Friedrich Schillers

ſaͤmmtliche Werke. | . Band. Enthaͤlt:

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. Zweyter Theil.

Wien, 1810. In Commiſſion bey Anton Aoll.

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Zweyter Theil.

Wien, 1810. In Commiſſion bey Anton Doll.

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Schillers Gedichte

Z3Zwen ter J eil.

Borrede.

N; Verlugshandlung erfüllt die Wünſche aller Verehrer Schillers, indem fie in einem Anhan⸗ ge mehrere der früheren wie auch ſpäteren Gedichte dieſes Kieblingsferiftfiellers abdrucken läßt, welche derſelbe aus zu großer Strenge nicht in die Samm⸗ lung aufnahm. Zugleich gibt ſie dem allgemeinen Verlangen nach, und liefert die bereits im erſten Bande abgedruckten vier Gedichte: an die Freu— de; Freygeiſterey der Leidenſchaft (in der neuen Ausgabe der Kampf genannt); Re⸗

ſignation; die Götter Griechenlands,

am Schluſſe dieſes zwenten Bandes nochmahl fo, wie fie zuerſt aus der Feder des Verfaſſers floſ⸗ ſen, und in der von ihm herausgegebenen Zeit⸗ ſchrift Thalia abgedruckt ſtunden.

Der

Antritt des neuen Jahrhunderts.

An

Edler Freund! Wo öffnet ſich dem Frieden, Wo der Freyheit ſich ein Zufluchtsort?

Das Jahrhundert iſt im Sturm geſchieden, Und das neue öffnet ſich mit Mord.

Und das Band der Länder iſt gehoben, Und die alten Formen ſtürzen ein;

Nicht das Weltmeer hemmt des Krieges Toben, Nicht der Nilgott und der alte Rhein.

Zwo gewalt'ge Nationen ringen Um der Welt alleinigen Beſitz,

Aller Länder Freyheit zu verſchlingen ; Schwingen fie den Dreyzack und den Blitz.

Gold muß ihnen jede Landſchaft wägen, Und wie Bren nus in der rohen Zeit Legt der Franke ſeinen ehrnen Degen ö In die Wage der Gerechtigkeit.

8 Seine Handelsflotten ſtreckt der Britte Gierig wie Polypenarme aus, Und das Reich der freyen Amphitrite Will er ſchließen wie ſein eignes Haus.

Zu des Südpols nie erblickten Sternen Diringt ſein raſtlos ungehemmter Lauf, Alle Inſeln ſpürt er, alle fernen Küſten nur das Paradies nicht auf:

Ach umſonſt auf allen Ländercharten

Spähſt du nach dem ſeligen Gebieth, Wo der Freyheit ewig grüner Garten,

Wo der Menſchheit ſchöne Jugend blüht.

Endlos liegt die Welt vor deinen Blicken, Und die Schifffahrt ſelbſt ermißt ſie kaum,

Doch auf ihrem unermeßnen Rücken 5 Iſt für zehen Glückliche nicht Raum.

In des Herzens heilig ſtille Räume Mußt du fliehen aus des Lebens Drang, Freyheit iſt nur in dem Reich der Träume, Und das Schöne blüht nur im Geſang.

Hero und Leander.

Ballade.

Si ihr dort die altergrauen Schlöſſer ſich entgegen ſchauen, Leuchtend in der Sonne Gold,

Wo der Helleſpont die Wellen > Brauſend durch der Dardanellen Hohe Felſenpforte rollt ?

Hört ihr jene Brandung ſtürmen, Die ſich an den Felſen bricht? Aſien riß ſie von Europen,

Doch die Liebe ſchreckt ſie nicht.

Hero's und Leander's Herzen Rührte mit dem Pfeil der Schmerzen Amors heil'ge Göttermacht.

Hero, ſchön wie Hebe blühend, Er, durch die Gebirge ziehend Rüſtig im Geräuſch der Jagd. Doch der Väter feindlich Zürnen Trennte das verbundne Paar, Und die ſüße Frucht der Liebe Hing am Abgrund der Gefahr.

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Dort auf Seſtos Felſenthurme, Den mit ew'gem Wogenſturme Schäumend ſchlagt der Helleſpont, Saß die Jungfrau, einſam grauend, Nach Abydos Küſte ſchauend, Wo der Heißgeliebte wohnt. Ach, zu dem entfernten Strande Baut ſich keiner Brücke Steg, Und kein Fahrzeug ſtößt vom Ufer, Doch die Liebe fand den Weg.

Aus des Labyrinthes Pfaden Leitet ſie mit ſicherm Faden, Auch den Blöden macht ſie klug, Beugt ins Joch die wilden Thiere, Spannt die Feuer ſprüh'nden Stiere An den diamant'nen Pflug. Selbſt der Styx, der neunfach fließet, Schließt die wagende nicht aus, Mächtig raubt ſie das Geliebte Aus des Pluto finſterm Haus.

Auch durch des Gewäſſers Fluthen Mit der Sehnſucht feur'gen Gluthen Stachelt ſie Leanders Muth. Wenn des Tages heller Schimmer Bleichet, ſtürzt der kühne Schwimmer In des Pontus finſtre Fluth, Theilt mit ſtarkem Arm die Woge, Strebend nach dem theuren Strand,

*

essen II em Wo auf hohem Söller leuchtend Winkt der Fackel heller Brand.

Und in weichen Liebesarmen Darf der Glückliche erwarmen, Von der ſchwer beſtand'nen Fahrt, Und den Götterlohn empfangen, Den in ſeligem Umfangen Ihm die Liebe aufgeſpart, Bis den Säumenden Aurora Aus der Wonne Träumen weckt, Und ins kalte Bett' des Meeres Aus dem Schooß der Liebe ſchreckt.

Und ſo flohen dreyßig Sonnen Schnell, im Raub verſtohl'ner Wonnen, Dem beglückten Paar dahin,

Wie der Brautnacht ſüße Freuden, Die die Götter ſelbſt beneiden, Ewig jung und ewig grün.

Der hat nie das Glück gekoſtet, Der die Frucht des Himmels nicht Rauhend an des Höllenfluſſes Schauervollem Nande bricht.

Heſper und Aurora zogen Wechſelnd auf am Himmelsbogen, Doch die Glücklichen, fie ſahn Nicht den Schmuck der Blätter fallen, Nicht aus Nords beeiſten Hallen Den ergrimmten Winter nahn,

ans 12 wur Freudig ſahen ſie des Tages Immer kürzern, kürzern Kreis, Für das läng're Glück der Nächte Dankten ſie bethört dem Zeus.

Und es gleichte ſchon die Waage An dem Himmel Nächt und Tage, Und die holde Jungfrau ſtand Harrend auf dem Felſenſchloſſe, Sah hinab die Sonnenroſſe Fliehen an des Himmels Rand. Und das Meer lag ſtill und eben, Einem reinen Spiegel gleich, Keines Windes leiſes Weben Regte das kryſtallne Reich.

Luſtige Delphinenſchaaren Scherzten in dem ſilberklaren Reinen Element umher,

Und in ſchwärzlich grauen Zügen Aus dem Meergrund aufgeſtiegen Kam der Thetys buntes Heer. Sie, die einzigen, bezeugten Den verſtohlnen Liebesbund, Aber ihnen ſchloß auf ewig Hekate den ſtummen Mund.

Und fie freute ſich des ſchönen Meeres, und mit Schmeicheltönen Sprach ſie zu dem Element: „Schöner Gott! du ſollteſt trügen?

1 13 W. Nein, den Frevler ſtraf ich Lügen, Der dich falſch und treulos nennt. Falſch iſt das Geſchlecht der Menſchen, Grauſam iſt des Vaters Herz, Aber du biſt mild und gütig, Und dich rührt der Liebe Schmerz.“

„In den öden Felſenmauern Müßt ich freudlos einſam trauern, Und verblühn in ew'gem Harm, Doch du trägſt auf deinem Rücken, Ohne Nachen, ohne Brücken,

Mir den Freund in meinen Arm. Grauenvoll iſt deine Tiefe, Furchtbar deiner Wogen Fluth, Aber dich erfleht die Liebe,

Dicht bezwingt der Heldenmuth.“

„Denn auch dich, den Gott der Wogen, Rührte Eros mächt'ger Bogen, N 6 Als des gold'nen Widders Flug Helle, mit dem Bruder fliehend, | Schön in Jugendfülle blühend,

Über deine Tiefe trug.

Schnell von ihrem Reitz beſieget Grifſt du aus dem finſtern Schlund, Zogſt ſie von des Widders Rücken Nieder in den Meeresgrund.“

„Eine Göttinn mit dem Gotte, In der tiefen Waſſergrotte,

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Lebt ſie jetzt unſterblich fort, W Hülfreich der verfolgten Liebe

Zähmt ſie deine wilden Triebe,

Führt den Schiffer in den Port. Schöne Helle! Holde Göttinn! Selige, dich fleh ich an,

Bring auch heute den Geliebten

Mir auf der gewohnten Bahn.“

Und ſchon dunkelten die Fluthen, Und ſie ließ der Fackel Gluthen Von dem hohen Söller wehn, Leitend in den öden Reichen Sollte das vertraute Zeichen Der geliebte Wandrer ſehn. Und es ſauſt und dröhnt von ferne, Finſter kräuſelt ſich das Meer, Und es löſcht das Licht der Sterne, Und es naht gewitterſchwer.

Auf des Pontus weite Fläche Legt ſich Nacht, und Wetterbäche Stürzen aus der Wolken Schooß, Blitze zucken in den Lüften, Und aus ihren Felſengrüften Werden alle Stürme los, Wühlen ungeheu're Schlünde In den weiten Waſſerſchlund, Gähnend wie ein Höllenrachen Offnet ſich des Meeres Grund. i

mern 19 um „Wehe! Weh mir! ruft die Arme

Jammernd, großer Zeus erbarme! Ach! Was wagt' ich zu erflehn! Wenn die Götter mich erhören, Wenn er ſich den falſchen Meeren Preis gab in des Sturmes Wehn! Alle Meergewohnten Vögel Ziehen heim, in eil'ger Flucht, Alle Sturmerprobten Schiffe Bergen ſich in ſich'rer Bucht.“

„Ach gewiß, der Unverzagte Unternahm das oft Gewagte, Denn ihn trieb ein mächt'ger Gott. Er gelobte mirs beym Scheiden Mit der Liebe heil'gen Eiden, Ihn entbindet nur der Tod.

Ach! in dieſem Augenblicke

Ringt er mit des Sturmes Wuth, Und hinab in ihre Schlünde

Reißt ihn die empörte Fluth.“

„Falſcher Pontus, deine Stille

War nur des Verrathes Hülle, Einem Spiegel warſt du gleich, Tückiſch ruhten deine Wogen,

Bis du ihn heraus betrogen]

In dein falſches Lügenreich.

Jetzt in deines Stromes Mitte,

Da die Rückkehr ſich verſchloß,

reren 16 PTR Läſſeſt du auf den Verrathnen Alle deine Schrecken los.“

Und es wächſt des Sturmes Toben, Hoch zu Bergen aufgehoben ö Schwillt das Meer, die Brandung bricht Schäu mend ſich am Fuß der Klippen, Selbſt das Schiff mit Eichenrippen Nahte unzerſchmettert nicht. Und im Wind erliſcht die Fackel, Die des Pfades Leuchte war, Schrecken biethet das Gewäſſer, Schrecken auch die Landung dar.

Und ſie fleht zur Aphrodite, Daß ſie dem Orkan gebiethe, Sänftige der Wellen Zorn, Und gelobt den ſtrengen Winden Reiche Opfer anzuzünden, Einen Stier mit gold'nem Horn. Alle Göttinnen der Tiefe, Alle Götter in der Höh, Fleht ſie, lindernd Ohl zu gießen In die ſturmbewegte See.

„Höre meinen Ruf erſchallen, Steig aus deinen grünen Hallen, Selige Leucothea! Die der Schiffer in dem öden Wellenreich, in Sturmesnöthen, Nettend oft erſcheinen ſah. g Reich'

neun 17 en Reich' ihm deinen heil'gen Schleyer, Der, geheimnißvoll gewebt, Die ihn tragen, unverletzlich Aus dem Grab der Fluthen hebt.“

Und die wilden Winde ſchweigen, Hell an Himmels Rande ſteigen Eos Pferde in die Höh. Friedlich in dem alten Bette Fließt das Meer in Spiegelsglätte, Heiter lächeln Luft und See. Sanfter brechen ſich die Wellen An des Ufers Felſenwand, Und ſie ſchwemmen, ruhig ſpielend, Einen Leichnam an den Strand.

Ja er iſt's, der auch entſeelet Seinem heil'gen Schwur nicht fehlet! Schnellen Blicks erkennt ſie ihn, Keine Klage läßt ſie ſchallen,

Keine Thräne ſieht man fallen, Kalt, verzweifelnd ſtarrt ſie hin. Troſtlos in die öde Tiefe

Blickt ſie, in des Athers Licht, Und ein edles Feuer röthet Das erbleichte Angeſicht.

„Ich erkenn' euch, ernſte Mächte, Strenge treibt ihr eure Rechte, Furchtbar, unerbittlich ein. Schiller's Gedichte 2. Bd. 0

rere 18 . Früh ſchon iſt mein Lauf beſchloſſen, Doch das Glück hab' ich genoſſen, Und das ſchönſte Loos war mein. Lebend hab ich deinem Tempel Mich geweiht als Prieſterinn, Dir ein freudig Opfer ſterb' ich, Venus, große Königinn!“

Und mit fliegendem Gewande Schwingt ſie von des Thurmes Rande In die Meerfluth ſich hinab.

Hoch in ſeinen Fluthenreichen Wälzt der Gott die heil'gen Leichen, Und er ſelber iſt ihr Grab.

Und mit feinem Raub zufrieden Zieht er freudig fort und gießt

Aus der unerſchöpften Urne

Seinen Strom, der ewig fließt.

er. 19 c

Die Gunſt des Augenblicks.

Und ſo finden wir uns wieder In dem heitern bunten Reihn, Und es ſoll der Kranz der Lieder Friſch und grün geflochten ſeyn.

Aber wem der Götter bringen Wir des Liedes erſten Zoll?

Ihn vor allen laßt uns ſingen, Der die Freude ſchaffen foll.

Denn was frommt es, daß mit Leben Ceres den Altar geſchmückt? Daß den Purpurſaft der Reben Bacchus in die Schale drückt? Zückt vom Himmel nicht der Funken, Der den Herd in Flammen ſetzt, Iſt der Geiſt nicht feuertrunken, Und das Herz bleibt unergetzt. Aus den Wolken muß es fallen, Aus der Götter Schooß das Glück, Und der mächtigſte von allen

Herrſchern iſt der Augenblick. B 2

, 20 ee

Von dem allererſten Werden Der unendlichen Natur,

Alles Göttliche auf Erden Iſt ein Lichtgedanke nur.

Langſam in dem Lauf der Horen Fuget ſich der Stein zum Stein,

Schnell wie es der Geiſt geboren Will das Werk empfunden ſeyn.

Wie im hellen Sonnenblicke | Sich ein Farbenteppich webt, Wie auf ihrer bunten Brücke Iris durch den Himmel ſchwebt,

So iſt jede ſchöne Gabe Flüchtig wie des Blitzes Schein, Schnell in ihrem düſtern Grabe Schließt die Nacht ſie wieder ein.

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Ach, aus dieſes Thales Gründen,

Die der kalte Nebel drückt, Könnt ich doch den Ausgang finden,

Ach wie fühlt ich mich beglückt! Dort erblick' ich ſchöne Hügel,

Ewig jung und ewig grün! Hätt' ich Schwingen, hätt' ich Flügel,

Nach den Hügeln zög ich hin.

Harmonieen hör' ich klingen, Töne ſüßer Himmelsruh, Und die leichten Winde bringen Mir der Düfte Balſam zu, Gold'ne Früchte ſeh ich glühen Winkend zwiſchen dunkelm Laub, Und die Blumen, die dort blühen, Werden keines Winters Raub.

Ach wie ſchön muß ſich's ergehen

Dort im ew'gen Sonnenſchein, Und die Luft auf jenen Höhen

O wie labend muß ſie ſeyn! Doch mir wehrt des Stromes Toben,

Der ergrimmt dazwiſchen braußt, Seine Wellen ſind gehoben,

Daß die Seele mir ergraußt,

Senn, 28, eee

Einen Nahen ſeh' ich ſchwanken,

Aber ach! der Fährmann fehlt. Friſch hinein und ohne Wanken,

Seine Segel ſind beſeelt.

Du mußt glauben, du mußt wagen, ; Denn die Götter leihn kein Pfand, Nur ein Wunder kann dich tragen

In das ſchöne Wunderland.

3 .. 23 esse

Die Anti e n

zu Paris.

Was der Griechen Kunſt erſchaffen, Mag der Franke mit den Waffen Führen nach der Seine Strand, Und in prangenden Muſeen Zeig er ſeine Siegstrophäen Dem erſtaunten Vaterland!

Ewig werden fie ihm ſchweigen, Nie von den Geſtellen ſteigen In des Lebens friſchen Reihn. Der allein beſitzt die Muſen, Der ſie trägt im warmen Buſen, Dem Vandalen ſind ſie Stein.

24 wm

Die deutſche Muſe.

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Kein Auguſtiſch Alter blühte, Keines Medizäers Güte Lächelte der deutſchen Kunſt, Sie gard nicht gepflegt vom Ruhme, Sie entfaltete die Blume Nicht am Strahl der Fürftengunft.

Von dem größten deutſchen Sohne,

Von des großen Friedrichs Throne Ging ſie ſchutzlos ungeehrt.

Rühmend darfs der Deutſche ſagen,

Höher darf das Herz ihm ſchlagen,

S elbſt erſchuf er ſich den Werth.

Darum ſteigt in höherm Bogen,

Darum ſtrömt in vollern Wogen Deutſcher Barden Hochgeſang,

Und in ei'gner Fülle ſchwellend,

Und aus Herzens Tiefen quellend Spottet er der Regeln Zwang.

——

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Dem Erbprinzen von Weimar als er nach Paris reiſ'te

in einem freundſchaftlichen Zirkel geſungen.

S. bringet denn die letzte volle Schale Dem lieben Wandrer dar,

Der Abſchied nimmt von dieſem ſtillen Thale, Das ſeine Wiege war.

Er reißt ſich aus den väterlichen Hallen, Aus lieben Armen los, Nach jener ſtolzen Bürgerſtadt zu wallen, Vom Raub der Länder groß.

Die Zwietracht flieht, die Donnerſtürme ſchweigen, Gefeſſelt iſt der Krieg,

Und in den Krater darf man niederſteigen, Aus dem die Lava ſtieg.

Dich führe durch das wild bewegte Leben Ein gnädiges Geſchick,

Ein reines Herz hat dir Natur gegeben, O bring es rein zurück.

rare 26 . Die Länder wirſt du ſehen, die das wilde Geſpann des Kriegs zertrat, Doch lächelnd grüßt der Friede die Gefilde Und ſtreut die gold'ne Saat.

Den alten Vater Rhein wirſt du begrüßen, Der deines großen Ahns

Gedenken wird, ſo lang ſein Strom wird fließen

Ins Bett' des Oceans.

Dort huldige des Helden großen Manen Und opfere dem Rhein,

Dem alten Gränzenhüter der Germanen, Von ſeinem eig'nen Wein.

Daß dich der vaterländ'ſche Geiſt begleite, Wenn dich das ſchwanke Brett Hinüber trägt auf jene linke Seite, Wo deutſche Treu vergeht.

wu. 27 ers Thekla. Eine Geiſterſtimme.

W. ich ſey, und wo mich hingewendet, Als mein flücht'ger Schatte dir entſchwebt? Hab' ich nicht beſchloſſen und geendet, Hab' ich nicht geliebet und gelebt? s

Willſt du nach den Nachtigallen fragen, Die mit ſeelenvoller Melodie Dich entzückten in des Lenzes Tagen, Nur ſo lang ſie liebten, waren ſie.

Ob ich den Verlorenen gefunden? Glaube mir, ich bin mit ihm vereint, Wo ſich nicht mehr trennt, was ſich verbunden, Dort wo keine Thräne wird geweint.

Dorten wirſt auch du uns wieder finden, Wenn dein Lieben unſerm Lieben gleicht, Dort iſt auch der Vater frey von Sünden, Den der blut 'ge Mord nicht mehr erreicht.

und er fühlt, daß ihn kein Wahn betrogen, Als er aufwärts zu den Sternen ſah, Denn wie jeder wägt, wird ihm gewogen, Wer es glaubt, dem iſt das Heil'ge nah.

nern 28 n Wort gehalten wird in jenen Räumen Jedem ſchönen gläubigen Gefühl, Wage du zu irren und zu träumen, Hoher Sinn liegt oft in kind'ſchem Spiel.

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Die vier Weltalter.

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Wohl perlet im Glaſe der purpurne Wein, Wohl glänzen die Augen der Gäſte, 5 Es zeigt ſich der Sänger, er tritt herein, Zu dem Guten bringt er das Beſte, Denn ohne die Leyer im himmliſchen Saal Iſt die Freude gemein auch beym Nektarmahl.

Ihm gaben die Götter das reine Gemüth, Wo die Welt ſich, die ewige, ſpiegelt,

Er hat alles geſehn, was auf Erden geſchieht, Und was uns die Zukunft verſiegelt,

Er ſaß in der Götter urälteſtem Nath,

Und behorchte der Dinge geheimſte Saat.

Er breitet es luſtig und glänzend aus

. Das zuſammengefaltete Leben, 5

Zum Tempel ſchmückt er das irdiſche Haus, Ihm hat es die Muſe gegeben,

Kein Dach iſt ſo niedrig, keine Hütte ſo klein,

Er führt einen Himmel voll Götter hinein.

Und wie der erfindende Sohn des Zeus Auf des Schildes einfachem Runde

Die Erde, das Meer und den Sternenkreis Gebildet mit göttlicher Kunde,

urn. 30 run So drückt er ein Bild des unendlichen AT In des Augenblicks flüchtig verrauſchenden Schall.

Er kommt aus dem kindlichen Alter der Welt, Wo die Völker ſich jugendlich freuten,

Er hat ſich, ein fröhlicher Wandrer, geſellt Zu allen Geſchlechtern und Zeiten.

Vier Menſchenalter hat er geſehn,

Und läßt ſie am Fünften vorübergehn.

Erſt regierte Saturnus ſchlicht und gerecht, Da war es Heute wie Morgen,

Da lebten die Hirten, ein harmlos Geſchlecht, Und brauchten für gar nichts zu ſorgen,

Sie liebten und thaten weiter nichts mehr,

Die Erde gab alles freywillig her.

Drauf kam die Arbeit, der Kampf begann

Mit Ungeheuern und Drachen, Und die Helden fingen, die Herrſcher, an,

Und den Mächtigen ſuchten die Schwachen, Und der Streit zog in des Skamanders Feld, Doch die Schönheit war immer der Gott der Welt.

Aus dem Kampf ging endlich der Sieg hervor, Und der Kraft entblühte die Milde,

Da ſangen die Muſen im himmliſchen Chor, Da erhuben ſich Göttergebilde! |

Das Alter der göttlichen Phantaſie,

Es iſt verſchwunden, es kehret nie,

mm 31 wen Die Götter ſanken vom Himmelsthron, Es ſtürzten die herrlichen Säulen, Und geboren wurde der Jungfrau Sohn, Die Gebrechen der Erde zu heilen, Verbannt ward der Sinne flüchtige Luſt, Und der Menſch griff denkend in ſeine Bruſt.

Und der eitle, der üppige Reitz entwich, Der die frohe Jugendwelt zierte, Der Mönch und die Nonne zergeißelten ſich, Und der eiſerne Ritter turnierte. Doch war das Leben auch finſter und wild, So blieb doch die Liebe lieblich und mild,

Und einen heiligen keuſchen Altar Bewahrten ſich ſtille die Muſen, Es lebte, was edel und ſittlich war, In der Frauen züchtigem Buſen, Die Flamme des Liedes entbrannte neu An der ſchönen Minne und Liebestreu.

Drum ſoll auch ein ewiges zartes Band Die Frauen, die Sänger umflechten, Sie wirken und weben Hand in Hand Den Gürtel des Schönen und Rechten. Geſang und Liebe in ſchönem Verein Sie erhalten dem Leben den Jugendſchein—

rer» 32 *

An die Freunde.

——

Lieben Freunde! Es gab ſchön're Zeiten, Als die unſern das iſt nicht zu ſtreiten! Und ein edler Volk hat einſt gelebt.

Könnte die Geſchichte davon ſchweigen,

Tauſend Steine würden redend zeugen,

Die man aus dem Schooß der Erde gräbt. Doch es iſt dahin, es iſt verſchwunden Dieſes hochbeqünſtigte Geſchlecht.

Wir, wir leben! Unſer ſind die Stunden, Und der Lebende hat Recht.

Freunde! es gibt glücklichere Zonen,

Als das Land, worin wir leidlich wohnen,

Wie der weitgereiste Wandrer ſpricht.

Aber hat Natur uns viel entzogen,

War die Kunſt uns freundlich doch gewogen,

Unſer Herz erwarmt an ihrem Licht. Will der Lorbeer hier ſich nicht gewöhnen, Wird die Myrthe unſers Winters Raub, Grönet doch, die Schläfe zu bekrönen, Uns der Rebe muntres Laub. f

Wohl von größerm Leben mag es rauſchen, Wo vier Welten ihre Schätze tauſchen, An

c 33 N

An der Themſe, auf dem Markt der Welt.

Tauſend Schiffe landen an, und gehen,

Da iſt jedes Köſtliche zu ſehen, g

Und es herrſcht der Erde Gott, das Geld. Aber nicht im trüben Schlamm der Bäche, Der von wilden Regengüſſen ſchwillt, Auf des ſtillen Baches eb'ner Fläche x Spiegelt ſich das Sonnenbild.

Prächtiger als wir in unſerm Norden Wohnt der Bettler an der Engelspforten, Denn er ſieht das ewig einz'ge Rom!

Ihn umgibt der Schönheit Glanzgewimmel, Und ein zweyter Himmel in den Himmel Steigt Sanct Peters wunderbarer Dom. Aber Nom in allem feinen Glanze! Iſt ein Grab nur der Vergangenheit, Leben duftet nur die friſche Pflanze, Die die grüne Stunde ſtreut.

Größ'res mag ſich anderswo begeben, Als bey uns, in unſerm kleinen Leben, Neues hat die Sonne nie geſehn. Sehn wir doch das Große aller Zeiten Auf den Brettern, die die Welt bedeuten, Sinnvoll, ſtill an uns vorübergehn. Alles wiederhohlt ſich nur im Leben, Ewig jung iſt nur die Phantaſte, Was ſich nie und nirgends hat begeben, Das allein veraltet nie! |

Schiller's Gedichte 2. Bi: G

Wie ſchoͤn, o Menſch, mit deinem Palmenzweigs Stehſt du an des Jahrhunderts Neige, In edler ſtolzer Männlichkeit, | Mit aufgefhloß nem Sinn, mit Geiſtesfülle, Voll milden Ernſts, in thatenreicher Stille, Der reifſte Sohn der Zeit, Frey durch Veknunft, ſtark durch Geſetze, Durch Sanftmuth groß, und reich durch Schätze, Die lange Zeit dein Buſen dir verſchwieg, Herr der Natur, die deine Feſſeln liebet, Die deine Kraft in tauſend Kämpfen übet, Und prangend unter dir aus der Verwildrung ſtieg!

Berauſcht von dem errung'nen Sieg, Verlerne nicht die Hand zu preiſen, Die an des Lebens ödem Strand Den weinenden verlaß nen Waiſen Des wilden Zufalls Beute fand, Die frühe ſchon der künft'gen Geiſterwürde Dein junges Herz im Stillen zugekehrt, Und die befleckende Begierde Von deinem zarten Buſen abgewehrt, Die Gütige, die deine Jugend In hohen Pflichten ſpielend unterwies,

onen 35 Ama Und das Geheimniß der erhab'nen Tugend In leichten Räthſeln dich errathen ließ, Die, reifer nur ihn wieder zu empfangen, In fremde Arme ihren Liebling gab, O falle nicht mit ausgeartetem Verlangen Zu ihren niedern Dienerinnen ab! Im Fleiß kann dich die Biene meiſtern, In der Geſchicklichkeit ein Wurm dein Lehrek ſeyn, Dein Wiſſen theileſt du mit vorgezog'nen Gelſtern, Die Kunſt, o Menſch, haft du alein.

Nur durch das Morgenthor des Schönen Drangſt du in der Erkenntniß Land. An höhern Glanz ſich zu gewöhnen, Übt ſich am Reitze der Verſtand. Was bey dem Saitenklang der Muſen Mit ſüßem Beben dich durchdrang, Erzog die Kraft in deinem Buſen, Die ſich dereinſt zum Weltgeiſt ſchwang.

Was erſt, nachdem Jahrtauſende verfloſſen, Die alternde Vernunft erfand, Lag im Symbol des Schönen und des Großen Voraus geoffenbart dem kindiſchen Verſtand. Ihr holdes Bild hieß uns die Tugend lieben, | Ein zarter Sinn hat vor dem Laſter ſich geſträubk, Eh noch ein Solon das Geſetz geſchrieben, Das matte Blüthen langſam treibt. Eh' vor des Denkers Geiſt der kühne Begriff des ew’gen Raumes ſtand,

E *

ven 36 en Wer ſah hinauf zur Sternenbühne, Der ihn nicht ahnend ſchon empfand?

Die, eine Glorie von Orionen Um's Angeſicht, in hehrer Majeſtät, Nur angeſchaut von reineren Dämonen Verzehrend über Sternen geht, Gefloh'n auf ihrem Sonnenthrone, Die furchtbar herrliche Urania, Mit abgelegter Feuerkrone, Steht ſie als Schönheit vor uns da. Der Anmuth Gürtel umgewunden, Wird ſie zum Kind, daß Kinder ſie verſtehn, Was wir als Schönheit hier empfunden, Wird einſt als Wahrheit uns entgegen gehn.

Als der Erſchaffende von feinem Angeſichte Den Menſchen in die Sterblichkeit verwies, Und eine ſpäte Wiederkehr zum Lichte

Auf ſchwerem Sinnenpfad ihn finden hieß,

Als alle Himmliſchen ihr Antlitz von ihm wandten, Schloß ſie, die Menſchliche, allein

Mit dem Verlaſſenen, Verbannten Großmüthig in die Sterblichkeit ſich ein.

Hier ſchwebt ſie, mit geſenktem Fluge, b

Um ihren Liebling, nah am Sinnenland,

Und mahlt mit lieblichem Betruge

Elyſium auf ſeine Kerkerwand.

Als in den weichen Armen dieſer Amme Die zarte Menſchheit noch geruht,

wen 57 ma Da ſchürte heil'ge Mordſucht keine Flamme, Da rauchte kein unſchuldig Blut. Das Herz, das fie an ſanften Banden lenket, Verſchmäht der Pflichten knechtiſches Geleit; Ihr Lichtpfad, ſchöner nur geſchlungen, ſenket Sich in die Sonnenbahn der Sittlichkeit. Die ihrem keuſchen Dienſte leben Verſucht kein nied'rer Trieb, bleicht kein Geſchick; Wie unter heilige Gewalt gegeben Empfangen ſie das reine Geiſterleben, Der Freyheit ſüßes Recht, zurück.

Glückſelige, die ſie aus Millionen Die reinſten ihrem Dienſt geweiht, In deren Bruſt ſie würdigte zu thronen, Durch deren Mund die Mächtige gebeut, Die ſie auf ewig flammenden Altären Erkohr, das heil'ge Feuer ihr zu nähren, Vor deren Aug' allein ſie hüllenlos erſcheint, Die ſie in ſanftem Bund um ſich vereint! Freut euch der ehrenvollen Stufe, Worauf die hohe Ordnung euch geſtellt! In die erhab'ne Seiſterwelt Wart' ihr der Menſchheit erſte Stufe!

Eh' ihr das Gleichmaß in die Welt gebracht, Dem alle Weſen freudig dienen Ein unermeß'ner Bau, im ſchwarzen Flor der Nacht Nächſt um ihn her, mit mattem Strahl e Ein ſtreitendes Geſtaltenheer, Die ſeinen Sinn in Sclavenbanden hielten,

gern 38 C Und ungefellig, rauh wie er, Mit tauſend Kräften auf ihn zielten, a So ſtand die Schöpfung vor dem Wilden, Durch der Begierde blinde Feſſel nur An die Erſcheinungen gebunden, Entfloh ihm, ungenoſſen, unempfunden, Die ſchöne Seele der Natur.

Und wie ſie fliehend jetzt vorüberfuhr,

Ergriffet ihr die nachbarlichen Schatten

Mit zartem Sinn, mit ſtiller Hand,

Und lerntet in harmon'ſchem Band

Geſellig fie zuſammen gatten.

Leichtſchwebend fühlte ſich der Blick

Vom ſchlanken Wuchs der Ceder aufgezogen,

Gefällig ſtrahlte der Kryſtall der Wige *

Die hüpfende Geſtalt zurück. |

Wie konntet ihr des ſchönen Winks verfehlen,

Womit euch die Natur hülfreich entgegen kam?

Die Kunſt, den Schatten ihr nachahmend abzuftehlen,

Wies euch das Bild, das auf der Woge ſchwamm.

Von ihrem Weſen abgeſchieden, |

Ihr eig'nes liebliches Phantom,

Warf ſie ſich in den Silberſtrom,

Sich ihrem Räuber anzubiethen.

Die ſchöne Bildkraft ward in eurem Buſen wach,

Zu edel ſchon, nicht müßig zu empfangen

Schuft ihr im Sand im Thron den holden Schatten nach,

Im Umriß ward ſein Daſeyn aufgefangen.

gebendig regte ſich des Wirkens ſüße Luft Die erſte Schöpfung trat aus eurer Gruft.

Von der Betrachtung angehalten, Von eurem Späheraug umſtrickt, Verriethen die vertraulichen Geſtalten | Den Talisman, wodurch ſie euch entzückt, Die wunderwirkenden Geſetze, Des Reitzes ausgeforſchte Schätze Verknüpfte der erfindende Verſtand In leichtem Bund in Werken eurer Hand. Der Obeliske ſtieg, die Pyramide, Die Herme ſtand, die Säule ſprang empor, Des Waldes Melodie floß aus dem Haberrohr, Und Siegesthaten lebten in dem Liede.

Die Auswahl einer Blumenflur Mit weiſer Wahl in einen Strauß gebunden, So trat die erſte Kunſt aus der Natur; Jetzt werden Sträuße ſchon in einen Kranz gewunden, Und eine zweyte höh're Kunſt erſtand Aus Schöpfungen der Menſchenhand. Das Kind der Schönheit, ſich allein genug, Vollendet ſchon aus eurer Hand gegangen, Verliert die Krone, die es trug, Sobald es Wirklichkeit empfangen. Die Säule muß, dem Gleichmaß unterthan, An ihre Schweſtern nachbarlich fi) ſchließen, Der Held im Heldenheer zerfließen. Des Mäoniden Harfe ſtimmt voran.

AO

Bald drängten ſich die ſtaunenden Barbaren. Zu dieſen neuen Schöpfungen heran. Seht, riefen die erfreuten Schaaren, Seht an, das hat der Menſch gethan! In luſtigen geſelligeren Paaren Niß fie des Sängers Leyer nach, f Der von Titanen ſang und Rieſenſchlachten, Und Löwentödtern, die, ſo lang der Sänger ſprach, Aus ſeinen Hörern Helden machten, Zum erſten Mahl genießt der Geiſt; Erquickt von ruhigeren Freuden Die aus der Ferne nur ihn weiden, Die ſeine Gier nicht in ſein Weſen reißt, Die im Genuße nicht verſcheiden.

Jetzt wand ſich von dem RT Die freye ſchöne Seele los, | Durch euch entfeſſelt, fprang der ER Der Sorge in der Freude Schooß. Jetzt fiel der Thierheit dumpfe Schranke, Und Menſchheit trat auf die entwölkte Stirn, Und der erhab'ne Fremdling, der Gedanke, Sprang aus dem ſtaunenden Gehirn. Jetzt ſtand der Menſch, und wies den Sternen Das königliche Angeſicht, Schon dankte nach erhab'nen Fernen Sein ſprechend Aug’ dem Sonnenlicht. Das Lächeln blühte auf der Wange, Der Stimme ſeelenvolles Spiel Entfaltete ſich zum Geſange, Im feuchten Auge ſchwamm Gefühl,

1 41 27. Und Scherz mit Huld in anmuthsvollem Bunde Entquollen dem beſeelten Munde.

Begraben in des Wurmes Triebe, Umſchlungen von des Sinnes Luſt, Erkanntet ihr in ſeiner Bruſt Den edlen Keim der Geiſterliebe. Daß von des Sinnes niederm Triebe Der Liebe beſſ'rer Keim ſich ſchied, Dankt er dem erſten Hirtenlied. Geadelt zur Gedankenwürde Floß die verſchämtere Begierde Melodiſch aus des Sängers Mund. Sanft glühten die bethauten Wangen, Das überlebende Verlangen Verkündigte der Seelen Bund.

Der Weiſen Weiſeſtes, der Milden Milde, Der Starken Kraft, der Edeln Grazie, Vermähltet ihr in Einem Bilde Und ſtelltet es in eine Glorie. f Der Menſch erbebte vor dem Unbekannten,

Er liebte ſeinen Wiederſchein;

Und herrliche Hergen brannten

Dem großen Weſen gleich zu ſeyn.

Den erſten Klang vom Urbild alles Schönen, Ihr ließet ihn in der Natur ertönen.

Der Leidenſchaften wilden Drang, Des Glückes regelloſe Spiele,

r A2 wer Der Pflichten und Inſtinkte Zwang Stellt ihr mit prüfendem Gefühle, Mit ſtrengem Richtſcheid nach dem Ziele. Was die Natur auf ihrem großen Gange In weiten Fernen aus einander zieht, Wird auf dem Schauplatz, im Gefange, Der Ordnung leicht gefaßtes Glied. Vom Eumenidenchor geſchrecket, Zieht ſich der Mord, auch nie entdecket, Das Loos des Todes aus dem Lied. Lang, eh' die Weiſen ihren Ausſpruch wagen Löst eine Ilias des Schickſals Räthfelfragen Der jugendlichen Vorwelt auf; Still wandelte von Theſpis Wagen Die Vorſicht in den Weltenlauf.

