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Full text of "Gesammelte Schriften Bd.2"

Walter Benjamin 

Gesammelte Schriften 

ii- 1 

Herausgegeben von 
Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhauser 



Suhrkamp 



Die Editionsarbeiten wurden durch 

die Stiftung Volkswagenwerk, die Fritz Thyssen Stiftung 

und die Hamburger Stiftung zur Forderung 

von Wissenschaft und Kultur ermoglicht. 

Die vorliegende Ausgabe ist text- und seitenidentisch 

mit Band II der gebundenen Ausgabe 

der Gesammelten Schriften Walter Benjamins. 



CIP-Titelaufnahme der Deutschen Bibliothek 

Benjamin, Walter: 

Gesammelte Schriften / Walter Benjamin. 

Unter Mitw. von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem 

hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhauser. - 

[Ausg. in Schriftenreihe »Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft«], - 

Frankfurt am Main : Suhrkamp. 

ISBN 3-518-09832-2 

NE: Tiedemann, Rolf [Hrsg.]; Benjamin, Walter: [Sammlung] 

[Ausg. in Schriftenreihe »Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft «] 

2. [Aufsatze, Essays, Vortrage] / 

hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhauser. 

(Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft ;932) 1. -(1991) 

ISBN 3-518-28532-7 

suhrkamp taschenbuch wissenschaft 932 

Erste Auflage 1991 

© Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1977 

Suhrkamp Taschenbuch Verlag 

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das 

des offentlichen Vortrags, der Ubertragung 

durch Rundfunk und Fernsehen 

sowie der Ubersetzung, auch einzelner Teile. 

Druck: Wagner GmbH, Nordlingen 

Printed in Germany 

Umschlag nach Entwiirfen von 

Willy Fleckhaus und Rolf Staudt 

1 2 3 4 5 6 - 96 95 94 93 92 91 



Inhaltsiibersicht 



Zweiter Band. Erster Teil 

Friihe Arbeiten zur Bildungs- und Kulturkritik .... 7 

Metaphysisch-geschichcsphilosophisdieStudien .... 89 

Literarische und asthetische Essays 235 



Zweiter Band. Zweiter Teil 

Literarische und asthetische Essays (Fortsetzung) . . . 407 

Asthetische Fragmente 599 

Vortrage und Reden 633 

Enzyklopiidieartikel 703 

Kulturpolitische Artikel und Aufsatze 741 

Anhang 

Juden in der deutschen Kultur 807 

Zweiter Band. Dritter Teil 

Anmerkungen der Herausgeber 815 

Inbaltsverzeichnis 1^23 



Friihe Arbeiten 
zur Bildungs- und Kulturkritik 



Das Dornroschen 

Wir leben im Zeitalter des Sozialismus, der Frauenbewegung, 
des Verkehrs, des Individualismus. Gehen wir nidit dem Zeit- 
alter der Jugend entgegen? 

Jedenfalls leben wir in einer Zeit, wo man keine Zeitschrift auf- 
schlagen kann, ohne dafi einem das Wort »Schule« in die Augen 
fallt, in einer Zeit, wo die Worte Koedukation, Landerziehungs- 
heim, Kind und Kunst durch die Luft sdiwirren. Die Jugend 
aber ist das Dornroschen, das schlaft und den Prinzen nicht ahnt, 
der naht, es zu befreien. Und dafi die Jugend erwache, dafi sie 
teilnehme an dem Kampfe, der um sie gefuhrt wird, dazu will 
ja unsere Zeitschrift nach Kraften beitragen. Sie will der Jugend 
zeigen, welchen Wert und Ausdruck sie erhalten hat im Jugend- 
leben der Grofien: eines Schiller, eines Goethe, eines Nietzsche. 
Sie will ihr Wege weisen, das Gemeinschaftsgefiihl, das Bewufit- 
sein ihrer selbst in sich zu wecken, als derjenigen, die in emigen 
Lustren die Weltgeschichte weben und gestalten wird. 
Dafi dieses Ideal einer sich selbst als eines kiinftigen Kultur- 
faktors bewufiten Jugend nicht von heute stammt, dafi es eine 
Anschauung ist, die schon die Grofien der Literatur deutlich aus- 
gesprochen haben, das beweist ein fliichtiger Blick auf die Welt- 
literatur. 

Wohl wenige Ideen gibt es, die unsere Zeit erfiillen und die nicht 
schon Shakespeare in seinen Dramen, vor allem in der Tragodie 
des modernen Menschen, in Hamlet, beriihrt hatte. Da sagt 
Hamlet die Worte: 

Die Zeit ist aus den Fugen, Schmach und Gram, 
Dafi ich zur Welt, sie einzurenken kam. 

Hamlets Herz ist verbittert. Seinen Oheim sieht er als Morder, 
seine Mutter in Blutschande leben. Und welches Gefuhl gibt 
ihm diese Erkenntnis? Wohl empfindet er Ekel vor der Welt, 
aber nicht in misanthropischem Eigenwillen kehrt er sich von ihr 
ab, sondern in ihm lebt das Gefuhl einer Mission: er kam zur 
Welt, sie einzurenken. Auf wen konnten diese Worte wohl bes- 
ser passen, als auf die heutige Jugend? Trotz aller Worte von 
Jugend, Lenz und Liebe liegt in jedem denkenden jungen Men- 
schen der Keim zum Pessimismus. Doppelt stark ist dieser Keim 



io Friihe Arbeiten zur Bildungs- und Kulturkritik 

in unserer Zeit. Denn wie kann ein junger Mensch, vor allem 
der Grofistadter, den tiefsten Problemen, dem sozialen Elend 
gegeniiberstehen, ohne, wenigstens zeitweise, vom Pessimismus 
ubermannt zu werden? Da gibt es denn keine Gegenbeweise, 
da mufi und kann nur helfen das Bewufitsein: und mag die Welt 
noch so schlecht sein, so kamst du, sie zu erheben. Das ist nidit 
Hochmut, sondern nur Pflichtbewufitsein. 
Dieses hamletische Bewufitsein von der Schlechtigkeit der Welt 
und von der Berufung sie zu bessern, erfullt audi Karl Moor. 
Doch wenn Hamlet iiber die Schlechtigkeit der Welt nicht sich 
selbst vergifit, alle Rachegeliiste niederzwangt, um selbst rein zu 
bleiben, so verliert Karl Moor in seinem anarchistischen Frei- 
heitsrausch die Ziigel iiber sich selbst. So mufi er, der als Befreier 
auszog, sich selber unterliegen. Hamlet unterliegt der Welt und 
bleibt Sieger. 

Spater hat Schiller noch einmal einen Reprasentanten der Jugend 
geschaffen: Max Piccolomini; aber mag er auch sympathischer 
sein als Karl Moor, als Mensch steht er uns (uns Jungen) nicht 
so nahe; denn Karl Moors Kampfe sind unsere Kampfe, die 
ewige Auflehnung der Jugend, die Kampfe mit Gesellschaft, 
Staat, Recht. Max Piccolomini steht in einem engeren ethischen 
Konflikt. 

Goethe! Erwarten wir bei Goethe Sympathie fiir die Jugend? 
Wir denken an den Tasso, wir glauben sein strenges Gesicht oder 
sein ganz feines sarkastisches Lacheln hinter der Maske des 
Antonio zu gewahren. Und doch - Tasso. Da ist wieder die Ju- 
gend, allerdings auf ganz anderem Grunde; nicht umsonst ist 
ein Dichter der Held. Am Hofe von Ferrara sind Sitte und An- 
stand die strengeren Mafistabe. Nicht die »plumpe« Sittlichkeit. 
Jetzt erkennen wir - Tasso ist die Jugend. Er hiitet ein Ideal - 
das der Schonheit. Aber da er sein jugendliches Feuer nicht be- 
zahmen kann, da er tut, was kein Dichter tun diirfte, da er die 
Schranken der Sitte in seiner Liebe zur Prinzessin durchbricht, 
sein eigenes Ideal verletzt, so mufi er sich beugen vor dem Alter, 
dem Konvention »Sitte« geworden ist. Das ist die Ironie seiner 
letzten Worte: 

So klammert sich der Schiffer endlich noch 

Am Felsen fest, an dem er scheitern sollte, 

dafi er sich jetzt am Felsen der Konvention festklammert, er, 



Das Dornroschen 1 1 

der das Ideal der Schonheit geschandet. Karl Moor scheitert, in- 
dem er seinem sittlichen, Tasso indem er seinem asthetischen 
Ideal untreu wird. 

Der universellste Reprasentant der Jugend ist Faust, sein ganzes 
Leben ist Jugend, denn nirgends ist er beschrankt, stets sieht er 
neue Ziele, die er verwirklichen mufi; und jung ist ein Mensch, 
solange er sein Ideal nodi nicht vollig in die Wirklichkeit um- 
gesetzt hat. Das ist das sichere Zeichen des Alters: im Gegebenen 
das Vollkommene zu sehen. Daher mufi Faust sterben, daher en- 
det seine Jugend mit dem Augenblick, da er sich am Gegebenen 
freuen kann und nichts mehr iibrig sieht. Wiirde er weiter leben, 
so wiirden wir in ihm einen Antonio finden. An Faust zeigt es 
sich deutlich, warum diese Jugend-Helden es zu »nichts bringen« 
diirfen, warum sie im Augenblick der Erfiillung untergehen oder 
einen ewigen erfolglosen Kampf fur die Ideale fiihren mussen. 
Diese erfolglosen Kampfer fiir das Ideal hat besonders in zwei 
ergreifenden Typen Ibsen gezeichnet: in Dr. Stockmann im 
»Volksfeind« und noch stiller und ergreifender im Gregers 
Werle in der »Wildente«. Gregers Werle pragt besonders schon 
jenes eigentlich Jugendliche aus, jenen Glauben an das Ideal und 
jene Aufopferung, die unerschiitterlich bleibt audi wenn das 
Ideal ein vollig unerfiillbares, ja ein ungliickbnngendes ist. 
(Denn Gliick und Ideal sind oft Gegensatze.) Denn am Schlufi 
der »Wildente«, als Gregers die Folgen seines fanatischen Idea- 
lismus sieht, bleibt sein Entschlufi dem Ideal zu dienen, doch 
fest. Sollte es jedoch unerfiillbar sein, so ist das Leben fiir ihn 
wertlos; dann ist seine Lebensaufgabe »der Dreizehnte bei Tisch 
zu sein« - zu sterben. Noch ein anderes tritt in der »Wildente« 
hervor. Wie viele Ibsensche Stiicke, wird audi dieses von Pro- 
blemen bewegt - sie werden nicht gelost. Diese Probleme sind 
eben nur der Untergrund, die Zeitatmosphare, aus welcher der 
Charakter eines Gregers hervortritt, der durch sein eigenes Le- 
ben, den Willen, die Absicht seiner sittlichen Tat, die Kulturpro- 
bleme fiir sich lost. 

Die Jugend selbst hat Ibsen dargestellt in der Hilde Wangel des 
»Baumeister Solnefi«. Doch unser Interesse wendet sich dem 
Baumeister, nicht der Hilde Wangel zu, die nur das blasse 
Symbol der Jugend ist. 
Zuletzt komme ich zu dem jiingsten Dichter der Jugend. Zu- 



12 Friihe Arbeiten zur Bildungs- und Kulturkritik 

gleich zu einem Dichter der heutigen Jugend, vor alien genann- 
ten: zu Carl Spitteler. Wie Shakespeare in Hamlet, wie Ibsen in 
seinen Dramen, stellt audi Spitteler Helden dar, die fur das 
Ideal leiden. Nodi ausgesprochener als bei Ibsen fur ein univer- 
sales Menschheitsideal. Eine neue Menschheit des Wahrheits- 
mutes sehnt Spitteler herbei. Vor allem seine beiden grofien 
Schopfungen: die Epen »Prometheus und Epimetheus« und der 
»01ympische Friihling« sind der Ausdruck seiner Oberzeugung 
und hier, wie audi in seinem herrlichen Bekenntnis-Roman 
»Imago«, den ich fur das schonste Buch fiir einen jungen Men- 
schen halte, stellt er die Stumpfheit und Feigheit der Durch- 
schnittsmenschen bald tragisch, bald lacherlich oder sarkastisch 
dar. Audi er geht vom Pessimismus aus, um sidi zum Optimis- 
mus im Glauben an die sittliche Personlichkeit zu erheben (Pro- 
metheus, Herakles im »01ympischen Friihling<<). Macht ihn 
sdion sein universales Menschheits-Ideal und seine Oberwindung 
des Pessimismus zu einem Dichter fiir die Jugend und besonders 
fiir unsre Jugend, so vor allem sein herrliches Pathos, das er 
einer Sprachbeherrschung verdankt, die er wohl mit keinem Le- 
benden teilt. 

So steht die Erkenntnis, in der unsre Zeitschrift wirken will, 
schon fest begriindet da in den Werken der Grofiten der Litera- 
tur. 



Die Schulreform, eine Kulturbewegung 

Die erste propagatorische Tat aller, die im Dienste der Schulre- 
form wirken, mufi sein: die Schulreform zu erretten von dem 
Odium, als sei sie ein Interesse der Interessierten oder ein 
Dilettantensturm gegen den Handwerkerstand der Padagogen. 
»Die Schulreform ist eine Kulturbewegung«, das ist der erste 
Satz, der erfochten werden mufl. Nur er rechtfertigt es, wenn 
aus dem Publikum immer wieder der Ruf nach Schulreform 
erschailt, wenn er immer wieder ans Volk gerichtet wird. Und 
anderseits: nur aus dieser Devise klingt aller Ernst und alle 
Hoffnung derer, die sich dieser Aufgabe widmen. - Eins zuvor! 
Man wird uns entgegenhalten; »Sehr begreiflich, was Ihr wollt! 



Die Schulreform, eine Kulturbewegung 13 

Kein neuer Gedanke, kein neuer Einfall erwacht in unserer 
lauten, demokratischen Zeit, der nicht sofort dringend Eingang 
sucht in die breitesten Massen, jeder will eben eine >Kulturbe- 
wegung< sein, denn nicht nur einen Ehrentitel, sondern auch 
Macht bedeutet dieses Wort.« Und diesem Einwande gegeniiber 
ist zu zeigen, dafi die Schulreform jenseits spezieller wissenscbaft- 
licher Thesen steht, dafi sie eine Gesinnung, ein ethisches Pro- 
gramm unserer Zeit ist; gewifi nicht in dem Sinne, dafi jeder es 
vertreten miisse, doch mit der Forderung: jeder mufi zu ihm 
Stellung nehmen! - Kurz: in der Schulreformbewegung spre- 
chen sich klar und dringend Bedurfnisse unserer Zeit aus, die, 
wie wohl all ihre grofiten Note, auf ethisch-kulturellem Gebiete 
Hegen. Die Schulreform ist nicht weniger wichtig, als unser 
soziales und religioses Problem - vielleicht aber klarer. 
In vieler Hinsicht kann von der Schulreform als einer Kulturbe- 
wegung gesprochen werden. Man konnte in jeder Reformbestre- 
bung eine Kulturbewegung sehen: »In allemNeuen liegen lebens- 
volle Krafte, ungeformt und garend, aber verheifiungsvoll . . .« 
Mit diesen und ahnlichen Vorstellungen gilt es ein fur allemal 
zu brechen. Es ist ebenso sinnlos wie verwerflich, von Kultur- 
bewegungen zu reden, wenn man nicht weifi, welche Bewegun- 
gen die Kultur fordern oder hemmen. Jedem Mifibrauch des 
verheiftungsvollen und verfiihrerischen Wortes wollen wir durch 
Klarheit begegnen. In diesem Sinne und in ganz bewufiter, enger 
Beschrankung, die auch der Raum gebietet, sollen nur drei 
Elemente, diejenigen drei allerdings, die jedem aussichtsvollen 
schulreformatorischen Streben zugrunde liegen, als kulturell 
wertvoll und unersetzlich erwiesen werden. 
Was heifk und zu welchem Ende wollen wir Schulreform? so 
mochten wir Schillers bekanntes Thema variieren. Rudolf Pann- 
witz hat Erziehung einmal sehr treffend als »Fortpflanzung 
geistiger Werte« definiert. Das nehmen wir an und fragen nun: 
was heifk, sich mit der Fortpflanzung geistiger Werte beschaf- 
tigen? 

Das heifit erstens: wir wachsen hinaus iiber unsere Gegenwart. 
Nicht nur, daft wir sub specie aeternitatis denken - indem 
wir erziehen, leben und wirken wir sub specie aeternitatis. Wir 
wollen eine sinnvolle Kontinuitat in aller Entwicklung; da6 alle 
Geschichte nicht zerfalle in Sonderwillen einzelner Zeiten oder 



14 Friihe Arbeiten zur Bildungs- und Kulturkritik 

gar Individuen, dafi die Aufwartsentwicklung der Menschheit, 
an die wir glauben, nicht mehr in dumpfer biologischer Unbe- 
wufitheit vor sich gehe, sondern dem zielsetzenden Geiste folge: 
das wollen wir, d. h. Pflege der natiirlichen Aufwartsentwick- 
lung der Menschheit: Kultur. Der Ausdruck dieses unseres 
Wollens ist: Erziehung. 

Werte fortpflanzenj das heifit aber noch ein Zweites. Nicht nur 
die Fortpflanzung des Geistigen und in diesem Sinne Kultur 
wird Problem, sondern die Fortpflanzung des Geistigen, das ist 
die zweite Forderung. Es erhebt sich die Frage nach den Werten, 
die wir unsern Nachkommen als hochstes Verm'achtnis hinter- 
lassen wollen. Die Schulreform ist nicht nur Reform der Fort- 
pflanzung der Werte, sie wird zugleich Revision der Werte selbst. 
Das ist ihre zweite grundlegende Bedeutung fiir das kulturelle 
Leben. 

Im schulreformatorischen Leben unserer Tage offenbart sich klar 
genug diese doppelte Beziehung zur Kultur. Neue Methoden des 
Unterrichts und der Erziehung entstehen. Hier handelt es sich 
um die Art der Fortpflanzung und man kennt die Mannigfaltig- 
keit der Forderungen, die erhoben werden. Dringend mag man 
den Ruf nach Wahrhaftigkeit in den Erziehungsmethoden nen- 
nen. Man empfindet es als unwiirdig, wenn der Lehrer ein Wis- 
sen vermittelt, von dessen Notwendigkeit er nicht uberzeugt ist, 
wenn er das Kind, ja, noch den Jungling mit Mafinahmen (Ta- 
del, Arrest) erzieht, die er selber nicht ernst nimmt, oder wenn 
er gar mit innerlichem Lacheln - »geschieht ja zu seinem Besten« 
- ein moralisches Verdammungsurteil fallt. - Die Beziehung 
auf das Kulturproblem ist ganz klar. Es gilt einen Ausweg zu 
finden aus dem Widerstreit zwischen naturlicher wahrhaftiger 
Entwicklung einerseits und der Aufgabe, das natiirliche Indivi- 
duum zum kulturellen umzubilden anderseits, jener Aufgabe, 
die ohne Gewalt niemals losbar sein wird. 

Doch scheint es fast, als ob hier der Kampf noch ruhe, wenn wir 
nach dem anderen Schlachtfeld hiniiberblicken, wo um die Werte 
gekampft wird - die Werte, die der neuen Generation vermacht 
werden sollen. Es ist ein wiistes Getiimmel. Nicht die wenigen 
Heere weniger Gegner, sondern der erbitterte Kampf aller 
gegen alle. Neben Schild und Schwert (ev. noch einigen vergifte- 
ten Pfeilen) jeder geschmuckt mit einer Parteifahne. Die grofien 



Die Schulreform, eine Kulturbewegung 1 5 

Gegner, die im offentlichen Leben einander zu freierem und f ro- 
herem Kampfe gefunden haben, die Vertreter grofier entgegen- 
gesetzter religioser, philosophischer, sozialer, asthetischer An- 
schauungen - auf diesem Felde machen ihnen die Streiter urn 
einzelne Facher - »Griechisch«, »Englisch«, »Latein in Quarta«, 
»Latein in Tertia«, »Handfertigkeit«, »Burgerkunde«, »Tur- 
nen« - den Platz streitig. Alles sehr tiichtige, unersetzliche 
Krieger an sich; doch stiften sie nur Verwirrung, solange sie 
nicht ihren Platz im Heere eines der grofien Streiter gefunden 
haben - logisch verbunden eben mit den grofien Gegensatzen, 
deren frischer Kampfruf in den Mauern der Schule erstickt 
wird. 

Das engste Band aber zwischen Kultur und Schulreform - die 
Jugend bildet es. Die Schule ist die Institution, welche der 
Menschheit das Erworbene als Besitz verwahrt und stets von 
neuem entgegenbringt. Aber was audi die Schule leiste, es bleibt 
Verdienst und Leistung der Vergangenheit, wenn audi biswei- 
len der jiingsten. Der Zukunft kann sie nichts weiter entgegen- 
bringen als strenge Aufmerksamkeit und Ehrfurcht. Die Jugend 
aber, der die Schule dient, die sendet ihr gerade die Zukunft. Ein 
Geschlecht empfangt die Schule, in allem Realen und allem Ge- 
wissen unsicher, selbstsuchtig vielleicht und unwissend, natiirlich 
und unkultiviert (im Dienste der Schule mufi es sich bilden), ein 
Geschlecht aber zugleich voll der Bilder, die es mitbringt aus dem 
Lande der Zukunft. Die Kultur der Zukunft ist doch schliefilich 
das Ziel der Schule - und so mufi sie schweigen vor dem Zu- 
kiinftigen, das in der Jugend ihr entgegentritt. Selbst wirken 
lassen mufi sie die Jugend, sich begniigen damit, Freiheit zu ge- 
ben und zu fordern. Und so sehen wir, wie die dringendste 
Forderung moderner Padagogik nichts will als Raum fiir die 
werdende Kultur schafTen. In der Jugend, die allmahlich lernen 
soil zu arbeiten, sich selbst ernst zu nehmen, sich selbst zu er- 
ziehen, im Vertrauen zu dieser Jugend vertraut die Menschheit 
ihrer Zukunft, dem Irrationalen, das sie nur verehren kann, der 
Jugend, die nicht nur soviel mehr erfiillt ist vom Geiste der 
Zukunft — nein! — die iiberhaupt soviel mehr erfiillt ist vom 
Geiste, die die Freude und den Mut neuer Kulturtrager in sich 
fuhlt. Es erwacht immer mehr das Bewufitsein vom unbedingten 
Wert dieser neuen Jugend Froh- und Ernstsinn. Und die Forde- 



1 6 Friihe Arbeiten zur Bildungs- und Kulturkritik 

rung hat man ausgesprochen, die Gesinnung dieser Jugend solle 
eine offentliche Meinung, ein Kompafi des Lebens werden. 
Versteht Ihr nun, Kommilitonen, warum wir uns an Euch Kul- 
turtrager wenden? 

Jugend, neue Schule, Kultur - das ist der circulus egregius, den 
wir immer wiedef durchlauferi miissen in alien Richtungen. 



Dialog uber die Religiositat der Gegenwart 

Ich hatte einen Freund besucht, in der Absicht, in einem Ge- 
sprach Gedanken und Zweifel iiber die Kunst zu klaren, die mir 
die letzten Wochen gebraclit hatten. Es war schon kurz vor Mit- 
ternacht, als das Gesprach vom Zweck der Kunst die Wendung 
auf die Religion nahm. 

ich Ich ware Ihnen dankbar, wenn Sie mir diejenigen nennen 
wiirden, die in unserer Zeit ein gutes Gewissen im Kunstge- 
nufi haben. Die Naiven und die Kiinstler nehme ich aus. Naiv 
nenne ich die, die von Natur aus fahig sind, in einer augen- 
blicklichen Freude nicht einen Rausch zu empfinden - wie es 
uns so oft geht - sondern dehen eine Freude eine Sammlung 
des ganzen Menschen ist. Diese Leute haben nicht immer Ge- 
schmack, ich glaube fast, ihre Mehrzahl gehort zu den Unge- 
bildeten. Aber sie wissen, was anfangen mit der Kunst, und 
sie lassen sich nicht von den Kunstmoden verfolgen. Und 
dann die Kiinstler: nicht wahr - hier liegt kein Problem? 
Bei ihnen gehort die Kunstbetrachtung zum Fach. 
er Sie als Kulturmensch verraten ja alle Tradition. Wir sind er- 
zogen, nach dem Wert der Kunst nicht zu fragen. L'art pour 
l'art! 
ich Mit Recht sind wir so erzogen. Das l'art pour Tart ist die 
letzte Schranke, die die Kunst vor dem Philister schiitzt. Sonst 
wiirde jeder Schulze iiber das Recht der Kunst wie iiber die 
Fleischpreise verhandeln. Aber wir haben hier Freiheit. Sagen 
Sie mir: was halten Sie vom Tart pour Tart? Vielmehr: was 
verstehen Sie iiberhaupt darunter? Was heifk das? 
er Das heifk ganz einfach: die Kunst ist nicht die Dienerin des 
Staates, nicht die Magd der Kirche, sie ist nicht mal fur das 



Dialog uber die Religiositat der Gegenwart 17 

Leben des Kindes. Usw. L'art pour Tart heifit: man weifi nicht 
wohin mit ihr - mit der Kunst. 

ich Ich glaube Sie haben Recht, was die meisten betrifft. Aber 
wieder nicht fiir uns. Ich glaube, wir mussen uns von diesem 
Mysterium des Philisters, dem Tart pour Tart losmachen. Fiir 
den Kunstler und nur fiir den ist es gesagt. Fur uns hat es 
einen anderen Sinn. Naturlich soil man nicht an die Kunst 
gehen, urn seine eitlen Phantasien zu empfangen. Wir konnen 
uns aber doch nicht mit dem Staunen begniigen. Also »Part 
pour nous«! Entnehmen wir dem Kunstwerk Lebenswerte: 
Schonheit, Formerkenntnis und Gefuhl. »Alle Kunst ist der 
Freude gewidmet. Und es gibt keine hohere und wichtigere 
Aufgabe, als die Menschen zu begliicken«, sagt Schiller. 

er Die Halbgebildeten mit dem Tart pour Tart, mit ihrer ideo- 
logischen Begeisterung und personlichen Ratlosigkeit, mit ih- 
rem technischen Halbverstandnis konnen am allerwenigsten 
Kunst genieften. 

ich Das alles ist iiberhaupt von einem anderen Standpunkt aus 
nur Symptom. Wir sind irreligios. 

er Gott sei Dank! wenn Sie unter Religion gedankenlose Au- 
toritatsg^aubigkeit verstehen, ja auch nur Wunderglauben, 
auch nur Mystik. Religion ist mit dem Fortschritt unverein- 
bar. Ihre Art ist, alle drangenden, expansiven Krafte in der 
Innerlichkeit zu einem einzigen erhabenen Schwerpunkt an- 
zuhaufen. Religion ist die Wurzel der Tragheit. Ihre Heili- 
gung. 

ich Ich widerspreche Ihnen durchaus nicht. Religion ist Tragheit, 
wenn Sie Tragheit namlich die beharrende Innerlichkeit und 
das beharrende Ziel alles Strebens nennen. Irreligios sind 
wir, weil wir nirgends mehr das Beharren beachten. Bemerken 
Sie, wie man den Selbstzweck, diese letzte Heiligung eines 
Zieles herabreiftt? Wie jedes einzelne, das nicht klar und 
ehrlich erkannt wird, »Selbstzweck« wird. Weil wir jammer- 
lich arm an Werten sind, isolieren wir alles. Dann wird au.s 
der Not die obligate Tugend gemacht. Kunst, Wissenschaft, 
Sport, Geselligkeit - bis zum lumpigsten Individuum geht er 
hinunter, dieser gottliche Selbstzweck. Jeder stellt etwas dar, 
bedeutet etwas, ist der Einzige. 

der freund Was Sie hier nennen, sind nichts als Symptome 



1 8 Friihe Arbeiten zur Bildungs- und Kulturkritik 

einer stolzen, herrlichen Lebensfreude. Wir sind eben weltlich 
geworden, mein Lieber, und es wird Zeit, dafi audi die mit- 
telalterlichsten Kopf e das merken. Wir geben den Dingen ihre 
eigene Weihe, die Welt ist vollkommen in sich. 

ich Zugegeben! Was ist das mindeste, was wir von der Weltlich- 
keit verlangen? Freude an dieser neuen, modernen Welt. Und 
was hat aller Fortschritt, alleWeltlichkeit mit Religion zu tun, 
wenn sie uns nicht eine freudige Ruhe geben? Ich brauche 
Ihnen doch nicht zu sagen, dafi unsere Weltlichkeit ein auf- 
reibender Sport geworden ist? Wir sind gehetzt von Le- 
bensfreude. Es ist unsere verdammte Pflicht und Schul- 
digkeit, sie zu fuhlen. Kunst, Verkehr, Luxus, alles ist ver- 
pflichtend. 

der freund Ich verkenne das nicht. Aber betrachten Sie doch 
die Erscheinungen. Wir haben in unserem Leben jetzt einen 
Rhythmus, der zwar von Antike und klassischer Gelassen- 
heit wenig hat. Aber eine neue Art intensiver Freudigkeit ist 
es. Mag sie noch so oft gezwungen sich zeigen, sie ist da. Wir 
suchen das Freudige wagemutig. Wir haben alle eine selt- 
same Abenteuerlust nach dem iiberraschend Frohen und Wun- 
derbaren. 

ich Sie reden sehr unbestimmt, und doch halt uns etwas ab, Sie 
anzugreifen. Ich fuhle, dafi Sie imGrunde eineWahrheit sagen, 
eine unbanale Wahrheit, die so neu ist, dafi sie allein schon 
im Entstehen Religion vermuten liefie. Trotzdem - unser Le- 
ben ist nicht auf diesen reinen Ton gestimmt. Fur uns sind in 
den letzten Jahrhunderten die alten Religionen geborsten. 
Aber ich glaube nicht so folgenlos, dafi wir uns der Aufkla- 
rung harmlos freuen diirfen. Eine Religion band Machte, 
deren freies Wirken zu fiirchten ist. Die vergangenen Religio- 
nen bargen in sich die Not und das Elend. Die sind frei ge- 
worden. Wir haben vor ihnen nicht mehr die Sicherheit, die 
unsere Vorfahren dem Glauben an die ausgleichende Ge- 
rechtigkeit entnahmen. Das Bewufitsein eines Proletariats, 
eines Fortschritts, alles Machte, die die Friiheren in ihrem 
religiosen Dienste ordnungsgemafi befriedigen konnten, um 
Frieden zu erlangen, sie beunruhigen uns. Sie lassen uns nicht 
zur Ehrlichkeit kommen, wenigstens nicht in der Freude. 

der freund Mit dem Fall der sozialen Religion ist das Soziale 



Dialog iiber die Religiositat der Gegenwart 19 

uns naher gekommen. Es steht fordernder, zum mindesten 
gegenwartiger vor uns. Vielleicht unerbittlidier. Und wir er- 
fullen es nuchtern und vielleicht streng. 

ich . Aber bei alledem f ehlt uns vollkommen die Achtung vor 
dem Sozialen. Sie lacheln; ich weifi, dafi ich ein Paradoxon 
ausspreche. Wenn ich das sage, so meine ich, dafi unsere soziale 
Tatigkeit, so streng sie sein mag, an einem krankt: sie hat 
ihren metaphysischen Ernst verloren. Sie ist eine Sache der 
offentlichen Ordnung und der personlichen Wohlanstandigkeit 
geworden. Fast alien denen, die sich sozial betatigen, ist das 
nur eine Sache der Zivilisation, wie das elektrtsche Licht. Man 
hat das Leid entgottert, wenn Sie den poetischen Ausdruck 
verzeihen. 

der freund Ich hore Sie wieder der entschwundenen Wiirde, 
der Metaphysik nachtrauern. Aber nehmenwir doch die Dinge 
nuchtern ins Leben hinein! Verlieren wir uns nicht im Ufer- 
losen! Fiihlen wir uns doch nicht bei jedem Mittagessen be- 
rufen! Ist das keine Kultur, wenn wir etwas aus den Hohen 
pathetischer Freiwilligkeit zum Selbstverstandlichen herab- 
ziehen. Ich sollte meinen, alle Kultur beruhe darauf, daft 
Gottergebote zu menschlichen Gesetzen werden. Welch iiber- 
fliissige Kraftanstrengung, alles aus dem Metaphysischen zu 
beziehen! 

ich Wenn man noch das Bewufitsein ehrlicher Nuchternheit in 
unserem sozialen Leben hatte. Aber auch das nicht. Wir liegen 
in einem lacherlichen Zwischenstaat gefangen: die Toleranz 
soil soziale Betatigung von aller religiosen Ausschliefllichkeit 
befreit haben - und dieselben, die die soziale Tatigkeit der 
Aufgeklarten proklamieren, machen aus der Toleranz, aus 
der Aufklarung, der Indifferenz und sogar der Frivolitat eine 
Religion. Ich bin der letzte, gegen die schlichten Formen des 
taglichen Lebens zu reden. Wenn man aber diese nanirliche 
soziale Tatigkeit hinterriicks wieder zum heilig-tyrannischen 
Maftstab der Personen macht, weit liber die Notwendigkeit 
des staatlich Gebotenen hinaus, so ist eben der Sozialismus 
doch Religion. Und die »Aufgeklarten« heucheln, der Religion 
gegeniiber oder in ihren Forderungen. Ein Wort flir viele: 
Blumentage. 

der freund Sie denken hart, weil Sie unhistorisch denken. So 



20 Friihe Arbeiten zur Bildungs- und Kulturkritik 

viel bleibt wahr: wir sind in einer religiosen Krise. Und noch 
konnen wir den wohltatigen, aber eines freien Menschen un- 
wiirdigen Druck der religios-sozialen Verpflichtung nicht 
entbehren. Noch haben wir uns nicht vollig zur sittlichen Selb- 
standigkeit hochgerungen. Dies ist ja das Wesen der Krisis. 
Die Religion, die Huterin sittlicher Inhalte, wurde als Form 
erkannt, und wir sind dabei, unsere Sittlichkeit als ein Selbst- 
verstandliches zu erobern. Noch ist diese Arbeit nicht vollen- 
det, noch haben wir Obergangserscheinungen. 

ich Gott sei Dank! Mir graust vor dem Bild sittlicher Selbstan- 
digkeit, das Sie beschworen. Religion ist Erkenntnis unserer 
Pflichten als gottlicher Gebote, sagt Kant. D. h.: die Religion 
garantiert uns ein Ewiges in unserer taglichen Arbeit und das 
ist es, was vor allem not tut. Ihre geriihmte sittliche Selbstan- 
digkeit wiirde den Menschen zur Arbeitsmaschine machen, 
fiir Zwecke, von denen immer einer den anderen bedingt in 
endloser Reihe. Wie Sie es meinen, ist die sittliche Selbstandig- 
keit ein Unding, Erniedrigung aller Arbeit zum Technischen. 

der freund Entschuldigen Sie, aber man sollte glauben, Sie 
lebten so fern von der Moderne wie der reaktionarste ost- 
preufiische Gutsherr. GewiB, die technisch-praktische Auf- 
fassung hat in der ganzen Natur jede einzelne Lebenserschei- 
nung entseelt, sie hat zuletzt das Leid und die Armut entseelt. 
Aber im Pantheismus haben wir die gemeinsame Seele aller 
Einzelheiten, alles Isolierten gefunden. Wir konnen auf alle 
obersten gottlichen Zwecke verzichten, denn die Welt, die 
Einheit alles Mannigfaltigen, ist der Zweck der Zwecke. Es 
ist ja fast beschamend, hiervon noch zu reden. Schlagen Sie 
unsere groften lebenden Dichter auf, Whitman, Paquet, Rilke 
und zahllose andere, orientieren Sie sich in der frei-religiosen 
Bewegung, lesen Sie die liberalen Blatter, uberall haben Sie 
ein vehement pantheistisches Gefuhl. Vom Monismus, der 
Synthese aller unserer Form zu schweigen. Dies ist die trotz 
allem lebendige Kraft der Technik, dafi sie uns den Stolz der 
Wissenden gegeben hat und zugleich die Ehrfurcht derer, 
die das stolze Weltgebaude erkannten. Denn trotz alles 
Wissens - nicht wahr? - hat noch kein Geschlecht ehrfiirch- 
tiger das geringste Leben erkannt, als wir. Und was die 
Philosophen, von den ersten Ioniern bis zu Spinoza, und die 



Dialog uber die Religiosltat der Gegenwart 21 

Dichter bis zu dem Spinozisten Goethe beseelt hat, jenes all- 
gottliche Naturgefiihl ist unser Eigentum geworden. 

ich Wenn ich Ihnen widerspredie - und ich weifi, ich wider- 
spreche nicht nur Ihnen, sondern der Zeit von ihren simpel- 
sten bis zu manchen bedeutendsten Vertretern - dann fassen 
Sie das bitte nicht auf als die Sucht, interessant zu erscheinen. 
Es ist mir wahrhaftig ernst darum, wenn ich sage, dafi ich 
keinen anderen Pantheismus anerkenne als den Humanismus 
Goethes. Aus seiner Dichtung erscheint die Welt allgottlich, 
denn er war ein Erbe der Aufkarung, wenigstens darin, dafi 
nur das Gute ihm wesentlich war. Und was im Munde jedes 
anderen wesenlos, nicht nur erschienen ware, nein, wirklich 
nur inhaltlose Phrase gewesen ware, das wurde in seinem 
Munde, und wird in der Gestaltung der Dichter uberhaupt, 
Inhalt. 

Mifiverstehen Sie mich nicht, man kann niemandem sein Recht 
auf Gefiihle streitig machen, aber der Anspruch auf mafigeb- 
liche Gefiihle ist zu priifen. Und da sage ich: mag jeder einzel- 
ne noch so ehrlich seinen Pantheismus fiihlen, maftgeblich und 
mitteilbar machen ihn nur die Dichter. Und ein Gefiihl, das 
nur moglich ist auf dem Gipfel seiner Gestaltung, zahlt nicht 
mehr als Religion. Das ist Kunst, ist Erbauung, aber nicht das 
Gefiihl, was unser Gemeinschaftsleben religios griinden kann. 
Und das soil doch wohl die Religion. 

der freund Erlauben Sie. Ich will Sie nicht widerlegen, aber die 
Ungeheuerlichkeit dessen, was Sie sagen, mochte ich Ihnen an 
einem Beispiel zeigen: die hohere Schule. In welchem Geiste 
erzieht sie denn ihre Schuler? 

ich Im Geiste des Humanismus - wie sie sagt. 

der freund Ihrer Ansicht nach ware also unsere Schulbildung 
eine Erziehung fur Dichter und fur Menschen des starksten, 
gestaltungsfahigsten Gefiihlslebens? 

ich Sie sprechen mir vollkommen aus dem Herzen. Wirklich: ich 
frage, was soil ein normal veranlagter Mensch mit dem Hu- 
manismus? Ist diese reifste Ausgeglichenheit der Erkenntnisse 
und Gefiihle ein Bildungsmittel fur junge Menschen, die nach 
Werten diirsten? Ja, ist der Humanismus, der Pantheismus 
etwas anderes als die gewaltige Inkarnation der asthetischen 
Lebensauffassung? Ich glaube das nicht. Wir konnen im Pan- 



22 Friihe Arbeiten zur Bildungs- und Kulturkritik 

theismus die hochsten, ausgeglichensten Augenblicke des Gliik- 
kes erleben - nie und nimmer hat er Krafte, das sittliche Le- 
ben zu bestimmen. Man soil die Welt nicht belachen, nicht 
beweinen, sondern begreifen. In diesem spinozistischen Wort 
gipfelt der Pantheismus. NB da Sie mich nach der Schule 
fragten: die gibt ihren Pantheismus nicht einmal gestaltet. Wie 
selten geht man ehrlich auf die Klassiker zuriick? Das Kunst- 
werk, diese einzig ehrliche Erscheinung pamheistischen Ge- 
fiihls, ist verbannt. Und wenn Sie noch eine Ansicht von mir 
horen wollen, diesem arzneimafiigen Pantheismus, den uns 
unsere Schule verschrieben hat, verdanken wir die Phrase. 

der freund Also zuletzt werfen Sie dem Pantheismus noch Un- 
ehrlichkeit vor. 

ich Unehrlichkeit . . . nein, das mochte ich nicht sagen. Aber Ge- 
dankenlosigkeit, die werfe ich ihm vor. Denn die Zeiten sind 
nicht mehr die Goethes. Wir haben die Romantik gehabt und 
ihr verdanken wir die kraftige Einsicht in die Nachtseite des 
Naturlichen: es ist nicht gut im Grunde, es ist sonderbar, 
grauenhaft, furchtbar, scheufilich - gemein. Aber wir leben, 
als ware die Romantik nie gewesen, als ware es am ersten 
Tage. Darum nenne ich unseren Pantheismus gedankenlos. 

der freund Ich glaube fast, ich bin auf eine fixe Idee bei Ihnen 
gestofien. Offen gestanden, ich verzweifele, das Einfache und 
doch Elementare des Pantheismus Ihnen begreiflich zu ma- 
chen. Mit mifitrauischer logischer Scharfe werden Sie nie- 
^mals das Wunderbare des Pantheismus verstehen, dafi in ihm 
gerade das Hafiliche und Schiechte als Notwendiges und da- 
her Gottliches erscheint. Ein seltenes Heimatgefiihl gibt diese 
Uberzeugung, jenen Frieden, den Spinoza uniibertrerTlich 
Amor dei genannt hat. 

ich Ich gebe zu, dafi der Amor dei als Erkenntnis, als Einsicht 
mit meiner Vorstellung von Religion sich nicht vertragt. Der 
Religion liegt ein Dualismus zu Grunde, ein inniges Streben 
nach Vereinigung mit Gott. Ein einzelner Grofier mag auf 
dem Wege der Erkenntnis dahin gelangen. Die Religion 
spricht die machtigeren Worte, sie ist fordernder, sie kennt 
auch das Ungottliche, sogar den Haft. Eine Gottlichkeit, die 
allerorten ist, die wir jedem Erlebnis und jedem Gefiihl mit- 
teilen, ist Gefuhlsvergoldung und Profanation. 



Dialog iiber die Religiositat der Gegenwart 23 

der freund Sie irren, denn Sie meinen, der notwendige religiose 
Dualismus fehle dem Pantheismus. Durchaus nicht. Ich sagte 
schon vorher, dafi bei aller tiefen wissenschaftlichen Erkennt- 
nis ein Gefiihl der Demut vor dem kleinsten Lebenden, sogar 
vor dem anorganischen in uns wohnt. Nichts liegt uns ferner, 
als schiilermafiige Oberhebung. Sagen Sie doch selbst: sind 
wir nicht von tiefstem, mitfuhlendem Verstandnis fiir alles 
Geschehen? Denken Sie nur an moderne Stromungen im Straf- 
recht. Sogar den Verbrecher wollen wir als Menschen achten. 
Wir verlangen Besserung, nicht Strafe. Durch unser Gefuhls- 
leben zieht sich der wahrhafte religiose Antagonismus, von 
eindringendem Verstandnis und einer Demut, die ich fast re- 
signierend nennen mochte. 

ich In diesem Antagonismus sehe ich nur Skepsis. Eine Demut, 
die alle wissenschaftliche Erkenntnis verneint, weil sie mit 
Hume an der Geltung des Kausalgesetzes zweifelt, oder ahn- 
liche laienhafte Spekulation nenne ich nicht religios. Das ist 
einfach gefiihlsselige Schwachheit. Wenn unsere Demut wie- 
derum das Bewufksein unseres Wertvollsten, wie Sie das 
Wissen nennen, untergrabt, so gibt sie keinen lebendigen, reli- 
giosen Antagonismus, sondern skeptische Selbstzersetzung. 
Aber ich weifi genau, dafi gerade das den Pantheismus so un- 
geheuer behaglich macht, dafi man sich in Holle und Himmel, 
in Hochmut und Skepsis, in Obermenschentum und sozialer 
Demut gleich gemiitlich fiihlt. Denn natiirlich - ohne ein 
bifkhen unpathetisches, ich meine leidloses Obermenschentum 
geht es nicht ab. Wo Schopfung gottlich ist, da ist der Herr 
der Schopfung es natiirlich erst recht. 

der freund Eines vermisse ich doch bei allem was Sie sagen. Die 
Erhabenheit eines allbeherrschenden Wissens konnten Sie mir 
nicht beschreiben. Und das ist ein Grundpfeiler unserer Ober- 
zeugung. 

ich Was ist denn dieses unser Wissen fiir uns} Ich frage nicht, 
was es fiir die Menschheit bedeutet. Sondern welchen Erleb- 
niswert hat es fiir jeden Einzelnen? Nach dem Erlebnis miis- 
sen wir doch fragen. Und da sehe ich nur, dafi dieses Wissen 
uns eine Gewohnheits-Tatsache geworden ist, mit der wir vom 
sechsten Jahre an aufwachsen bis ans Ende. Wir wiegen uns 
immer in der Bedeutung dieses Wissens fiir irgendein Pro- 



24 Friihe Arbeiten zur Bildungs- und Kulturkritik 

blem, fiir die Menschheit - fur das Wissen selbst. Aber per- 
sonlich geht es uns nichts an, lafit es uns kiihl, wie alles Ge- 
wohnte.Was haben wir.gesagt, als man den Nordpol erreichte. 
Eine Sensation, die bald vergessen war. Als Ehrlich die Mittel 
gegen die Syphilis entdeckte, Skepsis und Zynismus der Witz- 
blatter. Eine russische Zeitung schrieb, es sei zu bedauern, dafl 
das Laster nun freies Spiel habe. Kurz gesagt: ich glaube ein- 
fach nicht an die religiose Erhabenheit des Wissens. 

der freund Mtissen Sie denn nicht verzweifeln? Glauben Sie 
an nichts? Sind Sie Skeptiker an Allem? 

ich Ich glaube an unsere eigene Skepsis, unsere eigene Verzwei- 
felung. Sie werden verstehen, was ich meine. Ich glaube nicht 
weniger als Sie an die religiose Bedeutung unserer Zeit. Ja, 
ich glaube audi an die religiose Bedeutung des Wissens. Ich 
verstehe den Schauer, den uns der Einblick in die Natur zu- 
riickgelassen hat, und vor allem empfinde ich, dafi wir alle 
noch tief in den Entdeckungen der Romantik leben. 

der freund Und was nennen Sie die Entdeckungen der Roman- 
tik? 

ich Es ist, was ich vorhin andeutete, das Verstandnis fiir alles 
Furchtbare, Unbegreifliche und Niedrige, das in unserem Le- 
ben verwoben ist. Aber all diese Erkenntnisse und tausend 
mehr sind kein Triumph. Sie haben uns uberfallen, wir sind 
einfach benommen und geknebelt. Es waltet ein tragikomisches 
Gesetz darin, dafi in dem Augenblick, wo wir uns der Auto- 
nomic des Geistes mit Kant, Fidite und Hegel bewufit wur- 
den, die Natur in ihrer unermefilichen Gegenstandlichkeit 
sich auftat; im Augenblick, da Kant die Wurzeln des mensch- 
lichen Lebens in der praktischen Vernunft entdeckte, mufite 
die theoretische Vernunft in unendlicher Arbeit die moderne 
Naturwissenschaft ausbauen. - So steht es jetzt um uns. Alle 
die soziale Sittlichkeit, die wir mit herrlichem, jugendlichem 
Eifer scharTen wollen, ist gefesselt durch die skeptische Tiefe 
unserer Einsichten. Und heute weniger als je verstehen wir 
das Kantische Primat der praktischen Vernunft iiber die 
theoretische. 

der freund Im Namen des religiosen Bediirfnisses reden Sie 
einer zugellosen, unwissenschaftlichen Reformerei das Wort. 
Sie scheinen sich mit der Niichternheit, die Sie vorhin anzu- 



Dialog uber die Religiositat der Gegenwart 25 

erkennen schienen, doch schlecht zu vertragen. Sie verkennen 
die Grofie, ja die Heiligkeit der entsagungsvollen sachlichen 
Arbeit, die nicht nur im Dienste der Wissenschaft, sondern in 
einem Zeitalter naturwissenschaftlicher Bildung auch auf 
sozialem Gebiete geleistet wird. Eine revolutionare Jugend- 
Hchkeit kommt dabei allerdings nicht auf die Kosten. 

ich Gewifi. Nach dem Stande unserer Kultur soil und muE auch 
die soziale Arbeit, statt heroisch-revolutionaren Strebungen, 
sich einem evolutionistischen Gange unterwerfen. Aber ich 
sage Ihnen das eine: Wehe, wenn man dariiber das Ziel ver- 
gifit, sich vertrauensvoll dem fast krebsartigen Gang der 
Evolution anheimgibt. Und das tut man. Deshalb kommen 
wir aus diesem Zustand nie und nimmer im Namen der 
Entwicklung heraus, sondern im Namen des Zieles. Und dies 
Ziel konnen wir nun einmal nicht aufterlich aufstellen. Der 
Kulturmensch hat nur einen Ort, den er sich rein erhalten 
kann, in dem er wirklich sub specie aeterni sein darf: das 
ist sein Inneres, er selbst. Und die alte und oft geplagte Not 
ist, dafi wir selber uns verlieren. Verlieren dutch all die 
glorreichen Fortschritte, die Sie riihmen: verlieren, fast mochte 
ich sagen, durch den Fortschritt. Religionen aber kommen aus 
der Not und nicht aus dem Gliick. Und wenn pantheistisches 
Lebensgefiihl diese reine Negativitat, das Sich-selbst-Verlie- 
ren und Sich-fremd-Werden als Aufgehen im Sozialen riihmt, 
so ist das unwahr. 

der freund Freilich - ich wufite nicht, dafi Sie Individualist 
seien. 

ich Das bin ich nicht, sowenig wie Sie. Individuallsten setzen 
ihr Ich als mafigeblichen Faktor ins Leben. Ich sagte schon, 
dafi der Kulturmensch, soweit fur ihn der Fortschritt der 
Menschheit als selbstverstandliche Maxime gilt, das nicht 
kann. Obrigens: diese Maxime ist so selbstverstandlich in die 
Kultur aufgenommen, daft sie als Grundlage der Religion 
fiir die Fortgeschrittenen schon deshalb inhaltslos, bequem 
und gleichgultig ware. Das nebenbei. - Es fallt mir nicht ein, 
Individualismus zu predigen. Nur dafi der Kulturmensch sein 
Verhaltnis zur Gesellschaft erfasse, will ich. Dafi man mit 
der unwiirdigen Luge breche, als erfiille der Mensch sich voll- 
kommen im Dienste der Gesellschaft, als sei das Soziale, in 



i6 Fruhe Arbeiten zur Bildungs- und Kulturkritik 

dem wir doch nun einmal leben, das audi die Personlichkeit 
letzthin Bestimmende. 

Man mache Ernst mit der sozialistischen Maxime, man gebe 
zu, dafi das Individuum gezwangt, in seinem Innenleben ge- 
zwangt und verdunkelt wird; und aus dieser Not gewinne 
man ein Bewufksein vom Reichtum, vom natiirlichen Sein 
der Personlichkeit wieder. Langsam wird ein neues Geschlecht 
wagen, sich wieder bei sich selbst umzusehen, nicht nur in 
seinen Kiinstlern. Man wird den Druck und die Unwahrheit, 
die uns jetzt zwingen, erkennen. Man wird den Dualismus 
von sozialer Sittlichkeit und Personlichkeit anerkennen. Aus 
dieser Not wird eine Religion wachsen. Und sie wird not- 
wendig, weil noch niemals die Personlichkeit derart horT- 
nungslos im sozialen Mechanismus verstrickt war. Aber ich 
furchte, Sie haben mich noch nicht ganz verstanden und ver- 
muten da Individualismus, wo ich lediglich Ehrlichkek ver- 
lange. Und damit einen ehrlichen Sozialismus gegen den heu- 
tigen konventionellen. Gegen einen Sozialismus, den jeder 
anerkennt, der bei sich selbst etwas nicht im Reinen fuhlt. 

der freund Wir geraten in ein fast undisputables Gebiet. Sie 
geben kaum Belege und berufen sich auf die Zukunft. Aber 
sehen Sie sich in der Gegenwart um. Sie haben den Indivi- 
dualismus. Ich weifi, dafi Sie ihn bekampfen. Aber Sie miissen 
gerade von Ihrem Standpunkt aus, meine ich, seine Ehrlich- 
keit anerkennen. Nirgends aber lauft der Individualismus auf 
Ihr Ziel hinaus. 

ich Es gibt viele Arten des Individualismus. Ich leugne nicht, 
dafi es sogar Menschen gibt, die ganz ehrlich im Sozialen auf- 
gehen konnen, es werden nicht die tiefsten und besten sein. 
Aber ob im Individualismus Keime zu meiner Anschauung, 
besser zu einer kiinftigen Religiositat liegen, kann ich gar 
nicht entscheiden. Jedenfalls erkenne ich in dieser Bewegung 
Anfange. Meinetwegen die Heroenzeit einer neuen Religion. 
Die Heroen der Griechen sind stark wie die Gotter, nur 
gottliche Reife, gottliche Kultur fehlt ihnen noch. So erschei- 
nen die Individualisten mir. 

der freund Ich verlange keine Konstruktion. Aber weisen Sie 
mir im Gefuhlsleben der Zeit diese neureligiosen Stromungen, 
diesen individualistischen Sozialismus nach, wie Sie in der Zeit 



Dialog uber die ReHgiositat der Gegenwart 27 

allerorten den Pantheismus in den Gemiitern erkennen. Ich 
sehe nichts, was Sie stiitzen konnte. Geistreicher Zynismus und 
blafiliches Asthetentum sind nicht die Keime kunftiger Reli- 
giositat. 

ich Ich hatte nicht geglaubt, dafi auch Sie unsere Literatur mit 
dem gewohnten BHck von der hohen Warte verwerfen. Mir 
sagt das alles anderes. Abgesehen davon, dafi geistreiches 
Asthetentum nicht unsere grofken Schopfungen stempelt. 
Aber verkennen Sie nicht das Bohrende, Verlangende, das im 
Geistreichen liegt. Diese Sucht, Abgriinde aufzureifien und zu 
iiberspringen. Ich weifi nicht, ob Sie mich verstehen, wenn ich 
sage, dafi dieses Geistreiche zugleich Vorbote und Feind 
religiosen Fiihlens ist. 

der freund Nennen Sie eine iibersattigte Sehnsucht nach Uner- 
hortem religios? Dann mochten Sie Recht haben. 

ich Sehen wir diese Sehnsucht doch etwas anders an! Entstammt 
sie nicht dem gewaltigen Willen, nicht alles so ruhig und 
selbstverstandlich im Ich verankert zu sehen, wie wir es ge- 
wohnt sind? Sie predigt eine mystisch-individualistische Feind- 
schaft dem Gewohnten. Das ist ihre Fruchtbarkeit. Allerdings, 
sie kann es bei ihrem letzten Wort niemals lassen und setzt 
den vorlauten Schlufi dazu. Die tragische Naivitat des 
Geistreichen. Wie ich schon sagte, es iiberspringt die Kllifte 
wieder, die es aufreifit. Ich fiirchte und liebe diesen Zynismus, 
der so mutig ist, und zuletzt nur ein wenig zu eigensiichtig, 
um nicht die eigene Zufalligkeit uber die historische Notwen- 
digkeit zu setzen. 

der freund Sie begriinden ein Gefuhl, das auch ich kenne. Die 
Neuromantik - Schnitzler,Hofmannsthal, auch Thomas Mann 
bisweilen - bedeutend, liebenswert, ja herzlich sympathisch 
und gefahrlich. 

ich Aber ich wollte gar nicht von diesen reden, sondern von an- 
dern, die offenbar die Zeit beherrschen. Oder zum mindesten 
die Zeit bedeuten. Was ich davon sagen kann, sage ich gern. 
Aber allerdings kommen wir ins Uferlose. 

der freund Die Gefuhle gehen ins Uferlose, und der Gegen- 
stand der Religion ist die Unendlichkeit. Soviel bringe ich von 
meinem Pantheismus mit. 

ich Bolsche sagt einmal, die Kunst nahme das allgemeine Be- 



28 Friihe Arbeiren zur BUdungs- und Kulturkritik 

wufksein und dieLebenssphare spatererZeiten vorahnend vor- 
aus. Und ich glaube nun, diejenigen Kunstwerke, die unsere 
Epoche beherrschen - nein, nicht einfach beherrschen - ich 
glaube, dafi die Werke, die am heftigsten in ihrer ersten Begeg- 
nung uns beriihren, daft vor allem Ibsen und der Naturalis- 
mus dieses neureligiose Bewufksein in sich tragen. Nehmen Sie 
Ibsens Dramen. Im Hintergrunde stets das soziale Problem - 
gewift. Aber das Treibende sind die Menschen, die ihre 
Personlichkeit der neuen gesellschaftlichen Ordnung gegeniiber 
orientieren musseri: Nora, Frau Alving, und wenn man tiefer 
geht: Hedda, Solnefi, Borkman, Gregers und viele andere. 
Und weiter die Art, wie diese Menschen sprechen. Der Natu- 
ralismus hat die individuelle Sprache entdeckt. Das ergreift 
uns so sehr, wenn wir unsern ersten Ibsen oder Hauptmann 
lesen, dafi wir mit unserer alltaglichsten und intimsten Aufie- 
rung ein Recht in der Literatur, in einer gultigen Weltordnung 
haben. Unser individuelles Gefiihl erhoht sich daran. - Oder 
nehmen Sie eine Auffassung von Individuum und Gesell- 
schaft, wie in Spittelers »Herakles' Erdenfahrt«! Das schwebt 
uns vor, da liegt unser Ziel und wieder ist das eine der 
ziindendsten, begeisterungsschwersten Stellen, die in der 
Moderne geschrieben sind. Herakles kann im Dienste der 
Menschheit als Erloser nicht seine Personlichkeit wahren, nicht 
einmal seine Ehre. Aber es ist eine schneidende und jubelnde 
Ehrlichkeit, in der er sich das zugesteht. Ehrlichkeit, die in 
allem Leid, durch dies Leid ihn hebt. - Das ist lebendiger 
und jaher Widerspruch zur sozialen Tragheit unserer Zeit. - 
Und hier liegt die tiefste, wirklich: ich sage die tiefste Ernied- 
rigung, der das moderne Individuum bei Strafe des Verlu- 
stes der gesellschaftlichen Moglichkeiten unterliegen mufi: in 
der Verschleierung der Individualitat, all dessen, was inner- 
lich umwlihlend und bewegend ist. Ich mochte Ihnen jetzt 
das Konkreteste sagen: hieran wird die Religion sich auf- 
richten. Sie wird wieder einmal vom Geknechteten ausgehen 
- der Stand aber, der heute diese historische, notwendige 
Knechtung tragt, das sind die Literaten. Sie wollen die Ehr- 
lichen sein, ihre Kunstbegeisterung, ihre »Fernsten-Liebe«, 
um mit Nietzsche zu reden, wollen sie darstellen, aber die 
Gesellschaft verstofk sie - sie selber mussen selber alles All- 



Dialog liber die Religiositat der Gegenwart 29 

zumenschliche, dessen der Lebende bedarf, in pathologischer 
Selbstzerstorung ausrotten. So sind die, welche die Werte ins 
Leben, in die Konventlon umsetzen wollen: und unsere 
Unwahrhaftigkeit verurteilt sie zum Outsidertum und zur 
Oberschwenglichkeit, die sie unfruchtbar macht. Niemals wer~ 
den wir die Konventionen durchgeistigen, wenn wir nicht 
diese Formen sozialen Lebens mit unserem personlichen Geiste 
erfullen wollen. Und dazu verhelfen uns die Lkeraten und 
die neue Religion. Religion gibt einen neuen Grund und einen 
neuen Adel dem taglichen Leben, der Konvention. Sie wird 
zum Kult. Dursten wir nicht nach geistiger, kultischer Kon- 
vention? 

der freund Wie Sie Menschen, die in Kaffeehausern ein unrei- 
nes, oft genug ungeistiges Leben fiihren, Menschen, die jede 
simpelste Verpflichtung in Grofienwahn und Tragheit leug- 
nen, Menschen, die die Schamlosigkeit selbst darstellen, ja - 
wie Sie von denen die neue Religion erwarten, das ist mir 
unklar, gelinde gesagt. 

ich Ich habe nicht gesagt, dafi ich die neue Religion von ihnen 
erwarte, sondern dafi ich sie als Trager religiosen Geistes 
in unserer Zeit ansehe. Und das behaupte ich, mogen Sie mir 
hundertmal vorwerfen, dafi ich konstruiere. Gewifi, diese 
Menschen fiihren zum Teil das lacherlichste, das verkommen- 
ste und ungeistigste Leben. Aber aus geistiger Not, nicht wahr, 
aus Sehnsucht nach einem ehrlichen personlichen Leben ist 
dieses Elend geflossen? Was tun denn die Leute anderes, als 
sich mit der hochst schwierigen eigenen Ehrlichkeit befassen? 
Aber natiirlich, was wir Ibsens Helden zubilligen, geht uns 
im Leben nichts an. 

der freund Sagten Sie vorhin nicht selbst, dafi diese fanatische, 
bohrende Ehrlichkeit dem Kulturmenschen versagt sei, dafi sie 
all unsere innere und aufiere Fahigkeit zersetzt. 

ich Ja, und deshalb ist nichts furchterlicher, als wenn das Li- 
teratentum um sich grifTe. Aber eine Hefe ist notig, ein Gar- 
stofT. Sowenig wir Literaten in diesem letzten Sinne sein 
wollen, sosehr sind sie als Vollstrecker des religiosen Willens 
zu achten. 

der freund Religion geht schamvoll vor sich, ist eine Reinigung 
und Heiligung in der Einsamkeit. Im Literatentum sehen Sie 



30 Fruhe Arbeiten zur Bildungs- und Kulturkritik 

das krasse Gegenteil. Deshalb 1st es schamvollen Menschen 
verfemt. 

ich Warum Sie nur gerade der Scham alle Heiligkeit zusprechen 
und so wenig von der Ekstase reden? Wir haben wirklich ver- 
gessen, dafi die religiosen Bewegungen durchaus nicht in inner- 
licher Stille die Generationen ergriffen haben. Nennen Sie die 
Scham eine notige Waffe des Selbsterhaltungstnebes; aber hei- 
ligen Sie sie nicht, sie ist restlos natiirlich. Niemals wird sie 
von einem Pathos, einer Ekstase, die sich dehnen und ausbrei- 
ten konnen, etwas zu fiirchten haben. Und nur das unreine 
Feuer des feigen unterdriickten Pathos, das kann sie vielleicht 
zerstoren. 

der freund Und wirklich steht der Literat im Zeichen dieser 
Schamlosigkeit. Daran geht er zugrunde, wie an innerlicher 
Faulnis. 

ich Darauf sollten Sie sich am wenigsten berufen, denn er 
unterliegt diesem aushohlenden Pathos, weil die Gesellschaft 
ihn gebannt hat, weil er kaum die jammerlichsten Formen 
hat, seine Gesinnung zu leben. Wenn wir wieder die Kraft 
haben, die Konvention ernst und wiirdig zu gestalten, anstatt 
unseres gesellschaftlichen Talmitums, dann haben wir fur die 
neue Religion das Symptom. Kultur des Ausdrucks ist die 
hochste und nur auf ihrer Grundlage zu denken. Aber unsere 
religiosen Gefuhle sind frei. - Und so versehen wir unwahre 
Konventionen und Gefuhlsverhaltnisse mit der nutzlosen 
Energie der Pietat. 

der freund Ich begluckwiinsche Sie zu ihrem Optimismus und 
Ihrer Konsequenz. Glauben Sie wirklich, daft bei dem herr- 
schenden sozialen Elend, bei dieser Flut ungeloster Probleme, 
noch eine neue Problematik, die Sie sogar Religion nennen, 
notig oder auch nur moglich sei? Denken Sie nur an ein unge- 
heures Problem, die Frage der Sexualordnung der Zukunft. 

ich Ein ausgezeichneter Gedanke! Gerade diese Frage ist, wie 
ich meine, nur auf dem Grunde personlichster Ehrlichkeit zu 
losen. Zum Komplex der sexuellen Probleme und der Liebe 
werden wir erst dann ofTen Stellung nehmen konnen, wenn 
wir sie von der verlogenen Verquickung mit unendlichen 
sozialen Gedanken losen. Die Liebe ist zunachst einmal eine 
personliche Angelegenheit zwischen zweien und durchaus kein 



Dialog iiber die Religiositat der Gegenwart . 31 

Mittel zum Zwecke der Kindererzeugung; lesen Sie dazu 
»Faustina« von Wassermann. Im iibrigen glaube ich tatsach- 
lich, dafi eine Religion aus einer tiefen und fast unerkannten 
Not geboren sein mufi, Dafi flir die geistigen Fiihrer also das 
soziale Element kein religioses mehr ist, wie ich schon sagte. 
Dem Volke soil seine Religion gelassen werden, ohne Zynis- 
mus. D. h. es bedarf noch, keiner neuen Erkenntnisse und 
Ziele. Ich hatte mit einem Menschen sprechen konnen, der 
ganz anders geredet hatte wie Sie. Fur ihn ware das Soziale 
ein Erlebnis gewesen, das ihn erst gewaltsam aus seiner naiv- 
sten, geschlossenen Ehrlichkeit hatte herausreifien miissen. Er 
hatte die Masse der Lebenden dargestellt, und er gehort im 
weitesten Sinne den historischen Religionen an. 

der freund Sie reden auch hier von Ehrlichkeit. Also sollen wir 
zu diesem Standpunkt des egozentrischen Menschen zuriick? 

ich Ich glaube, Sie mifiverstehen mich systematisch. Ich spreche 
von zwei Ehrlichkeiten. Der vor dem Sozialen und der, die 
ein Mensch nach der Erkenntms seiner sozialen Gebunden- 
heit hat. Ich verabscheue nur die Mitte: die verlogene Primi- 
tivitat des komplizierten Menschen. 

der freund Und nun glauben Sie wirklich, inmitten des religio- 
sen und kulturellen Chaos, in dem die Fiihrenden gebunden 
sind, die neue Ehrlichkeit aufzurichten? Trotz Decadence 
und Mystik, Theosophen, Adamiten und unendlicher Sek- 
ten? Denn auch in denen hat jede Religion erbitterte Feinde. 
Sie verdecken die Kluft zwischen Natur und Geist, Ehrlich- 
keit und Luge, Individuum und Gesellschaft - oder wie Sie es 
gruppieren wollen. 

ich Nun nennen Sie selbst die Mystik die Feindin der Religion. 
Nicht nur uberbriickt sie die Scharfe religioser Problematik - 
sie ist zugleich passend und sozial. Aber bedenken Sie, wie 
weit dies auf den Pantheismus treffen wiirde. - Das neu er- 
wachende, religiose Gefiihl aber trifft es nicht. So wenig, dafi 
ich in der Geltung und Ausbreitung der Mystik und Deca- 
dence sogar seine Symptome erblicke. Doch erlauben Sie, dafi 
ich es naher erklare: ich sagte schon, dafi ich den Augenblick 
dieser neuen Religion - ihrer Grundlegung - historisch fest- 
lege. Es war der Augenblick, da Kant die Kluft zwischen 
Sinnlichkeit und Verstand aufrifi und da er in allem Gesche- 



3 2 Friihe Arbeiten zur Bildungs- und Kulturkritik 

hen die sittliche, die praktische Vernunft waltend erkannte. 
Die Menschheit war aus ihrem Entwicklungsschlaf erwacht, 
zugleich hatte das Erwachen ihr ihre Einheit genommen. Was 
tat die Klassik? Sie vereinte noch einmal Geist und Natur: 
sie betatigte die Urteilskraft und schuf die Einheit, die immer 
nur eine Einheit des Augenblickes, der Ekstase, der grofien 
Schauenden sein kann. Ehrlich, grundlegend konnen wir sie 
nicht erleben. Grundlage des Lebens kann sie nicht werden. 
Sie bedeutet seine asthetische Hohe. Und wie die Klassik 
asthetische Reaktionserscheinung war, in dem schneidenden 
Bewufksein, dafi es den Kampf um die Totalitat des Men- 
schen gelte, so nenne ich auch Mystik und Decadence Reak- 
tionserscheinungen. Das Bewufitsein, das in zwolfter Stunde 
aus der Ehrlichkelt des Dualismus sich retten will; aus der 
Personlichkeit fliehen will. Aber Mystik und Decadence 
fiihren einen aussichtslosen Kampf: sie negieren sich selbst. 
Die Mystik durch die gesuchte scholastisch-ekstatische Art, mit 
der sie das Sinnliche als Geistiges fafit, oder beides als Er- 
scheinung des wahren Obersinnlichen. 2u diesen hoffnungs- 
losen Spekulationen zahle ich den Monismus. Ich nenne es 
unschadliche Denkerzeugnisse, die einen ungeheuern Auf- 
wand suggestiblen Gemiites brauchen und, wovon wir schon 
sprachen, das Geistreiche ist die Sprache der Mystik - schlim- 
mer die Decadence, aber fur mich das gleiche Symptom und 
die gleiche Unfruchtbarkeit. Sie sucht die Synthese im Natiir- 
lichen. Sie begeht die Todsiinde, den Geist natiirlich zu ma- 
chen, ihn als selbstverstandlich zu nehmen, nur kausal be- 
dingt. Sie leugnet die Werte (und damit sich selbst), um den 
Dualismus von Pflicht und Person zu bezwingen. 

der freund Sie wissen vielleicht, wie es so manchmal geht. 
Man denkt eine Zeitlang angestrengt, glaubt einem neuen 
Unerhorten auf der Spur zu sein und sieht sich plotzlich 
schaudernd vor einer ungeheuern Banalitat. Und so geht 
es mir. Ich frage mich eben unwillkurlich: was ist an dem, 
wovon wir reden? Ist es nicht eine Selbstverstandlichkeit, ein 
Nicht-Redenswertes, dafi wir in einem Zwiespalt von Indi- 
viduellem und Sozialem leben? Jeder hat ihn in sich erfahren, 
erfahrt ihn taglich. Gut, wir haben die Kultur und den So- 



Dialog iiber die Religiositat der Gegenwart 33 

zialismus zum Siege gebracht. Und damit ist alles entschieden. 
- Sie sehen - ich habe jeden Blick, jedes Verstandnis ver- 
loren. 

ich Und nach meiner Erfahrung wiederum steht man vor einer 
tiefen Wahrheit, wenn man eine Selbstverstandlichkek um 
einen Grad vertieft, vergeistigt, mbchte ich sagen. Und so ist 
es uns mit der Religion ergangen. Gewifi, Sie haben Recht 
in dem was Sie sagen. Aber machen Sie einen Zusatz. Dieses 
Verhaltnis sollen wir aber nicht als ein technisch-notwendiges 
fassen, das aus Aufierlichkeit und Zufall geboren wurde. 
Nehmen wir es als sittlich-notwendig, durchgeistigen wir 
wieder einmal die Not zur Tugend! Gewifi, wir leben in einer 
Not. Aber wertvoll wird unser Verhalten nur, indem es sich 
sittlich begreift. Hat man sich denn das Furchtbare, Unbe- 
dingte gesagt, das in der Ergebung der Person unter sozial- 
sittliche Zwecke steckt? Nein! Warum nicht? Weil man vom 
Reichtum und Schwergewicht der Individuality tatsachlich 
nichts mehr weifi. So wahr ich Menschen des taglichen Lebens 
kenne, sage ich Ihnen, dafi diese das Korpergefuhl ihrer geisti- 
gen Personlichkeit verloren haben. 

Im Augenblick, wo wir das von neuem finden und uns unter 
die kulturelle Sittlichkeit beugen, sind wir demiitig. Dann 
erst erhalten wir das Gefiihl der schlechthinnigen Abhangig- 
keit, von der Schleiermacher spricht, statt einer konventionel- 
len Abhangigkeit. - Aber ich kann Ihnen das vielleicht kaum 
sagen, weil es sich auf einem so neuen Bewufitsein personlicher 
Unmittelbarkeit grundet. 

der freund Nochmals, Ihre Gedanken haben einen steilen Flug. 
So, dafi sie sich von aller Problematik der Gegenwart reifiend 
schnell entfernen. 

ich Das erwartete ich am wenigsten zu horen; der ich den 
Abend, die Nacht lang von der Not der Fuhrenden sprach. 

der freund Und doch, Glauben und Wissen heifit die Parole 
unserer religiosen Kampfe. Kein Wort sprachen Sie davon. 
Ich fiige hinzu, von meinem Standpunkt eines Pantheismus 
oder Monismus gibt es diese Frage allerdings nicht. Aber Sie 
hatten sich damit abzufinden. 

ich Jawohl: indem ich sage, dafi das religiose Gefiihl in der 
Gesamtheit der Zeit wurzelt; zu der gehort das Wissen. 



34 Friihe Arbeiten zur Bildungs- und Kulturkritik 

Wenn nicht das Wissen selbst problematiscii ist, wird eine 
Religion, die bei dem Dringenden beginnt, sich um das Wissen 
nicht zu kummern haben. Und es hat wohl kaum Zeiten gege- 
ben, in denen das Wissen natiirlicherweise problematisch an- 
gefochten war. Soweit haben es erst historische Mifiverstand- 
nisse gebracht. - Und dieses modernste Problem, von dem die 
Blatter voll sind, entsteht, weil man sich nicht von Grund auf 
nach der Religion der Zeit fragt; sondern man fragt, ob eine 
der historischen Religionen in ihr noch Unterkunft finden 
konne, und wenn man ihr Arme und Beine abschnitte und 
den Kopf dazu. - Ich unterbreche mich hier - es ist ein weit- 
laufiges Lieblingsthema. 

derfreund Mir fallt ein Wort von Walter Cale ein. »Nach 
einer Aussprache glaubt man stets, das >Eigentliche< nicht ge- 
sagt zu haben. « Vielleicht haben Sie jetzt ein ahnliches Ge- 
fiihl. 

ich Das habe ich. Ich denke daran, dafi eine Religion letzthin 
niemals nur Dualismus sein kann - dafi die Ehrlichkeit und 
die Demut, von der wir sprachen, ihr sittlicher EinheitsbegrifT 
ist. Ich denke daran, dafi wir nichts uber den Gott und die 
Lehre dieser Religion und wenig uber ihr kultisches Leben 
sagen konnen. Dafi das einzig Konkrete das Gefuhl einer 
neuen und unerhorten Gegebenheit ist, unter der wir lei- 
den. Ich glaube audi, dafi wir schon Propheten gehabt haben: 
Tolstoi, Nietzsche, Strindberg. Dafi schliefilich unsere schwan- 
gere Zeit einen neuen Menschen finden wird. Neulich hone 
ich ein Lied. So wie dieses schelmische Liebeslied es sagt, 
glaube ich an den religiosen Menschen. 

Dafi doch gemalt all deine Reize waren 
Und dann der Heidenfurst das Bildnis fande: 
Er wiirde dir ein grofi* Geschenk verehren 
Und legte seine Kron' in deine Hande. 
Zum rechten Glauben miifite sich bekehren 
Sein ganzes Reich bis an sein fernstes Ende. 
Im ganzen Lande wiird' es ausgeschrieben: 
Christ soil ein jeder werden und dich lieben. 
Ein jeder Heide flugs bekehrte sich 
Und wiird* ein guter Christ und liebte dich. 



Unterricht und Wertung 3 j 

Mein Freund lachelte skeptisch aber liebenswiirdig und begleitete 
mich schweigend an die Hausture. 



Unterricht und Wertung 

</•> 

An zwei Stellen wird das Verhaltnis des Unterrichts zu Werten, 
zu lebendigen Gegenwartswerten besonders deutlich werden: im 
Deutschen und in der Geschichte. Im Deutschen wird es sich vor- 
wiegend um asthetische, im Geschichtsunterricht um ethische 
Werte handeln. Zunachst ist das gleichgiiltig. Gefragt wird: wer- 
tet der Unterricht (und damit die Schule) iiberhaupt, und an 
welchem Ziele ist dies Werten orientiert? Es soil nicht behauptet 
werden, daft jeder der folgenden Falle typisch sei. Aber es soil 
doch die Ansicht zugrunde gelegt werden, ein brauchbares 
System miisse gewisse auBerste Moglichkeiten ausschliefien. Im 
folgenden einige dieser Moglichkeiten ohne Kommentar: 
In einer Obersekunda werden eine Anzahl Gedichte Walthers 
von der Vogelweide in der Ursprache gelesen. Sie werden iiber- 
setzt und einige werden auswendig gelernt. Das alles nimmt eine 
Reihe von Unterrichtsstunden in Anspruch. Der Ertrag dieser 
Stunden fiir den Schuler in asthetischer Hinsicht ist die bestandig 
wiederkehrende Aufierung des Lehrers, im Gegensatz zu Homer 
verwende Walther keine Flickworter. 

Einige AuEerungen, die den asthetischen Standpunkt Goethe 
gegeniiber bezeichnen: » Goethe ist iiberhaupt ganz realistisch, 
man mufi nur verstehen, was er meint.« Oder: »Es ist das Eigen- 
tiimliche in Goethes Werken, dafi jedes Wort seinen Sinn hat, 
und zwar meist einen schonen, passenden.« 
Oder: In einer hoheren Klasse werden die Nibelungen in der 
Ubersetzung, darauf in der Ursprache gelesen; ein bis zwei 
Abschnitte bilden die hausliche Lektiire; sie werden im Unter- 
richte nacherzahlt. Nachdem so die Ubersetzung durchgenommen 
ist, wird das Lied vom Lehrer in der Ursprache aus dem Lese- 
buche, das audi die Schuler vor sich haben, vorgelesen und teil- 
weise iibersetzt, teils durch Ubersetzungsanleitungen kommen- 



36 Fruhe Arbeiten zur Bildungs- und Kulturkritik 

tiert. Solche Durchnahme dauert kaum unter einem halben 
Jahre; und damit ist dann die Lektiire dieser Dichtung durchaus 
erschopft. Auf den inneren Gehalt wird schlechterdings mit kei- 
nem Worte eingegangen. 

Entsprechend kann sich die Schulbehandlung von »Hermann 
und Dorothea« gestalten. Es werden im Unterricht Stunde fiir 
Stunde in gemeinsamer Arbeit Dispositionen angefertigt (die 
jedoch stets auf die vom Lehrer gewunschte hinauslaufen); eine 
dieser Dispositionen folgt: 

»4. Gesang: Euterpe. 

I. Die Mutter sucht den Sohn: 

a) auf der Steinbank, 

b) im Stall, 

c) im Garten, 

d) im Weinberg, 

e) imWald. 

II. Die Mutter findet den Sohn unter dem Birnbaum. 
III. Gesprach zwischen Mutter und Sohn. 
i. Hermanns EntschlufL 

a) Die Not der Mitmenschen, 

b) die Nahe des Feindes, 

c) Hermanns Entschlufi zu kampfen. 

2. Der Mutter Ermahnung. 

3. Hermanns Gestandnis. 

4. Vermittelnder Plan der Mutter. « 

Jede solche Disposition ist zu Hause auswendig zu lernen und 
mit verbindendem Text wiederzuerzahlen. Womoglich mehrere 
Male in einer Stunde. Die aufsatzmafiige Behandlung des Ge- 
dichtes ergab die Themen: »Inwiefern ist der erste Gesang von 
>Hermann und Dorothea< die Exposition des Gedichts?« (Man 
bemerke, wie in Ermanglung eines geistigen Eindringens die 
Dichtwerke in den Schulen so oft technisch zerfetzt werden!) 
Und: »Inwiefern ist das Gewitter in >Hermann und Dorothea< 
symbolisch?« In diesem Aufsatz wurde eine Darstellung des Ge- 
witters als symbolischer Ausgleich der Spannungen beim Epos, 
vor allem der erotisdien Spannung zwischen den Liebenden (!), 
verlangt. 



Unterridit und Wertung 37 

Eine Wertung des Gedichtes gibt der Unterridit nicht. Fur die 
meisten Schuler aber ist es gewertet; der Name der Dichtung 
schon verursacht ihnen Obelkeit. 
»Minna von Barnhelm« wird disponiert. 
»Egmont« wird disponiert. Eine Probe: 

»Egmont und der Secretar erledigen: 
I. Amtsgeschafte: 

a) politische, 

b) militarische. 
II. Kriminalgeschafte: 

a) Geldangelegenheiten, 

b) Warnung des Graf en 01iva.« 

Wir schliefien diese schwarze Liste, die wohl jeder Schuler belie- 
big verlangern konnte, mit einigen charakteristischen Worten 
eines Lehrers, die das Aufsatzwesen beleuchten. Der Schuler 
halt eine Ansicht, deren Beweis von ihm gefordert wird, fur un- 
richtig und begriindet dies dem Lehrer gegemiber zureichend. Die 
Antwort lautet, es handele sich in den Aufsatzen in erster Linie 
um Stilubung und die darin behandelten Stoffe seien nicht so 
wichtig, dafi die Schuler sich Gewissensbisse zu machen brauch- 
ten, wenn sie etwas schrieben, was sie fur unrichtig hielten. - 
Einer solchen Anschauung entspricht es, wenn bei der Ruckgabe 
von Aufsatzen der Lehrer schroff" entgegengesetzte Werturteile 
verschiedener Schuler regelmafiig mit den Worten begleitete: 
»Das konnen wir gel ten lassen.« 

Wir haben ohne Unterbrechung aufgezahlt. Und nur dies moch- 
ten wir bemerken: in einem solchen Unterrichte stelle man sich 
eine Anzahl Schiiler vor, denen es um Literaturfragen ernst ist. 
Der Unterridit beimiht sich nicht um ein ernsthaftes Verhaltnis 
zum Kunstwerk. Bis zur Erschopf ung wird es inhaltlich und viel- 
leicht formal analysiert, doch zu einer fruchtbar werdenden, d. h. 
vergleichenden Betrachtung kommt es nicht; es fehlen ja die 
Mafistabe. So ergibt es sich: die Dichtungen der Klassik - und 
sie vor allem kommen in Betracht - erscheinen der Mehrzahl 
der Schuler als vollig willkiirliche, jedes lebendigen Zusammen- 
hanges entbehrende Spielereien fiir Asthetiker; erscheinen un- 
endlich trocken jedem, der seine 2eit mit »Nutzlicherem« aus- 
fiillen kann. 



38 Friihe Arbeiten zur Bildungs- und Kulturkritik 

Wahrhaft verhangnisvoll aber wird dieser Zustand, wo es sich 
um moderne Kunst handelt. Vielleicht aber ist das schon zuviel 
gesagt. In den meisten Fallen handelt es sich gar nicht um mo- 
derne Kunst. Da dient denn zur Maxime etwa folgendes Wort 
eines in Oberprima unterrichtenden Lehrers: »Weiter als bis 
Kleist gehe ich mit Ihnen nicht. Modernes wird nicht gelesen.« 
Es sollte einmal ein deutscher Dichter oder Kunstler unserer Zeit 
dem deutschen Unterricht beiwohnen und horen, wie da von 
moderner Kunst gesprochen wird (iibrigens ist bei diesen Herren 
der Begriff »modern« ganz umfassend; grofie entgegengesetzte 
Stromungen bestehen nicht). Ein Herr kann vom Katheder her- 
ab lacherliches und grundloses Zeug iiber die Sezession sagen: 
»diese Leute wollen immer nur das Hafiliche malen und erstre- 
ben nichts, als moglichst grofie Ahnlichkeit« - es darf nicht 
widersprochen werden. Der Moderne gegeniiber steht, wenn sie 
einmal genannt wird, alles frei. » Ibsen - wenn ick schon det 
Schimpansengesicht sehe!« (Aufierung eines Lehrers.) 
Da gibt es keine iiberlieferten, will also sagen giiltigen Urteile. 
Die offentliche Meinung iibt noch keinen Zwang aus. Da ist alles 
»Geschmackssache«, die Schule kennt hier keine Verantwortung 
ihrer Zeit gegeniiber. Nirgends vielleicht wird es deutlicher als 
hier, wie unfahig die Schule ist, aus sich selbst heraus zu werten. 
So erzeugt die Schule eine offentliche Meinung der Gebildeten, 
deren literarisches Glaubensbekenntnis lautet: Goethe und 
Schiller sind die grofiten Dichter - die sich aber gelangweilt 
von ihren Dramen abwendet und der die moderne Kunst ein 
Gegenstand des Spottes oder verantwortungslosen Geredes 
wird. 

Entsprechendes ist im Geschichtsunterricht die Regel. Aus einem 
sehr einfachen Grunde kann hier nicht gewertet werden. Politi- 
sche Geschichte lafit sich nicht werten und Kulturgeschichte gibt 
es nicht. Denn innere Geschichte, die im Unterricht eine immer 
grofiere Rolle zu spielen beginnt, ist ja noch nicht Kulturge- 
schichte. Dazu macht sie erst der Gesichtspunkt. Der Blickpunkt 
aber auf unsere Kultur, als das Ergebnis der Jahrtausende, fehlt. 
Von der Entwickelung des Rechts, der Schule, der Kunst, der 
Ethik, der modernen Psyche schweigt, bis auf wenige Daten, 
dieser Unterricht. Der nuchterne Betrachter mag sich fragen, ob 
dieser Geschichtsunterricht ein Kulturbild gibt oder nicht vielmehr 



Unterricht und Wertung 39 

selbst eines darstellt! Ein einziger Punkt ist es, an dem der 
Geschichtsunterricht schliefilich wertet: das ist der Augenblick, 
wo am Horizonte die Sozialdemokratie auftaucht. Aber welche 
Oberzeugungskraft kann eine Wertung haben, die ganz ofTenbar 
nicht um der Erkenntnis willen (denn dann ware stets gewertet 
worden), sondern aus Zweckgriinden geschieht! 
Auf dieser Grundlage bietet der Geschichtsunterricht das uner- 
freulichste Bild. Entweder gilt es ein Vorbeten oder Wiederkauen 
zusammenhangloser oder oberflachlich verbundener Tatsachen 
aller Art - oder man sucht sich den »Kulturperioden« einmal 
bewufit zu nahern. Da paradieren denn die Schlagworte aus der 
Literaturgeschichte und ein paar beriihmte Namen, oder end- 
lich, es tritt zum Ersatz einer freien, grofien Wertung die klein- 
lichste Beurteilung irgendeiner historischen Tat ein. Da wird denn 
gefragt: ist Napoleons Bestreben, Rufiland zu unterwerfen, be- 
rechtigt gewesen oder nicht? - Und ahnliches wird gar in der 
Klasse uferlos debattiert. 

Damit waren die vorzugsweise zur Wertung berufenen Unter- 
richtsfacher der Realschule betrachtet. Aber das humanistische 
Gymnasium hat noch seine humanistischen Werte, die den gegen- 
wartigen Kulturwerten gleichberechtigt zur Seite treten sollen. 
Dariiber wird ein zweiter Artikel handeln. 

//. Vber das humanistische Gymnasium 

Es ist verhaltnismafiig leicht, gegen MifSstande und Verfehlun- 
gen im Unterricht zu polemisieren, gegen einen Gesichtspunkt 
zu kampfen, von dem aus unterrichtet wird, oder fiir eine Neu- 
einteilung der Lehrstoffe einzutreten. Sehr schwer ist es, gegen 
Gedankenlosigkeit zu Feld zu ziehen, Geistlosigkeit zu bekamp- 
fen. Eigentlich unmoglich, sie lafit sich nur nachweisen. Dies un- 
dankbare Geschaft versuchten wir im vorigen fiir den Deutsch- 
und Geschichtsunterricht zu leisten. Noch schwerer ist das gleiche 
fiir die humanistischen Lehrfacher. Wir wissen gar nicht, was 
dieser humanistische Unterricht bezweckt (wahrend wir vom Ziel 
eines Deutsch- und Geschichtsunterrichtes in einer modernen 
Schule immerhin einen Begriff haben). 

Wir gestehen, dafi wir im Grunde sehr viel Sympathie fiir die 
humanistische Bildung haben. Mit einer Art von verbissenem 



40 Friihe Arbeiten zur Bildungs- und Kulturkritik 

Trotz lieben wir sie, weil wir in ihr eine Sdiulgesinnung sehen, 
die eine edle Ruhe sich bewahrt hat und vom darwinistischen 
Zwecktaumel unserer iibrigen Padagogik verschont blieb. Da 
lesen wir den Sitzungsbericht der »Freunde des humanistischen 
Gymnasiums«, und mit Staunen horen wir, dafi unter allgemei- 
nem Beifall festgestellt wird, dem Mediziner und Juristen sei 
die Kenntnis der griechischen Spradie von grofiem Nutzen. Dafi 
der Vortragende iibrigens dankbar zuriickblicke auf die Jah- 
re, in denen . . ., und es folgen jene Phrasen, mit denen der, der 
es hinter sich hat, das dicke Fell sich streichelt und auf die 
»Jungen« herabblinzelt. 

Dieser Ton, mit dem ein Herr jene >>idealistische Gesinnung« 
zusamt der Kenntnis vieler Fremdworter, welche das Gymna- 
sium ihm »vermittelte«, gemachlich lobt, ist uns furchtbar. Pein- 
lich ist uns jene behabige Sentimentalitat, die noch nach vierzig 
Jahren an der Familientafel (zwischen Fisch und Braten) die 
ersten Verse der Odyssee ertonen lafit. Die noch jetzt die Gram- 
matik der Apodosis besser beherrscht als der Sohn, der schon in 
Prima sitzt. Die Intimitat zwischen Philisterium und dem hu- 
manistischen Gymnasium ist hochst verdachtig. Wir empfinden: 
weil unsere Vater so innig allerlei verstaubte Gefuhle mit Plato 
und Sophokles verbunden haben, darum miissen wir los von 
soldier Familienatmosphare des Gymnasiums. 
Und dennoch haben wir wohl eine Sehnsucht, manche vielleicht 
eine Vorstellung sogar von dem, was unset Gymnasium sein 
sollte. Kein Gymnasium sei es, in dem (giinstigstenfalles) Win- 
ckelmannsches Griechentum begriffen wird (denn schon lange ist 
die »edle Einfalt und stille Grofie« zum fatalen Inventar der 
hoheren Tochterbildung geworden). Unser Gymnasium sollte 
sich berufen auf Nietzsche und seinen Traktat »Vom Nutzen 
und Nachteil der Historie«. Trotzig, im Vertrauen auf eine 
Jugend, die ihm begeistert folgt, sollte es die kleinen modernen 
Reformpadagogen uberrennen. Anstatt modernistisch zu wer- 
den und aller Ecken eine neue, geheime Niitzlichkeit des Be- 
triebs zu riihmen. Das Griechentum dieses Gymnasiums sollte 
nicht ein fabelhaftes Reich der »Harmonien« und »Ideale« sein, 
sondern jenes frauenverachtende und mannerliebende Griechen- 
tum des Perikles, aristokratisch; mit Sklaverei; mit den dunklen 
Mythen des Aeschylos. All dem sollte unser humanistisches 



Unterricht und Wertung 41 

Gymnasium ins Gesicht sehen. In dem diirfte dann audi griechi- 
sdie Philosophic gelehrt werden, was jetzt so verboten sein 
miifite wie die Lektiire von Wedekind. Jetzt namlich lernt man 
nach einem Handbuch, dafi Thales das Wasser fiir den Urstoff 
hielt, Heraklit aber das Feuer, Anaxagoras jedoch den Nous, 
dagegen Empedokles Liebe und Hafi (und stiirzte sich in den 
Atna), Demokrit aber die Atome, und dafi die Sophisten den 
alten Glauben zersetzten. (2u dem, was die Philosophic am 
starksten diskreditiert, gehort solcher Unterricht.) 
Wie gesagt - wir kennen oder ahnen ein humanistisches Gym- 
nasium, das wir lieben wiirden. In dieser Schule ware griechische 
Plastik mehr als ein schmutziger Pappdruck, der gelegentlich fiir 
vier Wochen im Schulzimmer hangt. Solches Gymnasium konn- 
te uns zum mindesten helfen. Die Padagogen mogen sich fragen, 
ob sie uns diese Schule schaffen diirfen, die gegenwartsfeindlich, 
undemokratisch, hochgemut sein miifite und keine bequemen 
Kompromisse mit Oberrealschule, Realgymnasium, Reform- 
gymnasium eingehen wiirde! Wenn wir aber im Namen der 
beiden Jahrtausende nach Christus solche Schule nidit haben 
diirfen, dann nehmen wir einen schweren, gefafiten Abschied 
vom Gymnasium. 

Aber nicht langer dieser verwaschene Humanismus! Jetzt haben 
wir Asthetentum ohne asthetische Bildung in unseren Lektiiren- 
stunden. Geschwatz von acocppoa'uv'n, ohne die Mafilosigkeit des 
alten Asien zu ahnen. Platonische Dialoge ohne Lektiire des 
Symposion (vollstandig, meine Herren, vollstandig!). 
Das aber bekennen wir nochmals: wir wissen nicht, was man 
meint, wenn man diese heutige humanistische Bildung uns vor- 
setzt. Aus jedem klassischen Buche lesen wir die »besten Stellen«, 
nur der Primus kann Griechisch ohne »Klatschen« verstehen, 
nur die notorisch Streberhaftesten machen freiwillige humani- 
stische Arbeiten. Wir Schiiler, die drinnen stehen, haben iiber 
und iiber genug von jener Heuchelei, die Geistlosigkeit und Ur- 
teilslosigkeit mit dem Mantel »griechischer Harmonie« deckt! 
SchwarzeListe: 

Ober Horaz: »Wir haben hier Horaz zu lesen; ob er uns ge- 
fallt oder nicht, ist ja ganz gleich; er steht im Lehrplan.« Aufie- 
rung eines Lehrers. 
Bei einem Einwand gegen eine Beweisfiihrung bei Cicero: »Wir 



42 Friihe Arbeiten zur Bildungs- und Kulturkritik 

wollen hier ja nidit unsere Ansichten entwickeln, sondern wissen, 
was Cicero sagt.« 

Zum Kapitel »Klassische Kunst«: auf einem Gymnasium wird 
eines Tages kunstgescliichtlicher Unterricht eingefiihrt, der nach 
mehreren Wochen ebenso plotzlich, wie er kam, wieder ver- 
schwindet. Der Lehrer erklart: »Ja, ich habe in jeder Woche so 
und soviel Stunden zu geben; damals hatte ich noch eine Stunde 
pro Woche zu wenig, gab also Kunstgeschichte. Jetzt ist das 
wieder in Ordnung.« 

»Ach, glauben Sie doch nicht, dafi man Ihnen Ihre Begeisterung 
flir die An tike glaubt«, sagte zu einem Oberprimaner eines 
humanistischen Gymnasiums ein Lehrer. 



Romantik 
Eine nicht gehaltene Rede an die Schuljugend' 

Kameraden! Wenn wir schon irgendeinmal an uns gedacht haben, 
nicht an uns als Einzelne, sondern an uns als Gemeinschaft, als 
Jugend, oder wenn wir von der Jugend gelesen haben, - immer 
wieder dachten wir uns, dafi sie wohl romantisch sei. Tausende 
von guten und schlechten Gedichten sagen es, von Erwachsenen 
horen wir, dafi sie alles darum geben wiirden, noch einmal jung 
zu sein. Das ist doch alles Wirklichkeit, die wir wohl in Augen- 
blicken ganz iiberraschend und froh fuhlen, wenn wir eine gute 
Arbeit gemacht haben, eine Kletterpartie, etwas gebaut haben, 
oder eine mutige Erzahlung lesen. - Kurz und gut: ungefahr 
so, wie mir plotzlich einmal - ich weift nodi, es war auf einer 
Treppenstufe - zum Bewufttsein kam: ich bin doch noch jung 
(ich war wohl 14 Jahre alt, und was mich so froh machte, war, 
dafi ich von einem Luftschiff gelesen hatte). 
Jugend ist ganz umgeben von Hoffnung, Liebe und Bewunde- 
rung: derer, die noch nicht jung sind, der Kinder, und derer, die 
es nicht mehr sein konnen, weil sie ihren Glauben an ein Besseres 
verloren haben. Das fuhlen wir: daf$ wir Reprasentanten sind, 
jeder einzelne von uns steht fiir Tausende, so wie jeder Reiche 
fur Tausende von Proletariern, jeder Begabte fiir Tausende 
Unbegabter steht. Wir diirfen uns fuhlen als Jugend von Gottes 
Gnaden, wenn wir es so verstehen. 



Romantik 43 

Und nun denke ich mir, wir waren auf einem Jugendkongrefi 
mit Hunderten oder Tausenden junger Teilnehmer. Plotzlich 
hore ich Zwischenrufe: Phrase - Unsinn! und ich sehe auf die 
Banke, und neben ganz wenigen von Sturmischen, die mich 
unterbrechen, liegen da Hunderte fast schlafend. Einer oder der 
andere richtet sich ein wenig auf, scheint mich aber nicht ernst zu 
nehmen. 

Da fallt mir etwas ein: 

»Ich sprach von der Jugend von Gottes Gnaden, ich sprach von 
unserem Leben, wie es in der Tradition ist, der Literatur, bei 
den Erwachsenen. Aber die Jugend, zu der ich rede, schlaft oder 
ziirnt. Etwas mufi faul sein im Staate Danemark. Und ich danke 
Eurem Schlaf und Zorn, denn davon wollte ich reden. Ich woll- 
te fragen: was halten wir von der Romantik? Haben wir sie? 
Kennen wir sie? Glauben wir an sie? Tausendstimmiges Lachen 
und ein einzelstimmiges leidenschaftliches Nein.« 
»Also wir verzichten auf die Romantik, wir vielleicht als die 
erste Jugend wollen die nuchterne Jugend sein?« 
Wieder ertonte es »nein«, von dem nur drei oder vier ganz klare 
Stimmen mit ihrem »ja« sich abhoben. Da sagte ich weiter: 
»Ihr habt mir geantwortet, und ich selber antworte mit. Allen 
denen, die glauben eine zeitlose Jugend vor sich zu haben, 
eine ewig romantische, die ewig sichere, die den ewigen Weg ins 
Philisterium geht. Wir sagen ihnen: Ihr belugt uns und Euch. 
Mit Euren vaterlichen Gesten, mit Eurer weihrauchernden Ver- 
ehrung raubt Ihr uns das Bewufksein. Ihr erhebt uns in rosige 
Wolken, bis wir den Boden unter den Fiifien verloren haben. 
Dann gewartigt Euch immer mehr eine Jugend, die in narkoti- 
schem Individualismus schlaft. Das Philisterium lahmt uns, da- 
mit es allein die Zeit beherrsche; wenn wir uns aber lahmen 
lassen, von den idealischen Narkosen, dann sinken wir ihm 
schnell nach, und die Jugend wird die Generation der spateren 
Philister.« 

Ich weift nicht, Kameraden, aber ich fiirchte, damit bin ich bei 
der Romantik. Nicht bei der Romantik, bei keiner wahren, aber 
bei einer sehr machtigen und gefahrlichen. Es ist genau dieselbe, 
die uns Schillers keusche weltblirgerliche Klassik zersetzt in be- 
queme Gemutlichkeitspoesie fiir Biirgertreue und Partikularis- 
mus. Aber ich will der falschen Romantik etwas nachgehen. Sie 



44 Friihe Arbeiten zur Bildungs- und Kulturkritik 

klebt uns an auf Sdiritt und Tritt, und ist doch nichts, als das 
fettige Kleid, das ein besorgtes Philisterium uns umwarf, damit 
wir selber uns nicht recht erkennen sollten. 
Unsere Schule steckt voller falscher Romantik. Was man uns 
von Dramen gibt, oder von Geschichtshelden, von Siegen der 
Technik und der Wissenschaft, das ist unwahr. Wir erhalten es 
aufierhalb des geistigen Zusammenhangs.Diese Dinge, von denen 
man uns sagt, dafi sie uns bilden sollen, sind ewige Einzeltat- 
sachen und Kultur ein gliicklicher Zufall. Manche Schule mag 
nicht einmal weit genug sein, ihn einen glucklichen zu nennen. 
Denn wo erfahren wir je von der lebendigen Geschichte, die 
den Geist zum Siege fuhrt, in der der Geist seine Eroberungen 
erficht, die er selber bildet? Man lullt uns ein, macht uns ge- 
dankenlos und tatenlos, da man uns die Geschichte verschweigt. 
Das Werden der Wissenschaft, das Werden der Kunst, das Wer- 
den des Staates und des Rechtes. Damit wurde uns die Religion 
des Geistes, aller Glaube an ihn genommen. Das war die falsche 
Romantik, dafi wir in allem unendlich Einzelnen das Aufier- 
ordentliche sehen sollten, anstatt es im Werden des Menschen, 
in der Geschichte der Humanitat zu sehen. So macht man 
eine unpolitische Jugend, die ewig beschrankt ist auf Kunst, 
Literatur und Liebeserlebnisse, audi darin ungeistig und di- 
lettantisch. Die falsche Romantik, Kameraden, diese groteske 
Isoliertheit vom Werden, in die man uns setzte, hat viele von 
uns blasiert gemacht; solange mufiten sie an das Nichtige glau- 
ben, bis der Glaube selbst ihnen nichtig wurde. Die Ideallosig- 
keit unserer Jugend ist der letzte Rest ihrer Ehrlichkeit. 
So steht es urn die Bildung einer Jugend, Kameraden, die man in 
krampfhafter Bemuhung isoliert vom Wirklichen, die man umne- 
belt mit Objektivitats-Romantik, mit Ideal-Romantik, mit Un- 
sichtbarkeiten. Wir wollen nicht eher horen von Griechentum 
und Germanentum, von Moses und Christus, von Arminius und 
Napoleon, von Newton und Euler, bis man uns den Geist in ihnen 
zeigt, die fanatische tatige Wirklichkeit, in der diese Zeiten und 
Menschen lebten und in der sie ihre Gesinnung erfullten. 
So steht es um die Romantik der Schulbildung, die uns alles 
unwahr und unwirklich macht. 

Also, Kameraden, begannen wir uns stiirmisch uns selber zuzu- 
wenden. Wir wurden die viel gelasterte, individualistische und 



Romantik 45 

Obermenschen- Jugend. Das war wirklich kein Wunder, dafi wir 
dem Ersten jubelnd zufielen, der uns zu uns selber rief, zum 
Geist und zur Ehrlichkeit. Das war sicherlich Friedridi Nietzsches 
Mission unter der Schuljugend, dafi er ihr etwas uber das Mor- 
gen und Gestern und Heute von Schulaufgaben wies. Sie konnte 
es nicht mehr tragen. Und sie machte audi diese Idee zur Pose, 
wie man sie stets zu solchem Verf ahren gezwungen hatte. 
Jetzt rede ich vom Allertraurigsten. Wir, die wir mit Nietz- 
sche aristokratisch sein wollten, anders, wahr, schon, wir hatten 
ja keine Ordnung in der Wahrheit, keine Schule der Wahrheit. 
Noch weniger haben wir einen Platz der Schonheit. Wir haben 
gar keine Formen mehr, Du zueinander zu sagen, dafi es nicht 
schon gewohnlich klange. Wir sind so unsicher von der ewigen 
idealen Pose geworden, die die Schule uns aufzwingt, von ihrer 
murben Feierlichkeit, dafi wir zueinander gar nicht mehr edel 
und frei zugleich sein konnen. Sondern: Frei und unedel oder 
edel und unf rei. 

Wir brauchen eine schone und freie Gemeinschaft, damit das 
Allgemeine auszusprechen sei, ohne gemein zu werden. Diese 
Moglichkeit haben wir noch nicht und die wollen wir uns schaf- 
fen. Wir scheuen uns nicht, zu sagen, dafi wir noch trivial sein 
miissen, wenn wir von diesem JugendKchen reden. (Oder wir 
miissen eine weltfremde akademische oder eine asthetische Geste 
annehmen.) Noch sind wir so unkultiviert in unserm Gemein- 
schaftlichen, dafi Ehrlichkeit banal wirkt. 

Also sieht es so aus, wenn das Erotische, von dem wir alle fiih- 
len, wie sehr es der OfTenheit bedarf - wenn es sich einmal aus 
der verschwiegenen Dunkelheit hervorwagt: 
Dafi die Schuljugend sich in Kinos austobt (Oh, was niitzt es, 
die Kinos zu verbieten!), dafi Kabarettdarbietungen, gut genug, 
die iiberreizten Sexualgefuhle Fiinfzigjahriger zu beleben, jungen 
Studenten zugemutet werden! Im Erotischen, wo zum mindesten 
die reife Jugend zwischen 20 und 30 den Ton angeben sollte, 
lafit diese Jugend sich umgeben und ersticken von greisenhaften 
und perversen Gepflogenheiten. Langst ist man gewohnt, das 
empfindliche, wenn Ihr wollt priide, Sexualempfinden des 
jungen Menschen zu iibersehen. Die Grofistadt reitet taglich 
und nachtlich ihre Attacke gegen ihn. Aber man driickt lieber 
die Augen zu, als dafi man eine jugendliche Geselligkeit schaffte. 



46 Friihe Arbeiten zur Bildungs- und Kulturkritik 

Nachmittage, an denen junge Menschen zusammenkommen 
und in ihrer erotischen Atmosphare leben diirften, anstatt eine 
gedriickte und lacherliche Minderheit bei den Gastereien der 
Erwachsenen zu bilden. (Das Symposion wird auf der Schule 
nicht gelesen; aber wenn Egmont sagt, dafi er nachts sein Lieb- 
chen besuche - das wird gestrichen.) - 

Immerhin: eines ist trostlich, so verpont dergleichen zu sagen ist, 
so gestaltet es sich doch und entsteht, - verborgen jedoch, statt 
frei. 

Das ist die alte Romantik, genahrt nicht von uns, nicht von 
unseren Besten, sondern von denen, die uns zu einer tatenlosen 
Nachbetung des Bestehenden erziehen wollen. Und dagegen 
habe ich Euch, Kameraden, eine neue Romantik, ganz unbe- 
stimmt, ganz fern, dennoch, wie ich hoffe, gewiesen, Eine Ro- 
mantik, die in ihrer Haltung bezeichnet sein soil durch Offenheit, 
die wir am schwersten im Erotischen uns gewinnen werden und 
die doch von da aus unser tagliches Sein und Gehaben durch- 
dringen soil. Eine Romantik der Wahrheit, die geistige Zusam- 
menhange, die Geschichte der Arbeit, erkennen soil; diese Er- 
kenntnis sich zum Erlebnis werden lafit, um hochst unromantisch 
und nuchtern danach zu handeln. 

Das ist die neue Jugend, die Niichterne und Romantische. Aber 
wir glauben nicht, dafi dieses Romantische entbehrt werden 
kann, dafi es zopfig, jemals uberwunden sein konne. Dies ist das 
Uniiberwindliche: der romantische Wille zur Schonheit, der 
romantische Wille zur Wahrheit, der romantische Wille zur Tat. 
Romantisch und jugendlich: denn dieser Wille, der dem reifen 
Manne Notwendigkeit und anerzogene Tatigkeit sein mag, in 
uns erlebt ihn eine Zeit freiwillig, erstmalig, unbedingt und 
stiirmisch. Er pragt immer die Geschichte sittlich und gibt ihr 
ihr Pathos, wenn er auch ihren Inhalt ihr nicht gibt. 
Und wenn Ihr Euch hier am Schlusse noch einmal umseht, dann 
gewahrt Ihr vielleicht, fast iiberrascht, wo eigentlich" Ihr stent: 
an einer Stelle, wo die Romantik zuriickgegangen ist zu den 
Wurzeln alles Guten, Wahren und Schonen, die unbegriindbar 
sind. Wo der narkotische Imperativ »Wein, Weib, Gesang« nicht 
mehr sinnliche Phrase sein soil: wo Wein Abstinenz bedeuten 
kann, Weib eine neue Erotik, Gesang kein Bierlied, sondern ein 
neues Schiilerlied. 



Romantik - die Antwort des »Ungeweihten« 47 

Aber jetzt schliefie idi, denn ich erwarte die Beschuldigung, die 
ich nicht furchte: der Jugend ihre Ideale geraubt zu haben. 



Romantik - die Antwort des »Ungeweihten« 

Gegen eine Predigt zu argumentieren, ist mifilich. Demnach sei 
folgendes zur Scharfung des Friiheren gesagt: 
Wir wollen, dafi endlich der Weltschmerz gegenstandlich werde. 
Die Kunst soil kein Morphium gegen den Willen sein, der in 
einer schmerzlichen Gegenwart leidet. Dafiir steht uns die Kunst 
zu hoch (und Pubertat lafit sich nicht durch Lyrik schliditen). 
Der Oberlehrer zwar gesteht jene Romantik uns zu, der die 
Kunst ein Betaubungsmittel ist: mogen sie sich in eine harmlose 
und allgemeine Vergangenheit versenken (Schiller und Goethe, 
Holderlin und Lenau, Rembrandt, Bocklin und Beethoven); ein 
Strom von Gefuhlen soil sie entmannen. Aus dieser Schulro- 
mantik, die den Geist zum Genufimittel verknechtet, sind wir 
erwacht. Hyperion mag vielen aus der Seele sprechen - aber es 
sind schlafende Seelen. Helden und Dichter sind ihnen eine 
Schar von uberschonen Traumgestalten, an die sie sich klammern 
um nicht zu erwachen. 

Kein Schiller oder Holderlin hilft uns. Keine Jugend hilft uns, 
die iiber ihren Lieblingsdichtern sitzt und die Schule Schule sein 
lafit. Wenn sie sich endlich offenen Auges erkennt, wird sie sehen, 
wieviel Feigheit und endlose Mudigkeit in ihr war. Dann wird 
sie den Hohn empfinden, der sie romantisch nennt. In alien wird 
der Jugendgeist erwachen, sie werden nicht mehr als einzelne an 
der Schule vorbeileben. »Romantik« wird dann heifien der wir- 
kende Wille zu einer neuen Jugend und ihrer Schule. 
Eine geistige Wirklichkeit wird sich auftun. Nun erst glauben 
sie an Kunst und Geschichte; Dichter und Helden biirgen fiir 
die kiinftige Schule. Und diese Jugend, welche glaubig dient 
dem wirklichen Geiste, wird romantisch sein. 
Aber wir mifitrauen denen, die ihren Rausch von einem Geist 
empfangen, dem sie nicht dienen. Diese sind unglaubig. 



Der Moralunterricht 

Vielleicht ist man versucht, alle theoretischen Erorterungen iiber 
Moralunterricht von vornherein mit der Behauptung abzu- 
schneiden: moralische Beeinflussung ist eine durchaus personliche 
Angelegenheit, die sich jeder Schematisierung und Normierung 
entzieht. Mag dieser Satz richtig sein oder nicht; die Tatsache, 
dafi Moralunterricht als allgemein und notwendig gefordert 
wird, kummert sich jedenfalls nicht um ihn; und solange Moral- 
unterricht theoretisch gefordert wird, mufi die Forderung auch 
theoretisch gepriift werden. 

Im folgenden soil versucht werden, den Moralunterricht rein 
auf sich selbst zu stellen. Es soil nicht gefragt werden, inwieweit 
eine relative Besserung gegeniiber einem unzulanglichen Reli- 
gionsunterricht erreicht wird, sondern wie der Moralunterricht 
zu absoluten padagogischen Forderungen sich verhalt. 
Wir stellen uns auf den Boden der Kantischen Ethik (denn fiir 
diese Frage ist eine Verankerung im Philosophischen unent- 
behrlich). Kant unterscheidet Legalitat und Moralitat, ein 
Unterschied, der gelegentlich ausgedriickt wird: »Bei dem, was 
moralisch gut sein soil, ist es nicht genug, dafi es dem sittlichen 
Gesetze gemdfl sei, sondern es mufi auch um desselben willen 
geschehen.« Zugleich ist danut eine weitere Bestimmung des 
sittlichen Willens gegeben: er ist »motivfrei«, einzig bestimmt 
durch das Sittengesetz, die Norm: handle gut. 
Durch zwei paradoxe Satze Fichtes und des Konfuzius fallt ein 
helles Licht auf diese Gedankenreihe. 

Fichte leugnet die ethische Bedeutung des »Konflikts der Pflich- 
ten«. Augenscheinlich gibt er da nur eine Deutung unseres Ge- 
wissens; wenn wir in Erflillung einer Pflicht eine andere ver- 
nachlassigen miissen, so geraten wir wohl in eine - sozusagen - 
technische Bedrangnis, doch innerlich fiihlen wir uns nicht schul- 
dig. Denn das Sittengesetz verlangt nicht, dafi dies und jenes 
Materielle, sondern, dafi das Sittliche getan werde. Das Sitten- 
gesetz ist Norm des Handelns, aber nicht sein Inhalt. 
Nach Konfuzius birgt das Sittengesetz die doppelte Gefahr, dafi 
es dem Weisen zu hoch, dem Toren zu niedrig erscheine. Das be- 
sagt: der empirische Vollzug der Sittlichkeit ist niemals in der 
sittlichen Norm bezeichnet - und so ist es Uberschatzung, wenn 



Der Moralunterricht 49 

man in ihr schlechthin jedes empirische Gebot gegeben glaubt; 
gegen den Toren aber wendet sich Konfuzius, indem er meint, 
dafi jede noch so legale Tat sittlichen Wert nur erhalt, wenn sie 
sittlich gemeint war. - Damit kommen wir wieder zu Kant und 
seiner beriihmten Formulierung: »Es ist iiberall nidits in der 
Welt, ja uberhaupt auch aufler derselben zu denken moglich, was 
ohne Einschrankung fiir gut konnte gehalten werden, als allein 
ein guter Wille.« Dieser Satz, rich tig verstanden, enthalt die 
ganze Grundgesinnung der Kantischen Ethik, auf die allein es 
uns hier ankommt. »Wille« bedeutet in diesem Zusammenhang 
nichts Psychologisches. Der Psycholog konstruiert in seiner Wis- 
senschaft eine psychologische Tat, und bei deren Zustandekom- 
men bildet der Wille als Ursache hochstens einen Faktor. Dem 
Ethiker kommt es auf das Sittliche der Tat an, und sittlich ist 
sie nicht, sofern sie aus zahlreichen Griinden, sondern sofern sie 
aus der einen sittlichen Absicht hervorging; der Wille des Men- 
schen fafit seine Verpflichtung gegen das Sittengesetz auf; darin 
erschopft sich seine ethische Bedeutung. 

Wir stehen hier vor einer Oberlegung, die geeignet scheint, den 
Ausgangspunkt aller Erwagungen iiber sittliche Erziehung zu 
bilden. Denn die Einsicht in die Antinomie der sittlichen Er- 
ziehung, die vielleicht nur ein Einzelfall einer allgemeinen Anti- 
nomie ist, liegt vor uns: 

Ziel der sittlichen Erziehung ist Bildung des sittlichen Willens. 
Und doch ist nichts unzuganglicher, als eben dieser sittlicher Wille, 
da er als soldier keine psychologische Grofie ist, die man mit 
Mitteln behandeln konnte. In keiner einzelnen empirischen 
Beeinflussung haben wir die Gewahr, wirklich den sittlichen 
Willen als solchen zu trefTen. Der Hebel fiir die Handhabung 
der sittlichen Erziehung fehlt. So unzuganglich das reine und 
doch allein giiltige Sittengesetz ist, so unnahbar ist dem Erzieher 
der reine Wille. 

Diese Tatsache in ihrem ganzen Gewicht zu begreifen, ist Vor- 
aussetzung einer Theorie der sittlichen Erziehung. Sogleich mufi 
gefolgert werden: da der Vorgang der sittlichen Erziehung prin- 
zipiell jeder Rationalisierung und Schematisierung widerstreitet, 
so kann er nichts mit irgendeiner Art von Unterricht zu tun ha- 
ben. Denn im Unterricht besitzen wir das (prinzipiell) ratio- 
nalisierte Erziehungsmktel. - Wir begniigen uns hier mit dieser 



50 Friihe Arbeiten zur Bildungs- und Kulturkritik 

Deduktion, um unten diesen Satz in der Betrachtung des ge- 
gebenen Moralunterrichts lebendig zu machen. 
1st nun etwa der Bankerott der sittlichen Erziehung die Folge 
dieser Oberlegungen? Das ware nur dann der Fall, wenn Irra- 
tionalismus den Bankerott der Erziehung bedeutete. Irrationa- 
lismus bedeutet lediglich den Bankerott einer exakten Erzie- 
hungswissenscbaft. Und der Verzicht auf eine wissenschaftlich 
geschlossene Theorie der moralischen Erziehung scheint uns 
wirklich die Folge des Gesagten. Immerhin soil im folgenden 
versucht werden, die Moglichkek einer sittlichen Erziehung als 
eines Ganzen, wenn audi nicht in systematischer Geschlossenheit 
im einzelnen, zu entwerfen. 

Hier scheint das Prinzip der Freien Schulgemeinde, der sitt- 
lichen Gemeinschaft grundlegend. Die Form, in der in ihr die 
sittliche Erziehung vor sich geht, ist Religiositat. Denn diese 
Gemeinschaft erlebt immer aufs neue einen Prozefi in sich, der 
Religion erzeugt und religiose Betrachtung weckt, den Prozefi, 
den wir »Gestaltgewinnung des Sittlichen « nennen mochten. 
Wie wir schon sahen, steht das Sittengesetz jedem Empirisch- 
Sittlichen (als einem Empirischen) beziehungslos fern. Und doch 
erlebt die sittliche Gemeinschaft es immer wieder, wie die Norm 
sich umsetzt in eine empirische legale Ordnung. Bedingung eines 
solchen Lebens ist Freiheit, die dem Legalen seine Einstellung 
auf die Norm ermoglicht. Durch diese Norm aber wird der Be- 
griff der Gemeinschaft erst gewonnen. Das Ineinander von sitt- 
lichem Ernst im Bewufitsein gemeinschaftlicher Verpflichtung 
und von Bestatigung der Sittlichkeit in der Ordnung der Ge- 
meinschaft, scheint das Wesen der sittlichen Gemeinschaftsbil- 
dung zu sein. Aber es widerstrebt als ein religioser Prozefi jeder 
naheren Analyse. 

Damit stehen wir vor einer eigenartigen Umkehrung sehr ak- 
tueller Behauptungen. Wahrend sich heute allerorts die Stim- 
men mehren, die Sittlichkeit und Religion fur prinzipiell unab- 
hangig voneinander halten, scheint es uns, dafi erst in der Reli- 
gion, und nur in der Religion der reine Wille seinen Inhalt 
findet. Der Alltag einer sittlichen Gemeinschaft ist religios 
gepragt. 

Dies ist theoretisch und posidv iiber sittliche Erziehung zu sa- 
gen, bevor eine Kritik des bestehenden Moralunterrichtes gege- 



Der Moralunterricht 5 1 

ben werden kann. Und audi bei dieser Kritik werden wir uns 
stets die bezeichnete Gesinnung gegenwartig halten miissen. Rein 
dogmatisch gesagt liegt die tiefste Gefahr des Moralunterrichts 
in der Motivation und Legalisierung des reinen Willens, d. h. in 
. der Unterdriickung der Freiheit. Wenn der Moralunterricht 
wirklich die sittliche Bildung des Schiilers sich zum Ziel setzt, 
steht er vor einer unerfiillbaren Aufgabe. Wollte er bei dem 
Allgemeingultigen bleiben, so kame er nicht iiber das hier Ge- 
sagte oder gewisse Kantische Lehren hinaus. Naher lafit sich 
mit den Mitteln des Intellekts, d. h. allgemeingiiltig das Sitten- 
gesetz nicht erfassen. Denn wo es seine konkreten Inhalte erhalt, 
ist es bestimmt von der Religiositat des einzelnen. Und die hier- 
durch gesetzte Schranke zu iibertreten, in das noch ungestaltete 
Verhaltnis des einzelnen zur Sittlichkeit einzudringen, verwehrt 
Goethes Wort: »Das Hochste im Menschen ist gestaltlos und 
man soil sich hiiten, es anders als in edler Tat zu gestalten.« Wer 
erlaubt sich heute (aufierhalb der Kirche) noch die Mittlerrolle 
zwischen Mensch und Gott; oder wer mochte sie in die Erziehung 
einfuhren, da wir erwarten, dafi alle Sittlichkeit und Religiosi- 
tat aus dem Alleinsein mit Gott entspringe? 
Dafi der Moralunterricht kein System hat - dafi er sich eine 
unerfullbare Aufgabe gesetzt hat - es ist der zweifache Aus- 
druck der gleichen, verfehlbaren Grundlage. 
So bleibt ihm denn nichts weiter Ubrig, als anstatt der morali- 
schen eine seltsame Art von staatsbiirgerlicher Erziehung zu be- 
treiben, in der alles Notwendige noch einmal freiwillig und alles 
im Grunde Freiwillige notwendig sein soil. Man glaubt, die sitt- 
liche Motivierung durch rationalistische Beispiele ersetzen zu 
konnen, und sieht nicht, daft darin die Sittlichkeit schon wieder 
vorausgesetzt ist 1 . Etwa wenn man dem Kinde am Fruhstiicks- 
tisch die Nachstenliebe nahelegt, indem man ihm die Arbeit der 
Vielen schildert, denen es erst seinen Genufi verdankt. Es mag 
traurig sein, dafi das Kind derartige Einblicke ins Leben oft erst 
im Moralunterricht erhalt. Aber Eindruck ubt diese Ausfiihrung 

1 »Man konnte audi der Sittlichkeit nicht iibler raten, als wenn man sie von Bei- 
spielen entlehnen wollte. Denn jedes Beispiel, was mir davon vorgestellt wird, mufi 
selbst zuvor nach Prinzipien der Moralitat beurteilt werden, ob es auch wiirdig sei, 
zum ursprunglichen Beispiele, d. i. zum Muster zu dienen, keineswegs aber kann 
es den Begriff derselben zu oberst an die Hand geben.« (Kant) 



52 Friihe Arbeiten zur Bildungs- und Kulturkritik 

doch nur auf em Kind aus, das Sympathie und Nachstenliebe 
schon kennt. Nur in der Gemeinschaft, nicht im Moralunterricht 
wird es diese erfahren. 

Nebenbei sei bemerkt: die »spezifische Energie« des moralischen 
SinneSj moralisches Einfiihlungsvermogen wachst wohl nicht 
im Aufnehmen der Motivationen, des Stoffes, sondern nur in 
der Betatigung. Es besteht die Gefahr, dafi der Stoff bei weiterri 
die moralische Reizbarkeit iibersteige und sie abstumpfe. 
Eine gewisse Skrupellosigkeit der Mittel zeichnet den Moralun- 
terricht aus, da er ja iiber die eigentlich sittliche Motivierung 
nicht verfiigt. Nicht nur rationalistische Oberlegungen, mit Vor- 
liebe auch psychologische Erregungen miissen ihm dienen. Selten 
geht man wohl so weit, wie ein Redner auf dem Berliner Kon- 
grefi fiir Moralunterricht, der unter anderem riet, sogar an den 
Egoismus des Schulers zu appellieren (hier kann es sich nur noch 
um ein Mittel zur Legalitat, nicht mehr zur sittlichen Erziehung 
handeln). Aber auch die Berufung auf Heldenmut, jegliches 
Fordern und Loben des Auflerordentlichen, soweit es auf Ge- 
fuhlsexaltation hinauslauft, hat mit der Stetigkeit der morali- 
schen Gesinnung nichts zu tun. Kant wird nicht mude, solche 
Praktiken zu verurteilen. - Im Psychologischen liegt noch die 
besondere Gefahr einer sophistischen Selbstanalyse. In ihr 
erscheint alles notwendig, gewinnt genetisches Interesse, statt 
des moralischen. Wohin fiihrt es, wenn man etwa die Arten der 
Luge zerlegt und aufzahlt, wie ein Moralpadagog vorschlagt? 
Wie gesagt, wird das eigentlich Sittliche notwendigerweise urn- 
gangen. Dafiir noch ein bezeichnendes Beispiel, wie die vorheri- 
gen der »Jugendlehre« von Fderster entnommen. Ein Junge 
wird von seinen Kameraden geschlagen. Foerster argumentiert: 
Du schlagst zuruck, um deinem Selbstbehauptungstrieb zu ge- 
niigen; wer aber ist dein stetester Feind, gegen den Abwehr am 
notigsten ist? Deine Leidenschaft, dein Vergeltungstrieb. Also 
behauptest du dich im Grunde, indem du nicht zuruckschlagst, 
den inneren Trieb unterdriickst. Dies ein Beispiel fiir psycholo- 
gische Umdeutung. In einem ahnlichen Fall wird dem Knaben, 
den seine Kameraden schlagen, in Aussicht gestellt, er werde 
schliefilich doch siegen, wenn er sich nicht wehre, und die Klasse 
werde ihn in Ruhe lassen. Aber eine Berufung auf den Ausgang 
hat mit sittlicher Motivation nicht das geringste zu tun. Die 



Der Moralunterricht 53 

Grundstimmung des Sittlichen ist Abkehr, nicht Motivierung 
durch den eigenen, noch iiberhaupt einen Nutzen. 
Es wiirde den Raum iiberschreiten, in die minutiose und moralisch 
oft geradezu gefahrliche Praktik weitere Einblicke zu gewahren. 
Von den technischen Analogien zur Moral, von der moralisti- 
schen Behandlung der niichternsten Dinge wollen wir schwei- 
gen. Zum Schlufi folgende Szene aus einer Schreibstube. Der 
Lehrer fragt: »Welche schlimmen Dinge wird wohl derjenige 
tun, der sich nidit dazu zwingt, mit den Buchstaben ganz ge- 
nau die bezeichnete Linie einzuhalten, sondern stets dariiber 
hinausgleitet?« Die Klasse soil erne erstaunliche Fulle von Ant- 
worten geliefert haben. Ist das nicht schlimmste Kasuistik? 
Zwischen derartigen (graphologischen) Beschaftigungen und 
moralischem Gefiihl besteht keine Verbindung mehr. 
Diese Art des Moralunterrichtes ist librigens keineswegs, wie 
behauptet wird, unabhangig von den herrschenden Moralan- 
schauungen, eben von der Legalitat. Im Gegenteil: die Gefahr, 
die legale Konvention zu iiberschatzen, ist unmittelbar gegeben, 
da der Unterricht mit seiner rationalistischen und psychologi- 
schen Begriindung niemals die sittliche Gesinnung, sondern nur 
das Empirische, Vorgeschriebene treffen kann. Oft wird das 
selbstverstandliche Wohlverhalten auf dem Grunde soldier 
Uberlegungen dem Schuler auEerordentlich bedeutend erschei- 
nen. Der niichterne BegrifT der Pflicht droht verlorenzugehen. 
Will man aber trotz allem und wider bessere Oberlegung Moral- 
unterricht, so suche man die Gefahren auf. Gefahrlich sind 
heute nicht mehr die urchristlichen Gegensatze: »gut-bose« gleich 
»geistig-sinnlich«, sondern das »Sinnlich-Gute« und das»Geistig- 
B6se«, die beiden Formen des Snobismus. In diesem Sinne konn- 
te der »Dorian Gray« von Wilde einem Moralunterricht zu- 
grunde gelegt werden. 

Wenn so der Moralunterricht weit entfernt ist, einer absoluten 
padagogischen Forderung zu geniigen, so kann und wird er doch 
seine Bedeutung als Obergangsstadium haben. Nicht sowohl, 
indem er ein, wie wir sahen, hochst unvollkommenes Glied in der 
Entwicklung des Religionsunterrichtes darstellt, als dadurch, 
dafl er dem Mangel der jetzigen Bildung Ausdruck gibt. Der 
Moralunterricht bekampft das Peripherische, Oberzeugungslose 
unseres Wissens, die intellektuelle Isoliertheit der Schulbildung. 



54 Friihe Arbeiten zur Bildungs- und Kulturkntik 

Es wird sich darum handeln, desBildungsstoffes nicht von aufien, 
mit der Tendenz des Moralunterrichtes, Herr zu werden, son- 
dern die Geschichte des Bildungsmaterials, des objektiven Gei- 
stes selbst zu erfassen. In diesem Sinne mufi man hoffen, dafi 
der Moralunterricht den Obergang zu einem neuen Geschichts- 
unterricht darstelle, in dem dann audi die Gegenwart ihre kul- 
turhistorische Einordnung findet. 



»Erfahrung« 

Unseren Kampf um Verantwortlichkeit kampfen wir mit einem 
Maskierten. Die Maske des Erwachsenen heifit »Erfahrung«. 
Sie ist ausdruckslos, undurchdringlich, die immer gleiche. Alles 
hat dieser Erwachsene schon erlebt: Jugend, Ideale, Hoffnungen, 
das Weib. Es war alles Illusion. - Oft sind wir eingeschuchtert 
oder verbittert. Vielleicht hat er recht. Was sollen wir ihm er- 
widern? Wir erfuhren noch nichts. 

Aber wir wollen versuchen, die Maske zu heben. Was hat dieser 
Erwachsene erfahren? Was will er uns beweisen? Vor allem 
eins: audi er ist jung gewesen 3 auch er hat gewollt, was wir woll- 
ten, auch er hat seinen Eltern nicht geglaubt, aber auch ihn hat 
das Leben gelehrt, dafi sie recht hatten. Dazu lachelt er iiberle- 
gen: so wird es uns auch gehen - im voraus entwertet er die 
Jahre, die wir leben, macht sie zur Zeit der siiften Jugendeseleien, 
zum kindlichen Rausch vor der langen Nuchternheit des ernsten 
Lebens. So die Wohlwollenden, Aufgeklarten. Andere Padago- 
gen kennen wir, deren Bitterkeit gonnt uns nicht einmal die 
kurzen Jahre der »Jugend«; ernst und grausam wollen sie uns 
schon jetzt in die Fron des Lebens stellen. Beide aber entwerten, 
zerstoren unsere Jahre. Und immer mehr befallt uns das Ge- 
fiihl: deine Jugend ist eine kurze Nacht nur (erfiille sie mit 
Rausch!); dann kommt die grofie »Erfahrung«, Jahre der Kom- 
promisse, Ideenarmut und Schwunglosigkeit. So ist das Leben. 
Das sagen uns die Erwachsenen, das erfuhren sie. 
Ja! Das erfuhren sie, dieses Eine, niemals Anderes: die Sinn- 
losigkeit des Lebens. Die Brutalitat. Haben sie uns je schon zum 
Grofien ermutigt, zum Neuen, Zukunftigen? O nein, denn das 



»Erfahrung« 5 5 

kann man ja nicht erfahren. Aller Sinn, das Wahre, Gute, Schone 
ist in sich selbst gegriindet; was soil uns da die Erfahrung? - 
Und hier liegt das Geheimnis: weil er niemals zum Grofien und 
Sinnvollen emporblickt, darum wurde die Erfahrung zum Evan- 
gelium des Philisters. Sie wird ihm die Botschaft von der Ge- 
wohnlichkeit des Lebens. Aber er begriff nie, dafi es etwas An- 
deres gibt als Erfahrung, dafi es Werte gibt - unerfahrbare -, 
denen wir dienen. 

Warum also ist fur den Philister das Leben trost- und sinnlos? 
Weil er nur die Erfahrung kennt, nichts weiter. Weil er also 
selbst trostverlassen und geistlos ist. Und weil er zu nichts ein 
so innerliches Verhaltnis hat, als zum Gemeinen, zum Ewig- 
Gestrigen. 

Wir kennen aber Andres, was keine Erfahrung uns gibt oder 
nimmt: dafi es Wahrheit gibt, audi wenn alles bisher Gedachte 
Irrtum war. Oder: dafi Treue gehalten werden soil, audi wenn 
bisher niemand sie hielt. Solchen Willen kann uns Erfahrung 
nicht nehmen. Dennoch - in einem sollten die Altern Recht 
behalten mit ihren miiden Gesten und ihrer uberlegenen Hoff- 
nungslosigkeit? Was wir erfahren, das wird traurig sein und 
nur im Unerfahrbaren werden wir Mut und Sinn grunden kon- 
nen? Dann ware der Geist frei. Aber stets und stets wurde das 
Leben ihn niederziehen; denn das Leben, die Summe der Erfah- 
rungen, ware trostlos. 

Solche Fragen verstehen wir nun aber nicht mehr. Fuhren wir 
denn noch das Leben derer, die den Geist nicht kennen? Deren 
trages Ich vom Leben geworfen wird wie von Wellen an Klip- 
pen? Nein. Jede unserer Erfahrungen hat ja nun Inhalt. Wir 
selber aus unserm Geiste werden ihr Inhalt geben. - Der Ge- 
dankenlose beruhigt sich beim Irrtum. »Du wirst die Wahrheit 
nie finden«, ruft er dem Forscher zu, »ich hab's erlebt«. Fur 
den Forscher aber ist der Irrtum nur eine neue Hilfe zur Wahr- 
heit (Spinoza). Sinnlos und geistverlassen ist die Erfahrung nur 
fur den Geistlosen. Schmerzlich vielleicht kann sie dem Streben- 
den sein, aber kaum wird sie ihn verzweifeln lassen. 
Jedenfalls niemals wird er dumpfig resignieren und vom Rhyth- 
mus des Philisters sich einschlafern lassen. Denn der - das habt 
ihr bemerkt - bejubelt nur jede neue Sinnlosigkeit. Er behielt 
ja recht. Er vergewissert sich: es gibt wirklich keinen Geist. 



5 6 Friihe Arbeiten zur Bildungs- und Kulturkriuk 

Niemand aber verlangt strammere Unterwiirfigkeit, strengere 
»Ehrfurcht« vor dem »Geist« als er. Denn wiirde er Kritik 
uben - so miifite er ja mitschaffen. Das kann er nicht. Auch die 
Erfahrung des Geistes noch, die er widerwillig macht, wird ihm 

geistlos. 

Sagen Sie 
Ihm, dafi er fiir die Traume seiner Jugend 
Soil Achtung tragen, wenn er Mann sein wird. 

Nichts hafit der Philister mehr als die » Traume seiner Jugend«. 
(Und Sentimentalitat ist meist die Schutzfarbung dieses Hasses.) 
Denn was in diesen Traumen ihm erschien, war die Stimme des 
Geistes, die audi ihn einmal rief , wie jeden Menschen. Dessen ist 
die Jugend ihm die ewig mahnende Erinnerung. Darum be- 
kampfl er sie. Er erzahlt ihr von jener grauen, iibermachtigen 
Erfahrung und lehrt den Jiingling iiber sich selber lacheln. Zu- 
mal da »Erleben« ohne Geist bequem ist, wenn audi heillos. 
Nodimals: eine andere Erfahrung kennen wir. Sie kann geist- 
feindlich sein und viele Bliitentraume vernichten. Dennoch ist sie 
das Schonste, Unberiihrbarste, Unmitteilbarste, denn nie kann 
sie geistlos sein, wenn wir jung bleiben. Man erlebt immer nur 
sich selber, so sagt Zarathustra am Ende seiner Wanderung. Der 
Philister macht seine »Erfahrung«, es ist die ewig Eine der Geist- 
losigkeit. Der Jiingling wird den Geist erleben, und je weniger 
er Grofies miihelos erreichen wird, desto mehr wird er uberall 
auf seiner Wanderung und in alien Menschen den Geist finden. 
- Der Jiingling wird giitig sein als Mann. Der Philister ist into- 
lerant. 



Gedanken uber Gerhart Hauptmanns Festspiel 



/. Der »historische Sinn« 

Noch ist die Menschheit nicht zum standigen Bewufitsein ihres 
historischen Daseins erwacht. Nur zuzeiten befiel Einzelne und 
Volker die Erleuchtung, dafi sie im Dienste einer unbekannten 
Zukunft stiinden, und es ware wohl denkbar, solche Erleuch- 



Gedanken iiber Gerhart Hauptmanns Festspiel 57 

tung als historischen Sinn zu bezeichnen. Aber die Gegenwart 
versteht darunter etwas ganz Anderes, und denen, die am mach- 
tigsten vom Gefiihl einer zukiinftigen Aufgabe beseelt sind, 
wirft sie »Mangel an historischem Sinn« vor. Denn so nennt sie 
den Sinn fiir das Bedingte, nicht fur das Unbedingte, fiir das 
Gegebene, nicht fiir das Aufgegebene. So stark ist der »histori- 
sche Sinn« der Zeit, dieser Sinn fiir Fakten, Gebundenheit und 
Vorsicht, dafl sie vielleicht ganz besonders arm ist an eigentlich 
»historischen Ideen«. Diese nennt sie meist »Utopien« und lafit 
sie an den »ewigen Gesetzen« der Natur scheitern. Sie verwirft 
eine Aufgabe, die nicht in ein Reformprogramm gefafit werden 
kann, die eine neue Bewegung der Geister fordert und ein radi- 
kales Neu-Sehen. In einer solchen Zeit mufi die Jugend sich 
fremd fiihlen und audi machtlos. Denn ein Programm hat sie 
noch nicht. Da erstand Gerhart Hauptmann ihr als ein Befreier. 

//. Hauptmanns Festspiel 

Puppen agieren Deutschlands Befreiung. Sie sprechen in Knittel- 
versen. Die Buhne des Puppentheaters ist Europa; die Geschichte 
- nie gefalscht - ist oft zusammengestrichen. Der Krieg von 1806 
ist eine Kriegsfurie, Napoleons Untergang nur das Verblassen 
eines Bildes. Philistiades tritt auf und unterbricht die Geschichte. 
Was bedeutet das? Ist es eine »geistvolle Idee«? Nein, es ist 
tiefe, offenbarende Bedeutung. Nicht die Fakten machen 181 3 
grofi und audi nicht die Personen. Diese Puppen als Personen 
sind sicherlich nicht grofi, sondern primitiv. Ihre Sprache hat 
keine Weihe, nichts Jambisch-Ewiges. Sondern sie stofien ihre* 
Worte heraus oder suchen sie oder lassen sie fallen, wie die vor 
100 Jahren es taten. Also nicht Geschehnisse, nicht Personen, 
nicht Sprache tragen den Sinn in sich selbst. Aber die Fakten 
sind vom Geist geordnet, die Puppen aus dem Holze ihrer Idee 
geschnitzt, die Sprache voller Suchen nach der Idee. Nach wel- 
cher Idee? Fragen wir uns, ob wir nicht vor 100 Jahren zu jenen 
uberlegen lachelnden Biirgern gezahlt hatten, weil man uns nicht 
recht antworten konnte auf diese Frage. Denn der »neudeutsche 
Nationalstaat« war kein Programm, sondern er war nur der 
deutsche Gedanke. Dieser Gedanke, von keinem dieser Menschen 
ganz erfaftt, in keinem ihrer Worte klar gesprochen, gliihend 



5 8 Friihe Arbeiten zur Bildungs- und Kulturkritik 

gemeint in jeder ihrer Taten: er ist der Geist auch dieses Spiels. 
Vor ihm sind die Menschen Puppen (ohne private Charaktere 
und Mucken), Puppen in der Macht des Gedankens. Nach dieser 
Idee dehnen sich die Knittelverse: als sprachen die Menschen so 
lange, bis der Sinn aus ihrer Sprache erstunde. Unter diesen 
Tatigen aber war audi die Jugend, die sehr unklar war und 
sehr begeistert, wie ihre Fiihrer. 

Aber schon damals lebten die Uberschauenden und Reifen. Da 
sagt zu Blucher der »erste Burger «: 

Ist der Welteroberer einmal perdu, 

dann sing ich ganz gern Ihre Melodie. 

Und haben Sie ihn zur Strecke gebracht 

dann andert sich alles iiber Nacht, 

dann werde ich mich gewifi nicht strauben 

und etwa gar napoleonisch bleiben. 

Wie die Dinge jetzt liegen, werd' ich zuletzt 

immer wieder ins Recht gesetzt. 

Und mit der Jugend spricht man heute nicht anders wie damals: 

Grofimaulige, unreife Gymnasiasten. 
Nehmt eure Fibel und geht in die Klasse . . . 
Was, Fritz, Du hier? mein eigner Sohn? . . . 
Uberstiegenes Geschwatz! puerile Narrheiten. 

Einer antwortet ihnen: 

O ihr Knechtseelen! wie ich euch hasse. 

Unbewegliche, fuhllose, trage Masse. 

Ein dicker, schlammiger Most, ohne Garung, 

ohne Feuer und ohne Klarung. 

Kein Funke verfangt, kein Strahl durchdringt euch, 

kein Geist, doch jeder Fufitritt bezwingt euch. 

Beide, Burger und Studenten, die heute so reden, - hatten sie 
vor ioo Jahren gelebt, sie hatten nicht anders gesprochen. Denn 
nicht Erkenntnisse, sondern Gesinnung bestimmen ihr geschicht- 
liches Tun, und Gesinnungen sind durch alle Zeiten die gleichen. 
An das Ende des Kampfes stellte Hauptmann das Fest, und erst 
dort erhalt Form und Sprache, was die drangende Seele des tag- 
lichen Geschehens war. Die deutsche Mutter wird griechische 



Gedanken iiber Gerhart Hauptmanns Festspiel 59 

Gestalt annehmen, denn das Fest bedeutet den Eintritt in das 
Reich der Kultur, zu dem der Kampf nur den Weg bahnte. 
Athene Deutschland: 

Und darum lafk uns Eros feiern! Darum gilt 
der fleischgewordnen Liebe dieses Fest, die sich 
auswirkt im Geist! Und aus dem Geiste wiederum 
in Wort und Ton, in Bildnerei aus Erz und Stein, 
in Mafi und Ordnung, kurz in Tat und Tatigkeit. 

Im Kampfe wird nichts erkampft als Freiheit. Sie ist die erste 
Notwendigkeit in der Welt der Gewalten. Im Feste darf der Tag 
und die besinnungslose Tatigkeit zum Bewufitsein des Geistes 
gelangen. Das Fest feiert den Frieden als den verborgenen Sinn 
des Kampfes. Der erkampfte Friede wird die Kultur bringen. 

///. Die Jugend und die Geschichte 

Schule und Haus schieben unsere ernstesten Gedanken als Phrase 
beiseite. Unsere Furcht vor dem Oberlehrer ist fast symbolisch; 
er mifiversteht uns bestandig, erfafit nur unsere Buchstaben, 
nicht unsern Geist. Wir sind furchtsam vor vielen Erwachsenen, 
denn sie nehmen peinlich genau, was wir sagen, aber nie ver- 
stehen sie, was wir meinen. Sie schulmeistern die Gedanken, die 
noch kaum in uns selber entstanden. 

Nun wissen wir, dafi Unklarheit kein Vorwurf ist, daft noch 
niemand, der Ernstes wollte, ein Programm fur die Neugieri- 
gen und die Skeptiker bereit hatte. Zwar mangelt uns der 
»historische Sinn«. Aber doch fiihlen wir uns blutsverwandt mit 
der Geschichte, nicht mit der vergangenen, sondern mit der kom- 
menden. Wir werden nie die Vergangenheit verstehen, ohne die 
Zukunft zu wollen. 

Die Schule macht uns indifferent, sie will uns sagen, Geschichte 
sei der Kampf zwischen dem Guten und Bosen. Und fruher 
oder spater setzt sich doch das Gute durch. Da hat es keine Eile 
mit dem Handeln. Die Gegenwart, sozusagen, ist nicht aktuell 
- die Zek ist unendlich. Uns aber will scheinen, als sei Geschich- 
te ein strengerer und grausamerer Kampf . Nicht um Werte, die 
schon feststehen - um Gutes und Boses. Sondern wir kampfen 
fur die Moglichkeit der Werte uberhaupt, die standig bedroht 



6o Friihe Arbeiten zur Bildungs- und Kulturkritik 

ist, fiir die Kultur, die in ewiger Krisis lebt: denn mit jeder 
Gegenwart werden die alten Werte alter; was Schwungkraft 
war wird Tragheit, Geist wird Dummkeit. Und uberdem geht 
das eine, grofite historische Gut verloren: die Freiheit. Freiheit 
aber ist kein Programm, sondern nur erst der Wille dazu, eine 
Gesinnung. 

Die Geschichte ist der Kampf zwischen den Begeisterten und 
den Tragen, den Zukiinftigen und den Vergangenen, den Freien 
und Unfreien. Die Unfreien werden stets den Kanon ihrer Ge- 
setze uns vorweisen konnen. Wir aber werden das Gesetz, unter 
dem wir stehen, noch nicht nennen konnen. Dafi es Pflicht ist, 
fuhlen wir. In diesem Gefuhl wird die Jugend Mut haben zu 
dem, was die andern Phrase nennen. Sie wird handeln und 
mogen andere sie verworren nennen. Sie ist verworren wie der 
Geist der Geschichte. Er erstrahlt erst im Fest. 
Gerhart Hauptmann danken wir einen jugendlichen Sinn des 
Kampfes und Festes. 



ZlELE UND WEGE DER STUDENTISCH-PADAGOGISCHEN GRUPPEN 
AN REICHSDEUTSCHEN UnIVERSITATEN 

(mit besonderer Berucksichtigung DER 
»Freiburger Richtung«) 

Aus eigner Arbeit kenne ich nur die gleichgerichteten Gruppen 
von Berlin und Freiburg. Ich werde also iiber die Praxis der 
ubrigen Gruppen nicht sprechen, sondern ich werde nur die 
grundlegenden Unterschiede der sog. Freiburger Richtung von 
den ubrigen, wie sie mir sich darstellen, ausfiihren und schliefi- 
lich einiges zur Praxis der Freiburger sagen. 
Die padagogische Studentenbewegung wurzelt in allgemein-stu- 
dentischen Verhaltnissen. Wir sind gewohnt, alle zukunftsrei- 
chen, reformfreudigen Strebungen in der Studentenschaft dem 
Einflufi der sozialen Erkenntnis und dem sozialen Pflichtgefuhl 
zuzuschreiben. Den bedeutendsten Ausdruck hat die soziale stu- 
dentische Gesinnung in der Freien Studentenschaft gefunden. 
Aber auch die abstinenten Studentenvereine, die Arbeiterkurse, 
die Wanderbuhne und viele andere wurzein in sozialer Erkennt- 



Ziele und Wege der studentisch-padagogischen Gruppen 61 

nis und sozialem Gefuhl. Das ist wohl audi die Grundlage der 
meisten studentischen Vereinigungen fur Schulreform oder fur 
Padagogik. In der Studentensdiaft stieg durch eigne Erfahrung 
oder Studium die Einsicht auf, da6 die Schule einer Reformie- 
rung bediirfe; dafl ferner diese Reform eine der wichtigsten Zu- 
kunftsfragen sei. Und damit ist fur den Studenten die Pflicht 
gegeben, sich mit der padagogischen Frage zu befassen: als Vater 
einer neuen Generation, vielleicht sogar als ihr Lehrer. Solche 
Teilnahme an der padagogischen Frage der Gegenwart bedeutet 
kein Hereinpfuschen in eine Praxis, die nur dem Padagogen 
zuganglich ist, vielmehr zunachst theoretische und praktische 
Orientierung, die als solche und als studentische parteilos ist. 
Gerade diese Einstellung der Studentenschaft auf die padagogi- 
sche Frage ist schon ausfuhrlich begriindet worden, vor allem auf 
der Breslauer Rede von Prof. Stern im vorigen Jahre 1 . In die- 
ser Richtung strebt wohl die Mehrzahl studentisch-padagogi- 
scher Gruppen, bis auf Berlin, Freiburg und Jena. 
Die Begriindung dieser unsrer studentischen Gemeinschaften 
ruht auf andern Gedanken und andern Gefiihlen. Neben dem 
sozialen Gedanken namlich beginnt allmahlich in der vorstre- 
benden Studentenschaft ein Neues Platz zu greifen, zwar nicht 
im Gegensatz zur sozialen Bewegung, aber doch im deutlichen 
Gefuhl des Unzureichenden, das die Sozialbetatigung bisher 
hatte. Heute steht neben der Freistudenrenschaft die Freischar. 
Zwar sind beide der Zahl nach nicht zu vergleichen, dennoch ist 
die Freischar der vorlaufige Typus einer neuen studentischen Ge- 
sinnung. Wir haben erfahren, dafi der Freien Studentenschaft - 
und von ihr spreche ich hier als Typus - bei aller Modernitat 
des Strebens eines fehlte, so dafi ihre Entwicklung bisher unend- 
lich gehemmt wurde: die Urspriinglichkeit. Jenes Arbeiten in 
und fur eine namenlose Masse ist Pflicht, das wissen wir. Aber 
die allgemeinen sozialen Ziele als: Vertretung der Nicht-Inkor- 
porierten, Amter, Arbeiterkurse, sowie auch ihre gesamte Bil- 
dungsarbeit, unter die auch die padagogische Gruppe als Typus 
fallt - ihnen fehlt eine innere, notwendige Verbindung mit dem 
studentischen Geiste. Man hat diese Verbindung theoretisch zu 
konstruieren gesucht: aber dabei setzte Behrens ein Ideal der 
Universitas voraus, das zwar Aufgabe ist, aber nicht den Boden 

1 Saemann-Sdiriften, Heft 6. 



6z Fruhe Arbeken zur Bildungs- und Kulturkritik 

heutiger studentischer Gemeinschaften bilden kann. Der einzelne 
Freistudent - nochmals: idi beziehe mich hier audi auf Gruppen, 
die der Freistudentenschaft organisatorisch nicht angeschlossen 
sind - widerlegt diese theoretischen Konstruktionen immer wie- 
der. Es handelt sidi in freistudentischer Arbeit immer, sei es um 
soziale Bedurfnisse der Studentenschaft als abstractum, sei es 
um Bedurfnisse einer noch abstraktern Offentlichkeit. Die unge- 
heure soziale Betriebsamkeit ist nichts aus studentischem Geiste 
urspriinglich Gewachsenes. Sie ist eine Kopie des offentlichen 
Lebens, in dem der einzelne sein Bewufitsein so oft verloren hat 
und in der allgemeinen Rastlosigkeit sich betaubt. Trotz allem 
gibt es wohl eine innerlich gegriindete und zugleich hochst soziale 
Betatigung der Studentenschaft. Aber uns scheint, als ware dieser 
studentische Geist erst zu entwickeln. Noch fehlen die Zusam- 
menhange zwischen Person und Arbeit. Das erklart vielleicht 
jene merkwiirdige Verschiedenheit in der Schatzung studentisch- 
sozialer Arbeit und des einzelnen sozial tatigen Studenten. 
Als Vertreter einer neuen Auffassung studentischen Lebens 
nannte ich die Freischar. Ich will hier keine Analyse ihres Gei- 
stes geben - obwohl auch das unserm Thema nicht allzu fern 
lage - sondern nur das eine betonen: sie hat, bewufit oder un- 
bewufit, zum ersten Male in unsern Tagen die Jugend in das 
Zentrum modernen studentischen Gefuhls gestellt. Noch hat 
sie diesen Gedanken der Jugend im eigentlichen studentischen 
Leben nicht fruchtbar machen konnen. Sie hat sich in Emzel- 
biinde abgeschlossen. Aber trotz allem: in dem Gegensatze von 
Freischar und Freistudentenschaft gewahren wir im grofien Le- 
ben der Studentenschaft die gleichen Gegensatze vorgebildet, 
wie sie zwischen der Freiburger und den iibrigen Richtungen 
waken. 

Nicht Schule und Schulreform, sondern Jugend steht im Zentrum 
des Freiburger Gedankenkreises. Und zwar nicht sowohl ein 
Verhaltnis zur Jugend als Objekt, sondern das Bewufksein 
studentischer Jugend selbst im einzelnen Studenten. Wir machen 
nicht die Voraussetzung eines Interessenkreises und wir sprechen 
nicht von einer abstrakten, allgemeinen Pflicht. Vielmehr vom 
Zustande des Studenten. Er, der heute nicht in dem engern Ar- 
beitskreise der Freistudentenschaft seine Stelle findet, dem auch 
die Exklusivkat der Freischar verboten ist, um von andern Ge- 



Ziele und Wege der studentisch-padagogischen Gruppen 63 

meinschaften zu schweigen, gehort in einen neuen Kreis. Wir 
schliefien uns der Freistudentenschaft an, denn sie ist der Boden, 
auf dem Arbeit fiir die ganze Studentenschaft geleistet wird, 
und wir haben keinen Grund zu statutenmafiiger Abschliefiung. 
Die Freiburger Richtung schliefit sich zunachst nicht zu einem 
Zwecke, sondern auf demGrunde der Notwendigkeit zusammen: 
sie ist zu verstehen aus der Leere und Jugendlosigkeit der 
ubrigen studentischen Gemeinschaften. Wiewohl sie eng mit der 
Freischar, eng mit der Freistudentenschaft verbunden sein konn- 
te, vermifit sie in der einen den Sinn fiir das studentische Ganze, 
in der andern die Jugend. 

So bezeichnen wir den Anspruch der Freiburger Richtung im 
studentischen Leben, so bezeichnen wir ihren Ursprung. Schul- 
reform ist nicht ihr Ausgangspunkt, sie ist zunachst nicht als 
Beteiligung an der heutigen padagogischen Arbeit gemeint und 
zunachst nicht auf die padagogische, vielmehr auf die studenti- 
sche Frage gerichtet. Wir finden uns aber im Sachg'ebiet der Pad- 
agogik, dort finden wir den Gegenstand, an dem wir, zunachst 
fast symbolisch und innerlich, unsere studentisch-jugendliche Ge- 
sinnung entwickeln. 

Es ist hier der Ort, auf den wesentlichen Vorwurf einzugehen, 
den man wohl der Freiburger Richtung gemacht hat. Sie degra- 
diere eine studentische Bewegung zur Partei im offentlichen 
Kampfe. Ware das richtig, so wiirde es tatsachlich gerade das 
widerlegen, worauf es uns ankommt: die Autonomic des stu- 
dentischen Geistes ware vernichtet. Aber es gibt einen Stand- 
punkt jenseits der Neutralitat, der, von innen heraus verstanden, 
dennoch nicht Partei ist. Ja, in der Frage, die wir hier von der 
Studentenschaft aus behandeln, scheint Neutralitat uns am ehe- 
sten Partei. - Ich sagte schon, wir sind keine Instanz zur Lb- 
sung der padagogischen Frage. Aber wir sind der Oberzeugung, 
dafi Wichtiges noch nicht gesagt, ja, noch nicht gefragt worden 
ist, dafi da, wo unsere erste Jugend war, haufig ein Triimmer- 
feld unbekannter Gewalten liegt. Also kann audi Orientierung 
nicht unsere Meinung sein. Und also ist es von vornherein eine 
falsche Fragestellung: Partei oder Nicht-Partei? Wir halten nicht 
Umschau unter heutigen Schulreformern, wem es zu folgen 
gelte. Denn wir sind durchaus damit beschaftigt, die Dinge aus 
uns selbst heraus zu entwickeln. Und da kann es geschehen, dafi 



6 A Friihe Arbeiten zur Bildungs- und Kulturkritik 

einer empfindet wie wir, dafi audi er zu Fragestellungen aus dem 
Geiste der Jugend kommt - ja, mag sein, dafi er sie anregte. 
Dennoch, Kommilitonen, sind wir nicht die iibereifrigen Partei- 
ganger Gustav Wynekens, sondern wir wissen uns mit ihm in 
einer Front streitend und wissen ihn einen Fiihrer, aber nicht 
Fiihrer zu einem Ziele, das er uns vermittelt, sondern dem Ziele, 
das uns unmittelbar gegeben ist. Darum trifft uns der Vorwurf 
der Parteilichkeit nicht. 

