 20 Jahre alt (Fig. 2 u, 3). Kalharioe ist klein, geht vor- 
wärts gebückt Sie erscheint etwas plump, ist aber schnell zutraulich und heiter. 
Sie spricht alle Worte nach, antwortet auf einfache Fragen richtig. Sie kennt Far- 
ben und nennt dieselt»en correkt (u. a. einen blauen Streifen an der Wand; ein 
roth gefärbtes, jedoch grün schillerndes Tuch nennt sie erst buot, dann roth). Ihr 
Alter giebl sie richtig an. Sie hat Kinder sehr gern und verkehrt viel bei einer 
Nachbarfamilie, wo solche mit ihr spielen. Wahrend unserer Messungen ist sie 
sehr geduldig, trotz deren langer Dauer und Unbequemlichkeit, Der Kopf ist nie- 
drig, die Stirn fällt flach zur Nase ab; die Kleinheit des Hirntheiles ist durch die 
Dicke des Haarwuches verhältniss massig wenig auffallig. Das Kinn steht nicht 
auffällig zurück, doch mag hier die starke Fette nt wickeln og eine etwaige Klein* 
heit des Unterkiefers etwas verdecken. Gesichtsfarbe blühend, hell. Stark vor- 
gewölbtes Doppelkinn* Auf den Wangen ist reichliche Lanugo vorhanden* Das 
Kopfhaar ist lichthraun, sehr dicht, die Kopfschwarte dick. Auge graublau; Pu- 
pilten etwas esteentrisch lateral oben stehend, reagiren gut auf das Licht. Das 
rechte Ohr ist missbildet; das zwischen Hei ix und Anthelix eingefasste Feld ist in 



der Hohe der Spine helicis ca. 23 mm breit (liDkea ca^ 14) und in sei Dem mitt- 
leren Tlieil wie durch stumpfkaotige Knickung nacb aussen gedriingt. Die Zäbne 
Bind regelmässig^ angeordnet, schön entwickelt: beide oberen Weisheitszahne liegen 



Fi^, 2, Portrait-SkizÄ*. 




Fig. 3. Köpf-Ciir?e. 





Käthchen Hofmann. 

Erklirung lu Fig. S. — Sagittal bogen. — Fronlile Böjjen, ---- Horixontil -Ebene (durch 

Glabeüa und Protuherawt, Occ, ext.). Obere Horizonlal-Kbene (2 cm über der voTigeu) 

von den frontalen Bögen ist h der Ohrlochbogen. o und c sind anfgenommen über der Mitte 

des Abstaridea gi — o bezw. o — pe. - gl — pe Grundlinie zwischen Gl&hena (7/) und 

Protuberanz p «. — Projectloiispünkt des Ohrlorhbogens, 

bereits frei, der dritte linkt* untere Backzahn fehlt durch Carieß. — Der Ober- 
korper wird vorwärts gebeugt getragen. Die Brüste sind anscheinend wenig ent- 
wickelt, der Bauch ist sehr dick. Der linke Daumen fehlt durch eine Verletzung 
in früher Jugend. — K, hat die Periode regelmässig seit ihrem 18. Lebensjahre* 

3, Lisette Hofmann, VI Jahre alt (Fig. 4 u. ö), das jüngste Kind der Familie, 
ist anfangs scheu, später wird sie dnrch einige Kleinigkeiten, die ihr geschenkt 
werden, sehr zutraulich» Sie kennt Farbeuj wie die ältere Schwester, unterscheidet 
Ol. a. sehr gut roth und grunj sie stellt Fragen, verlangt das ihr geschenkte buaie 
Tuch und äussert Freude. Bei den Messungen hält sie gleichfalls sehr geduldig 
aus. — Der Kopf ist relativ etwas höher als bei der Schwester; die Stirn fallt 
flach ab; der Unterkiefer steht nicht unerheblich zurück, L. tragt den Kopf etwas 
nach vorn gestreckt» Das Haar isf hellhrauu wie bei den Geschwistern, lang wöd 
dicht; die Augen sind graublau, mehr nach blau hin. Pupillen reagiren g^M^ ^g^^w 
central Auffällig ist das starke üebergreifen der Sclera oni oberen Q^^* -o?» ^^^ 
Cornea; die Ohren sind normal gebüdet. Gesichtsfarbe biass. ZieocwV^^ j3ö5**ä 
l/anugo auf der Oberlippe. Die Zäbne zeigen enorm starke Weinsteiii^'^;;^x**^^^ aäöc^o^* 
Der Durchbrach der bleibenden Zahne ist in etwas unrege 1 massiger "W&^i^^*»^ .^^ -^^Sfe 




Schnftprabe der Lisette Hofmaaii. 

Die drei microcephalen Kinder zeigen in ihrem K5rperbau keine Spur ^cn 
Rachitis. , Bei alleu besteht keiü Speichel fluss, die Zunge wird gerad herauFgestreckt» 
Der Schlaf bei allen dreien ruhig, ungestört- Sie essen alles, was sie bekornnjen; 
sie halten sieb rein. Auf der Strasse weichen sie Oindernissen aus, so dass sie 
ohne Gefahr aus dem Hause können. Besondere Erkrankungen sind nicht vor- 
gekommen. 



Maasse (in Millimetern) 



Johannes 



fiathebtii 



Li&eti« 



a, Kopfmaasse. 



Hork o n t al - ü mfan g 
Sagittal-Bogeii , . 
Ohrl och bogen . . 



453 


428 


253 


912 


)im 


254 



413 
256 




Miasse (m Millimeter o) 



(h6«Bte Länge 

Grtete Breite 

Joch böge Q-ßreite , . . . 

Hohe des Gesiebte 

Breite am önlerkiererwinkel ........ 

Abstand der Spina, meot. anr. vom ünterkiefer- 

winkel (rechts jj^emesdeti) 

Hube der Naseo 

Höhe der Augenhohle . 

Breite der Augenhöhle 



JohiDoeB 



143 
IIS 

116 
130 

102 

85 
52 
31 
86 



Kitbchen 



fa. Ktirpermaasse. 



KörperlioKe .,,...,., 

Schulterbreite (incl. Kleider) 

Breite des Becken» mdq D&rmheitikniiim (incL Klei- 
dung) . » . 

Länge der rechten Oberextremität 

, , linken « 

ReohleT Oberarai 

, Vorderarm 

^ Carpufi 

, Mittelßiiger ........... 

tlöhe ironi Darmbein kämm zyr Sohle 

^ „ Knie tut Sohle ........ 



1570 
325 

U2 

715 
702 
855 
296 
79 
117 
1170 
530 



188 

1S6 
HS 
190 
100 

90 

4b 
28 
85 



1460 
810 

310 
663 
663 
298 
212 
75 
98 
959 
443 



Lisette 



c. Messungeti des Kopfes an Rieger-Viro ho waschen Curven^). 



Abstand der Glabella von der Protub. occip. ext. 
Breite der Basis des Stirnbugeus .**... 
Höhe des Stirobogens .......... 

Breite der Basis des Ohfbo(fen« 

Hohe de« Ohrbogens 

Breite der Basis des Occipitji 1 bogen s . . . . . 
Höhe des Occipitalbogens , 



138 
100 

50 
122 

66 
120 

60 



135») 
llß«) 
107 
106 
01 

78 
40 



1821 
295 



564 
594 
293 
204 

71 

84 

820 

410 



134 

102 

108 
69 

110 
5«» 



1) An den CurTen jj^emessen. 

2) An den Cunren gemessen. 

S) Bemerkt werden muss tu diesen MaasseD, dass sie lu keiner Weise mit der Exa<;theit 
ausgeführt werden konnten, das» alle Curven absolute Uebereinsiimmnng zeigen. Eine nicht 
nnbedenteude Erschwerung erwuchs ans der uusymmelriseben Stellung der Ohröflnungen. 
Möge weiter in Berracht gezogen werden, d^iss die Messungen deA jungen Mannes auf freiem 
Feld, die anderen in einer Stulie^ in welcher i;leicbzeitig der Tüncher die De^ke bearbeitete^ 
in grosser Eile auÄgeföhrl wurden. Möge auch meiner geringen Uebung in der Angewendeten 
Methode Rechnung getragen werden. Immerhin wird das aus den Curven resultirende Bild 



(77) 



» 



I 



Leider kaou die Bescbreibuog hier nicht viel mehr bedeuteu, als eine Ver- 
Diebruog der allerdings Doeb kleinen Casuistik. Zur Aetinlogie der Microcephalie, 
die hier einen ziemlich hohen Grad, wenn auch Dicht gleich dem bei den Kindern 
Becker vorliegeuden, erreicht, köonen wir nichts neues beibringen. Insofern eine 
üebertragung irgend welcher Art von Seite der Eltern in Betracht gezogen werden 
sollte, musste dies hier wohl nach der Seite der Mutter geschehen, mit welcher Id 
einigen Punkten die Kinder mehr AehnlJchkeit zeigen. Für die Kleba'sche Auf- 
fassung bezüglich meehanischer SU'kungen während des iutrauteriDen Lebens ist 
diese Beobachtung nicht zu verwerthen; ebeoiowenig kann man sie aber direkt 
gegen jene Anschauung anführen; der Grad der Erkrankung ist geringer; die yer- 
rautheten spastischen ContractioneD waren vielleicht nicht heftig genug, um Schmerzen 
zu erzeuge D. Kommen lokale EioflriBse in Betracht? Crelinen fehlen in Eschbach 
und überhaupt in dem Becken, in welchem Usingen und Eschbach liegen, wie mir 
Hr Physicus Dr. Rosenkranz mittheilt: dagegen kommen solche in den Ort- 
schaften auf den umgebenden Hohen vor. üebrigeus ist ai/ deu drei Midrocephalen 
nichts Cretineuhaftes zu sehen. Demnach durfte auch ein cansaler Zusammenhang 
mit den in jener Gegend vorkommeudeu Midaria-lnfectionen auszuscbliessen sein. 
Auffallig und vielleicht weiterer Nachfori^chung werth sind linige Erfahruugoa aus 
der Praxis des seit fast '30 Jahrtu dort wohuenden Hrn. Dr. Rosenkraüz. Der* 
selbe hat eine ganze Reihe (wenn ich mich recht erinnere 10 oder 1 1) von Kindern 
mit Spina bifida, die aammtlich gestorben sind^ behandelt; dazu kommt eine Beob- 
acbtuog von zwei aufeinanderfolgenden Geburten anencephaler Kinder einer Frau, 
endlich noch ein weiterer Fall von Microcephalie, der indessen im 2. Lebensjahr 
gestorben ist. Beachten s werth ist diese Häufung verwandter Bildungen immerhin. 

Ich beschranke mich auf die Mittheilung des Thatsäcblicben. Anch dieses ist 
leider unvollstäDdig; fehlen doch wichtige Angaben u. a. Üb^r das genaue Alter der 
Ellern, das etwaige Vorhandensein eines Kropfes bei Frau H., LMessuugen der nor- 
malen Familiengtieder. Eschbach ist nur 2 Stunden von der hekanoten Saalhurg 
im Taunus entferut und werden andere Fach genossen vielleicht Gelegenheit nehmen, 
die auch der landschaftlichen Reize nicht entbehrende Tour vorzunehmen; vielleicht 
wird es denselben gelingen, nachdem die erste Untersuchung ^ bei der immerhin 
einige Vorsicht notbig war — die Scheu der Familie überwunden hat, weiter vor- 
zudriugen, ab es mir in der kurzen zu Gebote stehenden Zeit möglich war. 

Hrn. Sanitütsrath Dr. Rosenkranz sage ich für sein Jiebeu&würdiges Entgegen- 
kommen herzlichsten Dank. 



(18) Hr. Tr eiche 1 schreibt über 

westpreusslsohe Spiele. 

L Schimmel, Fastnachtsb engst und Gwizdi in Westpreussen. 

In der Sitzung vom 21. Januar 1882 kommt Hr. W. v. Scbulenburg in seinen 
Mittheiluugen zu sprechen auf den Siebreiter, der nach einer weitverbreiteten Sitte 
io unserem Vaterlande, sowohl unter Deutschen, wie unter Wenden, zu einer ge* 
wissen Zeit (Weihnachten oder Fastnacht) im Aufzuge einhergefährt zu werden 
pflegt Da eine merkwürdige Coincidenz der Thatsacben mit dem Empfange dieser 



ein treneres und aBSchanlicheres sein^ als es irgend sonst möj^licb gewesen wire. In Fig. 3 
ist leider die Busis des Occipitalbogens dnrch nn Versehen bei der ersten Zeichnung etwas 
zu weit nacb hinten verlegt; ich habe vorgezogen, diese Ungenuuigkeit zu reprodaciren, nm 
Aendetungen der Zeichnung lu vermeiden. 





(78) 

gediucktuu MiUheiluDg mir cißig« gleiche Miltheüungeo aus Westprcussen brachte, 
80 möchte ich Dicht unterlassen, zur Vervolbtäiidiguog des Bildes, sowie behufs 
AufstelluDg einer Parallele zwischen Deutschthum, Polenthuai und Wendeothum 
hiervon in all(*r Kfirze eitve Schilderung zu geben. In diesen mythischen Gebildeo 
kooamt der alto heidnische Glaube wieder zum Vorschein und Götterbilder und reli- 
gioae Gebräuche, die ihrer Harmlosigkeit wegen selbst mit dem alten Namen oder 
doch anklingend an diesen von Seiten des Christenthums Duldung erfuhren» leben, 
wie hier auch Wotau's Schimmel, als MumraeDschanz oder Spiel noch fort im 
Kreise der VolkssitteD, 

Die erstere Miüheilung verdanke ich der Gute dea Fräulein Elisabeth Lemke 
in RombitteD bei Saalfeld in Ostpreussen und begreift sie die oben genannte 
Lncalität. Der Schimmel kommt! heisst es, wenn er und seine Zeit im Anzüge. 
Einige Tage vor Weihnarhten verkleidet sich ein Mann oder Bursche als Schimmel* 
Ein verschieden gestaltiger Pferdekopf aus Holz, ein grosaes weisses Laken und ein 
Paar Stangen genügen zu seiner Metamorphose, Er hat eine Glocke in der Hand, 
um sein Kommen aaaeigend einzuläuten. Sein Aussehen wird wie Fig. L geschildert. 





Fig. 2. 






Fig. 3. 



Doch sieht das ÜDgethQm auch wie Fig. 2. aus, bald auch noch anders, wenn auch 
immer die Grundidee befolgt wird. Der Schimmel muss fortwährend tanzen, springen 
und mit dem Schweife wedeln. Der Bursche, der ihn daratellt^ leistet oftmals Du- 
glaublichea im Krunrmgehen und in schnellen Weiidungen. Von Rechtewegen ist 
der Schimmel mit dem Reiter verwachsen. Der Reiter peitscht sich selbst, d. h, 
die weissen Tücher, die um ihn herum gesteckt sind, um ihn xum Schimmel su 
stempeln. Der Reiter steckt auch im Pferde und dadurch, das» er sein eigenes Haupt 
frei erheben kann, entgeht der Künstler der Pein, sich anhaltend bücken zu müssen. 
Diese regelmässige Maske würde sich also dergestalt ausnehmen, wie hei Figur 3. Aoi- 




(79) 



ttabmsweise und zerstreut kommen audi die anderen Weiaeu der AuffiibruDg zum 
VoFÄchein, dass der Acterr sich föf die Vorstelluog fortwEbrend bücken myss. 
Die ibn begleitenden Darsteller sind dann noch die foIgendcDi 

1. Die Nfusik: ein ausgeputzter oder nicht ausgeputzter Harmonika-Spieler; 

2. Der Bär; ein kolossaler Baufeii Stroh, der ura einen Mann gewickelt ist; 
der Mann muss auf Hauden und Füssen gehen, bestäDdig brurnmf^n und schnappen 
(auch Luft!}^ während derjenige, der ihn an einer Kette fuhrt, und auch Andere 
auf ihn lo&schlagen; 

3. Das Pracherweib: ein Juoge> als alte Frau verkleidet, mit einem Korbe, 
woriD er »ich für gewöhnlich Gaben von der Herrschaft oder dea »onst ßesuchtea 
erbittet; 

4. Der Storch: ein Junge mit einer Zange aus HoUstaben^ nach Art des 
Geatelles für Hohsoldateu beliebig zu erweitern und zusammenzuschieben, oft 
selbst über den Raum einer grossen Stube auszustrecken (F»g* 4), 



xxxxxx 



Fig. 4. 



^B 5, Der Jude: ein armseligeB Wesen, das sich immer vordrängt und oft un* 

^" gerechte Schlage bekommt 

Zn weilen sind noch andere Figuren dabei« Der Zug geht von Haus zu Haus. 
Den kommenden Sciummel meidet die Glocke an und wer sie hört, wird von der 
Festfreude ergrilfea und beeiJt sich, sein Möglichstes zu dem fröhlichen Lärmen 
beiifiutrHgen. Schlagen und stossen, selbst mit Wasser begiessen u. b. w. sind nicht 
nur erlaubte, sondern da^u gehörige Dinge. Das Ganze wiederholt sich in mancbem 
Jahre vor Weihnachten zwei bis vier Mala. 

Ein Aehn liebes kommt nach gef. Mittheilung des Predigers H, Freitag um 
Tempel borg von Es geht unter deoT Namen Fastnachtshengst Bei ihm ist 
aiso nur die Zeit verwechselt-^ da, wie wir sehen werden, Siebe dabei auch ihre 
Rolle spielen. Dieser Hengst wird also zur Fastenzeit geritten. Dem Reiter wird 
^K ein Sieb vor die Brust und eins auf den Rucken gebunden. Stiibe daran bilden 
^V da« andere Fusspaar des Gaules* Ein ausgestopfter Frauenatrumpf stellt seinen 
Hals und Kopf dar, sowie eine Rispe Flachs seinen Schweif, Weisse Decken hüllen 
das Ganze ein. Die Bewegung ist meist eine hupfende. Der Reiter besucht be- 
» sonders die Spiniistiiben und ist's wohl auf ein Erschrecken und Einschüchtern ab- 
^B gesehen, wenn der Hengst in's Zimmer hinein und auf die dort Versammelten zn- 
^™ springt. Es handelt sich sonst ebenfalls um Ergatterung von Gaben. Der Schimmel- 
reiter Saaifeld's wird hier zwar mit Sieben ausslaffiert, bekommt aber seinen Namen 
^L f OD der Zeit und nach dem Gescblerhte, 

^^M Der Liebenswürdigkeit des Hrn. Rector H. Frisch hier in Königsberg ver- 

danke ich ferner einige hierher gehörige Beiträge aus der ostpreussischen Landschaft 
Natangen. Vergl. Preussischer Volkskalender, enthaltend Sitten, Gebräuche 
etc Neue Freuss. Prov,-BL 1848. Bd, 6, S. 220, Nr. 55. 

feÄm Sylvester ziehen auf dem Lande drei eigenthümliche Gestalten umher: 
Schimmelj ein Bock und ein buckliger KerL Dra den Schimmel zu 
cn, wird ein Pferdekopf auf eine Stange gesteckt, auf der ein Knecht, mit 
^i^iaeoü Tuchern bedeckt, reitet, und hinten wird au die Stange statt des Ros«- ' 




I 



(80) 

Schweifes ein Bündel Flachs angebunden. Der Schioomel schlägt eDtsetzlich aus, 
d. h. sein Reiter hat einen Stock in dar Hand und prügelt aile Mädchen, die gicb 
blicken lassen, ohne Barmherzigkeit. Der Bock ht ähnlich wie der Schimmel ge- 
macht, nur dfiss sein Reiter statt der Stange mit Pferdekopf den Flachsschweif an 
eine Ofengabel (Forke) befestigt und mit ihren Zinken^ welche die Hörner vorBtellen, 
unaufhörlich den mitziehenden buckligen Kerl ötosst 

Ferner narh einem handscliriftlichen Zusätze von R* Reuse h zu Nr, 7 des 
„Preuss. Volkskale nders'' (S. 213): 

Am Weihnachtsabende „ziehen zuweilen Bär und Schimmel vereint um- 
her. Letitert?r fragt die Mädchen, ob sie fleissig spinnen, die Jungen, ob sie die _ 
Pferde gut gefuttert haben. Die Faulen werden mit Peitschen hieben belohnt.'* ■ 

Sehr häußg erscheint (am Weihnachtsabend) ein Bär, der einen umgekehrten 
Pelz trägt und einen Aermel desselben als mächtigen Schwanz nachschleppen lässt. 
Brummend zieht er einher und fordert die Kinder auf, ihren Weihnacbtswunftch 
aufzusagen. 