Doch in den großen Weltenlauf Ward euer Ebenmaß zu früh getragen, Als des Geſchickes dunkle Hand, Tas fie vor eurem Auge ſchnürteee ı » Vor eurem Aug' nicht aus einander band, Das Leben in die Tiefe ſchwand, Eh’ es den ſchönen Kreis vollführte ı Da führtet ihr aus kühner Eigenmacht Den Bogen weiter durch der Zukunft Nacht; Da ſtürztet ihr euch ohne Beben In des Avernus ſchwarzen Ocean, Und trafet das entfloh'ne Leben Jenſeits der Urne wieder an: Da zeigte ſich mit umgeſtürztem Lichte, An Kaſtor angelehnt, ein blühend Polluxbild;

we, 45 num Der Schatten in des Mondes Angeſichte, Eh' ſich der ſchöne Silberkreis erfüllt.

Doch höher ſtets, zu immer höhern Höhen Schwang ſich der ſchaffende Genie. Schon ſieht man Schöpfungen aus Schöpfungen stehen | Aus Harmonien Harmonie. Was hier allein das trunk'ne Aug' entzückt Dient unterwürfig dort der höhern Schöne; Der Reitz, der dieſe Nymphe ſchmückt, Schmilzt ſanft in eine göttliche Athene: Die Kraft, die in des Ringes Muskel ſchwillt, Muß in des Gottes Schönheit lieblich ſchweigen; Das Staunen feiner Zeit, das ſtolze Jovisbild Im Tempel zu Olympia ſich neigen.

Die Welt, verwandelt durch den Fleiß, Das Menſchenherz, bewegt von neuen Trieben, Die ſich in heißen Kämpfen üben,

Erweitern euren Schöpfungskreis.

Der fortgeſchritt'ne Menſch trägt auf erhob'nen Schwin⸗ gen

Dankbar die Kunſt mit ſich empor,

Und neue Schönheitswelten ſpringen

Aus der bereicherten Natur hervor.

Des Wiſſens Schranken gehen auf,

Der Geiſt, in euren leichten Siegen

Geübt, mit ſchnell gezeitigtem Vergnügen l

Ein künſtlich All von Reitzen zu durcheilen,

Stellt der Natur entlegenere Säulen,

Ereilet ſie auf ihrem dunkeln Lauf.

wen Al N Jetzt wägt er ſie mit menſchlichen Gewichten, Mißt ſie mit Maßen, die ſie ihm geliehn; Verſtändlicher in ſeiner Schönheit Pflichten Muß ſie an ſeinem Aug' vorüber ziehn, In ſelbſtgefäll'ger jugendlicher Freude Leiht er den Sphären ſeine Harmonie, Und preiſet er das Weltgebäude, So prangt es durch die Symmetrie.

In allem, was ihn jetzt umlebet, Spricht ihn das holde Gleichmaß an. Der Schönheit gold'ner Gürtel webet Sich mild in ſeine Lebensbahn;

Die ſelige Vollendung ſchwebet

In euren Werken ſiegend ihm voran. Wohin die laute Freude eilet,

Wohin der ſtille Kummer flieht,

Wo die Betrachtung denkend weilet, Wo er des Elends Thränen ſieht,

Wo tauſend Schrecken auf ihn zielen, Folgt ihm ein Harmonienbach,

Sieht er die Huldgöttinnen ſpielen,

Und ringt in ſtill verfeinerten Gefühlen Der lieblichen Begleitung nach.

Sanft, wie des Reitzes Linien ſich winden, Wie die Erſcheinungen um ihn | In weichem Umriß in einander ſchwinden, Flieht ſeines Lebens leichter Hauch dahin. Sein Geiſt zerrinnt im Harmonienmeere, Das ſeine Sinne wolluſtreich umfließt, Und der hinſchmelzende Gedanke ſchließt

ee eee Sich fill an die allgegenwärtige Eythere. Mit dem Geſchick in hoher Einigkeit, Gelaſſen hingeſtützt auf Grazien und Muſen, Empfängt er das Geſchoß, das ihn bedräut, Mit freundlich dargeboth'nem Buſen Vom ſanften Bogen der Nothwendigkeit.

Vertraute Lieblinge der ſel'gen Harmonie, Erfreuende Begleiter durch das Leben, Das Edelſte, das Theuerſte, was ſie, Die Leben gab, zum Leben uns gegeben! Daß der entjochte Menſch jetzt ſeine Pflichten denkt, Die Feſſel liebet, die ihn lenkt, Kein Zufall mehr mit eh'rnem Seepter ihm gebeut, Dieß dankt euch eure Ewigkeit, Und ein erhab'ner Lohn in eurem Herzen. Daß um den Kelch, worin uns Freyheit rinnt, Der Freude Götter luſtig ſcherzen, > Der holde Traum ſich lieblich ſpinnt, Dafür ſeyd liebevoll umfangen!

Dem prangenden, dem heitern Geiſt, Der die Nothwendigkeit mit Grazie umzogen, Der feinen Ather, feinen Sternenbogen Mit Anmuth uns bedienen heißt,

Der, wo er ſchreckt, noch durch Erhabenheit entzücket, Und zum Verheeren ſelbſt ſich ſchmücket, Dem großen Künſtler ahmt ihr nach. a Wie auf dem ſpiegelhellen Bach

Die bunten Ufer tanzend ſchweben,

Das Abendroth, das Blüthenfeld,

, BL aaa So ſchimmert auf dem dürft'gen Leben Der Dichtung muntre Schattenwelt. Ihr führet uns im Brautgewande

Die fürchterliche Unbekannte,

Die unerweichte Parze vor.

Wie eure Urnen die Gebeine,

Deckt ihr mit holdem Zauberſcheine Der Sorgen ſchauervollen Chor. Jahrtauſende hab' ich durcheilet,

Der Vorwelt unabſehlich Reich:

Wie lacht die Menſchheit, wo ihr weilet, Wie traurig liegt ſie hinter euch!

Die einſt mit flüchtigem Gefieder Voll Kraft aus euren Schöpferhänden ſtieg, In eurem Arm fand ſie ſich wieder, Als durch der Zeiten ſtillen Sieg Des Lebens Blüthe von der Wange, Die Stärke von den Gliedern wich, Und traurig, mit entnervtem Gange, Der Greis an ſeinem Stabe ſchlich. Da reichtet ihr aus friſcher Quelle, Dem Lechzenden die Lebenswelle, Zwey Mahl verjüngte ſich die Zeit, Zwey Mahl von Samen, die ihr ausgeſtreük.

Vertrieben von Barbarenheeren, Entriſſet ihr den letzten Opferbrand Des Orients entheiligten Altären, Und brachtet ihn dem Abendland. Da ſtieg der ſchöne Flüchtling aus dem Oſten,

ame A7 m | Der junge Tag, im Weſten neu empet., Und auf Heſperiens Gefilden ſproßten Verjüngte Blüthen Joniens hervor. Die ſchönere Natur warf in die Seelen Sanft ſpiegelnd einen ſchönen Wiederſchein, Und prangend zog in die geſchmückten Seelen Des Lichtes große Göttinn ein. Da ſah man Millionen Ketten fallen Und über Selaven ſprach jetzt Menſchenrecht, Wie Brüder friedlich mit einander wallen, So mild erwuchs das jüngere Geſchlecht. Mit inn'rer hoher Freudenfülle Genießt ihr das gegeb'ne Glück, Und tretet in der Demuth Hülle Mit ſchweigendem Verdienſt zurück—

Wenn auf des Denkens frey gegeb'nen Bahnen, Der Forſcher jetzt mit kühnem Glücke ſchweift, Und, trunken von ſiegrufenden Päanen,

Mit raſcher Hand ſchon nach der Krone greift; Wenn er mit niederm Söldnerslohne

Den edlen Führer zu entlaſſen glaubt;

Und neben dem geträumten Throne

Der Kunſt den erſten Sclavenplag erlaubt: Verzeiht ihm der Vollendung Krone Schwebt glänzend über eurem Haupt.

Mit Euch, des Frühlings erſter Pflanze, Begann die feelenbildende Natur,

Mit euch, dem freud'gen Erntekranze, Schließt die vollendende Natur.

e BR Die von dem Thon, dem Stein beſcheiden aufgeſtiegen, Die ſchöpferiſche Kunſt umſchließt mit ſtillen Siegen Des Geiſtes unermeß'nes Reich. Was in des Wiſſens Land Entdecker nur erſiegen, Entdecken ſie, erſiegen ſie für euch. Der Schätze, die der Denker aufgehäufet, Wird er in euren Armen erſt ſich freun, Wenn ſeine Wiſſenſchaft, der Schönheit zugereifet, Zum Kunſtwerk wird geadelt ſeyn Wenn er auf einen Hügel mit euch ſteiget, Und feinem Auge ſich, in mildem Abendſchein, Das mahleriſche Thal auf einmahl zeiget. Je reicher ihr den ſchnellen Blick vergnüget, Je höh're ſchön're Ordnungen der Geiſt In einem Zauberbund durchflieget, In einem ſchwelgenden Genuß umkreist; Je weiter ſich Gedanken und Gefühle Dem üppigeren Harmonienſpiele, Dem reichern Strom der Schönheit aufgethan Je ſchön're Glieder aus dem Weltenplan, Die jetzt verſtümmelt ſeine Schöpfung ſchänden, Sieht er die hohen Formen dann vollenden; Je ſchön're Räthſel treten aus der Nacht, Je reicher wird die Welt, die er umſchließet, Je breiter ſtrömt das Meer, mit dem er fließet, Je ſchwächer wird des Schickſals blinde Macht, * Je höher ſtreben ſeine Triebe, Je kleiner wird er ſelbſt, je größer ſeine Liebe. So führt ihn, in verborg'nem Lauf, Durch immer rein're Formen, reine Töne, Durch immer höh're Höhn und immer ſchön're Schöne Der

even 49 . Der Dichtung Blumenleiter ſtill hinauf Zuletzt, am reifen Ziel der Zeiten, Noch eine glückliche Begeiſterung, Des jüngften Menſchenalters Dichterſchwung, Und in der Wahrheit Arme wird er gleiten.

Sie ſelbſt, die ſanfte Cypria, Umleuchtet von der Feuerkrone;

Steht dann vor ihrem münd'gen Sohne Entſchleyert als Urania;

So ſchneller nur von ihm erhaſchet, Je ſchöner er von ihr geflohn!

So ſüß, ſo ſelig überraſchet

Stand einſt Ulyſſens edler Sohn,

Da ſeiner Jugend himmliſcher Gefährte Zu Jovis Tochter ſich verklärte.

Der Menſchheit Würde iſt in eure Hand gegeben; Bewahret fiel Sie ſinkt mit euch! Mit euch wird ſie ſich heben! Der Dichtung heilige Magie Dient einem weiſen Weltenplane, Still lenke ſie zum Oceane Der großen Harmonie!

Von ihrer Zeit verſtoßen flüchte Die ernſte Wahrheit zum Gedichte, Und finde Schutz in der Camönen Chor. In ihres Glanzes höchſter Fülle, Durchtbarer in des Neitzes Hülle, Erſtehe ſie in dem Geſange { Schiller's Gedichte 2. Bd⸗ D

N

gen 50 res Und räche ſich mit Siegesklange An des Verfolgers feigem Ohr.

Der frey'ſten Mutter freye Söhne Schwingt euch mit feſtem Angeſicht Zum Strahlenſitz der hoͤchſten Schöne, Um andre Kronen buhlet nicht.

Die Schweſter, die euch hier verſchwunden, Hohlt ihr im Schooß der Mutter ein; Was ſchöne. Seelen ſchön empfunden,

Muß trefflich und vollkommen ſeyn. Erhebet euch mit kühnem Flügel

Hoch über euren Zeitenlauf;

Fern dämm're ſchon in eurem Spiegel Das kommende Jahrhundert auf.

Auf tauſendfach verſchlung'nen Wegen

Der reichen Mannigfaltigkeit

Kommt dann umarmend euch entgegen Am Thron der hohen Einigkeit.

Wie ſich in ſieben milden Strahlen

Der weiße Schimneer lieblich bricht,

Wie ſieben Regenbogenſtrahlen

Zerrinnen in das weiße Licht,

So ſpielt in tauſendfacher Klarheit Bezaubernd um den trunk'nen Blick,

So fließt in Einen Bund der Wahrheit,

In Einen Strom des Lichts zurück!

men 51 wen

Kaſſandrea.

Freude war in Trojas Hallen, Eh die hohe Feſte fiel, Jubelhymnen hört man ſchallen In der Saiten gold'nes Spiel. Alle Hände ruhen müde Von dem thränenvollen Streit, Weil der herrliche Pelide Priams ſchöne Tochter freit.

Und geſchmückt mit Lorbeerreiſern, Feſtlich wallet Schaar auf Schaar Nach der Götter heil'gen Häuſern, Zu des Thymbriers Altar. Dumpferbrauſend durch die Gaſſen Wälzt ſich die baechant'ſche Luft,

- Und in ihrem Schmerz verlaſſen War nur Eine traur'ge Bruſt.

Freudlos in der Freude Fülle,

Ungeſellig und allein,

Wandelte Kaſſandra ſtille

In Apollo's Lorbeerhayn.

In des Waldes tiefſte Gründe Flüchtete die Seherin,

Und ſie warf die Prieſterbinde

Zu der Erde zürnend hin:

, 52 W

Alles ift der Freude offen, Alle Herzen ſind beglückt, i und die alten Altern hoffen, Und die Schweſter ſteht geſchmückk. Ich allein muß einſam trauern, Denn mich flieht der ſüße Wahn, Und geflügelt dieſen Mauern Seh ich das Verderben nahn.“

„Eine Fackel ſeh' ich glühen, Aber nicht in Hymens Hand, Nach den Wolken ſeh' ichs ziehen, Aber nicht wie Opferbrand. 6 Feſte ſeh' ich froh bereiten, Doch im ahnungsvollen Geiſt Hör' ich ſchon des Gottes Schreiten, Der ſie jammervoll zerreißt.“

a „Und fie ſchelten meine Klagen, Und fie höhnen meinen Schmerz,

Einſam in die Wüſte tragen

Muß ich mein gequältes Herz,

Von den Glücklichen gemieden,

Und den Fröhlichen ein Spott! Schweres haſt du mir beſchieden Pythiſcher, du arger Gott!“

„Dein Orakel zu verkünden, Warum warfeſt du mich hin In die Stadt der ewig Blinden, Mit dem aufgeſchloß'nen Sinn?

rere 53 W Warum gabſt du mir zu ſehen, Was ich doch nicht wenden kann? Das Verhängte muß geſchehen, Das Gefürchtete muß nahn.“

„Frommt's, den Schleyer aufzuheben, Wo das nahe Schreckniß droht? Nur der Irrthum iſt das Leben, Und das Wiſſen iſt der Tod. Nimm, o nimm die kraur'ge Klarheit, Mir vom Aug' den blut'gen Schein! Schrecklich iſt es, deiner Wahrheit Sterbliches Gefäß zu ſeyn.“

„Meine Blindheit gieb mir wieder Und den fröhlich dunkeln Sinn, Nimmer ſang' ich freud'ge Lieder, Seit ich deine Stimme bin. Zukunft haſt du mir gegeben, Doch du nahmſt den Augenblick, Nahmſt der Stunde fröhlich Leben, Nimm dein falſch Geſchenk zurück.“

„Nimmer mit dem Schmuck der Bräute

Kränzt' ich mir das duft'ge Haar,

Seit ich deinem Dienſt mich weihte

An dem traurigen Altar. a

Meine Jugend war nur Weinen,

Und ich kannte nur den Schmerz,

Jede herbe Noth der Meinen

Schlug an mein empfindend Herz.“

en 5A raw „Fröhlich ſeh ich die Geſpielen, Alles um mich lebt und liebt In der Jugend Luſtgefühlen, Mir nur iſt das Herz getrübt. Mir erſcheint der Lenz vergebens, Der die Erde feſtlich ſchmückt, Wer erfreute ſich des Lebens, Der in ſeine Tiefen blickt!“

„Selig preif ich Polyrenen In des Herzens trunk'nem Wahn, Denn den Beſten der Hellenen Hofft ſie bräutlich zu umfah'n. Stolz iſt ihre Bruſt gehoben, Ihre Wonne faßt ſie kaum, Nicht euch Himmliſche dort oben Neidet ſie in ihrem Traum.“

„Und auch ich hab' ihn geſehen, Den das Herz verlangend wählt, Seine ſchönen Blicke flehen, Von der Liebe Gluth beſeelt. Gerne möcht' ich mit dem Gatten In die heim'ſche Wohnung ziehn, Doch es tritt ein ſtyg'ſcher Schatten Nächtlich zwiſchen mich und ihn.“

„Ihre bleichen Larven alle Sendet mir Proſerpina, Wo ich wand're, wo ich walle, Stehen mir die Geiſter da.

er 55 mar In der Jugend frohe Spiele Drängen ſie ſich grauſend ein, Ein entſetzliches Gewühle, Nimmer kann ich fröhlich ſeyn.“

„Und den Mordſtahl ſeh' ich blinken,

Und das Mörderäuge glühn,

Nicht zur Rechten, nicht zur Linken Kann ich vor dem Schreckniß flieh'n, Nicht die Blicke darf ich wenden, Wiſſend, ſchauend, unverwandt Muß ich mein Geſchick vollenden Fallen in dem fremden Land.“

Und noch Hallen ihre Worte, Horch! Da dringt verworr'ner Ton Fernher aus des Tempels Pforte, Todt lag Thetis großer Sohn!. Eris ſchüttelt ihre Schlangen,

Alle Götter fliehn davon, Und des Donners Wolken hangen Schwer herab auf Ilion.

a:

Die Macht des Gefanges.

Ein Regenſtrom aus Felſenriſſen, Er kommt mit Donners Ungeſtüm, | Bergtrümmer folgen ſeinen Güſſen, Und Eichen ſtürzen unter ihm, Erſtaunt mit wolluſtvollem Grauſen Hört ihn der Wanderer und lauſcht, Er hört die Fluth vom Felſen brauſen, Doch weiß er nicht, woher ſie rauſcht, | So firömen des Gefanges Wellen Hervor aus nie entdeckten Quellen.

Verbündet mit den furchtbar'n Weſen, Die ſtill des Lebens Faden drehn, Wer kann des Sängers Zauber löſen, Wer feinen Tönen widerfteh’n ? | Wie mit dem Stab des Gökterbothen Beherrſcht er das bewegte Herz, | Er taucht es in das Reich der Todten, Er hebt es ſtaunend himmelwärts, Und wiegt es zwiſchen Ernſt und Spiele Auf ſchwanker Leiter der Gefühle.

Wie wenn auf einmahl in die Kreiſe Der Freude mit Gigantenſchritt, 5 Geheimnißvoll nach Geiſterweiſe Ein ungeheures Schickſal tritt,

e er Da beugt ſich jede Erdengröße Dem Fremdling aus der andern Welt, Des Jubels nichtiges Getoſe Verſtummt, und jede Larve fällt, Und vor der Wahrheit mächt'gem Siege Verſchwindet jedes Werk der Lüge.

So rafft von jeder eiteln Bürde, Wenn des Geſanges Ruf erſchallt, Der Menſch ſich auf zur Geiſterwürde, Und tritt in heilige Gewalt; Den hohen Göttern iſt er eigen,

Ihm darf nichts Irdiſches ſich nahn, Und jede andre Macht muß ſchweigen, Und kein Verhängniß fällt ihn an, Es ſchwinden jedes Kummers Falten, So lang des Liedes Zauber walten.

Und wie nach hoffnungsloſem Sehnen, Nach langer Trennung bitterm Schmerz, Ein Kind mit heißen Neuethränen Sich ſtürzt an ſeiner Mutter Herz,

So führt zu ſeiner Jugend Hütten, Zu ſeiner Unſchuld reinem Glück, Vom fernen Ausland fremder Sitten Den Flüchtling der Geſang zurück, In der Natur getreuen Armen Von kalten Regeln zu erwarmen.

e 58 ce

Das Maͤdchen von Orleans.

Das edle Bild der Menſchheit zu verhöhnen, Im tiefſten Staube wälzte dich der Spott, Krieg führt der Witz auf ewig mit dem Schönen, Er glaubt nicht an den Engel und den Gott, Dem Herzen will er ſeine Schätze rauben, Den Wahn bekriegt er und verletzt den Glauben.

Doch, wie er ſelbſt, aus kindlichem Geſchlechte, Selbſt eine fromme Schäferinn wie du, Reicht dir die Dichtkunſt ihre Götterrechte, 5 Schwingt ſich mit dir den ew'gen Sternen zu, Mit einer Glorie hat ſie dich umgeben, Dich ſchuf das Herz, du wirſt unſterblich leben.

Es liebt die Welt das Strahlende zu ſchwärzen, Und das Erhab'ne in den Staub zu zieh'n, Doch fürchte nicht! Es gibt noch ſchöne Herzen, Die für das Hohe, Herrliche entglühen, Den lauten Markt mag Momus unterhalten, Ein edler Sinn liebt edlere Geftalten.

—— ———

Schon wie Engel voll Wallhallas Wonne, Schön vor allen Jünglingen war er,

Himmliſch mild fein Blick wie Mayenſonne, Rückgeſtrahlt vom blauen Spiegelmeer.

Seine Küſſe paradieſiſch Fühlen!

Wie zwey Flammen ſich ergreifen, wie Harfentöne in einander ſpielen

Zu der himmelvollen Harmonie

Stürzten, flogen, ſchmolzen Geiſt und Geiſt zuſammeu, Lippen, Wangen brannten, zitterten, g Seele rann in Seele Erd und Himmel ſchwammen

Wie zerronnen um die Liebenden! |

Er ift pin vergebens, ach vergebens Stöhnet ihm der bange Seufzer nach!

Er iſt hin und alle Luſt des Lebens Wimmert hin in ein verlor'nes Ach!

es» 60 era

Fantaſie an Laura.

Mine Laura! Nenne mir den Wirbel,

Der an Körper Körper mächtig reißt, Nenne, meine Laura, mir den Zauber,

Der zum Geiſt gewaltig zwingt den Geiſt.

Sieh! er lehrt die ſchwebenden Planeten Ew'gen Ringgangs um die Sonne fliehn,

Und gleich Kindern um die Mutter hüpfend Bunte Zirkel um die Fürſtinn ziehn.

Durſtig trinkt den gold'nen Strahlenregen Jedes rollende Geſtirn,

Trinkt aus ihrem Feuerkelch Erquickung Wie die Glieder Leben vom Gehirn.

Sonnenſtäubchen paart mit Sonnenſtäubchen Sich in trauter Harmonie,

Sphaͤren in einander lenkt die Liebe, Weltſyſteme dauern nur durch ſie.

nm b1 wm Tilge ſie vom Uhrwerk der Naturen ; Trümmer aus einander ſpringt das All, In das Chaos donnern eure Welten, Weint, Newtone, ihren Rieſenfall!

Tilg' die Göttinn aus der Geiſter Orden, Sie erſtarren in der Körper Tod,

Ohne Liebe kehrt kein Frühling wieder, Ohne Liebe preiſt kein Weſen Gott!

Und was iſt's, das, wenn mich Laura küſſet, Purpurflummen auf die Wangen geußt,

Meinem Herzen raſchern Schwung gebiethet, Fiebriſch wild mein Blut von hinnen reißt?

Aus den Schranken ſchwellen alle Sehnen, Seine Ufer überwallt das Blut,

Körper will in Körper über ſtürzen, Lodern Seelen in vereinter Gluth;

Gleich allmächtig wie dort in der todten Schöpfung ew'gem Federtrieb, Herrſcht im arachneiſchen Gewebe Der empfindenden Natur die Lieb'.

Siehe Laura, Fröhlichkeit umarmet Wilder Schmerzen Überſchwung,

An der Hoffnung Liebesbruſt erwarmet Starrende Verzweifelung. |

wen ÖL: Wel Schweſterliche Wolluſt mildert Düſtrer Schwermuth Schauernacht, Und entbunden von den gold'nen Kindern, Strahlt das Auge Sonnenpracht.

Waltet nicht auch durch des Übels Reiche Fürchterliche Sympathie ?

Mit der Hölle buhlen unſre Laſter, Mit dem Himmel grollen ſie.

um die Sünde flechten Schlangenwirbel

Scham und Reu', das Eumenidenpaar, Um der Größe Adlerflügel windet

Sich verräth'riſch die Gefahr.

Mit dem Stolze pflegt der Sturz zu tändeln, Um das Glück zu klammern ſich der Neid,

Ihrem Bruder Tode zuzuſpringen Off'nen Armes, Schweſter Lüſternheit⸗

Mit der Liebe Flügel eilt die Zukunft In die Arme der Vergangenheit,

Lange ſucht der fliehende Saturnus Seine Braut die Ewigkeit.

Einſt fo hör' ich das Orakel ſprechen, Einſten haſcht Saturn die Braut,

Weltenbrand wird Hochzeitfackel werden, Wenn mit Ewigkeit die Zeit ſich traut.

0 ee, 63 0 Eine ſchönere Aurora röthet, Laura, dann auch unſ'rer Liebe ſich, Die ſo lang als jener Brautnacht dauert, Laura! Laura! freue dich!

Laura am Klavier.

Wenn dein Finger durch die Saiten meiſtert Laura, jetzt zur Statue entgeiſtert, Jetzt entkörpert ſteh' ich da. Du gebietheſt über Tod und Leben, Mächtig wie von tauſend Nerogeweben Seelen fordert Philadelphia

Ehrerbiethig leiſer rauſchen

Dann die Lüfte, dir zu lauſchen, Hingeſchmiedet zum Geſang Stehn im ew'gen Wirbelgang,

Einzuziehn die Wonnefülle,

Lauſchende Naturen ſtille, Zauberinn! mit Tönen, wie Mich mit Blicken, zwingſt du fie.

Seelenvolle Harmonieen wimmeln, Ein wollüſtig Ungeſtüm,

Aus den Saiten, wie aus ihren Himmeln

Neugebor'ne Seraphim; Wie des Chaos Rieſenarm entronnen, Aufgejagt vom Schöpfungsſturm die Sonnen

Funkelnd fuhren aus der Nacht,

Strömt der Töne Zaubermacht.

Lieb⸗

wa 68 om Lieblich jetzt wie über glatten Kieſeln Silberhelle Fluthen rieſeln, Majeſtätiſch prächtig nun Wie des Donners Orgelton, Stürmend von hinnen jetzt wie ſich von Felſen Nauſchende ſchäumende Gießbäche wälzen, Holdes Geſäuſel bald, Schmeichleriſch linde Wie durch den Eſpenwald Buhlende Winde, Schwerer nun und melancholiſch düſter Wie durch todter Wüſten Schauernachtgeflüſter, Wo verlornes Heulen ſchweift, Thränenwellen der Kozytus ſchleift.

Mädchen ſprich! Ich frage, gib mir Kunde,

Stehſt mit höhern Geiſtern du im Bunde ? Iſt's die Sprache, lüg mir nicht, Die man in Elyſen ſpricht?

Schiller's Gedichte. 2. Bd. 5

\ en 6 8 wen

Die Entzuͤckung an Laura.

n über dieſe Welt zu flüchten . Wähn ich mich in Himmelmayenglanz zu lichten, Wenn dein Blick in meine Blicke flimmt,

Atherlüfte träum' ich einzuſaugen, Wenn mein Bild in deiner ſanften Augen Himmelblauem Spiegel ſchwimmt.

Leyerklang aus Paradieſes Fernen, Harfenſchwung aus angenehmern Sternen | Raſ' ich in mein trunknes Ohr zu ziehn, Meine Muſe fühlt die Schäferſtunde, Wenn von deinem wolluſtheißen Munde Silbertöne ungern fliehn

Amoretten ſeh' ich Flügel ſchwingen, Hinter dir die trunk'nen Fichten ſpringen Wie von Orpheus Saitenruf belebt, Raſcher rollen um mich her die Pole, Wenn im Wirbeltanze deine Sohle Flüchtig wie die Welle ſchwebt

nern 67 e Deine Blicke wenn ſie Liebe lächeln, Könnten Leben durch den Marmor fächeln, Felſenadern Pulſe leih'n, f Träume werden um mich her zu Weſen, Kann ich nur in deinen Augen leſen: Laura, Laura mein! Ne

Die Kindesmoͤrderinn.

Horch die Glocken hallen dumpf zuſammen, Und der Zeiger hat vollbracht den Lauf,

Nun, ſo ſey's denn! Nun, in Gottes Nahmen! Grabgefährten brecht zum Richtplatz auf.

Nimm, o Welt, die letzten Abſchiedsküſſe!

| Dieſe Thränen nimm o Welt noch hin!

Deine Gifte —o fie ſchmeckten ſüße! Wir ſind quitt, du Herzvergifterinn!

Fahret wohl ihr Freuden dieſer Sonne Gegen ſchwarzen Moder umgetauſcht!

Fahre wohl du Roſenzeit voll Wonne, Die ſo oft das Mädchen luſtberauſcht;

Fahret wohl ihr goldgewebten Träume, Paradieſeskinder Fantaſie'n!

Weh! ſie ſtarben ſchon im Morgenkeime, Ewig nimmer an das Licht zu blühn.

Schön geſchmückt mit roſenrothen Schleifen Deckte mich der Unſchuld Schwanenkleid, In der blonden Locken loſes Schweifen Waren junge Roſen eingeſtreut. Wehe! Die Geopferte der Hölle Schmückt noch jetzt das weißliche Gewand, Aber ach! der Roſenſchleifen Stelle Nahm ein ſchwarzes Todtenband.

, 69 wenn Weinet um mich, die ihr nie gefallen, Denen noch der Unſchuld Lilien blühn, Denen zu dem weichen Buſenwallen Heldenſtärke die Natur verliehn! Wehe! menſchlich hat dieß Herz empfunden!

und Empfindung ſoll mein Richtſchwert feyn!

Weh! vom Arm des falſchen Manns umwunden Schlief Louiſens Tugend ein.

Ach vielleicht umflattert eine and're Mein vergeſſen dieſes Schlangenherz, Überflieht , wenn ich zum Grabe wand're, An dem Putztiſch in verliebten She ? Spielt vielleicht mit ſeines Mädchens Locke, Schlingt den Kuß, den ſie entgegenbringt, Wenn verſpritzt auf dieſem Todesblocke Hoch mein Blut vom Rumpfe ſpringt.

Joſeph! Joſeph! auf entfernte Meilen Folge dir Louiſens Todtenchor, Und des Glockenthurmes dumpfes Heulen Schlage ſchrecklichmahnend an dein Ohr Wenn von eines Mädchens weichem Munde Dir der Liebe ſanft Geliſpel quillt, Bohr es plötzlich eine Höllenwunde In der Wolluſt Roſenbild!

Ha Verräther! Nicht Louiſens Schmerzen?

Nicht des Weibes Schande, harter Mann! ? Pr

Nicht das Knäblein unter meinem Herzen 2 Nicht was Löw' und Tieger ſchmelzen kaun?

ee, 70 e.

Seine Segel fliegen ſtolz vom Lande! Meine Augen zittern dunkel nach,

Um die Mädchen an der Seine Strande Winſelt er ſein Rs une

Und das giudlein . in der Mutter Soße Lag es da in ſüßer gold'ner Ruh, In dem Reitz der jungen Morgenxroſe Lachte mir der holde Kleine zu, Tödtlichlieblich ſprach aus allen Zügen Sein geliebtes theures Bild mich an, Den beklomm'nen Mutterbuſen wiegen Liebe und Verzweiflungswahn.

Weib, wo iſt mein Vater 2 lallte

Seiner Unſchuld ſtumme Donnerſprach', Weib, wo iſt dein Gatte? hallte

Jeder Winkel meines Herzens nach Weh, umſonſt wirft Waiſe du ihn ſuchen,

Der vielleicht ſchon and're Kinder herzt, Wirſt der Stunde unſ'res Glückes fluchen,

Wenn dich einſt der Nahme Vaſtard ſchwärzt.

Deine Mutter o im Buſen Hölle! Einſam ſitzt ſie in dem All der Welt, Durſtet ewig an der Freudenquelle, Die dein Anblick fürchterlich vergällt, Ach, mit jedem Laut von dir erklingen Schmerzgefühle des vergang'nen Glücks, Und des Todes bitt're Pfeile dringen Aus dem Lächeln deines Kinderblicks.

, 71 e Hölle, Hölle, wo ich dich vermiſſe, Hölle, wo mein Auge dich erblickt, Eumenidenruthen deine Küſſe, m Die von feinen Lippen mich entzückt, Seine Eide donnern aus dem Grabe wieder, Ewig, ewig würgt ſein Meineid fort, Ewig hier umſtrickte mich die Hyder Und vollendet war der Mord.“

Joſeph! Joſeph! auf entfernte Meilen 1 8 5 Jage dir der grimme Schatten nach ex Mög’ mit kalten Armen dich ereilen, IR Donn're dich aus Wonneträumen wach, Im Geflimmer ſanfter Sterne zucke Dir des Kindes graſſer Sterbeblick, Es begegne dir im blut'gen Schmucke, Geißle dich vom Paradies zurück.

Seht! da lag's entſeelt zu meinen Füßen, Kalt hinſtarrend, mit verworrnem Sinn SDah' ich feines Blutes Ströme fließen, Und mein Leben floß mit ihm dahin; Schrecklich pocht ſchon des Gerichtes Bothe, Schrecklicher mein Herz! Fregig eilt’ ich, in dem kalten Tode Aszulöſchen meinen Flammenſchmerz.

Joſeph!zott im Himmel kann verzeihen, Dir weint die Sünderinn. Meinen Gl will ich der Erde weihen, Schlage ramme durch den Holzſtoß hin

ene MOM Glücklich! Glücklich! Seine Briefe loderu, Seine Eibe frißt ein ſiegend Feu'n, Seine Küſſe! wie ſie hochauf lodern! Was auf Erden war mir einſt ſo theu'r? Trauet nicht den Roſen eurer 1 Trauet, Schweſtern, Männerſchwüren nie!“ Schönheit war die Falle ı meiner Tugend, Auf der Richtſtatt hier verfluch⸗ ich ſie! Zähren? Zähren in des Würgers Blicken? Syqnell die Binde um mein Angeſicht! Henker, kannſt du keine Lilie knicken? Bleicher Henker, zittre nicht!

- essen 7 3 .

Der Triumph der Liebe.

E ien e S y mn e.

Sarg durch die Liebe Götter durch die Liebe Menſchen Göttern gleich! Liebe macht den Himmel Himmliſcher die Erde Zu dem Himmelreich.

Einſtens hinter Pyrrhas Rücken, Stimmen Dichter ein, Sprang die Welt aus Felſenſtücken, Menſchen aus dem Stein,

Stein und Felſen ihre Herzen, Ihre Seelen Nacht,

Von des Himmels Flammenkerzen Nie in Gluth gefacht.

Noch mit ſanften Roſenketten Banden junge Amoretten Ihre Seelen nie 5 Noch mit Liedern ihren Buſen Huben nicht die weichen Muſen, Nie mit Saitenharmonie.

74 e Ach! noch wanden keine Kränze Liebende ſich um! Traurig flüchteten die Lenze

Nach Elyſium.

Ungegrüßet ſtieg Aurora

Aus dem Schooß des Meers, Ungegrüßet ſank die Sonne

In den Schooß des Meers.

Wild umirrten ſie die Hayne, Unter Lunas Nebelſcheine, Trugen eiſern Joch. Sehend an der Sternenbühne Suchte die geheime Thräne Keine Götter noch.

* * *

Und ſieh! der blauen Fluth entquillt Die Himmelstochter ſanft und mild, Getragen von Najaden Zu trunkenen Geſtaden.

Ein jugendlicher Mayenſchwung Durchwebt, wie Morgendämmerung, Auf das allmächt'ge Werde

Luft, Himmel, Meer und Erde.

Des holden Tages Auge lacht In düſt'rer Wälder Mitternacht,

u, 75 vessE Balſamiſche Narziſſen Blüh'n unter ihren Füßen.

Schon flötete die Nachtigall Den erſten Sang der Liebe, Schon murmelte der Quellen Fall In weiche Buſen Liebe.

Glückſeliger Pygmalion!

Es ſchmilzt! es glüht dein Marmor ſchon! Gott Amor Überwinder! umarme deine Kinder!

Selig durch die Liebe Götter durch die Liebe Menſchen Göttern gleich! Liebe macht den Himmel Himmliſcher die Erde Zu dem Himmelreich.

* *

Unter gold'nem Nektarſchaum

Ein wollüſt'ger Morgentraum Ewig Luſtgelage Flieh'n der Götter Tage.

Thronend auf erhab'nem Sitz Schwingt Chronion ſeinen Blitz,

Der Olympus ſchwankt erſchrocken, Wallen zürnend feine Locken

Göttern läßt er ſeine Throne, Niedert ſich zum Erdenſohne, 5 Seufzt arkadiſch durch den Hayn, Zahme Donner untern Füßen, Schläft, gewiegt von Ledas Küſſen, Schläft der Rieſentödter ein.

Majeſtät'ſche Sonnenroſſe Durch des Lichtes weiten Raum. Leitet Phöbos gold'ner Zaum,

Völker ſtürzt ſein raſſelndes Geſchoſſe; Seine weißen Sonnenroſſe, Seine raſſelnden Geſchoſſe

Unter Lieb' und Harmonie

Ha! wie gern vergaß er ſie!

Vor der Gattinn des Chroniden Beugen ſich die Uraniden, Stolz vor ihrem Wagenthrone. Brüſtet ſich das Pfauenpaar, | Mit der gold’nen Herrſcherkrone Schmückt ſie ihr ambroſiſch Haar.

Schöne Fürſtinn! ach die Liebe

Zittert mit dem ſüßen Triebe Deiner Majeſtät zu nah'n.

Und von ihren ſtolzen Höhen Muß die Götterköniginn

Um des Neiges Gürtel flehen,

Bey der Herzensfeßlerinn. * 4 *

Selig durch die Liebe

Götter durch die Liebe Menſchen Göttern gleich!

Liebe macht den Himmel Himmliſcher die Erde

Zu dem Himmelreich.

