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Full text of "Das Leben der Sprache und ihre Weltstellung"

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Leben der Sprache 

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XJLTLÖ. ihre "Weltstellnn 




Von 



Uhr. XS^udolf XüZleinpaiJLl. 



DRITTER BAND: 



Die Rätsel der Sprache. 




Leipzig. 

Verlag von Wilhelm Friedrich. 

1893. 



Die Rätsel der Sprache. 



Grundlinien der Wortdeutung. 



Von 



I>T*. [Rudolf* XOeinpaul« 




Leipzig. 

Verlag von Wilhelm Friedrich. 



V. 3 



Alle Rechte vorbehalten. 



Inhalts -Verzeichnis. 



Erster Gang. Voruntersuchungen. 

Vorlage I. Wahrheitsgetreue Schilderung der klag- 
liclien Missstände, welche die Wortdeutung veranlassen: 

schlechte Musikanten. 

A. Theorie und Gründe des Lautwandels. Seite 

a. Die Musik der Sprache, Hauptübel: willkürliches 
Auslassen einzelner Laute und ganzer Silben ... i 

Der Mensch verdirbt alles, sogar seine eignen Kinder — er 
verdirbt auch die- Worte seiner Sprache — er bläst schlecht 
auf dem Blasinstrument, das uns die Natur mitgegeben hat — 
man kann den Kehlkopf als eine Lippenpfeife oder als eine 
Schäferpfeife oder als eine Zimgenpfeife ansehn, in welche die 
Luftröhre bläst — wir erzeugen auf dieser Pfeife Töne und 
Geräusche, Vokale, Konsonanten und Vokalkonsonanten — tabel- 
larische Übersicht — besagte Laute haben unsere Altvordern 
mit einem Wurf zu einzelnen Stückchen, zu Silben und Worten 
verbunden und sie uns vorgeblasen, damit wir sie nachblasen 
sollen — wir aber legen keinen sonderlichen Wert darauf, weil 
sich das Bewusstsein ihrer Bedeutung abgestumpft hat — Un- 
achtsamkeit: Hast, Bequemlichkeit, grobe Nachlässigkeit charak- 
terisieren den Sprechenden — er nimmt sich nicht die Mühe, 
die vorgeblasenen Sonaten richtig nachzublasen und zu artiku- 
lieren — er kürzt sie von vom und hinten ab, nur um schnell 
fertig zu werden — auf das Wichtigste konmit es ihm gar nicht 
an — auf diese Weise wird das organische Wachstum der 
Sprache wieder rückgängig gemacht — was von den indoger- 
manischen Verbalformen im Lateinischen übrig geblieben ist — 
unsere eigene Sprache: Übergang des Althochdeutschen in das 
Mittelhochdeutsche und Schwinden der Flexionsendungen — der 
Verfall der Laute in den romanischen Sprachen — barer Unsinn, 



— XIV — 

Seite 
der gelegentlich dabei herauskommt — man soll hier weder 

von Verwitterung, noch von Krankheit, noch überhaupt von 

einem Naturprozesse, sondern nur von schülerhafter Indolenz, 

von Faulheit und Unüberlegtheit reden. 

b. Das Aufkommenlassen von Nebenlauten 22 

Einmal lässt der Musikant weg, was er blasen soll, ein ander 

mal macht er wieder etwas Ungehöriges hinzu — er lässt 
Nebengeräusche aufkommen, die sich wie Schimmel oder Rost 
ansetzen — notabene, sie sind nicht mit Lauten zu verwechseln, 
die einem falschen grammatischen Gefühl entspringen — diese 
haben eine subjektive Berechtigung, während jenen eine schlaffe 
Artikulation zu Grunde liegt, ohne welche sie sich nicht ein- 
stellen würden — die Beiklänge soll man auch nicht mit gram- 
matischen Elementen verwechseln, die aus der alten Sprache 

übrig geblieben sind. 

c. Die Erschlaffung der Artikulation 26 

Qualitative Veränderungen: der Musikant verbläst sich, weil er 

sich nicht zusammennimmt — er intoniert mit Genuss einen 
Laut für den anderen, wenn er ihm gerade in den Mund kommt 
und bequemer liegt — Lautpaare, denen eine ähnliche Arti- 
kulation zu Grunde liegt und die sich nur gradweise unterschei- 
den — Vokale und Diphthongen, Itazismus — P und B, T und D, 
P und K, K und i;, L Und R, M und N, N und D, M und W — 
Regel ist der Fortschritt vom schwereren zum leichteren Laute, 
aber bei der dadurch im Volke entstehenden Unsicherheit scheint 
manchmal das Gegenteil stattzufinden — der rätselhafte Vor- 
gang der Lautverschiebung, Erklärung desselben. 

d. Falsche Artikulation einzelner Laute, wenn sie mit 
bestimmten anderen Lauten zusammentreffen ... 37 
pft haben die Musikanten nicht die Kraft oder nicht den guten 
Willen zwei Laute zusammen zu blasen — es sieht dann so aus, 

als ob die Laute unverträglich wären, als ob sie sich unterein- 
ander angriffen und in ihrer Ruhe störten — gegenseitige und 
einseitige Störungen — Assimilation und Dissimilation — ein 
Hauptstörenfried ist das I: Umlaut und Assibilation, auch Zeta- 
zismus genannt — der Vokal A und die Brechung — einer der 
bedeutendsten Faktoren in der Entwickelung der Sprachen ist die 
Tilgung des Hiatus — abermals die quantitativen Veränderungen. 

e. Schlechtigkeit der Instrumente: Anomalien in den 
Sprachorganen einzelner Individuen und ganzer 

Völker 43 

Der Sprechende kann sich auf seinem Instrumente wie ein andrer 
Musikant Verblasen, wenn er sich nicht recht zusammennimmt — 



Seite 
es kann aber auch sein, dass das Instrument selber schlecht ist, 

dass es falsch anspricht, dass es nicht rein gestimmt, dass es 
durchlöchert oder schadhaft geworden ist — dergleichen Ano- 
malien in den Sprachorganen sind häufig, persönliche wie natio- 
nale — es gibt Völker, denen gewisse Laute völlig abgehn, 
andere haben ihre festen, unabänderlichen Lautneigungen — 
ein vollkommenes Instrument hat niemand — in solchen Fällen 
gleitet die Sprache an bestimmten Stellen regelmässig vom rech- 
ten Wege ab, die Fehler, die auf organischen Schwächen be- 
ruhen, zeichnen sich im Gegensatz zu denen, die eine blosse 
Ruschelei verschuldet, durch ihre Gesetzmässigkeit aus — die 
Franzosen können das Wort Cicerij die Griechen das Wort 
SchibboUth nicht aussprechen — je ungleicher die Rassen, umso 
schwieriger die Reproduktion — wie sich die Worte durch 
diesen komplizierten Lautwandel nachgerade dermassen verändert 
haben, dass sie nicht wiederzuerkennen sind, die gesprochenen 
noch mehr als die geschriebenen — ein Konzert, wo niemand 
ordentlich bläst, wo sich jeder gehn lässt, wo die Instrumente 
schlecht sind, das ist die Sprache. 

B. Äussere Erscheinungen des Lautwandels in Übersichtlicher J)ar- 
stellung. 

1. Dep verstümmelnde Lautwandel 54 

a. Aphäresis 54 

b. Apokope 57 

c. Synkope 62 

d. Metathesis 67 

2. Der ansetzende Lautwandel 69 

a. Prothesis oder Prosthesis 69 

b. Epenthesis 71 

c. Nasalierung 73 

d. Gemination 74 

e. Paragoge 75 

3. Lautliche Entax*tunsr 79 

a. Die Lautverschiebung 80 

«. Germanische Lautverschiebung 80 

ß, Hochdeutsche Lautverschiebung 81 

b. Lambdazismus 87 

c. Rhotazismus 89 

4. Gefirenseitlfire Störunsren 93 

a. Assimilation 93 

a. progressiv 93 

ß* regressiv 94 

b. Dissimilation 95 



— XVI — 

Seite 
5. Elnseitifire Störunsren 97 

a. Umlaut 98 

b. Brechung 100 

c. Assibilation 102 

Vorlage II. Ein anderer Missstand, welcher das Publikum 
zwingt zum Wortdeuter zu gehn: unzuverlässige Leute. 

A. Der Wandel der Begriffe. 

1. Erste Stufe: Periode der Eigennamen 105 

Der Begriflfwandel läuft dem Lautwandel parallel — er erfolgt in 
gewissen Perioden, die der Zunahme der Anschauungen ent- 
sprechen — die ersten Menschen haben noch wenig Anschau- 
ungen, daher brauchen sie nur allgemeine Begriffe, welche die 
Stelle von Eigennamen vertreten — das Rätsel löst sich, wenn 
man bedenkt, dass es im Sinne der ersten Menschen noch gar 
keine allgemeinen Begriffe gibt, indem sie nur Individuen kennen 

und benennen — die ersten Menschen gleichen Kindern, die 
ebenfalls keine andern Namen als Eigennamen haben und in 
Ausdrücken reden, die uns unbestinmit erscheinen — die alten 
Namen für die Berge und die Flüsse, die Städte und die Län- 
der, die Tiere, Pflanzen, Früchte — wir leben noch heute in 
der Periode der Eigennamen und ersparen uns die nähere Be- 
stimmung wo wir können, wo kein Missverständnis möglich 
ist — erst wenn mehrere gleichartige Figuren auf der Bildfläche 
erscheinen, verstehen wir uns zu einer genaueren Bezeichnung — 
es kann auch sein, dass wir den allgemeinen Begriff einem 
einzigen hervorragenden Specimen vorzugsweise als Titel zu- 
erteilen — die Klassiker — Bier und Wein — die geschlecht- 
lichen Ausdrücke, bald blosse Antecedentien bezeichnend, bald 
ganz allgemein gehalten — gebären und tragen, schmecken und 
riechen, sehen und folgen — Idee einer praktischen Logik 

des Volks. 

2. Zweite Stufe: Periode der begrifflichen Übertragung 120 
Der Mensch bekommt mehrere gleichartige Erscheinungen zu 
Gesicht und überträgt auf sie den Namen, welchen er der ersten 
gegeben hatte, was seine ersten Denkversuche darstellt — so 
wird ein allgemeiner Begriff, was erst ein Eigenname war, iwie 

es der Name der Schweiz oder des Redners Cicero geworden 
ist — eine andere Manier des Volkes, die mit der appellativen 
Anwendung von Eigennamen nicht zu verwechseln ist — alle 
Wissenschaft beruht auf einer derartigen Übertragung — der 
grosse und der kleine Bär — Sterne, Sonnen und Monde — 
die Erde ein Stern unter Sternen, das Tier eine Maschine, an 



— XVII 



Seite 



welcher der Mund das Heizloch darstellt, das Feuer die Er- 
scheinung der Verbrennung — es ist natürlich, dass die Klassi- 
fikation nicht gleich von Anfang an eine richtige ist: das Feuer 
ein Tier, das sich von Holz nährt — kindliche Irrtümer: Wölfe 
und Füchse, Elefanten und Kamele, Hunde und Schweine, 
Vögel und Fische, Trüffeln und Kartoffeln — Vermischung des 
Pflanzenlebens und des Tierlebcns: Same und Ei — Tierisches 
und Menschliches: Rüssel, Schnauze, Tatze, Schwanz — Bern- 
stein und Elektrizität — Übertragung von Ausdrücken be- 
stimmter Lebenskreise auf andere Lebenskreise : von Ausdrücken 
der Bauern, der Soldaten, der Bergleute — von hervorragendem 
Einfluss auf die Sprache der Landbewohner ist die Sprache der 
Seeleute, die aber ihre Termini technici selbst erst wieder vom 
Lande haben — Schiff und Geschirr — Fässer und Stiefel — 
es ist ein grossartiges Durcheinanderwerfen von Vorstellungen, 
die subjektive Weisheit und Naturgeschichte des Volks. 
3. Dritte Stufe: Periode der poetischen Metaphern . . 145 
Die Übertragung geschieht nicht mehr auf Grund einer logischen 
Unterordnung, sondern auf Grund einer poetischen Anschauung 

— man spricht dann von Metaphern — auch diese werden bis- 
weilen stehend — Belege aus dem Zeughaus: Falken, Musketen, 
Terzerole, Feldschlangen, Serpentinen — wenn hier an der be- 
wussten Bildlichkeit des Ausdrucks kein Zweifel ist, so doch 
in andern Fällen, zum Beispiel bei den Sternbildern, den 
himmlischen Falken und Adlern, den Hunden und Bären am 
Sternenhimmel — der grosse Bar, der Wagen und die Toten- 
bahre des Lazarus — vielfache Deutungen, die der Mann im 
Monde erfahren hat — Mythologie und Symbolik: die Sonne, 
der Mond und der Regenbogen, Strahlen, Pfeile und Haare — 
alle Mythen sind volksmässige Bilder und Metaphern, welche 
die Dichter wiederholt, gelegentlich auch weiter ausgeführt, 
aber gewöhnlich selbst nicht verstanden und nicht bezweifelt 
haben: Zeus und Hera, die Josage — allen alten Völkern war 
die Ideenverbindung zwischen der Kuh, der Erde und dem 
fruchtbaren Mutterschosse eine geläufige — der Mensch schuf 
Gott ihm zum Bilde: Anthropomorphismus — Urform des 
Anthropomorphismus : der Riese Ymir — zweite Form des 
Anthropomorphismus: viele einzelne Riesen mit Häuptern, Nasen, 
Ohren, Mäulern, Knien, Füssen, Armen, Händen und Fingern 
in der Natur — dritte Form des Anthropomorphismus: ganze 
Länder werden als Riesenleiber aufgefasst, die Jungfrau Europa 

— vierte Form des Anthropomorphismus: die Vermenschlichung 
von Werkzeug und Hausgerät — Antianthropomorphismus : 



— xvni — 

Seite 
Makrokosmus und Mikrokosmus — der Mensch ein kleiner 

InbegrifT der Welt — Länder im Menschen, Menschen im 

Menschen, Tiere im Menschen, allerhand Krimskrams im 

Menschen — das apokalyptische Tier des Plato — Bilder auf 

dem Gebiete des Geschlechtslebens und des Seelenlebens — 

natürliche Verhältnisse ethisch gefasst: Strenge, Lockerheit, 

Biederkeit — die Poesie der Metaphern eine neue Weisheit 

des Volks, die reiferen Zeiten als eine Thorheit erscheint, in 

solchen bleiben nur die kunstmässigen Metaphern übrig. 