Hinsichtlich der geschilderten Nebenfiguren verdanke ich die^childerung eines 
ähnlichen (Gebrauches aus der Gegend von Marien bürg der freundlichen Mit- 
theilung des Hrn, IV. L<;gowski, NeuBtadt i. Pr. Dieser Gebrauch geht dort vor 
sich in der gatizen AdTentszeit, also vier Wochen vor Weihnachten, besonders aber 
in der ganzen letzten Woche zuvor. Ist die ganze Sache, wie wir ^ehen werden, 
religiös angelegt, so finden wir doch die auch beim Siebreiter figurirenden Neben- 
Staffagen auch hierbei wieder. Die einzelnen Darsteller werden dort Gwizdi ge- ■ 
nannt Es ist dies Wort eine sprachlich eigentbiimliche und locale Umbildung, 
Gwiazdka ist nämlich Weihnachten, nach dem Sterne (gwiazda), welcher die heiligen 
drei Konige zu Thristi Geburtsstiitte gefuhrt hatte. Die Gwizdi kommen! ist 
ihre allgemeine Ankündigung. Auf Abends hingestellten Tellern bekoromeo die 
Kinder Geschenke aufgelegt, namentlich aber Backwerk, Doch nur die artigen 
Kinder, welche daran wirklich gluuben^ und soweit sie beten und fürnehmlich das 
Vaterunser können. Andernfalls ist nichts oder eine Ruthe ihre ßescheerung. Auch 
die jungen Leute in nicht mehr kindlichem Älter müssen beten oder bekommen 
andernfalls Schläge; ebenso werden die jungen Mädchen dazu herTorgezogen^ wenn 
sie sich versteck ten. 

Nachdem ein halb geistliches Lied in polnischer Sprache im Hause gesungen 
ist, geht jenes Examen vor sich und oaclt diesem erst die Gaben vertheilung. Vor- 
her mag Seitens der Eltern den Gwizdi wohl gereicht werden, was diese dem 
F^tnzelnen zu geben haben. Jedoch bringen sie auch lauter Kleinigkeiten mit und 
nehmen davon noch mehr wieder mit sich* Dieses gegenseitige Beschenken ähnelt 
unserer deutschen ('hristbescheerung. Grosse Korbe bergen die zu vertheilendeo 
Gaben. 

Als Acteure treten alle die Thiere auf, welche nach der Legende das Cbrist- 
kindlein bedient hatten, der Gänserich, die Ziege, der Storch, der Ochs, der ihn 
erwärmte, vor Allem der Bär, der niemals fehlen darf und gefuhrt mit nach- 
geahmten Sprüngen tanzen muss, selbst die Wald- Vogelchen, welche besonders die 
so beliebten Zwerge (eine .^rt Käse) bringen. Unter nachgeahmten Naturlauten ■ 
halten sie ihren Einzug und agiren später ihrer Maske gemäss. AJie Thiere 
bringen Etwas und ganz besonders wird von ihnen darauf gehalten, dass die 
Kinder namentlich das Vaterunser beten können und dazu angehalten werden. 

Einen ähnlichen Gebrauch lernte ich auch hier in Hoch-Paleschken, Kr. 
Berent W. Pr., kennen« Er fallt auf den Weihnachts-Heiligabend. Agirende F^iguren 
sind die stossende Ziege, auch Storch, geleitet von einem dick aufgeputzten Manne 




(81) 

(aber Nichts von Stroh!) und begleitet voo dem mäon lieben Weibe (es mangelt 
hier ganz die Bezeichnung des Pracherns = Bettehs!), dessen Maske man wohl nur 
auswählte, um ihm den dem Weib*: mehr attributiven Korb zum allerdings auch 
nicht fehlenden Einsammeln von Liebesgaben in die Rand zu geben. Der Ziegen- 
back macht seine grotesken Sprijnge und beunruhigt nameatlich die sich im 
Kreiächen ijhende weibliche Besatzung des Hauses. Ist ein Klapperstorcb dabei, 
ßo gilt es hier als Glaube, das» dasjeDige Mädchen, welches er hat ia's Bein beissen 
können, im folgenden Jahre die nach bekannter Kinderbelehrung daraus entstehen- 
den Fülgeu zu kosten haben wird. Naturtoce fehlen ebenfalls nicht. Nach einer 
Weile folgen sie gern dem zarten Winke und ziehen gabenbeschwert, auch mit 
Geldstücken regalirt, in die Wohnungen der nächsten Häuser. Ich glaube, dass 
ein ähnliches Anftretcn in den benachbarten Gixt**rn nicht vorkommt; höchstens 
mag es in Bauerndörfern stattEnden, wo man sich mehr Gleich zu Gleich fühlt. 
Auch ziehen uoi diese Zeit Kinder mit dem Brummtopfe umher, sowie mit einer 
kleinen tragbaren Schaubude mit der betreffenden Darstellung aus der biblischen 
Geschichte und singen dabei ein geistliches oder im ersteren Falle das modern ge- 
flickte sog. Brummtopflied. Die Fastnacht dagegen ist, soweit ich hier in der 
Gegend umherspähte, mit gar keiner Vermummung verbunden. 

ßrammtupflied. 

Wir kommen aus aller Welt. 

Einen schönen (fut^n Abend ij^iebt uns Gott, 

Kine fröhliche Zeit, wer un^ den Brumm topf hat bereift. 

Wir wüoschen dem Herrn einoii gedecktem Tisch, 

Auf alle vier Eeken einen gebratenen Fisch, 

In tfer Mitt\ in der Milt* eine Kanne mit Wein, 

Dabei der Herr kann lustig sein. 

Wir wünschen dem jungen Herrn ein grüne« Kraut, 

Aufs »ndere Jahr i'ine hübsche Braut. 

Wir wünschen der Madame ne jjold'ne Kron\ 

Aufs andere Jahr einen jungen Sohn. 

Wir wünschen dem Fräulein ein i^obl'nes Paschnir, 

Aufs andere Jahr 'nen jungen Ofl'*zi*'r. 

Wir wünschen dem Stubenmädchen 'neu Besen in 'ne Hand, 

Damit sie kann fegen diö Stnbt'n enthtng. 

Wir wünschen der Köchin 'ne kupferne Kann', 

Aufs andere Jahr einen puckligeo Mann. 

H. Frischbier in seinen Preussischen Volksreimen und Volksspielen (B. 212 ff.) 
führt dies Lied noch weiter und verschiedenartiger aus, so dass ein Jeder der 
Hausbewohner seinen Wunsch bekommt. Hier aber wird es nicht weiter gesungen. 
Das Paschnir in meiner Version dürfte eine breite, metallene Gürtelspange sein, 
wie sie bei der früheren Kleidertrncht getragen wurde. 

2. Das Stepckespiel. 

Da ich in dieser Zeitschrift Jahrg. XIV, Sitz.-Ber. vom 2 L Januar 18S2, S* 12, 
von dem früher auch in bevorzugteren Kreisen recht häufig exercirten Kartenspiele 
zur gesellschaftlichen Unterhaltung, welches den Namen Stepcke führt, gesprochen 
und dessen Personification sammt seinem Instrumente dem Dorfschulzen, welcher 
mit seinena Schulzenstocke ebenfalls die Bauern ins Amt ruft, verglichen hatte, so 
möchte ich folgends an eine Schilderung dieses Spieles gehen, indem ich es bei 
friiherea Zeiten wenigstens unserer Provinz fiir etwas Volksthümliches anspreche 

V«rb*i]4L der BorL AuHiropoL Ge^eHBclittlt loü^. 




1 



(82) 

und auääerdem der Meinung bin, daas es bald genug gans TOn der Bildfläche yer- 
»ch winden wird. In den letzten dreissig Jahren habe ich'« selbst öur ein einziges 
Mftl gespielt« 

Durchaus müssen dabei figuriren der Herr AmtmÄnn (Carreau-Ass), die 
Klägerin, vulgo KlÜgersche (Pic^tie-Dame), der Büttel Stepcke (Trefle-Bube), 
der König ((loeur*Kooig) und einige Zäblkartett, je eine von der Zehn an abwärts, 
welche die Zeitstunden bedeuten. Um Auswahl zu haben, müssen allerwenigstens 
die Zehn und die Neun dabei sein. Die Zhhl der Älitspieleiiden ist also auf min- 
dehtenö secha zu bemessen, sowie andererseits höchstens auf dreizehn. Auf einen 
Jeden trifft eine Karte. Natiirlich ist das Geschlecht des Inhabers der Karte un- 
Abbungig von der Rolle. Angeben thut, nachdem abgehoben ist, erst Jemand aus 
diT GeBellschaft; dann geht'a der Reihe nach weiter, sowie auch die Vertbeilung 
der Karten der Reihe nach stattfindet. Aufgehoben und besehen wird die Karte 
nicht eher, als bis der Gebende aufgeklopft hat. Erst dann müssen die Besitzer 
der Kurten Amtmann, Klägerin und Stepcke dieselben aufdecken^ während die 
übiig*!n Karten vt?rdeükt wieder hingelegt werden, ohne dasä man ein oft versuchtes 
Hineinschielen gestattet. 

Der Stepcke empfängt einzig ein Attribut seiaer Würde. Es besteht das in 
einem stramm zusammengedrehten und an den Zipfeln verknoteten Taschentuche. 
Wir wollen es Plump^^ack nennen und dient er zur Bestrafung. Während im 
späteren Verlaufe des Spieles der alte Stepcke den neuen (möglicherweise wieder 
sich selbst!) in sein Amt einfuhrt, geschieht zu Anfang die Einweihung durch 
irgend einen Mitspieler. Der Akt selbst vollfulirt sich durch einen ersten Schlag 
mit dem Taschentuche auf den Tisch, durch einen zweiten auf die innere Hand- 
fläche des Wi'trdenträgers und dureh einen dritten wieder auf die TiBcbplatle. 
DurÜber wird auch eiu Protokoll aufgenommen oder Quittung geleistet, d» h* der- 
selbe Gang wird vom würdenbelehnteu Empfänger vorgenommeo. Alsdann erst 
waltet der Stepcke seines Amies. Es besteht dies aber zunächst darin, dass er 
beim Austheilen der Karten dafür sorgt, dass sich keine Hände oder Arme auf 
dem Tische ruhend blicken lassen (die betretende Redensart herrecht hier: „Rind- 
fleisch vom Tisch l'*) und dass, halb in Verbindung damit, die Karten nicht vor 
dem Aufklopfen des Austheilers angefasst und besehen werden^ was man mit Vor- 
liebe zu versuchen trachtet. Die Strafe erfolgt unbarmherzig, aber stets auf hand- 
b&fter That, daher man auch während dieser Zeit sich gern neue Uebergriffe er* 
laubt. Den Flumpsack darf Stepcke nicht vergessJich liegen, noch auch sich 
entreissen tasseü, weil er dann seiner Würde verlustig geht, und zwar ohne Will- 
kommen und Abschied. Anstrengungen genug werden dazu gemacht! In weiterer 
Eiecutive aber theilt er die diktirten Strafen aus. Noch bemerke ich hierzu^ dass 
proviijziell ein kleiner Gern gross oder ein kleines, stammiges Jungchen oder 
Kerlchen ebenfalls Stepcke genannt wird. 

Sobald also die Hauptrollen durch die vertheilten Karten f^tgestellt siod, 
spricht die Klagersche: «Herr Amtmann^ ich klage !^ 9iNa^ was ist denn los? 
was hat Sie denn nur wieder vorzubringen?*' *Ja, Einer Ihrer Bauern hat das 
und das gethan!*^ Es werden die widersprechendsten , unsinnigsten, feinfühligsten 
ADschuldiguogen vorgebracht, aber immer des Diebstahls. Gestobleo ist bald 
ein halbes Ei, bald das Hemd vom Leibe, bald das Schwarze unterm Nagel, bald 
die Gans von der Weide, bald dies, bald jenes, wie es Laune, Witz, Spott, An- 
spielung aufs Tapet bringen. Es replicirt der Amtmann: «Nun, meine Baueni 
halte ich einer solchen Dnthat für unfähig; wenn Sie aber meint, so gebe Sie dem 
Stepcke ein gntet Wort oder Trinkgeld, dass er mit Ihr Haussuchung halte!* Das 



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(83) 

geücbieht huü in Worten uud auch mit der für's Trinkgelcl ent&precbeüdl nachge- 
ahmten Handbeweguug, nachdem besonders Torher nocli die betreffende Stunde der 
That (eine beliebige von rkti vorhandenen) von der Kiägersclien ausgesagt wurde, 
gemeinhin von der Wechselrede des Amtmanns unterbrochen, ^dass um jene Zeit 
seine Bauern bereits zu schlafen pflegen!** Stepke geht alsö auf die Suche, klopft 
auf den Tisch, befiehlt; „Hauern in^s Amt!*^, worauf die Karten vorgeschoben werden, 
und klopft dann bei der Stelle an, welche ihm die Klägerin bezeichnete, die sich 
«UTor heimüch nach Möglichkeit zu informiren suchte. Ist nun die bezeichnete 
Stunde für den Kartenbesitzer getroffen, so erbalt er Strafe für den dadurch allein 
überwiesenen Diebstahlj wenn aber nicht, so wird die KJägerin zur Strafe gezogen 
wegen falscher Anschuldigung. Dreimal nur (daher mindestens drei Karten ausser 
den offenen Hauptrollen!) kann sich die Klägerin irren, stets mit Bestrafung; hat 
sie dann nicht das Uichtige getroffen, so wird zusammengeworfen. Die Bestimmung 
der Strafen liegt dem Herrn Amtmann ob, sowohl nach Quantitiit, als auch nach 
Qualität. Beides wird bei einer Dame möglichst klein bemessen. Eine Straf- 
befreiuDg ist unzulässig. Das Mindeste ist: „Eins aus Salz!** Damit koinraen wir 
auf die Qtialitat der Strafe. Ihre Ausmessuug ist nicht minder mit sonderbaren 
Namen belegt, w^ovon mir bekannt sind die folgends nach der Klinaax geordneten: 
aus Sah, aus Pfeffer, aus Pfeffer und Salz, aus Kordemum u. s, w. Die Steigerung 
ist also von scharfen, beissenden Ingredienzien unserer Küche hergenommen. Man 
könnte ihnen noch den Ingwer hinzusetzen und manche Zwischenstufen einrichten, 
wie Kresse, M errettig, Zwiebel, — Angelika, Wermnlh, — Kaddick, Brennessel u, s. w* 
Je nachdem wird schwächer oder stärker zugehauen. Dass aber der Stepke nur 
nicht vergibst, nachher und besonders vor Anfang der Procedur mit seinem Plump- 
sacke je einmal auf den Tisch zu klopfen! ünterliesse er das in seinem Eifer, 80 
zieht es unbarmherzig die ganze Rückgabe aller applicirten Hiebe nach sich! Dazu 
ist die mit gleichen For malitaten vollzogene Üebergabe des Plumpsackes an den 
Bestrafteii nolbwendig, naturlich stets unter Quittungsleistung. Das Abzeichen wird 
dann aber glcicherraassen zurückgegeben. Gemeinhin sucht der, welcher schon ein 
gutes Theil Schläge empßng, dass die HandMchen auf-^ oder roth anlaufen, der 
Wuchtigkeit fernerer Scblage dadurch zu entgeheD, dass er nur die Fingerspitzen, 
wo es aber noch mehr weh thut, darbietet oder die Hände vor dem drohenden 
Schlage plötzlich entzieht, was ihm aber nichts hilft, da jeder Schlag mindestens 
antippen musa. Immer aber kommt es, wie man sieht, auf Schläge und Hiebe 
(Kloppe, Wammse, Keile, Schmiere, wie die sonstigen Provinzialismen lauten) an 
und ist Stepke daher ein för zart besaitete Naturen äusserst waghalsiges Spiell 

Es bleibt noch zu betrachten die Rolle des Königs. Auch er legt gleich den 
Zäh l ka rten besitz er n seine Karte verkehrt auf den Tisch und wartet mit der ruhigsten 
Miene von der Welt die weitere Entwickelung der Dinge ab. Trifft nun die 
Klägersche bei der Diebssuche auf ihn, so bi'aucht er nach dem ersten Anklopfen 
des Stepke nicht sogleich seine Karte aufzudecken (es beisst: ^Se. Majestät schJäft!** 
— ,^immer noch!'*), so dass man sofort merkt, was los ist, sondern hat dies erst 
nach dem dritten Male nothig. Dann aber erfolgt wegen beleidigter Majestät eine 
gesteigerte Bestrafung der Klägerin, d. h. die Jagd wird bei ihr angestellt, Stepke 
schlägt ihr so lange auf die Hände, bis der Konig selbst, welchem also in diesem 
Falle der Befehl über den Amtmann hinweg zusteht, sagt, es sei genug I Stepke 
begleitet seine executivlschen Maassnahmen (auch jetzt nicht ohne Auftakt) in 
diesem Falle mit den wiederholten Worten; „Ich jage, jage, Hasen, Fuchse, Rehe, 
Hirsche u. s. w., grosse,' kleine, — brauoe, blaue, rotbe, grüne u, s, w, 1** Nachdem 
endlich das Genug! gesprochen, ist das Einzelspiel beendet, 

6* 




^ 



(84) 



Ich ersehe oachträglich aus H. Friscbbier's Preuss, Volksreime und Volks- 
spiele (Berlin^ I8G7), dass er dasselbe Spiel uoter dem Namen: „Herr Aintujuitn'* 
(8. 204) kurz beschrieben hat Ktwaige Abweichungen werde ich hier wiederholen. 
Der AmtDiann let Pique-König, Stepcke (sie!) ist Picjue-Buhe, Kläger (also inasculinum !) 
Carreau-Acbt. Es fehlt hier also die Kolle des Königs , wogegen er in Piquet-Ass 
den Dieb mehr bat. Die Wechsel reden sind nach ihm folgende. Hr. Amtmano, 
ich komme klagen. — üeber was denn? — üeber Ihre schelmischen Bauern. — 
Was haben sie denn getban? — Sie haben mir (meine Frau aus dern Bette) ge- 
stohleo. — Sollte das unter meinen ehrliclien Bauern sein? — Ich ho0e es! — 
Stepke, ruf die Bauern in's Amt. — Dann thut er es, mit dem Plumpsacke auf- 
schlagend. Hier werden dann die nach der Mitte des Tisches geschobenen Karten 
durch einander gemischt und wieder genommen, so dasa Einer Pique-As« (deo 
Dieb) erhält. Der Kläger hat das Recht, drei Karten aufzudecken. Findet er den 
Dieb^ so bleiben diesem, sonst aber jenem die Hiebe nicht aus. Auch die Gesell- 
schaft kann sie nach Fr, zudictiren. Ebenso bat Fr. für die geringste Stärke der 
Hiebe nach die Bestimmung: Aus dem Schmalz, Er verweist noch auf V<dkgreinie 
und Volkslieder in Au halt- Dessau^ gesammelt von Eduard Fied ler, (Dessau, 
1847), 80 dass daraus das Bekanotsein dieses Spieles auch im Änhaltischen 
folgert. 

Von Interesse erscheint mir dieses volksthömliche Spiel deshalb zu sein, weil 
die ZusammenstelJung der handelnden Personen sammt der Hauptperson Stepke, 
nach welchem es auch den Namen empfing, auf eine alte Volksanschanung hinzu- 
deuton scheint. Bei dem Grtindlicrrn war alle Macht und auch die Strafbestimmung, 
und so hat denn auch der Herr Amtmann des Spieles denselben feudalen Anstrich. 
Nächst ihm excellirt der Stepke mit seiner Executive, der stadtische Büttel oder 
ländliche Gutsdiener: ihm muss man ein gutes Wort oder Trinkgeld geben ^ damit 
er seine Pdicht thue; er wird in seine nach Zufall und auf Zeit bemessene Würde 
eingeführt; er ruft die Banern in's Amt und er vollzieht die Haussuchungen nach 
hergebrachter Weise und die Strafen mit einem Instruraeutj das zugleich Zeichen 
seiner Würde ist (Plumpsack = Schulzenstock). Als Strafe giebl's nur Schläge (keine 
Freiheitsstrafen) und das in Rede stehende Verbrechen, welches Jene leithtere und 
gewohnheitsmässig geübte Strafe nach sich zieht, ist das leichtere, kein Mord, 
sondern Diebstahb Nur um diese Personen in Bewegung zu setzen, wird die Kla* 
gerin, mit volksthünilichem Gefühle eine weibliche Person ^ geschafifen, und werden 
die Zeitstuuden personificirt. Der Könige der sich nicht sogleich zu zeigen braucht, 
dessen Beleidigung eine besondere und schwerere Strafe nach sich zieht, dem sogar 
über den Amtmann hinweg der Befehl und die Gnade zusteht, scheint aber eine 
neuere Figur zu sein. Frisch hier kennt ihn nicht. 