Vielleicht allzulange mufite ich mich mit Abgrenzungen aufhal- 
ten. Sie werden jetzt ungeduldig nach Konkretem fragen. Ich 
will versuchen, einige Andeutungen zu geben. Aber Sie werden 
sich selbst sagen: waren meine Worte hier allzu sicher, allzu 
genau, sie wiirden dem, was ich sagte, widersprechen. Denn das 
Jugendbewufksein ist etwas Werdendes in uns. Man kann nur 
von Symptomen und hochstens von Symbolen reden. Denn 
jedes Denken und viele Erlebnisse bringen uns hier standige 
Erwekrung des Bewufitseins, und vieles, was wir in Gesprachen 
schon erreichten, ist uns in der Gemeinschaft zu gestalten noch 
nicht gelungen. 

Fur die Praxis ist zweierlei grundlegend: die studentische Ge- 
meinschaft selbst und die Art, wie sie den padagogischen Gegen- 
stand als ihr nachstes Objekt aus sich entwickelt, als einen Spie- 
gel ihrer eignen Bediirfnisse und Strebungen. Niemals werden 
unsere Gruppen den Versuch machen, vom Gesamtleben der 
Studentenschaft sich abzuschliefien. Wollen sie doch gerade in 
ihr wirken, durch ihre Gegenwart, den Ton und die Gesinnung, 
die in ihnen entsteht und mehr noch entstehen wird, tragen sie 
zur Durchdringung der Studentenschaft mit jugendlichem Geiste 
bei. Nur personlich wird die Zusammensetzung unsrer Gruppen, 
je naher sie ihrem Ziele stehen, ein besondres Bild bieten. Zah- 
lenmaftige Erfolge, Propaganda, Interessengewinnung erstreben 
wir zunachst nicht. Nur wo Studenten und Studentinnen die 
innere Meinung unsrer Arbeit verstehen, werden sie uns will- 
kommen sein. So wird durch personliche Zusammensetzung 
und nur durch diese unsere Gruppe sich von der Masse der Stu- 
dentenschaft absondern, und sie hofft, zunachst und zuallererst 
durch ihr Dasein wirken zu konnen. 

Endlich einige Worte uber die Art unsrer Arbeit. Sie dient der 
Auspragung jugendlichen Geistes vor allem in der padagogischen 



Ziele und Wege der studentisch-padagogischen Gruppen 65 

Fragestellung. Sie ist an technischen Fragen als solchen nicht 
interessiert, ebensowenig an der reinen Orientierung im Be- 
stehenden. Unser Interesse liegt da, wo Jugend und Kulturwerte 
sich auseinandersetzen, in einer neuen philosophischen Pad- 
agogik. Kunsterziehung, Religions- und Moralunterricht, politi- 
sche Erziehung, Koedukation - das sind die Fragen, die wieder 
und wieder bei uns diskutiert werden. Zwar behandeln wir dies 
theoretisch, dennoch pragt sich eine praktische Gesinnung hier 
aus: sowenig bei uns der junge Student prinzipielle Schwierig- 
keit hat, die Fragen, die die Geistesbildung des Schulers ange- 
hen, zu verstehen, da audi er jung ist und denselben unbeding- 
ten Zug zu den Werten und Wertungen fiihlt - sowenig soil 
bei uns z. B. das Lehrerproblem seine Peinlichkeit behalten. 
Wir haben noch selten iiber die Stellung des Lehrers zum Schiller 
diskutiert, weil uns in diesen Fragen die Grundlagen klar sind: 
die Erziehung, wenn sie im Geiste der Jugend geschieht, kennt 
kein isoliertes personliches Machtproblem: Lehrer - Schiiler; 
sondern der Lehrer erhalt den Wert durch seinen Ernst und 
seine Jugendlichkeit. 

Die theoretische Diskussion in den Gruppen ist nur ein Teil uns- 
rer Arbeit. Mit dem andern Teile stehen wir im Jugendkampfe 
selbst. Zunachst vor allem im Kampfe der Schuljugend. Durch 
ihre Zeitschrfft »Der Anfang«, durch die Sprechsale, in denen 
Schiiler und einige Studenten zusammenkommen, stehen wir in 
engster Verbindung mit der Schuljugend: wir wissen, dafi ihr 
Kampf der unsere ist. Hier ist naturlich hervorzuheben, daft 
die Schulreform nur ein sehr begrenztes Gebiet jugendlicher Be- 
tatigung ist. Wir suchen in unsern Gruppen sozusagen imma- 
nent Hochschulreform von innen heraus zu treiben. Hier sollen 
wiederum die Schiiler mit uns verbunden sein: in Berlin beginnt 
man, Schiiler zu sozial-studentischen Veranstaltungen (Marchen- 
vorlesung, Gruppenabende der Abteilung fur Schulreform) 
heranzuziehen. 

Es ist im Rahmen dieses Vortrages nicht moglich gewesen, den 
BegrifT der Jugendkultur zu entwickeln. Das scheint, nachdem 
die Schriften Dr. Wynekens, nachdem der »Anfang« dies von so 
verschiedenen Seiten getan haben, auch nicht unbedingt mehr 
notig zu sein. Er bildete die Voraussetzung des Gesagten. Ich 
suchte zu zeigen: es gibt zwei Moglichkeiten studentisch-pad- 



66 Friihe Arbeiten zur Bildungs- und Kulturkritik 

agogischer Arbeit. Aus dem sozialen Gedanken fliefit die eine, 
und es ist ihr nicht gelungen, innerliche Verbindung mit der Idee 
des Studententums zu gewinnen, eine solche Verbindung wiirde 
heute Erneuerung studentischen Geistes bedeuten miissen. Die 
andere Moglichkeit beruht in der Kultur jugendlichen Geistes, 
die notwendig die Studentenschaft der Schiilerschaft verbindet: 
es entsteht eine neue studentische Gesinnung, die ihren nachsten 
Gegenstand im Verhaltnis des Studenten zur P'adagogik findet. 



Die Jugend schwieg 

Der »Tagliciien Kundsdiau« gewidmet 

Jetzt heifit es stramm bleiben. Wir wollen uns keinesfalls von 
der Tatsache des freideutschen Jugendtages uberwaltigen lassen. 
Wir erlebten zwar eine neue Wirklichkeit: 2 000 junge moderne 
Menschen kommen zusammen, und auf dem Hohen Meifiner sah 
der Sehende eine neue korperliche Jugend, eine neue Spannung 
der Gesichter. Das ist uns nidits als Biirgschaft fur den Jugend- 
geist. Wanderungen, Festgewander, Volkstanze sind nichts Letz- 
tes und - im Jahre 19 13 - noch nichts Geistiges. 
Wir einzelne werden dem Jugendtage nicht eher unsern begei- 
sterten Grufi zollen, bis der Gesamtgeist so mit dem Willen zur 
Jugend sich erfiillte, wie heute nur erst einzelne. Bis dahin wird 
im Namen der Jugend immer wieder die geistige Forderung an 
den Jugendtag gestellt werden. 

Folgendes geschah auf der Vertreterversammlung auf dem 
Hanstein. Ein Redner ertdete: ». . . zum Heile der Freiheit und 
des Deutschtums!« Eine Stimme: »Und der Jugend !« Hastig 
verbessert sich der Redner: »Und der Jugend !« 
Es geschah Schlimmeres. Bei der Verteilung der Sportpreise 
wurde der Name Isaacsohn genannt. Das Gelachter einer Min- 
derheit erscholl darauf. Solange noch einer dieser Lacher einen 
Platz unter der freideutschen Jugend hat, wird sie ohne Adel 
und Jugendlichkeit sein. 

Dieser Jugendtag bewies es: nur wenige verstehen den Sinn des 
Wortes »Jugend«. DafS von ihr allein neuer Geist, der Geist 



Die Jugend schwieg 6j 

ausstrahlt. Noch suchten sie nach greisenhaften, vernunfthal- 
tigen Vorwanden ihres Sich-Findens, nach Rassenhygiene oder 
Bodenreform oder Abstinenz. Darum durften Machtsuchtige es 
wagen, durch Parteijargon das Fest der Jugend zu verunreini- 
gen. Prof. Dr. Keil rief: »Die Waffen hoch!« Zwei Manner tra- 
ten zum Schutze der Jugend ein. Wyneken und Luserke. Sie 
stammen beide von der freien Schulgemeinde. Wyneken ver- 
sprach mit den Seinen sich wie eine Mauer vor eine Jugend zu 
stellen, auf die man eindringt, wie auf eine Wahlversammlung. 
Den Wickersdorfern, die in ihren weifien Miitzen eine geschlos- 
sene Schar auf dem Meifiner waren, vertrauen wir fiir diesen 
Kampf. 

Die Jugend schwieg. Wenn sie »Heil« rief, so war es lauter bei 
der Rede des Chauvinisten Keil als bei den Worten Wynekens. 
Mit Schmerz bemerkte man, wie sie von den onkelhaften Wor- 
ten des Avenarius sich gekitzelt fiihlte. Daft diese Jugend jovia- 
le Bonhomie ertrug, ist das Schlimmste. Dafi sie sich von jedem 
»Abgeklarten« den heiligen Ernst rauben lafit, mit dem sie 
zusammen kam. Dafi sie lachelnde Leutseligkeit entgegennimmt, 
anstatt Distanz zu fordern. Diese Jugend hat den Feind, den 
geborenen, den sie hassen muft, noch nicht gefunden. Aber wer 
von denen auf dem Hohen Meiftner hat ihn erlebt? Wo blieb 
der Protest gegen Familie und Schule, den wir erwartet hatten? 
Hier hat keine politische Phrase den Weg des jugendlichen Fuh- 
lens geglattet. Blieb er deshalb unbeschritten? Hier war noch 
alles zu leisten. Und hier ist das Jugendliche zu offenbaren, die 
Emporung: gegen das Elternhaus, das die Gemiiter verdumpft, 
gegen die Schule, die den Geist auspeitscht. Die Jugend schwieg. 
- Sie hat noch nicht die Intuition gehabt, vor der der grofie 
Alterskomplex zusammenbricht. Jene gewaltige Ideologie: Er- 
fahrung - Reife - Autoritat - Vernunft - der gute Wille der 
Erwachsenen - sie wurde am Jugendtage nicht gesehen und nicht 
gestiirzt. 

Die Tatsache des Jugendtages bleibt das einzig Positive. Sie 
geniigt, um uns geriistet das nachste Jahr wieder zusammen zu 
fiihren, und so alle Jahre, bis auf einem freideutschen Jugend- 
tage die Jugend spricht. 



68 

Studentische Autorenabende 

Was an Dumpfheit, Geistesferne, Unzulanglichkeit der studen- 
tischen Gesellschaft einwohnt - niemand zweifelt, dafi es an der 
Kunst sich verraten wird. Diesem Verrat will ich Worte geben. 
Sie griinden sich auf die unvergefiliche Katastrophe des Autoren- 
abends vor einem Jahr, im iibrigen auf meine Anschauung von 
Studententum und Kunst. 

Ich werde den Autorenabend der Studenten kontrastieren gegen 
eine »Vorlesung aus eigenen Werken«, wie sie in den Lokalen 
Grofi-Berlins vor sich gehen. Ein zahlendes Publikum ist er- 
schienen, Neugierige, Ratlose, auch Inhaber von Freikarten - die 
meisten im Drang nach Freude. Man fand sich durch Geldver- 
mittlung zusammen; wieviel an Geist aufgebracht wird, zum 
mindesten vom Publikum, ist nicht die Frage. Die Masse klatscht, 
der einzelne mag andachtig fiihlen. Vom Geiste des Autors hangt 
der Abend ab: ist er Dilettant und will interessieren oder gar 
amiisieren, so hat alles seine gute Ordnung und die Kunst wird 
nicht bermiht. Vielleicht ist er ein Dichter. So wird er iiber diese 
Masse vor ihm hinweglesen - er samt der Kunst werden ent- 
riickt sein. Die Verziickung des einzelnen folgt ihm. Die Masse 
hat mit Kunst und die Kunst hier mit der Masse nichts zu tun. 
Das Geld wirkt desinfmerend. Als einzelner betritt der Geist 
die Statten orfentlicher Kunstbarkeit - wer neben ihm sitzt, 
mufke zahlen. 

Das hygienische Verfahren, das sauber die Kunst herausprapa- 
rierte aus unseren Theatern, Vortragsabenden, Konzerten - es 
ist das Zeichen furchterlicher Armut. Doch das Wort gilt: arm 
aber reinlich. 

Eine solche Hygiene der Armut, das letzte und niederste Lob, 
das zu geben ist (denn hier darf die Kunst noch auf unbetretenen 
Wegen mit ihren Jungern fliehen), es ist dem studentischen Au- 
torenabend abzusprechen. Der akademischen Gemeinschaft ist 
Heidentum, selbstgeniigsame Kunstfremdheit nicht zu entschul- 
digen. Gedankenlosigkeit ist Siinde. Hier ist das Reich der 
gcistigen Armut verschlossen. Taglicher Umgang mit dem Gei- 
stigen nimmt jedes Recht, vor der Kunst nach Art zahlender 
Burger zu erscheinen. 
Das bedeutet: ein studentischer Autorenabend kann sich das 



Studentisdie Autorenabende 69 

Mafl seiner Geistigkeit nicht fakultativ bestimmen. Er stent von 
Anfang an unter emem Gesetz, unter dem, das die Kunst vor- 
schreibt: sich zu einer Gemeinde vor ihr zusammenzufinden. 
Nicht das Geld fiihrt zusammen. 

Wir haben diese unentrinnbare Einsicht ernst zu nehmen. Ein 
studentischer Autorenabend hat von den beiden Moglichkeiten 
nur eine. Er setzt die Gemeinschaft voraus, die der Studenten, 
und er darf darauf nicht verzichten. Also heifk ein Autorenabend 
der Studenten: ein Abend, in dem der Gemeinschaftsgeist der 
Studenten sich mit der Kunst auseinandersetzt. Damit verwan- 
delt sich das Verhaltnis von Autor und Publikum. Ganz anders 
als im offentlichen Vortragssaal, der keinen Gemeinschafts- 
namen tragt, wird das Publikum wichtig. Und auch der Autor 
steht keineswegs mehr gleichgiiltig, im Namen der Kunst, iiber 
dem Publikum, noch weniger in einem wahllosen Publikum 
mitten innen, ohne andere Fiihlung als die gegenseitige Platt- 
heit. 

Es verbindet ihn vielmehr die Kunst selbst mit dem Publikum. 
Dieser Wille zur Kunst macht den Autorenabend aus. Die pre- 
tiose Unbestimmtheit der Kunsturteile verschwindet. Das Pu- 
blikum erwartet nicht den erleuchteten Dichter - was hatte der 
noch mit Studentenschaft und Autorschaft zu tun? Das Publi- 
kum gebardet sich keineswegs, weder erlebnis- noch literaturlli- 
stern; sondern es ist in Erwartung seiner selbst, des Dilettanten, 
den es zur Kunst sich bekennen hort. Damit ist das Ziel der 
Kunsterziehung, das Ziel also auch einer literarischen Studenten- 
abteilung im weitesten bestimmt. Erziehung zum Dilettanten, 
Erziehung zum Publikum. Nun aber wird der Dilettant nicht 
veredelt durch die Kunst, denn hier tragt er das Zeichen des 
Nichtkonners, sondern durch das Streben. Es ist wohl moglich, 
den Ernst und die Unbedingtheit des SchafTens auch auEerhalb 
der grofien Kunstlerschaft zu bewahren, so sich fur die Erkennt- 
nis des Genius zu stahlen, und dazu ist der Dilettant berufen. Er 
erscheint mit dem Bekenntnis der Schulerschaft. Den leidigen 
Absolutismus, dieses primitive Vor-der-Kunst-stehen und in sie 
Hineintappen wird er ablegen. Er wird Nachahmer sein, das 
Handwerk in den primitiven Anfangen erlernen. Dann wird er 
sich zum Mitlaufer einer Kunstrichtung ausbilden, ernsthaft; 
einer, die sein Lebensgefiihl, sein Wollen gebundener enthalt als 



70 Friihe Arbeiten zur Bildungs- und Kulturkritik 

andere. Mit ihr wird er lernen und arbeiten, er wird sie beden- 
ken und propagieren. Der Dilettant wird sich ansiedeln in einem 
Bezirke, von da mag er als Gebildeter rezeptiv in andere Gebiete 
sich wenden. Er wird das Publikum also zur Einsicht in die ar- 
beitsame Biirgerlichkeit des Genius erziehen. In das Geniale des 
Genius konnen, brauchen sie nicht eingefuhrt zu werden. 
Diesen Sinn hat studentische Autorschaft. Diese Bestimmung 
studentisches Publikum. Es muft sich einig sein in der Ablehnung 
des popular Gefiihlten, in der Verwerfung aller klaglichen Un- 
mittelbarkeiten, die aus privater Ahnungslosigkeit stammen. 
Es muf? bereit sein zum Anblick des Neuen, Unerhorten und 
Revolutionaren, das in ihren eigenen Reihen die Produktiven 
ergreift. Und einig in der Ablehnung, fest entschlossen in der 
Verneinung problemloser Klassik und tadelfreier Reimereien. 
Der Literat ist es, zu dem zunachst die Schar der Dilettanten 
sich wird bekennen miissen. Er als Legionar, beschmutzt und 
staubig von einem hoheren Dienste, den er glaubt, ohne ihn zu 
begreifen, geht voran. Er hat zuerst seine Kinderstube vergessen. 
Die Kunstkonvention in ihrer Feigheit hat er erkannt. Er scheu- 
te sich nicht, seine eigene private und audi so harmlose Existenz 
harmvoll und ofTentlich zu machen im Streite. Besessen von 
alien Noten der Zeit und der Erkenntnis kunstlerischer Uner- 
bittlichkeiten, verschrieb er sich dem Dienste des Genius, dem er 
todliche Beriihrungen mit dem Publikum ersparte. 
Von der Ethik des Kiinstlers ist zu sagen, dafi sie in schwer 
ergriindlichen Wegen in sein Werk eingesenkt wurde. Sie er- 
scheint in seiner kiinstlerischen Grofie. Dem Kiinstler gibt sein 
Werk das Recht, zu sprechen. Nicht so dem Dilettanten. Seine 
Personlichkeit, sein Ernst, seine sittliche Reinheit muE biirgen 
fiir die kiinstlerischen Versuche, die er vorlegt. Denn sie sind 
nicht als Kunst zu nehmen, als OfTenbarung. Sie sind Zeugnisse 
des Menschhch-Kampfenden, der in aller Verfluchtheit hinweist 
zu denen, die Formen fanden, der diesen Formen sich beugt. Er 
verkorpert das Menschlich-Bedingte der Kunst, ihr Zeitgebore- 
nes, ihre immanente Tendenz. Er wird als Erzieher die anderen 
den Weg aus ihrem menschlichen Bedingtsein, ihrer sittlichen 
Richtung zur Kunst und zum neuen Genius hin lehren. Diesen 
Weg zu sehen, muE immer von neuem die Menscrilichkeit er- 
blickt werden, deren Bandigung und Losung zugleich die Formen 



Erotische Erziehung 71 

sind. Der Dilettant ist der eigentliche Erzleher zu diesem Sehen. 
Und nichts als die hochste und reinste Bildung dieses Dilettanten 
ist der Literat, von dem wir sprachen. 

Ich schliefie: ein studentischer Autorenabend mufi Menschen 
sprechen lassen, deren sittliche Personlichkeit zwingt. Erst dann 
wird das Publikum wissen, was eigentlich der studentische Au- 
tor, das studentische Publikum selbst bedeutet. Unmoglich aber 
scheint es, Gedichte soldier zu horen, deren kunstlerischer Ernst 
unbekannt, deren Gefiihl fiir Tragik problematisch, deren Er- 
kenntnis der Zeit verschwindend bleibt. Unmoglich, solche, die 
wir nur von tatiger Geschaftigkeit her kannten, unleugbare Ge- 
fiihle besprechen zu horen. Unmoglich auch, ungewisse Talente 
ihren Fahigkeiten fronen zu sehen. Moglich nur: den zu verneh- 
men, dessen sittlicher Mensch der Kunst sich unterwirft, um sie 
zu ahnen. Dessen Unfahigkeit geadelt wird durch die eigene Not, 
die ihn mit der ringenden Kunst seiner Zeit verbindet. Dessen 
Werk Zeugnis vom Kampfe des Menschen ablegt, in dem die 
Form noch nicht siegen konnte. - 

Alle Fiihrenden der Studentenschaft mogen einmal im Jahre ein 
einziges Werk ihrer Produktion vorlesen. Dann wird eine Aus- 
lese der Produktion, ich fiirchte - eine noch strengere Auslese der 
wahrhaft Fiihrenden moglich sein. Denn wie wahrhaftes Dilet- 
tantentum den sittlichen Menschen voraussetzt, so fordert die 
Kultur auch von eben diesen sittlichen Menschen als Pflicht den 
Dienst im Kunstkampfe der Zeit: das Dilettantentum. 



Erotische Erziehung 
Anlafilich des letzten studentischen Autorenabends in Berlin 

Wichtiger als die Binsenwahrheit vom Mangel einer erotischen 
Kultur ist die Tatsache der doppelten erotischen Unkultur: der 
familialen und der Prostitution. Vergeblich der Versuch, diese 
beiden Geistlosigkeiten sich durchdringen zu lassen in der 
Gloriole jugendlichen Philisteriums: dem Verhaltnis. Was wir 
horten, war im wesentlichen Verbal tnispoesie. Das heiftt: Moder- 
nitaten der Vokabelwahl in geibeligen Rhythmen, oder - inhalt- 
lich: panerotische Exzesse mit Familienriickhalt. Man beschwor 



ji Friihe Arbeiten zur Bildungs- und Kulturkritik 

byzantinisch-romanische Namen, wie Theodora, und kandierte 
sie mit siifier Madel-Poesie. Ein andrer sang Orpheuslieder, um 
poetische Blindheit in Griechentum zu hiillen und ungestort auf 
Meer und Liebe anzuspielen. Jemand verlegte die aufreizende 
Albernheit einer Vergewaltigung in eine romische Arena. Die 
klassischen Kulissen sind das Wahrzeichen der familialen Ge- 
bundenheit, und es wurden erotisdie Poesien zutage gefordert, 
die man jedem - wenn nicht Vater, so doch Onkel - prasentie- 
ren diirfte. 

Dazwischen - es soil nicht verschwiegen werden - hatten sich 
Fossilien aus der rein familialen Epoche erhalten, und man er- 
fuhr mit riickhaltloserri Interesse, dafi es so etwas noch gibt. 
Namlich »Jugend, Skizze al fresco«, die die Erotik ins traute 
Heim verlegt, und der Sohn liebt das »Weib« des Vaters. 
Ein einziger Autor wies den Weg vorwarts: A. E. Giinther, mit 
zielbewufiten, scharf orientierten und gedankenreichen Skizzen. 
Ein andrer bewahrte anstandige Neutralitat: Erich Kraufi. 
Solange aber die Studenten ihre Poesie derart familiar durch- 
fiihlen, nicht wagen werden, die Erotik der Dime, die ihnen 
zunachst ist, geistig zu sehen (anstatt mit graziosen Liistchen zu 
spielen), solange werden sie in dumpfer Verhaltnispoesie stecken 
bleiben und keine einzige geschaute und geformte Zeile produ- 
zieren. 



Die religiose Stellung der neuen Jugend 

Die Bewegung der erwachenden Jugend weist die Richtung jenes 
unendlich fernen Punktes, in dem wir Religion wissen. Und Be- 
wegung uberhaupt ist uns schon die tiefste Gewahr ihrer rechten 
Richtung. Die Jugend, die in Deutschland erwacht, steht alien 
Religionen und Weltanschauungsbunden gleich fern. Sie nimmt 
auch keine religiose Stellung ein. Aber fur die Religion bedeutet 
sie etwas und in ganz neuem Sinne beginnt ihr die Religion be- 
deutungsvoll zu werden. Die Jugend steht im Zentrum, wo das 
Neue wird. Ihre Not ist am grofken und die Hilfe des Gottes 
am nachsten ihr. 
Nirgends so wie in der Jugend kann die Religion die Gemein- 



Die religiose Stellung der neuen Jugend 73 

schaft ergreifen und nirgends kann der Drang nach ihr konkreter 
sein, innerlicher, durchdringender. Denn der Bildungsweg der 
jungen Generation ist sinnlos ohne sie. Er bleibt leer und qual- 
voll ohne die Stelle, an der er sich gabelt zum entsdieidenden 
Entweder-Oder. Diese Stelle soil einer ganzen Generation ge- 
meinsam sein und dort stent der Tempel ihres Gottes. 
Das religiose Sehnen der Alten iiberkam diese spat und verein- 
zelt. Es war ein Entschlufi im Verborgenen, an der einzelnen 
Wegscheide, nicht an der einzigen. Die Entscheidung trug keine 
Gewahr in sich, sie ermangelte der religiosen Objektivitat. So 
blieb immer der einzelne der Religion gegeniiber. 
Und nun ist eine Jugend zur Stelle, die mit der Religion ver- 
wachsen ist, die ihr Korper ist, an dem sie ihre eigenen Note 
erleidet. Eine Generation will wieder am Scheidewege stehen, 
aber nirgends ist die Wegscheide, Jede Jugend mufke wahlen, 
aber die Gegenstande ihrer Wahl waren ihr bestimmt. Die neue 
Jugend steht vor dem Chaos, in dem die Gegenstande ihrer Wahl 
(die heiligen) verschwinden. Kein »rein« und » unrein «, »heilig« 
und »verworfen« leuchtet ihr voran, sondern nur Schulmeister- 
worte »erlaubt-verboten«. Dafi sie sich vereinsamt fuhlt und 
ratios, biirgt fiir ihren religiosen Ernst, biirgt dafiir, dafi Reli- 
gion ihr nicht mehr irgendeine Form von Geist bedeutet oder 
einen gangbaren Weg, die zu Tausenden sich kreuzen und die 
sie jeden Tag betreten konnte. Sondern nach nichts verlangt sie 
dringender als nach der Wahl, Moglichkeit der Wahl, der heili- 
gen Entscheidung uberhaupt. Die Wahl schafft sich ihre Gegen- 
stande - dies ist ihr religionsnachstes Wissen. 
Die Jugend, die sich zu sich selbst bekennt, bedeutet Religion, 
die noch nicht ist. Umgeben vom Chaos der Dinge und Men- 
schen, deren keine geheiligt, keine verworfen sind, ruft sie nach 
Wahl. Und wird nicht eher aus tiefstem Ernst wahlen konnen, 
bis die Gnade das Heilige und Unheilige neu geschaffen hat. Sie 
vertraut, daft Heiliges und Verdammtes sich in dem Augenblick 
offenbaren, da ihr gemeinsamer Wille zur Wahl sich auf das 
hochste gespannt hat. 

So lange aber lebt sie ein schwer verstandliches Leben, voller 
Hingabe und Mifitrauen, Verehrung und Skepsis, Selbstaufopfe- 
rung und Ichsucht. Dieses Leben ist ihre Tugend. Kein Ding, 
keinen Menschen darf sie verwerfen, denn in jedem (in der Lit- 



74 Friihe Arbeiten zur Bildungs- und Kulturkritik 

fafisaule und im Verbrecher) kann das Symbol oder der Heilige 
erstehen. Und doch - an niemanden darf sie sich ganz ver- 
schenken, niemals ihr Inneres im Helden, den sie verehrt, und 
im Madchen, das sie liebt, ganz wiederfinden. Denn die Bezie- 
hung des Helden und der Geliebten zum Letzten, Wesent- 
lichen: zum Heiligen sind dunkel und ungewifi. Ungewifi 
unser eigenes Ich, das wir in der Wahl noch nicht fanden. Viele 
Zuge mag diese Jugend mit den ersten Christen teilen, denen 
audi die Welt so uberfliefiend schien von Heiligem, das in jedem 
erstehen konnte, dafi es ihnen das Wort und die Tat benahm. 
Die Lehre vom Nicht-Handeln steht dieser Jugend nahe. Und 
doch zwingt ihre grenzenlose Skepsis (die nichts andres ist, als 
grenzenlos vertrauen) sie, den Kampf zu lieben. Audi im 
Kampfe kann Gott erstehen. Kampfen heifit nicht den Feind 
verdammen. Sondern ihre Kampfe sind Gottesurteile. Kampfe," 
in denen diese Jugend gleich berek ist, zu siegen wie zu unter- 
liegen. Weil es einzig wichtig ist, dafi aus diesen Kampfen das 
Heilige in seiner Gestalt sich offenbare. Dieses Kampfen halt sie 
audi fern von der Mystik, die dem einzelnen nur Erlosung vor- 
tauschen wiirde, solange die religiose Gemeinschaft noch nicht 
besteht. Die Jugend weifi, dafi kampfen nicht hassen heifit, dafi 
es ihre eigene Unvollkommenheit ist, wenn sie noch Wider- 
stande findet, noch nicht alles mit Jugend durchdringt. Im Kamp- 
fe, im Siegen wie Unterliegen, will sie, wahlend zwischen dem 
Heiligen und Ungeweihten, sich finden. Sie weifi, dafi sie in 
diesem Augenblick keinen Feind mehr kennen wird, ohne dar- 
um quietistisch zu sein. 

Den Heutigen aber wird es langsam innewerden, dafi elne solche 
Jugend kein Gegenstand von Kultusdebatten, Disziplinarmafi- 
regeln und Prefihetze ist. Gegen ihre Feinde ficht sie in einer 
Tarnkappe. Wer sie bekampft, kann sie nicht kennen. Aber diese 
Jugend wird ihre schliefilich ohnmachtigen Gegner noch durch die 
Geschichte adeln. 



75 
Das Leben der Studenten 

Es gibt eine Geschichtsauffassung, die im Vertrauen auf die 
Unendlichkeit der Zeit nur das Tempo der Menschen und Epo- 
chen unterscheidet, die schnell oder langsam auf der Bahn des 
Fortschrittes dahinrollen. Dem entspricht die Zuammmenhang- 
losigkeit, der Mangel an Prazision und Strenge der Forderung, 
die sie an die Gegenwart stellt. Die folgende Betrachtung geht 
dagegen auf einen bestimmten Zustand, in dem die Historie als 
in einem Brennpunkt gesammelt ruht, wie von jeher in den 
utopischen Bildern der Denker. Die Elemente des Endzustandes 
liegen nicht als gestaltlose Fortschrittstendenz zutage, sondern 
sind als gefahrdetste, verrufenste und verlachte Schopfungen 
und Gedanken tief in jeder Gegenwart eingebettet. Den imma- 
nenten Zustand der Vollkommenheh rein zum absoluten zu ge- 
stalten, ihn sichtbar und herrschend in der Gegenwart zu machen, 
ist die geschichtliche Aufgabe. Dieser Zustand ist aber nicht mit 
pragmatischer Schilderung von Einzelheiten (Institutionen, 
Sitten usw.) zu umschreiben, welcher er sich vielmehr entzieht, 
sondern er ist nur in seiner metaphysischen Struktur zu erfas- 
sen, wie das messianische Reich oder die franzosische Revolu- 
tionsidee. Die jetzige historische Bedeutung der Studenten und 
der Hochschule, die Form ihres Daseins in der Gegenwart, 
verlohnt also nur als Gleichnis, als Abbild eines hochsten, 
metaphysischen, Standes der Geschichte beschrieben zu werden. 
Nur so ist sie verstandlich und moglich. Solche Schilderung ist 
kein Aufruf oder Manifest, die eines wie das andere wirkungslos 
gebiieben sind, aber sie zeigt die Krisis auf, die im Wesen der 
Dinge liegend zur Entscheidung fiihrt, der die Feigen unterlie- 
gen und die Mutigen sich unterordnen. Der einzige Weg, von 
der historischen Stelle des Studententums und der Hochschule 
zu handeln, ist das System. Solange mancherlei Bedingungen 
hierzu versagt sind, bleibt nur das Kiinftige aus seiner verbilde- 
ten Form im Gegenwartigen erkennend zu befreien. Dem allein 
dient die Kritik. 

An das Leben der Studenten tritt die Frage nach seiner bewufi- 
ten Einheit heran. Sie steht am Anfang, denn es fordert nicht, im 
Studentenleben Probleme zu unterscheiden - Wissenschaft, Staat, 
Tugend -, wenn ihm der Mut fehlt, sich iiberhaupt zu unter- 



y6 Friihe Arbeiten zur Bildungs- und Kulturkritik 

werfen. Das Auszeichnende im Studentenleben ist in der Tat der 
Gegenwille, sich einem Prinzip zu unterwerfen, mit der Idee 
sich zu durchdringen. Der Name der Wissenschaft dient vorziig- 
lich, eine tiefeingesessene, verbiirgerte Indifferenz zu verbergen. 
Das studentische Leben an der Idee der Wissenschaft messen, 
bedeutet keineswegs Panlogismus, Intellektualismus - wie man 
zu furchten geneigt ist - sondern das ist rechtskraftige Kritik, 
da zuallermeist die Wissenschaft als der eherne Wall der Stu- 
denten gegen »fremde« Anspriiche aufgefiihrt wird. Also es 
handelt sich um innere Einheit, nicht urn Kritik von aufien. Hier 
ist die Antwort gegeben mit dem Hinweis, daf$ fiir die aller- 
meisten Studenten die Wissenschaft Berufsschule ist. Weil 
» Wissenschaft mit dem Leben nichts zu tun hat«, darum mufi sie 
ausschliefilich das Leben dessen gestalten, der ihr folgt. Zu den 
unschuldig-verlogensten Reservaten vor ihr gehort die Erwartung, 
sie miisse X und Y zum Berufe verhelfen. Der Beruf folgt so 
wenig aus der Wissenschaft, dafi sie ihn sogar ausschliefien kann. 
Denn die Wissenschaft duldet ihrem Wesen nach keine Losung 
von sich, sie verpflichtet den Forschenden, in gewisser Weise im- 
mer als Lehrer, niemals zu den staatlichen Berufsformen des 
Arztes, Juristen, Hochschullehrers. Es fiihrt zu nichts Gutem, 
wenn Institute, wo Titel, Berechtigungen, Lebens- und Berufs- 
moglichkeiten erworben werden diirfen, sich Statten der Wis- 
senschaft nennen. Der Einwand, wie der heutige Staat zu seinen 
Arzten, Juristen und Lehrern kommen soil, beweist hiergegen 
nichts. Er zeigt nur die umwalzende Grofie der Aufgabe: eine 
Gemeinschaft von Erkennenden zu griinden an Stelle der Kor- 
poration von Beamteten und Studierten. Er zeigt nur, bis zu 
welchem Grade die heutigen Wissenschaften in der Entwicklung 
ihres Berufsapparates (durch Wissen und Fertigkeiten) von 
ihrem einheitlichen Ursprung in der Idee des Wissens abgedrangt 
sind, der ihnen ein Geheimnis, wenn nicht eine Fiktion gewor- 
den ist. Wem der heutige Staat das Gegebene ist und alles in der 
Linie seiner Entwicklung beschlossen, der mufi das verwerfen; 
wenn er nur nicht Protektion und Unterstiitzung der »Wissen- 
schaft« vom Staate zu fordern wagt. Denn nicht die Oberein- 
kunft der Hochschule mit dem Staate, die sich mit ehrlicher 
Barbarei nicht schlecht verstiinde, zeugt von Verderbnis, son- 
dern die Gewahrleistung und Lehre von der Freiheit einer Wis- 



Das Leben der Studenten 77 

senschaft, von der docii mit brutaler Selbstverstandlichkeit 
erwartet wird, dafi sie ihre Jiingcr zu sozialer Individuality und 
Staatsdienst fiihre. Keine Duldung freiester Anschauungen und 
Lehren fordert, solange das Leben, das diese - nicht minder 
als die strengsten - mit sich fUhren, nicht gewahrt ist und diese 
ungeheure Kluft naiv durch die Verbindung der Hochschule 
mit dem Staate geleugnet wird. Es ist mifiverstandlich, im ein- 
zelnen Forderungen zu entwickeln, solange der einzelnen in der 
Erfullung doch der Geist ihrer Gesamtheit versagt bliebe, und 
nur dies soil als bemerkenswert und erstaunlich hervorgehoben 
werden: wie in der Institution des Kollegs als in einem ungeheu- 
ren Versteckspiel die Gesamtheiten der Lehrer und Schuler sich 
aneinander voriiberschieben und nie erblicken. Immer bleibt 
hier die Schiilerschaft als unbeamtet hinter der Lehrerschaft zu- 
riick, und der rechtliche Grundbau der Universitat, verkorpert 
im Kultusminister, den der Souveran, nicht die Universitat 
ernennt, ist eine halb verhlillte Korrespondenz der akademi- 
schen Behorde iiber die Haupter der Schuler (und in seltenen 
und glucklichen Fallen auch der Lehrer) mit den staatlichen 
Organen. 

Die unkritische und widerstandslose Ergebung in diesen Zu- 
stand ist ein wesentlicher Zug im Studentenleben. Zwar haben 
die sogenannten freistudentischen Organisationen und andere 
sozial gerichtete einen scheinbaren Losungsversuch unternom- 
men. Dieser geht zuletzt auf vollige Verbiirgerung der Institu- 
tion, und nirgends hat sich deutlicher als an dieser Stelle gezeigt, 
dafi die heutigen Studenten als Gemeinschaft nicht fahig sind, 
die Frage des wissenschaftlichen Lebens iiberhaupt zu stellen 
und seinen unlosbaren Protest gegen das Berufsleben der Zeit zu 
erfassen. Weil sie uberaus scharf die chaotische Vorstellung der 
Studenten von wissenschaftlichem Leben erklart, darum ist die 
Kritik der »freistudentischen« und der ihr nahestehenden Ideen 
notwendig und soil mit Worten aus einer Rede geschehen, die 
vom Verfasser vor Studenten gehalten v/urde, als er fiir die 
Erneuerung zu wirken gedachte. »Es besteht ein sehr einfaches 
und sicheres Kriterium, den geistigen Wert einer Gemeinschaft 
zu priifen. Die Frage: findet die Totalitat des Leistenden in ihr 
einen Ausdruck, ist der ganze Mensch ihr verpflichtet, ist der 
ganze Mensch ihr unentbehrlich? Oder ist jedem in gleichem 



78 Fruhe Arbeiten zur Bildungs- und Kulturkritik 

Mafie die Gemeinschaft entbehrlich als er ihr? Es ist so einfadi, 
diese Frage zu stellen, so einfach, sie fur die jetzigen Typen 
sozialer Gemeinschaft zu beantworten, und diese Antwort ist 
entscheidend. Jeder Leistende strebt nach Totalitat, und der 
Wert einer Leistung liegt eben in ihr, also darin, dafi das ganze 
und ungeteilte Wesen eines Menschen zum Ausdruck komme. 
Die sozial begriindete Leistung aber enthalt, wie wir sie heute 
vorfinden, nicht die Totalitat, sie ist etwas vollig Bruch- 
stiickhaftes und Abgeleitetes. Nicht selten ist die soziale Ge- 
meinschaft der Platz, wo heimlich und in gleicher Gesellschaft 
gekampft wird gegen hohere Wunsche, eigenere Ziele, defer ein- 
geborene Entwicklung aber verdeckt wird. Die soziale Leistung 
des Durchschnittsmenschen dient in den allermeisten Fallen zur 
Verdrangung der urspriinglichen und unabgeleiteten Strebun- 
gen des inneren Menschen. Hier ist von Akademikern die Rede, 
Menschen, die von Berufs wegen jedenfalls in irgendeiner 
inneren Verbindung mit geistigen Kampfen, mit Skeptizismus 
und Kritizismus des Studierenden stehen. Diese Menschen be- 
machtigen sich eines vollig f remden, dem ihrigen weltweit abge- 
legenen Milieus als ihres Arbeitsplatzes, sie schaffen sich dort an 
entlegener Stelle eine begrenzte Tatigkeit, und die ganze Totali- 
tat solchen Tuns ist, dafi es einer oft abstrakten Allg^meinheit 
zugute kommt. Keine innere und urspriingliche Verbindung be- 
steht zwischen dem geistigen Dasein eines Studierenden und 
seinem fiirsorglichen Interesse fur Arbeiterkinder, ja selbst fur 
Studierende. Keine Verbindung als ein mit seiner eigenen und 
eigensten Arbeit unverbundener Pflichtbegriff, der ein mecha- 
nisiertes Gegeniiber: >hie Stipendiat des Volkes - da soziale 
Leistung< setzt. Hier ist das Pflichtgefiihl errechnet, abgeleitet 
und umgebogen, nicht aus der Arbeit selbst geflossen. Und jener 
Pflicht wird geniigt: nicht im Leiden fiir erdachte Wahrheit, 
nicht im Ertragen aller Skrupel eines Forschenden, iiberhaupt 
nicht in irgendwie mit dem eigenen geistigen Leben verbundener 
Gesinnung. Sondern in einem krassen und zugleich hochst ober- 
flachlichen Gegensatz, vergleichbar dem: ideell-materiell / theo- 
retisch-praktisch. Jene soziale Arbeit, mit einem Wort, ist nicht 
die ethische Steigerung, sondern die angstliche Reaktion eines 
geistigen Lebens. Nicht dies aber ist der eigentlichste und tiefste 
Einwand, dafi die soziale Arbeit im wesentlichen unverbunden, 



Das Leben der Studenten 79 

abstrakt der eigentlich studentischen Arbeit gegemibersteht, 
darin ein hochster und verwerflichster Ausdruck des Relativis- 
mus, der jedes Geistige vom Physischen, jede Setzung von ihrem 
Gegenteil angstlich und sorgsam begleitet sehen will - unver- 
mogend synthetischen Lebens - nicht dies ist das Entscheidende, 
daft ihre ganze Totalkat in Wirklichkek leere allgemeine Niitz- 
lichkeit ist, sondern: dafi sie trotz alledem die Geste und Hal- 
tung der Liebe fordert, wo nur mechanische Pflicht, ja oft nur 
ein Abbiegen stattfindet, um den Konsequenzen geistigen kriti- 
schen Daseins, dem der Student verpflichtet ist, auszuweichen. 
Denn wirklich ist er zu dem Zwecke Student, dafi ihm das 
Problem des geistigen Lebens mehr am Herzen liegt als die 
Praxis der sozialen Fiirsorge. Endlich - und dies ist ein untriig- 
liches Zeichen: es ist aus jener studentisch sozialen Arbeit keine 
Erneuerung des BegrifTs und der Schatzung sozialer Arbeit 
iiberhaupt erwachsen. Noch immer ist der OrTentlichkeit soziale 
Arbeit jenes eigentiimliche Gemenge von Pflicht- und Gnaden- 
akt des einzelnen geblieben. Studenten haben ihre geistige Not- 
wendigkeit nicht auspragen und daher nie eine wahrhaft ernst 
gesinnte Gemeinschaft in ihr griinden konnen, vielmehr nur eine 
pflichteifrige und interessierte. Jener Tolstoische Geist, der die 
ungeheuere Kluft zwischen dem Burger- und Proletarierdasein 
aufrift, der Begriff, dafi den Armen dienen eine Menschheitsauf- 
gabe, nicht Sache des Studenten im Nebenamt sei, der hier, ge- 
rade bier alles oder nichts forderte, jener Geist, der in den Ideen 
der tiefsten Anarchisten und in christlichen Klostergemeinschaf- 
ten erwuchs, dieser wahrlich ernste Geist einer sozialen Arbeit, 
der aber der kindlichen Versuche der Einfuhlung in Arbeiter- 
und Volkspsyche nicht bedurfte, ist in studentischen Gemein- 
schaften nicht erwachsen. An der Abstraktheit und Beziehungs- 
losigkeit des Objektes scheiterte der Versuch, den Willen einer 
akademischen Gemeinschaft zu einer sozialen Arbeitsgemeinschaft 
zu organisieren. Die Totalkat des Wollenden fand keinen Aus- 
druck, weil sein Wille in dieser Gemeinschaft nicht auf die Tota- 
litat gerichtet sein konnte.« Die symptomatische Bedeutung der 
freistudentischen Versuche, der christlich-sozialen und vieler 
andern ist, dafi sie den Zwiespalt, den die Universitat mit dem 
Staatsganzen bildet, mikrokosmisch innerhalb der Universitat 
wiederholen, im Interesse ihrer Staats- und Lebenstuchtigkeit. 



80 Friihe Arbeiten zur Bildungs- und Kulturkritik 

Sie haben nahezu alien Ego- und Altruismen, jedweder Selbst- 
verstandlichkeit des grofien Lebens eine Freistatt in der Univer- 
sitat erobert; nur dem radikalen Zweifel, der grundlegenden 
Kritik und dem Notwendigsten: dem Leben, das dem volligen 
Neuaufbau sich widmet, ist sie versagt. Es steht in diesen Dingen 
nicht der Fortschrittswille der freien Studenten gegen die reak- 
tionare Macht der Korps. Wie es zu zeigen versucht wurde und 
wie es zudem aus derUniformitat undFriedfertigkeit des gesam- 
ten Zustandes der Universitat hervorgeht, sind die freistuden- 
tischen Organisationen selbst weit entfernt, einen durchdachten 
geistigen Willen auf den Plan zu fiihren. In keiner der Fra- 
gen, die in dem vorliegenden Versuch zur Sprache kommen, hat 
sich bisher ihre Stimme entscheidend bemerkbar gemacht. Aus 
Unentschiedenheit bleibt sie unvernehmlich. Ihre Opposition 
verlauft in den geebneten Bahnen der liberalen Politik, die Ent- 
wicklung ihrer sozialen Prinzipien ist auf dem Niveau der 
liberalen Presse stehengeblieben. Die eigentliche Frage der Uni- 
versitat hat das freie Studententum nicht durchdacht, insofern 
ist es bittres historisches Recht, daf? bei den offiziellen Gelegen- 
heiten die Korps, die einst das Problem der akademischen 
Gemeinschaft durchlebten und durchkampften, als unwlirdige 
Reprasentanten der studentischen Tradition erscheinen. In den 
letzten Fragen bringt derFreistudent gar keinen ernsteren Willen, 
keinen hoheren Mut auf als das Korps, und seine Wirksamkeit 
ist fast gefahrlicher als die des Korps, weil tauschender und irre- 
fiihrender: indem diese bourgeoise, disziplinlose und kleinliche 
Richtung den Ruf des Kampfers und Befreiers im Leben der 
Universitat beansprucht. Das heutige Studententum ist keines- 
wegs an den Stellen zu finden, wo urn den geistigen Aufstieg der 
Nation gerungen wird, keineswegs auf dem Felde seines neuen 
Kampfes um die Kurist, keineswegs an der Seite seiner Schrift- 
steller und Dichter, keineswegs an den Quellen religiosen Le- 
bens. Namlich das deutsche Studententum als solches - das 
existiert nicht. Und dies nicht etwa, weil es nicht jeweils die 
neuesten, »modernsten« Stromungen mitmacht, sondern indem 
es als Studentenschaft all diese Bewegungen in ihrer Tiefe liber- 
haupt ignoriert, indem diese Studentenschaft standig und standig 
im Schlepptau der offentlichen Meinung, in ihrem breitesten 
Fahrwasser dahinzieht, indem sie das von alien Parteien und 



Das Leben der Studenten 8 1 

Biinden umschmeichelte und verdorbene Kind ist, von jedem ge- 
lobt, weil jedem irgendwie gehorig, aber ganz und gar ohne 
den Adel, der bis vor hundert Jahren deutsches Studententum 
sichtbar machte und es an sichtbare Stellen als Verteidiger des 
besten Lebens treten liefi. 

Jene Verfalschung des Schopfergeistes in Berufsgeist, die wir 
iiberall am Werke sehen, hat die Hochschule ganz ergriffen und 
sie vom unbeamteten schopferischen Geistesleben isoliert. Die 
kastenhafte Verachtung des staatsfremden, oft staatsfeindlichen 
freien Gelehrten- und Kunstlertums ist hiervon ein schmerzhaft 
deutliches Symptom. Einer der beriihmtesten deutschen Hoch- 
schullehrer sprach vom Katheder iiber »die Caf£hausliteraten, 
nadi denen das Christen turn schon lange abgewirtscliaftet habe«. 
Ton und Richtigkeit dieser Worte halten sich die Waage. Deut- 
licher als gegen die Wissenschaft, die durch »Anwendbarkek« 
unmittelbar staatliche Tendenzen vortauscht, mufi eine so orga- 
nisierte Hochschule ganz und gar mit baren Handen den Musen 
gegenuberstehen. Sie mufi, indem sie auf den Beruf hinlenkt, 
notwendig das unmittelbare Schaffen als Form der Gemeinschaft 
verfehlen. Wirklich ist die feindselige Fremdheit, die Verstand- 
nislosigkeit der Schule gegen das Leben, welches die Kunst ver- 
langt, deutbar als Ablehnung des unmittelbaren, nicht aufs Amt 
bezognen SchafTens. Ganz von innen heraus erscheint dies in der 
Unmiindigkeit und Schulerhaftigkeit des Studenten. Vom asthe- 
tischen Gefiihl aus ist vielleicht das Auffallendste und Peinigend- 
ste an der Erscheinung der Hochschule: die mechanische Reak- 
tion, mit der die Horerschaft dem Vortragenden folgt. Dies Mafi 
von Rezeptivitat konnte nur durch eine wahrhaft akademische 
oder sophistische Kultur des Gesprachs aufgewogen werden. Da- 
von sind auch die Seminarien durchaus entfernt, die sich haupt- 
sachlich ebenso der Vortragsform bedienen, wobei es wenig ver- 
schlagt, ob Lehrer oder Schiiler sprechen. Die Organisation der 
Hochschule beruht nicht mehr auf der Produktivitat der Stu- 
denten, wie es im Geiste ihrer Griinder lag. Sie dachten den 
Studenten wesentlich als Lehrer und Schiiler zugleich; als Lehrer, 
weil Produktivitat ganzliche Unabhangigkeit bedeutet, Hinblick 
auf die Wissenschaft, nicht mehr auf den Lehrenden. Wo die 
beherrschende Idee des Studentenlebens Amt und Beruf ist, 
kann sie nicht Wissenschaft sein. Sie kann nicht mehr in der Wid- 



82 Friihe Arbeiten zur Bildungs- und Kulturkritik 

mung an eine Erkenntnis bestehen, von der zu furchten ist, dafl 
sie vom Wege der biirgerlichen Sicherheit abfiihrt. Sie kann so- 
wenig in derWidmung an die Wissenschaft bestehen, wie in Hin- 
gabe des Lebens an eine jiingere Generation. Und doch ist dieser 
Beruf: zu lehren - wenn audi unter ganz anderen Formen als 
den heutigen - mit jeder eigensten Erfassung der Wissenschaft 
geboten. Solche gefahrvolle Hingabe an Wisenschaft und Jugend 
mufi als Fahigkeit zu lieben schon im Studenten leben und die 
Wurzel seines Schaffens sein. Dagegen steht sein Leben im Ge- 
folge der Alten, er lernt dem Lehrer seine Wissenschaft ab, ohne 
ihm im Beruf zu folgen. Er verzichtet leichten Mutes auf die 
Gemeinschaft, die ihn mit den Schaffenden verbindet und die 
ihre allgemeine Form allein von der Philosophic her erhalten 
kann. An einem Teil soil er zugleich Schaffender, Philosoph 
und Lehrer sein und dies in seiner wesentlichen und bestimmen- 
den Natur. Von hier aus ergibt sich Form des Berufes und Le- 
bens. Die Gemeinschaft schopferischer Menschen erhebt jedes 
Studium zur Universalitat: unter der Form der Philosophic 
Solche Universalitat gewinnt man nicht, indem man dem Juri- 
sten literarische, dem Mediziner juristische Fragen vortragt (wie 
manche Gruppe von Studenten versucht), sondern indem die 
Gemeinschaft sorgt und von selbst es bewirkt, dafi vor aller 
Besonderung des Fachstudiums (die sich doch nur mit Hinsicht 
auf den Beruf erhalten kann), iiber allem Betriebe der Fach- 
schulen, sie selbst, die Gemeinschaft der Universitat als solche, 
Erzeugerin und Hiiterin der philosophischen Gemeinschafts- 
form sei, wiederum nicht mit den Fragestellungen der begrenz- 
ten wissenschaftlichen Fachphilosophie, sondern mit den meta- 
physischen Fragen des Platon und d&s Spinoza, der Romantiker 
und Nietzsches. Dies namlich, nicht aber Fiihrungen durch Fiir- 
sorgeinstitute, wiirde tiefste Verbindung des Berufes mit dem 
Leben, allerdings einem tieferen Leben bedeuten. Wiirde die 
Erstarrung des Studiums zu einem Haufen von Wissen verhiiten. 
Es hatte diese Studentenschaft die Universitat, die den metho- 
dischen Bestand des Wissens samt den vorsichtigen kiihnen und 
doch exakten Versuchen neuer Methoden mitteilt, zu umgeben, 
gleichwie das undeutliche Wogen des Volkes den Palast eines 
Fursten, als die Statte der bestandigen geistigen Revolution, 
wo zuerst die neuen Fragestellungen weitausgreifender, unkla- 



Das Leben der Studenten 83 

rer, unexakter, aber manchmal yielleicht audi aus tieferer Ah- 
nung, als die wissenschaftlichen Fragen, sich vorbereiten. Die 
Studentenschaft ware in ihrer schopferischen Funktion als der 
grofie Transformator zu betrachten, der die neuen Ideen, die 
fruher in der Kunst, friiher im sozialen Leben zu erwachen 
pflegen als in der Wissenschaft, iiberzuleken hatte in wissen- 
schaftliclie Fragen durch philosophische Einstellung. 
Die heimliche Herrschaft der Berufsidee 1st nicht die innerlichste 
jener Verfalschungen, deren Furchtbarkeit es ist, dafi sie alle 
das Zentrum schopferischen Lebens treffen. Eine banale Lebens- 
einstellung handelt Surrogate gegen den Geist ein. Es gelingt 
ihr, immer dichter die Gefahrlichkeit des geistigen Lebens zu 
verschleiern und den Rest der Sehenden als Phantasten zu ver- 
lachen. Tiefer verbildet die erotische Konvention das unbewufke 
Leben der Studenten. Mit der gleichen Selbstverstandlichkeit, 
mit der die Berufsideologie das intellektuelle Gewissen fesselt, 
lastet die Vorstellung der Heirat, die Idee der Familie als eine 
dunkle Konvention auf dem Eros. Er scheint verschwunden aus 
einer Epoche, die zwischen dem Dasein des Familiensohnes 
und Familienvaters sich leer und unbestimmt erstreckt. Wo die 
Einheit im Dasein des Schaff enden und des Zeugenden liegt und 
ob diese Einheit in der Form der Familie gegeben ist, diese 
Frage durfte nicht gestellt werden, solange es die heimliche Er- 
wartung der Heirat gait, eine illegitime Zwischenzeit, in der 
man hochstens Widerstandsfahigkeit gegen Versuchungen treff- 
lich bewahren konne. Der Eros der Schaffenden - wenn iiber- 
haupt eine Gemeinschaft ihn zu erblicken und um ihn zu rin- 
gen vermochte, so ware es die studentische. Aber noch dort, wo 
alle aufieren Bedingungen der Burgerlichkeit fehlten, wo biir- 
gerliche Zustande, das heifit Familien, zu griinden aussichts- 
los war, wo in vielen Stadten Europas eine tausendkopfige 
Menge von Frauen ihre okonomische Existenz nur auf die Stu- 
dierenden grlindet - die Prostituierten -, noch da hat der 
Student sich nach dem Eros, der ihm ursphinglich eignet, nicht 
gefragt. Ihm mufke es fraglich werden, ob Zeugung und Schop- 
fung in ihm getrennt bleiben sollten, ob die eine der Familie, die 
andere dem Amte zukomme und, in ihrer Trennung beide ver- 
bildet, keines aus seinem eigentumlichen Dasein entspringen 
sollte. Denn so hohnvoll und schmerzhaft es ist, eine solche Fra- 



84 Friihe Arbeiten zur Bildungs- und Kulturkritik 

ge an das Leben heutiger Studenten heranzufiihren, so muE es 
geschehen, weil in ihnen - dem Wesen nach - diese beiden Pole 
menschlichen Daseins zeitlich beieinander liegen. Es handelt sich 
um die Frage, die keine Gemeinschaft ungelost lassen kann und 
die doch seit den Griechen und friihen Christen kein Volk mehr 
in der Idee gemeistert hat; immer lastete sie auf den grofien 
Schaffenden: wie sie dem Bilde der Menschheit geniigen sollten 
und Gemeinschaft mit Frauen und Kindern ermoglichten, deren 
Produktivitat anders gerichtet ist. Die Griechen, wie wir wis- 
sen, iibten Gewalt, indem sie den zeugenden Eros dem schaffen- 
den nachstellten, so dafi endlich ihr Staat, aus dessen InbegrifT 
Frauen und Kinder verbannt waren, zerfiel. Die Christen 
gaben die mogliche Losung fiir die civitas dei: sie verwarfen die 
Einzelheit in beiden. Die Studentenschaft hat es in ihren fortge- 
schrittensten Teilen immer bei unendlich asthetisierenden Be- 
trachtungen iiber Kameradschaftlichkeit und Studiengenossinnen 
gelassen; man scheute sich nicht, eine »gesunde« erotische Neutra- 
lisierung der Schuler und Schiilerinnen zu erhoffen. In der Tat 
ist mit Hilfe der Dirnen die Neutralisierung des Eros in der 
Hochschule gelungen. Und wo sie ausblieb, ist jene so ganz halt- 
lose Harmlosigkeit, jene schwiile Heiterkeit ausgebrochen, und 
die burschikose Studentin wird als Nachfolgerin der hafilichen 
alten Lehrerin jubelnd begrufk. Hier drangt sich die allgemeine 
Bemerkung auf, wieviel mehr furchtsamen Instinkt die katho- 
lische Kirche fiir die Macht und Notwendigkeit des Eros hat, 
als das Burgertum. Es liegt an den Hochschulen eine ungeheure 
Aufgabe verschuttet, ungelost, verleugnet: grofier als die 
zahllosen, an denen die soziale Geschaftigkeit sich reibt. Es ist 
diese: aus dem geistigen Leben heraus zur Einheit zu bilden, was 
an geistiger Unabhangigkeit des Schaffenden (im Korpsstu- 
dententum) und als ungemeisterte Naturmacht (in der Prosti- 
tution) verzerrt und zerstuckelt als Torso des einen geistigen 
Eros uns traurig ansieht. Die notwendige Unabhangigkeit des 
Schaffenden und die notwendige Einbeziehung der Frau, welche 
nicht produktiv im Sinne des Mannes ist, in eine einzige Ge- 
meinschaft Schaffender - durch Liebe - diese Gestaltung mufi 
allerdings vom Studenten verlangt werden, weil sie Form 
seines Lebens ist. Hier aber herrscht so morderische Konven- 
tion, daft nodi nicht einmal das Studententum sein Bekenntnis 



Das Leben der Studenten 8 5 

der Schuld vor der Prostitution abgelegt hat; dafi man diese 
ungeheure blasphemische Verwiistung mit Keuschheitsempfeh- 
lungen einzudammen denkt, weil man wiederum nicht den Mut 
hat, dem eigenen schoneren Eros ins Auge zu blicken. Diese Ver- 
stiimmelung der Jugend trifft ihr Wesen zu tief, als dafi mit 
vielen Worten auf sie gewiesen werden konnte. Sie ist dem 
Bewufitsein der Denkenden zu uberliefern und der Entschlossen- 
heit der Mutigen. Der Polemik ist sie nicht erreichbar. 

Wie sieht eine Jugend sich selbst an, welches Bild tragt sie von 
sich im Innern, die solche Verfinsterung ihrer eignen Idee, solche 
Beugung ihrer Lebensinhalte zulafit? Dieses Bild ist im Korps- 
geist ausgepragt, und er ist noch immer der sichtbarste Trager 
des studentischen JugendbegrifTes, dem die andern, voran frei- 
studentische Organisationen, ihre sozialen Schlagworte entgegen- 
schleudern. Das deutsche Studententum ist, bald mehr bald 
minder, von der Idee besessen, es miisse seine Jugend geniefien. 
Jene ganz irrationale Wartezeit auf Amt und Ehe mufite irgend- 
einen Inhalt aus sich herausgebaren, und das mufke ein spiele- 
rischer, pseudo-romantischer, zeitvertreibender sein. Es ist ein 
furchtbares Stigma auf aller geriihmten Heiterkeit der Kom- 
merslieder, auf der neuen Burschenherrlichkeit. Es ist Angst vor 
dem Kommenden und zugleich ein gemiitsruhiges Paktieren mit 
dem unvermeidlichen Philistertum, das man sich als »alten 
Herrn« sehr gerne vor Augen halt. Weil man dem Biirgertum 
die Seele verkauft hat, samt Beruf und Ehe, halt man streng auf 
jene paar Jahre biirgerlicher Ereiheiten. Dieser Tausch wird im 
Namen der Jugend eingegangen. Offen oder heimlich - auf der 
Kneipe oder in betaubenden Versammlungsreden wird der teuer 
erkaufte Rausch erzeugt, der ungestbrt bleiben soil. Es ist das 
Bewufksein verspielter Jugend und verkauften Alters, das nach 
Ruhe diirstet, und an ihm sind die Versuche der Beseelung des 
Studententums zuletzt gescheitert. Aber wie diese Lebensform 
jederGegebenheit spottet und von alien geistigen und natiir lichen 
Machten gestraft wird, von der Wissenschaft durch den Staat, 
vom Eros durch die Hure, also vernichtend von der Natur. Denn 
die Studenten sind nicht die jiingste Generation, sondern die 
Alternden. Es ist ein heroischer EntschlufS, das Alter zu erken- 
nen, fiir solche, die ihre Jiinglings jahre auf deutschen Schulen 



86 Friihe Arbeiten zur Bildungs- und Kulturkritik 

verloren, und denen das Studium endlich das Leben des Jung- 
lings zu eroffnen schien, das sich von Jahr zu Jahr ihnen ver- 
sagte. Dennoch gilt es zu erkennen, dafi sie Schaffende, also Ein- 
same und Alternde sein miissen, daf? ein reicheres Geschlecht von 
Jiinglingen und Kindern schon lebt, dem sie sich nur als Lehren- 
de weihen konnen. Von alien Gefuhlen ist dies ihnen das frem- 
deste. Eben darum finden sie sich nicht in ihr Dasein und sind 
nicht bereit, von Anfang an mit den Kindern zu leben - denn 
das ist lehren -, weil sie nirgends in die Sphare der Einsamkeit 
hineinragen. Weil sie ihr Alter nicht erkennen, gehen sie miifiig. 
Nur die eingestandene Sehnsucht nach einer schonen Kindheit 
und wiirdigen Jugend ist die Bedingung des SchafTens. Ohne 
dies wird keine Erneuerung ihres Lebens moglich sein: ohne 
die Klage urn versaumte Grofie. Die Furcht vor Einsamkeit ist 
es, die ihre erotische Ungebundenheit verschuldet, Furcht vor 
Hingabe. Sie messen sich an den Vatern, nicht an den Nachge- 
borenen und retten den Schein ihrer Jugend. Ihre Freundschaft 
ist ohne Grofie und Einsamkeit. Jene expansive, auf das Unend- 
liche gerichtete Freundschaft der SchafTenden, die audi dann noch 
auf die Menschheit geht, wenn sie zu zweien oder ihre Sehnsucht 
allein bleibt, hat keine Stelle in der Jugend der Hochschulen. 
Ihre Statt hat die personlich zugleich beschrankte und ziigellose 
Verbriiderung, die sich gleich bleibt auf der Kneipe und bei der 
Vereinsgriindung im Cafe\ Diese Lebensinstitutionen alle sind 
ein Markt von Vorlaufigem, wie das Treiben in Kollegien und 
Cafes, Ausfiillungen leerer Wartezeit, Ablenkung vom Ruf der 
Stimme, ihr Leben aus dem einigen Geiste von Schaffen, Eros, 
Jugend aufzubauen. Es gilt eine keusche und verzichtende Ju- 
gend, die von der Ehrfurcht vor den Nachfolgenden erfiillt ist, 
von der Georges Verse zeugen: 

Erfinder rollenden gesangs und spriihend 
Gewandter zwiegesprache:.frist und trennung 
Erlaubt dass ich auf meine dachtnistaf el 
Den friihern gegner grabe - tu desgleichen! 
Denn auf des rausches und der regung leiter 
Sind beide wir im sinken- nie mehr werden 
Der knaben preis und jubel so mir schmeicheln* 
Nie wieder strofen so im ohr dir donnern. 



Das Leben der Studenten 87 

Aus Mutlosigkeit 1st das Leben der Studenten soldier Erkenntnis 
ferngeriickt. Es folgt aber jede Lebensform und ihr Rhythmus 
aus den Geboten, die das Leben Schaffender bestimmen. Solange 
sie sich dem entziehen, wird ihr Dasein sie mit HafUichkeit stra- 
fen, und noch den Stumpfen wird Hoffnungslosigkeit ins Herz 
treffen. 

Noch geht es urn die aufierste gefahrdete Notwendigkeit, es be- 
darf der strengen Richtung. Jeder wird seine eignen Gebote fin- 
den, der die oberste Forderung an sein Leben herantragt. Er 
wird das Kiinftige aus seiner verbildeten Form im Gegenwarti- 
gen erkennend befreien. 



Metaphysisch-geschichtsphilosophische 
Studien 



Metaphysik der Jugend 



Das Gesprach 

Wo bist du, Jugendllches! das immer mich 
ZurStunde wedkt des Morgens,wo bist du,Licht? 

Holderlin 



I 

Taglich nutzen wir ungemessene Krafte wie die Schlafenden. 
Was wir tun und denken ist erfullt vom Sein der Vater und 
Ahnen. Eine unbegriffene Symbolik verknechtet uns ohne Feier- 
lichkeit. - Manchmal erinnern wir uns erwachend eines Trau- 
mes. So erleuditen selten Hellsichten die Triimmerhaufen un- 
serer Kraft, an denen die Zeit voniberflog. Wir waren Geist 
gewohnt wie den Herzschlag, durch den wir Lasten heben und 
verdauen. 

Jedes Gespraches Inhalt ist Erkenntnis der Vergangenheit als 
unserer Jugend und Grauen vor den geistigen Massen der Triim- 
merfelder. Wir sahen nodi niemals die Statte des lautlosen 
Kampfes, der das Ich gegen die Vater setzte. Nun erblicken wir, 
was wir ohne Wissen zerschlugen und hoben. Das Gesprach 
klagt um versaumte Grofie. 

II 

Das Gesprach strebt zum Schweigen und der Horende ist eher 
der Schweigende. Sinn empfangt der Sprechende von ihm, der 
Schweigende ist die ungefafke Quelle des Sinns. Das Gesprach 
hebt Worte zu ihm als die Fassenden, die Kriige. Der Sprechen- 
de senkt die Erinnerung seiner Kraft in Worte und sucht Formen, 
in denen der Horende sich offenbart. Denn der Sprechende 
spricht um sich bekehren zu lassen. Er versteht den Horenden 
trotz seiner eigenen Worte: daft einer ihm gegentiber ist, dessen 
Zuge unausloschlich ernst und gut sind, wahrend der Sprechen- 
de die Sprache lastert. 
Aber mag er auch eine leere Vergangenheit orgiastisch beleben, 



92 Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

der Horende versteht nicht Worte sondern das Schweigen des 
Gegenwartigen. Denn der Sprediende ist trotz der Seelenflucht 
und Wortleerheit gegenwartig, sein Gesicht ist dem Horenden 
often und die Bemuhungen der Lippen sind sichtbar. Der Horen- 
de halt die wahre Sprache in Bereitschaft, in ihn gehen die 
Worte ein und er zugleich sieht den Sprecher. 
Wer spricht geht in den Lauschenden ein. Das Schweigen gebiert 
sich also selber aus dem Gesprache. Jeder Grofie hat nur ein 
Gesprach, an dessen Rande wartet die schweigende Grofie. Im 
Schweigen wurde die Kraft neu: der Horende fiihrte das Ge- 
sprach zum Rande der Sprache und der Sprechende erschuf das 
Schweigen einer neuen Sprache, er, ihr erster Lauscher. 



Ill 

Schweigen ist die innere Grenze des Gespraches. Niemals ge- 
rat der Unproduktive an die Grenze, er halt seine Gesprache fur 
Monologe. Aus dem Gesprach tritt er in das Tagebuch oder in 
das Cafe\ 

In den gepolsterten Raumen schwieg es schon lange. Hier darf 
er larmen. Er tritt unter die Huren und die Kellner wie der Pre- 
diger unter die Andachtigen - er, der Konvertit seines letzten 
Gespraches. Nun ist er zweier Sprachen kundig, der Frage 
und Antwort. (Ein Fragender ist einer, der sein Leben lang 
an die Sprache nicht dachte, und nun will er es ihr recht 
machen. Ein Fragender ist leutselig gegen Gotter.) Der Unpro- 
duktive fragt - hinein in das Schweigen, unter die Tatigen, 
Denker und Frauen - nach der OfTenbarung. Er ist am Ende 
erhoben, er blieb ungebeugt. Seine Wortfulle flieht ihn, er 
lauscht verziickt seiner Stimme; er vernimmt weder Worte noch 
Schweigen. 

Aber er rettet sich in die Erotik. Sein Blick entjungfert. Sich 
selber will er sehen und horen und also will er des Sehen- 
den und Horenden machtig werden. Daher verspricht er sich 
selbst und seine Grofie, er fliichtet sprechend. Aber immer 
sinkt er vernichtet vor der Menschheit im andern nieder; im- 
mer bleibt er unverstandlich. Und suchend gleitet der Blick 
der Schweigenden durch ihn hin zu dem, der schweigend 
kommen wird. - 



Metaphysik der Jugend 93 

Grofte ist das ewige Schweigen nach dem Gesprach. Es heifit den 
Rhythmus eigener Worte im Leeren vernehmen. Das Genie hat 
seine Erinnerung vollig verflucht in der Gestaltung. Es ist ge- 
dachtnisarm und ratios. Seine Vergangenheit wurde schon 
Schicksal und ist nimmer zu gegenwartigen. Im Genie spricht 
Gott und lauscht dem Widerspruch der Sprache. 
Dem Schwatzer scheint das Genie die Ausfludit vor Grofie. 
Kunst ist das beste Mittel gegen Unsal. Das Gesprach des Genius 
ist aber Gebet. Im Sprechen fallen die Worte von ihm nieder wie 
Mantel. Die Worte des Genius machen nackt, und sind Hiillen, 
in die der Lauschende sich gekleidet fuhlt. Wer lauscht ist die 
Vergangenheit des grofien Sprechers, sein Gegenstand und seine 
tote Kraft. Der sprechende Genius ist stiller als der Lauschende, 
wie der Betende stiller ist als Gott. 



IV 

Immer bleibt der Sprechende von der Gegenwart besessen. Also 
ist er verflucht: nie das Vergangene zu sagen das er doch meint. 
Und was er sagt, hat schon lange die stumme Frage der Schwei- 
genden in sich befafit, und ihr Blick fragt ihn, wann er endet. Er 
soil sich der Horenden vertrauen, damit sie seine Lasterung bei 
der Hand nimmt und sie bis an den Abgrund fuhrt, in dem die 
Seele des Sprechenden liegt, seine Vergangenheit, das tote Feld, 
zu dem er hinirrt. Da wartet aber die Dime schon lange. Denn 
jede Frau hat die Vergangenheit und jedenfalls keine Gegen- 
wart. Darum behutet sie den Sinn vor dem Verstehen, sie 
wehrt dem Mifibrauch der Worte und lafit sich nicht mifibrau- 
chen. 

Den Schatz der Alltaglichkeit hiitet sie, aber auch die Allnacht- 
lichkeit, das hochste Gut. Darum ist die Dime die Horende. Sie 
rettet das Gesprach vor Kleinheit, auf sie hat GroEe keinen 
Anspruch, denn Grofie endet vor ihr. Jede Mannheit ist schon 
vor ihr vergangen, nun verfliefk der Wortstrom in ihre Nachte. 
Die ewig gewesene Gegenwart wird wieder werden. Des 
Schweigens anderes Gesprach ist Wollust. 



94 Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

V 

das genie Ich komme zu dir, um bei dir auszuruhen. 

die dirne So setze dich. 

das genie Ich will mich zu dir setzen - eben habe ich dich be- 

riihrt, und mir ist, als hatte ich schon Jahre geruht. 
die dirne Du machst mich unruhig. Wenn ich neben dir lage, 

konnte ich nicht schlaf en. 
das genie Jede Nacht sind Menschen bei dir im Zimmer. Mir 

ist, als hatte ich sie alle empf angen und sie hatten mich freud- 

los angesehen und waren gegangen. 
die dirne Gib mir deine Hand - an deiner schlafenden Hand 

fuhle ich, dafi du all deine Gedichte jetzt vergafiest. 
das genie Ich denke nur an meine Mutter. Darf ich dir von ihr 

erzahlen? Sie hat mich geboren. Sie hat geboren wie du: hun- 

dert tote Gedichte. Sie hat ihre Kinder nicht gekannt, wie du. 

Ihre Kinder haben mk fremden Menschen gehurt. 
die dirne Wie die meinen. 
das genie Meine Mutter hat mich immer angesehen, mich ge- 

fragt, mir geschrieben. Ich habe an ihr alle Menschen verlernt. 

Alle wurden mir Mutter. Alle Frauen hatten mich geboren, 

kein Mann hatte mich gezeugt. 
die dirne So klagen alle, die bei mir schlafen. Wenn sie mit mir 

in ihr Leben blicken, scheint es ihnen wie dicke Asche bis zum 

Halse emporzustehen. Niemand hat sie gezeugt und zu mir 

kommen sie, um nicht zu zeugen. 
das genie Alle Frauen, zu denen ich komme, sind wie du. Sie 

haben mich tot geboren und wollen von mir Totes empfangen. 
die dirne Aber ich bin die Todesmutigste. (Sie gehen schla- 
fen.) 



VI 

Die Frau hiitet die Gesprache. Sie empfangt das Schweigen und 
die Dirne empfangt den Schopfer des Gewesenen. Aber nie- 
mand wacht iiber die Klage wenn Manner sprechen. Ihr Ge- 
sprach wird Verzweiflung, es erschallt im tauben Raum, und la- 
sternd greift es in die Grofte. Zwei Manner sind bei einander 
immer Aufriihrer, am Ende greifen sie zu Feuer und Beil. Sie 



Metaphysik der Jugend 95 

vernichten die Frau durch die Zote, das Paradoxon notziichtigt 
die Grofie. Die Worte gleicher Geschlechter vereinigen sich und 
peitsdien sich auf durch ihre heimliche Zuneigung, ein seelenloser 
Doppelsinn steht auf, schlecht verhullt durch die grausame Dia- 
lektik. Lachend steht die OfFenbarung vor ihnen und zwingt sie 
zum Schweigen. Die Zote siegt, die Welt war aus Worten ge- 
zimmert. 

Nun miissen sie aufstehen und ihre Biicher erschlagen und sich 
ein Weib rauben, sonst werden sie heimlich ihre Seelen erwiir- 
gen. 

VII 

Wie sprachen Sappho und ihre Freundinnen? Wie kam es, dafi 
Frauen sprachen? Denn die Sprache entseelt sie. Die Frauen 
empfangen keine Laute von ihr und keine Erlosung. Die Worte 
wehen iiber die Frauen hin, die beieinander sind, aber dasWehen 
ist plump und tonlos, sie werden geschwatzig. Ihr Schweigen 
thront aber iiber ihrem Reden. Die Sprache tragt die Seele der 
Frauen nicht, denn sie vertrauten ihr nichts; ihr Vergangnes ist 
nie beschlossen. Die Worte fingern an ihnen herum, und irgend 
eine Fertigkeit antwortet ihnen geschwind. Aber nur im Spre- 
chenden erscheint ihnen die Sprache, der gequalt die Leiber der 
Worte prefk, in die er das Schweigen der Geliebten abbildete. 
Worte sind stumm. Die Sprache der Frauen blieb ungeschafTen. 
Sprechende Frauen sind von einer wahnwitzigen Sprache be- 
sessen. 

VIII 

Wie sprachen Sappho und ihre Freundinnen? - Die Sprache 1st 
verschleiert wie das Vergangene, zukiinftig wie das Schweigen. 
Der Sprechende fuhrt in ihr die Vergangenheit herauf, ver- 
schleiert von Sprache empfangt er sein Weiblich-Gewesenes im 
Gesprach. - Aber die Frauen schweigen. Wohin sie lauschen, 
sind die Worte ungesprochen. Sie nahern ihre Korper und Heb- 
kosen einander. Ihr Gesprach befreite sich vom Gegenstande und 
der Sprache. Dennoch hat es einen Bezirk erschritten. Denn erst 
unter ihnen und da sie bei einander sind, ist das Gesprach selbst 
vergangen und zur Ruhe gekommen. Nun erreichte es endlich 



$6 Metaphysisch-gesdiiditsphilosophisdie Studien 

sich selber: Grofie wurde es unter ihrem Blick, wie das Leben 
Grofie war vor dem vergeblichen Gesprache. Die schweigenden 
Frauen sind die Sprecher des Gesprochenen. Sie treten aus 
dem Kreise, sie allein sehen die Vollendung seiner Rundung. 
Sie alle bei einander klagen nicht, sie schauen bewundernd. Die 
Liebe ihrer Leiber ist ohne Zeugung, aber ihre Liebe ist schon 
anzusehen. Und sie wagen den Anblick an einander. Er macht 
eratmen, wahrend die Worte im Raum verhallen. Das Schwei- 
gen und die Wollust - ewig geschieden im Gesprach - sind eins 
geworden. Sdiweigen der Gesprache war zukiinftige Wollust, 
Wollust war vergangenes Schweigen. Unter den Frauen aber 
geschah der Anblick der Gesprache von der Grenze schweigen- 
der Wollust. Da erstand erleuchtend die Jugend der dunklen 
Gesprache. Es erstrahlte das Wesen. 



Das Tagebucb 

Nachbarlander mogen in Sehweke liegen 

Dafi man den Ruf der Hahne und Hunde 
gegenseitlg horen kann. 

Und doch sollten die Leute im Kodisten Al- 
ter sterben 

Ohne hin und her gereist zu sein. 

Lao-Tse 



Wir wollen auf die Quellen der unnennbaren Verzweiflung 
achten, die in alien Seelen fliefien. Die Seelen horchen angespannt 
nach der Melodie ihrer Jugend, deren man sie tausendfach ver- 
sichert. Aber je mehr sie in die ungewissen Jahrzehnte sich ver- 
senken und ihr Zukiinftigstes ihrer Jugend noch einbeziehen, 
desto verwaister atmen sie in der leeren Gegenwart. Eines Tages 
erwachen sie zur Verzweiflung: der Entstehungstag des Tage- 
buches. 

Es stellt mit hoffnungslosem Ernst die Frage, in welcher Zeit der 
Mensch lebt. Dafi er in keiner Zeit lebt haben die Denkenden 
immer gewufit. Die Unsterblichkeit der Gedanken und Taten 



Metaphysik der Jugend 97 

verbannt ihn in Zeitlosigkeit, in deren Mitte lauert der unbe- 
greifliche Tod. Zeitlebens umspannt ihn Leere der Zeit und den- 
noch Unsterblichkeit nicht. Gefressen von den mannigfaltigen 
Dingen entschwand die Zeit ihm, jenes Medium ward zerstort, 
in der die reine Melodie seiner Jugend schwellen sollte. Die er- 
fullte Stille in der seine spate Grofte reifen sollte wurde ihm 
entwendet. Ihm entwendete sie der Alltag, unterbrach mit Ge- 
schehnis, Zufall und Verpflichtung tausendfaltig jugendliche 
Zeit, unsterbliche, die er nicht ahnte. Drohender noch erhob 
hinter der Alltaglichkeit sich der Tod. Jetzt erscheint er noch im 
Kleinen und totet taglich, um weiter leben zu lassen. Bis eines 
Tages der grofie Tod aus Wolken fallt, wie eine Hand, die nicht 
mehr leben lafit. Von Tag zu Tag, Sekunde zu Sekunde selbst- 
erhalt sich das Ich, klammert sich an das Instrument: die Zeit, 
die es spielen sollte. 

Der also Verzweifelte entsann sich seiner Kindheit, damals war 
noch Zeit ohne Fluent und Ich ohne Sterben. Er sieht und sieht 
hinab in jene Stromung, aus der er aufgetaucht war, und er 
verliert langsam, endlich und erlosend sein Begreifen. In soldier 
Vergessenheit, unwissend was er meint und doch erloster Mei- 
nung entstand das Tagebuch. Dies unergriindliche Buch eines nie 
gelebten Lebens, Buch eines Lebens, in dessen Zeit alles, was 
wir unzulanglich erlebten, sich zum Vollendeten verwandelt. 
Das Tagebuch ist eine Befreiungstat, heimiich und schrankenlos 
in ihrem Siege. Kein Unfreier wird dieses Buch verstehen. Da 
das Ich verzehrt von Sehnsucht nach sich selbst, verzehrt vom 
Willen zur Jugend, verzehrt von Machtlust iiber die Jahrzehnte, 
die kommen werden, verzehrt von Sehnsucht, sich gesammelt 
durch die Tage hinzutragen, von Lust des Mufiigganges entziin- 
det zu dunklem Feuer - da es sich dennoch verflucht sah in die 
Zeit des Kalenders, der Uhren und Borsen und kein Strahl einer 
Zeit der Unsterblichkeit sich zu ihm senkte - da begann es sel- 
ber zu erstrahlen. Strahl, wufite es, bin ich selber. Nicht die 
triibe Innerlichkeit jenes Erlebenden, der mich Ich nennt und mit 
Vertrautheit martert, sondern Strahl des andern, das zu bedran- 
gen mich schien und das ich doch selbst bin: Strahl der Zeit. Zit- 
ternd steht ein Ich, das wir aus unsern Tagebuchern nur ken- 
nen, am Rande der Unsterblichkeit, in die es hinabstiirzt. Es ist 
ja Zeit. In ihm, dem Ich, dem Geschehnisse widerfahren, Men- 



98 Metaphysisch-gesdiichtsphilosophische Studien 

schen begegnen, Freunde, Feinde und Geliebte, in ihm verlauft 
die unsterbliche Zeit, die Zeit seiner Grofie selber lauft ab in ihm, 
ihre Erstrahlung ist er und nichts anderes. 

Dieser Glaubige schreibt sein Tagebuch. Und er schreibt es in 
Abstanden, und wird es nie beenden, denn er wird sterben. Was 
ist der Abstand im Tagebuche? Es handelt ja nicht in der Zeit 
der Entwicklung, die ist aufgehoben. Es handelt gar nicht in der 
Zeit, die ist versunken. Sondern es ist ein Buch von der Zeit: 
Tagebuch. Das sendet die Strahlen seiner Erkenntnis durch den 
Raum. Im Tagebuch verlauft die Kette der Erlebnisse nicht, 
dann ware es ohne Abstand. Sondern die Zeit ist aufgehoben 
und aufgehoben ein Ich, das in ihr handelt; ich bin ganz und gar 
in Zeit versetzt, sie strahlt mich aus. Diesem Ich, der Schopfung 
der Zeit, kann nichts mehr widerfahren. Ihm beugt sich alles 
andere, dem noch Zeit geschieht. Denn allem andern geschieht 
unser Ich als Zeit, alien Dingen widerfahrt das Ich im Tagebu- 
che, sie leben zum Ich dahin. Aber diesem, der Geburt der 
unsterblichen Zeit, geschieht Zeit nicht mehr. Das Zeitlose 
widerfahrt ihm, in ihm sind alle Dinge versammelt, ihm bei. 
Allmachtig lebt es im Abstand, im Abstand (dem Schweigen des 
Tagebuches) widerfahrt dem Ich seine eigene, die reine Zeit. Im 
Abstand ist es in sich selbst gesammelt, kein Ding drangt sich in 
sein unsterbliches Beieinander. Hier schopft es Kraft, den Dingen 
zu widerfahren, sie in sich zu reifien, sein Schicksal zu verkennen. 
Der Abstand ist sicher, und wo geschwiegen wird, kann nichts 
widerfahren. Keine Katastrophe findet in die Zeilen dieses Bu- 
ches Eingang. Also glauben wir nicht an Ableitungen und 
Quellen; nie erinnern wir uns dessen, was uns widerfahren. Die 
Zeit, die erstrahlte als Ich, das wir sind, widerfahrt alien Din- 
gen um uns als unser Schicksal. Jene Zeit, unser Wesen, ist das 
Unsterbliche, in dem andere sterben. Was diese totet, lafit uns 
im Tode (dem letzten Abstand) uns wesenhaft fuhlen. 

II 

Neigend erstrahlt in Zeit die Geliebte der Landschaft, 
Aber verdunkelt verharrt iiber der Mitte der Feind. 
Seine Fliigel schlafern. Der schwarze Erloser der Lande 
Haucht sein kristallenes: Nein und er beschliefit unsern Tod. 



Metaphysik der Jugend 99 

Zogernd tritt selten das Tagebuch heraus aus der Unsterblich- 
keit seines Abstandes und schreibt sich. Lautlos jubelt es auf und 
sieht iiber die Schicksale hin, die klar und zeitgewoben in ihm 
liegen. Durstend nach Bestimmtheit treten die Dinge auf ihn zu, 
erwartend Schicksal aus seiner Hand zu empfangen. Sie senden 
ihr Ohnmachtigstes der Hoheit entgegen, ihr Unbestimmtestes 
erfleht Bestimmung. Sie grenzen das menschliche Wesen ein 
durch ihr fragendes Dasein, vertiefen Zeit; und indem sie selber 
auf das Aufterste den Dingen geschieht, vibriert eine leise Unsi- 
cherheit in ihr, welche fragend der Frage der Dinge Antwort 
gibt. Im Wechsel soldier Vibrationen lebt das Ich. Dies ist der 
Inhalt unserer Tagebiicher: zu uns bekennt sich unser Schicksal, 
weil wir es auf uns schon langst nicht mehr bezogen - wir Ver- 
storbenen, die wir auferstehen in dern, was uns zustoftt. 
Es gibt aber einen Ort jener Auferstehungen des Ich, wenn die 
Zeit in immer weitere und weitere Wellen es hinaussendet. Das 
ist die Landschaft. Als Landschaft umgibt uns alles Geschehen, 
denn wir, die Zeit der Dinge, kennen keine Zeit. Nur Neigun- 
gen der Baume, Horizont und Scharfe der Bergriicken, die 
plotzlich voll Beziehung erwachen, indem sie uns in ihre Mitte 
stellen. Die Landschaft versetzt uns in ihre Mitte, es umzittern 
uns mit Frage Wipfel, umdunkeln uns mit Nebel Taler, bedran- 
gen uns mit Formen unbegreifliche Hauser. Diesem alien 
widerfahren wir, ihr Mittelpunkt. Es bleibt aber von aller Zeit, 
da wir erzittern, eine Frage uns im Innern: sind wir Zeit? Hoch- 
mut verlockt uns zum Ja - dann verschwande die Landschaft. 
Wir waren Burger. Aber der Bann des Buches laftt uns schweigen. 
Einzlge Antwort ist, daft wir einen Pfad beschreiten. Aber uns 
heiligt im Schreiten der gleiche Umkreis. Und wie wir antwort- 
los mit der Bewegung unseres Leibes die Dinge bestimmen, Mitte 
sind und uns wandernd fernen und nahern, losen wir Baume 
und Felder aus ihresgleichen, uberstromen sie mit der Zeit unse- 
res Daseins. Feld und Berge bestimmen wir in ihrer Willkiir: sie 
sind unser vergangenes Sein - so prophezeite die Kindheit. Wir 
sind zukiinftig sie. Die Landschaft empfangt in der Nacktheit 
der Zukiinftigkeit uns die Groften. Entbloftt erwidert sie die 
Schauer der Zeitlichkeit, mit der wir die Landschaft bestiirmen. 
Hier erwachen wir und haben am Morgenmahle der Jugend teil. 
Die Dinge sehen uns, ihr Blick schwingt uns ins Kommende, da 



ioo Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

wir ihnen nicht antworten sondern sie beschreiten. Urn uns ist 
Landschaft wo wir die Berufung verwarfen. Tausend Juchzer 
der Geistigkeit umtosten die Landschaft - da sandte lachelnd 
das Tagebuch den einzigen Gedanken ihnen entgegen. Durch- 
drungen von Zeit atmet sie vor uns, bewegt. Wir sind bei einan- 
der geborgen, die Landschaft und ich. Wir stiirzen von Nackt- 
heit in Nacktheit. Wir erreichen uns gesammelt. 
Die Landschaft entsendet uns die Geliebte. Uns begegnet nichts 
als in Landschaft und in ihr nichts als Zukunft. Sie kennt nur 
das einzige Madchen, das schon Frau ist. Denn es tritt in das 
Tagebuch mit der Geschichte seiner Zukunft. Wir starben schon 
einmal miteinander. Wir waren ihr schon einmal volHg gleich. 
Wenn wir ihr widerfuhren im Tode, so widerfahrt sie uns doch 
im Leben, abertausendmal. Vom Tode her ist jedes Madchen die 
geliebte Frau, die uns Schlafenden immer im Tagebuch begegnet. 
Und inre Erweckung geschieht zur Nacht - unsichtbar dem Ta- 
gebuche. Dies ist die Gestalt der Liebe im Tagebuche, dafi sie uns 
in der Landschaft begegnet, unter sehr hellem Himmel. Die In- 
brunst ist zwischen uns ausgeschlafen und die Frau ist Madchen, 
da sie unsere unverbrauchte Zeit, die sie sammelte in ihrem Tode, 
jugendlich zunickschenkt. Die stiirzende Nacktheit, die in der 
Landschaft uns iiberfallt, wird gleichgehalten von der nackten 
Geliebten. 

Als unsere Zeit uns aus dem Abstand verstiefi in Landschaft und 
auf der behiiteten Bahn des Gedankens uns die Geliebte ent- 
gegenschritt, fuhlten wir Zeit, die uns aussandte, gewaltig ge- 
gen uns wieder fluten. Einschlafernd ist dieser Rhythmus der 
Zeit, der von allerweltenwarts zu uns heimkehrt. Wer ein Tage- 
buch liest, schlaft darliber ein und erfullt, was das Schicksal 
dessen war, der es schrieb. Wieder und wieder beschwort das 
Tagebuch den Tod des Schreibers und sei es im Schlafe des Le- 
senden: Unser Tagebuch kennt nur einen Leser, der wird zum 
Erloser, indem das Buch ihn bezwingt. Wir selber sind der Leser 
oder unser Feind. Er fand keinen Eingang in das Konigtum, das 
um uns bliihte. Er ist nichts anderes als das vertriebene, gelauter- 
te Ich, unsichtbar in der unnennbaren Mitte der Zeiten verwei- 
lend. Er gab sich nicht dem Strom des Schicksals hin, das uns 
umflofi. Wie die Landschaft sich uns entgegenhob, sonderbar von 
uns beseeligt, wie die Geliebte uns voriiberfloh, ehmals von uns 



Metaphysik der Jugend 101 

gefraut, steht inmitten des Stroms, aufrecht wie sie, der Feind. 
Aber machtiger. Er sendet Landschaft und Geliebte uns entgegen 
und 1st der unermiidliche Denker der Gedanken, die uns nur 
kommen. Vollendet klar begegnet er uns, und wahrend die Zeit 
sich in die stumme Melodie der Abstande verbirgt, ist er am 
Werke. Plotzlich erhebt er sich im Abstand wie die Fanfare und 
sendet uns dem Abenteuer entgegen. Er ist nicht weniger als wir 
Erscheinung der Zeit, aber der gewaltigste Reflektor unsrer 
selbst. Blendend vom Wissen der Liebe und den Schauungen 
ferner Lande bricht er riickkehrend in uns ein und stort unsere 
Unsterblichkeit auf zu immer fernerer und fernerer Sendung. Er 
kennt die Reiche der hundert Tode, die die Zeit umgeben und 
will sie in Unsterblichkeit ertranken. Nach jedem Anblick und 
jeder Todesflucht kehren wir zu uns heim als unser Feind. Von 
keinem andern Feind sagt jemals das Tagebuch, weil vor der 
Feindschaft unsres erlauchten Wissens jeder Feind versinkt, 
stiimperhaft neben uns, die wir niemals unsere Zeit erreichen, 
immer hinter sie fluchten oder vorwitzig sie uberflugeln. Immer 
die Unsterblichkeit aufs Spiel setzend und sie verlierend. Dies 
weift der Feind, er ist das unermiidliche, mutige Gewissen, das 
uns stachelt. Unser Tagebuch schreibt das seinige, wahrend er 
tatig ist in der Mitte des Abstandes. In seiner Hand ruht die 
Waage unserer Zeit und der unsterblichen. Wann wird sie ein- 
stehen? Wir werden uns selbst widerfahren. 



Ill 

Die Feigheit des Lebenden, dessen Ich mannigfaltig alien Aben- 
teuern beiwohnt und standig sein Antlitz verbirgt im Kleid 
seiner Wiirde - sie mufee zuletzt unertraglich werden. So viele 
Schritte wir in das Konigreich des Schicksals taten, so oft wand- 
ten wir uns nickwarts - ob wir audi unbeobachtet wahrhaft 
seien: da ermiidete einmal die unendlich gekrankte, gekronte 
Hoheit in uns, sie wandte sich, grenzenlos fortan voll Verach- 
tung fur das Ich, das man ihr gegeben. Sie bestieg einen Thron 
im Imaginaren und wartete. Mit grofien Lettern schrieb der 
Griffel ihres schlafenden Geistes das Tagebuch. 
So handelt es sich denn in diesen Buchern um die Thronbestei- 
gung eines, der abdankt. Abdankte er dem Erlebnis, dessen er 



102 Metaphysisch-geschichtsphilosoprnsche Studien 

sein Ich nicht wiirdig befindet noch fahig, dem er sich endlich 
entzieht. Einst fielen die Dinge auf seinen Weg, statt ihm zu 
begegnen, von alien Seiten bedrangten sie einen, der standig 
fliichtete. Niemals kostete der Edle die Liebe der Unterlegnen. 
Er mifitraute, ob denn audi er gemeint sei von den Dingen. 
Meinst du mich? fragte er den Sieg der ihm zufiel. Meinst du 
mich? das Madchen, das sich an ihn schmiegte. Also rift er sich 
aus seiner Vollendung. Erschien er dem Sieg doch als Sieger, 
der Liebenden als der Geliebte. Aber ihm war Liebe widerfah- 
ren und Sieg war ihm zugestoEen, wahrend er den Penaten sei- 
ner Heimlichkeit Opfer brachte. Niemals war er dem Schicksal 
begegnet, an dem er vorbei lief. 

Als aber im Tagebuche die Hoheit des Ich sich zuriickzog und 
das Rasen gegen das Geschehen verstummte, zeigten die Ereig- 
nisse sich unbeschlossen. Die immer fernere Sichtbarkeit des Ich, 
welches mchts mehr auf sich bezieht, webt den immer naheren 
Mythos der Dinge, die hinsturmen in bodenloser Neigung zum 
Ich, als unberuhigte Frage, nach Bestimmung diirstend. 
Der neue Sturm erbraust im bewegten Ich. Ausgesandt ist es 
als Zeit, in ihm selber stiirmen die Dinge dahin, ihm entgegnend 
in ihrer fernenden, demiitigen Richtung, dahin zur Mine des 
Abstandes, zum Schofle der Zeit hin, von da das Ich erstrahlte. 
Und Schicksal ist: diese Gegenbewegung der Dinge in der Zeit 
des Ich. Und jene Zeit des Ich, in der die Dinge uns widerfahren, 
das ist dieGrofte. Ihr ist alle Zukunftvergangen. Der Dinge Ver- 
gangenheit ist die Zukunft der Ich-Zeit. Aber die Vergangenen 
werden zukiinftig. Von neuem entsenden sie die Zeit des Ich, 
wenn sie eingegangen sind in den Abstand. Mit den Geschehnis- 
sen schreibt das Tagebuch die Geschichte unseres zukiinftigen 
Seins. Und prophezeit uns also unser vergangenes Schicksal. Das 
Tagebuch schreibt die Geschichte unserer Grofte vom Tode an. 
Einmal ist ja die Zeit der Dinge aufgehoben in der Zeit des Ich, 
Schicksal ist aufgehoben in der Grofie, Abstande sind aufgeho- 
ben im Abstand. Einmal widerfahrt uns der erstarkte Feind in 
seiner grenzenlosen Liebe, der alle unsere geblendete Schwache 
sammelte in seiner Starke, all unsere Nacktheit bettete in seine 
Leiblosigkeit, all unser Schweigen iibertonte mit seiner Stumm- 
heit und alle Dinge heimbringt und alle Menschen endet - der 
grofie Abstand. Tod. Im Tode widerfahren wir uns selbst, es 



Metaphysik der Jugend 103 

lost sich unser Tot-sein aus den Dingen. Und die 2eit des Todes 
ist unsere eigene. Erlost gewahren wir die Erfiillung des Spieles, 
die Zeit des Todes war die Zeit unseres Tagebuches, der Tod der 
letzte Abstand, der Tod der erste liebende Feind, der Tod, der 
uns mit aller Grofie und den Schicksalen unserer breiten Flache 
in die unnennbare Mine der Zeiten tragt. Der fiir einen einzi- 
gen Augenblick uns Unsterblichkeit gibt. Tausendfach und ein- 
fach ist dies der Inhalt unserer Tagebiicher. Die Berufung, die 
unsere Jugend stolz abwies, tiberrascht uns. Aber sie ist nichts, 
als Berufung zur Unsterblichkeit. Wir gehen ein in die Zeit, die 
im Tagebuch war, dem Symbol der Sehnsucht, Ritus der Reini- 
gung. Mit uns versinken die Dinge zur Mitte, mit uns erwarten 
sie uns gleich die neue Erstrahlung. Denn Unsterblichkeit ist nur 
im Sterben und Zeit erhebt sich am Ende der Zeiten. 

Der Ball 

Um welches Vorspieles willen berauben wir uns unserer Trau- 
me? Denn mit leichter Hand drangen wir sie beiseit, in die Kis- 
sen, lassen sie zuriick, wahrend einige unser erhobenes Haupt 
lautlos umflattern. Wie wagen wir es, Wachende, diese hinein- 
zutragen ins Helle? O, in der Helle! Alle unter uns tragen die 
unsichtbaren Traume um sich, wie tief verschleiert sind die 
Haupter der Madchen, ihre Augen sind heimliche Nester der 
Unheimlichen, der Traume, ganz ohne Zugang, leuchtend vor 
Vollendung. Die Musik hebt uns alle zur Hohe jenes erleuch- 
teten Strichs - du kennst ihn - der unter dem Vorhange durch- 
bricht, wenn ein Orchester die Geigen stimmte. Der Tanz be- 
ginnt. Da gleiten unsere Hande alle aneinander ab, unsre 
Blicke fallen in einander, schwer, schiitten sich aus und lacheln 
aus dem letzten Himmel. Unsere Korper beriihren sich vorsich- 
tig, wir alle wecken einander nicht aus dem Traume, rufen ein- 
ander nicht heim in die Dunkelheit - aus der Nacht der Nacht, 
die nicht Tag ist. Wie wir uns lieben! Wie wir unsre Nacktheit 
behuten! Wir haben sie alle gefesselt in Buntes, Maskiertes, 
Nacktes-Versagendes, Nacktes-Versprechendes. Es ist in alien 
ein Ungeheures zu verschweigen. Aber wir werfen uns in die 
Rhythmen der Geigen, niemals war eine Nacht korperloser, 
un-heimlicher, keuscher als diese. 



io4 Metaphysisch-gesdrichtsphilosophische Studien 

Wo wir allein stehen, auf einem Fuder Fanfaren, allein in der 
hellen Nachte-Nacht, die wir beschworen, bittet unser fliichten- 
des Gemiit eine Frau noch zu sich, die - ein Madchen - steht in 
einer fernen Saalflucht. 

Sie schreitet iiber das Parkett, das so glatt liegt zwischen den 
Tanzern, als spiegele es die Musik, denn dieser glatte Boden, 
dem die Menschen nicht zugehoren, schafFt Raum fur das Elysi- 
sche, das die Einsamkeiten der Menschen zum Reigen schliefit. 
Sie schreitet und ihr Schritt ordnet die Tanzenden, einige drangt 
sie hinaus, die zerschellen an den Tischen, wo der Larm der Ein- 
samen waltet, oder wo in Gangen Menschen gehen wie auf 
hohen Drahtseilen durch die Nacht. 

Wann jemals gelangte Nacht zur Helle und ward ausgestrahlt, 
wenn nicht hier? Wann jemals ward Zeit iiberwunden? Wer 
weifi, wen wir zu dieser Stunde treffen? Sonst (gabe es ein 
»sonst«) waren wir eben hier, aber schon vollendet, sonst viel- 
leicht gossen wir die Neige des abgebrauchten Tages fort und 
schmeckten den neuen. Aber nun giefien wir den schaumenden 
Tag iiber in das purpurne Krystall der Nacht, er wird ruhig und 
funkelt. 

Die Musik entriickt die Gedanken, unsere Augen spiegeln die 
Freunde rings umher, wie sich alle bewegen, umflossen von 
Nacht. Wirklich sind wir in einem Hause ohne Fenster, in einem 
Saal ohne Welt. Treppen geleiten hinauf und hinunter, marmorn. 
Hier ist die Zeit eingefangen. In uns regt sie nur noch manch- 
mal widrig ihren ermudeten Atem und macht uns unruhig. Aber 
ein Wort, hineingesprochen in die Nadit, ruft einen Menschen zu 
uns, wir gehen mit einander, die Musik war uns schon entbehr- 
lich, ja im Dunklen konnten wir beieinander liegen, dennoch 
wiirden unsere Augen blitzen wie nur je ein blankes Schwert 
zwischen Menschen. Urn dieses Haus wissen wir alle gnaden- 
losen, ausgestofienen Wirklichkeiten flattern. Die Dichter mit 
ihrem bittern Lacheln, die Heiligen und die Polizisten und 
Autos, die warten. Manchmal dringt Musik hinaus, die sie ver- 
schuttet. 



10$ 

Zwei Gedichte von Friedrich Holderun 

»Dichtermut« — »Blodigkeit« 

Die Aufgabe der folgenden Untersudiung lafk sich in die Asthe- 
tik der Dichtkunst nicht ohne Erklarung einordnen. Diese Wis- 
senschaft als reine Asthetik hat ihre vornehmsten Krafte der 
Ergriindung der einzelnen Gattungen der Dichtkunst zugewen- 
det, unter ihnen am haufigsten der Tragodie. Einen Kommentar 
hat man fast nur den grofien Werken der Klassik angedeihen 
lassen, wo er aufterhalb der klassischen Dramatik auftrat ist er 
wohl in hoherem Grade philologisch als asthetisch gewesen. Es 
soil hier ein asthetischer Kommentar zweier lyrischer Dichtun- 
gen versucht sein, und diese Absicht verlangt einige Vorbemer- 
kungen iiber die Methode. Die innere Form, dasjenige, was 
Goethe als Gehalt bezeichnete, soil an diesen Gedichten aufge- 
wiesen werden. Die dichterische Aufgabe, als Voraussetzung 
einer Bewertung des Gedichts, ist zu ermitteln. Nicht danach 
kann die Bewertung sich richten, wie der Dichter seine Aufgabe 
gelost habe, vielmehr bestimmt der Ernst und die Grofie der 
Aufgabe selbst die Bewertung. Denn diese Aufgabe wird aus 
dem Gedichte selbst abgeleitet. Sie ist audi als Voraussetzung 
der Dichtung zu verstehen, als die geistig-anschauliche Struktur 
derjenigen Welt, von der das Gedicht zeugt. Diese Aufgabe, die- 
se Voraussetzung soil hier als der letzte Grund verstanden sein, 
der einer Analysis zuganglich ist. Nichts iiber den Vorgang 
des lyrischen Schaffens wird ermittelt, nichts iiber Person oder 
Weltanschauung des Schopfers, sondern die besondere und einzig- 
artige Sphare, in der Aufgabe und Voraussetzung des Gedichts 
liegt. Diese Sphare ist Erzeugnis und Gegenstand der Unter- 
suchung zugleich. Sie selbst kann nicht mehr mit dem Gedicht 
verglichen werden, sondern ist vielmehr das einzig Feststellbare 
der Untersudiung. Diese Sphare, welche fiir jede Dichtung eine 
besondere Gestalt hat, wird als das Gedichtete bezeichnet. In ihr 
soil jener eigentumliche Bezirk erschlossen werden, der dieWahr- 
heit der Dichtung enthalt. Diese »Wahrheit«, die gerade die 
ernstesten Kiinstler von ihren Schopfungen so dringend behaup- 
ten, soil verstanden sein als Gegenstandlichkeit ihres Schaffens, 
als die Erfiillung der jeweiligen kunstlerischen Aufgabe. »Jedes 
Kunstwerk hat ein Ideal a priori, eine Notwendigkeit bei sich, 



106 Metaphysisch-geschichtsphilosopliische Studien 

da zu sein.« (Novalis) Das Gedichtete ist in seiner allgemeinen 
Form synthetische Einheit der geistigen und anschaulichen Ord- 
nung. Diese Einheit erhalt ihre besondere Gestalt als innere 
Form der besonderen Schopfung. 

Der Begriff des Gedichteten ist ein Grenzbegriff in doppelter 
Hinsicht. Er ist Grenzbegriff zunachst gegen den Begriff des 
Gedichts. Das Gedichtete unterscheidet sich als Kategorie asthe- 
tischer Untersuchung von dem Form-Stoff-Schema entscheidend 
dadurch, daf5 es die fundamentale asthetische Einheit von Form 
und Stoff in sich bewahrt und anstatt beide zu trennen, ihre 
immanente notwendige Verbindung in sich auspragt. Dies kann 
im folgenden, da es sich urn das Gedichtete einzelner Gedichte 
handelt, nicht theoretisch, sondern nur am einzelnen Fall be- 
merkt werden. Und zu einer theoretischen Kritik des Form- und 
Stoff-Begriffs in der asthetischen Bedeutung ist audi hier nicht 
der Ort. In der Einheit von Form und Stoff teilt also das Ge- 
dichtete eines der wesentlichsten Merkmale mit dem Gedicht 
selbst. Es ist selbst nach dem Grundgesetz des kunstlerischen Or- 
ganismus gebaut. Vom Gedicht unterschieden ist es als ein 
Grenzbegriff, als Begriff seiner Aufgabe, nicht schlechthin noch 
durch ein prinzipielles Merkmal. Vielmehr lediglich durch seine 
grofiere Bestimmbarkeit: nicht durch einen quantitativen Man- 
gel an Bestimmungen, sondern durch das potentielle Dasein der- 
jenigen, die im Gedicht aktuell vorhanden sind und andrer. Das 
Gedichtete ist eine Auflockerung der festen funktionellen Ver- 
bundenheit, die im Gedichte selbst waltet, und sie kann nicht 
anders entstehen als durch ein Absehen von gewissen Bestim- 
mungen; indem hierdurch das Ineinandergreifen, die Funk- 
tionseinheit der iibrigen Elemente sichtbar gemacht wird. Denn 
es ist durch das aktuelle Dasein aller Bestimmungen das Gedicht 
derart determiniert, dafi es nur noch als solches einheitlich auf- 
fafibar ist. Die Einsicht in die Funktion setzt aber die Mannig- 
faltigkeit der Verbindungsmoglichkeiten voraus. So besteht 
die Einsicht in die Fiigung des Gedichts in dem Erfassen seiner 
immer strengeren Bestimmtheit. Auf diese hochste Bestimmtheit 
im Gedicht hinzufuhren, muE das Gedichtete von gewissen Be- 
stimmungen absehen. 

Durch dieses Verhaltnis zur anschaulichen und geistigen Funk- 
tionseinheit des Gedichts zeigt sich das Gedichtete als Grenz- 



Zwei Gedichte von Friedrich Holderlin 107 

bestimmung gegen dieses. Zugleich ist es aber GrenzbegrifT ge- 
gen eine andere Funktionseinheit, wie denn stets ein Grenzbe- 
griff als Grenze zwischen zwei BegrifTen nur moglich ist. Diese 
andere Funktionseinheit ist nun die Idee der Aufgabe, entspre- 
chend der Idee der Losung, als welche das Gedicht ist. (Denn 
Aufgabe und Losung sind nur in abstracto trennbar.) Diese Idee 
der Aufgabe ist fiir den Schb'pfer immer das Leben. In ihm liegt 
die andere extreme Funktionseinheit. Das Gedichtete erweist 
sich also als Obergang von der Funktionseinheit des Lebens zu 
der des Gedichts. In ihm bestimmt sich das Leben durch das Ge- 
dicht, die Aufgabe durch die Losung. Es liegt nicht die indivi- 
duelle Lebensstimmung des Kiinstlers zum Grunde, sondern ein 
durch die Kunst bestimmter Lebenszusammenhang. Die Kate- 
gorien, in denen diese Sphare, die Obergangssphare der beiden 
Funktionseinheiten, erfafibar ist, sind noch nicht vorgebildet 
und haben am nachsten vielleicht eine Anlehnung an die Be- 
grirTe des Mythos. Grade die schwachsten Leistungen der Kunst 
beziehen sich auf das unmittelbare Gefuhl des Lebens, die 
starksten aber, ihrer Wahrheit nach, auf eine dem Mythischen 
verwandte Sphare: das Gedichtete. Das Leben ist allgemein das 
Gedichtete der Gedichte - so liefte sich sagen; doch je unver- 
wandelter der Dichter die Lebenseinheit zur Kunsteinheit iiber- 
zufiihren sucht, desto mehr erweist er sich als Stumper. Diese 
Stumperei als »unmittelbares Lebensgefiihl«, »Herzenswarme«, 
als »Gemiit« verteidigt, ja gefordert zu finden, sind wir ge- 
wohnt. An dem bedeutenden Beispiel Holderlins wird deutlich, 
wie das Gedichtete die Moglichkeit der Beurteilung der Dichtung 
gibt, als durch den Grad der Verbundenheit und GroEe seiner 
Elemente. Beide Kennzeichen sind untrennbar. Denn je mehr 
eine schlaffe Ausdehnung des Gefiihls die innere Grofie und Ge- 
stalt der Elemente (die wir annahernd als mythisch bezeichnen) 
ersetzt, desto geringer wird die Verbundenheit, desto mehr ent- 
steht - sei es ein liebenswertes, kunstloses Naturerzeugnis, sei es 
ein kunst- und naturfremdes Machwerk. Das Leben liegt als 
letzte Einheit dem Gedichteten zum Grunde. Je friiher aber die 
Analyse des Gedichts, ohne auf Gestaltung der Anschauung und 
Konstruktion einer geistigen Welt zu stofien, auf das Leben 
selbst als sein Gedichtetes fiihrt, desto - im engeren Sinne - 
stofflicher, formloser, unbedeutender erweist sich die Dichtung. 



io8 Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

Wahrend die Analysis der grofien Dichtungen nicht zwar auf 
den Mythos, aber auf eine durch die Gewalt der gegeneinander- 
strebenden mythischen Elemente gezeugte Einheit als eigentli- 
chen Ausdruck des Lebens stofien wird. 

Von dieser Natur des Gedichteten als Bezirkes gegen zwei 
Grenzen zeugt die Methode seiner Darstellung. Ihr kann es nicht 
um den Nachweis sogenannter letzter Elemente zu tun sein. 
Denn solche gibt es innerhalb des Gedichteten nicht. Vielmehr 
ist nichts andres als die Intensitat der Verbundenheit der an- 
schaulichen und der geistigen Elemente nachzuweisen und zwar 
zunachst an einzelnen Beispielen. Aber eben in diesem Nachweis 
mufi sichtbar sein, dafi es sich nicht um Elemente, sondern um 
Beziehungen handelt, wie ja das Gedichtete selbst eine Sphare 
der Beziehung von Kunstwerk und Leben ist, deren Einheiten 
selbst durchaus nicht erfafibar sind. Das Gedichtete wird sich so 
als die Voraussetzung des Gedichts, als seine innere Form, als 
kunstlerische Aufgabe zeigen. Das Gesetz, nach dem alle schein- 
baren Elemente der Sinnlichkeit und der Ideen sich als In- 
begriffe der wesentlichen, prinzipiell unendlichen Funktionen 
zeigen, wird das Identitatsgesetz genannt. Damit wird die syn- 
thetische Einheit der Funktionen bezeichnet. Sie wird in ihrer 
jeweils besonderen Gestalt als ein Apriori des Gedichts erkannt. 
Die Ermittelung des reinen Gedichteten, der absoluten Aufgabe, 
mufi nach allem Gesagten das rein methodische, ideelle Ziel 
bleiben. Das reine Gedichtete wiirde aufhoren Grenzbegriff zu 
sein: es ware Leben oder Gedicht. - Ehe die Anwendbarkeit 
der Methode fiir die Asthetik der Lyrik uberhaupt, vielleicht 
auch fur fernere Bezirke geprufl ist, verbieten sich weitere Aus- 
fiihrungen. Erst dann kann sich klar ergeben, was Apriori des 
einzelnen Gedichts, was ein solches des Gedichts uberhaupt oder 
gar andrer Dichtungsarten, oder selbst der Dichtung uberhaupt 
ist. Deutlicher aber wird sich zeigen, dafi iiber lyrische Dich- 
tung das Urteil, wenn nicht zu beweisen, so doch zu begriinden 
ist. 

Zwei Gedichte Holderlins, »Dichtermut« und »Blodigkeit«, wie 
sie uns aus der Reife- und Spatzeit uberkommen sind, werden 
nach dieser Methode untersucht. Sie wird im Verlaufe die Ver- 
gleichbarkeit der Gedichte erweisen. Eine gewisse Verwandt- 
schaft verbindet sie, sodafi man von verschiedenen Fassungen 



Zwei Gedichte von Friedrich Holderlin 109 

sprechen konnte. Eine Fassung, die zwischen die friiheste und 
spateste gehort (»Dichtermut« zweite Fassung) bleibt als unwe- 
sentlicher hier unbesprochen. 

Die Betrachtung ergibt fiir die erste Fassung eine betrachtliche 
Unbestimmtheit des Anschaulichen und Unverbundenheit im 
einzelnen. So ist der Mythos des Gedichts vom Mythologischen 
noch durchwuchert. Das Mythologische erweist sich als Mythos 
erst in dem Mafie seiner Verbundenheit. An der inneren Einheit 
von Gott und Schicksal ist der Mythos erkennbar. Am Waken 
der dvayxT]. Ein Schicksal ist Holderlin in der ersten Fassung 
seines Gedichtes Gegenstand: der Tod des Dichters. Er besingt 
die Quellen des Mutes zu diesem Tode. Dieser Tod ist die Mitte, 
aus der die Welt des dichterischen Sterbens entspringen sollte. 
Das Dasein in jener Welt ware der Mut des Dichters. Aber hier 
ist nur der wachsamsten Ahnung ein Strahl dieser Gesetzlichkeit 
aus einer Welt des Dichters fuhlbar. Schiichtern erhebt sich erst 
die Stimme, einen Kosmos zu singen, dem der Tod des Dichters 
den eignen Untergang bedeutet. Der Mythos bildet sich viel- 
mehr aus der Mythologie. Der Sonnengott ist der Ahn des 
Dichters und sein Sterben ist das Schicksal, an dem der Tod des 
Dichters, erst gespiegelt, wirklich wird. Eine Schonheit, deren 
innere Quelle wir nicht kennen, lost die Gestalt des Dichters - 
kaum minder die des Gottes - auf, anstatt sie zu formen. - 
Noch begriindet sich der Mut des Dichters seltsam aus einer an- 
dern, fremden Ordnung. Aus der Verwandtschaft der Lebendi- 
gen. Von ihr gewinnt er Verbundenheit mit seinem Schicksal. 
Was hat dem dichterischen Mut die Volksverwandtschaft zu be- 
deuten? Nicht fuhlbar wird im Gedicht das tiefere Recht, aus 
dem der Dichter seinem Volk, den Lebendigen, sich anlehnt und 
ihnen verwandt fiihlt. Wir wissen diesen Gedanken einen der 
trostenden der Dichter, wissen ihn besonders teuer Holderlin. 
Dennoch kann jene Naturverbundenheit allem Volke uns hier 
nicht begriindet sein als Bedingung dichterischen Lebens. Warum 
feiert - und mit hoherem Recht - der Dichter nicht das Odi 
profanum? Dies darf, mufi gefragt werden, wo die Lebendigen 
noch keine geistige Ordnung begriinden. - Hochst erstaunlich 
greift, mit beiden Armen, der Dichter in fremde Weltordnungen, 
nach Volk und Gott, seinen eignen, den Mut der Dichter in sich 
aufzurichten. Aber der Gesang, das Innerliche des Dichters, die 



no Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

bedeutende Quelle seiner Tugend, erscheint, wo er genannt ist, 
schwach, ohne Gewalt und Grofie. Das Gedicht lebt in der grie- 
chischen Welt, eine dem Griechischen angenaherte Schonheit 
belebt es und von der Mythologie der Griechen ist es beherrscht. 
Das besondere Prinzip griechischer Gestaltung ist aber nicht rein 
entfaltet. »Denn seitdem der Gesang sterblichen Lippen sich | 
Frledenatmend entwand, frommend in Leid und Gluck | Unsre 
Weise der Menschen | Herz erfreute . . .«. Diese Worte ent- 
halten die Ehrfurcht vor der Gestalt des Dichterischen, die 
Pindar - und mit ihm den spaten Holderlin - erfiillte, nur sehr 
geschwacht. Auch die »Sanger des Volks«, jedem »ho!d«, dienen, 
so gesehen, nicht, einen anschaulichen Weltgrund diesem Gedicht 
zu legen. In der Gestalt des sterbenden Sonnengottes bezeugt 
sich am deutlichsten eine in alien Elementen unbezwungene 
Zweiheit. Noch spielt die idyllische Natur entgegen der Gestalt 
des Gottes ihre besondere Rolle. Die Schonheit - anders ge- 
sprochen - ist noch nicht restlos Gestalt geworden. Es flieftt auch 
die Vorstellung des Todes nicht aus reinem gestalteten Zusam- 
menhang, Der Tod selbst ist nicht - wie er spater verstanden 
ist - Gestalt in ihrer tiefsten Bindung, er ist Verloschen des pla- 
stischen, heroischen Wesens in der unbestimmten Schonheit der 
Natur. Raum und Zeit dieses Todes sind noch nicht im Geiste 
der Gestalt als Einhek entsprungen. Die gleiche Unbestimmtheit 
des formenden Prinzips, die so stark sich gegen das beschworne 
Griechentum abhebt, bedroht das ganze Gedicht. Die Schonheit, 
die fast stimmungsmaftig die schone Erscheinung des Gesanges 
der Heiterkeit des Gottes verbindet, diese Vereinzelung des 
Gottes, dessen mythologisches Schicksal nur eine analogische 
Bedeutung fur den Dichter aufbringt, sie entspringen nicht der 
Mitte einer gestalteten Welt, deren mythisches Gesetz der Tod 
ware. Sondern eine nur schwach gef iigte Welt stirbt mit der 
sinkenden Sonne in Schonheit. Das Verhaltnis der Gotter und 
Menschen zur dichterischen Welt, zur raumzeidichen Einheit, 
in der sie leben, ist nicht intensiv, auch nicht rein griechisch, 
durchgestaltet. Es mufi vollig erkannt werden, dafi das Gefiihl 
des Lebens, eines ausgebreiteten und unbestimmten Lebens, das 
garnicht konventionsfreie Grundgefuhl dieser Dichtung ist, dafi 
also daher die stimmungsvolle Verbindung ihrer in Schonheit 
vereinzelten Glieder sich herschreibt. Das Leben als unbezweifel- 



Zwei Gedichte von Friedridi Holderlin 1 1 1 

te - liebliche vielleicht, vielleicht erhabene - Grundtatsache 
bestimmt nodi (Gedanken auch verschleiernd) diese Welt Hol- 
derlins. Davon zeugt auf seltsame Art auch die sprachliche Bil- 
dung des Titels, da eine eigentiimliche Unklarheit jene Tugend 
auszeichnet, der man den Namen ihres Tragers beigibt, uns so 
auf eine Triibung ihrer Reinheit durch allzugrofk Lebensnahe 
dieser Tugend hinweisend. (Vergl. die Sprachbildung: Wei- 
bertreue) Ein fast fremder Klang fallt der SchluE mit Ernst in 
die Kette der Bilder »Und dem Geiste sein Recht nirgend ge- 
bricht«, diese gewaltige Mahnung, die dem Mute entsprungen 
ist, steht hier allein, und nur die Grofie eines Bildes findet aus 
einer friihern Strophe sich zu ihr »uns . . . | Aufgerichtet an 
goldnen | Gangelbanden, wie Kinder, halt.« Die Verbunden- 
heit des Gottes mit Menschen ist nach starren Rhythmen in ein 
grofies Bild gezwungen. Aber in seiner Vereinzelung vermag es 
nicht, den Grund jener verbundenen Machte zu deuten und ver- 
liert sich. Erst die Gewalt der Umwandlung wird es deutlich 
und auszusprechen schicklich machen: das dichterische Gesetz 
hat sich dieser holderlinschen Welt noch nicht erfiillt. 
Was innerster Zusammenhang jener dichterischen Welt bedeutet, 
die angedeutet die erste Fassung enthalt, und wie Vertiefung 
die Umwalzung der Struktur bedingt, wie von der gestalteten 
Mitte her notwendig Gestaltung von Vers zu Vers dringt, dies 
ergibt die letzte Fassung. Die unanschauliche Lebensvorstellung, 
ein unmythischer, schicksalloser Lebensbegriff aus einer geistig 
unbetrachtlichen Sphare, wurde als bindende Voraussetzung des 
friiheren Entwurfes gefunden. Wo Vereinzelung der Gestalt, 
Beziehungslosigkeit des Geschehens war, tritt nun die anschau- 
lich-geistige Ordnung, der neue Kosmos des Dichters. Schwer ist 
es, einen moglichen Zugang zu dieser vollig einheitlichen und 
einzigen Welt zu gewinnen. Die Undurchdnnglichkeit der Be- 
ziehungen stellt jedem andern als fiihlenden Erfassen sich ent- 
gegen. Die Methode verlangt, von Verbundnem von Anfang an 
auszugehen, um Einsicht in die Fiigung zu gewinnen. Vom Ge- 
staltzusammenhange her vergleiche man den dichterischen Auf- 
bau belder Fassungen, so der Mitte der Verbundenheiten lang- 
sam zustrebend. Es wurde die unbestimmte Zugehorigkeit von 
Volk und Gott zu einander (wie auch zum Dichter) friiher schon 
erkannt. Dagegen steht die gewaltige Zugehorigkeit der einzel- 



ii2 Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

nen Spharen im letzten Gedicht. Die Gotter und die Lebendigen 
sind im Schicksal des Dichters ehern verbunden. Aufgehoben ist 
die hergebrachte und einfache Oberordnung der Mythologie. 
Vom Gesang, der sie »der Einkehr zu« fiihrt, ist gesagt, dafS er 
»Himmlischen glekh« Menschen fiihre - und die Himmlisdien 
selbst. Aufgehoben ist also der eigentliche . Grund der Verglei- 
chung, denn der Fortgang sagt: audi die Himmlisdien, und sie 
nicht anders als die Menschen, fiihrt der Gesang. Die Ordnung 
der Gotter und Menschen ist hier - in der Mitte des Gedichts - 
seltsam gegen einander gehoben, die eine geglichen durch die 
andere. (Wie zwei Waagschalen: man belafit sie in ihrer Gegen- 
stellung, doch hebt sie vom Waagebalken.) Damit tritt sehr 
vernehmlich das formale Grundgesetz des Gedichteten auf, 
der Ursprung jener Gesetzlichkeit, deren Erfiillung der letzten 
Fassung das Fundament gibt. Dieses Gesetz der Identitat besagt, 
daft alle Einheiten im Gedicht schon in einer intensiven Durch- 
dringung erscheinen, niemals die Elemente rein erfafibar sind, 
vielmehr nur das Gefiige der Beziehungen, in dem die Identitat 
des einzelnen Wesens Funktion einer unendlichen Kette von 
Reihen ist, in denen das Gedichtete sich entfaltet. Das Gesetz, 
nach dem sich alle Wesenheiten im Gedichteten als Einheit der 
prinzipiell unendlichen Funktionen zeigen, ist das Identitats- 
gesetz. Kein Element kann irgend bezugsfrei sich aus der 
Intensitat der Weltordnung, die im Grunde gefiihlt ist, heraus- 
heben. An alien einzelnen Fugungen, der innern Form der Stro- 
phen und Bilder wird dies Gesetz sich erfullt zeigen, um 
schlieftlich in der Mitte aller dichterischen Beziehungen dies zu 
bewirken: die Identitat der anschaulichen und geistigen For- 
men unter- und miteinander - die raumzeitliche Durchdringung 
aller Gestalten in einem geistigen InbegrifT, dem Gedichteten, 
das identisch dem Leben ist. - Hier aber mufi nur die gegen- 
wartige Gestalt dieser Ordnung genannt sein: die vom Mytholo- 
gischen weitabliegende Ausgleichung der Spharen der Lebendi- 
gen und der Himmlischen (so nennt Holderlin sie meist). Und 
es erhebt sich nach den Himmlischen, sogar nach Nennung des 
Gesanges, nochmals »der Fiirsten | Chor nach Arten«. So dafi 
hier, um die Mitte des Gedichts, Menschen, Himmlische und 
Fiirsten, gleichsam abstiirzend aus ihren alten Ordnungen, zu 
einander gereiht sind. Dafi aber jene mythologische Ordnung 



Zwei Gedichte von Friedrich Holderlin 113 

nicht entscheidet, dafi ein ganz andrer Kanon der Gestalten 
dieses Gedicht durchzieht, liegt am erleuchtetsten in der Drei- 
teilung, in der Fiirsten noch einen Platz neben Himmlischen 
und Menschen behaupten. Diese neue Ordnung der dichterischen 
Gestalten - der Gotter und der Lebendigen - beruht in der 
Bedeutung, die beide fur das Schicksal des Dichters haben wie fur 
die sinnliche Ordnung seiner Welt. Gerade deren eigentlicher 
Ursprung, wie Holderlin ihn sah, kann sich erst am Ende als 
das Beruhende aller Beziehungen ergeben, und was friiher sicht- 
bar ist, ist nur die Verschiedenheit der Dimensionen dieser Welt 
und dieses Schicksals, die sie an Gottern und Lebendigen anneh- 
men, und eben: das vollige Leben dieser einst so abgesonderten 
Gestaltenwelten im dichterischen Kosmos. Das Gesetz, das for- 
mal und allgemein die Bedingung fur den Bau dieser dichteri- 
schen Welt zu sein schien, beginnt nun aber, fremd und gewaltig, 
sich zu entfalten. - Alle Gestalten gewinnen, im Zusammen- 
hang des dichterischen Schicksals Identitat, dafi sie darin mit 
einander aufgehoben in einer Anschauung sind, und so selbst- 
herrlich sie erscheinen, schlieftlich zuriickfallen in die Gesetztheit 
des Gesanges. Die wachsende Bestimmtheit gesteigerter Gestal- 
ten wird in den Anderungen gegen die erste Fassung am ein- 
dringlichsten erkannt. Es wird sich die Konzentration der 
poetischen Kraft an jeder Stelle Raum schaffen und der strenge 
Vergleich wird den Grund noch der geringsten Abweichung als 
den einheitlichen erkennen lassen. Dabei mufi sich denn iiber die 
innere Absicht, audi wo die erste Fassung nur schwachlich ihr 
folgte, das Wichtige ergeben. Das Leben im Gesange, im unwan- 
delbaren dichterischen Schicksal, das Gesetz der holderlinschen 
Welt ist, verfolgen wir am Gestaltzusammenhang. 
Es gehen in gewichtig sehr abgehobnen Ordnungen Gotter und 
Sterbliche in entgegengesetztem Rhythmus durch das Gedicht. 
Im Fortgang und im Zuriickgehen von der Mittelstrophe wird 
dies deutlich. Eine hochst geordnete, wenn schon verborgne Ab- 
folge der Dimensionen wird vollzogen. Die Lebendigen sind, 
jeweils deutlich, in dieser Welt Holderlins, die Erstreckung des 
Raumes, der gebreitete Plan, in dem (wie noch sichtbar werden 
wird) sich das Schicksal erstreckt. In Hoheit - oder an Orienta- 
lisches gemahnender Weitlaufigkeit - setzt der Anruf ein »Sind 
denn nicht dir bekannt viele Lebendigen ?« Welche Funktion 



ii4 Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

hat der Eingangsvers der ersten Fassung? Die Verwandtschaft 
des Dichters mit alien Lebendigen war angerufen als Ursprung 
des Mutes. Und es blieb nichts, als ein Bekannt-Sein^ ein Ken- 
nen der Vielen. Die Frage nach dem Ursprung dieser Bestimmt- 
heit der Menge durdi den Genius, dem sie »bekannt« ist, fiihrt 
in die Zusammenhange des Folgenden. Viel, sehr viel iiber den 
Kosmos Holderlins ist in diesen folgenden Worten gesagt, die - 
wieder fremd wie aus ostlicher Welt und doch wieviel urspriing- 
licher als die griechische Parze - dem Dichter Hoheit geben. 
»Geht auf Wahrem dein Fufi nicht, wie auf Teppichen?« Die 
Umwandlung des Gedichtanfanges in seiner Bedeutung fiir die 
Art des Mutes setzt sich fort. Die Anlehnung an die Mythologie 
weicht dem Zusammenhang des eigenen Mythos. Denn hier 
hiefie es an der Oberflache bleiben, wollte man nur die Umset- 
zung der mythologischen Anschauung in eine nuchterne des 
Gehens erkennen; oder nur erkennen, wie die Abhangigkeit in 
der Urfassung (»Nahrt zum Dienste denn nicht selber die Parze 
dich?«) zu einer Setzung in der zweiten wird (»Geht auf Wah- 
rem dein Fufr nicht . . .?«). - Analog war das »verwandt« der 
ersten Fassung zu einem »bekannt« gesteigert: eine Aktivitat 
aus einem Abhangigkeitsverhaltnis geworden. - Sondern ent- 
scheidend ist die Umsetzung dieser Aktivitat selbst wiederum 
ins Mythische, aus dem die Abhangigkeit im friihern Gedicht 
flofi. Es griindet sich aber der mythische Charakter dieser Akti- 
vitat darin, dafi sie selbst gemafi dem Schicksal verlauft, ja sei- 
nen Vollzug schon in sich begreift. Wie alle Aktivitat des Dich- 
ters in schicksalgemafi bestimmte Ordnungen greift und so in 
diesen Ordnungen ewig aufgehoben ist und sie selber aufhebt, 
dafur zeugt die Existenz des Volkes, ihre Nahe zum Dichter. 
Sein Kennen der Lebendigen, ihr Dasein beruht auf der Ord- 
nung, die im Sinne des Gedichtes die Wahrheit der Lage zu nen- 
nen ist. Die Moglichkeit des zweiten Verses mit der unerhorten 
Spannkraft seines Bildes, setzt die Wahrheit der Lage als Ord- 
nungsbegriff der holderlinschen Welt notwendig voraus. Die 
raumliche und geistige Ordnung erweisen sich verbunden durch 
eine Identitat des Bestimmenden mit dem Bestimmten, die ihnen 
gemeinsam eignet. Diese Identitat ist in beiden Ordnungen nicht 
die gleiche sondern die identische und durch sie durchdringen 
sie sich zur Identitat miteinander. Denn entscheidend ist fiir das 



Zwei Gedichte von Friedrich Holderlin 1 1 5 

raumliche Prinzip: es erfiillt in der Anschauung die Identitat des 
Bestimmenden mit dem Bestimmten. Die Lage ist fur diese Ein- 
heit Ausdruck; der Raum ist zu fassen als Identitat von Lage 
und Gelegnem. Allem Bestimmenden im Raum ist immanent 
dessen eigne Bestimmtheit. Jede Lage ist im Raum allein be- 
stimmt und allein in ihm bestimmend. Wie nun im Bilde des 
Teppichs (da eine Ebene fur ein geistiges System gesetzt ist) zu 
erinnern ist an seine Musterhaftigkeit, die geistige Willkiir des 
Ornamentes im Gedanken zu sehen ist - und also das Orna- 
ment eine wahre Bestimmung der Lage ausmacht, sie absolut 
macht - so wohnt der beschreitbaren Ordnung der Wahrheit 
selbst die intensive Aktivitat des Ganges als innere plastisch 
zeitliche Form ein. Beschreitbar ist dieser geistige Bezirk, welcher 
gleichsam den Schreitenden mit jedem Willkiirschritte im Bereich 
des Wahren notwendig belafit. Diese geistig-sinnlichen Ordnun- 
gen machen in ihrem Inbegriff die Lebendigen aus, in denen alle 
Elemente dichterischen Schicksals in einer innern und besondern 
Form gelagert sind. Die zeitliche Existenz in der unendlichen 
Erstreckung, die Wahrheit der Lage, bindet die Lebendigen an 
den Dichter. Im gleichen Sinne erweist sich die Verbundenheit 
der Elemente in der Beziehung von Volk und Dichter noch in 
der Endstrophe. »Gut auch sind und geschickt einem zu etwas 
wir«. Nach einem (vielleicht allgemeinen) Gesetz der Lyrik er- 
reichen die Worte ihren anschaulichen Sinn im Gedicht, ohne 
den ubertragnen daran zu geben. So durchdringen sich in dem 
Doppelsinn des Wortes »geschickt« zwei Ordnungen. Bestim- 
mend und bestimmt erscheint der Dichter unter den Lebendigen. 
Wie in dem Partizipium »geschickt« eine zeitliche Bestimmung 
die raumliche Ordnung im Geschehen, die Eignung, vollendet, 
ist nochmals in der Zweckbestimmung: »einem zu etwas« diese 
Identitat der Ordnungen wiederholt. Als miifke durch die Ord- 
nung der Kunst die Belebung doppelt deutlich werden, ist alles 
andere ungewift gelassen und die Vereinzelung innerhalb grower 
Erstreckung in dem » einem zu etwas« angedeutet. Nun ist er- 
staunlich, wie an dieser Stelle, da doch das Volk auf das hochste 
abstrakt bezeichnet ist, aus dem Innern dieser Zeile eine fast 
Neugestalt des konkretesten Lebens sich erhebt. Wie als inner- 
stes Wesen des Sangers das Schickliche sich finden wird, als 
seine Grenze gegen das Dasein, so erscheint dies hier vor den 



u6 Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

Lebendigen als das Geschickte; dafi die Identitat entsteht, in 
einer Form: Bestimmendes und Bestimmtes, Mitte und Erstrek- 
kung. Die Aktivitat des Dichters findet an den Lebendigen 
sich bestimmt, die Lebendigen aber bestimmen in ihrem konkre- 
ten Dasein - »einem zu etwas« - sich an dem Wesen des Dich- 
ters. Als Zeichen und Schrift der unendlichen Erstreckung seines 
Schicksals besteht das Volk. Dieses Schicksal selbst ist, wie spa- 
ter deutlich wird, der Gesang. Und so als Symbol des Gesanges 
hat das Volk den Kosmos Holderlins zu erfiillen. Das gleiche 
erweist die Verwandlung, die aus »Dichtern des Volks« »Zun- 
gen des Volks« schuf. Vorbedingung dieser Dichtung ist, immer 
mehr die einem neutralen »Leben« entlehnten Gestalten in Glie- 
der einer mythischen Ordnung zu verwandeln. Gleich stark sind 
in dieser Wendung Volk und Dichter dieser Ordnung einbezo- 
gen. Besonders fiihlbar wird in diesen Worten die Abkehr des 
Genius in seiner Herrschaft. Denn es ist der Dichter, mit ihm das 
Volk, aus dem er singt, ganz in den Kreis des Gesanges hinein 
versetzt, und eine flachenhafte Einheit des Volkes mit seinem 
Sanger (im dichterischen Schicksal) ist von neuem der Abschluft. 
Nun crscheint - diirfen wir es byzantinischen Mosaiken ver- 
gleichen? - entpersonlicht das Volk, wie in der Flache gedrangt 
um die flache grofte Gestalt seines heiligen Dichters. Dies Volk 
ist ein andres, wesensbestimmteres als das der ersten Fassung; 
eine andere Lebensvorstellung entspricht ihm: »Drum, mein 
Genius, tritt nur | Bar ins Leben und sorge nicht!« Das »Leben« 
liegt hier aufterhalb des dichterischen Daseins, es ist in der 
neuen Fassung nicht Voraussetzung, sondern Gegenstand einer 
mit machtiger Freiheit vollzognen Bewegung: der Dichter tritt 
ins Leben, er wandelt nicht in ihm fort. Die Einordnung des 
Volkes in jene Lebensvorstellung der ersten Fassung ist zu einer 
Schicksalverbundenheit der Lebendigen mit dem Dichter gewor- 
den. »Was geschiehet, es sei alles gelegen dir!« Die friihere Fas- 
sung hat an dieser Stelle »gesegnet«. Es ist der gleiche Vorgang 
einer Verlagerung des Mythologischen, der iiberall die innere 
Form der Umarbeitung ausmacht. »Gesegnet« ist eine vom Tran- 
szendenten, herkommlich Mythologischen abhangigeVorstellung, 
die nicht vom Zentrum des Gedichtes her (etwa dem Genius) 
verstanden ist. »Gelegen« greift vollig wieder ins Zentrum zu- 
riick, es bedeutet ein Verhaltnis vom Genius selbst, in dem das 



Zwei Gedichte von Friedrich Holderlin 117 

rhetorische »sei« dieser Strophe aufgehoben wird durch die Ge- 
genwart dieser »Gelegenheit«. Die raumliche Erstreckung ist 
von neuem gegeben und gleichen Sinnes wie vorher. Wieder geht 
es um die Gesetzlichkek der guten Welt, in der die Lage zu- 
gleich das Gelegene durch den Di enter ist, wie ihm das Wahre 
beschreitbar sein mu(i. Holderlin beginnt einmal ein Gedicht: 
»Sei froh! Du hast das gute Los erkoren«. Wo der Erkorne ge- 
meint ist; dem besteht nur das Los und also das gute. Gegen- 
stand dieser identischen Beziehung zwischen Dichter und Schick- 
sal sind die Lebendigen. Die Bildung »Sei zur Freude gereimt« 
legt die sinnliche Ordnung des Klanges zum Grunde. Und es 
ist im Reim auch hier die Identitat zwischen Bestimmendem und 
Bestimmtem gegeben, wie etwa die Struktur der Einheit er- 
scheint als halbe Doppelheit. Nicht substanziell sondern funktional 
ist die Identitat als Gesetz gegeben. Nicht die Reimworte selbst 
sind genannt. Denn selbstverstandlich bedeutet »zur Freude ge- 
reimt« auf Freude gereimt so wenig, »wie gelegen dir« das »du« 
selbst zu einem Gelagerten, Raumlichen macht. Wie das Gele- 
gene als ein Verhaltnis vom Genius erkannt wurde (nicht zu 
ihm), so ist der Reim eine Beziehung von der Freude (nicht zu 
ihr). Vielmehr hat jene Bilddissonanz, der in aufierstem Nach- 
druck eine lautliche anklingt, die Funktion, die innewohnende 
geistige Zeitordnung der Freude sinnbar, lautbar zu machen, in 
der Kette eines unendlich erstreckten Geschehens, das den un- 
endlichen Moglichkeiten des Reimes entspricht. So rief die 
Dissonanz im Bilde des Wahren und des Teppichs die Beschreit- 
barkeit als einende Beziehung der Ordnungen hervor, wie die 
»Gelegenheit« die geistig-zeitliche Identitat (die Wahrheit) der 
Lage bedeutete. Diese Dissonanzen heben im dichterischen Ge- 
fuge die aller raumlichen Beziehung einwohnende zeitliche Iden- 
titat und damit die absolut bestimmende Natur des geistigen 
Daseins innerhalbder identischen Erstreckung hervor. Trager die- 
ser Beziehung sind vorwiegend deutlich die Lebendigen. Eine 
Bahn und schickliches Ziel muft gerade nach den Extremen der 
Bildhaftigkeit jetzt anders sichtbar sein, als nach dem idylhschen 
Weltfuhlen, das in friiherer Zeit diesen Versen voranging: 
»oder was konnte denn j Dich beleidigen, Herz, was | Da begeg- 
nen, wohin du sol 1st? « An dieser Stelle darf, die wachsende Ge- 
walt, mit der die Strophe sich dem Ende zufiihrt, wahrzuneh- 



1 1 8 Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

men, die Interpunktion beider Entwiirfe verglichen werden. Wie 
in der folgenden Strophe Sterbliche mit gleicher Bedeutung wie 
Himmlische dem Gesang genahert werden, ist nun erst ganz 
begreiflich, da sie sich erfiillt vom dichterischen Schicksal fan- 
den. Seiner Eindringlichkeit nach verstanden zu werden, mufi 
dies alles verglichen sein mit dem Grade von Gestalt, den in der 
ursprunglichen Fassung Holderlin dem Volke .verlieh. Da es er- 
freut wurde vom Gesang, verwandt dem Dichter war und von 
Dichtern des Volks gesprochen werden durfte. Allein hierin diirf- 
te die strengere Gewalt eines Weltbildes schon vermutet wer- 
den, das die friiher schon nur von fern erstrebte schicksalhafte 
Bedeutung des Volkes gefunden hat, in einer Anschauuhg, die 
es zur sinnlich-geistigen Funktion des dichterischen Lebens 
macht. 

Neue Bestimmtheit gewinnen diese Verhaltnisse, die besonders 
in Hinsicht der Funktion der Zeit noch dunkel geblieben sind, 
indem ihre eigentumliche Umwandlung an der Gestalt der Got- 
ter verfolgt wird. Durch die innere Gestalt, die in dem neuen 
Weltbau ihnen eignet, wird das Wesen des Volkes - als durch 
seinen Gegensatz - genauer ermittelt. So wenig die erste Fassung 
eine Bedeutung der Lebendigen kennt, dereri innere Form ihr 
Dasein als einbezogen in das dichterische Schicksal, bestimmt 
und bestimmend, wahr im Raum, ist - so wenig ist in ihr eine 
besondere Ordnung der Gotter erkennbar. Es geht aber durch 
die neue Fassung eine Bewegung in plastisch-intensiver Rich- 
tung, und diese lebt in den Gottern am starksten. (Neben der 
Richtung, die, im Volke dargestellt, die raumliche Richtung 
auf das unendliche Geschehen hat.) Es sind die Gotter zu hochst 
besondern und bestimmten Gestalten geworden, an denen das 
Gesetz der Identitat vollig neu gefafk ist. Die Identitat der 
gottlichen Welt und ihre Beziehung zum Schicksal des Sangers 
ist verschieden von der Identitat in der Ordnung der Lebendi- 
gen. Dort war ein Geschehen in seiner Bestimmtheit durch und 
fur den Dichter als ausein und derselben Quelle flieftenderkannt. 
Der Dichter erlebte das Wahre. So war das Volk ihm bekannt. 
In der gottlichen Ordnung aber liegt, wie sich zeigen wird, eine 
besuadere innere Identitat der Gestalt vor. Diese Identitat fand 
man angedeutet schon im Bilde des Raumes und etwa in der 
Bestimmung der Flache durch das Ornament. Aber zum Be- 



Zwei Gedichte von Friedrich Holderlin 119 

herrschenden einer Ordnung geworden fuhrt sie eine Versach- 
lichung des Lebendigen herauf. Es entsteht eine eigentumliche 
Verdopplung der Gestalt (die sie mit raumlichen Bestimmungen 
verbindet) indem eine jede in sich nochmals ihre Konzentration 
vorfindet, eine rein immanente Plastik als Ausdruck ihres 
Daseins in der Zeit in sich tragt. In dieser Richtung der Konzen- 
tration streben die Dinge zum Dasein als reine Idee und be- 
stimmen das Schicksal des Dichters in der reinen Welt der Ge- 
stalten. Die Plastik der Gestalt wird als das Geistige erwiesen. 
So ist der »denkende Tag« aus dem »frdhlichen« geworden. Der 
Tag ist durch ein Beiwort nicht in seiner Eigenschaft gekennzeich- 
net, sondern es wird ihm die Gabe beigelegt, welche gerade 
die Bedingung der geistigen Identitat des Wesens ist: das Den- 
ken. Es erscheint nun der Tag in dieser neuen Fassung auf das 
hochste gestaltet, ruhend, mit sich selbst einstimmend im Be- 
wufksein, als eine Gestalt von innerer Plastik des Daseins, der 
die Identitat des Geschehens in der Ordnung der Lebendigen 
entspricht. Von den Gottern her erscheint der Tag als gestalte- 
ter Inbegrifr" der Zeit. Von dem gewinnt es nun als gleichsam 
einem Beharrenden einen viel tieferen Sinn, dafi der Gott ihn 
gonnt. Diese Vorstellung, der Tag sei gegonnt, ist sehr streng zu 
trennen von einer hergebrachten Mythologie, die den Tag 
schenken lafit. Denn hier ist schon, was mit bedeutenderer 
Gewalt sich spater zeigt, angedeutet: dafi die Idee zur Versach- 
lichung der Gestalt fiihrt und daft die Gotter ganz ihrer eignen 
Plastik anheimgegeben sind, den Tag nur gonnen oder miEgon- 
nen konnen, da an Gestalt der Idee sie am nachsten sind. Wie- 
der darf hier auf die Steigerung der Absicht im rein Lautlichen: 
durch Alliteration hingedeutet werden. Die bedeutende Schon- 
heit, mit der hier der Tag zum plastischen und eben zugleich 
kontemplativen Prinzip erhoben wird, flndet im Anfang des 
»Chiron« sich gesteigert wieder: »Wo bist du, Nachdenkliches! 
das immer mu(! | Zur Seite gehn zu Zeiten, wo bist du, Licht?« 
Die gleiche Anschauung hat den zweiten Vers der fiinften Stro- 
phe sehr innerlich verwandelt und auf das hochste verfeinert 
gegen die entsprechende Stelle der friiheren Fassung. Ganz im 
Gegensatz zur »tliichtigen Zeit«, zu den »Verganglichen« ist in 
der Neufassung dieser Zeile das Beharrende, die Dauer in der 
Gestalt der Zeit und der Menschen entwickelt worden. Die 



iao Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

»Wende der 2eit« erfaik offenbar noch den Augenblick der 
Beharrung, gerade das Moment innerer Plastik in der Zeit. Und 
dafi dieses Moment innrer zeitlicher Plastik zentral ist, dies 
kann wie die zentrale Bedeutung der andern bisher erwiesenen 
Erscheinungen erst spater ganz deutlich werden. Den gleichen 
Ausdruck hat das folgende »uns die Entschlafenden«. Wieder 
ist der Ausdruck tiefster Identitat der Gestalt (im Schlafe) ge- 
geben. Es ist sdion hier an das heraklitische Wort zu erinnern: 
Im Wachen sehen wir zwar den Tod, im Schlafe aber den Schlaf. 
Um diese plastische Struktur des Gedankens in seiner Intensitat 
handelt es sich, wie hierfiir das kontemplativ erfullte Bewufit- 
sein den letzten Grund bildet. Die gleiche Identitatsbeziehung, 
die hier im intensiven Sinne zur zeitlichen Plastik der Gestalt 
fuhrt, mu6 im extensiven Sinne zu einer unendlichen Gestalt- 
form fuhren, zu einer gleichsam eingesargten Plastik, in der die 
Gestalt mit dem Gestaltlosen identisch wird. Die Versachlichung 
der Gestalt in der Idee bedeutet zugleich: ihr immer unbegrenz- 
teres und unendliches Umsichgreifen, die Vereinigung der Ge- 
stalten in der Gestalt schlechthin, zu der die Gotter werden. Es 
ist durch sle der Gegenstand gegeben, an dem das dichterische 
Schicksal sich begrenzt. Die Gotter bedeuten dem Dichter die 
unermefiliche Gestaltung seines Schicksals, wie die Lebendigen 
noch die weiteste Erstreckung des Geschehens als im Bereiche 
dichterischen Schicksals verbiirgen. Diese Bestimmung des Schick- 
sals durch Gestaltung macht die Gegenstandlichkeit des dichte- 
rischen Kosmos aus. Zugleich aber bedeutet sie die reine Welt 
zeitlicher Plastik im Bewufksein; die Idee wird in ihr herrschend; 
wo vordem das Wahre der Akdvitat des Dichters einbeschlossen 
war, tritt es nun beherrschend in sinnlicher Erfulltheit auf. In 
der Formung dieses Weltbildes wird immer strenger jede An- 
lehnung an konventionelle Mythologie getilgt. Fiir das entleg- 
nere »Ahne« tritt der »Vater« ein, der Sonnengott ist in einen 
Gott des Himmels verwandelt. Die plastische, ja architektoni- 
sche Bedeutung des Himmels ist unendlich viel groEer als die 
der Sonne. Zugleich aber ist hier deutlich, wie fortschreitend 
den Unterschied zwischen Gestalt und Gestaltlosem der Dichter 
aufhebt; und der p-Iimmel bedeutet so sehr eine Ausdehnung, 
als auch zugleich eine Verringerung der Gestalt, im Vergleich 
mit der Sonne. Die Gewalt dieses Zusammenhanges erhellt das 



Zwei Gedichte von Friedrich Holderlin 121 

folgende »Aufgerichtet an goldnen | Gangelbanden, wie Kin- 
der, halt.« Wieder mufi die Starrheit und Unzuganglichkeit 
des Bildes an orientalisches Sehen gemahnen. Indem mitten im 
ungestalteten Raume die plastische Verbindung mit dem Gott 
gegeben - ihrer Intensitat nach durch die Farbe betont, die ein- 
zige, die die neue Fassung enthalt - wirkt diese Zeile auf das 
seltsamste fremd und fast ertotend. Das ardiitektonische Ele- 
ment ist so stark, dafi es der Beziehung, die im Bilde des Him- 
mels gegeben war, entspricht. Die Gestalten der dichterischen 
Welt sind unendlich und doch begrenzend zugleich; es mufi dem 
inneren Gesetz zufolge die Gestalt eben so sehr im Dasein des 
Gesanges aufgehoben sein und in ihn eingehen, wie die beweg- 
ten Krafte der Lebendigen. Audi der Gott mufi am Ende dem 
Gesange zum Besten dienen und sein Gesetz vollstrecken, wie das 
Volk Zeichen seiner Erstreckung sein mufite. Dies erfiillt sich 
am Ende: »und von den Himmlischen | Einen bringen.« Die 
Gestaltung, das innerlich plastische Prinzip, ist so gesteigert, dafi 
das Verhangnis der toten Form iiber den Gott hereingebrochen 
ist, dafi - um im Bilde zu sprechen - die Plastik von innen 
nach aufien umschlug und nun vollig der Gott zum Gegenstande 
wurde. Die zeitliche Form ist von innen nach aufien gebrochen 
als Bewegtes. Der Himmlische wird gebracht. Hier liegt ein 
hochster Ausdruck von Identitat vor: der griechische Gott ist 
seinem eignen Prinzip, der Gestalt, ganz >anheimgefallen. Der 
hochste Frevel ist gedeutet: v$qi<;, die ganz nur dem Gott er- 
reichbar, bildet zur toten Gestalt ihn um. Sich selbst Gestalt 
geben, das heifit ijpoig. Der Gott hort auf, den Kosmos des 
Gesanges zu bestimmen, dessen Wesen vielmehr - mit Kunst - 
erwahh sich frei das Gegenstandliche: er bringt den Gott, da 
Goner schon zum versachlichten Sein der Welt im Gedanken 
geworden sind. Es ist schon hier die bewundrungswiirdige Fu- 
gung der letzten Strophe zu erkennen, in der das immanente 
Ziel aller Gestaltung dieses Gedichts sich zusammenfafit. Die 
raumliche Erstreckung der Lebendigen bestimmt sich in dem 
zeitlich innerlichen Eingreifen des Dichters: so erklarte sich das 
Wort »geschickt«; in der gleichen Vereinzelung, in der das Volk 
zu einer Reihe von Funktionen des Schicksals geworden ist. »Gut 
audi sind und geschickt einem zu etwas wir« - ist der Gott 
Gegenstand in seiner toten Unendlichkeit geworden, der Dichter 



1^2 Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

ergreift ihn. Die Ordnung von Volk und Gott als aufgelost in 
Einheiten wird hier zur Einheit im dichterisciien Schicksal. Es ist 
die vielfache Identitat, in der Volk und Gott wie die Bedin- 
gungen sinnlichen Daseins aufgehoben sind, offenbar. Einem 
andern gebuhrt die Mitte dieser Welt. 