* D x

Liebe ſonnt das Reich der Nacht, Amors ſüßer Zaubermacht

Iſt der Orkus unterthänig, Freundlich blickt der ſchwarze König, Wenn ihm Ceres Tochter lacht, Liebe ſonnt das Reich der Nacht.

Himmliſch in die Hölle klangen Und den wilden Hüther zwangen Deine Lieder, Thrazier

Minos, Thränen im Geſichte, Milderte die Qualgerichte, Zaärtlich um Megärens Wangen, Küßten ſich die wilden Schlangen, Keine Geißel klatſchte mehr, Aufgejagt von Orpheus Leyer Flog von Tityon der Geyer,

7 78 ers

Leiſer hin am Ufer rauſchten

Lethe und Kozytus, lauſchten Deinen Liedern, Thrazier, Liebe ſangſt du, Thrazier.

Selig durch die Liebe Götter durch die Liebe Menſchen Göttern gleich! Liebe macht den Himmel Himmliſcher die Erde Zu dem Himmelreich.

Durch die ewige Natur

Düftet ihre Blumenſpur, Weht ihr gold'ner Flügel.

Winkte mir vom Mondenlicht

Aphroditens Auge nicht, Nicht vom Sonnenhügel,

Lächelte vom Sternenmeer

Nicht die Göttinn zu mir her, 5

Stern, und Sonn und Mondenlicht,

Regten mir die Seele nicht,

Liebe Liebe lächelt nur

Aus dem Auge der Natur Wie aus einem Spiegel!

Liebe rauſcht der Silberbach, Liebe lehrt ihn ſanfter wallen,

res 79 mu Seele haucht ſie in das Ach

Klagenreicher Nachtigallen Liebe Liebe liſpelt nur Auf der Laute der Natur.

Weisheit mit dem Sonnenblick,

Große Göttinn tritt zurück, Weiche vor der Liebe.

Nie Erobrern, Fürſten nie

Beugteſt du ein Sclavenknie, Beug' es jetzt der Liebe.

Wer die ſteile Sternenbahn Ging dir heldenkühn voran

Zu der Gottheit Sitze? Wer zerriß das Heiligthum, Zeigte dir Elyſium

Durch des Grabes Ritze? Lockte ſie uns nicht hinein, Möchten wir unſterblich ſeyn? Suchten auch die Geiſter Ohne ſie den Meiſter ?

Liebe Liebe leitet nur

Zu dem Vater der Natur, Liebe nur die Geiſter.

Selig durch die Liebe Götter durch die Liebe Menſchen Göttern gleich! Liebe macht den Himmel Himmliſcher die Erde Zu dem Himmelreich.

een 8 G we

Das verſchleyerte Bild z u Sais.

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Ein Jüngling, den des Wiſſeus heißer Durſt Nach Sais in Agypten trieb, der Prieſter Geheime Weisheit zu erlernen, hatte Schon manchen Grad mit ſchnellem Geiſt durcheilt, " Stets riß ihn ſeine Forſchbegierde weiter,

Und kaum beſänftigte der Hierophant

Den ungeduldig Strebenden. „Was hab' ich, Wenn ich nicht Alles habe, ſprach der Jüngling, Gibts etwa hier ein Weniger und Mehr? Iſt deine Wahrheit wie der Sinne Glück Nur eine Summe, die man größer, kleiner Beſitzen kann und immer doch beſitzt?

Iſt ſie nicht eine einz'ge, ungetheilte? Nimm einen Ton aus einer Harmonie, Nimm eine Farbe aus dem Regenbogen, Und alles was dir bleibt iſt Nichts, ſo lang Das ſchöne All der Töne fehlt und Farben.“

Indem ſie einſt ſo ſprachen ſtanden ſie In einer einſamen Rokonde ſtill, Wo ein verſchleyert Bild von Rieſengröße Dem Jüngling in die Augen fiel. Verwundert Blickt er den Führer an und ſpricht: Was iſt's Das hinter dieſem Schleyer ſich verbirgt? | „Die

, BL um „Die Wahrheit“, iſt die Antwort. Wie? ruft jener, Nach Wahrheit ſtreb' ich ja allein, und dieſe Gerade iſt es, die man mir verhüllt?

„Das mache mit der Gottheit aus, verſetzt Der Hierophant. Kein Sterblicher, ſagt ſie, Rückt dieſen Schleyer, bis ich ſelbſt ihn hebe. Und wer mit ungeweihter ſchuld'ger Hand Den heiligen, verboth'nen früher hebt, | Der, Spricht die Gottheit Nun? „Der ſieht dis Wahrheit.“ Ein ſeltſamer Orakelſpruch! Du ſelbſt Du hätteſt alſo niemahls ihn gehoben? „Ich 2 Wahrlich nicht! Und war auch nie dazu Verſucht“ Das faß ich nicht. Wenn von der Wahrheit Nur dieſe dünne Scheidewand mich trennte „Und ein Geſetz, fällt ihm ſein Führer ein. Gewichtiger mein Sohn, als du es meinſt, Iſt dieſer dünne Flor Für deine Hand Zwar leicht, doch Zentner ſchwer für dein Gewiſſen.“

Der Jüngling ging gedankenvoll nach Hauſe, Ihm raubt des Wiſſens brennende Begier | Den Schlaf, er wälzt ſich glühend auf dem Lager, Und rafft ſich auf um Mitternacht. Zum Tempel Führt unfreywillig ihn der ſcheue Tritt.

Leicht ward es ihm die Mauer zu erſteigen Und mitten in das Inn're der Rotonde 0 Trägt ein beherzter Sprung den Wagenden.

Schiller's Gedichte 2. Bd. F

, 82 version Hier ſteht er nun, und grauenvoll umfängt

Den Einſamen die lebenloſe Stille, Die nur der Tritte hohler Wiederhall In den geheimen Grüften unterbricht. Von oben durch der Kuppel Offnung wirft Der Mond den bleichen ſilberblauen Schein, Und furchtbar wie ein gegenwärt'ger Gott Erglänzt durch des Gewölbes Finſterniſſe In ihrem langen Schleyer die Geſtalt.

Er tritt hinan mit ungewiſſem Schritt, Schon will die freche Hand das Heilige berühren, Da zuckt es heiß und kühl durch ſein Gebein, Und ſtößt ihn weg mit unſichtbarem Arme. Unglücklicher, was willſt du thun? So ruft In ſeinem Innern eine treue Stimme.

Verſuchen den Allheiligen willſt du? |

Kein Sterblicher, ſprach des Orakels Mund,

Rückt dieſen Schleyer, bis ich ſelbſt ihn hebe.

Doch ſetzte nicht derſelbe Mund hinzu:

Wer dieſen Schleyer hebt, ſoll Wahrheit ſchauen.

Sey hinter ihm, was will! Ich heb' ihn auf.

(Er ruft's mit lauter Stimm’) Ich will fie ſchauen. N Schauen!

Gellt ihm ein langes Scho ſpottend nach.

Er ſpricht's und hat den Schleyer aufgedeckt. „Nun, fragt ihr, und was zeigte ſich ihm hier?“ Ich weiß es nicht. Beſinnungslos und bleich So fanden ihn am andern Tag die Prieſter Am Fußgeſtell der Iſis ausgeſtreckt.

383 vrneh Was er allda geſehen und erfahren, Hat ſeine Zunge nie bekannt. Auf ewig War ſeines Lebens Heiterkeit dahin, Ihn riß ein tiefer Gram zum frühen Grabe. „Weh dem” dieß war fein warnungsvolles Wort, Wenn ungeſtüme Frager in ihn drangen, „Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld, „Sie wird ihm nimmermehr erfreulich ſeyn.“

n 84

Die Weltweiſe n.

Der Satz, durch welchen alles en Beſtand und Form empfangen, Der Kloben, woran Zeus den Ring Der Welt, die ſonſt in Scherben ging, Vorſichtig aufgehangen, Den nenn' ich einen großen Geiſt, Der mir ergründet, wie er heißt, Wenn Ich ihm nicht drauf helfe Er heißt: Zehn iſt nicht Zwölfe.

Der Schnee macht kalt, das Feuer brennt, Der Menſch geht auf zwey Füßen, Die Sonne ſcheint am Firmament, Das kann, wer auch nicht Logik kennt, Durch ſeine Sinne wiſſen. Doch wer Metaphyſik ſtudiert, Der weiß, daß wer verbrennt, nicht friert, Weiß, daß das Naſſe feuchtet, Und daß das Helle leuchtet.

Homeruns ſingt fein Hochgedicht, Der Held beſteht Gefahren, Der brave Mann thut ſeine Pflicht, Und that ſie, ich verhehl es nicht, Eh' noch Weltweiſe waren;

urn 85 er Doch hat Genie und Herz vollbracht, Was Lock' und Des Cartes nie gedacht, Sogleich wird auch von dieſen Die Möglichkeit bewieſen.

Im Leben gilt der Stärke Recht, Dem Schwachen trotzt der Kühne, Wer nicht gebiethen kann, iſt Knecht, Sonſt geht es ganz erträglich ſchlecht Auf dieſer Erdenbühne.

Doch wie es wäre, fing der Plan Der Welt nur erſt von vornen an, Iſt in Moralſyſtemen

Ausführlich zu vernehmen.

„Der Menſch bedarf des Menſchenj! ſehr Zu ſeinem großen Ziele, Nur in dem Ganzen wirket er, Viel Tropfen geben erſt das Meer, Viel Waſſer treibt die Mühle. Drum flieht der wilden Wölfe Stand Und knüpft des Staates dauernd Band.“ So lehren vom Catheder Herr Puffendorf und Feder.

Doch weil, was ein Profeſſor ſpricht, Nicht gleich zu allen dringet, So übt Natur die Mutterpflicht, Und ſorgt, daß nie die Kette bricht, Und daß der Reif nie ſpringet.

or OO). nung Einſtweilen bis den Bau der Welt Philoſophie zuſammenhält, Erhält ſie das Getriebe Durch Hunger und durch Liebe.

reset 8 7 ,

Der ſpielende Knabe.

Spiele, Kind, in der Mutter Schooß! Auf der heili⸗ gen Inſel Findet der trübe Gram, findet die Sorge dich nicht, Liebend halten die Arme der Mutter dich über dem Abgrund, Und in das fluthende Grab lächelſt du ſchuldlos hinab, Spiele, liebliche Unſchuld! Noch iſt Arkadien um dich, Und die freye Natur folgt nur dem fröhlichen Trieb, Noch erſchafft ſich die üppige Kraft erdichtete Schranken, Und dem willigen Muth fehlt noch die Pflicht und

der Zweck, Spiele, bald wird die Arbeit kommen, die hag're, die ernſte, Und der gebiethenden Pflicht mangeln die Luſt und der Muth.

e 68 rege

Einer jungen Freundinn

ins Stammbuch.

Ein blühend Kind, von Grazien und Scherzen Umhüpft, fo Freundinn ſpielt um dich die Welt, Doch ſo, wie ſie ſich mahlt in deinem Herzen, In deiner Seele ſchönen Spiegel fällt,

So iſt ſie nicht. Die ſtillen Huldigungen, Die deines Herzens Adel dir errungen,

Die Wunder, die du ſelbſt gethan,

Die Reitze, die dein Daſeyn ihm gegeben,

Die rechneſt du für Reitze dieſem Leben,

Für ſchöne Menſchlichkejt uns an.

Dem holden Zauber nie entweihter Jugend, Dem Talisman der Unſchuld und der Tugend, Den will ich ſehn, der dieſem trotzen kann.

Froh taumelſt du im ſüßen Überzählen Der Blumen, die um deine Pfade blühn, Der Glücklichen, die du gemacht, der Seelen, Die du gewonnen haft, dahin.

Sey glücklich in dem lieblichen Betruge,

Nie ſtürze von des Traumes ſtolzem Fluge

Ein trauriges Erwachen dich herab.

Den Blumen gleich, die deine Beete ſchmücken,

RO er

So pflanze fie nur den entfernten Blicken! Betrachte ſie, doch pflücke ſie nicht ab. Geſchaffen, nur die Augen zu vergnügen, Welk werden ſie zu deinen Füßen liegen.

Je näher dir, je näher ihrem Grab!

N . 9 e 5

Die unuͤberwindliche Flotte.

Nach einem ältern Dichter.

Sie kömmt ſie kömmt, des Mittags ſtolze Flotte, Das Weltmeer wimmert unter ihr, Mit Kektenklang und einem neuen Gotte Und tauſend Donnern, naht ſie dir Ein ſchwimmend Heer furchtbarer Citadellen Der Ocean ſah ihres Gleichen nie) Unüberwindlich nennt man ſie, Zieht ſie einher auf den erſchrock'nen Wellen Den ſtolzen Nahmen weiht Der Schrecken, den fie um ſich ſpeyt. Mit majeſtätiſch ſtillem Schritte Trägt ſeine Laſt der zitternde Neptun, Weltuntergang in ihrer Mitte, Naht ſie heran und alle Stürme ruhn.

Dir gegenüber ſteht ſie da, Glückſelge Inſel Herrſcherin der Meere, Dir drohen dieſe Gallionenheere, | Großherzige Britannia.

Weh deinem freygebornen Volke! Da ſteht ſie, eine wetterſchwangre Wolke.

I e re Wer hat das hohe Kleinod dir errungen, Das zu der Länder Fürſtinn dich gemacht? Haſt du nicht ſelbſt von ſtolzen Königen gezwungen, Der Reichsgeſetze Weiſeſtes erdacht. Das große Blatt, das deine Könige zu Bürgern, Zu Fürſten deine Bürger macht? . Segel ſtolze Obermacht Haſt du ſie nicht von Millionen Würgern Erſtritten in der Waſſerſchlacht? Wem dankſt du ſie erröthet Völker dieſer Erde Wem ſonſt als deinem Geiſt und deinem Schwerte?

Unglückliche blick hin auf dieſe feuerwerfenden Ko— loſſen, Blick hin und ahne deines Ruhmes Fall, Bang' ſchaut auf dich der Erdenball, Und aller freyen Männer Herzen ſchlagen, Und alle gute ſchöne Seelen klagen | Theilnehmend deines Ruhmes Fall.

Gott der Allmächt'ge ſah herab, Sah deines Feindes ſtolze Löwenflaggen wehen, | Sah drohend offen dein gewiſſes Grab Soll, ſprach er, ſoll mein Albion vergehen, Erlöſchen meiner Helden Stamm, Der Unterdrückung letzter Felſendamm Zuſammenſtürzen, die Tyrannen wehre Vernichtet ſeyn von dieſer Hemiſphäre? Nie, rief er, ſoll der Freyheit Paradies, Der Menſchenwürde ſtarker Schirm verſchwinden!

rasen 92 r Gott der Allmächt'ge blies, Und die Armade flog nach allen Winden.

Die zwey letzten Verſe ſind eine Anſpielung auf die Medaille, welche Eliſabeth zum Andenken ihres Sieges ſchlagen ließ. Es wird auf derſelben eine Flotte vorgeſtellt, welche im Sturm untergeht, mit der beſcheidenen Inſchrift: Afflavit Deus et dissipati sunt.

Einem jungen Freunde

als er ſich der Welt weisheit widmete.

Schwere Prüfungen mußte der griechiſche Jüngling beſtehen, Eh' das Eleuſiſche Haus nun den Bewährten em: pfing. Biſt du bereitet und reif, das Heiligthum zu betreten, Wo den verdächtigen Schatz Pallas Athene ver— wahrt? Weißt du ſchon, was deiner dort harrt? Wie theuer du kaufeſt? Daß du ein ungewiß Gut mit dem gewiſſen bezahlſt? Fühlſt du dir Stärke genug, der Kämpfe ſchwerſten zu f 5 kämpfen, Wenn ſich Verſtand und Herz, Sinn und Gedanken entzweyn, Muth genug, mit des Zweifels unſterblicher Hydra zu

ringen, Und dem Feind in dir ſelbſt männlich entgegen zu gehn, Mit des Auges Geſundheit, des Herzens heiliger Un— ſchuld

Zu entlarven den Trug, der dich als Wahres verſucht?

5 Bar 9⁴ 6 1 N Fliehe, biſt du des Führers im eigenen Buſen nicht ſicher, Fliehe den lockenden Rand, ehe der Schlund dich

verſchlingt. Manche gingen nach Licht, und ſtürzten in tiefere Nacht Ä 1100 nur, | | Sicher im Dämmerſchein wandelt die Kindheit da⸗ hin.

Ausgeartetes Kind der beſſern menſchlichen Multer, Das mit des Römers Gewalt paaret des Tyriers Liſt! Aber jener beherrſchte mit Kraft die eroberte Erde, Dieſer belehrte die Welt, die er mit Klugheit beſtahl. Sprich, was rühmt die Geſchichte von dir? Wie der Rö— mer erwarbſt du Mit dem Eiſen, was du tyriſch mit Golde regietſt.

4 96 erser

Graf Eberhard der Greiner

E EeD g

Kriegs li e d.

Jor ihr dort außen in der Welt

Die Naſen eingeſpannt! Auch manchen Mann, auch manchen Held, Im Frieden gut, und ſtark im Feld

Gebar das Schwabenland.

Prahlt nur mit Karl und Eduard, Mit Friedrich, Ludewig. Karl, Friedrich, Ludwig, Eduard Iſt uns der Graf, der Eberhard, Ein Wetterſturm im Krieg.

*

Und auch ſein Bub', der Ulerich, War gern, wo's eiſern klang; Des Grafen Bub’ der Ulerich, Kein Fußbreit rückwärts zog er ſich, Wenns drauf und drunter ſprang—

e 97 num

Die Reutlinger auf unfern Glanz Erbittert, kochten Gift,

Und buhlten um den Siegeskranz,

Und wagten manchen Schwertertanz, und gürteten die Hüft

*

Er griff ſie an und ſiegte nicht, Und kam gepantſcht nach Haus,

Der Vater ſchnitt ein falſch Geſicht,

Der junge Kriegsmann floh das Licht, Und Thränen drangen raus.

Das wurmt ihm Ha! Ihr Schurken wart! Und trug's in ſeinem Kopf. Auswetzen, bey des Vaters Bart! Auswetzen wollt er dieſe Schart Mit manchem Städtlerſchopf.

Und Fehd entbrannte bald darauf Und zogen Roß und Mann

Bey Döffingen mit hellem Hanf,

Und heller ging's dem Junker auf, Und hurrah! heiß ging's an.

Und unſers Heeres Lofungswort

War die verlorne Schlacht Das riſſ' uns wie die Windsbraut fort, Und ſchmiſſ' uns tief in Blut und Mord g Und in die Lanzennacht. | Schillers Gedichte 2. Bd. h G

were GE wu Der junge Graf voll Löwengrimm Schwung ſeinen Heldenſtab, Wild vor ihm ging das Ungeſtüm, Geheul und Winſeln hinter ihm, Und um ihn her das Grab.

Doch weh! ach weh! ein Säbelhieb Sank ſchwer auf ſein Genick, Schnell um ihn her der Helden Trieb, Umſonſt! Umſonſt! erſtarret blieb

Und ſterbend brach ſein Blick.

Beſtürzung hemmt des Sieges Bahn, Laut weinte Feind und Freund

Hoch führt der Graf die Reiter an:

Mein Sohn iſt wie ein andrer Mann! Marſch! Kinder! In den Feind!

Und Lanzen ſauſen feuriger, Die Rache ſpornt ſie all, Raſch über Leichen ging's daher, Die Städtler laufen kreuz und quer Durch Wald und Berg und Thal.

Und zogen wir mit Hörnerklang Ins Lager froh zurück.

Und Weib und Kind im Rundgeſang

Beym Walzer und beym Becherklang Luſtfeyern unſer Glück.

ern 99 meer Doch unſer Graf mas thät er itzt? Vor ihm der todte Sohn. Allein in ſeinem Zelte ſitzt Der Graf, und eine Thräne blitzt Im Aug' auf ſeinen Sohn.

Drum hangen wir ſo treu und warm Am Grafen, unſerm Herrn.

Allein iſt er ein Heldenſchwarm,

Der Donner raft in feinem Arm, Er ift des Landes Stern,

Drum ihr dort außen in der Welt

Die Naſen eingeſpannt, Auch mauchen Mann, auch manchen Held, Im Frieden gut und ſtark im Feld,

Gebar das Schwabenland.

essın 100 ea

An den Frühling.

Wilkommen ſchöner Jüngling! Du Wonne der Natur! Mit deinem Blumenkörbchen Willkommen auf der Flur!

Ey! Ey! Da biſt ja wieder! Und biſt ſo lieb und ſchön!

Und freyn wir uns ſo herzlich, Entgegen dir zu gehn.

Denkſt auch noch an mein Mädchen? Ey lieber denke doch!

Dort liebte mich das Mädchen, Und 's Mädchen liebt mich noch!

Für's Mädchen manches Blümchen Erbath ich mir von dir

Ich komm' und bitte wieder, Und du? du gibſt es mir?

*

Willkommen ſchöner Jüngling!“ Du Wonne der Natur!

Mit deinem Blumenkörbchen Willkommen auf der Flur!

r. 101 r.

Oe Shi ak

Schwer und dumpfig, Eine Wetterwolke ;

Durch die grüne Eb'ne ſchwankt der Marſch. Zum wilden eiſernen Würfelſpiel

Streckt ſich unabſehlich das Gefilde,

Blicke kriechen niederwärts,

An die Rippen pocht das Männerherz, Vorüber an hohlen Todtengeſichtern Niederjagt die Front der Major,

Halt! Und Regimenter feſſelt das ſtarre Kommando.

Lautlos ſteht die Front.

Prächtig im glühenden Morgenroth

Was blitzt dorther vom Gebirge?

Seht ihr des Feindes Fahnen wehn?

Wir ſehn des Feindes Fahnen wehn,

Gott mit euch Weib und Kinder.

Luſtig! hört ihr den Geſang? Trommelwirbel, Pfeifenklang

Schmettert durch die Glieder,

Wie brauſt es fort im ſchönen wilden Takt! Und brauſt durch Mark und Bein.

ma 102 one

Gott befohlen Brüder! In einer andern Welt wieder.

Schon fleugt es fort wie Wetterleucht, Dumpf brüllt der Donner ſchon dort, Die Wimper zuckt, hier kracht er laut, Die Loſung brauſt von Heer zu Heer, Laß brauſen in Gottes Nahmen fort, Freyer ſchon athmet die Bruſt.

Der Tod iſt los ſchon wogt fi der Kampf, Eiſern im wolkigten Pulverdampf Eiſern fallen die Würfel.

Nah umarmen die Heere ſich,

Fertig! heult's von P'loton zu P'loton,

Auf die Kniee geworfen

Feur'n die Vordern, viele ſtehen nicht mehr auf, Lücken reißt die ſtreifende Kartetſche, |

Auf Vormanns Rumpfe ſpringt der Hintermann, Verwuſtung rechts und links und um und um Bataillone niederwälzt der Tod. |

Die Sonne löſcht aus heiß brennt die Schlacht, Schwarz brütet auf dem Heer die Nacht

Gott befohlen Brüder! 0

In einer andern Welt wieder.

Hoch ſpritzt an den Nacken das Blut, Lebende wechſeln mit Todten, der Fuß Strauchelt über den Leichnamen

ns 103 „Und auch du Franz?” „Grüße mein Lottchen Freund!“ Wilder immer wüthet der Streit, „Grüßen will ich“ Gott! Kameraden! ſeht Hinter uns wie die Kartetſche ſpringt! „Grüßen will ich dein Lottchen, Freund! „Schlumm're ſanft! wo die Kugelſaat „Regnet, ſtürz ich Berlaffner hinein.“

Hierher, dorthin ſchwankt die Schlacht, Finſt'rer brütet auf dem Heer die Nacht, Gott befohlen Brüder!

In einer andern Welt wieder.

Horch, was ſtrampft im Galopp vorbey? Die Adjutanten fliegen,

Dragoner raſſeln in den Feind, Und ſeine Donner ruhen.

Victoria Brüder!

Schrecken reißt die feigen Glieder, Und ſeine Fahne ſinkt

Entſchieden iſt die ſcharfe Schlacht,

Der Tag blickt ſiegend durch die Nacht! Horch! Trommelwirbel, Pfeifenklang! Stimmen ſchon Triumphgeſang!

Lebt wohl ihr gebliebenen Brüder!

In einer andern Welt wieder.

/

ern, 104 vum

Der Fluͤchtling.

Frisch athmet des Morgens lebendiger Hauch, Purpuriſch zuckt durch düſtrer Tannen Ritzen Das junge Licht, und äugelt aus dem Strauch, In gold'nen Flammen blitzen Der Berge Wolkenſpitzen, Mit freudig melodiſch gewirbeltem Lied Begrüßen erwachende Lerchen die Sonne, Die ſchon in lachender Wonne Jugendlich ſchön in Auroras Umarmungen glüht. * Sey Licht mir geſegnet! Dein Strahlenguß regnet Erwärmend hernieder auf Anger und Au. Wie ſilberfarb flittern Die Wieſen wie zittern ö Tauſend Sonnen im perlenden Thau!

In fäufelnder Kühle Beginnen die Spiele Der jungen Natur, Die Zephyre koſen Und ſchmeicheln um Roſen, Und Düfte beſtrömen die lachende Flur.

Wie hoch aus den Städten die Rauchwolken dampfen, Laut wiehern und ſchnauben und knirſchen und ſtrampfen

runs. 109 rum, Die Noſſe, die Farren, Die Wagen erknarren Ins ächzende Thal. Die Waldungen leben Und Adler, und Falken und Habichte ſchweben, Und wiegen die Flügel im blendenden Strahl.

Den Frieden zu finden, Wohin ſoll ich wenden Am elenden Stab? Die lachende Erde Mit Jünglingsgeberde Für mich nur ein Grab?

Steig empor, o Morgenroth, und röthe Mit purpurnem Kuſſe Hain und Feld, Säuſ'le nieder Abendroth und flöte Sanft in Schlummer die erſtorb'ne Welt. Morgen —ach! du rötheſt Eine Todtenflur, Ach! und du, o Abendroth! umflöteſt Meinen langen Schlummer nur,

* 106 .

Gruppe aus dem Tartarus.

Horch wie Murmeln des empörten Meeres, Wie durch hohler Felſen Becken weint ein Bach,

Stöhnt dort dumpfig tief ein ſchweres, leeres, Qualerpreßtes Ach!

Schmerz verzerret Ihr Geſicht, Verzweiflung ſperret Ihre Rachen fluchend auf. Hohl ſind ihre Augen ihre Blicke Spähen bang’ nach des Kozytus Brücke, Folgen thränend feinem Trauerlauf.

Fragen ſich einander ängſtlich leiſe:

Ob noch nicht Vollendung ſey? Ewigkeit ſchwingt über ihnen Kreiſe,

Bricht die Senſe des Saturns entzwey.

er e

Elyſium.

Vorüber die ſtöhnende Klage! Elyſiums Freudengelage 5 i Erſäufen jegliches Ach Elyſiums Leben Ewige Wonne, ewiges Schweben, Durch lachende Fluren ein flötender Bach.

Jugendlich milde Beſchwebt die Gefilde Ewiger May, Die Stunden entfliehen in goldenen Träumen, Die Seele ſchwillt aus in unendlichen Räumen, Wahrheit reißt hier den Schleyer entzwey.

Unendliche Freude

Durchwallet das Herz. Hier mangelt der Nahme dem trauernden Leide, Sanftes Entzücken nur heißet hier Schmerz.

Hier ſtrecket der wallende Pilger die matten Brennenden Glieder im ſäuſelnden Schatten, Leget die Bürde auf ewig dahin Seine Sichel entfällt hier dem Schnitter, Eingeſungen von Harfengezitter , Träumt er geſchnittene Halme zu ſehn.

ee 108 e Deſſen Fahne Donnerſtürme wallte, Deſſen Ohren Mordgebrüll umhallte, | Berge bebten unter deſſen Donnergang, Schläft hier linde bey des Baches Riefeln, Der wie Silber ſpielet über Kieſeln, Ihm verhallet wilder Speere Klang.

Hier umarmen ſich getreue Gatten, Küſſen ſich auf grünen ſammt'nen Matten Liebgekoſt vom Balſamweſt,

Ihre Krone findet hier die Liebe, Sicher vor des Todes ſtrengem Hiebe, Feyert fie ein ewig Hochzeitfeſt.

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rr 1 09 en

An, BIRNAG

T eium ich? Iſt mein Auge trüber a Nebelt's mir ums Anaefiht? Meine Minna geht vorüber? | Meine Minna kennt mich nicht? Die am Arme ſeichter Thoren Blähend mit dem Fächer ficht, Eitel in ſich ſelbſt verloren Meine Minna iſt es nicht.

Von dem Sommerhute nicken

Stolze Federn, mein Gefchent, Schleifen, die den Buſen ſchmücken ;

Rufen: Minna, ſey gedenk! Blumen, die ich ſelbſt erzogen,

Zieren Bruſt und Locken noch Ach die Bruſt, die mir gelogen!

Und die Blumen blühen doch!

Geh! umhüpft von leeren Schmeichlern! Geh! vergiß auf ewig mich. überliefert feilen Häuchlern Eitles Weib, veracht' ich dich. Geh! Dir hat ein Herz geſchlagen, Dir ein Herz, das edel ſchlug, Groß genug, den Schmerz zu tragen, Daß es einer Thörinn ſchlug.

*

110 ron

In den Trümmern deiner Schöne

Seh ich dich verlaſſen ſtehn, Weinend in die Blumenſcene

Deines Mays zurücke fehn. Schwalben, die im Lenze minnen,

Fliehen, wenn der Nordſturm weht, Buhler ſcheucht dein Herbſt von hinnen,

Einen Freund haſt du verſchmäht.

Die mit heißem Liebesgeitze Deinem Kuß entgegen flohn, Ziſchen dem erloſchnen Reitze, Lachen deinem Winter Hohn. Ha! wie will ich dann dich höhnen! Höhnen? Gott bewahre mich! Weinen will ich bitt're Thränen, Weinen, Minna! über dich.

en 111 nun

Das Gluͤck und die Weisheit.

Entzweit mit einem Favoriten

Flog einſt Fortun' der Weisheit zu: „Ich will dir meine Schätze biethen,

Sey meine Freundinn du!

Mit meinen reichſten ſchönſten Gaben Beſchenkt' ich ihn ſo mütterlich,

Und ſieh, er will noch immer haben, Und nennt noch geitzig mich.

Komm Schweſter, laß uns Freundſchaft ſchließen, Du marterſt dich an deinem Pflug,

In deinen Schooß will ich ſie gießen, Hier iſt für dich und mich genug.“

Sophia lächelt dieſen Worten, Und wiſcht den Schweiß vom Angeſicht; „Dort eilt dein Freund, ſich zu ermorden, Verſoͤhnet euch, ich brauch' dich nicht.“

e N 112 essen

Die berühmte Frau.

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eines Ehemanns an einen andern,

Beklagen ſoll ich dich 1 Mit Thränen bitt'rer Reue Wird Hymens Band von dir verflucht? Warum? Weil deine Ungetreue In eines andern Armen ſuchſt, Was ihr die deinigen verſagen? Freund, höre fremde Leiden an, Und lerne Deine leichter tragen.

Dich ſchmerzt, daß ſich in deine Rechte Ein zweyter theilt? Beneidenswerther Mann! Mein Weib gehört dem ganzen menſchlichen Geſchlechte— Vom Belt bis an der Moſel Strand, Bis an die Apenninenwand, Bis in die Vaterſtadt der Moden, Wird ſie in allen Buden feil gebothen, Muß ſie auf Diligencen, Packetbooten, Von jedem Schulfuchs, jedem Haſen, Kunſtrichterlich ſich muſtern laſſen, Muß ſie der Brille des Philiſters ſtehn,

Und

wm 115 . Und wie's ein ſchmutz'ger Ariſtarch befohlen, Auf Blumen oder heißen Kohlen Zum Ehrentempel oder Pranger gehn. Ein Leipziger daß Gott ihn ſtrafen wollte! Nimmt topographiſch ſie wie eine Feſtung auf, Und biethet Gegenden dem Publieum zu Kauf, Wovon ich billig doch allein nur ſprechen ſollte.

Dein Weib Dank den kanoniſchen Geſetzen! Weiß deiner Gattinn Titel doch zu ſchätzen, Sie weiß warum? und thut ſehr wohl daran. Mich kennt man nur als Ninons Mann. Du klagſt, daß, im Parterr' und an den Pharotiſchen, Erſcheinſt du, alle Zungen ziſchen? O Mann des Glücks! Wer einmahl das von fich Zu rühmen hätte! Mich, Herr Bruder, mich, Beſchert mir endlich eine Molkenkur Das rare Glück den Platz an ihrer Linken, Mich merkt kein Aug', und alle Blicke winken Auf meine ſtolze Hälfte nur.

Kaum iſt der Morgen grau, So kracht die Treppe ſchon von blau und gelben Röcken, Mit Briefen, Ballen, unfrankirten Päcken, Signirt: An die berühmte Frau. Sie ſchläft fo ſüß! Doch darf ich ſie nicht er „Die Zeitungen, Madam, aus Jena und Berlin!“ Raſch öffnet ſich das Aug’ der holden Schläferinn, Ihr erſter Blick fällt auf Recenſionen. Das ſchöne blaue Auge! Mir Nicht einen Blick! durchirrt ein elendes Papier,

Schillers Gedichte 2, Bd. 8

sen 114 wer (Laut hört man in der Kinderſtube weinen) Sie legt es endlich weg, und frägt nach ihren Kleinen.

Die Toilette wartet ſchon, Doch halbe Blicke nur beglücken ihren Spiegel, Ein mürriſch ungeduldig Drohn | Gibt der erſchrock'nen Zofe Flügel. Von ihrem Putztiſch ſind die Grazien entflohn, Und an der Stelle holder Amorinen Sieht man Erinnyen den Lockenbau bedienen.

Karoſſen raſſeln jetzt heran, Und Miethlakeyen ſpringen von den Tritten, Dem düftenden Abbé, dem Neichsbaron, dem Britten, Der nur nichts Deutſches leſen kann, Großing und Compagnie, dem g** Wundermann Gehör bey der Berühmten zu erbitten. Sin Ding, das demuthsvoll ſich in die Ecke drückt, Und Ehmann heißt, wird vornehm angeblickt. Hier darf ihr wird Dein Hausfreund ſo viel wagen? Der dümſte Fat, der ärmſte Wicht, Wie ſehr er ſie bewund' re, fagenz Und darf's vor meinem Angeſicht! Ich ſteh' dabey, und, will ich artig heißen, Muß ich ihn bitten, mitzuſpeiſen.

Bey Tafel, Freund, beginnt erſt meine Noth, Da geht es über meine Flaſchen! Mit Weinen von Burgund, die mir der Arzt verbot d, Muß ich die Kehlen ihrer Lober waſchen. Mein ſchwer verdienter Biſſen Brot

wein 115 m Wird hungriger Schmarotzer Beute; O dieſe leidige vermaledeyte Unſterblichkeit iſt meines Nierenſteiners Tod. Den Wurm an alle Finger welche drucken! Was, meinſt du, ſey mein Dank? Ein Achſelzucken, Ein Mienenſpiel, ein ungeſchliffenes Beklagen; Erräthſt du's nicht? O ich verſteh's genau! Daß dieſen Brillant von einer Frau Ein ſolcher Pavian davon getragen.

Der Frühling kommt. Auf Wieſen und auf Feldern Streut die Natur den bunten Teppich hin, Die Blumen kleiden ſich in angenehmes Grün, Die Lerche ſingt, es lebt in allen Wäldern. Ihr iſt der Frühling wonneleer. Die Sängerinn der ſüßeſten Gefühle, Der ſchöne Hayn, der Zeuge unſ'rer Spiele, Sagt ihrem Herzen jetzt nichts mehr. Die Nachtigallen haben nicht geleſen, Die Lilien bewundern nicht. Der allgemeine Jubelruf der Weſen Begeiſtert ſie zu einem Sinngedicht. Doch nein! Die Jahrszeit iſt ſo ſchön zum Reifen Wie drängend voll mags jetzt in Pyrmont ſeyn! Auch hört man überall das Karlsbad preiſen. Huſch iſt ſie dort in jenem bunten Reihn, Wo Ordensbänder und Doetorenkragen, Celebritäten aller Art, Vertraulich wie in Charons Kahn gepaart, Zur Schau ſich geben und zu Markte tragen,

H 2

nern 115 , Wo eingeſchickt von fernen Meilen, Zerriſſ'ne Tugenden von ihren Wunden heilen, Dort Freund o lerne dein Verhängniß preiſen! Dort wandelt meine Frau, und läßt mir ſteben Waiſen.

O meiner Liebe erſtes Flitterjahr! Wie ſchnell ach wie ſo ſchnell biſt du entflogen! Ein Weib, wie keines iſt, und keines war, | Mir von des Neitzes Göttinnen erzogen, Mit hellem Geiſt, mit aufgethanem Sinn Und weichen, leicht beweglichen Gefühlen, So ſah ich ſie, die Herzensfeßlerinn, Gleich einem Maytag, mir zur Seite ſpielen. Das ſüße Wort: Ich liebe dich! Sprach aus dem holden Augenpaare, So führt' ich ſie zum Traualtare, O wer war glücklicher als ich! Ein Blüthenfeld beneidenswerther Jahre Sah lachend mich aus dieſem Spiegel an, Mein Himmel war mir aufgethan. Schon ſah ich ſchöne Kinder um mich ſcherzen, In ihrem Kreis die ſchönſte fie, Die glücklichſte von allen ſie, Und mein, durch Seelenharmonie, Durch ewig feſten Bund der Herzen. Und nun erſcheint o mög' ihn Gott verdammen! Ein großer Mann ein ſchöner Geiſt. Der große Mann thut eine That! und reißt Mein Kartenhaus von Himmelreich zuſammen.

wre... LET. WDR Wen hab ich nun? Beweinenswerther Taufh Erwacht aus dieſem Wonnerauſch, EN Was iſt von dieſem Engel mir geblieben? Ein ſtarker Geiſt in einem zarten Leib, Ein Zwitter zwiſchen Mann und Weib, Gleich ungeſchickt zum Herrſchen und zum Lieben. Ein Kind mit eines Rieſen Waffen, f Ein Mittelding von Weiſen und von Affen! Um kümmerlich dem ſtärkern nachzukriechen, Dem ſch öneren Geſchlecht entfloh'n, Herabgeſtürzt von einem Thron, Des Neitzes heil'gen Myſterien entwichen, Aus Cythereas gold'nem Buch )) geſtrichen, Für einer Zeitung Gnadenlohn.