Die Verweisung nach dem Süden (Anhalt) mitsammt dem .\u3drucke der 
fjSchelmischen Biiuern^ bringt mich durauf, den Ursprung des Spieles vielleicht noch 
südlicher zu suchen, da ich mich erinnere, jenen Ausdruck recht h§u6g in den 
gewiss volksthümlicheu Dramen von Hans Sachs gelesen zu haben. 



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(19) Hr. ßehla berichtet unter Uebersendting Terschiedener Topfscherben über 
den Gehrener Opferheerd bei Luckau. 

Da Wagner in seinem Buche: ^Aegypten in Deutschland^ S. 52 erwähnt, da 
der Opferheerd bei Gehreu ') im Vergleich zu den anderen Hundwälleu der Uttt» 



1) Schuster: «Die altea HeidsnschaDzen Dentschlaiids* 8.96« Nr. 29. 




gegend manches abweichende darbietet, so hab€ fch im vorigen Herbst dieaeo Funkt 
Dfiber untersucht. 

Der G^breoer Opferheerd Hegt nicht, wie die anderen Rundwälle in unserem 
Bezirk, io sumpfigem, wiesigem Terrain, sondern auf der Spitze des sogenannten 
„grünen Berges*'. Letzterer, welcher circa 70 Fuss über die Oberfläche der Um- 
gebung an der Nonl-, Ost- und Westseite frei hervorragt, schliesst sich südlich an 
eine Erhöbung an, den Anfang eines in südlicher Richtung verlaufenden holzbestan- 
denen Bergzugea, der Gehrener Berge, bildend. Er ist au den Seiten und auf dem 
Gipfel nirgends mit Bäumen bewachsen; die Seiten sind mit Rasen bedeckt, daher 
der Name. In der Umgebung desselben Hegt eine Mt'Uge von Quellen. 

Die Ober0äche des grünen Berges bildet eine breite Flache '); der Durchmesser 
von Nord nach Süd betragt ungefähr 130 Schritt; im Allgemeinen ist dieselbe von 
viereckiger Gestalt. Das Ganze scheint früher vnn einem Walle umgeben gewesen 
zu sein; an der Südseite sind nocb grössere», küostlich errichtete Wullreste sichtbar. 
Das Innere, jetzt beackert, ist walirscbeiulich nach und nach planirt worden; in 
der Mitte jässt sich jetzt noch eine kleine Erhöhung erkennen. 

Die Ausgrabungen auf diesem Punkte hatten folgendes Resultat. Erst in ziera- 
1 ich er Tiefe sind prähistorische Gegenstände zu finden; dadurch wird die Ver- 
muthung bestätigt, dass der frühere Wallraud zur Ausgleichung des lonern ver- 
wendet worden ist fn circa 6 — 7 Fuss Tiefe traten Knochen von Kind, Schaf, etc, 
sowie Scherben zu Tage. Diese Gefässbrnchstücke, welche ich in grösserer Anzahl 
sammelte und von denen ich einige zur Ansicht einsende, weichen jedoch von den 
slavjschen und vorslaviscben Scherben unserer Gegend ab. Sie sind nämlich fester, 
härter gebrannt und klingend; die Masse, aus der sie bereitet sind, ist feiner; kleine 
concentrische Riefen an der herfläche deuten auf Herslei lung mittelst der Töpfer- 
scheibe. Verzierungen fehlen meist; einige Thonfragmente zeigten im der Aussen» 
Seite parallele, um den Bauch verlaufeude Furchen. Ganze Gefasse wurden oicbt 
ausgegraben. Henkel fehlten. Scherben mit dem Wellenornament oder sonstige, 
auf slavischen Ruiidwällen vorkommende Verzierungen wurden nicht bemerkt. Beim 
Betrachten der Scherben des Gehrener Opferheerda erinnerte ich mich der Be- 
schreibung Wagner 's; er sagt unter Anderem an der vorher citirten Stelle: 
^Sonderbar war es indessen, dass die hier vorgefundenen UrneDScherben an Festig- 
keit und Feinheit der Masse alle anderen in hiesiger Gegend weit übertreffen und 
darin, sowie auch zum Theil in der Verzierung, von den anderen abweichen')." 
Ohne Zweifel meint Wagner hier dieselben Gefassbruch stücke, wie die von mir 
zu Tage geförderten. — 

Die zwi:schen dem Centrum und dem Rande der Anlage ausgegrabenen Sclier- 
ben lagen gewöhnlich im Saude j von kohlehaltigen Schiebten war hier wenig oder 
nichts nachweisbar. Dagegen stiess ich beim Untersuchen der in der Mitte ge- 
legenen Erhöhung in circa 3 Fuss Tiefe auf sehr starke ausgedehnte Aschenschich- 
ten, welche Scherben der obenerwähnten Beschaffenheit, Knocbenstuckclien und eine 
grössere Steinlagerung in sich bergen. Das Ganze machte mir den Eindruck einer 
alten Heerdstelle. W^agner berichtet noch von grossen Steinen, die in der Nähe 
dieser centralen Erhöhung zu sehen waren ; davon ist jedoch jetzt nichts mehr vor- 
handen. — 



1) Die Gestalt derselben zu Wagner 's Zeiten veranschaulicht Taf. VI, Fig. 16 in seinem 
Werk: »Aegyi^ten in DeutschlaDd'. 

2) Mdnes Wissens ist dies die einzige Stelle, wo Wagner in seinen Schriften vnn 
einem Unterschied des Topfgerätba spricht. 



1 




(Üf) 



St€io- UQd Metall gegen staode fand ich bei meioeo ÄUBgmbu&gen üicht. Aucb 
sind mir derartige Fände von dem Orte Dicht bekannt geworden, 

Ob dieser Punkt als Opferstelle aufzufassen ist, muss Torläufi;^ dahiogestellt 
bleiben; wichtiger ist Tor der Hand die chronologische Stellung dieser Anlage. Die 
Lage und Gestalt derselben geben uds keinen Anhaltspunkt; doch durfte die Tor- 
her geschilderte Art des Topfgeraths den Schluss rechtfertigen, dass hier eine spät- 
sJavische Benutzung vorliegt. 

Die Sage geht, dass auf diesem Berge der Markgraf Gero ein Schloss gehabt 
haben und dass das Dorf Gehreu von ihm angelegt und nach ihm benannt sein 
solL Dies halte ich nicht für richtig. Von Trümmern oder Grundmauern habe 
i^ auf dem grünen Berge nirgends eine Spur entdecken k«3nnen; derartige Ruck- 
bleibsel hatten auf einem solchen hoher gelegenen Orte UDZweifelhaft sich erhalten 
müssen. Wahrscheinlich ist es wohl, dass der Name ^Gehren** xon dem wendischen 
^gora*^ (der Berg) herstammt. Wenden wohnten allerdings einst hier; ein Nachbar- 
dorf heisst Wendisch-Drehna Danach nun aber annehmeD zu wollen, dass das 
Dorf Gehren aus sl arischer Zeit herrühre, wäre ein falscher Schluss. 

Wie ich in meineu „ürnenfriedhÖfen*' *) näher ausgeführt babe^ ist in einem 
Lande, wo ein Wechsel der BcTÖlkerung statt hatte, wie z. B. in der Lausita, die 
Orts namenforsch ung nicht stickhaltig. Gehren bestand mit grÖsster Wahrscheinlich- 
keit schon zur germanischen Zeit^ denn in unmittelbarer Nähe des Dorfes liegt ein 
miiBgedehntes Urnenfeld. — 

Hr, Virchow bestätigt, dass die Torgelegten Scherben keine slawischen sind, 
auch nicht dem gewöhnlichen ^lausitzer^ Typus angehören; allem Anscheine nach 
müsse man sie einer spateren Zeit zurechnen. 



I 



(20) Hr. Ol shausen spricht 

über Zinngeräthe aus Gräbern und über den Belag der GrifTiunge eines Bronzeschwertea 

mit Blei weiss. 

Im Laufe der beiden letzten Sommer unternahm ich die Eröffnung einer An- 
zahl von Hügelgräbern auf der Insel Amrum an der scWeswigachen Westküste, 
Dieselben stammten aus der Bronzezeit, enthielten ausser Zinngegenstanden an Bei- 
gaben BroQzegeräthe, Goldschmuck ^ zum TheÜ auch Bernstein und einzelne Flint- 
Werkzeuge, niemals aber eiserne GerÄthe oder deren üeberreste, Fa^t immer waren 
unverbrannte Leichen in längliche Haufen loser Feldsteine gepackt^ oft auf HoU- 
unterläge; die meisten Hügel enthielten mehre derartige Begräbnisse zugleich, In 
den Steinmassen, bilu6g mit den Holzresten Termischt, lagen die Beigaben ohne 
besonderen Schutz; die Hohlräume zwischen den einzelnen Steinen waren grossten 
Theils durch hincingesickerten Sand ausgefiillt 

In t^ dieser Skeletgräber, die 3 verschiedenen Hügeln ao- 
fc gehorten, fand ich zinnerne Geräthe oder Tielmehr Theile 
derselben; ich bezeichne die Hügel als „Nr, 1 u. Nr. 2 auf 
Steenodde** und als ^Bagberg**; in einem Hügel Nr. 3 auf 
Steenodde stiess ich ferner auf ein Klümpchen Zinn ohne 
bestimmte erkennbare Form; endlich liefeilc Hügel 2 
in einem Grabe a gleicher Art, wie das obige, das ich b nenne, 
ein Object, das vielleicht nur scheinbar hierher gebort. 
Der Gegenstand aus Hügel ] ist das äusserste Ende einer zweischnei- 
digen Waffe, die Spitze eines Dolches oder das Ende einer Pfeilspitze, 8 mm 

1) Behlii, Die Urneiirriedli3fe S. 96, 97. 




Natürliche Grosse. 



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I 



I 




(87) 

]aug, ED der BriichsteUe 6^/2 '""* ^^^»^ ^^^ ^^ ^'?'' Mitte der Brurhiache 2 mm 
dick: sie wiegt 67 m^?. Keine Spur von metallischem Aeussern ist au ihr 
wahrnehmbar, sie bildet vielmehr eine bräunlich gelbe, leicht bruchige Masse; 
iD der That besteht sie jetzt ganz aus Zinn säure (Sn 0^), die an »ich weiss, hier 
aber durch die Berührung mit dem modern den Holz bräuulich gefärbt iat; man 
konnte glauben, es mit einem Produote der Kerao^ik oder auch mit einem aus 
Knochen gefertigten GegeostaDd zu thuu zu haben, letzteres natürlich nur so lange 
man nicht das Mikroskop zo Rathe zielit (Fig. 1). 

Grab b in Hügel 2 lieferte das Alittelstuck einee kleinen Spateis mit rund- 
lichem Stiel und flacher Klinge, im Ganzen 19 mm lang, wovon 9'/* auf den Stiel 
kommen j der 4^^ mm Durchmesser hat; die Klinge bat an der Bruchstelle 7^/g mm 
Breite bei 1^1^—2 mm Dicke. Das Gesaoiratgewicbt des Brncbstücks betrug wenig 
mehr ala 0,5 fj. Zwischen Stiel und Klinge befindet sich ein schmaler Wnlat mit 
schrägen Streifen, die von oben Hnks nach unten rechts laufen, wenn man den 
Stiel nach unten hält. An diesen Wulst setzt die Klinge mit 6'/^ mm Breite an; 
ihr Rücken ist mit Einkerhu^igen versehen, wie der Wulstj die von oben rechts 
nach unten links laufen (Fig* 2, o, b^ c). 

Die Farbe des Spatels ist schmutzig grau bis bräunlich, inneu weisslich; von 
Metall als solchem ist nichts mehr zu sehen, das Stück ist vielmehr wie 
das vorbin beschriebene vollständig zu Zinn säure oxydirt« 

Das Grab im Bagberg ergab eine gerade Nadel aus rundem Draht, deren 
beide Enden indess fehlten: sie ist so noch 95 mm lang ^nd 3 — BVs »T*m dick, 
weiss und vollständig in Zinn säure umgewandelt. 

Der Zinnklumpeu aus Hügel 3 auf Steenodde bildete eine ganz uoregel- 
mässig geformte Masse mit rauber OberÖache, angenähert 1 cm im Durchmesser, 
Die Farbe ist im allgemeinen daukelgraUj doch fanden sich auch grünliche und 
bränn liehe Stellen an ihm, aber so sehr zurücktretend an Intensität der Färbung 
und an Ausdehnung, dass sie nur zufälligen von aussen her gebrachten Vertin- 
reiniguogen zugeschriehen werden müssen. Einzelne Bruchstücke erschieueu innen 
hellgrau bis weisslich mit stark irisirenden Stellen; manch maj glaubt man wirkliches 
Metall vor sich zu haben, doch ist in Wahrheit wohl nicht der geringste Rest von 
Metali im unoxydirten Zustande in der Masse enthalten. 

Als fünften Gegenstand habe ich endlieh eine grau weisse flache Spirale, 
eine Spiralscheibe, aus Grab a des Hügels 2 zu nennen; sie ist so fein gearbeitet, 
dass sie ein selbständiges Objekt nicht darstelleu kann, vielmehr lediglich die Aus* 
füllmasse einer eingelegten Aiheit zu sein scheint, z. ß, eines bölzerneii Schwert- 
griffes oder dergleichen, Sie mag einen Durchmesser von ca, 1 cm gehabt haben, 
ihre Höbe ist 1 Ya ""^^ ^^^ Dicke der Mas&e an der stärksten äussern Windung 
}^/^mm, Sie besteht aus Zinnsäure; den Grund, weshalb ich sie trotzdem oben 
als vielleicht nicht hierliergeh5rig bezeichnete, werden wir später sehen. (S. 90,) 

In den betrefienden Gräbern wurden gefunden: neben der zweischneidigen 
Spitze des Hügels No. 1 3 goldene Ringe; mit dGm Spatel des Hügels 2 ein 
goldner Ring und ein kleines Thonbecherchen (Fig. 3), letzteres 
an demselben Rnde der Steinsetzung, wo der Spatel lag; die Spiral- 
ßcheibe ans einem gleichaltrigen Grab dee^aelben Berges fand sich 
zusammen mit einem goldneu King und einem Brouzeschwert; 
der Zinnklumpen aus Hügel 5 bildete den Theil einer mannigfaltigrn 
Ausstattung mit Bronzesach en, Berns teinstücken, einem Feuer- */>, 

zeug und einem goldnen Hinge, 

Diese 3 Hügel lagen einander benachbart auf ein und demselben Felde im 






I 



(88; 

SMoB der loset dicht oebeo dem LandungspUtz Steenodde, der ßtgberg dagegen, 
in wekhem ich die weisse Nadel uod uDoiittelbar Deb«n derselben als eiozige 
weitere Beigabe des betreffeadea Grabes eine broDzene Fibel der oordischoti 
Form fand, lag mehr nach Nordeo in der Mitte Amrums. 

Die chemische Analjse der Zionsacheo bot iosofero einige Schwierigkeit, 
mls eratiich selbatferst&odlich maglichst weoig Substanz geopfert werden sollte, dann 
aber aoch daa Aeussere derselben mich anfangs in ganz falscher Richtnng soeben 
Hess, Da ich zonächst an Knochen dachte, so prüfte ich die Dolch spitze und den 
Spatel, deren Masse in kochender Salzsäure löslich war, auf Phosphorsaure 
mittelst Moljbdänsauren Ammoniaks und erhielt in der That den für Phosphor- 
saure charakteristischen gelben Niederschlag; damit schien die Knocbeosubstanz 
unzweifelhaft nachgewiesen; allein die Menge der Phosphorsaure war sehr gering 
und es gelang nicht, Kalk aufzufinden. Ammoniak erzeugte id der sauren Losung 
eine gelatinöse, wie schmutzige Thonerde aussehende Füllung; das Filtrat hiervon 
war kalkirei. Der durch Ammoniak erzeugte Niederschlag war in Essigsäure nicht 
Tollst^dig löslich; in Salzsäure aufgenommen und mit essigsaurem Natron ver- 
setzt entstand er Ton neuem; dies Y erb alten Hess auf phospborsaure Thonerde, 
nicht auf Kalk schliessen. Um nun die Thonerde sicherer nachzuweisen, wurde 
die Ammoniak fall ung mit reinem Aetznatron zerlegt; braunes Eisen oxyd schied 
sich ab uod das Filtrat gab nach dem Ansäuern mit Salzsäure durch essigsaures 
Natron einen geringen, durch Ammoniak einen erheblich stärkeren weissen Nieder- 
adilag; es schien also thatsächlich Thonerde mit weniger Pbosphorsäure, als zur 
Bindung derselben erforderlich, vorzuliegen» Terunreinigt durch etwas Eisenoxyd. 

Da eine Substanz dieser Zusammensetzung als Material für Gerathe der Bronze- 
nit durchaus unrersiändlich war, so entscbloas ich mich, Ton dem Spatel ein 
grosseres Stück des Stieles zu opfern« um die Nator die^r beiden Gegenstände 
endgiltig festzustellen. 

100 mff der gepulverten Masse wurden auf einem Platinblech, das mit einem 
Ubrglase bedeckt, langsam erhitzt; es entwich Wasser und das Pulver färbte sich 
bei ganz schwacher Rothgluth gelbücli; der Gewichtsverlust betrug 23 m^. Die 
verbleibenden 77 mg sollten mit Salzsaure im Platin schäl chen gelöst werden, allein 
es zeigte sich^ dass die geglühte Masse nicht mehr vollständig auf- ^ 
genommen wurde^ die SalzsSure musste daher veijagt und der getrocknete ■ 
Rückstand mit kohlensaurem Kali-Natron aufgeschlossen werden. Denn wegen der 
weissen Ammoniak fältung (Thonerde?) vermutbete ich, ein Silicat unter Händen 
zu haben; der Versuch, Kieselsäure nach bekannter Methode abzuscheiden, ergab H 
jedoch ein negatives Resultat. Dagegen gab die saure Lösung der Alkalisch melze 
mit Sehwefelwassersioff eine starke Fällung von SchwefeUinn, die eine 8pur 
Kupfer enthielt. Das Filtrat hiervon nach dem Verjagen des Schwefelwasserstoffs 
mit einigen Tropfen Salpetersäure heisa oxydirt und dann mit Ammoniak versetzt, 
gab eine weissliche Fällung, die mit reinem Aetznatron in Eisenoxyd und Thon- 
erde zerlegt wurde. 

Im wesentlichen bestand also die Masse d^ Spatels aus Zinnsaure mit etwas 
Bis«DO(zyd» Thonerde, einer Spur Kupfer und ein wenig Phosphorsiore; die Zinn- 
säure scheint aber« soweit man aus dem Gewichtsverlust beim Glühen entnehmen 
kann, als Hydrat vorhanden gewesen zu sein. 

Die Dolch spitze, die sich im Ganzen chemisch wie der Spatel verhielt, hat 
also jedenfalls dieselbe Zusammensetzung gehabt, nur die Thonerde bleibt zweifel- 
haft und Kupfer wurde niclit beobachtet. Ich verwendete übrigens zu der Prüfung 
oichi einen TheU der Spitae selbst, sondern kleine Brochstuoke, die ihrer Form 




(89) 



und dem soDstigen Aussehen nach als yod den SclmeideD desselben Geräthes her- 
atammend zu betrachteo waren. 

Die Spirale aus Grab a des HQgels 2 zeigte insofern ein etwas anderes Ver- 
balten, wie die Dolch spitze und der Spatel, ab ihre Masse in Salzsäure und auch 
in Königswasser nicht vollständig loslich war. Man muss indess berück- 
sichtigen, dass Zinnsaure in ihren beiden ModiBcatiooeo Losungsmitteln sehr un- 
gleich widersteht, und wenn auch nicht einzusehen ist, warum hier 2 verschiedene 
Arten Zinnsäure entstanden sein sollten, so kommt doch noch in Betracht, dass der 
Conceotrationsgrad und die Temperatur der angewendeten Säure yon wesentlichem 
Eiofluss ist. Geringe Abweichungen des Versuchs mögen hier das verschiedeue 
Verhalten der Zinnsfiureobjecte bedingt haben» 

Wegen der mangelhaften U'islichkeit in Säuren wurde zur Prüfung ein Weg 
eingeschlagen, der unter allen Umstanden zum Resultat fuliren mussle, nämlich 
Schmelzen mit kohlensaurem Natron und Schwefel im PorzellantiegeJ; beim 
Lösen in Wasser hinterbÜeb dann eine Spur eines schwarzen Rückstandes; 
das alkalische Filtrat Hess mit Salzsäure versetzt Schwefelzinn fallen. Der 
schwarze, mit Schwefelwasserstoffwasser gewaschene Ruckstand mit dem Filter zu- 
sammen verasch t, durch Salpetersäure oxydirt und in Salzsäure gelost, gab die 
Eisen reactioneUj Kupfer wurde nicht gefunden, auf Blei nicht geprüft. 