Die Durchdringung der einzelnen Anschauungsformen unter- 
einander und ihre Verbundenheit in und mit dem Geistigen, als 
Idee, Schicksal u.s.f. ist im einzelnen weit genug verfolgt. Nicht 
urn die Ermittlung der letzten Elemente kann es sich am Ende 
handeln, denn das letzte Gesetz dieser Welt ist eben die Ver- 
bundenheit:, als Einheit der Funktion von Verbindendem und 
Verbundenem. Aber ein besonders zentraler Ort dieser Ver- 
bundenheit mufi noch aufgewiesen werden, in dem die Grenze 
des Gedichteten gegen das Leben am weitesten vorgeschoben ist, 
an dem die Energie der innern Form sich um so machtiger er- 
weist, je flutender und formloser das bedeutete Leben ist. An 
diesem One wird die Einheit des Gedichteten sichtbar, am wei- 
testen werden die Verbundenheiten uberschaut und die Abwand- 
lung beider Gedichtfassungen, die Vertiefung der ersten in der 
letzten erkannt. - Von einer Einheit des Gedichteten in der 
ersten Fassung darf nicht gesprochen werden. Der Ablauf wird 
von der ausfuhrlichen Analogie des Dichters mit dem Sonnen- 
gott unterbrochen, danach aber kehrt er nicht wieder mit ganzer 
Intensitat zu dem Dichter zuriick. Es liegt in dieser Fassung, in 
ihrer ausfuhrlichen Sondergestaltung des Sterbens, auch ihrem 
Titel nach, noch die Spannung zwischen zwei Welten - der des 
Dichters und jener »Wirklichkeit«, in der der Tod droht, die hier 
nur eingekleidet als Gottlichkeit erscheint. Spater ist die Zwei- 
heit der Welten verschwunden, mit dem Sterben ist die Eigen- 
schaft des Mutes dahingefallen, im Ablauf ist nichts als das 
Dasein des Dichters gegeben. Die Frage, worauf die Vergleich- 
barkeit dieser in allem einzelnen wie im Ablauf so vollig unter- 
schiednen Entwiirfe beruht, ist also dringend. Wiederum kann 
nicht die Gleichheit eines Elementes, sondern nur die Verbun- 
denheit in einer Funktion die Vergleichbarkeit der Gedichte 
erweisen. Diese Funktion liegt in dem einzig aufweisbarenFunk- 
tionsinbegriff, dem Gedichteten. Das Gedichtete beider Fassun- 
gen - nicht in seiner Gleichheit, deren keine besteht, sondern in 
seiner »Vergleichheit« - soil verglichen werden. Beide Gedichte 



Zwei Gedichte von Friedrich Holderlin 123 

sind in ihrem Gedichteten verbunden und zwar in einem Verhal- 
ten zur Welt. Dieses 1st der Mut, der, je tiefer er verstanden ist, 
desto weniger eine Eigenschaft, sondern eine Beziehung von 
Mensch zu Welt und von Welt zu Mensch wird. Das Gedichtete 
der ersten Fassung kennt den Mut nur erst als Eigenschaft. 
Mensch und Tod stehen sich gegeniiber, beide starr, keine an- 
schauliche Welt ist ihnen gemeinsam. Zwar im Dichter, in sei- 
nem gottlich-naturlichen Dasein, war versucht, schon eine tiefe 
Beziehung zum Tode zu finden; doch nur mittelbar durch die 
Vermittelung des Gottes, dem der Tod - mythologisch - eigen 
war und dem der Dichter - mythologisch wiederum - angena- 
hert wurde. Es war das Leben noch Vorbedingung des Todes, 
die Gestalt entsprang der Natur. Die entschlossene Formung von 
Anschauung und Gestalt aus einem geistigen Prinzipwar vermie- 
den, so blieben sie ohne Durchdringung. Die Gefahr des Todes 
war in diesem Gedichte uberwunden durch Schonheit. Wahrend 
der spatern Fassung alle Schonheit herfliefk aus Oberwindung 
der Gefahr. Friiher endete Holderlin mit der Auflosung der 
Gestalt, wahrend der reine Grund der Gestaltung am Ende der 
neuen Fassung erscheint. Und diese ist nun aus einem geistigen 
Grunde gewonnen. Die Zweiheit: Mensch und Tod konnte 
so nur in einem laftlichen Lebensgefuhl beruhen. Sie blieb nicht 
bestehen, da das Gedichtete sich zu tiefrer Verbundenheit zu- 
sammenschlofi und ein geistiges Prinzip - der Mut - von sich 
aus das Leben gestaltete. Mut ist Hingabe an die Gefahr, wel- 
che die Welt bedroht. In ihm liegt eine besondere Paradoxic 
verborgen, von der aus erst das Gefiige des Gedichteten der 
beiden Fassungen ganz verstanden wird: dem Mutigen besteht 
die Gefahr und dennoch achtet er sie nicht. Denn er ware feige, 
wurde er sie achten; und bestiinde sie ihm nicht - er ware nicht 
mutig. Dieses seltsame Verhaltnis lost sich, indem dem Mutigen 
selbst die Gefahr nicht droht, jedoch der Welt. Mut ist das 
Lebensgefuhl des Menschen, der sich der Gefahr preisgibt, da- 
durch sie in seinem Tode zur Gefahr der Welt erweitert und 
iiberwindet zugleich. Die Grofie der Gefahr entspringt im Mu- 
tigen - erst indem sie ihn trifft, in seiner ganzen Hingabe an 
sie, trifft sie die Welt. In seinem Tode aber ist sie uberwun- 
den, hat die Welt erreicht, der sie nicht mehr droht; in ihm ist 
Freiwerden und Stabilierung zugleich der ungeheuren Krafte - 



124 Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

die taglich als begrenzte Dinge den Leib umgeben. Im Tode 
sind schon diese Krafte umgesprungen, die dem Mutigen droh- 
ten als Gefahr, sind in ihm beruhigt. (Dies ist die Versach- 
lichung der Krafte, die schon das Wesen der Gotter dem Dichter 
naherte.) Die Welt des toten Helden ist eine neue mythische, 
mit Gefahr gesattigt: dies eben ist die Welt der zweiten Gedicht- 
fassung. In ihr durchaus ist ein geistiges Prinzip herrschend ge- 
worden: die Einswerdung des heldischen Dichters mit der 
Welt. Der Dichter hat den Tod nicht zu fiirchten, er ist Held, 
weil er die Mitte aller Beziehungen lebt. Das Prinzip des Ge- 
dichteten uberhaupt ist die Alleinherrschaft der Beziehung. In 
diesem besondern Gedicht als Mut gestaltet: als innerste Iden- 
titat des Dichters mit der Welt, deren Ausflufi alle Identitaten 
des Anschaulichen und Geistigen dieser Dichtung sind. Das ist 
der Grund, in dem immer wieder die gesonderte Gestalt sich 
aufhebt in der raumzeitlichen Ordnung, in der sie als gestaltlos, 
allgestalt, Vorgang und Dasem, zeitliche Plastik und raumliches 
Geschehen aufgehoben ist. Vereint sind im Tode, der seine Welt 
ist, alle erkannten Beziehungen. In ihm ist hochste unendliche 
Gestalt und Gestaltlosigkeit, zeitliche Plastik und raumliches 
Dasein, Idee und Sinnlichkeit. Und jede Funktion des Lebens in 
dieser Welt ist Schicksal, wahrend in der ersten Fassung her- 
kommlich das Schicksal das Leben bestimmte. Das ist das orien- 
talische, mystische, die Grenzen iiberwindende Prinzip, das in 
diesem Gedicht so offenbar immer wieder das griechische gestal- 
tende Prinzip aufhebt, das einen geistigen Kosmos schafft aus 
reinen Beziehungen der Anschauung, des sinnlichen Daseins, in 
dem das Geistige nur Ausdruck der Funktion ist, die zur Identi- 
tat strebt. Die Umwandlung der Zweiheit von Tod und Dich- 
ter in die Einheit einer toten dichterischen Welt, »mit Gefahr 
gesattigt«, ist die Beziehung, in der das Gedichtete der beiden 
Gedichte steht. An dieser Stelle erst ist nun die Betrachtung der 
dritten, mittleren Strophe moglich geworden. Offenbar ist, dafi 
der Tod in der Gestalt der »Einkehr« in die Mitte der Dichtung 
versetzt wurde, dafi in dieser Mitte der Ursprung des Gesanges 
ist, als des InbegrirTs aller Funktionen, dafi hier die Ideen der 
»Kunst«, des »Wahren« entspringen als Ausdruck der beruhen- 
den Einheit. Was iiber die Aufhebung der Ordnung von Sterb- 
lichen und Himmlischen gesagt war, erscheint in diesem Zusam- 



Zwei.Gedichte von Friedrich Holderlin 125 

menhang vollig gesichert. Zu vermuten ist, dafi die Worte »ein 
einsam Wild« die Menschen bezeichnen und dies stimmt sehr 
wohl zu dem Titel dieses Gedichtes. »Blodigkeit« - ist nun die 
eigentliche Haltung des Dichters geworden. In die Mitte des 
Lebens versetzt, bleibt ihm nichts, als das reglose Dasein, die 
vollige Passivitat, die das Wesen des Muugen ist; als sich 
ganz hinzugeben der Beziehung. Sie geht von ihm aus und auf 
ihn zuriick. So ergreift der Gesang die Lebendigen und so sind sie 
ihm bekannt - nicht mehr verwandt. Dichter und Gesang sind 
im Kosmos des Gedichts nicht unterschieden. Er ist nichts als 
Grenze gegen das Leben, die Indifferenz, umgeben von den 
ungeheuren sinnlichen Machten und der Idee, die in sich sein 
Gesetz bewahren. Wie sehr er die unberuhrbare Mitte aller 
Beziehung bedeutet, enthalten die beiden letzten Verse am 
machtigsten. Die Himmlischen sind zu Zeichen des unendlichen 
Lebens geworden, das aber gegen ihn begrenzt ist: »und von 
den Himmlischen | Einen bringen. Doch selber | Bringen schkk- 
liche Hande wir.« So ist der Dichter nicht mehr als Gestalt ge- 
sehen, sondern allein noch als Prinzip der Gestalt, Begrenzen- 
des, auch seinen eignen Korper noch Tragendes. Er bringt seine 
Hande - und die Himmlischen. Die eindringliche Zasur dieser 
Stelle ergibt den Abstand, den der Dichter vor aller Gestalt und 
der Welt haben soil, als ihre Einheit. Der Aufbau des Gedichts 
ist ein Beweis der Einsicht dieser Schillerschen Worte: »Darin 
. . . besteht das eigentliche Kunstgeheimnis des Meisters, dafi er 
den Stoff durch die Form vertilgt . . . Das Gemiit des Zuschauers 
und Zuhorers muE vollig frei und unverletzt bleiben, es mufi 
aus dem Zauberkreise des Kunstlers rein und vollkommen wie 
aus den Handen des Schopfers gehn.« 

Absichtlich war im Laufe der Untersuchung das Wort »Niich- 
ternheit« vermieden worden, das so oft zur Charakteristik nahe 
gelegen hatte. Denn erst jetzt sollen Holderlins Worte von dem 
»heilig nuchternen« genannt sein, deren Verstandnis nun be- 
stimmt ist. Man hat bemerkt, daft diese Worte die Tendenz 
seiner spaten Schopfungen enthalten. Sie entspringen der innigen 
Sicherheit, mit der diese im eignen geistigen Leben stehen, in 
dem nun die Nuchternheit erlaubt, geboten, ist, weil es in sich 
heilig ist, jenseits aller Erhebung im Erhabnen steht. Ist dieses 
Leben noch das des Griechentums? So wenig ist es das, wie das 



126 Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

Leben eines reinen Kunstwerks iiberhaupt das eines Volkes sein 
kann, so wenig wie es das eines Individuums ist und keines als 
sein eignes, das wir im Gedichteten finden. Dies Leben ist in 
Formen des griechischen Mythos gebildet, aber - das ist ent- 
scheidend - nicht in ihnen allein; gerade das griechische Ele- 
ment ist in der letzten Fassung aufgehoben und ausgeglichen 
gegen ein andres, das (zwar ohne ausdriickliche Rechtfertigung) 
das onentalische genannt war. Fast alle Anderungen der spa- 
tern Fassung streben in dieser Richtung, in den Bildern wie auch 
in der Einfiihrung der Ideen und endlich einer neuen Bedeutung 
des Todes, die alle gegen die in sich ruhende geformt begrenzte 
Erscheinung sich als unbegrenzte erheben. Daft hierin, vielleicht 
nicht nur fiir die Erkenntnis Holderlins, eine entscheidende Frage 
sich verbirgt, kann in diesem Zusammenhang nicht erwiesen 
werden. Die Betrachtung des Gedichteten aber fuhrt nicht auf 
den Mythos, sondern - in den groftten Schopfungen - nur auf 
die mythischen Verbundenheken, die im Kunstwerk zu ein- 
ziger unmythologischer und unmythischer, uns naher nicht be- 
greiflicher Gestalt geformt sind. 

Aber gabe es ein Wort, das Verhaltnis jenes innern Lebens, aus 
dem das letzte Gedicht entsprang, zum Mythos zu erfassen, so 
ware es jenes Holderlinsche - einer noch spatern Zeit als dies 
Gedicht angehorig - »Die Sagen, die der Erde sich entfernen, | 
. . . I Sie kehren zu der Menschheit sich«. 



Das Gluck des antiken Menschen 

Der nachantike Mensch kennt vielleicht nur eine einzige seehsche 
Verfassung, in der er sein Inneres mit voller Reinheit und voller 
Grofte zugleich zum Ganzen der Natur, des Kosmos in Bezie- 
hung setzt, namlich den Schmerz. Der sentimentalische Mensch, 
wie Schiller ihn nennt, kann ein annahernd reines und grofies, 
das heifit annahernd naives Gefiihl seiner selbst nur um den 
hohen Preis gewinnen, daft er sein ganzes inneres Wesen zu einer 
von der Natur geschiedenen Einheit zusammenfafit. Noch seine 
hochste menschliche Einfachheit und Einfalt beruht auf dieser 
Scheidung von der Natur durch den Schmerz und in dieser Ent- 



Das Gliick des antiken Menschen 127 

gegensetzung tritt denn wieder zugleich ein sentimentalisches 
Phanomen und zugleich eine Reflexion in die Erscheinung. Es 
liegt geradezu der Gedanke nahe, als sei die Reflexion mit sol- 
dier Intensitat dem modernen Menschen verhaftet, dafi im 
schlichten, einfaltigen Gliick, das den Gegensatz zur Natur 
nicht kennt, der innere Mensch ihm allzu gehaltlos und uninter- 
essant erscheint, um im tiefsten frei nach aufien sich zu entfal- 
ten, um nicht vielmehr in einer Art von Scham im Verborgnen, 
Engen zu bleiben. Auch dem Modernen bedeutet das Gliick na- 
turgemaf? einen Zustand der naiven Seele xat' t^o/V* a her 
nichts ist bezeichnender, als sein Versuch, diese reinste Offenba- 
rung des Naiven ins Sentimentalische umzudeuten. Die Be- 
griffe der Unschuld und des Kindlichen mit ihrem Wust falscher 
und verdorbner Vorstellungen bestreiten diesen Prozefi der Um- 
deutung. Wahrend die naive Unschuld, die grofte, in unmittel- 
barer Beriihrung mit alien Kraften und Gestalten des Kosmos 
lebt, ihre Symbole in der Reinheit, Kraft und Schonheit der 
Gestalt findet, bedeutet sie dem Modernen die Unschuld des 
Homunkulus, eine mikroskopische Diminutivunschuld, in 
Form einer Seele die von der Natur nichts weifi, die durch und 
durch verschamt, auch vor sich selbst ihren Zustand nicht zu er- 
kennen wagt, gleichsam - um das zu wiederholen - als sei ein 
gliicklicher Mensch ein allzuleeres und ausgeblasenes Gehause, 
um nicht bei seinem eignen Anschauen in Scham zu versinken. 
Daher hat die moderne Empfindung des Gluckes das Kleinliche 
und Heimliche zugleich, und sie hat die Vorstellung der gliick- 
lichen Seele geboren, die ihr Gliick vor sich selbst in bestandi- 
ger Tatigkeit und kiinstlicher Gefiihlsverengerung verleug- 
net. Die gleiche Bedeutung hat die Vorstellung vom kindlichen 
Gliick, da sie auch im Kinde nicht das fuhlende, reine Wesen 
sieht, dem unmittelbarer als einem andern Gefiihl zum Aus- 
druck wird, sondern sie sieht ein egozentrisches Kind, eines das 
aus Unwissenheit und Verspieltheit die Natur umdeutet und 
verkleinert zu uneingestandenen Gefiihlen. In Biichners »Lenz« 
ist in einer Phantasie des Kranken, der sich nach Ruhe sehnt, 
das kleine Gliick der Sentimentalen Seele so geschildert: »>Sehen 
Sie<, ring er wieder an, >wenn sie so durchs Zimmer ging und so 
halb fur sich allein sang, und jeder Tritt war eine Musik, es war 
so eine Gliickseligkeit in ihr, und das stromte in mich iiber; ich 



128 Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

war immer ruhig, wenn ich sie ansah oder sie so den Kopf an 
mich lehnte, . . . Ganz Kind; es war, als war ihr die Welt zu 
weit: sie zog sich so in sich zuriick, sie suchte das engste Platz- 
chen im ganzen Haus, und da safi sie, als ware ihre ganze Selig- 
keit nur in einem kleinen Punkt, und dann war mir's auch so; 
wie ein Kind hatte ich dann spielen konnen. <« 
Es ist entscheidend fiir das Bild, das der antike Mensch vom 
Gliick hat, dafi jene kleine Bescheidenheit, die im Individuum 
das Gliick begraben, es durch Reflexion unerreichbar tief in sei- 
nem Innersten verbergen will (als Talisman gegen das Ungluck), 
bei ihm zu ihrem furchtbarsten Gegenteil wird, zum Frevel des 
wahnwitzigen Hochmuts, zur ijpQtg. v$qi<; ist dem Griechen der 
Versuch, sich selbst - das Individuum, den innern Menschen - 
als Trager des Gliickes darzustellen, v$Qiq ist der Glaube, 
Gliick sei eine Eigenschaft, und gar noch die der Bescheidenheit, 
vfigig der Glaube, Gliick sei etwas anderes als ein Geschenk der 
Gotter, das diese jede Stunde nehmen konnen, die jede Stunde 
unerhortes Ungluck dem Sieger verhangen konnen (wie dem 
heimkehrenden Agamemnon). Damit ist es nun gesagt, dafi die 
Gestalt, in der das Gliick den antiken Menschen heimsucht, der 
Sieg ist. Sein Gliick ist ein Nichts, wenn nicht dies - dafi die 
Gotter es ihm verhangen, und sein Verhangnis ist es, wenn er 
glauben will, ihm und gerade ihm hatten die Gotter es gegeben. 
In dieser hochsten Stunde, die den Menschen zum Heroen macht, 
die Reflexion von ihm fernzuhalten, in dieser Stunde alle Wei- 
hen iiber ihn auszugiefien, die den Siegenden mit seiner Stadt, 
mit den Hainen der Gotter, mit der zvoifizia der Voreltern und 
endlich mit der Macht der Gotter selbst versohnen, sang Pindar 
die Siegeshymnen. Und so ist dem antiken Menschen am Gliick 
beides zugemessen; Sieg und Feier, Verdienst und Unschuld. 
Beides von der gleichen Notwendigkeit und Strenge. Denn 
keiner kann da mehr auf Verdienst pochen, wo er in den Wett- 
kampfen ein Kampfer ist, auch dem Vortrefflichsten konnen die 
Gotter den Herrlichern gesandt haben, der ihn in den Staub 
wirft. Und er - der Sieger wird umsomehr wieder den Gottern 
danken, die ihm Sieg iiber den Heldenhaftesten verliehen. Wo 
bleibt hier das starre Pochen auf Verdienst, die abenteurerhafte 
Erwartung des Gliicks, die dem Burger das Leben fristen? Der 
dycbv, und dies ist ein tiefer Sinn seiner Institution, fristet je- 



Sokrates 129 

dem das Mafi des Gliickes, das Gotter ihm verhangen. Wo aber 
bleibt audi die leere mufiige Unschuld des Unwissenden, mit 
der der Moderne sein Gliick vor sich selber verbirgt? Allen 
sichtbar, gepriesen von dem Volke stent der Sieger da, Unschuld 
tut ihm bitter not, der das Gefafi des Sieges wie eine Schale voll 
Weines in erhobenen Handen halt, von dem ein verschiitteter 
Tropfen auf ihn fallend ihn ewig befleckte. Verdienst hat er 
nicht zu verleugnen und nicht zu erschleichen, das die Gotter 
ihm gaben, und nicht Reflexion auf seine Unschuld tut ihr not, 
wie der kleinen, unruhigen Seele, sondern Erfiillung der Wei- 
hen, damit der gottliche Kreis, der ihn einmal erwahlt, den 
Fremdling bei sich halte als Heroen. 

Das Gliick des antiken Menschen ist beschlossen im Siegesfest: 
im Ruhm seiner Stadt, im Stolze seines Gaues und seiner Fami- 
lie, in der Freude der Gotter und im Schlafe, der ihn zu den 
Heroen entriickt. 



Sokrates 

I 

Das hochst Barbarische in der Gestalt des Sokrates ist, daft die- 
ser unmusische Mensch die erotische Mitte der Beziehungen des 
platonischen Kreises bildet. Wenn aber seine Liebe der allge- 
meinen Fahigkeit sich mitzuteilen: der Kunst entbehrt, wo- 
von bestreitet er ihr Wirken? Vom Willen. Sokrates bildet 
den Eros zum Diener seiner Zwecke. Dieser Frevel reflek- 
tiert sich im Kastratentum seiner Person. Denn darauf be- 
zieht sich doch zuletzt der Abscheu der Athener, ihr Empfin- 
den, wenn audi subjektiv gemein, ist historisch im Recht. Er 
vergiftet die Jugend, er verfiihrt sie. Seine Liebe zu ihr ist nicht 
>Zweck< noch reines Eidos, sondern Mittel. Das ist der Magier, 
der Maieutiker der die Geschlechter vertauscht, der unschuldig 
Verurteilte, der aus Ironie und zum Hohn seiner Gegner stirbt. 
Seine Ironie schopft aus dem Grausen, aber dabei bleibt er doch 
noch der Unterdriickte, Ausgestofiene, der Verachtliche. Ein 
wenig selbst ein Spafknacher. - Der sokratische Dialog will 



i jo Metaphysisch-ges&icksphilosophische Studien 

mit Beziehung auf den Mythos studiert sein. Was hat Plato 
damit gewollt? Sokrates: das ist die Gestalt, in der er den alten 
Mythos annihiliert und rezipiert hat. Sokrates: das ist das Opfer 
der Philosophic an die Gotter des Mythos, die Menschenopfer 
fordern. Mitten im furchterlichen Kampf sucht sich die junge 
Philosophic in Plato zu behaupten 1 . 



II 

Griinewald hat die Heiligen dadurch so grofi gemalt, dafi ihre 
Glorie aus dem gninsten Schwarz tauchte. Das Strahlende ist 
nur wahr, wo es sich im Nachtlichen bricht, nur da ist es grofi, 
nur da ist es ausdruckslos, nur da ist es geschlechtslos und 
doch von iiberweltlichem Geschlechte. Der So Strahlende ist 
der Genius, der Zeuge jeder wirklich geistigen Schopfung. Er 
bestatigt, er verburgt ihre Geschlechtslosigkeit. In einer Gesell- 
schaft aus Mannern gabe es nicht den Genius; er lebt durch das 
Dasein des Weiblichen. Es ist wahr: das Dasein des Weiblichen 
verburgt die Geschlechtslosigkeit des Geistigen in der Welt. Wo 
ein Werk, eine Tat, ein Gedanke ohne das Wissen um dieses 
Dasein entsteht, da entsteht etwas Boses, Totes. Wo es aus die- 
sem Weiblichen selbst entsteht, da ist es flach und schwach und 
durchbricht nicht die Nacht. Wo aber dieses Wissen um das Weib- 
liche in der Welt waltet, wird was dem Genius eignet gebo- 
ren. Jede tiefste Beziehung zwischen Mann und Weib ruht auf 
dem Grunde dieses wahren Schopferischen und steht unter dem 
Genius. Denn es ist soweit falsch, zwischen Mann und Weib die 
innerste Beriihrung als begehrende Liebe zu deuten, dafi unter 
alien Stufen jener Liebe sogar die mannweibliche die tiefste, die 
herrlichste und erotisch und mythisch hochst vollendete, ja fast 
strahlende (wenn sie nicht so ganz nachtig ware) die weib-weib- 
liche ist. Es ist noch das grofite Geheimnis, wie das blofie Dasein 
des Weibes die Geschlechtslosigkeit des Geistigen verburgt. Die 
Menschen haben es nicht losen konnen. Noch immer ist ihnen 
Genius nicht der Ausdruckslose, der aus der Nacht bricht, son- 
dern er ist ihnen ein Ausdriicklicher, der im Licht schwingt. 

1 S. a. Nietzsche: Die frohlidie Wissfinschaft (Aph.) 340. 



Sokrates 131 

Sokrates preist im Symposion die Liebe zwischen Mannern und 
Junglingen und riihmt sie als das Medium des schopferischen 
Geistes. Nach seiner Lehre geht der Wissende mit dem Wissen 
schwanger, und das Geistige kennt Sokrates iiberhaupt nur als 
Wissen und als Tugend. Der Geistige aber ist - vielleicht nicht 
der Zeugende - sicherlich aber der ohne schwanger zu werden 
empfangt. Wie fiir das Weib unbefleckte Empfangnis die iiber- 
schwengliche Idee von Reinheit ist, so ist Empfangnis ohne 
Schwangerschaft am tiefsten das Geisteszeichen des mannli- 
chen Genius. Es ist an seinem Teile ein Strahlen. Das vernichtet 
Sokrates. Das Geistige des Sokrates war ein durch und durch Ge- 
schlechtliches. Sein Begriff von geistiger Empfangnis ist: Schwan- 
gerschaft, sein Begriff von geistiger Zeugung: Entladung der Be- 
gierde. Das verrat die sokratische Methode, die eine ganz andere 
ist als die platonische. Die sokratische ist nicht die heilige Frage, 
die auf Antwort wartet und deren Resonanz erneut in der Ant- 
wort wieder auflebt, sie hat nicht wie die reine erotische oder 
wissenschaftliche Frage den Methodos der Antwort inne, sondern 
gewaltsam, ja frech, ein blofies Mittel zur Erzwingung der Rede 
verstellt sie sich, ironisiert sie - denn allzugenau weifi sie 
schon die Antwort. Die sokratische Frage bedrangt die Antwort 
von aufien, sie stellt sie wie die Hunde einen edlen Hirsch. Die 
sokratische Frage ist nicht zart und so sehr schopferisch als emp- 
fangend, nicht geniushaft. Sie ist gleich der sokratischen Ironie, 
die in ihr steckt - man gestatte ein furchtbares Bild fiir eine 
furchtbare Sache - eine Erektion des Wissens. Durch Hafi und 
Begierde verfolgt er das Eidos und sucht es objektiv zu machen, 
weil die Schau ihm versagt ist. (Und sollte platonische Liebe 
heifien: unsokratische Liebe?) Dieser furchtbaren Herrschaft 
sexueller Anschauungen im Geistigen entspricht - eben als Fol- 
ge davon - die unreine Vermischung dieser Begriffe im Natiir- 
lichen. Same und Frucht, Zeugung und Geburt nennt seine 
sympotische Rede in damonischer Ununterschiedenheit, und 
stellt im Redner selbst die fiirchterliche Mischung vor: Kastrat 
und Faun. In Wahrheit, ein Nicht-Menschlicher ist Sokrates, und 
unmenschlich, wie einer, der von menschlichen Dingen keine 
Ahnung hat, geht seine Rede uber den Eros. Denn so steht So- 
krates und sein Eros in der Stufenfolge der Erotik: die weib- 
weibliche, die mann-mannliche, die mann-weibliche, Gespenst, 



132 Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

Damon, Genius. Es ist ihm ironisches Recht geschehen mit Xan- 
thippe. 



Ober das Mittelalter 

Friedrich Schlegel sieht in seiner Charakteristik des mittelalter- 
lichen Geistes das negative Moment dieser Epoche in der herr- 
schenden unbeschrankten Richtung auf das Absolute, die sich in 
der Kunst als gezierte Phantasie, in der Philosophie und Theo- 
logie der Scholastik als ein nicht minder gezierter Rationalis- 
ms geltend macht. Das soil durch den Kontrast gegen die asia- 
tische Geistesrichtung noch etwas ausgefiihrt werden. Audi der 
asiatische Geist ist durch eine hemmungslose Versenkung in 
das Absolute in Philosophie und Religion bezeichnet. Dennoch 
trennt ihn vom mittelalterlichen Geiste ein Abgrund. Ihm liegt 
bei aufierster Formgrofie nichts ferner als Geziertheit. Seine 
innerste Verschiedenheit vom Geiste des Mittelalters beruht 
darin, dafi er das Absolute, aus dem er die Sprache seiner For- 
men entfaltet, als gewaltigsten Inhalt gegenwartig hat. Der 
Geist des Orients verfugt iiber die wirklichen Inhalte des Abso- 
luten, was schon in der Einheit von Religion Philosophie 
Kunst, vor allem in der Einheit von Religion und Leben sich 
anzeigt. Man hat oft gesagt, dafi im Mittelalter die Religion das 
Leben beherrschte. Aber erstens war die Herrscherin die Ekklesia, 
und zweitens findet zwischen herrschendem und beherrschtem 
Prinzip stets eine Trennung statt. Es ist eben fur den Geist des 
Mittelalters iiber alles bezeichnend, dafi seine Tendenz aufs 
Absolute, je radikaler sie auftritt, zugleich desto formaler ist. 
Die ungeheure mythologische Hinterlassenschaft der Antike ist 
noch nicht verloren gegangen, aber der Mafistab fur ihren Real- 
grund fehlt, und es sind nur Impressionen von ihrer Macht zu- 
riickgeblieben: der Ring Salomonis, der Stein der Weisen, die 
sibyllinischen Biicher. Die formale Idee der Mythologie: das 
Machtverleihende, das Magische ist dem Mittelalter lebendig. 
Aber in ihm kann diese Macht nicht mehr legitim sein: die Kir- 
che hat ihre Lehnsherren, die Gotter, vernichtet. Hier ist nun 
ein Ursprung des formalistischen Geists der Epoche. Sie sucht 



Ober das Mittelalter • Trauerspiel und Tragodie 133 

die Macht iiber die entgotterte Natur auf einem Umwege zu 
erlangen, sie treibt Magie ohne mythologische Grundlage. Es 
entsteht ein magischer Schema tismus. Man vergleiche die magi- 
sche Praxis der Antike mit der des Mittelalters im Reich der 
Chemie: die antike Zauberei verwendet die Stoffe der Natur 
zu Tranken und Salben, die bestimmte Beziehung auf das mytho- 
logische Naturreich haben. Der Alchimist sucht - auf magischem 
Wege zwar - aber was? das Gold. - Analog verhalt es sich 
mit der Kunst.. Sie entspringt mit dem Ornament aus dem 
Mythischen. Das asiatische Ornament ist mythologisch gesattigt, 
das gotische Ornament ist rational-magisch geworden. Es 
wirkt, aber auf Menschen, nicht auf Gotter. Das Erhabene muft 
als Hohes und Hochstes erscheinen, die Gotik gibt die mechani- 
sche Quintessenz des Erhabenen, das Hohe, Schlanke, das po- 
tentiell unendlich Erhabene. Der Fortschritt ist automatisch. Die- 
selbe tiefe sehnsiichtige, entgotterte Aufterlichkeit liegt noch 
im malerischen Stil der deutschen Friihrenaissance und Botti- 
cellis. Das Gezierte dieser Phantastik entspringt aus dem For- 
malismus. Wo er den Zugang zum Absoluten eroffnen will, da 
verkleinert sich dieses gewissermafien im MafSstabe, und wie die 
Entfaltung des gotischen Stils nur in der drangvollen Enge mit- 
telalterlicher Stadte moglich war, so auch nur unter einer Weit- 
ansicht, die gewifl ihrem absoluten GrofienmaEstab nach kleiner 
gezirkelter als die der Antike, auch als die unsere, gewesen ist. 
Im hochsten Mittelalter war die antike Weltansicht endlich in 
hohem MaiSe vergessen, und in dieser verkleinerten Welt, die 
blieb, ist der scholastische Rationalismus und die sich selbst 
verzehrende Sehnsucht der Gotik entsprungen. 



Trauerspiel und Tragodie 

Die tiefere Erfassung des Tragischen hat vielleicht nicht nur und 
nicht sowohl von der Kunst als von der Geschichte auszugehen. 
Zum wenigsten aber ist zu vermuten, daft das Tragische nicht 
weniger eine Grenze des Reiches der Kunst bezeichnet, als des 
Gebiets der Geschichte. Die Zeit der Geschichte geht an bestimm- 
ten und hervorragenden Punkten ihres Verlaufs in die tragische 



134 Metaphysisch-geschichtsphilosophisdie Studien 

Zeit iiber: und zwar in den Aktionen der grofien Individuen. 
Zwischen Grofie im Sinn der Gesdiichte und Tragik besteht ein 
wesensnotwendiger Zusammenhang - der sich freilich nicht in 
Identitat auflosen lafit. Soviel aber kann bestimmt werden: Hi- 
storische Grofie ist in der Kunst nur tragisch zu gestalten. Die 
Zeit der Gesdiichte ist unendlich in jeder Richtung und unerfullt 
in jedem Augenblick. Das heifit es ist kein einzelnes empirisches 
Ereignis denkbar, das eine notwendige Beziehung zu der be- 
stimmten Zeitlage hatte, in der es vorfallt. Die Zeit ist fiir das 
empirische Geschehen nur eine Form, aber was wichtiger ist, 
eine als Form unerfullte. Das Geschehnis erfullt die formale 
Natur der Zeit in der es liegt nicht. Denn es ist ja nicht so zu 
denken, dafi Zeit nichts anderes sei als das Mafi, mit dem die 
Dauer einer mechanischen Veranderung gemessen wird. Diese 
Zeit ist freilich eine relatlv leere Form, deren Ausfiillung zu 
denken keinen Sinn bietet. Ein andres ist aber die Zeit der Ge- 
sdiichte als die der Mechanik. Die Zeit der Geschichte bestimmt 
weit mehr als die Moglichkeit von Raumveranderungen einer 
bestimmten Grofie und Regelmaftigkeit - namlich des Uhrzei- 
gerganges - wahrend simultaner Raumveranderungen kompli- 
zierter Struktur. Und ohne zu bestimmen, was Daruberhin- 
ausgehendes, was anderes die historische Zeit bestimme - ohne 
also ihren Unterschied von der mechanischen Zeit zu definieren 
- ist zu sagen, dafi die bestimmende Kraft der historischen Zeit- 
form von keinem empirischen Geschehen vollig erfafit und in 
keinem vollig gesammelt werden kann. Ein solches Geschehen, 
das im Sinne der Geschichte vollkommen sei, ist vielmehr durch- 
aus ein empirisches Unbestimmtes, namlich eine Idee. Diese 
Idee der erfullten Zeit heifk in der Bibel als deren beherrschen- 
de historische Idee: die messianische Zeit. In jedem Fall ist aber 
die Idee der erfullten historischen Zeit nicht zugleich als Idee 
einer individuellen Zeit gedacht. Diese Bestimmung, welche den , 
Sinn der Erfiilltheit naturlich ganz verwandelt, ist es, die die 
tragische Zeit von der messianischen unterscheidet. Die tragische 
Zeit verhalt sich zur letzteren, wie die individuell erfiillte zur 
gottlich erfullten Zeit. 

An ihrer unterschiedlichen Stellung zur historischen Zeit schei- 
den sich Trauerspiel und Tragodie. In der Tragodie stirbt der 
Held, da in der erfullten Zeit keiner zu leben vermag. Er stirbt 



Trauerspiel und Tragodie 1 3 j 

an Unsterblichkelt. Der Tod ist eine ironische Unsterblichkeit; 
das ist der Ursprung der tragisdien Ironic Der Ursprung der 
tragischen Schuld liegt im gleichen Bezirke. Sie beruht in jener 
eigenen, rein individuell erfiillten Zeit des tragisdien Helden. 
Diese eigene Zeit des tragischen Helden - die hier ebensowenig 
wie die historische Zeit definiert werden soil - zeichnet wie mit 
einem magischen Zirkel all seine Taten und sein ganzes Dasein. 
Wenn auf unbegreifliche Weise die tragische Verwicklung plotz- 
lich gegenwartig ist, wenn der kleinste Fehltritt zur Schuld fiihrt, 
wenn das kleinste Versehen, der unwahrscheinlichste Zufall den 
Tod bringt, wenn die scheinbar alien zuganglichen Worte der 
Verstandigung und Losung nicht gesprochen werden, so ist 
es jener eigentiimliche Einfluf?, den die Zeit des Helden auf alles 
Geschehen ausiibt, da in der erfiillten Zeit alles Geschehen deren 
Funktion ist. Fast paradox erscheint die Deutlichkeit dieser 
Funktion im Augenblick der volligen Passivitat des Helden, da 
gleichsam die tragische Zeit wie eine Blume aufbricht, aus deren 
Kelch der herbe Duft der Ironie steigt. Denn nicht selten sind es 
die volligen Ruhepausen, gleichsam der Schlaf des Helden, in 
dem sich das Verhangnis seiner Zeit erfiillt, und gleichermafien 
tritt die Bedeutung der erfiillten Zeit im tragischen Schicksal 
in den grofien Momenten der Passivitat hervor: im tragischen 
Entschlufi, im retardierenden Moment, in der Katastrophe. 
Shakespeares tragisches MafS beruht in der Grofk, mit der er die 
verschiednen Stadien der Tragik wie Wiederholungen eines 
Themas von einander abhebt und prazisiert. Dagegen zeigt die 
Tragodie der Alten ein immer gewaltigeres Anwachsen der tra- 
gischen Gewalten, sie kennen das tragische Schicksal, Shake- 
speare den tragischen Helden, die tragische Aktion. Goethe 
nennt ihn mit Recht romantisch. 

Der Tod der Tragodie ist eine ironische Unsterblichkeit; ironisch 
aus iibergroEer Determiniertheit; der tragische Tod ist iiberbe- 
stimmt, dies ist der eigentliche Ausdruck der Schuld des Helden. 
Hebbel war vielleicht auf dem rechten Wege mit der Auffassung 
der Individuation als der Urschuld; aber es kommt alles darauf 
an, wogegen die Schuld der Individuation verstofit. In dieser 
Form lafk sich die Frage nach dem Zusammenhang von Geschich- 
te und Tragik fassen. Es handelt sich nicht um eine Individua- 
tion, die mit Bezug auf den Menschen zu erfassen ist. Der Tod 



136 Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

des Trauerspiels beruht nicht auf jener aufiersten Determiniert- 
heit, die die individuelle Zeit dem Geschehen erteilt. Er ist kein 
Abschluft, ohne Gewifiheit des hohern Lebens und ohne Ironie 
ist er die [xetdpaaig alien Lebens elg alio yevog. Das Trauer- 
spiel ist mathematisch vergleichbar dem einen Zweig der Hyper- 
bel, deren andrer im Unendlichen liegt. Es gilt das Gesetz eines 
hohern Lebens in dem beschrankten Raum des Erdendaseins, 
und alle spielen, bis der Tod das Spiel beendet, urn in einer an- 
dern Welt die grofiere Wiederholung des gleichen Spiels fortzu- 
treiben. Die Wiederholung ist es, auf der das Gesetz des Trauer- 
spiels beruht. Seine Geschehnisse sind gleichnishafte Schemen, 
sinnbildliche Spiegelbilder eines andern Spiels. In dieses Spiel 
entriickt der Tod. Die Zeit des Trauerspiels ist nicht erfullt und 
dennoch endlich. Sie ist unindividuell, ohne von historischer All- 
gemeinheit zu sein. Das Trauerspiel ist in jedem Sinne eine 
Zwischenform. DieAllgemeinheit seiner Zeit ist geisterhaft, nicht 
mythisch. Es hangt im Innersten mit jener eigentiimlichen Spie- 
gelnatur des Spiels zusammen, dafi die Zahl seiner Akte gerade 
ist. Hierfur ist, wie in alien andern gedachten Beziehungen, 
Schlegels Alarcos das Beispiel, wie es allgemein ein sehr her- 
vorragender Gegenstand der Analyse des Trauerspiels ist. Rang 
und Stand seiner Personen sind koniglich, wie es im vollendeten 
Trauerspiel, um seiner sinnbildlichen Bedeutung willen, nicht 
anders sein darf. Dieses Drama ist geadelt durch die Distanz, 
die uberall Bild und Spiegelbild, Bedeutendes und Bedeutetes 
trennt. So ist das Trauerspiel freilich nicht Bild eines hoheren 
Lebens, sondern nichts als das eine von zwei Spiegelbildern, 
und seine Fortsetzung ist nicht minder schemenhaft als es selbst. 
Die Toten werden Gespenster. Das Trauerspiel erschopft kiinst- 
lerisch die historische Idee der Wiederholung; es ergreift mi thin 
ein ganz anderes Problem als die Tragodie. Schuld und Grofie 
beanspruchen im Trauerspiel um so viel geringere Bestimmtheit 
- geschweige Uberbestimmtheit - als sie grofkre Ausdehnung, 
allgemeinste Erstreckung verlangen, nicht um der Schuld und 
Grofte willen, aber um der Wiederholung willen jener Verhalt- 
nisse. 

Es hangt aber mit dem Wesen der zeitlichen Wiederholung zu- 
sammen, dafi auf ihr keine Form geschlossen beruhen kann. 
Und wenn auch die Beziehung der Tragodie zur Kunst noch 



Die Bedeutung der Sprache in Trauerspiel und Tragodie 137 

problematisch bleibt, wenn audi sie vielleidit mehr und weni- 
ger als eine Kunstform ist, so ist sie doch in jedem Falle ge- 
schlossene Form. Ihr Zeitcharakter ist in der dramatisdien Form 
erschopft und gestaltet. Das Trauerspiel ist in sich ungeschlossen, 
audi Hegt die Idee seiner Auflosung nicht mehr innerhalb des 
dramatisdien Bezirks. Und dies ist der Punkt, an dem sieh - von 
der Analyse der Form aus - der Unterschied zwischen Trauer- 
spiel und Tragodie entscheidend ergibt. Der Rest des Trauer- 
spiels heifit Musik. Vielleidit steht ahnlich wie die Tragodie den 
Obergang historischer zu dramatisdier Zeit bezeichnet, das 
Trauerspiel am Obergang der dramatisdien Zeit in die Zeit der 
Musik. 



Die Bedeutung der Sprache in Trauerspiel und Tragodie 

Das Tragische beruht in einer Gesetzlidikeit der gesprochenen 
Rede zwischen Menschen. Es gibt keine tragische Pantomime. 
Es gibt audi kein tragisches Gedicht, keinen tragischen Roman, 
kein tragisches Ereignis. Das Tragische besteht nicht nur ausr 
schliefilich im Bereidl der dramatisdien menschlidien Rede; es 
ist sogar die einzige Form, die der menschlidien Wechselrede 
urspriinglich eignet. Das heifk es gibt keine Tragik aufter in 
der Wechselrede zwischen Menschen und es gibt keine Form einer 
solchen Wechselrede als die tragische. Uberall wo ein untragi- 
sches Drama erscheint, ist es nicht das Eigengesetz der Menschen- 
rede, das sich urspriinglich entfaltet, sondern es erscheint nur ein 
Gefiihl oder eine Beziehung in einem sprachlichen Zusammen- 
hang, einem sprachlichen Stadium. 

Die Wechselrede in ihren reinen Erscheinungen ist nicht traurig 
und audi nicht komisch, sondern tragisch. Insofern ist die Tra- 
godie die klassische und reine dramatische Form. Das Traurige 
hat sein Schwergewicht und seine tiefste und einzige Auspragung 
weder im dramatisdien Worte, noch im Wort iiberhaupt. Es 
gibt nicht nur Trauerspiele, und noch mehr: das Trauerspiel ist 
audi nicht das traurigste auf der Welt Sein, trauriger kann ein 
Gedicht sein, eine Erzahlung, ein Leben. Denn es ist Trauer 
nicht gleich der Tragik eine waltende Macht, das unauflosliche 



138 Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

und unentrinnbare Gesetz von Ordnungen, die sich in der 
Tragodie besdiliefien, sondern sie ist ein Gefiihl. Welche me- 
taphysische Beziehung hat dies Gefiihl zum Worte, zur ge- 
sprochenen Rede? Das ist das Ratsel des Trauerspiels. Welche 
innere Beziehung im Wesen der Trauer lafit sie aus dem Dasein 
der reinen Gefiihle und in die Ordnung der Kunst treten? 
In der Tragodie entspringen Wort und Tragik zugleich, simul- 
tan, jeweils am selben Ort. Jede Rede in der Tragodie ist tra- 
gisch entscheidend. Es ist das reine Wort das unmittelbar tra- 
gisch ist. Wie Sprache iiberhaupt mit Trauer sich erfiillen mag 
und Ausdruck von Trauer sein kann, das ist die Grundfrage des 
Trauerspiels neben der ersten: wie Trauer als Gefiihl in die 
Sprachordnung der Kunst den Eintritt findet? Das Wort nach 
seiner reinen tragenden Bedeutung wirkend wird tragisch. Das 
Wort als reiner Trager seiner Bedeutung ist das reine Wort. 
Neben ihm aber besteht ein anderes, das sich verwandelt, von 
dem One seines Ursprungs nach einem andern, seiner Miindung 
gewandt. Das Wort in der Verwandlung ist das sprachhche Prin- 
zip des Trauerspiels. Es gibt ein reines Gefiihlsleben des Wor- 
tes, in dem es sich vom Laute der Natur zum reinen Laute 
des Gefiihls lautert. Diesem Wort ist die Sprache nur ein Durch- 
gangsstadium im Zyklus seiner Verwandlung und in diesem 
Worte spricht das Trauerspiel. Es beschreibt den Weg vom 
Naturlaut iiber die Klage zur Musik. Es legt sich der Laut im 
Trauerspiel symphonisch auseinander, und dies ist zugleich das 
musikalische Prinzip seiner Sprache und das dramatische seiner 
Entzweiung und seiner Spaltung in Personen.Es ist Natur, die nur 
um der Reinheit ihrer Gefiihle willen ins Fegefeuer der Sprache 
steigt, und das Wesen des Trauerspiels ist schon in der alten 
Weisheit beschlossen, da£ alle Natur zu klagen begonne, wenn 
Sprache ihr verliehen wiirde. Denn es ist das Trauerspiel nicht 
der spharische Durchgang des Gefiihls durch die reine Welt der 
Worte miindend in Musik zuriick zur befreiten Trauer des seli- 
gen Gefiihls, sondern mitten auf diesem Wege sieht sich die 
Natur von Sprache verraten und jene ungeheure Hemmung des 
Gefiihls wird Trauer. So ist mit dem Doppelsinn des Wortes, 
mit seiner Bedeutung y die Natur ins Stocken gekommen, und 
wahrend die Schopfung sich in Reinheit ergiefien wollte, trug 
der Mensch ihre Krone. Dies ist die Bedeutung des Konigs im 



Die Bedeutung der Sprache in Trauerspiel und Tragodie 139 

Trauerspiel und dieses ist der Sinn der Haupt- und Staatsaktio- 
nen. Sie stellen die Hemmung der Natur dar, gleichsam eine 
ungeheure Stauung des Gefuhls, dem im Worte plotzlich eine 
neue Welt aufgeht, die Welt der Bedeutung, der gefiihllosen 
historischen Zeit, und wiederum ist der Konig Mensch zugleich - 
ein Ende der Natur - und zugleich Konig - Trager und Symbol 
der Bedeutung. Geschichte wird zugleich mit Bedeutung in der 
Menschensprache, diese Sprache erstarrt in der Bedeutung, die 
Tragik droht und der Mensch, die Krone der Schopfung, wird 
dem Gefiihl allein erhalten, indem er Konig wird: Symbol als 
Trager dieser Krone. Und die Natur des Trauerspieles bleibt 
Torso in diesem erhabenen Symbol, Trauer erfullt die sinnliche 
Welt, in der Natur und Sprache sich begegnen. 
Es durchdringen sich die beiden metaphysischen Prinzipien der 
Wiederholung im Trauerspiel und stellen seine metaphysische 
Ordnung dar: Cyklik und Wiederholung, Kreis und zwei. Denn 
es ist der Kreis des Gefuhls, der in der Musik sich schliefk, und 
es ist die Zwei des Wortes und seiner Bedeutung, welche die 
Ruhe der tiefen Sehnsucht zerstort und Trauer iiber die Natur 
verbreitet. Das Widerspiel zwischen Laut und Bedeutung bleibt 
dem Trauerspiel ein Geisterhaftes, Furchterliches, seine Natur 
wird von Sprache besessen die Beute eines endlosen Gefuhls wie 
Polonius, den in den Reflexionen Wahnsinn fafk. Das Spiel mufi 
aber die Erlosung finden, und fur das Trauerspiel ist das erlo- 
sende Mysterium die Musik; die Wiedergeburt der Gefiihle in 
einer ubersinnlichen Natur. 

Die Notwendigkeit der Erlosung macht das Spielhafte dieser 
Kunstform aus. Denn verglichen mit der Unwiderruflichkeit 
der Tragik, die eine letzte Wirklichkeit der Sprache und ihrer 
Ordnung ausmacht, mufi jedes Gebilde, dessen belebende Seele 
Gefiihl (der Trauer) ist, ein Spiel genannt werden. Das Trauer- 
spiel ruht nicht auf dem Grunde der wirklichen Sprache, es be- 
ruht auf dem Bewufksein von der Einheit der Sprache durch Ge- 
fiihl, die sich im Wort entfaltet. Mitten in dieser Entfaltung 
erhebt das verirrte Gefiihl die Klage der Trauer. Sie mu£ sich 
aber auflosen; auf dem Grunde eben jener vorausgesetzten Ein- 
heit geht sie in die Sprache des reinen Gefiihles iiber, in Musik. 
Trauer beschwort sich selbst im Trauerspiel, erlost sich aber 
auch selber. Diese Spannung und Losung des Gefuhls in seinem 



140 Metaphysisdi-gesdiichtsphilosophische Studien 

eigenen Bereiche ist Spiel. In ihm ist die Trauer nur ein Ton in 
der Skala der Gefiihle, und so gibt es sozusagen kein reines 
Trauerspiel, da die mannigfachen Gefiihle des Komischen, Fiirch- 
terlichen, Scliauervollen und viele andere im Reigen stehen. Der 
Stil im Sinne der Einheit iiber Gefiihlen bleibt der Tragodie 
vorbehalten. Die Welt des Trauerspiels ist eine besondere, die 
ihre grofie und ebenbiirtige Geltung audi gegeniiber der Trago- 
die behauptet. Sie ist die Statte der eigentlichen Empfangnis des 
Wortes und der Rede in der Kunst, noch wiegen in gleichen 
Schalen Vermogen cier Sprache und des Gehors, ja endlich 
kommt alles auf das Ohr der Klage an, denn erst die tiefst ver- 
nommene und gehorte Klage wird Musik. Wo in der Tragodie 
die ewige Starre des gesprochenen Wortes sich erhebt, sammelt 
das Trauerspiel die endlose Resonanz seines Klanges. 



Ober Sprache uberhaupt und uber die Sprache des 
Menschen 

Jede Aufierung menschlichen Geisteslebens kann als eine Art 
der Sprache aufgefafk werden, und diese Auffassung erschliefit 
nach Art einer wahrhaften Methode iiberall neue Fragestellun- 
gen. Man kann von einer Sprache der Musik und der Plastik 
reden, von einer Sprache der Justiz, die niclits mit denjenigen, in 
denen deutsche oder englische Rechtsspriiche abgefafit sind, un- 
mittelbar zu tun hat, von einer Sprache derTechnik, die nicht die 
Fachsprache der Techniker ist. Sprache bedeutet in solchem 2u- 
sammenhang das auf Mitteilung geistiger Inhalte gerichtete Prin- 
zip in den betreffenden Gegenstanden: in Technik, Kunst, 
Justiz oder Religion. Mit einem Wort: jede Mitteilung geistiger 
Inhalte ist Sprache, wobei die Mitteilung durch das Wort nur 
ein besonderer Fall, der der menschlichen, und der ihr zugrunde 
liegenden oder auf ihr fundierten (Justiz, Poesie), ist. Das Da- 
sein der Sprache erstreckt sich aber nicht nur iiber alle Gebiete 
menschlicher Geistesaufkrung, der in irgendeinem Sinn immer 
Sprache innewohnt, sondern es erstreckt sich auf schlechthin 
alles. Es gibt kein Geschehen oder Ding weder in der belebten 
noch in der unbelebten Natur, das nicht in gewisser Weise an 



t)ber Spradie iiberhaupt und iiber die Sprache des Menschen 141 

der Sprache teilhatte, denn es ist jedem wesentlich, seinen geisti- 
gen Inhalt mitzuteilen. Eine Metapher aber ist das Wort »Spra- 
che« in solchem Gebrauche durchaus nicht. Denn es ist eine voile 
inhaltliche Erkenntnis, dafi wir uns nichts vorstellen konnen, 
das sein geistiges Wesen nicht im Ausdruck mitteilt; der grofiere 
oder geringere Bewufkseinsgrad, mit dem solche Mitteilung 
scheinbar (oder wirklich) verbunden ist, kann daran nichts an- 
dern, daft wir uns vollige Abwesenheit der Sprache in nichts vor- 
stellen konnen. Ein Dasein, welches ganz ohne Beziehung zur 
Sprache ware, ist eine Idee; aber diese Idee laftt sich audi im Be- 
zirk der Ideen, deren Umkreis diejenige Gottes bezeichnet, nicht 
fruchtbar machen. 

Nur soviel ist richtig, daft in dieserTerminologie jeder Ausdruck, 
sofern er eine Mitteilung geistiger Inhalte ist, der Sprache beige- 
zahlt wird. Und allerdings ist der Ausdruck seinem ganzen und 
innersten Wesen nach nur als Sprache zu verstehen; andererseits 
mufi man, um ein sprachliches Wesen zu verstehen, immer fra- 
gen, fur welches geistige Wesen es denn der unmittelbare Aus- 
druck sei. Das heifit: die deutsche Sprache z. B. ist keineswegs 
der Ausdruck fur alles, was wir durch sie - vermeintlich - 
ausdriicken konnen, sondern sie ist der unmittelbare Ausdruck 
dessen, was sich in ihr mitteilt. Dieses »Sich« ist ein geistiges We- 
sen. Damit ist es zunachst selbstverstandlich, daft das geistige 
Wesen, das sich in der Sprache mitteilt, nicht die Sprache selbst, 
sondern etwas von ihr zu Unterscheidendes ist. Die Ansicht, daft 
das geistige Wesen eines Dinges eben in seiner Sprache besteht - 
diese Ansicht als Hypothesis verstanden, ist der grofte Abgrund, 
dem alle Sprachtheorie zu verfallen droht 1 , und iiber, gerade 
iiber ihm sich schwebend zu erhalten ist ihre Aufgabe. Die Un- 
terscheidung zwischen dem geistigen Wesen und dem sprach- 
lichen, in dem es mitteilt, ist die urspriinglichste in einer sprach- 
theoretischen Untersuchung, und es scheint dieser Unterschied 
so unzweifelhaft zu sein, daft vielmehr die oft behauptete Iden- 
titat zwischen dem geistigen und sprachlichen Wesen eine tiefe 
und unbegreifliche Paradoxic bildet, deren Ausdruck man in 
dem Doppelsinn des Wortes Aoyog gefunden hat. Dennoch hat 
diese Paradoxic als Losung ihre Stelle im Zentrum der Sprach- 

1 Oder ist cs vielmehr die Versuchung, die Hypothesis an den Anfang zu setzen, 
die den Abgrund alien Philosophierons macht? 



142 Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

theorie, bleibt aber Paradoxic und da unlosbar, wo sie am An- 

fangsteht. 

Was teilt die Sprache mit? Sie teilt das ihr entsprechende geistige 
Wesen mit. Es ist fundamental zu wissen, dafi dieses geistige We- 
sen sich in der Sprache mitteilt und nicht durch die Sprache. Es gibt 
also keinen Sprecher der Sprachen, wenn man damit den meint, 
der durch diese Sprachen sich mitteilt. Das geistige Wesen teilt 
sich in einer Sprache und nicht durch eine Sprache mit - das heifit: 
es ist nicht von auSen gleich dem sprachlichen Wesen. Das geisti- 
ge Wesen ist mit dem sprachlichen identisch, nur sofern es mitteil- 
bar ist. Was an einem geistigen Wesen mitteilbar ist, das ist sein 
sprachliches Wesen. Die Sprache teilt also das jeweilige sprach- 
liche Wesen der Dinge mit, ihr geistiges aber nur, sofern es unmit- 
telbar im sprachlichen beschlossen liegt, sofern es mitteilW ist. 
Die Sprache teilt das sprachliche Wesen der Dinge mit. Dessen 
klarste Erscheinung ist aber die Sprache selbst. Die Antwort auf 
die Frage: was teilt die Sprache mit? lautet also: Jede Sprache 
teilt sich selbst mit. Die Sprache dieser Lampe z. B. teilt nicht 
die Lampe mit (denn das geistige Wesen der Lampe, sofern es 
mitteilbar ist, ist durchaus nicht die Lampe selbst), sondern: die 
Sprach-Lampe, die Lampe in der Mitteilung, die Lampe im 
Ausdruck. Denn in der Sprache verhalt es sich so: Das sprach- 
liche Wesen der Dinge ist ihre Sprache. Das Verstandnis der 
Sprachtheorie hangt davon ab, diesen Satz zu einer Klarheit zu 
bringen, die auch jeden Schein einer Tautologie in ihm vernich- 
tet. Dieser Satz ist untautologisch, denn er bedeutet: das, was 
an einem geistigen Wesen mitteilbar ist, ist seine Sprache. Auf 
diesem »ist« (gleich »ist unmittelbar«) beruht alles. - Nicht, 
was an einem geistigen Wesen mitteilbar ist, erscheint am klar- 
sten in seiner Sprache, wie noch eben im Ubergange gesagt wur- 
de, sondern dieses Mitteil^re ist unmittelbar die Sprache selbst. 
Oder: die Sprache eines geistigen Wesens ist unmittelbar das- 
jenige, was an ihm mitteilbar ist. Was an einem geistigen Wesen 
mitteilbar ist, in dem teilt es sich mit; das heiftt: jede Sprache 
teilt sich selbst mit. Oder genauer: jede Sprache teilt sich in 
sich selbst mit, sie ist im reinsten Sinne das »Medium« der Mit- 
teilung. Das Mediale, das ist die Unmittelb&rkeit aller geistigen 
Mitteilung, ist das Grundproblem der Sprachtheorie, und wenn 
man diese Unmittelbarkeit magisch nennen will, so ist das Ur- 



Uber Sprache iiberhaupt und iiber die Sprache des Menschen 143 

problem der Sprache ihre Magie. Zugleich deutet das Wort von 
der Magie der Sprache auf ein anderes: auf ihre Unendlichkeit. 
Sie ist durch die Unmhtelbarkeit bedingt. Denn gerade, weil 
durch die Sprache sich nichts mitteilt, kann, was in der Sprache 
sich mitteilt, nicht von aufien beschrankt oder gemessen werden, 
und darum wohnt jeder Sprache ihre inkommensurable einzig- 
geartete Unendlichkeit inne. Ihr sprachliches Wesen, nicht ihre 
verbalen Inhalte bezeichnen ihre Grenze. 

Das sprachliche Wesen der Dinge ist ihre Sprache; dieser Satz 
auf den Menschen angewandt besagt: Das sprachliche Wesen des 
Menschen ist seine Sprache. Das heifit: Der Mensch teilt sein 
eignes geistiges Wesen in seiner Sprache mit. Die Sprache des 
Menschen spricht aber in Worten. Der Mensch teilt also sein 
eignes geistiges Wesen (sofern es mitteilbar ist) mit, indem er 
alle anderen Dinge benennt. Kennen wir aber noch andere 
Sprachen, welche die Dinge benennen? Man wende nicht ein, wir 
kennten keine Sprache aufter der des Menschen, das ist unwahr. 
Nur keine benennende Sprache kennen wir aufter der mensch- 
lichen; mit einer Identifizierung von benennender Sprache mit 
Sprache iiberhaupt beraubt sich die Sprachtheorie der tiefsten 
Einsichten. - Das sprachliche Wesen des Menschen ist also, daft 
er die Dinge benennt. 

Wozu benennt? Wem teilt der Mensch sich mit? - Aber ist diese 
Frage beim Menschen eine andere als bei anderen Mitteilungen 
(Sprachen)? Wem teilt die Lampe sich mit? Das Gebirge? Der 
Fuchs? - Hier aber lautet die Antwort; dem Menschen. Das ist 
kein Anthropomorphismus. Die Wahrheit dieser Antwort 
erweist sich in der Erkenntnis und vielleicht auch in der Kunst. 
Zudem: wenn Lampe und Gebirge und der Fuchs sich dem 
Menschen nicht mitteilen wiirden, wie sollte er sie dann benen- 
nen? Aber er benennt sie; er teilt sich mit, indem er sie benennt. 
Wem teilt er sich mit? 

Ehe diese Frage zu beantworten ist, gilt es noch einmal zu prii- 
fen: Wie teilt der Mensch sich mit? Es ist ein tiefer Unterschied 
zu machen, eine Alternative zu stellen, vor der mit Sicherheit 
die wesentlich falsche Meinung von der Sprache sich verrat. Teilt 
der Mensch sein geistiges Wesen durch die Namen mit, die er 
den Dingen gibt? Oder in ihnen? In der Paradoxic dieser Fra- 
gestellung liegt ihre Beantwortung. Wer da glaubt, der Mensch 



1 44 Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

teile sein geistiges Wesen dutch die Namen mit, der kann wie- 
derum nicht annehmen, dafi es sein geistiges Wesen sei, das er 
mitteile, - denn das geschieht nicht durch Namen von Dingen, 
also durch Worte, durch die er ein Ding bezeichnet. Und er kann 
wiederum nur annehmen, er teile eine Sache anderen Menschen 
mit, denn das geschieht durch das Wort, durch das ich ein Ding 
bezeichne. Diese Ansicht ist die biirgerliche Auffassung der Spra- 
che, deren Unhaltbarkeit und Leere sich mit steigender Deut- 
lichkeit im folgenden ergeben soil. Sie besagt: Das Mittel der 
Mitteilung ist das Wort, ihr Gegenstand die Sache, ihr Adressat 
ein Mensch. Dagegen kennt die andere kein Mittel, keinen Ge- 
genstand und keinen Adressaten der Mitteilung. Sie besagt: im 
Namen teilt das geistige Wesen des Menschen sich Gott mit. 
Der Name hat im Bereich der Sprache einzig diesen Sinn und 
diese unvergleichlich hohe Bedeutung: dafi er das innerste Wesen 
der Sprache selbst ist. Der Name ist dasjenige, durch das sich 
nichts mehr, und in dem die Sprache selbst und absolut sich mit- 
teilt. Im Namen ist das geistige Wesen, das sich mitteilt, die 
Sprache. Wo das geistige Wesen in seiner Mitteilung die Sprache 
selbst in ihrer absoluten Ganzheit ist, da allein gibt es den Na- 
men, und da gibt es den Namen allein. Der Name als Erbteil der 
Menschensprache verburgt also, dafi die Sprache schlechthin das 
geistige Wesen des Menschen ist; und nur darum ist das geistige 
Wesen des Menschen allein unter alien Geisteswesen restlos 
mitteilbar. Das begriindet den Unterschied der Menschensprache 
von der Sprache der Dinge. Weil das geistige Wesen des Men- 
schen aber die Sprache selbst ist, darum kann er sich nicht durch 
sie, sondern nur in ihr mitteilen. Der InbegrifF dieser intensiven 
Totalitat der Sprache als des geistigen Wesens des Menschen 
ist der Name. Der Mensch ist der Nennende, daran erkennen 
wir, daft aus ihm die reine Sprache spricht. Alle Natur, sofern 
sie sich mitteilt, teilt sich in der Sprache mit, also letzten Endes 
im Menschen. Darum ist er der Herr der Natur und kann die 
Dinge benennen. Nur durch das sprachliche Wesen der Dinge 
gelangt er aus sich selbst zu deren Erkenntnis - im Namen. 
Gottes Schopfung vollendet sich, indem die Dinge ihren Namen 
vom Menschen erhalten, aus dem im Namen die Sprache allein 
spricht. Man kann den Namen als die Sprache der Sprache be- 
zeichnen (wenn der Genetiv nicht das Verhaltnis f des Mittels, 



Ober Sprache uberhaupt und iiber die Sprache des Menschen 145 

sondern des Mediums bezeichnet) und in diesem Sinne ist aller- 
dings, weil er im Namen spricht, der Menscb. der Sprecher der 
Sprache, eben darum auch ihr einziger. In der Bezeichnung 
des Menschen als des Sprechenden (das ist aber z. B. nach der 
Bibel ofTenbar der Namen-Gebende: »wie der Mensch allerlei 
lebendige Tiere nennen wiirde, so sollten sie heifien«) schKefien 
viele Sprachen diese metaphysische Erkenntnis ein. 
Der Name ist aber nicht allein der letzte Ausruf, er ist auch der 
eigentliche Anruf der Sprache. Damit erscheint im Namen das 
Wesensgesetz der Sprache, nach dem sich selbst aussprechen und 
alles andere ansprechen dasselbe ist. Die Sprache - und in ihr 
ein geistiges Wesen - spricht sich nur da rein aus, wo sie im 
Namen spricht, das heifk: in der universellen Benennung. So 
gipfeln im Namen die intensive Totalitat der Sprache als des 
absolut mitteilbaren geistigen Wesens und die extensive Totali- 
tat der Sprache als des universell mitteilenden (benennenden) 
Wesens. Die Sprache ist ihrem mitteilenden Wesen, ihrer Uni- 
versalitat nach, da unvollkommen, wo das geistige Wesen, das 
aus ihr spricht, nicht in seiner ganzen Struktur sprachliches, das 
heifit mitteilbares ist. Der Mensch allein hat die nach Universa- 
litat und Intensitdt vollkommene Sprache. 
Angesichts dieser Erkenntnis ist nun ohne Gefahr der Verwir- 
rung eine Frage moglich, die zwar von hochster metaphysischer 
Wichtigkeit ist, aber an dieser Stelle in aller Klarheit zunachst 
als eine terminologische vorgebracht werden kann. Ob namlich 
das geistige Wesen - nicht nur des Menschen (denn das ist not- 
wendig) - sondern auch der Dinge und somit geistiges Wesen 
uberhaupt in sprachtheoretischer Hinsicht als sprachliches zu 
bezeichnen ist. Wenn das geistige Wesen mit dem sprachlichen 
identisch ist, so ist das Ding seinem geistigen Wesen nach Me- 
dium der Mitteilung, und was sich in ihm mitteilt, ist - gemafi 
dem medialen Verhaltnis - eben dies Medium (die Sprache) 
selbst. Sprache ist dann das geistige Wesen der Dinge. Es wird 
das geistige Wesen also von vornherein als mitteilbar gesetzt, 
oder vielmehr gerade in die Mitteilbarkeit gesetzt, und die 
Thesis: das sprachliche Wesen der Dinge ist mit ihrem geistigen, 
sofern letzteres mitteilbar ist, identisch, wird in ihrem »sofern« 
zu einer Tautologie. Einen Inhalt der Sprache gibt es nicht; als 
Mitteilung teilt die Sprache ein geistiges Wesen, d. i. eine Mit- 



146 Metaphysisch-geschiditsphilosophische Studien 

teilbarkeit schlechthin mit. Die Unterschiede der Sprachen sind 
solche von Medien, die sich gleichsam nach ihrer Dichte, also 
graduell, unterscheiden; und das in der zwiefachen Hinsicht nach 
der Dichte des Mitteilenden (Benennenden) und des Mitteilbaren 
(Namen) in der Mitteilung. Diese beiden Spharen, die rein ge- 
schieden und doch vereinigt nur in der Namensprache des Men- 
schen, entsprechen sich natiirlich standig. 

Fur die Metaphysik der Sprache ergibt die Gleichsetzung des 
geistigen mit dem sprachlichen Wesen, welches nur graduelle 
Unterschiede kennt, eine Abstufung alien geistigen Seins in 
Gradstufen. Diese Abstufung, die im Inneren des geistigen We- 
sens selbst stattfindet, lafit sich unter keine obere Kategorie 
mehr fassen, sie fiihrt daher auf die Abstufung aller geistigen 
wie sprachlichen Wesen nach Existenzgraden oder nach Seins- 
graden, wie sie beziiglich der geistigen schon die Scholastik ge- 
wohnt war. Die Gleichsetzung des geistigen mit dem sprachlichen 
Wesen ist aber in sprachtheoretischer Hinsicht von so grower 
mctaphysischer Tragweite, weil sie auf denjenigen BegrifT hin- 
fiihrt, der sich immer wieder wie von selbst im Zentrum der 
Sprachphilosophie erhoben hat und ihre innigste Verbindung 
mit der Religionsphilosophie ausgemacht hat. Das ist der Be- 
griff der Offenbarung. - Innerhalb aller sprachlichen Gestal- 
tung waltet der Widerstreit des Ausgesprochenen und Aussprech- 
lichen mit dem Unaussprechlichen und Unausgesprochenen. In 
der Betrachtung dieses Widerstreites sieht man in der Perspek- 
tive des Unaussprechlichen zugleich das letzte geistige Wesen. 
Nun ist es klar, dafi in der Gleichsetzung des geistigen mit dem 
sprachlichen Wesen dieses Verhaltnis der umgekehrten Propor- 
tionality zwischen beiden bestritten wird. Denn hier lautet die 
Thesis: je tiefer, d. h. je existenter und wirklicher der Geist, 
desto aussprechlicher und ausgesprochener, wie es denn eben im 
Sinne dieser Gleichsetzung liegt, die Beziehung zwischen Geist 
und Sprache zur schlechthin eindeutigen zu machen, so dafi der 
sprachlich existenteste, d. h. fixierteste Ausdruck, das sprachlich 
Pragnanteste und Unverriickbarste, mit einem Wort: das Aus- 
gesprochenste zugleich das reine Geistige ist. Genau das meint 
aber der Begriff der Offenbarung, wenn er die Unantastbarkeit 
des Wortes fur die einzige und hinreichende Bedingung und 
Kennzeichnung der Gottlichkeit des geistigen Wesens, das sich 



Ober Sprache iiberhaupt und iiber die Sprache des Menschen 147 

in ihm ausspricht, nimmt. Das hochste Geistesgebiet der Religion 
ist (im Begriff der Offenbarung) zugleich das einzige, welches 
das Unaussprechliche nicht kennt. Denn es wird angesprochen 
im Namen und spricht sich aus als Offenbarung. Hierin aber 
kiindigt sich an, dafi allein das hochste geistige Wesen, wie es in 
der Religion erscheint, rein auf dem Menschen und der Sprache 
in ihm beruht, wahrend alle Kunst, die Poesie nicht ausgenom- 
men, nicht auf dem allerletzten Inbegriff des Sprachgeistes, 
sondern auf dinglichem Sprachgeist, wenn auch in seiner voll- 
endeten Schonheit, beruht. »Sprache, die Mutter der Vernunft 
und Offenbarungy ihr A und Q«, sagt Hamann. 
Die Sprache selbst ist in den Dingen selbst nicht vollkommen 
ausgesprochen. Dieser Satz hat einen doppelten Sinn nach der 
ubertragenen und der sinnlichen Bedeutung: Die Sprachen der 
Dinge sind unvollkommen, und sie sind stumm. Den Dingen ist 
das reine sprachliche Formprinzip - der Laut - versagt. Sie 
konnen sich nur durch eine mehr oder minder stoffliche Ge- 
meinschaft einander mitteilen. Diese Gemeinschaft ist unmittel- 
bar und unendlich wie die jeder sprachlichen Mitteilung; sie ist 
magisch (denn es gibt auch Magie der Matene). Das Unvergleich- 
liche der menschlichen Sprache ist, daft ihre magische Gemein- 
schaft mit den Dingen immateriell und rein geistig ist, und da- 
fur ist der Laut das Symbol. Dieses symbolisdie Faktum spricht 
die Bibel aus, indem sie sagt, dafi Gott dem Menschen den Odem 
einblies: das ist zugleich Leben und Geist und Sprache. - 
Wenn im folgenden das Wesen der Sprache auf Grund der ersten 
Genesiskapitel betrachtet wird, so soil damit weder Bibelinter- 
pretation als Zweck verfolgt noch auch die Bibel an dieser Stelle 
objektiv als offenbarte Wahrheit dem Nachdenken zugrunde ge- 
legt werden, sondern das, was aus dem Bibeltext in Ansehung 
der Natur der Sprache selbst sich ergibt, soil aufgefunden wer- 
den; und die Bibel ist zundchst in dieser Absicht nur darum 
unersetzlich, weil diese Ausftihrungen im Prinzipiellen ihr darin 
folgen, dafi in ihnen die Sprache als eine letzte, nur in ihrer Ent- 
faltung zu betrachtende, unerklarliche und mystische Wirklichkeit 
vorausgesetzt wird. Die Bibel, indem sie sich selbst als Offen- 
barung betrachtet, mufi notwendig die sprachlichen Grund- 
tatsachen entwickeln. - Die zweite Fassung der Schopfungs- 
geschichte, die vom Einblasen des Odems erzahlt, berichtet 



148 Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

zugleich, der Mensch sei aus Erde gernacht worden. Dies ist in der 
ganzen Schopfungsgeschichte die einzige Stelle, an der von einem 
Material des Schopfers die Rede ist, in welchem dieser seinen 
Willen, der sonst doch wohl unmittelbar schaffend gedacht ist, 
ausdriickt. Es ist in dieser zweiten Schopfungsgeschichte die Er- 
schaffung des Menschen nicht durch das Wort geschehen: Gott 
sprach - und es geschah -, sondern diesem nicht aus dem Worte 
geschaffenen Menschen wird nun die Gabe der Sprache beigelegt, 
und er wird iiber die Natur erhoben. 

Diese eigentiimliche Revolution des Schopfungsaktes, wo er sich 
auf den Menschen richtet, ist aber nicht minder deutlich in der 
ersten Schopfungsgeschichte niedergelegt, und in einem ganz 
anderen Zusammenhange verburgt er mit gleicher Bestimmtheit 
den besonderen Zusammenhang zwischen Mensch und Sprache 
aus dem Akte der Schopfung heraus. Die mannigfache Rhyth- 
mik der Schopfungsakte des ersten Kapitels lafit doch eine Art 
Grundform zu, von der allein der den Menschen erschaffende 
Akt bedeutsam abweicht. Zwar handelt es sich hier nirgends 
weder bei Mensch noch Natur um eine ausdruckliche Beziehung 
auf das Material, aus dem sie geschaffen wurden; und ob jeweils 
in den Worten: »er machte« an ein SchafTen aus Materie etwa 
gedacht ist, mufi hier dahingestellt bleiben. Aber die Rhyth- 
mik, nach der sich die Schopfung der Natur (nach Genesis 1) 
vollzieht, ist: Es werde - Er machte (schuf) - Er nannte. - In 
einzelnen Schopfungsakten (1,3; 1,14) tritt allein das »Es wer- 
de« auf. In diesem »Es werde « und in dem »Er nannte« am An- 
fang und Ende der Akte erscheint jedesmal die tiefe deutliche 
Beziehung des Schopfungsaktes auf die Sprache. Mit der schaf- 
fenden Allmacht der Sprache setzt er ein, und am Schlufi einver- 
leibt sich gleichsam die Sprache das GeschafTene, sie benennt es. 
Sie ist also das SchafTende, und das Vollendende, sie ist Wort 
und Name. In Gott ist der Name schopferisch, weil er Wort ist, 
und Gottes Wort ist erkennend, weil es Name ist. »Und er sah, 
dafl es gut war«, das ist: er hatte es erkannt durch den Namen. 
Das absolute Verhaltnis des Namens zur Erkenntnis besteht 
allein in Gott, nur dort ist der Name, weil er im innersten mit 
dem scharTenden Wort identisch ist, das reine Medium der Er- 
kenntnis. Das heifk: Gott machte die Dinge in ihren Namen er- 
kennbar. Der Mensch aber benennt sie maften der Erkenntnis. 



Uber Sprache iiberhaupt und uber die Sprache des Menschen 149 

In der Schopfung des Menschen ist die dreifache Rhythmik der 
Naturschopfung einer ganz anderen Ordnung gewichen. In ihr 
hat also die Sprache eine andere Bedeutung; die Dreiheit des 
Aktes ist auch hier erhalten, aber um so machtiger bekundet sich 
eben im Parallelismus der Abstand: in dem dreifachen: »Er schuf « 
des Verses 1,27. Gott hat den Menschen nicht aus dem Wort 
geschaffen, und er hat ihn nicht benannt. Er wollte ihn nicht der 
Sprache unterstellen, sondern im Menschen entliefi Gott die 
Sprache, die ihm als Medium der Schopfung gedient hatte, frei 
aus sich. Gott ruhte, als er im Menschen sein Schopferisches 
sich selbst iiberliefL Dieses Schopferische, seiner gottlichen Ak- 
tualitat entledigt, wurde Erkenntnis. Der Mensch ist der Er- 
kennende derselben Sprache, in der Gott Schopfer ist. Gott 
schuf ihn sich zum Bilde, er schuf den Erkennenden zum Bilde 
des Schaffenden. Daher bedarf der Satz: Das geistige Wesen 
des Menschen ist die Sprache, der Erklarung. Sein geistiges We- 
sen ist die Sprache, in der geschaffen wurde. Im Wort wurde 
geschaffen, und Gottes sprachliches Wesen ist das Wort. Alle 
rnenschliche Sprache ist nur Reflex des Wortes im Namen. Der 
Name erreicht so wenig das Wort wie die Erkenntnis die Schaf- 
fung. Die -Unendlichkeit aller menschlichen Sprache bleibt im- 
mer eingeschrankten und analytischen Wesens im Vergleich 
mit der absoluten uneingeschrankten und schaffenden Unend- 
lichkeit des Gotteswortes. 

Das tiefste Abbild dieses gottlichen Wortes und der Punkt, an 
dem die Menschensprache den innigsten Anteil an der gottlichen 
Unendlichkeit des blofien Wortes erlangt, der Punkt, an dem 
sie nicht endliches Wort und Erkenntnis nicht werden kann: 
das ist der rnenschliche Namen. Die Theorie des Eigennamens 
ist die Theorie von der Grenze der endlichen gegen die unend- 
liche Sprache. Von alien Wesen ist der Mensch das einzige, das 
seinesgleichen selbst benennt, wie es denn das einzige ist, das 
Gott nicht benannt hat. Vielleicht ist es kiihn, aber kaum un- 
moglich, den Vers 2,20 in seinem zweiten Teile in diesem Zu- 
sammenhang zu nennen: daft der Mensch alle Wesen be- 
nannte, »aher fur den Menschen ward keine Gehilfin gefunden, 
die um ihn ware«. Wie denn auch Adam sein Weib, alsobald er 
es bekommen hat, benennt. (Mannin im zweiten Kapitel, Heva 
im dritten.) Mit der Gebung des Namens weihen die Eltern 



150 Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

ihre Kinder Gott; dem Namen, den sie hier geben, entspricht - 
metaphysisch, nicht etymologisch verstanden - keine Erkenntnis, 
wie sie die Kinder ja auch neugeboren benennen. Es sollte im 
strengen Geist auch kein Mensch dem Namen (nach seiner 
etymologischen Bedeutung) entsprechen, denn der Eigenname ist 
Wort Gottes in menschlichen Lauten. Mit ihm wird jedem Men- 
schen seine Erschaffung durch Gott verbiirgt, und in diesem 
Sinne ist er selbst schaffend, wie die mythologische Weisheit 
es in der Anschauung ausspricht (die sich wohl nicht selten fin- 
det), dafi sein Name des Menschen Schicksal sei. Der Eigenname 
ist die Gemeinschaft des Menschen mit dem scbopferischen Wort 
Gottes. (Es ist dies nicht die einzige, und der Mensch kennt nocli 
eine andere Sprachgemeinschaft mit Gottes Wort.) Durch das 
Wort ist der Mensch mit der Sprache der Dinge verbunden. Das 
menschliche Wort ist der Name der Dinge. Damit kann die Vor- 
stellung nicht mehr aufkommen, die der burgerlichen Ansicht 
der Sprache entspricht, dafi das Wort zur Sache sich zufallig ver- 
halte, dafi es ein durch irgendwelche Konvention gesetztes Zei- 
chen der Dinge (oder ihrer Erkenntnis) sei. Die Sprache gibt 
niemals blofie Zeichen. MifJverstandlich ist aber auch die Ab- 
lehnung der burgerlichen durch die mystische Sprachtheorie. 
Nach ihr namlich ist das Wort schlechthin das Wesen der Sache. 
Das ist unrichtig, weil die Sache an sich kein Wort hat, geschaf- 
fen ist sie aus Gottes Wort und erkannt in ihrem Namen nach 
dem Menschenwort. Diese Erkenntnis der Sache ist aber nicht 
spontane Schopfung, sie geschieht nicht aus der Sprache absolut 
uneingeschrankt und unendlich wie diese; sondern es beruht 
der Name, den der Mensch der Sache gibt, darauf, wie sie 
ihm sich mitteilt. Im Namen ist das Wort Gottes nicht schaf- 
fend geblieben, es ist an einem Teil empfangend, wenn auch 
sprachempfangend, geworden. Auf die Sprache der Dinge selbst, 
aus denen wiederum lautlos und in der stummen Magie der 
Natur das Wort Gottes hervorstrahlt, ist diese Empfangnis 
gerichtet. 

Fur Empfangnis und Spontaneitat zugleich, wie sie sich in die- 
ser Einzigartigkeit der Bindung nur im sprachlichen Bereich fin- 
den, hat aber die Sprache ihr eigenes Wort, und dieses Wort 
gilt auch von jener Empfangnis des Namenlosen im Namen. Es 
ist die Obersetzung der Sprache der Dinge in die des Menschen. 



Uber Sprache tiberhaupt und uber die Sprache des Menschen 151 

Es 1st notwendig,. den Begriff der Obersetzung in der tiefsten 
Schicht der Sprachtheorie zu begriinden, denn er ist viel zu 
weittragend und gewaltig, um in irgendeiner Hinsicht nach- 
traglich, wie bisweilen gemeint wird, abgehandelt werden zu 
konnen. Seine voile Bedeutung gewinnt er in der Einsicht, dafi 
jede hohere Sprache (mit Ausnahme des Wortes Gottes) als 
Obersetzung aller anderen betrachtet werden kann. Mit dem 
erwahnten Verhaltnis der Sprachen als dem von Medien ver- 
schiedener Dichte ist die Obersetzbarkeit der Sprachen ineinan- 
der gegeben. Die Obersetzung ist die Oberfiihrung der einen 
Sprache in die andere durch ein Kontinuum von Verwandlun- 
gen, Kontinua der Verwandlung, nicht abstrakte Gleichheks- 
und Ahnlichkeitsbezirke durchmifit die "Obersetzung. 
Die Obersetzung der Sprache der Dinge in die des Menschen ist 
nicht nur Obersetzung des Stummen in das Lauthafte, sie ist die 
Obersetzung des Namenlosen in den Namen. Das ist also die 
Obersetzung einer unvollkommenen Sprache in eine vollkom- 
menere, sie kann nicht anders als etwas dazu tun, namlich die 
Erkenntnis. Die Objektivitat dieser Obersetzung ist aber in 
Gott verbiirgt. Denn Gott hat die Dinge geschaffen, das schaf- 
fende Wort in ihnen ist der Keim des erkennenden Namens, 
wie Gott auch am Ende jedes Ding benannte, nachdem es ge- 
schaffen war. Aber offenbar ist diese Benennung nur der Aus- 
druck der Identitat des schaffenden Wortes und des erkennenden 
Namens in Gott, nicht die vorhergenommene Losung jener Auf- 
gabe, die Gott ausdriicklich dem Menschen selbst zuschreibt: 
namlich die Dinge zu benennen. Indem er die stumme namen- 
lose Sprache der Dinge empfangt und sie in den Namen in 
Lauten iibertragt, lost der Mensch diese Aufgabe. Unlosbar ware 
sie, ware nicht die Namensprache des Menschen und die namen- 
lose der Dinge in Gott verwandt, entlassen aus demselben schaf- 
fenden Wort, das in den Dingen Mitteilung der Materie in magi- 
scher Gemeinschaft, im Menschen Sprache des Erkennens und 
Namens in seligem Geiste geworden ware. Hamann sagt: »Alles, 
was der Mensch am Anfange horte, mit Augen sah . . . und seine 
Hande betasteten, war . . . lebendiges Wort; denn Gott war 
das Wort. Mit diesem Worte im Mund und im Herzen war der 
Ursprung der Sprache so natiirlich, so nahe und leicht, wie ein 
Kinderspiel . . .«. Der Maler Muller in seiner Dichtung »Adams 



152 Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

erstes Erwachen und erste selige Nachte« lafk Gott mit diesen 
Worten den Menschen zur Namengebung aufrufen: »Mann von 
Erde, tritt nahe, am Anschauen werde vollkommner, voll- 
kommner werde durchs WortU In dieser Verbindung von An- 
schauung und Benennung ist innerlich die mitteilende Stumm- 
heit der Dinge (der Tiere) auf die Wortsprache des Menschen zu 
gemeint, die sie im Namen aufnimmt. In demselben Kapitel der 
Dichtung spricht aus dem Dichter die Erkenntnis, dafi nur das 
Wort, aus dem die Dinge geschaffen sind, ihre Benennung dem 
Menschen erlaubt, indem es sich in den mannigfachen Sprachen 
der Tiere, wenn auch stumm, mitteilt in dem Bild: Gott gibt 
den Tieren der Reihe nach ein Zeichen, auf das hin sie vor den 
Menschen zur Benennung treten. Auf eine fast sublime Weise 
ist so die Sprachgemeinschaft der stummen Schopfung mit Gott 
im Bilde des Zeichens gegeben. 

Wie das stumme Wort im Dasein der Dinge so unendlich weit 
unter dem benennenden Wort in der Erkenntnis des Menschen 
zuriickbleibt, wie wiederum dieses wohl unter dem schaffenden 
Wort Gottes, so ist der Grund fiir die Vielheit menschlicher 
Sprachen gegeben. Die Sprache der Dinge kann in die Sprache 
der Erkenntnis und des Namens nur in der Obersetzung ein- 
gehen — soviel Obersemmgen, soviel Sprachen, sobald namlich 
der Mensch einmal aus dem paradiesischen Zustand, der nur 
eine Sprache kannte, gefallen 1st. (Nach der Bibel stellt diese 
Folge der Austreibung aus dem Paradiese allerdings erst spater 
sich ein.) Die paradiesische Sprache des Menschen mufi die voll- 
kommen erkennende gewesen sein; wahrend spater noch einmal 
alle Erkenntnis in der Mannigfaltigkeit der Sprache sich unend- 
lich diff erenziert, auf einer niederen . Stufe als Schopfung im 
Namen uberhaupt sich differenzieren mufite. Dafi namlich die 
Sprache des Paradieses vollkommen erkennend gewesen sei, 
vermag auch das Dasein des Baumes der Erkenntnis nicht zu 
verhehlen. Seine Apfel sollten die Erkenntnis verleihen, was 
gut und bose sei. Gott aber hatte schon am siebenten Tage mit 
den Worten der Schopfung erkannt. Und siehe, es war sehr gut. 
Die Erkenntnis, zu der die Schlange verfiihrt, das Wissen, was 
gut sei und bose, ist namenlos. Es ist im tiefsten Sinne nichtig, 
und dieses Wissen eben selbst das einzige Bose, das der para- 
diesische Zustand kennt. Das Wissen um gut und bose verlafk 



"Ober Sprache iiberhaupt und iiber die Sprache des Menschen 153 

den Namen, es ist eine Erkenntnis von aufien, die unschopfe- 
rische Nachahmung des schaffenden Wortes. Der Name tritt aus 
sich selbst in dieser Erkenntnis heraus: Der Siindenfall ist die Ge- 
burtsstunde des menschlichen Wortes, in dem der Name nicht 
mehr unverletzt lebte, das aus der Namensprache, der erkennen- 
den, man darf sagen: der immanenten eigenen Magie heraustrat, 
um ausdriicklidi, von aufien gleichsam, magisch zu werden. Das 
Wort soil etwas mitteilen (aufier sich selbst). Das ist wirklich 
der Siindenfall des Sprachgeistes. Das Wort als aufierlich mit- 
teilendes, gleichsam eine Parodie des ausdriicklich mittelbaren 
Wortes auf das ausdriicklich unmittelbare, das schaffende Got- 
teswort, und der Verfall des seligen Sprachgeistes, des adamiti- 
schen, der zwischen ihnen steht. Es besteht namlich in der Tat 
zwischen dem Worte, welches nach der Verheifiung der Schlange 
das Gute und Bose erkennt, und zwischen dem aufterlich mit- 
teilenden Worte im Grunde Identitat. Die Erkenntnis der Dinge 
beruht im Namen, die des Guten und Bosen ist aber in dem tie- 
fen Sinne, in dem Kierkegaard dieses Wort fafk, »Geschwatz« 
und kennt nur eine Reinigung und Erhohung, unter die denn 
auch der geschwatzige Mensch, der Siindige, gestellt wurde; das 
Gericht. Dem richtenden Wort ist allerdings die Erkenntnis von 
gut und bose unmittelbar. Seine Magie ist eine andere als die 
des Namens, aber gleich sehr Magie. Dieses richtende Wort ver- 
stofit die ersten Menschen aus dem Paradies; sie selbst haben es 
exzitiert, zufolge einem ewigen Gesetz, nach welchem dieses 
richtende Wort die Erweckung seiner selbst als die einzige, tief- 
ste Schuld bestraft - und erwartet. Im Siindenfall, da die ewige 
Reinheit des Namens angetastet wurde, erhob sich die strengere 
Reinhek des richtenden Wortes, des Urteils. Fur den Wesens- 
zusammenhang der Sprache hat der Siindenfall eine dreifache 
Bedeutung (ohne seine sonstige hier zu erwahnen). Indem der 
Mensch aus der reinen Sprache des Namens heraustritt, macht 
er die Sprache zum Mittel (namlich einer ihm unangemessenen 
Erkenntnis), damit auch an einem Teile jedenfalls zum bloflen 
Zeichen; und das hat spater die Mehrheit der Sprachen zur 
Folge. Die zweite Bedeutung ist, dafi nun aus dem Siindenfall 
als die Restitution der in ihm verletzten Unmittelbarkeit des 
Namens eine neue, die Magie des Urteils, sich erhebt, die nicht 
mehr selig in sich selbst ruht. Die dritte Bedeutung, deren. Ver- 



1 54 Metaphysisch-gescbichtsphilosophische Studien 

mutung sich vielleicht wagen lafit, ware, daf? audi der Ursprung 
der Abstraktion als eines Vermogens des Sprachgeistes im Sun- 
denfall zu suchen sei. Gut und bose namlich stehen als unbenenn- 
bar, als namenlos aufierhalb der Namensprache, die der Mensch 
eben im Abgrund dieser Fragestellung verlafit. Der Name bie- 
tet nun aber im Hinblick auf die bestehende Sprache nur den 
Grund, in dem ihre konkreten Elemente wurzeln. Die abstrak- 
ten Sprachelemente aber - so darf vielleicht vermutet werden - 
wurzeln im richtenden Worte, im Urteil. Die Unmittelbarkeit 
(das ist aber die sprachliche Wurzel) der Mitteilbarkeit der Ab- 
straktion ist im richterlichen Urteil gelegen.Diese Unmittelbarkeit 
in der Mitteilung der Abstraktion stellte sich richtend ein, als 
im Sundenfall der Mensch die Unmittelbarkeit in der Mitteilung 
des Konkreten, den Namen, verliefi und in den Abgrund der 
Mittelbarkeit aller Mitteilung, des Wortes als Mittel, des eitlen 
Wortes verfiel, in den Abgrund des Geschwatzes. Denn - noch 
einmal soil das gesagt werden - Geschwatz war die Frage nach 
dem Gut und Bose in der Welt nach der Schopfung. Der Baum 
der Erkenntnis stand nicht wegen der Aufschlusse uber Gut und 
Bose, die er zu geben vermocht hatte, im Garten Gottes, son- 
dern als Wahrzeichen des Gerichts uber den Fragenden. Diese 
ungeheure Ironie ist das Kennzeichen des mythischen Ursprungs 
des Rechtes. 

Nach dem Sundenfall, der in der Mittelbarmachung der Sprache 
den Grund zu ihrer Vielheit gelegt hatte, konnte es bis zur 
Sprachverwirrung nur noch ein Schritt sein. Da die Menschen 
die Reinheit des Namens verletzt hatten, brauchte nur noch die 
Abkehr von jenem Anschauen der Dinge, in dem deren Sprache 
dem Menschen eingeht, sich zu vollziehen, um die gemeinsame 
Grundlage des schon erschiitterten Sprachgeistes den Menschen 
zu rauben. Zeicben miissen sich verwirren, wo sich die Dinge 
verwickeln. Zur Verknechtung der Sprache im Geschwatz tritt 
die Verknechtung der Dinge in der Narretei fast als deren un- 
ausbleibliche Folge. In dieser Abkehr von den Dingen, die die 
Verknechtung war, entstand der Plan des Turmbaus und die 
Sprachverwirrung mit ihm. 

Das Leben des Menschen im reinen Sprachgeist war selig. Die . 
Natur aber ist stumm. Es ist zwar im zweiten Kapitel der Ge- 
nesis deutlich zu fiihlen, wie diese vom Menschen benannte 



Ober Sprache iiberhaupt und iiber die Sprache des Menschen 1 5 5 

Stummheit selbst Seligkeit nur niederen Grades geworden ist. 
Der Maler Miiller lafit Adam von den Tieren, die ihn verlassen, 
nachdem er sie benannt hat, sagen: »und sah an den Adel, wie 
sie von mir wegsprangen, darum dafi ihnen der Mann einen 
Namen gab.« Nach dem Siindenfall aber andert sich mit Gottes 
Wort, das den Acker verflucht, das Ansehen der Natur im tief- 
sten. Nun beginnt ihre andere Stummheit, die wir mit der tiefen 
Traurigkeit der Natur meinen. Es ist eine metaphysische Wahr- 
heit, dafi alie Natur zu klagen begonne, wenn Sprache ihr ver- 
liehen wiirde. (Wobei »Sprache verleihen« allerdings mehr ist 
als »machen, dafi sie sprechen kann«.) Dieser Satz hat einen 
doppelten Sinn. Er bedeutet zuerst: sie wiirde iiber die Sprache 
selbst klagen. Sprachlosigkeit: das ist das grofie Leid der Natur 
(und um ihrer Erlosung willen ist Leben und Sprache des 
Menschen in der Natur, nicht allein, wie man vermutet, des 
Dichters). Zweitens sagt dieser Satz: sie wiirde klagen. Die 
Klage ist aber der undifferenzierteste, ohnmachtige Ausdruck der 
Sprache, sie enthalt fast nur den sinnlichen Hauch; und wo auch 
nur Pflanzen rauschen, klingt immer eine Klage mit. Weil sie 
stumm ist, trauert. die Natur. Doch noch defer fiihrt in das 
Wesen der Natur die Umkehrung dieses Satzes ein: die Traurig- 
keit der Natur macht sie verstummen. Es ist in aller Trauer der 
tiefste Hang zur Sprachlosigkeit, und das ist unendlich viel mehr 
als Unfahigkeit oder Unlust zur Mitteilung. Das Traurige 
fuhlt sich so durch und durch erkannt vom Unerkennbaren. 
Benannt zu sein - selbst wenn der Nennende ein Gottergleicher 
und Seliger ist - bleibt vielleicht immer eine Ahnung von Trau- 
er. Wieviel mehr aber benannt zu sein, nicht aus der einen 
seligen Paradiesessprache der Namen, sondern aus den hunder- 
ten Menschensprachen, in denen der Namen schonwelkte, und die 
dennoch nach Gottes Spruch die Dinge erkennen. Die Dinge 
haben keine Eigennamen aufter in Gott. Denn Gott rief im 
schaffenden Wort freilich bei ihren Eigennamen sie hervor. In 
der Sprache der Menschen aber sind sie iiberbenannt. Im Ver- 
haltnis der Menschensprachen zu der der Dinge liegt etwas, was 
man als »Uberbenennung« annahernd bezeichnen kann: Uber- 
benennung als tiefster sprachlicher Grund aller Traurigkeit und 
(vom Ding aus betrachtet) alien Verstummens. Die Uberbe- 
nennung als sprachliches Wesen des Traurigen deutet auf ein 



156 Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

anderes merkwiirdiges Verhaltnis der Sprache: auf die Oberbe- 
stimmtheit, die im tragischen Verhaltnis zwischen den Sprachen 
der sprechenden Menschen waltet. 

Es gibt eine Sprache der Plastik, der Malerei, der Poesie. So 
wie die Sprache der Poesie in der Namensprache des Menschen, 
wenn nicht allein, so doch jedenfalls mit fundiert ist, ebenso ist 
es sehr wohl denkbar, dafi die Sprache der Plastik oder Malerei 
etwa in gewissen Arten von Dingsprachen fundiert sei, dafi in 
ihnen eine Obersetzung der Sprache der Dinge in eine unendlich 
viel hohere Sprache, aber doch vielleicht derselben Sphare, vor- 
liegt. Es handelt sich hier um namenlose, unakustische Spra- 
chen, um Sprachen aus dem Material; dabei ist an die materiale 
Gemeinsamkeit der Dinge in ihrer Mitteilung zu denken. 
Obrigens ist die Mitteilung der Dinge gewifi von einer solchen 
Art von Gemeinschaftlichkeit, dafi sie die Welt iiberhaupt als 
ein ungeschiedenes Ganzes befafit. 

Fur die Erkenntnis der Kunstformen gilt der Versuch, sie alle 
als Sprachen aufzufassen und ihren Zusammenhang mit Natur- 
sprachen zu suchen. Ein Beispiel, das naheliegt, veil es der aku- 
stischen Sphare angehort, ist die Verwandtschaft des Gesanges 
mit der Sprache der Vogel. Andererseits ist gewifi, dafi die Spra- 
che der Kunst sich nur in tiefster Beziehung zur Lehre von den 
Zeichen verstehen lafit. Ohne diese bleibt iiberhaupt jede 
Sprachphilosophie ganzlich fragmentarisch, weil die Beziehung 
zwischen Sprache und Zeichen (wofiir die zwischen Menschen- 
sprache und Schrift nur ein ganz besonderes Beispiel bildet) ur- 
spriinglich und fundamental ist. 

Dies gibt Gelegenheit, einen anderen Gegensatz zu bezeichnen, der 
das gesamte Gebiet der Sprache durchwaltet und wichtige Be- 
ziehungen zu dem erwahnten von Sprache in engerem Sinne und 
Zeichen hat, die doch durchaus nicht ohne weiteres mit diesem zu- 
sammenfallt. Es ist namlich Sprache in jedem Falle nicht allein 
Mitteilung des Mitteilbaren, sondern zugleich Symbol des Nicht- 
Mitteilbaren. Diese symbolische Seite der Sprache hangt mit ihrer 
Beziehung zum Zeichen zusammen, aber erstreckt sich zum Bei- 
spiel in gewisser Beziehung auch iiber Name und Urteil. Diese ha- 
ben nicht allein eine mitteilende, sondern hochstwahrscheinlich 
auch eine mit ihr eng verbundene symbolische Funktion, auf die 
hier ausdrucklich wenigstens nicht hingewiesen wurde. 



Ober das Programm der kommenden Philosophic 157 

Demnach bleibt nach diesen Erwagungen ein gereinigter Begriff 
von Sprache zuriick, wenn der audi noch unvollkommen sein 
mag. Die Sprache eines Wesens ist das Medium, in dem sich sein 
geistiges Wesen mitteilt. Der ununterbrochene Strom dieser Mit- 
teilung fliefit durch die ganze Natur vom niedersten Existieren- 
den bis zum Menschen und vom Menschen zu Gott. Der Mensch 
teilt sich Gott durch den Namen mit, den er der Natur und 
seinesgleichen (im Eigennamen) gibt, und der Natur gibt er den 
Namen nach der Mitteilung, die er von ihr empfangt, denn auch 
die ganze Natur ist von einer namenlosen stummen Sprache 
durchzogen, dem Residuum des schaffenden Gotteswortes, wel- 
ches im Menschen als erkennender Name und iiber dem Menschen 
als richtendes Urteil schwebend sich erhalten hat. Die Sprache 
der Natur ist einer geheimen Losung zu vergleichen, die jeder 
Posten dem nachsten in seiner eigenen Sprache weitergibt, der 
Inhalt der Losung aber ist die Sprache des Postens selbst. Alle 
hohere Sprache ist Obersetzung der niederen, bis in der letzten 
Klarheit sich das Wort Gottes entfaltet, das die Einheit dieser 
Sprachbewegung ist. 



Ober das Programm der kommenden Philosophie 

Es ist die zentrale Aufgabe der kommenden Philosophie die 
tiefsten Ahnungen die sie aus der Zeit und dem Vorgefiihle 
einer grofSen Zukunft schopft durch die Beziehung auf das Kan- 
tische System zu Erkenntnis werden zu lassen. Die historische 
Kontinuitat die durch den Anschlufi an das Kantische System 
gewahrleistet wird ist zugleich die einzige von entscheidender 
systematischer Tragweite. Denn Kant ist von denjenigen Phi- 
losophen denen es nicht unmittelbar um den Umfang und die 
Tiefe, sondern vor Allem, und zu allererst, um die Rechtferti- 
gung der Erkenntnis ging der jiingste und nachst Platon auch 
wohl der Einzige. Diesen beiden Philosophen ist die Zuversicht 
gemeinsam, dafi die Erkenntnis von der wir die reinste Rechen- 
schaft haben zugleich die tiefste sein werde. Sie haben die For- 
derung der Tiefe aus der Philosophie nicht verbannt, sondern 
sie sind ihr in einziger Weise gerecht geworden indem sie sie mit 



1 5 8 Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

der nach Rechtfertigung identifizierten. Je unabsehbarer und 
kiihner die Entfaltung der kommenden Philosophie sich ankiin- 
digt, desto tiefer mufi sie nach Gewiftheit ringen deren Krite- 
rium die systematische Einheit oder die Wahrheit ist. 
Die bedeutendste Hemmung welche dem Anschlufi einer wahr- 
haft zeit- und ewigkeitsbewufiten Philosophie an Kant sich 
bietet ist jedoch in Folgendem zu finden: diejenige Wirklichkeit 
deren Erkenntnis und mit der er die Erkenntnis auf Gewifiheit 
und Wahrheit griinden wollte, ist eine Wirklichkeit niedern, 
vielleicht niedersten Ranges. Das Problem der Kantischen wie 
jeder grofien Erkenntnistheorie hat zwei Seiten und nur der 
einen Seite hat er eine giiltige Erklarung zu geben vermocht. Es 
war erstens die Frage nach der Gewiftheit der Erkenntnis die 
bleibend ist; und es war zweitens die Frage nach der Dignitat 
einer Erfahrung die verganglich war. Denn das universale 
philosophische Interesse ist stets zugleich auf die zeitlose Giiltig- 
keit der Erkenntnis und auf die Gewifiheit einer zeitlichen Er- 
fahrung, die als deren nachster wenn nicht einziger Gegenstand 
betrachtet wird gerichtet. Nur ist den Philosophen diese Erfah- 
rung in ihrer gesamten Struktur nicht als eine singular zeitliche 
bewufk gewesen und sie war es audi Kant nicht. Hat Kant audi, 
vor Allem in den Prolegomena, die Prinzipien der Erfahrung 
aus den Wissenschaften und besonders der mathematischen Phy- 
sik abnehmen wollen, so war ihm doch zunachst und audi in der 
Kritik der reinen Vernunft die Erfahrung selbst und schlecht- 
hin nicht mit der Gegenstandswelt jener Wissenschaft identisch; 
und selbst wenn sie es ihm geworden ware so wie sie es den 
neukantischen Denkern geworden ist, so bliebe doch der so iden- 
tifizierte und bestimmte immer noch der alte Erfahrungsbegriff, 
dessen bezeichnendstes Merkmal seine Beziehung nicht nur auf 
das reine sondern zugleich audi auf das empirische Bewufitsein 
ist. Um eben das aber handelt es sich: um die Vorstellung von 
der nackten primitiven und selbstverstandlichen Erfahrung die 
Kant als Menschen der irgendwie den Horizont seines Zeitalters 
geteilt hat die einzig gegebene ja die einzig mogliche schien. 
Diese Erfahrung jedodi war, wie es schon angedeutet ist, eine 
singulare zeitlich beschrankte und iiber diese Form hinaus die 
sie in gewisser Weise mit jeder Erfahrung teilt, war diese Erfah- 
rung, die man audi im pragnanten Sinne Weltanschauung nen- 



Ober das Programm der kommenden Philosophic 159 

nen konnte, die der Aufklarung. Sie unterschied sich in den 
hier wesentlichsten Ziigen aber nicht allzusehr von der der iibri- 
gen Jahrhunderte der Neuzeit. Diese war eine der niedrigst 
stehenden Erfahrungen oder Anschauungen von der Welt. DaE 
Kant sein ungeheures Werk gerade unter der Konstellation der 
Aufklarung in Angriff nehmen konnte besagt, dafi dieses an 
einer gleichsam auf den Nullpunkt, auf das Minimum von 
Bedeutung reduzierten Erfahrung vorgenommen wurde. Ja man 
darf sagen, dafi eben die Grofie seines Versuches, der ihm eigene 
Radikalismus eine solche Erfahrung zur Voraussetzung hatte 
deren Eigenwert sich der Null naherte und die eine (wir diirfen 
sagen: traurige) Bedeutung nur durch ihre Gewifiheit hatte er- 
langen konnen.Kein vor-KantischerPhilosoph hat sich in diesem 
Sinne vor die erkenntnis-theoretische Aufgabe gestellt gesehen, 
keiner allerdings auch in dem Mafie freie Hand in ihr gehabt, da 
eine Erfahrung deren Quintessenz deren Bestes gewisse New- 
ton'sche Physik war derb und tyrannisch angefafk werden 
durfte ohne zu leiden. Autoritaten, nicht in dem Sinne daft 
man sich ihnen kritiklos hatte unterordnen miissen sondern als 
geistige Machte die der Erfahrung einen grofien Inhalt zu ge- 
ben vermocht hatten, gab es fur die Aufklarung nicht. Was das 
Niedere und Tiefstehende der Erfahrung jener Zeit ausmacht, 
worin ihr erstaunlich geringes spezifisch metaphysisches Gewicht 
liegt wird sich nur andeuten lassen in der Wahrnehmung wie 
dieser niedere Erfahrungsbegriff auch das Kantische Denken 
beschrankend beeinflufk hat. Es handelt sich dabei selbstver- 
standlich um denselben Tatbestand den man als die religiose 
und historische Blindheit der Aufklarung oft hervorgehoben hat 
ohne zu erkennen in welchem Sinne diese Merkmale der Auf- 
klarung der gesamten Neuzeit zukommen. 
Es ist von der hochsten Wichtigkeit fur die kommende Philoso- 
phic, zu erkennen und zu sondern welche Elemente des Kanti- 
schen Denkens aufgenommen und gepflegt welche umgebildet 
und welche verworfen werden miissen. Jede Forderung eines 
Anschliefiens an Kant beruht auf der Oberzeugung, da£ dieses 
System, welches eine Erfahrung vor sich fand deren metaphysi- 
scher Seite ein Mendelssohn und Garve gerecht geworden sind, 
aus der bis zum Genialen gesteigerten Nachforschung nach Ge- 
wifiheit und Rechtfertigung der Erkenntnis diejenige Tiefe ge- 



160 Metapliysisch-geschichtsphilosophische Studien 

schopft und entwickelt hat, die es einer nodi kommenden neuen 
und hohern Art der Erfahrung wird adaquat erscheinen lassen. 
Damit ist die Hauptforderung an die gegenwartige Philosophic 
aufgestellt und zugleich ihre Erfullbarkeit behauptet: unter 
der Typik des Kantischen Denkens die erkenntnistheoretische 
Fundierung eines hohern ErfahrungsbegrifFes vorzunehmen. Und 
das eben soil zum Thema der zu erwartenden Philosophic ge- 
macht werden, dafi eine gewisse Typik im Kantischen System 
aufzuzeigen und klar abzuheben ist die einer hohern Erfahrung 
gerecht zu werden vermag. Die Moglichkeit der Metaphysik hat 
Kant nirgends bestritten, nur die Kriterien will er aufgestellt 
haben an denen eine solche Moglichkeit im einzelnen Fall erwie- 
sen werden konnte. Die Erfahrung des Kantischen Zeitalters 
bedurfle keiner Metaphysik; zu Kants Zeit war es historisch das 
einzig Mogliche ihre Anspriiche zu vernichten, denn der An- 
spruch seiner Mitgenossen auf sie war Schwache oder Heuche- 
lei. Es handelt sich darum Prolegomena einer kiinftigen Meta- 
physik auf Grund der Kantischen Typik zu gewinnen und dabei 
diese kiinftige Metaphysik, diese hohere Erfahrung ins Auge 
zu fassen. 

Allein nicht nur von der Seite der Erfahrung und Metaphysik 
mufi der kiinftigen Philosophic die Revision Kants angelegen 
sein. Und methodisch, d. h. als eigentliche Philosophic liberhaupt 
nicht von dieser Seite sondern von Seiten des Erkenntnisbegriffes 
her. Die entscheidenden Irrtumer der Kantischen Erkenntnis- 
lehre sind wie nicht zu bezweifeln ist auch auf die Hohlheit der 
ihm gegenwartigen Erfahrung zuriickzufiihren, und so wird auch 
die Doppelaufgabe der SchafTung eines neuen Erkenntnisbegrif- 
fes und einer neuen Vorstellung von der Welt auf dem Boden 
der Philosophic zu einer einzigen werden. Die Schwache des 
Kantischen ErkenntnisbegrifTes ist oft gefiihlt worden indem 
der mangelnde Radikalismus und die mangelnde Konsequenz 
seiner Lehre gefiihlt worden ist. Kants Erkenntnistheorie er- 
schliefit das Gebiet der Metaphysik nicht weil sie selbst primitive 
Elemente einer unfruchtbaren Metaphysik in sich tragt welche 
jede andere ausschliefit. In der Erkenntnistheorie ist jedes 
metaphysische Element ein Krankheitskeim der sich in der Ab- 
schlieftung der Erkenntnis von dem Gebiet der Erfahrung in 
seiner ganzen Freiheit und Tiefe aufiert. Die Entwicklung der 



Ober das Programm der kommenden Philosophic 161 

Philosophic ist dadurch zu erwarten dafi jede Annihilierung 
dieser metaphysischen Elemente in der Erkenntnistheorie zu- 
gleich diese auf eine tiefere metaphysisch erfiillte Erfahrung 
verweist. Es besteht, und hier ruht der historische Keim der 
kommenden Philosophic, die tiefste Beziehung zwischen jener 
Erfahrung deren tiefere Erforschung nie und nimmer auf die 
metaphysischen Wahrheiten fiihren konnte und jener Theorie 
der Erkenntnis welche den logischen Ort der metaphysischen 
Forschung noch nicht ausreichend zu bestimmen vermochte; 
immerhin scheint der Sinn in dem Kant etwa den Terminus 
»Metaphysik der Natur« braucht durchaus in der Richtung der 
Erforschung der Erfahrung auf Grund erkenntnistheoretisch 
gesicherter Prinzipien zu liegen. Die Unzulanglichkeiten in Hin- 
sicht auf Erfahrung und Metaphysik auEern sich innerhalb der 
Erkenntnistheorie selbst als Elemente spekulativer (d. i. rudi- 
mentar gewordener) Metaphysik. Die wichtigsten dieser Ele- 
mente sind: erstens die bei Kant trotz aller Ansatze dazu nicht 
endgiiltig iiberwundene Auffassung der Erkenntnis als Bezie- 
hung zwischen irgendwelchen Subjekten und Objekten oder ir- 
gendwelchem Subjekt und Objekt; zweitens: die ebenfalls nur 
ganz ansatzweise iiberwundene Beziehung der Erkenntnis und 
der Erfahrung auf menschlich empirisches BewuEtsein. Diese bei- 
den Probleme hangen eng miteinander zusammen und selbst 
soweit Kant und die Neukantianer die Objektnatur des Dinges 
an sich als der Ursache der Empfindungen iiberwunden haben 
bleibt immer noch die Subjekt-Natur des erkennenden Bewuftt- 
seins zu eliminieren. Diese Subjekt-Natur des erkennenden Be- 
wufkseins riihrt aber daher dafi es in Analogie zum empirischen 
das dann freilich Objekte sich gegeniiber hat gebildet ist. Das 
Ganze ist ein durchaus metaphysisches Rudiment in der Erkennt- 
nistheorie; ein Stuck eben jener flachen »Erfahrung« dieser 
Jahrhunderte welches sich in die Erkenntnistheorie einschlich. 
Es ist namlich gar nicht zu bezweifeln dafi in dem Kantischen 
Erkenntnisbegriff die wenn auch sublimierte Vorstellung eines 
individuellen leibgeistigen Ich welches mittelst der Sinne die 
Empfindungen empfangt und auf deren Grundlage sich seine 
Vorstellungeh bildet die grofite Rolle spielt. Diese Vorstellung 
ist jedoch Mythologie und was ihren Wahrheitsgehalt angeht 
jeder andern Erkenntnismythologie gleichwertig. Wir wissen 



1 61 Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

von Naturvolkern der sogenannten praanimistischen Stufe wel- 
che sich mit heiligen Tieren und Pflanzen identifizieren, sich 
wie sie benennen; wir wissen von Wahnsinnigen die ebenfalls 
sich zum Teil mit den Objekten ihrer Wahrnehmung identifizie- 
ren, die ihnen also nicht mehr Objecta, gegeniiberstehend sind; 
wir wissen von Kranken die die Empfindungen ihres Leibes 
nicht auf sich selbst sondern auf andere Wesen beziehen und von 
Hellsehern welche wenigstens behaupten die Wahrnehmungen 
anderer als ihre eigenen empfangen zu konnen. Die gemein- 
menschlicheVorstellung von sinnlicher (und geistiger) Erkenntnis 
sowohl unserer als der Kantischen als auch der vor-Kantischen 
Epoche ist nun durchaus eine Mythologie wie die genannten. 
Die Kantische »Erfahrung« ist in dieser Hinsicht, was die 
naive Vorstellung vom Empfangen der Wahrnehmungen angeht, 
Metaphysik oder Mythologie und zwar nur eine moderne und 
religios besonders unfruchtbare. Erfahrung, so wie sie mit Bezug 
auf den individuellen leibgeistigen Menschen und dessen Be- 
wufksein und nicht vielmehr als systematische Spezifikation 
der Erkenntnis gefafit wird ist wiederum in alien ihren Arten 
blofier Gegenstand dieser wirklichen Erkenntnis und zwar ihres 
psychologischen Zweiges. Diese gliedert das empirische Bewufit- 
sein systematisch in die Arten des Wahnsinns. Der erkennende 
Mensch, das erkennende empirische Bewufitsein ist eine Art des 
wahnsinnigen Bewufitseins. Damit soil nichts anderes gesagt 
sein als dafi innerhalb des empirischen Bewufitseins es zwischen 
seinen verschiedenen Arten nur gradueile Unterschiede gibt. Die- 
se Unterschiede sind zugleich solche des Wertes dessen Kriterium 
jedoch nicht in der Richtigkeit von Erkenntnlssen bestehen kann 
um die es sich in der empirischen, psychologischen Sphare nie- 
mals handelt; das wahre Kriterium des Wertunterschiedes der 
Bewufkseinsarten festzustellen wird eine der hochsten Aufgaben 
der kommenden Philosophic sein. Den Arten des empirischen 
Bewufkseins entsprechen ebensoviele der Erfahrung, welche mit 
Hinsicht auf ihre Beziehung aufs empirische BewuEtsein was 
die Wahrheit angeht lediglich den Wert der Phantasie oder Hal- 
luzination haben. Denn eine objektive Beziehung zwischen 
empirischem Bewufksein und dem objektlven Begriff von Er- 
fahrung ist unmoglich. Alle edite Erfahrung beruht auf dem 
reinen erkenntnis-theoretischen (transzendentalen) Bewufitsein 



Ober das Programm der kommenden Philosophic 163 

wenn dieser Terminus unter der Bedingung daft er alles Sub- 
jekthaften entkleidet sei noch verwendbar ist. Das reine tran- 
szendentale Bewufttsein ist artverschieden von jedem empiri- 
schen Bewufttsein und es ist daher die Frage.ob die Anwen- 
dung des Terminus Bewufttsein hier statthaft ist. Wie sich der 
psychologische BewufttseinsbegrifF zum Begriff der Sphare der 
reinen Erkenntnis verhalt bleibt ein Hauptproblem der Philo- 
sophic, das vielleicht nur aus der Zeit der Scholastik her zu resti- 
tuieren ist. Hier ist der logische Ort vieler Probleme die die 
Phanomenologie neuerdings wieder aufgeworfen hat. Die Philo- 
sophic beruht darauf daft in der Struktur der Erkenntnis die 
der Erfahrung liegt und aus ihr zu entfalten ist. Diese Erfah- 
rung umfafit denn audi die Religion, namlich als die wahre, 
wobei weder Gott noch Mensch Objekt oder Subjekt der Erfah- 
rung ist, wohl aber diese Erfahrung auf der reinen Erkenntnis 
beruht als deren Inbegriff allein die Philosophic Gott denken 
kann und mu(J, Es ist die Aufgabe der kommenden Erkennt- 
nistheorie fur die Erkenntnis die Sphare totaler Neutralitat in 
Bezug auf die BegrifTe Objekt und Subjekt zu finden; mit an- 
dern Worten die autonome ureigne Sphare der Erkenntnis 
auszumitteln in der dieser Begriff auf keine Weise mehr die Be- 
ziehung zwischen zwei metaphysischen Entitaten bezeichnet. 
Es ist als Programmsatz der kunftigen Philosophic aufzustel- 
len daft mit dieser Reinigung der Erkenntnistheorie die als 
radikales Problem Kant zu stellen ermoglicht und notwendig 
gemacht hat nicht mir ein neuer BegrifT der Erkenntnis sondern 
zugleich auch der Erfahrung aufgestellt ware, gemaE der Be- 
ziehung die Kant zwischen beiden gefunden hat. Freilich diirfte 
dabei wie gesagt die Erfahrung ebensowenig wie die Erkenntnis 
auf das empirische Bewufksein bezogen werden; aber auch hier 
wiirde es dabei bleiben, ja erst hier seinen eigentlichen Sinn ge- 
winnen daft die Bedingungen der Erkenntnis die der Erfahrung 
sind. Dieser neue Begriff der Erfahrung welcher gegriindet ware 
auf neue Bedingungen der Erkenntnis wiirde selbst der logische 
Ort und die logische Moglichkeit der Metaphysik sein. Denn aus 
welch anderm Grunde hatte Kant immer wieder die Metaphysik 
zum Problem und die Erfahrung zur einzigen Grundlage der 
Erkenntnis gemacht als weil von seinem Erfahrungsbegriff aus 
die Moglichkeit einer Metaphysik die von der Bedeutung der 



1 64 Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

friiheren gewesen ware (wohlverstanden niciit einer Metaphy- 
sik uberhaupt) ausgeschlossen erscheinen miifite. Es liegt aber 
offenbar das Auszeichnende im Begriff der Metaphysik nicht, 
und jedenfalls nicht fur Kant der sonst keine Prolegomena zu 
ihr geschrieben hatte, in der Illegitimitat ihrerErkenntnisse, son- 
dern in ihrer universalen, die gesamte Erfahrung mit dem Got- 
tesbegrifl durch Ideen unmittelbar verkniipfenden Macht. So 
lafit sich also die Aufgabe der kommenden Philosophic fassen 
als die Auffindung oder SchafTung desjenigen Erkenntnisbegrif- 
fes der, indem er zugleich audi den Erfahrungsbegriff ausschliejl- 
lich auf das transzendentale Bewufitsein bezieht, nicht allein 
mechanische sondern auch religiose Erfahrung logisch ermog- 
liclit. Damit soil durchaus nicht gesagt sein dafi die Erkenntnis 
Gott, wohl aber durchaus dafi sie die Erfahrung und Lehre 
von ihm allererst ermoglicht. 

Von der hier geforderten und als sachgemafi betrachteten Ent- 
wicklung der Philosophie lafit sich als Neukantianismus ein 
• Anzeichen bereks betrachten. Ein Hauptproblem des Neukantia- 
nismus ist gewesen den Unterschied von Anschauung und Ver- 
stand, ein metaphysisches Rudiment wie die ganze Lehre von 
den Vermogen an der Stelle die sie bei Kant einnimmt, zu be- 
seitigen. Damit - also mit der Umbildung des Erkenntnisbe- 
griffes - hat sich denn sogleich eine des Erfahrungsbegriffes 
eingestellt. Es ist namlich nicht zu bezweifeln dafi die Reduktion 
aller Erfahrung auf die wissenschaftHche, wie sehr sie in man- 
cher Hinsicht die Ausbildung des historischen Kant ist, in dieser 
Ausschliefilichkeit bei Kant nicht gemeint ist. Es bestand sicher- 
lich bei Kant eine Tendenz gegen die Zerfallung und Aufteilung 
der Erfahrung in die einzelnen Wissenschaftsgebiete und wenn 
ihr auch die spatere Erkenntnistheorie den Rekurs auf die Er- 
fahrung im gewohnlichen Sinne, wie er bei Kant vorliegt, wird 
abschneiden miissen, so ist doch andrerseits im Interesse der 
Kontinuitat der Erfahrung ihre Darstellung als das System der 
Wissenschaften wie sie der Neukantianismus gibt noch mangel- 
haft und es mufi in der Metaphysik die Moglichkeit gefunden 
werden ein reines systematisches Erfahrungskontinuum zu bil- 
den; ja ihre eigentliche Bedeutung scheint hierin zu suchen zu 
sein. Es hat sich aber bei der neukantischen Rektifikation eines 
und zwar nicht des grundlegenden metaphysizierenden Gedan- 



Dber das Programm der kommenden Philosophic 165 

kens bei Kant sogleich eine Anderung des Erfahrungsbegriffes 
ergeben und zwar bezeichnenderweise zunachst in der extremen 
Ausbildung der mechanischen Seite des relativ leeren aufklare- 
rischen Erfahrungsbegriffes. Allerdings ist nicht zu ubersehen 
dafi in einer eigentumlichen Korrelation zum mechanischen Er- 
fahrungsbegriff der Freiheitsbegriff steht und demgemafi im 
Neukantianismus fortentwickelt worden ist. Aber auch hier ist 
zu betonen daE der gesamte Zusammenhang der Ethik in dem 
BegrifT den die Aufklarung Kant und die Kantianer von Sitt- 
lichkeit haben ebensowenig aufgeht wie der Zusammenhang 
der Metaphysik in dem was jene Erfahrung nennen. Mit einem 
neuen ErkenntnisbegrifT wird daher nidht nur der der Erfah- 
rung sondern auch der der Freiheit eine entscheidende Umbil- 
dung erfahren. 

Man konnte nun hier iiberhaupt die Meinung vertreten, dafi mit 
der Auffindung eines ErfahrungsbegrifFes der einen logischen Ort 
der Metaphysik abgeben wiirde iiberhaupt der Unterschied 
zwischen den Gebieten der Natur und der Freiheit aufgehoben 
ware. Indessen ist hier wo es sich nicht um Erweisen sondern nur 
um ein Programm der Forschung handelt soviel zu sagen: so 
notwendig und unvermeidlich auf dem Grunde einer neuen 
transzendentalen Logik die Umbildung des Gebietes der Dia- 
lektik, des Oberganges zwischen Erfahrungs- und Freiheits- 
lehre ist, so wenig darf diese Umbildung in eine Vermengung 
von Freiheit und Erfahrung einmiinden, mag auch der BegrifT 
der Erfahrung im metaphysischen von dem der Freiheit in einem 
vielieicht noch unbekannten Sinne verandert sein. Denn so un- 
absehbar auch die Veranderungen sein mogen die sich der For- 
schung hier erschlieEen werden: die Trichotomie des Kantischen 
Systems gehort zu den groften Hauptstucken jener Typik die zu 
erhalten ist und sie vor allem mufi erhalten werden. Es mag in 
Frage gestellt werden diirfen, ob der zweite Teil des Systems 
(von der Schwierigkeit des dritten zu schweigen) sich noch auf 
die Ethik beziehen muft oder ob die Kategorie der Kausalitat 
durch Freiheit etwa eine andere Bedeutung habe; die Trichoto- 
mie deren metaphysisch tiefste Beziehungen noch unentdeckt 
sind hat im Kantischen System schon an der Dreiheit der Rela- 
tionskategorien ihre entscheidende Begriindung. In der absoluten 
Trichotomie des Systems das sich eben in dieser Dreiteilung auf 



166 Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

das ganze Gebiet der Kultur bezieht Hegt eine der weltgeschicht- 
lichen Oberlegenheiten des Kantischen Systems iiber das seiner 
Vorganger. Die formalistische Dialektik der nach-Kantischen 
Systeme jedoch ist nicht auf der Bestimmung der Thesis als kate- 
gorischer, der Antithesis als hypothetischer und der Synthesis als 
disjunktiver Relation gegriindet. Jedoch wird aufier dem Begriff 
der Synthesis audi der einer gewissen Nicht-Synthesis zweier 
Begriffe in einem andern systematisch hochst wichtig werden, 
da aufier der Synthesis noch eine andere Relation zwischen The- 
sis und Antithesis moglich ist. Dies wird jedoch kaum zu einer 
Vierheit der Relationskategorien fuhren konnen. 
Aber wenn die grofie Trichotomie fiir die Gliederung der Philo- 
sophic erhalten bleiben muft auch solange diese Glieder selbst 
noch fehlbestimmt sind, so gilt dies nicht ohne weiteres von alien 
einzelnen Schematen des Systems. Wie etwa die Marburger 
Schule bereits mit der Aufhebung des Unterschiedes zwischen 
transzendentaler Logik und Asthetik begonnen hat (wenn es 
auch fraglich ist ob ein Analogon dieser Scheidung nicht auf 
hoherer Stufe wiederkehren mufi), so ist dieTafel derKategorien 
wie es jetzt allgemein gefordert wird vollig zu revidieren. Ge- 
rade hierbei wird sich dann die Umformung des Erkenntnisbe- 
griffes in der Gewinnung eines neuen Begriffs von Erfahrung 
ankiindigen, da die aristotelischen Kategorien einerseits will- 
kiirlich aufgestellt, andrerseits aber durch Kant ganz einseitig 
im Hinblick auf eine mechanische Erfahrung ausgebeutet worden 
sind. Es wird vor allem zu erwagen sein ob die Kategorientafel 
in der Vereinzelung und Unvermitteltheit in der sie dasteht 
bleiben mull und ob sie nicht liberhaupt in einer Lehre von den 
Ordnungen sei es eine Stelle unter andern Gliedern emnehmen, 
sei es selbst zu einer solchen ausgebaut, auf logisch friihere 
UrbegrifFe gegriindet oder mit ihnen verbunden werden konne. 
In eine solche allgemeine Lehre von den Ordnungen wiirde dann 
auch dasjenige gehoren was Kant in der transzendentalen Asthe- 
tik erortert, ferner die samtlichen Grundbegriffe nicht nur der 
Mechanik sondern auch die der Geometrie, Sprachwissenschaft, 
Psychologie,beschreibenderNaturwissenschaft und vieler anderer, 
sofern sie unmittelbare Beziehung auf die Kategorien oder 
sonstigen hochsten philosophischen Ordnungsbegriffe hatten. Her- 
vorragende Beispiele sind hier die Grundbegriffe der Gramma- 



Uber das Programm der kommenden Philosophic 167 

tik. Ferner hat man sich zu vergegenwartigen, dafi mit der radi- 
kalen Ausschaltung aller derjenigen Bestandteile, welche in der 
Erkenntnistheorie die versteckte Antwort auf die versteckte 
Frage nach dem Werden der Erkenntnis geben das grofie Pro- 
blem des Falschen bzw. des Irrtums frei wird dessen logische 
Struktur und Ordnung nun genau so wie die des Wahren er- 
mittelt werden muf$. Der Irrtum darf nicht langer aus dem Ir- 
ren erklart werden, wie die Wahrheit nicht langer aus dem 
rechten Verstand. Auch fiir diese Erforschung der logischen Natur 
des Falschen und des Irrtums sind voraussichtlich in der Lehre 
von den Ordnungen die Kategorien aufzusuchen: iiberall in 
der modernen Philosophic regt sich die Erkenntnis, dafi die 
kategoriale und verwandte Ordnung von zentraler Wichtigkeit 
fiir die Erkenntnis mannigfach abgestufter und auch nicht 
mechanischer Erfahrung sei. Kunst, Rechtslehre und Geschichte, 
alle diese und andere Gebiete haben sich mit ganz andrer Inten- 
sitat als Kant es getan hat an der Kategorienlehre zu orientieren. 
Doch erhebt sich zugleich mit Beziehung auf die transzendentale 
Logik eines der grofken Probleme des Systems uberhaupt, nam- 
lich die Frage nach seinem dritten Teil, mit andren Worten 
nach denjenigen wissenschaftlichen Erfahrungsarten (den biolo- 
gisclien), die Kant auf dem Boden der transzendentalen Logik 
nicht behandelt hat und warum er es nicht tat. Ferner die Frage 
nach dem Zusammenhang der Kunst mit diesem dritten, der 
Ethik mit dem zweiten Teil des Systems. - Die Fixierung des 
bei Kant unbekannten Begriffes der Identitat hat voraussichtlich 
in der transzendentalen Logik eine grofte Rolle zu spielen, inso- 
fern er in der Kategorientafel nicht steht, dennoch vermutlich den 
obersten BegrifF der transzendentallogischen ausmacht und viel- 
leicht wahrhaft geeignet ist die Sphare der Erkenntnis jenseits der 
Subjekt-Objekt-Terminologie autonom zu begriinden. Die tran- 
szendentale Dialektik weist schon in der Kantischen Fassung die 
Ideen auf auf denen die Einheit der Erfahrung beruht. Fiir den 
vertieften BegrifT der Erfahrung ist aber, wie schon gesagt, Kon- 
tinuitat nachst der Einheit unerlafllich und in -den Ideen mufi 
der Grund der Einheit und der Kontinuitat jener nicht vulgaren 
und nicht nur wissenschaftlichen sondern metaphysischen Erfah- 
rung aufgewiesen werden. Die Konvergenz der Ideen auf den 
obersten Begriff der Erkenntnis ist nachzuweisen. 



1 68 Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

Wie die Kantische Lehre selbst urn ihre Prinzipien zu finden 
sich einer Wissenschaft mit Beziehung auf die sie sie definieren 
konnte gegeniiber sehen mufite, ahnlich wird es auch der modernen 
Philosophic ergehen. Die grofie Umbildung und Korrektur die 
an dem einseitig mathematisch-mechanisch orientierten Erkennt- 
nisbegrifT vorzunehmen ist, kann nur durch eine Beziehung der 
Erkenntnis auf die Sprache wie sie schon zu Kants Lebzeiten 
Hamann versucht hat gewonnen werden. Ober dem Bewufit- 
sein dafi die philosophische Erkenntnis eine absolut gewisse und 
apriorische sei, iiber dem Bewufksein dieser der Mathematik 
ebenbiirtigen Seiten der Philosophic ist fiir Kant die Tatsache 
dafi alle philosophische Erkenntnis ihren einzigen Ausdruck in 
der Sprache und nicht in Formeln und Zahlen habe vollig zu- 
riickgetreten. Diese Tatsache aber durfte sich letzten Endes als 
die entscheidende behaupten und um ihretwillen ist die systema- 
tische Suprematie der Philosophie wie iiber alle Wissenschaft so 
auch iiber die Mathematik letzten Endes zu behaupten. Ein in 
der Reflexion auf das sprachliche Wesen der Erkenntnis gewon- 
nener Begnff von ihr wird einen korrespondierenden Erfah- 
rungsbegriff schaffen der auch Gebiete deren wahrhafte syste- 
matische Einordnung Kant nicht gelungen ist umfassen wird. Als 
deren Oberstes ist das Gebiet der Religion zu nennen. Und 
damit lafit sich die Forderung an die kommende Philosophie end- 
lich in die Worte fassen: Auf Grund des Kantischen Systems 
einen Erkenntnisbegriff zu schaffen dem der Begriff einer Er- 
fahrung korrespondiert von der die Erkenntnis Lehre ist. Eine 
solche Philosophie ware entweder in ihrem allgemeinen Teile 
selbst als Theologie zu bezeichnen oder ware dieser sofern sie 
etwa historisch philosophische Elemente einschliefit iibergeord- 
net. 

Erfahrung ist die einheitliche und kontinuierliche Mannigfaltig- 
keit der Erkenntnis. 

Nachtrag 

Im Interesse der Klarung der Beziehung der Philosophie zur 
Religion ist der Gehalt des vorigen sofern es das systematische 
Schema der Philosophie angeht zu wiederholen. Es handelt sidi 



Ober das Programm der kommenden Philosophic 169 

zunachst um das Verhaltnis der drei Begriffe Erkenntnistheo- 
rie, Metaphysik, Religion. Die ganze Philosophic zerfallt in 
Erkenntnistheorie und Metaphysik, oder mit Kant zu reden in 
einen kritiscfaen und einen dogmatischen Teil, diese Einteilung 
ist jedoch, nicht als Angabe des Gehalts, aber als Einteilungsprin- 
zip nicht von pnnzipieller Wichtigkeit. Mit ihr soil nur gesagt 
werden dafi auf aller kritischen Sicherung der Erkenntnisbegrif- 
fe und des Erkenntnisbegriffs nun eine Lehre von dem aufgebaut 
werden kann wovon zunachst allererst erkenntnis-kritisch der 
Begriff einer Erkenntnis festgesetzt ist. Wo das Kritische aufhort 
und das Dogmatische anfangt ist vielleicht nicht genau auf- 
zuzeigen weil der Begriff des Dogmatischen lediglich den 
Obergang von Kritik zu Lehre von allgemeinern zu besondern 
Grundbegriffen kennzeichnen soil. Die ganze Philosophic ist also 
Erkenntnistheorie, nur eben Theorie, kritische und dogmatische 
aller Erkenntnis. Beide Teile, der kritische wie der dogmatische 
fallen ganz ins Gebiet des Philosophischen. Und da das der 
Fall ist, da nicht etwa der dogmatische Teil mit dem ein- 
zelwissenschaftlichen zusammenfallt, so erhebt sich naturgemafi 
die Frage nach der Grenze zwischen Philosophic und Einzel- 
wissenschaft. Die Bedeutung des terminus des Metaphysischen 
wie er im vorigen eingefiihrt ist besteht nun eben darin diese 
Grenze als nicht vorhanden zu erklaren und die Umpragung der 
»Erfahrung« zu »Metaphysik« bedeutet daft im metaphysischen 
oder dogmatischen Teil der Philosophic, in den der oberste er- 
kenntnis-theoretische, d. i. der kritische Teil ubergeht, virtuell 
die sogenannte Erfahrung eingeschlossen ist. (Die Exemplifika- 
tion dieses Verhaltnisses fiir das Gebiet der Physik s. meinen 
Aufsatz iiber Erklarung und Beschreibung.) Wenn damit ganz 
allgemein das Verhaltnis zwischen Erkenntnistheorie, Metaphy- 
sik und Einzelwissenschaft umrissen ist so bleiben noch zwei 
Fragen iibrig. Erstens diejenige nach derBeziehung des kritischen 
zum dogmatischen Moment in Ethik und Asthetik, die wir hier 
auf sich beruhen lassen indem wir doch eine Losung im systema- 
tisch analogen Sinne wie etwa im Bezirk der Naturlehre postu- 
lieren miissen, zweitens diejenige nach dem Verhaltnis von 
Philosophic und Religion. Zunachst ist es nun klar dafi es sich 
im Grunde nicht um die Frage nach dem Verhaltnis zwischen 
Philosophic und Religion, sondern nach dem zwischen Philoso- 



17° Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

phie und Lehre von der Religion handeln mufi; mit andren 
Worten um die Frage nach dem Verhaltnis der Erkenntnis iiber- 
haupt zur Erkenntnis von der Religion. Audi die Frage nach 
dem Dasein der Religion Kunst u.s.w. kann philosophisch eine 
Rolle spielen aber nur im Wege der Fage nach der philosophi- 
schen Erkenntnis von solchem Dasein. Die Philosophic fragt 
durchaus immer nach der Erkenntnis wobei die Frage nach der 
Erkenntnis von ihrem Dasein nur eine wenn auch unvergleich- 
lich hervorragende Modifikation der Frage nach der Erkenntnis 
uberhaupt ist. Ja, es mufi gesagt werden: dafi die Philosophic 
uberhaupt in ihren Fragestellungen niemals auf die Daseinsein- 
heit sondern immer nur auf neue Einheiten von Gesetzlichkeiten 
stofien kann deren Integral »Dasein« ist. - Der erkenntnistheo- 
retische Stamm- oder Urbegriff hat eine doppelte Funktion. Ein- 
mal ist er es der durch seine Spezifikation, nach der allgemein 
logischen Begriindung von Erkenntnis uberhaupt zu den Begrif- 
fen von gesonderten Erkenntnisarten und damit zu besonderen 
Erfahrungsarten durchdringt. Dies ist seine eigentlich erkennt- 
nistheoretische Bedeutung und zugleich die eine, schwachere Sei- 
te seiner metaphysischen Bedeutung. Jedoch kommt der Stamm- 
und Urbegriff der Erkenntnis in diesem Zusammenhang nicht 
zu einer konkreten Totalitat der Erfahrung, ebensowenig zu 
irgend einem Begriff von Dasein. Es gibt aber eine Einheit der 
Erfahrung die keineswegs als Summe von Erfahrungen verstan- 
den werden kann, auf die sich der Erkenntnisbegriff als Lehre 
in seiner kontinuierlichen Entfaltung unmittelbar bezieht. Der 
Gegenstand und Inhalt dieser Lehre, diese konkrete Totalitat 
der Erfahrung ist die Religion, die aber der Philosophic zu- 
nachst nur als Lehre gegeben ist. Die Quelle des Daseins liegt 
nun aber in der Totalitat der Erfahrung und erst in der Lehre 
stoftt die Philosophic auf ein Absolutes, als Dasein, und damit 
auf jene Kontinuitat im Wesen der Erfahrung in deren Ver- 
nachlassigung der Mangel des Neukantianismus zu vermuten ist. 
In rein metaphysischer Hinsicht geht der Stammbegriff der 
Erfahrung in deren Totalitat in einem ganz anderen Sinne iiber 
als in seine einzelnen Spezifikationen, die Wissenschaften : nam- 
lich unmittelbar, wobei der Sinn dieser Unmittelbarkeit gegen- 
iiber jener Mittelbarkeit noch zu bestimmen bleibt. Eine Er- 
kenntnis ist metaphysisch heifit im strengen Sinne: sie bezieht 



Schicksal und Charakter 171 

sich durch den Stammbegriff der Erkenntnis auf die konkrete 
Totalitat der Erfahrung, d. h. aber auf Dasein. Der philosophi- 
sche DaseinsbegrifT mufi sich dem religiosen Lehrbegriff, dieser 
aber dem erkenntnistheoretischen Stammbegriff ausweisen. Dies 
alles ist nur skizzenhafte Andeutung. Die Grundtendenz dieser 
Bestimmung vom Verhaltnis zwischen Religion und Philosophic 
ist aber: gleichmafiig zu erfullen die Forderungen erstens der vir- 
tuellen Einheit von Religion und Philosophic, zweitens der Ein- 
ordnung der Erkenntnis von der Religion in die Philosophic, 
drittens der Integritat der Dreiteilung des Systems. 



Schicksal und Charakter 

Schicksal und Charakter werden gemeinhin als kausal verbun- 
den angesehen und der Charakter wird als eine Ursache des 
Schicksals bezeichnet. Der Gedanke, welcher dabei zugrunde 
liegt, ist folgender: ware einerseits der Charakter eines Men- 
schen, d. h. also audi seine Art und Weise zu reagieren, in alien 
Einzelheiten bekannt und ware andrerseits das Weltgeschehen 
bekannt in den Bezirken, in denen es an jenen Charakter heran- 
trate, so Kefte sich genau sagen, was jenem Charakter sowohl 
widerfahren als von ihm vollzogen werden wurde. Das heifk, 
sein Schicksal ware bekannt. Einen unmittelbaren gedanklichen 
Zugang zum Schicksalsbegriff ermoglichen die zeitgenossischen 
Vorstellungen nicht, daher moderne Menschen sich auch auf den 
Gedanken, den Charakter etwa aus den leiblichen Zugen eines 
Menschen zu lesen, einlassen, weil sie das Wissen um Charakter 
uberhaupt irgendwie in sich vorfinden, wahrend die Vorstellung, 
analog etwa das Schicksal eines Menschen aus den Linien seiner 
Hand zu lesen, ihnen unannehmbar erscheint. Dies scheint so 
unmoglich wie es unmbglich scheint, »die Zukunft vorauszusa- 
gen«; unter diese Kategorie wird namlich die Voraussage des 
Schicksals ohne weiteres subsumiert, und der Charakter erscheint 
demgegemiber als etwas in Gegenwart und Vergangenheit Vor- 
liegendes, was also erkennbar sei. Nun aber ist es gerade die 
Behauptung solcher, die sich anheischig machen, den Menschen 
aus welchen Zeichen auch immer ihr Schicksal vorherzusagen, 



172 Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

dafi dieses fur denjenigen, der darauf zu merken wisse (der ein 
unmittelbares Wissen um Schicksal iiberhaupt in sich vorfindet) 
in irgendeiner Weise gegenwartig, oder vorsiditiger gesagt zur 
Stelle sei. Die Annahme, irgendein »zur Stelle sein« des zu- 
kunftigen Schicksals widersprache weder dem BegrifT desselben, 
nodi den menschlichen Erkenntniskraften dessen Voraussagung, 
ist, wie sich zeigen lafit, nicht widersinnig. Und zwar kann 
ebenso wie der Charakter audi das Schicksal nur in Zeichen, nicht 
an sich selbst iiberschaut werden, denn - mag audi dieser oder 
jener Charakterzug, diese oder jene Verkettung des Schicksals 
unmittelbar vor Augen liegen - es ist doch der Zusammenhang, 
den jene BegrifTe meinen, niemals anders als in Zeichen zur 
Stelle, weil er iiber dem unmittelbar Sichtbaren gelegen ist. 
Das System charakterologischer Zeichen wird im allgemeinen 
auf den Leib beschrankt, wenn man von der charakterologischen 
Bedeutung derjenigen Zeichen absieht, die das Horoskop unter- 
sucht, wahrend zum Zeichen des Schicksals der iiberlieferten An- 
schauung gemaE neben den leiblichen aile Erscheinungen des 
aufiern Lebens werden konnen. Der Zusammenhang zwischen 
Zeichen und Bezeichnetem aber bildet in beiden Spharen ein 
gleich verschlossenes und schweres, wenn audi im iibrigen ein 
verschiedenes Problem, weil, aller oberflachlichen Betrachtung 
und falschen Hypostasierung der Zeichen zum Trotz, sie in bei- 
den Systemen Charakter oder Schicksal nicht auf Grund kausa- 
ler Zusammenhange bedeuten. Ein Bedeutungszusammenhang ist 
nie kausal zu begriinden, mogen auch etwa im vorliegenden Falle 
jene Zeichen in ihrem Dasein kausal durch Schicksal und Cha- 
rakter hervorgerufen sein. Im folgenden wird nicht unter- 
sucht, wie ein solches Zeichensystem fur Charakter und Schick- 
sal aussehe, sondern lediglich auf die Bezeichneten selbst richtet 
sich die Betrachtung. 

Es zeigt sich, da£ die herkommliche Auffassung ihres Wesens 
und ihres Verhaltnisses nicht allein problematisch bleibt, insof ern 
sie nicht imstande ist, die Moglichkeit einer Vorhersagung des 
Schicksals rationell begreiflich zu machen, sondern dafi sie falsch 
ist, weil dieTrennung, auf der sie beruht, theoretisch unvollzieh- 
bar ist. Denn es ist unmoglich, einen widerspruchslosen Begriff 
vom Aufien eines wirkenden Menschen, als dessen Kern doch 
der Charakter in jener Anschauung angesprochen wird, zu 



Schicksal und Charakter 173 

bilden. Kein Begriff einer Aufienwelt lafit sich gegen die Grenze 
des Begriffs des wirkenden Menschen definieren. Zwischen dem 
wirkenden Menschen und der Aufienwelt vielmehr ist alles 
Wechselwirkung, ihre Aktionskreise gehen ineinander iiber; ihre 
Vorstellungen mogen noch so verschieden sein, ihre Begriffe sind 
nicht trennbar. Es ist nicht nur in keinem Falle anzugeben, was 
letzten Endes als Funktion des Charakters, was als Funktion des 
Schicksals in einem Menschenleben zu gelten hat (dies wiirde hier 
nichts besagen, wenn etwa beide nur in der Erfahrung inein- 
ander ubergingen), sondern das Aufien, das der handelnde 
Mensch vorfindet, kann in beliebig hohem Mafie auf sein Innen, 
sein Innen in beliebig hohem Mafie auf sein Aufien prinzipiell 
zuriickgefiihrt, ja als dieses prinzipiell angesehen werden. 
Charakter und Schicksal werden in dieser Betrachtung, weit ent- 
fernt theoretisch geschieden zu werden, zusammenfallen. So bei 
Nietzsche, wenn er sagt: »Wenn einer Charakter hat, so hat er 
audi ein Erlebnis, das immer wiederkehrt.« Das besagt: wenn 
einer Charakter hat, so ist sein Schicksal wesentlich konstant. 
Dies heifit freilich audi wieder: so hat er kein Schicksal - und 
diese Konsequenz haben die Stoiker gezogen. 
Soil also der Begriff des Schicksals gewonnen werden, so mufi 
dieser reinlich von dem des Charakters geschieden werden, was 
wiederum eher nicht gelingen kann, als der letzte eine genauere 
Bestimmung erfahren hat. Auf Grund dieser Bestimmung wer- 
den die beiden Begriffe durchaus divergent werden; wo Cha- 
rakter ist, da wird mit Sicherheit Schicksal nicht sein und im 
Zusammenhang des Schicksals Charakter nicht angetroff en wer- 
den. Dazu ist darauf Bedacht zu nehmen, jene beiden Begriffe 
solchen Spharen zuzuweisen, in denen sie nicht, wie es im ge- 
meinen Sprachgebrauch geschieht, die Hoheit oberer Spharen 
und Begriffe usurpieren. Der Charakter namlich wird ge- 
wohnlich in einen ethischen, wie das Schicksal in einen religiosen 
Zusammenhang eingestellt. Aus beiden Bezirken sind sie durch 
die Aufdeckung des Irrtums, der sie dorthin versetzen konnte, 
zu verbannen. Dieser Irrtum ist mit Beziehung auf den Begriff 
des Schicksals durch dessen Verbindung mit dem Begriff der 
Schuld veranlafit. So wird, um den typischen Fall zu nennen, 
das schicksalhafte Ungluck als die Antwort Gottes oder der Got- 
ter auf religiose Verschuldung angesehen. Dabei aber sollte es 



174 Metaphysisch-geschichtsphilosophisdie Studien 

nachdenklich machen, dafi eine entsprechende Beziehung des 
Schicksalsbegriffes auf den Begriff, welcher mit dem Schuld- 
begriff durch die Moral mitgegeben ist, auf den Begriff der 
Unschuld namlich, fehlt. In der griechischen klassischen Ausge- 
staltung des Schicksalsgedankens wird das Gliick, das einem 
Menschen zuteil wird, ganz und gar nicht als die Bestatigung 
seines unschuldigen Lebenswandels aufgefaftt, sondern als die 
Versuchung zu schwerster Verschuldung, zur Hybris. Beziehung 
auf die Unschuld ko'mmt also im Schicksal nicht vor. Und - die- 
se Frage trifft noch tiefer - gibt es denn im Schicksal eine Be- 
ziehung auf das Gliick? Ist das Gliick, so wie ohne Zweifel das 
Ungluck, eine konstitutive Kategorie fur das Schicksal? Das 
Gliick ist es vielmehr, welches den Glucklichen aus der Verket- 
tung der Schicksale und aus dem Netz des eignen herauslost. 
»Schicksallos« nennt nicht umsonst die seligen Gotter Holderlin. 
Gliick und Seligkeit fiihren also ebenso aus der Sphare des 
Schicksals heraus wie die Unschuld. Eine Ordnung aber, deren 
einzig konstitutive BegrifTe Ungluck und Schuld sind und inner- 
halb deren es keine denkbare Strafie der Befreiung gibt (denn 
soweit etwas Schicksal ist, ist es Ungliick und Schuld) - eine 
solche Ordnung kann nicht religios sein, so sehr auch der mifi- 
verstandene Schuldbegriff darauf zu verweisen scheint. Es gilt 
also ein anderes Gebiet zu suchen, in welchem einzig und allein 
Ungluck und Schuld gelten, eine Waage, auf der Seligkeit und 
Unschuld zu leicht befunden werden und nach oben schweben. 
Diese Waage ist die Waage des Rechts. Die Gesetze des Schicksals, 
Ungluck und Schuld, erhebt das Recht zu Mafien der Person; es 
ware falsch anzunehmen, dafi nur die Schuld allein im Rechts- 
zusammenhang sich fande; nachweisbar ist vielmehr, dafi jede 
rechtliche Verschuldung nichts ist als ein Ungluck. MiEverstand- 
lich, auf Grund ihrer Verwechslung mit dem Reiche der Ge- 
rechtigkeit, hat die Ordnung des Rechts, die nur ein Oberrest 
der damonischen Existenzstufe der Menschen ist, in der Rechts- 
satzungen nicht deren Beziehungen allein, sondern auch ihr Ver- 
haltnis zu den Gottern bestimmten, sich iiber die Zeit hinaus 
erhalten, welche den Sieg iiber die Damonen inaugurierte. Nicht 
das Recht, sondern die Tragodie war es, in der das Haupt des 
Genius aus dem Nebel der Schuld sich zum ersten Male erhob, 
denn in der Tragodie wird das damonische Schicksal durch- 



Schicksal und Charakter 175 

brochen. Nicht aber, indem die heidnisch unabsehbare Verket- 
tung von Schuld und Siihne durch die Reinheit des entsiihnten 
und mit dem reinen Gott versohnten Menschen abgelost wiirde. 
Sondern in der Tragodie besinnt sich der heidnische Mensch, dafi 
er besser ist als seine Gotter, aber diese Erkenntnis verschlagt 
ihm die Sprache, sie bleibt dumpf. Ohne sich zu bekennen 
sucht sie heimlich ihre Gewalt zu sammeln. Schuld und Siihne 
legt sie nicht abgemessen in die Waagschalen, sondern riittelt sie 
durcheinander. Es ist gar keine Rede davon, dafi die »sittliche 
Weltordnung« wieder hergestellt werde, sondern es will der 
moralische Mensch noch stumm, noch unmiindig - als solcher 
heifit er der Held - im Erbeben jener qualvollen Welt sich auf- 
richten. Das Paradoxon der Geburt des Genius in moralischer 
Sprachlosigkeit, moralischer Infantilkat ist das Erhabene der 
Tragodie. Es ist wahrscheinlich der Grund des Erhabenen iiber- 
haupt, in dem weit eher der Genius erscheint als Gott. - Das 
Schicksal zeigt sich also in der Betrachtung eines Lebens als eines 
Verurteilten, im Grunde als eines, das erst verurteilt und darauf 
schuldig wurde. Wie denn Goethe diese beiden Phasen in den 
Worten zusammenfafit: »Ihr lafit den Armen schuldig wer- 
den«. Das Recht verurteilt nicht zur Strafe, sondern zur Schuld. 
Schicksal ist der Schuldzusammenhang des Lebendigen. Dieser 
entspricht der natiirlichen Verfassung des Lebendigen, jenem 
noch nicht restlos aufgelosten Schein, dem der Mensch so ent- 
ruckt ist, dafi er niemals ganz in ihn eintauchen, sondern unter 
seiner Herrschafl nur in seinem besten Teil unsichtbar bleiben 
konnte. Der Mensch also ist es im Grunde nicht, der ein Schicksal 
hat, sondern das Subjekt des Schicksals ist unbestimmbar. Der 
Richter kann Schicksal erblicken wo immer er will; in jeder Stra- 
fe mufi er blindlings Schicksal mitdiktieren. Der Mensch wird 
niemals hiervon getroffen, wohl aber das blofie Leben in ihm, 
das an natiirlicher Schuld und dem Ungliick Anteil kraft des 
Scheins hat. Schicksalsmafiig kann dieses Lebendige so den Kar- 
ten wie den Planeten verkuppelt werden, und die weise Frau 
bedient sich der einfachen Technik, mit den nachst berechenba- 
ren, nachst gewissen Dingen (mit Dingen, welche unkeusch mit 
Gewifiheit geschwangert sind) dieses in den Schuldzusammen- 
hang zu riicken. Dadurch erfahrt sie in Zeichen etwas iiber ein 
natiirliches Leben im Menschen, das sie an Stelle des benannten 



ij6 Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

Hauptes zu setzen sucht; wie andrerseits der Mensch, der zu ihr 
geht, zugunsten des verschuldeten Lebens in sich abdankt. Der 
Schuldzusammenhang ist ganz uneigentlich zeitlich, nach Art und 
Mafi ganz verschieden von der Zeit der Erlosung oder der 
Musikoder der Wahrheit. An der Fixierung der besondern Art 
der Zeit des Schicksals hangt die vollendete Durchleuchtung 
dieser Dinge. Der Kartenleger und der Chiromant lehrt jeden- 
falls, daft diese Zeit jederzeit gleichzeitig mit einer andern (nicht 
gegenwartig) gemacht werden kann. Sie ist eine unselbstandige 
Zeit, die auf die Zeit eines hohern, weniger naturhaften Lebens 
parasitar angewiesen ist. Sie hat keine Gegenwart, denn schick- 
salhafte Augenblicke gibt es nur in schlechten Romanen, und audi 
Vergangenheit und Zukunft kennt sie nur in eigentumlichen 
Abwandlungen. 