4. Vierte Stufe: Periode der geistreichen Kombination 172 
Die Zeit der litterarischen Bildung ist angebrochen: ein geist- 
reicher Mann entdeckt die schwache Seite eines Dings und 
erhebt es damit zum Typus für heterogene Dinge — er meint 

es gar nicht im Ernste, er spielt nur — die Ente das Schwein 
im Vogelreich, die Obelisken versteinerte Sonnenstrahlen und 
die Schornsteine Obelisken, Kamm und Schleier — kurze 

Blütenlese. 

5. Was der Begriffwandel im Gefolge hat: die nähere 

Bestimmung. Schluss 176 

Die logische Operation, die notwendig geworden ist — die 
Sprache hat mit dem Zusammensetzen ihre liebe Not — trotz- 
dem zieht sie die umständliche Art der Bezeichnung der 
Bildung neuer Namen vor, weil es sich in den alten ausge- 
tretenen Geleisen besser geht — einzelne Menschenklassen 
scheinen allerdings behender zu sein, wenn man aber ihre 
Ausdrücke prüft, so erweisen sie sich als Ellipsen, als Fremd- 
wörter, als verkappte Zusammensetzungen, wie an Proben aus 

der Stallsprache und dem Jägerlatein ersichtlich — freilich 
müssen wir uns hüten, vorschnell Ellipsen anzunehmen — 
die durch die nähere Bestimmung entstehenden Komplikationen 
kommen zu den inneren Wandlungen hinzu und tragen mit dazu 
bei, die Worte unkenntlich zu machen — Schluss: der Apfel, 
Geschichte dieses Begriffes und seine Bedeutung im Sündenfall. 
B. Bttse Zungen. 

I. Afteredet nicht unternander, lieben Brüder! .... 190 
Die Herabsetzung der Begriffe — der Gebrauch schädigt den 
guten Ruf der Leute — edle und vortreffliche Eigenschaften 
leiden unter einer abschätzigen Manier — die Menschen selbst 
werden von der Sprache verklatscht und nicht allein an äusse* 
rer Ehre gekränkt, sondern auch moralisch angegriffen — alle 
Gruppen und alle Stände, sogar die Tiere werden bemängelt und 
verleumdet — freilich ist das im ganzen und grossen Folge der Er- 
fahrung und Menschenkenntnis — jede Tugend hat ihre Schatten- 



— XIX — 

Seite 
Seite und jede Klasse ihre angebomeii Fehler, für welche sie 

typisch wird — Männer und Weiber, Geschlechtscharaktere, 
Makel die infolge davon dem Namen der Frau anhaften — die 
Frau, namentlich die junge, sinkt zur Hure herab — Knaben 
und Mädchen, Typen der Dienstbarkeit, der Ungezogenheit, 
des Lasters — Herren und Diener, schlechte Eigenschaften der 
letzteren — Bauern, Handwerker, Schulmeister, Sänger, Komö- 
dianten, Musikanten. 

2. Mein Kind, warum willst du dich an der Fremden 

ergötzen? 201 

Besonders Fremdtitel, überhaupt Fremdwörter werden ins Ge- 
meine herabgezogen — die Fremden und die Heiligen bei den 
Israeliten — die Namen fremder Völker und fremdsprachige 
Personennamen bekommen selbst leicht einen kompromittieren- 
den Klang — ausländische Standesbezeichnungen: Philosophen, 
Komödianten, Charlatane — Ausdrücke der welschen Galan- 
terie: Mätresse, Kurtisane, Cicisbeo — Monsieur, Madame und 
Mademoiselle — namentlich gegen die Vertreter fremder 
Religionen und Bekenntnisse zeigt sich eine gewisse Animosität. 

3. Glück muss der junge Mann haben 206 

Die Launen der Frau Luna oder der Frau Sprache — sprach- 
liche Emporkömmlinge — Spottnamen, die an die grosse Glocke 
gehängt, gemeine Namen, die geadelt werden — God save the 
Queen; Knight, Marschall — Budget und Fiskus, Kobalt und 
Nickel — un aimable Rou6 — Senioren und Priester — 
merkwürdige Verschiebungen: Minister und Magister — auch 
Fremdtitel bleiben mitunter in Ehren, zumal lateinische: Arzt, 

Professor, Vogt — ja, sie machen Karriere: Bonne. 

G. Die Antiphrasis. Logische Verschiebungen 211 

Zweiter Gang. Regeln der Kunst. 

Hauptstück I. 

Wortdeutekunst: die Wissenschaft vom Echten. 

I. Was heisst das eigentlich? 215 

Was es alles für Etymologen gibt: Biertrinker, Raucher, Sports- 
men, Juweliere — jede Art Kennerschaft ist Etymologie — 
vorzugsweise wird das Wort aber von der Sprachwissenschaft 
gebraucht — das Echte oder das Eigentliche, will sagen: der 
ursprüngliche Laut und die anfangliche Bedeutung — die Lust 
an der Wortdeuterei ist allgemein und alt — freilich gibt es 
auch souveräne Verächter der Etymologie — das sind unge- 
bildete und seichte Köpfe — wer denkt, muss sich darüber 



— XX — 

Seite 
freaen, seine Begriffe durch die Etymologie vereinfachen zu 

sehn — es gibt gar kein Licht ohne sie und die Philosophen 

brauchten sie am allemötigsten — Kant erklärt das Rundsein 

als das Hauptmerkmal eines Tellers, ist aber selbst nicht rund 

— wer die Worte braucht, ohne sie zu verstehn, gleicht einem 

Atheisten, der ein Credo hersagt — deshalb ist es anzuerkennen, 

dass schon Adam im Paradiese etymologisiert und sich dadurch 

als einen Mann erweist. 

2. Die Herkunft des Wortes liegt im Dunkel. .... 222 
Im allgemeinen thut man gut zu zweifeln — allwissend ist der 
Etymolog nicht — Gott selbst das grosse Unbekannte — 
Mensch, Adam und Homo — es gibt in allen Sprachen viele 

alte wichtige grundlegende Worte, deren Ursprung uns völlig 
unbekannt ist, zum Beispiel das Wort Sprache selber — die 
Maccaroni werden gegessen, aber niemand weiss, was er isst — 
gerade die kleinen, trivialen Nebendinge des Lebens machen 
die grösste Not: ein Fidibus, eine Bagatelle — es hapert häufig 

mit der Etymologie. 

3. Das Orakel trügt 228 

Der Ursprung vieler Wörter liegt im Dunkel, aber auch wenn 

ein Wort wirklich gedeutet wird, so ist doch nicht gesagt, dass 
die Erklärung immer richtig sei — berüchtigte Etymologien — 
schon die Alten haben etwas darin geleistet — geniale Einfölle 
der alexandrinischen und byzantinischen Grammatiker: das Ety- 
mologicum Magnum — ein paar Proben: Dithyrambus, Pirithous, 
Centaur — die alten Römer: Varro und Julius Paulus — 
Vulpes oder Volpes: quod volat pedibus — das Cölibat ist 
himmlisch und die Uxor eine Salberin — besonders werden 
die Resultate der sogenannten Antiphrasis belacht: Lucus a non 
lucendo — was es mit der Antiphrasis auf sich hat: moderne . 
Antiphrasenhelden — das Prinzip der Antiphrasis hätte blos 
Sinn, wenn die Begriffe objektiv ins Gegenteil umschlügen, denn 
sonst wäre jede Lüge, jede Schmeichelei und jede Ironie eine 
gewisse Antiphrasis — allerdings thun sie das zuweilen, aber 
das geschieht nicht etwa plötzlich, der Gegensinn wird durch 
Zwischenstufen vermittelt — antike Euphemismen — endlich 
ist der Gegensinn zuweilen nur scheinbar, wenn es nämlich gar 

nicht dieselben Worte sind. 

4. Gelehrtenetymologie und Laienetymologie .... 238 
Die Alten waren noch Stümper in der Wortdeutekunst, deren 
elementare Regeln erst in unserem Jahrhundert erkannt und 
aufgestellt worden sind — die Vielwisser des XVn. Jahrhunderts: 
Scaliger, Casaubon, Salmasius, Morhof, Leibniz — alle diese 



XXI — 



Seite 



Leistungen vergangener Zeiten haben fast ausschliesslich ein 
pathologisches Interesse — erst von unserem Jahrhundert datiert 
die historische Grammatik, die vergleichende Sprachwissenschaft 
und eine Philologie der neueren Sprachen — Etymologie und 
Etymonomie — die Afterwissenschaft ist in diesem Falle populär 

— eine veraltete Etymologie von Kant — lügen und liegen, 
Leipzig und Leibziege — die Stadt Rom und zwei alte römische 
Thore: Saint Jean porte la Tine — Kinderetymologie: wie das 
Porzellan erklärt wird — man sollte mitunter an schlechte 
Witze glauben, aber keine Dummheit ist beim Volk unmöglich 

— und bei den Gelehrten eigentlich auch nicht — die letzteren 
befinden sich sogar, was lokale Verhältnisse anbetrifft, oft im 
Nachteil gegen das Volk, weil sie nicht orientiert sind: Förste- 
mann und Andresen über den Namen der l^adt Klagenfurt — 

Ulm, Standquartier der fünften Legion. 

5. Das Abece der Wortdeutekunst 248 

Der Wortdeuter soll gleichsam ein Physiognom sein, der sich 
in Gesichtern auskennt — er will wissen, ob identische Be- 
griffie durch identische Laute ausgedrückt worden sind — alle 
Etymologie ist ein Selbigkeitsnachweis , der geführt wird — 
Normalbeispiel: Smörgäs, das schwedische Butterbrot, eigentlich 
Buttergans, schöner Fall gleichzeitiger Übereinstimmung in Begriff" 
und Laut — noch ein paar Normalbeispiele — häufiger ist eine 
einseitige Identität, die den Schein eines Zusammenhangs her- 
vorbringt, aber nicht genügt — Beispiele von Gleichklang ohne 
Gleichbedeutung und von Gleichbedeutung ohne Gleichklang — 
Ähnlichkeit in Lauten und Begriffen: sie hilft nichts, die 
Ubereinstimnfung muss eine absolute sein — vielleicht aber 
hat ursprünglich eine Übereinstimmung bestanden und ist nach- 
gerade verwischt worden -;— der Wortdeuter muss also auf den 
ältesten erreichbaren Lautbestand und den Grundbegriff zurück- 
gehn, die Geschichte der Laute und der Bedeutungen studieren 

— die wichtige Rolle, welche der Zufall auch in dieser Ge- 
schichte spielt — spasshaftes Zusammentreffen, Gleichklänge 
und Anklänge innerhalb einer und derselben Sprache und von 
Sprache zu Sprache, Resultate von Prozessen, die sich der 
Berechnung des Laien entziehn — der Trug des Gleichklangs: 
auf ihn sind die meisten Fehler zurückzuführen, die von den 
Wortdeutern begangen werden — dass gleichbedeutende, aber 
äusserlich verschiedne Worte für selbig erachtet werden, kommt 
ebenfalls vor: Manage, der das lateinische Equus und das 
spanische Alfana vergleicht — aber der Lautwandel hat seine 
bestimmten Grenzen und der Grundsatz, dass die begriffliche 



— XXII 



Seite 



Übereinstimmung für den Zusammenhang zweier Worte be- 
weisend sei, ist ebenso falsch wie der, dass die lautliche 
Übereinstimmung etwas beweise — warum gibt es überhaupt 

verschiedne Sprachen? — 

6. Die Etymologie ist eine historische Wissenschaft . 278 
Es kommt darauf an, dass der Wortdeuter etwas Ordentliches 
weiss, vor allen Dingen aber darauf, dass er weiss, was er 
eigentlich macht, indem er ein Wort mit einem anderen ver- 
gleicht, nämlich ein Stückchen Weltgeschichte — die Verwandt- 
schaft von Sprachen setzt die Verwandtschaft von Völkern 
voraus und die Annahme eines Fremdworts ist eine kleine 
historische Thatsache, die mit der Geschichte im allgemeinen 

in Einklang stehen muss — in früheren Jahrhunderten waren 
die Gelehrten von diesem Grundsatz noch nicht durchdrungen 
und ausserdem hatten sie über die Herkunft der europäischen 
Völker beschränkte Ansichten — sie verstanden noch kein 
Sanskrit — als die Ursprache des Menschengeschlechts be- 
trachteten sie das Hebräische, als die Zweitälteste des Griechische, 
woraus schon das Lateinische entsprungen war — die neueren 
Sprachen wurden ebenfalls auf jene beiden alten Quellensprachen 
zurückgeführt — wie man den Namen der Stadt Jena, der 
Stadt Paris und Afrikas erklärte — die angebliche Verwandt- 
schaft der romanischen Sprachen mit der Sprache der Hellenen 
— die Keltomanie — sperr oculos auf, lieber Wortdeuter! 