Ein kleines Stiickchen der Spirale vor dem Lothrohr mit kohlensaurem Natron 
und Cjankalium geschmolzen lieferte ein dehnbares MetiUkorn, das in kochen- 
der Salzsäure unter (Wasserstoff-) Gas-Ent Wickelung losüch war, wodurch das Vor- 
handensein von Zinn Bestätigung findet. 

Die Analyse des Klumpchens aus Hügel 3 ergab Zinnaäure mit etwas 
Phosphorsäure und ein wenig Eisenoxyd, vielleicht auch eine Spur Kupfer oder Hlei. 

Die weisse Nadel aus dem Bagberg endlich enthielt neben Zinn säure etwas 
Kupfer und eine äufserst geringe Menge Phosphorsäure. 

Die chemische DetersucbuDg führte ich im Laboratorium der Königlichen Berg- 
akademie aus und sage meinem Freunde Hrn, Prof. Finken er meinen besten Dank 
für seine gefallige Unterstützung bei diesen, wegen der geringen Menge von Material 
etwas delicaten Arbeiten. 

Was nun die Nebenbestand theile anlangt, die sich ausser der Zinnsäure 
Torfanden, so bietet zunächst die PhosphorsEure nichts besonders auffallendes^ 
sie ist ja überall im Erdboden Torhanden upd in den Skeietgrabem speciell gaben 
die Gebeine reichlich Material; denn in den meisten Fällen sind dieselben voll- 
ständig oder bis auf äusserst geringe Spuren verschwunden, was wohl eine Folge 
der Durchlässigkeit des sandigen Bodens ist. Das eindringende atmosphärische 
Wasser mit seinem Kohlensäure- und Sauerstoffgehalt führte den phoRphorsauren 
Kalk hinweg und bewirkte zugleich die Oxydation des Zinns» Etwas Phosphorsäure 
wurde dann von der Zinnsäure zurück gehalten, da beide Substanzen sich bekannt- 
lich zu einer unlöslichen Verbindung vereinigen. 

Die Thonerde dürfte in gleicher Weise wie die Phosphojrsäure von aussen 
aufgenommen sein, nicht minder zum Tbetl das Eisen; dagegen verlangt der 
Kupfergeh alt noch eine eingehendere Erwägung. Man könnte versucht sein, in 
ihm den Beweis zu finden, da!?s man es hier überhaupt nicht mit ümwandjungs- 
producten von Zinn, sondern von Bronze zu thun bat. In der That verlieren 
sehr dünne ßronzestückchen beim Liegen in der Erde einen Theil ihres Kupfer* 
gehftlbea und sehen, weil durch und durch oxydirt, schmutzig weiss aus'). Aber 



1} Oater Umstinden scheint auch bei grösseren Stacken eine derartige vollständig« Um- 



(90) 

räcs TWila ttt dodi ^ B* der Sfaitd idio« xa dk^ ^ iUs6 
käiiiK^ «r limbe jede Spur tod GHtn0ubaiig einfcb^iM («id leicbtei' grüner Hmncb 
ist den <Kxxdirte« Broiueii ^sl imaner eig««X "»^ aiMlercfwsts lelirt der direete 
Ycrgkiek des ZiimkliiDpebeB» mit den daaeben gefnndeaio BramesaidkeD aus 
Hof ei 3, Miwie beaooders der Nadel mit der tamitteibcr dibei gdcgeseii FibuU 
aus dem Bagberg, da» kier dorcbai» tod ^ruberer Bronze nieht die Rede sein 
kmao. Die FiboU zeigt, obgleich sie zum Tbeil nicbt dicker isu ^^ die weisse 
Nsde], docb ToUig das gewobDliche grüce AeuMere oxydirter BronzeD, desgleichen 
b&beo die Broozegeräihe des Hügelä 3, selbst die kleiasteo, zum Tbetl sUrk ge* 
weisateo, nicht die mindeste Aeholiebkeit mit dem EJümpcfaen, dessen Gessmmt- 
eindrack trotz der einzeJaen an ihm haltenden grünlichen Partikelchen ganz und 
gsmicht der yod ßroDze i^t. Seine eigen th umliehe Farbe mag er zum Tb eil too 
den daneben gelegenen Bronzeetücken, besonders aber ron einem Schwefelkies- 
knolien angenommen haben, der, wie es scheint^ mit ihm in ein Stuck Zeug eio- 
gewickelt und welcher Yollstandig zersetz! wsr Sofern man also nicht annehmen 
will, dass auch der genoge Kupfergebalt den Zinnotjecten fon aussen zugeführt 
ist, bleibt nur übrig, die Verwendung schwach kopferhalügen Zinns Toraaszusetzeo. 
Geringe Mengen Kupfer finden sich ja sehr häufig in Zinn, so giebt E. t. Bibra: 
Die Bronzen und Kopferlegirungen der alten und ältesten Tölker. Erlangen 1869, 
Tabelle S. 150^51, Analysen von 7 modernen Zinngegenständen, die »jnmtlich 
Enpfer enthalten (bis zu J.2 p€t.). 

Etwas anders liegt die Sache bei der Spirale; sie ist so ausserordentlich 
dÜQD^ dass sie wohl ihr Kupfer Totlstandig Terloren haben kann; ich halte sie des- 
halb nicht für beweisend und tbeilte ihr schon oben eine Ausnahmestellung zu. 

Ich komme nun zunächst zu der Frage der früheren Verwendung der Zinn- 
sachen. Ueber die Nadel braoche ich kaum etwas zu sagen; es haftete jedoch an 
ihr eine Spur eines Gewebes^ so dass sie wohl eher als eine Gewand- wie als eine 
Haarnadel aufzufassen ist, obgleich der Geweberest auch Ton einer EinhüÜUDg der 
ganzen Leiche oder der Beigaben allein herrühren konnte. 

Das Zinnklümpchen mag too seinem Besitzer als Rarität aulbewahrt sein 
zugleich mit eiuer Anzahl kleiner, meist unbearbeiteter Bemsteinstuckchen und mit 
einigen Knollen^ die nichts anderes als Terkieste Ammonitenkammern oder Seeigel 
gewesen zu sein scheinen, jetzt aber völlig in Braun eisen umgewandelt sind. 

In Bezug auf die zweischneidige Waffe, sei es Dolch oder Pfeilspitze, 
kilnnte man allerdings fragen» was für einen Zweck dieselbe gehabt habeo möge, 
da sie doch zu praktischem Gebrauch nicht geeignet; in dieser Beziehung erlaube 
ich mir iodess, an Schliemann^s silbernen Dolch uad goldene Pfeilspitze zu er- 
innern, die er beide als Prunk- oder Ceremonial- Waffen auffasst (Ilios S. 556/57). 
Auch die BerDsteinnachbilduogen tod Aexten Terdienen hier erwähut zu werden. 
Siehe ferner nuten die Pfeilspitze in Perugia. Von einem zinnernen Schwerte aller- 
dings nur vergleichsweise und ge wisser maassen dessen TJnbrauchbarkeit hervor* 
bebend, spricht P. Aelius Aristides^ ein griechischer Rhetor des 2. Jahrhunderts 
n. Chr., 11, 40G (editio Dindorf vol. 11, S. 553). 



Wandlung in eine )^ae, bruchige Mi s»e Torzugehen; so berichtet t. Cohaosen über Statuen- 
Bruchstücke^ gefunden auf der Saslburg bei Homburp, die ohne Patin*, grau, und aach im 
Bnirh aschf»rMg, fast erdig waren; er erklärt diese Vcränderong dnrch den Bletgehalt. Die 
Analyse durch Fresenius und Souch&j ergab nämlich: Kupfer 70^13; Zinn 8,57: Blei 
20»6%; Zink 0,013; Eisen 0,086; Kickel 0,211 = 99,899. — Annalen des Verein» f. Nassauische 
Alterthumskande n. OeschkbtäforscbuDg, Bd. XII (1873)« a2%/2a 



I 



I 
1 



(91) 



D<jr Ziiiuspulel, welcher ia der Nabe des TbotibecUers lag, mag wobl auch 
wirklich dazu gehört haboD; man hat es hier vielleicht mit einem Saibentopfcben 
zu thun und dem nothigeti Werkzeuge, die Salbe herauszunehinen; doch bin ich 
anderen DeutußgeQ gerue zugänglich. 

Es ist im höchsten Grade bedaueriich, dass von den interessanten Objecten nur 
verbältnissmiissig kleine Stucke erhalten siod; ich habe nicht den mindesten Zweifel, 
dass die Geräthe zur Zeit ihrer Niederlegung vollständig vorhanden waren, wenn 
auch möglicherweise zerbrochen. Jedenfalls habe ich bei der Aliriiwmung der Stein- 
setzungen die anderen Theiie uberseheD, wofür ich als Entschuldigung die wenig 
hervorstechende Farbe und die grosse ßrüchigkeit der Gegenstände anführen kann, 
sowie die Schwierigkeit, ans dem Haufen loser, ganz un regelmässig gettulteter, mit 
Sund untermischter Handsteine zarte Objecte Qberhaypt unversehrt zu Tage zu 
fördern. Spatel, Spinde und Dolcbspitze erhielt ich ausserdeni bei den allerersten, 
von mir jemals veranstalteten Ausgrabungen, bei denen es mir an Hebung fehlte. 

Nachdem ich im Vorhergehpnden das Thatsächbche über meine Ziunfunde mit- 
getheilt habe, erübrigt noch ein Rückblick auf den gegenwärtigen Stand unserer 
Eenntoiss derartiger Sachen überhaupt* 

Ich bemerke jedoch von vornherein, dass die hier zn gebende Zusammen- 
stellung nicht Anspruch auf VoUständigkeit macht; die prähistorische Literatur ist 
so zerstreut und mir so schwer zugänglich und von Museen habe ich noch so wenig 
gesehen, dass sehr wohl erhebliche Lücken mir mögen nachgewiesen werden können. 
Was ich an Daten hier zusammengebracht, verdanke ich grossen Theib der GiJte 
von Fachgeiiosseu, welche sich zu diesem Behufe zum Theil erheblicher Mühe- 
waltung unterzogen haben; FräuL J. Mestorf und den Hrn. (Teh. Rath Virchow, 
Dr. 0. Tischler in Königsberg, Th, Blell auf Tüngen und C. Knorrn in Stettin 
bin ich zu besonderem Danke verpflichtet 

Ich werde nun in der folgenden Aufzählung alterer Zinnsachen zunächst die 
Gräberfunde von den anderen trennen» weil sie sich meinen eigenen Beobach- 
tungen am nächsten anschliessen. Es sind deren äusserst wenige, aber auch die 
Funde anderer Art stehen, wenn man von denen aus den Pfahlbauten absieht^ noch 
ziemlich vereinzelt da, besonders was selbständige Geräthe anlangt. 

John Lubbock sagte noch 1874 in: Die vorgesclncbtüche Zeit, Theil 1, S, 4, 
dass bis jetzt keine zinnernen Gerätlischaften und Waffen gofnnden seien, während, 
wie er S. 55, Anm, 2, hervorhebt, Zinn wohl zu Schmucksachen verwendet ward. 

Schliemann führt in seiner llios kein einziges Zinnobject ao, schliesst viel- 
mehr aus dem Umstände, dass in der ersten und zweiten Stadt in Hissarlik nur 
reine Kupfer-, nicht Bronze- Sachen vorkommen, dass Zinn überhaupt den Ein- 
wohnern gänziich unbekannt war (S* ''IB2). Im Bieler See wurden jedoch bei Finelz 
ziemlich viele Kupfeimesser und -Dolche neben unlegirtem Zinn gefunden (s. unten)* 
das Vorkommen von Kupfergerathen schliesst also die Bekanntschaft mit dem Zinn 
nicht aus. 

E, V. Bibrar Bronzen und Kupferlegirungen, giebt keine Analjse und keinen 
Bericht über irgend einen alten Zinngegenstand iind schliesst sich S. 16 WibeTs 
Ansicht an, dass in Nord- und Mittel-Europa metallisches Zinn erst nach der 
Bronze bekannt geworden; er sogt ferner (S, 161, Note), dass er für gewiss halt, 
man habe in der ersten Zeit der Bronzedarstellung die Legirungen nicht aus den 
regulinischen Metallen hergestellt. 

Auch E. Reyer: Aligemeine Geschichte des Zinns (Oesterreichische Zeitschrift 
für Berg- und Hütten-Wesen, Jahrgang 28, 1880, S. 500) halt es mit Wibel für 
wahrscheinlich^ dass man kiesige Kupfererz<? mit Zinngranpen gemengt verschmolz, 



F. Wibel selbst führt allerdioga in seiner^ Kulfcur der BroDzezeit Nord- und 
Mittel-EuropaSj Kiel 1865, einige Ziniifünde aus Cktrnwall, Hallstatt und deü Schwei- 
zer Seen an, die später mit aufgeführt werdeo sölleo, schreibt aber den meisteo 
derselben kein hohes Alter zu. 



Grab erfände* 

Dänemark 

lieferte in seiner älteren Bronzezeit in den Bautnsärgen Julian ria und Schleswigs 
die iDtereöBanteii Holzgeffisse, an welchen Muster durch eingesch lagen e kleine 
Zinnstifte gebildet sind, ferner eine Art Doppel knöpf und einige Kliimpchen 
Zinn, nämlich: 

L Aus dem Kongshöi, Gemarkucg Haydrup, Vamdrup Sogo, Anst Herred 
Amt Ribe^ Jütland, eine Holzschale; dabei soll noch ein Zinnklurapen ge- 
funden sein; Ä. P. Madsen: Afbildninger af D^nske Olclsager og Mindesmärker, 
ßroncealderen II (Samlede Fund), Taf. 7, Fig. Dl und Seite 15, 

2, Von Fl) n der Sogn, Skodborg Herred, Amt Ringkjöbing, Jütland, Frag- 
mente eines solchen Oefäases, Aarboger for Nordisk Oldkjndigbed og Historie, 
1866, Tillaeg, S. 4—6, Fig. ^, b. 

3, Ans dem DragshÖi bei Hoirup, Schleswigs SO. von Ribe, eine Holzschale 
mit Zinn stiften garnirt und einen kleinen Zinn klumpen; Worsaae: Om Sleavigs 
eller Sönderjyllands Oldtidsminder, K<^penhagen 1865, S. 31, Anni. und Fig* ö, S. .^3; 
fluch Bericht 20 der Schlesw.-Holst.-Lauenb. Ges. för die Sammlung und Erhaltung 
Taterl. AlteHhumer, Kiel 1861, S, 26. 

4, Aus demTreenhnir Havdruper Gemarkung, Ynmdrup Sogo, Anst Herred, 
Amt Ribe, Jutland, eine Art Doppel knöpf, eigentlich ein kurzes, rundes Pflock - 
chen nach den Enden hin leicht anschwellend, daher in der Mitte etwas dünner; 
Madsen nennt es einen kleinen massiven Gegenstand von ungewisser Bestimmung, 
spricht aber an anderer Stelle von zintiprnon Doppel knnpfen aus den ßaumsärgen, 
wobei er wohl das hier erwähnte Stück im Auge hat* O.Tischler in Königsberg 
bezeichnet es bestimmt ais einen Doppelknopf, verwandt in der Form den mit 
Gold belegten Bronzedoppelknopfen der alleren Bronzezeit und den ßernstein- 
doppeJ knöpfen der ostlichen Steinzeit (briefliche Mittheilung). Hr, E. Krause vom 
hiesigen Königl. elhnoK Museum macht mich auf die Aehnlichkeit mit gewissen 
Ohrpflockeu aufmerksam, die allerdings, soweit sich aus der Abbildung bei M ad - 
sen erkennen lässt, schlagend ist, Madsen: BronceaJderen H, S. 1) u. Taf. HI, 4. 

GroBsbritannien 
hat einen einzigen Gräberfund aufzuweisen. John Evans: The ancient Bronze 
Implements, Weapoos and Ornaments of Great Britain and Ireiand, London 1881, 
citirt S» 394 aus Hoare: Ancient Wilts, vol. 1, p. 103, eine gekerbte Zin nperle, 
wie eine Anzahl an einander gereihter Ferien aussehend, die mit einer Kupfer- oder 
Bronze-Nadel und einigen conischen Knöpfen von Knochen oder Elfenbein in einem 
Hügel mit Leichenbrand zu Sutton Verney Down niedergelegt war; Hoare sagt 
dazu: ,^e3 ist der einzige Gegenstand aus diesem Metall, den wir jemals in einem 
Hügel fanden.*^ 

In Oesterreich 
wurde Zinn in mehreren Grabern zu Hall statt angetroffen, nämlich nach E. 
Y. Sacken: das Grabfeld von Hallstatt in Oberosterreich und dessen Alterthümcr, 
Wien 1868, S, 74, 91 und 119: 

L 4 einfache Ringe von %-=l Zoll Durchmesser, aus rundem, 7, Linie 



J 



I 





^ 



(93) 

dickem Zloodraht, an der Brust eines in aussergewobn lieber Richtung, d, b, mit 
dem Gesicht gegen Weaten gekehrten Skelettes; eioige der Ringe waren mit 
weissem Oxjrd überzogen, was ▼. Sacken einem Bleigebalt zuschreibt; die 
Analyse v. Fellenbergs ergab nämlich 94,76 pCl, Zinn, 4,10 Blei, 0,49 Eisen = 
99,35 pCt 

2, Spiralringe aus Zinn, vrie Taf. XVJI, 10; v. Sacken beschreibt sie so; 
sptralartig mehrmals mit gleichem Durchtnesser gewunden, dann zuruckgebogen, 
worauf die WindaDg tu entgegengesetztem Sinne fortgeführt ist. Hr, Dr. 0- Tisch- 
ler giebt mir über diese höchst charakteristische Form folgendes an: „der Ring biegt 
nach einer halben Windung um, bildet so eine Oehse und setzt dann seine Wla* 
dangea ia entgegengesetzter Richtung fort; ich nenne Ringe mit solcher Bück- 
biegung Oehsenringe^ den hier speciell beschriebenen ^mit einer mittleren 
Oehse**; chronologisch sind dieselben wichtig, sie treten wabrend der mittleren und 
jüngeren nordischen Bronzezeit und während der Hallstätter Periode anf, in Italien 
in den oberitalienischen Necropolen,^ In der Form ganz ähnliche bronzene Fioger- 
apiraten aus Ost- und Westpreussen erwähnt i. Undaet; Das erste Auftreten des 
Eiaeoa in Nord-Euri*pa, Hamburg 1882, S 119 und Taf XIII, 16. — Auch die Spiral- 
ringe sind durch Oxydation zum Theil mit einer weisslicheu Kruste überzogen. 

3. Die Fassung eines Schleifsteins (Taf. XIX, 26), ein kurzes Heft aus 
reinem Zinn, mattgrau, aber ohne alle Patina, am Ende beider&eirs hornartig 
ausgebogen, 1*/^ Zoll kng, und mit einem Loche behufs des Aufljängens versehen. 

Es mag übrigens hier daran erinnert werden, dass Hallstatt für dortige Gegend 
die frühe Eisenseit repräsentirt 

Aus Mahren tou einem Gräberfeld bei Selowitz erwähnt Karl Wein hold 
la ^Die heidnische Todtenbeslaltung in Deutschland** Ohrringe Ton Bronze und 
Zinn (?}, die mit mancherlei Eisenstücken etc. dort Torkommeo; Sitzungsberichte 
d. phil-hist Classe d. Kais. Akad. d. Wissensch., Wien 1859, Bd. 30, Heft 2, S 191. 

In der Original mittheilung, Sitzungsber. pro 185^, Bd 12, S. 4S0/81, beisst es: 
^Ohrringe aus Blei oder Zinn, die zu einer aschgrauen Masse geworden, die wie 
halb gebrannter Topferthon sehr leicht bricht*; dies passt allerdings gut auf die 
völlig oijdirten Zinnsachen. Das Grabfetd enthielt 2 oder 3 Graber lagen über- 
einander; wie es scheint, fanden sich die Ohrringe (von 1—2 Zoll Durchmesser 
and 2 — 3 Linien Dicke) in allen 3 Schichten; als Beigaben sind ausserdem er- 
wähnt: Glasperlen In die Bronzezeit reicht wokl keins der Gräber hinauf. 

Aus der Schweiz 

werden Ton Hermann Genthe in seiner Schrill: üeber den etruskischen Tausch- 
handel nach dem Norden, Frankfurt a. lA* 1874, 3 Gräberfunde erwähnt, nämlich: 

a) S. 48, Bronzenadein von Murzelen (Canton Bern) mit dreitheiligen Bern- 
steinknopfen. an denen zinnerne Platten und Stifte eingelegt sind, aus einem 
Frauenskeletgrabe der Eisenzeit; citirt nach; G. de Bonstetten: Recueil d^anti^ 
quites Suisses (1855), S. 30, und Taf, VI, U, wo der betreffende Grabhügel der 
Helvetisch -Römischen Periode zugetheik wird; Bonstetten erwähnt übrigen« 
die Zinneinlagen nicht. 

b) Aebniiche Nadeln wurden gefunden in einem Hügel bei TrüUikon (Can- 
ton Zarich), 

c) S. 131, an einer Haarnadel von Sitten im Wallis aus einem Steinkisten* 
grabe mit Skelet ist der Knopf mit Stiften eines oxydirten Metalles verziert, 
das Genthe für ZTnn hält; daneben fanden sich offene Hals- und Arm-fiinge and 
andere Beigaben, sämmtlicb ans Bronze. 




