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Full text of "Zur Psychopathologie des Alltagslebens : (über Vergessen, Versprechen, Vergreifen, Aberglaube und Irrtum)"

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Digitized by the Internet Archive 

in 2010 with funding from 

Open Knowledge Commons and Harvard Medical School 



http://www.archive.org/details/zurpsychopatholo1904freu 



Zur 

Psycliopatliologie des Alltagslebens 

(Über Vergessen, Versprechen, 
Vergreifen, Aberglaube und Irrtum) 



Von 



Prof. Dr. Sigm. Freud 



in Wien 



Nun iat die Luft von solchem Spuk so voll, 
Dass niemand weiss, wie er ihn meiden soll. 
Fuuät, U. T.. V. Akt. 



^^''1% 




BERLIN lt)04 

VERLAG VON S. KARGER 



KABLSTRASSK 15 



DURCHGESEHENER ABDRUCK AUS DER MONATSSCHRIFT FÜR 
PSYCHIATRIE UND NEUROLOGIE BD. X. 



ALLE RECHTE VORBEHALTEN. 



Druck von H Klöppel, Quedliuburg. 



Vergessen von Eigennamen. 

I m Jalii'gange 1898 der Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie 
habe ich unter dem Titel »Ziun psychischen Mechanismus der Yer- 
gesslichkeit« einen kleinen Aufsatz veröffentlicht, dessen Inhalt ich hier 
wiederholen und zimi Ausgang für weitere Erörterungen nehmen werde. 
Ich habe dort den häufigen Fall des zeitweiligen Vergessens von Eigen- 
namen an einem prägnanten Beispiel aus meiner Selbstbeobachtung der 
psychologischen Analyse miterzogen und bin zum Ergebnis gelangt, 
dass dieser gewöhnliche mid praktisch nicht sehr bedeutsame Einzel- 
vorfaU von Versagen einer psychischen Funktion — des Erinnerns — 
eine Aufkläiimg zulässt. welche weit über die gebräuchliche Verwertung 
des Phänomens hinausführt. 

Wenn ich nicht sehr irre, würde ein Psycholog, von dem man 
die Erklärung forderte, wie es zugehe, dass einem so oft ein Name 
nicht einfällt, den man doch zu kennen glaubt, sich begnügen, zu ant- 
worten, dass Eigennamen dem Vergessen leichter unterliegen als anders- 
artiger Gedächtnisinhalt. Er wih'de die plausibeln Grtinde fiü' solche 
Bevorzugung der Eigennamen anführen, eine anderweitige Bedingtheit 
des Vorganges aber nicht vermuten. 

Für mich wui'de zum Anlass einer eingehenderen Beschäftigung 
mit dem Phänomen des zeitweiligen Namenvergessens die Beobachtung 
gewisser Einzelheiten, die sich zwar nicht in allen Fällen, aber in ein- 
zelnen deutlich genug erkennen lassen. In solchen Fällen -ward nämlich 
nicht nur vergessen, sondern auch falsch erinnert. Dem sich um 
den entfallenen Namen Bemühenden konuuen andere — Ersatznamen 
— zum Be\Misstsein, die zwar sofort als mu^ichtig erkannt werden, sich 
aber doch mit grosser Zähigkeit immer wieder aufdifmgen. Der Vor- 
gang, der zur Reproduktion des gesuchten Namens fühi-en soll, hat sich 
gleichsam verschoben und so zu einem unrichtigen Ersatz geführt. 
Meine Voraussetzung ist nun, dass diese Verschiebung nicht psychischer 
Willkür überlassen ist, sondern gesetzmässige und berechenbare Bahnen 
einhält. Mit anderen Worten, ich vermute;, dass der oder die Ersatz- 

1* 



4 Vergessen von Eigennamen. 

iiamen in einem aufspürbaren Zusammenlinng mit dem gesuchten 
Namen stehen, und hoffe, wenn es mir gehngt, diesen Zusannnenhang 
nachzuweisen, dami auch Licht über den Hergang des Namenvergessens 
zu verbreiten. 

In dem 1898 von mir zur Analyse gewiUilton Beispiele war es 
der Name des Meisters., welcher im Dom von Orvieto die gross- 
artigen Fi-esken von den »letzten Dingen« geschaffen, den zu erimiern 
ich mich vergebens bemülite. Anstatt des gesuchten Namens — 
Signorelli — drängten sich mir zwei andere Namen von Malern auf 
— Botticelli und Boltraffio, die mein Urteil sofort und entschieden 
als um-ichtig abwies. Als mir der richtige Name von fremder Seite 
mitgeteilt wurde, erkannte ich ihn sogleich und ohne Schwanken. Die 
TTntersuchung, durch welche Einflüsse und auf welchen Assoziations- 
wegen sich die Reproduktion in solcher Weise — von Signorelli 
auf Botticelli und Boltraffio — verschoben hatte, führte zu folgen- 
den Ergebnissen: 

a) Der Gnmd für das Entfallen des Namens Signorelli ist 
weder in einer Besonderheit dieses Namens selbst noch in einem psycho- 
logischen Charakter des Zusammenhanges zu suchen, in welchen der- 
selbe eingefügt war. Der vergessene Name war mir ebenso vertraut 
wie der eine der Ersatznamen — Botticelli — und ungleich vertrauter 
als der andere der Ersatznamen — Boltraffio — , von dessen Träger 
ich kamu etwas anderes anzugeben wüsste als seine Zugehörigkeit zur 
mailändischen Schule. Der Zusammenhang aber, in dem sich das 
Namenvergessen ereignete, erecheint mir hannlos uikI führt zu keiner 
weiteren Aufklämng: Ich machte mit einem Fremden eine Wagen- 
fahrt von Ragusa in Dalmatien nach einer Station der Herzegowina; 
wir kamen auf das Reisen in Itahen zu sprechen, und ich fi-agte meinen 
Reisegefährten, ob er schon in Orvieto gewesen und dort die berühmten 
Fi-esken des *** besichtig! habe. 

b) Das Namenvergessen erklärt sich erst, wenn ich mich an das 
in jener Unterhaltung unmittelbar vorhergehende Thema erimiere, und 
gibt sich als eine Störung des neu auftauchenden Themas 
durch das vorhergehende zu erkennen. Kurz, ehe ich an meinen 
Reisegefährten die Frage stellte, ob er schon in Orvieto gewesen, hatten 
wir uns über die Sitten der in Bosnien mid in der Herzegowina 
lebenden Türken unterhalten. Ich hatte erzählt, was ich von einem 
unter diesen Leuten praktizierenden Kollegen gehört hatte, dass sie 
sich voll Vertrauen in den Arzt und voll Ergebung in das Schicksal 
zu zeigen pflegen. AVenn man ihnen ankündigen muss, dass es für 



Vergessen von Eigennamen. 5 

den Kraiikeu keine Hilfe gibt, so antworten sie: »Herr, was ist da 
zu sagen? Ich weiss, wenn er zu retten wäi-e, hättest du ihn gerettet.« 
— Erst in diesen Sätzen finden sich die Worte und Namen: Bosnien, 
Herzegowina, Herr vor, welche sich ni eine Assoziationsreihe 
zwischen Signorelli und Botticelli — Boltraffio einschalten 
lassen. 

c) Ich nehme an, dass der Gedankenreihe von den Sitten der 
Tüi-ken in Bosnien etc. die Fähigkeit, einen nächsten Gedanken zu 
stören, daiinn zukam. Aveil ich ihi- meine Auhnerksamkeit entzogen 
hatte, ehe sie noch zu Ende gebracht wai'. Ich erinnere nämhch, dass 
ich eine zweite Anekdote erzählen wollte, die nahe bei der ersten in 
meinem Gedächtnis ruhte. Diese Tüi-ken schätzen den Sexualgenuss 
über alles und verfallen bei sexuellen Störungen in eine Verzweiflung, 
welche seltsam gegen ihre Resignation bei Todesgefahr absticht. Einer 
der Patienten meines Kollegen hatte ihm emmal gesagt: »Du weisst 
ja, Herr, wenn das nicht mehr geht, dann hat das Leben keinen 
Wert.« Ich unterch'ückte die Mitteilung dieses charakteristischen Zuges, 
weil ich das heikle Thema nicht im Gespräch mit einem Fremden be- 
inihren wollte. Ich tat aber noch mehr; ich lenkte meine Aufmerk- 
samkeit auch von der Foitsetzung der Gedanken ab, die sich bei mir 
an das Thema »Tod und Sexualität« hätten knüpfen können. Ich 
stand damals unter der Nachwk'kung einer Nachricht, che ich wenige 
Wochen vorher während eines km-zen Aufenthaltes in Trafoi erhalten 
hatte. Ein Patient, mit dem ich mir viele Mühe gegeben, hatte wegen 
einer unheilbaren sexuellen Störung seinem Leben ein Ende gemacht. 
Ich weiss bestimmt, dass mir auf jener Reise in die Herzegowina dieses 
tram-ige Ereignis und alles, was damit zusammenhängt, nicht zm' be- 
wussten Erinnerung kam. Aber die Übereinstimmmig Trafoi — Bol- 
traffio nötigt mich anzunehmen, dass damals diese Reminiszenz ti'otz 
der aljsichtlichen Ablenkung meiner Aufmerksamkeit in mir zur Wirk- 
samkeit gebracht worden ist. 

d) Ich kann das Vergessen des Namens Signorelli nicht mehr 
als ein zufälliges Ereignis auffassen. Ich muss den Einfluss eines 
Motivs bei diesem Vorgang anerkennen. Es waren Motive, die mich 
veranlassten, mich in der Mitteilung meiner Gedanken (über die Sitten 
der Bosnier etc.) zu unterbrechen, und die mich ferner becinflussten, 
die daran sich knüpfenden Gedanken, die bis zur Nachricht in Trafoi 
geführt hätten, i)i mir vom Bewusstwerden auszuschliessen. Ich wollte 
also etwas vergessen, ich hatte etwas verdrängt. Ich wollte aller- 
dings etwas anderes vergessen als den Namen des Meisters von Orvieto; 



6 



Vergessen von Eigennamen, 



aber dieses andere brachte es zustande, sich mit diesem Namen in 
assoziative Verbindung zu setzen, so dass mein AVillensakt das Ziel 
verfehlte, und ich das eine -svider AVillen vergass, während ich das 
andere mit Absicht vergessen wollte. Die Abneigung, zu erinnern, 
richtete sich gegen den einen Inhalt; die Unfähigkeit, zu erinnern, trat 
an einem anderen hervor. Es wäre oftenbar ein einfacherer Fall, wenn 
Abneigung und Unfähigkeit, zu erimiern, denselben Inhalt beträfen. — 
Die Ei'satznamen erscheinen nur auch nicht mehr so völlig unberechtigt 
wie vor der Aufklärung; sie mahnen mich (nach Alt eines Kompro- 
misses) eben so sehr an das, was ich vergessen, Avie an das, was ich 
erinnern wollte, und zeigen mir, dass meine Absicht, etwas zu ver- 
gessen, weder ganz gelungen noch ganz nn'ssglückt ist. 

e) Sehr auffällig ist die Art der Verknüpfung, die sich zwischen 
dem gesuchten Namen und dem verdrängten Thema (von Tod und 
Sexualität etc., in dem die Namen Bosnien, Herzegowina, Trafoi vor- 
kommen) hergestellt hat. Das hier eingeschaltete, aus der Abhandlung 
des Jahres 1898 wiederholte Schema sucht diese Verknüpfimg anschau- 
lich darzustellen. 



Signor|elli 



^BojtticelM 



(Bojltraffio 



Her[cegowina u. ^Bojsnien 

Jhema von Jod und Sexualiiäi 



fferr\ ^os ist da zu sagen sie. 

V er dräng ie Gedanken. 



— Trafoi 



Der Name Signorelli ist dabei in zwei Stücke zerlegt worden. 
Das eine Silbenpaar ist in einem der Ersatznamen unverändert wieder- 
gekehrt (elli), das andere hat durch die Übersetzung Signor — Herr 
mehrfache und verschieden tu-tige Beziehungen zu den im verdi'ängten 
Thema enthaltenen Namen gewonnen, ist aber dadm'ch für die Ke- 
produktion verloren gegangen. Sein Ersatz hat so stattgefunden, als 
ob eine Verschiebung längs der Namenverbind mig »Herzegowina und 
Bosnien« vorgenommen worden wäre, ohne Rücksicht auf den Sinn 



Vergessen von Eigennamen. 7 

und auf die akustische Abgrenzung der Silben zu nehmen. Die Namen 
sind also bei diesem Vorgang älmlich behandelt worden wie die Schrift- 
l^ilder eines Satzes, der in ein Bilderrätsel (Rebus) umgewandelt werden 
soll. Von dem ganzen Hergang, der anstatt des Namens Signorelli 
auf solchen AVegen die Ersatznamen geschaffen hat, ist dem Bewusst- 
sein keine Kunde gegeben worden. Eine Beziehung zwischen dem 
Thema, in dem der Name Signorelli vorkam, mid dem zeitlich ihm 
vorangehenden verdrängten Thema, welche über diese Wiederkehr 
gleicher Silben (oder vielmehi' Buchstabenfolgen) hinausginge, scheint 
zunächst nicht auffindbar zu sein. 

Es ist vielleicht nicht übei'flüssig, zu bemerken, dass die von den 
Psychologen angenommenen Bedingungen der Reproduktion und des 
Vergessens, die in ge■\^^ssen Relationen und Dispositionen gesucht 
werden, dm^ch die vorstehende Aufklänmg einen Widerspruch nicht 
erfahi'en. Wir haben nur flu- gewisse Fälle zu all den längst an- 
erkannten Momenten, die das Vergessen eines Namens bewnken 
können, noch ein Motiv hinzugefügt mid überdies den Mechanismus 
des Fehlerinnems klar gelegt. Jene Dispositionen sind auch fiir 
unseren Fall unentbehrhch, mn die Möglichkeit zu schaffen, dass das 
verdrängte Element sich assoziativ des gesuchten Namens bemächtige 
und es mit sich in die Verdi'ängung nehme. Bei einem anderen 
Namen mit günstigeren Reproduktionsbedingungen wäre dies vielleicht 
nicht geschehen. Es ist ja wahrscheinhch, dass ein unterdiiicktes 
Element allemal bestrebt ist, sich irgendwo anders zm- Geltung zu 
bringen, diesen Erlbig aber nm' dort erreicht, wo ihm geeignete Be- 
dingungen entgegenkommen. Andere Male gelingt die Unterdrückung 
ohne Funktionsstöning, oder, wie wir mit Recht sagen können, ohne 
Symptome. 

Die Zusammenfassmig der Bedingungen für das Vergessen eines 
Namens mit Fehlerinnern ergibt also: 1. eine gewisse Disposition zum 
Vergessen desselben, 2. einen kurz vorher abgelaufenen Unterdiiickungs- 
vorgang, 3. die Möglichkeit, eine äusserliche Assoziation zwischen 
dem betreffenden Namen und dem vorher unterdiäickten Element her- 
zustellen. Letztere Bedingung wird man wahrscheinlich nicht sehr 
hoch veranschlagen müssen, da bei den geringen Anspiiichen an die 
Assoziation eine solche in den allermeisten Fällen durchzusetzen sein 
dürfte. Eine andere und tiefer reichende Frage ist es, ob eine solche 
äusserliche Assoziation wirklich die genügende Bedingung dafür sein 
kann, dass das verdi'ängte Element die Reproduktion des gesuchten 
Namens störe, ob nicht doch notwendig ein intimerer Zusammenhang 



8 Vergessen von Eigennamen. 

der beiden Themata eiioidcrlicli wird. Bei uberlUicliliclier Betrachtung 
würde man letztere Forderung abweisen w'ollen und das zeitliche An- 
einandei-stossen bei völlig disparatem Inhalt füi' genügend halten. Bei 
eingehender Untersuchung findet man aber immer häufiger, dass die 
beiden durch eine äusserliche Assoziation verknüpften Elemente (das 
verdi'ängte und das neue) ausserdem einen inhaltlichen Zusammenhang 
besitzen, und auch in dem Beispiel Signorelli lässt sich ein solcher 
erweisen. 

Der Wert der Einsicht, die wir bei der Analyse des Beispiels 
Signorelli gewonnen haben, hängt natürlich davon ab, ob wir diesen 
Fall flu" ein typisches oder flu- ein vereinzeltes Vorkonnnnis erklären 
müssen. Ich muss nun behaupten, dass das Namenvergessen mit Fehl- 
erinnern ungemein häufig so zugeht, Avie wir es im Falle: Signorelli 
aufgelöst haben. Fast allemal, da ich dies Phänomen bei mir selbst 
beobachten konnte, war ich auch imstande, es mir in der vorerwähnten 
AVeise als dm'ch Verdi'ängung motiviert zu erklären. Ich muss auch 
noch einen anderen Gesichtspunkt zugunsten der typischen Natur 
unserer Analyse geltend machen. Ich glaube, dass man nicht be- 
rechtigt ist, die Fälle von Namenvergessen mit Fehlerinnern prinzipiell 
von solchen zu trennen, in denen sich unrichtige Ersatznamen nicht 
eingestellt haben. Diese Ersatznamen kommen in einer Anzahl von 
Fällen spontan; in anderen Fällen, wo sie m'cht spontan aufgetaucht 
sind, kann man sie dm'ch Anstrengung der Aufmerksamkeit zum Auf- 
tauchen zwingen, und sie zeigen dann die nämlichen Beziehungen zum 
verdi'ängten Element mid zum gesuchten Namen, wie wenn sie spontan ge- 
kommen wären. Für das Bewusstw^erden der Ersatznamen scheinen zwei 
Momente massgebend zu sein, erstens die Bemühung der Aufinerksamkeit, 
zweitens eine innere Bedingmig, die am psychischen Material haftet. Ich 
könnte letztere in der grösseren oder geringeren Leichtigkeit suchen, mit 
welcher sich die benötigte äusserliche Assoziation zwischen den beiden 
Elementen herstellt. Ein guter Teil der Fälle von Namenvergessen 
ohne Fehlerinnern schhesst sich so den Fällen mit Ersatznamenbildung 
an, für welche der Mechanismus des Beispieles: Signorelli gilt. Ich 
werde mich aber gewiss nicht der Behauptung erkühnen, dass alle 
Fälle von Namenvergessen in die nämhche Gruppe einzureihen seien. 
Es gibt ohne Zw-eifel Fälle von Namenvergessen, die weit einfacher 
zugehen. Wir werden den Sachverhalt wohl vorsichtig genug dargestellt 
haben, wenn wir aussprechen: Neben dem einfachen Vergessen 
von Eigennamen kommt auch ein Vergessen vor, welches 
durch Verdrängung motiviert ist. 



Vergessen von fremdsprachigen "Worten. 9 

n. 
Vergessen von fremdsprachigen Worten. 

Der gebräuchliche Sprachschatz unserer eigenen Sprache scheint 
innerhalb der Breite nonnaler Finiktion gegen das Vergessen geschützt *). 
Andei-s steht es bekanntlich mit den Vokabeln einer fremden Sprache. 
Die Disposition zum Vergessen derselben ist für alle Redeteile vor- 
handen, und ein ei-ster Grad von Funktionsstörung zeigt sich in der 
Ungleichmässigkeit unserer Verfügung über den fremden Sprachschatz, 



1) Ob die Häufigkeit der Anwendung allein diesen Schutz erklären kann, 
ist mir zweifelhaft. Ich habe wenigstens beobachtet, dass Vornamen, die doch 
nicht die beschränkte Zugehörigkeit der Eigennamen teilen, dem Vergessen 
ebenso leicht unterliegen, wie letztere. Eines Tages kam ein junger Mann in 
meine Ordination, jüngerer Bruder einer Patientin, den ich ungezählte Male ge- 
sehen hatte, und dessen Person ich mit dem Vornamen zu bezeichnen gewohnt 
war. Als ich dann von seinem Besuch erzählen wollte, hatte ich seinen, wie 
ich wusste, keineswegs ungewöhnlichen Vornamen vergessen und konnte ihn 
durch keine Hilfe zurückrufen. Ich ging dann auf die Strasse, um Firmen- 
schilder zu lesen, uud erkannte den Namen, sowie er mir das erste Mal ent- 
gegentrat. Die Analyse belehrte mich darüber, dass ich zwischen dem Besucher 
und meinem eigenen Bruder eine Parallele gezogen hatte, die in der verdrängten 
Frage gipfeln wollte: Hätte sich mein Bruder im gleichen Falle ähnlich gegen 
eine kranke Schwester benommen? Die äusserliche Verbindung zwischen den 
Gedanken über die fremde und über die eigene Familie war durch den Zufall 
ermöglicht worden, dass die Mütter hier und dort den gleichen Vornamen: 
Amalia tragen. Ich verstand dann auch nachträglich die Ersatznamen: Daniel 
und Franz, die sich mir aufgedrängt hatten, ohne mich aufzuldären. Es sind 
dies, wie auch Amalia, Namen aus den Bäubei-n von Schiller, an welche sich 
ein Scherz des Wiener Spaziergängers Daniel Spitzer knüpft. — Ein imter- 
drückter Gedanke über die eigene Person oder die eigene Familie wird häufig 
zum Motiv des Namenvergessens, als ob man beständig Vergleiche zwischen 
sich selbst und den Fremden anstellte. Das seltsamste Beispiel dieser Art hat 
mir als eigenes Erlebnis ein Herr Lederer berichtet. Er traf auf seiner 
Hochzeitsreise in Venedig mit einem ihm oberfiächlich bekannten Herrn zu- 
sammen, den er seiner jungen Frau vorstellen musste. Da er aber den Namen des 
Fremden vergessen hatte, half er sich das erste Mal mit einem unverständlichen 
Gemurmel. Als er dann dem Herrn, wie in Venedig unausweichlich, ein zweites 
Mal begegnete, nahm er ihn beiseite und bat ihn, ihm doch aus der Verlegenheit 
zu helfen, indem er ihm seinen Namen sage, den er leider vergessen habe. Die Ant- 
wort des Fremden zeugte von überlegener Menschenkenntnis: Ich glaube es gerne, 
dass Sie sich meinen Namen nicht gemerkt haben. Ich heissc wie Sie: Leder er! 
— Man kann sich einer leicht unangenehmen Empfindung nicht erwehren, wenn 
man seinen eigenen Namen bei einem Fremden wiederfindet. Ich verspürte sie 
unlängst recht deutlich, als sich mir in der ärztlichen Sprechstunde ein Herr 
S. Freud vorstellte. 



2Q Vergessen von fremdsprachigen Wortt^n. 

je nach unserem xA.llgcnicinbetinden und dem Grude unserer ErmüdmiR. 
Dieses Vergessen geht in einer Reihe von Fällen nach demselben 
Mechanismus vor sich, den uns das Beispiel: Signorelli enthüllt hat. 
Ich werde zum Beweise liit'rfur eine einzige, aber durch wertvolle 
Eigentümlichkeiten ausgezeichnete Analyse mitteilen, die den Fall des 
Vergessens eines nicht substantivischen \\\)rtes aus einem lateinischen 
Zitat betiifft. Man gestatte mir, den kleinen Vorfall breit und an- 
schauhch vorzutragen. 

Im letzten Sommer erneuerte ich — wiederum auf der Ferien- 
reise — die Bekanntschaft eines jungen Mannes von akademischer 
Bildmig, der, wie ich bald merkte, mit einigen meiner psychologischen 
Publikationen vertraut Avar. Wir waren im Gespräch — ich weiss 
nicht mein- wie — auf die soziale Lage des Volksstammes gekommen, 
dem wir beide angehören, und er, der Elu'geizige, erging sich in Be- 
dauern darüber, dass seine Generation, wie er sich äusserte, zur Ver- 
kümmerung bestimmt sei, ihre Talente nicht entwickeln und ilu'e Be- 
dürfnisse nicht befriedigen köime. Er schloss seine leidenschaftlich 
bewegte Bede mit dem bekamiten Vergi Ischen Vers, in dem die 
miglückliche Dido ihre Rache an Aneas der Nachwelt überträgt: 
Exoriare . . . , , viehnehi- er wollte so schliessen, denn er brachte 
das Zitat nicht zustande und suchte eine offenkundige Lücke der Er- 
imierung durch Umstelhmg von Worten zu verdecken : Exoriar(e) ex 
nostris ossibus ultor! Endlich sagte er geärgert: „Bitte machen Sie 
nicht em so spöttisches Gesicht, als ob Sie sich an meiner Verlegen- 
heit weiden wüi'den, mid helfen Sie mir lieber. An dem Vers fehlt 
etwas. Wie heisst er eigentlich vollständig?'"' 

Gerne, erwiderte ich mid zitierte, wie es richtig lautet: 
Exoriar(e) aliquis nostris ex ossibus idtor! 

„Zu dumm, ehi solches Wort zu vergessen. Übrigens von Ihnen 
hört man ja, dass man nichts ohne Gnmd vergisst. Ich wäre doch 
zu neugierig, zu erfahi'en, wie ich zum Vergessen dieses unbestimmten 
Pronomen aliquis komme." 

Ich nahm diese Herausfordening bereitwilhgst an, da ich einen 
Beitrag zu meiner Sammlung erhoffte. Ich sagte also; Das können 
wii' gleich haben. Ich muss Sie nur bitten, mir aufrichtig und 
kritiklos alles mitzuteilen, was Ihnen einfällt, wenn Sie ohne be- 
stimmte Absicht Ihi-e Aufmerksamkeit auf das vergessene Wort 
richten 1). 

*) Dies ist der allgemeine Weg, um Vorstellungselemente, die sich ver- 
bergen, dem Bewusstsein zuzuführen. Vgl. meine „Traumdeutung", p. 69. 



Vergessen von fremdsprachigen Worten. tl 

..Gut. also da komme ich auf den lächerlichen Einfall, mir das 
Wort in folgendei- Art zu zerteilen : a und 1 i q u i s.'' 

"Was soll das ? — „Weiss ich nicht." — Was fällt Ihnen weiter 
dazu ein ? — ..Das setzt sich so fort : R e 1 i q u i e n — Liquidation — 
Flüssigkeit — Fluid. Wissen Sie jetzt schon etwas?" 

Nein, noch lange nicht. Aber fahi'en Sie fort. 

„Ich denke," fuhr er höhnisch lachend fort, „an Simon von 
T r i e n t , dessen Reliquien ich vor zwei Jahren in einer Kii'che in 
Trient gesehen habe. Ich denke an die Blutbeschuldigung, die gerade 
jetzt wieder gegen die Juden erhoben wird, und an die Schrift von 
Kleinpaul, der in all diesen angebhchen Opfern Inkarnationen, so- 
zusagen Neuauflagen des Heilands sieht.'" 

Der Einfall ist nicht ganz ohne Zusammenhang mit dem Thema, 
über das vnr unterhielten, ehe Ihnen das lateinische AVort entfiel. 

.,Richtig. Ich denke femer an einen Zeitungsartikel in einem 
italienischen Journal, den ich kürzhch gelesen. Ich glaube, er war 
übei-schrieben : Was der h. Augustinus über die Frauen sagt. Was 
macheu Sie damit?"' 

Ich warte. 

„Also jetzt kommt etwas, was ganz gewiss ausser Zusammenhang 
mit unserem Thema steht.'" 

Enthalten Sie sich gefälligst jeder Kritik und — 

„Ich weiss schon. Ich erinnere mich eines prächtigen alten Herrn, 
den ich vorige Woche auf der Reise getroffen. Ein wahres Or iginal. 
Er sieht aus wie ein grosser Raubvogel. Er heisst, wenn Sie es wissen 
wollen, Benedikt." 

Doch wenigstens eine AneinandeiTeihung von Seiligen und Kirchen- 
vätern : Der heihge Simon, St. Augustinus, St. Benediktus. 
Ein Kirchenvater hiess, glaube ich, Origines. Drei dieser Namen 
sind übrigens auch Vornamen, wie Paul im Namen Kleinpaul. 

„Jetzt fällt mir der heilige Januarius ein und sein Blutwunder — 
ich linde, das geht mechanisch so weiter." 

Lassen Sie das; der heilige Januarius und der heilige Augu- 
stinus haben beide mit dem Kalender zu tun. Wollen Sie mich nicht 
an das Blutwunder eriimern? 

„Das werden Sie doch kennen? In einer Kirche zu Neapel wird 
in einer Phiole das Blut des heiligen Januarius aulbewahrt, welches 
durch ein Wunder an einem bestinniiten Festtage wieder flüssig 
wird. Das Volk hält viel auf dieses Wutidei- und wird sehr auf- 
geregt, wenn es sich verzögert, wie es einmal zur Zeit einer fran/.ösi- 



12 Vergessen von frcmdsprachigon Worten. 

scheu Okkiipatiun geschah. Da nahm der koiamamlieieiule (Jeiieial — 
oder iiTe ich mich? war es GiU'ibaldi ? — den geisüichcn Horni bei 
Seite iiiul bedeutete ihm mit einer selu" vei*stäiidhcheji Geberde auf 
die draussen aufgestellten Soldaten, er hotfe, das Wunder werde sich 
sehr bald vollziehen. Und es vollzog sich -wirklich . . .' 

Nun und weiter? Wannn stocken Sie? 

„Jetzt ist mir allerdings etwas eingefallen . . , das ist aber zu 
intim für die Mitteilung . . Ich sehe üln-igens keiiien Zusammenhang 
und keine Nötigung, es zu erzählen." 

Für den Zusammenhang würde ich sorgen. Ich kann Sie ja 
nicht zwingen, zu erzählen, was Ihnen unangenehm ist; dann verlangen 
Sie aber auch nicht von mir zu Avissen, auf welchem Wege Sie jenes 
AVort ,,aliquis'* vergessen haben. 

„Wirklich? Glauben Sie? Also ich habe plötzlich an eine Dame 
gedacht, von der ich leicht eine Nachricht bekommen könnte, die uns 
beiden recht unangenehm wäre.'" 

Dass ihr die Periode ausgeblieben ist? 

„Wie kömien Sie das eiraten?" 

Das ist nicht mehr schAvierig. Sie haben mich genügend darauf 
vorbereitet. Denken Sie an die Kai enderheil igen,- an das 
Flüssigwerden des Blutes zu einem bestimmten Tage, den 
Aufruhr. Avenn das Ereignis nicht eintritt, die deutliche 
Drohung, dass das Wunder vor sich gehen muss, sonst . . 
Sie haben ja das Wunder des heiligen Januarius zu einer prächtigen 
Anspielung auf die Periode der Frau verarbeitet. 

„Ohne dass ich es gCAVusst hätte. Und Sie meinen Avirklich. 
Avegen dieser ängstlichen ErAvartung hätte ich das Wörtchen »aliquis« 
nicht reproduzieren können?" 

Das scheüit mir unzAveifelhaft. Erinnern Sie sich doch an Ihre 
Zerlegung in a — liquis mid an die Assoziationen: Reliquien 
Liquidation, Flüssigkeit. Soll ich noch den als Kind hin- 
geopferten heiligen Simon, auf den Sie von den Reliquien her kamen, 
in den Zusanunenhang eiuflechten? 

,.Tun Sie das lieber nicht. Ich hoffe, Sie nehmen diese Gedanken, 
wenn ich sie wirkhch gehabt habe, nicht für Ernst. Ich Avill Ihnen 
dafiü' gestehen, dass die Dame eine Italienerin ist, in deren Gesell- 
schaft ich auch Neaj)el jjesucht habe. Kann das aber nicht alles Zu- 
fall sein?" 

Ich muss es Ihi^er eigenen Bemieilung überlassen, ob Sie sich 
alle diese Zusammenhänge dm'ch die Annahme eines Zufalls aufklären 



Vergessen von fremdsprachigen Worten. 3^3 

können. Ich sage Ihnen aber, jeder ähnliche Fall, den Sie analysieren 
wollen, wird Sie auf ebenso merkwüi'dige „Zufälle" fühi-en. 

Ich habe mehrere Giiinde, diese kleine Analyse, fiii- deren Über- 
lassung ich meinem damaligen Reisegenossen Dank schulde, zu schätzen. 
Erstens, weil mir in diesem Falle gestattet war. aus einer Quelle zu 
schöpfen, die mir sonst versagt ist. Ich bin zmneist genötigt, die Bei- 
spiele von psychischer Funktionsstörung im täglichen Leben, die ich 
hier zusammenstelle, meiner Selbstbeobachtung zu entnehmen. Das 
weit reichere Material, das mir meine neurotischen Patienten liefero, 
suche ich zu vermeiden, weil ich den Einwand fürchten muss, die 
betreffenden Phänomene seien eben Erfolge und x4usserungen der 
Neurose. Es hat also besonderen Wert für meine Zwecke, wenn 
sich eine nervengesunde fremde Person zmu Objekt einer solchen 
Untersuchung erbietet. In anderer Hinsicht wird mir diese Analyse 
bedeutungsvoll, indem sie einen Fall von Wortvergessen ohne Ersatz- 
erinnern beleuchtet und meinen vorhin aufgestellten Satz bestätigt, 
dass das Auftauchen oder Ausbleiben von unrichtigen Ersatzeriimerungen 
eine wesentliche Unterscheidimg nicht begründen kaim.^) 



^) Feinere Beobachtung schränkt den Gegensatz zwischen der Analyse : 
Signorelli und der: aliquis betreffs der Ersatzerinnerungen um Einiges ein. 
Audi hier scheint nämlich das Vergessen 'von einer Ersatzbildung begleitet zu 
sein. Als ich an meinen Partner nachträglich die Frage stellte, ob ilim bei 
seinen Bemühungen, das fehlende "Wort zu erinnern, nicht irgend etwas zum 
Ersatz eingefallen sei, berichtete er, dass er zunächst die Versuchung verspürt 
habe, ein ab in den Vers zu bringen: nostris ab ossibus (vielleicht das unver- 
knüpfte Stück von a-liquis) und dann, dass sich ihm das Exoriare besonders 
deutlich und hartnäckig aufgedrängt habe. Als Skeptilcer setzte er hinzu, offen- 
bar weil es das erste "Wort des Verses war. Als ich ihn bat, doch auf die 
Assoziationen von Exoriare aus zu achten, gal) er mir Exorzismus an. Ich 
kann mir also sehr wohl denken, dass die Verstärkung von Exoriare in der 
Reproduktion eigentlich den Wert einer solchen Ersatzbildung hatte. Diosell)e 
wäre über die Assoziation: Exorzismus von den Namen der Heiligen licr 
erfolgt. Indes sind dies Feinheiten, auf die man keinen Wert zu legen braucht. — 
Es ersclieint nun aber wohl möglich, dass das Auftreten irgend einer Art von 
Ersatzerinnerung ein konstantes, vielleicht auch nur ein charakteristisches und 
verräterisches Zeichen des tendenziösen, durch Verdrängung motivierten Ver- 
gessene ist. Diese Ersatzbildiuig bestände auch dort, wo das Auftauclien un- 
richtiger Ersatzbildungen ausbleibt, in der Verstärkung eines Elementes, welches 
dem vergossenen benachbart ist. Im Beispiele: Signorelli war z. B., solange 
mir d(;r Name dos Malers unzugänglich blieb, die visuelle Eriimerung an den 
Zyklus von Fresken und an sein in der Ecke eines Bildes angobrachtos SolI)st- 
portrait überdeutlich, jedenfuUs weit intensiver als visuelle Erinnerungsspnron 
sonst bei mir auftreten. In einem anderen Falle, der gleichfalls in iler AI)- 



2^ Verß^essen von fronidsprachigen Worten. 