1

)Goldnes Buch; ſo wird in einigen itsfiänifchen Nepu⸗ pliken das Verzeichniß genannt, in welchem die adelichen Familien eingeſchrieben Heben,

I

ers 11 8 922

Die Große der Welt.

Die der ſchaffende Geiſt einſt aus dem Chaos ſchlug, Durch die ſchwebende Welt flieg ich des Windes Flug, Bis am Strande N Ihrer Wogen ich lande, Anker werf', wo kein Hauch mehr weht Und der Markſtein der Schöpfung ſteht.

Sterne ſah ich bereits jugendlich auferſtehn, eee Gangs durchs Firmament zu gehn, Sah ſie ſpielen Nach den lockenden Zielen, Irrend ſuchte mein Blick umher, Sah die Räume ſchon ſternenleer.

Anzufeuren den Flug weiter zum Reich des Nichts, Steur' ich muthiger fort, nehme den Flug des Lichts, Neblicht trüber Himmel an mir vorüber, Weltſyſteme, Fluthen im Bach, Strudeln dem Sonnenwanderer nach.

Sieh, den einſamen Pfad wandelt ein Pilger mir Raſch entgegen „Halt an! Waller, was ſuchſt du hier?“

6 119 nee» „Zum Geftade 6 Seiner Welt meine Pfade, Segle hin, wo kein Hauch mehr weht, Und der Markſtein der Schöpfung ſteht!““

„Steh! du ſegelſt umſonſt vor dir Unendlichkeit!“

Steh! du ſegelſt umſonſt Pilger! auchhinter mir Senke nieder Adlergedank dein Gefieder,

Kühne Seglerinn, Fantaſie,

Wirf ein muthloſes Anker hie.“

ern 120 re

Maͤn ner weuͤr de.

Js bin ein Mann! Wer iſt es mehr? Wer's ſagen kann, der ſpringe Frey unter Gottes Sonn' einher, Und hüpfe hoch und ſinge.

Zu Gottes ſchönem Ebenbild Kann ich den Stempel zeigen, Zum Born, woraus der Himmel quillt, Darf ich hinunter ſteigen.

und wohl mir, daß ichs darf und kann! Geht's Mädchen mir vorüber,

Ruft's laut in mir, du biſt ein Mann! Und küſſe ſie ſo lieber.

Und röther wird das Mädchen dann, Und's Mieder wird ihr enge,

Das Mädchen weiß, ich bin ein Mann, Drum wird ihr's Mieder enge.

Wie wird ſie erſt um Gnade ſchreyn, Ertapp' ich fie im Bade ?

Ich bin ein Mann, das fällt ihr ein, Wie fchrie fie ſonſt um Gnade!

reer 121 Wee

Ich bin ein Mann, mit dieſem Wert, Begegn' ich ihr alleine,

Jag' ich des Kaiſers Tochter fort, So lumpicht ich erſcheine.

Und dieſes gold'ne Wörtchen macht Mir manche Fürſtinn holde.

Mich ruft ſie habt indeſſen Wacht Ihr Buben dort im Golde!

Ich bin ein Mann, das könnt ihr fhon An meiner Leyer riechen,

Sie brauſt dahin im Siegeston, Sonſt würde ſie ja kriechen.

Aus eben dieſem Schöpferfluß, 3 Woraus wir Menſchen werden, Quillt Götterkraft und Genius,

Was mächtig iſt auf Erden.

Tyrannen haßt mein Talisman und ſchmettert ſie zu Boden, Und kann ers nicht, führt er die Bahn Freywillig zu den Todten.

Den Perſer hat mein Talisman Am Granikus bezwungen, Roms Wollüſtlinge Mann für Mann Auf deutſchen Sand gerungen.

1 122 wen Seht ihr den Römer ſtolz und kraus In Afrika dort ſitzen? Sein Aug' ſpeyt Feuerflammen aus, Als ſäht ihr Hekla blitzen.

Da kommt ein Bube wohlgemuth, Gibt manches zu verſtehen.

„Sprich, du hätt'ſt auf Karthago's Schutt Den Marius geſehen.“

So ſpricht der ſtolze Römersmann, Noch groß in ſeinem Falle.

Er iſt nichts weiter als ein Mann, Und vor ihm zittern alle.

Drauf thäten ſeine Enkel ſich Ihr Erbtheil gar abdrehen, Und huben jedermänniglich Anmuthig an zu krähen. a

Schmach dem komba biſchen Geſchlecht! Die Elenden, ſie haben

Verſcherzt ihr hohes Mänrerrecht, Des Himmels beſte Gaben.

und ſchlendern elend durch die Welt, Wie Kürbiſſe von Duben

Zu Menſchenköpfen ausgehöhlt, Die Schädel leere Stuben!

*

125 were Wie Wein von einem Chemikus Durch die Retort' getrieben. Zum Teufel iſt der Spiritus, . Das Phlegma iſt geblieben.

Und fliehen jedes Weibsgeſicht, Und zittern es zu ſehen

Und dürften ſie, und können nicht, Da möchten ſie vergehen.

Drum flieh'n ſie jeden Ehrenmann, Sein Glück wird ſie betrüben,

Wer keinen Menſchen machen kann, Der kann auch keinen lieben.

Drum tret ich frey und ſtolz einher Und brüſte mich und ſinge:

Ich bin ein Mann, wer iſt es mehr? Der hüpfe hoch und ſpringe.

ara 124 .

An einen Moraliſten. |

Was zürnſt du unſ'rer frohen Jugendweiſe, | Und lehr'ſt, daß Lieben Tändeln ſey?

Du ſtarreſt in des Winters Eife, Und ſchmäleſt auf den gold'nen May.

Einſt als du noch das Nymphenvolk bekriegteſt,

Ein Held des Karnevals den deutſchen Wirbel flogſt, Ein Himmelreich in beyden Armen wiegteſt,

Und Nektarduft von Mädchenlippen ſogſt!

Ha Seladon! Wenn damahls aus den Achſen Gewichen wär' der Erde ſchwerer Ball, Im Liebesknäul mit Julien verwachſen, Du hätteſt überhört den Fall!

*

O denk zurück nach deinen Roſentagen, Und lerne, die Philoſophie

Schlägt um, wie unſre Pulſe anders ſchlagen, Zu Göttern ſchaffſt du Menſchen nie.

Wohl, wenn ins Eis des klügelnden Verſtandes Das warme Blut ein bischen muntrer ſpringt, Laß den Vewohnern eines beſſern Landes, Was nie dem Sterblichen gelingt.

wie 125 era Bwingt doch der irdiſche Gefährte Den gottgebornen Geiſt in Kerkermanern ein, Er wehrt mir, daß ich Engel werde, Ich will ihm folgen Menſc zu ſeyn.

nen 126 um Das Spiel des Lebens.

Won ihr in meinen Kaſten ſehn? Des Lebens Spiel, die Welt im Kleinen, Gleich ſoll ſie eurem Aug' erſcheinen, Nur müßt ihr nicht zu nahe ſtehn, Ihr müßt ſie bey der Liebe Kerzen, Und nur bey Amors Fackel ſehn.

Schaut her! Nie wird die Bühne leer, Dort bringen ſie das Kind getragen, Der Knabe hüpft, der Jüngling ſtürmt einher, Es kämpft der Mann, und alles will er wagen.

Ein jeglicher verſucht ſein Glück, Doch ſchmal nur iſt die Bahn zum Rennen, Der Wagen rollt, die Axen brennen, Der Held dringt kühn voran, der Schwächling bleibt zurück, Der Stolze fällt mit lächerlichem Falle, Der Kluge überhohlt ſie alle.

Die Frauen ſeht ihr an den Schranken ſtehn, Mit holdem Blick, mit ſchönen Händen Den Dank dem Sieger auszufpenden,

—e— ——

*

Parabeln und Raͤthſel.

Von Perlen baut ſich eine Brücke Hoch über einen grauen See, Sie baut ſich auf im Augenblicke, Und ſchwindelnd ſteigt ſie in die Höh.

Der höchſten Schiffe höchſte Maſten Ziehn unter ihrem Bogen hin, Sie ſelber trug noch keine Laſten, Und ſcheint, wie du ihr nahſt, zu fliehn.

Sie wird erſt mit dem Strom, und ſchwindet So wie des Waſſers Fluth verſiegt.

So ſprich, wo ſich die Brücke findet, Und wer ſie künſtlich hat gefügt?

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Es führt dich meilenweit von dannen,

Und bleibt doch ſtets an ſeinem Ort, Es hat nicht Flügel auszuſpannen, |

Und trägt dich durch die Lüfte fort. Es iſt die allerſchnellſte Fähre,

Die jemahls einen Wandrer trug, Und durch das größte aller Meere

Trägt es dich mit Gedankenflug,

Ihm iſt ein Augenblick genug!

wer 129 sen

Auf einer großen Weide gehen Viel tauſend Schafe ſilberweiß,

Wie wir ſie heute wandeln ſehen Sah ſie der allerält'ſte Greis.

Sie altern nie und trinken Leben, Aus einem unerſchöpften Born, Ein Hirt iſt ihnen zugegeben Mit ſchön gebog'nem Silberhorn.

Er treibt ſie aus zu goldnen Thoren, Er überzählt ſie jede Nacht,

Und hat der Lämmer keins verloren, So oft er auch den Weg vollbracht.

Ein treuer Hund hilft ſie ihm leiten, Ein munt'rer Widder geht voran.

Die Heerde, kannſt du ſie mir deuten, Und auch den Hirten zeig’ mir an.

1

Schiller's Gedichte 2. Bde

Es ſteht ein groß geräumig Haus Auf unſichtbaren Säulen, Es mißt's und geht's kein Wand'rer aus, Und keiner darf drinn weilen. Nach einem unbegriff'nen Plan Iſt es mit Kunſt gezimmert, Es ſteckt ſich ſelbſt die Lampe an, Die es mit Pracht durchſchimmert. Es hat ein Dach, kryſtallenrein, Von einem einz'gen Edelſtein, Doch noch kein Auge ſchaute Den Meiſter, der es baute.

Zwey Eimer fieht man ab und auf In einem Brunnen ſteigen, Und ſchwebt der eine voll herauf, Muß ſich der and're neigen. Sie wandern raſtlos hin und her, Abwechſelnd voll und wieder leer, Und bringſt du dieſen an den Mund Hängt jener in dem tiefſten Grund, Nie können ſie mit ihren Gaben In gleichem Augenblick dich laben.

9 do

Kennſt du das Bild auf zartem Grunde,

Es giht ſich ſelber Licht und Glanz. Ein and'res iſts zu jeder Stunde,

Und immer iſt es friſch und ganz. Im engſten Raum iſts ausgeführet,

Der kleinſte Rahmen faßt es ein, Doch alle Größe, die dich rühret,

Kennſt du durch dieſes Bild allein.

Und kannſt du den Er Jftall mir nennen, Ihm gleicht an Werth kein Edelſtein, Er leuchtet ohne je zu brennen, Das ganze Weltall ſaugt er ein, Der Himmel ſelbſt ift abgemahlet In ſeinem wundervollen Ring, Und doch iſt, was er von ſich ſtrahlet, Noch ſchöner, als was er empfing,

Ein Gebäude ſteht da von uralten Zeiten, Es iſt kein Tempel, es iſt kein Haus, Ein Reiter kann hundert Tage reiten, Er umwandert es nicht, er reitets nicht aus-

Jahrhunderte ſind vorüber geflogen, Es trotzte der Zeit und der Stürme Heer, Frey ſteht es unter dem himmliſchen Bogen, Es reicht in die Wolken, es netzt ſich im Meer.

Nicht eitle Prahlſucht hat es gethürmet, Es dienet zum Heil, es rettet und ſchirmet, Seines Gleichen iſt nicht auf Erden bekannt, Und doch iſts ein Werk von Menſchenhand.

wu 134 wur

Unter allen Schlangen ift Eine, Auf Erden nicht gezeugt, Mit der an Schuelle keine, An Wuth ſich keine vergleicht.

Sie ſtürzt mit furchtbarer Stimme Auf ihren Raub ſich los, Vertilgt in Einem Grimme Den Reiter und ſein Roß.

Sie liebt die höchſten Spitzen, Nicht Schloß, nicht Riegel kann Vor ihrem Anfall ſchützen, Der Harniſch lockt ſie an.

Sie bricht wie dünne Halmen Den ſtärkſten Baum entzwey,

Sie kann das Erz zermalmen, Wie dicht und feſt es ſey.

Und dieſes Ungeheuer

Hat zwey Mahl nur gedroht Es ſtirbt im eig'nen Feuer,

Wie's tödtet, iſt es todt!

wur 135 .

Wir ſtammen, unſrer ſechs Geſchwiſter, Von einem wunderſamen Paar,

Die Mutter ewig ernſt und düſter, Der Vater fröhlich immerdar,

Von beyden erbten wir die Tugend,

Von ihr die Milde, von ihm den Glanz; So drehn wir uns in ew'ger Jugend

Um dich herum im Zirkeltanz.

Gern meiden wir die ſchwarzen Höhlen, Und lieben uns den heitern Tag,

Wir ſind es, die die Welt beſeelen Mit unſers Lebens Zauberſchlag.

Wir ſind des Frühlings luſt'ge Boten, Und führen ſeinen muntern Reihn, Drum fliehen wir das Haus der Todten,

Denn um uns her muß Leben feyn.

Uns mag kein Glücklicher entbehren, Wir ſind dabey, wo man ſich freut,

Und läßt der Kaiſer ſich verehren, Wir leihen ihm die Herrlichkeit.

*

BR 136 .

10.

Wie heißt das Ding, das Wenige ſchätzen, Doch zierts des größten Kaiſers Hand, Es iſt gemacht, um zu verletzen, Am nächſten iſt's dem Schwert verwandt.

Kein Blut vergießt's und macht doch tauſend Wun— den, | \ Niemand beraubt's und macht doch reich, Es hat den Erdkreis überwunden, Es macht das Leben ſanft und gleich.

Die größten Reiche hat's gegründet, Die ält'ſten Städte hat's erbaut, 5 Doch niemahls hat es Krieg entzündet, Und Heil dem Volk, das ihm vertraut!

nn 1 3 7 n

11.

Ich wohne in einem ſteinernen Haus, Da lieg ich verborgen und ſchlafe, Doch ich trete hervor, ich eile heraus, Gefodert mit eiſerner Waffe. Erſt bin ich unſcheinbar und ſchwach und klein, Mich kann dein Athem bezwingen, g Ein Regentropfen ſchon ſaugt mich ein, Doch mir wachſen im Siege die Schwingen, Wenn die mächtige Schweſter ſich zu mir geſellt, Erwachs' ich zum furchtbarn Gebiether der Welt.

————

ISA 138 S

12.

Ich drehe mich auf einer Scheibe,

Ich wandle ohne Raſt und Ruh, Klein iſt das Feld, das ich umſchreibe,

Du deckſt es mit zwey Händen zu Doch brauch ich viele tauſend Meilen,

Bis ich das kleine Feld durchzogen, Flieg ich gleich fort mit Sturmes Eilen,

Und ſchneller als der Pfeil vom Bogen.

re 1 30 EN

13.

Ein Vogel iſt es und an Schnelle Buhlt es mit eines Adlers Flug, Ein Fiſch iſt's und zertheilt die Welle,

Die noch kein größ'res Unthier trug, Ein Elephant iſt's, welcher Thürme Auf ſeinem ſchweren Rücken trägt, Der Spinnen kriechendem Gewürme Gleicht es, wenn es die Füße regt, Und hat es feſt ſich eingebiſſen Mit ſeinem ſpitzgen Eiſenzahn, So ſteht's gleichwie auf feſten Füßen Und trotzt dem wüthenden Orkan.

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Monin von unſ'rer Zeiten Schande, Ew'ge Schmachſchrift deiner Mutter Lande, Rouſſeaus Grab! gegrüßet ſeyſt du mir. Fried und Ruh den Trümmern deines Lebens, Fried und Ruhe ſuchteſt du vergebens, Fried und Ruhe fandſt du hier!

Wann wird doch die alte Wunde narben? Einſt war's finſter und die Weiſen ſtarben, Nun iſt's lichter und der Weiſe ſtirbt. Sokrates ging unter durch Sophiſten, Rouſſeau leidet, Rouſſeau fällt durch Chriſten,

Rouſſeau der arts Chriſten Menſchen wirbt.

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Punch lied

Vier Elemente

Innig geſellt Bilden das Leben, Bauen die Welt.

Preßt der Citrone Saftigen Stern, Herb iſt des Lebens Innerſter Kern.

Jetzt mit des Zuckers Linderndem Saft Zähmet die herbe Brennende Kraft.

Gießet des Waſſers Sprudelnden Schwall, Waſſer umfänget Nuhig das All.

Tropfen des Geiſtes Gießet hinein, Leben dem Leben Gibt er allein.

/

nern 142 rum Eh es verdüftet Schöpfet es ſchnell, Nur wenn er glühet, Labet der Quell.

en 1 43 .

Das Geheimniß der Reminiscenz.

An Laur a-

Ewig ſtarr an deinem Mund zu hangen, Wer enthüllt mir dieſes Gluthverlangen? Wer die Wolluſt, deinen Hauch zu trinken, In dein Weſen, wenn ſich Blicke winken, Sterbend zu verſinken?

Fliehen nicht, wie ohne Widerſtreben Eclaven an den Sieger fich ergeben, Meine Geifter hin im Augenblicke, Stürmend über meines Lebens Brücke, Wenn ich dich erblicke?

Sprich! Warum entlaufen ſie dem Meiſter? EN Suchen dort die Heimath meine Geifter, u Oder finden ſich getrennte Brüder Losgeriſſen von dem Band der Glieder a Dort bey dir ſich vi

Waren unſre Weſen ſchon verflochten? War es darum, daß die Herzen pochten? Waren wir im Strahl erloſchner Sonnen, In den Tagen lang verrauſchter Wonnen ö Schon in Eins zerronnen?

4 , 144 run Ja wir warens! Innig mir verbunden Warſt du in Ionen, die verſchwunden, Meine Muſe ſah es auf der trüben Tafel der Vergangenheit geſchrieben, Eins mit deinem Lieben

Und in innig feſtverbundnem Weſen, Alſo hab' ichs ſtaunend dort geleſen, Waren wir ein Gokt, ein ſchaffend Leben, Und uns ward, ſie herrſchend zu durchweben, Frey die Welt gegeben.

Uns entgegen goffen Nektarquellen— Ewig ſtrömend ihre Wolluſtwellen, Mächtig löſten wir der Dinge Siegel, Zu der Wahrheit lichtem Sonnenhügel

Schwang ſich unſer Flügel.

Weine Laura! Dieſer Gott iſt nimmer, Du und ich des Gottes ſchöne Trümmer, Und in uns ein unerſättlich Dringen, Das verlor' ne Weſen einzuſchlingen, W Gottheit zu beſchtwin ges

Darum, Laura, dieſes Gluthverlangen Ewig ſtarr an deinem Mund zu hangen, Und die Wolluſt, deinen Hauch zu trinken, In dein Weſen, wenn ſich Blicke winken, Sterbend zu verſinken.

un 145 wm Darum fliehn, wie ohne Widerſtreben Sclaven an den Sieger ſich ergeben, Meine Geiſter hin im Augenblicke, Stürmend über meines Lebens Brücke, Wenn ich dich erblicke.

Darum nur entlaufen ſie dem Meiſter, Ihre Heimath ſuchen meine Geiſter, Losgerafft vom Kettenband der Glieder Küſſen ſich die langgetrennten Brüder Wiederkennend wieder.

Und auch du da mich dein Auge ſpähte, Was verrieth der Wangen Purpurröthe? Floh'n wir nicht als wären wir verwandter, Freudig, wie zur Heimath ein Verbannter, Glühend an einander ?

Schiller's Gedichte 2. Bd. K

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5

een 146 vowen Di d o.

a . Min Freye Überſetzung des vierten Buchs der Aneide.

1.

Doch lange ſchon im ſtillen Buſen nährt Die Königinn die ſchwere Liebeswunde, Ergriffen tief hat ſie des Mannes Werth, Des Volkes Glanz und feines Nuhmes Kunde,

An ſeinen Blicken hängt fe, feinem Munde,

Und leiſe ſchleichend an dem Herzen zehrt

Ein ſtilles Feuer, es entfloh der Friede,

Der goldne Schlaf von ihrem Augenliede. 2.

Kaum zog Aurorens Hand die feuchte Schattenhülle Vom Horizont hinweg, als ihres Buſens Fülle

Ins gleichgeſtimmte Herz der Schweſter überwallt.

Ach, welche Zweifel finds, die ſchlaͤflos mich durchbohren! Geliebte, welcher Gaſt zog ein zu unſern Thoren,

Wie edel! Welche männliche Geſtalt! '

Wie groß fein Muth! Sein Arm wie tapfer im Gefechte! Gewiß er ſtammt von göttlichem Geſchlechte.

9 3. Durch welche Prüfung ließ das Schickſal ihn nicht gehn!

Gemeine Seelen wird das feige Herz verklagen,

*

nahe RÄT wor Du höͤrteſt, welche Schlachten er geſchlagen! Ja könnte Liebe je in dieſer Bruſt erſtehn, Seit mein Sichäus in das Grab geſtiegen, Und wäre mein Entſchluß, mein Abſcheu zu beſiegen An Hymens Banden Soll ich dirs geſtehn?

Der Einz'ge könnte ſchwach mich ſehn.

4.

Ja Anna, ohne Nückhalt ſoll vor dir |

Das Herz der Schweſter ſich erſchließen! Seitdem ein Brudermord Sichäus mir,

Der meine erſte Liebe war, entriſſen,

Seit meiner Flucht war dieß der erſte Mann, Der meinem Herzen Neigung abgewann,

Der erſte, ſag ich dir, der mich zum Wanken brachte, Neu ijt die Gluth erwacht, die einſt mich ſelig machte. 5,

Doch eher ſchlinge Tellus mich hinab, | tich ſchleudre Jovis Blitz hinunter zu den Schatten, Zu des Avernus bleichen Schatten, Hinunter in das ewig finſtre Grab, Eh daß ich deine heiligen Geſetze, Schamhaftigkeit „und meinen Eid verletze! Er nahm mein Herz dahin, ihm wars zuerſt geweiht, Sein bleibts in alle Ewigkeit. * 8 6. Sie ſprichts, und ihren Schooß bethauen milde hen O! über alles mir Geliebte, gibt ia r K 2

wa 148. we Die Schweſter ihr zurück. Allein und ungeliebt Willſt du verblühn, den Kummer ewig nähren? Die Wonne, die aus holden Kindern lacht, Der Venus ſüße Freuden dir verſagen? Nach ſolchen Opfern, meinſt du, fragen Die Todten in des Abgrunds Nacht?

7.

Und ſey's! Hat denn der vielen Freyer einer

Dein kummerkrankes Herz zur Liebe je geneigt?

Von allen kriegeriſchen Fürſten keiner,

Die Afrika in feinem Schooß gezeugt.

Selbſt der, vor dem die Libyer erbeben,

Den Tyrus längſt gehaßt, ſelbſt Jarbas konnt es Br Und einer Neigung willft du widerſtreben,

Für die dein Herz ſo mächtig ſpricht?

8.

Vergaßeſt du, wo du dich eingewohnet,

Daß ohne Zaum hier der Numider jagt,

Der unbezwung'ne Getuler hier thronet,

Die Syrte dort die Landung dir verſagt,

Hier unwirthbare Wüſten dich umgrauſen,

Dort der Barzäer wilde Völker hauſen,

Der Bruder ſelbſt, def Habſucht du entflohn, Und Tyrus Waffen dich von Oſten her bedrohn?

9.

Glaub mir, die Götter, die dich lieben, Lucina ſelber war's, die an Karthago's Strand

149 Die Schiffe dieſer Fremdlinge getrieben. Welch eine Stadt ſeh ich durch dieſes Eheband, Welch einen Thron, o Schweſter, ſich erheben! Zu welchen ſtrahlenvollen Höhn Wird der Karthager Nahme ſchweben, Wenn ſolche Helden uns zur Seite ſtehn!

10.

Verſöhne du nur erſt der Götter Zorngericht

Durch friſcher Opfer Blut. Die Fremdlinge zu halten, Laß königlich des Gaſtrechts Fülle walten,

An Gründen, ſie zu feſſeln, fehlt es nicht.

Seht die zerbrochnen Schiff! Seht wie die Nebel rauchen, Die See noch ſtürmt, Orion Regen zieht!

So wußte die zur Gluth den Funken aufzuhauchen, Die Hoffnung naht und das Erröthen flieht.

Jetzt fragt ſie das Geſchick an blutigen Altären.

Dir Phöbus, der das Künftige enthüllt,

Dir, Städtegründende Demeter, quillt

Zweyjähr'ger Rinder Blut, dir Bromius zu Ehren, Vor allen Juno dir, der Ehen Schützerinn.

Vor dem Altar ſieht man die Schönſte aller Frauen, Den Becher in der Hand, Karthago's Königinn,

Des weißen Nindes Haupt mit heil'ger Fluth bethauen.

12.

Bald geht ſie vor der Götter Angeſicht An den noch dampfenden Altären auf und nieder,

wm 150 K er die ſchon Beſchenkten wieder N Und forſcht, was rauchend noch das Eingeweide h 0 Bethörtes Sehervolk! Befreyen 5 Gebeth und Opfer wohl das ſchwerbefang'ne Herz? Am innern Mark zehrt der verhehlte Schmerz und ſpottet eurer Träumereyen.

13.

Der Flammen unheilbare Pein

Treibt fie, die Tyrerſtadt im Wahnſinn zu durcheilen, So flieht die Hindinn, die in Kreta's Hayn

Mit zwecklos abgeſchoſſ'nen Pfeilen

Der ferne Jäger traf. In ihrem Fleiſch das Rohr Des Todes, das der Feind verlor, TEN

Bethaut ſie die durcheilten Felder

Mit ihrem Blut und Diktys finſtre Wälder.

14.

Jetzt führt ſie durch Karthago ihren Gaſt,

Zeigt prahlend ihm der Mauren ſtolze Laſt,

Und läßt vor ſeinem Blick die Größe Sidons prangen. Ein flüchtiges Geſpräch wird ſchüchtern angefangen, | Schnell reißt die Furcht es wieder ab. Kaum bricht Der Abend ein, ſo winkt das Mahl; ſie fodert

Von Trojens Fall auf's neu von ihm Bericht,

Und nährt die Gluth, die in dem Herzen lodert.

15.

z

Trennt endlich fie der ſtrenge Ruf der Nacht, Und winkt der Sterne ſinkend Licht zum Schlummer,

een 1351 voran So nährt ie einſam ihren Kummer, Und ſein verlaßnes Polſter wird bewacht. Abweſend hört ſie ihn, verſchlingt ſie ſeine Züge, Herzt in Askan des theuren Vaters Bild, Ob ſie vielleicht die Leidenſchaft betrüge, Die glühend ihren Buſen füllt.

16.

Der Thürme hochgeführte Laſten

Erlahmen bald in ihrem muntern Lauf,

Kein Wall, kein Giebel ſteigt mehr auf,

Und tauſend fleiß'ge Hände raſten.

Der Jugend müß'ger Arm entwöhnt ſich von dem Speer, Im Hafen tönt kein Hammer mehr, g

Und unvollendet trauert das Gerüſte,

Das prahlend ſchon die Wolken küßte.

17.

Als Zeus Gemahlinn ſie von Liebesflammen brennen, Und ſelbſt des Rufes Stimme trotzen ſah,

Begann fie jo zur ſchönen Cypria:

Glorwürdiges man muß bekennen!

Habt ihr vollbracht, du und dein wackrer Sohn

Mit reichem Raub zieht ihr davon!

Ein wahres Heldenwerk, ein Weib zu überliſten! Werth, daß zwey Götter ſich mit ihrer Allmacht rüſten!

18.

So ſcheint es doch, man habe meinen Sitzen vs . Und meiner Puner Treu nicht ſonderlich getraut?

152 Doch wo das Ziel? Wozu in Kämpfen uns en Laß Friede ſeyn, und Dido werde Braut. Du haſt's erreicht, fie liebt, fie raſ't von Liebesflammen. Sey's denn. Sie werde dieſes Phrygers Magd, Dir ſey der Tyrer Volk zum Mitgift zugeſagt, Wir beyde ſchützen es zuſammen.

19.

Idalia durchdrang der Rede liſt'gen Sinn,

Das Reich Heſperiens, den Teukriern entriſſen,

In Libyens Gränzen einzuſchließen,

Und ſchlau erwiedert ihr der Schönheit Königinn: Wer wäre Thor genug, mit deiner Macht zu ſtreiten, Und dein Erbiethen feindlich zu verſchmähn?

Nur müßte, was durch uns geſchehn,

Das Glück zum guten Ende leiten.

20.

Zu wenig bin ich ſelbſt mit dem Geſchick vertraut,

Doch wird es Jupiter geſtatten,

Daß der Trojaner an den Tyrer baut,

Daß beyde Stämme ſich in Eins zuſammen gatten, Zu Einem Volk vereint durch ew'gen Bund 2

Du, ſeine Gattinn, magſt dich bittend an ihn wenden, Neig ihn durch deinen hochberedten Mund, Ich will das übrige vollenden.

21.

Darüber laß Saturnien gewähren, Gibt ihr des Himmels Königinn zurück—

ee 153 vorn Doch, wie dieß dringende Geſchäft mit Glück Zu enden ſey, laß mich vor allem dich belehren. Sobald der erſte Morgen tagt Und Titans Strahleu kaum die junge Welt beſcheinen, Führt in den nächſtgeleg'nen Haynen Die Liebestrunkene den Teukrer auf die Jagd.

22.

Wenn das Geſchwader nun auf flügelſchnellen Roffen Dahinſchwebt, mit dem Garn das Wildgeheg umzäunt, Send' ich von oben her, vermengt mit ſchwarzen Schloſſen, Ein Ungewitter ab; der ganze Himmel ſcheint

Im Wolkenbruch herabgefloſſen,

Durch die zerriſſ'nen Lüfte kracht

Mein Donner, und Gewitternacht

Trennt von dem Fürſtenpaar die fliehenden Genoſſen.

E

In einer Grotte wird alsdann die Königinn

Mit dem Trojaner ſich zuſammen finden,

Dort werd ich gegenwärtig ſeyn, und, bin

Ich deiner nur gewiß, auf ewig ſie verbinden.

Dort kröne Hymen ihrer Herzen Bund!

Ihr winkt die Andre zu mit hochzufriednen Blicken, Ein Lächeln ſchimmert um der Göttinn Mund, Daß ihr's geglückt, die Feindinn zu berücken.

24.

Indeß war Ess leuchtendes Geſpann Aus blauer Wogen Schooß geſtiegen,

vorn YA eee Beym erſten Gruß der Göttinn fliegen Karthago's Pforten auf, es fluthen Roß und Mann In munterm Schwarm laut lärmend durch die Felder, Das weite Garn, den Jagdſpieß in der Hand, Kommt der Maſſylier im Flug daher gerannt, Es ſchnaubt der Doggen Spürkraft durch die Wälder.

25.

Am Eingang des Pallaſtes harrt Der Königinn, die noch am Putztiſch ſäumet, Der Puner Fürſtenſchaar, und an den Stuffen ſcharrt ; In Gold und Purpur prächtig aufgezäumet, Das ſtolze Roß der edeln Jägerinn, Und knirſcht voll Ungeduld in die beſchäumten Zügel. Auf thun ſich endlich des Pallaſtes Flügel, mringt von Volk erſcheint Karthago's Köni ginn.

26.

Ein tyriſch Oberkleid, geſchmückt

Mit buntem Saum, umfließt die ſchönen Glie der, Durch ihre Locken iſt ein gold'nes Netz geſtrickt,

Vom Kücken ſchwankt der volle Köcher nieder,

Von gold'nen Hacken wird der Purpur aufg efuüpft. Ihr folgt der Phryger Schaar, mit kind'ſchem Jubel hüpk Askan voraus, und alle zu verdunkeln

Sieht man Aneen ſelbſt im mittlern Reihen funkeln.

27.

So wenn Apoll zu Delos heim'ſchem Herd Von feinem Winterſitz am Xanthus wiederkehrt

*

geen 155 ERS Da lebt Geſang und Tanz! die feſtlichen Altäre umjauchzt der Agathyrſen bunte Schaar,

Der Kreter, der Dryopen Heere.

Er ſelbſt, den zarten Zweig des Lorbeers in dem Haar,

Durch deſſen Wellen ſich ein gold'nes Band gezogen,

Steigt von des Cynthus Höhn, und ihn umraufcht der Bogen.

28.

So majeſtätiſch zog Aneas jetzt heran.

Kaum hatte man der Berge Höh'n erſtiegen,

Kaum aufgeſcheucht das Wild auf unwegſamer Bahn, So werfen Gemſen ſich und wilde Ziegen

Im Sprung vom ſteilen Fels, und vom Gebirge fliegen Durch der Gefilde weiten Plan

Der Hirſche ſcheue Heerden, von den Wogen

Des aufgerührten Staubs den Blicken bald entzogen.

29.

Den raſchen Renner tummelt ab und auf

Askan im tiefen Thal, mit kindiſchem Vergnügen,

Bemüht, in vogelſchnellem Lauf |

Jetzt dieſen, jenen dann wetteifernd zu befiegen. _

Wie feurig lechzt ſein junger Muth

Zu treffen auf des Ebers Wuth,

Und einmahl doch in dieſem ſcheuen Haufen

Auf einen Löwen anzulaufen! 30.

Indeſſen kracht des Himmels ganzer Plan Von fürchterlichen Donnerſchlägen,

155 Auf ſchwarzen Flügeln bringt ein heulender Orkan Goborſtner Wolken Fluth, des Hagels finſtern Regen. Erſchrocken fliehen auf zerſtreuten Wegen Die Punier, die Teukrer mit Askan, In Klüften ſich, in Höhlen einzuſchließen, Indem von Bergen ſchon ſich Wetterbäche gießen.

31.

In Einer Felſenkluft, Eliſa, findeſt du

Mit dem Trojaner Fürſten dich zuſammen,

Dem Bräutigam führt Juno ſelbſt dich zu,

Und Mutter Tellus winkt. Der Horizont in Flammen“ Bezeugt den unglückſel'gen Liebesbund,

Statt Hochzeitfackeln leuchten dir die Blitze,

Und heulend ſtimmt der Oreaden Mund

Dein Brautlied an auf hoher Felſenſpitze.

32.

Der Fürſtinn Glück entfloh mit dieſem Tag. Nichts kann aus ihrem Taumel ſie erwecken, Nicht das verklagende Gerücht vermag

Aus ihrer Trunkenheit die Raſende zu ſchrecken. Jetzt kein Gedanke mehr, in ſcheuer Heimlichkeit Des Herzens Gluth der Neugier zu entrücken, Der Ehe heilgger Nahme wird entweiht,

Die Schuld der Leidenſchaft zu ſchmücken.

83.

Alsbald macht das Gerücht ſich auf, Die große Poſt durch Lybien zu tragen.

reren 157 rer

Wer kennt ſie nicht? Die Kräfte ſchöpft im Lauf,

Der Weſen flüchtigſtes, die ſchnellſte aller Plagen.

Klein zwar vor Furcht kriecht ſie aus des Erſinders Schooß, Ein Wink und ſie iſt rieſengroß,

Berührt den Staub mit ihrer Sohle,

Mit ihrem Haupt des Himmels Pole.

34.

Das ungeheure Kind gebar einſt Tellus Wuth,

Zu rächen am Olymp den Untergang der Brüder,

Die jüngſte Schweſter der Giganten Brut,

Behend im Lauf, mit flüchtigem Gefieder.

Groß, ſcheußlich, fürchterlich! So viel es Federn trägt, Mit ſo viel Ohren kann es um ſich lauſchen,

Durch ſo viel Augen ſieht's, ſo viele Rachen reckt

Es auf, mit fo viel Zungen kann es rauſchen.

35.

Winkt Hekate die laute Welt zur Ruh,

So fliegt'es brauſend zwiſchen Erd und Himmel, Kein Schlummer ſchließt ſein Auge zu.

Am Tage ſucht's der Städte rauſchendes Getümmel,

Da pflanzt es horchend ſich auf hoher Thürme Thron, Und ſchreckt die Welt mit ſeinem Donnerton, ' So eifrig, Läſterung und Lügen feſt zu halten,

Als fertig, Wahrheit zu entfalten.

36.

Jetzt brannt es ſchadenfroh, die maunichfachſten Sagen, Wahr oder falſch, gleichviel! durch uybien zu ſtreun.

nen 158 vera Ein trojiſcher Aneas ſoll gekommen ſeyn, Der ſchönen Dido“ Hand im Raub davon zu tragen, Zerfließen ſoll in üppigen Gelagen Die lauge Winterzeit dem ſchwelgeriſchen Paar, Vergeſſen fie, fein Reich zu ſchirmen vor Gefahr, Er, neue Kronen zu erjagen.

37.

Zu Jarbas nimmt das Unthier ſeinen Lauf,

Weckt in des Königs Bruſt die alten Liebesflammen, Und thürmt des Zornes Donnerwolken auf.

Es rühmt ſich dieſer Fürſt von Ammon abzuſtammen, Dem die entführte Garamantis ihn gebar; . Des Stifters hohe Abkunft zu bezeugen,

Sieht man in ſeinem Reich unzähl'ge Tempel ſteigen, Und hundertfach erhebt ſich Zevs Altar.

38.

Des Vaters hoher Gottheit leuchtet Ein ewig waches Feu'r, von Prieſtern angefacht, j Stets iſt des Gottes Herd von Opferblut befeuchtet, Indem das Heiligthum von bunten Kränzen lacht. Hier war's, wo jetzt durchdonnert vom Gerüchte, Und überwältigt von des Zornes Laſt,

Der Fürſt ſich niederwarf vor Ammons Angeſichte, Und flehend ſo zum Himmel raſ't: i

39.

