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Full text of "Altpreussische Monatsschrift"

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Monatsschrift 

neue Folge. ?— / -,s > r, 

Der w 

Hauen Preussiscasn PiOTiniial-Bl&ttw 

vierte F«lge. 
Herausgegeben 

Rudolf Reicke und Ernst Wiehert 



Zweiundzwanzigster Band. 

Der Provinaial-Blatter LXXXVIII. Band. 



Mit Beiträgen 

0. vu Bann, C. Beckherrn, R. Bergan, A. Bezzenberger, 8. Bujack, L. H. Flacher, 

H. Frtoeabier, K. Höhlbaum, A. Harn, L. iacony, D. Kuttner, K. Lohmeyer, M. Perlbaoh, 

R. Pflteag, R. Reicke, A. Rogge, A. Stern, 0. UngewKter, C. Witt, F. Zimmer 

und Ungenannten. 



Hit iwei antograpbiachen Karten 
und Croqnis. 



Königsberg in Fr. 

Vertag von Perd. Beyer's Buchhandlnng. 

1886. 




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( C t :z r '- ^ /*-f c^ „ 



Alle Rechte bleiben vorbehalten. 

Herausgeber und Mitarbeiter. 



T 



Inhalts-Verzeichniss. 



I. Abhandlungen. 

Die Gründung und älteste Einrichtung der Stadt Dirschau. Von Dr. Rieh. Petong. 

(Mit zwei autogr. Karten.) 1—44. 
Die Gobotiner. Von Adolf Kogge. 45—49. 
De ratione componendi cantus. Antore Thoma Hornero Egrano. Von Otto Un- 

gewitter. Nebst biographischen Notizen über Thomas Homer von Rudolf 

Reicke. 50—58. 
Die Bedeutung der regulativen Ideen Kants: Die Atomistik. Von Dr. Otto Kuttner 

in Neuhaldensleben. 59—75. 
Kants Gedanken von den BewohneYn der Gestirne. Vortrag, gehalten zum Besten 

de» Vereins für die Erziehung taubstummer Kinder von Carl Witt. 76—90. 
Kfinigsberger Kirchenliederdichter und Kirchenkomponisten. Vortrag, gehalten am 

16. Februar 1885 im Saale des Landeshauses zu Königsberg in Pr. von Prof. 

Dr. Friedrich Zimmer. 91—121. 
Der preus8ische Staatsxath und seine erste That im Jahre 1817. Von E . . . d* 

122-157. 
Der Zorn Friedrichs des Grossen Ober Ostpreussen. Vortrag, gehalten in der Alter- 

thum8ge8ell8chaft zu Insterburg am 20. Febr. 1885 von Otto van Baren, 

Landgerichts-Präsident 185—217. 
Zar volkstümlichen Naturkunde. Beiträge aus Ost- und Westpreuasen von EL Friseh- 

bier. 218—334. 
Einige Bemerkungen über das Ordenshaus BaJga und seine Umgebung. Von Carl 

Beckherrn. 335—345. 
Ans Kaufs Briefwechsel. Vortrag, gehalten an Kant's Geburtstag den 22. April 1885 

in der Kant-Gesellschaft; zu Königsberg von Rudolf Beicke. Nebet einem 

Anhang, enthaltend Briefe von Jac. Sigism. Beck an Kant und von Kant an 

Beck. 377—449. 
Michael Burckhardt, der Nehrungspfarrer und seine Gemeinde. Ein Sittenbild aus 

der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts von Adolf Bogge. 450—462. 
Der Schlossberg bei Jesziörken. Von C. Beckherrn (mit Croquis). 468—466. 
* Verzeichniss der die Stadt Rastenburg betreffenden Urkunden. Von Carl Beck- 
herrn. 505—605. 
Nachtrage zu Robertins Gedichten von Dr. L. H. Fischer in Berlin* 606—617. 
Kants Copernicanismus auf die Begriffe Notwendigkeit und Freiheit angewandt 

Von Dr. Otto Kuttner in Coblenz. 618—636. 
Tannenberg. Von A. Hörn, Rechtsanwalt. 637—648. 



V 



IT Inbalts-Vereeichniss. 

II. Kritiken und Referate. 

Dr. Edm. Veckenstedt, Die Mythen, Sagen und Legenden der Zamaiten (Litauer). 
158—160. 

Max Hobrecht, Von der Ostgrenze. Von £. W. 161—162. 

Dr. Edm. Veckenstedt, Die Mythen, Sagen und Legenden der Zamaiten (Litauer). 
Von A. Bezzenberger. 346—352. 

Die Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz Westpreussen. Heft IL Der Landkreis 
Danzig. Von G. 352—353. 

Die Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz Westpreussen. Von R. Bergau. 
467-468. 

Liv-, Est- und Curländisches Urkundenbuch. Begründet von F. 0. v. Bunge, fort- 
gesetzt von Hermann Hildebrand. Bd. 8. Von M. Perlbach. 649—651. 

Paul Schlentber, Frau Gottsched und die bürgerl. Komödie. Von P. 651—653. 

Alterthumsgesellschaft Prussia in Königsberg 1883. 162—173. 1884. 353—364. 
468-491. 1885. 654—665. 

III. Mittheilungen und Anhang. 

Was ist ein Gutsbesitzer ohne Polizeigewalt? Von Prof. Dr. Alfr. Stern. 174—177. 

Beitrag zur Kenntniss des Beligionszustandes in Preussisch Litauen unter dem 
ChurfÜrsten Friedrich Wilhelm. Mitgetheilt von Budolf Reicke. 177—178. 

Verzeichniss der in den Programmen der höheren Lehranstalten Ostpreussens ent- 
haltenen Abhandlungen zur Geschichte von Ost- und Westpreussen. Von 
Karl Lohmeyer. 365—372. 

Der Teufel im Flachs. Nach einer Volkssage poetisch dargestellt von Leopold 
Jacoby in Cambridge, Massachusetts. 372—373. 

Zur Bechtsgeschichte. Notiz aus dem Kölner Stadtarchiv mitgetheilt von Dr. Kon- 
stantin Hohlbaum. 492. 

Üniversit&ts-Chronik 1884/85. 178—179. 492—493. 666-667. 

Lyeeum Hosianum in Braunsberg 1885. 179. 494. 

Altpreussische Bibliographie 1884. 179—184. 373-376. 494—503. 667—682. 

Die Kant-Bibliographie des Jahres 1884. Zusammengestellt von Budolf Beicke. 
682-688. 

Preisausschreiben des Evangelischen Vereins für geistliche und Kirchenmusik der Pro- 
vinzen Ost- und Westpreussen. 503—504. 

Eingesandt 184. 

Berichtigung. 376. 

Bitte. 504. 
L Autoren-Begister. 689—690. 

IL Sach-Begister. 690—692. 

Literarische Anzeigen (auf den Umschlagen). 



1 



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Altpreussische ^ 



\ 



Monatsschrift 

neue Folge. 

Der 

Heues Preussischen FroTissial-Blätter 

vierte Folge. 



Herausgegeben 



von 



Rudolf Reicke und Ernst Wiehert. 



Der Monatsschrift XXII. Band. Der Provinzialblätter LXXXVIII. Band. 



Erstes and zweites Heft 

Januar — März. 



[Mit zwei autographischen Karten.] 



inPr. 

Verlag von Ferd. Beyer's Buchhandlung. 

1886. 



Inhalt. 



^■"V.%. S. V^ 



I. Abhandlungen: 8eiu 

Die Gründung und Elteste Einrichtung der Stadt Dirschau. Von 

Dr. Rieh. Petoug. (Mit zwei autogr. Karten.) 1 — 44 

Die Gobotiner. Von Adolf Rogge 45—49 

De ratione componendi cantus. Autore Thoma Hornero Egrano. 
Von Otto Ungewitter. Nebst biographischen Notizen über 
Thomas Horner von Rudolf Reicke 50—58 

Die Bedeutung der regulativen Ideen Kants: Die Atomistik. Von 

Dr. Otto Kuttner in Neuhai densleben 59—75 

Kants Gedanken von den Bewohnern der Gestirne. Vortrag, gehalten 
zum Besten des Vereins für die Erziehung taubstummer Kinder 
von Carl Witt 76—90 

Königsberger Kirchenliederdichter und Kirchenkomponisten. Vortrag, 
gebalten am 16. Februar 1885 im Saale des Landeshauses zu 
Königsberg in Pr. von Prof. Dr. Friedrich Zimmer , . . 91 — 12t 

Der preussische Staatsrath und seine erste That im Jahre 1817. 

Von E ... d 122—157 

II. Kritiken and Referate: 

Dr. Edm. Veckenstedt, Die Mythen, Sagen und Legenden der 

Zamaiten (Litauer) 158—160 

Max Hobrecht, Von der Ostgrenze. Von E. W 161—162 

Alterthumsgesellschaft Prussia in Königsberg 1883 162 — 173 

III. Mittlieilungen and Anhang: 

Was ist ein Gutsbesitzer ohne Polizeigewalt? Von Prof. Dr. Alf r. Stern 174 — 177 
Beitrag zur Kenntniss des Religionszustandes in Preussisch Litauen 

unter dem Churfürsten Friedrich Wilhelm 177—178 

Universitäts-Chronik 1884/85 178—179 

Lyceum Hosianum in Braunsberg 1885 179 

Altpreussische Bibliographie 1884 179 — 184 

Eingesandt 184 

Literarische Anzeigen (auf dem Umschlag). 



Literarische Anzeigen« 

Zw Carl Kttntir'* Untnerfttntö-?3ml)ljanMuns in ^tiitlbtxß 

ift fofWn eifdücnnr. 

Keßer ben peufföjen (Drben unb feine Berufung 

tta<# IJfreußen. 

fton Dr. 3Uflif fUdf. 

(Sammlung u<m Wortragen. Don «frommel mit Pfaff XII, 10.) 

?x<i$: 0,60 m. 



Gründung nnd älteste Einrichtung der Stadt 

Dirschan, 

Von 

Dr. Rieh. Petong. 

(Mit zwei autogr. Karten.) 

Die Leuchte des Christentums war von dem polnisch-poinmerellischen 
Grenzbruch bis zur Mündung der Weichsel hindurchgedrungen, soweit 
polnische Eroberer ihr Scepter geltend zu machen vermocht hatten. 
Wohl gab es noch manchen Unterschied zwischen Wenden und Polen, 
in Sprache und Sitte, in socialer und politischer Organisation; aber die 
naturwüchsige wendische Art wurde von der höher entwickelten polni- 
schen Kultur in etwa zwei Jahrhunderten fast völlig verdrängt. Es ist 
der natürliche Weg solcher Einflüsse, mit einer politischen Umgestaltung 
zu beginnen, um zuletzt mit der Verdrängung von Sprache und Sitte 
zu ^chliessen. Dass dieser Prozess in unserem Lande zwischen Weichsel 
und Leba sich jedoch nur teilweise vollzog, verdanken wir neben der 
wetterwendischen Politik eingeborner Machthaber, zwei Factoren, dem 
deutschen Ordenswesen und dem deutschen Bürgertum. 

Seitdem Papst EugeniusIII. im Jahre 1148 dem polnischen Bischof 
zu Wlotzlaweck in Cujavien die kirchlichen Einkünfte von Ostpommern 
mit der Burg Edanzc (Danzig) und allem Zehnten von Getreide und 
von den handeltreibenden Schiffen, von der Münze und der Gerichtsbar- 
keit verliehen, bis in die Zeiten der Ordensherrschaft hinein begegnen 
wir beständig einem Ankämpfen gegen die polnische Suprematie, einer 
kirchlichen und politischen Parteiströmung, getragen von deutschen 
Rittern, Mönchen und Bürgern. 

In jener Zeit der deutschen Kolonisation im slawischen Nordosten, 
zwischen Elbe und Weichsel — ja bis zum finnischen Meerbusen hinauf — 
als Staufer und Weifen, Kaiser und Päpste sich mit einander maßen, 

Altpr. Mouattiohrift Bd. XXII. Hft. 1 n. 2, 1 



2 Die Gründung und älteste Einrichtung der Stadt Dirschau, 

war nicht das Bewusstsein der Reichseinheit und der nationale Gedanke, 
wohl aber der Trieb nach festumgrenzter Selbstständigkeit herrschend. 
Hierin fühlten sich die deutschen Elemente, so verschieden ihre Inter- 
essen auch waren, mit den eingeborenen Machthabern Eins und lohnten 
mit treuer Anhänglichkeit die hochherzige Protection und Beförderung, 
welche sie fanden. Neben dieser Gegenströmung trat der slawische 
Grundzug der Entwickelung aber doch mächtig hervor. 

Schon im Jahre 1139, etwa gleichzeitig mit der oben erwähnten 
kirchlichen Vereinigung, beginnt mit der Teilung des polnischen Reiches 
politische Schwäche. Gegen Ende des Jahrhunderts liegen die polnischen 
Teilfürsten schon mit einander im Kampfe. Waren aber inzwischen 
während der zweiten Hälfte des zwölften Jahrhunderts die einheimischen 
Statthalter in Pommerellen zu ansehnlicher Macht gelangt, so scheint 
doch auch hier eine feste monarchische Einrichtung niemals zum Durch- 
bruch gekommen zu sein und im zielbewussten heroischen Kampf um 
Erhaltung der mühsam errungenen Selbständigkeit verzehrt sich das 
eigeborene Herrschergeschlecht. Verderblicher Bruderzwist entbrannte, 
als auf dem rechten Ufer der Weichsel eine neue Macht sich geltend 
machte — der deutsche Orden. 

Selbst im Vordringen gegen die heidnischen Preussen begriffen, 
denen man das Land zwischen Nogat und Weichsel entzog, hatte die 
Pommerellische Macht sich den Brückenkopf Zantir auf dem rechten 
Ufer der Weichsel geschaffen und da, wo weiter unterhalb eine gute 
Uebergangsstelle sich fand, gründeten die pommerellischen Herzöge auf 
wenig ergiebigem Boden und in gering bevölkerter Gegend die neue 
Kirche zu Dyrsowe (Dischau), gerade zu der Zeit, als die erste Ordens- 
gesandtschaft in Cujavien erschien; als aus der Ferne ganz neue Unter- 
nehmungen gegen die heidnischen Preussen im Anzüge waren. 

Swantopolk, der grosse Nationalheld, hatte schon vorher ausserhalb 
Danzigs dem heiligen Nikolaus, dem Patrone der Schiffer und Fischer, 
eine Kapelle errichtet. Es ist die Zeit, in der die Klöster Zuckau und 
Oliva reiche Schenkungen erhielten, in welcher auch der Kirche und 
dem Kloster zu St. Albrecht, sowie den Johannitern und andern Geist- 
lichen reiche Dotationen zuteil wurden. 



Von Dr. Rieb. Petong. 3 

Swantopolk suchte sich der Gunst des Gneseuer Erzbischofs zu 
versichern, nachdem Papst Gregor IX. ihn vorher schon seines Schutzes 
gegen die Fürsten von Polen versichert. 

Es war ein ebenso politischer als kirchlicher Gedanke, sich durch 
ein neues frommes Werk angesichts der gefahrlichen Heiden bei den 
von Kaiser und Papst begünstigten Glaubenskämpfern in Achtung zu 
setzen. Ausser den Klosterkirchen .von Oliva und Zuckau gab es da- 
mals sehr wenige Kirchen im Lande. Priester begegnen uns an den 
TTürstensitzen zu Danzig und Schwetz; auf der wichtigen südlichen 
Grenzburg Wyszegrod besteht eine Kirche, deren Patron Swantopolk ist, 
und in Liebschau hat der Johanniterorden zwei Priester; ausserdem 
kommen noch der Johannitersitz Schöneck und St. Albrecht bei Danzig 
in Betracht; andere Kirchen werden urkundlich nicht genannt. 

Bei so spärlicher Anzahl von Gotteshäusern kann man die Gründung 
der Dirschauer Kirche in unmittelbarer Nähe von Liebschau nur einem 
ausserordentlichen Anlass zuschreiben. 

Der unmündige Sambor, der spätere Gründer des Schlosses, hatte 
von vornherein wenig Teil an dem Werk; der ihn bevormundende 
Bruder Swantopolk erkannte mit kühnem Scharfblick die Bedeutung des 
Ortes. Der gemischte Charakter des Baues spricht noch heute für die 
verschiedenartige Beteiligung der Erbauer. Der Turmkoloss, auf un- 
behauenen Granitblöcken errichtet, ist etwa 13 Meter breit, ca. 10 Meter 
tief. Da seine Wände unten eine Stärke von etwa 3 Meter aufweisen, 
ist der im Lichten bleibende Raum nur gering, zur Vollendung scheint 
er niemals gediehen zu sein, so dass bei der vor kurzem erfolgten Auf- 
bringung neuer Glocken der Wunsch nach einem vollständigen Ausbau 
des Turmes zu Tage trat. Gegenwärtig ist er nur 100 Puss hoch, 
darüber befindet sich eine hölzerne Fortsetzung von ca. 25 Fuss Höhe, 
aber der gewaltige Ziegelkoloss ist meilenweit, besonders von dem tiefer- 
liegenden Werdergebiete, sichtbar. Das ältere Dach der Kirche reichte 
noch über den jetzigen oberen Rand des Turmes hinaus. Bei einem 
Ausbau nach Art der Danziger Marienkirche müsste derselbe mindestens 
die doppelte Höhe erhalten. Während seiner ehemaligen Erbauung 

machte sich bereits, wie es scheint, eine Geschmacksänderung geltend. 

1* 



4 Die Gründung und älteste Einrichtung der Stadt Dirscbaa. 

Statt des niedrigen Rundbogens an den Lichtöffnungen der Vorderseite 
wählte man an der Südseite die Spitzbogenform. Da die Seitenschiffe 
der Kirche aus späterer Zeit stammen, so erscheinen die beiden ur- 
sprünglichen Chöre, das grössere etwa 25 Meter, das kleinere etwa 
20 Meter lang, sowie die geringe Breite wie ein Abfall von dem 
Gedanken, welchem der Turm seine Entstehung verdankt; aber nach 
dem Maß jener Zeiten war die neue Kirche zur heiligen Kreuzerhöhung 
ein gewaltiger Bau, und nicht nur auf ein momentan vorhandenes Be- 
dürfnis berechnet. Es gab schon einzelne Dörfer im Danziger Werder, 
und dass auch das grosse Werder zwischen Weichsel und Nogat da- 
mals nicht ganz ohne Ansiedler war, schliessen wir nicht sowohl aus den 
prähistorischen Funden; welche Dr. Marschall in 16 verschiedenen Orten 
mit preussischen und altslawischen Namen nachgewiesen hat, sondern 
aus den seit dem Jahre 1251 über besondere Besitztitel vorhandenen 
Urkunden. Fischfang und Jagd, zum Teil auch die Holznutzung reizten, 
wenn nicht zur Ansiedlung so doch zu zeitweisem Aufenthalt. Längs 
der damals zahlreicheren Wasserarme und über dieselben führten ge- 
wisse Passagen. Wo eine neue Insel sich bildete, baute man Wehre 
und Blockhäuser, um den angrenzenden Strich beherrschen und unbe- 
schränkt ausbeuten zu können. Es gab auch unzweifelhaft einen Ueber- 
gangsweg, welcher von der Weichsel bei Lichtenau vorbei nach der 
Nogat führte; doch lief derselbe wie die betreffende Urkunde von 1254 
lehrt, wenigstens teilweise einen Weichselarm entlang. Es galt dies 
Grenzgebiet zu kolonisiren und fester in den ostpommerschen Macht- 
bereich einzufügen, als man auch den leicht zu verteidigenden Hügel, 
auf welchem die Dirschauer Pfarrkirche zu stehen kam, zur historischen 
Bedeutung erhob. 

Die Ordensritter waren inzwischen langsam aber unaufhaltsam das 
rechte Weichselufer hinab vorgedrungen. Burgen und Städte gaben 
dem Lande ein neues den slavischen Nachbarn völlig unbekanntes Aus- 
sehn. Auf der Weichsel wurde es von fremden Schiffen lebendig, ein 
neuer Pilger- und Handelsverkehr begann und 'die einheimischen Herzoge 
waren bemüht, die Yortheile dieser Veränderungen sich nicht entgehen 
zu lassen. Seit Erbauung der Burg Elbing im Jahre 1237 erlangte auch 



Von Dr. Rieb. Petong. g 

der Weg von Dirschau ostwärts durchs Werder grössere Bedeutung. 
Die deutschen Einwanderer strömten herbei, um das was das Schwert 
der Bitter bezwungen, noch einmal mit dem Pflug zu erobern. 

Swantopolk und Sambor erkennen die wachsende Bedeutung auch 
des untern linksseitigen Ufers der Weichsel. 

Nach den Resultaten der bisherigen Forschung war die slavische, 
osfpommersche Bevölkerung eine ursprunglich sehr dünne, wenn auch 
in grösserer Menge Ortsnamen schon früh urkundlich vorkommen. 
Fischfang und Jagd neben spärlichem Ackerbau konnte man in dem 
seen- und flussreichen Lande im Innern und überall wo Waldungen den 
Holzbedarf darboten, besser betreiben, als an dem holzarmen Hochufer 
der Weichsel von der Mündung der Ferse abwärts bis Dyrsowe (Dirschau). 
So erklärt es sich, dass die Uferstriebe des gewaltigen schiffetragenden 
Stromes erst im Laufe der Verwickelungen mit den feindlichen Nachbaren 
allmälig eine grössere Bedeutung erhalten. 

Dem Lande Wanecke oder Mewe, unmittelbar nördlich von der Ein- 
mündung der Ferse, da wo eine breitere Tieflandsausbuchtung Teilungen 
des Stromlaufs und Inselbildungen hervorrief, welche nach der Ein- 
dämmung der heutigen Niederungen von Liebenau, Rosenkranz und 
Falkenau gegenwärtig bis auf wenige Reste entschwunden sind, muss 
jedoch eine Ausnahmestellung zuerkannt werden. Zahlreiche heidnische 
Gräber verschiedener Art weisen auf eine jederzeit ansehnliche Bevöl- 
kerung hin; hierher jedenfalls richteten vornehmlich die jenseits woh- 
nenden Pruzzen ihre räuberischen Einfalle, wenn anders nicht die kriegs- 
lustigeren Ostpommern gerade von hier aus ihre Nachbaren am meisten 
heimsuchten und zur Vergeltung herausforderten. In Feindesland hatten 
sie der heutigen „Insel Küche" gegenüber in der Nähe des Dorfes 
„Rudnerweide" die Burg Zantir gegründet und lange genug mag diese 
Burg für die Pruzzen eine Quelle des Schreckens gewesen sein, als 
Swantopolk dem Beispiele anderer freigiebigerer Förderer des Bekehrungs- 
werks folgend, dieselbe an Christian, den neuen preussischen Bischof abtrat. 

Zantir war nicht Mos das Ausfallthor gegen die heidnischen Preussen, 
das nunmehr im Besitz eines Glaubensapostels friedlichen Zwecken ge- 
weiht schien, sondern es war auch der Stützpunkt für die Verteidigung 



g Die Gründung und älteste Einrichtung der Stadt Diracbau. 

der ganzen zwischen Nogat und Weichsel gelegenen Insel, welche von 
der Burg ihren Namen erhielt. Um den Besitz dieser Burg dreht sich 
Jahrzehnte hindurch die Politik aller beteiligten Machthaber, und kommt 
es dabei klar zur Erscheinung, wie die kirchlichen und Bekehrtings- 
interessen nur ein Motiv innerhalb der Verwickelungen und Kämpfe um 
Macht und Herrschaft bilden. 

So lange Swantopolk die Schwäche Polens benutzend als Landes- 
fürst sich zu festigen suchte und klüglich vermied, die Wut der 
Heiden zu reizen, während der Orden zugleich im Culmerlande sich 
eine landesherrliche Stellung begründete, war der Verzicht auf Zantir 
zur Beförderung des Bekehrungswerkes ein guter Gedanke, um nach 
keiner Seite hin Anstoss zu wecken. — Als aber Bischof Christian und 
der Orden selbst mit einander zerfielen und Sarabor schon lange mit 
seinem Bruder Swantopolk uneins, auf ebenso rücksichtslose wie unkluge 
Pläne verfiel, trachtete Swantopolk um jeden Preis nach der Wieder- 
erlangung des wichtigen Punktes. In dem Zwist der Brüder, der wie 
man glaubt wegen Führung der Vormundschaft oder wegen Erbteilung 
entstanden, zeigte sich Sambor in der That leidenschaftlich und in 
hohem Grade erregbar. Mochte er bei seinen Beziehungen zu den 
Preussen auch nicht direkt an eine Schädigung der Kirche und des 
christlichen Glaubens denken — ehe der Orden Pomesanien, das Land 
zwischen Ossa und Ilfing anbaute, hatten Christian und andere Apostel 
die christliche Lehre daselbst verbreitet — sein Plan oder Vorgeben, 
die Tochter eines preussischen Edlen, Namens Preroch, heirathen zu 
wollen, die Schuld, die man ihm beimaß, einem heidnischen Heerhaufen 
zu einem Plünderungszuge den Durchzug gestattet oder nicht verwehrt 
zu haben, machte seine Stellung sehr schwierig. 

Er entschloss sich, um nicht völlig isolirt dazustehen, die Ver- 
mittelung des Landmeisters Hermann Balke anzurufen, der sie gerne 
gewährte. Erhob sich der Orden doch dabei selbst zu einer höheren 
Stellung, indem er die Gelegenheit benutzte, Grenzverlegungen, Zoll- 
bedrückungen und Belästigungen anderer Art Swantopolk vorzuhalten 
und den Pommernherzogen gegenüber fortan die Kolle eines begehrlichen 
Schiedsrichters und Protektors erhielt. Der Orden besetzte nicht nur 



Von Dr. Rieb. Petong. 7 

Zantir, die Bnrg des noch von den Heiden gefangen gehaltenen Bischofs, 
sondern erbaute sogar, von Sambor aufgefordert, auf dem linken Weichsel- 
ufer, da wo das Hochufer, das Zantir gegenüber vom Strome zurück- 
tretend, sich bald wieder eng ans Strombett anschliesst, die geeignetste 
Stelle darbot, mit seinem Schützling gemeinsam die Burg Gerdin. 
Swantopolk, der bisher beständig bestrebt gewesen war, sein Einver- 
nehmen mit den Rittern ungestört zu erhalten und in richtigem Takt jeden 
Zündstoff zu Streit vermied, erkannte mit Recht, in dem neuen Unter- 
nehmen den Anfang des Niederganges der pommerellischen Herrschaft. — 
Von dem Rechte des obersten Herzogs in Pommern Gebrauch machend, 
erstürmte Swantopolk Gerdin. Er wie der Orden vermieden damals 
noch ängstlich aus diesem Ereignis einen Kriegsfall zu machen. Nicht 
durch eigene Macht, sondern durch Gottes gerechtes Urteil, sagt Swanto- 
polk selbst, hätte er den Sieg gewonnen. Er nahm Sambor wohl ge- 
fangen, liess die gefangenen Ritter aber frei abziehen, gab auch den 
Bruder bald frei und versprach ferner im Juni 1238 bei Strafe des 
Bannes sich aller Belästigungen des Ordens, seiner Unterthanen und der 
zuziehenden Fremden zu enthalten. 

Von nun an sehen wir bis zum Jahre 1248 die Politik der beiden 
Brüder in immer schrofferen Gegensatz treten. Während Swantopolk 
von den Rittern zunächst nichts fürchtend sich in die polnischen Händel 
mischte, um dort neue Macht zu gewinnen, tritt Sambor als unmittel- 
barer Nachbar des unaufhaltsam vordringenden Ordens in immer 
grössere Abhängigkeit und scheint seiner slavischen Abstammung ganz 
zu vergessen. Wenn nun die grosspolnischen Fürsten den älteren ihnen 
verschwägerten Bruder unterstützten, so stellte sich der deutsche Orden 
ganz auf Seiten Sambors, des Schwächeren. Sambor, seit 1232 mit 
Mathilde, der Tochter Borwins II. von Mecklenbug verheirathet, umgab 
sich mit deutschen Rittern und Mönchen und setzte im Bunde mit 
seinem Bruder Ratibor von Beigard den Kampf gegen Swantopolk fort. 

Ein bestimmtes Staatsrecht gab es in jener Zeit nicht, klare und 
unzweideutige Verträge und Vereinbarungen zwischen den Brüdern 
mochten ebensowenig geschlossen sein. Swantopolk sah sich nach dem, 
was Mestwin, der Vater, auf dem Sterbebette zu ihm gesprochen, und 



I 



g Die Gründung und älteste Einrichtung der Stadt Direchau, 

weil er der älteste war, als den Oberherrn über seine Brüder an und 
beanspruchte namentlich auch Verfügungsrecht über die festen Plätze 
im Lande. Aber gleichviel ob er als oberster Kriegsherr, oder blos 
nach einfachem Kriegsrecht gegenüber dem feindseligen Bruder verfuhr; 
die Burg Schlanz auf dem linken Ufer der Weichsel, zwischen Zanür 
im Süden und Gerdin im Norden gelegen, wurde von ihm erbaut oder 
befestigt. Diese Burg erscheint damals zum ersten Mal in der Geschichte. 
Sie lag im Gebiete Sambors und dieser fasste gemeinsam mit Ratibor 
den Plan, sie Swantopolk zu entreissen. Swantopolk lag bereits im Krieg 
mit dem Orden und zwar während des ersten grossen Abfalls der Neu- 
bekehrten, zu dessen Unterwerfung nicht weniger als 11 Jahre erforderlich 
waren. Später wurde Schlanz, ob noch als Burg oder bloss als unbe- 
festigter Ort, die erste Besitzung des Ordens auf dem linken Weichselufer, 
als Geschenk von einem Kitter Mestwins IL, der seines Vaters Swantopolk 
Nachfolger wurde, — jedenfalls ein Anzeichen für die Bedeutung, welche 
man diesem Punkte am linken Ufer der Weichsel beimass. — Ehe 
damals aber Sambor sein Unternehmen gegen Schlanz ausführen konnte, 
fiel er in Swantopolks Hände und wurde dort gefangen gesetzt. Auch 
Zantirs hatte Swantopolk sich von neuem bemächtigt und die Burg 
daselbst wieder aufgebaut. Vornehmlich aber suchte der Herzog die 
Wasserstrasse auf der Weichsel dem Orden zu sperren ; doch in seinem 
nationalen oder landesherrlichen Eifer erwuchs ihm bald ein so grosses 
Heer von Anklägern und Gegnern, dass er in den Augen der Welt zuletzt 
nur als „Sohn des Verraths und der Bosheit, als Kind des Teufels" 
erschien, weil er den Rittern den Kampf gegen die Heiden erschwerte. 
Mit dem Banne bedroht und von dem Ordensheer, den Polen und 
fremden Kriegsschaaren, welche dem Orden in seiner Bedrängniss zu 
Hilfe eilten, im eigenen Lande heimgesucht, so dass „nicht ein Winkel 
in Pommern" blieb, der nicht von Raub und Brand heimgesucht wäre, 
wie es bei einem Chronisten heisst, lagerte er sich zuletzt vor Zantir, 
von dort aus das von den Rittern neuerbaute Christburg bedrohend. — 
Aber statt Christburg zu gewinnen, verlor er Zantir; was von seinem 
Heeere dem Tode in der Schlacht oder der Gefangenschaft entrann, 
kam auf der Flucht in denFluthen der Weichsel um; er selbst entging 



Von Dr. Rieh. Petong. 9 

mit genauer Not demselben Schicksal. Von nun an sinkt der Stern 
pommerellischer Grösse, obwohl in dem darauf geschlossenen Frieden 
der Orden den Herzog im Besitz des grossen Werders anerkannte; denn 
dieser musste nicht nur auf alle anderen Besitzungen östlich der Weichsel 
verzichten, sondern durfte fernerhin pommerschen Zoll auch nur an der 
alten Zollbrücke bei Danzig und nicht mehr über das herkömmliche 
Maaß erheben. Seinem Bruder Sambor hatte er, von Mitleid bewogen, 
schon vor dem im Jahre 1248 mit dem Orden geschlossenen Frieden, 
die Freiheit wiedergegeben. Miteinander versöhnt, wetteifern beide — 
nach dem Jahre 1248 in der Hebung des Landes. Swantopolk giebt 
an Sambor alle Burgen, welche er als die seinigen beansprucht, heraus 
und erklärt alle Bestimmungen eines aus den Herren Nicolaus und 
Johann von Mecklenburg (Werle), leiblichen Brüdern von Sambors 
Gattin Mathilde und dem Landmeister von Preussen gebildeten Schieds- 
gerichts anerkennen zu wollen. Ein gewisses Misstrauen blieb jedoch 
noch zurück; und seinem gefährlichsten Rivalen, dem deutschen Orden 
gegenüber, der ihm Mestwin seinen Sohn und Thronfolger schmerzlich 
lange Jahre als Geissei zurückbehalten hatte und auch in den polnischen 
Angelegenheiten sowie im Verhalten seinem Bruder gegenüber von ihm 
den Gehorsam eines Vasallen verlangte, grollte er weiter. 

Ein Unglück, das die Bitter im Kampf gegen die Ermländer und 
Natanger 1249 betraf, reizte den thatkräftigen Herzog noch einmal mit 
den Heiden vereint in Pomesanien einzufallen. Aber er kämpfte für 
eine verlorene Sache. Auf Betreiben des Pabstes kamen zahlreiche 
Kreuzfahrer, so ein Markgraf von Brandenburg, der Bischof von Merse- 
burg und ein Fürst von Anhalt herbei und mit dem Jahre 1253 war 
der „erste Abfall" der Preussen völlig niedergeworfen und der scheel- 
blickende Pommernherzog für immer paeifizirt. Swantopolk erkannte 
nun endlich doch selbst, wie seine Bemühungen, die Festsetzung der 
Deutschen in seiner nächsten Nachbarschaft zu verhindern, durchaus 
vergebliche waren. Die ostpommersche Macht musste sich wohl oder 
übel für überflügelt ansehen und in den Hintergrund stellen. Es wäre 
nicht unmöglich, dass Sambor Anlass gehabt, schon vor diesen Ver- 
wickelungen mit dem Bau seiner Burg zu Dirschau den Anfang zu machen; 



20 Die Gründung und älteste Einrichtung der Stadt Dirachau. 

aber wahrscheinlich ist es doch nicht. Ebenso wie Swantopolk ritter- 
lich kühn, konsequent, energisch und weitblickend, so erscheint Sambor 
in allen seinen Unternehmungen vorsichtig ängstlich und zaghaft, wenn 
es ihm auch deshalb nicht an kluger Berechnung fehlte. Er erkannte 
eben bei seinen beständigen Beziehungen und intimeren Verbindungen mit 
dem Orden lange vor Swantopolk die Nutzlosigkeit eines Widerstandes 
oder gar offener Feindseligkeit gegen den auf den Pittigen der Christenheit 
und der weltherrschenden deutschen Nation zu einer glänzenden Macht- 
fülle emporsteigenden Orden und wusste sein bescheidenes Stückchen 
von Souveränität darnach zu brauchen. 

Wir haben keinerlei Nachricht darüber, dass Sambor etwa auf 
Ermunterung des Ordens oder mit dessen Hilfe während seines Zwistes 
mit dem älteren Bruder mit dem Burgbau zu Dirschau begonuen oder 
später nach geschlossenem Frieden auf Swantopolks liath in dessen 
Oesiuuungen und Pläne einlenkend, ein Bollwerk gegen den Orden auf- 
zurichten gedacht hat. Was auch die bisherigen Geschichtsschreiber, 
sei es aus Lokalpatriotismus oder in mühseligem Eifer der Forschung 
für das undenkliche Alter des Ortes geltend zu machen versucht haben, 
diente eben, Irrtum aus Irrtum erzeugend, allein der Ansicht zur Stutze, 
dass Dirschau seit dem Jahre 1243 bereits als Sanibors Residenz an- 
zusehen ist. 

Es ist für die Bestimmung des Zeitpunktes wie für das ganze 
Auftreten Sambors charakteristisch genug, dass er am 7. December 1251 
dem Orden zu Kulm bekundet, wie er demselben seine Ansprüche auf 
das grosse Werder — Insel Zantir genannt — abtritt. War nach dem 
Wortlaut der Friedensurkunde von 1248 dem Orden nicht der mindeste 
Anspruch auf die Insel Zantir eingeräumt worden; denn nur oberhalb 
Zantirs sollte die Tiefe der Weichsel für alle Inseln und Landstücke 
die Grenze zwischen dem ostpommerschen Staate und der Herrschaft 
des Ordens bilden — so giebt sich Sambor nunmehr den Anschein, als 
ob das Werder ihm eigentlich niemals gehört habe. Von jedem An- 
spruch, den er auf die Insel haben sollte, oder den man ihm zuge- 
schrieben habe, erklärte er, trete er zu Gunsten des Ordens zurück. 
Er begnügt sich gerne mit einem Stück Landes 4000 Schritte lang und 



Vou Dr. Rieh. Petong. \\ 

40CO Schritte breit, welches er als eine frühere Verleihung des Ordens 
zum Schutze seiner mit ihm gemeinsam erbauten Burg Gerdin ansieht 
und will sogar dieses Stück abtreten und auf die gemeinsame Nutzung 
der Weichsel verzichten, wenn ihm der Orden 150 Mark Silber auszahlt. 
Spaterhin will er mit seinem (dem linken) Ufer der Weichsel bis zur 
Tiefe des Stromes zufrieden sein. Man begreift diese freiwillige Ent- 
sagung, diese ängstliche Bescheidenheit nur, wenn man sich den Plan 
vergegenwärtigt, mit welchem Sambor damals sich trug. Nördlich von 
Zantir und Gerdin gab es auf dem linken Ufer der Weichsel keinen 
Punkt, der bei dem Zusammenstoss mit dem Orden eine wirksamere ' 
Stütze für die poraraerellische Macht abgeben konnte, als Ufer und Berg 
bei der Kirche von Dyrsowe (Dirschau). 

Im Frühliug des nächsten Jahres am 30. April 1252 ist Sambor 
mit dem Sau der Burg gerade beschäftigt, als er den Bürgern von 
Kulm für den ihm während seines Streites mit Swantopolk geleisteten 
Beistand Zollfreiheit in seinem Lande gewährt. So leitet er das be- 
deutsame Werk mit Wohltaten, Schenkungen und Versicherungen der 
Dankbarkeit und grössten Ergebenheit gegen den Orden und seine Unter- 
tanen ein, immer von Freude und Ehre erfüllt, denen Gutes erweisen 
zu dürfen, welche sein neues Werk möglichenfalls mit Argwohn be- 
trachten oder ihm Hindernisse in den Weg legen konnten. 

Vor seinem Bruder Swantopolk flüchtig hatte Sambor als Schützling 
des Bischofs Michael von Cujavien und des deutschen Ordens gewisser- 
maßen im Exil gelebt. Nach den von ihm ausgestellten Urkunden war 
er bis zum Sommer des Jahres 1250 sicher noch nicht in sein Land 
zurückgekehrt. Für 300 Mark Silber polnischen Gewichts, welche ihm 
in seiner dürftigen Lage der Bischof geliehen, trat er demselben um 
diese Zeit sieben Dörfer ab und der Landmeister Ludwig von Preussen 
bescheinigt und genehmigt diese Schenkung, als ob die blosse Beur- 
kundung Sanibors anfechtbar sein könnte. 

Bischof Michael verzichtete damals auf die vermutlich sehr unregel- 
mäßig eingehenden Zehnten aus Sambors Gebiet; aber durch den Besitz 
der sieben Dörfer scheint sein Nachfolger Wolimir ebenso wenig befriedigt 
worden zu sein. Denu Swantopolk versprach demselben schon im Februar 



}2 Di* Gründung und älteste Einriebtang der Sudt Dtrschau. 

1253, ihn in allen seinen geistlichen Rechten zu schätzen und machte 
sich anheischig ihm die Zehnten wieder zu zahlen und jenen Vertrag 
vom Jahre 1250 zn annulliren, sobald er Sambors Land unter seine 
eigene Herrschaft bekäme. Nach alledem ist es wahrscheinlich, dass 
Sambor erst gegen Ende des Jahres 1251, nachdem er die Insel Zantir 
dem Orden geschenkt, in sein Land zurückgekehrt ist und mit dem Bau 
der Burg Dirschau seine lang vermissic Selbständigkeit neu zu begründen 
suchte. 1250 nennt Sambor sich noch den Herrn von Liebschau, wo 
er seither residirt hatte, dagegen 1253 dient ihm bereits Zesborius als 
besonderer Burgverwalter zu Dirschau, und Domaslaus, einer seiner 
älteren Barone, verwaltet gleichzeitig die alten Liebschauer Güter. 

Fasst man die Stelle ins Auge, welche Sambor zum neuen Wohnsitz 
für sich und seine Gemahlin, die wie sein einziger Sohn Soboslaus mit 
ihm die Not des Exils gekostet, auserkor, den ungastlichen Winkel der 
sumpfigen „Podlitz" genannten Ebene, welche sich zwischen dem Dir- 
schauer Hngelgebiet und der Weichsel hinstreckt, so wird es klar, dass 
nicht ein Lustschloss sondern ein durch die Not der Zeit gebotener 
Bau hier zur Ausfuhrung gelangte. 

Im Gegensatz zu der deutschen Art Burgen auf Bergen zu bauen, 
war es bei den Slaven in der ältesten Zeit Sitte, ihre festen Wohnsitze 
an unzugänglichen Orten, mitten in Seeen, oder an ähnlichen niedrigen 
morastigen, wasserreichen Stellen anzulegen; und anders lag auch die 
Liebschauer Residenz nicht. Zwischen Wasserarmen der heutigen oberen 
Mottlau (damals Spancowa genannt) kennzeichnet sich noch heute eine 
geringe Bodenerhebung von massiger Grösse, im Volksraunde „dolni 
zamek u die niedrige Burg, genannt, ein wenig südöstlich vom heutigen 
Dorfe Liebscbau. Urnenfunde und andere Culturreste altertümlichster 
Art, wie die Erinnerung der Einwohner meldet, geben der Stelle ihre 
Bedeutung schon seit vorchristlicher Zeit. Nicht anders war die natür- 
liche Lage der Residenzen zu Danzig und Schwetz und anderer bedeu- 
tender Burgen des Landes. Unmittelbar an den Hügel sich lehnend, 
auf welchem die Kirche zur Kreuzeserhöhung etwa 500 Schritt west- 
wärts damals wahrscheinlich nahezu fertig dastand, Hess Sambor 
unbehauene Granitsteine, wie sie der umliegende Boden nur spärlich 



Von Dr. Eich. Peton*. 13 

liefert, zum Fundament für seine Burg einsenkeu. Darauf wurden dann 
die Mauern aus grossen Ziegeln, wie sie bei den ältesten Ordensbauten 
zu finden sind, errichtet. Die plumpe, ungleich massige Form der Ziegel, 
die verschiedene Mischung des Materials und die dicken Schichten des 
Mörtels kennzeichnen noch heute die primitive Kunstfertigkeit nicht 
weniger wie die grosse Eile, welcher dieser Burgbau entsprang. Bisher 
waren Wohnungen und Burgen, ebenso auch im Gebiete des deutschen 
Ordens in der Begel nur leicht aus Holz und Lehm aufgeführt worden. 
Die natürliche Befestigung durch Wälle, vornehmlich aber durch Sümpfe 
und Gräben, bildete den Hauptschutz gegen feindliche Angriffe. So wurde 
auch hier recht bald von der Weichsel aus Wasser zu beiden Seiten 
der Burg geleitet, da wo die natürliche Abdachung des Bodens und, 
wie es scheint, alte Regenschluchten zur Anlage von Graben einluden. 

Haben wir darüber gerade für die Zeit der Gründung aach keine 
specielle Nachricht, so wissen wir doch aus einer späteren Urkunde 
über die Gründung des Dominikanerklosters, das auf dem Ostrande des 
Hügels, und unmittelbar westlich vom Schlosse zu stehen kam, dass 
auf der Nordseite sogar zwei durch einen Damm getrennte Gräben zur 
Befestigung dienten. Begann nun der Damm wahrscheinlich vom Ostende 
des Hügels, so ging der zweite Graben jedenfalls dicht an der Burg- 
mauer vorbei, wie dies noch zu Anfang dieses Jahrhunderts der Fall war 
und führte zur Weichsel, deren Bett damals etwas weiter entfernt lag. 
Aus den heutigen Trümmern ist die Grösse der schon im Jahre 1309 
zerstörten Burg nicht mehr genau zu erkennen. Die Umfassungsmauern 
an der Ost- und Nordseite bildeten mit der Stadtmauer ein Ganzes. 

In einer Erbpachtsverleihung vom 25. April 1782 wird der sogen. 
Schlossplatz als 180 Fuss lang und 60 bis 78 Fuss breit vermessen. 
Erscheint an der Ostseite auch der älteste Theil der Mauer in etwa 
doppelter Ausdehnung, so ist zu bedenken, dass gerade hier eine Ver- 
längerung über die bewohnten Bäume hinaus zum Schutze des neben 
liegenden Platzes gegen Ueberschwemmungen der Weichsel am frühesten 
nothwendig war. Die Mauern sind nur vier Ziegel d. h. etwas mehr 
als 4 Fuss (1,25 Meter) stark, an der Ostseite weiter nach Süden hinauf, 
nimmt die Stärke ein wenig ab. Nach der Erinnerung der ältesten 



24 Die Gründung und älteste Einrichtung der Stadt Dirschau. 

■ 

Bewohner der Stadt wurden zu Anfang des Jahrhunderts viel Fundament- 
steine und Ziegel aus dem Boden gegraben, aus deren Lage zu schliessen 
ist, dass die Burg einen kleinen inneren Hof hatte. Rechnet man einen 
Theil von der Längenausdehnung als Vorhof, so war der ganze Bau 
von nicht erheblicher Grösse, etwa wie die mittleren Schlösser des 
Ordens. Die Front war nach Süden gerichtet. Der ganze Grund bis 
zur Südecke der späteren Stadtmauer, wo der Boden wieder ein wenig 
ansteigt (falls er nicht künstlich erhöht worden ist), wurde später der 
Schlossgrund genannt. Ueber die Mitte desselben führte ein Weg direkt 
zur Weichsel; dort lag auch später die sogenannte Wasserpforte, welche 
bei Grundstücksbezeichnungen häufig erwähnt wird. Landwirthschaft 
und Viehzucht wurden jedenfalls vom Schlossplatze und Schlossgrunde 
aus betrieben. Wahrscheinlich war das heutige Zeisgendorf (Thiscow) 1 ) 
herzoglicher Besitz, während Eniebau und Baidan die von ersterem 
unmittelbar südlich liegenden Güter schon 1275 nicht mehr Sambor 
gehören und er dieselben durch Tausch oder Kauf für die Cisterciense- 
rinnen in Eulm, denen er die heilige Kreuzkirche zu Dirschau verlieh, 
erwerben will. Deutsche zugewanderte Bitter halfen, wie es scheint, 
Sambor bei der Errichtung der Burg. Schon 1253 am 10. Januar, als 
Sambor dem deutschen Orden die der Burg Zantir gegenüberliegende 
Insel Bern zwischen der alten und neuen Weichsel verleiht, werden aus 
seiner Umgebung Friedrich von Wildenberc, Cornelius, Ditmar und Daniel 
von Jueterbock*), als Zeugen erwähnt; 1256 benennt er wahrscheinlich 
denselben Ditmar als seinen Diener und eine grössere Anzahl deutscher 
Männer, die er teilweise mit Grundbesitz ausstattet, befinden sich seit- 
dem in seiner steten Begleitung und in wichtigen Aemtern. 



') „Thiscow". Der Name dürfte wenn nicht ans dem Altgermanischen, 
siska (Zeisig), vielleicht von dem altslavischen Namen „Sysik" abzuleiten sei. Ein 
Albert Sysic wird z. B. 1296 als Verwandter des Unterkämmerers Andreas von 
Dirschau erwähnt. Polnisch heisst der Ort „Czyzykowo" von czyzyk (Zeisig). 

*) Vor Cornelius und Ditmar wird noch ein „Albertus" genannt, 1255 ohne 
Ort Albertus als Unterkämmerer, 1276 Albertus als Unterkämmerer noch in 
Mestwins Dienst, der seit 1272 die deutschen Bitter vertreibt. Schon aus diesem 
Grunde, besonders aber weil der Name Albert auch bei den eingeborenen Wenden 
sehr verbreitet war, nehme ich Anstand, den 1255 erwähnten Albert als einen Deut- 
schen Anzusprechen. 



Von Dr. Rieh. Petong. £5 

Es werden bis zum Jahre 1256 ferner urkundlich genannt: Johann 
von Lugendorf als Kanzler, Conrad von Lugendorf, eines Herbord Sohn, 
der Vogt Peregrinus (Fremder), die Ritter Heinrich von Braunschweig, 
Johann von Wittenborch, dessen Sohn Herbord von Sommerfeld, Michael, 
Arnold von Calve und Hermann genannt der Teufel, die Knappen 
Hartwich von Ratzeburg, Philipp, Richard und Andreas, endlich Heinrich 
Scildere und Johann von Beyzenburg (Boitzenburg), welchen beiden 
letzteren Sambor die nahe bei Dirscbau gelegenen Güter Liebenhof und 
Mestin schenkt. Von diesen 19 Personen, neben denen einige andere 
Namen mit slavischem Klang in Sambors Umgebung vorkommen, gehören 
allem Anschein nach die beiden (Johann und Conrad) von Lugendorf, 
des Letzteren Vater Herbord, ferner Herbord von Sommerfeld, Johanns 
von Wittenborg Sohn, der Vogt Peregrinus, endlich Philipp und Ditmar 
vorweg „unsere Diener" genannt zu dem unmittelbaren Hof- und Haus- 
personal und mögen dieselben neben dem Priester und Hofkapellan 
Abraham auch in den Räumen der neuen Burg oder in einem kleinern 
Nebengebäude ein bescheidenes Unterkommen gefunden haben, für die 
andern freilich bleibt nur die Annahme einer Ansiedelung in unmittel- 
barer Nähe der Burg oder auf benachbarten Gutern des Herzogs. Sei 
es, dass manche Verleihungsurkunden verloren gegangen sind, oder dass 
man für nur zeitweise Belehnungen bestimmter Formalitäten entbehren 
zu können glaubte; bei den häufigen Besitzveränderungen sind auch 
deutsche Bitter betheiligt. Johann von Wittenborg, der schon 1256 
als Schulz von Dirscbau auftritt, hat auf seine Guter Gardschau und 
Mahlin Sambor zu Liebe bereits 1258 verzichtet; Michael, der in näherer 
Beziehung zu dem nur 1253 und 1275 erwähnten Friedrich von Wilden- 
berg gestanden zu haben scheint, wird 1283 als Vorbesitzer der Güter 
Brodden und Gogolevo bei Mewe genannt, über welche Mestwin II. als 
Nachfolger Sambors anderweitig verfügt. Anderseits hiesse es zu weit 
gehen, wenn man eine umfangreiche Colonisation des Landes durch 
zugewanderte Bitter jener Zeit zuschreiben wollte. Dazu war das 
Herzogthum Sambors zu unbedeutend und er selbst durch seinen 
frommen Eifer der Kirche und ihren Instituten su dienen, in seinen 
Mitteln zu sehr beschränkt. 



lg Die Gründung und Klteite Einrichtung der Stadt Dirschau« 

Unzweifelhaft aber trug das Eindringen einflussreicher fremder 
Männer in ein von Hanse aus slavisches Land wesentlich dazu bei, nicht 
nur die einheimischen Barone und bisherigen Beamten aus der Umgebung 
des Herzogs nach und nach zu verdrängen, sondern auch Neuerungen 
verschiedener Art zu begründen. Während im Jahre 1255 nach Er- 
bauung der Burg neben fünf deutschen Männern ohne jede amtliche 
Stellung, aus dem eingeborenen Adel Zesborius als Castellan von Dirschau, 
Domaslaus von Liebschau, der in früheren Jahren daselbst als Unter- 
schenk, jetzt wahrscheinlich als Verwalter der dortigen Güter fungirte, 
und Netanc als Tribun (Heerführer und Richter) besonders genannt und 
den deutschen Männern vorangestellt werden, sind im Jahre 1258 die 
eingeborenen Beamten in den Urkunden nicht mehr zu finden ; der getreue 
Domaslaus hat sich dazu bequemt, ein einfacher Kitter zu werden, als 
welcher er in der Beihe der Zeugen hinter den bevorzugten deutschen 
Bittern die letzte Stelle einnimmt. 

Johann von Lugendorf, im Jahre 1255 nur „Schreiber" genannt, 
hat inzwischen die einflussreiche Stelle eines Kanzlers erhalten, ein 
anderer Fremdling „Peregrinus" wird mit der Verwaltung der Gerichts- 
barkeit betraut wie es die Stellung der Vögte bei deutschen Landesherren 
war 3 ). Die Frage liegt nahe, ob nicht damals bereits in der Nähe der 
Burg eine dorf- oder stadtähnliche Ansiedelung bestand, sei es (wozu eine 
gefälschte mit der Jahreszahl 1198 versehene Urkunde verlockt), dass sie 
als uralten Ursprungs, oder als gleichzeitig mit und seit der Erbauung 
der Kirche entstanden anzusehen ist. Die heutige Forschung ist über die 
naive Methode hinaus, aus einer kleinen Anzahl Gräberfunde des heid- 
nischen Zeitalters auf eine Oontinuität der Bevölkerung oder gar auf 
das Vorhandensein einer nicht unbedeutenden Stadt mit lebhaftem 
Handelsverkehr zu schliessen; es sprechen überdies viele andere Um- 
stände dagegen, dass Dirschau schon vor der Ankunft des deutschen 



a ) Ob der Unterkämmerer Albert von 1276 mit dem von 1255 identisch, ob der 
1273 in Mestwins Dienst stehende Castellan Michael und der Michael in Sambors 
Urkunden ein und dieselbe Person ist, and ob beide als Deutsche anzusehen sind, 
wage ich nicht m entscheiden. 



Von Dr. Eich. Petong. 17 

Ordens bestand 4 ); ebeuso liegt keine zwingende Notwendigkeit vor, die 
Entstehung des Orts schon in das Jahr 1226, als die Herzöge mit dem 
Bau der Kirche begannen, zu setzen — es giebt noch heute in wenig 
bevölkerten Orten Kirchen, denen es an jeder dorfartigen Umgebung 
fehlt, obwohl die Bevölkerung der Umgegend sich dort zum Gottesdienste 
versammelt — die Entstehung von Kirchdörfern setzt wie bei andern 
ohne Kirche der Regel nach einen tragbaren Boden voraus, der in 
Dirsowe zunächst fehlte, -und eine stadtähnliche Ansiedelung hat einen 
dem öffentlichen Verkehr dienenden Marktplatz und Marktgerechtigkeit 
zur Voraussetzung, welche dem Orte Dirschau bisher von niemand ver- 
liehen war. Wir wissen noch nicht einmal sicher, ob der Kirchenbau 
bereite vollendet war, als Sambor die Fundamente zu seinem Schlosse 
zu legen begann. Angenommen aber, wie es wahrscheinlich ist, dass 
damals ihren Hauptteilen nach die Kirche zur heiligen Kreuzeserhöhung 
fertig dastand, und die benachbarten Bewohner sich zum Gottesdienste 
einfanden, einen Pfarrer für Dirschau (in Dirsowe) finden wir urkundlich 
erst im Jahre 1258 erwähnt; bis dahin mochte des Herzogs Capellan 
Abraham die neue Kirche versehen und dieser Erinnerung entspricht 
es auch, dass in einer auf Betreiben Pelplins etwa 1287 fälschlich an- 
gefertigten Urkunde, de dato Dirschau 29. Juni 1256 nur Abraham als 
Zeuge erwähnt wird, während von 1258 an neben ihm und vor ihm in allen 
Dirschauer Urkunden Johannes der erste Dirschauer Pfarrer (plebanus 
Dirsoviensis) genannt wird. Die Frohnarbeiter, welche beim Bau der 
Kirche und des Schlosses- zu thun hatten, werden dort nicht als An- 
siedler verblieben sein : wir finden auch nirgends das geringste Anzeichen 
dafür, dass eine eingeborene Bevölkerung dort Platz nahm. Aber die 
deutschen Einwanderer, welche den Herzog an seine Residenz zu fesseln 
bemüht waren, mussten sich eigene Wohnstätten errichten; denn unmög- 
lich konnten sie alle in der neuen kleinen Burg auf der Podlitz Aufname 
finden. Sambor* hielt dort mit seiner Familie (Boleslaw sein einziger 
Sohn war bereits im Jahre 1254 verstorben und. in Stralsund begraben; 



i 



*) leb habe dieselben in einem andern Aufsatz: „Zur Vorgeschichte Dirschaus", der 
in der Zeitschrift des Westpreussischen Geschichtsvereins veröffentlicht werden soll, 
auseinandergesetzt. 

Altpr. Monatsschrift Bd. XXII. Hft, 1 n. 2. 2 



Jg Die Gründung und älteste Einrichtung der Stadt Dirachau. 

aber er hatte ausserdem vier zumeist erwachsene Töchter) und seinen 
Beamten gewiss nur bescheidenen Hof. Einen hinlänglichen Beweis für 
das Vorhandensein eines Orts mit communalen Einrichtungen auf der I 
Dirschauer Flur seit dem Jahre 1256 können wir jedoch darin erblicken, 
dass ein Schultheiss, der vorerwähnte Ritter Johann, von Wittenborg 
genannt, urkundlich dort fungirte; es mag damals bereits auch ein vom 
Herzoge genehmigter Marktverkehr stattgefunden haben. Die Namen 
der Heimatsorte der bisher aufgeführten Männer Ratzeburg, Wittenburg, 
Boitzenburg, Braunschweig, Calbe, Jüterbog und Sommerfeld dienen zum 
Beweise, wie aus ganz Norddeutschland von Holstein bis zur Lausitz 
Einwanderer zuströmten, die, wie es scheint, durch das Beispiel ihrer 
Landesherren, welche, um an dem verdienstvollen Werk der Htiden- 
bekehrung teilzunehmen, Kriegsfahrten nach Preussenland unternahmen, 
ermuntert, sich an den Ufern der Weichsel eine neue Heimat zu gründen 
beflissen waren. Unter solchen heerfahrenden Fürsten werden aber in 
der Zeit von 1240 bis 1249 genannt Otto von Braunschweig, ein Mark- 
graf von Brandenburg, ein Bischof von Merseburg und ein Anhalter. 
Die Lausitz gehörte damals zu Böhmen, dessen König Ottokar IT. wenige 
Jahre nach dem Anfang von Sambors Burggründung zu Dirschau dem 
Orden bei der Gründung von Königsberg half. 

Sambors Geschicke schienen seit der Gründung der Burg einen 
bedeutenden, fast glänzenden Aufschwung zu nehmen. Er schenkt 1258 
den Cisterciensermönchen von Doberan im Heimatlande seiner frommen 
Gattin Mathilde die im Lande Garzen, südwestlich von Schöneck, ge- 
legenen Güter Pogutken, Kobilla und Koschnim zur Anlegung eines 
Klosters Neu-Doberan, das dann dem Gründer zu Ehren, der dort sogar 
schleunigst eine neue hölzerne Kirche bauen liess, welche er in der 
Folge durch eine steinerne zu ersetzen versprach, „Samburia" genannt 
und später nach Pelplin verlegt wurde. Es war diese Klostergründung 
ein Akt souveräner Macht, und stand ihm als untergeordneten Teilfürsten 
ohne die Genehmigung seines Bruders, Swantopolk IL, des obersten 
Landesherren, streng genommen, nicht zu. Swantopolk bestätigte in- 
dessen im Jahre 1260 nachträglich dies Werk seines Bruders. Für 
seine älteste Tochter Margarethe hatte sich schon im Jahre 1253 ein 



Von Dr. Rieh. Petong. 19 

Gatte königlichen Standes, Christoph von Dänemark, gefunden, den er 
im Frühling des Jahres 1256 besuchte und dabei die für sein eigenes 
fürstliches Ansehen vorteilhafte Gelegenheit fand, einen Streit zwischen 
dem Könige Christoph, seinem hohen Schwiegersohn, und dem Erzbischof 
von Lund wegen Ueberschreitung der geistlichen Gewalt zu schlichten. 
Aber andere ihm selbst näher liegende Ideen und Pläne mochten 
damals Sanibor beschäftigen. Es gab nach dem Vorbild des deutschen 
Ordens und anderer deutscher Landesherren, sogar schon nach dem 
seiner Stamraesvettern, der Herzoge von Slavien oder Westpommern, 
kein geeigneteres Mittel zur Stärkung der fürstlichen Macht, als die 
Gründung von städtischen Gemeinwesen, über deren Mitglieder man als 
Gouner und Beschützer von vornherein mancherlei Rechte erhielt, vor 
allem aber eine günstige Gelegenheit durch Gerichtsbarkeit, Zölle, 
Münze und Gerechtsame anderer Art sich Einnahmequellen zu ver- 
schaffen. Denn Geldeinnahmen hatte Sambor bis dahin lange genug 
vermisst und war in eine bedauernswerte Abhängigkeit von Bürgern 
und Clerus geraten. Es ist oben gezeigt, wie sich im Laufe einiger 
Jahre in der Nähe von Kirche und Burg eine kleine Ansiedelung von 
deutschen Einwanderern gebildet. Neben den früheren Namen, welche 
der Mehrzahl nach in den Urkunden mehr als einmal vorkommen, 
weiden bis zum Jahre 1260 noch die Ritter: Alexidus, Heinrich von 
Hagen, und Heinrich von Stormarn, neben ihnen als Bürger Alardus 
von Lübeck, Johann von Braunschweig, Johann der Schwarze und Johann 
der Schreiber*) aufgeführt; von vier bis fünf anderen Männern, welche 
bei Urkundenausstellungen in Dirschau oder anderwärts als Begleiter 
Sambois erwähnt werden, kann man, wenn auch mit einigem Bedenken, 
gleichfalls annehmen, dass sie zu den ersten Bewohnern Dirschaus ge- 
hörten. Ein grosser Teil derselben stammte aus Orten, in denen nach- 
weislich damals das lübische Recht in Gebrauch war. Mit demselben 
Recht waren in Westpommern die Städte Greifenhagen (1254) und 
Colberg (1255) und im benachbarten Ordenslande 1246 Elbing gegründet. 
Auch die Städte in Mecklenburg, dem Heimathlande von Sanibors 

•) Die Namen der beiden letzteren stehen freilich in einer für unecht gehal- 
tenen Urkunde. 

2* 



20 Die Gründung und älteste Einrichtung der Stadt Dirschau. 

Gemahlin, hatten lübisches Recht. Es lag ihm daher am nächsten, 
dasselbe Recht für seine Stadtgründung zu wählen. 6 ) Vornehmlich 
musste ihn jedoch das Beispiel von Elbing anregen. 

Es führten mehrere Hauptstrassen zum Lande der neubekehrten 
Preussen und zugleich nach der Stadt Elbing. Neben den alten Land- 
wegen, namentlich dem durch Schlesien und das heutige Posen zur 
Weichsel, mochte damals der Seeweg von Lübeck aus in Aufnahme 
gekommen sein. Nach der Erbauung der Burgen von Elbing (1237) 
und Balga (1240) wurde durch das Balgaer Tief hindurch noch eine 
neue Wasserstrasse eröffnet. Otto das Kind, der Herzog von Braun- 
schweig hatte schon 1240 mit seinem Pilgerheere zur See den durch 
die lübische Colonie in Elbing eröffneten Seeweg benutzt. So hatte 
sich unter beständigem Zuzug von deutschen Männern zum Ordenslande 
gerade in Elbing ein blühendes städtisches Gemeinwesen schnell ent- 
wickelt, in geringer Entfernung von Dirschau, überdies geordneter als 
die deutsche Ansiedelung zu Dan zig, welche noch kein formell ver- 
liehenes Stadtrecht besass. Schon im Jahre 1255 verlieh Sambor den 
Elbingern für die besonderen Dienste, welche sie ihm zum öftern ge- 
leistet, Zollfreiheit in seinem ganzen Gebiet. Gelang es, die neue An- 
siedelung zu Dirsowe (Dirschau) in eine enge Verbindung mit der Stadt 
Elbing zu bringen, so musste erstere nicht nur günstiger Einwirkungen 



•) Dass für die Wahl des lübischen Rechts die Herkunft der Ansiedler allein 
oder hauptsächlich entscheidend gewesen sein sollte, lässt sich kaum annehmen. Nur 
von etwa zwölf Männern erfahren wir ihren früheren Wohnsitz; es sind zum grössten 
Teil lütter, von denen doch wol nicht alle in die Bürgerschaft Dirschaas eingetreten 
sein werden. Der Katsherr Alardus von Lübeck ist strenggenommen der einzige, der 
als Kenner des lübischen Rechts anzusehen ist Der Ort Wittenburg war damals 
nur eine zur Grafschaft Schwerin gehörige Domaine und hat erst 1323 das lübische 
Recht verliehen erhalten; Boitzenburg ist 1267, also sieben Jahre später als Dirschau, 
mit lübischem Rechte bewidmet; bei Ratzebarg ist eine solche Verleihung freilich 
schon vor dem Jahre 1260 wahrscheinlich. Dagegen galt in Jüterbog und Calbe 
magdeburgisches Recht, in Sommerfeld „jus teutonicum" und Braunschweig, von wo 
der Ritter Johann in die Dirschauer Bürgerschaft trat, hatte sein von Otto I. ver- 
liehenes „braunschweig8cbes Recht". Das Recht Hagens war wenn auch sächsisch, 
doch nicht mit dem Lübecks identisch; die andern Ortsangaben bieten der Forschung 
keinen greifbaren Anhalt. — Zu bedenken bleibt immer, dass die Zahl der erstell 
Ansiedler sehr gering war. 



Von Dr. Rieh. Petong. 21 

von dorther teilhaftig werden, sondern ohne Zweifel gewann auch der 
Doch wenig benutzte mangelhafte Weg durch das Werder eine neue 
Bedeutung. Dirschau wurde fortan eine der Etappenstationen für den 
Strom preussischer Kreuzfahrer wie der zuwandernden Kolonisten. Jeden- 
falls benutzte Sambor bei seiner Reise nach Dänemark die Gelegenheit, 
sich für seinen Zweck zu informiren. Fehlen uns auch genaue Angaben 
aber die Städte, welche er auf seiner Reise passirte, so konnte er schon 
in Mecklenburg und am dänischen Hofe genügende Unterweisung er- 
halten, da Lübeck mehr als 20 Jahre in den Händen der Dänen ge- 
wesen und in dieser Zeit in derselben Weise wie vordem von den 
deutschen Herrschern verwaltet worden war. Zudem hatte sein Schwieger- 
sohn König Christoph seit dem Jahre 1252 die Lübecker in seinen 
Schutz genommen. Unmittelbar nach seiner Rückkehr aus Dänemark 
scheint er den Bitter Johann von Wittenburg zum Schultheissen der 
deutschen Ansiedelung in Dirscbau ernannt zu haben. In der Gründungs- 
urkunde für das Kloster Samburia am 10. Juli 1258 werden dann 
Alardus von Lübeck und Heinrich Schildere als die beiden Ratsherren 
(consules) von Dirschau bezeichnet. Johann von Wittenburg wird indes 
in dieser und in einer andern Urkunde des Jahres 1258 wieder nur als 
Ritter bnzeichnet, führt dann aber am 11. November desselben Jahres 
von neuem den Titel „Schultheiss von Dirschau" ohne die Apposition 
„miles" = Ritter, und wird vor den anderen ausdrücklich als Rittern 
bezeichneten Personen genannt. Aehnlich wird Heinrich von Braun- 
schweig sowohl in die Reihe der Ritter gestellt, als von ihnen getrennt. 
Nicht wie es gewöhnlich bei der Gründung deutscher Städte in 
slawischen Ländern der Fall war, wo man einem Unternehmer eine 
Strecke Landes übergab, mit der Verpflichtung für Ansiedler zu sorgen, 
und ihm zum Lohne öffentliche Gerechtsame, gewisse Nutzungen, einen 
grösseren städtischen Besitz zuweilen sogar mit besondern Befreiungen 
verlieh, wurde Dirschau gegründet; sondern der Herzog selbst ist dem 
Wortlaut der Urkunde 7 ) nach der planmässige Gründer der Stadt, mit 
Zustimmung seiner Gattin und Kinder und nach dem Rate seiner Va- 



7 ) Vgl. die Urkunde nebst Uebersetzung in der Beilage. 



22 D' e Gründung und älteste Einrichtung der Stadt Dirschau. 

sallen, als welche er jedenfalls in erster Linie seine deutschen Ritter 
betrachtet. Johann von Wittenburg geniesst als Schultheiss in der Stadt 
selbst nicht das mindeste persönliche Vorrecht; er hat die Güter Gard- 
schau und Mahlin erhalten, 1258 für deren Abtretung vermutlich eine 
anderweitige Entschädigung. In der Gründungsurkunde von 1260 wird er 
garnicht einmal als Schultheiss bezeichnet; doch wird er in einer Ur- 
kunde vom Jahre 1273, in welcher seinem Schwiegersohne das Dorf 
Grebin im Danziger Werder verliehen wird, noch einmal als Schultheiss 
von Dirschau erwähnt. Wie später zur Ordenszeit in den mit lübischem 
Recht bewidmeten Städten die Mandate der Mitglieder des Rats lebens- 
längliche waren, so scheint auch schon 'damals dasselbe in Dirschau 
gegolten zu haben. 

Herzog Sambor verleiht seiner Stadt in allen Stücken das lübische 
Recht; es ist damit sowohl das öffentliche Recht gemeint wie das 
Privatrecht. Man würde aber sehr fehlgehen, die Verfassung von 
Dirschau mit der Lübecks in jener Zeit zu identificiren, auch abgesehen 
davon, dass letzteres eine Reichsstadt, Dirschau nur Landstadt war. 
Das öffentliche Recht Lübecks beruhte auf Privilegien und Freiheits- 
briefen von Herzogen und Kaisern seit dem Jahre 1163 und der Er- 
hebung zur Reichsfreiheit im Jahre 1226; das Privatrecht auf einer 
Fixierung längst vorhandener und im Leben geübter Rechtsgewohnheiten, 
welche die aus dem Westen stammenden sächsischen Einwanderer mit- 
brachten, namentlich nach den Aufzeichnungen des Soester Rechts.") 
Eine scharfe Scheidung beider Gebiete lässt sich freilich nicht durch- 
führen, da im Sinne jener Zeit auch grosse Gebiete des Process- und 
Strafrechts zum Privatrecht zu zählen zind. Als unterscheidender Kern- 
punkt ist aber schon die seit dem Privileg Kaiser Friedrichs I. vom 
Jahre 1188 den Lübeckern zuerkannte Befugnis anzusehen, das inner- 
halb ihrer Stadt geltende Recht, soviel sie können, zu bessern, eine 
Befugniss, die sich in der selbständigen Feststellung von Willküren und 
Statuten innerhalb der öffentlichen Rechtsordnung und teilweise auch 
in Bestimmungen über Gegenstände des Privatrechts kundgiebt. Das 

*) cf. Frensdorff: Die Stadt- und Gerichtsverfassung Lübecks im 12ten und 
13ten Jahrhundert. Lübeck 1661. 



Von Dr. Rieh. Petong. 23 

Kecht der „Köre", das von Lübeck wie von andern Städten auch ohne 
Erlaubniss geübt wurde, unterlag insofern Streitigkeiten und Zweifeln, 
als mit demselben die dem Beamten des Kaisers zustehenden Gerecht- 
same nicht geschmälert werden durften. Aus diesem Grunde wird jenes 
Recht in städtischen Privilegien häufig besonders verliehen und in seinem 
Umfange bestimmt. Sambor verleiht den Dirschauern ein solches po- 
sitives Eecht nicht, er verbietet nur, dass jder Rat selbständig ohne ihn, 
den Herzog, neue Einrichtungen treffe, durch welche ihm als Landes- 
herrn ein Nachteil oder seinem Lande ein Mangel oder eine Beschwerde 
erwachsen könnte ; und er stellt gleich am Eingang der Urkunde hinter 
den Worten „das lübische Kecht" für sich und seine rechtmässigen 
Erbfolger den Vorbehalt der Herrschaft in solcher Weise hin, wie andere 
Landesherren in ihren Städten herrschen. Mag man nach den eigenen 
Informationen des Herzogs oder nach dem Kate des Alardus von Lübeck 
und anderer dort heimischer Männer auch manche Anordnung nach dem 
Vorbilde Lübecks getroffen haben, die Urkundenbücber enthalten keine 
Zeugnisse eines Verkehrs der Stadt Dirschau mit Lübeck im 13. Jahr- 
hundert. Soweit die Ausübung der Gerichtsbarkeit in Frage steht, wird 
der Bat auf eine Uebereinstimmung mit der Bechtsprechung des Elbinger 
Rates verwiesen und die speciellen Einrichtungen Elbings werden auch 
in anderer Hinsicht als Muster gedient haben. Der wesentliche Zweck 
der Verleihungsurkunde ist aber die Feststellung des besondern Verhält- 
nisses der Gerechtsame des Landesherrn zu denen der Stadt. 

Der Herzog behält sich zunächst das volle Anrecht auf alle Me- 
talle, welche innerhalb des Weichbildes der Stadt gefunden werden 
sollten, vor (ein für die dortige Gegend freilich wertloses Regal). Von 
dem Zins der Fähren und Mühlen, welche auf der Weichsel bereits 
vorhanden sind, oder später innerhalb des städtischen Bereiches gebaut 
werden sollten, gebühren ihm, sobald die Freijahre der Stadt abgelaufen 
sind, 9 ) zwei Dritte], das dritte der Stadt. Da in der Urkunde über die 
Dauer der Befreiung gar nichts bemerkt ist, so war dieselbe jedenfalls 



9 ) Preuss: Dirschau' 8 historische Denkwürdigkeiten 1860 — p. 10 übersetzt hier 
die Worte „com civitatis Überlas exspiraverit" sehr unklar mit „unbeschadet der 
übrigen Freiheit". 



24 ^ ,e Gründung and älteste Einrichtung der Stadt Dirschau. 

schon mehrere Jahre vorher festgesetzt, allgemein bekanut und das Ende 
bevorstehend. Denn die Befreiung von Lasten und Abgaben, welche 
man gewöhnlich verlieh, damit neugegründete Städte sich zu einigem 
Wohlstand erhoben, währte auch anderwärts nur wenige Jahre l0 ). Hier- 
nach könnte die Freiheit der Stadt auch schon mit dem Schlüsse des 
Verleihungsjahres abgelaufen sein. Zur Anlegung von Fähren war der 
Strom, der sich an zwei Stellen verengt, und noch in unserm Jahr- 
hundert Inselbildungen aufwies, dort besonders geeignet. In Betreff 
der Höhe der Einnahmen werden wir über die blosse Vermutung, dass 
dieselben verhältnissmässig bedeutend waren, schwerlich hinauskommen. 
In Betreff des Mühlenzinses wird uns eine Beurteilung dadurch er- 
leichtert, dass nach damaliger Ordnung nicht nur alle Bewohner der 
Stadt, sondern auch die der herzoglichen Güter, sofern dort nicht andere 
Mühlen lagen, ihr Getreide in Dirschau mahlen lassen mussten und ein 
Dreissigstel etwa an die Müller als Abgabe zu leisten war. ") In Lübeck 
gab es noch im Jahre 1229 urkundlich nur eine Mühle und liess sich 
die städtische Gesetzgebung früh angelegen sein, die Bürger zur Be- 
nutzung der städtischen Mühlen zu zwingen. War der Getreidebau 
damals auch viel spärlicher als heutzutage, so gab es doch in der 
Umgegend von Dirschau, zu welcher auch ein Teil des Danziger und 
des grossen Werders zu rechnen ist, keine concurrirenden Mühlen. ") 
Darnach wird der Dirschauer Mühlenzins höher zu taxiren sein, als an 
andern Orten "). — Da die Anlage des Dirschauer Mühlengrabens, eines 
Ableitungscanais der alten Spancowa (der heutigen Mottlau) der Ordens- 



10 ) Prenzlau erhielt diese libertas für 'drei Jahre, Stargar d in Pommern (1243) für 
zwei Jahre, Gollnow (1268) für fünf Jahre, Colberg (1255) ebenfalls für fünf Jahre. 

") Nach dem lateinischen Codex des lübischen Rechts (wie ihn Berlin besitzt), 
etwa vom Jahre 1250 betragt die dem Müller zustehende „matta" ! / so ; ebenso im 
deutschen Elbinger Codex, der etwa ums Jahr 1260 zu setzen ist: „achtebalb matten 
enen schepel und van ver (4) schepelen shal man geren ene matten". 

1S ) Die Mühle Spangau war seit 1258 geistliches Gut und eine Mühlengerechtig- 
keit in dem Bache zwischen Mühlbanz und Liebenhof wird erst 1286 ton Mestwin 
dem Bischof Wislaus von Cujavien verliehen. 

13 ) 1261 darf am Striessbach nördlich ?on Danzig eine dritte Mühle oberhalb 
der des Klosters Olira angelegt werden; der Jahreszins beträgt zwei Mark Silber. 
Urk. 189 bei Perlbach. 



Von Dr. Rieb. Petong. 25 

zeit zugeschrieben wird, und von einer neuen kleinen Mühle am Drebock, 
welcher oberhalb der Stadt in die Weichsel mundet, erst in den Jahren 
1280 und 1292 die Rede ist, dieses Flüsschen übrigens nicht durch 
Stadtgebiet fliegst, sondern nur innerhalb der städtischen Fischerei- 
gerechtigkeit in die Weichsel einmündet, so können die damaligen städti- 
schen Mühlen entweder nur auf künstlich angelegten Dämmen oder auf 
Inseln gelegen haben, welche zugleich den Fährbetrieb begünstigten und 
wie noch in unserm Jahrhundert die Weichsel in ein breites, gewöhnlich 
sehr flaches Bette, und ein schmales, stark fliessendes Fahrwasser teilten. 

Die Bedeutsamkeit beider Einnahmequellen ist aus der Bestimmung 
des Herzogs zu folgern, dass weder der Bat ohne ihn, noch er ohne 
Mitwirkung des Bates über das Fährwesen wie über die Mühlen An- 
ordnungen irgend welcher Art treffen dürfe. 

Als ihm vorbehaltene Gerechtsame bezeichnet Sambor ferner das 
Münz- und das Zollrecht. Ob er dass Münzrecht thatsächlich ausgeübt 
hat, wissen wir nicht, da Münzen mit seinem Namen nicht nachweis- 
bar sind; doch ist es zu vermuten, da 1305, also schon vor der Er- 
oberung der Stadt durch den Orden der Bürger Gerhard zu Dirschau 
urkundlich als Münzer bezeichnet wird. Das Recht, welches der Herzog 
den Schultheissen und den Ratsherren einräumt, die Münze nach Gewicht 
und Gehalt so oft sie wollen, zu prüfen, stand der Stadt Lübeck schon 
seit dem Privilegium Herzog Heinrichs des Löwen zu. Hatte der 
Münzer ein herzoglicher Beamter dort den festgesetzten Münzfuss nicht 
eingehalten, oder sonst gegen die aufgestellten Münzbestimmungen ge- 
fehlt, so verfiel er in eine Busse, die zur Hälfte der Stadt, zur andern 
Hälfte an den Richter zu zahlen war. In dem kaiserlichen Privileg 
von 1226 wurde aber das Münzregal an die Stadt übertragen und ihr 
gestattet unter dem Zeichen des jeweiligen Kaisers selbst Münzen zu 
schlagen, wofür sie sechszig Mark Silber an die kaiserliche Kammer 
zu entrichten hatte. — In dieser Hinsicht stand das Recht der Land- 
stadt Dirschau dem der Reichsstadt Lübeck natürlich nicht gleich. Ob 
der Dirschauer Münzfuss mit dem Lübecks übereinstimmte, wonach 
38 Schilling 10 Pfennig eine Mark wiegen und \b% Loth Silber ent- 
halten sollten, bleibt eine offene Frage. 



26 Di© Gründung und älteste Einrichtung der Stadt Dirschau. 

Von seinem Zoll recht macht der Herzog einen den heimischen und 
auswärtigen Privilegien der Lübecker entsprechenden Gebrauch, indem 
er die Burger der Stadt sowie alle innerhalb ihres Weichbilds sich auf- 
haltenden Fremden für alle Zeiten von jedem Zoll an seine Herrschaft 
befreit. Die der Stadt Elbing schon im Jahre 1255 verliehene Zoll- 
freiheit musste zwischen dieser Stadt und Dirschau, das fortan Ver- 
kehrsmittelpunkt für das ganze Herrschaftgebiet Sambors wurde, mit der 
Zeit einen lebhaften Handelsverkehr hervorrufen; denn alle zur See in 
Elbing eingehenden Waaren fanden nunmehr auch in Dirschau unbe- 
hindert Eingang und Absatz. Dieselbe Zollfreiheit in Sambors Land 
genossen wie früher bemerkt seit 1252 die Bürger von Culm. Ueber 
das Vorhandensein sonstiger Normen über Zollwesen und Handelsverkehr, 
wie sie in Lübeck seit einem Jahrhundert bestanden, wissen wir nichts; 
selbst die Befreiung der Lübecker von der abscheulichen Gewohnheit 
des Strandrechts, wie ihnen eine solche z. B. in Mecklenburg schon 
im Jahre 1220 zuteil geworden war, geschah für das Danziger Gebiet 
erst 1263 und 1268; Zollfreiheit wurde ihnen für ganz Ostpommern 
erst 1272 durch die Markgrafen von Brandenburg verliehen. Die An- 
wendung des lübischen Zoll- und Seerechts ist darnach für die Zeit 
der Gründung nicht zu vermuten, vielmehr wird in diesen Stücken 
landesüblicher Brauch maßgebend gewesen sein. Das Beservatrecht 
des Herzogs konnte sich in selbsterkorenen Grenzen bewegen, ebenso 
wie in Lübeck zur herzoglichen Zeit die Bürgerschaft auf die Verwaltung 
des Zollrechts keinen Einfluss erlangte. 

Sambor verpflichtet die Bürger, nach Ablauf der Freijahre von 
jeder Hofstelle an ihn sechs Dirschauer Pfennig zu zahlen, eine Abgabe, 
wie sie als Anerkennung der Unterthänigkeit auch anderwärts dem 
Landesherren zufiel. In Ermangelung von Dirschauer Münzen werden wol 
andere nach dem in Lübeck oder in den Städten des deutschen Orden- 
landes üblichen Fusse geprägte Pfennige als vollgültig anerkannt sein. 
Man pflegte auf einen Schilling zwölf Pfennige zu rechnen. 

Ueber die älteste Gerichtsverfassung der Stadt kann sich aus 
einer Betrachtung der gleichzeitigen Gerichtsverfassung Lübecks nicht 
viel ergeben. Denn gerade was die Ausübung des Jurisdictionsrechts 



Von Dr. Rieh. Petong. 27 

betrifft, so waren die Dinge dort wie in andern emporstrebenden Städten 
am meisten in Fluss, während das materielle ßecht seine Lebenskraft 
an allen Orten bewährte. — Ursprünglich lag in Lübeck die Gerichts- 
barkeit in den Händen des Vogtes (häufig judex genannt), eines her- 
zoglichen Beamten, der das echte Ding hielt. Dreimal im Jahre rief 
er hierzu alle freien Männer zusammen. Mit dem Königsbanne belehrt 
war er allein zur Ausübung der höheren Gerichtsbarkeit befugt. Auf 
den Dingen fanden unter Aufsicht des Vogtes auch Handlungen der 
freiwilligen Gerichtsbarkeit statt; der Vogt entfaltete daneben zugleich 
eine polizeiliche Thätigkeit, Maßregeln zum Nutzen der Stadt wurden 
dort von der Gemeinde beschlossen. Bei der Vertretuug der Stadt 
aach aussen hin ging der Vogt übrigens dem Bat und der Gemeinde 
voran. - Aber dieser Umfang seiner Befugnisse bestand nicht lange. 
Man strebte darnach den Vogt auf die Gerichtsbarkeit zu beschränken, 
schmälerte die Competenz des echten Dinges und gewann dann sogar 
eine Controle über das Gericht des Vogts, indem die Hälfte der Ein- 
künfte vom Gericht der Stadt zufielen. Schon zu Anfang des 13* Jahr- 
hunderts sitzen zwei Batmannen neben dem Vogt zu Gericht und bereits 
im Jahre 1247 ist gegen eine dem Beiche zu leistende Abgabe die 
Gerichtsbarkeit des Vogtes an die Stadt Lübeck gekommen. 

Dieses Ergebnis einer hundertjährigen Entwickelung fiel dem neuen 
Dirscbauer Gemeinwesen nicht in den Schoss. Ein herzoglicher Vogt 
wird urkundlich schon 1256 erwähnt und jedenfalls schwebte Herzog 
Sambor der wesentliche Unterschied zwischen den Gerechtsamen Lübecks 
und denen kleiner Landstädte bei der Ausstellung der Urkunde vor, da 
er unmittelbar nach den Worten („jus Lubecense per omnia concedentes") 
mit denen er Dirschau das lübische Becht verleiht, nachdrücklichst betont, 
dass er sich, seinen Nachfolgern und rechtmässigen Erben die Herrschaft 
in der Weise vorbehalte, wie Fürsten in ihren Städten herrschen. 

Die höhere Gerichtsbarkeit, insbesondere auch das Strassengericht 
war Sache des herzoglichen Vogts. Aber es gab in allen Städten sehr früh 
ein Gebiet, welches naturgemäss der Competenz des Bates zufiel, die Auf- 
rechthaltung der Ordnung in der Stadt, die Wahrung der städtischen Will- 
küren und aller solchen Satzungen, welche der Bat selbst gegeben hatte. 



2g Die Giiindung und älteste Einrichtung der Stadt Dirachau. 

Ob aber das Amt der Vogtei, ebenso wie in Deutschland, hier im 
slavischen Osten dauernden Fuss fasste, darf man nicht ohne Grund 
bezweifeln. Der Vogt war im Grunde nur ein Stellvertreter des Landes- 
herrn zur Wahrnehmung sämmtlicher Interessen desselben. In Dirschau 
residirte aber Sambor als Landesherr selbst; überdies war die neue 
Ansiedelung zu klein, als dass ein besonderer herzoglicher Beamter für 
die Stadt beständig erforderlich schien. Der Herzog konnte seine 
Gerechtsame, auch was die Rechtsprechung betraf, durch andere Beamte 
wahrnehmen. Iu der That kommt ein Vogt in Dirschau zu Sambors 
Zeit urkundlich nicht weiter vor; aber der ostpommerschen Verfassung 
gemäß erhält sich das Amt des Castellans (Burggraf und Landrichter) 
oder eines besonderen Richters (judex) bis zum Ende der einheimischen 
Herrschaft, während gerade in Lübeck, obwol die Stadt das Vogteiamt 
an sich gebracht hat und den Vogt selbst einsetzt, das hohe Ansebn 
dieses Amtes sich noch ferner erhält. ") 

Für die factischen Jurisdictionsbedürfnisse im Stadtgebiet Dirschau 
dürfte im allgemeinen die Gerichtsgewalt des Schultheissen und der 
Räte genügt haben. — Man könnte sogar geneigt sein, den ersten auf 
die Gerichtsbarkeit bezüglichen Passus der Gründungsurkunde: „Si quis 
etiam in hiis libertatibus (d. h. in den städtischen Grenzen) eicesserit 
ita sicut in civitate delinqueret, judicetur, de cujus judicio reeipimus 
terciam portionem u dahin zu verstehen, dass die Gleichheit in der Be- 
handlung der in und ausserhalb der Stadt begangenen Gesetzesver- 
letzungen sich nicht nur auf die Anwendung des Strafmaßes und die Com- 
petenz des städtischen Gerichts bezog, sondern auch die Verschiedenheit 
der Vergehen dabei keinen Unterschied machte; aber in Ermangelung 
bestimmter Competenzabgrenzungen ist denn doch hieran weniger, zu 
denken, als vielmehr an die Festsetzung eines landesherrlichen Gefälles 
und eine räumliche Vergünstigung, welche der Herzog dabei der Stadt 



") Die Lübecker übertragen die Vogtei eiuera angesehenen Mitbürger gegen 
Zahlung einer bestimmten Geldsumme; 1262 dem Menelans für 70 Mark Pfennige, 
1263 dem Johannes von Carssowe für 60 Mark Pfennige; in demselben Jahre richtet 
Herzog Swantopolk an die Lübecker ein Schreiben, in welchem er zuvörderst einen 
Gross an „den Vogt, den Bat und die Gemeinde zu Lübeck" sendet 



Von Dr. Rieh. Petong. 29 

zuwenden will. — In den Städten im inneren Deutschland waren die 
Gerechtsame der Bürgerschaft durch den Kreis ihrer Mauern räumlich 
beschränkt, im Gegensatz hierzu werden die deutschen Städte im Slaven- 
lande sofort mit Nutzungsrechten an einem benachbarten Territorum 
ausgestattet; sie erhielten ein erweitertes Weichbild und so bestimmt 
auch für die Gerichtsbarkeit Sambor, dass innerhalb des gesammten 
Stadtgebiets dasselbe Recht und dasselbe Verfahren maßgebend sei. Es 
kam dies besonders den Fremden zu statten und war geeignet, das 
Ansehn der Stadt nach aussen zu fördern. — Handelte es sich um 
Vergehen, welche vor das landesherrliche Forum gehörten, so sollte 
eben der städtische Boden und das Stadtgebiet keinen Unterschied 
machen 15 ), und dasselbe galt für die Rechtsprechung des Schultheissen 
und der Räte. Vom städtischen Gericht behält sich aber der Herzog 
in jedem Falle ein Drittel der erkannten Geldstrafen, (Brüche, Bussen) 
vor. Es entsprach dies genau den Verhältnissen Lübeks, wo bei den 
vom Rat erkannten Bussen dei Richter auch nur ein Drittel, die Stadt 
zwei Drittel erhielt. Von den Brüchen wegen Uebertretung der städti- 
schen Küren überlieferten die Consuln dort auch zwei Drittel der 
Stadt. Es gab Fälle, bei denen auch der Kläger zu berücksichtigen 
war, z. B. bei Diebstahlsstrafen. Erhielt derselbe dann, wie es nach 
lübischem Recht Brauch war, ein Drittel, so behielt die Stadt nur 
noch ein Drittel, während der Richter, an dessen Stelle Sambor sich 
denkt, wie immer seinen vollen Anteil behielt. Dass es Sambor weniger 
auf Regelung der Gerichtscompetenz, als auf eine Sicherung seiner 
Gefälle ankam, beweist auch die zweite die Gerichtsbarkeit betreffende 
Stelle der Urkunde, in welcher er den Rat verpflichtet, ihm freiwillig 
den dritten Teil der bei den Deutschen „vorsatunge u genannten Geld- 
strafe abzuliefern. Unter „vorsate", oder „vorsatunge 14 wird in den 
mittelalterlichen Rechtsaufzeichnungen zunächst diejenige Erscheinungs- 
form des verbrecherischen Willens verstanden, bei welcher auf das 
Vorhandensein eines besondern verbrecherischen Vorsatzes zu schliessen 



1S ) Elbing war bei seiner Gründung nur innerhalb des Bereichs seiner Be- 
festigungswerke mit lübischom Recht bewidmet; die Erweiterung für den ganzen 
Bereich der Stadtfreiheit erhielt es erst 1288. 



30 Die Gründang and älteste Einrichtung dar Stadt Dirschaa. 

war. Diejenigen Momente einer strafbaren Handlung, in denen die 
„vorsate" sich kundgiebt, sollen von dein übrigen Vorgange abgelöst 
und für sich behandelt werden, so dass in Lübeck bei solchen Sachen 
der Vogt und die beisitzenden Ratmannen nur soviel, als zu ihrer 
Competenz gehört aburteilen, der „vorsate" aber sich nicht unterwinden 
durften, sondern diese ganz auf das Haus vor den sitzenden Rat 
sandten. Die charakteristische Zuzatzstrafe der „vorsate" war eine 
öffentliche in dem Sinne, dass sie ganz und voll den obrigkeitlichen 
Gewalten ohne Concurrenz des Vogtes zufiel und bestand in zehn Mark 
Silber und einem Fuder Wein. Die Bezeichnung des bösen Willens 
ging aber sehr bald auf die Strafe selbst über und wurde die alte 
Bestimmung des lübischen Rechts, dass der Vogt von allen durch den 
Rat erkannten Bussen ein Drittteil zu empfangen habe, gerade mit 
Bezug auf diese Strafe speciell hervorgehoben, jedoch mit dem Zusatz, 
dass der Weiu der Stadt ganz ausschliesslich zukomme. Welche Arten 
von Verbrechen zu den mit „vorsate" bedrohten gehören, ist in den 
verschiedenen Recensionen des lübischen Rechts nicht ausgeführt, doch 
deuten mannigfache Exemplificationen darauf hin, dass besonders vor- 
sätzliche Körperverletzungen und Beschimpfungen von Bürgern gemeint 
sind. Eine specielle Hervorhebung dieses landesherrlichen Gerichts- 
gefälles kann aber nicht nur durch die unzweifelhafte Gerichtscompetenz 
des Rats in den Fällen der „vorsate", sondern auch durch die damals 
schon vorkommende Praxis eines Strafnachlasses, der Sambor nicht zu- 
stimmen will, motivirt erscheinen. — Eine den Zeitverhältnissen ange- 
passte Modification einer alten statutarischen Bestimmung lübischen 
Rechts, tritt in der Fassung des Verbots, städtische Grundstücke an 
Gotteshäuser oder geistliche Stiftungen zu übertragen, zum Vorschein. 
Während in Lübeck und andern rechtsverwandten Städten jenes Verbot, 
ungeachtet päbstlicher Mahnungen und Drohnungen, im Laufe der Zeit 
geschärft wird und Uebertretungen damals mit zehn Mark Silber gebüsst 
wurden, abgesehen von der Nichtigkeit des ganzen Actes, bestimmt 
Sambor nur, dass zur Veräusserung innerhalb der Stadtbefestigung be- 
legener städtischer Grundstücke, seine Erlaubniss und die Zustimmung 
der ganzen Bürgerschaft erforderlich sei. 



Von Dr. Rieh. Petong. 31 

Diese mildere Praxis ist auch in Elbing ") und in andern Städten 
des Ordenslandes üblich gewesen. Es handelte sich darum, der Stadt 
den ganzen Bereich der ihr äusserlich zugehörigen Grundstücke, die 
auf diesen ruhende Verpflichtung zu bürgerlichen Abgaben und Diensten, 
die auf den ganzen städtischen Bezirk sich erstreckende Gerichtsbar- 
keit ungeschmälert und ununterbrochen durch Exemtionen, wie sie die 
Geistlichkeit in Anspruch nahm, zu wahren und zu erhalten. 

Diese knappen Grundzüge des öffentlichen Rechts, für dessen Er- 
weiterung* der Wille des Landesherrn die alleinige Quelle blieb, konn- 
ten für ein kleines Gemeinwesen genügen; in Betreff der Civilgerichts- 
barkeit, an welche bei der allgemeinen Hinweisung besonders gedacht 
werden muss, gestattet Sambor seiner Bürgerschaft sich Rats in Elbing 
zu holen, sobald ihnen ein Rechtsausspruch unbekannt oder unklar sein 
sollte. Der Bat zu Elbing nahm damit für Dirschau die Stellung eines 
Oberhofs ein, wie Lübeck für viele Städte in Deutschland. 

Was Sambor der Stadt an Besitz verleiht, ist wenig bedeutend. 
Es sind zuvörderst Weichselwiesen, deren Länge von dem obern, dem süd- 
lichen Ende der Stadt gerechnet, 82 Seile, d. h. etwa 3280 meter be- 
trägt; die Angabe der Breite (27 Faden = etwa 1080 meter) bezieht 
sich jedenfalls nur auf das Nordende, wo die Spancowa ") (beute Mottlau) 
in älterer Zeit das städtische Wiesenterrain umsäumte. Heute trennt 
dieselbe jenen älteren Wiesenbesitz (die sogenannten Eitriche) von dem 
spätem, den Winrich von Eniprode der Stadt im Jahre 1372 verlieh 
(„Dirschauer Wiesen" genannt) "). Die Nachmessung der Breite im 
heutigen Stadtgebiet wird dadurch sehr problematisch, dass die Weichsel 
seit jener Zeit ihren Lauf nicht unbeträchtlich nach Westen verlegt hat "). 



") cf. Handfeste des Hochmeisters Heinrich von Hohenlohe für Elbing a. 1246 
Cod. dipl. Warmiensis No. 13. Cod. dipl. Prass. II. No. 6 Privilegium des Bischöfe 
Heinrich für Braunsberg a. 1284. 

") Prenss und auch Perlbach übersetzen Spancowa falschlich mit Spangan 
(damals nnr Mühle), das als ein einzelner abseits nach Westen zu liegender Punkt 
hier garnicht geeignet ist, als Grenzbezeichnung zu dienen. 

") Siehe Karte 2, das Stadtgebiet Dirschau. 

") Die Verschiebung des Weichselbettes seit dem Brückeubau wird auf circa 
80 Meter taxirt. 



32 Die Gründung und älteste Einrichtung der Stadt Dirscfcau. 

Indessen kann uns der Inhalt der Handfeste Winricbs vom Jahre 1364, 
in welcher der Stadt ihr altes Gebiet der Hauptsache nach neu be- 
stätigt sein wird, zur Aushilfe dienen. Es wird darin eine besonders 
geschüttete Grenze erwähnt, welche an und von der Spangau (Mottlau) 
auslaufend, den Wiesenbesitz der Sladt von dem benachbarten Lande, 
zu welchem auch das Ordensgut Liebenhof (incl. des heutigen Bitter- 
guts Stangenberg) gehörte, abschnitt. Das Stangenberger Land (noch 
heute ca. 8 kulmische Hufen ausmachend und vom Weichseldamm bis 
zur Bokittker Grenze an das Dirschauer Gebiet anstossend) jvird aber 
schon damals ganz ähnlich das Dirschauer Territorium begrenzt haben, 
da in der Verleihungsurkunde von Liebenhof im Jahre 1256 auch 
„acht Hufen vor Dirschau" so ) als Zubehör zu dem Hauptareal bezeichnet 
sind. Zwischen dem alten Schönecker Wege, der Weichsel und der 
Stangenberger Grenze ist der Boden in seinem westlichen Teil hügelig 
und dort nicht als ursprünglicher Wiesengrund anzusehen. Den hierzu 
gehörigen Samaitenberg (jetzt planirtes Bahnhofsterrain) schenkte Herzog 
Wladislaw von Polen und Pommern im Jahre 1299, der westlich davon 
liegende grössere Mühlenberg ferner wurde von der Stadt durch einen 
Kaufvertrag erworben; in demselben Gebiet fand man, wie es scheint, 

• 

später auch Baum zur Ausstattung von Klöstern (Nonnenmorgen, Kloster- 
wiesen). Sambor sondert von dem hierher gehörigen Wiesenterrain auch 
ausdrücklich ein bis zum „Jesniczsee" reichendes Stück ab, das er als 
Gemeinland allen in der Nähe wohnenden Leuten, allen Fremden (d. h. 
Pilgern und Gästen) wie den Wirten zur freien Benutzung einräumt. 
Unter dem Jesniczsee ist unzweifelhaft kein anderes Gewässer zu ver- 
stehen, als der spätere Müblenteich (durch den Bau der Ostbahn ist er 
beseitigt), neben welchem Jahrhunderte hindurch ein städtischer Gemein- 
platz lag. 21 ) 



*°) Die Stelle ist lückenhaft; wahrscheinlich lautete sie vollständig: „ante castrum 
in Dersow", vielleicht wurde zur Ordenszeit ein Teil dieses Landes der Stadt Dirschau 
zugeschrieben; es liegt grösstenteils auf einer Deckthoninsel und wurde mit dem 
gleichwertigen Acker oberhalb Dirschaus früher in Cultur genommen, als das minder- 
wertige Dirschauer Land. 

21 ) Die Stadtbleiche ist in Folge des Bahnhofebaues von dort weiter abwärts verlegt. 
Die Anlage des Mühlengrabens musate ehemals den See natürlich zum Teil entwässern. 



Von Dr. Rieh. Petong. 3g 

Von minderer Güte war ein zweites grösseres oberhalb der Stadt 
gelegenes Stück Land, welches Sarobor den Burgern als Viehweide ver- 
lieh. Die Länge desselben betrug von der Grenze der Stadtgärten nach 
Westen gemessen 90 Seile (3390 meter); die Breite wird mittels der 
Grenzsteine des Czarliner Weges von Süden nach Norden gleichfalls 
auf 90 Seile bestimmt, die Seilenzahl der zweiten Länge wird durch 
andere zu diesem Behuf gesetzte Grenzsteine bezeichnet. Da Schliewen 
und Rokittken damals, wenigstens noch nicht in bestimmten Grenzen 
vorhanden waren, so war eine solche Abmessung notwendig; das Hufen- 
:aaß findet bei Weideland keine Anwendung. 

Das bezeichnete Gebiet ist der heutige Hauptplan der Dirschauer 
Hufenländereien von der Gewannengrenze nach Südwesten zu gelegen, 
bis an die vorgenannten Ortschaften. 

Endlich verleiht Sambor seinen Bürgern noch die Fischereigerechtig- 
keit in der Weichsel von der Kniebauer M ) Grenze abwärts bis dorthin, 
wo die Wiesen der Stadt aufhören. 

Werfen wir zum Schluss einen Blick auf die äussere Einrichtung 
der Stadt. Die Altstadt Dirschau liegt auf einem schmalen nach 
Westen zu gerichteten Plateau, dessen östlicher Abhang zur Weichsel 
gleichfalls in die Umfassung der Stadt- resp. der verlängerten Burg- 
mauer gezogen wurde und in seinem niedrigsten Teile den Schloitagrund 
hergab. Ihrem Hauptteile nach bestand die erste Befestigung der Stadt 
nur aus einem Wall mit doppeltem Graben, wenigstens an der Nord- 
seite, wie aus der Gründungsurkunde des Dominikanerklosters von 1289 



ss ) Die Uebersetzung der Stelle: „a finibus Gordin et Pnebabowe" in dem Sinne, 
dass eine zwischen Gerdin und Kniebau befindliche Grenze gemeint sei (welche über- 
haupt doch nnr eine Wassergrenze sein konnte) hat wenig för sich; richtiger dürfte 
man „Gordin et Pnebabowe" als ein Gebiet betrachten, zumal zn Gerdin nach andern 
Urkunden eine Anzahl Dependenzien gehören, von denen Knieban als die nördlichste, 
Dirschau zunächst liegende hier erwähnt wird. Gerdin hatte (nach Urkunde 427 bei 
Perlbach vom Jahre 1287) sechsig Hufen, Kniebau ehemals deren zehn (jetzt nur 
noch acht). Kniebau gehörte zu denjenigen Besitzungen, über welche der Herzog 
sich Verfügungsrecht vorbehalten hatte: denn er will es nebst Baldau 1275 für die 
Cistercienserinnen erwerben (cf. Urk. 272 bei P.)' im Jahre 1260 war es samt dem 
Fischereirecht wahrscheinlich bereits in den Händen eines seiner Getreuen, oder 
sollte demnächst verliehen werden. 

A)*r. MoMUsehrift Bd. XXJA Hit 1 u. 2. 3 



34 D>* Gründung and Älteste Einrichtung der Stadt Dirsehao. 

hervorgeht. Müssen wir nach Analogie der Ordensstädte ferner an- 
nehmen, dass die ersten Wohnhäuser nicht massiv, sondern ans leichtem 
Fachwerk gebaut waren, so ist die Erhaltung der ursprünglichen Hof- 
stellen trotz wiederholter Zerstörung der Stadt leicht zu erweisen. Die 
weiteste Ausdehnung des Stadtplans von Osten nach Westen beträgt 
nur 390 meter, die kleinste 305 meter, die Breite zwischen Norden und 
Süden beträgt 140 bis 250 meter. An der Nordseite der alten Stadt- 
befestigung steht etwas nach Westen zu über die Mitte hinaus die alte 
von einem kleinen Kirchhof umgebene Kirche zur heiligen Kreuzes- 
erhöhung. Ziemlich genau in der Richtung der Begrenzungslinien gegen 
Osten und Westen befinden sich heute zwei je sechs Wohnhäuser ent- 
haltende Hofstellenreihen, die Ost- und die Westseite des Marktes 
bildend. Nirgends anders als hier sind meines Erachtpns die ältesten 
Wohnstätten su suchen; hier entfaltete sich der erste städtische Ver- 
kehr, dem in unentwickelter Form eine blosse Benutzung des oben be- 
zeichneten Gemeinlandes durch die benachbarten Landleute voraus- 
gegangen zu sein scheint. Der heutige Marktplatz war aber nach der 
Grundungsurkunde des Dominikanerklosters von 1289 bereits vorhanden 
und lief eine Strasse von dort direct nach der Weichsel, die heutige 
Langestrasse (zur Ordenszeit „Herrenstrasse 11 benannt). Der bis zur 
Südseite der Stadtbefestigung noch übrigbleibende Baum gestattete nur 
noch eine zweite gleichfalls zur Weichsel führende Hofstellenreihe mit 
derjenigen der „Herrenstrasse u parallel zu vermessen (heute Berliner- 
strasse, und ehemals „Breitestrasse 41 genannt). ") Beider Strassen Ver- 
längerung nach dem Westthor der Stadt (nach Danzig führend) brachte 
den ersten Bebauungsplan zu vollständiger Ausführung. Der Baum 
zwischen Marktplatz und Kirche blieb unbesetzt, wie dies aus der 
späteren Handfeste vom Jahre 1364 hervorgeht 

Eine Bestätigung dieses Bebauungsplanes ergiebt sich aus der Ver- 
gleichung der verschiedenen Hofstellenmaße. Die der Kirche gegenüber 
liegende Südseite des Marktes wird nämlich ebenso wie die Ost- und 



*') Beide Strassen sind erst nach Beseitigung der vor den Wohnhäusern befind- 
lichen Lauben breiter geworden; die Herrenstrasse war ehemals fünf Meter, die 
Breitestrasse 7 Meter breit. 



Von Dr. Rieh. Petong. 35 

Westseite von einer sechs Wohnhäuser enthaltenden Hofstellenreihe 
gebildet, deren Breite wie bei den andern 46 meter 84 ) beträgt. Hatte 
darnach jedes der ältesten Wohnhäuser durchschnittlich 7% meter Front, 
welches Maß sich noch bis heute bei den meisten erhalten hat, so be- 
trug nach vorhandenen Grenzlinien zu urteilen die Tiefe am Markt 
mindestens 35 bis 36 meter. Die Tiefe der andern Hofstellen war je 
nach der Lage verschieden und durch die Krümmung der Befestigungs- 
linie bedingt; doch giebt es noch heute eine Anzahl Hof stellen, deren 
Tiefe bis gegen die Stadtbefestigung hin (längs welcher natürlich etwas 
Baum für Vertheidigungszwecke freibleiben musste) reichte und sogar 
60 Vs meter (als Maximum) beträgt. War hiernach für die Anlage von 
Hintergassen kein genügender Baum vorhanden, so scheint auch der 
sonstige noch verfügbare Baum zunächst nicht zu Hofstellen benutzt 
worden zu sein. Denn unterhalb der je acht Hofstellen enthaltenden 
Ostflügel der beiden Strassen fällt der Boden noch heute so steil ab, 
dass jener minder geschätzte Stadtteil als „Unterstadt 41 ") im Gegensatz 
zu dem Hauptstadtteil (der Oberstadt) angesehen wird und lange un- 
bewohnt blieb; oberhalb der je zehn Hofstellen enthaltenden Westflügel 
der beiden Strassen blieb nur noch Baum für zwei Hofstellen, durch 
deren Besetzung der Verkehr am Hauptthor sehr beengt worden wäre. 
Auch der hinter der Ost- wie der Westseite des Marktes verfügbare 
Raum war nicht zur Vermessung in Hofstellen geeignet; derselbe ist 
32 resp. 34 meter tief und scheint später in völlig regelloser Weise 
ausgeteilt worden zu sein, denn nicht ein. einziges Grundstück erinnert 
an eine ehemalige Uebereinstimmung mit den ältesten Hofstellen. Nach 
der Westseite nimmt jener Baum übrigens so sehr an Breite ab, dass 
seine Tiefe nicht zu verwerten war, und blieben beide Plätze ursprung- 
lich schon deshalb frei, weil jene zunächst hauptsächlich Viehwirtschaft 



* 4 ) Die Maße sind nach einer von dem vereid. Feldmesser Peter neuerdings 
gefertigten Karte von Dirscban angegeben, welche der gegenwärtige Besitzer mir 
irenndKcbst Ar diese Arbeit zur Verfügung gestellt bat. 

*•} Dort lftgdn in früherer Zeit die Abdeckerei resp. Scharfrichterei, ein Brand- 
bans, Backhäuser, Töpferöfen, der Stadthofplatz, und der tfüste Seblossgrund; einen 
ähnlichen Charakter hat dieser Stfatitteil noch beute. 

3* 



36 Die Gründung und Kiteste Einrichtung der Stadt Dirschaa, 

treibenden Burger am Markte von ihren Stallungen aus dort ihr Vieh 
zur Weide hinauslassen mussten. Sondert man übrigens diejenigen von 
den heutigen 307 Grundstücken der Altstadt aus, welche nachweislich 
erst aus der Ordenszeit stammen, oder einer späteren Austeilung wüster 
Plätze ihre Entstehung verdanken, wie besonders da, wo ehemals die 
Stadtmauer und der Stadtgraben lief, 26 ) sowie diejenigen, welche als 
Hinterhäuser zu den alten Hofstellen gehören, so wird der alte Stadt- 
plan ziemlich deutlich erkennbar. Von der Aufklärung gerinfügiger 
Abweichungen absehend, können wir die oben bezeichneten Hofstellen, 
nämlich achtzehn am Ringe des Marktes, sechszehn nach Osten und 
zwanzig nach Westen zu als den ursprünglichen Baugrund der Stadt in 
Anspruch nehmen und hätten nur eine Hofstelle an der Nordostecke des 
Marktes (im heutigen Stadtplan IV 27 mit den fünf kleinen nördlich 
dahinter liegenden Grundstücken), welche nach dem Kirchhof zu und 
in die Nähe des Hochaltars auslief und einen Teil derjenigen Grund- 
fläche bildet, welche Mestwin IL im Jahre 1289 dem neugegründeten 
Dominicanerkloster zuwies, in Abrechnung zu bringen, so dass die An- 
zahl der ältesten Hofstellen und Vollbürger sich auf dreiundfünfzig 
beschränkte 27 ). Für das Pfarrhaus blieb in der Nähe der Kirche ge- 
nügender Baum. Die in den Gründungsurkunden erwähnten Stadt- 
gärten, welche in Ermangelung andern fruchttragenden Landes, als 
notwendiger Zubehör zu jeder einzelnen Hofstelle anzusehen sind, lassen 
S)ch, wenn auch nicht mit untrüglicher Gewissheit im einzelnen, so doch 
nach ihrer ehemaligen den Stadtgraben rings umschliessenden Gesammt- 
fläche im Vergleich mit der Grösse einzelner noch vorhandener Garten- 
grundstücke, gleichfalls herausfinden resp. berechnen. 

Sollten wir indessen hierin auch vorgreifen, so bestätigt uns die 
seit Alters völlig übereinstimmende Anzahl der Ackerhufen, dass in echtem 
ursprünglichen Sinne des Worts zu jedem Hofe auch eine Hufe gehörte. 



26 ) Die Generalhypotekenacten von Dirschaa enthalten eine Nachweisung der zur 
Stadt gehörigen Erbpachtsgrandstücke vom Jahre 1833, in Summa 83, welche zum 
grossen Teil hier in Betracht kommen; in den Jahren 1780 bis 1784 Würden nach 
Ausweis der Acten allein 34 wüste Plätze vergeben. 

* 7 ) Vergleiche den diesem Aufsätze beigefügten Stadtplan. 



Von Dr. Rieh. Petong. 37 

Es ist zur Genüge bekannt, dass besonders im Mittelalter eine Hufe 
nicht ein überall gleiches Stück Land, sondern nur das zu einer Hof- 
stelle gehörige Maaß Ackers bezeichnet, hinreichend um einen Land- 
mann mit seiner Familie zu nähren. Fand damals auch die Anwendung 
des kulmischen Hufenmaßes mehr und mehr Eingang, so geschahen 
Landverleihungen doch auch in ungemessenen Grenzen, in grösseren 
und kleineren Hufen. s> ) 

Das im Gründungsprivileg nur oberflächlich dem Umfang nach be- 
stimmte Weideland Dirschaus wurde erst im Laufe der Zeit in 56 Acker- 
hufen — drei gebührten dem Pfarrer — verwandelt, deren einzelne 
Anteile in verschiedenen Abschnitten des Gesammtareais lagen. Jede 
Dirschauer Hufe enthielt nachweislich seit dem 16. Jahrhundert, wie aus 
den bezüglichen Nachrichten aber zn folgern ist seit ältester Zeit 29 ), 
21 Morgen 47 Buten kulmisches Maas in 6 Theilen, von denen 5 inner- 
halb des alten Weideplans lagen, der sechste je sechs Morgen enthaltend 
an der Stangenberger Grenze. Das ganze Ackerland bildete indes einen 
zusammenhängenden Plan. Diese allmälige Verteilung des Stadtackers 
in 56 gleiche Anteile (Hufen genannt) ist nur bei der Annahme einer 
seit Alters vorhandenen gleichen Anzahl vollberechtigter Hofstellen er- 
klärlich, gleichviel ob man zu den Zeiten Sambors nur die nächst- 
liegenden ersten 56 Parcellen („Schmalstücke u genannt, jedes 3 Morgen 
220OButen gross) oder auch schon die andern („Hubenstücke, Drei- 



") cf. Zorn Beispiel ürk. 587 (Perlbach) vom Jahre 1299, in welcher das 
Dorf Mühlbanz bei Dirschau zn deutschem Recht in kleinen Hufen (ad parvos mansos) 
ausgesetzt wird. 

**) Extract der Generalberichtigimg Verhandlung der Lande Freussen vom 
Jahre 1664, in welchem ein Privilegium Stephan Bathorys vom Jahre 1580 ange- 
fahrt wird, das die drei und fünfzig Hufen auf den Bergen und in der Niederung 
als laut besonderer Rechte und Einteilung von den Bürgern benutzt hervorhebt 
und Acta generalis des Egl. Land- und Stadtgerichts Dirschau betr. die Privilegien 
der Hubner- Brüder- Corporation in denen es heisst: Ueber diese sechs und fünfzig 
Hufen hat unser vormaliger Magistrat bei der am 4. October 1577 erfolgten Ein- 
äscherung unserer Stadt und nach sich gezogenen Verlust unserer ehemaligen 
Bolle eine am 1. August 1579 entworfene etc. Willkür erteilt. Mit der Vermessung 
des Privilegs von 1580 stimmt auch die Handfeste Winrichs von Eniprode a. 1364 
annähernd übertin, nur dass hier nicht die Grösse des alten Ackerlandes, sondern 
das Gesammtareal eingehender bezeichnet wird. 



3g Die Gründung nud älteste Einrichtung der Stadt Dirschaa. 

rutenstücke, Querstücke, Schmalstücke ")" geheissen) verteilt hat. Denn 
jede spätere Verteilung musste an die erste sich anschliessen. Auch 
nicht der geringste Wahrscheinlichkeitsgrund ist dafür geltend zu machen, 
dass jene alte Ackerverteilung erst in der polnischen Zeit statt gehabt 
hätte, da dann jedenfalls irgend eine chronologische Erinnerung daran 
erbarten und die Behauptung, dass die Bürgerschaft von Dirschau 
„seit undenklichen Zeiten 56 Hufen Säeland" 31 ) besitze, nicht 
möglich gewesen wäre. 

Der ersten geringfügigen 32 ) Ansiedelung, deren Seelenzahl auf 
höchstens dreihundert zu schätzen ist, konnte der unbedeutende Markt- 
platz 33 ) und eine nur aus drei Personen gebildete Stadtobrigkeit ge- 
nügen 34 ). Wie schon aus der oben bemerkten wechselnden Bezeichnung 
derselben Personen als Bitter und als Bürger hervorgeht, bestand eine 
scharfe Scheidung der Ansiedler nach Herkommen und Beruf nicht, 
wir werden daher unter den früher aufgeführten Personen aus Sambors 
Umgebung pum grossen Teil die ersten Bürger zu suchen haben; sehen 
wir doch, dass auch in Westpommern waffentüchtige Männer (Bitter 
und Knappen) sich in den Städten ansiedeln und mit geringer Besitz- 
ausstattung vorlieb nehmen **). Die Einwohner fanden ihren Unterhalt 
vom Fähr- und Mühlenbetrieb, von der Fischerei, Gastwirtschaft und 
Viehzucht, daneben entwickelten sich Handelsverkehr und Handwerks- 
betrieb, wie in andern deutschen Städten jenes Jahrhunderts. Schil- 
derei, Gewandmachen und Schmiedekunst treten am frühesten hervor, 
wahrscheinlich weil die dort einkehrenden Kreuzfahrer und Kolonisten 
den Einwohnern Gelegenheit zu Arbeit und Verdienst gaben. 



8D ) Diese „Schmalstücke" sind viel kleiner als die erstgenannten Schmalstücke. 

31 ) Acta generalia etc. im Eingang einer Eingabe an den König yom 12. Octo- 
ber 1781, welche auf da« Privileg von 1577 resp. 1580 zurückgreift. 

9S ) In Westpommern worden um jene Zeit Greifenhagen mit 200 Hafen, Colberg, 
Greifenberg nnd Cöslin mit je 100 Hafen und Gollnow mit 120 Hufen Acker bewidmet 

33 ) Dasselbe ist in unserem Jahrhundert durch Beseitigung der vor den Häusern 
befindlichen Lauben etwas erweitert 

") Wenigstens erscheint mir die Elbinger Ratsverfassung, nach welcher 24 Bat- 
männer den gemeinen Bat bildeten, als für Dirschaa nicht anwendbar. 

3 *) So werden bei der Gründung von Greifenberg 1262 an zehn Bitter und 
Knappen zusammen nur 30 Hufen verliehen* 



Von Dr. Rieh. Petong. 39 

Das fremde Geld, welches der Verkehr in die Stadt brachte, konnte 
dann ein vom Herzog bestellter Münzer zum Umprägen erhalten. Ein 
Schreiber übernahm die Anfertigung schriftlicher Verträge und Obliga- 
tionen. Für den Schulunterricht sorgte, soweit es üblich war, der Pfarrer 
oder der Küster "). Im Jahre 1262 erbaten sich die Bürger von Dirschau 
eine Handschrift des lübischen Rechts, welche nach einem im Jahre 1240 
gefertigten und zur Versendung nach auswärts bestimmten lateinischen 
Codex wahrscheinlich über Elbing ihnen zugestellt worden ist 37 ). 

Die alten Traditionen aus den Zeiten des herzoglichen Gründers 
haben sich trotz mancher friedlichen und gewaltsamen Veränderung, 
trotz mehrfacher Zerstörung durch Eroberung und Brand, trotz des 
Wechsels der Dynastien und Zeiten, ja sogar ungeachtet der Vernich- 
tung der alten Privilegien und Pergamente bis auf den heutigen Tag 
in manchen Formen erhalten; sie wurden insbesondere im Jahre 1860 
lebendig als man in grossartiger Weise das 600jährige Jubelfest der 
Gründung der Stadt beging. Eine damals errichtete wohlthätige Stif- 
tung, welche den Namen des Gründers trägt, bewahrt mit ihren von 
Jahr zu Jahr langsam aber stetig zunehmenden Fonds für fernere Zeiten 
den Namen des Gründers der Stadt, dem es in der Folge nicht einmal 
vergdnnt war, auf eigenem Boden zu sterben, Sambors des Hersogs der 
Pommern zu Liebschau und Dirschau. 



,8 ) So wird ein Geistlicher Arnoldus 1264 zu Stettin als rector parvulorum be- 
zeichnet; die Danziger Urkunde von 1227, in welcher Gerwin als „magister puerornm" 
erscheint» ist gefälscht und erst etwa 1280 gefertigt (Urk. 34 bei Perlbach), in den 
Ordensstädten geschieht seit 1300 des Schulwesens Erwähnung. 

,7 ) cf. Frensdorff: das lübische Recht nach seinen ältesten Formen (Leipzig 1872) 
p. 68, 69, Toeppen: Elbinger Antiquitäten (Danzig 1871) und die Urkunde No. 196 
bei Perlbach. Die jetzt verschollene Urschrift befand Bich noch 1724 in Dirschau. 



Beilage. 



40 nie Gründung and Kitette Einriehtang der SUdt Diraebaa. 

Beilage. 

Die Gründungs-Urkunde von Dirschau. 

Dr. M. Perlbach's Pommerelliaches Urkuodenbuch No. 185. 

In nomine patris et filii et Spiritus sancti amen. Sicut preterita, 
que olim fuerunt, scire non possumus, sie nee eorum quidem, que fu- 
tura sunt, erit recordatio in novissimo, quia labente tempore transeunt, 
et temporis actiones, que tarnen perhennari poterunt, si reeipiant a voce 
testium aut scripti memoria firmamentum. Nos igitur Samburius dei 
gratia dux Fomeranie volentes ea, que per nos fiunt, inviolabiliter im- 
perpetuum conservari, de consensu et bona voluntate uxoris nostre nee 
non puerorum nostrorum baronumque consilio civitatem in Dersowe 
locavimus eidem ius Lubecense per omnia concedentes in ea nobis et 
nostris successoribus iustis heredibus retinendo dominium, quemadmodum 
nostri consimiles suis in civitatibus dominantur. Dedimus itaque pre- 
dicte civitati cum omni utilitate prata libera, longitudo quorum ab 
australi superiori parte civitatis protenditur penes Wizlam inferius 
mensurando, donec octoginta duorum funium numerus impleatur, a Wizla 
deinde versus Spancowam directius procedendo viginti septem funiculis 
extenditur latitudo, excipientes hoc, quod a metis supradictis usque ad 
lacum modicum, qui Jesnicz dicitur, omnium hominum vicinorum pere- 
grinorum et hospitum usibus spacium sit commune. Preterea contuli- 
mus antedicte civitati ad pascua pecorum eadem libertate cum omni- 
moda utilitate, sicut de pratis prediximus, nonaginta fines funes(!) in 
longitudine, que longitudo de ortorum confinio civitatis sumit originem 
ad oeeidentem incedendo, donec ipsius longitudinis iam dicti funiculi 
suppleantur. Porro de metis, quas in via de Tszadelin 1 ) signavimus, 
versus aquilonem reliquos nonaginta funes retinet latitudo et inde, se- 
eundum quod metas posuimus, ad civitatem iterando seeunde longitudinis 
funiculi distinguntur. Damus insuper Wizlam ad utilitatem piscandi 



*) Czarlin b. w. von Dirschau. 



Von Dr. Rieh. Petong. 41 

liberam a finibus Gordin et Pnebabowe') in descensam usque ad locum, 
ubi prata civitatis inferius terminantur. Si autem infra libertates istas 
aliquod genus metalli inventum fuerit, in hoc volumus absque contra- 
dictione dominari. Si quis eciam in faiis libertatibus excesserit, ita 
sient in civitate delinqueret, iudicetur, de cuius iudicio reeipimus ter- 
ciam portionem. De censu nauli et molendinorum, que in Wizla sunt 
vel construentur amplius infra prenomioatos terminos, cum civitatis 
libertas exspiraverit, duas partes aeeipimus, civitas terciam. Sed nobis 
monetam totaliter cum tbeloneo reservamns. Si vero falsitas aliqua 
discernitur in moneta vel vicium, eam sculteto committimus et con- 
sulibus examinare. De molendinis antedictis et naulo sine nobis non 
debent consules nee nos absque ipsorum consilio volumus aliquid ordinäre. 
Preterea cives eiusdem loci cum omnibus in eadem libertate commo- 
rantibns ab omni theloneo nunc et imperpetuum mittimus penitus in 
nostro dominio liberos et solutos. Admittimns itaque propter forum 
comodum pro ignorata vel obscura sentencia querant consilium Elbigense. 
Hinc consules prefati spoponderunt nobis voluntarii terciam parte m de 
culpa dare, que vorsatunge apud Theutunicos appellatur. Item nolumus, 
quod per se sine nobis institutiones novas faciant, per quas nobis pre- 
iudicium vel terre nostre penuria oriatur et gravamen. In recognitionem 
vero dominii quevis area civitatis nobis annuatim sex denarios solvet 
Dersovienses exspirata libertate. Nullus itaque civium alicui religioso 
enriam vel domum suam infra munitionem sitam vendere sive dare 
potent absque nostra licentia et totius eiusdem civitatis voluntate. Ut 
autem hec robur obtineant perpetuum, presentem paginam nostri sigilli 
et uxoris nostre munimine feeimus roborari. Acta sunt hec in Castro 
nostro Dersowe anno gratie M°. CC°. LX°. Huius rei testes sunt hü 
sacerdotes : dominus Heinricus de Mynda ordinis Cysterciensis, dominus 
Johannes plebanus Dersouiensis, dominus Abraham cappellanus curie; 
milite8: Johannes de Witten[borch], Heinricus de Bruns[wich]; burgenses: 
Heinricus Scilder, Johannes de Brunswich. 



K ) Kniebau zwischen Dirschau und Gerdin. 



43 Di« Gründung and Klteat« Einrichtung der Stadt Dlnehan. 



Uebersetzung. 

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes 
Amen. Gleichwie wir vergangene Dinge, die vor Zeiten gewesen sind, nicht 
wissen können, so wird man zuletzt sogar dessen, was in der Zukunft 
bestehen bleibt, sich nicht mehr erinnern, weil mit dem Laufe der Zeit 
auch die in der Zeit geschehenen Handlungen vergehen. Dieselben 
können jedoch für die Dauer erhalten werden, wenn sie durch das Wort 
der Zeugen oder durch schriftliche Ueberlieferung Befestigung erlangen. 
Wir Sambor, von Gottes Gnaden Herzog von Pommern haben darum 
mit dem Wunsche, dass was durch uns geschieht, für alle Zeiten un- 
verletzlich bleibe, mit Zustimmung und Einwilligung unserer Gemahlin, 
sowie nach dem Bäte unserer Kinder und Barone in „Dersowe" eine 
Stadt gegründet und verleihen derselben in allen Stücken das lübische 
Recht, wobei wir jedoch uns und unsern rechtmässigen nachfolgenden 
Erben die Herrschaft in der Weise vorbehalten, wie Unsersgleichen in 
ihren Städten herrschen. Wir haben vorbenannter Stadt freie Wiesen 
mit aller Nutzung übergeben, deren Länge sich vom südlichen, dem obern 
Teile der Stadt an der Weichsel nach unten gemessen so weit erstreckt, 
bis die Zahl von zwei und achtzig Seilen erreicht ist; wenn man dann 
aber von der Weichsel nach der Spancowa hin gerade aus geht, so 
beträgt die Breit« sieben und zwanzig Seile; hier nehmen wir jedoch 
das Stück aus, welches von den genannten Grenzen bis zu dem kleinen 
„Jesnicz" genannten See reichend allen benachbarten und fremden Leuten 
sowie den Einwohnern als Gemeinplatz dienen soll. Ausserdem haben 
wir der vorbenannten Stadt zur Viehweide mit derselben Freiheit und 
mit jederartigem Nutzungsrecht, sowie wir es schon in Betreff der 
Wiesen erklärt haben, neunzig Seile in die Länge verliehen, welche 
Länge von der Grenze der Stadtgärten ihren Anfang nimmt und nach 
Abend zu geht, bia die erwähnte Seilezahl voll ist. Von den Grenz- 
zeichen, welche wir am Tszadeliner Wege gesetzt haben, nach Norden 
zu, fasst die Breite die noch übrigen neunzig Seile und von dort den 



Von Div Rieb. Petoop. 43 

gesetzten Grenzzeichen zur Stadt hin folgend, werden die Seile der 
zweiten Länge (zunächst) abgemessen. 

Ueberdies geben wir die Weichsel zur freien Fischereinatzung von 
den Grenzen yon „Gordin und Pnebabowe" abwärts bis dahin, wo die 
Wiesen der Stadt unten ihr Ende haben. 

Wenn aber innerhalb dieses Stadtgebietes Metall irgend welcher 
Art gefunden werden sollte, so wollen wir darin ohne Widerspruch 
unser Herrschaftsrecht ausüben. 

Wenn jemand sich innerhalb der Stadtfreiheit vergeht, so soll er 
gerichtet werden, wie bei einem Vergehen in der Stadt selbst, von 
deren Gericht wir ein Drittel des Ertrages erhalten. 

Von dem Zins der Fähren und Mühlen, welche auf der Weichsel 
sind oder künftig innerhalb der vorbezeichneten Grenzen errichtet werden, 
erhalten wir, sobald die Freijahre der Stadt abgelaufen sind, zwei Drittel, 
die Stadt ein Drittel. Das Münz- und Zollrecht behalten wir uns da- 
gegen vollständig vor. Sollte jedoch bei dem Gelde eine Fälschung 
oder Fehlerhaftigkeit bemerkt werden, so überlassen wir die Prüfung 
dem Schultheissen und den Ratmannen. 

In Bezug auf die erwähnten Mühlen und das Fährgeld sollen weder 
die Batmannen ohne uns, noch wollen wir ohne ihren Beirat etwas an- 
ordnen. Ueberdies sprechen wir die Bürger dieser Stadt sowie alle, 
die in ihrem Gebiete verweilen, von jedem Zoll in unserem Herrschafts- 
gebiete für jetzt und für alle Zeiten völlig frei und ledig. 

Wir gestatten ferner, dass sie in Fällen, wo Bechtsaussprüche 
ihnen entweder nicht bekannt oder unverständlich sein sollten, als 
passenden Gerichtshof den Bat zu Elbing fragen. 

Hierauf haben die genannten Batmannen sich verpflichtet, uns frei- 
willig ein Drittel von der Busse zu geben, welche bei den Deutschen 
„Vorsatunge" genannt wird. 

Ferner wollen wir nicht, dass sie für sich ohne uns neue Einrich- 
tungen treffen, durch welche uns eine Bechtsschädigung oder unserm 
Lande Mangel und Beschwerde erwachsen könnte. 

Zur Anerkennung unserer Herrschaft soll nach Ablauf der Freijahre 
jede Hofstelle der Stadt uns jährlich sechs Dirschauer Pfennige zahlen. 



44 D,e öröndung und Klteet* Einrichtung der Stadt Dirschau. 

Keiner von den Bürgern darf daher irgend einem Geistlichen 
seinen Hof oder sein innerhalb der Stadtbefestigung gelegenes Haus 
verkaufen oder schenken, es sei denn mit unserer Erlaubniss und der 
Zustimmung der gesammten Bürgerschaft. 

Damit aber Vorstehendes ewige Kraft bebalte, so haben wir gegen- 
wärtige Urkunde durch Anhängung unseres Siegels und des unserer 
Gemahlin bekräftigen lassen. So geschehen auf unserer Burg Dersowe 
im Jahre der Gnade 1260. 

Dieser Sache Zeugen sind diese: die Priester Herr Heinrich von 
Minden Cisterzienserordens, Herr Johannes der Pfarrer von Dersowe, 
Herr Abraham unser Hof kapeüan, die Bitter Johannes von Witten(burg), 
Heinrich von Braunsch(weig) und die Bürger: Heinrich Scilder und 
Johannes von Braunschweig. 



Die Gobotiner. 

Von 

Adolf Rogge. 

„In terra Warmiensi fuerunt quidam viri prepotentes, dicti 
„Gobotini" valde infesti fratribus, qui congregata muüttudtne 
„pugnatorum unum castrum dictum Partegal in campo eic nomi- 
„nato, et aliud propugnaculum in monte Serandonis edificav$runt 9 
„munientes ea diversü armigeru. Hie cotidie fratres de Balga 
„impugnaverunt, sie quod extra castrum non audebat aliquis de 
„teter o comparere". 

Dusb. III, 23. Scryt. rer. Pr. I, p. 63. 

Diese Stelle aus Dusburgs Chronik enthält Alles, was man über 
die Gobotiner weiss. Jeroschin bietet in seiner gereimten Uebersetznng 
derselben ! ) nichts Nenes nnd die ältere Chronik von Oliva erzählt die 
Thatsache ebenso einfach, nur dass eine ihrer Handschriften den Namen 
„Gobotini", wie uns dankt absichtlich, in „Bogetini u verwandelt hat, 
von dem zwei andere die Lesart „Bogatini u aufweisen. 

Perlbach 1 ), Weber 3 ) und Lohmeyer 4 ) geben hier der Olivaer Chronik 
den Vorzug vor der Dusburgschen und doch ist gerade dann, wenn 
Webers Ansicht, der die Bogatini für die Pogezanen hält, sich als 
stichhaltig erweisen sollte, der Irrthum des Verfassers oder Abschreibers 
derselben mit Händen zu greifen. Die Pogezanen, welche wohl immer 
nur als Anhang der Warmier betrachtet wurden, mochten den Mönchen 



') Script rer. Pr. I, p. 362; cf. p. 680 und V, p. 598. 
') Preuss. Begasten, Sep.-Abdr. aus d. Altpr. Mtsschr, 8* 53. 
*) Preussen vor 600 Jahren S. 10 a. 12. 
4 ) Gesch. v. Ost- u. Weetpreuseen S. 74. 



4g Die Gobotiner. 

von Oliva schon durch ihre Raubzüge unvergesslich geworden sein, waren 
ihnen aber jedenfalls dem Namen nach bekannt. Von den Gobotinern 
wusste man aber im Kloster zu Oliva gar nichts und so lag es nur 
zu nahe, dieselben mit den Bogatinern zu verwechseln. 

Voigt hat, durch die Lesarten „Glottini, Goltinyn und Golotinyn", 
sowie durch die Bezeichnung „Glottiner" bei Waiszel und Henneberger 
verleitet, an Bewohner des Gebietes Glottau bei Guttstadt gedacht 9 ). 
Dieser Ansicht schlössen sich Toeppen 8 ) und die Monumenta Warmiensia 7 ) 
an, doch wurde dieselbe von Ersterem aufgegeben, nachdem er bei der 
Ausgabe Dusburgs „Gobotini u als die allein richtige Lesart festgestellt'). 
Eine andere Erklärung ist unsers Wissens nicht aufgestellt.' 

Abgesehen von allen Lesarten widerspricht die Ansicht Voigts 
ebenso wie die vorhin berührte der ganzen damaligen geschichtlichen 
Sachlage. Der Missionskampf befand sich im Ermlande vorläufig noch 
auf dem Standpunkt des kleinen Raubkrieges. Auf Haffschiffen landet 
einige Mannschaft, welche Dusburg im Vergleich zu einem frühern 
Haufen ein grosses Heer nennt, zu einem Bachezuge gegen das Ermland. 
Es gelingt derselben, mit Hilfe des feinlichen verräterischen Befehls- 
habers Codrun, die kleine Preussenburg Balga zu überrumpeln, sich in 
derselben zu behaupten und von dort aus die umliegenden Dörfer zu 
brandschatzen. Pyopso, ein jedenfalls in der Nähe wohnender preussischer 
Edelmann (capitaneus), der mit seinem ganzen Anhange 9 ) zur Wieder- 
eroberung der Burg herbeieilt, fällt durch einen Bogenschuss und sein 
Haufe zerstreut sich sofort.' 

Jetzt tritt in auffälliger Weise der Mangel aller Einigkeit unter 
den preussischen Edeln hervor, den der Orden sicher auch vorher schon 
kannte, und in seiner Weise benutzte. Mehrere edle und mächtige 
Männer erkennen plötzlich, „dass der Herr für die Brüder streite 44 und 
begeben sich mit den Ihrigen nach Balga. Das beisst zu deutsch : Ein 



») Gesch. I, S. 488 n. 659, H, S. 388 Anm. 1. 
•) Geogr. S. 18. 

7 ) Mon.Warm. I, D. p.290 Anm. 2 cor Verschreib, f. Glottau v. 12.M&rz 1318. 
•) Script rer. Pr. I, p. 63 Anm. 1. 

•) So glauben wir sachlich richtig das Dnsburgsche „congregata omni potencia 
exerdtos sui" (HI, 20) ausdrucken zu müssen. 



Von Adolf Bogge. 47 

Theil des umliegenden Adels macht mit dem Orden gemeinschaftliche 
Sache. Jetzt wird eine befestigte Mahle am Kopf der Sumpf brücke 
vor Balga erbaut, die aber mit Leichtigkeit von der starken umliegenden 
Bevölkerung 10 ) zerstört wird. 

Der Sieg stärkt den Muth. Empört über den Abfall seiner Standes* 
genossen, gestachelt durch die unmittelbare Nähe der Gefahr, tritt jetzt 
ein in jener Gegend weit verbreitetes Adelsgeschlecht in den Vorder- 
grund und übernimmt naturgemäss die Leitung des Kampfes „Qnidam 
viri prepotentes, dicti Gobotini". So kann man nicht von der Mannschaft 
eines ganzen Gaus sprechen, der ausserdem unter den übrigen Gauen 
nicht einmal eine hervorragende Bedeutung hatte. Dusburg will offen- 
bar nur die Führer im Kampfe bezeichnen. Wenn er dann weiter von 
einer „eongregata multitudo pugnatorum" redet, so hat er sicher auch 
kein grosses Heer im Auge, welches aus der Nähe von Gutstadt odet 
Liebstadt herbeigeeilt war, uro eine kunstreiche Belagerung Baigas zu 
unternehmen. Wenn Weber, ") der sonst bemüht ist, die übertriebenen 
Zahlenangaben mittelalterlicher Heere auf ihr bescheidenes Matt zu- 
rückzuführen, seine Ansicht durch die Behauptung stützt: „Waraier, 
Natanger und Barter kämpfen stets zusammen", so dürfte da eben, 
wie der vorliegende Fall zeigt, nur das Wörteben „stets" zu streichen 
sein. Im Hinblick auf die örtlichen Verhältnisse ist es durchaus nicht 
nöthig den Haufen der Gobotiner zu einer gewaltigen Armee aufzu- 
bauschen, welche den Umwohnern Baigas gefährlicher gewesen wäre, 
als der Feind. Etwa die Mannschaft eines der heute dort befindlichen 
Kirchspiele war vollkommen genügend den, in die kleine Burg einge- 
sperrten, Feind in die grosseste Bedrängniss zu versetzen. Das höchste 
Interesse an der Vertreibung desselben mussten nun selbstverständlich 
die zunächst gelegenen Ortschaften haben und wenn man in ihnen die 
Gobotiner suchen will, so liegt auch hier, wie immer, das Gute sehr nahe. 

Die einzige Ortschaft in der Nähe von Balga, welche noch heute 
durch ihren Namen an die Gobotiner erinnert, ist das Gut Gabditten. 
Eine Primordial-Verschreibung über dasselbe ist uns nicht bekannt, 

TT . 11 

") „cum vaKdo exercita" III, 21. 
")& 12. 



48 Die Gobotiner. 

vielleicht auch nie ertheilt, weil die Ordensherrschaft hier den Familien- 
besitz nicht unterbrach. Dagegen wird die Ortschaft öfter urkundlich 
erwähnt. Hiebei fällt vor Allem die schwankende Schreibart des Namens 
in die Augen, welche denselben oft bis zur Unkenntlichkeit verändert. 
Die Ortschaft wird im schwarzen Hausbuch des Amtes Balga 1430 
Gangitten ") genannt, und war damals noch von Stammpreussen bevölkert, 
heisst 1495 Guptiten "), 1548 Coyditten ") f 1617, wo Wollbrand v. Portu- 
gal 10 Hufen des Guts verkauft, Gabtithen "). Im Volke sind diese 
Namen jedenfalls neben einander hergegangen und wurden fixirt, je 
nachdem dieselben ausgesprochen, oder vom Ohr des Schreibers auf- 
genommen wurden. Es ist nicht wahrscheinlich, dass in den vorhin 
aufgeführten Lesarten sämmtliche Sprech- und Schreibformen des Namens 
aufbewahrt sind. Die Grundform lautet wohl Gabit, Gobit, Gubit, wie 
es noch heute ein Gubitten im Kirchspiel Eckersdorf giebt, oder Gobotit *). 
Dass ein, mit der Landessprache nicht vertrauter mittelalterlicher Chronist 
die Einwohner einer so, oder ähnlich benannten Ortschaft „Gobotini" 
nennnt, scheint uns keiner weitern Erklärung zu bedürfen. Was die Lesart 
„Goltini" und die verwandten Bezeichnungen anlangt, so kann dieselbe 
möglicher Weise von dem mit der Oertlichkeit bekannten Abschreiber 
ursprünglich mit Bewusetsein in den Text als vermeintliche Verbesserung 
eingeschoben sein, beweirt dann aber, dass auch dieser keineswegs an 
die Gegend von Gutstadt oder Liebstadt dachte, sondern die nächste 
Umgebung von Balga im Auge hatte. Er dachte vielleicht an Gelitten, 
das ebenso wie Draudienen (Drawedin) in Pr. Bahnau aufgegangen ist 
und jemanden, der Gabdit vielleicht Gangitten nennen hörte, leicht zu 
der verhängnissvoll gewordenen Gorrectur reizen konnte. 

Wenn nun sprachlich uns nichts zu hindern scheint die Gobotiner 
nach Gabditten zu verweisen, so wird diese Ansicht entschieden durch 
die Adelsgeschichte jener Gegend bestätigt. Auf Gabditten ist jeden- 



") Altpr. Mtsschr. VI, S. 484 No. 51; bei Weber S. 491 GaDgiten. 
") Altpr. Mtsschr. VI, 8. 600 No. 132. 
") Ebd. Vll, & 108 No. 132. 
») Ebd. VII, S. 128 No. 314. 

") Wir erinnern hiebei an Gawaiten, Gawehnen, Gubehnen, Golbit je. Ans 
Globotin, später (1467) Glabentin ist Glaudinen geworden. 



Von Adolf Bogge. 49 

falls der Ursitz eines Geschlechts zu suchen, dessen Sprossen noch im 
vorigen Jahrhundert einen grossen Theil der Gegend um Balga in Besitz 
hatten und sich mit Stolz ihrer Abkunft von den Ureinwohnern des 
Landes rühmten. 

Das Geschlecht derer v, Portugal oder Partegal hatte nach Meckel- 
burgs Adelsmatrikel l7 ) seine Stammsitze in Bregden, Freudenthal, Gab- 
ditten, Grundt, Keimkallen, Keimkeim, Kirschitten, Laxdoy.en, Mükiehnen, 
Pammern, Paplauken, Partegal, Perschein, Regitten (Romansgut?), Reu- 
schenhof. Schrangenberg (Ritterthal) hat demselben in alten Zeiten wohl 
auch gehört, denn noch 1516 werden dem Ritterkrüger Greger Bierwolf 
4 Morgen auf dem Rittergut oder Schrangenberg und 2 Morgen an der 

■ 

alten Viehwiese und „Portugals Wiesen" verschrieben l8 ). 

Wenn somit die Gobotiher Schanzen in Partegal und Schrangen- 
berg aufwarfen, denn für mehr haben wir ihr „Castrum" und „propug- 
naculun" wohl nicht zu halten, so schützten sie damit zunächst nur 
ihre eigenen Güter und die „congregata multitudo pugnatorum" bestand 
lediglich aus ihrer Sippe und ihren Sassen. 



") N. Pr. Prov.-Bl. VIII. (1855 b) S. 377. 
1B ) Altpr. Mtsschr. VI, S. 507 No. 173. 



lltpr. MoMtMehrlit Bd. XXIL H/t. 1 n. 2. 



De ratione componendi eantns. 

_ • 

Autor e Thoma Hornero Egrano. 

Von 

Otto Uligewitter. 

Nebst biographischen Notizen über Thomas Horner 

von 

Rudolf Reicke. 

In einem im Jahre 1548 gebundenen Sammelbande von seltenen 
grösstenteils Königsberger Druckschriften findet sich obige Abhandlung, 
publiciört im Mai 1546. Sie umfasst nur 25 Blätter in Klein-Octav, 
ist bei Joh. Weinreich gedruckt und enthält sicher den ersten in 
Königsberg ausgeführten Notendruck 1 ). In der kurzen Vorrede 
gesteht der Verfasser, dass zwar das Componieren von Gesängen 
grosse Schwierigkeiten habe, dennoch wolle er es an Eifer nicht fehlen 
lassen, den Kunstbeflissenen einige Regeln über Rhythmus, Modus und 
vorzugsweise den Contrapunkt und seine Einteilung zu geben. Es folgt 
dann sofort in Cap. 1 die Definition und Einteilung des Contrapunktes 
„Est igitur Contrapunctus (so schreibt der Verfasser nach Pranco von 
Köln) ars flectendi cantabiles sonos proportionabili dimensione ac tem- 
poris mensura". „Simplex" ist er, wenn er gleich lange Töne, „com- 
positus" wenn er von Tönen verschiedenen Wertes begleitet wird, was an 
Notenbeispielen ohne Text (wie überhaupt durchgehends) gezeigt wird. 

In Cap. 2 „de concordantiis" d. h. von den Intervallen, die von 
der Terz bis zur vigesima ausgedehnt werden, finden sich ausführliehe 



! ) Cosack, Paulus Speratus Leben und Lieder (Braunschweig 1861) hat das 
Buch nicht gekannt; sonst hätte er nicht S. 236 bemerken können: „die erste Noten- 
druckerei scheint die Officin von Georg Osterberg (seit c. 1580) gewesen zu sein/' 



De ratione componeadi cantas. Aatore Thoma Hornero Egrano. 5J 

Beispiele für die harmonische Folge der Intervalle, wobei überall, wie 
damals üblich, der Tenor als führende Stimme hervortritt, und zwar in 
vier- bis neunstimmigen kurzen, jedoch nicht in Noten, sondern Buch- 
staben gedruckten Tonreihen. 

Cap. 3 handelt „de discordantiis" und ihrer Zulässigkeit, Cap. 4 
„de cantilenae partibus ac clausulis formalibus". Die Alten, sagt Horner, 
waren mit drei Stimmen zufrieden, die heutigen Musiker verlangen 
fünf Stimmen und mehr (Discant, Tenor, Altus, Vagans, Bassus). Dann 
werden diese Stimmen kurz charakterisiert und Regeln über den Ton- 
schluss gegeben. „Clausula est . . . certa et optata conjunctio vel 
cantilenae particula, in cujus fine quies vel perfectio reperitur". 

Cap. 5 spricht Horner darüber „quibus consonantiis cantus inchoetur, 
et cur pausis debite distinguatur" und führt sieben Gründe für die 
Notwendigkeit der Pausen an. Cap. 6 handelt über die Tonarten 
(Definition derselben nach Guido v. Arezzo, „tonus est regula, in fine 
cantum dijudicans"), ihre Einteilung in „autenti et plagales" und die 
sich daraus ergebenden Tonreihen. Natürlich fehlt dann auch nicht 
jene dem ganzen Mittelalter eigentümliche und bis ins vorige Jahr- 
hundert hinein immer wieder nachgebetete Charakteristik über die 
„tonorum affectus". Hier sind ihre Eigenschaften in fünf Distichen zu 
lesen. Cap. 7 endlich definiert Horner den Begriff „Rhythmus" nach 
Beda vener. und tischt uns, um seine Bedeutung und Wirkung zu be- 
schreiben, jene althergebrachten Fabeln aus dem Altertume wieder auf, 
wie z. B. Pythagoras einen trunkenen Jüngling durch den Ernst und die 
Würde des Spondeus in phrygischer Weise zur Besinnung gebracht habe. 
In der „Peroratio" fährt der Verfasser fort: „habes hie, candide 
Lector, rationem componendi cantus Musici. Quaeso igitur, ut benigno 
favore legas et me a zoilis acriter defendas. Olim enim (volente Deo) 
scitu digniora tibi communicabimus". 

Das Ganze schliesst mit einer „Ex academia Regij montis Mense 
Maio Anno M. D. XL VI" datierten Widmung an den Rat der Stadt 
Elbing, worin noch einmal ausführlich über die Macht der Musik, den 
schönsten Schmuck der Religion, gehandelt wird (Horner hat durch 

Andere erfahren, dass gerade von den Elbingern „plerosque excellenti 

4* 



52 £> e ratione componendi cantas. Autore Thoma Hornero Egrano. 

quadam eruditione conspicuos esse") und, wie damals üblich, mit einem 
Panegyrikus auf die Musik: 

„Ad masices stadiosos Thomae Horneri Egrani Carmen". 

Prüfen wir nun das Buch auf seinen literarischen Wert und seine 
Stellung zur theoretischen Ausübung der Musik in damaliger Zeit. 
Dass sich Thomas Homer lediglich auf Autoritäten stützt, wie Guido 
von Arezzo (1020), der die Notenschrift, und Pranco von Köln (13. Jahrb.), 
der die Mensur erfand, ist natürlich; denn ihr Einfluss war ein weit- 
greifender. Wundern könnte uns höchstens, dass Horner die grossen 
Niederländer Dufay und Ockeghem nicht erwähnt. Indess haben diese 
für die theoretische Ausbildung der Musik weniger, als für die* praktische 
gearbeitet. Von Orlando di Lasso (1520—94) konnte Horner vielleicht 
ebenso wenig wissen, als von den wackeren deutschen Contrapunktislen 
der letzten Decennien des 15. Jahrhunderts Herrn. Finck und Adam von 
Fulda. Joh. Walter und Senfl waren ihm vielleicht aus den lebhaften 
Beziehungen, in denen Königsberg zu Wittenberg stand, bekannt; wenig- 
stens sind die Notentypen dieselben, wie in den Werken dieser Männer. 

Ohne das Buch zu überschätzen, darf man wohl sagen, es ist, wenn 
auch nur kurz und in gewissem Sinne elementar, doch ein bemerkens- 
wertes Zeichen dafür, dass an der neugegründeten Academia Albertina 
auch die Tonkunst wissenschaftliche Pflege fand. Ich kann mir aber 
doch nicht verhehlen, dass gegenüber dem grossartigen und schweren 
Büstzeug mittelalterlicher Musikwissenschaft dieses Libell nur ein Ver- 
such zu sein scheint, die einfachsten Dinge in ein gelehrtes Gewand 
zu kleiden und bezweifle, dass damit für die Praxis etwas erreicht 
worden ist. Eine musikalische Berühmtheit auch über ihre Grenzen 
hinaus erhielt unsere Provinz erst später durch Eccard und Stobäus. 
Diese schrieben nicht gelehrte Compendien über Contrapunkt, sondern 
ihre herrlichen Choräle und Motetten. 



Ueber den Verfasser haben wir nur sehr dürftige Nachrichten. 
Seit wann, wie lange und zu welchem Zwecke er sich in Königsberg 
aufhielt, ist nicht bekannt; ob er Beziehungen zu Elbing gehabt habe, 



Yon Otto Ungt witter. 53 

und welcher Art diese waren, geht auch aus seiner Dedication an den 
dortigen Rath nicht hervor. Amoldt, „fortgesetzte Zusätze zu seiner 
Historie der Königsberger Universität" (Kgsbg. 1769) S. 101 weiss nur 
„dass Thomas Horner, von Eger bürtig, allhier 1546 im Mai eine musi- 
calische Schrift de ratione componendi in 8. herausgab, welche er dem 
Rath der Stadt Elbing zugeschrieben." Adelung „Forts, und Er- 
gänzungen zu Jöchers allg. Gelehrt.- Lexic." Bd. IL (Leipz. 1787) kennt 
diese Schrift gar nicht, weiss aber, dass Thom. Horner sich eine Zeitlang 
in Liefland aufhielt und eine historia Livoniae in compendium ex annalibus 
contracta schrieb, die zusammen mit Job. Meletii Schreiben de veterum 
Livonum et Borussorum sacrificiis et idolatria in Königsberg 1551 er- 
schien, eine kleine unbedeutende Schrift. Auch Gadebusch, auf den 
Adelung verweist, kann sowol in seiner anonymen „Abhandlung von 
Livländisch. Geschichtschreibern" (Riga 1772) S. 16 wie in seiner „Liv- 
ländisch. Bibliothek nach aiphabet. Ordnung" IL Theil (Riga 1777) 
S. 97—98 nur über diese von ihm nie gesehene historische Schrift 
berichten und zwar auf Grund von Mittheilungen Pisanski's, der selber 
in seiner preussisch. Litterärgesch. (Kbg. 1791) S. 328 nichts als die 
Titel der beiden genannten Bücher anzugeben weiss. Was das v. Recke 
und Napiersky'sche „Allgem. Schriftst.- und Gelehrt.-Lexik. der Provinzen 
Livland, Esthland und Kurland" Bd. IL (Mitau 1829) S. 346 — die 
Nachträge und Fortsetzung bearbeitet von Th. Beise (2 Bde. Ebd. 
1859—61) sind mir leider nicht zugänglich gewesen — und die Scriptores 
rerum Livonicarum Bd. IL (Riga u. Lpz. 1848) S. XV über Horner bei- 
bringen, bezieht sich lediglich auf seine livländische Chronik. Allen 
ist er „ein sonst weiter nicht nach seinem Leben bekannter." Auch 
nur mit ein paar Zeilen erwähnt wird er als Contrapunktist, „der zu 
Königsberg wirkte," von dem Musikhistoriker G. W. Fink in Ersch 
und Gruber's allg. Encykl., und mehr erfahren wir auch aus Mendels 
musikalisch. Conversations- Lexikon nicht. 

Nun wissen wir aber aus der seiner livländischen Chronik an den 
Ordensmeister Johann von Recke vorgedruckten Dedication, dass Thomas 
Horner im Febr. 1551 sich in desselben Diensten zu Pernau in Livland 
(„Parnouioe in Liuonia mense, Februario. Anno. 1551") aufhielt. 