Der Hauptwei-t des Beispieles: aliquis ist ahev in einem 
anderen seiner Unterschiede von dem Falle: 8ignorelli gelegen. 
Im letzteren Beispiel wird die Reproduktion des Namens gestört durch 
die Nachwirkung eines Gedankenganges, der km-z vorher begoimen 
und abgeltrochen wurde, dessen Inhalt aber in keinem deutlichen Zu- 
sammenhang mit dem neuen Thema stand, in dem der Name Signorelli 
enthalten war. Zwischen dem verdrängten und dem Thema des ver- 
gessenen Namens bestand bloss die Beziehung der zeitlichen Konti- 
guität; dieselbe reichte hin, damit sich die beiden durch eine äusserliche 
Assoziation in Verbindung setzen konnten. i) Im Beispiele: aliquis 
hingegen ist von einem solchen unabhängigen verdrängten Thema, 
welches unmittelbar vorher das bewusste Denken beschäftigt hätte und 
iRUi als Störung nachklänge, nichts zu merken. Die Stönnig der Re- 
produktion erfolgt hier aus dem Inneren des angeschlagenen Themas 
heraus, indem sich unbe^^alsst ein Widerspruch gegen die im Zitat 
dargestellte Wunschidee erhebt. Man muss sich den Hergang in 
folgender Ai't konstruieren: Der Redner hat bedauert, dass die gegen- 
wärtige Generation seines Volkes in ihren Rechten verkürzt wird; eine 
neue Generation, weissagt er wie Dido, wird die Rache an den Be- 
drängern übernehmen. Er hat also den Wunsch nach Nachkommen- 
schaft ausgesprochen. In diesem Momente fährt ihm ein wider- 
sprechender Gedanke dazwnschen. »Wünschest du dir Nachkommenschaft 
wirklich so lebhaft? Das ist nicht wahr. In welche Verlegenheit 
kämest du, wenn du jetzt die Nachricht erhieltest, dass du von der 
einen Seite, die du kennst. Nachkommen zu erwarten hast? Nein, 
keine Nachkommenschaft, — wiewohl wir sie füi^ die Rache brauchen.« 
Dieser Widerepruch bringt sich nmi zm^ Geltung, indem er genau wie 
im Beispiel Signorelli eine äusserhche Assoziation zwischen einem seiner 
Voi'stellungselemente mid einem Elemente des beanstandeten Wunsches 
herstellt, und zwar diesmal auf eine höchst gewaltsame Weise durch 
einen gekünstelt erscheinenden Assoziationsumweg. Eine zweite wesent- 



handlung von 1898 mitgeteilt ist, hatte ich von der Adresse eines mir unbe- 
quemen Besuches in einer fremden Stadt den Strassennamen hoffnungslos ver- 
gessen, die Hausnummer aber wie zum Spott — überdeutlich gemerkt, während 
sonst das Erinnern von Zahlen mir die grösste Schwierigkeit bereitet. 

1) Ich möchte für das Fehlen eines inneren Zusammenhanges zwischen 
den beiden Gedankenkreisen im Falle Signorelli nicht mit voller Überzeugung 
einstehen. Bei sorgfältiger Verfolgung der verdrängten Gedanken über das 
Thema von Tod und Sexualleben stösst man doch auf eine Idee, die sich mit 
dem Thema des Cyclus von Orvieto nahe berührt. 



über die Deckerinnerungen. ]^5 

liehe Übereinstimmung mit dem Beispiel Signorelli ergibt sich daraus, 
dass der Widei'sprach aus verdrängten Quellen stammt und von Ge- 
danken ausgeht, welche eine Abwendung der Aufiiierksamkeit hervor- 
nilen mirden, — Soviel über die Vei-schiedenheit und über die innere 
Verwandtschaft der beiden Pai'adigiuata des Namenvergessen s. Wir 
haben einen zweiten Mechanismus des Vergessens kennen gelernt, die 
Stöiimg eines Gedankens durch einen aus dem Verdrängten kommen- 
den iimeren Widerspruch. Wir werden diesem Vorgang, der uns als 
der leichter veretändliche erscheint, im Laufe dieser Erörterungen noch 
wiederholt begegnen. 



III. 

Über die Deckerinnerungen. 

In einer zweiten Abhandlung (1899 in der Monatsschrift für 
Psychiatrie und Neurologie veröffentlicht) habe ich die tendenziöse 
Natur unseres Erinnerns an unvermuteter Stelle nachweisen können. 
Ich bin von der auffälligen Tatsache ausgegangen, dass die frühesten 
Kindheitserinnerungen einer Person häufig bewahrt zu haben scheinen, 
was gleichgiltig und nebensächlich ist, während von wichtigen, eindrucks- 
vollen und affektreichen Eindrücken dieser Zeit (häufig, gewiss nicht 
allgemein!) sich im Gedächtnis des Erwachsenen keine Spur vorfindet. 
Da es bekannt ist, dass das Gedächtnis unter den ihm dargebotenen 
Eindrücken eine Auswahl trifft, stände man hier vor der Annahme, 
dass diese Auswahl im Kindesalter nach ganz anderen Prinzipien vor 
sich geht, als ziu" Zeit der intellektuellen Reife. Eingehende Unter- 
suchung weist aber nach, dass diese Annahme überflüssig ist. Die in- 
differenten Kindheitserinnemngen verdanken ihre Existenz einem Ver- 
schiebungsvorgang; sie sind der Ersatz in der Reproduktion für andere 
wirklich bedeutsame Eindrücke, deren Erinnermig sich durch psychische 
Analyse aus ihnen entwickeln lässt, deren direkte Reproduktion aber 
durch einen Widerstand gehindert ist. Da sie ihre Erhaltung nicht 
dem eigenen Inhalt, sondern einer assoziativen Beziehung ihres Inhaltes 
zu einem anderen, verdrängten, verdanken, haben sie auf den Namen 
»Deckerinnenmgen«, mit welchem ich sie ausgezeichnet habe, lie- 
gi'ündeten Anspnich. 

Die Mannigfaltigkeiten in den Beziehungen und Bedeutungen der 
Deckernuierungen lial)e ich in dem erwähiit(Mi Aufsatze nur gestreift, 
keineswegs erschöpft. An dem dort ausführlich analysierten Beispiel 



16 



Über die Deckerinnerangen. 



habe ich eine Besonderheit der zeitlichen Kehition zwischen der 
Deckerinnerung und dem durch sie gedeckten Inhalt besondei-s hervor- 
gehoben. Der Inhalt der Deckerinnerung gehörte dort nämhch einem 
der ersten Kinderjahre an. während die durch sie im Gedäclitnis ver- 
tretenen Gedankenerlebnisse, die fast unbewusst geblieben waren, in 
späte Jahre des Betreffenden fielen. Ich nannte diese Art der Ver- 
schiebung eine rückgreifende oder rückläufige. Vielleicht noch 
häufiger begegnet man dem entgegengesetzte]! Verhältnis, dass ein in- 
differenter Eindruck der jüngsten Zeit sich als Deckerinnerung im 
Gedächtnis festsetzt, der diese Auszeichnung imr der Verknüpfung mit 
einem früheren Erlebnis verdankt, gegen dessen direkte Reproduktion 
sicli Widerstände erheben. Dies w^ären vorgreifende oder vorge- 
schobene Deckerinuerungen. Das Wesentliche, was das Gedächtnis 
bekümmert, liegt hier der Zeit nach hinter der Deckerinnerung. 
Endlich wird der di'itte noch möghche Fall nicht vermisst, dass die 
Deckerinnerung nicht nur durch ihren Inhalt, sondern auch durch 
Kontiguität in der Zeit mit dem von ihr gedeckten Eindruck verknüpft 
ist, also die gleichzeitige oder anstossende Deckerinnerung. 

Ein wne grosser Teil unseres Gedächtnisschatzes in die Kategorie 
der Deckerinnenmgen gehört, mid welche Rolle bei verschiedenen neu- 
rotischen Denkvorgängen diesen zufällt, das sind Probleme, in deren 
Würdigung ich weder dort eingegangen bin, noch hier eintreten werde. 
Es kommt mir nm" darauf an, die Gleichartigkeit zwischen dem Ver- 
gessen von Eigenname]! mit Fehlerinnern und der Bildung der Deck- 
erinnerungen hervorzuheben. 

Auf den ersten Anblick sind die Verschiedenheiten der beiden 
Phänomene weit auffäUiger als ihre etw^aigen Analogien. Dort handelt 
es sich um Eigennamen, hier um komplete Eindrücke, um entweder 
in der Realität oder in Gedanken Erlebtes; dort um ein manifestes 
Versagen der Erin]ierungsfunktion, hier um eine Eriimermigsleistung, 
die uns befi^emdend erscheint; dort um eine momentane Störimg — 
demi der eben vergessene Name kann vorher hmidert Male richtig re- 
produziert worden sein und es von morgen an wieder werden — , hier 
um dauernden Besitz ohne Ausfall, denn die indifferenten Kindheits- 
eriimeirmgen scheinen uns durch ein langes Stück miseres Lebens be- 
gleiten zu kön]ien. Das Rätsel scheint in diesen beiden FäUe]i ga]iz 
andere orie]itiert zu sein. Dort ist es das Vergessen, hier das Merken, 
w^as unsere wissenschaftliche Neugierde rege macht. Nach einiger Ver- 
tiefimg merkt man, dass trotz der Verschiedenheit un psychischen 
Material u]id m der Zeitdauer der beiden Phänomene die Überein- 



Das Versprechen. 17 

sthnmungeii weit überwiegen. Es handelt sich hier wie dort um das 
Fehlgehen des Eriimerns; es wird nicht das vom Gedächtnis reprodu- 
ziert, was korrekterweise reproduziert werden sollte, sondern etwas 
anderes zmn Ersatz. Dem Falle des Namenvergessens fehlt nicht die 
Gedächtnisleistung in der Fonn der Ersatznamen. Der Fall der Deck- 
erinnerungsbildung bemht auf dem Vergessen von anderen wesent- 
lichen Eindrücken. In beiden Fällen gibt uns eine intellektuelle Em- 
ptindung Kunde von der Einmengung einer Störung, nur jedesmal in 
anderer Form. Beim Namenvergessen wissen wir, dass die Ersatz- 
namen falsch sind; bei den Deckerinneiimgen verwundern wir uns. 
dass wir sie überhaupt besitzen. Wenn dann die psychologische 
Analyse nachweist, dass die Ersatzbildung in beiden Fällen auf die 
nämliche AVeise durch Verschiebung längs einer obei"flächlichen Asso- 
ziation zustande gekommen ist. so tragen gerade die Verschiedenheiten 
im ^Material, in der Zeitdauer und in der Zentrierung der beiden 
Phänomene dazu bei, unsere Erwartung zu steigern, dass wir etwas 
Wichtiges und Allgemein giltiges aufgefimden haben. Dieses Allgemeine 
würde lauten, dass das Versagen und Irregehen der reproduzierenden 
Funktion weit häutiger, als wir vermuten, auf die Einmengung eines 
parteiischen Faktors, einer Tendenz hinweist, welche die eine Er- 
iimennig l)egünstigt, während sie einer anderen entgegenzuarbeiten 
bemüht ist. 



IV. 

Das Versprechen. 

Wenn das gebräuchliche Material unserer Rede in der Mutter- 
sprache gegen das Vergessen geschützt erscheint, so unterliegt dessen 
Anwendung um so häufiger einer anderen Störung, die als >> Versprechen <; 
bekannt ist. Das beim nonnalen Menschen beobachtete Versprechen 
macht den Eindruck der Vorstufe für die unter pathologischen Be- 
dingungen auftretenden sogen. »Paraphasien«, 

Ich befinde mich hier in der ausnahmsweisen Lage, eine Vor- 
arl)eit würdigen zu können. Im -Fahre 1895 haben Meringer und 
C ^Vfayer eine Studie über »Versprechen und Verlesen« publiziert, an 
dei'cn Gesichtspunkte die meinig(>n niclit heranreichen. Der eine der 
Antnicn. (Ici- im Texte das AVort führt, ist niindich Sprachforscher und 
ist von linguistischen Interessen zur Untersuchung veraidasst worden, 
den Regehl nachzugclien, n.'ich denen man sicli vei-s|)ri('ht. Ei' lioifte 

Freud, Zur PüyclKiiiatholügle deH AlUaKHlt^l'^»"' '-' 



28 Bas Versprechen. 

aus diesen Regeln auf das Vorhandensein »eines gewissen geistigen 
Mechanismus« schhessen zu kiimien, »in welchem die Laute eines 
AVortes. eines Satzes, und auch die AVorte untercinandor in ganz eigon- 
tüinlichor Weise verbunden und verknüpft sind«: (p. 10). 

Die Autoren gruppieren die von ihnen gesammelten Beispiele des 
»Versprechens« zunächst nach rein deskriptiven Gesichtsjnnikte)! als 
Vertauschungen (z. B. die Milo von Venus anstatt Venus von Milo), 
Vorklänge oder Antizipationen (z. B. es war mir auf der 
Schwest . . . auf der Biaist so schwer). Nachklänge, Postpositionen 
(z. B. ,,Tch fordere Sie auf, auf das Wohl unseres Chefs aufzustossen" 
für anzustossen). Kontaminationen (z. B. .,Er . setzt sich auf den 
Hinterkopf'' aus: ,,Er setzt sich einen Kopf auf" und: „Er stellt sich 
auf die Hinterbeine"), Substitutionen (z. B, „Ich gebe die Präparate 
in den Briefkasten" statt Brütkasten), zu welchen Hauptkatogorien noch 
einige minder wichtige (oder für unserere Zwecke minder bedeutsame) 
hinzugefügt werden. Es macht bei dieser Gruppierung keinen Unter- 
schied, ob die Umstellung, Entstellung, Verschmelzung etc. einzelne 
Laute des Wortes. Silben oder ganze Worte des intendierten Satzes 
betrifft. 

Zur Erklänmg der beobachteten Arten des Versprechens stellt 
Meringei' eine verschiedene psychische Wertigkeit der Sprachlaute 
auf. Wenn wir den ersten Laut eines Wortes, das erste Wort eines 
Satzes iimei-vieren, wendet sich bereits der Erregungsvorga.ng den 
späteren Lauten, den folgenden Worten zu, und soweit diese Innerva- 
tionen mit einander gleichzeitig sind, können sie einander abändernd 
beeinflussen. Die Erregung des psychisch intensiveren Lautes klingt 
vor oder hallt nach und stört so den minderwertigen Innervations- 
vorgang. Es handelt sich nun darum, zu bestimmen, welche die hcichst- 
wertigen Laute eines Wortes shid. Meringer meint: „Wenn man 
wissen wnll, welchem Laute eines Wortes die höchste Intensität zu- 
kommt, so beo])achte man sich beim Suchen nach einem vergessenen 
Wort, z. B. einem Namen. Was zuerst wieder ins Bewusstsein kommt, 
hatte jedenfalls die grösste Intensität vor dem Vergessen (p. 160). Die 
hochwertigen Laute sind also der Anlaut der Wm^zelsilbe und der 
Wortanlaut und der oder die betonten Vokale" (p. 162). 

Ich kann nicht umhin, hier eijien Widerspruch zu erheben. Ob 
der Anlaut des Namens zu den höchstwertigen Elementen des AVortes 
gehöre oder nicht, es ist gewiss iiicht richtig, dass er im Falle des 
Wortvergessens zuerst wieder ins Bewusstsein tritt; die obige Regel 
ist also unbrauchbar. AVenn man sich bei der Suche nach einem ver- 



Das Vei*spreclien. 19 

gessenen Xamen beobachtet, so ■wird man verhältnismässig häufig die 
Überzeugung äussern müssen, er fange mit einem bestimmten Buch- 
staben an. Diese Überzeugung erweist sich imn ebenso oft als un- 
begründet wie als begründet. Ja. ich möchte behaupten, man proklamiert 
in der ]\Iehi-zahl der Fälle einen falschen Anlaut. Auch in unserem 
Beispiel: Signorelli ist bei dem Ersatznamen der Anlaut und sind 
die wesentlichen Silben verloren gegangen; gerade das minderwertige 
Silbenpaai- elli ist im Ersatznamen Botticelli dem Bewusstsein 
wiedergekehrt. 

AVenn man der Vermutung Raum gibt, dass ein ähnlicher 
Mechanismus wie der fürs Namenvergessen nachgewiesene auch an den 
Erscheinungen des Versprechens Anteil haben könne, so wird man zu 
einer tiefer begründeten Beurteilung der Fälle von Versprechen gefuhrt. 
Die Störung in der Rede, welche sich als Versprechen kundgibt, kann 
erstens verursacht sein dm"ch den Einfluss eines anderen Bestandteils 
dersell3en Rede, also dm'ch das Vorklingen oder Nachhallen, oder durch 
eine zweite Fassung innerhalb des Satzes oder des Zusammenhanges, 
den auszusprechen man intendiert — hierher gehören alle oben 
Meringer und Mayer entlehnten Beispiele — ; zweitens aber könnte 
die Störung analog dem Vorgang im Falle: Signorelli zustande 
kommen durch Einflüsse ausserhalb dieses Wortes, Satzes oder 
Zusammenhanges, von Elementen her, die auszusprechen man nicht 
intendiert, und von deren Erregung man erst durch eben die Störung 
Kemitnis erhält. In der Gleichzeitigkeit der Erregung läge das 
Gemeinsame, in der Stellung imierhalb oder ausserhalb desselben Satzes 
oder Zusammenhanges das Unterscheidende für die beiden Entstehungs- 
arten des Versprechens. Der Unterschied erscheint zunächst nicht so 
gi'oss, als er für gewisse Folgerungen aus der Symptomatologie des 
Versprechens in Betracht kommt. Es ist aber klar, dass man nur im 
ersteren Falle Aussicht hat, aus den Erscheinungen des Versprechens 
Schlüsse 'auf einen Mechanismus zu ziehen, der Laute und Worte 
zur gegenseitigen Beeinflussung ihrer Artikulation mit einander 
verknüpft, also Schlüsse, wie sie der Sprachforscher aus dem 
Studium des Versprechens zu gewimien hoffte. Im Falle der Störung 
durch Einflüsse ausserhalb des nämlichen Satzes oder Redezusammen- 
hanges würde es sich vor allem darum handeln, die st()i'enden Elemente 
kennen zu lernen, und dann entstände die Frage, ob auch der INIecha- 
nismus dieser Stilrung die zu vennntonden (-}esetze der Sprachl)ildung 
verraten kann. 

'M;iii (l.iif iiiclil licli;iii|)lcii. (l;iss iMcringcr inul iNfaycr die 



20 D^ Veraprcclien. 

Möglichkeit der Sprechstöniiig durch -kompliziertere psychische Ein- 
tiüsse«, durch Elemente ausserhalb desselben AVortes. Satzes oder der- 
selben Redefolge übersehen haben, Sie mussteii y.\ bemerken, dass 
die Theorie der psychischen Ungleichwertigkeit der Laute strenge 
genommen nur für die Aufklärung der Lautstörungen, sowie der Vor- 
und Nachklänge ausreicht. Wo sich die Wortstörungen nicht auf 
Lautstörungen reduzieren Inssen. z. E. bei den Sulistitutioneii und 
Kontaminationen von Worten, haben auch sie unbedenklich die Ur- 
sache des Versprechens ausserhalb des intendieiten Zusammenhanges 
gesucht und diesen Sachverhalt durch schöne Beispiele ei-\viesen. Tch 
zitiere folgende Stellen : 

(p. 62.) »Ru. erzählt von Vorgängen, die er in seinem Innern 
für -Schweinereien« erklärt. Er sucht aber nach einer milden Form 
und begimit: »Dann aber sind Tatsachen zum Vorschwein ge- 
kommen . . . « Mayer und ich waren anwesend und Ru. l^estätigte. 
dass er »Schweinereien« gedacht hatte. Dass sich dieses gedachte 
Wort bei »Vorschein« verriet und plötzlich wirksam wurde, findet in 
der Ähnlichkeit der Wörter seine genügende Erklärung.« — 

(p. 73.) »Auch liei den Substitutionen spielen wie bei den Kon- 
taminationen und in wahrscheinlich viel höherem Grade die »schwebenden« 
oder »vagierenden« Sprachbilder eine grosse Rolle. Sie sind, wenn 
auch unter der Schwelle des Bewusstseins, so doch noch in wirksamer 
Nähe, können leicht durch eine Äluilichkeit des zu sprechenden Kom- 
plexes herangezogen werden und führen dami eine Entgleisung herbei 
oder kreuzen den Zug der Wörter. Die »schwebenden« oder »va- 
gierenden« Sprachbilder sind, wie gesagt, oft die Nachzügler von kürz- 
lich abgelaufenen Sprachprozessen (Nacliklänge).« 

(p. 97.) »Eine Entgleisung ist auch durch Ähnlichkeit möglich, 
wemi ein anderes ähnliches Wort nahe unter der Bewusstseinsschwelle 
liegt, ohne dass es gesprochen zu werden bestimmt wäre. Das 
ist der Fall bei den Substitutionen. — So hoffe ich, dass man beim 
Nachprüfen meine Regeln wird bestätigen müssen. Aber dazu ist not- 
wendig, dass man (wenn ein anderer spricht) sich Klarheit darüber 
verschafft, an was Alles der Sprecher gedacht hat.i) Hier 
ein lehrreicher Fall. Klassen direktor Li. sagte in unserer Gesellschaft: 
»Die Frau würde mir Fm-cht einlagen.« Ich wurde stutzig, denn das 
1 schien mir unerklärlich. Ich erlaubte mir, den Sprecher auf seinen 
Fehler »einlagen« für »einjagen« aufmerksam zu machen, worauf er 



1) Yon mir hervorgehoben. 



Das Versprechen. 21 

sofort antwortete; »Ja, das koinnit daher, weil ich dachte: ich wäre 
nicht in der Lage u. s. f.« 

..Ein anderer Fall. Ich frage R. v. Schid.. wie es seinem kranken Pfer- 
de gehe. Er antwortet: .,Ja, das draut . . dauert vielleicht noch einen 
Monat. „Das „draut" mit seinem r wai' mir miverständlich, denn das 
r von dauert konnte umnöglich so gewirkt haben. Ich machte also 
R. V. S. aiifhierksam, worauf er erkläi'te, er habe gedacht, „das ist eine 
traurige Geschichte." Der Sprecher hatte also zwei Antworten im 
Sinne und diese vemiengten sich.'' 

Es ist wohl unverkennbar, wie nahe die Rücksichtnahme auf die 
„vagierenden'' Sprachbilder, die miter der Schwelle des Bewusstseins 
stehen und nicht zum Gesprochenwerden bestimmt sind, und die For- 
derung, sich zu erkundigen, an was der Sprecher alles gedacht habe, 
an die Verhältnisse bei unseren „Analysen" herankoimnen. Auch wir 
suchen unbewusstes Material, und zwar auf dem nämlichen Wege, nur 
dass wir von den Einfällen des Befragten bis zm* Auffindung des 
störenden Elementes ehien längeren Weg durch eine komplexe Asso- 
ziationsreihe zurückzulegen haben. 

Ich verweile noch bei einem anderen interessanten Verhalten, flu 
das die Beispiele Meringers Zeugnis ablegen. Nach der Einsicht 
des Autors selbst ist es irgend eine Ähnlichkeit eines Wortes im inten- 
dieiien Satz mit einem anderen nicht intendierten, welche dem letzte- 
ren gestattet, sich durch die Verursachung einer Entstellung, Misch- 
bildung, Kompromissljüdmig (Kontamination) im Bewusstsein ziu' Geltung 

zu liringen. , , 4. tt u • 

lagen, dauert, Vorschein. 

jagen, traurig, . . . schwein. 

Nun habe ich in meiner Schrift über die „Traumdeutung"') dar- 
getan, welchen Anteil die Verdichtungs arbeit an der Entstehung 
des sog. manifesten Trauminlialtes aus den latenten Tramngedanken 
hat. Irgend eine Almlichkeit der Dinge oder der AVortvorstellungen 
zwischen zwei Elementen des unbewussten Materials wird da zum An- 
lass genommen, um ein Drittes, eine Misch- oder Kompromissvorstellung 
zu schaffen, welche im Trauminhalt ihre beiden Komponenten vertritt, 
und die infolge dieses Ursprungs so häutig mit widersprechenden Einzel- 
bestimmungen ausgestattet ist. Die Bildung von Substitutionen und 
Kontaminationen beim Versprechen ist somit ein Beginn jener Ver- 
di ch tun gsarbeit, die wir in eifrigster Tätigkeit am Aufbau des Traumes 
Ijetciligt finden. 



1) Die Traumdcuiuiig. Leipzi<r und Wien, 190U. 



22 Das Versprechen. 

In einem kleinen tur \veitere Kreise bestinnnten Aufsatz (Neue 
freie Presse vom 2b. Au«,'. 19U0: ,,AVie man sieh vers|)reclien kann") 
hat Meringer eine besondere [)raktiselie IJedeutun^- für gewisse Fälle 
von Wortvertauschuiigen in Ans[)nicli gciioiniueii. l'nv solche iiiimlich, 
in denen mau ein Wort durch sein Gegenteil dem »Simie nach ersetzt. 
;Man eriimert sich wolil noch der Art, wie vor einiger Zeit der Präsident 
des österreichischen Abgeordnetenhauses die »Sitzung eröffnete: ,.Hohes 
Haus ! Ich konstatiere die Anwesenheit von so und soviel Herren 
und erkläre somit die Sitzung für »geschlossen !<v Die allgemeine Heiter- 
keit machte ihn erst aufmerksam, und er verbesserte den Fehler. Im 
vorliegenden Fidle wird die Erklärung wohl diese sein, dass der Präsi- 
dent sich wünschte, er wäi'e schon in der Lage, die Sitzung, von 
der wenig Gutes zu erwarten stand, zu schlicssen, aber — eine häutige 
Erscheinung — der Nebengedanke setzte sich wenigstens teilweise durch, 
luid das Resultat war »geschlossen« für »eröffnet«, also das Gegenteil 
dessen, was zu sprechen beabsichtigt Avar. Aber vielfältige Beobachtung 
hat mich belehii, dass man gegensätzliche Worte überhauj^t sehr häutig 
mit einander vertauscht; sie sind eben schon in unserem Sprachbe- 
wusstsein assoziiert, liegen hart nebeneinander und werden leicht 
irrtümlich aufgerufen .•' 

Nicht in allen Fällen von Gegensatzvertauschung wird es so 
leicht, Avie hier im Beispiel des Präsidenten, wahrscheinlich zu macheu. 
dass das Versprechen in Folge eines Widerspruchs geschieht, der sich 
im Innern des Redners gegen den geäusserten Satz erhebt. Wir haben 
den analogen Mechanismus in der Analyse des Beispiels: aliquis ge- 
fimden; dort äusserte sich der innere Widerspruch im Vergessen eines 
Wortes anstatt seiner Ersetzung durch das Gegenteil. Wir wollen 
aber zur Ausgleichung des Unterschiedes bemerken, dass das Wöi't- 
chen ahquis eines ähnlichen Gegensatzes, wie ihn »schliessen« zu ;/ eröff- 
nen« ergibt, eigentlich nicht fähigist, und das »eröffnen« als gebräuchlicher 
Bestandteil des Redeschatzes dem Vergessen nicht unterworfen sein kann. 

Zeigen uns die letzten Beispiele von Meringer und Mayer, 
dass die Sprechstörung ebensowohl dm-ch den Einfluss vor- mid nach- 
Idingender Laute mid Worte desselben Satzes enstehen kann, die zum 
Ausgesprochenwerden bestimmt sind, wie dm'ch die Einwirkung von 
AVorten ausserhalb des intendierten Satzes, deren Erregung sich 
sonst nicht verraten hätte, so werden Avir zunächst erfahren Avollen, 
ob man die beiden Klassen von Versprechen scharf sondern, und wie 
man ein Beispiel der einen von einem FaU der anderen Klasse unter- 
scheiden kann. An dieser Stelle der Erörterung muss man aber der 



Das Verspreclien. 23 

Äusserungen Wunclts gedenken, der in seiner eben erscheinenden 
umfassenden Bearbeitung der Entwicklungsgesetze der Sprache (Völker- 
psychologie, I. Band, 1. Teil p. 371 u. ti", 1900) auch die Ei-schei- 
nungen des Yei-sprecheus behandelt. Was bei diesen Erschemungen und 
anderen, iluieu verwandten, niemals fehlt, das sind nach Wundt gewisse 
psychische Einliüsse. ,,Dahin gehört zunächst als positive Bedingung der 
ungehemmte Fluss der von den gesprochenen Lauten angeregten Laut- 
mid Wortassoziationen. Ihm tritt der Wegfall oder der Nachlass der 
diesen Lauf hemmenden Wirkungen des Willens und der auch hier als 
AVilleusfirnktion sich betätigenden Aufmerksamkeit als negatives Moment 
zm* Seite. Ob jenes Spiel der Assoziation darin sich äussert, das ein 
kommender Laut antizipiert oder die vorausgegangenen reproduziert, 
oder ein gewohnheitsmässig eingeübter zwischen andere ehigeschaltet 
Avird, oder endlich darin, dass ganz andere Worte, die mit den ge- 
sprochenen Lauten in assoziativer Beziehung stehen, auf diese heriiber- 
wirken — alles dies bezeichnet nur Unterschiede in der Richtung und 
allenfalls in dem Spieh-aum der stattfindenden Assoziationen, nicht in 
der allgemeinen Natm- derselben. Auch kann es in manchen Fällen 
zweifelhaft sein, welcher Form man eine bestimmte Störung zuzurechnen, 
oder ob man sie nicht mit grösserem Rechte nach dem Prinzip der 
Komplikation der Ursacheni) ^uf ein Zusammentreffen mehrerer 
Motive zm'ückzufüln-en habe." (p. 380 mid 381.) 

Ich halte diese Bemerkungen Wundts für vollberechtigt und 
sehr instiTiktiv. Vielleicht könnte man mit grösserer Entschiedenheit 
als Wundt betonen, dass das positiv begünstigende Moment der 
Sprechfehler — der ungehemmte Fluss der Assoziationen — und das 
negative — der Nachlass der hennnenden Aufinerksamlieit — regel- 
mässig miteinander zm* Wirkung gelangen, so dass beide Momente nur 
zu verschiedenen Bestimmungen des nämlichen Vorganges werden. Mit 
dem Nachlass der henmienden Aufmerksamkeit tritt eben der unge- 
hennnte Fluss der Assoziationen in Tätigkeit; noch unzweifelhafter 
ausgedrückt: durch diesen Nachlass. 

Unter den Beispielen von Versprechen, die ich selbst gesammelt, 
finde ich kaum eines, bei dem ich die Sprechstörung einzig und allein 
auf das, was Wundt .>Kontaktwirkung der Lautcv; nennt, zurückführen 
müsste. Fast regelmässig entdecke ich überdies einen störenden Ein- 
fluss von etwas ausserhalb der intendierten Rede, und das Störende 
ist entweder ein einzelner, unbewusst gebliebener Gedanke, der sich 



') Von mir liervurgt'liuben. 



24 Das Versprechen. 

durch das Versprechen kuiidgiht und oft erst durch eingehende Analyse 
zum Bewusstsein gefördert werden kann, oder es ist ein allgemeineres 
psychisches JMotiVj welches sich gegen die ganze Rede richtet 

Beispiel a): Ich will gegen meine Tochter, die heim Einheisi^en 
in einen Apfel ein gai-stiges Gesicht geschnitten hat, zitieren : 

Der ArtV gar possicrlicli ist, 
Zumal wenn er vom Apfel frisst. 

Ich beginne aber: Der Apfe . . . Dies scheint eine Kontamination 
von Affe<^ und >Apfel<^ (Kompromissbildung) oder kami auch als 
Antizipation des vorbereiteten >Apfel« aufgefasst werden. Der genauere 
Sachverhalt ist aber der: Ich hatte das Zitat schon einmal begonnen 
und mich das erstemal dabei nicht versproclien. Ich versprach mich 
erst bei der Wiederholung, die sich als notwetidig ergab, weil die An- 
gesprochene, von anderer Seite mit Beschlag belegt, nicht zuhörte. 
Diese Wiederhohuig, die mit ihr verbundene Ungeduld, des Satzes 
ledig zu werden, muss ich in die Motivierung des Sprechfehlers, der 
sich als eine Verdichtungsleistung darstellt, mit einrechnen. 

b) Meiiie Tochter sagt: Ich schreibe der Frau Schresinger . . . 
Die Frau heisst Schlesinger. Dieser Sprechfehler hängt wohl mit 
einer Tendenz zur Erleichterung der Artikulation zusammen, denn das 
1 ist nach wiederholtem r schwer auszusprechen. Ich muss aber hinzu- 
fügen, dass sich dieses Versprechen bei meiner Tochter' ereignete, 
nachdem ich ihr wenige Minuten zuvor »Apfe« anstatt »Affe« vorge- 
sagt hatte. Nun ist das Versprechen in hohem Grade ansteckend, 
ähnhcli wie das Namenvergessen, bei dem Meringer und Mayer 
diese Eigentümlichkeit bemerkt haben. Einen Grund für diese 
psychische Kontagiosität weiss ich nicht anzugeben. 

c) „Ich klappe zusammen wie ein Tassenmescher — Taschen- 
messer", sagt eine Patientin zu Beginn der Stunde, die Laute ver- 
tauschend, wobei ihr wieder die Artikulationsschwierigkeit („Wiener 
Weiber Wäscherinnen waschen weisse Wäsche — Fischfiosse" und 
ähnliche Prüfworte) zur Entschuldigung dienen kann. Auf den Sprech- 
fehler aufmerksam gemacht, erwidert sie prompt: „Ja, das ist um-, 
weil Sie heute »Ernscht« gesagt haben." Ich hatte sie wirklich mit 
der Rede empfangen: „Heute wird es also Ernst" (weil es die letzte 
Stunde vor dem Urlaub w^erden sollte) und hatte das »Ernst« scherz- 
haft zu »Ernscht« verbreitert. Im Laufe der Stunde verepricht sie 
sich immer wieder von neuem, und ich merke endlich, dass sie mich 



Das Versprechen. 25 

nicht bloss imitiert, sondern class sie einen besonderen Grund hat, im 
Unbewussten bei dem Worte Ernst als Namen zu verweilen. ') 

d) „Ich bin so vei-sch impft, ich kann nicht dm'ch die Ase ii at- 
men — Nase atmen" passiert derselben Patientin ein anderes Mal. 
Sie weiss sofort, wie sie zu diesem Sprechfehler kommt. ,,Ich steige 
jeden Tag in der Hasenauergasse in die Tramway, und heute fi'üh 
ist mir während des Wartens auf den AVagen eingefallen, wenn ich 
eine Französin wäre, würde ich Asenauer aussprechen, denn die 
Franzosen lassen das H im Anlaut immer weg." Sie bringt dann 
eine Reihe von Reminiszenzen an Franzosen, die sie kennen gelernt 
hat, mid langt Jiach weitläufigen Umwegen bei der Erinnerung an, 
dass sie als 14 jähriges Mädchen in dem kleinen Stück „Kurmärker 
mid Picarde" die Picarde gespielt und damals gebrochen Deutsch ge- 
sprochen hat. Die Zufälhgkeit, dass in ihrem Logierhaus ein Gast 
aus Paris angekonmien ist, hat die ganze Reihe von Erinnerangen 
wachgerufen. Die Lautvertauschung ist also Folge der Störung dm*ch 
einen unbewussten Gedanken aus einem ganz fremden Zusammenhang. 

e) Ahnlich ist der Mechanismus des Versprechens bei einer 
anderen Patientin, die mitten in der Reproduktion einer längst ver- 
schollenen Kindererinnerung von ihrem Gedächtnis verlassen wird. 
An welche Körperstelle die vorwitzige mid lüsterne Hand des Anderen 
gegriffen hat, will ihi- das Gedächtnis nicht mitteilen. Sie macht un- 
mittell)ar darauf einen Besuch bei einer Freundin und unterhält sich 
mit iln- über Sommerwohnungen. Gefragt, wo denn ihr Häuschen 
in M. gelegen sei, antwortet sie: an der Berglende anstatt Berglehne. 

f) Eine andere Patientin, die ich nach Abbruch der Stunde fi'age, 
wie es ihrem Onkel geht, antwortet: „Ich weiss nicht, ich sehe ihn 
jetzt lun- in flagranti'*. Am nächsten Tage beginnt sie: ,,Ich habe 
mich recht geschämt, Ihnen eine so dmnme Antwort gegeben zu 
hal)en. Sie müssen mich natürlich für eine ganz ungebildete Person 
halten, die beständig Fremdwörter verwechselt. Ich wollte sagen: eii 
passant.'' AVir wussten damals noch nicht, woher sie die unrichtig 
angewendeten Fremdworte genommen jiatte. In derselben Sitzung 



') Sio stiiiul nämlich, wie sich zeigte, unter dem Eintluss von unbewussten 
Gedanken über Sciiwangcrschaft und Kinderverhütung. Mit den Worten: „zu- 
sammengeklappt wie ein Taschenmesser", welche sie bewusst als Klage vor- 
brachte, wollte sie die Haltung des Kindes im Mutterlcibc beschreiben. Das 
Wort „Ernst" in meiner Anrede hatte sie an den Namen (S. Ernst) der bekannten 
AVioncr Firma in der Kärthnerstrasse gemahnt, welche sich als Vcrkaufsstätto 
von Scliutzmitlcln gegen die Konzeption zu aiuioncieren pflegt. 