Das duldeſt du, ruft er, mit allen deinen Blitzen, Allmächt'ger Zevs, den Lybien verehrt?

= Dr 159 e Dem wir auf prächt'gen Polſterſitzen Beym frohen Mahl der Traube Blut verſprützen? So iſts ein Irrlicht nur, was durch die Wolken fährt? So zittern wir umſonſt vor deinem Dounerkeile ? So iſts ein leerer Schall, ein nichtiges Geheule, Was unſer bebend Ohr dort oben rauſchen hört?

40.

Ein ſtüchtig Weib, bedrängt, ein Obdach nur zu finden, Erſcheint in meinem Reich. Auf halb geſchenktem Strand Gelingts ihr endlich eine Stadt zu gründen,

Die Ufer geb ich ihr zum Ackerland,

Schenk' ihr großmüthig alle Fürſtenrechte,

Erröthe nicht, um ihre Hand zu freyn

Umſonſt! Ein Flüchtling kommt aus trojiſchem Geſchlechte, Den nimmt ſie auf, deß Sclavinn will ſie ſeyn.

41.

Und dieſer Weiberheld mit ſeiner Knabenſchaar, Herausgeſchmückt mit ſeiner lyd'ſchen Mütze, Unwiderſtehlich durch ſein ſalbentriefend Haar, Genießt nun feines Naubs in ihrem Fürſtenjtze. Und wir, die mit verſchwenderiſcher Hand

Das Fleiſch der Ninder dir geſchlachtet,

Gefürchtet über Meer und Land,

Wir werden ungeſtraft verachtet!

42.

Erhörung findet er vor Ammons Augeſicht— Der blickt nach Tyrus Stadt, wo reich durch ihre Herzen

were e Der Schmähſucht Pfeil die Liebenden verſchmerzen, Winkt dann vor feinen Thron Eyllenius und ſpricht: Wohlan mein Sohn! Laß dich die Winde niederſchwingen Zu dem Dardanier, der in Karthago ſäumt, | Und den verheißnen Thron im Arm der Luſt verträumt, Und eile mein Geboth zu ſeinem Ohr zu bringen.

43. Nicht, wie man jetzt ihn überraſcht, verhieß Ihn ſeine Mutter mir, die Göttinn von Cythere, Nicht daß er ſchwelgen ſollt' in Tyrus Stadt, entriß Sie zwey Mahl ihn der Myrmidonen Speere. Das kriegeriſche Land, der Reiche künft'ges Grab, Italien ſollt er regieren, Verherrlichen den Stamm, der ihm den Urſprung gab, Und die bezwung'ne Welt in Selavenketten führen.

44.

Kann ſolcher Größe Glanz ſein Herz nicht mehr beleben, Will er für eignen Ruhm den Arm nicht mehr erheben, Warum mißgönnt er ſeinem Sohn

Unväterlich der Römer Thron?

Was iſt ſein Zweck? was hält in Tyrus ihn vergraben, Wo ein verjährter Haß den Untergang ihm droht?

Er ſegle fort. Er ſegle, will ich haben,

Das iſt mein ernſtliches Geboth.

45.

Er ſprichts, und was der große Vater ihm befohlen, Läßt jener ſchleunig in Erfüllung gehn. | Erſt

r 161 rw Erſt knüpft er an den Fuß die gold'nen Flügelſohlen, Die reißend mit des Sturmes Wehn Ihn hoch weg führen über Meer und Land, Faßt dann den Stab, der einwiegt und erwecket, Der die Verſtorb'nen führt zu Lethes ſtillem Strand, Zurückbringt, und das Aug mit Todesnacht bedecket.

46.

Mit dieſem Stab gebeut er dem Orkan,

Durchſchwimmt der Wolken Meer und lenkt der Stürme Wagen.

Jetzt langt er bey der Stirn des rauhen Atlas an,

Und ſieht im Fluge ſchon die ſchweren Schultern ragen

Die hoch und ſteil den Himmel tragen.

In der Gewölke ſchwarzem Küſſen ruht

Sein fihtenftarres Haupt, jetzt von des Hagels Wuth

Gepeitſcht, jetzt von der Winde Grimm geſchlagen.

47. Die Achſel deckt ein ew'ger Schnee. Es ſtarrt Von tauſendjährgem Eis umfangen, Des Greiſen ſchauervoller Bart, Und Wetterbäche waſchen ſeine Wangen. Hier hält Merkur zuerſt die raſchen Flügel an, Und ruht in ſanftem Fall auf dem beeiſten Zacken, Wirft dann von des Gebirges Nacken Mit ganzem Leib ſich in den Oeean.

48.

So ſchwebt in tief geſenktem Bogen Um fiſchbewohnter Klippen Rand Schiller's Gedichte 2. Vd. 2

rm 162 rm Dir Möwe längs dem Meeresſtrand, Und netzt den niedern Fittig in den Wogen. So kam jetzt zwiſchen Meer und Land Durch Libyens gethürmten Sand Vom mütterlichen Ahn Merkurius geflogen, Und brach mit ſchnellem Flug der Winde Widerſtand.

49.

Kaum weilt ſein Flügelfuß in Tyrus nächſten Gauen, So ſtellt Aneas ſich ihm dar, bemüht,

Die Mauern zu erneun und Thürme zu erbauen.

Ein Schwert, mit Jaſpis reich bezogen, glüht

An ſeinem Gurt, hell flammt um ſeine Lenden

Ein Oberkleid, mit Purpurblut getränkt,

Von der Geliebten ihm geſchenkt

Und reich mit Gold durchwirkt von ihren eignen Händen.

77 8

Schnell tritt der Gott ihn an. So, ruft er, Weiberknecht! So überraſcht man dich! Du bauſt Karthago's Veſte, Du gründeſt zierliche Palläſte,

Und dein Beruf, dein auf dich hoffendes Geſchlecht,

Weg ſind ſie, weg aus deiner Seele? 2

Merk auf! Ich bringe dir Befehle

Vom Herrſcher des Olymps, von jener furchtbar'n Macht, Vor der der Himmel bebt, des Erdballs Achſe kracht.

51.

Von welcher Hoffnung Zauberſeilen, Läßt ſich dein müß'ger Fuß in Libyen verweilen?

rn 165 mm Meist dich des Ruhmes lorbeervolle Bahn Nicht mehr, willſt du für eignen Glanz nichts wagen, Warum ſoll dein aufblühender Askan Der Größe, die ihm winkt, entſagen? Warum das Seepter ſich entriſſen ſehn, Das ihm beſchieden iſt auf des Janikuls Höhn?

52.

Kaum ſchweigt der Gott, ſo iſt er ſchon den Blicken

Der Sterblichen in dünne Luft entrückt.

Mit ſchweigendem Entſetzen blickt

Aneas nach, ihm ſchauerts durch den Rücken,

Die Locken ſtehn bergan, im Munde ſtirbt der Laut. Durchdonnert von dem göttlichen Befehle

Beſchließt er ſchnelle Flucht, und mit entſchloßner Seele Entſagt er ſeiner theuren Braut.

53. Ach, aber wo der Muth, die Flucht ihr anzukünden 2 Wo die Beredtſamkeit, ein liebeflammend Herz Zu heilen von der Trennung Schmerz? Wo auch den Eingang nur zu dieſer Bothſchaft finden? Nach allen Mitteln wird geſpäht, Und von Entwurfe zu Entwurfe ſchwanken Die ſtürmiſch wogenden Gedanken, ö Bis endlich der Entſchluß bey dieſem ſtille ſteht.

54.

Still ſoll Kloanth verſammeln alle Schaaren, Die Flotte ziehen in den Oeegn, L 2

n 164 wem Doch nicht den Zweck der Rüſtung offenbaren. Indeſſen fie in ihres Glückes Wahn Nicht traͤumt, daß ſolche Bande können reißen, Will er, die nahe Flucht ihr zu geſtehn, Der Augenblicke günſtigſten erſpähn! Mit Luſt vollſtrecken die, was fie der Fürſt geheißen.

EE

Doch bald errieth Wer täuſcht der Liebe Seherblick? Ihr ahnungsvoller Geiſt das drohende Geſchick.

Den Schlag, der ſpäter erſt ſie treffen ſoll, beſchleunigt Ihr fürchtend Herz, im Schooß der Ruhe ſelbſt gepeinigt. Derſelbe Mund, der fo geſchäftig war, ?

Das Glück der Liebenden den Völkern zu berichten, Entdeckt ihr, daß der Trojer Schaar ö Sich fertig macht, die Anker ſchnell zu lichten.

56.

So fährt, wenn der Orgyen Ruf erſchallt,

Die Mänas auf, wenn durch ihr glühendes Gehirne Die nahe Gottheit brauſt, und von Cythärons Stirne Das nächtliche Geheul der Schweſtern wiederhallt.

So ſchweifte Dido nun durch Tyrus gauze Weite

Im Wahnſinn ihrer Qual, bis ſie erſchöpft im Streite Des Stolzes und der Leidenſchaft

Mit dieſen Worten den Trojaner ſtraft:

57.

Verräther! ruft ſie aus, du hoffſt noch zu verhehlen, Was deine Bruſt doch zu beſchließen fähig war?

rue 1659 rom Du willſt dich heimlich aus Karthago ſtehlen? Dich hält die Liebe nicht, Barbar, Die Treue nicht, die du mir einſt geſchworen? Die Unſchuld nicht, die ich durch dich verloren? Dich hält mein Tod dich hält der Sterbeblick Des Opfers, das du würgteſt, nicht zurück!

Im Winter ſelbſt willſt du die Segel ſpannen, Willſt dem Orkan zum Trotz von dannen? Und ach! wohin? Nach einem fremden Strand! Zu Völkern, dir noch unbekannt!

Ja! Wäre nun dein Troja nicht gefallen, Wärs noch das Land der väterlichen Hallen, Dem du durchs wilde Meer entgegen ziehſt! unmenſch! und ich bins, die du fliehſt!

89.

Bey dieſer Thränenfluth! Bey deiner Manneshand! Weil ich an dich doch alles ſchon verloren,

Bey unſrer Liebe friſch geflochtnem Band,

Bey Hymens jungen Freuden ſey beſchworen! Empfingſt du Gutes je aus meiner Hand,

Hat jemahls Wonne dir geblüht in meinen Armen, Laß dich erbitten, bleib! O, hab Erbarmen

Mit meinem Volk, mit dem verlornen Land!

60.

Um deinetwillen haßt mich der Numide, Um deinetwillen ſind die Tyrier mir gram,

rm 166 vr Um deinetwillen floh der Unſchuld ſtolzer Friede Auf ewig mich mit der entweihten Scham. Mein Ruf iſt mir geraubt, die ſchönſte meiner Kronen, { Der meinen Nahmen ſchon an die Geſtirne ſchrieb. Mein Gaſt reiſ't ab mit Tod mich abzulohnen! Gaſt! das iſts alles, was mir von dem Gatten blieb.

g 61.

Wozu das traur'ge Leben mir noch friſten?

Bis Jarbas mich in ſeine Ketten zwingt?

Bis ſich der Bruder zeigt, mein Tyrus zu verwüſten? Ja! Läge nur, wenn dich die Flucht von dannen e Ein Sohn von dir an meinen Mutterbrüſten!

Säh ich dein Bild in einem Sohn verjüngt,

In einem theuren Julus mich umſpielen,

Getröſtet würd ich ſeyn, nicht ganz getäuſcht mich fühlen!

62.

Sie ſchweigt und Zevs Geboth getreu, bezwinge

dit weggekehrtem Blick der Teukrier die Qualen, Mit denen ſtill die Heldenſeele ringt. Nie, rief er jetzt, werd ich mit Undank dir bezahlen, Was dein beredter Mund mir in Erinnrung bringt. Nie wird Eliſens Bild aus meiner Seele ſchwinden, So lange Lebensgluth durch meine Adern dringt, Der Geiſt noch nicht verlernt hat, zu empfinden.

63.

Jetzt, wen'ge Worte nur. Nicht heimlich wie ein Dieb, O glaub das nicht, wollt ich aus deinem Reich mich ſtehlen.

eee 167 essen Wann maßt ich je mir an, mit dir mich zu vermählen? Wars Hymen, der an deinen Strand mich trieb? Wär mirs vergönnt, mein Schickſal mir zu wählen, Was von der Heimath mir nur irgend übrig blieb, Nein Troja ſucht ich auf, die Reſte meiner Theuern, Mit friſcher Hand den Thron der Väter zu erneuern.

* N 64.

Jetzt heißt Apolls Orakel nach dem Strand

Des herrlichen Italiens mich eilen, \

Dort ift mein Hymen, dort mein Vaterland!

Kann dich, die Tyrerin, Karthago's Strand verweilen, Den du erſt kurz zum Eigenthum gemacht

Warum in aller Welt wirds Teukriern verdacht,

Sich in Auſonien nach Hütten umzuſchauen?

Auch uns ſtehts frey, uns auswärts anzubauen.

65.

Nie breitet um die ſtille Welt Die Nacht ihr thauiges Gewand, nie ſticken Die goldnen Sterne des Olympus Zelt, Daß nicht Anchiſens Geiſt, Entrüſtung in den Blicken, Im Traumgeſicht ſich mahnend vor mich ſtellt. Mich ſtraft ein jeder Blick, der auf den Knaben fällt, Daß ich durch Zögern ihn von einem Thron entferne. Der ſein iſt durch die Gunſt der Sterne. |

66. 0

Und jetzt gebeut der Götterbothe mir Das Nähmliche, vom Herrn des Himmels ſelbſt geſendet.

er 168 Area Bey meinem Leben, Fürſtinn, ſchwör ichs dir, Bey meines Sohnes Haupt! Kein Wahn hat mich ger a blendet.

Ich ſelbſt ſah ihn bey hellem Sonnenlicht

In dieſe Mauern ziehn. Ich hörte feine Stimme,

Drum quäl uns beyde nicht mit undankbarem Grimme Nicht freye Wahl entfernt mich, ſondern Pflicht.

1

Längſt hatte ſie, indem er ſprach, den Rücken,

Ihm zugekehrt, und ſchaute wild um ſich,

Dann mißt ſie ſchweigend ihn mit großen Blicken, Jetzt reißt der Zorn ſie fort. „Verräther! ruft ſie, dich, Dich hätte Cypria, die Göttinn ſanfter Lüfte,

Dich Dardanus gezeugt? In grauſenvoller Wüſte Schuf Caucaſus aus rauhen Felſen dich,

Und Tiegermütter reichten dir die Brüſte.

68.

Denn was verberg ich mirs? Brauchts mehr Beweis? Hat Einen Seufzer nur mein Jammer ihm entriſſen? Mein Schmerz nur ein Mahl aufgethaut das Eis

In feinem Blick? Erſchüttert fein Gewiſſen?

Floß Eine Thräne nur, ſein Leid mir zu geſtehn?

O, was empört mich mehr? Sein Undank? Dieſe Kälte? Gerechte Götter! Nein, von eurem hohen Zelte

Könnt ihr dieß nicht gelaſſen ſehn.

were 269 ,

69.

Trau Einer Menſchen! Nakt an meinem Strande Fand ich den Flüchtling, da er ſcheiterte,

Zu wohnen gönnt ich ihm in meinem Lande,

Erhielt ihm die Gefährten, rettete

Der Flotte Trümmer O, mich bringts von Sinnen! Nun kommt ein Götterſpruch! Nun ſpricht Apoll! Nun ſchickt Chronion ſelbſt von des Olympus Zinnen Befehle nieder, gräßlich, ſchauervoll!

70.

O freylich! das bekümmert die dort oben!

Das ſtört fie auf in ihrer goldnen Ruh!

Doch ſeys wies ſey! Ich ſchenke dir die Proben, Geh immer, ſteure friſch dem Tiberſtrome zu. Noch leben Götter, die den Meineid rächen. Auf ſie vertraut mein Herz. Geh, überlaſſe dich Den Wellen nur. Ich weiß, du denkſt an mich, Wenn zwiſchen Klippen deine Schiffe brechen.

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Abweſend eil ich dir in ſchwarzen Flammen nach, Und ſchrecklich ſoll, wenn dieſes Leibes Bande Des Todes kalte Hand zerbrach,

Mein Geiſt dich jagen über Meer und Lande. Bezahlen ſollſt du mir, entſetzlich, fürchterlich! Ich hör es noch, wenn man mich längſt begraben, Im Reich der Schatten will ich mich

An dieſer Freudenbothſchaft laben.

* 170 5

72.

Hier bricht ſie ab, entreißt in ſchneller Flucht

Sich zürnend des Trojauers Blicken,

Der noch verlegen ſäumt, und fruchtlos Worte ſucht, Des Kummers Größe auszudrücken.

Beſiegt von ihrem ſchweren Harm

Sinkt ſie in ihrer Dienerinnen Arm,

Die auf ein Marmorbett ſie niederlegen,

Und den erſchöpften Leib auf weichen Kiſſen pflegen.

73;

Wie feurig auch der Menſchliche fich ſehnt,

Durch ſanfter Worte Kraft die Leidende zu heilen, Wie mancher Seufzer auch den Heldenbuſen dehnt, Der Wink des Himmels heißt ihn eilen,

Und Amors Stimme weicht dem göttlichen Geheiß.

Er fliegt zum Strand, wo der geſchäft'ge Fleiß

Der Seinen brennt, die Schiffe flott zu machen, Schon tanzen auf der Fluth die wohlverpichten Nachen.

74.

Noch ungezimmert bringen ſie den Baum,

(So ernſtlich gilts) noch grün die Ruder hergetragen, Es lebt von Menſchen, die zum Ufer jagen,

Vom Hafen bis zur Stadt der ganze Zwiſchenraum.“ So, wenn geſchäftiger Ameiſen Schaaren, Dem kargen Winter Nahrung aufzuſparen,

Den Weitzenberg zu plündern glühn,

Und mit dem Naube dann in ihre Löcher fliehn.

78.

Der ſchwarze Trupp durchzieht die Schollen, Bemüht, die Beute fortzurollen,

Auf ſchmalem Weg, durch Gras und Kraut, Stemmt dort, die ſchweren Körner zu bewegen, Sich mit den Schultern kräftiglich entgegen, Dem Dritten iſt die Aufſicht anvertraut,

Der ſpornt das Heer und ſtraft die Trägen, Lebendig iſts auf allen Wegen.

Ai 76.

Wie war bey dieſem Anblick dir zu Muth,

Eliſa? Welche Seufzer ſchickteſt

Du zum Olymp, als du des Eifers Gluth

Von deiner hohen Burg am Meeresſtrand erblickteſt? Vor deinem Angeſicht die ganze Waſſerwelt

Erzittern ſahſt von rauhen Schifferkehlen?

Grauſame Leidenſchaft! Auf welche Proben ſtellt Dein Eigenſinn der Menſchen Seelen!

77.

Aufs neue wird der Thränen Macht

Erprobt, aufs neue das ſtolze Herz den Siegen Der Leidenſchaft zum Opfer dargebracht. Wie ſollte ſie, eh alle Mittel trügen, Hinuntereilen in des Grabes Nacht? Sieh, Anna, ruft ſie aus, wie ſie zum Hafen fliegen!

1

J

ana 172 run Wie's wimmelt an dem Strand! Sieh! Sieh! die Schif⸗ ü fe ſind Bekränzt, die Segel rufen ſchon dem Wind!

78.

Hätt' ich zu dieſem Schlage mich verſehen,

So hätte, ihn zu überſtehen,

Mir auch gewiß die Faſſung nicht gefehlt.

Drum noch dieß Einzige. Dir ſchenkt er fein Ver⸗ trauen,

Dir noch allein, du darfſt in ſeine Seele ſchauen,

Nie hat er eine Regung dir verhehlt,

Du weißt des Herzens Weichen auszuſpähen,

Drum geh, den ſtolzen Feind noch ein Mahl anzu— flehen.

79.

Sag ibm, nie hab ich mich an Aulis Strand Verſchworen mit dem Feind, fein Ilium zu ſchleifen, Nie Schiffe mitgeſandt, die Veſte anzugreifen, Des Vaters Aſche nie aus ihrer Gruft entwandt. Warum ſchließt er ſein Ohr hartherzig meiner Bitte? Er warte doch, bis ein geneigter Wind ihm weht. Er wage doch die Fahrt nicht in des Winters Mitte, Dieß ſey der letzte Dienſt, um den ihn Dido fleht.

80.

Nicht jenes alte Band will ich erneuern, Das er zerriß, nicht hinderlich ihm ſeyn,

ere 173 more Nach feinen theuren Latium zu ſteuern, Um Aufſchub bitt ich ihn allein, Um etwas Friſt, den Sturm des Buſens zu bezähmen, Gelaſſener zu verſchmerzen dieſen Schlag! Noch dieſen Dienſt laß in das Grab mich nehmen, Der deiner Liebe Maß an mir vollenden mag.

7

*

So fleht die Elende. Der Schweſter heiße Zähren Bringt Anna vor ſein Ohr. Umſonſt, die Götter wehren, Sein fühlend Herz verſchließk des Schickſals Macht.

So wenn, den hundertjähr'gen Eichſtamm umzureißen, Die Alpenſtürme wüthend ſich befleißen,

Und brauſend ihn umwehn. Vis an den Wipfel kracht Der Stamm, ſie faſſen heulend ſeine Glieder,

Und von den Zweigen rauſcht ein grüner Regen nieder.

82.

Er ſelbſt hängt zwiſchen Klippen feſt, ſo weit

Sein Wipfel aufwärts in den Himmel dräut,

So tief dringt ſeine Wurzel in die Hölle.

So ward von fremdem Flehn, noch mehr von eig'nem b Schmerz

Zerriſſen jetzt des Helden Herz,

Doch der Entſchluß behauptet ſeine Stelle.

Wie auch ſein Herz in allen Tiefen leidet,

Geſchehen muß, wie das Geſchick entſcheidet.

83.

Verhaßt iſt ihr fortan des Himmels Bogen: Von gräßlichen Erſcheinungen bedroht,

wre 274 Heron Vom Schickſal ſelbſt zum Abgrund hingezogen, Beſchließt die Unglückſelige den Tod. Einf, als fie den Altar beſchenkt mit frommen Gaben, Verwandelt jählings ſich des heiligen Weines Fluth, Entſetzliches Geſicht! in Blut, | Und dieß Geheimniß ward mit ihr begraben.

84.

Auch ſtand, den Manen des Gemahls' geweiht,

Im Hauſe eine marmorne Kapelle,

Verehrt von ihr mit frommer Zärtlichkeit,

Geſchmückt mit manchem Laub und glänzendweißem Felle. Von hier aus hörte ſie, wenn alles ringsum ſchlief, Des Gatten Ton, der ſie mit Nahmen rief,

Und einſam wimmerte auf hohem Dach die Eule

Ihr todtweiſſagendes Geheule.

N 85.

Auch manch Orakel wird in ihrem Buſen wach, Aneens Schatten ſelbſt ſcheucht ſie mit wildem Blicke, Eilt der Geängſtigten in Träumen drohend nach, Und einſam ſtets bleibt ſie zurücke.

Ihr däucht, fie wandle hin auf menſchenleerer Flur, Sie ganz allein auf einem langen Pfade,

Und ſuche ihrer Tyrer Spur

Längs dem verlaſſenen Geſtade.

86.

So flehet Peutheus Fieberwahn Die Schaar der Furien ihm nahn,

1

e 175 . Zwey Theben um ſich her, zwey Sonnen aufgegangen, So ruft der Bühnen Kunſt Oreſtens Bild hervor, Wenn mit der Fackel ihn und fürchterlichen Schlangen Der Mutter Schatten jagt, der Racheſchweſtern Chor, Geſpieen aus dem Schlund der Hölle, Ihn angraußt an des Tempels Schwelle.

87.

Als jetzt ein Raub der ſchwarzen Eumeniden

Eliſa ſich dem Untergang geweiht, *

Auch über Zeit und Weiſe ſich entſchieden,

Tritt ſie die Schweſter an mit falſcher Heiterkeit,

Läßt im verſtellten Aug der Hoffnung Strahlen blitzen, Tief ſcheint der lange Sturm des Buſens jetzt zu ruhn: Geliebte! freue dich, ein Mittel weiß ich nun,

Ihn zu vergeſſen oder zu beſitzen.

86.

Am fernen Mohrenland, dort wo des Tages Flamme Sich in des Weltmeers letzte Fluthen neigt,

Wo unterm Himmel ſich der Atlas beugt,

Wohnt eine Prieſterinn aus der Maſſyler Stamme. Ihr iſt der Heſperiden Haus vertraut,

Sie hüthete die heiligen Zweige,

Beſänftigte mit ſüßem Honigteige

Des Drachen Wuth und mit dem Schlummerkraut.

89.

Die rühmt ſich, jedes Herz verletzt von Amors Pfeilen, Durch ihres Zaubers Kraft zu heilen,

e 176 er Auf Andre drückt fie ſelbſt den Pfeil des Kummers ab. Sie zwingt in ihrem Lauf die Ströme ſtill zu ſtehen, Die Sterne kann ſie rückwärts drehen, Und Nachtgeſpenſter ruft ſie aus dem Grab, Zerreißt der Erde brüllend Eingeweide, Und zieht den Eichbaum von des Berges Haide.

90.

Daß es bis dahin mit mir kommen muß!

Bey deinem theuren Haupt! Bey Zevs Olympius!

Es fällt mir ſchwer! Doch jetzt kann Zauber nur mich

h retten.

Drum, Liebe, richte ſtill mir einen Holzſtoß auf

Im innern Hof des Haufes. Lege drauf

Das Schwert, jedweden Reſt des Schändlichen, die Betten,

Wo meine Unſchuld ſtarb. Die Prieſterinn gebeut, d

Zu tilgen jede Spur, die mir ſein Bild erneut.

| 91.

Sie ſprichts und Todesbläſſe deckt

Ihr Angeſicht. Doch daß in dieſem Schleyer

Der Schweſter eig'ne Leichenfeyer

Sich birgt, bleibt Annens blödem Sinn verſteckt.

In der Verzweiflung Tiefen unerfahren,

Beſorgt ſie Schlimm'res nichts, als was Eliſens Gram

Beym Tod des erſten Gatten unternahm,

Drum ſäumt ſie nicht, der Schweſter zu willfahren.

01,

92.

Bald ſteht durch ihrer Hände Fleiß

Ein großer Holzſtoß aufgerichtet,

Aus Fackeln und aus dürrem Reis

Im innern Hofraum aufgeſchichtet.

Ihn ſchmückt die Königinn, wohl wiſſend was fie thut, Mit einem Kranz und der Cypreſſe traur'gen Aſten, Und hoch auf ihrem Brautbett ruht

Des Trojers Bild und Schwert mit allen Überreſten.

95.

Auf jeder Seite zeigt ſich ein Altar,

Und in der Mitte ſteht mit aufgelöstem Haar

Die Prieſterinn, in heil'ge Wuth verloren.

Ihr fürchterlicher Ruf durchdonnert ſelbſt die Nacht Des Erebus. Des Chaos wilde Macht,

Ein ganzes Heer von Göttern wird beſchworen, Perſephoneiens dreyfache Gewalt,

Dianens drey Mahl wechſelnde Geſtalt.

94.

Die Fluthen des Averns vorzuſtellen, Beſprengt fie den Altar mit heil'gen Wellen, Nach jungen Kräutern wird geſpäht, Die von des Giftes ſchwarzen Tropfen ſchwellen Beym Mondlicht mit der Sichel abgemäht; Auch forſcht man nach dem Liebesbiſſen, Der auf der Fole jungem Haupt ſich bläht, Dem Zahn des Mutterpferds entriſſen.

Schiller's Gedichte 2. Bd. M

Sie ſelbſt, das Opferbrod in frommer Hand, Mit bloßem Fuß, mit losgebundenem Gewand, Zum Tod entſchloſſen ſteht an den Altären, Des Himmels Zorn, der Götter Strafgericht Auf ihres Mörders Haupt herabzuſchwören, Und ſchützt ein Gott der Liebe fromme Pflicht, Der Treue heiliges Verſprechen, 5 | Ihn ruft ſie auf, zu ſtrafen und zu rächen.

96.

Gekommen war die Nacht, und alle Weſen ruhten Erſchöpft in füßen Arm des Schlafs. Tief ſchweigt Der Wald, gelegt hat ſich der Zorn der Fluthen, Zur Mitte ihrer Bahn die Sterne ſich geneigt. Der Vögel bunter Chor verſtummt, die Flur, die Heerben, Was ſich in Sümpfen birgt und in der Wälder Nacht, Vergißt der Arbeit und Beſchwerden, Gefeſſelt von des Schlummers Macht.

\ 97.

Nur deines Buſens immer wachen Kummer, Unglückliche Eliſa! ſchmilzt kein Schlummer,

Nie wird es Nacht auf deinem Augenlied. Empfindlicher erwachen deine Schmerzen,

Auf's neu entbrennt in deinem Herzen

Der Kampf, den ach! Verzweiflung nur entſchied, Jetzt Raub des Grimms, jetzt ihres Kummers Beute, Beginnt fie ſo in dieſem innern Streite,

98.

Unglückliche, ruft ſie, was ſoll nunmehr geſcheh'n? Gehſt du, von neuem dich den Freyern ann fragen: Die du verächtlich ausgeſchlagen, und'der Nomaden Hand fußfällig zu erflehn? 2 i Gehſt du, den Teukriern als Magd dich Anzußzerhen 2 Du kennſt ja ihre Dankbarkeit 2 Du ſollteſt wiſſen, wie bereit e Eie find , empfang'ne Opfer zu vergüten.

ahn u ; 0

ee 5 0 1 8 1 rn i 99.

und öffnen ſie dir wohl der Schiffe ſtolzen Schooß, Sey's auch, du könnteſt dieſe Schmach verſchmerzen? So wenig weißt du, wie gewiſſenlos e Laomedontier mit Treu und Glauben ſcherzen! Folgſt du. den ſtotzen Ruderern allein? Hohlſt du mik deinen Tyriern fie ein?

Und kaum aus Sidons Stadt Beate forkgezogen, 2 Vertrauſt du fie aufs neu dem Spiel von Wind ud

magie 11; 155 Rn?

n 1 N u ı 1439. NIE

Hear)

Tr Bu Nein ſtirb, wie du verdient! Das Schwert befreye dich. Dir dank ich meinen Tall. Du Schweſter, gabeſt 2 Dem Feinde Preis, von meinem Flehn beſtochen! Konnt ich nicht ſchuldlos, von Begierden rein, Be Nicht frey von Spmens Band mich meines Lebens

g fleu'n 2 Mein Wort bab ich Sichäus dir gebrochen,

M 2

dp

se 130 ER Geſchworen deinem heiligen Gebein, Erzürnter Geiſt, du wirſt gerochen!

101.

So guälte jene ſich, indeß auf hohem Schiff, ö Entſchloſſen und bereit, Karthagos Strand zu räumen, Aneas ſchlief. Ihm zeigte ſich in Träumen 0 Dasſelbe Bild, das jüngſt mit Schrecken ihn ergriff, 5 Und bringt denſelben Auftrag wieder, 10 Wr Dem Flügelbothen gleich an Stimme, an, Geſtalt, Re Dasſelbe blonde Haar, das Majens Sohn umwallt, Derſelbe ſchlanke Bau der jugendlichen Glieder.

ee d det e n asu en It's möglich, ruft er, Got Au e u 85 1 A An des Verderbens Rand. kannſt du des Schlummers pflegen 2 10 . Siehſt die Gefahren nicht, die ringsum dich bedrohen, x And hörſt die Winde nicht, die deine Segel regen? 5 Von wilder Wuth empört fing jene, dich mit eit, Mit unentrinnbarem Verderben zu umſchlingen, Du eilſt nicht mit des Windes Schwingen

Davon, da dir noch Flucht verſtattet iſt? 5 IND Tee Nut HER

Grüßt dich Aurora noch in dieſem Rand, So ſiehſt du weit und breit die Wellen ve R Mit Schiſſen überdeckt . den ganzen Meeresſtrand Von mordbegier‘ gen Fackeln ſich N y

1128

G nöd.

wir 181 ww Flieh ohne Aufſchub! Flieh! Veränderlich Iſt Frauenſinn und nimmer gleicht er ſich Er ſprichts und fließt in Nacht dahin. Voll Schrecken Fährt jener aus dem Schlaf, und eilt ſein Volk zu wecken.

104.

Wacht auf! Geſchwind! Ergreift die Ruder! Spannt Die Segel aus! Ein Gott, vom Himmel hergeſandt, Treibt mich aufs neu, nicht länger mehr zu weilen, Die Stränge zu zerhaun, die Abfahrt zu beeilen. Wer du auch ſeyſt, erhabne Gottheit! Ja! Frohlockend folgen wir dem Wink, den du gegeben. Verleih uns Schutz! O ſey uns hold und nah!

Laß uber unſerm Haupt geneigte Sterne ſchweben!

105.

Er ſprichts und aus der Scheide blitzt

Sein flammend Schwert und trennt des Ankers Seile Ihm folgt die ganze Schaar, von gleicher Gluth erhitzt, Rafft alles fort, und treibt und rennt in voller Eile. Schnell iſt die ganze Küſte leer,

Verſchwunden unter Schiffen das Meer,

Es keucht der Ruderknecht und quirlt zu Schaum die Wogen, Zahlloſe Furchen ſind durchs blaue Feld gezogen.

106.

Und jetzo windet ſich aus Tithons goldnem Schooß Des Morgens junge Göttinn los,

Und überſtrömt die Welt mit neugebornen Strahlen. Aus ihren Fenſtern ſteht mit ſilberfarbem Grau

neuen 182 moon Die Königinn den Horizont ſich mahlen, Sieht durch der Waſſer fernes Blau Die Flotte ſchon mit gleichen Segeln fliegen Die Küſte leer, den Hafen öde liegen. | f

107.

Da ſchlägt ſie mit ergrimmter Hand a

Die ſchöne Bruſt, zerrauft die gelben Locken Allmächtger Zevs, ruft ſie erſchrocken, *

Er geht! Er flieht von meinem Strand!“

Dem Fremdling ging es hin, mich ſtraflos zu verſpotten 8 Bewaffnet nicht ganz Tyrus mein Geheiß?

Auf, auf! Reißt aus dem Werfte meine Flotten! Bringt Fackeln! Rudert friſch! Gebt alle Segel Preis k

108.

Wo bin ich? Weh, was für ein Wahnſinn reißt mich ts Jetzt hat dein feindlich Schickſal dich ereilet, Unglückliche! Da galts, da war der rechte Ort,

Als du dein Reich mit ihm getheilet.

Das alſo iſt der Held voll Treu, voll Edelmuth,

Der ſeines Vaters Laſt auf fromme Schultern lud,

Der mit ſich führen ſoll auf allen ſeinen Bahnen

Die Heiligthümer ſeiner Ahnen! f

109.

Konnt ich in Stücken ihn nicht reißen, nicht zerſtreun Im Meer, ihn und ſein Volk 2 Nicht ſeinen Sohn erwürgen? Auftiſchen ihm zum Mahl? Wo aber meine Bürgen, Daß er nicht ſiegte? Mocht es immer ſeyn!

! von 183 nr

Was fürchtet, wer entſchloſſen iſt zu ſterben?

Sein Lager ſteckt ich an, mit einer Löwinn Wuth, Vertilgte Vater, Sohn, die ganze Schlangenbrut, Und theilte dann frohlockend ihr Verderben!

110.

O du, vor deſſen Strahlenangeſicht

Kein Menſchenwerk ſich birgt, erhabnes Licht!

Du Gattinn Zevs, die meine Leiden kennet,

Du Hekate, die man durch Stadt und Land

Auf finſtern Scheidewegen heulend nennet,

Ihr Furien, ihr Götter, deren Hand

Die Sterbende ſich weiht! Vernehmt von euren Höhen Der Rache Aufgevs 9! Neigt euch zu meinem Flehen!

111.

Muß der Verworfene doch zum Ufer ſich noch ringen, Iſt dem Verhängniß nichts mehr abzudingen,

Iſts Jovis unabänderliches Wort,

O ſo erduld er alle Kriegesplagen,

Von einem tapfern Volk aus ſeinem Reich geſchlagen, Geriſſen aus des Sohnes Armen,

Such' er bey Fremdlingen Erbarmen,

Und ſehe ſchaudernd der Gefährten Mord!

%

112.

Und fügt er ſich entehrenden Verträgen,

So mög er. nimmer ſich des Throns noch Lebens freun, Er falle vor der Zeit! Dieß ſey mein letzter Segen, Mit dieſem Wunſch geh ich dem Styx entgegen,

184 wm Im Sande liege grablos ſein Gebein! Dann Tyrier, verfolgt mit ew'gen Kriegeslaſten Den ganzen Samen des Verhaßten, Dieß ſoll mein Todesopfer ſeyn!“

115.

Kein Friede noch Vertrag ſoll jemahls euch vereinen, Ein Rächer wird aus meinem Staub erſtehn,

In ihren Pflanzungen mit Feur und Schwert erſcheinen, Früh oder ſpät, wie ſich die Kräfte tüchtig ſehn. Feindſelig drohe Küſte gegen Küſte,

Nachgierig thürme Fluth ſich gegen Fluth,

Schwert blitze gegen Schwert, der ſpäten Enkel Brüfte Entflamme unverſöhnte Wuth.

114.

Sie ſprachs und ſann voll Ungeduld, die Bande Des traur'gen Lebens zu zerreißen, rief

Sichäus Amme lihre eigne ſchlief

Den langen Schlummer ſchon im mütterlichen Lande Laß, ſpricht ſie, theure Barce, ſchnell

Die Schweſter ſich mit friſchem Quell

Benetzen, ſag ihr an, daß ſie die Thiere

Und die bewußten Opfer zu mir führe.

115. Du ſelbſt, Geliebte, ſäume nicht, Mit frommer Binde dir die Schläfe zu verhallen,

Ich will des angefangnen Opfers Pflicht Dem unterird'ſchen Zevs erfüllen,

wrren 185 ee Und meinen Gram auf ewig ſtillen. Sogleich flammt mit dem Böſewicht

Der Holzſtoß in die Luft! Sie ſprichts und ſonder Weile

Wankt jene fort mit ihres Alters Eile.

116.