54 De ratione componendi cantus. Autore Thoma Hornero Egrano. 

Seine livländische Angehörigkeit beweist auch das der Chronik 
beigefügte Epigramm an den Voigt von Sonneburg, Heinrich Wulff 
(Henricum Vulff, in Liuonia Marianorum ordinis praefectum Soneburgen- 
sem), so wie eine im Juni desselben Jahres gedruckte Elegie an den 
kurländischen Bischof Johann v. Möuchhausen. [Ad reverendissiinum 
Principem ac Dominum, Dominum Joannein Episcopum Curonensem, & 
Administratoren! Ozelienfem in Liuonia, Elegia Thomao Horneri Egrani. 
1551. In Academia Kegiimoutis excudebat Joannes Lvfft Menfe Junio, 
(4 B1L 4°.)]. 

Wenn nun irgendwo Aufschluss wenigstens über Homers Leben 
in Livland zu erhoffen war, so war derselbe nur in den deutschen Ostsee- 
provinzen zu suchen, deren Litteratur von den westlichen Nachbaren 
leider noch immer viel zu wenig beachtet wird. Und richtig: die erste 
ausführlichere Nachricht über Thomas Horner giebt Julius Döring, 
der in der 582. Sitzung der kurländischen Gesellschaft für Lit. u. Kunst 
vom 5. Nov. 1869 „Einiges zur Biographie des Thoraas Horner 11 
mittheilt. Wir können es uns nicht versagen, das Bezügliche aus dem 
hier wenig bekannten „Sitzungsberichte der kurländischen Gesellschaft 
für Lit. u. Kunst aus dem Jahre 1869" (Mitau) SL 29—30 wiederzugeben: 
„Schon Eichter erzählt in seiner Geschichte der deutschen Ostseeprovinzen 
(Riga 1857 I. 2. 324) wie der Ordensmeister Wilhelm v. Fürstenberg am 
25. Oktober 1557 eine Gesandtschaft, bestehend aus dem Licentiaten 
Thomas Horner, aus Klaus Franke und Melchior Grothus, an den 
Czaar nach Moskau gesandt, die erst im Januar 1558 zurückkam, und 
über deren Verhandlungen Horner auf dem Landtage zu Wolmar im 
März 1558 eine Relation, wahrscheinlich von ihm selbst verfasst, verlesen. 
Im Herbst 1558 befand sich Th. Horner als Gesandter des Ordens- 
raeisters beim Herzog von Preussen und im Januar 1559 als solcher zu 
Petrikau beim Könige von Polen. Im Juni 1559 wird er vom Ordens- 
meister Wilhelm v. Fürstenberg nebst Schweder v. Melchsiett und Johann 
Wagner als Gesandter an den Rath zu Reval geschickt, theils zum 
Abschluss einer Geldanleihe, theils andrer Geschäfte wegen. In den 
darüber ausgefertigten Urkunden (s. Fr. Bienemann, Briefe und Urkunden 
zur Gesch. Livlands III, S. VIII, XI, XII, 77, 79, 211) wird er meist 



Von Otto Ungewitter. 55 

Th. Horner, aber auch Hörner (S. 77) genannt, bald der Rechte 
Licentiat, bald Rath titulirt. Am 24. Aug. 1559 war er noch zu Beval, 
denn von diesem Tage ist die Quittung, die er in Vollmacht des Ordens- 
meisters, nebst Dietrich Schencking, für eine von Eeval empfangene 
Summe Geldes ausstellt. (Bienemann a. a. 0. S. XII). Ebenso erscheint 
er als herzogl. kurländischer Gesandter bei dem Herzoge Albrecht 
Friedrich v. Preussen im Febr. 1573 .... Laut der noch ungedruckten 
Materialien-Sammlung zur kurl. Güterchronik von F. v. Klopmann (im 
Mitauschen Museum) wird Thomas Horner im Jahre 1560 vom Herr- 
meister Gotthard Kettler mit dem Gute Leegen (Kurland) belehnt; 
damit ist doch wol der Obige gemeint. Auch unter dem Doblenschen 
Recess vom 7. Okt. 1579 findet sich „Thomas Hörner, der Hechte 
Licentiat" als Zeuge unterschrieben. (Vgl. Bunges Archiv IL S. 226.) 
Dass nun der Licent. Thom. Horner, der nachherige Bath des Herzogs 
Gotthard, mit dem aus Eger gebürtigen Chronisten gl. Namens, ein und 
dieselbe Person sei, geht am deutlichsten aus dem Adelsbriefe hervor, 
der für erstem (Thomas Hornerus Juris utriusque Licentiatus et Illustris 
Domini Curlandiae Ducis Consiliarius) ausgefertigt wurde und der sich 
im Original im Besitz seines direkten Nachkommens, des Herrn Baron 
Ottokar v. Hörner auf Ihlen (Kurland) befindet. In dieser zu Grodno 
den 10. Juli 1568 ausgestellten und vom König Sigismund August unter- 
zeichneten Urkunde heisst es unt. and.: „denn es ist uns glaubwürdig 
„berichtet worden, dass der vorgenannte Thomas Horner einen grossen 
„Theil seines Lebens in wissenschaftlichen Studien ehrenvoll und löblich 
„verbracht und von seiner Tüchtigkeit und ausgezeichneten natürlichen 
„Begabung sehr deutliche Proben abgelegt hat, besonders auf den Gesandt- 
schaften, die er nicht nur in der gegenwärtigen Zeit, sondern auch schon 
„damals, als der Bitterorden und der Herrmeister Livland regirten, denen 
„er als Sekretär und Bath treu und eifrig drei und zwanzig Jahre *) hin- 
„durch gedient hat, zu uns und zu einigen andern Fürsten unternommen 



*) Darnach würde also Thomas Horner bereits im Jahre 1546, als er sein 
musikalisches Lehrbach in Königsberg- drucken Hess and die Dedication an den 
Elbinger Rath aus der hiesigen Academie unterzeichnete, in livländischen Diensten 
gewesen sein und es muss auffallend erscheinen, dass er dieses Verhältnisses mit 
keinem Worte gedenkt. 



5g De rati on e componendi cantus. Autore Thorua Hornero Egrano. 

„hat, und seine Treue, seinen Eifer und seine Gewandtheit fleissig be- 
wiesen hat und bis auf den heutigen Tag in unsern livländischen An- 
gelegenheiten unverdrossen beweise, so dass nichts an ihm auszusetzen 
„oder des Tadels würdig zu sein scheint. Daher haben wir, damit seine 
„so zahlreichen 'ausgezeichneten Geistesgaben und sei» nicht gewöhn- 
licher grosser Eifer gegen uns und unsern Staat durch die Ungunst 
„des Geschickes nicht länger im Dunkeln bleiben, sondern durch uns 
„nach Verdienst geehrt und auf alle Nachkommen lobwürdig übertragen 
„werden, diesen selben Thomas Horner und seine rechtmässigen Nach- 
kommen beiderlei Geschlechts nach dem vollen Eechte unsers Reiches 
„aus eigenem Willen und nach sorgfältiger Erwägung, gemäss unsers 
„königlichen Rechtes in den Ritterstand aufnehmen zu lassen und mit 
„dem ächten und wahren Adel zu begnadigen beschlossen" u. s. w. 

In einer in demselben Besitz befindlichen Abschrift einer andern 
Urkunde vom Jahre 1561, die am 23. Sept. zu Riga vom Ordensmeister 
Gotthart („Goddert" in der Unterschrift) ausgestellt ist, verlehnt Letzterer 
„dem achtbaren und hochgelahrten unserm Rath und üben Getreuen 
„Thomassen Hörnern, der Rechten Licentiarius, und seiner zukünftigen 
„Hausfrauen Katharinen Dubin, und allen ihren Beyden rechten Erben, 
„Männlichs und Weibliches Geschlechts, von wegen Vier Tausend Mark 
„Rigisch, die ehr, Thomas Horner vns Inn disen Beschwerlichen Zeiten, 
„zu der Lande Beste gelehnet, auch Umb vielfältiger seiner langen 
„Dienste, die ehr Uns, Unserm Orden und Vorfahren, getreulich ge- 
leistet, gegunt und gegeben haben. Wie Wir denn Ihn Tomassen 
„Hörnern, und seiner gedachten zukünftigen Hausfrauen, und allen ihren 
„Beeden Erben Mänlichs und Weiblichs Geschlechts Inn Kraflft dises 
„Brieffes gunnen und geben das dorffigen Muyzesem, im Gebieth Frauen- 
„burg belegen, das zwölf Gesinde sind" (:c. ic. es folgen die Grenzen 
und andere Formeln) „dasselbig alles er, sambt seiner obgedachten 

„ — eignes Gefallens frey und friedsamlichen nutzen Besitzen 

„und gebrauchen mügen, zu ewigen Zeiten, ohne mennigliches Ein- 
drang und aller und jeder Freiheit, Privilegien, so im Lande 

„gebräuchlich, und derer sich der Adele, künfftiglichen zu gebrauchen, 
„mit theilhafftig zu seyn," u. s. w. 



Von Otto Ungewitter. 57 

In der Matricttla militaris nobilium Curlandiae 1605, 2. August 
(s. Klopmanns Güterchronik Bd. I.) stellt Thomas Hörner für seine 
im Frauenburgschen gelegenen Güter, die aber nicht namentlich auf- 
geführt sind, zwei Eeiter. Ob das wol noch Obiger sein könnte? In 
der Stammtafel kommt, ausser dem ersten Thomas, kein zweiter dieses 
Namens vor." 

Zu diesen Notizen über Th. Homer bringt G. Berkholz in den 
„Mittheilungen aus dem Gebiete der Gesch. Liv.-, Est- und Kurlands" 
Bd. XII (Riga 1880) S. 211 einen neuen Beitrag aus Renner's livläud. 
Chronik, wonach Thomas Horner als einer der Commissäre im Auftrage 
des Ordensmeisters November 1559 das Schloss Dünaburg den Polen 
zu übergeben hat. 

Das Interesse für Thomas Horner bekundet sich wiederholt in den 
Sitzungen der kurländischen Gesellschaft. So legt am 6. Febr. 1880 
Baron Rudolf v. Hörner ein Schreiben seines Ahnherrn Thomas Horner 
an seinen Schwager Salomon Henning d. d. Goldingen 28. April 1574 
vor. — Die neuesten Nachrichten endlich verdanken wir wieder dem Ge- 
schäftsführer der mehrgenannten kurländischen Gesellschaft Jul. Döring, 
(Sitzungs-Berichte ... aus d. J. 1881. Mitau 1882. S. 63—64). Es sind 
folgende einem alten Stamm- und Merkbuch eines gewissen Joh. Georg 
Michaelis (der 1710 in Stockholm war) entnommene Aufzeichnungen: 
„Thomas Hörner — primus acquirens Nobilitatis, hat anno 1555 den 
„21. Novembris in Franckfurt an der Oder unterm Magnifico Casparo 
„Wiederstadt J. U. D. den Gradum Liecentiati Juris angenommen, nach- 
„dehm er 4. Jahr zuvor in Wittenberg *) studirt, und noch den glaubens 
„KU. D. Luhterij und Ph. Melanthon, g. h. worüber nOi'h der lateinische 
„promotion Brieff im Original vorhanden. 

„Nachdem er einnige Jahr bey den letzten Heer Meister und Ersten 
„Hertzoge in Curl. gottbardt Kettler geheimbter Raht gewehssen, und 
„sich wohl Meridietirt gemacht hat ihm Sigismundus Augustus König 
„in Pohl: Anno 1568 zu Grodno d. 10. July Soleniter die privilegia 



*) Diese Nachricht ist falsch. Das von Foers bemann herausgegebene Album 
Academiae Vitebergensis (Lips. 1841) weiss von keinem Thomas Horner oder Hörner. 



5g De ratione componendi cantn*. Autore Thoma Hornero Egrano. 

„Nobilitatis couferiret die auff pergamehn geschrieben, noch behalten 
„werden. Anno 1570 ist Thomas Hörner Hoehfürstl. Saht zur Ueber- 
„setzung der Cuhrschen Statuten verordnet der auch selbsten, nebst 
„andern, den drüber geraachten recess unterschrieben, zu Mitau d. 22. Juny 
„Anno 1570. man findet auch sein unterschrieben nahm in Kezess 
„zu Mitau gemacht Anno 1572, drn 10. Martzij item zu Doblehn, 
„d. 7. October. ano. 1579." 

Diese Aufzeichnungen sind alles, was ich an den angeführten Orten 
über Thomas Homer habe auffinden können; vielleicht geben sie hier 
und dort Veranlassung zu weiteren Nachforschungen und gelegentlichen 
Mittheilungen. 



Die Bedeutung der regulativen Ideen Kants: 

Die Atomistik. 

Vou 

l>r. Otto Kuttner 

in Neuhaldenslebeu. 

Die gedankenlose Aeusserung Buechners: dass die Atome der Alten 
zwar eine blosse Hypothese seien, dahingegen die der modernen Natur- 
wissenschaft klar erwiesen seien, ist bekannt, wie viele der übrigen 
leichtsinnigen bonmots dieses seiner Zeit viel gelesenen und wie er 
verdient hat, jetzt völlig vergessenen Autors. Auch hat es inzwischen 
nicht an solchen gefehlt, die diesem heissspornigen Dilettanten eben- 
sowohl auf dem Gebiete der Naturforschung, wie auf dem der Philo- 
sophie, der, wie es Dilettanten eigen zu sein pflegt, die sich für eine 
Idee begeistert haben, mit dem ganzen Fanatismus des Proselyten- 
Machers auftrat, die Wege gewiesen haben. Und es ist als ein Glück 
zugleich und als ein Beweis für den besonnenen Zug, der die wissen- 
schaftliche Forschung heut zu Tage durchzieht, anzusehen: dass diese 
mahnenden Stimmen zur Besonnenheit aus dem Lager der Naturforscher 
selbst sich haben hören lassen. 

Du Bois Reymond's bedeutender Vortrag über die Grenzen des 
Naturerkeimens, ist, denken wir, den Gebildeten, die für derlei Fragen 
überhaupt einiges Interesse haben, bekannt. Wir rechnen es diesem 
Manne nicht sowohl als bedeutendes wissenschaftliches Verdienst an, 
sondern als sittliches, das in der Selbstbescheidung wurzelt, wenn er 
sein ignoramus et ignorabimus hier und dort geltend macht, hinter dem 
wir versteckten Hochmuth, wie Manche, zu finden nicht vermögen. 



ßO Die Bedentang der regulativen Ideen Kants. 

Indessen hört man auf der einen Seite noch immer die Atome als 
wissenschaftlichen Fund requiriren. Beweis dafür: die ganze moderne 
Naturforschung bedient sich ihrer und hat auf diesem Grunde die weit- 
greifendsten Entdeckungen gemacht — ein Factum, das als solches 
nicht kann bezweifelt werden! Auf der andern Seite kommt es leicht, 
dass die oberflächliche Kenntnissnah me von den Problemen, die in der 
Annahme der Atome gelegen sind, von den Widersprüchen, die sich 
darin bergen, zu dem Schluss verführen: Also ist diese Annahme irrig 
und die Naturwissenschaft ebenso wie die Philosophie muss sich dieser 
Theorie als eines blossen Geredes enthalten? 

Dass beide Theile sehr weit vom Ziele vorbei geschossen haben 
könnten, diese Einsicht pflegt sich nicht eben dem flüchtigsten Nach- 
denken aufzudrängen. Sie ist aber für alle die gegeben, welche sich 
mit congenialem Sinne in den Geist der Kritik der reinen Vernunft vertieft 
haben und den Gedanken der regulativen Ideen Kants nicht mit 
dem billigen Einspruch des allwissenden Metaphysikers : Enweder — Oder, 
entweder an sich gültig oder gar nicht gültig, abzuweisen vermögen. 
Aus dieser Quelle hat auch Du Bois Reymond, gleichviel, ob mittelbar 
oder unmittelbar, geschöpft. Und sein Vortrag verhält sich zu den 
Kant'schcn Erörterungen, wie die kurz ausgesprochenen Besultate zur 
eingehenden Beweisführung. 



Wir haben in einem kurzen Aufsatz über die Bedeutung von Kants 
Kritik der rein,en Vernunft für die Gegenwart (cf. Jahrbb. für die prot. 
Theol. 1882. Bd. 4) die Gegenstände der materiellen Welt nur auf ihre 
sinnlichen Qualitäten hin angesehen und die Atome nur insoweit in den 
Bereich unserer Erörterung gezogen, als sie sich als die letzten, wenn 
auch nur durch Schlussverfahren sich darbietenden, Elemente für die 
objectivste Wahrnehmung der Körper durch den Tastsinn, die der Wäg- 
barkeit herausstellten, während die unwägbaren Aether- Atome, sofern 
sie in der physikalischen Forschung zuzulassen sind, nur nach Analogie 
jener ersteren dürfen vorgestellt werden, d. i. als nicht an sich un- 
wägbar und damit etwa ausgenommen von dem letzten gemeinsamen 
Merkmale aller materiellen Erscheinungen, sondern als nur für uns 



Von Dr. Otto Rattner. ßj[ 

unwägbar, insofern sie bis jetzt für die Grobheit unseres Tastsinnes und 
die der hergestellten Waagen jenseits der Wahrnehmbarkeit gelegen sind. 
Hier liegt bereits ein Missverständniss sehr nahe, wie wir es von 
einem unserer Leser, einem namhaften Gelehrten, zur Erfahrung gebracht 
haben: als wäre es uns in den Sinn gekommen, die Atome als sinnlich 
aufzeigbare Elemente der physischen Welt zu behaupten, dahingegen 
wir doch das Schlussverfahren, wodurch sie erst zu Stande kommen, 
sehr wohl erwähnt, wenn auch nicht besprochen haben. 

Die Erörterung desselben soll jetzt folgen, um herauszustellen: 
dass die Atom-Theorie es nie über die Gültigkeit eines regulativen 
Erkennt nissprincips bringen kann, dem übrigens dadurch unbeschadet 
als einem solchen sein voller wissenschaftlicher Werth verbleibt, und 
dass sogar durch die Annahme von Atomen ein Widerspruch unseres 
Denkens zum Ausdruck kommt, dem aber aus dem Wege zu gehen 
durch Leugnung der Zulässigkeit dieser Annahme ein völlig nutzloses 
Manöver ist. 

Die zweite Antinomie in Kants Kritik kommt in folgender Thesis 
und Antithesis zum Ausdruck (Kirchmann S. 366, 67): 

Thesis : „Eine jede zusammengesetzte Substanz in der Welt be- 
steht aus einfachen Theilen und es existirt überall nichts 
„als das Einfache oder das, was aus diesem zusammen- 
gesetzt ist". 
Antithesis: „Kein zusammengesetztes Ding in der Welt besteht 
„aus einfachen Theilen und es existirt überall nichts Ein- 
faches in derselben". 
Kant's Ueberzeugung geht dahin: dass die menschliche Vernunft 
vollgiltige Beweise für Thesis und Antithesis erbringen kann, wie das ja 
auch bei den übrigen Antinomien der Fall sein soll, allerdings allerwärts 
nur auf indirectem Wege, durch den Erweis der Unmöglichkeit des 
Gegentheils. Unsere Zeit ist vorsichtiger geworden im Operiren mit 
indirecten Beweisen: wir pflegen ihnen nirgends eine gleichwertige 
Beweiskraft mit den directen einzuräumen, noch ihre Evidenz für apo- 
diktisch zu halten, auch in dergleichen Fällen nicht, wo wir Dilemmas 
so fataler Art nicht zu befürchten haben. Wir besinnen uns zurück 



62 ^ie Bedeutung der regulativen Ideen Kants. 

auf den Unterschied contradiktorischer und conträrer Gegensätze sowie 
darauf, dass innerhalb der letzteren zwei sich ebensowenig auszuschliessen 
brauchen, als die erwiesene Unmöglichkeit und Unwirklichkeit des einen 
etwa die Wirklichkeit und Notwendigkeit des andern zur Folge haben 
müsste. Wir würden also in den indirecten Beweisen dieser Antinomien, 
die sich gegenseitig aufheben, nur eine Kritik finden können, deren 
Werth darin besteht, in jeder von beiden Voistellungsarten incongruente 
sich selbst widersprechende Elemente herausgesetzt zu haben. 

Aber darauf will ja gerade Kant hinaus, und, wenn er seinen Be- 
weisen volle Evidenz zudiktirt, so geschieht es in der gutgemeinten 
Absicht, sie über die gewöhnlichen Proben dialektischen Scharfsinnes 
im Advokatengebrauche hinauszuheben und den Widerspruch, der sich 
durch sie ergiebt, als weit erhaben über den Spiegelfechtereien eitler 
Sophismen, wurzelnd vielmehr in der Natur des menschlichen Geistes 
selbst, aufzuzeigen. Ja, Kant ist es gewesen, der uns durch die Re- 
sultate seiner Antinomien jene eben zur Geltung gebrachte kritische 
Scheidung auferlegt und ermöglicht hat. 

Nichts desto weniger haben wir an dem Wortlaute der Thesis und 
Antitbesls selbst eine die Sache betreffende Ausstellung zu machen, der 
die eine als petitio principii erscheinen lässt, der anderen aber ihren 
rein antithetischen Charakter trübt. 

Eine jede zusammengesetzte Substanz, sagt Kant, besteht aus 
einfachen Theilen. Und sein Beweis wurzelt allein in dem Gedanken: 
„Im ersteren Falle aber (unter der Voraussetzung des Gegentheils der 
„These) würde das Zusammengesetzte wiederum nicht aus Substanzen 
„bestehen (weil hierbei die Zusammensetzung nur eine zufällige Relation 
„der Substanzen ist, ohne welche diese als für sich beharrliche Wesen 
„bestehen müssen)" (Kirchmann S. 368). 

Man sieht, der Begriff der Substanz, der in die Thesis eingetragen 
ist, wird im Beweise dazu benutzt, den Begriff des Beharrlichen und 
schlechthin Einfachen auszuklauben. Und der Gegner, der einen andern 
Begriff von der Substanz hat, oder sie überhaupt nicht will verwandt 
wissen, damit abgefertigt: „Da nun dieser Fall der Voraussetzung wider- 
spricht, so bleibt nur der zweite übrig: dass nämlich das substanzielle 
„Zusammengesetzte in der Welt aus einfachen Theilen bestehe" (a. a. 0.). 



Von Dr. Otto Knttner. ß3 

War der Begriff der Substanz aber einmal eingeführt, so musste 
er selbstverständlich auch in die Antithesis aufgenommen werden; und 
sie durfte nicht begonnen werden: „Kein zusammengesetztes Ding ja", 
sondern musste begonnen werden: „Keine zusammengesetzte Substanz je." 
Würde sich nun aber ergeben haben : dass alsdann der Beweis für die 
Antithesis nicht zu erbringen war, zumal wenn wir hier im Begriffe der 
Substanz dieselben Vorstellungen von Beharrlichkeit und Einfachheit als 
latitirend mitgedacht hätten, die Kant in der Thesis voraussetzt, so 
würde die Gonsequenz gewesen sein, dass auch in die Thesis vielmehr 
der voraussetzungslosere Ausdruck der Antithesis: „Ein jedes zusammen- 
gesetztes Ding jc. u hätte substituirt werden müssen. 

Wir machen gerade deshalb auf diese Mängel aufmerksam, damit 
man nicht meine: das Ungenügende der einzelnen Beweisführung in den 
Antinomien, das gerade hier allerdings dem unbefangenen Leser sich 
auf Schritt und Tritt aufdrängt, mache den grossen Gedanken der Anti- 
nomien überhaupt illusorisch. 

Wir werden an unserm Beispiel Gelegenheit nehmen zu zeigen, 
wie wenig das der Fall ist. Sodann treten wir hiermit allerdings auch 
denen ganz energisch entgegen, die jeden Buchstaben Kants einbalsa- 
miren möchten, und demzufolge in jeder Wendung der Antinomien 
planvolle Ueberlegung, philosophische Weisheit und genialen Tiefsinn 
wittern, wo gewöhnliche Sterbliche nicht blos Schwerfälligkeit in der 
Darstellung und im Ausdruck, sondern auch ein auffallendes Ungeschick 
für zusammenhängendes und doch das Eine vom Andern scharf son- 
derndes Argumentiren zu erkennen glauben. Demgegenüber dringt man 
auch nicht mit dem Einwände durch, den der in der modernen Kant- 
forschung so verdienstvolle Cohen zurHagd hat: es wäre selbstverständ- 
lich, dass die Beweise der Thesis und Antithesis für den bereits kritisch 
gebildeten Leser die Hauptkraft ihrer Evidenz einbüssen müssten, die 
sie nach Kant für den sogenannten gesunden Menschenverstand haben 
sollen. Aber haben sie wirklich aller Orten jene Evidenz für den 
letzteren, fragen wir, oder muss sich nicht jeder Leser, gleichviel ob 
kritisch oder nicht kritisch, meist erst sehr mühsam hineinarbeiten in 
die Kant'schen Beweisgänge der Antinomien, um sie auch nur psycho- 
logisch nachempfinden zu können? 



ß4 Dte Bedeutung der regulativen Ideen Kants. 

So viel zur Ernüchterung gegenüber gewissen rechthaberischen Ver- 
götterungen der Worte des Meisters, die sich gerade für den Kantianer 
am wenigsten schicken wollen. Und jetzt zur Sache! 

Es wird dem Leser bei unserem Recurs auf die zweite Kantische 
Antinomie der Zusammenhang dieser mit der Atomistik, als auf die wir 
hinauswollen, durchaus einleuchtend gewesen sein. Wir haben jetzt vor, 
den wahren Sinn der Antinomie innerhalb der Atomistik zugleich mit 
ihrem erkenntnisstheoretischen Ursprung klar zu legen. 

Wenn der Chemiker animalische, vegetabilische und anorganische 
Körper höherer Ordnung in einfache Elemente auflöst, die quaternären 
und ternären Verbindungen in binäre und diese selbst wiederum in 
ihre primären Urstoffe zu zerlegen vermag, so glaubt er durch solche 
Analyse allerdings einfache nicht weiter zerlegbare Stoffe erhalten zu 
haben. Wir kennen deren jetzt einige sechzig und sind berechtigt diese 
solange als die einfachen nicht weiter zerlegbaren Elemente, aus denen 
sich die ganze Körperwelt zusammen setzt, anzusehen, bis neue Versuche 
neue Resultate aufzuweisen haben, welche darthun: dass auch von den 
bis jetzt mit Recht so genannten Urstoffen einzelne nochmaliger Analyse 
zugänglich sind und diese somit als zusammengesetzte Stoffe ihren 
Cpmponenten Platz zu machen haben. Und die immer neuen Ent- 
deckungen auf diesem Gebiete sind allerdings dazu angethan, uns vor- 
erst aus diesem heilsamen Zustand einer vorsichtigen Reserve nicht 
heraus zu lassen. 

Indess der Möglichkeit steht natürlich nichts im Wege, dass die 
bis jetzt entdeckten letzten oder ersten Elemente allesammt in Wahr- 
heit auf diesen Rang Anspruch zu machen hätten. Wir hätten damit 
einfache nicht weiter zerlegbare Urstoffe, die sich doch sinnlich wahr- 
nehmbar darstellen lassen: und es scheint kein Zweifel, dass sehr 
vielen von den gefundenen immer dieser Platz verbleiben wird. Obwohl 
wir aber hierin Urstoffe hätten, so haben wir doch bei Weitem keine 
Atome: jene Einfachheit und Unzerlegbarkeit, die der Chemiker von 
seinen Elementen prädicirt, bezieht sich nur auf die Qualität, dahin- 
gegen ihre quantitative Theilbarkeit in immer kleinere Masseneinheiten 



Von Dr. Otto Kuttner. 65 

gar nicht in Frage kommt und in der That ausser Frage ist. Eine 
solche kleinste Masseneinheit nun, die numerisch nicht mehr theilbar 
ist, würde den Begriff des Atoms ausmachen. Aber was ist numerisch 
nicht mehr theilbar? Der Chemiker kann es sich hier wieder bequem 
machen: er operirt mit Molekuelen, das sind Massencomplexe, die nur 
für ihn letzte Einheiten bilden, insofern er sie ansieht auf gewisse 
physische Eigenschaften, seien es nun die allgemeinsten der Cohaesion 
und Repulsion, oder besondere morphologische oder chemische Quali- 
täten, wie Krystallisation und Lichtbrechung, ohne doch darum eine 
Atomenvielheit in jeder seiner relativen Einheiten in Abrede zu stellen, 
wie sie ja vielmehr schon zum Ausdruck kommt in der Wahl eines 
anderen Wortes: Molekuel. Ja der Chemiker selbst pflegt sich bei 
Rechnungen, aus methodischen Gründen der Vereinfachung, mit diesen 
Molekular-Einheiten, deren es ja je nach der Art der chemischen 
Zusammensetzung unzählig verschiedene giebt, nicht zu begnügen. Die 
Masseneinheit des Wasserstoffes, des leichtesten terrestrischen Elements 
pflegt man sich als kubische Lagerung von acht Atom-Einheiten vor- 
stellig zu machen, je zwei in jeder Seite, die des Sauerstoffes, dessen 
specifisches Gewicht doppelt so gross ist, als der Wasserstoff, als 
Kubus mit vier Atomen in der Seite und so fort. Denn obzwar die 
Zahlen also vervielfältigt werden, so ergiebt sich doch eine Vereinfachung 
des Maßes. Immerhin kann der Naturforscher diese doch nur hypothe- 
tische und fingirte Atom-Einheit seinen Experimenten nicht zu Grunde 
legen, weil auch die einfachsten Molekular-Kräfte, wie die der An- 
ziehung und Abstossung nur erst in verhältnissmäßig complicirten Zu- 
sammensetzungen vorhanden sind. Andere chemische Molekular-Einheiten 
ergeben sich allerdings nur durch Zusammensetzung verschiedener 
ürstoffe, wie Weinsäure aus Sauerstoff-, Wasserstoff- und Kohlen- 
stoff-Atomen. 

Wir fragten: was ist numerisch nicht mehr theilbar, wir fanden 
dass der Chemiker es sich leicht machen kann, dergl. Skrupeln aus 
dem Wege zu gehen durch die praktisch ebenso verwerthbare wie 
theoretisch unverfängliche Handhabe der Molekuele, wir kamen darauf zu 
sprechen: dass er selbst bei der Rechnung seine Molekular-Einheiten 

Aitpr. MoDfttMchrift Bd. XXIL litt. U2, 5 



ßß Die Bedeutung der regulativen Ideen Kants. 

aus verschiedenen Atom-Einheiten bestehend sich denkt! Aber haben 
wir denn bei ihnen nun etwa die Grenze der Theilbarkeit gefunden? 
Für die reale Analyse ist diese längst vor jener blossen Fiktion 
gegeben, in der Regel werden auch die Molekular-Einheiten nur er- 
schlossene nicht unmittelbar wahrzunehmende Grössen sein, die gegeben 
sind in einem grösseren Complex von Zusammensetzungen, wenngleich 
darum sich Niemand einfallen lassen wird, das Molekuel ein blosses 
Gedankending zu nennen. Aber gesetzt auch jene fiugirtcn Atom-Ein- 
heiten hätten annähernd die vortreffliche induktive Basis aufzuweisen 
wie die Molekuele, gesetzt der chemische Analyst käme mit seiner Betorte 
und sonstigen Apparaten bis auf diese, weiter aber nicht, oder er möchte 
einen indirekten Nachweis für die Nothwendigkeit seiner Annahme 
führen, gesetzt der Forscher vermöchte ein Mikroskop aufzutreiben, 
mit dem er bis auf diese von uns trotz des Widersinnes vorläufig so- 
genannten Atom-Einheiten, deren Eigenschaft als Atomon an sich sich 
eben nie wird ausweisen lassen, dringt: welche Berechtigung hätten wir 
denn damit erlangt, zu schliessen: diese Einheiten die wir allerdings 
als solche hinsichtlich der Molekuele eruirt haben würden, sind über- 
haupt letzte Einheiten, sind Atoma in der Welt des Seienden, welche 
Berechtigung hätten wir über den Schluss hinauszugehen: jene Ein- 
heiten verhalten sich zu den Molekuelen ; wie diese zu grösseren Eörper- 
complexen? wobei die Frage vollständig offen zu lassen ist, ob sie nicht 
ebenso wie die Molekuele ihnen gegenüber sich im Verhältniss zu noch 
primäreren Elementen als zusammengesetzte Erscheinungen herausstellen. 
Das ist der regressus ins Unendliche, von dem Eant spricht und 
von dem wir jetzt schon erkennen, dass er nicht sowohl auf die Seite 
der Objekte fallt, als auf die unseres Erkenntnissvermögens. Dies 
kommt zum Ausdruck in der Antithesis der zweiten Antinomie: 

„Kein zusammengesetztes Ding in der Welt besteht aus einfachen 
„Theilen und es eiistirt überall nichts Einfaches in derselben, 
es kommt in jener paradoxen Form zum Ausdruck, die Kant in den 
Antinomien absichtlich gewählt hat, um solche überhaupt zu Stande 
zu bringen, eine Eigenschaft unserer psychischen Organisation, die uns 
allerwärts die Theilung, wo nicht in Wirklichkeit, so doch in der Vor- 



Von Dr. Otto Kuttner, ßf 

stellang, fortzusetzen gebietet, auf die Objekte der Theilung übertragend 
und 90 den Schein erregend, als ob ein zusammengesetztes Ding ohne 
ein Etwas, daraus es zusammengesetzt ist und das wir Theil nennen, 
bestehen könne. 

In rein kritischer Fassung spricht Eant (Kirchmann S. 183 ff.) diesen 
Gedanken in den beiden ersten von ihm mathematisch genannten Grund- 
sätzen des reinen Verstandes aus: den Axiomen der Anschauung und Anti- 
cipationen der Wahrnehmung, deren Beziehung zu den beiden ersten Anti- 
nomien auf der Hand liegt wie die der dynamischen Grundsätze zu den 
beiden letzten und die, wie wir hier beiläufig bemerken möchten von den 
Kantforschern wohl bemerkt, aber bisher nicht gehörig verwerthet ist. 

Bei dieser Gelegenheit können wir nicht unterlassen, darauf auf- 
merksam zu machen, welch eigenthümliches Quid pro quo dem sonst 
seinem Gegenstande so congenialen Geschichtsschreiber Euno Fischer 
in der Darstellung dieser beiden ersten mathematischen Grundsätze 
passirt ist. Diese beiden Grundsätze tragen bei Eant folgendes harm- 
lose Gewand: 

„Alle Anschauungen sind extensive Grössen" und „In allen Er- 
scheinungen hat das Reale, was ein Gegenstand der Empfindung ist, 
„intensive Grösse d. i. einen Grad". 

Sie polemisiren allerdings gegen die dogmatische Fassung der 
Atome und des leeren Baumes, oder wie wir uns lieber mit Eant selbst 
in der Anmerkung zu der oben angeführten zweiten Antinomie verbessern 
wollen: gegen die Monadologie eines Leibnitz. 

Euno Fischer aber, der hier offenbar den Unterschied einer bloss 
erkenntnisstheoretischen Eritik von einer dogmatischen Polemik über- 
sehen hat, muthet Eant eine Widerlegung des Atomismus schlechtweg 
zu. Er hat sich hier doch, wie es scheint, mit seinem Gegenstande zu 
sehr identificirt. 

Eant hingegen trägt in den „Anticipationen der Wahrnehmung 14 die 
erkenntnisstheoretischen Prämissen seiner dynamischen Naturanschauung, 
die sich übrigens, wie wir seiner Zeit in unserer Doctor-Dissertation*) 

*) „Historisch-genetische Darstellung von Kants verschiedenen Ansichten über 
das Wesen der Materie" (Halle 1881). 

5* 



68 Die Bedeutung der regulativen Ideen Kants. 

nachgewiesen haben, sehr wohl vereinigen lässt und vereinbart findet 
mit einer als regulatives Princip gefassten Atomtheorie, mit jener ihm 
eigenen Reserve vor, dass er ihr, gegenüber der dogmatischen Annahme 
diskreter Atome und leeren Baumes, nur das Verdienst vindicirt „den 
Verstand wenigstens in Freiheit zu versetzen, sich diese Verschiedenheit" 
(nämlich die der Schwere bei gleicher Ausdehnung) „auch auf andere 
Art" (als durch verschiedene Dichtigkeit der Körper) „zu denken, wenn 
die Naturerklärung hierzu irgend eine „Hypothese nothwendig machen 
sollte" (Kirchmann S. 195). 

Welches diese andere Hypothese ist? Die der continuirlichen 
Baumerfüllung, über die wir nachher noch in ihrem Verhältniss zur 
Atomistik ein Wort zu sprechen haben werden. Hier ist ein Beispiel: 

„So kann eine Ausspannung, die einen Baum erfüllt, z. B. Wärme, 
„und auf gleiche Weise jede andere Bealität, ohne im Mindesten den 
„kleinsten Theil dieses Baumes leer zu lassen, in ihren Graden ins 
„Unendliche abnehmen und nichts desto weniger den Baum mit diesen 
„kleineren Graden eben so wohl erfüllen, als eine andere Erscheinung 
„mit grösseren" (S. 195, 196 a. a. 0.). 

Aber alsbald fügt der vorsichtige Kant hinzu: „Meine Absicht ist 
„hier keineswegs zu behaupten, dass dieses wirklich mit der Verschieden- 
heit der Materien ihrer specifischen Schwere nach so be wandt sei, 
„sondern nur aus einem Grundsatze des reinen Verstandes darzuthun: 
„dass die Natur unserer Wahrnehmungen eine solche Erklärungsart 
„möglich mache" (a. a. 0.) 

Aber welches ist denn nun in aller Welt die berechtigte und 
welches die unberechtigte Atomtheorie, welches sind die anünomischen 
Elemente in ihr, die uns einerseits nöthigen, ein äropov, ein unheil- 
bares Letzte zu denken und uns andererseits doch wieder den Wider- 
spruch dieses Gedankens mit einer anderen Grundanschauung, von der 
wir nicht lassen können, aufdrängen, was ist der Bechtstitel dieser 
Grundanschauung und was der jenes zwingenden Gedankens? 

Wir kommen in der anschauenden Wirklichkeit, so sehen wir, 
trotz chemischen Betorten und Schmelztiegeln von Piatina, nicht eben 
weiter, als bis zu bestimmten Molekular-Compleien, die rechnende 



I 



Von Dr. Otto Kottner. gg 

Phantasie — sit venia verbi — kann weiter nnd muss weiter. Und 
dennoch ist es gerade die anschauende Form der Vergegenwärtigung 
sinnlicher Erscheinungen, die uns hindert halt zu machen innerhalb der 
Theilung, die uns jenen regressus ad infinitum, wo wir ihn nicht in der 
Wirklichkeit ausführen können, doch in der Vorstellung vorzunehmen, 
gebietet: es ist der Kaum, der uns mit instinktivem Zwange die Ge- 
wissheit aufnöthigt, dass so wie er, auch alles Baum-Erfüllende, eine 
Grenze der Theiibarkeit nicht in sich trägt, sondern mit ihm zusammen 
eine continuirliche Grösse ist. 

Allerdings dürfen wir das Eine hierbei nicht übersehen! An sich 
hat das Kaum-Continuum, wie das Continuum rauraerfüllender Körper, 
mit dem Gedanken einer begrenzten oder unbegrenzten Theiibarkeit zu- 
nächst gar nichts zu thun: — an sich: das will natürlich sagen, in 
unserer unreflektirten Vorstellung — Beides sind vollständig disparate 
Begriffe, oder vielmehr sie sind eben so disparat, dass sie sich als 
Anschauung dem Begriff gegenüberstellen lassen: das simultane und 
continuirliche Baumbild den innerhalb seiner gezogenen Grenzen. 
Wer denkt auch bei der sinnlichen Anschauung eines Zimmers und der 
in ihm vertheilten Gegenstände an einen Widerspruch? Auch die Vor- 
stellung eines selbst begrenzten Baumes, der um nichts weniger den 
Eindruck eines fortlaufenden Continuums macht, enthält nichts Störendes 
und sich Widersprechendes, sobald wir über die Simultaneität dieses 
Raumbildes durch Eeflexion nicht hinausgehen. Erst wenn wir dies 
thun und zwar an der Hand der zeitlichen Succession, erst wenn wir 
an der Hand eines abstrakteren Grössebegriffs, der seinerseits von da 
stammt, Vergleiche anstellen darüber: dass dieser Zimmerraum doch 
selbst nur ein Theil ist eines grösseren Baumes und dass er sich dem- 
entsprechend auch muss theilen lassen, ja sogar getheilt erscheint durch 
die in ihm vertheilten Gegenstände, die wir nun mit dem ganz andern 
Auge, eines Baumes im Baume, einer Grenze der räumlichen Theiibarkeit 
ansehen, erst mit Zuhilfenahme dieses Mediums zeitlicher Succession, 
die uns zur begrifflichen Auffassung des Bäumlich-Simultanen verhelfen 
soll, stossen wir auf einen Widerspruch. Indem wir nämlich die ein- 
zelnen, fixirten zeitlichen Momente, in denen wir das räumlich Aus- 



70 Die Bedeutung der regulativen Ideen Kants. 

gedehnte nach einander aufnehmen, mit dem räumlichen Contiuuum selbst 
vermischen, wird aus der Linie, die unterschiedslos vor uns ausgebreitet 
liegt, eine Reihe von Punkten, entstehend durch ein successives Nach- 
einander. So pflegt man in mathematischen Lehrbüchern und im 
philosophischen Vortrage noch immer die Linien entstehen zu lassen 
durch Bewegung des Punktes, die Fläche durch Bewegung der Linie 
und sogar den Körper durch Bewegung der Fläche, obwohl mau bei 
diesem Dritten billigerweise hätte stutzig werden sollen. Den drei 
dimensionalen Baum mag diese Darstellungsweise pädagogisch klar 
machen : auf wissenschaftlichen Werth scheint sie uns keinen Anspruch 
zu haben. Es ist vielmehr mit Fechner energisch Protest dagegen zu 
erheben, dass die Punkte als Elemente der Composition angesehen 
werden des simultan vor uns ausgebreiteten, ununterbrochenen Baum- 
bildes, mit demselben Fechner, der doch die Atome als diskrete Grössen 
und den leeren Baum im Interesse der physikalischen Forschung äusserst 
scharfsinnig zu verth eidigen weiss: wir werden sehen wie? und mit 
welchem Bechte? Und Kant gerade ist es, der immer wiederholt darauf 
aufmerksam macht, dass die Punkte weit gefehlt Elemente des Baumes 
zu sein, als termini a quo und ad quem, nur fixirte Hilfsmittel sind 
zur successiven Beconstruktion des Baumbildes. Von der transscenden- 
talen Frage nach Baum und Zeit ist hier nicht die Bede: nehmen wir 
mal hinsichtlich der letzteren den neuerdings gemachten Unterschied *) 
zwischen einer transscendenten und empirischen Zeit in Anspruch, ohne 
ihm übrigens unbedingt beizutreten, so ist es die empirische Zeitreihe 
als Vehikel unseres Vorstellungsverlaufes, als fixirte Zeitgrösse, von 
der wir handelten, ohne über die Zeit selbst als Continuum aburtheilen zu 
wollen. Vielmehr soll sich herausstellen, dass jenes Fixiren der Grenzen 
von einem tiefer gelegenen Focus des psychischen Lebens ausgeht. 

Bleiben wir nun beim Fixiren der Grenzen, zerlegen wir die gerade 
Linie in eine numerisch bestimmte Beihe einzelner Punkte, so ergiebt 
sich zunächst noch kein Widerspruch. Aber alsbald tritt unser Baum- 
bild corrigirond dazwischen und fragt uns: Bildet ihr euch ein in 



*) Von Laas, Kants Analogien der Erfahrung. 



• Von Dr. Otto Kuttner. T J\ 

punktuelle Elemente aufgelöst zu haben, was ihr nur durch Punkte 
willkürlich getrennt habt, und was ihr, so klein auch die Abstände von 
Punkt zu Punkt sein mögen, ad libitum weiter trennen könnt, wo nicht 
auf dem Papier so doch in der Vorstellung. Meinet ihr aber durch 
Bewegung des Punktes die Entstehung der Linie nachweisen zu können, 
so lasset euch sagen, dass mein eigenes räumliches Bild, das ihr nur 
reconstruiren könnt, das Prius eurer Operation war, und dieser hat zu 
Grunde liegen müssen, um sie überhaupt möglich zu machen. In der 
That meinen wir: das disparate Bild einer discreten Punktreihe und 
einer Linie zerstört die Fiktion, welche den Punkt als Element des räum- 
lichen Continuum fasst. 

Der Widerspruch einer begrenzten und unbegrenzten Theilbarkeit 
tritt also hervor durch die Vermischung oder Einmischung fixirter 
Zeitraomente in die simultane Eäumlichkeit. Jene aber drängt 
sich nicht blos mit dem psychischen Zwange einer Organisationsthatsache 
uns auf, sondern sie wird in dieser ihrer Form uns für alle Zeiten das 
einzige Fundamentalmittel der Forschung sein : wir fixiren zeitlich auch 
das Räumliche durch das Medium unserer Vorstellungen. Daher man 
hier von einer Antinomie der Geistesorganisation im vollen Sinne des 
Wortes zu reden das Recht hat und das Vergehen nicht gar zu unent- 
schuldbar erscheint, wenn der naive Realist jenen regressus ad infantum, 
den der kritische Forscher auf die phänomenale Welt des psycho- 
physischen Seins zurückführt, den Dingen selbst in die Schuhe schiebt. 

Aber was ist es denn nun mit jenen fixirten Zeitmomenten für ein 
geheimnissvolles Räthsel, damit wir den geduldigen Leser so lange 
hingehalten haben und darin doch das andere Element der Antinomie 
gelegen sein soll? Welcher „tiefer gelegene Fokus des psychischen 
Lebens" ist denn ihr Ausgangspunkt, wenn nicht die Zeit selbst? 

Der Verstand braucht einen Ruhepunkt, im Regressus des Ganzen 
zum Theil, in der analytischen Arbeit des Zerlegens, und so entsteht 
«las Atom, er braucht einen Ruhepunkt im Progressus der Theile zum 
Ganzen, in der synthetischen Arbeit des Componirens, und so entsteht 
der Weltbegriff, das Universum, das sind die Grundgedanken von Kants 
regulativen Ideen, wie sie sich schon in der Schrift vom Jahre 1770 



72 Die Bedeutung der regulativen Ideen Kante. , 

„de formis et principiis mundi sensibilis et intelligibilis" ausgesprochen 
finden. Indessen wir können es Keinem verdenken, wenn er sich mit 
dem hereingeschneiten deus ex machina eines „ltuhepunktes" als Er- 
klärung des geheimnissvollen Widerspruches von Vernunft zu Vernunft 
nicht begnügen will. Kant selbst bedient sich auch nur dieses Hilfs- 
ausdrucks, nachdem er gewiss sein darf, dass wir aus dem Voran- 
gehenden seiner Kritik den tiefern Grund zur Hand haben werden: 

Die Projektion der rein formalen Einheit unseres Denkvermögens 
nach Aussen vermag erst Ordnung in den chaotischen Stoff des Mannig- 
faltigen zu bringen, schafft den Begriff eines Objektes und den eines 
Gegenstandes überhaupt erst, ohne welche nur ein wirres Gewühl von 
Empfindungen in uns sich zutragen würde. Die Zeit aber bildet das 
zwischen Beiden vermittelnde Schema: das ist gemeine kantische Lehre. 

Es ist aber klar, dass der Begriff des Einfachen, Letzten, daraus 
der Körper sich zusammensetzt, des beharrlichen Substrates, das da 
bleibt im Wechsel der Zeit-Erscheinungen, und als solches Substanz von 
uns genannt wird, eben dort seine Quelle hat, wo der Begriff der Ein- 
heit und des Objekts überhaupt. Desshalb sind Substanz und Atom 
in streng erkenntnisstheoretischem Sinne identische Begriffe und 
wir mussten die Einschmuggelung des Substanzbegriffes in die Thesis 
der zweiten Antinomie, um daraus den Atombegriff deduciren zu können, 
als petitio principii zurückweisen. 

Wir sagen: die Begriffe des Atoms und der Substanz, als unheil- 
barer Einheiten, stammen aus jener formalen Einheit des Denkvermögens, 
das als logisches Ich aller psychischen Thätigkeit zu Grunde liegt. 
Die Frage aber, wo denn jene erste Einheit selbst herstamme, ist wider 
die Abrede des kritischen Phaenomenalismus, der sich ja nicht einbildet 
über Alles Aufschluss geben zu können. Damit ist natürlich in keiner 
Weise die psychologische Frage nach der Entstehung des Ich abge- 
schnitten, welche vielmehr durch die Aufweisung der Paralogismen den 
freiesten Spielraum erhält. Kant selbst fasst übrigens in der zweiten 
Antinomie den Atombegriff als zunächst auf ein Letztes, Untheilbares im 
Seelischen gehend, als einen Schluss also von der Einheit des Subjekts 
auf die Einheit desselben als Objekt. Denn jene erste Einheit bringt ja 



Von Dr. Otto Kuttner. 73 

überhaupt erst den Begriff der Substanz zu Wege. Es ist also eine 
Verbindung hergestellt zwischen den Antinomien und Paralogismen, in 
welchen derselbe Schluss Gegenstand der Kritik ist. Eine zweite Frage 
aber, ob denn nicht jenem Begriff der Substanz und des Untheilbaren 
ein wirklich Reales im transcendentalen Sinne entspreche, ist weder zu 
bejahen, noch zu verneinen, weil auf kritischem Standpunkte vollständig 
inhaltslos.- Die Vergegenwärtigung des Substanziellen der räumlich 
fixirten Erscheinung wird allerdings der unmittelbaren Vorstellung die 
plausibelste, ja sogar die einzig mögliche sein, weil es in der That eine 
Vergegenwärtigung nur im Räume giebt und wir unwillkürlich die 
entscheidende Operation des Denkens und Projicirens im Voraus unter- 
nommen haben, bevor wir uns darüber Rechenschaft geben können. 
Wenn nun Kant, nachdem er auf die angegebene Weise den Substanz- 
begriff im Räumlichen abgeleitet hat, mit Zuhilfenahme der fixirten 
Zeitmomente aus der Ich-Funktion, in der zweiten Auflage zur „Wider- 
legung des Idealismus" (Kirch mann a. a. 0. S. 235 ff.) wieder umge- 
kehrt die Vorstellung des Ich als eines Beharrlichen nur möglich glaubt, 
mit Zuhilfenahme der Analogie des räumlichen Substrates, so müssen 
wir auf diesem Punkte für den Kant der ersten Auflage gegen den 
der zweiten weniger um principieller Abweichungen willen als um 
des methodischen Cirkels in der Beweisführung Partei ergreifen. Es 
unterliegt keinem Zweifel, dass letztere Vorstellung die populäre verständ- 
lichere ist: wenn wir aber den Muth haben, den kritischen Phänome- 
nalismus anzunehmen, dann sollen wir uns auch vor der Consequenz nicht 
scheuen, dass die Empfindung des, wie es scheint, ruhigen Raumbildes 
mit den in ihn durch die Körperwelt gesteckten Grenzen, auf alle Fälle 
eben Empfindung, psychische Thätigkeit, bleibt, die vom Zeitverlauf un- 
abhängig zu denken, auch für die ausschweifendste Phantasie ein un- 
ausführbares Kunststück sein wird. 

Das Recht der Atome liegt in der Nöthigung sie zu denken und 
mehr noch, wie Fechner sich ausdrückt, „in der mathematischen Not- 
wendigkeit, sie zu gebrauchen". 

Fechner behauptet für die Physik die Notwendigkeit diskreter 
Atome und leeren Raumes, die Notwendigkeit im methodischen Sinne, 
was dies besagen will, mag folgendes kurze Beispiel erläutern: 



74 Die Bedeutung der regulativen Ideen Kants. 

Die Fallgeschwindigkeit pflegt man zu berechnen, indem man die 
einzelne Sekunde als diskrete Grösse betrachtet. So kommt auf die 
erste Sekunde eine bestimmte Durchschnittsgeschwindigkeit = g, auf 
die zweite eine bestimmte = 2 g u. s. w. Es ist nun evident, dass 
hier in Wahrheit vom Ende der ersten Sekunde bis zum Anfang der 
zweiten kein plötzlicher Sprung von g auf 2 g stattfindet, sondern der 
üebergang findet continuirlich-allmählich statt. Aber es ist andrerseits 
klar: dass an der Richtigkeit des Resultates durch diese Fixirung von 
Sekunden als bestimmter Zeiteinheiten nichts geändert wird, und dass, 
ohne sie zu Hilfe zu nehmen, eine Berechnung überhaupt unmöglich 
wäre. Dieselbe Bewandniss hat es mit dem Nutzen diskreter Atome 
für die Physik, und was ihr Verhältniss zu den dynamischen, den Raum 
continuirlich erfüllenden, Kraft- Centren Kants betrifft, so möge sich 
Kuno Fischer von Fechner auseinandersetzen lassen, dass der Philosophie 
die Annahme unbenommen bleibe, von Atom zu Atom den leeren Raum 
durch einen feineren nicht mehr wägbaren Aether-Stoff ausgefüllt zu 
denken. In der That nimmt Kant diesen an in seinem medium in 
se elasticum; und er ist bei Lichte besehen nicht bloss eine Förderung 
der Philosophie, sondern auch der Physik. Oder wie stellt man sich 
die Aether- Vibrationen, durch welche Licht und Farbe sich vermittelt, 
vor? ja selbst die Repulsions-Kraft ist man im Grossen und Ganzen 
geneigt auf Kosten dieser Aether-Atome zu setzen. 

Wir sagten vom Begriffe des Atoms, er sei identisch mit dem der 
Substanz. Und das gilt nicht bloss erkenntnisstheoretisch, sondern auch 
physikalisch. Das physikalische Axiom : Bei allen Veränderungen bleibt 
die Quantität der Materie unvermindert und unvermehrt, ist ein Satz 
der im Begriffe der Substanz gelegen ist, und, der in Anwendung kommt 
für deu Begriff der Atome, und zwar in qualitativer Bedeutung. Die 
untheilbaren Urstoffe sind als solche unvergänglich, vergänglich ist nur 
die Form ihrer Verbindung. Wir hatten zwar oben eine definitive 
Beschränkung des Atom-Begriffes auf diese Bedeutung abgewiesen, es 
kam uns auf eine scharfe erkenntnisstheoretische Fixirung an. Aber es 
ist ja evident: dass die Anwendung und regulative Verwerthung dieses 
Begriffes, die übrigens ohne Reflexion vor sich geht, für Physik und 



' Von Dr. Otto Kuttner. 75 

Chemie nicht besteht in der lediglichen Einschränkung auf das mathe- 
matisch-unendlich Kleine, sondern im Gebrauch nach Bedürfniss. So 
ist das Ur-Element qualitativ ein Atomon, so ist es das Molekuel des 
Chemikers im Hinblick auf gewisse physikalische Eigenschaften, so ist 
es das Atom des Physikers im mathematischen Verstand, und auch 
dieses lässt noch Eaum für Aether- Atome, die als Imponderabilia zwischen 
den Ponderabilien schwingen. 

Diese regulative und nicht mehr als regulative Bedeutung der Atome, 
auf die zuerst Kant, allerdings mehr negativ abweisend, als positiv 
zustimmend, aufmerksam gemacht hat, haben wir durch erkenntniss- 
theoretische Ableitung uns klar machen wollen, das Augenmerk richtend 
auf die also entstehende Antinomie zwischen Continuum und diskreter 
Grösse. 

Schliessen wir mit einem Worte Du Bois Keymond's über diesen 
Gegenstand: 

„Da ergiebt sich denn bekanntlich, dass zwar innerhalb bestimmter 
„Grenzen die atomistische Vorstellung für den Zweck unserer physi- 
kalisch mathematischen Ueberlegungen brauchbar, ja unentbehrlich ist, 
„dass sie aber, wenn die Grenzen der an sie zu stellenden Forderungen 
„überschritten werden, als Corpuscular-Philosophie in unlösliche Wider- 
sprüche führt". 

Wie der Begriff des Universum durch Verfestigung nach der andern 
Seite hin zu Stande kommt, nach demselben Grundsatze: ein Ruhepunkt 
in der Synthese des Manigfaltigen, ist nicht schwer zu sehen. Viel- 
leicht haben wir ein ander Mal Gelegenheit, hierauf zurückzukommen, 
um von hier aus zugleich die eigenthümlichen Grund-Beziehungen im 
Denken zwischen Naturwissenschaft und Theologie heraussetzen zu können. 

Geschrieben im Sommer 1882. 



Kants Gedanken von den Bewohnern der Gestirne. 

Vortrag, 

gehalten zum Besten des Vereins für die Erziehung taubstummer Kinder 

von 

Carl Witt. 

Gewiss war es eine der grössten Zumutungen, die jemals an die 
menschliche Fähigkeit zu glauben gestellt wurden, als Kopernikus vor 
nunmehr viertehalb hundert Jahren mit der Behauptung auftrat, dass 
die Sonne, die so offenbar sich bewegte, stillstehe, und die Erde, die 
nicht die mindeste Unruhe verriet, sich bewege. Und es war nicht blos 
dieser schreiende Widerspruch mit dem Augenschein, was den Sprung 
in die neue Anschauung erschwerte, gleichzeitig erfuhr der menschliche 
Stolz durch die nächsten Folgerungen, die aus ihr herflossen, die 
empfindlichste Demütigung. Denn nach der alten Ansicht diente die 
ganze Pracht des Himmels nur dem Zwecke, unsere Erde bei Tage und 
bei Nacht zu erleuchten, nur darum machte als ihr glänzendes Gefolge 
das unendlich reiche Heer von Fixsternen und Planeten seinen täglichen 
Rundgang um diese Krone, diese Perle der Schöpfung. Jetzt sollte 
die Erde von ihrem Königsthrone herabsteigen und in gleicher Keihe 
mit den übrigen Planeten der Sonne die Schleppe nachtragen. Es ist 
daher nicht zu verwundern, wenn es langer Zeit bedurfte, bis die 
Mehrzahl der Gebildeten, ja der Gelehrten, sich der Auffassung des 
Kopernikus anschloss. Sobald nun die Astronomie im Besitz der nötigen 
Beobachtungsmittel und Rechenmethoden war, konnte man von dem 
neuen Standpunkte aus die Rolle genau bestimmen, welche die Erde 
für die andern Planeten spielt. Auf der Venus und dem Mars sieht 



Kants Gedanken von den Bewohnern der Gestirne. Von Carl Witt. 77 

die Erde nur wenig grösser aus, als diese uns erscheinen. Die Be- 
wohner des Jupiter müssten ausgezeichnete Teleskope, viel leistungs- 
fähigere als wir besitzen, um sie auch nur als deu unscheinbarsten 
unter den Sternen des Himmels wahrzunehmen, und die noch entfern- 
teren Planeten haben von ihrer Existenz ebenso wenig eine Ahnung, 
wie wir von den Millionen von Planetenwelten, die höchst wahrscheinlich 
die Schwestern unserer Sonne, die Fixsterne umkreisen. Wenn somit 
die Erde iu dieser und anderen Beziehungen die Natur der Planeten 
teilte, so lag der Gedanke nahe, dass diese in allem Wesentlichen mit 
der Erde übereinstimmten und demnach auch diejenige Besonderheit 
besässen, die uns, ihren Bewohnern, die interessanteste an ihr ist: die 
Ausstattung mit sinnlich-vernünftigen Wesen. Diese Vorstellung musste 
der Phantasie sehr reizend erscheinen, da sie ihr ein unermessliches 
Feld für Vermutungen, Hoffnungen und Träume darbot, gegen die ihr 
oft so unbequemer Hofmeister, der nüchterne Verstand, im Grunde 
keinen gehörig formulierten Widerspruch erheben konnte. Ideen solcher 
Art hatten wärmere Köpfe gewiss schon früher beschäftigt, aber die 
Form, in welcher sie die Teilnahme der Menge gewannen, fanden 
sie erst in der 1686 erschienenen kleinen Schrift von Fontenelle: 
„Entretiens sur la Pluralite des mondes u (Unterhaltungen 
über mehrerlei Welten). Fontenelle war ein sehr rühriger Schrift- 
steller, der seine leichte und elegante Feder den verschiedensten Ge- 
bieten widmete; alles übrige ist indessen längst in Schatten getreten, 
während diese „Entretiens" sich fast zwei Jahrhunderte im Gedächtnis 
der Lesewelt behauptet haben, noch immer aufgelegt werden und als 
angenehm anregende und zugleich wissenschaftlich aufklärende Lektüre 
noch immer Empfehlung verdienen. Sie sind in den Rahmen einiger 
Abendgespräche gefasst, welche Fontenelle mit einer jungen anmutigen 
Marquise führt, auf deren Landsitz er sich als Gast befindet An einem 
herrlichen Mondscheinabend lustwandeln sie im Parke der Marquise und 
der Anblick des Sternenhimmels veranlasst die letztere zu einigen Fragen 
an ihren gelehrten Freund. Sie ist eine Dame von vielem natürlichen 
Verstand, von Geist und Witz, mit allen Bomanen ihrer Zeit ohne 
Zweifel vertraut, aber höchst unwissend in allem, was die Verhältnisse 



78 Kant« Gedanken von den Bewohnern der Gestirne. 

der Erde zu Sonne, Mond und Sternen betrifft. Dies nötigt Fontenelle, 
zum Vorteil gewiss sehr zahlreicher Zeitgenossen, die sich in dieser 
Beziehung in ganz der nämlichen Lage wie die Marquise befanden, auf 
die einfachsten Grundthaisachen zurückzugehn, und fuhrt zu einer Reihe 
von Erklärungen, in welchen Fontenelle das oft so glänzende Talent 
der Franzosen für populäre Darstellung im vollsten Maße bewährt. Die 
Marquise würde vielleicht bald müde sein, sich auf diese unromantischen 
Dinge einzulassen, aber Fontenelle zieht sie an dem Faden der Idee, 
dass sehr wahrscheinlich, ja sicher, noch andere Weltkörper ausser der 
Erde von geistigen, menschenähnlichen Wesen bewohnt seien, hinter 
sich her und unterhält so ihre Aufmerksamkeit für das, was zum Ver- 
ständnis unseres Planetensystems dient. 

Der erste Versuch, fremde Weltkörper zu beseelen, gilt dem Monde. 
Nichts scheint sicherer als dass, wenn überhaupt ausseihalb der Erde 
denkende, fühlende Wesen anzunehmen, der Mond sie haben müsse. 
Denn er weist uns eine vollständige Landkarte, von Seiten der Sonne 
erfährt er dieselbe Gunst wie die Erde und an dieser letzteren hat er 
eine Leuchte der Nacht, wie er selbst sie uns noch lange nicht gewährt, 
indem die viel grössere Erde in der Phase ihres Vollichts soviel wie 
dreizehn bis vierzehn Monde leistet. Und wie interessant müsste es sein, 
unter den höchst eigentümlichen Verhältnissen unseres nächsten Nach- 
bars zu leben. Die Sterne des Firmaments leuchten von einem fast 
schwarzen Himmel in viel lebhafterem Glänze, und ohne das Dazwischen- 
treten einer Morgen- oder Abenddämmerung geht aus dem Dunkel der 
Nacht urplötzlich der volle Tag hervor und umgekehrt jene aus diesem. 
Das sogenannte schlechte Wetter giebt es dort nicht: kein Vergnügen 
kann verregnen, keine nervöse Natur durch ein Gewitter erschreckt 
werden, kein zudringlicher Wind setzt die Gesundheit in Gefahr. Stö- 
render Lärm ist nie zu besorgen; selbst wenn einer der hohen Mond- 
berge plötzlich in Trümmern ins Thal stürzte, würde das gewaltige 
Ereignis nicht das leiseste Summen einer irdischen Mücke übertönen. 
Aber alle diese Annehmlichkeiten fliessen aus einem Mangel des Mondes 
her, der uns den Wunsch, dorthin auszuwandern, ganz und gar verleiden 
muss. Denn aus der Beobachtung, dass die Strahlen der Sterne selbst 



Von Carl Witt. 79 

in der grösstcn Nähe des Mondes nicht die geringste Ablenkung er« 
fahren, ergiebt sich mit unzweifelhafter Gewissheit die Abwesenheit 
desjenigen Lebensmittels, von dem man nach dem bekannten Sprich- 
wort nicht, ohne das man aber ebenso wenig leben kann, der Luft. 
Wenn aber der Druck der Luft fehlt, so kann kein Wasser bestehn, 
ohne das Wasser wieder ist keine Pflanzendecke, ohne diese kein Tier- 
leben möglich. Kurz, wir Menschen und alle Wesen, deren Lebens- 
bedingungen den unsrigen irgend ähnlich wären, würden dort keine fünf 
Minuten leben können. In Fontenelle's Zeit war diese Eigentümlichkeit 
des Mondes noch nicht so wie mit unsern heutigen viel schärfer blickenden 
Fernröhren zu erweisen, aber schon damals wusste man vom Monde 
genug, um die Bewohnbarkeit desselben als äusserst unwahrscheinlich 
anzusehn. Fontenelle kann sich auch nur nach einigem Widerstreben 
zu der entgegengesetzten Meinung entschliessen, aber — es scheint ein 
Tribut der Galanterie an die Marquise zu sein, die den lebhaften 
Wunsch ausspricht, diesen nächsten und deutlichsten Genossen der Erde, 
zu welchem so viele Seufzer glücklich und unglücklich Liebender auf- 
steigen, sich bewohnt denken zu dürfen — er gicbt ihr nach und be- 
schwichtigt seine Zweifel mit der Annahme, dass die Bewohner des 
Mondes sehr anders organisirt seien als die Menschen. 

Günstiger steht es um Merkur, Venus und die anderen Planeten. 
In Fontenelle's Zeit hatte man keinen Grund, das Vorhandensein einer 
dieselben umgebenden Luft- und Dampfhülle zu bezweifeln, heute ist 
es von einem Teil derselben sogar erwiesen, dass sie eine solche be- 
sitzen. Es steht daher nichts im Wege sich diese Weltkörper als 
Stätten organischen und seelischen Lebens vorzustellen. Ob nun ihre 
Bewohner uns Menschen gleichartig sind? Im Wesentlichen, meint 
Fontenelle, ja; sie haben Empfindungen, Gefühle, Bedürfnisse, Neigungen, 
Gedanken, nur wird der grosse Unterschied des Klimas zwischen den 
der Sonne näheren und ferneren Planeten gewisse Differenzen in dem 
Temperament und den geistigen Zuständen ihrer Bewohner nach sich 
ziehen. Venus und Merkur befinden sich in geringerem Abstände von 
der Sonne als die Erde, haben also wie einen höheren Grad von Hellig- 
keit, so ein grösseres Maß von Wärme ; Jupiter erhält nur 1/25* Saturn 



8Q Kants Gedanken von den Bewohnern der Gestirne. 

(der äusserste der damals bekannten Planeten) gar nur 1/90 des Lichts 
und der Wärme, welche die Sonne uns Erdbewohnern spendet. Diese 
Unterschiede liefern der Phantasie der beiden Freunde das nötige Ma- 
terial für ihre Vorstellungen von der mannigfaltigen Natur der Planeten- 
bewohner. Die Marquise meint, die Bürger der Venu3 müssten den 
Mauren in Granada gleichen, ein kleines von der Sonne verbranntes, 
schwarzes Volk sein, voll Geist und Feuer, immer verliebt, geborene 
Dichter, Musikfreunde und Wesen, die alle Tage neue Feste, Tänze 
und Spiele erfinden. Fontenelle hält die Farben dieses Bildes noch für 
zu matt. Die Mauren Spaniens würden, mit den Venusbewohnern ver- 
glichen, nüchtern und träge, wie Lappen und Grönländer erscheinen; 
gar die Leute auf dem Merkur, welche der Sonne fast dreimal näher 
wohnen als wir und also bei einer Hitze wie im heissesten Afrika vor 
Frost zittern würden, müssten vor Lebhaftigkeit närrisch sein, daher 
kein Gedächtnis haben und der Ueberlegung unfähig unter der unbe- 
dingten Herrschaft des ersten besten Einfalls stehn: kurz, der Merkur 
sei wahrscheinlich das Tollhaus unserer Planetenwelt. Im vollsten 
Gegensatz dazu steht das Leben auf dem Saturn. Kämen die Bewohner 
desselben in die Nachbarländer unseres Nordpols, dicke Schweisstropfen 
würde ihnen die dortige Kälte auspressen, ; denn bei ihnen zu Hause 
sei das Wasser stets wie polierter Marmor und selbst der Weingeist 
beständig gefroren. Vor jeder Uebereilung sind sie sicher, da sie sich 
des unerschütterlichsten Phlegmas erfreuen. Was lachen heisst, wissen 
sie nicht, brauchen einen ganzen Tag, um auf die einfachste Frage die 
Antwort zu finden, und der schweigsame Cato würde unter ihnen für 
den unerträglichsten Schwätzer gelten. 

Dass die Gespräche Fontenelle's unterhaltend sind, wird man nach 
den gegebenen Andeutungen kaum bezweifeln; auch der wissenschaftlich 
belehrende Teil verdient um seiner ungewöhnlichen Durchsichtigkeit 
willen Beifall. Aber wir haben die Empfindung, dass wir nach einer 
leichten Unterhaltung mit geistvollem Spiel in die Sphäre gediegenen 
wissenschaftlichen Ernstes übertreten, wenn wir uns nach der Lektüre 
Fontenelle's der Schrift Kant's zuwenden, in welcher er seine Ge- 
danken über den nämlichen Gegenstand ausspricht. 



Von Carl Witt. 81 

Nachdem Eant neun Jahre als Hauslehrer auf dem Laude zugebracht, 
kehrte er — 31 Jahre alt — 1755 nach Königsberg zurück und wurde 
hier Privatdocent an der Universität, eine Stellung, in welcher er andert- 
halb Jahrzehnte verbleiben sollte, denn erst 1770, als er bereits über 
die Hälfte der Vierziger hinaus war, erhielt er eine Professur. Gleich 
nach seiner Rückkehr vom Lande erschien seine erste bedeutsame Schrift, 
die „Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels." Er stellt 
darin eine Hypothese auf, welche damals sehr kühn erscheinen musste, 
heute aber fast das Ansehn einer beobachteten Thatsache hat. Nach 
dieser bestand die Materie unseres Planetensystems ursprünglich in Form 
einer den ganzen Baum desselben einnehmenden und noch weit darüber 
hinausreichenden ungeheuren Dunstkugel, aus welcher sich allmählich 
infolge der allgemeinen Anziehung einerseits der Centralkörper, die Sonne, 
anderseits die mächtigen Klumpen der Planeten zusammenzogen. Gewiss 
ein Gedanke, neu und genial genug, um die allgemeinste Beachtung zu 
finden, aber er blieb lange Zeit das Geheimnis äusserst weniger. Bücher 
haben eben ihre Schicksale wie die Menschen, und über diesem Buche 
hat leider kein Glücksstern gewaltet. Im Jahre nach seinem Erscheinen 
brach der siebenjährige Krieg aus und während desselben war man von 
den irdischen Dingen so vollauf in Anspruch genommen, dass die himm- 
lischen wenig Interesse erregten. 1765 schrieb ein hochangesehener Ge- 
lehrter an Kant, dessen Schriften er die lebhafteste Teilnahme zuwandte: 
„Ich kann Ihnen zuversichtlich sagen, dass mir Ihre Gedanken über den 
Weltbau noch dermalen nicht vorgekommen." Und ein halbes Jahrhundert 
später trug der grosse französische Geometer Laplace in seiner „M^canique 
ce'leste" dieselbe Hypothese (mit einer einzigen Abänderung) vor, ohne zu 
ahnen, dass er auf diesem Felde schon einen so berühmten Vorgänger hatte. 
Nachdem die „Naturgeschichte des Himmels" sich in ihrem weit- 
aus grössten Teil mit der Erörterung der mathematisch-physikalischen 
Thatsachen beschäftigt hat, bringt sie zum Schlüsse einen „Anhang. 
Von den Bewohnern der Gestirne. Versuch einer auf die Analogieen 
der Natur gegründeten Vergleichung zwischen den Bewohnern der ver- 
schiedenen Planeten." Schon in der Vorrede zum ganzen Werke be- 
zeichnet Kant den Charakter dieses Abschnitts mit den Worten: „Man 

Altpr. Mooatsschrift Bd. XXII. Uft. 1 u. 2. Q 



82 Kants Gedanken von den Bewohnern der Gestirne. 

wird allemal etwas mehr wie blos willkürliches, obgleich jederzeit etwas 
weniger als ungezweifeltes darin finden". Seine Schlüsse sind von 
wesentlich anderer Art als die Fontenelles, aber die Grundlage, auf 
welcher sie beruhen, bei beiden ein und dieselbe, wie es auch nicht 
anders sein konnte. Auch Kant geht von dem Wesen des Menschen 
aus, des einzigen vernünftigen Wesens, das wir kennen, und ändert 
dieses uur nach den abweichenden Bedingungen ab, die es auf anderen 
Planeten vorfindet. Und hier sieht er sich fast lediglich anf dasselbe 
Moment gewiesen, das schon die Quelle für die Mutmassungen Fontenelle's 
war, die verschiedenen Abstände der Planeten von der Sonne. Es ist 
ja auch ein recht ausgiebiges, da die Sonne als die eigentliche Pflegerin 
des Lebens auf die Planeten den mächtigsten Einfluss übt und im Cha- 
rakter orientalischer Naivetat mit einer Henne verglichen werden könnte, 
die ihre Küchlein, die Planeten, wärmt und nährt. Sie spendet zugleich 
mit ihrem „rosigen Licht u nicht blos unmittelbar lebenweckende Wärme, 
Stephenson hatte ja vollkommen recht zu sagen, seine Eisenbahnzüge 
würden von der Sonne getrieben, denn auch die künstliche Wärme, die 
wir uns durch Feuer bereiten, ist nur aufgespeicherte Sonnenwärme, da 
unser gesamtes Brennmaterial, Holz, Kohlen, Oele, aus solchen Stoffen 
besteht, die sich in Pflanzen unter dem Einfluss der warmen Sonne 
unlängst oder wie die Steinkohlen vor unendlich langer Zeit gebildet 
haben. Die Sonne ist es ferner, die durch die Verdampfung der Wasser- 
flächen das Material zu den Wolken liefert, welche, nachdem sie längere 
oder kürzere Strecken als „Segler der Lüfte" zurückgelegt, in der Form 
des Segens zum Erdboden zurückkehren und so die unumgängliche Be- 
dingung alles Pflanzenwuchses und damit zugleich alles Tierlebens erfüllen. 
In betreff der Planetenbewohner meint Kant zunächst, „es sei eben 
nicht notwendig anzunehmen, dass alle Planeten bewohnt seien, ob es 
gleich eine Ungereimtheit wäre, es in Ansehung aller oder auch nur 
der meisten zu leugnen." Wenn es der göttlichen Weisheit nicht wider- 
spreche, dass auf der Erde weitgedehnte unbewohnte Sandwüsten sich 
finden, warum sollte es nicht auch unbewohnte Planeten geben, da doch 
ein Planet im Vergleich mit dem Ganzen der Schöpfung nur ein Atom 
und viel weniger sei als eine der grossen Wüsten gegenüber dem Erd- 



Von Carl Witt. g3 

boden. Was sich in dem Menschen dagegen sträube, sei seine Ein- 
bildung, dass eine Schöpfung ohne ihn oder seinesgleichen ganz verfehlt 
sein würde, ein Dünkel, der unlängst von einem witzigen Kopfe im 
Haag recht glücklich verspottet worden sei. „Diejenigen Creaturen, 
welche die Wälder auf dem Kopfe eines Bettlers bewohnen, hatten 
schon lange ihren Aufenthalt für eine unermessliche Kugel und sich 
selber als das Meisterstück der Schöpfung angesehen, als einer unter 
ihnen, den der Himmel mit einer feineren Seele versehn, ein kleiner 
Fontenelle seines Geschlechts, unvermutet den Kopf eines Edelmanns 
gewahr ward. Alsbald rief er alle witzigen Köpfe seines Quartiers zu- 
sammen und sagte ihnen mit Entzückung : Wir sind nicht die einzigen 
belebten Wesen der ganzen Natur; seht hier ein neues Land, hie 
wohnen mehr Läuse!" Kant's Wohlgefallen an diesem Spott ist 
keineswegs das eines Menschenfeinds, vielmehr weil er von der Be- 
stimmung der Menschheit so überaus hoch dachte und ein so warmer 
Freund der Menschen war, schmerzte es ihn, dass er die moralische 
Verfassung, welche ihm bei der grossen Mehrzahl der Menschen ent- 
gegentrat, als eine höchst unwürdige erkennen musste, und er hat des- 
halb wiederholt Gelegenheit genommen, sie in den stärksten Ausdrücken 
zu geissein. In der Naturgeschichte des Himmels heisst es: „Wenn 
man das Leben der meisten Menschen ansieht, so scheint diese Creatur 
geschaffen zu sein, um wie eine Pflanze Saft in sich zu ziehen und zu 
wachsen, sein Geschlecht fortzusetzen, endlich alt zu werden und zu 
sterben. Er erreicht unter allen Geschöpfen am wenigsten den Zweck 
seines Daseins, weil er seine vorzüglichen Fähigkeiten zu solchen Ab- 
sichten verbraucht, die die anderen Creaturen mit weit minderen Fähig- 
keiten und doch weit sicherer und anständiger erreichen. Er würde 
auch das verachtungswürdigste Geschöpf unter allen, zum wenigsten in 
den Augen der wahren Weisheit sein, wenn die Hoffnung des Künftigen 
ihn nicht erhübe und den in ihm verschlossenen Kräften nicht die 
Periode einer völligen Auswicklung bevorstünde." Wenn übrigens ein 
Teil der Planeten keine denkenden Bewohner habe, so könne der Grund 
auch darin liegen, dass sie noch nicht in das Stadium ihrer Entwickelung 

getreten, in welchem sie dazu im stände sind. Die Erde habe offen- 

6* 



g4 Kants Gedanken von den Bewohnern der Gestirne. 

bar eine lange Reihe vom Umwälzungen durchmachen müssen, ehe ihre 
Oberfläche beruhigt genug war, um Geschöpfen unserer Art einen hin- 
reichend sicheren Aufenthalt zu bieten. Kant schlägt diese vorberei- 
tenden Perioden auf Jahrhunderte und Jahrtausende an, nach heutiger 
Auffassung würde man wohl Hunderttausende, Millionen von Jahren 
dafür erforderlich erachten. Dass übrigens die meisten Planeten bewohnt 
sind und diejenigen, welche es noch nicht sind, einer gleichen Aus- 
stattung entgegen gehn, schliesst er nicht nur aus ihrer äusserlichen 
Analogie mit der Erde, sondern ebenso sehr aus dem allgemeinen Ge- 
danken, dass die Werke der Natur ihren wahren Zweck nicht erreicht 
haben, so lange es an vernünftigen Wesen fehlt, die sich an ihnen 
erfreuen und aus ihrer Betrachtung Antrieb und Mittel für ihre geistige 
Vervollkommnung ziehen. 

Kant stellt sich nun die Frage: welche Abänderungen in der körper- 
lichen Organisation denkender Wesen sind erforderlich, wenn diese in 
wesentlich verschiedenen Abständen von der Sonne lebensfähig sein 
sollen? Dass wir Menschen weder auf dem siebenfach wärmeren Merkur, 
noch auf dem neunzigfach kälteren Saturn leben könnten, ist unbestreit- 
bar, denn der Mensch hat wie die Pflanze sein Maximum und Minimum 
von Wärme, über die hinaus er entweder vor Hitze oder vor Kälte 
umkommt. Giebt es also den Menschen ähnlich organisierte Wesen 
auf den Planeten, die der Sonne erheblich näher sind, so müssen sie 
die Fähigkeit besitzen, ein viel höheres Maß von Wärme ohne Gefahrdung 
ihres Lebens zu ertragen; ist Saturn mit menschenähnlichen Wesen 
bevölkert, so bedürfen diese eines Leibes, der mit dem neunzigsten Teil 
irdischer Wärme bestehen kann. Kant meint nun, dass die Bewohner 
der näheren Planeten mit einem Körper aus gröberem, derberem 
Stoff versehen sind, dessen Starrheit erst durch eine hohe Temperatur 
überwunden wird, während der Leib der sinnlich-geistigen Wesen auf 
den entfernteren Planeten sich aus so feinem Stoffe bildet, dass sie 
schon durch ein sehr geringes Maß von Wärme in die zum Leben er- 
forderlichen Bewegungen des Blutumlaufs und der Nerventhätigkeit 
versetzt werden. „Damit ich", sagt er, „alles in allem zusammenfasse: 
Der Stoff, woraus die Einwohner verschiedener Planeten, ja sogar die 



Von Carl Witt, 85 

Tiere und Pflanzen gebildet sind, muss überhaupt um desto leichterer 
und feinerer Art und die Elasticitat der Fasern samt der vorteilhaften 
Anlage ihres Baues um desto vollkommener sein nach dem Maße, als 
sie weiter von der Sonne abstehn." 

Der Unterschied in dem Gewebe der leiblichen Hülle kann aber 
für den Geist nicht ohne bedeutsame Folgen sein, wie die an Körper 
und Geist gleichzeitig eintretenden Veränderungen beweisen, welche der 
Mensch in der Folge seiner Lebensalter durchmacht. „Nach dem Maße, 
als der Körper des Menschen sich ausbildet, bekommen die Fähigkeiten 
seiner denkenden Natur auch die gehörigen Grade der Vollkommenheit 
und erlangen allererst ein gesetztes und männliches Vermögen, wenn 
die Fasern seiner Werkzeuge die Festigkeit und Dauerhaftigkeit über- 
kommen haben, welche die Vollendung ihrer Ausbildung ist.* Ander- 
seits „Wenn das hohe Alter durch den geschwächten Umlauf der Säfte 
nur dicke Säfte kocht, so erstarren die Kräfte des Geistes in einer 
gleichen Ermattung u . Ferner „ist aus den Gründen der Phychologie 
ausgemacht, dass vermöge der jetzigen Verfassung, darin die Schöpfung 
Seele und Leib von einander abhängig gemacht hat, die erstere nicht 
allein alle Begriffe des Universi durch des letzteren Gemeinschaft und 
Einfluss überkommen muss," — wir würden ja von der Welt gar keine 
Kenntnis haben, wenn wir nicht mit unseren fünf Sinnen an ihr um- 
hertasteten — „sondern dass auch die Ausübung seiner Denkungskraft 
selber auf dessen Verfassung ankommt und von dessen Beihilfe die 
nötige Fähigkeit dazu entlehnet.* Dieselbe Seele, die wir vom ersten 
Bewusstsein als unser Ich kennen, wenn sie in einen anders gearteten 
Leib gebettet wäre, würde mit einer anderen Fähigkeit und Leichtigkeit 
zu denken ausgerüstet sein. Und zwar — nach Kant's Meinung — 
je gröber der Stoff des Leibes, an den wir gebunden, desto weniger 
deutlich die Wahrnehmungen, weil sie durch ein trübes Medium ihren 
Weg nehmen, desto mehr Widerstand findet die geistige Thätigkeit, 
desto mühsamer wird diese, desto geringer unsere Neigung, uns damit 
zu befassen. Wo dagegen der Körperstoff von feinerem Gewebe, das 
Gehirn von lebhafterer Empfindlichkeit ist, da wird das wertvollere Roh- 
material der Sinne von der Seele leichter in die höheren Formen des 



gg Kants Gedanken von den Bewohnern der Gestirne, 

Geistes verarbeitet. Da nun, je näher ein Planet der Sonne, der Körper 
denkender Wesen um so mehr durch eine handfeste, aber darum auch 
rohere Zusammensetzung gegen die Gewalt der Sonnenwärme geschützt 
werden musste, so schliesst Kant, die Bewohner des Merkur möchten 
wohl unter allen die geistig schwerfälligsten, dumpfesten sein, während 
die des Jupiter nicht nur diese, sondern auch uns Erdwesen an „Hurtig- 
keit der Gedanken, Klarheit der Vorstellungen, Lebhaftigkeit des Witzes, 
Umfang und Genauigkeit des Gedächtnisses" bei weitem übertreffen 
müs8ten. „Welch ein verwunderungswürdiger Anblick!" ruft er aus, 
„auf der einen Seite sehn wir denkende Geschöpfe, bei denen ein Grön- 
länder oder Hottentotte ein Newton sein würde, auf der andern andere, 
die diesen nur als einen" — ungewöhnlich begabten — „Affen ansehn", 
wie es bei Pope heisst: 

„Jüngst sahn die hohem Wesen, dass ein Mann, 
Ein irdischer das Weltgesetz ersann, 
Da dünkt sie Newton ganz so wunderbar, 
Wie etwa uns ein kluger Affe war". 

Eine Bestätigung ijär die geistigen Vorzüge der Jupitersbewohner 
findet Kant in der Einrichtung, dass dort der Wechsel von Tag und 
Nacht in zehn Stunden vollendet ist. „Was würde der Bewohner der 
Erde, wenn er auf den Jupiter versetzt würde, bei dieser Einteilung 
wohl anfangen? fünf Stunden würden zu derjenigen Ruhe nicht zureichen, 
die diese grobe Maschine zu ihrer Erholung durch den Schlaf braucht. 
Was würde ferner die Vorbereitung zu den Verrichtungen des Wachens, 
das Kleiden, die Zeit, die zum Essen angewandt wird, nicht für einen 
Anteil an der folgenden Zeit abfordern und wie würde eine Creatur, 
deren Handlungen mit solcher Langsamkeit geschehn, nicht zerstreut 
und zu etwas Tüchtigem unvermögend gemacht werden, deren fünf 
Stunden Geschäfte plötzlich durch die Dazwischenkunft einer ebenso 
langen Finsternis unterbrochen würden ? Dagegen wenn Jupiter von voll- 
kommeneren Creaturen bewohnt ist, die mit einer feineren Bildung mehr 
elastische Kräfte und eine grössere Behendigkeit in der Ausbildung ver- 
binden, so kann man glauben, dass diese fünf Stuuden ihnen eben dasselbe 
und mehr sind, als was die zwölf Stunden des Tages für die niedrige 
Klasse der Menschen betragen 41 . 



Ton Carl Witt. 87 

Zu jenen Vorzügen der Jupitersbewohner meint Kant auch den 
eines längeren Lebens gesellen zu dürfen. „Es ist zu glauben, dass, 
obgleich die Vergänglichkeit auch an den vollkommensten Naturen nagt, 
dennoch der Unterschied in der Feinigkeit des Stoffes, in der Elasticität 
der Gefässe und der Leichtigkeit und Wirksamkeit der Säfte, woraus 
jene vollkommeneren Wesen gebildet sind, die Hinfälligkeit, welche eine 
Folge aus der Trägheit einer groben Materie ist, weit länger aufhalten 
und diesen Creaturen eine Dauer, deren Länge ihrer Vollkommenheit 
proportionirt ist, verschaffen werde, sowie die Hinfälligkeit des Lebens 
der Menschen ein richtiges Verhältnis zu ihrer Nichtswürdigkeit hat". 

Wenn nun die denkenden Naturen auf den Planeten sich nach ihrer 
leiblichen und geistigen Verfassung so wesentlich unterscheiden, so muss 
auch ihr Verhalten zu dem moralischen Gesetz, ihr sittliches Thun und 
Handeln unter dem Einfluss ihres Ortes im Weltraum stehn. Denn 
unsere sittlichen Entscheidungen zwischen dem Angenehmen und Guten 
sind das Besultat eines inneren Kampfes: auf der einen Seite stehn die 
sinnlichen Beizungen und die Leidenschaften, auf der anderen das Wissen 

m 

von den unbedingten Ansprüchen, welche die sittlichen Forderungen auf 
unsern Gehorsam haben, das Gewissen. Je heftiger die ersteren auf 
uns eindringen, desto schwerer fällt es ihren Andrang siegreich abzu- 
wehren; in je grösserer Klarheit das Becht der anderen vor unserem 
Bewusstsein steht, desto mehr dürfen wir hoffen, in der Stunde der 
Versuchung ihre Gegner niederzuwerfen, wie denn im Alterthum gesagt 
worden, dass, wenn wir die Tugend in solcher Leibhaftigkeit wie ein 
sinnliches Gebilde im Glänze ihrer erhabenen Schönheit sehn könnten, 
wir nicht unterlassen würden, ihr allein die Ehre zu geben. Nun lehrt 
uns die Erfahrung schon innerhalb verhältnismässig so geringer Klima- 
differenzen, wie sie die Erde bietet, dass nicht blos die feurigen Weine, 
sondern auch die menschlichen Leidenschaften um so üppiger gedeihn, 
je heisser die Sonne ihre Strahlen auf den Boden herabschiesst, und 
Shakespeare macht uns die wilde Eifersucht seines Othello nicht zum 
wenigsten dadurch wahrscheinlich, dass er als ihren Träger einen Afrikaner 
vorführt. Wieviel mal grösser muss daher die Macht der Leidenschaften, 
welche die Sonne brüten hilft, auf dem Merkur als dem Jupiter sein, 



gg Kants Gedanken von den Bewohnern der Gestirne. 

zumal da der Damm geistiger Einsicht und Besonnenheit, der ihr Bette 
einzuengen bestimmt ist, auf jenem so schwach, auf diesem so kräftig ist! 
Kant wirft die Frage auf, „ob die Sünde auch auf den andern 
Kugeln des Weltbaus ihre Herrschaft ausübe oder die Tugend allein 
ihr Regiment daselbst aufgeschlagen habe*, wie einer von Kant's 
Lieblingsdichtern, Haller, sagt: 

„Die Sterne sind vielleicht der Sitz verklärter Geister, 
Wie hier das Laster herrscht, ist dort die Tagend Meister". 

Da wir die Uebertretung des moralischen Gesetzes als Sünde bezeichnen, 
sofern jene als Verletzung des göttlichen Gebotes betrachtet und dem- 
gemäss an die Strafe gedacht wird, welche Gott darauf gesetzt, so 
können wir uns über diese Frage an dem Verfahren des menschlichen 
Strafrichters ins Klare setzen. Dieser hat, mit welcher Macht des 
Strafgesetzes er auch ausgerüstet sein mag, über zwei Arten der Menschen 
keine Gewalt: einmal über diejenigen, welche sich unverbrüchlich inner- 
halb der Schranken des Gesetzes halten, dann aber auch über solche, 
welche sich nicht im Besitz derjenigen Geisteskräfte befinden, die es 
möglich machen, die Grenze zwischen Erlaubtem und Verbotenem zu 
erkennen und das letztere zu meiden. Jene sind vorwurfsfrei, diese 
unzurechnungsfähig. Nach dieser Analogie entscheidet sich Kant dahin, 
dass das Gebiet der Sünde sich wie über die Erde so auch vielleicht 
über den Mars erstrecke, die Bewohner der unteren, sonnennäheren 
Planeten aber als unzurechnungsfähig, die der oberen als vorwurfsfrei 
ohne Sünde seien. Mit Entzücken malt er sich daher die moralische 
Verfassung der Jupitersbewohner aus: „Welche schöne Folgen wird die 
Erleuchtung der Einsichten, wie sie den glückseligen Wesen der obersten 
Himmelssphären gegönnt ist, auf ihre sittliche Beschaffenheit haben! 
Die Einsichten des Verstandes, wenn sie die gehörigen Grade der Voll- 
ständigkeit und Deutlichkeit besitzen, habeu weit lebhaftere Reizungen 
als die sinnlichen Lockungen an sich und sind vermögend diese zu be- 
herrschen und unter den Fuss zu treten. Wie herrlich wird sich die 
Gottheit, die sich in allen Geschöpfen malt, in diesen denkenden Naturen 
malen, welche als ein von den Stürmen der Leidenschaften unbewegtes 
Meer ihr Bild aufnehmen und wiederstrahlen!" 



Vou Carl Witt. 89 

Aber diese Seligkeit sollte ohne ihr Verdienst den Jupitersbewohnern 
zugefallen sein, während wir Menschen und die Bürger des Mars, weil 
wir die ungunstigste Stelle in der Planetenwelt einnehmen, unter dem 
Joche der Sünde seufzen? Dieser Gedanke musste Kant mit der 
Gerechtigkeit Gottes unvereinbar erscheinen. Daher eröffnet er uns 
eine Aussicht, welche niemals zu allgemeiner Annahme gelangt, aber 
seit uralten Zeiten immer wieder aufgetaucht und vielen denkenden 
Menschen als die einfachste und schönste Lösung eines grossen Problems 
erschienen ist: die Wanderung der Seelen über eine Stufenfolge von 
Sternen. , Sollte wohl die unsterbliche Seele" sagt er, „in der ganzen 
Unendlichkeit ihrer künftigen Dauer, die das Grab selber nicht unter- 
bricht, sondern nur verändert, an diesen Punkt des Weltraums, an 
unsere Erde jederzeit geheftet bleiben? Sollte sie niemals von den 
übrigen Wundern der Schöpfung eines näheren Anschauens teilhaftig 
werden? Vielleicht ist es ihr zugedacht, dass sie dereinst jene ent- 
fernten Kugeln des Weltgebäudes und die Trefflichkeit ihrer Anstalten, 
die schon von weitem ihre Neugierde reizen, von nahem sollte kennen 
lernen. Wer weiss, laufen nicht jene Trabanten um den Jupiter, um 
uns dereinst zu leuchten". Aber auch die herrlichsten Formen eines 
sinnlich-geistigen Daseins haben nur den Wert einer weiteren und höheren 
Vorbereitung, endlich muss jede leibliche Hülle abfallen. „Nachdem die 
Eitelkeit ihren Anteil an der menschlichen Natur wird abgefordert haben, 
so wird der unsterbliche Geist mit einem schnellen Schwünge sich über 
alles, was endlich ist, emporschwingen, und in einem neuen Verhältnis 
gegen die ganze Natur, welches aus einer näheren Verbindung mit dem 
höchsten Wesen entspringt, sein Dasein fortsetzen. Forthin wird diese 
erhöhete Natur, welche die Quelle der Glückseligkeit in sich selber hat, 
sich nicht mehr unter den äusseren Gegenständen zerstreuen, um eine 
Beruhigung bei ihnen zu finden". 

Dies der wesentliche Inhalt von Kant's Gedanken über die Bewohner 
der Gestirne, wie er sie in der Naturgeschichte des Himmels vorträgt. 
In einer viel späteren Schrift, der Anthropologie, kommt er gleichfalls 
auf die vernünftigen Wesen anderer Planeten zu sprechen, doch sagt er 
von ihnen nur: Menschen können sie nicht sein, aber wie sie beschaffen, 



ÖO Kants Gedanken von den Bewohnern der Gestirne. Von Carl Witt. 

wissen wir nicht. Von dem früheren positiven Standpunkte hat er sich 
also ganz auf den negativen zurückgezogen. Die ältere Behandlung 
des Gegenstandes trägt eben den Charakter einer genialen Jugendlich- 
keit. Sein Genie offenbart sich in den sehr hypothetischen, aber doch 
fast natürlich und zuverlässig auseinander herfliessenden Folgerungen, 
die er aus wenigen Vordersätzen zieht; seine Jugendlichkeit aber in 
dem Mute und Selbstvertrauen, womit er die Abgründe zwischen unseren 
irdischen Erfahrungen und dem geistig-moralischen Leben auf nie be- 
suchten, Millionen von Meilen entfernten Planeten zu überbrücken unter- 
nimmt. Wie es in der wunderbar hohen Begabung Kant's überhaupt 
lag, seinem Denken den weitesten Horizont zu geben und das Senkblei 
am liebsten in die grössten Tiefen hinab zu lassen, so hatte auch der 
in die Unendlichkeit sich verlierende Sternenhimmel schon von Anfang 
seiner Denkerlaufbahn ihm gleich sehr Gemüt und Phantasie mächtig 
erregt. Darum konnte er in dem Buche, wo er seine Ansichten über 
die erste Bildung der Himmelskörper, ihre Anordnung und Bewegungen 
ausgesprochen, es sich nicht versagen, auch die geistige Welt auf ihnen 
wenigstens der Phantasie näher zu führen. Der Boden, aus dem seine 
gewagten Vermutungen Nahrung zogen, ist, glaube ich, am deutlichsten 
bezeichnet in einigen Zeilen am Ende der Naturgeschichte, welche — 
wie es nicht zu selten in seinen Schriften vorkommt — gleich einer 
blühenden Insel sich von dem Meere des für gewöhnlich streng wissen- 
schaftlich und nüchtern gehaltenen Stils abheben: 

„Der Anblick eines bestirnten Himmels bei einer heitern Nacht 
„giebt eine Art des Vergnügens, welches nur edle Seelen empfinden. 
„Bei der allgemeinen Stille der Natur und der Ruhe der Sinne 
„redet das verborgene Erkenntnisvermögen eine unnennbare Sprache 
„und giebt un ausgewickelte Begriffe, die sich wohl empfinden, aber 
„nicht beschreiben lassen". 



K&iiigsberger 
Hirclienliederdichter und Kireheiikoniponisteii. 

Vortrag, 1 ) 
gehalten am 16. Februar 1885 im Saale des Landeshanses zu Königsberg in Pr. 

von 

Prof. Dr. Friedrich Zinimer. 

Hochgeehrte Versammlung! 

Es ist ein in vielfacher Beziehung klassischer Boden, auf dem wir 
in der Haupt- und Residenzstadt Königsberg uns befinden. Ueberall 
ist Königsberg bekannt als die Krönungsstadt für Preussens Könige, 
als Heimstatte vieler hochangesehener Gelehrten, als Geburtsort der 
ueueren Philosophie. Weniger oft denkt man daran, dass auch Poesie 
und Musik, insonderheit die kirchliche Dichtung und Tonkunst, in unserer 
Stadt lange Zeit in ganz hervorragender Weise Pflege und Förderung 



! ) Im Auscbluss an den hier abgedruckten Vortrag folgten Sologesänge von 
Compositionen von Kugelmann, Albert, Weichmann, Sebastiani, Sobolewski und Götz; 
Tags vorher fand in der Domkirche eine Kirchenmusik statt, bei welcher nur Com- 
positionen von Königsberger Tonsetzern aus der Blütezeit der „Preussischen Tonschule" 
vorgeführt wurden. Bei dem geschichtlichen Interesse beider Programme und bei 
dem Zusammenhange dieser Aufführungen mit dem obigen Vortrage erschien es er- 
wünscht, die Programme in der Anlage beizufügen. 

Die Quellen für die Geschichte der Kirchenmusik in Königsberg bietet in 
aasgezeichneter Vollständigkeit die der Königl. und Universitätsbibliothek einverleibte 
Bibliothek des im Jahre 1858 verstorbenen Gymnasialdirektors Gotthold. Vgl. den 
Katalog derselben: „Jos. Müller, dio musikalischen Schätze der Kgl. und Universitäts- 
bibliothek zu Königsberg in Pr. Bonn 1870." An Literatur sind vor allem zu 
nennen: Carl von Winterfeld, der evangelische Kirchengesang und sein Verhältniss 
zur Kunst des Tonsatzes. 3 Bände. Leipzig 1843—47 und G. Döring, zur Geschichte 
der Musik in Preussen. Elbiog 1852. Die für die Geschichte der kirchlichen Dich- 
tung in Betracht kommende stellt grösstenteils zusammen: Jacoby, Dach und die 
prenssische Dichterschule, in Herzogs Eealencyklopädie. 2/Aufl. Bd. in. S. 432—439. 



92 Königsberger Rirchenüederdichter und Kirchenkomponisten. 

gefunden haben, ja dass vielleicht nirgends wieder so, wie hier einmal, 
Dichter und Komponisten mit und für einander gearbeitet und dadurch 
nachhaltig und tief auf Literatur und Musikpflege, besonders aber auf 
den evangelischen Eirchengesang im ganzen Vaterlande eingewirkt haben. 

Wenn ich Sie einlade, diesem besonderen Zweige Königsberger 
Kulturarbeit jetzt für eine Weile Ihr Interesse zuzuwenden, so bitte ich 
von vornherein, von dieser flüchtigen Stunde nicht mehr erwarten zu 
wollen, als sie bei der Fülle des zu verarbeitenden Stoffes bieten kann, 
also lediglich eine kurze Darstellung des Wichtigsten aus Leben und 
Wirken der Königsberger Kirchenliederdichter und Kirchenkomponisten 
unter Beifügung charakteristischer Proben ihres Schaffens. Eine wissen- 
schaftlich durchgeführte Verknüpfung der hier zu nennenden Thatsachen 
und Strömungen mit dem damit teils in ursächlichem Zusammenhange, 
teils in Wechselwirkung stehenden so mannigfaltigen Getriebe der gleich- 
zeitigen weit-, kirchen- und lokalgeschichtlichen Ereignisse und des 
kulturellen Lebens kann kaum in einzelnen Hauptzügen versucht werden. 

Aus der Zeit vor derBeformation haben wir nur ganz spärliche 
Nachrichten über die Pflege der kirchlichen Tonkunst*) in Königsberg. 
Wir wissen nur, dass die Domkirche bereits um die Mitte des 14. Jahr- 
hunderts im Besitze einer Orgel war, und dass bei der Gründung des 
Kneiphöfschen Gymnasiums 1381 die Bürgerschaft verpflichtet wurde, 
„den Kindern einen wissenden, redlichen Schulmeister zu setzen, der 
ihnen allerlei freie Künste nach Gewohnheit der Schule in der Altstadt 
zu Elbing lehre und seinen Chor mit Gesang halte 11 . Dies war die Nach- 
wirkung der Anordnung, die schon ein halbes Jahrhundert vorher der 
selbst als Dichter und Musiker thätige Hochmeister des deutschen Ordens, 
Luther von Braunschweig (1331—1335) getroffen hatte, dass die Schul- 
jugend am Kirchengesange sich betheiligen solle. Was aber und wie 
damals hier gesungen worden ist, davon ist keine Kunde mehr zu 
uns gelangt. 



s ) Von kirchlicher oder volkstümlich- geistlicher Dichtung vor der Reformation 
finde ich keine Spuren, auch nicht bei Toppen, „Volkstümliche Dichtungen, zunächst 
aus Handschriften des 15., 16. u, 17. Jahrhunderts gesammelt" Altpr. Monatsschrift 
Bd. IX. 1872. S. 289 ff. 



Von Prof. Dr. Friedrich Zimmer. 93 

Ein ganz neuer und hochbedeutender Aufschwung für die Pflege 
geistlicher Dichtung und Musik begann für Königsberg mit der Ein- 
führung der Reformation. Der erste evangelische Landesfürst, Herzog 
Albrecht, hatte eine grosse Vorliebe für den evangelischen Kirchen- 
gesang und ist vielleicht selbst der Dichter eines Glaubensliedes, das 
er eigenhändig in ein auf der hiesigen Königl. Bibliothek befindliches 
Katechismus- und Gesangbuch eingeschrieben hat 8 ). Die ersten beiden 
preussischen Gesangbücher, 1527 erschienen, sind wohl nicht ohne sein 
Zuthun herausgegeben 4 ). (Beiläufig: Eine Notendruckerei gab es da- 
mals so wenig in Königsberg wie gegenwärtig — ganz entgegen dem 
17. Jahrhundert, wo hier mehrere vielbeschäftigte derartige Officinen 
bestanden — . Da man aber damals ein Gesangbuch sich nicht ohne Noten 
denken konnte — ungefähr umgekehrt wie heute — so sind in jenen 
beiden Gesangbüchern die Notenlinien gedruckt und die Notenköpfe selbst 
handschriftlich eingefügt.) 

Wenigstens von einer 1558 veröffentlichten Kirchenordnung für die 
evangelische Kirche ist es bekannt, dass er selbst sie mit seinen 
Theologen ausgearbeitet hat. Darin wird, ganz der Praxis Luthers ent- 
sprechend, der lateinische Chorgesang noch ferner gestattet „vm vbung 
willen der Jugent u ; jedoch werden für die deutsche Messe nicht nur 
eingehende Vorschriften gegeben unter Nennung bestimmter für die ein- 
zelnen Gottesdienste geeigneter „deutscher Psalmen vnd Gesenge", 
sondern es wird auch der deutsche Gemeindegesang allgemein herzustellen 
gesucht. Denn es heisst — mit einer Vorschrift, die bei der heutigen 
Melodienarmut unserer Gemeinden Nachahmung verdiente — : „Wenn 
aber das Volck solche gemelte Teutsche geseng nicht zuvor kundte, 
sollens die Pfarrherrn sampt jren Schulmeistern anrichten zu lernen vnd 
sonderlich derhalben fleis bei der Jugent fürwenden u . 



*) Der Titel des ersten Werkes des Sammelbandes heisst „Enchiridion, der kleine 
Katechismus für die gemeinen Pfarher ic." 

4 ) „Etlich geseng | dadurch Qot ynn der ge | benedeiten muter Christi | und 
Opferung der wey | sen heyden, Auch |ym Syraeone, al|len heyigen vnn | Engeln ge| 
lobt wirt | Alles auß grundt | götlicher schlifft :c" — „Etliche newe | verdeutschte 
mnd ge| machte ynn göttlicher | schrifft gegründte Christliche Hymnus vn ge| 
seng, wie die am ennd derselben yn eynem | sonderlichen Rejgister gefunden | werden. 



Q4 Königsberger Kirchenliederdichter und Kirchenkomponisten. 

Aber der Herzog sorgte nicht nur für die Erlernung der neuen 
Weisen, sondern regte auch die Dichtung und Komposition neuer Kirchen- 
lieder an. Ausdrücklich wird uns das von dem schönen Lobliede be- 
richtet: „Nun lob' mein 7 Seel 1 den Herren". Martin Chemnitz, der nach 
der zeitweiligen Auflösung der Wittenberger Universität sechs Jahre lang 
als Bibliothekar des Herzogs hier in Königsberg lebte, erzählt uus darüber: 
„Es hat der weiland durchlauchtige hochgeborene Fürst und Herr, 
Albrecht, Herzog in Preussen, diesen (103.) Psalm für anderen allezeit 
lieb und werth gehalten, auch denselben durch den gottesgelahrten, 
ansehnlichen, wohlberühmten Mann, Johannein Poliandrum, lassen ge- 
sangsweise in gute schöne deutsche Verse bringen, unter einem freudigen 
Tenor, welcher, eben wie die Worte lauten, auch durch den Gesang 
das Herz erwecken und aufmuntern mag. Wie derselbe denn fast in 
allen unseren Kirchen also gesungen wird". Dies in Königsberg auf 
seine unmittelbare Veranlassung gedichtete und komponierte Lied war 
dem Herzog besonders theuer. Chemnitz berichtet weiter: „Ich denke 
oft mit Lust und Freuden daran, wie ich selbst gesehen und gehört, 
da der fromme alte Herr auf seinem Siechbettlein lag, dass jederzeit 
dieser Psalm nach aller Musik das letzte Stück sein musste, da S. Fürstl. 
Gnaden selbst die Worte mit grosser Andacht und sonderlicher Bewe- 
gung des Herzens mitsang und dann aus den Worten schöne gottselige 
Gedanken nahm". Und es hat ihm mancher nachgesungen, dem „alten 
seligen Herzog", bis heute ist's ein Lieblingslied in vielen Gemeinden 
des ganzen Vaterlandes geblieben, wenn auch wegen der einfacheren 
Strophenform allmählich das bekanntere „Nun danket alle Gott" an 
seine Stelle getreten ist. Aber wie jetzt dieses, so wurde früher jenes 
Königsberger „Nun lob' mein' Seel' den Herren" in grossen geschicht- 
lichen Momenten als Ausdruck der Dankesfreude gegen Gott angestimmt. 
So wurde der Friedensschluss des dreissigjährigen Krieges verkündet 
unter den Klängen dieses Liedes: 

Nun loV mein 1 Seel 1 den Herren, 
Was in mir ist, den Namen sein! 
Sein Wohlthat thut er mehren, 
Vergiss es nicht, o Herze mein! 



Von Prof. Dr. Friedrich Zimmer. 95 

Hat dir dein 1 Sund 1 vergeben 
Und heilt dein 1 Schwachheit £roß; 
Errett't dein armes Leben, 
Nimmt dich in seinen Schooß, 
Mit rechtem Trost beschüttet, 
Verjüngt dem Adler gleich. 
Der Kön'g schafft Recht, behütet 
Die Leidenden im Reich. 

Gedichtet — wie wir hörten auf des Herzogs Veranlassung — - ist 
das Lied von Johann Gra(u)raann, genannt Poliander, der von 
1529 bis 1541 Pfarrer an der altstädtischen Kirohe hier war. Ein ge- 
borner Baier, 1487 zu Neustadt geboren, in Leipzig, wo er studiert hatte, 
zum Doctor der Theologie promoviert und Rektor der Thomasschule 
geworden, soll er bei der bekannten Disputation zwischen Luther und 
Eck des letzteren Amanuensis gewesen, aber durch des Gegners Lehre 
alsbald gewonnen worden sein. Jedenfalls wandte er sich — seines 
evangelischen Bekenntnisses halber seines Amtes entsetzt — nach Witten- 
berg und wurde von Luther an Herzog Albrecht empfohlen, der ihn 
nach Königsberg zog. Hier hat er anderthalb Decennien in Segen ge- 
wirkt, in bewegter Zeit ein friedlicher, doch fester Mann. Von anderen 
seiner Dichtungen ist wenig auf uns gekommen 6 ). 

Sein Vorgänger im Pfarramt der Altstadt wie in der kirchlichen 
Dichtung war der freimütige und glaubenskühne Paul von Spretten 
oder Speratus, den Markgraf Albrecht schon 1524 auf Luthers 
Empfehlung nach Königsberg berufen hatte. Speratus, am 13. Dezbr. 1484 
geboren — seine Säkularfeier hat Königsberg vor zwei Monaten ver- 
gessen — entstammte einem schwäbischen Adelsgeschlecht und hatte 
sich in Frankreich und Italien gebildet. Durch Luthers Lehre gewonnen, 
predigte er im Januar 1522 in der Stephanskirche zu Wien freimütig 
den evangelischen Glauben, wurde in Folge dessen mehrfach gefangen 
gesetzt und selbst zum Feuertode verurteilt. Doch entging er dem- 
selben und kam nach Wittenberg zu Luther und durch diesen hierher 
nach Königsberg als Hofprediger des Fürsten. Von 1530 bis zu seinem 

6 ) Wackernagel, das deutsche Kirchenlied, III, 823 teilt nur noch ein zweites 
Lied von ihm mit. 



Qg Königsberger Kirchenliederdichter und Kirchenkomponisten. 

1551 erfolgten Tode lebte er als Bischof von Pomesanien in Marien- 
werder, wo er auch begraben ist. 

Von Speratns enthält das erste evangelische Gesangbuch, 1524 in 
Wittenberg mit nur acht Liedern erschienen, drei Lieder. Aber nur 
eines von diesen ist im kirchlichen Gebrauch bis heute geblieben und zwar 
das Lied, das allezeit als das eigentliche evangelische Bekenntnislied 
gegolten und als solches auch seine geschichtliche Bedeutung und Wirk- 
samkeit gehabt hat. Als man in der Pfalz zögerte die Reformation 
einzuführen, und die Priester in der Hauptkirche von Heidelberg nach 
wie vor den Gottesdienst katholisch und lateinisch abhielten, stimmte 
eines Sonntags die Menge das Lied von Sperätus an und erzwang damit 
die Einfuhrung der neuen Lehre und des. neuen Cultus. Das Lied beginnt: 

Es ist das Heil uns kommen her 

Von GnacT and lauter Güten; 

Die Werke helfen nimmermehr, 

Sie mögen nicht behüten. 

Der Glaub 1 sieht Jesum Christum an, 

Der hat g'nug für ans all' gethan, 

Er ist der Mittler worden. 

Ohne dichterischen Schwung, aber mit Klarheit, Einfachheit und 
Kraft wird hier die evangelische Lehre ausgesprochen, und es lässt sich 
wohl begreifen, wie das Lied in der Reformationszeit so tief hat ein- 
wirken können. 

Zwei Königsberger Dichter waren es also, die der Reformations- 
kirche hervorragende Kleinodien der kirchlichen Liederdichtung geschenkt 
haben, die noch heute nicht vergessen sind. 

So finden wir schon zur Reformationszeit mehr als verheissungs- 
volle Anfänge der Kirchenliederdichtung in Königsberg. Auch die An- 
fänge der preussischen Tonschule fallen bereits in jene Zeit. Der Erst- 
ling ist Johann Kugelmann, Kapellmeister des Herzogs Albrecht, 
dem unsere Kirche wahrscheinlich die schöne Choralmelodie „Allein 
Gott in der Höh 1 sei' Ehr" verdankt und der den „freudigen Tenor", 
welcher nach M. Chemnitz' vorher genanntem Ausspruch „eben wie die 
Worte lauten, auch durch den Gesang das Herz erwecken und ermuntern 
mag", gefunden hat zu dem Gramann'schen Liede „Nun lob 1 mein 1 Seel' 



Von Prof. Dr. Friedrich Zimmer. 97 

den Herren". Herzog Albrecht gab eine Sammlung werthvoller Kompo- 
sitionen dieses seines Kapellmeisters 1540 in Augsburg in Druck. Die- 
selbe ist, soweit bis jetzt bekannt, das älteste preussische Choralbucb, 
und enthält dreissig Tonsätze von Kugelmann, davon die Mehrzahl 
(26 Gesänge) in dreistimmiger Bearbeitung, 'die mit dem besonderen 
Namen „Cantus Prussiae" bezeichnet werden. 

Kugelmann ragt nicht an seinen grossen Nachfolger Eccard heran ; 
er beginnt und versucht erst, was jener, vollendet. Immerhin sind seine 
Tonsätze auch für uns noch beachtenswert, sanglich in den Einzel- 
stimmen, im ganzen wohllautend in der Harmonie und durchdacht in 
der ganzen Behandlungsweise. Der nachher als Probe mitzuteilende 
Choralsatz über das Lutherlied „Ein' feste Burg u ist ein bezeichnendes 
Beispiel. Die Melodie liegt hier in der Unterstimme. Offenbar war 
die gewaltige Kraft der Worte wie der Weise das Motiv für den Ton- 
setzer, die Melodie nicht Frauenstimmen, sondern dem markigen Basse 
zu übergeben. 

Kugelmann's nächste beiden Nachfolger 9 ) kommen ihm nicht gleich, 
noch weniger aber dem ihnen folgenden grossen Eccard, dem Begründer 
und Haupt der preussischen Tonschule. 

Wohl einzig stehen in der Geschichte des evangelischen Kirchen- 
gesanges zwei deutsche Städte da: Mühlhausen in Thüringen und unser 
Königsberg, beide durch mehrere Generationen die Heimstätte der be- 
deutendsten Kirchenkomponisten : Mühlhausen geziert durch die Namen 
Joachim a Bnrgk, Eccard, Johann Georg und Johann Rudolph Ahle, 
sowie Sebastian Bach ; Königsberg bis nach Italien und Holland hinein 
bekannt als Wohnort von Eccard, Stobaeus, Albert, dem hellen Drei- 
gestirn erster Grösse, und ihren vielen minder bedeutenden Zeitgenossen 
und Nachfolgern. Zwischen diesen beiden Vororten der deutsch - 
evangelischen Kirchenmusik im 16. und 17. Jahrhundert nun ist Eccard 
das verbindende Glied. 



6 ) Es waren Magister ürban Störmer, zugleich Professor der Eloquenz an 
der Universität, vordem Schalmeister zu Thora, und nach ihm Theodor Riccio 
ans Breeda, von dem noch fünf- and mehrstimmige Motetten mit lateinischem Text 
«halten sind, der aber so sehr Italiener geblieben ist, dass er, so viel wir wissen, 
niemals ein deutsches Wort in Musik gesetzt hat. 

Altpr. MeMtMchrifl Bd. XXIL Hft. 1 u. 2. 7 



gg Königtb erger Kirchenllederdichter und Kirchenkomponisten, 

Diesem hochbedeutenden Komponisten von {Gottes Gnaden ist es 
nicht anders gegangen wie Johann Sebastian Bach: ei- war durch lange 
Jahre völlig vergessen, und noch heute wird er vermutlich manchem 
Gebildeten unserer Stadt ganz unbekannt sein. Hat doch selbst der 
kenntnisreiche Geschichtschreiber der Musik in Altpreussen, der frühere 
Elbinger Musikdirektor Döring noch vor vierzig Jahren nur durch ein 
gluckliches Ungefähr Eccard's Festlieder in die Hand bekommen, und 
ist erst durch die hohe Verehrung, mit der in der Vorrede dieses Werkes 
in der Bearbeitung seines Schülers Stobaeus von ihm als einem 
„Fundamentaldiseipul des weltberühmten Orlando Lasso" die Eede ist, 
auf seine Bedeutung aufmerksam geworden. Das Verdienst Eccard's 
Namen und Werke wieder an das Licht gezogen und gewürdigt zu haben, 
gebührt aber dem gediegenen Geschichtschreiber des evangelischen 
Kirchengesanges, Carl v. Winterfeld, auf dessen Ausführungen ich hier- 
mit dankbar hinweisen möchte. 

Johannes Eccard, 1553 in Mühlhausen in Thüringen geboren, 
war als Jüngling wohl in seiner Vaterstadt ein Schüler des bekannten 
Meisters Joachim a Burgk, neben dem er später eine Zeit lang in seiner 
Vaterstadt gewirkt hat, befreundet zugleich mit dem Dichter Ludwig 
Helmbold. Die für seine musikalische Bildung entscheidende Unter- 
weisung aber erhielt er in München als Schüler und Gehülfe des Orlandus 
Lassus, mit dem er wahrscheinlich eine Beise nach Paris an den Königshof 
machte. Auch in Venedig scheint er gewesen und mit den Häuptern 
der grossen italienischen Tonschule jener Zeit, Gabrieli, Merulo und 
Zarlino in persönliche Beziehung gekommen zu sein. Vor seiner Berufung 
nach Königsberg war er in Regensburg Musiker im Dienste des grossen 
Handelsherrn Jacob Fugger. Wann 'er nach Königsberg gekommen ist, 
wissen wir nicht, jedenfalls nicht erst 1583 wie man gewöhnlich annimmt, 
denn schon von 1581 an haben wir von ihm in Königsberg gedruckte 
Gelegenheitskompositionen. Bis 1603 heisst er „fürstlicher Durchlaucht 
in Preussen Musikus und Vice-Kapellmeister". Wirklicher Kapellmeister 
wurde er wohl 1604, blieb aber als solcher nur drei Jahre in Königsberg, 
da ihn der Kurfürst 1607 zur Reorganisation seiner Musikkapelle unter 
ehrenvollen Bedingungen nach Berlin berief. Dort ist er 1611 gestorben. 



Von Prof. Dr. Friedrieh Zimmer. 99 

Seine Hauptwerke hat Eecard in Königsberg herausgegeben und 
grösstenteils auch hier geschrieben. Es sind: „Newe Lieder mit fünff 
vnd vier Stimmen gantz lieblich zu singen vnd auff allerley Instrumenten 
zu gebrauchen", erschienen 1589. „Geistliche Lieder Auff gewöhnliche 
Preussische Eirchen-Melodeyen durchauß gerichtet vnd mit fünff Stimmen 
componiret", im Auftrage des Markgrafen Georg Friedrich seit 1586 be- 
gonnen und 1597 in zwei Teilen herausgegeben; endlich die beiden 
Teile der „Preussischen Pestlieder mit 5, 6, 7 oder 8 Stimmen", ein 
Jabr später veröffentlicht ebenfalls in zwei Teilen 7 ). 

Es kann nicht meine Aufgabe sein, den Entwickelungsgang dieses 
grossesten der preussischen Tonmeister darzulegen. Auch wäre das 
völlig unmöglich bei dem gegenwärtigen Stande der Forschung, wo wohl 
ein reiches, aber noch nicht durchgearbeitetes Material vorliegt, und alle 
Nachfolger noch ausschliesslich auf den Schultern v. Winterfells stehen, 
der Eecard erst wieder entdeckt hat. Ebenso wenig kommt es für unseren 
Zweck in Betracht hervorzuheben, was Eecard für die ausserkirchliche 
Musikpflege gethan hat, wenngleich es zur vollen — und ich darf hin- 
zusetzen: zur ehrenden — Charakteristik des Meisters mit gehört, ihn 
zu beobachten, wie er sich im weltlichen Liede bewegt und wie er zur 
gelegenen Zeit auch das Lob des Weines zu singen weiss. Hier handelt 
es sich nur darum, was hat er für die kirchliche Musik geleistet. Und 
die Antwort darauf ist kurz die: er hat einen neuen, gleich kunstvollen 
wie durchsichtigen und kirchlich brauchbaren Stil des Choralsatzes ge- 
schaffen. In der Gegenwart pflegt man als die vollendeteste, nie wieder 
erreichte und überhaupt unerreichbare Satzweise des Chorals diejenige 
von Johann Sebastian Bach anzusehen, und ich bin weit entfernt die 
eminente Bedeutung der Bach'schen Choralbearbeitungen irgendwie in 
Frage stellen zu wollen, bekenne es vielmehr dankbar, dass ich mein 
bischen musikalischer Bildung ganz wesentlich dem Studium gerade der 
Bach'schen Choräle verdanke, begreife es auch vollkommen, dass Musiker 
wie Robert Franz sich täglich wohl eine Stunde lang mit denselben 



*) in Neuauagahen in Partitur sind von G. W. Tesohner im Verlage von 
Breitkopf & Härte! in Leipzig die geistlichen Lieder von Eceard und die Festlieder 
ton Eecard und Stobaeus in je zwei Binden erschienen. 

7* 



100 Königaberger Kirchenliederdichter and Kircheakomponisten. 

beschäftigen. Trotzdem bin ich zweifelhaft geworden, ob die Satzweise 
Eccard's und seines Schulers Stobäus nicht doch der Bach'schen über- 
legen ist, sowohl an kirchlichem Charakter, wie selbst an künstlerischem 
Werte. Darüber ein kurzes, begründendes Wort. 

Vordem lag bei mehrstimmigen Tonsätzen die Melodie in der Regel 
im Tenor, teils weil bei der Fülle von Tenorstimraen, die man in jener 
Zeit noch hatte, und bei der Zusammensetzung der Chöre aus Knaben- 
(nicht Frauen-) und Männerstimmen der Tenor wirklich die „führende 14 
Stimme bildete, teils weil es dem Motettenstile, in welchem noch in 
der Reformationszeit Choräle und Lieder gesetzt wurden, am günstigsten 
war, die Melodie in eine der Mittelstimmen zu legen, wo sie von den 
andern mannichfaltig umspielt werden konnte. Als aber das evangelische 
Gemeindeprincip auch im Kultus der neuen Kirche zum Durchbruche 
kam und die Gemeindeglieder die Choräle nicht bloss hören, sondern 
mitsingen wollten 6 ), da war die nächste, natürliche Folge, dass man für die 
Bearbeitung der Choralmelodieen nicht mehr den Motettenstil, sondern 
den Choralstil anwandte, d. h. die MeLodieen liedförmig setzte, also 
ohne Wiederholung einzelner Textstücke und ohne willkürliche Pausen, 
wie sie im Motettenstil gebräuchlich und berechtigt sind. Erst später, 
aber mit gleicher innerer Notwendigkeit, kam man auch dazu, die Melodie 
in die Oberstimme zu verlegen, wo sie an sich am deutlichsten her- 
vortritt, und speciell den mitsingenden weiblichen Gemeindegliedern mehr 
Halt gewähren konnte. 

Diesen letzteren Schritt hatte mit ausführlicher und für die weitere 
Entwickelung des Choralsatzes wichtig gewordener Begründung zuerst 
der Nürnberger Lucas Osiander 1586 gethan. Ohne Zweifel war Eccard 
mit diesem ersten Versuche reinen Choralsatzes bald bekannt geworden, 
und wenn wir ihn schon in demselben Jahre mit den Vorarbeiten zu 
seinen Festliedern beschäftigt finden, so dürfen wir annehmen, dass er 
dieser Arbeit sich unterzog unter bewusster Stellungnahme gegenüber 
der Osiander'schen Satzweise. 



•) Auch Eccard's Festlieder sind nicht bloss vom Chore, sondern auch von der 
Gemeinde mitgesungen. Das beweist Anlage und Vorrede der 1653 von J. Reinhard 
besorgten Ausgabe derselben in Melodie und beziffertem Bass. 



Von Prof. Dr. «Friedrich Zimmer. JQl 

Oslander hatte die Choräle nach derselben Art — nur besser — 
gesetzt, wie man sie auch heute zu setzen pflegt, nämlich so, dass die 
Stimmen sämtlich gleichzeitig und gleichmässig mit der Melodie fort- 
schreiten und für diese die harmonische Grundlage ausmachen. Er ist 
somit der Schöpfer unseres homophon-harmonischen Choralsatzes. Aber 
was unsern gegenwärtigen Tonsetzern vielfach ganz verborgen zu bleiben 
scheint, empfand er doch schon recht gut, denn er klagt, dass man bei 
dieser Satzweise „zwischen dem Choral im Discant, davon man kein 1 
Noten ändern darf, und zwischen dem Bass, dem man nicht gern, mit 
Abwechslung der Concordanzen, sein' gravitatem und Lieblichkeit nehmen 
will, gleich als zwischen zweien Gräben, in der Straßen bleiben rauss". 

Diesem Mangel haben nun Eccard und nachher Bach, jeder auf 
eigentümliche Weise, abzuhelfen gesucht. Bach kommt aus der Homo- 
phonie zur Polyphonie, indem er unter völliger Beibehaltung des Schemas 
der Osiander'schen Satzweise den begleitenden Stimmen durch individua- 
lisierte Führung den Charakter selbständiger Stimmqn giebt. In dieser 
Stimmenführung entwickelt er eine erstaunliche Kraft, die immer Be- 
wunderung und Nachahmung hervorrufen wird. Aber gerade diese Art 
der Behandlung hat auch ihre unläugbaren Mängel. Selbständigkeit 
erlangt eine Stimme einer andern gegenüber nur durch selbständigen 
Rhythmus. Bei Beibehaltung des homophonen Schemas nun, nach 
welchem jede Nebenstimme dieselbe Silbe singt, wie die Führerin der 
Melodie, kann die nötige Selbständigkeit des Rhythmus der Neben- 
stimmen nicht anders erreicht werden, als durch zeitweilige Teilung 
der Notenwerte. Während die Melodie gleichmässig in Vierteln fort- 
schreitet, wechseln die Nebenstimmen mit Vierteln, Achteln, Sechszehnteln. 
Die kaum vermeidliche Folge davon aber ist es, dass solche rhythmische 
Bewewegung auch in die Oberstimme sich Eingang erzwingt, namentlich 
in Form von Durch gangsnoten und dadurch die Gestalt der Melodie, 
die in der Gemeinde lebt, dieser zum Anstoss verändert. Zu diesem 
Mangel kirchlicher Korrektheit tritt bei der Bach'schen Behandlungs- 
weise ein zweites Moment, in welchem auch ihrem musikalischen Werte 
nach dieser Choralsatz hinter dem Eccard'schen zurücksteht. Bei Bach 
8chliessen die einzelnen Zeilen gleichzeitig mit der Melodie auch in den 



102 Königaberger Kirchenliederdichter und Kircbcnkomponisten. 

Unterstimmen mittelst einer Fermate ab. So ist zwar die Gliederung 
der ganzen Strophe völlig klar und durchsichtig, sie ist aber eben nur 
zu klar. Die einzelnen Zeilen stehen neben einander wie Säulen ohne 
verbindendes und krönendes Dach. 

Ganz anders der Eccard'sche Choralsatz. Eccard hält streng an 
der Melodieform, wie sie in der Kirche gebräuchlich ist, fest, ohne den 
Nebenstimmen einen Einfluss auf Gestaltung derselben zu gestatten. 
Bei den Einschnitten der Melodie leiten die Nebenstimmen vermittelnd 
über, sodass das ganze Tonstück ein zusammenhängendes Ganze bildet, 
in dem doch die einzelnen Melodiezeilen deutlich gegliedert sind. End- 
lich die Nebenstimmen sind ganz selbständig geführt mit freiem Ein- 
tritt und Schluss, und können bei ihrer völligen Beweglichkeit zu Nach- 
ahmungen charakteristischer Motive der Melodie verwandt werden, 
während doch die Fünfstimmigkeit, die Eccard grösstentheils anwendet, 
bei aller Freiheit der Einzelstimmen die nötige Fülle der Harmonie 
gewährt und beim gleichzeitigen Zusammenklingen aller fünf Stimmen 
eine harmonische Sättigung ermöglicht, wie sie kein vierstimmiger Satz, 
auch nicht der von Bach, erreichen kann. Freilich ist gerade diese 
Fünfstimmigkeit der Eccard'schen Choräle für die Verbreitung derselben 
in der Gegenwart ein gewichtiges praktisches Hindernis, da es bei dem 
allgemeinen Mangel an Tenören jetzt fast unmöglich ist, die meist einen 
doppelten Tenor fordernden Tonsätze mit der erforderlichen Fülle, Rein- 
heit und Fräcision zu Gehör zu bringen. 

Mit dieser kurzen Charakteristik seines Choralsatzes ist die hervor- 
ragendste Art der Thätigkeit Eccard's gekennzeichnet. Von der Viel- 
seitigkeit der modernen Komposition war jene Zeit ohnehin weit entfernt 
Messen, Kantaten, Oratorien, Opern, Symphonien, Ouvertüren u. s. w. 
kann man wohl heute von jedem über das Gewöhnliche hinausragenden 
Musiker erwarten; aber jener Zeit mit ihrem fast völligen Mangel der 
Instrumentalmusik waren die meisten dieser Formen noch ganz fremd. 
Aber auch in dem, was seiner Zeit möglich war, hat sich Eccard meistens 
auf die Pflege des geistlichen Liedes in der von ihm geschaffenen Satz- 
weise beschränkt. Denn — um mit v. Winterfeld zu reden — „die 
Hauptaufgabe von Eccard's künstlerischem Bilden war die Liedform. 



Von Prof. Dr. Friedrieb Zimmer. 103 

Als Setzer hat er die kirchliche, dem Gemeindegesange angehörende 
Melodie des geistlichen Liedes, wie er sie vorfand, als ein Gegebenes, 
nach ihrem inneren Beichtume, ihrer harmonischen Bedeutsamkeit, zur 
Anschauung gebracht, ohne deshalb auf die Kunst der Stimmenverwebung 
verzichten zu dürfen, die er, wenn ihr auch die Natur seiner Aufgabe 
nur beschränkten Baum zu gewähren schien, dennoch mit Meisterschaft 
dabei entfaltete. Als Sänger hat er den Schatz der Kirche an Sing- 
weisen jener Art zwar um einige bereichert" — in unserm kirchlichen 
Gebrauch hat sich davon nur die Adventsmelodie „Gar lustig jubilieren" 
erhalten — „aber mit viel grösserem Erfolge noch deren für den Kunst- 
gesang erfunden. Es geschah in demjenigen, was er Festlied nannte, 
einer das Lied und das Motett lebendig vermittelnden Form. Gereift 
war, nach allmählicher Entwickelung in Vorgängern, bereits in seinem 
Lehrer jene künstlerische Thätigkeit, aus der die letzte dieser Formen, 
eine mannichfach zusammengesetzte, hervorgeht, und auf ihn als Erb- 
teil übertragen; gereift nicht minder in ihm selbst, nach Anderer Vor- 
gange, jene Fertigkeit, welche die erste dieser Formen durch einfache 
Züge zu deuten unternimmt; ihm aber war dabei gegeben, sie nicht 
allein zu deuten, sondern auch zu schaffen, und in dieser Gabe, 
wie sie jenen Fertigkeiten sich gesellte, ging auf dem naturgemässen 
Wege künstlerischen Fortbildens ihm seine neue Form hervor, in der 
Mannichfaltiges und Einfaches, Fülle und Klarheit verschmolz, die er 
nicht allein wahrhaft erfand, sondern auch vollendet ausgestaltete. So 
steht er denn hier auf der Höhe der Kunst, und nicht seiner Zeit 
allein. Denn er hat zwar fortübende Nachfolger gehabt in der 
von ihm gegründeten preussischen Tonschule, aber keinen weiter- 
bildenden Schüler; in seinem Sinne konnte er von keinem Spätem 
übertroffeil werden, weil in diesem keiner etwas ferner auszugestalten 
fand. Denn was Anderen unter gleichem Namen später gelang, liegt 
auf einem ganz verschiedenen Gebiete und ist seinen Leistungen durchaus 
unvergleichbar. Deshalb ist er von höchster Bedeutung für die Ge- 
schichte der Ausbildung des geistliehen Liedes in der evangelischen 
Kirche als Aufgabe für höhere Tonkunst 1 '. 



104 Königsberger Kirchenliederdichter and Kirchenkomponisten. 

Was Eccard in anderen Formen der geistlichen und was er in der 
weltlichen Musik geleistet hat, übergehen wir hier und scbliessen seine 
Charakteristik mit einem kurzen Wort dessen, der ihn der Vergessen- 
heit entrissen hat: „Stets die Aufgaben seiner Kunst vor Augen, niemals 
sich selber; seine reichen Gaben nie überschätzend; als ihren Quell stets 
den erkennend, von dem allein alle gute und vollkommene Gabe kommt, 
ihm die Ehre gebend in der herzlichen und rechtlichen Freude an dem 
Wohlgelungenen, dessen ihm viel gewährt wurde; so hat unser Meister 
in der That sein Leben lang gestrebt, und wir dürfen sagen, dass er 
wahrhaft gelebt habe!" — 

Neben Eccard verschwinden seine Königsberger Zeit- und Berufs- 
genossen. Immerhin verdienen sie genannt zu werden. Es waren Paulus 
Em melius aus Mittenwalde in der Mark, Kantor der Altstadt, und sein 
Nachfolger Jonas Zornicht aus Hohenstein, Heinrich Theodoricus 
aus Hainau in Sachsen, Kantor im Löbenicht, Johannes Vogler, 
Kantor im Kneiphof, und später Pfarrer des Haberbergs; Georg Furrter, 
ein Bayer, Valentin Husmann, ein Sachse, und Berthold Schulze, 
Mitglieder der Kapelle, deren Meister bis zu seiner Berufung nach 
Berlin Eccard war. Seine Nachfolger in diesem Amte waren Johannes 
Crocker (1609 bis c. 1620), ein Schlesier, und nach dessen Entlassung 
Jacob Schmidt (c. 1620 bis 1627) aus Elbing, beide wohl die Stellung, 
aber nicht die Stelle Eccard's ersetzend. 

Aber ein neuer Eccard erstand in demjenigen, der nach diesen 
beiden des Meisters Amt und Arbeit fortsetzte, Johannes Stobäus. 
Die Meinung der Zeitgenossen war es, die sein Freund Dr. Lothus so 
aussprach: „Eccardus cecidit, per te, Stobaee, resurgit." Und die Nach- 
welt kann diesem Urteil nur beipflichten. 

Stobaeus, 1580 zu Graudenz geboren, wohl schon frühe nach Königs- 
berg gekommen, war hier Jahre lang der Schüler und nachherige Gehülfe 
Eccard's. In ein öffentliches Amt trat er 1603, indem er, wohl auf 
seines Meisters Empfehlung, Kautor an der Domkirche wurde. 1627 zum 
Kapellmeister ernannt, füllte er diese Stelle ganz im Sinne seines Meisters 
aus, zwar selber ein Meister geworden, aber doch ganz sein Schüler 
geblieben. Er starb am 11. Sept. 1646. 



Von Prof. Dr. Friedrich Zimmer. J()5 

Es ist mir schwer, Stobaeus zu charakterisieren. Seine 1624 er- 
schienenen „Cantiones sacrae barmonieae", nach Döring sein Hauptwerk 
und eine seltene Meisterschaft bekundend, sind mir nicht bekannt geworden. 
Nach seinen übrigen Kompositionen aber zu urteilen, tritt bei ihm der 
eigentumliche Fall ein, dass er so ganz sich in die Weise seines Lehrers 
und Vorbildes versenkt hat, dass es kaum möglich ist, den einen vom 
andern zu unterscheiden. Bezeichnend für die ganze Richtung und Art 
seiner Arbeit ist es, dass seine beiden Hauptwerke die Wiederauflegung 
und Ergänzung der Geistlichen Lieder und der Festlieder Eccards sind. 
Zu den 58 bzw. 27 Tonsätzen seines Lehrers fugte er 44 bezw. 34 eigene 
Kompositionen hinzu, seine eigene Arbeit nach Umfang wie Inhalt und 
Zweck nur als eine in Eccard's Sinne unternommene Erweiterung der 
Originalausgaben betrachtend. Und so steht er ganz auf den Schultern 
seines Lehrmeisters, mit gleicher Virtuosität, Kraft und Hingebung und 
mit gleich kirchlichem Sinne in den Formen weiter schaffend, die Eccard 
ausgebildet hatte. So ist sein Werk wie seine Person ein Bild rührender 
Treue gegen seinen Meister. 

Die gebührende Anerkennung hat ihm nicht gefehlt. Der grosse 
Kurfürst gewährte die Mittel zur Herausgabe seiner und der Eccard*- 
sehen Festlieder, und das Königsberger geistliche Ministerium nahm sich 
in einer Vorrede zu den Geistlichen Liedern dieser Arbeit auf das wärmste 
an und rühmte ihn in derselben als einen Fundamentaldiscipul des 
weiland Ebrenvesten, Achtbaren und kunstreichen Johannis Eccardi, 
gleichwie dieser ein Fundamentaldiscipel des hochberühmten und welt- 
kundigen Orlandi gewesen. Aber die materielle Lage des Meisters war 
in der trüben Zeit des dreissigjährigen Krieges eine recht klägliche. 
Nicht nur seine starke Familie, sondern seine ganze Kapelle mit Aus- 
nahme der besonders besoldeten Instrumentisten sollte er erhalten mit 
seinem Einkommen von 1000 Mark, 26 Tonnen Tafelbier, 4 Hof kleidungen 
für 4 Kapellknaben, und 6 Achtel Brennholz. Und dies Gehalt wurde 
ihm noch dazu nicht regelmässig ausgezahlt, so dass er aus den Schulden 
nicht heraus kam. 

Diese äusserliche Bedrängnis seiner Lage brachte es mit sich, 
dass er eine grosse Fruchtbarkeit in Gelegenheitskompositionen ent- 



106 Küoigsbergcr Kirchenliederdichter und Kirchenkomponisten. 

wickelte, da diese ihra doch einiges Honorar eintrugen. Wie Simon Dach der 
Gelegenheitsdichter der damaligen Königsberger Welt war, so Stobaeus 
der Gelegenheitskomponist. Und wir dürfen uns dessen bei beiden freuen. 
Ist auch bei der Eile der Produktion und bei der oft nur äusserlichen 
Erfassung ihres Gegenstandes viel Handwerksmäßiges mit untergelaufen, 
so befinden sich unter diesen Moment- und Stimmungsbildern doch auch 
wirkliche Juwelen. Die Zahl der uns erhaltenen derartigen Kompositionen 
ist sehr gross. Die jetzt der hiesigen Kgl. Bibliothek einverleibte wert- 
volle Gotthold'scbe Sammlung von Musikalien (die allerdings gerade 
an Werken aus jener Zeit ungemein reichhaltig ist, da sie eine von einem 
Zeitgenossen des Stobaeus, dem Kantor Crone in Wehlau angelegte 
Musikalienbibliothek in sich aufgenommen hat) enthält von Stobaeus 
allein 280 solcher Hochzeitslieder — Epithalamien, wie sie gern genannt 
werden — , Begräbnisgesänge und musikalischer Beglückwünschungen 
zu akademischen Promotionen. Ein gut Stück Königsberger Familien- 
geschichte Hesse sich aus jenen Festkompositionen schildern, und oft 
geben diese die einzigen bestimmten Daten für das Leben sonst be- 
kannter Persönlichkeiten. Auch Eccard hatte bereits in ähnlicher, doch 
weniger ausgedehnter Weise solche Gelegenheitskompositionen gearbeitet, 
u. a. seinen lieben Schüler Stobaeus selbst zu seiner Hochzeit mit einer 
sechsstimmigen lateinischen Motette beglückwünscht. Von Eccard's 
derartigen Arbeiten ist durch die Vorsorge des Stobaeus mehreres noch 
lange in Gebrauch erhalten worden, indem letzterer durch seine dichte- 
rischen Freunde die ursprünglich weltlichen Texte durch neue geistliche 
ersetzen liess, die die Aufnahme der schönen Kompositionen in die 
Neuauflage der geistlichen Lieder und der Festlieder gestatteten. Von 
seinen eigenen Gelegenheitskompositionen hat Stobaeus, wie es scheint, 
nur zwei so verarbeitet; einen Hochzeitsgesang hat er dem Liede seines 
Freundes G. Weissei untergelegt: ,<Such, wer da will, ein ander Ziel," 
und zu einem andern Hochzeitsliede bat er selbst die geistliche Parodie 
geschrieben, die in unsre Gesangbücher übergegangen ist und die hier 
auszugsweise mitgeteilt werden möge, weil sie charakteristisch ist für 
den Mann und für seine Zeit. 



Von Prof. Dr. Friedrich Zimmer. £07 

Es ist gewiss eiu' grosse Gnad' 
Wenn's einem Gott gewähret, 
Dass er ein sanft Sterbstündlein hat 
Und wie im Schlaf hinfähret, 
Dass er sich an dem letzten End' 
Vernünftig zu dem Heiland wend't; 
Dies Gott allein dem giebet, 
Der ihn stets hat geliebet. 

Wer wollte denn so trostlos sein, 
Ob ihm eiu Frennd abstürbe, 
Dass er denselben so bewein', 
Als wenn er ganz verdürbe? 
Wer wollte nicht zu jeder Stund* 
Rufen zu Gott mit Herz und Mund: 
Mir auch, o lieber Herre, 
Ein sel'ges End bescheere. 

Denn dieses ist und bleibt ja wahr: 
Die Seelen der Gerechten 
Die sind befreit aller Gefahr, 
Die kaun kein Angst anfechten; 
Sie werden von den Engelein 
Getragen in Abram's Schoss hinein, 
Sie kommen allzugleiche 
In's ew'ge Himmelreiche. 

Ja, wenn ich diese Freud 1 betracht 
Mit Seufzen ich begehre, 
Dass Gott der Herr mit seiner Macht 
Auch einst zu mir cinkehie 
Und mache, dass zu rechter Zeit 
Von aller Müh ich werd 1 befreit; 
Ich will mit Lust und Freuden 
Von dieser Lust abscheiden. 

Ach lehr" du uns, Herr Jesu Christ, 
Dass wir ja wohl bedenken, 
Dass unser Leben endlich ist, 
Und uns zur Klugheit lenken 



108 Köoigsberger Kirehenliederdiehter und Kircheokomponfoten. 

Und schicken uns zum sel'gen End\ 
Befehl'n die Seel' in deine H&nd' 
Dass wir eingehn lusammen 
Ins ew'ge Leben. Amen. 

Warum ergreifen einen die Kompositionen dieser alten Meister, 
wenn erst die Fremdartigkeit ein wenig überwunden ist, mit so zauberischer 
Gewalt? Weil wir es fühlen, die Töne sind der musikalische Ausdruck 
einer herzenstiefen, wahrhaftigen Empfindung. Die Tonsetzer sind ge- 
legentlich selbst Dichter, und stehen jedenfalls in innigem Verein mit 
dichtenden Freunden, und erst die gemeinsame Arbeit giebt in dem in 
Töne gesetzten Wort die gemeinsame Empfindung ganz wieder. 

Auch Eccard hat vielleicht selber den Text für einzelne Tonsätze 
geschrieben. Die Dichter, die ihm zumeist zur Seite standen, sind 
Sebastian Artomedes, Georg Reimann und Peter Hagen. Der 
erstgenannte, aus Franken gebürtig, von Herzog Albrecht nach Königs- 
berg gezogen und hier bis zu seinem Tode 1602 Pfarrer am Dom, ist 
namentlich durch ein kirchliches Neujahrslied bekannt, in welchem er 
— bezeichnender Weise — zuerst dies erbittet: 

reicher Thron der Gnaden, 
Dies liebe neue Jahr 
Vor Unheil und vor Schaden « 

Kirchen und Schul bewahr, 
Des Satans Tücken wehr, 
Dass er uns nicht bethöre 
Mit Gift der falschen Lehre, 
Dein Reich bei uns vermehr. 

Peter Hagen (Petrus Hagius, 1569 — 1620), aus Henneberg bei 
Heiligenbeil gebürtig, Rektor des Kneiphöfischen Gymnasiums, an 
welchem Stobaeus damals Kantor war, hat für die „Festlieder 14 eine 
Anzahl von in der alten objektiv schildernden Art gehaltenen Dichtungen 
verfasst, die sammt ihren Melodieen jetzt vergessen sind. Nicht anders 
ergeht es den Liedern Georg Reimann' s. Wäre es nicht zu dem 
herrlichen achtstimmigen Chor Eccard's gedichtet, den der Berliner Dom- 
chor wieder zum Leben erweckt hat, so wüsste Niemand mehr \on 
seinem Jubelliede von der Geburt Christi: 



Von Prof. Dr. Friedrich Zimmer* £0$ 

Freude Aber Freud'. 
Wir Jiab'n erlebt die Zeit, 
Da ans za Trost and Frommen 
Der ewig Gott ist kommen 
Ins Fleisch, ohn' alle Sünden 
Mit ans sich za verbinden. 
Jungfrau Maria auserkoren, 
Die hat ihn za der Welt gebor'n. 

süsser Jesu Christ, 
Der da Mensch worden bist, 
Der Schlang den Kopf zertreten, 
Beim Vater ans verbeten, 
Sein Huld and Gnsd' erworben, 
Sonst waren wir verdorben: 
Gieb Gnad\ dass wir auch loben dich 
Dafür zeitlich und ewiglich. 

Bekannter als dieses um Eccard gesammelte Dichtertriumvirat des 
16. Jahrhunderts, von dem in das neue Gesangbuch kein Glied Aufnahme 
finden soll, sind zwei jüngere Männer geworden, die zwischen jenen 
älteren Königsberger Dichtern und der späteren preußischen Dichter- 
schule zeitlich und sachlich in der Mitte stehen: Valentin Thilo der 
Aeltere und Georg Weissei. Der erstgenannte, 1579 zu Zinten ge- 
boren und 1620 als Diakonus der Altstadt hier gestorben, hat allerdings 
das Mißgeschick (oder vielleicht richtiger Ungeschick) gehabt, einen 
Sohn mit seinem eigenen Vornamen zu taufen, der gleichfalls ein frucht- 
barer Liederdichter geworden ist und nun in vielen seiner Dichtungen 
nicht mehr vom Vater unterschieden werden kann. Eine anziehende 
Erscheinung ist Georg Weissei/) 1590 in Domnau geboren und 1635 
als erster Pfarrer der 1623 gegründeten Altrossgärter Parochie verstorben. 
Ein grundgelehrter Theolog — er hatte nach dem in Königsberg ver- 
brachten Triennium hoch in Wittenberg, Leipzig, Jena, Strassburg, Basel 
und Marburg studiert und war, den Dreissigern nahe, nach dreijähriger 
Schulmeisterthätigkeit noch einmal nach Königsberg zurückgekehrt „um 
sieb in seinen Studiis noch besser festzusetzen" — ein grundgelehrter 

') Vgl. Lic. Dr. E. A. F. Kahle, Georg Weiasel. Ein Zeit- und Sanggenosse Simon 
Dach's. Vortrag, abgedruckt in der Altpr. Monatsschrift Bd. IV. 1867. S. 430—463, 



110 Königsberger Kirchenliederdichter and Kirchenkomponisten. 

Theolog ist er in den zelotischen Kämpfen der damaligen streitsüchtigen 
Schultheologie doch eine Friedensgestalt. Seine Lieder bekunden Glaubens- 
kraft und Tiefe, daneben unleugbare dichterische Begabung und verhält- 
nissmässige Formgewandtheit. Unter uns leben noch fort das glaubens- 
gewisse: „Kurz ist die Zeit, kurz sind die Jahr'", das zuversichtliche: 

Such, wer da will : 

Ein ander Ziel 
Die Seligkeit zu finden; 
Mein Herz allein 
Bedacht soll sein 
Auf Christum sich zu gründen. 
Sein Wort ist wahr, 
Sein' Werk 1 sind klar, 
Sein heiFger Mund 
Hat Kraft und Grund, 
AU 1 Feind 1 zu überwinden. 

Endlich die Krone der Adventslieder ist ihm zu schmieden gegeben 
worden : 

Macht hoch die Thor, die Thor macht weit, 
Es kommt der Herr der Herrlichkeit, 
Ein König aller Königreich, 
Ein Heiland aller Welt zugleich, 
Der Heil und Leben mit sich bringt; 
Derhalben jauchzt, mit Freuden singt: 

Gelobet sei mein Gott, 

Mein Schöpfer reich von Rat 

Er ist gerecht, ein Helfer wert, 
Sanftmütigkeit ist sein Gefährt, 
Sein 1 " Königskron ist Heiligkeit, 
Sein Scepter ist Barmherzigkeit; 
AU unare Not zu End' er bringt, 
Derhalben jauchzt, mit Freuden singt: 

Gelobet sei mein Gott, 

Mein Heiland, gross von That. 

wohl dem Land, o wohl der Stadt, 
So diesen König bei sich hat! 
Wohl allen Herzen insgemein, 
Da dieser König ziehet ein! 



^r 



Von Prof, Dr. Friedrich Zimmer. 211 

Er ist die rechte Freudensonn', 

Bringt mit sich lauter Freud 1 und Wonn'. 

Gelobet sei mein Gott, 

Mein Tröster, früh mid spat! 

Bei Weisse], der mit dem um zehn Jahre älteren Stobaeus in Freund- 
schaft verbunden und wie dieser ein Schüler Eccard's war, macht sich die 
musikalische Schulung deutlich bemerkbar. Welchen geradezu melodi- 
schen Schwung hat doch das eben mitgeteilte Lied ! Und bewundernswert 
ist namentlich der Feinsinn, mit dem es Weissei verstanden hat, Eccard- 
schen Gelegenheitskompositionen neue Texte unterzulegen, die sich allen 
Wendungen des Tonsatzes aufs genaueste und glücklichste anschmiegen. 

Der äusseren Arbeitsgemeinschaft zwischen Dichter und Komponisten 
entspricht hier deutlich eine Gemeinsamkeit der künstlerischen Empfin- 
dung, und dieses gemeinschaftliche Schaffen hat beide Teile befruchtet, 
hier wie bei den Späteren. Und ich meine, den beiden mit Weissei 
ungefähr gleichzeitigen Kirchenliederdichtern, die aber aus unbekannten 
Gründen mit den Tonsetzern in keine nähere Berührung gekommen sind, 
merkt man das ab, nicht zu ihrem Vorteil. Es waren Georg Werner, 
geb. 1589 zu Pr. Holland, gestorben 1653 als Diakonus im Löbenicht, 
von dem in das neue Gesangbuch zwei Lieder aufgenommen werden 
sollen, und Bernhard Derschau, geb. 1591 in Königsberg und hier 
1639 als Pfarrer der Altstadt gestorben, der mit einem Kommunions- 
liede im neuen Gesangbuch vertreten sein wird. 

In die dreissiger Jahre des siebzehnten Jahrhunderts, in die Zeit 
also, wo ganz Deutschland durch die Furien des grossen Religionskrieges 
auf das entsetzlichste verheert wurde, Königsberg jedoch, trotz wieder- 
holter vorübergehender Bedrängnisse im ganzen, wie oin Friedenshafen bei 
stürmischer See, leidlich Buhe und Sicherheit gewährte, darum auch der 
Zufluchtsort Vieler war und namentlich eine nie wieder erreichte Blüte- 
zeit der Universität erlebte, — in diese Zeit fällt die Stiftung und 
fruchtbringende Wirksamkeit der preussischen Dichterschule, der 
die Kirchenliederdichtung wertvolle Beiträge verdankt. I0 ) 



10 ) Vgl. H. Jacoby, Das geistige Leben Königsbergs in der Zeit des dreissig- i 

jährigen Krieges. „Die Grewboten." 1877. 8. 121—139. 



L 



It2 ltöD»g»berger Kirchenliederdiehter and Kirchenkomponistea. 

Zwar keineswegs ihr Haupt, aber doch ihr dichterisch am meisten 
begabtes und thätigstes Mitglied ist der durch die um seinen Namen 
gewobene Äennchen-von-Tharau-Mythe allbekannte Simon Dach. 1605 
in Memel geboren, seit 1633 Eollaborator an der Domschule, seit 1639 
Professor der Poesie an der Albertus-Universität bis zu seinem 1659 er- 
folgten Tode, sein ganzes Leben über in den dürftigsten Verhältnissen — 
auch als Professor hatte er neben einigem Holz- und Korn-Deputat nur 
100 Thaler Gehalt . — durch die Not zur Versfabrikation getrieben, 
durch die Freundschaft seiner dichterischen und musikalischen Genossen 
zur wahrhaften Dichtung erweckt — das ist in kurzen Strichen der 
Mann, der in weiten Kreisen allein als Königsberger Dichter bekannt 
ist. Er war, wie ihn sein Biograph Oesterley ") treffend charakterisiert, 
„ein frommgläubiger Christ, ein hingebender, für jede Wohlthat dank- 
barer Freund, der beste Gatte und Vater, der treueste Unterthan seines 
Kurfürsten, aber ohne jede andere Energie, als die, in kindlichem Ver- 
trauen seine Gönner und Freunde um Hilfe anzusprechen, wo er sich 
selbst nicht helfen konnte. Dabei lebte er bis auf den Verkehr in 
seiner Familie und seinem Freundeskreise ein fast ausschliesslich inner- 
liches Leben, er war eine so durchaus subjektiv angelegte Natur, dass 
er den Ereignissen der Aussenwelt völlig fern blieb, wenn sie ihn nicht 
persönlich berührten. Den grossen kirchlichen Streitfragen seiner Zeit 
schenkte er keine Teilnahme und verkehrte mit der einen Partei so 
friedlich, wie mit der andern ; die tiefgehenden politischen Händel blieben 
ihm so fremd, dass ihn nicht einmal die Zerwürfnisse zwischen dem 
Kurfürsten und der Stadt Königsberg berührten, die ihn doch nahe genug 
angingen; die sein ganzes Jahrhundert aufwühlenden Kriegsereignisse 
entlockten ihm nur den Ausdruck der Freude darüber, dass die Heimath 
von der Kriegsnot verschont geblieben war . . . Nur die pestartigen 
Krankheiten, die in Königsberg und ganz Preussen so entsetzliche Ver- 
heerungen anrichteten, machten einen tieferen Eindruck auf ihn, aber 
hauptsächlich, weil er selbst von ihnen ergriffen wurde und vor ihnen 



") „Simon Dach, seine Freunde und Johann Roling. M Berlin and Stattgart 
Spemann. (30. Bd. der „Deutsehen Nationalliteratur".) 