(94) 



Der Kaukasus 

lieferte Hru. Ernest Chuatre in LyoD einige Gegeostatide aus ireüB i P, morschem 
(friable) Metall, das dieser Forscher in Folge einer gefälligen MitthciJung des Fräul. 
Mestorf ober meine Beobachtungen in Bezug auf Zinoobjecte ebenfalls als Zinn 
erkannte. Uie Sat-ben stammen von Koban am Fusse des Kasbek, also von dem- 
selben Graberfelde, das Hr. Geh, Ratb Vircbow kurz nach ihm untersuchte, und 
welches des letzteren Beobachtungen zu Folge Begräbnisse der späten Bronie- oder 
der frühen Eisen^Zeit enthält (Zeitschr, für Ethnol. XIII, Verb. 1881, S. 418; XIV, 
Verb. 1882, S. llü); es sind Knöpfe und eine Art kleiner Rädchen oder durch- 
brochener Scheiben aus Zinn. 

Nach Ansicht besonders der französischen Forscher kam das in Aegypten schon 
zur Zeit der vierten Dynastie (3600 v. Chr.) zu Bronzen verwendete Zinn aus dem 
Kaukasus; siebe F, Lenormant, Die Anfange der Kultur 1, S. 97 E {Jena 1875); 
Du freue: Etüde sur Fhistoire de la production et du commerce de r^tain, p. 22 
und 34 (Paris 1881); Germain Bapst: rorfevrerie d'ctain dans Tandquite, in der 
Revue archeologique vot XIJII (Paris 1882), K. E. von Baer dagegen bestreitet das 
Vorkommen von Zinn in Georgien und Armenien . Zinnmineo und alte einheimi- 
sche Zinnwaareniodustrie finden sieb aber nach ihm in der persischen Landschaft 
Chorasäö, also in verbalt nissmassig grosser Nabe des Kaukasus ^ auch der bergige 
Theil des Gebietes der Teke-Turkmenen liefert Zinn (Archiv f. Anthrop, IX, 1876), 
S. 264 /*>5; K, E, v. Baer in der Abhandlung : Von wo das Zinn zu den ganz alten 
Bronzen gekommen sein mag?). 

Damit scbliesst die Reihe der mir bekannt gewordenen älteren Gräberfunde 
von Zinn; vom Kaukasus und dem zweifelhaften Selo witzer Falle abgesehen j sind 
es nur 11, nämlich 3 aus Jutland, 1 aus Schleswig, 1 aus England, 3 aus Hallstatt 
UDd 3 um der Schweiz; für Hallstatt sind hierbei allerdings die Spiralringe sub - 
als ein F"uud aufgefasst, während sie sieb vielleicht auf mehrere Gräber vertheilen. 
Im VerbältnisH zur uageb euren Menge aller Orten untersuchter Gräber Ist diese 
Zahl verschwindend klein und da Zinn in Funden anderer Art entschieden häufiger 
vorkommt, so muss man sich doch fragen, ob dieses Metall wohl wirklich in Grä- 
ber so überaus selten niedergelegt sein mag, oder ob es nicht vielmehr bei den 
Ausgrabungen zu wenig beachtet wurde. Es ist wohl nicht blosser Zufall, dass ich 
auf einem so eng begrenzten Gebiete, wie die Insel Amrum, und bei nur 16 ge- 
öffneten Griibcrn in Form von Steinpackungen, die sich auf 9 Hugel vertbeilten, 
nicht weniger wie 4 Mal (in 4 verschiedenen Bergen) Zinn angetroffen habe und 
darunter A Mal als selbständtges Geräth; ich glaube vielmehr, dass die Anwendung 
des Zinnes überhaupt und die Verwendung von Zinnobjecten zu Beigaben eine viel 
allgemeinere gewesen ist, als die obige Aufstellung^ schliessen lässt, dass sich aber 
diese Dinge bei den Ausgrabungen der Aufmerksamkeit entzogen, weil sie ihr me- 
tallisches Aeussere verloren haben, die entstandene Zinosäure geringen Zusammen- 
bang zeigt und die Objecte also leicht zerstört werden. 

Dass die Vergänglichkeit des Zinnes die Ursache seiner Seltenheit in alten 
Funden sei, haben schon andere Forscher ausgesprochen; Schtiemann sagt Ilios 
S. 684, dass die in Novum llium gefundenen Gemmen immer ohne Ring (Fassung) 
angetroffen werden und erklärt dies dadurch, dass sie in Zinn gefasst gewesen, ^wel- 
ches Metall verseh windet, ohne eine Spur zurückzulassen.** Dies ist natürlich voai 
Standpunkte des Chemikers aus nicht richtig, da das Zinn vielmehr in die aulös- 
licbe Zinnsäure i'ibergeht» aber praktisch genommen ist das Re^ltat dasselbe; denn 
wenn wirklich die Fassung der Gemmen aus Zinn bestand, so koimte dieselbe nach 
ihrer voUstänfligen Oxydation unmöglich als solche erhalten bleiben, sondern musste 
zerbröckeln und verloren geben* 



I 
I 



^ 



(BS) 

Auch Bapst schreibt a, a, 0, p. 23G/37 das Fehlen der Ziunsachen, selbst aus 
griechischer und römischer Zeitj in den Museen der gleichen Ursache zu, da doch 
eine ZionwaareniDdustrie z» B. in Italien nachweislich bestanden habe (Spiegel-Fa- 
brikation u. s. w.). 

Im Anscbluss an die älteren Gräberfunde will ich aus späterer Zeit anführen; 

a) 10 Schläfe Dringe aus 3 slavischen Gräbern von Slahoszewo bei MogUno 
10 Pösenj W. Schwartz, Verbands der Berf, Ges, f, Anthrop. etc. 1878, S. 276; 
1879, S. 378; Tiedemann ibid. 18S1, S. 358/59; siehe auch Schwartz: Materialien 
zu einer prahlst Kartographie d. Prov. Posen, Nachtrag T, S, 10; II, S. 13; IV, S* 5. 
Geb. Rath Virchow publicirte eine Analyse Salkowski's, wonach ein solcher 
Ring bestand aus G9 Tbl. Blei und 31 Zinn (Verb. 1878, S. 276/77); Tiederaann 
spricht desshalb auch mit Recht nur von bleiernen Ringen oder solchen aus Blei- 
tDischuDg, nicht von zinnernen. 

b) einen zinnernen Teller mit Eisenreif im Rand aus einem fränkiscbeii Grabe 
bei Wiesbaden; Wiesbadener Museum Nr. 1*^38 nach gef. Mittheilung des Hrn. 
V* Cohausen. I>u& Metall ist suhon stark oxydirt, in Folge dessen leicht aerreib- 
licb, grau und mit weisser Kruste überzogeo; es enthält etwas Blei 

Ziniij da» nicht aas Oräberu btatnmt. 

Die grössere Zahl der alten Zinnsachen rührt nun, wie bereits bemerkt, nicht 
aus Gräbern her, sondern gehört theils Äloor- und Giesserei-Funden an, hauptsäch- 
lich aber den schweizer Pfahlbauten; von einigen wenigen habe ich bisher die Fuod- 
umstände nicht ermitteln können» 

Moorfunde giebt es aus Schweden, Däßemark» Irlami und Pommern jo einen; 
Giessereifunde kenne ich aus Schottland und Siebenbürgen ebenfalls je einen* 

In der Schweiz lieferte vornebmiich der Neuenburger See eine ganze Anzahl 
Produkte einer höchst eigentbümlichen Industrie, nämlich mit Stanniol belegte 
ThoDwaaren^ die in an sonst nur noch in den benachbarten Bieler und Mur teuer 
Seen, im Genfer See und im Lac du Bourget in Savoyen angetroffen bat. Aber 
auch andere Zinnartikel sind in den Pfahlbauten gehoben, besonders kleine Schmuck- 
sachen. 

Was mir sonst an Zinngegenstäuden bekannt gewordeu, vertheilt sich auf Däne- 
mark, England, Irland, Ostpreussen, (Böhmen), Italien. 

Ich werde in der folgendem Aufzählung, wie oben, nach Ländern vorgehen und 
mit dem Norden beginnen, 

Schweden, 
Liingbro, Sodermanland ; Ein lerbrochener 510 (^ schwerer Ring aus Zinn, 
neben 7 Habriugen mit wechselnder Torsion, 4 doppelten Spindringen mit Endöhse, 
3 Hohlcelten und anderen Bronaen 1,5 w* tief im Moor gefunden, der jiingeren 
Bronzezeit oder dem Ende derselben angehtirig. 

Die Analyse ergab nach Mittheiiung von Frl. Mestorf: 96 Zinn, 4 Blei - lOO, 
0. Montelius: Antiqu. Sui^doises; description Nr. 144. Stockholm 1>573— 75, 

Dänemark*), 

Baarsc, Amt Praesto, auf Seetand: Spjralring von eigenthümticher Biegung, 

auB einem Moor, Kopenhagener Museum No. 3725. Hr. Dr, O. Tischler, dem 

ich diese Mittheiiung Tierdanke, schreibt mir darüber: er ist nahe verwandt mit den 

Spiralringen aus Hallstatt (mit einer mittleren Oehse) und so herzu siel Jen, dass maq 



1 



1) Siehe Nachtrag« 



(96) 

eine» DraLt ao eiüem Emle umbiegt, bo dass 2 ungleiche Scheukel entstehen, den 
Doppeldrabt Bpiralig iiufwickelt, so dass die Of^bse au der ümbiegungdsteÜe den Ao- 
fang Litdet, und nach 7« WinduDgen des Doppeldrahtes den einfachen Draht noch 
4 Windungen machen läast. Diese Spiralringe mit Endohse sind meist im ganzen 
Verlauf aus Doppeldrabt gebildet etc., wie z. B. die goldenen bei Worsaae, Nordiske 
Oldaager, Kopenhagen 1859, No. 246 und 250, 

Die beiden Formen der Ringe mit Mittel- und Endöbse scheinen gleichzeitig 
aufzütretea^ aus Bronze fanden sie sich zusammen mit obigem Zinnringe von Liing- 
bro in Schweden (Montelius, Fig- 243.). 

Siehe: 0, Tischler; Beitrage zur Kenntniss der Steinzeit in Ostpreussen und 
den angrenzenden Gebieten, Königsberg 1882, S. (18); Separatabdr. aus den Schrifteo 
der phye, ocon. Ges., Jahrg. 23, S. M. Vergleiche ijbrigens auch M. Mucb: Baugen 
und Ringe (Mittheilungen der Anthropologe Gesellschaft in Wien, Bd. \\ S, 89); 
Much hält ^Iche Spiralen für Geldringe. 

Ruthsker Sogn auf Bornholm: Im Kopenhagener Museum befindet sich unter 
Nn B 564, wie Frl, iMestorf mir mittheilt, ein importirtes Schwert aus Ita- 
lien, bei welchem die Füllung des Griffes von Zinn oder Blei zu sein scheint; ab- 
gebildet bei Sophus Müller: die nordische Bronzezeit und deren Periodentheilung, 
Jena 1878, S, 16, Fig. 13, Siehe aucb Äntiqvarisk Tidskrift f»>r Sverige, Stockholm, 
Bd. Ilf, S. 208, 

Ich nehme ao, dass es nicht aus einem Grabe stammt, da MuUer S. 17 sagt: 
von den fremden und eingeführten Schwertern ist nur eines nachweislich in einem 
Hijgel gefunden; Alle übrigen in Alooren oder unter einem Stein. 

Schottland. 

Äclitertyre, Morajshire: 4 Zinnfragmente, wie es scheint, eines Barren Ton 
15^4 <^i Länge, etwa 85 g Gewicht, mit ovalem Querschnitt und etwas gebogen, 
bestehend aus 78,66 Zinn, 21,34 Blei, schmelzbar bei 185** C. Die Stucke wurden 
mit verschiedenen Bronzesachen (Schaftcelten, Lanzen, Armbandern) zusammen ge- 
funden und gehören zu dem Vorrath eines Giesser^. Es ist zweifelhaft, ob man 
es hier mit ^Loth** zu thun hat oder nur nait unreinem Zinn; alle in Schottland 
gefundenen Bronzeinstrumentc enthalten Blei in verschiedener Menge. — Dies ist 
der einzige Zinnfund aus dem Vorrath eines Bronzegiessers in Grossbritannien^ 
von dem Evans weiss, während Kupfer häufig vorkommt. 

John Evans: Bronze -Iroplements, p, 425, citirt nach Froc. Soc. Antiq, Scotl. 
voL IX., p. 435. 

Bogland. 

Gornwall, Falmouth: im Hufen aufgefischt ein grosaer Barren ^ fast 72% 
schwer, 89 am lang, 28 breit und 7,6 dick. Seine eigeotlmmliche Form, die mit 
den Angaben des Diodorua Siculus: bibliotheca historica üb, V, cap. 22 iiberein- 
etimmen soll^ berechtigt, ihn ala alt anzusehen; Evans L c. p. 426, Fig. 514, citirt 
nach dem Archaeological Journal vol. XVI, pag. 39, 

Andere in Cornwall gefundene Barren hält Evans in Bezug auf ihr Alter nicht 
für sicher genug. 

Wibel: Cultur der Bronzezelt, S. 42 erwähnt noch 3 Funde aus Cornwall; 
einer deriäelbeu mt jedenfalls ziemlich jungen Datums und Qber die beiden anderen 
herrscht Ungewissheit; Evans erwähnt dieselben gar nicht in seinen „Brouze-lm* 
plemeots^; ich will indessen hier die Einzelheiten geben. 



pr 




Der erste Fund betrifft 2 Schalen, obeo 4*/.^, Zoll und iiTiten 2^j^ weit, aus 
Xinn von V30 ^^^1 Stiirke, die eine luitj die andere ohne Henkel; letztere an der 
Innenseite des Bodens mit einer römischen Widmung versehen; und ferner einen 
zinnernen Krug mit Henkel; alles 3 wurde zusammen mit anderen Dingen in dem 
Brunnen einer romischen befestigten Ansiedlung zu Bossen s, 8t, Erth, nord- 
»^stlich von St. Michaels Mouat gefunden; William Borlase in Philo?^ophical Trans- 
actioQS für 1759 (London 1760) voL 51, P, 1, p, 13 und 15, PL I., 1, 2; sowie 
p. \S und Fig. 3. Siehe aach Daniel Wilson: The archaeology and prehistoric 
annals of Scotland, Edinburgh 1H51, p. 197. 

Ich will hier nur darauf aufmerksam raachen, dass englische Ziangefässe mit 
ronftischen Inschriften mehrfach bekannt sind, so von Southwark, London; Ickliug- 
toD, Snffolk; fiambridgeshire; siehe Emil Hühner: Corpus inecriptionum latiuarum 
voL VJI (1873), No. 1270 u. 71. 

Der zweite Fund ist ein Zinnbecher eigenthumlicher Form, gefunden 171>3 
beim Suchen nach Zinn in einem Seifenwerk Hallivick; Archaeologia, London 1812, 
vol. XVI, p. 137 und Tat IX. Sichere Anhaltspunkte für das Alter dieses Bechers 
fehlen wohl; D. Wilson: Archaeology of Scotland, p. 197 hält ihn für alt, da er 
mit einem Broniering, der offenbar britische einheimische Arbeit, zusammen ge- 
funden sei; dies ist jedoch ein Irrtlium, da der Bronzering (Archaeologia, p. 137, 
TaL X.) im Jahre 1802 im Seifenwerk Trenoweth aufgelesen wurde. Wilson be- 
merkt übrigens au dieser Stelle: It seems surprising that relics formed of the most 
abundant native metal« tiu^ should not be fouud in the tumuli. 

Der dritte bei Wihel erwähnte Fand: eine Art Barren oder Gussfladen 
(,a rüde smelted block of tin^, wie es im Ofticial descriptive catalogue, International 
Exhibition, London 1851, voL L, p. 165 heisst) aus alten verlaesenen Zinngruben 
voQ Ladock bei Trum, Cornwall, wird zwar (Reports by the Juries, Class I, Mining 
inetallurgical Operations etc.j p. 12) als verniuthlich von den Phöniciern herrührend 
bezeichnet, doch fehlen bestimmte Angahen, welche wahrscheinlich machen, dasg 
jene Gruben aus vorcbristHcher oder vorromischer Zeit stammeu und seitdem un- 
benutzt geblieben; nach E. Hey er (a. a. 0. 8, 500) war früher, selbst bis ums Jahr 
1200 n* Chr, Devonshire der Hauptproductionsplatz in England und Com wall gewann 
erst später die Oberhand. 

Devonshire: Die berühmte Kent höhle bei Torquay lieferte nach Baer- 
Hellwald: Der vorgeschichtliche Mensch, 2. Aufl., Leipzig 1^80, S, 367, Zinn- 
gusssachen neben Kupferschmuck und Kupferfladen. Dieses Vorkommen würde 
»ehr interessant sein, allein in den officiellen: Reports of the committee for explo- 
ring Kents cavern (aus den Reports of the meetings of tbe British Association for 
the advaneement of science, for 1865 — 1880, London), findet sich nichts darüber, 
auch in den Cavern Researches von J. Mc. Enery, edited by E, Vi vi an, London 
1859, ist dieser Fund nicht erwähnt und ebensowenig von R* A. C, Austen in 
seinen Mittheilungen über Kents Hole (Transactions oF the Geological Society of 
London, second series, voL VI, 1842. p. 444 (46). Die Angabe entstammt daher 
wohl einer minder zuverlässigen Quelle und das Vorkommen von Zinn in der Höhle 
kann einstweilen nicht als sicher festgestellt gelten. 

Lincolnshire: Zlnnlothung an einer gehämmerten Bronzetrompete viel- 
leicht aus der Zeit kurz vor der römischen Invasion Englands, gefunden Im Flusse 
Witbara; Evans 1, c. p. 363; Philosoph. Transact, London 1796, p. 398, Fl XI, 1; 
John M. Kcmble: Horae feralea, p. 171, T&f. XÜI, 2, London 1863, 

VerÜtQdl. der B«rl. AntLrupoL Ge»<)llS4:h»ri USi. 7 



») 



J. W. Mall et keuDt ausser zweieo der tod Wibel aDgefübrleii noch folgeo- 
deD Fuod tod EDgland: 

£b ehester, Co. Durham: eine bedeotende QuaDtität gescbmoUeDeo Metalls, 
das mad anfangs für Silber hielt, das aber sich spater als „pewter** erwies; wie es 
scbeiot, lag das Metall uoter einem geoiauerten FuDdament \n einer romisctien 
NiederlasöUDg; J. W. Mallen Äccouot of a cbemical examinatioD of the celtic auti- 
quities in the collection of the Royal Irish Acadenay, Dublin 1852, (Göttioger [o- 
aiigural- Dissertation), p. 32; citirt nach den Philos. Transact für 1702 und 1703, 
London 1704. vol. XXIII, p. 1130. 

Fewter ist ein durch Zusatz geringer Mengen anderer Metalle gehärtetes Zinn, 
eine Zinnlegirung mit Blei und ein wenig Kupfer, Antimon oder Wismuth und 
yielleicbt auch Zink, 

2 Barren aus „pewter** oder Zinn vom Jahre 382 n. Chr mit romischen 
Stempeln sind »«geführt im Corpus inscriptionum latioarum VII, Nr, 1221; dereine 
ist 7 Zoll laug und 4 breit und wiegt 44 Unzen, der andere ist SYs Zoll lang und 
4V? breit und wiegt 11 0^/4 Unzen. 

Ueber angeblich verzinnte Bronzccelte siehe Evans a. a. 0, p, 55 — 57 j Evans 
hält die Anschauung nicht für richtig. 

Dagegen erwähnt er p. 426 und 445, dass die alten Briten in Kent und Um- 
gegend (um die Zeit vor Christi Geburt, d. b. schon in der Eisenzeit) Zinnüaünjsen 
in hölzernen Formen gössen. Näheres hierüber siebe: J. Evans; The coins of the 
aucieut ßritous, London 1864, p. 123--126. Auch gallische Münzen aus demselbea 
Material sind in Euglaud gefunden. 

Zinngeld soll Dionysioa der Aeltere (etwa 400 v, Chr.) die Syracusaner genothigt 
haben, statt Silber anzunehmen; Poilux: Ouomasticon, 79. Ob wohl jemals der- 
artige MGozeu gefunden und analysirt sein mögen? 