Sie ſelbſt, zur Furie entſtellt

Vom gräßlichen Entſchluß, der ihren Buſen ſchwellt,

Mit bluterhitztem Aug, geſtachelt von Verlangen,

*

Der Farben wechſelnd Spiel auf krampfhaft zuckenden Wangen,

Jetzt flammroth, jetzt vom nahenden Geſchick

Durchſchauert, bleich wie eine Büſte,

Stürzt in den innern Hof, und, Wahnſinn in dem Blick,

Beſteigt ſie das entſetzliche Gerüſte,

U

117.

Reißt aus der Scheide des Trojaners Schwert,

Ach, nicht zu dieſem Endzweck ihr geſchenket! Doch, als ihr Blick ſich auf Aueens Kleider ſenket Und auf das wohlbekannte Bette, kehrt

Sie ſchnell in ſich, verweilt bey dieſem theuren Orte, Läßt noch ein Mahl den Thränen freyen Lauf, Schwingt dann aufs Bette ſich hinauf,

Und ſcheidet von der Welt durch dieſe letzten Worte:

118.

Geliebte Reſte! Zeugen meiner Freuden, So lang's dem Glück, den Himmliſchen, gefiel! Entbindet mich von meinen Leiden, |

Empfangt mein fließend Blut, auf euch will ich verſcheident

, 1 Anna Ich bin an meines Lebens Ziel. Vollbracht hab ich den Lauf, den mir das Loos beſchiedenz Jetzt fliehet aus des Lebens wildem Spiel rein großer Schatten zu des Grabes Frieden.

119.

Gegründet hab ich eine weltberühmte Stadt, Und meine Mauern ſah ich ragen, Beſtraft hab ich des Bruders Frevelthat, Der Rache Schuld dem Gatten abgetragen. Ach! hätte nie ein Segel ſich

Aus der Trojaner fernem Lande

Gezeigt an meines Tyrus Strande,

Wer war glückſeliger als ich!

120.

Sie ſprichts, und drückt ins Kiſſen ihr Geſicht: Und ohne Rache, ruft ſie, ſoll ich fallen? Doch will ich fallen, doch! Gerächet oder nicht! So ziemts, ins Schattenreich zu wallen ! 10 ſehe der Barbar vom hohen Ocean

Mit ſeinen Augen dieſe Flammen ſteigen, Und nehme meines Todes Zeugen Zum Pace mit auf ſeiner Wogenbahn.

121.

Ehe dieſe Worte noch verhallen,

Sehn ihre Frauen ſie, durchrannt

Vom ſpitz'gen Stahl, zuſammenfallen,

Das Schwert mit Blut beſchäumt, mit Blut die Hand.

re 187 vom Ihr Angſtgeſchrey ſchlägt an die hohen Säulen Der Königsburg, ſogleich macht des Gerüchtes Mund Die grauenvolle That mit tauſendſtimm'gem Heulen Dem aufgedonnerten Karthago kund. eme,

122.

Da hört man von Geſchrey, von jammervollem Stöhnen, Von weiblichem Geheul die hohlen Dächer drönen, Des Athers hohe Wölbung heult es nach.

Nicht fürchterlicher konnt es tönen,

Wenn in Karthago's Thor die Fluth der Feinde beach ; Das alte Tyrus fiel, der Flammen wilde Blitze Sich freſſend wälzten durch der Menſchen Sitze Und durch der Götter heil'ges Dach.

123.

Geſchreckt durch den Zuſammenlauf der Menge, Durchſchauert von dem gräßlichen Gerücht,

Stürzt Anna halb entſeelt ſich durchs Gedränge, Zerfleiſcht mit grimm'gen Nägeln das Geſicht,

Die Bruſt mit mörderiſchen Schlägen.

Das alſo wars, ruft fie der Sterbenden entgegen, Mit Argliſt fingſt du mich! Dazu der Opferheerd, Dazu das Holz und des Trojaners Schwert!

124.

Weh mir Verlaßnen! Wen ſoll ich zuerſt beweinen? Unzärtliche! Warum verſchmähteſt du im Tod

Die Schweſter zur Begleiterinn? Vereinen

Sollt uns derſelbe Stahl, von beyder Blute roth!

185 Fleht' ich darum die Götter an, erbaute, Daß ich allein dich deinem Schmerz vertraute, Dieß Holzgerüſte ? Weh! Mich ziehſt du mit ins Grab, Dein armes Volk, dein Neich, dein Tyrus mit hinab.

125.

Gebt Waſſer, gebt, daß ich die Wunden waſche, Mit meinen Lippen ihn erhaſche, 6 Wenn noch ein Hauch des Lebens auf ihr ſchwebt.

Sie rufts und ſteht ſchon oben auf den Stufen, Stürzt weinend an der Schweſter Hals, beſtrebt,

An ihrer warmen Bruſt ins Leben ſie zu rufen,

Die ſchon der Froſt des Todes überflogen,

Zu trocknen mit dem Kleid des Blutes ſchwarze Wogen

126.

Umſonſt verſucht, aus weit geſpaltnem Munde

Pfeift unter ihrer Bruſt die Wunde, 8 Umſonſt die Sterbende, den ſchwerbeladnen Blick

Dem Strahl des Tages zu entfalten,

Nafft drey Mahl ſich empor, von ihrem Arm gehalten, Und drey Mahl taumelt ſie zurück, |

Durchirrt, das füge Licht der Sonne zu erſpähen,

Des Athers weiten Plan, und ſeufzt, da ſie's geſehen!

127.

Erweücht von ihrem langen Kampf, en Saturnia der Iris fortzueilen,

Der Glieder zähe Bande zu zertheilen,

Zu endigen der Seele ſchweren Streit.

| 189 emew. Denn da kein Schickſal, kein Verbrechen, Verzweiflung nur fie abrief vor der Zeit, So hatte Hekate den unterirdſchen Bächen Das abgeſchnittne Haar noch nicht geweiht.

128.

Jetzt alſo kam, in tauſendfarbem Bogen

Der Sonne gegenüber, feucht vom Thau,

Die Goldbeſchwingte durch der Lüfte Grau

Herab aufs Haupt der Sterbenden geflogen;

Dieß weih ich auf Befehl der Gottheit dem Kozyt, Ruft ſie, vom Leibe frey mag ſich dein Geiſt erheben. Sie ſagts und löſt die Locke, ſchnell entflieht

Der Wärme Reſt, und in die Lüfte rinnt das Leben.

190 sven

x - *

Der P ilgrim.

Noch in meines Lebens Lenze War ich und ich wandert' aus, Und der Jugend frohe Tänze Ließ ich in des Vaters Haus.

All mein Erbtheil, meine Habe Warf ich fröhlich glaubend hin, Und am leichten Pilgerſtabe . Zog ich fort mit Kinderſinn.

Denn mich trieb ein mächtig Hoffen Und ein dunkles Glaubenswort,

Wandle, riefs, der Weg iſt offen, Immer nach dem Aufgang fort.

Bis zu einer goldnen Pforten Du gelangſt, da gehſt du ein, Denn das Irdiſche wird dorten Himmliſch unvergänglich ſeyn.

Abend wards und wurde Morgen, Nimmer, nimmer ſtand ich ſtill, Aber immer bliebs verborgen, Was ich ſuche, was ich will.

0 SD

. 192 * Berge lagen mir im Wege, Ströme hemmten meinen Fuß, über Schlünde baut ich Stege, Brücken durch den wilden Fluß.

Und zu eines Stroms Geſtaden Kam ich, der nach Morgen floß, Froh vertrauend ſeinem Faden Werf ich mich in ſeinen Schooß.

Hin zu einem großen Meere Trieb mich ſeiner Wellen Spiel, Vor mir liegts in weiter Leere, Näher bin ich nicht dem Ziel. Ach, kein Steg will dahin führen, Ach der Himmel über mir Will die Erde nie berühren, Und das dort iſt niemahls hier!

na 1 92 e

Berglied.

f Am Abgrund leitet der ſchwindlichte Steg, Er führt zwiſchen Leben und Sterben, Es ſperren die Rieſen den einſamen Weg Und drohen dir ewig Verderben, 0 Und willſt du die ſchlafende Löwinn nicht wecken, So wandle ſtill durch die Straße der Schrecken.

Es ſchwebt eine Brücke, hoch über den Rand Der furchtbaren Tiefe gebogen, Sie ward nicht erbauet von Menſchenhand, Es hätte ſichs keiner verwogen, | Der Strom brauſt unter ihr ſpat und früh, Speyt ewig hinauf und zertrümmert ſie nie.

Es öffnet ſich ſchwarz ein ſchauriges Thor, Du glaubſt dich im Reiche der Schatten, Da thut ſich ein lachend Gelände hervor, Wo der Herbſt und der Frühling ſich gatten, Aus des Lebens Mühen und ewiger Qual Möcht' ich fliehen in dieſes glückſelige Thal.

Vier Ströme brauſen hinab in das Feld, Ihr Quell, der iſt ewig verborgen, Sie fließen nach allen vier Straßen der Welt, Nach Abend, Nord, Mittag, und Morgen,

f ? And

nenn 193 ws Und wie die Mutter fie rauſchend geboren, Fort fliehn fi und bleiben ſich ewig verloren.

Zwey 3 inken ragen ins Blaue der Lufk, Hoch über der Menſchen Geſchlechter, Drauf tanzen, umſchleyert mit goldenem Duft, Die Wolken, die himmliſchen Töchter. Sie halten dort oben den einſamen Reihn, Da ſtellt ſich kein Zeuge, kein irdiſcher, ein,

Es ſitzt die Koniginn hoch und klar Auf unvergänglichem Throne, Die Stirn umkränzt fie ſich wunderbar Mit diamantener Krone, 5 Drauf ſchießt die Sonne die Pfeile von eicht, Sie vergolden ſie nur, und erwärmen ſie nicht.

Anmerkung. Löwinn, an einigen Orten der Schweitz der verdorbene Ausdruck für Lawine.

Schiller's Gedichte 2. Bo. N

D 194 rr

Der Graf von Habsburg.

Ballade.

7

Zu Aachen in ſeiner Kaiſerpracht, Im alterthümlichen Saale,

Saß König Rudolphs heilige Macht Beym feſtlichen Krönungsmahle.

Die Speiſen trug der Pfalzgraf des Rheins, Es ſchenkte der Böhme des perlenden Weins, Und alle die Wähler, die Sieben,

Wie der Sterne Chor um die Sonne ſich ſtellt, Unſtanden geſchäftig den Herrſcher der Welt, Die Würde des Amtes zu üben.

Und rings erfüllte den hohen Balkon

Das Volk in freudgem Gedränge, Laut miſchte ſich in der Poſaunen Ton

Das jauchzende Rufen der Menge.

Denn geendigt nach langem verderblichen Streit War die kaiſerloſe, die ſchreckliche Zeit,

Und ein Richter war wieder auf Erden. Nicht blind mehr waltet der eiſerne Speer, Nicht fürchtet der Schwache, der Friedliche mehr, Des Mächtigen Beute zu werden.

e 195

Und der Kaiſer ergreift den goldnen Pokal, Und ſpricht mit zufriedenen Blicken:

Wohl glänzet das Feſt, wohl pranget das Mahl, Mein königlich Herz zu entzücken;

Doch den Sänger vermiß ich, den Bringer der Luſt,

Der mit ſüßem Klang mir bewege die Bruſt Und mit göttlich erhabenen Lehren.

So hab ichs gehalten von Jugend an,

Und was ich als Ritter gepflegt und gethan, Nicht will ichs als Kaiſer entbehren.

Und ſieh! in der Fürſten umgebenden Kreis Trat der Sänger im langen Talare, Ihm glänzte die Locke ſilberweiß Gebleicht von der Fülle der Jahre. „Süßer Wohllaut ſchläft in der Saiten Gold, Der Sänger ſingt von der Minne Sold, Er preiſet das Höchſte, das Beſte, Was das Herz ſich wünſcht, was der Sinn begehrt, Doch ſage, was iſt des Kaiſers werth An ſeinem herrlichſten Feſte?“

Nicht gebiethen werd ich dem Sänger, ſpricht | Der Herrſcher mit lächelndem Munde, Er ſteht in des größeren Herrn Pflicht, Er gehorcht der gebiethenden Stunde: Wie in den Lüften der Sturmwind ſauſt, Man weiß nicht, von wannen er kommt und brauſt, Wie der Quell aus verborgenen Tiefen, So des Sängers Lied aus dem Innern ſchallt, Und wecket der dunkeln Gefühle Gewalt, | Die im Herzen wunderbar ſchliefen. N 2

rn 196 e. Und der Sänger raſch in die Saiten fällt Und beginnt ſie mächtig zu ſchlagen: „Aufs Waidwerk hinaus ritt ein edler Held, Den flüchtigen Gemsbock zu jagen. Ihm folgte der Knapp mit dem Jägergeſchoß, Und als er auf feinem ſtattlichen Noß In eine Au kommt geritten, Ein Glöcklein hört er erklingen fern, Ein Prieſter wars mit dem Leib des Herrn, Voran kam der Meßner geſchritten.“

„Und der Graf zur Erde ſich neiget hin, Das Haupt mit Demuth entblößet,

Zu verehren mit glaubigem Chriſtenſinn Was alle Menſchen erlöſet.

Ein Bächlein aber rauſchte durchs Feld,

Von des Gießbachs reißenden Fluthen geſchwellt, Das hemmte der Wanderer Tritte,

Und beyſeit' legt jener das Sacrament,

Von den Füßen zieht er die Schuhe behend, Damit er das Bächlein durchſchrilte.“

„Was ſchaffſt du?“ redet der Graf ihn an, Der ihn verwundert betrachtet.

„Herr, ich walle zu einem ſterbenden Mann, Der nach der Himmelskoſt ſchmachtet.

Und da ich mich nahe des Baches Steg,

Da hat ihn der ſtrömende Gießbach hinweg Im Strudel der Wellen geriſſen.

Drum daß dem Lechzenden werde ſein Heil,

So will ich das Wäfferlein jetzt in Eil Durchwaten mit nackenden Füßen.“

none lg: e Da fetzt ihn der Graf auf fein ritterlich Pferd, Und reicht ihm die prächtigen Zäume, Daß er labe den Kranken, der ſein begehrt, Und die heilige Pflicht nicht verſaume.— Und er ſelber auf ſeines Knappen Thier Vergnüget uoch weiter des Jagens Begier, Der andre die Reiſe vollführet, Und am nächſten Morgen mit dankendem Blick Da bringt er dem Grafen ſein Roß zurück Beſcheiden am Zügel geführet.“

„Nicht wolle das Gott, rief mit Demuthsſinn Der Graf, daß zum Streiten und Jagen Das Roß ich beſchritte fürderhin, Das meinen Schöpfer getragen! Und magſt du's nicht haben zu eignem Gewinnſt, So bleib es gewidmet dem göttlichen Dienſt, Denn ich hab es dem ja gegeben, Von dem ich Ehre und irdiſches Gut Zu Lehen trage und Leib und Blut Und Seele und Athem und Leben.“

„So mög euch Gott, der allmächtige Hort, | Der das Flehen der Schwachen erhöret,

Zu Ehren euch bringen hier und dort, So wie ihr jetzt ihn geehret.

Ihr ſeyd ein mächtiger Graf, bekannt

Durch ritterlich Walten im Schweitzerland, Euch blühn ſechs liebliche Töchter.

So mögen ſie, rief er begeiſtert aus,

Sechs Kronen euch bringen in euer Haus, Und glänzen die ſpätſten Geſchlechter!“

ern 198 non Und mit finnendem Haupt faß der Kaifer da, Als dächt' er vergangener Zeiten, Jetzt, da er dem Sänger ins Auge ſah, Da ergreift ihn der Worte Bedeuten. Die Züge des Prieſters erkennt er ſchnell, Und verbirgt der Thränen ſtürzenden Quell In des Mantels purpurnen Falten. Und alles blickte den Kaiſer an, Und erkannte den Grafen, der das gethan, Und verehrte das göttliche Walten.

Anmerkung. Tſchudi, der uns dieſe Anecdote überliefert hat, erzählt auch, daß der Prieſter, dem dieſes mit dem Grafen von Habsburg begegnet, nachher Kaplan bey dem Churfürſten von Maynz geworden, und nicht wenig dazu beygetragen habe, bey der nächſten Kaiſerwahl, die auf das große Interregnum erfolg⸗ te, die Gedanken des Shurfürften auf den Grafen von Habsburg zu richten. Für die, welche die Geſchichte jener Zeit kennen, bemerke ich noch, daß ich recht gut weiß, daß Böhmen fein Erz— amt bey Rudolphs Kaiſerkrönung nicht ausübte,

ana 1 99 N

Das Sieges feſt.

Drims Veſte war geſunken, Troja lag in Schutt und Staub, Und die Griechen, ſiegestrunken, Reich beladen mit dem Raub,

Saßen auf den hohen Schiffen

Längs des Helleſpontos Strand ;

Auf der frohen Fahrt begriffen!

Nach dem ſchönen Griechenland. Stimmet an die frohen Lieder, Denn dem väterlichen Herd Sind die Schiffe zugekehrt, Und zur Heimath geht es wieder.

Und in langen Reihen, klagend, Saß der Trojerinnen Schaar, Schmerzvoll an die Brüſte ſchlagend, Bleich mit aufgelöſtem Haar.

In das wilde Feſt der Freuden

Miſchten ſie den Wehgeſang,

Weinend um das eigne Leiden

In des Neiches Untergang. Lebe wohl, geliebter Boden! Von der ſüßen Heimath fern Folgen wir dem fremden Herrn, Ach, wie glücklich find die Todten!

bree a 200 ce Und den hohen Göttern zündet Kalchas jetzt das Opfer an. Pallas, die die Städte gründet Und zertrümmert, ruft er an, Und Neptun, der um die Länder Seinen Wogengürtel ſchlingt, Und den Zeus, den Schreckenſender, Der die Agis grauſend ſchwingt. Ausgeſtritten, ausgerungen Iſt der lange ſchwere Streit, Ausgefüllt der Kreis der Zeit., Und die große Stadt bezwungen.

Atreus Sohn, der Fürſt der Schaaren,

Überſah der Völker Zahl,

Die mit ihm gezogen waren

Einſt in des Scamanders Thal.

Und des Kummers finſtre Wolke

Zog ſich um des Königs Blick,

Von dem hergeführten Volke

Bracht' er wen'ge nur zurück. Drum erhebe frohe Lieder Wer die Heimath wieder ſieht, Wem noch friſch das Leben blüht, Denn nicht alle kehren wieder!

Alle nicht, die wieder kehren, Mögen ſich des Heimzugs freun, An den häuslichen Altären Kann der Mord bereitet ſeyn.

, 201 even Mancher fiel durch Freundes Tücke, Den die blutge Schlacht verfehlt, Sprachs Ulyß mit Warnungs-Blicke, Von Athenens Geiſt beſeelt.

Glücklich, wem der Göttinn Treue

Rein und keuſch das Haus bewahrt,

Denn das Weib iſt falſcher Art, Und die Arge liebt das Neue!

Und des friſch erkämpften Weibes

Freut ſich der Atrid und ſtrickt

um den Reitz des ſchönen Leibes

Seine Arme hoch beglückt.

Böſes Werk muß untergehen,

Rache folgt der Frevelthat,

Denn gerecht in Himmels Hößen

Waltet des Chroniden Nath! Böſes muß mit Böſem enden, An dem frevelnden Geſchlecht Nächet Zeus das Gaſtesrecht, Wägend mit gerechten Händen.

Wohl dem Glücklichen mags ziemen, Ruft Oileus tapfrer Sohn, Die Regierenden zu rühmen Auf dem hohen Himmelsthron! Ohne Wahl vertheilt die Gaben, Ohne Billigkeit das Glück, Denn Patroklus liegt begraben, g Und Therſites kommt zurück!

6 202 vorsa Weil das Glück aus ſeiner Tonnen Die Geſchicke blind verſtreut, Freue ſich und jauchze heut, Wer das Lebensloos gewonnen!

Ja der Krieg verſchlingt die Beſten! Ewig werde dein gedacht, Bruder, bey der Griechen Feſten, Der ein Thurm war in der Schlacht, Da der Griechen Schiffe brannten, War in deinem Arm das Heil, Doch dem Schlauen, Vielgewandten Ward der ſchöne Preis zu Theil! Friede deinen heilgen Reſten! Nicht der Feind hat dich entrafft, Ajax fiel durch Ajax Kraft, Ach der Zorn verderbt die Beſten!

Dem Erzeuger jetzt, dem großen, Gießt Neoptolem des Weins; Unter allen ird'ſchen Looſen Hoher Vater, preiſ' ich deins. Von des Lebens Gütern allen Iſt der Ruhm das höchſte doch, Wenn der Leib in Staub zerfallen, Lebt der große Nahme noch. Tapfrer, deines Ruhmes Schimmer Wird unſterblich ſeyn im Lied; Denn das ird'ſche Leben flieht, Und die Todten dauern immer.

can 205 mus

Weil des Liedes Stimmen ſchweigen Von dem überwundnen Mann, So will ich für Hektorn zeugen, Hub der Sohn des Tydeus an; Der für ſeine Hausaltäre Kämpfend ein Beſchirmer fiel Krönt den Sieger größre Ehre, Ehret ihn das ſchönre Ziel! | Der für feine Hausaltäre

Kämpfend ſank, ein Schirm und Kurt,

Auch in Feindes Munde fort Lebt ihm ſeines Nahmens Ehre.

Neſtor jetzt, der alte Zecher, Der drey Menſchenalter ſah, Neicht den laubumkränzten Becher Der bethränten Hekuba;

Trink ihn aus den Trank der Labe, Und vergiß den großen Schmerz, Wundervoll iſt Bacchus Gabe, Balſam fürs zerrißne Herz! Trink ihn aus den Trank der Labe Und vergiß den groſten Schmerz, Balſam fürs zerrißne Herz, Wundervoll iſt Bacchus Gabe.

Denn auch Niobe, dem ſchweren Zorn der Himmliſchen ein Ziel, Koftete die Frucht der Ahren,

Und bezwang das Schmerzgefühl.“

c 204 9 22 Denn ſo lang die Lebensquelle Schäumet an der Lippen Nand, Iſt der Schmerz in Lethes Welle Tief verſenkt und feſtgebannt + Denn ſo lang die Lebensquelle An der Lippen Rande ſchäumt, Iſt der Jammer weggeträumt , Fortgeſpühlt in Lethes Welle.

Und von ihrem Gott ergriffen

Hub ſich jetzt die Seherinn,

Blickte von den hohen Schiffen

Nach dem Rauch der Heimath hin.

Rauch iſt alles ird'ſche Weſen,

Wie des Dampfes Säule weht,

Schwinden alle Erdengrößen,

Nur die Götter bleiben ſtät. . Um das Roß des Reiters ſchweben, Um das Schiff die Sorgen her, Morgen können wirs nicht mehr, Darum laßt uns heute leben!

205 woran

Pant a

Im Norden zu ſingen.

Auf der Berge freyen Höhen, In der Mittagſonne Schein,

An des warmen Strahles Kräften Zeugt Natur den gold'nen Wein,

Und noch Niemand hat's erkundet, Wie die große Mutter ſchafft; Unergründlich iſt das Wirken, AUunerforſchlich iſt die Kraft.

Funkelnd wie ein Sohn der Sonne, Wie des Lichtes Feuerquell,

Springt er perlend aus der Tonne Purpurn und kryſtallenhell.

Und erfreuet alle Sinnen, Und in jede bange Bruſt Gießt er ein balſamiſch Hoffen Und des Lebens neue Luft,

Aber matt auf unſre Zonen Fällt der Sonne ſchräges Licht, Nur die Blätter kann ſie färben, Aber Früchte reift ſie nicht.

, 206 e. Doch der Norden auch will leben, Und was lebt will ſich erfreun; Darum ſchaſſen wir erfindend Ohne Weinſtock uns den Wein.

Bleich nur iſt's, was wir bereiten Auf dem häuslichen Altar; Was Natur lebendig bildet, Glänzend iſt's und ewig klar.

Aber freudig aus der Schale Schöpfen wir die trübe Fluth,

Auch die Kunſt iſt Himmelsgabe, Borgt ſie gleich von ird'ſcher Gluth.

Ihrem Wirken frey gegeben

Iſt der Kräfte großes Reich; Neues bildend aus dem Alten ,

Stellt ſie ſich dem Schöpfer gleich.

*

Selbſt das Band der Elemente Trennt ihr herrſchendes Geboth .

und fie ahmt mit Heerdes Flammen Nach den hohen Sonnengott.

Fernhin zu den ſel'gen Inſeln Richtet ſie der Schiffe Lauf,

Und des Südens gold'ne Früchte Schüttet ſie im Norden auf.

vun 207 won Drum ein Sinnbild und ein Zeichen Sey uns dieſer Feuerſaft, Was der Menſch ſich kann erlangen Mit dem Willen und der Kraft.

e 208 re

Der Ulvyenjäger

DIE du nicht das Lämmlein hüthen? Lämmlein iſt ſo fromm und ſanft, Nährt ſich von des Graſes Blüthen Spielend an des Baches Ranft? „Mutter, Mutter laß mich gehen, Jagen nach des Berges Höhen!“

Willſt du nicht die Heerde locken Mit des Hornes munterm Klang? Lieblich tönt der Schall der Glocken In des Waldes Luſtgeſang. „Mutter, Mutter, laß mich gehen, Schweifen auf den wilden Höhen!“

Willſt du nicht der Blümlein warten, Die im Beete freundlich ſtehn? Drauſſen ladet dich kein Garten, Wild iſt's auf den wilden Höh'n! „Laß die Blümlein, laß ſie blühen, Mutter, Mutter, laß mich ziehen!“

Und der Knabe ging zu jagen,

Und es treibt und reißt ihn fort, Raſtlos fort mit blindem Wagen

An des Berges finſtern Ort, Vor ihm her mit Windesſchnelle Flieht die zitternde Gazelle.

„wen 209 nm‘ Auf der Felſen nackte Rippen Klettert ſie mit leichtem Schwung, Durch den Riß geborſtner Klippen Trägt ſie der gewagte Sprung, Aber hinter ihr verwogen Folgt er mit dem Todesbogen.

Jetzo auf den ſchroffen Zinken

Hängt ſie, auf dem höchſten Grad, Wo die Felſen jäh verſinken,

Und verſchwunden iſt der Pfad. Unter ſich die ſteile Höhe, Hinter ſich des Feindes Nähe.

Mit des Jammers ſtummen Blicken Fleht ſie zu dem harten Mann,

Fleht umſonſt, denn loszudrücken, Legt er ſchon den Bogen an.

Plötzlich aus der Felſenſpalte

Tritt der Geiſt, der Bergesalte.

Und mit ſeinen Götterhänden Schützt er das gequälte Thier. „Mußt du Tod und Jammer ſenden, RNuft er, bis herauf zu mir? Naum für alle hat die Erde, Was verfolgſt du meine Heerde?“

Schillers Gedichte 2. Bd. S

, 210 9

*

Der Juͤng ling am Bache.

An der Quelle ſaß der Knabe, Blumen wand er ſich zum Kranz, Und er ſah ſie fortgeriſſen Treiben in der Wellen Tanz. Und ſo fliehen meine Tage Wie die Quelle raſtlos hin! Und ſo bleichet meine Jugend, Wie die Kränze ſchnell verblühn!

Fraget nicht, warum ich traure

In des Lebens Blüthenzeit! Alles freuet ſich und hoffet,

Wenn der Frühling ſich erneut. Aber dieſe tauſend Stimmen

Der erwachenden Natur

Wecken in dem tiefen Buſen

Mir den ſchweren Kummer nur.

Was ſoll mir die Freude frommen,

Die der ſchöne Lenz mir beut? Eine nur iſt's, die ich ſuche,

Sie iſt nah und ewig weit. Sehnend breit ich meine Arme

Nach dem theuren Schattenbild, Ach ich kann es nicht erreichen,

Und das Herz bleibt ungeſtillt!

e 211 m Komm herab, du ſchöne Holde, und verlaß dein ſtolzes Schloß! Blumen, die der Lenz geboren,

Streu ich dir in deinen Schooß. Horch, der Hayn erſchallt von Liedern Und die Quelle rieſelt klar!

Raum iſt in der kleinſten Hütte Für ein glücklich liebend Paar.

, 212 vun

Abſchie d e

Die Muſe ſchweigt, mit jungfräulichen Wangen, Erröthen im verſchämten Angeſicht, Tritt ſie vor dich, ihr Urtheil zu empfangen, Sie achtet es, doch fürchtet fie es nicht. Des Guten Beyfall wünſcht ſie zu erlangen, Den Wahrheit rührt, den Flimmer nicht beſticht, Nur wem ein Herz empfänglich für das Schöne Im Buſen ſchlägt, iſt werth, daß er fie kröne.

Nicht länger wollen diefe Lieder leben, Als bis ihr Klang ein fühlend Herz erfreut, Mit ſchönern Phantaſieen es umgeben, Zu höheren Gefühlen es geweiht; Zur fernen Nachwelt wollen ſie nicht ſchweben, Sie tönten, ſie verhallen in der Zeit. Des Augenblickes Luſt hat ſie geboren, Sie fliehen fort im leichten Tanz der Horen.

Der Lenz erwacht, auf den erwärmten Triften Schießt frohes Leben jugendlich hervor, Die Staude würzt die Luft mit Nektardüften, Den Himmel füllt ein muntrer Sängerchor, Und jung und alt ergeht ſich in den Lüften, Und freuet ſich und ſchwelgt mit Aug' und Ohr. Der Lenz entflieht! Die Blume ſchießt in Samen, Und keine bleibt von allen, welche kamen.

IM DIE. g.

rue. erer.

Elegie auf den Tod eines Juͤnglings.

*

Banges Stöhnen wie vor'm nahen Sturme, Hallet her vom öden Trauerhaus, Todtentöne fallen von des Münſters Thurme, Einen Jüngling trägt mau hier heraus: Einen Jüngling noch nicht reif zum Sarge, In des Lebens May gepflückt, Pochend mit der Jugend Nervenmarke, Mit der Flamme, die im Auge zückt; Einen Sohn, die Wonne ſeiner Mutter, (O das lehet ihr jammernd Ach) Meinen Buſenfreund, ach! meinen Bruder Auf! was Menſch heißt, folge nach!

Prahlt ihr Fichten, die ihr hoch veraltet, Stürmen ſtehet und den Donner neckt? Und ihr Berge, die ihr Himmel haltet, Und ihr Himmel, die ihr Sonnen hegt? Prahlt der Greis noch, der auf ſtolzen Werken Wie auf Wogen zur Vollendung ſteigt? Prahlt der Held noch, der auf aufgewälzten Thatenbergen In des Nachruhms Sonnentempel fleugt?

are 216 rum Wenn der Wurm ſchon naget in den Blüthen: Wer iſt Thor zu wähnen, daß er nie verdirbt? Wer dort oben hofft noch und hienieden Auszudauren wenn der Jüngling ſtirbt?

Lieblich hüpften, voll der Jugendfreude, Seine Tage hin im Roſenkleide, Und die Welt, die Welt war ihm ſo ſüß Und ſo freundlich, ſo bezaubernd winkte Ihm die Zukunft, und ſo golden blinkte Ihm des Lebens Paradies; b Noch, als ſchon das Mutterauge thränte, Unter ihm das Todtenreich ſchon gähnte, Über ihm der Parzen Faden riß, Erd und Himmel ſeinem Blick entſanken, Floh er ängſtlich vor dem Grabgedanken Ach die Welt iſt Sterbenden ſo ſüß.

Stumm und taub iſts in dem engen Hauſe, Tief der Schlummer der Begrabenen; Bruder! Ach in ewig tiefer Pauſe Feyern alle deine Hoffnungen; Oft erwärmt die Sonne deinen Hügel, ; Ihre Glut empfindeft du nicht mehr; Seine Blumen wiegt des Weſtwinds Flügel, Sein Geliſpel höreſt du nicht mehr; Liebe wird dein Auge nie vergolden, Nie umhalſen deine Braut wirſt du, Nie, wenn unſre Thränen ſtromweis rollten, Ewig, ewig ſinkt dein Auge zu.

eee 217 725

Aber wohl dir! köflich iſt dein .

Nuhig ſchläft ſich in dem engen Haus; Mit der Freude ſtirbt hier auch der Kummer,

Röcheln auch der Menſchen Qualen aus. Über dir mag die Verläumdung geifern,

Die Verführung ihre Gifte ſpeyn, über dich der Phariſäer eifern,

Fromme Mordſucht dich der Hölle weihn, Gauner durch Apoſtel Masken ſchielen,

Und die Baſtardtochter der Gerechtigkeit, Wie mit Würfeln, ſo mit Menſchen ſpielen,

Und fo fort bis hin zur Ewigkeit.

über dir mag auch Fortuna gaukeln, Blind herum nach ihren Buhlen ſpähn, Menſchen bald auf ſchwanken Thronen ſchaukeln, Bald herum in wüſten Pfützen drehn; Wohl dir, wohl in deiner ſchmalen Zelle; Dieſem komiſchtragiſchen Gewühl, Dieſer ungeſtümmen Glückeswelle, Dieſem poſſenhaften Lottoſpiel, Dieſem faulen fleißigen Gewimmel, Dieſer arbeitsvollen Ruh, Bruder! dieſem teufelpollen Himmel Schloß dein Auge ſich auf ewig zu.

Fahr dann wohl, du Trauter unſrer Seele, Eingewiegt von unſern Segnungen,

Schlummre ruhig in der Grabeshöhle,

Schlummre ruhig bis auf Wiederſehn! |

war 218 oma Bis auf dieſen leichenvollen Hügeln Die allmächtige Poſaune klingt, Und nach aufgerißnen Todesriegeln Gottes Sturmwind dieſe Leichen in Bewegung ſchwingt

Bis befruchtet von Jehovahs Hauche

Gräber kreiſen auf ſein mächtig Dräun In zerſchmelzender Planeten Rauche Ihren Raub die Grüfte wiederkäun

Nicht in Welten, wie die Weiſen träumen, Auch nicht in des Pöbels Paradieß, Nicht in Himmeln, wie die Dichter reimen,

Aber wir ereilen dich gewiß. Daß es wahr ſey, was den Pilger freute?

Daß noch jenſeits ein Gedanke fen 2 Daß die Tugend übers Grah geleite?

Daß es mehr denn eitle Fantaſey? Schon enthüllt find dir die Räthſel alle!

Wahrheit ſchlürft dein hochentzückter Seiſt, Wahrheit, die in tauſendfachem Strahle

Von des großen Vaters Kelche fleußt

Zieht dann hin, ihr ſchwarzen ſtummen Träger! Tiſcht auch den dem großen Würger auf! Höret auf, geheulergoßne Kläger! Thürmet auf ihm Staub auf Staub zu Hauf. Wo der Menſch, der Gottes Rathſchluß prüfte? Wo das Aug, den Abgrund durchzuſchaun 2 Heilig! Heilig! Heilig! Biſt du Gott der Grüfte, Wir verehren dich mit Graun!

BIBI 219 er Erde mag zurück in Erde ſtäuben, Fliegt der Geiſt doch aus dem morſchen Haus! Seine Aſche mag der Sturmwind treiben, Seine Liebe dauert ewig aus!

An die Parzen.

Nicht in's Gewühl der rauſchenden Redouten, Wo Stutzerwitz ſich wunderherrlich ſpreißt, Und leichter als das Netz der fliegenden Bajouten,

Die Tugend junger Schönen reißt;

Nicht vor die ſchmeichleriſche Toilette,

Wovor die Eitelkeit, als ihren Götzen, kniet, Und oft in wärmere Gebethe,

Als zu dem Himmel ſelbſt entglüht;

Nicht hinter der Gardinen liſt'gen Schleyer Wo heuchleriſche Nacht das Aug der Welt betrügt, Und Herzen, kalt im Sonnenfeuer, In glühende Begierden wiegt,

Wo wir die Weisheit ſchamroth überraſchen, Die kühnlich Phöbus Strahlen trinkt,

Wo Männer gleich den Knaben diebiſch naſchen, Und Plato von den Sphären ſinkt

Zu dir zu dir, du einſames Geſchwiſter, Euch Töchtern des Geſchickes, flieht

Bey meiner Laute leiſerem Geflüſter Schwermüthig ſüß mein Minnelied.

, 221 um Ihr Einzigen, für die noch kein Sonnet gegirret, Um deren Geld kein Wucherer noch warb, Kein Stutzer noch Klagarien geſchwirret, Kein Schäfer noch arkadiſch ſtarb. 7

Die ihr den Nervenfaden unſers Lebens Durch weiche Finger ſorgſam treibt, Bis unterm Klang der Scheere ſich vergebens Die zarte Spinnewebe ſträubt.

Daß du auch mir den Lebensfaden ſpinnteſt, Kuß ich, o Klotho deine Hand;

Daß du noch nicht den jungen Faden trennteſt, Nimm Lacheſis dieß Blumenband.

Oft haſt du Dornen an den Faden, Noch öfter Roſen dran gereiht, Für Dorn' und Roſen an dem Faden Sey Klotho dir dieß Lied geweiht!

Oft haben ſtürmende Affecte Den weichen Zwirn herumgezerrt, Oft rieſenmäßige Projecte Des Fadens freyen Schwung geſperrt;

Oft in wollüſtig ſüßer Stunde 0 War mir der Faden faſt zu fein,

Noch öfter an der Schwermuth Schauerſchlunde Mußt er zu feſt geſponnen feyn:

reer, 222 ee Dieß Klotho, und noch andre Lügen Bitt ich dir jetzt mit Thränen ab, Nun ſoll mir auch fortan genügen, Was mir die weiſe Klotho gab.

Nur laß an Noſen nie die Scheere klirren, An Dornen nur doch wie du willſt. Laß, wenn du willſt, die Todtenſcheere klirren, Wenn du dieß eine nur erfüllſt.

Wenn Göttinn jetzt an Laurens Mund beſchworen, Mein Geiſt aus ſeiner Hülſe ſpringt, l

Verrathen, ob des Todtenreiches Thoren Mein junges Leben ſchwindelnd hängt,

Laß in's Unendliche den Faden wallen, Er wallet durch ein Paradies,

Dann, Göttinn, laß die böſe Scheere fallen! O laß ſie fallen, Lacheſis! ö

Eine Leichenfantaſie.