Es gibt also einen Begriff des Schicksals - und es ist der echte, 
der einzige, der das Schicksal in der Tragodie in gleicher Weise 
trifft, wie die Absichten der Kartenlegerin - welcher vollkom- 
men unabhangig von dem des Charakters ist und seine Be- 
griindung in einer ganz andern Sphare sucht. In den entspre- 
chenden Stand mufi auch der Begriff des Charakters gesetzt 
werden. Es ist kein Zufall, dafi beide Ordnungen mit deutenden 
Praktiken zusammenhangen und in der Chiromantie Charak- 
ter und Schicksal ganz eigentlich zusammentrerTen. Beide betref- 
fen den nauirlichen Menschen, besser: die Natur im Menschen, 
und eben diese kiindigt in den, sei es an sich selbst, sei es experi- 
mentell gegebenen Zeichen der Natur sich an. Die Begnindung 
des BegrifTs des Charakters wird sich also ebenfalls auf eine 
Natursphare zu beziehen haben und mit der Ethik oder der 
Moral genau so wenig zu tun haben, wie das Schicksal mit der 
Religion. Andrerseits wird der Begriff des Charakters sich auch 
derjenigen Ziige zu entschlagen haben, welche seine irrige Verbin- 
dung mit dem Schicksalsbegriff konstituieren. Diese Verbindung 
wird durch die Vorstellung eines durch Erkenntnis beliebig, bis 
zum festesten Gewebe, zu verdichtenden Netzes geleistet, als 
welches oberflachlicher Betrachtung der Charakter erscheint. Ne- 
ben den gro£en grundlegenden Ziigen soil namlich der gescharfte 
Blick desMenschenkenners feinere und enger zusammenhangende 
angeblich gewahren, bis das scheinbare Netz zu einem Tuch 
gedichtet sei. In den Faden dieses Gewebes hat endlich ein schwa- 



Schicksal und Charakter 177 

cher Verstand das moralische Wesen des betreffenden Charak- 
ters zu besitzen geglaubt und die guten und schlechten Eigen- 
schaften an ihm unterschieden. Wie aber der Moral zu erweisen 
obliegt, konnen Eigenschaften niemals, sondern allein Handlun- 
gen moralisch erheblich sein. Der Augenschein will es freilich 
anders. Nicht nur »diebisch« »verschwenderisch« »mutig« schei- 
nen moralische Wertungen mitzubedeuten (hier laflt sich noch 
von der scheinbar moralischen Farbung der Begriffe absehen), 
sondern vor allem Worte wie »aufopfernd« »tuckisch« »rach- 
siidbtig« »neidisch« scheinen Charakterziige anzuzeigen, bei 
denen sich von moralischer Wertung nicht mehr abstrahieren 
lafit. Dennoch ist solche Abstraktion in jedem Fall nicht allein 
vollziehbar, sondern notwendig, um den Sinn der Begriffe zu 
erfassen. Und zwar ist sie so zu denken, daft die Wertung an 
sich durchaus erhalten bleibt und nur ihr moralischer Akzent ihr 
entzogen wird, um jeweilen im positiven oder negativen Sinn 
so bedingten Schatzungen Platz zu machen, wie etwa die mora- 
lisch zweifellos indifferenten Bezeichnungen von Eigenschaften 
des Intellekts (als da sind »klug« oder »dumm«) sie ansprechen. 
Wo dabei jenen pseudomoralischen Eigenschaftsbenennungen ihre 
wahre Sphare angewiesen werden mu8, lehrt die Komodie. In 
ihrer Mine steht, als Hauptperson der Charakterkomodie, oft 
genug ein Mensch, den wir, wenn wir im Leben seinen Handlun- 
gen statt auf der Buhne ihm selber gegeniiber stehen miifiten, 
einen Schurken nennen wiirden. Auf der Biihne der Komodie 
aber gewinnen seine Handlungen nur dasjenige Interesse, das 
mit dem Lichte des Charakters auf sie fallt, und dieser ist in den 
klassischen Fallen der Gegenstand nicht moralischer Verurtei- 
lung sondern hoher Heiterkeit. Niemals an sich, niemals mora- 
lisch betrefTen die Handlungen des komischen Helden sein Pu- 
blikum; nur soweit sie das Licht des Charakters zuriickwerfen, 
interessieren seine Taten. Dabei gewahrt man, dafi der grofie 
Komodiendichter, etwa Moliere, nicht in der Vielfalt der Cha- 
rakterziige seine Person zu determinieren sucht. Vielmehr 
fehlt der psychologischen Analysis jeder Zugang zu seinem Wer- 
ke. Mit deren Interesse hat es gar nichts zu schaffen wenn Geiz 
oder Hypochondrie im »Avare« oder im »Malade imaginaire« 
hypostasiert und allem Handeln zugrunde gelegt werden. Ober 
Hypochondrie und Geiz lehren diese Dramen nichts, weit ent- 



178 Metaphysisdi-geschichtsphilosophische Studien 

fernt sie verstandlich zu machen, stellen sie sie mit steigender 
Krafiheit dar; wenn der Gegenstand der Psychologie das Innen- 
leben des empirisch vermeinten Menschen ist, so sind Moliere- 
sche Personen nicht einmal als Demonstrationsmittel fur sie 
brauchbar. Der Charakter entfaltet sich in ihnen sonnenhaft im 
Glanz seines einzigen Zuges, der keinen andern in seiner Nahe 
sichtbar bleiben lafk, sondern ihn iiberblendet. Die Erhabenheit 
der Charakterkomodie beruht auf dieser Anonymitat des Men- 
sthen und seiner Moralitat mitten in der hochsten Entfaltung 
des Individuums in der Einzigkeit seines Charakterzuges. Wah- 
rend das Schicksal die ungeheure Komplikation der verschul- 
deten Person, die Komplikation und Bindung ihrer Schuld 
aufrollt, gibt auf jene mythische Verknechtung der Person im 
Schuldzusammenhang der Charakter die Antwort des Genius. 
Die Komplikation wird Einfachheit, das Fatum Freiheit. Denn 
der Charakter der komischen Person ist nicht der Popanz der 
Deterministen, er ist der Leuchter, unter dessen Strahl die Frei- 
heit ihrer Taten sichtbar wird. - Dem Dogma von der natur- 
lichen Schuld des Menschenlebens, von der Urschuld, deren 
prinzipielle Unlosbarkeit die Lehre, und deren gelegentliche 
Losung den Kultus des Heidentums bildet, stellt der Genius die 
Vision von der natiirlichen Unschuld des Menschen entgegen. 
Diese Vision verharrt ihrerseits ebenfalls im Bezirk der Natur, 
dennoch steht sie moralischen Einsichten ihrem Wesen nach so 
nahe, wie die gegenteilige Idee allein in der Form der Tragodie, 
die nicht ihre einzige ist. Die Vision des Charakters aber ist 
befreiend unter alien Formen: mit der Freiheit hangt sie, wie 
hier nicht gezeigt werden kann, auf dem Wege ihrer Affinitat 
mit der Logik zusammen. - Der Charakterzug ist also nicht 
der Knoten im Netz. Er ist die Sonne des Individuums am farb- 
losen (anonymen) Himmel des Menschen, welche den Schatten 
der komischen Handlung wirft. (Dies fiihrt Cohens tiefes Wort, 
dafi jede tragische Handlung, so erhaben sie auch auf ihrem 
Kothurn schreite, einen komischen Schatten werfe, seinem eigen- 
sten Zusammenhang zu.) 

Die physiognomischen Zeichen mufiten, wie die ubrigen manti- 
schen, bei den Alten vornehmlich der Ergriindung des Schicksals 
dienen, gemafi der Herrschaft des heidnischen Schuldglaubens. 
Die Physiognomik wie die Komodie sind Erscheinungen des 



Zur Kritik der Gewalt 179 

neuen Weltalters des Genius gewesen. Ihren Zusammenhang nut 
der alten Wahrsagekunst zeigt die moderne Physiognomik nodi 
in dem unfruchtbaren moralischen Wertakzent ihrer Begriffe, 
wie auch in dem Streben nach analytischer Komplikation. Gerade 
in dieser Hinsicht haben alte und mittelalterliche Physiognomi- 
ker richtiger gesehen, welche erkannten, dafi der Charakter nur 
unter einigen wenigen moralisch indifferenten Grundbegriffen 
erfafk werden kann, wie z. B. die Lehre von den Tempera- 
menten sie festzustellen suchte. . 



Zur Kritik der Gewalt 

Die Aufgabe einer Kritik der Gewalt lafit sich als die Darstel- 
lung ihres Verhaltnisses zu Recht und Gerechtigkeit umschreiben. 
Denn zur Gewalt im pragnanten Sinne des Wortes wird eine 
wie immer wirksame Ursache erst dann, wenn sie in sittliche Ver- 
haltnisse eingreift. Die Sphare dieser Verhaltnisse wird durch die 
Begriffe Recht und Gerechtigkeit bezeichnet. Was zunachst den 
ersten von ihnen angeht, so ist klar, daE das elementarste Grund- 
verhaltnis einer jeden Rechtsordnung dasjenige von Zweck und 
Mittel ist. Ferner, dafi Gewalt zunachst nur im Bereich der Mit- 
tel, nicht der Zwecke aufgesucht werden kann. Mit diesen Fest- 
stellungen ist fiir die Kritik der Gewalt mehr, und freilich auch 
anderes, als es vielleicht den Anschein hat gegeben. Ist namlich 
Gewalt Mittel, so konnte ein Ma£stab fiir ihre Kritik ohne 
weiteres gegeben erscheinen. Er drangt sich in der Frage auf, ob 
Gewalt jeweils in bestimmten Fallen Mittel zu gerechten oder 
ungerechten Zwecken sei. Ihre Kritik ware demnach in einem 
System gerechter Zwecke impHzit gegeben. Dem ist aber nicht so. 
Denn was ein solches System, angenommen es sei gegen alle 
Zweifel sichergestellt, enthielte, ist nicht ein Kriterium der Ge- 
walt selbst als eines Prinzips, sondern eines fiir die Falle ihrer An- 
wendung. OfTen bliebe immer noch die Frage, ob Gewalt iiber- 
haupt, als Prinzip, selbst als Mittel zu gerechten Zwecken sittlich 
sei. Diese Frage bedarf zu ihrer Entscheidung denn doch eines 
naheren Kriteriums, einer Unterscheidung in der Sphare der Mit- 
tel selbst, ohne Ansehung der Zwecke, denen sie dienen. 



i8o Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

Die Ausschaltung dieser genaueren kritischen Fragestellung cha- 
rakterisiert eine grofie Richtung in der Rechtsphilosophie viel- 
leicht als ihr hervorstechendstes Merkmal: das Naturrecht. Es 
sieht in der Anwendung gewaltsamer Mittel zu gerechten Zwek- 
ken so wenig ein Problem, wie der Mensch eines im » Recht «, 
seinen Korper auf das erstrebte Ziel hinzubewegen, findet. Nach 
seiner Anschauung (die dem Terrorismus in der franzosischen 
Revolution zur ideologisdien Grundlage diente) ist Gewalt ein 
Naturprodukt, gleichsam ein RohstofT, dessen Verwendung kei- 
ner Problematik unterliegt, es sei denn, dafi man die Gewalt zu 
ungerechten Zwecken mifibrauche. Wenn nach der Staatstheorie 
des Naturrechts die Personen aller ihrer Gewalt zugunsten des 
Staates sich begeben, so geschieht das unter der Voraussetzung 
(die beispielsweise Spinoza im theologisch-politischen Traktat 
ausdriicklich feststellt), dafi der einzelne an und fiir sich und vor 
Abschlufi eines solchen vernunftgem'afien Vertrages jede beliebi- 
ge Gewalt, die er de facto innehabe, audi de jure ausiibe. Viel- 
leicht sind diese Anschauungen noch spat durch Darwins Biologie 
belebt worden, die in durchaus dogmatischer Weise neben der 
natiirlichen Zuchtwahl nur die Gewalt als urspriingliches und 
alien vitalen Zwecken der Natur allein angemessenes Mittel an- 
sieht. Die darwinistische Popularphilosophie hat oft gezeigt, wie 
klein von diesem naturgeschichtlichen Dogma der Schritt zu dem 
noch groberen rechtsphilosophischen ist, dafi jene Gewalt, welche 
fast allein natiirlichen Zwecken angemessen, darum auch schon 
rechtmafiig sei. 

Dieser naturrechtlichen These von der Gewalt als natiirlicher 
Gegebenheit tritt die positiv-rechtliche von der Gewalt als 
historischer Gewordenheit diametral entgegen. Kann das Natur- 
recht jedes bestehende Recht nur beurteilen in der Kritik seiner 
Zwecke, so das positive jedes werdende nur in der Kritik seiner 
Mittel. Ist Gerechtigkeit das Kriterium der Zwecke, so Recht- 
mafiigkeit das der Mittel. Unbeschadet dieses Gegensatzes aber 
begegnen beide Schulen sich in dem gemeinsamen Grunddogma: 
Gerechte Zwecke konnen durch berechtigte Mittel erreicht, be- 
rechtigte Mittel an gerechte Zwecke gewendet werden. Das Na- 
turrecht strebt, durch die Gerechtigkeit der Zwecke die Mittel zu 
»rechtfertigen«, das positive Recht durch die Berechtigung der 
Mittel die Gerechtigkeit der Zwecke zu »garantieren«. Die 



Zur Kritik der Gewalt 1 8 1 

Antinomie wiirde sich als unlosbar erweisen, wenn die gemein- 
same dogmatische Voraussetzung falsch ist, wenn berechtigte 
Mittel einerseits und gerechte Zwecke andrerseits in unverein- 
barem Widerstreit liegen. Die Einsicht hierein konnte sich aber 
keinesfalls ergeben, bevor der Zirkel verlassen und voneinan- 
der unabhangige Kriterien fiir gerechte Zwecke sowohl als fur 
berechtigte Mittel aufgestellt waren. 

Das Bereich der Zwecke und damit auch die Frage nach einem 
Kriterium der Gerechtigkeit schaltet fiir diese Untersuchung 
zunachst aus. Dagegen fallt in ihr Zentrum die Frage nach der 
Berechtigung gewisser Mittel, welche die Gewalt ausmachen. 
Naturrechtliche Prinzipien konnen sie nicht entscheiden, son- 
dern nur in eine bodenlose Kasuistik fiihren. Denn wenn das 
positive Recht blind ist fiir die Unbedingtheit der Zwecke, so das 
Naturrecht fiir die Bedingtheit der Mittel. Dagegen ist die positi- 
ve Rechtstheorie als hypothetische Grundlage im Ausgangspunkt 
der Untersuchung annehmbar, weil sie eine grundsatzliche Un- 
terscheidung hinsichtlich der Arten der Gewalt vornimmt, unab- 
hangig von den Fallen ihrer Anwendung. Diese findet zwischen 
der historisch anerkannten, der sogenannten sanktionierten und 
der nicht sanktionierten Gewalt statt. Wenn die folgenden Ober- 
legungen von ihr ausgehen, so kann das naturlich nicht heiften, 
daft gegebene Gewalten danach klassifiziert werden, ob sie 
sanktioniert sind oder nicht. Denn in einer Kritik der Gewalt 
kann deren positiv-rechtlicher Mafistab nicht seine Anwendung, 
sondern vielmehr nur seine Beurteilung erfahren. Es handelt 
sich um die Frage, was denn fiir das Wesen der Gewalt daraus 
folge, daE ein soldier Mafistab oder Unterschied an ihr iiber- 
haupt moglich sei, oder mit anderen Worten um den Sinn jener 
Unterscheidung. Denn dafi jene positiv-rechtliche Unterschei- 
dung sinnvoll, in sich vollkommen gegriindet und durch keine 
andere ersetzbar sei, wird sich bald genug zeigen,. zugleich aber 
damit ein Licht auf diejenige Sphare fallen, in der diese Unter- 
scheidung allein stattfinden kann. Mit einem Wort: kann der 
Maftstab, den das positive Recht fiir die Rechtmaftigkeit der 
Gewalt aufstellt, nur nach seinem Sinn analysiert, so mull die 
Sphare seiner Anwendung nach ihrem Wert kritisiert werden. 
Fiir diese Kritik gilt es dann den Standpunkt aufierhalb der 
positiven Rechtsphilosophie, aber auch auEerhalb des Natur- 



1 82 Metaphysisdi-geschichtsphilosophische Studien 

rechts zu finden. Inwiefern allein die geschichtsphilosophische 
Rechtsbetrachtung ihn abgeben kann, wird sich herausstellen. 
Der Sinn der Unterscheidung der Gewalt in rechtmaEige und 
unrechtmafiige liegt nicht ohne weiteres auf der Hand. Ganz 
entschieden ist das naturrechtliche MiEverstandnis abzuwehren, 
als bestehe er in der Unterscheidung von Gewalt zu gerechten 
und ungerechten Zwecken. Vielmehr wurde schon angedeutet, 
dafi das positive Recht von jeder Gewalt einen Ausweis iiber 
ihren historischen Ursprung verlangt, welcher unter gewissen 
Bedingungen ihre Rechtmafiigkeit, ihre Sanktion erhalt. Da die 
Anerkennung von Rechtsgewalten sich am greifbarsten in der 
grundsatzlich widerstandslosen Beugung unter ihre Zwecke be- 
kundet, so ist als hypothetischer Einteilungsgrund der Gewalten 
das Bestehen oder der Mangel einer allgemeinen historischen 
Anerkennung ihrer Zwecke zugrunde zu legen. Zwecke, welche 
dieser Anerkennung entbehren, mogen Naturzwecke, die ande- 
ren Rechtszwecke genannt werden. Und zwar ist die verschie- 
denartige Funktion der Gewalt, je nachdem sie Natur- oder 
Reditszwecken dient, am anschaulichsten unter Zugrundelegung 
irgendwelcher bestimmter Rechtsverhaltnisse zu entwickeln. Der 
Einfachheit halber mogen die folgenden Ausfuhrungen auf die 
gegenwartigen europaischen sich beziehen. 

Fur diese Rechtsverhaltnisse ist, was die einzelne Person als 
Rechtssubjekt betrifft, die Tendenz bezeichnend, Naturzwecke 
dieser einzelnen Personen in alien den. Fallen nicht zuzulassen, 
in denen solche Zwecke gegebenenfalls zweckmafiigerweise ge- 
waltsam erstrebt werden konnten. Das heifit: diese Rechtsord- 
nung drangt darauf, in alien Gebieten, in denen Zwecke von 
Einzelpersonen zweckmaftigerweise mit Gewalt erstrebt werden 
konnten, Rechtszwecke aufzurichten, welche eben nur die 
Rechtsgewalt auf diese Weise zu verwirklichen vermag. Ja, sie 
drangt darauf, auch Gebiete, fur welche Naturzwecke prinzipiell 
in weiten Grenzen freigegeben werden, wie das der Erziehung, 
durch Rechtszwecke einzuschranken, sobald jene Naturzwecke 
mit einem iibergrofien Maft von Gewalttatigkeit erstrebt wer- 
den, wie sie dies in den Gesetzen iiber die Grenzen der erziehe- 
risclien Strafbefugnis tut. Es kann als eine allgemeine Maxime 
gegenwartiger europaischer Gesetzgebung formuliert werden: 
alle Naturzwecke einzelner Personen miissen mit Rechtszwecken 



Zur Kritik der Gewalt 183 

in Kollislon geraten, wenn sie mit mehr oder minder grofier 
Gewalt verf olgt werden. . (Der Widerspruch, in welchem das 
Recht auf Notwehr hierzu steht, diirfte im Laufe der folgenden 
Betrachtungen von selbst seine Erklarung finden.) Aus dieser 
Maxime folgt, dafi das Recht die Gewalt in den Handen der 
einzelnen Person als eine Gefahr ansieht, die Rechtsordnung zu 
untergraben. Als eine Gefahr, die Rechtszwecke und die Rechts- 
exekutive zu vereiteln? Doch nicht; denn dann wiirde nicht 
Gewalt schlechthin, sondern nur die auf rechtswidrige Zwecke 
gewendete verurteilt werden. Man wird sagen, dafi ein System 
der Rechtszwecke sich nicht halten konne, wenn irgendwo Na- 
turzwecke noch gewaltsam erstrebt werden diirfen. Das ist aber 
zunachst ein blofies Dogma. Dagegen wird man vielleicht die 
uberraschende Moglichkeit in Betracht zu ziehen haben, dafi das 
Interesse des Rechts an der Monopolisierung der Gewalt gegen- 
uber der Einzelperson sich nicht durch die Absicht erklare, die 
Rechtszwecke, sondern vielmehr durch die, das Recht selbst zu 
wahren. Dafi die Gewalt, wo sie nicht in den Handen des je- 
weiligen Rechtes liegt, ihm Gefahr droht, nicht durch die 
Zwecke, welche sie erstreben mag, sondern durch ihr blofies 
Dasein aufierhalb des Rechts. Drastischer mag die gleiche Ver- 
mutung durch die Besinnung darauf nahegelegt werden, wie oft 
schon die Gestalt des »grofien« Verbrechers, mogen auch seine 
Zwecke abstofiend gewesen sein, die heimliche Bewunderung des 
Volkes erregt hat. Das kann nicht um seiner Tat, sondern nur 
um der Gewalt willen, von der sie zeugt, moglich sein. In diesem 
Fall trkt also wirklich die Gewalt, welche das heutige Recht 
in alien Bezirken des Handelns dem einzelnen zu nehmen sucht, 
bedrohlich auf und erregt noch im Unterliegen die Sympathie 
der Menge gegen das Recht. Durch welche Funktion die Ge- 
walt mit Grund dem Recht so bedrohlich scheinen, so sehr von 
ihm gefiirchtet werden kann, mufi sich gerade da zeigen, wo 
selbst nach der gegenwartigen Rechtsordnung ihre Entfaltung 
noch zulassig ist. 

Dies ist zunachst im Klassenkampf in Gestalt des garantierten 
Streikrechts derArbeiter der Fall. Die organisierteArbeiterschaft 
ist neben den Staaten heute wohl das einzige Rechtssubjekt, dem 
ein Recht auf Gewalt zusteht. Gegen diese Anschauung liegt 
freilich der Einwand bereit, dafi die Unterlassung von Handlun- 



184 . Metaphysisch-geschichtsphilosophisdie Studien 

gen, ein Nicht-Handeln, wie es der Streik letzten Endes doch 
ist, uberhaupt nidit als Gewalt bezeichnet werden diirfe. Solche 
Oberlegung hat audi wohl der Staatsgewalt die Einraumung des 
Streikrechts, als sie nicht mehr zu umgehen war, erleichtert. Sie 
gilt aber nicht uneingeschrankt, weil nicht unbedingt. Zwar 
kann das Unterlassen einer Handlung, auch eines Dienstes, wo 
es einfach einem »Abbruch von Beziehungen« gleichkommt, ein 
vollig gewaltloses, reines Mittel sein. Und wie nach Anschau- 
ung des Staates (oder des Rechts) im Streikrecht der Arbeiter- 
schaft uberhaupt nicht sowohl ein Recht auf Gewalt zugestanden 
ist, als eines sich derselben zu entziehen, wo sie vom Arbeitgeber 
mittelbar ausgeiibt werden sollte, so mag freilich hin und wieder 
ein Streikfall vorkommen, der dem entspricht und nur eine 
»Abkehr« oder »Entfremdung« vom Arbeitgeber bekunden soil. 
Das Moment der Gewalt aber tritt, und zwar als Erpressung, 
in eine solche Unterlassung unbedingt clann ein, wenn sie in der 
prinzipiellen Bereitschaft geschieht, die unterlassene Handlung 
' unter gewissen Bedingungen, welche, sei es uberhaupt nichts mit 
ihr zu tun haben, sei es nur etwas Aufierliches an ihr modifizie- 
ren, wieder so wie vorher auszuiiben. Und in diesem Sinne bil- 
det nach der Anschauung der Arbeiterschaft, welche der des 
Staates entgegengesetzt ist, das Streikrecht das Recht, Gewalt zur 
Durchsetzung gewisser Zwecke anzuwenden. Der Gegensatz in 
beiden Auffassungen zeigt sich in voller Scharfe angesichts des 
revolutionaren Generalstreiks. In ihm wird die Arbeiterschaft 
jedesmal sich auf ihr Streikrecht berufen, der Staat aber diese 
Berufung einen Miftbrauch nennen, da das Streikrecht »so« nicht 
gemeint gewesen sei, und seine Sonderverfugungen erlassen. Denn 
es bleibt ihm unbenommen zu erklaren, dafi eine gleichzeitige 
Ausiibung des Streiks in alien Betrieben, da er nicht in jedem 
seinen vom Gesetzgeber vorausgesetzten besonderen Anlaft 
habe, widerrechtlich sei. In dieser DirTerenz der Interpretation 
driickt sich der sachliche Widerspruch der Rechtslage aus, nach 
der der Staat eine Gewalt anerkennt, deren Zwecken er als Na- 
turzwecken bisweilen indifferent, im Ernstfall (des revolutiona- 
ren Generalstreiks) aber feindlich gegeniibersteht. Als Gewalt 
namlich ist, wiewohl dies auf den ersten Blick paradox 
scheint, dennoch auch ein Verhalten, das in Ausiibung eines 
Rechtes eingenommen wird, unter gewissen Bedingungen zu 



Zur Kritik der Gewalt 1 8 5 

bezeichnen. Und zwar wird ein solches Verhalten, wo es aktiv 
ist, Gewalt heifien diirfen, wenn es ein ihm zustehendes Recht 
ausiibt, urn die Rechtsordnung, kraft deren es ihm verliehen ist, 
zu stiirzen, wo es passiv ist, aber nichtsdestoweniger ebenso zu 
bezeichnen sein, wo es im Sinne der oben entwickelten Oberle- 
gung Erpressung ware. Daher zeugt es nur von einem sachlichen 
Widerspruch in der Rechtslage, nicht aber von einem logischen 
Widerspruch im Recht, wenn es den Streikenden als Gewalttati- 
gen unter gewissen Bedingungen mit Gewalt entgegentritt. Denn 
im Streik fiirchtet der Staat mehr als alles andere diejenige 
Funktion der Gewalt, deren Ermittlung diese Untersuchung 
als einzig sicheres Fundament ihrer Kritik sich vorsetzt. Ware 
namlich Gewalt, was sie zunachst scheint, das blofie Mittel, eines 
Beliebigen, das gerade erstrebt wird, unmittelbar sich zu ver- 
sichern, so konnte sie nur als raubende Gewalt ihren Zweck er- 
fiillen. Sie ware vollig untauglich, auf relativ bestandige Art 
Verhaltnisse zu begriinden oder zu modifizieren. Der Streik 
aber zeigt, dafi sie dies vermag, dafi sie imstande ist, Rechtsver- 
haltnisse zu begriinden und zu modifizieren, wie sehr das Ge- 
rechtigkeitsgefiihl sich audi dadurch beleidigt finden moge. 
Der Einwand liegt nahe, daft eine solche Funktion der Gewalt 
zufallig und vereinzelt sei. Die Betrachtung der kriegerischen 
Gewalt wird ihn zuriickweisen. 

Die Moglichkeit eines Kriegsrechts beruht auf genau denselben 
sachlichen Widerspriichen in der Rechtslage wie die eines Streik- 
rechts, namlich darauf, dafi Rechtssubjekte Gewalten sank- 
tionieren, deren Zwecke fiir die Sanktionierenden Naturzwecke 
bleiben und daher mit ihren eigenen Rechts- oder Naturzwek- 
ken im Ernstfall in Konflikt geraten konnen. Die Kriegsgewalt 
richtet allerdings zunachst ganz unmittelbar und als raubende 
Gewalt sich auf ihre Zwecke. Aber es ist doch hochst auffallend, 
dafi selbst - oder vielmehr gerade - in primitiven Verhaltnis- 
sen, die von staatsrechtlichen Beziehungen sonst kaum Anfange 
kennen, und selbst in solchen Fallen, wo der Sieger in einen 
nunmehr unangreifbaren Besitz sich gesetzt hat, ein Friede 
zeremoniell durchaus erforderlich ist, Ja, das Wort » Friede « be- 
zeichnet in seiner Bedeutung, in welcher es Korrelat zur Bedeu- 
tung »Krieg« ist (es gibt namlich noch eine ganz andere, eben- 
falls unmetaphorische und politische, diejenige, in welcher Kant 



1 86 Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

von »Ewigem Frieden« spricht) geradezu eine solche a priori und 
von alien ubrigen Rechtsverhaltnissen unabhangige notwendige 
Sanktionierung eines jeden Sieges. Diese besteht eben darin, 
dafi die neuen Verhaltnisse als neues »Recht« anerkannt wer- 
den, ganz unabhangig davon, ob sie de facto irgendeiner Garan- 
tie fur ihren Fortbestand bediirfen oder nicht. Es wohnt also, 
wenn nach der kriegerischen Gewalt als einer urspriinglichen 
und urbildlichen fiir jede Gewalt zu Naturzwecken geschlossen 
werden darf, aller derartigen Gewalt ein rechtsetzender Cha- 
rakter bei. Auf die Tragweite dieser Erkenntnis wird spater 
zuriickzukommen sein. Sie erklart die genannte Tendenz des 
modernen Rechts, jede auch nur auf Naturzwecke gerichtete Ge- 
walt zumindest der Einzelperson als Rechtssubjekt zu nehmen. 
Im grofien Verbrecher tritt ihm diese Gewalt entgegen mit der 
Drohung: neues Recht zu setzen, vor der das Volk trotz ihrer 
Ohnmacht in bedeutenden Fallen noch heute wie in Urzeiten 
erschauert. Der Staat aber furchtet diese Gewalt schlechterdings 
als rechtsetzend, wie er sie als rechtsetzend anerkennen muE, wo 
auswartige Machte ihn dazu zwingen, das Recht zur Kriegfiih- 
rung, Klassen, das Recht zum Streik ihnen zuzugestehen. 
Wenn im letzten Kriege die Kritik der Militargewalt der Aus- 
gangspunkt fiir eine leidenschaftliche Kritik der Gewalt im all- 
gemeinen geworden ist, welche wenigstens das eine lehrt, dafi 
sie naiv nicht mehr ausgeiibt noch geduldet wird, so ist sie doch 
nicht nur als rechtsetzende Gegenstand der Kritik gewesen, 
sondern sie ist vernichtender vielleicht noch in einer anderen 
Funktion beurteilt worden. Eine Doppelheit in der Funktion der 
Gewalt ist namlich fiir den Militarismus, der erst durch die all- 
gemeine Wehrpflicht sich bilden konnte, charakteristisch. Mili- 
tarismus ist der Zwang zur allgemeinen Anwendung von Ge- 
walt als Mittel zu Zwecken des Staates. Dieser Zwang zur 
Gewaltanwendung ist neuerdings mit gleichem oder grofterem 
Nachdruck beurteilt worden, als die Gewaltanwendung selbst. 
In ihm zeigt sich die Gewalt in einer ganz andern Funktion als 
in ihrer einfachen Anwendung zu Naturzwecken. Er besteht 
in einer Anwendung von Gewalt als Mittel zu Rechtszwecken. 
Denn die Unterordnung der Burger unter die Gesetze - in ge- 
dachtem Falle unter das Gesetz der allgemeinen Wehrpflicht - 
ist ein Rechtszweck. Wird jene erste Funktion der Gewalt die 



Zur Kritik der Gewalt 187 

rechtsetzende, so darf diese zweite die rechtserhaltende genannt 
werden. Weil nun die Wehrpflicht ein durch nichts prinzipiell 
unterschiedener Anwendungsfall der rechtserhaltenden Gewalt 
ist, darum ist ihre wirklich durchschlagende Kritik bei weitem 
nicht so leicht, wie die Deklamationen der Pazifisten und Ak- 
tivisten sie sich machen. Sie fallt vielmehr mit der Kritik aller 
Rechtsgewalt, das heifit mit der Kritik der legalen oder exeku- 
tiven Gewalt zusammen und ist bei einem minderen Programm 
gar nicht zu leisten. Sie ist audi, will man nicht einen geradezu 
kindischen Anarchismus proklamieren, selbstverstandKch nicht 
damit geliefert, daft man keinerlei Zwang der Person gegeniiber 
anerkennt, und erklart »Erlaubt ist was gefallt«. Eine solche 
Maxime schaltet nur die Reflexion auf die sittlich-historische 
Sphare und damit auf jeden Sinn von Handlung, weiterhin aber 
auf jeden Sinn der Wirklichkeit iiberhaupt aus, der nicht zu 
konstituieren ist, wenn »Handlung« aus ihrem Bereich heraus- 
gebrochen ist. Wichtiger durfte sein, daft auch die so haufig ver- 
suchte Berufung auf den kategorischen Imperativ mit seinem 
wohi unbezweifelbaren Minimalprogramm: Handle so, daft Du 
die Menschheit sowohl in Deiner Person als in der Person eines 
jeden Anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloft als 
Mittel brauchest, zu dieser Kritik an sich nicht ausreicht 1 . Denn 
das positive Recht wird, wo es seiner Wurzeln sich bewuftt ist, 
durchaus beanspruchen, das Interesse der Menschheit in der Per- 
son jedes einzelnen anzuerkennen und zu fordern. Es erblickt 
dieses Interesse in der Darstellung und Erhaltung einer schick- 
salhaften Ordnung. So wenig dieser, die das Recht mit Grund zu 
wahren behauptet, eine Kritik erspart bleiben darf, so ohnmach- 
tig ist doch ihr gegeniiber jede Anfechtung, die nur im Namen 
einer gestaltlosen »Freiheit« auftritt, ohne jene hohere Ordnung 
der Freiheit bezeichnen zu konnen. Vollends ohnmachtig aber, 
wenn sie nicht die Rechtsordnung selbst an Haupt und Glie- 
dern anficht, sondern einzelne Gesetze oder Rechtsbrauche, wel- 
che denn freilich das Recht in den Schutz seiner Macht nimmt, 
die darin besteht, daft es nur ein einziges Schicksal gibt und daft 

1 Bezweifeln liefie sidi an dieser beriihnuen Forderung vielmehr, ob sie nicht zu 
wenig enthalt, namlich ob es erlaubt sei, seiner selbst oder eines andern in irgend- 
welcher Hinsicht auch als eines Mittcls sich bedtenen zu lassen oder zu bedienen. Die- 
sem Zweifel liefien sich sehr gute Griinde leihen. 



1 8 8 Metaphysisdi-gesdiiditsphilosophisdie Studien 

gerade das Bestehende und zumal das Drohende unverbruchlich 
seiner Ordnung angehort. Denn die rechtserhaltende Gewalt ist 
eine drohende. Und zwar hat ihre Drohung nicht den Sinn der Ab- 
schreckung, in dem ununterrichtete liberale Theoretiker sie inter- 
pretieren. Zur Abschreckung im exakten Sinn wiirde eine Be- 
stimmtheit gehoren,welche demWesen der Drohung widerspricht, 
audi von keinem Gesetz erreicht wird, da die Hoffnung besteht, 
seinem Arm zu entgehen. Um so mehr erweist es sich drohend wie 
das Schicksal, bei dem es ja stent, ob ihm der Verbrecher verfallt. 
Den tiefsten Sinn in der Unbestimmtheit der Rechtsdrohung wird 
erst die spatere Betrachtung der Sphare des Schicksals, aus der sie 
stammt, erschliefien. Ein wertvoller Hinweis auf sie liegt im Be- 
reich der Strafen. Unter ihnen hat, seitdem die Geltung des posi- 
tiven Rechts in Frage gezogen wurde, die Todesstrafe mehr als 
alles andere die Kritik herausgefordert. So wenig grundsatzlich 
auch in den meisten Fallen deren Argumente gewesen sind, so 
prinzipiell waren und sind ihre Motive. Ihre Kritiker ftihlten, 
vielleicht ohne es begriinden zu konnen, ja wahrscheinlich ohne es 
fiihlen zu wollen, dafi eine Anfechtung der Todesstrafe nicht ein 
Strafmafi, nicht Gesetze, sondern das Recht selbst in seinem Ur- 
sprung angreift. Ist namlich Gewalt, schicksalhafl: gekronte Ge- 
walt, dessen Ursprung, so liegt die Vermutung nicht fern, daft in 
der hochsten Gewalt, in der iiber Leben und Tod, wo sie in der 
Rechtsordnung auftritt, deren Urspriinge reprasentativ in das 
Bestehende hineinragen und in ihm sich furchtbar manifestieren. 
Hiermit stimmt uberein,daft die Todesstrafe in primitiven Rechts- 
verhaltnissen auch auf Delikte wie Eigentumsvergehen gesetzt ist, 
zu denen sie ganz aufier' »Verhaltnis« zu stehen scheint. Ihr 
Sinn ist denn auch nicht, den Rechtsbruch zu strafen, sondern 
das neue Recht zu statui^ren. Denn in der Ausiibung der Ge- 
walt iiber Leben und Tod bekraftigt mehr als in irgendeinem 
andern Rechtsvollzug das Recht sich selbst. Eben in ihr aber 
kundigt zugleich irgend etwas Morsches im Recht am vernehm- 
lichsten dem feineren Gefiihl sich an, weil dieses sich von Ver- 
haltnissen, in welchen das Schicksal in eigner Majestat in einem 
solchen Vollzug sich gezeigt hatte, unendlicli fern weift. Der 
Verstand aber muE diesen Verhaltnissen sich um so entschiedener 
zu nahern suchen, wenn er die Kritik der rechtsetzenden wie der 
rechtserhaltenden Gewalt zum Abschluft bringen will. 



Zur Kritik der Gewalt 189 

In einer weit widernatiirlicheren Verbindung als in der Todes- 
strafe, in einer gleichsam gespenstischen Vermischung, sind diese 
beiden Arten der Gewalt in einer andern Institution des mo- 
dernen Staates, der Polizei, gegenwartig. Diese ist zwar eine 
Gewalt zu Rechtszwecken (mit Verfugungsrecht), aber mit der 
gleichzeitigen Befugnis, diese in weiten Grenzen selbst zu setzen 
(mit Verordnungsrecht). Das Schmachvolle einer solchen Be- 
horde, das nur deshalb von wenigen gefuhlt wird, weil ihre 
Befugnisse zu den groblichsten Eingriffen nur selten ausreichen, 
desto blinder freilich in den verletzbarsten Bezirken und gegen 
Besonnene, vor denen den Staat nicht die Gesetze schiitzen, 
schalten diirfen, liegt darin, dafi in ihr die Trennung von recht- 
setzender und rechtserhaltender Gewalt aufgehoben ist. Wird 
von der ersten verlangt, dafi sie im Siege sich ausweise, so unter- 
liegt die zweite der Einschrankung, dafi sie nicht neue Zwecke 
sich setze. Von beiden Bedingungen ist die Polizeigewalt eman- 
zipiert. Sie ist rechtsetzende - denn deren charakteristische 
Funktion ist ja nicht die Promulgation von Gesetzen, sondern 
jedweder Erlafi, den sie mit Rechtsanspruch ergehen lafit - und 
sie ist rechtserhaltende, weil sie sich jenen Zwecken zur Verfli- 
gung stellt. Die Behauptung, dafi die Zwecke der Polizeigewalt 
mit denen des ubrigen Rechts stets identisch oder auch nur ver- 
bunden waren, ist durchaus unwahr. Vielmehr bezeichnet das 
»Recht« der Polizei im Grunde den Punkt, an welchem der 
Staat, sei es aus Ohnmacht, sei es wegen der immanenten Zu- 
sammenhange jeder Reclitsordnung, seine empirischen Zwecke, 
die er um jeden Preis zu erreichen wiinscht, nicht mehr durch die 
Rechtsordnung sich garantieren kann. Daher greift »der Sicher- 
heit wegen« die Polizei in zahllosen Fallen ein, wo keine klare 
Rechtslage vorliegt, wenn sie nicht ohne jegliche Beziehung auf 
Rechtszwecke den Burger als eine brutale Belastigung durch das 
von Verordnungen geregelte Leben begleitet oder ihn schlechtweg 
iiberwacht. Im Gegensatz zum Recht, welches in der nach Ort 
und Zeit fixierten »Entscheidung« eine metaphysische Kategorie 
anerkennt, durch die es Anspruch auf Kritik erhebt, trifft die 
Betrachtung des Polizeiinstituts auf nichts Wesenhaftes. Seine 
Gewalt ist gestaltlos wie seine nirgends fafibare, allverbreitete 
gespenstische Erscheinung im Leben der zivilisierten Staaten. 
Und mag Polizei auch im einzelnen sich iiberall gleichsehen, so 



190 Metaphysisch-geschichtspliilosophische Studien 

ist zuletzt doch nicht zu verkennen, dafi ihr Geist weniger ver- 
heerend ist, wo sie in der absoluten Monarchic die Gewalt des 
Herrschers, in welcher sich legislative und exekutive Machtvoll- 
kommenheit vereinigt, reprasentiert, als in Demokratien, wo ihr 
Bestehen durch keine derartige Beziehung gehoben, die denkbar 
grofite Entartung der Gewalt bezeugt. 

Alle Gewalt ist als Mittel entweder rechtsetzend oder rechts- 
erhaltend. Wenn sie auf keines dieser beiden Pradikate Anspruch 
erhebt, so verzichtet sie damit selbst auf jede Geltung. Daraus 
aber folgt, dafi jede Gewalt als Mittel selbst im giinstigsten Falle 
an derProblematik des Rechts uberhaupt teilhat. Und wenn auch 
deren Bedeutung an dieser Stelle der Untersuchung noch nicht 
mit Gewifiheit abzusehen ist, so erscheint doch nach dem Aus- 
gefuhrten das Recht in so zweideutiger sittlicher Beleuchtung, 
dafi die Frage sich von selbst aufdrangt, ob es zur Regelung 
widerstreitender menschlicher Interessen keine anderen Mittel 
als gewaltsame gebe. Vor allem notigt sie festzustellen, dafi 
eine vollig gewaltlose Beilegung von Konflikten niemals auf 
einen Rechtsvertrag hinauslaufen kann. Dieser namlich fiihrt, 
wie sehr er auch friedlich von den Vertragschliefienden einge- 
gangen sein mag, doch zuletzt auf mogliche Gewalt. Denn er 
verleiht jedem Teil das Recht, gegen den andern Gewalt in 
irgendeiner Art in Anspruch zu nehmen, falls dieser vertrags- 
briichig werden sollte. Nicht allein das: wie der Ausgang, so 
verweist auch der Ursprung jeden Vertrages auf Gewalt. Sie 
braucht als rechtsetzende zwar nicht unmittelbar in ihm gegen- 
wartig zu sein, aber vertreten ist sie in ihm, sofern die Macht, 
welche den Rechtsvertrag garantiert, ihrerseits gewaltsamen 
Ursprungs ist, wenn sie nicht eben in jenem Vertrag selbst 
durch Gewalt rechtmafiig eingesetzt wird. Schwindet das Be- 
wufttsein von der latenten Anwesenheit der Gewalt in einem 
Rechtsinstitut, so verfallt es. Dafur bilden in dieser Zek die 
Parlamente ein Beispiel. Sie bieten das bekannte jammervolle 
Schausplel, weil sie sich der revolutionaren Krafte, denen sie ihr 
Dasein verdanken, nicht bewufit geblieben sind. In Deutsch- 
land insbesondere ist denn auch die letzte Manifestation solcher 
Gewalten fur die Parlamente folgenlos verlaufen. Ihnen fehlt 
der Sinn fur die rechtsetzende Gewalt, die in ihnen reprasentiert 
ist; kein Wunder, daft sie zu Beschliissen, welche dieser Gewalt 



Zur Kritik der Gewalt 191 

wiirdig waren, nicht gelangen, sondern im Kompromifi eine 
vermeintlich gewaltlose Behandlungsweise politischer Angele- 
genheiten pflegen. Dieses aber bleibt ein »wenn audi noch so 
sehr alle offene Gewalt verschmahendes, dennoch in der Men- 
talitat der Gewalt liegendes Produkt, weil die zum Kompro- 
mifi fuhrende Strebung nicht von sich aus, sondern von aufien, 
eben von der Gegenstrebung, motiviert wird, weil aus jedem 
Kompromifi, wie freiwillig auch immer aufgenommen, der 
Zwangscharakter nicht weggedacht werden kann. >Besser ware 
es anders< ist das Grundempfinden jeden Kompromisses.« 2 
- Bezeichnenderweise hat der Verfall der Parlamente von dem 
Ideal einer gewaltlosen Schlichtung politischer Konflikte viel- 
leicht ebensoviele Geister abwendig gemacht, wie der Krieg ihm 
zugefuhrt hat. Den Pazifisten stehen die Bolschewisten und 
Syndikalisten gegenuber. Sie haben eine vernichtende und im 
ganzen trefTende Kritik an den heutigen Parlamenten geiibt. 
So wiinschenswert und erfreulich dennoch vergleichsweise ein 
hochstehendes Parlament sein mag, so wird man bei der Erorte- 
rung prinzipiell gewaltloser Mittel politischer Obereinkunft 
nicht vom Parlamentarismus handeln konnen. Denn was er in 
vitalen Angelegenheiten erreicht, konnen nur jene im Ursprung 
und Ausgang mit Gewalt behafteten Rechtsordnungen sein. 
Ist uberhaupt gewaltlose Beilegung von Konflikten moglich? 
Ohne Zweifel. Die Verhaltnisse zwischen Privatpersonen sind 
voll von Beispielen dafiir. Gewaltlose Einigung findet sich 
iiberall, wo die Kultur des Herzens den Menschen reine Mittel 
der Obereinkunft an die Hand gegeben hat. Den rechtmafiigen 
und rechtswidrigen Mitteln aller Art, die doch samt und sonders 
Gewalt sind, diirfen namlich als reine Mittel die gewaltlosen 
gegeniibergestellt werden. Herzenshoflichkeit, Neigung, Frie- 
densliebe, Vertrauen und was sich sonst hier noch nennen liefie, 
sind deren subjektive Voraussetzung. Ihre objektive Erscheinung 
aber bestimmt das Gesetz (dessen gewaltige Tragweite hier nicht 
zu erortern ist), dafi reine Mittel niemals solche unmittelbarer, 
sondern stets mittelbarer Losungen sind. Sie beziehen sich daher 
niemals unmittelbar auf die Schlichtung der Konflikte zwischen 
Mensch und Mensch, sondern nur auf dem Wege iiber die Sachen. 

2 Erich Unger: Politik und Metaphysik. (Die Theorie. Versuche zu philosophischer 
Politik, 1. Veroffentlichung.) Berlin 1921, p. 8. 



192 Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

In der sachlichsten Beziehung menschlicher Konflikte auf Guter 
eroffnet sich das Gebiet der reinen Mittel. Darum ist Technik 
im weitesten Sinne des Wortes deren eigenstes Bereich. Ihr 
tiefgreifendstes Beispiel ist vielleicht die Unterredung als eine 
Technik ziviler Obereinkunft betrachtet. In ihr ist namlich ge- 
waltlose Einigung nicht allein moglich, sondern die prinzipielle 
Ausschaltung der Gewalt ist ganz ausdriicklich an einem bedeu- 
tenden Verhaltnis zu belegen: an der Straflosigkeit der Luge. 
Es gibt vielleicht keine Gesetzgebung auf der Erde, welche sie ur- 
spriinglich bestraft. Darin spricht sich aus, dafi es eine in dem 
Grade gewaltlose Sphare menschlicher Obereinkunft gibt, dafi 
sie der Gewalt vollstandig unzuganglich ist: die eigentliche 
Sphare der »Verstandigung«, die Sprache. Erst spat und in 
einem eigentiimlichen Verfallsprozefi ist die Rechtsgewalt den- 
noch in sie eingedrungen, indem sie den Betrug unter Strafe 
stellte. Wahrend namlich die Rechtsordnung an ihrem Ursprung 
im Vertrauen auf ihre siegreiche Gewalt sich begniigt, die rechts- 
widrige zu schlagen, wo sie sich gerade zeigt, und der Betrug, da 
er selbst nichts von Gewalt an sich hat, nach dem Grundsatz 
ius civile vigilantibus scriptum est bzw. Augen fiir Geld im ro- 
mischen und altgermanischen Recht straffrei war, fuhlte das 
Recht einer spateren Zeit, dem es an Vertrauen in seine eigene 
Gewalt gebrach, nicht mehr wie das friihere aller fremden sich 
gewachsen. Vielmehr bezeichnet Furcht vor ihr und Mifitrauen 
in sich selbst seine Erschiitterung. Es beginnt sich Zwecke in der 
Absicht zu setzen, der rechtserhaltenden Gewalt starkere Mani- 
festationen zu ersparen. Es wendet sich also gegen den Betrug 
nicht aus moralischen Erwagungen, sondern aus Furcht vor den 
Gewalttatigkeiten, die er im Betrogenen auslosen konnte. Da 
solche Furcht im Widerstrek mit der eigenen Gewaltnatur des 
Rechts aus seinen Urspningen her liegt, so sind derartige Zwecke 
den berechtigten Mitteln des Rechts unangemessen. In ihnen be- 
kundet sich nicht nur der Verfall seiner eigenen Sphare, sondern 
zugleich auch eine Minderung der reinen Mittel. Denn im Ver- 
bot des Betruges schrankt das Recht den Gebrauch vollig gewalt- 
loser Mittel ein, weil diese reaktiv Gewalt erzeugen konnten. 
Die gedachte Tendenz des Rechtes hat auch bei der Einraumung 
des Streikrechts, das den Interessen des Staates widerspricht, 
mitgewirkt. Das Recht gibt es frei, weil es gewaltsame Hand- 



Zur Kritik der Gewalt 193 

lungen, denen entgegenzutreten es furchtet, hlntan halt. Griffen 
doch vordem die Arbeker sogleidi zur Sabotage und steckten 
die Fabriken an. - Um Menschen zum friedlichen Ausgleich ihrer 
Interessen diesseits aller Rechtsordnung zu bewegen, gibt es 
abgesehen von alien Tugenden zuletzt ein wirksames Motiv, das 
auch dem sprodesten Willen jene reinen Mittel statt gewaltsamer 
oft genug in die Hand gibt, in derFurchtvor gemeinsamen Nach- 
teilen, die aus der gewaltsamen Auseinandersetzung zu entstehen 
drohen, wie auch immer sie ausfalle. Solche liegen beim Inter- 
essenkonflikt zwischen Privatpersonen in zahllosen Fallen klar 
zutage. Anders, wenn Klassen und Nationen im Streit liegen, 
wobei jene hoheren Ordnungen, welche den Sieger und den 
Besiegten gleichermafien zu tiberwaltigen drohen, den meisten 
dem Gefiihl und fast alien der Einsicht nach noch verborgen 
sind. Hier wiirde das Aufsuchen soldier hoheren Ordnungen 
und der ihnen entsprechenden gemeinsamen Interessen, welche 
das nachhaltigste Motiv fur eine Politik der reinen Mittel ab- 
geben, zu weit fiihren 3 . Daher moge nur auf reine Mittel der 
Politik selbst als Analogon zu denen, die den friedlichen Urn- 
gang zwischen Privatpersonen beherrschen, hingewiesen wer- 
den. 

Was die Klassenkampfe betrifft, so muf$ in ihnen der Streik 
unter gewissen Bedingungen als ein reines Mittel gelten. Zwei 
wesentlich verschiedene Arten des Streiks, deren Moglichkeit 
schon erwogen wurde, sind hier eingehender zu kennzeichnen. 
Sorel hat das Verdienst, sie - mehr auf Grund politischer als 
rein theoretischer Erwagungen - zuerst unterschieden zu haben. 
Er stellt sie als politischen und proletarischen Generalstreik 
einander gegenliber. Zwischen ihnen besteht auch in der Bezie- 
hung auf die Gewalt ein Gegensatz. Von den Parteigangern des 
ersteren gilt: »Starkung der Staatsgewalt ist die Grundlage ihrer 
Konzeptionen; in ihren gegenwartigen Organisationen bereiten 
die Politiker (sc. die gemafiigt sozialistischen) schon die Anlage 
einer starken zentralisierten und disziplmierten Gewalt vor, die 
durch die Kritik der Opposition sich nicht beirren lassen wird, 
die Schweigen aufzuerlegen wissen und ihre verlogenen Dekrete 
erlassen wird.« 4 »Der politische Generalstreik . . . demonstriert, 

3 Siehe aber Unger a. a, O. p. i8ff. 

4 Georges Sorel: Reflexions sur la violence, 5* Edition, Paris 19 19, p. 250. 



1 94 Metaphysisdi-geschichtsphilosophisdie Studien 

wie der Staat nichts von seiner Kraft verlieren wird, wie die 
Macht von Privilegierten auf Privilegierte ubergeht, wie die 
Masse der Produzenten ihre Herren wechseln wird.« 5 Diesem 
politischen Generalstreik gegeniiber (dessen Formel iibrigens die 
der verflossenen deutschen Revolution zu sein scheint), setzt 
der proletarische sich die eine einzige Aufgabe der Vernichtung 
der Staatsgewalt. Er »schaltet alle ideologischen Konsequenzen 
jeder moglichen Sozialpolitik aus; seine Parteiganger sehen audi 
die popularsten Reformen als biirgerlich an« 6 . »Dieser General- 
streik bekundet ganz deutlich seine Gleichgiiltigkeit gegen den 
materiellen Gewinn der Eroberung, indem er erklart, daft er 
den Staat aufheben will; der Staat war wirklich . . . der Daseins- 
grund der herrschenden Gruppen, die von alien Unternehmun- 
gen, deren Lasten die Gesamtheit tragt, den Nutzen haben.« 7 
Wahrend die erste Form der Arbeitseinstellung Gewalt ist, da 
sie nur eine aufierliche Modifikation der Arbeitsbedingungen 
veranlafit, so ist die zweite als ein reines Mittel gewaltlos. Denn 
sie geschieht nidit in der Bereitsdiaft, nach aufierlichen Konzes- 
sionen und irgendwelcher Modifikation der Arbeitsbedingungen 
wieder die Arbeit aufzunehmen, sondern im Entschlufi, nur eine 
ganzlich veranderte Arbeit, eine nicht staatlich erzwungene, wie- 
der aufzunehmen, ein Umsturz, den diese Art des Streikes nicht 
sowohl veranlafk als vielmehr vollzieht. Daher denn audi die erste 
dieser Unternehmungen rechtsetzend, die zweite dagegen anarchi- 
stisch ist. Im Anschlufi an gelegentliche Aufierungen von Marx 
weist Sorel jede Art von Programmen, Utopien, mit einem Wort 
von Rechtsetzungen fiir die revolutionare Bewegung zuruck: »Mit 
dem Generalstreik verschwinden alle diese schdnen Dinge; die 
Revolution erscheint als eine klare, einfache Revoke und es ist 
ein Platz weder den Soziologen vorbehalten noch den eleganten 
Amateuren von Sozialreformen, noch den Intellektuellen, die 
es sich zum Beruf gemacht haben, fiir das Proletariat zu den- 
ken. « 8 Dieser tiefen, sittlichen und edit revolutionaren Kon- 
zeption kann audi keine Erwagung gegeniibertreten, die wegen 
seiner mdglichen katastrophalen Folgen einen solchen General- 

5 Ebenda p. 265. 

6 Ebenda p. 195. 

7 Ebenda p. 249. 

8 Ebenda p. 200. 



Zur Kritik der Gewalt 195 

streik als Gewalt brandmarken mochte. Wenn man auch mit 
Recht sagen diirfte, dafi die heutige Wirtschaft als Ganzes an- 
gesehen viel weniger einer Maschine vergleichbar ist, die still- 
steht, wenn ihr Heizer sie verlafit, als einer Bestie, die rast, 
sobald ihr Bandiger ihr den Rticken gekehrt hat, so darf den- 
noch tiber die Gewaltsamkeit einer Handlung ebensowenig 
nach ihren Wirkungen wie nach ihren Zwecken, sondern allein 
nach dem Gesetz ihrer Mittel geurteilt werden. Die Staatsgewalt 
freilich, welche nur die Wirkungen ins Auge fafit, tritt gerade 
solchem Streik im Gegensatz zu den meist tatsachlich erpresse- 
rischen Partialstreiken als angeblicher Gewalt entgegen. Inwie- 
fern iibrigens eine so rigorose Konzeption des Generalstreiks 
als solche die Entfaltung eigentlicher Gewalt in den Revolutio- 
nen zu vermindern geeignet ist, hat Sorel mit sehr geistvollen 
Griinden ausgefuhrt. - Dagegen ist ein hervorragender Fall 
gewalttatiger Unterlassung, unsittlicher und roher als der politi- 
sche Generalstreik, verwandt der Blockade, der Streik der Arzte, 
wie mehrere deutsche Stadte ihn gesehen haben. In ihm zeigt 
sich aufs Abstofiendste skrupellose Gewaltanwendung, die ge- 
radezu verworfen ist bei einer Berufsklasse, die jahrelang 
ohne den leisesten Versuch eines Widerstandes »dem Tod 
seine Beute gesichert hat«, um danach bei der ersten Gelegenheit 
das Leben aus freien Stiicken preiszugeben. - Deutlicher als in 
den jungen Klassenkampfen haben in der jahrtausendealten Ge- 
scliichte von Staaten sich Mittel gewaltloser Obereinkunft her- 
ausgebildet. Nur gelegentlich besteht die Aufgabe der Diplo- 
maten im gegenseitigen Verkehr in der Modifikation von 
Rechtsordnungen. Im wesentlichen haben sie ganz nach Analo- 
gic der Obereinkunft zwischen Privatpersonen im Namen ihrer 
Staaten friedlich und ohne Vertrage von Fall zu Fall deren 
Konflikte beizulegen. Eine zarte Aufgabe, die resoluter von 
Schiedsgerichten gelost wird, eine Methode der Losung aber, 
welche grundsatzlich hoher steht als die schiedsgerichtliche, 
weil jenseits aller Rechtsordnung und also Gewalt. So hat denn 
wie der Umgang von Privatpersonen auch der der Diplomaten 
eigene Formen und Tugenden hervorgebracht, die, weil sie au- 
fierlich geworden, es darum nicht immer gewesen sind. 
Im ganzen Bereich der Gewalten, die Naturrecht wie positives 
Recht absehen, fmdet sich keine, welche von der angedeuteten 



1 96 Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

schweren Problematik jeder Rechtsgewalt frei ware. Da den- 
noch jede Vorstellung einer irgendwie denkbarenLosung mensch- 
licher Aufgaben, ganz zu geschweigen elner Erlosung aus dem 
Bannkreis aller bisherigen weltgeschichtlichen Daseinslagen, 
unter yolliger und prinzipieller Ausschaltung jedweder Gewalt 
unvollziehbar bleibt, so notigt sich die Frage nach andern Arten 
der Gewalt auf, als alle Rechtstheorie ins Auge fafk. Zugleich 
die Frage nach der Wahrheit des jenen Theorien gemeinsamen 
Grunddogmas: Gerechte Zwecke konnen durch berechtigte 
Mittel erreicht, berechtigte Mittel an gerechte Zwecke gewendet 
werden. Wie also, wenn jene Art schicksalsmafiiger Gewalt, wie 
sie berechtigte Mittel einsetzt, mit gerechten Zwecken an sich in 
unversohnlichem Widerstreit liegen wiirde, und wenn zugleich 
eine Gewalt anderer Art absehbar werden sollte, die dann frei- 
lich zu jenen Zwecken nicht das berechtigte noch das unberech- 
tigte Mittel sein konnte, sondern iiberhaupt nicht als Mittel zu 
ihnen, vielmehr irgendwie anders, sich verhalten wiirde? Damit 
wiirde ein Licht auf die seltsame und zunachst entmutigende 
Erfahrung von der letztlichen Unentscheidbarkeit aller Rechts- 
probleme fallen (welche vielleicht in ihrer Aussichtslosigkeit 
nur mit der Unmoglichkeit biindiger Entscheidung iiber » rich- 
tig « und »falsch« in werdenden Sprachen zu vergleichen ist). 
Entscheidet doch iiber Berechtigung von Mitteln und Gerechtig- 
keit von Zwecken niemals die Vernunft, sondern schicksal- 
hafte Gewalt iiber jene, iiber diese aber Gott. Eine Einsicht, die 
nur deshalb selten ist, weil die hartnackige Gewohnheit herrscht, 
jene gerechten Zwecke als Zwecke eines moglichen Rechts, d. h. 
nicht nur als allgemeingiiltig (was analytisch aus dem Merkmal 
der Gerechtigkeit folgt), sondern audi als verallgemeinerungs- 
fahig zu denken, was diesem Merkmal, wie sich zeigen liefie, 
widerspricht. Denn Zwecke, welche fur eine Situation gerecht, 
allgemein anzuerkennen, allgemeingiiltig sind, sind dies fiir 
keine andere, wenn auch in anderen Beziehungen noch so ahn- 
lidie Lage. - Eine nicht mittelbare Funktion der Gewalt, wie 
sie hier in Frage steht, zeigt schon die tagHche Lebenserfah- 
rung. Was den Menschen angeht, so fiihrt ihn zum Beispiel 
der Zorn zu den sichtbarsten Ausbriichen von Gewalt, die sich 
nicht als Mittel auf einen vorgesetzten Zweck bezieht. Sie ist 
nicht Mittel, sondern Manifestation. Und zwar kennt diese Ge- 



Zur Kritik der Gewalt 197 

wait durchaus objektive Manifestationen, in denen sie der Kri- 
tik unterworfen werden kann. Diese finden sich hochst bedeu- 
tend zunachst im Mythos. 

Die mythische Gewalt in ihrer urbildlichen Form ist blofie Mani- 
festation der Gotter. Nicht Mittel ihrer Zwecke, kaum Manife- 
station ihres Willens, am ersten Manifestation ihres Daseins. Die 
Niobesage enthalt von ihr em hervorragendes Beispiel. Zwar 
konnte es scheinen, die Handlung Apollons und der Artemis sei 
nur eine Strafe. Aber ihre Gewalt richtet viel mehr ein Recht 
auf, als fiir Obertretung eines bestehenden zu strafen. Niobes 
Hochmut beschwort das Verhangnis iiber sich herauf, nicht weil 
er das Recht verletzt, sondern weil er das Schicksal herausfor- 
dert - zu einem Kampf, in dem es siegen mufi und ein Recht 
erst allenfalls im Siege zutage fordert. Wie wenig solche gottliche 
Gewalt im antiken Sinne die rechtserhaltende der Strafe war, 
zeigen die Heroensagen, in denen der Held, wie z. B. Prome- 
theus, mit wiirdigem Mute das Schicksal herausfordert, wech- 
selnden Gluckes mit ihm kampft und von der Sage nicht ohne 
Hoffnung gelassen wird, ein neues Recht dereinst den Menschen 
zu bringen. Dieser Heros und die Rechtsgewalt des ihm einge- 
borenen Mythos ist es eigentlich, die das Volk noch heute, wenn 
es den grofien Missetater bewundert, sich zu vergegenwartigen 
sucht. Die Gewalt bricht also aus der unsicheren, zweideutigen 
Sphare des Schicksals iiber Niobe herein. Sie ist nicht eigentlich 
zerstorend. Trotzdem sie Niobes Kindern den blutigen Tod 
bringt, halt sie vor dem Leben der Mutter ein, welches sie durch 
das Ende der Kinder nur verschuldeter als vordem als ewigen 
stummen Trager der Schuld wie audi als Markstein der Grenze 
zwischen Menschen und Gottern zuriicklafk. Wenn diese unmit- 
telbare Gewalt in mythischen Manifestationen der rechtsetzen- 
den sich nachstverwandt, ja identisch erweisen mochte, so fallt 
von ihr aus eine Problematik auf die rechtsetzende zuriick, so- 
fern diese oben in der Darstellung der kriegerischen Gewalt als 
eine nur mittelartige charakterisiert wurde. Zugleich verspricht 
dann dieser Zusammenhang mehr Licht iiber das Schicksal, das 
der Rechtsgewalt in alien Fallen zugrunde liegt, zu verbreiten 
und deren Kritik in grofien Ziigen zu Ende zu fiihren. Die Funk- 
tion der Gewalt in der Rechtsetzung ist namlich zwiefach in 
dem Sinne, dafi die Rechtsetzung zwar dasjenige, was als Recht 



198 Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

eingesetzt wird, als ihren Zweck mit der Gewalt als Mittel er- 
strebt, im Augenblick der Einsetzung des Bezweckten als Recht 
aber die Gewalt nicht abdankc, sondern sie nun erst im stren- 
gen Sinne und zwar unmittelbar zur rechtsetzenden macht, in- 
dem sie nicht einen von Gewalt freien und unabhangigen, son- 
dern notwendig und innig an sie gebundenen Zweck als Recht 
unter dem Namen der Macht einsetzt. Rechtsetzung ist Macht- 
setzung und insofern ein Akt von unmittelbarer Manifestation 
der Gewalt. Gerechtigkeit ist das Prinzip aller gottlichen Zweck- 
setzung, Macht das Prinzip aller mythischen Rechtsetzung. 
Dieses letztere erfahrt eine ungeheuer folgenschwere Anwendung 
im Staatsrecht. In seinem Bereich namlich ist die Grenzsetzung, 
wie sie der »Friede« aller Kriege des mythischen Zeitalters 
vornimmt, das Urphanomen rechtsetzender Gewalt Uberhaupt. 
Auf das deutlichste zeigt sich in ihr, dafi Macht mehr als der 
uberschwenglichste Gewinn an Besitz von aller rechtsetzen- 
den Gewalt gewahrleistet werden soil. Wo Grenzen festgesetzt 
werden, da wird der Gegner nicht schlechterdings vernichtet, 
ja es werden ihm, auch wo beim Sieger die uberlegenste Gewalt 
stent, Rechte zuerkannt. Und zwar in damonisch-zweideutiger 
Weise »gleiche« Rechte: Fiir beide Vertragschliefknden ist es die 
gleiche Linie, die nicht iiberschritten werden darf. Hiermit tritt 
in furchtbarer Ursprlinglichkeit dieselbe mythische Zweideu- 
tigkeit der Gesetze, die nicht »ubertreten« werden diirfen, in 
Erscheinung, von der Anatole France satirisch spricht, wenn 
er sagt: Sie verbieten es Armen und Reichen gleichermafien, 
unter Bruckenbogen zu nachtigen. Auch scheint es, dafi Sorel an 
eine nicht nur kulturhistorische, sondern metaphysische Wahr- 
heit riihrt, wenn er vermutet, dafi in den Anfangen alles Recht 
»Vor«recht der Konige oder der Grofien, kurz der Machtigen 
gewesen sei. Das wird es namlich mutatis mutandis bleiben, so- 
lange es besteht. Denn unter dem Gesichtspunkt der Gewalt, 
welche das Recht allein garantieren kann, gibt es keine Gleich- 
heit, sondern bestenfalls gleich grofie Gewalten. Der Akt der 
Grenzsetzung aber ist fiir die Erkenntnis des Rechts noch in 
anderer Hinsicht bedeutungsvoll. Gesetzte und umschriebene 
Grenzen bleiben, wenigstens in Urzeiten, ungeschriebene Ge- 
setze. Der Mensch kann sie ahnungslos uberschreiteh und so der 
Siihne verfallen. Denn jener Eingriff des Rechts, den die Ver- 



Zur Kritik der Gewalt 199 

letzung des ungeschriebenen und unbekannten Gesetzes her- 
aufbeschwort, heifit zum Unterschied von der Strafe die Suhne. 
Aber so ungliicklich sie den Ahnungslosen treffen mag, ihr Ein- 
tritt ist im Sinne des Rechts nicht Zufall, sondern Schicksal, das 
sich hier nochmals in seiner planvollen Zweideutigkeit darstellt. 
Schon Hermann Cohen hat es in einer fluchtigen Betrachtung 
der antiken Schicksalsvorstellung eine »Einsicht, die unaus- 
weichlich wird,« genannt, dafi es seine »Ordnungen selbst sind, 
welche dieses Heraustreten, diesen Abfall zu veranlassen und 
herbeizufuhren scheinen.« 9 Von diesem Geiste des Rechts legt 
noch der moderne Grundsatz, dafi Unkenntnis des Gesetzes nicht 
vor Strafe schutzt, Zeugnis ab, wie auch der Kampf um das 
geschriebene Recht in der Friihzeit der antiken Gemeinwesen als 
Rebellion gegen den Geist mythischer Satzungen zu verstehen 
ist. 

Weit entfernt, eine reinere Sphare zu eroffnen, zeigt die mythi- 
sche Manifestation der unmittelbaren Gewalt sich im tiefsten 
mit aller Rechtsgewalt identisch und macht die Ahnung von 
deren Problematik zur Gewifiheit von der Verderblichkeit ihrer 
geschichtlichen Funktion, deren Vernichtung damit zur Aufgabe 
wird. Gerade diese Aufgabe legt in letzter Instanz noch einmal 
die Frage nach einer reinen unmittelbaren Gewalt vor, welche 
der mythischen Einhalt zu gebieten vermochte. Wie in alien Be- 
reichen dem Mythos Gott, so tritt der mythischen Gewalt die 
gottliche entgegen. Und zwar bezeichnet sie zu ihr der Gegen- 
satz in alien Stucken. Ist die mythische Gewalt rechtsetzend, 
so die gottliche rechtsvernichtend, setzt jene Grenzen, so ver- 
nichtet diese grenzenlos, ist die mythische verschuldend und 
siihnend zugleich, so die gottliche entsiihnend, ist jene drohend, 
so diese schlagend, jene blutig, so diese auf unblutige Weise letal. 
Der Niobesage mag als Exempel dieser Gewalt Gottes Gericht 
an der Rotte Korah gegeniibertreten. Es trifft Bevorrechtete, 
Leviten, trifft sie unangekiindigt, ohne Drohung, schlagend und 
macht nicht Halt vor der Vernichtung. Aber es ist zugleich eben 
in ihr entsiihnend und ein tiefer Zusammenhang zwischen dem 
unblutigen und entsuhnenden Charakter dieser Gewalt nicht zu 
verkennen. Denn Blut ist das Symbol des blofien Lebens. Die 
Auslosung der Rechtsgewalt geht nun, wie hier nicht genauer 

9 Hermann Cohen: Ethik des reinen Willens, 2. rev. Aufl., Berlin 1907, p. 362. 



200 Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

dargelegt werden kann, auf die Verschuldung des blofien natiir- 
lichen Lebens zuruck, welche den Lebenden unschuldig und un- 
gliicklich der Siihne iiberantwortet, die seine Verschuldung 
»suhnt« - und auch wohl den Schuldigen entsuhnt, nicht aber 
von einer Schuld, sondern vom Recht. Denn mit dem blofien 
Leben hort die Herrschaft des Rechtes iiber den Lebendigen auf. 
Die mythische Gewalt ist Blutgewalt iiber das blofie Leben um 
ihrer selbst, die gottliche reine Gewalt iiber alles Leben um des 
Lebendigen willen. Die erste fordert Opfer, die zweite nimmt 
sie an. 

Diese gottliche Gewalt bezeugt sich nicht durch die religiose 
Oberlieferung allein, vielmehr findet sie mindestens in einer ge- 
heiligten Manifestation sich auch im gegenwartigen Leben vor. 
Was als erzieherische Gewalt in ihrer vollendeten Form aufier- 
halb des Rechtes steht, ist eine ihrer Erscheinungsformen. Diese 
definieren sich also nicht dadurch, dafi Gott selber unmittelbar 
sie in Wundern ausiibt, sondern durch jene Momente des unblu- 
tigen, schlagenden, entsiihnenden Vollzuges. Endlich durch die 
Abwesenheit jeder Rechtsetzung. Insofern ist es zwar berechtigt, 
diese Gewalt auch vernichtend zu nennen; sie ist dies aber nur 
relativ, in Riicksicht auf Giiter, Recht, Leben u. dgL, niemals 
absolut in Riicksicht auf die Seele des Lebendigen. - Eine solche 
Ausdehnung reiner oder gottlicher Gewalt wird freilich gerade 
gegenwartig die heftigsten AngrifTe herausfordern und man 
wird ihr mit dem Hinweis entgegentreten, dafi sie nach ihrer 
Deduktion folgerecht auch die letale Gewalt den Menschen be- 
dingungsweise gegeneinander freigebe. Das wird nicht einge- 
raumt. Denn auf die Frage »Darf ich toten?« ergeht die un- 
verriickbare Antwort als Gebot »Du sollst nicht toten«. Dieses 
Gebot steht vor der Tat wie Gott »davor sei«, dafi sie geschehe. 
Aber es bleibt freilich, so wahr es nicht Furcht vor Strafe sein 
darf, die zu seiner Befolgung anhalt, unanwendbar, inkommen- 
surabel gegeniiber der vollbrachten Tat. Aus ihm folgt iiber 
diese kein Urteil. Und so ist denn im vorhinein weder das gott- 
liche Urteil iiber sie abzusehen noch dessen Grund. Darum sind 
die nicht im Recht, welche die Verurteilung einer jeden gewalt- 
samen Totung des Menschen durch den Mitmenschen aus dem 
Gebot begriinden. Dieses steht nicht als Mafistab des Urteils, 
sondern als Richtschnur des Handelns fur die handelnde Per- 



Zur Kritik der Gewalt 201 

son oder Gemeinschaft, die mit ihm in ihrer Einsamkeit sidi 
auseinanderzusetzen und in ungeheuren Fallen die Verantwor- 
tung von ihm abzusehen auf sich zu nehmen haben. So verstand 
es audi das Judentum, welches die Verurteilung der Totung in 
der Notwehr ausdrikklich abwies. - Aber jene Denker gehen 
auf ein ferneres Theorem zuriick, aus dem sie vielleicht sogar 
das Gebot seinerseits zu begrunden gedenken. Dieses ist der 
Satz von der Heiligkeit des Lebens, den sie entweder auf alles 
animalische oder gar vegetabile Leben beziehen oder auf das 
menschliche einschranken. Ihre Argumentation sieht in einem ex- 
tremen Fall, der auf die revolutionare Totung der Unterdriicker 
exempliflziert, folgendermafien aus: »tote ich nicht, so ernchte 
ich nimmermehr das Weltreich der Gerechtigkeit ... so denkt 
der geistige Terrorist . . . Wir aber bekennen, dafi hoher noch 
als Gliick und Gerechtigkeit eines Daseins . . Dasein an sich 
steht« 10 . So gewifi dieser letzte Satz falsch, sogar unedel ist, so 
gewifi deckt er die Verpflichtung auf, nicht langer den Grund 
des Gebotes in dem zu suchen, was die Tat am Gemordeten, 
sondern in dem, was sie an Gott und am Tater selbst tut. Falsch 
und niedrig ist der Satz, dafi Dasein hoher als gerechtes Dasein 
stehe, wenn Dasein nichts als blofies Leben bedeuten soil - und 
in dieser Bedeutung steht er in der genannten Oberlegung. Eine 
gewaltige Wahrheit aber enthalt er, wenn Dasein (oder besser 
Leben) - Worte, deren Doppelsinn durchaus dem des Wortes 
Frieden analog aus ihrer Beziehung auf je zwei Spharen aufzu- 
losen ist - den unverriickbaren Aggregatzustand von »Mensch« 
bedeutet. Wenn der Satz sagen will, das Nichtsein des Menschen 
sei etwas Furchtbareres als das (unbedingt: blofie) Nochnicht- 
sein des gerechten Menschen. Dieser Zweideuugkeit verdankt der 
genannte Satz seine Scheinbarkeit. Der Mensch fallt eben um 
keinen Preis zusammen mit dem blofien Leben des Menschen, so 
wenig mit dem blofien Leben in ihm wie mit irgendwelchen an- 
dern seiner Zustande und Eigenschaften, ja nicht einmal mit der 
Einzigkeit seiner leiblichen Person. So heilig der Mensch ist (oder 
auch dasjenige Leben in ihm, welches identisch in Erdenleben, 
Tod und Fortleben liegt), so wenig sind es seine Zustande, so 
wenig ist es sein leibliches, durch Mitmenschen verletzliches Le- 

10 Kurt Hiller: Anti-Kain. Ein Nachwort [...]. In: Das Ziel. Jahrbiicher fur 
geistige Politik. Hrsg. von Kurt Hiller. Bd. 3, Mundien 1919, p. 1$. 



202 Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

ben. Was unterscheidet es denn wesentlich von dem der Tiere 
und Pflanzen? Und selbst wenn diese heilig waren, konnten sie 
es doch nicht um ihres blofien Lebens willen, nicht in ihm sem. 
Dem Ursprung des Dogmas von der Heiligkeit des Lebens nach- 
zuforschen mochte sich verlohnen. Vielleicht, ja wahrscheinlich 
ist es jung, als die letzte Verirrung der geschwachten abendlandi- 
schen Tradition, den Heiligen, den sie verlor, im kosmologisch 
Undurchdrmglichen zu suchen. (Das Alter aller religiosen Ge- 
bote gegen den Mord besagt hiergegen nichts, weil diesen andere 
Gedanken als dem modernen Theorem zugrunde Hegen.) Zuletzt 
gibt es zu denken, daft, was hier heilig gesprochen wird, dem 
alten mythischen Denken nach der gezeichnete Trager der Ver- 
schuldung ist: das blofie Leben. 

Die Kritik der Gewalt ist die Philosophic ihrer Geschichte. Die 
»Philosophie« dieser Geschichte deswegen, weil die Idee ihres 
Ausgangs allein eine kritischej scheidende und entscheidende Ein- 
stellung auf ihre zeitlichen Data ermoglicht. Ein nur aufs Nach- 
ste gerichteter Blick vermag hochstens ein dialektisches Auf und 
Ab in den Gestaltungen der Gewalt als rechtsetzender und 
rechtserhaltender zu gewahren. Dessen Schwankungsgesetz be- 
ruht darauf, dafi jede rechtserhaltende Gewalt in ihrer Dauer 
die rechtsetzende, welche in ihr reprasentiert ist, durch die 
Unterdriickung der feindlichen Gegengewalten indirekt selbst 
schwacht. (Auf einige Symptome hiervon ist im Laufe der Un- 
tersuchung verwiesen worden.) Dies wahrt so lange, bis entwe- 
der neue Gewalten oder die fruher unterdriickten iiber die bisher 
rechtsetzende Gewalt siegen und damit ein neues Recht zu neuem 
Verfall begriinden. Auf der Durchbrechung dieses Umlaufs im 
Banne der mythischen Rechtsformen, auf der Entsetzung des 
Rechts samt den Gewalten, auf die es angewiesen ist wie sie auf 
jenes, zuletzt also der Staatsgewalt, begnindet sich ein neues 
geschichtliches Zeitalter. Wenn die Herrschaft des Mythos hie 
und da im Gegenwartigen schon gebrochen ist, so liegt jenes 
Neue nicht in so unvorstellbarer Fernflucht, dafi ein Wort gegen 
das Recht sich von selbst erledigte. Ist aber der Gewalt auch jen- 
seits des Rechtes ihr Bestand als reine unmittelbare gesichert, so 
ist damit erwiesen, dafi und wie auch die revolutionare Gewalt 
moglich ist, mit welchem Namen die hochste Manifestation 
reiner Gewalt durch den Menschen zu belegen ist. Nicht gleich 



Theologisch-politisches Fragment 203 

moglich noch audi gleich dringend ist aber fiir Menschen die 
Entscheidung, wann reine Gewalt in einem bestimmten Falle 
wirklich war. Denn nur die mythische, nidit die gottliche, wird 
sich als solche mit Gewifiheit erkennen lassen, es sei denn in 
unvergleichlichen Wirkungen, weil die entsuhnende Kraft der 
Gewalt fiir Menschen nicht zutage liegt. Von neuem stehen der 
reinen gottlichen Gewalt alle ewigen Formen frei, die derMythos 
mit dem Recht bastardierte. Sie vermag im wahren Kriege 
genau so zu erscheinen wie im Gottesgericht der Menge am Ver- 
brecher. Verwerflich aber ist alle mythische Gewalt, die recht- 
setzende, welche die schaltende genannt werden darf. Verwerf- 
lich auch die rechtserhaltende, die verwaltete Gewalt, die ihr 
dient. Die gottliche Gewalt, welche Insignium und Siegel, nie- 
mals Mittel heiliger Vollstreckung ist, mag die waltende heifien. 



(Theologisch-politisches Fragment) 

Erst der Messias selbst vollendet alles historische Geschehen, und 
zwar in dem Sinne, daE er dessen Beziehung auf das Messiani- 
sche selbst erst erlost, vollendet, schafft. Darum kann nichts Hi- 
storisches von sich aus sich auf Messianisches beziehen wollen. 
Darum ist das Reich Gottes nicht das Telos der historischen 
Dynamis; es kann nicht zum Ziel gesetzt werden. Historisch 
gesehen ist es nicht Ziel, sondern Ende. Darum kann die Ord- 
nung des Profanen nicht am Gedanken des Gottesreiches aufge- 
baut werden, darum hat die Theokratie keinen politischen son- 
dern allein einen religiosen Sinn. Die politische Bedeutung der 
Theokratie mit aller Intensitat geleugnet zu haben ist das grofke 
Verdienst von Blochs »Geist der Utopie«. 

Die Ordnung des Profanen hat sich aufzurichten an der Idee 
des Gliicks. Die Beziehung dieser Ordnung auf das Messianische 
ist eines der wesentlichen Lehrstiicke der Geschichtsphilosophie. 
Und zwar ist von ihr aus eine mystische Geschichtsauffassung 
bedingt, deren Problem in einem Bilde sich darlegen laftt. Wenn 
eine Pfeilrichtung das Ziel, in welchem die Dynamis des Pro- 
fanen wirkt, bezeichnet, eine andere die Richtung der messiani- 
schen Intensitat, so strebt freilich das Gliickssuchen der freien 



204 Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

Mensdiheit von jener messianischen Richtung fort, aber wie eine 
Kraft durdi ihren Weg eine andere auf entgegengesetzt gerichte- 
tem Wege zu befordern vermag, so audi die profane Ordnung 
des Profanen das Kommen des messianischen Reiches. Das Pro- 
fane also ist zwar keine Kategorie des Reichs, aber eine Katego- 
rie, und zwar der zutreffendsten eine, seines leisesten Nahens. 
Denn im Gliick erstrebt alles Irdische seinen Untergang, nur im 
Gliick aber ist ihm der Untergang zu finden bestimmt. - Wah- 
rend freilich die unmittelbare messianische Intensitat des Her- 
zens, des innern einzelnen Menschen durch Ungliick, im Sinne 
des Leidens hindurchgeht. Der geistlichen restitutio in integrum, 
welche in die Unsterblichkeit einfiihrt, entspricht eine weltliche, 
die in die Ewigkeit eines Unterganges fuhrt und der Rhythmus 
dieses ewig vergehenden, in seiner Totalitat vergehenden, in 
seiner raumlichen, aber auch zeitlichen Totalitat vergehenden 
Weltlichen, der Rhythmus der messianischen Natur, ist Gliick. 
Denn messianisch ist die Natur aus ihrer ewigen und totalen 
Vergangnis. 

Diese zu erstreben, auch fur diejenigen Stufen des Menschen, 
welche Natur sind, ist die Aufgabe der Weltpolitik, deren Me- 
thode Nihilismu5 zu heifien hat. 



Lehre vom Ahnlichen 

Die Einsicht in die Bereiche des »Ahnlichen« ist von grund- 
legender Bedeutung fiir die Erhellung grofier Bezirke des okkul- 
ten Wissens. 2u gewinnen ist aber solche Einsicht weniger im 
Aufweis angetroffener Ahnlichkeiten als durch die Wiedergabe 
von Prozessen, die solche Ahnlichkeit erzeugen. Die Natur er- 
zeugt Ahnlichkeiten; man braucht nur an die Mimikry zu den- 
ken. Die allerhochste Fahigkeit im Produzieren von Ahnlichkei- 
ten aber hat der Mensch. Ja, vielleicht gibt es keine seiner 
hoheren Funktionen, die nicht entscheidend durch mimetisches 
Vermogen mitbestimmt ist. Dieses Vermogen aber hat eine 
Geschichte, und zwar im phylogenetischen so gut wie im onto- 
genetischen Sinne. Was letzteres angeht, so ist das Spiel in vielem 



Lehre vom Xhnlichen 205 

seine Schule. Zunachst einmal sirid Kinderspiele iiberall durch- 
zogen von mimetischen Verhaltungsweisen, und ihr Bereich 1st 
keineswegs auf das beschrankt, was wohl ein Mensdi vom 
andern nachmacht. Das Kind spielt nidit nur Kaufmann oder 
Lehrer sondern audi Windmuhle und Eisenbahn. Die Frage 
aber, auf die es ankommt, ist nun die: was diese Schulung 
des mimetischen Verhaltens ihm eigentlich fur einen Nutzen 
bringt? 

Die Antwort setzt die deutliche Besinnung auf die phylo- 
genetische Bedeutung des mimetischen Verhaltens voraus. Um 
diese zu ermessen, ist es nicht genug, an das zu denken, was etwa 
heutzutage wir in dem Begriff von Ahnlichkeit erfassen. Be- 
kanntlich war der Lebenskreis, der ehemals von dem Gesetz 
der Ahnlichkeit durchwaltet schien, viel grofier. Es war der 
Mikro- und der Makrokosmos - um nur eine Fassung von vie- 
len, die die Ahnlichkeitserfahrung derart im Laufe der Geschich- 
te fand, zu nennen. Noch fiir die Heutigen lafit sich behaupten: 
die Falle, in denen sie im Alltag Ahnlichkeiten bewufit wahr- 
nehmen, sind ein winziger Ausschnitt aus jenen zahllosen, da 
Ahnlichkeit sie unbewufit bestimmt. Die mit Bewufitsein wahr- 
genommenen Ahnlichkeiten - z. B. in Gesichtern - sind ver- 
glichen mit den unzahlig vielen unbewufit oder auch garnicht 
wahrgenommenen Ahnlichkeiten wie der gewaltige untersee- 
ische Block des Eisbergs im Vergleich zur kleinen Spitze, welche 
man aus dem Wasser ragen sieht. 

Diese naturlichen Korrespondenzen aber erhalten die entschei- 
dende Bedeutung erst im Licht der Oberlegung, dafi sie alle, 
grundsatzlich, Stimulantien und Erwecker jenes mimetischen 
Vermogens sind, welches im Menschen ihnen Antwort gibt. Da- 
bei ist zu bedenken, dafi weder die mimetischen Krafte noch die 
mimetischen Objekte, ihre Gegenstande, im Zeitlauf unveran- 
derlich die gleichen blieben; dafi im Laufe der Jahrhunderte 
die mimetische Kraft, und damit spater die mimetische Auffas- 
sungsgabe gleichfalls, aus gewissen Feldern, vielleicht um sich in , 
andere zu ergiefien, geschwunden ist. Vielleicht ist die Vermu- 
tung nicht zu kiihn, dafi sich im ganzen eine einheitliche Rich- 
tung in der historischen Entwicklung dieses mimetischen Ver- 
mogens erkennen lafit. 
Die Richtung konnte, auf den ersten Blick, nur in der wachsen- 



206 Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

den Hinfalligkeit dieses mimetischen Vermogens liegen. Denn 
offenbar scheint doch die Merkwelt des modernen Menschen sehr 
viel weniger von jenen magischen Korrespondenzen zu enthal- 
ten als die der alten Volker oder audi der Primitiven. Die Fra- 
ge ist nur die: ob es sich um ein Absterben des mimetischen 
Vermogens oder aber vielleicht um eine mit ihm stattgehabte 
Verwandlung handelt. In welcher Richtung eine solche jedoch 
liegen konnte, dariiber lafit sich, wenn auch indirekt, einiges 
der Astrologie entnehmen. Wir miissen namlich als Erforscher 
der alten Oberlieferungen damit rechnen, dafi sinnfallige Ge- 
staltung, mimetischer Objektcharakter bestanden habe, wo wir 
ihn heute nicht einmal zu ahnen fahig sind. Zum Beispiel in den 
Konstellationen der Sterne. 

Das zu erfassen, wird man vor allem einmal das Horoskop als 
eine originare Ganzheit, die in der astrologischen Deutung nur 
analysiert wird, begreifen miissen. (Der Gestirnstand stellt eine 
charakteristische Einheit dar und erst an ihrem Wirken im 
Gestirnstand werden die Charaktere der einzelnen Planeten 
erkannt.) Man muE, grundsatzlich, damit redmen, dafi Vor- 
gange am Himmel von friiherLebenden, und zwar sowohl durch 
Kollektiva als durch Einzelne, nachahmbar waren: ja, dafi diese 
Nachahmbarkeit die Anweisung enthielt, eine vorhandene 
Ahnlichkeit zu handhaben. In dieser Nachahmbarkeit durch 
den Menschen, bezw. dem mimetischen Vermogen, das dieser hat, 
mufi man wohl bis auf weiteres die einzige Instanz erblicken, 
welche der Astrologie ihren Erfahrungscharakter gegeben hat. 
Wenn aber wirklich das mimetische Genie eine lebensbestim- 
mende Kraft der Alten gewesen ist, dann ist es kaum anders 
moglich, als den Vollbesitz dieser Gabe, insbesondere die voll- 
endete Anbildung an die kosmische Seinsgestalt, dem Neuge- 
borenen beizulegen. 

Der Augenblick der Geburt, der hier entscheiden soil, ist aber 
ein Nu. Das lenkt den Blick auf eine andere Eigentiimlichkeit 
im Bereiche der Ahnlidikeit. Ihre Wahrnehmung ist in jedem 
Fall an ein Aufblitzen gebunden. Sie huscht vorbei, ist vielleicht 
wiederzugewinnen, aber kann nicht eigentlich wie andere Wahr- 
nehmungen festgehalten werden. Sie bietet sich dem Auge eben- 
so fliichtig, voriibergehend wie eine Gestirnkonstellation. Die 
Wahrnehmung von Ahnlichkeiten also scheint an ein Zeitmo- 



Lehre vom Ahnlidien 207 

ment gebunden. Es ist wie das Dazukommen des Dritten, des 
Astrologen zu der Konjunktion von zwei Gestirnen, die im 
Augenblick erfafit sein will. Im andern Fall kommt der Astro- 
nom trotz aller Scharfe seiner Beobachtungswerkzeuge hier um 
seinen Lohn. 

Der Hinweis auf Astrologie mag schon geniigen, den Begriff 
von einer unsinnlichen Ahnlichkeit verstandlich zu machen. Es 
ist, wie sich von selbst versteht, ein relativer: er besagt, dafi wir 
in unserer Wahrnehmung dasjenige nicht mehr besitzen, was es 
einmal moglich machte, von einer Ahnlichkeit zu sprechen, die 
bestehe zwischen einer Sternkonstellation und einem Menschen. 
Jedocli auch wir besitzen einen Kanon, nach dem die Unklarheit, 
die dem Begriff von unsinnlicher Ahnlichkeit anhaftet, sich einer 
Klarung naher bringen lafit. Und dieser Kanon ist die Sprache. 
Schon von jeher hat man einem mimetischen Vermogen einigen 
Einfluft auf die Sprache zugebilligt. Jedoch geschah das ohne 
Grundsatz und ganz ohne dafi dabei ernstlich an eine Bedeu- 
tung, geschweige denn Geschichte des mimetischen Vermogens 
ware gedacht worden. Vor allem aber blieben solche Oberlegun- 
gen aufs engste an den gelaufigen (sinnlichen) Bereich der Ahn- 
lichkeit gebunden. Immerhin hat man nachahmendem Verhalten 
in der Sprachentstehung als onomatopoetischem Element sei- 
nen Platz zugestanden. Wenn nun aber die Sprache, wie es fiir 
Einsichtige auf der Hand liegt, nicht ein verabredetes System von 
Zeichen ist, so wird man ja in dem Versuch sich ihr zu nahern 
immer wieder auf Gedanken zuriickgreifen miissen, wie sie in 
ihrer rohesten, primitivsten Form in der onomatopoetischen 
Erklarungsart vorliegen. Die Frage ist: kann diese ausgebildet 
und scharferer Einsicht angepafit werden? 

Mit andern Worten: lafit ein Sinn dem Satze sich unterlegen, wel- 
chen Leonhard in seiner aufschlufireichen Schrift »Das Wort« 
behauptet: »Jedes Wort ist - und die ganze Sprache ist - ono- 
matopoetisch.« Der Schliissel, welcher diese These eigentlich erst 
vollig transparent macht, liegt in dem Begriff einer unsinnlichen 
Ahnlichkeit versteckt. Ordnet man Worter der verschiedenen 
Sprachen, die ein gleiches bedeuten, um jenes Bedeutete als ihren 
Mittelpunkt, so ware zu erforschen, wie sie alle - die miteinan- 
der oft nicht die geringste Ahnlichkeit besitzen - ahnlich jenem 
Bedeuteten in ihrer Mitte sind. Eine solche Auffassung ist na- 



208 Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

tiirlich mystisdien oder theologischen Sprachtheorien engstens 
verwandt, ohne darum jedodi empirischer Philologie fremd zu 
sein. Nun ist es aber bekannt, dafi die mystischen Sprachlehren 
sich nicht damit begniigen, das gesprochene Wort in ihren Ober- 
legungsraum hineinzuziehen. Sie haben es durchaus im gleichen 
Sinne audi mit der Schrift zu tun. Und da ist es beachtenswert, 
dafi diese, vielleicht noch besser als gewisse Lautzusammenstel- 
lungen der Sprache, im Verhaltnis des Schriftbildes von Wortern 
oder Lettern zu dem Bedeuteten bezw. dem Namengebenden 
das Wesen der unsinnlichen Ahnlichkeit erklaren. So hat der 
Buchstabe Beth den Namen von einem Haus. Es ist somit die 
unsinnliche Ahnlichkeit, die die Verspannung nicht zwischen 
dem Gesprochnen und Gemeinten sondern auch zwischen dem 
Geschriebnen und Gemeinten und gleichfalls zwischen dem Ge- 
sprochnen und Geschriebnen stiftet. Und jedesmal auf eine vollig 
neue, originare, unableitbare Weise. 

Die wichtigste von diesen Verspannungen diirfte jedoch die 
letzte, die zwischen dem Geschriebnen und Gesprochnen sein. 
Denn eben die hier waltende Ahnlichkeit ist die vergleichs weise 
unsinnlichste. Sie ist auch die am spatesten erreichte. Und der 
Versuch, ihr eigentliches Wesen sich zu vergegenwartigen, kann 
kaum ohne den Blick in die Geschichte ihres Zustandekommens 
unternommen werden, so undurchdringlich auch das Dunkel ist, 
das heut noch dariiber gebreitet ist. Die neueste Graphologie hat 
gelehrt, in den Handschriften Bilder, oder eigentlich Vexier- 
bilder zu erkennen, die das Unbewufite des Schreibers darinnen 
versteckt. Es ist anzunehmen, daft das mimetische Vermogen, 
welches dergestalt in der Aktivitat des Schreibenden zum Aus- 
druck kommt, in sehr entriickten Zeiten, als die Schnft entstand, 
von grojRter Bedeutung fur das Schreiben gewesen ist. Die Schrift 
ist so, neben der Sprache, ein Archiv. unsinnlicher Ahnlichkeiten, 
unsinnlicher Korrespondenzen geworden. 

Diese, wenn man so will, magische Seite der Sprache wie der 
Schnft lauft aber nicht beziehungslos neben der andern, der 
semiotischen, einher. Alles Mimetische der Sprache ist vielmehr 
eine fundierte Intention, die iiberhaupt nur an etwas Fremdem, 
eben dem Semiotischen, Mitteilenden der Sprache als ihrem Fun- 
dus in Erscheinung treten kann. So ist der buchstabliche Text der 
Schrift der Fundus, in dem einzig und allein sich das Vexier- 



Lehre vom Ahnlichen 209 

bild formen kann. So ist der Sinnzusammenhang, der in den 
Lauten des Satzes steckt, der Fundus, aus dem erst blitzartig 
Ahnliches mit einem Nu aus einem Klang zum Vorschein 
kommen kann. Da aber diese unsinnliche Ahnlichkeit in alles 
Lesen hineinwirkt, so eroffnet sich in dieser tiefen Schicht der 
Zugang zu dem merkwiirdigen Doppelsinn des Wortes Lesen als 
seiner profanen und audi magischen Bedeutung. Der Schiiler 
liest das Abcbuch und der Astrolog die Zukunft in den Ster- 
nen. Im ersten Satze tritt das Lesen nicht in seine beiden Kompo- 
nenten auseinander. Dagegen wohl im zweiten, der den Vorgang 
nach seinen beiden Schichten deutlich macht: der Astrolog liest 
den Gestirnstand von den Sternen am Himmel ab; er liest zu- 
gleich aus ihm die Zukunft oder das Geschick heraus. 
Wenn nun dieses Herauslesen aus Sternen, Eingeweiden, Zu- 
fallen in der Urzeit der Menschheit das Lesen schlechthin war, 
wenn es weiterhin Vermittlungsglieder zu einem neuen Lesen, 
wie die Runen es gewesen sind, gegeben hat, so liegt die Annah- 
me sehr nahe, jene mimetische Begabung, welche friiher das 
Fundament der Hellsicht gewesen ist, sei in jahrtausendlangem 
Gange der Entwicklung ganz allmahlich in Sprache und Schrift 
hineingewandert und habe sich in ihnen das vollkommenste 
Archiv unsinnlicher Ahnlichkeit geschaffen. Dergestalt ware die 
Sprache die hochste Verwendung des mimetischen Vermogens: 
ein Medium, in das ohne Rest die fruhern Merkfahigkeiten fiir 
das Ahnliche so eingegangen seien, dafi nun sie das Medium 
darstellt, in dem sich die Dinge nicht mehr direkt wie friiher in 
dem Geist des Sehers oder Priesters sondern in ihren Essenzen, 
fluchtigsten und feinsten Substanzen, ja Aromen begegnen und 
zu einander in Beziehung treten. Mit andern Worten: Schrift 
und Sprache sind es, an die die Hellsicht ihre alten Krafte im 
Laufe der Geschichte abgetreten hat. 

Das Tempo aber, jene Schnelligkeit im Lesen oder Schreiben, 
welche von diesem Vorgang sich kaum trennen lafit, ware dann 
gleichsam das Bemuhen, die Gabe, den Geist an jenem Zeitmafi 
teilnehmen zu lassen, in welchem Ahnlichkeiten, fluchtig und 
um sogleich wieder zu versinken, aus dem Flufl der Dinge her- 
vorblitzen. So teilt noch das profane Lesen - will es nicht 
schlechterdings um das Verstehen kommen - mit jedem magi- 
schen dies: dafi es einem notwendigen Tempo oder vielmehr 



210 Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

einem kritischen Augenblicke untersteht, welchen der Lesende 
um keinen Preis vergessen darf, will er nicht leer ausgehen. 

Zusatz 

Die Gabe, Ahnlichkeit zu sehn, die wir besitzen, ist nichts als 
nur ein schwaches Rudiment des ehemals gewaltigen Zwanges, 
ahnlich zu werden und sich zu verhalten. Und das verschollene 
Vermogen, ahnlich zu werden, reichte weit hinaus iiber die 
schmale Merkwelt, in der wir noch Ahnlichkeit zu sehen im- 
stande sind. Was der Gestirnstand vor Jahrtausenden im Au- 
genblicke des Geborenwerdens in einem Menschendasein wirkte, 
wob sich auf Grund der Ahnlichkeit hinein. 



<2> 

Ober das mimetische Vermogen 

Die Natur erzeugt Ahnlichkeiten. Man braucht nur an die 
Mimikry zu denken. Die hochste Fahigkeit im Produzieren von 
Ahnlichkeiten aber hat der Mensch. Die Gabe, Ahnlichkeit zu 
sehen, die er besitzt, ist nichts als ein Rudiment des ehemals ge- 
waltigen Zwanges, ahnlich zu werden und sich zu verhalten. 
Vielleicht besitzt er keine hohere Funktion, die nicht entschei- 
dend durch mimetisches Vermogen mitbedingt ist. 
Dieses Vermogen hat aber eine Geschichte, und zwar im phylo- 
genetischen so gut wie im ontogenetischen Sinne. Was letzteren 
angeht, ist das Spiel in vielem seine Schule. Das Kinderspiel ist 
iiberall durchzogen von mimetischen Verhaltungsweisen; und 
ihr Bereich ist keineswegs auf das beschrankt, was wohl ein 
Mensch dem anderen nachmacht. Das Kind spielt nicht nur 
Kaufmann oder Lehrer sondern auch Windmuhle und Eisenbahn. 
Was bringt ihm diese Schulung des mimetischen Vermogens ei- 
gentlich fiir einen Nutzen? 

Die Antwort setzt die Einsicht in die phylogenetische Bedeutung 
des mimetischen Vermogens voraus. Dabei ist es nun nicht genug, 
an das zu denken, was wir heutzutage in dem Begrifif der Ahn- 
lichkeit erfassen. Bekanntlich war der Lebenskreis, der ehemals 
von dem Gesetz der Ahnlichkeit durch waltet schien, umfassend; 



Ober das mimetische Vermogen 211 

im Mikrokosmos wie im Makrokosmos regierte sie. Jene natiir- 
lidien Korrespondenzen aber erhalten erst ihr eigentliches Ge- 
wicht mit der Erkenntnis, dafi sie samt und sonders Stimulan- 
tien und Erwecker des mimetischen Vermogens sind, welches im 
Menschen ihnen Antwort gibt. Dabei ist zu bedenken, dafi we- 
der die mimetischen Krafte, noch die mimetischen Objekte, 
oder Gegenstande, im Laufe der Jahrtausende die gleichen blie- 
ben. Vielmehr ist anzunehmen, daft die Gabe, Ahnlichkeiten 
hervorzubringen - zum Beispiel in den Tanzen, deren alteste 
Funktion das ist - und daher audi die Gabe, solche zu erkennen, 
sich im Wandel der Geschichte verandert hat. 
Die Richtung dieser Anderung scheint durch die wachsende 
Hinfalligkeit des mimetischen Vermogens bestimmt zu sein. 
Denn oflenbar enthalt dieMerkwelt des modernen Menschen von 
jeneri magischen Korrespondenzen und Analogien, welche den 
alten Volkern gelaufig waren, nur noch geringe Ruckstande. Die 
Frage ist, ob es sich dabei um den Verfall dieses Vermogens 
oder aber um dessen Transformierung handelt. In welcher Rich- 
tung eine solche aber liegen konnte, dariiber lafit sich, wenn 
auch indirekt, einiges der Astrologie entnehmen. 
Man mufi grundsatzlich damit rechnen, dafi in einer entlegene- 
ren Vergangenheit zu den Vorgangen, die als nachahmbar be- 
trachtet wurden, auch die am Himmel zahlten. Im Tanz, in an- 
deren kultisclien Veranstahungen, konnte so eine Nachahmung 
erzeugt, so eine Ahnlichkeit gehandhabt werden. Wenn aber 
wirklich das mimetische Genie eine lebensbestimmende Kraft 
der Alten gewesen ist, dann ist es nicht schwer vorzustellen, daft 
im Vollbesitz dieser Gabe, insbesondere in vollendeter Anbil- 
dung an die kosmische Seinsgestalt, das Neugeborene gedacht 
wurde. 

Der Hinweis auf den astrologischen Bereich mag einen ersten 
Anhaltspunkt fur das gewahren, was unter dem BegrifT einer 
unsinnlichen Ahnlichkeit zu verstehen ist. In unserem Dasein 
findet sich zwar nicht mehr, was einmal moglich machte, von 
einer solchen Ahnlichkeit zu sprechen, vor allem: sie hervorzu- 
rufen. Jedoch auch wir besitzen einen Kanon, nach dem das, 
was unsinnliche Ahnlichkeit bedeutet, sich einer Klarung naher- 
fiihren lafit. Und dieser Kanon ist die Sprache. 
Von jeher hat man dem mimetischen Vermogen einigen Einflufi 



212 Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

auf die Sprache zugebilligt. Jedoch geschah das ohne Grundsatz: 
ohne dafi dabei an eine fernere Bedeutung, geschweige denn 
Geschichte des mimetischen Vermogens ware gedacht worden. 
Vor allem aber blieben solche Uberlegungen aufs engste an den 
gelaufigen, sinnlichen Bereich der Ahnlichkeit gebunden. Im- 
merhin hat man nachahmendem Verhalten bei der Sprachent- 
stehung unterm Namen des Onomatopoetischen einen Platz ge- 
gegeben. Wenn nun die Sprache, wie es auf der Hand liegt, nicht 
ein verabredetes System von Zeichen ist, so wird man immer 
wieder auf Gedanken zuriickgreifen miissen, wie sie in ihrer 
primitivsten Form als onomatopoetische Erklarungsweise auf- 
treten. Die Frage ist: kann diese ausgebildet und einer besseren 
Einsicht angeglichen werden? 

»Jedes Wort ist - und die ganze Sprache«, so hat man wohl 
behauptet, »ist - onomatopoetisch.« Schwer, auch nur das 
Programm zu prazisieren, welches in diesem Satze liegen 
konnte. Indessen bietet der BegrirT der unsinnlichen Ahnlich- 
keit gewisse Handhaben. Ordnet man namlich Worter der 
verschiedenen Sprachen, die ein Gleiches bedeuten, um jenes 
Bedeutete als ihren Mittelpunkt, so ware zu erforschen, wie sie 
alle - die miteinander oft nicht die geringste Ahnlichkeit besit- 
zen mogen - ahnlich jenem Bedeuteten in ihrer Mitte sind. Je- 
doch ist diese Art von Ahnlichkeit nicht nur an den Verhaltnis- 
sen der Worter fiir Gleiches in den verschiedenen Sprachen zu 
erlautern. Wie sich denn iiberhaupt die Oberlegung nicht aufs 
gesprochene Wort beschranken kann. Sie hat es vielmehr ganz 
genau so sehr mit dem geschriebenen zu tun. Und da ist es beach- 
tenswert, dafi dieses - in manchen Fallen vielleicht pragnanter 
als das gesprochene - durch das Verhaltnis seines Schriftbildes 
zu dem Bedeuteten das Wesen der unsinnlichen Ahnlichkeit 
erhellt. Kurz, es ist unsinnliche Ahnlichkeit, die die Verspan- 
nungen nicht nur zwischen dem Gesprochenen und Gemeinten 
sondern auch zwischen dem Geschriebenen und Gemeinten 
und gleichfalls zwischen dem Gesprochenen und Geschriebenen 
stiftet. 

Die Graphologie hat gelehrt, in den Handschriften Bilder zu 
erkennen, die das Unbewufite des Schreibers darinnen versteckt. 
Es ist anzunehmen, dafi der mimetische Vorgang, welcher der- 
gestalt in der Aktivitat des Schreibenden zum Ausdruck kommt, 



Erfahrung und Armut 213 

in sehr entruckten Zeiten als die Schrift entstand, von grofiter 
Bedeutung fur das Schreiben gewesen ist. Die Schrift ist so, ne- 
ben der Sprache, ein Archiv unsinnlicher Ahnlichkeiten, unsinn- 
licher Korrespondenzen geworden. 

Diese Seite der Sprache wie der Schrift lauft aber nicht be- 
ziehungslos neben der anderen, der semiotischen einher. Alles 
Mimetische der Sprache kann vielmehr, der Flamme ahnlich, 
nur an einer Art von Trager in Erscheinung treten. Dieser Tra- 
ger ist das Semiotische. So ist der Sinnzusammenhang der Wor- 
ter oder Satze der Trager, an dem erst, blitzartig, die Ahnlichkeit 
in Erscheinung tritt. Denn ihre Erzeugung durch den Menschen 
ist - ebenso wie ihre Wahrnehmung durch ihn - in vielen und 
zumal den wichtigen Fallen an ein Aufblitzen gebunden. Sie 
huscht vorbei. Nicht unwahrscheinlich, daft die Schnelligkeit 
des Schreibens und des Lesens die Verschmelzung des Semioti- 
schen und des Mimetischen im Sprachbereiche steigert. 
»Was nie geschrieben wurde, lesen.« Dies Lesen ist das alteste: 
das Lesen vor aller Sprache, aus den Eingeweiden, den Sternen 
oder Tanzen. Spater kamen Vermittlungsglieder eines neuen 
Lesens, Runen und Hieroglyphen in Gebrauch. Die Annahme 
liegt nahe, dafi dies die Stationen wurden, uber welche jene 
mimetische Begabung, die einst das Fundament der okkulten 
Praxis gewesen ist, in Schrift und Sprache ihren Eingang fand. 
Dergestalt ware die Sprache die hochste Stufe des mimetischen 
Verhaltens und das vollkommenste Archiv der unsinnlichen Ahn- 
lichkeit: ein Medium, in welches ohne Rest die friiheren Krafte 
mimetischer Hervorbringung und Auffassung hineingewandert 
sind, bis sig so weit gelangten, die der Magie zu liquidieren. 



Erfahrung und Armut 

In unseren Lesebiichern stand die Fabel vom alten Mann, der 
auf dem Sterbebette den Sohnen weismacht, in seinem Weinberg 
sei ein Schatz verborgen. Sie sollten nur nachgraben. Sie gruben, 
aber kerne Spur von Schatz. Als jedoch der Herbst kommt, tragt 
der Weinberg wie kein anderer im ganzen Land. Da merken sie, 
der Vater gab ihnen eine Erfahrung mit: Nicht im Golde steckt 



214 Metaphysisch-gesdiichtsphilosophische Studien 

der Segen sondern im Fleifl. Solche Erfahrungen hat man uns, 
drohend oder begiitigend, so lange wir heranwuchsen entgegen- 
gehalten: »Griiner Junge, er will schon mitreden.« »Du wirst's 
schon noch erfahren.« Man wufite auch genau, was Erfahrung 
war: immer hatten die alteren Leute sie an die jiingeren gege- 
ben. In Kiirze, mit der Automat des Alters, in Sprichworterri; 
weitschweiflg mit seiner Redseligkeit, in Geschichten; manchmal 
als Erzahlung aus fremden Landern, am Kamin, vor Sohnen 
und Enkeln. - Wo ist das alles hin? Wer trifft noch auf Leute, 
die reclitschaffen etwas erzahlen konnen? Wo kommen von Ster- 
benden heute noch so haltbare Worte, die wie ein Ring von Ge- 
schlecht zu Geschlecht wandern? Wem springt heute noch ein 
Sprichwort hilfreich zur Seite? Wer wird auch nur versuchen, mit 
der Jugend unter Hinweis auf seine Erfahrung fertig zu wer- 
den? 

Nein, soviel ist klar: die Erfahrung ist im Kurse gefallen und 
das in einer Generation, die 19 14-19 1 8 eine der ungeheuersten 
Erfahrungen der Weltgeschichte gemacht hat. Vielleicht ist das 
nicht so merkwurdig wie das scheint. Konnte man damals nicht 
die Feststellung machen: die Leute kamen verstummt aus dem 
Felde? Nicht reicher, armer an mitteilbarer Erfahrung. Was 
sich dann zehn Jahre danach in der Flut der Kriegsbucher er- 
gossen hat, war alles andere als Erfahrung, die vom Mund zum 
Ohr stromt. Nein, merkwurdig war das nicht. Denn nie sind 
Erfahrungen grundlicher Liigen gestraft worden als die strategi- 
schen durch den Stellungskrieg, die wirtschaftlichen durch die 
Inflation, die korperlichen durch den Hunger, die sittlichen durch 
die Machthaber. Eine Generation, die noch mit der Pferdebahn 
zur Schule gefahren war, stand unter freiem Himmel in einer 
Landschaft, in der nichts unverandert geblieben war als die 
Wolken, und in der Mitte, in einem Kraftfeld zerstorender 
Strome und Explosionen, der winzige gebrechliche Menschen- 
korper. 

Eine ganz neue Armseligkeit ist mit dieser ungeheuren Entfal- 
tung der Technik liber die Menschen gekommen. Und von die- 
ser Armseligkeit ist der beklemmende Ideenreichtum, der mit 
der Wiederbelebung von Astrologie und Yogaweisheit, Christian 
Science und Chiromantie, Vegetarianismus und Gnosis, Schola- 
stik und Spiritismus unter - oder vielmehr iiber - die Leute 



Erfahrung und Armut 215 

kam, die Kehrseite. Denn nicht echte Wiederbelebung findet hier 
statt, sondern eine Galvanisierung. Man mufi an die groflartigen 
Gemalde von Ensor denken, auf denen ein Spuk die StraiSen 
grofier Stadte erfiillt: karnevalistisch vermummte Spiefibiirger, 
mehlbestaubte verzerrte Masken, Flitterkronen iiber der Stirne, 
walzen sich unabsehbar die Gassen entlang. Diese Gemalde sind 
vielleicht nichts so sehr als Abbild der schauerlicheri und chaoti- 
schen Renaissance, auf die so viele ihre Hoffnungen stellen. 
Aber hier zeigt sich am deutlichsten: unsere Erfahrungsarmut 
ist nur ein Teil der grofien Armut, die wieder ein Gesicht - von 
solcher Scharfe und Genauigkeit wie das der Bettler im Mittel- 
alter - bekommen hat. Denn was ist das ganze Bildungsgut 
wert, wenn uns nicht eben Erfahrung mit ihm verbindet? Wohin 
es fiihrt, wenn sie geheuchelt oder erschlichen wird, das hat das 
grauenhafte Mischmasch der Stile und der Weltanschauungen 
im vorigen Jahrhundert uns zu deutlich gemacht, als dafi wir 
unsere Armut zu bekennen nicht fur ehrenwert halten miifiten. 
Ja, gestehen wir es ein: Diese Erfahrungsarmut ist Armut nicht 
nur an privaten sondern an Menschheitserfahrungen uberhaupt. 
Und damit eine Art von neuem Barbarentum. 
Barbarentum? In der Tat. Wir sagen es, um einen neuen, positi- 
ven Begriff des Barbarentums einzufuhren. Denn wohin bringt 
die Armut an Erfahrung den Barbaren? Sie bringt ihn dahin, 
von vorn zu beginnen; von Neuem anzufangen; mit Wenigem 
auszukommen; aus Wenigem heraus zu konstruieren und dabei 
weder rechts noch links zu blicken. Unter den grofien Schopfern 
hat es immer die Unerbittlichen gegeben, die erst einmal reinen 
Tisch machten. Sie wollten namlich einen Zeichentisch haben, sie 
sind Konstrukteure gewesen. So ein Konstrukteur war Descar- 
tes, der zunachst einmal fur seine ganze Philosophic nichts haben 
wollte als die eine einzige Gewifiheit: »Ich denke, also bin ich« 
und von der ging er aus. Audi Einstein war ein solcher Kon- 
strukteur, den plotzlich von der ganzen weiten Welt der Physik 
gar nichts mehr interessierte, als eine einzige kleine Unstimmig- 
keit zwischen den Gleichungen Newtons und den Erfahrungen 
der Astronomic Und dieses selbe Vonvornbeginnen hatten die 
Kiinstler im Auge, als sie sich an die Mathematiker hielten und 
die Welt wie die Kubisten aus stereometrischen Formen auf- 
bauten, oder als sie wie Klee sich an Ingenieure anlehnten. Denn 



2 1 6 Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

Klees Figuren sind gleichsam auf dem Reifibrett entworfen und 
gehorchen, wie ein gutes Auto audi in der Karosserie vor allem 
den Notwendigkeiten des Motors, so im Ausdruck ihrer Mienen 
vor allem dem Innern. Dem Innern mehr als der Inner lichkeit: 
das macht sie barbarisch. 

Hie und da haben langst die besten Kopfe begonnen, sich ihren 
Vers auf diese Dinge zu machen. Ganzliche Illusionslosigkeit 
liber das Zeitalter und dennoch ein riickhaltloses Bekenntnis zu 
ihm ist ihr Kennzeichen. Es ist das Gleiche, ob der Dichter Bert 
Brecht feststellt, Kommunismus sei nicht diegerechte Verteilung 
des Reichtums sondern der Armut oder ob der Vorlaufer der 
modernen Architektur Adolf Loos erklart: »Ich schreibe nur fiir 
Menschen, die modernes Empfinden besitzen . . . Fiir Menschen, 
die sich in Sehnsucht nach der Renaissance oder dem Rokoko 
verzehren, schreibe ich nicht. « Ein so verschachtelter Kunstler 
wie der Maler Paul Klee und ein so programmatischer wie Loos 
- beide stofien vom hergebrachten, feieriichen, edlen, mit 
alien Opfergaben der Vergangenheit geschmiickten Menschen- 
bilde ab, urn sich dem nackten Zeitgenossen zuzuwenden, der 
schreiend wie ein Neugeborenes in den schmutzigen Windeln 
dieser Epoche liegt. Niemand hat ihn froher und lachender be- 
griifit als Paul Scheerbart. Von ihm gibt es Romane, die von 
weitem wie ein Jules Verne aussehen, aber sehr zum Unter- 
schied von Verne, bei dem in den tollsten Vehikeln doch immer 
nur kleine franzosische oder englische Rentner im Weltraum 
herumsausen, hat Scheerbart sich fiir die Frage interessiert, was 
unsere Teleskope, unsere Flugzeuge und Luftraketen aus den 
ehemaligen Menschen fiir ganzlich neue sehens- und Hebenswer- 
te Geschopfe machen. Obrigens reden auch diese Geschopfe be- 
reits in einer ganzlich neuen Sprache. Und zwar ist das Ent- 
scheidende an ihr der Zug zum willkiirlichen Konstruktiven; 
im Gegensatz zum Organischen namlich. Der ist das Unver- 
wechselbare in der Sprache von Scheerbarts Menschen oder viel- 
mehr Leuten; denn die Menschenahnlichkeit - diesen Grundsatz 
des Humanismus - lehnen sie ab. Sogar in ihren Eigennamen: 
Peka, Labu, Sofanti und ahnlich heifien die Leute in dem Buch, 
das den Namen nach seinem Helden hat: »Lesabendio«. Auch 
die Russen geben ihren Kindern gerne »entmenschte« Namen: 
sie nennen sie Oktober nach dem Revolutionsmonat oder »Pjati- 



Erfahrung und Armut 217 

letka«, nach dem Fiinfjahrplan, oder »Awiachim« nach einer 
Gesellschaft fiir Luftfahrt. Keine technische Erneuerung der 
Sprache, sondern ihre Mobilisierung im Dienste des Kampfes 
oder der Arbeit; jedenfalls der Veranderung der Wirklichkeit, 
nicht ihrer Beschreibung. 

Scheerbart aber, um wieder auf ihn zuriickzukommen, legt 
darauf den grofiten Wert, seine Leute - und nach deren Vor- 
bilde seine Mitbiirger - in standesgemafien Quartieren unterzu- 
bringen: in verschiebbaren beweglichen Glashausern wie Loos 
und Le Corbusier sie inzwischen auffiihrten. Glas ist nicht urn- 
sonst ein so hartes und glattes Material, an dem sich merits fest- 
setzt. Auch ein kaltes und niichternes. Die Dinge aus Glas haben 
keine »Aura«. Das Glas ist iiberhaupt der Feind des Geheimnis- 
ses. Es ist audi der Feind des Besitzes. Der grofte Dichter 
Andre Gide hat einmal gesagt: Jedes Ding, das ich besitzen 
will, wird mir undurchsichtig. Traumen Leute wie Scheerbart 
etwa darum von Glasbauten, weil sie Bekenner einer neuen Ar- 
mut sind? Aber vielleicht sagt hier ein Vergleich mehr als die 
Theorie. Betritt einer das burgerliche Zimmer der 8oer Jahre, 
so ist bei aller »Gemutlichkeit«, die es vielleicht ausstrahlt, der 
Eindruck »hier hast du nichts zu suchen« der starkste. Hier hast 
du nichts zu suchen - denn hier ist kein Fleck, auf dem nicht 
der Bewohner seine Spur schon hinterlassen hatte: auf den Ge- 
simsen durch Nippessachen, auf dem Polstersessel durch Deck- 
chen, auf den Fenstern durch Transparente, vor dem Kamin 
durch den Ofenschirm. Ein schones Wort von Brecht hilfb hier 
fort, weit fort: »Verwisch die Spuren!« heifit der Refrain im 
ersten Gedicht des »Lesebuch fiir Stadtebewohner«. Hier im 
biirgerlichen Zimmer ist das entgegengesetzte Verhalten zur 
Gewohnheit geworden. Und umgekehrt notigt das »Interieur« 
den Bewohner, das Hochstmafi von Gewohnheiten anzunehmen, 
Gewohnheiten, die mehr dem Interieur, in welchem er lebt, als 
ihm selber gerecht werden. Das versteht jeder, der die absurde 
Verfassung noch kennt, in welche die Bewohner solcher Pliisch- 
gelasse gerieten, wenn im Haushalt etwas entzweigegangen 
war. Selbst ihre Art sich zu argern - und diesen Affekt, der 
allmahlich auszusterben beginnt, konnten sie virtuos spielen 
lassen - war vor allem die Reaktion eines Menschen, dem man 
»die Spur von seinen Erdetagen« verwischt hat. Das haben nun 



2i 8 Metaphysisch-geschichtsphilosophisdie Studien 

Sdieerbart mit seinem Glas und das Bauhaus mit seinem Stahl 
zuwege gebracht: sie haben Raume geschaffen, in denen es 
schwer ist, Spuren zu hinterlassen. »Nach dem Gesagten«, 
erklart Sdieerbart vor nun zwanzig Jahren, »konnen wir wohl 
von einer >Glaskultur< sprechen. Das neue Glas-Milieu wird 
den Menschen vollkommen umwandeln. Und es ist nun nur zu 
wiinschen, daft die neue Glaskultur nicht allzu viele Gegner 
findet.« 

Erfahrungsarmut: das mufi man nicht so verstehen, als ob die 
Menschen sich nach neuer Erfahrung sehnten. Nein, sie sehnen 
sich von Erfahrungen freizukommen, sie sehnen sich nach einer 
Umwelt, in der sie ihre Armut, die aufiere und schliefilich auch 
die innere, so rein und deutlich zur Geltung bringen konnen, dafi 
etwas Anstandiges dabei herauskommt. Sie sind auch nicht im- 
mer unwissend oder unerfahren. Oft kann man das Umgekehrte 
sagen: Sie haben das alles »gefressen«, »die Kultur« und den 
»Menschen« und sie sind iibersatt daran geworden und miide. 
Niemand fiihlt sich mehr als sie von Scheerbarts Worten betrof- 
fen: »Ihr seid alle so miide - und zwar nur deshalb, weil Ihr 
nicht alle Eure Gedanken urn einen ganz einfachen aber ganz 
grofiartigen Plan konzentriert.« Auf Miidigkeit folgt Schlaf, und 
da ist es denn gar nichts Seltenes, dafi der Traum fiir die Traurig- 
keit und Mutlosigkeit des Tages entschadigt und das ganz ein- 
fache aber ganz grofiartige Dasein, zu dem im Wachen die Kraft 
fehlt, verwirklicht zeigt. Das Dasein von Micky-Maus ist ein 
solcher Traum der heutigen Menschen. Dieses Dasein ist voller 
Wunder, die nicht nur die technischen iiberbieten, sondern sich 
iiber sie lustig machen. Denn das Merkwurdigste an ihnen ist 
ja, daft sie allesamt ohne Maschinerie, improvisiert, aus dem 
Korper der Micky-Maus, ihrer Partisanen und ihrer Verfolger, 
aus den alltaglichsten Mobeln genau so wie aus Baum, Wolken 
oder See hervorgehen. Natur und Technik, Primitivitat und 
Komfort sind hier vollkommen eins geworden und vor den 
Augen der Leute, die an den endlosen Komplikationen des 
Alltags miide geworden sind und denen der Zweck des Lebens 
nur als fernster Fluchtpunkt in einer unendlichen Perspektive 
von Mitteln auftaucht, erscheint erlosend ein Dasein, das in 
jeder Wendung auf die einfachste und zugleich komfortabelste 
Art sich selbst geniigt, in dem ein Auto nicht schwerer wiegt als 



Johann Jakob Bachofen 219 

ein Strohhut und die Frudit am Baum so schnell sich rundet wie 
die Gondel eines Luftballons. Und nun wollen wir einmal Ab- 
stand halten, zuriicktreten. 

Arm sind wir geworden. Ein Stuck des Menschheitserbes nach 
dem anderen haben wir dahingegeben, oft um ein Hundertstel 
des Wertes im Leihhaus hinterlegen miissen, um die kleine Mun- 
ze des »Aktuellen« dafur vorgestreckt zu bekommen. In der 
Tiir steht die Wirtschaftskrise, hinter ihr ein Schatten, der kom- 
mende Krieg. Festhalten ist heut Sadie der wenigen Machtigen 
geworden, die weifi Gott nicht menschlicher sind als die vielen; 
meist barbarischer, aber nicht auf die gute Art. Die anderen aber 
haben sich einzurichten, neu und mit Wenigem. Sie halten es 
mit den Mannern, die das von Grund auf Neue zu ihrer Sache 
gemacht und es auf Einsicht und Verzicht begriindet haben. In 
deren Bauten, Bildern und Geschichten bereitet die Menschheit 
sich darauf vor, die Kultur, wenn es sein muE, zu iiberleben. 
Und was die Hauptsache ist, sie tut es lachend. Vielleicht klingt 
dieses Lachen hie und da barbarisch. Gut. Mag doch der Einzelne 
bisweilen ein wenig Menschlichkeit an jene Masse abgeben, die 
sie eines Tages ihm mit Zins und Zinseszinsen wiedergibt. 



Johann Jakob Bachofen 



II existe des prophecies scientifiques. On pourrait facilement les 
distinguer des predictions scientifiques, constituant des provi- 
sions exactes dans Tordre naturel, par exemple, ou dans l*ordre 
economique. Les proprieties scientifiques meriteraient ce nom 
en cela qu'un sentiment plus ou moins prononce des choses a 
veriir inspire des recherches qui, par elles-memes, ne sortent 
guere des cadres g^neraux de la science. Aussi ces proprieties 
sommeillent-elles dans des etudes specialises, fermees au grand 
public et la plupart de leurs auteurs ne font meme pas figure de 
precurseurs - ni pour eux-memes, ni devant la posterite. Rare- 
ment, et tardivement, atteignent-ils la gloire comme cela vient 
de se produire pour Bachofen. 



220 Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

lis n'ont pourtant manque a aucun mouvement intellectuel, y 
compris les plus recents qui aiment se reclamer plutot de leurs 
affinites litteraires et artistiques que de precurseurs scientifi- 
ques. Rappelons Pavenement de Pexpressionnisme. II eut vite fait 
de rassembler ses temoins artistiques: Griinewald et Greco, et 
ses parrains litteraires: Marlowe et Lenz. Mais qui se souvenait 
qu'au seuil du siecle deux savants s'etaient a. Vienne mis a 
Pceuvre pour arriver par un travail methodique, qui jamais ne 
devait sortir du cadre de leur science, a Pechaf audage des memes 
valeurs visuelles qui devaient inspirer une dizaine d'annees plus 
tard les plus hardis des expressionmstes avant le lettre. De ces 
savants Tun etait Alois Riegl qui - par son livre sur Les arts et 
metiers de la decadence romaine - refutait la pretendue barbarie 
artistique de Pepoque de Constantin le Grand; Pautre Franz 
WickhofT qui - avec son edition de la Genese Viennoise - 
attirait Pattention sur les premiers miniaturistes medievaux qui 
devaient connaftre par Pexpressionnisme une vogue enorme. 
Ce sont de tels exemples qu'il faut se rappeler pour comprendre 
le retour recent a Bachofen. Bien avant que les symboles archai- 
ques, le culte et la magie mortuaire, les rites de la terre eussent 
obtenu Pattention non seulement des explorateurs de la men- 
talite primitive, mais des psychologues freudiens et meme des 
lettr^s en general, un savant Suisse avait trace un tableau de la 
preliistoire qui ecartait tout ce que le sens commun du dix- 
neuvieme siecle imaginait sur les origines de la societe et de la 
religion. Ce tableau, mettant au premier plan les forces irra- 
tionnelles dans leur signification metaphysique et civique, devait 
un jour presenter un interet superieur pour les theoriciens fascis- 
tes; mais il devait sollicker presque autant les penseurs marxis- 
tes par Pevocation d'une societe communiste a Paube de Phis- 
toire. Ainsi Bachofen qui pendant toute sa vie et bien au dela 
n'a passe que pour un savant d*un merite plus ou moins sur a vu 
reveler ces derniers lustres le cote proph£tique de son ceuvre. 
Tel un volcan dont le cone puissant a £te souleve par des forces 
souterraines et qui des lors devaient longtemps sommeiller, elle 
a presente pendant un demi-siecle une masse imposante mais 
morne jusqu'a ce qu'une manifestation nouvelle des puissances 
qui Pavaient engendree parvint a en changer Paspect'et a attirer 
les curieux vers son massif. 



Johann Jakob Bachofen 221 

II 

Lorsqu'en 1859 parut a Bale Uessai sur la symboltque sepulcrale 
des Anciens Bachofen n'en £tait plus a ses debuts. Mais dans la 
dizaine d'ouvrages ayant precede* ce dernier il n'y avait guere 
qu'une trentaine de pages pour temoigner des int^rets qui des 
lors se manifestaient si impeVieusement. L'auteur de cet essai 
archeologique ne s'etait prononce que sur des questions de droit 
et d'histoire romaine; il n'£tait meme pas arch^ologue par for- 
mation. Ni ses etudes, ni ses frequentations mais un tournant de 
sa vie de voyageur solitaire Pavait mis sur le chemin qu'il ne 
devait plus quitter. C'est a ce tournant qu'il fait allusion des les 
premiers mots de son livre. Rappelant la decouverte d'un colum- 
barium antique en 1838, il relate la visite qu'il y fit lui-meme 
quatre ans plus tard: »L'impression que produisit sur moi 
Paspect de cet endroit du repos eternel fut d'autant plus pro- 
fonde que je ne connaissais, a deux exceptions pres . . . pas 
d'endroits semblables . . . C'est a ces visites que je dois la pre- 
miere impulsion vers P£tude du monde des anciens Tombeaux 
qui, depuis, m'ont ramene* deux fois encore en Italie et qui ont 
trouve* de nouveaux sujets en Grece . . . Sur les choses du Tom- 
beau et sur leur culte le cours de siecles avec toutes les nouveau- 
th qu'il amene n'a que peu de prise ... La signification puissante 
que le vieux monde des Tombeaux acquiert par ce caractere de 
stabilite immuable est encore augmented par ce qu'elle nous 
revele des plus beaux cotes de Pesprit antique. Si d'autres 
parties de Phistoire de la culture ancienne peuvent retenir la 
pens^e, Petude des necropoles, s'insinue au plus profond de notre 
cceur et n'augmente pas seulement notre savoir, mais s'adresse a 
des aspirations plus profondes. Autant que s'y pretait Poccasion 
j'ai retenu cet aspect des choses en rappelant les pensees 
dont la plenitude et la majest£ en ces endroits de la mort est 
accessible au seul symbole mais non a la parole.« 
La m^thode de ses investigations est done etablie d'emblee. Elle 
consiste a placer le symbole a la base de la pensee et de la vie 
antiques. »Ce qui importe, dira Bachofen plus tard dans son 
essai sur Uours dans les religions de I'antiquite, e'est d'envisager 
chaque symbole isolement. Meme si un jour il doit echouer pour 
devenir un attribut, ses origines le montrent comme fonde* en 



222 Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

lui-meme et done d'une signification precise. Ainsi convient-il 
de Pexaminer comme tel; son entree dans le cuke et son attribu- 
tion a differentes deit^s ne doit etre considered qu'en second 
lieu.« Voila pour la religion. A plus forte raison tout ce par 
quoi Bachofen a contribue a la connaissance de Tart antique 
repose sur sa notion du symbole. On a pu le rapprocher de 
Winckelmann et dire: »C'est Winckelmann qui Pa initie au pres- 
tige muet de Pimage.« Mais combien Winckelmann n'est-il pas 
reste etranger au monde du symbole! »Peut-etre, ecrivit-il un 
jour, un siecle passera-t-il avant qu'un Allemand parvienne 
a suivre le chemin que j'ai suivi et a sentir les choses comme moi 
je les ai senties.« Si Bachofen devait accomplir cette prophetie, 
cela a ete de la f aeon la plus imprevue. 

Ill 

Bernoulli a prononce un mot particulierement heureux en par- 
lant du clair-obscur qui regne dans les recherches de Bachofen. 
On pourrait etre tente* de Pexpliquer par le d&lin du roman- 
tisme dont les dernieres manifestations luttent avec les pre- 
mieres du positivisme, situation de laquelle la philosophic de 
Lotze offre un aspect saisissant. Pourtant e'est a une autre 
interpretation que ce mot semble nous convier. Car si vastes et 
minutieuses que soient les demonstrations de Bachofen, il n'y a 
rien en elles qui rappelle les process positivistes. Le clair- 
obscur qui y accueille le lecteur est plutot celui qui regne dans 
l'antre platonicien aux parois duquel se desslnent les contours 
des idees ou bien encore la lumiere indistincte qui plane sur le 
royaume de Pluton. En verite il y a des deux. Car le culte de la 
mort qui donne leur signification ideelle aux objets pr£fer£s de 
Bachofen a impregne l'image de Pantiquite entiere; et les idees 
mythologiques eVoluent dans ses Merits, majestueuses et incolores 
comme les ombres. 

II en va de ces idees, du reste, comme des necropoles romaines 
sur lesquelles Bachofen a frappe ce mot, £galant une m£daille: 
»Quiconque les approche, croit les decouvrir.« Ainsi ce terme, 
defiant toute traduction, die unbeweinte Schopfung - la crea- 
tion dont la disparition n'est suivie d'aucune plainte. Elle releve 
de la matiere seule - mais le mot Stoff (cf. etoffe) veut dire la 



Johann Jakob Bachofen 223 

matiere touffue, dense et ramassee. Elle est l'agent de cette 
promiscuite generale dont la plus ancienne humanit£ porte 
l'empreinte dans sa constitution h£tairique. Et de cette pro- 
miscuity la vie et la mort elles-memes ne sont pas exemptes; elles 
se confondent en constellations ephemeres au gre du rythme qui 
berce cette creation toute entiere. Aussi dans cet ordre imme- 
morial la mort ne rappelle-t-elle aucunement une destruction 
violente. L'antiquit£ la considere toujours en relation d'un plus 
ou d'un moins en regard de la vie. L'esprit dialectique d'une telle 
conception a he au plus haut degre celui de Bachofen. On peut 
meme dire que la mort a etc* pour lui la cle de toute connais- 
sance, conciliant les principes opposes dans le mouvement dia- 
lectique. Ainsi est-il en fin de compte le mediateur prudent entre 
la nature et l'histoire: ce qui a ete historique par la mort retombe 
finalement au domaine de la nature; ce qui a ete naturel par la 
mort retombe finalement au domaine de l'histoire. Rien d'^ton- 
nant done de voir Bachofen les evoquer ensemble dans cette con- 
fession de foi goetheenne: »La science naturelle de ce qui est 
devenu est le grand principe sur lequel repose toute connaissance 
vraie et tout progres«. 

IV 

Patricien de vieille souche baloise Bachofen s'est senti tel toute 
sa vie. L'amour du sol natal se confondant avec ses predilections 
savantes l'a amen£ a cette belle etude sur la nation lycienne qui 
estcomme un hommage chaste et timide a la confederation helve- 
tique. L'independance que ces deux petits pays avaient sauvegar- 
d£e si jalousement au cours de leur histoire constituait a ses 
yeux l'analogie la plus reconfortante. C'etait la pi£t£ qu'il leur 
vbyait commune, et cet amour du terroir qui, »dans les confins 
des valines et des petits pays remplit les coeurs d'une force qui 
reste inconnue aux habitants des vastes plainest Cette conscience 
civique n'aurait, d' autre part, jamais pu atteindre en lui une 
telle vigueur si, elle aussi, n'avait pas et£ impregnee profonde- 
ment du sentiment chthonique. Rien de plus caract£ristique que 
la facon dont il relate Phistoire du miracle donne aux citoyens 
de Megare. »Lorsqu'ils eurent aboli la royaute et que l'Etat, 
par la, connut une periode inquiete, ils s'adresserent a Delphes 



224 Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

pour savoir comment etablir les destins de la communaute. 
Qu'ils prennent conseil aupres de la majorite . . ., leur fut-il re- 
pondu. Et c'est en donnant Interpretation voulue a cette indi- 
cation qu'un heron fut sacrifie aux morts au milieu de leur 
prytanee. Voila une majority conclut Pauteur, qui ne con- 
viendrait guere a la democratic actuelle.« 

C'est tout a fait dans le meme sens qu'il insiste sur les origines 
de la propriete immobilize, temoignage sans prix de la con- 
nexion entre Pordre civique et la mort. »C'est par la pierre 
tombale que s'est forme le concept du Sanctum, de la chose im- 
mobile et inamovible. Ainsi constitue il vaut des lors aussi pour 
les poteaux de frontiere et les murs qui, partant, forment avec 
les pierres tombales Pensemble des Res Sanctae.« Bachofen 
a ecrit ces phrases dans son autobiographic Bien des annees plus 
tard, au sommet de sa vie, il se fit batir, a Bale, une grande 
maison ressemblant a une tour qui portait Pinscription: Mori- 
turosat! Comme il se maria peu de temps apres, cette maison ne 
fut jamais habitee par lui. Mais c'est precisement dans cette 
circonstance qu'on a voulu trouver une image de la polarite 
»vita et mors« qui dirigeait sa pens£e et qui regnait sur sa vie. 



Bachofen professait la science en grand seigneur. Le type du 
savant seigneurial, splendidement inaugure par Leibniz, meri- 
terait d'etre suivi jusqu'a nos jours ou il a encore engendre cer- 
tains esprits nobles et remarquables comme Aby Warburg, f onda- 
teur de la bibliotheque qui porte son nom et qui vient de quitter 
PAllemagne pour PAngleterre. Moins en vue que les grands 
seigneurs de la litterature dont le premier est Voltaire, cette 
lignee de savants a exerce une influence des plus considerables. 
C'est dans leur ordre, bien plus que dans celui de Voltaire, que 
s'est inscrit Goethe dont Pattitude representative et meme proto- 
colaire se reclamait beaucoup plus de ses aspirations scientifi- 
ques que de son etat de poete. L'activite de ces esprits, qui tou- 
jours offre quelque aspect »dilettantique«, aime a s'exercer dans 
les domaines limitrophes de plusieurs sciences. Elle est le plus 
souvent exempte de toute obligation professionnelle. Quant au 
cote doctrinal, on sait dans quelle posture difficile se trouvait 



Johann Jakob Bachofen 225 

Goethe en face des physiciens de son temps. Sur tous ces points 
Bachofen offre des analogies saisissantes. Meme attitude souve- 
raine, voir hautaine; meme mepris des demarcations convenues 
entre les sciences; meme resistance de la part des confreres. Cette 
ressemblance ne disparait meme pas a Pexamen des circonstan- 
ces secondaires, car tous les deux etaient en possession d'un puis- 
sant appareil scientiflque. Si Goethe prelevait de toutes parts des 
contributions a ses vastes collections, Bachofen mit ses grandes 
richesses au service non seulement d'une documentation, mais 
d'un musee prive qui le rendait, dans une large mesure, indepen- 
dant de Pappui d'autrui. 

Que cette situation privilegiee eut, pour Bachofen aussi, des 
revers, cela ne fait aucun doute. Goethe s'en prenant a Newton 
n^tait guere plus mal tombe que Bachofen declenchant vers la 
fin de son activite sa polemique contre Mommsen dont il chercha 
dans son My the de Tanaquil (1870) a refuter non seulement 
Pesprit positiviste - ce qu'il aurait pu faire victorieusement - 
mais la critique des sources ou Mommsen etait passe* maitre. On 
serait tente de voir en ce d£bat une sorte de prologue a. celui 
qui, quelques annees plus tard, devait dresser la science positi- 
viste, en la personne de Wilamowitz-Mollendorff , contre Nietz- 
sche comme auteur de Uorigine de la Tragedie. En tout cas, 
dans ces deux conflits, c'etait Pagresseur qui devait succomber: 
Bachofen a £te venge sur la science par Nietzsche. (Une relation 
directe ne semble pas avoir existe entre eux; ce qui a la rigueur 
pourrait se combiner a ce sujet a judicieusement et£ expose par 
Charles Andler.) L'independance seigneuriale de sa situation 
n'a pas d^dommage Bachofen de son isolement; la rancceur que 
recele sa polemique contre Mommsen est la meme qui, un jour, 
se reVela dans ces termes: »Personne n'est calomnie comme celui 
qui etablit les liens entre le droit et les autres formes de la vie et 
qui £carte de soi Pescabeau isolant sur lequel on aime placer 
chaque matiere et chaque peuple. On pretend approfondir les 
recherches en les limitant. C'est, au contraire, a une conception 
superficielle et denuee d'esprit qu'aboutit cette methode et c'est 
elle qui a engendre Pengouement pour une activite toute exte- 
rieure dont la photographie des manuscrits constitue le comble.« 



226 Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

VI 

Bachofen a puis£ aux sources romantiques. Mais elles ne sont pas 
descendues jusqu'a lui sans avoir passe* par ce grand filtre que 
constitue la science historique. Son maitre Karl von Savigny, 
professeur de droit a Puniversite* de Gottingen, appartenait 
precisement a cette splendide equipe scientifique qui se plagait 
entre Pepoque de la pure speculation romantique et celle d'un 
positivisme content de soi. Dans les Notes autobiographiques 
qu'il ecrivit en 1854 pour son maitre il y a bien des accents 
romantiques et, avant tout, ce respect marque pour les origines 
qui lui fait dire: »Si autrefois le fondateur de Rome n'avait pas 
ere* presente comme un vrai Adam italique, je verrais maintenant 
(apres le s£jour romain) en lui une figure tres moderne et en 
Rome le terme et le declin d'une periode culturelle millenaire.« 
Le respect prononce pour Porigine des institutions etait un des 
traits les plus accuses de »Pecole historique du droit« dont 
Savigny etait Panimateur. Etant reste* etranger au mouvement 
heg&ien il a quand meme fonde les assises de sa propre doctrine 
dans un endroit celebre de Pintroduction a la Philosophie de 
Yhistoire de Hegel. II s'agit de la definition bien connue du 
Volksgeist, de l'esprit de chaque peuple, qui d'apres Hegel con- 
fere une empreinte commune a son art, a sa morale, a sa religion 
comme a sa science et a son systeme de droit. Cette conception 
dont la portee scientifique s'est ave'ree des plus douteuses a £te 
singulierement modifiee par Bachofen. Ses etudes juridiques et 
archeologiques lui ayant interdit d'envisager le droit des anciens 
comme unite derniere, irreductible, il croyait lui trouver une 
autre base que celle, trop indecise, d'un esprit du peuple. A 
cote* de la revelation de Pimage comme d'un message du pays des 
morts se place desormais pour Bachofen celle du droit comme 
une construction sur terre, dont les assises souterraines et de 
profondeur inexplor^e sont formees par les us et les coutumes 
religieuses du monde antique. La disposition, voire le style de 
cette construction e'taient bien connus mais personne encore ne 
semblait s'etre avise d'en etudier les sous-sols. C'est ce qu'entre- 
prit Bachofen avec son grand ouvrage sur le matriarcat. 



Johann Jakob Bachofen 227 

VII 

II y a bien longtemps qu'on a observe que ce sont rarement les 
livres les plus lus qui ont exerce* Pinfluence la plus grande. Per- 
sonne n'ignore qu'une infime partie de ceux qu'a passionnds, il 
y a cinquante ou soixante ans, le darwinisme ont lu Uorigine 
des especes ou que le Capital est bien loin d'avoir passe par les 
mains de tous les marxistes. La meme observation s'impose pour 
Poeuvre maitresse de Bachofen Le Matriarcat, Et cela n'a rien 
de surprenant, le livre volumineux ^tant d'un abord reche, 
abondant de citations grecques et latines, compulsant des auteurs 
dont la plupart sont inconnus meme du public lettre. Ses idees 
principales se sont r£pandues en dehors du texte, ce qui a ete 
facilite" par Pimage, romantique et precise, en meme temps, qu'il 
trace de Pere matriarcale. Done, pour Bachofen, Pordre fami- 
lial qui s'est etabli de Pantiquiti jusqu'a nos jours et qui est 
caracterise par la domination du pater familias a et£ pr£c£de par 
un autre qui conferait toute Pautorite familiale a la mere. Cet 
ordre differait foncierement de Pordre patriarcal du point de 
vue juridique aussi bien que du point de vue sexuel. Toute 
parente* et, partant, toute succession se trouvait £tablie par la 
mere qui accueillait chez elle, comme un hote, son mari ou bien, 
au debut de cette ere, en accueillit meme plusieurs. Bien que les 
preuves que le Matriarcat avance en faveur de ces theses s'adres- 
sent surtout aux historiens ou aux philologues, ce sont d'abord 
les ethnologues qui ont serieusement releve la question - ques- 
tion, soit dit en passant, qui pour la premiere fois avait £te* 
pos£e d'une facon divinatoire par Vico. Or si parmi les ethno- 
logues il ne s'en trouve guere pour nier certains cas de matriar- 
cat, ils sont tres reserves en ce qui concerne Pidee d'une ere 
matriarcale comme £poque bien caracterisee, comme ^tat social 
solidement installe. C'est pourtant la Pidee que s'en faisait Bach- 
ofen et qu'il soulignait meme en supposant une £poque d'avi- 
lissement et de servitude masculine. Cest en regard d*une telle 
decheance que PEtat des amazones qui, pour lui, constituait une 
realite historique, gagnait tout son relief. 

Quoiqu'il en soit, le debat, a Pheure actuelle, est loin d'etre clos. 
Ind^pendamment de ses dessous philosophiques, dont un mot 
sera dit tout a Pheure, ses donnees historiques elles-memes ont 



228 Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien 

ete assez recemment reprises dans un nouveau sens. Certains 
savants, parmi lesquels le mexicaniste Walter Lehmann, ont 
cherche a etayer la construction de Bachofen en s'occupant des 
vestiges d'une immense evolution culturelle et sociale qui devrait 
avoir marque la fin du matriarcat. lis ont cru en reconnaitre 
dans la fameuse table des oppositions qui fait partie de la tra- 
dition pythagoricienne et dont ^opposition fondamentale est 
celle entre la gauche et la droite. Aussi sont-ils enclins a voir 
dans le sens de la swastika ou croix gammee - la vieille roue de 
feu aryenne - qui tourne a droite une innovation patriarcale 
qui aurait remplace le mouvement ancien de cette roue vers la 
gauche. 

Dans un chapitre des plus celebres Bachofen lui-meme s'est 
explique sur le choc entre ces deux mondes. Nous ne voyons 
aucun inconvenient a reproduire Papercu qu'en donne, dans 
son essai Sur les origines de la famille, Friedrich Engels - et en 
voyons d*autant moins que ce passage contient en meme temps 
ce jugement serieux et pondere sur Bachofen qui devait plus tard 
guider d'autres auteurs marxistes comme Lafargue. »Ce n'est 
pas, dit Engels, devolution des conditions reelles de la vie qui, 
d'apres Bachofen, a amene les changements historiques dans les 
relations sociales de Phomme et de la femme, mais bien leur 
reflet religieux dans le cerveau de ces memes gens. Suivant cette 
theorie Bachofen presente YOrestie d'Eschyle comme la descrip- 
tion dramatique de la lutte entre le matriarcat declinant et le 
patriarcat ascendant et finalement vainqueur . . . Cette explica- 
tion nouvelle mais foncierement juste ... est un des plus beaux 
endroits du livre, et des mieux reussis. N'empeche qu'elle prouve 
en meme temps que Bachofen croyait au moins autant en Apol- 
ion, Athena et les Erynnies que, de son temps, Eschyle; ce qu'il 
croyait c'est que c'etaient eux qui accomplirent du temps des 
heros le miracle de remplacer le matriarcat par le patriarcat. 11 
appert qu'une telle theorie qui considere la religion comme le levier 
cardinal de Thistoire mondiale doit aboutir au plus pur mysti- 



Johann Jakob Bachofen 229 

VIII 

L'aboutissement mystique des theories de Bachofen qu'avait 
souligne Engels a et^ paracheve au cours de sa »redecouverte« 
dont Thistoire embrasse le plus clair de cet esoterisme recent 
qui devait constituer un apport important au f ascisme allemand. 
Au debut de cette »decouverte« il y a la figure ex t remanent 
curieuse d'Alfred Schuler, dont le nom avait peut-etre frappe" 
quelques fervents de Stefan George comme destinataire d'un 
poeme singulierement hardi Porta Nigra, Schuler etait un 
petit bonhomme, Suisse comme Bachofen, qui passa presque 
toute sa vie a Munich. Que cet homme qui n'a ete qu'une fois a 
Rome mais dont la connaissance de la Rome antique et la fami- 
liarity avec la vie romaine de l'antiquite semblent avoir ete un 
prodige, ait ete doue* d'une comprehension hors ligne pour le 
monde chthonique, cela semble un fait acquis. Et peut-etre a-t- 
on eu raison de dire que ces facultes innees £taient nourries par 
les forces similaires qui appartiennent a cet endroit de la Ba- 
viere. Toujours est-il que Schuler qui n'a presque rien ecrit a hi 
consider^ dans le milieu de George comme une autorite* divina- 
toire. C'est lui qui a initie Ludwig Klages, qui fr^quentait ce 
meme monde, a la doctrine de Bachofen. 

Avec Klages cette doctrine est sortie de PesoteYisme pour faire 
valoir ses droits aupres de la philosophic ce a quoi Bachofen lui- 
meme n'eut jamais songe. Dans Eros Cosmogonos Klages trace 
le systeme naturel et anthropologique du chthonisme. En r£ali- 
sant les substances mythiques de la vie, en les arrachant a. 
Toubli qui les a f rappees, le philosophe s'avise des » images origi- 
naires« (Urbilder). Celles-la tout en se r^clamant du monde 
exterieur sont quand meme tres differentes des representations. 
C'est qu'aux representations se mele Tesprit avec ses vues uti- 
litaires et ses pretentions usurpatrices, tandis que l'image s'adres- 
se exclusivement a Tame qui, en Taccueillant de facon purement 
receptive, se voit gratified de son intelligence symbolique. La 
philosophic de Klages, tout en etant une philosophic de la dur£e, 
ne connait point devolution creatrice mais uniquement le berce- 
ment d'un reve dont les phases ne sont que des reflets nostalgi- 
ques d'ames et de formes depuis longtemps revolues. De la sa 
definition: Les images originaires sont l'apparition d'ames du 



230 Metaphysisch-geschiditsphilosophisdie Studien 

passe\ L'explication du chthonisme que Klages a donnee s'ecarte 
de Bachofen precis^ment par son caractere systimatique dont 
^inspiration se revele des le titre de son ouvrage principal: 
L'esprit comme adversaire de I'ame. Systeme sans issue du reste . 
et qui se perd dans une prophetie menacante a l'adresse des 
humains qui se sont laiss£ egarer par les insinuations de 
l'esprit. II est vrai que malgre' son c6te* provocant et sinistre cette 
philosophic est, par la finesse de ses analyses, la profondeur de 
ses vues et le niveau de ses discussions, infiniment supeVieure aux 
adaptations de Bachofen qu'ont essay£es les professeurs officiels 
du fascisme allemand. Baeumler, par exemple, declare que seule 
la metaphysique de Bachofen vaut la peine d'etre relevee, ses 
recherches prehistoriques comptant d'autant moins que meme un 
»ouvrage scientifiquement exact sur les origines de l'humani- 
te . . . n'aurait pas grand chose a nous dire.« 

IX 

Tandis qu'une nouvelle metaphysique c£l£brait la d£couverte 
de Bachofen, on oubliait volontiers que son ceuvre n'avait jamais 
cesse* d'etre presente dans les recherches des sociologues. Elle s'y 
rattache meme par une tradition directe en la personne d'Elis^e 
Reclus. Son suffrage dont la teneur devait etre on ne peut plus 
desagr^able au savant suisse n'a pourtant pas ete refuse* par 
celui-ci. Peut-etre que Bachofen &ait trop isol£ pour ne pas 
accueillir chaque assentiment d'ou qu'il vienne. Mais il y avait 
une raison plus serieuse. Bachofen avait scrute a une profondeur 
inexploree les sources qui, a travers les ages, alimentaient l'id£al 
libertaire dont Reclus se reclamait. II nous faut revenir ici sur 
la promiscuite ancienne dont parle le Matriarcat. A cet etat 
de choses correspond un certain ideal de droit. Le fait indis- 
cutable que certaines communaut^s matriarcales ont deVeloppe* 
a un tres haut degre* un ordre d^mocratique et des idees 
d'egaliti civique avait retenu l'attention de Bachofen. Le com- 
munisme lui semblait meme £tre inseparable de la gyn^cocratie. 
Et, chose curieuse, le jugement impitoyable qu'en tant que cito- 
yen et patricien balois il portait sur la democratic ne l'a point 
empeche de d&rire, dans des pages magnifiques, les benedictions 
de Dionysos qu'il considerait, lui, comme principe f&ninin. 



Johann Jakob Badiofen 231 

»La religion dionysienne est la confession de la democratic parce 
que la nature sensuelle a laquelle elle s'adresse est le patrimoine 
de tous les hommes« et »ne reconnait aucune des differences 
qu'etablit l'ordre civique ou la pre*cellence spirituelle«. 
De tels passages retinrent l'attention des theoriciens socialistes. 
En outre l'idee du matriarcat les occupa non seulement par la 
notion du communisme primitif qui s'y rattache mais aussi par 
le bouleversement du concept d'autorite* qu'elle amene. C'est 
ainsi que Paul Lafargue, gendre de Karl Marx et, Pun des rares 
maitres de sa methode, termine - en faisant allusion a la 
couvade - son essai sur le matriarcat par la consideration sui- 
vante: »Nous voyons que la famille paternelle est une institu- 
tion relativement r£cente; son entree dans le monde est caract£- 
ris^e par des discordes, des crimes et de viles niaiseries.« L 'accent 
qui n'est certes pas celui d'une recherche desintiressee laisse 
percevoir quelles couches profondes de Pindividu lui-meme sont 
mises en jeu par ces questions. Ce sont el les qui ont confere* leur 
ton passionne au debat qui s'est d^rouie autour de Bachofen et 
auquel les verdicts de la science elle-meme n'ont nullement 
echappe. Partout ces theories ont provoque une reaction dans 
laquelle la vie intime de Taffectivit^ et les convictions politiques 
semblent unies indissolublement. Dans une remarquable etude 
sur la Signification psycbologico-sociale des theories matriar- 
cales, Erich Fromm a tout recemment etudie cet aspect de la 
question. En eVoquant les filiations multiples entre la renais- 
sance de Bachofen et le fascisme, il d^nonce la perturbation 
serieuse qui, dans la societe" actuelle, menace les relations entre 
enfant et mere. Ainsi, dit-il, »Paspiration a Pamour maternel 
est remplacee par celle d'etre protecteur de la mere qui est 
ve^ree, plac£e au-dessus de tout. Ce n'est plus la mere a laquelle 
incombe le devoir de prot^ger, c'est elle qui a besoin de tutelle 
et de sauvegarde de sa purete. Et cette facon de reagir contre 
les troubles qui ont atteint Pattitude naturelle envers la mere 
a modifie de meme les symboles qui la figurent comme pays, 
peuple, terre«. 