26 Das Verspreclieti. 

aber Ijraclite sie als Furtsetziiiig des vurtä<:;igeii Tlioiiuis v'uu: Rciiii- 
iiiszciiz. in welcher das Ertapptwerden in l'Iauranti die Hau})trolle 
spielte. J3er >Si)reeliteliler am Tage vorher hatte also die damals noch 
nicht bewiisst gewordene P^rinnerung antizipiert. 

g) Gegen eine Andere muss ich an einer gewissen »Stolle der 
Analyse die Vernmtung aussprechen, dass sie sich zu der Zeit, von 
welcher wir eben handeln, ihrer Familie geschämt und ihi'om Vater 
einen uns noch unbekannten Vorwm'f gemacht habe. Sie erinnert sich 
nicht daran, erklih't es übrigens für unwahrscheinlich. Sie setzt aber 
das Gespräch mit Bemerkungen über ihre Fann'lie fort: ..Man muss 
ihnen das eine lassen: Es sind doch besondere Menschen, sie haben 
alle Geiz — ich wollte sagen Geist.'" Das war denn auch wirklich 
der Vorwui-f, den sie aus ihrem Gedächtnis verdrängt hatte. Dass 
sich in dem Versprechen gerade jene Idee durchdrängt, die man 
zurückhalten will, ist ein häutiges Vorkommiiis (Vgl. den Fall von 
Meri nger: zum Vorschwein gekonunen). Der Unterschied hegt nm* darin, 
dass die Person bei IMeringer etwas zurückhalten will, was ihr bewusst ist, 
wähi-end meine Patientin das Zurückgehaltene nicht weiss, oder wie man 
auch sagen kann, nicht weiss, dass sie etwas und was sie zurückhält. 

h) „Wemi Sie Teppiche kaufen wollen, so gehen Sie nm- zu 
Kaufmann in der Mathäusgasse. Ich glaube, ich kann Sie dort auch 
empfehlen", sagt mir eine Dame. Ich wiederhole: „Also bei Mathäus 
«... bei Kaufmann will ich sagen." Es sieht aus wie Folge voji 
Zerstreutheit, wenn ich den einen Namen an Stelle des anderen wieder- 
hole. Die Rede der Dame hat mich auch wirklich zerstreut gemacht, 
denn sie hat meine Aufmerksamkeit auf andei'es gelenkt, Avas mir weit 
wichtiger ist als Teppiche. In der Mathäusgasse steht nämlich das 
Haus, in dem meine Frau als Braut gewohnt hatte. Der Eingang 
des Hauses war in einer anderen Gasse, und nun merke ich, dass 
ich deren Namen vergessen habe mid ilm mh* erst auf einem Umweg 
bcAvusst machen muss. Dei' Name Mathäus, bei dem ich verweile, ist 
mir also ein Ersatzname flu- den vergessenen Namen der Strasse. Er 
eignet sich besser dazu als der Name Kauhiiann, demi Mathäus ist 
ausschliesshch em Personemiame, was Kaufinann nicht ist, und die 
vergessene Sti-asse heisst auch nach einem Personennamen: Radetzky. 

i) Folgenden Fall könnte ich ebenso gut bei den später zu 
besprechenden »Irrtümern« unterbringen, führe ihn aber hier an, weil 
die Lautbeziehmigen, auf Gnuid deren die Wortersetzung erfolgt, ganz 
besonders deutlich sind. Eine Patientin erzählt mir ihren Traum : Ein 
Kind hat beschlossen, sich dm'ch einen Schlangenbiss zu töten. Es 



Das Versprechen. 27 

fühi't den Entschluss aus. Sie sieht zu. wie es sich in Krämpfen 
windet usw. Sie soll nun die Tagesanknüpfung für diesen Traum 
finden. Sie erinnert sofort, dass sie gestern abends eine populäre Vor- 
lesung über erste Hilfe bei Schlangenbissen mit angehört. Wenn ein 
Erwachsener und ein Kind gleichzeitig gebissen worden sind, so soll 
man zuei-st die AVunde des Kindes behandeln. Sie erinnert auch, 
welche Yoi-schriften füi- die Behandhuig der "Vortragende gegeben hat. 
Es käme sehr viel darauf an, hat er auch geäussert, von welcher Art 
man gebissen worden ist. Hier unterbreche ich sie und frage: Hat er 
demi nicht gesagt, dass wir nur sehr wenig giftige Arten in unserer 
Gegend haben, und welche die gefiü'chteten sind? „Ja, er hat die 
Klapperschlange hervorgehoben''. Mein Lachen macht sie dann auf- 
merksam, dass sie etwas Unrichtiges gesagt hat. Sie korrigiert jetzt 
aber nicht etwa den Namen, sondern sie ninnnt ihre Aussage zurück. 
„Ja so, die kommt ja bei uns nicht vor; er hat von der Viper gesprochen. 
Wie gerate ich luu- auf die Klapperschlange?'' Ich vermutete, durch 
die Einmengung der Gedanken, die sich hinter ihrem Traum ver- 
borgen hatten. Der Selbstmord durch Schlangenbiss kaini kaum etwas 
anderes sein als eine Anspielung auf die schöne Kleopatra. Die Aveit- 
gehende Lautähnlichkeit der beiden Worte, die Übereinstimmung in 
den Buchstaben Kl . . p . . r in der nämhchen Reihenfolge und in 
dejn betonten a sind nicht zu verkennen. Die gute Beziehung 
zwischen den Namen Klapperschlange und Kleopatra erzeugt bei 
ihr eine momentane Einschränkung des Urteils,, derzufolge sie an der 
Behauptmig, der Vortragende habe sein Publikmn in Wien in der Be- 
handlung von Klapperschlangenbissen unterwiesen, keinen Anstoss nimmt. 
Sie weiss sonst so gut wie ich, dass diese Schlange nicht zm- Fauna 
unserer Heimat gehört. Wir wollen es ihi' nicht verübeln, dass sie an 
die Versetzmig der Klapperschlange nach Egypten ebensowenig Be- 
denken knüpfte, denn wir sind gewöhnt, alles Aussereuropäische, 
Exotische zusammenzuwerfen, und ich selbst musste mich einen Moment 
besimien, ehe ich die Behauptung autstellte, dass die Klapperschlange 
nur der neuen Welt angehört. 

Weitere Bestätigungen ergeben sich bei Fortsetzung der Analyse. 
Die Träumerin hat gestern zum erstenmal die in der Nähe ihrer 
Wohnung aufgestellte All ton ins gruppe von Strasser besichtigt. Dies 
war also der zweite Traumanlass (der erste der Vortrag über Schlangen- 
bisse). In der Fortsetzung ihres Traumes wiegte sie ein Kind in ihren 
Annen, zu welcher Szene ihr das Gretchen einfällt. Weitere Einfälle 
bringen Reminiszenzen an ^/Arria und Messali na«. Das Auftauchen 



28 I^äs Versprechen. 

so vieler Namen von Tlioiitorstückeii in <Uii Trauni^vilankcn lüsst be- 
reits vcniiuten, dass bei der Träimicrin in iiiiheren Jahren eine ge- 
heim gehaltene Schwiirmerei iiir den Beruf der »Schauspielerin bestand. 
Der Anfang des Traumes: ,,Ein Kind hat beschlossen, sein Leben 
durch einen Schlangenbiss zu enden", bedeutet wirklich nichts anderes 
als: Sie hat sich als Kind vorgenommen, einst eine berühmte Schau- 
spielerin zu werden. Von dem Namen Messali na zweigt endlich 
der Gedankenweg ab, der zu dem wesentlichen Inhalt dieses Traumes 
führt. Gewisse Vorfälle der letzten Zeit haben in ihr die Besorgnis 
erweckt, dass ihr einziger Bruder eine nicht standesgemässe Ehe mit 
einer Nicht-Ar i er i n, eine Mesalliance eingehen köiuite. 

Bei dem })sychotherapeutischen Verfahren, dessen ich mich zur 
Autlösung und Beseitigung neurotischer Symptome bediene, ist sehr 
häutig die Aufgabe gestellt, aus den wie zufällig vorgebrachten Reden 
und Einfällen des Patienten einen Gedankeninhalt aufzuspüren, der 
zwar sich zu verbergen bemüht ist, aber doch nicht umhiji kaim, sich 
in mannigfaltigster Weise unabsichtlich zu veiTaten, Dabei leistet oft 
das Versprechen die wertvollsten Dienste, wie ich an den überzeugend- 
sten und andererseits sonderbarsten Beispielen dartun könnte. Die 
Patienten sprechen z. B. von ihrer Tante mid nennen sie konsequent, 
ohne das Versprechen zu merken, »meine Mutter«, oder bezeichnen 
ihren Mann als ihren »Bnider«. Sie machen mich auf diese AVeise 
aufinerksam. dass sie diese Personen miteinander »identifiziert«, in eine 
ßeihe gebracht haben, welche für ihr Gefühlsleben die "Wiederkehr 
desselben Typus bedeutet. Andere Male reicht eine ungewcihnlich 
klingende Wortfügung, eine gezwungen erscheinende Ausdrucksweise 
hhi, mu den Anteil eines verdi'ängten Gedankens an der anders 
motivierten Rede des Patienten aufzudecken. 

In groben wie in solchen feineren Redestörungen, die sich eben 
noch dem »Versprechen« subsumieren lassen, finde ich also nicht den 
Einfluss von Kontaktwirkungen der Laute, sondern den von Gedanken 
ausserhalb der Redeintention massgebend für die Entstehung des Ver- 
sprechens und hinreichend zur Aufhellung des zustande gekommenen 
Sprechfehlers. Die Gesetze, nach denen die Laute verändernd auf 
einander einwirken, möchte ich nicht anzweifeln ; sie scheinen mir aber 
nicht wirksam genug, um für sich allein die korrekte Ausfülniing der 
Rede zu stören. In den Fällen, die ich genauer studiert und durch- 
schaut habe , stellen sie bloss den vorgebildeten Mechanismus dar, 
dessen sich ein. ferner gelegenes psychisches Motiv bequemer weise be- 
dient, ohne sich aber an den Machtbereich dieser Beziehungen zu 



Das Versprechen. 29 

binden. In einer grossen Reihe von Substitutionen wird lieini Ver- 
sprechen von solchen Lautgesetzen völlig abgesehen. Ich befinde mich 
hierbei in voller tnbereinstimniung mit Wundt, der gleichfolls die Be- 
dingungen des Versprechens als zusammengesetzte und weit über die 
Kontaktwirkungen der Laute hinausgehende vermutet. 

AVenn ich diese »entfernteren psychischen Einflüsse« nachAVundts 
Ausdnick für gesichert halte, so weiss ich andererseits von keiner Ab- 
haltung, um auch zuzugeben, dass bei beschleunigter Rede und einiger- 
massen abgelenkter Autiuerksamkeit die Bedingungen fürs Versprechen 
sich leicht auf das von INIeringer und Mayer liestimmte Mass ein- 
schränken können. Bei einem Teil der von diesen Autoren ge- 
sammelten Beispiele ist wohl eine kompliziertere Auflösung wahrschein- 
licher. Ich greife etwa den vorhin angeführten Fall heraus: 
Es war mir auf der Schwest . . . 

Brust so schwer. 

Geht es hier wohl so einfach zu, dass das scliwe das gleich- 
wertige Bru als Vorklang verdrängt? Es ist kaum abzuweisen, dass 
die Laute schwe ausserdem durch eine besondere Relation zu dieser 
Vordringlichkeit befähigt werden. Diese könnte dann keine andere 
sein als die Assoziation : Schwester — Bruder, etwa noch : 
Brust der Schwester, die zu anderen Gedankenkreisen hinüber- 
leitet. Dieser hinter der Szene unsichtbare Helfer verleiht dem sonst 
hamilosen schwe die Macht, deren Erfolg sich als Sprechfeliler äussert. 

Eür anderes Versprechen lässt sich annehmen, dass der Anklang 
an obszöne Worte und Bedeutungen das eigentlich Störende ist. Die 
absichtliche Entstellung und Verzerrung der AVorte und Redensarten, 
die bei unartigen Menschen so beliebt ist. bezweckt nichts anderes, als 
beim harmlosen Anlass an das Verpönte zu mahnen, und diese Spielerei 
ist so häufig, dass es nicht wunderbar wäre, wenn sie sich auch un- 
absichthch und wider AVillen dm'chsetzen sollte. Beispiele wie: 
Eischeissweibchen für Eiweissscheibcben, Apopos Fritz für 
Apropos, Lokuskapitäl für Lotuskapitäl etc. vielleicht )ioch die 
Alabüsterbachse (Alabasterbüchse) der hl. Magdalena gehciren wohl in 
diese Kategorie.') — „Ich fordere Sie auf, auf das AVohl unseres 
Chefs aufzustossen'', ist kaum etwas anderes als eine unbeabsichtigte 
Parodie als Nachklang einer beabsichtigten. AVenn ich der (Jlief 
wäre, zu dessen Feierlichkeit der Festredner diesen Lapsus beigetragen 



') Bei einer meiner Patientinnen setzte sicli das Verspreelieii als Syni]!- 
tom so ianc(e fort, bis es auf den Kinderstreicli, das \\'or( rniiiiereii durch 
II ri iii !• ro n zu ersetzen, '/iirückw.f'ührl war. 



30 ßäs Versprechon. 

hätte, wüiclo ich wohl daran denken, wie klug die Römer gehandelt hahen. 
als sie den Soldaten des triumphierenden lmperatoi*s gestatteten, den 
inneren Einspruch gegen den Gefeierten in Spottliedern laut zu äussern. 
— ]\reringer erziUdt von sich seihst, dass er zu einer Person, die 
als die idteste der Gesellschaft mit dem vertraulichen Ehremiamen 
»Senexl« oder »altes Senexl« angesprochen wurde, einmal gesagt hal)e : 
..Prost Senex altesl!" Er ei-schrak seihst üher diesen Fehler (p. 50). 
Wir köinien uns vielleicht seinen Affekt deuten, wenn wir daran 
mahnen, wie nahe »Altesl« an den Schimpf »alter Esel« kommt. 
Aui' die Verletzung der Ehrfurcht vor dem Alter (d. i., auf die Kindheit 
reduzieii, vor dem Vater) siiul grosse innere Strafen gesetzt. 

Ich hofi'e. die Leser werden den Wertunterschied dieser Deutungen, 
die sich durch nichts beweisen lassen, und der Beispiele, die ich seihst 
gesammelt und durch Analysen erläutert habe, nicht vernachlässigen. 
Wenn ich aber im stillen inniier noch an der Erwartung festhalte, 
auch die scheinbar einfachen Fälle von Versprechen würden sich auf 
St()rung durch eine halb unterdiiickte Idee ausserhalb des intendierten 
Zusammenhanges zurückführen lassen, so verlockt mich dazu eine sehr 
])eachtenswerte Bemerkung von Meringer. Dieser Autor sagt, es ist 
merkwürdig, dass niemand sich versprochen haben will. Es gibt sehr 
gescheute und elii'liche Menschen, welche beleidigt sind, wenn man 
ihnen sagt, sie hätten sich versprochen. Ich getraue mich nicht, diese 
Behauptung so allgemein zu nehmen, wie sie durch das »niemand« 
von Meringer hingestellt wird. Die Spur Affekt aber, die am Nach- 
weis des Versprechens hängt und offenbar von der Natur des Schämeus 
ist, hat ihre Bedeutung. Sie ist gleichzusetzen dem Ai'ger, ^vemi wir 
einen vergessenen Namen nicht erinnern, und der Verwunderung über 
die Haltbarkeit einer schembar belanglosen Erinnermig, und weist alle- 
male auf die Beteiligung eines Motivs am Zustandekommen der 
Störung hin. 

Das Verdrehen von Namen entspricht einer Schmähung, wenn 
es absichtlich geschieht, und dürfte in einer ganzen Reihe von Fällen, 
wo es als unabsichtliches Versprechen auftritt, dieselbe Bedeutung 
haben. Jene Person, die nach Mayers Bericht eimnal »Freuder« 
sagte anstatt Freud, weil sie kurz daranf den Namen »Breuer« vor- 
brachte fp. 38), ein andermal von einer Freuer-Breudschen Methode 
(p. 28) sprach, war wohl ein Fachgenosse und von dieser Methode 
nicht sonderlich entzückt. Einen gewiss nicht anders aufzuklärenden Fall 
von Namensentstellung werde ich weiter unten beim Verschreiben mit- 
teilen. In diesen Fällen mengt sich als störendes Moment eine Kritik 



Das Yersprcchen. 31 

ein. welche liei Seite gelassen werden soll, weil sie gerade in dem 
Zeitpunkte der Intention des Redners nicht entspricht. In anderen 
und Aveit liedeutsameren Fällen ist es Selbstkritik, innerer Widersprach 
gegen die eigene Äusserung, was zum Versprechen, ja zum Ersatz des 
Intendierten durch seinen Gegensatz nötigt. Man merkt dann mit 
Erstaunen, wie der AVortlaut einer Beteuerung die Absicht derselben 
aufhebt, und wie der Sprechfehler die innere Unaufrichtigkeit bloss- 
gelegt hat.') Das Versprechen wird hier zu einem mimischen Aus- 
drucksmittel. 

Man gelangt von hier aus zu jenen Redestörungen, die nicht 
mehr als Versprechen beschrieben werden, weil sie nicht das einzelne 
Wort, sondern Rhythmus und Ausführung der ganzen Rede beeinträch- 
tigen, wie z. B. das Stammeln und Stottern der Verlegenheit. Aber 
hier wie dort ist es der innere Konflikt, der uns durch die Störung 
der Rede verraten wird. Ich glaube wirklich nicht, dass jemand sich 
versprechen würde in der Audienz bei Seiner Majestät, in einer ernst- 
gemeinten Liebeswerbung, in einer Verteidigungsrede um Ehre und 
Namen vor den Geschworenen, kurz in all den Fällen, in denen man 
ganz dabei ist, wie wir so bezeichnend sagen. Selbst bis in die 
Schätzung des Stils, den ein Autor schreibt, dürfen wir und sind wir 
gCAvöhnt. das Erklärungsprinzip zu tragen, welches wir bei der Ableitung 
des einzelnen Sprechfehlers nicht entbehren können. Eine klare und 
unzweideutige Schreibweise belehrt uns, dass der Autor hier mit sich 
einig ist, und wo wir gezwungenen und gewundenen Ausdruck finden, 
der, wie so richtig gesagt wird, nach mehr als einem Scheine schielt, 
da können wir den Anteil eines nicht genugsam erledigten, kompli- 
zierenden Gedankens erkennen . oder die erstickte Stimme der Selbst- 
kritik des Autors heraushöiren. 



V. 
Verlesen und Verschreiben. 

Dass für die Fohler im Lesen und Schreiben die nämlichen 
Gesichts])unkte nnd Bemerkungen Geltung haben, wie für die Si)rech- 
fehler, ist bei der inneren Verwandtschaft dieser Fuidctionen nicht zu 
verwundern. Teli weide niieli hier darauf beschi'änken. einige sorgfältig 



') Durcli siilclics Vcr&prcclicii liramliiKirkt z. B. A iizoiio ru hör im 
..riVifiscnswurm" den hoiic.liloriscbcn Erliscliloiclior. 



32 Verloson und Ycrscliroibon. 

analysierte Beispiele mitzuteilen, inid kriiicii Vcisiicii initcriicliiueii, das 
(tüiizo der Eisclieinuii^oii zu umfassen. 

A. Verlesen. 

a) Ich durchblättere im Cafeluuis eine Nummer der »Tjeipziger 
Illustrierten <. die ich schräg vor mir halte, und lese als Tiiterschrift 
eines sich über eine Seite erstreckenden Bihlcs: Eine Hochzeitsfeier 
in der Odyssee. Aufmerksam geworden imd veiwundert rücke icli 
mir das Blatt zurecht und korrigiere jetzt: Eine Hochzeitsfeier an 
der Ostsee. Wie komme ich zu diesem unsimn'gen Lesefehler? 
Meine Gedanken lenken sich sofort auf ein Buch von Ruths >Ex]ie- 
riinentaluntersuchungen über Musikphantome etc.«. das mich in dei- 
letzten Zeit viel beschäftigt hat, weil es nahe an die von mir l)ehandel- 
ten psychologischen Probleme streift. Der Autor verspricht für nächste 
Zeit ein Werk, welches »Analyse und Grundgesetze der Traumphänomene« 
heissen wird. Kein Wunder, dass ich. der ich eben eine » Traumdeu- 
tung': verJiffentlicht habe, mit grösster Spannung diesem Buch entgegen- 
sehe. In der Schrift Ruths über Musikphantome fand ich vorne im 
Inhaltsverzeichnis die Ankündigung des ausführlichen induktiven Nach- 
weises, dass die althellenischen Mythen und Sagen ihre Hauptwurzeln 
in Schlummer- und Musikphantomen, in Traumphänomenen und auch 
in Dehrien haben. Ich schlug damals sofort im Texte nach, um 
herauszufinden, ob er auch um die Zm'ückführung der Szene, wie 
Odyss'eus vor Nausikaa erscheint, auf den gemeinen Nacktheitstraum 
wisse. Mich hatte ein Freund auf die schöne Stelle in G. Kellers 
»Griinem Heinrich« aufmerksam gemacht, welche diese Episode der 
Odyssee als Objektiviennig der Träume des fern von der Heimat 
irrenden Schiffers aufklärt, und ich hatte die Beziehung zum Exhibitions- 
traum der Nacktheit hinzugefügt (p. 170). Bei Ruths entdeckte 
ich nichts davon. Mich beschäftigen in diesem Falle offenbar Priori- 
tätsgedanken. 

b) Wie kam ich dazu, eines Tages aus der Zeitung zu lesen: 
.,Im Fass dm^ch Europa, anstatt: zu Fuss?" Diese Auflösung be- 
reitete mir lange Zeit Schwierigkeiten. Die nächsten Einfälle deuteten 
allerdings : Es müsse das Fass des Diogenes gemeint sem, und in einer 
Kunstgeschichte hatte ich unlängst etwas über die Kunst zur Zeit 
Alexanders gelesen. Es lag dann nahe, an die bekannte Rede 
Alexanders zu denken: Wenn ich nicht Alexander wäre, möchte ich 
Diogenes sein. Auch schwebte mir etwas von einem gewissen Her- 
mann Zeitung vor, der in eine Kiste verpackt sich auf Reisen be- 



Verlesen und Verschreiben. 33 

creljen hatte. Aber weiter wollte sich der Zusammenhang nicht her- 
stellen, und es gelaug mir uicht. die Seite iu der Kunstgeschichte 
wieder aufzuschlagen, auf welcher mir jene Bemerkung ins Auge ge- 
fallen war. Ei-st Monate später fiel mir das bei Seite geworfene 
Rätsel pl()tzlich wieder ein. und diesmal zugleich mit seiner Lösung. 
Tch orimierte mich an die Bemerkung in einem Zeitungsartikel, was 
für sonderliare Arten der Beförderung die Leute jetzt Avählten. um 
nach Paris zur Weltausstellung zu kommen, und dort war auch, wie 
ich glaube, scherzhaft mitgeteilt worden, dass irgend ein Herr die x\b- 
sicht liabe. sich von eijiem anderen Herrn in einem Fass iiach Paris 
rollen zu lassen. Natürlich hätten diese Leute kein anderes Äfotiv. als 
durch solche Torheiten Aufsehen zu machen, Hermann Zeitung 
war in der Tat der Name desjenigen Mannes, der für solclie ausser- 
gewöhnliche Beförderungen das erste Beispiel gegeben hatte. Dami 
fiel mir ein, dass ich eimnal einen Patienten behandelt, dessen krank- 
hafte Angst vor der Zeitung sich als Reaktion gegen den krankhaften 
Elirgeiz auflöste, sich gedruckt und als berühmt in der Zeitung er- 
wälint zu sehen. Der mazedonische Alexander war gewiss einer der 
ehi-geizigsten Männer, die je gelebt. Er klagte ja, dass er keinen 
Homer finden werde, der seine Taten besinge. Aber wie konnte ich nur 
nicht daran denken, dass ein anderer Alexander mir näher stehe, 
dass Alexander der Name meines jüngeren Bruders ist! Ich fand 
nun sofort den anstössigen und der Verdrängung bedürftigeii Gedanken 
in l)etreff dieses Alexanders und die aktuelle Veranlassung für ihn. 
]\[ein Bruder ist Sachverständiger in Dingen, die Tarife und Trans- 
porte angehen, und sollte zu einer gewisssen Zeit für seine Lehr- 
tätigkeit an einer kommerziellen Hochschule den Titel Professor er- 
halten. Für die gleiche Beförderung bin ich an der LTniversität 
seit meln-ere]! Jahren vorgeschlagen, ohne sie erreicht zu haben. ITn- 
sere Mutter äusserte damals ihr Befi-emden darüber, dass ihr kleiner 
Sohn eher Professor werden sollte als ihr grosser. So stand es zur 
Zeit, als icli die Tjösung für jenen Leseirrtum nicht finden konnte. 
Dann erhoben sich Schwierigkeiten auch bei meinem Bruder; seine 
Chancen, Professor zu werden, fielen noch unter die meinigen. Da 
aber wurde mir plötzlich der Simi jenes Verlesens offenbar; es war, als 
hätte die Mindennig in den Ohancen des Bruders ein HindeiMiis ])e- 
seitigt. Tch hatte mich so benommen, als läse ich die Erneniuuig des 
Brudei's in der Zeitung, und sagte mir dabei: Merkwürdig, dass man 
wegen solcher Dummheiten (wie er sie als Beruf betreibt) in der 
Zeitung stehen (d. h. zum Pi'ofessor ei'iiannt wei'den) kann! Die Sielle 

I ' r e II <l , Zur l'Hychopathologie (leg AlltiiKMiebeiis. ■> 



34 Verlesen nnd Verschreiben. 

über die hellenistische Kunst im Zeitalter Alexanders schlug ich dann 
ohne Mühe auf und ül)erzeugte mich zu meinem P^rstaunen. dass ich 
widircMid des vorherijiien »Suchens wiederh(»lt aul dcrsolhcn Seite «iclcscMi 
lind jedesmal wie unter der Heri'schaft einer negativen Halhizination 
den hetrefteuden Satz übergangen hatti'. Dieser enthielt übrigens gar 
nichts, was mir Aufklärung brachte, was des Vei'gessens wert gewesen 
wäre. Tch meine, das Symptom des NichtaufHndens im Buche ist nur 
zu meiiHM- Irreführung geschaften worden. Ich sollte die Fortsetzung 
dei' (-ie<lankenverknüi)fung doi't suchen, wo meiner Xachforschung ein 
Hindernis in den Weg gelegt war, also in irgend einer Idee über deji 
mazedonischen Alexander, und sollte so vom gleichnamigen Bruder 
sicherer abgelenkt werden. Dies gelang auch vollkommen; ich richtete 
alle meine Bemühungen darnuf. die verlorene Stelle in jenei- Kunst- 
geschichte wieder aufzufinden. 

Der Doppelsimi des Wortes »Beförderung« ist in diesem 
Falle die Assoziationsbrücke zwischen den zwei Gedaiikeidfi-eisen, dem 
unwichtigen, der durch die Zeitungsnotiz angeregt wird, und dem 
interessanteren, aber anstössigen, der sich hier als Störung des zu 
Lesenden geltend machen darf. Man ersieht aus diesem Beispiel, dass 
es nicht innner leicht wird, Vorkommnisse wie diesen Lesefehler aufzu- 
klären. Gelegentlich ist man auch geiiötigt, die Lösung des Rätsels 
auf eine günstigere Zeit zu verschieben. Je schwieriger sicli aber die 
Lösungsarbeit enveist, desto sicherer darf man erwarten, dass der endlich 
aufgedeckte störende Gedanke von unserem bew^ussteu Denken als 
fi-emdartig und gegensätzlich beurteilt werden wird. 

c) Tch erhalte eines Tages einen Brief aus der Nähe Wiens, der 
mir eine erschütternde Nachricht mitteilt. Ich rufe auch sofort meine 
Frau an und fordere sie zur Teilnahme daran auf, dass die arme 
Wilhelm M. so schwer erkraidct und von den Ärzten aufgegeben ist. 
An den Worten, in welche ich mein Bedauern kleide, muss aber etwas 
falsch geklungen haben, denn meine Frau wird misstrauisch, verlangt 
den Brief zu sehen und äussert als ihre Überzeugung, so kömie es 
nicht darin stehen, denn niemand nenne eine Frau nach dem Namen 
des Mannes, und überdies sei der Korrespondentin der Vorname der 
Frau sehr wohl bekamit. Ich verteidige meine Behauptung hartnäckig 
und verweise auf die so gebräuchlichen Visitkarten, auf denen eine 
Frau sich selbst mit dem Vornamen des Mannes bezeichnet. Ich muss 
eiKllich den Brief zur Hand nehmen, und wir lesen darin tatsächlich 
»der arme W. M.«, ja sogar, was ich ganz übersehen hatte: der 
arme Dr. W. M.«. Mein Versehen bedeutete also einen, sozusagen 



Verlesen und Verschreiben. 35 

ki'arapfliafteii. Versucb. die traurige Neuigkeit von dem Maiuie auf die 
Frau zu überwälzen. Der zwischen Artikel, Beiwort und Name ein- 
geschobene Titel passte schlecht zu der Forderung, es müsste die Frau 
gemeint sein. Darmu wurde er auch beim Lesen beseitigt. Das 
Motiv dieser Verfälschung war aber nicht, dass mir die Frau weniger 
sympathisch wäre als der iNIann. soiidern das Schicksal des armen 
]\rannes hatte meine Besorgnisse um eine andere, mir nahe stehende 
Pei-son rege gemacht, welche eine der mir bekannten Krankheits- 
bedingungen mit diesem Falle gemeinsam hatte. 

B. Verschreiben. 

a) Auf einem Blatte, welches kurze tägliche Aufzeichnungen 
meist von geschäftlichem Interesse enthält, finde ich zu meiner IHier- 
raschung mitten unter den richtigen Daten des Monats September ein- 
goschlossen das verschriebene Datum »Doimerstag den 20. Okt.<x Es 
ist nicht schwierig, diese Antizipation aufzuklären, und zwar als Aus- 
druck eines Wiuisches. Ich bin wenige Tage vorher fi-isch von der 
Ferieiu'eise zurückgekehrt und fülde mich bereit füi" ausgiebige ärztliche 
Beschäftigung, aber die Anzahl der Patienten ist noch gering. Bei 
meiner Ankunft fand ich einen Brief von einer Ki'anken vor, die sich 
für den 20. Oktober ankünchgte. Als ich die gleiche Tageszahl im 
September niederschrieb, kann ich wohl gedacht haben: Die X. sollte 
doch schon da sein; wie schade um den vollen Monat! und in diesem 
(xedanken rückte ich das Datum vor. Der störende Gedanke ist in 
diesem Falle kamn ein anstössiger zu nennen; dafür weiss ich auch 
sofort die Auflösung des Sclu-eibfehlers. nachdem ich ihn erst be- 
merkt habe. 

b) Ich erlialte die Korrektur meines Beitrags zum Jahresbericht 
für Neurologie und Psychiatrie und muss natürlich mit besonderer 
Sorgfalt die Autornamen revidieren, die, weil verschiedenen Nationen 
angehfirig, dem Setzer die grössten Schwierigkeiten zu bereiten pfiegxMi. 
Manchen fremd khngenden Namen finde ich wirklich noch zu korrigieren, 
aber einen einzigen Namen hat merkwürdiger Weise der Setzer gegen 
mein Maimskript verbessert und zwar mit vollem Rechte. Ich hatte 
iiiuiilich Buckrhard geschrieben, woraus der Setzer Burckhard 
erriet. Ich hatte die Al)handlung eines Geburtshelfers über den Eiii- 
fluss der Geburt auf die Entstehung dei- Kinderlähmungen selbst als 
verdienstlich gelobt, wüsste auch nichts gegen deren Autor zu sagen, 
aber den gleichen Namen wie er trägt auch ein Schriftsteller in Wien, 
der nncli dnicli eine unverständige Kritik über meine >Traunideutung' 

3* 



gg Verlesen iin'l Verschreiben. 

geärgert hat. Es ist gerade so, als hätte ich mir hoi der Niederschritt 
des Nanieii Burckhard. der den Geburtshelfer liezeichnete, etwas 
Arges iil)er den andei-en B.. den Schriftsteller, gedacht, denn Namen- 
verdrehen bedeutet häufig geiuig. wie ich schon beim Versprechen er- 
wähnt habe, Schmähung, i) 

c) Ein ansclieinend ernsterer Fall von Verschreiben, den ich viel- 
leicht mit ebensoviel Recht dem »Vergreifen« einordnen kömite: Ich 
habe die Absicht, mir aus der Postsparkassa die Summe von :iOO 
Kronen kommen zu lassen, die ich einem zum Kurgebrauch abwesenden 
Verwandten schicken will. Ich bemerke dabei, dass mein Konto auf 
4380 Kr. lautet und nehme mir vor, es jetzt auf die rund«' Snnnne 
von 4000 Kr. henniterzusetzen, die in der nächsten Zeit nicht an- 
gegriffen werden soll. Nachdem ich den Check ordnungsmässig aus- 
geschrieben und die der Zahl entsprechenden Ziffern ausgeschnitten 
habe, merke ich plötzlich, dass ich nicht 380 Kr., wie ich wollte, sondern 
gerade 4-38 bestellt habe, und erschrecke über die Unzuverlässigkeit 
meines Tuns. Den Schreck erkenne ich bald als unberechtigt; ich bin 
ja jetzt nicht ärmer worden, als ich vorher war. Aber ich muss eine 
ganze Weile darüber nachsinnen, welcher Einfluss hier meine erste In- 
tention gestört hat, ohne sich meinem Bewusstsein anzukündigen. Ich 
gerate zuerst auf falsche Wege, will die beiden Zahlen, 380 und 438, 
von einander abziehen, Aveiss aber dann nicht, was ich mit der Differenz 
anfangen soll. Endlich zeigt mir ein plötzlicher Einfixllden wahren 
Zusammenhang. 438 entspricht ja zehn Prozent des ganzen Konto 
von 4380 Kr.! 10 pCt. Rabatt hat man aber beim Buchhändler! 
Ich besinne mich, dass ich vor wenigen Tagen eine Anzahl medizinischer 
Werke, die ihr Interesse für mich verloren haben, ausgesucht, um sie 
dem Buchhändler gerade für 300 Kronen anzubieten. Er fand die 
Forderung 7a\ hoch und versprach, in den nächsten Tagen endgiltige 
Antwort zu sagen. Weim er mein Angebot amiimmt, so hat er mir 
gerade die Summe ersetzt, welche ich für den Ki'anken verausgaben 
soll. Es ist nicht zu verkennen, dass es mir um diese Ausgabe leid tut. 
Der Affekt bei der Wahrnehmung meines Irrtums lässt sich besser 
verstehen als Furcht, durch solche Ausgaben arm zu werden. Aber 



') Vgl. etwa die Stelle im Julius Caesar III. 3: 
Cinna. Ehrlich, mein Name ist Cinna, 
Bürger. Reisst ihn in Stücke! er ist ein Verschworener. 
Cinna. Ich bin Cinna der Poet! Ich bin nicht Cinna der Verschworene. 
Bürger. Es tut nichts: sein Name ist Cinna, reisst ihm den Namen aus 
dem Herzen und lasst ihn laufen. 