7. Dulce est desipere in loco 293 

Der Kritiker soll kein Pedant sein und nicht jeden unschuldigen 
Witz brandmarken — die Worte werden häufig nur scherzhaft 
ausgedeutet — schon im Alten Testamente gibt es eine Menge 
Anspielungen, die man nicht für regelrechte Etymologien neh- 
men muss — etymologische Witze alter und neuer Zeit, aus 
denen einen Vorwurf zu machen geschmacklos wäre — über- 
haupt soll der Gelehrte dem Laien seine Dummheiten nicht 
aufnötigen und keine Irrtümer erdichten — sonst würde sich 

die Wissenschaft vom Echten in die vom Unechten verwandeln. 

Hauptstück II. 

Leistungen, die sich an die Wortdeuterei anschliessen : das Wortspiel 
und die etymologische Wiederherstellung. 

T. Die etymologische Anbildung 299 

Das Wortspiel läuft der Wortdeutekunst in den Weg — es 
ist eine von den köstlichen Früchten der Wortdeuterei — zu- 
nächst hat die Wortdeutung die etymologische Restauration in 



— XXIII — 

Seite 
ihrem Gefolge — da die Deutung gewöhnlich falsch ist, so 

läuft die beabsichtigte Wiederherstellung auf eine neue Ver- 
unstaltung hinaus — wir lernen hier eine andre Art Assimilation, 
die Anbildung ganzer Worte an Worte kennen, welche dem 

Sprechenden vorschweben. 

2. Das Spiel mit gegebenen Homonymen 302 

Es gibt scherzhafte Wortdeutungen, es gibt auch scherzhafte 
Anbildungen, die Wortspiele sind — eigentlich ist nur eine Art 
Wortspiel zulässig, nämlich das Spiel mit Gleichklängen, die sich 

von selbst darbieten — der Pfaffe von Kaienberg — der fran- 
zösische Calembour und der deutsche Kalauer — Missachtung 
des sinnlosen Wortwitzes und der Zweideutigkeiten in unserer 
Zeit — der Witz besteht darin, dass ein Wort mit einem an- 
deren, gleichlautenden vertauscht wird, an welches man im 
Augenblicke nicht denkt — weshalb hat man in Paris den 
Lohengrin nicht aufgeführt? Elsas wegen — die Calembours 
des Marquis von Bifevre und anderer Franzosen — die Stadt 
Graz zu beiden Seiten der Mur — die Wortspiele der Berliner 
Komiker und Kästners — die englischen Punster — den meisten 
Geschmack an Wortspielen findet überall das Volk — die kleinen 
Leute verhalten sich in dieser Beziehung zu den höheren Stän- 
den, wie das Altertum zur Neuzeit — griechische und römische 
Wortspiele: die Venus des Praxiteles und der Eros des Phi- 
dias — Mis amores son reales — es wird bewiesen, dass 

Weiber keine Menschen sind. 

3. Die Anspielung 3^9 

Wenn kein absoluter Gleichklang vorliegt, das Volk gleichwohl 
seine Witze nicht lassen kann, so behilft es sich mit einer An- 
spielung — das Alte Testament ist voll von Anspielungen: die 
Namen Nod, Gerar, Nabal in der Genesis — die geistreiche 
Frau Königin Penelope — England, Holland und Niederland — 

wie sich Papst Gregor der Grosse auf dem Forum mit jungen 
Engländern unterhält — geographische Anspielungen sind noch 
heute an der Tagesordnung — fingierte Ortsnamen, wie sie die 
Laune Dichtern und Handwerkern eingibt: Maulbronn und 
Kloppenheim, Gibingen und Nehmingen, München und Frauen- 
hofen — schlechte Witze : ein Kandidat hört sich die Ofenthüre 
an, ein Handlungsreisender isst ein Amulett o komm vor die 
Thür — diese ewigen Anspielungen — das Kauderwelsch der 
Philister am Skattisch — Gewitzel in der Litteratur und in den 
Berliner Witzblättern — Heinrich Heine — überall besteht die 
Spitze in der einfachen Vertauschung von Worten, die sich der 
Homonymie nähern, ohne dass sie noch ihrem Lautbestand nach 



— XXIV — 

Seite 
weiter angegrifTen werden, aber diese Spitze ist an sich selbst 

keine glänzende. • 

4. Die Gegenüberstellung oder Paronomasie 318 

Die Dubletten werden hervorgeholt und die zwei gleich oder 
ähnlich lautenden , der Bedeutung nach verschiedenen Wörter 
zusammengestellt — die Griechen nannten das Paronomasie, die 
Römer Annomination — Beispiele aus dem klassischen Alter- 
tum und aus der Neuzeit: Rokitanskys Söhne — der Gegensatz 

ist die Seele der Paronomasie: last, not least — oder der Spieler 
kleidet sie in die Form einer sachentsprechenden Korrektur: 
Araber heisst er, a Rauber sollt er heissen < — ein Engel mit 
dem B, ein Gesell ohne G — eine Weissagung aus den Sibyl- 
linischen Büchern, von den drei Rollen, welche die Cumäische 
Sibylle nicht ins Feuer geworfen hat — wie die grossen Namen 
rumgehen — die Paronomasie berührt sich mit dem Reim: der 
Rheinfall und der Rheinstrom — ein Verschen von Geibel — 
die Kapuzinerpredigt — Schiller hat sie von Abraham a Sancta 
Clara, denn die Prediger lieben selber Wortspiele und geistreiche 

Gegenüberstellungen. 

5. Die scherzhafte Anbildung 324 

Eine vierte Phase des Wortspiels — Unterschied zwischen An- 
spielung und Anbildung: bei der letzteren werden die Homo- 
njrmen erst gemacht und Worte eingeschoben, die ohne den 
Witzbold in der Sprache gar nicht leben — Professor und Brot- 
fresser, der Stern Aldebaran und der alte Baron — Fischart 
besonders stark in komisch sein sollenden Assimilationen, mit 
denen er heute abblitzen und Anstoss erregen würde — die 
ganze Art Witz ist mehr für kleine, halbgebildete Leute vom 
Schlage Fischarts — Krankheiten und Apothekerwaren: die Alte 
Poussade, die Alte Eh-Salbe, die Alte Liebe — die satirische 
Ader des römischen Volks: Filzläuse der Jungfrau Maria — 

das Schöne von Rom, der englische Sirloin — dergleichen 
Witze werden nachgesagt, und bleibende Entstellungen sind die 
Folge — Schaden, den die Prediger angerichtet haben — 
Luthers Enten — der Armegecken- oder der Armejackenkrieg. 

6. Die vermeintliche Restauration 331 

Wo man bei der Anbildung mehr das Bestreben der Erklärung 

und die etymologische Sehnsucht als den Mutwillen des Witz- 
bolds durchfühlt, darf man auf volkstümliche Wiederherstellung 
oder sogenannte Umdeutung erkennen — der Wiederhersteller 
nimmt es mit dem Sinne nicht genau, was man namentlich an 
den absurden Zusammensetzungen merkt — ein Rätsel Papa 
Wrangeis — wie einer ähnliche Rätsel auf viele Komposita 



— XXV — 

Seite 
machen könnte, die wir der vermeintlichen Restauration ver- 
danken — Felleisen, Blankscheit, Hängematte, Armbrust aus 
Arcuballista — das letztere Wort, was man auch dagegen sagen 
mag, ein rechter Typus — wie man sich den Gang der Assi- 
milation zu denken hat — deutsche, englische und französische 
Umdeutungen, halbe und ganze, einfache und doppelte, mit 
Unterschub bald zweier Wurzeln, bald nur einer — die 
Königin im Schachspiel, ihr Titel Resultat einer schlechten 
etymologischen Restauration — Sammlung von charakteristischen 

Beispielen. 

7. Hausrecht 341 

Die Wiederherstellung in der Geographie — sie ist dreifach: 
erstens restaurieren die Menschen in ihrem eignen Hause, was 

von den Vorfahren übrig geblieben und in schlechtem Zustande 
ist — Beispiele aus Rom: die Santa Maria Inviolata — Fisch- 
hausen und AfTenthal — zweitens restaurieren sie was frühere 
fremde Hausbesitzer zurückgelassen haben: die Sierra Morena — 
die Deutschen in den Thälern der Alpen: die Karte von Peter 
Anich — Deutsche und Slawen: Andeutschungen slawischer 
Ortsnamen — Brandenburg, Mehlsack, Kuhschnappel, Pots- 
dam — Deutsche und Franzosen: die Metz und die Magd haben 
dem Kaiser den Tanz versagt — drittens restaurieren sie auf 
der ganzen Erde, denn die Erde ist ihr Haus: die Griechen — 
in Griechenland hausen wieder die Italiener, in Italien wiederum 
die Deutschen — Jerusalem, Negroponte, Gibraltar, Mailand, 
Leghorn, Liebstöckel — das Vorgebirge zum Finstem Stern, 
Bärensiebe am Schwarzen Meer — der Name Norwegen — noch 
einmal das Wortspiel: drei sonderbare niederländische Frie- 
densschlüsse. 

8. Unfreiwillige Komik 349 

Von der bewussten und willkürlichen Wiederherstellung ist die 
unbewusste und unwillkürliche zu unterscheiden, bei welcher 
sich der Sprechende verspricht und gleichsam einen Fleck 
aufsetzt — die Gebildeten reden dann von einem Quidproquo, 
einem Sproposito und der litterarische Witzbold trägt es in sein 
Album unfreiwilliger Komik ein — gleichwohl liegt nichts 
weiter als ein sogenannter Lapsus Linguae vor, welchem die 
Gebildeten selber nicht entgehen: die Tuberkulose im Knopf- 
loche des Prinzen von Wales — die Symphonie wird zur Zam- 
pogna, der Chevalier zum Schwager, das Rendez-vous zu einem 
Rande wutscherl — die reine Herübemahme eines Fremdworts 
allerorten etwas Seltnes, das wissen die Apotheker — Ehren- 
preis ist ein anderes Gewächs als Tausendgüldenkraut — wie 



— XXVI — 

Seite 
sie in Rom das Gewand der Sprache flicken: der Freistaat 

Hier-und-da — aber der Lappe vom Neuen reimet sich nicht 

auf das Alte. 

9. Von den Gelehrten untergeschobene Dummheit . . 354 
An Absicht mangelte es bereits vorhin, es ereignet sich aber 
schliesslich auch, dass die Worte im Munde des Volkes ganz 
zuföUig und ohne alle Hingabe an falsche etymologische Ge- 
fühle gewissen andern Worten ähnlich werden und dass weder 
ein Wortspiel, noch eine Verbesserung, noch auch nur ein 
komischer Irrtum vorliegt — Beispiele solcher Assimilationen, 
die von selbst erfolgt sind: Aventiure und Ofentüre, Parlierer 
und Polier, Aquavit, Pomade, Dattelreime — wer hier Übles 
denkt, ist der kurzsichtige Pedant — dennoch wittern die Ge- 
lehrten in jedem zufalligen Anklang eine etymologische Restau- 
ration — Max Müller erklärt Beefeater aus Buffetier, diese Er- 
klärung ist äusserst unwahrscheinlich — der Ausdruck Fleurs 
für die Menstruation ist nicht aus Fluores entstanden — wie 
Andresen und Hildebrand den Namen Kelleresel für eine Restau- 
ration von Kellerassel ausgeben — Kelleresel ist keine Restau- 
ration, das Volk hat damit das Richtige getroffen — das Renn- 
tier und das Elendtier — Andresen über Grussdank — es ist 
nicht alles Gold was glänzt, wer aber auch das echte Gold für 
Similor halten will, der wird erst recht betrogen. 