232 Metaphysisch-gesdiichtsphilosophische Studien 

X 

Bachofen ne s'est jamais fait peindre. Le seul portrait que nous 
possedons de lui est posthume et execute d'apres une photo- 
graphic. II est neanmoins d'une etonnante profondeur d'expres- 
sion. Un buste majestueux porte la tete au front haut et bombe\ 
Des cheveux clairs, se prolongeant en favoris frisks couvrent les 
cot^s du crane dont la partie superieure est chauve. Une grande 
quietude ^mane des yeux et plane sur cette face dans laquelle la 
bouche semble etre la partie la plus mouvementee. Les levres 
sont closes et les commissures en accusent la fermete\ Malgre 
cela aucun trait de durete\ Une largesse presque maternelle re- 
partie dans Pensemble de la physiognomie lui confere une par- 
faite harmonic L'ceuvre entiere est la pour en temoigner. 
D'abord en ce sens qu'une vie sage et sereine devait etre a sa 
base. Et puis en ce sens que l'ensemble de l'oeuvre lui-meme est 
conditionne par un equilibre hors de pair. 

II s'avere sous trois aspects. Equilibre entre la veneration de 
Pesprit matriarcal et le respect pour l'ordre patriarcal. Equilibre 
entre la sympathie pour la democratic archai'que et les senti- 
ments de l'aristocrate balois. Equilibre entre la comprehension 
du symbolisme antique et la fidelite a la croyance chretienne. 
Retenons ce dernier. Car en regard des theories d'un Klages rien 
ne merite d'etre souligne autant que le manque de tout n^opaga- 
nisme chez Bachofen. Son protestantisme fortement enracin£ 
dans la lecture biblique est loin d'etre une fruit de sa vieillesse. 
Bachofen ne s'en est jamais departi, meme au plus profond de la 
speculation symbolique. Rien de plus edifiant, a cet e*gard, que 
la distance qu'il a toujours marquee envers cet eminent con- 
citoyen, l*ami de Nietzsche, Franz Overbeck, professeur de theo- 
logie, qui a une connaissance accomplie de la dogmatique m6di&- 
vale unissait un scepticisme parfait. 

Si les sentiments en Bachofen inclinent vers le matriarcat, son 
attention d'historien reste toujours tendue vers l'avenement du 
patriarcat dont la spiritualite chretienne lui represente la forme 
supreme. 11 ^tait profond^ment convaincu que »nul peuple dont 
les croyances se fondent sur la matiere n'a atteint la victoire de 
la paternite purement spirituelle . . . C'est la destruction, non 
le develpppement ni la purification du materialisme qui est a. 



Johann Jakob Bachofen 233 

la base de la spiritualite d'un dieu paternel et unique. « De ce 
chef la destruction de Carthage par Rome apparaissait comme 
le fait salutaire et sauveur par excellence de Phistoire mondiale. 
Mais ce que Scipion et Caton avaient commence, il le voyait 
termine* par Auguste. C'est sur ce developpement magistral 
(dans les Lettres concernant les antiquites 1880) que se ferme le 
cercle de ses recherches. Car il ne faut pas oublier qu'en d£mon- 
trant par quel recours a son propre g£nie PGccident assurait, 
sous Auguste, la victoire du patriarcat, Bachofen rejoignait le 
point de depart de ses investigations qui etait le droit romain. 
Et ce qu'il faut encore moins oublier, c'est que le pays de sa 
revelation avait £te Rome. Bachofen, dans sa conception su- 
preme, retrouvait ce sol ou - d'apres un mot de Pautobiogra- 
phie - »la roue de la vie . . . s'est creus^e une orniere plus 
profonde.« Le sol romain lui etait donne comme gage d'une 
harmonie que lui, grace a une complexion heureuse, £tait par- 
venu a vivre dans sa pensee, mais que Phistoire devra maintes 
fois refaire de nouveau. 



Literarische und asthetische Essays 



»Der Idiot « von Dostojewskij 



Das Schicksal der Welt stellt sich Dostojewskij im Medium des 
Schicksals seines Volkes dar. Das ist die typische Anschauungs- 
weise der grofien Nationalisten, nach der die Humanitat nur im 
Medium des Volkstums sich entfalten kann. Die Grofie des Ro- 
mans offenbart sich in der absoluten gegenseitigen Abhangigkeit, 
in der die metaphysischen Gesetze der Entfaltung der Mensch- 
heit und der Nation dargestellt werden. Es findet sich daher 
keine Regung des tiefen menschlichen Lebens, die nicht in der 
Aura des russischen Geistes ihren entscheidenden Ort fande. 
Diese menschliche Regung inmitten ihrer Aura, gelockert frei im 
Nationellen schwebend und doch untrennbar von ihm als von 
seinem Orte darzustellen ist vielleicht die Quintessenz der Frei- 
heit in der grofien Kunst dieses Dichters. Man kann das nur 
erkennen, wenn man sich der furchterlichen Zusammenstoppe- 
lung verschiedener Elemente bewufit wird, die schlecht und 
recht die Romanfigur des niedrigen Genres ausmachen. Da ist 
die nationelle Person, der Mensch der Heimat, die individuelle 
und die soziale Person kindisch miteinander verklebt und die 
widerliche Kruste des psychologisch Palpablen dariiber vervoll- 
standigt den Mannequin. Die Psychologie der Dostojewskij- 
schen Personen ist dagegen gar nicht das, wovon der Dichter 
wirklich ausgeht. Sie ist gleichsam nur die zarte Sphare, in der 
aus dem feurigen Urgas des Nationellen im. Obergange sich die 
reine Menschlichkeit erzeugt. Psychologie ist nur der Ausdruck 
des Grenzdaseins des Menschen. Wirklich ist alles das, was sich 
im Kopf unsrer Kritiker als psychologisches Problem darstellt, 
gerade ein solches nicht: als ob es sich urn die russische »Psyche« 
oder die »Psyche« des Epileptikers handle. Die Kritik weist ihr 
Recht an das Kunstwerk heranzutreten erst darin aus, dafi sie 
den ihm eigenen Boden respektiert, ihn zu betreten sich hiitet. 
Eine solche unverschamte Grenzuberschrekung ist das Lob, das 
man einem Autor um der Psychologie seiner Personen willen 
erteilt und nur darum sind Kritiker und Verfasser meistens 
einarider wiirdig, weil der durchschnittliche Romanschreiber jene 
verwaschenen Schablonen benutzt, die dann die Kritik freilich 
benennen kann und eben weil sie sie benennen kann, auch lobt. 



238 Literarische und asthetische Essays 

Gerade von dieser Sphare muS die Kritik sich fernhalten, es 
ware schamlos und falsch mit solchen Begriffen Dostojewskijs 
Werk zu messen. Dagegen gilt es die metaphysische Identitat 
des Nationellen wie des Humanen in der Idee der Schopfung 
Dostojewskijs zu erf assen. 

Denn dieser Roman wie jedes Kunstwerk beruht auf einer Idee, 
»hat ein Ideal a priori, eine Notwendigkeit bei sich, da zu sein«, 
wie Novalis sagt, und eben diese Notwendigkeit und nichts an- 
deres hat die Kritik aufzuzeigen. Das gesamte Geschehen des 
Romans erhalt seinen Grundcharakter indem es Episode ist. Es 
ist eine Episode im Leben der Hauptperson, des Fursten Mysch- 
kin. Sein Leben liegt im wesentlichen im Dunkel vor wie nach 
dieser Episode, sogar in dem Sinne, dafi er in den unmittelbar 
ihr vorhergehenden wie auch in den darauffolgenden Jahren im 
Ausland weilt. Welche Notwendigkeit fuhrt di'esen Menschen 
nach Rufiland? Sein russisches Leben hebt sich aus der diist- 
ren Zeit in der Fremde wie das sichtbare Band des Spektrums 
aus dem Dunkel steigt. Welches Licht aber zerlegt sich wahrend 
dieses seines russischen Lebens? Es ware unmoglich zu sagen, 
was auEer den vielen Irrtumern und mancherlei Tugenden sei- 
nes Verhaltens er eigentlich in dieser Zeit beginnt. Sein Leben 
verstreicht nutzlos, auch noch in seiner besten Zeit gleich dem 
eines untuchtigen krankelnden Menschen. Es versagt nicht allein 
am MaiSstab der Gesellschaft, auch sein nachster Freund - wenn 
es nicht so tief in dem Geschehen begriindet ware, dafi er keinen 
hat - konnte keine Idee und kein richtendes Ziel in seinem 
Leben finden. Dagegen umgibt 'ihn fast ohne daf5 es auffallt die 
volligste Einsamkeit: alle Beziehungen, die ihn betrerTen, schei- 
nen bald in das Feld einer Kraft einzutreten, die ihnen das 
Nahern verbietet. Bei volligster Bescheidenheit, ja Demut dieses 
Menschen ist er ganz unnahbar und sein Leben strahlt eine Ord- 
' nung aus, deren Mitte eben die eigene, bis zum Verschwinden 
reife Einsamkeit ist. In der Tat ist damit ganz Seltsames gege- 
ben: alle Geschehnisse, so entfernt sie audi von ihm verlaufen 
mogen, besitzen eine Gravitation auf ihn zu, und dieses Gravi- 
tieren aller Dinge und Menschen gegen den Einen macht den 
Inhalt des Buches aus. Dabei sind sie so wenig, ihn zu er- 
reichen, wie er geneigt, sich ihnen zu entziehen. Die Spannung 
ist eine gleichsam unausloschliclie und einfache, die des Lebens 



»Der Idiot« von Dostojewskij 239 

auf seine immer bewegtere Entfaltung ins Unendliche, die 
dennoch nicht zerfliefit. Warum ist das Haus des Fiirsten und 
nicht das der Epantschin der Mittelpunkt des Geschehens in 
Pawlowsk? 

Das Leben des Fiirsten Myschkin liegt als Episode vor nur um 
die Unsterblichkeit dieses Lebens symbolisch sichtbar zu machen. 
Sein Leben kann in der Tat nicht erloschen, so wenig - nein 
weniger als das natiirliche Leben selbst, zu dem es gleichwohl 
tief e Beziehung hat. Die Natur ist vielleicht ewig, das Leben des 
Fiirsten aber ganz gewifi - und dies ist innerlich und geistig 
zu verstehen - unsterblich. Sein Leben wie das Leben aller in 
seiner Gravitation auf ihn zu. Das unsterbliche Leben ist nicht 
das ewige der Natur, wie nahe es ihm audi zu stehen scheint, 
denn im BegrifTe der Ewigkeit ist die Unendiichkeit aufgehoben, 
in der Unsterblichkeit aber gelangt sie zum hochsten Glanze. 
Das unsterbliche Leben, von dem dieser Roman das Zeugnis 
ablegt, ist nichts weniger als die Unsterblichkeit im gewohnlichen 
Sinn. Denn in der ist gerade das Leben sterblich, unsterblich aber 
ist Fleisch, Kraft, Person, Geist in ihren verschiedenen Fassun- 
gen. So hat Goethe von einer Unsterblichkeit des Wirkenden in 
seinem Wort zu Eckermann gesprochen, wonach die Natur ver- 
pflichtet sei uns einen neuen Wirkungsraum zu geben wenn die- 
ser hier uns genommen sei. Das alles ist weit entfernt von der 
Unsterblichkeit des Lebens, von dem Leben, das seine Unsterb- 
lichkeit im Sinne unendlich fortschwingt, und dem die Unsterb- 
lichkeit die Gestalt gibt. Denn hier ist von Dauer nicht die Rede. 
Welches Leben aber ist das Unsterbliche, wenn es doch nicht das 
der Natur ist, audi nicht das der Person? Vom Fiirsten Mysch- 
kin darf man im Gegenteil sagen, daft seine Person hinter seinem 
Leben zuriicktritt wie die Blume hinter ihrem Duft oder der 
Stern hinter seinem Flimmern. Das unsterbliche Leben ist un- 
vergeftlich, das ist das Zeichen, an dem wir es erkennen. Es ist 
das Leben, das ohne Denkmal und ohne Andenken, ja vielleicht 
ohne Zeugnis unvergessen sein miifite. Es kann nicht vergessen 
werden. Dies Leben bleibt gleichsam ohne Gefaft und Form 
das unvergangliche. Und »unvergeftlich« sagt seinem Sinn nach 
mehr als daft wir es nicht vergessen konnen; es deutet auf etwas 
im Wesen des UnvergeftHchen selbst, wodurch es unvergeftlich 
ist. Selbst die Erinnerungslosigkeit des Fiirsten in seiner spatern 



240 Literarische und asthetische Essays 

Krankheit ist Symbol des Unvergefilichen seines Lebens; denn 
das liegt nun scheinbar im Abgrund seines Selbstgedenkens 
versunken aus dem es nicht mehr emporsteigt. Die andern be- 
suchen ihn. Der kurze Schlufibericht des Romans stempelt alle 
Personen fiir immer mit diesem Leben, an dem sie teilhatten, sie 
wissen nicht wie. 

Das reine Wort fiir das Leben in seiner Unsterblichkeit ist aber: 
Jugend. Das ist die grofie Klage Dostojewskijs in diesem Buche: 
das Scheitern der Bewegung der Jugend. Ihr Leben bleibt un- 
sterblich, aber es verliert sich ifn eigenen Licht: »der Idiot«. Do- 
stojewskij klagt, dafi Rufiland sein eigenes unsterbliches Leben 
- denn diese Menschen tragen das jugendliche Herz von Rufi- 
land in sich - nicht bei sich behalten, in sich aufsaugen kann. Es 
fallt auf fremdem Boden nieder, es tritt iiber seinen Rand und 
versandet in Europa, »in diesem windigen Europa«. Wie die 
politische Lehre Dostojewskijs immer wieder die Regeneration 
im reinen Volkstum fiir die letzte Hoffnung erklart, so erkennt 
der Dichter dieses Buches im Kinde das einzige Heil fiir die 
jungen Menschen und ihr Land. Das wiirde schon aus diesem 
Buche, in dem die Gestalt des Kolja wie des Fursten in dem 
kindlichen Wesen die reinsten sind, hervorgehen, audi ohne dafi 
Dostojewskij in den »Briidern Karamasoff« die unbegrenzte 
heilende Macht des kindlichen Lebens entwickelt hatte. Verletz- 
te Kindheit ist das Leid dieser Jugend, weil eben die verletzte 
Kindheit des russischen Menschen und des russischen Landes 
seine Kraft Jahmte. Es ist immer wieder bei Dostojewskij deut- 
lich, dafi nur im Geiste des Kindes die edle Entfaltung des 
menschlichen Lebens aus dem Leben des Volkes hervorgeht. An 
der fehlenden Sprache des Kindes zersetzt sich gleichsam das 
Sprechen der Dostojewskijschen Menschen und in einer iiberreiz- 
ten Sehnsucht nach Kindheic - im modernen Sprachgebrauch: 
in Hysterie - verzehren sich vor allem die Frauen dieses Ro- 
mans: Lisaweta Prokowjewna, . Aglaja und Nastassja Philip- 
powna. Die gesamte Bewegung des Buches gleicht einem 
ungeheuren Kratereinsturz. Weil Natur und Kindheit fehlen, 
ist das Menschentum nur in einer katastrophalen Selbstvernich- 
tung zu erreichen. Die Beziehung des menschlichen Lebens auf 
den Lebenden noch bis in seinen Untergang hinein, der uner- 
mefiliche Abgrund des Kraters, aus dem gewaltige Krafte sich 



Ankiindigung der Zeitschrift: Angelus Novus 241 

einmal menschlich grofi entladen konnten, ist die Hoff nung des 
russischen Volkes. 



Ankundigung der Zeitschrift; Angelus Novus 

Die Zeitschrift, deren Plan hiermit vorliegt, hofft, indem sie 
Reclienschaft von ihrer Form sucht, Vertrauen zu ihrem Inhalt 
mitzuteilen. Diese Form entspringt der Besinnung auf das Wesen 
einer Zeitschrift und mag ein Programm nicht sowohl entbehr- 
lich machen, denn als Anreiz triigerischer Produktivitat vermei- 
den. Nur fiir zielbewufites Wirken Einzelner oder Verbundener 
gelten Programme; eine Zeitschrift, weiche als Lebensaufterung 
einer bestimmten Geistesart immer sehr viel unberechenbarer 
und unbewufker, aber audi sehr viel zukunftsvoller und ent- 
faltungsreicher ist als jede Willensaufierung, verstiinde, in wel- 
chen Satzen immer sich erkennend, schlecht sich selbst. Soweit 
also Besinnung von ihr gefordert werden kann - und sie kann 
es im rechten Sinne unbegrenzt - hat sie sich weniger auf ihre 
Gedanken und Gesinnungen als auf ihre Grundlagen und Ge- 
setze zu beziehen; wie ja auch vom Menschen keineswegs das 
Bewufitsein seiner innersten Tendenzen, wohl aber das seiner 
Bestimmung standig erwartet werden darf . 
Die wahre Bestimmung einer Zeitschrift ist, den Geist ihrer 
Epoche zu bekunden. Dessen Aktualitat gilt ihr mehr als selber 
seine Einheit oder Klarheit und damit ware sie - gleich der Zei- 
tung - zur Wesenlosigkeit verurteilt, wenn nicht in ihr ein Le- 
ben sich gestaltete, machtig genug, auch das Fragwurdige, weil 
es von ihr bejaht wird, noch zu retten. In der Tat: eine Zeit- 
schrift, deren Aktualitat ohne historischen Anspruch ist, be- 
steht zu Unrecht. Dafi es diesen mit so unvergleichlichem Nach- 
druck erheben durfte, macht die Vorbildlichkeit des romanti- 
schen »Athenaums«. Und zugleich ware dieses - wenn es not 
tate - ein Beispiel, wie fiir die wahre Aktualitat der Mafistab 
ganz und gar nicht beim Publikum ruht. Jede Zeitschrift hatte 
wie diese, unerbittlich im Denken, unbeirrbar im Sagen und 
unter ganzlicher Nichtachtung des Publikums, wenn es sein 
mufi, sich an dasjenige zu halten, was als wahrhaft Aktuelles 



242 Literarische und asthetische Essays 

unter der unfruchtbaren Oberflache jenes Neuen oder Neuesten 
sich gestaltet, dessen Ausbeutung sie den Zekungen uberlassen 
soil. 

Audi blieb fiir jede Zeitschrift, die sich so versteht, die Kritik der 
Hiker der Schwelle. Hatte sie aber in ihrer Friihzeit es mit 
banaler Niedertracht allein zu tun, so sieht sie nun, da unter 
den Produkten nicht mehr das Rtickstandige und Fade, unter 
den Produzierenden nicht mehr Stiimperei und Einfalt das Feld 
behaupten, iiberall die talentvolle Falschung sich gegenliber. Da 
zudem seit fast hundert Jahren jedes ungewaschene Feuilleton 
fiir Kritik sich in Deutschland ausgeben darf, so ist, dem kriti- 
schen Wort seine Gewalt zuriickzugewinnen, doppelt geboten. 
Diktum und Verdikt sind zu erneuern. Nur der Terror wird 
jener Nachaflung grofien malerischen Schaffens Herr werden, 
die den literarischen Expressionismus ausmacht. Ist in soldier an- 
nihilierender Kritik die Darstellung grofier Zusammenhange 
geboten, - denn wie wollte sie anders zu Rande kommen? - so 
ist es Sache der positiven Kritik mehr als bisher, mehr auch als 
es den Romantikern gelang, die Beschrankung auf das einzelne 
Kunstwerk zu iiben. Denn die grofie Kritik hat nicht, wie man 
wohl meint, durch geschichtliche Darstellung zu unterrichten oder 
durch Vergleiche zu bilden, sondern durch Versenkung zu er- 
kennen. Sie hat von der Wahrheit der Werke jene Rechenschaft 
zu geben, welche die Kunst nicht weniger fordert als die Philo- 
sophic Mit der Bedeutung soldier Kritik vertragt es sich nicht, 
am Ende des Heftes einige Spalten, wie fiir ein pflichtmafiig 
zu fiillendes Schema, ihr vorzubehalten. Die Zeitschrift wird 
keinen »kritischenTeil« habenund durch keinerlei typographische 
Behelfe ihren kritischen Beitragen das Kainszeichen aufdruk- 
kem 

Gerade weil sie ebensosehr der Dichtung wie der Philosophic 
und Kritik sich zu widmen gedenkt, darf die letzte von dem 
nidus verschweigen, was ihr iiber die erste zu sagen obliegt. 
Tauscht nicht alles, so hat eine gefahrliche, in jedem Sinne ent- 
scheidende Zeit fiir die deutsche Dichtung seit der Jahrhundert- 
wende begonnen. Das Huttensche Wort vom Zeitalter und von 
der Lust, es zu leben, dessen Ton obligat schien in den Pro- 
grammen von Zeitschriften, will sich ebenso wenig von der 
Dichtkunst wie von andern Dingen des heutigen Deutschland 



Ankundigung der Zeitschrift: Angelus Novus 243 

aussprechen lassen. Sekdem Georges Wirken in seiner letzten 
Bereiclierung deutschen Sprachgutes historisch zu werden be- 
ginnt, scheint ein neuer Thesaurus deutscher Dichtersprache das 
Erstlingswerk jedes jiingern Autors zu bilden. Und so wenig von 
einer Schule erwartet werden darf, deren nachhaltigste Wirkung 
bald darin gesehen werden wird, aufdringlich eines groEen Mei- 
sters Grenzen dargetan zu haben, so wenig lafit die offenkundige 
Mechanik allerneuescer Produktion Zutrauen zu der Sprache 
ihrer Dichter fassen. Entschiedener als zur Zeit Klopstocks - 
von dem manche Gedichte lauten, als seien es die heute ge- 
suchten - restloser als seit Jahrhunderten fallt die Krisis der 
deutschen Dichtung zusammen mit der Entscheidung iiber die 
deutsche Sprache selbst, in deren Erwagung weder Kenntnis, 
Bildung noch Geschmack bestimmen, ja deren Ergriindung in 
gewissem Sinn moglich erst nach gewagtem Spruch wird. 1st 
demnach die Grenze erreicht, uber die hinaus eine vorlauflge 
Rechenschaft hierin sich nicht erstrecken kann, so eriibrigt die 
Feststellung, dafi alles, was die Zeitschrift an poetischer und 
prosaischer Dichtung bringen wird, des Gesagten eingedenk er- 
scheint und dafi insbesondere schon die Dichtungen des ersten 
Heftes als Entscheidungen im gedachten Sinne verstanden sein 
wollen. Neben diesen werden spater solche anderer Autoren 
sich finden, welche ihren Platz im Schatten, ja im Schutz der 
ersten suchend, frei jedoch von der schemenhaften Gewaltsam- 
keit unserer gefeierten Hymniker, ein Feuer, das sie selbst nicht 
entfacht haben, zu hiiten suchen. 

Von neuem ruft die Lage des deutschen Schrifhums eine Form 
hervor, welche seit jeher heilsam seine grofien Krisen begleitete: 
die Obersetzung. Freilich wollen die Obersetzungen der Zeit- 
schrift nicht sowohl als Vermittlung von Vorbildern verstanden 
werden, wie dies fruher Brauch war, denn als unersetzlicher 
und strenger Schulgang werdender Sprache selbst. Wo namlich 
dieser noch der eigene Inhalt nicht gegenwartig ist, an dem sie 
sich aufbaut, bietet der ihrer wiirdige verwandte anderer zu- 
gleich mit der Aufgabe sich dar, um seinetwillen abgestorbenes 
Sprachgut aufzugeben und das frische zu entfaken. Diesen for- 
malen Wert der wahren Obersetzung deutlicher zu machcn, wird 
jeder Arbeit, welche nach solcher Erwagung zuvorderst beur- 
teilt sein will, das Original zur Seite gestellt werden. Im iibri- 



244 Literarische und asthetische Essays 

gen wird audi hiervon das erste Heft ausfiihrlicher Rechenschaft 
geben. 

Die sachliche Universalitat, welche im Plan dieser Zeitschrift 
liegt, wird sie nicht mit einer stofflichen verwechseln. Und da 
sie einerseits sich gegenwartig halt, dafi die philosophische Be- 
handlung jedem wissenschaftlichen oder praktischen Gegenstand, 
einem mathematischen Gedankengang so gut wie einem politi- 
schen, universale Bedeutung verleiht, wird sie anderseits nicht 
vergessen, dafi audi ihre nachsten literarischen oder philosophi- 
schen Gegenstande nur um eben dieser Behandlungsweise und 
unter deren Bedingung ihr willkommen sind. Diese philoso- 
phische Universalitat ist die Form, in deren Auslegung am 
genauesten die Zeitschrift Sinn fur wahre Aktualitat wird 
erweisen konnen. Ihr muE die universale Geltung geistiger 
Lebensaufterungen an die Frage gebunden sein, ob sie auf einen 
Ort in werdenden religiosen Ordnungen Anspruch zu erheben 
vermogen. Nicht als ob solche Ordnungen absehbar waren. 
Wohl aber ist absehbar, dafi nicht ohne sie zum Vorschein kom- 
men wird, was in diesen Tagen als den ersten eines Zei takers 
nach Leben ringt. Eben darum aber scheint es an der Zeit, weni- 
ger denen ein Ohr zu leihen, die das arcanum selbst gefunden zu 
haben meinen, als denen, welche am sachlichsten, am ungeriihr- 
testen und unaufdringlichsten Drangsal und Not aussprechen 
und sei's audi nur, weil eine Zeitschrift nicht fur die Grofken 
der Ort ist. Weniger noch darf sie fur die Kleinsten es sein, vor- 
behalten also denjenigen, die nicht allein in ihrem Suchen der 
Seele, sondern zugleich in ihrem Denken den Dingen es ab- 
merken, dafi sie nur im Bekenntnis sich erneuern werden. Dieses 
aber soil nicht erschlichen werden: spiritualistischem Okkul- 
tismus, politischem Obskurantismus, katholischem Expressionis- 
mus wird man nur als Gegenstand schonungsloser Kritik in 
diesen Blattern begegnen. Wenn sie demnach auf die bequeme 
Dunkelheit der Esoterik verzichten, diirfen sie darum doch 
nicht grofiere Anmut und Zuganglichkeit fiir ihre Darlegungen 
versprechen. Diese werden vielmehr nur um soviel harter und 
nlichterner sich geben miissen. Goldene Friichte in silbernen 
Schalen wird man nicht erwarten. Statt dessen wird Rationali- 
tat bis ans Ende erstrebt werden und weil gerade von der Reli- 
gion hier nur freie Geister handeln sollen, darf in diesem Sinne 



Ankiindigung der Zeitschrift: Angelus Novus 245 

aus dem Umkreis ihrer Sprache, ja des Abendlandes hinaus die 
Zeitschrift auf die iibrigen Religionen sich richten. Grundsatzlich 
halt sie allein fiir die Dichtungen sich an die deutsche Rede ge- 
bunden. 

Selbstverstandlich verbiirgt nichts den vollen Ausdruck der er- 
strebten Universalitat. Denn wie die aufiere Form der Zeitschrift 
jede unmittelbare Manifestation bildender Kunst von ihr aus- 
schliefk, ebenso - und weniger offensichtlich - halt sie ihrem 
Wesen nach Abstand vom Wissenschaftlichen, weil in dessen 
Erscheinungen weit mehr als in der Kunst und Philosophic Ak- 
tuelles und Wesentliches fast immer auseinander zu fallen schei- 
nen. Damit bildet die Wissenschaft in der Reihe der Gegen- 
stande einer Zeitschrift den Obergang zu denen des praktischen 
Lebens, in welchen nur der seltensten philosophischen Konzen- 
tration das wahrhaft Aktuelle hinter seinem Anschein sich 
zeigt. 

Wenig wollen doch diese Einschrankungen gegeniiber der einen 
unvermeidlichen besagen, die beim Herausgeber liegt. Dariiber 
seien noch einige Worte erlaubt, die es auszusprechen haben, in- 
wiefern dieser sich der Schranken seines Blkkfelds bewufit ist 
und zu ihnen bekennt. Er erhebt in der Tat nicht den Anspruch, 
von hoher Warte aus den geistigen Horizont seiner Tage zu be- 
herrschen. Und wenn er im Bilde fortfahren darf, so wird er 
das eines Mannes vorziehen, der des Abends nach getaner Ar- 
beit und ehe er an sein Werk geht des Morgens, vor die Schwelle 
tretend, den gewohnten Horizont mit den Augen eher umfafk 
als absucht, urn, was in dieser Landschaft Neues ihn begriifite, 
festzuhalten. Als seine eigene Arbeit sieht der Herausgeber 
die philosophische an und jenes Gleichnis sucht es auszuspre- 
chen, dafi nichts schlechthin Fremdes in den folgenden Blat- 
tern als unmaEgebliche Anregung dem Leser begegnen soil, daE 
dem, was in ihnen sich findet, in irgendeinem Sinne der Heraus- 
geber sich verwandt fiihlen wird. Noch nachdrucklicher aber sei 
es jenem Bilde entnommen, dafi Art und Grad dieser Verwandt- 
schaft zu ermessen nicht beim Publikum liegt und da£ nichts in 
deren Gefiihl ist, was die Mitarbeiter jenseits ihres eigenen Wil- 
lens und Bewufkseins einander verbinden konnte. Denn wie 
von dieser Zeitschrift jedwede Buhlerei um die Gunst des Pu- 
blikums fernbleiben soil, so die ebenso unaufrichtige der Mit- 



2a6 Literarische und asthetische Essays 

arbeiter urn die gegenseitige Verstandigung, Begiinstigung, Ge- 
meinschaft. Nichts scheint dem Herausgeber wichtiger zu sein, 
als daft hierin, in der Abwesenheit jeden Scheins, die Zeitschrift 
ausspricht was ist, namlich dafi der reinste Wille, das geduldig- 
ste Bestreben unter den so Gesinnten keine Einheit, geschweige 
denn Gemeinschaft zu stiften vermogen, dafi also die Zeitschrift 
in der wechselseitigen Fremdheit ihrer Beitrage es bekunde, wie 
unaussprechlich in diesen Tagen jede Gemeinsamkeit - auf 
welche denn ihr Ort zuletzt doch deute - und wie sehr auf Pro- 
be diese Verbindung gestellt bleibt, deren Ausweis am Ende 
beim Herausgeber liegt. 

Hiermit ist das Ephemere dieser Zeitschrift beriihrt, das sie sich 
von Beginn an bewufit halt. Denn es ist der gerechte Preis, den 
ihr Werben urn die wahre Aktualitat so fordert. Werden doch 
sogar nach einer talmudischen Legende die Engel - neue jeden 
Augenblick in unzahligen Scharen - geschaffen, um, nachdem sie 
vor Gott ihren Hymnus gesungen, aufzuhoren und in Nichts 
zu vergehen. Dafi der Zeitschrift solche Aktualitat zufalle, die 
allein wahr ist, moge ihr Name bedeuten. 



»El mayor monstruo, los celos« von Calderon 

und »Herodes und Mariamne« von Hebbel 

Bemerkungen zum Problem des historischen Dramas 

»Es ist ein grofier, aber, so viel wir wissen, noch nirgends griind- 
lich berichtigter Irrtum der neueren unpoetischen Jahrhunderte, 
von den Dichtern in der Art Originalkat zu verlangen, dafi sie 
sich der Benutzung fremder Erfindungen und Gedanken enthal- 
ten sollen. In unserer Zeit, wo die Kunst aus ihrem organischen 
Zusammenhange gerissen ist, wo die Dichter isolirt und ohne 
lebendige Wechselwirkung dastehen, betrachtet man Dasjenige 
unter dem Gesichtspunkt des Plagiats, was sich in alien wahrhaft 
grofien Perioden der Poesie als allgemeiner Brauch nachweisen 
lafit. Durch die Isolirung von den Quellen, welche in den 
Werken Anderer fliefien, wird dem Dichter der Zusammenhang 
mit den Wurzeln abgeschnitten, aus denen er reichen und gesun- 
den Nahrungsstoff Ziehen kann; er auf eine afTectirte Eigen- 



»E1 mayor monstruo, los celos« und »Herodes und Mariamne« 247 

thumlichkeit, auf das Hasdien nach Neuem und Originalem 
hingefiihrt, und gewifi haben wir hier, neben anderen mitwir- 
kenden Ursachen, einen Grund fiir die betriibende Erscheinung, 
dafi die Lkeraturen der Jetztzeit so ganz ohne innere Einheit 
und organische Fortbildung dastehen.« So Graf Schack im 
dritten Bande seiner »Geschichte der dramatischen Literatur und 
Kunst in Spanien«, welcher in Berlin 1846 erschien. Vier Jahre 
spater liegt die erste Ausgabe von Hebbels »Herodes und Ma- 
riamne« vor, jenem Drama, mit dem wie mit keinem andern der 
Dichter einen Stoff aufgreift, welcher der Weltliteratur in ausge- 
sprochnem Sinne angehort und den, in nie abreifiender Tradi- 
tion, das Abendland seit den geistlichen Spielen des Mittelalters 
und dem Drama der Jesuiten in den Dichtungen seiner grofiten 
Nationen, italienischen, spanischen, franzosischen, deutschen, 
englischen, umworben hatte. Eine Erscheinung, hinreichend den 
Worten des Grafen Schack Bedeutung zu geben, ja mehr als es 
gemeinhin geschieht, ihrem Gegenstand Nachdenken zuzuwen- 
den. Denn man wird es kaum leugnen wollen: so hoch die Flut 
stoffgeschichtlicher Untersuchungen ging, Einsicht in den Wert 
solcher Forschung hat sie selten mitgefuhrt. Erschopft sich doch 
dieser nicht darin, die Einflusse aufzuweisen, die dem Dichter ein 
oder die andere Wendung nahegelegt haben mochten oder ge- 
legentlich den Nachweis zu gestatten, welches Vorbild er abwies. 
Tiefere Probleme eignen der Stoffgeschichte, audi allgemeinere. 
Denn der allgemeinen Kunstwissenschaft gehort eine Frage wie 
die an: ob wirklich, wie man bisweilen versichern hort, in der 
Kunst es allein auf das Wie ankomme, nicht auf das Was? Oder 
anders gewendet: woher riihrt es, dafi Goethe, der eminente 
Kenner bildender Kunst, bei der Besprechung von Gemalden so 
oft mit der Beschreibung ihres Sujets sich genugtut? 1st das 
Kunstwerk anders die Einheit, als die es zu fassen alle astheti- 
schen Theorien iibereinkommen, so sind Wie und Was an ihm 
selbst grundsatzlich nicht unterscheidbar, geschweige denn eines 
wichtiger als das andere. Unterschieden aber bleiben sie als 
Methoden der Betrachtungsweise und gerade von diesen - den 
Fragen nach dem Wie und nach dem Was - gilt, dafi beide 
vollen Ertrag zu zeitigen vermdgen, wo sie nur rein, ausschlie- 
fiend, ohne Vermengung verfolgt werden. Das hat man selten 
fiir rein stoffkritische Betrachtungen gelten lassen wollen und 



248 Literarische und asthetische Essays 

dabei mag die Unentschiedenheit, mit der sie in den Anfangen 
und damit oft im Oberflachlichen steckenzubleiben pflegen, 
mitgesprochen haben. Fur den Vergleich von Dramen, deren 
Gemeinsames der Stoff ist, scheint gerade diese Untersuchungs- 
weise geboten und sie hatte ihr Recht bekraftigt, wenn die 
folgenden Betrachtungen, die von StofTlichem ihren Ausgang 
nehmen, Wesentliches zur Auffassung der in Rede stehenden 
Werke, ja zuletzt zur Einsicht in ihre Form, sollten beibringen 
konnen. 

Dem Stoff kommt fiir das einzelne Werk ebendieselbe Bedeu- 
tung zu, welche der Natur fiir die Kunst eignet. Dreierlei Theo- 
rien sind denkbar. Die Natur sei bedeutungslos fiir die Kunst; 
diese erste Losung wurde kaum je vertreten. Sie ist unhaltbar. 
Selbst eine Schule wie die des Kubismus kehrt sich von den Din- 
gen nur ab, um dem Raum, in welchem sie stehen, sich zu nahern. 
Weiterhin moglich ist, die Natur als das Arsenal der Kunste zu 
erfassen, aus dem diese mit Besonnenheit Stiicke und Bruch- 
stiicke zu neuen Kompositionen sich als Vorbild zusammenstelle. 
Es ist dies eben jener Eklektizismus, den man in die Kunsttheo- 
rie klassischer und klassizistischer Epochen nicht selten leicht- 
fertig hineininterpretiert hat. Die dritte Theorie, die alteste, ist 
die platonisch-aristotelische der ^11^01?. Sie lehrt, dafi die Kunst 
die Wirklichkeit nachbilde und ist recht verstanden der eklekti- 
zistischen entgegengesetzt. Gerade das Drama gait dem Aristote- 
les als ein Paradigma dieser nachbildenden Funktion der Kunst, 
wie er denn die Tragodie als die besonders geartete uiu'noic, 
eines Geschehens erklart. Man mufi es sich gegenwartig halten, 
dafi es die Sage war, die fiir den Griechen den StofTkreis der 
Tragodie bestimmte, um zu erkennen, wie wenig eine solche 
Definition den Naturalismus, den sie heutigen Lesern mit sich 
zu fiihren scheint, in Wahrheit behauptet. Gab doch die Sage 
dem Dichter nichts, als die allgemeinen Ziige eines Vorgangs, 
den jede Landschaft, jede Stadt auf ihre Weise ausgestaltete und 
verstand. Es ging daher in die utuirjaig dieses fundamentalen 
und wenn man so sagen darf zeremoniellen Geschehens, das die 
Sage darstellt (es mag der Zug der Sieben gegen Theben sein, der 
Tod der Antigone oder die Rettung Admets), mit jeder einzel- 
nen dichterischen Ausgestaltung oder gar Variante der Fabel 
ein Moment hochst wesentlicher Stellungnahme jener neuen 



»E1 mayor monstruo, los celos« und »Herodes und Mariamne« 249 

Dichtung zum SagenstofF ein. Und es stent nodi dahin, ja es 
wird die Frage unten vorgreifend bejaht werden miissen, ob 
nicht jene uluirjaig viel weniger eine beredte Sanktion der in der 
Sage bekundeten Schicksalsordnung als ihf, oft noch unmiindiges, 
In-Frage-Stellen sei. 

Mag demnach die Bedeutung der uiii-naig fiir das griechische 
Drama feststehen, so bleibt die Frage, ob in diesem aristoteli- 
schen Begriff eine wahrhaft umfassende Kategorie stofFkritischer 
Betrachtung gegeben, ob als uauriaig insbesondere das neuere 
Drama zu verstehen sei. Der Zusammenhang dieser Erorterung 
gebietet die Beschrankung auf das historisdie Drama. Unver- 
kennbar ist seine Wesensversdriedenheit von der auf dem My- 
thos griindenden Tragodie. Jene Abfolge zeremonieller Bilder, 
die den Kern des Mythos bildet, um den die Tragodie kristalli- 
siert, ist in dem geschichtlichen Bereich nicht zu erwarten. Wcnn 
die Tragodie an der mythischen Weltordnung durch jede 
leichte und doch unberechenbar tiefgehende Interpretation des 
SagenstofTs Abbruch zu tun und mit unscheinbaren Worten sie 
prophetisch zu ersdiiittern vermag, so ist angesichts der Geschichte 
dem Dichter nichts als die Aufgabe gewift, in seiner Nachbil- 
dung deren Einheit heraustreten zu lassen. Der Mythos, in 
jedem seiner geschlossenen Sagenkomplexe ist sinnvoll an sich, 
nicht so die Geschichte. Urbild - denn das Urbild ist Gegenstand 
der nfyiTjaic;, nicht das Vorbild - der Kunst ist daher nie die 
Geschichte; sie kann es audi im historischen Drama nicht sein. 
Vielmehr liefie sich die Bedeutung gerade dieser Form, in der 
hier gebotnen Abbreviatur, aussprechen als die Darstellung der 
alle Wechselfalle des Historischen durchdringenden und zuletzt 
in ihnen triumphierenden Natur. Natur des Menschen, nein, 
Natur der Dinge ist das Fazit gerade des historischen Dramas. 
Wo die dementsprechende Intention mangelt, wird in der Hand 
des Dramatikers jeder historisdie StofF in unabsehbarer Szenen- 
folge als der ohnmachtige Versuch sich entrollen, die Bewegtheit 
der Geschichte zu geben statt der Natur, in deren Gestalt audi 
historisch Bezeugtes als vollendetes Faktum echter StofF des 
Dichters geworden ist. Die voliendete Faktizitat historischer 
Dinge stellt sie als Schicksal vor. Im Schicksal liegt der latente 
Widerstand gegen den unabsehbar verlaufenden Strom ge- 
schichtlichen Werdens. Wo Schicksal ist, da ist ein Stuck Ge- 



2 jo Literarisdbe und asthetische Essays 

schichte Natur geworden. Als Gestaltung des Schicksalhaften 
stellt sich daher dem neuern Dramatiker die Aufgabe dar, aus 
plausiblen Einzelheiten, die die historische Quelle ihm bieten 
mag, eine notwendige Totalitat hervorgehen zu lassen. Das Ge- 
wicht liegt in der antiken Tragodie auf der Auseinandersetzung 
mit dem Schicksal, im historischen Drama auf dessen Darstel- 
lung. Diese Erwagung, deren im folgenden zu gedenken sein 
wird, leitet zurUck zu den Satzen des Grafen Schack. Gibt es 
Stoffe, welche Formen schicksalhafter Bildung in sich erahnen 
lassen, so ware des Dramatikers allerdings die Hemmung un- 
wiirdig, die aus der blofien Tatsache fruherer Bearbeitungen bei 
ihm hervorginge. Und sie ware um so gefahrlicher, als es keines- 
wegs auszumachen ist, ob die hohe dramatische Eignung gewis- 
ser Stoffe mehr ihrem Alter oder eben der Reihe ihrer friiheren 
Gestaltungen verdankt wird. Denn diese letzte, je ansehnlicher 
sie ist, wird desto mannigfaltiger stumme Hinweise auf die 
eigentliche Aufgabe dem Dichter zukommen lassen. Der StorT, 
mit einem Worte, je alter und durchformter er ist, wird immer 
weniger zum Anlafi, immer mehr zum Gegenstande der Dich- 
tung. Sie geht nicht sowohl bildend von ihm aus, als nachbil- 
dend in ihn ein, bis audi hierin ein Extrem den Dichter verfiih- 
ren kann, wie es Goethe in der Achilleis geschah. Allein nicht 
nur als Vorbedingung fruherer Kultivierung hat das Alter der 
Stoffe seine Bedeutung. Es erscheint namlich ein Geschehen, je 
hoherer Vorzeit es angehort, desto inniger mit Schicksal tingiert, 
einem zeitlosen oder gegenwartigen darin hoch uberlegen. Denn 
es ist abgeschlossen, ja es bedingt die Welt in der wir leben. Und 
in allem was uns bedingt, geben wir Schicksal sehr viel williger 
zu als fur uns; ja fur unsere Vorbedingtheit suchen wir Schick- 
sal, fur unser Dasein lehnen wir es ab. Im Leben der Volker 
waltet dies Gesetz weit sichtbarer als in dem der einzelnen. Ist 
also der Stoff ein historisch denkwiirdiger, so tritt vollends das 
Interesse an seiner schicksalhaften Erscheinung offenkundig her- 
vor. Und vor andern geht es den Dramatiker an. Von Hebbel ist 
es bekannt, wie er anfangs fiir die Herodesgeschichte diesem 
Interesse durch die Darstellung des Josephus 1 , seiner Quelle, 
restlos Geniige getan glaubte. Dafi dabei ein grundsatzlicher Irr- 

1 Flavius Josephus: De bello judaico [Htgi xou *Ioi)6aC>to\i jto^ehov], libri VII 



»E1 mayor monstruo, los celos« und »Herodes und Mariamne« 251 

turn mit unterlief, dafi Sdiicksal adaquat sich weder historisch 
noch iiberhaupt episch, sondern allein dramatisch darzustellen 
vermag, ist hier zu entwickeln nicht der Ort. Wohl aber mufi 
schon an dieser Stelle angedeutet werden, wie Hebbel durch eine 
derartige Mythisierung seiner Quelle, die fur das Drama die eng- 
ste Bindung an den gleichsam zur Sage erhobnen Bericht des 
Josephus zur Folge hatte, den Grund zu einer unheilvollen Stil- 
vermengung legte. In der Tat stellt dies Drama sich die doppelte 
Aufgabe: Schicksal zu entwickeln im Sinne der Neuern, Schick- 
sal zu richten im Sinne der Griechen, daher ihm die reine Losung 
fiir beides versagt geblieben. - Kommt derart die Ehe des Hero- 
des als ein nicht nur novellistisch bedeutender sondern durch 
Alter gesteigerter Stoff dem Dichter entgegen, so fiihrt er aller- 
dings die ungeheuere Anforderung mit sich, eben dem Hlstori- 
schen und nicht der Fabel allein zu geniigen: nicht zwar in exak- 
ter Beobachtung der Einzelziige, wohl aber im Stil des Ganzen, 
der, wenn nicht vom heutigen, so doch von irgendeinem denk- 
baren Standort aus als Stil romisch-jerusalemischen Lebens der 
ersten christlichen Zeit mufi gelten konnen, wenn anders nicht 
auch der grofiten Bearbeitung ein skurriler Zug anhaften soil. 
Dies bezeichnet den Punkt von Calderons Versagen. 
Darf die Bedeutung kritischer Untersuchungen zur StofTge- 
schichte als unverachtlich angesehen werden, so sind sie im vor- 
liegenden Falle um so eher am Platze, als in ihnen das sicherste 
Fundament fiir den Vergleich derart wesensverschiedener Wer- 
ke, wie es Hebbels und Calderons Herodesdramen sind, zu er- 
blicken ist.Gemeinsam bleibt beiden, selbst was die Fabel angeht, 
das wenigste, dariiber hinaus gar nur eins: die Beschrankung, 
man darf sagen die Durchsichtigkeit, die sie dem StofT im Gegen- 
satz zur Menge der iibrigen Bearbeiter gegeben haben. Gerade 
von dem, was dem Tetrarchen seinen Charakter sowohl in den 
geistlichen Spielen als in den meisten weltlichen Herodesdramen 
geliehen hat, vom Typus des Berserkers haben sie fast nichts 
und hat Calderon noch weniger als Hebbel gegeben. Dies ist 
um so bemerkenswerter als fiir Calderon gemeinhin ein Volks- 
buch als Quelle neben dem Josephus, ja als Hauptquelle ange- 



(I, 17-22); id.: Antiquitates judaicae ['IouSatx^ dpxaiokovia], libri XX (XV, 
2, 3. 6. 7). 



252 Literarische und asthetische Essays 

nommen wird, wiewohl Wurzbach in dem einzigen, welches aus 
dem damaligen Spanien bekannt ist, entscheidende Obereinstim- 
mung mit Calderonschen Ziigen vermifit. Wie dem audi sei, be- 
achtenswert bleibt die Mafiigung der Calderonschen Herodesge- 
stalt, deren Exzentrizitat so ganz allein aus einer einzigen tiefen 
Leidenschaft, der Liebe zur Mariamne, entwickelt ist, auf jeden 
Fall. Denn nicht nur in den Volksbuchern, audi im allgemeinen 
Bewufitsein war Herodes der smnlos Rasende von jeher. Dies 
bestimmt denn auch den Hohepunkt bereits in jenem Drama, 
das als Ahnherr der profanen Herodesdramen zu betrachten 
ist 2 . 1565, fiinfunddreifiig Jahre vor Calderons Geburt, erschien 
die Marianna des italienischen Tragikers Lodovico Dolce. Ahn- 
herr darf dieses Werk genannt werden, weil es ganz im Gegen- 
satz zu seinem einzigen Vorlaufer, dem »Wuterich Konig Hero- 
des « von Hans Sachs 3 , folgenreich fur den gesamten Kreis 
dieser Dramen geworden ist. Nicht zwar in seinem genialsten, 
wenn auch bei Dolce selbst nur unbeholfen entwickelten Zuge. 
Wahrend namlich Herodes, der in diesem Stiick auf ahnliche Art 
wie Othello einem Intrigenspiele zum Opfer fallt, in ungebro- 
chenem Vertrauen zu Mariamne, ihr Gelegenheit, vor ihm sich zu 
rechtfertigen, zu geben sucht, sieht diese, blitzartig vom Ge- 
danken an den Mord, den Herodes an Aristobul, ihrem Bruder 
beging, erfiillt, auch in dieser Veranstaltung nichts, als einen 
Vorwand sie zu beseitigen. Sie spricht das aus und mit einem 
Schlage waltet grenzenloser Hafi zwischen den Gatten. Dafi fur 
Calderon dieses Motiv nicht verwendbar war, liegt freilich auf 
der Hand. Ist es doch ihm, in dessen Werk unzweideutiger als 
in denen der andern Bearbeiter Herodes die erste Stelle behaup- 
tet, nicht nur gelungen, sondern wohl geradezu Problem gewe- 
sen, die entfesselte Eifersucht des Konigs nie in Hafi umschlagen, 
sie immer mit leidenschaftlicher Liebe gepaart erscheinen zu 
lassen. Dagegen hat Dolce dem Calderon nicht nur wie vielen 
andern Bearbeitern das Motiv des den Ausgang der Handlung 
spiegelnden Traumes bezw. der Wahrsagung sondern auch den 

2 Vgl. zu dem folgenden Marcus Landau: Die Dramen von Herodes und Mariamne. 
(Zeitschrift fur vergleichende Literaturgeschichte NF 8 [1895], S. 175-212 und S. 279 
bis 317 sowie NF 9 [1896], S. 185-223.) Die Arbeit handelt im ungebundensten 
Tone und nicht immer zuverlassig den Stoff zahireicher Herodesdramen ab. 

3 Hans Sachs: Tragedia mit 15 Personen zu agiren, Der Wuterich Konig Herodes, 
wie der sein drey Son und sein Gemahel umbbracht, unnd hat 5 Actus, 1552. 



»E1 mayor monstruo, los celos« und »Herodes und Mariamne« 253 

Titel seines Dramas hergeliehen. Ein mythologischer Prolog 
namlich fiihrt bei Dolce die Eifersucht als das grofite Scheusal in 
Person ein. Dafi audi Shakespeare das Drama Dolces gekannt 
hat, hat Klein in seiner »Geschichte des Dramas « mit kaum 
ausreichenden Griinden wahrscheinlich zu machen gesucht. Mag 
aber der »Othello« selbst Einzelnes von Dolce ubernommen 
haben, vom Stoffkreis der Herodesdramen behauptet er die 
unverkennbarste Distanz. Denn in ihnen alien ist es das gegen- 
seitige Verhalten der Gatten, durch welches das Verhangnis sich 
vollzieht. Bei Shakespeare aber vereinigt im Tode sie die ge- 
meinsame Unschuld. Hier ist die Dialektik verlassen, die dort 
mitgesetzt ist. Die Subtilitat der Fabel, kraft welcher die Gatten 
beide »Recht haben«, wie Hebbel es ausdriickt, mufite unbedeu- 
tendern Bearbeitern, ja zuletzt Hebbel selbst, zum Verhangnis 
werden; wo die Darstellung der Eifersucht, die in Hafi sich 
verliert, ihren Ursprung aus Liebe nicht mehr zu bekunden 
vermag, da ist alles dramatische Interesse verloren. Diese Auf- 
gabe ist vielleicht im Kerodesdrama einzig von Calderon ge- 
meistert worden. Aber nicht sie ist es, welche in der Masse der 
Bearbeitungen das Problem bestimmt. Vielmehr sind es gerade 
zur Barockzeit viel altere und primitivere Motive, von denen 
sich die Dichter bestimmt zeigen. Der Herodesstoff ist am 
haufigsten im Barock behandelt worden. Vielleicht darf man 
behaupten, er mufite ein pradestinierter StofT des Zeitalters 
werden, wo es sich die Loslosung vom Schema der Martyrer- 
dramen einmal angelegen sein liefi. Er ist das Urbild einer 
Haupt- und Staatsaktion. Und er ist damals nicht als Dramen- 
stoff* allein verwendet worden. Gryphius' Jugendwerk, die He- 
rodesepen in lateinischer Sprache 4 , zeigen aufs deutlichste, 
wovon das Interesse jener Generation fasziniert wurde: der 
Souveran des siebzehnten Jahrhunderts, der Gipfel der Krea- 
tur, ausbrechend in der Raserei wie ein Vulkan und mit allem 
umliegenden Hofstaate sich selber vernichtend. Schauspiel und 
Bildnerei liebten es darzustellen, wie er, zwei Sauglinge in 
Handen haltend um sie zu zerschmettern, vom Wahnsinn be- 
fallen wird. Den bethlehemitischen Kindermord hat Marino zum 
besondern Gegenstande einer noch im achtzehnten Jahrhundert 

4 Andreas Gryphius: Herodis furiae et Radielis lacrymae, 1634; id.: Dei vindicis 
impetus et Herodis interims, 1635. 



254 Literarische und asthetische Essays 

durdi Brockes verdeutschten Dichtung gemacht. Es webte ein 
schreckliches Geheimnis nicht erst fiir dieses Zeitalter urn den 
Kdnig. Ehe er als wahnwitziger Selbstherrscher ein Emblem der 
verstorten Schopfung schlechthin wurde, war er noch grauenvol- 
ler, als eine Art Antichrist, dem friihen Christentum erschienen. 
Tertullian (er ist nicht der einzige) spricht von einer Sekte der 
Herodianer, welche den Herodes als Messias verehren. Die 
Aufierung bleibt als fruhester Beleg fiir das Leben dieser Ge- 
stalt in der geschichtlichen Erinnerung belangreich, wenn audi 
natiirlich ohne historischen Kern. Denn das Wort Herodianer 
hat aller Wahrscheinlichkeit nach die Anhanger der Dynastie 
des Herodes Antipater oder aber die der Romer bezeichnet. - 
Es lassen sich im siebenzehnten und zu Beginn des achtzehnten 
Jahrhunderts eine Anzahl relativ unabhangiger Dramenkreise 
um den Herodesstoff feststellen, zu deren naherer Charakteristik 
hier nicht der Ort ist. Die Italiener nach Dolce (Cicognini 5 , 
Reggioni 6 , Lalli 7 ) haben vorwiegend opernhafte Bearbeitun- 
gen, die wohl von Calderon mitbeeinflufk sind. Gozzi folgte 
spater dem Voltaireschen Mariamnendrama. Von einem spani- 
schen Dramenkreis um Herodes kann kaum gesprochen wer- 
den. In der Entstehungszeit der ersten Fassung von Calderons 
Drama erschien »La vida de Herodes « von Tirso de Molina 8 . 
Der Liebe des Octavian, die sich bei Calderon an einem Bilde 
entflammt, wie ahnlich bei Josephus die Liisternheit des Anto- 
nius, entspricht bei Molina die ganz exzentrische Wendung, 
wonach Herodes selber in der Bildergalerie des Konigs von 
Armenien Mariamnens Bild begegnet, um alsbald fiir die Dar- 
gestellte zu entbrennen. Das Motiv selbst, welches, nahegelegt 
durch Josephus, in fast alien Herodesdramen sich findet: die 
Begegnung der Geliebten im Bilde, ist wahrscheinlich orienta- 
lischer Herkunft. Bei Calderon gewinnt es eine ganz beson- 
dere Bedeutung. Das lebensgrofie Bildnis, welches von der ver- 
meintlich toten Schonheit Octavian nach einer Miniatur hat 
malen lassen, fallt, da in seinem Rucken Herodes den Dolch 
gegen ihn ziickt, von der Wand. Unheil verkiindend trifft der 

5 G, A, Cicognini: II maggior monstro del mondo. Opera tragica, Perugia 1656. 

6 J. B. Reggioni: La felonia d'Erode, Bologna 1672. 

7 Domenico Lalli: La Mariane, Auffuhrung Venedig 1724. 

8 Tirso de Molina: La vida de Herodes, 1636. 



»E1 mayor monstruo, los celos« und »Herodes und Mariamne« 255 

Dolch nicht den Romer sondern das Bildnis der Mariamne. Die- 
ses Motiv fand Calderon im spanischen Drama (bei Tirso de 
Molina und Salustio del Poyo 9 ) vor, nicht aber im Zusammen- 
hange der Herodesgeschichte. Die erste Fassung des Calderon- 
schen Dramas erschien unter dem Titel »E1 mayor monstruo del 
mundo« 1636, gehort also zu den Jugendwerken des Dichters, 
wahrend die zweite, von ihm als die allein authentische mit 
Nachdruck hingestellte, gegen 1667 verfafk wurde. In dieser 
zweiten Fassung, an deren Ende der Dichter gegen die Biihnen- 
darstellung und den Druck der ersten protestiert, wurde es zum 
ersten Male 1667 in Madrid aufgefuhrt. Im Jahre 1700 sah man 
das Drama in Frankfurt am Main, friiher schon in Dresden. 
Man darf annehmen, dafi es auf einzelne, nur noch dem Titel 
nach bekannte Textbiicher deutscher Schauspielgesellschaften 
von Einflufi gewesen ist. Das erste deutsche Herodesdrama nach 
Hans Sachs, »Herodes der Kindermorder« von Johann Klaj, 
das 1645 in Nurnberg erschien, hangt nicht von Calderon, son- 
dern von dem »Herodes infanticida« des Heinsius ab. Es ist im 
ubrigen nicht so sehrdurch sich selbstzu einiger literarhistorischer 
Beruhmtheit gelangt, als durch seine gallige Kritik durch Jo- 
hann Elias Schlegel 10 , der in ihr zugleich mit Klajs Protektor 
HarsdorfTer abrechnet. Unter den englischen Bearbeitern sei 
Massinger, ein Dichter des siebzehnten Jahrhunderts, mit seinem 
»Herzog von Mailand« n genannt. Als dieses Drama, das die 
Fabel des Josephus an den Hof des Ludovico Sforza verpflanzt, 
im Jahre 1849 in Deinhardtsteins Bearbeitung gegeben wurde, 
hat bekanntlich Hebbel aus der geheimen Sicherheit heraus, die 
sein vollendetes Herodesdrama ihm gab, es vernichtend be- 
sprochen. - Die fliichtigste Obersicht bestatigt es: die Geschich- 
te des Herodes ist ein BarockstofT. Und dies wird in helles 
Licht geriickt durch das Faktum, dafi fast alle nachbarocken 
Herodesdramen sei es Entwiirfe geblieben sind bei Bedeuten- 

9 Damian Salustio del Poyo: La pr6spera fortuna del famoso Ruy L6pez de 
Avalos. 

10 Johann Elias Schlegel: Nadiricht und Beurtheilung von Herodes dem Kinder- 
morder einem Trauerspiele Johann Klajs. Beytrage 2ur kritischen Historie der 
deutsdien Sprache, Poesie und Beredsamkeit, VII. Band, 1741 (Joh. Elias Schlegels 
Werke. Dritter Theil, hrsg. von Johann Heinridi Schlegeln, Kopcnhagen, Leipzig 
1764, S. 1-26). 

11 Philip Massinger: The Duke of Millain, 1623, 



256 Literarisdie und asthetische Essays 

deren, wie Lessing und Grillparzer, sei es unwesentlich erschei- 
nen diirften wie die Ruckerts oder Stephen Phillipps'. Von 
dieser Erscheinung macht Hebbel die bemerkenswerteste Aus- 
nahme. Unter alien Dramen dieses Stoffkreises kann nur das 
seinige zu einer genauern Vergleichung mit dem des Calderon 
auffordern. 

Man hat davon bisher in Deutschland nicht Notiz genommen. 
Der Grund liegt, so selten man ihn deutlich herausgesagt haben 
mag, dennoch zu Tage. Calderons Drama schien bei dem Ver- 
gleiche so viel einbiifien zu miissen, dafi man vorzog, es aus 
dem Spiele zu lassen. Denn was vermifite man da nicht alles: die 
folgerecht entwickelte Handlung, die tiefgehende psycholo- 
gische Motivierung, das wiirdige, getreue Kolorit. Und was 
hatte man nicht gern vermifk von dem was man fand: Dolch 
und Bild als Requisiten der Schicksalstragodie, gongoristisclien 
Schwulst, hin und wieder in die Rede eingeschobene Sonette, 
Frauenchore, Musik. Freilich dies alles obligate Bestandstucke 
Calderonischer Dichtung, und wenn das Herodesdrama in ge- 
wisser Hinsicht eine Ausnahmestellung unter seinen Hervorbrin- 
gungen einnimmt, so nicht um dieser Momente willen. Die ge- 
dachte Ausnahmestellung aber, die Spanier ihm zubilligen, die 
vielleicht Gries, durch das Faktum seiner Ubersetzung ihm zu- 
schreibt, weit entfernt zum Vergleich es unwiirdig erscheinen 
zu lassen, erhebt es unter seine ersten Produktionen. Eine spani- 
sche Autoritat - der Herausgeber des »Tesauro de teatro 
espanol« - nennt es als erstes unter den vier Stucken, die die 
Gipfel spanischer Dramatik der Zukunft bezeichnen konnten. 
Soviel ist also deutlich: wenn die deutschen Autoren zogern, bei 
Gelegenheit der Wiirdigung Hebbels diesem Drama naherzu- 
treten, so liegt der Grund nicht in dessen Minderwertigkeit, 
sondern in dem hochst Befremdenden, das seine Gattung je und 
je fur Deutschland behielt. Ohne dies Befremdliche ins Auge zu 
fassen, wird daher keine Reflexion auf das einzelne Drama er- 
tragreich sich richten konnen. In hochster Intensitat hat Deutsch- 
land mit den in jeder Hinsicht so schwer zuganglichen Werken 
Calderons vielleicht nur in einem Manne sich auseinanderge- 
setzt: in Goethe. Goethes Auseinandersetzung mit Calderon, 
iiber die man nicht das wertlose Buch von Dorer 12 , sondern 

12 Goethe und Calderon. Gedenkblatter zur Calderonfeier, hrsg. von Edmund 
Dorer, Leipzig 1881, 



»El mayor monstruo, los celos« und »Herodes und Mariamne« 257 

dessen reiche Rezension von Schuchardt 13 nachzulesen hat, kann, 
ganz abgesehen von ihrem selbstverstandlichen Wert, auch 
historisch gesehen noch heute von niemandem entbehrt werden, 
der vom Bereiche deutscher Dichtung aus Einblick in Calderon 
sucht. Goethes Auseinandersetzung, nicht A. W. Schlegels. Denn 
die beriihmte vierzehnte bezw. fiinfunddreifiigsteVorlesung iiber 
dramatische Kunst und Literatur ist, so bedeutende und so zu- 
treffende Formulierungen sie enthalt, alles andere als die un- 
umgangliche Auseinandersetzung mit diesem Geist. Vielmehr 
erhebt sie diesen mit einer gewissen Selbstherrlichkeit so schran- 
kenlos, dafi sie durch ihren Mangel an Urbanitat notwendiger- 
weise die Literatoren vor den Kopf stofien mufite. Wie denn 
Tieck, Graf Sciiack und Klein in ihren Arbeiten iiber das spani- 
sche Drama mit deutlicher Spitze gegen Schlegel sich zu Lope 
bekennen und mehr oder weniger den Dichter des politischen 
Verfalls in Calderon sehen. So fragwiirdig derlei Analogie- 
schlusse von Perioden der pragmatischen Geschichte auf solche 
der Literatur sein mogen - zu leugnen ist nicht, dafi gerade fiir 
Calderon in Deutschland Schlegel weniger begriindend als an- 
regend sich eingesetzt hat. Man ist versucht, von der Rolle eines 
Diplomaten zu reden. Und wirklich kann, wer naher dem Intri- 
genspiel um den Namen des grofien Spaniers zu Beginn des 
neunzehnten Jahrhunderts zusieht, sich aus dem Bereiche der 
Literatur in den der hohen Politik versetzt glauben. Schlegels 
suchte jeder, der mit Calderon beschaftigt war, sich zu versichern. 
Aber nicht nur Gries blieb auf die Obersendung der ersten Ban- 
de seiner Obersetzung ohne Antwort, sondern selbst in einer 
Angelegenheit, wie der beriihmte Streit es war, den Bohl von 
Faber, ein Deutscher, in Spanien gegen Joaquin de Mora um 
den dichterischen Wert Calderons und gegen das seichte franzo- 
sische Theater, das in Spanien eindrang, fiihrte, weigerte Schlegel 
sich stillschweigend, seine Stimme, wie man ihn ersucht hatte, 
zugunsten seines Landsmanns abzugeben 14 . So sehr betrachtete 
er es als die Domane seines Schrifttums allein, literarischen 
Ruhm zu vergeben. Hinzu kommt, dafi seine Calderoniiber- 

13 Hugo Sdiuchardt: Romanisdies und Keltisches. Gesammelte Aufsatze, Strafi- 
burg 1886, S. 120-149. 

14 Vgl. Camille Pitollet: La querelle calderonienne de Johan Nikolas Bohl von 
Faber et Jos£ Joaquin de Mora, Paris 1901. 



258 Literarische und asthetische Essays 

setzung durch die von Gries audi an Qualitat weit iiber- 
troffen wurde und daft er in die Rolle des Anregenden, zumin- 
dest bei Goethe, mit Wilhelm von Humboldt sich teilen mufite. 
Audi Humboldts Briefe aus Spanien wiesen Goethe auf Cal- 
deron. Bekannt ist der Bericht von jener Weimarer Vorlesung des 
»Standhaften Prinzen« durch Goethe, bei der gegen SchlufJ, da 
der tote Prinz als Geist seinen singenden Truppen voranschrei- 
tet, Goethe erschuttert das Buch auf den Tisch warf, und sehr 
schon hat Schuchardt hierbei an die Calderoneske Schlufiapo- 
theose des »Egmont« erinnert. Fiir Goethe war diese Begeiste- 
rung Beginn eines langjahrigen wechselvollen Ringens mit dem 
Ingenium des Spaniers. Darin hat er, wenn audi nur sehr an- 
deutend, Gedanken zutage gefordert, die fur die Auseinander- 
setzung der deutschen Kritik mit Calderon kanonische Bedeu- 
tung beanspruchen. Er brachte, wenn wir nlcht irren, drei hochst 
ausgebildete Gaben in dieses Ringen, in denen er dem Spanier 
nicht nur gewachsen erschien sondern verwandt. Sie erlaubten 
es ihm, dieses fremdartige Genie enger, als es je sonst einem 
deutschen Dichter gelang, zu umfassen: Phantasie, Noblesse, 
Artistentum. Hebbels Wesen fehlten die beiden letzten Momen- 
te durchaus; man begreift, warum ihm Calderon immer fremd 
geblieben ist. Insbesondere diirfte es wohl kaum einen neuern 
Dichter von Hebbels Rang gegeben haben, dem alles Artistische 
so fern lag. Man mag dies nun als Lob verstehen oder anders: 
ein Erfassen Calderons schliefk es aus. Fiir die dichterische Beur- 
teilung des Spaniers . ist dieses Moment wichtiger als die 
religiose Stellung des Urteilenden. Dem Katholizismus stand 
Goethe so fern wie Hebbel, aber als Artist wufke er bei sich 
und andern eine Stelle in der Okonomie des Dramas ihm gele- 
gentlich zuzugestehen. Von der ersten bedingungslos enthusiasti- 
schen Einstellung, da er behauptete, aus dem »Standhaften 
Prinzen« die Poesie wiederherstellen zu konnen, wenn sie aus 
der Welt verlorengegangen ware, ist Goethe zuruckgekommen. 
Aber noch 1812 kann er ihn in einer Bemerkung uber Shake- 
speare stellen. Die Bedenken setzten spater beim »Abstrusen« 
ein: beim Abstrusen des Gehalts, dem Katholizismus, und beim 
Abstrusen der Form, dem theatralischen Pomp. In diesem Sinne 
hat er gemeint, dz& er Schiller hatte gefahrlich werden konnen, 
ihn selber aber nie beeinflufit habe. Aber selbst in dieser Zeit, 



»El mayor monstruo, los celos« und »Herodes und Mariamne« 259 

da er in der Rezension der »Tochter der Luft« sein Verhaltnis zu 
Calderon abschliefiend zu formulieren suchte, hat er auf die 
Kenntnis der Zeitverhaltnisse gedrungen, unter denen der Spa- 
rser schrieb, nicht, umwegen seiner Bedingtheit ihm nachzusehen, 
sondern um die Art seiner Unbedingtheit erfassen zu konnen. 
So heifit es in den Anmerkungen zur Obersetzung von »Ra- 
meaus Neffe«: »Man gedenke Shakespeares und Calderons! Vor 
dem hochsten asthetischen Richterstuhle bestehn sie untadelig, 
und wenn irgendein verstandiger Sonderer wegen gewisser 
Stellen hartnackig gegen sie klagen sollte, so wiirden sie ein 
Bild jener Nation, jener Zeit, fiir welche sie gearbeitet, lachelnd 
vorweisen und nicht etwa dadurch blofi Nachsicht erwerben, 
sondern deshalb, weil sie sich so gliicklich bequemen konnten, 
neue Lorbeern verdienen.« 

Wem sich Calderon eigentlich bequemt habe, will als Vorbedin- 
gung des Verstandnisses seiner Dramen beleuchtet sein. Zweier- 
lei wird man vor allem andern hier zu nennen haben: den 
Katholizismus und den Hof. Nicht die Drohung ihrer Zensur 
sondern dieGewalt der in ihnen lebendigen Ideen hat vonGrund 
aus das Drama Calderons, in dessen Person hohe geistliche und 
weltliche Wiirden sich vereinigten, bestimmt. In welchem Sinne 
dies vom Katholizismus gilt, hat Ulrici in seinem Werke »Uber 
Shakespeares dramatische Kunst und sein Verhaltnis zu Calde- 
ron und Goethe« vortrefTlich bezeichnet. Es heifk: Bei Calderon 
»mufi wegen der an sich schon vorhandenen und vorausgesetzten 
Versohnung der Gegensatze, bei der schon geschehenen Erlo- 
sung der Menschheit durch Gott, ... die Aktion in eine solche 
Verwickelung, das Wollen und Thun der Menschen durch beson- 
dere Umstande so in Widerspruch gegen die gottliche Ordnung 
gesetzt werden, dafi Gottes unmittelbares aufieres Eingreifen 
wenigstens einen Schein der Nothwendigkeit gewinnt«. Nun ist 
freilich nicht uberall, zumal nicht in dem Herodesdrama, das 
hier vorausgesetzte unmittelbare Eingreifen Gottes gegeben. So 
wohlfeil gibt die seltsame »Aufierlichkeit« Calderons ihr Ge- 
heimnis nicht her. Aber es bleibt Ulricis Frage in Kraft: Welche 
profanen Stoffe sind mit echt dramatischem Interesse in einer 
Welt noch verwertbar, deren tiefste sittliche Ordnungen (bis 
ins einzelne: man denke an die damalige Kasuistik) unverriick- 
bar transzendent bestimmt sind? Wie auch immer die Antwort 



z6o Literarische und asthetische Essays 

im einzelnen lauten mag, von vornherein ist klar, dafi in sol- 
chen Dramen weit ostentativer als sonst der Charakter des 
Spieles hervortreten wird. Zugleidi ist evident, wie unbedingt 
der Versuch, dies Drama als Tragodie anzusprechen, das Ver- 
standnis vereiteln mufi. Ulrici, der eine andere Moglichkeit 
nicht kannte, wendet doch, ratios, zuletzt ein: »Hier geht das 
menschlich Edle und Grofie nicht an seiner irdischen Schwache 
und Verkehrtheit unter, sondern gerade durcfa seine sittliche und 
religiose Grofie findet es den Tod im Kampfe mit der ihm ent- 
gegenstehenden Macht des Unheils und des B6sen.« Es liegt im 
»Standhaften Prinzen«, von dem dies gesagt ist, ein Marty rer- 
drama vor. Aber audi fur die iibrigen Dramen, fur das Hero- 
desdrama insbesondere, diirfte sich zeigen lassen, dafi da von 
einer echten tragischen Schuld (als welcher eine gewisse Parado- 
xic eignen mufi), von einer ecHten Wiederherstelluung der sittli- 
chen Weltordnung und dergleichen nicht die Rede sein kann. 
Trauer begleitet den Untergang der hochherzigen Gatten, eine 
Trauer die grenzenlos ware, wenn nicht in der Fiigung jene 
Absichtlichkeit, von der Goethe gesagt hat, dafi ihr Schein je- 
dem Kunstwerk eigne, mit einem Nachdruck hervortrate, wel- 
cher der Trauer wehrt. Ein Trauer-Spiel also. Und so hat es 
seinen guten Sinn, wenn das von Goethe unter dem intensiven 
Einflufi Calderons an einem Stoff aus der Zeit Karls des Grofien 
sich versuchende Dramenfragment unter dem apokryphen Na- 
men eines »Trauerspiels aus der Christenheit« geht. 
Die Dramatik des Spiels sieht, wo sie historischen Stoffen ge- 
geniibersteht, sich genotigt, Schicksal als Spiel zu entfalten. Eben 
dieser Zwiespalt ist es, der die »romantische Tragodie« konstitu- 
iert. Unter den neueren Dichtern hat keiner wie Schiller darum 
gerungen, das antike Pathos, den letzten Ernst der alten Trago- 
die eben in jenen Stoffen noch zu behaupten, die mit demMythos 
der Tragiker nichts mehr gemein haben. Wo Goethe zu bedeu- 
tenden und in der Sache sehr gegriindeten Vermittlungen geneigt 
war, hat das Drama von Schiller, als naturalistisches und als 
historisches, die beiden Moglichkeiten auszuschopfen gesucht, 
welche fur die Exposition antikischen Schicksals in der Moderne 
noch zu bestehen schienen. Beide sind spater versandet: die eine 
in den Hohenstaufendramen eines Raupach, die andere in 
Schicksalsdramen wie den »Gespenstern«. Es war die Bedeutung 



»E1 mayor monstruo, los celos« und »Herodes und Mariamne« 261 

der Freiheitsidee fiir Schiller, dafi sie gleichsam durch Reflexe 
den Schicksalscharakter des Historischen in etwas hervorzuheben 
imstande schien. Und doch, wie wenig ist es ihm gelungen, anti- 
ken Ernst der » Maria Stuart « oder der »Jungfrau von Orleans « 
zu sichern; wie opernhaft ist der Anfang des »Tell«; und wie hat 
gerade der radikalste Versuch, nodi einmal des antiken Ver- 
hangnisses habhaft zu werden in der »Braut von Messina« wek 
von allem Griechentum ab in den Bereich des romantischen 
Schicksalsdramas gefiihrt. Von solchen Oberlegungen aus hat 
Goethes schon genanntes Wort, dafi Calderon Schiller hatte 
gefahrlich werden konnen, nichts Ratselhaftes mehr. Und mit 
Grund konnte er sich gesichert glauben, wenn er wie am Schlusse 
des Faust das bewufit und niichtern ergriff, wozu Schiller halb 
widerwillig sich gedrangt, halb unwiderstehlich gezogen fuhlte. 
Dafi dagegen auch Hebbel jemals in Calderons Nahe gestellt 
worden ist, mufi iiberraschen und kann durch den betreffenden 
Satz bei Treitschke 15 , der behauptet, dafi »ja ausschweifende 
Phantastik im Innersten verwandt ist mit den Verirrungen iiber- 
feinen Verstandes«, kaum als begriindet gelten. 
Durch die eminente Auspragung des romantischen Elements und 
- was darin mitgegeben - durch dessen eminente Bewufithek 
bleibt die Calderonsche Dramenform von der Schillerschen bei 
alien Analogien doch grundverschieden. Dagegen hat in ihr der 
Graf Schack den Ursprung der Schicksalstragodie der deutschen 
Romantiker, und zwar gerade in demHerodesdrama den »ersten 
Keim jener wiisten Gebilde« erkennen wollen. Wie dem nun sei, 
jedenfalls macht eine neuere Abhandlung iiber »Calderons 
Schicksalstragodien« von Berens 16 es sich zu leicht, wenn sie 
dem Problem der Schicksalstragodie alle grundsatzliche Bedeu- 
tung mit der Behauptung nehmen will, ihr Begriff als der 
einer eignen poetischen Gattung sei erst von der deutschen Kri- 
tik und Dichtung in die Literatur hineingetragen worden. Der 
Begriff durch die Kritik vielleicht; die Sache durch die Dichtung 
nicht. Mufi doch Berens selbst zugeben, dafi gerade Calderons 
Herodesdrama eine »Verwandtschaft mit der Schicksalstragodie 

15 [Heinrich von Treitschke:] Zeitgenossische Dichter. Ill: Friedrich Hebbel. (Preu- 
iJische Jahrbiidier, hrsg. von R[udolf] Haym, 5. Bd., Berlin 1860, S. 559 [6. Heft].) 

16 Peter Berens: Calderons Sdiidcsalstragbdien. (Romanische Forschungen 39 [1921 
bis 1926], S. 1-66 [r. Heft, November '21].) 



i6z Literarische und asthetische Essays 

der deutschen Romantik« zeigt. Und sie ist darum fur Calderon 
dodi um nidits weniger typisch. Ein Blick auf die Handlung 
begegnet alsbald den markanten Ziigen des Schicksalsdramas. 
Eine Wahrsagung steht am Anfang. Mariamne klagt dem Gat- 
ten den Spruch eines Zauberers. Er sagt doppeltes Unheil vor- 
aus: sie werde als Opfer des furchtbarsten Scheusals der Erde 
fallen und Herodes werde mit seinem Dolche toten, was ihm das 
liebste auf der Erde sei. Die Handlung ist so gefiihrt, dafi, sind 
diese Worte einmal gesprochen, der Dolch wahrend des ganzen 
Vorgangs der Aufmerksamkeit des Beschauers nicht mehr ent- 
geht. Herodes, durch die Prophezeiung wenig beunruhigt, wirft 
ihn, seine Freiheit zu bekunden, von sich ins Meer. Weheruf 
tont ihm von dort entgegen; der Dolch verletzte den Boten, der 
die Nachricht von Octavians Sieg iiber die dem Antonius ver- 
bundete Flotte des Herodes bringt. Dieser, von Octavian zur 
Verantwortung nach Memphis gerufen, erblickt iiber der Tur 
des koniglichen Audienzsaales das lebensgrofie Bild seiner Ge- 
mahlin. Den Romer hat ein Miniaturportrat, das mit der Sieges- 
beute ihm zufiel, in Liebe zu der Dargestellten, der Mariamne, 
entbrennen lassen. Ihr Bruder Aristobulus, Octavians Gefang- 
ner, der das Unheil ahnt, das sich aus dieser Leidenschaft entfal- 
ten konnte, nennt sie, ohne ihm ihren Namen zu verraten, eine 
Tote. Octavian lafit die Miniatur in einem lebensgrofien Por- 
trat wiederholen und in Eile wird dies iiber seiner Schwelle be- 
festigt. So tief der Anblick des Bildes den Herodes erregt, er 
findet in der Notigung, vor Octavian sich zu verteidigen, nicht 
Zeit, wie es dort hin kam, sich audi nur zu fragen. Aber kein 
Schatten von Verdacht fallt auf seine Gemahlin. Liefie unter der 
Fiille von Schonheiten in diesem Drama sich eine hervorheben, so 
ware es die Szene, in der der Tetrarch, entwaffnet durch die 
Anwesenheit des Gemaldes, dessen Gegenstand nur ihm be- 
kannt ist, ein Bild der Verstorung vor den Augen des hochmu- 
tigen Siegers dasteht, der dies miEdeutet. Zuletzt, da Octavian 
sich zum Gehen wendet, lafit er sich zu einer Beleidigung des 
Fiirsten hinreifien. Herodes stiirzt sich mit geziicktem Dolch 
in seinen Riicken. In diesem Augenblick fallt das Bild von 
der Wand und indem es zwischen die Gegner zu stehen kommt, 
sieht Herodes unversehens den Dolch in dem Bildnis Mariam- 
nens stecken. Im Kerker zu Memphis erteilt er dem Diener des 



»E1 mayor monstruo, los celos« und »Herodes und Mariamne« 263 

Aristobulus den Mordbefehl, mit dem dieser nach Jerusalem 
entkommt. Dort entdeckt ihn Mariamne, nicht wie bei Josephus 
und Hebbel dank dem Verhalten des Eingeweihten, sondern in 
planvoll veraufierlichter Motivierung durch eine Zwistigkeit, 
die der Empfanger Ptolemaeus mit seiner Freundin hat, deren 
Eifersucht in dem Briefe ein Zeugnis verheimliciiter Liebschaft 
argwohnt. Mariamne wird Zeugin des Streites und erheischt den 
zerrifinen Brief. Von seinem Inhalt gibt sie in den folgenden 
Worten, die den Charakter der Dichtung auf einem Hohepunkt 
auspragen, sich Rechenschaft: 

Was enthalten denn die Blatter? 
Tod ist gleich das erste Wort, 
Das ich finde; hier stent: Ehre, 
Und dort les* ich: Mariamne. 
Was ist dieses? Himmel, rette! 
Denn sehr viel sagt in drei Worten 
Mariamne, Tod und Ehre. 
Hier steht: in der S title; hier: 
Wiirde; hier: heischt; und hier: Streben; 
Und hier: sterb* ich, fahrt es fort. 
Doch was zweifT ich? Schon belehren 
Mich die Falten des Papiers, 
Die, entfaltend solchen Frevel, 
Auf einander sich beziehen. 
Flur, auf deinem grunen Teppich, 
Lafi mich sie zusammen fiigen! 

Soweit die beiden ersten Akte. Der dritte zeigt den Einzug des 
Octavian in Jerusalem und dessen Begnadigung des Fursten auf 
die Bitten der Mariamne, in der er das Urbild des Portrats er- 
kennt. Angedeutet ist im Vortrag ihrer Bitte und im Dank, wie 
tief der Eindruck sie betrifTt, den die Achtung ihres Werts und 
ihrer Schonheit durch den Sieger im Gegensatz zur Mifiachtung 
durch den Besiegten in ihr hervorruft. Im Palaste sagt sie sich 
in einer sehr langen Ansprache, nach deren Schlufi sie verschwin- 
det, von dem Gatten los. Es findet in dem ganzen Drama zwi- 
schen den Gatten sich nur ein Dialog, er steht am Beginn und 
betrifft die Weissagung. Der verlassene Herodes zieht den, an 
dem Unheil unschuldigen Ptolemaeus zur Rechenschaft und will 



264 Literarische und asthetische Essays 

ihn toten. Der fliidhtet zu Octavian und beriditet ihm, um sein 
Erscheinen zu begriinden, falschlich, Herodes trachte der Mari- 
amne nach dem Leben. Octavian dringt daraufhin sogleich, am 
spaten Abend, in ihren Palast, findet sie, im Begriffe sich zu 
entkleiden, bei ihren Frauen und bestiirmt sie. Mariamne ent- 
flieht, er folgt ihr. Die verlassene Biihne betritt der Tetrarch; 
den Anblick, den sie ihm bietet, deutet er falsch. Am Boden 
liegt der Dolch, den Octavian nach dem Mordversuch des Te- 
trarchen an sich genommen, den Mariamne jenem entrissen, um 
sich zu toten, wenn er ihr zu nahe treten sollte. Da sie nun, 
weiter verfolgt von Octavian, von neuem eintritt, ergreift He- 
rodes den Dolch, stlirzt sich auf seinen Gegner, trifft in der 
Dunkelheit aber die Gattin. Er endet sein Leben, indem er sich 
ins Meer stiirzt. 

»Es ware«, so heifit es bei Berens, »das Natiirliche gewesen, den 
Tod der Mariene aus der Eifersucht des Herodes zu motivie- 
ren. Die Losung drangte sich sogar mit einer zwingenden Ge- 
walt auf, und die AbsichtHchkeit, mit der Calderon ihr entge- 
genarbeitete, um der >Schicksalstragodie< den ihr zukommenden 
Abschlufi zu geben, ist offenkundig.« Hiermit ist freilich das 
Zentrum der Calderonschen Dichtung getroffen, doch nur um, 
von diesem Beurteiler so gut wie von andern, als unbegreifliche 
Marotte, die dem Dichter das Konzept verdorben habe, beiseite 
geschoben zu werden. Und doch erschliefit sich nicht allein die 
Struktur sondern audi die grofie Schonheit dieser Dichtung nur 
dem, der Einblick in ihre Auffassung vom dramatischen Schick- 
sal zu gewinnen vermag. Nichts vermochte sie deutlicher klar- 
zustellen als ein Blick auf den »K6nig Odipus« des Sophokles. 
Im Mittelpunkt beider Dramen steht ein Orakel. In beiden voll- 
zieht dessen Spruch sich wider Willen der Helden. Blitzartig 
zeigt es sich Odipus, im Gesprach mit dem Hirten, als ein langst 
schon erfulltes. Im Gegensatz dazu bleibt das Geschehen bei 
Calderon magnetisch an die Prophezeiung gebannt, in keinem 
Stadium kann es sich von ihr ablosen. Diese Bindung des Ge- 
schehens an das Orakel vollzieht sich durch das Requisit. Es ist 
dies geradezu das unterscheidende Kriterium der echten, roman- 
tischen Schicksalsdramatik gegen die antike, im tiefsten der 
Schicksalsordnung sich versagenden Tragodie. Ja, nicht Dinge 
allein nehmen in jenem modernen Drama den Charakter des 



»E1 mayor monstruo, los celos« und »Herodes und Mariamne« 265 

Requisits an. Nicht aus Eifersudit totet Herodes die Gattin, son- 
dern durch Eifersuciit kommt sie um. Durch Eifersudit ist 
Herodes dem Schicksal verhaftet und ihrer, als der gefahrlich 
entbrannten Natur des Menschen, bedient es sich in seiner Spha- 
re nicht anders als der toten Natur der Dolche und Bilder zu 
Unheil und Unheilszeichen. Nicht die sittliche Entfaltung eines 
mythisdien Vorgangs in der Tragodie sondern die Darstellung 
des spannungslosen schicksalhaften Naturablaufs im Trauer- 
spiel liegt in dem Calderonschen Herodesdrama vor. Aber ge- 
rade weil die sonderbare und wahrhaft monstrose Eifersudit 
des Tetrardien, aller sittlichen Problematik enthoben (da schon 
die Schicksalsverfallenheit ihr das Urteil spricht), als Requisit 
in die Verwicklung eingeht, gewinnt die Liebe neben ihr noch 
Raum zu der Entfaltung ihrer Herrlichkeit. In der Natur der 
Liebe ist im Fursten die der Eifersudit iiberwaltigt. So monstros 
die letzte ist, ihm selber haftet vom Monstrum nichts an. Cal- 
deron allein war es gegeben, die innigste Liebe mit der bren- 
nendsten Eifersudit vereinigt ersdieinen zu lassen. Herodes 
Zweifel an Mariamnens Treue ist doch kein Zweifel an Mariam- 
nens Liebe. Denn in unvergleichlicher, ja ersdiutternder Wen- 
dung hat Calderon die Mariamne gerade in den Augen des He- 
rodes als befangen in einem unaufloslidien Zwiespalt ersdieinen 
lassen. Nicht umsonst ist, in Anlehnung an Josephus, bei ihm mit 
fast opernhaftem Nachdruck die Schonheit der Gattin, die eine 
so geringe Rolle bei Hebbel spielt, betont worden. So gilt die 
Klage des Calderonschen Herodes nicht den Mannern wankel- 
mii tiger Frauen, sondern lautet ganz anders: 

Wehe dem unsel'gen Mann, 

Wen* ihm tausendmal und tausend, 

Der ein Weib von hochster Schonheit 

Sein zu nennen sich getrauet! 

Denn das eigne Weib, nicht nab* es 

Hohen Ruf ; zur Gniige tauget 

Ihm in alien Dingen Anmuth, 

Doch nicht iibermacht'ger Zauber. 

Denn ein Hermelin ist Schonheit, 

Ewig von Gefahr umlauert; 

Wehrt sich's nicht, so kommt es um, 

Wehrt sich's, wird sein Glanz geraubet. 



266 Literarisdie und asthetische Essays 

Mariamne ist - und hierin wie sonst ist spanische Sitte zur 
Handhabe der Entfaltung unverganglichen Gehalts geworden - 
die aufierste Treue nur dem Lebenden schuldig, wahrend nach 
dessen Tode der glUckliche Nachfolger mit dem Throne sie sel- 
ber beanspruchen konnte, dem sie dann vielleicht mit gleichem 
Pflichtgefiihl zu dienen vermochte. Erscheint damit die Passi- 
vitat der Konigin aufs Extremste betont, so trifft die Wucht 
seiner Eifersucht den Tetrarchen, ohne daft er audi nur in Ge- 
danken seine Frau zu kranken vermochte, ja ohne dafi er an 
ihrer Liebe auch im mindesten nur zweifelte. Deren ist er, wie 
der Dichter es in der unmittelbar der Ausfertigung des Mord- 
befehls vorhergehenden Szene betont, vollkommen sicher. An- 
ders krankend dahingegen ist die Folge, die er seiner Eifersucht 
gibt. Und doch, wie milde spricht selbst dariiber bisweilen 
Mariamne sich aus! 

Vielleicht ist es moglich, in dem Bestreben, den Schein des Ab- 
strusen von dieser Dichtung fernzuhalten, noch einen Schritt 
weiter zu tun. Immer wird dieser Versuch auf das Recht der 
Schicksals»tragodie« zuruckkommen. Auch ohne in ausfiihrliche 
Diskussion des Schicksalsbegriffs verwickelt zu werden, ist dies 
eine von vornherein festzuhalten: nicht der unentrinnbare Kau- 
salzusammenhang an sich ist ein schicksalhafter. Es wird, sooft 
man es auch wiederholen mag, niemals wahr werden, dafi dem 
Dramatiker die Aufgabe zufiele, ein Geschehen als ein im kau- 
salen Sinne notwendiges vor den Zuschauern zu entwickeln. Wie 
sollte auch die Kunst einer These Nachdruck verleihen konnen, 
die zu vertreten das eigenste Anliegen des Determinismus ist? 
Ein Kunstwerk, sofern philosophische Bestimmungen in seine 
Struktur eingehen, wird doch immer nur solche, die den Sinn des 
Daseins betreffen, in sich tragen. Lehrmeinungen iiber die Fak- 
tizitat des Weltgeschehens bleiben, und mogen sie auch dessen 
Totalitat betreffen, fiir ein Kunstwerk belanglos. Die determi- 
nistische Anschauung also, als eine Theorie iiber den Sachverhalt 
des Naturgeschehens, kann keine Kunstform bestimmen. Anders 
der echte Schicksalsgedanke, dessen entscheidendes Motiv in der 
Annahme des ewigen Sinnes solcher Determiniertheit liegt. Von 
ihm aus aber braucht diese Determinierung keineswegs durch 
Naturgesetze sich zu vollziehen; auch ein Wunder kann deren 
ewigen Sinn zur Erscheinung bringen. Nicht in der faktischen 



»E1 mayor monstruo, los celos« und »Herodes und Mariamne« 267 

Unentrinnbarkeit liegt derselbe. Kern des SchicksalsbegrifTs ist 
vielmehr die Oberzeugung, dafi nur erst die Schuld, welche in 
diesem Zusammenhang stets kreatiirliche Schuld (ahnlich der 
Erbsiinde), nicht sittliche Verfehlung des Handelnden ist, die 
Kausalitat zum Instrument eines unaufhaltsam abrollenden 
Fatums macht. Schicksal ist die Entelechie eines Geschehens, in 
dessen Mitte der Schuldige steht. Aufierhalb des Bereiches der 
Schuld verliert es alle Kraft. Der Schwerpunkt, nach welchem 
die Schicksalsbewegung dergestalt abrollt, ist der Tod. Der Tod 
nicht als Strafe sondern als Siihne: als Ausdruck der Verfallen- 
heit des verschuldeten Lebens an das Gesetz des natiirlichen. In 
diesem Sinne also ist der Charakter des Todes im Schicksals- 
drama ganz verschieden von dem sieghaften Tode des tragischen 
Helden. Und eben diese Verfallenheit des verschuldeten Le- 
bens an die Natur ist es, die in der Hemmungslosigkeit seiner 
Leidenschaften sich kundgibt. Die Gewalt, welche die leblosen 
Dinge im Umkreis des schuldigen Menschen zu dessen Leb- 
zeiten schon gewinnen, ist der Vorbote des Todes. Die Leiden- 
schaft setzt die Requisiten in Bewegung; diese sind gleichsam nur 
die seismographische Nadel, welche die Erschiitterungen des 
Menschen verzeichnet. Im Schicksalsdrama spricht sich in den 
Leidenschaften die Natur des Menschen wie in dem Zufall die 
der Dinge unter dem gemeinsamen Gesetz des Schicksals aus. 
Dies Gesetz tritt um so deutlicher heraus, je bedeutungsvoller 
die Schwingungskurve der Nadel erscheint. In diesem Sinne ist 
es nicht gleichgiiltig, ob, wie in so vielen deutschen Schicksals- 
dramen, ein armseliges Instrument in mesquinen Verwicklungen 
dem Verfolgten sich aufnotigt, oder ob uralte Motive wie das 
des verschmahten Opfers im Dolche oder das des Zaubers im 
durchbohrten Bildnis sich aussprechen. In diesem Zusammen- 
hange tritt die ganze Wahrheit des Schlegelschen Satzes hervor: 
er wisse »keinen Dramatiker, der den Effekt so zu poetisiren 
gewufit hatte«. Calderon war in diesem Fache unvergleichlich, 
weil der Effekt innere Notwendigkeit fiir seine eigenste Form, 
das Schicksalsdrama gewesen ist. 

Diese Welt des Schicksals, noch einmal sei es hervorgehoben, war 
eine in sich geschlossene. Es war die sublunarische Welt im stren- 
gen Sinne, eine Welt der elenden oder prangenden Kreatur, 
in der immer wieder ad maiorem dei gloriam und zur Augen- 



268 Literarische und asthetische Essays 

weide der Beschauer die Regel des Schicksals fiir die Kreaturen 
virtuos und uberraschend sich bestatigen sollte. Audi Calderons 
theoretische Anschauungen, soweit sie aus FormuKerungen seiner 
Dramen sich vermutungsweise erschliefien lassen, scheinen auf 
diese Anschauung zu fuhren. Nicht umsonst hat ein Geist 
wie Zacharias Werner, ehe er in die katholische Kirche sich 
fluchtete, sich am Schicksalsdrama versucht. Dessen nur scheinbar 
heidnische Weltlichkeit ist letzten Endes das Komplement des 
kirchlichen Mysteriendramas in jenem Reiche Philipps des Vier- 
ten, in dem alles Weltliche viel zu hypertrophisch gediehen war, 
um nicht die Buhne sich zu eigen zu machen. Was aber audi die 
theoretisch gerichteten Romantiker so magisch an Calderon fes- 
selte, dafi man ihn, trotz Shakespeare, vielleicht ihren Dramati- 
ker xat' £|oxV nennen darf, ist, dafi in aufierstem Mafie bei 
ihm eines erfiillt war, das sie in ihrem eignen Schaffen erstreb- 
ten: die Unendlichkeit war gesichert durch blofie Reflexion. Das 
ganze Herodesdrama ist von den skurrilsten Debatten iiber 
Schicksalsmacht und Menschenwillen durchzogen. Spielerisch 
wird das Geschehen durch die Reflexion verkleinert, welche Cal- 
derons Helden jederzeit bei der Hand haben, um in ihr die 
ganze Schicksalsordnung wie einen Bail in Handen zu wenden, 
den man bald von dieser, bald von jener Seite betrachtet. Was 
anders hatten die Romantiker zuletzt ersehnt, als das in den 
goldnen Ketten der Autoritat verantwortungslos reflektierende 
Genie? 

Ist diese Auffassung des Calderonschen Schicksalsdramas ge- 
rechtfertigt, so schliefit sie freilidi etwas Befremdendes ein: die 
Natur, als InbegrirT der Kreaturen, miifite dramatisch belang- 
voll erscheinen. Fiir den, dessen BHck an das deutsche Drama 
der letzten zweihundert Jahre gefesselt bleibt, eine schwer voll- 
ziehbare Vorstellung; weniger unzuganglich freilich dem, der die 
Zeitgenossen Calderons unter den deutschen Dramatikern, ins- 
besondere etwa Gryphius, im Sinne hatte. Wie dem audi sei, 
gerade iiber die auffallende Betonung der Natur in den Dra- 
men des Spaniers waren die berufensten deutschen Kritiker sich 
einig. So heifit es bei A. W. Schlegel: »Seine Poesie, was audi 
scheinbar ihr Gegenstand seyn moge, ist ein unermiidlicher 
Jubel-Hymnus auf die Herrlichkeiten der Schopfung, darum 
feyert er mit immer neuem freudigem Erstaunen die Erzeugnisse 



»El mayor monstruo, los celos« und »Herodes und Mariamne« 269 

der Natur und der menschlicheri Kunst, als erblickte er sie eben 
zum erstenmale in noch unabgenutzter Festpracht. Es ist Adams 
erstes Erwachen, gepaart mit einer Beredsamkeit und Gewandt- 
heit des Ausdrucks, mit einer Durchdringung der geheimsten 
Naturbeziehungen, wie nur hohe Geistesbildung und reife Be- 
schaulichkeit sie verschaffen kann. Wenn er das Entfern teste, 
das Grofite und Kleinste, Sterne und Blumen zusammenstellt, 
so ist der Sinn aller seiner Metaphern der gegenseitige Zug aller 
erschaffnen Dinge zu einander wegen ihres gemeinschaftlichen 
Ursprungs.« Ahnlich hat Goethe 1816 gestanden, dafi ihn die 
Ubersetzungen aus Calderon »in ein herrliches, meerumflosse- 
nes, blumen- und fruchtreiches, von klaren Gestirnen beschiene- 
nes Land« versetzten. Spater freilich heiflt es ganz anders, 
Calderon sei »bretterhaft«, eigentliche Naturanschauung gabe 
er durchaus nicht. An sich ist audi dieses Urteil wohl verstand- 
lich. Vergegenwartigt man sich etwa aus denxHerodesdrama die 
Schilderung der Seeschlacht, wo die Schopfung als solidarischer 
Trager des natiirlichen Lebens in alien Leidenschaften der Men- 
schen und in alien Zufalligkeiten des Geschehens hervorragend 
gegenwartig bleibt, so versteht man Goethes Befremden. (Wie- 
wohl es gesagt sein mag, da£ es vielleicht nicht eine Calderones- 
ke Extravaganz gibt, die man an der oder jener Stelle des 
zweiten Teiles des Faust nicht wiederfande.) Auch die gesell- 
schaflliche Ordnung und ihre Representation, der Hof, ist bei 
Calderon gleichsam ein Naturphanomen hochster Stufe. Die 
Ehre des Herodes ist ihr erstes Gesetz. Mit aufierordentlicher 
Kuhnheit bezeichnet im Herodesdrama der Dichter die Soli- 
daritat der staatlichen und natiirlichen Ordnung in der Schop- 
fung, wenn um seiner Liebe und nur um ihretwillen Herodes die 
Weltherrschaft sucht. In jedem andern Anschauungskreis wiirde 
dies seine Konigsehre mindern, hier steigert es sie, da durch die 
Einheit mit seiner Liebe sie sich als eines mit der Schopfung 
erweist. Ubrigens aber versaumt der Dichter kaum eine Gele- 
genheit, die Paradoxien des nationalen spanischen Ehrbegriffs 
absichtsvoll ins Ungeheure zu steigern, als Ausdruck einer un- 
heilvollen und unwiderstehlichen Manifestation des Schick- 
sals, dem das Geschopf unterliegt, wie der Baum dem Gewitter. 
Einzig in nimmermuden dialektischen Reflexionen vermag es 
sich zu salvieren. In diesem Sinne heiEt es bei Berens mit 



270 Literarische und asthetische Essays 

Recht: »Wenn die antike Schicksalstragodie durch die zermal- 
mende Wucht des Leidens und die deutsch-romantische durch 
die gespensterhafte Stimmung wirkt, so ist bei dem spanischen 
Dramatiker das entsprechende Merkmal die Geistigkeit, die 
Herrschaft des Gedankens.« Sehr fein sieht der Verfasser dieses 
geistige Moment darin bekundet, dafi Calderons Schicksals- 
tragodien gemeinhin bei Tage spielen. Gerade die Ausnahme, 
die das Herodesdrama von dieser Regel macht, hat durch die 
gesteigerte Drastik, die ihm damit verliehen ist, die deutsche 
Schicksalstragodie moglicherweise beeinflussen konnen. Zugleich 
bestatigt dies Faktum noch einmal, wie weit man von der Tra- 
godie in diesen Bereichen entfernt ist, wenn anders das feine 
Wort des Bossu (das Jean Paul in der »Asthetik« zitiert), es sei 
keine Tragodie in die Nacht zu verlegen, seine Richtigkeit hat. 
Es kann keine Oberlegung helleres Licht auf das Trauerspiel, 
genauer, das Schicksalsdrama (denn es ist natiirlich nicht jedes 
Trauerspiel ein solches) werfen, als das Calderons Herodes- 
stiick zu betrachten ist, als der Vergleich mit dem typisch histo- 
rischen Drama, das Hebbel in seiner Bearbeitung des Motivs ge- 
geben hat. Je weiter der Vergleich fiihrt, desto vollstandigere 
Einsicht ist der Gewinn. Andeutungen miissen hier gemigen. 
Eine vorab: Mit welchem Rechte die Bekanntschaft Hebbels mit 
Calderons Drama von den Autoren vorausgesetzt zu werden 
pflegt, ist nicht ersichtlich. Hebbel selbst spricht von dem Drama 
nicht. Die Calderon-Obersetzung, deren Kenntnis er bezeugt, ist 
die von Malsburg, in der das Snick nicht enthalten ist. Dafi Heb- 
bel sich die Gelegenheit, sein Problem in dem Herodesdrama 
gegen das Calderonsche abzuheben hatte entgehen lassen, ist in 
Anbetracht des reflektierenden Verhaltens zu seinen eignen 
Produkten zum mindesten nicht ganz wahrscheinlich. Calderon 
hatte ihn als Gegenstand der Kritik gefesselt; es hatte nahege- 
legen, dessen Herodesdrama in einem die friiheren Kritiken be- 
statigenden Sinne heranzuziehen. Denn dafi er durch dieses Dra- 
ma sein vernichtendes Diktum von 1845 bestatigt gefunden 
hatte, wird man nicht bezweifeln. Damals notierte er iiber die 
» Aurora von Copacabana« und die »Seherin des Morgens«: 
»Ich stelle mich, wie sich von selbst versteht, bei Beurtheilung 
dieser Stiicke, auf den christlichen und den christkatholischen 
Standpunct, da sie auf jedem anderen gar nicht in den Kreis 



»E1 mayor monstruo, los celos« und »Herodes und Mariamne« 271 

der Betrachtung fallen. Aber audi von diesem aus scheinen sie 
mlr vollig nichtig und gehaltlos, denn die Poesie, wenn sie sich 
mit dem Mysterium zu schaffen macht, soil diefi zu begriinden, 
d. h. zu vermenschlichen suchen, sie soil sich aber keineswegs ein- 
bilden, etwas zu thun, wenn sie es gewissermafien wie einen Zau- 
ber-Ring an den Finger steckt und aus dem Wunder wieder 
Wunder ableitet. Die vorliegenden Stiicke geben freilich zu sol- 
chen Gedanken nicht einmal im negativen Sinn einen Anlafi, 
denn die darin niedergelegte Anschauung des Christentums ist 
so heidnisch-roh, so vollig ideenlos, dafi man nicht weifi, ob man 
sie als fratzenhaft beiseite schieben, oder als unsittlich ziichtigen 
soll.« Was man sonst an Hebbelschen Urteilen uber den Spanier 
dazu nehmen mag - sie sind iibrigens nicht zahlreich - andert 
das Bild nicht. Um mit einem Worte nochmals das anzudeuten, 
was vor allem andern Hebbel jedes Verstandnis der spanischen 
Dramatiker - denn er urteilt iiber Lope de Vega nicht anders - 
unmoglich machen mufite und seine Dichtungen im tiefsten 
bestimmte: er kannte im Drama, ja in der Kunst iiberhaupt, 
nichts Spielhaftes. Denn ein Spiel war selbst die Komodie fur 
ihn nicht. Es gibt nichts, was seiner Kunst so unzweideutig ihre 
Ausnahmestellung anweist, die keine bevorzugte ist, wie eben 
dies. Ein lastender Ernst ist zurnunveraufSerlichenMerkmal seiner 
Produktionen geworden. Er bestimmt seine Ideen vom histori- 
schen Drama wie seine Theorie vom Drama iiberhaupt. Denn 
eben dies war die im einsamen Gnibeln eines Autodidakten 
nur allzuleicht auftauchende Oberzeugung: im dramatischen 
Kunstwerk als solchem die adaquate Formel des Wirklichen 
schlechthin zu besitzen. Damit soil weder das berechtigte Be- 
wufksein des Kiinstlers, in seinem Werke das Wesen des Wirk- 
lichen erfafit zu haben, noch die etwaige Selbstiiberschatzung des 
Dramatikers Hebbel bezeichnet sein, sondern vielmehr seine 
schiefe, und, wenn man so sagen darf, begrifrslose und auf fal- 
sche Art monumentale Auffassung vom Drama selbst, das er 
gleichsam zum Fach, wenn auch zum vollig umfassenden mach- 
te. Hier liegt die schlechthinnige Verfehltheit des Pantragismus, 
jener als Wort wie als Sache gleich zweifelhaften, und, um es 
zu wiederholen, gleich beschrankten und autodidaktischen Pra- 
gung. Soviel jedoch ist gewiE durch den ihm eignen, von Scherz 
nicht nur sondern auch von Ironie unerhellten Ernst, mit dem 



272 Literarische und asthetische Essays 

die Hebbelsche Tragodie als eine dem historisdien Gehalte ad- 
equate Form sich a priori setzt, sie behauptet eine Sonderstellung 
in der neueren Literatur. Es wurde fiir Calderon angedeutet, 
wie er den grofien Stoff des Herod esdramas in einen streng 
begrenzten Raum hineinstellt, urn dort das Schicksal spielhaft 
zu entfalten. Und wie unvergleichlich erwies sich Schillers Kunst- 
verstand, wenn er in der » Jungfrau von Orleans« oder im 
»Wallenstein« jenen Momenten des Wunders oder des Ster- 
nenregiments in echt Calderonschem Sinne Eingang' gewahrte. 
Denn schlechthin real wird das Schicksal nur in den schlechten, 
den unromantischen Schicksalstragodien gesetzt. (Wobei freilich 
der Begriff der Romantik hier nicht historisch zu verstehen ist; 
die Romantik hat genug schlechte Schicksalstragodien hervorge- 
bracht, die von keinem uberlegnen Rahmen umfafit werden.) 
Wo aber andererseits, in der echten Tragodie, alle spielhaften 
Momente beiseite bleiben, da ist es nicht die Geschichte, in wel- 
cher sich Schicksal bekraftigt, sondern der Mythos, in dem seine 
eherne Ordnung sich prophetisch durch den Dramatiker erschiit- 
tert zeigt. Demgegentiber darf Hebbels historisches Drama als 
der Versuch angesprochen werden, die Geschichte aufgrund 
ihrer kausalen Bedingtheit dramatisch als schicksalhaften Ver- 
lauf einsichtig zu machen. Dafi Schicksal nicht im kausalen 
sondern im teleologischen Bereich beschlossen ist, also auch aus 
minutiosester Motivierung niemals, unvergleichlich viel sicherer 
aus dem Wunderbaren hervorgehen kann, das ist dem im Na- 
turalismus der Jahrhundertmitte befangenen Theoretiker nie 
deutlich geworden. So ist ihm denn als Theoretiker die Notwen- 
digkeit einer fundamentalen Umwendung des Stoffes durch die 
Form, welche auch durch die peinlichste Versenkung in den- 
selben nicht ersetzt werden kann, kaum aufgegangen. Indessen 
sind die Fehler in weit hoherem Grade solche des Theoretikers 
als des Dichters und keiner hat in sich selbst wohl einen ungliick- 
lichern Interpreten gefunden als Hebbel. Eine Bemerkung, die 
solange ihr Recht behaupten wird, als seine Bewunderer fortfah- 
ren, ihre Argumente den Tagebuchern des Meisters zu entneh- 
men. - Indessen hat an der von so vielen Beurteilern schmerz- 
haft empfundnen Sprodigkeit seines Herodesdramas die so tief 
problematische Theorie von dem Drama der historischen Not- 
wendigkeit doch wohl ihren Anteil. Als einer der ersten hat auf 



»El mayor monstruo, los celos« und »Herodes und Mariamne« 273 

diese Sprodigkeit Emil Kuh in kaum bestreitbarer Ausfiihrung 
hingewiesen. Es heifit: »Die beiden leidenschaftlichen und ent- 
zweiten Naturen messen sich an einander, zwar in Obereinstim- 
mung mit der Charakterart einer jeden, aber denn doch trotz 
aller pathetisdien Akzente auf eine solche Weise, dafi unser An- 
teil aus einem das Gemiit bewegenden und bezwingenden in 
einen psychologisch beobachtenden iibergeht. Die blank ausge- 
spielten Griinde und Gegengriinde, wiewohl wir ihre Eindring- 
lidikeit nicht bestreiten konnen, kiihlen die poetisclie Sinnlich- 
keit ab. Herodes wie Mariamne rufen den Zustand an, nennen 
das tragische Motiv gleichsam beim Namen, und dies mufi all- 
zeit im Drama wie der trockene Ostwind wirken, unter welchem 
die heifien Blumen sich welkend kriimmen.« In der Tat, die 
Gabe des Sich-Gehen-Lassens, die eigenste Mitgift jeder Shake- 
speareschen Figur ist den Hebbelsclien selten verliehen. In dieser 
Hinsicht iiberragt die Gestalt des Joseph alle iibrigen in diesem 
Drama. Ware es Sache der Kritik, Ausstellungen zu haufen, so 
bliebe noch vieles hinzuzufiigen. Eines aber darf sie nicht iiber- 
gehen, wiewohl nur sehr eingehende Analyse den Beweis ihrer 
Behauptung zu erbringen vermochte. An der Aufgabe, den 
Adel seiner Gestalten und ihres Konflikts zu entwickeln, die un- 
umganglich war, ist Hebbel gescheitert. Unsaglich karg, wie das 
so rauschend gedachte Fest der Mariamne im Drama behandelt 
ist, sind nicht selten gerade die wesentlichsten Wendungen 
und Situationen. Die Komposition, welche sowohl dem Hero- 
des wie der Mariamne in den abschlieftenden Szenen zum Part- 
ner die durch nichts bezeichnete Figur des Titus gibt und derart 
eine Nivellierung des Standorts der fiirstlichen Personen gerade 
da herbeifiihrt, wo ihre Wiirde, ihre Distanz, die ja eben zur 
Katastrophe gefiihrt haben, am entscheidendsten zu wahren ge- 
wesen waren, iiberweist Aufgaben, denen der Dichter verpflich- 
tet war, der Regie. Nicht anders wird man den kurzatmigen 
Protest des Titus im Gerichtsverfahren ansehen konnen und die 
Frage stellen diirfen, welche Rede wohl Shakespeare, ohne der 
Situation Abbruch zu tun, an jene Stelie gesetzt hatte, wo es bei 
Hebbel heiftt: »Diefi nenn 5 ich kein Gericht! | Verzeih! (Er 
will gehen.)« Und sind irgend mit der Haltung des Dramas 
Verse wie die folgenden des Herodes zu vereinbaren: 



274 Literarische und asthetische Essays 

Bei Deinem starren Trotz, der auf der Erde, 
Wo Alles wankt, allein beharrlich scheint; 
Bei jedem schonen Tag, den ich mit Dir 
Verlebte . . . 

Verse, welche die Sprache eines biirgerlichen Ehezwists reden. Es 
durfte unverantwortlich scheinen, bei dergleichen Entgleisun- 
gen zu verweilen, wenn nicht eben der in ihnen bezeichnete 
Mangel an adliger Durchbildung der Gestalten und Reden auf 
ein Grundgebrechen des Werkes fiihrte. Nichts kann von dem 
Gestandnis, das Mariamne dem Titus abgibt: 

Nun noch ein Wort vor'm Schlafengeh'n, indefi 
Mein letzter Kamm'rer mir das Bette macht - 

nichts kann von ihm den Makel des Ieidenschaftslosen Rache- 
akts nehmen. Damit fallt auf ihren Tod der zweideutige Schim- 
mer des Ressentiments. Ja dessen Formel selbst ist Hebbel 
untergelaufen, wenn er auf die Worte des Titus 

D'rum fiihr ich tiefes Mitleid audi mit ihm 
Und Deine Rache finde ich zu streng 

jene im tiefsten unedle Antwort erteilen lafit: 

Auf meine eig'nen Kosten nehm' ich sie! 
Und dafi es nicht des Lebens wegen war, 
Wenn mich der Tod des Opferthiers emporte, 
Das zeige ich, ich werf das Leben weg! 

Genug! Hebbel ist Dichter genug gewesen, um seinem Kriti- 
ker die Verpflichtung aufzuerlegen, seine Verfehlungen als Ver- 
irrungen wahrer Konzeptionen zu verstehen. Unmoglich kann 
mit alien den Entstellungen, die eine dramatische Theorie wie 
die Hebbels selbst dem grofiten Ingenium gelegentlich wiirde 
aufzwingen konnen, das Drama von Anfang an vor ihm ge- 
standen haben. In der Tat trifft aufmerksame Priifung auf ein 
Motiv, das, so sehr es im vollendeten Werke zuriicktritt, wohl 
urspriinglich bestimmend fur des Dichters Interesse am Stoff 
gewesen sein kann, wenn anders dieses Motiv wirklich, wie es 
den Anschein hat, ein edit Hebbelsches ist. Es ist namlich durch- 



»E1 mayor monstruo, los celos« und »Herodes und Mariamne« 275 

aus in Frage zu stellen, ob fiir das Hebbelsche Drama die Eifer- 
sucht im Mittelpunkt steht, wie fiir Calderon. Ob nicht vielmehr 
diese durch den Mord an Aristobolos und spater durch die Auf- 
deckung des ersten Mordbefehls geweckte Eifersucht nur die 
Bedingung fiir die Exposition eines ganz andern und der Heb- 
belschen Anschauungsweise hochst entsprechenden Problems ist: 
namlich fiir die Frage, ob unter Liebenden eine Probe, die im 
Drama gar eine gegenseitige ist, iiberhaupt statthaben diirfe. 
Und angesichts dieser Frage scheint bei Hebbel selbst ein inneres 
Schwanken bestanden zu haben, da der unheilvolle Ausgang der 
Priifungen nicht sowohl dem Frevel des Versuchs als seinem 
bei beiden Gatten unmenschlichen Radikalismus zuzuschreiben 
zu sein scheint. Ferner aber wird die bedeutende dramatische 
Intention der verwerflichen Liebespriifung nicht wenig durch 
die begriindende Unsicherheit des Herodes als des Schuldigen am 
Tode des Aristobolos verdunkelt. Denn gerade diese Konstella- 
tion, die subjektiv die Versuchung der Gattin durch Herodes 
plausibel macht, lafit nicht nur ihr negatives Ergebnis objektiv 
voraussehen, sondern macht sie, als von einem Schuldigen aus- 
gehend, audi subjektiv fast indiskutabel. Gerade um dieses 
Motiv der Liebesprobe, ihrer notwendigen Unsittlichkeit und 
ihres notwendigen Scheiterns hat sich also Hebbel durch das 
Extreme der Charaktere und das Extreme der Situation betro- 
gen. Aus dem Versuche der Liebesprobe als solchem den unaus- 
loschlichen Hafi zwischen den Gatten hervorgehen zu lassen, 
dies Problem mag ihn an den besten Stellen bewegt haben. Eine 
solche, Shakespearsche Fiille und Strindbergsche Unerbittlichkeit 
bekundende, ist der Ausruf der Mariamne: 

Der Tod! Der Tod! Der Tod ist unter uns! 
Unangemeldet, wie er immer kommt! 

Diese Tragodie, deren Stoff dem Betrachter zuletzt als eine 
Fata Morgana der Dramatiker erscheinen kann, hat bei Hebbel 
ihre Hohe im blendenden Aufleuchten des Hasses. Es ist unab- 
sehbar, wohin es ihn hatte fuhren konnen ohne die Bindung an 
seine moderantistische Vorschrift, die ihn nach einer klassischen 
Schonheit streben lieft, deren Abklatsch den unfahigen Zeitge- 
nossen besser gelang, deren Erneuerung undenkbar war. 



276 Literarisdie und asthetische Essays 

Diesen Zeitgenossen 17 ist die vehemente Tendenz seiner Dra- 
matik nicht entgangen. »Geschlechtsschicksalspoesie« nenntTheo- 
dor Mundt sie. Und bei Gottschall ist die Rede von einer Zer- 
storung, »die sich unter dem Schein architektonisdier Arbeit ver- 
birgt. Hebbel ist der grofite sittliche Revolutionar von alien 
deutschen Poeten, aber er verbirgt diesen moralischen Jacobi- 
nismus unter der kunstvollen Maske des Tragikers.« Jede 
grofie Tendenz mufS ihre Form (jene, in welcher sie aufhort 
»Tendenzpoesie« zu heiflen) sich erst schaffen. Alle grofien For- 
men des Dramas sind vielleicht aus Tendenzen hervorgegangen, 
die mit der Kunst unmittelbar nichts gemein haben. Hebbel, der 
erfiillt war von solchen Tendenzen, hat doch kein Drama zu 
schreiben gewagt, dessen Kunstform ihm nicht garantiert gewe- 
sen ware. So hat er sich denn an das historische Drama gehalten, 
dem er aufierste Realitat zu geben bestrebt war. Wenn aber 
Geschichte nur als Schicksal dramatische Wahrheit beanspruchen 
kann, so ist der Versuch unromantischer historischer Dramen 
zum Scheitern verurteilt. Seine grofiten Tendenzen aber mogen 
dergestalt in etwas unausgesprochen geblieben sein. Schuchtern 
hat er es einmal Kuhne gestanden, worum es sich handelt: »Es 
lichtet sich jetzt schon bedeutend in mir, besonders, seit die Con- 
flicte, aus denen meine bisherigen Dramen hervor gingen, auf 
den Gassen verhandelt und geschichtlich gelos't werden, denn 
der morsche Weltzustand hat auf mir gelastet, als ob ich allein 
unter ihm zu leiden hatte und es schien mir der Kunst nicht un- 
wiirdig, seine Unhaltbarkeit durch ihre Mittel zur Anschauung 
zu bringen.« Weil er in seinen Jugenddramen weit iiber diese 
zahme Formulierung hinaus das gewagt hat, diirften die »Ju- 
dith« und »Genoveva« die lebendigsten bleiben. 



17 Vgl. Hebbel in der zeitgcnossischen Kritik. Hrsg. und mit Anmerkungen ver- 
sehen von H. "Wiitschke. (Deutsdie Literaturdenkmale des 18. und 19. Jahrhunderts. 
Nr. 143; Dritte Folge, Nr. 23.) Berlin 1910. Daneben Konstantin von Wiglach: 
BiographUdies Lexikon des Kaisertums Osterreidi, Wien 1862; Artikel »Hebbel«. 



277 

Johann Peter Hebel <i) 
Zu seinem 100. Todestage 

Wenn man heute, an seinem hundertsten Todestag, J. P. He- 
bel nicht als »Verkannten« ausgraben und dem offentlichen 
Interesse empfehlen kann, ist das weit mehr sein eigenes Ver- 
dienst als das der Nachwelt. Verdienst der souverainen Beschei- 
denheit, die audi posthum in eine solche Rolle sich nicht schik- 
ken wurde und ein Jahrhundert um die Einsicht betrog, im 
»Schatzkastlein des rheinischen Hausfreundes« eines der lauter- 
sten Werke deutsdier Prosa-Goldschmiederei zu besitzen. Schuld 
aber dieses neunzehnten Jahrhunderts, dieser Nachwelt, wenn 
solche Einsicht neu oder gar paradox klingt - des schauerlichen 
Bildungshochmuts, der den Schliissel dieser Schatulle unter Bau- 
ern und Kinder verworfen hat, weil Volksschriftsteller nun ein- 
mal hinter jedem noch so gottverlassenen »Dichter« rangieren. 
Zumal wenn ihre Quelle im Dialekt fliefit. Und - zugegeben - 
eine triibe, im Fall daft sie verstockt sich selber genug sei, eitel 
gegen das Schrifttum der Nation, borniert gegen Gehalte der 
Menschheit sich abheben will. Doch Hebels aufgeklarter Hu- 
manismus schiitzte ihn davor. Nichts liegt der provinziell be- 
schrankten Heimatkunst ferner als der erklarte Kosmopolitis- 
mus seiner Schauplatze. Moskau und Amsterdam, Jerusalem 
und Mailand bilden den Horizont eines Erdkreises, in dessen 
Mitte - von Rechts wegen - Segringen, Brassenheim, Tuttlin- 
gen liegen. So steht es um alle echte, unreflektierte Volkskunst: 
sie spricht Exotisches, Monstroses mit der gleichen Liebe, in 
gleicher Zunge aus wie die Angelegenheiten des eigenen Haus- 
wesens. Das schauend aufgerissene Auge dieses Geistlichen und 
Philanthropen bezieht sogar das Weltgebaude selber der dorf- 
lichen Dkonomik noch ein und Hebel handelt von Planeten, 
Monden und Kometen nicht als Magister sondern als Chronist. 
Da heifit es etwa von dem Mond (der nun mit einemmal als 
Landschaft wie auf dem benihmten Bilde von Chagall vor 
einem steht): »Der Tag dauert dort an einem Ort so lange als 
ungefahr 2 von unsern Wochen und eben so lang die Nacht, und 
ein Nachtwachter mufi sich schon sehr in Acht nehmen, dafi er 
in den Stunden nicht irre wird, wenn es anfangt 223 zu schlagen 
oder 309. « 



278 Literarische und asthetische Essays 

Dafi dieses Mannes Lieblingsschriftsteller Jean Paul war, fallt 
nach solchen Satzen nicht schwer zu erraten. Versteht sich, dafi 
solche Manner, »zarte« Empiriker nach Goethes Wort, weil 
ihnen alles Faktische schon Theorie, zumal jedoch das anekdo- 
tische, das kriminelle, das possierliche, das lokale Faktum als 
solches schon moralisches Theorem war, einen hochst sprunghaf- 
ten, skurrilen, unableitbaren Kontakt mit der ganzen Breite 
des Wirklichen hatten. Jean Paul empfiehlt fiir Sauglinge in der 
»Levana« Branntwein und verlangt, dafi sie Bier kriegen. Viel 
unanfechtbarer aber stellt Hebel Verbrechen, Gaunereien, Bu- 
benstreiche in das Anschauungsmaterial seiner Volkskalender 
ein. Und hier wie sonst in alien seinen Sachen entspringt dann 
die Moral nie an der Stelle, wo man nach Konventionen sie er- 
wartet. Jeder weifi, wie der Barbierjunge von Segringen es sich 
getraut, dem »Fremden von der Armee« den Bart zu scheren, 
weil doch kein anderer den Mut hat. »Wenn Ihr mich aber 
schneidet, so stech ich Euch tot.« Und der dann am Schlufi: 
»Gnadiger Herr, Ihr hattet mich nicht erstochen, sondern, wenn 
Ihr gezuckt hattet, und ich hatt* Euch in's Gesicht geschmt- 
ten, so war ich Euch zuvorgekommen, hatt' Euch augenblicklich 
die Gurgel abgehauen und ware auf und davon gesprungen.« 
Das ist Hebels Art, die Moral zu machen. 

Zahlreiche Spitzbubengeschichten hat Hebel aus alteren Quellen 
geschopft; aber das* Gauner- und Vagantentemperament des 
Zundelfrieders und des Heiners und des roten Dieters ist sein 
eigenes gewesen. Als Junge war er fur seine Streiche beruchtigt 
und vom erwachsenen Hebel erzahlt man, Gall, der beruhmte 
erste Phrenologe, sei einmal ins Badische gekommen; da habe 
man audi Hebel ihm prasentiert und um ein Gutachten ge- 
beten. Aber unter undeutlichem Gemurmel habe Gall beim 
Befuhlen nichts als die Worte »ungemein stark ausgebildet« 
vernehmen lassen. Und Hebel selber, fragend: »Das Diebs- 
organ?« 

Wieviel Damonisches in diesem Hebelschen Schwankwesen um- 
geht, zeigen die grofien Steindrucke, die Dambacher im Jahre 
1842 einer Ausgabe der »Schwanke des rheinischen Hausfreun- 
des« beigab. Diese ungemein starken Illustrationen sind gleich- 
sam Zinken auf dem Pasch- und Schleichweg, auf welchem die 
sonnigeren Halunken von Hebel Verkehr mit den diisteren 



Johann Peter Hebel i 279 

schrecklichen Kleinburgern des Buchnerschen »Wozzeck« treiben. 
Denn dieser Pastor, der das Handeln zu schildern verstand wie 
keiner unter den deutschen Schriftstellern sonst und alle Register 
vom niedrigsten Schacher bis zur sdienkenden Grofimut zu Zie- 
hen wufke, war nicht der Mann, das Damonische im biirgerli- 
chen Erwerbsleben zu iibersehen. Die Schulung des Theologen 
brachte er dazu mit. Gradlinig aber wirkt protestantische Diszi- 
plin audi in Hebel dem Prosaiker fort. Sollte im allgemeinen es 
zu eng gegriffen sein - auf ihn trifft ohne jeden Zweifel zu, 
dafi neuere deutsche Prosa eine hochst gespannte, hochst dialek- 
tische Auseinandersetzung zwischen zwei Polen ist. Einem kon- 
stanten und einem variablen: der erste ist das Deutsch der Lu- 
therbibel und der zweite die Mundart. Wie sich bei Hebel beide 
durchdringen, das ist der Schlussel seiner artistischen Meister- 
schaft. Sie ist gewifi nicht einzig sprachlicher Natur. Wenn ihm 
im »Unverhofften Wiedersehen« die Sdiilderung eines Zeitver- 
laufs von funfzig Jahren, da eine Braut um ihren verungliickten 
Liebsten trauert, den Bergmann, diese unvergleichliche Stelle 
eingibt: »Unterdes$en wurde die Stadt Lissabon in Portugal 
durch ein Erdbeben zerstort, und der siebenjahrige Krieg ging 
voriiber, und Kaiser Franz der Erste starb, und der Jesuiten- 
Orden wurde aufgehoben und Polen geteilt, und die Kaiserin 
Maria Theresia starb, und der Struensee wurde hingerichtet, 
Amerika wurde frei, und die vereinigte franzosische und spa- 
nische Macht konnte Gibraltar nicht erobern. Die Tiirken schlos- 
sen den General Stein in der Veteraner Hohle in Ungarn ein, 
und der Kaiser Joseph starb auch. Der Konig Gustav von 
Schweden eroberte russisch Finnland, und die franzosische Revo- 
lution und der lange Krieg fing an, und der Kaiser Leopold der 
Zweite ging auch ins Grab. Napoleon eroberte Preuften, und die 
Englander borribardierten Kopenhagen, und die Ackerleute 
saeten und schnitten. Der Miiller mahlte, und die Schmiede ham- 
merten, und die Bergleute gruben nach den Metalladern in ihrer 
unterirdischen Werkstatt. Als aber die Bergleute in Falun im 
Jahr 1809 . . .« - wenn er so den Verlauf von funfzig Trauer- 
jahren darstellt, so spricht da eine Metaphysik, die erfahren ist 
und mehr zahlt als jede »erlebte«. 

In anderen Fallen aber beruht die grenzenlose kunstlerische 
Freiheit doch auf einer Sprache, die stellenweise diktatorisch, 



280 Literarische und asthetische Essays 

wie Goethesche im zweiten Teil des Faust sich vernehmen lafit. 
Solche Automat kommt ihr natiirlich nicht vom blofien Dialekt, 
der immer unmafigeblich und befangen bleibt, wohl aber aus 
der kritischen, gespannten Auseinandersetzung des uberkomme- 
nen Hochdeutsch mit der Mundart, wobei denn fiir den Wort- 
sdiatz (wie bei Luther) die krausen Kostbarkeiten Hobelspanen 
ahnlich abf alien. »Dann geht er (der verstandige Mann) mit 
guten Gedanken seines Weges weiter . . . und kann sich nicht 
genug erschauen an den bliihenden Baumen und farbigen Mat- 
ten umher.« Dergleichen Satze - und das »Schatzkastlein« ist 
deren fast ununterbrochene Folge - sollte man endlich in einer 
Gesamtausgabe bereit wissen, weder als Vorwand modischer 
Illustrationen noch als billige Schulpramie, sondern als Monu- 
ment deutscher Prosa gedacht. In soldier Ausgabe, welche noch 
fehlt, hatte man nachzuschlagen. Denn diesen Hebelschen Ge- 
schichten ist eigentiimlich, und ein Siegel ihrer Vollkommenheit, 
wie schnell sie vergessen werden. Glaubt man schon, eine im 
Sinne zu haben, so wird die Fulle dieser Texte immer eines 
Besseren belehren. Ein Schlufi, den man nie »kennen«, hoch- 
stens auswendig wissen kann, wiegt nicht selten alles auf, was 
vorherging. »Dies Stiicklein ist noch ein Vermaditnis von dem 
Adjunkt, der jetzt in Dresden ist. Hat er nicht dem Hausfreund 
einen schonen Pfeifenkopf von Dresden zum Andenken ge- 
schickt, und ist ein gefliigelter Knabe darauf und ein Magd- 
lein, und machen etwas miteinander. Aber er kommt wieder 
der Adjunkt.« Damit schliefit »Die Probe«. Wem Hebel nicht 
aus solchem Satze tief entgegen blickt, der wird ihn auch in 
anderen nicht finden. So als Erzahler sich in die Geschichte ein- 
zumischen, ist nicht romantische Art. Eher schon die des un- 
sterblichen Sterne. 



J. P. Hebel <2> 

Ein Bilderratsel zum 100. Todestage des Dichters 

Nicht jeder Schriftsteller vertragt, empfohlen zu werden. Schon 
von Hebel zu sprechen, ist schwer, ihn zu empfehlen, miifiig, und 
so wie es geschieht dem Volk ihn vorzusetzen, verwerflich. Nie 
wird er sich der Front von Kulturgrenadieren einfiigen, die der 



Johann Peter Hebel 2 281 

deutsche Schulmeister vor seinen ABC-Schiitzen vorbeiexerzie- 
ren lafit. Hebel ist Moralist; nicht aber der Moral, die das Ge- 
schaft des grofien Biirgertums besorgt. Dem - das zu Hebels 
Zeit gerade heraufkommen wollte - sieht er sehr streng auf die 
Finger, eben weil er sich auf Geschaftsmoral versteht. Als ver- 
eidigter Sachverstandiger einer Zeit, die mit ungeheurem Ge- 
schaftsrisiko arbeitete, taxierte er diese Moral. Derm als reifer 
Mann hat er die franzosische Revolution miterlebt und gewufit, 
was es heifit, wenn ein Volk en masse seiner herrschenden 
Klasse ihren Kredit aufkiindigt. Er mag es mit dieser herrschen- 
den Klasse in ihren besten Vertretern, kaufmannisch solidestem 
Kleinbiirgertum, gehalten haben; eben darum wollte er die 
rechte, die allein selig machende Buchfuhrung ihm beibringen. 
»Mit Gott« miifke auf der Folioausgabe seines »Rheinischen 
Hausfreundes« stehen, in dem sauber und in Rubriken geteilt 
Schulbeispiele soldi frommer Berechnung zum Hausgebrauche 
enthalten sind. Doppelte Buchfuhrung - und sie stimmt immer. 
Haben: der baurische, der burgerliche Alltag, Besitz der zins- 
tragenden Minuten, das eingezahlte Kapitai von Arbeit und 
Schlauheit. Und das Soil: der Gerichtstag, der eine, der nicht 
nach Minuten gezahlt wird, audi keine Glorie zu vergeben hat 
und keine Verdammnis, sondern die heimliche innige Ruhe, die, 
wie im Raume den Herd, so mit dem Zeitverlaufe den Ort in 
der Generation, die rechte, die geschichtliche Geborgenheit den 
Privatesten zurmfit. Rechts und links hat Hebel unweigerlich 
diese eine gleiche Bilanz, seine Moral predigt nicht, ist der 
schnurgerade Strich darunter mit dem langen Lineal. Ist man da 
angelangt, so kann man das Licht loschen und den Schlaf des 
Gerechten schlafen. Kein Autor hat in kurzen Geschichten 
»stimmungsloser« sein konnen. Die Gegenwart all seiner Ge- 
schopfe sind nicht die Jahre 1 760-1 826, die Zeit, in der seine 
Menschen leben, ist in Jahreszahlen nicht numeriert. Wie nam- 
lich Theologie (Hebel war Theolog und sogar Mitglied einer 
Kirchenkommission) Geschichte immer in Generationen denkt, 
so sieht Hebel im Tun und Lassen seiner Leute die Genera- 
tion in alien den Krisen sich herumschlagen, die als Revolution 
in Frankreich 1789 zum Ausbruch kamen. In seinen Halunken 
und Lumpen lebt Voltaire, Condorcet, Diderot nach, die unsag- 
bar schnode Verstandigkeit seiner Juden hat vom Talmud nicht 



282 Literarische und asthetische Essays 

mehr als von dem Geist des etwas spateren Vorlaufers der So- 
zialisten, Moses Hefi. Das Konspirative ist Hebel nicht fremd 
gewesen. Natiirlicli war der Geheimbund dieses Marines, dessen 
simplem, aber formlosem Leben man nicht auf den Grund schau- 
en kann, kein politischer. Eher erinnert seine »Proteuserei«, sein 
»Belchismus«, die ganze mit jungenhaften Geheimschreibereien 
durchsetzte Naturmystik, deren Altar der Belchen war, unci 
deren Priester er selber »Scheinkonig Peter I. von Aftmannshau- 
sen« war, an Spielereien vorrevolutionarer Rosenkreuzer. Dafi 
Hebel nicht imstande war, Grofies, Wichtiges anders zu sagen 
und zu denken als uneigentlich - diese Starke seiner Geschichten 
macht in seinem Leben das Planlose, Schwache. Sind doch selbst 
die Beitrage zum Kalender des »Rheinlandischen Hausfreundes« 
aus aufierer Notigung entstanden, iiber die er viel murrte. Das 
hat ihn aber nicht gehindert, fur Grofies und Kleines den rech- 
ten Sinn zu behalten, und wenn er audi niemals anders als im 
Tiefsten ineinander verschrankt und verschachtelt beides zu- 
gleich hat aussprechen konnen, so war sein Realismus darin im- 
mer stark genug, vor jenem Mystizismus des Kleinen und 
Kleinlichen ihn zu behuten, der manchmal Stifters Gefahr wur- 
de. Nicht nur Jean Paul, dem er sprachlich verwandt ist, auch 
Goethe hat er als Schriftsteller geliebt, Schiller nicht lesen konnen. 
Dieser lammfromme Verfasser von Dialektgedichten und Kate- 
chismen zeigt noch heute den Schulmeistern seinen Pferdefufi 
im » Andreas Hofer«, der am Schlufi des »Schatzkastleins« von 
1827 stent. Da wird das Unternehmen des Tiroler Aufstandes 
streng, ja sarkastisch besprochen. Der deutsche Literarhistoriker 
fuhlt etwas von der Gene, die Goethes patriotische Unzuver- 
lassigkeit ihm nach verlorenem Weltkrieg noch immer bereitet. 
In Wahrheit spricht aus beiden nur der unverbruchliche Respekt 
vor Machtverhaltnissen, denen gegeniiber Naivitat am aller- 
wenigsten in moralischen Dingen erlaubt ist. Nach diesem 
Grundsatz verbuchte Hebel den Alltag in Dorf und Stadt. In 
seinem Geschaftsverkehr gibt es nur Barzahlung. Den Scheck 
der Ironie erkennt er nicht an, aber sein Humor kassiert in Pfen- 
nigen die grofken Summen. Er ist nicht sowohl vorbildlich im 
Ganzen seines Geschichtenbuchs als unerschopflich in jeder 
seiner Einzelheiten. Wenn eine der Erzahlungen beginnt: »Be- 
kanntlich klagte einst ein alter Schulz von Wasselnheim seiner 



Gottfried Keller 283 

Frau, dafi ihn sein Franzosisch fast unter den Boden bringe«, 
so ist mit diesem einzigen Wort »Bekanntlich« die ode Kluft 
verschiittet, die ftir jeden Spiefier Geschichte und Privatleben 
trennt. Nicht zu reden von jenem zwanzigzeiligen historischen 
Exkurs im »Unverhofften Wiedersehen« - dem ganzen Hebel in 
nuce. Unscheinbar wie in jenen zwanzig Zeilen Weltgeschichte 
Kaiser und Siege ist Hebels Konnen. Schwer abschatzbar bis in 
das Sprachliche, iiber dessen Gewalt der Dialekt mehr als ge- 
heimnisvoller Schleier liegt, denn in ihm als Kraftquelle. Die 
Winzigkeit seines Werkes ist Biirgschaft von seinem Fortbe- 
stehen audi in fremdester Umwelt. Ein Bischofsstab, der im 
Familienbesitze sich forterbt, kann eines Tages so gut wie die 
Jakobinermiitze als peinliche Erinnerung verworfen werden. 
Nicht aber jene unscheinbare Brosche, auf der sich Bischofsstab 
und Jakobinermiitze kreuzen. 



Gottfried Keller 
Zu Ehren einer kritischen Gesamtausgabe seiner Werke 1 

Den LiebKabern sogenannter »guter 
Sachen« konnen wir unsers geringen 
Orts die Versicherung geben, dafi hier 
ernstlidi etwas derartiges vorhanden 
ist. 

Gottfried Keller 
iiber Leutholds Gedicbte 

Man erzahlt von Haydn, es habe ihm einst eine Symphonie 
sehr groEe Muhe gemacht. Da hatte er, um weiter zu kommen, 
eine Geschichte sich vorgestellt: ein Kaufmann, in finanziellen 
Sorgen, sucht vergeblich sich durchzukampfen, er macht Fallite 
- Andante -, entschlieftt sich - Allegro ma non troppo - nach 
Amerika auszuwandern, dort - Scherzo - reiissiert er und - 
Finale - heimkehrend wendet er sich strahlend zu den Seinen. 
Das ist nun ungefahr Vorgeschichte und Anfang des »Martin 

1 Gottfried Kellers samtlidie Werke. Auf Grund des Nadilasses herausgegeben von 
Jonas Frankel. Von der Verwakung des Gottfried Kellersdien Nadilasses auton- 
sierte Ausgabe. Eugen Rentsch Verlag, Erlenbach-Ziirich und Miindien. 



284 Literarische und asthetische Essays 

Salander«. Und gerne wollte man, um einen Ausdruck fur die 
namenlose Sufle des Kellerschen Stils und seine klingende Fiille 
zu haben, im umgekehrten Sinne diese Geschichte erfinden, er- 
zahlen, wie er bei dem Niedersdireiben seiner Prosa von Melo- 
dien sich leiten liefi. Da man dergleichen aber nicht vernimmt, 
ist man, um etwas von ihr auszusagen, noch immer auf spro- 
dere Mittel verwiesen. Es ist hier niclit der Ort es zu begriin- 
den, jedoch es mufi als Sachverhalt aufs aufierste frappieren, 
dafi vor zehn Jahren, als die aufhorchende Liebe der Deutschen 
sich endlich zu Stifter wandte, in die Sommer- und Winterstille 
von dessen Landschaft kein Ton aus Kellers Pansflote hiniiber- 
gedrungen ist. Aber die Deutschen hatten eben - gerade nach 
geendetem Kriege - politischen Tanzen, zu denen ganz leise bei 
Keller der Rhythmus mitklingt, auf einige Jahre abgeschworen, 
und suchten die edle Stiftersche Landschaft mehr als Heilstatte 
denn als Heimat auf. 

Wie dem nun sei - die neu-alte Wahrheit, die Keller unter die 
dreiodervier grofiten Prosaiker der deutschen Sprache aufnimmt, 
hat immer noch einen schweren Stand. Sie ist zu alt um die 
Leute zu interessieren, und zu neu um sie zu verpflichten. Damit 
geht es ihr eben ahnlich wie dem neunzehnten Jahrhundert, in 
dessen »sommerlicher Mitte« Seldwyla - eine civitas dei helve- 
tica - seine Turme errichtet. Erstmalige giiltige Einsicht in 
Kellers Werk ist an eine allgemach fallige Umwertung des 
neunzehnten Jahrhunderts gebunden, die allein mit den Verle- 
genheiten der Literarhistoriker aufzuraumen imstande sein wird. 
Wem miifite nicht heute schon der grundverschiedene Wertak- 
zent auffallen, den dies Jahrhundert in der burgerlichen und in 
der materialistischen Literatur hat? Und wem nicht sicher sein, 
dafi Kellers Werk einer Betrachtung aufbehalten bleibt, die den 
historischen Grund, auf dem es erbaut ist, fur ihr Erbe erkla- 
ren kann? Das kann die biirgerliche Literarhistorie fur den 
Materialismus und den Atheismus Kellers nicht tun. Nicht mehr 
tun. Denn allerdings war dieser Atheismus - der ihm bekannt- 
lich in den Heidelberger Jahren von Feuerbach uberkommen 
war - nicht subversiv. Er lag vielmehr im Sinne einer starken, 
siegreichen Bourgeoisie. Nicht aber auf ihrem Wege zum Impe- 
rialismus. Die Reichsgriindung bedeutet audi ideologisch in der 
Geschichte des deutschen Biirgertums einen Bruch. Der Ma- 



Gottfried Keller 285 

terialismus - der philistrose wie der dichterische - verschwin- 
det. Die Schweiz hat wohl am langsten in ihren oberen Schich- 
ten Ziige des vorimperialistischen Biirgertums festgehalten. (Und 
sie tut es nodi heute: so fehlt ihr das savoir vivre der Speku- 
lanten, mit dem die imperialistischen Staaten die Sowjetherr- 
schaft rechtlich anerkannt haben.) Audi hat der schweizerisdie 
Charakter vielleicht mehr Heimatliebe und weniger nationali- 
stischen Geist in sidi genahrt als irgendein anderer. Aus Basel 
sind gegen Ende von Kellers Leben Nietzsches helle Warnungen 
vor dem Geiste des neuen Reiches ergangen. Und Keller, der in 
seiner Munchner Zeit zu handwerklichem Nebenerwerb von 
Hause mehr als ihm lieb war sidi aufgefordert sah, reprasentiert 
eine Klasse, die, was sie mit dem handwerklichen Produktions- 
prozefi verband, nodi nicht vollig durdisdinitten hatte. Es ist 
erstaunlich, mit weldier Beharrlidikeit das Zuricher Patriziat 
diesen Mann in jahrelanger, opferreicher Veranstaltung zum 
angesehenen Mitblirger und schliefilich zu einem der hochsten 
Beamten - Staatsschreiber des Kantons - herangebildet hat. 
Jahre hindurch bestand etwas wie eine Aktiengesellschaft zur 
Ausbildung und Etablierung Gottfried Kellers, und seit den 
unergiebigen Anfangen seiner Laufbahn hatte oft und oft das 
Kapital vermehrt werden miissen, bis er es spater mit Zins und 
Zinseszins seinen Zeichnern zuriickgezahlt hat. Als er schliefilich 
uber Nacht zum Staatsschreiber war gemacht worden, da hat 
man diese Neuigkeit, deren sich niemand versah, ausfuhrlich in 
der stadtischen Presse glossiert. Am 20. September 1861 schreibt 
die »Zurchersche Freitagszeitung«: »Allgemein ist bekannt, dafi 
Herr Keller bis vor kurzer Zeit sich weder mit Politik im allge- 
meinen, noch viel weniger mit dem Detail der Administration 
vertraut gemacht hat . . . Seither scheint ihn allerdings das Be- 
diirfnis angewandelt zu haben, von Zeit zu Zeit als Korrespon- 
dent verschiedener Blatter, mit mehr Witz und Federgewandt- 
heit als mit Sachkenntms und unter ernstem Studium, die 
politischen Zustande im Kanton Zurich zu kritisieren und zu 
verhohnen.« Seiner Natur voll grundlicher Hemmungen und 
leidenschaftlicher Vorbehalte hat dieser hohe, burokratische 
Posten entsprochen. Padagogisches Wirken hat ihm so nahe wie 
den meisten grofien Autoren seines Volkes gelegen, und die 
Moglichkeit, es vermittelt und im Grofien zugleich zu entfalten, 



286 Literarische und asthetische Essays 

war seinem Wesen die gemafieste. Er konnte in dem, was er 
offent.lidi darstellte, nicht Lehrer sondern einzig Gesetzgeber 
sein. (Keller hat an einer neuen Verfassung des Kantons Zurich 
mitgearbeitet.) Man erzahlt, das Amt sei bei ihm gut aufgeho- 
ben gewesen. Ihn selber mufite die Arbeit in engeren Schranken 
vollends gegen die idealistische Bewegung im Reiche abriegeln. 
Darin verband sie sich seinem Materialismus. Es ist bekannt, 
dafi Keller dessen Thesen, besonders die der integralen Sterb- 
lichkeit des ganzen Menschen, nicht als rechthaberischer Ratio- 
nalist, sondern als leidenschaftlicher Hedoniker vertrat, der sich 
sein Rendezvous mit diesem Leben durch kein zweites hat lassen 
storen wollen. Sein Werk ist die Mole der burgerlichen Geistes- 
bewegung,.vor der sie noch einmal zuriickflutet und die Schatze 
ihrer und aller Vergangenheit hinterlafit, bevor sie als idealisti- 
sche Sturmflut Europa zu verwiisten sich anschickt. Man mufi 
sich namlich durchaus klar machen, wie nahe Keller einer tod- 
verfallenen, verodeten Generation schon steht - wie eigentlich 
ein Nichts der sprachlichen Formung, ein eigensinniges, ihm sel- 
ber dunkles Spinnen seine Novellen neben die verkommenen 
eines Auerbach oder Heyse als ratselhaft vollendete stellt. Dafi 
Thumann, Vautier und einige andere der Art damit beauftragt 
werden sollten, »Romeo und Julia auf dem Dorfe« zu illustrie- 
ren, besagt hier alles. Die strikte Weltlichkeit ist aber Keller 
nicht Anlafi einer freigeistigen Gesinnungsethik geworden. Da- 
vor bewahrte ihn sein Radikalismus. Dessen erstaunlichste Do- 
kumente finden sich in den Auseinandersetzungen mit Gotthelf. 
Wem es nur wenig sagt, wie Keller bei einer Besprechung der 
Gotthelfschen Schriften vom Biicherpreis ausgeht, der lese an 
einer andern Stelle: »Heute ist alles Politik und hangt mit ihr 
zusammen von dem Leder an unserer Schuhsohle bis zum ober- 
sten Ziegel am Dache, und der Rauch, der aus dem Schornsteine 
steigt, ist Politik und hiingt in verfanglichen Wolken iiber Hut- 
ten und Palasten, treibt hin und her iiber Stadten und D6rfern.« 
Er hat es insbesondere mit Gotthelfs weltlaufiger Erbaulichkeit 
zu tun, und da fallen die erstaunlichen Worte: »Das Volk, be- 
sonders der Bauer, kennt nur Schwarz und Weifi, Nacht und 
Tag, und mag nichts von einem tranen- und gefiihlsschwangeren 
Zwieliclite wissen, wo niemand weifi, wer Koch oder Kellner ist. 
Wenn ihm die uralte naturwiichsige Religion nicht mehr ge- 



Gottfried Keller • 287 

niigt, so wendet es sich ohne Obergang zum direkten Gegenteil, 
denn es will vor allem Mensch bleiben und nicht etwa ein Vogel 
oder ein Amphibium werden.« 

Kellers Liberalismus - mit dem der heutige natiirlich so wenig 
zu tun hat wie mit sonst einem durchdachten Verhalten - be- 
hielt die exaktesten Mafistabe des Gebotenen und des Verwerf- 
lichen. Und es klingt ungeheuerlich zu sagen, dafi es im ganzen 
die der burgerlichen Rechtsverfassung blieben. Man hat aber nur 
zuzusehen. Nicht anders als in den »Wahlverwandtschaften« 
aus dem erschutterten Ehebund geht in der unverganglichen 
Novelle »Romeo und Julia auf dem Dorfe« aus dem gebroche- 
nen Eigentumsrechte an einem Acker ein vernichtendes Schicksal 
hervor. Im Alter hat Keller an der Fabel des »Martin Salan- 
der« die allerstrengsteKommunikation burgerlich-rechtlicherund 
menschlich-sittlicher Daseinsformen verfolgt. Und damit ware 
ihm denn wohl sein Platz - etwa zwischen Dahn und der 
Marlitt - gesichert, den ihm im Innern ihres gebildeten Herzens 
heute - wieviele Deutsche nicht? — geben. Es ginge soweit alles 
noch mit rechten Dingen zu. Aber hier eben wolbt sich die 
Schwelle des »bedenklichen« Grotten- und Hohlensystems, 
welches, je tiefer es in Keller selbst hineingeleitet, desto unmerk- 
licher die Rhythmik des burgerlichen Stimmen- und Meinungs- 
larms verschrankt und endlich verdrangt mit den kosmischen 
Rhythmen, die es im Innern der Erde auffangt. Suchen wir fiir 
dies Grotten- und Hohlenwunder den Namen, so heifk es: Hu- 
mor. Das leiser und melodischer gestimmte Lachen Kellers ist 
in den irdischen Gewolben so gut zu Hause wie in den himm- 
lischen das des Homer. Man hat aber noch jedesmal erlebt, dafi 
man zu einem grofkn Autor sich den Zugang verbaut, wenn 
man davon ausgeht, er sei Humorist. So ist auch Kellers Hu- 
mor nicht goldne Politur der Oberflache, sondern der unbere- 
chenbare Anlageplan seines melancholisch-cholerischen Wesens. 
Dem folgt er in den bauchigenArabesken seines Vokabulars. Und 
wenn er vor den burgerlichen Satzungen Respekt bekundet, so 
hat er ihn in der Willkiirwelt des Innern erlernt, und Kellers 
leidenschaftlichster AfTekt, die Scham, liegt beiden zugrunde. 
In seiner Weise ist der Humor eine Rechtsordnung. Er ist die 
Welt der urteilslosen Vollstreckung, in der Verdikt und Gnade 
im Gelachter laut wird. Das ist der ungeheiiere Vorbehalt, aus 



288 Literarische und asthetische Essays 

dem Kellers Schweigen und Dichten beredt wird. Von Rede, 
Urteil und Verurteilung hat er wenig gehalten - wieviel erst 
von moralischer, das sagen die Schlufiworte jener Liebesnovelle. 
Dem zum Denkmal hat er Seldwyla erbaut am Sudabhange 
jener Hiigel und Walder, an deren nordlichem die Stadt Rue- 
chenstein liegt, deren Bewohner »zu ihren Hinrichtungen, Ver- 
brennungen und Schwemmungen ... ein windstilles, freundli- 
ches Wetter « liebten, daher dort »an recht schonen Sommertagen 
immer etwas vorging.« Es war ihm ausgemachte Sache, dafi 
wohl »eine ganze Stadt von Ungerechten oder Leichtsinnigen 
zur Not fortbestehen kann im Wechsel der Zeiten«, dafi aber 
»nicht drei Gerechte lang unter einem Dache leben konnen, ohne 
sich in die Haare zu geraten.« Die siifie, herzstarkende Skepsis, 
die unter angelegentlichem Schauen reift, und wie ein starkes 
Arom aus Menschen und Dingen des liebenden Betrachters sich 
bemachtigt, ist nie in eine Prosa wie in Kellers eingegangen. Sie 
ist von der Vision des Gliicks untrennbar, die diese Prosa reali- 
siert hat. In ihr - und das ist die geheime Wissenschaft des 
Epikers, der allein das Gliick mitteilbar macht - wiegt jede 
kleinste angeschaute Zelle Welt soviel wie der Rest aller Wirk- 
lichkeit. Die Hand, die in der Schenke so drohnend aufschlug, 
hat im Gewicht der zartesten Dinge sich nie vergriffen. Ab- 
wagend Laut- und Sachgewichte zu verteilen, ist noch das 
Werk des Kanzleideutsch, das hin und wieder sich umstandlich 
breit macht. Ein LorTel Suppe in der Hand des rechtschaffenen 
Mannes wiegt, wenn's darauf ankommt, das Tischgebet und 
Seelenheil im Munde des Gauners auf. »Martin Salander befolg- 
te in alien Lagen seines Lebens, wo eine Suppe vorkam, die An- 
gewohnung, ohne Verzug mit dem Genusse derselben zu begin- 
nen, sobald er sie im Teller hatte.« 

Wie Kellers Werk durchaus auf unromantischem Grunde erbaut 
ist, erweist nichts deutlicher als die unsentimentale, epische Ein- 
richtung seiner Schauplatze. Gliicklich lafit Conrad Ferdinand 
Meyer das Gefiihl davon anklingen, wenn er, mit einer fast 
biblischen Wendung, im Juli 1889, zum siebzigsten Geburtstag, 
dem Dichter schreibt: »Da Sie die Erde lieben, wird die Erde 
Sie audi so lange als moglich festhalten.« Kellers hedonischer 
Atheismus erlaubt ihm nicht, >Natur mit christlichen Glau- 
bensranken<, wie Gotthelf es tat, zu verzieren. »Die ihm am 



Gottfried Keller 289 

meisten Frucht liefert und ihn am wenigsten stort und beun- 
ruhigt, ist ihm die schonste.« So hat Hehn es vom alten Lateiner 
gesagt, so steht es fur Keller. Naturauslegung und Sonntags- 
predigt sind nicht sein Fall. Nur wirkend greift die Landschaft 
mit ihren Kraften in die Okonomie des Menschendaseins ein. 
Das gibt den Vorgangen etwas Antikes. Oft glaubten in der 
beginnenden Renaissance Maler und Dichter die Antike darzu- 
stellen und charakterisieren doch nur ihre Zeit. Fur Keller gilt 
beinahe das Umgekehrte. Er glaubte seine Zeit zu geben und in 
ihr gab er Antike. Es geht aber mit den Erfahrungen der 
Menschheit - und die Antike ist eine Menschheitserfahrung - 
nicht anders wie mit denen des einzelnen. Ihr Formgesetz ist ein 
Gesetz der Schrumpfung, ihr Lakonismus nicht der des Scharf- 
sinns sondern der eingezogenen Trockenheit alter Friichte, 
alter Menschengesichter. Das weissagende orphische Haupt ist 
zum hohlen Puppenkopfe geschrumpft, aus dem das Brummen 
der gefangenen Fliege tont - wie man in einer Kellerschen No- 
velle ihn findet. Von dieser echten und verhutzelten Antike sind 
Kellers Schriften randvolL Seine Erde hat zur »homerischen 
Schweiz« sich zusammengezogen, sie ist die Landschaft, aus der 
er die Gleichnisse nimmt. »Sie ward inne, dafi sie zunachst keine 
Kirche mehr hatte, und in ihrem Frauensinne, durch die Macht 
der Gewohnheit, wurde es ihr zumut wie einer verirrten Biene, 
welche in der kalten Herbstnacht iiber endlosen Meereswellen 
schwebt.« In Kellers Weh nach seiner Schweizer Heimat tont 
Sehnsucht in die Zeitenferne mit. Die Schweiz ist ihm sein hal- 
bes Leben lang ein femes Bild, wie Ithaka dem Odysseus, ge- 
wesen. Und als er heim kam, blieben immer noch die Alpen, 
die er nie bereist hat, schone, feme Bilder. Dem Dichter ist die 
Odyssee das geliebteste Werk gewesen, dem angehenden Maler 
tritt immer wieder eine phantastische Paraphrase der Heimat- 
landschaft seinen Naturstudien in den Weg. 
Der Geist, in welchem Keller diesen Raum des neunzehnten 
Jahrhunderts der Antike durchwaltet, ist greifbar in seinem 
Worte. Kellers bewufites Feilen an der Sprachform ist zwar be- 
fangen; bei der Lektiire seiner eigenen Sachen ist er schreckhaft 
gewesen. Am Apparat der Gesamtausgabe laftt sich verfolgen, 
wie meist das Muhen um das sprachlich Sittige, Korrekte, nur 
selten um das dichterisch Gepragtere ihn zum Verbessern be- 



290 Literarische und asthetische Essays 

wogen hat. Desto wesentlicher ist es, dafi nun das Gestrichene 
zuganglich wurde. Jedoch auch ohnedies verraten iiberall Wort- 
schatz und Wortgebrauch einen Einschlag barocken Wesens in 
seine hausbackene Fabelwelt. Die einzige Gestaltung seiner Pro- 
sa verdankt ja Keller gerade dem, daft kein andrer Deutscher 
seit Grimmelshausen so gut um die Rander der Sprache Bescheid 
wufite, so frei das urspriinglichste Dialekt- und das spateste 
Fremdwort handhabt. Der Sprachschatz der Dialekte ist Schei- 
demiinze, die in den Pragungen vieler Jahrhunderte umlauft. 
Und wenn der Dichter im Worte eine besonders innige, beseli- 
gende Anschauung begleichen will, so greift er instinktiv nach 
diesem ererbten Schatze. Er ist im Herzahlen desselben so nobel 
gewesen wie seine Schwester geizig mit dem metallenen - 
jene Regula, von der er gesagt hat, dafi sie in »punkto alte 
Jungfer auf die unglucklichere Seite dieser Nation zu stehen 
gekommen« sei. Demgegeniiber ist in seiner Prosa das Fremd- 
wort gleichsam der Wechsel, ein prekares Dokument von weit- 
her, das er mit Vorsicht und Spannung handhabt. Er legt 
es ubrigens in Briefe am liebsteri ein. Nach diesen Briefen kann 
gar nicht bezweifelt werden, dafi das Schonste und Wesentlichste 
diesem Schriftsteller mehr noch als andern unter dem Schreiben 
kam, weswegen er sich qualitativ immer weniger zutraute als 
er konnte, quantitativ immer mehr. Weswegen er sich auch der 
»Majestat der Faulheit« so oft gefiigt hat. Er glaubte gar nicht, 
dafi es viel zu sagen gabe; aber es lag wohl in seiner schreiben- 
den Hand ein Mitteilungsbedlirfnis, das der Mund nicht kannte. 
»Es ist sehr kalt heute; das Gartchen vor dem Fenster schlottert 
vorKiihle: siebenhundertundzweiundsechzigRosenknospen krie- 
chen beinahe in die Zweige zuriick.« Solche Stellen mit ihrem 
kleinen Bodensatz von Nonsens in der Prosa (den Goethe einmal 
fur den Vers obligat erklart hat) sind der sinnfalligste Beleg fur 
das ganz Unberechenbare seines Produzierens, das die Verlags- 
geschichte seiner Werke bestimmt hat. 