Verlesen und Verscliroiben. 37 

beides, das Bedauern wegen dieser Ausgabe und die an sie geknüpite 
Verai'niungsangst. sind meinem Bewusstsein völlig fremd; ich habe das 
Bedauern nicht verspüi't, als ich jene Summe zusagte, und fände die 
Motivierung desselben lächerlich. Ich würde mir eine solche Regung 
wahi-scheinlich gar nicht zutrauen, wenn ich nicht durch die Übung in 
Psychoanalysen bei Patienten mit dem Verdrängten im Seelenleben 
ziemlich vertraut wäre, und weini ich nicht vor einigen Tagen einen 
Traum gehabt hätte, welcher die nämliche Lösung erforderte.') 

Wundt gibt eine bemerkenswerte Begründung für die leicht zu 
bestätigende Tatsache, dass wir mis leichter verschreiben als versprechen 
(1. c. p. 374). ..Im Verlaufe der normalen Rede ist fortwähi-end die 
Henunungsfiniktion des Willens dahin gerichtet, Vorstellungsverlauf 
und Artikulatiousbewegung mit einander in Einklang zu bringen. Wird 
die den Vorstellungen folgende Ausdrucksbewegujig durch mechanische 
Ursachen verlangsamt wie beim Schreiben ..... so ti'eten daher solche 
Antizipationen besonders leicht ein.'' 

Die Beobachtung der Bedingungen, unter denen das Verlesen 
auftritt, giebt Anlass zu einem Zweifel, den ich nicht unerwähnt lassen 
möchte, Aveil er nach meiner Schätzung der Ausgangspmikt einer 
hiichtbaren Untei-suchung werden kann. Es ist jedermaini bekannt, 
wie häutig beim Vorlesen die Aufmerksamkeit des Lesenden den 
Text verlässt und sich eigenen Gedanken zuwendet. Die Folge dieses 
Abschweifens der Aufmerksamkeit ist nicht selten, dass er überhaupt 
nicht anzugeben weiss, Avas er gelesen hat, wenn man ihn im Vorlesen 
unterbricht und befragt. Er hat dann Avie automatisch gelesen, aber 
er hat fast innner richtig vorgelesen. Ich glaube nicht, dass die 
Lesefehler sich unter solchen Bedingungen merklich vermehren. Von 
einer ganzen Reilie von Funktionen sind wii' auch gewöhnt, anzunehmen, 
dass sie automatisch, also von kaum bewusster Aufmerksamkeit be- 
gleitet, am exaktesten vollzogen werden. Daraus scheint zu folgen, 
dass diu Aufmerksamkeitsbedingung der Sprech-, Lese- und Schreib- 
fehler anders zu bestimmen ist, als sie bei Wundt lautet (Wegfall 
oder Nachlass der Aufinerksamkeit). Die Beispiele, die wir der Analyse 
unterzogen haben, gaben uns eigenthch nicht das Recht, eine quantitative 
Vermindemiig der Aufmerksamkeit anzunehmen; wir landen, was viel- 
leicht nicht ganz dasse]l)e ist, eine Störung der Aufmerksamkeit durch 
einen tremdun, Anspruch erhebenden Gedanken. 



') Es ist dies jener Traum, den i(;h in einer kurzen Abhandlung, ,,(lber 
den Traum", No. VIII der ,, Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens", heraus- 
gegeben von Lö wen fehl und Kurella 1901, zum Paradigma genommen habe. 



38 Vergessen vuii EimlnickL-n uiid Vorsätzen. 

VI. 

Vergessen von Eindrücken und Vorsätzen. 

Wonii jt-iiiaiiil i;\'iK'igt sein solltt'. den Stand unserer gegenwilrtigun 
Jvenntnis vom Seolenloben zu übiBrschätzen, so brauchte man ihn nur an 
die Gedächtnisfunktion zu mahnen, um ihn zur Bescheidenheit zu 
zwingen. Keine psyehoh^gische Theorie hat es noch vermocht von 
dem fundamentalen Phänomen des Erinnerns und Vergessens im Zu- 
sammenhange Rechenschaft zu geben ; ja, die vollständige Zergliederung 
dessen, was man als tatsächlich Ijeobacliten kann, ist noch kaum in 
Angrift' genommen. Vielleicht ist uns heute das Vergessen rätselhafter 
geworden als das Erinnern, seitdem uns das Studium des Traumes 
und pathologischer Ereignisse gelehrt hat, dass auch das plötzlich 
wieder im Bewusstsein auftauchen kann, was wii' für längst vergessen 
geschätzt haben. 

AVir sind allerdings im Besitze einiger weniger Gesichtspunkte, 
für weiche wir allgemeine Anerkennung erwarten. AVir nehmen an, 
dass das Vergessen ein spontaner Vorgang ist, dem man einen ge- 
wissen zeitlichen Ablauf zuschreiben kann. Wir lieben hervor, dass 
beim Vergessen eine gewisse Auswahl miter den dargebotenen Ein- 
drücken stattfindet und ebenso unter den Einzelheiten eines jeden 
Eindrucks oder Erlebnisses. Wir kennen einige der Bedingungen für 
die Haltbarkeit im Gedächtnis und für die Erweckbarkeit dessen, was 
sonst vergessen würde. Bei unzähligen Anlässen im täglichen Leben 
können wir aber bemerken, wie unvollständig und unljefriedigend unsere 
Erkenntnis ist. Man höre zu, wie zwei Personen, die gemeinsam 
äussere Eindiiicke empfangen, z. B. eine Reise mit einander gemacht 
haben, eine Zeitlang später ihre Erinnerungen austauschen. Was dem 
einem fest im Gedächtnis geljlieben ist, das hat der andere oft ver- 
gessen, als ob es nicht geschehen wäre, und zwar ohne dass man ein 
Recht zur Behauptung hätte, der Eindruck sei für den einen psychisch 
bedeutsamer gewesen als für den anderen. Eine ganze Anzahl der 
die Auswahl fürs Gedächtnis bestimmenden Momente entzieht sich 
offenbar noch unserer Kenntnis. 

In der Absicht, zur Kemitnis der Bedingungen des Vergessens 
einen kleinen Beitrag zu liefern, pflege ich die Fälle, in denen mir 
das Vergessen selbst widerfährt, einer psychologischen Analyse zu 
unterziehen. Ich beschäftige mich in der Regel nur mit einer gewissen 
Gruppe dieser Fälle, mit jenen nämlich, in denen das Vergessen mich 
in Erstaunen setzt, weil ich nach meuier Erwartung das Betreflende 



Vergessen voa Eindrücken und Vorsätzen. 39 

Avisseu sullto. Ich will noch bemerken, dass ich zur Vergesslichkeit 
im allgemeinen (fiu' Erlebtes, nicht fiii- Gelerntes!) nicht neige, und 
dass ich dmx'h eine kurze Periode meiner Jugend auch aussergewöhji- 
licher Gedächtnisleistungen nicht unfähig Avai". In meiner Schulknaben- 
zeit Will* es mir selbstvei-ständlich. die Seite des Buches, die ich gelesen 
hatte, auswendig hei'sagen zu können, und kurz vor der Univei'sität 
wai- ich imstande, populäi'e Vorträge wissenschaftlichen Inhalts un- 
mittelbar nachher fast wortgetreu niederzuschi'eiben. In der Spannmig 
vor dem letzten medizinischen Rigorosum muss ich noch Gebrauch 
von dem Rest dieser Fähigkeit gemacht haben, denn ich gab in eini- 
gen Gegenständen den Prüfern wie automatisch Antworten, die sich 
getreu mit dem Text des Lehi-buches deckten, welchen ich doch nm- 
einmal in der grössten Hast durchflogen hatte. 

Die Verfügung über den Gedächnisschatz ist seither bei mir immer 
schlechter geworden, doch habe ich mich bis in die letzte Zeit hinein 
überzeugt, dass ich mit Hilfe eines Kunstgrifies weit mehr er- 
innern kann, als ich mir sonst zutraue. AVenn z. B. ein Patient in 
der Sprechstunde sich darauf beruft, dass ich ihn schon einmal gesehen 
habe, und ich mich weder an die Tatsache noch an den Zeitpunkt erinnern 
kann, so helfe ich mir, indem ich rate, d. h. mir rasch eine Zahl von 
Jahren, von der Gegenwart an gerechnet, einfallen lasse. Wo Aiif- 
schreibungen oder die sichere Angabe des Patienten eine Konti'oUe 
meines Einfalles ermöglichen, da zeigt es sich, dass ich selten mii 
mehr als ein Halbjahr bei über 10 Jahi"en geirrt habe.') Ahnlich, 
weim ich einen entfernteren Bekannten treffe, den ich aus Höflichkeit 
nach seinen kleinen Kindern frage. Erzählt er von den Fortschritten 
derselben, so suche ich mir einfallen zu lassen, wie alt das Kind jetzt 
-ist, kontroUiere durch die x4.uskunft des Vaters und gehe höchstens um 
einen Monat, bei älteren Kindern um ein Vierteljahr fehl, obwohl ich 
nicht angeben karni, welche Anhaltspunkte ich für diese Schätzung 
hatte. Ich bin zuletzt so kühn geworden, dass ich meine Schätzung 
immer spontan vorbringe, und laufe dabei nicht Gefahr, den Vater 
durch die Biossstellung meiner Unwissenheit über seinen Sprössling zu 
kränken. Ich erweitere so mein bewusstes Erinnern durch Anrufen 
meines jedenfalls weit reichhaltigeren unbewussten Gedächtnisses. 

Ich werde also über auffällige Beispiele von Vergessen, die ich 
an mir sel))st beobachtet, berichten. Ich unterscheide Vergessen von 
Eindrücken und Erlebnissen, also von Wissen, und Vergessen von 

') Gewöhnlich pflegen dann im Laufe der Besprechung die Einzelheiten 
des damalio:en ersten Besuches bewusst aufzutauchen. 



4:0 Vergessen von Eindrücken und Kenntnissen. 

Vorsätzen, also Unterlussuiigvii. Das cinldniiigo Ergebnis (k-r gaii/eii 
Reihe vuii Beuhaclituiigcii kann ich \oraii stellen: In allen Fällen 
erwies sieh das \'ergessen als begründet dureli ein L'nlust- 
m 1 i V. 

A. Vergessen von Eindrücken nnd Kenntnissen. 

a) Im »Sonnner gab mir meine Frau einen an sich harmlosen 
Anlass zu heltigem Arger. Wir sassen an dei- Table d'höte einem 
Herrn aus AVien gegenüber, den ich kannte, und der sich wohl auch 
an mich zu erinnern wusste. Ich hatte aber meine Gründe, die Be- 
kanntschaft nicht zu erneuern. Meine Frau, die nur den ansehnlichen 
Namen ihres Gegenüber gehört hatte, verriet zu sehr, dass sie seinem 
Gespräch mit den Nachbarn zuhörte, denn sie wandte sich von Zeit 
zu Zeit an mich mit Fragen, die den dort gespomienen Faden auf- 
nahmen. Ich wiu'de ungediddig und endlich gereizt. Wenige AVochen 
später fülu'te ich bei einer Verwandten Klage über dieses A'^erhalten 
meiner Fi'au. Ich war aber nicht imstande, auch nur ein Wort der 
Unterhaltung jenes Herrn zu erinnern. Da ich sonst eher nachtragend 
bin und keine Einzelheit eines Vorfalls, der mich geärgert hat, ver- 
gessen kann, ist meine Amnesie in diesem Falle wohl durch Rück- 
sichten auf die Person der Ehefrau motiviert. Ahnlich erging es mir 
erst vor kurzem wieder. Ich wollte mich gegen einen intim Bekanjiten 
über eine Äusserung meiner Frau lustig machen, die erst vor wenigen 
Stunden gefallen war, fand mich aber in diesem Vorsatz dm'ch den be- 
merken s weisen Umstand gehindert, dass ich die betreffende Äusserung 
spurlos vergessen hatte. Ich musste erst meine Frau bitten, mich an 
dieselbe zu erinnern. Es ist leicht zu verstehen, dass dies mein Ver- 
gessen analog zu fassen ist der typischen Urteilsstörung, welcher wir 
unterliegen, wenn es sich um unsere nächsten Angehörigen handelt. 

b) Ich hatte es übernommen, einer fremd in AVien angekonnnenen 
Dame eine kleine eiserne Handkassette zur Aufbewahrung ihrer Do- 
kumente und Gelder zu besorgen. Als ich mich dazu erbot, schwebte 
mir mit ungewöhnUcher visueller Lebhaftigkeit das Bild einer Auslage 
in der Inneren Stadt vor, in welcher ich solche Kassen gesehen haben 
musste. Ich konnte mich zwar an den Namen der Strasse nicht 
erinnern, fühlte mich aber sicher, dass ich den Laden auf einem Spazier- 
gang durch die Stadt auffinden werde, denn meine Erinnerung sagte 
mir, dass ich unzählige Male an ihm vorübergegangen sei. Zu meinem 
Arger gelang es mir aber nicht, diese Auslage mit den Kassetten auf- 
zufinden, obwohl ich die Innere Stadt nach allen Richtungen durch- 



Vergessen von Eindrücken und Kenntnissen. 41 

streifte. Es blieb mir nichts anderes übrig, meinte ich, als mir aus 
einem Adressenkalender die Kassenfabrikanten herauszusuchen, um 
dann auf einem zweiten Rundgang die gesuchte Auslage zu identifi- 
zieren. Es bedurfte aber nicht soviel ; unter den im Kalender angezeigten 
Adi-essen befand sich eine, die sich mir sofort als die vergessene ent- 
hüllte. Es war richtig, dass ich ungezählte Male an dem Auslage- 
fenster voräbergegangen war, jedesmal nämlich, wenn ich die Familie 
M. besucht hatte, die seit langen Jahren in dem nämlichen Hause 
wohnt. Seitdem dieser intime Verkehr einer völligen Entft-emdung 
gewichen war, pflegte ich, ohne mir von den Gründen Rechenschaft 
zu geben, auch die Gegend und das Haus zu meiden, i^uf jenem 
Spaziergang dmxh die Stadt hatte ich, als ich die Kassetten in der 
Auslage suchte, jede Strasse in der Umgebung begangen, dieser einen 
aber war ich, als ob ein Verbot darauf läge, ausgewichen. Das Un- 
lustmotiv, welches in diesem Fall meine Unorientiertheit verschuldete, 
ist greifbar. Der Mechanismus des Vergessens ist aber nicht mein- so 
einfach wie im vorigen Beispiel. Meine Abneigmig gilt natüi-lich nicht 
dem Kassenfabrikanten, sondern einem anderen, von dem ich nichts 
wissen will, und überträgt sich von diesem anderen auf die Gelegenheit, 
wo sie das Vergessen zustande bringt. Ganz ähnlich hatte im Falle 
Burckhard der Groll gegen den einen den Schreibfeliler im Namen 
hervorgebracht, wo es sich um den anderen handelte. Was hier die 
Xamensgleichheit leistete, die Verknüpfung zwischen zwei im Wesen 
vei-schiedenen Gedankenkreisen herzustellen, das konnte im Beispiel 
von dem Auslagefenster die Kontiguität mi Raum, die untrennbare 
Xachbai-schatt ersetzen. Übrigens war dieser letzte Fall fester gefügt; 
es fand sich noch eine zweite inhaltliche Verknüpfung vor, denn unter 
den Gmnden der Entfi'emdung mit der im Hause wohnenden Familie 
hatte das Geld eine grosse Rolle gespielt. 

c) Ich werde von dem Bureau B. & R. bestellt, einen ihrer 
Beamten ärztlich zu besuchen. Auf dem Wege zu dessen AVohnung 
beschäftigt mich die Idee, ich müsste schon wiederholt in dem Hause 
gewesen sein, in welchem sich die Firma befindet. Es ist mir, als ob 
mir die Tafel derselben in einem niedrigen Stockwerk aufgefallen wäre, 
während ich in einem höheren einen ärztlichen Besuch zu machen 
hatte. Ich kann mich al)er weder daran erinnern, welches dieses Haus 
ist, noch wen ich dort l)esucht habe. Obwohl die ganze Angelegenheit 
gleichgiltig und bedeutiuigslos ist, beschäftige ich mich doch mit ihr 
und eifahre endlich auf dem gcwfihnlichcn Umwege, indem ich meine 
Einfälle dazu sammle, dass sich einen Stock über den Lokalitäten der 
Firma B. c\: R. die Beiision Fischer befindet, in weldier ich häufig 



42 Vergossen von Eiiidriickeii uiul Keiiiitnisseii. 

l'atioiiteii bcsiK-lit lial)o. Ich kemu' jot/.t aiirli das Haus, wt'lclios die 
Bureaux und die Pension beherbergt. KütseUuill ist mir noeh, welches 
Motiv bei diesem Vergessen im Spiele war. Ich linde nichts für die 
Erinnerung Anstössiges an der Firma selbst oder an Pension Fischer 
oder an den Patienten, die dort wohnten, fch vermute auch, dass es 
sich um nicht sehr Peinliches handeln kann ; sonst wäre es )nir kaum 
gelungen, mich des Vergessenen auf" einem l'mwege wieder zu be- 
mächtigen, ohne äussere Hilfsmittel wie im vorigen Beisi)iel heran- 
zuziehen. Es fällt mir endlich ein. dass mich eben vorhin, als ich den 
Weg zu dem neuen Patienten antrat, ein Herr auf der Strasse ge- 
griisst hat. den icb Mühe hatte zu erkennen. Ich hatte diesen Mann 
vor Monaten in einem anscheinend schweren Zustand gesehen und die 
Diagnose der progressiven Paralyse über ihn verhängt, dann aber ge- 
hört, dass er hergestellt sei, so dass mein Uiteil unrichtig gewesen 
wäi'e. AVenn nicht etwa hier eine der Remissionen vorliegt, die sich 
auch bei Dementia paralytica finden, so dass meine Diagnose doch 
noch gerechtfertigt wäre! Von dieser Begegnung ging der Einfluss 
aus, der mich an die Nachbarschaft der BureaiLx von ß. & R. ver- 
gessen liess, und mein Interesse, die Lösung des Vergessenen zu 
linden, war von diesem Fall strittiger Diagnostik her übertragen. Die 
assoziative Verknüpfung aber "wmxle bei geringem imieren Zusannnen- 
liang — der wider Erwarten Genesene war auch Beamter eines grossen 
Bureaus, welches mir Kranke zuzu^Yeisen pÜegte — durch eine Namens- 
gleichheit besorgt. Der Arzt, mit Avelchem gemeinsam ich den ü'ag- 
lichen Paralj'tiker gesehen hatte, hiess auch Pisclier, Avie die in dem 
Haus betindliche, vom Vergessen betroffene Pension. 

d) Ein Ding verlegen heisst ja nichts anderes als vergessen, 
wohin man es gelegt hat, mid wie die meisten mit Schriften und 
Büchern hantierenden Personen Ijin ich auf meinem Schreibtisch wohl 
orientiert und weiss das Gesuchte mit einem Griff hervorzuholen. Was 
anderen als Unordiumg erscheint, ist für mich historisch gewordene 
<.)rdnung. AVarum habe ich aber unlängst einen Bücherkatalog, der 
nn'r zugeschickt wurde, so verlegt, dass er unauffindbar geblieben ist? 
Ich hatte doch die Absicht, ein Buch, das ich darin angezeigt fand, 
»Über die Sprache«, zu bestellen, weil es von einem Autor herrührt, 
dessen geistreich belebten Stil ich liebe, dessen Einsicht in der Psycho- 
logie und dessen Kenntnisse in der Kultmliistorie ich zu schätzen 
weiss. Ich meine, gerade danun habe ich den Katalog verlegt. Ich 
ptlege nämlich Bücher dieses Autors zur Aufklärung unter meinen 
Bekannten zu verleihen, und vor wenigen Tagen hat mir jemand bei 



Vergessen von Eindrücken und Kenntnissen. 43 

der Rückstellung gesagt: ..Der Stil erinnert mich ganz an den 
Hingen, und auch die Ali zu denken ist dieselbe.'' Der Eeduer wusste 
lu'cht, an was er mit dieser Bemerkung rührte. Vor Jahren, als ich 
noch jünger und anschlussbedürftiger war, hat mir ungefähr das Näm- 
liche ein älterer Kollege gesagt, dem ich die Schriften eines bekannten 
medizinischen Autors angepriesen hatte. „Ganz Ihr Stil und Ihre 
Art." So beeiiiflusst hatte ich diesem Autor einen um näheren Ver- 
kehr werbenden Brief geschrieben, wm'de aber durch eine kühle xlntwort 
in meine Schranken ziu'ückgewiesen. Vielleicht verbergen sich ausser- 
dem noch frühere abschreckende Erfahrungen hinter dieser letzten, denn 
ich habe den verlegten Katalog nicht wiedergefunden und bin durch 
dieses Vorzeichen wirklich abgehalten worden, das angezeigte Buch zu 
bestellen, obwohl ein wirkliches Hindernis diu'ch das Verschwinden des 
Kataloges nicht geschaffen worden ist. Ich habe ja die Namen des 
Buches und des Autors im Gedächtnis behalten, ij 

e) Im Sommer dieses Jahres erklärte ich einmal meinem 
Freunde Fl., mit dem ich in regem Gedankenaustausch über wissen- 
schaftliche Fragen stehe: Diese nem'otischeu Probleme sind nur dann 
zu lösen, wenn wir uns ganz und voll auf den Boden der Annahme 
einer ui'spmnghchen BisexuaUtät des Individuums stellen. Ich erhielt 
zur Antwort: „Das habe ich Dir schon vor 2 1/2 Jahren in Br. gesagt, 
als wir jenen Abendspaziergang machten. Du wolltest damals nichts 
davon hören." Es ist nun schmerzlich, so zum Aufgeben seiner 
Originalität aufgefordert zu werden. Ich konnte mich an ein solches 
Gespräch und an diese Eröffnung meines Fi-eundes nicht erinnern. 
Einer von uns beiden niusste sich da täuschen; nach dem Prinzip der 
Frage cui prodest? niusste ich das sein. Ich habe im Laufe der 
jiächsten AVochen in der Tat alles so erinnert, wie mein Freund es 
in mir erwecken wollte; ich weiss selbst, was ich damals zur Antwort 
gab: Dabei halte ich noch nicht, ich will mich darauf nicht einlassen. 
Aber ich bin seither um ein Stück toleranter geworden, wenn ich 
irgendwo in der medizinischen Literatur auf eine der wenigen Ideen 
stosse, mit denen man meinen Namen verknüpfen kaiui. und wenn ich 
dabei die Erwähnung meines Namens vermisse. 

Ausstellungen an seiner Ehefrau — Freundschaft, die ins (-Jegen- 
teil umgeschlagen hat — Irrtum in ärztlicher Diagnostik — Zurück- 
weisung durch Gleichstrebende — Entlehnung von Ideen; es ist wohl 

') Für vielerlei Zufälligkeiten, die man seit 'Pli. \'i sc licr der ,,Tüekc des 
Ubji'kts'" zuscln-eibt, möchte ich ähnlicln; Erklärungen vorschlagen. 



44 Vergessen von Eindrücken mul KiMintiiisson. 

kaiiiu zufällig, dass eine Anzahl von Beispielen des Vergcssens, die 
uhne Absicht gesammelt worden sind, zu ihrer Auflösung des Ein- 
gehens auf so peinliche Themata bedih-fen. Ich vennute vielniehr. 
dass jeder Andere, der sein eigenes Vergessen einer Prüfung nach den 
Motiven unterziehen will, eine iUndiche Musterkarte von Widerwärtig- 
keiten aufzeichnen können wird. Die Neigung zum Vergessen des Un- 
angenehmen scheint mir ganz allgemein zu sein; die FiUiigkeit dazu ist 
wtilil Ijei verschiedenen Personen verschieden gut ausgebildet. Manches 
Ableugnen, das uns in der ärztlichen Tätigkeit begegnet, ist wahr- 
scheinlich auf Vergessen zurückzuführen. Unsere Auffassung eines 
solchen Vergessens beschränkt den Unterschied zwischen dem und 
jenem Benehmen allerdings auf rein psychologische Verhältnisse und 
gestattet uns. in beiden Reaktionsweisen den Ausdruck desselben 
Motivs zu sehen. Von all den zahlreichen Beispielen der Verleugnung 
unangenehmer Erijnierungen, die ich bei Angehörigen von Kraidccn 
gesehen habe, ist mii' eines als besonders seltsam im Gedächtnis ge- 
blieben. Eine Mutter informierte mich über die Kinderjahre ihres 
nervenkranken, in der Pubertät befindlichen Sohnes und erzählte dabei, 
dass er wie seine Geschwister bis in späte Jahre an Bettnässen ge- 
litten habe, was ja für eine neurotische Ki'ankengeschichte nicht be- 
deutungslos ist. Einige Wochen später, als sie sich Auskunft über den 
Stand der Behandlung holen wollte, hatte ich Anlass, sie auf die 
Zeichen konstitutioneller Krankheitsveranlagung bei dem jungen Mann 
aufmerksam zu macheji, und berief mich hierbei auf das anamnestiscli 
erhobene Bettnässen. Zu mei]ieni Erstaunen bestritt sie die Tatsache 
sowohl für dies als auch für die anderen Kinder, fragte mich, woher 
ich das wissen könne, und hörte endlich von mir, dass sie selbst es 
mir vor kurzer Zeit erzählt habe, was also von ilu- vergessen worden war. ') 



') In den Tagen, während ich uait der Niederschrift dieser Seiten be- 
schäftigt war, ist mir folgender, fast unglaubliclier Fall von Vergessen wider- 
fahren. Ich revidiere am 1. Januar mein ärztliches Buch, um meine Honorar- 
rechnungen aussenden zu können, stosse dabei im Juni auf den Namen M .... 1 
und kann mich an eine zu ihm gehörige Person nicht erinnern. Mein Befremden 
wächst, indem ich beim Weiterblättern bemerke, dass ich den Fall in einem 
Sanatorium behandelt, and dass ich ihn durch Wochen täglich besucht habe. 
Einen Kranken, mit dem man sich unter solchen Bedingungen beschäftigt, ver- 
gisst [man als Arzt nicht nach kaum sechs Monaten. Sollte es ein Mann, ein 
Paralytiker, ein Fall ohne Interesse gewesen sein, frage ich mich? Endlich bei 
dem Vermerk über das empfangene Honorar kommt mir all die Kenntnis wieder, 
die sich der Erinnerung entziehen wollte. M .... 1 war ein 14jähriges Mädchen 
gewesen, der merkwürdigste FaU meiner letzten Jahre, welcher mir eine Lehre 



■ Vergossen von Eindrücken und Kenntnissen. 45 

Man findet also auch bei gesunden, nicht neurotischen Menschen 
reichhch Anzeichen dafür, dass sich der Erinnerung an peinhche Ein- 
drücke, der Yoi-stehung peinhcher Gedanken, ein Widerstand entgegen- 
setzt. Die volle Bedeutung dieser Tatsache lässt sich aber erst 
ennessen. wenn man in die Psychologie neurotischer Pei-sonen eingeht. 
Man ist genötigt, ehi solches elementares Abwehrbestreben gegen 
Vorstellungen, welche Unlustempfindungen erwecken können, ein Be- 
streben, das sich nur dem Fluchtreflex bei Schmerzreizen an die Seite 
stellen lässt. zu einem der Hauptpfeiler des Mechanismus zu machen, 
welcher die hysterischen Symptome trägt. Man möge gegen die An- 
nahme einer solchen Abwehrtendenz nicht einwenden, dass wir es im 
Gegenteil häufig genug unmöglich finden, peinliche Erinnerungen, die 
uns verfolgen, los zu werden und peinliche Affektregungen wie Reue, Ge- 
wissensvorwürfe zu verscheuchen. Es wird ja iiicht behauptet, dass diese 
Abwehrtendenz sich überall durchzusetzen vermag, dass sie nicht im 
S])iel der psychischen Kräfte auf Faktoren stossen kann, welche zu 
anderen ZAvecken das Entgegengesetzte anstreben und ihr zum Trotz 
zustande bringen. Als das architektonische Prinzip des 
seelischen Apparates lässt sich die Schichtung, der Aufbau 
aus einander überlagernden Instanzen erraten, und es ist sehr 
wohl möglich, dass dies Abwehrbestreben einer niedrigeren psychischen 
Instanz angehört, von höheren Instanzen aber gehemmt wird. Es 
spricht jedenfalls fih- die Existenz und IMächtigkelt dieser Tendenz zur 
Abwehr, weini wir Vorgänge wie die in unseren Beispielen von Ver- 
gessen auf sie zurückführen können. Wir sehen, dass manches um 
seiner selbst willen vergessen wird; wo dies nicht möglich ist, verschie)>t 
die Abwehrfendenz ihr Ziel und bringt wenigstens etwas anderes, minder 
Bedeutsames, zum Vergessen, welches in assoziative Verknüpfung mit 
dem eigentlich Anstössigen geraten ist. 

Der hier entwickelte Gesichtspunkt, dass peinliche Eriinierungen 
mit besonderer Leichtigkeit dem motivierten Vergessen verfjilleii. xov- 



liinterlassen, an die ich kaum je vergessen werde, und dessen Ausgang mir die 
]jeinliclisten Stunden bereitet hat. Das Kind erkrankte an unzweideutiger 
Hysterie, die sich auch unter meinen Händen rasch und gründlich besserte. 
Nach dieser Bfsseruiig wurde mir das Kind von den Eltern t-ntzogen; es klagte 
noch über abdominale Schmerzen, denen die Hauptrolle im Symptombild der 
Hysterie zug(;tallen war. Zwei Monate sj)ätcr war es an Sarkom der Unterleibs- 
drüsen gestorben. Die Hysterie, zu der das Kind nebstbei prädisponiert war, 
iiatti' dii' Tumorbilduiig zur provozierenden TTrsaclie genommen, und ich lüiltf, 
von den lärmeuden al»er harmlosen Erscheinungen der Hysterie gdosselt, viel- 
leicht die ersten Arizeichrn der schleichenden unheilvnllon Erkrankuni; übersehen. 



46 Vergessen von Eindrücken und Kenntnissen. 

diente auf mehrere Gebiete bezogen zu werden, in denen ei- lieutc udili 
keine oder eine zn «eringe Beaditung gefunden hat. 80 ei-seheiiit er 
mir noeli innner nic.lit genügend scharf betont bei der AVih'dignng von 
Zeugen aussage) 1 vor Gerielit. ') wobei man (»tfciibai' dci' unter Eid- 
steUung des Zeugen einen allzu grossen i)uriliziereiiden Eintluss auf 
dessen ])syeliisehes Kräftesj)i('l zutraut. Dass man bei der Entstehung 
der Traditioni'u und der Sagengeschichte eines Volkes einem soIcIk-u 
Motiv, das dem Xationalgefiihl Peinliche aus der Ei-ninerung auszu- 
merzen. Rechnung tragen niuss. wird allgemein zugestanden. Vielleicht 
winde sich bei genauerer Verfolgung eine vollstän(hge Analogie heraus- 
stellen zwischen der Art. wie Vcilkertraditionen und wie die Kindlieits- 
erimierungen des einzelnen Individuunis gebildet werden. 

Ganz idmlich wie beim Namenvergessen kaim auch lieim Ver- 
gessen von Eindificken Fehlei'innern eintreten, das doii, wo es Glauben 
lindet. als Erinnerungstäuschung bezeichnet wird. Die Elrinnerungs- 
täiischung in pathologischen Fällen — in der Paranoia spielt sie 
geradezu die Kolle eines konstituierenden Momentes bei der Wahn- 
bildung — hat eine ausgedehnte Literatur wachgerufen, in welcher ich 
durchgängig den Hinweis auf eine Motivierung derselben vermisse. Da 
auch dieses Thema der Neuroseni^sychologie angehört, entzieht es sich 
in unserm Zusammenhange der Behandlung. Ich werde dafür ein 
sonderbares Beispiel einer eigenen Erimierungstäuschung mitteilen, bei 
dem die Motivierung durch unbewusstes verdrängtes Material' und die 
Ai't und Weise der Verknüpfung mit demselben deutlich genug 
kemitlich werden. 

Als ich die späteren Abschnitte meines Buches über Traum- 
deutung schrieb, befand ich mich in einer Sommerti-ische ohne Zugang 
zu Bibliotheken und Nachschlagebüchern und war genötigt, mit Vor- 
behalt späterer Korrektur, allerlei Beziehungen und Zitate aus dem 
(jedächtnis in das Maimskript einzutragen. Beim Abschnitt über das 
Tagträumen fiel mir die ausgezeichnete Figur des armen Buchhalters 
im »Nabab« von Alph. Daudet ein, mit welcher der Dichter wahr- 
scheinlich seine eigene Träumerei geschildert. Ich glaubte mich an 
eine der Phantasien, die dieser Mann — Mr. Jocelyn nannte ich ihn 
— auf seinen Spaziergängen dm-ch die Strassen von Paris ausbrütet, 
deutlich zu erinnern und begann sie aus dem Gedächtnis zu reprodu- 
zieren. AVie also Herr Jocelyn auf der Strasse sich kühn einem 
durchgehenden Pferd entgegenwirft, es zum Stehen bringt, der Wagen- 

') Vgl. Hans Gross, KriniiiiiilpsyclioJogie 1898. 



Das Vergessen von Vorsätzen. 47 

schlag sich öffnet, eine hohe Pei-sönhchkeit dem Coupe entsteigt, Herrn 
.Tocelyn die Hand drückt und ihm sagt: ..Sie sind mein Retter. Ihnen 
verdaidce ich mein Leben. Was kann ich für Sie tun?" 

Etwaige üngenauigkeiten in der Wiedergabe dieser Phantasie, 
tröstete ich mich, würden sich leicht zuhause verbessern lassen, wenn 
ich das Buch zur Hand nähme. Als ich dann aber den >Nabab« 
durchblättei-te, um die druckbereite Stelle meines Manuskriptes zu ver- 
gleichen, fand ich zu meiner grössten Beschämung und Bestüi'zung 
nichts von einer solchen Träumerei des Herrn Jocelyn darin, ja der 
arme Buchhalter trug gar nicht diesen Namen, sondern hiess 
Mr. .Toyeuse. Dieser ZAveite Intum gab dann bald den Schlüssel zur 
Klärung des ei-sten, der Erinnerungstäuschung. Joyeux (wovon der 
Name die feminine Form darstellt): so und nicht anders müsste ich ja 
meinen eigenen Namen: Freud ins Französische übersetzen. Woher 
konnte also die fälschlich erinnerte Phantasie sein, die ich Daudet 
zugeschrieben hatte ? Sie konnte nur ein eigenes Produkt sein, ein 
Tagtraum, den ich selbst gemacht, und der mir nicht bewusst geworden, 
oder der mir einst bewusst gewesen uiul den ich seither gründlich ver- 
gessen. A'ielleicht dass ich ilm selbst in Paris gemacbt, wo ich oft 
geiuig einsam und voll Sehnsucht durch die Strassen spaziert bin. eines 
Helfei"s und Protektors sehr bedürftig, bis Meister Charcot mich dami 
in seinen Verkehr zog. Den Dichter des »Nabab« habe ich dann 
wiederholt im Hause Charcots gesehen. Das Ärgerliche an der 
Sache ist luu", dass ich kaum irgend einem anderen Vorstellungskreis 
so feindselig gegenüberstehe, wie dem des Protegiertwerdens. Was man 
in unserem Vaterlande davon sieht, verdirbt einem alle Lust daran. 
und meinem Charakter sagt die Situatioji des Protektionskindes über- 
haupt wenig zu. Ich habe immer ungewöhnlich viel Neigung dazu 
verspürt, »selbst der brave Mami zu sein«. Und gerade ich musste 
dann an solche, übrigens nie erfüllte, Tagträume gemahnt werden! 
Ausserdem ist der Vorfall auch ein gutes Beispiel dafür, wie die 
zurückgehaltene — in der Paranoia siegreich hervorbrechende — Be- 
ziehung zum eigenen Ich uns in der objektiven Erfiissung der Dinge 
stört nnd verwirrt. 