Von Prof. Dr. Friedrich Zimmer. U3 

fluchten musste, weil sie seine liebsten Freunde hinwegrafften und weil 
ihm das unaufhörliche dumpfe Tönen der Totenglocken ins Herz drang." 
Diese Subjectivität charakterisiert mit dem Menschen zugleich den 
Dichter, der so naturnothwendig Lyriker wurde, aber auch Lyriker blieb. 
„Die ihm angeborene und seit früher Jugend geübte Leichtigkeit in der 
Behandlung der Form lässt ihn aussei lieh fast immer liebenswürdig, 
glatt und formenschön erscheinen, wie er innerlich stets edel und rein, 
innig und zart war, aber nur selten zu dem höheren Fluge der Ode 
oder des Dithyrambus sich aufschwingen konnte; und die Bestimmung 
seiner Lieder für den Vortrag durch Gesang gab denselben Abrundung, 
Fülle und Wohlklang, während die unablässige Beschäftigung mit den 
Gedanken des Todes über seine Dichtungen einen Hauch weicher Trauer 
verbreitete, der selbst in seineu weltlichen Gedichten als ein Ton sanfter 
Resignation wiederzuerkennen ist und nur in ganz vereinzelten Fällen 
von einer wirklichen warmen und herzlichen Fröhlichkeit verdrängt wird." 
Von Dach 's geistlichen Liedern sind gegenwärtig noch eine ziem- 
liche Anzahl im kirchlichen Gebrauch. Die bekanntesten dürften sein: 
„Ich bin bei Gott in Gnaden", die liedförmige Wiedergabe des paulinischen 
Siegeshymnus Rom. 8, 31 ff., dann das sehnsüchtige „0 wie selig seid 
ihr doch ihr Frommen, die ihr durch den Tod zu Gott gekommen; ihr 
seid entgangen aller Not, die uns noch hält gefangen". Endlich ein 
Lied, das in jeder Weise für Dach und seine Genossen bezeichnend ist, 
ist das Sterbelied, das er seinem innig geliebten Freunde und Gönner, 
Robert Robertin, einem feingebildeten und selbst dichterisch thätigen 
Manne, der in Dach den Born der Dichtung erschlossen hatte und des 
Dichterkreises Vater und Haupt war, auf Begehren desselben schon 
mehrere Jahre vor seinem Hinscheiden gedichtet hat, und das dann mit 
einer ergreifenden Komposition Albert's wirklich bei Robertin's 1648 er- 
folgtem Tode gesungen wurde. Es lautet (verkürzt): 

Ich bin ja, Herr, in deiner Macht, 
Da hast mich an das Licht gebracht, 
Da unterhaltet mir auch das Leben, 
Da kennest meiner Monden Zahl, 
Weißst, wann ich diesem Jammerthal 
Aach wieder gute Nacht muss geben. 

AJtpr. MonfttMehrift Bd. XXIL Hft. I u. 2. „ 8 



114 Königsberger Kirchenliederdichter and Kirchenkomponisten. 

Wo, wie and wann ich sterben soll, 
Das weiset da, Vater, mehr als wohl. 

Mich dünkt, da lieg 1 ich schon vor mir 
In grosser Hitz\ ohn' Kraft, ohn' Zier, 
Mit höchster Herzensangst befallen; 
Gehör und Bede nehmen ab, 
Die Augen werden wie ein Grab, 
Doch kränkt die Sünde mich vor allen; 
Des Satans Anklag* hat nicht Rah, 
Setzt mir auch mit Versuchung zu. 

Ich höre der Posaunen Ton 
Und seh auch den Gerichtstag schon, 
Der mir auch wird ein Urteil fällen. 
Hier weiset mein Gewisseusbach, 
Dort aber des Gesetzes Fluch 
Mich Sündenkind hinab zur Höllen. 
Wer hilft mir sonst in dieser Not, 
Wo du nicht, Gott, da Todes Tod? 

Herr Jesu, ich dein teures Gut 
Bezeag es selbst mit meinem Blat, 
Dass ich der Sünde nicht gehöre. 
Was schont der Satan meiner nicht 
Und schreckt mich durch das Zorngericht? 
Komm, rette deines Leidens Ehre! 
Was giebest da mich fremder Hand 
Und hast so viel an mich gewandt? 

Nein, nein, ich weiss gewiss, mein Heil, 
Da lassest mich, dein wahres Teil, 
In deinem Schosse selig sitzen. 
Hier lach* ich aller Angst and Not, 
Es mag Gesetz, Höir oder Tod / 

Auf mich her donnern oder blitzen. 
Dieweil ich lebte, war ich dein, 
Jetzt kann ich keines Fremden sein. — 

Der dichterische Freundeskreis, in und mit dem Dach lebte und 
dichtete, bestand wahrscheinlich aus zwölf Gliedern, denen Heinrich 
Albert in seinem Garten auf den Hufen auf zwölf Kürbisse einen Denk- 



Von Prof. Dr. Friedrich Zimmer. U5 

vers schrieb. Der schon genannte Eobertin hatte die Anregung zu 
Bildung des Dichterbundes gegeben; er blieb auch der Leiter desselben. 
Das für die Geschichte der Kirchenliederdichtung bedeutendste Mitglied 
war nächst Dach Valentin Thilo, der Sohn des gleichnamigen schon 
genannten Dichters, 1607 in Königsberg geboren und 1662 als Pro- 
fessor der Beredtsamkeit gestorben. Am bekanntesten sind von ihm 
die Lieder: „Gross ist Herr deine Güte" und „Mit Ernst, ihr Menschen- 
kinder, das Herz in euch bestellt". Die übrigen Mitglieder des Bundes 
sind mit Ausnahme von Heinrich Albert, den wir unter den Tonsetzern 
noch besonders zu erwähnen haben, meistens vergessen: Georg Mylius, 
ein Königsberger, der 1640 als Pfarrer des benachbarten Brandenburg 
27 Jahre alt starb; Christoph Caldenbach, Prorector der altstädti- 
schen Schule, nachher Professor der Poesie, Geschichte und Beredsamkeit 
in Tübingen, zugleich als Komponist thätig; Andreas Adersbacb, 
J. P. Titz oder Titius u. a. 

Als Dichter dem Bunde angehörig, aber gerade als Komponist für 
denselben in besonderer Weise fruchtbar, war Heingrich Albert, der 
in der Kirche durch seine gedichteten, wie seine gesungenen Lieder 
gleich bekannt geworden und geblieben ist. Eines derselben gehört zu 
den „Achtzig Kirchenliedern der preussischen Regulative 44 und wird 
wohl in jeder evangelischen Schule Preussens gelernt: „Gott des Himmels 
und der Erden". Die Melodie des* Liedes, ebenfalls von Albert stammend, 
ist bekanntlich so beliebt und so vielen andern Kirchenliedern unter- 
gelegt, dass nur wenige Sonntage vergehen dürften, an denen nicht in 
der einen oder anderen Gemeinde ein Lied in diesem Ton gesungen 
würde. Besonders als Erfinder von kirchlichen und weltlichen Melodieen 
ist Albert bedeutend, weniger als Setzer. „Die Gabe, welche Stobäus, 
zumal aber Eccard, in hohem Maße besass, in fremde Melodieen sich 
hinein zu empfinden und von innen "heraus sie durch Harmonie zu be- 
leben, war ihm nicht verliehen. ... Er versäumt meistenteils, was 
Eccard und Stobäus so erfolgreich gethan, die melodischen Grund- 
gedanken für seine begleitenden Stimmen aus der Hauptmelodie zu ent- 
lehnen, deren Gang dadurch vorzudeuten, ihn nachzuahmen und so an 
geeigneter Stelle auch den Zusammenklängen grösseren Nachdruck zu 

geben 44 (v. Winterfeld). 

8* 



2X6 Rünigsberger Kirchenliederdichter und Kirchenkomponisten. 

Die Bedeutung Albert's für die Musikgeschichte Königsbergs liegt 
darin, dass er ein ganz neues Element musikalischer Darstellung hierher 
verpflanzte, nämlich die Kunst der italienischen Schule des Venediger 
Meisters Johann Gabrieli. 1604 in Lobenstein im Voigtlande geboren 
als Neffe des berühmten Heinrich Schutz, des Vorläufers der um gerade 
hundert Jahre später in die Welt getretenen Grossmeister Händel und 
Bach, war Albert seines Oheims Schüler gewesen und durch diesen so 
tief in die italienische Kompositionsweise eingetaucht, dass er trotz 
seiner Bewunderung der Eccard-Stobäus'scheu Satzart und trotz des 
wohl unverkennbaren Strebens, von ihnen zu lernen, den Grundtypus 
der italienischen Schule nie verloren hat. Wirklich bot diese Schule 
in dem doppelten Streben, einmal nach redegemäßera Ausdruck, anderer- 
seits nach Zierlichkeit und Kehlfertigkeit wertvolle Elemente zu einer 
Weiterbildung der Musik. Und dieselben sind in unserer Provinz nicht 
auf unfruchtbaren Boden gefallen. Zweierlei kam ihrer günstigen Ent- 
faltung hier zu statten. Die schwere Kunst eines Eccard — das ist 
das eine — erforderte durchgeistete und geniale Musiker zu ihrer Pflege 
schon, um so mehr zu ihrer Fortbildung. Aber die Grösse Eccard's 
und seines „Fundamentaldiscipels" Stobaeus hat von ihren Nachfolgern 
keiner wieder erreicht. Es sind achtenswerte Musiker, ein Caspar Case 
des Stobaeus Nachfolger im Kapellmeister- Amt, Georg Colb, der früh 
verstorbene, und die wackeren Kantoren- der Altstadt: Jonas Zorn ich t, 
Johann Tragner, Georg Hucke, Conrad Matthaei, von kleineren 
Geistern abgesehen; und namentlich Johann Weichmann, ein Pommer, 
der während der Jahre 1647 — 52 dieses Kantorat verwaltete, wird in 
allen Ehren zu nennen und, wie ich wünschte, zu halten, resp. in die 
ihm gebührende Ehre wieder einzusetzen sein, denn seine grösseren 
Kompositionen, die in der hiesigen Königl. Bibliothek, zum Teil noch 
im Manuscript, sich befinden, reihen ihn gleich hinter die Häupter 
der Preussischen Tonschule. Aber erreicht hat er sie doch nicht, und 
dann zeigt gerade er in seinen kleineren Kompositionen den entschie- 
denen Einfluss der durch Albert nach Königsberg gebrachten italienischen 
Schule. Der grösste Schüler der beiden Meister Eccard und Stobaeus 
ist also zugleich in die Albert'sche Schule gegangen. Zu solchem Ein- 



Von Prof. Dr. Friedrich Zimmer. 117 

flusse wirkte noch weiter mit — und das ist das zweite Moment, das 
ich zu nennen habe — die Gunst äusserer Verhältnisse. Albert ge- 
hörte der preussischen Dichterschule an; seine Kompositionen boten so- 
mit immer die neueste Lyrik. Ferner schrieb er seine Lieder nicht für 
die 'Kirche, sondern für häusliche Kreise und zwar in einer für diese 
recht praktischen Weise. Denn er ist der erste, so viel mir bekannt, 
der hier in Preussen statt in Einzelstimmen seine Kompositionen in 
Partitur herausgab, und gleichfalls der erste, der eine leichte Instrumental- 
begleitung durch Beifügung des Generalbasses ermöglichte und durch 
praktische Erläuterung in den Vorreden dem musikalischen Publikum 
empfahl. Endlich war es ihm beschieden, in Deutschlands schwerster, 
aber Königsbergs vielleicht glücklichster Zeit hier wenigstens ein Viertel- 
jahrhundert, von 1626 bis zu seinem 1655 — nach anderen Angaben 
1651, 1656 oder gar erst 1668 — erfolgten Tode, in Friede, Freund- 
schaft und Anerkennung zu schaffen. Das Werk, das ihn vor allem 
bekannt gemacht hat, erschien in acht Teilen 1638—48 unter dem Titel: 
„Arien oder Melodeyen etlicher theils Geistlicher, theils Weltlicher, zur 
Andacht, guten Sitten, keuscher Liebe und Ehrenlust dienender Lieder; 
in ein Positiv, Clavicyinbal, Theorbe oder anderes vollstimmiges Instru- 
ment zu singen gesetzet 2c. u Es ist nicht bloss musikgeschichtlich von 
grossem Wert, sondern zugleich als Spiegel damaligen Königsberger 
Familienlebens von hohem Interesse. Wir sehen daraus, dass schon 
damals hier nicht weniger wie heute musiciert, jedenfalls aber mehr 
gesungen wurde wie im modernen Königsberg, und dass die Hausmusik, 
der es an allerlei schelmischen Liedern nicht gefehlt hat, doch auch 
der Weihe der Lieder der Anbetung nicht entbehrte. Und darin ist jene 
Zeit der unsrigen voraus gewesen. Hätten wir noch solche geistliche 
Hausmusik, wir wären selbst musikalisch weiter! 

Albert hat sowohl als Komponist wie als Dichter die Stellung eines 
lebendigen Ueberleiters ; als Komponist sachlich, da er mit seinem Streben 
sich an die Art des Eccard und Stobaeus anzuschliessen die neue ita- 
lienische Weise verbindet und dieser damit zur Herrschaft verhilft; als 
Dichter wenigstens zeitlich, denn da er die Glieder des Dichterbundes 
grösstenteils überlebte, ist er das Bindeglied zwischen ihm und seinen 



118 Königsberger Kirchenliederdichter und Kirchenkomponisten. 

beiden Nachkömmlingen; Jobann Köling und Michael Eongehl. 
Ueber diese beiden nur ein kurzes Wort. 

Köling, ein Holsteiner, geboren 1634, Dach's Nachfolger in der 
Professur der Poesie wie in der Prosa dieser Professur mit ihrem schmalen 
Gehalt und ihrer Nötigung zu einer unerquicklichen Gelegenheitsreimerei, 
steht in seinen geistlichen Dichtungen „in der Auffassungs- und Dar- 
stellungsweise, in der Wärme der Empfindung und der Kraft der Ge- 
staltung, selbst in der Schönheit der Form und des Ausdrucks der 
Gegenwart so nahe wie kaum ein andrer Dichter seiner Zeit" (Oesterley). 
Und doch ist er in der Gegenwart ziemlich vergessen, wie so mancher, 
der zu seiner Zeit hoch in Ehren gestanden. Ihre Stätte kennet sie 
nicht mehr. Auch Michael Kongehl, geb. 1646 in Kreuzburg, ge- 
storben 1710 als Bürgermeister der Altstadt, seinerzeit als dramatischer 
Dichter thätig und bekannt, wie kaum einer seiner Königsberger Vor- 
gänger und Nachfolger, ist höchstens noch durch sein Kirchenlied be- 
kannt: „Nur frisch hinein; Es wird so tief nicht sein". 

Wie in diesen Männern und etwa noch in Friedrich von Derschau 
(1644—1713), dem Dichter des Liedes „Süsser Trost der matten Herzen", 
die preussische Dichterschule nennenswerte Ausläufer gehabt hat, so ist 
auch noch ein Musiker zu erwähnen, der, mit jenen gleichzeitig und 
z. T. zu gemeinsamer Arbeit verbunden, zwar nicht mehr als Glied der 
preussischen Touschule, aber doch als namhafter Königsberger Kom- 
ponist in italienischer Manier und somit als Nachfolger Alberts be- 
zeichnet werden kann. Es ist Johann Sebastiani, 1622 zu Weimar 
geboren, seit 1650 in Königsberg, von 1661 an als Kapellmeister. Seine 
eigentliche Bedeutung liegt allerdings nicht auf dem Gebiete der Kirchen- 
musik, sondern auf dem der Tanzkomposition, Was Strauss, Lanner 
und Gungl für unsre Zeit sind, war er für die seinige, wenigstens hier 
in Königsberg, wo er sich schnell und gemütlich eingelebt hatte. Immer- 
hin ist er auch als Kirchenkomponist zu nennen. Die Probe aus seinen 
1672 und 1675 erschienenen „Parnaßblumen", die nachher vorgeführt 
werden wird, wird Ihren Beifall gewiss finden. Ueber Sebastiani's 
giösstes, uns erhaltenes Werk weiss ich leider nicht aus eigener An- 
schauung zu berichten. Es ist eine Matthäus-Passion für Soli, Chor 



Von Prof. Dr. Friedrich Zimmer. JJ9 

und Orchester, die im 17. Jahrhundert hier und auswärts wiederholt 
aufgeführt worden ist. Interessant ist die Komposition jedenfalls; über 
ihren Wert aber lauten die Urteile der wenigen, die sie zu unsrer Zeit 
eingesehen haben, sehr verschieden. 

Mit dem Ende des 17. Jahrhunderts schliesst die Zeit der Grösse 
und des Glanzes Königsbergs in der Dichtung und Musik wenigstens auf 
kirchlichem Gebiete u ). Die Zeit ist vorüber, in der und von der der 
Stifter der preussischen Dichterschule Bobert Bobertia rühmen konnte: 

„Wir müssen zwar entfernt von andern Orten leben, 
In denen Wärme herrscht, uns deckt der kalte Nord; 
Doch hast du uns gewollt ein 1 andre Sonne geben, 
Der- Seelen schönstes Licht, das klare Gnadenwort; 
Cnd neben diesem Wort hast du uns mit verliehen, 
Dass guter Künste Brauch hier reichlich ist bekannt, 
Und jedermann gesteh 1 , dass in dem kalten Preussen 
Mehr geistlich Singen sei, denn sonsten überall". — 

Hochverehrte Versammlung! Ich habe nur in kurzen Strichen und 
mit schlichtem Wort von jener grossen Königsberger Vergangenheit er- 
zählt ; aber ich meine, die hehren Klänge, die wir gestern in der Dom- 
kirche vernommen haben, machen jedes Wort des Preisens der damaligen 
Kirchenmusik unsrer Stadt entbehrlich. So weit die Musik überhaupt 
andere Gedanken aufkommen liess als die hingebender Versenkung 
und heiliger Anbetung, ist mir's gewesen als sprächen mit ehernem 
Tone Biesenmenschen zu uns, einem Zwerggeschlecht, und straften uns 
und sprächen: Warum vermögt ihr nicht mehr in Tagen des Wohl- 
standes, was wir in Zeiten der Armut gethan? Warum habt ihr nicht 
mehr Chöre in Euren Kirchen, die die bekümmerten Herzen, für die 
das Trostes wort nicht ausreicht, mit himmlischen Klängen erquicken 
und aufrichten und die harten Herzen weich machen und die erstarreten 
schmelzen ? Warum vereint ihr euch nicht mehr in euren Häusern zum 
singenden Preise der unaussprechlichen Gnade Eures Schöpfers und 
Heilandes? Und warum lasst ihr eure Verstorbenen ins letzte Bettlein 



1Z ) Uebcr die musikalische Schulung jener Zeit Tgl. 0. Ungewitter, „Das Enchiri- 
dion musicum von Laurentius Ribovius, Königsberg 1634" in der Altpr. Monats- 
schrift Bd. V. 1868. S. 331—338. 



120 Königsberger Kirchenliederdichter und Kirchenkomponisten. 

legen mit hohlem, verzweiflungsvollem Pomp, aber ohne den herztrösten- 
den Klang des Chorals und des Bibelspruchs? Hochverehrte Ver- 
sammlung! Wissen Sie darauf die Antwort? — 

lieber die kirchliche Dichtung und die Kirchenmusik des vorigen 
und des gegenwärtigen Jahrhunderts darf ich mit wenigen Worten 
hinweggehen. Dem Gemeindegesange hat nur noch das vergangene 
Jahrhundert einigen Stoff zugeführt Einer der bedeutendsten deutscheu 
Humoristen, dem aber auch der Ernst des Lebens und Sterbens vor 
Augen gestanden, hat uns das Lied hinterlassen: „Noch leb 1 ich; ob 
ich morgen lebe, ob diesen' Abend, weiss ich nicht". Es war Theodor 
Gottlieb v. Hippel, geboren 1741 in Gerdauen und 1796 hier in 
Königsberg gestorben als Bürgermeister, Polizeidirektor, Kriegsrat und 
Stadtpräsident. Die Tonweisen der früheren Zeiten hat ein Kantor der 
Domkirche, Joh. Heinr. Kirchhoff (1692—1753) in der ersten Hälfte 
des vorigen Jahrhunderts treulich gesammelt und um einige vermehrt. 
Namentlich die Melodie zum Liede „Gross ist Herr deine Güte 11 stammt 
von ihm "). Sonst weiss ich aus der Kirchenmusik des vorigen Säculums 
nur noch die damals hier eingewanderte Familie Zander zu nennen 
aus der mehrere Glieder teils schaffend, teils ausübend gewirkt haben. 

Unser Jahrhundert hat mit dem Eingehen ständiger, besoldeter 
Kirchenchöre auch die Kirchenmusik verloren. Motetten, Psalme und 
dergleichen, die Männer wie Saemann, Paetzold, Sobolewski, 
Jensen, Hahn, Nicolai und Hermann Goetz komponiert haben, 
sind entweder nur Gelegenheitskompositionen, oder geistliche Konzert-, 
keine Kirchen- d. h. gottesdienstliche Musik. Das gilt namentlich von 
der in seiner Weise grossartigen Komposition des 137. Psalms von dem 
seiner Kunst zu früh entrissenen H. Goetz und von den kleinen Oratorien 
von Eduard Sobolewski. Letztere sind überraschend schnell in 
Vergessenheit geraten — die nachher mitzuteilende Probe mag es Ihnen 
sagen, ob mit Recht. 

Und somit ständen wir bei der Kirchenmusik der Gegenwart. Ueber 
das, was jetzt hier darin geschieht, schweige ich, denn es vollzieht sich 

13 ) Vgl. 0. Ungewitter, „Die Königsberger geistlichen Melodienbücher des 
J8. Jahrhundert»" in der Altpr. Monatsschrift Bd. VII. 1870. S. 1—12. 



Von Prof. Dr. Friedrich Zimmer. 121 

unter Ihrer aller Augeu. Nur das eine lassen Sie mich sagen, denn 
in herzlichster Freude und Dankbarkeit bin ich gedrangen, es auszu- 
sprechen: unser junger „Evangelischer Verein für geistliche und Kirchen- 
musik der Provinzen Ost- und Westpreussen" hat bei den Dirigenten 
und den ausübenden Sängern und Sängerinnen, die er um ihre Hülfe 
gebeten, eine Bereitwilligkeit und eine Opferfreudigkeit gefunden, für 
die wir nicht Worte des Dankes und Lobes genug haben. Die Freudig- 
keit ist da zum Dienst im Heiligtum! Es weiss eben ein jeder, der 
in der Kirche dirigiert und singt im Wechsel mit der mitsingenden 
und mitbetenden Gemeinde, er thut es Gott zu Ehren und sich und 
der Gemeinde zu Erbauung. Und das ist doch ein ander Ding, als im 
Konzertsaal oder auf der Bühne nach dem Beifall eines unberechen- 
baren Publikums und der Gunst eines — wenn auch vielleicht nicht 
ebenso unberechenbaren — Zeitungsrecensenten haschen zu müssen. 

Gerade in der Gegenwart ist die Kirchenmusik ein Labsal sowohl 
für den Sängerchor, wie für die predigtmüde und nach anbetender Feier 
sich sehnende Gemeinde. Ergreifen wir jetzt die Zeit nicht, kehrt sie 
vielleicht nie wieder. Und ich sage es, nicht als Musiker, sondern als 
Theologe, die Kirche wird es aufs bitterste bereuen müssen, wenn nicht 
mit dem falschen Begriff des Gemeindegottesdienstes, als sei er, mit 
der Predigt als Mittelpunkt, eine religiöse Lehrunterweisung, anstatt ein 
Akt der gemeinsamen Gottesverehruug, bei dem dann freilich das Ele- 
ment der Chormitwirkung kaum zu entbehren ist — wenn nicht damit 
bald und gründlich aufgeräumt wird in Praxis und Theorie* Es ist die 
letzte Stunde! Aber hoffen wir, dass die frische Thätigkeit unseres 
Vereins für Kirchenmusik und seiner aufopferungsfähigen und opfer- 
willigen Helfer und Helferinnen nicht das Spätrot bedeutet, mit dem 
Königsbergs grosse kirchenmusikalische Vergangenheit in ewige Nacht 
versinkt, sondern das Morgenrot einer neuen Blütezeit kirchlicher Dichtung 
und Tonkunst, zur Ehre Gottes und zur Erbauung seiner Gemeinde! 14 ) 



u ) Die oben in Note 1 angekündigten Programme werden, um hier Wieder- 
holungen der Texte zu vermeiden, einem Separat-Abdruck als Anlage beigegeben. 

Die Red. 



Der preussisehe Staatsrath und seine erste That 

im Jahre 1817. 

Von 

E • . • d. 

Nachdem „auf. Befehl des Königs 11 , wie die amtliche Formel lautet, 
der Staatsrath wieder zusammengetreten ist, mag es wohl zeitgemäss 
erscheinen, einen fluchtigen Rückblick auf die Gründung und Entwicke- 
lung einer Institution zu werfen, welcher von den in konstitutionellen 
Fragen erfahrenen Engländern bei Gelegenheit ihrer Reaktivirung sofort 
eine hohe Bedeutung für die Ausbildung des Yerfassungsrechts sowohl 
im preussischen Staate als auch im deutschen Reiche zugeschrieben 
worden ist. Die Begründung und Entwickelung dieses Gedankens und 
seine Prüfung gehört selbstredend nicht in eine Zeitschrift, welche der 
Geschichte gewidmet ist. Für denkende Leser wird es aber nicht blos 
von Interesse sein, sich daran zu erinnern, in welchem Zusammenhange 
die Institution mit der Restauration des preussischen Staates gestanden 
hat. Diese Erinnerung wird vielmehr auch einen Fingerzeig für die 
Beantwortung der Frage geben, ob die Reaktivirung eines Faktors des 
Staatslebens, der ein volles Menschenalter hindurch nahezu in Vergessen- 
heit gerathen war, die Bedeutung für die weitere Fortbildung desselben 
erlangen kann, soll und wird, welche von manchen Seiten ihr zuge- 
schrieben wird. 

Auch mit dem provinziellen Leben, dem diese Blätter vorzugsweise 
gewidmet sind, steht die ganze Institution in einem weit näheren Zu- 
sammenhange, als man auf den ersten Blick annehmen sollte. Einmal 
ist der Gedanke, neben der in der grossen Reformperiode 1808 geläuterten 



Der preußische Staafcsrath und seine erste That i. J. 1817, 123 

und auf feste Grundlagen gestellten Institution des Staatsministeriums 
noch eine völlig unabhängige höchste berathende Körperschaft dem 
Könige zu schaffen, um ihn vor illegitimen Einwirkungen und vor den 
Irrthümern seiner Minister gleichmässig zu bewahren, gerade hier ent- 
standen und ausgearbeitet worden. Dieser Gedanke ist ein Hauptstück 
der Reform, welche Stein in Preussen mit seinen Gehülfen zu Stande 
brachte, und er gehört daher in eminentem Sinne den grossartigen Thaten 
an, durch welche der zertrümmerte alte Staat in dem engen Kreise der 
fast allein geretteten Provinz wiederhergestellt wurde. Dann aber ist 
darauf zu verweisen, dass derselbe Gedanke, lange von unberechtigter 
Reaktion zurückgedrängt, dann endlich nach Beendigung der Freiheits- 
kriege sich siegreich Bahn brechend, zuerst zu einer Befreiungsthat 
führte, die wie kaum eine andere gerade dem Wesen und den vitalen 
Interessen dieser Provinz entspricht, und die gerade heute wieder voll- 
ständig in Frage gestellt wird. Die Steuerreform und die Beseitigung 
des alten Protektionssystems war die erste That, welche den im Jahre 
1817 eingesetzten Staatsrath in die Geschichte des Landes eingeführt 
hat, und diese That ist die reife Frucht der gereinigten Wirthscbafts- 
lehre gewesen, welche hier in Königsberg den hervorragenden Staats- 
männern in ihrer Jugend vorgetragen, und dann über das ganze Land 
verbreitet wurde. Es ist nicht zufällig geschehen, dass derjenige aka- 
demische Lehrer, der vorzugsweise Adam Smiths volkswirtschaftliche 
Grundsätze vertreten, und in die Praxis des preussischen Staates ein- 
geführt hat, an der Königsberger Universität gelehrt hat. Diese Pro- 
vinz ist von der Natur auf den Freihandel angewiesen, und sie kann 
nur gedeihen, und ihre Bestimmung, ein aggressiver Kulturträger für 
die dahinter liegende slavische Wüstenei zu sein, nur dann erfüllen, 
wenn das Prinzip des Freihandels und damit zusammenhängend das 
allgemeine Prinzip der Freiheit zur Herrschaft gelangt. Die Geschichte 
des Staatsraths im Ganzen, und speziell die Geschichte seiner ersten 
That kann daher sehr wohl auf diesem Boden ein provinzielles Interesse 
in Anspruch nehmen. 

Die Einrichtung eines Geheimen Baths, Staatsraths, ist im branden- 
burgisch-preussischen Staate schon sehr alt. Nachdem die Kurfürsten 



124 ^ er P re ussiscbe Staatsrath und seine erste Thal i. J. 1817, 

sich zuerst bei den einfachen Verhältnissen damit begnügt hatten, bei 
Gelegenheit mit Vertrauenspersonen aus der Bitterschaft oder mit ge- 
lehrten Bathspersonen aus den Städten zu Bathe zu gehen, trat im 
Jahre 1542 der Fall ein, dass der Kurfürst Joachim II., als er das 
Kommando der Beichsarmee in Ungarn übernahm, für die Dauer seiner 
Abwesenheit einen Statthalter einsetzte, und diesem ein Geheimraths- 
Eollegium zur Leitung der Landesverwaltung an die Seite setzte. Diese 
Einrichtung gefiel, und Joachim Friedrich machte dieselbe durch die 
Geheimraths-Ordnuug vom 25. Dezember 1604 permanent. Der neu ein- 
gesetzte Geheime Bath wurde am 5. Januar 1605 eröffnet und die Mit- 
glieder desselben wurden vereidigt. Dieser Geheime Bath war aber 
zugleich die höchste Behörde in der Landesverwaltung. Wenn man die 
damals noch immer überaus einfachen Verhältnisse der Landesverwaltung 
mit den verwickelten und umfassenden der Neuzeit vergleichen will, so 
muss man sagen, dass dieser alte brandenburgische, dann brandenburgisch- 
preussische Geheime Bath die Funktionen des Staatsministeriums mit 
denen eines Staatsraths vereinigte. Der grosse Kurfürst hat während 
seiner Begierungszeit von dem Beirath seines Geheimen Baths den um- 
fassendsten Gebrauch gemacht, und die Umwandlung, welche die nun- 
mehr auf die Unterhaltung eines stehenden Heeres und die Beseitigung 
der ständischen Verwaltung gerichtete Landesverwaltung dadurch erlitt, 
dass nach und nach immer weitere Zweige einer wirklichen und um- 
fassenden Landesverwaltung in ihren Bereich gezogen wurden, erhöhte 
noch die Bedeutung dieser höchsten Behörde, innerhalb welcher es denn 
auch zu einer Theilung der Arbeit, zu einer Eintheilung in gesonderte 
Departements kommen musste. 

Der König Friedrich Wilhelm I., der genialste und scharfsinnigste 
Organisator, den der pieussische Staat jemals gesehen hat, ist also 
nicht der Schöpfer der von ihm eingesetzten, nunmehr „Geheimer 
Staatsrat!) 44 , auch wohl Staatsministerium genannten Behörde gewesen. 
Er hat nur dieser höchsten Landesbehörde eine svstematisch aus- 
gedachte Organisation gegeben, und zwar auch nicht gleich auf den 
ersten Wurf, sondern erst nach einem nicht befriedigenden Versuch, 
der dann zur Organisation des „General -Ober -Finanz -Kriegs- und 



Von E ... d. 125 

Domänen-Direktoriums", gewöhnlich Generaldirektoriura genannt, führte. 
Diese Organisation erfolgte im Jahre 1722. Die Chefs der einzelnen 
Departements, in welche das Generaldirektorium zerlegt wurde, bildeten 
wieder, d. h. auch nur insoweit sie in demselben ausdrücklich durch 
die Beilegung des Titels „Geheimer Staatsminister" berufen wurden, 
den Geheimen Staatsrath, der also theils die höchste berathende Behörde 
des Königs und theils die oberste Spitze der Landesverwaltung bildete, 
und in welchem nach der ursprünglichen Bestimmung der König selbst 
den Vorsitz führen wollte. 

Dieser alte Geheime Staatsrath entsprach also zum grössten Theil 
dem heutigen Staatsministerium, besonders da der persönliche Vorsitz 
des Königs bald in Wegfall kommen musstc, und nur in Ausnahme- 
fallen stattfinden konnte. Aber dieser König fühlte schon das Bedürfniss, 
sich gegen einseitige Anschauungen und Darstellungen seiner Minister 
zu schützen. Er ging daher auch über die von früher her festgehaltene 
Kollegialberathung noch einen mächtigen Schritt hinaus, indem er den 
Ministern nicht bloss für das von jedem bearbeitete Fach, sondern auch 
jedem von ihnen auch für jede im Kollegium entschiedene Sache die 
volle Verantwortlichkeit auferlegte. Der Minister, welcher mit einem 
Beschlüsse des Kollegiums nicht einverstanden sein konnte, und für 
denselben die Verantwortlichkeit nicht .übernehmen wollte, war dem- 
zufolge genöthigt, dem Könige seine Gegengrunde vorzutragen, und 
diese mussten, wenn der König nicht ausnahmsweise persönlich prä- 
sidirt und entschieden hatte, in den Bericht aufgenommen werden, mit 
welchem die Entscheidung des Königs eingeholt wurde. Ein sehr treffendes 
Beispiel von dieser Art zu verhandeln bietet der Bericht der Staats- 
minister an den König dar, welchen dieselben unter dem 8. Januar 1806 
über die von Stein vorgeschlagene Creirung von Papiergeld erstattet 
haben. (Pertz, Steins Leben. I. p. 551 ff.) 

Daneben hatte aber der König noch ein Kabinetsministerium ein- 
gerichtet, in welchem die auswärtigen Angelegenheiten, die Angelegen- 
heiten des königlichen Hauses, Gnadensachen etc. berathen wurden — 
eine Einrichtung, welche übrigens vom grossen Kurfürsten bereits ge- 
schaffen war. Der Geheime Staatsrath war damit auf die inneren An- 



126 ^ er Prosaische 8taatsratfa and seine erste That i. J. 1817. 

gelegenheiten beschränkt, welche in den einzelnen Departements des 
Generaldirektoriums speziell bearbeitet wurden, während die Departements- 
chefs den Geheimen Staatsrath bildeten. Friedrich der Grosse hat for- 
mell an dieser Einrichtung wenig geändert, aber da er nach Beendigung 
der Kriege, welche die erste Hälfte seiner Regierung ausfüllten, ganz 
selbständig regierte, so fiel der Schwerpunkt des Regiments von selbst 
in sein Kabinet, in welchem er nur mit untergeordneten Subaltern- 
beamten schaltete. Diese Eabinetssekretärc konnten wohl in einzelnen 
untergeordneten Dingen einigen Einfluss ausüben, in den Staatsgeschäften 
aber hatten sie keine Stimme. Da Friedrich der Grosse dem Geheimen 
Staatsrath ebenfalls durch sein persönliches Eingreifen nur eine viel 
eingeschränktere Wirksamkeit beliess, als er eigentlich haben sollte, so 
trat auch diese Behörde in den Hintergrund, und dies wurde noch da- 
durch verstärkt, dass der König immer neue Departements schuf, die 
neben das Generaldirektorium gestellt wurden, ohne dass die Minister, 
welche deren Chefs wurden, wenn sie nicht besonders auch zu Staats- 
ministern ernannt wurden, Zutritt zum Geheimen Staatsrath erhielten. 
Diese losen Anfügungen an das bestehende Institut haben dann bei dem 
Mangel an organischer Einfügung der Verwaltung jene Schwerfälligkeit 
zu Wege gebracht, welche Gneist berechtigte, zu sagen, dass Stein den 
schwerfälligen kollegialischen Körper dieser Staatsverwaltung als den 
eigentlichen Grund der Lähmung und geistigen Stagnation betrachtet 
habe. (Gesetz und Budget p. 39.) 

Aber Stein war auch berechtigt, in der berühmten Denkschrift vom 
April 1806, welche dem König Friedrich Wilhelm III. durch Vermittelung 
der Königin Louise vorgelegt wurde, zu sagen : „Friedrich Wilhelm I. 
herrschte selbständig, berathschlagte, beschloss und führte aus durch 
und mit seinen versammelten Ministern. Er bildete die noch vorhandenen 
Verwaltungsbehörden und regierte mit Weisheit, Kraft und Erfolg. 
Friedrich der Grosse regierte selbständig, verhandelte und berathschlagte 
mit seinen Ministern schriftlich und durch Unterredung, führte durch 
sie aus, seine Kabinetsräthe schrieben seinen Willen und waren ohne 
Einfluss." (Pertz I. S. 332.) „Friedrich Wilhelm IL," so fährt Stein 
fort, „regierte unter dem Einflüsse eines Favoriten und seiner Umge- 



Von E . . . d. 127 

bangen, sie traten zwischen den Thron und seine ordentlichen Rath- 
geber." Aus diesem verderblichen Zustande entwickelte sich nun eine 
Kabinetsregierung, welche den Geheimen Staatsrath fast ganz verdrängte 
and das Generaldirektorium zuerst in Kämpfe und Zänkereien mit einer 
illegalen Macht verwickelte, zuletzt lahm legte. Gegen dieses Uebel 
war es keine Hälfe, und konnte an der Sache dadurch nichts geändert 
werden, dass Friedrich Wilhelm III. die Macht des Eabinets in reinere 
Hände legte. Der Grossvater des Fürsten Bismarck, der erste Kabinets- 
rath dieses Königs, Menken, ist unstreitig einer der reinsten Staats- 
männer, die der preussische Staat als seine Zierden zu betrachten hat. 
Aber die Kabinetsregierung blieb, was sie gewesen war, eine Zwischen- 
regierung, die eigentlich keinen legalen Boden hatte. „Gegenwärtig," 
sagte Stein dem Könige, „verhandelt, berathschlagt und beschliesst der 
Regent mit seinem Kabinet, dem mit diesem affiliirten Grafen v. Haug- 
witz, und seine Minister machen Anträge und fuhren die in dieser 
Versammlung gefassten Beschlüsse aus. Es hat sich also unter der 

jetzigen Regierung eine neue Staatsbehörde gebildet Diese neue 

Staatsbehörde hat kein gesetzliches und öffentlich anerkanntes Dasein/ 1 
Gegen diese nach seiner Ansicht ungesetzliche und gefährliche In- 
stitution hat Stein im Jahre 18C6 unaufhörlich geeifert. Die Geschichte 
des Falles des preussischen Staates hat ihn gerechtfertigt, und die 
preussische Politik vor und während der Katastrophe liefert die Beweise 
dafür. Der Einwand, dass das Kabinet in seiner damaligen Stellung 
nicht gesetzlich oder verfassungsmässig anerkannt sei, mochte freilich 
in der Zeit des absoluten Regiments nicht übermässig schwer ins Gewicht 
fallen. Aber die verderbliche Einwirkung auf den Gang der Staatsge- 
schäfte sprang gerade bei einem absoluten Regiment um so greller in 
die Augen. „Dieses Kabinet/ 4 schreibt Stein weiter dem Könige, „hat 
alle Gewalt, die endliche Entscheidung aller Angelegenheiten, die Be- 
setzung aller Stellen, aber keine Verantwortlichkeit, da die Person des 
Königs ihre Handlungen sanktionirt. Denen obersten Staatsbeamten 
bleibt die Verantwortlichkeit der Anträge, der Ausführung, die Unter- 
werfung unter die öffentliche Meinung. Alle Einheit unter den Ministern 
selbst ist aufgelöst, da sie unnütz ist, da die Resultate aller ihrer 



128 ^ er P re Q 8S ' 8c ^ e Staatarath und seine ernte Tbat i. J. 1817. 

gemeinschaftlichen Ueberlegungen, ihrer gemeinschaftlichen Beschlüsse 
von der Zustimmung des Eabinets abhängen." Der Kampf gegen diese 
illegale Macht und für die Wiederherstellung des Zusammenhanges 
zwischen den Ministern mit dem Könige, die Beseitigung ihrer „Ab- 
hängigkeit von Subalternen, die das Gefühl ihrer Selbständigkeit zu 
einem übermüthigen Betragen verleitet," war vergeblich. Erst die voll- 
ständige Vollendung des Ruins vermochte den König nach dem Ab- 
schlüsse des Friedens von Tilsit den Ideen des Ministers zugänglich 
zu machen. 

Als Stein, nachdem er am Schlüsse des Jahres 1806 in Ungnade 
entlassen worden war, im Herbst 1807 wieder zurückberufen, sich der 
Aufgabe unterzog, den zertrümmerten preussischen Staat wieder auf- 
zurichten, fasste er vor allen Dingen, wie seine Denkschriften ergeben, 
zwei Gesichtspunkte ins Auge. Er war an der Aufgabe gescheitert, 
welche er schon vor der grossen Katastrophe verfolgt hatte, das Kabinet 
des Königs zu beseitigen, in so fern dasselbe sich im Laufe der Zeit 

* 

zu einer unverantwortlichen und doch mit einer unzulässigen Machtfülle 
ausgestatteten Zwischeninstanz zwischen dem Könige und seinen Ministern 
ausgebildet hatte. Der König sollte nach Steins, auf der bestehenden 
Begierungsverfassung beruhenden, Ansicht wieder in die verloren ge- 
gangene unmittelbare Verbindung mit dem Ministerium gebracht werden. 
Ausserdem aber war der berühmte Staatsmann, dessen hervorragendes 
Organisationsgenie von keiner Seite bestritten worden ist, darauf bedacht, 
die Verantwortlichkeit der Minister in wirksamer Weise sicherzustellen, 
und den König gegen einseitige Beeinflussung von Seiten derselben zu 
schützen. Er hat bei dieser Gelegenheit die an Staatsmännern leider 
zu selten wahrnehmbare Tugend der Selbstbeschränkung in vollstem 
Maße geübt und Zeugniss dafür abgelegt, dass er aufrichtig und be- 
scheiden genug war, um sich selbst nicht für unfehlbar zu halten. Damit 
hat er Anderen ein leuchtendes Beispiel gegeben. Dass dasselbe nicht 
beherzigt und von Anderen viel zu wenig befolgt wird, ist das beklagens- 
werte Leiden, an welchem die heutige Zeit bedenklich krankt. 

Stein löste die Aufgabe, welche er im Herbst 180? übernommen 
hatte, nicht auf einmal in plötzlichem Wechsel. Die Bücksicht auf 



Von E . . . d. 129 

den gebeugten König machte einen Uebergang nöthig. Von der Her- 
stellung des unmittelbaren Zusammenhanges zwischen dem Könige und 
den Ministern, „der Bildung eines Staatsraths oder einer unmittelbar 
unter dem Könige arbeitenden, mit anerkannter nnd nicht erschlichener 
Verantwortlichkeit versehenen obersten Behörde, die der endliche Ver- 
einigungspunkt der verschiedenen Zweige der Staatsverwaltung ist/ 1 wie 
er sich in der Nassauer Denkschrift ausdruckt, brauchte in der ersten 
Zeit nicht die Bede zu sein, denn dieser Zusammenhang war von selbst 
damit gegeben, dass Stein zur Zeit der einzige Minister war. Der 
Kabinetsrath Beyme wurde, sobald die völlige Trennung der Justiz 
von der Administration ausgesprochen war, als Grosskanzler nach Berlin 
entfernt, während Hof und Ministerium sich in Memel und dann in 
Königsberg befanden, und kehrte erst nach Steins abermaligem er* 
zwungenen Abgange zurück. Zuerst wurde also die Staatsverwaltung 
selbst neu eingetheilt. An die Stelle des bisherigen gemischten Systems, 
nach welchem die Minister theils Fach-, theils Territorialminister ge- 
wesen waren, trat ausschliesslich das Fach- oder Bealsystem. Diese 
Reform, durch welche zugleich der Staat auch formell als ein einheit- 
liches Ganzes constituirt wurde, hat Stein deA dauernden Buhm und 
eine Stelle unter den wirksamen Beformatoren gesichert. An derselben 
wird auch niemals etwas geändert werden. 

Aber schon in der ersten Zeit in Memel, am 15. Okt. 1807 (Pertz IL 
p. 31) wird die Frage erörtert, ob es „rathsam sei, die oberste Leitung 
der Staatsangelegenheiten einem ersten Minister oder einem Staatsrath 
anzuvertrauen? 11 Schon damals entschied sich Stein dem Könige gegen- 
über dahin; „einem Manne übertrage man die Umformung der Regierung; 
ist diese bewirkt, so übertrage man die Verwaltung der öffentlichen 
Angelegenheiten einem Staatsrath, der unter dem überwiegenden Einfluss 
eines Präsidenten steht. u Man sieht, dass Stein auch hier noch den 
überkommenen Begriff eines Staatsraths als der höchsten verwaltenden 
Behörde, also eines Ministerkollegiums, festhält. Erst bei der weiteren 
Ausarbeitung seines Beformplanes ging er noch einen Schritt weiter 
dahin, dass er den Ministern, den höchsten Spitzen der Verwaltung, 
noch ein berathendes, leitendes, controlirendes Kollegium an die Seite 

Altpr- Monatsschrift Bd. XX IL Hft. Id. 2. 9 



130 ^ er P r cu88i8che Staatsrath uud seine erste That i. J. 1817. 

stellte. In dieser Weise hat Stein den von Napoleon I. ausgesprochenen 
Gedanken, wohl ohne ihn zu kennen, praktisch zu gestalten gesucht. 
Der erste Kaiser der Franzosen bezeichnete seinen Staatsrath als: sa 
pens£e en deliberation, das Ministerium dagegen als: sa pensee en 
extfcution. Zu dieser Beform bahnte er — es ist das ein überaus merk- 
würdiges, hochehrenvolles Beispiel von Selbstbeschränkung — dadurch 
den Weg, dass er im Juli 1808, nachdem er seine Beformthätigkeit 
wieder aufgenommen hatte, sich selbst das „General-Departement 14 oder 
die „General-Conferenz" zu seiner eigenen Controle an die Seite setzte. 
Die am 25. August 1808 vom Könige vollzogene „"Vorschrift für den 
Geschäftsgang bei den gemeinschaftlichen Arbeiten der obersten Staats- 
verwaltungsbehörden" bestimmt in § 4. ausdrücklich, dass in den Con- 
ferenzen frei abgestimmt und der endliche Beschluss durch Stimmen- 
mehrheit festgestellt werden soll. Nur bei Stimmengleichheit war dem 
Minister Stein die ausschlaggebende Stimme vorbehalten. 

Auf dem so gelegten Grunde konnte Stein nun die definitive Beform 
ausarbeiten, welche in der Verordnung vom 24. Nov. 1808 ihre Vollendung 
erhielt. Bei dieser definitiven Feststellung erhielt der Staatsrath eine 
eigenthümliche Zusammensetzung und Stellung, sowohl dem Könige, 
als auch den Ministern gegenüber, und mehrere dieser eigenartigen 
Züge sind dann auch in den späteren Staatsrath übergegangen, der im 
Jahre 1817 wirklich in Funktion trat. „Der Staatsrath war in dieser 
Verfassung/ 1 sagt Ernst Meier ganz richtig (die Beform der Verwal- 
tungsorganisation unter Stein und Hardenberg, 1881, S. 181), „der dem 
Oberhaupte des Staats unmittelbar untergeordnete oberste Punkt, von 
dem die gesammte Staatsthätigkeit im Interesse der grösstmöglichen 
Einheit, Kraft und Begsamkeit künftig ausgehen sollte. 14 Aber er war 
ausserdem auch als die höchste Instanz zur Leitung, Controle und 
Correctur der Thätigkeit der Minister gedacht, welche selbst als solche 
Mitglieder des Staatsraths, und diesem zunächst verantwortlich waren. 
So war der König, der in der Begel den Vorsitz im Staatsrath selbst 
führen sollte, zugleich in unmittelbare Berührung mit den Ministern 
gebracht, welche im Staatsrath ihre Vorschläge zu vertheidigen hatten, 
und doch durch die Berathung mit den anderen Mitgliedern des Staats- 



Von E . . . d. 131 

raths yor einseitiger Beeinflussung geschützt. Da einerseits der „Staats - 
und Cabinetssecretär" mit im Staatsrate sass und dessen Beschlüsse 
auszufertigen hatte, so war zugleich dessen geheimer Einfluss paralysirt, 
und andrerseits enthielt die Institution keine Beschränkung der absoluten 
königlichen Gewalt, da der König im Staatsrath entschied, oder seine Ent- 
scheidung eingeholt werden musste, wenn er nicht selbst präsidirt hatte. 
Die Einteilung dieses Staatsrats in Plenum und Abtheilungen 
kann hier übergangen werden. Seine Zusammensetzung aus den Prinzen 
des kgl. Hauses, den Ministern und den Geheimen Staatsräten, welche 
theils als Dirigenten der den Ministern untergeordneten Departements 
vermöge ihres Amtes wie die Minister selbst Mitglieder des Staats- 
rats waren, theils aus Personen, die der König aus besonderem Ver- 
trauen berief, theils aus Ministern bestanden, welche mit Genehmigung 
des Königs ihre Posten niedergelegt hatten, ist nur zum Theil später 
beibehalten worden. Dagegen ist die Aufmerksamkeit darauf zu richten, 
dass das Plenum des Staatsraths „die Anordnung sämmtlicher Ver- 
waltungsgrundsätze, die oberste Leitung der Verwaltung, soweit sie 
von einem Punkt ausgehen muss, und die oberste Controle des Ganzen 
der Verwaltung 14 überwiesen erhielt. Demgemäss sollten dort verhandelt 
werden „alle Gegenstände der Gesetzgebung, sobald die Sanction eines 
neuen, oder die Abschaffung und Modifikation eines bisher bestandenen 
Gesetzes für nöthig gehalten wird u ; ferner alle neuen allgemeinen Ein- 
richtungen oder die Aufhebung alter Anordnungen; ferner alle Ange- 
legenheiten, bei denen mehrere Departements betheiligt, oder welche 
unter ihnen streitig geblieben waren; ferner alle Angelegenheiten, für 
welche die Minister der Genehmigung des Königs bedurften; endlich 
die Recbenschaftsablegung der Minister über ihre Verwaltung, die Prüfung 
der Hauptrechnungen, die monatlichen Gassenextracte und die Rechen- 

i 

scbaftsablegung über die Gesammtlage der Staats- und Volkswirtschaft. 
Diese umfassende und tiefeinschneidende Einrichtung ist nie in 
das Leben getreten. Der König hat zwar die Verordnung vom 24. No- 
vember 1808 vollzogen (Pertz II. p. 689/739), aber da Stein unmittelbar 

darauf seine Stellung aufgeben musste, so erhielten seine Nachfolger, 

* 

insbesondere der von seinem Schwager Nagler stark beeinflusste Minister 

9* 



132 ^er preussische Staatsrath und seine erste That i. J. 1817. 

Altenstein, Gelegenheit, bei dem Könige die Streichung des ganzen 
Capitels vom Staatsrath ans der noch nicht publieirten Verordnung durch- 
zusetzen. Die wirklich publicirte Verordnung vom 16. Dezember 1808, 
betreffend die veränderte Verfassung der obersten Staatsbehörden, ent- 
hält bezuglich des Staatsraths nur eine vage Hinweisung auf die Zukunft. 
Immerhin kann es hier dahingestellt bleiben, ob die Streichung 
des Staatsraths ein Act bewusster Reaction gegen Steins Beformen 
gewesen ist, oder ob kein Systemwechsel stattfand, sondern an Steins 
Nachfolgern sich nur von vornherein der Mangel an Energie geltend 
gemacht hat, der schon nach 1 ty 2 Jahren zu einem vollständigen Fiasco 
geführt hat. Ernst Meier vertheidigt die letztere Meinung. Man kann 
ohne Weiteres als sicher annehmen, dass der Minister des Inneren, Graf 
Alexander zu Dohna-Schlobitten, ehrlich daran geglaubt hat, dass die 
Institution sich erst dann werde handhaben lassen, wenn der Staat von 
den französischen Truppen werde geräumt sein, und die Regierung wieder 
nach Berlin zurückgekehrt wäre. Dies war der Vorwand, unter welchem 
die Reaktionspartei dem Könige die Suspension des Staatsraths plausibel 
gemacht hat. Deshalb kann der Bericht, den Altenstein und Dobna 
gemeinschaftlich schon am 4. Dezember 1808 dieserhalb dem Könige 
vorlegten, weder für noch gegen diese Ansicht etwas beweisen. Stein 
selbst schrieb, wie Schön und Merkel, die Suspension des Staatsraths 
in einem an Schön gerichteten Briefe vom 26. Dezember 1808 unum- 
wunden „der Eitelkeit Altensteins, von der ich Alles erwarte", zu. Er 
deutete aber auch gleichzeitig sofort auf den durch Nagler vermittelten 
Einfluss der Reaktion auf Altenstein hin. Graf Dohna hat, freilich ver- 
geblich, mehr als einen Anlauf genommen, die Staatsrathsidee wieder 
in Fluss zu bringen, ist also von diesem Einfluss völlig unberührt geblieben. 
Nur das eine verhängnissvolle Resultat ist gewiss, dass Steins Ver- 
waltungsreform, nachdem man ihr die niemals wiederhergestellte Spitze 
im Staatsrath abgebrochen hatte, zu jenem „Ministerialismus u , zu jener 
Ministerallgewalt den Weg gebahnt hat, welche in neuster Zeit in Freussen 
die Machtstellung des Fürsten Bismarck und die Einführung einer dem 
französischen Präfectensystem ähnlichen oder vielmehr gleichartigen 
Verwaltungsorganisation möglich gemacht hat. 



Von E ... d. 133 

Als das Ministerium Altenstein-Dohna im Frühjahr 1810 voll- 
ständig abgewirtschaftet hatte und mit seinen Hülfsmitteln am Ende 
angekommen war, trat Hardenberg unter dem Titel Staatskanzler Steins 
Erbschaft an. Es galt die Reform weiterzuführen, und es war daher 
wohl angebracht, dass Hardenberg sich eine ähnliche dilatorische Stellung 
ausbedang, wie Stein sie gehabt hatte, und dass der König ihm dieselbe 
zugestand. Gewissermaßen entsprach diese Stellung des Staatskanzlers 
der Stellung, welche Stein dem Staatsrath hatte geben wollen, nur dass 
die Befugnisse und Funktionen des Staatsrats, in der Hand eines 
Mannes vereinigt, das gerade Gegenstück eines Staatsraths sein müssen. 
Indessen wurde bei der Ernennung Hardenbergs und der durch die 
Verordnung vom 27. October 1810 über die veränderte Verfassung der 
obersten Staatsbehörden erfolgten Präcisirung derselben die Einsetzung 
eines Staatsraths ausdrücklich vorbehalten. 

Bekanntlich hat der Staatskanzler v. Hardenberg einen Versuch 
gemacht, mit einer Versammlung von Notabein, welche von der Re- 
gierung berufen waren, im Jahre 1311 eine Verständigung über die 
Fortsetzung der Stein'schen Beformen herbeizuführen. Das Wort „all- 
gemeine Nationalrepräsentation 41 war von Stein oder wenigstens mit seiner 
Namensunterschrift als ein Postulat der Reform noch in dem sogenannten 
Testament ausgesprochen worden. Hardenberg hielt anfänglich an dem- 
selben fest, und obgleich er mit dem ersten Versuche an der starren 
aristokratisch-reactionären Opposition der von ihm selbst geschaffenen 
Notabein vollständig gescheitert war, wiederholte er den Versuch im 
folgenden Jahre schon mit von „der Nation erwählten" interimistischen 
»Nationalrepräsentanten". Was man auch gegen das Wahlverfahren ein- 
wenden mochte, welches sehr summarisch nur grundbesitzende Edelleute 
und die Stadtmagistrate als Wähler verwenden konnte, weil man damals 
keine anderen haben konnte, es waren doch immerhin gewählte Repräsen- 
tanten, welche die Stimme des Landes auszudrücken vermochten. Denn 
„der Sinn für politisches Leben begann überall im Volke zu erwachen", 
sagt Treitschke bei dieser Gelegenheit mit Recht, wenn ihm auch nicht 
bekannt geworden war, dass diese Versammlung von Nationalrepräsentan- 
ten, welche mit Unterbrechungen, namentlich während des Krieges 1813, 



134 ^ er P rea8S ' 8C be Staatsrath und seine erste That i. J. 1817t 

drei Jahre lang getagt, gar nicht so unbedeutende Beschäftigung gehabt 
hat, als er annimmt. Die Protokolle dieser Versammlung sind endlich 
von Alfred Stern im Geheimen Staatsarchive aufgefunden worden, und 
der vorläufige Bericht, den dieser Gelegte über den Inhalt derselben 
im ersten Hefte des Jahrgangs 1882 der „Nachrichten der Egl. Ge- 
sellschaft der Wissenschaften zu Göttingen" erstattet hat, zeigt, dass 
sich in derselben recht kräftige constitutionelle Regungen kundge- 
geben haben. 

An dieser Stelle ist die Debatte von Interesse, welche der Land- 
schafts-Syndikus Eisner am 7. April 1815 dadurch veranlasste, dass 
er den Antrag stellte, die Versammlung möge. den König bitten, „die 
Ausarbeitung und Ausführung der allergnädigst versprochenen Landes- 
verfassung durch die neuen Ereignisse nicht unterbrechen zu lassen, 
vielmehr die Einführung einer definitiven Landesrepräsentation nach 
Möglichkeit zu beschleunigen". Dieser Mann motivirte seinen Antrag 
mit den verschiedenen „seit mehreren Jahren gegebenen Verheissungen," 
und meinte zugleich, die jetzt tagende Versammlung dürfe deshalb 
nicht aufgelöst, sondern nur „durch eine fester konstituirte Versamm- 
lung" abgelöst werden; sie müsse „bis dahin als Gegengewicht dienen 
gegen die Opposition, welche aus unlauteren Absichten wider jede ver- 
fassungsmässige Repräsentation erregt und erhalten werde". Ein Theil 
der Versammlung war bedenklich, ob der Zeitpunkt, einen solchen Antrag 
zu stellen, richtig gewählt sei. Man rüstete sich eben, dem von Elba 
herübergekommenen Napoleon zu begegnen. Da ist es denn doch für 
die Zeitstimmung recht bezeichnend, dass gerade Edelleute, wie ein 
Bredow, ein Brandt :c. dem Antragsteller zustimmten. Den Einwand, 
dass der König den Antrag ungnädig aufnehmen werde, widerlegte Eisner 
sehr peremtorisch mit dem Hinweise darauf, dass der König dazu gar 
nicht mehr in der Lage sei: „es ist hier nicht vom Geben einer Kon- 
stitution die Rede ; dieses hat des Königs Majestät schon versprochen. 
Es ist bloss von Beschleunigung ihrer Ausarbeitung die Rede, und dies 
ist lediglich Sache des Fürsten Staatskanzlers". So wurde denn, und 
zwar mit zweiunddreissig Stimmen gegen nur drei, in dieser grössten- 
theils aristokratischen Versammlung beschlossen, nicht an den Köuig, 



Von E . . . d. J35 

sondern nur an den Staatskanzler die Aufforderung zu richten, dass er 
die ihm bereits aufgetragene Arbeit beschleunigen wolle. Zugleich be- 
schloss man, auch an die Wiederherstellung von Provinzialständen 
zu erinnern. 

Die Antwort war die bekannte und berühmte Verordnung vom 
22. Mai 1815 über die zu bildende Repräsentation des Volkes, welche 
bis zum Jahre 1848 den Ausgangspunkt für alle konstitutionellen Be- 
strebungen gebildet hat. Die interimistische National-ßepräsentation, 
welche diesen kräftigen Anstoss gegeben hatte, wurde nach Hause ge- 
schickt. Aber am 24. Juni 1815 wurde derselben amtlich verkündet, 

i 

dass sie vor ihrer Auflösung „mit den Grundlinien der neuen Konsti- 
tution bekannt werden würde". Diese Zusage ist nun freilich nicht ge- 
halten worden, konnte wohl auch kaum gehalten werden. 

Diese ganze Episode musste deshalb an dieser Stelle erwähnt werden, 
weil sie beweist, wie tief man damals ganz allgemein von der Not- 
wendigkeit überzeugt war, in Freussen eine konstitutionelle Verfassung 
einzuführen. Diese Stimmung und Ueberzeugung hat bis zum Jahre 1819 
unverändert, trotz aller Gegenbestrebungen, unerschütterlich fest ge- 
standen. Bekannt ist, mit welchem Eifer Stein noch 1818 und 1819 
die Angelegenheit verfolgte. Im Sommer 1819 schrieb ihm Wilhelm 
von Humboldt, dass Hardenberg eine Verfassung ausgearbeitet und dem 
Könige vorgelegt habe (Pertz V, p. 381), am 15. Juli 1819 meldete 
er, dass nach Mittheilungen aus Berlin der König die Verfassung, die 
ihm zwei Monate lang vorgelegen, unterzeichnet habe. Dass diese Nach- 
richt keineswegs unbegründet gewesen ist, ergiebt sich wohl deutlich 
genug aus der von Sailer in dem jetzt vorliegenden Buche „der preus- 
sische Staatsrath und seine Reactivirung, Berlin 1884" veröffentlichten 
Kabinetsordre vom 30. März 1817 (Anlage X), in welcher aus der Mitte 
des eben zusammen getretenen Staatsraths eine Kommission niederge- 
setzt wurde, welche die „Organisation der Provinzialstände, der La n d es- 
repräsentanten uud der Ausarbeitung einer Vcrf&ssungsurkunde" 
beschäftigen sollte. Welche Umstände den plötzlichen Umschlag her- 
beiführten, ist bekannt. Damit ist denn nun die lange Jahre kolportirte 
Deutung der Verordnung vom 22. Mai 1815, dass nämlich dieselbe 



136 Der P r «us»ische Staatsrath und seine erste Tbat i. J. 1817. 

nicht das Versprechen einer konstitutionellen Verfassung enthalte, viel- 
mehr durch die Einführung der Provinzialstände erledigt sei, gründlich 
widerlegt und als unwahr erwiesen. Es ist unbegreiflich» wie der König 
Friedrich Wilhelm IV. im Jahre 1840 überhaupt darüber hat zweifel- 
haft sein können. Aber alle diese Vorgänge beweisen doch klar, dass 
man damals, als Hardenberg im Jahre 1817 die Einsetzung eines Staats- 
rats durchgesetzt hatte, diese Institution nicht für unvereinbar mit 
einer konstitutionellen Verfassung und mit der Verantwortlichkeit der 
Minister betrachtet hat. Diese Frage tauchte erst nach 1850 auf, als 
man die Konstitution, aber noch nicht die Ministerverantwortlichkeit hatte. 
Die Verordnung yom 20. März 1817 rief einen Staatsrath ins Leben, 
der mit der Verwaltung gar nichts zu thun haben, sondern nur die 
höchste berathende Behörde der Krone bilden sollte. Nur die Grund- 
sätze, nach denen verwaltet werden sollte, gehörten vor sein Forum. 
Demzufolge gingen dem Staatsrath alle Gesetze, Verfassungs- und 
Verwaltungsnormen, Pläne über Verwaltungsgegenstände zu, durch welche 
die Verwaltungsgrundsätze abgeändert werden, Berathungen über all- 
gemeine Verwaltungsmaßregeln, zu welchen die Minister nicht autorisirt 
sind, sondern der Genehmigung des Königs bedürfen. Sämmtliche Vor- 
schläge zu neuen oder zur Aufhebung, Abänderung und authentischen 
Deklaration von bestehenden Gesetzen und Einrichtungen sollten durch 
den Staatsrath an den König zur Sanktion gelangen. Daneben gehörten 
dahin auch noch alle Gegenstände, welche nach bestehenden Gesetzen 
oder durch speziellen Befehl des Königs an den Staatsrath gewiesen 
werden, insbesondere alle Differenzen zwischen Ministerien. Zuletzt 
wurde aber, und das ist für die oben bezeichnete Streitfrage ent- 
scheidend, die Verhandlung mit den noch nicht existirenden Ständen 
dem Staatsrath vorbehalten. Die Zusammensetzung dieses Staatsrates 
blieb ungefähr dieselbe wie in Steins Projekt, nur wurde den Ministerial- 
direktoren nicht als solchen ein Sitz im Staatsrath, auch nicht das 
Recht eingeräumt und die Pflicht auferlegt, an den Staatsrath zu appel- 
liren, wenn sie mit einer Verfügung des Ministers nicht einverstanden 
waren. Geborene Mitglieder des Staatsratbs waren aber ausser den 
Prinzen des Hauses die Feldmarschälle, die Staatsminister im Dienst, 



Von E ... d. 137 

der Staatssekretär, der Chef des Obertribunals, der erste Präsident der 
Oberrechenkamraer, der Geheime Kabinetsrath, der Offizier, welcher 
beim Könige den Vortrag in Militärsachen hat, endlich noch, wenn sie 
in Berlin anwesend, d. h. dahin berufen waren, die kornmandirenden 
Generale und die Oberpräsidenten. 

Die Geschichte der Thätigkeit einer so erlauchten Versammlung, 
welche am 31. März 1817 zum ersten Male zusammentrat, ist noch 
nicht geschrieben worden. Ein an sich sehr bedeutendes Stuck, aber 
doch eben nur ein dem Umfange nach verhältnissmässig kleines Stück 
ihrer Berathungen, die Verhandlungen über die Steuerreform, auf welcher 
der Aufschwung des Wohlstandes in Preussen nnd der Industrie beruht, 
ist von Dieterici, dem Sohn, ausfuhrlich dargestellt worden. Nach einem 
so glänzenden Anfang seiner Thätigkeit, die sich übrigens auch auf die 
ganze in demselben Jahre durchgeführte Verwaltungsorganisation bezog, 
und nach dem entscheidenden Einflüsse, den diese Institution auf die 
Gesetzgebung und die Haltung der Minister ausübte, hätte man von 
derselben einen anderen Gang der Entwickelung erwarten sollen, als sie 
wirklich eingeschlagen hat. Ueber die Gründe, welche dahin führten, 
dass die immer höher aufstrebende Ministergewalt den Staatsrath immer 
mehr in den Hintergrund zu drängen vermochte, spricht sich der Minister 
v. Schön in seinen Memoiren (Aus den Papieren Bd. 3, Berlin 1876 
p. 48) folgendermaßen aus: 

„Im März 1817 wurde ich wieder nach Berlin berufen. Zur Er- 
öffnung des Staatsraths waren alle Oberpräsidenten versammelt. Gegen 
die eben vergangene Zeit war es ein bedeutender Fortschritt, dass der 
in Königsberg errichtete und nach dem Abgange Steins suspendirte 
Staatsrath wieder ins Leben trat. Wie der Staatskanzler zwar reich an 
Ideen war, aber wie keine Idee bis zur Klarheit bei ihm sich hatte 
durchbilden können, so wurde durch die ersten Ernennungen zur Mit- 
gliedschaft des Staatsraths zugleich der Keim zu seiner Unbedeutenheit 
gelegt. Ein Staatsrath soll den Souverän gegen die Einseitigkeit der 
Beamten sichern, und die Ueberzeugung geben, dass das, was das Ke- 
gierungspersonal, welches entfernt vom Volke steht, als heilsam vor- 
sehlägt, bei dem Standpunkte des Volkes diesem auch wirklich heilsam 



138 Der p'enseiscbe Staatsrat und seine erste Tbat i. J. 1817. 

sei, so dass, wenn die zu nehmende Maßregel den Repräsentanten des 
Volkes zur letzten Prüfung vorgelegt wird, diese Maßregel weder an 
Einseitigkeit noch am Mangel der Kenntniss des Landes in seinem 
augenblicklichen Zustande leide. Hienach gehören Beamte jeder Art 
allerdings in den Staatsrate insofern sie selbständig nicht von einem 
anderen Beamten abhängen, aber wesentlich gehören dahin unabhängige 
Männer, welche in keinem offiziellen Yerhältniss stehen, um durch ihre 
Unabhängigkeit, ihren Charakter, durch ihre Entfernung von jedem 
Beamtenverl ä'tniss die unbefangene Intelligenz und durch ihr Leben 
mit dem Volke den augenblicklichen moralischen und Kulturzustand 
des Volkes zu repräsentiren. Dies wurde aber vom Staatskanzler nicht 
beachtet, der Staatsrat!} wurde ausser den Administrationschefs und den 
ersten Militärs mit Ausnahme von einer Person grösstentheils aus 
Berliner Bureaubeamten und einzelnen Mitgliedern der Gerichtshöfe 
gebildet. Der Graf Dobna, der Baron Stein und mehrere andere Per- 
sonen aus allen Ständen waren zu Mitgliedern des Staatsraths durchaus 
geeignet, aber die Bureaukratie überwältigte hier alles, und der Staats- 
kanzler musste es noch selbst erleben, dass er mit seiner Stiftung nicht 
zufrieden sein konnte. Bei der ersten Stiftung war noch das volle 
Leben aus der Eriegszeit in den Gemüthern der Mitglieder, und die 
Verhandlungen gingen verhältnissmässig anfangs sehr gut, aber mit 
jedem Friedensjahr trat der Sinn für das öffentliche Leben mehr zurück 
und gewann die Bureaubeamten-Richtung mehr Terrain. Jetzt (1844) 
musste eine ganz neue Organisation des Staatsraths stattfinden, es müssten 
Männer mit Ideen da die Oberhand bekommen, und alle, deren Gesichts- 
kreis nicht weiter als der Bureaudienst reicht, daraus entfernt werden, 
wenn der Staatsrath seine Aufgabe soll lösen können 41 . 

Dieser Darstellung können hier noch aus besonderen Quellen einige 
Details hinzugefügt werden, die auch für ernsthafte Leser nicht jedes 
Interesses entbehren werden. Der König Friedrich Wilhelm III. hat, 
wie der Oberpräsident von Ostpreussen, Landhofmeister v. Auerswald 
in seinen Tagebuchnotizen vermerkt hat, den Staatsrath am 30. März 
1817 persönlich „mit wenigen Worten" eingeführt. „Der ganze Höf, 
die Generalität" war bei dieser Feierlichkeit zugegen, sonst ausser den 



Von E ... d. 139 

Mitgliedern des Staatsrates „bloss Militär/ 4 Die Entfaltung dieses mili- 
tärischen Prunks bei solchen Gelegenheiten, welche, als derselbe bei 
der Grundsteinlegung des Reichstagsgebäudes wiederholt sich zeigte, 
mehrfach in einer nicht berechtigten Manier bekrittelt worden ist, ent- 
spricht einer alten Hohenzollernschen Tradition, und sollte daher nicht 
bekrittelt werden. Sie wurde auch von Engländern, welche seit Jahr- 
hunderten mit parlamentarischen Institutionen verwachsen und vertraut 
sind, in Berlin nicht bekrittelt worden sein. Wenn diese Nation bei 
sich einen gleichartigen Prunk nicht leiden würde, so liegt dies daran, 
dass dies bei ihnen eine Neuerung sein und ihrem Sinne für die Kon- 
servirung alter Sitten widersprechen würde. Ausserdem hat die Armee 
in England eine ganz andere Stellung als bei uns. Hier ist sie eine 
mit dem ganzen Yolksbewusstsein fest verwachsene Institution, welche 
das ganze Volk repräsentirt. Sie ist populär wie keine andere, und 
somit rechtfertigt sich die Beibehaltung der alten Sitte, welche den 
König und jetzt auch den Kaiser in Galla von seinen Generalen um- 
geben, als die höchste Spitze der Monarchie gedacht, darstellt. 

Dem Könige folgte der Staatskanzler Fürst Hardenberg, der „eine 
herzliche Ansprache hielt," und die Organisationsverordnung publizirte. 
Diese Bede ist, obgleich sie zur Sache Nichts enthielt, als ein auf 
„archivalischen" Studien beruhendes Novum von Sailer veröffentlicht 
worden. Der Welt und auch dem Geschichtschreiber hätte voraus- 
sichtlich die von Auerswald notirte Bezeichnung: „herzliche Ansprache" 
vollauf genügt. Der Staatskanzler legte dem neu eröffneten Staatsrath 
sodann als ersten Gegenstand seiner Berathung „den neuen Bülowschen 
Finanz- und Steuerplan" vor. Wilhelm v. Humboldt war zum Vor- 
sitzenden des sofort gebildeten „Finanz-Comite's* (in den Verhandlungen 
wird dasselbe als „Steuerkommission" bezeichnet) ernannt worden, und 
damit war die erste einleitende Sitzung beendet. 

Dieser „neue Bülow'sche Finanz- und Steuerplan" und der Bericht 
der Steuerkommission des Staatsraths, dann ein Separatvotum Wilhelm 
v. Humboldts und eine Replik des Finanzministers Grafen v. Bülow 
liegen gedruckt vor. Wer sich ein begründetes Urtheil über die in 
Aussicht stehende Wirksamkeit und die Leistungen des jetzt reaktivirten 



140 E>er preussische Staatsratb und seine erste Tfaat i. J. 1817. 

Staatsraths bilden will, dem kann das Studium dieser Verhandlungen 
nicht dringend genug empfohlen werden, welche der verstorbene Re- 
gierungsrath Dieterici jun. in seinem 1875 erschienenen Bucho: „zur 
Geschickte der Steuerreform in Preussen von 1810 bis 1820" auf Grund 
eingehender Archivstudien veröffentlicht hat. Diese Verhandlungen bieten 
ein Muster dar für die Art und Weise, wie der Staatsrath die Vorlagen 
der Regierung zu behandeln hat. 

Nachdem Dieterici, der Vater, in seinem noch lange nicht veralteten 
Buche: „der Volkswohlstand im preussischen Staate etc. vor Eintritt des 
Zollvereins" den Nachweis dafür erbracht hat, dass es nach dem Ab- 
schlüsse des Friedens 1815 keine dringendere Aufgabe für die Gesetz- 
gebung geben konnte, als die Neuordnung des Abgaben- und Finanz- 
wesens, bedarf der Versuch, deu der Finanzminister Graf Bülow gemacht 
hatte, keiner weiteren Rechtfertigung bezüglich seiner Notwendigkeit. 
Vor allen Dingen war eine völlige Umgestaltung dr.s Abgabenwesens 
dadurch nöthig geworden, dass die Gesetzgebung inzwischen den bis 
dahin festgehaltenen Unterschied zwischen den Städten und dem platteu 
Lande aufgehoben hatte. Das bisherige Steuersystem war aber auf diese 
noch aus dem Mittelalter überkommene Unterscheidung begründet worden. 
Die durch Mauern und Thore räumlich abgeschlossenen Städte hatten 
ihre Einnahmen schon in sehr alter Zeit durch indirekte Abgaben 
(Bierziese etc.) erhoben, und aus denselben ihre Leistungen an den Landes- 
herrn bestritten. Die wachsende fürstliche Macht legte ihnen dann 
dieselben auf. Als später die Bedürfnisse des stehenden Heeres gesichert 
werden mussten, wurde auf dem platten Lande den Bauern die Eon- 
tribution aufgelegt, welche später Grundsteuer genannt wurde. Die Städte 
wurden dagegen mit der Accise belegt, welche zuletzt alle erdenklichen 
Gegenstände und Bedürfnisse des Lebens erfasste. Dazu boten die 
Zwangs- und Bannrechte der Städte die bereite Handhabe. Und wie 
in Rüssland im 19. Jahrhundert der Finanxminister Graf Kankrin in den 
Grenzzöllen ein sehr bequemes und kräftig ausgenutztes Mittel fand, 
um dem steuerfreien Adel auf einem Umwege recht ansehuliche Steuern 
abzunehmen, ohne dass dieser sich beklagen durfte, so hat die preussisclie 
Steuerverwaliung die städtische Accise zu demselben Zwecke benutzt, 



Von E ... d. 141 

nnd bis in die subtilsten Feinheiten ausgebildet. Grundbedingung war 
dabei freilieb, dass alle Gewerbe nur in den Städten getrieben wurden 
und das platte Land nur auf die nöthigsten landwirtschaftlichen Ge- 
werbe: Maurer, Zimmerleute, Schmiede, Stellmacher beschränkt wurde, 
sodass der Landmann, wenn er in der Stadt etwas einkaufte, die auf 
den Rohmaterialien ruhende, bei der Einfuhrung in die Stadt erlegte 
Accise mitbezahlen musste. Dies System war mit solcher Strenge durch- 
geführt worden, dass Friedrich der Grosse nach der Besitznahme von 
Westpreussen dort alle auf dem Lande wohnenden Handwerker ohne 
Weiteres in die sofort mit der Accise beglückten Städte treiben Hess, 
und dass man in Süd- und Neuostpreussen nach der zweiten und dritten 
Theilung Polens ebenso verfuhr. 

Das System hatte freilich schon vorher manches Loch erhalten. 
In Schlesien fand man erbberechtigte Handwerkerstellen und eine aus- 
gebildete und damals werthvolle Weberei auf dem Lande vor, die sich 
nicht in die Städte einpferchen liess. Als dann noch die Baumwollen- 
weberei aufkam, musste man dieselbe sogar vom Zunftzwange entbinden, 
den die zarte Industriepflanze gar nicht ertragen hätte. Nun wurde aber 
1810 der Unterschied zwischen Stadt und Land gesetzlich beseitigt, 
das Gewerbe freigegeben. Der Steuerverfassung war damit das Fun- 
dament entzogen, und es war sogar später geradezu unmöglich ge- 
worden, dasselbe wiederherzustellen, nachdem man die Rheinlande dazu 
genommen hatte mit einer ganz ansehnlichen Fabrikindustrie, die in 
den alten Bahmen einzupassen unmöglich war. Man hatte in der ersten 
Noth versucht die Accise als eine Konsumtionsabgabe auf Brod, Fleisch, 
Getränke auch auf das platte Land auszudehnen, um ein Gleichgewicht 
mit den Städten einigermaßen herzustellen. Aber die Mahlsteuer und 
die Fleischsteuer hatte nicht bloss den Bruch zwischen Hardenberg und 
Niebuhr, dem auch Schön beitrat, im Jahre 1810 zur Folge gehabt. 
Niebuh r hatte Aufruhr und Mord und Todschlag prophezeiht; Schön 
hatte vorhergesagt, dass dies System kein Jahr lang werde aufrecht 
erhalten werden können. Schon im Jahre 1811 musste der König die 
rigorose Handhabung der Mahlsteuer gegen das hungernde Landvolk 
untersagen, und in mehr als einem Kreise baten die Stände (d. h. da- 



142 ^ er Pf russische Staatsrath und sein« erste That i. J. 1817. 

in als also die grundbesitzenden Edelleute auf dem Lande) sie lieber mit 
einer direkten Fersonalabgabe zu belegen, als das hungernde Volk so 
furchtbar zu peinigen. 

Daduich war die ganze Steuer Verfassung ein Chaos geworden, 
welches noch dadurch gesteigert wurde, dass man eine Provinz von der 
anderen durch Binnenzolllinien halte trennen müssen, damit nicht ein 
und derselbe Gegenstand in verschiedenen Provinzen verschiedener Be- 
steuerung unterliege. In den Provinzen jenseits der Weser bestand sogar 
ein ganz anderes Steuersystem, weil man dort der verwirrten Grenzen 
wegen die Acciseverfassung gar nicht handhaben konnte, und deshalb 
von diesen Landestheilen Aversa erhob, die zum Theil von den Ständen 
verwaltet wurden. So war es dahin gekommen, dass der Finanzminister 
selbst eingestehen musste, es gebe 57 verschiedene Zoll- und Accise- 
tarifs und 2775 besteuerte Gegenstände, und dass „auch der geübteste 
Officiant in dieser Parthie keine richtige Uebersicht von dem, was im 
Lande und dessen verschiedenen Theilen von jedem Artikel gegeben 
wird, liefern kann 44 . 

Der Reformplan des Grafen v. Bülow war in dem Immediatbericht 
vom 14. Januar 1817 enthalten, welchem zwei Gesetzentwürfe beigefügt 
waren : „Gesetz über die Steuerverfassung des Königreichs 44 und „Gesetz 
über den Zoll und die Konsumtionssteuern 14 . Der erste Gesetzentwarf 
behielt jede Abänderung der Grundsteuerverfassung der Berathung mit 
den Ständen vor, dehnte dieselbe aber gleichzeitig auf die Städte aus, 
denen eine Grundsteuer und eine Gebäudesteuer auferlegt werden sollte. 
Alle Personal- und indirekten Steuern, welche bisher erhoben waren, 
wurden aufgehoben bis auf die Gewerbesteuer, die Stempel-, Spielkarten- 
und Kalendereinnahmen, und das Salzmonopol. Der zweite Gesetz- 
entwurf setzte an die Stelle der bisherigen Binnen- und Zwischenzölle 
und der verschiedenartigen Grenzzölle einen einheitlichen „Einfuhrzoll 
und eine Konsumtionssteuer" von auswärtigen Waaren gewisser Art, 
welche neben dem Zoll erhoben wurde. Bei der Durchfuhr solcher 
Waaren in andere Länder sollte nur der Zoll entrichtet werden. Alle 
Accisen wurden aufgehoben und ihre Stelle durch Konsumtionsabgaben 
ersetzt. Zu dem Ende sollte eine Mahlsteuer, eine Backsteuer, eine 



Von IS ... 4. 143 

Biersteuer, eine Branntweinsteuer, eine Weinsteuer, eine Fleischsteuer, 
eine Tabacksteuer erhoben werden. Auch die neuerdings angepriesenen 
Berufsgenossenschaften hatten in dem Projekt schon einen Platz ge- 
funden. Man nahm „Steuerkorporationen" von Mullern, Bierbrauern, 
Branntweinbrennern in Aussicht, welche die ihnen auferlegten Steuerfixa 
unter sich aufbringen sollten. Das heutige „Pauschalirungssystem" in 
Oesterreich. 

In dem allegirten Immediatbericht hat Graf Bülow einige bemerkens- 
werthe Aeusserungen gethan, welche von den Vertheidigern des heutigen, 
dem Bülow'schen sonst recht ähnlichen Steuer- und Wirtschaftssystems 
nicht anerkannt werden durften. Seine Begründung des Verbrauchs- 
abgabensystems ist nur recht schwach ausgefallen. Er hatte überhaupt 
zunächst den Verkehr mit dem Auslande im Auge, und hatte sich hier 
der Feder Maaßen's bedient. „Die ergiebigste Quelle des Wohlstandes 
liegt im Handel. Die Erhaltung und Beförderung des Handels und der 
Fabrikation verdienen die gross te Aufmerksamkeit". Er erklärte es für 
nothwendig, „eine gemässigte Handelsfreiheit" zu gewähren. „Freier 
Handelsverkehr mit dem Auslande, Einlassung fremder, ebenso die Aus- 
fuhr eigener Erzeugnisse des Bodens und des Gewerbefleisses müsse 
gestattet, und jene sowohl durch die diesseitigen Länder zu verfahren 
(transit), als darin zu verbrauchen erlaubt sein". Er verwarf alle Ein- 
fuhr- und Durchfuhrverbote, das ganze bis dahin gehandhabte merkan- 
tilistische Prohibitivsystem völlig. „Dabei sind jedoch Maßregeln ge- 
nommen, um dem inländischen Gewerbefleiss Schutz und den inländischen 
Fabrikaten hinreichenden Vorzug zu gewähren". 

Graf Bülow wusste recht gut, und sein die Feder führender Ge- 
hülfe, Maaßen wusste es vielleicht noch besser, dass der Reformplan 
an diesem Punkte auf den heftigsten und zähesten Widerstand stossen 
werde. Die Handelsfreiheit, selbst in der Beschränkung, welche man 
für unerlässlich hielt, und der gerade Maaßen wenigstens zur Zeit 
diese Beschränkung aufzulegen für geboten hielt, damit sie sich später 
in den Freihandel umwandeln, oder zu demselben ausbilden könne, 
war das genaue Gegentheil von der bisherigen Handels- und Gewerbe- 
politik. Der Immediatbericht des Finanzministers widmete also einen 



144 ^ er prosaische Staatsrath and seine erste Tbat i. J. 1817. 

ganzen Abschnitt der Rechtfertigung der vorgeschlagenen tief eingrei- 
fenden Neuerung. „Ein Prohibitivsystem 11 — also das vom preussischen 
Staat seit den Tagen des grossen Kurfürsten konsequent festgehaltene 
und bis in die feinsten Einzelheiten ausgebildete Handels- und Fabrikeu- 
system — „wie es in einigen Proviuzen zum Theil besteht, wie es Eng- 
land, Frankreich, neuerlichst auch Bussland befolgt, kann der Lage und 
dem Verhältniss des preussischen Staats unmöglich entsprechen. Die 
lange Küste, die Lage der Rheinischen und Westfälischen Provinzen 
zwischen Frankreich, den Niederlanden und" — sie! — „Deutschland 
eignen dieses Land zu einem ausgedehnten Transitverkehr und Zwischen- 
handel. Je grösser die Freiheit, desto mehr wird man sich dieses 
Handels bemächtigen können, möglichst grosse Einfuhr erweitert den 
Handel, erleichterte Ausfuhr belebt die inländische Produktion 11 . Es 
kann heute keine ärgere Ketzerei geben, und man mag daran einiger- 
maßen bemessen, wie gross der Rückschritt bereits geworden ist, den 
die heutige Wirthschafts-, Handels- und Steuerpolitik gemacht hat — ] 
um mehr als zwei Menschenalter! ! 

Es wird dann darauf hingewiesen, dass man schon immer die Provinz 
Preussen von dem Prohibitiv- und Fabrikensystem habe ausnehmen 
müssen, dass man jetzt mehrere fabriken reiche Landestheile dazu er- 
worben habe, denen man Absatz in das Ausland eröffnen müsse, dass 
Einfuhrverbote aber das Gegen theil von dem, was man zu erstreben 
habe, bewirken, und Retorsionen des Auslandes hervorrufen werden. 
Aber „der Monopoliengeist beherrscht aller Orten die Produzenten und 
Fabrikanten auf gleiche Weise. Sie fordern Zurückweisung der fremden 
und wollen den alleinigen Betrieb ihrer Erzeugnisse sowohl im Inlande 
als zugleich den ungehinderten Absatz im Auslande, da sie des Aus- 
landes dabei nicht entbehren können. Sie übersehen es dabei, dass 
Beides zugleich nicht zu erreichen steht u . Das Beispiel der Provinzen 
Niederrhein und Westfalen wird zu Gunsten dieser Lehre herangezogen. 
Sie „haben ihre Kräfte dadurch kennen gelernt. Während sie ohne alle 
Staatsvortheile und Bannmittel fremde Konkurrenz ausznhalten hatten, 
hat sich ihre Fabrikation erhoben, und der Kunstfleiss ist dahin ge- 
diehen, dass sie nicht allein den Absatz im Inlande sich zu sichern 
keine Sorge haben, sondern auch die Konkurrenz mit England bestehen 14 . 



< 



?on E . . . d. 145 

Diese Aeusserung stand nun freilich in schroffem Widerspruch zu 
dem gerade damals lebhaften Geschrei, welches die Fabrikanten in allen 
Landestheilen gegen die durch die Beseitigung des Napoleonischen 
Kontinentalsystems plötzlich herangelockte Konkurrenz der englischen 
Fabrikanten, wie heute wieder, erhoben hatten. Im ersten Augenblicke 
begegnete dieselbe natürlich auch einer auf das allerniedrigste Maaß 
herabgedrückten Kauf- und Konsumtionskraft des durch die Kriege auf 
den Tod erschöpften Volkes. Das Beispiel eines Fabrikanten im Merse- 
burger Begierungsbezirk, Buben Goldschmidt, hatte aber die Aufmerk- 
samkeit des Finanzministers erregt, denn dieser war „der einzige inlän- 
dische Fabrikant, der im Verhältniss zu seinem nicht sehr starken Lager 
gute Geschäfte in baumwollenen Waaren gemacht zu haben scheint' 1 , 
so hatte die Begierung zu Merseburg im August 1816 berichtet. Sein 
Erfolg beruhte aber auf der Kunst der Ausstattung seiner Waaren. 

Die Noth der Lage war übrigens noch dadurch verschärft worden, 
dass nicht bloss England, Frankreich, Holland, Bussland sich durch 
Prohibitivsysteme abschlössen, sondern auch England den landwirt- 
schaftlichen Erzeugnissen namentlich der Ostprovinzen, welche auf den 
Export nach England seit Jahrhunderten angewiesen gewesen waren, 
den englischen Markt durch die Parlamentsakte, Kornbill, vom 20. März 
1815, wenn nicht verschloss, doch den Eintritt wesentlich erschwerte 
und unsicher machte. Unter solchen Umständen war der Staatsrath 
Kunth, der Erzieher der Gebrüder v. Humboldt und langjährige Ver- 
traute und quasi Geschäftsführer Steins, der seit dem Jahre 1807 das 
sogenannte Fabrikendepartement geleitet hatte, mit einer genauen an 
Ort und Stelle anzustellenden EnquSte über die Lage und die Bedürf- 
nisse der industriellen Thätigkeit betraut worden. Seine Enkel haben 
diesem verdienten Beamten, dessen Wirksamkeit in diesem entscheidenden 
Augenblick von der höchsten Wichtigkeit gewesen ist, ein ehrendes 
Denkmal in dem Buche „das Leben des Staatsraths Kunth von Friedrich 
und Paul Goldschmidt (zugleich die Enkel jenes Fabrikanten Goldschmidt) 
Berlin 1881" gesetzt, aus welchem das Nähere entnommen werden kann. 
Kunth resumirte sich in seinen Reiseberichten dahin, dass die Klagen 
der Fabrikanten zwar nicht unbegründet, aber in hohem Maße über- 

Aftp. MoMtaMhrlft Bd. XXIL Hft.lo.2, 10 



146 ^ er Prosaische Staatarath and seine erste That i. J. 1817. 

trieben seien. Sie mfissten sich grössere Bildung aneignen, mehr Werth 
legen auf Berufskenntnisse und technische Erfahrungen, mehr durch eigene 
Anschauung lernen auf den grossen Industrieplätzen Englands und Frank- 
reichs, und dürften sich nicht, wie bisher — es war das freilich eine 
nothwendige Folge des alten Prohibitivsystems und jenes Fabrikensystems, 
welches auf fortwährender Einmischung der Regierung in die Fabriken- 
manipulationen beruhte — auf den Schutz verlassen, den eine Regierung 
durch Ausschluss jeder Konkurrenz gewähren kann". Diese Winke sind 
später von dem unvergesslichen Beuth befolgt worden, und sie sind 
das Fundament für eine Blüthe der deutschen Industrie geworden, die 
man damals, als man in den allerbescheidensten Anfingen stand, gar 
nicht zu ahnen vermochte. 

Es gereicht dem Finanzminister Grafen v. Bülow zu unvergäng- 
licher Ehre, dass er an dieser Stelle, wenn er nicht auch seiner eigenen 
wissenschaftlichen Ueberzeugung folgte, seinem spiritus rector auf diesem 
Felde, Maaßen, freie Hand liess, und seiner Anregung folgte. Er ist 
vielleicht selbst erstaunt gewesen, dass er hier einen Erfolg errang, den 
er kaum erwartet haben mochte, und welcher die Grundlage zu einem 
ebenso grossartigen politischen Aufschwünge des preussischen Staates 
abgegeben hat. Der Zolltarif, den Graf Bülow von diesem freihändleri- 
schen Standpunkte ausarbeiten liess, und vorlegte, wurde vom Staats- 
rath mit ganz unerheblichen Aenderungen nahezu einstimmig gut ge- 
heissen, und hat dann später Deutschland in den Zollverein gezwungen. 
Alle übrigen Vorschläge Bülows, bei denen Maaßen nicht die Hand im 
Spiele gehabt hat, gegen die er sogar schliesslich auftrat, wurden ver- 
worfen, weil die Staatsmänner, welche im Staatsrate darüber zu Gericht 
sassen, nicht bloss den Verkehr mit dem Auslande, sondern auch alle 
Fragen der inneren Besteuerung nach dem Prinzip der Freiheit beur- 
theilen wollten, und sich vor allen Dingen nicht dazu hergaben, die 
Lebensnothdurft des gemeinen Mannes mit schweren Steuern zu belegen, 
wie man jetzt wieder für Weisheit ausgiebt. Graf Bülow behauptete 
später, um sein der französischen Verwaltung entlehntes Steuersystem 
zu vertheidigen : „eine Auflage auf Brod, Fleisch und Kleider wirkt wie 
eine unmittelbare Auflage auf das Arbeitslohn, wird daher sieht von 



V.M 



Von E . . . a. 147 

dem Arbeiter selbst, der sie verbraucht, sondern von dem, der den Ar- 
beiter braucht, vorgeschossen, und dieser findet wieder seine Entschädi- 
gung in dem Preise der Waaren". Den ersten Satz erkannte man im 
Staatsrath als richtig an, die Wahrheit des letzteren stellte man in 
Abrede, und derselbe ist heute, wo er als etwas angeblich Neues wieder- 
holt wird, um nichts wahrer geworden, als er damals war. 

Die leider überaus kurzen Angaben, welche die hinterlassenen 
Tagebuchnotizen des Landhofmeisters v. Auerswald darbieten, enthalten 
nur Merkzeichen für die eigene Erinnerung. Thatsächlich ergeben die- 
selben über den Hergang Folgendes: Schon am 1. April 1817 waren 
sämmtliche Oberpräsidenten bei dem Finanzminister Grafen v. Bülow 
im Verein mit den Geh. Käthen Maaßen und Ferber zu einer Konferenz 
„über das neue Abgabensystem" vereinigt. Vielleicht hat Graf Bülow 
bei dieser Gelegenheit den Versuch gemacht, die Majorität der Steuer- 
kommission im Voraus zu beeinflussen. Es hat dabei „heftige Debatten" 
gegeben, über welche Punkte wird nicht gesagt. Da nur einer der 
Oberpräsidenten, v. Heydebreck, später als Gegner des Freihandels auf- 
trat, so mag man annehmen, dass diese Herren von vornherein ihrem 
Vorgesetzten bezüglich der inneren Besteuerung den Gehorsam und mit 
demselben ihre Zustimmung aufkündigten. Die Oberpräsidenten haben 
sich später gemeinsam über des Ministers „grobes Benehmen" beschwert. 

Am 5. April fand die erste Sitzung der Steuerkommission statt, 
welche wahrscheinlich die Behandlung des umfassenden Stoffes betraf. 
Wie Auerswald bei dieser Gelegenheit anmerkt, soll die Verhandlung 
„von Humboldt in einer Art eingeleitet worden sein, die klar darthue, 
dass er erst durch Hören das ihm übertragene Geschäft lernen will". 
In der zweiten Konferenz am 10. April, nachdem also die verschiedenen 
Referenten sich eingerichtet hatten, entwickelte und rechtfertigte Graf 
v. Bülow „in V/i stündigem Vortrage seinen neuen Steuerplan". Man 
sefzte eine Subkommission ein, welche den Auftrag erhielt, die von 
Bülow vorgelegten Belagspapiere zu prüfen. Diese Kommission bestand 
aus den Oberpräsidenten v. Schön und Merkel und aus. den Geh. Käthen 
Hoffmans, v. Ladenberg und Maaßen. Dann aber ging man zur Be- 
ratung 4er einzelnen Theile des Steuerplans über, und es ist offenbar 

10* 



148 ^ er P^ussische Staatsrate und seine erste That i. J. 1817. 

in der dritten Konferenz zuerst zur Erörterung des Zoll- und Handels- 
systems gekommen. Dieser Theil des Reformplans ist auch in dem 
Beriebt der Steuerkommisson vorangestellt. 

Hier handelte es sich zunächst um die Frage, ob Prohibitivsystem 
oder Handelsfreiheit, und diese Frage ist in dem Bericht der Steuer- 
kommission ebenso ausführlich behandelt, wie in Graf Bülows Immediat- 
bericht. Da das preussische Handelssystem bis dahin auf Prohibitiv- 
und Fabrikenzwang beruht hatte, so war hier der Punkt gegeben, wo 
eine Beform einzusetzen hatte, wenn überhaupt eine durchgreifende 
Reform für nothwendig erachtet wurde. Es musste für die wirtschaft- 
liche Entwickelung des preussischen Staates, der so eben erst die Auf- 
gabe übernommen hatte, ganz verschieden geartete und situirte Wirt- 
schaftsgebiete zu einer Einheit zusammenzusch weissen, von entscheidender 
weittragender Bedeutung sein, ob man die neu erworbenen Landestheile 
in das alte Prohibitions- und Fabrikensystem hineinzwängen, oder dieses 
System für die mittleren alten Provinzen — die Provinz Preussen hat 
niemals unter dem Prohibitiv- und Fabrikensystem gestanden — voll- 
ständig über Bord werfen müsse. Ein Drittes gab es nicht. Hier hat 
nun die Idee der Freiheit, wenn auch nicht in ihrer Reinheit, aber im 
Prinzip, wie sie von Adam Smith verkündet war, einen unerwartet 
grossen Sieg erfochten, und man darf wohl sagen, dass es dieser Sieg 
eines grossartigen Prinzips gewesen ist, welcher dem preussischen Staate 
den Weg bahnte, um die beherrschende Stellung, welche ihm in Deutsch- 
land gebührt, zunächst auf wirtschaftlichem Gebiete zu erringen. 
Sieben Sitzungen hat die Steuerkommission gebraucht, um die Frage 
nach allen Richtungen hin zu erörtern. Erst in der neunten Sitzung 
wurde „das Prohibitivsystem abgestimmt". Das Prohibitivsystem wurde 
mit zwanzig Stimmen gegen zwei verworfen. Da die Kommission nur 
aus zweiundzwanzig Mitgliedern bestand, so muss die im „Leben des 
Staatsrates Kunth u p. 118 enthaltene Angabe, dass drei Mitglieder* für 
das Prohibitivsystem gestimmt haben, nothwendig der im Bericht der 
Kommission enthaltenen Angabe gegenüber auf einem Irrthum beruhen, 
obgleich sie von Kunth selbst herrührt. Welcher von den dort genannten 
Herren: v. Heydebreck, v. Ladenberg und v. Beguelin schliesslich zur 



Von B . . . d. 149 

Freihandelspartei übergegangen ist, dürfte nicht von Belang sein, doch 
darf man wohl vermuthen, dass Ladenberg und Beguelin die zäheren 
Naturen gewesen sind. 

Die Vorgänge hinter den Kulissen, welche der Abstimmung voran- 
gingen, sind übrigens interessant genug, und sie sind durch Kunth selbst 
in ein recht helles Licht gestellt worden. Kunth ist persönlich bei den 
Berathungen der Steuerkommission nicht betheiligt gewesen, da er nicht 
Mitglied des Staatsraths war. Aber der König selbst sowohl als auch 
der Staatskanzler waren von so zahlreichen Bittschriften aus allen Welt- 
gegenden bestürmt worden, vorzüglich aber hatten sich die während der 
Kontinentalsperre reich gewordenen Fabrikanten von Seiden-, Baum- 
wollen- und Wollenwaaren damals ebenso stürmisch für das Prohibitiv- 
system ausgesprochen, wie ihre Nachfolger heute an dem Schutzzollsystem 
hängen. „Denn", so sagt GrafBülow: „der Monopoliengeist beherrscht 
aller Orten die Produzenten und Fabrikanten auf gleiche Weise". Der 
König selbst soll den monopolistischen Bestrebungen sehr geneigt ge- 
wesen sein. Hier aber kam der guten Sache das eigentümliche Miss- 
trauen zu statten, welches dieser König, der immer nur darauf bedacht 
gewesen ist, den für die Wohlfahrt seiner Unterthanen richtigen Weg 
zn finden, nicht bloss in seine eigene Einsicht, sondern auch in die 
seiner nächsten Bathgeber zu hegen gewohnt war. Er hatte daher die 
Einsetzung einer Spezialkommission angeordnet, welche unter dem Vorsitz 
Heydebrecks diese Petitionen einer Prüfung unterwerfen sollte. Nach 
Kunths Angabe sassen in dieser Kommission v. Heydebreck, v. Laden- 
berg, v. Beguelin und noch zwei nicht genannte Personen, welche von 
Jenen dem Könige vorgeschlagen waren. Noch in letzter Stunde hatte 
der Staatskanzler es durchgesetzt, dass auch Kunth und Maaßen als 
Vertreter der entgegengesetzten Richtung in die Kommission gesetzt 
wurden. Diese Kommission, in welcher Kunth und Maaßen die grössten 
Widerwärtigkeiten zu erfahren hatten, entschied sich mit fünf gegen 
zwei Stimmen für das Prohibitivsystem. Ihrem Bericht aber fügten 
Kunth und Maaßen ein von ersterem verfaßtes Separatvotum bei. 

„Es ist nicht erwiesen, aber es ist anzunehmen, dass ohne das 
Separatvotum Kunths .... die Kommission des Staatsraths in ihrer 



150 ^ er P reaß8 ' 8C ^ e 6taatsrath und seine erste That i. J. 1817. 

Mehrheit, zumal der König selbst den monopolistischen Wünschen eines 
Theils der Fabrikanten ausserordentlich geneigt war, sich den An- 
schauungen der Spezialkommission angeschlossen hätte", sagen die Bio- 
graphen Kunths. Aber wenn in Folge dessen der bezugliche Theil des 
Bülow'schen Beformplanes in der Steuerkommission und dann im Staats- 
rat selbst und schliesslich in der Anschauung des absolut gebietenden 
Königs gefallen wäre, so würden wir heute unzweifelhaft in der Lage 
sein, zu beklagen, dass eine niemals wiederkehrende Gelegenheit, den 
preussischen Staat und ganz Deutschland auf die jetzt erreichte Stufe 
der wirtschaftlichen Machtentfaltung und Kultur zu beben, versäumt 
wurde. Hier ist nicht die einzige aber eine unerlässliche Entscheidung 
getroffen worden, deren Wirkung noch bis in die heutige Zeit hineinreicht. 
Die Gefahr, dass das Princip der Handelsfreiheit, wie man es da- 
mals verstand, d. h. nicht als Freihandel, sondern nur als Gegensatz 
gegen die Prohibition oder so hohen Zölle, dass der Handel und der 
Import ausländischer Waare unmöglich wurde, in der Steuerkommission 
verworfen worden wäre, konnte kaum sehr gross sein. Diese Kommission 
war zum überwiegenden Theil aus Männern zusammengesetzt, welche 
von dem Geist der neuen Zeit zum Theil völlig erfüllt, zum Theil 
wenigstens von demselben stark berührt waren. Wilhelm v. Humboldt 
war über diese Frage wohl über jeden Zweifel hinaus. Die Ober- 
präsidenten v. Auerswald, v. Schön, v. Vincke kann man ohne Weiteres 
für Apostel des Adam Smith'schen Systems ansehen. Friese würde 
niemals seine Stimme für das Prohibitivsystem abgegeben haben; ist er 
doch geradezu der Verfasser des § 34 der Regierungsinstruktion vom 
26. Dezember 1808 gewesen, in welchem die Regierungen zur Hand- 
habung des Freihandels und der Gewerbefreiheit verpflichtet wurden. 
Die Oberpräsidenten Merkel, Zerboni, Graf Solms, die Geheimen Räthe 
Ferber, Hoffmann und Maaßen standen auf demselben Standpunkte, und 
selbst Fürst Radziwill wäre schwer für engherzige Prinzipien zu ge- 
winnen gewesen. Ausgesprochene Gegner des Prinzips waren wohl nur 
v. Heydebreck, v. Ladenberg, v. Beguelin. So blieben nur etwa v. Ingers- 
leben, v. Bülow, v. Dewitz, Rother, Sack und Scharnweber als zweifel- 
haft und gegnerischen Ausführungen unter Umständen zugänglich einer 



Von E ... d. 151 

entschiedenen Majorität gegenüber, denn Herr v. Behdiger konvertirte 
sieh erst nach 1819. Dagegen mochte es zweifelhaft sein, ob das Plenum 
des Staatsrates, in welchem doch viele Personen sassen, welchen über 
diese Frage kein selbständiges entschiedenes Urteil zugetraut werden 
darf, sich der Majorität oder einer starken Minorität der Steuerkommission 
angeschlossen hätte. Da letztere nicht vorhanden war, so ist die Ent- 
scheidung allerdings in der Steuerkommission so gefallen, dass das 
Plenum folgen musste. 

Dagegen ist gar nicht zu verkennen, dass Eunths Votum, dem 
Maaßen pure beigetreten war, wesentlich, sogar entscheidend dazu bei- 
getragen hat, dass die Majorität für das Freiheitsprincip so imposant 
ausfiel. Die Enkel Eunths haben diese Staatsschrift aus dem Geheimen 
Staatsarchive hevorgezogen und als Anlage II. p. 271 der Biographie 
ihres Grossvaters abgedruckt. Die Lektüre, ja das Studium derselben 
kann Jedem, der sich über die Frage ein Urteil bilden will, noch heute 
nicht dringend genug empfohlen werden. Eunth geht in seiner Argu- 
mentation von dem Satze aus : „rein staatswirthschaftlich und im Geiste 
unserer ganzen neueren Gesetzgebung seit 1807, besonders seit 1810 
betrachtet, würde der Manufakturhandel für ganz frei, durch keine Art 
von Abgaben gelenkt, zu erklären sein, damit Jeder nur das unternähme, 
was ihm den grüssten Gewinn verspricht, nicht mehr auf den besondern 
Schutz der Regierung sich verlassend, Jeder seine Eenntnisse und 
äusseren Mittel zu gewerblichen Unternehmungen prüfte, verfehlte Spe- 
kulationen seltener würden 14 . Von der schädlichen Einwirkung der 
staatssocialistischen Fürsorge für den Schutz der nationalen Arbeit giebt 
er ein drastisches Beispiel: „Die Seidenfabriken in Berlin, Potsdam, 
Frankfurt und Köpenick (um nur ein Beispiel anzuführen, weil es am 
genauesten bekannt ist) kosten dem Staat (den Begierungskassen und 
der Nation) in einem Zeitraum von achtzig Jahren gegen zehn Millionen 
Thaler". Er meint, dass sei pure Verschwendung im Verhältnisse zu 
den erlangten Resultaten gewesen von Geldern, die anderweit viel nutz- 
bringender hätten angelegt werden können und sollen. „Wie, wenn' wir 
jährlich 50000 Stück Hornvieh mehr erzeugten, und mit der Viehpest 
verschont blieben!" Das Buch des ersten preussischen Statistikers 



152 ^ er preussische Staatsrate and seine erste That i. J. 1817. 

Leopold Krug „vom Nationalreichthum des preussiscben Staats 11 und die 
Studienreisen Theodor v. Schöns enthalten übrigens noch zahlreiche 
andere Beispiele der sonderbaren Wirkungen jenes Schutzes der nationalen 
Arbeit, welche der Staat damals gewährte, und man darf sagen, dass 
Kuntb vollkommen Recht hatte, wenn er behauptete: „in den Zwangs- 
pro vinzen, während der Zeit der strengsten Sperre, unter den reichlichsten 
ausserordentlichen Unterstützungen der Regierung, wie keine andere sie 
jemals gegeben hat, sind die Fabriken in grosser Anzahl zu Grunde 
gegangen, oder haben die innere Kraft nicht erlangt, um jenen" (den 
Fabriken in den Provinzen der Freiheit) „sich gleich zu stellen; in den 
wenigen Jahren der Freiheit" (1814 bis 1817), „der drückenden äusseren 
Verhältnisse ungeachtet, sind mehrere neue entstanden, oder haben sich 
intensiv und extensiv gehoben". Es würde übrigens, beiläufig bemerkt, 
da die nähere Ausführung nicht hierher gehört, ohne allzu grosse 
Schwierigkeit sich erweisen lassen, dass, was man heute als „die sociale 
Krankheit" zu bezeichen liebt, im Grunde nur durch die Nachgiebigkeit 
hervorgerufen worden ist, mit welcher man damals, wie Friedrich List 
später aus Maaßens Munde erfahren hat, wider die bessere Ueberzeugung 
dem Fabrikantengeschrei die Konzession machte, nicht zum reinen Frei- 
handel entschlossen überzugehen. 

Hier ist überhaupt nicht der Ort, das Thema weiter zu verfolgen. 
Der Staatsrath, dem Beschlüsse seiner Kommission folgend, genehmigte 
den Bülow'schen Zolltarif, der darauf berechnet war, die Einfuhr fremder 
Waaren freizugeben, aber zugleich „dem inländischen Gewerbefleiss 
Schutz und den inländischen Fabrikaten hinreichenden Vorzug zu ge- 
währen", jedoch so, dass die fremde Konkurrenz nicht ausgeschlossen 
wurde. Dabei hatten Auerswald und Schön gleich den Antrag gestellt, 
die Verbrauchsabgabe mit dem Zolle zu vereinigen, was aber erst drei 
Jahre später wirklich erfolgte. Man sah voraus, dass diese Aenderung 
der Handelspolitik auch tiefgreifende Aenderungen in der Beschäftigung 
der Fabrikarbeiter nach sich ziehen werde, und dass, obwohl die Nach- 
frage nach Arbeitskräften von dem Angebot derselben zur Zeit gar 
nicht befriedigt werden könne, doch namentlich ältere Arbeiter in die 
Lage kommen könnten, erwerblos zu werden. Die Steuerkommission 



Von £ ... d. 153 

trag daher darauf an — und das muss bei der beute herrschenden 
Begriffsverwirrung ausserordentlich merkwürdig erscheinen — „dass der 
Staat für die etwa ausser Brod kommenden Arbeiter sorge, ihnen w 
Beschäftigung und Unterhalt Gelegenheit verschaffe, und sie nöthigen- 
falls unterstütze' 4 , sowie dass dafür „ein zureichender Fonds ausgesetzt 
werde 11 . Recht auf Arbeit ! Freilich nur im landrechtlichen Sinne, zu- 
gleich aber auch ein Beispiel, welches in grossem Maßstabe wird nach- 
geahmt werden müssen, wenn einmal der jetzt Mode gewordene „Schutz 
der nationalen Arbeit 1 ' wird abgewirtschaftet haben. Das Experiment 
wird sich dann als ein sehr kostspieliges erweisen, und Gott verhüte, 
dass man erst wieder in einer Zeit gleichartiger Noth gezwungen werde, 
die Probe darauf zu machen. 

Ganz anders stellte sieh die Steuerkommission und dann der Staats- 
rate selbst zu dem andern Theile des Bülow'schen Beformplanes be- 
züglich der inneren Besteuerung. Nachdem am 24. April in der neunten 
Sitzung der Kommission das Prohibitivsystem mit zwanzig Stimmen 
gegen zwei verworfen war, ging man zur Berathung des Tarifs über, 
die nur zu einigen unerheblichen Aenderungen führte, und in der drei- 
zehnten Sitzung am 1. Mai beendet wurde. Dann folgte die Berathung 
über die Mahlstener, Fleiscbsteuer, Branntweinsteuer, Salzmonopol *c., 
die erst in der neunundzwanzigsten Sitzung am 3. Juni beendet wurde. 
Es folgte dann noch eine Sitzung zur Feststellung des Berichts, und 
eine am 20. Juni zur Vollziehung desselben. Da keine Sache im Plenum 
des Staatsraths zur Berathung gestellt werden durfte, welche demselben 
nicht vom Könige zugewiesen wurde, so ging dieser vom Staatssekretär 
Friese abgefasste Bericht zunächst nicht an den Staatsrath, sondern als 
„Immediatbericht" vom 20. Juni 1817 an den König selbst. Erst die 
Kabinetsordre vom 23. Juni verwies den Theil des Berichts, der den 
Verkehr mit dem Auslande betraf, in Gesetzesform an das Plenum des 
Staatgraths. Der andere Theil wurde einstweilen noch zurückgestellt. 
Die Berathung im Plenum des Staatsraths fand am 2., 3. und 5. Juli 
statt in langdauernden, zum Theil sogar „stürmischen' 1 Sitzungen. 
Auerswaldö Tagebuchnotizen geben darüber folgende Nachricht, die nicht 
ohne Interesse ist : „2. Juli : Staatsrathsversammlung. Regellose Kon- 



154 Der prosaische Staatsrat und seine erste That i. J. 1817. 

ferenz! Humboldt gegen Bülow sehr brav; letzterer erbärmlich. An- 
cillons Mantelträgerei. Grobheit des alten Grollmann (des Chefs des 
Obertribunals). 3. Juli: Staatsrathsversammlung von 11 bis 3 V* Uhr. 
Das Prohibitivsystem wird mit 58 Stimmen gegen 3 abgestimmt Schlechte 
Leitung des Vortrages. 5. Juli: Konferenz des Staatsrates über das 
Steuergesetz unter stürmischen Diskussionen 3 Stunden, wobei sich 
Mininister Bülow erbärmlich nahm. Der Kronprinz zeigte Kraft. Minister 
Schuck mann erlaubte sich höhnische Bemerkungen über Preussen. Ich 
trat allein dagegen auf, und widerlegte ihn mit Erfolg dadurch, dass 
ich ihn ad absurdum führte. Sack, Heydebreck, Beguelin, Kamptz 
zeigten sich mit erbärmlicher Mantelträgerei. Die Konferenz dauerte 
von 11 bis 5'A Uhr N. M." Bei dieser Gelegenheit zeigte sich schon 
die Spaltung zwischen Liberalen und Reaktionären, sowie ein Gegensatz 
zwischen Altpreussen und Märkern. Der letztere war nicht neu, sondern 
rührte aus der älteren Beformzeit und dem Jahre 1813 her. Beide Strö- 
mungen vertieften sich später sehr erheblich, uud dauern heute noch fort. 
Am folgenden Tage reisten die Oberpräsidenten von Berlin ab, um 
nie wieder gleichzeitig in Berlin zu tagen. Der König hatte in der 
schon bezeichneten Kabinetsordre angeordnet, dass der zweite Theil des 
Berichts der Steuerkommission über die innere Besteuerung, weil dieselbe 
zwar Bülows Plan verworfen, aber keine anderen Vorschläge gemacht 
hatte — „ich vermisse dieselben ungern/ 1 hatte der König gesagt — 
dem Finanzminister wieder zugestellt werden solle mit der Aufforderung, 
„sich mit einem neuen Gesetzentwurf zu beschäftigen, und dabei auf 
die Bemerkungen der Kommission Bücksicht zu nehmen 44 . Vorher aber 
sollten' die Oberpräsidenten „sich gleich nach ihrer Rückkehr in die 
Provinzen mit einsichtsvollen Eingesessenen derselben über die neu 
einzuführenden Steuern berathen, ihnen zu dem Ende die liberalen Grund- 
sätze, von denen bei der Sache ausgegangen wird, und die Verhand- 
lungen der Kommission bekannt machen 44 . Der König überliess es den 
Oberpräsidenten ausdrücklich, „wie diese Berathungcn anzustellen sind, 
sowie die Auswahl der Personen. Es ist gleichviel, aus welchen Ständen 
sie genommen werden, wenn sie nur Einsicht, Rechtlichkeit und Kenntniss 
der Provinz besitzen 44 . 



Von E . . . d. 155 

üeber die Verhandlungen der Oberpräsidenten mit ihren Notabein 
sind wir nicht näher unterrichtet, so wünschenswert dies wäre, um 
die damalige Stimme des Landes über Besteuerung der notwendigsten 
Lebensbedürfnisse des, wie man damals sagte, gemeinen Mannes näher 
kennen zu lernen. Die ostpreussischen Notabein haben vom 22. August 
bis zum 1. September 1817 getagt, und ihre Meinung in zehn Sitzungen 
zum officiellen Ausdruck gebracht. Dass sie für eine Klassensteuer 
gestimmt haben, mag man ohne Weiteres annehmen, denn die Stände 
des Heilsberger (alten) Kreises hatten schon im Jahre 1810 flehentlich 
um eine solche an Stelle der das hungernde Volk zur Verzweiflung 
treibenden Mahlsteuer gebeten. Die westpreussischen Notabein waren 
nach einem Briefe Schöns an den Grafen Alexander zu Dohna (ans den 
Papieren 2c. Bd. 6. p. 399) am 28. August fertig. „Wir haben 11 , schreibt 

Schön, „verworfen die Mahlsteuer, die Fleischsteuer, Dagegen 

ist eine Personensteuer von 16 gute Groschen (2 Mark) bis 5 Thaler 
( 15 Mark) mit Ausschluss aller Personen unter 14 Jahren vorgeschlagen, 
die Backstetter, die Hausplatzsteuer, die Tabaksteuer sind als Lumpe- 
reien, die keines Worts werth wären, bezeichnet .... Auch die Bier- 
und Branntweinsteuer soll in Gewerbesteuer verändert werden 11 . Auf 
dieser Grundlage konnte dann J. G. Hoffmann sein Klassensteuerge- 
setz ausarbeiten, und endlich zur Annahme bringen. Dies der tat- 
sächliche Hergang bei der Einfährung der direkten Personalbesteuerung 
im Gegensatze zu der indirekten Besteuerung der notwendigsten 
Lebensbedurfnisse . 

Wilhelm v. Humboldt hatte dem Immediatbericht der Steuerkom- 
mission ein Separatvotum beigefügt, und mit dem esteren dem Könige 
vorgelegt. In demselben rechtfertigte er vorzüglich und ausführlich, 
dass und aus welchen Granden die Steuerkommission unter seinem Vor- 
sitz nur zu einem negativen Votum über die innere Besteuerung gelangt sei. 
in dieser Staatsschrift, welche den sonstigen Staatsschriften Humboldts 
ebenbürtig zur Seite steht, betont er, dass „der jetzige Zustand der 
Ungleichheiten, Missverhältnisse und Reibungen" allerdings gründlicher 
Abhülfe bedürftigt sei, „eine Beform mit Hecht nothwendig heisse". 
Aber eine Beform dürfe sich nicht auf „theüweise Veränderung und 



^■1 



156 ^er preosfliache Staatsratn und seine erste That i. J. 1817. 

zweifelhafte Verbesserung" beschränken, sondern sie müsse eine „wohl- 
thätige Umschaffung des fehlerhaften Znstandes u herbeiführen, und des- 
halb auf „einem und einem allgemeinen Plan" beruhen. Der Reform- 
plan des Finanzministers aber leide — „alle übrigen von der Kommission 
einzeln gemachten Vorwürfe abgerechnet" — an zwei Fehlern. Der 
eine sei, „das 8 er nicht alle Steuern umfasst", der andere, „dass er 
gar keine Rücksicht auf die so ausnehmend verschiedene und selbst in 
ihrer auch bei diesem Gesetz stehend bleibenden Belastung so ungleichen 
Provinzen des Staats nimmt". Von diesem Gesichtspunkte aus giebt 
Humboldt zwar zu, dass eine „genaue Quotisation der Provinzen" niemals 
erreichbar sei, er verlangt aber, dass in der Ungleichheit der Belastung 
„ein Begriff des Minimi und Maximi ihres verhältnissmässigen Beitrages 
zum Grunde liegen" müsse, den er wohl für erreichbar hält, „da nicht 
alle Steuern indirekte zu sein brauchen". Damit kam Humboldt auf 
die Frage zu sprechen, dass eine Regulirung der Grundsteuer durchaus 
nothwendig sei, wenn man ein neues Steuersystem einführen wolle, und er 
brachte zugleich auch die Einführung direkter Personalsteuer zur Sprache. 
Die erste Frage hat sodann weniger den Staatsrath selbst, als 
vielmehr die nunmehr in den Vordergrund tretenden Steuerreformatoren 
Maaßen, J. G. Hoffmann und selbst Ladenberg lange beschäftigt. Sie 
ist bekanntlich erst 45 Jahre später gelöst worden. Die zweite Frage 
ist dagegen, da eine Steuerausgleichung durch indirekte Steuern absolut 
nicht gefunden werden konnte, und da sich, was ausserordentlich wichtig 
ist, die Mehrzahl der Oberpräsidenten nach erfolgter Berathung mit 
ihren Notabein dahin äusserte, dass man eine Mahl- und Fleischsteuer 
absolut verwerfe und für verderblich erachte, dass man zum Ersatz der- 
selben auf der Einführung einer Elassensteuer bestehe (Hoffmann an 
Bother bei Dieterici p. 187) zu Gunsten direkter Personalsteuern in den 
nächsten zwei Jahren entschieden worden. Es ist also gar nicht wahr, 
was heute so oft behauptet wird, dass die Einführung der Elassensteuer 
und die Zurückstellung der indirekten Besteuerung einem doktrinären 
Irrthum irgend welcher manchesterlichen Theorie zu verdanken sei, den 
man jetzt zu korrigiren habe. Das Land selbst hat durch den Mund 
seiner Notabein diese Verbesserung des Steuersystems gefordert, und 



Von E . . . d. 157 

das Volk in diesem Lande hatte an seinem Leibe den furchtbaren Druck 
des indirekten Steuersystems und insbesondere der Besteuerung der 
notwendigsten Lebensmittel in den vorhergegangenen Nothjahren zur 
Genüge erfahren, um aus Erfahrung zu sprechen, die man heute wieder 
in doktrinärem Uebermuth einer veralteten Theorie in den Wind schlägt. 

Humboldt hatte aber endlich auch einen Gedanken angeregt, der 
noch weiter beweist, wie nahe man einer Konstitutionellen Verfassung 
zu sein glaubte. „Ich bin sehr weit entfernt zu behaupten, dass ein 
neues Steuergesetz nicht ohne Berathung mit den Ständen gegeben 
werden könne, eine solche Behauptung liesse sich, da jetzt nicht ein- 
mal Provinzialstände vorhanden sind, allgemein nicht aus den bestehenden 
Verhältnissen herleiten, so wünschenswert ich es auch halte, vorzüg- 
lich über die Modalitäten der Anwendung auch die einzelnen Provinzial- 
stände zu Bathe zu ziehen. Allein ich muss meiner Ueberzeugttng nach 
weiter gehen, und es doch wenigstens unangemessen finden, ein allgemeines 
Steuergesetz, ohne durch andere Gründe als die Verbesserung der 
Steuerverfassung dazu genötbigt zu sein, in demselben Augenblick zu 
geben, wo eine ständische Vertretung eingeführt werden soll, die Art 
und Weise derselben aber noch nicht feststeht. Beide Maßregeln in 
richtigen Zusammenhang zu bringen, scheint mir eine unerlässlicbe 
Forderung". Man darf wohl vermuthen, dass diese Bemerkung den 
König veranlasst hat, die Vernehmung von Notabein über die Steuer- 
reform durch die Oberpräsidenten anzuordnen. 

Auf diese Seite der Staatsratbsverhandlungen kann hier nicht näher 
eingegangen werden. Begnügen wir uns hier mit dem Resultat, dass 
die erste That des Staatsrats in der mit Kraft und Erfolg durch- 
gesetzten Grundlegung für ein Zoll- und Handelssystem bestanden hat, 
welches Preussen an die Spitze Deutschlands geführt hat. Eine glor- 
reiche That, an welcher der Minister denselben Antbeil hat, wie die 
ihm sonst opponirende und schliesslich ihn aus seiner Stellung ver- 
treibende Koalition geistreicher und energischer Oberpräsidenten. 



Kritiken und Referate. 



Die Mythen, Sagen und Legenden der Zamaiten (Litauer). Gesammelt 
und herausgegeben von Dr. Edm. Veckenstedt. Zwei Bände. Heidel- 
berg. Carl Wintert Uiuverritätebuchhandlung. 1883. 8°. 

„Das vorliegende Werk ist die Frucht meiner Beschäftigung mit der Volks- 
Überlieferung der Zamaiten. Als ich vor nicht ganz vier Jahren Deutschland verlies, 
um meine jetzige Stellung am hiesigen Gymnasium anzutreten, beseelte mich die 
Hoffnung, dass ich neben ansprechender amtlicher Th&tigkeit Zeit und Gelegenheit 
finden würde, meine sprachlichen Studien erweitern und vertiefen, sowie auch, wenn 
das Geschick mir hold, der Forschung neues mythologisches Material zufuhren zu 
können. Dass diese Hoffnung keine trügerische gewesen, erweist das Werk, welches 
ich hiermit der Öffentlichkeit übergebe: mehr als hundert Gestalten der zamaitischen 
Mythologie und Sagenwelt, welche bisher der Forschung ganz unbekannt waren, oder 
von denen man wenig mehr als den Namen wusste, sind darin der Wissenschaft 
erschlossen". 

Mit diesen Worten beginnt Herr Veckenstedt, früher Oberlehrer am Gymnasium 
zu Iibau, jetzt Chefredacteur der Wochenschrift „Von Nah und Fern" die Einleitung 
des vorliegenden Werkes und stellt dasselbe als eine mythologische Quelle ersten 
Ranges hin. Wäre es dies in der That, so müsste man es mit der Zuversicht be- 
nutzen können, dass sein Inhalt im Allgemeinen durch mündliche Tradition aus der 
Zeit des litauischen Heidenthumes überliefert und von den litterarischen Überliefe- 
rungen und Darstellungen der litauischen Mythologie unabhängig sei. Diese Voraus- 
setzung trifft indessen, wie sofort gezeigt werden soll, nicht zu. 

Lasiczki nennt in seiner bekannten Schrift „de diis Samagitarum" (herausgegeben 
von Mannhardt im Magazin der lett.-liter. Gesellschaft XIV, 1, S. 88) u. a. die dea 
vespertina Bezlea und die dea tenebrarum Breksta („Bezlea dea vespertins, 
Breksta tenebrarum"). Kein Kenner des Litauischen wird zweifeln, dass Breksta 
nichts anderes als die Verbalform brekszta „es tagt" ist, und dass in Bezlea das 
Substantiv ileja „das Halbdunkel in der Morgen- oder Abenddämmerung" oder das 
Verbum llejfiti „dämmern, beginnen dunkel zu werden" (vgl. Kurschat, Lit.-dt«ch. 



I 



Dr. Edm. Veckenstedt, die Mythen, Sagen u. Legenden der Zaraaiten. J59 

Wörterbuch S. 526) steckt. Das Be von Bezlea kann hieran nichts andern, da 
einerseits es das Verbalpr&fix be sein kann, andererseits die betr. Stelle als ganzes 
genommen unsinnig ist (vgl. das Über Breksta gesagte). Diese beiden Göttinnen 
sind also lediglich für Geschöpfe des ' Laaiczki oder eines seiner Gewährsmänner zu 
halten; der Umstand, dass wir sie in dem vorliegenden Werke finden — die erste' 
als Brekszta, I. 87, die zweite, als Beslea, I. 87, 196—198 — , zwingt demnach 
zu der Annahme, dass dasselbe zun Theil auf der erwähnten Schrift beruht. — 
Wenn von der Beslea erzahlt wird, sie habe diesen Namen deshalb erbalten, weil 
ihr mit dem obersten der Teufel erzeugter Sohn nach seinem Tode das Aussehen 
eines Balkens (baslis) angenommen habe (I. 198), so versteht Referent durchaus 
nicht, wie Beslea aus baslis hätte gebildet werden können. Er zweifelt dagegen 
keinen Augenblick, dass irgend jemand, der zwischen s und z nicht zu unterscheiden 
verstand — also ein Deutscher — Bezlea, wovon man ihm nach Lasiczki oder 
Hanusch oder sonst wem erzählt hatte, in Beslea verderbte, und dass derselbe oder 
ein anderer diese mit der geschmacklosen Geschichte ausstaffirte, die oben andeutungs- 
weise mitgeteilt ist. 

Im ersten Bande S. 174 ff. hat Herr Veckenstedt einige Geschichten zusammen- 
gestellt, welche von einem Weide- und Herdengott Gonyklis handeln. Mit ihm, 
der „sich gern in der Gestalt eines Widders zeigt", ist, wie man sofort erkennt, der 
II. 158 auftretende Widder Goniglis, welcher den Wilkutis d. i. den Wolf besiegt, 
identisch. Daas diese Namen mit lit. ganyklä „Weide", ganyti „weiden" zu ver- 
binden sind, ist ebenfalls ohne weiteres klar; trotzdem aber fordern beide zum Nach- 
denken auf. Woher kommt ihr o? Im £emaitischen — und Sedden, woher eine der 
betr. Geschichten stammt, liegt doch im Kreise Telsch — wird doch a vor einem 
Nasal mit darauf folgendem Vocal nicht zu o! Wie ist das -glis von Goniglis 
aufzufassen? In der litauischen Sprache ist doch dafür nur -klis zu hOren! Soll 
man sein g ebenso beurtheflen, wie das von Niksztagelis (II. 35), welches einfach 
fehlerhaft für k steht? Warum lesen wir Goniglis und nicht Gonyglis? — — 
Alk diese Fragen und Bedenken lOst ein Blick in die von Herrn Veckenstedt selbst 
erwähnte (II. 256) Kronika polska, litewska, zmödzka u. s. w. Stryjkowski's, wo man 
in einer Aufzählung litauischer und zemaitischer Gottheiten (in der Warschauer Aas- 
gabe von 1846 Bd. I, S. 146 f., in der Warschauer Ausgabe von 1766 S. 146) folgendes 
findet: „Goniglis Dziewos, pasterski bog lesny, ktore Grekowie i Rzynrianie Sati- 
ros Faunosque zwali". In diesem Goniglis Dziewos hat man längst gan^klos 
devas „Gott der Weide" erkannt (Mannhardt a. a. 0. S. 106, Anm.), und es fca&n 
durchaus nicht befremden, goniglis für gan^klos (oder vielleicht richtiger gany- 
kUs) in einem Verzeichnisse zu finden, in welchem die Wortungeheuer Swiecz- 
punseynis und Chaurirari (für kariavyriju]?) begegnen. Wenn aber in einem 
modernen Werk der Genitiv goniglis so oder in der ein bischen corrigirten Fotjn 
gonyklis als Name eines überirdischen Wesens erscheint, so ist das — trotz Narbutts 



1§0 Mitthailungen und Anhang. 

gonge le — ein schlagender Beweis dafür, dass jenes Werk, wenn auch indirect, 
theilweise von Stryjkowski's Eronika abhängt. 

Wir finden in dem vorliegenden Werk also Geschichten, welche litterarischen, 
und zwar unlauteren litterarischen Quellen entsprungen sind. Wie viele der Art ei 
enthält, lässt sich um so weniger bestimmt sagen, als Herr Yeckenstedt — unbe- 
kümmert um das Misstrauen, welches man mit Recht gegen Berichte hegt, deren 
Ursprung und Überlieferung nicht klar vor Augen liegen — über die Herkunft der 
einzelnen Stücke seiner Sammlung so gut wie nichts sagt. Bedenkt man aber, das* 
einen erheblichen Theü dieses Werkes Schüler des Libauschen Gymnasiums und junge 
Studenten zusammengetragen haben (I. 26 ff.), d. h. Personen, welchen man die zur 
psychologischen Beurtheilung der betr. Erzähler nöthige Keife im allgemeinen nicht 
wird zutrauen dürfen; dass „jeder dieser jugendlichen Mitarbeiter vor seiner Ferien- 
reise Besprechungen mit Herrn Veckenstedt über Mythologica gehabt, dass dieser ihm 
Fragezettel als Anhaltepunkte für seine Nachforschungen mitgegeben" (II. 246 f.); 
dass das Werk eine Masse von Namen (und zwar zum TheU recht seltsamen) enthält, 
die man bisher nur aus gedruckten Quellen kannte, und von welchen weder Schleicher, 
noch Bezzenberger, noch Geitler, noch irgend ein anderer irgend etwas von Litauern 
oder bemalten gehört, und dass Herr Veckenstedt dieselben in ganz unverhaUtnis- 
mäsaig kurzer Zeit aufgetrieben hat; dass endlich das Hauptstück der Sammlung, 
„die Stammsage der Zamaiten" (I. 31—94), von allen — so viel Referent weiss — 
Beurtheüern dieses Buches verworfen und für eine Compilation unlitauischer Züge 
erklärt ist — so wird man sich die Zahl jener Geschichten recht erheblich vorstellen 
müssen. Muss man dies aber, so kann man diesen „Mythen, Sagen und Legenden 
der Zamaiten" unmöglich einen erheblichen wissenschaftlichen Werth zuschreiben, so 
darf man sie durchaus nicht als eine zuverlässige mythologische Quelle betrachten 
und benutzen. Sie enthalten auch brauchbares, aber nur ganz wenige dürften in der 
Lage sein, dasselbe auszuscheiden. Die äusserste Vorsicht bei dem Gebrauch dieses 
Werkes sei deshalb dringend empfohlen. 

Schliesslich darf nicht verschwiegen werden, dass einzelne Theile des besprochenen 
Werkes durch Personen hindurchgegangen sind, welche nur sehr massige Kenntnisse 
des Litauischen besitzen können (vgl. z. B. „den Piktybe", „des Piktybe" I. 135 f. und 
das schauderhafte, von Bezzenberger in atzindojis conigirte adfendelis II. 261), 
und dass Herr Veckenstedt selbst von dieser Sprache nur sehr wenig versteht. Der 
„Gott Warpn" welchen er jüngst „in die Wissenschaft eingeführt" hat (Pumphut, 
ein Kulturdämon der Deutschen, Wenden, Litauer und Zamaiten, Leipzig 1885, S. 14) 
lässt dies deutlich erkennen: „er hatte dem Gott Warpu geopfert" ist natürlich die 
schülerhafte Übersetzung eines litauischen devni värpu ap8rav6je.s „hatte Gott 
Ähren geopfert" oder eines v&rpu devui apöravöjes „hatte dem Gott der Ähren 
geopfert". 



Max Hobrecht, Von der Ostgrenze. Ißl 

Von der Ostgrenze. Drei Novellen von Max Hob recht. Berlin bei W. Hertz 
(Be8sersche Buchhandlung) 1885. 

Auch in Deutschland gilt es mehr und mehr als selbstverständlich, dass sich 
die erzählende Dichtung, wenn sie für national gelten soll, auf ein mehr oder minder 
bestimmtes und dem Leser erkennbares Stück deutscher Erde zu stellen und von da 
her die Lokalfarbe zu entnehmen hat. Dabei wird natürlich stets derjenige Erzähler 
etwas voraus haben, der ein möglichst allgemein bekanntes, jedem leicht zugäng- 
liches Lokal wählt, das der Leser aus eigener Anschaung kennt oder in Bildwerken 
oft vor Angen gehabt hat; er bringt dann sein Interesse für Land und Leute schon 
der Erzählung entgegen und glaubt sich in derselben schnell zu Hause. Weit zögernder 
folgt er dem' Autor nach Punkten des grossen Vaterlandes, die von der gewöhnlichen 
Reiseroute weit entfernt liegen und daher schon die Vermuthung gegen sich haben, 
fesselnde Reize zu besitzen. Und wenn auch — „wer gelangt jemals dahin?" So 
mag es kaum einen Strich deutschen Landes geben, der zur belletristischen Ausbeute 
unlohnender scheint, als unsere „Ostgrenze". Und doch ist hier im Landschaftlichen, 
Ethnographischen, Politischen, Gesellschaftlichen in Vergangenheit so viel Charakte- 
ristisches anzutreffen, dass jeder Versuch, dieses Gebiet wenigstens der immer nach 
Neuem begierigen Lesewelt aufzuschliessen, mit besonderem Dank begrüsst werden 
sollte. Freilich wird verlangt werden müssen, dass der eigentlich novellistische Theil 
der Erzählung um so fesselnder gestaltet wird, je zufälliger die Beziehungen zu dem 
gewähltem Lokal sind, und dass andererseits das Charakteristische in der Schilderung 
der Gegend und der handelnden Personen um so lebhafter hervortritt, je weniger 
Eigenartiges die Erzählung selbst hat. In dieser Hinsicht lassen die vorliegenden 
drei Novellen zu wünschen übrig. Erfindung ist nicht gerade die starke Seite dieses 
Autors, und wenn er schildert hat man oft das Gefühl, als ob es ihm darauf ankomme, 
in allererster Linie seine Landsleute an der Ostgrenze selbst zu bedenken, ihnen ge- 
druckt aufzutischen, was sie als National- oder lieber Provinzialgericht anderswo 
nicht finden, aber auch nicht suchen. Wir dürfen uns diese liebenswürdige Aufmerk- 
samkeit schon gefallen lassen, müssen aber befürchten, dass man auswärts kein Auge, 
oder nicht das richtige Auge für diese Art der lokalen lüeinmalerei haben wird. Der 
Verfasser gefallt sich in derselben manchmal so, dass er ganz das Maß für das ver- 
liert, was als allgemein anziehend gelten kann. So wird manche Partie, auf die er 
vermuthlich selbst ein besonderes Gewicht legt, als weitschweifig empfunden werden. 
An anderen Stellen, wo er sich gleichsam von der Bücksicht auf die intimsten Kenner 
von allerhand Provinzialismen emancipirt und der Handlung einen rascheren Fluss 
gestattet, zeigt er dann wieder, dass er trefflich zu erzählen versteht, nicht gerade 
spannend aber gut und angenehm unterhaltend. Am meisten eigentlichen Novellenstoff 
enthält die letzte der drei Erzählungen „Vis major"; sie ist auch die ansprechendste. 
Obgleich die Handlung auch an einem andern Orte vor sich gehen könnte, als in 
uaaerm Samland, so hat der Held, Gutsbesitzer Gerhard zu Schallauen, sein Nachbar 

Altpr. UonatMcfcrift Bd. XXII. Hft. 1 «. 8. 11 



162 Kritiken und Referate. 

Schütz und dessen Frau etwas recht anheimelnd Ostpreussisches, das auch wohl 
auswärts verstanden und gewürdigt werden kann. „Feiertage" ist in der ersten Halft« 
etwas zu lang gerathen. Der preussische Bischof, aas dessen Leben hier „Bilder" 
geboten werden, ist der bekannte Georg Ton Polenz, der dem Herzog Albrecht eine 
wesentliche Stütze bei Durchführung der Reformation in Preussen war und zu Gunsten 
des neuen weltlichen Staates auf seine bischöfliche Landeshoheit verzichtete. Dies and 
wie er seine Frau Katharina gewinnt und mit ihr trotz mancherlei Anfeindungen in 
die ihm vom Herzog verliehene Burg Balga einzieht, ist recht behaglich und mit 
guter Kenntniss der damaligen Kulturverhaltnisse vorgetragen. Der Titel lässt den 
Inhalt nicht ahnen und bezieht sich eigentlich auch nur auf die Ueberschriften der 
Kapitel (Weihnachten — Ostern — Pfingsten,) die wieder nur die dem Geistlichen 
besonders bedeutsamen Zeiten bezeichnen, in denen er nun auch weltlich etwas Wich- 
tigeres erlebt. Er darf am Schlags gewiss mit Recht rühmen: „als wir die Lehre 
umstiessen, dass Ehelosigkeit ein Gott wohlgefälliges Opfer sei, haben wir eine gute 
Arbeit gethan. Dess will ich mich getrosten". — „Marienburg" muthet wie die 
novellistische Bearbeitung einer älteren Aufzeichnung wirklicher Erlebnisse aus dem 
Anfang dieses Jahrhunderts an, als der merkwürdige Ordensbau noch als eine halbe 
Ruine dalag und Wenigen erst das Verständniss für seine historische und architektoni- 
sche Bedeutung aufzugehen anfing. Der Erzähler spricht in der ersten Person, kann 
also der Autor selbst nicht sein ; vielleicht aber hat er aus Familienpapieren geschöpft 
und dem Aufzeichner das Wort lassen wollen, so viel er auch von dem Seinigen da- 
zu that. Auffallend erscheint es immer, dass eine orientirende Einleitung fehlt, wie 
sonst bei Ich-Novellen, deren Fabel erfunden ist. Das Leben in der kleinen west- 
preussischen Garnisonstadt in der Zeit vor dem Befreiungskriege ist recht anschaulieb 
gemacht. Die Beziehungen der kleinbürgerlichen Gesellschaft zu dem erhabenen 
Bauwerk benehmen ihr etwas von dem beengenden Charakter; man sieht brave, 
tüchtige Menschen aufwachsen und zuletzt thätig in die Zeitereignisse eingreifen. Nur 
wäre auch hier ein strafferes Zusammenziehen der für die Handlung wesentlichen 
Momente wünschenswerth gewesen. E. W. 



Alterthumsgesellschaft Prussia ia Königsberg 1883. 

Zu der Sitzung vom 16. Februar ist noch des Berichts von Dr. Bujack und 
Major von Graba über eine Urnenbeisetzung in einem Meinen Hügel (zu Skurpien, 
Er. Neidenburg) im 12. Oder 13. Jahrb. zu erwähnen (vgl. d. betr. Sitzgsber. S. 69—70). 

Sitzung vom 16. März. Vortrag von Rittmeister v. Montowt auf Kirpehnen: 

Die Schlacht des griechischen Alterthums 
und des 17. und 18. Jahrhunderts zur Zeit der Lineartaktik. 

Verfasser motivirt den Versuch eines derartigen Vergleiches bei Schlachten so 

verschiedener Zeiträume! wo bei der Ungleichheit des Heer- und Waffenwesera, der 




Alterthumsgesellschaft Prnssia 1883. Ig3 

# 

Taktik, hier des Nahkampfes 8—16 Glieder tiefer Phalangen, dort der Feuertaktik 
dünner Linien 'scheinbar die Anknüpfungspunkte fehlen, damit, dass mit vollem Recht 
eigentlich ebenso von einer Lineartaktik des griechischen Alterthums wie von einer 
Lineartaktik des 18." Jahrhunderts gesprochen werden könne, indem in den Schlachten 
beider Zeiträume verhältnissmassig lange, zusammenhängende, geschlossene Fronten 
auftreten, die eine grosse Offensiv- und Defensivkraft, aber äusserst schwache Flanken 
besitzen. Je ausgedehnter und unangreifbarer nun eine Front wird, desto grösser 
resp. augenscheinlicher wird auch die Schwäche der Flanke und es ist aus diesem 
Grunde erklärlich, dass sich für den Vertheidiger stets sehr viel um Schutz der Flanke, 
für den Angreifer um Gewinnung der feindlichen Flanke handeln wird. 

Während die schachbrettförmige Schlachtordnung des römischen Alterthums 
mehr auf einen Durchbruch des feindlichen Centrums eingerichtet ist, scheint die 
Lineartaktik mehr die Tendenz zur Flögelschlacht zu haben. Dieses Prinzip der 
Flügelschlacht und seine Entwickelung zur schiefen Schlachtordnung findet sich in 
den Schlachten beider Zeiträume. 

Wenn Thukydides schon ein gegenseitiges Ueberflügeln der kleinen griechischen 
Heere, welche hauptsächlich nur aus schwer bewaffneten mit Schutz- und Nahwaffen 
versehenem meistens acht Glieder tief aufgestelltem Fussvolk bestanden, dadurch 
motivirte, dass bei dem Angriff der beiden Heere — denn beide ergriffen stets die 
Offensive — jeder mit seiner unbeschildeten — rechten — Seite unter dem Schilde 
seines rechten Nebenmannes Schutz gesucht habe, was zu einer Vorwärtsbewegung 
der Linie mit halbrechts geführt, so wurde dieses mehr unwillkürlich angenommene 
Prinzip der schiefen Schlachtordnung zunächst durch Epaminondas künstlich vervoll- 
kommnet, welcher den linken Flügel seiner Schlachtordnung als Offensivflügel durch 
Zotheilung einer tiefen Angriffskolonne, die Elite des Heeres enthaltend, sowie von 
Kavallerie und leichter Infanterie quantitativ und qualitativ verstärkte, während der 
rechte Flügel und das Centrum bei dem Angriff zurückgehalten werden. Eine weitere 
Ausbildung erfuhr dieses Prinzip durch Alezander den Grossen, welcher wieder den 
rechten Flügel als Offensivflügel, namentlich durch Zutheilung einer vorzüglichen 
Kavallerie einrichtete. Das Verhalten der Offensiv- und Defensivflügel wird in den 
Schlachten bei Mantjnea und Gaugamela näher gezeigt. 

Auf die neuere Lineartaktik mit ihren Feuerwaffen übergehend, weist Verfasser 
an einer Menge von Beispielen aus den Schlachten Gustav Adolphs, Montccuculis, 
Turennee, Prinz Eugen und Anderer nach, dass auch hier in den meisten Fällen nicht 
wie man vermuthen sollte, Parallelschlachten, sondern Flügelschlachten, bei denen 
der Kampf auf einem oder beiden Flügeln die Entscheidung gab, stattfanden. Die 
schiefe Schlachtordnung indess, zu welcher in der Literatur schon Feuquieres und 
Pysegur gerathen, wurde praktisch im 18. Jahrhundert erst durch Friedrich den Gr. 
wieder angewandt. Sein Princip bestand darin, auf Kanonenschussweite vom Feinde 
*> an&umarsohiren, dass seine Schlachtiinie mit ihrem Angri&flügel die feindliche 

11* 



164 Kritiken und Referate. 

überragte und beide sich in ihrer Verlängerung schnitten; dann brauchte man nur 
gerade aus vorzugehen, wobei namentlich die Kavallerie auf dem Flügel wtithende 
Angriffe auf den feindlichen Flügel in Front und Flanke machte. Im Wesentlichen 
war im 18. Jahrhundert die Schachtordnung folgende: Im Centrum die mit Bajonet- 
flinte bewaffnete Infanterie in zwei Treffen, auf den Flügeln die Kavallerie in zwei 
oder drei Treffen, die leichte Artillerie bei den Bataillonen eingetheilt, die schwere 
auf den Flanken des Centrums ; hinter dieser Schlachtlinie eine Reserve von Infanterie 
und Kavallerie. Als gemeinsame Momente bei den drei schiefen Schlachtordnungen 
der drei grossen Feldherren ergaben sich: das Priucip des Theilsieges, die Nicht- 
berücksichtigung der feindlichen numerischen Ueberlegenheit, Ausnutzung der grösseren 
Beweglichkeit eines kleineren Heeres, Angriff auf den feindlichen Flügel in Front und 
Flanke zugleich, Aufgeben der eigenen Rückzugslinie, Verstärkung des Angriffsflügels, 
besondere Schutzmaßregeln des zurückgehaltenen Defensivflügels, Anwendbarkeit der 
schiefen Schlachtordnung nur für den Angreifer. 

Die offensive Thätigkeit der Flügel verlassend, wendet die Betrachtung sich 
jetzt auf die verschiedenen Mittel des Flankenschutzes bei beiden Lineartaktiken. 
Im Alterthum sind als solche das bereits erwähnte Vorrücken der Schlachtlinie mit 
halbrechts, das Verdoppeln der Frontausdehnung unter Verminderung der Tiefe, 
ferner die Aufstellung von leichtem Fussvolk und von Kavallerie auf den Flügeln 
anzusehen. Letztere spielte indess bei den Griechen, trotz der Auswahl eines ganz 
ebenen Terrains zur Schlacht und trotz der Unvollkommenheit der Feuerwaffen eine 
unbedeutende Rolle, was wohl auf die mangelhafte Pferdezucht, das System der Miliz- 
heere, den Mangel des Sattels und Huf beschlages zurückzuführen ist. Erst Alexander 
der Grosse brachte durch Einfuhrung eines stehendes Heeres seine Kavallerie in die 
Höhe. Reserven und zweites Treffen findet man bei den Griechen nicht, ebensowenig 
Flügelanlehnungen. In der neuen Lineartaktik bildete zunächst die Kavallerie auf 
den Flügeln den Flankenschutz, welche bei Friedrich dem Grossen durch Aufgeben 
des Feuergefechtes und Anwendung des wüthenden Cheks zu grüsstem Ruhme ge- 
langte, ferner das zweite Treffen und die Reserve, sowie Flügelanlehnungen an Sümpfe, 
Wälder, Dörfer, die dann noch jenseits der Kavallerie durch Infanterie besetzt wurden. 
Hakenstellungen, Rechts- und Linkaziehen der Schlachtlinie wie bei Collin und Prag 
seitens der Oesterreicher, Aufstellung von Bataillonen hinter die Flügelbataillone, 
welche den Raum zwischen den beiden Treffen absperrten (von Montecuculi und 
Friedrich dem Grossen angewendet) ic. 

Verfasser geht nun auf die Schlachtordnung in beiden Lineartaktiken näher 
ein, in welcher die Streitkräfte in Raum und Zeit nicht nacheinander — wie bei uns — 
sondern nebeneinander in Thätigkeit traten; betrachtet die Thätigkeit der Feld- 
herren und ihrer Unterführer, die Bedeutung der taktischen Einheiten im Vergleich 
zu der der Evolutionseinheiten, das Verhältniss von Linie und Kolonne, Rotte und 
Glied und viele andere Gegenstände des Eierzier-Reglements, wobei namentlich auf 






Alterthumfgesellschaft Pruseia 1883. 165 

diu vielfache Umgestaltung der Evolutionseinheiten in sich bei den Griechen hinge- 
wiesen wurde, welche durch Verdoppelungen der Länge, der Tiefe, resp. der Länge 
und Tiefe, Verdoppelungen der Rotten- resp. Gliederzahl, Contremärsche jc. entstehen. 
Im Alterthum machte der Nahkampf eine tiefe Stellung erforderlich, welche meistens 
8 bis 16 Mann, mitunter auch 32 Mann betrug. In der Neuzeit führte indess die 
Einfuhrung und Vervollkommnung der Feuerwaffen eine Verkleinerung und Ver- 
flachung der tiefen Haufen des Mittelalters herbei und nur der zeitraubende Lade- 
modus machte Anfang des 17. Jahrhunderts unter Anwendung des Gliederfeuers noch 
10 Glieder hintereinander, bei Gustav Adolph aber nur noch 6 Glieder hintereinander 
erforderlich. Da Gustav Adolph die hinteren 3 Glieder in die vorderen eindubliren 
Hess, so ist es wunderbar, dass sich nicht gleich unter Anwendung des Pelotonfeuers, 
bei welchem sechs nebeneinander stehende Musketierabtheilungen durch Feuern nach 
einem bestimmten Turnus ein kontin uirliches Feuer unterhalten konnten, aus der 
sechsgliedrigen unmittelbar die dreigliedrige Aufstellung des 18. Jahrhunderts ent- 
wickelte, sondern erst ihren Weg durch die fünf- und viergliedrige nahm. 

Einer der Hauptgegensätze der beiden Lineartaktiken ist der Nahkampf des 
Alterthums, das Feuergefecht der Neuzeit. Das griechische Fussvolk bestand aus den 
geschlossen kämpfenden Schwerbewaffneten, welche mit kurzem Schwert, 8—10 Fuss 
langem Spiess, dem mannshohen Schilde und Schutzwaffen versehen waren, und aus 
den mit Bogen, Wurfspeer oder Schleuder in zerstreuter Ordnung kämpfenden Leicht- 
bewaffneten. Letztere gelangten mit ihren unvollkommenen Fernwaffen zu keiner 
Bedeutung. Eine Einheitsinfanterie gab es wohl wegen Mangels einer Einheitswaffe, 
wie z.B. der Bajonetflinte, nicht; ein Versuch dazu waren die Iphikratischen Peltasten. 

Bei Einfuhrung des Feuergewehrs gab es nun auch beim Fnssvolk einen Dua- 
lismus, nämlich die in grossen Haufen kämpfenden Pikeniere und die in zerstreuter 
Ordnung kämpfenden Feuergewehrschützen. Diese Schützenschwärme waren bei der 
ünvollkommenheit der damaligen Feuergewehre sehr gefährdet, es wurden in Folge 
dessen Schützenflügel oder Musketiervierecke, welche Gliederfeuer gaben, an die grossen 
Haufen gehängt, das zweite Glied der letzteren auch aus Schützen gebildet oder 
schliesslich der ganze Haufen ringsum mit Musketieren umkleidet, welche unter den 
Spiessen Schutz gegen Kavallerie fanden. So entstand das geschlossene Feuergefecht. 
Bei der weiteren Vervollkommnung der Feuerwaffen verschwanden die Pikeniere 
immer mehr und schliesslich gänzlich mit der Einführung der Bajonetflinte im 
18. Jahrhundert, und die Kampfweise der Infanterie ist das geschlossene Feuergefecht. 
Ein weiterer Vergleich der beiden Lineartaktiken hinsichtlich Offensive und Defensive 
ergiebt, dass im griechischen Alterthume stets beide Theile die Offensive in der Schlacht 
ergriffen; eine Vertheidigung stehenden Fusses hätte die Einbruchskraft einer sich 
bewegenden tiefen Kolonne eingebüsst ohne bei der Ünvollkommenheit der Fernwaffen 
im Stande zu sein, die Annäherung des Feindes wesentlich zu erschweren. Das Feuer- 



166 Kritiken und Referate. 

gewehr findet nun in der Defensive besser seine Rechnung und in der neuen Linear- 
taktik giebt es Defensivstellungen in jeder Schlacht. 

Hinsichtlich der Trainbenutzung findet sich eine grosse Aehnlichkeit bei den 
Schlachten der beiden Zeiträume, da des geschlossenen Zusammenhanges der Schlacht- 
ordnung wegen ein möglichst gangbares freies Terrain erwünscht war, allerdings war 
bei dem Feuergefecht für den Vertheidiger ein Frontalhinderniss, Anlehnung der 
Flügel, erhöhte Stellung ein .grosser Vortheil. Dorf- und Waldgefechte aber wurden 
ausser auf den Flügelanlehnungen gemieden. 

« 

* - Die taktische Verfolgung nach, der Schlacht fehlte fast stets ; dies ging soweit, 
dass sich die Heere häufig mit dein Bücken an einen Fluss aufstellten. Grosse Feld- 
herren machten hiervon eine Ausnahme, ebenso auch hinsichtlich der strategischen 
Benutzung des Sieges. [Ostpr. Ztg. v. 2. Mai 1883. No. 100 (Beil.)] 

Der Vortrag ist vollständig abgedruckt in den erwähnten Sitzungsberichten 
S. 71—97, woselbst auch eine Tafel mit 14 Figuren beigegeben ist. Ebendaselbst 
wird noch*S. 98 ein Teppich der Frau v. Mirbach auf Sorquttten beschrieben und 
S. 99—101 ein Kunstschrank in Pr. Holland, im Besitz der Frau Lutze. 