Was Kellers Biicher ganz und gar erfiillt, das ist die Sinnenlust 
nicht so des Schauens als des Beschreibens. Das Beschreiben ist 
namlich Sinnenlust, weil in ihm der Gegenstand den Blick des 
Schauenden zuriickgibt, und in jeder guten Beschreibung die 
Lust, mit der zwei Blicke, die sich suchen, aufeinander treffen, 
eingefangen ist. Durchdringung des Erzahlerischen und des 



Gottfried Keller 291 

Dichterischen - der wesentliche Zuwachs, den dem Deutschen 
die nachromantische Epoche gebracht hat - ist in Kellers be- 
schreibender Prosa am vollsten verwirklicht. In fast alien Ar- 
beiten der romantischen Schule treten die beiden Elemente aus- 
einander: auf der einen Seite stehen Werke wie die »Serapions- 
briider«, auf der andern Romane wie »Godwi«. Fur Keller 
ruhen audi diese Krafte im Gleichgewicht. Daher kommt der 
alltaglichsten Hantierung seiner Menschen die runde, kanonische 
Sinnfalligkeit, die sie fiir einen Romer gehabt haben. miissen. 
»In derselben Linie liegt auch,« sagt Walter Cale - einer von 
den ganz wenigen Autoren, die mit unverwechselbarem Akzent 
von Keller gesprochen haben - »daft sich oft iiberhaupt keine 
>Idee< seiner Erzahlungen angeben lafk: denn Idee ware Ein- 
schrankung auf Eine bestimmt ausgeweitete symbolische Bedeu- 
tung; er aber, . . . wahrer Abbildner der Natur, gibt diese wie- 
der wie sie ist, infinita infinitis modis: mit unzahligen, an jeder 
Stelle beunruhigend fast aufsprossenden Bedeutsamkeiten, die 
sich in kein Wort zwingen lassen und darum gerade alles und 
das Tiefste zu sagen scheinen.« Die Wirklichkeit zu spiegeln, das 
kann sich freilich nie theoretisch als Gehalt der Kunst erweisen. 
Aber das hindert es nicht, fiir das Streben grofier Dichter ein 
gultiger Ausdruck zu sein. Ja dieses Abspiegeln ist geradezu das 
besondere Verhalten des Epikers. Das Aufrollen des Naturplans 
in ganzer Breite ist ihm als bildnerische Geste ebenso urspriing- 
lich, wie dem Dramatiker der Querschnitt durch die Struktur 
des Geschehens und die unendliche Konzentration des Daseins 
dem Lyriker. Eine Spiegelwelt ist die Welt der Kellerschen 
Schriften - freilich auch darin, dafi irgend etwas in ihr von 
Grund auf verkehrt, rechts und links darinnen vertauscht ist. 
Wahrend das Tatige, Gewichtige in ihr scheinbar unangetastet 
seme Ordnung wahrt, wechselt das Mannliche ins Weibliche, 
das Weibliche ins Mannliche unmerklich himiber. Es hat schon 
zu Kellers Lebzeiten Leser gegeben, welchen in den fahlen Re- 
flexen seines Humors eine Scheinwelt, die ihnen unheimlich war, 
sich verriet. Storm schreibt ihm uber den Schlufi der »Armen 
Baronin«: »Wie zum Teufel, Meister Gottfried, kann ein so 
zart und schon empfindender Poet uns eine solche Roheit - ja, 
halten Sie nur hubsch still! - als etwas Ergotzliches ausmalen, 
dafi ein Mann seiner Geliebten ihren friiheren Ehemann nebst 



292 Literarische und asthetische Essays 

Briidern zur Erhohung ihrer Festfreude in so scheuftlicher pos- 
senhafter Herabgekommenheit vorfuhrt!« Etwas Flackerndes 
1st in dem Licht, wie es im »Landvogt von Greifensee« ver- 
sohnend iiber ein verfehltes Lebensgliick sich giefien soil, etwas 
Irres im Lachen des alten Mannes. Es ist nur dem Lyriker Keller 
beschieden gewesen, dieses trube, unstete Licht zu filtern in 
wenigen - doch wie vollendeten! - Gedichten. 

Langsam und schimmernd fiel ein Regen, 
In den die Abendsonne schien; 
Der Wandrer schritt auf schmalen Wegen 
Mit diistrer Seele drunter hin. 

In solcher Abendsonne stehen die fernen Bilder, die mit verzicht- 
durchfurchtem Lacheln, das seinesgleichen nur in den Huri- 
Liedern des »Divan« hat, der Dichter vor dem nahenden Tod 
mit der Sense beschwort: 

Doch die lieblichste der Dichtersunden 
Lafit nicht biiEen mich, der sie gepflegt: 
Siifie Frauenbilder zu erfinden, 
Wie die bittre Erde sie nicht hegt! 

Unter seinen Gestalten ist Judith, die begehrteste Frau, diesel- 
be, von der er gesagt hat, sie sei das »von keiner Wirklichkeit 
getnibte Phantasiegebilde«. Auch ist es nicht belanglos, dafi von 
den wenigen Frauen, die Keller liebte, eine im Irrsinn, eine 
andere durch Selbstmord geendet hat. Endlich jene beiden Zei- 
len der schweizerischen Nationalhymne, die wie nichts anderes 
Kellers Visionsraum kennzeichnen - diese Rose auf diesem 
Strande, die Schweiz, die darum, weil sie der Pedant nicht 
pfliicken kann, nichts weniger ist als ode Redeblume: 

Schonste Ros', ob jede mir verblich, 
Duftest noch an meinem oden Strand! 

Die »stille Grundtrauer«, die er bekennt, ist die Brunnentiefe, in 
welcher immer wieder der humor sich sammelt. Und um es 
graphologisch auszusprechen: die seltsamen Hohlen- und Ei- 
formen dieser Schrift sind - unbeschadet aller psychoanalyti- 
schen Enqueten - konkav, das Bild der »Gramspelunke«, die 
sein Inneres war, konvex, das anschauliche Aquivalent seiner 



Gottfried Keller 293 

Grillen und Schrullen. Das Bildnis Stauffer-Berns hat der Dich- 
ter nicht wahrhaben wollen. Aber der miide Keller, dessen 
sicb der Radierer in einer unbewachten Minute versicherte, war 
der wahre, das sonore, echohaltige Innere des Miiden das seine. 
»Oft, wenn ich in der Nacht so daliege,« hat Keller auf seinem 
Sterbebette zu Adolf Frey gesagt, »komme ich mir vor wie ein 
bereits Begrabener, iiber dem ein hohes Gebaude hervorragt, 
und dann tont es immer: ich schulde, ich dulde.« Wenn aber an 
vereinzelten Stellen der Werke selber dergleichen durchdringt, 
geschieht es vielsagend stets im Bilde des Weibes. Er sieht sich 
unter der Figur der Nixe zu, die in der Winternacht vergeblich 
an der Eisdecke tastet, welche sie einschliefk. Er kennt sich 
»in der Trauer« als die Danaide: 

Und wie die miide Danaide wohl, 
Das Sieb gesenkt, neugierig um sich blicket, 
So schau ich euch verwundert nach, 
Besorgt, wie ihr euch fiigt und schicket! 

Doch auch im Scherz, der ja mitunter der Trauer so nah stent, 
sind ihm dergleichen Wendungen moglich. »Ich wiirde mich 
bald getrauen,« heifit es in einem Berliner Brief e, »einem an- 
sehnlichen Putzmachergeschaft wiirdig vorzustehen vermittelst 
der genauen Studien, welche ich in den Zwischenakten an 
Haubchen und Halskrausen aller Art vornehme,« Und wer nun, 
solche Bilder im Sinn, den Satz wagt, daft Kellers traurige Ge- 
lassenheit an einem tiefen Gleichgewicht sich ausgerichtet hat, 
das Weibliches und Mannliches in ihm bewahrten, beriihrt da- 
mit zugleich die physiognomische Erscheinung des Mannes. Die 
Antike hat ja als mannweiblichen Typ durchaus nicht einzig den 
Hermaphroditen gekannt. Dessen gefallige Formen sind spaten 
Ursprungs und danken mehr romischer und alexandrinischer 
Willkiir als dem alten Griechentum selbst. Und wenn nun auch gar 
nicht daran gedacht werden kann, dafi die Antike einen gereif- 
ten mannweiblichen Typ aus physiognomischen Spekulationen 
gepragt hatte, und der Aphroditos - die bartige Aphrodite — 
so gut ein kultisches Bild ist, wie bei argivischen Frauen der 
Brauch, mit dem Bart in der Brautnacht sich auszustaffieren, ein 
kultischer war, so fuhrt die Vorstellung solcher Haupter doch 
nahe wie nichts anderes an dies Dichterhaupt heran. 



294 Literarische und asthetische Essays 

Die Innenwelt, in welche der Betrachter, der Schweizer Burger 
und Politiker auf Stromen guten Weins das Wirkliche verflofite, 
war kein besonntes Hieronymusstiibchen, sondern ein Bann- 
raum, wo von den beiden schleichenden Lebensstromen umkreist, 
immer wieder Gesichte sich bildeten. Sein »Traumbuch« ist ein 
Kodex solcher Gesichte. In seinen Schriften schieben sie dicht 
und wie wappenformig sich ineinander. fhrer Schreibart wohnt 
etwas Heraldisches bei. Sie setzt die Worte oft mit so barockem 
Trotz zusammen, wie ein Wappen die Halften der Dinge. In 
einem Altersbriefe, der fiir ein besticktes Kissen dankt, heifit 
es: »Ich kann . . . die Miihe fast nicht verantworten, welche Ihre 
kunstreichen Hande sich genommen haben, diesen zwei Initialen 
eine so schone Statte zu bereiten, wahrscheinlich im Hinblick 
darauf, daf? sie nicht mehr lang zusammenhalten werden.« 
Umstandlich scharen sich zum letzten Mai in seinem Werke, 
diesem Heroldsbuche der Kantone, die Sinnbilder des biirger- 
lichen Staats zusammen. Als junger Mann hat er einmal gedich- 
tet: 

Lafit fahren Mythos, Nibelungen, Bibel! 
Die alten Traume sind genug gedeutet, 
Der alte Drache ist genug gehautet . . . 
Malt nun der Freiheit eine Bilderfibel! 

Die sind seine Schriften geworden. Sie erschienen zu einer Zeit, 
da man ihre Sprache zu verlernen begann, und von demselben 
Amerika, das er so oft und so romanhaft beschworen hat, die 
Schweizertochter, in denen sein Blick Helena und Lukretia zu- 
gleich fand, die Buchfiihrung zu erlernen e begannen. 

Die bisher vorliegenden Bande der Ausgabe sind nadi Einrichtung 
und Ausstattung gleich bemerkenswert. Der Apparat bringt die Ab- 
weichungen der friiheren Fassungen von der letzten in einer gewissen 
Rubnzierung nach stilistischen Gesichtspunkten. Ob dieses, philolo- 
gisch betrachtet, kiihne Verfahren im wissenschaftlidien Gebrauch sich 
durchsetzen kann, ist schwer zu sagen. So viel ist sicher, daft der An- 
hang zu den wenigen zahlt, deren Studium an sich ein Vergniigen ist. 
Es herrscht darin eine Beschrankung auf das sa-chlich Erforderte, die 
sehr schon zu dem strengen Gesicht der Ausgabe pafit, der jede Kon- 
zession an den Snobismus aber auch jede Anbiederung an das Publi- 
kum fremd ist. Wieviele deutsche Gesamtausgaben gibt es, von denen 



Der Siirrealismus 295 

das gilt? Das bei Keller besonders schwierige Problem der Typen und 
der Satzanordnung scheint mir gelost. Der Einband zeugt vom glei- 
chen sicheren Geschmack wie die Druckanordnung. 



Der Surrealismus 
Die letzte Momentaufnahme der europaischen Intelligenz 

Geistige Stromungen konnen ein Gefalle erreichen, scharf genug, 
dafi der Kritiker seine Kraftstation an ihnen errichten kann. 
Solches Gefalle schafft fur den Surrealismus der Niveauunter- 
schied Frankreich-Deutschland. Was da im Jahre 19 19 in Frank- 
reich im Kreise einiger Literaten - wir nennen gleich hier die 
wichtigsten Namen: Andre Breton, Louis Aragon, Philippe 
Soupault, Robert Desnos, Paul Eluard - entsprungen ist, mag 
ein diinnes Bachlein gewesen sein, gespeist von der feuchten 
Langeweile des Nachkriegs-Europa und den letzten Rinnsalen 
der franzosischen Dekadenz. Die Neunmalweisen, die noch 
heute nicht iiber die »authentischen Urspriinge« der Bewegung 
hinauskommen, und auch noch heute nichts davon zu sagen 
wissen, als dafi hier wieder einmal eine Clique von Literaten 
die ehrwurdige Uffentlichkeit mystifiziere, sind ein wenig wie 
eine Expertenversammlung, die an einer Quelle nach reichlicher 
Oberlegung zur Uberzeugung kommt, der kleine Bach da werde 
niemals Turbinen treiben. 

Der deutsche Betrachter steht nicht an der Quelle. Das ist seine 
Chance. Er steht im Tal. Er kann die Energien der Bewegung 
abschatzen. Fur ihn, der als Deutscher langst mit der Krisis der 
Intelligenz, genauer gesagt, des humanistischen Freiheitsbegriffs 
vertraut ist, der weijR, welch frenetischer Wille in ihr erwacht 
ist, aus dem Stadium der ewigen Diskussionen heraus und um 
jeden Preis zur Entscheidung zu kommen, der ihre aufierst 
exponierte Stellung zwischen anarchistischer Fronde und revolu- 
tionarer Disziplin am eignen Leib hat erfahren miissen, fiir den 
gibt es keine Entschuldigung, wenn er auf oberflachlichsten Au- 
genschein die Bewegung fiir eine »kunstlerische«, »poetische« 
halten sollte. Wenn sie dies im Anfang gewesen ist, so hat doch 
eben im Anfang Breton schon erklart, mit einer Praxis brechen 



i<)6 Literarische und asthetische Essays 

zu wollen, die dem Publikum die literarischen Niederschlage 
einer bestimmten Existenzform vorlegt und diese Existenzform 
selber vorenthalt. Kiirzer und dialektischer gefafit aber heifSt 
das: Hier wurde der Bereich der Dichtung von innen gesprengt, 
indem ein Kreis von engverbundenen Menschen »Dichterisches 
Leben« bis an die aufiersten Grenzen des Moglichen trieb. Und 
man kann es ihnen aufs Wort glauben, wenn sie behaupten, 
Rimbauds »Saison en Enfer« habe keine Geheimnisse fur sie 
mehr gehabt. Denn dieses Buch ist in der Tat die erste Urkunde 
einer solchen Bewegung. (Aus neueren Zeiten. Von alteren Vor- 
gangern wird noch gesprochen werden.) Kann man, worum es 
hier geht, endgiiltiger und schneidender vorbringen als Rimbaud 
es in seinem Handexemplar des genannten Buches getan hat? 
Da schreibt er, wo es heifit: »auf der Seide der Meere und der 
arktischen Blumen«, spaterhin an den Rand: »Gibt's nicht« 
(»Elles n'existent pas«). 

In wie unscheinbare, abseitige Substanz der dialektische Kern, 
der sich im Siirrealismus entfaltet hat, urspriinglich eingebettet 
lag, hat, zu einer Zeit, da die Entwicklung sich noch nicht ab- 
sehen liefi, 1924, Aragon in seiner » Vague de Reves« gezeigt. 
Heute lafit sie sich absehen. Denn es ist kein Zweifel, daft das 
heroische Stadium, von dem dort Aragon den Heldenkatalog 
uns hinterlassen hat, beendet ist. Es gibt in solchen Bewegungen 
immer einen Augenblick, da die urspriingliche Spannung des 
Geheimbundes im sachlichen, profanen Kampf um Macht und 
Herrschaft explodieren oder als offentliche Manifestation zerfal- 
len und sich transformieren mufi. In dieser Transformations- 
phase steht augenblicklich der Siirrealismus. Damals aber, als er 
in Gestalt einer inspirierenden Traumwelle uber seine Stifter 
hereinbrach, schien er das Integralste, Abschliefiendste, Absolu- 
teste. Alles, womit er in Beriihrung kam, integrierte sich. Das 
Leben schien nur lebenswert, wo die Schwelle, die zwischen 
Wachen und Schlaf ist, in jedem ausgetreten war, wie von 
Tritten massenhafter hin und wider flutender Bilder, die Sprache 
nur sie selbst, wo Laut und Bild und Bild und Laut mit auto- 
matischer Exaktheit derart gliicklich ineinandergriffen, dafi fur 
den Groschen »Sinn« kein Spalt mehr iibrigblieb. Bild und 
Sprache haben den Vortritt. Saint-Pol-Roux befestigt, wenn er 
gegen Morgen sich zum Schlafe niederlegt, an seiner Tiir ein 



Der Surrealismus 297 

Schild: Le poete travaille. Breton notiert: »Still. Ich will, wo 
keiner noch hindurchgegangen ist, hindurchgehen, still! - Nach 
Ihnen, liebste Sprache.« Die hat den Vortritt. 
Nicht nur vor dem Sinn. Audi vor dem Ich. Im V/eltgefiige 
lockert der Traum die Individualist wie einen hohlen Zahn. 
Diese Lockerung des Ich durch den Rausch ist eben zugleich die 
fruchtbare, lebendige Erfahrung, die diese Menschen aus dem 
Bannkreis des Rausches heraustreten liefi. Es ist hier nicht der 
Ort, die siirrealistische Erfahrung in ihrer ganzen Bestimmtheit 
zu umreifien. Wer aber erkannt hat, dafi es in den Schriften 
dieses Kreises sich nicht um Literatur, sondern um anderes: 
Manifestation, Parole, Dokument, Bluff, Falschung wenn man 
will, nur eben nicht um Literatur handelt, weifi damit auch, dafi 
hier buchstablich von Erfahrungen, nicht von Theorien, noch 
weniger von Phantasmen die Rede ist. Und diese Erfahrungen 
beschranken sich durchaus nicht auf den Traum, auf Stunden des 
Haschischessens oder des Opiumrauchens. Es ist ja ein so grofier 
Irrtum, zu meinen, von »siirrealistischen Erfahrungen « kennten 
wir nur die religiosen Ekstasen oder die Ekstasen der Drogen. 
Opium furs Volk hat Lenin die Religion genannt und damit 
diese beiden Dinge naher zusammengeruckt, als es den Siirrea- 
listen lieb sein durfte. Es wird noch von dem bitteren, leiden- 
schaftlichen Aufstand gegen den Katholizismus die Rede sein, 
als in welchem Rimbaud, Lautreamont, Apollinaire den Siirrea- 
lismus zur Welt brachten. Die wahre, schopferische Oberwin- 
dung religioser Erleuchtung aber liegt nun wahrhaftig nicht 
bei den Rauschgiften. Sie liegt in einer profanen Erleuchtung, 
einer materialistischen, anthropologischen Inspiration, zu der 
Haschisch, Opium und was immer sonst die Vorschule abgeben 
konnen. (Aber eine gefahrliche. Und die der Religionen ist 
strenger.) Diese profane Erleuchtung hat den Surrealismus 
nicht immer auf ihrer, seiner Hohe gefunden, und gerade die 
Schriften, die sie am kraftigsten bekunden, Aragons unvergleich- 
licher »Paysan de Paris« und Bretons »Nadja« zeigen da sehr 
storende Ausfallserscheinungen. So findet sich in der »Nadja« 
eine ausgezeichnete Stelle iiber die »hinreifienden Pariser Pliin- 
derungstage im Zeichen Saccos und Vanzettis«, und Breton 
schliefit daran die Versicherung, der Boulevard Bonne-Nou- 
velle habe an diesen Tagen das strategische Versprechen der 



298 Literansche und asthetische Essays 

Revoke eingelost, das sein Name schon immer gegeben habe. 
Es kommt aber audi Mme Sacco vor, und das ist nicht die Frau 
von Fullers Opfer, sondern eine voyante, eine Hellseherin, die 
3 Rue des Usines wohnt und Paul Eluard zu erzahlen weifi, dafi 
ihm von Nadja nichts Gutes bevorstehe. Nun gestehen wir dem 
halsbrecherischen Wege des SUrrealismus, der liber Dacher, Blitz- 
ableiter, Regenrinnen, Veranden, Wetterfahnen, Stukkaturen 
geht - dem Fassadenkletterer miissen alle Ornamente zum 
Besten dienen -, wir gestehen ihm zu, dafi er audi ins feuchte 
Hinterzimmer des Spirkismus hineinlange. Aber nicht gern 
horen wir ihn behutsam gegen die Scheiben klopfen, um wegen 
seiner Zukunft nachzufragen. Wer mochte nicht diese Adop- 
tivkinder der Revolution aufs genaueste von allem geschie- 
den wissen, was in den Konventikeln von abgetakelten Stifts- 
damen, pensionierten Majoren, emigrierten Schiebern sich ab- 
spielt? 

Im ubrigen ist Bretons Buch wohl geschaffen, einige Grundziige 
dieser »profanen Erleuchtung« daran zu erlautern. Er nennt 
» Nadja « ein »livre a porte battante«, ein »Buch, wo die Tiir 
klappt«. (In Moskau wohnte ich in einem Hotel, in dem fast alle 
Zimmer von tibetanischen Lamas belegt waren, die zu einem 
Kongrefi der gesamten buddhistischen Kirchen nach Moskau 
gekommen waren. Es fiel mir auf, wieviele Turen in den Gangen 
des Hauses stets angelehnt standen. Was erst ein Zufall schien, 
wurde mir unheimlich. Ich erfuhr: in solchen Zimmern wohnten 
Angehorige einer Sekte, die gelobt hatten, nie in geschlossenen 
Raumen sich aufzuhalten. Den Chock, den ich damals erfuhr, 
mufi der Leser von »Nadja« verspiiren.) Im Glashaus zu leben 
ist eine revolutionare Tugend par excellence. Audi das ist ein 
Rausch, ist ein moralischer Exhibitionismus, den wir sehr notig 
haben. Die Diskretion in Sachen eigener Existenz ist aus einer 
aristokratischen Tugend mehr und mehr zu einer Angelegenheit 
arrivierter Kleinbiirger geworden. »Nadja« hat die wahre, 
schopferische Synthese zwischen Kunstroman und Schliissel- 
roman gefunden. 

Man braucht iibrigens - und audi darauf fuhrt »Nadja« - nur 
mit der Liebe Ernst zu machen, um audi in ihr eine »profane 
Erleuchtung« zu erkennen. »Ich habe«, erzahlt der Verfasser, 
»mich gerade damals (d. h. zur Zeit des Umgangs mit Nadja) 



Der Sufrealismus 299 

viel mit der Epoche Ludwigs VII. beschaftigt, weil es die Zek 
der >Liebeshofe< war, und ich suchte mir mit grofier Intensitat 
zu vergegenwartigen, wie man damals das Leben angesehen 
hat.« t)ber die provencalische Minne wissen wir nun von einem 
neuen Autor einiges Genauere, das uberraschend nah an die 
siirrealistische Konzeption der Liebe heranfuhrt. »Alle Dichter 
des Neuen Stils besitzen« - so heifit es in Erich Auerbachs 
ausgezeichnetem »Dante als Dichter der irdischen Welt« - »eine 
mystische Geliebte, ihnen alien geschehen ungefahr die gleichen 
sehr sonderbaren Liebesabenteuer, ihnen alien schenkt oder ver- 
sagt Amore Gaben, die mehr einer Erleuchtung als einem sinn- 
lichen Genufi gleichen, sie alle sind einer Art geheimer Verbin- 
dung angehorig, die ihr inneres und vielleicht auch ihr aufkres 
Leben bestimmt.« Es ist ja eigentiimlich mit der Dialektik des 
Rausches bestellt. Ist nicht vielleicht jede Ekstase in einer Welt 
beschamende Nuchternheit in derkomplementaren? Worauf sonst 
will Minne - und sie, nicht Liebe, bindet Breton an das telepa- 
thische Madchen - hinaus, als daft Keuschheit auch eine Ent- 
riicktheit ist? In eine Welt, die nicht nur an Herz-Jesu-Gnifte 
oder Marien-Altare grenzt, sondern auch an den Morgen vor 
einer Schlacht oder nach einem Siege. 

Die Dame ist in der esoterischen Liebe das Unwesentlichste. So 
auch bei Breton. Er ist mehr den Dingen nahe, denen Nadja 
nahe ist, als ihr selber. Welches sind nun die Dinge, denen sie 
nahe ist? Deren Kanon ist fur den Surrealismus so aufschluEreich 
wie nur moglich. Wo beginnen? Er hat sich einer erstaunlichen 
Entdeckung zu ruhmen. Er zuerst stiefi auf die revolutionaren 
Energien, die im »Veralteten« erscheben, in den ersten Eisen- 
konstruktionen, den ersten Fabrikgebauden, den friihesten 
Photos, den Gegenstanden, die anfangen auszusterben, den 
Salonfliigeln, den Kleidern von vor fiinf Jahren, den mondanen 
Versammlungslokalen, wenn die vogue beginnt sich von ihnen 
zuriickzuziehen. Wie diese Dinge zur Revolution stehen - nie- 
mand kann einen genaueren Begriff davon haben, als diese 
Autoren. Wie das Elend, nicht nur das soziale sondern genauso 
das architektonische, das Elend des Interieurs, die versklavten 
und versklavenden Dinge in revolutionaren Nihilismus um- 
schlagen, das hat vor diesen Sehern und Zeichendeutern noch 
niemand gewahrt. Um von Aragons »Passage de POp£ra« zu 



300 Literarische und asthetische Essays 

schweigen: Breton und Nadja sind das Liebespaar, das alles, was 
wir auf traurigen Eisenbahnfahrten (die Eisenbahnen beginnen 
zu altern), an gottverlassenen Sonntagnachmittagen in den 
Proletariervierteln der groflen Stadte, im ersten Blick durchs re- 
gennasse Fenster einer neuen Wohriung erfuhren, in revolutio- 
narer Erf ahrung, wenn nicht Handiung, einlosen. Sie bringen die 
gewaltigen Krafte der »Stimmung« zur Explosion, die in diesen 
Dingen verborgen sind. Was glauben Sie wohl, wie sich ein Le- 
ben gestalten wiirde, das in einem entscheidenden Augenblick 
sich gerade durch den letzten beliebtesten Gassenhauer bestim- 
men liefie? 

Der Trick, der diese Dingwelt bewaltigt - es ist anstandiger hier 
von einem Trick als von einer Methode zu reden - besteht in 
der Auswechslung des historischen Blicks aufs Gewesene gegen 
den politischen. »Tut Euch auf, Graber, Ihr, Tote der Pinako- 
theken, Leichname hinter spanischen Wanden, in Palasten, 
Schlossern und Klostern, hier stent der fabelhafte Schliisselbe- 
wahrer, der einen Bund mit Schliisseln aller Zeiten in Handen 
halt, der weifi, wie man auf die verschlagensten Schlosser zu 
driicken hat und der Euch einladt, mitten hinein in die Welt von 
heute zu treten, Euch unter die Lasttrager, die Mechaniker zu 
mischen, die das Geld adelt, Euch hauslich in ihren Automobilen 
niederzulassen, die schon sind wie Rustungen aus der Ritterzeit, 
in den internationalen Schlafwagen Platz zu nehmen und Euch 
mit all den Leuten zusammenzuschweifien, die heut noch stolz 
auf ihre Vorrechte sind. Aber die Zivilisation wird kurzen Pro- 
zefi mit ihnen machen.« Diese Rede hat sein Freund Henri Hertz 
Apollinaire in den Mund gelegt. Von Apollinaire geht diese 
Technik aus. Er hat sie in seinem Novellenband »L'Heresiar- 
que« mit machiavellistischer Berechnung verwendet, um den 
Katholizismus (an dem er innerlich hing) in die Luft gehen zu 
lassen. 

Im Mittelpunkt dieser Dingwelt steht das Getraumteste ihrer 
Objekte, die Stadt Paris selbst. Aber erst die Revoke treibt ihr 
siirrealistisches Gesicht restlos heraus. (Menschenleere Strafien, 
in denen Pfiffe und Schusse die Entscheidung diktieren.) Und 
kein Gesicht ist in dem Grade siirrealistisch wie das wahre Ge- 
sicht einer Stadt. Kein Bild von Chirico oder Max Ernst kann 
mit den scharfen Aufrissen ihrer inneren Forts sich messen, die 



Der Siirrealismus 301 

erst erobert und besetzt sein miissen, um ihr Geschick und in 
lhrem Geschick, im Geschick ihrer Massen, das eigene zu mei- 
stern. Nadja ist ein Exponent dieser Massen und dessen, was sie 
revolutionar inspiriert: »La grande inconscience vive et sonore 
qui m'inspire mes seuls actes probants dans le sens cm toujours 
je veux prouver, qu'elle dispose a tout jamais de tout ce qui 
est a moi.« Hier also findet man das Verzeichnis dieser Befe- 
stigungen, angef angen von jener Place Maubert,wo wie nirgends 
sonst der Schmutz seine ganze symbolische Gewalt sich bewahrt 
hat, bis zu jenem » Theatre Moderne«, das ich untrostlich bin, 
nicht mehr gekannt zu haben. Aber in Bretons Schilderung der 
Bar im Obergeschofi - »ganz dunkel ist's, tunnelartige Lau- 
ben, durch die man nicht durchfindet - ein Salon auf dem Grund 
eines Sees« - ist etwas, was mir jenen unverstandensten 
Raum des alten Prinzefi-Cafes in Erinnerung bringt. Es war 
das Hinterzimmer im ersten Stock mit seinen Paaren im blauen 
Lichte. Wir nannten es »die Anatomie«; es war das letzte Lokal 
fur die Liebe. An solchen Stellen greift bei Breton auf sehr merk- 
wiirdige Weise die Photographie ein. Sie macht die Strafien, To- 
re, Platze der Stadt zu Illustrationen eines Kolportageromans, 
zapft diesen jahrhundertealten Architekturen ihre banale Evi- 
denz ab, um sie mit allerursprunglichster Intensitat dem darge- 
stellten Geschehen zuzuwenden, auf das genau wie in alten 
Dienstmadchenbuchern wortgetreue Zitate mit Seitenzahlen 
verweisen. Und all die Orte von Paris, die hier auftauchen, sind 
Stellen, an denen das, was zwischen diesen Menschen ist, sich 
wie eine Drehtiir bewegt. 

Audi das Paris der Surrealisten ist eine »kleine Welt«. Das heifk 
in der groEen, im Kosmos, sieht es nicht anders aus. Auch dort 
gibt es carrefours, an denen geisterhafte Signale aus dem Ver- 
kehr aufblitzen, unerdenkliche Analogien und Verschrankungen 
von Geschehnissen an der Tagesordnung sind. Es ist der Raum, 
von dem die Lyrik des Siirrealismus Bericht gibt. Und das ist 
anzumerken, ware es auch nur, um dem obligaten Mifiverstand- 
nis des »l'art pour Part« zu begegnen. Denn das Tart pour l'art 
ist ja fast niemals buchstablich zu nehmen gewesen, fast immer 
eine Flagge, unter der ein Gut segelt, das man nicht deklarieren 
kann, weil der Name noch fehlt. Es ware der Augenblick, an 
ein Werk zu gehen, das wie kein anderes die Krisis der Kiinste, 



302 Literarische und asthetische Essays 

von der wir Zeuge sind, erhellen wiirde: eine Geschichte der eso- 
terischen Dichtung. Audi ist es keineswegs Zufall, dafi sie noch 
fehlt. Denn sie zu schreiben, wie sie geschrieben zu werden ver- 
langt - also nicht als Sammelwerk, zu dem die einzelnen »Fach- 
leute«, em jeder auf seinem Gebiet »das Wissenswerteste bei- 
steuern« -, sondern als fundierte Schrift eines einzelnen, der aus 
innerer Notigung heraus weniger die Entwicklungsgeschichte als 
ein immer wieder erneutes urspriingliches Aufleben der esoteri- 
schen Dichtung darstellte - so geschrieben ware sie eine jener 
gelehrten Bekenntnisschriften, die in jedem Jahrhundert zu zah- 
len sind. Auf ihrem letzten Blatte miifke man das Rontgenbild 
des Surrealismus finden. Breton deutet in der introduction 
au Discours sur le peu de Realite« an, wie der philosophische Rea- 
lismus des Mittelalters der poetischen Erfahrung zugrunde liegt. 
Dieser Realismus aber - der Glaube also an eine wirkliche Son- 
derexistenz der BegrifTe, sei es aufterhalb der Dinge, sei es inner- 
halb ihrer - hat immer sehr schnell den Ubergang aus dem logi- 
schen BegrifTsreich ins magische Wortreich gefunden. Und 
magische Wortexperimente, nicht artistische Spielereien sind die 
passionierten phonetischen und graphischen Verwandlungsspiele, 
die nun schon f iinf zehn Jahre sichdurch die gesamteLiteratur der 
A vantgarde Ziehen, sie mogeFuturismus,Dadaismus oder Surrea- 
lismus heifien. Wie hier Parole, Zauberformel und BegrifT durch- 
einandergehen, das zeigen die folgenden Worte Apollinaires 
aus seinem letzten Manifest: »L'Esprit nouveau et les Poetes.« 
Da sagt er, 191 8: »Fur die Geschwindigkeit und die Einfach- 
heit, mit der wir alle uns daran gewohnt haben, durch ein einzi- 
ges Wort so komplexe Wesenheiten wie eine Menge, ein Volk, 
wie das Universum zu bezeichnen, gibt es nicht modernes Ent- 
sprechendes in der Dichtung. Die heutigen Dichter aber fiillen 
diese Liicke aus; ihre synthetischen Dichtungen schaffen neue 
Wesen, deren plastische Erscheinung ebenso komplex ist wie die 
der Worte fur Kollektiva.« Wenn nun freilich Apollinaire und 
Breton in gleicher Richtung noch energischer vorstoEen, und den 
Anschlu£ des Surrealismus an die Umwelt mit der Erklarung 
vollziehen: »Die Eroberungen der Wissenschaft beruhen viel 
mehr auf einem siirrealistischen als auf einem logischen Denken«, 
wenn sie mit andern Worten die Mystifikation, deren Gipfel 
Breton in der Poesie sieht (das lafit sich verteidigen), zur 



Der Surrealismus 303 

Grundlage audi wissenschaftlicher und technischer Entwicklung 
machen, so ist solche Integration zu sturmisch.Es istsehr lehrreich, 
den uberstiirzten Anschlufi dieser Bewegung an das unverstan- 
dene Maschinenwunder - Apollinaire: »Die alten Fabeln sind 
zum grofien Teil realisiert, nun ist es an den Dichtern, neue zu 
erdenken, die die Erfinder ihrerseits dann wieder verwirklichen 
mogen« -, diese schwiilen Phantasien mit den gut ventilierten 
Utopien eines Scheerbart zu vergleichen. 

»Der Gedanke an alle menschliche Aktivitat macht mich lachen«, 
diese Aufierung von Aragon bezeichnet recht deutlich, welchen 
Weg der Surrealismus von seinen Urspriingen bis zu seiner Poli- 
tisierung zu machen hatte. Mit Recht hat Pierre Naville, der die- 
ser Gruppe ursprunglich angehorte, in seiner ausgezeichneten 
Schrift »La Revolution et les Intellectuels« diese Entwicklung 
dialektisch genannt. Bei dieser Umwandlung einer extrem kon- 
templativen Haltung in die revolutionare Opposition spielt die 
Feindschaft der Bourgeoisie gegen jedwede Bekundung radika- 
ler geistiger Freiheit eine Hauptrolle. Diese Feindschaft drangte 
den Surrealismus nach links. Politische Ereignisse, vor allem der 
Marokkokrieg, beschleunigten diese Entwicklung. Mit dem Ma- 
nifest »Die Intellektuellen gegen den Marokkokrieg«, das in 
der »Humanite« erschien, war eine grundsatzlich andere Platt- 
form gewonnen, als etwa der beriihmte Skandal bei dem Bankett 
Saint-Pol-Roux sie bezeichnet. Damals, kurz nach dem Kriege, 
als die Siirrealisten, die die Feier eines von ihnen verehrten Dich- 
ters durch die Anwesenheit nationalistischer Elemente kom- 
promittiert fanden, in den Ruf »Es lebe Deutscbland« aus- 
brachen, blieben sie in den Grenzen des Skandals, gegen den die 
Bourgeoisie bekanntlich ebenso dickfellig wie empfindlich gegen 
jede Aktion ist. Merkwiirdig die Obereinstimmung, in der 
unter dem Einflufi soldier politischen Witterungen Apollinaire 
und Aragon die Zukunft des Dichters gesehen haben. Die Ka- 
pitel »Verfolgung« und »Mord« des »Poete assassine« bei 
Apollinaire enthalten die beriihmte Schilderung eines- Dichter- 
Pogroms. Die Verlagshauser werden gestiirmt, die Gedichtbucher 
ins Feuer geworfen, die Dichter erschlagen. Und die gleichen 
Szenen spielen zu gleicher Zeit auf der ganzen Erde sich ab. Bei 
Aragon ruft. in der Vorahnung soldier Greuel die » Imagination « 
ihre Mannschaft. zu einem letzten Kreuzzuge auf. 



304 Literarische und asthetische Essays 

Man mufi, um solciie Prophetien zu verstehen und die Linie, die 
vom Surrealismus erreicht wurde, strategist zu ermessen, sidi 
danach umsehen, welche Denkart in der sogenannten wohlge- 
sinnten linksburgerlichen Intelligenz verbreitet ist. Sie bekundet 
sich deutlich genug in der gegenwartigen Rufiland-Orientierung 
dieser Kreise. Wir reden hier natiirlich nicht von Beraud, der 
der Luge uber Rufiland die Bahn gebrochen hat, oder von 
Fabre-Luce, der ihm auf diesem gebahnten Wege als braver 
Esel, bepackt mit alien biirgerlichen Ressentiments, nachtrottet. 
Aber wie problematisch ist selbst das typische Vermittlerbuch 
Duhamels. Wie schwer ertraglich die forciert aufrechte, forciert 
beherzte und herzliche Sprache des protestantischen Theologen, 
die es durchzieht. Wie verbraucht die von Verlegenheit und 
Sprachunkenntnis diktierte Methode, die Dinge in irgendeine 
symbolische Beleuchtung zu riicken. Wie verraterisch sein 
Resiimee: »Die wahre, tiefere Revolution, die, welche in gewis- 
sem Sinne die Substanz der slawischen Seele selbst wandeln 
konnte, ist noch nicht erfolgt.« Es ist das Typische dieser linken 
franzosischen Intelligenz - genau wie der entsprechenden 
russischen audi -, dafi ihre positive Funktion ganz und gar aus 
einem Gefiihl der Verpflichtung, nicht gegen die Revolution, 
sondern gegen die uberkommene Kultur hervorgeht. Ihre kol- 
lektive Leistung, soweit sie positiv ist, nahert sich der von Kon- 
servatoren. Politisch und wirtschaftlich aber wird man bei ihnen 
mit der Gefahr der Sabotage immer rechnen miissen. 
Das Charakteristische dieser ganzen linksbiirgerlichen Position 
ist ihre unheilbare Verkupplung von idealistischer Moral mit 
politischer Praxis. Nur im Kontrast gegen die hilflosen Kom- 
promisse der »Gesinnung« sind gewisse Kernstiicke des Surrealis- 
mus, ja der siirrealistischen Tradition, zu verstehen. Viel ist fiir 
dies Verstandnis noch nicht geschehen. Zu verfuhrerisch war es, 
den Satanismus eines Rimbaud und Lautreamont als Pendant 
zum Tart pour Tart in einem Inventar des Snobismus zu fassen. 
Entschliefk man sich aber, diese romantische Attrappe zu 6rT- 
nen, so findet man darin etwas Brauchbares. Man findet den Kult 
des Bosen als einen wie audi immer romantischen Desinfek- 
tions- und Isolierungsapparat der Politik gegen jeden morali- 
sierenden Dilettantismus. In dieser Oberzeugung wird man, 
stoftt man bei Breton auf das Szenar von einem Schauerstiick, 



Der Surrealismus 305 

in dessen Mittelpunkt eine Kinderschandung steht, vielleiclit um 
ein paar Jahrzehnte zuriickgreifen. Es haben in den Jahren 
1865 bis 1875 einige grofie Anarchisten, ohne voneinander zu 
wissen, an ihren Hollenmaschinen gearbeitet. Und das Erstaun- 
liche ist: sie haben unabhangig voneinander deren Uhr genau 
auf die gleiche Stunde gestellt, und vierzig Jahre spater explo- 
dierten in Westeuropa die Schriften Dostojewskis, Rimbauds und 
Lautreamonts zu gleicher Zeit. Man konnte, um genauer zu 
sein, aus dem Gesamtwerk Dostojewskis die eine Stelle heraus- 
greifen, die wirklich erst um 191 5 veroffentlicht wurde: »Sta- 
vrogins Beichte« aus den »Damonen«. Dieses Kapitel, das sich 
aufs engste mit dem dritten Gesang der » Chants de Maldoror« 
beriihrt, enthalt eine Rechtfertigung des Bosen, die gewisse Mo- 
tive des Surrealismus gewaltiger auspragt als es irgendeinem 
seiner heutigen Wortfiihrer gelungen ist. Denn Stavrogin ist ein 
Surrealist avant la lettre. Es hat keiner so wie er begriflen, wie 
ahnungslos die Meinung der Spiefier ist, das Gute sei zwar bei 
aller mannlichen Tugend dessen, der es iibt, von Gott inspiriert; 
das Bose aber, das stamme ganz aus unserer Spontaneitat, darin 
seien wir selbstandig und ganz und gar auf uns gestellte Wesen. 
Keiner hat wie er audi in dem gemeinsten Tun und gerade in 
ihm die Inspiration gesehen. Er hat noch die Niedertracht 
als etwas so im Weltlauf, doch audi in uns selber Praformiertes, 
uns Nahgelegtes, wenn nicht Aufgegebenes erkannt, wie der 
idealistische Bourgeois die Tugend. Dostojewskis Gott hat nicht 
nur Himmel und Erde und Mensch und Tier geschafTen, sondern 
audi die Gemeinheit, die Rache, die Grausamkeit. Und auch hier 
lieft er sich nicht vom Teufel ins Handwerk pfuschen. Darum 
sind sie alle bei ihm ganz urspriinglich, vielleicht nicht »herr- 
Hch«, aber ewig neu »wie am ersten Tag«, und himmelweit 
entfernt von den Klischees, unter denen dem PhiKster die Siinde 
erscheint. 

Wie grofi die Spannung ist, die die erwahnten Dichter zu ihrer 
erstaunlichen Fernwirkung befahigt, belegt auf geradezu skur- 
rile Art der Brief, den Isidore Ducasse am 23. Oktober 1869 
an seinen Verleger richtet, um ihm sein Dichten plausibel zu 
machen. Da stellt er sich in eine Reihe mit Mickiewicz, Mil- 
ton, Southey, Alfred de Musset, Baudelaire und sagt: »Natiir- 
lich habe ich den Ton etwas voller genommen, um etwas Neues 



yo6 Literarische und asthetische Essays 

in diese Literatur einzufiihren, die doch die Verzweiflung nur 
singt, um den Leser niederzudriicken und auf dafi er dann das 
Gute als Heilmittel desto starker ersehne. So singt man also 
schliefilich doch immer nur das Gute, nur die Methode ist philo- 
sophischer und weniger naiv als die der alten Schule, von der 
nur Victor Hugo und einige andere sich noch am Leben befin- 
den.« Steht aber Lautreamonts erratisches Buch iiberhaupt in 
irgendeinem Zusammenhang, lafit es sich vielmehr in einen 
stellen, so ist es der der Insurrektion. Es war darum ein sehr 
begreiflicher und an sich nicht einsichtsloser Versuch, den Sou- 
pault 1927 in seiner Ausgabe der samtlichen Werke machte, 
Isidore Ducasse eine politische Vita zu schreiben. Leider gibt es 
keine Dokumente fur sie, und dafi Soupault welche heranzog, 
beruhte auf einer Verwechslung. Dagegen ist erfreulicherweise 
ein entsprechender Versuch bei Rimbaud gegliickt, und es ist das 
Verdienst von Marcel Coulon, sein wahres Bild gegen die katho- 
lische Usurpation durch Claudel und Berrichon verteidigt zu 
haben. Rimbaud ist Katholik, jawohl, aber er ist es, seiner 
Selbstdarstellung nach, an seinem elendesten Teil, den er nicht 
miide wird zu denunzieren, seinem und jedem Hafi, seiner und 
jeglicher Verachtung auszuliefern: dem Teil, der ihn zu dem 
Bekenntnis zwingt, die Revoke nicht zu verstehen. Aber das ist 
das Bekenntnis eines Kommunarden, der sich selbst nicht genug 
tun konnte, und als er der Dichtung den Riicken kehrte, der 
Religion schon langst in seiner friihesten Dichtung den Abschied 
gegeben hatte. »Hafi, dir habe ich meinen Schatz anvertraut«, 
schreibt er in der »Saison en Enfer«. Auch an diesem Wort konn- 
te eine Poetik des Stirrealismus sich hochranken und die wiirde 
sogar ihre Wurzeln tiefer als jene Theorie der »surprise«, des 
iiberraschten Dichtens, die von Apollinaire stammt, bis in die 
Tiefe Poescher Gedanken hinabsenken. 

Seit Bakunin hat es in Europa keinen radikalen Begriff von 
Freiheit mehr gegeben. Die Siirrealisten haben ihn. Sie sind die 
ersten, das liberale moralisch-humanistisch verkalkte Freiheits- 
ideal zu erledigen, weil ihnen feststeht, dafi »die Freiheit, die 
auf dieser Erde nur mit tausend hartesten Opfern erkauft 
werden kann, uneingeschrankt, in ihrer Fiille und ohne jegliche 
pragmatische Berechnung will genossen werden, solange sie 
dauert«. Und das beweist ihnen, »dafi der Befreiungskampf 



Der Siirrealismus -307 

der Menschheit in seiner schlichtesten revolutionaren Gestalt 
(die doch, und gerade, die Befreiung in jeder Hinsicht ist), die 
einzige Sache bleibt, der zu dienen sich lohnt«. Aber gelingt es 
ihnen, diese Erfahrung von Freiheit mit der anderen revolu- 
tionaren Erfahrung zu verschweifien, die wir doch anerkennen 
miissen, weil wir sie hatten: mit dem Konstruktiven, Diktato- 
rischen der Revolution? Kurz - die Revoke an die Revolution 
zu binden? Wie haben wir ein Dasein, das ganz und gar auf 
den Boulevard Bonne-Nouvelle sich ausrichtet, in Raumen von 
Le Corbusier und Oud uns vorzustellen? 

Die Krafte des Rausches fiir die Revolution zu gewinnen, darum 
kreist der Siirrealismus in alien Biichern und Unternehmen. Das 
darf er seine eigenste Aufgabe nennen. Fiir die ist's nicht da- 
mit getan, dafi, wie wir wissen, eine rauschhafte Komponente in 
jedem revolutionaren Akt lebendig ist. Sie ist identisch mit der 
anarchischen. Den Akzent aber ausschliefilich auf diese setzen, 
das hiefie die methodische und disziplinare Vorbereitung der 
Revolution vollig zugunsten einer zwischen Obung und Vorfeier 
schwankenden Praxis hintansetzen. Hinzu kommt eine allzu 
kurz gefaftte, undialektische Anschauung vom Wesen des Rau- 
sches. Die Asthetik des peintre, des poete »en etat de surprise«, 
der Kunst als Reaktion des Oberraschten ist in einigen sehr 
verhangnisvollen romantischen Vorurteilen befangen. Jede ernst- 
hafle Ergriindung der okkulten, siirrealistischen, phantasma- 
gorischen Gaben und Phanomene hat eine dialektische Ver- 
schrankung zur Voraussetzung, die ein romantischer Kopf sich 
niemals aneignen wird. Es bringt uns namlich nicht weiter, die 
ratselhafte Seite am Ratselhaften pathetisch oder fanatisch zu 
unterstreichen; vielmehr durchdringen wir das Geheimnis nur 
in dem Grade, als wir es im Alltaglichen wiederfinden, kraft 
einer dialektischen Optik, die das Alkagliche als undurchdring- 
lich, das Undurchdringliche als alltaglich erkennt. Die passio- 
nierteste Untersuchung telepathischer Phanomene zum Beispiel 
wird einen iiber das Lesen (das ein eminent telepathischer Vor- 
gang ist) nicht halb soviel lehren, wie die profane Erleuchtung 
des Lesens iiber die telepathischen Phanomene. Oder: die pas- 
sionierteste Untersuchung des Haschischrausches wird einen 
iiber das Denken (das ein eminentes Narkotikum ist) nicht halb 
soviel lehren, wie die profane Erleuchtung des Denkens iiber 



308 Literarische und asthetische Essays 

den Haschischrausch. Der Leser, der Denkende, der Wartende, 
der Flaneur sind ebensowohl Typen des Erleuchteten wie der 
Opiumesser, der Traumer, der Berauschte. Und sind profanere. 
Ganz zu schweigen von jener fiirchterlichsten Droge - uns 
selber -, die wir in der Einsamkeit zu uns nehmen. 
»Die Krafte des Rausches fiir die Revolution zu gewinnen« - 
mit andern Worten: Dichterische Politik? »Nous en avons 
soupe. Alles lieber als das!« Nun - es wird Sle um so mehr 
interessieren, wie sehr ein Exkurs in die Dichtung die Dinge 
klart. Denn: was ist das Programm der burgerlichen Parteien? 
Ein schlechtes Friihlingsgedicht. Mit Vergleichen bis zum Platzen 
gefullt. Der Sozialist sieht jene »schonere Zukunft unserer 
Kinder und Enkel« darin, dafi alle handeln, »als waren sie En- 
gel« und jeder so viel hat, »als ware er reich« und jeder so lebt, 
»als ware er frei«. Von Engeln, Reichtum, Freiheit keine Spur. 
Alles nur Bilder. Und der Bilderschatz dieser sozialdemokrati- 
sdien Vereinsdichter? Ihre »Gradus ad parnassum«? Der Op- 
timismus. Da spiirt man denn doch andere Luft in der Schrift 
von Naville, die die »Organisierung des Pessimismus« zur For- 
derung des Tages macht. Im Namen seiner literarischen Freunde 
stellt er ein Ultimatum, an dem unfehlbar dieser gewissenlose, 
dieser dilettantische Optimismus Farbe bekennen mu6: Wo 
liegen die Voraussetzungen der Revolution? In der Anderung 
der Gesinnung oder der aufieren Verhaltnisse? Das ist die Kar- 
dinalfrage, die das Verhaltnis von Politik und Moral bestimmt 
und die keine Vertuschung zulafit. Der Siirrealismus ist ihrer 
kommunistischen Beantwortung immer naher gekommen. Und 
das bedeutet: Pessimismus auf der ganzen Linie. Jawohl und 
durchaus. Mifitrauen in das Geschick der Literatur, Mifitrauen 
in das Geschick der Freiheit, Mifkrauen in das Geschick der euro- 
paischen Menschheit, vor allem aber Mifitrauen, MiBtrauen und 
MiEtrauen in alle Verstandigung: zwischen den Klassen, zwi- 
schen den Volkern, zwischen den Einzelnen. Und unbegrenztes 
Vertrauen allein in I. G. Farben und die friedliche Vervoll- 
kommnung der Luftwaffe. Aber was nun, was dann? 
Hier tritt die Einsicht in ihr Recht, die im »Traite du Style«, 
Aragons letztem Buche, die Unterscheidung von Vergleich und 
Bild verlangt. Eine gliickliche Einsicht in Stilfragen, die erweitert 
sein will. Erweiterung: nirgends treffen diese beiden - Ver- 



Der Siirrealismus 309 

gleich und Bild - so drastisch und so unversohnlich wie in der 
Politik aufeinander. Den Pessimismus organisieren heifit nam- 
lich nichts anderes als die moralische Metapher aus der Politik 
herausbefordern und im Raum des politischen Handelns den 
hundertprozentigen Bildraum entdecken. Dieser Bildraum aber 
ist kontemplativ iiberhaupt mcht mehr auszumessen. Wenn 
es die doppelte Aufgabe der revolutionaren Intelligenz ist, die 
intellektuelle Vorherrschaft der Bourgeoisie zu stiirzen und den 
Kontakt mit den proletarischen Massen zu gewinnen, so hat sie 
vor dem zweiten Teil dieser Aufgabe fast vollig versagt, weil 
er nicht mehr kontemplativ zu bewaltigen ist. Und doch hat das 
die wenigsten gehindert, sie immer wieder so zu stellen, als 
ware sie es, und nach proletarischen Dichtern, Denkern und 
Kiinstlern zu rufen. Dagegen muEte schon Trotzki - in »Lite- 
ratur und Revolution« - darauf verweisen, dafi sie nur aus 
einer siegreichen Revolution hervorgehen werden. In Wahrheit 
handelt es sich viel weniger darum, den Kiinstler biirgerlicher 
Abkunfl: zum Meister der » Proletarischen Kunst« zu machen, als 
ihn, und sei es auf Kosten seines kunstlerischen Wirkens, an 
wichtigen Orten dieses Bildraums in Funktion zu setzen. Ja, 
sollte nicht vielleicht die Unterbrechung seiner »Kiinstlerlauf- 
bahn« ein wesentlicher Teil dieser Funktion sein? 
Desto besser werden die Witze, die er erzahlt. Und desto besser 
erzahlt er sie. Denn auch im Witz, in der Beschimpfung, im 
MiEverstandnis, iiberall, wo ein Handeln selber das Bild aus 
sich herausstellt und ist, in sich hineinreifk und friftt, wo die 
Nahe sich selbst aus den Augen sieht, tut dieser gesuchte Bild- 
raum sich auf, die Welt allseitiger und integraler Aktualitat, 
in der die »gute Stube« ausfallt, der Raum mit einem Wort, in 
welchem der politische Materialismus und die physische Kreatur 
den inneren Menschen, die Psyche, das Individuum oder was 
sonst wir ihnen vorwerfen wollen, nach dialektischer Gerech- 
tigkeit, so dafi kein Glied ihm unzerrissen bleibt, miteinander 
teilen. Dennoch aber - ja gerade nach solch dialektischer Ver- 
nichtung - wird dieser Raum noch Bildraum, und konkreter: 
Leibraum sein. Denn es hilft nichts, das Eingestandnis ist fallig: 
Der metaphysische . Materialismus Vogtscher und Bucharin- 
scher Observanz la£t sich in den anthropologischen Materialis- 
mus, wie die Erfahrung der Siirrealisten und friiher eines Hebel, 



310 Literarische und asthetische Essays 

Georg Buchner, Nietzsche, Rimbaud ihn belegt, nicht bruchlos 
uberfuhren. Es bleibt ein Rest. Audi das Kollektivum ist leib- 
haft. Und die Physis, die sich in der Technik ihm organisiert, 
ist nach ihrer ganzen politischen und sachlichen Wirklichkeit 
nur in jenem Bildraume zu erzeugen, in welchem die profane 
Erleuchtung uns heimisch macht. Erst wenn in ihr sich Leib 
und Bildraum so tief durchdringen, dafi alle revolutionare Span- 
nung leibliche kollektive Innervation, alle leiblichen Innervatio- 
nen des Kollektivs revolutionare Entladung werden, hat die 
Wirklichkeit so sehr sich selbst iibertroffen, wie das kommuni- 
stische Manifest es fordert. Fiir den Augenblick sind die Surrea- 
listen die einzigen, die seine heutige Order begriffen haben. Sie 
geben, Mann fiir Mann, ihr Mienenspiel in Tausch gegen das 
Zifferblatt eines Weckers, der jede Minute sechzig Sekunden lang 
anschlagt. 



ZUM BlLDE PROUSTS 



Die dreizehn Bande von Marcel Prousts »A la Recherche du 
Temps perdu « sind das Ergebnis einer unkonstruierbaren Syn- 
thesis, in der die Versenkung des Mystikers, die Kunst des Pro- 
saisten, die Verve des .Satirikers, das Wissen des Gelehrten und 
die Befangenheit des Monomanen zu einem autobiographischen 
Werke zusammentreten. Mit Recht hat man gesagt, dafi alle 
grofien Werke der Literatur eine Gattung griinden oder sie 
auflosen, mit einem Worte, Sonderfalle sind. Unter ihnen ist 
aber dieser einer von den unf afllichsten. Vom Aufbau angefan- 
gen, welcher Dichtung, Memoirenwerk, Kommentar in einem 
darstellt, bis zu der Syntax uferloser Satze (dem Nil der Spra- 
che, welcher hier befruchtend in die Breiten der Wahrheit hin- 
ubertritt) ist alles aufierhalb der Norm. Dafi dieser grofie Ein- 
zelfall der Dichtung gleichzeitig ihre grofite Leistung in den 
letzten Jahrzehnten darstellt, das ist die erste, aufschlufireiche 
Erkenntnis, die an den Betrachter herantritt. Und ungesund im 



Zum Bilde Prousts 311 

hochsten Grade die Bedingungen, die ihm zugrunde lagen. Ein 
ausgefallenes Leiden, ungemeiner Reichtum und eine anormale 
Veranlagung. Nicht alles an diesem Leben ist musterhaft, exem- 
plarisch aber ist alles. Es weist der uberragenden schriftstelleri- 
schen Leistung dieser Tage ihren Ort im Herzen der Unmog- 
lichkeit, im Zentrum und freilich zugleich im Indifferenzpunkt 
aller Gefahren an und kennzeichnet diese grofie Realisierung 
des »Lebenswerks« als eine letzte auf lange. Prousts Bild ist 
der hochste physiognomische Ausdruck, den die unaufhaltsam 
wachsende Diskrepanz von Poesie und Leben gewinnen konnte. 
Das ist die Moral, die den Versudi rechtfertigt, es heraufzuru- 
fen. 

Man weifi, dafi Proust nicht ein Leben wie es gewesen ist in 
seinem Werke beschrieben hat, sondern ein Leben, so wie der, 
der's erlebt hat, dieses Leben erinnert. Und doch ist auch das 
noch unscharf und bei weitem zu grob gesagt. Denn hier spielt 
fur denerinnernden Autor die Hauptrolle gar nicht, was er erlebt 
hat, sondern das Weben seiner Erinnerung, die Penelopearbeit 
des Eingedenkens. Oder sollte man nicht besser von einem Pene- 
lopewerk des Vergessens reden? Steht nicht das ungewollte 
Eingedenken, Prousts memoire involontaire dem Vergessen 
viel naher als dem, was meist Erinnerung genannt wird? Und 
ist dies Werk spontanen Eingedenkens, in dem Erinnerung der 
Einschlag und Vergessen der Zettel ist, nicht vielmehr ein Ge- 
genstiick zum Werk der Penelope als sein Ebenbild? Denn hier 
lost der Tag auf, was die Nacht wirkte. An jedem Morgen hal- 
ten wir, erwacht, meist schwach und lose, nur an ein paar Fran- 
sen den Teppich des gelebten Daseins, wie Vergessen ihn in uns 
gewoben hat, in Handen. Aber jeder Tag lost mit dem zweck- 
gebundenen Handeln und, noch mehr, mit zweckverhaftetem 
Erinnern das Geflecht, die Ornamente des Vergessens auf. Dar- 
um hat Proust am Ende seine Tage zur Nacht gemacht, um im 
verdunkelten Zimmer bei kiinstlichem Lichte all seine Stunden 
ungestort dem Werk zu widmen, von den verschlungenen Ara- 
besken sich keine entgehen zu lassen. 

Wenn die Romer einen Text das Gewebte nennen, so ist es 
kaum einer mehr und dichter als Marcel Prousts. Nichts war 
ihm dicht und dauerhaft genug. Sein Verleger Gallimard hat 
erzahlt, wie Prousts Gepflogenheiten beim Korrekturlesen die 



3i2 Literarische und asthetische Essays 

Verzweiflung der Setzer machten. Die Fahnen kamen immer 
randvoll beschrieben zuriick. Aber kein einziger Druckfehler 
war ausgemerzt worden; aller verfugbare Raum war mit neuem 
Texte erfullt. So wirkte die Gesetzlichkeit des Erinnerns noch 
im Umfang des Werks sich aus. Denn ein erlebtes Ereignis ist 
endlich, zumindest in der einen Sphare des Erlebens beschlos- 
sen, ein erinnertes schrankenlos, weil nur Schliissel zu allem was 
vor ihm und zu allem was nach ihm kam. Und noch in anderem 
Sinne ist es die Erinnerung, die hier die strenge Webevorschrift 
gibt. Einheit des Textes namlich ist allein der actus 
purus des Erinnerns selber. Nicht die Person des Autors, 
geschweige die Handlung. Ja man kann sagen, deren Intermit- 
tenzen sind nur die Kehrseite vom Kontinuum des Erinnerns, 
das ruckwartige Muster des Teppichs. So wollte es Proust, so hat 
man ihn zu verstehen, wenn er sagte, er sahe am liebsten sein 
ganzes Werk zweispaltig in einem Bande und ohne jeden Ab- 
satz gedruckt. 

Was suchte er so frenetisch? Was lag diesen unendlichen Muhen 
zugrunde? Diirfen wir sagen, dafi alle Leben, Werke, Taten, 
welche zahlen, nie andres waren, als die unbeirrte Entfaltung 
der banalsten und fluchtigsten, sentimentalsten und schwachsten 
Stunde im Dasein dessen, dem sie zugehoren? Und als Proust 
an einer beriihmten Stelle diese seine eigenste Stunde geschildert 
hat, tat er's so, dafi jeder sie im eigenen Dasein wiederfindet. 
Nur wenig fehlt, und wir diirften sie eine alltagliche nennen. Sie 
kommt mit der Nacht, einem verlorenen Gezwitscher oder dem 
Atemzug an der Briistung des ofTenen Fensters. Und es ist nicht 
abzusehen, was fur Begegnungen uns bestimmt waren, wenn wir 
weniger willfahrig waren, zu schlafen. Proust willfahrte dem 
Schlafe nicht. Und dennoch, eben darum vielmehr, konnte Jean 
Cocteau in einem schonen Essay von dem Tonfall seiner Stimme 
sagen, dafi sie den Gesetzen von Nacht und Honig gehorsam 
war. Indem er unter ihre Herrschaft trat, besiegte er die hof-F- 
nungslose Trauer in seinem Innern (das was er einmal »Pimper- 
fection incurable dans Pessence meme du present « genannt 
hat), und baute aus den Waben der Erinnerung dem Bienen- 
schwarm der Gedanken sein Haus. Cocteau hat gesehen, was 
jeden Leser Prousts im hochsten Grade beschaftigen sollte: er sah 
das blinde, unsinnige und besessene Gliicksverlangen in diesem 



Zum Bilde Prousts 3 1 3 

Menschen. Es leuchtete aus seinen Blicken. Die waren nicht 
glucklich. Aber in ihnen safi das Gliick wie im Spiel oder in der 
Liebe. Es ist audi nicht schwer zu sagen, warum dieser herz- 
stockende, sprengende Gliickswille, der Prousts Dichten durch- 
dringt, seinen Lesern so selten eingeht. Proust selbst hat es ihnen 
an vielen Stellen erleichtert, auch dieses ceuvre unter der altbe- 
wahrten, bequemen Perspektive der Entsagung, des Heroismus, 
der Askese zu betrachten. Nichts leuchtet ja den Musterschiilern 
des Lebens so ein, als eine grofie Leistung sei die Frucht 
von nichts als Muhen, Jammer und Enttauschung. Denn dafi am 
Schonen auch das Gliick noch Anteil haben konnte, das ware zu- 
viel des Guten, dariiber wiirde ihr Ressentiment sich niemals 
trosten. 

Es gibt nun aber einen zwiefachen Gliickswillen, eine Dialektik 
des Gliicks. Eine hymnische und eine elegische Gliicksgestalt. Die 
eine: das Unerhorte, das Niedagewesene, der Gipfel der Selig- 
keit. Die andere: das ewige Nocheinmal, die ewige Restaura- 
tion des urspriinglichen, ersten Gliicks. Diese elegische Gliicks- 
idee, die man auch die eleatische nennen konnte, ist es, die fur 
Proust das Dasein in einen Bannwald der Erinnerung verwan- 
delt. Ihr hat er nicht allein im Leben Freunde und Gesellschaft, 
sondern im Werke Handlung, Einheit der Person, Flufi der Er- 
zahlung, Spiel der Phantasie geopfert. Es war nicht der Schlech- 
teste seiner Leser - Max Unold - der an die dergestalt bedingte 
»Langeweile« seiner Schriften anschlofi, um sie mit »Schaffner- 
Geschichten« zu vergleichen, und der die Formel fand: »Er 
hat es fertiggebracht, die Schaffner-Geschichte interessant zu 
machen. Er sagt: Denken Sie sich, Herr Leser, gestern tunk 
ich einen Biskuit in meinen Tee, da fallt mir ein, dafi ich als 
Kind auf dem Land war - dafiir verwendet er 80 Seiten, und 
das ist so hinreiftend, dafi man nicht mehr der Zuhdrende, son- 
dern der Wachtraumende selbst zu sein glaubt.« In solchen 
Schaffner-Geschichten - »alle gewohnlichen Traume werden, 
sobald man sie erzahlt, SchafTner-Geschichten« - hat Unold die 
Briicke zum Traum gefunden. An ihn mufi jede synthetische 
Interpretation von Proust anschliefien. Unscheinbare Pforten 
genug fiihren hinein. Da ist Prousts frenetisches Studium, sein 
passionierter Kultus der Ahnlichkeit. Nicht da, wo er sie in den 
Werken, Physiognomien oder Redeweisen, immer bestiirzend, 



314 Literarische und asthetische Essays 

unvermutet aufdeckt, lafit sie die wahren Zeichen ihrer Herr- 
schaft erkennen. Die Ahnlidikeit des Einen mit dem Andern, 
mit der wir rechnen, die im Wachen uns beschaftigt, umspielt 
nur die tiefere der Traumwelt, in der, was vorgeht, nie identisch, 
sondern ahnlich: sich selber undurchschaubar ahnlich, auftaucht. 
Kinder kennen ein Wahrzeichen dieser Welt, den Strumpf, der 
die Struktur der Traumwelt hat, , wenn er im Waschekasten, 
eingerollt, »Tasche« und »Mitgebrachtes« zugleich ist. Und wie 
sie selbst sich nicht ersattigen konnen, dies beides: Tasche und 
was drin liegt, mit einem Griff in etwas Drittes zu verwandeln: 
in den Strumpf, so war Proust unersattlich, die Attrappe, das 
Ich, mit einem Griffe zu entleeren, um immer wieder jenes Drit- 
te: das Bild, das seine Neugier, nein, sein Heimweh stillte, ein- 
zubringen. Zerfetzt von Heimweh lag er auf dem Bett, Heim- 
weh nach der im Stand der Ahnlidikeit entstellten Welt, in der 
das wahre surrealistische Gesicht des Daseins zum Durchbruch 
kommt. Ihr gehort an, was bei Proust geschieht, und wie behut- 
sam und vornehm es auftaucht. Namlich nie isoliert pathetisch 
und visionar, sondern angekundigt und vielfach gestiitzt eine 
gebrechliche kostbare Wirklichkeit tragend: das Bild. Es lost sich 
aus dem Gefuge der Proustschen Satze wie unter Franc,oisens 
Handen in Balbec der Sommertag, alt, unvordenklich, mu- 
mienhaft aus den Tiillgardinen. 



II. 

Das Wichtigste, was einer zu sagen hat, proklamiert er nicht 
immer laut. Und audi im stillen vertraut er es nicht immer dem 
Vertrautesten, Nachsten, nicht immer dem, der am ergebensten 
sich in Bereitschaft hielt, sein Gestandnis entgegenzunehmen. 
Wenn nun nicht Personen allein, sondern audi Zeitalter solche 
keusche, namlich soldi durchtriebene und frivole Art haben, ihr 
Eigenstes einem Beliebigen mitzuteilen, so ist es fur das neun- 
zehnte Jahrhundert nicht Zola oder Anatole France, sondern 
der junge Proust, der unbetrachtliche Snob, der verspielte Salon- 
lowe, der von dem gealterten Zeitlauf (wie von einem anderen, 
gleich sterbensmatten Swann) die erstaunlichsten Konfidenzen 
im Fluge auffing. Erst Proust hat das neunzehnte Jahrhundert 



Zum Bilde Prousts 315 

memoirenfahig gemacht. Was vor ihm ein spannungsloser 
Zeitraum war, ist zum Kraftfeld geworden, in dem die mannig- 
fadisten Strome von spateren Autoren erweckt wurden. Es ist 
audi gar kein Zufall, dafi das interessanteste Werk dieser Art 
von einer Verf asserin stammt, die Proust personlich als Bewund- 
rerin und Freundin nahegestanden hat. Bereits der Titel, un- 
ter dem die Furstin Clermont-Tonnerre den ersten Band ihres 
Memoirenwerks vorstellt - »Au Temps des Equipages « - ware 
vor Proust kaum denkbar gewesen. Im iibrigen ist es das Echo, 
das dem vieldeutigen, liebevollen und herausfordernden Zuruf 
des Dichters aus dem Faubourg Saint-Germain leise zuriicktont. 
Dazu ist diese (melodische) Darstellung vol! von direkten oder 
indirekten Beziehungen auf Proust in ihrer Haltung wie in 
ihren Figuren, unter denen er selber und manche seiner liebsten 
Studienobjekte aus dem Ritz sind. Damit sind wir freilich, das 
lajSt sich nicht abstreiten, in einem sehr feudalen Milieu und mit 
Erscheinungen wie Robert de Montesquiou, den die Furstin 
Clermont-Tonnerre meisterhaft darstellt, in einem sehr speziel- 
len dazu. Aber das sind wir bei Proust audi; und es fehlt audi 
bei ihm bekanntlich das Gegenstiick zu einem Montesquiou 
nicht. Das alles verlohnte die Diskussion nicht - zumal die Fra- 
ge der Modelle zweiten Ranges und fur Deutschland belanglos 
ist - liebte nicht die deutsche Kritik so sehr, sich's bequem zu 
machen. Und vor allem: sie konnte die Gelegenheit nicht vor- 
beigehen lassen, sich mit dem Mob der Leihbuchereien zu 
enkanaillieren. Ihren Routiniers lag also nichts naher, als vom 
snobistischen Milieu des Werkes auf den Verfasser zu schliefien 
und Prousts Werk als interne franzosische Angelegenheit, als 
Unterhaltungsbeilage zum Gotha zu kennzeichnen. Nun liegt 
es auf der Hand: die Probleme der proustischen Menschen ent- 
stammen einer saturierten Gesellschaft. Aber da ist nicht eins, 
das mit denen des Verfassers sich deckt. Diese sind subversiv. 
Mufite man sie auf eine Formel bringen, so ware sein Anliegen, 
den ganzen Aufbau der hoheren Gesellschaft in Gestalt einer 
Physiologie des Geschwatzes zu konstruieren. Es gibt im Schatze 
ihrer Vorurteile und Maximen keine, die seine gefahrliche 
Komik nicht annihiliert. Auf diese als erster hingewiesen zu ha- 
ben ist nicht das geringste der bedeutenden Verdienste, die Leon 
Pierre-Quint als der erste Interpret Prousts sich erworben hat. 



3 16 Literarische und asthetische Essays 

»Wenn von humoristischen Werken die Rede ist«, schreibt 
Quint, »denkt man gewohnlich an kurze, lustige Bticher in 
illustrierten Umschlagen. Man vergifit Don Quichote, Panta- 
gruel und Gil Bias, enggedruckte, unformige Walzer.« Die 
subversive Seite des Proustschen Werks erscheint in diesem Zu- 
sammenhange am biindigsten. Und hier ist weniger Humor als 
Komik das eigentliche Zentrum seiner Kraft; er hebt die Welt 
nicht im Gelachter auf, sondern schleudert sie im Gelachter nie- 
der. Auf die Gefahr, dafi sie in Scherben geht, vor denen er nur 
selber in Tranen ausbricht. Und sie gehen in Scherben: 
die Einheit der Familie und der Personlichkeit, der Sexual- 
moral und der Standesehre. Die Pratentionen der Bourgeoisie 
zerschellen im Gelachter. Ihre Riickflucht, ihre Reassimilation 
durch den Adel ist das soziologische Thema des Werkes. 
Proust wurde des Trainings nicht miide, den der Umgang in 
den feudalen Kreisen erforderte. Ausdauernd und ohne sich viel 
Zwang tun zu miissen, schmeidigte er seine Natur, um sie so 
undurchdringlich und findig, devot und schwierig zu machen, 
wie er um seiner Aufgabe willen es werden mufite. Spater wur- 
de die Mystifikation, die Umstandlichkeit ihm dermafien zur 
Natur, dafi seine Briefe manchmal ganze Systeme von Parenthe- 
sen - und nicht nur grammatischen - sind. Briefe, die trotz ihrer 
unendlich geistvollen, wendigen Abfassung bisweilen jenes legen- 
dare Schema in Erinnerung rufen: »Verehrte gnadige Frau, 
ich merke eben, dafi ich gestern meinen Stock bei Ihnen vergafl, 
und bitte Sie, dem Oberbringer dieses Schreibens ihn auszuhan- 
digen. P. S. Verzeihen Sie bitte die Stoning, ich habe ihn so- 
eben gefunden.« Wie erfinderisch ist er in Schwierigkeiten. Spat 
in der Nacht erscheint er bei der Furstin Clermont-Tonnerre, 
um sein Bleiben an die Bedingung zu kniipfen, dafi ihm die 
Medizin von Hause geholt werde. Und nun schickt er den Kam- 
merdiener, gibt ihm eine lange Beschreibung der Gegend, des 
Hauses. Zuletzt: »Sie konnen es nicht verfehlen. Das einzige 
Fenster auf dem Boulevard Haussmann, in dem noch Licht 
brennt.« Nur nicht die Nummer. Man versuche, in einer frem- 
den Stadt die Adresse eines Bordells zu erfahren, und hat man 
dann die langatmigste Auskunft bekommen - nur alles andere 
als Strafie und Hausnummer -, so wird man verstehen, was 
hier gemeint ist (und wie es mit Prousts Liebe zum Zeremonial, 



Zum Bilde Prousts 317 

seiner Verehrung fiir Saint-Simon und nicht zuletzt seinem 
intransigenten Franzosentume zusammenhangt). 1st nicht die 
Quintessenz der Erf ahrung : erf ahren, wie hochst schwierig 
Vieles zu erfahren ist, das doch anscheinend sich in wenig Wor- 
ten sagen liefie. Nur dafi solche Worte einem kasten- und stan- 
desmafiig festgelegten Rotwelsch angehoren und fiir Aufien- 
seiter nicht zu verstehen sind. Kein Wunder, dafi die Geheim- 
sprache der Salons Proust passionierte. Als er spater an die 
gnadenlose Schilderung des petit clan, der Courvoisier, des 
»esprit d'Oriane« herantrat, hatte er selber im Umgang mit 
den Bibesco die Improvisationen einer Schlusselsprache kennen- 
gelernt, in die auch wir inzwischen eingefuhrt worden sind. 
Proust hat in den Jahren seines Salonlebens nicht nur das 
Laster der Schmeichelei in einem eminenten - man mochte 
sagen: theologischen - Grade ausgebildet, auch das der Neugier. 
Auf seinen Lippen war ein Abglanz des Lachelns, das in der 
Leibung mancher von den Kathedralen, die er so liebte, wie ein 
Lauffeuer iiber die Lippen der torichten Jungfraun huscht. Es ist 
das Lacheln der Neugier. Hat Neugier ihn im Grunde zu soldi 
grofiem Parodisten gemacht? Wir wiifiten dann zugleich, was wir 
vom Worte »Parodist« an dieser Stelle zu halten hatten. Nicht 
viel. Denn wenn es auch seiner abgriindigen Malice gerecht wird, 
so geht es doch am Bittren, Wilden und Verbissenen der grofi- 
artigen Reportagen vorbei, die er im Stile Balzacs, Flauberts, 
Sainte-Beuves, Henri de Regniers, der Goncourts, Michelets, 
Renans und schliefilich seines Lieblings Saint-Simon verfafit und 
in dem Bande »Pastiches et M^langes« gesammelt hat. Es ist 
die Mimikry des Neugierigen, die der geniale Trick dieser Folge, 
zugleich aber ein Moment seines ganzen Schaffens gewesen ist, 
in welchem die Passion fiir das Vegetabilische nicht ernst genug 
genommen werden kann. Ortega y Gasset hat als erster die 
Aufmerksamkeit auf das vegetative Dasein der proustschen 
Figuren gelenkt, die in einer so nachhaltigen Weise an ihren 
sozialen Fundort gebunden, vom Stande der feudalen Gnaden- 
sonne bestimmt, vom Winde, der von Guermantes oder Mes£- 
glise weht, bewegt und undurchdringlich in dem Dickicht ihres 
Schicksals miteinander verschlungen werden. Diesem Lebens- 
kreise entstammt, als Verfahren des Dichters, die Mimikry. 
Seine genauesten, evidentesten Erkenntnisse sitzen auf ihren 



3 1 8 Literarische und asthetische Essays 

Gegenstanden wie auf Blattern, Bliiten und Asten Insekten, die 
nichts von ihrem Dasein verraten, bis ein Sprung, ein Fliigel- 
schlag, ein Satz dem erschreckten Betrachter zeigen, dafi hier ein 
unberechenbares eigenes Leben unscheinbar sich in eine fremde 
Welt geschlichen hatte. »Die Metapher, so unerwartet sie ist«, 
sagt Pierre-Quint, »bildet sich eng an den Gedanken an.« 
Den wahren Leser Prousts durchschuttern immerwahrend kleine 
Schrecken. Im iibrigen findet er in der Metaphorik den Nieder- 
schlag der gleichen Mimikry, die ihn als Kampf urns Dasein 
dieses Geistes im Laubdach der Gesellschaft frappieren mufite. 
Es ist ein Wort davon zu sagen, wie innig und befruchtend diese 
beiden Laster, die Neugier und die Schmeichelei, einander durch- 
drungen haben. Eine auschlufireiche Stelle bei der Fiirstin 
Clermont-Tonnerre heifit: »Und zum Schlufi konnen wir nicht 
verschweigen: Proust berauschte sich am Studium des Dienst- 
personals. War es, weil hier ein Element, dem er sonst nirgend 
begegnete, seinen Spursinn reizte, oder neidete er es ihnen, dafi 
sie die intimen Details von den Dingen, die sein Interesse erreg- 
ten, besser beobachten konnten? Wie dem nun sei - das Dienst- 
personal in seinen verschiedenen Figuren und Typen war seine 
Leidenschaft.« In den fremdartigen Abschattungen eines Jupien, 
eines Monsieur Aime, einer Celeste Albaret zieht deren Reihe 
von der Gestalt einer Francoise, die mit den derben, spitzigen 
Ziigen der heiligen Martha leibhaftig einem Stundenbuch ent- 
stiegen scheint, sich bis zu jenen grooms und chasseurs, denen 
nicht Arbeit sondern Miifiiggang bezahlt wird. Und vielleicht 
nimmt die Representation das Interesse dieses Kenners der 
Zeremonien nirgends gespannter als in diesen medersten Graden 
in Anspruch. Wer will ermessen, wieviel Bedientenneugier in 
Prousts Schmeichelei, wieviel Bedientenschmeichelei in seine 
Neugier einging, und wo diese durchtriebene Kopie der Bedien- 
tenrolle auf den Hohen des sozialen Lebens ihre Grenzen 
hatte? Er gab sie, und er konnte nicht anders. Denn wie er sel- 
ber einmal verrat: »voir« und »desirer imiter« waren ihm ein 
und dasselbe. Diese Haltung hat, souveran und subaltern wie 
sie war, Maurice Barres in einem der profiliertesten Worte, die 
je auf Proust gepragt worden sind, festgehalten: »Un poete 
persan dans une loge concierge. « 
Es war in Prousts Neugier ein detektivischer Einschlag. Die 



Zum Bilde Prousts 319 

i . 
oberen Zehntausend waren ihm ein Verbrecherclan, eine Ver- 
schworerbande, mit der sich keine andere vergleichen kann: die 
Kamorra der Konsumenten. Sie schliefit aus ihrer Welt alles 
aus, was Anteil an der Produktion hat, verlangt zumindest, 
dafi sich dieser Anteil grazios und schamhaft hinter einem 
Gestus birgt, wie die vollendeten Professionals der Konsumtion 
ihn zur Schau tragen. Prousts Analyse des Snobismus, die weit 
wichtiger ist als seine Apotheose der Kunst, stellt in seiner Ge- 
sellschaftskritik den Hohepunkt dar. Denn nichts anderes ist 
die Haltung des Snob als die konsequente, organisierte, ge- 
stahlte Betrachtung des Daseins vom chemisch-reirien Konsu- 
mentenstandpunkt. Und weil aus dieser satanischen Feerie die 
entfernteste so gut wie die primitivste Erinnerung an die Pro- 
duktivkrafte der Natur verbannt werden sollte, darum war 
ihm selbst in der Liebe die invertierte Bindung brauchbarer 
als die normale. Der reine Konsument aber ist der reine Aus- 
beuter. Er ist es logisch und theoretisch, er ist es bei Proust in 
der ganzen Konkretheit seines aktuellen historischen Daseins. 
Konkret weil undurchschaubar und nicht zu stellen. Proust 
schildert eine Klasse, die in alien Teilen auf Tarnung ihrer 
materiellen Basis verpflichtet und eben darum einem Feudalis- 
ms angebildet ist, der, ohne wirtschaftliche Bedeutung in sich, 
als Maske der Grofibourgeoisie um so verwendbarer ist. 
Dieser illusionslose, gnadenlose Entzauberer des Ich, der Liebe, 
der Moral, als welchen Proust sich zu sehen liebte, macht seine 
ganze grenzenlose Kunst zum Schleier dieses einen und lebens- 
wichtigsten Mysteriums seiner Klasse: des wirtschaftlichen. Nicht 
als ob er ihr damit zu Diensten ware. Er ist ihr nur voraus. Was 
sie lebt, beginnt bei ihm schon verstandlich zu werden. Doch vie- 
les von der Grofie dieses Werkes wird unerschlossen oder unent- 
deckt verbleiben, bis diese Klasse ihre scharfsten Zuge im End- 
kampf zu erkennen gegeben hat. 



III. 

Im vorigen Jahrhundert gab es in Grenoble - ich weifi nicht, 
ob heute noch - ein Wirtshaus »Au Temps perdu «. Audi bei 
Proust sind wir Gaste, die unterm schwankenden Schild eine 



320 Literarisdie und asthetische Essays 

Schwelle betreten, hinter der uns die Ewigkeit und der Rausdi 
erwarten. Mit Recht hat Fernandez ein theme de l'eternite bei 
Proust vom theme du temps unterschieden. Aber durchaus ist 
diese Ewigkeit keine platonische, keine utopische: sie ist rausch- 
haft. Wenn also »die Zeit fiir Jeden, der sich in ihren Verlauf 
vertieft, eine neue und bisher unbekannte Art der Ewigkeit ent- 
hiillt«, so nahert sich doch der Einzelne damit durchaus nicht 
»den hoheren Gefilden, die ein Plato oder Spinoza mit einem 
Flugelschlage erreichten«. Nein - denn es gibt zwar bei Proust 
Rudimente eines uberdauernden Idealismus. Aber nicht sie sind 
es, die die Bedeutung dieses Werks bedingen. Die Ewigkeit, in 
welche Proust Aspekte eroffnet, ist die verschrankte, nicht die 
grenzenlose Zeit. Sein wahrer Anteil gilt dem Zeitverlauf in 
seiner realsten, das ist aber verschrankten Gestalt, der nirgends 
unverstellter herrscht als im Erinnern, innen, und im Altern, 
aufien. Das Widerspiel von Altern und Erinnern verfolgen, 
heifit in das Herz der proustschen Welt, ins Universum der Ver- 
schrankung dringen. Es ist die Welt im Stand der Ahnlichkeit 
und in ihr herrschen die »Korrespondenzen«, die zuerst die 
Romantik und die am innigsten Baudelaire erfafite, die aber 
Proust (als Einziger) vermochte, in unserem gelebten Leben zum 
Vorschein zu bringen. Das ist das Werk der memoire involon- 
taire, der verjiingenden Kraft, die dem unerbittlichen Altern 
gewachsen ist. Wo das Gewesene im taufrischen »Nu« sich 
spiegelt, rafft ein schmerzlicher Chock der Verjiingung es noch 
einmal so unaufhaltsam zusammen, wie die Richtung von Guer- 
mantes mit der Richtung von Swann fiir Proust sich verschrank- 
te, da er (im dreizehnten Bande) ein letztes Mai die Gegend von 
Combray durchstreift und die Verschlingung der Wege entdeckt. 
Im Nu springt die Landschaft um wie ein Wind. »Ah! que le 
monde est grand a la clarte des lampes! | Aux yeux du souvenir 
que le monde est petit!« Proust hat dasUngeheure fertiggebracht, 
imNu die ganzeWelt um ein ganzesMenschenleben altern zu las- 
sen. Aber eben diese Konzentration, in der, was sonst nur welkt 
und dammert, blitzhaft sich verzehrt, heifk Verjiingung. »A la 
Recherche du Temps perdu« ist der unausgesetzte Versuch, ein 
ganzes Leben mit der hochsten Geistesgegenwart zu laden. Nicht 
Reflexion - Vergegenwartigung ist Prousts Verfahren. Er ist 
ja von der Wahrheit durchdrungen, dafi wir alle keine Zeit ha- 



Zum Bilde Prousts 321 

ben, die wahren Dramen des Daseins zu leben, das uns bestimmt 
ist. Das macht uns altern. Nichts andres. Die Runzeln und 
Falten im Gesicht, sie sind die Eintragungen der grofien Leiden- 
schaften, der Laster, der Erkenntnisse, die bei uns vorsprachen - 
doch wir, die Herrschaft, waren nicht zu Hause. 
Schwerlich gab es seit den geistlichen Ubungen des Loyola im 
abendlandisdien Schrifttum einen radikaleren Versuch zur 
Selbstversenkung. Audi diese hat in ihrer Mitte eine Einsam- 
keit, die mit der Kraft des Maelstroms die Welt in ihren Stru- 
del hinabreifit. Und das iiberlaute und tiber alle Begriffe hoh- 
le Geschwatz, das uns aus Prousts Romanen entgegenbraust, ist 
das Drohnen, mit welchem die Gesellschaft in den Abgrund die- 
ser Einsamkeit hinabstiirzt. Prousts Invektiven gegen die 
Freundschaft haben hier ihren On, Die Stille auf dem Grunde 
dieses Trichters - seine Augen sind die stillsten und saugendsten 
- wollte gewahrt sein. Was in so vielen Anekdoten irritierend 
und kaprizios in Erscheinung tritt, ist die Verbindung einer bei- 
spiellosen Intensitat des Gesprachs mit einer nicht zu uberbie- 
tenden Feme vom Partner. Nie gab es einen, der so wie er die 
Dinge uns zeigen konnte. Sein weisender Finger ist ohnegleichen. 
Aber es gibt eine andere Geste im freundschaftlichen Mitein- 
ander, im Gesprach: die Beriihrung. Diese Geste ist keinem 
fremder als Proust. Er kann audi seinen Leser nicht anriihren, 
konnte es urn nichts in der Welt. Wollte man die Dichtung um 
diese Pole - die weisende und die beriihrende - anordnen, so 
ware die Mitte der einen das Werk von Proust, der anderen 
Peguys. Es ist im Grunde dies, was Fernandez ausgezeichnet 
begriffen hat: »Die Tiefe oder besser die Eindringlichkeit ist 
immer auf seiner Seite, nie auf seiten des Partners. « Mit einem 
Einschlag von Zynismus und virtuos kommt das in seiner Li- 
terarkritik zum Vorschein. Ihr bedeutendstes Dokument ein 
Essay, auf der groften Hohe des Ruhms und der niedern des 
Totenbettes entstanden: »A Propos de Baudelaire«. Jesuitisch 
im Einverstandnis mit seinen eignen Leiden, mafilos in der 
Schwatzhaftigkeit des Ruhenden, erschreckend in der Indiffe- 
renz des Todgeweihten, der hier noch einmal sprechen will und 
gleichviel wovon. Was ihn hier dem Tode gegemiber inspi- 
rierte, bestimmt ihn audi im Umgang mit den Zeitgenossen: 
ein so stofihafter, harter Wechsel von Sarkasmus und Zartlich- 



322 Literarische und asthetische Essays 

keit, Zartlichkeit und Sarkasmus, daft sein Gegenstand dar- 
unter erschopft zusammenzubrechen droht. 
Das Aufreizende, Unstete des Mannes betrifft ja nodi den Leser 
der Werke. Genug, an die unabsehbare Kette der »soit que« 
zu denken, die eine Handlung auf erschopfende, deprimierende 
Art im Lichte der unzahligen Motive zeigen, die ihr zugrunde 
gelegen haben konnen. Und doch, in dieser paratak- 
tischen Abflucht kommt zum Vorschein, wo Schwache und 
Genie bei Proust nur noch eins sind: die intellektuelle Ent- 
sagung, die erprobte Skepsis, die er den Dingen entgegenbrach- 
te. Nach den siiffisanten romantischen Innerlichkeiten kam er 
und war, wie Jacques Riviere es ausdruckt, entschlossen, den 
»Sirenes interieures« nicht den mindesten Glauben zu schenken. 
»Proust tritt an das Erleben ohne das leiseste metaphysische 
Interesse, ohne den leisesten konstruktivistischen Hang, ohne 
die leiseste Neigung zum Trosten heran.« Nichts ist wahrer. 
Und so ist denn auch die Grundfigur dieses Werkes, von der 
Proust nicht miide wurde, das Planvolle zu behaupten, nichts 
weniger als konstruiert. Planvoll aber, das ist sie wie der Ver- 
lauf unserer Handlinien oder die Anordnung der Staubgefafie 
im Kelch. Proust, dieses greise Kind, hat, tief ermiidet, sich an 
den Busen der Natur zuriickfallen lassen, nicht, urn an ihm zu 
saugen, sondern um bei ihrem Herzschlag zu traumen. So 
schwach mufi man ihn sehen und begreift, mit welchem Gliick 
Jacques Riviere ihn aus der Schwache verstehen und sagen 
konnte: »Marcel Proust ist an derselben Unerfahrenheit gestor- 
ben, die ihm erlaubt hat, sein Werk zu schreiben. Er ist gestor- 
ben aus Weltfremdheit und weil er seine Lebensbedingungen, 
die fur ihn vernichtend geworden waren, nicht zu andern ver- 
stand. Er ist gestorben, weil er nicht wufite, wie man Feuer 
macht, wie man ein Fenster off net. « Und, freilich, an seinem 
nervosen Asthma. 

Die Arzte haben diesem Leiden machtlos gegeniibergestanden. 
Nicht so der Dichter, der es sehr planvoll in seinen Dienst ge- 
stellt hat. Er war - um mit dem Aufierlichsten zu beginnen - 
ein vollendeter Regisseur seiner Krankheit. Monatelang verbin- 
det er mit vernichtender Ironie das Bild eines Verehrers, der 
ihm Blumen gesandt hatte, mit deren ihm unertraglichen Duft. 
Und mit den Tempi und Gezeiten seines Leidens alarmiert er 



Zum Bilde Prousts 323 

Freunde, die den Augenblick fiirchteten und ersehnten, da der 
Dichter plotzlich, lange nach Muternacht, im Salon erschien - 
brise de fatigue und nur auf fiinf Minuten, wie er verkundete, 
- um dann bis in den grauenden Morgen zu bleiben, zu miide, 
um sich zu erheben, zu miide, um audi nur seine Rede zu unter- 
brechen. Selbst der Brief schreiber findet kein Ende, diesem Lei- 
den die entlegensten Effekte abzugewinnen. »Das Rasseln mei- 
ner Atemziige iibertont das meiner Feder und eines Bades, das 
man im Stockwerk unter mir einlafk.« Aber es ist nicht das 
allein. Audi nicht, dafi ihn die Krankheit dem mondanen Dasein 
entrifi. Dieses Asthma ist in seine Kunst eingegangen, wenn nicht 
seine Kunst es geschaffen hat. Seine Syntax bildet rhythmisch 
auf Schritt und Tritt diese seine Erstickungsangst nach. Und 
seine ironische, philosophische, didaktische Reflexion ist alle- 
mal das Aufatmen, mit welchem der Alpdruck der Erinnerun- 
gen ihm vom Herzen fallt. In grbfierem Mafistab ist aber der 
Tod, den er unablassig, und am meisten wenn er schrieb, gegen- 
wartig hatte, die drohende, erstickende Krise. So stand er 
Proust gegeniiber und lange, bevor sein Leiden kritische Formen 
annahm. Dennoch nicht als hypochondrische Grille, sohdern 
als »realite nouvelle«, jene neue Wirklichkeit, von der der 
Reflex auf Dingen und auf Menschen die Ziige des Alterns sind. 
Physiologische Stilkunde wiirde ins Innerste dieses Schaffens 
fiihren. So wird niemand, der die besondere Zahigkeit kennt, 
mit der Erinnerungen im Geruchssinn (keineswegs Geriiche in 
der Erinnerung!) bewahrt werden, Prousts Empfindlichkeit ge- 
geniiber Geriichen fur Zufall erklaren konnen. Gewifi treten 
die meisten Erinnerungen, nach denen wir forschen, als Gesichts- 
bilder vor uns hin. Und audi die freisteigenden Gebilde der m£- 
moire involontaire sind noch zum guten Teil isolierte, nur rat- 
selhaft prasente Gesichtsbilder. Eben darum aber hat man, um 
dem innersten Schwingen in dieser Dichtung sich wissend an- 
heimzugeben, in eine besondere und tiefste Schicht dieses unwill- 
kurlichen Eingedenkens sich zu versetzen, in welcher die Mo- 
mente der Erinnerung nicht mehr einzeln, als Bilder, sondern 
bildlos und ungeformt, unbestimmt und gewichtig von einem 
Ganzen so uns Kunde geben wie dem Fischer die Schwere des 
Netzes von seinem Fang. Der Geruch, das ist der Gewichtssinn 
dessen, der im Meere der temps perdu seine Netze auswirft. 



324 Literarische und asthetische Essays 

Und seine Satze sind das ganze Muskelspiel des intelligiblen 
Leibes, enthalten die ganze, die unsagliche Anstrengung, diesen 
Fang zu heben. 

Im iibrigen: wie innig die Symbiose dieses bestimmten Schaffens 
und dieses bestimmten Leidens gewesen ist, erweist am deutlich- 
sten, dafi nie bei Proust jenes heroische Dennoch zum Durch- 
bruch kommt, mit dem sonst schopferische Menschen sich gegen 
ihr Leiden erheben. Und daher darf man, von der andern Seite, 
sagen: eine so tiefe Komplizitat mit Weltlauf und Dasein, wie 
die von Proust es gewesen ist, hatte unfehlbar in ein gemeines 
und trages Geniigen auf jeder anderen Basis als so tiefen, unaus- 
gesetzten Leidens fuhren miissen. So aber war dies Leiden be- 
stimmt, von einem wunsch- und reuelosen furor seine Stelle in 
dem grofien Werkprozesse sich weisen zu lassen. Zum zweiten- 
mal erhob sich ein Geriist wie Michelangelos, auf dem der 
Kiinstler, das Haupt im Nacken, an die Decke der Sixtina die 
Schopfung make: das Krankenbett, auf welchem Marcel Proust 
die ungezahlten Blatter, die er in der Luft mit seiner Hand- 
schrift bedeckte, der Schopfung seines- Mikrokosmos gewidmet 
hat. 



Robert Walser 

Man kann von Robert Walser viel lesen, iiber ihn aber nichts. 
Was wissen wir denn liberhaupt von den wenigen unter uns, die 
die feile Glosse auf die rechte Weise zu nehmen wissen: namlich 
nicht wie der Schmock, der sie adeln will, indem er sie zu sich 
»emporhebt«, sondern, ihre verachtliche, unscheinbare Bereit- 
schaft nutzend, um ihr Belebendes, Reinigendes abzugewinnen. 
Was es mit dieser »kleinen Form«, wie Alfred Polgar sie nannte, 
auf sich hat und wieviel Hoffnungsfalter von der frechen Fels- 
stirn der sogenannten grofien Literatur in ihre bescheidenen 
Kelche fluchten, wissen eben nur wenige. Und die andern ahnen 
gar nicht, was sie einem Polgar, einem Hessel, einem Walser 
an ihren zarten oder stachligen Bliiten in der Ode des Blat- 
terwaldes zu danken haben. Sie wiirden sogar auf Robert Wal- 
ser zuletzt kommen. Denn die erste Regung ihres kiimmer- 



Robert Walser 325 

lichen Bildungswissens, das in den Dingen des Schrifttums ihr 
einziges ist, rat ihnen, fur das, was sie die Nichtigkek des 
Inhalts nennen, an der »gepflegten«, »edlen« Form sich 
schadlos zu halten. Und da fallt denn gerade bei Robert Walser 
zunachst eine ganz ungewohnliche, schwer zu beschreibende Ver- 
wahrlosung auf. Dafi diese Nichtigkeit Gewicht, die Zerfahren- 
heit Ausdauer ist, darauf kommt die Betrachtung von Walsers 
Sachen zuletzt. 

Leicht ist sie nicht. Denn wahrend wir gewohnt sind, die Rat- 
sel des Stils uns aus mehr oder weniger durchgebildeten, absichts- 
vollen Kunstwerken entgegentreten zu sehen, stehen wir hier 
vor einer, zumindest scheinbar, vollig absichtslosen und dennoch 
anziehenden und bannenden Sprachverwilderung. Vor einem 
Sichgehenlassen dazu, das alle Formen von der Grazie bis zur 
Bitternis aufweist. Scheinbar, sagten wir, absichtslos. Man hat 
manchmal dariiber gestritten, ob wirklich. Aber das ist ein tau- 
ber Disput, und man merkt es, wenn man an das Eingestandnis 
von Walser denkt, er habe in seinen Sachen nie eine Zeile ver- 
bessert. Man braucht ihm das gewifi nicht zu glauben, tate aber 
doch gut daran. Denn man wird sich dann bei der Einsicht be^ 
ruhigen: zu schreiben und das Geschriebene niemals zu verbes- 
sern, ist eben die vollkommene Durchdringung aufierster Ab- 
sichtslosigkeit und hochster Absicht. 

Soweit gut. Aber gewifi kann das gar nicht hindern, dieser Ver- 
wahrlosung auf den Grund zu gehen. Wir sagten schon: sie hat 
alle Formen. Nun fugen wir hinzu:mit Ausnahme einer einzigen. 
Namlich dieser einen gelaufigsten, der es auf den Inhalt an- 
kommt, und sonst auf nichts. Walsern ist das Wie der Arbeit so 
wenig Nebensache, dafi ihm alles, was er zu sagen hat, gegen die 
Bedeutung des Schreibens vollig zuriicktritt. Man mochte sagen, 
dafi es beim Schreiben draufgeht. Das will erklart sein. Und 
dabei stofit man auf etwas sehr Schweizerisches an diesem Dich- 
ter: die Scham. Von Arnold Bocklin, seinem Sohn Carlo und 
Gottfried Keller erzahlt man diese Geschichte: Sie safien eines 
Tages wie des oftern im Wirtshaus. Ihr Stammtisch war durch 
die wortkarge, verschlossene Art seiner Zechgenossen seit langem 
beriihmt. Audi diesmal safi die Gesellschaft schweigend beisam- 
men. Da bemerkte, nach Ablauf einer langen Zeit, der junge 
Bocklin: »Heifi ist's«, und nachdem eine Viertelstunde vergan- 



326 Literarische und asthetische Essays 

gen war, der altere: »Und windstill«. Keller seinerseits wartete 
eine Weile; dann erhob er sich mit den Worten: »Unter Schwat- 
zern will ich nicht trinken.« Die baurische Sprachscham, die hier 
von einem exzentrischen Witzwort getroffen wird, ist Walsers 
Sadie. Kaum hat er die Feder zur Hand genommen, bemachtigt 
sich seiner eine Desperadostimmung. Alles scheint ihm verloren, 
ein Wortschwall bricht aus, in dem jeder Satz nur die Aufgabe 
hat, den vorigen vergessen zu machen. Wenn er in einem Virtuo- 
senstiick den Monolog: »Durch diese hohle Gasse muE er kom- 
men« in Prosa verwandelt, so beginnt er mit den klassischen 
Worten: »Durch diese hohle Gasse «, aber da packt seinen Tell 
schon der Jammer, da scheint er sich schon haltlos, klein, ver- 
loren, und er fahrt fort: »Durch diese hohle Gasse, glaube ich, 
mufi er kommen.« 

Gewifi war Ahnliches da. Dies keusche, kunstvolle Ungeschick 
in alien Dingen der Sprache ist Narrenerbteil. Wenn Polonius, 
das Urbild der Geschwatzigkeit, ein Jongleur ist, kranzt Walser 
sich bacchisch mit Sprachgirlanden, die ihn zu Fall bringen. Die 
Girlande ist in der Tat das Bild seiner Satze. Der Gedanke aber, 
der in ihnen daherstolpert, ist ein Tagedieb, Strolch und 
Genie wie die Helden in Walsers Prosa. Er kann iibrigens nichts 
anderes als »Helden« schildern, kommt von den Hauptfiguren 
nicht los und hat es bei drei fruhen Romanen bewenden lassen, 
um fortan einzig und allein den Briiderschaften mit seinen hun- 
dert Lieblingsstrolchen zu leben. 

Es gibt bekanntlich gerade im germanischen Schrifttum einige 
grofie Pragungen des windbeutligen, nichtsnutzigen, tagediebi- 
schen und verkommenen Helden. Ein Meister soldier Figuren, 
Knut Hamsun, ist erst kurzlich gefeiert worden. Eichendorff, der 
den Taugenichts, Hebel, der den Zundelfrieder geschaffen hat, 
sind andere. Wie machen sich Walsers Figuren in dieser Gesell- 
schaft? Und wo stammen sie her? Woher der Taugenichts, das 
wissen wir. Aus den Waldern und Talern des romantischen 
Deutschland. Der Zundelfrieder aus dem rebellischen, aufge- 
klarten Kleinburgertum rheinischer Stadte um die Jahrhundert- 
wende. Hamsuns Figuren aus der Urwelt der Fjorde - es sind 
Menschen, die ihr Heimweh zu Trollen zieht. Walsers? Viel- 
leicht aus den Glarner Bergen? Den Matten von Appenzell, wo 
er herstammt? Nichts weniger. Sie kommen aus der Nacht, wo 



Robert Walser 327 

sie am schwarzesten ist, einer venezianischen, wenn man will, 
von diirftigen Lampions der HofTnung erhellten, mit etwas 
Festglanz im Auge, aber verstort und zum Weinen traurig. 
Was sie weinen, ist Prosa. Denn das Schluchzen ist die Me- 
lodie von Walsers Geschwatzigkeit. Es verrat uns, woher seine 
Lieben kommen. Aus dem Wahnsinn namlich und nirgend- 
her sonst. Es sind Figuren, die den Wahnsinn hinter sich haben 
und darum von einer so zerreifienden, so ganz unmenschlichen, 
unbeirrbarren Oberflachlichkeit bleiben. Will man das Begluk- 
kende und Unheimliche, das an ihnen ist, mit einem Worte 
nennen, so darf man sagen: sie sind alle geheilt. Den Pro- 
zefi dieser Heilung erfahren wir freilich nie, es sei denn, 
wir wagen uns an sein >>Schneewittchen<< - eines der tiefsinnig- 
sten Gebilde der neueren Dichtung -, das allein hinreichen 
wiirde, verstandlich zu machen, warum dieser scheinbar ver- 
spielteste aller Dichter ein Lieblingsautor des unerbittlichen 
Franz Kafka gewesen ist. 

Ganz ungewdhnlich zart sind diese Geschichten, das begreift 
jeder. Nicht jeder sieht, daft nicht die Nervenspannung des 
dekadenten, sondern die reine und rege Stimmung des genesen- 
den Lebens in ihnen liegt. »Midi entsetzt der Gedanke, ich 
konnte Erfolg in der Welt haben«, heifit es bei Walser in einer 
Paraphrase von Franz Moors Dialog. All seine Helden teilen 
dies Entsetzen. Warum aber? Durchaus nicht aus Abscheu vor 
der Welt, sittlichem Ressentiment oder Pathos, sondern aus ganz 
epikuraischen Griinden. Sie wollen sich selber geniefien. Und 
dazu haben sie ein ganz ungewohnliches Geschick. Sie haben 
auch darin einen ganz ungewohnlichen Adel. Sie haben audi da- 
zu ein ganz ungewohnliches Recht. Denn niemand geniefit wie 
der Genesende. Alles Orgiastische ist ihm fern: das Stromen 
seines erneuerten Blutes klingt ihm aus Bachen und der reinere 
Atem der Lippen aus Wipfeln entgegen. Diesen kindlichen Adel 
teilen die Menschen Walsers mit den Marchenfiguren, die ja 
auch der Nacht und dem Wahnsinn, dem des Mythos namlich, 
enttauchen. Man meint gewohnlich, es habe sich dies Erwachen 
in den positiven Religionen vollzogen. Wenn das der Fall ist, 
dann jedenfalls in keiner sehr einfachen und eindeutigen Form. 
Die hat man in der grofien profanen Auseinandersetzung mit 
dem Mythos zu suchen, die das Marchen darstellt. Naturlich 



328 Literarisdie und asthetische Essays 

haben seine Figuren nicht einfadi Ahnlichkeit mit den Walser- 
schen. Sie kampfen nodi, sicii von dem Leiden zu befreien. Wal- 
ser setzt ein, wo die Marchen aufhoren. »Und wenn sie nicht 
gestorben sind, dann leben sie heme noch.« Walser zeigt, wie sie 
leben. Seine Sachen,und hiermit will ich schliefien wie er beginnt, 
heifien: Geschichten, Aufsatze, Dichtungen, kleine Prosa und 
ahnlich. 



Julien Green 

»Nous qui sommes born^es en tout, comment le sommes-nous si 
peu lorsqu'il s'agit de souffrir?« Diese Frage von Marivaux 
war eine jener glanzenden Formulierungen, mit denen das De- 
tachement von der Sache, der Abstand manchmal den Geist 
beschenkt. Denn keiner Epoche lag die Kontemplation des Lei- 
dens ferner als der franzosischen Aufklarung. Aus diesem Ab- 
stand heraus formulierte Marivaux so uberzeugend. Julien 
Green aber, der diese Worte als Motto vor seine »Adrienne 
Mesurat« stellte, weifi, worum es hier geht. Namlich urn den 
Passionsgedanken. Und damit nicht nur um diesen Roman, son- 
dern um sein gesamtes ceuvre, in dem das Leiden durchaus 
der herrschende, ja der einzige Vorwurf ist. Wer aber nachzufor- 
schen beginnt, auf welche Weise uberhaupt das Leiden in dieser 
Ausschliefilichkeit zum Gegenstand des dichterischen Schaffens 
werden kann, stofit bald darauf, wie fremd Julien Green nicht 
nur der analytischen Psychologie eines Marivaux, sondern jeder 
psychologischen Ansicht vom Menschen sein mufi. Wer vom 
humanen, humanistischen Standpunkt - fast mochte man 
sagen: vom Standpunkt des Laien - den Menschen studieren 
will, der hatte ihn gewift in seiner sogenannten Fulle, gewifi 
auch als geniefienden, gesunden und herrschenden darzustellen. 
Dem theologischen Ingenium aber erschliefit allerdings und seit 
jeher das Menschenwesen sich an der passio am tiefsten. Nicht 
freilich ohne den gewaltigen Doppelsinn des Lateinischen in An- 
spruch zu nehmen: jene Verschrankung von Leiden und Leiden- 
schaft, mit welcher die passio zum welthistorischen Massiv, zur 
Wasserscheide der Religionen sich auftiirmt. In dieser unwirt- 



Julien Green 329 

lichen Hohe hat das bestiirzende, sprode Werk von Green seinen 
Ursprung. Hier entsprang der tragische wie der katholische My- 
thos, die fromme heidnische passio des Konig Odipus, der Elek- 
tra, des Aias, wie die fromme, christliche Jesu. Hier geht, im 
Indifferenzpunkt, auf der Pafthohe der Mythen, der Dichter 
daran, den Stand des gegenwartigen Menschen in den Spuren 
seiner passio zu zeichnen. 

Das kreatiirliche Leiden als solches ist zeitlos. Nicht aber sind es 
die Leidenschaften, an denen die passio sich nahrt. Geiz, Herrsch- 
sucht, Tragheit des Herzens, Stolz - jedes von diesen Lastern 
stent in Figuren von allegorischer Scharfe in diesem Werk auf, 
und doch ist, was seine Menschen im Innersten peitscht, im alten 
christlichen Kanon der Todsiinden nicht zu finden. Wohl aber 
stiefte, wer Genie und Fluch der Lebenden in theologischen Be- 
grifFen umreifien wollte, auf dieses neueste und im hollischen 
Sinne moderne Laster: die Ungeduld. Emily Fletcher, Adrienne 
Mesurat, Paul Gueret - Stichflammen der Ungeduld, die im 
Windzug des Schicksals ziingeln. Will Green - so konnte man 
seine Werke apologetisch ausdeuten - zeigen, was aus diesem 
Geschlechte geworden ware, wenn es nicht an ungeheuren Ge- 
schwindigkeiten der Bewegung, der Mitteilung, des Genusses 
seine zehrende Ungeduld hatte ersattigen konnen? Oder will er 
vielmehr die gefahrlichen Energien beschworen, die im Innern 
dieses Geschlechts seinen stolzesten Errungenschaften entspre- 
chen und nur auf die Gelegenheit warten, in Zerstorungspro- 
zessen von nie geahnter Geschwindigkeit dieses Tempo noch zu 
vertausendfachen? Denn die Leidenschaft - das ist ein Grund- 
motiv der passio - vergeht sich nicht nur wider die Gebote Got- 
tes, sie frevelt wider die naturliche Ordnung. Darum weckt sie 
die zerstorenden Krafte des ganzen Kosmos. Was dem Leiden- 
schaftlichen zustofit, ist nicht so sehr Strafgericht Gottes, als 
Aufruhr der Natur gegen den, der ihren Frieden stort und ihr 
Antlitz entstellt. Dies profane Verhangnis vollzieht sich an der 
Leidenschaft durch sie selbst. Und zwar ist es das Werk des Zu- 
falls. In seinem letzten und reifsten Buche, dem »Leviathan«, 
hat Green die Vernichtung des Leidenden weniger innerlich, 
scharfer in der Verstrickung vollzogen. Er hat damit diesem 
Aufiersten, Aufierlichsten mit demselben Rechte die Ehre ge- 
geben wie Calderon, der Meister der dramatischen Passion, in 



330 Literarische und asthetische Essays 

seinen Dramen die barockste Verwicklung, die maschinellste 
Schicksalsfiigung dem Aufbau zugrunde legt. Zufall ist die gott- 
verlassene Figur der Notwendigkeit. Darum steht bei Green das 
verworfene Innen der Leidenschaft in Wahrheit so vollig unter 
der Herrschaft des Aufien, dafi Leidenschaft im Grunde gar 
nichts anderes als der Agent des Zufalls in der Kreatur ist. Von 
ihm ist die Geschwindigkeit ein Teil, die die Verzweiflung den 
Geschicken mitteilt. Die Hoffnung ist das Ritardando des Schick- 
sals. Seine Menschen sind aufierstande zu hoffen; sie nehmen sich 
nicht die Zeit. Sie sind exaspiriert. 

Geduld, das ist das Wort, das alle Tugenden dieses Autors und 
zugleich alles in sich schliefit, was seinen Menschen fehlt. Der 
Mann, der so viel von diesen Rasenden weifi, blickt unver- 
wandt und aus grofien Augen. Sein Gesicht hat das Ebenmafi 
und den blassen Olivton des Spaniers. Im unbeschpltenen Adel 
der Stimme ist etwas, das vielen Worten zu wehren scheint, und 
genauso wie sie, auf leisen Sohlen, kommt die Handschrift mit 
ihren transparenten, schmucklosen Zeichen. Man mochte von 
Buchstaben sprechen, die gelernt haben zu verzichten. Am 
schwersten aber lafit sich ein Begriff von der kindlichen Fassung 
geben, wie sie sich in solchem Gestandnis bekundet: Es sei ihm 
nicht gegeben, hat er einmal gesagt, auch nur den allereinfach- 
sten Vorfall zu schildern, den er selber erlebt habe. Nichts un- 
verstandlicher fiir jeden, der hier noch irgendeine Briicke zum 
landlaufigen Begriff des Romans sucht, diesem zusammengestop- 
pelten Unding aus Erlebtem und Ausgedachtem. Green steht 
jenseits von dieser tauben, unfruchtbaren Zweiheit. Er schreibt 
nichts Erlebtes. Sein Erlebnis heifk Schreiben. Er denkt aber 
auch nichts aus. Denn was er schreibt, das duldet keinen Spiel- 
raum. Nichts sei ihm, fahrt er fort, im Verlaufe seiner Arbeit 
fragwlirdiger als die einfache Handlung, der Gang der FabeL 
Sie lafk sich nicht ausdenken. Er geht ans Manuskript, um das 
Leben seiner Personen weiter, so weit zu fiihren, wie es die 
nachsten Seiten erfordern. Und ohne in der Zwischenzeit es 
bedenken oder ergriinden zu konnen, kehrt er am nachsten Tag 
dahin, wo er abbrach, zuriick. Das ist, man darf es ohne Fahr- 
lassigkeit so nennen, ein visionares Verfahren und der Ursprung 
der iibermafiig strengen, halluzinatorischen Deutlichkeit, mit 
der sich seine Menschen bewegen. Greens Abstand vom ublichen 



Julien Green 331 

Typus des Romanciers ist in der Kluft zwischen Vergegenwarti- 
gung und Schilderung einbegriffen. 

Vergegenwartigung - nicht das magische Element dieses Worts, 
sondern sein zeitliches sei zuerst angesprochen. Zweierlei Na- 
turalismus zwingt es zu unterscheiden: Zolas, der die Menschen 
und Verhaltnisse schildert, wie nur der Zeitgenosse sie sehen 
konnte; und Greens, welcher sie vergegenwartigt, wie sie sich 
nie einem Zeitgenossen hatten darstellen konnen. Wo er es tut? 
- In unserer Phantasie? - Das sagt wenig. In unserm Zeitraum 
tut er's, der ihnen fremd ist und sie wie ein Gewolbe hohler 
Jahre einschliefit, in dem das Echo ihre Flusterworte und ihre 
Schreie ihnen wiedergibt. Erst diese zweite Gegenwart verewigt 
was war; und darum ist Vergegenwartigung ein Akt der Magie. 
Green schildert die Menschen nicht, er vergegenwartigt sie in 
schicksalhaften Momenten. Das heifit: sie gebarden sich ganz so, 
wie wenn sie Erscheinungen waren. Adrienne Mesurat, die am 
Fenster haftet, um einen Blick auf Maurecourts Villa zu tun; der 
alte Mesurat, der sich den Bart streicht; Madame Legras, die mit 
Adriennes Kette das Weite sucht - so und nicht anders waren 
jede ihrer Gebarden, miifiten sie als arme Seelen jenseits des 
Grabes diese Augenblicke von neuem durchleben. In der trost- 
losen Stereotypic aller wahrhaft schicksalhaften Momente ste- 
hen sie vor dem Leser wie die Figuren der danteschen Holle in 
der Unwiderruflichkeit eines Daseins nach dem Jiingsten Gericht. 
Diese Stereotypic ist das Signum des Hollenstadiums. Geht man 
ihr auf den Grund, enthullt sich was Schicksal heifit als die voll- 
kommene, gnadenlose Form, in der der Zufall sein Regiment 
fiihrt. Und zwar als die trostloseste. Denn die vollkommene 
Trostlosigkeit ist die Trostlosigkeit in der Vollkommenheit. 
Wie Pascal aus dem gestirnten Himmel, dem Urbild mathe- 
matischer Vollkommenheit, nichts als die Dde ewigen Schwei- 
gens entgegenschlug, so tritt dem grofien Schicksalskundigen, 
diesem Dichter, in der vollkommenen Verkettung der Geschicke, 
die er ergriindet, nur die desolate Verlassenheit aller Kreaturen 
entgegen. 

Nun aber ist die visionare Aura, in der sie stehen, nichts weniger 
als »plastische, lebenswahre Gestaltung«. Solch schablonenhafte 
Vorstellung von Vision liebt die Berufung auf den Traum, auf 
die Evidenz und Bildkraft der Gesichte. Gesetzt aber, einer liege 



332 Literarische und asthetische Essays 

im Alptraum und erleide eines der Schreckensbilder, an denen 
die Biicher dieses Autors so reich sind. Was wird er tun, wenn er 
aufwacht? Licht machen und aufatmen. Ganz anders, wem eine 
Vision wird. Sie mag so furchtbar sein, wie sie wolle, der Hohe- 
punkt, der Schrecken der Schrecken, fiir ihn wird er stets im 
Augenblick des Erwachens aus seinem Schauen liegen. Denn das 
Diesseits ist das Echtheitssiegel, das an jeder Vision hangt, das 
Diesseits, das wir nun auf einmal, auf immer, von ihren Gesich- 
ten besiedelt, bevolkert, erobert finden. Ein phasisches Versinken 
und Aufwachen, so hat man die Arbeit dieses Autors sich vorzu- 
stellen; ein Durchschiittertwerden von tausend Schrecken, und 
ihrer jeder ist ein Geburtsschrecken. In einem unwillkommenen 
Lichte liegt mit zerrifinen, tiefen Schatten die Umwelt da. Ein 
»Tal der Tranen« offnet sich dem Erwachenden. Und vielleicht 
heifk das: wenn langst der Mensch schon keine Trane hat, dann 
netzt die Welt ringsum sich im Schweifie oder im Tau des Jam- 
mers. Da liegen auf dem Stapelplatze einer Kohlenhandlung, 
auf den Gueret sich liber eine Mauer fluchtet, drei gewaltige 
Haufen Kohle. Von diesen schwarzen, im Mondschein schim- 
mernden Bergen gibt Green eine sehr genaue Beschreibung. Ich 
kannte sie, als ich eines Tages den Dichter fragte, ob er vom 
Ursprung seiner Werke etwas wisse. Ein Charakter? Eine Er- 
fahrung? Eine Idee? Er erwiderte aber nur: »Von meinem letz- 
ten Buche kann ich Ihnen den Ursprung ganz genau sagen. Es 
war ein Haufen Kohle, auf den ich eines Tages gestoften bin.« 
Alles ist ihm um solche Bilder gruppiert, wie sie fiir immer 
vor dem erschreckten Blick des Erwachenden stehen. Nirgends 
sichtbarer als im Anfang der Werke. Die erste Figur, mit welcher 
der Leser Bekanntschaft macht, ist in alien seinen Romanen die 
Hauptperson. Sie ist vertieft, Gueret im Blick auf seine Uhr, 
Adrienne in die Betrachtung der Daguerreotypien ihrer Vorel- 
tern, Emily in die Landschaft vor ihrem Fenster. Es ist der Au- 
genblick einer seltsamen Geistesabwesenheit, einer banalen Ver- 
sunkenheit, da an seinen Figuren das Schicksal auftritt wie eine 
Krankheit. So sieht er sie, wie wir uns selber nach vielen Jah- 
ren in der Erinnerung - die audi ein Erwachen ist - in Be- 
schaftigungen, an denen nichts Rechtes scheint bemerkbar zu 
sein. Das sind die Augenblicke fiir immer. An sie, und nur an 
sie, schliefit Green an. »Toujours, semblait-il, murmura la ri- 



Julien Green 333 

viere, toute la vie de meme, toute la vie.« Das ist das Lebenslied 
dieser Menschen, denen ihre schicksalhaften Momente bis an ihr 
Ende gelten. Entwicklung kennen sie nicht. Wenn man nicht dies 
Entwicklung nennen will, dafi sie von Mifigeschkk zu MiEge- 
schick stiirzen, wie ein Korper im Fallen von den Steinstufen 
einer Treppe nicht eine auslafit. 

So fallen sie sich zu Tode. Und es vollzieht sich an ihnen das 
irdische Verhangnis der passio: die Zerstorung von Leib und 
Leben. Ohnmacht, Schlaf und endlich der Tod - immer wieder 
ist es die Antwort des Leibes, die hier am aufiersten Ende des 
Leidens steht. Das Bett ist diesem Romancier der angestammte 
Platz, der Thron der Kreatur. »Une passion par personne, cela 
suffit« - das geniigt, weil die Leidenschaft audi der Leidensweg 
und die geregelte Abfolge seiner Stationen schon in ihr vorbe- 
stimmt ist. Ist aber diese Regel auszusprechen? Betrifft sie den 
gegenwartigen Menschen wirklich? Greens Figuren sind gar 
nicht modern. Starr wie die maskenhafte persona der Tragiker 
tonen sie sich im Interieur der franzosischen Kleinstadt aus. 
Tracht und Alltag an ihnen sind verkiimmert und altmodisch; in 
ihren Gebarden aber leben uralte Herrscher, Frevler, Besessene. 
Zwischen Schnitzwerk und Pliisch sind in ihren Stuben Ahnen 
sefthaft wie im Baumstrunk oder im Schilf. Die Verschmelzung 
des Altmodischen mit der Urgeschichte, das Trauma des Eltern- 
anblicks in seiner doppelten Figur als urgeschichtliches und ge- 
schichtliches Phanomen ist das bleibende Motiv dieses Dichters. 
Der Zwienacht, in die die Welt hier gebettet ist, enttauchen die 
Hauser und Zimmer, in denen die Generation unserer Vater hin- 
ging. Ja die drei Hauptwerke spielen, recht betrachtet, alle im 
gleichen Hause, mag es Frau Fletcher, dem alten Mesurat oder 
Frau Grosgeorges gehoren; so spielen die Dramen der Tragiker 
vor dem gleichen Palastprospekt, der einmal Agamemnons, ein 
andermal Kreons oder des Theseus ist. Wohnen - das ist hier 
noch immer ein Hausen, ein Geschehen voller Angst und Magie, 
das vielleicht niemals verzehrender war als unter der Decke des 
zivilisierten Daseins und der burgerlich-christlichen Kleinwelt. 
Das Haus der Vater, das in der zwiefachen Finsternis des kaum 
Vergangenen und des Unvordenklichen dasteht, ist hier, von 
Schicksalsblitzen auf Sekunden ganz erhellt, durchsichtig wie ein 
Gewitterhimmel und eine Abflucht von Hohlen, Kammern und 



334 Literarische und asthetische Essays 

Galerien geworden, die sich in die Urzeit der Menschheit ver- 
lieren. Gewifi ist, dafi ein Stuck Urgeschichte fiir jedes Geschlecht 
mit dem Dasein, den Lebensformen des ihm unmittelbar vorher- 
gehenden verschmolzen ist, fiir die Lebenden also mit der Mitte 
und dem Ausgang des vorigen Jahrhunderts. Green ist nicht der 
einzige, der es fuhlt. Cocteaus »Enfants terribles« sind eine mit 
alien technischen Mitteln ausgeriistete Expedition in die unter- 
seeischen Tiefen der Kinderstube, ganz zu schweigen vom Werke 
Prousts, das der verlorenen Zeit und ihren Zellen, in denen wir 
Kinder waren, gewidmet ist. Proust ruft die Zauberstunde der 
Kindheit herauf. Green bringt Ordnung in unsere friihesten 
Schrecken. Im ausgeraumten Domizil der Kindheit kehrt er die 
Spuren, die das Dasein unserer Eltern Hefi, zusammen. Und 
aus dem Berg von Leid und Grauen, den er hauft, trifft uns ihr 
unbegrabener Leichnam plbtzlich so durchbohrend wie vor 
Jahrhunderten der Leib den Frommen, den er stigmatisierte. 



Karl Kraus 

Gustav Gliick gewidmet 

/ 
Allmensch 

Wie laut wird alles. 
Worte in Versen II 

Alte Stiche haben den Boten, der schreiend, mit gestraubten 
Haaren, ein Blatt in seinen Handen schwingend, herbeieilt, 
ein Blatt, das voll von Krieg und Pestilenz, von Mordgeschrei 
und Weh, von Feuer- und Wassersnot, allerorten die »Neueste 
Zeitung« verbreitet. Eine Zeitung in solchem Sinn, in der Be- 
deutung, die das Wort bei Shakespeare hat, ist die »Fackel«. Voll 
von Verrat, Erdbeben, Gift und Brand aus dem mundus 
intelligibilis. Der Hafi, mit dem sie das unabsehbar wimmelnde 
Prefigeschlecht verfolgt, ist mehr als ein sittlicher ein vitaler, wie 



KarlKraus 335 

ihn der Urahn auf ein Geschlecht entarteter Zwergenschlingel 
geworfen hat, die aus seinem Samen gekommen sind. Der Name 
»Offentliche Meinung« schon ist ihm ein GreueL Meinungen sind 
Privatsache. Die Offentlichkeit hat ein Interesse nur an Urteilen. 
Sie ist richtende oder iiberhaupt keine. Aber das ist ja gerade der 
Sinn der offentlichen Meinung, die die Presse herstellt, die Of- 
fentlichkeit unfahig zum Richten zu machen, die Haltung des 
Unverantwortlichen, Uninformierten ihr zu suggerieren. In der 
Tat, was sind selbst die praziseren Informationen der Tages- 
zeitungen im Vergleich zu der haarstraubenden Akribie, die die 
»Fackel« an die Darstellung rechtlicher, sprachlicher und politi- 
scher Fakten wendet. Die orfentliche Meinung braucht sie nicht 
zu kiimmern. Denn die bluttriefenden Neuigkeiten dieser »2ei- 
tung« fordern ihren Richtspruch heraus. Und gegen keinen mit 
ungestiimerem Drangen als gegen die Presse selbst. 
Ein Hafi, wie Kraus ihn auf die Journalisten geworfen hat, 
kann niemals so schlechthin in dem, was sie tun, fundiert sein - 
es mag so verwerflich sein wie es will; dieser HaS mufi Griinde 
in ihrem Sein haben, mag es nun dem seinen so entgegengesetzt 
oder so verwandt sein wie immer. In der Tat ist aber beides 
der Fall Die jungste Darstellung des Journalisten charakteri- 
siert ihn sogleich mit ihrem ersten Satze als »einen Menschen, der 
fur sich selbst und seine Existenz, wie iiberhaupt fur die blofie 
Existenz der Dinge, wenig Interesse hat, sondern die Dinge erst 
in ihren Beziehungen spiirt, vor allem dort, wo diese in Ereig- 
nissen aufeinandertreffen - und der in diesem Moment selbst 
erst zusammengeschlossen, wesenhaft und lebendig wird.« Was 
man mit diesem Satz in Handen halt, ist nichts anderes als das 
Negativ des Bildes von Kraus. In der Tat: wer hatte fur sich 
selbst und seine Existenz ein brennenderes Interesse gezeigt als 
er, der nie von diesem Thema loskommt, wer fiir die blofie Exi- 
stenz der Dinge, ihren Ursprung, ein aufmerksameres, wen 
jenes Aufeinandertreffen des Ereignisses mit dem Datum, dem 
Augenzeugen oder der Kamera in hellere Verzweiflung versetzt 
als ihn? Endlich hat er seine gesamten Energien im Kampfe 
gegen die Phrase zusammengefafit, die der sprachliche Ausdruck 
der Willkiir ist, mit der die Aktualitat im Journalismus sich 
zur Herrschaft iiber die Dinge aufwirft. 
Das hellste Licht fallt auf diese Seite seines Kampfes gegen die 



336 Literarische und asthetische Essays 

Presse aus dem Lebenswerk seines Mitstreiters Adolf Loos. Loos 
fand seine providenziellen Gegner in den Kunstgewerblern und 
Architekten, die sich im Kreise der »Wiener Werkstatten« um 
eine neue Kunstindustrie bemuhten. Seine Parolen hat er in 
zahlreichen Auf satzen, in bleibenderFormulierung zumal in dem 
Artikel »Ornament und Verbrechen« niedergelegt, der 1908 in 
der »Frankfurter Zeitung« erschienen ist. Der leuchtende Blitz, 
der in diesem Aufsatz gezundet hat, beschrieb den sonderbarsten 
Zickzackweg. »Beim Lesen der Worte von Goethe, worin die 
Art der Banausen und so mancher Kunstkenner, Kupferstiche 
und Reliefs abzutasten, geriigt wird, ist ihm die Erkenntnis auf- 
gestiegen, dafi, was beriihrt werden soil, kein Kunstwerk sein 
darf, und was ein Kunstwerk ist, dem Zugriff entzogen sein 
mufi.« Das erste Anliegen von Loos war es demnach, Kunst- 
werk und Gebrauchsgegenstand zu trennen, und so ist es das 
erste Anliegen von Kraus gewesen, Information und Kunstwerk 
auseinanderzuhalten. Der Schmock ist im Herzen eins mit dem 
Ornamentiker. Als Ornamentiker, als Verschleierer der Grenzen 
zwischen Journalismus und Dichtung, als Schopfer des Feuille- 
tons in Poesie und Prosa ist Kraus nicht rnude geworden, Heine 
zu denunzieren, ja spaterhin, als den Verrater des Aphorismus 
an die Impression, selbst Nietzsche ihm zur Seite zu stellen. 
»Meine Auffassung«, heifit es von diesem, »ist, dafi er zur 
Mischung aus Elementen . . . der zersetzten europaischen Stile 
aus dem letzten Halbjahrhundert noch die Psychologie hinzuge- 
bracht hat, und dafi das neue Niveau der Sprache, das er ge- 
schafTen hat, das Niveau des Essayismus ist, wie das Heinesche 
das des Feuilletonismus.« Beide Formen erscheinen als Sympto- 
me der chronischen Krankheit, von welcher alle Einstellungen, 
alle Standpunkte nur die Fieberkurve bestimmen: der Unecht- 
beit. Die Entlarvung des Unechten ist es, aus der dieser Kampf 
gegen die Presse entstand. »Wer nur diese grofie Entschuldigung: 
zu konnen, was man nicht ist, in die Welt gebracht hat?« 
Die Phrase. Sie ist aber eine Ausgeburt der Technik. »Der 
Zeitungsapparat verlangt, wie eine Fabrik, Arbeit und Absatz- 
gebiete. Zu bestimmten Zeiten am Tage - zwei- bis drei- 
mal in groften Zeitungen - mufi fiir die Maschinen ein 
bestimmtes Quantum Arbeit beschafft und vorbereitet sein. Und 
nicht aus irgendwelchem Material: alles, was in der Zwischen- 



Karl Kraus 337 

zeit irgendwo und auf irgendeinem Gebiete des Lebens, der 
Politik, der Wirtschaft, der Kunst usw. geschah, mufi inzwischen 
erreicht und journalistisch verarbeitet sein.« Oder, in grofiarti- 
ger Abbreviatur, bei Kraus: »Es sollte Aufschlufi iiber die 
Technik geben, dafi sie zwar keine neue Phrase bilden kann, 
aber den Geist der Menschheit in dem Zustand belafit, die alte 
nicht entbehren zu konnen. In diesem Zweierlei eines verander- 
ten Lebens und einer mitgeschleppten Lebensform lebt und 
wachst das Weltiibel.« Mit einem Ruck schiirzt Kraus in diesen 
Worten den Knoten, zu dem Technik und Phrase sich ver- 
bunden haben. Die Losung freilich folgt einer anderen Schlinge: 
ihr ist der Journalismus durchweg Aiisdruck der veranderten 
Funktion der Sprache in der hochkapitalistischen Welt. Die 
Phrase in dem von Kraus so unablassig verfolgten Sinne ist 
das Warenzeichen, das den Gedanken verkehrsfahig macht so 
wie die Floskel, als Ornament, ihm den Liebhaberwert ver- 
leiht. Aber gerade darum ist die Befreiung der Sprache identisch 
mit der der Phrase - ihrer Verwandlung aus einem Abdruck in 
ein Instrument der Produktion - geworden. Die »Fackel« 
selbst enthalt davon Modelle, wenn schon nicht die Theorie; 
ihre Formeln sind von der schurzenden, niemals von der losen- 
den Art. Die Versdirankung eines biblischen Pathos mit der 
halsstarrigen Fixierung an die Anstofiigkeiten des Wiener Le- 
bens - das ist ihr Weg, sich den Phanomeneri zu nahern. Es 
geniigt ihr nicht, die Welt zum Zeugen fiir das schledlte Be- 
nehmen eines Zahlkellners aufzurufen, sie mulS die Toten aus 
ihren Grabern holen. - Mit Recht. Denn die mesquine, penetrato- 
te Fiille dieser Wiener Cafehaus-, Prefi- und GeseHschaflis- 
skandaleistnur die unscheinbare Bekundung eines Vorherwissens, 
das dann plotzlich, schneller als irgendwer es gewartigen konnte, 
an seinen eigentlichen, friihesten Gegenstand kam, um zwei 
Monate nach Kriegsausbruch ihn mit jener Rede »In dieser 
grofien Zeit« beim Namen zu nennen, mit der alle Damonen, 
die diesen Besessenen bevolkert hatteh, in die Sauherde seiner 
Zeitgenossenschaft hineinfuhren. 

»In dieser grofien Zeit, die ich noch gekannt habe, wie sie so 
klein war; die wieder klein werden wird, wenn ihr dazu noch 
Zeit bleibt; und die wir, weil im Bereich organischen Wachs- 
tums derlei Verwandlung nicht moglich ist, lieber als eine dicke 



338 Literarische und asthetische Essays 

Zeit und wahrlich audi schwere Zeit ansprechen wollen; in dieser 
Zeit, in der eben das geschieht, was man sich nicht vorstellen 
konnte, und in der geschehen mufi, was man sich nicht mehr 
vorstellen kann, und konnte man es, es geschahe nicht -; in 
dieser ernsten Zeit, die sich zu Tode gelacht hat vor der Mog- 
lichkeit, dafi sie ernst werden konnte; von ihrer Tragik iiber- 
rascht, nach Zerstreuung langt, und sich selbst auf frischer Tat 
ertappend nach Worten sucht; in dieser lauten Zeit, die da 
drohnt von der schauerlichen Symphonie der Taten, die Be- 
richte hervorbringen, und der Berichte, welche Taten ver- 
schulden: in dieser da mogen Sie von mir kein eigenes Wort er- 
warten. Keines aufier diesem, das eben noch Schweigen vor 
Mifideutung bewahrt. Zu tief skzt mir die Ehrfurcht vor der 
Unabanderlichkeit, Subordination der Sprache vor dem Un- 
gluck. In den Reichen der Phantasiearmut, wo der Mensch an 
seelischer Hungersnot stirbt, ohne den seelischen Hunger zu 
spiiren, wo Federn in Blut tauchen und Schwerter in Tinte, mufi 
das, was nicht gedacht wird, getan werden, aber ist das, was nur 
gedacht wird, unaussprechlich. Erwarten Sie von mir kein 
eigenes Wort. Weder vermochte ich ein neues zu sagen; denn im 
Zimmer, wo einer schreibt, ist der Larm so grofi, und ob er von 
Tieren kommt, von Kindern oder nur von Morsern, man soil 
es jetzt nicht entscheiden. Wer Taten zuspricht, schandet Wort 
und Tat und ist zweimal verachtlich. Der Beruf dazu ist nicht 
ausgestorben. Die jetzt nichts zu sagen haben, weil die Tat das 
Wort hat, sprechen weiter. Wer etwas zu sagen hat, trete vor 
und schweige!« 

Diese Bewandtnis hat es mit allem, was Kraus schrieb: es ist ein 
gewendetes Schweigen, ein Schweigen, dem der Sturm der Ereig- 
nisse in seinen schwarzen Umhang fahrt, ihn aufwirft und das 
grelle Futter nach aufien kehrt. Der Fiille seiner Anlasse unge- 
achtet, scheint jeder einzelne iiberraschend mit der Plotzlichkeit 
eines Windstofies auf ihn hereingebrochen. Alsbald tritt ein 
praziser Apparat zu seiner Bewaltigung in Tatigkeit: mit dem 
Ineinandergreifen von mundlicher und schriftlicher Ausdrucks- 
form wird jede Situation in ihren polemischen Moglichkeiten 
bis auf den Grund ausgeschopft. Mit welchen Kautelen Kraus 
sich dabei umgibt, ist aus dem Stacheldraht redaktioneller Be- 
kanntmachungen, der jedes Heft der »Fackel« umzaunt, genau 



Karl Kraus 339 

so ersichtlich wie aus den messersdiarfen Definitionen und 
Vorbehalten in den Programmen und den Konferencen seiner 
Vorlesungen »aus eigenen Schriften«. Die Dreiheit: Schweigen, 
Wissen, Geistesgegenwart konstituiert die Figur des Polemikers 
Kraus. Sein Schweigen ist ein Stauwerk, vor dem das spiegelnde 
Bassin seines Wissens sich standigvertieft. Seine Geistesgegenwart 
lafit sich keine Frage stellen, sie ist niemals willens, Grundsatzen, 
die einer ihr entgegenhalt, 2u entprechen. Ihr erstes ist vielmehr, 
die Situation abzumontieren, die wahre Fragestellung, welche 
sie enthalt, zu entdecken und sie statt aller Antwort dem Geg- 
ner zu prasentieren. Wenn man bei Johann Peter Hebel die 
konstruktive, schopferische Seite des Takts in ihrer hochsten 
Entfaltung findet, so bei Kraus die destruktive und kritische. 
Fur beide aber ist der Takt moralische Geistesgegenwart - 
Stoessl sagt »in Dialektik verfeinerte Gesinnung« - und Aus- 
druck einer unbekannten Konvention, die wichtiger ist als die 
anerkannte. Kraus lebt in einer Welt, in der die argste Schand- 
tat noch ein faux-pas ist; im Monstrosen unterscheidet er noch 
und zwar gerade darum, weil sein MajRstab nie der der burger- 
lichen Wohlanstandigkeit ist, der oberhalb der Grenzlinie haus- 
backener Schurkerei so schnell der Atem ausgeht, dafi sie zu 
keiner Auffassung weltgeschichtlicher mehr imstande ist. 
Kraus hat diesen Mafistab schon immer gekannt und im 
iibrigen gibt es fiir wahren Takt keinen andern. Es ist ein 
theologischer. Denn Takt ist nicht etwa - wie nach der Vor- 
stellung Befangener - die Gabe, jedem unter Abwagung aller 
Verhaltnisse das ihm gesellschaftlich Gebiihrende werden zu 
lassen. Im Gegenteil: Takt ist die Fahigkeit, gesellschaftliche Ver- 
haltnisse, doch ohne von ihnen abzugehen, als Naturverhalt- 
nisse, ja selbst als paradiesische zu behandeln und so nicht nur 
dem Konig, als ware er mit der Krone auf der Stirne geboren, 
sondern auch dem Lakaien wie einem livrierten Adam ent- 
gegenzukommen. Diese Noblesse hat Hebel in seiner Priester- 
haltung besessen, Kraus besitzt sie im Harnisch. Sein Kreatur- 
begriff enthalt die theologische Erbmasse von Spekulationen, 
die zum letzten Mai im 17. Jahrhundert aktuelle, gesamteuro- 
paische Geltung besessen haben. Am theologischen Kern dieses 
BegrifTs aber hat sich eine Wandlung vollzogen, die ihn ganz 
zwanglos in dem allmenschlichen Kredo osterreichischer Welt- 



340 Literarische und asthetische Essays 

lichkeit aufgehen liefi, das die Schopfung zur Kirche machte, 
in der nun nichts mehr als hin und wieder ein leises Weihrauch- 
aroma der Nebel an den Ritus gemahnt. Dieses Kredo hat am 
giiltigsten Stifter gepragt und sein Widerhall wird iiberall da 
vernehmlich, wo Kraus mit Tieren, Pflanzen, Kindern sich be- 
fafk. »Das Wehen der Luft,« schreibt Stifter, »das Rieseln des 
Wassers, das Wachsen der Getreide, das Wogen des Meeres, das 
Grunen der Erde, das Glanzen des Himmels, das Schimmern der 
Gestirne halte ich fiir grofi: das prachtig einherziehende Ge- 
witter, den Blitz, welcher Hauser spaltet, den Sturm, der die 
Brandung treibt, den feuerspeienden Berg, das Erdbeben, wel- 
ches Lander verschiittet, halte ich nicht fiir grofier als obige 
Erscheinungen, ja ich halte sie fiir kleiner, weil sie nur Wirkun- 
gen viel hoherer Gesetze sind . . . Da die Menschen in der 
Kindheit waren, ihr geistiges Auge von der Wissenschaft noch 
nicht beriihrt war, wurden sie von dem Nahestehenden und 
Auffalligen ergriffen und zu Furcht und Bewunderung hinge- 
rissen: aber als ihr Sinn geoffnet wurde, da der Blick sich auf 
den Zusammenhang zu richten begann, so sanken die einzelnen 
Erscheinungen immer tiefer, und es erhob sich das Gesetz immer 
hoher, die Wunderbarkeiten horten auf, das Wunder nahm 
zu . . . So wie in der Natur die allgemeinen Gesetze still und 
unaufhorlich wirken, und das Auffallige nur eine einzelne 
Aufierung dieser Gesetze ist, so wirkt das Sittengesetz still und 
seelenbelebend durch den unendlichen Verkehr der Menschen 
mit Menschen, und die Wunder des Augenblickes bei vorgefalle- 
nen Taten sind nur kleine Merkmale dieser allgemeinen Kraft.« 
Stillschweigend ist in diesen beriihmten Satzen das Heilige dem 
bescheidenen, doch bedenklichen Begriff des Gesetzes gewichen. 
Aber transparent genug ist diese Natur Stifters und seine 
Sittenwelt, um mit der kantischen ganz unverwechselbar und 
in ihrem Kern als Kreatur erkennbar zu bleiben. Und jene 
schnode sakularisierten Gewitter und Blitze, Stiirme, Bran- 
dungen und Erdbeben - der Allmensch hat sie der Schopfung 
wieder zuriickgewonnen, indem er sie zu deren weltgericht- 
licher Antwort auf das frevelhafte Dasein der Menschen ge- 
macht hat. Nur dafi die Spanne zwischen Schopfung und Welt- 
gericht hier keine heilsgeschichtliche Erfiillung, geschweige denn 
geschichtliche Oberwindung findet. Denn wie die Landschaft 



Karl Kraus 34$ 

Osterreichs schwellenlos die begluckende Breite der stifterschen 
Prosa erfiillt, so sind ihm, Kraus, die Schreckensjahre seines 
Lebens nicht Geschichte, sondernNatur, ein FluS,verurteiltdurch 
eine Hollenlandschaft sich zu winden. Es ist die Landschaft, in 
der taglich 50 000 Baumstamme fur 60 Zeitungen fallen. Kraus 
hat diese Information unter dem Titel »Das Ende« gebracht. 
Denn dafi die Menschheit im Kampfe gegen die Kreatur den 
kiirzeren zieht, das ist ihm so gewifi wie dafi die Technik, ein- 
mal gegen die Schopfung ins Feld gefiihrt, auch vor ihrem Herrn 
nicht haltmachen wird. Sein Defaitismus ist von iibernationaler, 
namlich planetarischer Art und die Geschichte fiir ihn nur die 
Einode, die sein Geschlecht von der Schopfung trennt, deren 
letzter Aktus der Weltbrand ist. Als Oberlaufer in das Lager 
der Kreatur - so durchmifit er diese Einode. »Und nur das Tier, 
das Menschlichem erliegt, | ist Held des Lebens«: nie hat das 
altvaterische Kredo Adalbert Stifters eine so finstere, heraldi- 
sche Pragung erfahren. 

Die Kreatur ist es, in deren Namen Kraus immer wieder dem 
Tier und »dem Herzen aller Herzen, jenem des Hundes« sich 
zuneigt, fiir ihn der wahre Tugendspiegel der Schopfung, in 
welchem Treue, Reinheit, Dankbarkeit uns aus verlorener 
Zeitenferne heriiberlacheln. Wie beklagenswert, dafi sich Men- 
schen an dessen Stelle setzen! Das sind die Anhanger. Mehr und 
lieber als um den Meister scharen sie sich mit unschonem Wit- 
tern um den zu Tode getroffenen Gegner. Gewifi, der Hund ist 
nicht umsonst das emblematische Tier dieses Autors: der Hund, 
der ideale Fall des Anhangers, der nichts ist aufier ergebene 
Kreatur. Und je personlicher und unbegriindeter diese Ergeben- 
heit, um so besser. Kraus hat recht, sie auf die harteste Probe zu 
stellen. Wenn aber etwas das unendlich Fragwiirdige dieser 
Geschopfe zum Ausdruck bringt, so ist es, dafi sie allein aus 
denen sich rekrutieren, die Kraus selber geistig erst ins Leben 
gerufen, die er in ein und demselben Akt zeugte und uberzeugte. 
Bestimmen kann sein Zeugnis nur die, denen es Zeugung nie 
werden kann. 

Hochst folgerecht, wenn der verarmte, reduzierte Mensch die- 
ser Tage, der Zeitgenosse, nur noch in jener verkiimmertsten 
Form: als Privatmann, im Tempel der Kreatur eine Freistatt 
verlangen darf. Wieviel Verzicht und wieviel Ironie liegt in 



342 Literarische und asthetische Essays 

dem sonderbaren Kampfe fiir die »Nerven«, die letzten Wur- 
zelfaserchen des Wieners, an denen Kraus noch Muttererde ent- 
decken konnte. »Kraus«, schreibt Robert Scheu, »hatte einen 
groSen Gegenstand entdeckt, der nie zuvor die Feder eines 
Publizisten in Bewegung gesetzt hat: Die Rechte der Nerven. 
Er fand, dafi sie ein ebenso wiirdiger Gegenstand einer begei- 
sterten Verteidigung seien wie Eigentum, Haus und Hof, Par- 
tei und Staatsgrundgesetz. Er wurde der Anwalt der Nerven 
und nahm den Kampf gegen die kleinen Belastiger des Alltags 
auf, aber der Gegenstand wuchs ihm unter den Handen, er wur- 
de zum Problem des Privatlebens. Es ist zu verteidigen gegen 
Polizei, Presse, Moral und BegrifTe, schliefilich iiberhaupt gegen 
den Nebenmenschen, immer neue Feinde zu entdecken, wurde 
sein Beruf.« Wenn irgendwo, tritt hier das seltsame Wechselspiel 
zwischen reaktionarer Theorie und revolutionarer Praxis zu- 
tage, dem man bei Kraus allerorten begegnet. In der Tat, das 
Privatleben gegen Moral und Begriffe zu sichern in einer Ge- 
sellschaft, die die politische Durchleuchtung von Sexualitat und 
Familie, von wirtschaftlicher und physischer Existenz unternom- 
men hat, in einer Gesellschaft, die sich anschickt, Hauser mit 
glasernen Wanden zu bauen, deren Terrassen sich tief in die Stu- 
ben hineinziehen, die nun schon keine Stuben mehr sind - diese 
Parole ware die reaktionarste, ware es nicht gerade dasjenige 
Privatleben, das im Gegensatze zum biirgerlichen dieser gesell- 
schaftlichen Umwalzung streng entspricht, mit einem Worte, 
das sich selber abmontierende, sich selber offenkundig gestalten- 
de Privatleben der Armen, wie Peter Altenberg, der Aufwiegler, 
wie Adolf Loos einer war, dessen Schutz Kraus zu seiner Sache 
gemacht hat. In diesem Kampfe - und nur in ihm - haben 
denn audi die Anhanger ihren Nutzen, indem namlich gerade 
sie iiber die Anonymitat, in die der Satiriker seine Privatexistenz 
zu schliefien versuchte, am selbstherrlichsten sich hinwegsetzen, 
und nichts gebietet ihnen Einhalt als der Entschluft, mit dem 
Kraus selber vor die Schwelle tritt, um die Honneurs der Ruine 
zu machen, in der er »Privatmann« ist. 