B. Das Vergessen von Vorsätzen. 

Keine andere Gruppe von Phänomenen eignet sieh bessei- znm 
Beweis der These, dass die Geiingfiigigkeit der Aufmerksamkeit für 
sich allein nicht hinreiche, die Keiilleistnng zn erklihcn. als die <les 
Vergessens von Vorsätzen. Ein Vorsatz ist ein Impuls /nr H.indhmg. 



48 ^^^ Yorgossen von Vorsätzen. 

flor bereits Billigling gefuiulcii li;it. dessen Aiisfiihruiiu: aber :iut' einen 
geeigneten Zeitpnnkt veiselioben wurde. Nun kann in dem so ge- 
sebnffenen TntervMll allerdings eine derartige Vei'iinderung in den Mo- 
tiven eintreten, dnss der Vorsatz nicht zur Ausfiilii'ung gelangt, aber 
dann wird er niclit vergessen, sondern i('\idiert und autgelioben. Das 
A'ergessen \on N'oi-sät/en. dem wir alltäglich und in allen möglichen 
Situationen unti'rliegen. j)tIeg(Mi wir uns nicht durch eine Neuerung in 
der Motivengleiobung zu ei-klüren. soiulern lassen es gemeinhin unerkliiil. 
oder wir suchen eine psychologische Erklärung in dei- Annahme, gegen 
die Zeit dei' Auslühi'ung hin habe sich (be erfordei'liche Anfmerksamkeit 
tür die Handlung nicht mehr bereit gelunden. die doch für das Zu- 
standekommen des ^'orsatzes unerlässliche P)edingung wai", damals also 
für die nändicbe Handlung zur Verfügung stand. Die Beobachtung 
unseres normalcMi Verhaltens gegen Vorsätze lässt uns diesen Ei-klärungs- 
veisuch als willkürlieb abweisen. AVenn ich des Morgens einen Vor- 
satz fasse, der abends ausgeführt werden soll, so kami ich im Laufe 
des Tages eim'genial an ihn gemahnt werden. Er braucht aber tags- 
über überhaupt nicht mehr bewusst zu werden. Wenn sich die Zeit 
der Ausführung nähert, fällt er mir plötzlich ein und veranlasst mich, 
die zur vorgesetzten Handlung nötigen Vorbereitungen zu treifen. 
Wenn ich auf einen Spaziergang einen Brief mitnehme, welcher noch 
befördert werden soll, so brauche ich ihn als normales und nicht 
nervöses Individuum keineswegs die ganze Strecke über in der Hand 
zu tragen und unterdessen nach einem Briefkasten auszuspähen, in den 
ich ihn Averfe. sondern ich pflege ihn in die Tasche zu stecken, meiner 
Wege zu gehen, meine Gedanken fi-ei schweifen zu lassen, und ich 
rechne darauf, dass einer der nächsten Briefkästen meine Aufmerksamkeit 
erregen und mich veranlassen wird, in die Tasche zu greifen und den 
Brief hervorzuziehen. Das normale Verhalten bei gefasstem Vorsatz 
deckt sich vollkommen mit dem experimentell zu erzeugenden Benehmen 
von Personen, denen man eine sog. »posthypnotische Suggestion auf 
lange Sicht« in der Hypnose eingegeben hat.i) Man ist gewöhnt, das 
Phänomen in folgender Art zu beschreiben: Der suggerierte Vorsatz 
schlmiimert in den betrejffenden Personen, bis die Zeit seiner Aus- 
führung herannaht. Dann wacht er auf mid treibt zur Handlung. 
In zweierlei Lebenslagen gibt sich auch der Laie Rechenschaft 
davon, dass das Vergessen in bezug auf Vorsätze keineswegs den An- 



Ygl. Bernlu'im, None Stiidii"'!! iil)or Hypnotisraiis, .Suggpslioii und 
Psychotheiapie, 1892, 



Das Vergessen von Vorsätzen. 49 

spiTich erheben darf, als ein nicht weiter zurückfühi'bares Elementar- 
phänomen zu gelten, sondern zmn Schluss auf uneingestandene Motive 
berechtigt. Ich meine: im Liebesverhältnis und in der Mihtärabhängigkeit. 
Ein Liebhaber, der das Rendezvous versäumt hat, wird sich vergebhch 
bei seiner Dame entschuldigen, er habe leider ganz dai'an vergessen. 
Sie wird nicht vei-säumen. ihm zu antworten : ,,yor einem Jahr hättest 
Du es nicht vergessen. Es liegt Dir eben nichts mehr an mir." Selbst 
Avenn er nach der oben erwähnten psychologischen Erkläning griffe 
und sein Vergessen durch gehäufte Greschäfte entschuldigen wollte, 
würde er luu' erreichen, dass die Dame — so scharfsichtig geworden 
wie der Arzt m der Psychoanalyse — zm- Antwort gäbe : ,,Wie merk- 
würdig, dass sich solche geschäftlichen Stöningen fi'iiher nicht ereignet 
haben." Gewiss will auch die Dame die Möghchkeit des Vergessens 
nicht in Abrede stellen; sie meint nur, und nicht mit Unrecht, aus dem 
unabsichtlichen Vergessen sei ungefähr der nämliche Schluss auf ein 
gewisses Nichtwollen zu ziehen wie aus der be\Missten Ausflucht. 

Ahnlich wird im militärischen Dienstverhältnis der Unterschied 
zwischen der I^nterlassung durch Vergessen und der in Folge von Ab- 
sicht prinzipiell, und zwar mit Recht, vernachlässigt. Der Soldat darf 
an nichts vergessen, was der militärische Dienst von ihm fordert. 
Wenn er doch daran vergisst, obwohl ihm die Forderung bekannt ist, 
so geht dies so zu, dass sich den Motiven, die auf Erfüllung der mili- 
tärischen Fordening dringen, andere Gegenmotive entgegenstellen. Der 
Einjährige etwa, der sich beim Rapport entschuldigen wollte, er habe 
vergessen, seine Knöpfe blank zu putzen, ist der Strafe sicher. Aber 
diese Strafe ist geringfügig zu nennen im Vergleich zu jener, der er 
sich aussetzte, wenn er das Motiv seiner Unterlassung sich und seinem 
Vorgesetzten eingestehen würde: ,,Der elende Gamaschendienst ist mir 
ganz zuwider.'' AVegen dieser Strafersparnis, aus ökonomischen Gründon 
gleichsam, bedient er sich des Vergessens als Ausrede, oder kommt es 
als Kompromiss zustande. 

Frauendienst wie Militärdienst erheben den Anspruch, dass alles 
zu ihnen Gehörige dem Vergessen entrückt sein müsse, und erwecken 
so die Meinung, Vergessen sei zulässig bei unwichtigen Dingen, während 
es bei wichtigen Dingen ein Anzeichen davon sei, dass man sie wie 
unwichtige behandeln wolle, ihnen also die Wichtigkeit abspreche. 
Der Gesichtspunkt der psychischen Wertschätzung ist hier in dei- Tat 
nicht abzuweisen. Kein Mensch vergisst Handlungen anszuführen, die 
ihm scflbst wichtig ersciieinen, ohne sich dem Verdachte geistiger 
St()ning auszusetzen. Unsere Untersuchung kann sich also nur auf 

Freud, Zur !'«> chopatlKiloKie des Alltanalehona. 4 



KQ Das Vergessen von Vorsätzen. 

(las Vergessen von mehr odt'r niindei- uebensiichliclien Voi-sät/eii er- 
sti-ecken; für ganz und gar gleichgültig werden wir keinen \'ürsat/. 
erachten; denn in diesem Falle wih-e er wohl gewiss nicht gefasst 
worden. 

Tch habe nun wie hei den fi'üheren Funktionsstörungen die bei 
mir seihst beobachteten Fidle von Unterlassung durch Wrgessen ge- 
sammelt und aufzuklären gesucht und hierbei ganz allgemein gefunden, 
dass sie auf Einmengung unbekaimter und uueingestandener Motive — 
oder, wie man sagen kann, auf einen Gegenwillen — zurückzufühi-en 
waren. In einer Reihe dieser Fälle befand ich mich in einer dem 
Dienstverhältnisse ähnlichen Ijage, unter einem Zwange, gegen welchen 
ich es nicht ganz aufgegeben hatte, mich zu sträuben, so dass ich durch Ver- 
gessen gegen ihn demonstrierte. Dazu gehört, dass ich besonders leicht ver- 
gesse, zu Gelnu'tstagen, Jubiläen. Hochzeitsfeiern und Standeserhöhungen 
zu gi-atulieren. Ich nehme es mir immer wieder vor und überzeuge 
mich innner mehr, dass es mir nicht gelingen will. Ich bin jetzt im 
Begritt'e. darauf zu verzichten, und den Motiven, die sich sträuben, mit 
Bewusstsein Recht zu geben. In einem Ubergangsstadium halie ich 
einem Freund, der mich bat, auch für ihn e\n Glückwunschtelegramm 
zum liestimmten Termin zu besorgen, vorher gesagt, ich würde an 
beide vergessen, und es war nicht zu verwundern, dass die Prophezei- 
ung wahr wurde. Es hängt nämlich mit schmerzlichen Lebenser- 
fahrangen zusammen, dass ich nicht imstande bin, Anteilnahme zu 
äussern, wo diese Äusserung notwendigerweise übertrieben ausfallen 
muss, da für den geringen Betrag meiner Ergriftenheit der entsprechende 
Ausdruck nicht zulässig ist. Seitdem ich erkannt, dass ich oft vorgeb- 
liche Sympathie bei andereii für echte genommen habe, befinde ich mich 
in einer Auflehnung gegen diese Konventionen der Mitgefühlsbezeugung, 
deren soziale Nützlichkeit ich andererseits einsehe. Kondolenzen jiei Todes- 
fällen sind von dieser zwiespältigen Behandlung ausgenommen ; wenn ich 
mich zu ihnen entschlossen habe, versäume ich sie auch nicht. Wo meine 
Gefühlsbetätigimg mit gesellschaftlicher Pflicht nichts mehr zu tun hat, 
da findet sie ihren Ausdruck auch niemals durch Vergessen gehemmt. 
Ähnlich erklären sich dm^ch den Widerstreit einer konventionellen 
Pflicht und einer nicht eingestandenen inneren Schätzung die Fälle, 
in denen man Handlungen auszuführen vergisst, die man einem anderen 
zu seinen Gunsten auszuführen versprochen hat. Hier trifft es dann 
regelmässig zu, dass nur der Versprecher an die entschuldigende Kraft 
des Vergessens glaubt, während der Bittsteller sich ohne Zweifel die 
richtige Antwort gibt: Er hat kein Interesse daran, sonst hätte er 



Das Vergessen von Vorsätzen. 51 

es nicht vergessen. Es gibt IVIenschen, die man als allgemein ver- 
gesslicli bezeichnet und danmi in ähnlicher Weise als entschnldigt 
gelten lässt ^ie etwa den Kurzsichtigen, wenn er auf der Strasse nicht 
gTÜsst.') Diese Pei-sonen vergessen alle kleinen Versprechungen, die 
sie gegeben, lassen alle Aufträge unausgefiUni:, die sie empfangen haben, 
erweisen sich also in kleinen Dingen als unverlässUch und erheben 
dabei die Forderung, dass man ihnen diese kleineren Verstösse nicht 
übel nehmen, d. h. nicht durch ihren Charakter erklären, sondern auf 
organische Eigentümlichkeit zurückführen solle. Ich gehöre selbst nicht 
zu diesen Leuten und habe keine Gelegenheit gehabt, die Handlungen 
einer solchen Person zu analysieren, um durch die Auswahl des Ver- 
gessens die Motivierung desselben aufzudecken. Ich kann mich aber 
der Vermutung per analogiam nicht erwehren, dass hier ein ungewöhn- 
lich grosses Mass von nicht eingestandener Geringschätzung des anderen 
das IMotiv ist. welches das konstitutionelle Moment für seine Zwecke 
ausbeutet. 

Bei anderen Fällen sind die Motive des Vergessens weniger leicht 
nufzufinden und erregen, wenn gefunden, ein grösseres Befremden. So 
merkte ich in früheren Jahren, dass ich bei einer grösseren Anzahl von 
Krankenbesuchen nie an einen anderen Besuch vergesse als bei einem 
Gratispatienten oder bei einem Kollegen. Aus Beschämung hierüber 
habe ich mir angewfUmt, die Besuche des Tages schon am Morgen 
als Vorsatz zu notieren. Ich weiss nicht, ob andere Arzte auf dem 
nämhchen Wege zu der gleichen Übung gekommen sind. Aber man 
gewinnt so eine Ahmuig davon, was den sog. Neurastheniker veranlasst, 
die Mitteilungen, die er dem Arzt machen will, auf dem berüchtigten 
»Zettel« zu notiereii. Angeblich fehlt es ihm an Zutrauen zur Re- 
produktionsleistmig seines Gedächtnisses. Das ist geAviss richtig, aber 
die Szene geht zumeist so vor sich: Der Kranke hat seine verschie- 
denen Beschwerden und Anfragen höchst langatmig vorgebracht. Nach- 
dem er fertig geworden ist, macht er einen Moment Pause, darauf zieht 
er den Zettel hervor und sagt entschuldigend: Ich habe mir etwas 
aufgeschrieben, weil ich mir so gar nichts merke. In der Regel findet 
er auf dem Zettel nichts Neues. Er wiederholt jeden Punkt und he- 



') Frauen sind mit ihrem feinen Verständnis für unbewiisste seelische 
Vorgänge in der Regel eher geneigt, es als Beleidigung anzusehen, wenn man 
sie auf der Strasse nicht erkennt, also nicht grüsst, als an die nächstliegendi'n Er. 
klärungen zu denken, dass der Säumige kurzsichtig sei oder in (jlod!irik(Mi vcrsunUoti 
sie nicht bemerkt iial)e. Sic schliessen, man hätte sie schon l)erni'rkt, W(!nn 
man sich ..i'lwas aus ihnen machen würde". 

4* 



52 Das Vergessen von Vorsätzen. 

antwortet ihn selbst: Ja. darnach habe ich schon gefragt. Er do- 
monstriert mit dem Zettel, wahrscheinlich nur eines seinei- Symi)toni('. 
die Häutigkeit, mit der seine Vorsätze dui-ch Eimnengung dunkler 
Motive gestört werden. 

Ich i-ülu-e ferner an T^eiden. an wolchon auch der grossere Teil 
der mir bekannten Gesunden krankt, weini ich zugestehe, dass ich be- 
sondei-s in fi-üheren Jahren sehr leicht und für lange Zeit vergessen 
habe, entlehnte Bücher zurückzugeben, oder dass es mir besonders leicht 
begegnet. Zahlungen durch Vergessen aufzuschieben, l^nlängst verliess 
ich eines Morgens die Tabaktrafik, in welcher ich meinen täglichen 
Zigarreneinkauf gemacht hatte, ohne ihn zu bezahlen. Es war eine 
höchst hai-mlose Unterlassung, denn ich bin dort bekannt und konnte daher 
erwarten, am nächsten Tag an die Schuld gemahnt zu werden. Aber 
die kleine Vei-säumnis. der Versuch, Schulden zu machen, steht gewiss 
nicht ausser Zusammenhang mit den Budgeterwägungen, die mich den 
Vortag über beschäftigt hatten. In bezug auf das Thema von (~Teld 
und Besitz lassen sich die Spuren eines zwiespältigen Verhaltens auch 
bei den meisten sog. anständigen Menschen leicht nachweisen, üie 
primitive Gier des Säughngs, der sich aller Objelite zu bemächtigen 
sucht (um sie zum Munde zu führen), zeigt sich vielleicht allgemein 
als nur unvollständig durch Kultur und Erziehung überwunden '). 



Der Einheit des Themas zuliebe darf ich hier die gewählte Einteilung 
durchbrechen und dem oben Gesagten anschliessen, dass in bezug auf Geldsachen 
das Gedächtnis der Menschen eine besondei*e Parteilichkeit zeigt. Erinnerungs- 
täuschungen, etwas bereits bezahlt zu haben, sind, wie ich von mir selbst weiss, 
oft sehr hartnäckig. Wo der gewinnsüchtigen Absicht abseits von den grossen 
Interessen der Lebensführung, und daher eigentlich zum Scherz, freier Lauf ge- 
lassen wird wie beim Kartenspiel, neigen die ehrlichsten Männer zu Irrtümern, 
Erinnerungs- und Rechenfehlern und linden sich selbst, ohne recht zu wissen wie, 
in kleine Betrügereien verwickelt. Auf solchen Freiheiten beruht nicht zum 
mindesten der psychisch erfrischende Charakter des Sj)iels. Das Sprichwort, 
dass man beim Spiel den Cliarakter des Menschen erkennt, ist zuzugeben, Avenn 
man hinzufügen will: den unterdrückten Charakter. — Wenn es unabsichtliche 
Rechenfehler bei Zahlkellnern noch gibt, so unterliegen sie offenbar derselben 
Beurteilimg. — Im Kaufmannsstande kann man häufig eine gewisse Zögerung in 
der Verausgabung von Geldsummen, bei der Bezahlung von Rechnungen und dgl. 
beobachten, die dem Eigner keinen Gewinn bringt, sondern nur psychologisch zu 
verstehen ist als eine Äusserung des Gegenwillens, Geld von sich zu tun — 
Mit den intimsten und am wenigsten klar gewordenen Regungen hängt es zu- 
sammen, wenn gerade Frauen eine besondere Unlust zeigen, den Arzt zu honorieren, 
Sie haben gewöhnlich ihr Portemonnaie vergessen, können darum in der Ordination 
nicht zahlen, vergessen dann regelmässig, das Honorar vom Hause aus zu schicken, 
und setzen es so durch, dass man sie umsonst — „um ihrer schönen Augen 
willen" — behandelt hat. Sie zahlen gleichsam mit ihrem Anblick. 



Das Vergessen von Vorsätzen. 53 

Ich t'Urclitc, ich bin mit allen bisherigen Beispielen einfach banal 
geworden. Es kami mir aber doch niu' recht sein, wemi ich auf Dinge 
stosse. die jedermann bekannt sind, und die jeder in der nämlichen 
Weise vei-steht, da ich bloss vorhabe, das Alltägliche zu sammehi und 
Avissenschai'thch zu verwerten. Ich sehe nicht ein, weshalb der Weis- 
heit, die Xiedei'schlag der gemeinen Lebenserfahriuig ist, die Aufiiahme 
luitei' die Erwerbungen der Wissenschaft versagt sein sollte. Nicht die 
Verschiedenheit der Objekte, sondern die strengere Methode bei der 
Feststellung mid das StrebeJi nach weitreichendem Zusammenhang 
machen den wesentlichen Charakter der wissenschaftlichen Arbeit aus. 

Für die Vorsätze von einigem Belang haben wir allgemein ge- 
funden, dass sie dann vergessen werden, wenn sich dunkle Motive 
gegen sie erheben. Bei noch weniger wichtigen Vorsätzen erkennt 
man als zweiten Mechanisnms des Vergessens, dass ein Gegenwille sich 
von wo anders her auf den Vorsatz überträgt, nachdem zwischen jenem 
andern und dem Inhalt des Vorsatzes eine äusserliche Assoziation 
hergestellt worden ist. Hierzu gehört folgendes Beispiel: Ich lege 
Wert auf schönes Löschpapier und nehme mir vor, auf meinem heutigen 
Nachmittagsweg in die Stadt neues einzukaufen. Aber an vier auf- 
einanderfolgenden Tagen vergesse ich dai'an, bis ich mich befrage, wel- 
chen Grmid diese Unterlassmig hat. Ich finde ihn dami leicht, nach- 
dem ich mich besonnen habe, dass ich zwar »Löschpapier« zu schreiben, 
aber >Fhesspapier«- zu sagen gewöhnt gewöhnt bin. »Fliess« ist der 
Name meines Freundes in Berlin, der mir in den nämlichen Tagen 
Anlass zu einem quälenden, besorgten Gedanken gegeben hat. Diesen 
Gedanken kann ich nicht los werden, aber die Abwehrneigung (vgl. 
Seite 39j äussert sich, indem sie sich mittelst der AVortgleichheit auf 
den indifterenten und darum wenig resistenten Vorsatz überträgt. 

Direkter Gegenwille und entferntere Motivierung treffen in folgendem 
Falle von Aufschub zusanmaen: In der Sammlung »Grenzfragen des 
Nerven- und Seelenlebens« hatte ich eine kurze Abhandlung über den 
Traum geschrieben, welche den Inhalt meiner »Traumdeutung« resümiert. 
Bergmann in Wiesbaden sendet eine Korrektm' und bittet um um- 
gehende Erledigung, weil er das Heft noch vor Weihnachten ausgeben 
will. Ich mache die Korrektur noch ni der Nacht und lege sie auf 
meinen Schreibtisch, um sie am nächsten Morgen mitzunehmen. Am 
Morgen vergesse ich daran, erinnere mich erst nachmittags beim An- 
blick des Kreuzbandes auf meinem Schreibtisch. Ebenso vergesse ich 
die Korrektur am Nachmittag, am Abend und am nächsten Morgen^ 
bis ich mich aufraffe und am Nachmittag des zweiten Tages die 



54 Das Vergessen von Vorsätzen. 

Korrektur zu einem Briefkasten trage, verwundert, was der Grund 
dieser Verzögerung sein mag. Icli will sie ot't'enbar nicht absenden, 
aber icli tinde nicht, warum. Auf demselben Spaziergang trete ich aber 
bei meinem Wiener Verleger, dei- auch das Traumbuch publiziert hat, 
ein, nmche eine Bestellung und sage dann, wie von einem plötzlichen 
Einfall getrieben: ,,Sie wissen doch, dass ich den >Traum« ein zweites 
Mal geschrieben habe?" — ,,Ah, da wiu-de ich doch bitten.'' — „Be- 
ruhigen Sie sich, luu- ein kurzer Aufsatz fiu- die Löwen feld- 
Kurellasche Sammlung." Es war ihm aber doch nicht recht; er be- 
sorgte, der Vortrag w^ürde dem Absatz des Buches schaden. Ich 
widei-sprach luid fi-agte endlich: „Wenn ich mich früher an Sie ge- 
wendet hätte, würden Sie mir die Publikation untersagt habeji?" — 
„Nein, das keineswegs." Ich glaube selbst, dass ich in meinem vollen 
Recht gehandelt und nichts Anderes getan habe, als was allgemein üb- 
lich ist; doch scheint es mir gewiss, dass ein ähnliches Bedenken, wie 
es der Verleger äusserte, das Motiv meiner Zögerung war, die Korrektur 
abzusenden. Dies Bedenken geht auf eine frühere Gelegenheit zurück, 
bei welcher ein anderer Verleger Schwierigkeiten erhob, als ich, wie 
unveniieidhch. einige Blätter Text aus einer früheren, iji anderem Ver- 
lag ei-schienenen Ai-beit über zerebrale Kinderlähnmng unverändert in 
die Bearbeitung desselben Themas im Handbuch von Nothnagel 
hinübernahm. Dort findet aber der Vorwurf abermals, keine An- 
erkennung; ich hatte auch damals meinen ersten Verleger (identisch mit 
dem der »Traumdeutung«) loyal von meiner Absicht verständigt. AVenn 
aber diese Erinnerungsreihe noch weiter zurtickgeht, so rückt sie mir 
einen noch frtiheren Anlass vor, den einer Übersetzung aus dem 
Französischen, bei welchem ich wirklich die bei einer Pubhkation in 
Betracht kommenden Eigentumsrechte verletzt habe. Ich hatte dem 
übersetzten Text Anmerkungen beigefügt, ohne für diese Annierkiuigen 
die Erlaubnis des Autors nachgesucht zu haben, und habe einige Jahre 
später Grund zur Annahme bekommeji, dass der Autor mit dieser 
Eigenmächtigkeit unzufrieden war. 

Es gibt ein Sprichwort, welches die populäre Kenntnis verrät, 
dass das Vergessen von Vorsätzen nichts Zufälliges ist. »Was man 
einmal zu tun vergessen hat, das vergisst man dann noch öfter.« 



Das Vergreifen. 55 

VII. 

Das Vergreifen. 

Der dankenswerten Ai'beit von Meringer und Mayer entnehme 
ich noch die Stelle (p. 98): 

»Die Sprechfehler stehen nicht ganz allein da. Sie entsprechen 
den Fehlern, die bei anderen Tätigkeiten des Menschen sich oft ein- 
stellen und ziemhch töricht »Vergesslichkeiten« genannt werden.« 

Ich Ijin also kehiesfalls der erste, der Simi und Absicht hinter 
den kleinen Fiuiktioiisstönuigen des täglichen Lebens Gesunder 
vermutet. 

Wenn die Fehler beim Sprechen, das ja eine motorische Leistung 
ist. eine solche Auffassung zugelassen haben, so liegt es nahe, auf die 
Fehler unserer sonstigen motorischen Verrichtmigen die nämhche Er- 
wartung zu übertragen. Ich habe hier zwei Gruppen von Fällen ge- 
bildet ; alle die Fälle, in denen der Fehleffekt das AVesentliche scheint, 
also die Aburang von der Intention, bezeichne ich als »Vergreifen«, 
die anderen, in denen eher die ganze Handlmig unzweckmässig er- 
scheint, benenne ich »Symptom- und Zufallshandlungen«. Die 
Scheidung ist aber wiederum nicht reinlich durchzuf ühi'en ; wir konunen 
ja wohl zur Einsicht, dass alle in dieser Abhandlung gebrauchten Ein- 
teilungen juu- deski'iptiv bedeutsame sind und der inneren Einheit des 
Erscheinungsgebietes widersprechen. 

Das psychologische Verständnis des »Vergreifens« erfährt offenbar 
keine besondere Fördening, wenn wir es der Ataxie und speziell der 
.^kortikalen Ataxie« subsumieren. Versuchen wir lieber, die einzehien 
Beispiele auf ihre jeweiligen Bedingmigen zurückzufülu'cn. Ich werde 
wiedeiaun Selbstbeobachtungen hierzu verwenden, zu denen sich die 
Anlässe bei mir nicht liesonders häufig finden. 

a) In früheren Jahren, als ich Hausbesuche bei Patienten noch 
häutiger machte als gegenwäi-tig, geschah es mir off, dass ich, vor der 
Tiü-e, an die ich klopfen oder läuten sollte, angekommen, die Schlüssel 
meiner eigenen Wohnung aus der Tasche zog, um — sie dann fast 
beschämt wieder einzustecken. AVenn ich mir zusannnenstelle , bei 
welclien Patienten dies der Fall war, so nuiss ich annehmen, die Fehl- 
liaiidlung — Schlüssel herausziehen anstatt zu läuten — bedeutete eine 
Huldigung für das Haus, wo ich in diesen Missgriff verfiel. Sie war 
äquivalent dem Gedanken: »Hier bin ich wie zu Hause«, denn sie tmg 
sich nui- zu, wo ich den Ki-aiiken lieb gewonnen hatte. (An meiner 



56 Das Vergreifen 

oigeiieii WobnungstUr läute ich natürlich iiicnials.) Die Fohlhaiulhiiig 
war also eine symbolische Dai-steUuiig eines doch eigentiicli nicht für ernst- 
hafte, bewusste Aniiabine bestiniinten Gedankens, denn in der Realität 
weiss der Nerventu'zt genau, dass der Kranke iiini mu- so lange an- 
bänglicb bleibt, als er noch Vorteil von ihm erwartet, und dass er 
selbst nur zum Zweck der psychischen Hilfeleistung ein übermässig 
WtU'mes Interesse für seine PatienttMi bei sich gewähren lässt. 

b) In einem bestimmten Hause, wo icli seit sechs Jahren zwei- 
mal täglich zu festgesetzten Zeiten vor einer Türe im zweiten Stock 
auf Einlass warte, ist es mir während dieses langen Zeitraums zweimal 
(mit einem km-zen Intervall) geschehen, dciss ich um einen »Stock höher 
gegangen bin, also mich »verstiegen« habe. Das eine mal befand 
ich mich in einem elu'geizigen Tagtraum, der mich »höher und innncr 
höher steigen« liess. Ich überhörte damals sogar, dass sich die frag- 
liche Tür geölihet hatte, als ich den Fuss auf die ersten Stufen des 
dritten Stockwerks setzte. Das anderemal ging ich wiederum »iji 
Gedanken vei-sunken« zu weit ; als ich es bemerkte, umkehrte und die 
mich beherrschende Phantasie zu erhaschen suchte, fand ich, dass ich 
mich über eine (phantasierte) Ki'itik meiner Schi-iften ärgerte, in welcher 
mir der Yorwmf gemacht wm'de, dass ich immer »zu weit ginge«, und 
in die ich nun den wenig respektvollen Ausdruck »verstiegen« ein- 
zusetzen hatte. 

c) Aul meinem Schi-eibtische liegen seit vielen Jahren neben 
einander ein Retlexhammer und eine Stimmgabel. Eines Tages eile 
ich nach Schluss der Sprechstunde fort, weil ich einen bestimmten 
Stadtbahnzug erreichen will, stecke bei vollem Tageslicht anstatt des 
Hanuuers die Stimmgabel in die Rocktasche und werde durch die 
Schwere des die Tasche herabziehenden Gegenstandes auf meinen Miss- 
griö' aufmerksam gemacht. AVer sich über so kleine Vorkomnniisse 
Gedanken zu machen nicht gewöhnt ist, wird ohne Zweifel den Fehl- 
griff durch die Eile des Momentes erklären mid entschuldigen. Ich 
habe es trotzdem vorgezogen, mir die Frage zu stellen, warum ich 
eigentlich die Stimmgabel anstatt des Hammers genommen. Die Eil- 
fertigkeit hätte ebensowohl ein Motiv sein können, den Griff richtig 
auszuführen, um nicht Zeit mit der Korrektur zu versäumen. 

Wer hat zuletzt nach der Stuumgabel gegriffen '? lautet die Frage, 
die sich mir da aufdrängt. Das war vor wenigen Tagen ein idiotisches 
Kind, bei dem ich die Aufmerksamkeit auf Sinneseindrücke prüfte, und 
das dm'ch die Stimmgabel so gefesselt wurde, dass ich sie ihm nm- 
schwer entreissen koinite. Soll das also heissen, ich sei eui Idiot ? 



Das Vergreifen. 57 

Allerdings scheint es so, denn der nächste Einfall, der sich au Hammer 
assoziieii, lautet »Cham er« (hebräisch: Esel). 

Was soll aber dieses Geschimpfe ? Man muss hier die Situation 
befragen. Ich eile zu einer Konsultation in einem Ort an der West- 
bahnstrecke, zu eüier Ki-anken, die nach der brieflich mitgeteilten 
Anamnese vor Monaten vom Balkon herabgestürzt ist und seither nicht 
gehen kami. Der Arzt der mich einlädt, schreibt, er wisse trotzdem 
nicht, ob es sich um Rückenmiu'ksverletzung oder um traimiatische 
Nem'ose — Hysterie — handle. Das soll ich nun entscheiden. Da 
wäre also eine Mahnimg am Platze, in der heiklen Ditterentialdiagnose 
besonders vorsichtig zu sein. Die Kollegen meinen ohnedies, man 
diagnostiziere viel zu leichtsinnig Hysterie, wo es sich um ernstere 
Dinge handle. Aber die Beschimpfung ist noch nicht gerechtfertigt! 
Ja, es kommt hinzu, dass die kleine Bahnstation der nämliche Ort ist, 
an dem ich vor Jahi-en einen jungen Mann gesehen, der seit einer 
Gemütsbew^egung nicht ordenthch gehen konnte. Ich diagnostizierte 
damals Hysterie und nahm den Kranken später in psychische Behand- 
lung, mid dann stellte es sich heraus, dass ich freilich nicht unrichtig 
diagnostiziert hatte, aber auch nicht richtig. Eine ganze Anzahl der 
Symptome des Ki-anken war hysterisch gewesen, und diese schwanden 
auch prompt im Laute der Behandlung. Aber hinter diesen winde 
nun ein füi* die Therapie unantastbarer Rest sichtbar, der sich nur 
auf eine multiple Sklerose beziehen hess. Die den Ki-anken nach nur 
sahen, hatten es leicht, die organische Affektion zu erkennen; ich hätte 
kaum anders vorgehen und anders urteilen können, aber der Eindruck 
war doch der eines schweren Iirtums; das Versprechen der Heilung, 
das ich ihm gegeben hatte, war natiu'lich nicht zu halten. Der Miss- 
griff nach der Stimmgabel anstatt nach dem Hammer liess sich also 
so in AVorte übersetzen: Du Trottel, Du Esel, ninnn Dich diesmal zu- 
sammen, dass du nicht wieder eine Hysterie diagnostizierst, wo eine un- 
heilbare Krankheit vorliegt, wie bei dem armen Mann an demselben Ort 
vor Jahren! Und ziuu Glück für diese kleine Analyse, wenn auch 
zum Unglück für meine Stinnnung, war dieser selbe Mann mit schwerer 
spastisclier Lähmung wenige Tage vorher und einen Tag nach dem 
idiotischen Kind in meiner Sprechstunde gewesen. 

Man merkt, es ist diesmal die Stinnnc der Selbstkritik, die sich 
durch das Fehlgreifen vernehmlich macht Zu solcher Verwendung als 
Selbstvorwurf ist der Fehlgriff ganz })esonders geeignet. Der Missgriff 
hier will den Missgriff, den man anderswo begangen hat, darstellen. 

cj Selljstverständlich kann das Fehlgreifen auch einer ganzen 



58 I^as Vergreifen. 

Ixeilio aiulerer duiikler Absiditoii dienen. Hier ein ei'stes Beispiel: Es 
konunt sehr selten vor. dass ich etwas zerschlage. Ich hin niclit be- 
suiidei-s geschickt, aber infolge der anatomischen Integrität meiner 
Xervmuskelappiu'ate sind Gründe für so ungeschickte Bewegungen mit 
unerwünschtem Erfolg bei mir often])ar nicht gegeben. Ich weiss also 
kein Objekt in meinem Hause zu eriiniern. dessengleichen ich je 
zerschlagen hätte. Ich l)in durch die' Enge in meinem Studierzimmer 
oft genötigt, in den unbeijuemsten Stellungen mit einer Anzahl von 
antiken Ton- und Steinsachen, von denen ich eine kleine Sammlung 
habe, zu hantieren, so dass Zuschauer die Besorgnis ausdrücken, ich 
würde etwas heruntei-schleudern und zerschlagen. Es ist aber niemals 
geschehen. Warum habe ich also unlängst den marmornen Deckel 
meines einfachen Tintengefässes zu Boden geworfen, so dass er zerbrach? 