In China war Geld aus Zinn lange vor der christlicben Zeitrechnuog ebenfalls 
gebräueblich; Bapst a, a. 0. p. 226, Note 4. 



I 



Irland. 

Aus einem Sumpf bei Cullen, Tipperary^ ein Bronzesch wert, in \velche& 
ein Stück „pewter** eingelegt war^ das wiederum Kupfer (Bronze ?}-Streifen als Ein- 
lagen enthielt« 

Evans, Bronze Imp* S. 296 nach der Archaeologia voL III, p, 365 (London 1786). 

Den Kern eines Ringes, der nach Mallets Analyse aus reinem Zinn be- 
steht, führt F. Wibel; Cultur der Bronzezeit^ Tabelle 5, auf; ob das Stuck aus 
der Bronzezeit stammt, lasst er traglicb, Mallet setzt es aber in dieselbe Zeit, wie 
die iibrigen älteren ßronzesachen des Museums der Royal Irish Acaderoy, Dublin; 
fiber die Fundumstaude wird iadess nichts mitgetbeilt Der Zinoring war die Aus- 
füllung eines hohlen Bronzeringes von 4'/» Zoll Durchmesser uud \i^ Zoll Dicke; 
er war zum Tbeil mit einer Schiebt Zinnsäure bedeckt. — Evans erwähnt den 
Gegenstand nicht, 

Mallet a. a. 0. p, 32 und 33. 

Pommern 

lieferte den einzigen Gegenstand von Bedeutung aus Deutsch land. Im Stettinef" 
Museum beinden sich 3 Stücke eines ^Barreo^ uus reinem Zinn, im Ganzen 15 cm 
lang, 4 mm breit, mit gestreiftem Ornament (Jouruabummer 1703); dieselben 
lagen in einem Moore bei Ziegenberg bei Colberg zusammen mit kleinen Bronze- 





I 

I 



ringen und 2 Armsplrajen au« Doppeldrabt mit einer Eodöbse, die anderen Enden 

verschlungen, nebst 2 Bernstein perlen an der einen Spirale. (Jahresbericht 44 der 
Gesellscbßft für Pommericbe Geschichte und Alterthutnskunde, L II, Januar 1882, 

^S. 106, laO, und Fig. 2 der Hthog, Tafel.) 

Der Name ^ Barren*^, für so kleine Stäbchen an sich wenig geeignet, passt für 

[diesen ornanaentirten garnicht, Dr. O. Tiscbler in Königsberg halt die Stücke 
für Theile eines ringartigen Schmuckes; das Ornament besteht nach ibxn aus Strich- 
reiben, die in Intervallen, ihre Richtung wechijeln, eine Ornameutatioo, die in der 
jiingereu Bronzezeit Yorkommt, wie bei den Halsringen mit wechselnder TorsioD 
(Briefliche Mittheilung). 

Vergleiche das ornamentirte Armband aus dem Lac du Bourget^ Savoyen, und 
den Ring aus dem Murtener See. 

I Ostpreussen 

besitzt in der Sammlung des Hrn. Th, ßlell auf Tiingen bei Wormditt einen 
Gegenstand aus der Bronzezeit mit Zinnlöthung. Daselbst beendet sich ferner 
das Obertbeil eines pokalartigen zinnernen Gefässes mit Deckel, aus- 
gegraben in Workellen, dem Hr. Blell, weil es fast ganz oxydirt ist ein hohes 
Alter zuschreibt. Ob dasselbe in einem Grabe gelegen, ist nicht ermittelt; der Form 
Dach mochte ich das Stück nicht sebr weit zurückdatiren, die starke Oxydation 
kann auf grosser Dnrchliisäigkeit des Erdreiches oder dergleichen beruhen; das 
Original selbst habe ich übrigens nicht gesehen. 

Die im Wiesbadener Museum befindlichen 3 oder 4 Löffel aus Zinn (einer 
vielleicht aus Blei)^ Nr. 6874/7, und 8 aus Weissmetail sind wohl römische; 
fiber die Fundumstaode ist nichts bekannt. Weissmetall dieser Art von einer auf 
der Saalbürg bei Bomhurg gefundenen armbrustformigen Gewandnadel ist von 
Fresenius und Souchay analyeirt und besteht aus 75,71 Kupfer, (>,97 Zinn, 
16,41 Blei, 0J4 Zink, 0,17 Eisen = 100; Nassauische Annalen XII, 1873, 323; 
vergleiche unten bei Böhmen; diese weisse Bronze bewahrt nach Hrn. v. Co- 
hausen häufig im Gegensatz zu gewöhnlicher Bronze sehr schön eine blanke Ober* 
flache; sie findet sich öfters unter den Gewandnadeln der späten Römer- und 
Frankenzeit, i^owie unter den Schnallen und Gürtel beschlagen der letzteren. 



Böhmen. 



I, ..„.........__,.,. 

tischen Münzen aus Potin, d. h. etner Art Weisi^nietaü aus Zinn und Blei mit 

(etwas) Kupfer, geboren der Zeit der la Teoe-Culturj etwa um Christi Geburt, an. 

Potin, eigentlich TopfroetalJ, scheint eine etwas schwankende Bedeutung zu 

■^ben; wurde es überall mit Weissmetalj identisch sein, so konnte es wohl sehr 
▼erscbiedene Legirungen bezeichnen, z, B, ein Hartmetall aus Kupfer und Zink mit 
einem Zusatz von Blei oder Zinn; oder Zbk mit etwas Zinn und wenig Kupfer, 
oder Zinn mit etwas Antimon und wenig Kupfer; oder Zinn und Blei mit Antimon. 
Die Numismatiker scheinen indes« im Altgemeinen unter Potinmünzen solche zu 
verstehen aus minderwerthigem, verfälschteiD Silber, ohne Rücksicht auf die 
anderweitigen BestandtheiJe, und zwar vorzugsweise die ägyptischen Kaieermünzen 
aus Alexandrien von Auguetu« bis Diocletian. 

■ Ingvald Undset: Das erste Auftreten des Eisens in Nord-Europa^ S. 48 (Harn* 
bürg 1882). W. Osborne: Mittbeiluogen der Anthropol. Gesellsch. in Wien, Bd. X, 
S. 241 und Taf. I, 5. 

7* 




(100) 



Siebenbürgen, 

Bei Hammersdorf faodeD sich in einer uoit Lebm ausgeschlagenen )cesBe]- 
lutigen Vertiefung auf einem Acker über 8 Ceotner Bronze und Kupfer zum Tbeil 
verarbeitet, aber über 6 Centner davon an Bronze nnd Rohkupfer als Gussfladen 
lind Barren j letztere von $ — 9 Zoll Durchmesser und höchstens 1 — 2 Zoll Dicke 
(Depot eines MetallarbeiterB). Neben diesem Metall fand sich eine kleinere 
Menge reinen Zinns, in kleinen Stückchen, ursprÜD glich wohl sogenanntes Körner- 
zinn, wie es auch jetzt noch in besonderer Reinheit im Haudel vorkommt; die 
Stückchen waren in der Erde tbeilweise 2ii&animen gebacken. Ausgerdem enthielt 
der Schatz zwei Stücke unbekannter Bestimnaung ebenfalls aus reinem 
Zino, deren eines in Hermannstadt, das andere im Pester National in useum auf- 
bewahrt wird. Das Berraannstädter ist ein auf der einen Seite ganz Qacher, auf 
der anderen an den Händern abge^tchriigter Stab von 2 Zoll 4 Linien Länge und 
8 Linien Breite mit etwas hervortretenden ebenfalls sirh abschräge ndrn Armen an 
beiden Seiten, im Gewicht von etwa 2 Loth; ähnlich ist dos Pester Stück; sie 
haben durch Oxydation gelitten. Der Fund gehört der ungarischen Bronze- 
zeit an. 

Ludwig Reisse nherger: Der neneste archäologische Fund bei Hammersdorf; 
Archiv des Vereins für aiebenbürgische Landeskunde. Neue Folge X, Heft 1, 
1872, S. 25, 27, 28 und Taf. iV, 22. 

Im Pester Museunj befindet sich ein cylin drischer Bt^hälter aus Zina; 
näheres über die Herkunft des«elt>en weiss man nicht anzugeben, halt ihn aber für 
römisch; derselbe diente vielleicht zur Aufbewahrung von ArÄueistoffen: 

K. B. Bofmann: Zur Geschichte des Zinkes bei den Alten, Leipzig, S. 37 
(Separatabdruck a« d, Berg- und Hitttenmännischen Zeitung, Jahrgang 41, Nr. 46 bis 
51), und Privatroitthf^ilung. 

Die Schweiz. 

Die schweizerischen Pfahlbauten lieferten die grösste Anzahl von Zinnfnnden 
aus der Bronzezeit Papierdünne Zinn streifen und Fäden sind auf dunkle, schwach 
gebrannte Thongefas>.e gelegt und fest angedrückt: der helle Zinnbelag gab dann 
zura Tbeil recht geschmackvolle Muster, die sich auf der schwärzlichen Thoomasse 
schön abhoben^ jetzt mag übrigens das Zinn selbst wohl auch gedunkelt sein^ 
wenigstens spricht ßapst a. u. 0> p. 229 von einem fragment de poterie lacuetre 
sur lequel les lanies d'etain noircies par le terops fönt une decoration grecque 
des plus pures sur la pause du vase. — F. Keller schreibt diese Art Geschirr 
einer „spateren Periode", also wohl dem Ende der Bronzezeit zu. 

Man fand in den Pfahlbauten ausserdem eine Reihe kleiner Zinn Stäbchen, 
die verniuthlich zur Anfertigunjir des in der ebeu geschilderten Industrie verwende- 
ten Stanniols und zu anderen Zinnwaaren dienen sollten, nicht zur Brouzebereittiog. 
Endlich wurden auch verschiedene andere Gegenstände, besonders Schm tick such en 
in l'orm kleiner Ringe und Radchen, gehoben, und nach einer Mittheilung des Orn, 
öudset (durch gefällige Vermittelung des Frävil. Mestorf) sind bei den häutig 
vorkommenden zusammeugesetzten Bronzearmbandern, deren verschiedene Ringe 
dtirch einen Stift zusammengehalten werdeu, diese Stifte an den Bnden faat 
immer aus Zinn. 

Neuen burger See: 

L Hauterive: Eine Vogelfigur aus dunklem Thon mit Zinnstreifen belegt, 
wohl ein Spielzeug. 

Anzeiger für Schweizerische Alterthum«kunde 1881, Heft 2, S. 134, Tat X, 5. 



I 




Ti 



2, Auvernier: 2 flache, vierspeichige, duruh ein Quer baod mit einaader ver- 
bundene Rad c Leo niit ZickzacklinieD um beiderseitig abgeflachten Reif, sowie eine 
21 an lange dünne Hfiar- oder Gewand-Nadel mit grOBsem Zinnküopf. 

Anzeiger 1881, Heft 2, S. 135, Taf. X, 4 und 2; siehe auch V. Gross: Deux 
statioDB Jacusties, Moerigen et Auvernier, Netiveviile 1878, Taf. YIL 

Ein vierspe ichiges Zinnrad mit orüamentirtem Reif, und eine Gewand- 
nadel mit Ziaovprzieruog am sehr grossen Kopf; Mittheilungen der antiquarischen 
Geseüschaft in Zürich XX, Abtheiluug I, Heft 3 (Ferdinand Keller Pfablbau- 
bericht 8, 1879, Taf, VI, 12 und Taf. Vlü, 12). 

Hierher gehört ferner eine im Jahre 188t? von Hrn, Dr, Gross an Hrn. Geh, 
Rath Virchow gesandte durchlöcherte Leiste oder Platte, die nach einer 
Analyse des Hrn. Salkowski aus bleihaltigem Zinn besteht; Yerbandl. d, Berl. 
Gesellscb, f. Anthrop. 1882. S. 388. 

3, Cortaillod: Ein schön erhaltener schwarzer Teller mit Muster in Zinn- 
folie und Fragmente von 4 Tellern; 

Züricher Mittheilungen XIV, Heft G, S. 174, Taf. Xllf, 1—5. (Bericht 5, 
1863, S. 46). 

Ferner eine prachtvolle verzierte Schale; Mittheilungen XV, Heft 7» S. 308, 
Tat XVI, L (Beriebt 6, 1866). 

Endlich ein kleiner offener Zinn ring, an dem mehrere dünne, etwas grossere 
Bronzeringe, hingen, nach E. Desor: Anzeiger 1870, Heft 4, S. 187/89, ein sog. 
^porte-monoaie lacustre", bei dem der Sammelring aus dem gescbmeidigen Zinn her- 
gestellt; siehe jedoch H. Genthe: Etruskischer Tauschhandel, Frankfurt 1874, S. 117. 

4, Estavayer; a) eine Art Deckel aus Thou mit Oebr mit Zionhelag; b) der 
Hals einer Vase aussen uiad innen mit Zinn belegt; c) eine prismatische gehämmerte 
Stange völlig reinen Zinna, I8S mm läDg, bis zu 5 mm dick, im Gewicht von 15 g* 

Züricher Mittheilungen Xill, Abtheilung II, Heft 3, S, ^3 u. 104, Tafel V, 40 
und VII, 32 (Kell er *8 Bericht 3, 1860), 

d) ein offener Zinn ring, an dem mehre Broozeringe hingen; 
Zürcher Mittheilungen XIX, Heft B, Taf. XVI, 9 (Bericht 7, 1876), 

e) eine Zinnstange., prismatisch^ 5 Zoll lang, wie es scheint nur einige MÜli- 
tneter dick. 

Mittbeilongen XIV, Heft 6, S. 175, Taf. XIV, L (Bericht 5 1863, S. 47). 

f) eine Stange, 4 Zoll lang, */a Unze schwer mit angenShert 10 pCt. Anti- 
mon Gehalt und Spuren von Blei und Kupfer. 

Prüderie Troyon: Habitations lacustres etc., Lausanne 1860, p. 152; die Ana- 
lyse ist von Prof. Bischoff in Lausanne; die Legirung würde in die Kategorie der 
S. 99 bei den Böhmischen Potinmünzen aufgeführten HartmetaüuiischungeD gehören. 

Für die im vorstehenden aufgeführten Zinnstäbchen aus den Pfahlbauten findet 
man oft den Ausdruck „Barren* angewendet; schon Keller hat auf das On passende 
dieser Bezeichnung hingewiesen, Anzeiger etc. 1881, S. 134. 

5, Corcelettes: a) achtspeichige Räder aus Zinn, 

Victor Gross: Station de Corceluttet*j epoque du brooze, Neuveville 1882, p. 8 
und Taf. IV, 12. 

b) ein Thonbecher (?) mit 5 Reihen paralleler dunner Zinnfaden, deren 
Richtung von Reihe zu Reihe wechselt; die Fäden sind mit braun gelbem 
Birkenbarz aufgeklebt. 

Ibid. p. 10 und Taf. I, 3. 

c) ein anderes Thongefäss mit Zinnfaden, 
Ibid. p. 10 und Taf. HI, 6. 



(102) 

6. Pfahlbau La Tene bei Marin: Gegossene gallische Potinmünzen wie die 
Tom Hradischt bei Stradonic in Böhmen. 

(Keller» Pfahlbaubericht 6, 1866, S. 302 und Taf. XV, 35-37). Auch Baer- 
Hellwald: Der Torgeschichtliche Mensch, 2. Aufl, 1880, S. 593. £. Desor: Die 
Pfahlbauten des Neuenburger Sees, Frankfurt 1866, S. 116/117 (und Fig. 90) spricht 
nur Ton Bronie münzen, scheint aber diese Potinmünzen zu meinen. 

An diesen der Eisenzeit angehörigen PCahlbau schliesst sich 

7. einer aus derselben Zeit, zwischen Cudrefin und Port Alban gelegen, 
in welchem das yerzinnte Mundblech eines eisernen Dolches gefunden wurde. 

Zürcher MittheUungen XIV, Heft 1, S. 28, Taf. III, 7 (Bericht 4, 1861). 

8. E. Desor erwähnt (Materiaux p. Thist de Thomme, Ann. 6, p. 535, PI. XX, 
1) ein fünfspeichiges Zinnrad von 37 tum Durchmesser, mit doppeltem Reif, aus 
dem Neuenburger See, aber ohne nähere Angabe des Fundortes. 

Im Bieler See fanden V. Gross und ▼. Fellenberg bei Finelz einen Zinn- 
block und mit Zinn belegte Topfwaare. Dieses Vorkommen ist um so inter- 
essanter, als Finelz eine Kupferstation ist, indem 15 Artefacte ans reinem Kupfer 
daselbst gehoben wurden. 

Corresp.-Blatt d. Deutschen Ges. für Anthrop. etc. 1882, S. 100. 

Im Murtener See: 

Montellier: ein sehr elegant mit Zinnstreifen belegtes Thongefäss. 

Zürcher Mittheilungen XV, Heft 7, S. 268, Taf. IV, 3 (Bericht 6, 1866). 

Femer: das Randstück einer Urne mit Reifen Yon Zinn, 

das Bruchstück eines Ringes aussen mit Gruppen gerader Linien Ter- 
ziert» deren Richtung wechselt; dieser Ring erinnert an den Stet- 
tiner cS. 98 und 99). 
ein offener Handgelenkring aus Zinn; ibid. S. 270, Tat V, 5, 8, 9. 

Von der Westseite des Sees, zwischen Schwab 's Stationen Ko. 10 (Bronze) 
und No. 11 (romisch): ein Teller Ton Bronze mit Spuren Ton Verzinnung, 
ähnlich denen, die in gallo-römisehen Ansiedlungen gefunden werden; 

Mittheilungen XIV, Heft 6, S. 177, Taf. XV, 7. (Bericht 5, 1S63, S. 49). 

Genfer See: 

Ouchv bei Lausanne: ein Zinnstäbchen, 15 omi lang. 2^^ breit und 1 ami 
dick; graulich angelaufen; nach der Analyse t. Fellenberg's fast reines Zinn. 

Mittheilungen der naturforscheuden Gesellschaft in Bern aus dem Jahre 1863, 
S, 140; L.R. T. Fellenberg: .\nalvseu antiker Bronzen, siebente Fortsetzung, Nr. 154. 

F. Wibel^ der diesen Gt^ustand in seiner Tabelle V auffuhrt, lässt die Zeit, 
aus welciier der Fund stemmt, zweifelhaft 

Genf: ein kleiner Ring (anneau apiate) mit ein£ieher Verziening; 

Zürcher Mittheilungen XIX, Heft S, Tal XXIV, 8 (Ber. 7, 1876}, 

In Bezug auf die mit Stanniol belegten Gefas$e der Schweizer Pfahlbauten hebt 
F. Keller in dem Artikel: Zinn in Pfahlbauten (Anzeiger für schweizerische AI- 
t^rthum^unde ISSK S. 1S4^ als auffallend herrv^r. das« man keinerlei Bindungs- 
mittel entdecken kann und da$s die Zinnstreifen, die auf den noch weichen Thon 
eingeiitÄckt wunüen« tiv>tz de$ mehr als zweitausendjahrigen Aufenthaltes im See- 
scbiamme« jetzt noch innig haften^). Er sieht in diesser Belegung mit Zinnfolie den 
mttthmaas«ltchen E^srinn wirklicher Verzinnung, die Plinius (Lib, ^, Gap. 48) 
al$ gallische Rx€ndung bezeiclinet. 