Sitzung vom 20. April. Hauptlehrer Matthias trägt aus Sehesteds grossem 
Werk „Fortidsminder og Oldsager" aus der Umgegend von Broholm (auf Fünen) den 
Abschnitt über die Topf-Industrie in Jütland vor. Die Bereitung des Lehms, die 
freihändige Fonnung des Materials zum Gefäss ohne jede Hilfe einer Drehscheibe, 
das Trocknen und Brennen resp. Farbegeben der Gefässe in kleinen Feldtöpfereien 
zu je 200 Stock bieten aus der heutigen, aber bald verschwindenden Topf-Industrie 
Jütlands so viel Anknüpfungspunkte für die Erklärung der Bearbeitung der prähi- 
storischen Thongefässe, dass ein. grosser Abschnitt des genannten Werkes davon handelt 
Der Vortragende versprach vermöge seiner persönlichen Verbindung in Dänemark 
ein solches Gefäss aus Jütland für das Prussia-Museum als Vergleichungsobjekt zu 
gewinnen. ') Im Anschluss an einen Vortrag über einige mittelalterliche Kalkmalereien, 
welchen Professor Kornerup in der nordischen Gesellschaft zu Kopenhagen am 
14. v. M. hielt, spricht Professor Hey deck über den ' Reichthum mittelalterlicher 
Kalkmalereien im Ordenslande Preussen, von welchen der grösste Theil unter der 
Decke eines mehrfachen Kaikabputzes versteckt ist. Was Professor Heydeck in der 
Marienburg nahe der .goldenen Pforte, in Juditten und Arnau in kleinerem Umfange 
selbst freigelegt hat, zeigt nur eine bildliche Darstellung in Contouren, gleichsam eine 
Bilderschrift der biblischen Geschichte und eine Colorirung der Wandflächen, Gewölbe- 
rippen, Consolen und des Maaßwerks. Ferner besprach Professor Hey deck nach 
seinen eigenen Erfahrungen die Technik der Kalkmalerei und stellte Proben dafür 
an. Zum Schluss der Sitzung legte Dr. Bujack die für das Museum eingegangenen 
Geschenke und gemachten Erwerbungen vor, zur prähistorischen Abtheilung Gräber- 



*) Die Ucbersetzung ist in extenso mitgetheilt Sitzungsberichte S. 102—110. 



Alterthumsgesellschaft Prussia 1883. J67 

fände nachchristlicher Zeit geschenkt von Rittmeister von Montowt auf Kirpehnen 
and eben solche geschenkt von Lieutenant Ri eben sah ra auf Löbertshof; zur ethno- 
graphischen Abtheilung, als Vergleichungsobjekt vom Zimmermeister Matthias ein 
japanischer Angelhaken aus Perlmutter geschenkt, und gekauft ein südamerikanisches 
Straussenei mit Zeichnungen eines Gaucho; zur Abtheilung von Gegenständen des 
18. Jahrhunderts geschenkt einen Fliesentisch, ein Holzkästchen mit Marqueterie- 
Arbeit, gekauft ein kleines Schreibebureau, Imitation japanesischer Arbeit, geschenkt 
ein Paar Messer und Gabel in Lederetui vom Jahre 1730, gekauft ein Stein mit 
Drechsler-Emblemen und einem Verse aus dem Giebel über der Thüre eines Hauses 
der Hundrieserstrassc, ein Zinnhumpen der Elbinger Hufschmiede vom Jahre 1747; 
zur Abtheilung von Waffen einen Hirschfänger mit Klinge vom Jahre 1720, ein Sponton 
aus der Zeit König Friedrichs L, eine Partisane mittelalterlicher Form (geschmiedet), 
und für die Bibliothek eine Bibel Strassburger Drucks in Holzdcckel mit Lederbezug, 
messingnem Beschlag und messingnen Krampen. 

[Ostpr. Ztg. v. 29. Apr. 1883. No. 98 (Beil.)] 
Sitzung vom 18. Mai. Der Vorsitzende, Dr. Bujack, legte vor Fintritt in die 
Tagesordnung vor: 1) die Festschrift zur Erinnerung an das 25jährige Geschäfts- 
Jubiläum von Stantien und Becker: Gewinnung und Verarbeitung des Bernsteins von 
Dr. B. Klebs; 2) von demselben: Der Bernsteinschmuck der Steinzeit, No. 5 der 
Beiträge zur Naturkunde Preussens, herausgegeben von der physikalisch-ökonomischen 
Gesellschaft zu Königsberg. Für letztere Schrift sind auch die Sammlungen der Prussia 
verwerthet. — Den Haupttheil der Sitzung nimmt der Vortrag der Abhandlung des 
Majors Beckherrn ein, des Verfassers der dankenswerthen Chronik der Stadt Rasten- 
burg: Ein Rastenburgischer Verfassungskonflikt aus dem 17. Jahrhundert, ein zwar 
interessantes, aber keineswegs erfreuliches Bild eines im Verfall befindlichen Gemeinde- 
wesens, in welchem die Mängel und Nachlässigkeiten in der Verwaltung einen lang- 
wierigen und unerquicklichen Streit zwischen Bürgerschaft und Bürgermeister und Rath 
der Stadt herbeiführen [s. Sitzgsber. S. 111—145]. — Der Vorsitzende spricht sodann 
über Gräberfunde in Scheufelsdorf und Friederikenhain, Kr. Orteisburg, und über ein 
Gräberfeld zu Burdungen, Kr. Neidenburg, das er selbst im vergangenen Sommer 
und Herbst aufdeckte. Die vorgelegten interessanten Fundstücke, unter denen nament- 
lich eine mit Thierköpfen ornamentirte, vergoldete broncene Fibula, ein Geschenk des 
Gutsbesitzers Preijawa auf Friederikenhain, besonders werthvoll erscheint, stammen 
aus der Zeit der Völkerwanderung, resp. dem 5. und dem folgenden Jahrhunderten 
n. Chr. Der Vorsitzende spricht seinen besonderen Dank an Frau Schilke in Bur- 
dungen für die ihm gewordene Unterstützung aus. [s. a. a. 0. S. 146—154.] — Von 
sonstigen Gegenständen werden noch vorgelegt: ein Beil in Form einer Amazonen- 
axt und ein russischer Feldaltar in Bronce. — Nach Schluss der Versammelung 
konstituirte sich dieselbe zur Generalversammelung, in welcher der Kassenfuhrer, 
Herr Kaufmann Ballo, Rechnung über das letztverflossene Jahr legt. Aus derselbeu 



16$ Kritiken und Referate. 

ergiebt sich die erfreuliche Wahrnehmung, das die Prussia mit verhältnissmassig 
geringen Mitteln, den Beiträgen von 336 Mitgliedern, den Unterstützungen der König- 
lichen Regierung und der Landesverwaltung je, in Summa circa 4300 Mark, in hohem 
Grade Anerkennenswerthes geleistet hat, [Ostpr. Ztg. v. 25. Mai 1883. No. 118] 

In der Sitzung vom 22. Juni wurden die verschiedenen Mitglieder und Gäste 
überrascht durch den mit Funden, Geschenken und Erwerbungen reich ausgestatteten 
Tisch der Gesellschaft, der ihr vollstes Interesse zunächst in Anspruch nahm. Der 
Vorsitzende zeigte vor und besprach erläuternd : Götzen von Bernstein in Copien aus 
Wachs ; Feuerstein, Messer, Speerspitze und Abfälle von solchen Geräthen ans Gräber- 
feldern zu Burdungen und Malschöwen, Kr. Neidenburg, und Waplitz, Kr. Orteisburg, 
dieselben wurden zerstreut neben Rrandgruben gefunden, Geschenke von Frau Schillke 
in Burdungen; ein durchlochtes Hirschhorngeräth, gefunden zu Walterkehmen, Kr. 
Gumbinnen, geschenkt von Pfarrer Zippel; aus Gräberfeldern des älteren Eisenalters: 
Bemsteinperlen, wovon 7 Stück noch die unterbrochene Bearbeitung zeigten, aus 
Transau, Kr. Fischhausen, eiserne Trensen und Bronzeschmuckgegenstände, geschenkt 
von Rittmeister v. Montowt auf Kirpehnen; ein Stück Steinhammer, ein eiserner 
Schildbuckel und Urnenstücke aus Fürstenau, Kr. Rastenburg, geschenkt von Guts- 
besitzer Nebelung. Als Vergleichungsobjekte für die Töpferei des älteren und jüngeren 
Eisenalters interessirten drei jütische Töpfe, in Dänemark „schwarze Töpfe" genannt, 
gegenwärtig durch die Feuerung mit Kohlen ausser Gebrauch gekommen. Sie waren 
in einer der früheren Sitzungen als freihändig gearbeitet beschrieben. Zur ethno- 
graphischen vergleichenden Abtheilung lagen vor: zwei lackirte Trinkgefässe, ein 
Kästchen mit buntem Stroh ausgelegt, ein sogen. Mörderfächer aus Japan ; aus China 
zwei Thonüguren (Gräber und Mandarin); aus Siam eine Lampe aus Seifenstein und 
Hausgötze in Gestalt eines Elephanten aus Ebenholz; aus Schweden ein Kästchen 
von Borke von stud. agr. He 11 bar dt. Von einheimischen Gegenständen neuerer Zeit 
erregten folgende Erwerbungen Interesse: ein silbernes Gewerksfähnlein mit Weber- 
schiffchen und der Inschrift: Bengemin voegd. Beysetzer Erenst Christian Peter 
Altgesell Stallupeiin (Stallupönen) d. 8. Juni 1768; ein livländischer Frauenschmuck 
aus vergoldetem Silber, bestehend in grossen Brustnadeln in Ringform, Fingerringen 
und grossen Ohrgehängen: die Glaseinsätze aus den Zierköpfen waren ausgebrochen. 
Als Parallele für die livländischen Schmucksachen wurden ringförmige bleierne Brust- 
nadeln mit Pinne neuerer Zeit aus Gisevius Vermächtniss vorgelegt; ferner ein bron- 
zener Kirchenleuchter in Renaissancestyl von den Vorfahren der Geberin bei Früh- 
gottesdiensten gebraucht, geschenkt von Frau Hell bar dt auf Roschenen. Von ganz 
besonderem Interesse war ein in Wachs poussirtes Portrait Napoleons L, ein Geschenk 
des Polizeirath Schmidt. Der genannte französische Kaiser hatte zu seinem Feld- 
zuge 1812 mehrere solcher Portraits aus Paris mitgenommen. Das jetzt dem Prussia- 
Museum übergebene war von einem der Leibärzte Napoleons, Doctor Hesper, an 
Klempnermeister Kalk geschenkt, bei welchem der Arzt logirte. — Der Bibliothek 



Alterthum&geseüschaft Prusaia 1883. Iß9 

verehrten Lehrer Haber einzelne ältere Hefte der Monnmenta historiae Warmiensis 
und Lehrer Zinger: Blicke in die Vergangenheit von Pr. Holland von Erdmann.—- 
Zar Tagesordnung übergehend, haben wir zunächst den Vortrag des Prof. Hey deck 
über die Pfahlbauten in der Nähe von Voigtshof bei Seeburg (Er. Rössel) im Kook- 
See und im Probchen-See zu erwähnen (s. Sitzungsber. S. 155—160). Die Ausstellung 
wurde durch die Pfahlbaufunde von bearbeiteten Hirschgeweihäxten, TopfBberresten 
und and. Stücken vergrößert. Ein Theil dieser Vorlage war die Ausbeute der von 
Prof. Hey deck und Bildhauer Eckart im Oktober 1882 auf freundliche Einladung 
des Oberamtmann Kr am er gehaltenen Untersuchung. Der Vortragende legte zugleich 
Proben von den bei seinen Nachgrabungen vorgefundenen Holzresten vor, an denen 
besonders die auffälligen concaven Schnittflächen interessirten. Auch erklärte er sich 
bereit von dem Pfahlbau im Kook-See ein Modell anfertigen zu wollen, wie eines 
aus dem Arys-See bei Werder, Kr. Lötzen, zur Veranschaulichung der Fundstätte 
der an eben genanntem Orte gemachten reichen Funde 60 dankenswerth hergestellt 
ist Der Vorsitzende Dr. Bujack knüpfte hieran Mittheilungen über einen Pfahlbau 
bei dem Dorfe Queetz, Kr. Heilsberg, für welchen ihm interessantes Material durch 
den Besitzer der entwässerten Seestätte, Gutsbesitzer Julius Bludau in Queetz, zu- 
gegangen war. Auf die merkwürdige Stelle hat zuerst Major v. Kaminski auf- 
merksam gemacht. Den zweiten Vortrag hielt Hauptlehrer Matthias: Zur Geschichte 
der Nahrungsmittel im Norden, woran sich noch lebhafte Erörterungen und Mit- 
theQungen des Vorsitzenden und des Redners über Mahlzeiten und Speisevorräthe in 
den Ordenskriegen Preussens und über englische Biere anschlössen. 

[Ostpr. Ztg. v. 8. Juli 1883. No. 156 (Beil.)] 
Sitzung van 28. September. Eine reiche Vorlage von Accesionen für die einzelnen 
Abtheilungen des Prussia-Museums bildeten einen Theil der Tagesordnung. Zur Samm- 
lung von Stein- und Knochengeräthen kamen hinzu: ein undurchlochtes Hammerbeil 
aus Diorit, gef. in Schmelz-Memel, geschenkt von Herrn Fabrikbesitzer Albert 
Tau dien, ein durchloch tes Beil aus Diorit, gef. bei Kl. StÜrlack, Kr. Lötzen, ge- 
schenkt von Herrn Sarowy, ein Fischstecher aus Geweih mit Widerhaken, gef. in 
einem Torfmoor bei Garben, geschenkt von Herrn Pfarrer Kröhnke in Scirgu* 
pohnen. Die Abtheilung der Bronzen vorchristlicher Zeit erhielt eine seltene Bereicherung 
durch eine Krone mit 22 Zacken aus vollem Guss, zu öffnen und zu schliessen durch 
Hilfe eines Chamiers und eines Zapfens: sie kann auch als kolossaler Halsring gedient 
haben, gefunden in einer kleinen Steinkiste bei Lochstädt, Kr. Fischhausen, geschenkt 
von Herrn Bentier von Montowt in Elbing. Zur Serie von Funden aus Gräber- 
feldern der ersten Jahrhunderte n. Chr. schenkten Herr Polizeirath Jagielski ver- 
schiedene Beigaben aus Bronze, Bernstein und Silber, bestehend in bronzenen und 
silbernen Fibulen, Hängestücken, Perlen, einer eisernen Speerspitze, thönernen Bei- 
gefassen, begleitet von einer römischen Bronzemünze des Kaisers Hadrian, gefunden 
in Kegehnen, Kr. Fischhausen, und als Einzelfund eine grosse Bernsteinperle aus 



.170 Kritiken and Beferate. 

Bauschen, Rittergutsbesitzer v. Bujak auf Ramberg, Kr. Darkehmen, eine daselbst 
gefundene damascirte eiserne Speerspitze. Auch wurden die im vorigen Jahre von Herrn 
Kaulmann Ballo, Dr. Erdmann, Dr. Kirschfeld und Professor Dr. Schneider 
bei Rantau, Kr. Fischhausen gemachten Gräberfunde des älteren Eisenalters vorgelegt 
Hieran schlössen sich die Funde aus der Zeit des Ueberganges von der heidnischen 
Zeit zur Herrschaft des deutschen Ordens, welche in diesem Sommer in der Stadt 
Rastenburg bei Bauten gemacht wurden und von einer ausfuhrlichen Beschreibung 
des Major Beckherrn begleitet waren, die einen besonderen Theil der Tagesordnung 
bildeten, [s. „Ein aus Holz konstruirtes altes Bauwerk in Rastenburg. Von Major 
Beckherrn". A. a. 0. S. 161—166 m. Beilage Tafel II.] Der Zeit der deutschen 
Ordensherrschaft gehörte an ein Fund von eisernen Geräthen aus Lanskerofen, Kr. 
Alienstein, geschenkt von Herrn Baldus. Angekauft als Stück der Renaissance-Periode 
war eine grosse eiserne Streitaxt in Form eines Amazonenbeils. Zu den Gegenständen 
dieses Zeitalters ist auch eine Schenkung des Baron von Schenk zu Tautenburg zu 
rechnen: es waren Funde auf der alten Schanze der Doben'schen Insel, Kr. Anger- 
burg, der Lauf einer grossen Wallbüchse, drei eiserne grosse Trensen. Angekauft 
zu der Sammlung von Waffen der letzten Jahrhunderte war ein Radschlossgewehr 
des 18. Jahrhunderts und ein perkussionirtes Jagdgewehr aus dem Anfang dieses 
Jahrhunderts. Gymnasiast Badczies schenkte ein Terzerol aus derselben Zeit Es 
wurde die Serie von genannten Gegenständen vermehrt durch eine messingene gravirte 
Dose für Rauchtabak aus dem 18. Jahrhundert, geschenkt von Herrn Walther 
Thuleweit und durch einen hohen Spazierstock mit vergoldetem Messingknopf, ein 
hundertjähriges Erbstück in der Familie Käswurm, sowie durch einen sogen. „Ziegen- 
hainer" v. J. 1820 mit einer grossen Zahl von eingeschnittenen Namen der um das 
genannte Jahr auf der Albertina zu Königsberg studirenden Genossen des damaligen 
Besitzers, geschenkt yon Herrn Rentier Karl Käs wurm in Darkehmen. 

Zur Bibliothek schenkten Pfarrer Rogge einen Danziger Geburtsbrief v. J. 1734 
und Dr. Bujack mehrere gebundene Jahrgänge der „Weser-Zeitung" vom Jahre 
1866 bis zum Anfange des vorigen Jahrzehnts, Kaufmann J. Neumann eine ver- 
kleinerte Ausgabe des Homan'schen Atlasses. 

Ausser den durch Herrn Dr. Bujack vorgelegten Accessionen, dem von Herrn 
Major Beckherrn verfassten Bericht über die Aufdeckung eines alten Holzbauwerks 
zu Rastenburg, dessen schon vorher Erwähnung gethan war, stand auf der Tages- 
ordnung ein Vortrag des Kaufmann Herrn F. Neuro an n über die Beziehungen 
Friedrich des Grossen zur Provinz Preussen, welche sämmtlich unverkürzt in den 
Sitzungsberichten für die Mitglieder abgedruckt werden, (s. a. a. 0. S. 167—173.) 

[Ostpr. Ztg. v. 18. Oct. 1883. No. 243.] 

Sitzitg vom 19. Oktober. In der Sitzung der Gesellschaft am 19. Oktober 
berichtete zunächst Herr Direktor Friederici über einen russischen Feldaltar, der 
in der vorigen Sitzung als neue Erwerbung vorgelegt war. Im Uebrigen konnte die 



Alterthumsgesellsehaft Prueaia 1883. 171 

Sitzung nicht ganz nach der Tagesordnung gehalten werden. Der Vortrag c/es Vor- 
sitzenden, über „Dr. Martin Luther's Beziehungen zu ÄltpreUBßen" nahm als Haupt- 
thema den grössten Theil der angesetzten Zeit in Anspruch. Der Vortragende legte 
die gleich betitelte Schrift Adolf Rogge's (Verlag bei Glaser in Darkehmen) seinem 
Vortrage zu Grunde. Diese für 4ie Provinz hoch interessante und darum besonders 
empfehlenswerthe Festgabe zum 10. November basirt auf gründlicher Quellenkunde 
und fuhrt uns den grossen Reformator so recht nahe. „Es muss unser lieber Herrgott 
dies Preussenland sehr lieb gehabt haben, dass er nicht allein den ersten papistischen 
Bischof zum Evangelio bekehrt, sondern auch des theuern Mannes Gottes Luthers 
Kinder darinnen zu ruhen verordnet hat", sagt der alte Hennenberger in seiner „Er- 
klärung der preusskchen Landtafel". — Unter den Kindern Luthers ist besonders 
Johannes uns Königsbergern von besonderem Interesse. Er hat am Hofe der säch- 
sischen Herzoge, wie an dem des Kurfürsten von -Brandenburg gelebt und Beihilfe 
im Staatsrat!) geleistet. Er lebte auch am Hofe Herzogs Albrecht von Preussen und 
ist 1549 als Bürger unserer Universität immatrikulirt und eingeschrieben, hat auch 
fleiseig die öffentlichen Vorlesungen gehört. 1575 sich gastweise hier aufhaltend, 
starb Johannes Luther am 29. Oktober und wurde vor dem Altar der Altatädtischen 
Kirche beigesetzt. — Der Vortrag fuhrt Luther als Berather des Herzogs in Kirchen- 
und Staatssachen, und als dessen Freund vor, bespricht seine Mitarbeiter und Schüler 
in der Provinz, würdigt seine Gegner und hebt schliesslich Luthers Freundschaft und 
Verwandtschaft in Altpreussen hervor. Genaueres aus demselben herausheben, würde 
das Büchlein Rogge's abschreiben heissen; wir schliessen unsern Bericht mit dem 
interessanten Bilde, das der ermländische Bischof Däntisous, ein Gegner Luthers, der 
ihn 1523 in Wittenberg besuchte, von ihm in einem Briefe entwirft: Luthers Gesicht 
iöt wie' seine Bücher; die Augen scharf und unheimlich funkelnd, wie man es bis- 
weilen bei Besessenen sieht. Die Rede ist heftig, voll von Spott und Stichelreden; 
er trägt ein Gewand, dass man ihn von einem Hofmann nicht unterscheiden könnte. 
Sobald er indess das Haus, in dem er wohnt — dass frühere Kloster — verläset, 
soll er, wie man sagt, sein Ordenshabit anlegen. Wie wir nun mit ihm zusammen 
sassen, blieb es nicht beim Sprechen. Wir tranken auch in heiterer Laune Wein 
und Bier mit einander, wie es dort Sitte ist, und scheint er in Allem, wie man zu 
Deutsch sagt, „ein guter Geselle 1 ' zu sein. — Aber noch einen Gedenktag, wenn 
auch nur von provinzieller Bedeutung, hatte der Vorsitzende Dr. Bujack hervorzu- 
heben, den Todestag des am 21. Oktober 1833 in Braunsberg verstorbenen Kommer- 
zienrath Johann Oestreich, welcher am 6. September 1750 daselbst geboren, dort und 
von dort aus seine segensreiche Thätigkeit für die Provinz entfaltete und stets Treue 
und Opferfreudigkeit in guten und in lösen Tagen für sein hohes Herrscherhans 
bewies. Nur die allgemeine Charakteristik dieses um unsere Provinz hochverdienten 
Mannes konnte nach dem amtlichen Bericht des Landraths des Kreises Braunsberg 
vom 25. Oktober 1833 [abgedr. Sitzgsber. S. 174—177] gegeben werden, noch nicht 



X72 Kritiken und Beformte. 

eine Darstellung der grossen Opfer, welche derselbe im Jahre 1807 dem Vaterlande 
brachte. Die Verlesung des hierauf bezüglichen Aufsatzes von einem Augenzeugen: 
„Braunsberg i. J. 1807" musste bis zur nächsten Sitzung verschoben werden. 

[Ostpr. Ztg. v. 4. Nov. 1883. No. 258 (Beil.)] 
Sitzung und Seneratversammlung am 16. November. Erster Gegenstand der 
Tagesordnung ist eine Mittheilung über den altpreussischcn Schlossberg bei Neu-Jucha 
von Major a.D. Beckherrn. Nachgrabungen konnten vorläufig nicht unternommen 
werden; bei oberflächlichem Absuchen wurden aber verschiedene Fragmente von 
thönernen Gefässen gefunden, welche allem Anscheine nach nicht auf der Drehscheibe 
gefertigt worden sind. Auch an diesen Berg knüpfen sich Sagen von einem ver- 
sunkenen Schlosse und einer verwünschten Prinzessin. Neben der von Herrn Beck- 
herrn gezeichneten Skizze wurde der Vortrag noch durch eine Zeichnung erläutert, 
welche Herr Rektor Krawielicki in Neu-Jucha eingesandt hatte. — Hierauf ver- 
las der Vorsitzende eine von einem Herrn C. E. Höpfner im Jahre 1853 nieder- 
geschriebene grössere Abhandlung über die Ereignisse, welche im Jahre 1807 die Stadt 
Braunsberg heimgesucht: Gefecht, mehrtägige Plünderung und in deren Folge Ver- 
armung auf lange Jahre. Die interessanten und für die Provinzialgeschichte werth- 
vollen Erinnerungen, welche in den Schriften der Prussia veröffentlicht werden sollen, 
veranlassten Herrn Director Friederici hieran seine Erlebnisse als Knabe in Königs- 
berg und auf einem Gute im Samland aus der Franzosenzeit zu knüpfen. — Nach 
Erledigung der für die Sitzung festgesetzten Tagesordnung konstituirte sich die Ver- 
sammlung zur Generalversammlung. Der Vorsitzende erstattete zunächst den Jahres- 
bericht, aus dem wir Folgendes hervorheben: Als ein gutes Omen für das Gedeihen 
der Alterthumsgesellschaft wird der Umstand gedeutet, dass der Vorsitzende einem 
in Elbing auf der Schichau'schen Werft erbauten Dampfer den Namen „Prussia" bei- 
legen durfte. Dem Museum der Gesellschaft steht ein Umzug nach andern Lokalitäten 
im Schlosse bevor, indem die bisherigen Räume derselben dem Königl. Consistorium 
Überwiesen werden sollen. Das Museum hat sich eines sehr regen Besuches zu er- 
freuen gehabt, 6500 Personen haben im Laufe des Jahres bis zum 11. November die 
Schätze der Gesellschaft in Augenschein genommen, darunter die Herren Landtags- 
abgeordneten, die Mitglieder des volkswirtschaftlichen Congresses, der General-Assistent 
des Berliner Museums Herr Dr. Voss, der Herrr Oberpräsident Dr. v. Schlieckmann 
und Herr Regierungspräsident Studt. Dem Wunsche des besuchenden Publikums 
nach einem Catalog ist durch die Arbeit des Vorsitzenden genügt worden und sind 
bereits 450 Exemplare des Catalogs verkauft worden, der zunächst die Räume be- 
rücksichtigt, welche das Zeitalter der Ordensherrschaft, der Renaissance und des 
18. und 19. Jahrhunderts zur Anschauung bringen. Die Mitgliederzahl des Vereins 
beträgt 340. Dem von Königsberg geschiedenen Förderer der Interessen der Gesell- 
schaft, Herrn Oberpräsidialrath Singelmann, werden Worte dankbarer Anerkennung 
gewidmet; ebenso Herrn Scher bring in München, der früher mit grossem Eifer und 



Alterthumsgesellscliaft Prussia 1883. \ 73 

glücklichem Erfolge Bodenuntersuchungen in der Provinz auf Grabstätten ausgeführt 
hat. In gleicher Weise thätig waren im Laufe des Vereinsjahres: Herr Professor 
Hey deck, Rittergutsbesitzer Lorek, Hauptlehrer Matthias und Oberlehrer Dr. 
Bujack. — Nach Schluss des Berichts erfolgt die Ergänzungswahl des Vorstandes, 
der aus folgenden Mitgliedern besteht: Oberlehrer Dr. Bujack (Vorsitzender), Kauf- 
mann Ballo (Kassirer), Rektor Frischbier (Schriftführer), Prof. Hey deck, Major 
v. San den, Rittergutsbesitzer Lorek und P artikulier Prothmann. Eine auf Ver- 
anlassung mehrerer Mitglieder von Herrn Rechtsanwalt Als eher entworfene und 
hierauf verlesene Petition an den Herrn Kultusminister um Erwerbung der gross- 
artigen und einzigen Sammlung der Alterthümer des Herrn Blell-Tüngen für das 
Marienburger Schloss fand einstimmige Annahme und ist die Petition bereits abge- 
sandt. Von dem Vorschlag, eine Deputation an den Herrn Oberpräsidenten behufs 
Unterstützung dieser Petition zu senden, wurde Abstand genommen, weil Herr Ober- 
präsident bereits dem Vorsitzenden sein warmes Interesse für diese Angelegenheit 
ausgesprochen hatte. 

An neuen Geschenken und Erwerbungen lagen aus, indem die Vorlage der 
grösseren Accessionen für das Münzkabinet noch aufgeschoben werden musste: Zur 
prähistorischen Abtheilung als Geschenke ohne Angabe des Fundortes: ein durch, 
lochtes Steinbeil; ein mit Strichen ornamentirter Urnendeckel, wie er auf westpreussi- 
schen Gesichtsurnen vorkommt; ein vor mehreren Jahrzehnten zwischen Bonczik und 
Babienten, Kr. Orteisburg, gemachter Gräberfund, bestehend in einem bronzenen, 
mit rothem Glasfluss omamentirten Halsring, einer bronzenen Pincette, in Bernstein- 
tmd Glasperlen ; ferner altpreussische Gräberfunde ohne Angabe des Fundortes, welche 
enthielten: 2 rechteckige bronzene Gürtelbleche, 1 gebuckelten bronzenen Fingerring, 
bronzene Armbrustfibulen, bronzene Schnallen, 1 grosse und 26 kleine Bernsteinperlen, 
einen knöchernen mit Würfelaugen ornamentirten Kamm, 88 Glasperlen aus der Zeit 
des jüngeren Eisenalters; ferner als Geschenk des Realschülers Stenzler 5 römische 
Denare, gefunden bei Bartenstein, Kr. Friedland; Topfscherben von dem Schlossberg 
zu Neu-Jucha, Kr. Lyck, eingesandt von Major Beckherrn in Rastenburg; gekauft 
wurden 2 grosse Bernsteinperlen, gefunden bei Lochstädt und bei Gr. Medenau, Kr. 
Fischhausen.— Zur ethnographischen Abtheilung schenkte Dr. Bujack eine Haifiach- 
harpune mit beweglichen Widerhaken. — Zur Abtheilung der Gegenstände des 
18. u. 19. Jahrhunderts schenkte Frau Weich eine messingne Dose mit demBildniss 
des Herzogs Ferdinand von Braunschweig zum Aufbewahren des Tabacks für Ideine 
Kalkpfeifen; Fräulein Fuchs einen Fächer vom Jahre 1804; Kaufmann Eduard 
Zacharias als ein in hohen Ehren gehaltenes Erbstück seines Vaters David Zacharias 
einen Waffenrock (Litewka) des ostpreussischen National-Kavallerie-Regiments samnit 
Pallasch und Militairschein v. J. 1815, welches kostbare Geschenk in einem besondern 
Glasschi ank seine Aufstellung gefunden hat; ferner wurde aus dem Ermland einge- 
sandt eine ermländische Prunkhaube, und lagen noch die Geschenke des Fräulein 
Ulrich vor: ein Federmesser mit fester Klinge und einem Elfenbeingriff, der mit 
Thierstücken verziert ist, und ein Trinkglas mit dem Portrait Luthers und der 
Jahreszahl 1824. Schliesslich wurde eine goldene Denkmünze auf die hundertjährige 
Feier der Augsburgischen Konfession vorgelegt (vgl. Tentzel, Saxonia numismatica, 
Taf. 45 u. 46). [Ostpr. Ztg. v. 20. Dec. 1883. No. 297 (Beil.)] 



Mittheilmigeii und Anhang« 
Was ist ein Gutsbesitzer ohne Polizeigewalt? 

Von Professor Dr. Alfred Stern. 

Man mutete ein grosses Buch schreiben, wenn man dem heute lebenden Ge- 
schlecht alle die Kämpfe vor Augen führen wollte, die um diese Frage einige Menschen- 
alter hindurch im preussischen Staate geführt worden sind. Es könnte lehrreich genug 
werden und den Blick für die Einsicht in die grossen Gegensätze schärfen, die noch 
zur Stunde in unserem politischen Leben eine hervorragende Bedeutung haben. In- 
zwischen wird man aber auch nicht verschmähen, von einigen urkundlichen Zeugnissen 
Kenntniss zu nehmen, die in einem solchen Buche ihre Stelle finden dürften. Denn 
sie liefern einen beinerkenswerthen Beitrag zur Geschichte der Schicksale, die jene 
Frage in einer an fruchtbaren Ideen, an Hoffnungen und Entsagungen, an kühnen 
Fortachritten und ängstlichen Zögerungen reichen Epoche erlitten hat. 

Es war im Sommer des Jahres 1809. Der Minister Stein war gefallen, nicht 
weil die preussischen Gegner seiner Beformen, sondern weil die französischen Macht- 
haber seinen Sturz gefordert hatten, aber doch zu nicht geringer Genugthuung jener. 
Denn er war es, welcher nach den Worten eines ihrer Heisssporne, F. A. L. von der 
Marwitz, „die Revolution ins Land gebracht hatte". „Er fing", sagt derselbe ver- 
blendete Gewährsmann, „die Revolutionirung des Vaterlandes an, den Krieg der Be- 
sitzlosen gegen das Eigenthum, der Industrie gegen den Ackerbau, des Beweglichen 
gegen das Stabile, des krassen Materialismus gegen die von Gott eingeführte Ordnung, 
des (eingebildeten) Nutzens gegen das Recht, des Augenblicks gegen die Vergangen- 
heit und Zukunft, des Individuums gegen die Familie, der Spekulanten und Komtoire 
gegen die Felder und Gewerbe, der Bureaus gegen die aus der Geschichte des Landes 
hervorgegangenen Verhältnisse, des Wissens und eingebildeten Talents gegen Tugend 
und ehrenwerthen Charakter". Einen Thefl jener „Revolutionirung des Vaterlandes", 
das wuaste man, sollte neben der Aufhebung der Patrimonialgerichtsbarkeit die Auf- 
hebung der gutsherrlichen Polizei bilden, welche mit den Plänen einer Neuordnung 
der Verhältnisse des platten Landes innig zusammenhing. 



Was ist ein Gotsbesitser ohne Poliseigewalt? 175 

StenVs Nachfolger hatten nicht die Kraft sein Werk fortzusetzen. Das Dohna- 
Altenstein'sche Ministerium brachte es nur zu „einstweiligen Maßregeln", zu denen 
namentlich die Anstellung inaktiver Offiziere gehörte, welche die Geholfen der Land- 
räthe bei der Polizeiverwaltung in den einzelnen Kreisen sein sollten. Diese „einst- . 
weiligen Maßregeln" waren an sich allerdings anfechtbar genug. Indem sich aber 
hie und da der Widerstand der Prirflegirten dagegen erhob, kamen mitunter die 
Gefühle, welche in diesen Kreisen herrschten, zu sehr drastischem Ausdruck. 

So hiess es in einer an Dohna gerichteten Eingabe einer Anzahl von Adligen 
des Mohrunger Kreises: „E. Exellenz sind berufen die Stütze eines Vaterlandes zu 
sein, dessen Söhne wir sind. Von Ihnen erwarten wir die Aufrechthaltung unserer 
alten Verfassung. Lassen Sie uns nicht das Opfer eines Systems werden, 
welches keinen anderen Zweck hat, als die Gutsherren ihren Bauern 
gleich zu machen und jede Ordnung aufzulösen, die bisher in unserem 
Staate bestand". Sie berufen sich auf ihren Patriotismus, fügen aber hinzu: „Nur 
dann erwacht jener Enthusiasmus, der die Wiedergeburt eines am Abgrunde stehen- 
den Staates möglich macht, wenn Schonung der theuersten Rechte, Aufrechthaltung 
der alten Verfassung der Zweck und die Belohnung dieser Opfer Bind. Durch die 
schnell auf einander folgenden Verordnungen, Maßregeln und Ankündigung noch 
anderer bevorstehender Maßregeln, die einzig auf das Nivellirungssystem einer allge- 
meinen Gleichheit und Aufhebung des Unterschieds der Stände berechnet sind, sind 
wir zu Boden gebeugt und nichts gleicht unserem schreckensvollen Erstaunen, da 
wir nun auch erfahren müssen, dass man uns die Polizeigewalt in unseren eigenen 
Gütern einschränken, ja vielleicht bald ganz entreissen will. Was ist ein Guts- 
besitzer ohne Polizeigewalt?" .... 

Sie erklären nichts gegen den Charakter der ernannten „Assistenten des Land- 
rathes" einwenden zu wollen, sondern sie bekämpfen das angenommene System. „Muss 
sich der Adel nicht für tief erniedrigt halten, wenn zu ebe,n der Zeit, wo der Staat 
den Bürgern in den Städten Wahlrechte bewilligt, die sie weder hatten noch be- 
gehrten, wenn zu eben dieser Zeit das Wahlrecht der Stände, welches ihnen verfassungs- 
mäßig zustehet, beschränkt wird?" Und sie betonen nochmals: „Jeder Gutsbesitzer 
ist die seinen Gütern vorgesetzte Polizeibehörde". 

Der Minister suchte die aufgeregten Gemüther zu beruhigen und versicherte 
vorläufig, dass es durchaus nicht die Absicht sei, „den Gutsbesitzern absolut und 
ganzlich die Polizeigewalt auf ihren Gütern zu entziehen". Dies ermuthigte die 
Petenten nnd ihre Genossen desselben Kreises zu weiteren Schritten. Am 11. Sep- 
tember wandten sie sich mit einer neuen Eingabe an Dohna. Man darf den guten 
Kern ihrer Gesinnung nicht verkennen. „Wer könnte", sagen sie, „noch den geringsten 
Beruf in sich fühlen, auf Gütern zu leben, in welchen ihm keine andere Bestimmung 
mehr verbleibt als die, seine Bevenüen zu verzehren" und beweisen damit, dass hier 
nur das self-government sehr brauchbare Materialien vorhanden gewesen wären. Aber 



276 Mitteilungen und Anhang. 

mit diesem Gedanken verbinden sie hartnäckig den Anspruch, dass „der Gutsbesitzer 
die vom Staate verordnete Obrigkeit in seinen Gütern ist", dass „auf dem Lande 
Niemand als der Gutsbesitzer diejenige Obrigkeit sein kann, welche die Natur selbst 
dazu angewiesen zu haben scheint, die Polizeigewalt auszuüben". 

Hierbei Messen sie es jedoch nicht bewenden. Unter dem gleichen Datum richteten 
sie eine Bittschrift an den König. In dieser sprachen sie allerdings ihre lebhaft« 
Freude darüber aus, dass eine Verbindung der öffentlichen Gewalt mit der Nation 
angestrebt werde und dass landständische Repräsentanten in die Provinzialregienmg 
aufgenommen worden seien, wie denn in dem ostpreussischen Regierungsdepartement 
dieser Theil der Verordnung vom 26. Dezember 1808 ausgeführt wurde. Allein sie 
nahmen dies zum Anlass, ihre bitteren Klagen über den von ihnen befürchteten Eingriff 
in ihre Privilegien an höchster Stelle mit beweglichen Worten anzubringen. „Unserem 
lieben und gnädigen König können wir es nicht bergen, dass dieselben Tendenzen, 
welche vor einigen Jahren in Frankreich alle Formen zerbrach und die 
unlängst in Ew. Königlichen Majestät Landen unter Anderm die Ausübung der 
Patrimonialgerichtsbarkeit herabzusetzen und wohl gar ganz aufzuheben wünschte, 
jetzt wiederum die für die Existenz eines Gutsbesitzers noch unentbehrlichere Polizey 
zu beschränken bemüht ist. Zu Ew. Königlichen Majestät nehmen wir abermals und 
zutrauensvoll unsere Zuflucht. Lassen Sie uns die Wohlthat Ihrer Königlichen Absicht 
dadurch ganz empfinden, dass der jetzt in Prüfung stehende Plan einer neuen Polizey- 
Einrichtung unseren Repräsentanten und durch diese denen vorschiedenen Provinzen 
und Kreisen Ihres Königreichs mitgetheilt werde. Vergönnen Sie, allergnädigster 
König, gleich Ihrem hochseligen Herrn Vater bei Gelegenheit des Entwurfs zum neuen 
Gesetzbuche, dass die Stimme der Erfahrung, insbesondere dazu erwählter ständischer 
Committlen bei der jetzt in Absicht stehenden Umbildung der Polizey gehört werde. 
Auf diese Weise wird der landesväterliche Wille, die öffentliche Administration mit 
der Nation in nähere Verbindung zu setzen würklich erreicht und wir der Gefahr 
entzogen werden, ein Opfer philosophischer Theorieen zu sein, die auf Teutschem 
Boden noch nirgend bewehrt [bewährt] gefunden worden, in auswärtigen Ländern 
aber viel Unheil angestiftet". Friedrich Wilhelm III. war jedoch nicht gewillt, diese 
Sprache ungerügt zu lassen. Seine Antwort vom 21. September 1809 besagte: „Seine 
Königliche Majestät von Preussen habe der Nation eine regere Theilnahme an Gesetz- 
gebung und Administration eröffnet, könne aber die adligen Gutsbesitzer überhaupt 
nur als einen Theil derselben und keineswegs als die ganze Nation oder deren Re- 
präsentanten anerkennen. Am wenigsten sind zu solchen Repräsentanten der Nation 
Gutsbesitzer des Mohrungen'schen Kreises geeignet, die sich erlauben in Seiner 
-Majestät* wohlthätigen Maßregeln und Absichten ein revolutionäres 
Zerbrechen aller Formen zu finden und voreilig ohne gehörige Bekanntschaft 
mit der Lage der Dinge, sowie ohne gründliches Nachdenken über die Grenzen jener 
Natjonaltheilnahme sich gerne in blosse Verwaltungsmaßregeln mischen möchten". 



Beitrag zur Kenntmss des Religionszustandes in Preuss, Litauen. 177 

Die königlichen Worte sprachen deutlich genug für den Willen auf dem Wege 
der Reformen nicht inne zu halten. Allein die rettende That blich aus. Eine Reor- 
ganisation des platten Landes, die dasselbe geleistet hätte, was für ein anderes Gebiet 
die Städteordnung leistete, kam nicht zu Stande, und hinter dem starken Bollwerk 
der gutsherrlichen Polizeigewalt konnte sich ein grosses Stück des ancien regime von 
Preussen siegreich behaupten. 

[Die Nation. Wochenschrift für Politik, Volkswirtschaft und Litteratur. 
Hrsg. v. Dr. Th. Barth. 2. Jahrg. No. 6. S. 70—71.] 



Beitrag zur Heontniss des ReligiMszustandes in Preuss. Litauen 
unter den Churfursten Friedrieh Wilhelm« 

Unsern Lesern dürfte die folgende Mittheilung wol ebenso neu, wie interessant 
sein; wir entnehmen sie einer vor hundert Jahren erschienenen Zeitschrift, die den 
Titel fahrt: „Historisches Portefeuille. Zur Kenntniss der gegenwärtigen und ver- 
gangenen Zeit." (Vierten Jahrganges 1. Bd. 1785. Wien, Breslau, Leipzig, Berlin, 
Hamburg. 5tes Stück. Monat May. S. 580-582.) 

„Friedrich Wilhelm der grosse, Churfurst von Brandenburg, sorgte nicht allein 
für die Sicherheit seiner Unterthanen, sondern er bemühte sich auch, sie gesitteter 
und menschlicher zu machen. In Preussen, besonders in Litthauen, lebten die Bauern 
wie die Wilden. Religion und Einderzucht waren ihnen sogar zum Theil dem Namen 
nach unbekannt. Um diese Leute umzuschaffen, glaubte der glorreiche Churfurst 
das beste Mittel zu erwählen, wenn er auf den Dörfern Prediger ansetzte, und zu- 
gleich verordnete: dass diese die Bauern anhalten sollten, nicht allein die Predigten 
fleissig zu besuchen, sondern auch ihre Kinder fleissig in die Schule zu schicken. 
Wie sehr aber die wohlthätige Absicht des Churfursten von diesen Leuten verkannt 
wurde, und aus welchem Gesichtspunkte sie solche betrachteten, lässt sich nicht 
besser zeigen, als wenn wir eine Supplike der Bauern aus clem Amte Ragnit her- 
setzen, worin sie unterthänigst bitten, sie doch mit so vielem Kirchengehen und Beten 
nicht zu beschweren, sondern es bei dem alten verbleiben zu lassen, oder doch einen 
gewissen Unterschied darinnen zu machen. Das Supplikat lautet folgcndergcstalt: 

„Obwohl unsre Vorfahren von undenklichen Jahren her das Land solchergestalt 
„besessen und inne gehabt, dass wenn wir unsern Dienst gethan, und den Beamten 
„und Pastoren unsre Pflicht gegeben, wir mit nichts weiter beschweret worden, so 
unterstehen sich doch unsere Pastoren anjetzo eine höchst schädliche und ganz un- 
erträgliche Neuerung einzuführen, indem sie uns zwingen wollen, dass wir nicht 
„allein alle Sonntage zweymal in die Kirche sollten gehen, sondern auch noch über- 
„das Gebethe halten-: durch welche unerhörte Neuerung wfr nicht allein zum höchsten 
»beschweret, sondern auch an unserer Haushaltung und' dem Ackerbau merklich ver- 

Altpn MonatMthrift Bd. XXII. Hft. 1 u. 2. 12 



ii 



» 



I 



278 Mittheilungen ond Anhang. 

„hindert werden. Derohalben bitten wir Ew. Churfurstl. Durclilaucliten, Sie wollen 
„aus Landesfurstlicher und löblicher Vorsorge diese höchst schädliche Sache entweder 
„gar abschaffen, oder dahin gründlich vermitteln (sintemal unter uns ein groN*r 
„Unterschied ist, und mancher Paur 0, mancher 5, mancher 4, 3 und mancher kaum 
„eine Hube Landes hat, und dahero unbillig seyn würde, dass der eine so viel Be- 
schwerde tragen sollte, gleich wie der andere), dass doch das Kirchengehen und 
„Bethen lernen möge nach den Hüben angelegt, und der arme nicht so sehr, als wie 
„der Reiche, möge beschweret werden. Und demnach diese unsere Bitte der Billig- 
keit gemäss ist, so hotten wir gnädigst erhöret zu werden." 

Was Supplikanten für eine Antwort erhalten haben, davon ist kein näherer 
Bericht vorhanden." 



IniversitiUs-Chreuik 1884. 

26. Sept. Phil. Inaug.-Diss. v. Franci8CU8 Krenkel Stolpensis (a.Schmaatz b. Stolp): 

Epilegomenorvm ad poetas Latinos posteriores particvla prima De Avrelii Prü- 
den tii Clementis re metrica. Bvdolstadii impr. F. Mitzlaff. (2 Bl. u. 67 S. 8.) 

20. Dec. Phil. I.-D. v. Adalbertus Roquette Kegimontanus: De Xenophontis vita. 
Begim. Bor. Ex offic. Leupoldiana. (2 Bl. u. 115 S. 8.) Prostat apud Graefe 
et Unzer, Begimonti. 

20. Dec. Med. I.-D. v. August Schmidt (a. Knipstein, Kr. Heilsberg), pract. Arzt in 
Landsberg in Ostpr.: Ueber das Verhalten einiger Chinolinderivate im Thier- 
körper mit Bücksicht auf die Bildung von Kvnurcnsäure. Kgsbg. in Fr. 
B. Leupold'a Buchdr. (29 S. 8.) 

1885. 

10. Jan. Med. I.-D. v. Ernst Herbst (aus Maulen, Er. Kgsbg. i. Pr.), pract. Arzt: 
Ueber den Einflass des iuducirten und con stauten Stromes auf die Thätigkeit 
des menschlichen Herzens. Mit 1 Curventafel. Leipzig, Druck v. J. B. Hirsch- 
feld. 1884. (24 S. 8. u. 1 Taf. qu.-Fol.) 

Zu d. am 18. Jan. 1885 . . . stattfind. Feier d. Krönungstages laden ... ein Prored 
u. Senat d. Albertus-Univ. Kgsbg. i. Pr. Hartungsche Buchdr. 1885. (2 Bl. 4) 
[Preisaufgaben für die Studirenden im Jahre 1885.] 

24. Jan. Med. I.-D. v. Hans Stern (a. Kgsbg. i. Pr.), pract. Arzt: Ueber die normale 
Bildungsstätte des Gallenfarbstoffes. Leipzig, Druck von J. B. Hirschfeld. 
2 Bl. u. 23 S. 8.) 
7. Febr. Phil. I.-D. v. David Hilbert (a. Kgsbg.): Ueb. die invarianten Eigenschaften 
spezieller binärer Formen, insbesondere der Kugelfunctionen. Kgsbg. in Pr- 
Buchdr. v. B. Leupold. (2 Bl. u. 32 S. 4.) 

12. Febr. Phil. I.-D. v. Wilhelm Tesdorpf aus Gamsau i. Ostpr.: Der Bömerzug 

Ludwigs des Baiern 1327—1330. Kgsbg. i. Pr. In Commission bei Wilh. Koch 
& Beimer. (2 Bl. u. 8*5 S. 8.) 

13. Febr. Phil. I.-D. v. Arthur Seeck a. Kgsbg.: Beitrag zur Kenntnis der graniti- 

schen Diluvialgeschiebe in den Provinzen Ost- u. Westpreussen. Berlin, Druck 
v. J. F. Starcke. (51 S. 8.) 
19. Febr. Phil. I.-D. v. Gustav Zacher (aus Kgsbg.): Die Hiatoria Orientalis des 
Jacob von Vitry. Ein quellenkritischer Beitrag zur Geschichte der Kreuzzüge. 
Kgsbg. i. Pr. Buchdr. v. B. Leupold. (2 Bl. u. 47 S. 8.) 

27. Febr. Med. I.-D. v. Richard Blumberg (a. Braunsberg): prakt Arzt: Ueber den 

Einfluss der Schwere auf Kreislauf und Athmung. Kgsbg. i. Pr. B. Leupold's 
Buchdr. (32 S. 8.) 
3. März. Phil. I.-D. v. Albert Koehler a. Szillen: Studien üb. Ester der Bernstcio- 
aäure u. Oxalsäure. Kgsbg. i. Pr. Ostpr. Ztgs.- u. Verl.-Dr. (2 Bl. u. 51 S. 8.) 



Altpreussische Bibliographie 1884. X79 

7. März. Phil. I.-D. v. Hermann Kienast (a. Danzig): Ueber die Entwicklung der 
Oelbehälter in den Blättern von Hypericum und Ruta. Elbing. A. Biedere 
Buchdr. (51 S. 8.) 

„Acad. Alb. Regini. 1885. I." Index lection. ... per aestatem a. MDCCCLXXXV 
a d. XVI. m. Aprilis habendarum. Begim. ex offic. Hartungiana. (31 p. 4.) Insunt 
H. lordani Symbol ae ad historiam religionum Italicarum alterae (p. 3 — 16). 

Verzeichniss d. ... im Sommer- Halbj. v. 16. Apr. 1885 au zu haltenden Vorlesungen 
o. d. Öffentl. akadem. Anstalten. Kgsbg. Hartungsche Buchdr. (9 S. 4.) 

10. März. Phil. I.-D. v. Abraham Tawrogi (a. Neust adt-Schirwindt in ßussld.): Der 
talmudische Tractat Derech Erez sutta nach Handschriften und seiteneu Aus- 
gaben, mit Parallelstellen und Varianten kritisch bearbeitet, übersetzt und 
erläutert. Kgsbg. i. Pr. Gedr. bei E. Erlatis. (2 Bl., VII u. 55 S. 8.) 

19. März. Phil. I.-D. v. Maximilian!» Neumann Bor. Hollandensis: De imperativi apud 
epicos Graecos, tragicos, Aristophanem formis atque frequentia. Regim. Pr. 
Typ. Kiewningianis. (2 Bl. u. 58 S. 8.) 

Za d. am 22. März . . . Feier d. Geburtstags Sr. Maj. d. Kaisers u. Königs laden 
... ein Prorect. u. Senat d. Alb.-Univ. Kgsbg. i. Pr. Hartungsche Buchdr. 
1885. (2 Bl. 4.) [Preisvertheilg. am 18. Jan. 1885.) 



Lyceitm Uosiannni in Braunsberg 1885. 

Iudex lection. . . . per aestat. a die XV. Apr. a. MDCCCLXXXV instituen darum. 
[Rcct.: Dr. Willi. Killing, P. P. 0.] Brunsbergae, typis Heyneanis (R. Siltmann). 
(14 S. 4.) [Praecedit Prof. Dr. Julii Marquardt de christologia S. Cyrilii 
Hier osolymi tan i commentatio. S. 3 — 12.] * 



Altpreussische Bibliographie 1884. 

Abromeit, J., Ueber die Anatomie des Eichenholzes. [Jahrbb. f. Wissenschaft!. Botanik. 

XV. Bd. S. 209-281.] 
Acten der Ständetage Ost- u. Westpr. Hrsg. v. Dr. M. Toeppeo. Bd. IV. Lfg. I. 

Leipzig. Duncker & Humblot. (400 S.) Lfg. II. (Schiusa) sammt d. Registern, 

Tit. u. Inhaltsverzeichn. (S. 401—682.) [Publication d. Vereins f. d. Gesch. r. 

Ost- u. We6tpr.] 15. — 
Hbref I3u(6 für bic $ro&in3iaköauptftabt Danzig unb beren SBorftäbre. 9tebft einem 

Änbar.fle . . . 2)anjiß, 2lrt (VIII, 201; 114 u. 102 S. fli*. 8.) a,eb. n. n. 7.50. 
Slbrcg 83ud) bcr feaupt? it. SHcfibenäftabt Äöniflöberü . . . reb. n. Garl SRürmbetßer. 

ttasba. öartimfl. (322, 128 u. 64 S. flv. 8.) baar 10.— 
Sbregbutb, Corner, f. b. 3abr 1884. 9ia* amtl. Guell. bearb. u. br$tt- &. 3)tofli|"tr.» 

»ureau^ffift. «. $erölic#. £bem (Wallis). (IV, 124 6. 8.) 2.— 
**bre§bud) für bie Stabt Silfit. . . flu* amtlichen Quälen jufammettAeftelU. ^tffit. 

Mepfftnber u. 6obn. (146 6. 8°.) 
Albert, Heinrich, Musik-Beilagen zu den Gedichten des Künigsberger Dichterkreises. 

Hrsg. v. Kob. Eitner. (III, 20 S. 8.) [Neudrucke deutscher Litteraturwerke 

d. XVI. u. XVII. Jahrh. No. 48. Halle. Niemeyer.] —60. 
SUmanad), tföniaaberder, f. 1884. Rubrer burdj MönioSbero, u. feine Untflcbftn., (5ifen* 

babn-Setbinbflti. p. Oft u. v 2tteUpr., Otottjen f. 35abe* u. iHunbreifen je. ic. Äönia,S« 

bera. S»artunß. (83 6. 16.) —50. 
"nbenfen, bem, an ben s #rebiflev ber freien etxmaelifaWatbolifcbcn ©emeinbe ju ftöniߣ* 

bera. in $r. Dr. ftul. JKupp. t IL 3"U ^84 fleroibmet. Möntasbeia.. Oöraun 

u. Söeber.) (16 3. 8.) baar n. —40. 
Anger, Dir. Dr. (Graudenz), Bericht über eine Ausgrabung bei Rondsen. [Verhandlgn. 

d. Berlin. Ges. f. Anthropol. S. 251.] 
Arnoltft, Direkt. Dr. Kichard, Antrittsrede. Gymn.-Progr. Prenzlau (S. 3—9. 4.) 



JgQ Mittheilungeo und Anhang. 

Babucke, H., Carmen sollemne. (2 S.) Gescb. d. latein. Schule, der höher. Bürgerech. 

u. d. Gymn. u. d. Realgymnas. zu Laudsber&r a. W. 1462—1864. (LH. S.) 

[Festschrift z. 25j. Jubelfeier d. Gymn. u. Realgymn. z. Landsberg a. W. 8.) 
Baecker, Elimar, de canuro nominibus graecis. Diss. iuaug. Kbg. (Härtung.) (78 S. 

gr. 8.) 2.- 
Baenftz, Dr. C, Lehrb. d. Zoologie in popul. Darstellg. ... 5. verm. u. ?erb. Aufl. 

Berl. Stubenrauch <VH, 326 S. gr. 8.) geb. 2.M). 6. Aufl. (VIII, 350 S.) 2.75. 

Physik f. Volksschulen . . . 11. vui. u. vb. Aufl. Ebd. (70 S. gr.8.) geb. — 90. 

Lehrb. d. Botanik ... 4. vm. u. vb. Aufl. Ebd. (VIII, 366 S. gr.8.) geb. 2.75. 

Lehrb. d. Chemie u. Mineralogie ... 2. Th!. Ebd. (VIII, 135 S. gr. 8.) 2.- 

Leitfaden f. d. Unterricht in der Botanik ... 4. verb. u. veinr. Aufl. Ebd. 

(IV, 195 S. gr. 8.) geb. 2.75. 
Leitfaden f. d. Unterricht in der Zoologie ... 3. verm. u. verh. Aufl. Ebd. 

(IV, 228 S. gr. 8.) geb. 1.75. 
— — u. Oberl. flotfa, fiebrb. b. ©eoflr. ... 1. %bl Untere unb mittlere 6tufe .... 

SBieUfelb. 3fcH?aaen & Älafina. (VIII, 288 6. ar. 8.) 2.50. 
bafielbe 1. Sty. 1- flurfu*. Untere 6tufe. ... 2. um>eränb. Nbbr. <*bb. (III, 76 S. 

ar. 8-) 1. 
f)ail, $rof. Oberl. Dr., mei&ob. Seitfab. f. b. Unterricht in b. «Ratutßef*. . . . Söotanif. 

1. £ft. ... 3. uerb. Slufl. £pj. $weS. (VIII, 144 6. 8.) cart. 1.20. 
... SJüneraloaie, nebft e. Icidbtfafel. Ueberblict üb. b. (Sntftefcfl. u. dntroidla. b. 

ISrbrinbe nach b. neueft. 2lnfd)auunöen. W\t . . . &oljjd)n. u. 3 <Steinbr.;£af. 

in. tfrrjftaünefcen. <§bb. (VI, 106 6. flv. 8.) cart. 1.10. 
... 3*oloflie. I. fcft. [.«urf. 1— III.] Unt. üflittuirtuna. t>. i'efer. Dr. gride. . . . 

ebb. (VI, 194 6. flr. 8.) cart. n. n. 1.60. 

Ergänzg. u. Berichtigg. z. Brefeld's Behdlg. der Gährgsfrage. [Botan. Ztg. No. 21-] 

Bamberger, ßabb. Dr. J., hebr. Spruch- u. Wortschatz, nebst Erklärg. der im Cultus 

gebräuchl. hebr. Ausdrücke. Ein Hülfsbch. f. d. israel. Religionsunterr. Kgsbg, 

Härtung. (VI, 41 S. gr. 8.) cart. —60. 
Bau- u. Kunstdenkmäler, die, d. Prov. Westpr. Hrsg. im Auftrage d. Westpr. Provinz.- 

Landtages. Hft. I. Die Kreise Cartbaus, Bereut u. Neustadt. Mit 58 in d. 

Text gedr. Holzschu. u. 9 Kunstbeil, (in Lichtdr.) Daszig. (Bertling) (VI, 73S. 

gr. 4.) baar 6.— 
Baumgarten, Prof. Dr. P., üb. pathogene pflanzl. Mikroorganismen. II. Die pathogen«! 

Scbizomyceten. (57 S. gr. 8.) [Sonderabdrücke d. dtech. Medicinal-Ztg. 27. Hft 

Berlin. Grosser.] —80. 
Patbolog.-anatoin. Mittheilungen. I— VII. [Virchow's Archiv f. pathol. Anat. 

97. Bd. S. 1—50.] Einige Bemerkgn. zur Histiol. des Trachoms. [Graeic's 

Archiv f. Ophthalmot. XXX. Jahrg. Abth. I. S. 277-289] Beitrage z. Dar- 

stellgsmethode der Tuberkelbacilien. [Ztschr. f. wissensch. Mikroskopie. Bd. 1. 

S. 51—60.] üb. Untsuchgsmethoden z. Unterscheid^ von Lepra- u. Tuberkel- 
bacilien. [Ebd. S. 367 — 371.] üb. e. gute Färbgsmethode z. Untsuchg. von 

Keratheilgsfiguren. [Ebd. S. 415—417.] 
S3enber, $rof. Dr. 3of., gum 2. fjuli 1884. (aMd)id)t(. ßrinneront. au* ©raunetcr^ 

SBerßaiiQfiibett. 2lu8 SlnlaB be$ 600j. 3ubiläumö ber <Stabt. 53rauii$b. $ut)e. 

(53 6. ßr. 8.) baar 1.30. 
* £ene<!e, $rof. Dr. 93., bie 2Banberß. ber 2lalbrut u. bie ßinria^tß. n. SCalbtutleitern. 

[tfßäbß. 2anb* u. forftro. 3ta« 15-1 
Benioken, Gymn.-L. Dr. H. K., dio Litterat ar z. 6. Liede vom Zorne des Achilleus 

im 6. u. 7. Buche der Homerischen Dias. Teil IL Progr.-Abhdlg. Bastenburg 

(22 S. 4.) 
Bergau, R., der Bildschnitzer Veit Stoss u. seine Werke. (20) Photogr. v. Job. Hahn 

m. erklär. Beschreibung u. Biographie d. Künstlers. [Neue Ausg.] Nürnberg. 

J. L. Schrag's Verl. (15 S. Pol.) In Mappe baar 30.— 
Bericht üb. d. Handel und die Schifffahrt von Kgsbg. i. J. 1883. Kgsbg. Härtung. 

(VI, 194 S. gr. 8.) 
9ett$t ber n. b. Oftpr. $ron.'£anbtage entfaubt. Gommiffion üb. 2(rmem u. $lrbei& 

bäuf. fomie 3lrbeiter:(£o(omeu in 5)än«marf, 6ä?leem.s£ol|t v pannon., SBeftfal., 

Aar. ea*!en. flßSbß. ©räfc & Unjer. (66 6. ßt. 8.) baar -80. 



Aitpreutisische Bibliographie 1884. Igl 

Script b. $rwM(Sommi)fion f. b. SertvaUß. fr. *Jtrot>.*2>tofren üb. b. SBroenbß. ber ibr 

j. Skrfüflunö. oeftellt. gonbtf. Sanjitf. (4 £. fol.) mit 3ln(j. . . . öeridbt üb. b. 

Ütoaltfl. b. iiüturbift., ardrtof. u. ettjnol. Sammln. be3 Stfeftpr. $tot?.'ÜWufeum^ 

f. b. 3. t883. (11 ö. fd.) 
Bericht ab. d. 6. Veisammlung d. westpr. botan.-zoolog. Vereins z. Dt. Eylau, am 

15. Mai 1883. [Aus „Schrift d. natuif. Ges. z. Danzig".] (127 S. gr. 8.) 
Bericht üb. d. Vhdlgn. d. 21. Kongresses dtbdi. Volkswirthe in Königsb. i. Pr. am 

20., 21. o. 22. Spt. 1888. Im Auftrage d. stand. Deputation hrsg. v. M. Broemel. 

Berlin 1883. Simion. (IV, 210 8. gr. 8.) 4.— 
©eriifjte bc* gifdjeret Vereine b. s 4hemn$en Oft* u. Söeflpv. reb. u. $rof. Dr. £eitedfe 

1883/84. 4°. 
Sertlittfl, $., iftriribiafomiä in $anjivi), ber (*ntnmrf e. euauad. ©efanabudjö für 

Oft* 11. 3ik|tpreufeeu. 3\in$irt £cbrotb. 
Bezzenberger. Beiträge zur künde der indogerman. sprachen hrsg. v. Dr. Adalb. Bezzen- 
• borger. 9. Bd. Oöttingen, Vandenhoeck u. Ruprecht. (. . . S. gr. 8.) n. 10. — 
Litauische u. lettische Drucke d. 16. u. 17. Jahrb., hrsg. v. Adl. Bezzenberger. 

4. Hft. Götting. Vandenhoeck & Ruprecht. 10.— Inh.: Szyrwld'8 Punkty. 
Kazari [Punktay Sakimu] vom J. 1629. Mit e. grammat. Einleitung hrsg. v. 
Kich. Garbe. (XLV1II, 15« 8. gr. 8.) lö.— 

Lett. meklet. [Beiträge z. künde d. Indogeiman. spr. IX. Bd. S. 134] Lettische 

ablaufe. [S. 248—250.] Tivio-mvvw. [S. 252.] V. Jagic, Altruss. Fragmente 
in Kgebg. Mitgetb. v. Prof. A. Bezzenberger. [Archiv f. slav. Philol. VII. Bd. 

5. 640—43.] Eine lettische Dorfgeschichte [Magaz. f. d. Litt, des In- u. Ausl. 
53. Jahrg. No. 11. 12.] Kurische Studien; ein Sprachwissenschaft!. Reisebrief. 
[Ebd. 32.] die pamphylisch. Inschriften. [Samml. d. griech. Dialekt-Inschriften. 
Hft. IV. Göttingen. 8. 363—370.] y>od>$eitebüterfprucb. [ÜJtttteiiunflcn b. £itau. 
litterar. ©efelljd). oft 8. 6. 121— 124.] Kec. [Dtsch. Littztg. No. 19. 32. Götting. 
gel. Anz. No. 10.] 

Bietterstedt, August, pract. Arzt aus Westpr. (Briesen) Ueber situs viscerum in versus 

und Mittheilung eines Falles. I.-I). Greifswald. (32 8. 8.) 
Sienett'Seitiinft, ^reii&ijcbe, . . . bre«. x>. 3. <$. Aonife . . . % §. VIII., alte g. XXI. 3a&rfl. 

#a*ba. Oftpr. 3t,^.. 11. Sliiebr. (2 IM, 188 6. 8.) 
Btskup8ki, Gymn.-Lehr. Dr. Leou (Konitz), Beiträge zur slavischen Diabetologie. I. 

Dio Sprache der Brodnitzer Kaschuben im Kreise Kalthaus [West-Pr.] 1. Hft. 

Die Lautlehre. Abth. A. Leipz. Breitkopf u. Härtel. 1883. (VI, 61 S. 8.) 1.50. 

btspr. v. V. Jagte in: Archiv f. slar. Phihl. VIII. Bd. S. 140—148. 

Blochmann, R. (Kgsbg.), üb. e. einfach. Verfahr, z. annähernden Bestimmg. d. Kohlen- 
Säure in der Luft bewohnter Ränme u. in anderen Gasgemischen. [Ztschr. f. 

analyt. Chemie. 23. Jahrg. S. 333—345.].. 
Bock, Ober]., üb. verschied. Konstruktionen zur Übertragg. v. Figuren von e. gegeb. 

Oberfläche «auf eine andere. I. Wisscnschaftl. Abhdlg. f. d. Ost-Progr. Lyck. 

(21 8. 4.) m. I Taf.) 
Böhmer, Kgl. Feldmesser J„ Neue Karte v. Thorn. 1 : 2500. Farbendruck. Thorn. 

Lithogr. Anstalt v. Otto Feyerabend. 1.25. 
»ornftetn, $rof Dr. Nid?., bie ioeale s Bc tferpreanofe. S3erL eprinaer. (48 8. 8.) —60. 
Bötteher, Dir. Dr. Carl, Vorschläge z. Methodik d. geogr. Unterrichts m. Beispielen 

aus d. Schulpraxis. Kgsbg. (24 S. gr. 4.) (Leipz. Teubner.) — 80. 
»e!M, 3(., QmaZ üb. b. fcuHfltn Stanb bev ÜJMbdjen.ömnnaftit in Oft* u. 2Öeftpr. 

[Ütfiona&fcbr. f. b. Surnroefen. 3. Qabi'fl. oft. 7.] 
8ort$erf, 91 Ib., btfebe @lenientar:©rammatit u. Ortboorapbie f. SBorfduilen bök 8e&r* 

anftaltcn. 1. Stufe. Maftenbura. 5<croa[-?ft. (VII, 62 6. p,r. 8.) -80. 
Sranbenburger, (*. 6., bas aai^e ÜlMffen ber. £iqueur:gabrifation auf faltem 2Beae ob. 

ber foflen. falten $efli(Iation . . . £born. ?ambrcf. (95 6. 8.) 2.— 
©roudjitf*. M. ü., bie neu. preufj. ^emjaltfl^efcfce, jfaeft. «• erläut. W. Sluft., tooflftb. 

umflearb. u. biv auf b. Qkflenroart fortflef. r>. 9tea.'$r&f. ®tubt u. ©eb- 9Hca. s SR. 

©raun beb veno ... 6. u. 7. (Sefammtaufl. b. OrrtanifationSaefefcc b. hm. 2$n>altfl. 

©b. I. IL 1. u. 2. »bbr. «erün. (XII, 614; VIII, 467 6. «r. 8.) a 8.— 
Brosow, Aug.» Qucraodo sit Apollonius sophista ex etymologico magno eiplendus 

atque emendatus. Diss. inaug. Kgsbg. (Beyer.) (51 S. 8.) 1.20. 



182 Mittheil fingen und Anhang. 

KrtmitecF, $rof. Dr. jur. m\\). t>., »eitrfiae jur ©ef*. u. $eamatlt ber <ßfanbbrief-- 

fafteme na* preu&. SHedjt. fSBcitrA^e 3. ßrläuterfl. b. btf*. s Jiccbt^ 3. ftelrte. 

8. 3a(w. 6. 48-82. 318—356. 481—547. 9. ftibra. 6. 23—52.] 
Brunnemann, Dir. Dr. Karl, Maximilian Robespiorre. Ein Lebensbild nach z. Theil 

noch unbenutzt Quellen. 2. (Tit.-)Aufl. Loipz. (1880.) 18«5 (84). Friedrich. 

(VI, 219 8. gr. 8.) 4.50. 
Corneille's Polyeucte Martyr, für d. oberen Klassen höh. Lehranstalten hrsg. 

Wolfenbüttel. Zwissler. (V, 76 S. gr. 8) n. n. —90. 
Sttttner, G. ®., 3>a« fcwterlanb nou 3BaIfifd:bai imb Slriflra $rquena. (Sine Ueberficbt 

ber Kulturarbeit beutfd). OTifftonarc u. b. feitber. (Sutaridlfl. b. btfd). öanbel« in 

Sübtwftafrita. (124 6. 8.) [Sammlfl. i\ ^Borträ^. bräfl. n. Trommel u. ^föff. 

12. 53b. 7-9. oft. Seioelbera, SBintcr. <S. 207—330.] 2.— 
$ie ficrero ti. ibre tobten. [2)aS Jluslanb. 20] üb. Sanbroerfe u. tecbtiifd^c 

Sertfofeiten ber ©inflebornen in $amaralanb (Süoafrifa). (ßbb. 27. Englisch in: 

Populär Science Monthly. Novbr.] t>ic (Sntnndlflefäbiflfett ^übiueftafnfa« nad) 

bem 3.»ucrn au. [(*bb. 34.] SleqtlicbeS au« 3)amaralanb. [@bb. 35.] 
Büttner, £>cinr., Sktbania. 3« *wft u. Grbauuna an ßrantenbetten u. ©räbern. 3*f>" 

$rebiflten. fl a $bfl. edmbert & 6eibel in Gomm. (VIII, 166 S. flr. 8.) 2 — 
»ujaef, Dr. phil. ©pmn.-Oberl., ba« ^Sruffta^ufeum im StorbftöaeK be« Jt^I. €Aloffc3 

iu flfl*bfl. in $r. Sie au^oefteüt. Altertümer ber prabiftor. Reit tfor (Ebrifti (Sc- 
hürt. $e« 1. Seite be* Äatalofl« 1. Hälfte . . . Äbß. Oftpr. RtflS.* u. »IflS.^r. 

(20 6. ßr. 8.) . . . 3>ie auäfleftellten Altertümer b. bütor. 3eit mit ©nfdrfufe *. 

«uramaUfunbe. 2. Seil be« Äataloa«. 2. ttufl. m. 3ufA|k ebb. (30 6.) ä —20. 
Bardach, Dr. Konr., die Einigung der Neuhochdeutsch. Schriftsprache. Einleitung. 

Das sechszehnte Jahrh. Habilitationsschrift. Halle. (31 S. gr. 8.) 

Rec. [Anzeiger f. dtsch. Alterth. u. dtsche Litt. X. S. 13—31. 127—128.] 

Snro», 3ulie [Jrau Ufannenfd)mib!], $enffprücbe f. b. mciblicbe Sehen ... 23. StufL 

brSa, p. (Ilife $clfo. ©remerbaven. Qanaerotü. (IX, 256 6. 8.) 6.— 
grauen Siebe u. geben, ©n »rautflefdjenf. 2. Slufl. 3)at>o3. SHidtfer. (2386. 8.) 

ßeb. 5.50. 
BusoK, Prof. Dr. Georg in Kiel, Sparta und der ionische Aufstand. [Neue Jahrbb. 

f. Piniol, u. Pädag. 129. Bd. S. 154 — 158.] zu den griechischen Königslisteu. 

[Rhein. Mus. f. Philol. N. F. 39. Bd. S. 478—480.] zur Scblaoht bei Himera. 

[Ebd. 40. Bd. 1S?S5 (84). S. 156-160.] 
Samt, @en.<Superint. Dr., Äirdjlicbe 3"ftänbe in 2Rafuren. Gin Ser.bfcfcreiben . . . 

tfaeb. Oftpr. 3trt«.* u. SBlaSbr. (24 6. flr. 8.) 
^Beriefet ber ßommiffion g. öerfteüfl. e. einbeitl. ©efanabudj« f. b. $ro&. Oft* u. 

SVeftpr. [Seil. $. ©nanfl. ©emeinbebl. 9tr. 46.1 Pfleget den heiligen Gesang! 

Ansprache. [Halleluja. Organ f. d. geistl. Musik . . . hrsg. v. Becker u. Fr. 

Zimmer. 5. Jahrg. No. 11.] 
Chodowiecki. Auswahl aus d. Künstlers schönsten Eupfersticheu. J.36 Stiche auf 30 

Carton- Blättern. Nach den z. Theil sehr seltenen Originalen in Lichtdruck 

ausgef. v. A. Frisch in Berlin. (2. Aufl.) Berlin. Mitscher & Röstoll. (1 Bl. 

Text gr. 4.) In Leinw.-Mappo 20. — 
Clebsoh, Alfr., Lecons sur la geometrie . . . traduites par Adolphe Benoist. T. III. 

Integrales abeliennes et connexes. Paris 1883. Gauthier- Villars. (X, 485 S. 8.) 

16 fr. 
Cnettcitd, $., ba« ©appen ber 6tabt 2Raabebura,. aNaflbebfl. (Söennbade & Sinrfe.) 

(19 6. flr. 4. m. cbromoHtb. Sit. u. 4 Stein taf.) baar 5.— 
-— — Städtewappen. [Siebmacber's gross, u. allg. Wappenbuch. Lfg. 235 od. Bd. I, 4. 

Hft. 18. S. 309-28 m. Taf. 300—317.] 
Dallas. 3ritf&rift b. Äunft.©ercerbe-$Berem$ ui Waabcburfl. SHeb.: £. telericu*. 

5. 3abrfl. 12 -)lrn. O-Bofl. flr. 4.) äHaabebfl. ^aber in (Somm. Viertel j. 1.— 
In Sachen d. Berlin. Stadtwapp. [D. dtsche Herold. XV. No. 1.1 Snhragistische 

Miscelle. (Ebd. 2.] die Städtewappen. [5. 9.] An die Adresse d. Kgl. Herolds- 
amtes. [10.] Kunstgewerbl.-Heraldisches. [10] Anfrage. [12.] Rec. [3. 10.) 
Cohn, Leop. (aas Zempelburgj, De Heraclide Milesio Grammatico. Commentatio philol. 

ad veniam docendi in Univ. Viadrina. Berol. (37 S. 8.) 



Altpranssiache Bibliographie 1883. 183 

[Copernicus,] du Boi8-Reymond, Emil, Friedrich II. in englischen Urtheüen. Darwin 

u. Kopernicus. Die Humboldt- Denkmal er vor d. Berlin Univers. Drei Reden. 

Leipz. Veit & Comp. il20 S. gr. 8.) 2.— 
Shidleo, P. Le Systeme de Copernic juge' d'apres scs propres theories expose'es 
dans T Astronomie populaire de M.Camille Flammarion; par Pierre 8 indico. 
Paris. Lemerre. (In-8°, 48 p. et 3 pl. de fig.) 
Cramer, H., ©efcbidjte bce pormal. SBtetbumä ^omefanicn. (Sin ^Beitrag $. Sanbefc u. 

ttircberu®efd)id)te beä jtöniarcidtf 9$reu&en. $on H. Krämer, n>eü. Ober*$lubiteur 

u. ©e&. 3ujtia 9fatl>. SBeröffentlidwnß b. biftor. herein* f. b. <Hefl.«$ej. Morien« 

Werber. «Warienro. Selbftperf. b. herein«. (V, 293 6. «r. 8.) 3.— 
Curtze, Gymn.-Oberl. Maxim, in Thorn, die in betreff der exakten Wissenschaften im 

Altertum währd. d. Zeit v. Okt. 1879 bis Schluss 1882 erschienenen Werke, 

Schriften u. Abhandlgn. [Jahresber. üb. d. Fortschr. d. cJass. Alterthnmswiss. 

XII. Jahrg. Bd. XL. S. 1—50.] Kec. [Dtscbe Littztg. 1.] 
Czy möwisz po polsku? [Spricbjt bu polnifcb?] ob. polni(d). 3)olmetf<bcr ... 13. 2lup. 

Sborn. & fiambed. (199 6. 8.) 1.20. 
tabn, Relir, SBaufteine. ©efammclte Heine 64riften. 6. SRei&e. ©ermanifebe Stubien. 

Serlin. 3an!e. (VII, 327 6. 8.) 7.- 5. töei&e: 1. u. 2. 6cbi*t. 1. Söölterrecbtf. 

u. ftaaterecbtl. 6tubien (VII, 396 6.) 7.— 2. $ripcitrecbü\ 6tubien (226 6.) 4.— 
Obbin'3 Sroft. ©n norbifdjer ftoman a. b. 11: 3abrfr. fieipj., SBreitfopf & fcärtel. 

5. Aufl. (520 8. 8.) 8.— 
Uraefdjicbte b. flerman. u. roman. SBölfer (3. 93t». 6. 97—384 or. 8.) [Slüaem. 

©efd). in föngeibarfteUungen . . . !?r*a. P. s ißi(b. Duden. $lbtl>. 80. 89. »erlin. 

©rote.] ä 6.— 
Reine iHomtme a. b. 3te(ferh)anbmma. 1. *Banb SdicitaS ... 8. Slufl. 2eipj. 

93reittopf & tfÄrtel. (274 e.) 5.— 2. $anb Siffula. . . . 2.-6. Stuft. (568 S.) 8.— 
Busala. Historische roman uit den tijd der volksverhuizing. Uit het Hoog- 

duitsch door A. J< van Dragt. 2 dln. Arnhem. J. Rinkes Jr. (4 en 238; 

4 en 242 bl. 8.) fl. 4,90. 
ein Äampf um fflom: fiiftor. Vornan. 4 93be. 10. 2lufl. Gbb. (VIII, 416; 400; 

488 u. 489 6. 8.) 24.— 
$ie Äreutfafcrer. (SrjäW. a. b. 13. 3afcr&. 2 93be. 2.-4. Slufl. «Berlin. 3anfe. 

(344 u. 223 6. 8.) 12.— 
Wein geben. $on fiubto. €teub. lieber Subtoia. 6teub. SBon gelix JDapn. 9Rtt 

e. $ortr. Sbm. 6teub$. (57 6. ßr. 8.) 1.— [3)eulfd)e 93ü*eret *Rr. 31. «Breälau, 

Scfcottlänber.] 
u. Sfrerefe SDafrt faeb. Sreiin p. $rofte--&üteboft] SBalbafl. ©ermaniföe ©öfter« 

unb $elbenfagen . . . W\t mefrr atö 50 83i(bertaf. . . . P. 3°b£. ©efrrt«. (3n 

6-82fan. fiffl. 1—9. äreujna*, Eoiötlänber. (665 6. <jr.8.) a 1.— 2.-5. Slufl. 

oeb. 10.— 
2lüflemeine3 WetdtfCSommerSbud) für beuttäe Stubenten, ©earfinbet P. 2Rüller 

p. ber SBerra. SReu brefl- p. ffelir fiabn u. Garl fteineefe 7. »ufl. s i)Mt e. Sitefbüb 

p. Slnt. p. SBerner. 2eip*. 1885 (84.) «retttopf & fcflrtef. (VIII, 578 6. 12.) 3.- 
Nordischer Gottesbegriff und Götterglaube. [Magaz. f. d. Litt. d. In- u. Anal. 

No. 2.] The Mothers Welkome to Her returning Sailor-Boy (5 englische Strophen) 

[ebd. 14.] üb. Gntfteb«. u. ^ufKwefd}. b. Btdbte in S)tfcblb. [ Hefter mannö tüuftr. 

btj^e ÜJlonatöbefte. 9ftai.] mm SBerbeaana b. beutfeben Äönifltbum«. (öin afabem. 

Seftportrafl.) [ÜRüncbener Maem. 8tfl. SBeil. jii 9k. 34, 35.] Kec. |Lit. Cen- 

tralbl. 4. Literaturbl. f. gerroan. n. roman. Philo]. 1. Magaz. f. d. Litt. d. 

In- n. Ausl. 5. 3Rüncbener $lUaem. 3ta. 33ei(. 31 9lx. 349.] 
fcamtett, Äotecbctif, 2. Slufl. S)ans- fcoenifl. (VIII, 199 6. 8.) 
Damut, Dr. R., Der erste nordische Krieg bis zur Schlacht bei Warschau. Ans Danziger 

Quellen. [Ztschrift. d. Westpr. Geschichtsvereins. Hft. XII. Danz. (110S.gr. 8.] 
Dehio, Prof. G., u. Archit. G. v. Bezold, die kirchl. Baukunst d. Abendlandes hist. 

u. system. dargestellt. (In 4 Lfgn.) 1. Lfg. — Hierzu ein Bilder-Atlas v. 

77 lith. Taf. (in Fol. u. Mappe) Stuttgart, Cotta. (VIII, 200 S. gr. 8.) 25.— 

2>ie Grboltuna ber 2)entmäler. [>J)tün*. 2lUß. 3tfl. 93eil. %u 91r. 352.] 

Lettin, 6em. s fiebr. » v gefen 2urn.^eiflen f. 6*u(en ... 2. Slufl. m. 15 fitj. Saf. 

lilfit 6d?ubert Sc 6eibel. (24 6. gr. 8.) —50. 



184 Wittbeilungeo and Anhang. 

Deniok«, Harry, (Marien Werder) Bedenken geg. d. aehullektüre von Schülers gedieht 
,dic Wage der Ceres" [N. Jahrbb. f. PIuloL n. Pidag. 130. Bd. 8. 387— 393.J 
Einige Bemerkungen z. Methode des geograph. Unterrichte [Ztscbift f. d. 
Gvmnasial-Wesen. XXXVIII. Jahrg. S. 269-275.] Rec. [Ebd. S. 149—151.) 
Cenfmdlet, cte bifleriiiben, o. Jtreiie* SnUerburfl. ftufterb., UUilbelmi (10 S. or. 8.1 
Dewlta) H.i Qb. d. Fortbewegung der Tblere nn senkrechten glatten Flacher vermittele 
eines Secrotes. [Zoolog. Anzeiger So. 172. Ptiüger'a Archiv f. d. genannt« 
Fhysiol. d. Menschen u. d. 'l'hiere. Äi. Bd. 9/10, Hft.] Die Angelhaare der 
Chrjaopenlarven. [Biolog. Centralbl. 4. Bd. Nr. 23.] Ein mann), tiescbleehts- 
charakter bei Catoeala. [Ebd.] £ 



EM 33 ge»aii *** t- 

Von einem Freunde der Altureuss. Monatsschrift gehen uns folgende Zeilen zu : 
„Eine „Mitteilung" wie die von A. Boldt-Elbing im 21. Bande der Altpreus Bis dien 
Monatsschrift 8. U7H ff. Ober „das Begräbnis! des Grafen Franziskas Bernhard 
von Thura in der St, Nikolaikirche zu Elbing am 11. Mai 1629" ist geeignet den 
scheinbaren Verfasser, Herrn A. Boldt-Elbing, in den Verdacht zu bringen, als ob 
er Quellen studire und hie and da angesehenen wissenschaftlichen Zeitschriften eine 
kleine Frucht dieser Quellenstudien mitteile, andererseits aber der angesehenen Zeit- 
schrift Verlegenheiten zu bereiten. Denn wenn eine solche „Mitteilung" wie dio 
erwähnte mit dem Anspruch einer Original -Mitteilung in die Welt binuusgesandt 
wird, ohne daas Fache, Beschreibung der Stadt Elbing n. a. w., ans der 
sie abgeschrieben ist, genannt ist, so kann es wohl vorkommen, dass der 
Bedaction ein Vorwurf daraus gemacht wird, sie habe eiu für die Geschichte Elbing« 
so geläufiges Hilfsmittel, wie Fuchs es ist, nicht gekannt.*) Da nun aber wohl 
kaum im Ernst verlangt werden kann, der Herausgeber der Altpreuss. Honateschril! 
müsse alle Werke, aus denen etwas Tür ihn abgeschrieben werden kann, kennen, so 
scheint es anch Pflicht derjenigen, die die Zeitschrift lesen und schätzen, für die 
Würde derselben mitzusorgen und darauf zu sehen, ilats kein Unberufener in der- 
selben eich mit fremden Federn schmücke. Das« dies aber Herr Boldt gethan, 
dass er eich eines Plagiats an Fuchs schuldig gemacht hat, das wird jeder erkennen, 
der den Text bei Fuchs II, 210-213 mit dem in Bd. 21 S. 678-680 der Altpreuss. 
Monatsschrift vergleicht Die ganze eigene Thätigkeit des Herrn Boldt besteht 
darin, dass er Sätze umstellt, zusammengesetzte in mehrere einfache zerlegt und 
einmal Apoc. in Apost. verschlimmbessert," 

*) Eben weil Fachs' Beschreibung Elbings ein so bekanntes Buch ist, so konnte 
seitens der Redaction anständiger Weise nicht angenommen werden, dass der Elbinger 
Einsender eine so leicht zugängliche Quelle ausschreiben würde, ohne sie zu nci 

Die Red. 



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pe Irrten unti irafrn oon Sdjrotrin. 

ßlatter au« her pmijjtfdjett ©efdjtdjte 

von 

@$ßar $e()weßef. 

Gr. 8°. Broch. 7 Mk. — Eleg. Originalband Preis 8 Mk. 50 Pf. 
Prachtaasgabe auf Velinpapier Preis 9 Mk. 

Inhalt: I. Die letzten Wendenkämpfe und die ersten Schwerin. IL Im Refecto- 
rinm und im Rathsstuhle. III. „Wy dienen to Felde". Die Fehden der Schwerin. 
IV. Der Held von Angermünde. V. Der Grossmeister Ulrich von Schwerin. 
VI. Jakobus der Kurländer. VII. Der Oberpräsident Otto Freiherr von Schwerin 
und sein Bruder Bogislaw. VIII. Graf Otto von Schwerin. IV. Der Feldraarschall 
Graf Card Christoph von Schwerin. X. Der Keitgerten- Schwerin, der Held von 
Hohen-Friedberg. XL „Zopf und Schwert". XII. Graf Maximilian von Scbwerin-Putzar. 
XIII. Gefallen für das Vaterland. XIV. Auf Schwerin'schen Schlössern. 

Die vorzüglichen Quellen, welche dem Verfasser zu Gebote standen, gaben ihm 
die Anregung für diese Schilderung des mit allen Phasen der preussischen Geschichte 
so eng verknüpften Geschlechtes und hat derselbe hierin ein acht vaterländisches, 
historisch und culturhistorisch bedeutendes Werk geschaffen. 

Berlin W. 

Abenheim'sche Verlagsbuchhandlung 

(G. Joel). 



Soeben erschien im Commissicras- Verlage vcn Theodor Bertling in Danzig: 

Die Bau- und Kunstdenkmäler 

der 

Provinz TVestprcussen. 

Herausgegeben im Auftrage des Provinzial-Landtages. 

Z. Heft: 

Der Ijandkreis Danzig. 

Hit 76 in den Text gedruckten Holzschnitten, 8 Kunstbeilagen und 1 Uebersichtskarte. 

gr. 4°. VIII, 76 S. (S. 75—150). 
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Dieses Heft bietet neben anderen bemerkenswerthen Alterthüraern aus dem 
D&nzig er Landkreise, insbesondere alles Hervorragende aus dem berühmten Kloster 
Oliva in Wort und Bild. 

Im Verlage von M. Glaser in Darkehmcn ist erschienen: 

Dr. IKltfrf in Jlutljers gikpljMtgett 51t ^ffpieußen. 

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(11 Bog. 8°.) Preis: 1,50 Mk. 



Im Yerlage von Theodor Bertling in Danzig erschien: 

Altpreussisches Epos in sechs Gesängen 

von 

Heinrich IMItsriimanii, 

Verfasser des Poln. Pamass (4. Aufl. Leipzig 1875). Album ausländ. Dichtung (1868). 
Geschichte der polnischen Literatur (Leipzig 1882) u. 8. w. 

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erschienen als Separat-Abdrücke der „Altpr. Monatsschrift": 

Kftnigsberger 

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gehalten am IG. Februar 1885 im Saale des Landeshauscs zu Königsberg in Pr. 

von 

Prof. Dr. Friedrich Ziinnier. 

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mit kräftigem Wollen, oft mit schwachem Können. Von Johann George 



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Dr. Moritz Brasch. 20 Bogen 8°. mit Portr. Preis 8 Mark. 



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Altpreussische 

Monatsschrift 

neue Folge. 

Der 

Ht uea Prtusslselien PrQYinzIal-BIättQr 

vierte Folge. 



Herausgegeben 



von 



Rudolf Reicke und Ernst Wiehert. 



Der Monatsschrift XXII. Band. Der Provinzialblätter LXXXVIH. Band. 



Drittes und viertos Heft, 

April — Juni. 



' Königsberg in Pr. 
Verlag von Ferd. Beyer' s Buchhandlung. 

1885. 



Inhalt. 



I. Abhandlangen: ***** 

Der Zorn Friedrichs des Grossen über Ostpreussen. Vortrag, gehalten 
in der Alterthumsgesellschaft zu Insterburg am 20. Febr. 1885 

Ton Otto Tan Baren, Landgerichts-Präsident 185 — 217 

Zar volkstümlichen Naturkunde. Beiträge ans Ost- und Westpreussen 

von H. Frischbier 218—334 

Einige Bemerkungen über das Ordensbaus Balga und seine Umgebung. 

Von Carl Beckherrn 335—345 

II. Kritiken und Referate: 

Dr. Edm. Veckenstedt, Die Mythen, Sagen und Legenden der 

Zamaiten (Litauer). Von A. Bezzen berger 346 — 352 

Die Bau- und Kunstdenkmäler der Proviz Westpreussen. Heft IL 

Der Landkreis Dauzig. Von 6 352—353 

Alterthumsgesellschaft Prussia in Königsberg 1884 ...... 353 — 364 

III. Mittheilungen and Anhang: 

Verzeichniss der in den Programmen der höheren Lehranstalten Ost- 
preussens enthaltenen Abhandlungen zur Geschichte von Ost- 

und Westpreussen. Von Karl Loh meyer 365 — 372 

Der Teufel im Flachs. Nach einer Volkssage poetisch dargestellt von 

Leopold Jacoby in Cambridge, Massachusets 372 — 373 

Altpreussische Bibliographie 1884 374—376 

Berichtigung 376 

Literarische Anzeigen (auf dem Umschlag). 



fV. 



M1885 



Der Zorn Friedrichs des Grossen über Ostpreussen. 

Vortrag, 

gehalten in der Alterthumsgesellschaft zu Insterburg am 20. Februar 1885 

von 

Otto van Baren, 

Landgeriehta-Präsident. 

In manchen vaterländischen Geschichtswerken findet man am Schiasse 
der Darstellung des siebenjährigen Krieges eine kurze Bemerkung des 
Inhalts: dass Friedrich der Grosse der Provinz Ostpreussen ihre Haltung 
im siebenjährigen Kriege nie verziehen, sie mit Beweisen seiner Ungnade 
überhäuft und sie nie wieder betreten habe. 

Wenn man sich dann über den Zorn Friedrichs des Grossen 
über Ostpreussen näher unterrichten, die Ursachen des Zornes, die 
Art, wie er sich äusserte, kennen lernen und die Gerechtigkeit desselben 
prüfen will, so findet man gerade in den verbreitetsten Geschichtswerken 
kein Material; Friedrichs des Grossen eigene Darstellung des sieben- 
jährigen Krieges, ') seine Denkwürdigkeiten, 3 ) Abhandlungen u. s. w. geben 
keinen Aufschluss über diesen Zorn und nur nach mühsamem Forschen 
in dem Briefwechsel des Königs und in der umfangreichen Literatur 
über Friedrich den Grossen findet man hier und da Einzelheiten zur 
Beleuchtung obiger Frage. 

Die Thatsache ist wahr. Friedrich der Grosse, der Stolz 
Preussens, der Begründer seiner Macht, der König, der den Staat allein 
und ohne Bathgeber regierte, der in allen Dingen nur seinem eigenen 
genialen Urtheil folgte; der König, dessen Gerechtigkeitsliebe sprüch- 
wörtlich geworden ist — er hat im siebenjährigen Kriege einen Groll 

1 ) Friedrichs II. Unterlassene Werke. Deutsche Ausgabe. Berlin 1788. Bd. 3. 4. 
*) Ebd. Bd. 5. 

Aitpr« MoMtaacbrlfl Bd, XXIL Hft, Sei. 13 



18G ^ er ^ orn Friedrichs des Grossen über Ostpreussen. 

gegen Ostpreussen gefasst, der ihn bis zu seinem Lebensende nicht ver- 
lassen hat; er hat diesem Groll in vielen merkwürdigen Briefen, Ver- 
fügungen und Cabinetsordres einen für Ostpreussen wenig schmeichel- 
haften Ausdruck gegeben. Obwohl der König in den Friedensjahren 
seiner späteren Regierung alljährlich seine Provinzen bereiste und häufig 
bei den „Revuereisen" bis an die Grenze Ostpreussens gelangte,*) hat 
sein Fuss die Provinz Ostpreussen nicht mehr betreten. Er warf der 
Provinz vor, dass sie durch Leistung des Huldigungseides 
an die russische Kaiserin die Treue gegen ihn und sein Haus 
verletzt habe; dass die preussischen Regimenter sich schlecht 
geschlagen hätten und dass die Ostpreussische Jugend sich 
dem Kriegsdienst entzogen habe. — 

Friedrich der Grosse hatte schon als Kronprinz eine Abneigung 
gegen Ostpreussen gefasst und es ist nicht unmöglich, dass sie ihm 
von seinem Vater eingeflösst worden ist, welchem, trotz der grossen 
Wohlthaten, die er der durch die Pest verödeten Provinz erwies, deren 
Bewohner nicht sympatisch waren. Bei seiner ersten Reise nach dem 
Königreich Preussen (1726) musste der vierzehnjährige Kronprinz in 
Darkehmen es mit anhören, wie der König, sein Vater, auf offenem 
Markte die versammelten Bürger „Schelme und Rebellen" nannte. 4 ) 

Als es sich 1738 um Abschaffung der Prügelstrafe handelte, wollte 
König Friedrich Wilhelm I. die Ostpreussen ausnehmen, 6 ) „weil das Volk 
daselbst sehr gottlos, faul und ungehorsam ist". Obschon Friedrich 
der Grosse schon sehr früh eine bewundernswerthe Selbständigkeit des 
Urtheils zeigte, ist es immerhin wahrscheinlich, dass das Urtheil und 
Beispiel des Vaters einen bleibenden Eindruck auf ihn machte. 

Friedrich der Grosse kannte das Königreich Preussen 
genau. Er ist mehrere Male als Kronprinz, dreimal als König dort 
gewesen, 8 ) und hat sich wiederholt Wochen lang in Ostpreussen auf- 
gehalten. Als er 1726 das erste Mal seinen Vater nach Preussen be- 



*) J. D. E. Preuss, Friedrich der Grosse. Berlin 1832. Bd. II. S. 162. 
4 ) Kogge, Geschichte des Kreises und der Diözese Darkehmen 8. 102. 
6 ) Preuss a. a. 0. I, 304. III, 97. 
°) Preuss a. a. 0. I, 380 Anm. 
v. d. Oelsnitz, Geschichte des Ersten Inffcnterie-RegimenU S. 424. 426. 503. 



Von Otto van Baren. J87 

gleitete, bewarb sich der Magistrat von Königsberg eifrig um die Gunst 
des künftigen Königs, indem er dem von seinem Vater im Geldpunkte 
äusserst knapp gehaltenen Prinzen einen kostbar gestickten Beutel mit 
1000 Dukaten schenkte. 7 ) Im Herbst 1735 beauftragte der König den 
damals dreiundzwanzigjahrigen Kronprinzen an seiner Stelle die üblichen 
Musterungen und Inspektionen im Königreich Preussen abzuhalten. 8 ) 
Friedrich unterzog sich diesem Auftrage mit solcher Gewandtheit, Scharf- 
sinn und Vollständigkeit, dass der schwer zu befriedigende König über 
seinen — leider nicht bekannt gewordenen — Bericht äusserst zufrieden 
gestellt war. Er lernte damals die Heeres- und Garnison-Einrichtungen, 
das Schulwesen, die Steuern-Erhebung, die Domänen-Verwaltung, die 
Verhältnisse der Kaufmannschaft und Zünfte, 9 ) der Salzburger und an- 
derer Eingewanderten, überhaupt Land und Leute gründlich kennen. 
Im Juli 1736 scheint Friedrich der Grosse sich wiederum vier Wochen 
in Preussen aufgehalten zu haben, ,0 ) und zum letzten male als Kron- 
priuz begleitete er im Juli 1739 seinen Vater auf dessen „Musterreise 
nach Littauen und Preussen". Bei dieser Gelegenheit schenkte ihm der 
König am 19. Juli 1739 die „Stuterei* Trakehnen, ") die er dann 
am 9. August 1739 sich übergeben Hess, mehrere Tage besichtigte und 
der Aufsicht des durch seine Pferdezucht ihm bekannt gewordenen 
Kriegs- und Domainen-liaths Domhardt anvertraute. 11 ) Auf 
dieser Reise schrieb Friedrich jenen berühmt gewordenen klassischen 
Brief an Voltaire aus Insterburg vom 27. Juli 1739. '*) Derselbe 
lautet wörtlich in der Uebersetzung aus dem Französischen: 



7 ) Preuss a. a. 0. I, 119. 

*) Carlyle, Geschichte Friedrich II. von Preussen. Deutsch von J. Neuberg. 
1859. Bd. IL S. 557. 

9 ) Neue Preussische Provinzial-Blätter Bd. I. 1846. S. 151. 

10 ) Preuss I, 88. Lucanus, Uhralter und heutiger Zustand Preussens 1738. 
Manuscript in der Kgl. Bibliothek zu Königsberg S. 658 f. unter „Insterburg". 

") Uebergabe-Protokoll des Ober-Stallmeisters von Schwerin in Trakehnen vom 
9. August 1739 in dem Archiv des Gestüts Trakehnen. (MitgetheUt durch die Güte 
des Landstallmeisters von Dassel.) 

1S ) Domhardt's Leben von Jester in den „Beiträgen zur Kunde Preussens". 
1818. Bd. I. S. 4. 

") Hinterlassene Werke Friedrichs IL Bd. VIIL S. 240. Suppl.-Bd. II. S. 202. 
N. Pr. Prov.-Bl. VI, 404. 

13* 



188 Der Zorn Friedrichs des Grossen über Ostpreussen. 

„Mein theurer Freund! Da wären wir denn nach einer ßeise von 
„drei Wochen endlich in einem Lande angekommen, das ich als das 
„non plus ultra der civilisirten Welt ansehe. Diese Provinz ist in 
„Europa wenig bekannt, sie verdiente es aber mehr zu sein, da sie 
„sich als eine Schöpfung des Königs, meines Vaters, ansehen lässt. 

„Preussisch Littauen ist ein Herzogthum, das dreissig deutsche 
„Meilen lang und zwanzig breit ist, doch auf der Seite von Samogitien 
„etwas schmäler zuläuft. Diese Provinz ward zu Anfange dieses 
„Jahrhunderts von der Pest verwüstet, und es kamen mehr als 
„300000 Einwohner vor Krankheit und Elend um. Der Hof wusste 
„wenig von dem Unglück des Volkes, und leistete einer reichen, 
„fruchtbaren Provinz, die sehr bevölkert und an allen Arten von Pro- 
dukten ergiebig war, nicht die miudeste Hülfe. Die Einwohner wurden 
„von Krankheiten weggerafft, die Felder blieben ungebauet und wurden 
„zu Haiden. Auch die Thiere waren von dem allgemeinen Uebel 
„nicht ausgenommen. Mit einem Wort: die blühendste von unseren 
„Provinzen ward in die schrecklichste Einöde verwandelt. 

„Während der Zeit starb Friedrich I. und ward mit seiner falschen 
„Grösse begraben, die er nur in leeren Pomp und in den Prunk 
„nichtiger Ccremonien setzte. Mein Vater, der ihm in der Regierung 
„folgte, ward von dem allgemeinen Elende gerührt. Er ging selbst 
„hierher, und sah mit eigenen Augen in diesem weiten verheerten 
„Lande alle die schrecklichen Spuren, die eine ansteckende Seuche, 
„Hungersnoth und der schmutzige Geiz der Minister hinter sich zu- 
rückgelassen. Zwölf oder fünfzehn entvölkerte Städte, vier- oder 
„fünfhundert unbewohnte und ungebauete Dörfer waren das traurige 
„Schauspiel, das sich seinen Augen darbot. Anstatt sich von so 
„niedrigen Gegenständen zurückschrecken zu lassen, fühlte er sich 
„vielmehr von dem lebhaftesten Mitleiden durchdrungen und beschloss, 
„dieser Gegend, die selbst die Gestalt eines bewohnten Landes ver- 
loren hatte, Menschen, Ueberfluss und Handel wieder zu geben. 

„Seit der Zeit hat der König keine Ausgabe gespart, um seine heil- 
samen Absichten glücklich durchzusetzen. Zuerst gab er sehr weise 
„Verordnungen, baute dann alles wieder auf, was durch die Pest ver- 






TV 



11' 



Von Otto van Baren. J89 

»fallen war, und liess aus allen Gegenden von Europa Tausende von 
»Familien kommen. Die Aecker wurden urbar, das Land bevölkerte 
„sich wieder, der Handel blühete von neuem; und gegenwärtig herrscht 
„in dieser fruchtbaren Provinz mehr Ueberfluss, als jemals. 

„Nun leben über eine halbe Million Einwohuer in Littauen; es hat 
»mehr Städte und mehr Heerden, als ehemals, und ist reicher und 
»fruchtbarer, als .irgend eine Gegend von Deutschland. Und alles was 
„ich Ihnen gesagt habe, hat man nur dem Könige zu verdanken, der 
»nicht blos anordnete, sondern auch selbst über die Vollziehung 
»wachte; Plane entwarf und sie allein ausführte; keine Mühe, keine 
»Beschwerden scheute, ungeheure Summen aufwandte, und es nie an 
»Versprechen und Belohnungen fehlen liess, um das Glück und das 
»Leben einer halben Million denkender Wesen zu sichern, die nun 
»ihm allein ihren Wohlstand und ihre gute Lage verdanken. 

„Ich hoffe, diese umständliche Beschreibung werde Ihnen nicht 
„unangenehm sein. Ihre Menschenliebe muss sich über Ihre Littaui- 
„schen Brüder erstrecken, so wie über Ihre Französischen, Englischen 
„und Deutschen u. s. w. .und zwar um so mehr, da ich durch Dörfer 
„gekommen bin, worin man, zu meinem grossen Erstaunen, nichts 
„als Französisch sprechen hört. 

„In dem grossraüthigen und arbeitsamen Betragen, das der König 
„beobachtet hat, um diese Wü8te bewohnt, fruchtbar und glücklich 
„zu machen, habe ich so etwas Heroisches gefunden, dass ich glaubte, 
„Sie würden ebendas fühlen, wenn Sie die Umstände von dem Wieder- 
aufbau dieser Provinz erführen" :c. 
Professor Preuss, der Haupt-Geschichtsschreiber Friedrichs des 
Grossen, hat nicht zuviel gesagt, wenn er meint, dass diese hohen staats- 
inänuischen Gedanken das Herz erwärmen. Aber wunderbar sind die 
Gegensätze in des philosophischen Fürsten Natur. Wenige Tage später, 
am 8. August 1739, schreibt er an seinen Freund Jordan !4 ) die gehässig- 
sten Worte und Urtheile über Ostpreussen, die er je ausgesprochen hat. 
Man höre nur: 



»*) Hinterlassene Werke VII, 194; vgl. VIII, 249. 



290 ^ er ^ orn Friedrichs des Grossen über Ostpreuesen, 

„Müssiggang und Laugeweile sind, wenn ich nicht irre, die Sohutz- 
„götter von Königsberg; denn die Leute, die man hier sieht und die 
„Luft, die man hier einathmet, scheinen einem nichts anders einzu- 
„flössen ic. Und jetzt eile ich eben nach den Stutereien hin :c. 
„Wären Sie hier, so liesse ich Ihnen die Wahl zwischen dem artig- 
sten littauischen Mädchen und der schönsten Stute von meiner Zucht. 
„Ihre Ehrbarkeit ärgere sich hieran nicht; denn hier zu Lande ist 
„ein Mädchen nur dadurch von einer Stute unterschieden, dass es 
„auf zwei und diese auf vier Füssen geht je". 

Noch feindlicher schreibt er am 10. August 1739 „auf der Stuterei 
in Preussen 44 an denselben Freund: 15 ) 

„Dies Land, das so fruchtbar an Pferden, so gut angebaut und be- 
völkert ist, bringt nicht ein einziges denkendes Wesen hervor. Ich 
„versichere Sie, bliebe ich lange hier, so verlöre ich noch die wenige 
„gesunde Vernunft, die ich etwa haben mag je. Ebenso gern wäre 
„ich todt, als ich hier bliebe. Ein gewisses, ich weiss nicht was, hat 
„meine Dichterader erstarrt. Ich kann nicht sagen, ob sich diess 
„Land nicht mit dem Denken verträgt,, oder ob es der Gott der 
„Dichtkunst nie mit einem günstigen Auge angesehen hat; aber dass 
„hier die Materie stark über den Geist herrscht, dass fühle ich wohl". 

Auch das Klima von Preussen behagte ihm nicht. Aus dem Lager 
von Petersdorf bei Wehlau schrieb er an Jordan am 23. Juli 1739: l8 ) 

„Wir reisen nun bald drei Wochen. Es ist so heiss, als wenn wir 
„auf einem Sonnenstrahl sässen; und einen Staub giebt es, als machte 
„uns eine Wolke jedem der vorüber geht, unsichtbar. Ueberdies 
„reisen wir wie die Engel: ohne zu schlafen und beinahe auch ohne 
„zu essen. Denken Sie also nur selbst, ob ich gegenwärtig nioht ein 
„artiges Figürchen sein muss. Geht das so fort, so wird man noch 
„ganz abgestumpft und hirnlos werden 44 . 

Am 3. August 1739 schreibt er aus Königsberg an Jordan.: ") 
„Da wäre ich denn in der Hauptstadt eines Landes, wo man im 
„Sommer gebraten wird und wo im Winter die Welt vor Kälte springen 



») Hinterlasse™ Werke VII, 196. ,6 ) Ebd. VII, 191. ,7 ) Ebd. VII, 192. 



■ 






Von Otto van Baren. 191 

„möchte. Es kann besser Bären aufziehen, als zu einem Schauplatz 
„der Wissenschaft dienen" u. s. w. 
Zur Erklärung dieses Gedankenganges und gewissermassen zur Ent- 
schuldigung des Prinzen, muss man sich in seine damalige Lage hinein 
denken. Er kam aus Kheinsberg. Verwöhnt durch seinen dortigen 
Verkehr mit den geistreichsten Köpfen, Dichtern, Philosophen, Künstlern, 
durch sie unausgesetzt zu eigener dichterischer Thätigkeit angeregt, 
langweilte er sich auf dieser Reise; der tägliche Umgang mit seinem 
trockenen, pedantischen Vater und dessen militairischer Begleitung ver- 
darb seine Stimmung und seine Briefe sind der Ausdruck dieser seiner 
üblen Laune. Und mit diesem Gemisch von hoher königlicher Einsicht 
und philosophischer Geringschätzung erschien Friedrich ein Jahr später, 
am 16. Juli 1740, wieder in Königsberg, um als König die Huldigung 
der preussischen Stände persönlich in Empfang zu nehmen. 18 ) 
Wieder sind es dort die preussischen Stände, welche ihm die Stimmung 
verderben, indem sie abweichend von denen der anderen Provinzen, eine 
Erweiterung ihrer ständischen Rechte und eine Zusicherung (Assecuration) 
des Königs darüber verlangten. Iö ) Man kann sich denken, wie dies 
Begehren der „Getreuen Stände" einen jungen König ärgern und er- 
bittern musste, der von der ersten Stunde seines Regierungsantritts an 
beschlossen hatte, den Staat ohne Stände, selbstständig und allein zu 
regieren, der keinen Vertrauten hatte, sich von niemanden lenken liess, 
nicht einmal den Ministern Einblicke in seine Pläne gewährte. 20 ) 

Friedrich der Grosse hat seine Grundsätze über die Regierungs- 
formen und die Pflichten eines Regenten in einer dem Minister 
von Hertzberg 1781 zugesandten Abhandlung u. A. dahin dargelegt: 2 ') 
„Der Regent stellt den Staat vor je. Der Fürst ist für den Staat, 
„den er beherrscht, was das Haupt für den Körper ist; er muss für 
„das Ganze sehen, denken und handeln, um diesem alle Vortheile 



l8 ) Carlyle a. a. 0. III, 45 ff. Preuss a. a. 0. I, 148 ff. 
I0 ) Droysen, Friedrich der Grosse. Leipzig 1674. Bd. I. S. 48 ff. 
20 ) Bericht des Dänischen Gesandten Prätorius nach Kopenhagen: Droysen 1,53. 
Carlyle III, 54. Büsching, Charakter Friedrichs des Grossen S. 215. Halle 1788. 
*») Hinteriassene Werke VI, 51. 53. 






192 ^ er ^ orn Friedrichs des Grossen über Ostprenssen. 

„zu verschaffen, deren es empfänglich ist :c. Wenn der Fürst aus 
„Hang zum Nichtsthun die Regierung des Staats gedungenen Händen, 
„ich will sagen, seinen Ministern überlässt, so zieht der Eine zur 
„Rechten, der andre zur Linken, niemand arbeitet nach einem be- 
stimmten Plan" u. s. w. 
Als iu Königsberg der Sprecher der Stände, Landschaftsrath von 
der Groben, in einer kühnen Huldigungsrede die Untersuchung der Be- 
schwerden des Landes durch den Landtag forderte, ertheilte der König 
amtlich zwar denselben Bescheid, wie 1714 sein Vater, „dass keinem 
Rechte der Stände präjudiciret werden solle;" aus allem Pomp und 
Glanz der Huldigung behielt er aber den inneren Stachel zurück, dass 
die Preussischen Stände versucht hatten, in seine Königlichen Rechte 
einzugreifen. Einen Landtag hat er nie wieder einberufen. 

Mit diesem Stachel im Herzen, mit einer persönlichen Abneigung 
gegen Land und Leute im Königreich Preussen ging Friedrich der Grosse 
in den siebenjährigen Krieg und übertrug dem Feldmarschall 
von Lehwald den Schutz des Königreichs gegen die Russen. 

Die allgemeinen geschichtlichen Thatsachen müssen als bekannt 
vorausgesetzt werden; zum leichteren Verständniss des Folgenden sei 
jedoch kurz daran erinnert, dass im zweiten Jahre des siebenjährigen 
Krieges (1757) ein russisches Heer unter dem Feldmarschall Graf 
Apraxin in Ostpreussen eingefallen war und das schwache preussische 
Heer unter dem Feldmarschall von Lehwald am 30. August 1757 
bei Gross Jägersdorf, unweit Norkitten, geschlagen hatte; dass 
dann aber die Russen auffallender Weise sich aus dem Königreich 
Preussen zurückgezogen, als hätten sie die Schlacht verloren. ") Friedrich 
der Grosse, von allen Seiten von Feinden bedroht, und ausser Stande 
einem abermaligen Vorrücken der Russen mit Erfolg zu widerstehen, 
beschloss damals Ostpreussen, als die entfernteste seiner Provinzen, 
die von Pommern und der Mark durch das damals noch unter polnischer 
Oberhoheit stehende Westpreussen getrennt war, aufzugeben; 13 ) rief 
die Armee Lehwald's zurück und schickte sie nach Pommern gegen die 



") Hinterlassen Werke HI, 198. ") Ebd. S. IM. 196. 



Von Otto van Baren. 193 

Schweden. Gleich nach ihrem Abzüge ruckten die Küssen unter Feld- 
luarschall von Fennor wieder vor, besetzten in wenig Tagen das 
ganze damalige Königreich Preussen und durch das Patent vom 
11. Januar 1758 ergriff die russische Kaiserin Elisabeth Besitz 
von demselben. Alle Einwohner des Landes, alle Behörden und Beamten 
mussten nun der Czarin den Huldigungseid leisten; 24 ) die Prediger 
mussten die Huldigung durch Gottesdienste feiern und die russische 
Czarin in das Kirchengebet einschliessen ; 25 ) die Münzen wurden unter 
russischem Stempel geprägt; 26 ) selbst die preussischen Adler auf den 
öffentlichen Gebäuden und den Thürmen mussten dem russischen Doppel- 
adler Platz machen. 27 ) Die Landesbehörden wurden zwar beibehalten, 
traten aber, nachdem dio preussischen Minister, angeblich auf Befehl 
des Königs, Königsberg und das Königreich Preussen verlassen hatten, ") 
unter den Befehl des russischen Gouverneurs, Feldmarschall v. Fermor. *•) 
Den Kriegs- und Domainenkammern in Königsberg und Gumbinnen 
wurden die russischen Generale v. Nummern und v. Hartrois vorgesetzt; 
an die Spitze der Kegierung in Königsberg trat der Feldmarschall 
von Fermor, dem später die Generale Nicolaus Freiherr von Korff und 
von Suwarow folgten. — Diese ganze Wandlung ging friedlich vor 
sich; nirgends fanden die Eussen Widerstand. Die Bevölkerung, ohne 
Hülfe, sich selbst überlassen, ohne Hoffnung, fügte sich der Gewalt 
und leistete den Huldigungseid an die russische Kaiserin Elisabeth und 
nach deren Tode (1762) demnächst auch ihren Nachfolgern Peter III. 
und Catharina IL In jedem Winter kehrte die russische Armee von 
ihren Feldzügen gegen Friedrich den Grossen im Innern Deutschlands 
zu den Winterquartieren nach Ostpreussen zurück. — 

Als nach dem Hubertsburger Frieden am- 15. Februar 1763 
die russische Herrschaft im Königreich Preussen ganz aufhörte, stellte 

2t ) Verzeich niss der Huldigungseide in: X. v. Hasenkamp, Ostpreussen unter 
dem Doppelaar. N. Pr. Prov.-Bl. 3. Folge. Bd. XI. S. 321. 
") v. Hasenkamp a. a. 0. IX, 376. 
M ) Preuss II, 417. N. Pr. Prov.-Bl. 3. Folge. II, 66. 
17 ) N. Pr. Prov.-Bl. 3. Folge. I, 202. Beiträge zur Kunde Preussens I, 556. 
J ») v. Hasenkamp a. a. 0. VII, 47. 163. IX, 188. 
*») N. Pr. Prov.-Bl. VII, 44. 



294 ^ er ^ orn Friedrich» des Grossen über Ostpreusgen. 

es sich heraus, dass dieselbe, abgesehen von den Verwüstungen des 
Landes beim Ein- und Auszuge der Russen im Jahre 1757, im Ganzen 
eine milde Herrschaft gewesen war. 30 ) Sowohl Fermor, wie dessen Nach- 
folger, die Generale von Korff und von Suwarow waren dem Lande 
freundlich gesinnt; sie stundeton und erliessen einen Theil der Kriegs- 
contribution und verrechneten diese auf Einquartierung, Naturallieferungen 
und Gestellung von Kriegsfuhren; sie erhoben einzelne Abgaben gar- 
nicht, z. B. die Ritterpferdegelder, die Aceise, bezahlten ihre Bedurfnisse 
baar und brachten Geld und Luxus ins Land, so dass die Gewerbe 
und die Lairlwirthsehaft in Aufschwung kamen und sogar die von der 
Rekruten- Aushebung verschonte Bevölkerung zunahm. 3! ) — 

So faud denn der König, als er 1763 sein Königreich Preussen 
wieder übernahm, dasselbe in besserem Zustande wieder, als die treu 
gebliebenen Provinzen Mark, Pommern und Schlesien. Die Schäden 
der Verwüstung und Plünderung bei dem ersten Einmarsch der Bussen 
waren längst überwunden, das Land war geschont und ausgeruht, die 
Bewohner hatten nicht zu klagen. ") Während der russischen Herr- 
schaft hatten einzelne treu gebliebene Beamte, vor Allen der Kammer- 
Präsident Domhardt, in Gumbinnen, der Kriegsrath Bruno und 
der Hofrath Nicolovius in Königsberg ihr Verbleiben in ihren Aemtern 
benutzt, um die Interessen ihres Königs wahrzunehmen, ihm heimlich 
Gelder zuzuführen, ja sogar Getreide durch Vermittelung des Handels- 
hauses Roerdansz in Memel zur See nach Colberg zu schicken. 33 ) 
Nach dem Tode der Kaiserin Elisabeth begab sich Domhardt sogleich 
zum Könige nach Schlesien und händigte ihm 300000 Ducaten aus, 31 ) 
die er aus der Verwaltung seines Distrikts heimlich erspart hatte. 

In seiner grössten Bedrängnis? und Noth hatte der König aus 
anderen Provinzen ganz erhebliche Unterstützungen zur Ergänzung seiner 



*°) Tagebuch des Prof. Bock in den N. Pr. Prov.-Bl. 3. Folge. Bd. II. S. 60. 

31 ) Gottschalck, Preussische Geschichte Bd. IL S. 179. 185. 18<5. 

M ) Preuss II, 155. Bock's Tagebach II, 60. Hagen, Preussens Schicksale wäh- 
rend der drei Schlesischen Kriege in Bd. I. der Beitrage zur Kunde Preussen s. 
1818. S. 553. 558. 

") Preuss II, 172. 185. 

» 4 ) Ebd. IV, 479. 



Von Otto van Baren. 195 

decimirten Armee erhalten; 35 ) aus dem Königreich Preussen blieben 
die wohlthuenden Beweise von Treue und Anhänglichkeit nur vereinzelt. 
Dagegen überstürzten ihn fort und fort Nachlichten von dem wunder- 
baren, zweideutigen, oft geradezu abtrünnigen Benehmen der Bevölkerung 
in Preussen und gerade vorzugsweise des gebildeteren Theiles derselben 
und der höheren Stände. 30 ) Die Zeitungen, , Berichte der Behörden, 
und als diese unmöglich wurden, 37 ) die Briefe Dorahardt's, welche in 
der Regel durch den treuen Postmeister Wagner in Pillau zur See 
an den König befördert wurden, erhielten ihn in Kenntniss von den 
Vorgängen in Preussen. So konnten denn dem Könige die vielfachen 
Beispiele von eilfertigem Servilismus nicht entgehen, die damals die 
Treue der Ostpreussen befleckten. 

Noch ehe die russische Ordre (vom 30. Januar 1758) die Abnahme 
der preussischen Adler nnd Wappen verfügte, erschien die Königs- 
berger Zeitung, welche bis dahin den Titel „Königlich privilegirte 
Preussische Staats-, Kriegs- und Friedenszeitungen" und den preussischen 
Adler geführt hatte, als einfache „Königsberger Staats-, Kriegs- und 
Friedeuszeitungen" mit einer Fama an Stelle des Adlers und schon am 
6. Februar trug sie den russischen Doppeladler an der Spitze. 3i ) Man 
versetze sich nur in die Gefühle des Königs, als ihm mit den regel- 
mässigen Zeitungsberichten 3Ö ) der Anblick dieser russificirten Zeitung 
nicht erspart werden konnte. Die russische Verwaltung des König- 
reichs Preussen sorgte selbst dafür, dass die angeblichen Sympathieen 
des Landes für die russische Herrschaft zur Kenntniss des Königs ge- 



3 *) Die meisten Provinzen stellten Rekruten und Landmilizen, die Stadt Kyritz 
18 junge Leute in Montur und Bekleidung, die Herzogtümer Halberstadt und 
Magdeburg 4000 Pferde. Prcuss, Vortrag in der militairischen Gesellschaft zu Berlin 
am 24. Januar 1855 S. 12. 

36 ) Bock's Tagebuch a. a. 0. S. 63. 

37 ) v. Hasenkamp a. a. 0. X, 491. XI. 173. Das erste Mal übernahm (1758) 
eiu verarmter früherer Schiirsrheder Stricker die gefährliche Briefsendung und brachte 
sie glücklich in die Hände des Königs, auch einen Brief des Königs an D. zurück. 
Jester, Leben Domhardt's S. 10 a. a. 0. 

38 ) v. Hasenkamp a. a. 0. IX, 378. VI, 75. 
") Preuss III, 574 No. (5. 



196 ^ er Zorn Friedrichs des Grossen aber Ostpreasaen. 

langten; denn die Presse der Provinz, insbesondere die servile Königs- 
berger Zeitung, wurde ganz systematisch von den Russen beeinflusst. 40 ) 
Kein Fall der Verweigerung des Huldigungseides kam vor, 
als derselbe in allen Städten und Aemtern der Provinz von den 
Behörden, dem Landadel, den Stadtgemeinden, von jedem Beamten, 
Geistlichen, Lehrer unter der schärfsten Coutrole erfordert wurde. Selbst 
Domhardt leistete den Eid, aber als Gutsbesitzer von Worienen, Schön- 
wiese und Wischwill und entging damit der Eidesleistung als Beamter. 41 ) 
Nur zwei Beamte legten ihre Stellen nieder, um sich der Eidesleistung 
zu entziehen: der 78jährige erblindete, ganz dienstunfähige Minister 
von Lesgewang und der Präsident der Kriegs- und Domainenkammer 
in Königsberg, von der Marwitz. Der Letztere war sehr kränklich 
und gab dies auch als Grund der Amtsniederlegung an; dennoch rechnete 
Friedrich der Grosse ihm später seinen Schritt zum Ruhm an und ver- 
fugte nach dem Abzug der Busseu, am 26. August 1762 : ,s ) 

„Inzwischen, soviel den Cammer-Präsidenten v. Marwitz angeht, 
„so muss derselbe sein Gehalt nach als vor behalten, da Ich den- 
selben um so mehr deshalb conserviret wissen will, als er gleich 
„anfänglich als die Russen die dortige Provintz envahiret, wie eiu 
„redlicher Mann gethan und in seinen Umständen lieber auf Alles 
„resigniren, als sich einer frembden puissance mit Eydespflichten ver- 
bindlich machen wollen". 
Nur wenige Getreue hatten sich der Eidesleistung durch die Flucht 
entzogen, um entweder auswärts ihren Aufenthalt zu nehmen, oJer in 
die Armee ihres Königs einzutreten. Zu den letzteren sollen einige 
zwanzig bis dreissig junge preussische Edelleute gehört haben, deren 
Namen aber nicht erhalten sind; 4I ) viel genannt sind aber von TEstocq, 
Neumann, Scheffner, Wilde, welche unter Lebensgefahren die 
russische Armee durchbrachen, um in der preussischen Armee einzu- 
treten. Andere Beweise von Treue sind leider nicht bekannt geworden. 



40 ) Bock's Tagebuch a. a. 0. I, 202. 213. 215. II, 60. v. Hasenkamp X, 492 f. 

4 1 ) v. Hasenkamp XI, 342. 
4J ) Ebd. S. 301. 

43 ) Prouss II, lf>3 f. IV, 479. 



Von Otto vao Haren. J97 

Wie die Huldigungseide, so wurde von den russischen Befehlshabern 
auch die Feier der Geburtstage der russischen Kaiserin und der 
Mitglieder der russischen Herrscherfamilie, sowie der russischen 
Staatsfeste gefordert. Die Stadt Königsberg musste erleuchtet werden, 
die Universität musste feierliche Akte, die Kirchen Festgottesdienste 
abhalten, der Gouverneur und die russischen Generale gaben Bälle 
und Festlichkeiten. Alles dies geschah auf Befehl. Allein in der 
Ausführung der russischen Befehle zeigte sich vielfach ein serviles Zur- 
schautragen von Loyalität gegen das russische Herrscherhaus, welches die 
treu gebliebenen Preussenherzen, wieviel mehr das Herz des Königs, aufs 
Tiefste verletzen musste. Die Illumination zeigte oft verschwenderische 
Pracht; Transparente, Allegorieen und Inschriften priesen heuchlerisch 
die un gekannten Prinzen und Prinzessinnen in Petersburg. Geistliche 
ergingen sich in ihren Festpredigten in überschwänglichen Lobpreisungen 
der russischen Kaiserin. Der Festredner der Universität, Professor der 
Poesie J. G. Bock, der Verfasser des bekannten Tagebuchs aus der 
Russenzeit, 44 ) begnügte sich nicht mit der öffentlichen Lobrede ; er ver- 
fertigte noch besondere, von Schmeichelei und Kriecherei überfliessende 
Lobgedichte, die er dem Gouverneur überreichte und gut bezahlt er- 
hielt. 45 ) Er entblödete sich nicht, in sein Tagebuch zu schreiben: 
„Nachdem alle abgetreten waren, hatte ich das besondere Glück, 
„in Ihro Exellenz Cabinet gelassen zu werden, da ich Ihnen meine 
„Poesie auf die Grossfürstin vorlas, welche Ihro Excellenz gnädigst 
„zu approbiren beliebten, auch mir die Erlaubniss ertheilten, Ihnen 
„auf den Dienstag ein Exemplar an die Grossfürstin einzuhändigen, 
„auch mich Dero Gnade zu versichern." 4Ö ) 
Andere Professoren der Universität 47 ) und Geistliche in der Provinz 
folgten diesem Beispiele, nicht zu ihrem Schaden. Auch der Erzpriester 
Hahn in Insterburg wird durch seine eigenen hinterlassenen Auf- 



44 ) N. Pr. Prov.-Bl. 3. Folge Bd. I. S. 153 ff., 201 ff. H 59 ff., 140 ff. 

46 ) Bock erhielt Immunität von der Kriegssteuer und 500 Babel baar. (Bock's 
Tagebach a. a. 0. I, 205 and v. Hasenkamp XI, 337.) 

48 ) Bock's Tagebach I, 205. 

47 ) Professor Watson und Hahn. Ersterer wurde als Rector nach Mitau berufen, 
Bock's Tagebach I, 206. H, 66, 63. 



298 ^ er ^ orn Friedrich» des Grossen über Oatpreussen. 

Zeichnungen 48 ) mit dorn Vorwurf allzu grosser Dienstfertigkeit gegen 
die Bussen belastet. Kaum näherte sich die russische Armee der Stadt 
Insterburg, noch vor der Schlacht von Gr. Jägersdorf, als bereits der 
Erzpriester mit seinem Ministerium und dem Magistrat dem russischen 
Feldherrn feierlich vor die Stadt entgegenzog, ihn und die ganze Gene- 
ralität zum Mittagsmahl in seine „Widdern* einlud und auf Befehl an 
demselben Tage (11. August 1757) die Hiildignngspredigt, am Tage 
darauf aber eine Dankpredigt wegen des m unschädlichen Uebergangs 
der Stadt* hielt. Als dann die russische Armee nach ihrem Siege bei 
Gross Jägersdorf wieder durch Insterburg „retournirte", hat der Erz- 
priester, wie er sich selbst in der Chronik ausdrückt, am 15. September 
den Herrn General-Feldmarschall bei Althoff wegen seiner retour compli- 
mentirt und am 16. complimentirte er wiederum zum Namenstage der 
Kaiserin, worauf ihm der Feldmarschall umgehend durch den General 
von Weimarn 50 goldene Rubel schickte. Der Erzpriester verschweigt 
aber in der Chronik, was er in seinem Notizkalender 49 ) verzeichnete, 
dass er im Hauptlager vor der ganzen Generalität eine Rede gehalten 
hat, deren Inhalt zwar nicht erhalten ist, die aber doch wohl für die 
Russen so schmeichelhaft gewesen sein muss, dass sie ihm den sofortigen 
goldenen Dank einbrachte. — Den Geistlichen wurde überall aufgegeben, 
„ihre Predigten so einzurichten, dass dadurch die Leute zur Huldigung 
Ihrer Kaiserlichen Majestät, und zum Schwur, der ihnen demnächst 
sollte abgenommen werden, vorbereitet würden." 50 ) Nicht überall wurde 
diesem Verlangen so bereitwillig entsprochen, wie in Insterburg. Manche 
Geistliche und Festredner zerbrachen sich den Kopf, was sie bei solchen 
Gelegenheiten sagen sollten; aber es kam doch nur ein Aufsehen er- 
regender Fall vor, dass ein Geistlicher, der auf Befehl nach dem Siege 
der Russen über Friedrich den Grossen bei Kunersdorf, eine Sieges- 
und Dankpredigt halten solle, in der Schlosskirche zu Königsberg, in 
Gegenwart der russischen Generalität, eine Siegespredigt so eigener 



4S ) Aktenstück „Insterburger Kirchen-Nachrichten" No. 1. Fach XIII. lit. A. im 
Archiv der lutherischen Kirche Bl. 20. 21. 
") Altpr. Monatsschrift Bd. XX. S. 649. 
B0 ) N. Pr. Prov.-BL 3. Folge. Bd. XI. S. 492. 



Von Otto van Baren. 199 

Art über die Pflichten der TJeberwinder und der Ueberwundenen hielt, 
dass er dafür Arrest bekam. 61 ) Dieser wackere Mann, der Oberhof- 
prediger Dr. Arnoldt wurde nur durch das Wohlwollen des Generals 
von Fermor vor dem Transport nach Sibirien errettet. 52 ) Der ihm auf- 
erlegte Widerruf wurde durch den Buf „ Feuer 8 unterbrochen, welcher 
der „ Feier* ein Ende machte. 

Die von dem russischen Gouverneur und den Generälen in Königs- 
berg und in der Provinz veranstalteten Feste, Bälle und Maskenbälle 
wurden von den höheren Ständen eifrig besucht; das schöne Geschlecht 
insbesondere Hess sich die Huldigungen der russischen Offiziere gern 
gefallen ") und die Zofen und Kuchenmädchen ahmten es mit Unter- 
officieren und gemeinen Soldaten nach. Unter der während des sieben- 
jährigen Krieges steigenden Anzahl der geschlossenen Ehen •*) befanden 
sich zahlreiche Ehen preussischer Mädchen mit russischen Soldaten. 
Auf den Festen, die auch vom preussischen Adel für die Russen er- 
wiedert wurden, herrschte ein ausserordentlicher Luxus; russische Sitten 
z. B. das russische Punschtrinken wurde nachgeahmt. Von einem Druck, 
der auf der Gesellschaft lastete, war nicht viel zu bemerken. 

Der Handelsstand wusste aus der russischen Occupation seinen 
Vortheil wahrzunehmen, selbst zum Nachtheil des Königs. Thatsächlich 
haben preussische Kaufleute Lieferungen für die russische Armee über- 
nommen, die gegen ihren König im Felde stand, und ihn durch die 
Schlacht von Kunersdorf bis an den Rand der Verzweiflung gebracht 
hatte. Das Handelshaus des Oommerzienraths Saturgus in Königsberg 
ist vor allen unter denen zu nennen, die durch diese Lieferungen reich 
wurden. M ) Auch in Insterburg haben mehrere Kaufleute 8e ) (1761) Hafer- 
lieferungen übernommen und dafür den in Königsberg befindlichen 
rassischen Hafer angenommen, den sie verkauften. Dass auch die kleineren 



61 ) N. Pr. Prov. Bl. 3. Folg« Bd. VI. S. 294. Bock a. a. 0. II, 73. 
B2 ) v. Hasenkamp XI, 345. 

") J. G. Scheffher's Leben. Kgsbg. 1821. S. 67. Preass II, 158. v. Hasenkamp 
XI, 161—163. 

'*) Hagen in den Beiträgen zur Kunde Preussens Bd. I* S. 559 ff. 

") v. Hasenkamp X, 508 Anm. XI, 38 f. Bock's Tagebuch H, 67. 

*•) Blanck, Thierbach und Urbani. Hahn's Insterb. Kirchennachrichten S, 25« 



200 ^ er Z° rD Friedrichs des Grossen über Ostpreussen. 

■ 

Kaufleute, Krämer, Händler und Handwerker erhebliche Vortheile aus 
dem Handverkauf an die russischen Soldaten zogen, indem sie sich deren 
Unkenntniss der Sprache, der Münzen, der Preise und des Werths der 
Sachen und ihre Liebhaberei für Branntwein, Sauerkraut und Heringe 
zu Nutzen machten, 57 ) wird man freilich nicht als einen Mangel an 
patriotischer Gesinnung auslegen können. 

Alles vorgetragene ist thatsächlich erwiesen; von Allem erhielt der 
König glaubhafte Nachrichten. Wohl mag die grosse Masse der Be- 
völkerung und der Beamten im Herzen ihrem Königshause die Liebe 
und Anhänglichkeit bewahrt haben; thatsächlich aber hatten sie hinter 
einander drei russischen Regenten den Huldigungseid geleistet, ohne 
von dem dem Könige von Preussen geleisteten entbunden zu sein; 
thatsächlich hatten sie den Bussen ein Entgegenkommen erwiesen, das 
mit der Treue schwer vereinbar war. Schlimme Eindrücke haften tiefer, 
namentlich in einem verbitterten Gemüth, als gute Nachrichten. Wer 
kann es dem vom Unglück verfolgten Könige zum Vorwurf machen, 
wenn er an die, in den Herzen der Ostpreussen heimlich zurückgebliebene 
Liebe und Treue für ihn und sein Haus nicht glauben wollte, wenn die 
in der Zeit der Russenherrschaft von Ostpreussen erhaltenen Eindrücke 
in ihm haften blieben für das ganze Leben. 

Auch der zweite Vorwurf Friedrichs des Grossen gegen Ost- 
preussen: dass die Preussischen Regimenter sich schlecht ge- 
schlagen hätten, ist thatsächlich begründet. Derselbe hängt nicht 
zusammen mit der Schlacht von Gr. Jägersdorf, denn wegen dieser 
Schlacht hat ihn der König nie erhoben. Wohl aber ging damals in 
Königsberg und in der Provinz das Gerücht, 51 ) dass die Schlacht bei 
Gr. Jägersdorf verloren gegangen sei, „weil einige Regimenter nicht 
ihr devoir gethan, sondern die Flucht genommen, darunter Schorlemmer, 
Plettenberg, Platen und das Sudauische ••) die vornehmsten sind". Der 
Erzpriester Hahn in Insterburg verzeichnete in sein Tagebuch: 



") v. Hasenkamp XI, 38 f. 

*•) Bock's Tagebuch I, 167. Hahn's Kirchennachrichten a. a. 0. Bl. 20 v. 
69 ) soll wohl heissen: „v. Sydow'sche Garnison-Regiment". Die drei anderen 
Regimenter waren Cavallerie-Regimenter. 



Von Otto van Baren. 201 

„Den 30ten lieferten die Preussen den B. früh eine Schlacht, die 
„Preussen mussten sich zuletzt aus schuld einiger Offiziere reteriren 
„und ihre canonen im stiche lassen". 
Friedrich der Grosse dagegen schreibt in seiner Geschichte des 
siebenjährigen Krieges: 60 ) 

„Hätte Feldmarschall Lehwald auch alle Fähigkeiten des Prinzen 
„Eugen besessen; wie konnte er in der Folge des Krieges mit 
„24000 Preussen 100000 Bussen widerstehen? Der König hatte gegen 
„so viele Feinde zu kämpfen und seine Truppen waren so ausser- 
ordentlich geschmolzen, dass es ihm unmöglich war, seiner Armee 
„in Preussen Hülfe zuzusenden". 
Hier klingt eher eine Entschuldigung des Königs durch, dass er 
die schwache Lehwald'sche Armee einer so grossen Uebermacht aus- 
gesetzt habe. Heutzutage ist es erwiesen/ 1 ) dass die Schlacht in Folge 
eines verhängnissvollen Irrthums bei der vorhergegangenen Becognosci- 
rung, in Folge von Fehlern und Unschlüssigkeit in der Heeresführung 
und des schlechten Benehmens der Garnison-Begimenter verloren ge- 
gangen ist, und trotz der grossen Ueberlegenheit der Bussen hätte ge- 
wonnen werden können, wenn rechtzeitig und mit grösserem Nachdruck 
angegriffen worden wäre. Allein Friedrich der Grosse scheint dies 
nicht erfahren zu haben. Er sagt, „es sei unmöglich, die Gründe an- 
zugeben, welche den Feldmarschall v. Lehwald bewogen hätten, auf 
morgen zu verschieben, was auf den Fleck sich ausführen Hess*. Der 
König hat den greisen Feldmarschall bis zu dessen Tod (1768) in hohen 
Ehren gehalten, und nach dem Abzug der Bussen wieder zum comman- 
direnden General in Königsberg ernannt. 

Der Vorwurf Friedrichs des Grossen gegen die preussischen Be- 
gimenter bezog sich auf die Schlacht bei Zorndorf (am 25. Aug. 1758), 
in welcher die Preussischen National-Begimenter v. Tettenborn, v. Stein- 
metz und Graf Dohna in der That zweimal Kehrt machten und weder 
durch Vorstellungen, noch durch Strafen zu bewegen waren, vorzugchen. 



60 ) Hinterlassene Werke III. 194. 

6 ») v. d. Oelsnitz a. a. 0. S. 439. v. Hasenkamp VII, 171. 177 ff. 278 f. 

AJtpr. Ifonatstthrlft Bd. XXII. Hil. 3 n. 4» 14 



202 ^ er ^ orn Pri*dricha des Grossen über Ostpreusseo. 

Selbst ein neuerer militairischer Schrift^eller ") muss bekennen, dass 
diese Regimenter , in einer bis dahin in 1er Armee unerhörten Weise 
nach Wilkersdorf geflohen u seien. Der Kmig hat am Tage nach der 
Schlacht von Zorndorf den die Preussischi 3 National-Regimenter be- 
fehligenden Generalmajor") „von der Arme^ weggejagt" und den Re- 
gimentern die Civil Versorgung der Invaliden entzogen. Auch hat er 
diesen Regimentern, obgleich sie sich später wieder gut geschlagen und 
die Schande ausgewetzt haben, nicht mehr getraut und sie nie wieder 
ins erste Treffen gestellt. 04 ) Den Offizieren dieser Regimenter hat der 
König allerdings bis an sein Lebensende nicht verziehen und ihnen jede 
Gnadenbezeigung abgeschlagen. Es sind hierüber folgende Bescheide 
des Königs bekannt: 65 ) 

Als der Generalmajor v. Syburg, Chef des Ostpreussischen Infanterie- 
Regiments Graf Dohna No. 16 im Jahre 1768 den König bat, „den 
invaliden Offiziers und Gemeinen wieder Versorgungen zuzugestehen/ 
verfügte der König eigenhändig: 

„Das ist Nichts, bei Zorndorf hat das Regiment gelaufen, das ich 

„Sie erst den andern Tag zurück gekriegt habe und bei Kunersdorf 

„seindt Sie nicht 8 Minuten ins Feuer geblieben". 
Der Major v. Wobersnow von dem in Königsberg in Garnison ste- 
henden Tettenborn'schen Infanterie-Regiment No. 10 bat 1770 den König 
um eine Retablissements- Unterstützung. Darauf verfügte der König 
eigenhändig : 

„er hat die Stat — denburg verbrennen lasfen und das Regiment 

„hat den gantzen Krig geberenheitert. Solche Leute Krigen nichts." 
Der Gapitain v. Brincken des Steinwehr'schen Ostpreuss. Infanterie- 
Regiments No. 14 bat 1772 den König in Ansehung seiner langjährigen 
irreprochablen Dienste, ihn zum übercompletten Major zu avanciren. 
Der König antwortete:") 



") v. d. Oelsnite S. 454. 447. Gotfcschalck in Pr. Ptot.-BL Bd. XXIII. S. 529. 
") von Rantter. 

") Cabinets-Ordre v. 28. Mai 1759 an den General v. Manteuffel in: v. d. Oelsnitz 
a. a. 0. S. 454. 

") Preuss II, 161. v. Hasenkamp VI, 218. XI, 304. Pr. Prov.-Bl. XXIII, 539. 
") Prous», Urkundenbach II, 231. 



Von Otto van Baren, 203 

„Das Regiment ist beständig vohr den Feindt gelaufen, nnd mus 

„er nothwendig allerwegens mitgelaufen Seindt, ich avansire die 

„Officiers die den Feindt geschlagen haben, aber nicht diejenigen, die 

„nirgends sich gehalten haben. u 

Friedrich der Grosse kannte seine Armee so genau, wie jetzt höchstens 

noch ein Hauptmann seine Compagnie kennt; jeden Offizier kannte er 

persönlich. Ueber die Tapferkeit der Regimenter und der Einzelnen 

ist er der allein competente Richter; 67 ) sein Urtheil ist entscheidend. 

Freilich verlangte er von seinen Offiziere» und Soldaten sehr viel und 

konnte nicht leicht zufrieden gestellt werden; auch war er äusserst 

sparsam im Lobe. Wenn aber seine Unzufriedenheit mit einer einzelnen 

Truppe oder mit einem einzelnen Offizier, noch im Frieden Jahre lang in 

seinem Gedächtniss haften blieb, so muss sein bestimmt ausgesprochener 

Tadel unbedingt die Wahrheit treffen. 

Den Vorwurf: dass die Ostpreussische Jugend sich dem 
Kriegsdienst entzogen habe, hat Friedrich der Grosse hauptsächlich 
dem Adel gemacht; am unumwundensten findet er sich ausgesprochen 
in der kurzlich veröffentlichten ••) Correspondenz mit den Ostpreussischen 
Ständen wegen Errichtung eines landschaftl. Kreditsystems. 

Es ist bekannt, dass Friedrich der Grosse den Adel in hohem 
Grade begünstigte, 09 ) Offizierstellen in der Regel nur an Adelige ver- 
lieh und Rittergüter nicht leicht in bürgerliche Hände übergehen liess. 
Zur Erhaltung der Rittergüter in altem adeligen Besitz verwendete er 
grosse Summen und zur dauernden Unterstützung und Wiederherstellung 
des Grundbesitzes in Schlesien, Pommern und der Eurmark gründete er 
auf Antrag der Stände dieser Provinzen landschaftliche Kreditsysteme. 
Auch die Ostpreussische Ritterschaft erstrebte im Jahre 1780 die Er- 
richtung einer Landschaft. Rundweg aber schlug der König dies Ge- 
such ab. Anfangs erklärte er, dass dazu keine Fonds vorhanden seien; 
als aber die Stände dringender wurden, gab er ihnen in einem Cabinets- 
Bescheide vom 6. Juli 1781 zu erkennen: 



") Büsching, Charakter Friedrichs des Grossen. Halle 1788. S. 190 (identisch 
mit Theil V. der Beiträge zu der LebenBgeschichte denkwürdiger Personen). 

' ") Altpr. Monatsschrift Bd. XIII. S. 643 ff. ") Büaching a. a. 0. S. 197 ff. 

U* 



204 Der ^ orn Friedrichfl deß Grossen über Ostprenssen. 

„dass die Ostpreussische Adeliche Stände sich nur hübsch zurück- 
erinnern möchten, wie sie sich im Kriege von 1756 betragen haben 
„und ihre Söhne dienen auch nicht, sie haben keine Vaterlandsliebe, 
„mithin können sie nicht verlangen, dass Sr. Königl. Majestät welche 
„vor sie haben sollen: die Pommern und auch die andern dagegen 
„haben in allem mit ausgehalten und ihre Liebe für das Vaterland 
„bewiesen: Weshalben denn auch Höchstdieselben für deren Erhal- 
tung und Wohlstand am Ersten wieder gesorget haben." 
Die Ostpreussischen Stände verwahrten sich nun gegen diesen herben 
Königlichen Vorwurf, »den Grössten, der treuen Ständen gemacht werden 
kann," reichten Vasallen-Tabellen ein und bezogen sich auf die Listen 
der Regimenter. Der König beharrte aber auf seiner Meinung und als 
die Stände 1783 eine Deputation an den König in das Lager von Graudenz 
schickten, liess er die Deputirten gar nicht vor und ertheilte ihnen auf 
die schriftliche Bittschrift einen ablehnenden Cabinets-Bescheid vom 
7. Juni 1783, unter welchen er eigenhändig folgende Worte schrieb: 
„Die Herren haben sich in Sibenjährigen Krig nicht So aufgeführt, 
„das man an Sie dencken Sol, Sie Seint auf dem Landt Schlechte 
„Wirte und Wintbeutels und durch der arm^e fallen Sie durch wie 
„durch ein Sip." 
Gegen diese harten Worte vertheidigte sich nun der Preussische 
Adel mit grosser Empfindlichkeit, verwahrte sich gegen den Vorwurf 
der Untreue, der schlechten Aufführung im Kriege, der schlechten Wirt- 
schaft, und erklärte, dass die unverschuldete Ungnade auf ein Land, 
von welchem der König seine Königliche Würde führe, sie bis in das 
Innerste schmerze. Der Adel bat nochmals um Gewährung der erbetenen 
Credit-Einrichtung. In dem hierauf ertheilten Cabinets-Bescheide aus 
Potsdam vom 17. Juli 1783 milderte der König zwar seine Beschuldi- 
gungen, versagte aber nach wie vor die Bitte der Bitterschaft und hat 
sie auch bis zu seinem Tode nicht gewährt. Der erwähnte Bescheid 
lautet wörtlich: 70 ) 



w ) a. a. 0. 8. 660. 



Von Otto van Baren. 205 

„Hochwohlgeborene und Veste, besonders liebe 
und liebe getreue! 
„Ich kenne unter meinem Preuss. Adel viele, welche Verdienste 
„haben und Ich sehr wohl zu schätzen weiss. Aber im siebenjährigen 
„Krieg sind Mir auch einige bekandt worden, welche nicht gut ge- 
„than und die Bravour nicht bewiesen haben, welche Ihr in Eurer 
„Vorstellung vom 13. Junii, so Mir jedoch nur erst heute zugekommen, 
„dem gantzen Corps beyleget. Wo ist auch eine Gesellschaft? welche 
„von allen ausartenden Gliedern gantz frey sein solte. Dencken lasset 
„sich dergleichen wohl; aber wo findet Sie sich. Meine Vorwürfe 
„treffen dahero keinesweges die gantze Pr. Kitterschafft; sondern 
„eintzig und allein diejenigen unter solcher, deren eigenes Bewusstsein 
„solche rechtfertiget. Die guten hingegen, haben und behalten auf 
„Meine Landes väterliche Huld und Gnade, eben die Ansprüche, welche 
„der Adel aus Meinen anderen Provintzien Sich zu erfreuen hat; ob 
„ich gleich sonst ihnen zu dem erbethenen Credit System nicht be- 
„hülflich seyn kan. Hierbey wird Sich Mein Preuss. Adel gantz be- 
ruhigt finden; und Ich werde das Verdienst desselben, wo Ich es 
„finde, nicht verkennen, als Euer gnädiger König 

Frie(drich). 
An den Adel im Königreich Preussen. u 

Welche einzelne Fälle der Feigheit im Kriege und der Entziehung 
vom Kriegsdienst der König im Sinn gehabt hat, ist nicht bekannt 
geworden; sie müssen aber sehr auffallend gewesen sein, wenn sie ihm 
23 Jahre lang nicht aus dem Gedächtniss schwanden und dauernd die 
Lust verleideten, die Provinz wiederzusehen. 

Es giebt nun einige, sonst verdienstvolle ostpreussische Geschichts- 
forscher, 7I ) welche die geschilderten Schroffheiten und Härten des 
grossen Königs als eine grundsätzliche Ungerechtigkeit desselben gegen 
ihr Heimathsland darstellen und so dem Charakter Friedrichs des Grossen 
einen Makel anhängen. Dieselben folgen hierin meistens blindlings und 



7l ) Gottschalck, Geschichte Preussens S. 186 Anm. v. Hasenkamp, Ostpreussen 
unter dem Doppelaar a. a. 0. VI, 49 f. XI, 299 f. 



206 Der Zorn Friedrich* des Grossen über Ostpreussen, 

fast wörtlich dem Vorgänge des auffallend russenfreundlichen Regierungs- 
Raths Hagen, welcher im Jahre 1818 im I. Bande der „Beiträge zur 
Kunde Preussens* einen Aufsatz über „Preussens Schicksale während 
der drey Schlesischen Kriege" veröffentlichte 72 ) und in demselben u. A. 
sagte (S. 565): v . . . . Von den meisten Preussen glaubte er aber, 
dass es ihren Wünschen weit entsprechender gewesen wäre, russische 
Unterthanen zu bleiben 2C Daher erhielt auch keiner jener Patrioten, 
die Gut und Leben für König und Vaterland aufs Spiel gesetzt hatten, 
eine den Verdiensten angemessene Belohnung, sondern viele derselben 
mussten noch Verluste erleiden. Der Kriegsrath Bruno hatte durch 
zu angestrengte Arbeit zwar das Wohl des Landes befördert, aber seine 
Gesundheit untergraben und starb in Armuth; alles was seine Wittwe 
bekam, waren 300 Thaler in schlechtem Gelde, die bey der Vertheilung 
der russischen Kriegsvergütungen übrig blieben. Der Kaufmann Roer- 
dansz in Memel, der alle Geld- und Getreidesendungen besorgt hatte, 
erhielt nicht seine Vorschüsse vollständig erstattet. Dem Hofrath 
Nicolovius, dem Preussen unstreitig am meisten zu verdanken hat, 
wurde ungeachtet der Präsident Domhardt bei dem Könige unmittelbar 
für ihn den Geheimratbstitel nachsuchte, . . . dennoch dieser nicht ge- 
geben und die ganze Anerkennung seiner unendlichen Verdienste bestand 
in der ärmlichen Gehaltszulage von 200 Reichsthaler. Selbst Domhardt, 
dieser Wohlthäter des Landes, . . . musste die grössten Kränkungen 
ertragen und starb zuletzt aus Gram. 11 

Andere Schriftsteller 73 ) halten Friedrichs des Grossen Abneigung 
gegen Ostpreussen für etwas ganz Unerklärliches, weil doch „viele ge- 
borene Preussen dem grossen Kriegesfürsten als Generale gedient, andere 
in Civildiensten treffliche Dienste geleistet, preussische Regimenter in 
anderen Schlachten grossen Kriegsruhm geerndtet, und wie ihre Führer 
vom König hochgeehrt worden seien. 44 Ein besonders boshafter Angriff 
gegen den grossen König erschien in dem Königsberger Wochenblatt 
vom 15. December 1830 ") und warf ihm vor, dass er aus Hass gegen 



71 ) a. a. 0. S: 525 ff. 

* 3 ) v. Mülverstedt in den N. Pr. Prov.-Bl. Bd. XI. S. 376 £ 

T4 ) aus Dr. Justi „Die Vorzeit" Jahrg. 1825. 



Von Otto ran Baren. 207 

Preussen die Königsberger Bibliothek geplündert, den preussischen Handel 
zum Vortheile Berlins beeinträchtigt, Ostpreussen wie eine eroberte 
Kolonie behandelt und gegen andere Provinzen zurückgesetzt habe. 

Die letztgedachte Schmähschrift hat bereits von dem Geheimen 
Arcbivrath Paber ihre sachkundige Widerlegung gefunden, 75 ) auf welche 
hier nicht zurückgegangen werden soll. Die Schriftsteller, welche sich 
den Groll Friedrichs des Grossen nicht erklären können, sind einfach 
auf gründlichere Forschungen zu verweisen. Dass aber ein so sorg- 
faltiger und gründlicher Forscher, wie X. v. Hasenkamp in seinem Werke 
.Ostpreussen unter dem Doppelaar • zu keinem anderen Resultat ge- 
kommen ist, als der Regierungsrath Hagen, und ebenfalls die Unge- 
rechtigkeit und Undankbarkeit Friedrichs des Grossen brandmarkt, ist 
befremdend. Es ist gegen diese Anschauungen noch Folgendes geltend 
zu machen. 

In Friedrich dem Grossen ist der Begent und der Mensch zu 
unterscheiden. Als Mensch war Friedrich menschlichen Schwächen, 
Leidenschaften, Stimmungen und Fehlern unterworfen und es würde 
thöricht sein, dieselben abzuleugnen. Es ist wahr, dass in seiner 
Natur Herz und Gemüth nie sehr zur Geltung kamen und dass nach 
seiner grausamen Jugend und seinem liebeleeren, arbeitsvollen, schwer- 
geprüften und aufreibenden Mannesleben sein Herz im Alter fast ver- 
steinert, sein Glauben an die Menschen erschüttert, seine Stimmung 
verbittert und sein Willen verhärtet worden war. Aber unabhängig 
von dieser Menschennatur steht Friedrich in der Geschichte in seiner 
unerreichten Grösse als Regent. Als König konnte er wohl strafen — 
denn auch die strafende Gerechtigkeit gehört zum königlichen Amt — 
und als Strafe ist die Behandlung der preussischen Regimenter und des 
preussischen Adels anzusehen; aber Hass und Rache, Zorn und Ab- 
neigung kannte er nicht als König, nicht einmal Liebe und Vertrauen. 
Das Wohl des Landes, der Nutzen und Vortheil seines Volkes war die 
einzige Richtschnur seiner Regentenlaufbahn und es kann ihm nicht 
nachgewiesen werden, dass er von dem Ideal eines Regenten, welches er 



n ) Prov.-Bl. Bd. VI, S. 299. 