Mein Tintenzeug besteht aus einer Platte von Untersbcrger 
Marmor, die für die Aufnahme des gläsernen Tintenfässchens ausgeh()hlt 
ist; das Tintenfass trägt einen Deckel mit Knopf aus demselben Stein. 
Ein Kranz von Bronzestatuetten und Terrakotta-Figürchen ist hinter 
diesem Tintenzeug autgestellt. Ich setze mich an deii Tisch, um zu 
schreiben, mache mit der Hand, welche den Federstiel hält, eine merk- 
würdig ungeschickte, ausfahrende Be^vegung und weife so deji Deckel 
des Tintenfasses, der bereits auf dem Tische lag, zu Bodoi. Die Er- 
kläiimg ist nicht schwer zu tinden. Eiiiige Stunden vorher war meine 
Schwester im Zimmer gewesen, um sich einige neue Erwerbungen an- 
zusehen. Sie fand sie sehr schön und äusserte dann: „Jetzt sieht Dein 
Schreibtisch wirklich hübsch aus, nur das Tintenzeug passt nicht dazu. 
Du musst ein schöneres haben." Ich begleitete die Schwester hinaus 
luid kam erst nach Stunden zurück. Dann aber habe ich, wie es 
scheint, an dem verm^teilten Tintenzeug die Exekution vollzogen. Schloss 
ich etwa aus den Worten der Schwester, dass sie sich vorgenonimen 
habe, mich zur nächsten festlichen Gelegenheit mit einem schöneren 
Tintenzeug zu beschenken, und zerschlug das unschöne alte, um sie 
zm" Verwirkhchung ihrer angedeuteten Absicht zu nötigen? Wenn dem 
so ist, so war meine schleudernde Bewegung nur scheinbar ungeschickt; 
in Wirklichkeit Avar sie höchst geschickt und zielbewusst und verstand 
es, allen wertvolleren in der Nähe befindlichen Objekten schonend aus- 
zuweichen. 

Ich glaube wirkhch, dass man diese Beurteilung für ei)ie ganze 
Reihe von anscheinend zufällig ungeschickten BeAvegungen annehmen 
muss. Es ist richtig, dass diese etwas Gewaltsames, Schleuderndes, 
w4e Spastisch-ataktisches zui' Schau tragen, aber sie erweisen sich als 



Das Vergreifen. 59 

von einer Intention beheirsclit und treffen ilu" Ziel mit einer Sicher- 
heit, die man den bewusst willkiüiichen Bewegungen nicht allgemehi 
nacln-ühmen kann. Beide Charaktere, die Gewaltsamkeit wie die 
Tretfeicherheit, haben sie übrigens mit den motorischen Aussermigen 
der hysterischen Nem'ose und zum Teil auch mit den motorischen 
Leistungen des Somnambulismus gemeinsam, was wohl hier wie dort 
aul' die nämliche unbekannte Modifikation des Imiervationsvorganges 
hinweist. 

Das Fallenlassen von Objekten, Umwerten, Zerschlagen derselben 
scheint sehr häufig zum Ausdi'uck unbewusster Gedankengänge ver- 
wendet zu Averden, A\ie man gelegentlich dm*ch Analyse beweisen kann, 
häufiger aber aus den abergläubisch oder scherzhaft daran geknüpften 
Deutungen im Volksmunde erraten möchte. Es ist bekannt, Avelche 
Deutungen sich an das Ausschütten von Salz, Umwerfen eines Wein- 
glases, Steckenbleiben eines zu Boden gefallenen Messers u. dgl, knüpfen. 
Welches Anrecht auf Beachtung solche abergläubische Deutungen haben, 
werde ich erst an späterer Stelle erörtern; hierher gehört nur die Be- 
merkung, dass die einzelne ungeschickte Verrichtung keineswegs einen 
konstanten Sbm hat, sondern je nach Umständen sich dieser oder 
jener Absicht als Darstellungsmittel bietet. 

AVenn dienende Personen gebrechliche Gegenstände durch Fallen- 
lassen vernichten, so wrd man an euie psychologische Erklärmig hie- 
für gewiss nicht in erster Linie denken, doch ist auch dabei ein Bei- 
trag dunkler Motive nicht unwahrscheinlich. Nichts liegt dem Unge- 
bildeten ferner als die Schätzung der Kunst und der Kunstwerke. 
Eine dumpfe Feindseligkeit gegen deren Erzeugnisse beherrscht unser 
dienendes Volk, zumal wejni die Gegenstände, deren W^ert sie nicht 
einsehen, eine Quelle von Arbeitsanforderung für sie werden. Leute 
von derselben Bildungsstufe und Herkunft zeichnen sich dagegen in 
wissenschaftlichen Instituten oft durch grosse Geschicklichkeit und Ver- 
lässlichkeit in der Handhabung heikler Objekte aus, wenn sie erst be- 
gonnen haben, sich mit ihrem Herrn zu identifizieren und sich zum 
wesentlichen Personal des Instituts zu rechnen. 

Sich selbst fallen lassen, einen Fehltritt machen, ausgleiten, 
braucht gleichfalls nicht immer als rein zufälliges Fehlschlagen moto- 
rischer Aktion gedeutet zu werden. Der sprachliche Doppelsinn dieser 
AusdiUcke weist bereits auf die Art von verhaltenen Phantasien hin, 
die sich durch solches Aufgeb(Mi des Körpergleichgewichts darstellen 
können, ich erinnere mich an eine; Anzahl von leichteren nervösen 
Erkranl<un";(Mi bei Frauen und Mädcben, die nach einem Fall ohne 



60 Das Vergreifen. 

A'c'i'k'tziuig aut'grtrc'teii \v;iii'ii und als traiiniatisclH' Il\strric' /uloli^c 
des Scliiecks beim Falle aulgetasst wuideii. leli bekam scliuii damals 
den Eiiidiuck, als ob die Dinge andei"s ziisammeiiliiiigen, als wäre d;i« 
Fallen bereits eine Veranstaltung der Neurose und ein Ausdruck der- 
selben unbewussteii Phantasien sexuellen Inhalts gewesen, die man als 
die 1)ewegenden Kräfte hinter den Symj)t(>meu vernuiten darf. Sollte 
dasselbe nicht auch ein Sprichwort sagen wollen, welches lautet: ,,Wemi 
eine ,Iungft-au fällt, fällt sie auf den llücken''? 

e) üass /Aifällige Aktionen eigentlich absichtliche sind, wird auf 
keinem anderen Gebiete eher Glauben finden als auf dem der sexuellen 
Betätigung, wo die Grenze zwischen beiderlei Arten sich wirklich zu 
verwischen si-heint. Dass eine scheinbar ungeschickte Bewegung höchst 
raffiniert zu sexuellen Zwecken ausgeiuitzt werden kann, davon habe 
ich vor einigen Jahren an mir selbst ein schönes Beispiel erlebt. Ich 
traf in einem befreundeten Hause ein als Gast angelangtes junges 
Mädchen, welches ein längst fih' erloschen gehaltenes Wohlgefallen bei 
mir erregte und mich darum heiter, gesprächig und zuvorkommend 
stimmte. Ich habe damals auch nachgeforscht, auf welchen Bahnen 
dies zuging; ein Jahr vorher hatte dasselbe Mädchen mich kühl gelassen. 
Als nun der Onkel des Mädchens, ein sehr alter Herr, ins Zinnner 
trat, sprangen wir beide auf, mn ihm einen in der Ecke stehenden 
Stuhl zu bringen. Sie war behender als ich, wohl auch dem (Jbjekt 
näher; so hatte sie sich zuerst des Sessels bemächtigt und trug ihn 
mit der Lehne nach rückwärts, beide Hände auf' die Sesselränder ge- 
legt, vor sich hin. Indem ich später hinzutrat und den Anspmch, 
den Sessel zu tragen, doch nicht aufgab, stand ich plötzlich dicht hinter 
ihi", hatte beide Arme von rückwärts um sie geschlungen, und die 
Hände trafen sich einen Moment lang vor ihrem Schoss. Ich löste 
natürlich die Situation ebenso rasch, als sie entstanden war. Es schien 
auch keinem aufzufallen, wie geschickt ich diese ungeschickte Bewe- 
gung ausgebeutet hatte. 

Gelegentlich habe ich mir auch sagen müssen, dass das ärgerliche, 
ungeschickte Ausweichen auf der Strasse, wobei man durch einige Se- 
kunden hin und her, aber doch stets nach der nämlichen Seite wie 
der oder die Andere, Schritte macht, bis endlich beide vor einander 
stehen bleiben, dass auch dieses »den AVeg Vertreten« ein unartig 
provozierendes Be]iehmen üiiherer Jahre wiederholt und sexuelle Ab- 
sichten unter der Maske der Ungeschicklichkeit verfolgt. Aus meinen 
Psychoanalysen Neurotischer weiss ich, dass die sogenannte Naivität 
junger Leute und Kinder häutig nur solch eine Maske ist, imi das 



Das Vergreifen. 61 

Unanständige unbeirrt durch (Tenieren aussprechen oder tun zu 
können. 

f) Die Eftekte. die dm-ch das Fehlgreifen normaler Menschen zu- 
stande kommen, sind in der Regel von hannlosester Art. Gerade darum 
wird sich ein l)esonderes Interesse an die Frage knüpfen, oh Fehlgriffe 
von erheblicher Tragweite, die von bedeutsamen Folgen begleitet sein 
können, wie z. B. die des Arztes oder Apothekers, nach irgend einer 
Richtung unter unsere Gesichtspunkte fallen. 

Da ich sehr selten in die Lage komme, ärztliche Eingriffe vor- 
zunehmen, habe ich nur über ein Beispiel von ärztlichem Vergreifen 
aus eigener Erfahrung zu berichten. Bei einer sehr alten Dame, die 
ich seit Jahren zweimal täglich besuche, beschränkt sich meine ärztliche 
Tätigkeit beim Morgenbesuch auf zwei Akte: ich träufle ihr ein paar 
Tropfen Augenwasser ins Auge und gehe ihr eine Morphiuminjektion. 
Zwei Fläschchen, ein blaues für das Kollyrium und ein weisses mit 
der Morphinlösung, sind regelmässig vorbereitet. Während der beiden 
Verrichtungen beschäftigen sich mei]ie Gedanken wohl meist mit etwas 
anderem; das hat sich eben schon so oft wiederholt, dass die Auf- 
merksamkeit sich wie frei benimmt. Eines Morgens bemerkte ich. dass 
der Automat falsch gearbeitet hatte, das Tropfröhrchen hatte ins weisse 
anstatt ins blaue Fläschchen eingetaucht und nicht Kollyrium, sondern 
Moiphin ins Auge geträufelt. Ich erschrak heftig und bemhigte mich 
dami durch die Überlegimg, dass einige Tropfen einer zweiprozentigen 
Morphinlösung auch im Bindehautsack kein Unheil anzurichten ver- 
mfigen. Die Schreckempfindung war oftenbar anderswoher abzuleiten. 

Bei dem Versuch, den kleinen Fehlgrift' zu analysieren, fiel mir 
zunächst die Phrase ein: ,,sich an der Alten vergreifen'', die den kurzen 
Weg znr Titisung weisen koimte. Ich stand unter dem Eindrucke eines 
Traumes, den mir am Abend vorher ein junger Mann erzählt hatte, 
dessen Inhalt sich luu' auf sexuellen Verkehr mit der eigenen Mutter 
deuten liess.') Die Sonderbarkeit, dass die Sage keinen Anstoss an 
dem Alter der Königin Jokaste nimmt, schien mir gut zu dem Er- 
gebnis zu stimmen, dass es sich bei der Verhebtheit in die eigene 
Alutter niemals um deren gegenwärtige Person handelt, sondern mn 
ihr ingendliches Erinnerungsbild aus den Kinderjahren. Solche Inkon- 
gru(!nzen stellen sich immer heraus, wo eine zwischen zwei Zeiten 



') Des Ücd ip iis-Tr:iumes, wie icli iliii /.ii iicniicii jiHi'^i'. wi'il rr tlcn 
Scliliissel zum Vt-rständnis der Sago von Köiii^ ()t'di|)iis intliillt.. Im Ti-xl des 
Sophokles ist die Bczichiiiifr auf einen solclifu Traum der .InkaHlc in den Mund 
gelogt. (Vgl. „TraunuLjulung", j.. 182.) 



ß2 Das Vergreifen. 

sfhwaiikeiule Phantasie bewiisst gomarlit und dadurch an eine ])estimnlto 
Zeit ^('l)undon wiid. In (Tcdankoü solcher Art versunken kam ieh 
/n nit'iuer iiltcr neunzigjährigen Patientin, inid ich imiss wohl unl' dem 
AV'ege gewesen sein, den allgemein menschlichen (Charakter der (Jedi- 
pustabel als das Koi-relat des Verhängnisses, das sich in den Oi-akeln 
ihissert. /u erfa.ssen. denn ich vergriti' mich dann ,.liei oder an der 
Alten". Indes dies \'ergreilen wai' wiederum liai'nilos: ich li.-itte \-on 
den beiden möglichen Irrtümern, (he Moiphinlösung fürs Auge zu 
verwenden, oder das Augenwasser zur Injektiftn zu nehmen, den bei 
weitem liannloseren gewühlt. Es bleibt immer noch die Frage, ob 
man bei Fehlgriilen. die schweren Schaden stiften können, in ähnlicher 
Weise wie bei deu bicM' beh;nidelt(^n eine unbewusste Absicht in Ei*- 
wägung ziehen (hiri'. 

Hier lüsst niicli denn, wie zu erwarten steht, das INfriterinl im 
Stiebe, und ich bleibe auf Vermutungen und Annäherungen angewiesen. 
Es ist bekannt, dass bei den schwereren FiUlen von Psychoneurose 
Selbst])eschädigungen gelegentlich als Krankheitssymptome auftreten, 
und dass der Ausgang des psychischen Kontiiktes in Selbstmord bei 
ihnen niemals auszuschliessen ist. Ich habe nun erfldu'en. und werde 
es eines Tages durch gut aufgeklärte Beispiele belegen, dass viele 
scheinbar zufällige Schädigungen, die solche Kranke treffen, eigentlich 
Selbstbeschädiguugeji sind, indem eine beständig lauernde Tendenz zur 
Sel])stbestrafimg. die sich sonst als Selbstvorwurf äussert, oder ihren 
Beitrag zm- Symptombildung stellt, eine zufällig geliotene äussere 
Situation geschickt ausnützt, oder ihr etwa noch bis zur Erreichung 
des gewünschten schädigeuden Effektes nachhilft. Solche Vorkommnisse 
sind auch bei raittelschweren Fidlen keineswegs selten, und sie verraten 
den Anteil der unbewussten Absicht durch eine Reihe von besoiuleren 
Zügen, z. B. durch die auff"ällige Fassung, -welche die Kranken bei 
dem angeblichen Unglücksfalle bewahren, i) 

Wer an das Vorkommen von halb absichtlicher Selbstbeschädigimg 
— wenn der ungeschickte Ausdruck gestattet ist — glaubt, der wird 
dadm-ch vorbereitet anzunehmen, dass es ausser dem bewusst absicht- 
lichen Selbstmord auch halb absichtliche Selbstvemichtung — mit un- 



') Die Selbstbeschädigung, die nicht voll auf Solbstvernichtung hinzielt, 
bat in unserem gegenwärtigen Kulturzustand überhaupt keine andere Wahl, als 
sich hinter der Zufälligkeit zu verbergen, oder sich durch Simixlation einer 
spontanen Erkrankung durchzusetzen. Früher einmal war sie ein gebräiichlichea 
Zeichen der Trauer: zu anderen Zeiten konnte sie Ideen der Frömmigkeit und 
Weltentsaonng Ausdruck sieben. 



Das Vergreifen. 63 

bewusster Absicht — gibt, die eine Lebensbedrohung geschickt aus- 
zunützen und sie als zufälhge VerungUickung zu maskieren weiss. 
Eine solche braucht keineswegs selten zu sein. Denn die Tendenz 
ziu" Selbstvernichtung ist bei sehr viel mehr Menschen in einer gewissen 
Stärke vorhanden, als bei denen sie sich durchsetzt; die Selbst- 
beschädigungen sind in der Regel ein Kompromiss zwischen diesem 
Trieb und den ihm noch entgegenwirkenden Kräften, und auch wo es 
wirklich zum Selbstmord kommt, da ist die Neigung dazu eine lange 
Zeit vorher in geringerer Stärke oder als uiibownsste und unterdrückte 
Tendenz vorhanden gewesen. 

Auch die bewusste Selbstmordabsicht wählt ihre Zeit, Mittel 
und Gelegenheit: es ist ganz im Einklang damit, we nndie unbewusste 
einen Anlass abwartet, der einen Teil der Verursachung auf sich 
nehmen und sie durch Tnanspruchnahme der AbAvehrkräfte des Indi- 
viduums von ihrer Bedrückung frei machen kann.i) Es sind keines- 
wegs müssige Erwägungen, die ich da vorbringe; mir ist mehr als ein 
Fall von anscheinend zufälligem Verunglücken (zu Pferde oder aus 
dem Wagen) bekannt geworden, dessen nähere Umstände den Verdacht 
auf unl)ewusst zugelassenen Selbstmord rechtfertigen. Da stürzt z. B. 
während, eines Oftizierswettrennens ein Offizier vom Pferde und verletzt 
sich so schwer, dass er mehrere Tage nachher erliegt. Sein Benehmen, 
nachdem er zu sich gekommen, ist in manchen Stücken auftallig. 
Noch bemerkenswerter ist sein Benehmen vorher gewesen. Er ist tief 
verstinnnt durch den Tod seiner geliebten Mutter, wird von Wein- 
krämpfen in der Gesellschaft seiner Kameraden befallen, er äussert 
Leben süberdruss gegen seine vertrauten Freunde, will den Dienst 



*) Der Fall ist dann sehliessücli kein anderer als der des sexuellen Alten- 
lals auf eine Frau, bei dem der Angriff des Mannes niclii durch die volle Mus- 
kelkraft des Weibes abgewehrt werden kann, weil ihm ein Teil der unbewusslen 
Regnngen di-r Angegriffenen fördernd entgegend kommt. Man sagt ja wnlil, 
eine solelie Situation lähme die Kräfte der Frau; man braucht dann nur n^rh 
die Gründe für diese Schwächung hinzufügen. Insofern ist der geistreiche 
Richterspruch des Sancho Pansa, den er als (Jouverneur auf seiner Insel 
Tällt, psychologisch ungerecht. (Doa Q,uijoto 11. T. Kap. XLV.) Eine Frau 
zerrt einen Mann vor den Richter, der sie angeblich gewaltsam ihrer Ehre be- 
raubt hat. Sancho entscliädigt sie durch die volle (jeldbörse, die er dem An- 
geklagten abnimmt, und gibt diesem nach dem Abgange der Frau die Erlaubnis, 
iiir nachzueilen und ihr die Börse wieder zu entreissen. Sic kommen beide 
ringend wieder, und die Frau biTÜhmt sich, dass der Bösewiciit nicht imstande 
gewesen sei, sich der Börse; zu in^mäc^htigen. Darauf Sanclm: Hättest Du 
Deine Eiire halb so (MMisthai'l MTteiditM wie diese iiörse, so liillle sie Dir der 
Mann niciit rauben können. 



64 Das Vergreifen. 

quittieren, um an eiueiu Kriege in Afrika Anteil zu nehmen, der ihn 
sonst nicht herülirt'); früher ein schneidiger Reiter, weicht er jetzt dem 
Reiten aus, -wo es nur möghch ist. Vor dem Wettreiuien endhch. 
dem er sicli niclit entziehen kann, äusseit er eine triibe Ahnung; wir 
weiden uns hei unserer Auftassunif nicht mehr verwundern, dass diese 
Alunmu; Recht heliielt. Man wird mir entgegenhalten, es sei ja ohne 
weiteres verständhcli, dass ein Mensch in solcliei* nervöser Depression 
das Tier nicht zu meistern vei-steht wie in gesuiulen Tagen. Ich bin 
ganz einvei-standen; nur möclite ich den IMechanisnuis dieser motorischen 
Hemnumg (hu-ch die Xei-vosität in der ln'(>r betonten Selbstverniclitungs- 
absicht suclien. 

AVenn so ein Wüten gegen die eigciu' Integrität und das eigene 
Tjeben liinter anscheinend zulälHger TTugescliickhclikeit und motorischer 
T^nzulänghchkeit ver])orgen sein kann, so braucht man keinen grossen 
Schritt mehr zu tun, uui die llbertragung der niuuhchen Auffassung 
auf Fehlgriffe möglich zu finden, welche Leben und Gesundheit anderer 
ernstlich in Gefahr bringen. Was ich an Belegen für die Triftigkeit 
dieser Auffassung vor))ringen kaun, ist der Erfahrung an Neuro- 
tikern entnonuuen, deckt sich also uiclit völlig mit dem Erfordernis. 
Ich werde über einen Fall berichten, in dem mich nicht eigentlich 
ein Fehlgriff, sondern, was man eher eine Symptom- oder Zufallshand- 
lung neimen kann, auf die Spur brachte, welche dann die Tjösung des 
Konflikts bei dem Patienten enuöglichte. Ich übernahm- es einmal, 
die Ehe eines sehr intelligenten Mannes zu bessern, dessen Misshellig- 
keiten mit seiner ihn zärtlich liebendeu jungeu Frau sich gewiss auf 
reale Begründungen benifen konnten, aber wie er selbst zugab, durch 
diese nicht voll erklärt wurden. Er beschäftigte sich unablässig mit 
dem Gedanken der Scheidung, den er dann wieder verwarf, weil er 
seine beiden kleinen Kinder zärtlich liebte. Trotzdem kam er immer 
wieder auf deu Vorsatz zuiück und versuchte dabei kein Mittel, um 
sich die Situation erträglich zu gestalten. Solches Nichtfertigwerden 
mit einem Konflikt gilt mir als Beweis dafür, dass sich unbewusste 
und verdrängte Motive zur Verstärkung der mit einaiKler streitenden 
bewussteu bereit gefunden haben, und ich unternehme es in solchen 
Fällen, den Konflikt durch psychische Analyse zu beenden. Der Mami 
erzählte mir eines Tages von einem kleinen Vorfall, der ihn aufs 



') Dass die Situation des Schlachtfeldes eine solche ist, wie sie der be- 
wussten Selbstmordabsicht entgegenkommt, die doch den direkten Weg scheut, 
ist einleuchtend. Vgl. im „Wallen stein" die Worte des schwedischen Haupt- 
manns über den Tod des Max Piccolomini: ..Man sagt, er wollte sterben". 



Symptom- und Zufallshandliingen. 65 

äussei-ste ersclu-eckt hatte. Er :>> hetzte« mit seinem älteren Kind, dem 
weitaus geheljteren, hob es hoch und liess es nieder und einmal an 
solcher Stelle und so hoch, dass das Kind mit dem Scheitel fast an 
den schwer herabhängenden Gasluster angestossen hätte. Fast, aber 
doch eigenthch nicht oder gerade eben noch! Dem Kind war nichts 
geschehen, aber es ^\^ll'de vor Schreck schwindlig. Der Vater blieb 
entsetzt mit dem Kinde im Amie stehen, die Mutter bekam einen 
hysterischen Anfall. Die besondere Geschicklichkeit dieser unvorsich- 
tigen Bewegung, die Heftigkeit der Reak-tion bei den Eltern legten es 
mir nahe, in dieser Zufälligkeit eine Symptomhandlung 7ai suchen, 
welche eine böse Absicht gegen das geliebte Kind zum Ausdiiick bringen 
sollte. Den Widerspruch gegen die aktuelle Zärthchkeit dieses Vaters 
zu seinem Kinde konnte ich mildern, wenn ich den Impuls zur Schädi- 
gung in die Zeit zmiickverlegte, da dieses Kind das einzige und so 
klein gewesen war, dass sich der Vater noch nicht zärtlich für dasselbe 
zu interessieren brauchte. Dann hatte ich es leicht, anzunehmen, dass 
der von seiner Frau wenig befriedigte Mann damals den Gedanken 
gehabt oder den Vorsatz gefasst: Weim dieses kleine Wesen, an dem 
mir gar nichts liegt, stirbt, dann bin ich frei und kaun mich von der 
Frau scheiden lassen. Ein AVunsch nach dem Tode dieses jetzt so 
geliebten Wesens musste also unbewusst weiterbestehen. Von hier ab 
war der Weg zur inibewussten Fixierung dieses Wunsches leicht zu 
finden. Eine mächtige Determinierung ergab sich wirklich aus der 
Kindheitserinnening des Patienten, dass der Tod eines kleinen Bruders, 
den die Mutter der Nachlässigkeit des Vaters zur Last legte, zu heftigen 
Auseinandei-setzungen zwischen den Eltern mit Scheidungsandrohung 
geführt hatte. Der weitere Verlauf der Ehe meines Patienten be- 
stätigte meine Koml)ination auch durch den therapeutischen Erfolg. 



VIII. 

Symptom- und Zufallshandlungen. 

Die bisher beschriebenen Handlmigen, in denen wir die Aus- 
führung einer unbewussten Absicht erkamiten, traten als Störungen 
anderer beabsichtigter Handlungen auf und deckten sich mit dem Vor- 
wand der Ungeschicklichkeit. Die Zufallshandlungen, von denen jetzt 
die Ivcdc sein soll, unterscheiden sich von denen des Vergreifens nur 
(l:i(liir(li. dass sie die Anlehnung an eine bcwusstc Intention verschmähen 

l'rc-uU, Zur Payuliuiiathülof^ie de» AlltaKHlelieiiB. ■' 



ßg Symptom- und Ziifallsliandlunovn. 

und also des Vorwaiides nicht ])edürfeM, Sie treten für sic-li muI' und 
werden zugelassen, weil man Zweck und Absicht bei ihnen nicht ver- 
mutet. Man fiihrt sie aus, „ohne sich etwas bei ihnen zu denken'', 
nur „rein zufällig'', „wie um die Hände zu beschäfligcn", und ninn 
rechnet dara,uf, dass solche Auskunft der Xachfoi-schung nach der Be- 
deutung der Handlung ein Ende bereiten wird. Um sich dieser Aus- 
nalmisstellung erfreuen zu können, müssen diese Handlungen, die nicht 
mehr die Entschuldigung der Ungeschicklichkeit in Anspruch nehmen, 
bestimmte Bedingungen erfüllen; sie müssen miau fl'iilli g und iliit' 
Effekte müssen geringfügig sein. 

Ich habe eine grosse Anzahl solcher ZuMlshandlungen bei mir 
und anderen gesammelt, und meine nach gründlicher Untei'suchung 
der einzehien Beispiele, dass sie eher den Namen von Syniptom- 
handlungen verdienen. Sie bringen etwas zum Ausdruck, was der 
Täter selbst nicht in ihnen vermutet, und was er in der Regel nicht 
mitzuteilen, sondern für sich zu behalten beabsichtigt. Sie spieleji also 
ganz so wie alle anderen bisher betrachteten Phänomene die Bolle von 
Symptomen. 

Die reichste Ausbeute an solchen Zufalls- oder Symptomhand- 
lungen erhält man allerdings bei der psychoanalytischen Behandlung 
der Neurotiker. Ich kann es mir nicht versagen, an zwei Beispielen 
dieser Herkunft zu zeigen, wie weit und wie fein die Determinierung 
dieser unscheinbaren Vorkommnisse durch unbewusste Gedanken ge- 
trieben ist. Die Grenze der Symptomhandlungen gegen das Vergreifen 
ist so wenig scharf, dass ich diese Beispiele auch im vorigen Abschnitt 
hätte unterbringen köimen. 

a) Eine junge Frau erzählte als Einfall während der Sitzung, 
dass sie sich gestern beim Nägelschneiden „ins Fleisch geschnitten. 
während sie das feine Häutchen im Nagelbett abzutragen benüiht war". 
Das ist so wenig interessant, dass man sich verwundert fragt, wozu es 
überhaupt erinnert und erwiUmt wird, luid auf die Vermutung gerät, 
man habe es mit einer Symptomhandknig zu tun. Es war auch wirk- 
lich der Ringfinger, an dem das kleine Ungeschick vorfiel, der Finger, 
an dem man den Ehering trägt. Es war überdies ihr Hochzeitstag, 
was der Verletzung des feinen Häutchens einen ganz bestimmten, leicht 
zu erratenden Sinn verleiht. Sie erzählt auch gleichzeitig einen Traum, 
der auf die Ungeschicklichkeit ihres Mannes und auf ihre Anästhesie 
als Fi^au anspielt. Warum war es aber der Ringfinger der linken 
Hand, an dem sie sich verletzte, da man doch den Ehei-ing an der 
rechten Hand trägt? Ihr Manu ist Jmist, »Doktor der Rechte«, und 



Symptom- und Zufallshandlungen. 67 

ihre geheime Neigung hatte als Mädchen einem Arzt (scherzhaft: 
»Doktor der Linke«) gehört. Eine Ehe zm- linken Hand hat auch 
ihre bestimmte Bedeutung. 

b) Eine unverheiratete junge Dame erzählt: ..Ich habe gestern 
ganz unabsichtlich eine 100 Guldennote in zwei Stücke gerissen und 
die Hälfte davon einer mich besuchenden Dame gegeben. Soll das 
auch eine Symptomhandlung seiii?" Die genauere Erfoi-schung deckt 
folgende Einzelheiten auf: Die Hundertguldennote: Sie widmet einen 
Teil ihrer Zeit und ihres Vermögens wohltätigen Werken. Gemeinsam 
mit einer anderen Dame sorgt sie für die Erziehung eines verwaisten 
Kindes. Die 100 Gulden sind der ihr zugeschickte Beitrag jener 
Dame, den sie in ein Couvert einschloss und vorläufig auf ihi'en 
Schreibtisch niederlegte. 

Die Besucherin war eine angesehene Dame, der sie bei einer 
anderen AVohltätigkeitsaktion beisteht. Diese Dame wollte eine Eeibe 
von Namen von Personen notieren, an die man sich um Unterstützung 
wenden könnte. Es fehlte an Papier, da griff meine Patientin nach 
dem Couvert auf ihrem Schreibtisch und riss es, ohne sich an seinen 
Inhalt zu besimien, in zwei Stücke, von denen sie eines selbst behielt. 
um ein Duplikat der Namenshste zu haben, das andere ihrer Besucherin 
iiljorgali. Man bemerke die Hamilosigkeit dieses unzweckmässigen 
Vorgehens. Eine Hundertguldennote erleidet bekanntlich keine Einbusse 
an ihrem Werte, wem\ sie zerrissen wird, falls sie sich aus den Riss- 
stücken vollständig zusammensetzen lässt. Dass die Dame das Stück 
Papier nicht wegwerfen würde, war dmxh die Wichtigkeit der darauf 
stehenden Namen verbürgt, und ebensowenig litt es einen Zweifel, dass 
sie den wertvollen Inhalt zurückstellen würde, sobald sie ihn bemerkt. 

AVelchem unbewussten Gedanken sollte aber diese Zufallshaud- 
lung. die sich durch ein Vergessen ermöglichte, Ausdruck geben? Die be- 
sucheiule Dame hatte eine ganz bestimmte Beziehung zu unserer Km'. 
Es war dieselbe, die mich seinerzeit dem leidenden Mädchen als Arzt 
om])ff)hlen. und wenn ich nicht iiTC, hält sich meine Patientin zum 
Dank für diesen Rat verpflichtet. Soll die halbierte Hundertguldennote 
etwa ein Honorar für diese Vennittlung darstellen? Das bliebe noch 
rocht befremdlicli. 

Es konmit aber anderes Material hinzu. Einige Tage vorher 
hatte eine Vei-mittlerin ganz auderer Art bei einer Verwandten an- 
gefragt, ob das gnädige Fränlein wohl die Bekanntschaft eines gewissen 
HeiTii machen wolle, und am Morgen, einige Stnnden vor dem Besuche 
der Dame, war der Wci'bebrief des Freiers ciiigcli«»!!!'!!. der viel An- 

6* 



gg Symptom- und Zuriillsliiimlliinocn. 

liiss zur Heiterkeit gef]jel)eii hatte. Als mihi dif Dame das Gesprädi 
mit einer Erkundigung nach dem Behnden meiner Patientin eröffnete, 
komite sie wohl gedacht haheu : ..Den richtigen Arzt hast Du mir zwar 
empfohlen, wenn Du mir aber zum riclitigen Mann (und dahinter: zu 
einem Kind] verhelfen kiiiiiitest. wäre ich Dir doch dankbarer.*' Von 
diesem verdrängt gehaltenen Gedanken aus iiossen ihr die beiden Ver- 
mittlerinnen in eins zusanmien, und sie überreichte der Besucherin das 
Honorar, das ihre Phantasie der anderen zu geben bereit Avar. VöUig 
verbindlich wird diese Lösung, weim ich hinzufüge, dass ich ihr ei-st 
am Abend vorher von solchen Zutalls- oder öymptomhandlungen er- 
zählt hatte. Sie bediente sich dann der nächsten (TclegenluMt. um 
etwas Analoges zu produzieren. 

Eine Gruppierung der so überaus häutigen Zulalls- und Symptom- 
handlungen könnte man vornehmen, je nachdem sie gewohnheitsinässig, 
regelmässig miter gewissen Umständen, oder vereinzelt erfolgen. Die 
ei-steren (wie das Spielen mit der Uhrkette, das ZAvirbeln am Bart etc.), 
die fast zur Charakteristik der betreffenden Personen dienen kcinnen. 
streifen an die mannigfaltigen Tikbewegungen und verdienen wohl im 
Zusanunenhange mit letzteren behandelt zu werden. Zur zweiten 
Gruppe rechne ich das Spielen, wenn man einen Stock, das Kritzeln, 
wenn man einen Bleistift in der Hand hält, das Klimpern mit ]\Iünzen 
in der Tasche, das Kneten von Teig und anderen plastischen Stoffen, 
allerlei Hantierungen an seiner Gew^andung u. dgl. mehr. Unter dieseii 
spielenden Beschäftigungen verbergen sich während der psychischen Be- 
handlung regelmässig Sinn und Bedeutung, denen ein anderer Aus- 
druck versagt ist. Gewöhnlich weiss die betreffende Person nichts davon, 
dass sie dergleichen tut, oder dass sie gewisse Modifikationen an ihrem 
gewöhnliclien Tändeln vorgenommen hat, und sie übersieht und über- 
hört auch die Effekte dieser Handlungen. Sie hört z. B. das Geräusch 
nicht, das sie beim Klimpern mit Geldstücken hervorbringt, und be- 
nimmt sich wie erstaunt und ungläubig, wenn man sie darauf auf- 
merksam macht. Ebenso ist alles, was man, oft ohne es zu merken, 
mit seinen Kleidern vornimmt, bedeutungsvoll und der Beachtung des 
Arztes wert. Jede Verändenmg des gewohnten Aufzuges, jede kleine 
Nachlässigkeit, wie etwa ein nicht schliessender Knopf, jede Spur von 
Entblössung will etw^as besagen, was der Eigentümer der Kleidung 
nicht direkt sagen will, meist gar nicht zu sagen weiss. Die Deutungen 
dieser kleinen Zufallshandlungen, sowie die Beweise ftir diese Deutungen 
ergeben sich jedesmal mit zureichender Sicherheit aus den Begleit- 
imistäuden wähi-end der Sitzuno. aus dem eben behandelten Thema 



Symptom- und Zufallshandlungen. 69 

und aus den Eiulallen. die sich einstellen, wenn man die Aufiuerksamkeit 
auf die anscheinende Zufälligkeit lenkt. Wegen dieses Zusammen- 
hanges unterlasse ich es. meine Behauptimgen dm-ch Mitteilung von 
Beispielen mit Analyse zu untei-stützen ; ich erwähne diese Dhige aber, 
weil ich glaube, dass sie bei normalen Menschen dieselbe Bedeutung 
haben wie bei meinen Patienten. 