V Sieiie jk^kvh (v>Wn S. lOV Oro$$: CvK«4ett«« K laci A Perria malen b« SaTOjen b 
umi c: WKk (Vm^Imc N^^hskcbliKe« di^ lWI««i:k«a|r ier Zi&Bsstmlen mittitte Hari. — Inter- 



(103) 



Reyer sagt I, c. S. 500 und 501 vom ZIdd, daes das reine Metall nur Ver- 



ndnng fand 



Verzi 



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I 



des Kopferf», zur Darstellung yon Gefassen und tnit- 
aoter als Münzroetall; er meint allerdiogs wohl nur bei deo Völkern des Mittel- 
meeres, aber dass auch diese schön frühzeitig Stanniol gekannt haben, scheint 
aus einer Stelle bei Pausanias: Beschreibung Griechenlands IV, 26 hervorzugehen, 
wo erzahlt wird, dass der argivische Feldherr Epiteles ein Bronzegefass ausgrub, 
das ein coit Inschrift versehenes, aufgerolltes Stuck Stanniol enthielt; Epiteles 
lebte etwa in der erbten Hälfte des 4, .lahrh, vor Chr. und wenn auch diese Er- 
zählung nur ein Märchen sein mag, so beweist sie doch, dass schon erheblich vor 
der Zeit des Pausanias (2, Jahrb. nach Ohr) das zu dünnen Platten ausgeschlagene 
Zinn bekannt war, da die alteren Quellen, aus denen Pausanias schöpfte, dasselbe 
erwähnt hüben müssen, wobei naturlich vorausgesetzt ist, dass Kassiteros wirklich 
Zinn bedeutet und nicht eine Verwechselung nait Blei vorliegt; denn dünne Blei- 
platten, ebenfalls nach Art der Bücher aufgerollt, sind uns aus dem Alterthum erhalten. 
Keller bemerkt ferner a. a, 0.: das Zinn ist ganz gewiss zur Zeit der Pfahl- 
bauten bei uns (in der Schweiz) in äusserst geringer Menge vorhanden gewesen, 
wie sich aus dem Umstände ergiebt, dass es nur in dünnen Stängelcben, nie in 
Barren gefunden wird und nur in den eben angeführten Blättchen und streifen 
und zu einigen kleinen Schmucksachen verarbeitet zum Vorschein gekommen ist. 
Das ganze Quantum reinen Zinns, das in den genannten Formen bisher in 
der Schweiz aufgehoben wurde, beträgt indessen kein halbes Kilogramm, Da 
die Bearbeitung dieses Metalls so leicht, seine Farbe angenehm und der Glanz 
ziemlich dauerhaft ist, so hätte man dasselbe, wenn es leichter zu beschaffen ge- 
wesen wäre, gewiss bäu6ger zu mannigfachem Schmuck und Gerathen verwendet. 

In dieser Beziehung sagt auch Pol Nicard in: Tetain dans les habitatioDS la- 
custres (Revue archeologique XLI, p. 324) ganz richtig, das«, wenn man mehr Zinn 
gehabt hätte, man die schweizer Gefasse vollständig aus Zinn gemacht haben 
wurde, (citirt nach Bapst L c. p. 229). Dasselbe gilt wohl von den dänischen, mit 
Zinnstifte beschlagenen Hokgefassen aus den Baumsärgen. 

Endlich erklärt auch E. Desor die Anwendung bronzener Samroelringe bei 
„porte-monnaies lacustres^ von Auvernier, anstatt zinnerner, wie zu Cortaillod, aus 
der Seltenheit des Metalles (Anzeiger 1870, S. 187/9). 

Meine Ansicht ist die, dass Zinn zwar allgemein auch ausserhalb der Schweiz 
Qolegirt verarbeitet wurde, dass aber die in Umlauf befindlichen Gewichtsmengen 
solchen Zinnes nur gering waren, weil das Metall immerhin noch selten war. Im 
Grossen und Ganten bin ich geneigt, zu glauben, dass die Ans^^hauung Wibels, 
die Bronze sei in ältester Zeit aus den Erzen, nicht mit Hülfe von metallischem 
Zinn, dargestellt, durch meine Nachforschungen eine StiJtze erhält, ohne ihr indess 
eine ausschliessliche Geltung zuzuerkennen. 

Bapst schliesst p. 230 aus der Spärlichkeit des Vorkommens und weil Barren 
in der von Diodorus Siculus (lib. V, cap. 22) beschriebenen Form in der Schweiz 
nicht angetroffen werden, dass das Zinn der Schweizer Pfahlbauten nicht aus Corn- 
wall, sondern aus Asien kam, und schreib! den Ursprung der Schweizerischen In- 
dustrie aus Asien eingewanderten Stämmen zu. 



Msant ist auch der von Ühl mann (Kellers Berichts, S, 37) beschriebene^ mit einer dünnen 
Schicht Asphalt überzogene and dann mit pyramidenförmigen Blättchen von Birkenrinde 
beklebte Topf, den er als Vorgänger der schwarzen Pfablbangeflsse der Bronzezeit mit Zinn- 
belegnng auflasKt Das betreffende Fragment stammt aus deni östlichen Pfahlbau von Moos- 
seedorf, Oantoii Bern. 




(104) 



Sayoyen* 

Luc du BouTget: Zahtreicbe schwarze Tbongefasse mit ZioDfadeD oder Strei- 
fen yerziert. Andre Perrio: Etüde prehistorique sur la Savoie, sp^^cialpment a 
lepoqtie lacustre (age du bronze), Cbambery 1B69> {Text 1.H70, extrait des memoires 
de racad^mie imperiale de Savoie, 2. serie, tonie XU') führt besonders folgende auf: 

a) von Le Saut: 2 Gefasöe der Art, Taf. V, 2 und 3, und einen Teller, Fig. 6. 

b) von GhätilJoß: ein Gefäss, bei dem die ZinDstreifen tnitteJs eines Kittes 
oder Harzes befestigt sind (siebe oben S. 101 und 102); ibid, Fig. 1. 

c) von Gresine: Boden eiues Topfes mit Harz überzogen, auf dena ein Gitter- 
werk von Zinnfäden befestigt; ibid. Fig> 4. 

Ausser diesen Topfwaaren fuhrt Petrin noch folgende interessante Gegen- 
stände an: 

d) von Cbätillon: 2 Wirtel aus echwarzem Tbon mit rotbem Deberzug, mit 
kleinen eoncentrischen Zinnstreifeu gescbinückt etc.; ibid. PL VI, 2 und 5, 

e) V. Gr^sine: Ein offenes Kinder-Armband aus Zino von grosser Biegsam- 
keit, mit parallelen Strichen geziert; PI, XIII, 1 und Text S. 19. 

f) von Le Saut: Ein gegossenes^, durchbohrtes Stuck Zinn, ^presentani un 
dessin regulier sur l'une des faces et ayant tous les caracteres d^une monnaie^; 
PL XYII, ß. I^ie Herren Dr. Friedländerund Dr, v. Salet vom hiesigen Konigb 
Münzeabinet, welche ich auf das Stück aufmerksam machte, halten es jedoch nach 
der von Perrin gegebenen Zeichnung nicht för eine Münze. 

Endlich ist aus dena Lac du Bourget verzeichnet, aber ohne nähere Angabe der 
Pfüblbaustation: ^une petite filiere percee de quatre trous* ebenfalls aus 
Zinn; ibid. p. 19; eine Abbildung ist nicht gegeben, unter ^filiere'* versteht man 
unter anderem das Zieheisen eines Drahtzuges, welches ja allerdings mit verschie- 
denen Löchern versehen ist; kann aber ein solches Instrument hier gemeint sein? 

Vergleiche übrigens oben S, 101 die durchlöcherte Leiste von Auvernier 

Italien. 

Nach Aussage des Hrn. Dr. Montelius (durch gefällige Vermittelung des FrL 
Mestorf) befinden sich in der Sammlung Guardabassi (jetzt Universität Perugia) 
ein Schaftcelt vom gewuhnlichen Typus der italienischen apäteren Bronzezeit und 
eine kleine Pfeilspitze, beide von weissem Metall (Zinn oder Blei). 

K, B. iJufmaun analysirte Bruchstücke eines cjliudri scheu Gefässea aus 
Pompeji und fand dasselbe „aus sehr gutem Zinn" bestehend (Zur Geschichte des 
Zinkes etc. S. 37 und briefliche Mittheilung). 



Die von Brn. Chantre als Zinn bestimmten Sachen aus dem Kaukasus sind 
bisher die einzigen Gegenstände in Museen, welche in Folge meiner Nachforschungen 
als solche erkannt wurden. 

Da nämlich das Aussehen meiner Amrümer Zinngegenstände in keiner Weise 
ihre wahre chemische Natur verriethj ich selbst vielmehr dieselben lange Zeit theils 
für knöchern, theils für thÖnern gehalltn habe, so vermuthete ich, dass sich wohl 
in grösseren Sammlungen Stücke befinden möchten, die ju gleicher Weise verkannt 
seien; denn da der Nichtchemiker im AllgemeineB mehr auf die Form, als auf die 
stoffliciie Zusammensetzung der Altsacben sein Augenmerk richten wird, wäre ein 



I) Ein Än^Eüg hieraus fittdet sich- Materiaux ponr rbiatoire primitive et naturell« de 
rhomme, Paria 1870, Ann, 6, p. 433/34, PI. XVÜ^ 4, 6, 13, 14 





(105) 

solcher Iritbuiu sehr verzeihlich, Iü meiaeii Nach forechuD gen oach derartigen Oh- 
jecten bin ich durch FräuleiD J, Mestorf auf das Naclidrücklichste unterstützt wor- 

Ideo, wofür ich ihr ao dieser Steile meiuen verbindlichsten Dank sage. 
In Bezug auf Zinn ist nun, wie bemerkt, der eioiCige Erfolg bisher aus Lyon 
SU verzeichnen, dagegen halte ich Gelegenheit, eine andere Beobachtung zu machen, 
die ich hier noch mittheilen mochte. 
Bleiweli^ä al» ßelftg einer Griffxungc. 
Im Kieler Museum beenden sich Terschiedene, als weisse oder geJbUche 
Kittmassen bezeichnete Gegenstäude, daruoter auch ein Tutnlus, „nach aussen 
kuppel förmig, und mil einem frei gearbeiteten Queriiegel an der inneren Seite, so 
da6S er auf einen Riemeu aufgezogen werdeu konnte** (HaDdelmaun: Ausgrabungeu 
auf Sylt II, Kiel 188:i, 8. 7, Nr. 3); früher hielt man ihu für knöchern, — Ich 
kanote das Object nicht ans eigener Anschauung und hatte den Tutulus in Verdacht, 
ein ^Zino knöpft zu sein. Er stammt aus dem zweiten Tiiderioghoog und mit ihm 

■ wurde unter anderen Sachen gefundeu ein Seh mwck gegenständ aus Goldblech, 
ibid. Nr. 5, mit erhabenen gepnnzten fc>treifen und Punkten beeetzt, dessen Rückseite 
mit einer weissen Kittmasse bestrichen ist, dem Aussehen nach derselben wie 

■ die des Tntulus. 
Ferner sind in Kiel 2 Bruchstücke einer weissen kittähnlichen Masse von 
derselben Art, wie die FnlluDg des Goldschmucks, aber bei rührend aus einem 
Bronzugrab bei Emmerlev. (Correspondenzblatt des Gesammtvereins der Deut* 
scheu üeschichts- und Alterthumsvereine XXV, 1877, S* 1). 

Handelmaun ntmn»t an^ dass auch dieser Kitt als Ausfüllung einer Gold- 
plattirung diente, welche über der hölzernen Griffbekleidung angebracht war; er 
sagt: das eine der beiden Stücke hat ohne Zweifei auf der Griffzunge gelegen; bei 
dem zweiten in Ge&talt eines un vollständigen Ringes \nn 12 mm innerem Durch- 
messer, mit abgebrochenem Stielchen, möchte ich an den bügel förmigen Abschlusa 
der Grißzunge denken (cf, Madsen, Afbildninger, Broncealderen I, Suiter, Fig. 17, 
1% 20). 

In seinen Ausgrabungen II, S. 15, Nr, 2^ erwähnt Handelmano ferner zwei 
grössere und ein kleineres Stuck gelblicher Kittmasse, die wahrscheinlich von 
einer tSekleidung eines Dolchgriffs herrühren; Stücke der Dolchklinge lagen damit 
zusammen in einer Steinkiste. 

Noch andere älinüche Sachen finden sich in Kiel; keine derselben ist 
analysirt Fräul. Mestorf hatte nun die Güte, mir zunächst ein Stuckchen des 
Belags einer flachen Griffzunge von eiuem Bronzeschwert von Rumohrshof 
auf Alsen zu senden, bezeichnet K. S. 4G45r es ist eine gelblich- weisse, harte Masse, 
an einer Stelle rein weiss; sie sieht aus wie geschmolzen, schÜesst einige wenige 
grössere Blasseu ein und gleicht durchaus uicht weder meinen Ziunobjecten, noch 
durch Oxydation weiss gewordener Bronze; vor allem ist es die grossere Festigkeit, 
die sie von diesen Dingen unterscheidet, und die reinere Farbe, 

Zur Prüfung auf Zinn, wurde ein Theil der Substanz, wie oben (S. 89) an- 
gegeben, uiit kohleusanrem Natron und Schwefel im bedeckten Porzellantiegel 
geschmolzen, wobei eine tbeilweise Reduction zu Metall stattfaud; nach Behandlung 
der Schmelze mit Wasser lieferte das Filtrat auf Salzsaurezusatz keine Fallung, 
Zinn war also nicht vorhanden^ die Metallkügelchen und der schwarze Ruck- 
stand, der ausserdem beim Lösen in Wasser zurückgeblieben, erwiesen sich als Blei 
(resp. Schwefelblei). — 

Im offnen PorzeJIantiegel für sich erhitzt schmilzt die Substanz zu einem 



I 




geibeu, klaren GJase, Jmi» ebenso Leim ErkaUen erstairt, in verdünnter Salpeter- 
saure löalicb untl nichts anderes als Bleioxyd hi; auch ira bedeckten Tiegel war 
die Erscheinung dieselbe, es fand keine Reduction zu Blei statt. 

Die Masse selbst direct mit Salpetersäure behanclelt lost sieb unter (Kohlensäure-) 
Gas-Entwickelung vollständig auf; die Lösting enthält neben Blei nur eine Spur 
Chlon Andere Substanzen konnten nicht nachgewiesen werden, vor allem war 
kein Kalk vorhanden, was wegen des Vorkommens kalkhaltiger Kitte voü loter- 
esse'). Der Belng war also reines Blei weiss. 

Ändere ähnliche Qdassen habe ich zur Zeit noch oicbt aoaljsirt; von dem 
Tutuins und dem Belag des Emoierlever Schwertes erklarte Fräul. Meatorf, aus 
nabeliegenden Gründen nichts abgeben zu können, dagegen übersandte sie mir 
Nr. 7ÖG5: Füllung der oben erwähnten Goldspange aus dem zweiten Tilderingboog. 
Dem Aeusseren nach unterscheidet sich diese Masse ein wenig von dem oben ana- 
lye^irten Belag K, S. 4645, sie ist weisslich und nicht porös; das Resultat der Ana- 
lyse werde ich im Nachtrag mittheileu. Im Stralsuiuler Museum befindet sich 
ein Brönzeschwert, senkrecht im Boden steckend, mit der Spitze abwärts, ge- 
funden zw Barkow, Kreis Demmin, dessen GriÄ miti „einer noch nicht untersuchten 
weissen Masse** ausgefüllte Querstreifeo enthält (Rudolf Baier: Die vorgescliicbtUchen 
Alterthümer des Provinzial-Museums für Neu-Vor|iommern und Rügen etc. Stral- 
sund 1880, S. 32); diese Masse wäre der Cntersuchung werth, schon allein im Hin- 
blick auf die von mir beschriebene Spiralscheibe, die wiibrscheinlich auch Aus- 
füllmasse eines Griffes gewesen (siehe ohen S. 87),- es ist mir indessen nicht ge- 
lungen, etwas von der fraglichen Substanz zu erhalten. 

Man kann nun über den Ursprung des Bleiweissbelags an dem Alsener 
Schwert veischiedener Ansicht sein; entweder es war wirklieb die Substani von 
Anfang an Bleiweiss, so lässt sich wnbl nur denken, daas hier eine Art Oelkitt 
vorliegt. So weit ich nach dem kleinen Bruchstück, das ich in Händen hatte, 
schliessen kann, wäre diese Ansicht sehr wohl zulässig; die Masse sah aus, als 
wenn sie im dickbreiarligen Zustande aufgetragen sei, schloas grosse Blasen ein, 
zeigte aber erhebliche Cohärenz. Will man einen Oelkitt gelten lassen, so lie&se 
sich auch noch denken^ dass ursprünglich ein BJeiglilttekitt verwendet sei, der 
später Kohlensäure aufgenommen; doch sollte ich meinen^ dass die Substanz dann 
weniger fest sein wurde. Es ist aber noch m5glich, dass der Belag von Anfang 
aus metallischem Blei bestanden habe und dann in Bleiweiss ütierging; viel- 
leicht war eine Bleiplatte zwischen Griffzunge und äusserer Schale eingeschaltet 
des besseren Anschmiegens wegen (wie z, B. nach einer gefälligen Mittheilung des 
Brn, Tb. Blell auf Tungen in Ostpreussen beim Einschrauben der Feuersteine in 
die alten BatteriebHline); auch könnte der ganze Griff ijberbaupt nnr mit Blei be- 
legt gewesen sein. Ob Bleiweiss, so entstanden^ den hier beobacbleten Grad von 
Festigkeit haben wurde, lasse ich unentschieden, überhaupt rauss ich erst die 
Bauptstucke ähnlicher Beläge gesehen haben, ehe ich mich darüber äussern mochte, 
welche Annahme die wabischeinlicliste ist. Hier sei our daran erinnert^ dass aller- 
dings von Sacken; Grabfeld von Hallstatt, S. 119, Blei a!s Unterlage eines 
Goldplättcheos erwähnt. 



1) Tb. Blell*Tungen:Die fränkischen Rundschilde des 6, Jahrhunderts n. Chr. (Sitzunj^s- 
berichto der Älterthumsjfesellsebaft Prassia zn Konigsherif i/Pr., XXXV. Vereinsjiihr, 1878/79, 
S. 4ö — 59) bespricht S 49/5C* den Kitt an» den Tnllen der eisern«?n Speerspitzen und an den 
hÖliernen Schilden (Mi«cbung aus gemahlenem Euhkäse und unj^elüscfatem Kalk). Siehe ferner: 
Correfipondenxblatt des Gesammt verein» XXIX (1881), S> 4 und 6, Frage 7. 




(107) 

Welche Anschauuiig man aber auch in Bezug auf diese Frage haben mag, so 
viel scheint mir gewiss, dass der Arbeiter, welcher den betreffenden Belag des 
Alsener Schwertes gemacht hat, metallisches Blei als solches gekannt haben 
mu88, denn es ist wohl nicht denkbar, dass Jemand längere Zeit mit Bleiweiss oder 
Glätte arbeitet, ohne Blei selbst zu kennen, auch wonn er die genannten Materialien 
von anderer Seite sollte bezogen haben; dazu ist Blei zu leicht reducirbar. Nun 
gehören Gegenstände aus metallischem Blei für den Norden Europas und 
in älterer Zeit zu den grossen Seltenheiten, gerade wie Zinnsachen. Ich habe Ter- 
sncht, auch hierüber einige Daten zu sammeln, die ich gleich mittheilen will, und 
bemerke nur vorweg, dass mir Funde älterer Bleisachen aus Skandinavien und 
Dänemark nicht bekannt geworden sind. 

Wenn nun wirklich metallisches Blei in diesen Ländern unbekannt war, so 
können die mit bleihaltigem Kitt so wenig, wie die mit Bleiplatten versehenen, dort 
gefundenen Schwerter einheimisches Fabrikat sein. Ich kenne das Alsener Schwert 
Dicht und um festzustellen, wie weit die rein stylistische, nur auf Form und Orna- 
mentirnng Rücksicht nehmende Betrachtung obigen Schluss rechtfertige, würde wohl 
überhaupt ein grosseres Material erforderlich sein. Sollten aber anderweitige Gründe 
zwingen, auch mit bleihaltigen Auf- oder Einlagen versehene nordische Bronze- 
sachen als nicht importirt zu betrachten, so würde sich umgekehrt der Schluss 
ergeben, dass unmöglich dieses die einzigen Spuren der Verwendung des Bleis sein 
können, die uns erhalten sind, dass vielmehr im Schooss der Erde noch selb- 
ständige Bleigeräthe und Schmucksachen oder deren Umwandlungsproducte ruhen 
müssen und dass, wenn man bei Ausgrabungen sorgfilltig hierauf achtet, dieselben 
lach aufgefunden werden dürften, so gut wie im Süden das Blei massenhaft für 
sich allein verarbeitet angetroffen wird. 

Bisher scheinen die britischen und bretagner Hohlcelte die einzigen selbst- 
ständigen Bleiartikel des Nordens aus älterer Zeit zu sein. Man muss hierbei be- 
achten, dass das Blei noch leichter als Zinn durch Oxydation u. s. w. verändert 
wird. Wibel: Cultur der Bronzezeit, S. 65/66, kommt durch seine Untersuchungen 
über die Zusammensetzung und die Art der Herstellung der Bronze zu dem Schluss, 
„dass ein entscheidendes ürtheil über das relative Alter nicht durch die Chemie 
geboten wird^; wenn dies in Bezug auf die Bronze an sich in den meisten Fällen 
richtig sein mag, so hoffe ich doch, dass durch Beachtung der die Bronzesachen 
begleitenden, zum Theil mit ihnen mechanisch verbundenen anderen Substanzen 
sich in manchen Fällen die Chemie als ein sehr zuverlässiger Wegweiser in dieser 
Richtung bewähren werde. Ein solches Ziel lässt sich aber nur erreichen durch 
Prüfung eines grösseren Materials, und ich richte daher an die Herren Fach- 
genossen die ergebene Bitte, mich durch Zusendung solcher Gegenstände zu unter- 
stützen, deren chemische Natur nicht unzweifelhaft feststeht und die möglicherweise 
als Zinn- oder Blei-Artikel sich durch die Analyse herausstellen könnten, wobei 
mir natürlich Kitte ebenfalls höchst willkommen sein würden. 