208 ^ er Z° rn Friedrichs des Grossen über Ostpreussen. 

in seinen Denkwürdigkeiten und Abhandlungen so klar und schön dar- 
gestellt hat, wissentlich je abgewichen ist. So hat der König denn auch 
in den Denkwürdigkeiten nach dem Hubertsburger Frieden erklärt:") 
„er habe nicht gewollt, dass die Provinz Preussen den üb- 
rigen nachstehen solle* 4 . Dass er diesem Grundsatz gemäss ge- 
handelt, und trotz seines Zornes gegen Ostpreussen, die Provinz gerecht 
und königlich behandelt hat, soll zum Schluss noch gezeigt werden. 

Als der Hubertsburger Frieden den siebenjährigen Krieg und im 
Wesentlichen auch die kriegerische Laufbahn Friedrichs des Grossen 
abschloss, ging Preussen ohne Schulden, 77 ) mit einem Länderzuwachs 
von 1380 Quadratmeilen, mit einem Gewinn von 3'A Million Seelen ~ % ) 
aus dem Kriege gegen ganz Europa siegreich hervor. In den Kassen 
des Königreichs lagen 25 Millionen Thaler für den Feldzug des nächsten 
Jahres bereit, die nun für den König verfügbar wurden und die er be- 
nutzte, um die Kriegsschäden des Landes zu heilen. Es ist unwahr, 7i ) 
wenn die erwähnte Schmähschrift behauptet, dass Friedrich Ostpreussen 
hierbei gegen die anderen Provinzen zurückgesetzt habe. Eine Ver- 
gleichung der für die einzelnen Provinzen aufgewendeten Summen kaun 
keinen richtigen Massstab liefern, weil die Kriegsschäden verschieden 
waren. Ostpreussen hatte einen geringeren Schaden gehabt, als die 
anderen Provinzen, welche alljährlich der Schauplatz von Heereszügen, 
feindlichen Einfällen und Schlachten gewesen waren. Den Schaden, 
welchen Ostpreussen nachweislich gehabt, ersetzte der König gleich nach 
dem Kriege, indem er der Provinz schon im Mai 1763 das Darlebn 
erstattete, welches er von ihr vor Beginn der russischen Occupation im 
Jahre 1757 in Höhe von 577942 Thalern aufgenommen hatte. 80 ) 

Zur Feststellung und Tilgung der übrigen Kriegsschäden durch 
Lieferungen, Fuhrengestellungen, Brand u. s. w. wurde eine besondere 
Commission ernannt, welche nach mühevoller Ermittelung der Schäden 



'•) Hinterlassen« Werke V, 105. VI, 65. 

") Ebd. V, 99. 

") Weber, Allgem. Weltgeschichte Bd. XIII. S. 483. 

'•) Faber in den Pr. Prov.-Bl. Bd. VI. S. 304. 

•°) Hagen a. a. 0. S. 5G3. 



Von Otto van Baren. 209 

und der Beschädigten den Grundsatz aufstellte/ 1 ) »dass alle von den 
Küssen unvergütet gebliebenen Kriegslasten als Unglücksfälle von den 
Getroffenen getragen und nur von denjenigen, welche — an rückstän- 
digen Steuern und Kriegscontribution — mehr zu zahlen, als zu fordern 
hatten, der Mehrkostenbetrag der Zahlungen erhoben und mit den 
Kassenbeständen zur Unterstützung der hülfsbedürftigen Grundbesitzer 
vorwendet werden sollte." Nach diesem Princip der Compensation von 
Schäden mit rückständigen Gefällen wurde verfahren; aus der Anwen- 
dung dieses Grundsatzes erklärt es sich, wenn auch das um den König 
so hochverdiente Handelshaus Boerdansz in Memel nicht alle seine 
Forderungen erstattet erhielt, da mit ihm keine Ausnahme gemacht 
werden konnte. 

Aehnlich verhält es sich mit dem gehässigen Vorwurfe der Gegner 
Friedrichs des Grossen, dass die von ihm gewährten Belohnungen und 
Entschädigungen „in schlechtem Gelde' ausgezahlt worden seien. Das 
schlechte Geld war das im Kriege und in der grössten Noth von 
den Münzpächtern, insbesondere von dem Schutzjuden und Hof-Juwelier 
Veitel Ephraim miuderwerthig geprägte Kriegsgeld, auf welches der 
Berliner Volks witz den Vers gemacht hatte: 

„Von Aussen schön, von Innen schlimm, 
Von Aussen Friedrich, von Innen Ephraim." 

Der Werth dieses schlechten Geldes blieb nicht immer gleich; er 
wurde immer geringer, je länger die Noth anhielt; in gleichem Maße 
stieg der Werth des guten Geldes, so dass z. B. der Dukaten mit 
9 Thalern bezahlt wurde. 92 ) Hätte der König nach dem Frieden plötzlich 
dies schlechte Geld auf seinen wirklichen Werth reducirt, so hätte er 
dem Lande unübersehbare Verluste zugefügt; in genialer Weise um- 
schiffte er diese Klippe, indem er 83 ) den bis 1759 ausgeübten Krieges- 
fuss zum Landesmünzfuss und zum Massstabe aller Preise und Zahlungen 



") Hagen a. a. 0. S. 562. 

M ) Preuss II, 388 ff. Zimmermann, Geschichte des Brandenburgisch-preussischen 
Staats. Berlin 1842. S. 551. 

83 ) durch die Edicte vom 21. April n. 18. Mai 1763. Novum Corpus Constita- 
tlonam Marchicarum Bd. III. S. 207—212 u. 224-232. 



210 Der Zorn Friedrich« des Grossen über Ostpreussen. 

erhob, so den Uebergang erleichterte und ganz allmählich zu den alten 
Münzverhältnissen zurückkehrte. ") 

Erwägt man parteilos, dass nur durch die eigenen Geldprägungen 
während des Krieges es Friedrich dem Grossen möglich geworden war, 
alle seine Kriege ohne Landesschulden zu führen und zu beendigen, was 
keinem andern Staate in Europa gelungen war, so müssen die geringen 
Coursverluste, welche die Einzelnen durch das schlechte Geld erlitten, ") 
gegen das allgemeine Staatswohl zurücktreten, und die landesväterlichc 
Weisheit und Gerechtigkeit des grossen Königs Bewunderung erregen. 

Auch durch andere Massregeln förderte Friedrich nach allen Rich- 
tungen den Wohlstand der Provinz Preussen, und bewies, dass er 
den Groll gegen die Bewohner das Land nicht entgelten liess. So lies3 
er sofort nach dem Kriege (1764) den grossen Johannisburger Kanal 
und (1778) den Gilge-Kanal anlegen, um die Holzflösserei aus den 
Masurischen Wäldern zu befördern; er liess (1767) den grossen Lattana- 
Bruch bei Willenberg entwässern, urbar machen und mit Colonisten 
besetzen. ") Er beförderte die Gewinnung des Bernsteins durch Erlass ") 
der sogenannten Bernstein-Instruktion vom 24. Mai 1764; er veranlasste 
die Anlegung von Oelmühlen, »damit die Schlag-Saat (der Rübsen) nicht, 
wie bis dato unverarbeitet aus dem Lande gehen darf, und das Arbeits- 
lohn für das Oel-Schlagen nicht ferner in die benachbarte pohlnische 
Mühlen getragen wird."") Ebenso begünstigte der König die Anlegung 
von Papier- und Walckmühlen, ■•) das Bewalden schlechter Ländereien 
„mit allerlei Holtzsaamen." yo ) Im Jahre 1764 gab der König nach 



") Edict ▼. 29. März 1764. Novum Corp. Const March. III, 381. 

**) bei der schlechtesten Scheidemünze waren es 22%. Preoss II, 393. 

*') Halle in den Beitragen zur Kunde Preossens Bd. I. S. 97 ff. 

i7 ) Preus8 III, 55. Die revidirte Strandordnung, welche Preuss erwähnt und 
die Bernstein-Instruc'ion vom 24. Mai 1764 sind weder in dem Novum Corp. Const 
noch sonst abgedruckt (Rabe, Samml. Preuss. Gesetze n. Verordnungen Bd. I. S.33). 

") Acta Generalis 6. von 1763 (in d. Archiv der Kgl. Regierung zu Gumbinnen) 
wegen des Boumannschen Projekts zur Erbauung einer Oelmühle. Acta Generalis 7. 
betr. Anlegung von Oelmühlen, Gen. 8. 9. 18. 

••) Acta Gen. der Regierung zu Gumbinnen 11. 15. 17. 

°°) Rescript vom 26. Januar 1772 in den Akten der Regierung zu Gumbinnen 
wegen der zu bebauenden wüsten Hüben. 1731—1809. 



Von Otto van Baren. 211 

dem grossen Brande von Königsberg zur Unterstützung der Abgebrannten 
und Förderung des Wiederaufbaues 355212 Thaler baar her. Im Ganzen 
hat Friedrich der Grosse zur Wiederaufnahme der Provinz Preussen 
von 1763 bis 1786 die für die damalige Zeiten ungeheure Summe von 
2,813,800 Thalern aufgewendet. 91 ) Das Colonisationswerk seines Vaters 
in Ostprenssen und Littauen hat er mit gleichem Eifer und Interesse fort- 
gesetzt und dass diese landesväterliche Fürsorge nie aufgehört hat, beweist 
folgende, 14 Tage vor seinem Tode, am 1. August 1786 an den Kammer- 
Präsidenten Baron Goltz in Königsberg erlassene Cabioets- Ordre:* 5 ) 
„Vester, besonders lieber Getreuer! Ich bringe in Erfahrung, dass 
„auf der Seite von Tilsit annoch ein grosser Morast zu defrechiren 
„sey, das Terrain soll zu meinen Aemtern gehören. Die Bauern, 
„welche da angesetzt werden, müssen ihre Güter alle eigentümlich 
„haben, weil sie keine Sklaven sein sollen. Es ist ferner die Frage, 
„ob nicht alle Bauern in meinen Aemtern aus der Leibeigenschaft 
„gesetzet und als Eigentümer auf ihren Gütern angesetzt werden 
„können? Ich erwarte darüber Eure Anzeige, was das für Difficul- 
„täten haben könne und bin Euer gnädiger König 

Friederich. 14 
So hinterliess der grosse König die Aufhebung der Leibeigenschaft, 
die ihm durchzuführen nicht gelungen war, als brennende Frage seinen 
Nachfolgern. 

Zur Durchführung seiner organisatorischen Gedanken und Pläne 
suchte König Friedrich eifrig nach geeigneten Persönlichkeiten, auch in 
Ostpreussen. So schrieb er am 31. Mai 1763, also unmittelbar nach dem 
Friedensschluss, an den Kammer-Präsidenten Domhardt in Gumbinnen: 9a ) 
„Ihr sollt überlegen und mir melden, ob nicht in Preussen sich 
„von den dortigen Edelleuten oder Anderen geschickte und treue 
„Subjekte finden, welche ich erfordernden Falls mit einiger Zuver- 
lässigkeit hier und da in den hiesigen Provinzen zu Kammerpräsi- 
denten employiren könnte und will ich Euren Bericht etwa gegen 
„den 20t. Junii c. erwarten. 14 



") Büsohing a. a. 0. 8. 207. 

M ) Altpr. Monatsschrift Bd. II. S. 313. •■) Pr. Pror.-Bl. VI, 301. 



212 Der Zorn Friedrichs des Grossen über Ostpreussen. 

In erster Reihe vertraute er die Wiederherstellung des Wohlstandes 
im Königreich Preussen dem eben erwähnten hochverdienten Manne an, 
der unter den grössten Schwierigkeiten und Gefahren seinem Könige 
die Treue bewahrt und sich in der Russenzeit am meisten bewährt hatte, 
dem Kammer-Präsidenten Domhardt. Diejenigen Schriftsteller, 
welche die Ungerechtigkeit Friedrichs des Grossen gegen Ostpreussen 
nachzuweisen suchen, stellen auch Domhardt als ein Opfer der Undank- 
barkeit des Königs hin, der „aus Gram über die harten Kränkungen 
desselben gestorben sei. 44 Gerade das Gegentheil ist wahr: Domhardt 
ist ein leuchtendes Beispiel königlicher Dankbarkeit. 

Nachdem Domhardt schon 1757 vom Kammerdirektor zum Kammer- 
Präsidenten in Gumbinnen befördert war, •') setzte ihn 1763 der König 
auch über die Kammer in Königsberg und 1772, nach der Theilung 
Polens, unter Ernennung zum Oberpräsidenten, gleichzeitig über die 
Kammern in Marienwerder und Bromberg, indem er das ihm am meisten 
am Herzen liegende Werk, die Organisation des neu gewonnenen West- 
preussens, seinen bewährten Händen anvertraute. Am 19. Juli 1771 
erhob er den treuen Diener in den Adelstand und gab ihm ein Ross 
und eine Garbe ins Wappen, weil er in der Russenzeit dem Könige 
sein wichtiges Gestüt Trakehnen gerettet und sich um die Pferdezucht 
und das Wiedererstarken der Landwirtbschaft so hoch verdient gemacht 
hatte.**) Bis in sein hohes Alter genoss der Oberpräsident v. Dom- 
hardt das unbegrenzte Vertrauen des dankbaren Königs: der Briefwechsel 
mit ihm füllt Bände aus, die in dem Urkundenbuch von Preuss abge- 
druckt sind, ••) und unabgedruckt in den Akten der Archive liegen. Wie 
vertraulich die Beziehungen des Königs zu Domhardt waren, geht n. A. 
aus den Briefen wom 10., 31. März und 2. April 1771 über die Insekten- 
haltigen Bernsteinstücke 97 ) und vom 5. December 1772 über die grauen 
Erbsen hervor. Der letztgedachte Brief ist so eigenthümlich, dass sein 
Wortlaut bekannt zu werden verdient: 9i ) 



94 ) Jeater, Leben Domhardt's a. a. 0. Bd. 1. S. 18 f. Preass IV, 59 Anm. 4. 
S. 478 Anm. 3. 

9J ) Preuss IN, 471. v. Hasenkamp XI, 298 f. 

•°) Bd. IV. S. 3 — 195. Bd. V. S. 183—234. 

f) Preuss, ürkuudenbuch Bd. V. S. 184. ••) Ebd. V, 16. 



Von Otto vao Baren. 213 

• 

„Vester Rath, besondars lieber Getreuer! Ob ich Euch gleich für 
„die bei Eurem Bericht vom 27. Novembris übersandte Preussische 
„Trüffeln danke; so mag Ich Euch doch dabey nicht verhalten, 
„dass solche bei weitem nicht so gut sind, als die Preussische 
„Erbsen. Diese letzteren sind die Frucht, aufweiche Preussen stolz 
„thun kann. Sie sind leckerer, als seine Trüffeln und sie behalten 
„bei mir allezeit den Vorzug. Ich bin Euer gnädiger König 
Potsdam den 5. Decembris 1772. Fr." 

Bei einem persönlichen Besuche Domhardts in Sanssouci schenkte 
er ihm einen seiner eigenen Krückstöcke zum Andenken. 90 ) — Nach 
länger als dreissigjährigem amtlichem und freundschaftlichem Verkehr 
trat leider zwischen dem König und Domhardt dadurch eine Spannung 
ein, dass des Letzteren laute und rücksichtslose Bekämpfung der vom 
König ins Land gerufenen französischen Accisebeamten des Königs Un- 
willen und Missfallen erregte. Nachdem auch diese Spannung ausge- 
glichen schien, entstand im letzten Lebensjahre Domhardt's (1780) bei 
einer Revuereise des Königs nach dem Lager von Mockerau bei Graudenz 
eine äusserst heftige Scene zwischen ihm und Domhardt, in Folge deren 
Letzterer sein Abschiedsgesuch einreichte. Aber der König bereute, 
als er ruhiger geworden war, die harte Behandlung des treuen, alten 
Beamten; er liess ihn kommen, sprach über eine Stunde mit ihm in 
der alten Art, ohne das Abschiedsgesuch und den Grund desselben zu 
berühren und entliess ihn dann, indem er ihn freundlich auf die Schulter 
klopfte mit den Worten: „Leb er wohl, mein lieber Domhardt, wir 
sehen uns künftiges Jahr gesund wieder!" 

Dieser Conflikt am Ende eines langen ehrenvollen Zusammenwirkens 
ist gewiss höchst bedauerlich; selbst wenn man aber die Schuld an 
demselben dem König allein zur Last legen will, der mit zunehmendem 
Alter verbitterten Stimmungen immer mehr nachgab; so kann man doch 
sicherlich diesen Vorfall mit dem Zorn des Königs gegen Ostpreussen 
nicht in Zusammenhang bringen und ihn als Beispiel benutzen, wie unge- 
rechtfertigt dieser Zorn gewesen und wie undankbar sich der König gezeigt. 



") Ostpreussische Zeitung vom 16. März 1877« 



2X4 D* r Zorn Friedrichs des Grossen über Ostpreussen. 

Die Dankbarkeit der Könige kann nicht immer mit dem Massstabe 
des menschlichen Herzens gemessen werden. Es kann von dem ehernen 
Charakter Friedrichs des Grossen nicht erwartet werden, dass er die- 
jenigen Männer, denen er Dank schuldig war, ihr Lebenlang vor anderen 
bevorzugen, ihr einstiges Verdienst als alleinigen Massstab für die 
Leistungen ihres ganzen späteren Lebens annehmen solle. Wo er dauerndes 
Verdienst fand, hat er es stets anerkannt und befördert; wo er sein 
Unrecht fühlte, hat er, wie in dem Domhardt'scben Falle, Genugthuung 
nach seiuer Art gewährt; eigenartig war auch die Art, wie er belohnte. 
So muss denn auch der tendenziösen Darstellung des Regierungs- 
raths Hagen in Betreff der Belohnungen des Hofraths Nicolovins 
und des Kriegsraths Bruno entgegengetreten werden. Im heutigen 
Milliarden-Zeitalter klingen die gewährten Summen winzig klein; in da- 
maliger Zeit waren sie nicht unbedeutend, wenn man berücksichtigt, 
dass Nicolovins ein Subalternbeamter war, deren Gehälter ihre gesetz- 
lichen Grenzen hatten. Die Verleihung von Geheimraths-Titeln ohne 
entsprechende Stellung ging gegen des Königs Grundsätze, wie er in 
dem Briefe vom 12. April 1764 an Domhardt ausspricht. Er sagt 
dort ausdrücklich 100 ) 
„dass er ledige Titais nicht stipulire, zumalen er überhaupt ohnedem 
„gerne sehe, dass ein jeder keinen anderen Charakter oder Titul hat, 
„als von der Fonction, so er wirklich bekleidet/ 1 
Man sieht, wie leicht es ist, durch geschickte Nebeneinanderstellung 
von Thatsachen, nach der eigenen vorgefassten Anschauung Geschichte 
zu machen und selbst Hoheit und Grösse in den Staub zu ziehen. 

In diesem Sinne sei es zum Schluss noch gestattet, auch die Lebens- 
schicksale der übrigen, in dieser Darstellung und in den meisten Schriften 
über Friedrich den Grossen genannten Männer zu verfolgen, welche dem 
Könige in schwerer Zeit Anhänglichkeit und Treue bewiesen hatten. 

Der Postmeister Wagner in Pillau, der wackere Beförderer des 
geheimen Briefwechsels Domhardts mit dem Könige, wurde von den 
Rassen wegen Hochverrat!» (durch versuchte Ueberrumpelung der Festung 



"•) Pr. Prov.-Bl. Bd. V. 8. 1. 



Von Otto van Baren. 215 

Pillau) zum Tode durch Viertheileu verurtheilt, aber begnadigt und nach 
Sibirien geschickt, wo er fünf Jahre schmachten musste. Nach seiner 
Befreiung wurde er von Friedrich dem Grossen nach Potsdam citirt, 
dort hoch geehrt, und blieb nach seiner Versetzung nach Graudenz ein 
stehender Gast des Königs, der ihn, so oft er nach Graudenz kam, mit 
dem regelmässigen Scherz empfing; v Nun, wie geht's in Sibirien?* Er 
wurde später Hofpostdirektor in Königsberg und der König verlor ihn 
nie aus dem Auge. Gegen die Liquidation seines Schadens war der 
sparsame König allerdings harthöriger. 

Die ostpreussischen Jünglinge, welche während der Bussenherrschaft 
aus der Provinz flüchteten, um in die preussische Armee einzutreten, 
empfing der König sehr gnädig und stellte sie sogleich in die Armee 
ein; die meisten von ihnen sind hoch gestiegen. 

Der Erste war Wilhelm von l'Estocq. Er trat, 20 Jahre alt, 
1758 vor Olmütz bei den Ziethenschen Husaren ein, wurde Ziethen's 
Adjutant, erhielt 1761 den Orden pour le m&ite, wurde berühmt durch 
die ehrenvolle Führung der Preussen in der Schlacht bei -Pr. Eylau 
am 8. Februar 1807 und starb als Feldmarschall am 3. Januar 1815. 10t ) 

Zwei andere schwärmerische Jünglinge aus Königsberg, David 
Neumann und Johann Georg Scheffner zogen Jeder mit einem 
Exemplar von Abt's Schrift über den Tod fürs Vaterland in der Tasche, 
unter vielen Wagnissen zur preussischen Armee." I0i ) Neu mann wurde 
bei der Kleistschen Infanterie angestellt und als Adjutant bald darauf 
gefangen; er brachte es unter Friedrich dem Grossen bis zum Major, 
erhielt den Orden pour le rannte und wurde am 10. Juni 1779 in den 
Adelstand erhoben. Später zeichnete er sich bei der Yertheidigung der 
Festung Cosel aus und starb als Generalmajor am 16. April 1807. 10S ) 
Scheffner wurde Fähnrich im Baminschen Regiment; allein, wie er 
in seiner Lebensbeschreibung selbst sagt: 101 ) der Subalterndienst im 
Kriege war ihm im Herzen zuwider und der Stadtdienst im Frieden 
langweilig; seine unwiderstehliche Neigung zum Versemachen, Citiren 



l01 ) Preuas 1J, 269. IV. 479. 

,w ) Joh. Georg Schaffners Leben S. 80. 

1M ) Preu» IV, 479. Pr. ProY.-Bl. Bd. XXV. S. 829. * 4 ) S, 99, 



216 Der Zorn Friedrichs des Grossen über Ostpreussen. 

klassischer Stellen und zum Raisonniren über das Soldatenwesen vertrug 
sich nicht mit der Disciplin; gleich nach dem Frieden erhielt er den 
wiederholt erbetenen Abschied und trat 1765 in den Civildienst ein, in 
welchem er Kriegs- und Steuerrath in Gumbinnen, Königsberg und 
Marienwerder wurde. Allein auch im Civildienst brachte ihm seine 
Oppositionslust, Schöngeisterei und Neigung zur Schriftellerei Unannehm- 
lichkeiten, die ihm den Dienst verleideten. Noch nicht 39 Jahre alt, 
bat er „mit aller Unbefangenheit* und „mit dreuster Uebergehung aller 
Minister Stationen" in einem französischen, mit Anrufung der Götter des 
Marc Aurel und des Henri beginnenden Schreiben, den König um den 
Abschied mit Pension. Dies nahm ihm aber der König sehr übel; unter 
den Cabinetsbescheid vom 9. Februar 1775 schrieb er eigenhändig : ,oi ) 
„Mihr Müste der Teufel plagen, das ich en Kriegsraht pension 
„gebe, da noch So vihl brav officiers ohne versorgt Seyndt Die 
„200 Thaler wehre einem Jnvaliden officier zu verm". (zuwenden?) 
Ein bereits älterer Mann, der Strumpfwirkermeister Kap eil er aus 
Gumbinnen, ein eingewanderter Salzburger, verdient besondere Er- 
wähnung. Er brachte unter Lebensgefahren eine auf mehreren Wagen 
verpackte Geldsendung Domhardts von 1000C0 Thalern durch die russi- 
schen Linien in die Hände des Königs. Domhardt empfahl diesen wackeren, 
muthigen Mann dem Könige, der ihn selbst vor sich kommen liess und 
durch beträchtliche Vorschüsse zur Anlegung einer Strumpffabrik, nach 
dem Muster der Berliner Fabriken, in den Stand setzte. Er kam in 
eine gute Lage und starb hochgeehrt 1793. 10 °) 

Als Schluss-Resultat der vorstehenden Untersuchung ist Folgendes 
hinzustellen : 

Friedrichs des Grossen Zorn über Ostpreussen war nicht 
ungerecht, und Ostpreussen daran nicht ohne Schuld. Frie- 
drich der Grosse hat die Provinz mit seiner Ungnade ge- 
straft; seine königliche Gerechtigkeit aber war grösser, als 
sein persönlicher Zorn. 



>0 *) Schefiner's Leben S. 160. 

I08 ) Beiträge zur Kunde Preussens Bd. I. S. 209. 



Von Otto van Baren. 217 

Wie eine Ahnung hat es seit dem siebenjährigen Kriege über 
Ostpreussen gelegen, dass die Provinz an dem Hause der Hohenzollern 
etwas gut zu machen habe und ein halbes Jahrhundert später hat Ost- 
preussen es gut gemacht. Als in den Zeiten der tiefsten Demuthigung 
und Erniedrigung Preussens die Preussische Königsfamilie flüchten musste 
vor der Macht und dem Uebermuth des französischen Eroberers, da 
hat sie in Ostpreussen ein Asyl gefunden. Da sind die Herzen der 
treuen Provinz und ihres Königs einander nahe getreten und haben in 
Liebe und Vertrauen eine stille Versöhnung geschlossen. Als aus der 
Nacht der Napoleonischen Knechtschaft über Preussen die 
Sonne der Freiheit wieder aufging, da hat ihre Morgenröthe 
in Ostpreussen gestanden. 



Altpr. Monatsschrift Bd. XXII. Hft. 3 n. 4« 15 



Zur volkstümlichen Naturkunde. 

Beiträge aus Ost- und Westpreussen 

yon 

H. Frischbier. 

Vorbemerkung. 

In den „Unterhaltungen des litterarischen Kränzchens zn Königs- 
berg 14 , Jahrg. 1867 f., stehen winzige Anfänge der nachfolgenden Arbeit 
(Mond, Sonne, Sterne, Wind und Wetter), die nun in der Altpreuss. 
Monatsschrift zum Abschlüsse gebracht werden soll. Die Sammlung 
umfasst die Anschauungen des ost- und westpreussischen Volkes über 
die Erscheinungen an Himmel und Erde, die Elemente, die Tiere, Pflanzen 
und Mineralien. Diese Volkstümer sind von oft genannten Freunden 
(vgl. mein Preuss. Wörterbuch, Schlusswort) und von mir aus dem 
Verkehr mit dem Volke und aus der einschlägigen Litteratur zusammen- 
getragen; vielleicht fahlen sich auch Leser dieser Mitteilungen ver- 
anlasst, durch geeignete Nachträge mitzuhelfen an der Ergänzung und 
Vervollständigung der doch immer noch lückenhaften Zusammenstellung. 



L Himmel und Erde. 

Sonne* 

Die Sonne wird vom Volke „de lewe Sonnke" genannt. Was 
sie verdirbt, kann wohl der Regen gut machen, aber nicht umgekehrt, 
was der Regen verdirbt, die Sonne. (Königsberg. Böbel, 118.)') 

Wächst das Korn im Sande, dann ist Not im Lande. (Dönhoflstädi) 

') Die Haus- und Feldweisheit des Landwirths je. Bearbeitet von TL Böbel. 
Berlin 1854. Die Zahlen bezeichnen die Seite. 



Zur volkstümlichen Naturkunde. Von H. Frischbier. 219 

Der heitere Untergang der Sonne in den Frühlings- nnd Winter- 
monaten ist ein Anzeichen guten Wetters. Wenn die Sonne beim Auf- 
und Untergange grösser als gewöhnlich erscheint, und der Wind von 
Süden weht, besonders zur Tag- und Nachtgleiche, so erfolgt Regen. 
Geht die Sonne in feuriger Morgenröte auf, oder hat sie finstere und 
braune Wolken um sich, oder hüllt sie sich beim Untergange in weisse 
.weit ausgebreitete Wolken, so folgt Wind und Regen. (Bock, Nat. 1, 363.) *) 

Wenn die Sonne am Neujahrstage auf den Altar scheint, so 
gerät der Flachs gut. 

Wenn die Sonne am h. Dreikönigstage (6. Januar) auch nur so 
lange scheint, als ein Reiter zum Besteigen des Pferdes Zeit gebraucht, 
so ist das ein Friedenszeichen für das ganze Jahr. (Dönhoffstädt.) 

Vincenz (22. Januar) Sonnenschein, bringt Obst {Korn) und Wein. 
(Westpr.) — Scheint die Sonne zu Pauli Bekehrung (25. Januar), so 
darf man auf ein gutes Jahr hoffen. 

Scheint die Sonne im Februar, so dass sich die Katze in ihren 
Strahlen wärmt, so muss diese zum April wieder hinter dem Ofen 
Wanne suchen. 

Der Schäfer hat zu Lichtmess (2. Febr.) lieber den Wolf als die 
Sonne im Schafstall, weil, scheint die Sonne, ein spätes Frühjahr in 
Aussicht steht. Der Reim für diese Beobachtung lautet: 

Besser der Wolf als der Sonne Licht 
Zu Lichtmess in den Schafstall bricht. 

Doch verspricht andererseits Sonnenschein zu Lichtmess eine gute Ernte, 
und scheint die Sonne an diesem Tage auch nur so lange, als der Reiter 
Zeit braucht das Pferd zu besteigen, so gerät der Flachs wohl. 

Lichtmess hell, muss der Bauer sein schnell; Lichtmess dunkel, 
ist der Bauer ein Junker. — Lichtmess klar, gutes Flachsjahr. (Ostpr.) — 
In Masuren : Wenn Lichtmess die Dächer flenzen (weinen), wird in dem 
Jahr der Flachs recht glänzen. — In Westpr.: Fällt auf Lichtmess 
Sonnenschein, wird der Flachs sehr lang und fein. — Scheint zu Lichtmess 
die Sonne auf den Mist, schliesse der Bauer das Futter in die Eist'. — 



*) Versuch einer wirtschaftlichen Naturgeschichte von dem Königreich Ost- 
und Westpreussen. Von F. S. Bock. Dessau 1782. Bd. I. S. 345 f.: Der preussisehe 
Bauerokalender. 

15* 



220 ^ ur volkstümlichen Naturkunde. 

Lichtmess Sonnenschein, bringt viel Schnee herein. — Sieht der Dachs 
zu Lichtmess seinen Schatten, d. h. scheint die Sonne, so kehrt er in 
seinen Bau zurück und der Winter dauert noch lange. (Natangen.) 

Geht die Sonne am Fastnachtstage frühe auf, so gerät die 
Frühsaat gut. 

Am Romanus (28. Febr.) hell und klar, deutet an ein gutes Jahr. 

Ist am Ruprecht (27. März) der Himmel rein, so wird er's auch 
im Juli sein. 

Am Palmsonntag Sonnenschein, soll ein gutes Zeichen sein. 

Am Ostersonntag — doch nur an diesem, wie die Landleute 
behaupten — springt bei Sonnenaufgang das Osterlamm in der Sonne. 

Sind die Hundstage hell und klar, so giebt's ein gutes Jahr.— 

4 

Warme und helle Jacobi (25. Juli) versprechen reiche Früchte, aber 
kalte Weihnachten. — Ist's in der ersten Woche des August heiss, 
so bleibt der Winter lange weiss. — Sind Laurenz (10.) und Barthel 
(24. Aug.) schön, ist guter Herbst vorauszusehn. 

Der Schäfer hat am St. Hedwigstage (15. Okt.) lieber den Wolf 
in seiner Herde, als die Sonue im Stall. 

Scheint am Stephanstage (26. Dezbr.) die Sonne, so gerät der 
Flachs. (Volkskal. 63. 172. 207.) 3 ) 

Wenn die Sonne „Wasser zieht", so regnet es den nächsten Tag. — 
Zeigen sich Nebensonnen am Himmel, so erfolgt schleunige Ände- 
rung des Wetters. (Bock, Nat. I, 362.) 

Redensarten: Wo die Sonne scheint, da tagt es. — Der Hungrige 
und Arme „lässt sich die Sonne in den Magen scheinen". — Qeht die 
Sonne nach Westen, arbeiten die Faulen am besten. — Die liebe Sonne 
scheint ihm durch den Ellenbogen (dem Zerlumpten, Dürftigen). — Die 
Sonne geht zur „Rist" (zur „Rast"), d. h. zur Ruhe, sie geht unter. — 
Die Sonne ist in ihr Himmelbett (Bett mit Vorhängen und einer oberen 
Decke, dem sog. Himmel) gestiegen, d. h. sie ist hinter Wolken unter- 
gegangen. (Sprichw. I, 3533 f.; II, 2492.)*) 



3 ) N. Pr. Prov.-Bl. VI, 206 ff. u. X, 116 ff. Die Zahlen bezeichnen die Nummer. 

4 ) Preuss. Sprichwörter und volksthumliche Redensarten von H. Frischbier. 
1. u. 2. Sammlung. Berlin 1865 u. 1876. 



Von H. Friachbier. 221 

Mond. 

Scheint der Mond Mass und gelb, so pflegt bald Regen zu ffl&en; 
scheint er rot, so deutet dies auf Wind; ist er weiss und h/ so hat 
man gutes Wetter zu hoffen. (Bock, Nat. I, 361.) 

Der Mann im Monde ist ein Bauer, der sich nachts in Nachbars 
Garten schlich, um Kohl zu stehlen. Kaum aber hatte er eine Staude 
gebrochen, als ihn auch schon der alte Nachtwächter, der Mond, ab- 
fasste und samt dem Raube hinaufzog. Die dunkeln Flecken im Monde 
sind, wie man noch deutlich sehen kann, der Dieb mit dem Kohlstrunk. 

Aus der Gegend von Saalfeld sind mir noch (durch Frl. E. Lemke) 
folgende drei Varianten dieses Märchens zugegangen: Der Mann im 
Monde ist ein armer Mann, der „unter der Kirche" (während des 
Gottesdienstes) im Walde Keisig gesammelt hatte und den Gott, zur 
Strafe für seine Sunde und als warnendes Beispiel, mit dem Reisigbündel 
auf den Mond versetzte; — er ist ein Fuhrmann, der auch am Sonntage 
arbeitend fuhrwerkte und von Gott mit Wagen und Pferden in den 
Mond gestellt wurde. — Nach andern sitzt in dem Monde eine Spinnerin 
mit ihrem Spinnwocken, zur Strafe dafür, dass sie auf Erden bei Voll- 
mond gesponnen. Die Fäden, welche als „Altweibersommer" im Herbste 
die Luft durchfliegen, sind von ihrem Gespinst losgerissen. 

Den Kindern verwehrt man, nach dem Monde oder nach den 
funkelnden Sternen zu zeigen, weil sie sonst dem lieben Gott die 
Augen „ausspicken" (ausstechen) würden. (Königsberg.) 

Spinnt man bei Mondenschein, so kommt der böse Geist und 
nimmt den Flachs fort. (Ermland.) 

Bei abnehmendem Lichte darf man nicht Hochzeit machen, 
weil sonst die Wirtschaft der neuen Ehe zurückgeht; — nicht Getreide 
säen, es würde eine schlechte Ernte geben. (Friedland i. Ostpr.) 

Dafern der Mond im Abnehmen die Hörner zeiget, so ist er im 
letzten Viertel, denn er will bald unsichtbar werden, oder (wie andere 
sprechen) „zu Bier gehen". (Linemann, Deliciae calendariogmphicae, 
Ff 4 b . Königsberg 1654.) 

Bei abnehmendem Lichte kann ein Pferd mit einer Hasen- 
scharte von diesem Übel geheilt werden, wenn man die Scharte an 



222 Zur volkstümlichen Naturkunde. 

drei Freitagen nach einander unter dem allgemeinen Segen: Im Namen 
Gottes :c. bestreicht. (Volkskal. 205.) 

Im zunehmendenLichte soll man die Haare beschneiden, dann 
wachsen sie gut ein. 

Bei zunehmendem Lichte ist Blatt- und Fruchtgemüse zu säen; 
ebenso gedeihen Obstbäume und tragen reichlich, wenn sie im neuen 
Lichte gepflanzt werden. Wurzelgewächse sind dagegen bei abneh- 
mendem Lichte zu säen. (Dönhoffstädt.) 

Bei zunehmendem Mondlicht gesäet, blühen die Erbsen immer- 
fort und setzen wenig Schoten an; Möhren bei jungem Licht schiessen 
gern durch; Eleesamen gedeiht; Kopfkohl säet man stets bei abneh- 
mendem Lichte. (Memel. Strasburg i. Westpr. Böbel 126.) 

Am ersten und zweiten Tage des neu beginnenden Mondlichts muss 
man weder Gras noch Klee, noch andere Futterkräuter mähen, weil 
das Vieh die in diesen Tagen gemähten Kräuter nur ungern oder gar- 
nicht frisst. (N. Pn Prov.-Bl. a. F. VII, 233.) 

Wie das Wetter am dritten Tage nach Neulicht ist, bleibt es bis 
zum nächsten Neulicht. (Dönhoffstädt.) 

Hat der Neumond einen solchen Stand, dass man, wie die Leute 
sagen, an seine Hörner etwas anhängen könnte, so deutet das auf 
trockene Witterung. (Dönhoffstädt.) 

Bei Neumond, unter dem Zeichen des Fisches, beginnt der Fischer 
sein Netz zu stricken. (Hohenstein. Toppen 102.) B ) 

Bei Neu licht ändert sich das Wetter. 

Sobald nach dem Neumonde zum ersten Mal die Mondsichel — 
„dat nüe Licht" (das neue Licht) — am Himmel sichtbar wird, muss der 
von Zahnschmerzen Geplagte sich mit einem der nachfolgenden Reime 6 ) 
an den Mond wenden; derselbe wird ihm sicher seine Zahnschmerzen 
abnehmen: 



& ) Die mit Toppen bezeichneten Anführungen beziehen sich auf Dr. M. Toppen: 
„Aberglauben aus Masuren" ac. 2. Aufl. Danzig 1867. Die Zahlen bezeichnen 
die Seite. 

6 ) He'xenspruch und Zauberbann :c. Von H. Frischbier. Berlin 1870. S. 100 f. 



Von H. Friichbier. 



223 



Ock seh das lewe nüo Licht 

Od räd mi far min Tähnegicht, 

Dat se Dich rite, 

Ok nich spllte, 

Ok nich käUe, 

Ok nich schwelle, 

Denn käme de Vägelkes 

On nehme all 1 min* Tähnegicht. 

Öck seh önt lewe nüe Licht 
On bed fer mine Tähnegicht, 
Dat se nich rite, nich spute, 
Nich jäke, nich stäke. 

Ich grüsse dich, .du neues Licht 
Mit deinen zwei Zacken! 
Meine Zähne sollen mich nicht zwacken, 
Bis dass da wirst haben drei Zacken. 



(PJibischken.) 



(Samland.) 



(Samland.) 



Ach da liebes neues Licht! 

Behüte mich, mein Gott, vor meiner Zähne Gicht! 

Dass sie mich nicht möchten reizen — spreizen — schwären — quälen. 

Im Namen Gottes je. Vater Unser ohne Amen. 

(Die betreffende Wange wird mit der Hand gestrichen.) 

(Budweitschen im Kr. Goldapp.) 

Öck seh dem Himmel an, 
Da steit e Frü ok e Mann, 
Wa far de Tähne räde kann. 
Da sallst nich eile, 
Ok nich käUe, 

r 

Da sallst Tergahne 

Wie da gekame. (Plibischken.) 

Stehen die Quatembertage im zunehmenden Licht, so steigen 
die Getreidepreise, und umgekehrt. (Volkskal. 202.) 

Mondfinsternis bei Winterszeit im Norden, ist Ursach' stets 
von grosser Kalt 1 geworden. (Westpr. Böbel 117.) 

Der Hof um den Mond verkündet Wind (Bock, Nat. I, 360), 
nach einer Mitteilung aus Dönhoffs tädt : Regen. 



224 Zar Tolkstümlichen Naturkunde. 

Sterne. 

Namen der Sterne: Der Wagen, die sieben Sterne, das 
grosse Siebengestirn, grosser Bär, der grosse und der kleine 
schiefe Wagen, grosser und kleiner Bär; der Dümeke, Stern Alcor, 
das Eeiterchen, im Sternbild des grossen Bären; auch der kleine Bär, 
der auch Pudinke heisst (vgl. mein Pr. Wörterb. I, 155 b ); der Abend- 
stern, Venus; die drei Häuer oder Mäher, Gurtelsterne des Oriou. 

Heitern Untergang der sieben Sterne sieht der Landmann immer 
gerne. (Oktober. Westpr. Böbel 107.) 

Am St. Laurentiustag (10. Aug.) fallen die Sterne; des Morgens 
findet sie der Fischer am Strand als Meerquallen, denn diese hält er 
für geschneuzte Sterne. (Ostseestrand. Gregorovius, Figuren. Leipzig 
1856. S. 154.) 

Himmels zeichen. Der Mensch wird entweder unter einem gun- 
stigen oder ungünstigen Himmelszeichen geboren; zu den glückbringenden 
gehören: Wage, Löwe, Jungfrau, Stier. Das unglücklichste Ge- 
stirn ist der Krebs; in diesem Zeichen gehen alle Unternehmungen 
rückwärts, und wer im Krebs geboren ist, hat in allem Unglück. Im 
Zeichen des Krebses darf keine Ehe geschlossen werden; es darf in 
diesem Zeichen nicht gesäet und gepflanzt werden, ebenso im Skorpion, 
weil beide Würmer vorstellen, und dann die Würmer auf dem Felde 
überhand nehmen und den Pflanzen schaden würden. Man säet und 
pflanzt unter Löwe, Stier, Jungfrau, damit alles stark und kräftig 
werde. (Hohenstein. Toppen 91.) Kartoffeln im Krebs gelegt, be- 
kommen unreine Schalen, in der Wage dagegen geben sie reichen Er- 
trag. Im Zeichen des Löwen ist gut heiraten, im Wassermann wird 
die ganze Wirtschaft zu Wasser; Ehen im Zeichen der Jungfrau ge- 
schlossen, werden leicht durch Ehebruch getrübt. Unter dem Zeichen 
des Fisches bei Neumond fängt der Fischer an, sein Netz zu stricken. 
(N. Pr. Prov.-Bl. a. F. I, 169. Toppen 102.) 

Bätsei über die Himmelskörper: Zwei Dinge gehn, zwei Dinge 
stehn, zwei Dinge kommen immer wieder. (Sonne und Mond. Lösung 
auch: Himmel und Erde — Holz und Wasser — Tag und Nacht — 
Abend und Morgen.) 



Von H. Frischeier. 225 

Et kröppt dorch e Tun on ruächelt nich, et föllt ön*t Wäter on 
plorapst nich. (Der Sonnen- und Mondenschein; auch der Schatten.) 

Schön ist das Wiesenthal, schön sind die Schafe dran, schön ist 
der Hirt, der die Schafchens hüt't, noch schöner der Dieb, der die 
Schafe stiehlt. (Gerdauen. Sonne, Mond und Sterne.) 

Schwärt Lake gespret (gespreitet), witte Arfte geset (gesäet), ön e 
Modd ös e Schlw. (Der HiiHtael mit den Sternen und dem Monde.) 

Erde. 

Von der Erde heisst es im Volksrätsel: Meine Mutter hat viele 
Kinder, sind sie gross, verschlingt sie dieselben. 

Am Ende der Erde ist der Himmel so niedrig, dass ihn die Wasch- 
weiber mit dem Waschholz erreichen können. (Jerrentowitz. Westpr.) 

Regenbogen« 

Erscheint ein Regenbogen nach langer Dürre, so hält das Regen- 
wetter einige Tage an; ist aber lange Nässe vorhergegangen, so folgt 
gewöhnlich schönes Wetter. — Je grüner die Farben im Regenbogen, 
je mehr Regen, je röter, desto mehr Wind zeigen sie an; intensives 
Blau und Gelb deutet auf heiteres Wetter. (Bock, Nat. I, 362.) 

Wenn man einen Regenbogen sieht, wird Gott einen noch sieben 
Jahre segnen. (Königsberg.) 

Eine Wassergalle (der Widerschein des Regenbogens) lässt auf 
weiteren Regen schliessen. Oft nennen die Landleute auch einen nicht 
klar hervortretenden Regenbogen Galle. 

Der Mondregenbogen ist ein Vorbote des Regens. (Bock, Nat. 
I, 360.) 

Rätsel: Hoch gellögt, kromm gebögt, wunderlich beschaffe. 
(Wehlau.) — Auch: Hochgehäwe, kromm gebäge, wunderlich erschaffe. 
(Vgl. Zeitschr. f. deutsche Mythologie je. III, 181.) 

Rot, gelb, grün — rätst du mich, so nehm 1 ich dich, rätst du's 
in vier Wochen, so sind wir beid' versprochen; rätst du's um ein halbes 
Jahr, so sind wir beid' ein ganzes Paar. (N. Pr. Prov.-Bl. X, 294.) 

Abend« und Morgenröte. 

Die Abendröte verkündet gutes Wetter, wenigstens für den fol- 
genden Tag. 



226 Zor ▼o^tämlichen Naturkunde. 

Abendrot — Gutwetterbot' — Schönwetterbot* — morge göt — 
bringt Brot; — Morgenrot bringt allzeit Kot, — bringt Dreck und Kot, 
bringt äwends Kot, — mit Regen droht, — dat W&ter dorch 'm Tun 
flöt, — pladdert g6t, — dreckig P16t, — Dreckflöt. (Vgl. Sprichwort 
I, 8; II, .7. Böbel 119.) 

In der Gegend von Saalfeld ist man der Ansicht, dass leuchtendes 
Abendrot Wind oder gar Sturm bedeute. (Lemke 108.) 7 ) 

Morgenrot am Neujahrstage bringt Ungewitter und manche Plage. 

(Westpr. Böbel 56.) 

Feuerkugel. 

Eine Feuerkugel (Meteor) bedeutet Krieg. Dieselbe Bedeutung 

hat ein Komet. 

Irrlicht. 

Irrwische, namentlich solche, die sich auf Höhen sehen lassen, 

sind Kinder, die ungetauft starben, oder tot zur Welt kamen. (Ermland.) 

Nordlicht. 

Nordlichter, die mit weissen Flammen lodern, sind Vorbedeu- 
tungen von klarem Wetter und bringen im Winter Kälte. Überhaupt 
pflegen die Nordlichter auf einige Tage heiteres Wetter zu bedeuten. 
(Bock, Nat. I, 362.) 

Das Nordlicht verkündet Krieg. Die zahlreichen glühroten Nord- 
lichter des Winters 1870/71 hielt das Volk für den Widerschein des 
von den Schlachtfeldern aufsteigenden Blutes. (Königsberg.) 

Wolken. 

Wenn plötzlich bei hellem Himmel Wolken von Süden oder Westen 
zum Vorschein kommen, so entsteht bald ein Sturm. — Bote Wolken 
nach der Sonne heiterm Untergange, ebenso dünne Wolken, die sich des 
Morgens bei aufgehender Sonne trennen, deuten auf helle Witterung. — 
Grosse Wolken sind Vorboten von starkem Regen; kleine runde graue 
Wolken, die mit einem Nordwinde kommen, ebenso weisse Wolken wie 
Wolle bei Sonnenschein machen Hoffnung zu andauerndem schönen 
Wetter. Sonst pflegen die sogenannten Schäfchen, Schaf- oder Schuppen- 



7 ) Volkstümliches in Ostpreussen. Von E. Lemke. I. Tbl. Mohrnngen 1884. 



Von H. Frischbter. 227 

wölken, wie auch streifige Wolken Vorzeichen des Regens za sein. — 
Auf rotbraune Wolken bei Sonnenuntergang folgt des Morgens oft helles, 
aber unbeständiges Wetter. — Bei bleichen Wolken zur Zeit des nassen 
Wetters ändert sich dies gewöhnlich. — Wenn der Südwind im Sommer 
heisses Wetter gebracht, und es erscheinen am Himmel Wolken mit 
grossen weissen oder rötlichen Spitzen, eine über der andern, die unten 
dunkel sind, wie auch braunrote, so ist Donner- und Hagelwetter nahe. 
(Bock, Nat. I, 361.) 

Steht abends im Norden Gewölk, so bedeutet das schlechtes Wetter. 
(Lemke 108.) 

Senkrechte und schräge Wolkenstreifen, die wie Strahlen zu ein- 
ander stehen und sich am Horizonte vereinigen, nennt man Wind- 
bahnen, und von diesen heisst es, dass sie für den kommenden oder 
zweitnächsten Tag Sturm verkünden. (Saalfeld. Lemke 107.) 

Lange schmale hellgefärbte Wolken, die von einem Punkte des 
Horizontes fast bis zu einem andern desselben sich erstrecken, sind 
Vorboten von Wind und Sturm. (Dönhoffstädt.) 

Eine finstere, drohende Regenwolke nennt man Buächer, poln. 
busza. (Preuss. Wörterb. I, 122.) 

Wer von einer unerwarteten Nachricht :c. überrascht wird, ist 
„wie aus den Wolken gefallen". 

Gewitter. 

Das Grollen des Donners ist das Schelten Gottes: „De lewe 
Gottke schölt". 

Der Blitz schlägt in solche Gebäude ein, in welchen an einem der 
folgenden Tage: Karfreitag, Busstag, Himmelfahrt, Johannistag, Jakobstag, 
gearbeitet wurde. (Dönhoffstädt. Volkskal. 81, 82, 189. Toppen S. 73.) 

Beim ersten Donnerschlage, den man im Jahre hört, muss man 
sich niederwerfen und auf der Erde wälzen. (Dönhoffstädt.) Auch schützt 
gegen das Gewitter das Johannisfeuer. 

Als Witterungsregel gilt: Gewitter über kahle Bäum', der Winter 
kommt hinterdrein. (Dönhoffstädt.) 

Viel Sturm und Begen bringet heran ein Jahr, das im Januar zu 
donnern begann. (Westpr. Böbel 73.) 



228 Zur volkstümlichen Naturkunde» 

Vor Advent den Donnerschlag das Eorn gar wohl vertragen mag. 
(Westpr. Böbel 65.) 

Donnert es im März, schneit es im Mai. — Märzendonner macht 
fruchtbar. — Märzgewitter zeigen an, dass grosse Winde ziehn heran. 

Wenn im April ein Ungewitter gewesen, so ist nicht leicht mehr 
Keif und Frost zu besorgen. Den Zug, den das erste Gewitter im 
April nimmt, pflegt es auch das ganze Jahr hindurch zu nehmen. (Bock, 
Nat. I, 362. Westpr. Böbel 81 f.) — Hört man Donner im April, 
viel Gutes der verkünden will. (Westpr. Böbel 88.) 

Donnert es im Mai, so giebt's grosse Winde und viel Getreide; 
donnert es oft, folgt gern ein unfruchtbares Jahr. (Westpr. Böbel 93.) 

Gewitter im Juni erfreuen der Bauern Herz. (Masuren. Westpr.) 

Gewitter im September deuten auf reichlichen Schnee im Februar 
und März und auf ein gutes Kornjahr. Gewitter in der zweiten Hälfte 
dieses Monates bringen starke Winde. (Westpr. Böbel 105.) 

Donner im Winterquartal bringt Kälte ohne Zahl. (Medenau. 
Böbel 116.) 

Aus der Himmelsgegend, woher das erste Gewitter kommt, kommen 
die andern den ganzen Sommer. (Medenau. Böbel 119.) 

Wenn sich die Schafe auf der Weide mit den Köpfen zusammen- 
stellen, folgt Gewitter. (Heilsberg.) Regen und Gewitter sind im Anzüge, 
wenn sich die Gartenschnecken in den Gängen und auf den Beeten 
zeigen. (Medenau. Böbel 120.) 

Während es donnert, fallen Donnerkeile (Belemniten) vom Himmel. 

Der Gebrauch von Zahnstochern aus dem Holze eines Baumes, den 
der Blitz zersplitterte, verhütet Zahnschmerzen. (Dönhoffstädt.) 

Regen« 

Die Wolken, welche die Sonne verhüllen, lösen sich in Eegen auf. 
Die Volksjugend kennt mannigfache Keime, den Regen zu verscheuchen 
und „de lewe Sonuke" wieder hervorzurufen. 

Lewe Sonn 1 , komm doch wedder 
Möt dlne blanke Fedder! 
Möt dfne blanke Strahlen 
Beschin ons aUtomälen! 



Vun H. Frischbier. 229 

Lewe, lewe Trine, 

Lat de Sonnke schine, 

Lafc dem Regenke äwcrg&ne, 

Dat de klöne Kinderkes könne spßle gänel 

So und ähnlich singt die ostpreussische Kinderwelt die Sonne hervor, 
und wer die lieben Versehen alle wissen will, schlage meine Volksreime auf, 
er findet sie unter No. 182 und ff. 8 ) Neu ist mir nach Veröffentlichung 
jenes Werkes noch der nachfolgende Reim aus Marggrabowa eingesandt: 

da lewe Kathrine, 
Lat de Sonnke schine, 
Lat den Regen vergane, 
Lat de Sonnke käme! 
Sonnke, Sonnke, schin wedder 
Möt de gold'ne Fedder! 

Zu gewissen Zeiten und an bestimmten Tagen ist der Regen von 
ganz besonderer Bedeutung. 

Die Gäste, die Freitags kommen, bleiben über Sonntag. (Dönhoffstädt.) 

Frühregen und alter Weiber Tänze dauern nicht lange. (Bock, 
Nat. I, 359. Sprichw. I, 1010.) 

Wenn Januar viel Regen bringt, werden die Gottesäcker gedüngt. — 
Im Januar viel Regen, wenig Schnee, thut den Bäumen, Thälern und 
Bergen weh. (Ostpr. Böbel 71.) 

St. Pauli (25. Jan.) klar bringt ein gutes Jahr; so er bringt Wind, 
regnet's geschwind. (Westpr.) 

Regen am Karfreitage bedeutet ein trockenes, aber fruchtbares Jahr. 

Wenn es am Ostertage regnet, so regnet es alle Sonntage 
bis Pfingsten. 

Wie es im März regnet, so regnet es auch im Juni. Märzregen, 
dürre Ernte. Märzenregen sollst wieder aus der Erde fegen. Märzregen 
bringt keinen Segen: es bleibt der Sommer trocken und die Ähre hocken. 
(Westpr. Böbel 81 f.) 

Aprilregen ist den Bauern gelegen. An Aprils Regen ist viel 
gelegen; ein trockner April ist nicht der Bauern Will*. — Warmer 
Aprilregen grosser Segen. (Ostpr. Westpr. Böbel 86 f.) Doch in Westpr. 



") Preussische Volksreime und Volksspiele. Von H. Frischbier. Berlin 1867. 



/ 



230 ^ ur volkstümlichen Naturkunde. 

auch: Trockner April ist des Landmanns Will 1 . — Auf einen nassen 
April folgt ein trockner Juni. 

Wenn's im Mai recht regnet, wird's Jahr wohl gesegnet. — Mai- 
regen — Gottessegen. (Dönhoffstädt.) — Im Mai soll dem Hirten der 
Bock (Sack) vom Leibe faulen, dann wird's ein gutes Jahr. — Mai, 
kühl und nass, füllt Scheun' und Fass. — Hegen am 1. Mai verschlägt 
nicht. (Oberland.) — Regen in Walpurgisnacht deutet ein gutes Jahr. 
(Westpr.) — Regnet es am 1. Mai, dann regnet es Mäuse, d. h. es 
giebt in dem Jahre viele Mäuse, das Jahr wird also ein trockenes 
sein. — Wasser, das im Mai steht, bringt den Wiesen Schaden. (Masuren. 
Westpr. Böbel, 91.) — Auf nassen Mai kommt trockner Juni herbei. 

Die drei Azius ohne Regen, dem Weizen bringt es grossen Segen. 
(Die drei Azius sind: Pankratius, 12. Mai; Servatius, 13. Mai; 
Bonifacius,5. Juni (in Ostpr. Bonifacius Märt. 14. Mai); — sie heissen 
auch die „strengen Herren'', weil an diesen Tagen die Witterung 
stets kalt ist). Böbel hat die hierhergehörigen Reime für Westpr. in 
folgender Fassung: Pankratius, Horatius, Servatius, der Gärtner sie 
beachten muss; gehn sie vorüber ohne Regen, dem Weizen bringt es 
grossen Segen. — Mamertus (11. Mai), Pankratius, , Servatius haben 
oft Kälte und Ärgernus. — Pankratius und Urbanus (25. Mai) ohne 
Regen bringt grossen Erntesegen. 

Wenn es Pfingsten regnet, wird keine Frucht gesegnet, — giebt 
es eine nasse Ernte. 

Regnet es am Medard listige (8. Juni), so ist in 40 Tagen kein 
beständiges Wetter zu erwarten. — Medardi Regen giebt der Gerste 
keinen Segen. — Was der Juni beregnet, lebt es, er auch segnet 
(Westpr. Böbel 97.) 

Regen am St. Vit i tag (15. Juni), die Gerste nicht vertragen mag. 
heil'ger Veit, o regne nicht, damit es nicht an Gerst 1 (Gras) gebricht! 

Von St. Veit bis Johannistag viel Nässe nicht gedeihen mag. 

Vor Johann (24. Juni) muss man um Regen bitten, nach Johann 
kommt er von selbst. — Regnet es am Johannistage, so regnet es 
Mäuse, — so giebt es eine nasse Ernte, — so gedeihen die Nüsse nicht. — 
Johannisregen ohne Segen. (Braunsberg.) 



Von H. Frischbier. 231 

Regnet es an Sieben-Schläfern (27. Juni), so regnet es 7 Wochen. 

Segnet es an Maria Heimsuchung (2. Juli), so regnet es 40 Tage 
und man hat so lange kein Heu. 

Regnet es am Sieben-Brüdertage (10. Juli), so regnet es 
7 Wochen; ist aber der Tag schön und klar, so hält sich das Wetter 
7 Wochen ebenso schön. — Sieben-Brflder Regen bringt weder Nutzen 
noch Segen. 

Wenn Margarete (13. Juli) pisst, d. h. wenn es an diesem Tage 
regnet, dann pisst sie 7 Wochen, — dann geraten die Nüsse nicht. — 
Wenn Margarete pisst, missrät die welsch" und Haselnuss. (Westpr.) 

Ist Apostelteilung (15. Juli) ein schöner Tag, so hebt er den 
Regen der sieben Brüder auf; regnet es jedoch an diesem Tage, so 
hält der Regen noch 4 Wochen länger an — nach andern noch 7 Wochen. 

Wenn't regent Magdalene (22. Juli), frett se de Nät' allene. 

Morgenregen im August legt sich noch vor Mittag. — Wenn es 
Bartholomäi regnet, wird der Herbst trocken und die Kartoffeln geraten 
gut. (Ermland. Dönhoffstädt.) 

Septemberregen dem Bauer gelegen. — Wie Ägidius (1. Septbr.) 
sich verhält, ist der ganze Herbst bestellt. Regen an Ägiditag giebt 
nassen Herbst. Ist an diesem Tage schönes Wetter, so dauert dieses 
noch 4 Wochen. (Dönhoffstädt.) Regnet es am Michaelistage (29. Septbr.) 
nicht, so kommt ein gutes Frühjahr, regnet es ohne Gewitter, so kommt 
ein gelinder Winter. (Weslpr.) 

Im November Wässerung ist den Wiesen Besserung. 

Wenn es im Herbste weiss friert, ist bald Regen da. (Egsbg. 
Böbel 115.) 

Weihnachten nass, giebt leere Speicher und Fass. — Regnet es 
unter der Miss', regnet es Woch' über gewiss. (Volkskal. 83 ff. N. Pr. 
Prov.-Bl. a. F. X, S. 277 ff. Sprich w. I, 3105.) 

Schnellen sich die Fische bei heiterem Himmel häufig aus dem 
Wasser, so steht in Kürze Regen bevor. (Dönhoffstädt.) 

Der Pirol (Regenvogel) zeigt durch sein anhaltendes Geschrei 
nahen Regen an. Dasselbe thun die Hähne, wenn sie bei Tage viel 
krähen. (Dönhoffstädt.) 



232 " Zur volkstümlichen Naturkunde. 

Wenn die Schafe viel springen und beim Heimtreiben hartnäckig 
das Gras am Wege abfressen wollen, dann ist der Regen nicht weit. 
(Dönhoffstädt.) 

Wenn Salz, Steine, Mauern, die Fussböden tief gelegener Häuser 
nass werden, die Wassertonne, die auf dem Lande in der Wohnstube 
nahe am Kamin steht, von aussen feucht wird, dann giebt's Regen — 
im Winter Tauwetter. 

In der Gegend von Saalfeld giebt's Regen, wenn der untere Boden- 
rand an Wassertonnen und Eimern, die Kimmje (Kimme) feucht wird. 
(Lemke 107.) 

Ein dampfender Wald verkündet Regen innerhalb 24 Stunden. — 
Wenn es in der Sommernacht nicht taut, wird's am Tage darauf 
regnen. — Regen ist in Aussicht, wenn das Fell des Hundes besonders 
unangenehm riecht, und wenn der Hund Gras frisst. — Wenn dem 
Menschen im Sommer „so faul a zu Mute ist, giebt's Regen. — Ein 
Wolkengebilde, das sich quer über den Himmel erstreckt und unge- 
fähr einem Baume ahnt, welchen Namen es auch führt, verkündet einen 
drei Tage anhaltenden Regen. (Saalfeld. Lemke 107.) 

Wenn es vor 6 Uhr morgens zu regnen beginnt, so wird das Wetter 
am Tage noch schön. (DöhnhofFstädt.) 

Gewitterregen am Abend soll nie über nachts 12 Uhr andauern. 
(Samland.) 

Regenwasser ist ein gutes Mittel gegen Warzen. Man benetzt 
mit dem Wasser, das sich auf einem Steine angesammelt hat, die 
Warzen und geht, ohne zu sprechen und ohne sich umzusehen, weiter. 
(Hohenstein. Toppen S. 55.) 

Wenn es bei Sonnenschein regnet, so sagt man : der Wolf hat das 
Fieber — die Wölfe pissen. (Sprichw. I, 4103.) 

Einen hohen Hut, wohl auch einen Menschen von bedeutender 
Körperlänge, nennt man einen Wolkenschieber. 

Rätsel: Auf dem Lehm läuft er, in dem Sande geht er ohne 
Spektakel. Po glinie, tylko plynie na piasku, bez trzasku. (Masuren.) 
Der Regen. — Et heft noch nie twei Däg nau enander geregnet. Es 
liegt eine Nacht zwischen zwei Tagen. 



Von H. Friichbier. 233 

Hagel. 

De Hagel helft dem Regen op em Zägel — der Hagel hat den 
Regen im Gefolge. (Samland.) 

Wäscherinnen, welche Wäsche, die am Sonnabend Nachmittag ge- 
waschen wurde, mit dem sogenannten Waschholze klopfen, rufen den Hagel 
herbei, der die Feldfrüchte zerschlägt. (Volkskal. 144.) 
Vor Hagelschlag bewahren die Johannisfeuer. 

In Masuren wird der Hagel auf folgende Weise beschworen : Die 
Hagelwolke anschauend, musst du dich segnen im N. 0. 2C; dann 
sprich: Vater unser 2C. und darauf dies Gebet: ihr schändlichen 
Hagelwolken, es befiehlt euch Christus der Herr, der Mann Gottes, durch 
mich seinen unwürdigen Diener, ihr sollet hinwegziehen nach andern 
wüsten Orten und dort zerstieben, auf dass ihr den Dörfern, den Gärten, 
den Feldern keinen Schaden thut durch Gottes Macht und mit des 
Sohnes Gottes und des h. Geistes Hilfe. (Toppen S. 46.) 

Tau und Beif. 

Wenn sich der Tau des Sommers über der Niederung lange auf- 
hält, so ist das nach Annahme der Bewohner der Höhe Vorzeichen 
eines klaren Wetters. (Bock I, 361.) 

Tau im März, um Pfingsten Reif, im August ein Nebelstreif. 
(Westpr. Böbel 82.) 

Der Tau ist im August so not, als jedermann sein täglich Brot; 
entzieht er sich gen Himmel, herab kommt ein Getümmel. (Westpr. 
Böbel 103.) 

Taulose Nächte deuten auf nahen Regen. (Dönhoffstadt.) 

Der Reif, namentlich früher Herbstreif, wird den dritten Tag vom 
Regen abgespült. (Dönhoffstädt.) 

Wenn im Advent Reif an den Bäumen sich zeigt, wird es ein frucht- 
bares Jahr geben. (Masuren.) 

Robrreift es in den Zwölften, so gerät die Gerste gut. (N. Pr. 
Prov.-Bl. a. F. X, 280 u. 283.) 

IVebel. 

Wenn Nebel aus niedrigen Feldern, Flüssen und Teichen sich 
langsam erheben und nach den Anhöhen aufsteigen, so regnet es bald; 

4ltpr. MoMUichrlft Bd. XXIL Hft. 3 d. i 16 



234 Zar volkstümlichen Naturkunde. 

verziehen sie sich aber, oder die Sonne zerstreut und verzehret sie, so 
bedeutet es schön Wetter. Erheben sich Nebel bei heiterem Himmel 
und Aufgang der Sonne, so entstehen Stürme, wenn sie aber als ein 
feiner Staubregen herabfallen, so bringen sie klares Wetter. Wenn des 
Morgens eine Nebelwolke vor der Sonne hergehet, oder des Abends ein 
dicker Nebel fällt, so regnet es gewöhnlich. (Bock, Nat. I, 360.) 

Viel Nebel in den Zwölften verspricht für das kommende Jahr 
Gedeihen des Rundgetreides. (Dönhoffstädt.) 

Wenn es in den ersten Tagen der Zwölften neblig ist, gerät die 
frühe, trifft der Nebel in die letzten Tage, die späte Gerstenaussaat. 
(Heilsberg. Böbel 69.) 

Nebel im Januar macht ein nass Frühjahr. 

Soviel im Märzen Nebel steigen, soviel im Sommer sich Wetter 
(Gewitter) zeigen. (N. Pr. Prov.-Bl. a. F. X. 275. 277.) 

Hundert Tage nach einem Märznebel treten Regen und Gewitter ein. 
(Ostpr. Böbel 80.) 

So viele Mal im März Nebel eintritt, so oft giebt's von Gewittern 
begleitete Regenfluten. Der kluge Bauer rechnet genau nach, damit er 
mit ziemlicher Sicherheit seine Feldarbeiten regeln kann. (Samland.) 

Viele Nebel im Herbst deuten auf schneereichen Winter. (Königs- 
berg. Böbel 116.) 

Schnee und Eis« 

Wenn es schneit, so sagt man: Die Mutter Maria macht Bett, — 
schüttet die Betten aus; in der Saalfelder Gegend: Frau Holle klopft 
sich das Bett zurecht. (Lemke 108.) 

Das Schneejahr gilt in Ostpreussen als ein reiches Jahr. (Medenau. 
Böbel 120.) In Westpreussen heisst es dagegen : Viel Schnee viel Heu, 
doch wenig Korn und Obst dabei. (Böbel 135.) 

Kleiner Schnee bringt anhaltende Kälte; grosser vieleckiger, der 
wie Wolle und Federn herabfällt, gemässigte Kälte oder Tauwetter. 
(Bock, Nat. I, 362.) 

Wenn zwischen Weihnachten und Neujahr grosse Schneeflocken 
fallen, so sterben im nächsten Jahr vorzüglich alte Leute; fallen kleine 
Schneeflocken, so sucht der Tod vorzüglich junge Leute. (Toppen S. 63.) 



^ 



Von H. FriBchbier. 235 

Ehe ein beständiger Winter eintritt, müssen erst sieben Winter 
vergehen. 

Die heiligen drei Könige (6. Januar) bauen entweder eine Brücke 
oder zerbrechen eine. — Wenn (in Westpr.) de hillige Christ en Brügge 
find't, so brickt he se, find't he kene, so raackt he ene. (Böbel 68.) — 
Dasselbe thut Matthäus (24. Febr.) nach dem bekannten Spruche: 

Matthees bricht Es, 
Hat er kes, 
Macht er wes. 

Wenn's im Februar nicht tüchtig wintert, kommt die Kälte um 
Ostern. — To Lichtmösse (2. Februar) geit de Schnei pösse. — 
St. Dorothee (6. Febr.) bringt den meisten Schnee. (Westpr.) 

Der Storch schnee muss herunter. (Storchschnee heisst der Schnee- 
regen im März und April; ist er nicht gefallen, so können die Störche 
nicht anlangen.) 

Am St. Gregor (12. März) rennt der Schnee zum Meer. (Masuren.) 
Bei Böbel: Am Gregorstag geht nunmehr der Winter in das Meer. 

Friert es Maria Verkündigung (25. März), so haben wir noch 
40 Nächte hindurch Frost zu erwarten. 

März schnee ist Dung der Saat. (Bastenburg. Böbel 79.) Doch 
heisst es auch: Märzschnee thut der Saat weh; Märzstaub golden Laub. 
(Königsberg. Böbel 80.) — Wenn man sich mit Märzschnee wäscht, 
so bleibt man immer jung. (Königsberg.) 

Im März müssen die Sprinde zufrieren (wenn der Winter milde war). 
(Dönhoffstädt) 

Wenn der Schnee im Frühjahr mit Regen abgeht, giebt's häufig 
Gewitter. (Bastenburg. Böbel 113.) 

Sei der April auch noch so gut, er schickt dem Schäfer doch 
Schnee auf den Hut. Doch : Im April ein tiefer Schnee, keinem Dinge 
thut er weh. (Westpr. Böbel 88.) 

Friert's in der Nacht zum 10. April, so friert es noch 40 Nächte. 
(Willgaiten. Samland.) 

Kommt St Georg (23. April) auf dem Schimmel geritten, so giebt 

es ein gutes Frühjahr, (Memel.) 

Der Mai ist selten so gut, er bringt dem Zaunpfahl noch einen Hut. 

16* 



236 Zur volkstümlichen Naturkunde. 

Wenn am Jakobstage (25. Juli) weisse Wölkchen bei Sonnen- 
schein am Himmel stehen, so sagt man : Der Schnee blüht für den 
nächsten Winter. (Westpr. Böbel 37.) 

Viel Frost und Schuee im Oktober deuten auf einen unbeständigen 
Winter; in Westpr. (nach Böbel 107) auf milde Witterung im Januar. 

St. Gallen (16. Okt.) lässt Schnee fallen.— Ist es zu St Gallen 
trocken, so folgt ein trockner Sommer. (Westpr.) 

Fällt im November der erste Schnee auf gefrorenes Land, so 
folgt eine reiche Ernte; im Gegenteil ist dies nicht der Fall. — Fällt 
im November der Schnee in den Kot, giebt's grosse Not. (Böbel 110.) — 
Fällt der erste Schnee in den Dreck, so ist der Winter ein arger Geck. 
(Medenau* Böbel 116.) -— Fällt der erste Schnee ins Nasse, so bleibt er, 
fällt er ins Trockne, so geht er bald wieder ab. (Memel. Böbel 120.) 

Wenn's um Martin (11. Novbr.) friert, gehen die Gänse zu Weih- 
nachten „aufm" Dreck. Auch: Tritt die Gans Martini auf Eis, tritt 
sie Weihnachten auf Seh—. 

Katharinen (25. Novbr.) Winter, ein Plack winter. 

St. Simon Jüd (Simon u. Juda, 28. Novbr.) bringt den Winter 
unter de Lud'. (Westpr.) 

Andreas (30. Novbr.) Schnee thut den Saaten weh. 

Kälte im November und Dezember ist nicht von Dauer: — um 
Neujahr tritt Tauwetter ein; geschieht dies aber nicht, so folgt ein 
anhaltender Winter. 

Dezember kalt mit Schnee giebt Korn auf jeder Höh'. — Kalter 
Dezember mit vielem Schnee verheisst ein fruchtbares Jahr. (Pr. Prov.-Bl. 
a. F. X, 276 ff. Toppen S. 63. Böbel 111.) 

Zur Bezeichnung eines starken Frostes hört man die Redensarten: 
Es friert, dass die Katzen miauen — es friert Keulen; es friert einem 
das Brot, die Seele im Leibe — das Wasser im Maul, — frieren, dass 
einem die Seele im Leibe pfeift. (Sprichw. I, 994 f.; II, 810.) 

Bätsei: Der Schnee: Ich bin glänzend, weiss und rein, aber 
schmutzig hinterdrein. — Et war e mal e Mann von Hacketecke, 
de hadd e wittet Lake on wull de ganze Welt bedecke on kern nich 
Uwer't Wäter. Auch: Kern e Mannke von Höckepöcke, hadd e grotet Lake, 



Von H. Frischbier. 237 

kunn de ganze Welt bespanne, kunn nich äwer't Wäter. (Gerdauen.) — 
Kommt ein (der) Vogel Federlos, setzt sich auf den Baum Blattlos, 
kommt die Jungfer Mundlos und frisst den Vogel Federlos vom Baume 
Blattlos. In Litauen lautet dies Rätsel, das sich schon im „Keterbüchlein" 
vom Jahre 1562 findet, nach Schleicher, Lit. Märchen :c. S. 208: Kam 
geflogen ein Vogel von Osten und setzte sich auf einen Baum ohne 
Aste; kam eine Jungfrau ohne Fusse und verzehrte ohne Lippen den 
Vogel. — Was hat keinen Hintern und sitzt, was hat keine Zähne 
und beisst? Schnee und Frost. Co dupi nie ma, a siedzi, co zgbow 
nie ma a k%sa. (Masuren.) 

Das Eis: Et ös e Brügg, de heft keinMönsch gemäkt, se ös nich 
von Sten, ok nich von Holt, on könne doch Mönsche on Perd' dräwer 
gäne. — E 61er Korw, e nüer Deckel. Ein zugefrorner Teich. 

Der Eiszapfen: Rund om ons Hüs Kriggelkraggelkrüs. Wenn 
de Sonnke schint, desto doller grint Kriggelkraggelkrüs rund om ons 
Hüs. — Hinger onsem Hüs hängt de Kruckelkrüs, wenn nu fangt de 
Sonn' to schlne, fangt de Kruckelkrüs to grine. Statt dieser Namen 
noch: Kuckernüs (Angerburg) — Kringkrangkrüs (Wehlack) — Kunkel- 
füs — Komkelfüs — Peter Krüs (Kraus). — Die letzten Verse lauten 
auch: Je mehr (je doller) de lewe Sonnke schint, je mehr *c. grint.— 
Sonnke schint, Bommelke grint. (Süllen.) 

IL Die Elemente. 

Feuer und Wasser« 

Die Wissenschaft hat zwar die „vier Elemente, innig gesellt", ausser 
Kurs gesetzt; dennoch aber „bilden Feuer, Wasser, Luft und Erde noch 
immer das Leben und bauen die Welt u . 

Das Volksrätsel sagt von ihnen: Vier Brüder sandte Gott in die 
Welt: der erste läuft und wird nicht matt, der zweite frisst und wird 
nicht satt, der dritte frisst und wird nicht voll, der vierte pfeift und 
rast wie toll. (N. Pr. Prov.-Bl. X, 291.) 

Unter diesen „vier Brüdern" sind namentlich Feuer und Wasser 
für den schlichten Mann des Volkes von hervorragender Bedeutung : 
er weiss ihren Wert zu schätzen und fürchtet ihre Gewalt. 



238 ^ ur ▼oHMtÜrolichen Naturkunde. 

Die „furchtbare Himmelsmacht" des Feuers jagt ihm Schrecken 
ein, und da menschliche Kraft der „freien Tochter der Natur" oft ohn- 
mächtig gegenübersteht, liegt es nahe, höhere Gewalten zur Fesselung 
dieses zerstörenden Elementes anzurufen. 

So begegnen wir denn auch mancher Zauberformel, welche im stände 
ist, die Gewalt des Feuers zu dämpfen und ihr ein Halt zu gebieten, 
und es würden deren mehr bekannt sein, wenn nicht die Wissenden 
ihre Kunst geheim hielten und des Glaubens lebten, dass diese durch 
Verrat geschwächt werde. 

Den nachfolgenden Segensspruch, der die Kraft besitzt, eine Feuers- 
brunst zu dämpfen, wenn man ihn dreimal gegen das Feuer spricht und 
darauf das Vater unser betet ohne Amen zu sagen, ist mir von dem 
Lehrer Nippa in Budweitschen, Kr. Goldap, mitgeteilt. Derselbe bemerkt 
in dem Begleitschreiben, dass er die Formel (vor etwa 40 Jahren) von 
dem pensionierten Lehrer Kornatz in Lissen, Kr. Angerburg, gleichsam 
als ein teuerwertes Vermächtnis erhalten habe, auf dass mit dessen 
Tode der Segen des Spruches nicht untergehe. Die Formel, inzwischen 
in „Hexenspruch und Zauberbann" veröffentlicht, lautet: 

Bauch und Feuer, stehe stille 
Um Christi, unsres Erlösers Wille, 
Und behalte bei dir Feuer und Flamme, 
Wie Maria ihre Jungfrauschaft vor und nach ihrem Manne. 

I. N. G. je. 

Der das Feuer Besprechende muss zu Pferde sitzen und zwar aut 
einem „weissen" Schimmel. Er umreitet dreimal die Brandstätte, spricht 
dabei die beschwörende Formel und jagt nach vollendeter Besegnung 
nach der Eichtung davon, in welcher keine Gebäude stehen. Sogleich 
dreht sich der Wind, und die Flamme eilt dem Davonjagenden nach. 
(Dönhoffstädt.) 

Nach einer Mitteilung aus Alt-Pillau wirft der das Feuer Be- 
schwörende ein Stück Zinn in die Flammen, worauf die bekannte Sator- 
Formel geschrieben steht. 

So wie der dreifache Umritt um das brennende Gebäude geschehen, 
wirft der Beratende das Zinn im Namen des dreieinigen Gottes in die 
Flammen und jagt schnell davon. Das Zinn zerschmilzt, das Feuer erlischt. 



Von H. Frischbier. 239 

Aus Plibischken, Kr. Wehlau, ist mir die nachfolgende Formel 
mitgeteilt, welche während eines dreimaligen Umganges um die Brand- 
stätte zu sprechen ist: 

Feuer, Feuer, du heissest Flamme, 
Dich (!) gebietet Gottes Lamme, 
Dass du sollest stille stehn 
Und Dicht mehr sollst weiter gehn! 

Weitere Formeln gegen Feuersbrünste s. Toppen S. 47. 49; vgl. 
auch Hexenspr. S. 108 ff. 

Pisanski, in seinen Überbleibseln des Heidentums *c. in Preussen 
(No. 22, §. 7), leitet aus der hohen Verehrung, die dem Feuer in früherer 
Zeit zu teil wurde, die (heute wohl kaum noch übliche) Gewohnheit her, 
„dass man einander einen guten Abend wünschet, sobald des Abends 
zuerst ein Licht in die Stube gebracht wird, wenn diese Höflichkeits- 
bezeigung gleich vor Anzündung desselben bereits beobachtet wäre u . 

Derselbe berichtet noch: Am Johannistage abends versammelt sich 
das Dorf, legt Heiser zusammen, macht ein Feuer, tanzt und jauchzt 
um dasselbe. — Anderwärts löscht man alles Feuer an jenem Abende 
aus, ein eichener Pfahl wird eingerammt, ein Bad hinaufgelegt und von 
den Knechten umzech so lange gedreht, bis es zündet. Jeder nimmt 
alsdann einen Brand nach Hause und steckt das Feuer wieder an. 

An vielen Orten Preussens und Litauens werden noch am Abende 
vor Johann die s. g. Johannsfeuer angeschürt; man sieht sie dann 
auf allen Höhen, so weit das Auge reicht. Diese Feuer helfen gegen 
Gewitter, Hagelschlag und Viehsterben, besonders wenn man am folgen- 
den Morgen das Vieh über die Brandstelle auf die Weide treibt; auch 
dienen sie gegen allerlei Zauberei und Milchbenehmung. 

Darum gehen die Bursche, welche die Feuer anzündeten, am folgen- 
den Morgen von Haus zu Haus und sammeln Milch ein. (Volkskai. 109. 
Preuss. Wörterb. I, 317.) 

Wenn das Feuer auf dem Herde oder im Ofen knistert und prasselt 
und braust, so geht eine Hexe hindurch (Wehlau), — so wird man 
beschändet. (Dönhoffstädt.) Schüttet man Salz hinein, so wird die Hexe 
vertrieben, die Lästerzunge von Blasen heimgesucht. — Brausendes 
Feuer zeigt auch kommenden Verdruss im Hause an; man hält ihn 



240 



Zur volkstümlichen Naturkunde. 



fern, wenn man dreimal ins Feuer speit. (Königsberg.) Letzteres hilft auch 
gegen die Verleumdung, indem es die Lästerzunge bindet. (Dönhoffstädt) 

Wenn man von jemand Feuer oder Licht erbittet, so darf man, 
wenn man's erhalten, nicht danken, sonst verfolgt eineu das Feuer. (Kgsbg.) 

Dass die Kraft des Feuers als Bild für manche volkstümliche Rede 
gedient, ist selbstverständlich; ich beschränke mich bei Anführung solcher 
Kedensarten — wie bisher — ausschliesslich auf die Provinz Preussen. 

Ben Akiba der Weise sagt: Es giebt nichts Neues unter der Sonne, 
und der kluge Kömer wusste, dass ihm, dem Menschen, das Menschliche 
nicht fern bleibe; die preussische (deutsche) Volksweisheit drückt die- 
selben Gedanken durch die Redensart aus: Es wird überall mit 
Feuer (mit Wasser) gekocht. 

Cholerische Menschen sind gleich Feuer und Fett gegen einander, 
und jeder Leichterregte und Aufbrausende ist wie angestecktes Feuer, 
ist gleich Feuer und Flamme. Dem Trägen und Langsamen, dem 
Phlegmatischen dagegen legt man Feuer in oder unter die Socken, 
unter die Sohlen, unter die Füsse, oder macht ihm gar Feuer 
unter den Zagel, damit er vorwärts, damit er aus seiner Buhe komme. 

Dass überall mit Wasser gekocht wird, hörten wir eben. Das 
Volk weiss überhaupt den Wert des Wassers zu schätzen: Man muss 
selbst das unreine Wasser nicht eher ausgiessen, als bis 
man reines hat — will sagen, eine gute Stellung soll man nicht 
aufgeben, ehe man nicht eine bessere gefunden. Spi nich ön't 
Wäter, dat du noch drinke motst! ruft man in Ostpreussen, und 
der Litauer hat diese Mahnung sogar in verstärkter Form: Spuck 
nicht in die Pfütze, vielleicht wirst du später selbst daraus 
trinken. (Schleicher S. 185.)°) 

Dennoch ist das Volk unter Umständen auch zugleich ein herber 
Verächter des Wassers: — Wasser giess' ich mir nicht einmal 
in die Stiebel! Vom Wassertrinken bekommt man Läuse 
(Filzläuse) in den Magen! sagt der Freund des Bieres, Branntweins 



•) Littauische Märchen, Sprichworte, Rätsel und Lieder von A, Schleicher. 
Weimar 1857. 



Von H. Frischbier. 241 

und Weins, wohl wissend, dass Wasser mag're Poeten macht. Der Jagend 
dagegen weiss er das Wasser als das passendste und zuträglichste Getränk 
zu empfehlen; die nach starkem Getränken verlangenden Kinder er- 
halten die ablehnende Weisung: Wasser für die Gans 9 ! 

Es giebt Leute, die sich so unschuldsvoll und schüchtern zu geben 
wissen, als könnten sie kein Wasser betrüben, d. h. trüben, und 
dennoch haben sie den Teufel im Nacken und den Schalk im Herzen. 
Würde man solchen Leuten in ihren verkehrten Ansichten oder schlechten 
Absichten beistimmen, so wäre das Wasser auf ihre Mühle. 

Eine Sache oder Arbeit, die sich nicht so leicht und schnell ab- 
thun oder beenden lässt, braucht zu ihrer besonnenen Ausfuhrung Zeit, 
es muss bis dahin noch viel Wasser den Berg hinunterlaufen — 
und dass das Wasser den Berg nicht hinaufläuft, weiss der Bauer 
so gut wie der Gelehrte, beide wollen daher nicht Unmögliches aus- 
geführt sehen. 

Eine besondere Wunderkraft schreibt das Volk dem Osterwasse r, 
d. h. dem in der Osternacht vor Sonnenaufgang geschöpften Wasser, zu. 
Es soll die Schönheit nicht allein erhalten, sondern auch erzeugen, die 
Sommersprossen und alle Ausschläge vertreiben, auch gegen alle Krank- 
heiten dienen und nie faulen; daher bewahrt man es lange auf. Das 
Osterwasser übt jedoch seine Wirkung nur, wenn der Träger desselben 
bei dem Hin- und fiückgange und während des Schöpfens kein Wort 
gesprochen hat. Ihn zu solchem Vergehen zu verlocken oder zu reizen, 
finden sich immer mutwillige oder schadenfrohe Leute genug. 

Schöpft man am Ostermorgen vor Sonnenaufgang drei Löffel fliessen- 
des Wasser, trinkt sie aus und spricht: Untergehn, auferstehn, immer 
treu, ewig neu! so kann der, an den man denkt, nimmer von einem 
lassen. (Westpr. Böbel 61.) 

Ein Bad in der Osternacht schützt gegen das Fieber, beseitigt 
Flechten und andere Hautausschläge. Pferde, welche in der Osternacht 
geschwemmt werden, bleiben bewahrt vor aller Krankheit; nur muss 
dafür gesorgt werden, .dass sie vor Sonnenaufgang wieder im Stalle sind. 

An manchen Orten begiessen sich Jünglinge und Mädchen am 
Ostermorgen gegenseitig mit Wasser, was die Gesundheit erhalten soll. 



242 Zur ▼olkstömlichen Naturkunde. 

Am Ostertage darf jedoch kein Wasser verspritzt werden, weil sich sonst 
die Fliegen vermehren würden. ( Volks kal. 84 je. Toppen S. 69.) 

Das Wunder, welches Christus auf der Hochzeit zu Kana vollzog: 
Wasser in Wein zu verwandeln, vollzieht sich nach der Volksmeinung 
in besonders heiligen Stunden noch unmittelbar. Als solche werden 
genannt: die Stunde von 11 bis 12 in der Weihnachtsnacht, die Oster- 
nacht und die Johannisnacht. 

Linemann in Delicae calendariographicae erzählt Bogen B3*, dass 
ein alter Preusse in der Christnacht auf das Wasser gelauscht habe, 
„aus Ursach einen guten Bausch davon zu tragen, und es allezeit ge- 
schmecket, bis endlich aus dem Wasser war Wein geworden, da habe 
er gesaget: Dat Water dat es Wyn, bald aber habe der Teufel 
geantwortet: ün Vagel, du best myn". 

Wind und Wetter. 

Auf Wind und Wetter haben die Menschen, vorzugsweise aber alte 
Frauen, bedeutenden Einfluss. In Pommerellen sagt das Volk: Wenn 
alte Weiber mit einem freundlichen Gesicht aufstehen, haben die Leute 
gut waschen. Es ist dann, nach der Volksansicht, gut Wetter. Gut 
Wetter wird's auch, wenn die Spitalweiber aufstehen. Und hat's am 
Vormittage geregnet, so wird nachmittags, wenn die Spitalweiber sich 
ausgeräuspert haben, besser Wetter. (Mannhardt, Germ. Mythen 653.) — 
Wenn in einem Hause grosse Wäsche stattfindet, müssen alle Familien- 
glieder freundliche Gesichter zeigen, damit das Wetter gut bleibe. — 
„Beine Schüssel zu machen", d. h. alles zu verzehren, damit schönes 
Wetter bleibe, resp. werde — ist eine stehende Aufforderung der Haus- 
frauen bei der Mahlzeit, wenn oft auch nur als blosse Nötigungsformel 
angewandt. — E ohl Wiew hefft söck opgehängt — ein altes 
Weib hat sich aufgehängt — sagt man, wenn starker Wind weht. 
(Sprichw. I, 4004.) — Wenn sich jemand erhängt hat, so stürmt es, 
und erst am Begräbnistage des Toten, also am dritten Tage, legt sich 
der Sturm. (Lubainen. Toppen 107.) — In der Gegend von Saalfeld 
sagt man, wenn der Sturm heult, wolle sich jemand aufhängen; so lange 
der Sturm anhält, sucht der Selbstmörder den Strick. (Lemke 108.) 



Von H. Frischbier. 243 

Wind und sturmisches Wetter giebt es, wenn die Schafe auf der 
Weide lebhaft umherspringen, die Böcke sich stossen, das Vieh auf dem 
Felde unruhig wird, Möwen sich in Gegenden zeigen, in denen sie sich 
nicht aufhalten. 

Vorzeichen eines schlechten Wetters sind das Geschrei der Hähne, 
Esel und Pfauen. (Dönhoffstädt.) 

Wenn der Kapitän eine* Schiffes, nach den Segeln sehend, leise 
pfeift, so ruft er dadurch stärkeren Wind herbei. (Altpreuss. Geschichten 
von dem Einen und dem Andern. Berlin 1882. S. 334.) 

Im Wirbelwinde fährt nach dem Volksglauben der Teufel und 
bringt allerlei Krankheiten mit. Wird man von einem Wirbelwinde 
überrascht, so darf man nur ausrufen: Pfui, pfui, Schweinsdreck! und jede 
Gefahr wird abgewendet. (Dubeningken. Sprichw. 1, 3448.) — In Masuren 
hält man ebenfalls dämonische Kräfte im Wirbelwinde thätig. Man hört 
dann ganz gewöhnlich den Ausruf: Der Teufel fährt zur Hochzeit. 
Wenn der Wirbelwind so stark ist, dass von ihm auch Erde aufgerührt 
und mitgeführt wird, so sagt man: Ein Pferd fliegt durch die Wolken — 
Ausdrücke, die sehr lebhaft an Wodans wilde Jagd erinnern. (Toppen 34.) 

Zieht eia starker Wind vorüber, oder erhebt sich bei vorher ruhiger 
Luft plötzlich ein heftiger Windstoss, dem die frühere Buhe folgt, so 
fliegt der Teufel vorüber (über den Schornstein). 

Im Oberlande hört man, wenn der Wind ein Boggenfeld wellen- 
artig bewegt, die Bedensart: Der Wolf jagt die Schafe. (Sprichw. 1, 4100.) 

Dass die Bichtung des Windes von wesentlichem Einfluss auf die 
Witterung ist, lehrt die Meteorologie; aber auch der Volksmund weiss 
die nach dieser Bichtung hin gemachten Erfahrungen klug und gewandt 
auszudrücken : 

Ös de Wind Sude, 

Denn regent es nich morge, denn regent es lüde; 

Ös de Wind Weste, 

Denn regent es aufs beste. 

(Einlage bei Elbing.) 

In den Sprichw. I, 4057 heisst ein ähnlicher Beim: 

Wenn de Wind kömmt ut Sude, 

Wart et regne, morge vielleicht, oder noch hide. 



244 ^ nr T olk«täin liehen Naturkunde. 

Wie der Wind am Quatember steht (und den ersten Dienstag 
nachher), so bleibt er vorherrschend das ganze Vierteljahr. (Memel. 
Böbel 59.) 

Ans welcher Gegend der Wind am Vormittage des Ostersonntags 
(sonnabends) webt, nach der wendet er sich bis Michaelis (29. Septbr.) 
gleich wieder, wenn er sich auch einmal entfernt. (Strasburg Westpr. 
Böbel 61.) 

Geht der Wind durch Nord nach Ost, so bleibt er stehn, geht er 
aber durch Süd nach Ost, so springt er bald zurück. (Labiau. Böbel 118.) 
Nach Bock, Nat. 1, 364 „kann man es in Preussen beinahe für untrüg- 
lich annehmen, dass, wenn der Wind im Winter und Frühjahr in Norden 
eine Weile stehet, alsdann stufenweise nach Osten rücket, auch da sich 
aufhält und dabei nicht ungestüm ist, alsdann klare und fröstliche 
Witterung erfolge. Gemeiniglich wird der Wind, der eine Weile ans 
einer Gegend gestanden, von einem ihm entgegengesetzten abgelöst, 
und folget auf einen langen Ostwind ein Wind aus Westen. 14 

Wenn man einem mit gutem Winde in entgegengesetzter Richtung 
ab- oder vorbeisegelnden Kahne einen Reisigbesen nachwirft, dreht sich 
der Wind für den Besenwerfer günstig. (Kurisches Haff. Altpreuss. 
Monatsschr. IV, 300.) 

Nordwind im Februar und Juni versprechen eine sehr ergiebige 
Ernte; Nordwind (aber auch Ostwind) am Michaelistage (29. Septbr.) 
deuten auf einen harten Winter. — Nord und Ost bedeuten starken 
Winterfrost. (Westpr.) — Wenn Nordwind im Februar nicht will, so 
kommt er sicher in April. (Westpr. Böbel 76.) 

Wenn es am Michaelistage morgens und mittags windig ist, 
so wird es im Herbste teuer werden; ist nachmittags stilles Wetter, 
so wird's im Frühjahre wohlfeil sein. 

Redensarten: Er hat sich Wind um die Nase wehen lassen, 
d. h. er hat im Leben viel durchgemacht, reiche Erfahrungen ge- 
sammelt. — Gegen den Wind kann man nicht pusten (blasen) — dient 
als Entschuldigung, wenn man seine eigene berechtigte Ansicht gegen 
die Meinung eines Höhergestellten aufgiebt. — Der Wind heult (bläst) 
heute aus einem andern Loch — sagt man, wenn jemand seine Ansiebt 



Von H. Frischbier. 245 

geändert hat — Zar Bezeichnung leichtsinniger Leute hört man: Er ist 
ein windiger Backer — ein windiges Strick — ein Windikus — ein Wind- 
sack — er hat viel Wind im Kopfe. — Dem Abgemagerten bläst der 
Wind durch die Backen. — Der arme Mensch hat den Wind immer von 
vorne (in Masuren : Dem Armen ist der Wind immer in die Augen — 
Biednemu zawsze wiatr w oczy.) — Der Wind jagt wohl Sandberge 
zusammen, aber keine dicken Bäuche. (Sprichw. I, 114. 5052 ff. 4329.) 

Bätsei: Zackerbacker geit längs dat Acker, bröllt wie e B&r, heft 
kein Hat on kein Här. (Säulen.) — Hier und da, allerwegen, wo man 
nicht kann das Pfund auswägen. — Hinter meinem Hause geht es 
immer husch, husch, husch. 

Einderreime: De Wind dei weiht, de Hahn dei kreiht, de Foss 
liggt ön dem (underm) Erat. Jungfer Brut, komm herüt, l&t ons doch 
e mal danze! (Danzig.) — De Wind dei weiht, de Hahn dei kreiht, 
he sott op'm Tun on frett Plüm'. öck segg 1 , he sull m! 6k wat gewen : 
he schmött möt lüter Stenke. Öck schmlt em wedder on troff em op 
sin'n E&hlkopp, do säd he : Meister Jakob ! (Pommerellen. Volksr. 187 f.) 

Die Witterung des ganzen Jahres wird in der Zeit der Zwölften 
(25. Dezbr. bis 6. Januar) bestimmt und zwar in der Weise, dass jeder 
Tag der Zwölften die Witterung eines Monats voraussagt: der 25. Dezbr. 
für den Januar, der 26. Dezbr. für den Februar u. s. w. Jeder Tag 
der Zwölften wird ausserdem noch in vier Teile (6 Uhr abends bis 
12 Uhr Mitternacht, bis 6 Uhr morgens, bis 12 Uhr mittags) zerlegt, 
und jedes solches Viertel giebt die Witterung für ein Viertel, d. h. eine 
Woche des bestimmten Monats. (Volkskal. 18.) Aus dieser Volks- 
meinung resultiert der Beim: Wie das Wetter amMakarius (2. Jan.) 
war, so wird's im September, trüb oder klar. Nach Böbel 69 deutet 
der helle Tag einen trüben Monat an, und umgekehrt. 

Ein sehr wichtiger Tag für die Volkswetterkunde ist der St. Vinzenz* 
tag (22. Jan.), denn: Wie das Wetter im St. Vinzent war, wird es sein 
das ganze Jahr. 

Ausser diesem Tage sind für die Witterung noch von Bedeutung 
der Medardustag (8. Juni) und der Ägidiustag (1. Septbr.): Wie's 
wittert am Medardustag, bleibt es* sechs Wochen lang hernach. — 




246 ^ ur volkstümlichen Naturkunde. 

Wie Ägidiu8 sich verhält, ist der ganze Herbst bestellt. Und: v Wie der 
Hirsch in die Brunst tritt (am Ägidiustage), so tritt er wieder heraus 
(Michaeli, 29. Septbr.). (N. Pr. Prov.-Bl. a. F. X, 274. 279. 281.) 

Das Wetter des April ist auch durch seine Unbeständigkeit sprich- 
wörtlich geworden : er kann uns auch mit dem Wetter „narren wie er wilR 

Von Tagen sind für die Witterung die Quatembertage und der 
Freitag von Bedeutung: Wie Wind und Wetter am Quatembertage sind, 
so gestalten sie sich auch in der Zeit bis zum nächsten Quatembertage — 
und so wie das Wetter am Freitage ist, so ist es auch an dem folgen- 
den Sonntage. 

Als Wetterpropheten treten unter den Tieren Hahn, Hund 
und Schwein auf. Wenn die Hähne stark krähen, der Pirol schreit, die 
Hunde Gras fressen und die Schweine Lager tragen, d. h: Stroh schleppen, 
so giebt es schlecht Wetter. (Vgl. Regen.) 

Redensarten. Dass die Veränderlichkeit des Wetters auch zur 
Bezeichnung des entsprechenden menschlichen Charakters hat herhalten 
müssen, versteht sich von selbst; wer seine Meinungen und Ansichten 
oft wechselt ist — wetterwendisch. Wer sich im Gewissen schuldig 
fühlt, kommt zu dem, dessen Zorn er fürchtet, wie das nasse Wetter, 
er zieht sich vor ihm wie das nasse Wetter und bittet ihn schliess- 
lich um schön Wetter, d. h. um Nachsicht und Vergebung. Wenn 
erwachsene Leute mit einander wie Kinder sich gebärden, kalbern oder 
albern, so sagt man: es giebt gut Wetter, die Kälber spielen. Hin 
und wieder hört man in solchen Fällen auch: Wir werden schlecht 
Wetter kriegen, die Eselchen spielen. Ist das Wetter gar zu schaurig, 
so verlässt den geduldigen Deutschen seine kostbarste Tugend dennoch 
nicht; er tröstet sich mit $em Satze: Schlecht Wetter ist besser 
wie gar keins! — Kurisches Wetter ist rauhes, unbeständiges 
Wetter, bezeichnet aber auch den Donner und gilt als Fluch. (Sprich w. 
I, 4037 ff. Preuss. Wörterb. I, 449; H, 466.) 

Erde. 

Wenn das Land reich ist, ist das Wasser arm. — Wer Land hat, 
mu99 eine Hand haben. — Wer Land hat, hat Streit. — Der Mergel 
macht reiche Väter, aber arme Kinder. — Was stinkt, das düngt. (Vgl. 
Sprichw. I, 2285; II, 2580.) 



Von H. Frischbier. 247 

in. Tiere. 

Säugetiere. 

Allgemeines. 

Will uns jemand ein Tier abkaufen, so müssen wir entweder es 
dem Käufer überlassen, oder einen so hohen Preis fordern, dass er vom 
Kaufe selber absteht, sonst stirbt das Tier bald. (N. Pr. Prov.-Bl. I, 36.) 

Wenn man ein Stück Vieh gekauft hat, so muss man es sogleich 
mit „Drank" begiessen, damit es niemand behexen könne. 

Wird ein Tier geschlachtet, so darf man's nicht bemitleiden, es 
würde sonst nur schwer sterben können; auch verblutet es nicht gut. 
(Friedland i. Ostpr.) Vgl. Simon Grünau, hrsg. v. Perlbach S. 90: Item 
und man ein fisch oder vieh abthut und is beclaget, sie meinen, es 
möge nicht sterben, man beschreit es denne. 

Am ersten Ostertage bei Sonnenuntergang bestreut man die Haus- 
tiere: Pferde, Rinder, Geflügel u. s. w. schweigend mit der Herdasche, 
welche man an einem Tage der Zwölften gesammelt hat, — sie bleiben 
dann das Jahr hindurch frei von allem Ungeziefer. (Dönhoffstädt.) 

Man jagt das Vieh mit Ruten aus, die der Dorfshirte den Haus- 
haltungen am Ostertage überbracht hat (wofür er Geschenke erhält), — 
das Vieh kehrt dann stets gut zurück. (N. Pr. Prov.-Bl. X, 118.) 

So lange das Vieh auf die Weide geht, muss nach Sonnenunter- 
gang nicht gesponnen werden, damit das Zugvieh bei der Arbeit nicht 
geifere und auch nicht zu Schaden komme. (Angerburg. Goldap.) 

Wenn jemand dein Vieh lobt, so sage im stillen: Du kannst ihm 
im A. lecken! und das Tier bleibt nnverrufen. (Darkehmen.) 

Die Tiere können in der Neujahrsnacht von. 11 bis 12 Uhr sprechen. 
(Lubainen. Toppen 66.) Im Samlande (auch in Gilgenburg) reden die 
Tiere in der Weihnachtsnacht in der angegebenen Stunde. Volkskai. 14. 
Man muss sich jedoch hüten, die Gespräche der Tiere zu belauschen, 
wer sie auch nur zufälligerweise hört, der stirbt. Toppen 74. Vgl. Pferd. 

Fledermau«. 

Namen: Flattermaus, Fladdermaus, pltd. Fladdermüs, Fleddermüs. 

Die Fledermaus fliegt dem Menschen gern in die Haare und ver- 
wickelt sich darin derart, das man sie schwer losbekommt. 



248 Zar volkstümlichen Naturkunde. 

Nach einer Notiz in dem Nachlasse von Keusch ") hat der un- 
fehlbares Glück, der eine Fledermaus im Hause findet. Im Erralande da- 
gegen herrscht der Glaube, dass eine Fledermaus im Hause Unglück bringe. 

Über die Brüderschaft zwischen Fledermaus und Eule s. Eule. Vgl. 
Pr. Wörterb. I, 195. n ) 

Katze. 

Namen: pltd. Katt, masc. Kater; im Scherze Dachhase. Rufname: 
Mfs, Mischen, Miz, Mizchen, Mizel, Misekatz, Pikatz, Puikatz, Puäch, 
Puäche, Püäche, Püse, Puschchen, Puschke, Puschkatze, Puschkaterchen, 
Mausekatz, Mausepeter. In der Saalfelder Gegend heisst die Katze: 
Schmigglfn, Lieschen, Jettchen, Just; der Eater: Peter (allgemein), 
Schnurr, Fuchs; beide nennt man auch Mühsam, weil sie mit Mühe und 
Fleiss Mäuse fangen. Der üblichste Zuruf ist Pi Pi! PuschPusch! zur 
Katze, Puscher Puscher! zum Kater. (S. Volksr. 242. Lemke 88.) 

Die Namen der Katze überträgt man gern auf Kinder, namentlich 
Mädchen: Mizchen, Mischen, Puschchen je. Die Katzen und die Kinder 
streichelt man gern: man puächeit, puschit sie. 

Mädchen, welche die Katze gut füttern, haben zu ihrer Hochzeit 
schönes Wetter: die Katze ist das Tier der Freija, der Göttin der Ehe. 

Wenn sich die Katze „wäscht", putzt, so kommen denselben Tag 
noch Gäste und zwar von der Seite, von welcher sie beim Putzen mit 
der Pfote ausholt. Dies gilt allgemein; in der Gegend von Passenheim 
verkündet die Katze auch Besuch, wenn sie sich den Hintern leckt. 
In derselben Gegend erkennt man aus dem Platze, wo sie sich putzt, 
die Art des Besuches: geschieht dies am Fenster, so kommt ein vor- 
nehmer Gast, thut sie's an der Thür oder auf der Ofenbank, so hat 
man einen Bettler zu erwarten. Wäscht die Katze den Vorderteil ihres 
Körpers, so giebt's Herrenbesuch; putzt sie den Hinterteil, so hat man 



,0 ) Volkstümliches (in Handschrift) von f Dr. B. Keusch, von ihm selbst schon 
»um grössten Teil in den Prenss. Provinzial-Blättern veröffentlicht Die betr. Blätter 
sind mir von dem tenern Verstorbenen kurze Zeit vor seinem Tode zur beliebigen 
Verwertung fibergeben worden. Das von mir daraus Benutzte ist mit „Keusch, Nach- 
läse" bezeichnet 

") Prenssisches Wörterbuch. Ost- und Westpreussische Provinzialismen jc 
Von H. Frischbier. 2 Bde. Berlin 1882 f. 



Von H. Priachbief. 249 

Damenbesuch zu erwarten. (Pillau.) Nach E. Lemke wirft man in 
der Saalfelder Gegend die Katze an die Siubenthür: kommt hierauf die 
Katze in die Stube, so steht ein freundschaftlicher Besuch in Aussicht; 
setzt sie sich still, oder bleibt sie stehen, so kommt ein Bettler. 

Nagt die Katze reissend an Besen oder an andern Gegenständen, 
so ist stürmische Witterung im Anzüge. (Pillau.) Im Ermlande ver- 
kündet die Katze Wind, wenn sie die Thür kratzt. Schlechtes Wetter 
giebt's, wenn die Katze Gras frisst. 

Fuhrleute nehmen ungern eine Katze auf den Wagen; denn wer 
eine Katze fährt, dem werden die Pferde müde. Daher wird beim 
Wohnungswechsel die Katze auf dem Arme in die neue Wohnung ge- 
tragen. (Samland. Fischhausen.) — Fuhrwerke, denen während der 
Fahrt eine Katze über den Weg läuft, erleiden einen Unfall. 

Lassen Katze und Hund gleichzeitig Wind, so entsteht ein Gespenst. 
(Beusch, Nachlass.) 

Wenn eine Katze vor einem Hause schreit, so giebt es darin bald 
Zank oder Unheil, selbst Tod. (Ostpr. Wuttke 271. ") Toppen 78.) 

Hätte die Katze den langen Schwanz nicht, so könnte sie die Mäuse 
nicht aus ihren Löchern locken. Jetzt hängt sie, vor dem Mausloche 
sitzend, die Spitze ihres Schwanzes, welche nach Brot riechen soll, wedelnd 
in das Loch und lockt so die Mäuse hervor. (Litauen.) 

Die im Mai geborenen Katzen, die Maikatzen, werden ersäuft, 
weil sie nicht gut mausen und viel schreien. 

Jungfrauen oder Frauen dürfen nicht junge Katzen ersäufen, weil 
ihnen sonst das Kochen, Braten oder Backen nicht gerät. (Dönhoffstädt.) 

Wenn die Katze elend wird, „vertrocknet", wie die Leute sagen, 
so muss man ihr die Spitze des Schwanzes abhacken; so kann sie wieder 
gesund werden. (Lemke 89.) 

Stirbt eine Katze, so muss man den Kadaver hoch über den Zaun 
werfen, damit der Flachs hoch werde. (Hohenstein. Toppen 94.) 

Wer im Finstern eine Katze jagt, hat zu befurchten, dass diese 



13 ) Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart von Dr. A. Wuttke. 2. Aufl. 
Bertin 1869. (Die Zahlen bezeichnen die Absätze des Werkes.) 

Allpr. IfonatMohrift Bd. XX IL Hft. 3 u. 4. 17 



250 ^ ur volkstümlichen Naturkunde. 

sich in den Teufel verwandelt und für den Mutwillen sich rächt. (Dön- 
hoffstädt.) Die Katze wird überhaupt als Hexentier gefürchtet. 

Die Katze steht in dem Gerüche, (krumme) Eier zu legen; daher 
man ein missratenes Machwerk wohl Katzenei zu nennen pflegt. Im 
Volksreime heisst es: 

Schu sehn scheike, 

De Katt de lad e Eike, 

War ök nich gerade, 

De Katt (Eäter) sull't söck brade. 

S. Volksr. 43. 

Nach dem Volksrätsel hat die Katze twei Blanke (Augen), ver 
Zanke (vier Krallenpfoten) und enen Brätspiess (den Schwanz). Der Kater 
aber: sitt ut wi e Katt, heft e Kopp wi e Katt, Pote wi e Katt, müst 
wi e Katt on ös doch kein' Katt. 

Die Naschhaftigkeit der Katze bringt das Rätsel ebenfalls zum 

Ausdruck : 

De Glatte (Wurst) Längt, 

De Rüge denkt: 

Wenn öek di On mine Ranze hadd! 

Vgl. Tierrätsel 25 ff. ,3 ) 

Im Vergleich mit der Katze, ist der Mensch: wie eine Katze 
falsch — schlau; er schmeichelt — , zeigt die Krallen wie die Katze, 
sieht aus (auch: horcht auf — macht ein Gesicht) wie die Katze, wenn's 
blitzt, — wenn's donnert, — wenn's wettert; er geht wie die Katze auf 
Nussschalen; kickt wie die Katze in den Kalender; hat es innerlich 
wie die Katze das Höchste. Man ist bei Eegenwetter nass wie eine 
Katze; verträgt sich mit einem andern wie Katz* und Hund; geht herum, 
wie die Katze um den heissen Brei; schleicht herum (zieht ab), wie 
die Katze vom Taubenschlag. Der Schmeichler, Kriecher macht Katzen- 
puckel — katzenpu ekelt; bei Prügeleien werden Katzenköpfe ausgeteilt. 
Mancher Mensch ist wie ein Kater neugierig — verliebt (wie ein März- 
kater); sieht aus wie ein geleckter Kater. (Korrespondenzbl. III, 52. ,4 ) 



ia ) Die Tierwelt in Volksrätseln aus der Provinz Preussen. Von H. Frischbier. 
Zeitschrift für deutsche Philologie XI, 344 ff. 

") Vergleiche mit Tieren. Von H. Frischbier. Korrespondenzblatt des Vereins 
für niederdeutsche Sprachforschung. 3. Jahrgang. Hamburg 1878. 



Von B. Frischbier. 251 

Im Sprichwort und in sprichwörtlicher Redensart sind Eatze und 
Kater reich vertreten. Im Dustern sind alle Katzen grau. Katzche 
will auch was haben. Da Katz, hast 6k e Föschke, — e Platz, — 
e Br&de! Das ist (man) für die Katz', wird nicht einmal die Katz' 
gewahr, es ist zu wenig; ebenso: Das trägt die Katz' auf dem Zagel 
(Schwanz) fort. Das ist für die Katz 1 zu Büchsen, wertlos, unzureichend, 
unzulänglich. Eine verlegte Sache hat die Katze mit dem Schwänze 
bedeckt. Hat man erreicht, wonach man lange gestrebt, so hat man 
die Katze im Sack. Eine Katze im Sack ist besser, als zehn auf dem 
Dache. Übernimmt man eine Sache ohne Prüfung und nähere Besich- 
tigung, so kauft man die Katze im Sack. Je mehr man die Katze 
striegelt (streichelt), je höher hebt sie den Zagel. Sieht doch die Katz* 
den Kaiser an, warum sollte der Mensch den Menschen nicht ansehen 
dürfen? Die Katze lässt das Mausen nicht, die Weiber naschen gern. 
Lass nur die Katze laufen, der Kater kriegt sie doch. Die Katze, welche 
Handschuhe anhat, fängt keine Mäuse. Verlangen bei der Mahlzeit die 
Kinder nach Fleisch, so sagt wohl der Vater zur Mutter: Bring 1 de 
Katt op e Dösch! Manche Speise, manches Qetränk schmeckt, Katz und 
Hund zu vergeben. Wer tüchtig gegessen hat, darf unbesorgt sein: 
die Katze wird ihm den Bauch nicht wegschleppen. Wirf die Katz 1 
wie du willst, sie fällt immer auf die Füss'. Man kann es hin und 
her drehen, die Katz' kommt doch immer auf die Füsse zu stehen. 
In einem zerlumpten Kleidungsstücke greifen zehn Katzen nicht eine 
Maus. Man muss die Katze in die Sonne halten, wenn man für einen 
andern etwas ausbaden, leiden muss. Wer im Kartenspiel Gluck hat, 
hat mit der Katze (dem Kater) gehurt. Die ersten Katzen sind Mai- 
katzen, welche nicht ausdauern, — ersäuft werden, d. h. die ersten 
Gewinne beim Kartenspiel gehen wieder verloren. Sticht man die Karte 
des Gegners, so heisst es: Ons f Katt kröggt 6k e Föschke. Bleibt jemand 
in einem Vortrage stecken, so ist die Katz 1 mit dem Ende weggerannt. 
Wat von de Katt ös, lehrt (lernt) müse. Das sind die falschen Katzen, 
die vorne lecken, hinten kratzen. Vögel, die früh singen, kriegt (frisst) 
die Katz 1 . Wenn die Katze nicht zu Hause ist, tanzen die Mäuse auf 

Tischen und Bänken. Was du sparst am Mund, frisst Katz und Hund. 

17* 



252 Znr ▼olkattimliehaii Naturkunde. 

Katt, dat sullst du wete, ongegönut Brot ward oft geg&te! Danach 
fragt keine Katz', die Sache ist ohne Interesse. Unwahrscheinliches, 
Erlogenes kann man dem Kater erzählen gehen. Als Zurückweisung: 
De Kater ward dt wat klemme. Schmieds Kater, das Vorhängeschlosa, 
liegt vor Stall und Schoppen. Lärm, Zank, Streit bezeichnet man als 
KatzengepSker, Katzenjagd; auffälliges Wesen und Getreibe ist Katzen- 
komödie. — Scheuchrufe zur Katze: katz! katzi! 

Pflanzennamen mit Katze: Katzenbaldrian, Katzenbullerjan, 
Katzenwurzel, Valeriana officinalis. K atzenkäs, Katzenkäschen, Malva 
rotundifolia. Katzenpotchen, Gnaphalium arenarium. Katzenzagel, Katzen- 
zahl, Equisetum arvense. 

Zusammensetzungen mit Katze: katzaus machen, ein Ende 
machen; sich katzbalgen, sich zanken :c, davon die Katzbalgerei; Katzen- 
fisch, kleiner Fisch, den man der Katze giebt; KatzengepSker, Lärm, 
Zank, Streit; Katzenjagd, Lärm, Zank, Streit; ebenso Katzenkomödie; 
Katzenkopf, Hieb an den Kopf; Katzenmargell, Mädchen, das die Katzen 
besonders lieb hat; Katzenpuckel, Visite; Katzensprung, kurze Strecke; 
Katzenstreifer, Kürschner, auch Schimpfwort. — Geldkatze, Geldgürtel; 
Maikatze (s. v.); Schmadderkatze, unreinliches Frauenzimmer, auch dünnes 
langes Talglicht mit Klunkerdocht, das beim Brennen prasselt 

Das Volk sagt den betreffenden Kaufleuten nach, dass sie in jedem 
Syrupfasse eine tote Katze liegen hätten; aus welchem Grunde wisse 
man nicht. (Lemke, brieflich. Vgl, Sprichw. I, 1900 ff.; II, 1401 ff. 
Lemke 89. Preuss. Wörterb. 1, 345 ff. Hagen, Preuss. Pflanzen u. d. a. W.) 

Kund. 

Namen: Köter; die Hündin: T§we, Tif, Töle, Tele, Zock, Zocke, 
Zogg, Zogge, Zuck, Zucke, Suck; Spitz; Pudel; für den Dachshund 
Teckel, Tekel, Täckel, Dackel 

Kufnamen: Bello, Karo, Greif, Lustig, Munter, Rollo, Wasser, 
Feldmann, Bergmann, Omei (ami), Scholli (joli), Bursch, Fido, Fidel, 
Fidele, Amrett, Aline, Bergine, Pikas, Filax, Strom, Perl, Turk, Schurk, 
Lump, Fix (namentlich für Schäferhunde), Packan (für grosse Hunde). 
Im Kindermunde: Hauhau, Wauwau; im Volksrätsel: Huffhaff (Tier- 



Von H. Friichbier. 253 

rätsei 36) und Pompern ellchen (Verbrecher-Bätsel von H. Frischbier. 
Am Urds-Brunnen IV, 9.) 

Wenn der Hand Gras frisst, so giebt es bald Begen. 

Wenn der Hund heult, sieht er den Tod oder Geister. In Masuren 
beruft man ihn dann nicht, vielmehr bekreuzigt sich alles. (Toppen 77.) 
Wer dann dem heulenden Hunde auf den Schwanz tritt und nach den 
Ohren des Tieres schaut, kann zwischen denselben gleichfalls den Tod 
sehen. (Saalfeld. Lemke 87.) In der Gegend von Passenheim sieht 
man den Tod, wenn man dem heulenden Hunde um 12 Uhr nachts 
über die Ohren sieht. 

Heult der Hund längere Zeit vor einem Hause, so stirbt in dem- 
selben jepiand, sicher, wenn er bei dem Heulen sitzt und dem Hause 
die Schnauze zugekehrt hat. In der Gegend von Friedland Ostpr. ist 
der dem Tode nahe, den ein Hund anheult. Ein Todesfall in der Fa- 
milie ist auch zu erwarten, wenn der Hund wiederholt mit gespreizten 
Beinen, den Kopf nach der Stubenthflr gerichtet, bellt. (Reusch, Nachlass.) 
Wenn bei Krankheit der Angehörigen der Hund sich so niederlegt, 
dass er mit der Schnauze der Thür zugewendet erscheint, so deutet dies 
auf den Ausgang des Lebens. (Hintz 118. ") Toppen 77.) 

Hat ein Hund, während er heult, Thränen in den Augen, so ist 
dies das sicherste Zeichen, dass er Geister sieht. Bestreicht man nun 
mit diesen Thränen oder auch mit den sogenannten Plieren die eigenen 
Augen, so kann man ebenfalls Geister, die Seelen der Verstorbenen, 
sehen. (Ermland.) 

Wird man von einem Hunde beim Vorübergehen heftig angebellt, 
so braucht man ihm nur genau mitzuteilen, wohin man sich begiebt, 
und er wird still. (Dönhoffstädt.) 

Der anbellende Hund weicht feige zurück, wenn man die Mätze 
in den Mund nimmt und ihm mit festem Blick gebückt entgegengeht. 

Das Gebell des Hundes gilt auch als Orakel. Mädchen gehen in 
der Neujahrsnacht vor die Hausthür und horchen, ob ein Hund belle. 
Der Schall deutet die Gegend an, woher der Freier kommen wird. 
(Reusch, Nachlass.) 

") Die alte gute Sitte in Altprenssen. Von C, 0. Hintz. Königsberg 1863. 



r 



254 Z ur volkstümlichen Naturkunde. 

Am Silvesterabende bellen die Hunde nicht. (Natangen.) Heult 
dennoch ein Hund, so stirbt jemand in dem Hause, yor dem er heult. 
Heult er am Neujahrs! age, so ist ein Toter in der Nähe, der ins Haus 
will. (Ermland. Volkskal. 34. 35.) 

Wenn man den Hund sein grosses Bedürfnis befriedigen sieht, muss 
man sich die Lippen belecken: sie platzen dann nicht. (Marggrabowa.) 

Hunde darf man nicht mit dem Besen schlagen, sie würden sonst 
vertrocknen, abmagern; ja hin und wieder treten ihnen dann die Ge- 
därme aus dem After: der Hund schleppt Fieken. (Passenheim.) Die 
Fieke ist bekanntlich der Bandwurm. 

Hunde, welche beim Harnen das Bein heben, sind wenigstens ein 
Jahr alt. 

Hat man einen Hund gekauft und befürchtet, dass derselbe nicht 
bleiben werde, so schabe man von den vier Ecken des Tisches etwas ab, 
knete das Abgeschabte mit Butter zusammen, streiche es auf Brot und 
gebe dies dem Hunde zu fressen. Durch den Genuss ist der Hund an das 
Haus gekettet und hat seinen früheren Herrn vergessen. (Fischhausen.) 

Auch vom Hunde gilt, was von der Katze angegeben worden ist: 
wirft man seinen Kadaver mit hohem Schwünge über den Zaun, so 
wächst der Flachs hoch. (Toppen 84.) 

Hundefett ist ein geschätztes Mittel gegen allerlei Krankheit, be- 
sonders gegen Krankheiten, welche aus Alterschwäche entstehen. Das 
Fett muss jedoch getrunken werden; es macht den Menschen so „ge- 
schmeidig, als sei er jung geboren". (Lemke 87.) 

Gegen den Biss des tollen Hundes wendet man folgende Mittel an: 
Man schreibt auf einen Zettel: „Gott allein die Ehr', sonst keinem 
andern mehr! Co.sza Niosz" und giebt dies dem Gebissenen ein. — 
Auf Zettel, die man eingiebt, schreibt man auch die bekannte Sator- 
Formel. '(Hexenspruch :c. 66.) Weitere Segenssprüche gegen den Biss 
des tollen Hundes s. Toppen 46 u. 48. 

. Der Mensch im Vergleiche mit dem Hunde: Wie ein Hund ab- 
gebrüht — beissig — gelehrig — geizig — glupsch — müde — treu 
sein; — abgünstig wie der Hund auf dem Heuhaufen; — ankommen 
wie der Hund aus Labiau (hinkend, ein Bein nachschleppend); — ar- 



Von H. Frischbier. 255 

beiten wie ein Hund; abziehen wie ein begossener (Hund) Pudel; — 
ankommen wie der Hund an die Peitsche; — aufpassen wie ein Schiess- 
hund; — aussehen wie ein Hund ohne Zagel (Schwanz) — wie ein 
Schlosshund; — bekannt wie ein bunter Hund; — dastehen wie ein be- 
pisster Pudel; — fressen wie ein Gerberhund; — gebunden sein wie ein 
Kettenhund; — gehen wie der Hund ohne Zagel; — gtlen wie de Hund 
nä Geelfleesch; — kommen wie der Hund von der Käst; — dazu kommen 
wie der Hund zum Pflaumenfleisch; — kotzen wie eine Gerbertöle; — 
lauern wie der Hund auf Geelfleisch; — leben wie ein Hund; — leben 
wie Hund und Katze, auch : ein Vertrag wie zwischen Hund und Katze ; — 
lügen wie der Hund läuft; — ein Gesicht machen wie ein Hund, wenn er 
Bauchschmerzen hat; — rennen wi e pössaja Huingd (Sprichw. 1, 3131); — 
etwas verstehn wie der tote Hund das Bellen; — vertieft sein wie der 
Hund auf der Zock; — wie Hunde um einen Knochen sich beissen — 
reissen — schlagen — streiten; — sich herumtreiben wie ein Hund — 
ein bunter Hund — Hirts Hund ; — sich quälen wie ein Hund — sich 
schämen wie ein bepisster Hund ; — einen haben wie den Hund an der 
Peitsche; — et bekömmt em — kömmt em to Hüs, wi dem Hund dat 
Grasfrete ; — sich nach einem bangen, wie der Hund nach der Peitsche; — 
einem gut sein, wie der Hund dem Juden; — wie ein Hund den Mond 
anbellen; — sich amüsieren wie ein Mops (Spitz) im Eosengarten — 
im Theegarten — im Tischkasten. 

Sprichwörter und sprichwörtliche Redensarten: Da liegt 
der Hund begraben! — Hunde schlagen gehen = betteln. — Es ist ein 
Wetter, dass man keinen Hund hinausjagen möchte. — Es regnet wie 
auf den Hund. — Auf den Hund kommen. — Mit allen Hunden ge- 
hetzt sein. — Von dem nimmt kein Hund ein Stuck Brot. — Er hat 
nicht, den Hund von hinter dem Ofen zu locken. — Er sieht aus, als 
ob ihn die Hunde vorgehabt hätten. — Der Knüppel liegt beim Hunde. — 
Den Letzten beissen die Hunde. Sehr beliebt ist die Zusammenstellung: 
Hund, Teufel, Mensch : Hund, Deiwel, Mensch hilf mir — thu' mir das ! 
Weiteres s. Sprichw. I, 1708— 57; II, 1252-80. 

Ostpreussen hat eine Hundau, einen Hundemacherwinkcl und 
eine Hundstürkei. Die Hundau, auch Huntau, in älterer Zeit Huntenau, 



256 ^ up volkstümlichen Naturkunde. 

ist die Gegend von Brandenburg am Frisching; der Hundemacherwinkel 
liegt zwischen Labiau und Tapiau. Zu ihm gehören die Dörfer Uder- 
ballen, Augstupönen und Stampelken in den Kirchspielen Goldbach und 
Eremitten. Als Spott: Er ist aus dem Hundemacherwinkel: in Stam- 
pelken werden die Hunde gemacht, in Uderballcn werden sie geringelt 
und in Augstupönen wird ihnen die Bell' eingesetzt. Hundstürkei hcisst 
die Landschaft zwischen Zinten und Pr. Eylau. 

Zusammensetzungen: Hunddrecksacker, Acker mit leichtem 
Boden; Hundeblaff, Beliruf; Hundebrot, Hundsbrot, dürftiger Lohn; 
Hundedrab; Hundegasse: in die H. kommen, in Elend geraten; Hunde- 
kälte; Hundeloch, elende Wohnung; Hundeseele: es ist keine H. da, 
es ist niemand da; Hundewetter; Hundewirtschaft; Hundezucht; Hunds- 
fott; Hundsklunker: einem Hundsklunkern geben, ihn durchprügeln; 
ähnlich Hundsknochen, Hundsnoten, mit der Hundslaterne leuchten; 
hundarschen, rasen, tollen, umherjagen wie die Hunde; hundemüde, 
hundsmüde, hunderackermüde, hundsmager. — Sauhund, Schweinhund, 
Höllenhund, Windhund als Schimpf- resp. Scheltwörter. 

Pflanzennamen: Hundsauge, -kamille, -romei, Anthemis arvensis. 
Hundsbeere, -kirsche, Lonicera Xylosteum. Hundsgras, Dactylis glome- 
rata und Triticum repens. Hundsknoblauch, Allium ursinum. Hunds- 
kohl, Mercurialis annua. Hundskürbis, Bryonia alba. Hundslauch, 
Allium vineale. Hundsmelde, Chenopodium olidum. Hundsmilch, Eu- 
phorbia helioscopia. Hundsnase, Antirrhinum majus. Hundsnelken, 
Saponaria officinalis. Hundsnessel, Galeopsis tetrahit. Hundspetersilie, 
Aethusa cynapium. Hundsrippe, Plantago lanceolata. Hundsrose, Bosa 
canina. Hundsschmele, Trichodium caninum. Hundsveilchen, -viole, 
Viola canina. Hundsweizen, Triticum caninum. Hundswirgel, Scleranthus 
annuus. (Hagen, Preuss. Pflanzen. Preuss. Wörterb. I, 303 ff. u. d. a. W. 
Korrespondenzbl. HI, 51.) 

Sage aus der Gegend von Saalfeld: Die schwarzen Hunde. 
Zwischen Ulpitten und Schnellwalde (bei der „kleinen Hütt") ist der 
„schmale Wald", und in diesem ist ein grosser Steinhaufen, in welchem 
es spukt. Wenn z. B. die Leute aus Albrechtswalde ihre Pferde dort 
hüten, merken sie ganz deutlich, wie es zwischen den Steinen poltert. 



Von H. Frischbfer. 257 

Einmal hat man erfahren, was dahinter steckt. Ein Mann, der auf der 
„Schreiberei" wohnte und den Tag über in ülpitten arbeitete, ging 
stets früh nach Hause, um nicht im Finstern jenen Spuk hören zu müssen. 
Aber ein junger Mensch, der auch einmal nach der „Schreiberei" gehen 
musste, verspätete sich ; es war schon ganz finster, als er an dem Stein- 
haufen im „schmalen Walde" vorbeikam. Plötzlich tauchten — gerade 
an einer kleinen, verkrüppelten Buche — zwei schwarze Hunde auf, 
die nun rechts und links von ihm denselben Weg schritten und immer 
grösser und unheimlicher wurden. Dem jungen Manne vergingen die 
Gedanken. Mein Gott, er wusste nicht, wie er überhaupt nach Hause 
kommen sollte ! Aber endlich langte er dort an. Doch der Schreck hatte 
ihn so elend gemacht, dass er am dritten Tage starb. (Lemke brieflich.) 

Wolf. 

Name: pltd. Wulf. Im Rätsel: Grimmgram. (Tierrätsel 36.) 

Die Tötung eines gefangenen Wolfes macht unehrlich. (Thorn.) 
Lenz, Gemeinnütz. Naturgesch. Gotha 1835. I, 166. 

Am Nikolaitage (G. November) kommen die Wölfe zusammen 
und gehen zu Maria Licht mess wieder auseinander. In dieser Zeit 
ist es gefahrlich zu reisen. (Hohenstein. Toppen 68.) 

Der Wolf zerreisst das Vieh, mit dem man am Johannis- und 
Jakobitage gearbeitet hat. (Toppen 73.) 

Läuft ein Wolf über den Weg, so bedeutet das Glück. Vgl. Fuchs. 

Sprichwörter: Der Wolf jagt die Schafe: wenn der Wind ein 
Roggenfeld wellenartig bewegt. — Wenn der Wolf im Mai im Saat- 
feld liegt, die Last des Kornos die Scheune biegt. (Dubeningken.) — 
Regnet's bei Sonnenschein, so sagt man: De Wulf heft dat Feber. 
De Wulw' pösse. — Der Wolf lässt wohl von seinen Haaren, aber 
nicht von seinen Nicken. — Wenn man an den Wolf denkt, ist er da — 
ist er nicht weit. — Wenn man den Wulf bim Name nennt, kömmt 
hei stracks öm Galopp gerennt. — Der Wolf nimmt auch ein gezeich- 
netes Schaf. — Ein alter Wolf ist böse zu bändigen. — He hefft söck 
den Wulf tom Schaphert gestellt. — Wenn en Wulf vom andre frett, 
denn ös knapp' Tit. — Dem liggende Wulf kömmt ök wat ön't Mül. 
Vgl. Sprichw. I, 4100 ff.; II, 2949 ff. 



258 Zar volkstümlichen Naturkunde. 

Der Mensch im Vergleich mit dem Wolf: Wie ein Wolf fressen — 
gierig sein — Hunger haben — heulen; fressen — Hunger haben wie 
ein Boggenwolf — wie ein Werwolf — wie ein Wolf in den Zwölften; — 
heulen wie ein Wolf in den Zwölften — wie ein Lichtmessenwolf. 
(Korrespondenzbl. III, 54.) 

Kinderspiel: 

Gosse- Gusse -G&nskes, kamt na Hü«! 

Wi dere nich. 
Ver wem denn nich? 

Ver'm Wulwe nich u. 8. w. 

(Vgl. Volksr. 177. Korrespondenzbl. III, 54.) 

Fachs. 

Name: pltd. Fos. Der Herbstbalg des Tuchs es, wie der des Hasen 
(s. d.) deutet die §tärke des Winters. 

Läuft ein Wolf oder ein Fuchs über den Weg, so bedeutet das 
Gluck. (Soldau.) Simon Grünau (hrsg. von Perlbach, S. 90), berichtet 
dagegen : und einer fert abir reit, und ein fox im über den wegk leufft, 
so sol im ein schade entstehen. (Toppen 77. N. Pr. Prov.-Bl. II, 338.) 

Wenn abends Nebel von den Wiesen aufsteigen, kocht der Fachs. 
(Mitteilung von Walter Gordack.) 

Fuchsleber und Fuchslunge werden in den Apotheken als Medika- 
mente für krankes Vieh gefordert: Fuchslungensaft, Syrupus Liquiritiae. 

Sprichwörter: Der Fuchs hat (weiss) mehr als ein Loch. Stirbt 
der Fuchs, so bleibt (gilt) das Leder (Auch mit dem Zusätze: lebt er 
lang, so wird er alt). Es ist nur eine. Sage, sagt der Fuchs, dass man 
mich zum Gänsehüten haben will (in der Gegend von Konitz: Dat is 
man so'n Kedenärt, mt nehmen s' tum Gäshöde ni, seggt de Fos). De 
Fos verlert de Här, äwer nich sine Nicke. — Zuletzt treffen sich die 
Füchse beim Pelzhändler. — Eine Sache, die man nicht finden kann, 
hatlder Fuchs mit dem Zagel bedeckt; das Unbedeutende, Geringe, 
Leichte trägt der Fuchs auf dem Schwanz fort. — - Wie ein Fuchs 
listig, — schlau sein, — liegen, — lauern. — Wie der Fuchs unter der 
Egge sitzen; — wi de Fos vor'm Loch ligge, — op Geelftäsch Iure, — 
nä Geelfl&ch gile. — - Den Fuchs schleifen: aus einer grossen Kanne 



Von H. Frischbier. 259 

in die Kunde trinken. (Violet, Neringia 164.) Vgl. Sprichw. I, 1013 ff.; 
II. 815 ff. Preuss. Wörterb. I, 209. Korrespbl. III, 50. 

Pflanzennamen: Fuchsschwanz, Panicum germanicum, Lythrum 
salicaria, Alopecurus geniculatus. Fuchsschwanzgras, Alopecurus agrestis. 
Fuchssegge, Carex vulpina. Hagen a. d. a. W. 

Dachs. 

Namen: Tachs, imErmlande Gräber, sonst auch Qräwing, Greifing, 
Dachsbär. (Bujack 363.) 

Am Tage Pauli Bekehrung (25. Januar) kommt der Dachs aus 
seiner Höhle. Scheint dann die Sonne, dass er seinen Schatten erblickt, 
so eilt er in die Höhle zurück, und der Winter dauert nun noch so 
lange, als er bereits gewährt; sieht er dagegen den Schatten nicht, ist 
der Himmel also trübe, so wird es bald Frühling. (Er. Goldap.) 

Sieht der Dachs zu Lichtmess (2. Februar) seinen Schatten, d. h. 
scheint an diesem Tage die Sonne, so kehrt er in seinen Bau zurück, 
und es giebt noch langen Winter. (Natangen.) 

Das Fett vom Dachs ist gut zum Eintrinken; es hilft, wenn der 
Arzt nicht mehr helfen kann. (Saalfeld. Lemke 90.) 

Der Mensch im Vergleiche mit dem Dachs: Wie ein Dachs schlafen, — 
im Loche sitzen; von sin egen Fett lewe, wi de Tachs öm Winter. 
(Korrespondenzbl. III, 50.) 

Iltis. 

Namen: Duck, Dock, Duch, Elk, Ilk, Ilsk, Ilske, Iltke, Ulk, Illing, 
Nilling, Nilk, Ölsk, Ülske, Düs, Dous. 

Sprichwörtliches: Wie ein Ilske (ölske) stinken; — flsten wie 
e Duck. (Vgl. Preuss. Wörterb. I, 154. Nesselmann, Thesaurus 34. 
Korrespondenzbl. III, 51.) 

Bär. 

Namen: Bar, Bär, Zieselbär, Zeiselbär, schwarzer Bär. 

Der Bär war einst in Deutschland König der Tiere, ist aber vom 
Löwen verdrängt. (Grimm, Keinhardt XLVIII. ff.) 

Der Bär saugt an den Pfoten ; daher die Redensart, dass der Mittel- 
lose, Unbeschäftigte, Pfoten saugen muss. 



260 Zur volkstümlichen Natnrknnde. 

Das Fett des Bären ist als Heilmittel sehr beliebt. Das Land- 
volk unterscheidet: Barefett von em (dem Männchen) und von ehr 
(dem Weibchen). 

Der Fjuhrer des Bären heisst Bärentrecker, Bäretrecker, der 
Käfig Bärenkasten. 

Ackerstucke und Schluchten nennt man Bären winkel, B&rewinkei. 

Von Pflanzeu sind nach dem Bären genannt: Hordeum hexastichon, 
Bärengerste, und Vicia duraetorum, Bären wicke. In Hagen, Preussens 
Pflanzen, finden sich noch folgende Namen: Bärenklau, -tatze, Hera- 
cleum, Bärenlauch, Allium ursinum, Bärentraube, Bärbeere, 
Arbutus uva ursi. 

Die Bewohner von Schippenbeil und Pischbausen führen den Spitz- 
namen: Bärenstecher. (Das Genauere s. Keusch, Sagen 113. Preuss. 
Wörterb. I, 190.) 

Der Bär im Sprichwort: Wenn der Bär auch noch so brummt, 
tanzen muss er doch. Dem ohle Bare ös schlömm danze lehre; allge- 
mein auch hochdeutsch. 

Der Mensch im Vergleiche zum Bären: Wie ein Bär brummen, — 
brummig, — bärmaulig, — grimmig sein. — Aussehen wie ein ge- 
leckter Bär, — wie ein Zeiselbär. — Tanzen wie ein Bär. — Er ist ein 
rechter (alter) Brummbär, — ein Bärenhäuter; er ist ein Bärengrumpri. 

Der Bär im Spiel: 

Blind Kauke, öck ledcT di. 

Wohen denn? 
Ön o Bärestall. 

De Bare blte mi. 
Nömm e Knöppel on wehr di 

(von hinge on von fere)! 

Der Träge und Mfissiggänger liegt auf der Bärenhaut. Der 
Schuldeumacher hat einen (guten) Bären brummen. (Vgl. Preuss. 
Wörterb. I, 55; Sprw. I, 240; II, 258; Volksr. 186. Korrespbl. III, 49.) 

Maulwarf. 

Namen: Moltwurm, Moltworm, Moltwurf, Mälzsack. (Bujack 363. 
Preuss. Wörterb. II, 71.) 

Wenn der Maulwurf bis unter das Gemäuer eines Hauses gräbt, 
so wird in diesem Hause bald jemand sterben. 



Von H. Friachbier. 261 

Wird das Bindvieh mit dem Sande von Maulwurfshügeln beworfen, 
so wird es so blitzend blank wie der Moltwurm selbst. (Lemke 90. 82.) 

Der Maulwurf im Rätsel: Hinjger onsem Hüs plegt (auch: seit) 
Peter Krüs (auch: schwärt Peter, Krüs) ohne Schär on ohne Zech, plegt 
Winter on Sämer weg. Auch: Heft kein Zech on kein Schär, on plegt 
doch sin §gen (auch: dep) F&r. (Tierrätsel 33. ff. Vgl. Schwein.) 

Eichhörnchen. 

Namen: Eichkätzchen, pldt. fikkatt, fikhärnke, Eichkater, ßkkater. 
Letzterer Name auch hin und wieder zur Bezeichnung des männlichen 
Tieres. In der Gegend von Konitz auch Fibritzekatt. 

Sprichwörtliches: Fliuk wie ein Eichhörnchen, — wi e Fibritze- 
katt. (Korrespondenzbl. III, 50») 

maus« 

Pltd. Mfis, Dem. Müske. 

Findet der Wirt eine Maus auf seinem Acker, so muss er sich 
bemühen sie lebendig zu ergreifen; gelingt's, und trägt er sie über die 
Grenze, dann kommen ihm keine Mäuse auf die Felder. (Reuach, Nach- 
lass. Ermland.) 

Zeigt sich in einem Hause eine weisse Maus, so kann man darauf 
gefasst sein, dass dort bald ein Todesfall eintreten wird. (Lemke 91.) 

Mäuse und Satten können Ostern gebannt werden: vier Mädchen 
müssen in einer der Frühlingsluft wenig entsprechenden Kleidung. zur 
Mitternachtsstunde an die vier Ecken des Hauses gehen, dort an die 
Wand klopfen und rufen: 

Ratz', Ratz 1 , aus der Wand! 
Ostern ist im Land. 

(Lemke 14.) 

Vergleiche mit der Maus: Mancher Mensch ist beschäftigt — 
geschäftig — flink wie die Maus in den Sechswochen (wf de Müs, de 
junge wöll); er kickt, wie die Maus aus den Klunkern, — sieht aus, 
steht da, wie ein Töpfchen voll (kahler) Mäuse; er sieht aus, wie 'ne 
Maus in der Wickelheed ; er ist arm wie eine Feldmaus — Kirchenmaus. 
(Korrespondenzbl. III, 52.) 



2ß2 ^ ur ▼olkstümlichen Naturkunde. 

Sprichwörter und sprichwörtliche Redensarten: Wenn die 
Maus satt ist, schmeckt das Körnchen bitter. Müske dun, Körnke bötter. 
Wenn die Maus satt ist, läuft sie über's Korn. Er sitzt wie die Maas 
(üblicher Made) im Speck. Wer auf dem Stuhle, eingeschlafen, nickt, 
fängt Mäuse; wer eine versteckte Absicht erkennt, merkt Mäuse. Beim 
Armen krepieren die Maus' in der Speckkammer — Speisekammer. Davon 
kann keine Maus fett werden. — Ich möcht bloss Maus gewesen sein! 
sagt man, wenn man einer Unterredung gern beigewohnt hätte. 

Bat sei: Pipop on Quarrop, 

Ginge op 6ne Barg 1 rop; 

Acht Ftf od Ine Zägel, 

Räd' e mal, wat's dat fern'n Vagel? 

(Maus und Frosch.) 

Die Maus heisst hier Pfeifauf, in einer Variante des Rätsels auch 
Piper, Pfeifer. (Vgl. Tierrätsel 30.) 

Nach der Ähnlichkeit heisst Maus eine Geschwulst an der Seite 
tragender Kühe, die sich schnell hin und her bewegt. Kommt die Maus 
bis an den Hals, so muss die Kuh sterben. Mittel: Man durchsteche 
die Maus mit einem Pfriem. Man ziehe dem kranken Stück Vieh schnell 
die Zunge aus dem Halse und beisse die Spitze ab. (Dönhoffstädi) 

Kleinen Kindern, welche sich das Röckchen aufgedeckt haben, 
schlägt man dieses schnell zurück und ruft: Die Maus, die Maus (de 
MÜs)! Maus ist Kose- und Schmeichelwort für Mädchen. Liebe Maus, 
trautstes Mauschen! 

Mäuse nennt man auch die Sorgen und Gedanken, die Kopf und 
Herz erfüllen : man macht sich oder andern Mäuse. (Vgl.Preuss. Wb. 11,58.) 

Von Maus bildet sich durch Ableitung Mäuslein, Mäuschen, pltd. 
Müske, mausig. Dass dich das Mäuslein beisst! als Ausruf der Ver- 
wunderung, des Staunens. — Sich mausig machen, dreist, keck, stolz, 
unverfroren auftreten. 

Zusammensetzungen: Mauszahn, Mausdreck, Mausefaller, Mause- 
holz, Mauseschwänzchen, Mauskopf, Mausepeter. ' Die Milchzähne sind 
Mauszähne, gehören der Maus; fällt ein solcher ans, so wirft das Kind 
den Zahn über den Kopf auf den Ofen mit den Worten : Müske, Müske, 
öck gew df e knäkerne Tän, göff mf e tserne! — Er mengt sich in 



Von H. Friaehbier. 263 

alles, wie der Mausdreck unter den Pfeffer.— Mausefaller heissen 
die Slowaken, welche Mäuse- und Rattenfallen fertigen. — Mäuse holz 
ist in Westpr. Name für Nachtschatten, Solanum; Mauseschwänzchen 
für die Bisamhyacinthe, Muscari botryoides. Mauskopf nennt das Volk 
die schwarzköpfige Grasmücke, Sylvia atricapilla, während Mausepeter 
der Eater (auch die Eatze) als tüchtiger Mauser heisst. 

Dass mausen, Mäuse fangen, auch die bildliche Bedeutung: 
heimlich und mit List stehlen, hat, wäre noch anzuführen. Vgl. 
Preuss. Wörterb. an betr. Stelle. 

Hase« 
Namen: Lampe, Mucker. Nach dem Aufenthalte: Feld-, Wald-, 
Holz-, Berg-, Grund-, Sumpf- oder Moor-, Bruch-, Sand-, Steinhase. 
(Bujack 365.) Deminutiv: Häschen, Haschen, pltd. H&ske. 

Haben Hase oder Fuchs im Herbst einen stark behaarten Balg, 
so giebt es einen starken Winter; ist der Balg leicht behaart, so wird 
der Winter flau. 

Der Hase bringt Unglück: Geschäftsgänge missglücken, auf einer 
Keise begegnet ein Unglück, wenn ein Hase über den Weg läuft. — 
Wenn ein Hase ins Dorf gelaufen kommt, so wird es bald daselbst 
brennen. (Marggrabowa.) Siehe auch Toppen 77. 

Der Hase im Rätsel: Auf welche Seite fällt der Hase, wenn er 
geschossen wird ? Auf die rauche. — Wann hat der Hase Zahnschmerzen ? 
Wenn ihn der Hund beisst. — Warum sieht sich der Hase um, wenn 
ihn die Hunde verfolgen? Weil er hinten keine Augen hat. — Was 
macht der Hase, wenn er über den Weg läuft? Einen Kreuzweg. — 
Warhm läuft der Hase mehr vor einem weissen, als vor einem schwarzen 
Hunde ?j Weil er denkt, der weisse Hund habe sich den Bock ausge- 
zogen und könne daher besser laufen. — ^ Warum 'rennt der Hase über 
den Berg? Weil er nicht durch den Berg laufen kann. — Wie weit 
rennt der Hase in den Wald? Bis in die Mitte; hat er diese erreicht, 
dann läuft er zum .Walde hinaus. — Wo geht der Hase hin, wenn er 
ein Jahr alt ist? Ins zweite* Jahr. — Worüber fällt der Hase, wenn 
er über den Graben springt? Über seine Füsse. — Ein Hase sitzt im 
Garten und kann nicht über'n Zaun, nicht durch'n Zaun, nicht unter'n 



264 ^ ur volkstümlichen Naturkunde. 

Zaun, und der Jäger steht hinter ihm. Wie kommt der Hase aus dem 
Garten? Das sei des Hasen Sorge. 

Der Mensch im Vergleich mit dem Hasen: Wie ein Hase furcht- 
sam sein, — gesetzt sein, — schlafen. Eiu Hasenherz sein. — Das 
Hasenpanier ergreifen, auch: das Hasengewehr. (Korrespbl. III, 51.) 

Der Hase im Sprichwort: Da sitzt der Hase im Pfeffer. — 
Dazu kommen, wie der Hase zum Kohl. — in den Kohlgarten. — 
Ein Has' macht viele Spuren. — Das Häschen hat ihn geleckt. — 
Häschen, hast 'nen Bart, so nähr 1 dich, d. h. sorge für dich selbst, 
nun du erwachsen bist. — Brot, das den Kindern von Besuchen oder 
aus der Stadt mitgebracht wird, heisst flaschenbrot. Ein Häschen, 
so wird erzählt, hat's für das Kind mitgegeben oder in eiuem Verstecke 
zurückgelassen. Vgl. Sprich w. I, 1494; II, 1123. Preuss. Wb. I, 274. 

Pflanzennamen: Hasenampfer, Kumex obtusifolius; Hasen- 
aug, Geum urbanum; Hasenbrot, Briza media u. Luzula campestris; 
Hasenfuss, -klee, -pfötchen, Trifolium arvense; Hasenpfötchen auch 
Gnaphalium dioicum; Hasengras, Briza media; Hasenheide, Spar- 
tium scoparium; Hasenkohl, Oxalis acetosella, Sonchus oleraceus u. 
Lapsana communis; Hasenlattich, Prenanthes muralis; Hasenlöffel, 
Alisma plantago; Hasenöhrchen, Bupleurum rotundifolium; Hasen- 
pappel, Malva rotundifolia; Hasenpfotbinsen, Eriophorum vagina- 
tum; Haseuried, Carex ovalis. (Hagen, Preuss. Pflanzen u. d. a. W.) 

Pferd. 

Namen: Kragge, Kracke (auch altes, abgetriebenes Pferd). Hingst 
= Hengst; Kobbel = Stute; Wallach. Das Füllen heisst: Fohlen, 
Fälle; in der Kindersprache : Hitsch, Hitschchen, Hftscherchen, Hitsch- 
fällchen, Hitschfalle, Hitschfüllen. (Ostpr.) Hisch, Hischchen 2c. (Westpr.) 
Das männliche Füllen heisst Hengstfohlen, Hingst fälle; das weibliche 
Stutfohlen, Kobbelfälle; die Mutterstute Fohlenkobbel, Fällenkobbel. — 
Nach der Farbe: Vos, Brüner, Kapp, Schömmel, Scheck. 

Zurufe: Lockruf: Hietsch Hietsch! Anspornend: Hot! He! Hü 
Heda! Je! Zurückhaltend: Burr! Purr! Beim Fahren und Pflügen: 
Hott! = rechts, Je he! = links. (Volksr. 242. Preuss. Wb. u. d. a. W.) 



Von H. Frischbier. 265 

Aberglauben: Die Pferde werden in der Osternacht geschwemmt, 
das bewahrt vor aller Krankheit, nur müssen sie vor Sonnenaufgang 
wieder im Stalle sein. (Samland. Volkskal. 87.) 

Wenn man einen Finger von einem Gehängten in den Stall legt, 
so gedeihen die Pferde gut. (Reusch, Nachlass.) 

Legt man in der Sylvesternacht den Pferden Handwerkzeug (Hobel, 
Schneidemesser, Bohrer, Hammer je.) in die Krippe, so bewahrt man 
sie dadurch vor Krankheit. (Friedland Ostpr.) 

Es ist sehr gut, kranke Pferde mit weissen Laken abzureiben. 
(Saalfeld.) 

Wenn ein Pferd eine Hasenscharte hat, so muss man sie an drei 
Freitagen nach einander bei abnehmendem Lichte unter dem allgemeinen 
Segen: Im Namen Gottes :c. bestreichen. (N. Pr. Prov.-Bl. X, 119, 205.) 

Wenn der Geistliche zu einem Kranken fährt, und die Pferde spitzen 
dabei ungewöhnlich die Ohren und spielen mit ihnen, als ob sie scheu 
werden wollten, so wird der Kranke sterben. (Beuscb, Nachlass.) 

Vor Leichenwagen spannt man niemals tragende Stuten, weil diese 
„zu schaden kommen 11 , d. h. beim Fohlen Unglück haben wurden. Gewöhn- 
lich werden Wallache vor den Leichenwagen gespannt. (Passenheim.) 

Schauen die Pferde vor dem Leichenwagen, während dieser vor 
dem Trauerhause steht, auffällig nach einem Nachbarhause hin, so stirbt 
in demselben jemand in nächster Zeit. (Passenheim.) 

Wenn während der Fahrt mit der Leiche die Pferde an einem Hause 
stehen bleiben, so stirbt in diesem Hause gleichfalls jemand. (Passenheim.) 

Wenn die Pferde bei einer Fahrt zum Besuche „prusten", so werden 
die zu Besuchenden sich über den Besuch freuen. (Passenheim.) 

Pferde ermüden leicht, wenn sich eine Katze auf dem Wagen be- 
findet. Auch werden sie müde, wenn man abfährt, während frischge- 
backenes, eben aus dem Ofen gezogenes Brot auf dem Tische liegt; 
oder wenn Knaben sich am Herde aufhalten und vom gekochten Essen 
schmecken. (Alt-Pillau.) 

Die Pferde werden unruhig, stehen ungern und gehen häufig durch, 
wenn ein so eben aus dem Ofen genommenes Brot, das also noch heiss 
ist, zum Essen auf den Tisch gebracht wird. (Saalfeld.) 

Alfpr. Monatsschrift Bd. XXII. HfL3n.d, 18 



266 Zur volkstümlichen Naturkunde. 

Träumt man von schwarzen Pferden, so bedeutet dies Tod. Träumen 
Mädchen von braunen Pferden, so kommt ein Freier. (Saalfeld.) 

Sagen: Als der liebe Gott (Christus unser Herr) noch auf Erden 
wandelte, kam er einst an einen Pluss und wollte hinüber. Am Ufer 
des Flusses weidete ein Pferd und ein Ochse. 

„Trage mich hinüber!" sprach der liebe Gott (der Herr) zu dem 
Pferde; doch dieses antwortete: „Ich habe keine Zeit, ich muss fressen." 
Darauf sprach der liebe Gott (der Herr): „So friss denn und werde 
niemals satt!" 

Der Ochse aber bot dem lieben Gott (dem Herrn) bereitwillig seinen 
Rücken und trug ihn über den Fluss, und Gott (der Herr) sprach: 
„Weil du unaufgefordert mich durchs Wasser getragen hast, so sollst 
du, wenn dir reichliches Futter gegeben wird, ebenso schnell satt werden, 
wie dein Pflüger". 

Daher fressen die Pferde auf der Weide unaufhörlich und werden 
niemals satt; das Bind aber wird schneller satt als das Pferd, verzehrt 
weniger und geniesst die Freude des Wiederkauens. (In der ganzen 
Provinz und weiter bekannt.) 

Um die Mitternachtsstunde der Neujahrsnacht reden alle Tiere die 
Sprache der Menschen. Wer aber in dieser Stunde ihre Bede belauschen 
würde, wäre ein Kind des Todes. Dies that in Masuren ein Haus- 
wirt; er war auf den Schuppen gekrochen, um die Gespräche seiner 
Pferde in dem darunterliegenden Stalle zu hören. Da vernahm er nun, 
dass sie über ihn bittere Klage führten: wie sehr sie angestrengt würden, 
wie wenig sie zu fressen bekämen, wie* harte Schläge sie zu erdulden 
hätten. Ihm wurde angst und bange; doch er bekam einen Todes- 
schreck, als das eine Pferd sagte: „Der uns dort oben behorcht, den 
werden wir nach sechs Wochen tot hinausfahren". Und so geschah es: 
der Bauer erkrankte, starb und ward in der vom Pferde angegebenen 
Zeit zum Kirchhof gefahren. (Passenheim.) 

Das Pferd im Vergleiche zum Menschen: Wie ein Pferd dumm, — 
fromm, — eigensinnig, — statisch sein. — Eigensinnig sein wie ein 
Droschkenpferd — Kutschpferd. — Nicken haben wie ein altes Droschken- 
pferd. — Ein Gedächtnis haben wie ein Pferd. — Wie ein Pferd ar- 



Von H. Prischbier. 267 

beiten. — Gehen wie ein Körassierpferd. — Saufen wie eine Acker- 
mäbre. — Besoffen sein wie ein Ackergaul. — Abgetrieben sein wie ein 
alter Droschkengaul. — Wie ein Hengst braschen — gehen — durch- 
gehen. — Vom Pferde hergenommen sind noch die Redensarten: 
sich auf die Hinterbeine setzen; — mit allen Vieren ausschlagen; — 
auf allen Vieren beschlagen sein; — den Pferdefuss zeigen; — gegen 
die Peitsche gehen. — Wie ein Pullen ausschlagen, — lustig, — 
munter sein; — munter wl e Sogfölle. (Korrespondenzbl. III, 50 f.) — 
Bei Krankheiten, deren Kur ein gewisses Unbehagen erzeugt, sagt man: 
Eine Pferdekur durchmachen. 