Ich kann etwa aus meiner psychotherapeutischen Erfahiimg einen 
Fall erzählen, in dem die mit einem Klumpen Brotlaimie spielende Hand eine 
beredte Aussage ablegte. Mein Patient war ein noch nicht 13 j., seit fast 
zwei Jahren schwer hysterischer Knabe, den ich endlich in psycho- 
analytische Behandlmig nahm, nachdem ein längerer Aufenthalt in einer 
"Wasserheilanstalt sich erfolglos erwiesen hatte. Er musste nach meiner 
Voraussetzung sexuelle Erfahiamgen gemacht haben und seiner Altersstufe 
entsprechend von sexuellen Fragen gequält sein; ich hütete mich aber, ihm 
mit AufkläiTuigen zur Hilfe zu konunen, weil ich wieder einmal ehie Probe 
auf meine Voraussetzungen anstellen wollte. Ich dm-fte also neugierig 
sein, auf welchem Wege sich das Gesuchte bei ihm andeuten wüi'de. 
Da fiel es mir auf, dass er eines Tages irgend etwas zwischen den 
Fingern der rechten Hand rollte, damit in die Tasche fiihr, dort weiter 
spielte, es wieder heiTorzog etc. Ich fragte nicht, was er in der Hand 
habe; er zeigte es mir aber, indem er plötzlich die Hand öf&iete. Es 
war Brotki'ume, die zu einem Klmnpen zusammengeknetet war. In 
der nächsten Sitzmig brachte er wieder emen solchen Klumpen mit, 
formte aber aus ihm, während wir das Gespräch führten, mit unglaub- 
licher Raschheit mid bei geschlossenen Augen Figiu-en, die mein Interesse 
erregten. Es waren unzweifelhaft Männchen mit Kopf, zwei Ai-men, zwei 
Beinen, Avie die rohesten prähistorischen Idole, und einem Foilsatz zwischen 
beiden Beinen, den er in eine lange Spitze auszog. Kaum dass dieser 
gefertigt war, knetete er das Männchen wieder zusammen; später liess 
er es bestehen, zog aber einen ebensolchen Fortsatz an der Rücken- 
fläche und an anderen Stellen aus, um die Bedeutung des ersten zu 
verhüllen. Ich wollte ihm zeigen, dass ich ihn verstanden habe, ihm 
aber dabei die Ausflucht benehmen, dass er sich bei dieser Menschen 
formenden Tätigkeit nichts gedacht habe. In dieser Absicht fragte ich 
ihn plötzlich, ob er sich an die Geschichte jenes römischen Königs er- 
innere, der dem Abgesandten seines Sohnes eine pantomimische Ant- 
wort im Garten gegebeii. Der Knabe wollte sich nicht an das erinnern, 
was er doch vor so viel kürzerer Zeit als ich gelernt haben musste. 
Er fragte, ob das die Geschichte von dem Sklaven sei, auf dessen glatt- 
rasieilen Schädel man die Antwort geschiiebeu habe. Nein, das ge- 



70 Symptom- und Zufallshatidlungen. 

hört in die griechische Geschichte, sagte ich iiiul cr/,;UiUe: Der König 
Tarquinius Priscus hatte seinen Sohn Sextus veranhisst, sich in eine 
leindHche hitinische Stadt einzuschleichen. Der Solni, der sich unter- 
des Anhang in dieser Stadt vci-schafft hatte., schickte einen Boten an 
den König mit der Frage, was niui weiter geschehen solle. Der 
König gab keine Antwort, sondern ging in seinen Gai*ten, liess sich 
dort die Frage wiederholen und schlug schweigend die gi'össten und 
schönsten Mohnköpfe ab. Dein Boten blieb nichts übrig als dieses 
dem Sextus zu berichten, der den Vater verstand und es sich angelegen 
sein liess, die angesehensten Bürger der Stadt dm-ch Mord zu beseitigen. 

Wähi-end ich redete, hielt der Knabe in seinem Kneten innc, 
und als ich mich anschickte zu ei-zählen. was der König in seinem 
Garten tat, schon bei den Worten »schlug schweigend«, hatte er mit 
einer blitzschnellen Bewegung seinem Männchen den Kopf abgerissen. 
Er hatte mich also vei-standen und gemerkt, dass er von mir ver- 
standen worden war. Ich konnte ihn lum direkt iDefragen, gab 
ihm die Auskünfte, um die es ihm zu tun war, und wir hatten biinicn 
kurzem der Nem'ose ein Ende gemacht. 

Von den vereinzelten Zufallshandlungen will ich ein Beispiel mit- 
teilen, welches auch ohne Analyse eine tiefere Deutung zuliess, das 
die Bedingungen trefflich erläutert, unter denen solche Symptome voll- 
konmien unauffällig produziert werden können, luid an das sich eine 
praktisch bedeutsame Bemerkung anknüpfen lässt. Auf einer Sominer- 
reise traf es sich, dass ich einige Tage an einem gewissen Oi-te auf 
die Ankunft meines Reisegefähi'ten zu warten hatte. Ich machte miter- 
des die Bekanntschaft eines jungen Mannes, der sich gleichfalls einsam 
zu fühlen schien mid sich bereitwilHg mii' anschloss. Da wir in dem- 
selben Hotel wohnten, fügte es sich leicht, dass wir alle Mahlzeiten 
gemeinsam einnahmen und Spaziergänge miteinander machten. Am 
Nachmittag des dritten Tages teilte er mir plötzlich mit, dass er heute 
abends seine mit dem Eilzuge anlangende Frau erwarte. Mein psycho- 
logisches Interesse wm-de nun rege, denn es war mir an meinem 
Gesellschafter bereits am Vormittag aufgefaDen, dass er meinen Vor- 
schlag zu einer grösseren Paiüe zurückgewiesen und auf unserem kleinen 
Spaziergang einen gewissen Weg als zu steil und gefähi'lich nicht hatte 
begehen wollen. Auf dem Xaclmaittagsspaziergang behauptete er plötz- 
lich, ich müsste doch hmigrig sein, ich sollte doch ja nicht semetwegen 
die Abendmahlzeit aufschieben, er werde erst nach der Ankmift seiner 
Frau mit ilu- zu Abend essen. Ich verstand den Wink und setzte 
mich au den Tisch, wähi'end er auf den Bahnhof ging. Am nächsten 



Symptom- und Ziifallshandlungen. 71 

Morgen traten wir uns in der Vorhalle des Hotels. Er stellte mir 
seine Frau vor imd fügte hinzu: Sie werden doch mit uns das Früh- 
stück nehmen? Ich hatte noch eüie kleine Besorgimg in der nächsten 
Strasse vor mid versichei-te, ich würde bald nachkommen. Als ich 
dann in den Fiiihstückssaal ti'at, sah ich, dass das Paai- an einem 
kleinen Fenstertisch Platz genommen hatte, auf dessen einer Seite sie 
beide sassen. Auf der Gegenseite befand sich nm- ein Sessel, aber 
über dessen Lehne hing der grosse und schwere Lodenmantel des 
Mamies herab, den Platz verdeckend. Ich verstand sehr wohl den 
Sinn dieser gewiss nicht absichtlichen, aber darum um so ausdrucks- 
volleren Lagerung. Es hiess: füi" Dich ist hier kein Platz, Du bist 
jetzt übei-tlüssig. Der Mami bemerkte es nicht, dass ich vor dem Tische 
stehen blieb, ohne mich zu setzen, wohl aber die Dame, die ihren 
Mann sofort anstiess und ihm zuflüsterte: Du hast ja dem Herrn den 

Platz verlegt. 

Bei diesem wie bei anderen ähnlichen Erlebnissen habe ich mir 
gesagt, dass die unabsichtlich ausgeführten Handlmigen unvermeidlich 
zur Quelle von Missvei-ständnissen im menschlichen Verkehr werden 
müssen. Der Täter, der von einer mit ihnen verknüpften Absicht 
nichts weiss, rechnet sich dieselben nicht an und hält sich nicht ver- 
antworthch füi- sie. Der andere hingegen erkennt, indem er regel- 
mässig auch solche Handlmigen seines Partners zu Sclilüssen über 
dessen Absichten mid Gesinnungen verwertet, mehr- von den psychischen 
Vorgängen des Fremden, als dieser selbst zuzugeben bereit ist und 
mitgeteilt zu haben glaubt. Letzterer aber entrüstet sich, wenn ihm 
diese aus seinen Symptomhandlungen gezogenen Schlüsse vorgehalten 
werden, erklärt sie füi- grundlos, da ihm das Bewusstsein für die Ab- 
sicht bei der Ausfühiiuig fehlt, und klagt über Missverständnis von 
selten des anderen. Genau besehen beruht ein solches Missvei-ständnis 
auf einem Zufein- und Zuvielvei-stehen. Je »nervöser« zwei Menschen 
sind. dest(j eher werden sie einander Anlass zu Entzweiungen' bieten, 
deren Begründung jeder für seine eigene Person ebenso bestimmt leugnet, 
wie er sie flu- die Person des anderen als gesichert anninnnt. Und dies 
ist wohl die Strafe fiü' die innere Unauft-ichtigkeit, dass die Menschoi 
unter den Vonvänden des Vergesse.is, Vergrcifens und der Unab- 
sichtlichkeit liegungen den Ausdruck gestatten, die sie bessier sich und 
anderen eingestehen wiü-den. we.ni sie sie schon nicht beheri-schen 
können. :^Ian ka.ui in der Tat ganz allgemein behaupte.i. dass jeder- 
mann fortwährend psychische Analyse an seinen Neben menschen be- 
ti-eibt und diese infolgedessen besser kennen lernt als jeder einzelne 



72 Irrtümer. 

sich selbst. Der Woff /,ui' Rololguiig dvv Malimini^ ynoHi ataotnv 
führt durch das iStudiiiin seiner eigenen scheinbar /.uräHigen Hand- 
lungen und UnteHassuiigen. 



IX. 

Irrtümer. 



Die Irrtümer des Gedächtnisses sind vom Vergessen mit Felil- 
erinnern nur (hurh den einen Zug unterschieden,, dass der Irrtum 
(das Fehlerinnern) nicht als solcher erkannt wird, sondern (Tilauben 
lindet. Der Gebrauch des Ausdruckes >Irrtuni<' scheint aber noch an 
einer anderen Bedingung zu hängen. AVir sprechen von »Irren« an- 
statt von »falsch Erinneriiv,. -wo in dem zu reproduzierenden psychischen 
Material der Charakter der objektiven Realität lierv(ji'gelioben werden 
soll, wo also etwas anderes erinnert werden soll als eine Tatsache 
meines eigenen psychischen Lebens, vielmehr etwas, was der Bestätigung 
oder Widerlegung dm'ch die Erinnerung anderer zugänglich ist. Den 
Gegensatz ziun Gedächtnisirilum in diesem Sinn bildet die Unwissen- 
heit. 

In meinem Buche »Die Traumdeutung (1900)« habe ich mich 
einer Reihe von Veiiälsclnuigen an geschichtlichem und überhaupt 
tatsächlichem Material schuldig gemacht, auf die ich nach dem Er- 
scheinen des Buches mit Verwundermig aufmerksam geworden hin. 
Ich habe bei näherer Prüfung derselbeii gefunden, dass sie nicht meiner 
Unwissenheit entsprungen sind, sondern sich auf Irrtümer des Gedächt- 
nisses zm"ückleiten, welche sich durch Analyse aufklären lassen. 

a) Auf p. 266 bezeichne ich als den Gebiu-tsort Schillers die 
Stadt Marburg, deren Name ni der Steiermark Aviederkehrt. Der 
IiTtum fuidet sich in der Analyse eines Traumes während einer Nacht- 
reise, aus dem ich dm'ch den vom Konduktem- ausgerufenen Stations- 
namen Marburg geweckt wm^de. Im Trauminhalt Avird nach einem 
Buch von Schiller gefragt. Nun ist Schiller nicht in der Univer- 
sitätsstadt Marburg, sondern in dem schwäbischen Marbach geboren. 
Ich behaupte auch, dass ich dies immer gewusst habe. 

b) Auf p. 135 wird Hannibals Vater Hasdrubal genannt. 
Dieser Irrtmn war mir besonders ärgerlich, hat mich aber in der Auf- 
fassung solcher Irrtümer am meisten bestärkt. In der Geschichte der 
Barkiden dürften wenige der Leser des Buches besser Bescheid wissen 



Irrtümer. 73 



als 



der Verfasser, der diesen Fehler niederschrieb und ihn bei di'ei 
KoiTektui'en übei-sah. Der Vater Hannibals hiess Hamilkar Bar- 
kas. Hasdrubal wai- der Name von Hannibals Bruder, übrigens 
auch der seines Schwagei-s und Vorgängers im Kommando. 

c) Auf p. 177 mid p, 370 behaupte ich, dass Zeus seiuen Vater 
Ki'ouos entmannt mid ihn vom Thi-one stüi'zt. Diesen Greuel habe ich 
aber iiTtümlich um eine Generation vorgeschoben; die griechische My- 
thologie lässt ihn von Kronos an semem Vater Uranos verüben. 

Wie ist es nmi zu erklären, dass mein Gedächtnis in diesen Pmik- 
tcn Ungetreues lieferte, wähi'end es mü' sonst, Avie sich Leser des Buches 
überzeugen können, das entlegenste und ungebräuchlichste Material 
ziu- Vei-füginig stellte? Und ferner, dass ich bei drei sorgfältig durch- 
geführten Korrektm-en wie mit Bhndheit geschlagen an diesen Irrtümern 
vorbeiging ? 

Man hat von Lichtenberg gesagt, wo er einen Witz gemacht 
habe, dort liege ein Problem verborgen. Ahnlich kann man über die 
hier angeführten Stellen meines Buches behaupten : wo ein In-tmii vorliegt, 
da steckt eine Verdrängung dahinter. Richtiger gesagt: eine Unaiü- 
richtigkeit, eine Entstellung, die schhessslich auf Verdrängtem fusst. 
Ich büi bei der Analyse der dort mitgeteilten Träume dm'ch die blosse 
Natm- der Themata, aufweiche sich die Traumgedanken beziehen, ge- 
nötigt gewesen, einerseits die Analyse irgendwo vor ihi-er Abi-midmig 
abzubrechen, andererseits einer indiski-eten Einzelheit durch eine leise 
Entstellmig die Schärfe zu benehmen. Ich konnte nicht anders und 
hatte auch keine andere AVahl, wemi ich überhaupt Beispiele und Be- 
lege vorbringen wollte; meine Zwangslage leitete sich mit Notwendig- 
keit aus der Eigenschaft der Träume ab. Verdrängtem, d.h. Bewusst- 
seinsunfähigem, Ausdruck zu geben. Es diufte trotzdem genug übrig 
geblieben sein, woran emptindlichere Seelen Anstoss genommen haben. 
Die Entstellung oder Verschweigung der mir selbst noch bekannten 
fortsetzenden Gedanken hat sich nun nicht spurlos durchführen lassen. 
Was ich unterdrücken wollte, hat sich oftmals wider meinen AVillen 
den Zugang in das von mir Aufgenommene erkämpft und ist darin 
als von mir unbemerkter Irrtum zum A'orschein gekonnnoi. In allen 
di-ei hervorgehobenen Beispielen liegt übrigens das nämliche Thema zu 
Grunde; die Lrtümer sind x\.bkömmlinge verdrängter Gedanken, die 
sich mit meinem verstorbenen Vater beschäftigen. 

ad. a) AVer den auf p. 266 analysierten Traum durchliest, wird 
teils unvcrhüllt erfahren, teils aus Andeutungen eiraten köimen, dass 
ich Ijci Gedanken abgebrochen habe, die eine unfreundliche Kritik am 



74 Irrtümor. 

Vater cMitlialtoii hätten. In dw Fortsetzung dieses Zuges von (Jc- 
danken und Erinuerungeii liegt nun eine ürgei-liclie Geschichte, in 
welcher Bücher eine Ixolle spielen und ein Geschäftsfreund des Vaters, 
der den Namen Marburg führt, denselben Namen, durch dessen An- 
ruf in der gleichnamigen Südbahnstation ich aus dem Schlaf geweckt 
wurde. Diesen Herrn Marburg wollte ich l)ei der Analyse mir und 
den Lesern unterschlagen; er rächte sich dadurch, dass er sich dort 
einmengte, wo er nicht hingehört, und den Namen des Gebiulsortes 
Schillers aus Marbach hi Marl)urg veränderte. 

ad. b) Uer Irrtum Hasdrubal anstatt Hamilkar, der Name 
des Brudei-s an Stelle des Namens des Vatei-s, ereignet sich gerade in 
einem Zusammenhange, der von den Hainiibalphantasien meiner Gym- 
nasiaistenjahre und von meiner TJjizuiriedenheit mit dem Benehmen des 
Vatei-s gegen die »Feinde unseres Volkes« handelt. Ich hätte fort- 
setzen und erzählen können, Avie mein Verhältnis zum Vater durch 
einen Besuch in England verändert wurde, der mich die Bekanntschaft 
meines dort lebenden Halbbruders aus früherer Ehe des Vatei-s machen 
liess. Mein Bruder hat einen ältesten Sohn, der mir gleichalterig ist; 
die Phantasien, wie andei^s es geworden wäre, wenn ich nicht als Sohn 
des Vaters, sondern des Bruders zur Welt gckonnnen wäre, fanden 
also kein Hnidernis an den Altersrelationcn. Diese unterdi'ückten 
Phantasien fälschten nun an der Stelle, wo ich in der Analyse abbrach, 
den Text meines Buches, indem sie mich nötigten, den Namen des 
Bruders für den des Vaters zu setzen. 

ad. c) Dem Einfluss der Ennuemng an diesen selben Bruder 
schreibe ich es zu, dass ich die mythologischen Greuel der griechischen 
Götterwelt um eine Generation vorgeschoben habe. Von de)i Mahinmgcn 
des Bruders ist mir lange Zeit eine im Gedächtnis geblieben : „Vergiss 
iiicht, in Bezug auf Lebensfühi'ung, eines", hatte er mir gesagt, „dass 
Du nicht der zweiten, sondern eigenthch der dritten Generation vom 
Vater aus angehörst." Unser Vater hatte sich in späteren Jahren 
wieder verheiratet und war um so vieles älter als seine Kinder zweiter 
Ehe. Ich begehe den besprochenen In*tuni im Buche gerade, wo ich 
von der Pietät zwischen Eltern und Kindern handle. 

Es ist auch einige Male vorgekommen, dass Freunde und Pati- 
enten, deren Träunie ich berichtete, oder auf die ich in den Traum- 
analysen anspielte, mich aufmerksam machten, die Umstände der ge- 
meinsam erlebten Begebenheit seien von mir ungenau erzählt worden. 
Das wären nun wiederum historische Irrtümer. Ich habe die einzelnen 
Fälle nach der Richtigstellmig nachgeprüft mid mich gleichfalls über- 



Determinismus und Aberglauben. 75 

zeugt, class meine ErinneiTing des Sachlichen nur dort ungetreu war, 
wo ich in der Analyse etwas mit Absicht entstellt oder verhehlt hatte. 
Auch hier meder ein unbemerkter Irrtum als Ersatz für eine 
absichtliche Verschweigung oder Verdrängung. 

Von diesen Inlümeni, die der Verdi'äng-ung entspnngen, lieben 
sich schaif andere ab, die auf wirldicher Unwissenheit l3eruhen. So 
wai' es z. B. rnmssenheit, wenn ich auf einem Austlug in die Wach au 
den Aufenthalt des Revolutionäi's Fischhof berühi't zu haben glaubte. 
Die beiden Orte haben nm* den Namen gemein; das Emmersdorf 
Fischhofs liegt in Känithen. Ich wiisste es aber nicht andei^s. 

Man wii'd vielleicht nicht geneigt sein, die Klasse von Iriüimern, 
füi- die ich hier die Aufklärung gebe, für sehr zaMreich oder besonders 
bedeutungsvoll zu halten. Ich gebe aber zu bedenken, ob man nicht 
Grund hat, die gleichen Gesichtspunkte auch auf die Beurteilung der 
ungleich "\\dchtigeren Urteilsirrtümer der Menschen im Leben mid 
in der Wissenschaft auszudehnen. Nm' den auserlesensten und aus- 
geglichensten Geistern scheint es möglich zu sein, das Bild der wahr- 
gejiommenen äusseren Reahtät vor der VerzeiTung zu bewalu'en, die 
es sonst beim Dui'chgaug dm'ch die psychische Individualität des 
Wahiiiehmenden erfähi-t. 



X. 

Determinismus. — Zufalls- und Aberglauben. 
— Gesichtspunkte. 

Als das allgemeine Ergebnis der vorstehenden Einzelerörterungen 
kann man folgende Einsicht hinstellen: Gewisse Unzulänglich- 
keiten unserer psychischen Leistungen — deren gemeinsamer 
Charakter sogleich näher bestimmt werden soll — und gewisse alj- 
sichtslos erscheinende Verrichtungen erweisen sich, 
wenn man das Verfahren der psychoanalytischen Unter- 
suchung auf sie anwendet, als wohlmotiviert und durch 
dem Bewusstsein unl)ekannte Motive determiniert. 

Um in die Klasse der so zu erklärenden Phänomene eingereiht 
zu werden, muss eine psychische Fehlleistung folgenden Bedingungen 
genügen : 

a) Sic darf nicht iibei- ein gewisses Mass hinausgehen, welches 
von unserer Schätzung festgesetzt ist und durch den Ausdruck > inner- 
halb der Breite des Normalen« bezeichnet wird. 



76 Determinismus uml Abcrglaubi'n. 

))) Sie iim>N (It'ii ( 'h;ir:iktei' der iiMiiiiciitanni uml /citweiligrii 
Stüriuig an sich tragen. AX'ir luiisscii dir iiäiiiliclic l^eistung vorhei' 
korrekter aiisgelülirt haben oder luib jederzeit zutrauen, sie korrekter 
auszutiihren. A\'enn wir von anderer Seite korrigiert werden, müssen 
wir die Richtigkeit der Korrelctur und die rmiehtigkeit unseres eigenen 
psychischen Vorganges sofort erkennen. 

e) Wenn wir die Fehlleistung überhaupt wahriiehiuen, dürl'en 
wir von einer Motiviemng derselben nichts in uns verspiuen, sondern 
müssen vei"sucht sein, sie dm'ch »Unaul'merksamkeit« zu erklären oder 
als >Zufälligkeit<v hinzustellen. 

Es verbleiben somit in dieser Gruppe die Fälle von Vergessen 
und die Irrtümer Ijei besserem AVissen, das Versprechen, Verlesen, 
Vei-schi-eiben, Vergreifen und die sog. Zui'allshandlungen. Die gleiche 
Zusannnensetzung mit der Voi-silbc ver deutet fiu die meisten dieser 
Phänomene die innere Gleichartigkeit spraclilich an. An die Aul- 
kUü'ung dieser so bestimmten psychischen Vorgänge knüpft iiber eine 
Reihe von Bemerkungen an, die zum Teil ein weitergehendes Interesse 
erwecken diü'fen. 

I. Indem wir einen Teil ujiserer psychischen Leistungen als uii- 
aulklärbar dm'ch Zielvorstellungcn preisgeben, verkeimen wir den Um- 
fang der Determinierung im Seelenleben. Dieselbe reicht hier und 
noch auf anderen Geljieten weiter, als wir es vernmten. Ich habe im 
Jahi'e 1900 in emeni Aufsatz des Literarhistorikers R. M. .Meyer in 
der »Zeit« ausgefülu-t und an Beispielen erläutert gefunden, dass es 
unmöglich ist, absichthch und willkürlich einen Unsinn zu komponieren. 
Seit längerer Zeit weiss ich, dass man es nicht zustande bringt, sich 
eine Zahl nach fi-eiem Beheben einfallen zu lassen, ebensowenig wäe 
etwa einen Namen. Untersucht man die scheinbar Avillkiulich ge- 
bildete, etwa mehi'steUige, wie im Scherz oder Übermut ausgesprochene 
Zahl, so erw^eist sich deren strenge Determinierung, die man wirklich 
nicht für möglich gehalten hätte. Ich will nun zunächst ein Beispiel 
eines willkürlich gewählten Vornamens kurz erörtern und dann ein 
analoges Beispiel einer »gedankenlos hingeworfenen« Zahl ausführlicher 
analysieren. 

a) Im Begriffe, die Ki'ankengeschichte einer meiner Patientiimen 
für die Pubhkation herzmichten, erwäge ich, w^elchen Vornamen ich 
ihr in der Aj-beit geben soll. Die Auswahl scheint sehr- gross; gewiss 
schliessen sich einige Namen von vorne herein aus, in erster Linie der 
echte Name, sodann die Namen meiner eigenen Familienangehörigen, 
an denen ich Anstoss nehmen wüi'de^ etwa noch andere Frauennamen 



DeterminisTniis und Aberglauben. 77 

von besonclei-s seltsaineiii Klang; im ül)rigen aber brauchte ich um 
einen solchen Namen nicht verlegen zu sein. Man sollte erwarten und 
ich erwarte selbst, dass sich mir eine ganze Schar weibHcher Namen 
zm- Vei-fügimg stellen wird. Anstatt dessen taucht ein einzelner auf, 
kein zweiter neben ihm, der Name Dora. Ich frage nach seiner 
Determinieiinig. Wer heisst demi nui- sonst Dora? Ungläubig möchte 
ich den nächsten Einfall zurückweisen, der lautet, dass das Kinder- 
mädchen meiner Schwester so heisst. i^ber ich besitze soviel Selbst- 
zucht oder Übung im Analysieren, dass ich den Einfall festhalte und 
weiterspimie. Da fällt mir auch sofort eine kleine Begebenheit des 
vorigen Abends ein, welche die gesuchte Determinierung bringt. Ich 
sah auf dem Tisch im Speisezimmer meiner Schwester einen Brief 
liegen mit der Aufschrift: ,,An Fräulein Rosa W." Erstaunt fragte 
ich. wer so heisst, und wiu"de belehrt, dass die vermeintliche Dora 
eigentlich Rosa heisst, und diesen ihi^en Namen beim Eintritt ins Haus 
ablegen musste, weil meine Schwester den Ruf »Rosa« auch auf ihre 
eigene Person beziehen kann. Ich sage bedauernd: Die armen Leute, 
nicht einmal ihreji Namen können sie beibehalten ! Wie ich mich jetzt 
besinne, wurde ich dami für einen Moment still und begann an allerlei 
ernsthafte Dinge zu denken, die ins Unklare verliefen, die ich mir jetzt 
aber leicht bewusst machen könnte. Als ich dann am nächsten Tag 
nach einem Namen für eine Person suchte, die ihren eigenen nicht 
beiljehalten durfte, fiel mir kein anderer als »Dora« ein. Die Aus- 
schliesslichkeit bemht hier auf fester inhaltlicher Verknüpfung, denn 
in der Geschichte meiner Patientin rührte ein auch für den Verlauf 
der Kur entscheidender Einfluss von der im ft-emden Haus dieneiulen 
Person, von einer Gouvernante, her. 

;i) In einem Briefe an meinen Freund in B. kündige ich ihm 
an, dass ich jetzt die Korrekturen der Traumdeutung abgeschlossen 
habe und nichts mehr an dem Werk ändern will, »möge es auch 3467 
Fehler enthalten«. Ich versuche sofort, mir diese Zahl aufzukllh-en 
und füge die kleine Analyse noch als Nachschrift dem Bi-iefe an. Am 
besten zitiere ich jetzt, wie ich damals geschrieben, als ich mich auf 
frischer Tat ertappte: 

,.Noch rasch einen Beitrag zur Psychopathologie dos Alltagslebeiis. 
Du findest im Brief die Zahl 2467 als übermütige Willkürschiitzung 
der P'eiiler, die sich im Traumbuch finden werden. Es soll iiiMssen: 
ii-gcnd eine giYjsso Zahl, inid da stellt sicli diese ein. Nun gibt es 
aber nichts AVillkiirlif^hes, Undetermi liiertes im Psycin'schen. Du wirst 
also auch mii Ucclit erwarten, dass das IJnbewusste sich iiceilt hat, 



78 Determinismus und Aberglauben. 

die Zahl zu determinieren, die von dem Bewussten freigelassen wiu'de. 
Nun hatte ich gerade vorher in der Zeitung gelesen, dass ein General 
E. M. als Feldzeugmeister in den Ruhestand getreten. Du nuisst 
wissen, der ^Nfaiui interessiert mich. Wählend ich als militihihztlichcr 
Kleve diente, kam er ciiimnl, damals OheiNt. in den Krankenstand und 
sagte zum Ar/t: ..Sie müssen mich aher in 8 Tagen gesund nuiehen, 
deim ich hahe etwas zu arl)eiten. worauf der Kaiser waitet." Damals 
nahm ich mir vor. die Ti.uifhalm des Maimes zu verfolgen, und siehe 
da, heut*' (1899) ist er am Kiidc dei*sell)en, Feldzeugmeister ujid schon 
im Ruhestande. Ich wollte ausrechnen, in welcher Zeit er diesen 
AVeg zurückgelegt, und nahm an, dass ich ihn 1882 im »Spital ge- 
sehen. Das wih-en also 1 7 Jahre. Tch erzähle meiner Frau davon 
und sie hemerkt: ..Da müsstest Du also auch schon im Ruhestande 
sein?" Und ich protestiere: Davor hewahre mich Grott. Nach diesem 
Gespräch setze ich mich an den Tisch, um Di)- zu schreihen. Der 
frühere Gedankengang setzt sich aber fort und mit gutem Recht. Es 
Avar falsch gerechnet; ich habe einen festen Puidd dafür in meiner 
Erimierung. Meine (irrossjährigkeit, meinen 34. Geburtstag also, habe 
ich im Militärarrest gefeiert (weil ich mich eigenmächtig absentiert 
hatte). Das war also 1880; es sind 19 Jahre her. Da hast Du nun 
die Zahl 24 in 2467! Nimm mm meine Alterszahl 43 und gib 24 
Jahre hinzu, so bekommst Du die C7! D. h. auf die Frage, ob ich 
auch in den Ruhestand treten will, habe ich mir im AVunsch noch 24 
Jahre Arbeit zugelegt. Offenbar bin ich gekränkt darüber, dass ich 
es in dem Intervall, durch das ich den Oberst M. verfolgt, selbst nicht 
weit gebracht habe, und doch wie in einer Art von Triumph darüber, 
dass er jetzt schon fertig ist, während ich noch Alles vor mir habe. 
Da darf man doch mit Recht sagen, dass nicht einmal die absichtslos 
hingeworfene Zahl 2467 ihrer Determinierung aus dem UnbcATOssten 
entbehrt." 

Seit diesem ersten Beispiel von Aufklämug einer scheinbar wäll- 
kürlich gewählten Zahl habe ich den gleichen Vereuch vielmals mit 
dem nämlichen Erfolg wiederholt; aber die meisten Fälle sind so sehr 
intimen Inhalts, dass sie sich der Mitteilung entziehen. Gerade au 
diesen Analysen ist mir zweierlei besondei-s auffällig: Erstens die 
geradezu somnambule Sicherheit, mit der ich auf das mir unbekamite 
Ziel losgehe, mich in eineu rechnenden Gedankengang versenke, der 
dann plötzlich bei der gesuchten Zahl angelangt ist, und die Rasch- 
heit, mit der sich die ganze Nacharbeit vollzieht; zweitens aber der ITm- 
stand, dass die Zahlen meinem unbewussten Denken so bereitwillig 



Determinismus und Aberglauben. 79 

zur Veifügiuig stehen, während ich ein schlechter Rechner hin und 
die grössten Sch-^-ierigkeiten habe, mir Jalireszahlen. Hausnummern 
und dergleichen liewusst zu merken. Ich finde übrigens in diesen un- 
hewussten Gedankenoperationen mit Zahlen eine Neigung zum Aber- 
glauben, deren Herkiuift mir selbst noch fi-emd ist. Meist stosse ich 
auf Spekulationen über die Lebensdauer meiner selbst und der mir 
tem-en Personen, und bestimmend auf die unbewussten Spielereien 
muss eingewirkt haben, dass mein Fi'emid iu B. die Lebenszeiten der 
Menschen zum Gegenstand seiner auf biologische Einheiten gegründeten 
Rechnungen genommen hat. Ich bin nun mit einer der Voraussetzungen, 
von denen er hierbei ausgeht, nicht einverstanden, mcichte aus höchst 
egoistischen JVfotiven gerne gegen ihn Recht behalten und scheine lum 
diese Rechnungen auf meine Art nachzuahmen. 

IL Diese Einsicht in die Determiniemng scheinliar willkürlich 
gewählter Namen und Zahlen kann vielleicht zur Klärung eines anderen 
Problems beitragen. Gegen die Annahme eines durchgehenden psy- 
chischen Determinismus berufen sich l^ekanntlich viele Personen auf 
ein besonderes Überzeugungsgefühl für die Existenz eines freien Willens. 
Dieses Überzeugungsgefühl besteht und weicht auch dem Glauben an 
den Detenninismus nicht. Es muss wie alle normalen Gefühle durch 
irgend etwas lierechtigt sein. Es äussert sich aber, soviel ich beobachten 
kami, nicht bei den grossen und wichtigen Willensentscheidungen; bei 
diesen Gelegenheiten hat man vielmehr die Empfindung des psychischen 
Zwanges und beruft sich auf sie („Hier stehe ich, ich kann nicht 
anders"). Hingegen mfichte man gerade bei den belanglosen, indiffei-enten 
EntSchliessungen versichern, dass man ebensowohl anders hätte handeln 
können, dass man aus freiem, nicht motiviertem Willen gehandelt hat. 
Nach unseren Analysen Inaucht man nun das Recht des Uberzeugungs- 
gefühles vom ft-eien Willen nicht zu bestreiten. Führt man die Unter- 
scheidung der Motiviennig aus dem Bewussten von der Motivierung 
aus dem Unliewussten ein, so ])ericlitet uns das (iberzeugungsgefühl, dass 
die l)ewusste ^Motiviei-ung sich nicht auf alle unsere motorischen Ent- 
scheidungen erstreckt. Minima non curat praetor. AVas aber so von 
der einen Seite frei gelassen wird, das empfängt seine IVIotivierung von 
andei-er Seite, aus dem ITnbewussten. und so ist die Determinierung 
im Psychischen doch lückenlos durchgeführt. 

TIT. Wenngleich dem bewussten Denken die Kenntnis von der 
Motivierung der ])esprochenen Fehlleistungen nach der ganzen Sachlage 
abgehen muss. so wäre es doch erwünscht, einen ps}chologischen Be- 
weis für deren Existenz aufzufijiden; ja es ist aus Gründen, die sich 



gQ Determinismus und Aborg^Iauhfn, 

bei iiälioier Keimtiiis dos Unbewussteii ergehen, walirselieiiilicli, class 
solche Beweise irgendwo auffiiidbai' sind. Es lassen sich wirklich auf 
zwei Gebieten Piiänomene nachweisen, welche einer unhewussten und 
darum verschobenen Kenntnis von dieser Motivierung zu entsprechen 
scheinen. 

a) Es ist ein auffälliger und allgemein bemerkter Zug im Ver- 
halten der Paranoiker, dass sie den kleinen, sonst von uns ver- 
nachlässigten Details im Benehmen der anderen die grösste Bedeutung 
beilegen, dieselben ausdeuten und zur Grundlage weitgehender Schlüsse 
uuichen. Der letzte Paranoiker z. B., den ich gesehen habe, schloss 
auf ein allgemeines Einvei-ständnis in seinei' Umgebung, weil die Leute 
bei seiner Abreise auf dem Bahnhof eine gewisse Bewegung mit der 
einen Hand gemacht hatten. Ein anderer hat die Art notiert, wie 
die Tjeute auf der Strasse gehen, mit den Spazierstöcken fuchteln u. dgl.') 