So entschieden er dann, wenn der Kampf es fordert, sein eigenes 
♦Dasein zur offentlichen Sache zu machen weifi, so riicksichtslos 
ist er seit jeher jener Unterscheidung personlicher von sachlicher 
Kritik entgegengetreten, mit deren Hilfe die Polemik diskredi- 



Karl Kraus 343 

tiert wird und die ein Hauptinstrument der Korruption in 
unseren Hterarischen und politischen Verhaltnissen ist. Dafi 
Kraus sich an Personen, dem, was sie sind mehr als was sie tun, 
dem, was sie sagen mehr als dem, was sie schreiben und an ihren 
Buchern am wenigsten ausrichtet, das ist die Voraussetzung sei- 
ner polemischen Automat, die die Geisteswelt eines Autors, 
und je nichtiger diese ist um so sicherer, im Vertrauen auf eine 
wahrhaft prastabilierte, versohnende Harmonie voll und intakt 
aus einem einzigen Satzstiick, einem einzigen Worte, einer einzi- 
gen Intonation zu heben versteht. Wie aber Personliches und 
Sachlidies nicht nur im Gegner, sondern vor allem in ihm selber 
zusammenfallt, beweist am besten, dafi er nie eine Meinung ver- 
tritt. Denn Meinung ist die falsche Subjektivitat, die sich von 
der Person abheben, dem Warenumlauf einverleiben lafit. Nie 
hat Kraus eine Argumentation gegeben, die ihn nicht mit seiner 
ganzen Person engagiert hatte. So verkorpert er das Geheimnis 
der Autoritat: nie zu enttauschen. Es gibt kein Ende der Autori- 
tat als dieses: sie stirbt oder sie enttauscht. Ganz und gar nicht 
wird sie von dem, was alle anderen meiden rmissen, angefochten: 
der eigenen Willkiir, Ungerechtigkeit, Inkonsequenz. Im Ge- 
genteil, enttauschend ware, feststellen zu konnen, wie sie zu 
ihren Spriichen kommt - etwa durch Billigkek oder gar Konse- 
quenz. »Fiir den Mann «, hat Kraus einmal gesagt, »ist dasRecht- 
haben keine erotische Angelegenheit, und er zieht das fremde 
Recht dem eigenen Unrecht gut und gern vor.« Darin sich mann- 
lich zu bewahren, ist Kraus versagt; sein Dasein will es, dafi 
bestenfalls die fremde Rechthaberei sich seinem eigenen Unrecht 
entgegensetzt, und wie recht hat er dann, an ihm festzuhalten. 
»Viele werden einst Recht haben. Es wird aber Recht von dem 
Unrecht sein, das ich heute habe.« Das ist die Sprache echter 
Autoritat. Der Einblick in ihr Wirken darf nur auf Eines stofien: 
den Befund, dafi sie sich selbst im gleichen Grad verbindlich, 
gnadenlos verbindlich ist wie den andern, dafi sie nicht mude 
wird, vor sich - vor andern niemals - zu zittern, dafi sie kein 
Ende findet, sich selber zu gemigen,vor sich selber sich zuverant- 
worten und dafi diese Verantwortung niemals aus der privaten 
Konstitution, ja selbst den Grenzen menschlichen Vermogens 
ihre Griinde nimmt, sondern immer nur aus der Sache, sie mag 
so ungerecht, privat betrachtet sein, wie sie wolle. 



344 Literarische und asthetische Essays 

Kennzeicben soldier unumschrankten Autoritat ist seit jeher 
die Vereinigung legislativer und exekutiver Gewalt. Sie ist aber 
nirgends inniger als in der »Sprachlehre«. Daher ist diese bei 
Kraus der entschiedenste Ausdruck seiner Autoritat. Unerkannt 
wie Harun al Raschid durchstreift er bei Nacht die Satzbauten 
der Journale und hinter der starren Fassade der Phrasen spaht 
er ins Innere, entdeckt er in den Orgien der »schwarzen Magie« 
die Schandung, das Martyrium der Worte: »Ist die Presse ein 
Bote? Nein: das Ereignis. Eine Rede? Nein, das Leben. Sie er- 
hebt nicht nur den Anspruch, dafi die wahren Ereignisse ihre 
Nachriditen iiber die Ereignisse seien, sie bewirkt audi diese un- 
heimliche Identitat, durch welche immer der Schein entsteht, dafi 
Taten zuerst berichtet werden, ehe sie verrichtet werden, oft 
audi die Moglichksit davon, und jedenfalls der Zustand, dafi 
zwar Kriegsberichterstatter nidit zusdiauen diirfen, aber Krie- 
ger zu Berichterstattern werden. In diesem Sinne lasse ich 
mir gern nachsagen, dafi ich mein Lebtag die Presse iiber- 
schatzt habe. Sie ist kein Dienstmann - wie konnte ein Dienst- 
mann auch so viel verlangen und bekommen -, sie ist das Ereig- 
nis. Wieder ist uns das Instrument iiber den Kopf gewachsen. 
Wir haben den Menschen, der die Feuersbrunst zu nielden hat 
und der wohl die untergeordnetste Rolle im Staat spielen miifite, 
iiber die Welt gesetzt, iiber den Brand und iiber das Haus, iiber 
die Tatsadie und iiber unsere Phantasie.« Autoritat und Wort 
gegen Korruption und Magie - so sind in diesem Kampf die 
Parolen verteilt. Es ist nicht mufiig, ihm die Prognose zu stellen. 
Niemand, und Kraus amwenigsten, kann derUtopie einer »sach- 
lichen« Zeitung, dem Hirngespinst einer »unparteiischen Nach- 
richteniibermittlung« sich iiberlassen. Die Zeitung ist ein Instru- 
ment der Macht. Sie kann ihren Wert nur von dem Charakter 
der Macht haben, die sie bedient; nicht nur in dem, was sie 
vertritt, auch in dem, wie sie es tut, ist sie ihr Ausdruck. Wenn 
aber der Hochkapitalismus nicht nur ihre Zwecke, sondern audi 
ihre Mittel entwiirdigt, so ist eine neue Bliite paradiesischer 
Allmenschlichkeit von einer ihm obsiegenden Macht so wenig zu 
gewartigen, wie eine Nachblute goethescher oder claudiusscher 
Sprache. Von der herrschenden wird sie zu allererst darin sich 
unterscheiden, dafi sie Ideale, die jene entwiirdigte, aufier Kurs 
setzt. Genug, um zu ermessen, wie wenig Kraus bei solchem 



Karl Kraus 345 

Kampf zu gewinnen oder zu verlieren, wie unbeirrt die »Fackel« 
ihn zu erleuchten hatte. Den immer gleidien Sensationen, mit 
denen die Tagespresse ihrem Publikum dient, stellt er die ewig 
neue »Zeitung« gegeniiber, die von der Geschichte der Schopfung 
zu melden ist: die ewig neue, die unausgesetzte Klage. 



// 
Damon 

Hab' idi gesdilafen? Eben sdilaP idi ein. 
Worte in Versen IV 

Es ist tief in der Erscheinung von Kraus begriindet und ist das 
Stigma jeder ihn betreffenden Debatte, dafl alle apologetischen 
Argumente fehlgreifen. Das grofSe Werk von Leopold Liegler 
ist aus apologetischer Haltung erwachsen. Kraus als »ethisdie 
Personlichkeit« zu beglaubigen, ist sein erstes Vorhaben. Das 
geht nicht. Der dunkle Grund, von dem sein Bild sich abhebt, ist 
nicht die Zeitgenossenschaft, sondern die Vorwelt oder die Welt 
des Damons. Das Licht vom Schopfungstage fallt auf ihn, und 
so taucht er aus dieser Nacht. Doch nicht an alien Teilen, und 
es bleiben andere, die sind ihr tiefer als man ahnt verhaftet. 
Ein Auge, das sich ihr nicht akkommodieren kann, wird den 
Umrifi dieser Gestalt nie gewahr werden. Ihm werden alle 
Winke verschwendet sein, die Kraus, in seinem unbezwinglichen 
Bediirfnis, gewahrt zu werden, zu vergeben nicht miide wird. 
Denn wie im Marchen hat der Damon in Kraus die Eitelkeit zu 
seinem Wesensausdruck gemacht. Audi die Einsamkeit des Da- 
mons ist seine, der da auf dem versteckten Hiigel sich toll ge- 
bardet: »Gott sei Dank, daE niemand weifi, dafi ich Rumpel- 
stilzchen heifi.« Wie dieser tanzende Damon niemals zur Ruhe 
kommt, so unterhalt in Kraus exzentrische Reflexion den be- 
standigsten Aufruhr. »Patienten seiner Gaben« hat ihn Viertel 
genannt. In der Tat, seine Fahigkeiten sind Leiden, und iiber die 
wahren hinaus macht seine Eitelkeit ihn zum Hypochonder. 
Spiegelt er sich nicht in sich selber, so tut er's im Gegner, den 
er zu seinen Fiifien hat. Seine Polemik ist ja von jeher die innig- 
ste Verschrankung einer, mit den vorgeschrittensten Mitteln 
arbeitenden, Entlarvungstechnik und einer, mit archaischen 



346 Literansche und asthetische Essays 

operierenden, Kunst des Selbstausdrucks. Audi in dieser Zone 
aber bekundet, durch Zweideutigkeit, sich der Damon: Selbst- 
ausdruck und Entlarvung gehen in ihr als Selbstentlarvung in- 
einander iiber. Wenn Kraus gesagt hat: »Antisemitismus heifit 
jene Sinnesart, die etwa den zehnten Teil der Vorwurfe aufbie- 
tet und ernst meint, die der Borsenwitz gegen das eigene Blut 
parat hat«, so gibt er das Schema, nach dem auch das Verhaltnis 
seiner Gegner zu ihm selbst sich gestaltet. Es gibt keinen Vor- 
wurf gegen ihn, keine Schmahung seiner Person, deren legitimste 
Formulierung sie nicht seinen eigenen Schriften, und in ihnen 
den Stellen entnehmen konnten, da die Selbstbespiegelung zur 
Selbstbewunderung sich steigert. Kein Preis ist ihm zu hoch, 
von sich reden zu machen, und immer gibt der Erfolg dieser 
Spekulation ihm recht. Wenn Stil die Macht ist, in den Langen 
und Breiten des Sprachdenkens sich zu ergehen, ohne darum ins 
Banale zu fallen, so erwirbt ihn zumeist die Herzkraft grofier 
Gedanken, welche das Sprachblut durchs Geader der Syntax in 
die abgelegensten Glieder treibt. Ohne dafi bei Kraus nun solche 
Gedanken sich einen Augenblick lang verkennen lieften, ist doch 
die Herzkraft seines Stils das Bild, wie er es selbst von sich im 
Innern tragt, urn es aufs schonungsloseste zu exponieren. Ja, er 
ist eitel. So hat ihn, wie er huschend, mit unsteten Satzen, das 
Podium einer Vorlesung zu gewinnen, den Raum durchmifk, 
Karin Michaelis geschildert. Und wenn er dann seiner Eitelkeit 
opfert - er miifite nicht der Damon sein, der er ist, ware es nicht 
zuletzt er selber, sein Leben und sein Leiden, die er mit alien 
Wunden, alien Blofien preisgibt. So kommt sein Stil zustande 
und mit ihm der typische Fackelleser, dem noch im Nebensatz, 
in der Partikel, ja im Komma stumme Fetzen und Fasern von 
Nerven zucken, am abgelegensten und trockensten Faktum noch 
ein Snick des geschundenen Fleischs hangt. Die Idiosynkrasie als 
hochstes kritisches Organ - das ist die verborgene Zweckmafiig- 
keit dieser Selbstbespiegelung und der Hollenzustand, den nur 
ein Schriftsteller kennt, fur den jeder Akt der Befriedigung zu- 
gleich zu einer Station des Martyriums wird und welchen neben 
Kraus kein einziger so durchlebt hat wie Kierkegaard. 
»Ich bin«, hat Kraus gesagt, »vielleicht der erste Fall eines 
Schreibers, der sein Schreiben zugleich schauspielerisch erlebt« 
und weist mit diesem Wort der eigenen Eitelkeit den legitimsten 



Karl Kraus 347 

Ort an; den im Mimen. Das mimische Genie, das in der Glosse 
nachmacht, in der Polemik Fratzen schneidet, entfesselt sich 
festlich in den Vorlesungen von Dramen, deren Urheber nicht 
umsonst eine eigentiimliche Mittelstellung einnehmen: Shake- 
speare und Nestroy, Dichter und Schauspieler; Offenbach, Kom- 
ponist und Dirigent. Es ist, als suchte der Damon des Mannes 
die bewegte, von alien Blitzen der Improvisation durchzuckte 
Atmosphare dieser Dramen, weil nur sie ihm die tausend 
Chancen bietet, neckend, qualend, drohend hervorzuschiefien. 
Die eigene Stimme macht darin die Probe auf den damonischen 
Person enreich turn des Vortragenden - persona: das, wohindurch 
es hallt - und urn die Fingerspitzen schiefien die Gebarden der 
Gestalten, welche in seiner Stimme wohnen. Aber audi im Ver- 
haltnis zu den Gegenstanden seiner Polemik spielt das Mimische 
eine entscheidende Rolle. Er macht den Partner nach, um in den 
feinsten Fugen seiner Haltung das Brecheisen des Hasses anzu- 
setzen. Dieser Silbenstecher, der zwischen die Silben sticht, holt 
Larven, die da nisten, zu Klumpen heraus, die Larven der Kauf- 
lichkeit und der Geschwatzigkeit, der Niedertracht und der 
Bonhomie, der Kinderei und der Habsucht, der Verfressenheit 
und der Hinterlist. In der Tat, die Blofistellung des Unechten - 
schwieriger als die des Schlechten - kommt hier behavioristisch 
zustande. Die Zitate der »Fackel« sind mehr als Belegstellen: 
Requisiten von mimischen Entlarvungen durch den Zitierenden. 
Freilich gerade in diesem Zusammenhang tritt zutage, wie eng 
verbunden mit der Grausamkeit des Satirikers die zweideutige 
Demut des Interpreten ist, die sich im Vorleser bis zum Unfafi- 
lichen steigert. In einen hineinkriechen - so bezeichnet man 
nicht umsonst die niederste Stufe der Schmeichelei, und eben das 
tut Kraus: namlich um zu vernichten. Ist Hoflichkeit hier Mimi- 
kry des Hasses, Hafi Mimikry der Hoflichkeit geworden? Wie 
dem auch sei, beide sind auf der Stufe der Vollendung, der 
chinesischen angelangt. Die »Qual«, von der so viel und in so 
undurchsichtigen Anspielungen bei Kraus die Rede ist, hat hier 
ihren Sitz. Seine Proteste gegen Zuschriften, Materialien, Doku- 
mente sind nichts als die Abwehrreaktion eines Mannes, der in 
Komplizitaten verstrickt werden soil. Was ihn dergestalt ver- 
strickt, ist aber mehr noch als das Tun und Lassen die Sprache 
seiner Mitmenschen. Seine Leidenschaft, sie zu imitieren, ist 

/ 



348 Literarische und asthetische Essays 

Ausdruck fur und Kampf gegen diese Verstrickung zugleich, 
auch Grund und Folge jenes immer wachen Schuldbewufitseins, 
in dem allein der Damon sein Element hat. 
Der Haushalt seiner Irrtiimer und seiner Schwachen - mehr 
Wunderbau als die Gesamtheit seiner Gaben - ist von so feiner 
und praziser Organisation, dafi jede Bestatigung von aufien ihn 
nur erschuttert. Nun gar, wenn dieser Mann als »Vorbild eines 
harmonisch durchgebildeten Menschentypus« beglaubigt wer- 
den, wenn er - mit einer stilistisdi und gedanklich gleich 
absurden Wendung - als Philanthrop erscheinen soil, so dafi, 
wer seiner »Harte mit den Ohren der Seele« lausche, in 
Mitgefiihl ihren Grund finde. Nein! diese unbestechliclie, ein- 
greifende, wehrhafte Sicherheit kommt nicht aus jener edlen, 
dichterischen oder menschenfreundlichen Gesinnung, der die An- 
hanger sie gern zuschreiben. Wie hochst banal und wie grund- 
falsch zugleich ihre Herleitung seines Hasses aus Liebe, da doch 
auf der Hand liegt, wieviel Urspriinglicheres am Werke ist: eine 
Menschlichkeit, die nur der Ubergang von Bosheit in Sophistik, 
von Sophistik in Bosheit, eine Natur, die die hohe Schule des 
Menschenhasses, und ein Mitleid, das nur verschrankt mit Rache 
lebendig ist: »0 hatte man mir nur die Wahl gelassen, | den 
Hund oder den Schlachter zu tranchieren, | ich hatt* ge- 
wahlt!« Nichts widersinniger, als nach dem Bilde dessen, was 
er liebt, ihn formen zu wollen. Mit Recht hat man den »zeitent- 
bundenen Weltverstorer« Kraus dem »ewigen Weltverbesserer« 
konfrontiert, den hin und wieder wohlgefallige Blicke streifen. 
»Als das Zeitalter Hand an sich legte, war er diese Hand«, hat 
Brecht gesagt. Weniges behauptet sich neben dieser Erkenntnis 
und sicher nicht das Freundeswort von Adolf Loos. »Kraus«, so 
erklart er, »steht an der Schwelle einer neuen Zeit«. Ach, durch- 
aus nicht. - Er steht namlich an der Schwelle des Weltgerichts. 
Wie auf den Prunkstiicken barocker Altarmalerei die hart an 
den Rahmen gedrangten Heiligen abwehrend gespreizte Han- 
de gegen die atemraubenden Verkiirzungen vor ihnen schweben- 
der Extremitaten der Engel, der Verklarten, der Verdammten 
strecken, so drangt auf Kraus die ganze Weltgeschichte in den 
Extremitaten einer einzigen Lokalnotiz, einer einzigen Phrase, 
eines einzigen Inserats ein. Das ist das Erbe, das ihm aus der 
Predigt von Abraham a Santa Clara uberkommen ist. Von 



Karl Kraus 349 

daher jene Nahe, die sich iiberschliigt, jene Schlagfertigkeit des 
ganz und gar nicht kontemplativen Nu und die Verschrankung, 
welche seinem Wollen einzig den theoretischen, seinem Wissen 
einzig den praktischen Ausdruck erlaubt. Kraus ist kein histori- 
scher Genius. Er steht nicht an der Schwelle einer neuen Zeit. 
Kehrt er der Schopfung je den Riicken, bricht er ab mit Klagen, 
so ist es nur, um vor dem Weltgericht anzuklagen. 
Man versteht nichts von diesem Manne, solange man nicht er- 
kennt, dafi mit Notwendigkeit alles, ausnahmslos alles, Sprache 
und Sache, fur ihn sich in der Sphare des Rechts abspielt. Seine 
ganze feuerfressende, degenschluckende Philologie der Journale 
geht ja ebensosehr wie der Sprache dem Recht nach. Man be- 
greift seine »Sprachlehre« nicht, erkennt man sie nicht als Bei- 
trag zur Sprachprozefiordnung, begreift das Wort des anderen in 
seinem Munde nur als corpus delicti und sein eigenes nur als das 
richtende. Kraus kennt kein System. Jeder Gedanke hat seine 
eigene Zelle. Aber jede Zelle kann im Nu, und scheinbar durch 
ein Nichts veranlafit, zu einer Kammer, einer Gerichtskammer 
werden, in welcher dann die Sprache den Vorsitz hat. Man hat 
von Kraus gesagt, er habe »das Judentum in sich niederringen« 
miissen, gar »den Weg vom Judentum zur Freiheit« zuruckge- 
legt - nichts widerlegt das besser, als dafi auch ihm Gerechtig- 
keit und Sprache ineinander gestiftet bleiben. Das Bild der gott- 
lichen Gerechtigkeit als Sprache - ja in der deutschen selber - 
zu verehren, das ist der echt jiidische Salto mortale, mit dem er 
den Bann des Damons zu sprengen sucht. Denn dies ist die letzte 
Amtshandlung dieses Eiferers: die Rechtsordnung selbst in An- 
klagezustand zu versetzen. Und nicht mit kleinburgerlichem 
Aufbegehren wider die Knechtung des »freien Individuums« 
durch »tote Formeln«. Noch weniger mit der Haltung jener 
Radikalen, die Paragraphen suirmen, ohne je sich einen Augen- 
blick Rechenschaft von der Justiz gegeben zu haben. Kraus 
stellt das Recht in seiner Substanz, nicht in seiner Wirkung 
unter Anklage. Sie lautet auf Hochverrat des Rechtes an der 
Gerechtigkeit. Genauer, des Begriffs am Worte, aus dem er sein 
Dasein hat: vorsatzliche Totung der Phantasie, die schon am 
Mangel einer einzigen Letter stirbt und der er in seiner »Elegie 
auf den Tod eines Lautes« die ergreifendste Klage gesungen 
hat. Denn iiber der Rechtsprechung steht die Rechtschreibung, 



350 Literarisdie und asthetische Essays 

und wehe der ersten, wenn die zweite zu leiden hat. So begegnet 
er denn audi hier der Presse, ja gibt in diesem Bannkreis sich 
sein liebstes Stelldichein mit den Lemuren. Er hat das Recht 
durchschaut wie wenige. Wenn er es dennoch anruft, geschieht 
es gerade, weil sich sein eigener Damon so gewaltig von dem 
Abgrund gezogen fuhlt, den es darstellt. Von jenem Abgrund, 
den er nicht umsonst am gahnendsten, wo Geist und Sexus sich 
zusammenfinden - im Sittlichkeitsprozefi - erfahren und in den 
beriihmten Worten erlotet hat: »Ein Sittlichkeitsprozefi ist die 
zielbewufite Entwicklung einer individuellen zur allgemeinen 
Unsittlichkeit, von deren diisterem Grunde sich die erwiesene 
Schuld des Angeklagten leuchtend abhebt.« 
Geist und Sexus bewegen sich in dieser Sphare in einer Solidari- 
tat, deren Gesetz Zweideutigkeit ist. Die Besessenheit des da- 
monischen Sexus ist das Ich, das, umgaukelt von so siiflen 
Frauenbildern, »wie die bittre Erde sie nicht hegt«, sich geniefit. 
Und nicht anders die lieblose und selbstgenugsame Figur des 
besessenen Geistes: der Witz. Zu ihrer Sache kommen sie beide 
nicht; das Ich zum Weib so wenig wie der Witz zum Wort. Das 
Zersetzende ist an Stelle des Zeugenden, das Grelle an Stelle des 
Geheimen getreten; nun aber changieren sie in den einschmei- 
chelndsten Nuancen: im Witzwort kommt die Lust und in der 
Onanie die Pointe zu ihrem Recht. Als hoffnungslos dem Damon 
Verhafteten hat Kraus sich selbst portratiert; im Pandamoni- 
um der Zeit hat er sich den traurigsten, vom Flammenwider- 
schein beglanzten Ort in der Eiswiiste vorbehalten. Da steht er 
am »Letzten Tage der Menschheit« - der »N6rgler«, der die 
vorangehenden beschrieben hat. »Ich habe die Tradogie, die in 
die Szenen der zerfallenden Menschheit zerfallt, auf mich ge- 
nommen, damit sie der Geist hore, der sich der Opfer erbarmt, 
und hatte er selbst fur alle Zukunft der Verbindung mit einem 
Menschenohr entsagt. Er empfange den Grundton dieser Zeit, 
das Echo meines blutigen Wahnsinns, durch den ich mitschuldig 
bin an diesen Gerauschen. Er lasse es als Erlosung gelten!« 
»Mitschuldig . . .« - weil das an die Manifeste der Intelligenz 
anklingt, welche einer Epoche, die Miene machte, sich von ihr 
abzukehren, ins Gedachtnis sich zurlickrufen wollte, und sei es 
auch durch eine Selbstbezichtigung, ist liber dieses Schuldgefiihl, 
in dem so sichtbar sich das privateste Bewufitsein mit dem histo- 



Karl Kraus 351 

rischen begegnet, ein Wort zu sagen. Es wird immer auf jenen 
Expressionismus fiihren, aus dem die Reife seines Werks mit Wur- 
zeln, die ihren Boden sprengten, sich genahrt hat. Man kennt 
die Stichworte - mit welchem Hohn hat nicht Kraus selber sie 
registriert: geballt, gestuft und gesteilt komponierte manBiihnen- 
bilder, Satze, Gemalde. - Unverkennbar - und die Expressioni- 
sten proklamierten ihn selbst - ist der Einflufi friihmittelalter- 
licher Miniaturen auf ihre Vorstellungswelt. Wer aber nun 
deren Gestalten - etwa am Beispiel der Wiener Genesis - mu- 
stert, dem tritt nicht nur in den weitgeoffneten Augen, nicht nur 
in den unergriindlichen Falten ihrer Gewandung, vielmehr im 
ganzen Ausdruck etwas sehr Ratselhaftes entgegen. Als hatte sie 
die fallende Sucht ergriffen, so neigen sie in ihrem Lauf, der 
immer tiberstiirzt ist, sich einander zu. Die »Neigung« kann, 
vor allem andern, als der tiefe menschliche Affekt erscheinen, der 
die Welt dieser Miniaturen sowohl wie die Manifeste jener 
Dichtergeneration durchzittert. Aber das ist nur der eine, gewis- 
sermaften konkave Aspekt dieses Sachverhalts, der Blick ins 
Angesicht dieser Figuren. Ganz anders ist die gleiche Erscheinung 
dem, welcher ihre Riicken ins Auge fafit. Diese Riicken stafTeln 
sich in den Heiligen der Adorationen, in den Knechten der 
Gethsemaneszene, in den Augenzeugen des Einzugs in Jerusalem 
zu Terrassen menschlicher Nacken, menschlicher Schultern, die, 
wirklich zu steilen Stufen geballt, weniger in den Himmel als 
abwarts, auf und selbst unter die Erde fiihren. Unmoglich, fur 
ihr Pathos einen Ausdruck zu finden, der davon absieht: sie 
sind besteigbar wie aufeinandergewalzte Felsblocke oder grob 
behauene Stufen. Welche Gewalten immer den Geisterkampf 
auf diesen Schultern mogen gekampft haben - eine von ihnen 
erlaubt die Erfahrung, die wir von der Verfassung der geschla- 
genen Massen unmittelbar nach Kriegsende machen konnten, 
uns beim Namen zu nennen. Was dem Expressionismus, in dem 
ein urspriinglich menschlicher Impuls sich fast restlos in einen 
modischen umsetzte, am Ende zuruckblieb, war die Erfahrung 
und der Name jener namenlosen Macht, der sich die Riicken der 
Menschen entgegenkrummten: dieSchuld. »Nicht da£ einegehor- 
same Masse von einem ihr unbekannten Willen, aber dafi sie von 
einer ihr unbekannten Schuld in Gefahr gefiihrt wird, macht sie 
mitleidswurdig«, hat Kraus schon 1912 geschrieben. Als »Norg- 



352 Lkerarisdie und asthetische Essays 

ler« hat er an ihr teil, um sie zu denunzieren, denunziert er sie, 
um an ihr teilzuhaben. Durdi das Opfer ihr zu begegnen, hat 
er sich eines Tages in die Arme der katholischen Kirche gewor- 
fen. 

In jenen schneidenden Menuetten, die Kraus dem chassez-croisez 
von Justitia und Venus gepfiffen hat, ist das Leitmotiv - daft 
der Philister von der Liebe nichts weifi - mit einer Scharfe und 
Beharrlichkeit vorgetragen, die einzig in der entsprechenden 
Haltung der Decadence, in der Proklamation des Tart pour 
Tart ihr Gegenstiick hat. Denn eben das Part pour Part, das 
der Decadence audi fur die Liebe gilt, hat das Sachverstandnis 
aufs engste an das handwerkliche Wissen, die Technik, gebun- 
den und hat die Dichtung in ihrem hellsten Lichte nur von der 
Folie des Literaten turns wie die Liebe von der der Unzucht sich ab- 
heben lassen. »Not kann jeden Mann zum Journalisten machen, 
aber nicht jede Frau zur Prostituierten.« In dieser Formulierung 
hat Kraus den doppelten Boden seiner Polemik gegen den Jour- 
nalismus verraten. Das ist viel weniger der Philanthrop, der 
aufgeklarte Menschen- und Naturfreund, der diesen unerbitt- 
lichen Kampf entfesselt hat, als der geschulte Literat, Artist, ja 
Dandy, der seinen Ahnen in Baudelaire hat. Nur Baudelaire hat 
so wie Kraus die Saturiertheit des gesunden Menschenverstan- 
des und so wie er den Kompromifi gehafit, den die Geistigen 
mit ihm schlossen, um im Journalismus ein Unterkommen zu 
finden. Der Journalismus ist Verrat am Literatentum, am Geist, 
am Damon. Das Geschwatz ist seine wahre Substanz und 
jedes Feuilleton stellt von neuem die unlosbare Frage nach dem 
Krafteverhaltnis von Dummheit und von Bosheit, deren Aus- 
druck es ist. Es ist im Grunde die vollkommene Entsprechung 
dieser Daseinsformen: des Lebens unterm Zeichen bloften Gei- 
stes oder blofter Sexualitat, die jene Solidaritat des Literaten 
mit der Hure begrundet, deren unverbnichlichstes Zeugnis 
wiederum Baudelaires Existenz ist. So kann Kraus die Gesetze 
des eigenen Handwerks verschrankt mit denen des Sexus beim 
Namen nennen, wie er es in der »Chinesischen Mauer« getan 
hat. Der Mann »hat tausendmal mit dem Anderen gerungen, 
der vielleicht nicht lebt, aber dessen Sieg liber ihn sicher ist. Nicht 
weil er bessere Eigenschaften hat, aber weil er der Andere ist, der 
Spatere, der dem Weib die Lust der Reihe bringt und der als 



Karl Kraus 353 

Letzter triumphieren wird. Aber sie wischen es von ihrer Stirn 
wie einen bosen Traum; und wollen die Ersten sein.« 1st nun 
die Sprache - das legen wir zwischen die Zeilen - ein Weib, wie 
weit entriickt ein unbetriiglicher Instinkt den Autor jenen, die 
sich beeilen, bei ihr die Ersten zu sein, wie vielfach macht er den 
Gedanken, der sie nur immer mehr mit Ahnung stachelt als 
mit Wissen sattigt, wie lafit er ihn in Hafi, Verachtung, Bosheit 
sich verstricken, wie halt er seinen Schritt hintan und sucht den 
Umweg des Epigonentums, um schliefilich ihr die Lust der 
Reihe mit dem letzten Stofie, den Jack fur Lulu in Bereitschaft 
halt, zu enden. 

Das Literatentum ist das Dasein im Zeichen des blofien Geistes 
wie die Prostitution das Dasein im Zeichen des blofien Sexus. 
Der Damon aber, der der Hure die Strafie anweist, verbannt 
den Literaten in den Gerichtssaal. Daher ist er fur Kraus das 
Forum, wie er es fur die grofien Journalisten - einen Carrel, 
Paul-Louis Courier, Lassalle - von jeher gewesen ist. Es zu 
umgehen: der echten und damonischen Funktion des blofien 
Geistes, Storenfried zu sein, sich zu entziehen, der Hure in den 
Riicken zu fallen - dies doppelte Versagen definiert fur Kraus 
den Journalisten. - Robert Scheu hat richtig gesehen, dafi fvir 
Kraus die Prostitution eine natiirliche Form, keine soziale Ver- 
bildung des weiblichen Sexus ist. Jedoch erst dafi und wie sich 
Sexual- und Tauschverkehr verschranken, macht den Charakter 
der Prostitution aus. Wenn sie ein Naturphanomen ist, so ist 
sie es genau so sehr von der natiirlichen Seite der Dkonomik, als 
Erscheinung des Tauschverkehrs, wie von der natiirlichen Seite 
des Sexus. » Verachtung der Prostitution? | Dirnen schlim- 
mer als Diebe? | Lernt: Liebe nimmt nicht nur Lohn, | Lohn 
gibt auch Liebe !« Diese Zweideutigkeit - diese Doppelnatur 
als doppelte Naturlichkeit - macht die Prostitution damonisch. 
Aber Kraus »ergreift die Partei der Naturmacht«. Dafi ihm 
der soziologische Bereich nie transparent wird - im Angriff auf 
die Presse so wenig wie in der Verteidigung der Prostitution - 
hangt mit dieser seiner Naturverhaftung zusammen. Dafi ihm 
das Menschenwurdige nicht als Bestimmung und Erfullung der 
befreiten - der revolutionar veranderten - Natur, sondern als 
Element der Natur schlechtweg, einer archaischen und geschichts- 
losen in ihrem ungebrochenen Ursein sich darstellt, wirft unge- 



354 Literarische und asthetische Essays 

wisse, unheimliche Reflexe nodi auf seine Idee von Freiheit und 
von Menschlichkeit zuriick. Sie ist nicht dem Bereidi der Schuld 
entriickt, den er von Pol zu Pol durchmessen hat: vom Geist 
zum Sexus. 

Dieser Realitat gegenuber, die Kraus blutiger als irgend einer 
durchlitten hat, enthullt nun aber jener »reine Geist«, den die 
Anhanger im Wirken des Meisters verehren, sicii als nichtswiir- 
dige Chimare. Darum ist unter alien Motiven seiner Entwick- 
lung keines wichtiger als dessen dauernde Einschrankung und 
Kontrolle. »Nachts« ist sein Kontrollbuch betitelt. Denn die 
Nadit ist das Schaltwerk, wo blofier Geist in blofie Sexualitat, 
blofie Sexualitat in blofien Geist umschlagt und diese beiden 
lebenswidrigen Abstrakta, indem sie einander erkennen, zur 
Ruhe kommen. »Ich arbeite Tage und Nachte. So bleibt mir viel 
freie Zeit. Um ein Bild im Zimmer zu fragen, wie ihm die 
Arbeit gefallt, um die Uhr zu fragen, ob sie miide ist, und die 
Nacht, wie sie geschlafen hat.« Opfergaben an den Damon 
sind diese Fragen, die er ihm unter der Arbeit hinwirft. Seine 
Nacht aber ist nicht die rmitterliche noch auch die monderhellte 
romantische; es ist die Stunde zwischen Schlaf und Wachen, die 
Nacht-Wache, das Mittelstiick seiner dreifach gestaffelten Ein- 
samkek: der des Caf^hauses, wo er mit seinem Feind, der des 
nachtlichen Zimmers, wo er mit seinem Damon, der des Vor- 
tragssaales, wo er mit seinem Werk allein ist. 

/// 
Unmensch 

Schon fallt der Sdinee. 
Worte in Versen III 

Die Satire ist die einzig rechtmafiige Form der Heimatkunst. So 
war es aber nicht gemeint, wenn man Kraus einen Wiener Sati- 
riker nannte. Vielmehr versuchte man, solange es angehen 
konnte, auf dieses tote Gleis ihn abzuschieben, um sein Werk 
dem grofien Speicher literarischer Konsumgiiter einverleiben zu 
konnen. Kraus als Satiriker dargestellt kann also den tiefsten 
Aufschlufi uber ihn so gut wie sein traurigstes Zerrbild ergeben. 
Von jeher war es ihm daher angelegen, den Satiriker echten 



Karl Kraus 355 

Schlages von jenen Schreibern zu trennen, die aus dem Hohn 
ein Gewerbe gemacht und nicht viel mehr bei ihren Invek- 
tiven im Sinne haben als dem Publikum etwas zu lachen zu 
geben. Demgegeniiber hat der grofie Typus des Satirikers nie 
festeren Boden unter den Fiifien gehabt als mitten in einem Ge- 
schlecht, das sich anschickt, Tanks zu besteigen und Gasmasken 
uberzuziehen, einer Menschheit, der die Tranen ausgegangen 
sind, aber nicht das Gelachter. In ihm bereitet sie sich vor, die 
Zivilisation, wenn es sein mufi, zu uberleben, und sie kom- 
muniziert mit ihm im eigentlichen Mysterium der Satire, als 
welches im Verspeisen des Gegners besteht. Der Satiriker ist 
die Figur, unter welcher der Menschenfresser von der Zivilisa- 
tion rezipiert wurde. Nicht ohne Pietat erinnert er sich seines 
Ursprungs und darum ist der Vorschlag, Menschen zu fressen, in 
den eisernen Bestand seiner Anregungen ubergegangen, von 
Swifts einschlagigem Projekt, betrefTend die Verwendung der 
Kinder in minderbemittelten Volksklassen bis zu Leon Bloys 
Vorschlag, Hauswirten insolventen Mietern gegeniiber ein Recht 
auf die Verwertung ihres Fleisches einzuraumen. In solchen An- 
weisungen haben die grofien Satiriker der Humanitat ihrer Mit- 
menschen Mafi genommen. »Humanitat, Bildung und Freiheit 
sind kostbare Giiter, die mit Blut, Verstand und Menschen- 
wiirde nicht teuer genug erkauft sind« - so schliefit bei Kraus 
die Auseinandersetzung des Menschenfressers mit den Menschen- 
rechten. Man vergleiche sie mit der Marxschen der »Juden- 
frage«, um zu ermessen, wie ganzlich diese spielerische Reaktion 
von 1909 - die Reaktion gegen das klassische Humanitatsideal - 
danach angetan war, bei der ersten besten Gelegenheit in das 
Bekenntnis des realen Humanismus umzuschlagen. Freilich hatte 
man die »Fackel« schon von der ersten Nummer an Wort flir 
Wort buchstabiich verstehen miissen, um abzusehen, dafi diese 
asthetizistisch ausgerichtete- Publizistik, ohne ein einziges ihrer 
Motive zu opfern, ein einziges zu gewinnen, die politische Prosa 
von 1930 zu werden bestimmt war. Das dankt sie ihrem Part- 
ner, der Presse, welche der Humanitat jenes Ende bereitete, auf 
das Kraus mit den Worten anspielt: »Die Menschenrechte sind 
das zerreiEbare Spielzeug der Erwachsenen, auf dem sie herum- 
treten wollen und das sie sich deshalb nicht nehmen lassen.« So 
ist die Grenzsetzung zwischen Privatem und Dffentlichem, die 



356 Literarische und asthetische Essays 

1789 die Freiheit verkiinden sollte, zum Gespott geworden. 
Durch die Zeitung, sagt Kierkegaard, »wird ... die Distinktion 
zwischen dem Privaten und dem Offentlichen in einer privat- 
offentlichen Schwatzhaftigkeit aufgehoben«. 
Die offentliche und private Zone, die im Geschwatz damonisch 
ineinanderliegen, zur dialektischen Auseinandersetzung zu brin- 
gen, reales Menschentum zum Sieg zu fiihren, das ist der Sinn 
der Operette, den Kraus entdeckt und in Offenbach zum inten- 
sivsten Ausdruck gebracht hat. Wie das Geschwatz die Knech- 
tung der Sprache durch die Dummheit besiegelt, so die Operette 
die Verklarung der Dummheit durch die Musik. Dafi man die 
Schonheit weiblicher Dummheit verkennen konne, gait Kraus 
von jeher als das finsterste Banausentum. Vor ihrer Strahlen- 
kraft verfliegen die Chimaren des Fortschritts. Und in der Ope- 
rette Offenbachs tritt nun die biirgerliche Dreieinigkeit des 
Wahren, Schonen, Guten, neu einstudiert zur grofien Nummer 
mit Musikbegleitung auf dem Trapez des Blodsinns zusammen. 
Wahr ist der Unsinn, schon die Dummheit, gut die Schwache. 
Das ist ja das Geheimnis Offenbachs: wie mitten in dem tiefen 
Unsinn offentlicher Zucht - es sei nun die der oberen Zehntau- 
send, eines Tanzbodens oder des Militarstaats -, der tiefe Sinn 
privater Unzucht ein traumerisches Auge aufschlagt. Und was 
als Sprache richterliche Strenge, Entsagung, scheidende Ge- 
walt gewesen ware, wird List und Ausflucht, Einspruch und 
Vertagung als Musik. - Musik als Platzhalterin der moralischen 
Ordnung? Musik als Polizei einer Freudenwelt? Ja, das ist der 
Glanz, der iiber die alten Pariser Ballsale, uber die »Grande 
Chaumiere«, die »C16serie des Lilas« mit dem Vortrag des 
»Pariser Lebens« sich ausgiefk. »Und die unnachahmliche Dop- 
pelziingigkeit dieser Musik, alles zugleich mit dem positiven und 
dem negativen Vorzeichen zu sagen, das Idyll an die Parodie, 
den Spott an die Lyrik zu verraten; die Fiille zu allem erbotiger, 
Schmerz und Lust verbindender Tonfiguren - hier erscheint 
diese Gabe am reichsten und reinsten entfaltet.« Die Anarchie als 
einzig moralische, einzig menschenwurdige Weltverfassung wird 
zur wahren Musik dieser Operetten. Die Stimme von Kraus sagt 
diese innere Musik mehr, als dafi sie sie singt. Schneidend um- 
pfeift sie die Grate des schwindelnden Blodsinns, erschlitternd 
hallt sie aus dem Abgrund des Absurden wider und summt, wie 



Karl Kraus 357 

der Wind im Kamin, in den Zeilen des Frascata ein Requiem 
auf die Generation unserer Grofivater. - Offenbachs Werk er- 
lebt eine Todeskrisis. Es zieht sich zusammen, entledigt sich 
alles Oberfliissigen, geht durch den gefahrlichen Raum dieses 
Daseins hindurch und kommt gerettet, wirklicher als vordem, 
wieder zum Vorschein. Denn wo diese wetterwendische Stimme 
laut wird, fahren die Blitze der Lichtreklamen und der Donner 
der M£tro durch das Paris der Omnibusse und Gasflammen. 
Und das Werk gibt ihm dies alles zuriick. Denn auf Augen- 
blicke verwandelt es sich in einen Vorhang, und mit den wilden 
Gebarden des Marktschreiers, die den ganzen Vortrag begleiten, 
reifit Kraus diesen Vorhang beiseite und gibt den Blick ins 
Innere seines Schreckenskabinetts auf einmal frei. Da stehen sie: 
Schober, Bekessy, Kerr und die andern Nummern, nicht mehr 
die Feinde, sondern Raritaten, Erbstiicke aus der Welt Offen- 
bachs oder Nestroys, nein, altere, seltenere, Penaten der Tro- 
glodyten, Hausgotter der Dummheit aus vorgeschichtlichen Zei- 
ten. Kraus, wenn er vortragt, spricht nicht Offenbach oder 
Nestroy: sie sprechen aus ihm heraus. Und dann und wann 
nur fallt ein atemraubender, halb stumpfer, halb glanzender 
Kupplerblick in die Masse vor ihm, ladt sie zu der verwunschten 
Hochzeit mit den Larven, in denen sie sich selber nicht erkennt, 
und nimmt zum letzten Male sich das bose Vorrecht der Zwei- 
deutigkeit. 

Hier kommt nun erst das wahre Antlitz, vielmehr die wahre 
Maske des Satirikers zum Vorschein. Es ist die Maske Timons, 
des Menschenfeindes. »Shakespeare hat alles vorausgewufit« - 
ja. Vor allem aber ihn selber. Shakespeare zeichnet unmenschliche 
Gestalten - und Timon, die unmenschlichste unter ihnen - und 
sagt: Soldi ein Geschopf brachte Natur hervor, wenn sie das 
schaffen wollte, was der Welt, wie euresgleichen sie gestaltet 
hat, gebuhrt; was ihr gewachsen, was ihr zugewachsen ware. 
So ein Geschopf ist Timon, so eins Kraus. Beide haben sie, 
wollen sie mit Menschen nichts mehr gemein haben. »Thierfehd 
ist hier: das sagt dem Menschsein ab«; aus einem abgelegenen 
Glarner Dorfe wirft Kraus diesen Fehdehandschuh der Mensch- 
heit hin, und Timon will an seinem Grabe nur das Meer in 
Tranen wissen. Wie Timons Verse steht die Kraussche Lyrik 
hinter dem Doppelpunkt der dramatis persona, der Rolle. Ein 



358 Literarische und asthetische Essays 

Narr,ein Caliban, einTimon - nicht sinniger, nicht wiirdiger und 
nicht besser - aber der sidti selber sein eigener Shakespeare ist. 
Man sollte alien den Figuren, wie sie sich um ihn scharen, ihren 
Ursprung in Shakespeare ansehen. Und immer ist er sein. 
Ausbund, ob er mit Weininger vom Manne oder mit Altenberg 
von der Frau, mit Wedekind von der Biihne oder mit Loos vom 
Essen, mit Else Lasker-Schuler vom Juden oder mit Theodor 
Haecker vom Christen spricht. Die Macht des Damons endet an 
diesem Reiche. Sein Zwischen- oder Untermenschliches wird von 
einem wahrhaft Unmenschlichen uberwunden. Kraus hat es in 
den Worten angedeutet: »In mir verbindet sich eine grofie 
Fahigkeit zur Psychologie mit der grofleren, iiber einen psycho- 
logischen Bestand hinwegzusehen.« Es ist das Unmenschliche 
des Schauspielers, das er mit diesen Worten fur sich in Anspruch 
nimmt: das Menschenfresserische. Denn mit jeder Rolle verleibt 
sich der Schauspieler einen Menschen ein, und in den barocken 
Tiraden Shakespeares - wenn sich der Menschenfresser als der 
bessere Mensch, der Held als ein Akteur entpuppen soil, Timon 
den Reichen, Hamlet den Irren spielt - ist es, als wenn seine 
Lippen von Blut trieften. So hat Kraus nach Shakespeares Vor- 
bild sich Rollen geschrieben, an denen er Blut geleckt hat. Die 
Beharrlichkek seiner Oberzeugungen ist Beharren in einer Rolle, 
mit ihren Stereotypien, auf ihren Stichworten. Seine Erlebnisse 
samt und sonders sind nichts als dies: Stichworte. Darum besteht 
er auf ihnen und verlangt sie vom Dasein wie ein Schauspieler, 
der es dem Partner niemals verzeiht, wenn er ihm das Stichwort 
nicht bringt. 

Die Offenbach- Vorlesungen, der Vortrag Nestroyscher Kuplets 
sind von alien musikalischen Mitteln verlassen. Das Wort dankt 
niemals zugunsten des Instruments ab; indem es aber seine 
Grenzen weiter und weiter hinausschiebt, geschieht es, dafi es am 
Ende sich depotenziert, in die blofie kreatiirliche Stimme sich 
auflost: ein Summen, das zum Worte sich so verhalt wie sein 
Lacheln zum Witz, ist das Allerheiligste dieser Vortragskunst. 
In diesem Lacheln, diesem Summen, wo wie in einem Kratersee 
zwischen den ungeheuerlichsten Schroffen und Schlacken die Welt 
sich friedlich und geniigsam spiegelt, bricht jene tiefe Kompli- 
zitat mit seinen Horern und Modellen durch, der Kraus im 
Worte niemals Raum gegeben hat. Sein Dienst an ihm erlaubt 



Karl Kraus 359 

ihm keinen Kompromifi. Kaum aber hat es den Riicken gekehrt, 
so findet er sich zu manchem bereit. Da macht denn der qualende, 
stets unerschopfte Reiz dieser Vorlesungen sich fiihlbar: die 
Scheidung zwischen fremden und verwandten Geistern zunichte 
werden und jene homogene Masse falscher Freunde sich bilden 
zu sehen, die in diesen Veranstaltungen den Ton angibt. Kraus 
tritt vor eine Welt von Feinden, will sie zur Liebe zwingen, und 
zwingt sie doch zu nichts als Heuchelei. Seine Wehrlosigkeit 
demgegeniiber steht in genauem Zusammenhang mit dem sub- 
versiven Dilettantismus, der zumal die Offenbach- Vorlesungen 
bestimmt. Kraus weist in ihnen die Musik in engere Schranken, 
als je die Manifeste der George-Schule sich's ertraumten. Das 
kann natiirlich uber den Gegensatz in beider Sprachgebarde 
nicht hinwegtauschen. Vielmehr besteht die genaueste Verbin- 
dung zwischen den Bestimmungsgrunden, die Kraus die beiden 
Pole des sprachlichen Ausdrucks - den depotenzierten des Sum- 
mens und den armierten des Pathos - zuganglich machen und 
denen, die seiner Heiligung des Worts verbieten, die Formen des 
Georgeschen Sprachkultus anzunehmen. Dem kosmischen Auf 
und Nieder, das fiir George »den Leib vergottet und den Gott 
verleibt«, ist die Sprache nur die Jakobsleiter mit den zehntau- 
send Wortsprossen. Demgegeniiber Kraus: seine Sprache hat alle 
hieratischen Momente von sich getan. Weder ist sie Medium der 
Seherschaft noch der Herrschaft. Daft sie der Schauplatz fiir die 
Heiligung des Namens sei - mit dieser judischen Gewiflheit setzt 
sie der Theurgie des »Wortleibs« sich entgegen. Sehr spat, mit 
einer Entschiedenheit, die in Jahren des Stillschweigens mufi 
gereift sein, ist Kraus dem grofien Partner gegeniibergetreten, 
dessen Werk zur gleichen Zeit mit dem eigenen, unter der Jahr- 
hundertschwelle, entsprungen war. Georges erster ofTentlich er- 
schienener Band und der erste Jahrgang der »Fackel« tragen 
die Jahreszahl 1899. Und erst im Ruckblick »Nach dreifiig Jah- 
ren«, 1929, unternahm Kraus ihn aufzurufen. Ihm als dem 
Eifernden tritt da George als der Gefeierte gegeniiber, 

der in dem Tempel wohnt, woraus es nie 
zu treiben gait die Handler und die Wechsler, 
nicht Pharisaer und die Schriftgelehrten, 
die drum den Ort umlagern und beschreiben. 



360 Literarische und asthetische Essays 

Prof anum vulgus lobt sich den Entsager, 
der nie ihm sagte, was zu hassen sei. 
Und der das Ziel noch vor dem Weg gefunden, 
er kam vom Ursprung nidit. 

»Du kamst vom Ursprung - Ursprung ist das Ziel« nimmt 
der »Sterbende Mensch« als Gottes Trost und Verheifiung 
entgegen. Auf sie spielt Kraus hier an und audi Viertel tut es, 
wenn er, im Sinn von Kraus, die Welt den »Irrweg, Abweg, 
Umweg zum Paradiese zuriick« nennt. »Und so«, fahrt er an 
dieser widitigsten Stelle seiner Schrift iiber Kraus fort, »versuche 
ich denn audi die Enwicklung dieser merkwiirdigen Begabung zu 
deuten: Intellektualitat als Abweg, der zur Unmittelbarkeit 
. . . zuruckfiihrt. Publizitat - ein Irrweg zur Sprache zuriick. 
Die Satire - ein Umweg zum Gedicht.« Dieser »Ursprung« - 
das Echtheitssiegel an den Phanomenen - ist Gegenstand einer 
Entdeckung, die in einzigartiger Weise sidi mit dem Wiederer- 
kennen verbindet. Der Schauplatz dieser philosophisciien Er- 
kennungsszene ist im Werk yon Kraus die Lyrik und ihre Spra- 
che der Reim: »Ein Wort, das nie am Ursprung lugt« und diesen 
seinen Ursprung wie die Seligkeit am Ende der Tage, so am 
Ende der Zeile hat. Der Reim - das smd zwei Putten, die den 
Damon zu Grabe tragen, Er fiel am Ursprung, weil er als Zwit- 
ter aus Geist und Sexus in die Welt kam. Seih Schwert und 
Schild - Begriff und Schuld - sind ihm entsunken, um zu 
Emblemen unterm Fufi des Engels zu werden, der ihn erschlagen 
hat. Das ist ein dichtender, martialischer, mit dem Florett in 
Handen, wie nur Baudelaire ihn gekannt hat: s'exercant,, 
seul a sa fantasque escrime, 

Flairant dans tous les coins les hasards de la rime, 
Tr^buchant sur les mots comme sur les paves, 
Heurtant parfois des vers depuis longtemps rev£s. 

Freilich audi ein zugelloser, »hier einer Metapher nachjagend, 
die eben um die Ecke bog, dort Worte kuppelnd, Phrasen per- 
vertierend, in Ahnlichkeiten vergafft, im seligen Mifibrauch 
diiastischer Verschlingung, immer auf Abenteuer aus, in Lust 
und Qual, zu vollenden, ungeduldig und zaudernd«. So findet 
endlich das hedonische Moment dieses Werkes den reinsten Aus- 



Karl Kraus 361 

druck in soldiem schwermutig-phantastischen Verhaltnis zum 
Dasein, in dem Kraus aus der Wiener Tradition der Raimund 
und Girardi zu einer ebenso resignierten wie sinnlichen Kon- 
zeption des Gluckes gelangt. Sie mulS man sich vergegenwarti- 
gen, wenn man die Notwendigkeit erfassen will, aus welcher er 
dem Tanzerischen bei Nietzsche entgegengetreten ist - um von 
dem Ingrimm ganz zu schweigen, mit dem der Unmensch auf 
den Obermenschen stofien mufite. 

Am Reime erkennt das Kind, dafi es auf den Kamm der Sprache 
gelangt ist, wo es das Rauschen aller Quellen im Ursprung ver- 
nimmt. Don oben ist sie zu Hause, die Kreatur, die nun nach so 
viel Stummheit im Tier und so viel Luge in der Hure im Kinde 
zu Wort kommt. »Ein gutes Gehirn mufi kapabel sein, jedes 
Fieber der Kindheit so mit alien Erscheinungen sich vorzustel- 
len, dafi erhohte Temperatur eintritt« - mit derlei Satzen zielt 
Kraus weiter, als es den Anschein hat. Er selbst jedenfalls hat 
die Forderung in solchem Mafie verwirklicht, dafi ihm das Kind 
niemals als Gegenstand, sondern, im Bilde seiner eigenen Fruh- 
zeit, als Gegner der Erziehung vor Augen steht, den diese 
Gegnerschaft erzieht, nicht der Erzieher. »Nicht der Stock war 
abzuschaffen, sondern der Lehrer, der ihn schlecht anwendet.« 
Kraus will nichts sein als der, der ihn besser anwendet. Seine 
Menschenfreundlichkeit, sein Mitleid haben an dem Stock ihre 
Grenze, den er in derselben Schulklasse zu spiiren bekam, in der 
seine besten Gedichte zustandig sind. 

»Ich bin nur einer von den Epigonen« - Kraus ist ein Epigone 
des Lesebuchs. »Des deutschen Knaben Tischgebet«, »Siegfrieds 
Schwert«, »Das Grab im Busento«, »Wie Kaiser Karl Schulvisi- 
tation hielt« - die waren seine Vorbilder, die haben in diesem 
aufmerksamen Schiiler, der sie lernte, sich umgedichtet. So ist aus 
den »Rossen von Gravelotte« das Gedicht »Zum ewigen Frie- 
den« geworden und noch die giiihendsten seiner Hafigedichte 
sind an'Holtys »Feuer im Walde« entziindet, das die Lese- 
biicher unserer Schulzeit durchstrahlte. Und wenn am Jungsten 
Tage nicht nur die Graber, sondern audi die Lesebiicher sich 
offnen, wird rrach der Melodie »Was blasen die Trompeten, 
Husaren heraus« der wahre Pegasus der Kleinen aus ihnen her- 
vorstiirmen und, eine verhutzelte Mumie, eine Puppe aus Stoff 
oder gelblichem Elfenbein, wird dieser einzige Verseschmied tot, 



362 Literarische und asthetische Essays 

ausgetrocknet iiber dem Bug seines Rosses hangend, auf ihm 
daherfahren, der zweischneidige Sabel in seiner Hand aber 
wird, blank wie seine Reime und schneidend wie am ersten Tag, 
durch den Blatterwald f ahren und Stilbluten werden den Boden 
decken. 

Vollendeter ist nie die Sprache vom Geist geschieden, nie inniger 
an den Eros gebunden worden, als Kraus es in der Einsicht ge- 
tan hat: »Je naher man ein Wort ansieht, desto ferner sieht es 
zuriick,« Das ist platonische Sprachliebe. Die Nahe aber, der das 
Wort nicht entfliehen kann, ist einzig der Reim. So wird das 
erotische Urverhaltnis von Nahe und Feme in seiner Sprache 
laut: als Reim und Name. Als Reim steigt die Sprache aus der 
kreatiirlichen Welt herauf, als Name zieht sie alle Kreatur zu 
sich empor. In den »Verlassenen« hat die innigste Durchdrin- 
gung von Sprache und von Eros, wie sie Kraus erfuhr, mit einer 
ungeriihrten GrofSe sich ausgesprochen, die an die vollkommenen 
griechischen Epigramme und Vasenbilder erinnert. »Die Verlas- 
senen« - voneinander sind sie es. Aber - das ist ihr grofier 
Trost - sie sind es auch miteinander. Auf der Schwelle zwischen 
Stirb und Werde halten sie inne. Ruckwarts gewandten Haup- 
tes nimmt die Lust »nach unerhorter Weise« ihren ewigen 
Abschied; ihr abgewandt betritt »nach ungewohnter Weise« die 
Seele ihre Fremde lautlos. So miteinander verlassen sind Lust 
und Seele, aber auch Sprache und Eros, auch Reim und Name. - 
»Den Verlassenen« ist der fiinfte Band der »Worte in Versen« 
gewidmet. Es erreicht sie ja nur noch die Widmung, welche nichts 
anderes als das Gestandnis der platonischen Liebe ist, die am 
Geliebten nicht ihre Lust btifit, sondern es im Namen besitzt 
und im Namen auf Handen tragt. Dieser Ichbesessene kennt 
keine andere Selbstentaufierung als Dank. Seine Liebe ist nicht 
Besitz, sondern Dank. Dank und Widmung; denn danken heifit 
Gefiihle unter einen Namen stellen. Wie die Geliebte fern und 
blinkend wird, wie ihre Winzigkeit und ihr Leuchten sich in den 
Namen Ziehen, das ist die einzige Liebeserfahrung, von der die 
»Worte in Versen« wissen. Darum also: »Leicht, ohne Frau zu 
leben. | Schwer, ohne Frau gelebt zu haben.« 
Aus dem Sprachkreis des Namens, und nur aus ihm, erschliefit 
sich das polemische Grundverf ahren von Kraus: das Zitieren. 
Ein Wort zitieren heifit es beim Namen rufen. So erschopft sich 



Karl Kraus 363 

auf ihrer hochsten Stufe die Leistung von Kraus darin, selbst 
die Zeitung zitierbar zu machen. Er versetzt sie in seinen Raum, 
und mit einem Mai mufi die Phrase es inne werden: im tiefsten 
Bodensatze der Journale ist sie nicht sicher vor dem Zustofi der 
Stimme, die auf den Schwingen des Wortes herabfahrt, um sie 
ihrer Nacht zu entreifien. Wunderbar, wenn sie nicht strafend, 
sondern rettend naht, wie, auf den Schwingen des Shakespeare- 
schen, jener Zeile, in welcher einer vor Arras nach Haus berich- 
tet, wie in der Friihe auf dem letzten zersdiossenen Baume vor 
seiner Stellung eine Lerche zu singen begonnen habe. Eine einzi- 
ge Zeile, und nicht einmal seine eigene, geniigt Kraus, um in dies 
Inferno rettend hinabzufahren, eine einzige Sperrung: »Es war 
die Nachtigall und nicht die Lerche, die dort auf dem Granat- 
baum safi und sang.« Im rettenden und strafenden Zitat erweist 
die Sprache sich als die Mater der Gerechtigkeit. Es ruft das 
Wort beim Namen auf, bricht es zerstorend aus dem Zusam- 
menhang, eben damit aber ruft es dasselbe auch zuriick an seinen 
Ursprung. Nicht ungereimt erscheint es, klingend, stimmig, in 
dem Gefiige eines neuen Textes. Als Reim versammelt es in 
seiner Aura das Ahnliche; als Name steht es einsam und aus- 
druckslos. Vor der Sprache weisen sich beide Reiche - Ursprung 
so wie Zerstorung - im Zitat aus. Und umgekehrt: nur wo sie sich 
durchdringen - im Zitat - ist sie vollendet. Es spiegelt sich in 
ihm die Engelsprache, in welcher alle Worte, aus dem idyllischen 
Zusammenhang des Sinnes aufgestort, zu Motti in dem Buch 
der Schopf ung geworden sind. 

Von ihren Polen aus - dem klassischen und dem realen Hu- 
manismus - umspannt bei diesem Autor das Zitat den ganzen 
Umkreis seiner Bildungswelt. Schiller steht, freilich ungenannt, 
neben Shakespeare: »Adel 1st auch in der sittlichen Welt. Ge- 
meine Naturen | Zahlen mit dem, was sie tun, edle mit dem, 
was sie sind« - dies klassische Distichon kennzeichnet in der 
Verschrankung von grundherrlichemEdel- und weltbiirgerlichem 
Gradsinn den utopischen Fluchtpunkt, in dem Weimars Hu- 
manitat zu Hause war und den zuletzt Stifter fixierte. Es ist 
fiir Kraus das Entscheidende, wie er genau in diesen Fluchtpunkt 
den Ursprung verlegt. Die biirgerlich-kapitalistischen Zustande 
zu einer Verfassung zunickzuentwickeln, in welcher sie sich nie 
befunden haben, ist sein Programm. Aber darum ist er nicht 



364 Literarische und asthetische Essays 

weniger der letzte Burger, der aus dem Sein zu gelten bean- 
sprucht, und der Expressionismus ist seine Schicksalsflgur gewor- 
den, weil hier sich diese Haltung erstmals vor einer revolutiona- 
ren Situation zu bewahren hatte. Eben daft der Expressionis- 
mus versucbte, ihr nicht durch Handeln, sondern durch das 
Sein gerecht zu werden, fiihrte ihn zu seinen Ballungen und 
Gesteiltheiten. So kam es, daft er zum letzten geschichtlichen 
Asyl der Personlichkeit wurde. Die Schuld, die ihn beugte, und 
die Reinheit, welche er proklamierte - beide gehoren dem Phan- 
tom des unpolitischen oder »naturlidien« Menschen an, wie er 
am Ende jener Regression auftaucht und von Marx entlarvt 
wurde. »Der Mensch, wie er Mitglied der burgerlichen Gesell- 
schaft ist,« schreibt Marx, »der unpolitische Mensch, erscheint 
aber notwendig als der naturliche Mensch . . . Die politische 
Revolution lost das burgerliche Leben in seine Bestandteile 
auf, ohne diese Bestandteile selbst zu revolutionieren und der 
Kritik zu unterwerfen. Sie verhalt sich zur burgerlichen Gesell- 
schaft, zur Welt der Bedurfnisse, der Arbeit, der Privatinteres- 
sen, des Privatrechts, als zur Grundlage ihres Bestehns . . . 
daher als zu ihrer Naturbasis . . . Der wirkliche Mensch ist erst 
in der Gestalt des egoistischen Individuums, der wahre Mensch 
erst in Gestalt des abstrakten Citoyen anerkannt . . . Erst wenn 
der wirkliche individuelle Mensch den abstrakten Staatsbiirger 
in sich zurucknimmt und als individueller Mensch in seinem 
empirischen Leben, in seiner individuellen Arbeit, in seinen 
individuellen Verhaltnissen, Gattungswesen geworden ist ... 
und daher die gesellschaftliche Kraft nicht mehr in der Gestalt 
der politischen Kraft von sich trennt, erst dann ist die mensch- 
liche Emanzipation vollbracht.« Der reale Humanismus, der hier 
bei Marx dem klassischen die Stirne bietet, ofFenbart sich fur 
Kraus am Kinde, und der werdende Mensch hebt sein Gesicht 
den Gotzenbildern des idealen, des romantischen Naturwesens 
ebenso wie des staatsfrommen Musterbiirgers entgegen. Im 
Sinne dieses Werdenden hat Kraus das Lesebuch revidiert, ging 
er insbesondere der deutschen Bildung nach und fand sie schwan- 
kend, dem Wellenspiele journalistischer Willkiir anheimgegeben. 
Daher die »Lyrik der Deutschen«: »Wer kann, ist ihr Mann und 
nicht einer, der mufi, | sie irrten vom Wesen zum Scheine. 1 
Ihr lyrischer Fall war nicht Claudius, | aber Heine. « Daft je- 



Karl Kraus 365 

doch der werdende Mensch nicht im Naturraum, sondern im 
Raum der Menschheit, dem Befreiungskampf, eigentlich Gestalt 
gewinnt, dafi man ihn an der Haltung erkennt, die der Kampf 
mit Ausbeutung und mit Not ihm aufzwingt, dafi es keine 
idealistische, sondern nur eine materialistische Befreiung vom 
Mythos gibt und nicht Reinheit im Ursprung der Kreatur stent, 
sondern die Reinigung, das hat in dem realen Humanismus von 
Kraus seine Spuren am spatesten hinterlassen. Erst der Ver- 
zweifelnde entdeckte im Zitat die Kraft: nicht zu bewahren, 
sondern zu reinigen, aus dem Zusammenhang zu reifien, zu zer- 
storen; die einzige, in der noch Hoffnung liegt, dafi einiges aus 
diesem Zeitraum uberdauert - weil man es namlich aus ihm 
herausschlug. 

So bestatigt sich: Burgertugenden sind alle Einsatzkrafte dieses 
Mannes von Haus aus; nur imHandgemenge haben sie ihr streit- 
bares Aussehen erhalten. Aber schon ist niemand mehr im- 
stande, sie zu erkennen; niemand imstande, die Notwendigkeit 
zu fassen, aus welcher dieser grofie biirgerliche Charakter zum 
Komodianten, dieser Wahrer goethischen Sprachgutes zum Pole- 
miker, dieser unbescholtene Ehrenmann zum Berserker gewor- 
den ist. Das mufke aber geschehen, da er die Anderung der Welt 
bei seiner Klasse, bei sich zu Hause, in Wien zu beginnen dachte. 
Und als er, die Vergeblichkeit seines Unternehmens sich einge- 
stehend, mitten darinnen abbrach, da legte er die Sache wieder 
in die Hande der Natur zuriick: diesmal der zerstorenden, nicht 
der schopferischen: 

Lasse stehen die Zeit! Sonne, vollende du! 
Mache das Ende grofi! Kiinde die Ewigkeit! 
Recke dich drohend auf, Donner drohne dein Licht, 
daf^ unser schallender Tod verstummt! 

Goldene Glocke du, schmilz in eigener Gluth, 
werde Kanone du gegen den kosmischen Feind! 
SchieE ihm den Brand ins Gesicht! Ware mir Josuas 
wisse, wieder war* Gibeon! Macht, 

Auf dieser, der entfesselten, Natur grundet sich das spatere 
politische Kredo von Kraus, gewifi ein Gegenstiick zu dem 
patriarchalischen Stifters, ein Bekenntnis, an dem alles erstaun- 



366 Literarische und asthetische Essays 

lich, unverstandlich aber allein das eine ist, dafi nicht die grofken 
Letter n der »Fackel« es aufbewahren, und dafi man diese stark- 
ste biirgerlkhe Prosa des Nachkriegs in einem verschollenen 
Hefte der »Fackel« - November 1920 - zu suchen hat: 
»Was ich meine, ist - und da will ich einmal mit dieser ent- 
menschten Brut von Guts- und Blutsbesitzern und deren An- 
hang, da will ich mit ihnen, weil sie ja nicht deutsch verstehen 
und aus meinen >Widerspriichen< auf meine wahre Ansicht nicht 
schliefien konnen, einmal deutsch reden ... - was ich meine, ist: 
Der Kommunismus als Realitat ist nur das Widerspiel ihrer 
eigenen lebensschanderischen Ideologic, immerhin von Gnaden 
eines reineren ideellen Ursprungs, ein vertracktes Gegenmittel 
zum reineren ideellen Zweck - der Teufel hole seine Praxis, 
aber Gott erhalte ihn uns als konstante Drohung liber den 
Hauptern jener, so da Guter besitzen und alle andern zu deren 
Bewahrung und mit dem Trost, daf? das Leben der Guter 
hochstes nicht sei, an die Fronten des Hungers und der vater- 
landischen Ehre treiben mochten. Gott erhalte ihn uns, damit 
dieses Gesindel, das schon nicht mehr ein und aus weifi vor 
Frechheit, nicht noch frecher werde, damit die Gesellschaft der 
ausschliefilich Genufiberechtigten, die da glaubt, dafi die ihr 
botmafiige Menschheit genug der Liebe habe, wenn sie von ihnen 
die Syphilis bekommt, wenigstens doch auch mit einem Alpdruck 
zu Bette gehe! Damit ihnen wenigstens die Lust vergehe, ihren 
Opfern Moral zu predigen, und der Humor, iiber sie Witze zu 
machen!« 

Eine menschliche, natiirliche, edle Sprache - zumal im Lichte 
der denkwiirdigen Erklarung von Loos: »Wenn die mensch- 
liche Arbeit nur aus der Zerstorung besteht, dann ist es 
wirklich menschliche, natiirliche, edle Arbeit.« Allzulange lag 
der Akzent auf dem Schopferischen. So schopferisch ist nur, 
wer Auftrag und Kontrolle meidet. Die aufgegebene, kontrol- 
lierte Arbeit - ihr Vorbild: die politische und die technische 
- hat Schmutz und Abfall, greift zerstorend in den Stoff ein, 
verhalt sich abnutzend zum Geleisteten, kritisch zu ihren Be- 
dingungen und ist in alledem das Gegenstiick zu der des Dilet- 
tanten, der im Schaffen schwelgt. Dessen Werk ist harmlos 
und rein; das Meisterliche verzehrend und reinigend. Und darum 
steht der Unmensch als der Bote realeren Humanismus unter 



Karl Kraus 367 

uns. Er ist der Oberwinder der Phrase. Er solidarisiert sich 
nicht mit der schlanken Tanne, sondern mit dem Hobel, der sie 
verzehrt, nicht mit dem edlen Erz, sondern mit dem Schmelz- 
ofen, der es lautert. Der Durchschnittseuropaer hat sein Leben 
mit der Technik nicht zu vereinen vermocht, weil er am Fetisch 
schopferischen Daseins festhielt. Man mui? schon Loos im Kamp- 
fe mit dem Drachen »Ornament« verfolgt, mufi das stellare 
Esperanto Scheerbartscher Geschopfe vernommen oder Klees 
»Neuen Engel«, welcher die Menschen lieber befreite, indem er 
ihnen nahme, als begliickte, indem er ihnen gabe, gesichtet ha- 
ben, um eine Humanitat zu fassen, die sich an der Zerstorung 
bewahrt. 

Zerstorend ist denn auch die Gerechtigkeit, die destruktiv den 
konstruktiven Zweideutigkeiten des Rechtes Einhalt gebietet; 
zerstorend ist Kraus dem eigenen Werke gerecht geworden: 
»Zuriick als Fiihrer bleibt mein ganzes Irren.U Das ist die 
Sprache der Nuchternheit, die ihre Herrschaft in der Dauer 
begriindet, und schon haben die Schriften von Kraus zu dauern 
begonnen, und er konnte das Wort von Lichtenberg ihnen vor- 
ansetzen, der eine von seinen tiefsten »Ihrer Majestat der Ver- 
gessenheit« widmete. So sieht die Selbstbescheidung nun aus - 
kiihner als die einstige Selbstbehauptung, die in damonischer 
Selbstbespiegelung zerging. Nicht Reinheit und nicht Opfer 
sind Herr des Damons geworden; wo aber Ursprung und Zer- 
storung einander finden, ist es mit seiner Herrschaft voniber. 
Als ein Geschopf aus Kind und Menschenfresser steht sein Be- 
zwinger vor ihm: kein neuer Mensch; ein Unmensch; ein neuer 
Engel. Vielleicht von jenen einer, welche, nach dem Talmud, 
neue jeden Augenblick in unzahligen Scharen, geschaffen wer- 
den, um, nachdem sie vor Gott ihre Stimme erhoben haben, 
aufzuhoren und in Nichts zu vergehen. Klagend, bezichtigend 
oder jubelnd? Gleichviel - dieser schnell verfliegenden Stimme 
ist das ephemere Werk von Kraus nachgebildet. Angelus - das 
ist der Bote der alten Stiche. 



368 

Kleine Geschichte der Photographie 

Der Nebel, der iiber den Anfangen der Photographie liegt, ist 
nicht ganz so dicht wie jener, der iiber den Beginn des Buch- 
drucks sich lagert; kenntlicher vielleicht als fur diesen ist, dafi 
die Stunde fiir die Erfindung gekommen war und von mehr als 
einem verspiirt wurde; Mannern, die unabhangig voneinander 
dem gleichen Ziele zustrebten: die Bilder in der camera obscura, 
die spatestens seit Leonardo bekannt waren, festzuhalten. Als 
das nach ungefahr fiinfjahrigen Bemiihungen Niepce und Da- 
guerre zu gleicher Zeit gegliickt war, griff der Staat, begiinstigt 
durch patentrechtliche Schwierigkeiten, auf die die Erfinder 
stiefien, die Sache auf und machte sie unter deren Schadloshal- 
tung zu einer offentlichen. Damit waren die Bedingungen einer 
fortdauernd beschleunigten Entwicklung gegeben, die fiir lange 
Zeit jeden Riickblick ausschlofi. So kommt es, dafi die histori- 
schen oder, wenn man will, philosophischen Fragen, die Aufstieg 
und Verfall der Photographie nahelegen, jahrzehntelang un- 
beachtet geblieben sind. Und wenn sie heute beginnen, ins Be- 
wufitsein zu treten, so hat das einen genauen Grund. Die jiing- 
ste Literatur schliefit an den auffallendenTatbestand an, dafi die 
Bliite der Photographie - die Wirksamkeit der Hill und Came- 
ron, der Hugo und Nadar-in ihr erstes Jahrzehnt fallt.Das ist 
nun aber das Jahrzehnt, welches ihrer Industrialisierung vor- 
ausging. Nicht als ob nicht bereits in dieser Friihzeit Markt- 
schreier und Scharlatane der neuen Technik aus Erwerbsgriinden 
sich bemachtigt hatten; sie taten das sogar massenweise. Aber 
das stand den Kunsten des Jahrmarkts, auf dem die Photogra- 
phie ja bis heute heimisch gewesen ist, naher als der Industrie. 
Die eroberte sich das Feld erst mit der Visitkarten-Aufnahme, 
deren erster Hersteller bezeichnenderweise zum Millioniir wur- 
de. Es ware nicht zu verwundern, wenn die photographischen 
Praktiken, die heut zum erstenmal den Blick auf jene vorindu- 
strielle Bliitezeit zuriicklenken, in unterirdischem Zusammen- 
hang mit der Erschutterung der kapitalistischen Industrie stiin- 
den. Darum jedoch ist es urn nichts leichter, den Reiz der Bilder, 
die in den schonen jiingst erschienenen Publikationen alter Photo- 
graphie 1 vorliegen, fiir wirkliche Einsichten in deren Wesen 

1 Helmuth Th[eodor] Bossert und Heinrich Guttmann: Aus der Friihzeit der Pho- 



Kleine Geschichte der Photographie 369 

nutzbar zu machen. Oberaus rudimentar sind die Versuche, der 
Sadie theoretisch Herr zu werden. Und so viele Debatten im 
vorigen Jahrhundert iiber sie gefiihrt wurden, im Grunde haben 
sie sich nicht von dem skurrilen Schema freigemacht, mit dem 
ein chauvinistisches Blattchen, der »Leipziger Anzeiger«, glaub- 
te, beizeiten der franzosischen Teufelskunst entgegentreten 
zu miissen. »Fliichtige Spiegelbilder festhalten zu wollen, 
heifit es da, dies ist nicht blofi ein Ding der Unmoglichkeit, 
wie es sich nach griindlicher deutscher Untersuchung herausge- 
stellt hat, sondern schon der Wunsch, dies zu wollen, ist eine 
Gotteslasterung. Der Mensch ist nach dem Ebenbilde Gottes 
geschaffen und Gottes Bild kann durch keine menschliche Ma- 
schine festgehalten werden. Hochstens der gottliche Kunstler 
darf, begeistert von himmlischer Eingebung, es wagen, die gott- 
menschlichen Ziige, im Augenblick hochster Weihe, auf den 
hoheren Befehl seines Genius, ohne jede Maschinenhilfe wieder- 
zugeben.« Hier tritt mit dem Schwergewicht seiner Plumpheit 
der Banausenbegriff von der »Kunst« auf, dem jede technische 
Erwagung fremd ist und welcher mit dem provozierenden Er- 
scheinen der neuen Technik sein Ende gekommen fuhlt. Dem- 
ungeachtet ist es dieser fetischistische, von Grund auf antitech- 
nische BegrirT von Kunst, mit dem die Theoretiker der Photo- 
graphie fast hundert Jahre lang die Auseinandersetzung such- 
ten, natiirlich ohne zum geringsten Ergebnis zu kommen. Denn 
sie unternahmen nichts anderes, als den Photographen vor eben 
jenem Richterstuhl zu beglaubigen, den er umwarf. Da weht 
eine ganz andere Luft aus dem Expose, mit dem der Physiker 
Arago als Fursprecher der Daguerreschen Erfindung am 3. Juli 
1839 vor die Kammer der Deputierten trat. Es ist das Schone 
an dieser Rede, wie sie an alle Seiten menschlicher Tatigkeit den 
Anschlufi findet. Das Panorama, das sie entwirft, ist grofi genug, 
um die zweifelhafte Beglaubigung der Photographie vor der 
Malerei, die auch in ihm nicht fehlt, belanglos erscheinen, viel- 
mehr die Ahnung von der wirklichen Tragweite der Erfindung 
sich entfalten zu lassen. »Wenn Erfinder eines neuen Instru- 
mentes, sagt Arago, dieses zur Beobachtung. der Natur anwen- 

tographie. 1840-70. Ein Bildbuch nadi 200 Originalen. Frankfurt am Main 1930. - 
Heinridi S&warz: David Octavius Hill. Der Meister der Photographie. Mit 80 
Bildtafcln. Leipzig 193 1. 



370 Literarische und asthetische Essays 

den, so ist das, was sie davon gehofTt haben, immer eine Kleinig- 
keit im Vergleich zu der Reihe nachfolgender Entdeckungen, 
wovon das Instrument der Ursprung war.« In grofiem Bogen 
umspannt diese Rede das Gebiet der neuen Technik von der 
Astrophysik bis zur Philologie: neben dem Ausblick auf die 
Sternphotographie steht die Idee, ein corpus der agyptischen 
Hieroglyphen aufzunehmen. 

Daguerres Lichtbilder waren jodierte und in der camera obscura 
beiichtete Silberplatten, die hin- und hergewendet sein wollten, 
bis man in richtiger Beleuchtung ein zartgraues Bild darauf er- 
kennen konnte. Sie waren unica; im Durchschnitt bezahlte man 
im Jahre 1839 fiir eine Platte 25 Goldfrank. Nicht selten wur- 
den sie wie Schmuck in Etuis verwahrt. In der Hand mancher 
Maler aber verwandelten sie sich in technische Hilfsmittel. Wie 
siebzig Jahre spater Utrillo seine faszinierenden Ansichten von 
den Hausern der Bannmeile von Paris nicht nach der Natur, 
sondern nach Ansichtskarten verfertigte, so legte der geschatzte 
englische Portratmaler David Octavius Hill seinem Fresko der 
ersten Generalsynode der schottischen Kirche.im Jahre 1843 eine 
groKe Reihe von Portrataufnahmen zugrunde. Diese Aufnah- 
men aber machte er selbst. Und sie, anspruchslose, zum internen 
Gebrauch bestimmte Behelfe, sind es, die seinem Namen die 
historische Stelle- geben, wahrend er als Maler verschollen ist. 
Freilich fuhren tiefer noch als die Reihen dieser Portratkopfe 
in die neue Technik einige Studien ein: namenlose Menschen- 
bilder, nicht Portrats. Solche Kopfe gab es langst auf Ge- 
malden. Blieben sie im Familienbesitz, fragte man hin und wie- 
der noch nach den Dargestellten. Nach zwei, drei Generationen 
aber ist dies Interesse verstummt: die Bilder, soweit sie dauern, 
tun es nur als Zeugnis fiir die Kunst dessen, der sie gemalt hat. 
Bei der Photographie aber begegnet man etwas Neuem und 
Sonderbarem: in jenem Fischweib aus New Haven, das mit so 
lassiger, verfuhrerischer Scham zu Boden blickt, bleibt etwas, 
was im Zeugnis fiir die Kunst des Photographen Hill nicht 
aufgeht, etwas, was nicht zum Schweigen zu bringen ist, unge- 
bardig nach dem Namen derer veriangend, die da gelebt hat, die 
audi hier noch wirklich ist und niemals ganzlich in die »Kunst« 
wird eingehen wollen. »Und ich frage: wie hat dieser haare zier | 
Und dieses blickes die friiheren wesen umzingelt! | Wie 



Kleine Geschichte der Photographie 371 

dieser mund hier gekiifit zu dem die begier | Sinnlos hinan 
als raucli ohne flamme sich ringelt!« Oder man schlagt das Bild 
von Dauthendey, dem Photographen, auf, dem Vater des Dich- 
ters, aus der Zeit des Brautstands mit jener Frau, die er dann 
eines Tages, kurz nach der Geburt ihres sechsten Kindes, im 
Schlafzimmer seines Moskauer Hauses mit durchschnittenen 
Pulsadern liegen fand. Sie ist hier neben ihm zu sehen, er scheint 
sie zu halten; ihr Blick aber geht an ihm voruber, saugend an 
eine unheilvolle Feme geheftet. Hat man sich lange genug in so 
ein Bild vertieft, erkennt man, wie sehr auch hier die Gegensatze 
sich beriihren: die exakteste Technik kann ihren Hervorbrin- 
gungen einen magischen Wert geben, wie fur uns ihn ein gemal- 
tes Bild nie mehr besitzen kann. Aller Kunstfertigkeit des Pho- 
tographen und aller Planmafiigkeit in der Haltung seines Mo- 
dells zum Trotz fuhlt der Beschauer unwiderstehlich den Zwang, 
in solchem Bild das winzige Flinkchen Zufall, Hier und Jetzt, 
zu suchen, mit dem die Wirklichkeit den Bildcharakter gleich- 
sam durchgesengt hat, die unscheinbare Stelle zu finden, in 
welcher, im Sosein jener langstvergangenen Minute das Kiinfti- 
ge noch heut und so beredt nistet, dafi wir, ruckblickend, es ent- 
decken konnen. Es ist ja eine andere Natur, welche zur Kamera 
als welche zum Auge spricht; anders vor allem so, dafi an die 
Stelle eines vom Menschen mit Bewufitsein durchwirkten Raums 
ein unbewufit durchwirkter tritt. Ist es schon iiblich, dafi einer, 
beispielsweise, vom Gang der Leute, sei es auch nur im groben, 
sich Rechenschaft. gibt, so weifi er bestimmt nichts mehr von 
ihrer Haltung im Sekundenbruchteil des »Ausschreitens«. Die 
Photographie mit ihren Hilfsmitteln: Zeitlupen, Vergrofierun- 
gen erschliefit sie ihm. Von diesem Optisch-Unbewufiten erfahrt 
er erst durch sie, wie von dem Tnebhaft-Unbewufiten durch die 
Psychoanalyse. Strukturbeschaffenheiten, Zellgewebe, mit denen 
Technik, Medizin zu rechnen pflegen - all dieses ist der Kamera 
ursprunglich verwandter als die stimmungsvolle Landschafl 
oder das seelenvolle Portrat. Zugleich aber erofTnet die Photo- 
graphie in diesem Material die physiognomischen Aspekte, 
Bildwelten, welche im Kleinsten wohnen, deutbar und verbor- 
gen genug, um inWachtraumenUnterschlupf gefunden zu haben, 
nun aber, grofi und formulierbar wie sie geworden sind, die 
DifTerenz von Technik und Magie als durch und durch histori- 



372 Literarische und asthetische Essays 

sche Variable ersiditlich zu machen. So hat Blofifeldt 2 mit seinen 
erstaunlichen Pflanzenphotos in Schachtelhalmen alteste Sau- 
lenformen, im Straufifarn den Bischofsstab, im zehnfach ver- 
grofierten Kastanien- und Ahornsprofi Totembaume, in der 
Weberkarde gotisches Mafiwerk zum Vorschein gebracht. Darum 
sind wohl audi die Modelle eines Hill nicht weit von der Wahr- 
heit entfernt gewesen, wenn ihnen »das Phanomen der Photo- 
graphie« noch »ein grofies geheimnisvolles Erlebnis« war; mag 
das fur sie audi nichts als das Bewufitsein gewesen sein, »vor 
einem Apparat zu stehen, der in kiirzester Zeit ein Bild der 
sichtbaren Umwelt erzeugen konnte, das so lebendig und wahr- 
haft wirkte wie die Natur selbst.« Man hat von der Kamera 
Hills gesagt, dafi sie diskrete Zuriickhaltung wahre. Seine Mo- 
delle ihrerseits sind aber nicht weniger reserviert; sie behalten 
eine gewisse Scheu vor dem Apparat, und der Leitsatz eines 
spateren Photographen aus der Bliitezeit: »Sieh nie in die Ka- 
mera« konnte aus ihrem Verhalten abgeleitet sein. Doch war 
damit nicht jenes »sehen dich an« von Tieren, Menschen oder 
Babys gemeint, das den Kaufer auf so unsaubere Weise einmengt 
und dem nichts besseres entgegenzusetzen ist als die Wendung, 
mit welcher der alte Dauthendey von der Daguerreotypie 
spricht: »Man getraute sich . . . zuerst nicht, so berichtete er, die 
ersten Bilder, die er anfertigte, lange anzusehen. Man scheute 
sich vor der Deutlichkeit der Menschen und glaubte, dafi die 
kleinen winzigen Gesichter der Personen, die auf dem Bilde 
warea, einen selbst sehen konnten, so verbliiffend wirkte die 
ungewohnte Deutlichkeit und die ungewohnte Naturtreue der 
ersten Daguerreotypbilder auf jeden«. 

Diese ersten reproduzierten Menschen traten in den Blickraum 
der Photographie unbescholten oder besser gesagt unbeschriftet. 
Noch waren Zeitungen Luxusgegenstande, die man selten kauf- 
lich erwarb, eher in Cafehausern einsah, noch war das photo- 
graphische Verfahren nicht zu ihrem Werkzeug geworden, noch 
sahen die wenigsten Menschen ihren Namen gedruckt. Das 
menschliche Antlitz hatte ein Schweigen um sich, in dem der 
Blick ruhte. Kurz, alle Moglichkeiten dieser Portratkunst beru- 
hen darauf, dafi noch die Beriihrung zwischen Aktualitat und 

2 Karl Bloflfeldt: Urformen der Kunst. Photographische Pflanzenbilder. Hrsg. mit 
einer Einleitung von Karl Nierendorf. 120 Bildtafeln. Berlin 0. J. [1928]. 



Kleine Geschichte der Photographie 373 

Photo nidit eingetreten ist. Auf dem Edinburgher Friedhof von 
Greyfriars sind viele Bildnisse Hills entstanden - nichts ist fiir 
diese Friihzeit bezeichnender, es sei denn, wie die Modelle auf 
ihm zu Hause waren. Und wirklich ist dieser Friedhof nach 
einem Bilde, das Hill gemacht hat, selbst wie ein Interieur, ein 
abgeschiedener, eingehegter Raum, wo, an Brandmauern ge- 
lehnt, aus dem Grasboden Grabmaler aufsteigen, die, ausge- 
hohlt wie Kamine, in ihrem Inhern Sdiriftziige statt der Flam- 
menzungen zeigen. Nie aber hatte dies Lokal zu seiner grofien 
Wirkung kommen konnen, ware seine Wahl nicht technisch 
begriindet gewesen. Geringere Lichtempfindlichkeit der friihen 
Platten machte eine lange Belichtung im Freien erforderlich. 
Diese wiederum liefi es wiinschenswert sdieinen, den Aufzuneh- 
menden in moglichster Abgeschiedenheit an einem Orte unter- 
zubringen, wo ruhiger Sammiung nichts im V/ege stand. »Die 
Synthese des Ausdruckes, die durch das lange Stillhalten des Mo- 
dells erzwungen wird, sagt Orlik von der friihen Photographie, 
ist der Hauptgrund, weshalb diese Lichtbilder neben ihrer 
Schlichtheit gleich guten gezeichneten oder gemalten Bildnissen 
eine eindringlichere und langer andauernde Wirkung auf den 
Beschauer ausiiben als neuere Photographien.« Das Verfahren 
selbst veranlafite die Modelle, nicht aus dem Augenblick heraus, 
sondern in ihn hinein zu leben; wahrend der langen Dauer die- 
ser Aufnahmen wuchsen sie gleichsam in das Bild hinein und 
traten so in den entschiedensten Kontrast zu den Erscheinungen 
auf einer Momentaufnahme, die jener veranderten Umwelt ent- 
spricht, in der es, wie Kracauer treffend bemerkt hat, von dem- 
selben Bruchteil einer Sekunde, den die Belichtung dauert, ab- 
hangt, »ob ein Sportsmann so beriihmt wird, dafi ihn im 
Auftrag der Illustrierten die Photographen belichten«. Alles an 
diesen friihen Bildern war angelegt zu dauern; nicht nur die 
unvergleichlichen Gruppen, zu denen die Leute zusammentra- 
ten - und deren Verschwinden gewifi eins der prazisesten 
Symptome dessen war, was in der zweiten Halfte des Jahrhun- 
derts in der Gesellschaft vorging - selbst die Falten, die ein 
Gewand auf diesen Bildern wirft, halten langer. Man betrachte 
nur Schellings Rock; der kann recht zuversichtlich mit in die 
Unsterblichkeit hiniibergehen; die Formen, die er an seinem 
Trager annahm, sind der Falten in dessen Antlitz nicht unwert. 



374 Literarische und asthetische Essays 

Kurz, alles spricht dafiir, Bernard von Brentano habe mit seiner 
Vermutung recht, »dafi ein Photograph von 1850 auf der glei- 
chen Hohe mit seinem Instrument stand« - zum ersten- und 
fur lange zum letztenmal. 

Man mufi im iibrigen, urn sich die gewaltige Wirkung der Da- 
guerreotypie im Zeitalter ihrer Entdeckung ganz gegenwartig zu 
machen, bedenken, dafi die Pleinairmalerei damals den vorge- 
schrittensten unter den Malern ganz neue Perspektiven zu ent- 
decken begonnen hatte. Im Bewufitsein, dafi gerade in dieser 
Sache die Photographie von der Malerei die Stafette zu iiber- 
nehmen habe, heifk es denn auch bei Arago im historischen 
Riickblick auf die friihen Versuche Giovanni Battista Portas 
ausdriicklich: »Was die Wirkung betrifft, welche von der unvoll- 
kommenen Durchsichtigkeit unserer Atmosphare abhangt (und 
welche man durch den • uneigentlichen Ausdruck >Luftperspek- 
tive< charakterisiert hat), so hoffen selbst die geiibten Maler 
nicht, dafi die camera obscura« - will sagen das Kopieren der 
in ihr erscheinenden Bilder - »ihnen dazu behilflich sein konnte, 
dieselben mit Genauigkeit hervorzubringen.« Im Augenblick, da 
es Daguerre gegliickt war, die Bilder der camera obscura zu 
fixieren, waren die Maler an diesem Punkte vom Techniker ver- 
abschiedet worden. Das eigentliche Opfer der Photographie aber 
wurde nicht die Landschaftsmalerei, sondern die Portratminia- 
tur. Die Dinge entwickelten sich so schnell, dafi schon um 1840 
die meisten unter den zahllosen Miniaturmalern Berufsphoto- 
graphen wurden, zunachst nur nebenher, bald aber ausschliefi- 
lich. Dabei kamen ihnen die. Erfahrungen ihrer urspriinglichen 
Brotarbeit zustatten, und nicht ihre kunstlerische, sondern ihre 
handwerkliche Vorbildung ist es, der man das hohe Niveau 
ihrer photographischen Leistungen zu verdanken hat. Sehr all- 
mahlich verschwand diese Generation des Obergangs; ja es 
scheint eine Art von biblischem Segen auf jenen ersten Photo- 
graphen geruht zu haben: die Nadar, Stelzner, Pierson, Bayard 
sind alle an die Neunzig oder Hundert herangeruckt. Schlieft- 
lich aber drangen von uberallher Geschaftsleute in den Stand 
derBerufsphotographen ein, und als dann spaterhin dieNegativ- 
retusche, mit welcher der schlechte Maler sich an der Photogra- 
phie rachte, allgemein liblich wurde, setzte ein jaher Verfall des 
Geschmacks ein. Das war die Zeit, da die Photographiealben 



Kleine Geschidite der Photographie 375 

sich zu fiillen begannen. An den frostigsten Stellen derWohnung, 
auf Konsolen oder Gueridons im Besuchszimmer, fanden sie sich 
am liebsten: Lederschwarten mit abstofienden Metallbeschlagen 
und den fingerdicken goldumrandeten Blattern, auf denen nar- 
risch drapierte oder verschniirte Figuren - Onkel Alex und 
Tante Riekchen, Trudchen wie sie noch klein war, Papa im ersten 
Semester - verteilt waren und endlich, urn die Schande voll zu 
machen, wir selbst: als Salontiroler, jodelnd, den Hut gegen 
gepinselte Firnen schwingend, oder als adretter Matrose, Stand- 
bein und Spielbein, wie es sich gehdrt, gegen einen polierten 
Pfosten gelehnt. Noch erinnert die Staff age solcher Portrats mit 
ihren Postamenten, Balustraden und ovalen Tischchen an die 
Zeit, da man der langen Expositionsdauer wegen den Modellen 
Stiitzpunkte geben mufite, damit sie fixiert blieben. Hatte man 
anfangs mit »Kopfhalter« oder »Kniebrille« sich begniigt, so 
folgte bald »weiteres Beiwerk, wie es in beriihmten Gemalden 
vorkam und darum >kiinstlerisch< sein mufite. Zunachst war 
es die Saule und der Vorhang«. Gegen diesen Unfug mufiten sich 
f ahigere Manner schon in den sechziger Jahren wenden. So heifit 
es damals in einem englischen Fachblatt: »In gemalten Bildern 
hat die Saule einen Schein von Moglichkeit, die Art aber, wie sie 
in der Photographie angewendet wird, ist absurd; denn sie steht 
gewohnlich auf einem Teppich. Nun wird aber jedermann uber- 
zeugt sein, dafi Marmor- oder Steinsaulen nicht mit einem Tep- 
pich als Fundament aufgebaut werden.« Damals sind jene Ate- 
liers mit ihren Draperien und Palmen, Gobelins und Staffeleien 
entstanden, die so zweideutig zwischen Exekution und Represen- 
tation, Folterkammer und Thronsaal schwankten und aus denen 
ein erschutterndes Zeugnis ein friihes Bildnis von Kafka bringt. 
Da steht in einem engen, gleichsam demutigenden, mit Posa- 
menten iiberladenen Kinderanzug der ungefahr sechsjahrige 
Knabe in einer Art von Wintergartenlandschaft. Palmenwedel 
starren im Hintergrund. Und als gelte es, diese gepolsterten 
Tropen noch stickiger und schwiiler zu machen, tragt das Modell 
in der Linken einen unmaftig grofien Hut mit breiter Krempe, 
wie ihn Spanier haben. Gewifi, dafi es in diesem Arrangement 
verschwande, wenn nicht die unermefilich traurigen Augen diese 
ihnen vorbestimmte Landschaft beherrschen wiirden. 
Dies Bild in seiner uferlosen Trauer ist ein Pendant der friihen 



376 Literarisdie und asthetische Essays 

Photographic auf welcher die Menschen nodi nicht abgesprengt 
und gottverloren in die Welt sahen wie hier der Knabe. Es war 
eine Aura um sie, ein Medium, das ihrem Blick, indem er es 
durchdringt, die Fiille und die Sicherheit gibt. Und wieder liegt 
das tedinische Aquivalent da von auf der Hand; es besteht in 
dem absoluten Kontinuum von hellstem Licht zu dunkelstem 
Schatten. Audi hier bewahrt sich im ubrigen das Gesetz der 
Vorverkundung neuerer Errungenschaften in alterer Technik, 
indem die ehemalige Portratmalerei vor ihrem Niedergange eine 
einzigartige Bliite der Schabkunst heraufgefiihrt hatte. Freilich 
handelte es sich in diesem Schabkunstverfahren um eine Repro- 
duktionstechnik, wie sie sich mit der neuen photographisdien 
erst spater vereinigte. Wie auf Schabkunstblattern ringt sich bei 
einem Hill miihsam das Licht aus dem Dunkel: Orlik spricht 
von der durch die lange Expositionsdauer veranlafiten »zusam- 
menfassenden Lichtfuhrung«, die »diesen friiheren Lichtbildern 
ihre Grofie« gibt. Und unter den Zeugenossen der Erfindung 
bemerkte schon Delaroche den friiher »nie erreichten, kostlichen, 
in nichts die Ruhe der Massen storenden« allgemeinen Eindruck. 
Soviel vom technischen Bedingtsein der auratischen Erscheinung. 
Besonders manche Gruppenaufnahmen halten ein beschwingtes 
Miteinander noch einmal fest, wie es hier fur eine kurze Spanne 
auf der Platte erscheint, be vor es an der »Originalaufnahme« 
zugrunde geht. Es ist dieser Hauchkreis, der schon und sinnvoll 
bisweilen durch die nunmehr altrriodische ovale Form des Bild- 
ausschnitts umschrieben wird. Darum heifit es diese Inkunabeln 
der Photographie mifideuten, in ihnen die »kunstlerische Voll- 
endung« oder den »Geschmack« zu betonen. Diese Bilder sind 
in Raumen entstanden, in denen jedem Kunden im Photogra- 
phen vorab ein Techniker nach der neuesten Schule entgegentrat, 
dem Photographen aber in jedem Kunden der Angehorige einer 
im Aufstieg befindlichen Klasse mit einer Aura, die bis in die 
Falten des Burgerrocks oder der Lavalliere sich eingenistet 
hatte. Denn das blofie Erzeugnis einer primitiven Kamera ist 
jene Aura ja nicht. Vielmehr entsprechen sich in jener Friihzeit 
Objekt und Technik genau so scharf, wie sie in der anschliefien- 
den Verfallsperiode auseinandertreten. Bald namlich verfugte 
eine fortgeschrittene Optik iiber Instrumente, die das Dunkel 
ganz uberwanden und die Erscheinungen spiegelhaft aufzeichne- 



Kleine Geschichte der Photographie 377 

ten. Die Photographen jedoch sahen in der Zeit nach 1880 ihre 
Aufgabe vielmehr darin, die Aura, die von Hause aus mit der 
Verdrangung des Dunkels durch lichtstarkere Objektive aus dem 
Bilde genau so verdrangt wurde wie durch die zunehmende 
Entartung des imperialistischen Burgertums aus der Wirklich- 
keit - sie sahen es als ihre Aufgabe an, diese Aura durch alle 
Kunste der. Retusche, insbesondere jedoch durch sogenannte 
Gummidrucke vorzutauschen. So wurde, zumal im Jugendstil, 
ein schummeriger Ton, von kiinstlichen Reflexen unterbrochen, 
Mode; dem Zwielicht zum Trotz aber zeichnete immer klarer 
eine Pose sich ab, deren Starrheit die Ohnmacht jener Genera- 
tion im Angesicht des technischen Fortschritts verriet. 
Und doch ist, was iiber die Photographie entscheidet, immer 
wieder das Verhaltnis des Photographen zu seiner Technik. Ca- 
mille Recht hat es in einem hubschen Bilde gekennzeichnet. »Der 
Geigenspieler, sagt er, mufi den Ton erst bilden, mufi ihn 
suchen, blitzschnell finden, der Klavierspieler schlagt die Taste 
an: der Ton erklingt. Das Instrument steht dem Maler wie dem 
Photographen zur Verfugung. Zeichnung und Farbengebung 
des Malers entsprechen der Tonbildung des Geigenspiels, der 
Photograph hat mit dem Klavierspieler das Maschinelle voraus, 
das einschrankenden Gesetzen unterworfen ist, die dem Geiger 
lange nicht den gleichen Zwang auferlegen. Kein Paderewski 
wird jemals den Ruhm ernten, den beinahe sagenhaften Zau- 
ber ausiiben, den ein Paganini geerntet, den er ausgeiibt hat.« Es 
gibt aber, um im Bilde zu bleiben, einen Busoni der Photogra- 
phie, und der ist Atget. Beide waren Virtuosen, zugleich aber 
Vorlaufer. Das beispiellose Aufgehen in der Sache, verbunden 
mit der hochsten Prazision, ist ihnen gemeinsam. Sogar in ihren 
Ziigen gibt es Verwandtes. Atget war ein Schauspieler, der, an- 
gewidert vom Betrieb, die Maske abwischte und dann daran 
ging, audi die Wirklichkeit abzuschminken. Arm und unbe- 
kannt lebte er in Paris, seine Photographien schlug er an Lieb- 
haber los, die kaum weniger exzentrisch sein konnten als er, 
und vor kurzem ist er, unter Hinterlassung eines ceuvre von 
mehr als viertausend Bildern, gestorben. Berenice Abbot aus 
New York hat diese Blatter gesammelt, und eine Auswahl von 
ihnen erscheint soeben in einem hervorragend schonen Bande 3 , 

3 E[ug£ne] Atget: Liditbilder. Eingeleitet von Camille Reclit. Paris u. Leipzig 1930. 



378 Literarische und asthetische Essays 

den Camille Recht herausgegeben hat. Die zeitgenossische Pu- 
blizistik »wufite nichts von dem Mann, der mit seinen Bildern 
zumeist in den Ateliers herumzog, sie fur wenige Groschen ver- 
schleuderte, oft nur fur den Preis einer dieser Ansichtskarten, wie 
sie um 1900 herum die Stadtebilder so schon zeigten, in blaue 
Nacht getaucht, mit retuschiertem Mond. Er hat den Pol hochster 
Meisterschaft erreicht; aber in der yerbissenen Bescheidenheit 
eines grofien Konners, der immer im Schatten lebt, hat er es 
unterlassen, seine Fahne dort aufzupflanzen. So kann mancher 
glauben, den Pol entdeckt zu haben, den Atget schon vor ihm 
betreten hat.« In der Tat: Atgets Pariser Photos sind die 
Vorlaufer der surrealistischen Photographie; Vortrupps der ein- 
zigen wirklich breiten Kolonne, die der Surrealismus hat in Be- 
wegung setzen konnen. Als erster desinfiziert er die stickige 
Atmosphare, die die konventionelle Portratphotographie der 
Verfallsepoche verbreitet hat. Er reinigt diese Atmosphare, ja 
bereinigt sie: er leitet die Befreiung des Objekts von der Aura 
ein, die das unbezweifelbarste Verdienst der jiingsten Photo- 
graphenschule ist. Wenn »Bifur« oder »Variete«, Zeitschriften 
der Avantgarde, unter der Beschriftung »Westminster«, »Lille«, 
»Antwerpen« oder »Breslau« nur Details bringen, einmal ein 
Snick von einer Balustrade, dann einen kahlen Wipfel, dessen 
Aste vielfaltig eine Gaslaterne uberschneiden, ein andermal 
eine Brandmauer oder einen Kandelaber mit einem Rettungs- 
ring, auf dem der Name der Stadt stent, so sind das nichts als 
literarische Pointierungen von Motiven, die Atget entdeckte. Er 
suchte das Verschollene und Verschlagene, und so wenden audi 
solche Bilder sich gegen den exotischen, prunkenden, romanti- 
schen Klang der Stadtnamen; sie saugen die Aura aus der Wirk- 
lichkeit wie Wasser aus einem sinkenden Schiff. - Was ist 
eigentlich Aura? Ein sonderbares Gespinst von Raum und Zeit: 
einmalige Erscheinung einer Feme, so nah sie sein mag. An einem 
Sommermittag ruhend einem Gebirgszug am Horizont oder 
einem Zweig folgen, der seinen Schatten auf den Betrachter 
wirft, bis der Augenblick oder die Stunde Teil an ihrer Er- 
scheinung hat - das heifk die Aura dieser Berge, dieses Zweiges 
atmen. Nun ist, die Dinge sich, vielmehr den Massen »naher- 
zubringen«, eine genau so leidenschaftliche Neigung der Heuti- 
gen, wie die Oberwindung des Einmaligen in jeder Lage durch 



Kleine Geschichte der Photographie 379 

deren Reproduzierung. Tagtaglich macht sich unabweisbarer 
das Bediirfnis geltend, des Gegenstands aus nachster Nahe im 
Bild, vielmehr im Abbild habhaft zu werden. Und unverkenn- 
bar unterscheidet sich das Abbild, wie illustrierte Zeitung und 
Wochenschau es in Bereitschaft halten, vom Biide. Einmaligkeit 
und Dauer sind in diesem so eng verschrankt wie Fliichtigkeit 
und Wiederholbarkeit in jenem. Die Entschalung des Gegen- 
stands aus seiner Hulle, die Zertnimmerung der Aura ist die 
Signatur einer Wahrnehmung, deren Sinn fiir alles Gleichartige 
auf der Welt so gewachsen ist, dafi sie es mittels der Reproduk- 
tion audi dem Einmaligen abgewinnt. Atget ist »an den grofien 
Sichten und an den sogenannten Wahrzeichen« fast immer vor- 
ubergegangen; nicht aber an einer langen Reihe von Stiefellei- 
sten; nicht an den Pariser Hofen, wo von abends bis morgens 
die Handwagen in Reih und Glied stehen; nicht an den abge- 
gessenen Tischen und den unaufgeraumten Waschgeschirren, wie 
sie zu gleicher Zeit zu Hunderttausenden da sind; nicht am Bor- 
dell rue ... no j, dessen Fiinf an vier verschiedenen Stellen der 
Fassade riesengrofi erscheint. Merkwiirdigerweise sind aber fast 
alle diese Bilder leer. Leer die Porte d'Arcueil an den fortifs, 
leer die Prunktreppen, leer die Hof e, leer die Cafehausterrassen, 
leer, wie es sich gehort, die Place du Tertre. Sie sind nicht ein- 
sam, sondern stimmungslos; die Stadt auf diesen Bildern ist 
ausgeraumt wie eine Wohnung, die noch keinen neuen Mieter 
gefunden hat. Diese Leistungen sind es, in denen die surrealisti- 
sche Photographie eine heilsame Entfremdung zwischen Umwelt 
und Mensch vorbereitet. Sie macht dem politisch geschulten 
Blick das Feld frei, dem alle Intimkaten zugunsten .der Erhel- 
lung des Details fallen. 

Auf der Hand liegt, dafi dieser neue Blick am wenigsten da 
einzuheimsen hat, wo man sich sonst am lafilichsten erging: in 
der entgeltlichen, reprasentativen Portrataufnahme. Anderer- 
seits ist derVerzicht auf den Menschen fiir die Photographie der 
unvollziehbarste unter alien. Und wer es nicht gewufk hat, den 
haben die besten Russenfilme es gelehrt, dafi auch Milieu und 
Landschafl unter den Photographen erst dem sich erschlieEen, der 
sie in der namenlosen Erscheinung, die sie im Antlitz haben, 
aufzufassen weiE. Jedoch die Moglichkeit davon ist wieder in 
hohem Grad bedingt durch den Aufgenommenen. Die Genera- 



380 Literarische und asthetische Essays 

tion, die nicht darauf versessen war, in Aufnahmen auf die 
Nachwelt zu kommen, eher im Angesicht soldier Veranstal- 
tungen sich etwas scheu in ihren Lebensraum zuriickzog - wie 
Scliopenhauer auf dem Frankfurter Bilde um 1850 in die Tiefen 
des Sessels - eben darum aber diesen Lebensraum mit auf die 
Platte gelangen liefi: diese Generation hat ihre Tugenden nicht 
vererbt. Da gab zum erstenmal seit Jahrzehnten der Spielfilm 
der Russen Gelegenheit, Menschen vor der Kamera erscheinen 
zu lassen, die fur ihr Photo keine Verwendung haben. Und 
augenblicklich trat das menschliche Gesicht mit neuer, unermefi- 
licher Bedeutung auf die Platte. Aber es war kein Portrat mehr. 
Was war es? Es ist das eminente Verdienst eines deutschen 
Photographen, diese Frage beantwortet zu haben. August San- 
der 4 hat eine Reihe von Kopfen zusammengestellt, die der 
gewaltigen physiognomischen Galerie, die ein Eisenstein oder 
Pudowkin eroffnet haben, in gar nichts nachsteht, und er tat es 
unter wissenschaftlichem Gesichtspunkt. »Sein Gesamtwerk ist 
aufgebaut in sieben Gruppen, die der bestehenden Gesellschafts- 
ordnung entsprechen, und soil in etwa 45 Mappen zu je 12 Licht- 
bildern veroffentlicht werden.« Bisher liegt davon ein Auswahl- 
band mit 60 Reproduktionen vor, die unerschopflichen Stoff 
zur Betrachtung bieten. »Sander geht vom Bauern, dem erdge- 
bundenen Menschen aus, fiihrt den Betrachter durch alle Schich- 
ten und Berufsarten bis zu den Reprasentanten der hochsten 
Zivilisation und abwarts bis zum Idioten.« Der Autor ist an 
diese ungeheure Aufgabe nicht als Gelehrter herangetreten, 
nicht von Rassentheoretikern oder Sozialforschern beraten, 
sondern, wie der Verlag sagt, »aus der unmittelbaren Beobach- 
tung«. Sie ist bestimmt eine sehr vorurteilslose, ja kiihne, zu- 
gleich aber auch zarte gewesen, namlich im Sinn des Goethi- 
schen Wortes: »Es gibt eine zarte Empirie, die sich mit dem 
Gegenstand innigst identisch macht und dadurch zur eigentlichen 
Theorie wird.« Demnach ist es ganz in der Ordnung, daf$ ein 
Betrachter wie Doblin gerade auf die wissenschaftlichen Mo- 
mente in diesem Werk gestofien ist und bemerkt: »Wie es eine 
vergleichende Anatomie gibt, aus der man erst zu einer Auffas- 
sung der Natur und der Geschichte der Organe kommt, so hat 

4 August Sander: Antlitz der Zeit. Sechzig Aufnahmen deutscher Mensdien des 20. 
Jahrhunderts. Mit einer Einleitung von Alfred Doblin. Munchen o. J. [1929]. 



Kleine Gesdiichte der Photographie 381 

dieser Photograph vergleichende Photographie getrieben und 
hat damit einen wissenschaftlichen Standpunkt oberhalb der 
Detailphotographen gewonnen.« Es ware ein Jammer, wenn 
die wirtschaftlichen Verhaltnisse die weitere Veroffentlichung 
dieses aufierordentlichen corpus verhinderten. Dem Verlag aber 
kann man neben dieser grundsatzlichen noch eine genauere 
Aufmunterung zuteil werden lassen. Uber Nacht konnte Wer- 
ken wie dem von Sander eine unvermutete Aktualitat zuwach- 
sen. Machtverschiebungen, wie sie bei uns fallig geworden sind, 
pflegen die Ausbildung, Scharfung der physiognomischen Auf- 
fassung zur vitalen Notwendigkeit werden zu lassen. Man mag 
von rechts kommen oder von links - man wird sich daran 
gewohnen miissen, darauf angesehen zu werden, woher man 
kommt. Man wird es, seinerseits, den andern anzusehen haben. 
Sanders Werk ist mehr als ein Bildbuch: ein Obungsatlas. 
»Es gibt in unserem Zeitalter kein Kunstwerk, das so aufmerk- 
sam betrachtet wiirde, wie die Bildnisphotographie des eigenen 
Selbst, der nachsten Verwandten und Freunde, der Geliebten«, 
hat schon im Jahre 1907 Lichtwark geschrieben und damit die 
Untersuchung aus dem Bereich asthetischer Distinktionen in den 
sozialer Funktionen geriickt. Nur von hier aus kann sie welter 
vorstofien. Es ist ja bezeichnend, dafi die Debatte sich da am 
meisten versteift hat, wo es um die Asthetik der » Photographie 
als Kunst« ging, indes man beispielsweise dem soviel fragloseren 
sozialen Tatbestand der »Kunst als Photographie« kaum einen 
Blick gonnte. Und doch ist die Wirkung der photographischen 
Reproduktion von Kunstwerken fiir die Funktion derKunst von 
sehr viel grofierer Wichtigkeit als die mehr oder minder kiinst- 
lerische Gestaltung einer Photographie, der das Erlebnis zur 
»Kamerabeute« wird. In der Tat ist der heimkehrende Ama- 
teur mit seiner Unzahl kunstlerischer Originalaufnahmen nicht 
erfreulicher als ein Jager, der vom Anstand mit Massen von 
Wild zuruckkommt, die nur fiir den Handler verwertbar sind. 
Und wirklich scheint der Tag vor der Tur zu stehen, da es mehr 
illustrierte Blatter als Wild- und Geflugelhandlungen geben 
wird. Soviel vom »Knipsen«. Doch die Akzente springen 
vollig um, wendet man sich von der Photographie als Kunst zur 
Kunst als Photographie. Jeder wird die Beobachtung haben 
machen konnen, wieviel leichter ein Bild, vor allem aber eine 



382 . Llterarische und asthetische Essays 

Plastik, und nun gar Architektur, im Photo sich erfassen lassen 
als in der Wirklichkeit. Die Versuchung liegt nahe genug, das 
schlechterdings auf den Verfall des Kunstsinns, auf ein Versa- 
gen der Zeitgenossen zu schieben. Dem aber stellt sich die Er- 
kenntnis in den Weg, wie ungefahr zu gleicher Zeit mit der 
Ausbildung reproduktiver Techniken dieAuffassung von grofien 
Werken sich gewandelt hat. Man kann sie nicht mehr als Her- 
vorbringungen Einzelner ansehen; sie sind kollektive Gebilde 
geworden, so machtig, daE, sie zu assimilieren, geradezu an die 
Bedingung gekniipft ist, sie zu verkleinern. Im Endeffekt sind die 
mechanischen Reproduktionsmethoden eine Verkleinerungstech- 
nik und verhelfen dem Menschen zu jenem Grad von Herr- 
schaft iiber die Werke, ohne welchen sie gar nicht mehr zur Ver- 
wendung kommen. 

W'enn eins die heutigen Beziehungen zwischen Kunst und Photo- 
graphic kennzeichnet, so ist es die unausgetragene Spannung, 
welche durch die Photographie der Kunstwerke zwischen den 
beiden eintrat. Viele von denen, die als Photographen das heu- 
tige Gesicht dieser Technik bestimmen, sind von der Malerei 
ausgegangen. Sie haben ihr den Riicken gekehrt nach Versu- 
chen, deren Ausdrucksmittel in einen lebendigen, eindeutigen 
Zusammenhang mit dem heutigen Leben zu riicken. Je wacher 
ihr Sinn fur die Signatur der Zeit war, desto problematischer 
ist ihnen nach und nach ihr Ausgangspunkt geworden. Denn 
wieder wie vor achtzig Jahren hat die Photographie von der 
Malerei die Stafette sich geben lassen. »Die schopferischen 
Moglichkeiten des Neuen, sagt Moholy-Nagy, werden meist 
langsam durch solche alten Formen, alten Instrumente und Ge- 
staltungsgebiete aufgedeckt, welche durch das Erscheinen des 
Neuen im Grunde schon erledigt sind, aber unter dem Druck 
des sich vorbereitenden Neuen sich zu einem euphorischen Auf- 
bliihen treiben lassen. So lieferte z. B. die futuristische (statische) 
Malerei die spater sie selbst vernichtende, festumrissene Proble- 
matik der Bewegungssimultaneitat, die Gestaltung des Zeitmo- 
mentes; und zwar dies in einer Zeit, da der Film schon bekannt, 
aber noch lange nicht erfafit war . . . Ebenso kann man - mit 
Vorsicht - einige von den heute mit darstellerisch-gegenstand- 
lichen Mitteln arbeitenden Malern (Neoklassizisten und Veri- 
sten) als Vorbereiter einer neuen darstellerischen optischen 



Kleine Geschichte der Photographie 383 

Gestaltung, die sich bald nur mechanisch technischer Mittel be- 
dienen wird, betrachten.« Und Tristan Tzara, 1922: »Als alles, 
was sich Kunst nannte, gichtbriichig geworden war, entziindete 
der Photograph seine tausendkerzige Lampe und stufenweise 
absorbierte das lichtempfindliche Papier die Schwarze einiger 
Gebrauchsgegenstande. Er hatte die Tragweite eines zarten, un- 
beriihrten Aufblitzens entdeckt, das wichtiger war als alle Kon- 
stellationen, die uns zur Augenweide gestellt werden.« Die 
Photographen, die nicht aus opportunistischen Erwagungen, 
nicht zufallig, nicht aus Bequemlichkeit von der bildenden Kunst 
zum Photo gekommen sind, bilden heute die Avantgarde unter 
den Fachgenossen, weil sie durch ihren Entwicklungsgang gegen 
die grofite Gefahr der heutigen Photographie, den kunstgewerb- 
lichen Einschlag, einigermafien gesichert sind. » Photographie 
als Kunst, sagt Sasha Stone, ist ein sehr gefahrliches Gebiet.« 
Hat die Photographie sich aus Zusammenhangen herausbegeben, 
wie sie ein Sander, eine Germaine Krull, ein Blofifeldt geben, 
vom physiognomischen, politischen, wissenschaftlichen Interesse 
sich emanzipiert, so wird sie »schopferisch«. Angelegenheit des 
Objektivs wird die »Zusammenschau«; der photographische 
Schmock tritt auf. »Der Geist, iiberwindend die Mechanik, deu- 
tet ihre exakten Ergebnisse zu Gleichnissen des Lebens um.« Je 
mehr die Krise der heutigen Gesellschaftsordnung urn sich greift, 
je starrer ihre einzelnen Momente einander in toter Gegensatz- 
lichkeit gegeniibertreten, desto mehr ist das Schopferische - 
dem tiefsten Wesen nach Variante; der Widerspruch sein Vater 
und die Nachahmung seine Mutter - zum Fetisch geworden, 
dessen Zuge ihr Leben nur dem Wechsel modischer Beleuchtung 
danken. Das Schopferische am Photographieren ist dessen Ober- 
antwortung an die Mode. »Die Welt ist schon« - genau das ist 
ihre Devise. In ihr entlarvt sich die Haltung einer Photographie, 
die jede Konservenbiichse ins All montieren, aber nicht einen 
der menschlichen Zusammenhange fassen kann, in denen sie auf- 
tritt, und die damit noch in ihren traumverlorensten Sujets 
mehr ein Vorlaufer von deren Verkauflichkeit als von deren 
Erkenntnis ist. Weil aber das wahre Gesicht dieses photographi- 
schen Schopfertums die Reklame oder die Assoziation ist, darum 
ist ihr rechtmafiiger Gegenpart die Entlarvung oder die Kon- 
struktion. Denn die Lage, sagt Brecht, wird »dadurch so kom- 



3S4 Literarisdie und asthetische Essays 

pliziert, dafi weniger denn je eine einfache >Wiedergabe der 
Realitat< etwas liber die Realitat aussagt. Eine Photographie 
der Kruppwerke oder der A.E.G. ergibt beinahe nidits uber 
diese Institute. Die eigentliche Realitat ist in die Funktionale ge- 
rutscht. Die Verdinglicliung der mensdilichen Beziehungen, also 
etwa die Fabrik, gibt die letzteren nicht mehr heraus. Es ist also 
tatsachlich, >etwas aufzubauen<, etwas >Kunstliches<, >Gestell- 
tes<.« Wegbereiter einer solchen photographischen Konstruktion 
herangebildet zu haben, ist das Verdienst der Surrealisten. 
Eine weitere Etappe in dieser Auseinandersetzung zwischen 
schopferischer und konstruktiver Photographie bezeichnet der 
Russenfilm. Es ist nicht zuviel gesagt: die grofien Leistungen 
seiner Regisseure waren nur moglich in einem Lande, wo die 
Photographie nicht auf Reiz und Suggestion, sondern auf Ex- 
periment und Belehrung ausgeht. In diesem Sinne, und nur in 
ihm, lafit sich der imposanten Begriifiung, mit der im Jahre 1855 
der ungeschlachte Ideenmaler Antoine Wiertz der Photographie 
entgegenkam, auch heut noch ein Sinn abgewinnen. »Vor eini- 
gen Jahren ist uns, der Ruhm unseres Zeitalters, eine Maschine 
geboren worden, die tagtaglich das Staunen unserer Gedanken 
und der Schrecken unserer Augen ist. Ehe noch ein Jahrhundert 
um ist, wird diese Maschine der Pinsel, die Palette, die Farben, 
die Geschicklichkeit, die Erfahrung, die Geduld, die Behendig- 
keit, die Treffsicherheit, das Kolorit, die Lasur, das Vorbild, 
die Vollendung, der Extrakt der Malerei sein . . . Glaube man 
nicht, dafi die Daguerreotypie die Kunst tote . . . Wenn die 
Daguerreotypie, dieses Riesenkind, herangewachsen sein wird; 
wenn all seine Kunst und Starke sich wird entfaltet haben, 
dann wird der Genius es plotzlich mit der Hand am Genick 
packen und laut rufen: Hierher! Mir gehorst du jetzt! Wir wer- 
den zusammen arbeiten.« Wie nuchtern, ja pessimistisch dagegen 
die Worte, in denen vier Jahre spatef im » Salon von i8j9« 
Baudelaire die neue Technik seinen Lesern ankundigt. Sie lassen 
sich so wenig wie die eben angefuhrten heute ohne eine leise 
Akzentverschiebung mehr lesen. Aber indem sie von jenen das 
Gegenstiick sind, haben sie ihren guten Sinn behalten als scharf- 
ste Abwehr aller Usurpationen kunstlerischer Photographie. »In 
diesen klaglichen Tagen ist eine neue Industrie hervorgetreten, 
die nicht wenig dazu beitrug, die platte Dummheit in ihrem 




Der Photograph Karl Dauthendey, der Vater des Dichters, und seine Braut 
Photo Karl Dauthendey 

Abbildung i 




Fischweib aus Newhaven 
Photo David Octavius Hill 

Abbildung 2 












i. 




Der Philosoph Schelling 
Unbekannter deutscher Photograph, um 1850 

Abbildung 3 




Bildnis Robert Bryson 
Photo David Octavius Hill 



Abbildung 4 




Photo Germaine Krull 
Abbildung 5 




Photo Germaine Krull 
Abbildung 6 



Konditor 

Photo August Sander 

Abbildung 7 




Abgeordneter (Demokrat) 
Photo August Sander 

Abbildung 8 



Kleine Geschichte der Photographie 385 

Glauben zu bestarken . . ., dafi die Kunst nidits anderes ist und 
sein kann als die genaue Wiedergabe der Natur . . . Ein racheri- 
scher Gott hat die Stimme dieser Menge erhort. Daguerre ward 
sein Messias.« Und: »Wird es der Photographie erlaubt, die 
Kunst in einigen ihrer Funktionen zu erganzen, so wird diese 
alsbald vollig von ihr verdrangt und verderbt sein, dank der 
nauirlichen Bundesgenossenschaft, die aus der Menge ihr erwach- 
sen wird. Sie mufi daher zu ihrer eigentlichen Pflicht zuriick- 
kehren, die darin besteht, der Wissenschaften und der Kiinste 
Dienenn zu sein«. 

Ems aber ist damals von beiden - Wiertz und Baudelaire - 
nicht erfafit worden, das sind die Weisungen, die in der Authen- 
tizitat der Photographie liegen. Nicht immer wird es gelingen, 
mit einer Reportage sie zu umgehen, deren Klischees nur die 
Wirkung haben, sprachliche im Betrachter sich zu assoziieren. 
Immer kleiner wird die Kamera, immer mehr bereit, fliichtige 
und geheime Bilder festzuhalten^ deren Chock im Betrachter 
den Assoziationsmechanismus zum Stehen bringt. An dieser 
Stelle hat die Beschriftung einzusetzen, welche die Photographie 
der Literarisierung aller Lebensverhaltmsse einbegreifr, und ohne 
die alle photographische Konstruktion im Ungefahren stecken 
bleiben muK. Nicht umsonst hat man Aufnahmen von Atget 
mit denen eines Tatorts verglichen. Aber ist nicht jeder Fleck 
unserer Stadte ein Tatort? nicht jeder ihrer Passanten ein 
Tater? Hat nicht der Photograph - Nachfahr der Augurn und 
der Haruspexe - die Schuld auf seinen Bildern aufzudecken 
und den Schuldigen zu bezeichnen? »Nicht der Schrift-, sondern 
der Photographieunkundige wird, so hat man gesagt, der Anal- 
phabet der Zukunft sein.« Aber mufi nicht weniger als ein Anal- 
phabet ein Photograph gelten, der seine eigenen Bilder nicht 
lesen kann? Wird die Beschriftung nicht zum wesentlichsten 
Bestandteil der Aufnahme werden? Das sind die Fragen, in 
welchen der Abstand von neunzig Jahren, der die Heutigen von 
der Daguerreotypie trennt, seiner histonschen Spannungen sich 
entladt. Im Scheine dieser Funken ist es, dafi die ersten Photo- 
graphien so schon und unnahbar aus dem Dunkel der Grofi- 
vatertage heraustreten. 



386 



Paul Valery 
Zu seinem 60. Geburtstag 



O langage charge* de sel, et pa- 
roles veritablement marines! 

Seeoffizier hat Valery einmal werden wollen. In dem, der er 
geworden ist, sind die Zlige dieses Jugendtraumes noch immer 
kenntlich. Da ist zum ersten seine Dichtung, von der gehaltenen 
Formenfiille, die die Sprache dem Denken abgewinnt wie das 
Meer der Windstille; und zweitens ist da dieses Denken, ein 
durch und durch mathematisch gerichtetes, das sich iiber die 
Sachverhalte wie iiber Seekarten beugt und ohne im Anblick 
von »Tiefen« sich zu gefallen schon gliicklich ist, einen ungefahr- 
deten Kurs zu halten. Das Meer und die Mathematik: sie treten 
an einer der schonsten Stellen, die er geschrieben hat, im erzah- 
lenden Sokrates, der der Phaedra von dem Funde berichtet, den 
er am Ufer machte, in bestrickende Ideenverbindung. Es ist ein 
zweifelhaftes Gebilde - Elfenbein oder Marmor oder ein Tier- 
knochen -, das da, fast wie ein Haupt mit Ziigen des Apollon, 
die Brandung ans Ufer spulte. Und Sokrates fragt sich, ob das 
das Werk der Wellen sei oder des Kunstlers; er wagt es ab: wie 
lange der Ozean wohl braucht, bis unter Milliarden Formen 
ein Zufall diese eine bilden mag, wie lange der Kunstler, und er 
kann wohl sagen, »dafi ein Kunstler tausend Jahrhunderte wert 
ist oder hunderttausend oder noch sehr viel mehr . . . £)a liegt 
ein sonderbarer Mafistab flir Werke.« Hatte man am sechzigsten 
Geburtstag den Verfasser dieses grofiartigen Werks, des »Eupali- 
nos oder der Architekt«, mit einem Exlibris zu iiberraschen: es 
konnte einen gewaltigen Zirkel darstellen, den einen Schenkel 
fest in den Meeresboden gerammt, den andern weit zum Hori- 
zont ausgespannt. Es ware ein Gleichnis audi fur die Spannweite 
dieses Mannes. Spannung ist der beherrschende Eindruck seiner 
korperlichen Erscheinung, Spannung der Ausdruck seines Haup- 
tes, dessen tiefgelegene Augen eine Entrucktheit von irdischen 
Bildern andeuten, die es dem Mann erlaubt, den Kurs seines 
Innenlebens nach diesen wie nach den von Sternen zu bestim- 
men. Einsamkeit ist die Nacht, aus der solche Bilder strahlen, 
und von ihr hat Valery eine lange Erfahrung. Als er mit 



Paul Valery 387 

funfundzwanzig Jahren seine ersten Gedichte und die beiden 
ersten Essays herausgegeben hatte, begann die zwanzlgjahrige 
Pause seiner ofTentlichen Wirksamkeit, aus der er 1917 mit dem 
Gedicht »Die junge Parze« so glanzend hervortrat. Acht Jahre 
spater hatte eine F^eihe hervorragender Werke und sinnreicher 
Manover in der Gesellschaft ihm die Aufnahme in die Academie 
Franchise erwirkt. Nicht ohne feine Bosheit bestimmte man ihn 
dort fiir den Fauteuil von Anatole France. Valery parierte den 
Hieb mit einer ungemein eleganten Ansprache - dem obligaten 
Lob seines Vorgangers -, in welcher der Name France kein 
einziges Mai genanntwurde. Im iibrigen enthalt dieseRede einen 
Ausblick auf die Schriftstellerei, der ungewohnlich genug ist, 
um den Verfasser zu kennzeichnen. Es ist die Rede von einem 
»Tale Josaphat«, in dem die Menge der Schreibenden, einstiger 
und jetziger, sich drangt: »Alles Neue verliert sich in anderm 
Neuen. Jede Illusion, orginal zu sein, schwindet. Die Seele wird 
betriibt und wendet in Gedanken, zwar mit Schmerz, jedoch 
mit sonderbarem, der mit tiefem Mitleid und Ironie versetzt ist, 
jenen Millionen federbewehrter Geschopfe sich zu, jenen zahl- 
losen Agenten des Geistes, deren jeder zu seiner Stunde sich als 
freier Schopfer, als erste bewegende Ursache, als Besitzer einer 
unumstofilichen GewiEheit, als einziger unverwechselbarer 
Quell vorkam, und er, der seine Tage so mit Miihsal zugebracht 
und die besten Stunden darauf verwandt hatte, in Ewigkeit ein 
Unterschiedener zu bleiben, ist nun durch die Vielzahl zunichte 
geworden und von der immerwachsenden Schar ihm Gleicher 
verschlungen.« Bei Valery ist an die Stelle dieses ganz und gar 
vergeblichen Willens, sich zu unterscheiden, ein anderer getreten 
- der Wille zur Dauer, zu der Dauer des Geschriebenen. Dauer 
des Geschriebenen jedoch ist etwas durchaus anderes als Unsterb- 
lichkeit des Schreibers, hat in vielen Fallen ohne sie bestanden. 
Dauer, nicht Originalitat ist es, die das Klassische im Schrifttum 
kennzeichnet, und Valery ist nicht miide geworden, ihren Be- 
dingungen nachzugehen. »Ein klassischer Schriftsteller«, sagt 
er, »ist ein Sch rifts teller, der seine Ideenassoziationen verbirgt 
oder absorbiert.« An jenen Stellen, wo der Schwung den Autor 
aufs Ganze gehen lieft, wo er sich der Fiigung uberhoben glaub- 
te, keine Fugen sah, und weil er sie nicht sah, sie audi nicht 
fullte - an jenen Stellen setzt der Schimmel des Veraltens an. 



388 Literarische und asthetische Essays 

Um Fugen, Grenzen des Gedankens zu erkennen, braucht es 
Selbstkritik. Valery geht der Intelligenz des Schreibenden, 
zumal des Dichters, inquisitorisch nach, verlangt den Bruch mit 
der weitverbreiteten Auffassung, dafi sie beim Schreibenden 
sich von selbst verstehe, geschweige mit der noch viel weiter ver- 
breiteten, dafi sie beim Dichter nichts zu sagen habe. Er selbst 
hat eine und von einer Art, die sich durchaus nicht von selbst 
versteht. Nichts kann befremdender sein als ihre Verkorperung, 
Herr Teste. Immer wieder, vom friihesten Schaffen bis zum 
spaten, greift er auf die sonderbare Gestalt zuriick, um welche 
so sich^ein ganzer Kreis kleiner Schriften - ein Abend mit Mon- 
sieur Teste, ein Brief seiner Frau, eine Vorrede und, wie es sich 
versteht, audi ein Logbuch - gruppiert hat. Monsieur Teste - zu 
deutsch: Herr Kopf - ist eine Personifikation des Intellekts, 
die sehr an den Gott erinnert, von dem die negative Theologie 
des Nicolaus Cusanus handelt. Auf Negation lauft alles, was 
man von Teste erfahren kann, hinaus. Das iiberaus Reizvolle 
seiner Darstellung hegt denn auch nicht in Theoremen, sondern 
in den Tricks einer Verhaltungsweise, die dem Nichtsein sowenig 
Abbruch wie moglich und der Maxime Genii ge tut: »Jede Er- 
regung, jedes Gefiihl ist Anzeichen eines Fehlers in der Kon- 
struktion und der Anpassung.« Mag Herr Teste sich von Hause 
aus Mensch fuhlen - er hat sich Valerys Weisheit zu Herzen 
genommen, die wichtigsten Gedanken seien die, die unserm Ge- 
fiihl widersprechen. Er ist denn auch die Negation des »Mensch- 
lichen«: »Sieh, die Dammerung des Ungefahr bricht herein, und 
vor der Tiir steht die Herrschaft des Entmenschten, welche her- 
vorgehen wird aus der Genauigkeit, der Strenge und der Rein- 
heit in den Angelegenheiten der Menschen.« Nichts Ausladen- 
des, Pathetisches, nichts »Menschliches« geht in den Umkreis 
dieses Valeryschen Sonderlings ein, dem der Gedanke die 
einzige Substanz darstellt, aus welcher das Vollkommene sich 
bilden lafit. Von dessen Attributen eines ist die Kontinuitat. So 
sind auch Wissenschaft und Kunst im reinen Geiste ein Kon- 
tinuum, durch welches die Methode Leonardos - der im Erst- 
lingswerk des Dichters, der »Einleitung in die Methode Leonar- 
do da Vincis«, als ein Vorlaufer des Herrn Teste auftritt - 
Wege bahnt, welche in keinem Fall als Grenzen mifiverstanden 
werden diirfen. Die Methode ist es, die in ihrer Anwendung auf 



Paul ValeYy 389 

die Dichtung Valery zum beriihmten BegrifF der poesie pure 
gefiihrt hat, welcher gewifi nicht dazu geschaffen war, von einem 
schongeistigen Abbe monatelang durdi die literarischen Zeit- 
schriften Frankreichs gesdileift zu werden, um ihm das Einge- 
standms seiner Identitat mit dem Begriff des Gebets abzuno- 
tigen. Immer wieder, und mit erstaunlichem Gelingen, hat 
Valery selbst die einzelnen Stationen in der Geschichte der poe- 
tischen Theorien - die Thesen Poes und Baudelaires und Mallar- 
mes - bezeichnet, in denen das Konstruktive und das Musika- 
lische der Lyrik ihre Kompetenzen gegeneinander abzugrenzen 
suchten, bis sie bei ihm selber in Reflexionen, deren Mitte seine 
lyrischen Meisterwerke - »Le cimetiere marin«, »La jeune 
parque«, »Le serpent« - bilden, sich selbst als das vollendete 
Ineinanderspiel von Intelligenz und Stimme begreift. Die 
Ideen seiner Gedichte heben sich wie Inseln aus dem Meer 
der Stimme. Das ist es, was diese Gedankenlyrik von allem 
trennt, was wir im Deutschen so nennen: nirgends stofit die 
Idee in ihr mit dem »Leben« zusammen oder der »Wirklich- 
keit«. Der Gedanke hat es mit nichts zu tun als der Stimme: das 
ist die Quintessenz der poesie pure. »Die Lyrik ist diejenige 
Dichtungsart, welche die Stimme in Aktion zu ihrer Voraus- 
setzung hat, - die Stimme, wie sie unmittelbar ausgeht oder 
erweckt wird von den Dingen, die man sieht oder die man in 
ihrer Gegenwart fuhlt.« Und: »Die Forderungen einer stren- 
gen Prosodie sind der Kunstgriff, kraft dessen die natiirliche 
Redeweise die Eigenschaften eines Widerstand leistenden Ma- 
terials bekommt, das unserer Seele f remd und unseren V/iinschen 
wie taub gegeniibersteht.« Und eben dies ist das Eigentumliche 
der reinen Intelligenz. Diese intelligence pure aber, die bei Va- 
lery auf den unwirtlichen Gipfeln einer esoterischen Dichtung 
Winterquartiere bezogen hat, ist doch dieselbe, unter deren Fuh- 
rung das europaische Burgertum im Zeitalter der Entdeckungen 
auf seine Eroberungen ausging. Der cartesianische Zweifel am 
Wissen hat sich bei ValeVy fast abenteuerlich und dennoch 
methodisch vertieft zu einem Zweifel an den Fragen selbst: 
»Nichts anderes als unsere geistigen Ausfallserscheinungen sind 
der Bereich der Machte des Zufalls, der Gotter und des Schick- 
sals. BesaEen wir auf alles eine Antwort - will sagen eine exakte , 
Antwort - so wiirden diese Machte nicht existieren . . . Wir f uhlen 



390 Literarische und asthetische Essays 

das auch genau, und dies ist der Grund, warum wir uns am Ende 
gegen unsere eigenen Fragen wenden. Das miifite aber den An- 
fang darstellen, Man mufi im Innern bei sich selber eine Frage 
formen, die alien andern vorhergeht und ihrer jeder abfragt, was 
sie taugt.« Die strikte Riickbeziehung soldier Gedanken auf die 
heroische Periode des europaischen Biirgertums gestattet es, 
der Oberraschung Herr zu werden, mit der wir hier auf einem 
vorgeschobensten Punkte des alten europaischen Humanismus 
noch einmal der Idee des Fortschritts begegnen. Und zwar ist es 
die stichhaltige und echte: die des ubertragbaren in den Metho- 
den, welche dem Begriff der Konstruktion bei Valery so hand- 
greiflich korrespondiert, wie sie der Zwangsvorstellung der In- 
spiration zuwiderlaufL »Das Kunstwerk«, hat einer seiner In- 
terpreter! gesagt, »ist keine Schopfung: es ist eine Konstruktion, 
in der die Analyse, die Berechnung, die Planung die Hauptrolle 
spielen.« Die letzte Tugend des methodischen Prozesses, den 
Forschenden uber sich selbst hinauszufiihren, hat sich dabei an 
Valery bewahrt. Denn wer ist Monsieur Teste, wenn mcht 
das Individuum, welches, schon bereit die Schwelle des geschicht- 
lichen Verschwindens zu uberschreiten, noch einmal, schattenhaft, 
auf den Appell sich einstellt, urn sogleich unterzutauchen, wo es, 
von keinem mehr betroffen, in eine Ordnung eingeht, deren 
Nahen Valery folgendermafien umschreibt: »Im Zeitalter Na- 
poleons hatte die Elektrizkat ungefahr die Bedeutung, die man 
zur Zeit des Tiberius dem Christentum beimessen konnte. All- 
mahlich wurde es offenkundig, dafi diese allgemeine Innervation 
der Welt folgenschwerer und besser imstande war, das kunftige 
Leben zu andern als alle >politischen< Ereignisse von Ampere bis 
auf den heutigen Tag.« Der Blick, den er auf diese kommende 
Welt wirft, ist nicht mehr der des Offiziers, sondern nur noch der 
des wetterkundigen Seemanns, der den grofien Sturm nahen 
fiihlt und die veranderten Bedingungen des Weltgeschehens - 
»zunehmende Prazision und Genauigkeit, zunehmende Wir- 
kungsstarke« - zu gut erkannt hat, um nicht zu wissen, daft 
ihnen gegeniiber selbst »die tiefsten Gedanken eines Machiavell 
oder Richelieu heute nur die Zuverlassigkeit und den Wert von 
Borsentips« haben. So steht er »aufrecht da, der Mann auf dem 
Kap des Denkens, Ausschau haltend, so scharf ef kann, nach 
den Grenzen der Dinge oder der Sehkraft«. 



39 1 
Oedipus oder Der vernunftige Mythos 

Es diirfte kurz nach dem Kriege gewesen sein, dafi man von dem 
englischen Buhnenexperiment »Hamlet im Frack« horte. Man 
hat damals viel iiber diesen Versuch debattiert; vielleicht geniigt 
es hier, das Paradoxon festzuhalten, das Stuck sei zu modern, 
um modernisiert zu werden. Fraglos hat es Epochen gegeben, die 
Entsprechendes, ohne bewufite Zwedke damit zu verfolgen, 
unternehmen konnten; es ist bekannt, dafi in den Mysterien- 
spielen des Mittelalters genau wie auf den gleichzeitigen Bildern 
die Figuren in Kostiimen der Zeit auftraten. Aber gewifi ist, dafi 
dergleichen heute der genauesten kiinstlerischen Besinnung ent- 
stammen mufi, um mehr zu sein als snobistischer Scherz. In der 
Tat hat man nun aber verfolgen konnen, wie in den letzten 
Jahren grofie oder zumindest besonnene Kiinstler dergleichen 
»Modernisierungen« und zwar so gut in der Dichtung wie in der 
Musik und Malerei ins Werk gesetzt haben. Der Richtung, die 
Picasso mit den Bildern um 1927, Strawinsky mit dem »Odi- 
pus Rex«, Cocteau mit dem »Orpheus« reprasentieren, hat man 
den Namen Neoklassizismus gegeben. Nun steht dieser Name 
hier nicht, um Gide an diese Richtung anzuschliefien (wogegen 
er mit Recht Einspruch erheben wiirde), sondern um anzudeuten, 
wie die verschiedensten Kiinstler dazu kamen, grade am Grie- 
chentum jene Entkleidung oder, wenn man will, Verkleidung im 
Sinne der Gegenwart vorzunehmen. Einmal konnten sie sich 
davon den Vorteil versprechen, bekannte, aber doch dem aktuel- 
len Stoffkreis entriickte Gegenstande fiir ihre Versuche zu ge- 
winnen. Denn um ausgesprochene Versuche konstruktiver Art, 
gewissermafien Studio- Werke, handelt es sich in alien diesen 
Fallen. Zweitens aber konnte grade der konstruktivistischen 
Absicht nichts angelegener sein als den Wettbewerb mit den 
durch Jahrhunderte als Kanon des Organischen, Gewachsenen 
in Geltung stehenden Werken des Griechentums aufzunehmen. 
Und drittens ist da die geheime oder orTentliche Absicht im Spiel 
gewesen, eine echte geschichtsphilosophische Probe auf die Ewig- 
keit - will sagen immer von neuem sich bewahrende Aktua- 
litat - des Griechentums zu machen. Mit dieser dritten Oberle- 
gung aber befindet sich der Betrachter bereits im Mittelpunkt 
von Andre Gides letztem Werk. Ohnehin wird es ihm bald 



392 Literarische und asthetische Essays 

aufgehen, dafi es mit der Umwelt dieses Oedipus seine Bewandt- 
nis hat. Da ist die Rede vom Sonntag, von Verdrangung, von 
Lothringern, Decadents und Vestalinnen. Der Dichter macht es 
seinem Publikum unmoglich, an Einzelheiten des Lokals, der 
Lage sich zu klammern; er nimmt ihm selbst die Illusion, nennt 
gleich mit den ersten Worten die Biihne bei ihrem Namen. Kurz, 
wer ihm folgen will, der mufi sich »freischwimmen«, die Wogen- 
kamme und die Wellentaler des seit zweitausend Jahren beweg- 
ten Sagenmeers nehmen wie sie kommen, sich tragen und sich 
fallen lassen. Nur so wird er zu spiiren bekommen, was dieses 
Griechentum ihm, er diesem Griechentum sein kann. Was? Das 
ist im Oedipus selbst zu finden und von alien tiefsinnigen oder 
spielerischen Abwandlungen, die die Sage bei Gide erfahrt, ist 
es die seltsamste. »Aber ich begreife, ich allein habe begriffen, 
dafS das einzige Losungswort, das einen vor den Klauen der 
Sphinx bewahren konnte, der Mensch hiefi. Wohl gehorte ein 
gewisser Mut dazu, dieses Wort auszusprechen, aber ich hatte 
es schon in Bereitschaft, ehe ich das Ratsel vernommen hatte, 
und meine Starke lag darin, dafi ich von keiner anderen Antwort 
wissen wollte, wie immer die Frage ware.« 
Vorher hat Oedipus das Wort gewufit, an dem die Macht der 
Sphinx sich brechen mufite; so hat auch Gide das Wort, kraft 
dessen sich das Grausen der sophokleischen Tragodie lichtete, 
vorher gewufit. Mehr als zwolf Jahre sind es, da erschienen seine 
»Gedanken iiber die griechische Mythologie« und dort heifit 
es: »Wie hat man nur dergleichen glauben konnen? ruft Vol- 
taire. Und dennoch: an erster Stelle ist es die Vernunft und nur 
die Vernunft ist es, an die jeder Mythos sich wendet und keinen 
hat man verstanden, wenn nicht zuerst die Vernunft ihn an- 
nimmt. Die griechische Sage ist von Grund auf verniinftig und 
eben daher darf man, ohne ein schlechter Christ zu sein, sagen, 
dafi sie viel leichter zu fassen ist als die Lehre des Paulus.« Nun 
verstehe man recht: nirgends behauptet der Dichter, es sei die 
ratio, die die griechische Sage gewoben, noch auch, dafi nur in 
ihr der griechische Sinn des Mythos gelegen habe. Das Wichtige 
ist vielmehr, welchen Abstand der heutige von jenem alten 
Sinn gewinnt und wie der Abstand von der alten Deutung nur 
neue Nahe zur Sage selber ist, aus der der neue Sinn sich un- 
erschopflich immer neuem Finden bietet. Darum ist die Grie- 



Oedipus oder Der vernunftige Mythos 393 

chensage wie der Krug Philemons, »den kein Durst leert, wenn 
man in Jupiters Gesellschaft trinkt«. Der rechte Augenblick ist 
auch ein Jupiter und somit kann der Neoklassizismus heute in 
der Sage entdecken, was noch niemals in ihr gefunden wurde: 
die Konstruktion, die Logik, die Vernunft. 
Wir halten ein, um uns entgegnen zu lassen, anstelle der Erkla- 
rung sei nunmehr ein wahrhaft schwindelerregendes Paradoxon 
getreten. Da, wo der Palast des Oedipus gestanden hat, das 
Haus, das wie kein anderes von Nacht und Grauen, Blutschan- 
de, Vatermord, Verhangnis, Schuld umwittert war, soil heute 
sich der Tempel der Gottin der Vernunft erheben? Wie kann 
das sein? Was ist dem Oedipus in den dreiundzwanzig Jahrhun- 
derten, da Sophokles ihn zuerst auf die GriechenbUhne stellte, 
bis zu dem heutigen Tage, da ihn Gide von neuem auf die 
Frankreichs stellt, geschehen? Wenig. Was bewirkt dies Wenige?. 
Viel. Oedipus hat die Sprache gewonnen. Der sophokleische 
Oedipus namlich ist stumm, fast stumm. Spiirhund auf seiner 
eigenen Spur, Schreiender unter der Mifihandlung seiner eige- 
nen Hande, kann Denken, ja Besinnung keine Stelle in seinen 
Reden finden. Zwar ist er unersattlich, das Fiirchterliche von 
neuem immer wiederholend, auszusprechen: 

O Ehe, Ehe! 
Du pflanztest mich. Und da du mich gepflanzt, 
So sandtest du denselben Saamen aus, 
Und zeigtest Vater, Briider, Kinder, ein 
Verwandtes Blut, und Jungf raun, Weiber, Mutter, 
Und was nur schandlichstes entstehet unter Menschen! 

Aber eben diese Rede ist es, die sein Inneres verstummen lafit, 
wie er denn auch der Nacht ganz ahnlich werden mochte: 

Sondern ware fiir den Quell, 
Der in dem Ohre tont, ein Schlofi, ich hielt es nicht, 
Ich schlosse meinen miiheseelgen Leib, 
Dafi blind ich war* und taub. 

Und wie sollte er nicht verstummen, wie sollte das Denken die 
Verstrickung jemals losen, die es ganz unentscheidbar macht, 
was ihn zugrunde richtet: das Verbrechen selbst, der Spruch des 
Apollon oder der Fluch, den er selber dem Morder des Laios 



394 Literarische und asthetische Essays 

anheftet? Obrigens aber kennzeichnet diese Stummheit nicht den 
Oedipus allein sondern den Helden der griechischen Tragodie 
iiberhaupt. Darum ist sie es, bei welcher immer wieder neuere 
Forsdier verweilen. »Der tragische Held hat nur eine Sprache, 
die ihm vollkommen entspricht: eben das Sdiweigen.« Oder 
ein anderer Autor: Die tragischen »Helden spreciien gewisser- 
mafien oberflachlicher, als sie handeln«. Oder ein Dritter: »In 
der Tragodie besinnt sich der heidnische Mensch, dafi er besser 
ist als seine Gotter, aber diese Erkenntnis verschlagt ihm die 
Sprache, sie bleibt dumpf. Ohne sich zu bekennen sucht sie 
heimlich ihre Gewalt zu sammeln . . . Es ist gar keine Rede da- 
von, dafi die >sittliche Weltordnung< wieder hergestellt werde, 
sondern es will der moralische Mensch noch stumm, noch unmiin- 
dig - als soldier heifit er der Held - im Erbeben jener qualvollen 
Welt sich aufrichten. Das Paradoxon der Geburt des Genius in 
moralischer Sprachlosigkeit, moralischer InfantiHtat ist das Er- 
habene der Tragodie. « 

Von hier aus nun erst ist die Kiihnheit des Versuchs zu iiber- 
blicken, den Helden der Tragodie mit der Sprache zu begaben. 
Nun tritt ins Licht, was die grofiartigen Worte iiber das »Schick- 
sal« zu sagen haben, die der Dichter im schon erwahnten Zu- 
sammenhange, lange bevor er im » Oedipus « sie einloste, nieder- 
schrieb: »Mit diesem widerwarugen Wort gesteht man dem 
Zufall sehr viel mehr zu als ihm gebiihrt; es treibt sein Unwesen 
iiberall, wo man auf eine Erklarung verzichtet. Nun aber be- 
haupte ich, je mehr man in der Sage das Schicksal zunickdrangt 
desto lehrreicher wird sie.« Am Ende des zweiten Akts ist im 
sophokleischen Drama (das deren fiinf hat) die Rolle des Sehers 
Tiresias beendet. Zweitausend Jahre hat Oedipus gebraucht, um 
ihm bei Gide in jener grofien Debatte entgegenzutreten, in der 
er ausspricht, was er bei Sophokles nicht einmal zu denken ge- 
wagt hatte: »Dieses Verbrechen hatte Gott mir auferlegt. Er 
hatte es auf meinem Wege verborgen. Schon vor meiner Geburt 
war die Falle gestellt, iiber die ich straucheln sollte, denn entwe- 
der log dein Orakel oder ich konnte mich nicht retten. Ich war 
umstellt.« 

Dank solcher ungesuchten Oberlegenheit des Helden siedelt nun 
bei Gide am Ort oder doch im Weichbild des alten Grauens das 
Satyrspiel sich an, wie es durch Kreons Worte, hin und wieder 



Chnstoph Martin Wieland " 395 

auch durch die des Chors hindurchscheint. Nie iiberlegener als in 
der Ermahnung, die Oedipus den Kindern, die er im Gesprach 
belauscht, erteilt. Ein Stammgast der Rotonde hatte sich nicht 
unbefangener zu der Frage aufiern konnen. Es ist, als lagen in 
den unentwirrbaren Verhaltnissen seines Hauses alle kleinbiir- 
gerlichen hauslichen Miseren (ins Ungeheure gesteigert) vor 
ihm. Er wendet ihnen den Riicken, um den Spuren der Emanzi- 
pierten zu folgen, die vorangegangen sind: des jiingeren Bru- 
ders aus dem »Verlorenen Sohn« und des Wanderers aus den 
»Nourritures Terrestres«. Oedipus 1st der alteste der grofien 
Aufbrechenden, die ihren Wink von dem bekamen, der ge- 
schrieben hat: »Il faut toujours sortir n'importe d'ou.« 



Christoph Martin Wieland 

Zum zweihundertsten Jahrestag seiner Geburt 

Wieland wird nicht mehr gelesen. Es hiefie ihm und seinem 
Jubilaum wenig Ehre machen, an dieser Tatsache vorbeizu- 
gehen oder Hinweise von zweifelhaftem Wert auf die »Stellen« 
zu geben, die heute noch lesbar sind. Das fiihrt bestimmt nicht 
auf das Wesentliche. Wesentlich ist das geschichtliche Eingebet- 
tetsein Wielands in die Epoche zwischen Barock und der Roman- 
tik, und wesentlicher noch, dafi dort sein Werk so eng in der 
Umklammerung der Zeitumstande liegt, dafi es nicht ohne seine 
wertvollsten Partien zu verletzen sich herauslosen liefte. Da- 
gegen kann es kein gewissenhaftes Studium jener deutschen 
Zeitumstande geben, das nicht zugleich ins Innerste von Wie- 
lands Figur hineingriffe. »Die Zahl derer,« sagt mit Recht 
Theodor Heufi, »denen die Begegnung mit Wieland eine unmit- 
telbare Auseinandersetzung mit menschlichem Wesen und schop- 
ferischem Dichtertum aufzwingt, mag heute gering geworden 
sein. Aber er bleibt wichtig und wird fast immer interessanter, 
wenn man ihn in seinem geschichtlichen Raum sieht.« Das ist 
nun allerdings leichter gesagt als getan. Das Werk von Wie- 
land machte offensichtlich so wenig Anspriiche auf Tiefe, dafi 
der Fehlschlufi nahelag, auch seine Darstellung konne auf sie 
verzichten. So ist es schwerlich. Vielmehr ist der geschichtliche 



39*> e Literarische und asthetische Essays 

Gehalt und Sinn von Wielands Oberflachlichkeit noch heute 
kaum gesichtet und »bietet wirklich geistige Probleme, die man 
durchdenken mufi, nicht nur literarhistorisdie Aufgaben, die 
man abarbeiten kann.« Da diese Probleme ihrerseits viel auf- 
merksame Versenkung ins Detail erfordern, so ist, je weniger 
Wieland vom breiten Publikum gelesen wird, umso erheblicher 
das Interesse der Forschung an der grofien, auf ungefahr 50 
Bande veranschlagten Wieland-Ausgabe, welche die PreuEische 
Akademie der Wissenschaften seit 1909 erscheinen lafit. Es hat 
seinen guten geschichtlichen Sinn, wenn eines - hoffentlich nicht 
allzuspaten - Tages Wieland in dieser Ausgabe mit alien 
Ehren und aller Sorgfalt an den Tag gebracht wird, weldie er 
selber einem Aristophanes und Lukian, einem Cicero und Horaz 
gewidmet hat. 

Wieland wurde am 5. September 1733 in Oberholzheim, einem 
Dorf in der Nahe von Biberach geboren. Dieses Biberach, in 
dem Wielands Vorfahren seit zwei Jahrhunderten ansassig 
waren, war freie Reichsstadt. Unter den vielen ihresgleichen 
besafi sie eine Eigentumlichkeit. Der Westfalische Frieden hatte 
ihr »Paritat« verliehen. Nicht in jeder Hinsicht zu ihrem Segen. 
Alle Amter namlich waren seitdem zweifach besetzt, jeweils mit 
einem Angehorigen der beiden streitenden Konfessionen. So 
ging es vom Burgermeister herab bis zu den Hebammen und 
Totengrabern. Dies Privileg, das okonomisch schwer genug auf 
der Stadt lastete, hat ihr doch auch eine gewisse WeltofTenheit 
verschafft. Und jedenfalls hat Wieland noch in spateren Jah- 
ren, ruckblickend, in dieser Besonderheit eine Chance gesehen. 
Sein Vater gab ihn mit 13 Jahren auf die Klosterschule Klo- 
sterbergen bei Magdeburg. Um diese Zeit - in die auch die erste 
Ausgabe von Klopstocks »Messias« fallt - scheinen die pietisti- 
schen Einflusse in Wielands Jugendbildung den Hohepunkt er- 
reicht und den Ruckschlag vorbereitet zu haben. Zum vollen 
Durchbruch kam er freilich erst drei Jahre spater, als Wieland 
von seinem Vater der Obhut Bodmers in dessen Landhaus am 
ZuricherSee anvertraut wurde, »War dasDichten unausrottbar,« 
sagt Bernhardt SeufTert, »so sollte der Sohn es wenigstens 
regelrecht lernen. Dabei schrieb dieser fllissigere Verse als der 
grundgescheite Ziiricher Professor. Bald war er Gehilfe des Mei- 
sters, lernte urteilen und verurteilen, Streitschriften schreiben, 



Christoph Martin Wieland 397 

literarischen Witz und Sinn fiir das Wunderbare der Epik«. Die 
Anwendung jedoch, die er nach seiner Riickkehr aus der Schweiz 
von alledem machte, ging offenbar weit iiber das hinaus, was 
sich von einem Schiiler Bodmers erwarten liefi. Wieland war 
mit der Wiirde eines Senators zuriickberufen worden, wurde 
sodann zum Kanzleiverwalter bestellt, und wie ein Posten den 
anderen mit sich brachte, war er 1761 Vorsteher der »evangeli- 
schen biirgerlichen Kom6diantengesellschaft«. In dieser Eigen- 
schaft veranstaltete er im gleichen Jahr eine Vorstellung von 
Shakespeares »Sturm«. Sie hatte einen aufierordentlichen Er- 
folg und war in Deutschland die erste, auf deren Theaterzettel 
Shakespeares Name nicht - wie einst auf denen der englischen 
Komodianten - zu Unrecht stand. 