Sprichwörter: Ein gutes Pferd findet sich wieder. Ein schlechtes 
Pferd, das den Hafer nicht frisst, der ihm vorgeworfen wird. Wer das 
Pferd kauft, kauft auch den Schwanz. Auf die magern Pferde setzen 
sich die meisten Mücken. Wer sich als Pferd verdungen, muss auch 
als Pferd ziehen. Wenn de Perd' göt stäne on de Früens afgäne, denn 
kann de Bär rik wäre. 

Zusammensetzungen: Pferdefischerei, Fischerei in kleineren 
Flüssen, bei der die Fische durch Beiter allmählich in ein quer aus- 
gespanntes Netz getrieben werden. Pferdsdreck, -scheiss. Pferds- 
liebe, plump-zärtliche Umarmung. Bossgarten, Stadtteil in Königsberg. 

Tiernamen: Pferdskäfer, Geotrupes stercorarius. Pferdseile, 
-eule, Hirudo sanguisuga. Bösschen, Libelle. 

Pflanzennamen: Pferdebohne, Bossb., Vicia Faba. Pferds- 
dorn, Hippophae rhamnoides. Pferdegras, Holcus. Pferdskastanie, 
Aesculus hippocastanum. Pferdemünze, Mentha aquatica. Pferde- 
poley, Mentha silvestris. Pferdesamen, Bossfenchel, Phellandrium 
aquaticum. Pferdeschwanz, Hippuris vulgaris. Pferdewurz, Car- 
lina acaulis. Pferdezahn, Zea mays. Bossampfer, Bumex hydrola- 
pathum. Bossfenchel, Selinum carvifolia. Bosskümmel, Peucedanum 
Silaus. Bossnessel, Stachys. Bosspappel, Malva silvestris. Boss- 
schwanz, Equisetum limosum. Bossveilchen, Viola canina. Boss« 
wicke, Vicia sativa. — Vgl. Sprich w. I, 2915; II, 2031 ff. Korrespbl. 
m, 53. Preuss. Wörterb. I, 139. Lemke 86. Treichel, Volksth. a. 

d. Pflanzenwelt IL Hagen, Preuss. Pflanzen u. d. a. W. 

18* 



268 Zur volkstümlichen Naturkunde. 

Esel. 

Das Geschrei des Esels ist ein Vorzeichen schlechten Wetters. 
Vgl. Wind und Wetter. 

Sprichwörter: Den Esel zu Grabe läuten, sitzend mit den 
Füssen baumeln. Der Esel geht voran, wenn jemand in einer Reibe 
von Personennamen den seinigen zuerst nennt. Wenn dem Esel zu 
wohl ist, geht er aufs Eis. Wenn sich die Esel recken, dann 
wird schlechtes Wetter, wenn jemand die Glieder reckt, streckt 
Wie ein Esel arbeiten müssen, — beladen, bepackt sein (beladen seiu 
wie ein Packesel), — faul sein. Zu gebrauchen sein, wie der Esel zum 
Laufen. Huren wie ein Steinesel. Vgl. Sprichw. II, 751 ff. Eorrespbl. 
ni, 50. 

Pflanzennamen: Eselsdistel, Carduus nutans. Eselsfuss, 
-hilf, Tussilago Farfara. Eselskörbel, Scandix anthriscus. Esels- 
kraut, -milch, Euphorbia esula. Eselsmöhre, Daucus carota. Vgl. 

Hagen u. d. a. W. 

Hirsch« 

Der Hirsch tritt am 1. September (Ägidius) in die Brunst "). Geht 
er nass hinein, d. h. bei Regenwetter, so kommt er trocken, bei schönem 
Wetter, heraus, und dieses hält vier Wochen an. Beginnt die Brunst 
bei trockenem Wetter, so tritt der Hirsch bei nassem Wetter heraus. 
Der Volksmund sagt: Natt herön on dreg herüt, dreg herön on natt herüt 

An einem bestimmten Tage [welchem?] springt der Hirsch ins 
Wasser. Von der Zeit an soll man baden gehen. (Hohenstein. Toppen 70.) 

Sprichwörtliches: Wie ein Hirsch dürsten, — durstig sein. 

Eorrespbl. HI, 51. 

Ziege« 

Namen: Zeg', Eoö, Eose, letzteres von dem poln. koza. Das 
Männchen Bock, Ziegenbock, pltd. Zegebock. 

Zurufe: Matz Matz! Eorr Korr! Zamm Zamm! — Burr Burr! 
(Litauen.) Hödd Hodd! (Samland.) — Diese Bufe gelten mehr noch dem 
Schafe. Vgl. Volksr. 242. 

") Der Hirsch, der am Agidi-Tag tritt in die Brunst, spührt Liebes-PUg. 
Carminft nupt II, 284° . 



Von B. FriBchbier. 269 

Die Ziege hält man in Masuren für verwandt mit dem Teufel; 
daher auch das Sprichwort: Die Ziege und der Teufel sind eins, koza 
i diabel to jedno. Auch pflegt man im Bilde dem Teufel einen Ziegen- 
kopf zu geben. 

Sagen: Einst führte ein Bauer eine Ziege zu Markte. Unterwegs 
bindet er sie an einen Baumstamm und geht auf die Seite. Während 
seiner Abwesenheit entführt der Teufel die Ziege, dreht ihr den Kopf 
ab und steckt diesen in einen Sumpf. Der betrübte Bauer sucht die 
Ziege und sieht endlich ihren Kopf aus dem Sumpfe ragen. Voll Ärger 
ruft er: Wo hat dich der Teufel hingetragen! und eilt, die Ziege aus 
dem Sumpf zu ziehen; aber o weh! den Leib des Tieres hatte der 
Teufel entführt, dem Bauer blieb nur der Kopf. 

Eine Ziege drängte einst ihren Kopf durch die Stecken eines Zaunes 
und konnte weder vorwärts noch zurück. Das sah der Teufel und sagte: 
Nun wird man wieder sagen, das habe ich gethan. Bald darauf sah 
der Hirte die unangenehme Lage des Tieres und rief: Wie hat dich 
denn der Teufel da wieder hereingebracht! Habe ich's nicht gesagt, 
bemerkte der Teufel, dass die Menschen mir die Schuld zuschreiben 
würden! (Passenheim.) 

Sprichwörtlich: Wie eine Ziege klappern, — vertrocknet sein; — 
wie ein Ziegenbock steif sein, — stinken. Korrespbl. III, 54. 

Bock. 
Wenn Kinder maulen, schmollend schweigen, aus Eigensinn stoss- 
weise schluchzen, so bocken sie, — sind vom Bocke gestossen, — 
der Bock ist im Garten, — sie sitzen im Bockwinkel, namentlich 
wenn sie sich in eine Zimmerecke zurückgezogen haben; auch kurz: 
sie sind bocksch, bockisch. Solch maulenden Kindern singt man vor: 

Bock öS dm Garde, 
Wöll den Kohl afbläde. 
Jagt em rut, jagt em rüt! 
Heft geele Stewelkes an, 
Lacht em üt, lacht em üt! 

Wird das Maulen jedoch unerträglich, so drohen die Eltern: 
Warte, ich werde dir den Bock schon austreiben! Hat das 
Kind sich endlich beruhigt, so hat es ausgebockt. 



270 ^ ur ▼o^atümlicfaen Naturkunde. 

Der Bock stösst, sagt man aber auch, wenn man schluchzen muss. 
Die Tolkemiter sagen von dem, der aus Frauenburg kommt: Den hat 
der Bock gestossen. Die Frage: Hat dich der Bock gestossen? bat 
auch den Sinn: Bist du toll? 

Unter bocken versteht man aber auch die Vollziehung des ge- 
schlechtlichen Aktes. Daher heisst es von gefallenen Mädchen: Hat ihr 
das Bocken gefallen, so muss ihr auch das Lammen gefallen. 
Dat Bocke geit leicht, dat Lamme schwär. 

Der Bock kümmert sich um die Lämmer nicht, das Schaf muss 
sie leiten; daher: Wat gäne dem Bock de Lämmer an, seggt de 
Buur, dat Schaap mot se ledde. 

In nächster Verbindung steht der Bock mit den Schneidern, weil 
diese, wie viele Volkslieder kund thun, gern Zeug unterschlagen und 
dadurch dem Bösen verfallen, den wieder der Bock repräsentiert. 

Folgender Neckvers trifft die ehrliche Schneiderzunft ebenfalls: 

De Bock, de leep den Barg hönnop, 

He leet sin Närschke blocke, 

Da rennden em alle Schnidersch na 

Möt Nadel, Tweern on Flöcker. 

Stah, stah, min Böckerke, 

Lat din Närschke flocke! 

Stah, Bock, min Mannke, 

Fer de kleene Sannke! 

Der Bock im Sprichwort: Alte Böcke haben steife Hörner. — 
Ein alter Bock stösst hart. — Bist du ein Bock, so stosse dich. — Den 
Bock zum Gärtner setzen. — E ohler Bock lett woll von de Woll, awer 
nich von de Necken. 

Wegen seines Scrotums wird der Bock von anderen Tieren beneidet. 
Der Bulle begrüsst ihn mit der Frage: Kleener Keerl, grooter Sack, 
wöll wie tu— usche? „Nemmermehr—r!" antwortet der Bock. 

Der Mensch im Vergleiche mit dem Bock: Böcke streifen, 
vomieren; einen faulen Bock lassen, — schiessen, sich unmanier- 
lich auffuhren. Einen Bock schiessen, zunächst so viel als einen 
Fehlscbuss thun, einen Fehler machen. Wie ein Bock stossen, — 
Beine haben (bocksbeinig sein). So stief as en Zegebock. Es 
inwendig haben, wie der Bock das Fett. Voller Streiche sein, 



Von H. Frischbier. 271 

wie der Bock voller Lorbeeren. Voll Stolz sien, wie de Bock 
voll Klätre. Als Schimpf- und Scheltworte treten auf: Bockfell 
(böses Frauenzimmer, Einfaltspinsel), Bocksdämel, Dummkopf, davon 
bocksdämlich. 

In dem Nachlasse von Keusch finde ich den Vermerk: bocks- 
beuteln (lugen), jemandem einen Bocksbeutel anhängen, ihm eine 
Unwahrheit aufbinden. Einen ins Bockshorn jagen, ihn einschlich- 
tern. — Gegenstände, die eigentlich biegsam sein sollten, aber die 
Elastizität verloren haben, sind steif wie Bocksleder. 

Die Stadt Frauenburg heisst im Volksmunde Bockstall, die Be- 
wohner Bockstecher, Bockstosser. 

Der Bock im Bat sei: Kam ein Männchen aus Engelland, hatt' 'neu 
beschlagnen Backenbart. (Fommerellen. Tierrätsel 21.) — Ein Fährmann 
sollte einen Wolf, einen Bock . und einen Kohlkopf übersetzen. Sein 
Boot war aber so klein, dass es ausser ihm nur einen Gefährten fasste. 
Wie macht er das? Nähme er zuerst den Wolf in den Nachen und 
liesse den Bock und den Eohl ohne Aufsicht, so würde der Bock den 
Kohl verspeisen; setzte er dagegen den Kohl über, so frässe unterdes 
der Wolf den Bock. Er setzte daher zuerst den Bock über, denn der 
Kohl war beim Wolfe nicht gefährdet; dann fuhr er leer zurück und 
holte den Kohl ab. Bock und Kohl durfte er jedoch am jenseitigen 
Ufer nicht allein lassen, er nahm daher den Bock wieder zurück, setzte 
ihn am diesseitigen Ufer ab, packte den Wolf in den Nachen und fuhr 
ihn zum Kohl hinüber; endlich kehrte er nun wieder leer zurück, um 
auch den Bock zu holen. 

Pflanzennamen: Bocksbart, Spiraea ulmaria, Tragopogon. 
Bocksbeere, Bibes nigrum, Bubus caesius. Bocksmelde, Cheno- 
podium olidum. Vgl. Preuss. Wörterb. I, 92. Sprichw. I, 401 ; II, 395. 
Volksr. 45. 65. Zeitschr. f. d. Phil. XI, 346. Korrespondenzbl. III, 50. 
Hagen u. d. a. W. 

Schaf. 

Namen: Schafbock, Bock, das Männchen. Schaf, das Weib- 
chen. Lamm, das Junge. 

Zurufe: s. Ziege. 



r 



GeC*. 



272 ^ ur ▼olkatämlichen Naturkunde. 

Aberglauben: Findet man einen Halm mit zwei Ähren und 
giebfc diesen einem Mutterschafe zu fressen, so wird dieses ein Pärchen 
Lämmer zur Welt bringen. (Ermland.) 

Das lebhafte Umherspringen der Schafe auf der Weide verkündet 
Wind und stürmisches Wetter. (Vgl. Wind und Wetter.) 

Redensarten und Sprichwörter: Wie ein Schaf (Lamm) 
dumm, — geduldig, — fromm, — sanft, — unschuldig sein. — Er hat 
seine Schafchens (Schäfchen) ins Trockne gebracht, er hat sich gut zu 
stellen gewusst. Er weiss seine Schafchens gut zu scheren, seinen Vor- 
teil wahrzunehmen. Wenn man die Schafe schert, zittern die Lämmer. 
Das Schaf trägt das Lamm auf dem Bücken, wenn es nicht gelammt 
hat, in dem Werte der Wolle. Er lässt sich vom Schaf beissen und 
hat'ne Axt in der Hand. Er sitzt in der Wolle. Geruhige (geduldige) 
Schafe gehen viele in einen Stall. Ein Schaf, das immer blökt, ver- 
liert manchen guten Bissen. Machst du dich zum Schaf, so frisst dich 
der Wolf. E Schäp schockt man, e Kalf kömmt wedder, zu dem, der 
eine Bestellung schlecht ausgeführt hat. — Wenn Kinder die Butter 
vom Brote ablecken, so sagt man : sie jagen die Schafe über die Brache. — 
Über den dicken Reis mit Rosinen und Korinthen, der beim Kindtaufs- 
oder Hochzeitsschmause aufgetragen wird: Da sönd de Schäp rewa ge- 
gange. (Vgl. Sprichw. I, 3235 ff; 2278 ff. Korrespondenzbl. III, 52.) 

Schimpfwörter: Schafskopf, Sehaftzagel, Schaf ohne Woir ! (VgL 
Bock unter Ziege.) 

Rätsel: 

Ging e Gedärtke äwer de Brügg, 
De ögen stanjgen em kickerdekick, 
De Här de stanjgen em krollerdekroll — 
Wer dat Dich rät, de 08 rasend doli. 

Tierrätsel 20. 

Pflanzennamen: Schafampfer, Rumex acetosella. Schaf- 
garbe, Achillea millefolium. Schafgras, -Schwingel, Festuca ovina^ 
Schafkörb el, Tordylium anthriscus. Schafkraut, Arabis. Schaf- 
linsen, Goronilla varia. Schafscabiose, -rapunzel, Jasione montana. 
(Hagen, Preuss. Pflanzen u. d. % W.) 



Von H. Frischbier. 273 

Rind. 

Namen: Bulle, pltd. Boll, männliches Bind. Kau, Koh, weib- 
liches Bind: Masche, Muschekub, Mschock (Saalfeld). Kalf das 
Juuge: Bullenkalb, Kuhkalb; das kastrierte: Ochsenkalb; das 
weibliche heisst auch Kiskalb. Os = Ochs, das kastrierte Bind. Alle 
Tiere zusammen heissen das liebe Yiehchen; sie bilden die Haupt- 
sorge des Landmanries. 

Zurufe: Lockruf: Musch Musch! Musche Husche! Muscheköke! 
Anspornend: Wie beim Pferde und in Litauen noch Sehe! Zurückhal- 
tend: Wie beim Pferde und in Litauen noch Hoha! zum Anhalten im 
Zuge, und Staku! (zurück! halt!) wenn das Tier auf der Weide zu weit 
weggeht. Beim Fahren und Pflügen: Heitsch! Hetsch! Aitsch!Hot! = 
rechts. Ze! Kse! Schwodder! (schwodde, schwod, schwudde, schodder — 
in Masuren czoder) = links. Bischke! = halt. (Volksr. 242. Preuss. 
Wörterb. u. d. a. W. 

Aberglauben: Von hervorragender Bedeutung ist der erste Tag 
des Austreibens der Herde; als günstige Tage hierfür gelten: der Sonn- 
tag Oculi, Maria Verkündigung (25. März), der St. Georgstag (23. April) 
und Walpurgis (1. Mai). Iu einigen Gegenden gilt der 1. Mai als ein 
unheilvoller Tag, weil das Vieh, triebe man's an diesem Tage zum 
ersten Male aus, vom Wolfe gefressen werden würde. Über die Zere- 
monien, die beim ersten Austreiben, namentlich seitens des Hirten, be- 
obachtet werden, s. meine ausführliche Abhandlung über den Hirten 
in „Hexenspruch und Zauberbann", S. 139—155. 

Günstige Wochentage für das erste Austreiben sind Montag, Mitt- 
woch und Freitag. (Dönhoffstädt.) 

In der Saalfelder Gegend muss das im Frühjahr zum ersten Male 
aus dem Stalle tretende Vieh über einen vor die Stallthür gelegten 
alten Frauenrock schreiten; das schützt gegen Krankheit. Hat die 
Herde den Hof verlassen, so wird ihr (am besten jedem Stück besonders) 
Sand vom Kirchhofe entgegengeworfen; das soll verhindern, dass das 
Vieh einander stösst. Andere halten dagegen das Bestreuen mit „Toten- 
sand 44 für verderblich; viele empfehlen zum Bestreuen den Sand von 
Maulwurfshügeln. 



274 Zur volkstömlichen Naturkunde. 

Man soll am ersten Austreibetag dem Vieh die Hörner mit Knoblauch 
einreiben und darf mittags die Kühe nicht melken. 

Beim Verkauf einer Kuh muss der Leitstrick mitgegeben werden, 
auch thut man gut, dem Verkäufer noch eine Kleinigkeit obenein zu 
geben, weil sonst die Milch beim Verkäufer bleiben würde; auch darf 
das Mass der Milch, welche die Kuh giebt, nicht richtig angegeben 
werden. Man streut Salz in die Milch, damit sie nicht verrufen werde. 
(Lemke 82. Hexenspr. 14.) 

Erkranktes Vieh versucht man durch folgende Mittel zu heilen: 
Sauerteig mit Leinsaat zusammengekocht, in Flaschen gefüllt und ab- 
gekühlt, dem Tiere eingeflösst; Schnaps mit Kamillenthee; ferner wendet 
man folgende Pflanzen an: ArtemisiaAbsinthium, OrchisMorio, Spiraea 
Ulmaria und Tauacetum vulgare. 

Wenn ein Stück Vieh nach dem Genüsse von Klee „dick" wird, 
so genügt es nicht, ihm einen Knüppel oder ein Strohsei] zwischen die 
Zähne zu klemmen, damit es daran kaue, — man soll ihm zu gleicher 
Zeit eine lebendige Pogge (Frosch) in den Schlund stossen. (Lemke 82 f.) 

[In Mecklenburg ist Pogge der Name für das Aufblähen der Kühe. 
(Schiller. Zum Thier- und Kräuterb. II, 3.) Vielleicht ist auch hier 
dieser Name für den bezeichneten Zustand üblich und das in der Saal- 
felder Gegend angewandte Mittel ein sympathetisches. Sonst nennt 
man in Ostpreussen Pogge die Geschwulst, welche sich zuweilen bei 
Kühen und Stuten, wenn sie tragend sind, am Unterleibe findet. Näheres 
über diese Pogge und ihre Besegnung s. Hexenspruch S. 80 f.] 

Der Kuh wird die Milch verhext. Das dies geschehen, erkennt 
man daran, dass die Milch abnimmt, dass sie, noch während sie süss 
ist, schon gerinnt und lang wird, dass sie verändert aussieht und bald 
sauer wird, dass sie rötlich von der Kuh kommt, oder nach Kuhdünger 
riecht. — Zur Beseitigung des Zaubers wendet man absonderliche Mittel 
an, über welche Genaueres nachzusehen ist: Hexenspr. und Zauberbaun tc., 
S. 17 ff. und Lemke 83 f. 

Kehrt die Herde abends ins Dorf zurück und geht eine rote Kuh 
voran, so wird am morgenden Tage gutes Wetter, eine voranschreitende 
schwarze Kuh deutet auf schlechtes Wetter. (Keusch, Nachläse.) 



Von H. Frischbier. 275 

Wenn die Kühe auf der Weide gemolken werden, so waschen die 
Melkerinnen ihre Hände nicht früher, als bis sie mit der Milch zu 
Hause angekommen sind und auch dort erst in dem Wasser, worin sie 
die Milchseihe ausgespült haben. Sie thun dies, damit die Milch vielen 
Schmand (Sahne) aufwerfe. (Bürgersdorf bei Wehlau.) 

Wenn man sich ein Kalb „zulegen", d. h. gross ziehen will, so 
achte man darauf, dass es keine rote Schnauze nnd keine starke Nabel- 
schnur habe; in beiden Fällen würde das Kalb sterben. Hat das junge 
Tier dagegen eine schwarze Schnauze und eine dünne Nabelschnur, so 
ist es gut zum Zulegen. Damit es jedoch gut fresse, zieht man ihm 
dreimal einen Strohhalm durch das Maul. Um das Kalb gegen das 
Behexen zu schützen, legt man einen Stahl in das Qef&ss, worin ihm 
das Saufen gereicht wird. (Alt-Pillau.) 

Das Volksrätsel beschreibt die Kuh: 

Vor g&ne den Weg, 
Ver hänge den Weg, 
Twei wf8e den Weg, 
Ener hängt hinde op etn 
Schlacker on jagt ua. 

Es ist dies Rätsel eine Variante des Rätsels Odins, das dieser unter 
andern dem Könige Heidrek aufgiebt. (Vergl. Müllenhoff, Sagen, 
Märchen *c. XII.) 

Vom Ochsen heisst es im Rätsel: 

Wenn öck klön si, 

Kann öck v6r botwinge, 

Wenn Sek gröt si, 

Kann öck Barg 1 (on Tai) ombringe, 

Wenn öck döt si, 

Kann öck danze on springe. 

Weitere hierhergehörige Rätsel s. Tierrätsel No. 1 — 18. 

Ein beliebtes Kinderspiel ist „Blind Kuhchen". (S. die Be- 
schreibung Volksr. 700.) 

Redensarten: Wie ein Rindvieh dumm — grob sein, — ur- 
teilen. — Wie ein Stier (Vieh, Stück Vieh) besoffen sein. — Er ist 
wie vom Bullen geleckt. Er geht durch wie ein Dorfsbulle. Kicke 



276 ^ ar ▼olkstÜmHeben Naturkunde. 

wie de Boll op'fc Brett — öa de Bibel — ön de Körch. Ihn hat der 
Bulle gestossen = er ist dumm. Die Ballen lecken sich, sagt man, 
wenn Männer sich küssen. Zur Beruhigung: Bollekoppke, begöff dt. 
Wer seine Eltern nicht kennt, den hat der Bulle aufs Eis gesch 

Kuh. Eine fette Kuh macht einen magern Beutel, — hat die Milch 
auf den Rippen sitzen. Jedermann lobt seine Kuh und glaubt, sie ist 
die beste. Die Kühe, die am meisten brüllen, geben die wenigste 
Milch. Eine Kuh ist eine lange Seite Speck. Fröschmelk Kau ös e 
lange Sld Speck. Veel Kög\ veel Mög. Wem de Kau gehört, dei 
packt er bim Zagel. Wenn ene Koh den Zagel hewt, so hewe se em 
alle — so biäe (piäe) alle. Die Kuh im Sack kaufen. Wenn man dir 
schenkt die Kuh, so lauf mit dem Strick dazu. — Der Kuh das Kalb 
abfragen, des Fragens kein Ende finden. 

Einen ansehen — ankicken — wie die Kuh das neue Thor (in 
Danzig: das hohe, in Königsberg: das grüne Thor) — das rote Thor — 
das bunte Stadtthor; — davon soviel verstehen — wissen — wie die 
Kuh vom grünen Thor je. ; — stehen wie die Kuh vor'm grünen Thor je. ; — 
kicken wie die Kuh nach dorn Apfelbaum; — rennen — darauf zu 

* 

laufen wissen, wie die Kuh auf den Apfelbaum; — davon so viel wissen 
wie die Kuh vom Sonntage; — e Arsch hebbe wi 'ne Kö fer fif Gille; — 
e Gesöcht hebbe wi e Könärsch; — e Gesöcht mäke wi de Kö, wenn 
se schite wöll; — luchter wi e Kö fer fif Gille; — de Mönsch ward 
ölt wi e Kö on lert ömmer mehr dato. 

Kalb. Wie ein Kalb albern — dollen — spielen; auch kalbern. 
Dumm — toll sein wie ein Kalb — herumspringen wie ein junges Kalb. 
Jung Kalw gehört dem Hunn' (Hunde) halv. Kalbfleisch ist HalbÜeiscb. 

Ochs. Man kann vom Ochsen nicht mehr verlangen, als ein 
Stück Rindfleisch, — als dass er Heu frisst. Die Ochsen haben die 
grösste Kopfarbeit, dem Ochsen kann man was vor den Zagel legen = 
dem Starken kann man tüchtige Arbeit zumuten. Wie ein Ochs dumm 
sein, — ochsig dumm (als Schimpfwort: Rindvieh, Hornvieh — wahres 
Hornvieh). Wie ein Ochs arbeiten (doch auch ironisch: wie ein ange- 
bundener Ochse). Kicken wie der Ochs in die Bibel. D'rop kicken 
as de Os op e Däle (Thaler). Bewundere as de Os de nüg' Dissel 



Von H. FriBchbier. 277 

(Deichsel), Sick bequeme as de Os op em Morgen Land. Utsehne — 
geputzt, wie e Jahrmarktsos. (Über den Jahrmarktsochsen s. Preuss. 
Wörterb. I, 314.) Korrespondenzbl. III, 51 f. 

Schwein« 

Namen: Kuijel, der Eber; Borg, der verschnittene Eber; Sau, 
das weibliche Tier, pltd. Sü, verschnittene: Sauborg. Die jungen 
Schweinchen heissen Ferkelchens, Farkelchens. Im Rätsel heisst 
das Schwein Griffgraff. (Tierrätsel 36.) 

Lockrufe: Nuckel Nuckel! Bei Angerburg: Nucke Nucke! auch 
Pochla Pochla!" — Eusch Kusch! Im Ermlande: Eosch Eosch! — 
Posch Posch! auch Schä Scha! im Samlande. In der Saalfelder Gegend: 
Kowmei Eowmei (auch Eownei) ! Zum Ferkel im Saalfeldschen : Nitsch- 
chen Kitsch! im Ermlande: Pochla Pochla! (Volksr. 242.) 

Das Schwein ist das Prototyp der Unreinlichkeit und Faulheit: wie 
ein Schwein schmutzig sein, — wühlen, — grunzen ; abgehen, — weg- 
gehen, wie das Schwein vom Trog. — Aussehen, wie eine Sau, — wie 
eine Sau im goldnen Halsbande; — wühlen, wie eine Sau; — auf- 
horchen, wie eine Sau; — wie eine Sau, wenn sie sichten hört; — 
beschäftigt sein, wie eine Sau am Sonntage; gefährlich sein, — leben, — 
liegen, — im Bett (im Lager) liegen, wie die Sau (wt Forschte Sü) in 
den Sechswochen; — ein Gesicht machen, wie die Sau auf dem Pflaumen- 
baum; — die Ohren spitzen, wie die Sau in den Erbsen; — einen an- 
fahren — anschreien, wie die Sau den Sack; — kommen, wie die Sau 
ins Judenhaus; — voll Streiche sein, wie die Sau voll Ferkel; — ihm 
ist so wohl, wie der Sau im Dreck. — Weifzageln wt de Kuijel <3n de 
Sessweke. — Wie ein Ferkel aussehen, — schmutzig, — unsauber sein 
(ein rechtes Ferkel sein); — e Füst höcher sin wl e Farkel. (Eorre- 
spondenzbl. III, 50 f.) 

Sprichwörter: Daraus kann kein Schwein klug werden. Dasfrisst 
kein Schwein. Jedet Schwin heft sin Erlz, on jeder Mönsch sin Leide. 
Je mehr Schwein, je dünner der Drank. Lahme Schwtn käme 6k tom 
Derp. Gut Schwein frisst alles. Ohne Afrhweine zu hüten, wirst du 
nie Herr werden. Sich zum Schwein machen. (Vgl. Sprw. I, 3438 ff; 
H, 2439 ff.) 



278 ^ ur vo ^« tam ^ c ^ en Naturkunde. 

Rätsel: 



Et geit äwer de Brigg 

Od heft dem Schuster stne Nidel op em Rügg. 



Tierrätsel 22. 



Aberglauben: Wenn sich die Schweine mit Stroh tragen, Lager 
tragen, so wird es regnen. 

Wenn ein Schwein einen langen Bussel hat, so ist es nicht gefrässig. 

Schweine, die stark wühlen, haben Finnen. (Scheufelsdorf bei 
Passenheim.) 

Schweine werden in der Mast stark fett, wenn sie mit einem Acht- 
zehner (Preuss. Wörterb. I, 14) bestrichen werden können (Ermland) ; — 
wenn man Abgekratztes von den vier Ecken des Tisches und vom Ofen 
in das Fressen (wenigstens in die erste Mastkost) mischt (Ermland); — 
wenn man einen Maulwurf in der Hand tot druckt und alsdann mit 
dieser die Schweine streicht. (Marggrabowa.) 

Kauft man ein Schwein, so muss man beim Einstallen Salz über 
des Tieres Bücken und seinen Trog streuen : — man befördert dadurch 
sein Gedeihen und sichert es dadurch gegen Verrufen und Behexen. 
(Ermland.) 

Kauft man Ferkel zum Zulegen, so lege man sie zuerst ins Bett, 
dann gewöhnen sie sich gleich und bangen sich nicht nach der Mutter. 
Darnach lege man sie unter den Tisch, so werden sie keine Kost- 
verächter, sondern fressen gut. (Alt-Pillau.) 

Wenn Mädchen die Milz des Schweines essen, so lernen sie gut 
nähen; isst aber eine Mannsperson die Milz, so erhält sie Seitenstechen. 
Auch dürfen Knaben nie die Schnauze des Schweines essen, sonst lernen 
sie schlecht pflügen (Alt-Pillau.). — Wenn ein Knecht oder Instmann 
eine Schweinsschnauze isst, so zerbricht er beim Ackern den Pflug. 
(Dönhoffstädt.) 

Beim Einlegen der Würste in den Kessel und beim Kochen der- 
selben darf nicht gesprochen werden, weil sie sonst aufplatzen würden. 
(Dönhoffstädt) 

Vor Schweinedreck soll der Teufel Furcht haben. Nervenfieber- 
kranke sind vom Teufel besessen; legt man ihnen Exkremente des 



Von H. Frischbier. 279 

Schweines ins Bett, so weicht der Teufel und der Kranke gesundet. 
Fährt der Teufel im Wirbelwinde einher, allerlei Krankheiten mit sich 
führend, so speie man aus und rufe: Pfui, pfui, Schweinsdreck! 
Der Teufel verekelt sich dann an dem Ausrufenden und lässt ihn un- 
belästigt. Sprichw. I, 3448. Preuss. Wörterb. II, 330. 

Zusammensetzungen: schweinedreist, -dumm; Schweine- 
jagd: das Marktrecht für den Auftrieb von Schweinen zum Verkauf; 
Schweinekost: gemeinschaftliches Mahl am Abend nach dem Schlach- 
ten; Schweine vesper, Imbiss zur Zeit der Bückkehr der Schweine 
vom Felde (etwa um 6 Uhr abends); Sauball, ein Treib-Ballspiel ; 
Saufrass, schlechte Speise; Sauglocke, Sauglück; Sauloch, -nest, 
schmutzige Wohnung. 

Schimpfworte: Schweinepriester, Schweinhund, Schweinigel (auch 
der Sauigel, Erinaceus, und das 'Stachelschwein, Hystrix), Schweinskopf 
= Dummkopf, Sauaas, -bär, -besen, -hund, -läppen, -leder, -magen, 
-mensch, -michel, -pelz, -nigel, -trommel, -zahn, -zeug. 

Pflanzen: Schweinsbohne, Saubohne, Sauwicke, ViciaPaba. 
Schweinscichorien, Hypochoeris glabra. Schweinsmelde, Sau- 
melde, Sautod, Ghenopodium hybridum. Schweinskraut, Calla 
palustris. Schweinskresse, Cochlearia coronopus. Schweinssalat, 
Lapsana pusilla. Sauauge, Paris quadrifolia. Saubrot, Lathraea 
squamaria. Saudi stel, Sonchus oleraceus. Saufenchel, Peucedanum 
officinale und Carlina vulgaris. Sauknoten, Scrophularia aquatica. 
Saukraut, Solanum nigrum. Saulöffel, Potamogeton natans. Sau- 
nickel, Sanicula europaea. (Hagen u. d. a. W.) Schweinegras, Poly- 
gonum aviculare. Schweinenüsse, Knollen von Equisetum palustre. 
Sauenkohl, Sonchus. Treichel, Volksth. a. d. Pflanzw. u. d. a. W. 

Vogel: Saulocker, Koschkelocker, das Botschwänzchen, Sylvia 
phoenicurus. Vgl. f. d. a. W. das Preuss. Wörterb. 

Yögel. 

Kreuzschnabel. 

Namen: Kreuzvogel, Krummschnabel, Dickschnabel, Krünitz, 
Zapfenbeisser ; pltd. Tappebiter. (Bujack 376. Preuss. Wb. u. d. a. W.) 



280 ^ ur volkstümlichen Naturkunde. 

Sage: Als Christus am Kreuze hing, war ein Vöglein eifrig be- 
müht, ihm die Nägel aus Händen und Füssen zu ziehen. Dabei verbog 
es seinen Schnabel zur Kreuzesform, und der Heiland liess den also 
gestalteten Schnabel zur ewigen Erinnerung an seine Liebesthat. Die 
Menschen aber nennen den Vogel Kreuzschnabel. (Aus Alt-Pillau mit- 
geteilt, doch allgemein bekannt) 

Sperling. 

Wo ein Sperling — und noch gar mit einer Feder im Schnabel — 
ins Haus fliegt, meldet sich der Tod an; fällt die Feder im Hanse 
nieder, so ist ein Todesfall ganz gewiss. (Saalfeld. Lemke 98.) 

Kinderreim aus Masuren (Passenheim): 



A te male wrobliki 
Sa, duze szkodniki, 
Do szczyta sie przypinaia,, 
Grike, owies pozeraia. 



Und die kleinen Spatzen 
Sind grosse Schadenstifter, 
An den Giebeln haften sie sich an, 
Buchweizen (Gricke), Hafer fressen sie auf. 
Sprichwörtlich: Wie ein Sperling bekannt sein, — schimpfen; — 
Beine haben wie ein gemästeter Sperling; — schimpfen wie ein Bohr- 
sperling. (Korrespbl. III, 53.) 

Lerche« 
Namen: Lewark, Lewerk, Lewrik, Lewrink, Lörk, Lörke, Lerke, 
Lewak, Lorch, Lirch. (Bujack 376. Preuss. Wörterb. II, 24.) 

Der Frühlingsbote. So lange die Lerche vor Lichtmess (2. Febr.) 
singt, so lange muss sie nach Lichtmess schweigen. (Samland.) 

Wenn die Lerche vor Petri Stuhlfeier (22. Febr.), dem eigentlichen 
Tage ihres Eintreffens, singt, so muss sie nach diesem Tage unter 
dem Schlitten singen — der „Gesang u des unter dem Schlitten 
pfeifend knirschenden Schnees soll damit angedeutet werden — und 
zwar für jeden Tag vorher eine Woche. (Dönhoffstädt.) 

Wenn die Lerche da ist und singt, dann will die Arbeit in der Stube 
nicht mehr behagen und gelingen : De Lewark singt, de Wocke stinkt 
Den Gesang der Lerche hat das Volk mannigfach in Worte über- 
tragen : 

° Drlw, Peterke, drlw! 

Hast e gode Wort, denn bliw, 
ös hei schlömm, denn teh wit wtt 

wit weg weg weg! (Samland.) 



Von H. Frischbier. 281 

Jongehen, tripp'le in den Dienst! 

Tripp'le in den Dienst! 

Wenn's dir nicht gefallt, 

Lauf weg! (Saalfeld. Lemke 97.) 

Weitere provinzielle Varianten des Gesanges s. Volksr. 260. 

Sprichwörter: Lat de Lerke fleege, gieb die Hoffnung auf. 
ütsehne wi e dracht'ge Lörch. Munter sein wie eine Lerche. (Sprichw. 
I, 2399. Keusch, Sagen 122.) 

Pirol. 

Namen: Bierhol, Bierhold, Bierhahn, Bülau, Bülow, Herr von Bülau 
(Bülow), Junker Bülow, Jungfrau Bülo, Schulz von Thierau, — von 
Tharau, — Tinian, Wiedewol, Wittewald, Pfingstvogel, Regenvogel, 
Golddrossel. Vgl. Preuss. Wörterbuch I, 82. Bujdck 370. 

Der Pirol zeigt durch anhaltendes Geschrei nahen Regen an. 
(Dönhoffstädt.) 

Sein Ruf klingt: Bierhol'! Bicrhol'! Herr von Bülow je. Nach 
Bock's Naturgesch. IV, 303 ruft er dem auf Rechnung Trinkenden zu: 
Hast du gesoffen, so bezahle auch! In der Saalfelder Gegend über- 
setzt man den Ruf: Jungfrau Bülo, schöne Frau, wunderschöne Frau! 
(Lemke 97.) 



Volksreime: 



Schulz von Thierau (Tharau), 

Komm, wi wolle to Ber gän! 

„Hebb ItGn Schö!" 

Teh Nage an, 

Kannst doch'to Ber gän! 

Und in dem Dorf ruft der Wiedewol: 
Pfingsten ist da, Bauer, dein Bier hol'! 

Komm zu Bier, komm zu Bier! 

„Ich bab kein Geld." 
Ich werd 1 borgen bis übermorgen. 



(Samland.) 



Vgl. Preuss. Volksreime 70, 266. 

Rabe, pltd. Räw. 
Der Rabe ist ein Unglücksvogel. Wenn ein Rabe über einen 
Menschen schreiend dahinfliegt, so steht diesem ein Unglück bevor. 
(Ermland.) 

Utpr. Monatoschrift Bd. XXII. Hft. 3 u. 4. 19 



282 Zar volkstümlichen Naturkunde. 

Wenn die Raben sich an die Bäume hängen und mit den Flügeln 
schlagen, oder (das Folgende gilt auch von den Krähen) wenn sie über 
hohe Gebäude hinfliegen, ihre Köpfe im Fliegen aufrecht halten, sich 
im Kreise bewegen und gegen Abend ein Geschrei erheben, so giebt es 
Regen oder Sturm. (Bock, Naturgesch. I, 352.) 

Sprichwörter und Redensarten: Wo das Aas ist, sammeln 
sich die Raben. — Wie ein Rabe schwarz sein, — schreien, — stehlen. 
Korrespbl. III, 53. 

Krähe. 

Namen: Nebel-, Schild-, Mantel-, Sattel-, Schnee-, Luder-, Toten-, 
Winterkrähe, graue Krähe, Graurücken, Graumantel; Kräh-, Nebel-, 
grauer Rabe, Gacke. (Bujack 375.) 

Der Volksmeinung nach hat die Krähe im Sommer die Stimme 
des Kolkraben, Corvus corax. 

Wenn Krähen und Dohlen im Winter hoch auf den Bäumen sitzen, 
dann tritt in den nächsten Tagen starker Frost ein ; zeigen sie sich aber 
in grossen Scharen und setzen sie sich auf die Erde, dann giebt es bald 
ungestümes Wetter. 

Will man, dass das Strohdach von den Krähen nicht zerzaust 
werde, so unterlasse man es, am Lichtmesstage mit Fett zu kochen- 
N. Pr. Prov.-Bl. X, 117, 171. 

Sprichwörtliches: Einen ansehen (nach etwas sehen), wie die 
Krähe das kranke (nach dem kranken) Ferkel (Gessel); — danau tön, 
wi de Kr§g nau Äs. Korrespbl. III, 52. 

Wenn die Krähe im Winter einen Pferdeapfel findet, so bezeichnet 
sie ihn als Kollatz, Kollatz! Fladen, oder Dwarg, Dwarg! Quarkkäse; 
im Sommer sieht sie ihn nicht an, sondern ruft vielmehr verächtlich: 
Bekack, bekack! oder Pfui, Kack! Pfui, Kack! (Preuss. Volksr. 67.) 

Beim Auffinden von Fleisch krächzt die Krähe : Kwi dat ! Kwi dat ! 
Die andere fragt: Wo da? Wo da? Die erste antwortet: Underm Barg! 
Underm Barg! (Reusch, Sagen 121.) 

Weitere Übersetzungen der Krähenunterhaltung: 

Weetst, wo Aas liggt? 
Underm Barg! 



Von H. Frischbier. 



283 



08 noch wat dran? 

Nascht als Enäke. 
Gnapp af, gnapp af, gnapp af! 

Wat hast? Wat hast? 

Öck hebb Aas. 
Ös ök wat dran? 

Luter Knäke. 

Ick weet wat! 

Wat weetst? 
Hinnem Baag liggt Aas. 

18 ök wat dra? 
Enäken dürr. 

Pül af! Pül af! 
Puhataj! Pahataj! 



(Samland.) 



(Dönhoffstadt.) 



(Konitz.) 



Preuss. Volksr. 66, 255. 



Hinderm Barg 5s As! 

Kommt 'man! 
Da hackst mf. 

Öck war nich. 
Na schwer (schwöre)! 

Wahrhaftig Gott! 
Da schwörst. 

öck denk 1 ök nich! 



(Dönhoffstadt) 



Und're Barg, nnd're Barg liggt e Pörd! 

Ös wat dran? 
Pure Fett, pure Fett! 

Die Krähe ruft dem Kinde zu: 

Klatter di! Klatter di! 

Will sich das Kind nicht kämmen lassen, so ruft sie: 

Ru schelkopp ! Raschelkopp ! 

Lässt das Kind sich kämmen, so ruft sie: 

Glattkoppke! Glattkoppke! 



(Samland.) 



(Königsberg.) 



Kiebitz: Et 6s mi költ an e Fiss\ 
Kr&he: Et ös ja alle Jähr so! 



(Dönhoffstadt.) 

Krähenfresser und Krähenbeisser heissen spottweise die Be- 
wohner der kurischen Nehrung. Siehe Näheres Pr. Prov.-Bl. V, 463. 
Passarge, Baltische Stud. 296. Preuss. Wörterb. II, 417. 

Pflanzennamen: Krähenbeere, Schollera oxycoccos u. Empe- 

tram nigrum. Krähenfuss, ßanunculus bulbosus u. Cochlearia coro- 

19* 



$4 Zar volkstümlichen Naturkunde. 

opus. Krähenfusswcgetritt, Plantago coronopus. Krähenmileh, 
uphorbia esula. Kräbcnseife, Herniaria glabra. Hagen u. d. a. W. 
reiche], Bot. Not. Preuss. Wörterb. II, 417. Vgl. Gans. 
Dohle. 

Namen: Tale, Talke, Dale, Dole, Tille, Gacke, Klaas, Alke, Stadt-, 
chneekrähe. (Bujack 375.) 

Wenn die Dohlen abends schreiend umherfliegen und uicbt zur 
achtruhe kommen können, so steht Sturm bevor, im Winter Schlagg. 
Jönhoffstädt.) Vgl. Krähe. 

Kister. 

Namen: Master, Alster, Aglester, Azel, Hetzer, Hutz, Schaker- 
ster, Heigster, Heister, Hfigster, Haster, Heisker, Höiter, Spachheister, 
pochheister, Kalkheigster. (Bujack 375. Preuss. Wörterb. u. d. a. W. 
emke 98.) 

Die Elster ist ein Totenvogel. Erscheint sie wiederholt schreiend 
iif einem Gehöft, so meldet sie den Tod eines Menschen, wenigstens 
bgang an Vieh. Sie ist aber auch ein Kreuzvogel, denn ihre weissen 
id schwarzen Gefiederäecken bilden beim Fluge die Kreuzform. — 
jirz vor Untergang der Welt wird die Elster verschwinden; so lange 
e noch bei uns weilt, ist das Ende der Welt uoch fem. (Alt-Pillau.) 

Wenn die Elster über einem Hanse schreit, so entsteht in dem- 
dben Spektakel. (Passenheim.) In der Saalfelder Gegend kündet ihr 
Schachern" Besuch an. (Lemke 98.) 

Wenn die Elstern vor den Penstern schreien, so „seindt geste vor- 
inden, die man nicht gerne syet". (Simon Grünau, hrsg. v. Perlbach S.89.) 

Sprichwörtliches: Wie eine Elster stehlen; — wi e Spach- 
:ister hager sön. (Korrespondenzbl. III, 50.) 

Rätsel: Höber als eine Kirche, niedriger als ein Holzschlitten, 
hwärzer als Kohle, weisser als Schnee. (Pommerellen. Tierrätsel 91) 
gl. Taube. 

Weibe, Falco milvus. 

Namen: Weih, Habicht, Häfke, Hühnergeier, Gesselhabicht, -häfke, 
übel-, Rüttel-, Königs-, Hühncrweihe, Hühner-, Keichel- (Küchlein) 
eb, Schwalbenschwanz. (Bujack 368.) 



Von H. Frischbier. 285 

Sage: Bald nach der Schöpfung kamen die Vögel des Himmels 
zusammen, um sich Brunnen zu graben, daraus sie trinken könnten. 
Alle Vögel scharrten und gruben fleissig nach dem Wasser, und so 
entstanden die Brunnen der Tiefe. Die Weihe aber war zu stolz, wollte 
sich ihre gelben Füsse nicht beschmutzen und grub nicht mit, deshalb 
hat sie auch gelbe Füsse behalten, während die anderen Vögel die 
ihren bei der Arbeit geschwärzt haben. Zur Strafe ihres Stolzes und 
ihrer Eitelkeit verfluchte aber Gott der Herr die Weihe: sie solle nie 
aus einem Brunnen, Teiche oder Fluss ihren Durst stillen. Bei an- 
haltender Dürre hört man daher die durstende Weihe heftig und ver- 
langend nach Kegen pfeifen, denn nur mit dem in hohlen Steinen an- 
gesammelten Kegenwasser darf sie — eine Folge jenes Fluches — ihren 
Durst löschen. — Vgl. die ähnliche Sage über den Brachvogel. 

Keime: 

A scho, Kania, Wige wette! 
Wis' mi dine wette Tette, 
Socke lank as e Strank, 
Socke deck as e Beck; 
Fleeg na Riwoll op e Steen, 
Breck di Hals o Gneck o Been! 

Hochdeutsch: Ascho, Kania, Weihe weisse! Weis' mir deine weisse 
Zitze, So lang als ein Strang, So dick als ein (Zaun-) Rück, Flieg* 
uach Itehwalde auf den Stein, Brich dir Hals und Genick und Bein! — 
A scho! ist Scheuchruf; Kania ist der polnische Name für Weihe. In 
Rehwalde (Kloster im Kreise Graudenz) liegt ein hohler Stein. Der 
Keim bezieht sich auf die vorstehende Sage uud ist aus Jerrentowitz 
mitgeteilt. Von daher rühren auch die beiden folgenden Keime: 

Hüge Wige wacke Fott, 
Dreemal remme't Schultebrook, 
Ohl ag Wig, fleeg weg! 

Beim Hüten der Gessel, kleiner Gänse. 

Hej kania puh! Lecz do morza, 
Kup sobie wQgorza, 
Wflgorz sie, wröci 
Kania kark ukr§zi! 

Hochdeutsch: Hei, du Weihe, puh! Lauf zum Meere, Kauf 1 dir 
einen Aal, Der Aal wird zurückkehren, Der Weihe den Hals umdrehen. 



A sza,, kania, za ploty! 
Tarn iest kowal bogaty, 
Kuce rydle, lopaty. 
Lopata sie roscepala, 
Kania w pieklo poleciala. 



236 ^ ur volkstümlichen Naturkunde. 

Ein ähnlicher masurischer Reim (aus Marggrabowa mitgeteilt) lautet: 

Kania, kania, kanicza, 

Niebierz mego panicza, 

Idz do dwora po kaczora, 

Niech ci diabu leb ukrgzi! 
(Übersetzung:) 
Weihe, Weihe du Weihin, 

Nimm nicht meinen jungen Herrn (das Küchlein), 
Geh ins Schlosa (in den Herrenhof) nach einen jungen Enterich, 
Der Teufel möge dir den Kopf abdrehen. 

(Volksr. No. 221 und S. 279.) 

In der Gegend von Passenheim rufen die masurischen Kinder der 

nahenden Weihe zu: 

A scho, Weihe, hinter die Zäune! 

Da ist ein reicher Schmied, 

Der schmiedet Ridel (Spaten), Schaufeln. 

Die Schaufel ist gespalten, 

Die Weihe flog zur Hülle. 

Die Weihe galt im alten Nadrauen und bei den Zamaiten als Vogel, 

der Unglück verkündete: Schaden, Brand. Pierson, Matth. Prätorius S. 43. 

Pflanzennamen: Weihenfuss, Ranunculus repens. Hagen 

Nr. 585. 

Eule. 

Namen: Schuwut, Schufut, Schuhu, Schuwit, Schubut, Schubit, 
Komm mit; pltd. Ül. 

Eule, Ül ist der Gattungsname, Schuwut jc. gilt gewöhnlich für 
den Uhu, Strix Bubo; der Name Kommmit ist dem Geschrei der Nacht- 
eule nachgebildet (vgl. Preuss. Wörterb. I, 406). 

Die Eule ist der Unglücksvogel und Totenbote. Das nächtliche 
Wesen, der geräuschlose Plug, der unheimliche Ton ihrer Stimme 
flössen Grauen ein. In alten Zeiten erzählte das Volk, die Eier des 
Schubuts habe noch nie ein Mensch gesehen. (Bock, Naturgesch. IV, 231.) 
Man verfolgt den Vogel und nagelt den gefangenen an das Scheunenthor. 

Setzt sich die Eule (das Käuzchen) auf ein Gebäude, oder kommt 
sie in die Nähe eines der Fenster und ruft ihr furchtbares „Komm' mit! 
Komm , mit! 44 so stirbt in dem betreffenden Hause jemand. (Pischhausen. 
Ermland. Saalfeld: Komm 7 mit, komm' mit, ins kühle Grab! Lemke 98.) 
In Einlage bei Elbing heisst es: „De Uhl spricht, wad wer sterbe". 






Von H. Frischbier. 287 

Liegt in dem Hause ein Kranker, so kommt dieser vom Lager nicht 
mehr auf. (Dönhoffstädt.) 

Und der vogil huhu genannt 3 nacht auff eim hause schreiet, sie 
halten und der Mensch muss sterben. (Simon Grünau h. v. Perlbach S. 90.) 

Dieses gilt von jeder Eule, besonders jedoch von dem Käuzchen. 

Die Eule gilt auch als Verführerin. Sucht der im Walde Verirrte 
durch Ruf nach einem Führer, so ist gleich die Eule da und antwortet 
ihr täuschendes „Ha!" Folgt man diesem vermeinten „Ja u , so gerät man 
in Sümpfe, und der Vogel fliegt mit Lachen von dannen. (Fischhausen.) 

Bei den Masuren kündet die Eule, wenn sie in der Nähe eines 
Gebäudes „Kolys, kolys!" d. i. „Wiege, wiege!" schreit, in diesem 
Hause den Fall eines Mädchens voraus. (Passenheim.) 

Eule und Fledermaus haben miteinander Brüderschaft gemacht, 
denn da, wo viele Eulen sich aufhalten, finden sich auch zahlreiche 
Fledermäuse, welche unter dem Schutze jener stehen. (Heydekrug. 
Coadjuthen. Samaiten.) 

Kocht man eine Eule in Wasser und bespritzt oder begiesst je- 
manden mit der Brühe — das Volk nennt dieselbe Ülegicht — , so wird 
der Begossene von allen Leuten zum besten gehalten und geneckt, 
ähnlich wie es der Eule unter den Vögeln ergeht, wenn sie sich bei 
Tage sehen lässt. — Auch sagt man von einem Menschen, der Unglück 
bat: He ös möt Ülegicht begäte. (Sprichw. I, 774.) In ähnlichem Sinne 

A 

heisst es in der Wehlauer Gegend: Hei ös möt Ulefedd're beschött, 
er ist mit Eulenfedern beschüttet. 

Sprichwörter und Redensarten: Er ist wie die Eule unter den 
Krähen, pltd. Hei ös wi de Ul undre Kreege. Hei kömmt wi de Ul 
mank de Kreege. — Trü nich de Ul — späss nich möt e Ul, et ös 6k 
e Vägel. Als Zurückweisung eines nicht angenehmen Scherzes. — Hei 
kickt wi de Ul üt dem Schmolttopp. — Er kuckt (kickt) wie die Eule 
aus ihrem Nest (aus verworrenen Haaren). Hennig, Wörterb. S. 247, 
hat die Redensart: Er ist ein rechter Schubut, von einem hässlichen, 
übel gekleideten Menschen, der mit verworrenen Haaren geht. — Er ist 
ein lustiger Kauz — ein komischer Kauz. 

Von Kindern, welche frühzeitig schläfrig werden, sagt man, dass 



238 ^ ur volkstümlichen Naturkunde. 

A 

sie in der Eulenflucht (ön e Uleflucht), zur Stunde, in der die Eulen 
zu fliegen beginnen, geboren sind. Vgl. Sprichw. I, 771 ff.; II, 075 ff. 

Schwalbe. 

Namen: Schwalchcn, pldt. Seh walke, Schwahn, Schwalmke, auch 
Scbwalmchen. 

Die Schwalbe ist, wie der Storch, ein lieber Frühlingsbote und 
dem Landmanne ein werter Vogel. Ihr Nest wird geschont: wer ein 
solches zerstörte, würde das Glück des Hauses vernichten (Allgemein), 
oder bewirken, dass seine Kühe statt Milch Blut geben (Dönhoffstädt); 
ja er würde vom Gewitter erschlagen werden (Fischhausen). Wo die 
Schwalbe nistet, da zündet kein Blitz (Fischhausen). Wer eine Schwalbe 
tötet, begeht eine grosse Sünde. (Masuren.) 

Wünscht man eine weisse Hautfarbe (einen zarten Teint) zu haben, 
so muss man, wenn man im Frühjahre die erste Schwalbe sieht, ans 
Wasser gehen, sich waschen und dreimal rufen : Min Mül witt, din Närsch 
schwärt! (Fischhausen.) — Sommersprossen verschwinden, wenn man sich 
wäscht, nachdem man die erste Schwalbe gesehen. (Saalfeld. Lemke 89.) 

Wenn die Schwalben hoch fliegen, so bleibt das Wetter gut; 
steigen sie aus der Höhe herab und fliegen sie zwischen den Häusern, 
oder klammern sie sich an die Wände, so erfolgt Regen oder unge- 
stümes Wetter. (Siehe Bock, Naturgesch. I. 352.) 

Die Schwalben mauern Sperlinge, welche ihr Nest okkupiert haben, 
ein. Es leistet dabei die ganze Schwalbengeseilschaft der geschädigten 
Familie Hilfe. 

Der Gesang der Schwalbe, wie er in unserer Provinz fixiert ist, 
findet sich: Toppen, Neue Preuss. Prov.-Bl. I, 441, Preuss. Volks- 
reime No. 261, Lemke 98. (Am schönsten ist dieser Gesang variiert 
in Kückerts „Aus der Jugendzeit".) 

Die Schwalben ziehen, nach den Beobachtungen des Volkes, nicht 
fort, sondern ertränken sich im Herbste in Seen, Teichen und Flüssen, 
aus denen sie im Frühlinge wieder neu belebt hervorkommen. Sie 
setzen sich vor ihrer Erstarrung auf das Bohr und Schilf an den Ufern, 
oft in Haufen, und gleiten langsam in das Wasser hinab. Schmilzt im 
Frühlinge das Eis, und wird das Wasser wärmer, so erwachen die 



Von H. Frischbicr. 289 

Schwalben zu neuem Leben und fliegen aus dem Wasser heraus. (Passen- 
heim, Fischhausen, Dönhoffstädt, Saalfeld. (Lemke 98.) und aus vielen 
anderen Orten.) Vergi. auch Bock, Naturgesch. IV, 447. 

Sprichwort: £n Seh walke mäkt noch keine Sämer. — Am geit 
dat Mul wi dem Schwälke de Arsch. 

Sagen: In den ersten Zeiten der Schöpfung waren die Tiere 
und Vögel nach ihrem Aufenthalte anders verteilt als jetzt. Die Wachtel 
wohnte und nistete in den Häusern der Menschen, die Schwalbe aber 
wohnte auf den Feldern. Da die Wachtel den Menschen aber immer 
zurief: The torügg! Möt Bedacht! so wurden diese schüchtern bei 
jedem Unternehmen und legten die Hände in den Schoss, und das 
Menschengeschlecht drohte unterzugehen. Da erbarmte sich Gott der 
Menschen; er schickte die Wachtel aufs Feld und die Schwalbe ins 
Haus. Diese rief nun den Bauern immer zu: Fitschet! fitschet! 
Das klang, als triebe sie die Säumigen mit der Peitsche an, und von 
da ab ging's besser. (Reusch, Nachlass.) 

Die Schwalben waren aus des Schöpfers Hand als ganz weiss ge- 
färbte Vögel hervorgegangen; erst nach dem Sündenfalle erhielten sie 
ihr jetziges Federkleid. (Fischhausen.) 

Pflanzennamen: Schwalbenkraut, grosses, Chelidonium majus, 
kleines, Geranium Robertianum. Seh walbenwurzel, Asclepias vincetoxi- 
cum. Schwalbenzagel, Veronica spuria. (Hagen u. d. a. W.) 

^Tachtgchwalbe. 

Namen: Ziegenmelker, Tagschlaf, Hexe, Nachtschatten. (Bujack 369.) 
Den Namen Ziegenmelker führt der Vogel, weil er, nach der Volks- 
meinung, Ziegen und Kühe melkt. Diese Ansicht hatte schon Aristo- 
teles. (Vgl. Bujack, Naturgesch. 129.) 

Bachstelze. 

Namen: Quekstert, Quekstelz, Quikstert, Quiksterz, Wippzagel, 
Wippenzagel, Wippzagelche, pldt. Wöppzägel, Wöppzägelke, Wippquek- 
stert, Wippquekstelz. Nach Mühling (N. Preuss. Prov.-Bl. a. F. VIII, 176.) 
auch Quecksteert, Quecksterz und Wippquecksterz. Letzter Name schon 
in Bock, Naturgesch. IV, 437. Nach Bock a. a. 0. heisst die gelbe 
Bachstelze auch Kuhstelze. (Vgl. auch Bujack 373.) Das Vöglein heisst 



290 Z ur volkstümlichen Naturkunde. 

auch Ackermannchen, pltd. Ackermannke, weil es beim Pflögen, 
besonders im Frühlinge, auf dem Acker sich einstellt und mit wippen- 
dem Schwänze dem Pfluge ruhrig nacheilt. 

Die vorstehenden Namen gelten für alle Arten von Bachstelzen; 
sie sind zurückzuführen auf das unausgesetzte Wippen des Tierchens 
mit dem Schwänze. Quek, Quik = lebendig, munter; Stert = Steiss, 
Schwanz. 

Der Storch bringt die (graue) Bachstelze bei seinem Anzüge auf 
dem Schwänze mit, d. h. beide Vögel kehren gleichzeitig za uns zu- 
rück. (Sprichw. II, 2586.) In der Gegend von Dönhoffstädt heisst die 
Bachstelze aus diesem Grunde auch der Eumpan des Storches. 

Sprichwort: Wo de Quekstert kann stäne, kann de Menist wäne. 
Das Sprichwort bezeichnet die Genügsamkeit der Mennoniten, welche 
in den fruchtbaren Werdern oft nur kleine Besitztümer haben und 
diese gartenmässig anbauen. Wie eine Bachstelze munter sein; — 
munter wi e Wöppstert. (Sprichw. I, 2608. Preuss. Wörterb. u. d. a. W. 
Korrespondenzbl. III, 49.) 

Wiedehopf. 

Namen: Hupp, Hupphupp, Deminutiv Huppke. Nach Bujack 378, 
auch Kot*, Stinkhahn, Kotkrämer, Baumschnepfe, Kuckuckslakai, -küster. 

Wenn der Wiedehopf viel schreit, so ist Regen im Anzüge. Sein 
Kuf klingt: Hupp! hupp! (daher der Name) und wünscht er im Früh- 
linge mit demselben, dass Eis und Schnee sich heben möge. (Volks- 
reime No. 270.) In früheren Zeiten deutete man sein anhaltendes 
Geschrei Hopp hopp! als Anzeige eines nahen Krieges. (Bock, Natur- 
geschichte IV, 317.) 

Märchen: Wiedehopf und Eohrdommel waren ursprünglich zwei 
Hirten, im Dienste eines Zauberers. Wiedehopf hütete sein Vieh am 
liebsten auf der Höhe, während Rohrdommel das seinige zu gern in 
die Niederung trieb. Bald zeigte es sich, dass Rohrdommel mit besserem 
Erfolg sein Vieh weidete : es wurde fett, gab schöne und reichliche Milch 
und zeigte sich munter und übermütig. Wiedehopfs Vieh dagegen ward 
mager und elend und gab nur wenig Milch. Zum Melken wurde beider 
Vieh in eine Hürde getrieben, und bald stellte sich die Notwendig- 






Von H. Frißchbior. 291 

i 
i 



keit heraus, dass Rohrdommels Vieh zuerst eingetrieben wurde, damit 
es in seinem Übermute Wiedehopfs Vieh nicht überlaufe und stosse. 

Dieses lag unterdessen mit seinem Hirten vor der Hürde. Eines Tages 
kam Wiedehopf früher zur Hürde als Rohrdommel. Sein Vieh lagerte 
sii-h. Da trieb auch Rohrdommel heran, vermochte jedoch sein wähliges 
Vieh nur sehr schwer in die Hürde zu treiben und eine bunte Kuh gar 
nicht: sie lief wild um die Hürde herum. Da eilte Rohrdommel ent- 
rüstet der Kuh nach, schlug sie mit dem Klingerstocke und rief im 
tiefen Bass: „Bunt', heröm! Bunt', heröm!" (Bunte, herum!) 

Als Rohrdommel die Kuh endlich eingehürdet hatte, begann Wiede- 
hopf mit der Eintreibung seines Viehes und rief, es zum Aufstehen an- 
treibend: „Hopp! hopp!" Das Vieh erhob sich. Eine arme Kuh aber 
war so kraftlos, dass sie gar nicht auf konnte. Da hieb Wiedehopf 
mit seinem Klingerstocke auf sie ein und rief ununterbrochen sein lautes 
Hopp, hopp! Die Kuh aber starb unter seinen Schlägen. 

Der Herr der Hirten hatte aber beider Roheit und Unbarmherzig- 
keit gesehen. „Ihr Bösewichter 41 , rief er, „ihr sollt für eure Hartherzig- 
keit gestraft werden!" Und er verzauberte sie in Vögel: Wiedehopf 
hält sich noch auf der Höhe auf und ruft hier sein: Hopp, hopp! 
während Rohrdommel in der Niederung wohnt und aus dem Schilf und 
Kohr sein: Bunt 1 , herum! Bunt', heröm! ertönen lässt. (Samland. Fisch- 
hausen.) Vgl. Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen. Gr. Ausg. 
No. 173. 

Redensart: Er stinkt wie ein Wiedehopf. 

Specht* 

Namen: Baumhacker, Holzkrähe, Krähenspecht, Hohllochkrähe, 
Holzhuhn. Nach Bujack 379 zunächst Namen für Picus martius. 

Der Specht galt bei den Waidelotten der Nadrauer als einer der 
Vögel, dessen Erscheinen Glück bedeutete. (Pierson, Matthias Prätorius' 
Deliciae prussicae 43.) 

Die nachfolgende aus Fiscbhausen mitgeteilte Sage erinnert an 
das Märchen vom Gertrudsvogel (Grimm, Myth. 639): Als der liebe Gott 
noch auf Erden wandelte, kam er an ein Haus, in dessen Thür eine 
Frau mit einer roten Kappe auf dem Kopfe lehnte. Der liebe Gott, 




292 Zur volkstumlichen Naturkunde. 

welcher recht hungrig war, bat um ein Stückchen Brot. Aber die Frau, 
noch dazu eine Bäckerin, schalt heftig auf das Bettelvolk und jagte 
den lieben Gott mit Schimpf und Schelte von ihrer Thür. Gott sprach: 
Für deine Hartherzigkeit sollst du gestraft werden. Du sollst ein Vogel sein 
und deine Nahrung nur finden zwischen Binde und Holz. Die Frau wurde 
zum Schwarzspecht und trägt noch heute als solcher die rote Kappe. 

Wenn der Specht viel schreit, so giebt's Regen. (Bock, wirthschaftl. 
Naturgesch. I, 351.) 

Blaurake 

Namen: Mandelkrahe, blaue Krähe, Garbenkrähe, Blaurabe, Birk- 
häher, deutscher Papagei, Backer, Boller. (Bujack 378.) 

Den Namen Mandelkrähe hat der Vogel bekommen, weil er gern 
auf den Mandeln, den Getreidehaufen sitzt, und hier nach Heuschrecken 
und anderer Nahrung sucht. Der Landmann aber ist der Meinung, 
dass er ihm die Körner aus den Mandeln hacke, und deshalb verfolgt 
er den Backer. Diesen Namen führt der Vogel zwar nach seinem Ge- 
schrei, der Bauer nennt ihn jedoch so, weil er sein Nest aus Kot (in 
hohlen Bäumen) baut. (Alt-Pillau.) 

Kuckuck* 

Der Kuckuck ist der Verkünder des Frühlings, der Lebensdauer 
und des Glückes der Ehe; sein erster Buf bringt Glück oder Mangel. 

Nach der Lebensdauer fragt man, wenn man seinen ersten Buf 
vernimmt, mit dem Reime: 

Kuckucksknechr. 

Segg' mi recht, 

Segg' mi wahr 

Op e Hoar, 

Wi vel Joar, 

Dat öck noch l£we war! 

Die Zahl der Bufe giebt die geforderte Kunde. Varianten und 
weitere Beime dieser Art s. Volksreime Nr. 209 f. ") 



") Zur Ergänzung zwei Beime aus Passenheim: 



Kukaweczka,, kuku, 
Skowroneczek rara, 
Day mi dziewcze ge,by, 
Damcy pol talara. 



Kuckuckchen, kuku, 
Lerchelein rara, 

Gieb mir, Mädchen, eiueu Kuss, 
Geb dir 'nen halben Thaler. 



Von H. Frischbier. 293 

Doch antwortet der Kuckuck auch fragenden Mädchen, wie lange 

sie noch unverheiratet bleiben werden: 

Kackuck op de greene Hassel, 

Woveel Jahr war öck noch wasse, 

Kuckuck op de greene Ficht, 

Woveel Jahr war Öck noch bliwe onbefrigt? 

Volksreime Nr. 211. ( Kn Karthaus.) 

Hat man Geld bei sich, wenn man den Kuckuck zum erstenmal 
schreien hört, so wird man das ganze Jahr hindurch nicht in Geld- 
verlegenheit kommen. Doch thut man gut, während des Rufes auf sein 
Geld zu klopfen oder es umzurühren, man steigert dadurch die Jahres- 
einnahmen. — Man darf im Frühjahr nie ohne Geld oder Brot aus- 
gehen, denn man wird, wenn man keins von beiden mit sich führt und 
der Kuckuck über den Weg schreit, im nächsten Jahre Mangel leiden. 

Der Kuckuck ist auch Verkünder des Wetters : lässt er sich zeitig 
hören, so giebt es einen warmen Frühling; giebt er den ihm eigenen 
Ton von sich, den die Landleute ein Lachen nennen, so regnet es bald. 
(Bock, Naturgeschichte 2C. 354. 351.) 

Der Kuckuck soll neun Tage vor Mai zu rufen anfangen; er ver- 
mag dies aber nicht eher, als bis er ein Blatt vom Kuckuckskumst 
(Oxalis Acetosella) im Schnabel gehalten hat. (Saalfeld. Lemke 97.) 

Wenn der Kuckuck bis Gregor (9. Mai) nicht schreit, so platzt er 
auf. (Alt-Pillau.) 

Der Kuckuck schreit nur von Tiburtius (14. April) bis Johann 
(24. Juni); nach Johann verwandelt er sich in einen Habicht. (Volks- 
kalender Nr. 111. Lemke 97.) Kurzweg heisst es: der Kuckuck wird 
im Herbst ein Häfke (Habicht); als solcher stiehlt er dann Hühner 
und Tauben. 

Beschreit der Kuckuck unbelaubte Bäume, d. h. ist er früher da, 
als das Laub, so kommen in dem Jahre viele Mädchen zu Falle. 
(Natangen.) 



Knkaweczka,, 

Panieneczka, 

Licz, licz, licz, 

Wiele latkow b§do zj6\ 



Kuckuckcheu, 

Jangferchen, 

Zähle, zähle, zähle, 

Wie viele Jahrchen ich noch leben werde! 



294 Zur volkstümlichen Naturkunde. 

Das Volk nennt den Kuckuck den dümmsten Vogel, denn er ver- 
steht es nicht einmal, sich ein Nest zu bauen. Als der Goldammer 
ihn diese Kunst lehren wollte, wies er ihn stolz und höhnend ab. Er 
legt sein Ei in das Nest anderer Vögel, und diese brüten es aus. Der 
junge Kuckuck ist gegen seine Pflegemutter undankbar; er trachtet ihr 
nach dem Leben. Entkommt sie seinem Schnabel' und seinen Krallen, 
so ist sie fortan gegen Nachstellungen sicher: kein Raubvogel vermag 
sie zu erhaschen, kein Jäger sie zu treffen. (Fischhausen.) 

Märchen: In alten Zeiten war der Kuckuck ein Mann, dem seine 
Frau sieben Kinder geboren hatte. Die Fesseln der Ehe wurden ihm 
lästig; er misshandelte Weib und Kind. Da flüchtete die Frau in ihrer 
Not mit den sieben Kindern zu Gott und rief ihn um Hilfe an. Der 
liebe Gott war sehr entrüstet über die Roheit des Gatten und Vaters 
und wollte ihn zur Rechenschaft ziehen. Doch dieser war in seinem 
Hause nicht zu finden. Als aber Gott seinen Namen rief, antwortete 
eine Stimme aus dem Backofen: „Kuckuck! 14 

Und Gott sprach: Da du deine Frau und Kinder so schlecht be- 
handelt und nun auch mich noch verhöhnet hast, sollst du ein Vogel 
sein, der nur Kuckuck ruft, der Welt zum warnenden Beispiel. Deine 
Frau und Kinder aber will ich zu mir nehmen und zu Sternen machen. 
Doch hüte dich, dass dich deine Kinder nie sehen, sie würden sonst 
an dir Bache nehmen! 

Wie Gott gesagt, so ist es geschehen: der Kuckuck ruft seinen 
Namen noch heute durch die Welt, die Frau glänzt als Abendstern 
am Himmel und die sieben Kinder leuchten als „Siebengestirn". Der 
Kuckuck aber streicht einsam durch die Welt, ihm fehlt sein eigenes 
Haus ; auch hütet er sich wohl, seinen Buf erschallen zu lassen, wenn 
seine Kinder sich am Himmel zeigen: sobald das Siebengestirn sicht- 
bar wird, schweigt er und versteckt sich. (Samland. Fischhausen.) 

Dieser eigentümliche Vogel, der nach dem Volksliede „sieben Frauen 
halten kann und für alle Arbeit hat" (Volksreime 212), der es in betreff 
der ehelichen Treue und Ehrlichkeit (er stiehlt Weggen — Weizenbrot — 
und Schafe. Volksr. 213. 214) nicht sonderlich genau nimmt, hat sich 
vielfache Beziehungen zum Menschen gefallen lassen müssen: 



Von H. Frischbier. 295 

Zu dem, der Fehler an andern rügt, die ihm selber eigen sind, 
sagt man: Der Kuckuck schreit seinen eigenen Namen. Der Undank- 
bare ist ein undankbarer — ein böser Kuckuck, und wer Undank 
erntet, hat des Kuckucks Dank oder Lohn. Wer schadenfroh lacht, 
lacht wie der Kuckuck. Der treulose Gatte ist ein rechter Kuckuck — 
der richtige Kuckuck — ein treuloser Kuckuck. Der Kranke, von 
dem man annimmt, er werde das Frühjahr nicht mehr erleben, wird 
den Kuckuck nicht mehr schreien (singen) hören. Wer Sommer- 
sprossen hat, ist bunt wie ein Kuckuck. Verwundernd ruft man aus: 
Ei der Kuckuck! und wenn man mit dem eigenen Wissen zu Bande ist, 
heisst es: Das weiss der Kuckuck. Den Unwillkommenen wünscht 
man zum Kuckuck, und nimmt mit dieser Redensart und den folgenden 
der Kuckuck diabolischen Charakter an: Hol' ihn der Kuckuck! Hör 
ihn der Kuckuck und sein Küster (der Wiedehopf) ! Hat ihn der Kuckuck 
schon wieder da? Heut 1 ist's, als ob der Kuckuck los wäre! In des 
Kuckucks Namen!) Das ist um des Kuckucks zu werden! (Vgl. 
Sprichw. I, 2214 ff.) 

Kuckucksspeichel, pltd. Kuckucksspi, nennt man den Schaum, 
den die Schaumcikade (Cicada spumaria) hervorbringt, der jedoch, nach 
der Volksmeinung, vom Kuckuck ausgespieen wird. (Dönhoffstädt.) 

Kuckuckskohl heisst der gemeine Sauerklee, Oxalis Acetosella. 
Kuckucksblume, Lychnis flos cuculi u. Cardamine pratensis. Blauer 
Kuckuck, Ajuga reptans. Kuckuckssaat, s.v. a. Lausepulver, Pulvis 
contra pediculos. Vgl. Preuss. Wörterb. I, 439. Hagen u. d. a. W. 

Taube. 

Namen: Es kommen bei uns wild vor: Holztaube, auch Feld- 
taube, Spocht, Ringeltaube und Turteltaube. Sie heissen zwar sämtlich 
wilde Taube, doch wird so vorzugsweise die Holztaube genannt, die 
auch Blautaube heisst. (Bujack 379. Preuss. Wörterb. II, 355.) 
Fünfzig Paar Tauben im Stand, ein fetter Ochs. (Dönhoffstädt) 
Die Taube baut ein sehr schlechtes Nest, so dass man durch das- 
selbe die Eier schimmern sehen kann. Woher das kommt, erzählt 
folgende Sage: 



296 Zar volkstümlichen Naturkunde. 

Die wilde Taube kam zur Elster und sprach: „Lehre mich doch 
auch ein so schönes Nest bauen, wie du hast u . Die Elster, bereit, flog 
mit bis zu der Stätte, wo die Taube sich häuslich niederlassen wollte. 
Hier begann sie, der Taube zu zeigen, wie man gute Nester baut. Sie 
sprach: „ßne Spreckel leggst du so!" Die Taube erwiderte: „Öek wet" 
(verstehe). Elster: „Den andYe Spreckel leggst du so!" Taube: „Öek 
wet". Elster: „Den drödde Spreckel legst du so!" Taube: „Öek wet." 
Da sagte die Elster, geärgert: „Wenn du wetst (weisst), wat fragst 
denn so domm!" Hess die Taube allein und flog von dannen. — Die 
Taube aber versteht ihr Nest nur soweit zu bauen, als die Elster es 
ihr gezeigt hat und ist über die Anfange des Nestbaues nicht hinaus- 
gekommen. (Alt-Pillau.) 

Sprichwörtlich: Wie eine Taube sanft, — ohne Falsch sein; — 
sich lieben — schnäbeln wie die Tauben; — trocken sein wie ein Spoclit. 
(Eorrespondenzbl. III. 54.) 

Pflanzennamen: Taubenfuss, Ranunculus bulbosus und Gera- 
nium rotundifolium. Taubenkropf, Cucubalus Beben und Fumaria 
officinalis. Taubenscabiose, Scabiosa columbaria. Taubenschnabel, 
Geranium columbinum. 

Schnarrwachtel, Crex pratensis. 

Namen: Wiesenschnarre, Schnärz, Grasschnarrer, Grasschnarcher, 
Grasrutscher, Feldwächter, Schart, Schrecke, Schrlk, Eggenschär, Kress- 
ler, Grössel, Arp, Scherp, Schnarp, Schnerz, Scharp, Kasper, Wiesen- 
kasper, Schnarrwachtel, Wachtelkönig, Himmelsziege. (Bujack 384. 
Preuss. Wörterb. I, 251.) 

So vielmal die Schnarrwachtel zur Zeit der Roggenblüte ruft, so 
viel Gulden (Mark) kostet in dem Jahre der Scheffel Getreide. (Ermland.) 

Gesang des Vogels: 

Scharp, scharp! Hau' sacht 1 
Lange Dag, körte Nacht, 

Dat du nich warscht vermöde. (Saraland.) 

Auch: 

Knecht, Knecht, hau 1 sacht! 

Körte Nacht, lange Dag, hau 1 sacht! 

(Ostroschken.) 



Von H. Frisehbier. 297 

Der Arbeiter (Hauer, Mäher) soll oft die Sense schärfen und das 
Getreide langsam hauen, damit er in den langen Tagen wenigstens 
einige Ruhe habe und sich nicht zu sehr anstrenge. (Volksr. 69, 263.) 

HaiiKhahn. 

Namen: Hahn, Putthahn, das Männchen; das Weibchen: Huhn, 
Henne, Putthuhn; die Bruthenne: Glucke, Klucke, Kluck; das 
Junge: Keichel, Keuchel, pltd. Kikel, Kikelke; die Hühner in der 
Gesamtheit Henner. Hühner mit struppigen, rückwärts gekehrten Fe- 
dern nennt man russische oder verkehrte Hühner. Der Hühner- 
zwitter, der untaugliche Hahn, heisst Spöttel-, Spittelhahn; er kräht 
mit unsicherer Stimme. — Lockrufe: Pütt Pütt! Tipp Tipp! Tippchen 
Tipp Tipp Tipp! Tschipp Tschipp! Tippa Tippa! Tschippa Tschippa! 
Scheuchfufe: Schuh! A scho! (Vgl. Volksr. 242. Lemke 89 f.) 

Der Hahn gilt allgemein als Wetterprophet. Kräht der Hahn abends 
auf seinem Sitz, so bekommen wir anderes Wetter. Anhaltendes Krähen, 
namentlich am Morgen, deutet auf Regen. Doch nicht nur das Wetter 
verkündet der Hahn voraus: Sieht der Hahn beim Krähen vom Hause 
weg, so kräht er das Glück hinaus; kräht er gegen dasselbe, so ruft 
er das Glück herbei. (Ermland.) Wenn der Hahn kräht und seinen 
Kopf nach der Thür oder dem Fenster des Hauses wendet, so kommen 
Gäste; in Masuren erscheint Besuch, wenn er vor dem Fenster kräht. 
Steht er auf der Hausschwelle und sieht während des Krähens ins' 
Haus, so kräht er das Glück hinein, sieht er aber nach dem Hofe, so 
kräht er es hinaus. (Reusch, Nachlass.) Kräht der Hahn, wenn ein 
Leichenzug vorbeikommt, so kann man sicher sein, dass aus dem Hause, 
auf dessen Gehöft der Hahn kräht, die nächste Leiche getragen wird. 

Das Krähen der Henne ist noch bedeutungsvoller als das des Hahns. 
Ihr Krähen bedeutet immer und überall Unglück: gewöhnlich zeigt es 
den Tod eines Familiengliedes oder den Fall eines Mädchens in dem 
betreffenden Hause an. (Reusch, Nachlass.) Kräht jedoch ein schwarzes 
Huhn, so kräht es das Unglück zum Hause hinaus, kräht es aber 
draussen, so kommt das Unglück ins Haus. (Fischhausen.) Gehen die 

Altpr. Monatgsebrift Bd. XXII. Hft. 3d.4 20 



298 



Zar volkstümlichen Naturkunde. 



Hühner während des Regens statt unterzustehen, spazieren, so hält dei 
Segen lange an. 

Im Bätsei ist der Hahn reich vertreten. (8. Tierrätsel 37— 49.) 
Nicht minder reich berücksichtigt ihn Sprichwort und sprichwörtliche 
Redensart : 

Ein guter Hahn wird nicht fett. Ein guter Hahn wird im Alter 
fett. Ein guter Hahn hält seinen Hof rein, d. h. duldet keinen Neben- 
buhler. Ein schlechter Hahn, der fett wird. E dreeger H&hn paddelt 
got. Dass dich der Hahn hackt! Darnach kräht kein Hahn. Zwei 
Hähne auf einem Misthaufen vertragen sich nicht. Er ist da Hähn- 
chen im Korbe. Wir sind noch nicht auseinander, sagt der Hahn zum 
Regenwurm und frisst ihn auf. (Vgl. Sprichw. I, 1439 ff.) 

Der Mensch im Vergleiche mit dem Hahn: Sich blähen wie der 
Hahn auf dem Mist. Wie ein Hahn stolzieren. Gehen wie ein ge- 
spannener (gespannter) Hahn (auch: Hühnerhahn). Beine haben wie 
ein Hahn. Fett sein wie ein gemästeter Hahn. Aussehen — , dastehen 
wie ein bedrippter Hahn. Schriwe wie de Hahn klaut. Äwerhen kicke 
as e Hahn. Kreege wie e Spöttelhähn. (Korrespondenzbl. III, 51.) 

Das Weibchen gehört zum Mann, das Huhn zum Hahn. 

Des Unglück kündenden Erähens der Henne ist bereits gedacht 
worden. Im Sprichworte heisst es: 

Wenn die Mädchen pfeifen, 

Und die Weiber keifen, 

Und die Hühner krähen, 

Dann ist Zeit, ihnen den Hals umzudrehen. 

(Sprichw. I, 2499.) 

Wenn die Henne krähet vor dem Hahn, 
Und das Weib schreiet vor dem Mann, 
So soll man die erste braten, 
Und die zweite mit Prügel beraten. 

(Sprichw. n, 1162.) 
Wenn die Hühner krähen, so hackt man in der Gegend von Soldau 

ihnen sofort den Kopf ab, um das Unglück abzuwenden. 

Das Krähen der Hühner soll dadurch veranlasst werden, dass sie 

einen Geist sehen, der zu den Menschen will; auch werden die Frau 



■ JV 11 "■ i 



Von H. Frischbier. 299 

Nachbarinnen mit einander „haddern". (Simon Grünau, hrsgb. von 
M. Perlbach Bd. I, S. 90.) 

Die Henne ist im Sprichwort reich vertreten: Wie die Henne, 
so das Ei, (wie der Koch, so der Brei). Die grössten Hühner legen 
die kleinsten Eier. Kluge Hühner legen die Eier bei's Nest. Ein kluges 
Huhn legt auch vorbei. Auch kluge Hühner legen in die Nesseln. 
Wer ein Huhn hält zum Legen und eine Magd zum Spinnen, ist be- 
trogen. Jedes Hühnchen will getreten sein. Lass doch die Hühner 
kackeln, wenn ich nur die Eier habe. Auch ein blindes Huhn findet 
manchmal ein Gerstenkorn. 

Der Mensch im Vergleiche und in Beziehung zum Huhn: Die 
Hühner haben ihm das Brot genommen, heisst es vom Betrübten. Er 
hat an ihm ein Huhn gefressen, hat ihn besonders lieb, erweist ihm 
unverdiente Liebe. Ihn lachen die Hühner mit dem A. aus. Mit den 
Hühnern zugleich auffliegen; auffliegen wie Nabers Hühner. Mit einem 
ein Hühnchen zu pflücken haben. Wer viel plaudert, anvertraute Ge- 

• 

heimnisse verrät, hat vom Hühnerarsch gegessen. Der Dumme — hat 
unterm Hühnersitz (Hühnerhuck) gestanden — gesessen, — ist klüger 
wie neun dumme Hühner (und ein verrücktes Gessel). Gedanken (ein 
Gedächtnis) haben wie ein Huhn. Blind sein wie ein Huhn, — hühner- 
blind sein. Brüten wie die Henne auf Eiern. Sich nähren (hungrig sein) 
wie Müllers Hühner. Krank wie ein Huhn, essen und nichts thun. Krähen 
wie eine Henne, wenn sie auf dem Bienenkorb sitzt. (Korrespbl. III, 51.) 

Die Henne und ihr wichtiges Produkt, das Ei, tritt mannigfach im 
Volksrätsel auf. (Vgl. Tierrätsel 50—78.) 

Der Mensch im Vergleiche mit dem Ei: Wie aus dem Ei geschält 
sein; — einen hüten, — in acht nehmen, — behandeln wie ein rohes 
Ei; — mit ihm umgehen, wie mit dem rohen Ei. (Korrespbl. in, 51.) 

Sollen die Hühner wieder legen, dann müssen die Schalen ge- 
kochter Eier beim Essen zerdrückt werden; unterlässt man dies, so 
legen sie nicht, — so hat man Unglück (Wehlau), — so bekommt 
man das Fieber. (Königsberg. Danzig.) 

Am Sylvesterabend geht man den Grenzzaun schütteln, wobei man 

spricht: „Die Eier sind ffir uns und das Krakeln für euch!" Die Folge 

20* 



t ; 



300 Zur Volkstum liehen Naturkunde. 

davon ist, dass die Hühner des Nachbarn zum Sprechenden kommen, 
ihm die Eier legen und daheim nur krakeln. (Kbg. Hartg. Ztg. 1866, No. 8.) 

Klare Eier sind solche, aus welchen keine Küchlein kommen: 
solche legen die Hühner, wenn Lichtmess (2. Februar) klares Wetter ist. 

Legt man Hühnern zum Brüten Eier nnter, die am krummen 
Mittwoch (in der Karwoche) gelegt sind, so kommen durchgängig Miss- 
geburten aus : Küchlein mit zwei Köpfen, drei Füssen 2c. (Ermland. 
Volkskai. 79.) 

Setzt man eine Henne, eine Gans oder eine Ente zum Brüten, so 
hat man, soll die Brut gedeihen, dil Eier in einer Mäunermütze, am 
besten in einer heimlich weggenommenen (Gegend von Hohenstein: 
Mütze eines Juden), in das Nest zu legen. (Angerburg. Königsberg.) 
Weitere Gebräuche zum Schutze der Brut s. Hexenspr. S. 127 ff: Auf 
dem Hühnerhof. 

Der Mensch im Vergleiche mit dem Küchlein: Wie ein Herbst- 
keichel aussehen, — kränkeln, — piepsen, — schwach sein; sitzen wie 
ein Nestküken. Die Keichel wollen klüger sein als die Kluck. (Korre- 
spondenzbl. III, 52. Lemke 90.) 

Will man vermeiden, dass die Hühner im Garten kratzen, so muss 
man sich am Karfreitag und Ostersonntag nicht kämmen. (Hohenstein.) 

Hühnerfedern benutzt man am liebsten nicht zu Betten: man kann 
darauf nicht sterben. (Hohenstein.) 

Das Gackern des Huhnes deutet man im Samlande: 

Duck duck duck, Soldate käme! 

der Hahn antwortet krähend: 

Os ganz wahrhaftig wahr! 

(Volksr. 248.) 
Pfau. 

Namen: Paw, Baw. 

Anhaltendes Geschrei des Pfauen deutet auf Kegen. 

Sprichwörtlich: Wie ein Pfau bunt — stolz sein — sich brüsten. 
Korrespbl. IH, 53* 

Brachvogel. 

Es giebt einen grossen (Numenius arquatus) und einen kleinen 
Brachvogel (N. Phaeopus), beim Volke Gietvogel. Man spricht und 



Von H. Friscbbier. 301 

schreibtauch: Gütvogel, Jütvogel, Gitvogel; er heisst auch Grül, 
der grosse noch Kronschnepfe, der kleine Regenbrachvogel. Der 
Name ist nach dem Rufe git, git gebildet; der Vogel gilt als ein 
Regen verkünder. Vgl. Bujack 384. 

Sage: Als vor langen Jahren die Teiche gegraben werden sollten, 
ward auch derGietvogel aufgefordert, den Morast ausräumen zu helfen; 
aber er hatte gar zu grosse Furcht, sich dabei seine schönen gelben 
Füsschen zu besudeln und entzog sich dem Werke. Da bestimmte 
Gott der Herr, er sollte nun auch bis in Ewigkeit aus keinem Teiche 
saufen. Deshalb sieht man ihn immer nur aus hohlen Steinen oder 
Wagenspuren, in denen sich Regenwasser gesammelt hat, mühsam 
saufen. Wenn nun aber lange kein Regen fällt und sehr trockene Zeit 
ist, so leidet er jänmiei liehen Durst, und man hört ihn ununterbrochen 
sein klägliches Giet (giesse, regne)! schreien. (Pr. Prov.-Bl. XXVI, 536.) 

Nach einer Variante dieser Sage hatte Gott der Herr alle Vögel 
im Paradiese zum Wassertragen befohlen, und nur der Gietvogel war 
diesem Befehle nicht nachgekommen. Zur Strafe leidet er jetzt in der 
Dürre Durst und ruft zu Gott bittend: Gieb, gieb (Regen)! Daher 
heisst er auch Giebvogel. (Fischhausen.) 

Eine ähnliche Sage wird von der Weihe erzählt (s. d.). 

Storch. 

Namen: Adebär, Ad'bör, Hadebär; hchd. Adebar. In Jerren- 
towitz: Knackosbot, Knackodbäd; in den polnisch-deutschen Ge- 
genden Ost- und Westpreussens : Botschan, Botschon, von dem 
poln. bocian. In den Kinderreimen als Anrede: Langbeen, Langnäs, 
Schnibbeschnäbel, Stein und Steiner; im Sprichwort: Knäker- 
been; im Volksrätsel: Schnarr aback. (Tierrätsel 90.) 

Adebar, mhd. adebero, ahd. ödabero, ödebero (s. d. Zusammen- 
stellung der bekannten Formen in Grimm, Mythol. 638 und Schiller, 
Zum Thier- und Kräuterbuche I, 3a) = Träger, Bringer (des Glückes, 
der Kinder). Vgl. Grimm, Wörterb. I, 176. Preuss. Wörterb. I, 16. — 
Botschan, Kuackosbot (Volksreime 857) haben als Grundwort das 
poln. bocian; knackos dürfte ein korrumpiertes knacken == klappern 
ausdrücken, das Wort hätte mithin die Bedeutuug: Klapperstorch, 



~T — 



3Q2 Zu? volkstümliche!! Naturkunde, 

Der Storch bringt die Kinder auch bei uns, wie überall da, wo er 
nistet. Als Kinderbringer ist er zugleich Kinderfreuud: er bringt den 
Kleinen in der Familie, die er von neuem erfreut, etwas mit. Diese 
untersuchen daher die Wiege des neuen Ankömmlings und finden in 
derselben allerlei Naschwerk. Die Mutter aber ist vom Storche ins 
Bein gebissen worden, daher muss sie zu Bette liegen. 

Er ist auch der Bringer des Glückes 18 ); deshalb freut sich der 
Landmann, wenn der Storch auf dem Dache seines Wohnhauses oder 
seiner Scheune das Nest baut. Um ihn anzulocken und ihm die An- 
lage des Nestes zu erleichtern, legt man ein altes Wagenrad auf das 
Dach. Gebäude, welche ein Storchnest tragen, bleiben vom Feuer, 
namentlich vom Blitze, verschont. Der Landmann vermeidet alles, was 
den Storch stören könnte, selbst eine notwendige Reparatur des Daches 
wird ausgesetzt; denn wird der Storch in seinem Heim gestört, so giebt 
er's auf; sein Abzug aber bringt dem Hause Unglück, ja es brennt ab. 
Wer ein Storchnest zerstört, vernichtet das Gluck des Hauses. Die 
Masuren sagen: Wer ein Storchnest zerstört, begeht eine grosse Sünde. 
(Passenheim.) 

Jedes Jahr wirft der Storch etwas aus dem Neste. Ist das Hinaus- 
geworfene ein Ei, so folgt ein nasses Jahr; ist's ein Junges, so steht 
ein trockenes, ja wohl sehr teures Jahr bevor, denn der Vogel glaubt 
dann seine ganze Brut nicht ernähren zu können. 

Es hält schwer einen jungen Storch durch Vermittelung des Haus- 
besitzers zu erhalten. Versteht dieser sich doch dazu, ein junges Tier 
aus dem Neste zu nehmen, so thut er's nur gegen Bezahlung und legt 
diese dem alten Storche ins Nest, damit er sich überzeuge, dass sein 
Interesse gewahrt sei. 

Am Tage der heiligen Gertrud (17. Mäiz) beginnt der Storch seine 
Vorbereitungen zu dem Zuge nach Preussen, zu Maria Verkündigung 
(25. März) kommt er an und bringt auf seinem Schwänze die Bachstelze 
mit; er zieht am Bartholomäustage (24. Aug.) wieder ab. 



18 ) Als „Glücksbedeuter" galt er schon den Waidelotten der alten Nadrauer. 
Siehe Pierson, Matthäus Prätorius' Deliciae prussicae :c. S. 43. 



Von H. Friscbbier. 303 

Wenn der Storch zeitig ankommt und viel klappert, so ist das 
ein Zeichen eines warmen Frühlings. (Bock, Naturgesch. I, S. 354.) 

Hat der angekommene Storch mit dem Ausbessern seines Nestes 
viel zu thun, so steht ein nasser Sommer bevor. (Dönhoffstädt.) 

Ist bei seiner Ankunft sein Gefieder weiss und rein, so steht ein 
schöner trockener Sommer in Aussicht; ist sein Federkleid dagegen 
schmutzig, so deutet dies auf einen nassen Sommer. 

Der erste Storch wird mit Jubel begrüsst. Die Kinder singen ihm 
ihre Keime entgegen (Volksr. No. 189 ff.), und vor wenigen Jahren 
noch eilten (Gegend von Eastenburg) die Schuler, sobald sie ihn er- 
blickt, zum Lehrer und erbaten mit dem Reime: 

Der Storch ist gekommen, 

Hat uns die Bächer genommen! 

einen schulfreien Tag, der ihnen auch bewilligt wurde. Iö ) -— Aber auch 
iür die Erwachsenen ist das erste Begegnen bedeutungsvoll. 

Sieht man den Storch nach seiner Ankunft zum ersten mal, so 
kommt alles darauf an, was der Vogel in diesem Augenblicke thut: 
fliegt er, so wird man in dem bevorstehenden Jahre fleissig sein und 
dies um so mehr, wenn man selbst gerade in rüstigem Fortschreiten 
sich befindet; steht er, so deutet dies Faulheit an; klappert er, so 
wird man viel zerbrechen — doch kann es dem Hausherrn auch Segen 
an Geld, der Hausfrau Segen an Kindern verkünden. 

In der Gegend von Saalfeld zeigt der erste fliegende Storch auch 
an, dass man bald eine Reise machen werde, der sitzende, dass man 



") Zur Ergänzung der Reime an den Storch teile ich noch zwei in der Gegend 
von Passenheim übliche masarische Verschen mit: 



Kle kle, bocianie! 
Co masz we zbanie? 
Piwo i woda. 
Dziewczjna iagoda, 
Chlopiec pasknda 
Z kobilego nda. 

Kie kle, bocianie! 
Wilk ci nogi potamie. 
Niechze mi polamie, 
Mamci druge w korbanie. 



Klo kle, Storch! 

Was hast da in der Kanne? 

Bier und Wasser. 

Das Mädchen ist eine Erdbeer 1 , 

Der Junge ist ein Unflat 

Aus der Stute Bein. 

Kle kle, Storch ! 

Der Wolf wird dir die Füsse zerbrechen. 

Mag er mir (sie) zerbrechen, 

Hab 1 ich andere iu der (Borken-) Schachtel. 



304 Zur volkstflmlichen Naturkunde. 

nicht viel aus dem Hause kommen werde. (Lemke 96.) Beim Anblicke 
des ersten Storches muss man sein Geld in der Tasche umrühren, dann 
fehlt's einem in dem betreffenden Jahre nimmer. Sieht man, ohne Gehl 
bei sich zu haben, den ersten Storch, so wird der Verdienst ein geringer 
sein. (Dasselbe gilt von dem ersten Schreien des Kuckucks.) 

Die Wiege ist bereit zu halten, wenn der Storch über das Haus 
eines jungen Ehepaares fliegt. (Dönhoffstiidt.) 

Vor ihrer Abreise versammeln sich die Störche in grossen Scharen 
auf den Wieseu: hier töten sie Schwächlinge, denen sie die Über- 
windung der Strapazen der Reise nicht zutrauen. Sie halten aber auch 
Gericht über einzelne Sunder aus ihrer Mitte, die sie nach erwiesener 
Schuld mit Schnabelhieben unibringen. (Vgl. Neue Preuss. Prov.-Bl. 
a. F. III, 210, und Schilderung eines „Gerichtstages" der Störche in: 
Bock Naturgescb. je. IV, 347.) 

Ziehen die Störche vor Bartholomäus ab, so giebt es einen zeitigen 
Winter; ziehen sie nach dem genannten Tage fort, so deutet dies auf 
einen langen und schönen Herbst und einen späten Winter (nach Böbel 
102, auf einen gelinden Winter). — Man sagt auch genauer: So viele 
Tage die Störche über den Bartholomäustag bei uns bleiben, so viele 
Wochen schönes Wetter giebt es noch. 

Der Storch wird hier nur als Gast angesehen; in seiner eigent- 
lichen Heimat ist er Mensch. 20 ) Eine samländische Sage erzählt: 

Ein Ostpreusse, der die Welt durchwandert, kam auch in die Heimat 
der Störche; aber er wusste es nicht. Als ihm jedoch als erstes Mahl 
ein Gericht Frösche und Kröten vorgesetzt wurde, und er auf sein 
Verwundern über diese seltsame Bewirtung den Bescheid erhielt: „Ihr 
gebt mir ja auch nichts anderes", da merkte er sogleich, wo er 
sich befinde. Das sonderbare Gericht war aber nur ein Scherz gewesen: 
die Schüssel mit den unappetitlichen Tieren verschwand, und es gab 
darauf noch die schönsten Leckerbissen. 

Nach einer anderen samländischen Sage ist das Land der Störche 
durch eine hohe Mauer eingeschlossen, über die man nicht hinweg kann. 

20 ) Und sie keinem storch sie lossen ein leit thun, dan sie halten is davor, 
und sy andirswo menschen sein. (Simon Grünau, lirsgb. von Peilbach, I, S. 90-) 



Von H. Frischbier. 305 

Daher weiss auch niemand, wie es jenseits der Mauer aussieht. Einst- 
mals hatte man einen Menschen auf die Mauer zu heben gewusst; er 
sollte aussagen, wie es in dem Lande aussehe. Als er oben auf der 
Mauer sass, rief er voll Begeisterung: „Schön! schön!" und sprang in 
das Land der Störche. Man machte einen zweiten Versuch und band 
dem Kletterer, um sein etwaiges Entweichen unmöglich zu machen, eine 
Leine an den Fuss. Oben auf der Mauer angelangt, rief auch er: 
„Schön! schön!" und wollte zu den Störchen hinüber. Er wurde zwar 
zurückgezogen; doch wie es im Storchlande aussieht, vermochte er nicht 
zu erzählen: er hatte die Sprache verloren.") 

Im Jahre 1848 erschien in Tenkitten bei Fischhausen ein Storch, 
aus dessen Rücken fusslang ein Rohr hervorragte, wahrscheinlich ein 
Pfeil. Ohne genistet zu haben, ist er wieder abgezogen. (Neue Preuss. 
Prov.-Bl. VI, 318.) Vgl. Schnee und Eis. 

Den Schneeregen im März und April nennt man hier Storch- 
schnee; auf Rügen und in Pommern heisst er Adebar-Stoving. 
Der Storchschnee muss herunter; erst wenn er gefallen, können die 
Störche anlangen. 

Sprichwörter: Er hat Storchbeine. Er steht wie ein Storch auf 
einem Fuss. Er geht wie der Storch im Salat = mit gravitätischen 
Schritten. Wie ein Storch stehen, — klappern. Verteil ml nuscht 
vom Storch! Als Abweisung unwahrscheinlicher, abgeschmackter Er- 
zählungen. Gott giebt zuweilen einen Storch. Vergl. Sprichw. I, 3649. 

Pflanzennamen: Storchblume, Anemone nemorosa. Storchschnabel, 
Geranimn. (Hagen, u. d. a. W.) 

Rohrdommel. 

Namen: Rohrdump, -drump, -drumrael, Iprump. Bujack 381. 
Preuss. Wörterb. II, 231. 

Ruf: Öck versüp, öck versüp! (Volksr. 269.) — Wenn die Rohr- 
dommel zeitig schlägt, giebt's eine gute Ernte. (Medenau. Böbel, 120.) 



21 ) Beide Sagen verdanke ich der gütigen Mitteilung des Lehrers Herrn Schimmel- 
pt'enuig in Fischhausen, von dem auch die sonstigen mit Fischhansen oder Alt-Pillau 
bezeichneten Angaben herrühren. 



306 Zur volkstümlichen Naturkunde. 

Das Märchen von clor Rohrdommel und dem Wiedehopf s. unter 
Wiedehopf. 

Sprichwörtlich: Wie eine Kohrdommel schreien. 

Gans. 

Namen: Zahme, pltd. tarne Gans, wilde Gans. Das Männchen 
heisst Gansert, volkstümlich Ganter, imErmlande auch Gent, Gaings, 
die junge Gans Gessel, Güssel. 

Lockruf: Guse Guse (u kurz)! Will Will! Wille Wille! Volksr. 242. 

Ein beliebtes Kinderspiel heisst Gusegänscben: Guse-Guse-Gänskes 
kämt na Hüs! Siehe Volksr. Nr. 691. 

Die Gans ist das einzige Tier, das man bedauert, weil es barfuss 
gehen muss: 

Schusche patru£che, wafc ruschelt öm Stroh, 
Guse-Gänskes gäne barföt on hebbe kein 1 Schob, 
De Schuster heft Ledder, kein Leestke dato, 
Dat hei kann mäke de Gänskes e Paar Schob. 

Siehe vollständig Volksr. Nr. 30. 

Eulenspiegel prophezeite den Bauern einst einen sehr strengen 
Winter und riet, den Gänsen Schuhe machen zu lassen, weil ihnen sonst 
die Füsse abfrieren würden. Die Bauern brachten gläubig all ihr Leder 
zusammen, und Eulenspiegel verschnitt den ganzen Vorrat zu Gänse- 
schuhen. Seine Prophezeiung traf auch wirklich ein: und nun hatten 
die Gänse Schuhe und die Bauern mussten barfuss gehen und frieren. 

Vergleiche mit der Gans: Er ist so dumm wie eine Gans. Mädchen 
und Frauen heissen Gänse — dumme Gänse. Er hat davor Angst, wie 
die Gans vor einer Hafergarbe. Er erbost sich, wie die Gans, der man 
ins Nest kuckt. Herumkrabbeln wie eine tolle Gans. Bekannt sein wie 
die Gans im Schafstall. Man muss ihnen ihre eigenen Köpfe lassen 
wie den Gänsen in Rügen. Korrespondenzbl. III, 50. 

Auf die Frage: Wie geht es? erhält man zur Antwort: Ömmer op 
twei Beene wie e Ganter. 

Die Gans, im Rätsel Witschelwatschel, auch Patschfötkc, Patseh- 
füsschen, genannt, geht über die Brücke und trägt die Betteu des Königs 
auf dem Rücken. Vergl. Tierrätsel Nr. 79—81. 



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Von H. Frischbier. 307 

Im Volksliede ist die Gans ein starkes und zugleich zierliches Tier: 
sie trägt den Schneider samt den Flicken auf dem Rücken, den Keiter 
mit dem Säbel auf ihrem Schnabel, die Braut im Hochzeitskranze auf 
ihrem Schwänze 2c. (Siehe Volksr. No. 455.) 

Sollen die jungen Gänschen zum erstenmal auf die Weide, so 
schneidet man ihnen die Spitzen der Schwanzfedern ab, zilndet dieselben 
an und hält dann die Gänschen, die man in einem Siebe hat, über den 
Rauch. Darauf bringt man sie in dem Siebe oder auch in einem Korbe 
auf die Weide und lässt sie, auf dass sie gedeihen, sämtlich durch eine 
Männerhose hindurchgleiten. (Bürgersdorf bei Wehlau.) 

Junge Gessel muss man mit Schrot und Pulver räuchern, um sie 
vor Krähen und Habichten zu schützen. (Dönhoffstädt.) 

Ist der Brustkasten der Gans weiss, so giebt es viel Schnee und 
einen dauernden Winter, ist er dagegen rot, so wird der Winter flau. 
Wenn die Gänse sich auf dem Eise baden, so giebt es bald Tau- 
wetter. (Dasselbe gilt von den Krähen.) Das Baden der Gänse und 
Enten deutet auf baldigen Regen. (Heihberg. Böbel, 119.) 

Das Reissen (Schleissen) der Federn geschieht gewöhnlich in den 
Zwölften, weil in dieser Zeit nicht gesponnen werden darf. Nachdem 
die Federn gerissen sind, nimmt man sämtliche Kiele und trägt sie 
auf einen Steig oder Fussweg. So viele Leute darüber hingehen, so 
viele Gänse oder Enten (je nach den Federn) hat man das folgende 
Jahr. (Samhind.) 

Die Feder (Gänsekiel) im Rätsel s. Tierrätsel 84 ff. 
Pflanzennamen: Gänseblümchen, Bellis perennis. Gänse- 
blume, Chrysanthemum. Gäusedistel, Sonchus. Gänsefuss, Cheno- 
poclium. Gänsegarbe, -kraut, auch Gänserich, Potentilla anserina. 
G Linsegrün, Alchemilla vulgaris. Gänsekraut, Arabis Thaliana, kleines, 
Arenaria serpyllifolia. Gänsepappel, Malva rotundifolia. Gessel- 
blunie, Ranunculus ficaria. Hagen u. d. a. W. 

Zur Bezeichnung einer entlegenen Zeit braucht man: Gessclpest, 
Eulenpest, Kurrenpest Das ist von der Gesselpest her. 

Gesselhabicht, -häfke, roter Milan, Falco Milvus. (Vgl. Preuss. 
Wörterb. u. d. a. W.) 



308 ^ ar volkfitümlichen Naturkunde. 

Von selbst gezogenen Vögeln darf kein Stück verschenkt werden, 
es muss vielmehr, und sei es für ein Butterbrot, d. h. für den geringsten 
Preis, verkauft werden, wenn es bei dem neuen Besitzer gedeihen soll. 

Reptilien. 

Schlange. 

Die Eidechse ist der Vorbote der Schlange: wo Eidechsen sind, 
trifft man auch bald Schlangen. 

Wenn die Schlange jemand gebissen hat, so muss sie rasch ins 
Wasser schlüpfen, um nicht sofort zu sterben. 

Ist jemand von einer Schlange in Puss oder Hand gebissen worden, 
so gräbt man ein Loch in die Erde, in welches Buttermilch gegossen 
wird; in diese muss der Leidende das verletzte Glied hineinstecken 
und neun Tage lang (Tag und Nacht), in Betten verpackt, vor der 
Thür bleiben. Es wird empfohlen, in die Buttermilch, welche öfters 
erneut werdeu muss, Kröten (im Notfalle thun's auch Frösche) zu 
setzen, damit dieselben das Gift aussaugen. — Nach andern genügt 
bei dieser Kur die Zeit von vier und zwanzig Stunden. (Saalfeld. Lemke 95.) 

Der Biss der Blindschleiche erzeugt neun Löcher (Wunden). 
Jedes Jahr heilt ein Loch; wenn das letzte Loch zugeheilt ist, stirbt 
der Gebissene. (Bauschen.) 

Die Schlangen haben einen König und versammeln sich gern in 
grosser Menge um ihn. Der Schlangenkönig trägt eine goldene 
Krone, die demjenigen, der sie entwendet, viel Glück bringt; sie kann 
aber auch für viel Geld verkauft werden. Es ist indes sehr misslich, 
den Schlangenkönig also zu kränken : die Schlangen verfolgen den Dieb, so 
dass er sich sehr vor ihnen in acht nehmen muss. (Saalfeld. Lemke 96.) 

Schlangen fett, Oleum Jecoris flavum, wird als Heilmittel in 
den Apotheken gekauft. 

Sprichwörtlich: Wie eine Schlange falsch sein, — kriechen, — 
sich winden. (Korrespondenzbl. III, 53.) 

Pflanzennamen: Schlangenauge, -äuglein, Asperugo pro- 
cumbens. Schlangenkraut, Calla palustris und Aspidium Filii mas. 



Von H. Frischbier. 309 

Schlangenmord, Scorzonera humilis. Schlangen wurzel, Polygonum 
bistorla. (Vgl. Hagen und Preuss. Wörterb. u. d. a. W.) 

Frosch. 

Namen: Hopser, Pogge. Über die Etymologie von Pogge 
s. Preuss. Wörterb. IL 165. Nach Lemke 93 heissen die quarrenden 
Frösche Roch eichen; der Laubfrosch wird zumeist Frosch (statt 
Pogge) genannt. 

Im Volksrätsel heisst der Frosch Quarrer, Qua rrop, Quackop,: Pipop 
on e Quarrop ginge op §ne Barg rop :c. (Tierrätsel 30.) 

Treten die Frösche im Frühlinge zahlreich auf, so giebt es ein 
fruchtbares Jahr. (Ermland.) 

Sieht man die ersten Frösche massenhaft im Wasser, so deutet 
dies auf ein gutes Flachsjahr. (Dönhoffstädt.) 

Frösche können im Frühling den Mund nicht eher aufthun, als 
bis ein Gewitter gewesen. (Saalfeld.) 

Wenn man im Frühling den ersten Frosch auf festem Boden sieht, 
so hat man Freude zu erwarten, sieht man ihn aber im Wasser, so 
muss man weinen. 

Wenn die Frösche aufs Land kommen und auf den Wegen herum- 
hüpfen, so wird's regnen. 

Wer Sommersprossen hat, soll sich mit „Poggenschleim" waschen. 

Wer an Epilepsie leidet, soll einen Frosch in seiner Hand sterben 
lassen, dann wird er von der „schweren Krankheit" geheilt werden. 

Eine alte Pogge gilt dem Volke als Wassermutter, welche die 
Kinder ins Wasser zieht. Gilt vorzugsweise als Drohung gegen Kinder. 
(Saalfeld. Lemke 94.) 

Vgl. Bind und Schlange. 

Ruf der Frösche: Unterhaltung in wirtschaftlicher Angelegen- 
heit: G'vad'rsch, G'vad'rsch, wann war jü back'? Wann war jü back'? 
Die Gevattern antworten: Moj'n, moj'n (morgen)! Der Fragende ent- 
schliesst sich, dasselbe zu thun: Denn back öck 6k! (Back öck 6k e 
KOk (Kük.) 

Näversch, Näversch, wölP w! KÖke backe, wöll 1 wf Koke backe? 
(Königsberg.) 



310 ^ ur volkstümlichen Naturkunde. 

Kick du rftt, op de Herr kömmt möt de rode Föt, de ons möt- 
nömmt! (Tapiau.) 

Bu! Bu! Kück 1 h'rüt, op de Rotstrump kümmt, det he ons ni«'h 
metnimmt! 

Sprichwörtliches: Wenn die Pogg getreten wird, so quarkt sie. 
Die Poggen haben das Wasser ausgetrunken, wenn in der Wassertonne 
das Wasser ausgegangen ist. De Pogg' kröggt Oge = ein Schweigender 
spricht endlich, ein Langweiliger wird muuter. Wie ein Frosch sieb 
blähen; — wie eine Pogge zabbeln; — kicke wi de Pogg fit de Lehin- 
kül; — patzig sön wt de Pogg ön e Lehmkul; — wi e Pogg ön e 
Teerpudel (Teertonu') kurrig sön, — söck persche, — spart'le, — winde. 
(Vgl. Sprichw. I, 2965. Korrespondenzbl. III, 50.) 

Zusammensetzungen: Poggenfist, Froschlaich und Bovist. 
Poggenfuss, kleiner, unansehnlicher Mensch. Poggenhecht, März- 
hecht. Poggenlaichsalbe, Unguentum cerussae. Poggenpfuhl. 
Strassenname in Danzig. Poggenritzer, -schlitzer, stumpfes, ab- 
gebrauchtes Messer. Poggenschalen,* -schüssel (-schältel), -sebachtel, 
Muschelschalen (die Kinder im Werder meinen, es sässen Poggen darin). 
Poggenschnodder, Froschlaich. (Vgl. Preuss. Wörterb. II, 165. 
Preuschoff, Volksthml. a. d. Gr. Marienburger Werder. Schrift, d. naturf. 
Gesellsch. in Danzig N. F. Bd. VI, Heft 1.) 

Pflanzennamen: Froschbiss, Hydrocharis Morsus ranae. 
Froscheppich, Sium angustifolium. Froschkraut, -löffel, Alisma 
plantago und Calla palustris. Froschlattich, Potamogeton crispus. 
Froschpeterlein, Sium latifo lium . F r o s c h p f e f f e r , Ranunculus scele- 
ratus. Froschwegerich, Alisma plantago. Poggengras, Juncus 
bufonius. Poggenknie, Scleranthus perennis. (Hagen u. d. a. W. 
Preuss. Wörterb. II, 165.) 

Kröte. 

Namen: Pltd. Krät, Böskrät, Beskrät, schorfge Krät, Schorfkrät 

Kröten werden aus dem Hause vertrieben, wenn man eine fangt 
und sie im Herdfeuer verbrennen lässt. (Dönhoffstädt.) 

Die Kröte ist sehr gefürchtet; man hütet sich, ihr mit Fuss oder 
Hand nahe zu kommen, denn das Glied, das die Kröte berührt, wird 



Von H. Frischbier. . 31 \ 

so „schorbig" als sie selbst. Trotzdem spielt die Kröte eine Rolle 
unter den Heilmitteln. Sie wird in getrocknetem Zustande gegen Krämpfe, 
besonders bei Kindern, angewandt. — Wenn der Fieberkranke sie zer- 
beisst, so muss er sich dabei das Fieber „abschlackern 4 ', was durch 
das vom Grauen veranlasste Schütteln geschieht. — Die im Ofen lang- 
sam geröstete Kröte wird zu Pulver gerieben, das Fieberkranken hilft, 
aber auch gegen Hautkrankheiten gut ist. (Saalfeld.) 

Wer den Mut hat, eine Kröte in seiner rechten Hand sterben zu 
lassen, wird Gluck haben. (Saalfeld.) 

Kröten gelten auch als verwünschte Prinzen und Prinzessinnen — 
heute allerdings nur im Märchen. 

Sprichwörtliches: Sich aufblasen wie eine Schorfkröte. (Korre- 
spondenzbl. III, 52.) 

Kröte ist erstens beliebtes Schimpfwort: Dammelge Krät. Kleine 
unnütze Krät. Falsche — , nazionsche — , krätsche Krät. Auch in 
Zusammensetzungen: Aas-, Bes-, Bös-, Aasbös-, Backerbös-, Hunds-, 
Hundsbös-, Hunderackerbös-, Brands-, Schlagbös-, Wetter-, Wetterbös-, 
Zankkrät; zweitens Schmeichelwort; drittens Flickwort zur Bezeichnung 
der verschiedenartigsten Gegenstände mit und ohne Nebenbegriff des 
Schimpfens. (Vgl. Preuss. Wörterb. I, 423.) 

Pflanzennamen: Krötenbinsen, -gras, -simse, auch 
Poggengras, Juncus bufonius. Krötenblätter, Rumex crispus. 
Krötendill, Anthemis cotula. Krötenkraut, Senecio Jacobaea. 
Krötenmelde, Datura stramonium. Krötenmünze, Mentha aqua- 
tica. (Hagen u. d. a. W.) 

Fische. 

Springen die Fische bei heiterm Wetter häufig aus dem Wasser, 
so steht in Kürze Regen bevor. (Dönhoffstädt.) 

Der Fisch im Vergleiche mit dem Menschen: Wie ein Fisch ge- 
sund sein, — stumm sein; — emöstoMöd, wtdemFösch op emLand. 

(Korrespondenzbl. III, 50.) 

Aal. 

Den Aalen sagt man nach, dass sie gern in dunkeln, tauigen Nächten 

in die Erbsenfelder gehen. Wenn sie bei dieser Wanderung auf Sand 



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312 Zur volkstümlichen Naturkunde. 

geraten, können sie nicht weiter und sind leicht zu fangen. (Saalfeld. 
Lemke 96.) 

Sprichwörtliches: Wie ein Aal glatt sein, — sich winden; — 
stehen wie auf Aalen. (Korrespondenzbl. TU, 49.) 

Hering. 

Der Hering füttert seinen Schwanz fett, sagt man in Litauen, 
wenn der Februar kalt ist. [Hering steht hier jedenfalls in der 
Bedeutung Hornung. Vgl. Preuss. Wörterb. I, 285.] 

Der Mensch im Vergleiche zum Hering: Wie ein (ausgenommener) 
Hering aussehen; — es innerlich haben, wie ein schwedischer Hering. 
(Korrespondenzbl. III, 51.) 

Insekten. 

Die Insekten gelten den Mädchen als Verkünder der Zukunft. Am 
Johannisabend gräbt man, ohne dabei zu lachen oder ein Wort zu 
sprechen, drei kleine Löcher, „Kaulchen", in die Erde und deckt sie 
leicht mit Rasenstückchen zu. Am Johannistage, morgens ganz früh, 
geht man nachsehen, ob über Nacht Insekten in die Löcher gekommen 
sind. Je nachdem im ersten, zweiten oder dritten Loch sich ein 
Tierchen vorfindet, wird man im ersten, zweiten oder dritten Jahre 
heiraten. Sind alle „Kaulchen" leer, so sind die Heiratsaussichten sebr 
schlimm. An der Species des gefangenen Tierchens kann man den 
Stand und Charakter des zukünftigen Mannes erkennen: ein blankes 
Käferchen bedeutet einen Soldaten, ein graues einen Schulmeister, ein 
schwarzes einen Pfarrer, eine Spinne einen Künstler, eine Biene einen 
fleissigen, eine Fliege einen „brummigen" Mann. (Königsberg.) 

Kornkäfer, Geotrupes stercorarius. 

Namen: Perdskäfer, Perddreckskäfer, Mistkäfer, ScheiszwabbeL 
(Vgl. Preuss. Wörterb. II, 139.) 

Aberglauben: Der Bauer besieht, wenn er Gerste säen will, zu- 
vor einen Bosskäfer; sitzen die Milben auf dem Vorderteil des Körpers, 
so gerät die frühe Gerste gut, sonst die späte. (Beusch, Nachlass.) 

Sprichwörtlich: Wie ein Mistkäfer munter sein. 



Von H, Frischbier. 313 

]üalwurm, Meloe proscarabaeus. 

Er wird auch jetzt noch, wenngleich selten, als Heilmittel gegen 
Tollwut angewandt. Man bewahrt ihn in Flaschen auf und giebt davon, 
zusammen mit ungesalzener Butter, den vom tollen Hunde Gebissenen. 

Getrockneter und geriebener Maiwurm auf Butterbrot ist gut gegen 
das Fieber. (Saalfeld. Lemke 91.) 

Harienfcäfercheii, Coccinella. 

Namen: Herrgottspferdchen, Herrgottskuhchen, Berbutchen, Buter- 
butchen, Berbuschke, Borbuschke. (Vgl. den Artikel „buäche" im Preuss. 
Wörterb. I, 121.) 

Auf seinem Bücken trägt das Käferchen den Preis verzeichnet, 
welchen der Boggen im kommenden Jahre haben wird. (Saalfeld.) 

Keime: 

Herrgottspferdchen (-Kuhchen), fliege, 
Vater ist im Kriege, 
Matter ist in Engelland, 
Engelland ist abgebrannt, 
Herrgottspferdchen (-Kuhchen), fliege. 

Varianten dieses Einderreims s. Volksr. Nr. 224 ff. 

Zur Ergänzung: 

Barbuschke, fleg op, dln Hüske brennt, 
De Kinderke schrie nä Butterbrot! 

(Memel. Danzig. Königsberg.) Der Beim wird so lange gesungen, bis 
das Eäferchen (gewöhnlich Cocc. septempunctata) von der Fingerspitze 
auffliegt, und schliesst dann mit einem freudigen: „Fleg op!" — 
Lemke 92: 

Herrgottskuhchen, gieb uns Milch! 
Dein Haaschen brennt, 
Dein Lammchen schreit: 
Bäh! 

Biene. Pltd. B$n. 
Die Biene ist eine Sabbatschänderin. Der liebe Gott sprach: 
„Sechs Tage sollst du arbeiten!* 2c. Die Biene entgegnete: „Warum hast 
du, lieber Gott, es nicht auch eingerichtet, dass wir am siebenten Tage 
nicht zu essen brauchen? Weil wir am siebenten Tage essen müssen, 
darum müssen wir an diesem Tage auch arbeiten! 11 — „Magst du das,* 
sprach Gott, „aber zur Strafe für deine unfromme Gesinnung entziehe 

Altpr. MoMUichrift Bd. XX1L Hft 3 o. 4. 21 



314 Zar volkstümlichen Naturkunde. 

ich dir die Blume, welche den meisten Honigstoff in sich birgt, den 
roten Klee!" Daher befliegt die Biene nicht den roten Klee. (Fischhausen.) 

Um das Wegziehen der Bienen beim Schwärmen zu verhindern, 
legt man blaue Lilienwurzeln in den Korb. N. Pr. Prov.-Bl. a. P. VII, 233. 

Wenn die Bienen schwärmen, soll man ihnen, unter Segenssprüchen, 
eine Hand voll Sand zuwerfen, — dann kommen sie gleich in den Stock. 
(Saalfeld. Lemke 93.) 

Segenssprüche und Zauberformeln beim Schwärmen s. Hexen- 
spruch :c. S. 131 f. 

Wenn der Bienenvater stirbt, so sterben ihm die Bienen nach. 
(Masuren.) Um dies zu verhindern, wird den Bienen der Tod ihres 
Besitzers angezeigt, man giebt ihnen auch Trauer, indem man an jeden 
Korb oder Stock ein schwarzes Läppchen befestigt. (N. Pr. Prov.-Bl. 
I, 398. Hexenspruch je. 132.) 

Von Bienen träumen, bedeutet Feuer. (Saalfeld. Lemke 93.) 

Pflanzennamen: Bienensaug, -hütchen, Lamium. Bienen- 
klee, Trifolium repens. 

Ameise. 

Namen: Amse, Ämse, Hämse; Deminutiv: Häinschen, pltd. Hemske. 
Hömske, Hömske, Hömsk, Heimschen, Hemschen, Emke. 

Die Ameisen haben ein zerbrochenes Kreuz. Die Ameise fand einst 
auf dem Felde, wo die ackernden Bauern gegessen hatten, Brotkrumen. 
Sie nahm dieselben und ging damit zum lieben Gott. „Sieh", Herr 11 , 
sprach sie, „wie der übermütige Landmann deine Gabe missachtet; es 
wäre gut, wenn du ihm den Segen des Feldes vorenthieltest!" Der 
liebe Gott, der wohl einsah, dass die armen Bauern bei ihrer Mahlzeit 
auf dem Felde kein Tischtuch unterbreiten konnten, sich auch mit dem 
Sammeln der Brosamen nicht aufhalten durften, ward über den unge- 
rechten Kläger zornig und warf ihn aus dem Himmel. Kopfüber stürzte 
die Ameise auf die Erde und brach das Kreuz mitten durch, wie man 
noch heute sehen kann. (Fischhausen.) 

Ein Hirte, der mit seiner Peitsche einen Ameisenhaufen durchwühlt 
und zerstört hat, kann sie nicht mehr brauchen. Wollte er mit ihr 
das Vieh treiben, so würde es, wie die geängstigten Ameisen auseinander 
laufen. (Bausch, Nachlass.) 



Von H. Frischbier. 315 

Wem es gelingt, eine Ameisenkönigin einzufangen, der hat Glück 
im Hause. (Ermland. Reusch, Nachlass.) 

Ameisen, wenn man mit ihnen das zum Verkauf geführte Vieh 
bewirft, bewirken, dass viele Verkäufer angezogen werden. (Ostpr. 
Wutke, Volksaberglaube je. §. 149. 710.) 

Wenn die Ameisen im Juli (Anna 26.) ungewöhnlich tragen, so 
giebt es einen frühen und harten Winter. (Masuren. Böbel 99.) 

Ameisen in Spiritus sind ein wirksames Mittel gegen Rheumatismus. 
(Saalfeld. Lemke 92.) 

Die Ameise ist das Bild rühriger Thätigkeit: Wie die Ameise 
fleissig — rührig — thätig sein; — krabble wi de Hemskes. Korre- 
spondenzbl. III, 49. 

Schmetterlinge. 

Wenn ein Nachtfalter um das brennende Licht flattert, so stirbt 

jemand, und seine Seele geht von hinnen. (Litauen.) N. Pr. Prov.-Bl. 

V, 160. 

Mücken. 

Wenn die Mücken am Abend „spielen 11 , d. h. in Scharen tanzend 

fliegen, dann regnet's den nächsten Tag. 

Stubenfliege« 

Name: Pltd. Fleg, Flochtfleg, zum Unterschied vom Floh (s.d.). 

Bringt der Sommer viele Fliegen, so bringt er auch viel Getreide 
und (Saalfeld) Kartoffeln. (Dönhoffstädt. Lemke 93.) 

Sprichwörtlich: Wie eine Fliege dreist — lustig — munter sein 
(eine lustige Fliege sein); — fallen wie die Fliegen. Die Fliege setzt 
sich dem Pfarrer auf die Nase. Daher die ßätselfrage: Wer ist am 
dreistesten in der Kirche? Ihn ärgert die Fliege an der Wand. — Vgl. 
auch Tierrätsel 108. 

Pflanzennamen: Fliegenblume, Ophrys myodes. Fliegen- 
distel, Cnicus Erisithales. (Hagen u. d. a. W.) 

Floh. 

Name: Pltd. Fleg, Hoppsfleg (vgl. Stubenfliege.) 
Die Flöhe können zur Osterzeit bei der grossen Reinigung „ge- 
bannt 14 werden. Es wird in allen Ecken gesprengt und gefegt und alles 

21* 



316 Zur Volkstum liehen Naturkunde. 

Zusammengefegte vor Sonnenaufgang heimlich auf die Schwelle eines 
anderen Hauses getragen. (Saalfeld. Lemke 14.) 

Sprichwörtliches: Munter sein wie ein Bettfloh. 

Im Bat sei ist der Floh reich vertreten, s. Tierrätsel 98—107. 

Mehrere Pflanzen führen den Namen Flöh kraut: Polygonum, 
Erigeron, Inula. Hagen u. d. a. W. 

Küchenschabe- 
Name: Franzose, Bäckerschabe. 

Viele Schaben im Hause bringen Glück. 

Sind Schaben in einem Hause, so darf das weibliche Gesinde unbesorgt 
geschlechtlichen Umgang haben, es wird nicht schwanger. (Königsberg.) 

Ein Mittel gegen die Franzosen, bestehend aus Bolus und gesüsstem 
Kartoffelbrei, wirkt nur dann, wenn es bei abnehmendem Lichte an 
einem Donnerstage angewandt wird. (Dönhoffstadt.) 

Grille, Gryllus domesticus. 

Der volkstümliche Name ist die Schirke, Scherke, Schörke, 
auch mit Abstossung des Schluss - e : der Schirk je. Dieser Name lautet 
auch mit Tsch an. Der eigentümliche Ton, den das Heimchen hören 
lässt, wird mit schirken, schirksen, scherken, schörken bezeichnet. 

Die Schirke bringt dem Hause Glück und Überfluss und wird des- 
halb geschont. Wer sie töten würde, verscheuchte aus dem Hause das 
Glück. Die Bäcker namentlich freuen sich, wenn in ihrem Hause sich 
viele Schirken aufhalten. 

Maulwurfsgrille, Gryllotalpa vulgaris. 

Namen: Warre, Werre, Twerre, Werl, Worbel, Eitwurm, Erd- 
krebs, Schrotwurm. Preuss. Wörterb. II, 318. 

* Die Maulwurfsgrille kann am Johannisabend fliegen. Was sie dann 
im Fluge berührt, muss sterben. (Litauen.) 

Wenn der Fieberkranke ihr mit blossem Finger den Kopf abdrückt, 
weicht das Fieber von ihm. (Saalfeld. Lemke 91.) 

Zangenkäfer, Forficula. 

Er heisst Ohrenkneifer, weil er dem im Freien Schlafenden in 
die Ohren kriecht. Nach dieser irrigen Annahme des Volkes wird er 
auch in naturgeschichtlichen Büchern gewöhnlich Ohrwurm genannt 



Von H. Frischbier. 317 

Sprichwörtlich: Wie ein Ohnvürmchen freundlich — lustig sein. 
Korrespbl. III, 53. 

Laut». 

Die erste Laus vom Kopfe des Kindes muss auf einem kupfernen 
Kessel totgeschlagen werden, dann gedeiht das Kind. Läuse sind über- 
haupt dem Kinde gesund. 

Gegen Gelbsucht hilft ein Butterbrot, auf welches neun Läuse von 
neun Köpfen geklebt sind. Natürlich hat der Kranke, wenn er das 
Butterbrot verzehrt, keine Ahnung von diesem Heilmittel. (Saalfeld. 
Lemke 92.) 

Um das Vieh vor Läusen zu schützen, darf man während der 
Zwölfteu keinerlei Beschäftigung mit Flachs haben, denn so viele Ab- 
fülle von den Flachsstengeln umherfliegen würden, so viele Läuse würde 
das Vieh bekommen. (Saalfeld.) 

Sprichwörtliches: Wie eine Laus kriechen; — geschäftig — 
karsch — lustig — schäftig — wählig sein wie eine Laus im Schorf; — 
sich pflegen — den eigenen Willen haben wie die Laus im Schorf; — 
karwendig — , luchtern sein wie eine Kleiderlaus ; einem auf dem Halse 
sitzen wie eine Laus. (Lemke 93. Korrespbl. III, 52.) Sich eine Laus 
in den Pelz setzen. Wenn de Lüs üt em Schorf geh&we ward, denn 
wart.se schäftig. 

Zusammensetzungen: Lausangel, Lausbart (Lauser), Lause- 
pulver, Lause tag, Lausharke, Laushund, Lauskamm, Lauspungel, Laus- 
wenzel. Vgl. Preuss. Wörterb. II, 13 f. 

Spinne. 

Name pltd. Spenn'. 

Spinnchen am Morgen: Kummer und Sorgen; Spinnchen am Abend: 
glückbringend und labend. Auch: Spinne am Morgen macht (bringt) 
Kummer und Sorgen; Spinne am Abend macht Fastlabend (!). (Kö- 
nigsberg.) 

Wen ein Purpurspinnchen bekriecht, der hat Glück. (Dönhoffstädt.) 

Die Spinne stirbt immer nur zur Abendzeit, selbst wenn sie in der 
Frühe tötlich verwundet wurde. (Rauschen.) 



31g Zur volketömlicben Naturkunde« 

Märchen: Ein unschuldig Verfolgter rettete sich in ein Ofenloch. 
Seine Verfolger, welche ihn in das Haus entweichen gesehen, eilten ihm 
nach und durchsuchten alle Bäume des Hauses. Sie fanden ihn aber 
nirgend. Zuletzt öffnete einer die Ofenthür, aber warf sie sofort mit 
den Worten zu: „Hier ist er nicht, denn hier hängt alles voll Spinn- 
weben!" Und so war es: eine mitleidige Spinne hatte das Ofenloch 
eifrig zugesponnen und rettete so, wie früher eine ihrer Schwestern 
Muhamed, den Verfolgten. (Saalfeld.) 

Das Spinngewebe nennt man höhnend Brautlaken. Die Braut- 
laken hängen umher, als Anspielung darauf, dass die Töchter des 
Hauses keine Männer bekommen werden, da sie nicht auf Reinlichkeit 
sehen. Vgl. Sprich w. I, 441. Preuss. Wörterb. I, 105. Lemke 92. 

Zusammensetzungen: spinnefeind, Spinnenarsch, Spinnenfresser, 
Spinnensommer. Näheres Preuss. Wörterb. II, 352. 

Zwei Pflanzen führen den Namen Spinnenkraut: Senecio Jacobaea 
und Anthericum ramosum. Hagen u. d. a. W. 

Krebs. 

Wenn ein kleiner Gegenstand (Körnchen, Härchen :c.) ins Ange 
gekommen ist, soll man einen Erebsstein unter das Lid schieben und 
denselben im Halbkreis umher führen, damit er den lästigen kleinen 
Körper mit sich fortnehme. (Saalfeld. Lemke 93.) 

Würmer. 

Am Tage Pauli Bekehrung (25. Januar) drehen sich die Würmer 
in der Erde um und fangen an sich zu regen. Sie wenden alsdann 
demjenigen Hause den Kopf zu, in welchem an diesem Tage gesponnen 
wird; zum Frühjahr dringen sie in dieses Haus. (Samland.) 

Dass hier nicht die eigentlichen Würmer (vernies) ausschliesslich 
gemeint sind, sondern alles Ungeziefer, das in der Erde lebt und den 
Menschen in seiner Wohnung belästigt, sei besonders bemerkt. 

Sprichwörtlich: Wie ein Wurm kriechen, — sich krümmen,— 
sich winden. Korrespbl. III, 54. 

Auch die Eingeweidewürmer nennt man bloss Würmer; ebenso 
spricht man vom Wurm am Finger: Umlauf, Panaricium (Nagel- 



Von H. Frisohbier. 3J 9 

wurm). Gegen beide Arten Würmer gab es früher den Wurmdoktor, 
der vorzugsweise Besprecbungsformeln anwandte. Vgl. Preuss. Wörterb. 
II, 483. Hexenspr. 97 ff. 

Regenwurm. 
Man sammelt den Regenwurm, bewahrt ihn in Spiritus und zer- 
schüttelt ihn in der Flasche. Dieser Spiritus ist eine heilsame Einreibung 
gegen Rheumatismus. (Saalfeld. Lemke 91.) 

IV. Pflanzen. 

Bäume und Sträucher. 

St. Sebastian (20. Januar) lässt den Saft in die Bäume gähn. 
(Dönhoffstädt. Böbel 2.) 

Ist man gesonnen, Bäume zu pflanzen oder zu verpflanzen, so thue 
man dieses am Gründonnerstage. Auch setze man an diesem Tage 
Schösslinge, — alles geht dann sicher fort und grünt gut ein. (Fisch- 
hausen.) Vgl. Feld- und Gartenpflanzen. 

Sollen die Obstbäume gedeihen und reichlich tragen, so müssen 
sie bei Neulicht gepflanzt werden. (Dönhoffstädt.) 

Im Schaltjahr soll es nicht gut sein, Bäume zu versetzen oder zu 
pfropfen, oder viel Kohl zu pflanzen. (Linemann, Deliciae je. B 2a.) 

Für geschenkte Pflänzlinge darf man nicht danken, sonst zerstört 
man das Gedeihen derselben. (Dönhoffstädt.) 

Wenn ein Gewitter über die Baumblüte kommt, so wird der Sommer 
obstarm. (Dönhoffstädt.) 

Wenn die Bäume zweimal blühn, wird der Winter bis Mai sich 
ziehn. (Dönhoffstädt.) 

Die ersten Früchte eines Obstbaumes dürfen nicht gezählt werden. 
Die letzten Früchte lässt man dem Baume, damit der Segen des fol- 
genden Jahres nicht geschmälert werde. (Dönhoffstädt.) 

Sitzt das Laub im Oktober noch fest, dies einen strengen Winter 
erwarten lässt. (Sprich w. I, 2313.) 

Ahorn, Acer L. 

Namen: Leinbaum, im Eindermunde: Brillenbaum, Nasenbaum, 
Nasenkneiferbaum. (Preuss. Wörterb. I, 108.) 



320 ^ ur ▼olkstüiulichen Naturkunde. 

Die Blätter des Ahorn müssen vor Johanni gepflückt, getrocknet 
und aufbewahrt werden. Später in kochendem Wasser erweicht, sind 
sie heilkräftig für alle Wunden. 

Birke, Betula alba L. 
Mit Birkenruten „schmackostert" man zu Ostern (Preuss. Wörter- 
buch II, 292) und schmückt mit ihrem Laube zu Pfingsten Haus und 
Stube, Wagen und Pferd. 

Espe, Zitterpappel, Populus tremula L. 

Im Volksmunde Aspe. 

Sage: Als der liebe Gott einst über die Erde wandelte, neigten 
sich alle Bäume vor ihm, nur die Pappel nicht; sie war eingeschlafen. 
Da sprach Gott: „Wenn ich wiederkomme und dich schlafen finden sollte, 
will ich dich von der Erde vertilgen!" Die Pappel erschrak und 
zittert seit diesem Tage. — ' Nach einer andern Sage soll der Splint 
(Knebel), der in Jesu Mund gesetzt wurde (?!), von dem Holze einer 
Pappel genommen sein; seitdem zittert die Pappel, wie Christus in 
seiner Todespein. (Fischhausen.) 

Man erzählt auch, dass zum Kreuz Christi das Holz der Pappel 
genommen sei, und dass diese, seit sie den Heiland an ihrem Holze 
leiden sah, zittere. (Königsberg.) * 

Sprichwörtlich: Er zittert wie Espenlaub. 

Kriehelbaum 9 Prunus insititia L. 

Namen: Unedle Pflaume, Waldpflaume; sie heisst auch Kriechel, 
Krickel, Kreke, Krekel, Kröke, Krökel, Krükel, Krüle. (Vgl. Preuss. 
Wörterb. I, 429.) 

Wenn die Krichelbäume in der letzten April- oder ersten Maiwoche 
blühen, so ist die Roggenernte noch vor Jakobi (25. Juli). So vel 
Wöke n& Wulprecht (1. Mai) de Krekelböm biegt, so vel Weke nä 
Jakdb ös dat Körn rip. (Dönhoffstädt.) 

Palme, Salix caprea L. 
Die Salweide, ihre Zweige mit den Schäfchen, Blumenkätzchen, 
und die Schäfchen allein, benennt man als Ersatz für die wirkliche 
Palme mit diesem Namen. 



Von H. Priechbier. 321 

Am Palmsonntage werden Palmen mit in die Kirche genommen, 
um sie daselbst weihen zu lassen. (Ermland.) 

Diese geweiheten Palmen sind ein sehr wichtiges Präservativ gegen 
Krankheiten, die listigen Anläufe des Teufels und gegen schädliche 
Naturerscheinungen. Steckt man drei derselben unter die Balken, so 
vermag das Gewitter nicht in das Haus einzuschlagen. (Ermland.) 

Steckt man aus zwei Ästen geweiheter Palmen ein Kreuz an die 
Thür, so kann der böse Geist nicht in das Haus, dieses ist gefeit. 
Palmen über den Eingang zum Stall angebracht, bewahren das Vieh 
vor aller Krankheit. Birgt man drei Palmen in die Krippe (in Löcher, 
die man geschnitten), so geben Kühe, welche aus solcher Krippe fressen, 
viele und kräftige Milch. (Ermland.) 

Wer drei Palmen nüchtern und ganz (ungekaut) verschluckt, be- 
kommt nicht das Fieber. In Natangen gilt dasselbe auch von den drei 
ersten Märzveilchen (Anemone Hepatica). N. Pr. Prov.-Bl. a. F. III, 208. 
Preuss. Wb. II, 117 f. Lemke 76. Treichel, Volksth. *c. unter Salix. ") 

Hasel, Corylus Avellana L. 

Im Volksmunde Hassel. — Giebt es viele Haselnüsse, so giebt 
es in demselben Jahre wenig Kartoffeln. 

Regnet es Margaret (13. Juli), so geraten die Nüsse nicht. Von 
jeder faulen Nuss heisst es: die Gret' hat sie bepisst. (N. Preuss. 
Provinzialbl. a. F. III, 210.) 

Ein altes litauisches Bätsei über die Haselnuss heisst: Es ist ein 
klein Töpfchen, aber es hat einen wohlschmeckenden Mus (Maius Podelis 
Skanna tirele). Lepner, Der preusche Littauerll8. Pflanzenrätsel 25. 14 ) 

Feld- und Gartenpflanzen. 

Blumenstecklinge müssen am Gründonnerstage gemacht, Blumen- 
samen und Gemüse an eben diesem Tage gesäet werden. (Dönhoffstädt.) 
Vgl. Bäume und Sträucher. 



13 ) Volkstümliches aus der Pflanzenwelt, besonders für Westpreussen I.— IV. 
Von A. Treichel. (Schriften der naturf. Gesellschaft zu Dan zig.) 

24 ) Die Pflanzenwelt in Volksrätseln ans der Provinz Preussen. Von H. Frisch- 
bier. (Zeitschr. f. deutsche Philologie, Bd. EX, S. 65 ff.) 



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322 Zur volkstümlichen Naturkunde. 

Küchengcwäcbse dürfen nicht gesäet werden, wenn Sonne und Mond 
zugleich am Himmel stehen, weil sie sonst schössen würden. (Kr. Goldap.) 

Am Tage der Himmelfahrt Maria (15. August) findet in den katho- 
lischen Kirchen die Krautweihe statt. Die Leute, vorzugsweise die 
Bauern, bringen allerlei Blumen und Kräuter: Knoblauch, Möhren, 
Kalmus 2c, oft in grossen Quantitäten, mit und breiten diese auf der 
Kommunionbank und um den Altar aus. Der Priester besprengt die 
Pflanzen mit Weihwasser, beräuchert sie mit dem heiligen Eäucherwerke 
und sendet Gebete für das Gedeihen der Feld- und Gartenfrüchte gen 
Himmel. — Die geweihten Kräuter erweisen sich als besonders heil- 
sam und segenbringend. Verbrennt man bei herannahendem Gewitter 
etwas davon, so geht das Gewitter ohne Schaden anzurichten vorüber. 
(Ermland.) — Vgl. A. Treichel, die Kräuterweihe in Westpr. (Schrift, 
d. naturf. Gesellschaft z. Danzig. N. F. Bd. VI, Heft I.) 

£rbse, Pisum. 

Im Volksmunde Arft. Der Gregorstag (12. März) und der Ain- 
brosiustag (4. April) sind für Westpreussen geeignete Tage zum Erbsen- 
aussäen. (Böbel 15. 19.) 

Im Kreise Goldap vermeidet man es, am Tage Pauli Bekehrung 
(25. Januar) Erbsen zu säen, weil an diesem Tage die Würmer (s. d.) 
sich zu regen aufangen und die Erbsen anstechen würden. (An diesem 
Tage dürfte die Witterung das Säen überhaupt verbieten.) 

Erbsen säet man am liebsten an einem solchen Wochentage, an 
welchem der erste Schnee fiel: die spätere Frucht kocht sich sehr weich. 
(Kr. Goldap. Für Memel, Böbel 137.) 

Beim Aussäen der Erbsen müssen die ersten drei . Hände voll 
nach Süden , (Wehlack: nach Westen) geworfen werden, sonst kochen 
die aus der Saat hervorgehenden Früchte sich nicht weich. (Dönhoffstädt.) 

Säet man Erbsen bei Süd- oder Südwestwind, so werden sie weich, 
bei Nordwind hart, bei Ostwind wurmig. (Memel, Böbel 137.) 

Hat ein Feld sehr viele wurmstichige Erbsen gebracht, so hat es 
der Säer versehen, weil er bei der Arbeit zu viel „gefistet" hat. [Ein 
gleiches Versehen der Bestellarbeiter wird offenbar, wenn auf einer 
Stelle im Acker viele Disteln wachsen.] (Dönhoffstädt.) 



Von H. Frischbier. 323 

Weisse Erbsen am Karfreitag genossen, bewahren vor Krankheit 
durch das ganze Jahr. (Friedland in Ostpr.) 

Die Erbsen geraten gut, wenn sich im Frühjahr viele Frösche 
zeigen. (Rastenburg, Böbel 113.) 

Sprichwörtlich: Wo der Herr auf dem Felde nicht herumgeht, 
da geraten keine Erbsen (Masuren : Gdzie pan na polu niechodzie, tarn 
sie groszek nie rodzi). — Von den Erbsen ein Wisch, so sitze des 
Abends (Od grochu wieched, to wieczor posiedz). Nach Beendigung der 
Erbsenernte beginnt die Abendarbeit. — Kann man trocken Erbsenstroh 
auftreiben, so muss man des Abends lange aufbleiben. — Es geht ihm, 
wie den Erbsen am Wege, wer nicht zu faul ist, der zupft ihn (Ra- 
suren: Ma sig jak groch przy drodze, kto sig nie leni to drze). Sprich- 
wörter II, 3090. 3055; I, 4264. Mancher Mensch ist dumm wie Erbsen- 
stroh. Vgl. das Erbensenschmeckerlied in meinen Preuss. Volksliedern je. 
(Kgsbg. 1877) S. 66 und 99 und die Pflauzenräts. 29—38. 

Flachs (Lein), Linum L. 

Am Medardustage (8. Juni) ist die letzte Zeit, den späteren Flachs 
zu säen. (N. Preuss. Provinzialbl. X, 118, 191.) — Wer auf Medard 
traut, kriegt viel Flachs und Kraut. (Königsberg. Strassburg, Westpr. 
Böbel 27.) 

Wer den Lein säet nach Vit (Vitus, 15. Juni), geht der Saat quitt; 
wer ihn säet vor Medar, ist ein Narr. (Heiligenbeil. Böbel 29.) 

Bevor man Flachs aussäet, muss man einen Stein auf den Acker 
legen, diesen dreimal umgehen und dann erst die Aussaat beginnen. 
(Dönhoffstädt.) 

Soll der Flachs gut geraten, so muss man sich Fastnacht schaukeln 
(Fischhausen) — so muss der Hausvater zu Fastnacht, auch am Licht- 
messtage, mit dem weiblichen Hauspersonal, den Spinnerinnen, Schlitten 
fahren. (Dönhoffstädt. Oberland.) 

Nach Beendigung der Mittagsmahlzeit am Fastnachtstage setze sich 
ein Mädchen, nachdem das Tischtuch entfernt ist, sofort auf den Tisch, 
nehme das Nähzeug vor, fädele in die Nadel einen langen Faden und 
nähe. So lang der vernähte Faden ist, so langen Flachs baut man in 
dem Jahre. (Fischhausen.) 



I 



324 ^ or yo ^stüm liehen Naturkunde. 

Wenn St. Stephan (26. Dezember) die Sonne auch nur so lange 
scheint, als der Reiter Zeit braucht aufs Pferd zu steigen, dann gerät 
der Flachs. (Gilt auch vom heiligen Ghristtage. Erinländische Frei- 
schaft 2c. Rössel 1866. S. 8. Böbel f>f>: Scheint am Stephanstage die 
Sonne, so gerät der Flachs. (Heilsberg. Braunsberg.) 

Unausgekocliter Flachs wird als Mittel gegen Halsschmerzen an- 
gewandt, und das Schwingblatt, das Brett, mit welchem der Flachs 
geklopft wird, dient zur Abwehr geg« i n die Mär. (Lemke 74.) 

Volks rätsei über Flachs s. Prhuizenrätsel 40—45. Als Rätsel- 
frage hört man: Wann säet der Bauer Flachs? Nie, er säet Lein. 

Getreide (Roggen, Weizen). 

Roggen heisst, als die am meisten übliche Getreideart, Korn, pltd. 
Körn; Weizen pltd. Wete, im Ermlande: Wesze, in Danzig: Weiz. 

Öm Verjähr ön't Wäter, öm Harwst ön *e Klüt sege (säen), ös göt. 
(Dönhoffslädt ) 



Kogge söge, dat he stgwt 
Weite s€ge, dat he klöwt. 



(Sprich*. I, 3U)5.) 



Dat Körn seg ön de Klomp' 

Ou de Häwer ön de Somp. 

(Dönhoffstadt.) 

Weizen soll der Landmann vor Johannis nicht loben oder tadeln. 
(Altpreuss. Geschichten je. S. 407.) 

Der Termin zum Anhauen und Anschneideu des Roggens ist Jakobi 
(25. Juli) — in Masuren Anna, Mutter Maria (26. Juli). Böbel 37. 39. 

Wenn der Weizen eingeerntet ist (in manchen Wirtschaften mit 
Bartholomäus), hört bei den Arbeitern die Vesperstunde auf. Sie sagen 
daher: 

De Weite ös öm Fack, 
Dat Vesperbrot öm Dack. 

(Dönhoffstädt. Oberland.) 

Späte Wintersaat — Weiberrat, gedeiht unter dreimal kaum ein- 
mal. (Ostpr. Böbel 117.) 

Tritt Matthäus (24. September) ein, muss die Saat beendet sein. 
(Masuren.) — Auf St. Michael (29. September) beende die Saat, sonst 
wirst du's bereu'n, es wird zu spat. (Westpr. Böbel 45. 47.) 



Von H. Frischbier. 325 

Bis Martini (11. 12. Novbr.) soll ein guter Wirt ausgedroschen 
haben. (Memel. Böbel 52.) 

Stehn die Quatember hoch im Datum und steigen vom ersten bis 
vierten, so sollen die Getreidepreise auch steigen und umgekehrt. 
(Memel. Böbel 59.) 

Hafer, Avena L. 

Namen: Haber, Häwer. 

Hafer und Oerste fielen einst in den Schmutz. Beim Ringen um 
die Oberhand gewann diese die Gerste, während der Hafer unterlag. 
Die Begattung ging vor sich, und bald hatte der Hafer ein Eind. Man 
kann sich davon überzeugen, denn in der Haferrispe befindet sich immer 
ein grosses Korn und ein kleines: Mutter und Kind. (Fischhausen.) 

Geht man mit einem Mädchen einem Haferfelde vorbei, so muss 
man ihr unbemerkt Haferkörner auf die Kleider werfen : so viele Körner 
haften bleiben, so viele Freier wird das Mädchen haben. (Saalfeld. 
Lemke 71.) — Über die Sylvesterbelustigung „Haferschwemmen* siehe 
Volkskai. 29. Preuss. Wörterb. I, 262. 

Maihafer — Spreuhafer. Wenn in einer Gesellschaft plötzlich Stille 
eintritt, ist gut Hafer säen. Sprich w. I, 2523. 1429. 

Kartoffel, Solanum tuberosum L. 

Namen: Erdschocke, Schocke, Schucke, Bulle, Bulwe, Tuchel, 
Tuffel, Trüffel, Tfiffken. Vgl. Preuss. Wörterb. u. d. a. W. 

Legst du mi (die Kartoffel) im April, komm* i, wenn i will; legst 
du m! im Mai, komm* i glei. (Werder. Böbel 88.) 

Frühkartoffeln muss man auf Georg (23. April) setzen. (Samland. 
Böbel 20.) 

Klee, Trifolium. 

Namen: Kiewer, Kleber (Drei- und Vierkleber). 

Ein Vierklee, ungesucht gefunden, bringt Glück. Wer einen solchen 
bei sich trägt, ohne zu wissen, hat Glück und ist gegen „Augen- 
verblendnis" geschützt. (Dönhoffstädt.) 

Wenn der weisse Klee stets blüht, ist eine nasse Aust (Ernte) zu 
erwarten. (Dönhoffstädt.) 



326 Zur volkstümlichen Naturkunde. 

Knoblauch, Allium sativum L. 

Im Volksmunde: Knoffeldök. Er ist ein treffliches Mittel gegen 
alle Hexerei. Man trägt ihn als solches bei sich und giebt ihn auch 
dem Vieh. Hähnen und Gänserichen wächst nach dem Genüsse die 
Potenz. (Pischhausen. Siehe Hexenspr. 9 f. Preuss. Wörterb. I, 394. 
Vgl. auch Treichel, Volksth. IU u. IV.) 

Kohl, Brassica oleracea L. var. capitata. 

Der Weisskohl, in der Provinz Kumst, Kumbst, pltd. Komst, 
Kompst. Preuss. Wörterb. I, 445. 

Eohlsämereien am 18. April ausgeführt, werden nicht vom Erdfloh 
beschädigt. (Dönhoffstädt.) 

Kumst im Mai (gepflanzt), bleibt klein wie ein Ei. (Dönhoffstädt. 
Sprichw. I, 2520.) Auch: Maikumst — Eikumst. 

Pflanz 1 Kohl Viti (15. Juni). (Westpr. Böbel 29.) 

Beim Setzen des Kumstes wird zuerst eine Staude Brennessel ge- 
pflanzt und mit einem Stein angedrückt; man bewahrt dadurch den 
Kohl vor Kaupenfrass. (Kr. Goldap.) 

Ist der Kohl von Raupen befallen, so muss ihn eine schwangere 
Frau abfegen. (Wehlau.) 

Am Jakobstage (25. Juli) schliesst sich der Kumst, und man muss 
alsdann den Kohl weder reinigen, noch behacken, noch überhaupt in 
den Kumstgarten gehen, wenn derselbe geraten soll. (N. Pr. Prov.-ßl. 
a. F. VII, 233.) — Wenn der Kohl gerät, verdirbt das Heu. 

Vor Gallus (IG. Oktober) ist nicht gut den Kumst zu schneiden. 
(N. Pr. Prov.-Bl. X, 119. Memel. Böbel 49.) 

Sprichwörtliches: Eine unzulängliche Sache wird den Kohl 
nicht fett machen. Kohl — s! öck satt böl. (Elbing.) Sure Komst 
schmeckt göt, äwer hei raot schwinsch afgemäkt sön. Komst schmeckt 
erst göt, wenn de Sü dorchgejägt ös. Komst mäkt rode Backe. 
Sprichw. I, 2096 ff.; II, 1631 f. 

Volksrätsel über den Kohl s. Pflanzenrätsel 52. 53. 