10. Die Weisheit Salomos 364 

Salomo, der die Sprache der Tiere versteht — auch wir ver- 
stehen sie, denn sie sprechen nur ein verderbtes Deutsch, es 
kommt nur darauf an, ihre Laute wiederherzustellen — Aus- 
deutung von Tierstimmen: das Volk nimmt sich des seine 
Sprache radebrechenden Rindviehs an und erklärt selbst den 
Glocken, was sie eigentlich sagen wollen — es gibt sogar Tiere, 
die lateinisch und griechisch reden, ohne es zu wissen — 
namentlich den Vögeln, die uns näher verwandt sind als andere 
Tiere, kommen unsere etymologischen Kenntnisse zu gute: der 
Pirol, die Lerche, die deutsch und französisch spricht, die 
Gänse, die den Schildbürgern aus der Not helfen — wie der 
Paarungsruf der Wachtel ausgedeutet wird — Wachteln und 
Raben sind gelehrte Vögel, die letzteren rufen: morgen, mor- 
gen, nur nicht heute — Amseln, Finken, Zeisige, die Käuzchen 
oder die Kommmitchen — Beispiele von Ausdeutung in Italien, 
in Frankreich, in dem alten Griechenland — ganze Lieder 
tragen die Vögel vor: was die Nachtigall singt — o, du Kinder- 
mund, vogelsprachekund, wie Salomo! 



— XXVII — 

Hauptstück III. Seite 

Der getreue Dolmetsch. 

I. Die Kunst der Auslegung oder Interpretation . . . 372 
Strepsilas Interpres — der Wortdeutekunst läuft die Kunst des 
Dolmetschers parallel — die Hermeneutik eine Abart der Ety- 
mologie, die Auslegung eines Wortes in einem gegebenen Falle 
fordernd — es fragt sich, welche von den verschiedenen Be- 
deutungen desselben an einer bestimmten Stelle eines Buches, 
überhaupt in zusammenhängender Rede zutrifft — ob der Aus- 
druck allegorisch oder nicht zu verstehen ist — mit göttlichen 
Dingen soll man keine Komödie treiben — die drei Haare Bis- 
marcks — die Tugend ist die Mittelstrasse zwischen zwei Ab- 
wegen: das einemal vernachlässigt der Ausleger den verborgenen 
tieferen Sinn, das anderemal vernachlässigt er den einfachen 
naturlichen Sinn, beidemale hat ihn der grosse Gelehrte zurecht- 
zuweisen — ein dritter Fall ist der, dass der Autor, der erklärt 
werden soll, die Allegorie selber nicht versteht — der wahre 
Gelehrte ist das Volk, wer diesen Gelehrten meistern will, hat 
in vielen Sätteln gerecht zu sein — das Volk ist zugleich der 
beste Schiedsrichter, wenn es sich um verschiedene Auffassungen 
handelt — Panegyrikus auf das Volk. 

2. Der gute Ausleger gründet tief 376 

Der grosse Haufe will einen Mosen haben mit Hörnern: Miss- 
verständnisse aus dem Alten Testament, auf oberflächlicher Aus- 
legung beruhend — was der Name Moses eigentlich bedeutet — 
wie der Gesetzgeber in der Werkstatt Michelangelos zu Hörnern 
gekommen ist — Strahlen und Pfeile, die russischen Strelitzen 
und Stralsund — hier kommen uns die Kenntnisse zu gute, die 
wir uns in der Periode der poetischen Metaphern erworben 
haben: das goldene Kalb — Raffaels Bibel ist platt: wir wissen, 
dass der Sündenfall nur allegorisch zu verstehen ist — die Re- 
ligion der Heiden — die kuhköpfige Isis — Ägypten: das ver- 
schleierte Bild von Sais, Schiller hat die ganze Inschrift miss- 
verstanden — Missverständnisse aus dem klassischen Altertum: 
die Cyniker — die Bienen auf dem Munde des jungen Plato — 
der sterbende Sokrates opfert dem Asklepios einen Hahn, er 
will sagen, dass er von einer langen Krankheit genesen ist — 
das Christentum : die weltkundige Legende vom heiligen Christoph, 
sie beruht auf einer naiven Auffassung des Namens Christo- 
phorus — der Gründonnerstag, Luthers unsichtbare Kirche — 
nur wenigen eingeweihten Personen verständlich zu sein, der 
grossen Menge ein Buch mit sieben Siegeln zu bleiben, die Be- 
stimmung aller Religion. 



— xxvin — 

Seite 
3. Der Ausleger ist ein Hineinleger geworden .... 389 

Das Umgekehrte von vorhin: jetzt thut der Ausleger zu >ael — 
Mosis Homer waren falsch, die des Jupiter Ammon, des Leit- 
hammels, sind richtig — das Mehr Licht! des sterbenden Goethe 

— es ist oft leichter etwas in eine Stelle hineinzulegen, als die- 
selbe natürlich auszulegen, weil hierzu reale Kenntnisse ge- 
hören — Halbgelehrsamkeit von Übel — die allegorische Aus- 
legung des Hohenliedes: allerdings wird der Bund Jehovahs mit 
Israel als ein Ehebund, darnach auch die Kirche als Braut 
Christi aufgefasst, aber dieses erotische Idyll ist kein mystisches 
Liebeslied, in welchem der Herr mit seiner Gemeinde koste, 
es hat die Aufnahme in den alttestamentlichen Kanon einem 
Missverständnisse zu danken — unsere Konkordanz über den 
Nabel der Hirtin Sulamith — eine andere Liebe Salomos, seine 
Gemahlin: die Königin von Saba, namens Bilkis — in der Bibel 
besucht sie den König Salomo, im Koran macht ihr Salomo 
seinen Gegenbesuch und der Wiedehopf spielt die Rolle eines 
Postillon d*Amour — Saba ist die arabische Landschaft Jemen 
und diese das Glückliche Arabien — ein altes Gold- und 
Wunderland, ein Eldorado, ein Kalifornien, ein Japan — Was 
heisst Glück ? Das Glück des Glücklichen Arabiens hat keinen 
andern Grund als den, dass El- Jemen die Rechte Hand heisst 

— die Araber können rechts und links unterscheiden, was die 
Einwohner von Ninive nicht können — der Prophet Jonas, 
von einem Haifisch verschlungen, durch einen Ricinus über- 
zeugt, eine Kopie des Herkules und ein Typus für Christi Auf- 
erstehung — bei Prophezeiungen ist der Ausleger ein wichtigerer 
Mann als der Prophet: wie es der heilige Hieronymus mit seiner 
Erklärung fertig bringt, den Morgenstern zum Teufel zu machen 

— oftmals verstehen die Schüler von den Worten ihres Meisters 
keine Bohne — das Bohnenverbot des weisen Pythagoras: es 
war eigentlich zu nehmen und fusste auf der Beziehung, welche 
die Hülsenfrüchte zu den weiblichen Geschlechtsorganen haben, 
item auf der Seelenwanderung — die Vulva — Pythagoras meinte 
wirkliche Bohnen, nicht die sogenannten ägyptischen — die 
Hauptsache ist, sich seine Symbolik anzueignen — die Bohne 
ein Sinnbild der Fruchtbarkeit und der Unsterblichkeit und 
als solches bei Begräbnissen angewendet — wenn ein weiser 
Mann etwas vorschreibt, denkt er sich viel dabei, will aber 
doch sagen, was er sagt — Hippokrates will, dass .sich seine 
Patienten gelegentlich berauschen, auch Plato gibt ein darauf 
abzielendes Gesetz: die Ausleger bemühen sich, die Trunkenheit 
in allgemeine Heiterkeit aufzulösen — sie brauen gleichsam 



XXIX 



Seite 



eine Bowle und giessen bald zu viel Wasser, bald wieder zu 
viel Wein zu — sie vergeistigen selbst die Universität — die 
Textberichtigung läuft der Wiederherstellung, die Emendation 
der etymologischen Restauration parallel. 

4. Das Ei will klüger sein denn die Henne 405 

Die dritte Gattung von Missverständnissen: der Ausleger ist 
nicht objektiv genug, um die bessere Einsicht, die er wirklich 
hat, dem Autor, welchen er auslegt, vorzuenthalten — von der 
physikalischen Bedeutung der Mythen, welche sie erzählen, und 
ihrer tiefsinnigen Symbolik haben die alten Dichter selbst keine 
Vorstellung — Homer versteht nicht sogut wie Forchhammer, 
was der Trojanische Krieg eigentlich für eine Allegorie ist, und 
nimmt die Agis für ein Ziegenfell — notabene: vorausgesetzt, 
dass die gegebenen Erklärungen wirklich richtig sind — in jün- 
geren Zeiten wird die Allegorie bewusster, immerhin bleibt die 
Erfindung einerseits dem Genius selbst ein Rätsel, anderseits 
nimmt sie beim Bekanntwerden wieder den Charakter des 
Mythus an — der Selbstmord des Dichters Lucretius eine bös- 
willige Erfindung — die Legenden über das sonderbare Ende 
der drei grossen attischen Tragiker, teilweise durch einen poe- 
tischen Zug des Volks hervorgerufen — wir sehen jetzt durch 
einen Spiegel in einem dunklen Worte, der Ausleger mag sich 
begnügen: den Spiegel rein zu erhalten. 

Dritter Gang. Früchte der Wortdeuterei. 

Teller I. 

Fabeln, welche die Gelehrten in Umlauf setzen : IcOnstliche Anekdoten. 

1. Anekdoten liegen den Ausdrücken häufig thatsäch- 

lieh zu Grunde 410 

Wer die ersten Anekdoten erzählt hat und was Anekdoten 

sind — auch im Leben der Sprache ereignen sich kleine inter- 
essante Einzelheiten, die Worte haben ihre Schicksale wie die 
Bücher und wie die, welche die Bücher schreiben — wie das 
Wort Falbel entstanden ist, überraschende Aufschlüsse darüber 
— der Prinz Plön Plön und der Ritter Ja den — das königliche 
Haus der Pomare — kulturgeschichtliche Pikanterie: Brillen 

und Taschenmesser. 

2. Der Gelehrte erfindet sich die Anekdote, die ihm 

fehlt 415 

^vgrjxe r^v ^BtvfioXoylav — er weiss woher der Cockney 
seinen Namen hat, was Gallimathias ist, woher der Ausdruck 
Pumpernickel stammt — lass dir nichts weissmachen, Bruder- 



— XXX — 

Seite 
herz — der Cockney isst Kuchen, der Westfale Brot und 

Schinken, der Wiener fühlt sich pumpergesund — unmassgeb- 
liche Vorschläge, um das Wort Pumpernickel zu erklären: 
aus dem Schwarzbrot ging der Name des Lustigmachers her- 
vor — Quot Bos! — Porträt des Universalgelehrten auf der 
Suche nach Etymologien — Antimoine und Huguenots — der 
englische Toast wird nicht ins Glas gethan, es ist unser: Stosst 
an! — der alte Grog und der fünffaltige Punsch und der ost- 
indische Toddy — Knickebein und Reissnieder — die Jenenser 
Salbader und Philister — die flotten Studenten sind fidel. 

3. Kennzeichen der künstlichen Anekdote 424 

Wallenstein kommt auf den Hund — da liegt der Hund be- 
graben — er weiss wo Barthel Most holt — gewöhnlich verrät 
sich die Kunstanekdote durch einen gewissen Mangel: es klappt 
nicht — die Erzählung vom Münchener Bockbier nicht schneidig 
genug — die Geschichte von den Vatermördern ein Garten- 
laubenmärchen — der Vatermörder ein Parasit, den Bock, der 
die Münchener umstösst, hat Eimbeck gesotten, aber im Hof- 
bräuhaus erfahrt man*s — wer's glaubt, wird selig. 

Teller n. 

Trugbilder, welche durch die Worideuterei hervorgerufen werden: 
Worisagen und Worilegenden. 

I. Etymologische Mäuse 429 

Weitere Erfindungen, die eine Wortdeutung rechtfertigen sollen 
— eine Rheinsage: der Mäuseturm bei Bingen — wir halten 
es für eine Fabel und zwar, wenngleich die Mäuse in Sagen 
oft und namentlich am Goplosee vorkommen, für eine ety- 
mologische Fabel, denn das Wort Maus gehört zu den gefahr- 
lichen Homonymen — nicht Mautturm, sondern Musturm und 
dies soviel wie WafTenturm — Musma Kossalin! — dergleichen 
etymologische Mäuse nichts Seltenes : der Erzbischof Hatto hätte 
die Tour sans Venin besteigen sollen — das rote Mäuschen, 
das der Penelope mitten im Gesänge aus dem Mund springt — 

es huscht in die Welt. 