Mit erſtorbnem Scheinen Steht der Mond auf todtenſtillen Haynen, Seufzend ſtreicht der Nachtgeiſt durch die Luft Nebelwolken ſchauern, Sterne trauern Bleich herab, wie Lampen in der Gruft. Gleich Geſpenſtern, ſtumm und hohl und hager, Zieht in ſchwarzem Todtenpompe dort Ein Gewimmel nach dem Leichenlager Unter'm Schauerflor der Grabnacht fort.

Zitternd an der Krücke, Wer mit düſterm rückgeſunk'nen Blicke Ausgegoſſen in ein heulend Ach, Schwer geneckt vom eiſernen Geſchicke, Schwankt dem ſtummgetrag'nen Sarge nach? Floß es, Vater, von des Jünglings Lippe? Naſſe Schauer ſchauern fürchterlich Durch ſein gramgeſchmolzenes Gerippe, Seine Silberhaare bäumen ſich.

% 224 ee

Aufgeriſſen ſeine Feuerwunde! / Durch die Seele Höllenſchmerz!

Vater floß es von des Jünglings Munde, Sohn geliſpelt hat das Vaterherz. Eiskalt, eiskalt liegt er hier im Tuche,

Und dein Traum, ſo golden einſt, ſo ſüß! Süß und golden Vater dir zum Fluche! Eiskalt, eiskalt liegt er hier im Tuche!

Deine Wonne und dein Paradies.

Mild, wie umweht von Elyſiumslüften, Wie aus Auroras Umarmung geſchlüpft, Himmliſch umgürtet mit roſigten Düften, a Florens Sohn über das Blumenfeld hüpft, Flog er einher auf den lachenden Wieſen Nachgeſpiegelt von ſilberner Fluth, Wolluſtflammen entſprühten den Küſſen, | Jagten die Mädchen in liebende Gluth.

Muthig ſprang er im Gewühle der Menſchen, Wie auf Gebirgen ein jugendlich Reh, Himmelum flog er in ſchweifenden Wünſchen, Hoch wie die Adler in wolkigter Höh, Stolz wie die Noſſe ſich ſträuben und ſchäumen, Werfen im Sturme die Mähnen umher, Königlich wider den Zügel ſich bäumen, Trat er vor Selaven und Fürſten daher.

Heiter wie Frühlingstag ſchwand ihm das Leben, Floh ihm vorüber in Heſperus Glanz, | Kla⸗

‚see 925 rm Klagen ertränkt' er im Golde der Reben, Schmerzen verhüpft er im wirbelnden Tanz. Welten ſchliefen im herrlichen Jungen, Ha! wenn er einſten zum Mann gereift Freue dich Vater! im herrlichen Jungen Wenn einſt die ſchlafenden Keime gereift.

Nein doch Vater Horch! die Kirchhofthüre brauſet, Und die eh'rnen Angel klirren auf Wie's hinein in's Grabgewölbe grauſet! Nein doch, laß den Thränen ihren Lauf. Geh, du Holder, geh im Pfad der Sonne Freudig weiter der Vollendung zu, Löſche nun den edeln Durſt nach Wonne Gramentbundner, in Walhallas Ruh

Wiederſehen himmliſcher Gedanke! Wiederſehen dort an Edens Thor! Horch! der Sarg verſinkt mit dumpfigem Geſchwanke, Wimmernd ſchnurrt das Todtenfeil empor! Da wir trunken um einander rollten, Lippen ſchwiegen, und das Auge ſprach Haltet! haltet! da wir boshaft grollten Aber Thränen ſtürzten wärmer nach.

Mit erſtorbnem Scheinen, Steht der Mond auf todtenſtillen Haynen, Seufzend ſtreicht der Nachtgeiſt durch die Luft. Nebelwolken ſchauern, Sterne trauern Bleich herab wie Lampen in der Gruft. Schillers Gedichte 2. Bd. P

un 226 an Dumpfig ſchollerts überm Sarg zum Hügel, O um Erdballs Schätze nur noch einen Blick! Starr und ewig ſchließt des Grabes Riegel, Dumpfer dumpfer ſchollerts über'm Sarg zum Hügel, Nimmer gibt das Grab zurück.

.

ren 227 cer

WM ne

an Laura.

Medchen halt wohin mit dir du Loſe? Bin ich noch der ſtolze Mann? der Große ? Mädchen, war das ſchön? Sieh! der Rieſe ſchrumpft durch dich zum Zwerge, Weggehaucht die aufgewälzten Berge Zu des Ruhmes Sonnenhöhn.

Abgepflücket haſt du meine Blume,

Haſt verblaſen all die Glanzfantome Narrentheidigſt in des Helden Raub.

Meiner Plane ſtolze Pyramiden

Trippelſt du mit leichten Zephyrtritten Schäckernd in den Staub.

Zu der Gottheit flog ich Adlerpfade, Lächelte Fortunens Gaukelrade,

Unbeſorgt wie ihre Kugel fiel. Jenſeits dem Kozytus wollt' ich ſchweben, Und empfange ſelaviſch Tod und Leben,

Leben, Tod von einem Augenſpiel.

P 2

ww 228 ren

Siegern gleich, die wach von Donnerlanzen In des Ruhmes Eiſenfluren tanzen, Losgeriſſen von der Frynen Bruſt, Wallet aus Aurorens Roſenbette Gottes Sonne über Fürſtenſtädte Lacht die junge Welt in Luſt!

Hüpft der Heldinn noch dies Herz entgegen? Trink ich, Adler, noch den Flammenregen Ihres Auges, das vernichtend brennt? In den Blicken die vernichtend blinken Seh ich meine Laura Liebe winken, Seh's, und weine wie ein Kind.

Meine Ruhe, gleich dem Sonnenbilde

In der Welle, wolkenlos und milde, Mädchen, Haft du hingemordt.

Schwindelnd ſchwank ich auf der gähen Höhe,

Laura? wenn mich wenn mich Laura flöhe ? Und hinunterſtrudelt mich das Wort.

Hell ertönt das Evoe der Zecher,

Freuden winken vom bekränzten Becher, Scherze ſpringen aus dem goldnen Wein,

Seit das Mädchen meinen Sinn beſchworen,

Haben mich die Jünglinge verloren, Freundlos irr ich und allein.

*

warn 229 zu Lauſch ich noch des Ruhmes Donnerglocken? Reitzt mich noch der Lorbeer in den Locken ? Deine Leyer Apollo Zynthius? Nimmer, nimmer wiederhallt mein Buſen, Traurig fliehen die beſchämten Muſen, | Flieht Apollo Zynthius.

Will ich gar zum Weide noch erlahmen? Hüpfen noch bey Vaterlandes Nahmen Meine Pulſe lebend aus der Gruft? Will ich noch nach Varus Adler ringen? Wünſch ich noch in Römerblut zu ſpringen, Wenn mein Herrmann ruft?

Köſtlich iſts der Schwindel ſtarrer Augen, Seiner Tempel Weihrauchduft zu ſaugen, Stolzer, kühner ſchwillt die Bruſt. Kaum erbettelt jetzt ein halbes Lächeln Was in Flammen jeden Sinn zu fächeln, Zu empören jede Kraft gewußt.

Daß mein Ruhm ſich zum Orion ſchmiegte, Hoch erhoben ſich mein Nahme wiegte In des Zeitſtroms wogendem Gewühl. Daß dereinſt an meinem Monumente Stolzer thürmend nach dem Firmamente Chronos Senſe ſplitternd niederfiel.

, 230 ie Lächelſt du? Nein! Nichts hab ich verloren! Stern und Lorbeer neid ich nicht den Thoren, Leichen ihre Marmor nie. Alles hat die Liebe mir errungen, Über Menſchen hätt' ich mich geſchwungen, Jetzo lieb ich ſie!

.

an den Unendlichen.

UK——᷑

Jae Himmel und Erd, hoch in der Lüfte Meer, In der Wiege des Sturms trägt mich ein Zakenfels, Wolken thürmen Unter mir ſich zu Stürmen, Schwindelnd gaukelt der Blick umher Und ich denke dich, Ewiger.

Deinen ſchauernden Pomp borge dem Endlichen, Ungeheure Natur! Du der Unendlichkeit Rieſentochter! Sey mir Spiegel Jehovahs! Seinen Gott dem vernünftigen Wurm Orgle prächtig, Gewitterſturm!

Horch! er orgelt Den Fels wie er herunterdrönt! Brüllend ſpricht der Orkan Zebaoths Nahmen aus. Hingeſchrieben h Mit dem Griffel des Blitzes: Kreaturen, erkennt ihr mich? Schone, Herr! wir erkennen dich.

, 232 era

Mel an ch o li e

an Laura.

1 Sonnenaufgangsgluth Brennt in deinen gold'nen Blicken, In den Wangen fpringt purpuriſch Blut, Deiner Thränen Perlenfluth Nennt noch Mutter das Entzücken Dem der ſchöne Tropfe thaut— Der darin Vergött'rung ſchaut, Ach, dem Jüngling der belohnet wimmert, Sonnen ſind ihm aufgedämmert!

Deine Seele gleich der Spiegelwelle Silberklar und Sonnenhelle Mayet noch den trüben Herbſt um dich, Wüſten öd und ſchauerlich Lichten ſich in deiner Strahlenquelle, Düſt'rer Zukunft Nebelferne Goldet ſich in deinem Sterne; Lächelſt du der Reitze Harmonie? Und ich weine über ſie.

Untergrub denn nicht der Erde Veſte I Lange ſchon das Reich der Nacht?

Unſre ſtolz aufthürmenden Palläſte, Unſrer Städte majeſtät'ſche Pracht

, 25353 www Ruhen all auf modernden Gebeinen, Deine Nelken ſaugen ſüßen Duft Aus Verweſung, deine Quellen weinen Aus dem Becken einer Menſchenguuft.

Blick empor die ſchwimmenden Planeten, Laß dir Laura ſeine Welten reden! Unter ihrem Zirkel flohn Tauſend bunte Lenze ſchon, Thürmten tauſend Throne ſich Heulten tauſend Schlachten fürchterlich. In den eiſernen Fluren! Suche ihre Spuren, Früher, ſpäter reif zum Grab Laufen ach die Räder ab An Planetenuhren.

Blinze drey Mahl und der Sonnen Pracht Löſcht im Meer der Todtennacht! 8

Frage mich, von wannen Deine Strahlen Iodern? Prahlſt du mit des Auges Glut? | Mit der Wangen friſchem Purpurblut ?

Abgeborgt von mürben Modern? Wuchernd für's gelieh'ne Roth, Wuchernd Mädchen! wird der Tod

Schwere Zinſen fodern!

Rede Mädchen nicht dem Starken Hohn! Eine ſchönre Wangenröthe

Iſt doch nur des Todes ſchönrer Thron, Hinter dieſer blumigten Tapete

wm 254 me Spannt den Bogen der Verderber ſchon Glaub es glaub es, Laura, deinem Schwärmer, tur der Tod iſt's, dem dein ſchmachtend Auge winkt, Jeder deiner Strahlenblicke trinkt Deines Lebens karges Lämpchen ärmer; Meine Pulſe, prahleſt Du, Hüpfen noch ſo jugendlich von dannen Ach! die Kreaturen des Tyrannen Schlagen tückiſch der Verweſung zu. ö

Aus einander bläßt der Tod geſchwind Dieſes Lächeln, wie der Wind Regenbogenfärbigtes Geſchäume, Ewig fruchtlos ſuchſt du ſeine Spur, Aus dem Frühling der Natur, Aus dem Leben, wie aus ſeinem Keime, Wächſt der ew'ge Würger nur.

Weh! entblättert ſeh' ich deine Roſen liegen, Bleich erſtorben deinen ſüßen Mund, Deiner Wangen wallendes Rund

Werden rauhe Winterſtürme pflügen,

Düſtrer Jahre Nebelſchein

Wird der Jugend Silberquelle trüben,

Dann wird Laura Laura nicht mehr lieben, Laura nicht mehr liebenswürdig ſeyn.

Mädchen ſtark wie Eiche ſtehet noch dein Dichter, Stumpf an meiner Jugend Felſenkraft Niederfällt des Todtenſpeeres Schaft,

Meine Blicke brennend wie die Lichter

235 verem Seines Himmels feuriger mein Geiſt, Denn die Lichter ſeines ew'gen Himmels, Der im Meere eig'nen Weltgewimmels \ Felſen thürmt und niederreißt. Kühn durchs Weltall ſteuern die Gedanken, Fürchten nichts als ſeine Schranken.

Glühſt du Laura? Schwillt die ſtolze Bruſt?

Lern' es Mädchen, dieſer Trank der Luſt, Dieſer Kelch, woraus mir Gottheit düftet Laura iſt vergiftet!

Unglückſelig! Unglückſelig! die es wagen

Götterfunken aus dem Staub zu ſchlagen. Ach die kühnſte Harmonie

Wirft das Saitenſpiel zu Trümmer,

Und der lohe Atherſtrahl Genie

Nährt ſich nur vom Lebenslampenſchimmer Wegbetrogen von des Lebens Thron Frohnt ihm jeder Wächter ſchon!

Ach! ſchon ſchwören ſich mißbraucht zu frechen Flammen

Meine Geiſter wider mich zuſammen!

Laß ich fühls laß Laura noch zween kurze Lenze fliegen und dieß Moderhaus

Wiegt ſich ſchwankend über mir zum Sturze, Und in eig'nem Strahle löſch ich aus.

Weinſt du Laura? Thräne ſey verneinet, Die des Alters Strafloos mir erweinet, Weg! Verſiege Thräne Sünderinn! Laura will, daß meine Kraft entweiche, Daß ich zitternd unter dieſer Sonne ſchleiche,

e 236 wee

Die des Jünglings Adlergang geſehn? Daß des Buſens lichte Himmelsflamme Mit erfrornem Herzen ich verdamme Daß die Augen meines Geiſts verblinden, Daß ich fluche meinen ſchönſten Sünden?

Nein! verſiege Thräne Sünderinn! Brich die Blume in der ſchönſten Schöne, Löſch, o Jüngling mit der Trauer miene!

Meine Fackel weinend aus, Wie der Vorhang an der Trauerbühne ! Niederrauſchet bey der ſchönſten Scene,

Fliehn die Schatten und noch ſchweigend horcht

das Haus.

won 257 wow

Din Pe ft.

Gine Jan t af is

Glätznch preiſen Gottes Kraft Peſtilenzen, würgende Seuchen, Die mit der grauſen Brüderfchaft Durchs öde Thal der Grabnacht ſchleichen.

Bang ergreifts das klopfende Herz,

Gichtriſch zuckt die ſtarre Sehne,

Gräßlich lacht der Wahnſinn in das Angſtgeſtöhne, In heulende Triller ergeußt ſich der Schmerz.

RNaſerey wälzt tobend ſich im Bette Gift'ger Nebel wallt um ausgeſtorbne Städte, Menſchen hager hohl und bleich Wimmeln in das finſtre Reich. ; Brütend liegt der Tod auf dumpfen Lüften,

Häuft ih Schätze in geſtopften Grüften.

Peſtilenz ſein Jubelfeſt.

Leichenſchweigen Kirchhofſtille

Wechſeln mit dem Luſtgebrülle, Schrecklich preiſet Gott die Peſt.

sen 238 cee.

Monument

Moors des Räubers.

Volendet! f

Heil dir! Vollendet! Majeſtätiſcher Sünder! Deine furchtbare Rolle vollbracht!

Hoher Gefallener! Deines Geſchlechts Beginner und Ender! Seltner Sohn ihrer ſchröcklichſten Laune, Erhabner Verſtoß der Mutter Natur!

Durch wolkigte Nacht ein prächtiger Blitz! Huy! Hinter ihm ſchlagen die Pforten zuſammen! Geitzig ſchlingt ihn der Rachen der Nacht! Zucken die Völker Unter ſeiner verderbenden Pracht!

Aber Heil dir! Vollendet! Majeſtätiſcher Sünder! Deine furchtbare Rolle vollbracht!

Modre verſtieb In der Wiege des offnen Himmels! Fürchterlich jedem Sünder zur Schau,

ere 239 rere Wo dem Thron gegenüber Heißer Ruhmſucht furcht bare Schranke ſteigt! Siehe! der Ewigkeit übergibt dich die Schande! Zu den Sternen des Ruhms Klimmſt du auf den Schultern der Schande! Einſt wird unter dir auch die Schande zerſtieben, Und dich rächt die Bewunderung.

Naſſen Auges an deinem ſchauernden Grabe Männer vorüber Freue dich der Thräne der Männer, Des Gerichteten Geiſt! Naſſen Auges an deinem ſchauernden Grabe Jüngſt ein Mädchen vorüber, Hörte die furchtbare Kunde Deiner Thaten vom ſteinernen Herold, Und das Mädchen freue dich! freue dich! Wiſchte die Thräne nicht ab. Ferne ſtand ich ſah die Perle fallen, Und ich rief ihr: Amalia!

Jünglinge! Jünglinge! Mit des Genies gefährlichem Atherſtrahk, Lernt behuthſamer ſpielen. Störrig knirſcht in den Zügel das Sonnenroß, Wie's am Seile des Meiſters Erd', und Himmel in ſanfterem Schwunge wiegt, Flammts am kindiſchen Zaume Erd und Himmel in loderunden Brand! Unterging in den Trümmern Der muthwillige Phaeton.

una 240 eniea Kind des himmliſchen Genius, Glühendes thatenlechzendes Herz! Reitzet dich das Mahl meines Räubers? War wie du glühenden thatenlechzenden Herzens, War wie du des himmliſchen Genius Kind. Aber du lächelſt und gebſt 5 Dein Blick durchfliegt den Raum der Weltgeſchichte, Moorn den Räuber findeſt du nicht Steh und lächle nicht Jüngling! Seine Sünde lebt lebt ſeine Schande, Räuber Moor nur ihr Nahme nicht.

2 5 241 ar

[4

Die ſchlimmen Monarchen.

Foren Preiß erklimme meine Leyer

Erdengötter die der ſüßen Feyer Anadyomenens ſanft nur klang;

Leiſer um das pompende Getöſe, |

Schüchtern um die Purpurflammen eurer Größe Zittert der Geſang.

Redet! fol ich goldne Saiten ſchlagen; Wenn vom Jubelruf empor getragen Euer Wagen durch den Wahlplatz rauſcht? Wenn ihr, ſchlapp vom eiſernen Umarmen, Schwere Panzer mit den weichen Roſenarmen Eurer Phrynen tauſcht?

Soll vielleicht im Schimmer goldner Reifen;

Götter, euch die kühne Hymne greifen Wo in myſtiſch Dunkel eingemummt

Euer Spleen mit Donnerkeilen tändelt,

Mit Verbrechen eine Menſchlichkeit bemäntelt, Bis das Grab verſtummt?

Sing ich Ruhe unter Diademen ? Soll ich, Fürſten, eure Träume rühmen? Wenn der Wurm am Königsherzen zehrt, Schiller's Gedichte 2. Bd. 2

Weht der goldne Schlummer um den Mohren, Der den Schatz bewacht an des Pallaſtes Thoren, Und ihn nicht begehrt.

Zeig o Muſe, wie mit Ruderſelaven Könige auf einem Polſter ſchlafen,

Die gelöſchten Blitze freundlich thun, Wo nun nimmer ihre Launen foltern, Nimmer die Theaterminotaure poltern,

Und die Löwen ruhn.

Auf! Bekaſte mit dem Zauberſiegel, Hekate des Gruftgewölbes Riegel! Horch! die Flügel donnern jach zurück! Wo des Todes Odem dumpfig ſäuſelt, Schauerluft die ſtarren Locken aufwärts kräuſelt, Sing ich Fürſtenglück.

Hier das Ufer? hier in dieſen Grotten Stranden eurer Wünſche ſtolze Flotten? Hier wo eurer Größe Fluth ſich ſtößt? Ewig nie dem Ruhme zu erwarmen, Schmiedet hier die Nacht mit ſchwarzen Schauerarmen Potentaten feſt.

Traurig funkelt auf dem Todtenkaſten

Eurer Kronen, der umperlten Laſten, Eurer Scepter undankbare Pracht.

Wie ſo ſchön man Moder übergoldet!

Doch nur Würmer werden mit dem Leib beſoldet, Dem die Welt gewacht.

en 245 e. Stolze Pflanzen in ſo niedern Beeten! Seht doch! wie mit welken Majeſtäten Garſtig ſpaßt der unverſchämte Tod! Die durch Nord und Oſt und Weſt gebothen Dulden ſie des Unholds eckelhafte Zoten, Und kein Sultan droht?

Springt doch auf, ihr ſtörrige Verſtummer;

Schüttelt ab den tauſendpfündgen Schlummer, Siegespaucken trommeln aus der Schlacht,

Höret doch, wie hell die Zinken ſchmettern!

Wie des Volkes wilde Vivat euch vergöttern! Könige erwacht!

Siebenſchläfer! o fo hoͤrt die hellen

Hörner klingen und die Doggen bellen! Tauſendröhrigt knallt das Jagdenfeu'r;

Muntre Roſſe wiehern nach dem Forſte,

Blutig wälzt der Eber ſeine Stachelborſte, Und der Sieg iſt eu'r!

Was iſt das 2 Auch Fürſten ſchweigen ſelber? Neunfach durch die heulenden Gewölber Spottet mir ein ſchleifend Echo nach Hört doch nur den Kammerjunker düßeln: Euch beehrt Madonna mit geheimen Schlüſſeln In ihr Schlafgemach. Keine Antwort Ernſtlich iſt die Stille Fällt denn auch auf Könige die Hülle, Die die Augen des Trabanten deckt? *

ee 244 1 Und ihr fodert Anbethung in Aſche, Daß die blinde Metze Glück in eure Taſche Eine Welt geſteckt?

Und ihr raſſelt, Gottes Rieſenpuppen, Sch daher in kindiſchſtolzen Gruppen, Gleich dem Gaukler in dem Opernhaus? Pöbelteufel klatſchen dem Geklimper, Aber weinend ziſchen den erhabnen Stümper Seine Engel aus.

Ins Gebieth der leiſeren Gedanken,

Würden überwänden ſie die Schranken Schlangenwirbel eure Mäkler drehn;

Lernt doch, daß die euren zu entfalten,

Blicke, die auch Phariſäerlarven ſpalten, Von dem Himmel ſehn.

Prägt ihr zwar Hohn ihrem falſchen Schalle! Euer Bild auf lügende Metalle, Schnödes Kupfer adelt ihr zu Gold Eure Juden ſchachern mit der Münze Doch wie anders klingt ſie über jener Gränze, Wo die Waage rollt!

Decken euch Seraile dann und Schlöſſer, Wann des Himmels fürchterlicher Preſſer An des großen Pfundes Zinſen mahnt? Ihr bezahlt den Bankerott der Jugend Mit Gelübden, und mit lächerlicher Tugend, Die Hanswurſt erfand.

rn 245 rer Berget immer die erhabne Schande Mit des Majeſtätsrechts Nachtgewande! Bübelt aus des Thrones Hinterhalt. Aber zittert für des Liedes Sprache, Kühnlich durch den Purpur bohrt der Pfeil der Rache Fürſtenherzen kalt. 8

e 246 ersee.

Unterthaͤnigſtes Promemoria

an die Conſiſtorial-Rath Körneriſche weibliche Waſch— deputation, eingereicht von einem niedergeſchlagenen

1

Trauerſpieldichter in Löſchwitz.“)

. iſt mein Kopf, und ſchwer, wie Bley, Die Tabacksdoſe ledig,

Mein Magen leer der Himmel ſey Dem Trauerſpiele gnädig!

*) Als die drey erſten Acte von Schillers Don Karlos in

Leipzig bey Göſchen gedruckt wurden, lebte er beym Conſiſto⸗ rialrath Körner in Löſchwitz bey Dresden. Einſt an einem Herbſttage fuhr die ganze Körneriſche Familie aus, um einen Beſuch in der Nachbarſchaft zu machen, weil während ihrer Abweſenheit das ganze Haus gewafchen und geſäubert werden ſollte. Man lud auch Schillern ein mitzufaͤhren; allein dieſer, der ſich der Vollendung des Karlos wegen immer mehr im Gedränge kühlte, da Göſchen ſchon die erſten Acte zu drucken angefangen hatte, mußte die Parthie ausſchlagen, um zu ar— beiten. Unglücklicher Weiſe hatte aber die Frau Conſiſtorialrä⸗ thinn in der feſten Meinung, Schiller fahre mit, alle Schrän- ke und den Keller zuſchließen laſſen. Man vergaß alſo voll konmen, ihm das Nöthige zu feiner Bequemlichkeit vorher herz aus zu geben, und Schiller befand ſich, als fie abgefahren wa⸗ ren, ohne Speis und Trank, ohne Holz ſogar, um ſein Zim— mer heitzen zu laſſen. In dieſer kritiſchen Lage brachte er obi— ges zu papier. f |

run 2 47 e. 4

Ich kratze mit dem Federkiel Auf den gewalkten Lumpen. Wer kann Empfindung, wer Gefühl, Aus hohlem Herzen pumpen?

Feu'r ſoll ich gießen aufs Papier Mit angefrornem Finger

O Phöbus! haſſeſt du Geſchmier, So wärm auch deinen Sänger!

Die Wäſche klatſcht vor meiner Thür, Es ſcharrt die Küchenzofe,

Und mich mich ruft das Flügelthier Nach König Philipps Hofe.

Ich ſteige muthig auf das Roß, In wenigen Sekunden

Seh ich Madrit am Königsſchloß Hab' ich es angebunden.

Ich eile durch die Gallerie, Und ſiehe da: belauſche

Die junge Fürſtinn Eboli Im ſüßen Liebesrauſche.

Jetzt ſinkt ſie an des Prinzen Bruſt Mit wonnevollem Schauer,

In ihren Augen Götterluſt, Doch in den feinen Trauer.

ern DAB —. Schon ruft das ſchöne Weib: Triumph! Schon hör' ich Tod und Hölle! Was hör ich? Einen naſſen Strumpf Geworfen in die Welle.

Und weg iſt Traum und Feerey! Prinzeſſinn „Gott befohlen 1

Der Teufel ſoll die Dichteren Beym Hemdewaſchen hohlen!

Gegeben in unſerer jammervollen Lage unweit dem Keller.

Fr. Schiller, Haus und Wirthſchaftsdichter⸗

urn 249 re f

Hochzeitgedich t.)

Hi dir, edler deutſcher Mann, Heil! zum ew'gen Bunde! Heute geht dein Himmel an. Sie iſt da die Stunde! Sprich der blaſſen Mißgunſt Hohn, Und dem Kampf der Jahre! Großer Tugend großer Lohn Winkt dir am Altare.

Nichts was enge Herzen füllt, Was die Meinung weihet, Was des Thoren Wünſche ſtillt, Was der Geck oft freyet, Reichthum nicht, nicht Ahnenruhm, Nicht verbothne Triebe, Nein, in dieſes Heiligthum Führte dich die Liebe!

) Schiller dichtete dieß in fremdem Nahmen zur Vermäh— lung eines ſeiner würdigſten Freunde. Er ſchrieb es, umgeben von mehreren Menſchen, aus der Fülle ſeiner ſchönen Seele. Ohne es wieder durchzuſehen, gab er es zum Drucke hin. Die erſten Verſe beziehen ſich auf die Schwierigkeiten, die ſich der ſo ſchönen Wahl des Liebenden anfangs entgegenſtellten.

250 wu Nach der Thoren Lobgeſang

Haſt du nie getrachtet. Der Gewohnheit Keltenklang Haſt du ſtolz verachtet. Ehrſucht mag nach Ehre freyn, Gold ſich Gold vermählen! - Liebe will geliebet ſeyn: Seelen ſuchen Seelen.

Deinem großen Schwur getreu Trotzteſt du Verächtern. Männlich ſtolz gingſt du vorbey An der Mode Töchtern! Flittergold und Tändeleyn Hat der Stutzer lieber.

Doch du wollteſt glücklich ſeyn Und du gingſt vorüber!

Mädchenherzen ſind ſo gern Käſtchen *) zum Vexiren Manchen lockt der goldne Stern, Perlen, die nur zieren! Hundert werden aufgethan, Neun und neunzig trügen;

Aber nur in Einer kann Die Juwele liegen!

Dich entzückt die Gattinn nicht, Die nach Siegen trachtet,

) Bezieht ſich auf eine Stelle in Shakespears Kaufmann von Venedig.

eure 251 en Männerherzen Netze flicht, Deines nur verachtet; Eitel auf das Lob der Welt, In der neuen Robe Schöner, ſtolzer ſich gefällt, Als in deinem Lobe.

Keine witz'ge Spötterinn, Keiner Gauklertruppe Zugeſtutzte Schülerinn,

Keine mod'ſche Puppe,

Keine, die mit Wörterkram Ihre Liebe pinſelt,

Was nicht aus dem Herzen kam Aus Romanen winſelt.

Dich entzückt die Gattinn nur, Die für dich nur lebet, Und mit herzlicher Natur Innig an dir klebet. Die um deiner werth zu ſeyn, Für die Welt erblindet, Und in deinem Arm allein Ihren Himmel findet,

Trauert, wenn du finſter biſt, Weinet, wenn du klageſt, Jauchzet, wenn du fröhlich biſt, Zittert, wenn du wageſt,

Die in ſchöner Sympathie Dein Gefühl erweichet,

re» 232 . Und an Seelenharmonie Deiner Minna gleichet.

Sie allein iſt dir genug Welten kannſt du miſſen. Wunden, die das Schickſal ſchlug, Heilet ſie mit Küſſen!

Deine Wonne ſendet ſie Mit dem Engelsblicke Schweſterlicher Sympathie Wuchernd dir zurücke!

Wenn der Männer ernſte Pflicht Deinen Geiſt ermüdet, ö Wenn der Sorgen Bleygewicht Finſter auf dir brütet,

Falſche Freunde von dir fliehn, Feinde dich verhöhnen,

Wetter dir entgegen ziehn, Donner um dich dröhnen,

Wenn dein ganzer Himmel fällt, Wenn dein Engel weichet, Wenn um Dich die weite Welt Einer Wüſte gleichet. O! dann wird Ihr ſanfter Blick Dir Erquickung fächeln Die Verzweiflung tritt zurück Weicht vor ihrem Lächeln!

es 233 me Nie wird dieſer Bund vergehn, Keine Zeit ihn mindern. Fröhlich wird er auferſtehn In geliebten Kindern. Wenn die Freuden einſt vergehn, Die dir heute ſcheinen, Wirſt du froh dich wiederſehn In geliebten Kleinen.

Ausſicht voll von Seligkeit! Mit prophet'ſchen Blicken Seh' ich in die künft'ge Zeit, Sehe mit Entzücken Töchter lieblich, ſanft und gut, Nach der Mutter Bilde, Söhne von des Vaters Blut, Edel, treu und milde!

Lieblich, wie ein Blumenflor An den Gartenwänden Fröhlich wachſen ſie empor Unter deinen Händen. Freudenthränen im Geſicht, Sammelſt du die Bluthen, Wie ein Gärtner Blumen bricht, Die ihn oft bemühten.

Dich erreicht der Jahre Ziel, Deine Kräfte enden Unſers Lebens kurzes Ziel Muß zuletzt doch enden

Aa Um Dein Bette drängt fih dann Eine ſchöne Jugend. Dein Gedächtniß, edler Mann, Lebt in ihrer Tugend!

Jede Erdenwonne muß Sich mit Leiden gatten. Lüſte würgen im Genuß; Ehrſucht ſpeiſt mit Schatten; Weisheit tödtet oft die Glut Unſrer ſchönſten Triebe; Tugend kämpft mit heißem Blut! Glücklich macht nur Liebe!

Preiſt den armen Wandrer nicht, Der ſie nie empfunden Dem des Lebens Traumgeſicht Ohne ſie verſchwunden! Wer in Amors ſüßen Bann Nie ſich hingegeben, Was verſpricht der arme Mann Sich vom andern Leben?

Sey's ein Weiſer, ſey's ein Held, Still und ſchnell vergeſſen, Schleicht er zu der Unterwelt, Und iſt nie geweſen! Freund, du haſt auf Gott vertrauk, Gott hat dich belohnet! Frage deine frohe Braut, Wo dein Himmel wohnet;

wen 255 wee

Unauslöſchlich, wie die Gluth Deiner reinen Triebe, Unerſchüttert, wie dein Muth, Feſt, wie deine Liebe, Ewig, wie du ſelber biſt, Währe deine Freude! Wenn die Sonne nicht mehr iſt, Liebe noch, wie heute!

wen 2 56 wos

Todtenfeyer am Grabe Phil. Fridr. von Rieger's.

Noch zermalmt der Schrecken unſre Glieder Rieger todt! Noch in unſern Ohren heult der Donner wieder Rieger, Rieger todt! Wie ein Blitz, im Niedergang entzündet, Schon im Aufgang ſchwindet, Flog der Held zu Gott! Sollen Klagen um die Leiche hallen, Klagen um den großen Mann? Oder dürfen warme Thränen fallen, Thränen um den guten, lieben Mann? Dürfen wir mit Niegers Söhnen weinen? Mit den Patrioten uns vereinen? O fo fey' re, weinender Geſang, Einer Sonne Untergang.

Groß o Rieger, groß war deine Stufe,

Groß dein Geiſt, zu Seinem großen Rufe,

Größer war Dein Herz!

Engelhuld und göttliches Erbarmen

Rief den Freund zu Deinen offnen Armen; Froher unſchuldsvoller Scherz

Lachte noch im ſilbergrauen Weiſen,

Jugendfeuer brannte noch im Greifen,

new 257 er In dem Krieger bethete der Chriſt. Höher als das Lächeln deines Fürſten (Ach! wornach ſo manche geitzig dürſten!) Höher war dir der, der ewig iſt.

Nicht um Erdengötter klein zu kriechen, Fürſtengunſt mit Unterthanen Flüchen

Zu erwuchern, war dein Trachten nie. Elende beym Fürſten zu vertreten,

Für die Unſchuld an dem Thron zu bethen War dein Stolz auf Erden hie. Rang und Macht, die lächerlichen Flitter,

Fallen ab am Tage des Gerichts, Fallen ab wie Blätter im Gewitter,

Und der Pomp iſt Nichts! Krieger Carls! erlaubt mir hier zu halten, Tretet her ihr lorbeervollen Alten.

(Das Gewiſſen brenne flammenroth) Dumpfig hohl aus Eures Riegers Bahre, Spricht zu Euch, Ihr Söhne vieler Jahre,

Spricht zu Euch der Tod:

„Erdengötter! glaubt ihr ungerochen „Mit der Größe kindiſch kleinem Stolz „Alles faßt der ſchmale Raum von Holz „Gegen mich zu pochen? „Hilft Euch des Monarchen Gunſt, „Die oft nur am Ritterſterne funkelt, „Hilft des Höflings Schlangenkunſt, „Wenn ſich brechend euer Aug verdunkelt?

Schiller's Gedichte 2. Bd. R

e 258 uno „Erdengötter, redet doch, „Wenn der Götterdunſt zerſtiebet, „Redet denn, was wärtt ihr noch, „Wenn ihr ſchlechte Menſchen bliebet?

„Trotzt ihr mir mit euren ſtolzen Ahnen, „Daß von euch zwey Tropfen Blut „In den Adern alter Helden rannen? „Pocht ihr auf geerbtes Gut? „Wird man dort nach Riegers Range fragen? „Folgt Ihm wohl Carls Gnade bis dahin? „Wird er höher von dem Ritterkreuz getragen, „Als vom Jubel Seiner Segnenden ? „Wann der Richter in dem Schuldbuch blättert, „Fragt er, ob der große Todte hier „Zu dem Tempel des Triumphs geklettert? „Fragt man dort, wie man ihn hier vergöttert? „Richtet Gott, wie wir?“

Aber Heil dir! Seliger Verklärter, Nimm zufrieden deinen Sonnenflug! Deinem Herzen war die Menſchheit werther, Als der Größe prangender Betrug! Schöne Thaten waren deine Schätze, Aufgehäuft für eine ſchöne Welt, Glücklich gingſt du durch die gold'nen Netze, Wo die Ehrſucht ihre Sclaven fällt. Wenn die Rieſenrüſtung ſtolzer Größe Manches große Heldenherz zerdrückt, Flohſt du frey, entſchwungen dem Getöſe Dieſer Welt, und biſt beglückt

5

5550 259 . Dort, wo du bey ew'gen Morgenröthen Einen Lorbeer, der nie welket, pflückſt, Und auf dieſen trauernden Planeten Sanften Mitleids niederblickſt. Dort, wo du an reine Seraphinen Dich in ew'gem Umarmen ſchmiegſt, Und bey jubelvollen Harfentönen Kühne Flügel durch den Himmel wiegſt— Dort, wo Rieger unter Edens Wonne Dieſes Lebens Folterbank verträumt, Und die Wahrheit leuchtend wie die Sonne, Ihm aus tauſend Röhren ſchäumt. Dorten ſeh'n wir Jauchzet Brüder Dorten unſern Rieger wieder!!!

7

co. 260 own

Die Prieſterinnen der Sonne.

Zum 30, Jänner 1788, von einer Geſellſchaft Priefterine nen überreicht.

. Tag kam, der der Sonne Dienſt Auf ewig enden ſollte;

Wir ſangen ihr das letzte Lied

Und Quitos ſchöner Tempel glüht' In ihrem letzten Glanze.

Da trat vor unſern ſtarren Blick, Wie Himmliſche gebildet,

Umfloſſen von ätheriſchem Licht,

Ein Weib mit ernſtem Angeſicht, Durch ſanften Gram gemildert.

Der Sonne Dienſt iſt aus! rief ſie, Und ihre Zähren fließen.

Löſcht, ruft ſie, eure Fackeln aus,

Von nun an wird kein irdiſch Haus, Kein Tempel mich verſchließen.

Altar und Tempel ſtürzen ein,

Ich will mir beſſer wählen, Zerſtreuet euch durch Land und Meer, In keinen Mauern ſucht mich mehr,

Sucht mich in ſchönen Seelen.

ra 261 Wo künftig meine Gottheit wohnt, Soll euch dieß Zeichen ſagen: „Seht ihr in eurer Fürſtinn Bruſt „Für fremde Leiden, fremde Luſt, „Ein Herz empfindend ſchlagen.

„Seht ihr der Seele Wiederſchein „In ſchönen Blicken leuchten,

„Und Thränen ſüßer Sympathie

„Entlockt durch ſüße Harmonie, „Ihr ſprechend Aug befeuchten.