Zur qualitativen Analyse ist, falls es sich nur um die Entscheidung der Frage: 
«Zinn, Blei oder keines von beiden^ handelt, eine sehr geringe Menge Substanz aus- 
reichend. 

Gegenstände aus metallischem Blei. 

Lubbock sagt in: Die vorgeschichtliche Zeit, S. 18: dass bei den Funden aus 
der Bronzezeit weder Silber, noch Blei vorkommt. 

Schliemann hat allerdings bei Hissarlik Blei in allen Städten (mit Ausnahme 
der zweiten, ^Ilios S. 311) beobachtet, aber aus" der ersten Stadt nur in formlosen 
kleinen Klumpen, also wohl noch als Seltenheit damaliger Zeit. 



(108) 

y. Bibra sagt in: Bronzen and Kupfer legirungen eta nichts Erhebliches in 
dieser Beziehung. 

Wibel bezeichnet S. 65, Cultur der Bronzezeit, das Blei als ein neues 
Metall (für Nord- und Mittel-Europa); er stellt dann S. 66 einige Funde metal- 
lischen Bleis zusammen, die aber meist einer spaten Zeit angehören. 

Mallet: Account of a chemical examination etc. p. 35 spricht zwar von zahl- 
reichen Bleiobjecten aus der Zeit der römischen Invasion, die in England gefunden 
sind, erwähnt aber keine alteren, und in Irland fehlen naturgemäss selbst diese 
jüngeren. 

Aus dem ganzen Skandinavischen Norden and Dänemark habe ich 
nichts Sicheres über Bleivorkommen aus der Bronzezeit ermitteln können. Die 
Eisenzeit lieferte Bleilöthung an Gegenständen aus dem Taschberger Moor bei 
Süder-Brarup in Schleswig, z. B. an Messingnägeln, deren Stifte an die Köpfe an- 
gelöthet; Zur Kunde vaterländischer Alterthümer, Kieler Bericht XVII, 1859, S. 17. 
(Separatabdruck aus den Jahrbüchern für die Landeskunde etc.) 

In England fanden sich nach Evans: Bronze- Implements p. 442 und 444/5 
Gelte aus Blei auf der Isle of Harty, Sheppej, Kent, und in Lincolnshire 
(hier vielleicht in einem Grabe), und die gleichen Instrumente hat man nach 
ihm ans 

Frankreich von Morbihan in der Bretagne. 

Da diese Gelte ab schneidende Werkzeuge natürlich gänzlich unbrauchbar 
waren, so kommt Evans nach längerer Discussion zu dem Scbluss, dass sie viel- 
leicht gedient haben mögen als Formen für die thöuernen Kerne, die zum 
Giessen der Bronzehob Icclte in Bronzeformen nöthig waren. 

üeber den Bleigehalt der brittischen Bronzen bemerkt er p. 417, dass die 
älteren Bronzesachen (flache Gelte, Paalstäbe, und selbst Lanzenspitzen) frei oder 
fast hei davon seien, aber in den jüngeren, den Schwertern und Hohlcelten, oft 
bedeutende Mengen sich fänden (besonders auch aus der Bretagne in den sog. 
Votivcelten, bis 32'/, pGt. Blei, mit nur 1'/, pGt. Zinn). 

Ich führe dies hier nur an, weil derartige Bronzen natürlich die Kenntniss des 
metallischen Bleis voraussetzen. 

In Deutschland besitzt Hr. Blell auf Tüngen in Ostpreussen nach seiner 
gefälligen Mittbeilung ein grosses bronzenes Heerhorn aus der Bronzezeit, 
dessen Mundstück von Blei; ob dasselbe einem Gräberfunde angehört, ist nicht 
bekannt, nach dem was Genthe: Etruskischer Tauschhandel, S. 58, sagt, aber 
nicht gerade wahrscheinlich. 

Aus Mainz stammt ein plattes unförmliches Stück Blei, 3—4 mm dick (mit 
schwarzem Ueberzug), dessen Analyse v. Fellenberg unter Nr. 153 giebt; es 
wird nicht gesagt, ob dasselbe römischen Ursprungs oder welcher Art die Fund- 
umstände überhaupt gewesen; Berner Mittheilungen für 1863, S. 139. 

Aus Oesterreich berichtet von Sacken: Grabfeld von Hallstatt, S. 119, über 
Blei in dünnen Stäbchen oder Draht als Futter der umgebogenen Rander bei 
Kesseln (wie bei den altitalischen Gefassen) und bei einem Helm, sowie als Aus- 
füllung des Bodens bei einigen Erzgefässen; das Blei ist etwas kupfer- und silber- 
haltig. 

Zu selbständigen Geräthen verarbeitet findet sich Blei in Hallstatt 
nicht 

Aus der Schweiz führt Keller von Gortaillod und Gorcelettes am Neuen- 
burger See (und aus dem Bieler See?) an: 



(109) 

BrODzenadeln, deren hohle runde Kopfe an den symmetrisch angebrachteD 
Lochern mit Blei besetzt sind; 

Mittheilungen d. antiq. Gesellsch. in Zürich XII, Heft 3, S. 150 und Taf. II, 
51—55, (Pfahlbanbericht 2, 1858) und ferner ibid. XIII, Abtheil. 2, Heft 3, S. 102, 
und Taf. VII, 3 und 5; (Pfahl bau bericht 3, 1860). 

Dagegen gebort das bei Wibel: Kultur der Bronzezeit, S. 66, mit aufgezählte, 
von ▼. Felienberg unter Nr. 169 analysirte Blei von Ciarens am Genfer See 
mit 0,79 pCt. Zinngehalt nicht hierher, weil es von einem römischen Bleirohr 
stammt; Berner Mittheilungen aus dem Jahre 1864, S. 127. 

Wegen des Gegenstandes, den es betrifiFt, mag hier noch erwähnt werden aus 
Spanien, von Oviedo in Asturien, ein Paalstab, dessen eines Ende mit Blei 
gefüllt worden, vielleicht schon in älterer Zeit; der Zweck dieser Füllung ist 
allerdings unbekannt; J. Evans: Bronze Implemeuts p. 97. 

Dies ist alles, was ich über das Vorkommen von Blei in älterer Zeit für Nord- 
und Mittel -Europa habe in Erfahrung bringen können. 

Vielleicht gehören hierher noch die oben beim Zinn erwähnten zweifelhaften 
Sachen, nämlich: 1. die Griflffüllung des italischen Schwertes im Kopenhagener 
Museum (8. 96); 2. der Schaftcelt und die Pfeilspitze in Perugia (S. 104). Gewisser- 
maassen muss man auch hier anreihen das Schwert aus Irland mit Einlage von 
pewter und die Metallmasse von Ebchestor (S. 98), die Potinmünzen aus Böhmen 
(S. 99) und von La Thne (S. 102). 

Ans Vorstehendem ergiebt sich, dass Bleigegenstände usa ältester Zeit womög* 
lieh noch seltener sind als zinnerne; aus spaterer Zeit hat mau wohl derartige 
Sachen, z. B. aus slavischer die schon oben beim Zinn angeführten Schläfen- 
ringe aus dem Gräberfeld von Slaboszewo bei Mogilno in Posen, nach Virchow 
Berliner Verhandlungen 1878, S. 276/77, und nach Tiedemann ibid. 1881 S. 358/59. 
Virchow giebt eine Abbildung eines solchen Ringes 1881 S. 367. 

Im Süden war ferner das Blei längst allgemein in Anwendung zu einer Zeit, 
wo im Norden noch die Bronzeperiode herrschte; die Römer machten den aus- 
giebigsten Gebrauch, sowohl von Blei, als auch von Bleipräparaten, Pflastern u. s. w. 

Aus Transkaukasien wird die bedeutende ßleiindustrie von Redkin- Lager 
erwähnt von Hrn. Friedrich Bayern, Zeitschr. f. Ethn. 14, S. 341. 

Nachtrag. 

Zinn aus Gräbern. 

Insel Sylt, Tilderinghoog II: Die (S. 105 erwähnte) angebliche weisse Kitt- 
masse von dem Goldschmuck habe ich analysirt; sie besteht aus reiner Zinnsäure, 
der Belag war also eine Zinn platte. Ueber diesen Goldschmuck gedenke ich 
demnächst im Verein mit Fräulein Mestorf noch besonders zu berichten. 

Rahenthaler Grabstätte bei Hattingen in Westfalen: Hr. Director W. 
Sehwartz machte mich aufmerksam auf die Stelle in Gustav Klemm 's Handbuch 
der germanischen Alterthumskunde, Dresden 1836, S. 19, Note 6, wo ein von Kor- 
tum gefundenes Stück Zinn aus der Ruhenthaler Grabstätte erwähnt wird. Nach 
E. A. Kortum: Beschreibung einer neuentdeckten alten germanischen Grabstätte, 
Dortmund 1804, S. 105/6, § 79, handelt es sich um ein schmales, längliches, aussen 
etwas xerfressenes, innen wie das reinste Zinn erscheinendes Stück, welches genau 
die Greatalt eines Haarspiesses hat, „so wie ihn noch jetzt die Bäuerinnen in 
hiesiger Gegend sar Befestigung ihrer Haarflechten gebrauchen^. Nach der bei- 
gefügten Zeichnung war der „Haarspiess^ aber auffallend kurz und dick. £r fand 



(110) 

sich mit andereD, wie es scheint einer Frau gehörigen, Beigaben in einer mit 
Schiefer bedeckten Urne. Die Grabstätte, 18 Fuss lang, S'/a Fuss breit, bestand 
aus 4 Sandsteinmauern ohne Bedachung, enthielt etwa 9 Drnen, und an Metallen 
noch eine silberne Schale, sowie verschiedene Eisensachen neben den Urnen 
gelegen, aber keine Bronze- oder Kupfergeräthe. Auch gebrannte Ziegel- 
steine und andere Dinge (ein Steinkeil) fanden sich vor. 
Das Grab kann wohl nicht sehr alt sein. 

Zinn aus einem Moore (zu Seite 95 und 96). 

Bornholm, Noerre Herred, Ruthsker Sogn: Eine neben anderen Sachen 
(worunter ein eisernes Schwert und eisernes Ortband) 1832 im Moor gefundene 
zusammengedrückte Opferblutschale (Lautbolle) aus Bronze, welche die innere 
Ausfiillung einer Holzschale gewesen zu sein scheint und die inwendig, so viel man 
sehen kann, verzinnt ist. Der Fund wird als Metallhändlersvorrath angesehen. 

Nordisk Tidsskrift for Oldkyndighed, Kjoebenhavn, Bd. III (1836), S. 311. 

Blei aus einem Grabe. 

Gross- Je na bei Naumburg, Provinz Sachsen: Hrn. Director Schwartz ver- 
danke ich die Kenntoiss einer Stelle in Samuel Christoph Wagener: Handbuch 
der vorzüglichsten in Deutschland entdeckten Altertbümer aus heidnischer Zeit, 
Weimar 1842, S. 538 und Taf. 101, Fig. 1015, wo eine bleierne Scheibe von Rehe- 
bausen bei Pforta, Reg. -Bez. Merseburg, erwähnt wird. In der Originalabhandlung 
im 2. Jahresbericht (vom Februar 1822) über die Verhandlungen des Thüringisch- 
Sächsischen Vereins für Erforschung deä vaterländischen Alterthums, Naumburg, 
S. 2 — 6 und Taf. XI, wird indessen Gross-Jena als Fundort bezeichnet. Die kleine 
Bleischeibe, eine „Medaille^, lag mit Knochenresten in einer Urne, ist mit einer 
bräunlichen Kruste überzogen, trägt auf dem Avers die Zeichen der Sonne, des 
Mondes und einiger Sterne, auf dem Revers orientalische Schriftzeichen, aber keine 
Jahreszahl; sie ist ein Mal durchbohrt und wahrscheinlich als Amulet getragen. 

Die Schrift wird als früharabisch, karmatiscb, bezeichnet; das Stück soll kurz 
nach Mohammed geprägt, das Grab, in dem es lag, als dem 6. oder 7. Jahrhundert, 
dem Ende der Heidenzeit in Thüringen, angehörig zu betrachten sein. Hr. Prof. 
Ed. Sachau hieselbst erklärt jedoch die betreffenden Zeichen für nicht arabisch, 
soweit er nach der Abbildung im Jahresbericht urtheilen kann; die auf diese 
Legende basirte Zeitbestimmung wäre demnach hinfällig^). Die Medaille ist auch 
abgebildet und erwähnt bei Johann Karl Baehr: Die Gräber der Liven, Dresden 
1850, Taf. XX, 7 und S. 62. 

Angeblicher Bleiring aus einem Pfahlbau. 

Genthe: Etruskischer Tauschhandel S. 117 erwähnt nach Desor: Anzeiger f. 
schwzr. Alterthumsk. 1870, Heft 4, S. 187, einen bleiernen Sammelring eines 
„porte-monnaie lacustre** von Auvernier am Neuenburger See. Dieser Bleiring 
scheint indess nicht zu existiren; allerdings steht bei der Desor'schen Abbildung, 
Taf. 18, 8, neben dem Sammelring das Wort „Blei^, aber der Text erläutert aus- 
führlich, dass derselbe aus Bronze ist. 



1) In dem Jahresbericht wird auch S. 3, Note ** erwähnt, dass Stieglitz: Arch&ologi* 
sehe Unterhaltungen Bd. 2, S. 185, alle auf uds gekommenen Bleisachen für römisch hält. 
Die vorliegende Medaille ist nun zwar nicht romisch, aber doch auch südlichen Ursprungs. 



(111) 

(21) Der Yonitzende legt die Photographie des juDgeo Akkamädchens 
Saidah, welche vor wenigen Jahren von Romoio Gessi aus Centralafrika gebracht 
wurde, vor. 

(22) Im Auftrage des Hrn. K. Friedel übergiebt Hr. Buchholz folgende 
Mittheilungen : 

I. Der Silberberg bei Wollin als Stätte der Jomsburg. 

Ueber Wollin, den Siiberberg bei der Stadt und die Statte des alten Julin 
(Jamneta, Vineta) sowie die Jomsbnrg oder Jomswikingerburg haben die Verhand- 
lungen der Berliner Anthropologischen Gesellschuft bereits manche wichtige Mit- 
theilaugen geliefert. Vergl. Virchow's Hauptbericht, Verh. vom 13. Jan. 1872, 
S. 58 flg. Albert Voss erwähnt den Woliiner Pfahlbau gelegentlich in Verh. 1873, 
S. 131, eine weitere beiläufige Notiz Virchow's siehe in Verh. 1874 S. 14 u. 116. 
Küster berichtet über Gerippe-Ausgrabungen und Münzfunde von ca. 1030 am 
Silberberg, Verh. 1874, S. 207, Virchow a. a. 0. über die Schädel, vgl. auch die 
Notiz Virchow's S. 247. Küster zeigt ferner 2 menschliche Gerippe und 1 Urne 
von Silberberg, Verh. 1876, S. 234, Virchow spricht hierüber S. 235 und kommt 
in Verb. 1877 S. 399 nochmals gelegentlich auf die Sache zurück. 

Wenn ich gleichwohl von dieser Stelle und zwar hauptsächlich vom Silberberg 
neue Funde, die ich selber an Ort und Stelle gemacht, beziehentlich für da« Mark. 
Museum erworben habe, vorlege, so möge das mit dem grossen Interesse entschuldigt 
werden, welches die hochberühinte, von Sage und Geschichte umwobene Gegend 
immer wieder erweckt, auch damit feiner, dass mindestens eines der Fundstücke 
einen neuen Gesichtspunkt eröffnet und dass ein neu gewonnener reicher Münz- 
fiind einen Blick in die weit verzweigten Handelsbeziehungen des hier bestandenen 
£mporinm8 und in seine Chronologie verstattet. 

In der Gegend kommen 3 Lokalitäten vorzugsweise in Betracht: 

L Der eigentliche Pfahlbau Wollin oder Julin, dessen Kulturreste, soweit ich 
übersehe, alle dem sogen. Burgwalltjpus entsprechen. 

II. Die sehr ausgiebigen Wirthschaftsabfälle bei der Plantage, südlich der 
Stadt, die sich durch ihre schwärzlichen Kohlen- und Aschstreifen schon vom 
Dampfi»chiff aus, wenn man von Stettin kommt, auf dem linken Dievenow-Ofer, 
kurz ehe man an die Stadt gelangt, bemerkbar machen. Auch hier findet sich echt 
wendische Poterie der letzten heidnischen Periode, durchaus ohne Glasur, bröcklich, 
grob mit Steinchen gemengt, mit Schlangenlinien, Parullelriefen und dgl. nationalen 
Ornamenten versehen, ledergelb, röthlich oder schwärzlich. 

in. Sehr verschieden davon ist, neben einiger wendischer Poterie, die Haupt- 
masse der Geschirrrest-Funde von dem Silberberg nördlich der Stadt, der noch jetzt 
darch bruchiges Wiesenterrain, ersichtlich früher durch Mora&t und Wasser, von 
der Stadt W^ollin getrennt war, wobei bemerkt sei, dass diese ehemalige Wasser- 
fläche hier bequem mehrere 100 Wikingerschiffe wie ein Hafen aufnehmen konnte. 

Auf, um und am Silberberg, der bereits durch Abgrabungen viel von seiner 
früheren Gestalt und Grosse verloren hat, finden sich sehr harte schwarze, aus 
feinerem Thon bestehende Gefässe, zum Theil mit Henkeln versehen, mitunter mit 
Ornamenten, die an das W^endische anklingen, verziert. Besonders charakteristisch 
Bind aber Scherben, welche der skandinavischen Töpferwaare des 10. bis 12. Jahr- 
hunderts gleichen, viel fester sind als die wendischen gleicher Zeit, und sich auch 
tonst durch Farbe und Gestaltung von dem spätwendischen Geschirr leicht sondern 
lassen. Proben solcher Gefassreste, die ich selbst im und am Silberberg gesammelt. 



(112) 

befindeo sich im Mark. Museum unter Nr. 11. 8112 — 19 uebst 3 Schädeln (Kat. VIII, 
885 — 888) von derselben Stelle, die Schädel in den Formenkreis der von Küster 
und Virchow besprochenen offenbar hineingchorig. Der Berg hat sich seit Jahr- 
hunderten so reich an Funden von Silber (Münzen und Schmuck) erwiesen, dass 
er daher den Namen Silberberg erhalten hat In einem ßriefe von 1590 (Verh. 
1874, S. 209) heisst es, dass unter den abgebrochenen Grund- und Ecksteinen sil- 
berne BlÜDzen, desgleichen Gebeine von sehr grossen Leuten gefunden wurden. 

Der Besitzer der Mühle auf dem Silberberg, Hr. Hartwig, grub im October 

1882 in der Nähe seiner Mühle das hier abgebildete Scbälchen, Fig. 1 (Durchmesser 

am Rand 10 cm, am Boden 7 cm, Höhe 5 cm\ mit ca. 130 ^ Silbermünzen aus. 

\u natärl. Gr. ^^^^ Ge^s ist sehr merkwürdig, vor Allem durch eine deutliche 

grüngraue Glasur und durch seine feine röthliche Thonmasse, 

^9^C*-i-^ die etwa unseren gewöhnlichen Blumentöpfen entspricht. Es ist 
\ / / also grundverschieden von aller wendischen Töpferei. Ebenso 
\ ^ \ J merkwürdig ist es, dass dies Töpfcbeo eingemauert gewesen ist; 
' man sieht die Spuren des steinhart gewordenen unvertilgbareo 

Kalkmörtels deutlich an der Unterseite. Von dergleichen ver- 
mauert gewesenen Gefassen, so häufig sie sonst auch vorkommen, 
ist niemals etwas constatirt worden, so weit es sich um wen- 
discbe Poterie handelt. 

Zur Vergleichung verweise ich auf das hier abgebildete, um 
etwa 100 Jahre jüngere, nach Masse, Form und Ornamentirung 
acht wendische G^fäss mit Deckel von Michendorf bei Pots- 
dam, Fig. 2 (Kat. II des Mark. Mus. 11 828 — 29), welches vom 
grössten Interesse erscheint, nicht blos, weil es das vielleicht 
V'io natürl. Gr. späteste wendische Gefäss ist, welches chronologisch durch Münzen 
bestimmt wird, sondern auch weil es den überaus merkwürdigen, schnell berühmt 
gewordenen Mich en dorfer Münzfund mit den ersten Münzen der bis dahin 
halb mythischen Petrissa (oder Petrussa), Gem