2. Der Name des Orts: ein Märchen 435 

Etymologische Lokalsagen und Lokaltraditionen: der Kutscher 
des Herrn Jakob Heller über Erlangen, Nürnberg und Herms- 
dorf im Holzland — mein Kutscher in Heidelberg: Seligenstadt, 
der Odenwald, Wimpfen, seine historisch -etymologisch -phan- 
tastischen Notizen — mit Frau Saga um die Welt, durch alle 
Orte, wo Menschen wohnen — über Oschatz, Liebertwolkwitz, 
Dresden, Bautzen und Altona, überall wird eine Geschichte 



- XXXI — 

Seite 
improvisiert — speisen wir lieber in Wolkwitz! dräst*n oder 

fährst'n? — die Droschken müssen in Dresden gut sein, denn 
es ist dasselbe Wort — Bargsagen: die Wartburg, das Kapitol, 
die Byrsa von Karthago — das Haupt des Tolus — wie die 
römische Burg zu einer Himmelsburg geworden ist, Ära Celi 
— schon Virgil kennt die Himmelsburg — die Vision des 
Augustus — alte Gründungssagen, die den Ortsnamen entsprin- 
gen: der Heros Eponymos — Romulus ist ein Kind Roms, aber 
es sieht aus, als ob die Stadt Rom von Romulus herrührte — 

die Söhne Teuts. 

Etymologie und Mythologie 443 

Mythen nehmen ihren Ausgang von der Wortdeuterei, auch in 
der Mythologie ist häufig am Anfang das Wort gewesen — die 
Prometheussage, aus dem Pramanthas des Sanskrit hervor- 
gewachsen: erst der Feuerbohrer, dann die Rute, hierauf, nach 
beiden Seiten hin personifiziert, der Feuerholer und Menschen- 
bildner, endlich mit Assimilation ein Vorbedacht — auf der 
Insel Cypern gibt es noch heute Prometheusse und die ^Brah- 
manen brauchen noch heute den Pramanthas — die etymolo- 
gische Sage, welche die Einkleidung des Rämäyana bildet: die 
Zwillinge Kusi und Lawa — Ihr Griechen, Ihr seid ewig Kinder, 
steht den Anschauungen des arischen Vaterhauses nicht so 
nahe wie die Inder — nur dunkle Erinnerungen sind den Grie- 
chen geblieben, Worte, die sie nicht mehr verstehen und nun 
zu allerhand Wortsagen benutzen — die Centauren und die 
Gandharwa, Dionysos und Soma: wie die Erzählung von der 
unnatürlichen Geburt des Bacchus auf den Namen des goldnen 
Berges Meru zurückzuführen ist — eine andere Erklärung durch 
das sogenannte Männerkindbett oder die Couvade — die Mythen 
von der Geburt der Athene aus dem Haupte des Zeus, von der 
Schaumgeborenen Aphrodite, von den Plejaden, vom Telephus, 
von den Myrmidonen: alles Wortsagen — die Demeter und 
die taciteische Nerthus, wie sich dieselbe in eine Hertha ver- 
wandelt hat — Apollo und der ApoUyon der Offenbarung und 
Bunyans — alle Religion steckt voll etymologischer Legenden, 
auch die christliche: Nezer und Nazareth — Biblisches: Astarte 
und der Gott Dagon, Patron des Ackerbaues, eigentlich ein 

Fischchen. 

Frau Vanderbilt 452 

Wortdeuterei und Christentum: Die Veronikalegende, eine ety- 
mologische Fiktion — gegründet auf den Namen Berenice — 
so hiess das Blutflüssige Weib des Evangeliums, dieser Name 
ward in Veronika verwandelt und als Vera Icon, wahres Bild, 



— xxxn — 



Seite 



erklärt — thatsächliche Vorzüge der Hämorrhoissa: sie war 
Hausbesitzerin in Paneas und hatte hier bereits eine plastische 
Darstellung des Wunders ihrer Heilung — der Abdruck des 
Christusgesichts auf ihrem Taschentuche ein Abklatsch des Ab- 
drucks, welchen Christus für den König Abgar von Edessa ge- 
macht hatte, die edessenische Abgarsage ist bis auf die Ein- 
kleidung von den Lateinern nachgebildet worden — an die 
Stelle Abgars trat der franke Tiberius und an die Stelle 
Edessas Rom, wohin das Veronikabild kam — was man davon 
sieht — heutzutage nennt das Volk das Kräutlein Ehrenpreis 
Veronika, warum? — eine andere, mit der Veronikalegende 
zusammenhängende etymologische Fiktion: die Pilatussage — 
Mons Pilatus und Mons Pileatus, aber der letztere Name liegt 
nicht vor, man muss annehmen, dass sich die Sage von selbst 
auf den Gipfel des Fracmont gezogen hat — Pilatus im Thale 
Josaphat, das heisst, im Weltgericht. 

5. Wanderungen der etymologischen Mäuse 464 

Der 6chwanenteich der Stadt Zwickau und das Märchen von 
Musäus — der Geraubte Schleier typisch für Erfahrungen, die 
der Sagenforscher macht — die Sagen mit Schwänen zu ver- 
gleichen, auch mit Ratten oder Mäusen — wie diese wandern 
sie — Amazonenstaaten, Völker, bei denen das Mutterrecht 
noch gilt — einzelne Züge der Amazonensage verraten sich als 
Wortsagen, zum Beispiel das Abnehmen der rechten Brust — 
durch eine neue Wortsage leben die Amazonen in Südamerika 
wieder auf: der Amazonenstrom — der Maranon: eine etymo- 
logische Anekdote — mit den Schiffen der Konquistadoren 
kamen die Mäuse nach Amerika, die etymologischen Mäuse 

kamen mit. 

Teuer m. 
Geheimmittelunwes'en und Schwindel 469 

Der Pastor Samuel David Roller in Lausa bekommt von einem 
Fechtbruder ein Rezept zu einem Geheimmittel mitgeteilt — die 
antepileptischen Elstern, Roller verkohlt sie und erfindet das 
Diakonissenpulver — der Glaube schreibt sich daher, dass die 
Elster selbst an der Fallsucht zu leiden scheint — auch das 
Elentier scheint das Böse Wesen zu haben und sich mit seinen 
Klauen selber zu kurieren, daher gelten diese auch für antepilep- 
tisch — beim Elentier kommt noch der Name hinzu, welcher 
auf das Elend hinweist — analog wird der heilige Valentinus 
zu einem heiligen Fallendinus und als solcher angerufen — die 
Wortdeuter leiden selbst an der Hinfallenden Krankheit — sie 



— xxxin — 

Seite 
bringen eine ganze Hausapotheke zusammen, zunächst zwei an- 
dere wichtige Epilepsiemittel: den Beifiiss und die Pfingstrose 
— der Wunderdoktor Päeon und die Päonie — der Name Roller 
leistet seinem Mittel Vorschub — warum erleichtert der Voll- 
mond die Geburten? — beim Nussbaum ist es umgekehrt: er 
gilt um seines Namens willen für schädlich und verhext — heil- 
lose Verwirrung, welche die Wortdeuter in die Naturgeschichte 
bringen — die Ringelgans, der Osterhase und das scythische 
Pflanzenschaf — das letztere ein Schäfchen, wie es die Kinder 
unter ihren Spielsachen haben, aber für ein wirkliches Schaf 
gehalten — Verwechselung, die mit den Elstern stattgefunden 
haben könnte — der mittelalterliche Arzneischatz füllt sich 
einerseits durch den Glauben an die Signatur der Pflanzen, 
anderseits durch die Wortdeuterei. 

Schluss 482 

Register 484 



Erster Gang. Voruntersuchungen. 



Vorlage I. Wahrheitsgetreue Schilderung der kiSglichen 
Missstä'nde, welche die Wortdeutung veranlassen: schlechte 

Musikanten. 

A. Theorie und Gründe des Lautwandels. 

a. Die Musik der Sprache, HauptUbel: willkürliches 
Auslassen einzelner Laute und ganzer Silben. 

Der Mensch verdirbt alles, sogar seine eignen Kinder — er verdirbt auch 
die Worte seiner Sprache — er bläst schlecht auf dem Blasinstrument, das 
uns die Natur mitgegeben hat — man kann den Kehlkopf als eine Lippen- 
pfeife oder als eine Schäferpfeife oder als eine Zungenpfeife ansehn, in welche 
die Luftröhre bläst — wir erzeugen auf dieser Pfeife Töne und Geräusche, 
Vokale, Konsonanten und Vokalkonsonanten — tabellarische Übersicht — 
besagte Laute haben unsere Altvordern mit einem Wurf zu einzelnen 
Stückchen, zu Silben und Worten verbunden und sie uns vorgeblasen, da- 
mit wir sie nachblasen sollen — wir aber legen keinen sonderlichen Wert 
darauf, weil sich das Bewusstsein ihrer Bedeutung abgestumpft hat — Un- 
achtsamkeit: Hast, Bequemlichkeit, grobe Nachlässigkeit charakterisieren den 
Sprechenden — er nimmt sich nicht die Mühe, die vorgeblasenen Sonaten 
richtig nachzublasen und zu artikulieren — er kürzt sie vorn und hinten 
ab, nur um schnell fertig zu werden — auf das Wichtigste kommt es ihm 
gar nicht an — auf diese Weise wird das organische Wachstum der Sprache 
wieder rückgängig gemacht — was von den indogermanischen Verbalformen 
im Lateinischen übrig geblieben ist — unsere eigene Sprache: Übergang des 
Althochdeutschen in das Mittelhochdeutsche und Schwinden der Flexions- 
endungen — der Verfall der Laute in den romanischen Sprachen — barer 
Unsinn, der gelegentlich dabei herauskommt — man soll hier weder von 
Verwitterung, noch von Krankheit, noch überhaupt von einem Naturprozesse, 
sondern nur von schülerhafter Indolenz, von Faulheit und Unüberlegtheit reden. 

Der Mensch, hat ein Naturschwärmer am Anfang* eines 
berühmten Buchs gesagt, der Mensch verdirbt alles in der 

Kleinpanl, Etym. 1 



— 2 — 

Welt. Er zwinget dem Boden die unrichtigen Produkte, 
dem Obstbaum die unrichtigen Früchte ab — er wirft die 
Klimate, die Elemente, die Jahreszeiten durcheinander — 
er verschneidet seinen Hengst, seinen Hahn, seinen Sklaven 
— er verdreht alles, er verkehrt alles, er stellt alles auf 
den Kopf — er gefällt sich in Missgestalten und in Un- 
geheuern — er will nichts wie es die Natur gemacht hat, 
nicht einmal den Menschen: er dressiert ihn wie ein Schul- 
pferd, er richtet ihn ab wie einen Jagdhund, er stutzt ihn 
zu wie den Buchsbaum in seinem Garten. 

Nicht einmal, hätte unser Philosoph hinzusetzen können^ 
seine eignen Kinder, die er unwissentlich erzeugt hat, die 
er, wie das viele Namen bezeugen, als ein Geschenk der 
Natur oder als eine Gnade von Gott betrachtet, die er 
nichts destoweniger verbessert und berichtigt und bereits 
in der Wiege nach seinem Wohlgefallen drillt und drechselt. 
Je nach der Landessitte werden die Säuglinge gewickelt 
und unterbunden, gepresst und geschraubt und ihnen bald 
die Nasen gebogen und geplatscht, bald die Nägel kulti- 
viert, bald die Füsse verkrüppelt, bald die Ohrläppchen 
ausgedehnt und durchbohrt, bald die Zähne ausgebrochen 
oder abgemeisselt oder spitzig zugefeilt; die Ethnographen 
nennen das Körperplastik. Namentlich an den Brüsten und 
an den Geschlechtsteilen der Neugeborenen lieben es die 
Eltern in ausgedehntestem Masse herumzukünsteln und 
ganz entgegengesetzte Prozeduren vorzunehmen, das eine 
Mal zu schneiden und zu zerstören, das andere Mal wieder 
zu ziehen und zu zerren — EingrüBfe, die allmählich von 
der Natur selbst in ihre zeugende Kraft aufgenommen und 
beibehalten werden. Ja wohl, hätte Rousseau sagen können, 
an seinem eignen Fleisch und Blute vergreift sich der 
Eigensinn und will es besser machen, schöner machen als 
es Mutter Natur gemacht hat; der Tropf kann gar nichts 
ohne sie, und dennoch vermisst er sich, ihren unnachahm- 
lichen Werken nachzuhelfen. Aber Rousseau hätte noch 
dazu setzen sollen, dass die Eltern ihre armen Kinder, 



— 3 — 

während sie dieselben eigenmächtig verbessern und ver- 
schönem, zugleich aufs gröbste vernachlässigen und wie 
zarte Pflanzen verwildem lassen, indem sie ihnen nicht mit 
allen Mitteln diejenige Schönheit zu erhalten suchen, die 
ihnen die Natur wirklich gegeben hat. 