Der Obersetzung des »Sturms« folgte die von 21 weiteren 
Shakespeare-Dramen. Den rechten Ausblick auf sie zu ge- 
winnen, der fiir die Heutigen versteckt liegt, hat man sich 
des Wortes zu erinnern, mit dem Goethe in »Dichtung und 
Wahrheit« dieser Obersetzungen gedenkt.Es ist ein Wort, durch- 
aus in dem kristallnen und niichternen Verstande jener Zeit, fiir 
welche Wieland gewirkt hat, und bei aller Schmucklosigkeit und 
Trockenheit von viel aufrichtigerem Vertrauen zur Dichtung 
erfiilit, als rein asthetische Betrachtung es erzeugt. Es heifk: »Das 
eigentlich tief und grundlich Wirksame, das wahrhafl Ausbil- 
dende und Fordernde ist dasjenige,was vom Dichter iibrig bleibt, 
wenn er in Prosa iibersetzt wird. Dann bleibt der reine voll- 
kommene Gehalt.« Shakespeare, wie Wieland ihn in deutsche 
Prosa iibersetzte, war nicht das Originalgenie, das Goethe spater 
begeistern sollte. Nie hatte dieser an ihm bewundert, was auf 
Wieland wirkte, will sagen, »das moralisch Schone, . . . das 
Anstandige, das Liebenswiirdige in Empfindungen und morali- 
schen Handlungen«. Jedoch der deutsche Text des so gestimm- 
ten Wieland war es, zwischen dessen Zeilen die Spateren fan- 
den, was sie zu Bewunderern Shakespeares - und zu Verachtern 
Wielands werden lieE. 

Fiir Wielands Ruf und Laufbahn waren denn auch Werke wie 
der »Agathon« und die »Musarion«, die in der Zeit von Biberach 
entstanden, bedeutungsvoller. Den Ausschlag aber gaben hier, 
wie schon seit langem und noch auf lange hin, die Bindungen,' 
die zwischen einem deutschen Dichter und dem Feudalismus 



398 Literarische und asthetische Essays 

bestehen konnten. Fiir Wieland wurden richtunggebend die 
zum Grafen Friedrich Stadion, dessen Geschlecht seit ungefahr 
200 Jahren in der Biberacher Gegend ansassig war. 

»Ein gewisses bezaubertes Schlofi, wohin der Maynzische Grofi- 
hofmeister Graf v. Stadion seit 8 Jahren seine Retraite genom- 
men hat, und welches durch einen besonderen Tik der Alquifs 
und Urganden dazu verwiinscht scheint, die aufierordentlichsten 
Personen zu beherbergen und die seltsamsten Abenteuer hervor 
zu bringen, ist einige Jahre lang mein bestandiger Aufenthalt 
gewesen.« Das Seltsamste von diesen Abenteuern war das Zu- 
sammentrefTen, das Wieland - fast 9 Jahre nach der Tren- 
nung - auf diesem Schlosse mit seiner Jugendgeliebten er- 
wartete. Die Anfange der Liebe zu Sophie Gutermann geho- 
ren der pietistischen Zeit des Dichters an. Die erste Liebeserkla- 
rung, die er wagte, kleidete sich in die Auslegung einer Predigt. 
Aber das Verhaltnis, in dem die Stimmung jener friihesten Epo- 
che zu so vollkommenem Ausdruck kam, war vorbestimmt, sein 
Ende an eben deren Schranken zu finden. Kleinburgerliche 
Intrigen, private Mifiverstandnisse trennten die Liebenden. 
Dennoch scheint keine spatere erotische Erfahrung den Dichter 
in gleicher Tiefe erfaEt zu haben. Sie ist - nicht nur im zeit- 
lichen, sondern nicht weniger im inneren Sinn - der umfassende 
Ausdruck seiner Beziehung zur Frau geworden und in diesem 
Sinn bedeutungsvoli. 

Im zeitliehen: die Freundschaft Wielands mit Sophie umspannt 
fast 60 Jahre. Im inneren: diese Beziehung geleitet ihn von 
einem Frauenbild, das in so manchen Zugen den unnahbaren, 
seraphischen Heiligen und Martyrerinnen der Barockaltare 
ahnelt, bis zu dem sehr gegensatzlichen, jedoch nicht minder 
reprasentativen Typ der selbstherrlichen, produktiven Frau der 
Romantik. Sophie La Roche - das ist ihr Name nach der Ehe 
mit La Roche, dem Sekretar des Grafen Stadion - ist durch 
Wieland selbst zur Schrifktellerin geworden. Ihre »Geschichte 
des Frauleins von Sternheim« war eins der gelesensten Bucher 
der Zeit. In der Enkelin seiner Freundin aber, Sophie Bren- 
tano, die mit 24 Jahren in den Armen des fast siebzigjahrigen 
Wieland gestorben ist, hat dieser noch eine der vollendetsten 
Erscheinungen der romantischen Frauen an sich ziehen konnen. 



Christoph Martin Wieland 399 

Die Grabschrift, die in Ofimannstedt der Stein tragt, der die 
gemeinsamen Graber Wielands, seiner Frau und der Sophie 
Brentano deckt, beschreibt die schonste Rokoko-Arabeske um 
sein Leben: 

Liebe und Freundsdiaft umschlang die verwandten Seelen im 

Leben, 
Und ihr Sterbliches deckt dieser gemeinsame Stein. 

Wieland hat diesen Vers am letzten Geburtstag seiner Jugend- 
freundin geschrieben. . 

In dem Denkmal, das Goethe im »Maskenzug des Jahres 1 8 1 8 « 
Wieland errichtet hat, heifit es: 

Wieland hiefi er! Selbst durchdrungen 
Von dem Wort, das er gegeben, 
War sein wohlgefiihrtes Leben 
Still, ein Kreis von Maftigungen. 

Keine gliicklichere Wendung steht zur Kennzeichnung von Wie- 
lands erotischem Leben bereit. In dieser Mafiigung jedoch war 
keinerlei Mittelmafiigkeit. Es ist wiederum Goethe, der iiber 
Wieland die hochst bemerkenswerte Erkenntnis ausgesprochen 
hat, er habe keinerlei auream mediocritatem besessen, vielmehr 
»sein ganzes Leben in extremis « zugebracht. Die Mafiigung, 
die so sein Leben im Gesamtaspekt darbietet, verdankt er der 
Entschiedenheit, mit welcher dessen einzelne Epochen bis an ein 
Auflerstes gegangen sind. »Wer in seinen Wunschen«, schreibt 
er mit 19 Jahren, » iiber einen HandkuJR hinausgeht, darf nicht 
sagen, dafi er liebe.« Es ist bekannt, wie heftig die Reaktion 
gegen die geistige Verfassung, die aus solchem Satz spricht, in 
spateren Werken Wielands zum Ausdruck kam, und welchen 
Anstofi seine frivolen Erzahlungen, wie vor allem die »Ge- 
sdiichte des Prinzen Biribinker«, beim Erscheinen verursachten. 
Dafi bei ihrer Abfassung die Absicht mitgesprochen habe, durch 
dergleidien Texte beim deutschen Adel ein naheres Interesse 
fur die deutsche Literatur zu wecken, mochte man zu dessen 
Ehre nicht fur glaubhaft halten. 

Wie dem auch sei-fiir seine schwarmerische wie seine materiali- 
stische Epoche hat er sich an das Wort von Fielding gehalten, 
bei dem es heifit: »Fur dieses Leben war niemals ein System 



400 Literarische und asthetische Essays 

riditiger als das der alten Epikuraer, keins torichter als ihrer 
Antipoden, der modernen Epikuraer, die Gliickseligkeit in der 
schrankenlosen Befriedigung jeder sinnlichen Begierde suchen.« 
Die himmlische Liebe mied der gereifte Dichter im Namen der 
alten, die irdische imGegensatz zur modernen Philosophenschule, 
um - nadi einem Wort, das zu seinen liebsten gehorte - »unbe- 
reut« sterben zu konnen. 

Sehr richtig hat man bemerkt, dafi Wieland nicht dem Kreise 
der rationalistischen, sondern der sensualistisdien Aufklarer an- 
gehorte. Die Englander und mehr noch die Franzosen - Montes- 
quieu, Bonnet, Helvetius - waren seine Lehrmeister. Audi 
ihnen aber entnahm er weniger die sprengenden, gefahrlichen 
Gedankenelemente, die der Revolution gewidmet waren, als 
Stoffe, die es ihm erlaubten, seinen Skeptizismus in weltlaufigen 
Formen auszupragen. Er hat das in erfolgreichster Gestalt mit 
seinem grofien Staatsroman »Der goldne Spiegel oder die 
Konige von Scheschian« getan. 

»Irre ich nicht, so ist die Geschichte der Konige von Scheschian, 
welche ich hier zu Ihrer Majestat Fiifien lege, nicht ganz un- 
wiirdig, unter die ernsthaften Ergotzungen aufgenommen zu 
werden, bei welchen Ihr niemals untatiger Geist von der Ermii- 
dung hoherer Geschafte auszuruhen pflegt.« Der wirkliche Kai- 
ser, welcher - unter der Maske des chinesischen Tai-tsus - in 
dieser Zueignung des »Goldnen Spiegels« visiert war, ist Jo- 
seph II. gewesen. Das Werk ist ein Nachfahr der barocken 
Staatsromane, doch mit der sehr erheblichen Verschiebung, dafi 
die Handlung selbst nur noch ein abgeblafites Leben in jenem 
bunten, reich ornamentierten Rahmen fiihrt, den die Konver- 
sation fiir sie abgibt. 

Die Geschichte der Konige von Scheschian wird am Hofe des 
Schach-Gebal verlesen, der in einer Geliebten Nurmahal und 
seinem Philosophen, dem Doktor Danischmend, die beiden 
Rasoneure um sich hat, deren er bedarf , um alle moglichen Nutz- 
anwendungen aus dem erdichteten Geschichtswerk zu ziehen. 
Wieland hat darin sein politisches Credo um so unaufdringlicher 
darstellen konnen, als es eines war, das an den auFgeklarten 
Hofen des 18. Jahrhunderts auf Verstandnis stofien konnte. 
Eben dem aufgeklarten Staats-Absolutismus gehoren Wielands 



Christoph Martin Wieland 401 

Sympathies Theoretisdi ihn zu fundieren hat er freilich nicht 
einmal den Versuch gemacht. Alles beschrankt sich vielmehr 
auf eine mehr oder minder liebenswiirdige argumentatio ad 
hominem oder — wie man hier besser sagen wiirde - ad popu- 
lum. Bei der Demokratie scheinen ihm dessen Interessen ganz 
genau so schlecht aufgehoben wie spater die der Abderiten, die 
sich von ihm sagen lassen miissen, dafi, was in ihrer »Staats- 
einrichtung demokratisch schien, blofies Schattenwerk und poli- 
tisches Gaukelspiel« gewesen sei. Ohne dafi seine Zeitkritik sich 
irgend durch Originalitat hervortut, kann man mit Bernhard 
Luther sagen, dafi er der einzige grofie (deutsche) Dichter des 
18. Jahrhunderts ist, »der ein lebhaftes politisches Interesse hat- 
ter Diesem verdankt er denn audi wohl denRuf nach Erfurt, wo 
eine gallikanische, Rom sich widersetzende, nationale Richtung 
im Katholizismus sich nach Dozenten umsah, die ihr an Ruf 
und Geltung einbringen konnten, was ihr an Orthodoxie ab- 
ging. Durch Stadion war man in Erfurt auf Wieland aufmerk- 
sam geworden, und dieser setzte nun seine Ehre darein, mit dem 
»Goldnen Spiegel« und Vorlesungen zur Geschichtsphiiosophie 
seine Position zu rechtfertigen. Mit seinem grofien Staatsroman 
hat er in der Tat das Interesse des habsburgischen Kaisers zu 
erwecken vermocht. Doch eine eingreifendere Wirkung fand 
das Buch weniger am Wiener Hofe als an dem zu Weimar. Es 
verschafFte dem Dichter eine - zunachst voriibergehende - Be- 
rufung dorthin, die sodann zu seiner dauernden Bindung an 
den Hof von Anna Amalia, den spateren von Karl August 
fiihrte. 

Mit einem reizenden Bild hat Wieland, in einem Brief vom Juni 
1779, die Stimmung festgehalten, welche in den ersten, gliick- 
lichsten Jahren ihres Weimarer Zusammenlebens zwischen ihm 
und Goethe herrschte. »Mit Goethen hab ich vergangene 
Woche einen gar guten Tag gehabt. Er und ich haben uns ent- 
schliefien miissen, dem Rat May zu sitzen, der uns ex voto der 
Herzogin von Wurttemberg fur Ihre Durchlaucht malen soil. 
Goethe safi vor- und nachmittags und bat mich, weil Serenissi- 
mus absens war, ihm bei der leidigen Session Gesellschaft zu 
leisten und zur Unterhaltung der Geister den Oberon vorzule- 
sen, Zum Gliick mufite sichs treffenj dafi der fast immer wiitige 



402 Literarisdie und asthetische Essays 

Mensch diesen Tag gerade in seiner besten rezeptivsten Laune 
und so amusable war, wie ein Madchen von sechzehn. Tag 
meines Lebens hab ich niemand iiber das Werk elnes andern so 
vergniigt gesehen, als er es mit dem Oberon durchaus, sonder- 
lich mit dem fiinften Gesang war«. Wir kennen das Bild, das 
May damals von Wieland gemalt hat. Der Dichter sieht nicht 
wie ein Sechsundvierzigjahriger auf ihm aus. Wohl aber tragen 
die ungemein sensiblen und sinnlichen, von Ironie durchwirkten 
Ziige schon den Ausdruck der Resignation. Bereits damals hiefi 
er in Weimar »der alte Wieland« und »fast 40 Jahre lang mufi- 
te er sich die gut und ungut gemeinte Bezeichnung . . . gefallen 
lassen.« 

Wieland hatte ein sehr ausgepragtes Gefiihl fiir die Figur, die 
er in anderer Augen machte. Daher seine selten diplomatische 
Begabung, daher aber auch seine friihzeitige Entsagung. »Ich 
habe das Ungliick - schreibt er im September 1776 an Christian 
Kaiser - unter die Lauen zu gehoren, die von Warmen und 
Kalten ausgespieen werden.« Von den Warmen war auch Goethe 
einer gewesen, und in der Farce »Gotter, Helden und Wieland« 
hatte er den alteren Dichter kraftig »ausgespieen«. Goethe stand, 
als er diesen Ausfall unternahm, am Anfang seiner Laufbahn, 
Wieland aber auf der Hohe der seinigen. Trotzdem, und unge- 
achtet dessen, dafi Goethes Vorgehen fiir die Kraftgenies zum 
Sturmsignal gegen Wieland wurde, verleugnete der Altere 
nicht die uberlegteste Reserve. So schwer diese Zuruckhaltung 
erklarlich ist, so aufierordentlich erscheint ihr beinahe hellsich- 
tiger Takt im Angesicht der 40 Jahre, in denen spater das 
engste Nachbarschaftsverhaltnis Goethe und Wieland aneinan- 
dersdilofi. 

Und es war nicht nur Nachbarschaft, es war - im dichterischen 
nicht, doch im politischen Sinn - eine Nachfolge, wie Wieland 
das sehr schon im Jahre 1776 gegen Lavater zum Ausdruck 
bringt. Er schreibt: »Aber - war ich nicht schon 38 Jahr alt, da 
ich mich noch durch eine magische Einbildung und die noch 
starkere Magie des verfuhrerischen Gedankens, viel Gutes, im 
grofien, auf Jahrhunderte zu tun, an diesen Hof ziehen, in 
dieses gefahrvolle, mit Precipicen umgebene - und beim Tages- 
licht besehen doch immer unmogliche Abenteuer verwickeln 
liefi? Goethe ist erst 26 Jahr alt.« Dem Unmoglichen des 



Chnstoph Martin Wieland 403 

Unternehmens freilidi hat Wieland memals soviel wie Goethe 
abgewinnen konnen. Denn diesem wurde es, je mehr er es zu 
meistern lernte, im Inneren nur stets ungemafier, wogegen Wie- 
land in seiner Position bei Hof, in seiner Freundschaft mit Anna 
Amalia, Karl Augusts Mutter, immer ausschliefilicher sein Ele- 
ment fand. So hat er in der Weimarer Epoche - von seinen 
Obersetzungen abgesehen - nur noch zwei grofiere Werke 
publiziert: die »Abderiten« und den »Oberon«. 
Der Nachdruck, mit dem Goethe stets von neuem auf diese 
letzte Dichtung zuriickkommt, ist, bei aller Anmut in deren 
Einzelheiten, nicht immer ganz verstandlich; es sei denn, man 
nimmt an, daE eine stille Genugtuung bei ihm im Spiel war, 
Wieland den Bereich des Griechischen, der Goethe inniger am 
Herzen lag und den er ungern als Spielplatz vager und unver- 
bindlicher Phantasien wiederfand, gegen den des altdeutschen 
vertauschen zu sehen. »Wieland«, sagt Goethe 10 Jahre nach 
dessen Tode dem Kanzler von Miiller, »hielt sich niemandem 
responsabel«. Und in keinem Fall mag ihm Goethe das schwerer 
verziehen haben, als griechischen Stoffen und Figuren gegeniiber. 
So ist aus seinem Lob des »Oberon« das freundliche Widerspiel 
jener friihen Polemik Goethes gegen den Verfasser einer ver- 
zierlichten »Alkestis« herauszuhoren. Daneben aber spricht aus 
dieser Anerkennung das Bediirfnis, keine Gelegenheit, den Ruhm 
von Wieland zu verbreiten, ungenlitzt zu lassen. Der Jiingere 
hat es Wieland nie vergessen, wie auf einer Schwelle, welche 
dieser als Alterer vor ihm betreten hatte, er selbst, der Jiingere, 
von ihm war begriiftt worden. Wer in »Goethes Gesprachen« 
jene Seiten nachliest, die es mit den ersten Weimarer Jahren zu 
tun haben, begegnet keinem Namen haufiger als dem von 
Wieland. Und keiner der Genossen der Sturm und Drang-Zeit 
ist der Siifie der Goetheschen Jugendlyrik naher gekommen als 
Wieland in den Versen, die er an Goethe gerichtet hat: 

So trat er unter uns, herrlich und hehr, 
Ein echter Geisterkonig, daher; 
Und nicmand fragte, wer ist denn der? 
Wir fuhlten beim ersten Blick, 's war er! 
Wir fuhlten's mit alien unsern Sinnen, 
Durch alle unsre Adern rinnen. 



404 Literarische und asthetische Essays 

So hat sich nie in Gottes Welt 
Ein Menschensohn uns dargestellt, 
Der alle Giite und alle Gewalt 
Der Menschheit so in sich vereinigt! 

Der so Begriifite ist es gewesen, der fiir Wielands Gesamtwerk 
den Augenblick heraufgefiihrt hat, den er in den »Abderiten« 
als den bestimmt, »wo diese Geschichte niemand mehr angehen, 
niemand mehr unterhalten, niemand mehr verdriefilich und 
niemand mehr erziirnt machen wird«. 

Dafi der geschichtliche Gehalt und Sinn von Wielands Ober- 
flachlichkeit noch heute, wie eingangs ausgesprochen, kaum ge- 
sichtet zu nennen ist, hat einen seiner Griinde darin, daf$ die 
Logenrede Goethes, in der gebieterischen Kraft, mit der sie 
auf der Schwelle zu Wielands Nachruhm sich erhebt, Versuche 
in verwandtem Sinne kaum ermutigen konnte. Schwerer begreif- 
lich ist, dafi einiges, was Goethe - weniger in der Logenrede als 
an entlegeneren Stellen - uber Wieland aussprach, kaum Spu- 
ren hinterlieft. Zwar ist das riickblickende Wort zu Eckermann 
bekannt: »Wielanden verdankt das ganze obere Deutschland 
seinen Stil.« Warum das aber so war, darauf hat Goethe einige 
uberaus bedeutsame Hinweise gegeben, deren Auslegung die 
Wieland-Forschung noch auf eine gute Strecke geleiten konnen. 
Um aber nochmals auf Bekannteres zuriickzugreifen - was ist 
im Grunde sonderbarer, befremdlicher als der Satz, mit welchem 
Goethe der Wielandschen »Musarion« gedenkt: »Hier war es, 
wo ich das Antike lebendig und neu wieder zu sehen glaubte.« 
Und doch entdeckt der heutige Leser in der »Musarion« nichts 
als die regelrechte, aller Krafte der Vergegenwartigung ent- 
blofke Rokokovignette des Griechendaseins. Was aber schwer 
begreiflich in der Isolierung erscheint, gewinnt ein anderes Ge- 
sicht in der Umgebung gle.ichgestimmter Betrachtungen. »Er 
hat auEerordentlich gewirkt,« heifit es in den Noten zum 
»West-6stlichen Divan«, »indem gerade das, was ihn anmutete, 
wie er sich's zueignete und es wieder mitteilte, auch seinen Zeit- 
genossen angenehm und genieftbar begegnete.« Goethe, wenn 
er von Wieland spricht, scheint es nur immer mit dessen Wir- 
kung auf die Zeitgenossen - sich selbst und andere - zu tun zu 



Christoph Martin Wieland 405 

haben. Das ist sehr aufschlufireich. Denn eben in der Wirkung 
auf die Zeitgenossen hat Wieland gegeben, was vor ihm nodi 
keiner vermocht hatte zu geben, nach ihm keiner zu geben 
mehr fur notig finden konnte. Und diese Gabe war die Ver- 
schmelzung einer idealen und antiquarischen Bildungswelt - 
vor allem der antiken - auf der einen Seite mit einem ganz und 
gar auf Aktualitat gestellten, den breiten Leserschichten zuge- 
wandten Literaturbetriebe auf der anderen. Es ist kein Zufall, 
dafi der »Teutsche Merkur« es auf 83 Bande gebracht hat. Wie- 
land war, kraft seines iiberschwenglichen Sinns fiir das Aktuelle, 
der vollendete Redakteur, Er redigierte das klassische Alter- 
tum fiir den gebildeten Biirgerstand seiner Tage. Und was das 
sagen will, ergibt ein Blick auf Klopstock, dessen Beschworungen 
des Altertums vom gleichen Pathos der Distanz erfiillt sind wie 
die ausschweifendsten Partien des »Messias«. Dagegen heifit es 
denn bei Goethe von den Wielandschen Obersetzungen aus 
Cicero: »Dieselben enthalten die hochste Verdeutlichung des da- 
maligen Zustandes der Welt, die sich zwischen den Anhangern 
des Casar und Brutus geteilt hatte; sie lesen sich mit derselben 
Frische, wie eine Zeitung aus Rom, indes sie uns iiber die Haupt- 
sache, worauf eigentlich alles ankommt, in volliger Ungewifiheit 
lassen.« 

Am 26. Januar 18 13 ist Wieland gestorben. An seine Grabstatte 
in Ofimannstedt schliefit die damonische Ailegorie sich an, die 
Goethe beim Anblick des Entwurfs einer Umzaunung zu diesem 
Grabe kam. Sie verbirgt nicht nur den tiefsten, sondern auch 
den gerechtesten Gedanken, den er dem langst Verstorbenen 
zuzueignen fand: »Da ich in Jahrtausenden lebe, sagte er, so 
kommt es mir immer wunderlich vor, wenn ich von Statuen 
und Monumenten hore. Ich kann nicht an eine Bildsaule denken, 
die einem verdienten Manne gesetzt wird, ohne sie im Geiste 
schon von kiinftigen Kriegern umgeworfen und zerschlagen zu 
sehen. Coudrays Eisenstabe um das Wielandsche Grab sehe ich 
schon als Hufeisen unter den Pferdefufien einer kiinftigen Ka- 
vallerie blinken«. Es gibt Autoren 1 , fiir deren Fortleben die 

1 Die Stadtgemeinde und der Kunst- und Altertumsverein Biberach (Rifi) haben 
zum 200. Geburtstag Wlelands eine Festschrift herausgegeben, die in vier Abteilun- 
gen eine Auswahl aus den Schriften des Dichters, eine Darstellung von Biberach und 
Wielands Lcben daselbst, eine Folge von Aufierungen schwabischer Autoren uber den 



406 Literarische und asthetische Essays 

Moglichkeit, wieder gelesen zu werden, nicht mehr als ein Stand- 
bild zu sagen hat. Ihre Fermente sind fiir immer in den Mutter- 
boden, in ihre Muttersprache eingegangen. Ein soldier Autor 
ist Chnstoph Martin Wieland gewesen. 



Landsmann und eine Reihe von Beitragen Gelehrter bringt. Diesem letzten Teil, der 
den neuesten Stand der Wieland-Forschung vermittelt, ist die obige Darstellung in 
mehreren Zitaten verpfliditet. 



Walter Benjamin 
Gesammelte Schriften 

II -2 

Herausgegeben von 
Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhauser 



Suhrkamp 



CIP-Titelaufnahme der Deutschen Bibliothek 

Benjamin, Waiter: 

Gesammelte Schriften / Walter Benjamin. 

Unter Mitw. von Theodor W Adorno und Gershom Scholem 

hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhauser. - 

[Ausg. in Schriftenreihe »Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft«], - 

Frankfurt am Main : Suhrkamp. 

ISBN 3-518-09832-2 

NE: Tiedemann, Rolf [Hrsg.]; Benjamin, Walter: [Sammlung] 

[Ausg. in Schriftenreihe »Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft«] 

2. [Aufsatze, Essays, Vortragej / 

hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhauser. 

2.-(i99i) 

(Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft ; 932) 

ISBN 3-518-28532-7 

NE:GT 



suhrkamp taschenbuch wissenschaft 932 

Erste Auflage 1991 

© Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1977 

Suhrkamp Taschenbuch Verlag 

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das 

des offenthchen Vortrags, der Ubertragung 

durch Rundfunk und Fernsehen 

sowie der Ubersetzung, auch'einzelner Teile. 

Druck: Wagner GmbH, Nordlingen 

Printed in Germany 

Umschlag nach Entwiirfen von 

Willy Fleckhaus und Rolf Staudt 

1 2 3 4 j 6 - 96 95 94 93 92 91 



Inhaltsiibersicht 



Zweiter Band. Erster Teil 

Friihe Arbeiten zur Bildungs- und Kulturkritik .... 7 

Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien .... 89 

Literarische und asthetische Essays 235 



Zweiter Band. Zweiter Teil 

Literarische und asthetische Essays (Fortsetzung) . . . 407 

Asthetische Fragmente 599 

Vortrage und Reden 633 

Enzyklopadieartikel 703 

Kulturpolitische Artikel und Aufsatze 741 

Anhang 

Juden in der deutschen Kultur 807 

Zweiter Band. Dritter Teil 

Anmerkungen der Herausgeber 815 

Inhaltsverzeicbnis 1523 



Literarische und asthetische Essays 

Fortsetzung 



Franz Kafka 
Zur zehnten Wiederkehr seines Todestages 

Potemkin 

Es wird erzahlt: Potemkin litt an schweren mehr oder weniger 
regelmafiig wiederkehrenden Depressionen, wahrend deren sich 
niemand ihm nahern durfte und der Zugang zu seinem Zimmer 
aufs strengste verboten war. Am Hofe wurde dieses Leiden 
nicht erwahnt, insbesondere wufite man, dafi jede Anspielung 
darauf die Ungnade der Kaiserin Katharina nadi sich zog. Eine 
dieser Depressionen des Kanzlers dauerte aufiergewohnlich lan- 
ge. Ernste Mifistande waren die Folgen; in den Registraturen 
hauften sich Akten, deren Erledigung, die ohne Unterschrift 
Potemkins unmoglich war, von der Zarin gefordert wurde. Die 
hohen Beamten wufiten sich keinen Rat. In dieser Zeit geriet 
durch einen Zufall der unbedeutende kleine Kanzlist Schuwal- 
kin in die Vorzimmer des Kanzlerpalais, wo die Staatsrate wie 
gewohnlich jammernd und klagend beisammen standen. »Was 
gibt es, Excellenzen? Womit kann ich Excellenzen dienen?« 
bemerkte der eilfertige Schuwalkin. Man erklarte ihm den Fall 
und bedauerte, von seinen Diensten keinen Gebrauch machen 
zu konnen. »Wenn es weiter nichts ist, meine Herren,« ant- 
wortete Schuwalkin, »uberlassen Sie mir die Akten. Ich bitte 
darum.« Die Staatsrate, die nichts zu verlieren hatten, liefien 
sich dazu bewegen, und Schuwalkin schlug, das Aktenbundel 
unterm Arm, durch Galerien und Korridore den Weg zum 
Schlafzimmer Potemkins ein. Ohne anzuklopfen, ja ohne halt- 
zumachen, driickte er die Turklinke nieder. Das Zimmer war 
nicht verschlossen. Im Halbdunkel safi Potemkin auf seinem 
Bett, nagelkauend, in einem verschlissenen Schlafrock. Schu- 
walkin trat zum Schreibtisch, tauchte die Feder ein und, ohne 
ein Wort zu verlieren, schob er sie Potemkin in die Hand, den 
erstbesten Akt auf seine Knie. Nach einem abwesenden Blick 
auf den Emdringling,wie im Schlaf vollzog Potemkin die Unter- 
schrift, dann eine zweite; weiter die samtlichen. Als die letzte 
geborgen war, verlieft Schuwalkin ohne Umstande, wie er ge- 
kommen war, sein Dossier unterm Arm, das Gemach. Trium- 
phierend die Akten schwenkend trat er in das Vorzimmer. Ihm 



410 Literarische und asthetische Essays 

entgegen stiirzten die Staatsrate, rissen die Papiere aus seinen 
Handen. Atemlos beugten sie sidi dariiber. Niemand sagte ein 
Wort; die Gruppe erstarrte. Wieder trat Schuwalkin naher, 
wieder erkundigte er sich eilfertig nach dem Grund der Be- 
stiirzung der Herren. Da fiel audi sein Blick auf die Unter- 
sdirift. Ein Akt wie der andere war unterfertigt: Schuwalkin, 
Schuwalkin, Schuwalkin . . . 

Diese Geschichte ist wie ein Herold, der dem Werke Kafkas 
zweihundert Jahre vorausstiirmt. Die Ratselfrage, die sich in 
ihr wolkt, ist Kafkas. Die Welt der Kanzleien und Registra- 
turen, der muf figen verwohnten dunklen Zimmer ist Kafkas Welt. 
Der eilfertige Schuwalkin, der alles so leicht nimmt und zuletzt 
mit leeren Handen da stent, ist Kafkas K. Potemkin aber, der 
halb schlafend und verwahrlost, in einem abgelegenen Raum, zu 
dem der Zugang untersagt ist, dahindammert, ist ein Ahn jener 
Gewalthaber, die bei Kafka als Richter in den Dachboden, 
als Sekretare im Schlofi hausen, und die, so hoch sie stehen 
mogen, immer Gesunkene oder vielmehr Versinkende sind, da- 
fur aber noch in den Untersten und in den Verkommensten - 
den Turhutern und den altersschwachen Beamten - auf einmal 
unvermittelt in ihrer ganzen Machtfulle auftauchen konnen. 
Woriiber dammern sie dahin? Vielleicht sind sie Nachkommen 
der Atlanten, die die Weltkugel in ihrem Nacken tragen? Viel- 
leicht halten sie darum den Kopf »so tief auf die Brust gesenkt, 
dafi man kaum etwas von den Augen« sieht, wie der Schlofi- 
kastellan auf seinem Portrat oder Klamm, wenn er mit sich 
allein ist? Die Weltkugel aber ist es nicht, die sie tragen; nur 
dafi schon das Alltaglichste ihr Gewicht hat: »Sein Ermatten ist 
das des Gladiators nach dem Kampf, seine Arbeit war das 
Weifitiinchen eines Winkels in einer Beamtenstube.« - Georg 
Lukacs hat einmal gesagt: urn heute einen anstandigen Tisch 
zu bauen, mufi einer das architektonische Genie von Michel- 
angelo haben. Wie Lukacs in Zeitaltern so denkt Kafka in 
Weltaltern. Weltalter hat der Mann beim Tunchen zu bewegen. 
Und so noch in der unscheinbarsten Geste. Vielfach und oft aus 
sonderbarem Anlafi klatschen Kafkas Figuren in die Hande. 
Einmal jedoch wird beilaufig gesagt, dafi diese Hande »eigent- 
lich Dampfhammer« sind. 
In standiger und langsamer Bewegung - versinkend oder stei- 



Franz Kafka 411 

gend - lernen wir diese Machthaber kennen. Furchtbarer aber 
sind sie nirgends, als wo sie aus der tiefsten Verkommenheit sich 
heben: aus den Vatern. Den stumpfen altersschwachen Vater, 
den er soeben sanft gebettet hat, beruhigt der Sohn: »>Sei nur 
ruhig, du bist gut zugedeckt.< - >Nein!< rief der Vater, dafi die 
Antwort an die Frage stiefi, warf die Decke zuriick mit einer 
Kraft, dafi sie einen Augenblick im Fluge sich ganz entfaltete, 
und stand aufrecht im Bett. Nur eine Hand hielt er leicht an den 
Plafond. >Du wolltest mich zudecken, das weifi icfa, mein 
Friichtchen, aber zugedeckt bin ich nodi nicht. Und ist es auch 
die letzte Kraft, genug fur dich, zuviel fur dich! . . . Den Vater 
mufi glucklicherweise niemand lehren, den Sohn zu durch- 
schauen.< ... - Und er stand vollkommen frei und warf die 
Beine. Er strahlte vor Einsicht. - . . . >Jetzt weifit du also, 
was es noch aufier dir gab, bisher wufitest du nur von dir! Ein 
unsciiuldiges Kind warst du ja eigentlidi, aber noch eigentlicher 
warst du ein teuflischer Mensch!<« Der Vater, der die Last des 
Deckbetts abwirft, wirft eine Weltlast mit ihr ab. Weltalter mufi 
er in Bewegung setzen, um das uralte Vater-Sohn-Verhaltnis 
lebendig, folgenreich zu machen. Doch reich an welchen Folgen! 
Er verurteilt den Sohn zum Tode des Ertrinkens. Der Vater ist 
der Strafende. Ihn zieht die Schuld wie die Gerichtsbeamten an. 
Viel deutet darauf hin, dafi die Beamtenwelt und die Welt der 
Vater fur Kafka die gleiche ist. Die Ahnlichkeit ist nicht zu 
ihrer Ehre. Stumpfheit, Verkommenheit, Schmutz macht. sie 
aus. Die Uniform des Vaters ist iiber und ilber fleckig; seine 
Unterwasche ist unsauber. Schmutz ist das Lebenselement der 
Beamten. »Es war ihr unverstandlich, wozu es iiberhaupt Par- 
teienverkehr gab. >Um vorn die Haustreppe schmutzig zu 
machen<, hatte ihr einmal ein Beamter auf ihre Frage, wahr- 
scheinlich im Arger, gesagt, ihr aber war das sehr einleuchtend 
gewesen«. In dem Grade ist Unsauberkeit das Attribut der Be- 
amten, dafi man sie geradezu als riesenhafte Parasiten ansehen 
konnte. Das betrifft naturlich nicht die wirtschaftlichen Zusam- 
menhange, sondern die Krafte der Vernunft und der Mensch- 
lichkeit, von denen diese Sippe ihr Leben fristet. So fristet aber 
auch der Vater in den sonderbaren Familien Kafkas von dem 
Sohn sein Leben, liegt wie ein ungeheurer Parasit auf ihm. Er 
zehrt nicht nur an seiner Kraft, er zehrt an seinem Rechte dazu- 



412 Literarische und asthetisdie Essays 

sein. Der Vater, der der Strafende ist, ist zugleich audi der An- 
klager. Die Siinde, deren er den Sohn bezichtigt, scheint eine 
Art von Erbsiinde zu sein. Denn wen trifft die Bestimmung, 
welche Kafka von ihr gegeben hat, mehr als den Sohn: »Die 
Erbsiinde, das alte Unrecht, das der Mensch begangen hat, be- 
steht in dem Vorwurf, den der Mensch macht und von dem er 
nicht ablafit, dafi ihm ein Unrecht geschehen ist, dafi an ihm die 
Erbsiinde begangen wurde.« Wer aber wird dieser Erbsiinde - 
der Siinde einen Erben gemacht zu haben - bezichtigt wenn 
nicht der Vater durch den Sohn? Somit ware der Siindige der 
Sohn. Nicht aber darf man aus dem Satze Kafkas schliefien, 
dafi die Bezichtigung siindig sei, weil falsch. Nirgends steht bei 
Kafka, dafi sie zu Unrecht erfolgt. Es ist ein immerwahrender 
Prozefi, der hier anhangig ist, und es kann auf keine Sache ein 
schlechteres Licht fallen als auf die, fur die der Vater die Soli- 
darity dieser Beamten, dieser Gerichtskanzleien in Anspruch 
nimmt. An ihnen ist eine grenzenlose Korrumpierbarkeit nicht 
das Schlechteste. Denn ihr Kern ist von soldier Beschaffenheit, 
dafi ihre Bestechlichkeit die einzige HofFnung ist, die die Mensch- 
lichkeit in ihrem Angesicht hegen kann. Zwar verfiigen die Ge- 
richte iiber Gesetzbiicher. Man darf sie aber nicht sehen. »>. . . es 
gehort zu der Art dieses Gerichtswesens, dafi man nicht nur 
unschuldig, sondern audi unwissend verufteilt wird<«, mut- 
mafit K. Gesetze und umschriebene Normen bleiben in der Vor- 
welt ungeschriebene Gesetze. Der Mensch kann sie ahnungslos 
iiberschreiten und so der Siihne verfallen. Aber so ungliicklich 
sie den Ahnungslosen treffen mag, ihr Eintritt ist im Sinne des 
Rechts nicht Zufall sondern Schicksal, das sich hier in seiner 
Zweideutigkeit darstellt. Schon Hermann Cohen hat es in einer 
fliichtigen Betrachtung der alten Schicksalsvorstellung eine »Ein- 
sicht, die unausweichlich wird,« genannt, dafi es seine »Ordnun- 
gen selbst sind, welche dieses Heraustreten, diesen Abfall zu ver- 
anlassen und herbeizufuhren scheinen.« So steht es audi mit der 
Gerichtsbarkeit, deren Verfahren sich gegen K. richtet. Es fiihrt 
weit hinter die Zeit der Zwolf-Tafel-Gesetzgebung in eine Vor- 
welt zuriick, iiber die einer der ersten Siege geschriebenes Recht 
war. Hier steht zwar das geschriebene Recht in Gesetzbiichern, 
jedoch geheim, und auf sie gestutzt, iibt die Vorwelt ihre Herr- 
schaft nur schrankenloser. 



Franz Kafka 413 

Die Zustande in Amt und Familie beriihren sich bei Kafka 
mannigfaltig. Im Dorf am Schlofiberg kennt man eine Wendung, 
die darein leuchtet. »>Es ist hier die Redensart, vielleicht kennst 
du sie: Amtliche Entscheidungen sind scheu wie junge Mad- 
chen.< >Das ist eine gute Beobachtung<, sagte K., . . . >eine gute 
Beobachtung, die Entscheidungen mogen noch andere Eigen- 
schaften mit Madchen gemeinsam haben.<« Deren bemerkens- 
werteste ist wohl, zu allem sich zu leihen, wie die scheuen Mad- 
chen, die K. im »Schlofi« und im »Prozefi« begegnen, und die 
der Unzucht im Familienschofi sich wie in einem Bene anheim- 
geben. Er findet sie auf seinem Weg auf Schritt und Tritt; das 
weitere macht so wenig Umstande wie die Eroberung des Aus- 
schankmadchens. »Sie umfafiten einander, der kleine Korper 
brannte in K.s Handen, sie rollten in einer Besinnungslosigkeit, 
aus der sich K. fortwahrend, aber vergeblich zu retten suchte, 
paar Schritte weit, schlugen dumpf an Klamms Tiir und lagen 
dann in den kleinen Pf utzen Biers und dem sonstigen Unrat, 
von dem der Boden bedeckt war. Dort vergingen Stunden, ... in 
denen K. immerfort das Gefuhl hatte, er verirre sich oder er sei 
so weit in der Fremde, wie vor ihm noch kein Mensch, eine 
Fremde, in der selbst die Luft keinen Bestandteil der Heimatluft 
habe, in der man vor Fremdheit ersticken miisse und in deren 
unsinnigen Verlockungen man doch nichts tun konne als weiter 
gehen, weiter sich verirren.« Von dieser Fremde werden wir noch 
horen. Bemerkenswert ist aber, dafi diese hurenhaften Frauen 
nie schon erscheinen. Vielmehr taucht Schonheit in der Welt von 
Kafka nur an den verstecktesten Stellen auf: bei den Angeklag- 
ten zum Beispiel. »>Das allerdings ist eine merkwiirdige, gewis- 
sermaften naturwissenschaftliche Erscheinung . . . Es kann nicht 
die Schuld sein, die sie schon rriacht . . . es kann audi nicht die 
richtige Strafe sein, die sie jetzt schon schon macht . . . es kann 
also nur an dem gegen sie erhobenen Verfahren liegen, das 
ihnen irgendwie anhaftet.<« 

Aus dem »Prozefi« lafk sich entnehmen, dafi dieses Verfahren 
hoffnungslos fur die Angeklagten zu sein pflegt — selbst dann 
hoffnungslos, wenn ihnen die HofTnung auf Freispruch bleibt. 
Diese HofFnungslosigkeit mag es sein, die an ihnen als den 
einzigen Kafkaschen Kreaturen Schonheit zum Vorschein bringt. 
Zumindest wiirde das sehr gut mit einem Gesprachsfragment 



414 Literarische und asthetische Essays 

iibereinstimmen, das durch Max Brod iiberliefert wurde. »Ich 
entsinne mich«, schreibt er, »eines Gesprachs mit Kafka, 
das vom heutigen Europa und dem Verfall der Mensdiheit 
ausging. >Wir sind<, so sagte er, >nihilistische Gedanken, Selbst- 
mordgedanken, die in Gottes Kopf aufsteigen.< Mich erinnerte 
das zuerst an das Weltbild der Gnosis: Gott als boser Demiurg, 
die Welt sein Sundenfall. >Oh nein<, meinte er, >unsere Welt 
ist nur eine schlechte Laune Gottes, ein schlechterTag.< - >So gabe 
es aufierhalb dieser Erscheinungsform Welt, die wir kennen, 
Hoffnung?< - Er lachelte: >Oh, HoflFnung genug, unendlich viel 
Hoffnung - nur nicht fiir uns.<« Diese Worte schlagen eine 
Briicke zu jenen sonderbarsten Gestalten Kafkas, die als einzige 
dem Schofie der Familie entronnen sind und fiir die es vielleicht 
Hoffnung gibt. Das sind nicht die Tiere, nicht einmal jene Kreu- 
zungen oder Gespinstwesen, wie das Katzenlamm oder Odradek. 
Alle diese vielmehr leben noch im Bann der Familie. Nicht um- 
sonst erwacht Gregor Samsa gerade in der elterlichen Wohnung 
als Ungeziefer, nicht umsonst ist das eigentumliche Tier, halb 
Katzchen, halb Lamm, ein Erbstuck aus des Vaters Besitz, nicht 
umsonst Odradek die Sorge des Haus vaters. Die »Gehilfen« 
aber fallen in der Tat aus diesem Ringe heraus. 
Diese Gehilfen gehoren einem Gestaltenkreis an, der das ganze 
Werk Kafkas durchzieht. Von ihrer Sippe ist so gut der Bauern- 
fanger, der in der »Betrachtung« entlarvt wird, wie der Stu- 
dent, der nachts auf dem Balkon als Nachbar Karl Rofimanns 
zum Vorschein kommt, wie auch die Narren, die in jener Stadt 
im Siiden wohnen und nicht miide werden. Das Zwielicht iiber 
ihrem Dasein erinnert an die schwankende Beleuchtung, in der 
die kleinen Stiicke Robert Walsers - Verfasser des Romans »Der 
Gehulfe«, den Kafka sehr geliebt hat - ihre Figuren erscheinen 
lassen. Indische Sagen kennen die Gandharwe, unfertige Ge- 
schopfe, Wesen im Nebelstadium. Von ihrer Art sind die Gehil- 
fen Kafkas; keinem der anderen Gestaltenkreise zugehorig, 
keinem fremd: die Boten, die zwischen ihnen geschaftig sind. 
Sie sehen, wie Kafka sagt, dem Barnabas ahnlich, und der ist 
ein Bote. Noch sind sie aus dem Mutterschofie der Natur nicht 
voll entlassen und haben darum »sich in einer Ecke auf dem Bo- 
den auf zwei alten Frauenrocken eingerichtet. Es war ... ihr 
Ehrgeiz, . . . mogiichst wenig Raum zu brauchen, sie machten in 



Franz Kafka 4 X 5 

dieser Hinsicht, immer freilich unter Lispeln und Kichern, ver- 
schiedene Versuche, verschrankten Arme und Beine, kauerten 
sich gemeinsam zusammen, in der Dammerung sah man in ihrer 
Ecke nur ein grofies Knauel.« Fiir sie und ihresgleichen, die Un- 
fertigen und Ungeschickten, ist die Hoffnung da. 
Was zart unverbindlicher am Waken dieser Boten erkennbar 
wird, das ist auf lastende und diistere Art Gesetz fiir diese ganze 
Welt von Kreaturen. Keine hat ihre feste Stelle, ihren festen, 
nicht eintausdibaren Umrifi: keine die nicht im Steigen oder 
Fallen begriffen ist; keine die nicht mit ihrem Feinde oder Nach- 
barn tauscht; keine welche nicht ihre Zeit vollbracht und den- 
noch unreif, keine welche nicht tief erschopft und dennoch erst 
am Anfang einer langen Dauer ware. Von Ordnungen und 
Hierarchien zu sprechen, ist hier nicht moglich. Die Welt des 
Mythos, die das nahelegt, ist unvergleichlich jiinger als Kafkas 
Welt, der schon der Mythos die Erlosung versprochen hat. Wis- 
sen wir aber eins, so ist es dies: dafi Kafka seiner Lockung nicht 
gefolgt ist. Ein anderer Odysseus, liefi er sie »an seinen in die 
Feme gerichteten Blicken« abgleiten, »die Sirenen verschwan- 
den formlich vor seiner Entschlossenheit, und gerade als er ihnen 
am nachsten war, wufite er nichts mehr von ihnen. « Unter den 
Ahnen, die Kafka in der Antike hat, den jiidischen und den 
chinesischen, auf die wir noch stofien werden, ist dieser griechi- 
sche nicht zu vergessen. Odysseus steht ja an der Schwelle, die 
Mythos und Marchen trennt. Vernunft und List hat Finten in 
den Mythos eingelegt; seine Gewalten horen auf, unbezwing- 
lich zu sein. Das Marchen ist die Uberlieferung vom Siege iiber 
sie. Und Marchen fiir Dialektiker schrieb Kafka, wenn er sich 
Sagen vornahm. Er setzte kleine Tricks in sie hinein; dann las er 
aus ihnen den Beweis davon, »dafi auch unzulangliche, ja kin- 
dische Mittel zur Rettung dienen konnen«. Mit diesen Worten 
leitet er seine Erzahlung von dem »Schweigen der Sirenen« ein. 
Die Sirenen schweigen namlich bei ihm; sie haben »eine noch 
schrecklichere Waffe als den Gesang, . . . ihr Schweigen«. Dieses 
brachten sie bei Odysseus zur Anwendung. Er aber, uberlieferte 
Kafka, »war so listenreich, war ein solcher Fuchs, dafi selbst 
die Schicksalsgottin nicht in sein Innerstes dringen konnte. Viel- 
leicht hat er, obwohl das mit Menschenverstand nicht mehr zu 
begreifen ist, wirklich gemerkt, dafi die Sirenen schwiegen, und 



4i6 Literarisdie und asthetische Essays 

hat ihnen und den Gottern den« iiberlieferten »Scheinvorgang 
nur gewissermafien als Schild entgegengehalten.« 
Bei Kafka sdiweigen die Sirenen. Vielleicht audi darum, weil 
die Musik und der Gesang bei ihm ein Ausdruck oder wenigstens 
ein Pfand des Entrinnens sind. Ein Pfand der Hoffnung, das 
wir aus jener kleinen, zugleidi unfertigen und alltaglichen, zu- 
gleidi trostlichen und albernen Mittelwelt haben, in welcher die 
Gehilfen zu Hause sind. Kafka ist wie der Bursche, der auszog, 
das Furchten zu lernen. Er ist in Potemkins Palast geraten, 
zuletzt aber, in dessen Kellerlodiern, auf Josefine, jene singende 
Maus gestoflen, deren Weise er so beschreibt: » Etwas von der 
armen kurzen Kindheit ist darin, etwas von verlorenem, nie 
wieder aufzufindendem Gliick, aber audi etwas vom tatigen 
heutigen Leben ist darin, von seiner kleinen, unbegreiflichen 
und dennoch bestehenden und nicht zu ertotenden Munter- 
keit.« 

Ein Kinderbild 

Es gibt ein Kinderbild von Kafka, selten ist die »arme kurze 
Kindheit« ergreifender Bild geworden. Es stammt wohl aus 
einem jener Ateliers des neunzehnten Jahrhunderts, die mit ihren 
Draperien und Palmen, Gobelins und Staffeleien so zweideutig 
zwischen Folterkammer und Thronsaal standen. Da stellt sidi 
in einem engen, gleichsam demiitigenden, mit Posamenten iiber- 
ladenen Kinderanzug der ungefahr sechsjahrige Knabe in einer 
Art von Wintergartenlandschaft dar. Palmenwedel starren im 
Hintergrund. Und als gelte es, diese gepolsterten Tropen noch 
stickiger und schwiiler zu madien, tragt das Modell in der 
Linken einen ubermafiig grofien Hut mit breiter Krempe, wie 
ihn Spanier haben. Unermefilich traurige Augen beherrschen die 
ihnen vorbestimmte Landschaft, in die die Muschel eines grofien 
Ohrs hineinhorcht. 

Der inbriinstige » Wunsch, Indianer zu werden« mag einmal diese 
grofie Trauer verzehrt haben: »Wenn man doch ein Indianer 
ware, gleich bereit, und auf dem rennenden Pferde, schief in 
der Luft, immer wieder kurz erzitterte iiber dem zitternden 
Boden, bis man die Sporen liefi, denn es gab keine Sporen, bis 
man die Ziigel wegwarf, denn es gab keine Zugel, und kaum das 



Franz Kafka 417 

Land vor sich als glatt gemahte Heide sah, schon ohne Pferde- 
hals und Pferdekopf.« Vieles ist in diesem Wunsche enthalten. 
Die Erfullung gibt sein Geheimnis preis. Er findet sie in Ameri- 
ka. Dafi es mit »Amerika« eine besondere Bewandtnis hat, geht 
aus dem Namen des Helden hervor. Wahrend in den friiheren 
Romanen der Autor sich nie anders als mit dem gemurmelten 
Initial ansprach, erlebt er hier mit vollem Namen auf dem 
neuen Erdteil seine Neugeburt. Er erlebt sie auf dem Natur- 
theater von Oklahoma. »Karl sah an einer Strafienecke ein Pla- 
kat mit folgender Aufschrift: Auf dem Rennplatz in Clayton 
wird heute von sechs Uhr f ruh bis Mitternacht Personal fiir das 
Theater in Oklahoma aufgenommen! Das grofie Theater von 
Oklahoma ruft euch! Es ruft nur heute, nur einmal! Wer jetzt 
die Gelegenheit versaumt, versaumt sie fiir immer! Wer an seine 
Zukunft denkt,gehort zu uns! Jeder ist willkommen! WerKiinst- 
ler werden will, melde sich! Wir sind das Theater, das jeden 
brauchen kann, jeden an seinemOrt! Wer sich fiir uns entschieden 
hat, den begliickwiinschen wir gleich hier! Aber beeilt euch, 
damit ihr bis Mitternacht vorgelassen werdet! Um zwolf Uhr 
wird alles geschlossen und nicht mehr geoffnet! Verflucht sei, 
wer uns nicht glaubt! Auf nach Clayton!« Der Leser dieser 
Ankiindigung ist Karl Rofimann, die dritte und glucklichere 
Inkarnation des K., der der Held von Kafkas Romanen ist. Das 
Gliick erwartet ihn auf dem Naturtheater von Oklahoma, das 
eine wirkliche Rennbahn ist, wie das »Ungliicklichsein« ihn einst 
auf dem schmalen Teppich seines Zimmers befallen hatte, auf 
dem er »wie in einer Rennbahn « einherlief. Seitdem Kafka seine 
Betrachtungen »zum Nachdenken fiir Herrenreiter« geschrie- 
ben hatte, den »neuen Advokaten« »hoch die Schenkel hebend, 
mit auf dem Marmor aufklingendem Schritt« die Gerichtstrep- 
pen hatte hinaufsteigen und seine »Kinder auf der Landstrafie« 
in grofien Satzen mit verschrankten Armen ins Land hatte 
traben lassen, ist ihm diese Figur vertraut gewesen und in der 
Tat kann es auch Karl Rofimann geschehen, »zerstreut infolge 
seiner Verschlafenheit, oft zu hohe zeitraubende und nutzlose 
Spriinge« zu machen. Darum also kann es nur eine Rennbahn 
sein, auf der er ans Ziel seiner Wunsche gelangt. 
Diese Rennbahn ist zugleich ein Theater, und das gibt ein 
Ratsel auf. Der ratselhafte Ort und die ganz ratsellose durch- 



4i 8 Literarische und asthetische Essays 

sichtige und lautere Figur des Karl Rofimann gehoren aber zu- 
sammen. Durchsichtig, lauter, geradezu diarakterlos ist Karl 
Rofimann in dem Sinne namlich, in dem Franz Rosenzweig in 
seinem »Stern der Erlosung« sagt, in China sei der innere Mensch 
» geradezu diarakterlos; der Begriff des Weisen, wie ihn klas- 
sisch . . . Kongfutse verkorpert, wischt liber alle mogliche Be- 
sonderheit des Charakters hinweg; er ist der wahrhaft charak- 
terlose, namlich der Durchschnittsmensch . . . Etwas ganz andres 
als Charakter ist es, was den chinesischen Menschen auszeichnet: 
eine ganz elementare Reinheit des Gefuhls.« Wie immer man 
es gedanklich vermitteln mag - vielleicht ist diese Reinheit 
des Gefiihls eine ganz besonders feine Waagschale des gestischen 
Verhaltens - in jedem Fall weist das Naturtheater von Okla- 
homa auf das chinesische Theater zuriick, welches ein gestisches 
ist. Eine der bedeutsamsten Funktionen dieses Naturtheaters 
ist die Auflosung des Geschehens in das Gestische. Ja man darf 
weitergehen und sagen, eine ganze Anzahl der kleineren Studien 
und Geschichten Kafkas treten erst in ihr voiles Licht, indem 
man sie gleichsam als Akte auf das Naturtheater von Okla- 
homa versetzt. Dann erst wird man mit Sicherheit erkennen, 
dafi Kafkas ganzes Werk einen Kodex von Gesten darstellt, die 
keineswegs von Hause aus fur den Verfasser eine sichere symbo- 
lische Bedeutung haben, vielmehr in immer wieder anderen 
Zusammenhangen und Versuchsanordnungen um eine solche 
angegangen werden. Das Theater ist der gegebene Ort soldier 
Versuchsanordnungen. In einem unveroffentlichten Kommentar 
zum »Brudermord« hat Werner Kraft scharfblickend das Ge- 
schehen dieser kleinen Geschichte als ein szenisches durchschaut. 
»Das Spiel kann beginnen, und es wird wirklich durch ein 
Glockenzeichen angekiindigt. Dieses entsteht auf die naturlich- 
ste Weise, indem Wese das Haus verlafit, in welchem sein Biiro 
liegt. Aber diese Tiirglocke, heifit es ausdriicklich, ist >zu laut 
fiir eine Turglocke<, sie tont >iiber die Stadt hin zum Himmel 
auf<.« Wie diese Glocke, fiir eine Tiirglocke zu laut, zum Him- 
mel auftont, so sind die Gesten Kafkascher Figuren zu durch- 
schlagend fiir die gewohnte Umwelt und brechen in eine ge- 
raumigere ein. Je weiter Kafkas Meisterschaft gedieh, desto 
ofter verzichtete er darauf, diese Gebarden viblichen Situationen 
anzupassen, sie zu erklaren. »>Es ist audi eine sonderbare Art,<« 



Franz Kafka 4*9 

heifit es in der »Verwandlung«, »>sich auf das Pult zu setzen 
und von der Hohe herab mit dem Angestellten zu reden, der 
uberdies wegen der Schwerhorigkeit des Chefs ganz nahe her- 
antreten mufi.<« Solche Begriindungen hat sdion der »Prozefi« 
weit hinter sich gelassen. »Bei den ersten Banken« macht K., im 
vorletzten Kapitel, »halt, aber dem Geistlichen schien die 
Entfernung noch zu grofi, er streckte die Hand aus und zeigte 
mit dem scharf gesenkten Zeigefinger auf eine Stelle knapp 
vor der Kanzel. K. folgte audi darin, er mufite auf diesem Platz 
den Kopf schon weit zuriickbeugen, um den Geistlichen noch zu 
sehn.« 

Wenn Max Brod sagt: »Unabsehbar war die Welt der fiir ihn 
wichtigenTatsachen«,so war fiir Kafka sicher am unabsehbarsten 
der Gestus. Jeder ist ein Vorgang, ja man konnte sagen ein 
Drama, fiir sich. Die Biihne, auf der dieses Drama sich abspieh, 
ist das Welttheater, dessen Prospekt der Himmel darstellt. 
Andererseits ist dieser Himmel nur Hintergrund; nach seinem 
eigenen Gesetz ihn zu durchforschen, hiefie den gemalten Hin- 
tergrund der Biihne gerahmt in eine Bildergalerie hangen. Kafka 
reifk hinter jeder Gebarde - wie Greco - den Himmel auf; 
aber wie bei Greco - der der Schutzpatron der Expressionisten 
war - bleibt das Entscheidende, die Mitte des Geschehens die 
Gebarde. Gebiickt vor Schrecken gehen die Leute, die den Schlag 
ans Hoftor vernommen haben. So wiirde ein chinesischer Schau- 
spieler den Schreck darstellen, aber niemand zusammenfahren. 
An anderer Stelle spielt K. selbst Theater. Halb ohne es zu 
wissen, nahm er »langsam . . . mit vorsichtig auf warts gedrehten 
Augen . . . vom Schreibtisch ohne hinzusehn eines der Papiere, 
legte es auf die flache Hand und hob es allmahlich, wahrend er 
selbst aufstand, zu den Herren hinauf. Er dachte hiebei an merits 
Bestimmtes, sondern handelte nur in dem Gefiihl, da& er sich so 
verhalten miiftte, wenn er einmal die grofie Eingabe fertigge- 
stellt hatte, die ihn ganzlich entlasten sollte.« Die groEte Ratsel- 
haftigkeit mit grofiter Schlichtheit verbindet dieser Gestus als 
tierischer. Man kann die Tiergeschichten Kafkas auf eine gute 
Strecke lesen, ohne iiberhaupt wahrzunehmen, dafi es sich gar 
nicht um Menschen handelt. Stoftt man dann auf den Namen 
des Geschopfs - des Affen, des Hundes oder des Maulwurfs - 
so blickt man erschrocken auf und sieht, daE man vom Konti- 



4 20 Literarisdie und asthetische Essays 

nent des Menschen sdion weit entfernt ist. Doch Kafka ist das 
immer; der Gebarde des Menschen nimiiit er die iiberkommenen 
Stiitzen und hat an ihr dann einen Gegenstand zu Oberlegungen, 
die kein Ende nehmen. 

Sie nehmen aber sonderbarerweise audi dann kein Ende, wenn 
sie von Kafkas Sinngeschichten ausgehen. Man denke an die 
Parabel »Vor dem Gesetz«. Der Leser, der ihr im »Landarzt« 
begegnete, stiefi vielleicht auf die wolkige Stelle in ihrem Innern. 
Aber hatte er die nichtendenwollende Reihe von Erwagungen 
angestellt, die diesem Gleichnis dort entspringen, wo Kafka 
seine Auslegung unternimmt? Das geschieht durch den Geist- 
lichen im »Prozefi« - und zwar an einer so ausgezeichneten 
Stelle, dafi man vermuten konnte, der Roman sei nichts als die 
entfaltete Parabel. Das Wort »entfaltet« ist aber doppelsinnig. 
Entfaltet sich die Knospe zur Blute, so entfaltet sich das aus 
Papier gekniffte Boot, das man Kindern zu machen beibringt, 
zum glatten Blatt. Und diese zweite Art »Entfaltung« ist der 
Parabel eigentlich angemessen, des Lesers Vergniigen, sie zu glat- 
ten, so dafi ihre Bedeutung auf der flachen Hand liegt. Kafkas 
Parabeln entfalten sich aber im ersten Sinne; namlich wie die 
Knospe zur Blute wird. Darum ist ihr Produkt der Dichtung 
ahnlich. Das hindert nicht, dafi seine Stiicke nicht ganzlich in die 
Prosaformen des Abendlandes eingehen und zur Lehre ahnlich 
wie die Haggadah zur Halacha stehen. Sie sind nicht Gleichnisse 
und wollen doch auch nicht fur sich genommen sein; sie sind 
derart bescharfen, dafi man sie zitieren, zur Erlauterung erzah- 
len kann. Besitzen wir die Lehre aber, die von Kafkas Gleichnis- 
sen begleitet und in den Gesten K.'s und den Gebarden seiner 
Tiere erlautert wird? Sie ist nicht da; wir konnen hochstens 
sagen, dafi dies und jenes auf sie anspielt. Kafka hatte vielleicht 
gesagt: als ihr Relikt sie iiberhefert; wir aber konnen ebensowohl 
sagen: sie als ihr Vorlaufer vorbereitet. In jedem Falle handelt 
es sich dabei urn die Frage der Organisation des Lebens und der 
Arbeit in der menschlichen Gemeinschaft. Diese hat Kafka umso 
stetiger beschaftigt, als sie ihm undurchschaubar geworden ist. 
Wenn im beriihmten Erfurter Gesprach mit Goethe Napoleon 
an die Stelle des Fatums die Politik gesetzt hat, so hatte Kafka 
- dieses Wort variierend - die Organisation als Schicksal defi- 
nieren konnen. Und nicht nur in den ausgebreiteten Beamten- 



Franz Kafka 4 21 

hierarchien des »Prozesses« und des »Schlosses« steht sie ihm 
vor Augen, sondern greifbarer noch in den sdiwierigen und 
unubersehbaren Bauvorhaben, deren ehrwiirdiges Modell er im 
»Bau der Chinesischen Mauer« behandelt hat. 
»Die Mauer sollte zum Schutz fiir die Jahrhunderte werden; 
sorgfaltigster Bau, Benutzung der Bauweisheit aller bekannten 
Zeiten und Volker, dauerndes Gefiihl der personlichen Verant- 
wortung der Bauenden waren deshalb unumgangliche Voraus- 
setzung fiir die Arbeit. Zu den niederen Arbeiten konnten zwar 
unwissende Taglohner aus dem Volke, Manner, Frauen, Kinder, 
wer sich fiir gutes Geld anbot, verwendet werden; aber sdion 
zur Leitung von vier Taglohnern war ein verstandiger, im Bau- 
fach gebildeter Mann notig . . . Wir - ich rede hier wohl im Na- 
men vieler - haben eigentlich erst im Nachbuchstabieren der 
Anordnungen der obersten Fiihrerschaft uns selbst kennenge- 
lernt und gefunden, daft ohne die Fiihrerschaft weder unsere 
Schulweisheit noch unser Menschenverstand fiir das kleine Amt, 
das wir innerhalb des grofien Ganzen hatten, ausgereicht hatte.« 
Diese Organisation ahnelt dem Fatum. MetschnikofT, der in sei- 
nem beriihmten Buch »Die Zivilisation und die groften histori- 
schen Fliisse« ihr Schema gezeichnet hat, tut dies mit Wendun- 
gen, die von Kafka sein konnten. »Die Kanale des Jangtse-Kiang 
und die Damme des Hoang-ho«, schreibt er, »sind aller Wahr- 
scheinlichkeit nach ein Resultat kunstvoll organisierter gemein- 
samer Arbeit von . . . Generationen . . . Die kleinste Unachtsam- 
keit beim Stechen dieses oder jenes Grabens oder beim Stiitzen 
irgendeinesDammes,die geringste Nachlassigkeit, ein egoistisches 
Auftreten seitens eines Menschen oder einer Gruppe von Men- 
schen in der Sache der Erhaltung des gemeinsamen Wasserreich- 
tums, wird unter so ungewohnlichen Verhaltnissen die Quelle 
sozialer Obel und weitreichenden geselischaftlichen Ungliicks. 
Demnach fordert ein Fluft-Ernahrer mit Todesdrohen eine 
enge und dauernde Solidaritat zwischen jenen Massen der Be- 
volkerung, welche oft einander fremd, ja feindlich sind; er 
verurteilt Jedermann zu solchen Arbeiten, deren gemeinsame 
Nutzlichkeit sich erst mit der Zeit offenbart, und deren Plan 
sehr oft einem gewohnlichen Menschen ganz unverstandlich 
bleibt.« 
Kafka wollte sich zu den gewohnlichen Menschen gerechnet 



422 Literarische und asthetische Essays 

wissen. Die Grenze des Verstehens hat sidi ihm auf Schritt und 
Tritt aufgedrangt. Und gern drangt er sie andern auf. Er sdieint 
manchmal nicht weit entfernt, mit Dostojewskis Grofiinquisitor 
zu sagen: »So haben wir denn ein Mysterium vor uns, das wir 
nicht begreifen konnen. Und eben weil es ein Ratsel ist, so hatten 
wir das Recht, es zu predigen, den Menschen zu lehren, dajS 
das, woran gelegen ist, weder die Freiheit, noch die Liebe, 
sondern das Ratsel, das Geheimnis, das Mysterium ist, dem sie 
sich unterwerfen mussen - ohne Nachdenken und auch gegen 
ihr Gewissen.« Den Versuchungen des Mystizismus ist Kafka 
nicht immer aus dem Wege gegangen. Von seiner Begegnung 
mit Rudolf Steiner haben wir eine Tagebuchnotiz, die mindestens 
in der Gestalt, in der sie publiziert ist, die Stellungnahme Kaf- 
kas nicht enthalt. Hat er sich ihr entzogen? Sein Verfahren den 
eigenen Texten gegenuber lafit das keinesfalls als unmoglich 
erscheinen. Kafka verfiigte iiber eine seltene Kraft, sich Gleich- 
nisse zu schaffen. Trotzdem erschopft er sich in dem, was deut- 
bar ist, niemals, hat vielmehr alle erdenklichen Vorkehrungen 
gegen die Auslegung seiner Texte getrorfen. Mit Umsicht, mit 
Behutsamkeit, mit Mifitrauen muS man in ihrem Innern sich 
vorwartstasten. Man mufi sich Kafkas Eigenart zu lesen vor 
Augen halten, wie er sie in der Auslegung der genannten Pa- 
rabel handhabt. Man darf auch an sein Testament erinnern. Die 
Vorschrift, mit der er die Vernichtung einer Hinterlassenschaft 
anbefahl, ist den naheren Umstanden nach ebenso schwer er- 
griindlich, ebenso sorgfaltig abzuwagen, wie die Antworten des 
Turhuters vor dem Gesetz. Vielleicht wollte Kafka, den jeder 
Tag seines Lebens vor unentratselbare Verhaltungsweisen und 
undeutliche Verlautbarungen gestellt hat, im Tode wenigstens 
seiner Mitwelt mit gleicher Miinze heimzahlen. 
Kafkas Welt ist ein Welttheater. Ihm steht der Mensch von 
Haus aus auf der Buhne. Und die Probe auf das Exempel ist: 
Jeder wird auf dem Naturtheater von Oklahoma eingestellt. 
Nach welchen Maftstaben die Aufnahme erfolgt, ist nicht zu 
entratseln. Die schauspielerische Eignung, an die man zuerst 
denken sollte, spielt scheinbar gar keine Rolle. Man kann das 
aber auch so ausdriicken: den Bewerbern wird iiberhaupt nichts 
anderes zugetraut, als sich zu spielen. Dafi sie im Ernstfall sein 
konnten, was sie angeben, schaltet aus dem Bereich der Moglich- 



Franz Kafka 423 

keit aus. Mit ihren Rollen suciien die Personen ein Unterkom- 
men im Naturtheater wie die sechs Pirandelloschen einen Autor. 
Beiden ist dieser Ort die letzte Zuflucht; und das schliefit nicht 
aus, dafi er die Erlosung ist. Die Erlosung ist keine Pramie auf 
das Dasein, sondern die letzte Ausflucht eines Menschen, dem, 
wie Kafka sagt, »sein eigener Stirnknochen . . . den Weg« verlegt. 
Und das Gesetz dieses Theaters ist in dem versteckten Satz ent- 
halten, den der »Bericht fur eine Akademie« enthalt; ». . . ich 
ahmte nach, weil ich einen Ausweg suchte, aus keinem anderen 
Grund.« K. scheint vor dem Ende seines Prozesses eine Ahnung 
von diesen Dingen aufzugehen. Er wendet sich plotzlich den 
beiden Herren im Zylinder zu, welche ihn abholen und fragt: 
»>An welchem Theater spielen Sie.< >Theater?< fragte der eine 
Herr mit zuckenden Mundwinkeln den andern um Rat. Der 
andere gebardete sich wie ein Stummer, der mit dem wider- 
spenstigen Organismus kampft.« Sie beantworten die Frage 
nicht, aber manches deutet darauf hin, dafi sie von ihr betroffen 
werden. 

An einer langen Bank, die man mit einem weifien Tuch bedeckt 
hat, werden alle, welche von nun ab am Naturtheater sind, be- 
wirtet. »AlIe waren frohlich und aufgeregt«. Engel werden zur 
Feier von den Statisten gestellt. Sie stehen auf hohen Postamen- 
ten, die von wallenden Gewandern iiberdeckt in ihrem Innern 
eine Treppe haben. Die Zuriistungen einer landlichen Kirmes, 
vielleicht auch eines Kinderfests, bei dem der eingeschnurte, 
aufgeputzte Knabe, von dem wir sprachen, dieTraurigkeit seines 
Blicks verloren hatte. - Hatten sie nicht die umgebundenen 
Fliigel, so waren diese Engel vielleicht echte. Sie haben ihre Vor- 
laufer bei Kafka. Der Impresario gehort zu ihnen, der zu dem 
vom »ersten Leid« befallenen Trapezkiinstler ins Gepacknetz 
steigt, ihn streichelt und sein Gesicht an das eigene driickt, »so dafi 
er auch von des Trapezkiinstlers Tranen iiberflossen wurde.« Ein 
anderer, ein Schutz-Engel oder Schutz-Mann nimmt sich nach 
dem »Brudermorde« des Morders Schmar an, der »den Mund 
an die Schulter des Schutzmannes gedriickt« leichtfiifiig von ihm 
davongefiihrt wird. - In die landlichen Zeremonien von Okla- 
homa klingt der letzte Roman Kafkas aus. »Bei Kafka - hat 
Soma Morgenstern gesagt - herrscht Dorfluft wie bei alien 
grofien Religionsstiftern.« Hier darf man um so mehr an die 



424 Literarische und asthetische Essays 

Darstellung der Frommigkeit durdi Laotse erinnern, als Kafka 
in dem »nachsten Dorfe« ihr die vollkommenste Umschreibung 
gewidmet hat: »Nachbarlander mogen in Sehweite liegen, | Dafi 
man den Ruf der Hahne und Hunde gegenseitig horen kann: | 
Und doch sollten die Leute im hochsten Alter sterben, | Ohne 
hin und her gereist zu sein.« Soweit Laotse. Kafka war audi ein 
Paraboliker, aber ein Religionsstifter war er nicht. 
Betrachten wir das Dorf, das am Fufie des Schlofibergs liegt, 
von dem aus K.s vorgebliche Berufung als Landvermesser 
so ratselhaft und unerwartet bestatigt wird. Brod hat, im Nach- 
wort zu diesem Roman, erwahnt, dafi Kafka bei diesem Dorf 
am Fufie des Schlofibergs eine bestimmte Siedlung, Ziirau im 
Erzgebirge, vorgeschwebt habe. Wir diirfen aber nodi ein ande- 
res Dorf in ihm erkennen. Es ist das einer talmudisdien Legende, 
die der Rabbi als Antwort auf die Frage erzahlt, warum der 
Jude am Freitagabend ein Festmahl riistet. Sie berichtet von 
einer Prinzessin, die in der Verbannung, von ihren Landsleuten 
fern, und in einem Dorf, dessen Sprache sie nicht verstehe, 
schmachte. Zu dieser Prinzessin kommt eines Tages ein Brief, ihr 
Verlobter habe sie nicht vergessen, habe sich aufgemacht und sei 
unterwegs zu ihr. - Der Verlobte, sagt der Rabbi, ist der Messias, 
die Prinzessin die Seele, das Dorf aber, in das sie verbannt" ist, 
der Korper. Und weil sie dem Dorf, das ihre Sprache nicht kennt, 
anders von ihrer Freude nichts mitteilen kann, riistet sie ihm 
ein Mahl. - Mit diesem Dorf des Talmud sind wir mitten in 
Kafkas Welt. Denn so wie K. im Dorf am Schlofiberg lebt der 
heutige Mensch in seinem Korper; er entgleitet ihm, ist ihm 
feindlich. Es kann geschehen, dafi der Mensch eines Morgens 
erwacht, und er ist in ein Ungeziefer verwandelt. Die Fremde - 
seine Fremde - ist seiner Herr geworden. Die Luft von diesem 
Dorf weht bei Kafka, und darum ist er nicht in Versuchung 
gekommen, Religionsstifter zu werden. Zu diesem Dorf gehort 
audi der Schweinestall, aus dem die Pferde fur den Landarzt 
hervorkommen, das stickige Hinterzimmer, in welchem Klamm, 
die Virginia im Munde, vor einem Glas Bier sitzt, und das 
Hoftor, an das zu schlagen den Untergang mit sich bringt. 
Die Luft in diesem Dorf ist nicht rein von all dem Ungewor- 
denen und Uberreifen, das so verderbt sich ineinandermischt. 
Kafka hat sie sein Lebtag atmen miissen. Er war kein Man- 



Franz Kafka 4 2 5 

tiker und audi kein Religionsstifter. Wie hat er es in ihr ausge- 
halten? 



Das bucklicht Mannlein 

Knut Hamsun, so erfuhr man vor langerer Zeit, habe die Ge- 
pflogenheit, hin und wieder den Briefkasten des Lokalblatts der 
kleinen Stadt, in deren Nahe er wohnt, mit seinen Ansiciiten zu 
beschicken. Es fand vor Jahren in dieser Stadt ein Schwurge- 
richtsprozefi gegen eine Magd statt, die ihr neugeborenes Kind 
umgebradit hatte. Sie wurde zu einer Gefangnisstrafe verurteilt. 
Bald darauf erschien im Lokalblatt eine Meinungsaufierung von 
Hamsun. Er sagt an, er werde einer Stadt den Rucken kehren, 
welche fiir eine Mutter, die ihr Neugeborenes tote, eine andere 
Strafe kenne als die schwerste; wenn schon nicht den Galgen, 
dann das lebenslangliche Zuchthaus. Es vergingen einige Jahre. 
»Segen der Erde« erschien und darinnen die Geschichte einer 
Dienstmagd, die das gleiche Verbrechen begeht, die gleiche 
Strafe erleidet und, wie der Leser deutlich erkennt, gewifi keine 
schwerere verdient hatte. 

Die nachgelassenen Reflexionen Kafkas, die im »Bau der Chine- 
sischen Mauer« enthalten sind, geben Anlafi, sich dieses Hergangs 
zu erinnern. Denn kaum war dieser Nachlafiband erschienen, 
als sich, gestutzt auf seine Reflexionen, eine Deutung Kafkas 
hervortat, die sich in deren Auslegung gefiel, um mit seinen 
eigentlichen Werken desto weniger Umstande zu machen. Zwei 
Wege gibt es, Kafkas Schriften grundsatzlich zu verfehlen. Die 
natiirliche Auslegung ist der eine, die iibernaturlidie ist der 
andere; am Wesentlichen gehen beide - die psychoanalytische 
wie die theologische - in gleicher Weise vorbei. Die erste ist 
vertreten von Hellmuth Kaiser; die zweite von nun schon zahl- 
reichen Autoren, wie H. J. Schoeps, Bernhard Rang, Groethuy- 
sen. Zu ihnen ist audi Willy Haas zu rechnen, der freilich in 
ferneren Zusammenhangen, auf die wir noch stof5en werden, 
Aufschlufireiches iiber Kafka bemerkt hat. Das hat ihn nicht 
davor bewahren konnen, das Gesamtwerk im Sinne einer theo- 
logischen Schablone auszudeuten. »Die obere Macht,« so schreibt 
er iiber Kafka, »den Bereich der Gnade, hat er dargestellt in 
seinem grofien Roman >Das Schlofi<, die untere, den Bereich des 



416 Literarische und asthetische Essays 

Geridits und der Verdammnis, in seinem ebenso grofien Roman 
>Der Prozefi<. Die Erde zwischen beiden, . . . das irdische Schick- 
sal und seine schwierigen Forderungen hat er in strenger Stili- 
sierung zu geben versucht in einem dritten Roman >Amerika<.« 
Das erste Drittel dieser Interpretation kann man, seit Brod, 
wohl als Gemeingut der Kafka-Interpretation betrachten. In die- 
sem Sinne schreibt z. B. Bernhard Rang: »Sofern man das Schlofi 
als den Sitz der Gnade ansehen darf, so bedeutet, theologisch 
gesprochen, eben dieses vergebliche Bemiihen und Versuchen, 
dafi sich die Gnade Gottes nicht willkiirlich und willentlich 
vom Menschen herbeifiihren und erzwingen lafit. Die Un- 
ruhe und Ungeduld verhindert und verwirrt nur die erhabene 
Stille des G6ttlichen.« Bequem ist diese Deutung; dafi sie unhalt- 
bar ist, erscheint, je weiter sie sich vorwagt, desto klarer. Am 
klarsten daher vielleicht bei Willy Haas, wenn er erklart: »Kaf- 
ka kommt . . . von Kierkegaard wie von Pascal, man kann 
ihn wohl den einzigen legitimen Enkel Kierkegaards und Pas- 
cals nennen. Alle drei haben das harte, blutig harte religiose 
Grundmotiv: dafi der Mensch immer im Unrecht ist vor Gott.« 
Kafkas »Oberwelt, sein sogenanntes >Schlofi< mit seinem unab- 
sehbaren, kleinlichen verzwickten und recht liisternen Beamten- 
stab, sein merkwiirdiger Himmel treibt ein furchterliches Spiel 
mit den Menschen . . .; und doch ist der Mensch ganz tief im 
Unrecht sogar vor diesem Gott.« Diese Theologie fallt weit hin- 
ter die Rechtfertigungslehre Anselms von Canterbury in bar- 
barische Spekulationen zuriick, die im iibrigen nicht einmal mit 
dem Wortlaut des Kafkaschen Textes vereinbar erscheinen. 
»>Kann denn<«, heifit es gerade im »Schlofi«, »>ein einzelner Be- 
amter verzeihen? Das konnte doch hochstens Sache der Gesamt- 
behorde sein, aber selbst diese kann wahrscheinlich nicht verzei- 
hen, sondern nur richten.<« Der Weg, der so beschritten worden 
ist, hat sich schnell totgelaufen. »Das alles«,sagt Denis de Rouge- 
mont, »ist nicht der elende Stand des Menschen, der ohne Gott 
ist, sondern der Elendsstand des Menschen, der einem Gott ver- 
haftet ist, den er nicht kennt, weil er Christum nicht kennt.« ■ 
Es ist leichter, aus der nachgelassenen Notizensammlung Kafkas 
spekulative Schliisse zu ziehen, als audi nur eines der Motive zu 
ergriinden, die in seinen Geschichten und Romanen auftreten. 
Aber nur sie geben einigen Aufschlufi uber die vorweltlichen 



Franz Kafka 427 

Gewalten, von denen Kafkas Schaffen beansprucht wurde; Ge- 
walten, die man freilich mit gleichem Recht audi als weltliche 
unserer Tage betraditen kann. Und wer will sagen, unter wel- 
chem Namen sie Kafka selbst erschienen sind. Fest steht nur 
dies: er hat in ihnen sich nicht zurechtgefunden. Er hat sie 
nicht gekannt. Er hat nur in dem Spiegel, den die Vorwelt ihm 
in Gestalt der Schuld entgegenhielt, die Zukunft in Gestalt des 
Gerichtes erscheinen sehen. Wie man sich dieses aber zu denken 
hat - ist es nicht das Jungste? macht es nicht aus dem Richter 
den Angeklagten? ist nicht das Verfahren die Strafe? - dar- 
auf hat Kafka keine Antwort gegeben. Versprach er sich etwas 
von ihr? Oder war es ihm nicht vielmehr darum zu tun, sie 
hintanzuhalten? In den Geschichten, die wir von ihm haben, 
gewinnt die Epik die Bedeutung wieder, die sie im Mund Sche- 
herazades hat: das Kommende hinauszuschieben. Aufschub 
ist im »Prozefi« die Hoffnung des Angeklagten - ginge nur 
das Verfahren nicht allmahlich ins Urteil iiber. Dem Erzvater 
selbst soil Aufschub zugute kommen, und miifite er seinen Platz 
in der Tradition dafiir hergeben. »Ich konnte mir einen andern 
Abraham denken, der - freilich wiirde er es nicht bis zum Erz- 
vater bringen, nicht einmal bis zum Altkleiderhandler - der die 
Forderung des Opfers sofort, bereitwillig wie ein Kellner zu 
erfiillen bereit ware, der das Opfer aber doch nicht zustande- 
brachte, weil'er von zuhause nicht fort kann, er ist unentbehr- 
lich, die Wirtschaft benotigt ihn, immerfort ist noch etwas anzu- 
ordnen, das Haus ist nicht fertig, aber ohne dafi sein Haus fer- 
tig ist, ohne diesen Riickhalt kann er nicht fort, das sieht audi 
die Bibel ein, denn sie sagt: >er bestellte sein Haus<«. 
»Bereitwillig wie ein Kellner« erscheint dieser Abraham. Etwas 
war immer nur im Gestus fur Kafka fafibar. Und dieser Gestus, 
den er nicht verstand, bildet die wolkige Stelle derParabeln. Aus 
ihm geht Kafkas Dichtung hervor. Es ist bekannt, wie er mit 
ihr zuriickhielt. Sein Testament befiehlt sie der Vernichtung 
an. Dies Testament, das keine Befassung mit Kafka umgehen 
kann, sagt, dafi sie ihren Autor nicht zufrieden stellte; dafi er 
seine Bemuhungen als verfehlt ansah; dafi er sich selbst zu denen 
rechnete, die scheitern mufiten. Gescheitert ist sein grofiartiger 
Versuch, die Dichtung in die Lehre zu uberfiihren und als Para- 
bel ihr die Haltbarkeit und die Unscheinbarkeit zuriickzugeben, 



4 2 8 Literarische und asthetische Essays 

die im Angesicht der Vernunft ihm als die einzig geziemende 
erschienen ist. Kein Dichter hat das »Du sollst Dir kein Bildnis 
machen« so genau befolgt. 

»Es war, als sollte die Scham ihn iiberleben« - das sind die 
Worte, die den »Prozefi« beschliefien. Die Scham, die seiner 
»elementaren Reinheit des Gefiihls« entspricht, ist die starkste 
Gebarde Kafkas. Sie hat aber ein doppeltes Gesicht. Die Scham, 
die eine intime Reaktion des Menschen ist, ist zugleich eine 
gesellschaftlich anspruchsvolle. Scham ist nicht nur Scham vor 
den andern, sondern kann audi Scham fiir sie sein. So ist Kafkas 
Scham nicht personlicher, als das Leben und Denken, das sie 
regiert und von dem er gesagt hat: »Er lebt nicht wegen seines 
personlichen Lebens, er denkt nicht wegen seines personlichen 
Denkens. Ihm ist, als lebe und denke er unter der Notigung einer 
Familie . . . Wegen dieser unbekannten Familie . . . kann er nicht 
entlassen werden.« Wir wissen nicht, wie diese unbekannte Fa- 
milie - aus Menschen und aus Tieren - sich zusammensetzt. 
Nur soviel ist klar, dafi sie es ist, die Kafka zwingt, Weltalter 
im Schreiben zu bewegen. Dem Geheifi dieser Familie folgend, 
walzt er den Block des geschicht lichen Geschehens wie Sisyphos 
den Stein. Dabei geschieht es, dafi dessen untere Seite ans Licht 
gerat. Sie ist nicht angenehm zu sehen. Doch Kafka ist imstande, 
ihren Anblick zu ertragen. »An Fortschritt glauben heifit nicht 
glauben, dafi ein Fortschritt schon geschehen ist. Das ware 
kein Glauben. « Das Zeitalter, in dem Kafka lebt, bedeutet ihm 
keinen Fortschritt liber die Uranfange. Seine Romane spielen 
in einer Sumpfwelt. Die Kreatur erscheint bei ihm auf der 
Stufe, die Bachofen als die hetarische bezeichnet. Dafi diese Stufe 
vergessen ist, besagt nicht, dafi sie in die Gegenwart nicht hin- 
einragt. Vielmehr: gegenwartig ist sie durch diese Vergessen- 
heit. Eine Erfahrung, die tiefer geht als die des Durdischnitts- 
biirgers, trifft auf sie auf. »Ich habe Erfahrung, « lautet eine der 
friihesten Aufzeichnungen Kafkas, »und es ist nicht scherzend 
gemeint, wenn ich sage, dafi es eine Seekrankheit auf festem 
Lande ist.« Nicht umsonst erfolgt die erste »Betrachtung« von 
einer Schaukel aus. Und unerschopflich ergeht sich Kafka iiber 
die schwankende Natur der Erfahrungen. Jede gibt nach, jede 
vermischt sich mit der entgegengesetzten. »Es war im Sommer,« 
so beginnt der »Schlag ans Hoftor«, »ein heifier Tag. Ich kam auf 



Franz Kafka 429 

dem Nachhauseweg mit meiner Schwester an einem Hoftor 
voriiber. Ich weifi nicht, schlug sie aus Mutwillen ans Tor oder 
aus Zerstreuthek oder drohte sie nur mit der Faust und schlug 
gar nicht.« Die blofie Moglichkeit des an der dritten Stelle er- 
wahnten Vorgangs lafit die vorangehenden, die zunachst harmlos 
erschienen, in ein anderes Licht treten. Es ist der Moorboden 
soldier Erfahrungen, aus denen die Kafkaschen Frauengestalten 
aufsteigen. Sie sind Sumpfgeschopfe wie Leni, die »den Mittel- 
und Ringfinger ihrer rechten Hand« auselnanderspannt, »zwischen 
denen das Verbindungshautchen fast bis zum obersten Gelenk der 
kurzen Finger « reicht. - »>Schone 2eiten,<« erinnert die zwei- 
deutige Frieda sich ihres Vorlebens, »>du hast mich niemals nach 
meiner Vergangenheit gefragt.<«Diesefuhrt eben in den finsteren 
Schofi der Tiefe zuriick, wo sich jene Paarung vollzieht, »deren 
regellose Oppigkeit«, urn mit Bachofen zu reden, »den reinen 
Machten des himmlischen Lichts verhafit ist und die Bezeichnung 
luteae voluptates, deren sich Arnobius bedient, rechtfertigt.« 
Von hier aus erst lafit sich die Technik, die Kafka als Erzahler 
hat, begreifen. Wenn andere Romanfiguren dem K. etwas zu 
sagen haben, so tun sie das - mag es das Wichtigste, mag es das 
Oberraschendste sein - beilaufig und auf eine Weise, als miifite 
er es im Grunde langst gewufit haben. Es ist als ware da nichts 
Neues, als ergehe nur unauffallig an den Helden die Auffor- 
derung, sich doch einfallen zu lassen, was er vergessen habe. In 
diesem Sinn hat Willy Haas mit Recht den Hergang des 
»Prozesses« verstehen wollen und ausgesprochen, »dafi der 
Gegenstand dieses Prozesses, ja der eigentliche Held dieses un- 
glaublichen Buches, das Vergessen ist, . . . dessen . . . Haupt- 
eigenschaft ja ist, dafi er sich selbst vergifit . . . Es ist hier selbst 
geradezu stumme Gestalt geworden in dieser Figur des Ange- 
klagten, und zwar Gestalt von grofiartigster Intensitat.« Dafi 
» dieses geheimnisvolle Zentrum . . . der jiidischen Religion « 
entstammt, ist wohl nicht von der Hand zu weisen. »Hier 
spielt das Gedachtnis als Frommigkeit eine ganz geheimnisvolle 
Rolle. Es ist . . . nicht eine, sondern die tiefste Eigenschaft sogar 
Jehovas, dafi er gedenkt, dafi er ein untriigliches Gedachtnis 
>bis ins dritte und vierte Geschlecht<, ja bis ins >hundertste< be- 
wahrt; der heiligste . . . Akt des ... Ritus ist die Ausloschung 
der Sunden aus dem Buch des Gedachtnisses.« 



430 Literarische und asthetische Essays 

Das Vergessene - mit dieser Erkenntnis stehen wir vor einer 
weiteren Sdiwelle von Kafkas Werk - ist niemals ein nur 
individuelles. Jedes Vergessene mischt sich mit dem Vergessenen 
der Vorwelt, geht mit ihm zahllose, ungewisse, wechselnde Ver- 
bindungen zu immer wieder neuen Ausgeburten ein. Verges- 
senheit ist das Behaltnis, aus dem die unerschopfliche Zwischen- 
welt in Kafkas Geschichten ans Licht drangt. »Ihm gilt grade 
die Fiille der Welt als das allein Wirkliche. Aller Geist muli 
dinglich, besondert sein, urn hier Platz und Daseinsrecht zu be- 
kommen . . . Das Geistige, insofern es noch eine Rolle spielt, 
wird zu Geistern. Die Geister werden zu ganz individuellen 
Individuen, selber benannt und dem Namen des Verehrers aufs 
besonderste verbunden . . . Unbedenklich wird mit ihrer Fiille 
die Fiille der Welt noch uberfiillt . . . Unbekummert mehrt sich 
hier das Gedrange der Geister; . . . immer neue zu den alten, 
alle eigennamentlich von einander geschieden.« Es ist nun freilich 
nicht Kafka, von dem hier die Rede ist - es ist China. So be- 
schreibt Franz Rosenzweig im »Stern der Erlosung« den chinesi- 
schen Ahnenkult. Unabsehbar wie die Welt der fur ihn wichtigen 
Tatsachen aber war fur Kafka auch die seiner Ahnen und gewifi 
ist, dafi sie, wie die Totembaume der Primitiven, zu den Tieren 
hinunterfiihrte. Obrigens sind die Tiere nicht allein bei Kafka 
Behaltnisse des Vergessenen. Im tiefsinnigen »Blonden Eckbert« 
Tiecks steht der vergessene Name eines Hiindchens - Strohmian - 
als Chiffre einer ratselhaften Schuld. So kann man verstehen, 
dafi Kafka nicht miide wurde, den Tieren das Vergessene abzu- 
lauschen. Sie sind wohl nicht das Ziel; aber ohne sie geht es 
nicht. Man denke an den »Hungerkiinstler«, der »genau genom- 
men, nur ein Hindernis auf dem Weg zu den Stallen war.« Sieht 
man das Tier im »Bau« oder den »Riesenmaulwurf« nicht grii- 
beln, wie man sie wiihlen sieht? Und doch ist auf der anderen 
Seite dieses Denken wiederum etwas sehr Zerfahrenes. Un- 
schlussig schaukelt es von einer Sorge zur anderen, es nippt an 
alien Angsten und hat die Flatterhaftigkeit der Verzweiflung. 
So gibt es denn bei Kafka audi Schmetterlinge; aus dem schuld- 
beladenen »Jager Gracchus«, der von seiner Schuld nichts wis- 
sen will, »>ist ein Schmetterling geworden<«. »>Lachen Sie nicht<, 
sagt der Jager Gracchus. « - Soviel ist sidier: unter alien Ge- 
schopfen Kafkas kommen am meisten die Tiere zum Nachden- 



Franz Kafka 43 l 

ken. Was die Korruption im Recht ist, das ist in ihrem Denken 
die Angst. Sie verpfuscht den Vorgang und ist doch das einzig 
Hoffnungsvolle in ihm. Weil aber die vergessenste Fremde wiser 
Korper - der eigene Korper - ist, versteht man, wie Kafka den 
, Husten, der aus seinem Innern brach, »das Tier« genannt hat. 
Er war der vorgeschobenste Posten der grofien Herde. 
Der sonderbarste Bastard, den die Vorwelt bei Kafka mit der 
Schuld gezeugt hat, ist Odradek. »Es sieht zunachst aus wie 
eine flache sternartige Zwirnspule, und tatsachlich scheint es auch 
mit Zwirn bezogen; allerdings diirften es nur abgerissene, alte, 
aneinander geknotete, aber auch ineinander verfitzte Zwirn- 
stiicke von verschiedenster Art und Farbe sein. Es ist aber nicht 
nur eine Spule, sondern aus der Mine des Sternes kommt ein 
kleines Querstabchen hervor und an dieses Stabchen fiigt sich 
dann im rechten Winkel noch eines. Mit Hilfe dieses letzteren 
Stabchens auf der einen Seite, und einer der Ausstrahlungen 
des Sternes auf der anderen Seite, kann das Ganze wie auf zwei 
Beinen aufrecht stehen.« Odradek »halt sich abwechselnd auf 
dem Dachboden, im Treppenhaus, auf den Gangen, im Flur 
auf«. Es bevorzugt also die gleichen Orte wie das Gericht, wel- 
ches der Schuld nachgeht. Die Boden sind der Ort der ausran- 
gierten, vergessenen Effekten. Vielleicht ruft der Zwang, vor 
dem Gericht sich einzufinden, ein ahnliches Gefiihl hervor wie 
der, an jahrelang verschlossene Truhen auf dem Boden heran- 
zugehen. Gern wiirde man das Unternehmen bis ans Ende der 
Tage aufschieben so wie K. seine Verteidigungsschrift geeignet 
flndet, »einmal nach der Pensionierung den kindisch geworde- 
nen Geist zu beschaftigen«. 

Odradek ist die Form, die die Dinge in der Vergessenheit an- 
nehmen. Sie sind entstellt. Entstellt ist die »Sorge des Haus- 
vaters«, von der niemand weifi, was sie ist, entstellt das Unge- 
ziefer, von dem wir nur allzu gut wissen, daft es den Gregor 
Samsa darstellt, entstellt das grofie Tier, halb Lamm halb Katz- 
chen, fiir das vielleicht »das Messer des Fleischers eine Erlosung« 
ware. Diese Figuren Kafkas aber sind durch eine lange Reihe 
von Gestalten verbunden mit dem Urbilde der Entstellung, dem 
Buckligen. Unter den Gebarden Kafkascher Erzahlungen^ be- 
gegnet keine haufiger als die des Mannes, der den Kopf tief auf 
die Brust herunterbeugt. Das ist die Miidigkeit bei den Gerichts- 



432 Literarische und asthetische Essays 

herren, der Larm bei den Portiers in dem Hotel, die niedere 
Decke bei den Galeriebesuchern. In der »Strafkolonie« aber be- 
dienen sich die Gewalthaber einer altertumlichen Maschinerie, 
die verschnorkelte Lettern in den Rucken der Schuldigen ein- 
graviert, die Stiche mehrt, die Ornamente hauft solange, bis 
der Rucken der Schuldigen hellsehend wird, selber die Schrift 
entziffern kann, aus deren Lettern er den Namen seiner 
unbekannten Schuld entnehmen mufi. Es ist also der Rucken, 
dem es aufliegt. Und ihm liegt es bei Kafka seit jeher auf. So 
in der friihen Tagebuchnotiz: »Um moglichst schwer zu sein, 
was ich fiir das Einschlafen fur gut halte, hatte ich die Arme 
gekreuzt und die Hande auf die Schulter gelegt, so dafi ich dalag 
wie ein bepackter Soldat.« Handgreiflich geht hier das Beladen- 
sein mit dem Vergessen - des Schlafenden - zusammen. Im 
»Bucklichen Mannlein« hat das Volkslied das Gleiche versinn- 
bildlicht. Dies Mannlein ist der Insasse des entstellten Lebens; 
es wird verschwinden, wenn der Messias kommt, von dem ein 
grofier Rabbi gesagt hat, dafi er nicht mit Gewalt die Welt ver- 
andern wolle, sondern nur um ein Geringes sie zurechtstellen 
werde. 

»Geh ich in mein Kammerlein, | Will mein Bettlein machen; | 
Steht ein bucklicht Mannlein da, | Fangt als an zu lachen.« Das 
ist das Lachen Odradeks, von dem es heifit: »Es klingt etwa so, 
wie das Rascheln in gefallenen Blattern.« »Wenn ich an mein 
Banklein knie, | Will ein bifilein beten; | Steht ein bucklicht 
Mannlein da, | Fangt als an zu reden. | Liebes Kindlein, ach ich 
bitt, | Bet' fur's bucklicht Mannlein mit!« So endet das Volks- 
lied. In seiner Tiefe beriihrt Kafka den Grund, den weder das 
»mythische Ahnungswissen« noch die »existenzielle Theologies 
ihm gibt. Es ist der Grund des deutschen Volkstums so gut wie 
des jlidischen. Wenn Kafka nicht gebetet hat - was wir nicht 
wissen - so war ihm doch aufs hochste eigen, was Malebranche 
»das natiirliche Gebet der Seele« nennt - die Aufmerksam- 
keit. Und in sie hat er, wie die Heiligen in ihre Gebete, alle 
Kreatur eingeschlossen. 



Franz Kafka 433 

Sancbo Pansa 

In einem chassidischen Dorf , so erzahlt man, safien eines Abends 
zu Sabbath-Ausgang in einer armlichen Wirtschaft die Juden. 
Ansassige waren es, bis auf einen, den keiner kannte, einen ganz 
armlichen, zerlumpten, der im Hintergrunde im Dunkeln einer 
Ecke kauerte. Hin und her waren die Gesprache gegangen. Da 
brachte einer auf, was sich wohl jeder zu wunschen dachte, wenn 
er einen Wunsch frei hatte. Der eine wollte Geld, der andere 
einen Schwiegersohn, der dritte eine neue Hobelbank, und so 
ging es die Runde herum. Als jeder zu Worte gekommen war, 
blieb noch der Bettler in der dunklen Ecke. Widerwillig und 
zogernd gab er den Fragern nach: »Ich wollte, ich ware ein 
grofimachtiger Konig und herrschte in einem weiten Lande 
und lage nachts und schliefe in meinem Palast und von der 
Grenze brache der Feind herein und ehe es dammerte waren die 
Berittenen bis vor mein Schlofi gedrungen und keinen Wider- 
stand gabe es und aus dem Schlaf geschreckt, nicht Zeit mich 
audi nur zu bekleiden, und im Hemd, hatte ich meine Fluent 
antreten miissen und sei durch Berg und Tal und iiber Wald 
und Hugel und ohne Ruhe Tag und Nacht gejagt, bis ich hier 
auf der Bank in eurer Ecke gerettet angekommen ware. Das 
wiinsche ich mir.« Verstandnislos sahen die andern einander an. 
- »Und was hattest du von diesem Wunsch?« fragte einer. - 
»Ein Hemd« war die Antwort. 

Diese Geschichte fiihrt tief in den Haushalt von Kafkas Welt. 
Niemand sagt ja, die Entstellungen, die der Messias zurechtzu- 
riicken einst erscheinen werde, seien nur solche unseres Raums. 
Sie sind gewifi audi solche unserer Zeit. Bestimmt hat das Kafka 
gedacht. Und aus soldier Gewifiheit seinen Grofivater sagen las- 
sen: »>Das Leben ist erstaunlich kurz. Jetzt in der Erinnerung 
drangt es sich mir so zusammen, dafi ich zum Beispiel kaum be- 
greife, wie ein junger Mensch sich entschliefien kann ins nachste 
Dorf zu reiten, ohne zu fiirchten, dafi - von ungliicklichen Zu- 
fallen ganz abgesehen - schon die Zeit des gewohnlichen, gllick- 
lich ablaufenden Lebens fiir einen soldien Ritt bei weitem nicht 
hinreicht.<« Ein Bruder dieses Alten ist der Bettler, der in 
seinem »gewohnlichen, glucklich ablaufenden« Leben nicht ein- 
mal Zeit zu einem Wunsche findet, dem ungewohnlichen, un- 



434 Literarische und asthetische Essays 

gliicklidien der Flucht aber, in die er sidi mit seiner Geschichte 
hineinbegibt, dieses Wunsches iiberhoben ist und ihn fur die Er- 
fiillung eintauscht. 

Es gibt nun unter den Geschopfen Kafkas eine Sippe, die auf 
eigentiimliche Weise mit der Kiirze des Lebens rechnet. Sie 
stammt aus der »Stadt im Siiden . . ., von der es . . . hiefi: - 
>Dort sind Leute! Denkt Euch, die schlafen nicht !< - >Und 
warum denn nicht ?< - >Weil sie nicht miide werden.< - >Und 
warum denn nicht?< - >Weil sie Narren sind.< - >Werden denn 
Narren nicht miide?< - >Wie konnten Narren miide werden!<« 
Man sieht, die Narren sind mit den nimmermuden Gehilfen 
verwandt. Es geht aber mit dieser Sippe noch hoher hinaus. Bei- 
laufig horte man von den Gesichtern der Gehilfen, sie liefien 
»>auf Erwachsene, ja fast auf Studenten schliefien<«. Und in der 
Tat sind die Studenten, die bei Kafka an den sonderbarsten 
Stellen zum Vorschein kommen, die Wortfiihrer und Regenten 
dieses Geschlechts. »>Aber wann schlafen Sie?< fragte Karl und 
sah den Studenten verwundert an. - >Ja, schlafen !< sagte der 
Student. > Schlafen werde ich, wenn ich mit meinem Studium 
fertig bin.<« Man mufi an die Kinder denken: wie ungern gehen 
sie zu Bett! wahrend sie schlafen, konnte doch etwas vorkom- 
men, was sie beansprucht. »Vergifi das Beste nicht !« lautet 
eine Bemerkung, »die uns aus einer unklaren Fiille alter Erzah- 
lungen gelaufig ist, trotzdem sie vielleicht in keiner vorkommt.« 
Aber das Vergessen betrifft immer das Beste, denn es betrifft die 
Moglichkeit der Erlosung. »>Der Gedanke, mir helfen zu wol- 
len,<« sagt ironisch der ruhelos irrende Geist des Jagers Grac- 
chus, »>ist eine Krankheit und mufi im Bett geheilt werden.<« 

- Bei ihren Studien wachen die Studenten, und vielleicht ist es die 
beste Tugend der Studien, sie wachzuhalten. Der Hungerkiinst- 
ler fastet, der Turhiiter schweigt und die Studenten wachen. So 
versteckt wirken bei Kafka die grofien Regeln der Askese. 

Das Studium ist ihre Krone. Mit Andacht bringt Kafka sie aus 
den versunkenen Knabenjahren an den Tag. » Nicht viel anders 

- jetzt war es schon lange her - war Karl zu Hause am Tisch 
der Eltern gesessen und hatte seine Aufgaben geschrieben, wah- 
rend der Vater die Zeitung las oder Bucheintragungen und 
Korrespondenzen fur einen Verein erledigte und die Mutter mit 
einer Naharbeit beschaftigt war und hoch den Faden aus dem 



Franz Kafka 435 

Stoffe zog. Um den Vater nicht zu belastigen, hatte Karl nur 
das Heft und das Schreibzeug auf den Tisch gelegt, wahrend er 
die notigen Biicher rechts und links von sich auf Sesseln ange- 
ordnet hatte. Wie still war es dort gewesen! Wie selten war en 
fremde Leute in jenes Zimmer gekommen!<< Vielleicht sind diese 
Studien ein Nichts gewesen. Sie stehen aber jenem Nichts sehr 
nahe, das das Etwas erst brauchbar macht - dem Tao namlich. 
Ihm ging Kafka mit seinem Wunsch nach, »einen Tisch mit pein- 
lich ordentlicher Handwerksmafiigkeit zusammenzuhammern 
und dabei gleichzeitig nichts zu tun und zwar nicht so, dafi man 
sagen konnte: >Ihm ist das Hammern ein Nichts<, sondern >Ihm 
ist das Hammern ein wirkliches Hammern und gleichzeitig 
audi ein Nichts<, wodurch ja das Hammern noch kiihner, 
noch entschlossener, noch wirklicher und, wenn du willst, noch 
irrsinniger geworden ware.« Und eine so entschlossene, so fana- 
tische Gebarde haben die Studierenden beim Studium. Sie kann 
nicht sonderbarer gedacht werden. Die Schreiber, die Studenten 
sind aufier Atem. Sie jagen nur so dahin. »>Oft diktiert der Be- 
amte so leise, daft der Schreiber es sitzend gar nicht horen kann, 
dann mufi er immer aufspringen, das Diktierte auffangen, 
schnell sich setzen und es aufschreiben, dann wieder aufspringen 
und so weiter. Wie merkwtirdig das ist! Es ist fast unverstand- 
lich.<« Vielleicht versteht man es aber besser, wenn man an die 
Schauspieler des Naturtheaters zuriickdenkt. Schauspieler miis- 
sen blitzschnell auf ihr Stichwort aufpassen. Und sie ahneln 
diesen Beflissenen auch sonst. Fiir sie ist in der Tat »>das Ham- 
mern ein wirkliches Hammern und gleichzeitig auch ein Nichts<« 
- wenn es namlich in ihrer Rolle steht. Diese Rolle studieren 
sie; der ware ein schlechter Schauspieler, der ein Wort oder 
einen Gestus aus ihr vergafie. Fiir die Glieder der Truppe von 
Oklahoma aber ist sie ihr friiheres Leben. Daher die »Natur« 
dieses Naturtheaters. Seine Schauspieler sind erlost. Der Student 
aber ist es noch nicht, dem Karl nachts auf dem Balkon stumm 
zusieht, wie er in seinem Buche liest, »die Blatter wendete, hie 
und da in einem andern Buche, das er immer mit Blitzesschnelle 
ergriff, irgend etwas nachschlug und ofters Notizen in ein Heft 
eintrug, wobei er immer uberraschend tief das Gesicht zu dem 
Hefte senkte.« 
Den Gestus derart zu vergegenwartigen ist Kafka unermud- 



43 6 Literarische und asthetische Essays 

lich. Aber das gesdiieht nie anders als mit Staunen. Man hat K. 
mit Recht dem Schweyk verglichen; den einen wundert alles, 
den andern nichts. Im Zeitalter der aufs Hochste gesteigerten 
Entfremdung der Menschen voneinander, der unabsehbar ver- 
mittelten Beziehungen, die ihre einzigen wurden, sind Film und 
Grammophon erfunden worden. Im Film erkennt der Mensch 
den eigenen Gang nicht, im Grammophon nicht die eigene Stim- 
me. Experimente beweisen das. Die Lage der Versuchsperson in 
diesen Experimenten ist Kafkas Lage. Sie ist es, die ihn auf das 
Studium anweist. Vielleicht stofit er dabei auf Fragmente des 
eigenen Daseins, welche noch im Zusammenhang der Rolle stehen. 
Er wiirde den verlorenen Gestus zu fassen bekommen wie Peter 
Schlemihl seinen verkauften Schatten. Er wiirde sich verstehen, 
aber wie riesenhaft ware die Anstrengung! Denn es ist ja ein 
Sturm, der aus dem Vergessen herweht. Und das Studium ein 
Ritt, der dagegen angeht. So reitet auf der Ofenbank der Bett- 
ler seiner Vergangenheit entgegen, um in der Gestalt des fliehen- 
den Konigs seiner selbst habhaft zu werden. Dem Leben, das fiir 
einen Ritt zu kurz ist, entspricht dieser Ritt, der lang genug fiir 
das Leben ist, ». . . bis man die Sporen liefi, denn es gab keine 
Sporen, bis man die Ziigel wegwarf, denn es gab keine Ziigel, 
und kaum das Land vor sich als glatt gemahte Heide sah, 
schon ohne Pferdehals und Pferdekopf.« So geht die Phantasie 
vom seligen Reiter in Erfullung, der der Vergangenheit auf 
leerer, frohlicher Reise entgegenbraust und seinem Renner keine 
Last mehr ist. Unselig aber der Reiter, der an seine Mahre ge- 
kettet ist, weil er das Zukunftsziel sich vorgesetzt hat - und sei 
es audi das nachste: der Kohlenkeller. Unselig audi sein Tier, 
unselig beide: der Kiibel und der Reiter. »Als Kiibelreiter, die 
Hand oben am Griff, dem einfachsten Zaumzeug, drehe ich 
mich beschwerlich die Treppe hinab; unten aber steigt mein Kii- 
bel auf, prachtig, prachtig; Kamele, niedrig am Boden hinge- 
lagert, steigen, sich schiittelnd unter dem Stock des Fiihrers, nicht 
schoner auf.« Hoffnungsloser ofTnet sich keine Gegend als »die 
Regionen der Eisgebirge«, in denen der Kiibelreiter sich auf 
Nimmerwiedersehen verliert. Aus »den untersten Regionen des 
Todes« blast der Wind, der ihm giinstig ist - derselbe, der bei 
Kafka so oft aus der Vorwelt weht, und von dem auch der 
Kahn des Jagers Gracchus sich treiben lafit. »Oberall«, sagt 



Franz Kafka 437 

Plutarch, »wird bei Mysterien und Opfern, sowohl unter Grie- 
chen als unter Barbaren, gelehrt, . . . dafi es zwei besondere 
Grundwesen und einander entgegengesetzte Krafte geben musse, 
von denen das eine reenter Hand und geradeaus fiihrt, das an- 
dere aber umlenkt und wieder zuriicktreibt.« Umkehr ist die 
Richtung des Studiums, die das Dasein in Schrift verwandelt. Ihr 
Lehrmeister ist jener Bucephalus, der »neue Advokat«, der ohne 
den gewaltigen Alexander - und das heifit: des vorwartsstiir- 
menden Eroberers ledig - den Weg zuriick nimmt. »Frei, unbe- 
driickt die Seiten von den Lenden des Reiters, bei stiller Lampe, 
fern dem Getose der Alexanderschlacht, Hest und wendet er die 
Blatter unserer alten Bucher.« - Diese Geschichte ist vor einiger 
Zeit durch Werner Kraft zum Gegenstand der Deutung gemacht 
worden. Nachdem der Interpret mit Sorgfalt jeder Einzelheit 
des Textes sich gewidmet hat, bemerkt er: »Nirgendwo in der 
Literatur gibt es eine so gewaltige, so durchschlagende Kritik des 
Mythos in seinem ganzen Umfang, wie hier.« Das Wort »Ge- 
rechtigkeit« - so meint der Ausleger - braucht Kafka nicht; 
trotzdem sei es die Gerechtigkeit, von der aus die Kritik am 
Mythos statt hat. - Sind wir aber so weit einmal gegangen, so 
geraten wir in Gefahr, Kafka zu verfehlen, indem wir hier 
haltmachen. Ist es denn wirklich das Recht, das so, im Namen 
der Gerechtigkeit, gegen den Mythos aufgeboten werden konn- 
te? Nein, als Rechtsgelehrter bleibt der Bucephalus seinem Ur- 
sprung treu. Nur scheint er - darin durfte im Sinne Kafkas das 
Neue fur den Bucephalus und fur die Advokatur liegen - nicht 
zu praktizieren. Das Recht, das nicht mehr praktiziert und nur 
studiert wird, das ist die Pforte der Gerechtigkeit. 
Die Pforte der Gerechtigkeit ist das Studium. Und doch wagt 
Kafka nicht, an dieses Studium die Verheifiungen zu kniipfen, 
welche die Oberlieferung an das der Thora geschlossen hat. 
Seine Gehilfen sind Gemeindediener, denen das Bethaus, seine 
Studenten Schuler, denen die Schrift abhanden kam. Nun halt 
sie nichts mehr auf der »leeren frohlichen Fahrt«. Kafka aber 
hat das Gesetz der seinen gefunden; ein einziges Mai zumindest, 
als es ihm gliickte, ihre atemraubende Schnelligkeit einem epi- 
schen Pafischritt anzugleichen, wie er ihn wohl sein Lebtag ge- 
sucht hat. Er hat es einer Niederschrift anvertraut, die nicht nur 
darum seine vollendetste wurde, weil sie eine Auslegung ist. 



43 ^ Literarische und asthetische Essays 

»Sancho Pansa, der sich iibrigens dessen nie geriihmt hat, gelang 
es im Laufe der Jahre, durch Beistellung einer Menge Ritter- 
und Rauberromane in den Abend- und Naditstunden seinen 
Teufel, dem er spater den Namen Don Quixote gab, derart von 
sich abzulenken, dafi dieser dann haltlos die verrucktesten Ta- 
ten auffuhrte, die aber mangels eines vorbestimmten Gegen- 
standes, der eben Sancho Pansa hatte sein sollen, niemandem 
schadeten. Saneho Pansa, ein freier Mann, folgte gleichmutig, 
vielleicht aus einem gewissen Verantwortlichkeitsgefiihl dem 
Don Quixote auf seinen Ziigen und hatte davon eine grofie 
und niitzliche Unterhaltung bis an sein Ende.« 
Gesetzter Narr und unbeholfener Gehilfe, hat Sancho Pansa 
seinen Reker vorangeschickt. Bucephalus hat den seinigen iiber- 
lebt. Ob Mensch, ob Pferd ist nicht mehr so wichtig, wenn nur 
die Last vom Riicken genommen ist. 



Der Erzahler 
Betraditungen zum Werk Nikolai Lesskows 



I. 

Der Erzahler - so vertraut uns der Name klingt - ist uns in 
seiner lebendigen Wirksamkeit keineswegs durchaus gegenwartig. 
Er ist uns etwas bereits Entferntes und weiter noch sich Entfer- 
nendes. Einen Lesskow 1 als Erzahler darstellen heiiSt nicht, 
ihn uns naher bringen, heifSt vielmehr den Abstand zu ihm ver- 
grofiern. Aus einer gewissen Entfernung betrachtet gewinnen die 
grofien einfachen Ziige, die den Erzahler ausmachen, in ihm 

1 Nikolai Lesskow wurde 1831 im Gouvernement Orjol geboren und starb 1895 
in Petersburg. Er hat seinen bauerlichen Interessen und Sympathien nadi gewisse 
Verwandtsdiaften mit Tolstoi, seiner religibsen Orientierung nacfa mit Dostojewski. 
Aber gerade diejenigen Schriften, die dem grundsatzlich und doktrinar Ausdruck 
geben, die Romane der Fruhzeit haben sich als der vergangliche Teil seines Werkes 
crwiesen. Lesskows Bedeutung Hegt in den Erzahlungen, und die gehoren einer 
spateren Schicht seiner Produktion an. Seit Kriegsende sind mehrere Versuche unter- 
nommen worden, diese Erzahlungen im deutschen Sprachkreis bekannt zu machen. 
Neben den kleineren Auslesebanden des Musarion-Verlags und des Verlags Georg 
Muller steht, an erster Stelle, die neunbandige Auswahl des Verlags C. H. Beck. 



Der Erzahler 439 

die Oberhand. Besser gesagt, sie treten an ihm in Ersdieinung 
wie in einem Felsen fur den Beschauer, der den rechten Abstand 
hat und den richtigen Blickwinkel, ein Menschenhaupt oder ein 
Tierleib ersdieinen mag. Diesen Abstand und diesen Blickwinkel 
schreibt uns eine Erfahrung vor, zu der wir fast taglich Gelegen- 
heit haben. Sie sagt uns, dafi es mit der Kunst des Erzahlens zu 
Ende geht. Immer seltener wird die Begegnung mit Leuten, wel- 
che rechtschaffen etwas erzahlen konnen. Immer haufiger ver- 
breitet sich Verlegenheit in der Runde, wenn der Wunsch nach 
einer Geschichte laut wird. Es 1st, als wenn ein Vermogen, das 
uns unveraufierlich schien, das Gesichertste unter dem Sicheren, 
von uns genommen wiirde. Namlich das Vermogen, Erfahrungen 
auszutauschen. 

Eine Ursache dieser Erscheinung liegt auf der Hand: die Erfah- 
rung ist im Kurse gefallen. Und es sieht aus, als fiele sie weiter 
ins Bodenlose. Jeder Blick in die Zeitung erweist, dafi sie einen 
neuen Tiefstand erreicht hat, dafi nicht nur das Bild der aufiern, 
sondern audi das Bild der sittlichen Welt iiber Nacht Verande- 
rungen erlitten hat, die man niemals fiir moglich hlelt. Mit dem 
Weltkrieg begann ein Vorgang offenkundig zu werden, der 
seither nicht zum Stillstand gekommen ist. Hatte man nicht 
bei Kriegsende bemerkt, dafi die Leute verstummt aus dem Fel- 
de kamen? nicht reicher - armer an mitteilbarer Erfahrung. Was 
sich dann zehn Jahre spater in der Flut der Kriegsbucher er- 
gossen hatte, war alles andere als Erfahrung gewesen, die von 
Mund zu Mund geht. Und das war nicht merkwiirdig. Denn nie 
sind Erfahrungen griindlicher Liigen gestraft worden als die 
strategischen durch den Stellungskrieg, die wirtschaftlichen 
durch die Inflation, die korperlichen durch die Materialschlacht, 
die sittlichen durch die Machthaber. Eine Generation, die noch 
mit der Pferdebahn zur Schule gefahren war, stand unter freiem 
Himmel in einer Landschaft, in der nichts unverandert geblie- 
ben war als die Wolken und unter ihnen, in einem Kraftfeld zer- 
storender Strome und Explosionen, der winzige, gebrechliche 
Menschenkorper. 



44° Literarische und asthetische Essays 

II. 

Erfahrung, die von Mund zu Mund geht, ist die Quelle, aus der 
alle Erzahler geschopft haben. Und unter denen, die Geschichten 
niedergesdirieben haben, sind es die Grofien, deren Nieder- 
schrift sich am wenigsten von der Rede der vielen namenlosen 
Erzahler abhebt. Im ubrigen gibt es unter den letzteren zwei, 
freilich vielfach einander durciidringende Gruppen. Audi be- 
kommt die Figur des Erzahlers ihre voile Korperlichkeit nur 
fur den, der sie beide vergegenwartigt. »Wenn einer eine Reise 
tut, so kann er was erzahlen«, sagt der Volksmund und denkt 
sich den Erzahler als einen, der von weither kommt. Aber nicht 
weniger gern hort man dem zu, der, redlich sidi nahrend, im 
Lande geblieben ist und dessen Geschichten und Oberlieferungen 
kennt. Will man diese beiden Gruppen in ihren archaischen 
Stellvertretern vergegenwartigen, so ist die eine im sefihaften 
Ackerbauer und die andere im handeltreibenden Seemann ver- 
korpert. In der Tat haben beider Lebenskreise gewissermafien 
ihren eigenen Stamm von Erzahlern hervorgebracht. Jeder von 
diesen Stammen wahrt einige seiner Eigenschaften noch in spa- 
ten Jahrhunderten. So gehen, unter den neueren deutschen Er- 
zahlern, die Hebel und Gotthelf aus dem ersten, die Sealsfield 
und Gerstacker aus dem zweiten hervor. Im ubrigen aber 
handelt es sich bei jenen Stammen, wie gesagt, nur um Grund- 
typen. Die reale Erstreckung des Reiches der Erzahlungen in 
seiner ganzen historischen Breite ist nicht ohne die innigste 
Durchdringung dieser beiden archaischen Typen denkbar. Eine 
solche Durchdringung hat ganz besonders das Mittelalter in 
seiner Handwerksverfassung zustande gebracht. Der sefihafte 
Meister und die wandernden Burschen werkten in den gleichen 
Stuben zusammen; und jeder Meister war Wanderbursche gewe- 
sen, bevor er in seiner Heimat oder in der Fremde sich nieder- 
liefi. Wenn Bauern und Seeleute Altmeister des Erzahlens ge- 
wesen sind, so war der Handwerksstand seine hohe Schule. In 
ihm verband sich die Kunde von der Feme, wie der Vielge- 
wanderte sie nach Hause bringt, mit der Kunde aus der Ver- 
gangenheit, wie sie am liebsten dem Seflhaften sich anvertraut. 



Der Erzahler 441 

III. 

Lesskow ist in der Feme des Raumes wie der Zeit zu Hause. Er 
gehorte der griechisch-orthodoxen Kirche an, und zwar als ein 
Mann mit aufrichtigem religiosen Interesse. Er war aber ein 
nicht minder aufrichtiger Gegner der kirchlichen Biirokratie. Da 
er mit derh weltlichen Beamtentum ebensowenig auskommen 
konnte, sind die offiziellen Positionen, in denen er sich befun- 
den hat, nicht von Dauer gewesen. Fiir seine Produktion war die 
Stellung, die er lange als russischer Vertreter einer grofien eng- 
lisdien Firma behauptet hat, unter alien vermutlich die niitz- 
lichste. Im Auftrag dieser Firma hat er Rufiland bereist, und 
diese Reisen beforderten ebensosehr seine Weltklugheit wie 
seine Kenntnis der russischen Zustande. Auf diese Weise hatte 
er Gelegenheit, das Sektenwesen im Lande kennen zu lernen. 
Das hat in den Erzahlungen seine Spur hinterlassen. In den 
russischen Legenden hat Lesskow Verbiindete in dem Kampf 
gesehen, den er gegen die orthodoxe Biirokratie gefuhrt hat. Es 
gibt von ihm eine Reihe legendarer Erzahlungen, deren Mitte 
der Gerechte darstellt, selten ein Asket, meist ein schlichter und 
tatiger Mann, der zum Heiligen anscheinend auf die natiirlichste 
Art von der Welt wird. Mystische Exaltation ist nicht Lesskows 
Sache. So gern er dem Wunderbaren bisweilen nachhing, so halt 
er es "audi in der Frommigkeit am liebsten mit einem hand- 
festen Naturell. Er sieht das Vorbild in dem Mann, der sich 
auf der Erde zurechtfindet, ohne sich allzutief mit ihr einzulas- 
sen. Eine entsprechende Haltung hat er auf weltlichem Gebiet 
an den Tag gelegt. Es pafit gut zu ihr, dafi er mit Schreiben spat, 
namlich mit 29 Jahren, begann. Das war nach seinen Handels- 
reisen. Seine erste gedruckte Arbeit hiefi »Warum sind in Kiew 
die Bucher teuer?«. Eine weitere Reihe von Schriften liber 
die Arbeiterklasse, liber Trunksucht, uber Polizeiarzte, uber 
stellungslose Kaufleute sind die Vorlaufer der Erzahlungen. 



IV. 

Die Ausrichtung auf das praktische Interesse ist ein charakteri- 
stischer Zug bei vielen geborenen Erzahlern. Nachhaltiger als 
bei Lesskow kann man ihn zum Beispiel bei einem Gotthelf er- 



44 2 Literarische und asthetische Essays 

kennen, der seinen Bauern landwirtschaftliche Ratschlage 
gab; man findet ihn bei einem Nodier, der sicii mit den Gefah- 
ren der Gasbeleuchtung beschaftigte; und ein Hebel, der seinen 
Lesern kleine naturwissenschaftliche Unterweisungen in das 
»Schatzkastlein« schob, steht gleichfalls in dieser Reihe. Das 
alles deutet auf die Bewandtnis, die es mit jeder wahren Erzah- 
lung hat. Sie fiihrt, offen oder versteckt,. ihren Nutzen mit 
sich. Dieser Nutzen mag einmal in einer Moral bestehen, ein 
andermal in einer praktischen Anweisung, ein drittes in einem 
Spridrwort oder in einer Lebensregel - in jedem Falle ist 
der Erzahler ein Mann, der dem Horer Rat weifi. Wenn aber 
»Rat wissen« heute altmodisch im Ohre zu klingen anfangt, so 
ist daran der Umstand schuld, dafi die Mitteilbarkeit der Erfah- 
rung abnimmt. Infolge davon wissen wir uns und andern keinen 
Rat. Rat ist ja minder Antwort auf eine Frage als ein Vorschlag, 
die Fortsetzung einer (eben sich abrollenden) Geschichte an- 
gehend. Um ihn einzuholen, miifite man sie zuvorderst einmal 
erzahlen konnen. (Ganz davon abgesehen, dafi ein Mensch einem 
Rat sich nur soweit offnet, als er seine Lage zu Wort kommen 
lafit.) Rat, in den Stoff gelebten Lebens eingewebt, ist Weisheit. 
Die Kunst des Erzahlens neigt ihrem Ende zu, weil die epische 
Seite der Wahrheit, die Weisheit, ausstirbt. Das aber ist ein 
Vorgang, der von weither kommt. Und nichts ware torichter, 
als in ihm lediglich eine »Verfallserscheinung«, geschweige 
denn eine »moderne«, erblicken zu wollen. Vielmehr ist es nur 
eine Begleiterscheinung sakularer geschichtlicher Produktivkraf- 
te, die die Erzahlung ganz allmahlich aus dem Bereich der leben- 
digen Rede entriickt hat und zugleich eine neue Schonheit in 
dem Entschwindenden fiihlbar macht. 

V. 

Das friiheste Anzeichen eines Prozesses, an dessen Abschlufi der 
Niedergang der Erzahlung steht, ist das Aufkommen des 
Romans zu Beginn der Neuzeit. Was den Roman von der Er- 
zahlung (und vom Epischen im engeren Sinne) trennt, ist sein 
wesentliches Angewiesensein auf das Buch. Die Ausbreitung des 
Romans wird erst mit Erfindung der Buchdruckerkunst moglich. 
Das mundlich Tradierbare, das Gut der Epik, ist von anderer 



Der Erzahler 443 

BescharTenheit als das, was den Bestand des Romans ausmacht. 
Es hebt den Roman gegen alle iibrigen Formen der Prosadich- 
tung - Marchen, Sage, ja selbst Novelle - ab, dafi er aus 
miindlicher Tradition weder kommt noch in sie eingeht. Vor 
allem aber gegen das Erzahlen. Der Erzahler nimmt, was 
er erzahlt, aus der Erfahrung; aus der eigenen oder berichteten. 
Und er macht es wiederum zur Erfahrung derer, die seiner Ge- 
schichte zuhoren. Der Romancier hat sich abgeschieden. Die 
Geburtskammer des Romans ist das Individuum in seiner Ein- 
samkeit, das sich liber seine wichtigsten Anliegen nicht mehr 
exemplarisch auszusprechen vermag, selbst unberaten ist und 
keinen Rat geben kann. Einen Roman schreiben heiEt, in der 
Darstellung des menschlichen Lebens das Inkommensurable 
auf die Spitze treiben. Mitten in der Fulle des Lebens und durch 
die Darstellung dieser Fulle bekundet der Roman die tiefe 
Ratlosigkeit des Lebenden. Das erste grofie Buch der Gattung, 
der Don Quichote, lehrt sogleich, wie die Seelengrofie, die 
Kiihnheit, die Hilfsbereitschaft eines der Edelsten - eben des 
Don Quichote - von Rat ganzlich verlassen sind und nicht 
den kleinsten Funken Weisheit enthalten, Wenn im Laufe der 
Jahrhunderte hin und wieder - am nachhaltigsten vielleicht in 
»Wilhelm Meisters Wanderjahre« - versucht wurde, dem Roman 
Unterweisungen einzusenken, so laufen diese Versuche immer 
auf eine Abwandlung der Romanform selber hinaus. Der Bil- 
dungsroman dagegen weicht von der Grundstruktur des Romans 
in gar keiner Weise ab. Indem er den gesellschaftlichen Lebens- 
prozefi in der Entwicklung einer Person integriert, lafk er den 
ihn bestimmenden Ordnungen die denkbar bruchigste Recht- 
fertigung angedeihen. Ihre Legitimierung steht windschief zu 
ihrer Wirklichkeit. Das Unzulangliche wird gerade im Bil- 
dungsroman Ereignis. 

VI. 

Man mufi sich die Umwandlung von epischen Formen in 
Rhythmen vollzogen denken, die sich denen der Verwandlung 
vergleichen lassen, die im Laufe der Jahrhunderttausende die 
Erdoberflache erlitten hat.Schwerlich haben sich Formen mensch- 
licher Mitteilung langsamer ausgebildet, langsamer verloren. Der 



444 Literarische und asthetische Essays 

Roman, dessen Anfange in das Altertum zuriickgreifen, hat 
Hunderte von Jahren gebraudit, ehe er im werdenden Burger- 
turn auf die Elemente stiefi, die ihm zu seiner Bliite taugten. 
Mit dem Auftreten dieser Elemente begann sodann die Erzah- 
lung ganz langsam in das Archaische zuriickzutreten; sie be- 
machtigte sich zwar vielfach des neuen Inhalts, wurde aber nicht 
eigentlich von ihm bestimmt. Auf der anderen Seite erkennen 
wir, wie mit der durchgebildeten Herrschaft des Biirgertums, 
zu deren wichtigsten Instrumenten im Hochkapitalismus die 
Presse gehort, eine Form der Mitteilung auf den Plan tritt, die, 
soweit ihr Ursprung audi zuriickliegen mag, die epische Form 
nie vordem auf bestimmende Weise beeinflufit hat. Nun aber 
tut sie das. Und es zeigt sich, daf$ sie der Erzahlung nicht weni- 
ger fremd aber viel bedrohlicher als der Roman gegenubertritt, 
den sie iibrigens ihrerseits einer Knse zufiihrt. Diese neue Form 
der Mitteilung ist die Information. 

Villemessant, der Begriinder des »Figaro«, hat das Wesen der 
Information in einer beriihmten Formel gekennzeichnet. »Mei- 
nen Lesern, pflegte er zu sagen, ist ein Dachstuhlbrand im Quar- 
ter latin wichtiger als eine Revolution in Madrid. « Das stellt 
mit einem Schlage klar, dafi nun nicht mehr die Kunde, die von 
fernher kommt, sondern die Information, die einen Anhalts- 
punkt fur das Nachste liefert, am liebsten Gehor findet. Die 
Kunde, die aus der Feme kam - sei es die raumliche fremder 
Lander, sei es die zeitliche der Uberlieferung -, verfiigte iiber 
eine Autoritat, die ihr Geltung verschaffte, auch wo sie nicht der 
Kontrolle zugefiihrt wurde. Die Information aber macht den 
Anspruch auf prompte Nachpriifbarkeit. Da ist es das erste, dafi 
sie »an und fiir sich verstandlich« auftritt. Sie ist oft nicht exak- 
ter als die Kunde friiherer Jahrhunderte es gewesen ist. Aber 
wahrend diese gern vom Wunder borgte, ist es fiir die Informa- 
tion unerlafiiich, dafi sie plausibel klingt. Dadurch erweist sie 
sich mit dem Geist der Erzahlung unvereinbar. Wenn die Kunst 
des Erzahlens selten geworden ist, so hat die Verbreitung der 
Information einen entscheidenden Anteil an diesem Sachver- 
halt. 

Jeder Morgen unterrichtet uns iiber die Neuigkeiten des Erd- 
kreises. Und doch sind wir an merkwurdigen Geschichten arm. 
Das kommt, weil uns keine Begebenheit mehr erreicht, die nicht 



Der Erzahler 445 

mit Erklarungen schon durchsetzt ware. Mit andern Worten: 
beinah nichts mehr, was geschieht, kommt der Erzahlung, bei- 
nah alles der Information zugute. Es ist namlich schon die halbe 
Kunst des Erzahlens, eine Geschichte, indem man sie wiedergibt, 
von Erklarungen freizuhalten. Darin ist Lesskow Meister (man 
denke an Stiicke wie »Der Betrug«, »Der weifie Adler«). Das 
Aufierordentliche, das Wunderbare wird mit der grofken 
Genauigkeit erzahlt, der psychologische Zusammenhang des Ge- 
schehens aber wird dem Leser nicht aufgedrangt. Es ist ihm frei- 
gestellt, sich die Sache zurechtzulegen, wie er sie versteht, und 
damit erreicht das Erzahlte eine Schwingungsbreite, die der In- 
formation fehlt. 



VII. 

Lesskow ist in die Schule der Alten gegangen. Der erste Erzah- 
ler der Griechen war Herodot. Im vierzehnten Kapitel des 
dritten Buches seiner »Historien« findet sich eine Geschichte, aus 
der sich viel lernen lafit. Sie handelt von Psammenit. Als der 
Agypterkonig Psammenit von dem Perserkonig Kambyses ge- 
schlagen und gefangen genommen worden war, sah Kambyses 
es darauf ab, den Gefangenen zu demiitigen. Er gab Befehl, 
Psammenit an der Strafie aufzustellen, durch die sich der persi- 
sche Triumphzug bewegen sollte. Und weiter richtete er es so 
ein, dafi der Gefangene seine Tochter als Dienstmagd, die mit 
dem Krug zum Brunnen ging, vorbeikommen sah. Wie alle 
Agypter liber dieses Schauspiel klagten und jammerten, stand 
Psammenit allein wortlos und unbeweglich, die Augen auf den 
Boden geheftet; und als er bald darauf seinen Sohn sah, der zur 
Hinrichtung im Zuge mitgefuhrt wurde, blieb er gleichfalls un- 
bewegt. Als er danach aber einen von seinen Dienern, einen 
alten, verarmten Mann, in den Reihen der Gefangenen erkann- 
te, da schlug er mit den Fausten an seinen Kopf und gab alle 
Zeichen der tiefsten Trauer. 

Aus dieser Geschichte ist zu ersehen, wie es mit der wahren Er- 
zahlung stent. Die Information hat ihren Lohn mit dem Au- 
genblick dahin, in dem sie neu war. Sie lebt nur in diesem Au- 
genblick, sie mu6 sich ganzlich an ihn ausliefern und ohne Zeit 
zu verlieren sich ihm erklaren. Anders die Erzahlung; sie ver- 



446 Literarisdie und asthetische Essays 

ausgabt sich nicht. Sie bewahrt ihre Kraft gesammelt und ist 
noch nach langer Zeit der Entfaltung fahig. So ist Montaigne 
auf die vom Agypterkonig zuriickgekommen und hat sich ge- 
fragr.Warum klagt er erst beimAnblick des Dieners? Montaigne 
antwortet: »Da er von Trauer schon ubervoll war, brauchte es 
nur den kleinsten Zuwachs, und sie brach ihre Damme nieder.« 
So Montaigne. Man konnte aber audi sagen: »Den Konig riihrt 
nicht das Schicksal der Koniglichen, denn es ist sein eigenes.« 
Oder: »Uns riihrt auf der Biihne vieles, was uns im Leben nicht 
riihrt; dieser Diener ist nur ein Schauspieler fur den Konig. « 
Oder: »Grofier Schmerz staut sich und kommt erst mit der Ent- 
spannung zum Durchbruch. Der Anblick dieses Dieners war die 
Entspannung.« - Herodot erklart nichts. Sein Bericht ist der 
trockenste. Darum ist diese Geschichte aus dem alten Agypten 
nach Jahrtausenden noch imstande, Staunen und Nachdenken 
zu erregen. Sie ahnelt den Samenkornern, die jahrtausendelang 
luftdicht verschlossen in den Kammern der Pyramiden gelegen 
und ihre Keimkraft bis auf den heutigen Tag bewahrt haben. 

VIII. 

Es gibt nichts, was Geschichten dem Gedachtnis nachhaltiger 
anempfiehlt als jene keusche Gedrungenheit, welche sie psycho- 
logischer Analyse entzieht. Und je naturlicher dem Erzahlenden 
der Verzicht auf psychologische Schattierung vonstatten geht, 
desto grofier wird ihre Anwartschaft auf einen Platz im Ge- 
dachtnis des Horenden, desto vollkommener bilden sie sich seiner 
eigenen Erfahrung an, desto lieber wird er sie schliefilich eines 
naheren oder ferneren Tages weitererzahlen. Dieser Assimila- 
tionsprozefi, welcher sich in der Tiefe abspielt, bedarf eines Zu- 
standes der Entspannung, der seltener und seltener wird. Wenn 
der Schlaf der Hohepunkt der korperlichen Entspannung ist, 
so die Langeweile der geistigen. Die Langeweile ist der Traum- 
vogel, der das Ei der Erfahrung ausbriitet. Das Rascheln im 
Blatterwalde vertreibt ihn. Seine Nester - die Tatigkeiten, die 
sich innig der Langenweile verbinden - sind in den Stadten 
schon ausgestorben, verf alien audi auf demLande.Damit verliert 
sich die Gabe des Lauschens, und es verschwindet die Gemein- 
schaft der Lauschenden. Geschichten erzahlen ist ja immer die 



Der Erzahler 447 

Kunst, sie weker zu erzahlen, und die verliert sidi, wenn die 
Geschiditen nicht mehr behalten werden. Sie verliert sich, weil 
nidit mehr gewebt und gesponnen wird, wahrend man ihnen 
lauscht. Je selbstvergessener der Lauschende, desto tiefer pragt 
sich ihm das Gehorte ein. Wo ihn der Rhythmus der Arbeit 
ergriffen hat, da lauscht er den Geschiditen auf solche Weise, 
dafi ihm die Gabe, sie zu erzahlen, von selber zufallt. So also 
ist das Netz beschaffen, in das die Gabe zu erzahlen gebettet 
ist. So lost es sich heutzutage an alien Enden, nachdem es vor 
Jahrtausenden im Umkreis der altesten Handwerksformen ge- 
kniipft worden ist. 



IX. 

Die Erzahlung, wie sie im Kreis des Handwerks - des bauer- 
lichen, des maritimen und dann des stadtischen - lange gedeiht, 
ist selbst eine gleichsam handwerkliche Form der Mitteilung. Sie 
legt es nicht darauf an, das pure »an sich« der Sache zu iiberlie- 
fern wie eine Information oder ein Rapport. Sie senkt die Sache 
in das Leben des Berichtenden ein, um sie wieder aus ihm 
hervorzuholen. So haftet an der Erzahlung die Spur des Er- 
zahlenden wie die Spur der Topferhand an der Tonschale. Es 
ist die Neigung der Erzahler, ihre Geschichte mit einer Darstel- 
lung der Umstande zu beginnen, unter denen sie selber das, was 
nachfolgt, erfahren haben, wenn sie es nicht schlichtweg als 
selbsterlebt ausgeben. Lesskow beginnt den »Betrug« mit der 
Schilderung einer Eisenbahnfahrt, auf der er die Ereignisse, die 
er sodann nacherzahlt, von einem Mitreisenden gehort habe; 
oder er denkt an Dostojewskis Begrabnis, auf das er die Be- 
kanntschaft mit der Heldin seiner Erzahlung »Anlafilich der 
Kreutzersonate« versetzt; oder er ruft das Beisammensein in 
einem Lesezirkel herauf, in dem die Begebenheiten zur Sprache 
kamen, die er uns in den »Interessanten Mannern« wiedergibt. 
So liegt seine Spur im Erzahlten vielfach zu Tage, wenn 
nicht als die des Erlebenden so als die des Berichterstatters. 
Diese handwerkliche Kunst, das Erzahlen, hat Lesskow im 
ubrigen selbst als ein Handwerk empfunden. »Die Schriftstellerei, 
heifit es in einem seiner Briefe, ist fiir mich keine freie Kunst, 
sondern ein Handwerk. « Es kann nicht uberraschen, dafi er 



448 Literarische und asthetische Essays 

sich dem Handwerk verbunden gefuhlt hat, der industriellen 
Technik dagegen fremd gegenuberstand. Tolstoi, der dafiir 
Verstandnis gehabt haben mufl, beriihrt gelegentlich diesen Nerv 
der Erzahlergabe von Lesskow, wenn er ihn als den Ersten be- 
zeichnet, »der auf das Unzulangliche des okonomischen Fort- 
schrittes hinwies . . . Es ist seltsam, dafi man Dostojewski so 
viel liest . . . Hingegen begreife ich einfach nicht, warum 
Lesskow nicht gelesen wird. Er ist ein wahrheitsgetreuer Schrift- 
steller.« In seiner verschlagenen und ubermiitigen Geschichte 
»Der stahlerne Floh«, die zwischen Sage und Schwank die 
Mitte halt, hat Lesskow das heimische Handwerk an den 
Silberschmieden von Tula verherrlicht. Ihr Meisterwerk, der 
stahlerne Floh, kommt Peter dem Grofien vor Augen und 
uberzeugt ihn, dafi die Russen sich vor den Englandern nicht zu 
schamen brauchen. 

Das geistige Bild jener handwerklichen Sphare, der der Erzah- 
ler entstammt, ist vielleicht niemals auf so bedeutungs voile Weise 
umschrieben worden wie von Paul Valery. Er spricht von den 
vollkommenen Dingen in der Natur, makellosen Perlen, vollen, 
gereiften Weinen, wirklich durchgebildeten Geschopfen und 
nennt sie »das kostbare Werk einer langen Kette einander ahn- 
licher Ursachen«. Die Anhaufung solcher Ursachen aber habe 
ihre zeitliche Schranke nur an der Vollkommenheit. »Dieses ge- 
duldige Verfahren der Natur, sagt Paul Valery weiter, wurde 
vom Menschen einst nachgeahmt. Miniaturen, aufs vollendetste 
durchgearbeitete Elfenbeinschnitzereien, Steine, die nach Politur 
und Pragung vollkommen sind, Arbeiten in Lack oder Male- 
reien, in denen eine Reihe diinner, transparenter Schichten sich 
ubereinander legen ... - alle diese Hervorbringungen ausdau- 
ernder, entsagungsvoller Bemiihung sind im Verschwinden, und 
die 2eit ist vorbei, in der es auf Zeit nicht ankam. Der heutige 
Mensch arbeitet nicht mehr an dem, was sich nicht abkiirzen 
lafk.« In der Tat ist ihm gegliickt, selbst die Erzahlung abzu- 
kiirzen. Wir haben das Werden der short story erlebt, die sich 
der miindlichen Tradition entzogen hat und jenes langsame 
Einander-Oberdecken diinner und transparenter Schichten nicht 
mehr erlaubt, das das trefTendste Bild von der Art und Weise 
abgibt, in der die vollkommene Erzahlung aus der Schichtung 
vielfacher Nacherzahlungen an den Tag tritt. 



Der Erzahler 449 

Valery endet seine Betrachtung mit diesem Satz: »Es ist fast, 
als fiele der Schwund des Gedankens der Ewigkeit mit der 
wachsenden Abneigung gegen langdauernde Arbeit zusammen.« 
Der Gedanke der Ewigkeit hat von jeher seine starkste Quelle 
im Tod gehabt. Wenn dieser Gedanke schwindet, so folgern 
wir, mufi das Gesicht des Todes ein anderes geworden sein. Es 
erweist sich, dafi diese Veranderung die gleiche ist, die die Mit- 
teilbarkeit der Erfahrung in dem Grade vermindert hat, als es 
mit der Kunst des Erzahlens zu Ende ging. 
Seit einer Reihe von Jahrhunderten lafit sich verfolgen, wie im 
Gemeinbewufitsein der Todesgedanke an Allgegenwart und an 
Bildkraft Einbufie leidet. In seinen letzten Etappen spielt sich 
dieser Vorgang beschleunigt ab. Und im Verlauf des neunzehn- 
ten Jahrhunderts hat die biirgerliche Gesellschaft mit hygieni- 
schen und sozialen, privaten und offentlichen Veranstaltungen 
einen Nebeneffekt verwirkhcht, der vielleicht ihr unterbewufi- 
ter Hauptzweck gewesen ist: den Leuten die Moglichkeit zu 
verschaffen, sich dem Anblick von Sterbenden zu entziehen. 
Sterben, einstmals ein offentlicher Vorgang im Leben des Ein- 
zelnen und ein hochst exemplarischer (man denke an die Bilder 
des Mittelalters, auf denen das Sterbebett sich in einen Thron 
verwandelt hat, dem durch weitgeoffnete Tiiren des Sterbehau- 
ses das Volk sich entgegen drangt) - sterben wird im Verlauf 
der Neuzeit aus der Merkwelt der Lebenden immer weiter her- 
ausgedrangt. Ehemals kein Haus, kaum ein Zimmer, in dem 
nicht schon einmal jemand gestorben war. (Das Mittelalter 
empfand auch raumlich, was als Zeitgefiihl jene Inschrift auf 
einer Sonnenuhr von Ibiza bedeutsam macht: Ultima multis.) 
Heute sind die Burger in Raumen, welche rein vom Sterben 
geblieben sind, Trockenwohner der Ewigkeit, und sie werden, 
wenn es mit ihnen zu Ende geht, von den Erben in Sanatorien 
oder in Krankenhausern verstaut. Nun ist es aber an dem, dafi 
nicht etwa nur das Wissen oder die Weisheit des Menschen 
sondern vor allem sein gelebtes Leben - und das ist der Stoff, 
aus dem die Geschichten werden - tradierbare Form am ersten 
am Sterbenden annimmt. So wie im Innern des Menschen mit 
dem Ablauf des Lebens eine Folge von Bildern sich in Bewe- 



45° Literarische und asthetisdie Essays 

gung setzt - bestehend aus den Ansichten der eigenen Person, 
unter denen er, ohne es inne zu werden, slch selber begegnet 
ist -, so geht mit einem Mai in seinen Mienen und Blicken das 
Unvergefiliche auf und teilt allem, was ihn betraf, die Autoritat 
mit, die audi der armste Schacher im Sterben flir die Lebenden 
um ihn her besitzt. Am Ursprung des Erzahlten steht diese 
Autoritat. 



XL 

Der Tod ist die Sanktion von allem, was der Erzahler berichten 
kann. Vom Tode hat er seine Autoritat geliehen. Mit andern 
Worten: es ist die Naturgeschichte, auf welche seine Geschichten 
zuriickverweisen. Das ist in exemplarischer Form in einer der 
schonsten zum Ausdruck gebracht, die wir von dem unvergleich- 
lidien Johann Peter Hebel haben. Sie steht im »Schatzkastlein 
des rheinischen Hausfreundes«, heifit »UnverhofFtes Wieder- 
sehen« und beginnt mit der Verlobung eines jungen Burschen, 
der in den Bergwerken von Falun arbeitet. Am Vorabend der 
Hochzeit ereilt ihn in der Tiefe seines Stollens der Bergmanns- 
tod. Seine Braut halt ihm die Treue iiber den Tod hinaus, und 
sie lebt lange genug, um als uraltes Miitterchen eines Tages, da 
aus dem verlorenen Stollen eine Leiche zu Tage gefordert wird, 
die gesattigt mit Eisenvitriol von der Verwesung verschont 
geblieben ist, ihren Brautigam zu erkennen. Nach diesem Wie- 
dersehen wird audi sie vom Tod abberufen. Als nun Hebel im 
Verlauf dieser Erzahlung vor der Notwendigkeit stand, die 
lange Reihe von Jahren augenfallig zu machen, da hat er das 
mit den folgenden Satzen getan: »Unterdessen wurde die Stadt 
Lissabon in Portugal durch ein Erdbeben zerstort, und der 
siebenjahrige Krieg ging voriiber, und Kaiser Franz der Erste 
starb, und der Jesuiten-Orden wurde aufgehoben und Polen 
geteilt, und die Kaiserin Maria Theresia starb, und der Struen- 
see wurde hingerichtet, Amerika wurde frei, und die vereinigte 
franzosisdie und spanische Macht konnte Gibraltar nicht er- 
obern. Die Tiirken schlossen den General Stein in der Veteraner 
Hohle in Ungarn ein, und der Kaiser Joseph starb auch. Der 
Konig Gustav von Schweden eroberte russisch Finnland, und die 
franzosisdie Revolution und der lange Krieg fing an, und der 



Der Erzahler 451 

Kaiser Leopold der Zweite ging audi ins Grab. Napoleon er- 
oberte Preufien, und die Englander bombardierten Kopenhagen, 
und die Ackerleute saeten und schnitten. Der Miiller mahlte, 
und die Schmiede hammerten, und die Bergleute gruben nach 
den Metalladern in ihrer unterirdischen Werkstatt. Als aber 
die Bergleute in Falun im Jahr 1809 . . .«. Tiefer hat nie ein 
Erzahler seinen Bericht in die Naturgeschichte gebettet als Hebel 
es in dieser Chronologie vollzieht. Man lese sie nur genau: Der 
Tod tritt in ihr in so regelmafiigem Turnus auf wie der Sensen- 
mann in den Prozessionen, die um Mittag um die Mlinsteruhr 
ihren Umzug halten. 

XII. 

Jedwede Untersuchung einer bestimmten epischen Form hat es 
mit dem Verhaltnis zu tun, in dem diese Form zur Geschichts- 
schreibung steht. Ja, man darf weitergehen und sich die Frage 
vorlegen, ob die Geschichtsschreibung nicht den Punkt schop- 
ferischer IndifTerenz zwischen alien Formen der Epik darstellt. 
Dann wiirde die gesdiriebene Geschichte sich zu den epischen 
Formen verhalten wie das weifie Licht zu den Spektralfarben. 
Wie dem auch sei, unter alien Formen der Epik gibt es nicht 
eine, deren Vorkommen in dem reinen, farblosen Licht der ge- 
schriebenen Geschichte zweifelsfreier ist als die Chronik. Und im 
breiten Farbband der Chronik stufen die Arten, in denen erzahlt 
werden kann,sich wieSchattierungen ein und derselben Farbe ab. 
Der Chronist ist der Geschichts-Erzahler. Man denke an die 
Hebel-Stelle zuriick, die durchaus den Tonfall der Chronik hat, 
und ermesse ohne Muhe den Unterschied zwischen dem, der 
Geschichte schreibt, dem Historiker, und dem, der sie erzahlt* 
dem Chronisten. Der Historiker ist gehalten, die Vorfalle, mit 
denen er es zu tun hat, auf die eine oder andere Art zu erkla- 
ren; er kann sich unter keinen Umstanden damit begniigen, sie 
als Musterstiicke des Weltlaufs herzuzeigen. Genau das aber 
tut der Chronist, und besonders nachdrucklich tut er das in 
seinen klassischen Reprasentanten, den Chronisten des Mittel- 
alters, die die Vorlaufer der neueren Geschichtsschreiber waren. 
Indem jene ihrer Geschichtserzahlung den gottlichen Heilsplan 
zugrunde legen, der ein unerforschlicher ist, haben sie die Last 



4P Literarische und asthetische Essays 

beweisbarer Erklarung von vornherein von sich abgewalzt. An 
ihre Stelle tritt die Auslegung, die es nicht mit einer genauen 
Verkettung von bestimmten Ereignissen, sondern mit der Art 
ihrer Einbettung in den groften unerforschlichen Weltlauf zu 
tun hat. 

Ob der Weltlauf ein heilsgeschichtlich bedingter oder ein natiir- 
licher ist, das macht keinen Unterschied. Im Erzahler hat der 
Chronist in verwandelter, gleichsam sakularisierter Gestalt sich 
erhalten. Lesskow ist unter denen, deren Werk besonders klar 
von diesem Sachverhalt Zeugnis ablegt. Der Chronist mit seiner 
heilsgeschichtlichen Ausrichtung, der Erzahler mit seiner profa- 
nen haben beide an diesem Werk so sehr Anteil, dafi fiir manche 
Erzahlungen kaum zu entscheiden ist, ob der Webgrund, in 
dem sie auftreten, der goldene einer religiosen oder der bunte 
einer weltlichen Anschauung vom Laufe der Dinge ist. Man 
denke an die Erzahlung »Der Alexandria, die den Leser »in 
jene alte 2eit« versetzt, »da noch die Steine im Schofie der Erde 
und die Planeten in Himmelshohen sich um das Schkksal der 
Menschen kiimmerten, und nicht etwa heutzutage, da sowohl in 
den Himmeln als auch unter der Erde alles gegen das Schick- 
sal der Menschensohne gleichgiiltig geworden ist und ihnen von 
nirgendwoher mehr eine Stimme spricht oder gar Gehorsam 
wird. Alle die neuentdeckten Planeten spielen in den Horoskopen 
keinerlei Rolle rnehr, und es gibt auch eine Menge neuer Steine, 
alle gemessen und gewogen und auf ihr spezifisches Gewicht und 
ihre Dichte hin gepriift, aber sie verkiinden uns nichts mehr und 
bringen auch keinerlei Nutzen. Ihre Zeit mit den Menschen zu 
sprechen ist voriiber«. 

Es ist, wie man sieht, kaum moglich, den Weltlauf, wie er an die- 
ser Geschichte Lesskows sich illustriert, eindeutig zu kennzeich- 
nen. Ist er heilsgeschichtlich oder naturgeschichtlich bestimmt? 
Gewifi ist nur, dafi er,/eben als Weltlauf, aufierhalb aller eigent- 
lich historischen Kategorien steht. Die Epoche, sagt Lesskow, da 
der Mensch sich im,Einklang mit der Natur glauben konnte, ist 
abgelaufen. Schiller nannte diese Weltzeit die Zeit der naiven 
Dichtung. Der Erzah