„Noch groß, wenn ſtatt dem Purpurkleid „Ein Hirtenkleid ſie deckte; „Noch liebenswerth durch fie allein, „Wenn ihrer Hoheit Zauberſchein „Auch Schmeichler nie erweckte.

7 f „Durchbebt in ihrer Gegenwart „Euch nie gefühlte Wonne: „Da, Prieſterinnen! bethet an, „Da zündet eure Fackeln an! „Da findet ihr die Sonne!“

Die Göttinn ſprichts und ſchwindet hin, Der Altar ſtürzt zuſammen;

Schnell löſcht das heilige Feuer aus;

In Trümmern liegt das Sonnenhaus, Und Quito ſteht in Flammen.

, 262 rum Fern, fern, von unſerm Vaterland Durchirrten wir die Meere, Durchzogen Hügel, Thal und Fluß, Und endlich ſetzten wir den Fuß Auf dieſe Hemiſphäre.

Da ſahen wir mit Grazien Die Muſen ſich vereinen, Wir folgten dieſem Götterzug, Sie ſenkten ihren fanften Flug Herab zu dieſen Haynen.

„Zwey Fürftentöchter wollen wir, „Sie riefen's mit Entzücken, „Zwey Fürſtentöchter ſanft und gut, „In ihren Buſen Götterglut, „Mit dieſem Kranze ſchmücken.“

Fühlt ihr die nahe Gottheit nicht, Die wir im Tempel feyern?

Das Zeichen, Schweſtern! iſt erfüllt!

Hier, vor der Sonne ſchönem Bild Laßt uns den Dienſt erneuern.

a LIE na 8

Es iſt ſo angenehm, ſo ſüß, Um einen lieben Mann zu ſpielen,

Entzückend, wie ein Paradieß, Des Mannes Feuerkuß zu fühlen.

Jetzt weiß ich, was mein Taubenpaar, Mit ſeinem ſanften Girren ſagte,

Und was der Nachtigallen Schaar, So zärtlich ſich in Liedern klagte;

Jetzt weiß ich, was mein volles Herz, In ewig langen Nächten engte;

Jetzt weiß ich, welcher ſüße Schmerz, Oft ſeufzend meinen Buſen drängte;

Warum kein Blümchen mir gefiel, Warum der May mir nimmer lachte,

Warum der Vögel Liederſpiel Mich nimmermehr zur Freude fachte;

) Aus dem Stegreife für ein Singſpiel gedichtet.

264 uume Mir trauerte die ganze Welt, Ich kannte nicht die ſchönſten Triebe. Nun hab ich, was mir längſt gefehlt, Beneide mich, Natur ich liebe!

ensen 265 num

Das weibliche Ideal. An Amanda.

2 Üseran weichet das Weib dem Manne, nur in dem Höchſten Weichet dem weiblichſten Weib immer der männlich— ſte Mann. Was das Höchſte mir ſey? Des Sieges ruhige Klarheit, Wie ſie von deiner Stirn, holde Amanda, mir ſtrahlt. Schwimmt auch die Wolke des Grams um die heiter glänzende Scheibe, Schöner nur mahlt ſich das Bild auf dem vergolde— ten Duft. Dünke der Mann ſich frey! Du biſt es, denn ewig nothwendig Weißt du von keiner Wahl, keiner Nothwendigkeig mehr. Was du auch gibſt, ſtets gibſt du dich ganz, du biſt ewig 5 nur Eines, Auch dein zarteſter Laut iſt dein harmoniſches Selbſt. Hier iſt ewige Jugend bey niemahls verſiegender Fülle, Und mit der Blume zugleich brichſt du die goldene Frucht.

reer 266 area

Der Fuchs und der Kranich.

An Nicolai.

Den philoſophiſchen Verſtand lud einſt der gemeine zu

Tiſche, Schüſſeln, ſehr breit und flach, ſetzt er dem Hungri⸗

5 gen vor. Hungrig verließ die Tafel der Gaſt, nur dürftige Bißlein Faßte der Schnabel, der Wirth ſchluckte die Spei—

| fen allein. Den gemeinen Verftand lud nun der abſtrakte zu Weine, Einen enghalſigen Krug ſetzt' er dem Durſtigen vor; „Trink nun Beſter!“ So ſprach, und mächtig ſchlürfte der Langhals, Aber vergebens am Rand ſchnuppert das thieriſche Maul.

. 267 rue

In das Folio ⸗Stammbuch eines Kunſtfreundes.

Die Weisheit wohnte fonft auf großen Foliobogen,

Der Freundſchaft war ein Taſchenbuch beſtimmt;

Jetzt, da die Wiſſenſchaft in's Kleine ſich gezogen,

Und leicht, wie Kork, in Almanachen ſchwimmt,

Halt du, ein hochbeherzter Mann,

Dieß ungeheure Haus, den Freunden aufgethan.

Wie! fürchteſt du denn nicht, ich muß dich ernſtlich | fragen ?

An ſo viel Freunden allzuſchwer zu tragen?

268 ara

Wilhelm Tell).

Wenn rohe Kräfte feindlich ſich entzweyen, Und blinde Wuth die Kriegesflamme ſchürt; Wenn ſich im Kampfe tobender Parteyen t Die Stimme der Gerechtigkeit verliert; Wenn alle Laſter ſchamlos ſich befreyen; Wenn freche Willkühr an das Heil'ge rührt, Den Anker löst, an dem die Staaten hängen, Da iſt kein Stoff zu freudigen Geſängen.

%

Doch wenn ein Volk, das fromm die Heerden weidet, Sich ſelbſt genug, nicht fremden Guts begehrt, Den Zwang abwirft, den es unwürdig leidet, Doch ſelbſt im Zorn die Menſchlichkeit noch ehrt, Im Gläcke ſelbſt, im Siege ſich beſcheidet,

Das iſt unſterblich und des Liedes werth. Und ſolch ein Bild darf ich dir freudig zeigen, Du kennſt's, denn alles Große iſt dein eigen.

) Mit nachſtehender Dedication begleitete Schiller das Gpemt: plar feines Schauſpiels: Wilhelm Tell, an den damahligen Churerzkanzler Carl von Dalberg.

nr 269 ron

Kleinigkeiten.

Tugend des Weibes.

genden brauchet der Mann, er ſtürzt ſich wagend ins Leben, Tritt mit dem ſtärkeren Glück in den bedenklichen Kampf. Eine Tugend genüget dem Weib, ſie iſt da, ſie erſcheinet, Lieblich dem Herzen, dem Aug' lieblich erſcheine ſie ſtets.

Weibliches Urtheil. Männer richten nach Gründen, des Weibes Urtheil iſt

ſeine Liebe; wo es nicht liebt, hat ſchon gerichtet das Weib.

Forum des Weibes.

Frauen! richtet mir nie des Mannes einzelne Thaken, Aber über den Mann ſprechet das richtende Wort.

ei,

en 270 reren Die ſchoͤnſte Erſcheinung.

Saheſt du nie die Schönheit im Augenblicke des Leidens, Niemahls haſt du die Schönheit geſehn.

Sahſt du die Freude nie in einem ſchönen Geſichte, Niemahls haſt du die Freude geſehn!

Gute und Größe

Nur zwey Tugenden gibt's, o wären fie immer vereinigt, Immer die Güte auch groß, immer die Größe auch gut! i

Lie be und Begierde.

Recht geſagt Schloſſer! Man liebt, was man hat, man be— gehrt, was man nicht hat,

Denn nur das reiche Gemüth liebt, nur das arme begehrt. |

Jugend.

Einer Charis erfreut ſich jeder im Leben, doch flüchtig, Hält nicht die Himmliſche ſie, eilet die Irdiſche fort.

—̃ Ü— * *.

ren 271 on Quelle der Verjuͤngung.

Glaubt mir, es iſt kein Mährchen, die Quelle der Zu: gend, ſie rinnet Wirklich und immer. Ihr fragt wo? In der dichten— den Kunſt.

Der Genius mit der umgekehrten Fackel.

Lieblich ſieht er zwar aus, mit ſeiner erloſchenen Fackel; Aber, ihr Herren, der Tod iſt ſo äſthetiſch doch nicht.

ͤ— ——

Das gemeinſame Schickſal.

Siehe, wir haſſen, wir ſtreiten, es trennet uns Neigung und Meinung, Aber es bleichet indeß dir ſich die Locke wie mir.

Erwartung und Erfuͤllung.

In den Ocean ſchiffet mit tauſend Maſten der Jüngling, Still, auf gerettetem Boot, treibt in den Hafen der Greis.

rin 2572 min Menſchliches Wirken.

An dem Eingaug der Bahn liegt die Unendlichkeit offen, Doch mit dem engſten Kreis höret der Weiſeſte auf,

Der Vater.

Wirke ſoviel du willſt, du ſteheſt doch ewig allein da, Bis an das All die Natur dich, die gewaltige, knüpft.

Falſcher Studiertrieb.

O wie viel neue Feinde der Wahrheit! Mir blutet die Seele,

Seh ich das Eulengeſchlecht, das zu dem Lichte ſich

drängt.

ee Na türke Alles, du Ruhiger, ſchließt ſich in deinem Reiche; ſo kehrt

Auch zum Kinde der Greis, kindiſch und kindlich, zurück.

Wür⸗

user 273 .

Wuͤrde des Menſchen.

Nichts mehr davon, ich bitt' euch. Zu dſſen gebt ihm, zu | wohnen, | Habt ihr die Blöße bedeckt, gibt fih die Würde von ö ſelbſt.

- Das Ehrwuͤrdige.

Ehret ihr immer das Ganze, ich kann nur Einzelne g achten, Immer in Einzelnen nur hab ich das Ganze erblickt.

Die beſte Staatsverfaſſung.

Dieſe nur kann ich dafür erkennen, die jedem erleichtert, Gut zu denken, doch nie, daß er ſo denke, bedarf.

An die Geſetzgeber.

Setzet immer voraus, daß der Menſch im Ganzen das 8 Rechte Will, im Einzelnen nur rechnet mir niemahls darauf.

6

Schiller's Gedichte 2. Bd.

Deutſchland und feine Fuͤrſten.

Große Monarchen erzeugteſt du, und biſt ihrer würdig, Den Gebiethenden macht nur der Gehorchende groß. Aber verſuch es, o Deutſchland, und mach es deinen Be: herrſchern Schwerer, als Könige groß, leichter, nur Menſchen b zu ſeyn.

en 5 275 r

An die Freude.

Freude „ſchöner Götterfunken,

Tochter aus Elyſium, Wir betreten feuertrunken

Himmliſche, dein Heiligthum. Deine Zauber binden wieder,

Was der Mode Schwert getheilt; Bettler werden Fürſtenbrüder

Wo dein ſanfter Flügel weilt.

Cho ri

Seyd umſchlungen Millionen! Dieſen Kuß der ganzen Welt! Brüder überm Sternenzelt

Muß ein lieber Vater wohnen.

Wem der große Wurf gelungen, Eines Freundes Freund zu ſeyn; Wer ein holdes Weib errungen, Miſche ſeinen Jubel ein! 5 Ja wer auch nur eine Seele Sein nennt auf dem Erdenrund! Und wer's nie gekonnt, der ſtehle Weinend ſich aus dieſem Bund! S 2

crece 276 e. Chor.

Was den großen Ring bewohnet, Huldige der Simpathie! Zu den Sternen leitet ſie,

Wo der Unbekannte thronet.

7

Freude trinken alle Weſen, An den Brüſten der Natur, Alle Guten, alle Böſen, Folgen ihrer Roſenſpur. Küße gab ſie uns, und Reben, Einen Freund, geprüft im Tod, Wolluſt ward dem Wurm gegeben, Und der Cherub ſteht vor Gott.

Chor.

Ihr ſtürzt nieder Millionen? Ahneſt du den Schöpfer, Welt? Such' ihn überm Sternenzelt, Über Sternen muß er wohnen.

Freude heißt die ſtarke Feder, In der ewigen Natur.

Freude, Freude treibt die Räder In der großen Weltenuhr,

10. 277 1. Blumen lockt ſie aus den Keimen, Sonnen aus dem Firmament, Sphären rollt ſie in den Räumen, | Die des Sehers Rohr nicht kennt!

Chor.

Froh, wie ſeine Sonnen fliegen, Durch des Himmels prächt'gen Plan, Laufet Brüder eure Bahn,

Freudig, wie ein Held zum Siegen.

Aus der Wahrheit Feuerſpiegel Lächelt ſie den Forſcher an. Zu der Tugend ſteilem Hügel Leitet ſie des Dulders Bahn. Auf des Glaubens Sonnenberge Sieht man ihre Fahnen wehn, Durch den Riß geſprengter Särge Sie im Chor der Engel ſtehn.

Chor.

Duldet muthig Millionen! Duldet für die beßre Welt! Droben überm Sternenzelt

Wird ein großer Gott belohnen.

nen 278 eee Göttern kann man nicht vergelten, Schön iſt's, ihnen gleich zu ſeyn. Gram und Armuth ſoll ſich melden, Mit den Frohen ſich erfreu'n. Groll und Nache ſey vergeſſen, Unſerm Todfeind ſey verziehn, Keine Thräne ſoll ihn preſſen, Keine Reue nage ihn.

Cho r.

Unſer Schuldbuch ſey vernichtet! Ausgeſöhnt die ganze Welt! Brüder überm Sternenzelt

Richtet Gott, wie wir gerichtet.

Freude ſprudelt in Pokalen, In der Traube goldnem Blut, Trinken Sanftmuth Kannibalen, Die Verzweiflung Heldenmuth Brüder fliegt von euren Sitzen, Wenn der volle Römer kraißt, Laßt den Schaum zum Himmel fprigen: Dieſes Glas dem guten Geiſt!

Chor.

Den der Sterne Wirbel loben, Den des Seraphs Hymne preiſt,

Dieſes Glas dem guten Geift . Überm Sternenzelt dort oben!

Feſten Muth in ſchwerem Leiden,

Hülfe, wo die Unſchuld weint, Ewigkeit geſchwornen Eiden,

Wahrheit gegen Freund und Feind, Männerſtolz vor Königsthronen,

Brüder gält es Gut und Blut Dem Verdienſte ſeine Kronen,

Untergang der Lügenbrut!

Chor.

Schließt den heil'gen Zirkel dichter, Schwört bey dieſem goldnen Wein: Dem Gelübde treu zu ſeyn,

Schwört es bey dem Sternenrichter!

Rettung von Tyrannenketten, Großmuth auch dem Böſewicht, Hoffnung auf den Sterbebetten, Gnade auf dem Hochgericht! Auch die Todten ſollen leben! 8 Brüder! teinkt, und ſtimmet ein: Allen Sündern ſoll vergeben, Und die Hölle nicht mehr ſeyn!

J

280 am

Chor.

Eine heitre Abſchiedsſtunde! Süßen Schlaf im veichentuch! Brüder einen ſanften Spruch Aus des Todtenrichters Munde!

sn 2 8 1 e

Freygeiſterey der Leidenſchaft “.

Als Laura vermählt war.

Mein länger, länger werd' ich dieſen Kampf nicht kämpfen, Den Rieſenkampf der Pflicht. Kannſt du des Herzens Flammentrieb nicht dämpfen, So fodre, Tugend, dieſes Opfer nicht.

Geſchworen hab ichs, ja, ich hab's geſchworen, Mich ſelbſt zu bändigen.

Hier iſt dein Kranz. Er ſey auf ewig mir verloren, Nimm ihn zurück, und laß mich ſündigen.

) Ich habe um fo weniger Anſtand genommen, die zwey foli genden Gedichte hier aufzunehmen, da ich von jedem Le— ſer erwarten kann, er werde ſo billig ſeyn, eine Aufwallung der Leidenſchaft n-cht für ein philoſophiſches Syſtem, und die Verzweiflung eines erdichteten Liebhabers nicht für das Glau⸗ bensbekenntniß des Dichters anzuſehen. Widrigenfalls möchte es übel um den dramatiſchen Dichter ausſehen, deſſen In— trigue ſelten ohne einen Böſewicht fortgeführt werden kann: und Milton und Klopſtock müßten um ſo ſchlechtere Menſchen ſeyn; je beſſer ihnen ihre Teufel glück ten.

Sch.

., 282 ee Sieh, Göttinn, mich zu deines Thrones Stuffen, Wo ich noch jüngſt, ein frecher Bether, lag, Mein übereilter Eid ſey widerrufen, Vernichtet ſey der ſchreckliche Vertrag,

Den du im ſüßen Taumel einer warmen Stunde Vom Träumenden erzwangſt,

Wit meinem heißen Blut in unerlaubtem Bunde, Betrügeriſch aus meinem Buſen rangſt.

Wo ſind die Feuer, die eleetriſch mich durchwallten, Und wo der ſtarke kühne Talisman?

In jenem Wahnwitz will ich meinen Schwur dir halten ; Worinn ich unbeſonnen ihn gethan.

Zerriſſen ſey, was du und ich bedungen haben, Sie liebt mich deine Krone ſey verſcherzt.

Glückſelig, wer in Wonnetrunkenheit begraben, So leicht wie ich, den tiefen Fall verſchmerzt.

Sie ſieht den Wurm an meiner Jugend Blume nagen, Und meinen Lenz entflohn,

Bewundert ſtill mein heldenmüthiges Entſagen, Und großmuthsvoll beſchließt ſie meinen Lohn.

wen 283 rem Mißtraue, ſchöne Seele, dieſer Engelgüte! Dein Mitleid waffnet zum Verbrecher mich, Gibts in des Lebens unermeßlichem Gebiethe, | Gibts einen anderen ſchöneren Lohn als Dich?

Als das Verbrechen, das ich ewig fliehen wollte? Entſetzliches Geſchick!

Der einz'ge Lohn, der meine Tugend krönen ſollte, Iſt meiner Tugend letzter Augenblick.

Des wolluſtreichen Giftes voll vergeſſen, Vor wem ich zittern muß,

Wag ich es ſtumm, an meinen Buſen ſie zu preſſen, Auf ihren Lippen brennt mein erſter Kuß.

Wie ſchnell auf ſein allmächtig glühendes Berühren, Wie ſchnell o Laura floß Das dünne Siegel ab von übereilten Schwüren, Sprang deiner Pflicht Tyraunenkette los.

Jetzt ſchlug ſie laut die heißerflehte Schäferſtunde,

| Jetzt dämmerte mein Glück

Erhörung zitterte auf deinem brennenden Munde, Erhörung ſchwamm in deinem feuchten Blick,

8

2864 Mir ſchauerte vor dem ſo nahen Glücke, Und ich errang es nicht. Vor deiner Gottheit taumelte mein Muth zurücke, Ich Raſender! und ich errang es nicht!

Woher dieß Zittern, dieß unnennbare Entſetzen, Wenn mich dein liebevoller Arm umſchlang?

Weil dich ein Eid, den auch ſchon Wallungen verletzen, In fremde Feſſeln zwang?

Weil ein Gebrauch, den die Geſetze heilig prägen, Des Zufalls ſchwere Miſſethat geweiht?

Nein unerſchrocken trotz' ich einem Bund entgegen, Den die erröthende Natur bereut.

O zitt're nicht du Haft al? Sünderinn geſchworen, Ein Meineid iſt der Reue fromme Pflicht. Das Herz war mein, das du vor dem Altar verloren,

Mit Menſchenfreuden ſpielt der Himmel nicht.

Zum Kampf auf die Vernichtung ſey er vorgeladen, An den der feyerliche Spruch dich band.

Die Vorſicht kann den überflüß’gen Geiſt entrathen, Für den ſie keine Seligkeit erfand.

ven 285 W Getrennt von dir warum bin ich geworden? Weil du biſt, ſchuf mich Gott! Er widerrufe, oder lerne Geiſter morden, Und flüchte mich vor ſeines Wurmes Spott.

Sanftmüthigſter der fühlenden Dämonen!

Zum Wütherich verzerrt dich Menſchenwahn? Dich ſollten meine Qualen nur belohnen,

Und dieſen Nero bethen Geiſter an?

Dich hätten ſie als den Allguten mir geprieſen, Als Vater mir gemahlt?

So wucherſt du mit deinen Paradieſen? Mit meinen Thränen machſt du dich bezahlt?

Beſticht man dich mit blutendem Entſagen? Durch eine Hölle nur

Kannſt du zu deinem Himmel eine Brücke ſchlagen 2 Nur auf der Folter merkt dich die Natur?

O dieſem Gott laßt unſre Tempel uns verſchließen, Kein Loblied feyre ihn,

Und keine Freudenthräne ſoll ihm weiter fließen, Er hat auf immer ſeinen Lohn dahin.

——

*

n 7 286 er

Neige donn.

Eine Phantafte.

Auch ich waͤr in Arkadien geboren, Auch mir hat die Natur An meiner Wiege Freude zugeſchworen, Auch ich war in Arkadien geboren , Doch Thränen gab der kurze Lenz mir nur;

Des Lebens May blüht ein Mahl und nicht wieder, Mir hat er abgeblüht.

Der ſtille Gott o weinet meine Brüder

Der ſtille Gott taucht meine Fackel nieder, Und die Erſcheinung flieht.

Da ſteh ich ſchon auf deiner Schauerbrücke, Ehrwürd'ge Geiſtermutter Ewigkeit. Empfange meinen Vollmachtbrief zum Glücke, Ich bring ihn unerbrochen dir zurücke, Mein Lauf iſt aus. Ich weiß von keiner Seligkeik—

won 287 mm Vor deinem Thron erheb ich meine Klage, Verhüllte Richterinn. Auf jenem Stern ging eine frohe Sage, Du throneſt hier mit des Gerichtes Waage; Und nenneſt dich Vergelterinn—

Hier ſpricht man warten Schrecken auf den Bofen, Und Freuden auf den Redlichen.

Des Herzens Krümmen werdeſt du entblößen,

Der Vorſicht Näthſel werdeſt du mir löſen, Und Rechnung halten mit dem Leidenden.

Hier öffne ſich die Heimath dem Verbannten,

Hier endige des Dulders Dornenbahn. Ein Götterkind, das ſie mir Wahrheit nannten, Die meiſten flohen, wenige nur kannten,

Hielt meines Lebens raſchen Zügel an.

Ich zahle dir in einem andern Leben, Gib deine Jugend mir, Nichts kann ich dir, als dieſe Weiſung geben.“ Ich nahm die Weiſung auf das andre Leben, Und meiner Jugend Freuden gab ich ihr—

Pd

vera 288 e „Gib mir das Weib, ſo theuer deinem Herzen, Gib deine Laura mir. Jenſeits der Gräber wuchern deine Schmerzen.“ Ich riß ſie blutend aus dem wunden Herzen, Und weinte laut, und gab ſie ihr.“

„Du ſiehſt die Zeit nach jenen Ufern fliegen,

Die blühende Natur

Bleibt hinter ihr ein welker Leichnam liegen,

Wenn Erd und Himmel trümmernd aus einander fliegen, Daran erkenne den erfüllten Schwur.“

„Die Schuldverſchreibung lautet an die Todten, Hohnlächelte die Welt,

Die Lügnerinn, gedungen von Deſpoten,

Hat für die Wahrheit Schatten dir gebothen, Du biſt nicht mehr, wenn dieſer Schein verfällt.”

Frech witzelte das Schlangenheer der Spötter:

„Vor einem Wahn, den nur Verjährung weiht, Erzitterſt du? Was ſollen deine Götter, Des kranken Weltplans ſchlau erdachte Retter,

Die Menſchenwitz des Menſchen Nothdurft leiht?““

„Ein

wen 289 wee „Ein Gaukelſpiel, ohnmächtigen Gewürmen, Vom Mächtigen gegönnt, Schreckfeuer angeſteckt auf hohen Thürmen, Die Phantaſie des Träumers zu beſtürmen, Wo des Geſetzes Fackel dunkel brennt.“

2 „Was heißt die Zukunft, die uns Gräber decken? Die Ewigkeit, mit der du eitel prangſt? Ehrwürdig nur, weil ſchlaue Hüllen ſie verſtecken, Der Rieſenſchatten unſrer eignen Schrecken Im hohlen Spiegel der Gewiſſensangſt.

„Ein Lügenbild lebendiger Geſtalten,

Die Mumie der Zeit, Vom Balſamgeiſt der Hoffnung in den kalten Behauſungen des Grabes hingehalten,

Das nennt dein Fieberwahn Unſterblichkeit?“

„Für Hoffnungen Verweſung ſtraft fie Lügen Gabſt du gewiſſe Güter hin?

Sechstauſend Jahre hat der Tod geſchwiegen,

Kam je ein Leichnam aus der Gruft geſtiegen, Der Meldung that von der Vergelterinn?“ *

. ů—

er

Schlller's Gedichte 2. Ds.

1 290 M Ich ſah die Zeit nach deinen Ufern fliegen, Die blühende Natur Blieb hinter ihr, ein welker Leichnam, liegen, Kein Todter kam aus ſeiner Gruft geſtiegen, Und feſt vertraut ich auf den Götterſchwur—

All meine Freuden hab ich dir geſchlachtet,

Jetzt werf ich mich vor deinen Richterthron. Der Menge Spott hab ich beherzt verachtet, Nur deine Güter hab ich groß geachtet,

Vergelterinn, ich fodre meinen Lohn. 7

„Mit gleicher Liebe lieb' ich meine Kinder,

Rief unſichtbar ein Genius. Zwey Blumen, rief er hört es Menſchenkinder Zwey Blumen blühen für den weiſen Finder,

Sie heißen Hoffnung und Genuß.“

„Wer dieſer Blumen Eine brach, begehre Die andre Schweſter nicht.

Genieße, wer nicht glauben kann. Die Lehre

Iſt ewig, wie die Welt. Wer glauben kann, entbehre, Die Weltgeſchichte iſt das Weltgericht.“

wen 291 rn. „Du haft gehofft, dein Lohn iſt abgetragen, Dein Glaube war dein zugewognes Glück, Du Eonnteft deine Weiſen fragen, Was man von der Minuke ausgeſchlagen, Gibt keine Ewigkeit zurück.“

EIER 292 .

Die Goͤtter Griechenlandes.

Da ihr noch die ſchöne Welt regiertet, An der Freude leichtem Gängelband Glücklichere Menſchenalter führtet, Schöne Weſen aus dem Fabelland! Ach! da euer Wonnedienſt noch glänzte, Wie ganz anders, anders war es da! Da man deine Tempel noch bekränzte, Venus Amathuſia!

Da der Dichtkunſt mahleriſche Hülle Sich noch lieblich um die Wahrheit wand! Durch die Schöpfung floß da Lebensfülle, Und, was nie empfinden wird, empfand. An der Liebe Buſen ſie zu drücken,

Gab man höhern Adel der Natur, Alles wies den eingeweihten Blicken, Alles eines Gottes Spur.

Wo jetzt nur, wie unſre Weiſen ſagen, Seelenlos ein Feuerball ſich dreht, Lenkte damahls feinen goldnen Wagen Helios in ſtiller Majeſtät.

saure 293 FEN Dieſe Höhen füllten Oreaden, Eine Dryas ſtarb mit jenem Baum, Aus den Urnen lieblicher Najaden Sprang der Ströme Silberſchaum,

Jener Lorbeer wand ſich einſt um Hülfe, Tantals Tochter ſchweigt in dieſem Stein, Syrinx Klage tönt aus jenem Schilfe, Philomelens Schmerz in dieſem Hain. Jener Bach empfing Demeters Zähre, Die ſie um Perſephonen geweint,

Und von dieſem Hügel rief Cythere, Ach vergebens! ihrem ſchönen Freund.

Zu Deukalions Geſchlechte ſtiegen Damahls noch die Himmliſchen herab; Pyrrha's ſchöne Tochter zu beſiegen, Nahm Hyperion den Hirtenſtab. Zwiſchen Menſchen, Göttern und Heroen Knüpfte Amor einen ſchönen Bund, Sterbliche mit Göttern und Heroen Huldigten in Amathunt.

Bethend an der Grazien Altären Kniete da die holde Prieſterinn, Sandte ſtille Wünſche an Cytheren, Und Gelübde an die Charitinn.

294 e Hoher Stolz, auch droben zu gebiethen, Lehrte ſie den göttergleichen Rang, Und des Reitzes heil'gen Gürtel hüthen, Der den Don n' rer ſelbſt bezwang.

Himmliſch und unſterblich war das Feuer, Das in Pindars ſtolzen Hymnen floß, Niederſtrömte in Arions Leyer,

In den Stein des Phidias ſich goß. Beſſ're Weſen, edlere Geſtalten Kündigten die hohe Abkunft an, Götter, die vom Himmel niederwallten, Sahen hier ihn wieder aufgethan. s

Werther war von eines Gottes Güte, Theurer jede Gabe der Natur. Unter Iris ſchönem Bogen blühte Reitzender die perlenvolle Flur, HPrangender erſchien die Morgenröthe In Himerens roſigtem Gewand, Schmelzender erklang die Flöte In des Hirtengottes Hand.

|

Liebenswerther mahlte fih die Jugend, Blühender in Ganymeda's Bild, Heldenkühner, göttlicher die Tugend

Mit Teitoniens Meduſenſchild.

nern 295 Wee Sanfter war, da Hymen es noch knüpfte, Heiliger der Herzen ew'ges Band, Selbſt des Lebens zarter Faden ſchlüpfte Weicher durch der Parzen Hand.

Das Evoe muntrer Thyrſusſchwinger, Und der Panther prächtiges Geſpann Meldeten den großen Freudebringer, Faun und Satyr taumeln ihm voran,

Um ihn ſpringen raſende Mänaden, Ihre Tänze loben ſeinen Wein,

Und die Wangen des Bewirthers laden Luſtig zu dem Becher ein.

Höher war der Gabe Werth geſtiegen, Die der Geber freundlich mit genoß, Näher war der Schöpfer dem Vergnügen, Das im Buſen des Geſchöpfes floß.

Nennt der Meinige ſich dem Verſtande? Birgt ihn etwa der Gewölke Zelt? Mühſam ſpäh' ich im Ideenlande, Fruchtlos in der Sinnenwelt.

Eure Tempel lachten gleich Palläſten, Euch verherrlichte das Heldenſpiel An des Iſthmus kronenreichen Feſten, Und die Wagen donnerten zum Ziel,

1 296 ere Schön geſchlung'ne ſeelenvolle Tänze Kreiſten um den prangenden Altar, Eure Schläfe ſchmückten Siegeskränze, Kronen euer duftend Haar.

Seiner Güter ſchenkte man das Beſte, Seiner Lämmer Liebſtes gab der Hirt, Und der Freudetaumel ſeiner Gäſte Lohnte dem erhabnen Wirth.

Wohin tret ich? Dieſe traur'ge Stille, Kündigt fie mir meinen Schöpfer an? Finſter, wie er ſelbſt, iſt ſeine Hülle, »Mein Entſagen was ihn feyern kann.

Damahls trat kein gräßliches Gerippe Vor das Bett des Sterbenden. Ein Kuß Nahm das letzte Leben von der Lippe, Still und traurig ſenkt' ein Genius Seine Fackel. Schöne lichte Bilder Scherzten auch um die Nothwendigkeit, Und das ernſte Schickſal blickte milder Durch den Schleyer ſanfter Menſchlichkeit.

Nach der Geiſter ſchrecklichen Geſetzen Richtete kein heiliger Barbar, Deſſen Augen Thränen nie benetzen, Zarte Weſen, die ein Weib gebar.

DIA» 297 III Selbſt des Orkus ſtrenge Richterwaage Hielt der Enkel einer Sterblichen, Und des Thrakers ſeelenvolle Klage Rührte die Erinnyen.

Seine Freuden traf der frohe Schatten In Elyſiens Hainen wieder an; Treue Liebe fand den treuen Gatten, Und der Wagenlenker ſeine Bahn; Orpheus Spiel tönt die gewohnten Lieder, In Alceſtens Arme ſinkt Admet, Seinen Freund erkennt Oreſtes wieder, Seine Waffen Philoktet.

Aber ohne Wiederkehr verloren Bleibt, was ich auf dieſer Welt verließ. Jede Wonne hab' ich abgeſchworen,

Alle Bande, die ich ſelig pries.

Fremde, nie verſtandene Entzücken, Schaudern mich aus jenen Welten an, Und für Freuden, die mich jetzt beglücken, Tauſch' ich neue, die ich miſſen kann.

Höh're Preiſe ſtärkten da den Ringer Auf der Tugend arbeitvollen Bahn; Großer Thaten herrliche Vollbringer Klimmten zu den Seligen hinan;

r, 298 Me Vor dem Wiederforderer der Todten Neigte ſich der Götter ſtille Schaar; Durch die Fluthen leuchtet dem Piloten Vom Olymp das Zwillingspaar.

Schöne Welt, wo biſt du? Kehre wieder, Holdes Blüthenalter der Natur! Ach, nur in dem Feenland der Lieder Lebt noch deine gold’ne Spur. Ausgeſtorben trauert das Gefilde, Keine Gottheit zeigt ſich meinem Blick, Ach! von jenem lebenwarmen Bilde Blieb nur das Gerippe mir zurück,

—— —— 1

Alle jene Blüthen ſind gefallen Von des Nordes winterlichem Wehn— Einen zu bereichern, unter allen, Mußte dieſe Götterwelt vergehn. Traurig ſuch ich an dem Sternenbogen, Dich, Selene, find ich dort nicht mehr; Durch die Wälder ruf ich, durch die Wogen, Ach! ſie wiederhallen leer!

Unbewußt der Freuden, die ſie ſchenket, Nie entzückt von ihrer Trefflichkeit, Nie gewahr des Armes, der ſie lenket, Reicher nie durch meine Dankbarkeit,

N Fühllos ſelbſt für ihres Künſtlers Ehre, Gleich dem todten Schlag der Pendeluhr, Dient fie knechtiſch dem Geſetz der Schwert Die entgötterte Natur!

Morgen wieder neu ſich zu entbinden,

Wühlt ſie heute ſich ihr eignes Grab,

Und an ewig gleicher Spindel winden Sich von ſelbſt die Monde auf und ab. Müßig kehrten zu dem Dichterlande Heim die Götter, unnütz einer Welt, Die, entwachſen ihrem Gängelbande, Sich durch eignes Schweben hält.“

Freundlos, ohne Bruder, ohne Gleichen, Keiner Göttinn, keiner Irdſchen Sohn, Herrſcht ein Andrer in des Athers Neichen, Auf Saturnus unigeſtürztem Thron.

Selig, eh ſich Weſen um ihn freuten, Selig im entvölkerten Gefild,

Sieht er in dem langen Strom der Zeiten | Ewig nur fein eig’nes Bild,

Bürger des Olymps konnt ich erreichen, Jenem Gotte, den ſein Marmor preiſt, Konnte einſt der hohe Bildner gleichen;

Was iſt neben Dir der höchſte Geiſt

ware Een Derer, welche Sterbliche gebaren? Nur der Würmer Erſter, Edelſter. Da die Götter menſchlicher noch waren, Waren Menſchen göttlicher.

Deſſen Strahlen mich darnieder ſchlagen, Werk und Schöpfer des Verſtandes! dir Nachzuringen, gib mir Flügel, Waagen, Dich zu wägen oder nimm von mir, Nimm die ernſte ſtrenge Göttinn wieder, Die den Spiegel blendend vor mir hält, Ihre ſauftre Schweſter ſende nieder,

Spare jene für die andre Welt!

rf -m rr

nba!

des zweyten Theiles.

Der Antritt des neuen Jahrhunderts. 1805.

Hero und Leander. 1801.

Die Gunſt des Augenblicks. 1802, Sehnſucht. 1801.

Die Antiken zu Paris. 1800.

Die deutſche Muſe. 1800.

Dem Erbprinzen von Weimar. 18032. Thekla eine Geiſterſtimme. 1803, Die vier Weltalter. 1802.

An die Freunde. 1803.

Die Künſtler. 178g,

Kaſſandra. 1802.

Die Macht des Geſangs. 1795. Das Mädchen von Orleans. 1801. Amalia. 1780, | Fantaſie an Laura. 1782.

Laura am Klavier, 1782,

*

Seite.

Die Entzückung an Laura. 1782.

Die Kindsmörderinn. 1782.

Der Triumph der Liebe. 1782.

Das verſchleyerte Bild. 1795.

Die Weltweiſen. 1795.

Der ſpielende Knabe. 1795.

Einer Freundinn ins Stammbuch. 1788. Die unüberwindliche Flotte. 1786. Einem Freunde der Weltweisheit. 1795. Karthago. 1795.

Graf Eberhard von Wirtemberg. 1782. An den Frühling. 1782.

Die Schlacht. 1782.

Der Flüchtling. 1782

Gruppe aus dem Tartarus. 1782. Elyſium. 1782.

An Minna. 1782.

Das Glück und die Weisheit. 1782. Die berühmte Frau. 1788.

Die Größe der Welt. 1782. Männerwürde. 1782.

An einen Moraliſten. 1782.

Das Spiel des Lebens. 1796.

Parabeln und Räthſel. 1802.

Rouſſeau.

Punſchlied. 1805.

Das Geheimniß der Reminiscenz. 1782. Dido. 1792. 8 Der Pilgrim. 18053.

Berglied. 1804. Der Graf von Habsburg, 1808

Das Siegesfeſt. 1805.

Punſchlied im Norden zu fingen, 1803.

Der Alpenjäger. 1804. Der Jüngling am Bache. 1803. Abſchied vom Leſer. 1795.

„„

Elegie auf den Tod eines Jünglings.

An die Parzen.

Eine Leichenfantaſie.

Vorwurf an Laura.

Hymne an den Unendlichen. Melancholie an Laura.

Die Peſt. |

Monument Moors.

Die ſchlimmen Monarchen. Unterthänigſtes Promemoria zc. 16. Hochzeitgedicht.

Todtenfeyer am Grabe Riegers. Die Prieſterinnen der Sonne. Lied.

Das welbliche Ideal.

Der Fuchs und der Kranich.

In das Folio-Stammbuch eines Kunſtfreundes.

Wilhelm Tell. Kleinigkeiten.

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Seite. 199 205 208 210 212

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An die Freude. Freygeiſterey der Leidenſchaft. Reſignation. | Die Götter Griechenlands.

Seite

273 281 286

292

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Wien. Gedruckt bey Anton

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Strauß.

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