Und das gilt hauptsächlich von den geflügelten Kin- 
dern des Menschen, die durch den Zaun seiner Zähne 
schlüpfen, den Geisterlein, die, seine Gedanken und seine 
Herzensbedürfnisse der Aussenwelt verratend, wie Klänge 
einer inneren Musik auf seinen Lippen schweben: den 
Worten seiner Sprache. Wie Klänge einer inneren Musik — 
unser Gefühl täuscht uns nicht, es ist wirklich Musik, was 
da aus uns hervortönt, der Vergleich hat durchaus nichts 
Gewagtes. Das menschliche Sprachorgan ist der Kehlkopf 
und dieser ein gewöhnliches Blasinstrument, nämlich eine 
lAppenpfeife, Lippenpfeifen werden durch zwei häutige 
elastische Platten oder Lippen gebildet, welche einen schmalen, 
zwischen ihnen befindlichen Spalt durch ihre Schwingungen 
abwechselnd öffnen und schliessen und so den aus dem 
Spalte dringenden Luftstrom unterbrechen; durch stärkere 
Spannung der Lippen wird die Tonhöhe gesteigert. Nun, 
der Kehlkopf ist eben nichts anderes als eine Lippenpfeife, 
in der die Stimmritze den Spalt darstellt, während die 
Stimmbänder die Rolle der Lippen spielen. Hat der Leser 
einmal auf einer Schalmei geblasen oder neugierig die 
uralte Schäferpfeife, den Piffero der italienischen Fifferari 
untersucht, der aus einem einfachen Rohr gefertigt wird? — 
Die Oboen und die Fagotte unserer Militärmusikkapellen 
sind bekannthch nur verbesserte Schalmeien und von der 
Hirtenpfeife der Alten blos dadurch unterschieden, dass bei 
ihnen das Mundstück fehlt. Mit einer Schalmei, die ein 
Instrument mit doppeltem Bohrhlatt darstellt, können wir den 
Kehlkopf ebenfalls vergleichen: er büdet das Mundstück, 
in welchem der Ton durch Schwingungen der Rohr- 
blättchen erzeugt wird, die Stimmbänder, die in seinem 
Inneren an den Stellknorpeln befestigt und zu zwei Paaren 



ausgespannt sind, fungieren wie die kleinen dünnen Platten 
feinen Schilfrohrs, die in der durchstreichenden Luft gleich 
zartem Laub erzittern, dadurch die Erzitterung der Luft 
befördern und ertönen, und die man eben Bohrhlätter oder 
schlechthin Blätter nennt. Sind die Blätter von Metall, so 
bezeichnet man sie auch als Zungen, daher man von den 
Zungen einer Maultrommel oder einer Mundharmonika und 
den Zungenpfeifen in einem Orgelwerke redet — denn auch 
die Orgel gehört bekanntlich unter die Blasinstrumente, 
nur dass sie vermittelst der Mstschinerie der Windkästen, 
Windläden und Tststen angeblasen wird; nun wenn man 
will, so kann man auch sagen: wir tragen eine Zungen- 
pfeife mit uns herum. Also eine Lippenpfeife oder eine 
Schäferpfeife oder eine Zungenpfeife ist unser Kehlkopf, 
den man genauer den Luftröhrenkopf nennen sollte, der 
Leser hat die Wahl; er möge sich nur vorstellen, dass wir 
beim Sprechen den Kehlkopf gewissermassen in den Mund 
nehmen wie eine Pfeife und dass wir vermittelst der Luft- 
röhre, welcher der Kehlkopf aufsitzt, hineinblasen wie ein 
Hirt in die Schalmei, um die Stimmbänder bald rascher, 
bald langsamer, bald lauter, bald leiser zum Tönen zu 
bringen — der Unterschied zwischen dem Redner und dem 
Hirten ist nur der, dass bei jenem der anblasende Mund 
tief unten im Halse steckt, gleichsam weiter zurück, der 
Luftquelle näher liegt, während derjenige Mund, der an 
das Mundstück des Holzinstrumentes ansetzt, beim Sprechen 
mitsamt der Zunge und den Lippen einen integrierenden 
Teil des Naturinstrumentes darstellt. Die Mundhöhle (respec- 
tive die von ihr durch den harten Gaumen getrennte Nasen- 
höhle, die gleichsam ein zweites Stockwerk, und die von 
ihr durch den herabhängenden weichen Gaumen getrennte 
Rachenhöhle, die gleichsam einen Keller bildet) entspricht 
nämlich der Schallröhre oder dem eigentlichen Körper des 
Instruments, hat aber einem solchen gegenüber einen 
ausserordentlichen Vorzug, nämlich die Elastizität. Der 
Körper einer Oboe oder eines Fagotts ist starr und fest. 



— 5 — 

zwar mit Klappen und Tonlöchem versehen, dass die 
Schallröhre verkürzt und verlängert werden kann, aber 
sonst weder dehnbar noch modifizierbar; die Mundhöhle 
dagegen vermögen wir durch Zusammenziehung unserer 
Muskeln auf das mannigfaltigste abzuändern und im ganzen 
und einzelnen beliebig umzuformen: bald stellt sie eine 
bauchige Fleische, bald die Zunge einen Löffel, bald der 
weiche Gaumen ein aufgezogenes und gespanntes Segel 
dar; bald schliessen wir die Mundhöhle, dass der Stimmton 
durch die Nasenhöhle ausströmt, bald öflEnen wir sie weit. 
Unendlich verschiedene Formen und Dimensionen anzu- 
nehmen ist die natürliche Pfeife fähig, und daher gibt sie 
Melodien von sich schmelzend und wohllautend wie das 
Rohr eines Korydon. Aber in unserem Blasinstrument 
schlummern noch ganz andre, wunderbare Laute. 

Man unterscheidet in der Akustik Töne und Ge- 
räusche. Ton nennt man einen Schall, der durch gleich- 
förmige Schwingungen eines elastischen Körpers gebildet 
Avird, also nach seiner Höhe oder Tiefe genau zu bestimmen 
ist; das Geräusch erfolgt im Gegensatz zum Ton durch 
nicht periodische und ungleichartige Stösse auf unser Ohr; 
es besteht aus unregelmässigen Gemischen verschieden- 
artiger und schnell wechselnder Tonhöhen. Die wissen- 
schaftliche Bezeichnung für Ton ist eigentlich Klang; man 
setzt daher auch den durch regelmässige Schwingungen 
hervorgebrachten Klang dem durch unregelmässige Schwin- 
gungen hervorgebrachten Geräusch entgegen. Beide Male 
ist es natürlich unser Gehör, was die verschiedenartigen 
Schwingungen des tönenden Körpers mitmacht und gleich- 
sam zum Ausdruck bringt, indem sich sowohl die regel- 
mässige, periodische, als auch die unregelmässige, nicht 
periodische Bewegung auf das Trommelfell überträgt: die 
Empfindung des Schalls entsteht, wenn die durch vibrierende 
elastische Körper erzeugten Luftwellen an unser Ohr an- 
schlagen und entsprechende Schwingungen unserer Gehör- 
nerven veranlassen; ein musikalischer Ton wird dann ver- 



nommen, wenn das Trommelfell in regelmässige Schi^irin- 
gungen versetzt wird, während unregelmässige und un- 
gleichartige Schwingrungen oder auch ein Gemisch von 
verschiedenen kurz andauernden Tönen als Geräusch ver- 
nommen werden. Mit der Schalmei, auf der wir die herr- 
lichen Töne blasen, ist nun ein anderer, sehr komplizierter 
Apparat zur Hervorbringiing von Geräuschen verbunden, 
vermöge dessen unser Organ nicht blos als Blasinstrument, 
sondern zugleich als eine Art Lärminstrument funktioniert. 
Mit Hilfe der beweglichen Zunge, die häufig als das 
Hauptorgan der Sprache betrachtet wird, da sie besonders 
viel herhalten und bald die Zähne, bald den harten, bald 
den weichen Gaumen berühren muss; des ebenfalls beweg- 
lich«! Gaiunensegels und der Lippen wird bald vom, bald 
hinten, bald eine Enge, bald ein Verschluss gebildet und 
der Luftstrom mit einem scharf charakterisierten Geräusch 
hindurchgetrieben. Bei %'ölligem Verschluss und plötzlicher 
Öfl&iung desselben platzt der Mund gleichsam, er explodiert 
wie ein Dampfkessel, daher man die Verschlusslaute auch 
als Eoi^losivlaute bezeichnet Besagtes Geräusch kann ent- 
weder von einem durch regelmässige Schwingungen der 
Stimmbänder erzeugten Tone begleitet sein, welcher ent- 
weder durch die Mundhöhle oder (wie bei den Nasäleti) 
durch die Nasenhöhle ausströmt; oder ohne denselben in 
der Mundhöhle hervorgerufen werden. Die vornehmsten 
Artikulationsstellen sind, wie gesagt, die Kehle, richtiger 
der weiche Gaumen (Guttur), der harte Gaumen (Palcdum), 
die Zähne (Dentes) und die Lippen (Labia), nach denen man 
von altersher Kehllaute oder Gutturale, Gaumenlaute 
oder Palatale, Zahnlaute oder Dentale und Lippen- 
laute oder Labiale unterscheidet — Lautgruppen, die 
sich vielfach mit andern ebenfalls alten und vielgebrauchten 
Kategorien kreuzen; zum Beispiel laufen die Labialen, Den- 
talen und Gutturalen mit den (weil ohne Vokal gar nicht 
zu artikulierenden) sogenannten Stummen oder Mutä (die 
neun K-, T- und P- laute), teilweise mit den sogenannten 



— 7 — 

Flüssigen oder Liquida (L, M, N, R, S) durcheinander; 
diese Unterscheidung ist derjenigen von Momentanen und 
Dauerlauten analog: letztere können solange fortgesetzt 
werden, als der Atemstrom anhält, erstere nehmen nur die 
Zeit der Schliessung und Öffnung der betreffenden Organe 
in Anspruch. Durch den Mangel eines festen Einteilungs- 
prinzips entsteht in den einschlägigen Darstellungen eine 
unsägliche Verwirrung. 

Im allgemeinen haben die Grammatiker die mensch- 
lichen Laute bekanntlich in Vokale und Konsonanten 
■eingeteilt, eine Einteilung, die sich auf die Fähigkeit oder 
Unfähigkeit derselben eine sogenannte Silbe zu bilden 
gründet. Die einzelnen zusammenhängenden Stückchen, die 
w^ir auf unserer Schalmei blasen, heissen Worte; sie zerfallen 
in noch kleinere Stückchen oder Süben, welche wiederum 
so viele individuelle Laute umfassen, als mit einem Schlage, 
ohne neuen Einsatz des Atems, angestimmt werden können. 
Nur diejenigen Laute nun, die eine eigne Silbe zu bilden 
vermochten, galten den Grammatikern als Töne oder Stim- 
men {Voces\ während die übrigen, die das nicht vermochten, 
nur mittönten und sie gleichsam begleiteten, wie ein Kla- 
vierspieler den Gesang (consondbant). Die Herren hätten, 
um dcis Verhältnis deutlicher zu machen, lieber von Sananten 
und Konsonanten oder, wie im vorigen Jahrhundert, von 
Lautem {Selbstlautern) und Mitlautem reden sollen; sie rech- 
neten aber überhaupt zu den Vokalen viel zu wenig und 
zu den Konsonanten viel zu viel Laute, sintemal auch 
manche sogenannte Konsonanten eigne Stimme haben und 
namentlich R und L für sich allein Silben bilden können: 
sie thun das nicht nur in fremden Sprachen, zum Beispiel 
in slawischen (Prst, Finger, Krk, Hals, Wlk, Wolf, im 
Tschechischen, Crnagora, Montenegro, im Serbischen, ver- 
gleiche Vrkas, Wolf, im Sanskrit), sondern im Deutschen 
selbst, wo bei der Aussprache von Wörtern wie handeln 
oder Vater l und r die Silbenvokale bilden, indem das e 
nicht gesprochen wird. Das ganze Kriterium der Silben- 



— 8 — 

bildung ist viel zu wenig scharf, viel zu wenig einschnei- 
dend und viel zu äusserlich, denn nicht darauf kommt es 
an, ob der Laut eine Silbe zu bilden vermag, sondern ob 
er tönt, erst durch dieses Merkmal gelangen wir zu einer 
dritten Klasse von Lauten, die eine Art Mittelklasse dar- 
stellt; von Lauten, die mehr als blosse Geräusche und doch 
noch keine reinen Stimmtöne des Kehlkopfs sind und die 
bei den alten Grammatikern gar nicht zu ihrem Rechte 
kommen. Wenn man die alten Ausdrücke Yokale und Kon- 
sonanten beibehalten will, so mag man diese Mittellaute 
Vokalkonsonanten nennen, wie man früher minder klar die 
Konsonanten F, L, M, N, R, S und X, deren Namen sich 
mit einem Vokal anfangen, als Halbvokale {Literae send- 
vocales) gelten Hess. Nach dem allen gliedern wir die Laute 
der menschlichen Sprache, gemäss den neueren Anschau- 
ungen der Lautphysiologie, wie folgt. * 