Kiirbift, Cucurbita. 

Namen: pltd. Kerbs, Kerws. 

Um schöne und grosse Kürbisse zu ziehen, muss man am Himmel* 



Von H. Frischbier. 327 

fahrtstage die Saatkerne in einem Pantoffel auf den Acker fahren und 
einlegen., (Ermland. N. Pr. Prov.-Bl. X, 118.) In der Gegend von 
Dönhoffstädt legt man die Kerne am Himmelfahrtstage, wenn die 
Glocken zur Kirche rufen. 

Mittel, Kürbisse gross zu ziehen: Man schiebt, bevor noch die 
Jahreszeit zu weit vorgerückt ist, unter die kleinen Kürbisse Bretter, 
auf welchen jene bequem, d.h. ohne Schaden zu nehmen, lagern; dann 
wird in jeden Kürbis (am „Herzpolchen" oder auch seitwärts) ein Loch 
gestossen oder geschnitten, und in dieses Loch wird täglich mehrmals 
süsse, am besten ganz frische Milch eingegossen. Letzteres geschieht 
mit einem Löffel und wird „Tränken" genannt. Anfangs darf man 
uur kleine Portionen Milch eingiessen, und erst wenn der Kürbis grösser 
wird, kann auch die Menge der Milch eine grössere sein. (Ostpr. 
Lemke 72 und in: Deutsche botan. Monatsschr. Jahrg. 1884. S. 30.) 

Rätsel: Es liegt ein Pferd in der Furche im angeschmiedeten 
Zaume. (Masuren: Lezy koii w brozdzie, w przykowany uzdzie.) Pflanzen- 
rätsel 54. 

Tabak, Nicotiana. 

Wenn der Tabak, im Volksmunde Tobak, im abnehmenden Mond- 
lichte abgeschnitten wird, so wächst derselbe, abgeschnitten, noch fort. 
N. Pr. Prov.-Bl. a. F. VII, 233. — Vgl. Treichel, Volksth. II, III u. IV. 

Wracke, Brassica Napus L. c. esculenta D. C. 

Namen: Wruke, Wracke, ßruke, Brücke, Kohlrübe. 

Der Same von Wrucken und sämtlichen Kohlarten muss am 
Gregorstage (12. März) gesäet oder wenigstens mit Erde gemischt werden, 
dann fugen die Erdflöhe den Pflanzen keinen Schaden zu. (Westpr. 
Böbel 15.) 

Am Tage Maria Verkündigung (25. März) werden Wracken, Weiss- 
kohl, überhaupt Pflanzensamen gesäet, geht's nicht ins freie Land, so 
doch in Töpfe. (Masuren. Böbel 17. N. Pr. Prov.-Bl. X, 117.) 

An diesem Tage, gerade um 12 ühr mittags, soll jede Wracke, 
Mohrrübe tc. innen, also in der Wurzel, Samen haben. (Jerrentowitz.) 

Sprichwörtlich: Bracke sön göt to schlucke, wenn se öm Fett 
hucke. Sprichw. 1, 471. — Zur Ergänzung s. Treichel, Volksth. II, III u. IV. 



328 ^ nr ▼olkstämlichen Naturkunde. 

Wurzelgewächse sind im abnehmenden Lichte zu säen, Blatt- und 
Fruchtgemüse bei zunehmendem. (Dönhoffstädt.) 

Wildwachsende Pflanzen, 

Allgemeines. Unter den wildwachsenden Pflanzen unterscheidet 
das Volk Blumen, Blome, und Unkraut, Onkrfit. Der Mensch blüht — 
prangt — steht, er vergeht auch wie eine Blume. Ein schmucker Bursche 
ist ein Kerl wie eine Blume. Unangenehm ist's, stehen, oder blühen, 
wie eine Blume auf dem Mist. (S. Korrespondenzbl. IV, 27: Vergleiche 
mit Pflanzen von H. Frischbier.) 

Neunerlei Kraut, das im Freien gewachsen, sammeln am Johannis- 
abende die Mädchen, flechten daraus einen Kranz und bringen ihn unter 
gewissen Ceremonien nach Hause. Legt die Binderin ihren Kranz zur 
Nacht unter das Kopf kissen, so träumt sie von ihrem zukünftigen Ge- 
mahl. (Samland. Vgl. Volkskal. 117. Preuss. Würterb. I, 425.) 

Fünf lange Grashalme werden von einer Person in der Mitte ge- 
halten; eine andere knüpft nun immer ein oberes Ende mit einem untern 
zusammen. Ist solches fünfmal geschehen, und bildet das Ganze einen 
Kranz, so geschieht das, was die bindende Person gedacht hat. Diese 
muss jedoch schliesslich nicht vergessen, den Kranz rücklings über 
sich wegzuwerfen. 

Belfkisg 9 Artemisia vulgaris L. 

Am Johannisabende knicken Bräute oder still liebende Mädchen 
zwei nebeneinanderstehende Beifussstauden. Stehen sie am nächsten 
Morgen aufgerichtet und gegen einander geneigt, so giebt's Hochzeit. 
Man nennt dies Beifussknicken, -brechen. (Violät, Neringia S. 120. 
Lemke 21.) 

Man sucht am Johannisabend unter den Wurzeln des Beifusses 
Kohlen, welche, fein zerrieben und mit Wasser eingegeben, die Epilepsie 
heilen sollen. (Pr. Prov.-Bl. X, 119. Auch aus Jerrentowitz mitgeteilt.) 

Man steckt am Johannisabend Beifussbüschel gegen Unglück an 
die Thür. — Beifuss liefert geschätzten Thee. — Aus grossen Stauden 
werden Besen gefertigt — Wilde Enten und dergl. werden mit Bei- 
fuss gefüllt, damit sich der Wildgeschmack mildere. — Beifussbündel 



Von H. Priichbier. 329 

mit Mus oder Waddik bestrichen, hängt man an die Stubendecke: die 
Fliegen, welche sich darauf festsetzen, werden in einem Sacke, den 
man über die Bündel streift, entfernt. (Lemke 71.) 

Der Zaun von Beifuss und Nesseln. (Sage.) Früher wusste 
jeder, wie lange er leben würde; aber nun weiss es keiner mehr, und 
das ist so gekommen: Ein Mann stellte einen Zaun von Beifuss und 
grossen Nesseln her, d. h. er steckte Stäbe und Stengel rundum in die 
Erde. Während dieser Arbeit kam der liebe Gott vorbei, blieb stehen 
nod sagte: „Höre, du machst dir einen schlechten Zaun, der kann nicht 
lange halten." — Der Mann aber antwortete: „So lange ich lebe, wird 
der Zaun schon halten." — Da fragte der liebe Gott: „Was denkst 
du denn, wie lange das ist?" — „Über drei Tage", sagte der Mann, 
bin ich tot, und so lange kann der Zaun schon halten; danach mag er 
umfallen." — Solche dreiste Antwort ärgerte den lieben Gott, und er 
sagte: „Von nun an soll kein Mensch wissen, wie lange er lebt!" Und 
dabei ist es auch geblieben. (E. Lemke, deutsche botan. Monats- 
schrift 1884, No. 2.) Vgl. auch Treichel, Volksth. unter Artemisia. 

Beinwell, Symphytum officinale L. 
Aus Beinwell, Alant (Inula Helenium), Bier, Honig und Butter 
wird ein Trank für Lungenkranke bereitet. — Die Wurzel wird gerieben 
und dieses Pulver auf Wunden gelegt. — Die Wurzel wird mit Teer 
und Sahne gekocht und so eine heilsame Salbe für Wunden bei Menschen 
und Tieren bereitet. (Saalfeld. Lemke 78.) Vgl. die Sage am Schlüsse 
dieses Abschnittes. 

Blaubeere, Vaccinium Myrtillus L. 
Wenn die Blaubeeren schlecht geraten sind, so giebt's in dem Jahr 
viele Krankheiten. 

Butterblume, Leontodon taraxacum L. 
So oft man „pusten" muss, um die Samenhaarkrone der Butter- 
blume wegzublasen, so viele Lebensjahre hat man noch vor sich. 
(DönhofFstädt.) — In der Gegend von Königsberg lebt man so viele 
Jahre, als Härchen nach dem ersten kräftigen Blasen noch stehen 
bleiben. — So viele Löchlein nach einmaligem Blasen auf dem Frucht- 
boden sichtbar werden, so viel ist die ühr. (Oberland. Lemke 74.) 

Altpr. MoMtuehrift Bd. XXII. Hft. 3 u. 4. 22 



330 Zar volkstümlichen Naturkunde. 

Kinder halten einander die Blute unter das Kinn: je stärker der 
gelbe Reflex, desto mehr Butter hat das betreffende Eind gegessen. 
Kinder fertigen aus den Stengeln Ketten, Schlusselchen :c. Lemke 74. 

Ephen, Hedera Helix L. 
Wer Epheu in den Zimmern hält, zieht dadurch der Familie ein 
Unglück zu. (Dönhoffstädt.) 

Töchter eines Hauses, in welchem Epheu gezogen wird, bleiben 
unverheiratet. (Königsberg.) 

Heidekraut, Erica vulgaris L. 
Nach dem Anfange der Blute des Heidekrautes richten sich die 
Wintersaaten. Blüht es von unten, so soll die zeitige Boggensaat, blüht 
es in der Mitte, die mittlere um Michaelis gesäete, blüht es nach oben, 
die Saat nach Michaelis die beste sein. (Ost- und Westpr. Böbel 102.) 
Heil-aller-Schaden, Gentiana cruciata L. 
Die Enzianwurzel enthält viel Bitterstoff und wird deshalb als 
magenstärkendes und kräftigendes Heilmittel gebraucht. Leunis, Synopsis 
der Pflanzenkunde S. 790. Preuss. Wörterb. I, 281. 

Heil-aller-Welt, Yeronica officinalis L. 
Die Blätter werden des vorwaltenden Bitter- und Gerbestoffs wegen 
in Theeaufguss als Brustmittel bei rheumatischen Leiden und Ver- 
schleimung der Atmungsorgane und von Landleuten frisch als Wund- 
mittel gebraucht; der ausgepresste Saft dient auch wohl als Frühlings- 
kur. Leunis S. 861. Preuss. Wörterb. I, 281. 

Heilnarseh, Geum urbanum L. 
Eine beim Volke sehr gerühmte Gewürz- und Heilpflanze, welche 
als Nelkenwurz (Radix caryophyllatae) gegen Unterleibsschwäche und 
schwache Verdauung als Heilmittel dient. Leunis S. 429. Preuss. 
Wörterb. I, 282. 

Heirat&Mume, Orchis latifolia L. 
Die Pflanze wird am Johannistage gegraben, während man denkt, 
ob ein gewisses Paar sich finden werde. Je nachdem die beiden hand- 
förmig geteilten Wurzelknollen sich an einander legen oder von einander 
abwenden, kann man auf das Zustandekommen der Heirat schliessen. 
(Samland.) Volkskai. 115. Preuss. Wörterb. I, 282. 



Von H. Frischbier. 331 

Himmelselilüsselclien, Primula L. 
Drei Blüten vom Himraelsehlüsselchen verschlackt, sind ein Schutz- 
mittel gegen das Fieber. 

Katzenpfote, gelbe, Gnaphalium arenarium L. 

Sehr beliebt zu Kränzen. Als Mittel gegen Zahnschmerzen räuchert 

man die Blumen und lässt den Rauch in Ohr und Mund einströmen. 

Die rosa Katzenpfötchen werden mit süsser Milch angerichtet 

und gegen Geschwulst eingetrunken. (Saalfeld.) Lemke 73. Vgl. die 

Sage am Schlüsse dieses Abschnittes. 

Kornrade, Agrostemma Githago L. 
Räd' on Tresp holt den Bär fest, Körnblöm 1 on Schmel jagt em 
yon 'er Del. (Dönhoffstädt.) Im Samlande: aber Schmel und Klapper 
jaget ihn vom Acker. In Medenau (Böbel 131): aber Schmel und 
Kornblumen jagen ihn von den Hüben. Auch: Rade, Tresp und Vogel- 
wicken bringt den Bauer auf die Krücken. Vgl. Sprichw. I, 3054. 

Lebengkratit, Sedum telephium L. 

Der Name rührt daher, dass die Pflanze, in freier Luft hängend, 

zu vegetieren fortfährt und, nach der Volksmeinung, Leben und Tod 

anzeigt; daher heisst sie in der Gegend von Rössel auch Leben und 

Sterben, in der Saalfelder Gegend Lebkraut. Sie heisst auch 

Johanniskraut, weil sie in der Johannisnacht gesammelt wird; 

Wolfsbohne, Bruchwurzel, Fetthenne. Man pflückt oder zieht 

das Lebenskraut am Johannisabend oder in der Johannisnacht, wenn 

der Hahn zum ersten Mal kräht, und steckt es für bestimmte Personen 

unter die Balkendecke. Wächst die Staude, so lebt derjenige, für den 

sie bestimmt war, weiter; wächst sie nicht, so stirbt die betreffende 

Person bald. Man soll aber die Pflanze nie vom Kirchhofe nehmen, 

man würde dem Begrabenen die Ruhe rauben. Liebende stecken ebenfalls 

die Pflanze, von denen die eine den Bräutigam, die andere die Braut 

vorstellt. Ranken sie in einander, so heiratet das Paar. (Fischhausen.) 

Abgekochtes Sedum liefert einen heilsamen Trank. Vgl. Genaueres 

bei Hagen 478. Preuss. Wörterb. II, 15. Lemke 77. 479. Volkskal. 

113. 114. Treichel, Westpr. Ausläufer der Vorstellung vom Lebensbaum 

(Schrift, d. naturforsch. Gesellsch. zu Danzig. N. F. V, Heft 4). 

22* 



332 Zur volkstümlichen Naturkunde. 

Maßliebchen, Bellis perennis L. 

Namen: Tausendschönchen, Bleichblume. 

Die Blüteublättchen des Massliebchens (auch: der Wucherblume, 
Chrysanthemum Leucanthemum L.) werden einzeln ausgezupft. Bei 
jedem Blättchen wird ein Wort des folgenden Reimes gesagt: 

Er liebt mich — von Herzen, 

Mit Schmerzen, 

Über alle Massen, 

Kann gar nicht von mir lassen, 

Ein klein wenig, 

Gar nicht! 

Auch hört man nur folgende Benennungen : Eddelmann — Beddel- 
mann — Bürger — Pastor — Advokat — Soldat — Jäger — Major ? 
So erfährt man in dem ersten Falle, in welchem Masse man von seinem 
Schatz geliebt wird, in dem zweiten Falle den Stand des zukünftigen 
Geliebten. Vgl. Sprichw. I, 682. 

Kinder essen das Blümchen als Leckerei. — Die ersten Frühjahrs- 
pflänzchen isst man still auf: gegen das Fieber. Man kann sie aber 
auch, zu demselben Zweck, mit Milch kochen. Lemke 72. 

Mistel, Viscum album L. 

Namen: Mestel, Nistel, Wösp, Wespe, Wispe, Unruh. 

An dem Orte, wo die Mistel wächst, so tief in der Erde, als sie 
über ihr steht, liegt ein verborgener Schatz. (Dönhoffstädt.) Vgl. Keusch, 
Sagen 66. Preuss. Wörterb. II, 62. Treichel, Volksth. I, III und IV. 

Steinpilz, Boletus edulis Bull. 

Die Steinpilze wachsen zweimal des Jahres: anfangs August und 
anfangs Oktober. Wachsen sie zum zweitenmal zahlreich und gross, 
so wird die spät gesäete Winterung gut schütten. (Eidaten, Er. Heidekrug.) 



Sage: Als zu Anfange des vorigen Jahrhunderts in Preussen die 
Pest wütete und Tausende von Menschen jäh dahinraffte, riefen die 
Kranken zu Gott, er möge ihre Todesstunde ausdehnen, damit sie ihr 
Testament machen und sich durch das heilige Abendmahl auf den Tod 
vorbereiten könnten. Da kam eines Tages ein Vogel geflogen, welcher 

sang: Nömm ArmeteU on BäwerneU, 

Denn starwe nich de Lud* so schnell! 



Von H. Frischbier. 333 

Als Dun die Menschen diese Kräuter (Immortelle, Helichrysum, 
[Gnaphalium arenarium L.] und Biberneil, Pimpinella) suchten und den 
Kranken eingaben, ward deren Todesstunde verlängert, und sie gewannen 
Zeit, ihr Testament zu machen und das heilige Abendmahl zu nehmen. 

Als aber der Würgeengel immer reichere Ernte hielt, schrieen die 
Menschen abermals zu Gott und flehten um Hilfe und Gnade. Da er- 
schien derselbe Vogel wieder und sang: 

Bdnwell on Laurin, 

Dat suU de Mönsche ehr Löwe sin! 

Man suchte nun diese Krauler (Beinwell, Sympliy tum, und Tausend- 
güldenkraut, Erythraea) und bereitete daraus einen Thee: wer diesen 
Thee trank, blieb von der Pest verschont. — 

Bis auf den heutigen Tag heisst es im Volksmunde: „Armetell on 
Bäwernell, Benwell on Laurtn schötze ver allet Böse", und allgemein 
werden diese Kräuter hoch gehalten. (Fischhausen.) 

Y. Mineralien. 

Diamant. 

Rätsel: 

leb babe Wasser und bin nicht nass, 

leb habe Feuer und bin nicht heiss, 

Ich hang 1 am Kreuz und bin nicht tot, 

Ich koste eine Tonne Goldes und wiege kein Lot. 

N. Preuss. Provinzialbl. X, 291. Vgl. Simrock, ßätselbuch I, 10. 

Kalk. 

Fü'r tilgt sonst Wätersflöt, 
Mi sett Wäter erseht ön Glöt. 

Viol&, Neringia 200. 

Salz. 

Verstreutes Salz muss sorgfältig aufgenommen werden, wenn nicht 
Thränen fliessen sollen. (Dönhoffstädt.) 

Einer forthinkenden Hexe muss man ein Kreuz mit Salz nach- 
werfen, um ihre rückwirkende Kraft zu hemmen. Auch wenn man 
jemandem Milch oder warmes Brot schenkt, muss man Salz hinein- 
streuen, denn sonst kann der Geschenknehmer die Milch, die Kuh und 
uns selbst behexen. Endlich nimmt man Salz in die Hand, wenn man 



334 ^ ur volkstümlichen Naturkunde. Von H. Friachbier. 

an ein Krankenbett tritt, und erkennt daraas, dass es feucht geworden 
oder geschmolzen ist, den nahen Tod, oder wenn es unverändert blieb, 
die baldige Genesung des Leidenden. (Pr. Prov.-Bl. ,XXVI, 538.) 

Brot und Salz trägt man als Erstes in die neue Wohnung, damit 
es in derselben nie an Nahrung fehle. 

Stein. 

Die Steine sind Ablenk er von Krankheiten. Den Kranken bedauert 
man nicht anders, als mit den Worten: „Dem Sten geklagt!" oder 
„Hei heft dem Sten geklagt!" Unterlässt man dies, so zieht man sich 
die Krankheit selbst zu. Klagt aber eine kranke Person einer andern 
ihr Leiden, so sagt man im stillen: „Klag dem Sten on behOl dine 
Krankheit allen!" (Pischhausen.) Vgl. Sprichw. I, 3613. 

Sprichwörter: Der Stein, der viel gerührt wird, bemoost nicht. 
Zwei harte Steine mahlen schlecht. Bei Einem einen Stein im Brett 
haben. Einem ein Steinchen in den Weg legen, — in den Garten 
werfen = ihm eine Gefälligkeit erweisen. Wer einen guten Magen hat, 
kann kleine Steine vertragen. Dem, der eine Sorge los wird, 
ist ein Stein vom Herzen. Man wünscht dem einen Stein vor 
die Ohren, der etwas nicht hören, dem kein Leid widerfahren soll. — 
Ein kerngesunder Alter ist ein Steinchrist. Sprw. I, 3614; II, 2564. 

Wachsen die Steine? 

Es gab eine Zeit, da waren alle Steine auf Erden noch ganz ganz 
klein; aber sie wuchsen grösser und grösser, bis der Heiland der Welt 
geboren wurde. Nun standen die Steine in ihrem Wachstum still, und 
wir sehen sie in der Grösse, die sie am Tage der Geburt Christi hatten. 
Viele aber wollen das nicht glauben, sondern meinen, die Steine wachsen 
auch heute noch. Fände man doch auf Äckern, die man von Steinen 
frei gelesen, wieder Steine und zwar grössere als die früheren. (Mit- 
teilung von E. Lemke.) 



Einige Bemerkungen über das Ordenshans Balga 

nnd seine Umgebung. 

Von 

Carl Beckherrn. 

I« Der Name. 

Die Herleitung des Namens des Ordenshauses Balga ist mehr- 
fach versucht worden, wenn auch meistens nur mit zweifelhaftem Erfolge. 
Der Versuch des Lucas David, welcher meint, die auf der Stelle der 
eroberten Preussenburg errichtete Ordensburg habe den Namen Balga 
erhalten, weil die Eroberung den Deutschen so manchen Balg gekostet, 
mag hier nur seiner Naivität halber erwähnt werden. Hennig, der 
Herausgeber des Lucas David, leitet den Namen vom altpreussischen 
Worte bala, Sumpf, ab und nach ihm Voigt vom litauischen balja, 
welches eine Balge oder sumpfige Gegend bedeuten soll. f ) Wenn diese 
Wörter auch wirklich mit der angegebenen Bedeutung in den genannten 
Sprachen sich vorfinden sollten, was ich nicht zu beurtheilen vermag, 
so wären sie doch für die Ableitung des Namens der Burg Balga 
ohne Wertb, denn in den ältesten in deutscher Sprache abgefassten 
Urkunden heisst das Ordenshaus die Balge, und die darauf residiren- 
den Komture nennen sich stets Eomptur zur Balge. Dieser Name 
stammt also aus dem Deutschen, und zwar aus dem Niederdeutschen 
and ist von den alten lateinisch schreibenden Chronisten und den an- 
fänglich derselben Sprache bei Abfassung der Urkunden sich bedienen- 
den Schreibern des Ordens in Balga umgeändert worden. Das Wort 



') Gesch. Frenssens H, 354. 



336 Einige Bemerkungen über das Ordenshaas Balga uud seine Umgebung, 

Balge bezeichnet einen natürlichen Kanal in niedrigem, sandigem oder 
sumpfigem Gelände. So z. B. heissen die tiefen Rinnen und Fahrstrassen 
in den Watten vor der Mundung der Elbe und Weser Balgen. Rogge 
vermuthet, dass die eroberte alte Preussenburg den Namen Wolitta 
geführt habe und glaubt, aus diesem den Namen der an deren Stelle 
errichteten Ordensburg Balga herleiten zu können. 2 ) Für diese Yer- 
muthung spricht jedoch nichts, und die Ableitung ist eine sehr gezwungene. 
Toppen 3 ) erkennt in dem Namen das niederdeutsche Wort Balge und 
deutet zugleich an, dass in der Nähe von Balga eine Balge ehemals 
existirt zu haben scheine, welche der Burg den Namen gegeben. Er 
trifft damit das Richtige, erwähnt dieser Thatsache aber nur ganz flüchtig 
und giebt so noch manchem Zweifel Raum. Um die ehemalige Existenz 
dieser Balge und die Entstehung des Namens des Ordenshauses nach- 
zuweisen, ist es erforderlich, auf die Veränderungen näher einzugehen, 
welche der südliche Theil der Küste Ostpreussens in vorgeschichtlicher 
Zeit erlitten hat. 1 ) 

Diese Veränderungen sind im Laufe von Jahrtausenden im grossen 
Ganzen durch allmähliche Hebungen und Senkungen einzelner Theile 
der Erdrinde bewirkt worden. Nachdem durch eine solche Senkung der 
Theil des festen Landes, den die Provinzen Ost- und Westpreussen 
heute einnehmen unter dem Meeresspiegel verschwunden uud der auf 
diesem Lande üppig gedeihende Bernsteinwald vernichtet worden war, 
wiederholte sich dieser Wechsel von Flüssigem und Festem noch einige 
Male, bis derselbe dann endlich mit der letzten Hebung, welche unserm 
Lande im Allgemeinen die jetzige Gestalt gab, vorläufig zum Abschlüsse 
kam. Doch nur in den Hauptumrissen war die Gestalt des damals aus 
dem Schosse des Meeres emporgestiegenen Landes, besonders an der 
Küste, der beutigen gleich, denn in ihren einzelnen Theilen bot diese 
letztere einen von dem jetzigen sehr verschiedenen Anblick dar. Im 
Süden ragte die Danziger Bucht viel tiefer in das Land hinein, denn 



*) Altpreuss. Monatsschr. VII, 556. 

3 ) N. Pr. Prov.- Blatt, a. F. I, 82. 

4 ) In dem Nachstehenden folge ich zum Theil den Ausführungen Schümann^ 
und Berendt's, 



Von Carl Beckherrn. ggy 

ihre Wasser bedeckten noch den ganzen Raum, den gegenwärtig die 
frachtbaren Werder einnehmen. Von der ganzen frischen Nehrung war 
noch keine Spur vorhanden, mithin existhte auch das frische Haff, 
wenigstens in seiner jetzigen Ausdehnung noch nicht, und an der heutigen 
sudlichen Haffküste bis gegen Balga hin brandeten die Wogen des 
Meeres. Denn das Haff war auf den nordöstlichen Theil, das sogenannte 
Königsberger oder Brandenburger Haff eingeschränkt, welches aber wohl 
mit seiner östlichen Spitze das jetzige Pregelthal bis über Königsberg 
hinauf ausfüllte. Auch über den südlichen, flachen Theil des Sa In- 
land es, welcher sich als eine spätere Anschwemmung ausweist, er- 
streckte sich wahrscheinlich dieses Haff bis gegen Eallen, Powayen, 
Serappen, Metgethen und Juditten hin. Gegen die See hin war 
dasselbe durch die Pillauer Halbinsel abgeschlossen, welche sich bis 
etwas südlich und östlich über Balga hinaus erstreckte. (Yergl. Wutzke, 
Beschreibung des frischen Haffes in den Preuss. Prov.-Bl.) Die Beste 
des in späterer Zeit fortgeschwemmten mittleren Theiles dieser Halb- 
insel ziehen sich in geringer Tiefe unter dem Wasserspiegel als soge- 
nannte Haken vor Kamstigal und Kahlholz gegenwärtig noch bis weit 
ins Haff hinein. Zur Zeit der Ankunft des deutschen Ordens sollen sie 
theilweise noch über dem Wasserspiegel gelegen haben, denn Lucas David 
berichtet, dass zur Zeit des Landmeisters Hermann Balk „des Habes 
Wasser nicht so nahe an das Gebirge (die Höhen von Balga) floss, 
als itzo, sunder under dem Gebirge gar schöne Wiesen 11 gelegen hätten. 
Die Verbindung dieses Haffes mit der See vermittelte ein breiter 
Kanal, welcher sich in ungefährer Entfernung von einer Viertelmeile 
östlich an dem Punkte vorüberzog, auf welchem jetzt Balga liegt 
Das Wasser desselben bedeckte den Raum, welcher gegenwärtig zum 
grossesten Theile von den zwischen Wolitnick, Kahlholz, Folien- 
dorf und Reinschhoff befindlichen sumpfigen Wiesen eingenommen 
wird. Die ehemalige Existenz dieser Wasserstrasse geht unzweifel- 
haft aus der Beschaffenheit des Terrains hervor. Der ganze zwischen 
den genannten Orten gelegene Raum bildet eine Ebene, welche sich 
nur wennig über das Niveau des Haffes erhebt und deshalb fast ganz 
aus Wiesen besteht, welche meistens Torf als Untergrund haben und 



TT 



338 Einige Bemerkungen über das Ordenthant Balga und seine Umgebung. 

vor der Schüttung des Dammes zwischen Wolitnick und Kahlholz 
im Jahre 1868 noch sehr nass waren. Nur in dem südwestlichen 
Thoile befinden sich einige höhere und deshalb auch trockenere Stellen, 
welche wohl durch aufgeweheten Sand hervorgebracht worden sind. 
Der nordwestliche Rand des Plateau-Abschnittes zwischen Heiligen- 
beil und Bladiau markirt sich hier ganz deutlich als das Ufer des 
ehemals hier strömenden Meeresarmes. Der südwestliche Theil dieses 
ehemaligen Ufers, welches dem Anpralle der Meereswogen ausgesetzt 
war, ist sehr steil geböscht, während der nordwestliche, der Einwirkung 
der Wellen durch die ciavorliegende Pillau-Balgaer Halbinsel entzogene 
sanfter abfällt. Auch das Ufer der Balgaer Seite ist wegen der ge- 
schützten Lage flach geböscht 

Kaum war durch die Scheidung von Land uud Wasser der Grenze 
zwischen beiden die eben geschilderte Form gegeben, so begannen auch 
die nie ruhenden Naturkräfte das Werk der Umgestaltung. Diese 
Kräfte haben wir zunächst zu suchen in den atmosphärischen Nieder- 
schlägen in Form von Regen und Schnee. Der eine dringt unmittel- 
bar, der andere nachdem er geschmolzen in das Erdreich ein, sammelt 
sich dort in Rissen und Spalten und erweitert diese durch Gefrieren des 
Wassers im Winter derart, dass an den Steilküsten grosse. Stücke des 
Bodens, aus ihrer Lage gedrängt und bei eintretendem Thauwetter voll- 
ständig losgelöst, auf den flachen Strand hinunterstürzen. Hier werden sie 
dann beim nächsten Sturm von den darüberstürzenden Wellen fortgespült 
und auf den Grund des Meeres befördert. Dass der auf diese Weise 
herbeigeführte Verlust an Land ein recht beträchtlicher ist, wird alljähr- 
lich an verschiedenen Stellen der Steilküste Samlands wahrgenommen. 

Noch viel mehr in die Augen fallend ist die Umgestaltung, welche 
an unsern Küsten durch das Wasser der grossen Flüsse bewirkt worden 
ist, indem es den feinen Sand und andere erdige Bestandtheile, welche 
es in seinem raschen Laufe bis zur Ausmündung in das Meer mit sich 
führte, hier, wo die schnelle Strömung aufhörte, zu Boden sinken liess 
und so im Laufe der Jahrhunderte ein niedriges, ebenes Land an- 
schwemmte. Da hierbei zugleich auch das Bette des Flusses in seinem 
unteren Theile verflacht wurde, so war dieser genöthigt, seine Wasser- 



Von Carl Beckherrn. 339 

masse zu theilen und sich mehrere Bette in das von ihm selbst ge- 
schaffene Land zu graben. Auf diese Weise entstanden die Deltas an 
den Mündungen unserer grösseren Flüsse, von denen hier nur das der 
Weichsel, welches gegenwärtig noch in das Haff hinein im Vorschreiten 
begriffen, zu erwähnen ist, und das des Pregels, durch welches sich 
dieser früher mit einem zweiten Arme seinen Weg bahnte, von dem 
ein üeberrest in dem Beekflusse noch vorhanden ist. 

Diese bedeutende Leistungen unserer Flüsse sind damit aber noch 
nicht abgeschlossen, die Flüsse sind vielmehr auch wesentlich bei der 
Bildung der Nehrungen und somit auch der Haffe betheiligt gewesen, und 
zwar im Verein mit zwei andern Naturkräften, nämlich der Bewegung des 
Meerwassers und der bewegten Luft, dem Winde. Bevor ich dazu fibergehe, 
die Entstehung des frischen Haffes in seiner jetzigen Gestalt zu schildern, 
ist es nothwendig, einer grossartigen Veränderung in dem Flusssystem 
Ostpreussens zu erwähnen, welche dabei von grossem Einflüsse gewesen 
ist. Es ist nämlich durch den Geologen Berendt nachgewiesen worden, 
dass der Memelstrom in vorgeschichtlicher Zeit zwischen Ragnit und 
dem russischen Städtchen Jurbork einen grossen See bildete, aus dem 
er seinen Abfluss nicht auf dem jetzt bestehenden Wege nahm, sondern 
durch das geräumige Insterthal und durch das Pregelthal in das damals 
nur vorhandene Königsberger Haff. Zu einer Zeit, in welcher aus hier 
nicht näher zu erörternden Gründen hier schon Menschen gelebt zu 
haben scheinen, dnrchbrach der erwähnte See zwischen den jetzigen 
Orten Schreitlauken und Obereissein seine Ufer, worauf der 
Memelstrom den kürzeren Weg zum Meer einschlug und sich sein jetziges 
Bette schuf. Durch die hiedurch herbeigeführte bedeutende Verringerung 
der Wassermasse, welche dem Königsberger Haffe durch das Pregel- 
thal zugeführt wurde, verlangsamte auch merklich der ausgehende Strom 
in dem Kanal bei Balga. Die Folge hievon war eine allmähliche Ver- 
stopfung und schliesslich eine vollständige Verlandung desselben durch 
die nun eintretende Torfbildung. Das Wasser suchte sich nun einen 
andern Ausweg und durchbrach, unterstützt von heftigen Stürmen, die 
auf der Seeseite durch die oben erwähnte Einwirkung der atmosphärischen 
Niederschläge wahrscheinlich schon stark angenagte Pillau-Balgaer 



340 E J n'g« Bemerkungen Aber da« Ordenshans Balgt, und seine Umgebung. 

Halbinsel an einer schwachen Stelle. Der anfänglich wohl nur schmale 
Riss erweiterte sich im Laufe der Zeit so beträchtlich, dass von der 
ehemaligen Halbinsel nur der Theil zwischen Pillau und Fischhausen 
und der kleine Rest bei Balga übrig blieb, und das bisher geschlossene Haff 
in einen offenen Meerbusen verwandelt wurde. Zu Zeiten Hennebergers 
scheint noch eine dunkle sagenhafte Erinnerung an diese ehemaligen 
Zustände und Vorgänge sich im Gedächtniss des Volkes erhalten zn 
haben, der Mensch mag also wohl schon Zeuge derselben gewesen sein. 
In dieser offenen Bucht konnten der vom Fregel mitgeführte Sand, so- 
wie auch die von den Steilküsten abgerissenen Erdmassen durch die 
westlichen und südwestlichen Stürme an die Südküste Samlands ge- 
worfen nnd so das flache sandige Vorland gebildet werden, welches 
gegenwärtig zum grossesten Theile von der Copornschen und Bludauer 
Heide bedeckt wird, auch ist wahrscheinlich in dieser Periode bei 
Patersortein bedeutender Abbruch des Ufers vor sich gegangen, wodurch 
die hohe als ehemalige Meeresküste erkennbare Steilküste hier entstand. 
Aber nicht alle der vom Pregel und den kleineren Küstenflüssen 
herangeführten Sinkstoffe wurden auf diese Weise verwendet; die im 
Wasser feiner vertheilten, namentlich die thonigen festen Bestandteile 
wurden weiter fortgeführt und dienten dazu, das Fundament der Nehrung 
aufzubauen. Dieser Aufbau beganu vermuthlich an dem nördlichen Beste 
der zerstörten Pillau-Balgaer Halbinsel von dem Punkte aas, auf wel- 
chem jetzt Alt- Pillau liegt. Vor der südlichen Seite dieser noch 
immer ziemlich weit hervorragenden Landzunge, welche die durch das 
Pregel wasser an der Küste erzeugte Strömung und die Meeresströmung 
auf eine kurze Strecke auseinanderhielt, befand sich bei nicht stürmischer 
See stets ein kleiner Baum ruhigeren Wassers, in welchem die vom 
strömenden Wasser mitgeführten Sinkstoffe zu Boden fallen konnten. 
Begünstigt wurde dieser Vorgang noch besonders durch den der Ost- 
see eigenthümlichen Mangel an Ebbe und Flut. Sobald die Ablagerung 
der Sinkstoffe den Meeresspiegel erreicht hatte, wiederholte sich vor 
der Spitze des neugebildeten Landes das Spiel in derselben Weise, und 
so baute sich nach und nach das Fundament der Nehrung auf. Nach 
der Ansicht Schumann 1 s wuchs auch von Südwesten her, nachdem 



Von Carl Beckhorrn. 34 J 

die Bildung des Weichseldeltas erfolgt war, ein gleicher schmaler Land- 
streifen der Nehrung entgegen. An das neugebildete flache Land be- 
gannen die Meereswellen alsbald reichlichen Sand auszuwerfen, welcher, 
nachdem er trocken geworden, durch die Winde weiter hinaufgeweht 
und zu Hügeln (Dänen) von oft beträchtlicher Höhe aufgehäuft wurde. 

Nachdem auf diese Weise das Haff durch einen festen zusammen- 
hängenden Wall gegen das offene Meer abgeschlossen worden war, 
musste das durch die einströmenden Flüsse angestauete Wasser des- 
selben sich einen Ausweg suchen, und so entstanden denn nach ein- 
ander die verschiedenen Balgen oder Tiefe auf der Nehrung und der 
Pillauer Landzunge, deren Lage einem häufigen Wechsel unterworfen 
war. Die Berichte der Chronisten über die Entstehung der Tiefe lauten 
sehr verworren; man kann jedoch daraus entnehmen, dass in der histo- 
rischen Zeit bei Lochstedt das erste Tief vorhanden war. Als dieses 
am die Mitte des 14. Jahrhunderts zu versanden begann, öffnete sich 
ein zweites Balga gegenüber bei Alt tief, welches etwa ein Jahrhundert 
hindurch das befahrenste blieb. Auch dieses versandete und nun brachen 
in vielfachem Wechsel um das Jahr 1500 verschiedene Tiefe bei Pillau 
durch, bis es durch zweckmässige Wasserbauten gelang, das jetzt noch 
bestehende zu befestigen und für die Schifffahrt dauernd brauchbar 
zu erhalten. 

Die alte Wasserstrasse bei Balga war inzwischen immer mehr 
verlandet und zu einem unpassirbaren Moraste geworden, über welchen 
die deutschen Ordensritter nach Eroberung der altpreussischen Burg 
und Einrichtung derselben als Ordensburg eine Knüttelbrücke legen 
nrassten, um eine Verbindung mit dem gegenüberliegenden festen Lande 
herzustellen. Dusburg nennt diese Brücke ponspaludis, Lucas David 
einen langen Enotteltham über das Gebruche und eine Enottelbrucke 
des grossen „Gekwebbes". Noch jetzt nennt der Landmann ein Moor, 
dessen Oberfläche unter den Fusstritten eines darüber Hinschreitenden 
zittert und schwankt, weil seine vegetabilischen Bestandteile noch 
nicht genügend comprimirt sind, also ein verhältnissmässig junges Moor 
ein Qequebbe. Dieser von Lucas David gebrauchte Ausdruck ist also 
bezeichnend für den zu seiner Zeit bestehenden Zustand des Balga, 



342 Einige Bemerkungen aber das Ordenshaus Balga und seiae Umgebung. 

umschliessenden Wiesenmoores und l&sst auf sein damals nicht sehr 
hohes Alter schliessen. In diesem Moraste kam auch ein grosser Tbeil 
des Heeres der Preussen um, welchen in der Schlacht bei Balga im 
Jahre 1240 von dem Ordensheere der Rückzug über den Knüppeldamm 
verlegt worden war.*) Jeroschin schildert die Lage von Balga 
folgendermaßen : 

Das veld daruff ist gelein 
daz hue zur Balge, allirwein 
hat ein nmmelage 
von brache und von wage, 
daz zumiraeit daraf niman 
geritin mochte, noch gegan, 
dan Tiber einer braclrin pfad, 
di ob daz brach noch hüte gat. 

Diese Beschaffenheit des Geländes und die ganze Formation dieses 
Terrainabschnittes, welche heute noch die ehemalige Wasserstrasse 
deutlich erkennen lassen, war zur Zeit als die Bitter des deutschen 
Ordens nach Eroberung der hier gelegenen altpreussischen Burg auf 
deren Stelle eine Ordensburg errichteten, noch viel deutlicher ausge- 
prägt als jetzt, sodass die Niederdeutschen unter den Brüdern des 
Ordens und unter den Kreuzfahrern die für derartige Kanäle in ihrer 
Heimat gebräuchliche Benennung auch auf diesen übertrugen. Da nun 
Ortschaften, welche an Gewässern gegründet wurden, thatsächlich oft 
nach diesen benannt worden sind, so darf man mit Sicherheit annehmen, 
dass auch das in der Nähe dieser Balge errichtete Ordenshaus von ihr 
seinen Namen empfangen habe. 

II. Der Snickenberg. 

In dem Vorstehenden wurde ein Knüppeldamm erwähnt, welchen 
die Ordensritter bei der Einrichtung der eroberten altpreussischen Barg 
als Ordensburg über den dieselbe vom festen Lande trennenden Morast 



*) Da die Torfmoore alle ihnen überlieferten Gegenstände erfahrungsmassig 
«ehr gut conserviren, so bewahren die um Balga gelegenen Torfwiesen yermuthlicb 
noch manchen interessanten aus den dort stattgefundenen Kämpfen herrührenden 
Gegenstand in ihrem Boden auf. Für den Fall dort auszuführender Erdarbeiten, be- 
sonders in der Nähe des von Balga nach Hoppenbruch führenden Weges und am 
westlichen Bande des Wiesenterrains, möchte ich die Aufmerksamkeit der dortigen 
Grundbesitzer anf diesen Umstand hiedurch noch besonders hinlenken. 



Von Carl Beckherrn. 343 

gelegt hatten. Dieser Damm hat jedenfalls die schmälste Stelle des 
Morastes durchschnitten, rauss also da gelegen haben, wo jetzt der 
Weg vom Schneckenberge nach Hoppenbruch fahrt. Als am Anfange 
des Jahre 1240 ein Angriff der Preussen auf Balga zu befürchten 
war, errichteten die Ordensritter, wie die Olivaer Chronik und Dus bürg 
(III, 21) berichten, am Ende des Dammes eine Mühle, befestigten diese 
und belegten sie mit Mannschaft Diese Mühle kann sich nur am 
südöstlichen Ende des Knüppeldammes befunden haben, wo jetzt das 
Dorf Hoppenbrach liegt, denn hier traf der Damm mit dem Bache 
zusammen, welcher, aus der Gegend von Bladiau herunterkommend, 
bei Foliendorf in das Haff fliesst; ein anderes zum Treiben einer 
Mühle geeignetes Gewässer ist hier nicht vorhanden. Rogge (Alt- 
preuss. Monatsschr. VI, 123) versetzt die Mühle auf den Schnecken- 
berg, muss also eine Windmühle im Sinne gehabt haben, welche es 
damals in Preussen noch nicht gab, da Windmühlen erst um die Mitte 
des 15. Jahrhunderts in Holland aufkamen; auch lässt er die Burg 
Balga mit der Mühle, also auch mit dem Schneckenberge durch einen 
Damm in Verbindung stehen, was den wirklichen Verbältnissen wider- 
spricht. Diese Mühle wurde bald von den Preussen eingenommen und 
zerstört 6 ) und Balga darauf von ihnen auf der Landseite durch Be- 
setzung des östlichen Ufers der ehemaligen Balge eingeschlossen, auch 
die Schanzen Portegal und Sehr and inb er g hierselbst als Stützpunkte 
in der Einschliessungslinie errichtet. 7 ) 

Darauf berichtet Dusburg, ) während Chronic. Oliv, hierüber 
schweigt, dass die Bitter an der über den Sumpf führenden Brücke die 
Barg Snickenberg erbaut hätten. (Dann folgt in Gap. 25 die An- 
kunft Otto's von Braunschweig.) Dieser Bericht über Snickenberg 
wird von Einigen angefochten, ') weil er eine Wiederholung des Berichtes 
über den Bau der Mühle sein und als solche den Zusammenhang der 



•) Dusburg III, 21. 
7 ) a, a, 0. III, 23. 
■) s, a. 0. III, 24. 

■) Namentlich von Toppen (Script rer. Pnus. I, 63), Hirsch (Ebend. 660) 
und Fachs (Altpr. Monatsschr. XXI, 434). 



344 Einige Bemerkungen über das Ordenahaus ßalga und seine Umgebung. 

Erzählung stören soll. Auch glaubt man dem Berichte Dusburg's des- 
halb nicht trauen zu dürfen, weil des Snickenbergs in der Olivaer 
Chronik keine Erwähnung geschieht. Ueber die Berechtigung dieser 
Einwendungen darf ich mir kein Urtheil erlauben, glaube aber annehmen 
zu dürfen, dass man Dusburg höchstens eine Ungeschicklichkeit in 
der Darstellung vorwerfen kann, keineswegs aber eine grobe Fahrlässig- 
keit oder Unwahrheit. ") Denn jeder, der die Lokalität aus eigener 
Anschauung kennt, wird in der Darstellung der gedachten Ereignisse 
durch Dusburg nichts Ungereimtes finden, ") da die Ordensritter den 
gegebenen Terrainverhältnissen gemäss gar nicht anders handeln konnten, 
als wie es von Dusburg erzählt wird, wenn man sie nicht eines auf- 
fallenden Mangels an militärischer Umsicht beschuldigen will, den sie 
doch während ihrer ganzen Kriegführung nicht dokumentirt haben. 



lo )JeroschiD, der Uebersetzer des Dusburg, erwähnt den Schneckenberg in 
folgender Weise: 

Vor selben brücke 

uf kumftic gelncke 

und zu vertribne verlieh ubil 

bawten da nf einim hubil 

die brndere eine burc, der natu 

hiz Snickenberc, als ich vorn am. 
An einer andern Stelle berichtet Jeroschin über ein bei der Belagerung einer 
an der litauischen Grenze gelegenen Burg stattgehabtes Ereigniss mit folgenden 

Worten: 

Domit sy do täglich 

8 turmende versuchten sich, 

wohl acht tage als ich las, 

das stürmen unvorfenglich was, 

went sie Bchufen klein* 
Die hervorgehobenen Worte „vernehmen" nnd „lesen" scheinen von Jeroschin 
nicht allein des Keimes halber gewählt worden zu sein; er hat vielmehr wohl da- 
mit ausdrücken wollen, dass er von den betreffenden Ereignissen das eine Mal durch 
mündliche Ueberlieferung, das andere Mal aus schriftlichen Nachrichten Kennte 
erhalten. habe. Hieraus darf gefolgert werden, dass Jeroschin 1 s Erzählung Ober die 
Befestigung des Schneckenberges nicht allein aus der Chronik Dusburgs entnommen 
ist, sondern auch auf anderweitiger mündlicher Ueberlieferung beruht, was nicht an- 
wahrscheinlich ist, weil kaum hundert Jahre nach dem in Bede stehenden Ereignisse 
verflossen waren, als Jeroschin seine Chronik schrieb. 

") Voigt, welcher mit der Lokalität vertraut gewesen zu sein scheint, bat 
kehlen Anstand genommen, dem Dusburg zu folgen, und ein im Ganzen klares 
Bild der Ereignisse vor Balga geliefert. 



Von Carl ßeckherrn. §A& 

Ausserdem fällt noch der Umstand ins Gewicht, dass der am nordwest- 
lichen Ausgange des ehemaligen Knüppeldammes gelegene und gegen- 
wärtig noch der Schneckenberg genannte Hügel in der That noch 
Spuren — wenn auch schon sehr verwischte — einstiger planmässiger 
Bearbeitung durch den Spaten zeigt, welche zu der Annahme berech- 
tigen, dass der Hügel ehemals wohl ein kleines thurmartiges Blockhaus 
getragen haben und mit einem Walle umgeben gewesen sein könnte. 

Durch die Erbauung der Mühle am südöstlichen Ende des Knüppel- 
dammes war nicht nur der Bedarf an Mehl für die Besatzung der Burg 
Balga sichergestellt, sondern auch dadurch, dass sie befestigt und besetzt 
war ein überraschender Angriff von Seiten des Feindes auf die gleich- 
sam auf einer Insel gelegene Burg unmöglich gemacht. Als dieses 
detaschirte Werk der Uebermacht des Feindes erlegen war, und dem 
Feinde nun der ungehinderte und unbeobachtete Zugang zur Burg offen 
stand, verstand es sich ganz von selbst, dass die Bitter die ihnen vom 
Feinde, welcher mit der Errichtung von Cernirungsscbanzen beschäftigt 
war, dazu gelassene Zeit benutzten, ein neues detaschirtes Werk am 
entgegengesetzten Ende des Dammes auf dem Schneckenberge anzu- 
legen. Bei der gewiss kurz bemessenen Zeit konnte dasselbe nur von 
geringem Umfange sein und nur eine kleine Besatzung aufnehmen, eine 
Sperrung des Engpasses einem ernstgemeinten Angriffe gegenüber also 
nicht bewirken; wohl aber war es geeignet, die Beunruhigung der Be- 
satzung der Burg Balga durch kleinere feindliche Trupps zu verhindern. 
Besonders wichtig musste dieses kleine Werk aber dadurch werden, 
dass von ihm aus eine genaue Beobachtung nicht nur des Dammweges, 
sondern auch des ganzen östlichen Randes des Morastes, woselbst der 
Feind seine Aufstellung genommen hatte, möglich war, während die zu 
grosse Entfernung der Hauptburg eine Beobachtung von dieser aus nicht 
gestattete. 

Zorn Schluss mag noch bemerkt werden, dass bei der Schilderung 
der später bei Balga stattfindenden Schlacht des Snickenbergs wohl 
deshalb nicht weiter gedacht wird, weil er eben ein zu unbedeutendes 
Werk war, welches in grösseren Kämpfen keine Rolle spielen konnte. 



Altpr. IfoMtiMhrift Bd. XXII. Hft. 3 0. 4. 23 



Kritiken und Referate. 



-N- N- ^. "'»_'" v -/ %^"s^ 



Edni. Veckenstedt, Die Mythen, Sagen und Legenden der Zamaiten 

(Litauer). Zwei Bände. Heidelberg. Carl Winter 's Universitätsbuchhandlung. 
1883. 8°.*) 

Was uns altere Schriftsteller von der litauischen Mythologie berichten, ist so 
spärlich und unbestimmt und Jn philologischer Beziehung von einer derartigen Be- 
schaffenheit, dass man schon längst den Blick von ihnen hinweg und auf die lebende 
Volksüberlieferung gerichtet hat, hoffend, dass diese nicht nur Ergänzungen jener 
Berichte, sondern auch Mittel zu ihrer kritischen Behandlung liefern werde. Diese 
Hoffnung hat sich indessen bisher, d. h. bis zu dem Erscheinen des vorliegenden 
Werkes, nur in sehr geringem Maasse erfüllt, denn der litauische Volksgesang ge- 
währte nur eine sehr spärliche mythologische Ausbeute, und was die Sammlung 
litauischer Sagen, Märchen und abergläubischer Vorstellungen an zweifellos litauischem 
und aus der litauischen Vorzeit durch mündliche Tradition gerettetem Gut zu Tage 
förderte, war mindestens viel weniger, als das, was sie an sicher 1 ), wahrscheinlich 8 ) 
oder vielleicht fremden und künstlich aufgefrischten Zügen fand. Der Gegensatz, in 
welchen hierdurch die litauische Prosaüberlieferung zu dem litauischen Volksgesange 



*) Wenn auch bereits das vorige Doppelheft eine Besprechung obigen Werkes 
enthält, so bringen wir doch gerne auch diese neue hier zum Abdruck. D. H. 

l ) {Sicher entlehnt, obgleich zum Teil sehr umgestaltet, sind z. B. die Geschichten, 
welche den deutschen „vom dummen Hans" und „vom hürnen Sigfirid" entsprechen, 
denn der Held der ersteren heisst paikasis Ansas oder durnasis Jons, und der 
der letzteren wird in einer ungedruckten Erzählung ragotasis Sygfryds genannt, 
und diese Namen sind wörtliche Übersetzungen der erwähnten deutschen Titel. 
Zweifellos entlehnt sind auch viele litauische Eulenspiegelstreiche, denn Till Eulen- 
spiegel heisst in ihnen Sawizdrols — so in allen bez. Geschichten, die ich selbst 
gehört habe — oder Sztukoris, und jener Name ist die Lituanisierung des poln. 
Sowizdrzal (vgl. Veckenstedt Sztukoris S. 10), dieser die des russischen sztukari. 

*) Als wahrscheinlich eingewandert nenne ich beispielsweise die Odysseus- 
Polyphem-Sage, die mir in zwei von einander abweichenden zemaitischen Fassungen 
vorliegt, und welche Bielenstein auch bei den Letten gefunden hat. Man berück- 
sichtige, dass sie auch zu den Osseten (Odysseus heisst hier Urysmag) gewandert 
ist, vgl. Globus XL, S. 86, XLI, S. 333. 



1 

Dr. Edm. Veckenstedt, die Mythen, Sagen u. Legenden der Zamaiten. 34? 

— in welchen nur verhältnissmässig wenige fremde Lieder aufgenommen sind — 
trat, war in Hinblick darauf, dass dieser an Rhythmus und Melodie einen Schutz be- 
sitzt, welcher jener fehlt, verständlich genug, und nicht minder war die Gering- 
wertigkeit, welche man der ersteren beimessen zu müssen glaubte, wohl begreiflich. 
Sind die Litauer doch eingekeilt zwischen fremdsprachigen Volksmassen, auf die sie 
im Handel und Wandel angewiesen sind; ist ihre Nationalität doch Jahrhunderte 
lang von übermächtigen feindlichen Kräften befehdet; sind sie doch zersetzt von 
fremden Elementen, welche an Bildung und Vermögen im allgemeinen über ihnen 
stehen; lernt das Kind in der Schule, der junge Bursche beim Militair doch alles 
mögliche, wovon die älteren Generationen nichts wussten; liest doch der Hausvater 
in der Zeitung, oder im Kalender, oder in andern Büchern, die er vom Pfarrer oder 
vom Lehrer geborgt hat, diese und jene neue Märe; und hat der „gute Homer" 
doch gewiss nicht „geschlafen", als er sang: 

Immer lauschen die Menschen am allerliebsten dem Liede, 
welches von allen Gesängen am letzten zu ihnen gedrungen. 

Man urteilte also recht ungünstig über die litauische Prosaüberlieferung 3 ) und 
und glaubte zugleich zu verstehen, weshalb dieselbe unursprünglich und geringwertig 
sei und sein müsse. Um so überraschender war die Nachricht, dass Herr Dr. Vecken- 
stedt von Libau aus in verhältnissmässig kurzer Zeit eine grosse 'Zahl zemaitischer 
Erzählungen gesammelt habe, durch welche der Forschung neues mythologisches 
Material zugeführt werde, und in welchen „mehr als hundert Gestalten der zemaiti- 
schen Mythologie und Sagenwelt, welche bisher der Forschung ganz unbekannt waren, 
oder von denen man wenig mehr als den Namen wusste, der Wissenschaft erschlossen" 
seien (I, 1). Diese Erzählungen, oder doch den wesentlicheren Teil derselben hat 
Herr Veckenstedt in dem vorliegenden Werke veröffentlicht, das in seiner Anordnung 
• „nach Möglichkeit an die Kategorien sich anschiiesst, welche der unvergleichliche 
Jakob Grimm in seiner , Deutschen Mythologie' gibt" (1,11), und unter 130 Nummern 
in der Tat eine Fülle bisher unbekannter litauischer, namentlich zemaitischer 4 ) 
Mythen, Sagen und Legenden und in ihnen eine Menge von mythologischen Gestalten 
und Vorstellungen enthält, die man bisher entweder gar nicht oder nur andeutungs- 
weise kannte, die hier aber lebendig und frisch auftreten. Es umfasst demnach 
einen Stoff, dessen Sammlung bewunderungswürdig sein würde, wenn sie das Werk 
allein des Herrn Herausgebers wäre; es enthält ein Material, das der Gelehrte nicht 



*) Vgl. des Litauers Jurkschat Urteil: „Genuin litauische Märchen wirds über- 
haupt nur in sehr geringer Anzahl geben" (Mitteilungen der lit. litter. Gesellschaft 
H, S. 52, Anm.). 

4 ) Über den Begriff „zcmaitisch" (zamaitisch) vgl. Magazin f. d. Lit. d. In- u. 
AusL Jahrg. 53, No. 32, S. 490, Veckenstedt Sztukoris S. 25 f. und das vorliegende 
Werk S. 5. Die in dem letzteren enthaltenen Geschichten sind demnach nicht aus- 
schliesslich zemaitisch. ^^ 

23* 



348 Kritiken und Referate. 

hoch genug schätzen könnte, wenn es nicht zu erheblichen kritischen Bedenken An- 
lass gäbe. Dass nun aber die erste dieser Bedingungen durchaus nicht zutrifft, er- 
gibt sich aus der Aufzählung der Personen, welche Beiträge zu dieser Sammlung 
geliefert haben (I, 26 ff.); ob die zweite zutreffend ist oder nicht, wird sich im 
folgenden ergeben. 

Manches, was in dem vorliegenden Werk erzählt ist, ist auch mir von Litauern 
bez. Zemaiten mitgeteilt, oder steht mit Vorstellungen in Übereinstimmung, die ich 
bei Litauern oder Letten gefunden habe. Ich erlaube mir einiges der Art hervor- 
zuheben. 

Was von der Sichel erzählt wird (I, 48), die für ein reissendes Tier gehalten 
wurde, erinnert an ein litauisches Rätsel, in dem die Sense mit einem Hecht ver- 
glichen wird, der „den ganzen Wald fällt". — Dass die Krieger des Düngis in der 
Christnacht aus dem Berge kommen, in dem sie schlafen (I, 92), entspricht der im 
preussischen Litauen verbreiteten Vorstellung, dass die Geister in der Weihenacht 
Gestalt annehmen. — Die Erzählung, der Erebs sei früher ein Mann gewesen, welcher 
in einem Panzerhemd gegen Christus habe streiten wollen (I, 228), stimmt zu dem 
zemaitischen Sprichwort „du erhebst dich, wie der Erebs gegen den Perkun"*) und 
den gleichfalls zemaitischen Glauben, der Erebs nehme bei einem Gewitter ein Stöck- 
chen zwischen die Scheeren, um damit gegen Gott zu streiten. — Die Geschichte von 

• 

dem in den Wirbelwind geworfenen Messer (II, 92, 4) habe ich von mehreren Ze- 
maiten, die von der Laume (einer Spukgestalt) und dem reichen und dem armen 
Eind (II, 96) wiederholt im preussischen Litauen gehört. — Vom Platelschen See 
(U, 188, 190, 204 f.) sind auch mir mehrere Sagen erzählt, nach welchen an Stelle 
dieses Sees früher ein Schloss gestanden haben soll; eine in ihm liegende Insel wird 
in einer derselben die „Insel der Königin" genannt. — Dass die Vögel sich nicht 
an dem Bau der Flussbetten betheiligten (II, 164, 7), ist ein Mythus, der mir auch 
in Smilten in Livland und im preussischen Litauen begegnet ist; nach meinen Ge- 
währsleuten traf der Fluch Gottes indessen nicht alle Vogel, sondern nur den Mäuse- 
bussard, bez. den Pirol. — An die Erzählung von der Schlangenkönigin, welche sich 
auf einen von Wasser umgebenen Felsen rettete und sich hier weinend aufhielt 
(II, 172), erinnert ein lettisches Volksliedchen, dass ich in meinen Lett. Dialektstudien 
S. 31 No. 9 mitgeteilt habe. — Die Vorstellung, dass das Farrenkraut in der Jo- 
hannisnacht blühe (II, 180), findet man unter den Litauern und Letten, aber auch 
in Polen nicht selten. — In der II, 231 f. mitgeteilten Geschichte erscheint die Erde 
von einer hohen Eiswand umgeben, hinter welcher die Sonne mit gewaltiger Glut 

m 

brennt. Mir selbst sagte ein Zemaite, die Sonne stehe hinter einem Vorhang von 
Glas oder Nebel und würde, wenn dieser hinweggezogen werde, alles verbrennen. 
Der Unterschied zwischen diesen beiden Auffassungen ist unerheblich. 



*) Tu kelys käp vezjs prysz Perkuna,. 



Dr. Edm. Veckenstedt, Die Mythen, Sagen u. Legenden der Zameiten. 349 

Es kann hiernach keinem Zweifel unterliegen, dass das vorliegende Werk volks- 
tümliche, d. h. im litauischen Volke verbreitete Mythen, Sagen und Legenden enthält, 
indessen dieser Umstand reicht leider nicht hin, in ihm eine auch nur im allgemeinen 
zuverlässige mythologische Quelle zu sehen, weil nicht nur manches, was in Litauen 
heut zu Tage weit verbreitet ist, unursprünglich ist, oder sein kann, sondern noch 
viel mehr, weil das Werk nicht wenige höchst bedenkliche Teile enthält, weil sich 
Geschichten in ihm finden, die ungenau überliefert sind oder den Stempel der künstlichen- 
Mache an sich tragen. Auch diese Behauptung erlaube ich mir etwas auszufuhren. 

Von der Ruine der Burg von Birsen, welche aus der Geschichte Karls Xu. 
bekannt ist, und welche ich wiederholt besucht habe, wird erzählt, dass in ihr drei 
Zwerge ihr Wesen trieben, und von diesen wird einiges gesagt, was gewissen litaui- 
schen Vorstellungen sehr wohl entspricht (II, 19). Wenn es aber zugleich heisst, 
dass diese Zwerge die Menschen hinderten, in die Ruine einzutreten, so widerspricht 
dies so direct dem Tatbestande, dass man hierin notgedrungen einen Zusatz eines mit 
der betr. Localität durchaus nicht bekannten sehen muss. Wir haben hier also eine 
Sage, in die ein ihr fremder Zug hineingetragen ist. 

Die Verlässlichkeit der „Stammsage" (I, 31 ff.), auf welche Herr Veckenstedt 
einen besonderen Wert legt, ist bereits von Bielenstein in der Rigaschen Zeitung, 
Jahrg. 1882 No. 298 angezweifelt, und ich gestehe, dass ich seine Bedenken für sehr 
gewichtig halte, und dass mich die Entgegnung, welche Herr Veckenstedt eben dort 
No. 302 veröffentlicht hat, hierin nicht beirren kann. Ich bezweifle naturlich nicht, 
dass sie eine Anzalü echt zemaitischer, d. h. aus der zemaitischen Vorzeit durch 
lebendige Volksüberlieferung überkommener Züge enthält oder wenigstens enthalten 
kann (vgl. I, 8), aber dass sie „die Stammsage" sei, dass sie früher sogar eine poe- 
tische Form gehabt habe (I, 8), — das sind Ansichten, denen ich in Hinblick auf 
die Unzahl von Anklängen an jüdische, christliche, griechische, italische und deutsche 

M 

Überlieferungen, welche diese Erzählung bietet, nicht beipflichten kann, und die 
ziemlich mit allen Vorstellungen in Collision kommen, die ich mir von den Litauern 
und ihrer Poesie gebildet habe. — Was diese Geschichte auch in einem etwas selt- 
samen Lichte erscheinen lässt, ist der befremdliche Umstand, dass in ihr wohl auf 
die Letten und Preussen, aber nicht auf die nächsten Verwandten der Zemaiten, die 
Litauer im engeren Sinn, und speciell auf die s. g. Gudai, ihre östlichen Nachbarn, 
Bezug genommen wird, obgleich namentlich zwischen Zemaiten und Guden ein 
nationaler Gegensatz besteht, von dessen Schärfe der folgende zemaitische Spruch 
eine Vorstellung geben mag: 

Perkunaiti, müsu deeväiti, 

nemuszk Zemaitiu, kaip sawo vaiku, 

ale müszk sena, Guda,, kaip szunj rud$, 
d. i. „lieber Perkun, unser lieber Gott, schlag nicht die Zemaiten als deine Kinder, 
aber schlag den alten Guden, wie einen roten Hund". 



*»>» .* » 7 ^ * 



350 Kritiken und Referate. 

Wenn Herr Veckenstedt zu Gunsten der „Stainmsage" mitteilt, sie sei die Er- 
zählung einer Bäuerin und ihrer beiden Söhne, und die Mutter der Bäuerin „habe 
dieselbe oft von ihrem Grossvater gehört, welcher dieselbe vielmals erzählt habe, da 
er in Folge des Brandunglückes seiner Hütte erblindet gewesen und nichts habe 
schaffen können" (II, 244), so ist dies ein Argument, dem ich nicht eher Bedeutung 
beimessen kann, als die Glaubwürdigkeit der betr. Erzähler festgestellt, und als nach- 
gewiesen ist, dass nicht etwa ein mitleidiger Lehrer oder Geistlicher dem erblindeten 
Grossvater diese Geschichte oder doch eine Anzahl ihrer Bestandteile erzählt habe. — 
Über eine mir vorliegende, sehr abweichende „Stammsage" s. weiter unten. 

Im ersten Bande S. 154 ff. werden einige Geschichten von einem göttlichen 
Wesen Gondu erzählt, aus welchen ich einige Sätze hervorhebe: „Ich bin Gondu", 
„Gondu hiess den jungen Bauer aus der Wolke steigen", „Gondu aber zog mit dem 
Mädchen von dannen". Gondu ist also Nominativ Singularis, und daran scheint bei 
oberflächlicher Betrachtung nichts merkwürdiges zu sein, da in gewissen Gegenden 
£emaitens solche Nominative vorkommen. Die Sache erhält aber ein anderes An- 
sehen, wenn man bemerkt, dass Gondu in Lasiczki's bekannten Schriftchen De diis 
Samagitarum n. s. w. verfasst zwischen 1579 u. 1582) Accusativ Singularis („pueflae 
quoque quendam Gondu adorant et inuocant") — der Nominativ würde litauisch 
Gondas heissen — und wahrscheinlich ein Druckfehler ist (Gondu für Gondu = 
Gondum), und dass Narbutt Mitologia litewska S. 72 (nach Hanusch Die Wissen- 
schaft des slav. Mythus [Lemberg 1842] S. 379) und Schwenck Die Mythologie der 
Slawen (Frankfurt a. M. 1853) S. 108 f. hieraus einen Nominativ Singularis Gondu 
gemacht haben. Niemand wird zweifeln, dass Veckenstedts Gondu mit Narbutts bez. 
Hanuschs und Schwencks Gondu identisch ist, und dass diese Form hier und dort 
dieselbe Geschichte hat. Wir finden also in dem vorliegenden Werk Erzählungen, 
die auf eine gedruckte Quelle und noch dazu auf eine missverstandene Stelle einer 
solchen zurückgehen, und dieser Umstand erschüttert das Vertrauen zu den uncon- 
trolierbaren Teilen dieses Werkes — um so mehr, als der nachgewiesene Fall nicht 
vereinzelt ßteht. 

Man wird nun vielleicht fragen, wie Mitteilungen des Lasiczki oder anderer 
Schriftsteller in das litauische Volk dringen konnten. Die Beantwortung dieser 
Fragen ergibt sich aus folgenden Tatsachen, deren Zahl sich ohne grosse Mühe ver- 
mehren lassen würde. 1) Ein Zemaite aus Knie, der einem meiner Freunde, Herrn 
Gutsbesitzer Scheu in Löbarten, und mir eine Fülle von Geschichten erzählte — 
darunter eine „Stammsage", welche mit den bezeichnenden Worten „im Lande Indien" 
beginnt — , berief sich dabei wiederholt auf Schriften und mündliche Mitteilungen 
Wolonczewskis, des verstorbenen Bischofs von Zemaiten, bei welchem er gedient haben 
wollte. 2) Ein anderer Zemaite, der dem genannten Herrn und mir ebenfalls viel 
erzählte, erwähnte öfters das Werk „Bud% senow$s Lötuwiü Kalnienü ir iamajtiü 
iezrasze. Jokyb's taukys" (Petersburg 1845), das von der litauischen Vorzeit handelt, 



Dr. Edm. Veckenstedt, die Mythen, Sagen n. Legenden der Zameiten. 351 

und brachte dasselbe eines Tages aus seinem Heimatdorfe mit. 3) In den bekannten 
I wiri skf sehen Kaien dem finden sich chronologische Übersichten über die wichtigsten 
Begebenheiten vor und nach Christi Geburt, und in diesen ist angegeben nicht nur, 
wie viel Jahre seit dem Argonautenzug, dem Raub der Helena u. s. w. verflossen 
sind, sondern anch, wann der „litauische Stamm der Heruler" zuerst aufgetreten ist, 
wann Palemon mit 500 herulischen „Bojaren" nach Litauen kam, wann Algimund, 
Ringold u. s. w. starben, u. dergl. 4) In einem mir unbekannten Jahrgange dieses 
Kalenders befindet sich nach Mitteilung des verstorbenen Pfarrers Jacoby in Memel 
eine Aufzählung und kurzgefasste Schilderung der zemaitischen Gottheiten — dar- 
unter z. B. Alabate, Gonda (so!), Kelodewas, Lietuwanis, Goniglis, Narbutts Uspa- 
rinia und die Maslu Boba „Göttin der Schornsteine, Gemüll- und Misthaufen" d. i. 
die mehslu bahba Stenders — und die bekannte, von Hanusch a. a. 0. S. 234 nach 
Narbutt mitgeteilte Sündflutsage, in welcher an Stelle der Arche eine Nussschale 
erscheint (vgl. das vorliegende Werk I, S. 36). Einen Auszug hieraus verdanke ich 
der Güte des Herrn Jacoby. 

Die im vorstehenden nachgewiesenen Tatsachen verbieten auf das bestimmteste, 
die vorliegende Sammlung für eine vollgiltige mythologische Quelle zu halten. Sie 
würden für ihre Schätzung von minderer Bedeutung sein, wenn wir in der Lage 
wären, ihren Inhalt auch nur einigermassen zu controlieren, wenn uns Herr Vecken- 
stedt also nur gesagt hätte, wer ihm jedes einzelne Stück mitgeteilt, wer es aufge- 
zeichnet, wer es erzählt hat. Man würde dadurch vielleicht erfahren haben, dass der 
Erzähler z. B. der Gondu-mythen ausser eben diesen nichts zu der vorliegenden 
Sammlung beigesteuert hat; oder dass sämmtliche durch innere Gründe, durch eine 
Häufung phantastischer Züge oder literarischer Reminiscenzen verdächtigen Geschichten 
auf dieselbe Quelle zurückgehen; oder dass sämmtliche Erzählungen, in welchen man 
sprachliche Missverständnisse annehmen möchte, von dem Sammler aufgezeichnet sind, 
der z. B. muszket tas kurszas (für tus Kurszius) und szick lynas (für sek 
linu) schrieb und behauptete, „im Zemaitischen heisse kunige , Mönch'" (II, 216, 
217, 222), der also in sprachlicher Hinsicht seiner Aufgabe nicht gewachsen war. 
Herr Veckenstedt hat es indessen unterlassen sich über die Herkunft der einzelnen 
Stucke auszusprechen, und in Folge dessen ist der Leser nicht im Stande, den mehr 
und den weniger werten Stoff hinreichend zu unterscheiden; er steht also diesem 
Buch gewissermaßen mit zugehaltenen Augen gegenüber und ist bei seiner Prüfung 
auf das wenige angewiesen, was er durch einen etwas geöffneten Fingerspalt hindurch 
zufallig erblickt. Dass sich bei dieser Sachlage ein abschliessendes Urteil über das 
vorliegende Werk nicht aussprechen lässt, liegt auf der Hand; dass der grössere Teil 
des letzteren einstweilen wissenschaftlich nicht zu verwenden ist, bedarf — nach dem 
oben gesagten — ebenso wenig eines Beweises. 

Die Ausdehnung, welche diese Besprechung gewonnen hat, verbietet es mir leider, 
auf einige principielle Punkte — z. B. die Wertschätzung der Mythen von dem PijokB, 



352 Kritiken und Baferat«. 

dar Pypka, der Pyraga u. s. w., d, h. von Wesen mit slavischeu Namen — und 
auf die Fragen einzugehen, inwiefern die Veröffentlichung der Sammlung in deutscher 
wtzung notwendig war, und wieweit eine Beschränkung des zu publicierenden 
is zweckmässig gewesen wäre. Ich kann nur noch meinem Bedauern darüber 
■uck geben, das» es mir unmöglich gewesen ist, eine durchaus beifallige Haltung 
nem Werke einzunehmen, bei dessen Herausgabe mir eine Vertrau enssteliung 
räumt norden war. Herr Veckenstedt weiss indessen am besten, dass diese nicht 
irt war, dass ich einen entscheidenden Einfluss auf sein Werk hätte ausüben 



Die San- und Kunst denk maler der Provinz Weetpreussen. Hrag. im 
Auftrage des Wcstpr. Provinzial- Landtages. Heft H. Der Landkreis Danzi? 
a. u. d. T. : „Die Bau- und Kunstdenkmäler des Landkreises Danzig." 
Mit 76 in den Text gedruckten Holzschnitten, 8 Kunstbeilagen und einer 
Uebersichtskarte. Danzig. Commissions- Verlag von Tb. Bertling. lütö. 
(S. 76-149. gr. 4.) 
Die Provinzial- CommiEsion zur Verwaltung der westpreussischen Pronvinzisl* 
en bietet ans hiermit das zweit« Heft der „Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz 
preussen". Indem wir bezuglich der Aufgabe und des Zwecks des ganzer 
rnehmens auf unsern bereits gelegentlich des Erscheinens des ersten Hefte in 
r Zeitschrift (1884. Bd. XXI. 5. u. 6. Heft S. 509 t.) veröffentlichten Bericht 
eisen, haben wir hier nur kurz vom Inhalt des vorliegenden Heftes zu handeln. 
sibe ist allein dem Landkreise Danzig gewidmet, und enthält in alphabetisier 
ung die Beschreibung der Denkmäler von zwanzig in demselben gelegeneu Ort- 
ten. Die Behandlung der einzelnen Abschnitte ist die gleiche geblieben wie im 
n Heft. Historischer und beschreibender Teil werden, soweit möglich, ttnag 
einander gesondert: im ersteren geben angezogene Quell encitate des flfterei 
ijenheit zu kurzen historischen Untersuchungen, im letzteren werden zuerst immer 
Baulichkeiten der Orte, und demnächst die in denselben enthaltenen Kunstgegen- 
le einer eingehenden Behandlung unterzogen. 
Den Mittelpunkt der Veröffentlichung bildet diesmal die Beschreibung && 
ters Oliva. Dieselbe nimmt, der kunst historischen Wichtigkeit dieser alten Hef 
e deutscher Kultur entsprechend, mehr als ein Dritteil des ganzen Heftes a» 
:h eine Fülle von Illustrationen, Grundrisse, Durchschnitte, Ansichten und »H- 
e Details wird der Leser an der Hand eines mit liebevollem Eingehen, selbst 
ligkeiten berücksichtigenden, klar und fasslich geschriebenen Textes in die Lag* 
itzt, sich von der äusseren und inneren Beschaffenheit, sowie von der früheren 
:utung und dem jetzigen kunsthistorischen Wert der einzelnen Anlagen ein an- 
aliches Bild zu machen. Nicht zum wenigsten unterstützen ihn dabei die hier 



Alterthumsgetelkchaft Prassia 1884. 353 

sowohl wie an andern Stellen dem Werke beigegebenen quartgrossen und in Licht- 
druck ausgeführten Kunstbeilagen. 

In der Beherrschung des sich darbietenden Materials zeigt sich Überall eine 
gewissenhafte Genauigkeit und Vollständigkeit, und doch ein glückliches Beschranken, 
das Nebensächliches zwar zu erwähnen, aber kurz zu erledigen weiss. 

Noch sei nicht unerwähnt, dass als willkommene Beigabe dem Werke diesmal 
eine Uebersichtskarte beigefügt worden, welche die Lage der einzelnen Orte, in denen 
sich Kunstdenkmäler befinden, veranschaulicht. 

Auf die Herausgabe der nächsten Hefte, die uns ja unter anderem auch Danzig 
and Marienburg bringen müssen, dürfen wir billiger Weise gespannt sein. Wünschen 
wir jedenfalls dem so verdienstvollen Unternehmen erfreulichen Fortgang. 

6. 



Alttrthnmsgestllschaft Prassia i» Kösigsberg 1884. 

Sitzung von 25. Januar 1884. Der Vorsitzende eröffnete die Sitzung mit einem 
ehrenden Nachrufe für den am 5. Januar c. verstorbenen Rentier Prothmann, 
Vorstandsmitglied der Gesellschaft. — Auf den vom Vorstände bei dem Kultusmmister 
bezüglich der Erwerbung der Blell'schen Waffensammlung gestellten Antrag hat der 
Herr Minister Folgendes entschieden: er sei zwar mit der Gesellschaft Prassia über 
die Grösse, Bedeutung und den wissenschaftlichen, kunst- und gewerbegeschichtlichen 
Werth der Sammlung einverstanden, verkenne auch nicht das besondere Interesse, 
welches dieselbe für die Provinzen Ost- und Westpr. habe, sowie, dass deren derein- 
stige Aufstellung in den wieder hergestellten Räumen des Hochschlosses der Marien- 
burg als der ganzen Sachlage entsprechend sich empfehlen möchte — er vermöge 
jedoch eine Betheiligung der Staatskasse für deren Ankauf nicht in Aussicht zu stellen. 
Der Herr Minister glaubt vielmehr, dass es den betheiligten Provinzen allein zu über- 
lassen sein wird, die zum Ankaufe erforderlichen Gelder aus eigenen Mitteln event. 
mit Unterstützung aus Privatkreisen aufzubringen. Was die Erwerbung der auf 
120,000 Mark abgeschätzten Sammlung auf dem angedeuteten Wege betrifft» so sind 
über die vorbereitenden Schritte hierzu Verhandlungen bereits im Gange. — Der 
Vorsitzende bringt die Abhandlung des Hrn. Pfarrers Rogge in Darkehmen über 
das Gebetbuch der Kurfürstan Anna von Brandenburg zum Vortrage, die wir unten 
wörtlich nach den Sitzungsberichten wieder abdrucken. — Ferner stand auf der Tages- 
ordnung eine Bestattung von Pferdeskeletten mit Beigaben, gefunden auf dem Galgen- 
berg bei Kirpehnen, Kr. Fischhausen. Herr Rittmeister v. Montowt hatte diesen 
kostbaren Fund, wie frühere Gräberfunde auf seiner oben genannten Besitzung der 
Gesellschaft zum Geschenk eingesandt. Der vorliegende Fund enthält ein Reitzeug 
ans dem Ende des 3. oder Anfang des 4. Jahrh. mit noch zum Theü erhaltenem 
Leder- und Bronzebesehlag, und ein älteres aus dem 3. Jahrh. n. Chr. bestehend in 



354 Kritiken und Referate. 

bronzener Trense und bronzenen Zügelketten. Neben dem letzteren befand sich eine 
Urnenbeisetzung mit Leichenbrand und Beigabe von Bronzefibulen. 

Ferner wurden vorgelegt: Ein Schmalmeißsel ans Feuerstein, geschenkt tob 
Rittergutsbesitzer Beymel auf Buttken, Er. Oletzko. Der Abguss des Griffs eines 
Bronzeschwerts, gef. vor dem alten abgebrochenen Brandenburger Thor zu Königs- 
berg, gekauft, 2 griech. Thongefässe, gef. auf der Insel Mylo, geschenkt von Dir. 
Toppen in Elbing, ein Wikinger Schild aus dem 10. Jahrh. in Rekonstruktion, ge- 
schenkt von Herrn Blell in Tüngen, ein silberner federnder Ffligranfingerring aas 
dem 12. oder 13. Jahrh., geschenkt von Pfarrer Dr. Steinwender in Germau, 2 Thon- 
gefässe aus dem 13 Jahrh., gef. in Kreuznach in der Rheinprovinz, geschenkt von 
Dir. Toppen in Elbing, 2 Tafeln mit Abdrücken von Sekreten und Siegeln preussischer 
Städte und eines pommerschen Fürsten, geschenkt vom Buchhändler Volckmann, ein 
Sporn des 16. Jahrh. und eine bronzene Kette, gef. beim Bau der Volksschule auf der 
Laak in Königsberg, geschenkt von Bauaufseher Selbstädt, ein Stück Kettenpanzer- 
schurz, gef. bei der Kanalisation der Infanterie-Kaserne am Steindammer Thor in 
Königsberg, und eine Denkmünze aus dem Jahr 1814, geschenkt von Fabrikbesitzer 
Dost, ein eiserner Sporn des 15. Jahrh. und ein neuer französischer Bajonettsäbel 
mit Scheide, geschenkt von Regierurigs- und Stadtbaumeister Hulstz, eine Kupfer- 
stichplatte des 17. Jahrh., gekauft, ein calendarium perpetuum in Silber, in Grosse 
eines Zweithalerstücks, gekauft, eine silberne Denkmünze auf die Einwanderung der 
Salzburger in Ostpreussen mit dem Familien- Wappen auf dem Rivers, geschenkt von 
Frau v. Ravinowitz, 2 Delfter Vasen, gekauft. 

[Ostpr. Ztg. v. 20. Febr. 1884. No. 43.] 

Das Gebetbuch der Kurflurstiu Anna von Brandenburg. 

Von Adolf Rogje. 

Die Bibliothek der Prussia besitzt (Nr. 146) ein Gebetbuch, welches ebensowohl 
durch seine köstliche Ausstattung und seinen Inhalt, als durch die Fürstin, der das- 
selbe gewidmet, in hohem Grade anziehend ist. Einfach in schwarzes Leder gebunden 
enthält dasselbe 75 Pergamentblätter, welche 11 cm breit und 17 cm lang sind. Die 
vier letzten derselben sind nicht beschrieben. Ausserdem rinden sich zwei leere Blätter 
zwischen Pag. 2 und 3 des Textes und an verschiedenen Stellen des Buches im ganzen 
noch 10 unbeschriebene Seiten. Jede Seite des Buches hat eine ungemein sauber 
und gleichmässig gezogene gradlinige Einfassung, zu deren Schmuck meistens eine 
matte Silberfarbe verwandt ist. Die Seiten sind nicht paginiert. Nicht auf allen 
derselben ist die Zahl der Zeilen gleich, auch zeigen einzelne Seiten die Fraktur- 
Schrift des 16. Jahrhunderts etwas grösser und stärker als andere. Sowohl die grössere 
als die kleinere Schrift zeigt aber in den einzelnen Zügen eine so grosse Regelmässig- 
keit, dass man im ersten Augenblick einen Pergamentdruck vor sich zu haben glaubt 
Hit besonderer Kunst sind nicht nur die Initialen der einzelnen Gebete, sondern auch 



Alterthumsgesellschaft Prussia 1884. 355 

die Anfangsbuchstaben der einzelnen Sätze behandelt. Gold- und silberfarbige Ver- 
zierungen sind nicht gespart. Für die Ermittelung des Schreibers oder Verfassen, 
die möglicherweise identisch waren, giebt das Buch keinerlei Anhalt; aus der Wid- 
mung, von der wir später reden, geht jedoch hervor, dass es nur in der Zeit von 
1594—1625 abgefasst sein kann. 

Ueber den allgemeinen Inhalt des Buches giebt bereits der Titel Ausschluss. 
Derselbe lautet: Gebet Büchlein | voller Gebet vnd schöner | Gottseliger betrach- 
tung | aus etlichen vom einen | Gebet Büchern ge- | nommen. vnd in drey | Andaehte* 
zusam- | men bracht wi vol- | get. 

Wer Gott mit ernst vertrauen kann. 
Der bleibt ein unverdorbner Man. 
Hilf inus sich letzlich finden lan. 

Wir haben es hiernach mit einer Coinpilation aus gleichzeitigen und älteren 
Gebetbüchern zu thun. Das vom streng lutherischen Standpunkt gesammelte Material 
ist nach drei Gesichtspunkten geordnet: 

„Die Erst Andacht darinnen die Morgen Gebet zu finden, beneben etlichen 
schönen trostsprüchen aus Heilig Göttlicher Schlifft bey gesetzet seien." S. 3—31, 

„Die Ander Andacht darinnen die Abend Gebet zu finden sein. S. 32—69. 

„Die dritte Andacht, darinnen sind verfasset die Kirchen Gebet auch vor vnd 
nach dem Abendraal vnsers Herrn Jesu Christi. S. 70 — 139. 

Die erste Andacht setzt gleichsam als Mahnug zum Gebet das Schriftwort 
Ev. Joh. 16, 23 und 24 an die Spitze, um das sich eine saubere Federzeichnung 
schlingt. S. 4 — 7 bringen dann ein „Gebet vmb Verleihung | Göttlicher Gnade recht | 
Tnd mit Andacht | zu bctenn", an welches sich wieder ein Schriftwort 1. Joh. 5, 14—16 
auschliesst, das die Gebetsfreudigkeit erhöhen soll. Die Sprüche sind stets, zuweilen 
mit kleinen Abweichungen vom Text, ausgeschrieben. Ps. 59, 17 und 92, 2 und 3 
(hier citiert der Schreiber falsch Ps. 95), leiten dann direkt zu den Morgengebeten 
über, deren 5 in Prosa Seite 8 — 12 einnehmen. Ihnen entsprechen S. 12— 17 5 kurz« 
Gebete in Versen. Wir greifen aus denselben „Ein Gebet Gott vmb gnade anzu- 
rufen, so offt man höret den Zeiger schlagen" heraus. Dasselbe lautet: 

„Ach -Gott verleih vns ein glückselig Stund 
Vergieb vns vnser aller Sund 
Hilff das wir Christlich leben auch 
Selig sterben vnd dann hernach 
Frölich vom Tode auflerstehn 
Vnd in dein ewiges Reich eingehen. Amen". 

Auf die Morgengebete „Volgen etliche schöne Trost-Sprüche aus Heilig Gött- 
licher Schrifft" (S. 18.) vnd zwar: Vom Creutze der Christen (S. 20 und 21 Gen. 47,9. 
Ps. 90, 10. 2. Tim. 3,12. Joh. 14,1. Luc. 9,23. Vom Trost der Christen im Creutz 
(S. 22-28). Ps. 23, 4. 34,20. 98^3. 71,20. Joh. 16, 20 und 22. 1. Cor. 11,32. 
1. Petri 2 (soll heissen 4, 13). Es. 25, 26. Osee 13, 14. Ps. 68, 21. Sapi. 3 wird in 



•vT? 



35g Kritiken und Referate. 

dem Satzzusammengeiasst: „Die Gerechten sind zn gewisser Hoffnung, dass ede nimmer- 
mehr sterben". Esa 26, 20. Joh. 8, 5. Phil. 1, 21. Luc. 19 (Christus weint über 
Jerusalem, dass sich's nicht bekehren will vnd die Zeit der heimsuchung erkenne). 
Joh. 1, 29. Mit einer Danksagung und einem „schönen Gebet täglich zu sprechen", 
schlieEst die erste Andacht ab. 

Die andre Andacht enthält zunächst sieben Abendgebete, (beim siebenten : „0 Herr 
Jesu Christ" je. machen wir auf das schön aufgeführte Anfangs aufmerksam), dann 
S. 49—53: ,Etlich kurz Gebetlein betrübten Herzen tröstlichenn", 8. 54: „Eine 
schöne Danksagung für die Menschwerdung Christi", darauf folgen S. 56 — 69: „die 
vornehmsten Kernspruche durch die heilige Schlifft". 

Vor dieser Abteilung ist S. 58 ein sehr fein gezeichneter und ausgeschnittener 
Kruzifixus auf das Pergament geklebt. Ueber denselben ist ein Halbkreis gezogen, 
unter welchem in 5 feinschriftigen Zeilen der Spruch Matth. 11, 28 und 29 („Kommt 
her zu mir ic") angebracht. An der linken Seite des Kreuzesstammes findet sich 
eine elfzeilige Inschrift aus Jes. 43, 24 u. 25 und 1. Mose 3, 15 zusammengesetzt, an 
der rechten eine zwölfzeilige: Jes. 53, 4 u. 5. Unter dem Fasse des Kreuzes steht 
Matth. 9, 12. Die nun S. 59 folgenden Sprüche sind unter nachstehende Titel gebracht: 

„Das alle Menschen Sunder sind". Gen. 6, 8. Exodi 34, 7. Ps. 51, 7. Rom. 3, 23. 
5, 12. 11, 32. Gal. 3, 22. Eph. 2, 3. Act. 14, 22. 

„Gott ist gnedig vnd barmherzig." Deut 43, 1. 32, 10. Ps. 36, 6. 86, 5. 103, 13. 
136, 1. Jon. 4, 2. Sir. 2, 23. 18, 12. 2. Cor. 1, 3. Eph. 2, 4. Exodi 34, 6 u. 7. Num. 14, 18. 
Ps. 25, 7. 32, 1. Jerem. 31, 34. 

Die dritte Andacht beginnt mit den Worten: „Mit dem heiligenn propheten 
David sol man täglich zu Gott seufTzen vnd also sprecheu", worauf freie Gebete 
über Ps. 86, Ps. 25, 4 und 5, Ps. 143 und 31 folgen. „Ein schon Psalm täglich zn 
beten" ist Ps. 148, dem S. 77—80 gewidmet ist und auf den „Ein Trotz vnd Trost- 
spruch wieder die Furcht des Todtes aus Pauli Wortenn zum Philip am 1, 5" folgt, 
der also lautet: 

„Mein Leben ist 
Derr Herre Christ 
Zu aller Frist. 
Aber der Todt 
Endet mein noth 
Befördert mich zu Gott 
Fröhlich dahin 
Ist mein Gewinn 
So wahr als Christ 
Im Himmel ist 
Weis ich sein gliedt 
Er verlest mich nit 
Holt mich endlich zu 
im in Med". 



i 



Alterthumsgesellschaft Prnstia 1884. 357 

Hieran schliessen sich „Etliche Schöne Danksagung für das bitter Leidenn ynd 
Sterben Jhesu Christi" und Gebete für betrübte Herzen und Personen, „ein offene 
beicht täglich für Gott mit Andacht zu sprechen", „einn ander beicht" (im Anschluss 
an Jes. 56, 6) und „Christliche Gebet vor dem Gebrauch des hoch würdigsten Abend- 
males vnsers Heilandes Jhesu Christi zu sprechenn". 

S. 118 bringt die Einsetzungsworte des heiligen Abendmahls in sehr schöner 
kleiner Schrift 

Noch zwei Gebete vor dem Empfang des h. Abendmahls und vier auf Schrift- 
btellen gegründete Danksagungen „Nach der empfahung" bilden den Schluss des merk- 
würdigen Buches, welches in dem zwiefachen Gebetseufzer gipfelt: „Der Leib meines 
Herrn ynd Heilandes Jhesu Christi speise und erhalt mich zum ewigen Leben Amen". 
Das Blut meines Herrn ynd Heilandes Jhesu Christi trencke ynd erhalte mich cum 
ewigen Leben Amen". 

Nachdem wir uns mit Form und Inhalt des kostbaren Gebetbüchleins bekannt 
gemacht haben, gehen wir zu der Widmung über, welche auf dem zweiten Blatte 
desselben folgendermaßen gefasst ist: „Zu Ehren | der Durchleuchtig | sten Hoch- 
gebornen Für- | stin ynd Frawen Frau- 1 en Anna, geborne | ynd Vermehlte Marg- 1 
greffin, auch Churfürstinn | zu Brandenburg, in Preu- 1 sen, zu Gülich, Cleve Berge | 
Hertzogin. Meiner gne- | digsten ChurfÜr- | stin ynd Frauen. 

Leider können wir nicht einmal bestimmt nachweisen, ob die zum Gebet ge- 
falteten Hände der preussischen Herzogstochter wirklich auf dem Buche, das ihr ge- 
widmet» geruht haben, doch lässt sich's kaum annehmen, dass der Schreiber desselben 
die Frucht seines bewundernswerten Fleisses nicht an den rechten Mann, oder in 
diesem Falle, die rechte Frau gebracht haben sollte. Jedenfalls rufen uns derartige 
Reliquien das Bild derjenigen vor die Seele, denen sie geweiht waren, und so möge 
denn auch vor uns aus dem alten Gebetbuche der Schatten der Kurfürstin Anna auf- 
steigen, deren Andenken wohl eine Erneuerung verdient. Haben wir es in ihr doch 
mit der Tochter des unglücklichen Herzogs Albert Friedrich und der edlen Dulderin 
Marie Elenore, geborenen Herzogin v. Jülich-Cleve-Berg zu thun, Anna, die Stamm- 
mutter der preussisch-brandenburgischen Hohenzollern, die Schwiegermutter des grossen 
Schwedenkönigs Gustav Adolf und Grossmutter des grossen Kurfürsten Friedrich 
Wilhelm wurde nach ihrer sehr ausfuhrlichen Grabschrift '), welche den besten Leit- 
faden für ihre Lebensgeschichte bietet, am 3. Juli 157.6 zu Königsberg geboren. Schon 
in der Wiege wurde sie in ein theologisches Gezänk schlimmster Art verwickelt, 
welches damals die Köpfe in einem unglaublich hohen Grade erhitzt hatte. Der ehr- 
same Mälzenbräuer der Altstadt Greger Möller, bringt in seinen Annalen die erste 
Nachricht über die erstgeborene Tochter des preussischen Herzogs *), nicht ohne seinem 



') E. A. Hagen, Beschreibung der Domkirche zu Königsberg. Kbg. 1833. S. 273. 
*) Acta Bor. II, S. 820. 



J358 Kritiken and Referate. 

Gott gegen den, dem Fürsten, wie ihm verhassten Bischof Heshusius Luft zu machen. 
„Den 15. Augusti" (1576) erzählt er, ist allhier „unser Freicken Anna" zu Schlot 
Tom Hoffprediger getauft worden, und ist mein Herr in die Kirche nachgefolgt, ah 
sie zur Kirche getragen ist. Es hat der Heshusius I: Gnad. nicht taufen wollen, 
weil verdächtige Pathen dazu gebeten, als der König (von Polen) und Herzog v. Jülich ; 
da haben die Herrn dem Wigando Boten geschickt und den auch gefraget. Als der 
es zugelassen, hat Heshu&dus auch gewüliget, es wäre sonst sein Uebel gewartet". 

In die Jugend der Prinzessin warf die Schwermut des Vaters, der ein Jahr nach 
ihrer Geburt unter Vormundschaft gestellt wurde, düstere Schatten. Albert Friedrieh, 
„der blOde Herr", hielt sich meistens in Neuhausen oder Fischhausen auf. In letzterem 
Orte war die epileptische Anlage, die er wahrscheinlich von seinem Grossvater, dem 
Markgrafen Friedrich von Anspach, ererbt hatte, zum Ausbruch gekommen. Wie er 
hier seine Tage zubrachte, ist noch aus einem Bericht Joh. Arnold v. Brands 3 ) zu 
ersehen, der bei Gelegenheit einer Gesandtschaftsreise nach Russland 1673 Fischhausen 
besuchte. Derselbe erzählt: „Hier ist vor Zeiten des Alberti Friedend, des s. g. 
„biOden Herrn" Sitz gewesen, wo er auf einem absondern kleinen Ort, der auf der 
Mauer gebauet worden, seine Drechslerbank gehabt, womit er die Zeit vertrieben. 
Hie sah ich oben in einem sichern Gemach oben am Balken zwei abhängende und 
schier zwei Fuss lange eiserne Stäben, daran obgemeldten Herrn Bette gehangen, 
stammt ' beihangenden hölzernen Bollen, womit selbiges in die Höhe gezogen konnte 
werden, worinnen sich der Herr stets wiegen lassen." 

Je weniger der Vater vorteilhafter auf die Erziehung seiner Kinder einwirken 

konnte, destomehr scheint sich die Mutter derselben angenommen zu haben. Ihre 

Bemühungen wurden reichlich gesegnet, denn durch ihre vier Töchter ist sie die 

Stammmutter der meisten europäischen Fürstenfamüien geworden. Als solche besang 

sie 1721 der Kriegs- und Domänenrat Valentin Heinrich Hoffmann bei Gelegenheit 

eines, dem Könige Friedrich Wilhelm I. Überreichten Stammbaums, für den er „bei 

dem alten Brot in neuer Gnade sterben" wollte. Nachdem er in erster Linie die 

brandenburgische Dynastie gebührendermaßen gepriesen, fährt er fort: *) 

„In Dennmark fangt Bayreuth von Neuem an zu blühen, 
In Schweden trägt ein Zweig aus Kurland eine Krön 
Und Polen sucht ein Theil hiervon an sich zu ziehen, 
Drum setzt aus Sachsen sich der Kurfürst auf den Thron. 
Hispanien, Portugal, der Römisch 1 und Deutsche Kaiser, 
Trier, Neuburg, Hessen, Zeitz sind alles Preusche Reißer. 
Neuhausen *) hat das Glück ein neues Haus zu werden, 



*) Joh. Arnhold v. Brand u. s. w. Reysen durch die Mark Brandenburg, Preussen 
u. 8. w. Hrsg. durch Henrich Cheau de Hennin u. s. w. Wesel 1702. S. 212. 
4 ) Erl. Preussen IV, S. 753. 
') Die Sommer-Residenz Albert Friedrichs. 



AltorthnmsgeMllsctMft Prnaua 1884. 359 

Daraus den Ursprung fast ein ganzes Weltteil nimmt 
£50 über Stadt und Land die Herrschaft fuhrt auf Erden, 
Gewiss ein Glück, das nicht von ungefähr bestimmt." 

Dass Anna ihrer Mutter ein dankbar Andenken bewahrt hat, geht daraus her- 
vor, dass sie die Namen derselben ihrer zweiten Tochter, der nachmaligen Gemahlin 
Gustav Adolfs, beilegte. Eine Reise nach Jülich, welche Marie Eleonore am 20. April 1591 
mit ihren beiden ältesten Töchtern unternahm 6 ), mag eine erfreuliche Abwechselung 
in das eintönige Leben der jungen Prinzessin gebracht haben. Die Familieneindrücke, 
welche sie in der Heimat ihrer Mutter empfing, waren freilich denen des Vaterhauses 
nur ähnlich. Herzog Wilhelm, der Grossvater Annas, lag in den letzten Stadien 
einer Geisteskrankheit, die ihn schon lange regierungsunfähig gemacht und bald nach. 
der im Herbst erfolgten der Gäste (25. Januar 1592) sein trauriges Ende herbeiführte. 
Marie Eleonore hatte bei ihrem Aufenthalt in Berlin ihre Tochter Anna mit dem 
Kurprinzen Johann Sigismund verlobt. Ein Jahr darnach durfte Anna ihren künf- 
' tigen Gemahl, welcher damals im 19. Lebensjahre stand, in Königsberg begrüssen. 
„Anno 1593 den 17. Martini", erzählt der ehrbare kneiphöfsche Bürger 
Peter Michel 7 ), ist der junge Herr Johannis (sie!) Sigismundus aUhier zu Königs- 
berg eingekommen, ohngefähr mit 160 reisigen Pferden, und von der Bürgerschaft 
stattlich eingeholet worden. Was bey den Bürgern von seinem Valet verzehret 
worden, das ist aus der Forstl. ßent-Cammer jedem wol bezahlet". 

So gut hat's Johann Sigismund in Königsberg nie mehr gehabt, denn selbst 
seine Hochzeit ging nicht ohne ein kleines Bencontre zwischen den Koeiphöfern und 
Altstädtern ab. 

Auch über diese haben wir einen Bericht desselben Annalisten, der also lautet •)-. 
„Den 21. Oktober (1594) sind die fremden Fürsten hier auff Johannis Sigismnndi 
Beylager ankommen: Der von Coburg mit seinem Gemahl, der Bischof von Strass- 
burg, Johannis Sigismundi Bruder mit zwo Schwestern, der von Lüneburg, von An- 
halt, von Hollstein und der aus Curland haben zusammen 1400 reisige Pferde gehabt. 
Dies fürstliche Beylager ißt gehalten den 27. dito °), und Gott Lob ! in gutem Friede 
und Einigkeit wol verrichtet. Wie die Herren sein eingekommen, hat die Bürger- 
schaft sich müssen in ihrer Rüstung stellen und durch 3 Städte bis vor das Schloss. 
Nach geschehenem Einzüge haben unsere Kneiphöfer in der Ordnung durch die Alt- 
stadt ziehen wollen, aber wie ohngefehr der vierte Teil durchs Cramerthor gewesen, 
haben uns die Altstadter das Thor lassen zuschliessen, und die andern nicht wollen 
durchlassen". 



*) Gregor Michels Annalen. Erl. Preussen III, S. 224. M. erwähnt nur „die 
Abreise der Herzogin mit swei Freuleins". Es können wohl aber nur- die beiden 
ältesten Töchter gewesen sein. 

t) ErL Preussen IH, S. 227. •) Ebd. S. 229. 

•) Die Grabschrift giebt den 20. Oktober an. 



360 Kritiken und Betonte. 

Bis 1598 blieb der junge Fürst im Lande, wo er an Stelle seines Vetters, des 
Markgrafen Georg Friedrich, die Vormundschaft leitete und die Rechte seines Hauses 
wahrnahm, dann schlug er seine Hofhaltung in Zechlin auf und fand sich nur zeit- 
weise in Preussen ein. Dorthin rief ihn auch die Nachricht vom Tode seiner Schwieger- 
mutter. Am 22. Mai ,0 ) 

„Als man schrieb sechszehnhnndert 8 
Ihr Leben selig sie vollbracht". 

Doch dieser Todesnachricht folgte bald eine andere, welche den Kurprinzen auf 
der Reise ereilte. „Den 8. Augusti", berichtet Peter Michel, ist Ihr Fürstliche 
Gnaden Herr Johannes Sigismundus herein und allhier ankommen mit wenig Voick 
und ganz traurig und schlecht, weil er unterwegs die traurige Zeitung noch bekommen, 
dass sein Herr Vater Joachim Friedrich plötzlich, da er auf dem Wagen gefahren, 
von Cöpernick nach Berlin, Todes verblichen. Welcher ein gar frommer, christlicher 
Fflrst gewesen". n ) 

So hatte Anna in wenigen Wocheu Matter und Schwiegervater verloren. Ea 
begann für sie eine schwere Zeit. Während ihr Gemahl, dem der preussische Adel 
das Leben sauer machte, in der Ferne weilte, gebar sie demselben (7. März 1609) 
das achte und letzte Kind. Bis zum 20. März 1609 blieb Johann Sigismund in 
Preussen, eilte dann nach der Mark, kam aber den 14. April schon wieder zurück. 
Erst den 14. Juli trugen ihm die polnischen Commissarien „die Curation des Landes" 
auf "), worauf am 17. Juli das feierliche Begräbnis seiner Schwiegermutter stattfand. 

Einen neuen Todesfall brachte das Jahr 1609. Derselbe war nach mancher 
Seite hin verhängnisvoll für Annas Familienglück. 25. März endete der blödsinnige 
Johann Friedrich, der jüngste Bruder der Marie Eleonore und letzter Herzog von 
Julich-Cleve. Anna war die gesetzliche Erbin seines Reiches, doch brachte dieses 
Erbe ZerwürmisB in die Familie und war nicht minder schwer in Besitz zu nehmen, 
wie das Lehen in Preussen. Dazu brachte diese Erbschaft einen Entschluss zur Keife, 
der lange in Johann Sigismund geschlummert hatte. Der Kurfürst hatte sich von 
jeher der reformierten Kirche zugewandt. Um seine neuen Unterthanen in Jülicb- 
Cleve inniger an sich zu fesseln, trat er jetzt offen zur reformierten Kirche über 
(25. Dezember 1613 "), entfremdete sich aber dadurch die Herzen seiner alten Unter- 
thanen und trug innern Zwiespalt in sein eigen Haus. Anna und ihre Tochter hielten 



") Nach der Grabsohrift Hagen, Beschreibung der Domkirche S. 273. Nach 
Peter Michel Erl. Preuss. III, S. 397 2. Juni. 

") Er starb 17. Juli 1606. 

") Peter Michel a. a. 0. S. 398. 

") Das Nähere bei Nicolovius, Erinnerungen an die Kurfürsten von Branden- 
burg und Könige von Preussen aus dem Hause Hohenzollern hinsichtlich ihres Ver- 
haltens in Angelegenheiten der Religion und der Kirche. Hamburg. Perthes. 1838. 
S. 107 ff. 



Alterthumsgesellschaft Prussia 1884. 361 

fest am lutherischen Bekenntnis, und wer ea weiss, wie tief damals religiöse Ueber- 
zeugungen im Lehen eingriffen, kann ermessen, dass das Glück der Ehe durch ver- 
a'hiedene Glaubensstandpunktc der Ehegatten sicher nicht gefordert wurde. Doch 
war es auch wieder der Glaube, der Anna 'treu bis ans Ende bei ihrem Gatten aus- 
harren hieds und diesem wiederum den geduldsamen Sinn gab, sich der, damals nur 
zu gewöhnlichen, Zwangsmittel zur Herbeiführung einer andern Ueberzeugung zu 
enthalten. 

Ob Anna bei der preußischen Huldigung, welche ihr Gemahl 1612 mit Mühe 
und Not erlangte, zugegen gewesen, wissen wir nicht, dagegen finden wir sie am 
31. August 1618 an der Leiche des Vaters in Fischhausen. Der blöde Herr war am 
27. August 1618 nach 11 Uhr in der Nacht „in wahrer Erkenntniss und Anrufung 
Jesu Christi verschieden". Jetzt hiess es von ihm: ,4 ) 

„So ruhet unser Fürst im Grab, 
Der unsenn Land viel Schatten gab, 
Da Gottes Wort, Gerechtigkeit, 
Und Eried geblüht in lange Zeit, 
Sein gläubig Seel zu Gott liinfährt, 
Sein Nam und Stamm bleibt ehrenwert." 

Vereint mit ihrem Gemahl wohnte Kurfürstin Anna den 5. und 6. Februar des 
nächsten Jahres der feierlichen Bestattung der Leiche bei. Es war ein kalter Tag, 
als man (5. Febr.) mit ungeheurem Gepränge unter Glockengeläut nach dem Früh- 
stück von Fischhausen aufbrach. Kurfürst Johann Sigismund empfing die Leiche 
bei Spittelhof, die Kurfürstin unter dem Schlossthor. Hier trat sie in die Prozession 
ein. Vor ihr ging der junge Prinz Joachim Sigismund, hinter ihr ihre Töchter Maria 
Leonore und Katharina. Der Sarg wurde in der Schlosskirche abgesetzt und von 
hier am andern Nachmittage, nachdem man von 10 bis 2 Uhr gespeiset, zur Dom- 
kirche übergeführt. Wiederum ging die Kurfürstin zu Fuss im Zuge bis vor die neue 
Herberge. Ein auf der Wallenrodtschen Bibliothek befindliches Kupferwerk zeigt uns 
(Blatt 28) die Kurfürstin im schwarzen Kleide, über das eine weisse Tracht geworfen 
ist, deren Zipfel ihre beiden Führer in den Händen halten. Sie ist so vermummt, 
dass man vom Gesicht nichts sieht, denn die bis zu den Augen herabreichende Haube 
und der weisse Ueberwurf, von dem nichts bedeckt wird, als der Muff, in dem die 
Hände stecken, stossen beinahe zusammen. 

Von der neuen Herberge aus fuhr die Kurfürstin in die Kirche und wohnte der 
Leichenfeier bis 6 3 /4 Uhr abends bei. '*) 

Wenige Monate danach (23. Dezbr. 1619) hielt Anna ihren sterbenden Gemahl 
in den Armen, der nach der Sage, durch die Erscheinung der weissen Frau erschreckt, 
bereits am 27. November im 47. Jahre seines Lebens die Regierung niedergelegt und 



M ) N. Pr. Prov.-Bl. XI, S. 324. 

,& ) Die ganze Feierlichkeit ist genau beschrieben N. Pr. Prov.-Bl. XI, 321—340. 

Altpr- MoMtMchrift Bd. ZXIL Hft. 3 u. L 24 



362 Kritiken und Referate. 

die Wohnung seines geheimen Kämmeres bezogen hatte. Gichtschmerzen und einige 
Schlaganfälle führten das frühe Ende des edlen Fürsten herbei. 

Bald fiel in die tiefe Trauer der vielgeprüften Fürstin ein heller Lichtstrahl. 
Gustav Adolf von Schweden hatte seine* Jugendliebe dem Willen seiner strengen 
Mutter opfern müssen. Ebba Brahe war mit Jakob de la Gardie dem Henku im 
russischen Kriege, auf den Gustav Adolf nicht ohne Eifersucht blickte, vermählt 
worden. Der junge König suchte Anfangs August 161S Zerstreuung auf einer Rei>c 
nach Deutschland, von der er jedoch bereits am 20. Augibt in Calmar eintraf. Kr 
war nur bis Berlin gekommen. Zwei Jahre vorher hatte ihn sein Agent Birkhold 
auf die vollendete Schönheit der Prinzessin Marie Eleonore aufmerksam gemacht, 
ohne sich zu erkennen zu geben, hatte er siel» nun persönlich von derselben über- 
zeugt. Schon im nächsten Jahre liess er durch seinen Kammerjunker Gustav Horu 
Johann Sigismund und dessen Gemahlin Anna seinen Besuch ankündigen. Hörn 
sollte genau den Eindruck, welchen diese Meldung machte, beobachten. Dass Gustav 
Adolf sich denselben von vornherein günstig gedacht, geht daraus hervor, das* er 
bereits in Stockholm Anstalten zu bräutlichem Empfange machte. Der Tod Johann 
Sigismunds durchkreuzte seine Pläne, doch wurden dieselben im nächsten Frühjahr 
wieder aufgenommen. Im April 1620 segelte Gustav Adolf zur persönlichen Braut- 
werbung von Stockholm ab. 

Axel Oxenstjerna erzählt hierüber' ): „Anno 1620 war Seine Königl. Majestät 
von Schweden, mein allergnädigöter König ungekannt in Berlin bei der Branden- 
burgischen Kurfürstin Wittwe und verabredete da eine Heirath zwischen ihm und 
Ihrer Gnaden der Fräulein Maria Elenora." 

Ausführlicher berichtet der König selbst in seinem Tagebuche über seine Braut- 
werbung: „Sonnabend kamen wir nach Berlin; die vorhergehende Nacht lagen wir 
in einem Dorf, heisst Blisendorf, von da folgte mein Schwager (der Pfalzgraf Johann 
Kasimir) zunächst nach Potsstamb, und da bekamen wir Briefe vom jungen Chur- 
fursten (Georg Wilhelm) und wie wir sie bekamen, ritten wir nach Sällendorp (Zehlen- 
dorf), trennten uns vom Pfalzgrafen. — Uns war ein Losement bei Retzlow genannt. 
als wir dahin kamen, sah er l7 ) uns für englische Soldaten an und wollte uns nicht 
herbergen; ebenso gings bei einem Andern. Endlich kamen wir in Arnheimba ,8 ) 
Losement und da wurden wir aufgenommen. Arnheimb wusste nichts davon, kam 
aber auch hinein, erschrack. Ging deshalb um 9 Uhr (Sonntags) auf das Schloss: 
kam recht zum Anfang der Predigt. Wie ich in das Vorzimmer kam, wo die Leute 



,6 ) Anno tal. PalmskölcUshe Handschr. T. 36, abgedr. in Geijers Gesch. Schwed. 
HI, S. 709 Anm. 2, wo sich auch der Bericht aus dem Tagebuch des Königs findet. 

") Der Wirt. 

,8 ) Joh. Georg v. Arnim, der nachmalige Sieger von Breitenfeld, ein Ucker- 
märker, stand damals in schwedischen Diensten. Durch ihn unterhandelte Gustav 
Adolf mit der Kuxfürstin über seinen Empfang. 



Alterthumsgeseltschaft Prussia 1884. 363 

niul die Junker sausen, wunderte sich jeder, wer ich wäre und was ich wollte. 
Interim ging die Predigt an; der Text war vom reichen Manne, die Vorrede wie wir 
hier in der Welt eine Komödie spielen und wie verschieden Gott das Alles regiere, 
die Personen austheüe, die wir Menschen hier in dieser Welt agiren sollen. Nach 
vollendeter Predigt schaffte man die fort, die man nicht zu Zuschauern haben wollte 
und ich wurde hineingernfen. Meine Kede an die Churfürstin. Ihre Antwort. Nach- 
her führte man mich in die Kammer der Herzogin von Curland. lö ) Wurde discutirt 
über das, was auf der Reise geschehen. Unterdessen war die Mahlzeit fertig und ich 
eingeladen beim Essen zu bleiben." 

Gustav Adolf geht über seine Werbung kurz hinweg. Dieselbe wurde mit Be- 
geisterung aufgenommen von Mutter und Tochter. Anna brauchte einen Zufluchts- 
ort, in welchem sie ungestört dem lutherischen Bekenntniss nachleben konnte. Wo 
konnte sie den besser linden, als in dem orthodoxen Schweden? Ihr Sohn George 
Wilhelm war weniger zur Duldsamheit geneigt, als ihr entschlafener Gemahl, zumal 
die Mutter ihm herausfordernd entgegentrat. Während seiner Abwesenheit liess sie 
den Dr. Balthasar Meissner aus Wittenberg nach Berlin kommen, welcher daselbst 
auf dem Schlosse in ihren Gemächern Predigten hielt. Man untersagte demselben 
den Aufenthalt in der Residenz. 20 ) Da entschloss sich Anna, dem Vaterlande Lebe- 
wohl zu sagen. Auch Gustav Adolf beschleunigte den Termin seiner Hochzeit. 
Axel Oxenstjerna schloss die üblichen Verhandlungen ab und geleitete Mutter und 
Tochter nach Stockholm, wo am 28. November das Beilager festlich begangen wurde. 

Bald genug fand Anna Gelegenheit, der Tochter helfend und tröstend zur Seite 
zu stehen. Nur kurze Honigmonden waren dem jungen Paare zugemessen. Am 
24. Juli 1G21 zog Gustav Adolf in den polnischen Krieg. Der Trennungsschmerz 
warf seiue Gemahlin aufs Kiankenlager, und noch leuchteten in der Ferne die Segel 
der schwedischen Flotte, als sie einer toten Tochter genas. „Ich muss meines Hauses 
Elend beklagen", schrieb Gustav Adolf (29. August 1621), „darinnen Gott mich ge- 
straffet hat, indeme mein Gemahlin ein dot geboren Kind zur Welt getragen." 21 ) 

Nur wenige Monate brachte Gustav Adolf in der Heimath zu. Erst das Jahr 
1624 gewährte ihm einige Ruhe. Da siedelte Kurfürstin Anna wieder nach Cöln an 
der Spree über und füllte ihren Lebensabend durch Unterredungen mit dem refor- 
mierten Oberhofprediger Dr. Bergius über die verschiedenen Glaubensbekenntnisse aus. 
Wie wenig es dem gelehrten Geistlichen gelungen, ihren lutherischen Standpunkt zu 
verrücken, geht daraus hervor, dass sie in ihrem eigenhändig geschriebenen Testament 
ausdrücklich verordnete, in ihrer Leichenpredigt die Reformierten zu bekämpfen. Sie 



,0 ) Sophia, Anna's Schwester, welche 1609 den Herzog Wilhelm von Curland 
geheiratet hatte. 

20 ) Nicolovius S. 130. 

*') Geijer IU, S. 171 Anm. 1. 

24* 



364 Kritiken und Referate. 

entschlief sanft, 48 Jahre 8 Monate 20 Tage alt unter Gebetsseufzern in der Nacht 
vom 21). zum 30. März 1025. Vier Kinder überlebten sie, der energielose Georg 
Wilhelm, der Nachfolger ihres Gemahls (geb. 3. Nov. 1595), Anna Sophia (geb. 
17. März 1598), Gemahlin des Herzogs von Braunschweig-Lüneburg, die Schweden- 
königin Maria Elenore (geb. 11. Nov. 1599) und Catharina (geb. 28. Mai 1602), welche 
erst den Fürsten Bethlen Gabor von Siebenbürgen und, nach dessen Tode den Herzog 
Franz Carl von Lauenburg heiratete. 

Testamentarisch hatte sie die Ueberiülnung ihrer Leiche in die väterliche Gruft 
im Königsberger Dom befohlen, in welcher noch heute ein Zinnsarg ihre Gebeine 
umlasst. Ihre Grabschrift nennt sie eine eifrige Verteidigerin ihres Glaubens, eine 
willfährige und freundliche Gattin, eine sanfte fürsorgliche Mutter, eine gütige Herrin 
und Wohlthäterin der Armen, die gerne aus diesem Leben geschieden sei. 

Wir machten am Anfange unserer Erzäldung die Mutter Maria Eleonore zum 
Massstabe ihrer Tochter Anna. Prüfen wir die Mutter Anna noch an ihrer Lieblings- 
tochter Maria Eleonore, die auch durch ihren spätem Aufenthalt in Insterburg 
unserer Provinz angehört. 22 ) Von dieser sagto ihre Tochter Christine, die man 
schwerlich überschwenglicher Kindesliebe zeihen wird: „Sie besässc ebenso alle Schwach- 
heiten, wie alle Tugenden ihres Geschlechts." Sollte dieses Wort auch bei Anna zu- 
treffen, so hat sie ihre Schwachheiten mit allen Frauen geteilt, aber ihre Tugenden 
für sich gehabt. 

Nach den Ehepakten sollte Anna 30,(XX) Gulden Heiratsgut erhalten. Zur 
Aufbringung dieser Summe wurde am 15. März 1594 ein Landtag einberufen, der 
nach verschiedenen, zum Teil äusserst peinliehen Verhandlungen am 16. Mai den 
verlangten Brautschatz zwar bewilligte, aber an seinen Glückwunsch zur Verlobung 
gleich die Bitte knüpfte, künftig solcher Zumutung enthoben zu werden. Auch unter- 
liess man nicht bei dieser Gelegenheit, um die Besetzung der preussischen Bistümer 
„nach Inhalt der Privilegien" zu petitionireu. Auch die Einlösung einer landständi- 
schen Verschreibung über 30,500 M. „Pathenpfenmg", in deren Besitz sich die fürst- 
liche Braut befand, wollte der Landtag auf sich nehmen, bat dabei aber um Ab- 
Btellung der General- und Privatbeschwerden. 23 ) 



M ) Sie starb daselbst 1055. Van Baren, das Schloss Insterburg, (Insterburg. 
Wilhelmi. 1883) nennt sie S. 20 unrichtig „die Schwester des grossen Kurfürsten"; 
sie war die Tante desselben und führte den damals 13jährigen Knaben zu Wolgast 
an die Leiche ihres grossen Gemahls, ein Moment, den Fritz Schulz auf einem er- 
greifenden Gemälde dargestellt hat. 

* 3 ) Toppen, die preussischen Landtage während der Regentschaft des Mark- 
grafen Georg Friedrich von Anspach. Progr. d. Gymn. zu Hohenstein 1867 S. 10—15- 



Mittheiluiigen und Anhang. 

Verzeichnis** 
der in den Programmen der höheren Lehranstalten Ostpreussens 
enthaltenen Abhandlungen zur Geschichte von Ost- u. Westpreussen. 

Vorbemerkung. 

Vor etwa fünf Jahren wandte ich mich an die beiden Provinzial-Schulkollegien 
von Ostpreussen und von Westprcusscn mit der Bitte, von denjenigen Programmen 
der unter ihrer Verwaltung stehenden Schulanstalten, welche Abhandlungen zur 
Provinzialgeschichte enthalten, Verzeichnisse anlegen und diese entweder selbst ver- 
öffentlichen oder mir zum Zwecke der Veröffentlichung überweisen zu wollen. Die 
genannte westpreussische Behörde in Danzig (Provinzial-Schulrath Dr. Kruse) hatte 
die Freundlichkeit meiner Bitte sofort nachzukommen und Hess in dem 2. Hefte der 
„Zeitschrift für Westpreussische Geschichte", 1N80, S. 97—99 ein „Verzeichnis der 
landesgeschichtlichen Abhandlungen in westpreussischen Programmen" abdrucken. 
Hier in Königsberg dagegen traten zunächst einige Hindernisse entgegen, und erst im 
letzten Winter erhielt ich durch die Güte des Herrn Prov iuzial-Schulrath Dr. Trosien 
eine amtliche „Zusammenstellung der durch die Programme der höheren Lehranstalten 
der Provinz Ostpreussen veröffentlichten Abhandlungen in Bezug auf die Geschichte 
Ost- und Westpreussens". Inzwischen hatte auf meine Veranlassung bereits auch 
Herr Dr. G. v. Frisch, Lehrer am Progymnasium des hiesigen königl. Waisenhauses, 
ein Verzeichniss der einschlagenden Programme zusammengestellt. Aus beiden Samm- 
hingen, die natürlich im Wesentlichen übereinstimmen, aber doch auch gegenseitige 
Ergänzungen bieten, ist das nachstehende Verzeichniss hervorgegangen. 

Den beiden königlichen Behörden für ihr geneigtes Entgegenkommen und Herrn 
Dr. v. Frisch für die freundlichst übernommene mühevolle Arbeit meinen Dank ab- 
zustatten darf ich auch an dieser Stelle nicht unterlassen. 

Als Beilagen gebe ich 1) Ergänzungen zu den westpreussischen Programmen 
und 2) einige einschlagende Programm-Abhandlungen auswärtiger Schulen, die mir 
theils durch eigene Einsicht, thcils auch nur durch gelegentliche Erwähnung bekannt 
geworden sind. Karl Lohmeyer. 



366 Mittheilungen und Anhang. 

Hartenstein, Gymnasium. 

1875. Schottmüller: Die Krügerin von Eichmedien. 

Braunnberg, Gymnasium. 
1813. (?) Nachrichten über den bisherigen Zustand dos Gymnasiums. 
1830. 8. Gerlach: Gescluchte des Gymnasiums. I. Abschnitt. 
1832. — — II. Abschnitt. 
1837. -l_ __ in. Abschnitt. 
1842. J. A. Lilienthal: Geschichte des Magistrats der Altstadt Braunsberg von «1er 

ältesten Zeit bis zur preussischen Besitznahme im Jahre 1772. 
1865. J. J. Braun: 1) Geschichte des Königl. Gymnasiums zu Braunsberg während 

seines 300jährigen Bestehens. 2) Aufzählung der Programme von 

1812 bis 1864. 
1868. KawozyAski: Polnisch -Preussen zur Zeit des zweiten schwedisch-polnischen 

Krieges von 1655—1660. 
1874. — — Polnisch -Preussen zur Zeit des ersten schwedisch -polnischen Kriege* 

von 1626 bis 1629. I. Ereignisse des ersten Kriegsjahres. 

1876. — — IL Theil. Ereignisse des zweiten Kriegsjahres. 
1878. — — III. Theil. Ereignisse der beiden letzten Kriegsjahre. 

1885. E. Dombrow8kl: Studien zur Geschichte der Landauf theil ung bei der Kolonisation 

des Ermlands im XIII. Jahrhundert. 

Guinbinuen, Gymnasium. 

1809. J. W. R. Clemens: Einige Bemerkungen über den gegenwärtigen Zustand de> 

Stadtschulwesens in Preussen. 

1810. — — Vorläufige Nachricht von der Königl. Provincialschule zu Gumbinnen. 
1813. — — Nachricht von dem Königl. Friedrichs-Gymnasium zu Gumbinnen. 
1815. — — Beiträge zur Geschichte der ehemaligen Friedrichs-Schule in Gum- 
binnen. Erster Abschnitt. 

1823. J. D. Prang: Chronik des Gymnasiums von Ostern 1817 bis Michaelis 1823. 

1824. — — lieber die Ursachen der steigenden Frequenz der Gymnasien in 

Littauen, Ost- und Wcstpreussen. 

1865. J. Amoldt: Beiträge zur Geschichte des Schulwesens in Gumbinnen. Erste 

Stück. (1724-1764.) 

1866. — — Zweites Stück. (1764—1809. I.) 

1867. _ _ Drittes Stück. (1764-1809. IL) 

— C. Kossack: Historischer Bericht über das Turnwesen und den Turnbetrieb an 
dem Königl. Friedrichs-Gymnasium während der Jahre 1839— 18i>7. 

1868. J. Arnoldt: Beiträge ete. Viertes Stück. (1764—1809. III.) 

Höllenstein, Gymnasium. 
1853. J. Heinicke: Johann Saryusz Zamoyski von Zamos'c, Grosskanzler und Krön- 

feldherr von Polen. 



Veraeichn. der in d. Progr. . . . enthalt. Abhandl. s. Gesch. v. Ost- u. "Westpr. 367 

1855. M. Toeppen: Beitrag zur Geschichte Prcusssns unter der Regierung der Her- 
zöge. Die preusskchen Landtage zunächst vor und nach dem Tode 
des Herzog« Albrecht. 

ltS56. — — Historisch-komparative Geographie von Preussen. I. Abschnitt. Preussen 

in der heidnischen Zeit. 

1S59. — — Geschichte des Amtes und der "Stadt Höllenstein, nach den Quellen 

dargestellt. Theil I. 

1800. — — Theil U. 

18f>5. — — Die preussischen Landtage während der Regentschaft des Markgrafen 

Georg Friedrich von Ansbach (1577— 1G0Ö). 

1866. — — Fortsetzung. 

1867. — — Schluss. 

1S74. J. Heinicke: Der Aufstand des polnischen Adels gegen Siegmund IU. Wasa. 

Insterburg, Gymnasium. 

1860. Th. Preuss: Ewald Friedrich von Hertzberg. Ein biograplüscher Versuch. 

Theü I. 

1861. — - Theü U. 

1876. C. Wiederhold: Geschichte der Lateinschule zu Insterburg. I. Teil. 

1577. — — H. Teil. 

1578. — — III. Teü. 

1883. H. Toews: Beiträge zur Geschichte der Stadt Insterburg. (I. Jahrhundert.) 

Königsberg, Altstädtisches Stadt-Gymnasium. 

1755 Die Feyerlichkeit, womit die Altstädtische Parochialschule das An- 
denken der vor fünfhundert Jahren geschehenen Anlage der König- 
lichen preussischen Haupt- und Residenzstadt Königsberg den l. Mai 
des Jahres 1755 erneuren wird, kündigen in diesen Blättern an und 
laden dazu alle Gönner der Musen und erfreuete Patrioten durch 
einige Betrachtungen über das Wachsthum der Stadt Königsberg 
ergebenst uud freundlich ein die Lehrer derselben Schule. 

1774. J. Chr. Daubler: Gegenwärtiger Zustand der Altstädtischen Parochialschule. 

1794. J. M. Hamann: Kurze Nachricht von der Altstädtisch-Latcinischcn Stadtschule. 

1825. K. L. Struve: Einige statistische Bemerkungen über die Anstalt seit dem J. 1814. 

1*47. R. Moeller: Geschichte des Altstädtischen Gymnasiums von seiner Gründung 
bis auf die neueste Zeit. I. Theil. 

1848. - - II. Theü. 

1849. - - HI. Theil. 
1851. - — IV. Theü. 

1855. J. Schumann: Beitrag zur Statistik des Altstädtischen Gymnasiums. 
1869. 6. Bujack: Der Deutsche Orden und der Herzog Witold von Littauen. 



368 Mittheilungen und Anhang 1 . 

1874. R. Moeller: Geschichte des Altstädtibchcn Gymnasiums. Stück V. 

1878. — — Stück VI. 

1881. — — Stück VII. 

1883. — — Stück VIU. 

1884. — — Stück IX. 

1885. — — Stück X. 

Königsberg, König]. Friedrichs-Collegium. 
1793. 8. G. Wald : Geschichte und Verfassung des Collegii Friedericiani zu Künig.4>cr?. 
1795. — — Ueber den Unterricht in der deutschen Schule des Königl. Collogü 

Friedericiani. 
1800. — — Verzeicliniss der von 1789—1800 aus dem Collegio Friedericiano zur 

Akademie entlassenen Schüler. 
1808. — — Ueber das Collegium Friedericianum, dessen Tendenz und Wirksamkeit. 
1814. F. A. Gotthold: Zur Geschichte des neu eingerichteten Friedrichs-Collegiuia> 

zu Königsberg in Preussen. 
1818. — — II. Theü. 

1822. — — III. Theil. 

1823. — — Ein Blick auf Ostpreussens und Litthauens Bildungsanstalten vor dem 

Jahre 1810. I. Abtheilung. 

1824. — — IL Abtheüung. 

1825. — — Geschichte des Friedrichs-Kollegiums von Michaelis 1822 bis Michaeli* 

1825. 

1839. J. G. Bujack: Geschichte des Preussischen Jagdwesens von der Ankunft des 

Deutschen Ordens in Preussen bis zum Schlüsse des siebzehnten Jahr- 
hunderts, mit besonderer Bezugnahme auf einige schwierige Aufgaben 
der Zoologie. 

1847. K. F. Merleker: Annalen des Königl. Friedrichs-Collegiums. 

1851. — — Friedrich August Gotthold's Autobiographie aus dem Michaelis-Pro- 
gramm des Friedrichs-Kollegiums von 1814, nach handschriftliehen 
Quellen dargestellt. 

1855. Urins Natalicia Sexcentesima saeculari carmine celebraverunt Collegii Friederi- 
ciani Rector et Magistri. 

1855. J. Horkel: Der Holzkämmerer Theodor Gehr und die Anfänge des Königl. 

Friedrichs-Collegiums zu Königsberg nach handschriftlichen Quellen 
dargestellt. 
Königsberg;* Kneiphöfisches Stadt-Gymnasium. 

1785. G. Chr. Pisanski: Nachricht von dem gelehrten Königsberger Melchior Gvilandin. 

1786. — — Nachricht vom Gregoriusfeste der Schulen. 

1831. A. L. J. Ohlert: Geschichtliche Nachrichten über die Domsebule zu Königsberg 

in Ostpr. von deren Stiftung im 14. Jahrhundert bis Michaelis 1831. 



Veneichn. der in d. Progr. . . . enthalt. Abhandl. s. Gesch. v. Ost- u. Weitpr. 369 

18,37. F. A. Witt: Geschichte des Lchnsverhältnisses zwischen dem Herzogthume 

Preussen und der Krone Polen während der Regierung des Herzogs 
Albrecht. 1525 -1568. 

1&V6. — — Der preussische Landtag im Februar 1813. 

1S(>5. R. F. L. Skrzeozka: Ein Beitrag zur Geschichte des Kneiphöfschen Stadt- 
Gymnasiums im 17. Jahrhundert. 

1.S66. — — Zweiter Beitrag zur Geschichte etc. 

1*75. F. Krosta: Masurische Studien. Land und Volk in Masuren. Ein Beitrag zur 

Geographie Preussens. 

1«7G. — — Masurische Studien. Ein Beitrag zur Geographie der Provinz Preussen. 

(Fortsetzung.) 
Königsberg, Progymnasiuni des Königl. Waisenhauses. 

1879. Dembowski: Zur Geschichte des Königl. Waisenhauses zu Königsberg L Pr. 

Theü I. 

1881. — — . Theil U. 

1S82. — — Teü in. 

1SS3. — — Teü IV. 

1884. — — Teü V. 

1885. - - Teü VI. 

Königsberg, Realgymnasium auf der Burg. 
18150. H. Schultz: Der Friede zu Oliva vom 3. Mai 1660. Erster Theü. 

Königsberg, Städtisches Realgymnasium. 
1H'>7. F. Krosta: Wilhelm von Modena als Legat von Preussen. Ein Beitrag zur 

ältesten preußischen Kirchengeschichte. 
Königsberg, Höhere Privat-Töchterschule von M. Lehmann. 
1N Q 4. Th. Prengel: Beiträge zum Töchterschulwesen der Stadt Königsberg Ostpr. 

Die derzeit älteste (Ulrich-Lehmann'sche) höhere Privat-Töchterschule. 

Lyck, Gymnasium. 
1K59. Horch: Chronik der Stadt Lyck. 
1*65. C. Schaper: Beitrag zur Geschichte der Lycker Provinzialschule. 

Rastenburg, Gymnasium. 
1846. J. W. 6. Heinlcke: Zur ältesten Geschichte des Königl. Gymnasiums zu Rasten- 
burg bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts zur dritten S&kularfeier. 
Rössel, Gymnasium. 
1*41. A. A. Drtki: Notizen über das ehemalige Augustinerkloster in Rössel. 
1842. Dasselbe. (Ein Beitrag zur Geschichte des Königl. Progymnasiums da- 
selbst). (Fortsetzung.) 
1845. — — (Fortsetzung.) 

1&8. J. A. Lilienthal: Fortsetzung der Beiträge zur Geschichte des Königl. Pro- 
gymnasiums in Rössel von 1780 bis 1835. 



370 Mittheilangen und Anhang. 

1867. J. Frey: Rückblick auf die frühere Geschichte der Anstalt. 

1880. — — Geschichte des Gymnasiums zu Rössel bis 1780. Erste Hälfte. 

Tilsit, Gymnasium. 

179G. J< W« R. Clemens: Beiträge zur Geschichte der Königl. Provincialschule zu Tflse 

in Ostpreussen. Krater Abschnitt. 

(1808.) — — Nachricht von den seit 1791 in der Königl. Provincial- und Stadt- 
schule zu Tilse gemachten Einrichtungen. Bei seinem Abschiede von 
der Schule als Rechenschaft an das Publikum. 

1844. Fr. Schneider: Die Würde der Schlosshauptleute und ihr Verhältnis* zu den 

Magistraten der kleinen Städte im Hcrzogthume Preussen. 

1853. — — Geschichte der Provinzial- oder Fürstenschule in Tilsit von ihrer 

Gründung bis zu ihrer Verwandlung in ein königl. Gymnasium. 

1854. — — Dasselbe. (Schluss.) 

18G6. H. Pöhlmann: Beitrage zur Geschichte des Königlichen Gymnasiums zu Tilsit. 

Erstes Stück. Valentin Tenner, Rektor der fürstlichen Schule zu Tilsit 
1586-1598. 

1873. — -- Zweites Stück. Die fürstliche oder Provinzial-Schule zu Tilsit von 

1598—1682. 

1874. — — Drittes Stück. Die Kurfürstliche, dann Königliche Provinzial-Scliule 

von 1682-1748. 

1875. — — Viertes Stück. Die Königliche Provinzial-Schule von 1748—1791. 
— — — - Nachricht über die auf der Lehrer-Bibliothek des Königl. Gymnasium* 

zu Tilsit vorhandenen Handschriften Hnd alten Drucke. 

1876. — — Beiträge zur Geschichte des Königl. Gymnasiums. Fünftes Stück. 

Die Königliche Provinzialschule bis zu ihrer Umwandlung in ein 
Königliches Gymnasium 1791—1812. 
1878. — — Zur Erinnerung an Gottlieb Theodor Fabian. 

Tilsit, Realgymnasium. 
1870. Fr. Fleischer: Die Schweden in und um Tilsit im Winter 1678/9. 
1885. A. Thomas: Litauen nach den Wegeberichten im Ausgange des vierzehnten 

Jahrhunderts. 

Ergänzungen zu den westpreussischen Programmen. 

Danzig, Königl. Gymnasium. 
1883. R. Wartens: Danzig im nordischen Kriege. Nach ungedruckten Quellen d« 
Danziger Ratsarchivs. 1. Irrungen während des Jahres 1704. 

Danzig, Handels-Akademie (Kabrun'sche Stiftung). 
1882. 0. Völkel: Jacob Kabrun und die Gründung und Entwicklung der Handels- 
Academie. (Festsclirift.) 



Verzeichn. der in d. Progr* . . . enthalt. Abltandl. e. Gesch. v. Ost- u. West-pr. 371 

Danzig, Realgymnasium zu St. Johann. 
1MJ9. S. S. Schnitze: Beiträge zu einer geographischen und naturgeschichtlichen 

Beschreibung des Kreises Carthaus. 
1S7.*>. E. Panten: Das neue Schulgebäude. 
Ins). E. Kestner: Eberhard Perher, Bürgermeister von Danzig. I. Theil. 

Danzig. Realgymnasium zu St. Petri. 
l« w 62. F. Strehlke: Aus der Umgegend von Danzig. I. Georg Försters Geburtsort. 
ISH2. R. Damus: Zur Geschichte des schwedisch -polnischen Erbfolgekrieges. Erster 

Theil: Das Kriegs jähr 1655. 

Elbing, Gymnasium. 
Ib77. A. Reusen: Wilhelm Gnapheus, der erste Rector des Elbinger Gymnasiums. 

Zweiter Theil. 
1S82. L Volckmann: Das städtische Gymnasium zu Elbing. (Festschrift;.) 
1SS3. Anger: Schluas des alten und Eröffnung des neuen Gymnasiums zu Elbing. 
1H&4. Kausch: Verzeichniss der Abiturienten des Elbinger Gymnasiums von 1803—1881 

nebst Notizen über ihre späteren Lebensverhältnisse. 

Pr. Friedland, Progymnasium. 
1SK5. Urkunden der Stadt Pr. Friedland bis zum Jahre 1650, veröffentlicht von 
P. Brennecke. 

Thorn, Gymnasium. 
1**2. A. Voigt: Geschichte der Thorner Brücke von 1496—1709. (Nach Urkunden 
des Thorner Stadt-Archivs.) 

Auswärtige Programme« 

Aachen, Gymnasium. 
1<S07. Spielmanns: Stanislaus Hosius, des berühmten ermländischen Bischofs und 
Cardinais, Lehen und Wirken, ein Characterbild für die studirende Jugend 
unserer Tage. 

Berlin, Dorothecnst&dt. Realgymnasium. 
l« s 7o. W. Pierson: Ueber die Nationalität und Sprache der alten Preussen. 

Brandenburg a. II., Realgymnasium. 
1864, A. Klautzsch: Das Samland. Vortrag. 

Chemnitz, Realschule. 
Us74. H. Stier: Graf Heinrich von Plauen, Hochmeister des deutschen Ordens. 

Chemnitz. Handels-Lehranstalt. 
1*68. G. Baum: Waren die Phönizier an der deutschen Ostsee-Küste? 

Glehvitz, Gymnasium. 
1871. L Steinmetz; De Alberti senioris, Borussiae ducis, ad ecclesiae catholicae doctri- 
nam reditu. Particula prior. 



372 MlUheflmigea und Anhing. 

Llegnlfe, Gymnasium. 
1631. J. K. Kwhler: Hat Foppo Ton Ostema mit den d< 
I'reussen au der Schlucht bei Wahlatadt 1341 
TremnMn, Gymnasium. 
1857. BerwirsJd: Einige Betrachtungen über die älteste: 
deren Umgestaltung im 13. und 14. Juhrhundt 
Wetzlar, Gymnasium. 
1848. 6. firaff: Der deutsche Orden, seine Entstehung ob 
kurzer Uebersicht dargeatetlt. 



Der Teifel in Flach 

(Eine Volkssage.)*) 

Aus Cambridge in Massachusets erhielten wir folgen 

„Cambridge 

Ad den Redakteur der „Altpr russischen Munat 

Geehrter Herr! 

Im T. u. 8. Heft v. J. Ihrer sehr geschätzten, an hies 

Zeitschrift (18)4, S. 6t2) ist unter den in der Altert hu 

getragenen Sitten, Gebräuchen und Sagen auch eine V 

„Der Tenfel im Flachs", deren anmutliiger Inhalt mir zu ei 

in Form des beifolgenden Gedichtes die Anregung gab. I 

Abdruck des Gedichtes in einem demnächst erscheinenden 

Monatsschrift" würden Sic vielleicht Ihre Leser erfreuen. 

Hochacl 

Der Teufel einmal bekam ein Gelöst, 
Von hübeeben Mädchen zu werden geküs 
Und schlau nachgrübelnd beschloas er, st 
Sich zu verstecken unter dem Flache. 
Der Flachs wird angefeuchtet fein 
Von den Lippen der spinnenden Mägdele 
„Und also", dacht er, „sicherlich 
Müssen die Mädchen küssen mich"! 



*) Die Worte: „Ziehen", „Rösten", „Schwingen", „1 
drücke der landschaftlichen Flachsbereitung. 



Der Tenfel im Flachs. 373 

Gedacht, gethan; er ging aufs Feld 
Und hat sich unter den Flachs gestellt, 

Und Hess sich ziehen, in Bündel fugen; 
Dann musst* er auf der Baffel liegen. 

Der eiserne Kamm ihm Qualen schafft, 
Doch er bestand sie heldenhaft. 

Darnach man ihn ins Wasser trug 
Zum Kosten, und das war bös genug. 

Doch nun das Brechen und das Schwingen, 
Das musste Höllenpein ihm bringen. 

Selbst für den Teufel war's kein Spass; 
Doch er geduldig ertrug auch das. 

Er dacht' an die Belohnung süss, 
Die ihm der Mädchen Mund verhiess, 

Und thät die Zähne zusammenbeissen 
Und liess sich schier in Stücke reissen 

Und auf der Racke durch den Rechen 
Den Körper Glied um Glied zerbrechen. 

Jetzt, da die Qual ein Ende nahm, 
Zuletzt er in die Hechel kam. 

Doch hier liess ihn sein Stolz im Stich, 
Das Hecheln dünkt ihm fürchterlich. 

Er dachte nicht mehr an das Küssen, 
Noch was er vorher erdulden müssen, 

Dagegen dies nur Kinderspiel, 
Das Hecheln war ihm doch zu viel. 

Und lief davon und nahm Reissaus, 
Das Hecheln hielt er nimmer aus. — 

So singt uns ein Histörchen lieb, 

Das in dein Munde des Volks lebendig blieb. 

Als ich es las, ich war erschreckt, 

Wie ein Stück vom Teufel im Deutschen steckt. 

Er trägt geduldig die schwersten Plagen, 
Nur das Hecheln kann er nicht vertragen. 



374 Mittheilungen und Anhang. 

Altpreugsische Bibliographie 1884. 

(Nachtrag und Fortsetzung.) 

Albrecht, Karl (aus Einlage bei Elbing), üb. einige Pyrogallussäure- u. PhloroglutiD- 

derivate u. die Beziehgn. zu Daphnetin u. Aesculetin. I.-D. Berl. (fifi S. !v 
Anger, Gvmn. Dir. Dr., üb. ELsenwerkzeuge aus e. Urne von itomlseti m. Abbiltliru. 

[Verhdlgn. d. Berl. Ges. f. Anthrop., Kthnol. Sitzg. v. 18. Oct. 1^84. S. 406— 4tH.j 
Arendt, Paul (aus Danzig), zur Casuistik der Schädelbrüche. I.-D. Berl. (39 S. v:< 
Dembowski, Zur Geschichte d. Kgl. WaiVetihan&cs. Teil V. (Progr. d. Kgl. Waisenli.) 

Kgsbg. (S. 3— 16. 4.) 
©ietefS, (Suft, $orliid}e Surniere. (32 6. ar. 8.) —60. [3amuil. flcniriiroflbf. tviffrnj 1-- 

SSorträae. br£fl. u. SLtird)oro u. ü. .ftolticirtoiff. 447. oft 9.Vrlm, Jöatwl.] 
Spanien au3 o. iöoaelpeijpcctroe [ s l>om <yd* Junt s JLKeev. Secbr.] Deutsche Reis- 1 - 

litt. üb. Spanien. [Magaz. f. d. Lit. d. In- u. Auslds. 4.] Moderne Pjthagon'u-r. 

[Ebd. 16.] Spanische Stimmungsbilder. [Ebd. 34.] Ein Roman aus SpaniM-h- 

Amerika. (Rec.) [Ebd. 43.] iHafte. [3)eutfcbe JHcmie br*il- u- üttcö- <YieiUi , i. 

IX. 3a&rfl.« Oft. 3. 6. 257—2*52.1 
©iftel, Sbeob. (Bretten), 3acbaria$ SUcbme'ä foacu. dürfen hieb (1582). [äumMbTmi!. 

Beiblatt j. 3tidjr. f. bilb. ftunft. 19. tfabr«. s 3ir. 12.] 
Sittrid), s Jkcf. Dr. g. (Sraim«beifl,) ^eiträfle 3. ($rtcb. ö. tatbol. föeformai. im ci ü. 

drittel b. 16. 3abrb. I. R>ift. 3»ibrbud> b. ©iJrre^GM V. Sft. 3. ©(f. 6-319—9-.] 
Dohrn, Prof. Dr. R., Geburtshilfe [Jahresber. üb. d. Leistgn. 11. Fortschr. in d. g<*. 

Medic. XVIII. Jahrg. II. Bd. 3. Abth. S. 585-610.] 
Zur Kenntnis des allgemein zu weiten Beckens. [Archiv f. Gynäkol. XXII. 

S. 47— 50.] Ein veiheiratheter Zwitter [Ebd. S. 225—26.] 
&orfttttunQ, lanbuwtbfcb« . . . &r%\\.: Ob. Greift. 21. 3 a b r 4- Äflöbä. $eper in Gcmm. 

52 9fr. (V 4 $. 4.) Viertelt baar n. n. 1 - 
Dorn, E., B eineiig, üb. d. Stöpsel rh eostaten von Siemens u. Halske. [Annal. d. Pb\s. 

u. Chemie. N. F. Bd. XXII. Hft. 4. S. 558 -577.] 
©Ulf, 3Ilb., ber Srrßana b. gebend 3efu. 3" «ofd>i*fI- Sluffaßfl- barflfft. 1. 2bl.: T\c 

biftor. Stturjeln u. bie aalitöifaV iölüte. Stuttfl. Siifc. (XVIII, 359 6. 8.) 4.— 

ba§ Sittenaffeft I. [2)ie neue 3cit. Statt«. 2. 3abrfl. 6ft. 9.] 

I£...b, b. evfte s 2lnfanß fc. HircbenconflictS in s £reufo. [6onntaß3?35ei{. 3. 9$offifibfn 

3tfl. 91r. 1. 2. 3.] %u* b. Grlebniff. b. $roö. $reuften im 3- 1831 b. evft. SUiftict. 

ber Gbolera [Gbb. >Kr. 21-25.] 3)a$ s Ve|ljal)r 1709/10 in $reu6cn. Gin Gkw* 

flirt j. Gholerajabr 1831 [Gbb. 3tr. 28. ^9.] 
«Wert Stuis, 2lu£ bet Somvclt Gffaus. M. <y. Mit b. (2iJ?tbr.O $ortr. b. $erj. 

«erlin. Scbr'S SBerl. (XV, 248 8. flr. 8.) 5.— 
Eichhorst, Prof. Dr. Herrn., Handb. d. spcciell. Pathologie u. Therapie . . . Hett 

29—41. (Schi.) (2. Bd. XVIII. u. S. 5«il— 1274.) Wien, Urban & Schwarzen- 

berg. ä 1.— 
Manuale di esame fisico delle malattie interne: traduz. dcl dott. A. Bianchi, 

con aggiunte originali. Due paiti con 173 incis. in legno ecc. Fas. 1 ff. Milaiio. 

ditta Fr. Vallardi edit.-tip. 
Pathologie u. Therapie der Cholera. [Wiener medic. Presse ... 32. 33.] Ueber 

Trichorhexis nodosa. [Zeitschr. f. klin. Medicio. XII, 6.] Rec. [Dtsche. LittzUr. 

No. 1. 32.] 
Eisenbeck, Emil (aus Danzig), Observationen in monetam Graecam. Diss. inaug. 

Berlin. (32 S. 8.) 
Ellendt, Prof. Dr. Georg, üb. Schülerbibliotheken. III. Beigabe z. Progr. d. kgl. Fried - 

richskolleg. Kgsbg. (18. S. gr. 4.) 
(Alfter, £ubw., b. Unroerftl&ti&ftubium in ben U fet. fünf 2)ecennten. [Dio ©eaeuroart. IG.] 
Entz, Heinr., über den Periplus des Hanno. Progr.-Abbdlg. d. k. Gymn. zu Marien- 
burg. Marienburg. (48 S. 4.) 
Entmann, Oskar, Zur geschichtl. Betrachtung d. deutsch. Syntax [Zeitschrift f. Völker- 

psych ol. u. Sprachwissensch. XV. Bd. S. 387—413.] Kleine Nachträge zu 

Otfrid. [Ztschr. f. dtsche. Philol. XVI. Bd. S. 70J 
©malb, 2llb. fiubm., S)ie eroberun»] ^reufeen* bureb b. 3)eutfdjen. 3te§ 33u4. Sie 

©roberfl. b. 6amlanbe§, be£ bftl. notanaend, öftl. SBartenS u. ©altnbenö. §alle, 

»crl. b. S*fr. b. SBaifen^aufeg. (VUI, 170 6. gr. 8.) 3.— 



Altpreussische Bibliographie 1884. 375 

Jamüicti-.ftalenbcr für b. Safer 1^85- [Eeiaabe 3. „^nfterburaer 3ta-"] 3»fterburvv 

Enthält S. IS — *2:'i; Bericht über die Schicksale der Stadt Jtagnit im 7 jähr. Kiiege, 
wshes. am 24. Sept. 1157. Von e. Augenzeugen in Briefform er zählt. 

Fankidejski, ks. lic. s'w. teol., Klasztory zeiiskio w dyecezyi chelminskiej. Pelplin 1883. 
J. N. Roman (VIII. 278 & 8) 

Flach, Prof. Dr. Hans, Chronicon Pari um rec. et praef. est. Accedunt appendix Chroni- 
Cüruni reiiquias coutiuens et raarmoris specinien partim ex Seldeni apographo 
partim ex Maassii ectypo descriptam. Tübing. Fuess. (XVII, 41 S. gr. 8. m. 
2 Taf.) 2.40. 

- — Geschichte d. griech. Lyrik nacb d. Quellen dargestellt. Ebd. (XX, G98 S. 
gr. S.) 13.— 

(btofcrton. (Sine peroamen. 3fawUe. [Sluä: 2>cutfcbe SHeüue] £übmßen, Ofumber. 

(IV, 82 6. 8.) 2.- 

Württemberg n. die Pbilologie. Stuttg. Metzler. (°,0 S. gr. 8.) -60. 2. veränd. 

Anfl. (31 S.) -60. 

Zu Aristoteles Politik. [N. Jahrbb. f. Piniol, u. Pädag. 129. Bd. S. 544] Zum 

Prometheus des Aischylos. [Ebd. 8.827—831.] Der ftabelbicbter s ilefop unb Die 
äfepifcbe <yabel. [3>tjcb. iKmte. 9. ftabiw oft. 1. 6. 80-87.] 3roei perlen ber 
fcbwcijcriid). ©fclfcbcmclt. [11. oft.] Xdcfitla. Gine borifcbc Lobelie. [14. oft.] 

Slang, ^taftor Dt. t>., Sie uon 3?Ncn ((Sjcma) in Stfeftpreu&nt. [3tf*r. b. bift. ^er* 
ein* f. b. Dtefl.-8ta. 9Marienroerb. 10. oft. 6. 33-62.] $ic t>. (Mlocnjteru in 
SÖcftvr. [Gbb. 6. 62—64.] ©efd). roeftpv. (Sttter. 9tunbciutefe, Kcil^of, t'ofoiufd), 
^arabieS (Ar. Marien Werber.) [(S'bb. 6. 65—84.1 

Forstemann, E., (Dresden) d. Verbindung zwisch. d. deutsch. Bibliotbekeu. [Central- 
blatt f. Bibliothekswesen. I. Jahrg. S. 6—12.] Systematisch«, alphabetische, 
chronologische Anordnung. [Ebd. S. 293—303.] 

Sörfler, tfanbrnbter in £born, ftübrt Der ÜManari ber 4>r&fentation, bej. feit (Smauat. 
b. btfdj. ßinilproaefcorbiia.. bei* äHanacl b..iiTtunbl. %id)roeife3 b. $rAfentation be3 
Ütfecbfel* jur s Jlbn)eifuno ber aea,. b. 91cceptanten e. flejofl. ob. ßefl. b. 9lu*fte(l*r 
e. eigenen, niebt bomijilirt., auf e. benimmt. San ob. auf e. befttmmte 3^^ nad) 
b. 3luv|tclla.$iaa.e iauteiiD. s iBecbfebi im s ißecbfelproüeffe erbob. .Ulaae auf B^bluna 
brr ^Öevbfelfumme uebft 3i"f™ tett b. SBerfolItaac? [^ufaY SMrdno f. äbeoiie u. 
Itrar. b. allci- Mft. &bl*. ; u. Stabfefr. #b. 45. 6. 229—268.] Ist seit dem 
Inkrafttreten der C. P. 0. die Klage auf Erfüllung vor Eintritt der Fälligkeit 
des Anspruchs unbedingt zulässig? [Ztschrft. f. dtsch. Civilprozess. VIII. Bd. 
S. 128—152.] 

[Forster] Max Koch, Ein Brief Georg Forster's. [Archiv f. Litteraturgesch. XIII, 
4. 1883.] Zwei Briefe v. Georg Forster u. Willi, v. Humboldt. [Ebd.] 

v. Fragstein, Reg.-Baumeister in Pillau, Hänge-Eisenbahn auf der Zuckerfabrik Hirsch- 
feld am Elbing-oberländisch. Caual mit Zeichnungen. [Ztschrft. f, Bauwesen. 
34. Jahrg. Sp. 151-156.] 

Franz, Observ. Dr. J., Festrede, aus Veranlassung v. Bessers lOOjähr. Geburtstag . . . 

tAus: „Schriften der phys-ökon. Gesellsch. z. Königsberg"] Königsb. (Berlin, 
Tiedländer u. Sohn.) (24 S. gr. 4.) baar 1.— 

Berichtigung z. d. Bonner Durchmusterung. [Astron. Nachr. No. 2160.1 Helio- 
meter-Beobachtungen des Cometen Pons- Brooks. [Ebd. No. 2577—78.] Helio- 
metermessungen von Doppelsternen z. Königsberg. Ebd. No. 2590.] 

rjfricbcberß, s JJt., 23übcr au$ Oftpreufeen. (Sin % -beitraa 3. SBorbereita.. b. 300j. Säfular* 
jeier ber ebemal. tBrobiniialfcbulen gu Süfit, ^nef u. eaalfelb. Ginft u. 3efci an 
b. Oftmarf b. beutfdjen Drben«. I. »antoben. £üjit, So^auft. 1885 (84). (VII, 
106 6. flr. 8.) l.— 

Friedlaender, Dr. Konr., Zur Geschichte der Hamburgischen Bildung in der 1. Hälfte 
d. 17. Jahrh. 1. Tl. Hamburg. Nolte. (31 S. 4.) nn. 2.— 

Friedlaender, L., Rec. [Wochenschrift für klassische Philol. hrsg. v. Wilh. Hirsch- 
felder. 1. Jahrg. No. 1.] 

tftoelttf, 3E., ®ef*id)te b. ©raubender ffreifeS. [2. 3lufl.] 1. 53b. 1. £fa. 3)angig, 
Kafemann. (IV, 80 6. ar. 8.) 1.— 

Frohne, August (aus Ostpr.,) Der Begriff der Eigen thümlichkeit oder Individualitat 
bei Scbleiermacber. I.-D. Halle. (33 S. 8.) 