Die Kategorie des Zufälligen, der Motivierung nicht Bedürftigen, 
welche der Nonnale für einen Teil seiner eigenen psychischen Leistungen 
und Fehlleistungen gelten lässt, verwirft der Paranoiker also in der An- 
wendung auf die psychischen Äusserungen der anderen. Alles, was er 
an den anderen bemerkt, ist bedeutungsvoll, alles ist deutbar. Wie 
kommt er nur dazu? Er projiziert wahrscheinlich in das Seelenleben 
der andere]), was im eigenen unbewusst vorhanden ist, hier wie in so 
vielen ähnlichen Fällen. In der Paranoia drängt sich eben so vielerlei 
zum Bewusstsein durch, was wir bei Normalen und Neurotikern erst 
durch die Psychoanalyse als im Unbewussten vorhanden nachweisen.-) 
Der Paranoiker hat also hierin in gewissem Sinne Recht, er erkennt 
etwas, was dem Normalen entgeht, er sieht schärfer als das normale 
Denkvermögen, aber die Verschiebung des so erkaimten Sacliverhaltes 
auf andere macht seine Erkenntnis wertlos. Die Rechtfertigung der 
einzelnen paranoischen Deutungen wird man dann hoffentlich von mir 
nicht erwarten. Das Stück Berechtigimg aber, welches wir der Para- 
noia bei dieser Auffassung der Zufallshandlungen zugestehen, wird uns 
das psychologische Verständnis der Überzeugung erleichtern,^ welche 



') Von anderen Gesichtsi)unkten ausgehend, hat man diese'^'Beurteihmg 
unwesentlicher und zufälliger Äusserungen bei anderen zum „Beziehungswahn" 
gerechnet. 

2) Die durch Analyse bewusst zu machenden Phantasieen der Hj'steriker 
von sexuellen und grausamen Misshandlungen decken sich z. B. gelegentlich bis 
ins Einzelne mit den Klagen vei'folgter Paranoiker. Es ist bemerkenswert, aber 
nicht unverständlich, wenn der identische Inhalt uns auch als Realität in den 
Veranstaltungen Perverser zur Befriedigung ihrer Gelüsie entgegentritt. 



Determinismus und Aberg-Jauhen. gj[ 

m 

sich beim Paranoiker an alle diese Deutungen gekuüjift hat. Es 
ist eben etwas AVahres daran: auch unsere nicht als kranldiaft 
zu bezeichnenden UrteilsiiTtünier erwerben das ihnen zugehörige 
Überzeugungsgefühl auf keine andere Art. Dies Gefühl ist für ein 
gewisses Stück des irrtümlichen Gedankenganges oder füi* die Quelle, 
aus der er stammt, berechtigt und wird dann von uns auf den übrigen 
Zusammenhang ausgedehnt. 

b) Ein anderer Hinweis auf die unbewusste und verschobene 
Kenntnis der Motivierung bei Zufalls- und Fehlleistungen findet 
sich in den Phänomenen des Aberglaubens. Ich will meine Meinung 
durch die Diskussion des kleinen Erlebnisses klar legen, welches 
für mich der Ausgangspunkt dieser Überlegungen war. 

Von den Ferien zurückgekehrt, richten sich meine Gedanken 
alsbald auf die Kranken, die mich in dem neu beginnenden Arbeits- 
jahr beschäftigen sollen. Mein erster Weg gilt einer sehr alten 
Dame, bei der ich (siehe oben) seit Jahren die nämKchen ärzt- 
lichen Manipulationen zweimal täglich vornehme. Wegen dieser 
Gleichförmigkeit haben sich unl)ewusste Gedanken sehr häufig auf 
dem Wege zu der Kranken und während der Beschäftigung mit 
ihr Ausdruck verschafft Sie ist über 90 Jahre alt; es liegt also 
nahe, sich bei Beginn eines jeden Jahres zu fragen, wie lange sie 
wohl noch zu leben hat. An dem Tage, von dem ich erzähle, habe 
ich Eile, nehme also einen Wagen, der mich vor ihr Haus führen 
soll. Jeder der Kutscher auf dem Wagen stvandplatz vor meinem Hause 
kennt die Adresse der alten Frau, denn jeder hat mich schon oft- 
mals dahin geführt. Heute ereignet es sich nun, dass der Kutscher 
nicht vor ihrem Hause, sondern vor dem gleichbezifferten in einer 
nahegelegenen und wirklich ähnlich aussehenden Parallelstrasse Halt 
macht. Ich merke den Irrtum und werfe ihn dem Kutscher vor, 
der sich entschuldigt. Hat das nun etwas zu bedeuten, dass ich 
vor ein Haus geführt werde, in dem ich die alte Dame nicht vor- 
finde? Für mich gewiss nicht, aber wenn ich abergläubisch wäre, 
würde ich in dieser Begebenheit ein Vorzeichen erblicken, einen 
Fingerzeig des Schicksals, dass dies Jahr das letzte füi* die alte 
Frau sein wird, Recht viele Vorzeichen, welche die Geschichte 
aufbewahrt hat, sind in keiner besseren Symbolik begründet gewesen. 
Ich erkläre allerdings den Vorfall für eine Zufälligkeit ohne 
weiteren Sinn. 

Ganz anders läge der Fall, wenn ich den Weg zu Fiiss go- 
niaclit und ilaiiii in .>Gedanken«, in dci- ^Zerstreutheit« vor das 

F r e II J , Zur pHyL-hopatholugie clc8 AlltaKBlcbeiiH. O 



82 DtMornüiiismiis und Altersflauben. 

Haus (lor Parallelstnisso anstatt vors riohtiije gokomnieii wäre Oas 
würde ich für keinen Zufall erklären, souilern für eine der Deutung 
bedürftige Handlung mit uubewusster Absicht. Diesem »Vorgehen 
müsste ich wahrscheinlich die Deutung geben, dass icli die altf 
Dame bald nicht mehr anzutrefi:en erwarte. 

Ich unterscheide mich also von einem Abergläubischen in 
folgendem: 

Ich glaube nicht, dass ein Ereignis, an dessen Zustande- 
kommen mein Seelenleben unbeteiligt ist, mir etwas Verboi-gent^s 
über die zukünftige Gestaltung der Realität lehren kann; ich glaube 
aber, dass eine unbeabsichtigte Äusserung meiner eigenen Seelen- 
tätigkeit mir allerdings etwas Verborgenes enthüllt, was wiederum 
nur meinem Seelenleben angehört: icli glaube zwar an äusseren 
(realen) Zufall, aber nicht an innere (psychische) Zufälligkeit. Der 
Abergläubische umgekehrt: er weiss nichts von der Motivierung 
seiner zufälligen Handlungen nnd Fehlleistungen, er glaubt, dass es 
psychische Zufälligkeiten gibt: dafür ist er geneigt, dem äusseren 
Zufall eine Bedeutung zuzuschreiben, die sich im realen Geschehen 
äussern wird, im Zufall ein Ausdrucksmittel für etwas drausseii ihm 
Verborgenes zu sehen. Die Unterschiede zwischen mir und dem 
Abergläubischen sind zwei: erstens projiziert er eine Motivierung 
nach aussen, die ich innen suche: zweitens deutet er den Zufall 
durch ein Geschehen, den ich auf einen Gedanken zurückführe. 
Aber das Verborgene bei ihm entspricht dem Unbewussteu bei mir, 
und der Zwang, den Zufall nicht als Zufall gelten zu lassen, sondern 
ihn zu deuten, ist uns beiden gemeinsam. 

Ich nehme nun au, dass diese bewusste Unkenntnis und un- 
bewusste Kenntnis von der Motivierung der psychischen Zufällig- 
keiten eine der psychischen Wurzeln des Aberglaubens ist. Weil 
der Abergläubische von der Motivierung der eigenen zufälligen 
Handlungen nichts weiss, und weil die Tatsache dieser Motivierung 
nach einem Platz in seiner Anerkennung drängt, ist er genötigt, 
sie durch Verschiebung in der Ausseuwelt unterzubringen. Besteht 
ein solcher Zusammenhang, so wird er kaum auf diesen einzelnen 
Fall beschi-änkt sein. Ich glaube in der Tat, dass ein grosses 
Stück der mythologischen Weltauffassung, die weit bis in die 
modernsten Eeligioneu hinein reicht, nichts anderes ist als in 
die Aussenwelt projizierte Psychologie. Die dunkle Erkenntnis 
psychischer Faktoren und Verhältnissei) des Unbewussteu spiegelt 

') Die uatürlich nichts vom Charakter einer Erkenntnis hat. 



Determinismus und Aberglauben. 83 

sich — es ist schwer, es anders zu sagen, die Analogie mit der Para- 
noia miiss hier zur Hilfe genommen werden — in der Konstruktion 
einer übersinnlichen Realität, welche von der Wissenschaft in 
Psychologie des ünbewussteu zurückverwandelt werden soll. 
Man könnte sich getrauen, die Mythen vom Paradies und Sünden- 
fall, von Gott, vom Guten und Bösen, von der Unsterblichkeit und 
dgl. in solcher Weise aufzulösen, die Metaphysik in Metapsycho- 
logie umzusetzen. Die Kluft zwischen der Verschiebung des Pai'a- 
noikers und der des Abergläubischen ist minder gross, als sie auf 
den ersten Blick erscheint. Als die Menschen zu denken begannen, 
waren sie bekanntlich genötigt, die Aussenwelt anthropomorphisch 
in eine Vielheit von Persönlichkeiten nach ihrem Gleichnis auf- 
zulösen; die Zufälligkeiten, die sie abergläubisch deuteten, waren 
also Handlungen, Äusserungen von Personen, und sie haben sich dem- 
nach genau so benommen wie die Paranoiker, welche aus den un- 
scheinbaren Anzeichen, die ihnen die Anderen geben, Schlüsse ziehen, 
und wie die Gesunden alle, welche mit Recht die zufälligen und 
unbeabsichtigten Handlungen ihi'er Nebenmenschen zur Grundlage 
der Schätzung ihres Charakters machen. Der Aberglaube erscheint 
nur so sehr deplaziert in unserer modernen, naturwissenschaftlichen, 
aber noch keineswegs abgerundeten Weltanschauung; in der Welt- 
anschauung vorwissenschaftlicher Zeiten und Völker war er be- 
rechtigt und konsequent. 

Der Römer, der eine wichtige Unternehmung aufgab, wenn 
ihm ein widriger Vogelfiug begegnete, war also relativ im Recht; 
er handelte konsequent nach seinen Voraussetzungen. Wenn er 
aber von der Unternehmung abstand, weil er an der Schwelle seiner 
Tür gestolpert war (»Un Romain retournerait«), so war er uns Un- 
gläubigen auch absolut überlegen, ein besserer Seelenkundiger, als 
wir uns zu sein bemühen. Denn dies Stolpern konnte ihm die Existenz 
eines Zweifels, einer Gegenströmung in seinem Innern beweisen, 
deren Kraft sich im Momente der Ausführung von der Kraft seiner 
Intention abziehen konnte. Des vollen Erfolges ist man nämlich nur 
dann sicher, wenn alle Seelenkräfte einig dem gewünschten Ziel 
entgegenstreben. Wie antwortet Schillers Teil, der so lauge ge- 
zaudert, den Apfel vom Haupt seines Knaben zu schiessen, auf die 
Frage des Vogts, wozu er den zweiten Pfeil eingesteckt? 

„Mit diesem zweiten Pfeil dui'chbohrt' ich — Euch, 
Wenn ich mein liebes Kind getroffen hätte, 
Und Euer — wahrlich — hätt' ich nicht gefehlt." 

6* 



84 Dftcrmiiiismiis und Abortxlauben. 

IV. Als ich imläiigst Gelegenheit hatte, einem philosophisch ge- 
bildeten Kollegen einige Beispiele von Namenvergesson mit Analyse 
vorzutragen, beeilte er sich zu erwidern: Das ist sehr schön, al)er 
bei mir geht das Nameuvergesseu anders zu. So leicht darl" man 
es sich offenbar nicht machen; ich glaube nicht, dass mein Kollege 
je vorher an eine Analyse bei Nameuvergesseu gedacht hatte; er konnte 
auch nicht sagen, wie es bei ihm anders zugehe. Aber seine Be- 
merkung trilft doch ein Problem, welches viele in den Vordergrund 
zu stellen geneigt sein werden. Trifft die hier gegebene Auflösung 
der Fehl- und Zulallshandlungen allgemein zu oder nur vereinzeh, 
und wenn letzteres, welches sind die Bedingungen, unter denen sie zur 
Erklärung der auch anderswie ermöglichten Phänomene herangezogen 
werden darf? Bei der Beantwortung diese)- Frage lassen mich 
meine Erfahrungen im Stiche. Ich kann nur davon abmahnen, 
den aufgezeigten Zusammenhang für selten zu halten, denn so oft 
ich bei mir selbst und bei meinen Patienten die Probe angestellt, 
hat er sich wie in den mitgeteilten Beispielen sicher nachweisen 
lassen oder haben sich wenigstens gute Gründe, ihn zu vermuten, 
ergeben. Es ist nicht zu verwundern, wenn es nicht alle Male ge- 
lingt, den verborgenen Sinn der Symptomhandlung zu finden, da 
die Grösse der inneren Widerstände, die sich der Lösung wider- 
setzen, als entscheidender Faktor in Betracht kommt. Man ist auch 
nicht imstande, bei sich selbst oder bei den Patienten jeden einzelnen 
Traum zu deuten; es genügt, um die AUgemeingiltigkeit der Theorie 
zu bestätigen, wenn man nur ein Stück weit in den verdeckten 
Zusammenhang einzudringen vermag. Der Traum, der sich beim 
Versuche, ihn am Tage nachher zu lösen, refraktär zeigt, lässt sich 
oft eine Woche oder einen Monat später sein Geheimnis eutreisseu, 
wenn eine unterdes erfolgte reale Veränderung die mit einander 
streitenden psychischen Wertigkeiten herabgesetzt hat. Das nämliche 
gilt füi- die Lösung der Fehl- und Symptomhandluugen ; das Bei- 
spiel von Verlesen „Im Fass durch Europa'' auf Seite 32 hat mir 
die Gelegenheit gegeben zu zeigen, wie ein anfänglich unlösbares 
Symptom der Analyse zugänglich wird, wenn das reale Interesse 
an den verdrängten Gedanken nachgelassen hat. So lauge die 
Möglichkeit bestand, dass mein Bruder den beneideten Titel vor 
mir erhielte, widerstand das genannte Verlesen allen wiederholten 
Bemühungen der Analyse; nachdem es sich herausgestellt hatte, 
dass diese Bevorzugung unwahrscheinlich sei, klärte sich mir plötz- 
lich der Weg, der zur Auflösung desselben führte. Es wäre also 



Determinismus und Aberglauben. 85 

unrichtig, von all den Fällen, welche der Analyse widersieheu, zu 
behaupten, sie seien durch einen anderen als den hier aufgedeckten 
psychischen Mechanismus entstanden; es brauchte für diese An- 
nahme noch andere als negative Beweise. Auch die bei Gesunden 
wahrscheinlich allgemein vorhandene Bereitwilligkeit, an eine andere 
Erklärung der Fehl- und Symptomhandlungen zu glauben, ist jeder 
Bewciski-aft bar; sie ist, wie selbstverständlich, eine Äusserung der- 
selben seelischen Kräfte, die das Greheimnis hergestellt haben, und 
die sich darum auch für dessen Bewahrung einsetzen, gegen dessen 
Aufhellung aber sträuben. 

Auf der anderen Seite dürfen wir nicht übersehen, dass die 
verdrängten Gedanken und Regungen sich den Ausdruck in Symptom- 
und Fehlhandlungen ja nicht selbständig schaffen. Die technische 
Möglichkeit für solches Ausgleiten der Innervationen muss unab- 
hängig von ihnen gegeben sein; diese wird dann von der Absicht 
des Verdrängten, zur bewussten Geltung zu kommen, gerne ausge- 
nützt. Welche Struktur- und Fuuktionsrelationen es sind, die sich 
solcher Absicht zur Verfügung stellen, das haben für den Fall der 
sprachlichen Fehlleistung (vgl. Seite 17) eingehende Untersuchungen 
der Philosophen und Philologen festzustellen sich bemüht. Unter- 
scheiden wir so an den Bedingungen der Fehl- und Symptomhaud- 
lung das unbewusste Motiv von den ihm entgegenkommenden 
physiologischen und psychophysischen Relationen, so bleibt die Frage 
offen, ob es innerhalb der Breite der Gesundheit noch andere 
Momente gibt, welche, wie das unbewusste Motiv und an Stelle 
desselben, auf dem Wege dieser Relationen die Fehl- und Symptom- 
handlungen zu erzeugen vermögen. Es liegt nicht auf meinem 
Wege, diese Frage zu beantworten. 

V. Seit den Erörterungen über das Versprechen haben wir 
uns begnügt, zu beweisen, dass die Fehlleistungen eine verborgene 
Motivierung haben, und uns mit dem Hilfsmittel der Psychoanalyse 
den Weg zur Kenntnis dieser Motivierung gebahnt. Die allgemeine 
Natur und die Besonderheiten der in den Fehlleistungen zum Ausdruck 
gebrachten psychischen Faktoren haben wir bisher fast ohne Be- 
rücksichtigung gelassen, jedenfalls noch nicht versucht, dieselben 
näh(.'i- zu bestimmen und auf ihre Gesetzmässigkeit zu prüfen. Wir 
Averden auch jetzt keine gründliche Erledigung des Gegenstandes 
versuchen, denn die ersten Schritte werden uns bald belehrt haben, 
dass mau in dies Gebiet besser von anderer Seite einzudringen 



36 IX'torminisinus und Aberglauboii. 

vermag. Mun kann sich hier mehreri' Fragen vorlegen, die ich 
wenigstens anführen und in ihrem Umfang umschriMben will. 
1. Welches Inhalts und welcher Herkunft sind die Gedanken 
und Regungen, die sich durch die Fehl- und Zufallshandluugen an- 
deuten? 2. AV'elches sind die Bedingungen dafür, dass ein Ge- 
danke oder eine Regung genötigt und in den Stand gesetzt werde, 
sich dieser Vorfälle als Ausdrucksmittel zu bedienen? 3. Lassen 
sich konstante und eindeutige Beziehungen zwischen der Art der 
Fchlhaiullung und den (Qualitäten des durch sie zum Ausdruck Ge- 
brachten nachweisen ? 

Ich beginne damit, eiidges Material zur IJeantwurtung der 
letzten Frage zusammenzutragen. Bei der Erörterung der Beispiele 
von \'ersprechen haben wir es für nötig gefunden, über den Inhalt 
der intendierten Rede hinauszugehen, und haben die Ursache der 
Redestörung ausserhalb der Intention suchen müssen. Dieselbe lag 
dann in einer Reihe von Fällen nahe und war dem Bewusstsein 
des Sprechenden bekannt. In den scheinbar einfachsten und durch- 
sichtigsten Beispielen war es eine gleichberechtigt klingende andere 
Fassung desselben Gedankens, die dessen Ausdruck störte, ohne 
dass man hätte angeben können, warum die eine unterlegen, 
die andere durchgedrungen war (Kontaminationen von Me- 
ringer und Mayer). In einer zweiten Gruppe von Fällen 
war das Unterliegen der einen Fassung motiviert durch eine Rück- 
sicht, die sich aber nicht stark genug zur völligen Zurückhaltung 
erwies (»zum Vorschwein gekommen«). Auch die zurückgehaltene 
Fassung war klar bewusst. Von der dritten Gruppe erst kann man 
ohne Einschränkung behaupten, dass hier der störende Gedanke 
von dem intendierten verschieden war, und kann hier eine, wie es 
scheint, wesentliche Unterscheidung aufstellen. Der störende Ge- 
danke ist entweder mit dem gestörten durch Gedankenassoziation 
verbunden (Störung durch inneren Widerspruch), oder er ist ihm 
wesensfremd, und durch eine befremdende äusserliche Assoziation 
ist gerade das gestörte Wort mit dem störenden Gedanken, der oft 
unbewusst ist, verknüpft. In den Beispielen, die ich aus meinen 
Psychoanalysen bei Patienten gebracht habe, steht die ganze Rede 
unter dem Einfluss gleichzeitig aktiv gewordener, aber völlig unbe- 
wusster Gedanken, die sich entweder durch die Störung selbst ver- 
raten ( Kl ai)p er schlänge — Kleopatra) oder einen indirekten 
Einfluss äussern, indem sie ermöglichen, dass die einzelnen Teile der 
bewusst intendierten Rede einander stören (Asenatmen: wo 



Determinismus und Aberglauben. 87 

Hasen au erstvasse, Hemiinszenzen au eiue Frauzösiu dahinter steheu). 
Die zurückgehalteueu oder uübe^YUSsteu Gedankeu, von denen die 
Sprechstöruug ausgeht, sind von der mannigfaltigsten Herkuntt. 
Eine Allgemeinheit enthüllt uus diese Überschau also nach keiner 
Kichtuug. 

Die vergleichende Prüfung der Beispiele von Verlesen und 
Verschreiben führt zu den nämlichen Ergebnissen. Einzelne Fälle 
scheinen wie beim Versprechen einer weiter nicht motivierten Ver- 
dichtungsarbeit ihr Entstehen zu danken (z. ß. : der Apfe). Man 
möchte aber gerü erfahren, ob nicht doch besondere Bedingungen 
erfüllt sein müssen, damit eine solche Verdichtung, die m der 
Traumarbeit regelrecht, in unserem wachen Denken fehlerhaft ist, 
Platz greife, und bekommt hierüber aus den Beispielen selbst keinen 
Aufschluss. Ich würde es aber ablehnen, hieraus den Schluss zu 
ziehen, es gebe keine solchen Bedingungen als etwa den Nachlass 
der be'wussten Aufmerksamkeit, da ich von anderswoher weiss, dass 
sich gerade automatische Verrichtungen durch Korrektheit und Ver- 
lässlichkeit auszeichnen. Ich möchte eher betonen, dass hier, wie 
so häufig in der Biologie, die normalen oder dem Normalen ange- 
näherten Verhältnisse ungünstigere Objekte der Forschung sind als die 
pathologischen. Was bei der Erklärung dieser leichtesten Störungen 
dunkel bleibt, wii-d nach meiner Erwartung durch die Aufklarung 
schwererer Störungen Licht empfangen. 

Auch beim Verlesen und Verschreiben fehlt es nicht an Bei- 
spielen, welche eine entferntere und kompliziertere Motivierung er- 
kennen lassen. »Im Fass durch Europa« ist eine Lesestörung, die 
sich durch den Einfluss eines entlegenen, wesensfremden Gedankens 
aufklärt, welcher einer verdrängten Regung von Eifersucht und 
Ehrgeiz entspringt, und den ^Wechsel» des Wortes »Beförderung« 
zur Verknüpfung mit dem gleichgiltigen und harmlosen Thema, das 
gelesen wurde, benützt. Im Falle Burckhard ist der Name selbst 
ein solcher »Wechsele 

Es ist unverkennbar, dass die Störungen der Sprechfunktioneu 
leichter zustande kommen und weniger Anforderungen an die störenden 
Kräfte stellen als die anderer psychischer Leistungen. 

Auf anderem Boden steht man bei der Prüfung des Vergessens 
im eigentlichen Sinne, d. h. des Vergessens von vergangenen Rr- 
lebnisseu (das Vergessen von Eigennamen und Fremdworten, wie 
i„ den Abschnitten 1 und U könnte man als Entfallen ., das von 



88 Determinismus und Abirglaubon. 

Vorsätzen als iUnterlassL-ii von diesem Vergessen sensu strictiori 
absondern). Die Grundbedingungen des normalen Vorgangs beim 
A'ergessen sind unbekannt. Mau wird aucb daran gemahnt, dass 
nicht alles vergessen ist, was man daHir hält. Unsere Erklärung 
hat es hier nur mit jenen Fällen zu tun, in denen das Vergessen 
bi'i uns ein Befremden erweckt, insofern es die Kegel verletzt, 
dass Unwichtiges vergessen, Wichtiges aber vom Gedächtnis bewahrt 
wird. Die Analyse der Beispiele von Vergessen, die uns nach 
einer besonderen Aufklärung zu verlangen scheinen, ergil)t als Motiv 
des Vergessens jedesmal eine Unlust, etwas zu erinnern, was peinliche 
Empfindungen erwecken kann. Wir gelangen zur Vermutung, dass 
dieses Motiv im psychischen Leben sich ganz allgemein zu äussern 
strebt, aber durch andere gegenwirkeude Kräfte verhindert wird, 
sieh irgendwie regelmässig durchzusetzen. Umfang imd Bedeutung 
dieser Erinnerungsuulust gegen peinliche Eindrücke scheinen der 
sorgfältigsten psychologischen Prüfung wert zu sein ; auch die Frage, 
welche besonderen Bedingungen das allgemein augestrebte Vergessen 
in einzelnen Fällen ermöglichen, ist aus diesem weiteren Zusammen- 
hange nicht zu lösen. 

Beim Vergessen von Vorsätzen tritt ein anderes Moment in 
den Vordergrund; der beim Verdrängen des peinlich zu Erinnernden 
nur vermutete Konflikt wird hier greifbar, und mau erkennt bei 
der Analyse der Beispiele regelmässig einen Gegeuwilleu, der sich 
dem Vorsatze widersetzt, ohne ihn aufzuheben. Wie bei früher be- 
sprochenen Fehlleistungen erkennt man auch hier zwei Typen des 
psychischen Vorgangs; der Gegenwille kehrt sich entweder direkt 
gegen den Vorsatz (bei Absichten von einigem Belang), oder er ist 
dem Vorsatz selbst wesensfremd und stellt seine Verbindung mit 
ihm durch eine äusserliche Assoziation her (bei fast indifferenten 
Vorsätzen). 

Derselbe Konflikt beherrscht die Phänomene des Vergreifens. 
Der Impuls, der sich in der Störung der Handlung äussert, ist 
häufig ein Gegenimpuls, doch noch öfter ein überhaupt fremder, 
der nur die Gelegenheit benützt, sich bei der Ausführung der 
Handlung durch eine Störimg derselben zum Ausdruck zu bringen. 
Die Fälle, in denen die Störung durch einen inneren Widerspruch 
erfolgt, sind die bedeutsameren und betreffen auch die wichtigeren 
Verrichtungen. 

Der innere Konflikt tritt dann bei den Zufalls- oder Symptom- 
handlungeu immer mehr zurück. Diese vom Bewusstseiu gering 



Determinismus imd Aberglauben. 89 

geschätzten oder ganz überseheneu motorischen Aeusserungen dienen 
so manuigfachen unbewiissten oder zurückgehaltenen Regungen 
zum Ausdruck; sie stellen meist Phantasien oder Wüuschc symbolisch 
dar. — 

Zur ersten Frage, welcher Herkunft die Gedanken und Re- 
gungen seien, die sich in den Fehlleistungen zum Ausdruck 
bringen, lässt sich sagen, dass in einer Reihe von Fällen die 
Herkunft der störenden Gedanken von unterdrückten Regungen 
des Seelenlebens leicht nachzuweisen ist. Egoistische, eifersüchtige, 
feindselige Gefühle und Impulse, auf denen der Druck der moralischen 
Erziehung lastet, bedienen sich bei Gesunden nicht selten des 
Weges der Fehlleistungen, um ihre unleugbar vorhandene, aber von 
höheren seelischen Instanzen nicht anerkannte Macht irgendwie zu 
äussern. Das Gewährenlassen dieser Fehl- und Zufallshaudlungen 
entspricht zum guten Teil einer bequemen Duldung des Unmoralischen. 
Unter diesen unterdrückten Regungen spielen die mannigfachen sexu- 
ellen Strömungen keine geringfügige Rolle. Es ist ein Zufall des 
Materials, wenn gerade sie so selten unter den durch die Analyse 
aufgedeckten Gedanken in meinen Beispielen erscheinen. Da ich 
vorwiegend Beispiele aus meinem eigenen Seelenleben der Analyse 
unterzogen habe, so war die Auswahl von vornherein parteiisch und 
auf den Ausschluss des Sexuellen gerichtet. Andere Male scheinen es 
höchst harmlose Einwendungen und Rücksichten zu sein, aus denen 
die störenden Gedanken entspringen. 

Wir stehen nun vor der Beantwortung der zweiten Frage, 
welche psychologischen Bedingungen dafür gelten, dass ein Gedanke 
seinen Ausdruck nicht in voller Form, sondern in gleichsam para- 
sitärer als Modifikation und Störung eines anderen suchen müsse. 
Es liegt nach den auffälligsten Beispielen von Fehlhandlung nahe, 
diese Bedingung in einer Beziehung zur Bewusstseinsfähigkeit zu 
suchen, in dem mehr oder minder entschieden ausgeprägten Cha- 
rakter des /> Verdrängten«. Aber die Verfolgung durch die Reihe 
der Beispiele löst diesen Charakter in immer mehr verschwommene 
Andeutungen auf. Die Neigung, über etwas als zeitraubend hin- 
wegzukommen, — die Erwägung, dass der betrettende Gedanke 
nicht eigentlich zur intendierten Sache gehört, — scheinen als 
Motive für die Zurückdrängung eines Gedankens, der dann auf 
den Ausdruck durch Störung eines anderen angewiesen ist, dieselbe 
Rolle zu spielen wie die moralische Verurteilung einer unbotmässi- 
gen Gefühlsregung oder die Abkunft von völlig uubewussten Ge- 



90 Determinismus und Aberejhuiben. 

daukeuzügeii. Eine Einsicht in die alljj:emeine Natur der Bedingt- 
heit von Fehl- und Zufallsleistuugen lässt sich aut' diese Weise 
nicht gewinnen. Einer einzigen bedeutsamen Tatsache wird mau 
bei diesen Untersuchungen habhaft; je harmloser die Motivierung 
der Fcihlleistung ist, je weniger anst(issig und darum weniger be- 
wusstseiusuulähig der Gedanke ist, der sich in ihr zum Ausdruck 
bringt, desto leichter wird auch die Auflösung des Phänomens, wenn 
man ihm seine Aufmerksamkeit zugewendet hat; die leichtesten 
Fälle des Versprechens werden sofort bemerkt und spontan korrigiert. 
Wo es sich um Motivierung durch wirklich verdrängte Regungen 
handelt, da bedarf es zur Lösung einer sorgfältigen Analyse, 
die selbst zeitweise auf Schwierigkeiten stossen oder misslingen 
kann. 

Es ist also wohl berechtigt, das Ergebnis dieser letzten Unter- 
suchung als einen Hinweis darauf zu nehmen, dass die befriedigende 
Aufklärung für die psychologischen Bedingungen der Fehl- und 
Zufallshandluugeu auf einem anderen Wege und von anderer Seite 
her zu gewinnen ist. Der nachsichtige Leser möge daher in diesen 
Auseinandersetzungen den Nachweis der BruchÜächen sehen, an 
denen dieses Thema ziemlich küusthch aus einem grösseren Zu- 
sammenhange herausgelöst wurde. 

VI. Einige Worte sollen zum mindesten die Richtung nach 
diesem weiteren Zusammenhange andeuten. Der Mechanismus der 
Fehl- und Zufallshandlungen, wie wir ihn durch die Anwendung 
der Analyse kennen gelernt haben, zeigt in den wesentlichsten 
Punkten eine Übereinstimmung mit dem Mechanismus der Traum- 
bilduug, den ich in dem Abschnitt »Traumarbeit« meines Buches 
über die Traumdeutung auseinandergesetzt habe. Die Verdichtungen 
imd Kompromissbildungen (Kontaminationen) findet man hier wie 
dort; die Situation ist die nämliche, dass unbewusste Gedanken sich 
auf ungewöhnüchen Wegen, über äusserliche Assoziationen, als Modi- 
fikation von anderen Gedanken zum Ausdruck bringen. Die Un- 
gereimtheiten, Absurditäten und Irrtümer des Trauminhaltes, denen 
zufolge der Traum kaum als Produkt psychischer Leistung anerkannt 
wird, entstehen auf dieselbe Weise, freilich mit freierer Benützung 
der vorhandenen Mittel, wie die gemeinen Fehler unseres Alltags- 
lebens; hier wie dort löst sich der Anschein inkorrekter 
Funktion durch die eigentümliche Interferenz zweier oder 
mehrerer korrekter Leistungen. Aus diesem Zusammentreffen 



Determinismus und Aberglauben. 91 

ist ein wichtiger Schluss zu ziehen: Die eigentümliche Arbeitsweise, 
deren auffälligste Leistung wir im Trauminhalt erkennen, darf nicht 
auf den Schlafzustand des Seelenlebens zurückgeführt werden, wenn 
wir in den Fehlhandlungen so reichliche Zeugnisse für ihre Wirksamkeit 
während des wachen Lebens besitzen. Derselbe Zusammenhang 
verbietet uns auch, tiefgreifenden Zerfall der Seelentätigkeit, krank- 
hafte Zustände der Funktion als die Bedingung dieser uns abnorm 
und fremdartig erscheinenden psychischen Vorgänge anzusehen'). 

Die richtige Beurteilung der sonderbaren psychischen Arbeit, 
welche die Fehlhandlungen wie die Traumbilder entstehen lässt, 
wird uns erst ermöghcht, wenn wir erfahren haben, dass die psycho- 
neurotischen Symptome, speziell die psychischen Bildungen der 
Hysterie und der Zwangsneurose, in ihrem Mechanismus alle wesent- 
lichen Zügejdieser Arbeitsweise wiederholen. An dieser Stelle schlösse 
sich also die Fortsetzung unserer Untersuchungen an. Für uns hat 
es aber noch ein besonderes Interesse, die Fehl-, Zufalls- und 
Symptomhandlungen in dem Lichte dieser letzten Analogie zu be- 
trachten. Wenn wir sie den Leistungen der Psychoneurosen, den 
neurotischen Symptomen, gleichstellen, gewinnen zwei oft wieder- 
kehrende Behauptungen, dass die Grenze zwischen nervöser Norm 
und Abnormität eine fliessende, und dass wir alle ein wenig nervös 
seien, Sinn und Unterlage. Man kann sich vor aller ärztlicher Er- 
fahrung verschiedene Typen von solcher bloss angedeuteten Nervosität 
— von formes frustes der Neurosen — konstruieren : Fälle, in denen 
nur wenige Symptome, oder diese selten oder nicht heftig auftreten, 
die Abschwächung also in die Zahl, in die Intensität, in die zeit- 
liche Ausbreitung der krankhaften Erscheinungen verlegen ; vielleicht 
würde man aber gerade den Typus nicht erraten, welcher als der 
häufigste den Übergang zwischen Gesundheit und Krankheit zu ver- 
mitteln scheint. Der uns vorliegende Typus, dessen Krankheits- 
äusserungen die Fehl- und Symptomhandlungeu sind, zeichnet sich 
nämlich dadurch aus, dass die Symptome in die mindest wichtigen 
psychischen Leistungen verlegt sind, während alles, was höheren 
psychischen Wert beanspruchen kann, frei von Störung vor sich 
geht. Die gegenteilige Unterbringung der Symptome, ihr Hervor- 
treten an den wichtigsten individuellen und sozialen Leistungen, so dass 
sie Nahrungsaufnahme und Sexualverkehr, Berufsarbeit und Ge- 



') Vl'I. liiiTZii ..'rrMiiimliMitiinf;'' p. Hfi2. 



92 nctormiiiisimis und Aberf!^I:uil>t'n. 

selli^keit zu stören vermögen, kommt den schweren Fällen von Neu- 
rose zu und charakterisiert diese besser als etwa die Mannigfaltigkeit 
oder die Jjebhalligkeit der Krankheitsäusserungen. 

Der gemeinsame Charakter aber der leichtesten wie der schwersten 
Fälle, an dem auch die Fehl- und Zufallshaudluugen Anteil haben, 
liegt in der Kückfiihrbarkeit der Phänomene! auf unvoll- 
kommeu unterdrücktes psychisches Material, das vom Be- 
wiisstseiii abgedrängt, docli nicht jeder Fähigkeit, sich zu 
äusseiMi. hcraiibt worden ist. 






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