Die reinen, durch regelmässige Schwingungen der 
Stimmbänder entstehenden, nur durch verschiedene Ge- 
staltung der Mundhöhle modifizierten Töne nennen wir 
Vokale. Wird der Stimmton von einem in dem Blas- 
instrument erzeugten Geräusch, einem aus unregelmässigen 
Schwingungen bestehenden Schall, begleitet, so entstehen 
die Vokalkonsonanten, zu denen wir vor allen N, M, L 
und R, aber auch die sogenannten Mediä: B, D und G 
zählen; gegenwärtig bezeichnet man die Mediän die dem 
Volke weich erscheinen, als tönende Konsonanten, Die reinen 
Geräuschlaute endlich, die ohne Stimmton an einer be- 
stimmten Stelle des Ansatzrohrs, selten des Mundstücks, 
hervorgerufen werden, sind die Konsonanten, Dazu gehören 
zum Beispiel die drei Laute, welche die römischen Gram- 
matiker nach dem Vorgange der Griechen im Gegensatze 
zu den Mediä und den Aspiratä Tenues nannten, während 
sie dem Volke hart erscheinen: P, T und K, gegenwärtig 
als stumme oder tonlose Konsonanten bezeichnet; G unter- 
scheidet sich vom K, mit dem es gleiche Stellung der 
Sprachorgane hat, nur durch den begleitenden Stimmton. 
Je nach dem bei dem Geräusch beteiligten Organe unter 



— 9 — 

scheidet man dann unter den Konsonanten sowohl wie 
unter den Vokalkonsonanten die obengenannten Klassen, 
die Gutturalen, Dentalen, Labialen und so weiter; daneben 
sind auch noch die Kehlkopflaute oder die Laryngalen 
namhaft zu machen, die wie die Vokale an den Stimm- 
bändern, aber ohne regelmässiges Schwingen derselben 
gebildet werden: solche Geräuschlaute des Kehlkopfs sind 
das H imd der Spiritus lenis. Die Aspiratä sind nichts weiter 
als Konsonanten und Vokalkonsonanten mit nachstürzen- 
dem Hauch, den man in der Schrift durch ein H wieder- 
gibt: X, und 6 waren ursprünglich solche Laute, und im 
Deutschen werden K, T und P im Anlaut gewöhnlich so 
gesprochen. Wenn die Mediä aspiriert werden, so dass ein 
BH, ein DH oder ein GH herauskommt, so wird demnach 
der durch regelmässige Schwingungen der Stimmbänder 
erzielte Stimmton von einem zwiefachen, einem in der 
Mundhöhle und einem im Kehlkopf selbst erzeugten Ge- 
räusch begleitet. Es dürfte sich empfehlen, zum Schlüsse 
die vornehmsten Laute unserer deutschen Sprache, aber 
auch nur diese, nach den aufgestellten Gesichtspunkten zu 
prüfen und alphabetisch durchzugehn. 



Laut 



B 



Charakter 



Entstellung des Lautes 




Vokal- 
konsonant 
{Labialis) 



Die Lippen werden weit geöffnet, wäh- 
rend die Zunge flach liegt: bei dieser 
Gestaltung der Mundhöhle bringen wir 
den Ton auf dem Kehlkopfe hervor. 



Eine aus den Lungen emporgetriebene 
Luftsäule versetzt die Stimmbänder 
in schwingende Bewegung, begegnet 
aber an den fest zuscimmengepressten 
Lippen einem völligen Verschluss, 
aus dem sie durch plötzliche Öffnung 
derselben hervorplatzt. In Süd- und 
Mitteldeutschland , desgleichen am 
Rhein ist das B tonlos. 



Erster Gang. Voruntersuchungen. 



Vorlage I. Wahrheitsgetreue Schilderung der kISglichen 
Missstände, welche die Wortdeutung veranlassen: schlechte 

Musikanten. 

A. Theorie und Gründe des Lautwandels. 

a. Die Musik der Sprache, Hauptübel: willkürliches 
Auslassen einzelner Laute und ganzer Silben. 

Der Mensch verdirbt alles, sogar seine eignen Kinder — er verdirbt auch 
die Worte seiner Sprache — er bläst schlecht auf dem Blasinstrument, das 
uns die Natur mitgegeben hat — man kann den Kehlkopf als eine Lippen- 
pfeife oder als eine Schäferpfeife oder als eine Zungenpfeife ansehn, in welche 
die Luftröhre bläst — wir erzeugen auf dieser Pfeife Töne und Geräusche, 
Vokale, Konsonanten und Vokalkonsonanten — tabellarische Übersicht — 
besagte Laute haben unsere Altvordern mit einem Wurf zu einzelnen 
Stückchen, zu Silben und Worten verbunden und sie uns vorgeblasen, da- 
mit wir sie nachblasen sollen — wir aber legen keinen sonderlichen Wert 
darauf, weil sich das Bewusstsein ihrer Bedeutung abgestumpft hat — Un- 
achtsamkeit: Hast, Bequemlichkeit, grobe Nachlässigkeit charakterisieren den 
Sprechenden — er nimmt sich nicht die Mühe, die vorgeblasenen Sonaten 
richtig nachzublasen und zu artikulieren — er kürzt sie vorn und hinten 
ab, nur um schnell fertig zu werden — auf das Wichtigste kommt es ihm 
gar nicht an — auf diese Weise wird das organische Wachstum der Sprache 
wieder rückgängig gemacht — was von den indogermanischen Verbalformen 
im Lateinischen übrig geblieben ist — unsere eigene Sprache: Übergang des 
Althochdeutschen in das Mittelhochdeutsche und Schwinden der Flexions- 
endungen — der Verfall der Laute in den romanischen Sprachen — barer 
Unsinn, der gelegentlich dabei herauskommt — man soll hier weder von 
Verwitterung, noch von Krankheit, noch überhaupt von einem Naturprozesse, 
sondern nur von schülerhafter Indolenz, von Faulheit und Unüberlegtheit reden. 

Der Mensch, hat ein Naturschwärmer am Anfang* eines 
berühmten Buchs gesagt, der Mensch verdirbt alles in der 

Kleinpanl, Etym. 1 



12 — 



Laut 



Charakter 



Entstehung des Lautes 



M 



Vokal- 
konsonant 

(Nasalis) 



N 



Vokal- 
konsonant 
(Nasalis) 



O 



Vokal 



p 


Kon- 
sonant 
(Labialis) 


PH==F 




y_K 




R 


Vokal- 
konsonant 



Die Stimmbänder werden in regelmäs- 
sige Schwingungen versetzt und die 
Lippen geschlossen. Der Stimmton 
wird an dem schlaff herabhängenden 
Gaumensegel vorbei durch die Nase 
hinausgetrieben. 



Eine aus den Lungen emporgetriebene 
Luftsäule versetzt die Stimmbänder in 
schwingende Bewegung, während die 
Mundhöhle durch Kontakt des vor- 
deren Teils der Zunge mit der oberen 
Zahnreihe verschlossen wird. Der 
Stimmton strömt durch die Nasen- 
höhle aus. 



Der hintere Teil der Zunge wird ein 
wenig emporgehoben, ^während die 
MundöfFnung eine gerundete Gestalt 
annimmt und den Stimmton durchlässt. 



Aus den fest aufeinandergepressten 
Lippen bricht der Atem plötzlich her- 
vor. Die Stimmbänder des Kehlkopfs 
tönen nicht mit. 



Entweder die Vorderzunge oder der 
Zungenrücken wird emporgehoben 
und der Luftstrom durch diese Enge 
hindurchgepresst, wobei zugleich der 
vordere dünne Zungensaum schwingt. 
Dabei findet ein Stimmton statt. 



— 13 — 



I 

Laut Charakter 



Entstehung des Lautes 



SCH 



TH=T 



U 



V = F 
undW 



Kon. 

sonant, 

Vokal- 

konsonant 

{Dentalis) 



Kon- 

sonant 

(Dentalis) 

Kon- 

sonant 

(Dentalis) 



Vokal 



Der etwas eingekerbte Zungenrücken 
wird dem hinteren Fleisch der oberen 
Schneidezähne genähert, oder (in 
norddeutschen Mundarten) die Zunge 
nur gehoben und ihr äusserster 
Saum leicht zu den Alveolen empor- 
gewölbt; und der Luftstrom gegen 
die oberen Schneidezähne angeblasen, 
wodurch in der Mundhöhle ein zischen- 
des Geräusch entsteht (Sihüans). Der 
Zischlaut kann von einem Stimmton 
im Kehlkopf begleitet sein. 



Artikulation wie bei S, nur etwas weiter 
rückwärts; das entstehende Geräusch 
wird durch die Lippen modifiziert. 



Der Atem durchbricht einen durch 
Zunge und Zähne gebildeten Ver- 
schluss, ohne dass die Stimmbänder 
des Kehlkopfs tönen. 



Die Lippen stellen gleichsam den Hals 
einer Flstsche dar, durch welchen der 
im Kehlkopf erzeugte Stimmton aus- 
tritt. 



14 — 



Laut Charakter 



w 



Entstehung des Lautes 



X=KS 



Y=I(Ü) 



Vokal- 
konsonant 
(Ldbidlis) 



Z=TS 



Eine aus den Lungen emporgetriebene 
Luftsäule versetzt die Stimmbänder 
in schwingende Bewegungen, begeg- 
net aber im Munde einer Enge, die 
durch Annäherung der beiden Lippen 
aneinander oder (in Norddeutschland) 
durch Annäherung der Unterlippe an 
die obere Zahnreihe hervorgebracht 
wird. 



Das korrekte Abblasen der einzelnen Stückchen und 
die gewissenhafte Angabe derselben auf der angebornen 
Orgel Silbe für Silbe und Laut für Laut nennt man, weil 
die Worte dadurch gleichsam in kleine, deutlich erkennbare 
GUeder zerfallen, Gliederung oder Artikulation, worunter man 
den eigentümlichen musikalischen Vortrag des Menschen 
überhaupt versteht. Denn ein musikalischer Vortrag ist dife 
Sprache, eine Musik und eine Kunst, die alle Kinder von 
ihrer Mutter und von den Altvordern lernen und eher 
lernen als Klavierspielen oder Singen, die sie aber ebenso- 
gut lernen müssen, ja nicht immer vollständig erlernen — 
wir werden im Laufe unserer Untersuchung sehen wie es 
kommt, dass der schier unermessliche Reichtum von Klang- 
farben und Modulationen, der unserem Kehlkopf zu Gebote 
steht und ihn über jedes andere Instrument erhebt, in der 
Praxis so selten ausgenützt wird. Das Schlimmste ist aber, 
dass die lieben Menschenkinder, wenn sie nun vortragen 
sollen, was sie gelernt haben — dass sie dann schlechte 



— 15 — 

Musik machen, indem sie die vorgeblasenen Kompositionen 
beim Nachblasen auf das grässlichste verhunzen, die Laute, 
die für sie doch reine Naturprodukte sind, nicht höher 
achtend als andere, sie mit derselben Rücksichtslosigkeit 
und so nachlässig behandelnd wie der Rousseausche Kultur- 
mensch seine Haustiere und seine Kinder. 

Gleich den letzteren werden sie in unverantwortlicher 
AVeise vernachlässigt und verdorben, dass heisst, man lässt 
sie ruhig verderben und im Drange des Lebens verkümmern 
und verwildem, denn wie wir schon andeuteten, ist die Ent- 
stellung der geflügelten Kinder unseres Mundes, die im 
Laufe der Geschichte vor sich geht, nicht sowohl als eine 
beabsichtigte Verschönerung oder Verbesserung der Sprache 
als vielmehr als eine unwillkürliche Wirkung der allgemeinen 
Eile und Trägheit, sowie des absoluten Mangels an jeglichem 
Verständnis aufzufassen. Künsteleien, trübselige Korrekturen 
der Naturkraft gibt es wohl auch, die jungen Zierbengel, 
die wiener Gigerl, die pariser Gommeux, die englischen Masher, 
die von den Wörtern verschlucken was sie können und 
sich auf die Divinationsgabe der Glücklichen verlassen, die 
sie mit ihrer Unterhaltung beehren, liefern kostbare Bei- 
spiele dazu, aber sie kommen später — wir stehen an dem 
Punkte, wo das Volk noch gar nicTit weiss, dass es spricht, 
und gleich einem Kinde Gold in den Händen hat. Nun, 
je weniger sich die Menschen diese wunderbare Gabe, die 
sie vor allen andern Wesen auszeichnet, zu erklären wissen, 
um so ungenierter werfen sie mit ihrem Reichtum um sich 
— weil der Tropf da spricht wie er verdaut und atmet, und 
weil dcis Mäulchen geht wie eine Mühle, so glaubt er, es 
liege nichts daran, die edle, verborgenen Gesetzen folgende 
Menschenrede hält er für eine Spielerei und was ihm nicht 
passt f[ir eine unnötige Eleganz. Ha! Ein Spötter bezeich- 
nete einmal die gesamte Wortdeutekunst als une science oü 
les voyelles ne valent rien et les consonnes fort peu de chose. Das 
niag ja gelegentlich zutreffen, aber zu allererst ist es doch 
der Redner selbst, der Lieferant des etymologischen Roh- 



— 16 — 

Stoffes, der die Vokale für nichts und die Konsonanten für 
so gut wie gar nichts achtet, ohne ihn und seine Stümperei 
auf der angeborenen Orgel brauchte es ja gar keine Ety- 
mologie, als welche ja nur die Laute wie sie vor der ein- 
gerissenen Verderbnis klangen wiederzuhören sucht — wenn 
unser Cicero ein Musikant ist, so ist er eben, hol ihn der 
Teufel, ein erbärmlicher Musikant. 