376 MUtheilongea und Anhang, 

FrtihlinflL Stadtbaoratb A., Denkschrift üb. Herstellg. e. vertieften Wasserstraße zwt'sdi. 

Königsberg i. Pr. n. Pillau . . . Mit 2 Taf. Königsb. Koch u. Reiinor. (•}.") ;> 

gr. 8.) baar 1.60. 
Fuchs, Dr. Walth., Peter v. Dusburg u. das Chronicon OHvense . . . [Aus: ,,.\ir- 

preuss. Monatsschr.] Kgsbg. Schubert u. Seidel. (92 S. gr. 8.) baar 3.— 
WAßborn, ®eorge, Jlömgin Scbönbifo. Öin öebidjt in 10 ©cjängcit. &ipj. ^knjmdnr., 

(62 6. 8.) 3.- 
OdMer, Dr. fyaul, torjigcfajate ©e{cbid>te bet bcutfdjcn Sanbtoictbfcboft. SWartigrabiwa. 

SiOiiaii., (III, 84 6. nr.,8.) —75. 
Barbe. The Srauta Sütra of Apastamba belonging to tbe Black Yagar Veda, with 

the Commentary of Radradatta edited by Dr. Richard Garbe . . . Fase. VI-IX. 

(Vol. II. 8. 1—384.) [Bibliotheca Indica No. 496. 98. 507. 520.] 

— — Szyrwid's Punkty Kazari. s. Bezzenberger. 

— — Anorganische nasale im auslaut des ersten gliedes sanskritischer nominal 

composita. [Beiträge z. kde. d. indogerm. sprach. IX. briV 3. hft. S. 246— 217. 

Rec. [Gott. gel. Anz. No. 8. Dtsche. LZ. 30. 3s. 45.] 

<$ebanenfta. Beiträge 3. ©efer. $anji^. 3. ütoeb.: 3ugenblcben u. SBanberbüber v 

Johanna 6d)openbauer. a. u. b. %.: ^uocnbleben u. 2L^aiit»erbi^er non ^obanw 

ÄÄopenbülUr. ftuf» s Jleue cingciübit u. in. erläut. 3iotia- nevfeb. u. Dr. 3S>. (Scfarf, 

6tabtfd)ulr. in Sanjig. üttit b. öilbnife u. e. Slnfidjt b. ©cburttbaujts tot $on. 

u. e. Xitelbilbe (Stemtaf.) nacb Orig.--3etdmuitg u. 21. Senfen. $aiwg. ©ertliiw. 

(VI, 185 8. gr. 8.) 2.40. 
Geffroy, Eng., Theoretische u. prakt. Untsuchgn. üb. d. Verteilg. d. Elektricität beim 

Durchgehen durch e. Metallplatte von d. Form einer Lcmniscate (m. 4 Tai.). 

[Progr. d. städt. Bealgymn.] Kgsbg. (26 S. 4.) 
«clegeitWtSaebtÄte ... 2. Zbl 3. SlufL Xbotn. Sambect. <V, 144 e. M l.~ 
(Seasctnbeblatt, enanaeL ... ßrSg. t>. £erm. (Siteberger. 39. Sabin. 52 9trn. a'/.^-i. 
Gteoraitte . . . 52. Sabra. ^nftevbuiü. (($umbhm. Stevjeh 5.— 
Gerlach, Reg.- Bauführ. Friedrich, Eine bautechnische Studienreise nach West- u. 

Ostpr. Ber. Üb. e. unt. Leitg. des Geh. Ob.-Bauraths, Hrn. L. Hagen im J. lss-'J 

veranstalt. Studienreise. Hrsg. unt. Mitwirkg. einiger Reisegenoss. Mit 22 auto- 

graphirt. Taf. Berlin. Springer. lV, 77 S. Lex. 8.) 6.~ 
€Jer8, zDL, Äalenbarj #i -6ltwfto*$ru(fi cwangielidi na rof 1885. ÄönigSb. öavtuiv. 

(160 6. 8.) —75. 

©ajeta 8ctfa . . . fipdt. xtan SRicfen. 4. 

Stfcbrebe geb. am 20. 3aii. 1884 am (SimüeibungStage ber Äircbe in ©rofc 6türlaJ 

. . . find, eiebert. (3 ÖL 8.) 
©efangbudj, (SoangclifcbeS, für Oft* u. Söeftnr. (Sntrourf f b. $ro\rinjtalfonobe. Jfyvfw. 

I %x. Oftrr. 3t^., u. 8lfl«^3)r. (VIII, 434 6. 8.) 
(Seaerbebtatt f. b. Vro». Oft* u. äfcftpr. . . . §afcfl- 18E4. tfgebg. 
©lagau. $er fluliurtömpfer. 3ifd>r. f. offentL &ngelgbten. $r$g. n. Otto Olagau. 

5. 3abrg. 24 £fte. gr. 8. Berlin, ßrpebition. Siertclj. 8.— 



Berichtigung« 

Band XXI. S. 642 Zeile 3 von unten lies: nordwestlishe statt südwestliche. 
„ „ „2 » „ n Südöstliche statt nordöstliche. 
„ 645 „ 18 „ „ „ nordöstlichen statt nordwestlichen. 
„ 646 „ 15 „ „ „ nordöstliche statt nordwestliche. 



Qtdrnekt in der Alb« rt Bosbach* »chen Bnchdraekerei in K8nlg«b«rg. 



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Heft 5 u. 6 erscheinen als Doppelheft Ende September. 



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NW 5 iföi) 



Altpreussische 



Monatsschrift 

neue Folge. 

Der 

Usuea Freussischen ProTtadal-Bl&Utr 

vierte Folge. 



Herausgegeben 



von 



Rudolf Reicke und Ernst Wiehert. 



Der Monatsschrift XXII. Band. Der Provinzialblatter LXXXVIII. Band. 



Fünftes und sechstes Heft« 

Juli — September. 



[Mit C r o q u i s.] 



J Königsberg in Pr. 

Verlag von Ferd. Beyer 1 s Buchhandlung. 

1885. 



Inhalt. 



N- N*-^-' 



I. Abhandlungeu: 8tite 

Aus Kant's Briefwechsel. Vortrag, gehalten an Kant's Geburtstag 
den 22. April 1885 in der Kant-Gesellschaft zu Königsberg von 
Rudolf Reicke. Nebst einem Anhang, enthaltend Briefe von 
Jac. Sigism. Beck an Kant und von Kant an Beck 377 — 449 

Michael Burckhardt, der Nehrungspfarrer und seine Gemeinde. Ein 
Sittenbild aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts von 
Adolf Rogge 450—462 

Der Schlossberg bei Jeszi6rken. Von C. Beckherrn (mit Croquis) 463— 46G 

II. Kritiken and Referate: 

Die Bau- and Kunstdenkmäler der Provinz Westpreussen. Von 

R. Bergau 467—468 

Alterthumsges ellschaft Prussia in Königsberg 1884 468 — 491 

III. Mittueilungen and Anhang: 

Zur Rechtsgeschichte. Notiz aus dem Kölner Stadtarchiv mitget heilt 

von Dr. Konstantin Höhlbaum 492 

Universitäts-Chronik 1885 (Fortsetzung) 492—493 

Lyceum Hosianum in Braunsberg 1885 494 

Altpreussische Bibliographie 1884 (Nachtrag u. Fortsetzung) . . . 494 — 503 
Preisausschreiben des Evangelischen Vereins für geistliche und Kirchen- 
musik der Provinzen Ost- und Westpreussen 503—504 

Bitte 504 

Literarische Anzeigen (auf dem Umschlag). 




378 Aas Kant 1 « Briefwechsel. 

SLm diesem Behuf erlaube ich mir hiermit eine öffentliche Aufforderang 

an die gedachten Gelehrten zur Auslieferung dieser Briefe an mich 

und bitte, mir dieselben durch den Buchhändler Herrn Nicolovius 

in Königsberg, welcher den Verlag des Werks übernommen, gütigst 

zu übersenden. 

G. B. Jäsche, 

Boss. Kaiser]. Hofrath o. Prof. d. Philos. 

in Dorpat. 

Obiger Aufforderung füge ich noch die Bitte hinzu, mir diese Briefe 
entweder durch Herrn Wilh. Kein und Comp, in Leipzig oder durch 
Herrn Heinr. Frölich in Berlin versiegelt zu übersenden. 

Friedrich Nicolovius, 

Buchhändler zu Königsberg in Pr. " 

Es ist mir nicht bekannt geworden, ob diese Aufforderung einen 
Erfolg gehabt habe; den erwarteten wol sicherlich nicht, denn die 
Gorrespondenz Kant's ist nie erschienen. Aber wenn auch nur wenige 
der obigen Aufforderung nachgekommen und die Briefe von Kant 
originaliter oder abschriftlich eingesandt haben mögen, so dürfte wol 
kaum noch über den Verbleib dieser Briefe etwas zu ermitteln sein. 
Vielleicht war der Erfolg ein so geringer, dass der Sammler sich ver- 
anlasst sah, von seinem Plane noch abzustehen; vielleicht auch können 
mancherlei Rücksichten auf die Briefschreiber und die von ihnen er- 
wähnten Persönlichkeiten ihn dazu bestimmt haben; noch zwölf Jahre 
später meinte E. Morgenstern, als er einige Briefe von Garve, 
Hamann, Kästner, Lavater, Lichtenberg, Moses Mendelsohn, 
Seile, Sulzer, Wieland und Wyttenbach in den Dörptschen 
Beiträgen veröffentlichte, dass sich der erste Brief 1 ) Garve's, der seine 
von Feder verstümmelte Becension der Kritik der reinen Vernunft in 
den Göttinger gelehrten Zeitungen betrifft, »nach genauerer Ansicht 
zur Zeit wenigstens noch nicht zur Bekanntmachung eigene". Manche 
mögen auch ihre Briefe zurückgefordert haben. Von einem wissen wir 
dies bestimmt. Friedr. Heinr. Jacobi schreibt den 28. Juni 1806 



') Derselbe ist erst im vorigen Jahre von Dr. Alb. Stern in seiner Schrift 
„Über die Beziehungen Chr. Garves zu Kant" (S. 27— 32) nach dem Original 
veröffentlicht worden. 



Von Rudolf Beicke. 379 

an Lndwig Nicolovius, den Bruder des hiesigen Buchhändlers: 
„Hierbei fällt mir ein, dass ich gelesen habe: Jagemann*) (oder ist es 
ein anderer?) wolle Kants Briefwechsel herausgeben. Siehe zu, dass Du 
den einzigen Brief, den ich in meinem Leben an Kant geschrieben habe, 
herausbekommst; den von Kant an mich, will ich gern dagegen aus- 
liefern 11 . Ob dieser Austausch stattgefunden hat, weiss ich nicht; 
gedruckt sind beide Briefe in Jacobi's Werken Bd. III. (1816) aber in 
der bekannten Jacobi's eben Manier, die vor Auslassungen, Zusätzen und 
Verstümmelungen nicht zurückschrickt 3 ). Den ächten Kantbrief hat 
erst Albert Gohn aus seiner Sammlung vollständig mitgetheilt 4 ); 
Jacobi's Brief, leider aber nur die zweite Hälfte, ist in meinem Besitz. 

Die an Kant gerichteten Briefe, über die damals Prof. Jäsche, 
ein Schüler Kants und Herausgeber der Logik seines Lehrers, verfügte, 
sind noch jetzt so gut wie gar nicht publicirt; sie liegen in zwei statt- 
lichen Quartbänden in der Dorpater Universitätsbibliothek als ein Ge- 
schenk ihres einstigen Bibliothekars Prof. Karl Morgenstern, dem 
sie Jäsche vermacht hatte. Von den darin enthaltenen 461 Briefen 
sind noch nieht sechszig veröffentlicht; zuerst 23 von K. Morgenstern 
in den von ihm herausgegebenen Dörptschen Beiträgen Bd. ü. u. III. 
(1815 — 17), dann 27 von Fr. Sintenis in der Altpr. Monatsschrift 
(Bd. XV. u. XVI. 1878 u. 79), die übrigen an anderen Orten. 

Aber Jäsche hat auch nicht den ganzen brieflichen Nachlass Kant's 
besessen. Wasianski berichtet, dass er, als ihm Kant im November 
1801 die Verwaltung seiner Angelegenheiten übergeben hatte, nichts 
mehr von seinen Papieren vorfand, als was auf sein Vermögen Bezug 
hatte. „Seine übrigen gelehrten Arbeiten und Papiere hatten zwei jetzt 
(sc. 1804) abwesende Gelehrte in Empfang genommen. Von gelehrter 



*) Ohne Zweifel ist Jäsche gemeint. Ein Jagemann mit Beziehungen zu Kant 
ist mir nicht bekannt 

*) Wiederholt weist Rudolf Zöppritz in seinem Buche: „Aas F. H. Jacobi's 
Nachlass. Ungedruckte Briefe von nnd an Jacobi und Andere." 2 Bde. 
(Leipzig 1869) diese Unart, Wahrheit und Dichtung zu vermischen und doch für 
Wahrheit auszugeben, nach. 

4 ) „Ungedrucktes zum Druck befördert von Albert Cohn." (Berlin 
1878) nur in 60 numerirten Exemplaren abgezogen. (S. 93—99.) 

25* 



380 Ao * KÄnt ' 8 Briefwechsel. 

Correspondenz war kein Blatt vorbanden" 1 ). Nur sein letztes grosses 
Mannscript, an dem Kant noch hartnäckig arbeitete, ohne fortzurücken, 
hatte er nicht fortgeben mögen; nach seinem Tode nahm es Wasianski 
als Executor testamenti an sich, „um die auswärtigen Erbinteressenten 
darüber zu befragen, was damit weiter angefangen werden soll", wie es 
in Tit. VII des Inventars über den Nachlass Kants lautet. Diese beiden 
abwesenden Gelehrten sind ohne Zweifel Jäsche in Dorpat und Hink 
in Danzig; ob der letztere auch Briefschaften erhalten hat, weiss ich 
nicht; die Andeutungen und Auszüge aus Briefen, denen wir in seinen 
„Ansichten aus Kants Leben 44 (Kgsbg. 1805) begegnen, können 
wol der Jäsche'schen Sammlung entnommen sein. Seine Bibliothek hatte 
Kant seinem Schüler und Freunde Mag. Oensichen vermacht; dass 
dieser auch Briefe an Kant besessen hat, ist gewiss. Denn die hiesige 
Königl. Bibliothek besitzt über sechszig solcher Briefe an Kant, die 
auf der Bücherauktion des 1807 verstorbenen Prof. Gen sich en gekauft 
worden sind. Manche werden von Kant auch noch an andere ver- 
schenkt worden sein. So weiss ich dies ganz bestimmt von einem 
Briefe, den eine Dame an Kant schrieb, ihn um Beiträge für ihr neu 
zu gründendes Journal bittend und ihm ihr neuestes Buch übersendend. 
Kant schenkte den Brief und wol auch das Buch der ältesten Tochter 
seines Freundes Mo therby, herzlich froh darüber, dass sie kein Blau- 
strumpf war. Das merkwürdige Schreiben ohne Datum gebe ich getreu 
nach dem Original hier wieder: 

Sophie Mereau an Kant 

„Weil ich auch nach dem Ausspruch meines eignen Gefühls 
„den Schritt welchen ich jetzt zu tbun bereit bin, für gewagt erklären 
„muss, so finde ich doch nichts darin wodurch wahre Schicklichkeit 
„beleidigt werden köfite. Ich weiss vielmehr dass wir bey Menschen 
„höherer Art die Fesseln jener leeren Gonvenienz, die sich in jedem 
„Land verändert, u. die zwischen gemeine Menschen oft heilsame 
„Schrancken sezt, kühn zerbrechen könen, u. dass gebildetere Wesen 
„sich an die Sache selbst halten, wo jene ewig an der leeren Form 



*) Imm. Kant in seinen letzten Lebensjahren (Kgsbg. 1804) 8. 83. 



T~"^ 



Von Rudolf Reioke. ggl 

„hängen bleiben. Nach dieser Voraussetzung glaube ich ohne Be- 
„dencken u. ohne weitere Rucksicht auf Entfernung, Geschlecht u. 
„Geistesverschiedenheit, mich selbst in das gantz einfache Yerhältniss 
„einer Bittenden gegen Sie, verehrungswürdigster Mafi, ver- 
netzen zu dürfen. 

„Mit Hülfe einiger Freunde will ich mit. dem neuen Jahr ein 
„Journal anfangen, mehrere hiesige Schriftsteller wollen mir Beiträge 
„liefern. Bey einer solchen Unternehmung träumt wohl ein jeder, 
„der nicht lediglich für Gewin schreibt, mehr oder weniger stolz. 
„Ich träumte sehr stolz, den ich hielt es nicht für unmöglich Sie 
„für mich zu gewiüen. Etwas aus Ihren Papieren, was Sie viel- 
leicht Kleinigkeit neuen, einige hingeworfene Bemerkungen, denen 
„Ihr Geist Licht und Ihr Name Glantz verleiht, würden mich sehr 
„glücklich machen. Konen Sie, so unterstützen Sie meine Unter- 
nehmung, Dringender zu bitten, wage ich nicht, weil ich die zarte 
„Linie die hier das Ungewöhnliche vom Unbescheidenen trefit, zu 
„Tiberschreiten furchte — 

„Achten Sie es der Mühe werth, das Weib, welches Muth genug 
„hatte sich geradezu an Sie zu wenden, näher keilen zu lernen, so 
„lesen Sie das Buch, welches ich hier beilege ). Dies ist der einzige 
„Grund der mich bewegen koöte, dem grossen Kant ein Geistes- 
„produckt darzubiethen , dessen Fehlerhaftes ich selbst am lebhaf- 
„testen fühle. 

„Mögte ich einer baldigen Antwort entgegen sehn dürfen! — 
„Ich habe mich zutrauungsvoll an Sie gewandt. Siz sind gewiss gut, 
„so gross und berühmt Sie auch sind. Welche edle Humanität athmet 
„aus Ihrem ewigen Frieden! Welche Hofhungen wissen Sie in den 
„Herzen aller gutmüthigen Menschen zu entzünden ! — Es hängt nur 
„von Ihnen ab, ob ich zu dem ernsten Gefühl von Ehrfurcht gegen 
„Sie, das ich mit Stolz in meiner Seele nähre, noch das süßere 
„der Dankbarkeit hinzufügen soll — Leben Sie wohl! 

„Mein Name ist: Professorin Mereau in Jena. 44 



6 ) Vielleicht: „Das Blüthenalter der Empfindung" (Gotha 1794). 



382 Anl £•">*'■ BriefWecbael. 

Vielleicht sind auch die kürzlich von der hiesig« 
aus dem v. Duisburg 'sehen Nachlasse in Danzig er* 
vod Kant nebst andern Papieren verschenkt wonl 
essanten Aufschluss Über Kants Verhältnis» zu 
Dessauer Philanthropin , über welches Thema zu 
gerade heute vor fünf und zwanzig Jahren an dieE 
königliche Recht durch die Bohne erlooste. Ueber i 
adressirte Origiualbriefe verfüge ich selbst; so d 
circa sechshundert Briefe an Kant zusammen zu t 
Eine stattliche Anzahl! 

Wie verhält es sich nun aber mit den Brie 
unbedeutend, wie man gewöhnlich annimmt, ist 
doch nicht gewesen. Er selbst klagt am 26. Mai : 
Herz in Berlin, „dass er durch viele Briefe, we: 
rungen über gewisse Punkte verlangen, unaufhörlicl 
werde". Seinem Freunde Erhard schreibt er am 
„dass er durch andere unumgängliche Zwischenarbeit 
deren Verfassern er so viel Nachsicht nicht zutra 
werde, ihm zu antworten.' 1 

Dass Kant nicht gerne Briefe schrieb, wisse 
liehen Aeusserungen seiner eigenen Correspondenten. 
schon 1767 an Kant, dass er dessen „Ungenei 
schreiben, von der er auch etwas geerbet, kenne"; 
gemachlichkeit zu schreiben, darf er um Brief 
unzuverlässig bitten" und „er hätte ihm wol man< 
er wüsste, dass Kant Geduld haben würde, ihm : 
bekannte Criminalist Ernst Ferdinand Klein i 
thätigsten Mitarbeiter an der preussischen Gesetz! 
vorigen Jahrhunderts, schreibt am 22. Decbr. 178t 
auch ein Briefschreiber, der mit seinen Antworten \ 
Sie Ihre Bequemlichkeit". 

„Knut and Basedow. Ein Vortrag, gehalten 

22. April 1861, iuKgsbg. in der Eantgee eile ciiaft" abgedr. in . 

Ztecbr. f. Lid., Kunst n. offen tl. Leben. Hrsg. v. Bob. Prot*. 1862. Nr. 10. S. 329—34 1- 



Vbn Rodolf Keicke. 3g3 

Wer will ihm diese vis inertiae im Briefschreiben verdenken, zu- 
mal wenn man weiss, wie viel Mühe es ihm, besonders in den letzten 
Jahren machte? dies sieht man seinen Briefentwürfen an. Hatte er doch 
wahrlich auch Wichtigeres genug zu thun. 

Wie viel Briefe Kant geschrieben hat, wird sich ungefähr ermitteln 
lassen, wenn ich erst alle an ihn gerichtete Briefe durchgesehen habe. 
So kann ich schon jetzt beispielsweise angeben, dass den siebzehn Briefen 
von Beck mindestens neun Briefe von Kant correspondiren, zugänglich 
ist mir aber bis jetzt nur einer; den sechszehn Briefen von Biester 
gegenüber kann ich ebensoviele von Kant nachweisen, davon erst drei 
durch den Druck bekannt; den zehn Briefen von Schütz stehen drei 
gedruckte und sieben nachweisbare von Kant gegenüber; den achtzehn 
Briefen von Kiese wett er dreizehn von Kant, davon nur zwei gedruckt, 
fünf mir zugänglich, die übrigen nachweisbar. 

Gedruckt und allgemein bekannt durch die drei grossen Gesammt- 
ausgaben vpn Kants Werken sind etwa achtzig Briefe; gedruckt aber 
uicht allgemein bekannt noch zwanzig Briefe. Seit mindestens zehn 
Jahren ist es nun mein eifrigstes Bemühen, diesen geringen Bestand an 
Kantbriefen zu vermehren, wobei mich Gönner und Freunde nach Kräften 
unterstützen. Das Resultat ist bis jetzt kein unerfreuliches gewesen, aber 
es genügt noch nicht, um mit der von mir in Gemeinschaft mit Ober- 
lehrer Fr. Sintenis in Dorpat geplanten Veröffentlichung des chrono- 
logisch zu ordnenden Briefwechsels vorzugehen. Etwa hundert Briefe 
und Erklärungen Kants stehen zu meiner Verfügung, so dass also erst 
der dritte Theil der Anzahl der Briefe an Kant vorhanden ist. Könnte 
ich nur über grössere Müsse und Mittel verfügen, ich würde schneller 
zu einem gewünschten Abschluss kommen. Von öffentlichen Aufforde- 
rungen in Zeitungen und Zeitschriften habe ich bisher weit geringeren 
Erfolg gehabt, als von direkten Anfragen und Bitten, die ich und meine 
Freunde an Autographen-Sammler und -Händler gerichtet haben; mit 
ganz besonderem Danke habe ich hier die opferfreudige Unterstützung 
des Herrn Dr. Wilh. Tobias in Berlin hervorzuheben. Es gilt also 
noch weiter zu sammeln, und wenn Sie mir, hochverehrte Herren, hier- 
bei helfen können und wollen, so ist mir diese Gelegenheit, „Sie beim 



fr 



334 Aus Kant's Briefwechsel. 

Kanthaken zu kriegen (i — man verzeihe mir diesen Provinzialismus — 
sehr erwünscht gewesen. 

Es sei mir nun gestattet aus Kants Correspondenz eins und das 
andere hier mitzutheilen. 

Mit dem speculativen Inhalte der Briefe von Beck, Herz, Jakob, 
Maimon, Beinhold u. And. will ich unser gemeinsames Gedächtniss- 
mahl nicht aufhalten; nur soviel darf ich hier sagen, dass die 17 Briefe 
Beck 's, die von 1787 bis 1797 reichen, zu den bedeutendsten der 
ganzen Sammlung gehören. Wenn der bekannte Mathematiker Elügel 
in Halle mit seiner Behauptung Becht hat, dass Kant nur darum von 
Freund und Gegner nicht verstanden werde, weil sie nicht Mathema- 
tiker sind, so kam dem jungen Beck zu gut, dass er auch Mathematiker 
war; scharf ist sein Urtheil über die Leipziger und Hallenser Docenten; 
noch schärfer über Keiuhold's Theorie des Vorstellungs Vermögens; er 
hat einen polemischen Aufsatz darüber fertig, legt ihn aber aus Bück- 
sicht auf Kant's Bücksicht gegen Beinhold bei Seite und wendet sich 
mit desto grösserem Eifer dem Auftrage zu, einen Auszug aus Kants 
kritischen Schriften zu liefern; die dieserhalb geschriebenen Briefe an 
Kant sind von um so grösserem Werthe, als auf einigen derselben 
unser Philosoph mit zierlicher Schrift seine die von Beck aufgeworfenen 
Fragen beantwortenden Erörterungen beigemerkt hat 8 ). — 

Die Briefe von Biester geben interessante Aufklärungen über 
Kants Mitarbeiterschaft an der Berliner Monatsschrift, besonders auch 
in Bezug auf den 1786 heftig entbrannten Jacobi-Mendelssohnschen 
Streit über Lessing's Atheismus. 

Die zehn Briefe von Schütz aus den Jahren 1784 — 86 gewähren 
uns einen klaren Einblick in das literarische Leben, wie es sich in 
Folge der Gründung der Jenaer Allgemeinen Literatur-Zeitung besonders 
mit Bezug auf die kritische Philosophie in Deutschland gestaltete; 
Kants Becension über Herders Ideen zur Philosophie der Ge- 
schichteter Menschheit muss ausserordentliches Aufsehen gemacht 



a ) Wir theilen im Anhange diese wichtigen Briefe Beck 's an Kant, sowie 
den einen ans bekannt gewordenen Brief Kant 's an ihn und seine handschriftlichen 
Bemerkungen vollständig mit. 



Von Rudolf Beicke. 3g5 

haben; nur diese und noch eine Recension über Hufelands Grund- 
satz des Naturrechts erschienen von ihm in dem genannten Jour- 
nal; denn sein Grundsatz war, sich nicht selbst mit Widerlegungen 
zu befassen, sondern seinen Gang ruhig fortzusetzen. Unterdess liess 
die Propaganda für den Kriticismus nicht nach. „Ich werde auch", 
schreibt Schütz, „in der A. L. Z. künftig keine Gelegenheit versäumen, 
immer auf Ihre Ideen zurückzukommen. So denke ich non vi sed saepe 
cadendo will ich, ob ich gleich nur ein Tropfen bin, doch manche 
lapides von Philosophen erweichen 44 . 

Interessant ist es, gelegentlich aus den Briefen auch von den Be- 
mühungen der Gegner Kants zu erfahren. So berichtet Jakob unterm 
25. October 1786 an Kant, man melde ihm aus Marburg, dass die 
Wolfianer ein landgräfliches Rescript erwirkt haben, worin ausdrücklich 
untersagt wird, über die Kantische Philosophie zu lesen!!! Uebrigens 
brachte auch die Königsberger Hartungsche Zeitung vom 11. Decem- 
ber desselben Jahres dieselbe Nachricht. Rein hold erzählt am 
12. October 1787, dass Professor Ulrich in Jena seine Ueberzeugung 
in Rücksicht der Kritik der reinen Vernunft sehr geändert habe, seit- 
dem er (Reinhold) dort ist; Ulrich hat von Reinholds Vorhaben über 
seine „Einleitung in die Kritik der reinen- Vernunft für Anfänger 11 zu 
lesen erst, da der Lektionskatalog bereits gedruckt war, Nachricht er- 
halten; um ihm nun zuvorzukommen kündigt er an der Thür seines 
Auditoriums noch vor Anfang des Wintercursus sein polemisches Colle- 
gium gegen die Kritik der reinen Vernunft für den Sommercurs an, wo 
dasselbe viermal in der Woche gratis eröffnet wird. Als Probe von 
dem Tone, in welchem der Mann von seinem Vorhaben spricht, theilt 
Reinhold den Schluss einer der letzten Vorlesungen Ulrichs mit: „Kant, 
ich werde dein Stachel, Kantianer, ich werde eure Pestilenz sein. Was 
Herkules verspricht, wird er auch halten." Dergleichen „Armseelig- 
keiten u , die wol nicht blos in Jena „was alltägliches" waren, werden 
mehrmals berichtet. 

Kant war gut unterrichtet sowohl über die literarischen wie über 
die politischen Vorgänge, besonders auch über die Vorfälle am Hofe 
zu Berlin; denn seine Gorrespondenten sorgten dafür, zumal Kiese- 



386 Ao » k ** x ' b Briefwechsel. 

wetter, der unserm Kant nicht bloss Teltower Kuben schickt und das 
Recept seiner Matter über ihre Aufbewahrung und Zubereitung, sondern 
ihm auch sehr ausführlich mittheilt, wie traurig es am Hofe aussehe 
unter dem von Bischofswerder, Wöllner und der Rietz tyrannisirten an 
Leib und Seele schwachen Könige, „der ganze Stunden sitzt und weint 
und dem der Herr Jesus schon einige mal erschienen ist. 44 Wie schade, 
dass wir wegen Fehlens seiner Briefe nicht wissen können, ob uud wie 
Kant über diese „sonderbaren Dinge 11 , unter denen er ja auch als aka- 
demischer Lehrer und als Schriftsteller zu leiden hatte, gedacht und 
sich geäussert habe. 

Merkwürdig sind oft die Anfragen, Anerbietungen und Aufforderungen, 
die Kant erhielt. So schreibt der Consistorialratb, Prof. der Theol. 
und Phil, an der Frankfurter Universität Gotthilf Samuel Steinbart, 
dessen „System der reinen Philosophie oder Glückseligkeitslehre des 
Christen thums für die Bedürfnisse seiner aufgeklärten Landesleute und 
andrer die nach Weisheit fragen eingerichtet 44 , bis 1794 vier Auflagen 
erlebte, am 23. September 1781: „Nach Ihren Schriften sind wir längst 
verbrüdert, nur dass Sie im scharfsinnigen transcendenten Vortrage das 
empfehlen, was ich populär in meinen Schriften sage 44 . „Wenn Sie 
mir Ihre Freundschaft schenken wollen, so werde ich Ihnen künftig 
offenherzig und ausführlich melden können, was jetzt zur Aufreeht- 
erhaltung der menschlichen Würde und des Sensus communis gemein- 
schaftlich zu tbun nöthig werden möchte 44 . Ob Kant ihm geantwortet 
haben mag? Höchstwahrscheinlich; aber in artigster Weise ablehnend; 
ein zweiter Brief von Steinbart ist wenigstens nicht vorhanden. 

Und was mag Kant wol zu dem Anliegen Fessler's gesagt haben? 
Dieser bekannte Exkapuziner, dessen historische Romane seiner Zeit 
viel gelesen wurden und dessen Geschichte der Ungarn erst kürzlich 
in zweiter Auflage erschien, schrieb aus Carolath in Niederschlesien, wo 
er im Hause des Fürsten Carolath-Schönaich Erzieher war und seinen 
Marc Aurel schrieb, am 12. Juli 1795 an Kant: „Ihre Augenblicke 
sind kostbar; vor allem muß ich mein Recht an Sie zu schreiben er- 
weisen. Es kann nur durch Beförderung freyer Geistesthätigkeit und 
durch Begründung der Vernunftherrschaft in der Welt besser werden: 



i 



Von Budolf Reicke. 3g7 

zu diesem Zwecke beyzutragen ist jedes Mannes Pflicht, der Kraft in 
sich fühlt; es muß von allen Seiten und unter allen möglichen Ge- 
stalten zu demselben hingewirkt werden. Unter allen Lehrern des 
Alterthums ist vielleicht keiner für den philosophirenden Menschenver- 
stände [sie] brauchbarer und dem Geiste unsers Zeitalters angemessener 
und heilsamer, als Seneca der Philosoph. Ihn, den ernsten Verkündiger 
des Vernunftgesetzes, nicht den empyrischen Schicklichkeitslehrer Cicero 
sollte meines Erachtcns der practische Verehrer der Alten jetzt zu seinem 
Freunde und Vertrauten machen. Zu bedauern ist es nur, daß die 
höhere Kritik seit Gronovius für Seneca's Schriften nichts gethan hat; 
weil ihre Geweihten mit der hier und da befleckten Schale auch den 
in ihr liegenden gesunden, kraftvollen Kern verachtet hatten. Offen 
steht also noch dem männlichen Fleiße der Weg zu dem schönen Ver- 
dienste, dem bessern und edh^TTheile unserer Zeitgenossen einen durch- 
aus kritisch rccensirten und verbesserten Text der ältesten Prolegomenen 
zur kritischen Moral philo sopbie zu überreichen. Ich wage es, nach 
diesem Verdienste zu ringen 44 . Zwei Bände, die den Text mit erklärenden 
und kritischen Anmerkungen enthalten, werden zu Ostern 1797 in 
Wilh. Gottl. Korn's Verlag erscheinen [sie sind aber meines Wissens 
nie erschienen]. „Der dritte Band ist einem vollständigen Gommentar über 
die stoische Philosophie, den besondern Stoicismus des Seneca, und über 
das Verhältniß desselben zur kritischen Moralphilosophie gewidmet . . . 
eine Arbeit vor der mir schaudert; aber die ich übernehmen soll [das 
soll ist mit sehr grosser Schrift geschrieben.] Hier ist es, wo ich 
mir Ihre Hülfe, Ihre heilsamen Kath schlage erbitte. Was wünschten 
Sie in einem solchen Commentar zu finden? Wie nahe oder entfernt 
steht nach Ihrem Erkenntnisse der Stoicismus überhaupt, und besonders 
der Stoicismus des Seneca von dem, durch Sie entdeckten und aufge- 
schlossenen Heiligthume der reinen practischea Vernunft? u. 8. w." 
Fragen, wol geeignet für die Untersuchung in einer philosophischen 
Doctordissertation! 

Weit auffallender ist es, wenn ein Magister Grass e in Wittenberg, 
der einmal im all gem. litt er. Anzeiger gelesen hat, dass Kant mit dem 
berühmten Philologen Buhnken einen Briefwechsel unterhalten und selbst 



388 Ans K «nt'B Briefwechsel. 

in seinen jüngeren Jahren über die lateinischen Partikeln geschrieben 
habe, dem Philosophen ein Exemplar seiner lateinischen Grammatik 
einschickt und ihn bittet, er möchte ihm doch geneigtest nachweisen, 
wo die Schrift über die lateinischen Partikeln zu finden sei, oder ihm 
dieselbe, wenn er sie selbst besitze, mittheilen; er habe vergebens in 
allen Buchhandlungen danach gefragt „Zum Beweise, daß ich würklich 
mit Ihrem Systeme bekant geworden bin u , fügt er in einer Nachschrift 
hinzu, „mag auch beiliegende Piece °) dienen, die ich noch als Student 
hier schrieb; und Ihnen gesteh* ich es gern,: sie ist es schon einigemahle 
gewesen, was man an mir tadelte, wenn ich im geistlichen Gebiethe habe 
wollen versorgt sein, denn ihrend wegen heiß 1 ich hier ein Kantianer; und 
das ist Ursache genung, um bei geistl. Aemtern durchzufallen bisweilen 14 . 

Dass Friedrich Gentz hier in Königsberg studirt hat, ist wol Allen 
bekannt; aber unbekannt ist das Schreiben seines Vaters vom 16. April 1783 
an Kant, auf dessen Bekanntschaft er stolz ist. Darin heisst es: „Ich 
schicke Ihuen diesen meinen geliebten Sohn voll Vertrauen auf Dero 
Gute und Menschenliebe, und bin gewiß, Sie werden mir die einzige 
und grüßte Bitte, die ich Ihnen jemahls thun kann, nicht versagen, aus 
dem Stoff, den er in seiner Seele trägt, und womit ihn die Vorsehung 
so reichlich begabt hat, einen tugendhaften, weisen und nutzbaren 
Menschen zu bilden, der Führer seiner schwankenden Jugend, und der 
Stifter seiner zeitlichen und ewigen Glückseeligkeit zu werden . . . u 

Dass Kant auch Bettelbriefe erhalten hat, lässt sich denken. Mir 
liegen ein paar solcher vor. Daist ein armer Abgebrannter aus Grums- 
dorf bei Rogass in Südpreussen; er nennt sich Kandt, Theodor Gott- 
lob Martin Kandt; durch eine vermuthlich angelegte Feuersbrunst ist 
er um all sein Vermögen gekommen und hat einen Verlust von 5000 
Thalern erlitten. „Da nun Seine Magnificenze ein Mann von Einfluß 
ist und dem [sie] ganz Europa bewundert, so untersteht er sich Dieselben 
um eine milde Gabe unterthänigst anzuflehen". — Auch ein Schwede, 
Carl Friedrich Kanth, wendet sich am 1. Juli 1797 aus Lamm an seinen 



9 ) Vielleicht die Schrift: „Was hat man in der Moral von den Handlangen zu 
urtbeilen, welche nicht aus dem Bewusstsein von Pflicht vollzogen werden? Eine 
philosophisch-moralische Abhandlang". (Wittenberg 1792.) 



Von Rudolf Reicke. 3£9 

süssesten Cousin in Königsberg um ein Darlehn von 8 bis 10000 Thaler 
gegen Zinsen. Dem Schwedischen Original liegt eine die sprachlichen 
Eigentümlichkeiten geschickt wiedergebende Uebersetznng bei; da das 
Ganze zu ergötzlich ist, will ich es Ihnen nicht vorenthalten; es lautet: 

Carl Friedrich Kanth an Kant. 

„Lamm den 1. July 1797. 
„Daß ich mich die Freiheit nehme an meinen Cousin mich schrift- 
lich zu wenden, geschiehet nicht ohne Ursache, die Uhr kann ohne 
„Fehder und Gewicht nicht gehen, dasselbe Bewanntniß hat es mit 
„diesen meinen Schreiben. Die Hochachtung die ich zu Ihnen hege, 
„und Unsere nahe Anverwandtschafft ist zu diesen der Triebfehder, 
„verzeihen Sie, Hochgeschäzter HErr Cousin! die darinn findende 
„Schreibfehler, mein Vater starb in meinen 5ten Jahre, ich habe 

„daher wenig gelernt, vor 3 Monath Schrieb an meinen Hoch- 

• 

„geschälten Cousin in 'der zwischen Zeit bin ich in Lübeck und in 
„Eiehl gewesen in der Hofhung mein HErr Cousin anzutreffen und 
„mundtlich mit Ihnen sprechen zu können; aber vergebens, und bin 
„bis jezo ohne antwort von Ihnen, es sollte mich sehr erfreuen, wenn 
„es noch geschehen mögte. In meinen ersten Schreiben gab ich von 
„unsere familie Notice; Mein Seelig Vater hieß Johann Kant und 
„war Münster-Schreiber beym Oefotta Cavallerie Regiment; mein 
„Vater-Bruder Niklas Kant war Regiments Schreiber bey demselben 
„Regiment, Carl Frieda Kant war Rosthalter 10 ), Hans Kant war in 
„Stockholm, ich weiß aber nicht wo er sich zu lezt aufgehalten hat. 
„Des HErrn Cousin Vater hieß Lars Kant, und war Lieutenant in 
„Deutschland, die alte Kanten sind aber alle gestorben. Ich war vor 
„einiger Zeit in Stockholm, mann fragte mich, ob ich mit HErrn Kant 
„in Deutschland anverwandt wäre, ich antwortete, Ja! ich wurde be- 
tragt warum ich nach Stockholm gekommen wäre, ich sagte, um 
„mich bey der Zoll Direction zu melden und meine Papieren vorzu- 
liegen, um Zoll Infpector zu werden, ich erfuhr alsdann, um solchen 
„Posten zu erlangen, einige Tausend Thaler bey der hand sein mögten. 



,0 ) rost h&Uare = Büsthalter, ein Bauer, der einen Reiter stellen mnet. 



390 Auß KÄnt1fl Briefwechsel. 

„Ich wende mich daher an meinen hocbgeschäzton HErr Consin mit 
„der Bitte, mich auf einige Jahre mit 8 k 10 Tausend Thaler 
„Kupfer Mfintze gegen Interesse zu dienen, durch diese könnte ich 
„glöklich werden. Erfreuen Sie mich mit einer günstigen Antwort, 
„ich lebe indeßen zwischen Furcht und Hofnung." 

Eant hatte für seine wirklichen Verwandten hier und in Kurland, 

wo sein Bruder Johann Heinrich Kant, Fastor zu Alt- und Neurahden 

am 22. Februar 1800 mit Hinterlassung von Wittwe und unversorgten 

Kindern gestorben war, genug zu thun; und dass diese wie jene sich 

meldeten, beweisen die wiederholten Briefe an ihn, die wol bisweilen auch 

seinen Unmuth erregt haben müssen; denn auf einem kleinen Zettel der 

Gensichen'schen Sammlung findet sich folgende Notiz von Kants Hand: 

„Es kann nicht verlangt werden daß ich mich ausziehe ehe ich 

„mich schlafen zu legen bereit bin d. i. daß meine Verwandte schon 

„in meinem Leben mich beerben sollen. — Meines verstorbenen Bruders 

„Kinder werden nach meinem Ableben schon ihr Theil bekommen. — 

„Ich habe noch andere nämlich hiesige Verwandte, die ich zum Theil 

„schon jetzt obzwar willkührlich pensionire". 

Es ist bekannt und auch einmal bereits an dieser Stelle in einer 
Festrede n ) erörtert worden, dass Kants Autorität auf dem moralisch- 
praktischen Gebiete in den letzten Jahren seines Lebens auch mit Be- 
zug auf die Blatternimpfungsfrage in Anspruch genommen wurde. Sich 
wiederholt mit ihr zu beschäftigen, dazu gab ihm die erste Veranlassung 
das folgende Schreiben des Grafen Dohna auf Mallmitz bei Sprottau 
in Niederschlesien vom 28. August [1799}: 

„Verehrungswurdigster Mann! 

„Nur die Wichtigkeit die die Frage für mein Herz hat giebt mir 

„den Muth Sie um eine Antwort zu bitten. Ich habe eine Braut 

„mit der ich der innigen Vereinigung der Liebe mit der Achtung in 

„der Freundschaft, nahe zu kommen hoffe, diese hat die Blattern 



") Prof. Dr. Heinr. Bonn, „Ueber Kant's Beziehungen zur Medizin. Rede, 
gehalten am 22. April 1872 in der Kant-Gesellschaft" abgedruckt in der Altprenss. 
Monatwchrift Bd. X. S. 009—627. 



Von Rudolf Reicke. 39 \ 

„noch Dicht gehabt. Ein Vorfall in unsrer Familie wo eine junge 
„Frau von 19 Jahren in dem Kindbette die Blattern bekam nnd 
„ohne Bettung starb, welche Erfahrung man häufig macht, bestirnte 
„meine Braut selbst sich die Blattern einimpfen zu laßen, wodurch 
„sie meinem sehnlichen Wunsche zuvor kam. — Nun lese ich heute 
„in Ihrer Tugendlehre, welche mein Handbuch geworden ist seitdem 
„ich im Jahre 97 Ihr Sistem durch ein Privatissimum beim Professor 
„Beck damals in Halle, habe kennen lernen. Nun fällt mir heute 
„besonders die Stelle ") wegen der Einimpfung der Blattern unter 
„den Casuistischen Fragen auf. Ich halte sie für erlaubt, da ich 
„doch mein Leben noch auf etwas Ungewisseres wage, wenn ich es 
„darauf ankommen laße, von einem böseren Gifte, zu einer gefähr- 
licheren Zeit, und unvorbereitet angesteckt zu werden. Ich bitte Sie 
„herzlich lassen Sie mich wissen, was das Gesetz spricht, so bald als 
„möglich. Vielleicht ist die Einimpfung schon geschehen wenn Ihre 
„Antwort komt, aber schonen Sie mich nicht, ich will wissen ob ich 
„geirrt habe, doch werde ich suchen es so lange als möglich auf 
„zuschieben. 

„Ich zwinge mich zu schließen: nur so viel von meinem Individuum. 
„Ich bin 22 Jahr alt, Besitzer ansehnlicher Güter und trete in meinen 
„Wirkungskreis mit dem ernstlichen Willen als solcher und als 
„Mensch in jedem Yerhältniß meine Pflichten zu erfüllen und frei 
„zu handeln. Sie weiser Mann werden mein unsichtbarer Gefährte 
„sein und es wird mir sehr angelegen sein daß Sie sich der Gesell- 
schaft nicht schämen dürfen. Für so vieles gegebene Licht 

Ihr 
ewig dankbarer Fabian Emil 
KeichsGraf zu Dohna." 



") s. Kant, Metaphysische Anfangsgründe der Tagendlehre. Königsberg 1797. 
8. 75. (Kants sämmtl. Werke hrsg. v. Rosenkranz and Schubert. Bd. IX. S. 275). 
Die casuistische Frage lautet: „Wer sich die Pocken einimpfen zu lassen beschliesst, 
wagt sein Leben aufs Ungewisse: ob er es zwar thot am sein Leben zu erhalten, 
und ist so fern in einem weit bedenklicheren Fall des Pflichtgesetzes, als der See- 
fahrer, welcher doch wenigstens den Sturm nicht macht» dem er sich anvertraut, 
statt dessen jener die Krankheit, die ihn in Todesgefahr bringt, sich selbst zuzieht. 
Ist also die Pockeninoeulation erlaubt?" 



392 Aus Kant'f Briefwechsel. 

Sodann schrieb Professor Juncker in Halle (t 27. Dec. 1800), der 
sich seit 1792 durch verschiedene Schriften und ein besonderes Archiv der 
Aerzte und Seelsorger wider die Pockennoth (7 Stücke. Leipz. 1796—99) 
bekannt gemacht hatte, zweimal an Kant; der erste Brief scheint nicht 
mehr vorhanden zu sein; der zweite vom 27. Juni 1800 lautet: 

„Erlauben Sie mir, würdigster Mann, Sie hiermit noch einmal 
„inständigst zu ersuchen: über die Frage: 

„ob und in wiefern Sie die Einimpfung der Menschen- 
„blättern für sittlich oder unsittlich halten? 
„Ihr Gutachten mir gefälligst mitzutheilen. Ich würde diese inständige 
„Bitte gewiß nicht wiederholen, wenn nicht die Auffoderungen einiger 
„der würdigsten Mitglieder unserer Gesellschaft mich hierzu ver- 
pflichteten. Ich wiederhole in dieser pflichtmäßigen Rücksicht die 
„obige Bitte, und verbleibe in der gewißen Hofnung auf eine baldige 

„gefällige Erklärung 

Ihr Ihnen innigst ergebener Verehrer 

Dr. J. C. W. Juncker 

Prof. med. ord. Haien f." 

■ 

Ob Kant diese Briefe wirklich beantwortet habe, weiss ich nicht. 

Aber es lässt sich vermuthen nach den Notizen, die sich auf verschiedenen 

Zetteln zerstreut vorfinden. Auf dem einen steht nur die Ueberschrift: 

„Zur Beantwortung der Aufforderung des Hr. D. Juncker in Halle 

„den 27. Juny 1800 an mich erlassenen Brief wegen der Pockennoth 11 

sonst keine Zeile. Ein anderer Zettel enthält folgende Notiz: 

„Jetzt ist von der Pockennoth und von dem Pockenrecht des HE. 
„Grafen von Maltiz [sie] in Schlesien die Bede imgleichen Junkers 
„seine hierüber zugeschickte Schriften, die Eubpocken-seuche mit 
„eingeschlossen." 
Auf einem dritten Zettel hat Kant folgendes vermerkt: 

„In die Jahrbücher der preußischen Monarchie einen Brief an den 
„Grafen Dohna die Pockeneinimpfung u. deren Zuläßigkeit oder 
„Unzuläßigkeit der Pockeneinimpfung betreffend (vide Rechtslehre) 
„mit Bücksicht auf Prof. Juncker in Halle den Feuerlärm darüber 
„zu mäßigen. 



Von Rodolf Reioke. 393 

„Damit Staaten nicht mit Menschen überfallt werden u. man sie 
„in ihrem Eeim ersticke zwey Übel als Gegenmittel in sie ge- 
siegt — die Pocken und den Krieg. Der zunehmende luxus ver- 
hindert auch schon sehr den Überschuß der Gebohrnen. Die Natur 
„verfahrt mit Menschen nicht gelinder als mit Pflanzen- und Thier- 
„arthen. Durch die Fruchtbarkeit ersetzt sie überflüßig den Verbrauch 
„derselben ohne daß man naturwidrige Mittel brauchen darf. 1 ' 

Danach scheint Kant eine ausfuhrliche Erörterung dieser Angelegen- 
heit in den Jahrbüchern der preussischen Monarchie beabsichtigt zu 
haben. Ich habe dieselben durchgesehen; sie enthalten wol mehrmals 
Artikel betreffend „die landesväterliche Sorge des Königs für die Ge- 
sundheit der Unterthanen, besonders in Rücksicht auf die Pockennoth (i , 
auch „Nachrichten über zahlreiche Blatternimpfungen auf dem Lande", 
aber einem Aufsatz von Kant bin ich nicht begegnet. 

Nun fand ich aber ganz unvermuthet in dem zehnten Convolut des 
grossen nachgelassenen Manuscripts von Kant, das von dem U eber- 
gange von den metaphysischen Anfangsgründen der Natur- 
wissenschaft zur Physik handelt (abgedruckt in der Altpr. Mtsschr. 
Bd. XIX. 1882. Hft. 3/4) auf dem achten und neunten Blatte (cf. S. 270 
von mir bezeichnet mit II (Halbbogen), 1 und S. 274 Bogen in, 1.) 
eine längere Auseinandersetzung über dieses Thema, die man vielleicht 
als den Entwurf zu dem von ihm für die Jahrbücher der preussischen 
Monarchie bestimmten Artikel anzusehen hat. Ich gebe dieselbe hier 
wörtlich wieder, indem ich nur die Interpunction hinzufüge, die Kant 
überall fast gänzlich weglässt. Das erste Blatt ist mit A bezeichnet 
und trägt am Bande die Ueberschrift: „Pockennoth" 

„Unter allen Gefahren, in die der Mensch der etwas wagt ge- 
„rathen kan, ist die in Versuchung der Verletzung seiner Pflicht 
„zu gerathen, für einen wohldenkenden Menschen die größte ihrer 
„Wichtigkeit nach, obgleich, was das öftere Eräugnis einer solchen 
„Versuchung betrift, dieser Fall oft genug vorkomt.* 

„In Todesgefahr zu gerathen ist allerdings ein großes Übel, 
„und wer sich darin bringt, da er es hat vermeiden köüen, fehlt 

Altpr. Monatöachrift Bd. XXII. Hft. 5 u. 6. 26 



f 394 Auf Kant's Briefwechsel. 

«(peccat), ist unklug aus Leichtsiö; aber der, welcher sich der Ge- 
fahr aussetzt, zu einer lasterhaften That verleitet zu werden, der 
«verbricht (delinquit), wen er sie gleich nicht ausgeübt hat und 
«ist ein böser Mensch. — Andere Menschen aber vorsetzlich in 
„die eine oder die andere dieser Gefahren durch Beyspiel oder Be- 
, redung zu bringen, ist Bosheit (malitia). Ein habituell böser ist 
«ein verworfener Mensch (deperditus).* 

* * 

«Nun wird die Frage aufgeworfen: Ist es erlaubt, einen Anderen 
«in die eine oder die andere dieser Gefahren, mit oder ohne seine 
«Einwilligung zu bringen, damit etwas Gutes — ein physisches oder 
« moralisches Heil für Menschen herauskome, das ohne diese Gefähr- 
dung (periclitatio moralis) nicht bewirkt werden dürfte? der Apostel 
«sagt „daß deren die so denken Verdamnis ganz recht sey". ") — 
«Ein großes Beyspiel für diese Casuistische jetzt sehr in Anregung 
«gebrachte Frage ist eine besondere Art von Gefahren nämlich: 

„Die Pockeimoth." 

«Abgesehen von der moralischen Bedenklichkeit, ein Übel in der 
«Welt, dem man steuren kööte, geschehen zu lassen, ja es wohl gar 
«zu veranstalten, wird diese so genante Noth bey der Seltenheit 
«einer Epidemie dieser Art gar wenig gefühlt, und von der Unsicher- 
«heit des Lebens der Kinder überhaupt in der ersten Epoche des- 
selben verschlungen, ohne Aufsehen zu machen, und es scheint, 
«daß es mehr den Aerzten darum zu thun ist, ihrer Heilkunde Ehre 
«zu machen, als einer vom Volk gefühlten großen Noth abzuhelfen, 
„wie etwa der Hungersnoth, Holtznoth, u. d. g.* 

«Es ist also bey dem Pockenübel, was nun schon von undeut- 
licher Zeit her in das Menschengeschlecht eingeartet zu seyn scheint, 
«die Gefahr nicht so wohl in dem, was wir leiden müssen, als was 
«wir hiebey veranstalten sollen, d. i. um die Moralität unseres 
«Verhaltens zu thun, diese Krankheit und deren Abwendung entweder 
«dem Zufall der Naturursachen zu überlassen mit Zuziehung der 



'*) BOmer 3, 8. 



Von Rudolf Reicke. 395 

„Meister in der Kunst nämlich der Aerzte, oder sie uns vorsetzlich 
„zu geben, um sie methodisch zu behandeln, und da sie von der 
.besonderen Art ist, daß, wen die Einimpfung einmal glücklich ge- 
klungen ist, man jene nicht noch zum zweyten mal befürchten darf* . 
„Wie es einmal mit unserer Gattung steht, so ist das Pockenübel 
„und die damit verbundene Gefahr* 

Hier bricht das Fragment plötzlich ab und Kant behandelt sein 

eigentliches Thema zur Physik weiter fort Am Rande auf derselben 

Seite hat er an zwei verschiedenen Stellen noch folgendes bemerkt'. 

„Die Glückseeligkeitslehre ist das Princip der Gymnastik (negativ, 

„sustine et abstine) und das Wohlseyn (salus) mens sana in corpore 

*sano setzt doch Moral voraus 8 . 

„Fiat exper. in corpore vili und unter die vilia wird jeder Unter- 
„than der nicht zugleich gesetzgebend (nicht republicanisch) ist ver- 
standen. Pockeneinimpfung gehört also unter den Titel der heroica*. 

Auf dem zweiten Blatte^ mit B bezeichnet, heisst es: 

Über die Pockennoth. 

„Die Größte Gefahr für Menschen in ihrem Verkehr unter ein- 
ander ist die, Anderen Unrecht zu thun. Unrecht zu leiden ist 
„hingegen für nichts zu achten, und es zu dulden, ist oft gar vor- 
„ dienstlich, wen man hoffen darf, daß eine solche Toleranz den 
„Muth willen zu beleidigen nicht noch verstärken dürfte c . 

„Unter den mancherley Nöthen, die das Schicksal über das mensch- 
liche Geschlecht verhängt hat, ist eine Noth, Krankheiten, wegen 
, deren man in größerer Gefahr ist, wen man sich der Natur über- 
„läßt, als wen man ihr zuvorkomt und sie sich selbst zufügt, um 
„sie mit mehrer Sicherheit heilen zu könen, nämlich die Pocken- 
„noth, von welcher hier nun die moralische Frage ist ob der ver- 
„ nünftige mensch sie sich und anderen, die selbst kein Urtheil haben 
„(Kindern), die Blattern durch Einimpfung zu geben befugt sey, 
„ oder ob diese Art sich in Gefahr des Todes (oder der Verstümelung) 

„zu setzen nicht gäntzlich moralisch unzuläßig sey, hierüber also 

26* 



396 Ana Kant's Briefwechsel. 

„nicht blos der Arzt sondern der moralische Rechtslehrer in An- 
spruch genomen werden müsse. — Etwas wird hiebey imer gewagt, 
„aber die moralische Waghälsigkeit (etwas auf die Gefahr unrecht 
„zu thun) ist doch offenbar größer als die physische welche* 

Hier bricht der Satz wieder ab, am Rande steht folgende Be- 
merkung : 

„Die Pockennoth ist darum eine der am meisten bekümernden, 
„weil das Mittel wieder [sie] dieselbe zugleich der Moralität ent- 
gegen scheint*. 

Dann heisst es im Text weiter: 
„In Todesgefahr zu gerathen ist ein Übel (etwas physisch 
„Böses), sich aber darin willkührlich zu begeben, eine Pflichtver- 
, letzung (etwas moralisch Böses), man mag sich nun sie vorsetzlich 
„zuziehen, oder sich auch nur hierin dem Zufall überlassen, den die 
„Maxime des Verhaltens in solchen Umständen zieht dem hiebey 
„gleichgültigen doch den Vorwurf des Selbstmordes zu*. 

„Wer sich oder andere, wen er es hat verhüten könen, in Todes- 
gefahr komen läßt fehlt (peccat), der sich darin begiebt ver- 
bricht (delinquit). Beyde sind strafbar, der eine blos vor dem 
„Richterstuhl seiner eigenen Vernunft (ethisch), oder dem eines 
„äußeren Machthabers (juridisch)*. 

„Unter allen Gefahren aber, in die sich jemand begeben, oder in 
„die er gerathen mag, ist die der Pflichtverletzung, wen man sich 
„ihr aussetzt, die bey weitem größte, zwar sich auszusetzen nicht 
„so wohl (qvantitativ), daß man öfterer und leichter in sie zu ge- 
„rathen fürchten muß, als (qvalitativ) , daß sie durch kein Ver- 
dienst aufgewogen und getilgt werden und so auf gewisse Weise 
„moralisch-unsterblich ist*. 

„Es sind zweyerley Gefahren, in die ein Mensch, der etwas wagt, 
„gerathen kan, nämlich entweder an seinem Vortheil einzubüssen, 
„oder seine Pflicht zu verletzen; bey welcher die Zufälligkeit (in 
„Gefahr zu komen z. B. auf einem schmalen Brett über einem Ab- 
sgrunde oder über eine Brücke ohne Lehnen) in Gefahr zu komen 
„größer sey, wird hier nicht in Betrachtung gezogen, sondern 



Von Rudolf Eeicke. 397 

t was ärger ist: wieder [sie] die Klugheit in Beobachtung meines 
„Vortheils, oder wieder das Sittengesetz in Befolgung meiner Pflicht 
„zu verstoßen. Diese zwey Bestimungsgrunde der Wahl müßei 
„aber rein abgesondert und un vermischt in Betrachtung gezogen 
»werden; den wen die bewegende Ursache zum Theil das eine, zum 
t Theil das Andere in Betrachtung zieht, so kan die Vernunft gar 
„keinen sicheren Ausschlag mit einer solchen Waage finden, daher 
„man auch fragen kan: Was ist wichtiger? 44 

»Ob die Gefahr qvantitativ größer (leichter sich eräugnend) oder 
„qvalitativ größer (wichtiger) sey: in dieser Frage wird hoffentlich 
„jeder Wohldenkende das letztere wenigstens aussprechen. Der Znstand 
„eines seine Lage kenenden Menschen, sich im er in Gefahr zu wissen, 
„ist eine von den empfindlichsten nöthen, dafür man es lieber be- 
schließt kurz und gut sich in das Bedrohende zu stürzen 44 . 

Am Rande steht endlich noch die folgende Bemerkung: 
„Unter allen Nöthen ist die Gefahr, in ein Gedränge zu gerathen, 
„den moralischen Grundsätzen abtrünig zu werden: allein diese Noth 
„kan jederzeit überwunden werden, weil der Mensch das jederzeit 
„kan was er soll, weil unumgängliche Pflicht ihm vor Augen gestellt 
„wird. Selbst auch nur gestehen zu müssen, man fühle sich in Ge- 
Jahr, seine Pflicht in gewissen Versuchungen nicht wiederstehen, 
„sondern sie wissentlich übertreten zu köiien, ist schon eine Ver- 
dorbenheit des Herzens, deren der Mensch sich schämen muß". 

Man sieht, zu einem rechten Abschluss ist Kant auch hier nicht 
gekommen; ich aber komme zum Abschluss, indem ich alles übrige, 
was ich hier noch habe mittheilen wollen, zurücklege und Sie im Namen 
des verhinderten Vorsitzenden ersuche, dem Weisen und Guten, 
dessen Geburts- und Namenstag uns heute vereinigt, ein gutes Glas 
zu weihen, mit dem Wunsche, es möge sein kategorischer Imperativ, 
der uns mehr wie je in dieser realpolitischen und leider auch real- 
moralischen Zeit noth tbut, nie aufhören, zu gelten. 

Es lebe Eants kategorischer Imperativ! 



1 



"■^"\^*" »w"X- 's*' 



L«) 
Beck an Kant 

Wohlgeborner, 

Hochzuehrender Herr Professor! 

Ewr. Wohlgebornen waren gütig mir vor drey Monathe ein 
Empfehlungsschreiben an den P. Born in Leipzig zu geben. Ich habe 
mich da einige Wochen aufgehalten und endlich recht gute Aussichten 
verlassen müssen, weil ich nicht Mittel genug hatte lange ohne Ver- 
dienst daselbst leben zu können, kein "Weg aber, etwa zu einer Hof- 
meisterstelle oder zu Arbeiten bey Buchhändler, nach welchen sich da 
viele Hände reissen, sich mir eröfuen wollte. Jetzt bin ich in Berlin 
wo ich ein Unterkommen eher zu erhalten hoffe. Dem Bibliothekar 
Biester bin ich durch Herrn P. Krause bekannt. Er erlaubt mir den 
Gebrauch der Königl. Bibliothek, aus welcher ich jetzt Newtons Schriften 
bey mir habe. Wenn Ewr. Wohlgebornen so gut seyn wollten, an 
Gedicke oder sonst wen der Einfluß hat, mir Empfehlungsschreiben zu 
schicken: so wäre mir es in vielem Betracht sehr angenehm. Ich er- 
suche ergebenst Sie deswegen. 

Mit demjenigen Zutrauen das eine Folge des Verhältnisses des 
Schülers gegen den Lehrer ist, schreibe ich Ewr. Wohlgebornen mein 
Urtheil über die Docenten der Leipziger Universität. Reissender kann 
wohl nicht der Strom der Zuhörer zu den. philosophischen Hörsälen soyn 
als er hier ist, aber elender als hier kann die Art Philosophie zu lehren, 
geschweige sie zu entwickeln und zum philosophiren anzuführen, nirgends 
existiren. Platner ist ein jämmerlicher Mann. Sein Ich welches, wenn 
von Philosophie die Bede ist, wohl wenig Bedeutung hat, vernimmt 
der Zuhörer öfter als Inhalt und wirklich öfter als das was dieses Ich 
eigentlich geleistet hat. Ohngeachtet er mich kannte und im Auditorium 
zu bemerken schien, unterließ er doch nicht seine Zuhörer mißtrauisch 



,4 ) Die Originale von I— XIII und XV. XVI befinden sich auf der Dorpater 
Unirersitats-Bibliothek. Ex bibl. Car. Morgenstern CCXCI. Briefe an Kant. I. 
No. 59. 61-67. 69-75. 



Von Rudolf Beicke. 399 

gegen Kantische Philosophie, deren Geist er vollkommen gefaßt zu 
haben, [sze\ vorgab zu machen. Den F. Caesar glaube ich wegen seines 
gutmüthigen Characters schätzen zu müssen. Er bemüht sich wirklich 
Ihr System zu studiren. Nur weiß ich nicht was man aus der be- 
sondern Art Zweifel die er gegen dasselbe hat, machen soll, z. B. daß 
er Licht und Einheit finde in der Deduction der Kategorien der Quan- 
tität und Qualität aber Dunkelheit, ja Widersprüche in Absicht der 
Relation und Modalität. Es thut mir sehr leid, daß Born schlechten 
Vortrag hat. Auch kömmt mir sein Benehmen zu hitzig vor und 
als eine Folge der Aergerniß daß er keine Zuhörer hat. Hindenburg 
schätzet Sie sehr. Er sagte mir daß er mit der Philosophie wieder 
versöhnt sey, seitdem er Ihre Schriften studire. So gut auch der Vor- 
trag dieses vor trc Sieben Mannes in der Mathematik und Physik ist so 
hat er gleichwohl wenig Zuhörer. Die Vernachlässigung dieses Studiums, 
glaube ich, legt den Grund der tändelnden Art zu studiren die in Leipzig 
scheint im Gebrauch zu seyn. Als Preusse habe ich daselbst sehr gute 
Aussichten. Da ich für Wissenschaften brenne: so wünsche ich wohl 
meine Laufbahn da machen zu können. Ich muß mir aber erst das 
verdienen was zum Anfange derselben nöthig ist Empfehlungen von 
Ewr. Wohlgebornen könnten vieleicht darin mir behülflich seyn. Ich 
bin mit innigster Hochachtung 

Ewr. Wohlgebornen 
Berlin ergebenster Diener 

d. 1*2 August 1789. Beck. 

n. 

Beck an Kant. 

Wohlgeborner Herr," 

Hochzuehrender Herr Professor! 
Erlauben Sie daß ich Ihnen ein Exemplar meiner Dissertation 16 ) 
schicken darf. Dieses geschieht nicht, weil ich ihr einen Werth bey- 

") De theoremate Tayloriano, sive de lege generali, secondom quam funetiones 
mnUnkr, mutatis a quibus pendeant variabilibus. Diss. pro licentia (16. April 1791). 
Halae. Sein Bespondeot war Frdr. Theod. Foselger aas Elbing, Rechtsbeflissener; 
gewidmet ist die Schrift (20 S. 4.) dem Pastor und Bector der Marienbarger Schale 
Carl Theod. Wandscb. 



400 Aai Kant's Briefwechsel. 

lege; sondern weil ich wünsche, daß Sie sich an mich eines ihrer [sie] 
Wahrheit liebenden Schüler erinnern wollen. Mein eigenes Bewußtseyn 
übelführt mich, daß es auch solche Menschen giebt, die viel Gefühl 
für Wahrheit haben und die mit wahrer Wärme andern ihre Einsichten 
mittheilen mögen, die aber doch nur Pfuscher sind wenn sie Schrift- 
steller seyn wollen. Dieses letzte in meiner Rücksicht beweißt meine 
Ihnen mitgetheilte Schrift. Ich habe nunmehr die Licenz zu lesen. 
Da ich die Freundschaft des Klügeis besitze, so zweifele ich nicht 
Zuhörer zu meinen mathematischen Oollegien zu erhalten, und bin herz- 
lich froh, daß ich jetzt auf einer Laufbahn bin, zu der ich glaube 
bestimmt zu seyn. Bekomme ich Zuhörer zu philosophischen Vor- 
lesungen, so werde ich im Stillen die Ueberzeugung zu verbreiten suchen, 
die Ihr mündlicher und schriftlicher Unterricht in mir bewirkt hat. 
Ich bin mit einer herzlichen Hochachtung ganz 

Halle der Ihrige 

d. 19JS2 April 1791. Beck. 

m. 

Beck an Kant. 

Mein Theuerster Lehrer! 

Die freundschaftlichen Gesinnungen die Sie in Ihrem Briefe gegen 
mich äussern, stärken mein Gemüth, das leider! manchmahl wegen 
Zweifel an eignen Kräften und Tauglichkeit niedergeschlagen ist. Ich 
danke Ihnen herzlich dafür und auch für die Erlaubniß wieder an Sie 
schreiben zu dürfen. Beym Herrn Geheimen Rath v. Hofmann bin ich 
gewesen und habe ihm für seine Geneigtheit gegen mich die er in 
seinem Briefe an Sie hat blicken lassen, gedankt. Er begegnete mir 
sehr gütig und ich kann wohl glauben, daß er mir nützen werde, wenn 
er Gelegenheit dazu haben wird. Sonst genüsse ich hier wirklich einen 
Vortheil und zwar durch die Fürsorge des Herrn Professor Jakob, der 
sobald ich nach Halle kam, mich dem Schulkollegium des hiesigen 
Gymnasiums so sehr dringend empfahl, daß es mich bey diesem 
Gymnasium, bey dem er selbst so lange Schulkollege gewesen, zum 
Collaborator wählte. Dieser Vortheil beträgt etwa 90 oder 100 Thlr. 



Von Rudolf Beicke. 40 \ 

und ist überdem mit der ziemlich sichern Hofnung verknüpft Schul 
Kollege zu werden wenn eine Vakanz vorfällt. Herr Pr. Jakob ist jetzt 
von der Schule abgegangen; allein ein anderer als ich, der ein älteres 
Recht dazu hatte, ist an seiner Stelle Lehrer geworden. Seit vorigen 
Montag sind hier die Collegia angegangen. Ich lese die reine Mathe- 
matick nach Klügeis Lehrbuch und habe etwa 8 Zuhörer, die aber 
wahrscheinlich mir nichts bezahlen werden. Auch habe ich heute ein 
Publicum zu lesen angefangen, nehmlich die mathematische Geographie, 
worin freylich eine ganze Menge Studenten waren, die sich aber, weil 
es Vorkenntnisse verlangt, wahrscheinlich bis auf wenige verliehren 

4 

werden. Zur philosophischen Vorlesung hat sich niemand bey mir ge- 
meldet. Ich bin dieses schlechten Anfangs wegen aber gar nicht muthloß. 
Denn ich meyne es ehrlich und glaube daß man die Absicht zu nutzen 
mir anmerken werde. Schelten Sie aber doch nicht, daß ich Sie von 
meinen Umständen so lange unterhalte. 

Auch von literairischen Dingen haben Sie mir erlaubt Ihnen zu 
schreiben. Verehrungswürdiger Mann ! Sie lieben die Sprache der Auf- 
richtigkeit, und verstatten es mir Ihnen herzlich zu beichten, was mir 
auf dem Herzen liegt. Die Kritick habe ich gefaßt. Es war mir 
Herzenssache sie zu studiren, und nicht Sache des Eigennutzes. Ich 
habe Ihre Philosophie lieb gewonnen, weil sie mich überzeugt. Aber 
unter den lauten Freunden derselben, kenne ich keinen einzigen, der 
mir gefällt. So viel ich spühren kann, ist es eitel Gewinnsucht, welche 
die Leute belebt, uud das ist unmoralisch und schmeckt wahrlich nicht 
nach Ihrer practischen Philosophie. Herr Professor Reinhold will durch- 
aus alle Aufmerksamkeit an sich ziehen. Aber so viel ich auch auf- 
gemerkt habe, so verstehe ich doch kein Wort und sehe nichts ein von 
seiner Theorie des Vorstellungs Vermögens. Dem Professor Jakob bin 
ich gut, bis auf seine Büchermacherey. Er ist wirklich ein Mann von 
guter Denkungsart. Aber er hat kritische Versuche seinem Hume an- 
gehängt, welche ein schlechtes Contrefait dazu sind. Er will hin und 
wieder Mathematicker darin scheinen, und da er es doch nicht ist, so 
begeht er ausserordentliche Absurditäten. Im verlaufenen Winter halben 
Jahre hat er die Logick und Metaphysick, eine empirische Psychologie 



402 Aus Kaut's Briefwechsel. 

und einen moralischen Beweiß des Daseyns Gottes geschrieben. Auf 
die Art verdirbt man viel. Denn statt dem Publicum bey einer der 
Menschheit interessanten Angelegenheit behülflich zu seyn, bringt man 
dem denkenden Theil desselben Verdacht gegen die gute Sache bey. 
Sonst ist Jakob gewiß ein guter Mann, den ich aber noch weit mehr 
lieben wurde, wenn Philosophie ihm mehr Herzenssache als Vortheils- 
sache wäre. Ich halte mich lediglich an die Eritick und lese nichts 
mehr was von Gegnern oder Freunden derselben geschrieben ist 

Herr Kiese wetter hat an Jakob geschrieben, daß die Ostermesse 
Ihre Moral herauskommen wurde. Auf diese bin ich begierig. Denn 
es schweben mir in diesem Felde noch manche Dunkelheiten vor, die 
eine Moral von Ihnen aufhellen wird. 

Daß Herr Prof. Jakob jetzt hier Professor Ordinarius geworden, 
werden Sie aus seinem Briefe an Sie wahrscheinlich schon erfahren haben. 
Die Giessener haben dem Magister Schmidt die Vocation angetragen. 
Er hat sie aber wie mir Jakob sagt, ausgeschlagen, weil er in Jena 
eine Predigerstelle und sonst gute Aussichten hat. 

Sie verlangten daß ich unfrankirt an Sie schieiben sollte. Dann 
aber nehmen Sie es mir auch wohl nicht übel, daß ich einen Brief 
an Herrn Pr. Kraus einlege. 

Herr Professor Klugel empfiehlt sich Ihnen. Er sagt, die Ursache 
warum Sie von Freunden und Gegnern nicht verstanden werden, ist 
weil diese nicht Mathematicker sind. 

Ich bin mit der lautersten Hochachtung 

Halle der Ihrige 

d. 1*2 Juny 1791. Beck. 

IT. 

Beck an Kant 

Halle d. 6*£ October 1791. 

Theuerster Herr Professor, 

Vor einiger Zeit erhielt ich einen Brief von dem Buchhändler 
Herrn Hartknoch aus Riga, der mich bat und zwar, wie er sagte, anf 
Ihren Rath, einen Auszug Ihrer sämmtlichen Schriften lateinisch zu 



Von Rudolf Reicke. 403 

sehreiben. Da ich keinesweges mir die dazu gehörige Fertigkeit des 
Ausdrucks in dieser Sprache zutraue, so lehnte ich ohne Bedenken 
diesen Antrag von mir ab. Ich tbat ihm aber einen andern Vorschlag, 
den nehmlich, Verleger zu werden von einer Prüfung der Theorie des 
Vorstellungsvermögens des Herrn Keinholdts; oder auch von einer Ver- 
gleichung der Humeschen Philosophie mit der Ihrigen, die ich nach 
und nach ausarbeiten wollte. Was mich nun auf einmahl dazu brachte, 
was schreiben zu wollen, war in Wahrheit nicht Genie-Drang, sondern 
eine behuthsame Ueberlegung. Da ich nehmlich bedachte, daß es um 
das Lesen eines neuen Magisters eine mißliche Sache ist, und mein 
anderweitiger Verdienst so geringe ist, daß bey aller Einschränkung 
ich dennoch davon nicht subsistiren kann, so fiel ich auf die, in unsern 
Tagen leider! von zu vielen zugesprochene, aber doch noch immer 
ergiebige Quelle, was zu schreiben. Nun muß ich freylich gestehen, 
daß ich nicht sehr gehindert werde, alle blosse Buchermacher als Be- 
trüger anzusehen. Auch muß ich das gestehen, daß wegen meiner 
sehr langsamen Progressen in der Mathematick, ja deswegen, weil ich 
nichts Neues der Welt zu sagen habe, ich mich eben für keinen be- 
ruffenen Scribenten ansehen kann. Da ich aber an die Theorie des 
Yorstellungsvermögens Vermögens [sie] dachte, so schien der Vorwurf 
darüber was zu schreiben, einen Theil meiner Bedenklich[kei]ten zu 
lieben. Ich bin von der Nichtigkeit dieser Theorie so sehr überzeugt, 
daß ich im Stande bin, gar Ihnen, mein Urtheil darüber zu sagen, 
und da die Kritick mich überzeugt hat, so glaubte ich über diese Theorie, 
nach Anstrengung meiner Kräfte, was Gedachtes und nicht ganz Un- 
nützes hervorzubringen. Um jedoch nichts zu unternehmen das auch 
spätherhin mich mit mir selbst unzufrieden machen dürfte, entschloß 
ich mich zu dem, Ihnen, beßter Herr Professor, offenherzig mein Unter- 
nehmern anzuzeigen, und Ihren Rath mir darüber auszubitten. 
d. 8£? October. 
So weit war ich, da ich Ihren freundschaftlichen Brief vom 271 Sept. 
erhielt. Nun darf ich mit etwas mehr Muth weiter schreiben. Zuerst 
muß ich Ihnen sehr danken, für das Vertrauen das Sie zu mir fassen. 
So gut ich nur immer kann, werde ich desselben mich werth zu machen 



* ~ " "I 



404 Au8 K* D t' 8 Briefwechsel. 

suchen. Mit Freymüthigkeit, aber auch mit Furchtsamkeit schicke ich 
Ihnen eine Probe meiner Aufsätze über die Theorie des Vorstellungs- 
vermögens. Sie haben die Form der Briefe, weil ich sie wirklich an 
einen hiesigen Freund einen gewissen Magister Rath, der im Stillen 
die Kritick beherzigt, und den ich sehr liebe, gerichtet habe, der mir 
auch ein Paar Aufsätze dazu als Antworten versprochen hat, so daß 
die ganze Schrift vieleicht 8 Bogen stark werden könute. Aber Sie 
bitte ich vor allen Dingen, sie zu beurtheilen. Das imprimatur oder 
non imprimatur soll ganz von Ihnen abhängen. Eigentlich habe ich 
wohl die Absicht sie anonymisch zu schreiben. Wenn Sie aber Gelegen- 
heit haben, mich mit Herrn Reinholdt bekannt zu machen, so würde 
das gleichwohl mir angenehm seyn, und ich würde auch in dem Fall, 
sehr sorgfältig alles, was selbst entfernt ihn böse machen könnte, meiner 
Schritt benehmen. Einen Auszug aus Ihren kritischen Schriften zu 
machen, wird vorzüglich daher mir ein angenehmes Geschäfte seyn, weil 
Sie mir erlauben, meine Bedenklichkeiten, grade Ihnen vorzulegen. 
Die Eritick d. r. V. habe ich mit dem herzlichsten Interesse studirt, 
und ich bin von ihr wie von mathematischen Sätzen überzeugt. Die 
Eritick der practischen Vernunft ist seit ihrer Erscheinung meine Bibel. 
Aber ich wünsche jetzt nicht so viel, Ihnen geschrieben zu haben, um 
einige mir vorkommende Schwierigkeiten, welche jedoch die eigentliche 
Moral betreffen, Ihnen vorlegen zu können. 

An Herrn Pr. Eraus bitte ich inliegenden Brief abzugeben. Vor 
allen Dingen habe ich diesem vortreflichen Mann die Ursache angeben 
müssen, warum ich Schriftstellern will. Aber Sie habe ich noch ganz 
vorzüglich zu ersuchen ihn zu bitten, daß er mir deshalb nicht böse 
seyn wolle. Seinen Unwillen fürchte ich mehr als den Tadel der 
Becensenten. 

Da Sie so gütig sind zu verlangen, daß ich meinen Brief nicht 
frankire, so thue ich es, auch diesesmahl nicht. Da jedoch ich künftig 
was verdienen werde, so bitte ich für die Zukunft mir [*ic] das Porto 
tragen zu lassen. Ich bin mit der herzlichsten Hochachtung 

der Ihrige 
Beck. 



Von Rudolf Reicke. 4Q5 

y. 

Beck an Kant. 

Halle d. 11*2 November 1791. 
Theuerster Herr Professor! 

Bald nachdem ich den Brief votn 2^2 October an Sie geschrieben 
hatte, und noch täglich an der Prüfung der Theorie des Vorstellungs- 
vermögens etwas arbeitete, wurde der Gedanke mir immer auffallender, 
daß ich doch im Grunde für kein Publicum schriebe. Da ich nun 
gestern Ihren mir sehr lieben Brief vom 2£H November erhielt, so be- 
schloß ich gleich, diese Arbeit ganz bey Seite zu legen. Aber, obgleich 
dem so ist, so liegt mir doch daran, Sie zu versichern, daß ich weit 
entfernt gewesen, etwas in meine Schrift zu setzen, was Herrn Reinholdt 
auf den Gedanken bringen könnte, daß Sie was darum wüßten. Auch 
hätte ich mir nichts Hartes gegen diesen Mann erlaubt, der des Wahr- 
heit-Gefühls wegen, das er in seiner Schrift äussert, mir immer sehr 
schätzbar ist. Ganz unnütze für mich ist auch meine Beschäftigung 
mit seiner Theorie nicht gewesen, indem ich Vieles mehr nachgedacht 
und mir auch geläufiger gemacht habe. 

Ich wende mich nun zu der mir weit interessanteren Arbeit, einen 
Auszug aus Ihren kritischen Schriften zu verfertigen, und schiebe die, 
dem Herrn Hartknoch angebotene Schrift über Hume noch etwas auf. 
Mit dem mir möglichen Fleiß will ich arbeiten und werde, beßter 
Herr Professor, da Sie es mir ja erlauben, Ihnen das schreiben, was 
ich noch nicht tief genug bis zur eigenen Beruhigung einsehe. Wenn 
Sie nun so gütig seyn wollen, deswegen an Herrn Hartknoch zu schreiben, 
so wird mir das sehr angenehm seyn. Er wird aber auch so gut seyn 
müssen mir aus seinem Lager in Leipzig einige Sachen, besonders 
Journale, die ich mir ausbitten werde, zu schicken. 

Und nun, erlauben Sie mir, zu fragen, ob ich in Folgendem Ihren 
Sinn treffe. Nur muß ich Sie vorher bitten doch nicht verdrüßlich 
zu werden, wenn bey der Versicherung die Eritick beherzigt zu haben, 
ich doch vieleicht zu fehlerhaft schreibe. 



406 A- 08 Kant'0 Briefwechsel« 

Die Kritick nennt die Anschauung, eine Vorstellung die sich un- 
mittelbar auf ein Object bezieht. Eigentlich aber wird doch eine Vor- 
stellung, allererst durch Subsumtion unter die Kategorien objecüv. Und 
da auch die Anschauung, diesen, gleichsam objectiven Character, auch 
nur durch Anwendung der Kategorien auf dieselbe erhält, so wollte 
ich gern jene Bestimmung der Anschauung, wonach sie eine auf Ob- 
jecto sich beziehende Vorstellung ist, weglassen. Ich finde doch in der 
Anschauung nichts mehr, als ein vom Bewußtseyn (oder dem einer- 
ley Ich denke) begleitetes und zwar bestimmtes Mannigfaltige, wobey 
noch keine Beziehung auf ein Object statt findet. Auch den Begrif 
will ich nicht gern eine Vorstellung die sich mittelbar auf ein Object 
bezieht, nennen; sondern unterscheide ihn darin von der Anschauung, 
daß diese durchgängig bestimmt, und jener nicht durchgängig bestimmt 
ist. Denn Anschauung und Begrif erhalten ja, erst durch das Geschäfte 
der Urtheilskraft die sie dem reinen Verstandesbegrif subsumirt, das 
Objective. -|- ,8 ) 

Unter dem Worte verbinden in der Kritick, verstehe ich nichts 
mehr, noch minder, als das Mannigfaltige von dem identischen Ich 
denke, begleiten, wodurch überhaupt eine Vorstellung entsteht 
Nun meyne ich daß die ursprüngliche Apperception eben um dieser 
einen Vorstellung willen, die dadurch nur zu Stande kommen kann, 
von der Kritick die Einheit der Apperception genannt wird. Aber 
habe ich auch darin recht daß ich beyde verwechsele, oder vielmehr, 
darin lediglich den Unterschied finde, daß das reine Ich denke, ob- 
gleich es nur an der Synthesis des Mannigfaltigen erhalten wird, doch 
überhaupt (da es selbst nichts Mannigfaltiges in sich schließt) als 
etwas Unabhängiges von demselben gedacht wird; hingegen die Ein- 
heit des Bewußtseyns in der Identität desselben bey den Theilen des 



") Kant hat hier ein \ gemacht und unten in 3 Zeilen vermerkt: „Die Bestimang 
„eines Begrifs durch die Anschauung zu einer Erkentnis des Objects gehört für die 
„Urtheilskraft aber nicht die Beziehung der Anschauung auf ein Object überhaupt; 
„den" das ist blos der logische Gebrauch der Vorstellung dadurch diese als zum 
„Erkentnis gehörig gedacht wird, dahingegen wefi diese einzelne Vorstellung blos 
„aufc Subject bezog, wird der Gebrauch ästhetisch ist (Gefühl) und die Vorstellung 
„kein Erkentnißstück werden kan". 



Von Rudolf Reicke. 407 

Mannigfaltigen zu setzen sey? Diese Einheit erhält nun in meinen 
Angen den Character der objectiven Einheit, wenn die Vorstellung selbst 
unter die Kategorie subsumirt wird. Herr Beinboldt spricht von einer 
Verbindung und einer Einheit im Begrif, einer zweyten Verbindung und 
einer zweyten Einheit (von der zweyten Potenz, wie er sich ausdrückt) 
im Urtheil. Auch hat er noch eine dritte im Schluß. Davon verstehe 
ich zwar nicht ein Wort, indem ich unter verbinden nichts mehr als 
das Mannigfaltige vom BewuBtseyn begleiten, verstehe, aber doch macht 
es mich mißtrauisch gegen mich selbst. 

Mein Theuerster Lehrer, Ihnen Zeit rauben ist nicht meine Sache. 
Aber, indem ich für dieses mahl nichts Weiteres Ihnen vorlegen will, 
muß ich Sie inständigst bitten, mit wenigen Worten mich über das 
Vorgelegte, zu beruhigen. Denn wenn ich irre, so würden doch wohl 
nur einige Winke hinlänglich mich auf die rechte Bahn führen. Es 
verhält sich mit diesem Studium darin ganz anders wie mit dem der 
Mathematik. Sätze der letztern, einmahl deutlich eingesehen, können 
wohl an Deutlichkeit nichts mehr gewinnen. Dies letztere findet doch 
in der Philosophie statt. Klügel, dessen Scharfsinn ich oft zu bemerken 
Gelegenheit habe, versichert mich, daß obgleich gar einmahl er ein 
Collegium über die Metaphysick der Natur gelesen, er lange nachher 
erst ein einigermassen widriges Vorurtheil sowohl gegen jene Metaphysick, 
als auch wohl gegen die Kritik bis auf den Punct daß er sie schätze, 
indem er sie immer mehr verstehe abgelegt habe. Ich erinnere mich 
noch gar wohl, wie er, um die Zeit da ich hier angekommen war, über 
die Bestimmung, wonach die Mathematik eine Wissenschaft durch 
Construction der Begriffe sey, urtheilte. Ich konnte lange nicht errathen 
was er damit haben wollte, daß sie eine Wissenschaft der Formen 
der Grössen sey, und erfuhr erst da ich disputirte, daß seine Er- 
klärung genau mit der Ihrigen congruire. Die Kritick der Urteils- 
kraft befriedigt mich ganz. Nur müssen Sie nicht zürnen daß ich jetzt 
erst mit dem ästhetischen Theil fertig bin. Ich bin mit der reinsten 

Hochachtung 

der Ihrige 

Beck. 



Am Kaat'a Brlefwochael 



VI. 
Beck an Kant. 



Thenerster Herr Professor, 

Heute habe ich das Vergnügen gehabt, H 
kennen zu lernen. Er sagt, Sie erlauben es 
Auszugs aus Ihren eritiseben Schriften zu s 
Wissen geschrieben sey. Das ist nun wohl 
dadurch noch nicht ganz beruhigt. Ich in 
Publicum, und muß, nenn ich auch nur auf 
seyn will, alle Vorsicht und Fleiß anwenden, 
zu erscheinen. Wollen Sie mir erlauben, ! 
schicken, und darf ich Sie bitten, entweder 
oder, da ich dieses' wohl nicht erwarten 

Herrn Hofprediger Schultz in meinem Namen darum ersuchen? 
Er kennt mich sehr wohl, und würde vieleicbt auch aus Freundschaft 
für mich, und wenigstens wenn Sie insbesondere ihn darum bitten, 
es wohl thtin. 

leb wünsche gar sehr zu wissen ob ich in Folgenden Ihre Gedanken 
treffe. Ich meyne daß man in der trausc. Aesthetick die Anschauung 
gar nicht erklären dürfe, durch die Vorstellung die sich unmittelbar auf 
einen Gegenstand bezieht, und die da entsteht, indem der Gegenstand 
das Gemüth afficirt. Denn in der transc. Logick kann erst gezeigt 
werden, wie wir zu objeetiven Vorstellungen gelangen. Die reine An- 
schauung verbietet jene Erklärung schon von selbst. Ich sehe doch in 
Wahrheit nicht daß ich irre, wenn ich sage: die Anschauung ist eine 
durchgängig bestimmte Vorstellung in Ansehung eines gegebenen Mannig- 
faltigen. Auch wird es mir so recht deutlich, daß die Mathematik 
eine Wissenschaft durch Construction der Begriffe sey. Denn auch die 
Algeber kann nicht anders als vermittelst durchgängig bestimmter Vor- 
stellungen ihre Sätze beweisen. Auch muß man meiner Meynung nach 
gar sehr bedacht seyn, das Subjective der Sinnlichkeit von dem Ob- 



Von Rudolf Reicke. 409 

jectiven zu scheiden, um nachher desto besser das eigene Geschäfte der 
Categorien, welche die Objectivität den Vorstellungen geben, ins Auge 
zu fassen. 

Zweytens ist es mir sehr begreiflich, daß die Gegenstände der 
Sinnenwelt, den Grundsätzen der transc. Urtheilskraft unterworfen seyn 
müssen. Um dieses im hellen Lichte zu sehen, so subsumire man die 
empirische Anschauung unter die Schemate der Categorien: so sieht 
man so fort, daß sie nur dadurch Objectivität erhält, da dann die 
Frage wie es zugeht, daß die Gegenstände sich nach jenen syntheti- 
schen Sätzen a priori richten müssen, aufhört. Sie sind ja nur darum 
Gegenstände, so fern ihre Anschauung der synthetischen Verknüpfung 
des Schema unterworfen gedacht wird. Z. B. sehe ich die Gültigkeit 
der Analogie, daß allen Erscheinungen was Beharrliches zum Grunde 
liege, daher ein, weil, wenn ich das Schema der Substantialität auf die 
empirische Anschauung beziehe, diese eben hiedurch Objectivität erhalte, 
mithin muß der Gegenstand selbst, dieser synthetischen Verknüpfung 
der Substanz und Accide/iz unterworfen seyn. Aber wenn ich bis zu 
dem Princip der ganzen Sache hinaufsteige, dann treffe ich doch eine 
Stelle an, wo ich sehr gern mir mehr Licht wünsche. Ich sage, die 
Verbindung der Vorstellungen im Begrif ist von derjenigen im Urtheil 
verschieden, so daß in der letzten noch über jene Verknüpfung die 
Handlung der objeetiven Beziehung vorgohe, also die nehmliche Hand- 
lang, durch welche man einen Gegenstand denkt In der That ist es 
doch ganz was Verschiedenes, wenn ich sage, der schwarze Mensch, 
oder, der Mensch ist schwarz, ") und ich meyne daß man sich nicht 
fehlerhaft ausdrücke, wenn man sagt, die Vorstellungen im Begrif sind 
zur subjeetiven Einheit, dagegen im Urtheil zur objeetiven Einheit des 
Bewußtseyns verbunden. Aber ich gebe viel darum wenn ich tiefer 
in die Sache greifen könnte und eben diese Handlung der objeetiven 
Beziehung dem Bewußtsein besser darstellen könnte. In meinem 



17 ] Kant hat hierzu auf derselben zweiten Seite unten bemerkt: „Der Ausdruk: der 
„schwarze Mensch bedeutet den Menschen sofern der Begrif von ihm in Ansehung 
»der Öchwärze bestirnt gegeben ist, aber der: der Mensch ist schwarz bedeutet die 
»Handlung meines Bestimens". 

▲hpr. MouatMchrift Bd. XX IL HfL 5 n. 6. 27 



410 Aua Kant' s Briefwechsel. 

letzten Briefe berührte ich diesen Punct als eine mir vorkommende 
Dunkelheit, und beßter Herr Professor, aus Ihrem Schweigen darauf, 
argwöhnte ich, daß ich Unsinn darin verrathen haben dürfte. Aber 
ich mag die Sache um und um ansehen, so sehe ich nicht daß ich 
grade was Ungereimtes gethan, wenn ich Belehrung darüber mir aus- 
gebeten und Sie noch darum ganz inständigst ersuche. 

Drittens, ist mir das Verfahren der Critick der practischen Vernunft 
ausserordentlich einleuchtend und fürtreflich. Sie hebt von objectiv- 
practischen Principien an, welche die die [sie] reine Vernunft ganz 
' unabhängig von aller Materie des Willens, für verbindend anerkennen 
muß. Dieser anfänglich problematische Begrif erhält unwiderlegbare 
objeetive Realität durch das Factum des Sittengesetzes. Aber ich ge- 
stehe, daß so einleuchtend wie der Uebergang der synthetischen Grund- 
sätze der transc. Urtheilskraft zu Gegenständen der Sinnenwelt, die 
ihnen unterworfen sind vermittelst der Schemate, mir vorkömmt, mir 
der des Sittengesetzes vermittelst des Typus desselben, nicht erscheint, 
und ich würde wie von einer Last befreyet seyn, wenn Sie freund- 
schaftlich, die Nichtigkeit folgender Frage mir zeigen wollten. Ich 
frage nehmlich, kann man sich nicht denken, daß das Sittengesetz 
etwas geböte, das seinem Typus zuwider wäre, mit andern Worten: 
kann es nicht Handlungen geben, bey denen eine Naturordnung niebt 
bestehen kann, und die doch das Sittengesetz vorschreibt? Es ist ein 
bloß problematischer Gedanke, aber ihm liegt doch das Wahre zum 
Grunde, daß die strenge Notwendigkeit des categorischen Imperativs, 
keinesweges von der Möglichkeit des Bestehens einer Naturordnung 
herzuleiten ist; aber darin werde ich irren, wenn ich die Ueberein- 
stimmung beyder für zufällig erkläre. 

Und nun, lieber theurer Lehrer, werden Sie mir doch nicht ab- 
geneigt, wegen meines vieleicht ungestühmen Anhaltens mit meinen 
Briefen. Ich liebe und verehre Sie unaussprechlich und bin mit Herz 

und Seele der 

Ihrige 

Beck. 



Von Rudolf Reicke. 411 

vn- 

Beck an Kant. 

Halle d. 8!fü September 1792. 
Theuerster Herr Professor, 

Sie haben mir erlaubt Ihnen mein Manuscript zu schicken und ich 
benutze hiemit dieses gutige Anbieten. Da ich es mit Sorgfalt auf- 
gesetzt und kein Nachdenken in dieser Arbeit mir erspahrt habe, so 
giebt mir dieses einigen Muth dieselbe Ihnen vorzulegen. Was die 
Schwierigkeiten betritt, die mich bisweilen quälten, und die ich zum 
Theil Ihnen vorgelegt habe, so habe ich grosscntheils und nach und 
nach aus eigenem fundo sie mir selbst gehoben. Daß der grade Gang 
auch in Wissenschaften der beßte ist, erfahre ich täglich, indem jedes- 
mahl, daß ich mich überredete, auch in der Critick was eingesehen zu 
haben, das ich doch nicht hatte, ich mich nur vom Ziel auf längere 
Zeit entfernt habe. Der Auszug aus der Critick der reinen Vernunft 
geht in diesen Heften bis zur tranfcendentalen Dialectick. Ich habe ihn 
schon einmahl ganz fertig gehabt; aber der Fortschritt in diesem Studium 
und die dadurch erhaltene Aufklärung hat mich vermocht die ganze 
Arbeit umzuwerfen und von Neuem den Aufsatz zu machen. Aber um 
eine Unart muß ich um Verzeihung bitten. *Ich habe zwar das Manu- 
script so leserlich als ich konnte geschrieben, aber es war mir unmöglich 
es abschreiben zu lassen, weil die Leute die man hier dazu braucht, 
Soldaten sind, und diese sich jetzt in Frankreich befinden. 

Und nun, Lieber, Theurer Lehrer, darf ich freylich nicht Wähnen, 
daß sie mein ganzes Geschreibe selbst durchgehen werden. Nur um 
die Gefälligkeit muß ich Sie wirklich ersuchen, die einige Blätter von 
der Deduction der Categorien und den Grundsätzen durchzugehen, woran 
mir am meisten gelegen ist und mir zu zeigen, was ich wohl gar falsch 
durfte gefaßt, oder Ihrem Wunsche nicht gemäß dargestellt haben. Der 
Buchdrucker verlangt aber das Manuscript in einer Zeit von acht Wochen 
und ich bin daher genöthigt es mir gegen Ende des Novembers zurück 
zu erbitten. 

Noch eine Privatfrage möchte ich gern thun, wozu mir Ihre Critick 

durch die mir ausserordentlich einleuchtende Bemerkung, daß man einen 

27* 




412 Att » K*Qt'f Briefwech sei. 

Baum durchweg erfüllt mit Materie sich denken und gleichwohl das 
Reale desselben durch unendlich viele Grade verschieden setzen könne. 
Ich habe mich niemals in die Vorstellungsart Kästners, Karstens :c. 
daß man die Materie aus gleichförmigen Moleculis von einerley Schwere 
bestehend sich denken müsse, um die verschiedenen Gewichte gleicher 
Volumina sich zu erklären, finden können. Die critische Philosophie 
hat bis zum Ergötzen mich hierüber belehrt. Um nun jene Erscheinung 
mir zu erklären, stelle ich mir die Sache so vor. Die Erde zieht jeden 
Körper auf ihrer Oberfläche an, so wie sie auch von ihm angezogen 
wird. Aber die Wirkung des Körpers gegen | ") die Erde ist unend- 
lich klein gegen die welche die Erde auf ihn hat und daher kommt es 
daß die Fallhöhe im luftleeren Baum aller Körper ganz gleich ist. 
Hänge ich aber zwey Körper von gleichem Volumen in denen kein Theil 
leer seyn mag an die Wage, so wird die Wirkung welche die Erde auf 
beyde äussert gegen einander aufgehoben, aber die Kräfte womit beyde 
Körper die Erde anziehen, bleiben und sind es nun allein welche ein 
Verhältniß gegen einander haben. Im luftleeren Raum ist das Verhältniß 
der Kräfte womit beyde Körper zur Erde fallen = a + cLc: a + dy = a:a 
also ein Verhältniß der Gleichheit; aber an der Wage =cLc:dy ein 
Verhältniß der Ungleichheit Würden beyde Körper auf eine Mondes- 
weite etwa von der Erde erhoben, so würden gewiß ihre Fallhöhen nicht 
mehr gleich seyn. Ob ich darin wohl recht habe? 

Inliegenden Brief an Sie zu bestellen hat mich Herr M. Bath 
gebeten. Er hat Lust die Critick ins Latein zu übersetzen und will 
Sie darum befragen. Da Ihnen dieser Mann gänzlich unbekannt ist, 
so darf ich wohl einige Worte die ihn kenntlich machen sollen her- 
setzen. Er ist kein junger Mensch, sondern ein Mann zwischen dreyßig 
und vierzig. Wirklich reine Liebe zu den Wissenschaften hat ihn vom 
schriftstellerischen Pfad, und diese sowohl als eine grade aufrichtige 
Denkungsart, von dem Bestreben das andern manchmahl schnell Ehren 
bringt, abgehalten. Daß er die alten Sprachen kenne habe ich aus dem 



,s ) Kant Hat hinter dem Worte „gegen" einen Verticalstrich gemacht und am Rand« 

vermerkt: „| einen gleichen Theil der Erde aber auf der ganzen Erde ist sie gleich 
„nnr nicht der Geschwindigkeit nach, die sie der Erde gieht" 



Von Rudolf Reicke. 4^3 

Munde derjenigen, die hierselbst ein Ansehen deshalb haben. Daß er 
aber die critische Philosophie mit glücklichem Erfolg studire, davon 
überführt mich mein vertrauter Umgang mit ihm, der mir das seltene 
Glück gewährt, meine Gedanken einer menschlichen Seele mit Wohl- 
gefallen mittheilen zu können. 

Künftiges Winterhalbe Jahr werde ich ein Publicum lesen der 
practischen Philosophie, worauf ich mich herzlich freue, indem ich ge- 
wiß viel belehrter es schliessen als ich es anfangen werde. 

Ich schliesse hiemit und empfehle mich Ihrer Gewogenheit, der 
ich mit Hochachtung und Liebe bin der Ihrige 

Beck. 

Auf derselben Seite von Kants Hand 14 Zeilen: • 

Kant 
„Die größte Schwierigkeit ist zu erklären wie ein bestirntes Volumen 
„von Materie durch die eigene Anziehuug seiner Theil[e] in dem Ver- 
hältnis des Qvadrats der Entfernung inverfe bey einer Abstoßung die 
„aber nur auf die unmittelbar berührenden Theile (nicht auf die Eni- 
,ferneten) gehen kan im Verhältnis des Cubus derselben (mithin des 
„Volumens selber) möglich sey. Den das Änziehungsvermögen komt 
„auf die Dichtigkeit diese aber wieder aufs Anziehungsvermögen an. 
«Auch richtet sich die Dichtigkeit nach dem umgekehrten Verhältnis 
„der Abstoßung d.i. des volumens — Nun fragt sich ob wen ich eine 
„Qvantität Materie darin ihre Theile einander in allen Entfernungen nach 
«obigem Gesetz anziehen aber derselben] Zurückstoßung doch größer 
„ist sich selbst überlasse ob es eine gewisse Grenze der ferneren Aus- 
dehnung gebe, da die Anziehung mit der Zurückstoßung im Gleich- 
gewicht ist oder ob nicht wen die Zurückstoßung bey einer Dichtigkeit 
„größer ist als die Anziehung sie es nicht ins Unendliche bey größerer 
„Ausdehnung bleibe. Die Abnahme nach dem Cubus der Entfernung 
„aber scheint das erstere zu bestätigen. Nun kan man viele solche 
»aggregata außer einander denken darin jedes gleichsam einen Dienst 
„für sich ausmacht und die sich einander anziehen wodurch sie sich ' 
„mehr verdichten welche Nähertretung aber von einer gewissen Ursprung- 



L1E1 



414 ÄDB Ksnt's liriefwecfciel. 

, liehen Dünnigkeit des Vniverfum durch plötzliche Lo 
«eine im er wahren de eoneusfion zuwege bringen würd 
„terie bestirnte für sich beharrliche Klumpen ausr 
„einen Zusameubang d. i. eine Anziehung haben, 
.anziehenden Kräften aller Tbeile derselben sondert 
.rührenden herrühre te als im Grunde nicht dem Zug i 
„beizumessen wäre." 

Die letzte Seite den Briefes ganz dic)u beschriebe 
(68—60 Zeilen): 

„Die Kräfte womit jene zwey Körper die Erd 
.geben imer gleiche Geschwindigkeit derselben weil 
.größer ist indem sie insgesamt die Erde ziehen sie z 
„Solicitation der Erde eindrücken aber um so viel 
„Annähemng zur Erde vermindert wird (wegen ihre 
„mithin iiiier dieselbe bleibt so lange das gemeins 
„der Schweere von dem Gentrum der Erde nur un> 
„ferat bleibt. — Man muß um den Unterschied < 
„erklären, annehmen daß dieselbe Anziehungskraft einer gegebenen] 
„Qvantität Materie gegen eine unendliche verschiedene Zurückstoßungs- 
.kraft wirke, dieser aber das Ge[gen]gewicht (oder die Gegenwirkung 
„die zur bestirnten Einschränkung des Baumes der isolirten Materie) 
„nicht leisten köne ohne vermittelst der Anziehung aufs ganze vnirerfum. 
„Da aber diese mit den Qvadraten der Entfernung abnimt so würde 
„sie durch den Druck der auf solche Weise angezogenen Materie dieses 
„Gleichgewicht einer bestehenden Zusamend rückung nicht leisten wen 
„nicht die Zurückstoßung als wie der Cubus der Entfernung umgekehrt 
„abnähme. Hiedurcb wird nicht der Zusamenhang (den der läßt sich 
„durch keine drückende Kräfte erklären) sondern blos der Unterschied 
„der Materien ihrer Qvalität nämlich der Zurückstoßung nach erklärt; 
„den[nj die Zurück stoßung läßt sich ohne eigene Bewegung des Ab- 
stoßenden folglich auch obne Verschiedenheit der Masse in demselben 
■ .Volumen verschieden denken. Daher die Verschiedenheit der Qvantität 
„derselben nur durch Stoß oder Zug und vermittelst eines gemein- 



Von Rudolf Reicke. 415 

v schaftlichen Maasstabes nämlich den Zug der Erde gemessen werden 
,kan und nicht die Mehrheit derTheile ungleichartiger Materien sondern 
„ihr Gewicht die Dichtigkeit unter demselben volumen messen kan. 

„Die Schwierigkeit ist hier daß man das was sich bewegt in Ge- 
danken haben muß in der Erfahrung aber nur die an einem Ort oder 
„von einem Orte aus wirkenden Kräfte, von denen nur ein Grad den 
„Raum erfüllt oder die Entfernung des Mittelpuncts der einen Kraft 
„von der andern bestirnt. Da aber Puncte nicht einen Raum einnehmen 
„können (nicht einzelne also auch nicht viele zusamen) so kan man die 
„Körper nicht nach der MeDge der Theile in Vergloichung mit andern 
„der Qvantitäi der Substanz nach schätzen und dennoch muß man sie 
„sich als gleichartig und nur durch die Menge der Theile unter- 
schieden vorstellig machen weil wir auf andere Art kein Verhältnis 
„der Massen uns begreiflich machen könen. 

„Die Qvantität der Materie in demselben Volumen ist nicht nach 
„dem Wied erstand der expansiven Kraft gegen die Compression, auch 
„nicht nach dem Wiederstande der Attraction eines Fadens durch den 
„Schleuderstein gegen die Centrifugalkraft zu schätzen. Das erste 
„darum nicht weil eine kleine Qvantität der Materie eben so viel 
„Wiederstand durch ausdehnende Kraft leistet als eine große: das 
„[andere] darum nicht weil das Volumen nichts in Ansehung der Be- 
„wegung eines Körpers von seiner Stelle bestirnt. Sondern die loco- 
„motive Kraft in einer Wage (bey gleichem Volumen) oder die in der 
„Dehnung oder Zusamendrückung eines zusamenhänjjenden oder elasti- 
schen Körpers und also die Überwältigung eines Moments der todten 
„Kraft bey demselben volumen und zwar durch die Bewegungsbestrebung 
„des Körpers und aller seiner Theile in derselben Bichtung kan das 
„Maas abgeben. 

»Weil die Erfüllung des Baumes nur durch Bäume nicht durch 
„Puncte weder durch ihre bloße Nebeneinanderstellung noch aus jedem 
„Punct umher in einem Baume verbreitete Kraft in der keine andere 
«gleichartige Centralpuncte wären möglich ist so enthält die Undurch- 
„dringlichkeit der Materie eigentlich nicht die Substanzen als eine Menge 
.außer einander befindlicher für sich bestehender Dinge sondern nur 



■i 



i 



a. ■ 



416 A Q8 Kant'a Briefwechsel. 

„einen umfang von Wirkungen der Dinge ausser einander die in allen 
„Puncten eines gegebenen Baumes nicht durch Erfüllung desselben 
„gegenwärtig sind. Die Puncte der Anziehung enthalten eigentlich die 
„Substanz. Die Anziehungskräfte sind in allen Functen gleich in jedem 
„Puncte aber wird sie (in Vergleichung mit andern) durch das Ab- 
„stoßungsvermögen welches in ihm verschieden seyn kan bestirnt u. 
„desto größer je kleiner die abstoßende Kräfte derselben Materie sind 
„mithin die Dichtigkeit der Materie desto größer. — Es ist aber eigent- 
lich nur der Körper so fern er den Raum erfüllt die den Sinen un- 
mittelbar gegebene Substanz. Weil aber dieses Erfüllen selbst nicht 
„wirklich seyn würde (es wäre durch die bloße Abstoßung im leeren 
„Raum) die Anziehung doch für sich alles in einen Punct bringen 
„würde so ist das Maas der Qvantität der Materie die Substanz so fern 
„sie anziehend ist weil darin alles inerlich in einem Punct seyn würde 
„und das ausserhalb nicht wieder durch etwas Äußeres sondern zuletzt 
„durch das Innere gemessen werden muß dessen äußere Wirkung jener 
„äußern gleich ist. 

„Wen in einem Räume keine Zurückstoßungskraft wäre so würde 
„auch gar keine Substanz da seyn die da zöge den sie würde keinen 
„Raum einnehmen. Man könte sich aber doch eine Abstoßungskraft 
„die einen Raum erfüllete denken die nicht durch eigne Auziehungs- 
„kraft ihrer Theile sondern durch äußern Druck zurückgehalten würde 
„obzwar dieses nicht ins Unendliche ginge. Also wird das Volumen 
„nur durch Zurückstoßungskraft bestirnt. — Weil wir also die Dichtigkeit 
„unterscheiden wollen [Msc. worden] so müssen die volumina zuvor als 
„durch die Abstoßung bestirnt vorgestellt werden. Aber dadurch wird der 
„Wiederstand den eine Materie der andern so fern sie von dieser ans 
„ihrem Orte bewegt werden soll thut nicht bekant.fj Mithin nur durch 
„die Anziehung welche die darin enthaltene Materie auf andere ausser ihr 
„(die Erde) und dadurch zu ihrer eignen Bewegung (durch die Schwere) 
„ausübt. Je größere Zurückstoßung dazu gehört um diese Annäherung 
„(zur Erde) zu hindern desto mehr Substanz in demselben Volumen. 
„Man muß aber die Anziehung nur als durch die Zurückstoßung ein- 
geschränkt auf ein volumen mithin als an sich gleich denken. Das 



L 



Von Rudolf Reicke. 427 

„volumen selbst braucht nicht von etwas anderm ausser ihm: es kan 
„durch die Anzielmng seiner eignen Theile eingeschränkt gedacht 
„werden — der Grund davon daß die Abstoßung in einem Volumen 
„ohne daß die innern Theile sich ziehen von außen bewirkt werde liegt 
„darin daß die Theile sich nicht in der Entfernung abstoßen 
„da hingegen sie sich in der Entfernung unmittelbar anziehen könen: 
„dagegen ist es unmöglich daß sich die Theile blos in der Berührung 
„anziehen sollten weil diese schon eine Zurückstoßung mithin ein volumen 
„erfordert mithin keine bloße Fläche voraussetzt. 

„Der Grad der Zurückstoßung wird bey gleichartiger Vergrößerung 
„des volumens nicht vermehrt, aber wohl der Grad der Anziehung. — 
„Weil im ersten die Theile innerhalb eine die andere Bewegung auf- 
geben und die ausdehnende Kraft nur auf der Oberfläche ist, (die Ab- 
„stoßung geht nicht qver durch in die Weite) dagegen die Anziehungen 
„durch Hinzufügung die äußere Kraft vermehren. Daher ist die ganze 
„Kraft der Substanz nach der Anziehung zu schätzen. Sie muß aber 
„auch als gleichartig angesehen werden, weil sie für sich gar keine 
„Materie geben würde und da sie nur durch die Zusamendrückung be- 
stirnt wird diese aber durch das ganze eines volumens allenthalben 
„gleich ist, so muß auch die daraus entspringende Dichtigkeit gleich 
„seyn. Die Abstoßung aber kan ursprünglich ungleich seyn in einem 
„gewissen volumen. Den da die Dichtigkeit ins Unendliche muß ver- 
schieden seyn könen dieses aber nicht auf der ursprünglichen Ver- 
schiedenheit der Anziehung beruhen kan muß sie auf der der Abstoßung 
„beruhen. Man kan auch so sagen weil die Stärke der AbstoGung auf 
„der Verschiedenheit des äußern Zusaihendrucks beruht so ist innerlich 
„der Grad derselben nicht bestirnt kan also nach Belieben größer oder 
„kleiner seyn." 

Am oberen Rande: 

„Man kan keinen Grund angeben warum die materie ursprünglich 
„eine gewisse Dichtigkeit in einer gegebenen qvantität haben müsse. — 
»Man [kann] diese Frage nicht wegen der Anziehung unter einem ge- 
wissen volumen thun den daß sie nicht größer ja so gros oder klein ist 



418 Aufl Kants Briefwechsel. 

„wie man will komt nicht auf sie sondern auf die Zurückstoßung an 
,,je kleiner diese desto größer die Dichtigkeit aus jener. Die verschiedene 
„Dichtigkeit einer gegebenen Qvantität Materie rührt aber nicht von 
„dieser ihrer Anziehung den die ist zu klein sondern von der des ganzen 
„Univerü her. u 

YIII. 

Beck an Kant. 

Halle d. 10 *? November 1792. 

Beßter Herr Professor, 

Ich habe Ihren freundschaftlichen Brief vom 17 £2 October und 
einige Tage späther auch mein Manuscript zurück erhalten. Sie er- 
lauben mir Ihnen die einige Bogen, worauf die Deduction der Cate- 
gorien steht, noch einmahl zu schicken. Ich habe sie abschreiben lassen 
und lege sie hier bey, indem ich Sie ergebenst ersuche, die Freund- 
schaft für mich zu haben, mir zu zeigen, was ich vieleicht nicht nach 
Ihrem Sinn getroffen haben möchte. Der Druck geht erst gegen Ende 
des Novembers an und ich werde Ihren Brief noch zeitig genug er- 
halten, wenn ich ihn nach vier Wochen erhalte. 

Der Professor Garve war vor einiger Zeit hier und Herr Pr. Eberhard 
hat mir einiges von seinen Gesprächen mit ihm, in Beziehung auf die 
cri tische Philosophie mitgetheilt. Er sagt, daß so sehr auch Garve die 
Critick vertheidigt, so habe er doch gestehen müssen, daß der critische 
Idealism und der Berkleysche gänzlich einerley seyn. Ich kann mich 
in die Gedankenstimmung dieser achtungswürdigen Männer nicht finden 
und bin fürwahr! vom Gegentheil versichert. Gesetzt auch daß die 
Critick der Unterscheidung der Dinge an sich und der Erscheinungen 
gar nicht hätte erwähnen dürfen, so hätte sie doch zum mindesten er- 
innern müssen, daß man die Bedingungen unter denen uns etwas ein 
Gegenstand ist, ja nicht aus der Acht zu lassen habe, weil zu besorgen 
ist, daß man auf Irrtbum gerathe, wenn man diese Bedingungen aus 
dem Sinne läßt. Erscheinungen sind die Gegenstände der Anschauung 
und jedermann meynt dieselbe, wenn er von Gegenständen spricht, die 
ihn umgeben, und eben dieser Gegenstände Daseyn läugnete Berkeley 



Von Rudolf Reicke. 4^9 

welches die Critick gegen ihn dargethan bat. Wenn man nun einge- 
sehen hat, daß der Kaum und die Zeit die Bedingungen der An- 
schauung ") der Gegenstände sind und nun nachsinnt, welches wohl 
die Bedingungen des Denkens der Gegenstände seyn mögen, so sieht 
man doch leicht, daß die Dignität, welchevdie Vorstellungen, in der 
Beziehung auf Objecto, erhalten, darin bestehe, daß dadurch die Ver- 
knüpfung des Mannigfaltigen als nothwendig gedacht wird. Diese Ge- 
dankenbestimmung ist aber eben dieselbe, welche die Function in einem 
Urtheil ist. Auf diesem Wege ist mir der Beytrag den die Categorie 
zu unserm Erkenntniß tbut, faßlich geworden, indem durch diese Unter- 
suchung es mir einleuchtet, daß sie derjenige Begrif ist, durch welchen 
das Mannigfaltige einer sinnlichen Anschauung als nothwendig (für jeder- 
mann gültig) verbunden vorgestellt wird. Einige Epitomatoren haben 
sich hierüber, soviel ich einsehe, falsch ausgedruckt. Diese sagen: ur- 
theilen heisse objeetive Vorstellungen verbinden. Ganz was Anderes 
ist es, wenn die Critick lehrt: ürtheilen ist Vorstellungen zur objeetiven 
Einheit des Bewußtseyns bringen, wodurch die Handlung einer als 
nothwendig vorgestellten Verknüpfung ausgedruckt wird. 

Wenn ich von meiner Ueberzeugung darauf schlössen kann, daß 
ich in meinem Auszuge Ihren Sinn getroffen, dann müßte ich mich be- 
ruhigen, An der Darstellung der Deduction der Categorien ist mir 
vorzüglich gelegen, und eine Musterung derselben von Ihnen, lieber 
Lehrer, würde mir die wünschenswerteste Sache seyn. Mitlerweile 
werde ich mich noch selbst über die ganze Ausarbeitung hermachen, 
um ein so vernünftiges Buch hervorzubringen, als ich es noch vermag. 

Nun erlauben Sie mir noch meine neuliche physische Frage zu 
berühren. Ich habe lange, noch ehe ich recht eigentlich die Critick 
studirte, in meiner mathematischen Leetüre, den zwar gegebenen, aber 
mir immer sehr unverständlich vorgekommenen Begrif von Masse, mit 
dem des Wirksamen vertauscht. Euler giebt nun den bestimmten Be- 
grif von Masse, indem er sie vis inertiae nennt, qua corpus in statu 
suo perseuerare, quam omni mutationi reluctari conatur, und indem er 

l9 ) Beck hat zuerst „Anschauungen" geschrieben, die Pluralendung „en" alber durch- 
strichen. 



420 AuB K* ut '» Briefwechsel. 

eine verschiedene vis inertiae den Partickelu der Materie giebt, scheint 
er die ungleichen Gewichte zweyer Körper von gleichem Volumen zn 
erklären, ohne zu leeren Bäumen flüchten zu dürfen. Dagegen scheint 
es doch auch, daß alle Theile der Materie mit einer gleichen quanti- 
tas inertiae versehen seyn, weil die Fallhöhen derselben, in gleichen 
Zeiten im Widerstandsfreyen Baum gleich sind. Dann aber ist man 
wohl genöthigt, zu den leeren poris seine Zuflucht zu nehmen um die 
verschiedenen Gewichte gleicher Volumina sich zu erklären. Ich habe 
mir auf folgende Art zu helfen gesucht. Man setze die anziehende 
Kraft der Erde in einer bestimmten Gegend ihrer Oberfläche und gegen 
ein bestimmtes Volumen, das ich durchweg von Materie erfüllt seyn 
lasse, sey = a ; die anziehenden Kräfte zweyer Körper, von einem Vo- 
lumen das dem vorigen gleich und durchweg erfüllt ist, gegen die Erde 
seyn dx und dy, die ich als Differentiale ansehen kann, weil ich sie 
im Verhältniß gegen a betrachte. Den Gedanken dieser Kräfte wird 
man woran knüpfen müssen. Ich knüpfe ihn an die Wege die in der 
Zeit 1 beschrieben werden. Weil ich nun die wechselseitige Anziehung 
dieser Körper gegen die Erde und die Erde gegen sie, im Sinn habe, 
so kann ich die Kräfte addiren i.nd sagen, daß die Erde den einen 
Körper anziehe mit der Kraft a + dx, den andern mit a + dy. Daraus 
aber folgt, daß die Fallhöhen beyder Körper im Widerstandsfrejen 
Baum gleich seyn müssen, weil das Verhältniß von a + dx : a +dy 
ein Verhältniß der Gleichheit ist. Aber an der Wage, würde sich 
a gegen a aufheben und es würde das Verhältniß bleiben wie dxidy 
welches allerdings ein Verhältniß der Ungleichheit seyn kann, wenn 
gleich a + dx : a + dy = 1 : 1. Sollte ich auf eine grobe Art mich 
irren, so bitte ich Sie mir es schon nachzusehen. 

Hartknoch hat mich durch den Buchdrucker Grunert bitten lassen, 
die Anzeige von meinem Buch in der Literaturzeitung zu besorgen. 
Nun kann es weder ihm noch mir gleichgültig seyn, ob in dieser An- 
zeige es crwehnt wird, daß Sie um diese Schrift wissen, da der Aus- 
züge aus der Critick unter vielerley Titeln so viele sind, daß auf eine 
blosse Anzeige unter meinem Namen auch ganz und gar nicht geachtet 
werden möchte. Es könnte der Fall seyn, daß Sie es mir erlauben 



Von Rudolf Reicke. 421 

wollten, Ihren Namen in der Anzeige zu nennen. Wenn das ist, 
dann ersuche ich Sie so gütig zu seyn, mir die Worte anzugeben, 
die auf Sie Beziehung haben sollen. Ich möchte dieser Schrift den 
Titel geben: Erläuternder Auszug aus den critischen Schriften des 
Herrn Pr. Kant und zum zweyten Bande desselben, den Auszug aus 
der Critick der Urtheilskraft und eine erläuternde Darstellung der me- 
taphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft bestimmen. Was 
meynen Sie dazu? 

Ich bin übrigens mit der größten Hochachtung und Liebe 

der Ihrige 
Beck 

IX. 

Beck an Kant. 

Halle den 30ten April 1793. 
Theuerster Lehrer, 

Ich bin mit dem Druck des ersten Bandes meines Auszugs fertig 
und ich werde das Vergnügen haben, Ihnen ein Exemplar mit den nach 
Königsberg gehenden Meßwaaren zu überschicken. Herr Hartknoch 
setzte mich aber vor einiger Zeit durch eine Bitte in einige Verlegen- 
heit. Er wollte auf dem Titel gesetzt wissen, daß Sie um meine Arbeit 
etwas gewußt haben, um sie dadurch den Buchhändlern auf der Messe 
zu empfehlen. Er schrieb mir, daß Sie ihm dieses mündlich zugestanden 
hätten. Ich wollte deshalb an Sie schreiben; aber es sähe mir nach 
Zudringlichkeit aus, und ich unterließ es. Das Wort: mit Ihrer Be- 
willigung, schien mir bedeutungsleer; das aber: mit Ihrer Billigung, 
wäre nicht allein widerrechtlich gewesen, sondern ich hätte Sie auch 
damit compromittiren können. Ich habe auf das Titelblatt gesetzt: 
auf Ihr Anrathen. Ich habe hin und her überlegt, ob ich auch damit 
etwas Ihnen Mißfälliges thue, aber keinen Grund dazu auffinden können, 
weil, wenn sogar das Publicum mein Buch für schlecht halten sollte, 
auf Sie nichts weiter fallen kann, als daß Sie in der Wahl des Sub- 
jects, das Sie dem Hartknoch vorgeschlagen, sich geirrt haben. Den 
Brief aber, worin mir dieser Mann schreibt, daß Sie, so etwas auf den 



422 Aus Ksut ' 3 Uriefwechsel 

Titel zn setzen ihm bewilligt haben, habe ich in Händen und kann 
deshalb mich bey Ihnen rechtfertigen. Vieleicht sage ich unnützer- 
weiso darüber soviel; es kömmt aber lediglich daher, weil ich nicht 
will, daß Sie einigen Unwillen gegen mich, haben. 

Und nun, mein Theuerster Lehrer, danke ich Ihnen für die Güte. 
daß Sie diese Arbeit mir wirklich zugewandt haben. Denn nicht allein. 
daß meine äussere Umstände dadurch sehr sind verbessert worden; sü 
habe ich mir sehr viel mehr Einsicht in die critische Philosophie, als 
ich vorhin hatte, und eine sehr gegründete und starke Ueberzeugung 
davon verschaft. Diese Philosophie ist mein größtes Gut und in der 
gegenwärtigen Beschäftigung mit ihr, erkenne ich mehr als jemals die 
wichtige Wohlthat, die Ihre Bearbeitungen der Menschheit erweise» 
und preise mich glücklich, weil ich in dieser Periode und in Umständen 
lebe, da ich daran Antheil nehmen kann. Dieses GeständniG einer 
Seele, die so spricht wie sie denkt, erlauben Sie mir, Ihnen zn machen. 
und mich dadurch gewissermassen von einer Last zu entledigen: Es 
gehört nur ein unermüdetes Nachdenken dazu, um Ihren Sinn richtig 
zu fassen und sich sodann auch davon zu überzeugen, wozu der Math 
keinem Menschen entfallen darf, und zwar wegen der Verwandschaft 
dieser Wissenschaft mit der Mathematick, in dem Puncte, daß die 
Sache doch nicht ausser uns liegt. Die Beschäftigung mit der Critick 
der Urtheilskraft, giebt mir einen abermaligen Beweis davon. Ehe kli 
die Feder ansetzte, habe ich sie mehrmals durchgelesen und durchge- 
dacht Die vielen Schwierigkeiten die ich anfänglich antraf, verschwinden 
mir Zusehens. Ich nehme mir die Frejheit Ihnen mein Manuscript, 
welches den Auszug der Einleitung und der Exposition eines reinen 
Geschmack surtheils enthält, zu überschicken, und bitte Sie, die Freund- 
schaft für mich zn haben, die Einleitung anzusehen und die Stellet 
zu bemerken, wo ich Ihren Sinn dürfte verfehlt, oder wenigstens nickt 
deutlich dargestellt haben. Sie erlauben mir aber wohl, Sie an das 
Versprechen zu erinnern, das Sie mir in Ihrem letzten Briefe thaten, 
mir zur Benutzung ein Paar Manuscripte zuzuschicken, eins, welches 
die Critick der Urtheilskraft und ein anderes welches die Metaphysik 
der Natur angebt. Sie sind so gütig gewesen, mir ein Exemplar der 



Von Rudolf Reicke. 423 

neuen Auflage Ihrer Critick der Urtheilskraft, durch Herrn La garde 
zuschicken zu lassen, wofür ich Ihnen ergebenst danke, und mit innig- 
ster Hochachtung bin der Ihrige 

Beck. 

N. S. Die im vorigen Jahr Ihnen zugeschickte Abschrift meines 
Manuscripts, war mit der reitenden Post nach Königsberg gegangen 
und dieses konnte nach einem Mißbrauch Ihrer Güte aussehen. Den [sie] 
Fehler den ich dabey begangen, war aber eigentlich der, daß ich mich 
nicht genau auf dem hiesigen Postarote erkundigte, wenn eigentlich 
von Berlin aus, die fahrende Post abgeht, da von Halle aus, keine 
andere als die fahrende abgeht. In dieser Bucksicht bitte ich, über 
die begangene Unart nicht zu schelten. Ein Mensch, dem ich das 
beykommende Manuscript zum Abschreiben gegeben, hat mich getäuscht, 
und ich muß es so schicken, wie ich es geschrieben habe. Ich glaube 
aber doch, daß Sie die Einleitung leserlich finden werden, und eigent- 
lich liegt mir nur daran, daß Sie die Güte haben möchten, diese 
zu lesen. 

X. 
Beck an Kant. 

Halle den 24122 August 1793. 

Sehr Theurer Lehrer, 

In meinem Auszuge aus Ihrer Critick der Urtheilskraft bin ich 
bis zu der Dialectick der teleologischen Urtheilskraft gekommen. Eine 
Folge von der sehr grossen Deutlichkeit, mit der ich diese Materie ein- 
sehe, und der sehr festen Ueberzeugung die ich davon habe, ist die 
gewesen, daß ich lange Ihnen mit meinen Briefen nicht habe beschwer- 
lich seyn dürfen. Auch ist das Licht, welches das Studium dieser 
Critick der Urtheilskraft auf die Transcendentalphilosophie überhaupt 
und auf die Critick der practischen Vernunft für meine Augen zurück- 
geworfen hat, beträchtlich. Erlauben Sie mir, Ihnen sagen zu dürfen, 
daß meine Seele, noch nie einem Gelehrten sich so verbunden gefühlt 
hat, als Ihnen, ehrwürdiger Mann. Ich habe seit der Zeit, da ich 
Ihren mündlichen Vortrag anhörte,, sehr viel Vertrauen zu Ihnen ge- 



424 Aus Kant't Briefwechsel. 

habt; aber ich gestehe auch, daß bey den Schwierigkeiten die mich 
lange gedrückt haben, dieses Vertrauen öfters zwischen dem zu Ihnen, 
und dem, zu mir selbst gewankt hat. Mein ziemlicher Fortgang in 
der Mathematick, und die so vielfach fehlgeschlagenen Versuche in 
der Philosophie, mancher berühmten Männer, war mir nämlich ein 
Qrund nicht alle Zuversicht zu mir selbst aufzugeben. Von der andern 
Seite aber mußte ich nothwendig denken, daß das Loos des Menschen 
das betrübteste seyn müßte, wenn er nicht einmahl mit sich selbst 
fertig werden könnte, und sich selbst, von dem, was er dächte, nicht 
völlige Rechenschaft ablegen könnte. Ich habe daher Ihre Schriften 
immerfort sorgfaltig studirt, und ich darf es jetzt sagen, weil es wahr 
ist, daß die dadurch erlangte innige Bekanntschaft mit denselben, mich 
mir selbst bekannt gemacht hat. Was wohl einem vernünftigen Wesen, 
das wünschenswürdigste Gut seyn muß, das hat mir Ihre Philosophie 
gewähret. Denn ich bin durch sie aufmerksam gemacht und belehrt 
worden, in Ansehung des vielbedeutenden Unterschiedes zwischen denken 
und erkennen, zwischen dem: mit Begriffen spielen, und Begriffe haben 
objective Gültigkeit, und was mehr, als alles ist, ich habe die die [w] 
Verknüpfung die wir im Sittengesetz denken, die man sich so gern als 
analytisch vorstellen mag, um wahrscheinlich dadurch nicht allein sich 
das Nachdenken zu erleichtern, sondern dem Willen auch einen, ob- 
wohl der practischen Vernunft sehr heterogenen Sporn zu geben, als 
synthetisch ansehen gelernt. Die eigentliche Ursache aber, warum so 
viele sonst sehr berühmte Männer, ihren Beyfall der critischen Philo- 
sophie immerfort versagen, liegt meiner Meynung nach wohl darin, 
daß sie sich nicht aufmerksam wollen machen lassen, auf den mäch- 
tigen Unterschied zwischen denken und erkennen. In ihrer Sprache 
sind alle diese Ausdrücke entweder gleichgeltend, oder sie legen ihnen 
nach ihrer Art einen Sinn unter, welches ihnen auch wohl immer, 
wenn der Sprachgebrauch es leidet, freystehen mag, wenn dabey nur 
die Sache selbst, die wichtigste für einen Mann, dem es um reeller 
Wahrheit, und nicht um ein Gedankenspiel zu thun ist, verlohren gienge. 
Ich habe auch gemerkt, daß auch viele von den Freunden der Critick, den 
ganzen Gehalt einer Transcendentalphilosophie, und insbesondere einer 



Von Rudolf Reicke. 425 

transcendentalen Logick nicht gut in Ueberlegung nehmen, indem sie 
die allgemeine Logick von ihr, bloß durch den Ausdruck: sie abstrahire 
von den Gegenständen, unterscheiden, welcher Begriff aber doch die 
nähere Bestimmung, daß die allgemeine Logick eigentlich die objective 
Gültigkeit der Vorstellungen bey Seite setze, und diese Untersuchung 
der transcendentalen Logick überlasse, verlangt. 

Seit einiger Zeit habe ich auch Ihre metaphysische Anfangsgründe 
der Naturwissenschaft wieder durchzudenken angefangen. In der Phoro- 
nomie und Dynamick habe ich keinen Anstoß genommen. Aber in der 
Mechanick stoße ich an etwas, welches ich nicht mir wegzuräumen 
weiß und auf die folgende Theorie mir ein unangenehmes Dunkel wirft. 
Es ist der Begriff der Quantität der Materie. Ihre Definition lautet: 
(S. 107) Die Quantität der Materie ist die Menge des Beweglichen in 
einem bestimmten Kaum. Ich weiß eigentlich nicht, wie Sie dieses 
Bewegliche verstehen, ob dynamisch oder mechanisch. Mechanisch kann 
es nicht verstanden seyn, weil die Materie mechanisch betrachtet, bloß 
als Maaß der Quantität der Materie (nach dem ersten Lehrsatz) gesetzt 
wird, diese letzte demnach doch eben sowohl von der Materie, sofern 
sie bewegende Kraft hat, verschieden seyn muß, als ein Winkel von 
dem Cirkelbogen, der ihn mißt. Dynamisch kann ich diesen Begriff 
auch nicht nehmen, weil die Quantität der Materie als unveränderlich 
soll gedacht werden, wenn gleich die Ausdehnungskraft verschieden 
gesetzt würde. In der nämlichen Definition sagen Sie: die Grösse der 
Bewegung ist diejenige, die durch die Quantität der bewegten 
Materie und ihre Geschwindigkeit zugleich geschätzt wird, und in dem 
gleich darauf folgenden Lehrsatz wird doch bewiesen, daß die Quantität 
der Materie lediglich durch die Grösse der Bewegung geschätzt werde. 

Ich weiß recht wohl daß die ganze Ursache dieser Un Verständlich- 
keit in meinem Kopfe liege. Aber aller Unwille deshalb gegen mich 
selbst, räumt sie mir nicht aus dem Wege. Ich bitte Sie, theurer 
Lehrer, auf die inständigste Weise mich hierüber zu belehren. Ihnen 
einige Beschwerde zu machen, ist mir sehr unangenehm; aber da ich 
mir wirklich hierin nicht recht helfen kann, so muß ich meinen Wunsch 
gestehen, daß Sie sich entschließen möchten, mir hierauf bald zu antworten. 

Aitpr. lfonatMehrift Bd. XXJX Hft. * u. 6. 28 



426 Aus *■■*'■ BridWeehtel. 

Klflgel bat in mathematischer Röcksicht mich [sie] manchmahl ausge- 
holfen. Aber aus seinem Gespräche bin ich genöthigt zu schließen, 
daß er über die Principien der reinen Naturwissenschaft, niemals ge- 
hörig nachgedacht habe. 

Der M. Rath der die Critick ins Lateinische zu fibersetzen, sich 
erbotb, that dem Buchhändler Hartknoch den Antrag, Verleger von 
dieser Arbeit zu werden. Vor etwa 5 Wochen schrieb ihm Hartknoch, 
daß der Prof. Heydenreich in Leipzig ihm auch einen Mann für diese 
Uebersetzung vorgeschlagen habe, und daß er, aus Achtung für das 
Publicum genöthigt sey, eine vernünftige Wahl zu treffen. Er bath 
ihn, ihm eine Probe von seiner Arbeit zu überschicken, wie dann da- 
rum auch der andere Gelehrte darum ersucht werden sollte, und beyde 
Proben sollten dann einem, beyden unbekannten, fähigen Richter zur 
Entscheidung vorgelegt werden. Anfänglich war Rath hiezu entschlosseil. 
Jetzt aber weiß ich nicht, was ihn bedenklich macht den Vorschlag 
anzunehmen. Mir thut dieses leid, weil ich nicht glaube, daß viele 
mit dem reinen wissenschaftlichen Interesse Ihre Schriften studiren, so 
wie mein Freund, und weil ich geneigt bin, zu zweifeln, daß jener mir 
fremde Mann, auch so gut den Sinn der Critick treffe[n] werde, als 
er. Indessen kann ich nicht einsehen, daß Hartknoch fehle, und ich 
will, so gut ich kan[n meinen] Freund zu dem Entschluß, auch seine 
Probe einzuschicken, zu bewegen suchen. 

Vor einiger Zeit las ich in Erusii Weg, zur Gewißheit und Zu- 
verlässigkeit, veranlaßt durch] Herrn Schmidts Lexicon und zu meinem 
Verwundern habe ich (§ 260) die Unterscheidung der ana[l]ytischen 
und synthetischen Urtheile weit deutlicher darin gefunden, als in der 
von Ihnen citirten Stelle des Locke. Denn ob er gleich, meiner Meynung 
nach, keine Einsicht in das Princip der synthetischen Erkenntnisse 
a priori, verräth, so enthält doch diese Stelle wenigstens so viel, daß 
ein nachdenkender Leser wohl aufmerksam auf ihre Wichtigkeit da- 
durch gemacht werden könnte, indem Erusius gradezu diese Synthesis 
als die Grundlage der Realität unserer Begriffe andeutet. 

Sie haben auch die Güte gehabt, mir ein Exemplar Ihrer Beügion 
in den Grenzen der Vernunft überschicken zu lassen. Ich danke Ihnen 



Von Rudolf Reicke. 427 

ergebeost dafür. Ich muß aber leider noch einige Zeit verfliessen lassen, 
ehe ich sie so ganz eigentlich zu studiren werde unternehmen können. 

Leben Sie wohl, mein Theurer Lehrer. Ich wünsche daß die Vor- 
sehung Sie uns noch lange, und gesund, erhalten wolle, und bin mit der 
reinsten Achtung der Ihrige 

Beck. 

Daß Herr Bath Reinhold einen BufF 
nach Kiel erhalten habe, wird er vieleicht 
Ihnen schon geschrieben haben. Er soll ihn 
auch, wie man sagt, angenommen haben. 

[Adresse :] An 

Herrn Professor Kant 

in 
durch Einlage. Königsberg. 

XI. 

Beck an Kant. 

■ 

Halle den 16£? September 1794. 
Verehrungs würdiger Lehrer, 
Hierbey erhalten Sie ein Exemplar vom zweyten Bande meines 
Auszugs aus Ihren critischen Schriften, welches Sie von mir anzunehmen 
so gütig seyn wollen. Daß ich Ihnen für diese ganze mir übertragene 
und jetzt vollendete Arbeit sehr verbunden bin, das will ich Ihnen 
nicht weiter sagen. Ich hätte gewünscht daß die Beife der Einsicht 
in diese philosophische Angelegenheiten, und gewissermassen die Ge- 
wandheit, die ich allererst in dieser Arbeit in einigem Grade erlangt 
habe, mir schon vor derselben beschert gewesen wäre; so würde ich 
derselben mehr Vollkommenheit gegeben und sie dem etwas viel ver- 
sprechenden Titel eines erläuternden Auszuges, entsprechender gemacht 
haben. Während dieses ganzen Geschäftes habe ich meinen Blick auf 
das eigentliche Transcendentale unserer Erkenntniß, immer wieder zu- 
rückgewandt und diesen Punct so scharf zu fassen gesucht, als ich nur 
immer konnte. Hierdurch bin ich inne geworden, daß die Möglichkeit 
der Erfahrung, sofern dieselbe den wahren transcendentalen Standpunct 

selbst ausmacht, ganz was Anderes ist, als diejenige bloß abgeleitete, 

28* 



428 Ans ^ ant8 Briefwechsel. 

discursive Vorstellung der Möglichkeit der Erfahrung, die ein bloßes, 
und grossentheils unverständliches Hypothesenspiel ist, das zu tausend 
Fragen Anlaß giebt. Mit Ihrer Critik, Fürtreflicher Mann, ist es fast 
so bewandt, wie mit der Astronomie, insbesondere der physischen. Man 
wird so oft darin hin und hergeworfen, daß man lange Zeit nicht weiß, 
woran man ist. Allererst wenn man den eigentlichen Standpunct der 
Transcendentalphilosophie erreicht hat, und so den Geist Ihrer synthe- 
tischen objectiven Einheit des Bewußtseyns in seine Denkart gleichsam 
übertragen, und sich in die Handlungsweise der ursprünglichen Bei- 
legung (der Synthesis nach den Categorien) und der ursprünglichen 
Anerkennung (des transcondentalen Schematismus) gewissermassen ver- 
setzt hat, ist man im Stande die Critik von ihrem Anfange bis zu 
ihrem Ausgange zu fassen und sie zu übersehen, und sonach ist man 
wahrhaftig erst im Stande, so simpel es auch sehr vielen scheinen mag, 
zu wissen was ein Erkenntniß a priori und a posteriori heisse. In dem 
Briefe den Ihnen Hartknoch wird überbracht haben, schrieb ich Ihnen 
daß ich an einer Schrift arbeite, in der ich diesen transcendentalen 
Standpunct etwas hervorheben will. Da habe ich nun folgende Gegen- 
einanderstellung im Kopfe. Ich will zeigen, wie nicht allein alle 
Mißverständnisse der Critik, sondern auch alle Verirrungen der Ver- 
nunft überhaupt ihre Quelle darin haben, daß man eine Verbindung 
zwischen der Vorstellung und ihrem Gegenstande annimmt, die selbst 
Nichts ist, und nachdem ich nun diese vermeynüiche Erkenntniß der 
Dinge an sich in ihrer ganzen Leerheit, werde dargestellt, und ganz 
besonders, obzwar mit aller Bescheidenheit werde gezeigt haben, daß 
die meisten Ausleger der Critik, ob sie gleich dieselbe unterschreiben, 
sich dieses Vorurtheils noch gar nicht entschlagen haben; und indem 
sie so an der bloß abgeleiteten Vorstellungsart hängen, der Frage des 
Sceptikers: was verbindet meine Vorstellung von einem Gegenstande, 
mit diesem Gegenstande ? nimmermehr ausweichen, so werde ich in der 
Auseinandersetzung der ursprünglichen Vorstellungsart im Gegensatze 
zeigen, worin denn die Verbindung liege, und folglich was die ganze 
Behauptung der Critik : Wir erkennen die Dinge bloß als Erscheinungen, 
sage, zeigen. 



Von Rudolf Reieke, 429 

Ich habe sehr viel auf dem Herzen, was ich Ihnen von meinen 
nunmehr etwas fester gewordenen Einsichten in Ihre unsterbliche Critik 
gern sagen möchte. Aber meine Briefe mögen Ihnen vieleicht lästig 
seyn und ich schliesse daher mit der einzigen Bitte daß Sie mich in 
freundschaftlichem Andenken behalten wollen. 

An Beck. 

Herrn Professor Kant 

in 
durch Einschluß. Königsberg. 

xn. 

Beck au Kaut. 

Hochachtungswürdiger Lehrer, 

Die Versäumung meines Druckers macht es, daß der zweyte Band 
von meinem Auszuge erst zur Michälis Messe fertig werden wird. Die 
Anfangsgrunde zur Metaphysick der Natur habe ich mir sehr deutlich 
aufgewickelt. Mein letzter Brief an Sie, konnte Ihnen vieleicht eine 
schlimme Vermuthung in Ansehung meiner Bearbeitung beygebracht 
haben. Denn da ich mir das, warum ich Sie fragte, selbst nicht deut- 
lich dachte, so kam es, daß ich auch ganz unverständlich fragen mußte. 
Im ganzen Ernst, ich habe mich in Ihre Entwickelung sehr genau hin- 
eitistudirt, und ich meyne daß Sie so urtheilen werden, wenn Sie mein 
Buch ansehen werden. 

Schätzungswürdiger Mann, ich bin auf die Idee zu einer Schrift 
gestoßen, die ich Ihnen hier ganz kurz vorlegen, und dabey bitten will, 
Ihre wahre Meynung deshalb meinem Verleger zu sagen. 

Sie führen Ihren Leser in Ihrer Critick der reinen Vernunft, all- 
mählig, zu dem höchsten Funct der Transcendentalphilosophie, nämlich 
zu der synthetischen Einheit. Sie leiten nämlich seine Aufmerksamkeit, 
zuerst auf das Bewußtseyn eines Gegebenen, machen ihn nun auf Be- 
griffe, wodurch etwas gedacht wird, aufmerksam, stellen die Categorien 
anfänglich auch als Begriffe, in der gewöhnlichen Bedeutung vor, und 
bringen zuletzt Ihren Leser zu der Einsicht, daß diese Categorie eigent- 
lich die Handlung des Verstandes ist, dadurch er sich ursprünglich 
den Begriff von einem Object macht, und das: ich denke ein Object, 



430 Aui ^ ants Briefwechsel. 

erzeugt. Diese Erzeugung der synthetischen Einheit des Bewußtseins 
habe ich mich gewöhnt, die ursprüngliche Beylegung zu nennen. 
Sie ist die Handlung, unter andern, die derGeometer postulirt, wenn 
er seine Geometrie von dem Satze anfängt: sich den Baum vorzustellen, 
und welcher er mit keiner einzigen discursiven Vorstellung gleich kommen 
wurde. So wie ich die Sache ansehe, so ist auch das Postulat: durch 
ursprüngliche Beylegung sich ein Object vorstellen, das höchste Princip 
der gesammten Philosophie, auf welchem die allgemeine r. Logik und 
die ganze Transc: Philosophie beruht. Ich bin daher fest überzeugt, 
daß diese synthetische Einheit, derjenige Standpunct ist, aus welchem, 
wenn man sich einmahl seiner bemächtigt hat, man nicht allein in An- 
sehung dessen, was wohl ein analytisches und synthetisches Urtheil ist 
sondern was wohl überhaupt, a priori und a posteriori heissen mag, 
was das sagen wolle, wenn die Critick die Möglichkeit der geometrischen 
Axiome darin setzt, daß die Anschauung die man ihnen unterlegt rein 
sey, was das wohl ist, was uns afficirt, ob das Ding an sich, oder ob 
damit nur eine transc: Idee gemeynt sey, oder ob es nicht das Object 
der empirischen Anschauung selbst, die Erscheinung sey, und ob wohl 
die Critick im Cirkel gehe, wenn sie die Möglichkeit der Erfahrung 
zum Princip der synthetischen Urtheile a priori mache, und doch das 
Princip der Causalität in den Begriff dieser Möglichkeit verstecke, ich 
sage, daß man von alle diesem, ja von dem discursiven Begriff: Möglich- 
keit der Erfahrung selbst allererst dann, vollendete Erkundigung er- 
halten kann, wenn man sich dieses Standpuncts vollkommen bemeistert 
hat, und daß, so lange man diese Möglichkeit der Erfahrung nur noch 
immer selbst bloß discursiv denkt, und nicht die ursprünglich beylegende 
Handlung, eben in einer solchen Beylegung selbst verfolgt, man so viel 
wie nichts einsieht, sondern wohl eine Unbegreiflichkeit in die Stelle 
einer andern schiebt. Ihre Critick aber führt, wie ich sage, nur nach 
und nach, ihren Leser auf diesen Standpunct und da konnte nach dieser 
Methode, sie gleich anfänglich, als in der Einleitung, die Sache nicht 
vollkommen aufhellen, und die Schwierigkeiten die dabey sich auf- 
decken, sollten den nachdenkenden Mann zum beharrlichen Ausdauern 
locken. Weil aber die wenigsten Leser sich jenes höchsten Standpuncts 



1 



Von Rudolf Beide. 431 

zu bemächtigen wissen, so werfen sie die Schwierigkeit auf den Vor- 
trag, und bedenken nicht, dass sie der Sache anklebe, die sich gewiß 
verliehren wurde, wenn sie einmahl im Stande wären, die Forderung 
zu überdenken, die synthetische Einheit des Bewußtseyns hervorzubringen. 
Ein Beweis aber, daß die Freunde der Critik doch auch nicht recht 
wissen, woran sie sind, ist schon das, daß sie nicht recht wissen, wohin 
sie den Gegenstand setzen sollen, welcher die Empfindung hervorbringt. 

Ich habe mir daher vorgenommen, diese Sache, wahrlich doch die 
Hauptsache der ganzen Critik, recht zu betreiben, und arbeite an einem 
Aufsatz, worin ich die Methode der Critik umwende. Ich fange von 
dem Postulat der ursprünglichen Beylegung an, stelle diese Handlung 
in den Categorien dar, suche meinen Leser in die Handlung selbst zu 
versetzen, in welcher sich diese Beylegung an dem Stoffe der Zeit- 
vorstellung ursprünglich offenbart — Wenn ich nun so glaube meinen 
Leser gänzlich auf die Stelle gesetzt zu haben, auf der ich ihn haben will, 
so führe ich ihn zur Beurtheilung der Critick d. r. V. in ihrer Einleitung, 
Aesthetik und Analytik. Sodann will ich ihn die vorzüglichsten Einwürfe, 
beurtheilen lassen, insbesondere die des Verfassers des Aenesidemus. 

Was urtbeilen Sie wohl davon? Ihr Alter drückt Sie und ich will 
Sie gar nicht bitten, mir hierauf zu antworten, obwohl ich gestehen 
muß, daß Ihre Briefe mir die kostbarsten Geschenke sind. Aber darum 
bitte ich Sie, daß Sie die Freundschaft für mich haben wollen, Ihre 
wahre Meynung darüber meinem Verleger zu sagen. Denn er wird sich 
darnach bestimmen. Es versteht sich aber wohl von selbst, daß ich 
nichts Anders wollen kann, als daß Sie ihm gerade heraussagen, was 
Sie von diesem Froject halten, ob eine solche Schrift, von mir bear- 
beitet, für das Publikum nützlich ausfallen dürfte. 

Auch seyn Sie so gütig, mich zu entschuldigen, wenn ich etwas 
zu behauptend Ihnen scheinen möchte. Ich muß diesen Brief auf der 
Post dem Hartknoch nachschicken, und die Post will abgehen, daher 
ich etwas flüchtig schreiben mußte. Behalten Sie Ihre Gewogenheit für 

Ihren 
-Halle Sie verehrenden 

d. 17üü Juny 1794. Beck. 



432 Aus Kant's Briefwechsel. 

xm. 

Beck an Kant. 

Halle den 17*2» Juny 1795. 
Verehrungswürdiger Lehrer, 

Herr Prof. Jakob bietet mir eine Gelegenheit an, einen Brief an 
Sie zu bestellen, die ich sehr gern ergreife, weil ich mich versichert 
halte, daß Sie freundschaftlich gegen mich gesinnt sind, und aus diesem 
Grunde, Nachrichten die mich betreffen, mit einigem Interesse, auf- 
nehmen werden. 

Die erstem Jahre meines Aufenthalts in Halle, waren von mancherlei 
Kümmernissen begleitet. Jetzt aber wird derselbe von Tage zu Tage 
heiterer. Ich habe hier viele und herzliche Freunde und nachdem ich 
bald fünf Jahre lang den hiesigen Studirenden ein wahrer obfcurus war, 
so bin ich jetzt in ziemlichem Beyfall als academischer Docent. Von 
der Schule, auf der ich so lange lebte, habe ich in diesem Frühjahr 
mich frey gemacht und lebe jetzt ganz dem academischen Unterricht. 
Ich war dem Graf Keyserling 100 Thlr. schuldig, womit er mich vor 
fünf Jahren unterstützte, und diese habe ich jetzt schon abgetragen. 
Ihnen, Fürtreflicher Mann, verdanke ich meine bessere Lage; denn Sie 
haben mir dazu die Hand geboten. 

Künftige Michälismesse kömmt ein dritter Theil zu meinem Aus- 
zuge zum Vorschein, welche Schrift, auch besonders unter dem Titel: 
einzig möglicher Standpunct, aus welchem die critische Philosophie 
beurtheilt werden muß, erscheinen wird. Sobald sie fertig gedruckt 
seyn wird, werde ich mir die Freyheit nehmen Ihnen ein Exemplar zu 
überschicken. Ich habe Ihnen von diesem Plan, schon einmahl was, 
geschrieben. Meine ganze Absicht ist, zu zeigen, daß die Categorien 
der Verstandesgebrauch selbst sind, daß sie allen Verstand, und alles 
Verstehen ausmachen, und daß der wahre Geist der critischen Philosophie, 
die das Publicum Ihnen verdankt, darin besteht, daß dieselbe an ihrer 
Transcendentalphilosophie, die Kunst sich selbst zu verstehen aufgestellt 
habe. Dieses: sich selbst verstehen, ist in meinen Augen, der oberste 
Grundsatz aller Philosophie, und ich bin versichert, daß nur demjenigen, 



Von Rudolf Beicke. 433 

der dieses wohl vornimmt, Ihre critische Werke aufgeschlossen seyn 
kennen. — Möchte die Vorsehung Sie noch lange im Leben erhalten. 
Erhalten Sie Ihre Gewogenheit gegen mich Ihren 

Adresse mü Siegel: Ihn 6ö ergebenen 

An Beck. 

Herrn Professor Kant 
durch gütige Bestellung. König8berg . 

XIV. 

Kant an Beck. 20 ) 

Werthester Freund! 

Sie haben mich mit verschiedenen Ihnen Ehre bringenden Schriften, 
zuletzt noch mit dem Grundrisse der crit. Phil., beschenckt und ich 
mache mir darüber Vorwürfe, die in Ihren Briefen an mich gerichtete 
Anfragen, Entwürfe und Nachrichten, so angenehm sie mir auch allemal 
waren, durch keine Antwort erwiedert zu haben. — Werfen Sie immer 
die Schuld auf die Unbehaglichkeit meines Alters, dessen übrigens sonst 
ziemliche, Gesundheit doch nicht, wie bei einem Eaestner, durch 
körperliche Stärke unterstützt wird und mich, da ich immer beschäftigt 
seyn muß, durch seine Launen unaufhörlich abzubrechen und mit Be- 
schäftigungen zu wechseln nöthigt. 

Man hat mir versichert, daß Sie provisorisch vom Petersburgischen 
Hofe einen Ruf auf die in Curland zu errichtende Universität hätten. 
Verhält sich dieses so, so würde ich mich, auch Meinentwegen, freuen, 
eine Gelegenheit zu finden, die es mir erleichterte unsere beyderseitige 
Ideen, Entwürfe nnd Fortschritte wechselseitig mitzutheilen. — Ein Ge- 
danke des Hrn. Hindenburg, den Sie mir mitzutheilen die Güte hatten, 
ist mir zwar sehr schmeichelhaft, was das Zutrauen betrifft, übersteigt aber 
meine mathematische Kenntnis viel zu weit, als daß ich die Anwendung 
der Combinationsmethode auf die Philosophie auch nur versuchen sollte. 



20 ) Der Originalbrief besteht ans einem Quartblatt and befindet sich im Besitze 
des Prof. Erdmann in Halle, der ihn mit einem Exemplar der Kritik d. r. Vernunft 
(1. Aufl.), welches aus der Beck'schen Bibliothek stammt, erworben hat. Abschrift 
verdanke ich Dr. Karl Kebrbacb. 



434 Aos Kan^f Briefwechsel. 

Herren Prof. Jacob bitte gelegentlich, neben meiner besten Em- 
pfehlung, für die Uebersendnng seiner Annalen den ergebensten Dank 
abzustatten. Wen ich nur etwas zur Erwiederung dieser Güte thun könte! 

Mit der größten Hochachtung uud Ergebenheit bin ich jederzeit 
Königsberg Der Ihrige 

d. 19. Nov. 1796. L Kant. 

Adresse: An Herrn 
Magister Beck 
in 
Halle. 

XY. 

Beck an Kant. 

Halle d. 20*2 Juny 1797. 
Hochachtungswürdiger Mann, 

Ich kann es mir wohl deuken, wie ein Mann, der, indessen er den 
Ziel sich nähert, zu seinen Vätern zu gehen, sich bevtußt ist, ein großes 
Gut der Nachwelt zu hinterlassen, wornach alle Vorwelt, als nach der 
interessantesten Angelegenheit, so lange und doch so vergeblich gerungen 
hat, bey der Nachricht daß diese Wohlthat i