Lucay fa presto! Es kann nicht schnell genug gehn! — 
Herr Mund gibt sich gar keine Mühe — aus Bequemlich- 
keit spricht er von einem Satz, der ihm zu schwer ist, nur 
die Hälfte der Töne an, übereilt und ruschelig lässt er 
gerade weg, worauf es ankommt, im Dusel wirft er ein 
drittes Mal ein paar Akkorde zu, er rechnet nicht so genau, 
es ist ihm alles ganz egal. Aber in seines Lebens Lenz 
hat das Volk einst diese Weisen auf goldnen Harfen ge- 
griffen und angestimmt — in unvordenklicher Zeit hat es, 
schöpferisch wie ein Dichter und gleich ihm willenlos dem 
durch waltenden Gotte folgend, in diesen Lauten das kost- 
bare Mittel gefunden, sich mitzuteilen und auszusprechen! 
Kein Hauch, kein Jota war hier überflüssig und bedeutungs- 
los, diese Worte glichen Bildern vom Genius hingeworfen, 
nicht ein Strich durfte anders sein! — Die Schönheit unserer 
eigentümlichen Musik beruht auf ihrer Ausdrucksfähigkeit; 
auf der Durchsichtigkeit und Klarheit der Tonverbindungen. 
Für diese gleichsam künstlerische Schönheit hat nun der 
Pöbel gar keinen Sinn: er betrachtet die Sprache, wenn er 
überhaupt darüber nachdenkt, als eine Sache des Zufalls, 
der Gewohnheit, der stillschweigenden Übereinkunft — als 
ein Verkehrsmittel wie Post und Telegraph, das einmal da 
ist und das möglichst vereinfacht werden muss — für ihn 
lebt die Sprache überhaupt nicht, sondern ist ein totes 
mechanisches Geklapper wie dcis nützliche Volapük. Er ist 
es demnach gerne zufrieden, wenn dcis Geklapper aufhört 
und von der gesamten Firlefanzerei nur ein leiser, absolut 
unentbehrlicher Rest zurückbleibt, gleichsam ein Kippergeld, 
das ja am Ende im Handel dieselben Dienste verrichtet 



— 17 — 

-wie das echte Gold. Die Dukaten beschneiden, die guten 
Groschen erleichtem, abkürzen was man kann ! — Abkürzen 
vor allen Dingen, denn Zeit ist G^ld — abzukürzen, darauf 
versteht sich der Musikant, vollends wenn er ein Engländer 
oder ein Amerikaner ist, in hervorragender Weise. In der 
grossen oder kleinen Sonate, die jeder zu blasen hat, wenn 
er etwas sagen will, kommen zwar alle möglichen Fehler 
vor: die Töne schlagen um, sie fuhren störende Geräusche 
mit sich, sie sind zu hoch oder zu tief genommen — das 
Gewöhnlichste ist aber, dass der Künstler gar nicht bläst, 
dass er ganze Takte einfach weglässt und den Ton über- 
haupt nicht zum Ansprechen bringt. Gibt es nicht auch 
unter den Stadtpfeifem und auf den Konservatorien faule 
Patrone wie auf andern Schulen, die nicht da sind oder zum 
-wenigsten nicht bei der Sache sind? — Nun, die Pfeifer, 
die sprechen, geben ihnen nichts nach, sie sind fauler als 
die faulsten — und was dabei für eine Schnurrpfeiferei 
herauskommt, lässt sich denken. 

Wie bekannt, gehören wir in Europa dem Indoger- 
manischen Sprachstamm an, und dieser zählt zu der Flektie- 
renden Klasse von Sprachen, das heisst, zu denjenigen 
Sprachen, die ihre Worte deklinieren und konjugieren 
können, indem sie die Substantiva durch Anfügung von 
Kasusendungen, die Verba durch Anfügung von Personal- 
endungen beugen und dabei zugleich zum Ausdruck be- 
stimmter Beziehungen den Wurzelvokal verändern, was 
man als die höchste Entwickelung der Sprache überhaupt 
anzusehen pflegt Das Indogermanische selbst ist nicht 
gleich von vornherein flektierend gewesen, es hat eine Zeit 
gegeben, wo es eine blos agglutinierende, eine andere, wo es 
noch eine isolierende Sprache war. Wozu der Lärm? Was 
nützt uns die hohe Stufe? — Das organische Wachstum ist 
ja längst wieder rückgängig gemacht worden. Alle Blätter 
und Blüten, alle lebenswichtigen Organe, mit denen sich 
der Baum unserer Sprache nachgerade geschmückt hat, ja 
Teile des Stammes selbst werden mutwillig abgerissen, wäh- 

Kleinpanl, Etym. 2 



- 18 - 

rend ihn umgekehrt Unkraut und ein Wust von Schmarotzer- 
pflanzen überzieht, dass der ursprüngliche Bauplan gar nicht 
mehr zu. erkennen ist. Was ist von den vollen indoger- 
manischen Verbalformen, die im Sanskrit imd im Grie- 
chischen: 

dadämi = SldüffU und 
dadh&mi = rld^fu 

erhalten sind, und zwar von beiden zusammen, im Latei- 
nischen übrig geblieben? — Zwei Buchstaben, die einsilbige 
Wurzel do, ich gebe, eine Wurzel, als wäre sie in China 
gewachsen, wo man bekanntlich noch isolierend spricht, der 
Personalendung beraubt, der Reduplikation bar, wie der 
Dichter sagt: ein entlaubter Stamm. Äut do tibi ut des, aut 
do ut facias, aut facio ut des, aut fado ut facias lauteten die 
vier Formeln der römischen Obligation, über die der Indo- 
germane Thränen vergossen hätte. Die Wurzel des so- 
genannten Verbum Substantivum esse ist ES: das sieht man 
an dem Infinitiv es^se selbst, an Formen wie es4, genau 
entsprechend unserem deutschen ist, es-sem, er-o = es-o,. 
er-am = es-am u. s. w. Die erste Person Singularis lautete 
ursprünglich: es-mi, aber der Anfangs- und der Endvokal 
fiel weg, es blieb also: sm; um das aussprechen zu können,, 
wurde ein euphonisches u eingeschoben, und so entstand: 
sum, ich bin. Homo sum, sagt der alte Chremes in dem 
Lustspiel des Terenz, ich bin ein Mensch; ja, und ein rechter 
fixer Mensch dazu. 

Blicken wir auf unsere eigene Sprache: welche Klar- 
heit, Durchsichtigkeit und Bestimmtheit im Gotischen und 
noch im Althochdeutschen und Angelsächsischen, verglichen 
mit dem heutigen Deutsch und mit dem Englischen! — 
Noch werden Nominativ, Akkusativ und Vokativ durch be- 
sondere Kasusendungen auseinandergehalten, noch unter- 
scheiden sich Dual und Plural, noch gibt es Formen für 
das Passiv. Charakteristisch sind die unversehrten vollen 
Vokale in den Flexionsendungen; das Verbum konjugierte: 



— 19 — 

gibu, gihis, gihit, gebames, gebat, gebant; (ich) habe hiess althoch- 
deutsch habu, das landschaftliche (ich) hau: 

den liebsten Bulen, den ich han, 
der ist mit Reifen bunden, 

hiess althochdeutsch hapern, (ich) hatte hiess im Gotischen 
häbaida, (du) hattest hiess althochdeutsch hebitos, (sie) Jetten 
hiess althochdeutsch hebiton, (mr) hätten hiess im Gotischen 
haibaidedeiina, althochdeutsch häbetim. Allmählich schwanden 
diese charakteristischen Endungen, und gingen entweder 
ganz verloren oder büssten doch ihre ursprüngliche Kraft 
ein: der Übergang der althochdeutschen Sprache in die 
mittelhochdeutsche vollzieht sich durch die durchgängige 
Abschwächung der auf die Stammsilbe folgenden Vokale 
in ein unterschiedsloses E. Aber, mein Gott, hatten denn 
die alten Deutschen diese Endungen zum Spasse angehängt? 
— Durchaus nicht, das waren kostbare kleine, an das Verbum 
angeschmolzene Personalpronomina gleich dem -fit in didcof^c, 
im Frühgermanischen brauchte der Redende, wie im Grie- 
chischen und Lateinischen, kein ich hinzuzusetzen, um zu 
verstehen zu geben, dass er von sich rede, er war durch 
die Verbalflexion selbst hinreichend bezeichnet, weil die 
Verbalform eben noch scharf genug geprägt war. Mit seiner 
Schnellsprecherei hat das Volk nur neue Ungelegenheiten 
auf dem Halse. Wir sagen: Sohn, Tag, der Gote sagte: 
Suwis, Dags: dieses s, die Nominativendung des Singulars, 
beruhte nicht auf einer gotischen Marotte, es war das 
Demonstrativpronomen sa und vertrat den Artikel der, 
"welcher ja selbst ein Demonstrativpronomen ist und mm 
eben jene verlorene Kasusendung ersetzen soll. Da hab^i 
wir's: vorher brauchten wir nur ein s, jetzt brauchen wir 
eine ganze Silbe, es ist uns schon recht 

Werfen wir noch einen Blick auf die romanischen 
Sprachen. Die Römer hatten ein Pronomen üle, aus dem 
die Romanen ihren Artikel machten — sie teilten sich 
brüderlich hinein: die Italiener nahmen die erste, die Fran- 
zosen die zweite Hälfte — als ob's ein Stück Schinken ge- 

2* 



— 20 — 

wesen wäre. Ja, die Völker sind naiv; wer möchte wohl 
in dem italienischen queUo: eccum Ute; in dem italienischen 
questo : eccum iste; in dem italienischen stes8o:iste ipse; in dem 
italienischen medesimo und in dem französischen mime den 
Superlativ von ipse verstärkt durch met : metipsissimas erkennen? 
— Ein Sätzchen wie das französische: cet komme -et part 
aujourd^hui würde in seiner Originalform etwa lauten: eccu'iste 
homo ecce-hic partitur adriUudrdiurnum'de'hoC'die, Noch schöner: 
man sehe sich einmal zwei so bekannte Worte wie das 
französische äge, Alter, und das italienische cello, Violoncello, 
an: -age ist eine gewöhnliche französische Ableitungsform, 
' cello eine italienische Diminutivendung, und beide Worte, 
äge und cello sind wirklich nichts weiter als zwei solche 
Endungen, halt- und ratlos in der Luft schwebende Endungen, 
wie wenn wir im Deutschen von einer Ung oder einem Chen 
reden wollten, der ganze Stamm ist sozusagen brandig ab- 
gestorben, nur dass er bei äge eine Dehnung zurückgelassen 
hat. Dieses Wort kommt von dem mittellateinischen 
aetaticumy einer Weiterbildung von aetas; aus aetaticum wurde 
stufenweise edage, eage, aage, endlich äge. Das CeUo ist die 
kleine italienische Bassgeige, der kleine Violone, welches 
letztere selbst wieder ein Augmentativum von Viola dar- 
stellt; übrigens beliebt man die Abkürzung Cello blos in 
Deutschland. Zwei kleine Suffixe sollen die Last des Alters 
und die schwere Bassgeige tragen, ganz über ihr Ver- 
mögen! — Man nennt das Verfall, Verwitterung der Laute, 
die Worte scheinen wie die Gesteine allmählich zu zer- 
fallen, zu zerbröckeln, sich erst an ihrer Oberfläche, dann 
aber fortschreitend bis zum innersten Kerne aufzulösen und 
kaum einen Schimmer von dem ursprünglichen Wesen zu 
bewahren; man könnte es ebensogut und vielleicht noch 
treffender mit Schwund, mit Marasmus, mit dem Absterben 
vom Brand ergriffener Teile und den Erscheinungen des 
verstümmelnden Aussatzes oder des Greisenalters verglei- 
chen, welches ja an sich eine Krankheit ist. Aber wenn 
man der Sache auf den Grrund geht, so ist es weder Ver- 



— 21 — 

Witterung noch Krsuikheit, es ist überhaupt kein Natur- 
prozess, um den es sich hier handelt, sondern es ist die 
Unüberlegftheit und das Laissez aUer eines Schülers, der 
eine Aufgabe bekommen hat, der ein Stück auf seinem 
Instrumente vortragen soll, der aber zu indolent ist, sich 
die Noten ordentlich anzusehn und der daraufzubläst, 
dass er nur fertig wird, weil er eben damit durchkommt 
Man wolle diese sträfliche, liederliche Manier, mit welcher 
eine schöne klangvolle Sprache verstümmelt wird, nur 
nicht beschönigen, sozusagen vergeistigen, als habe zur 
Bezeichnung einer Vorstellung, nachdem sie einmal fest- 
gestellt worden sei, ein schwächerer Lautkomplex, gleich- 
sam eine Abbreviatur oder ein Schatten des ursprünglichen 
genügt — er genügte keineswegps, er konnte nicht genügen, 
w^eil der ursprüngliche gerade der rechte war, aber er 
musste eben genügen, weil niemand auf Reinheit des Vor- 
trags hielt und sich's ein jeder gefallen liess, ja es auch so 
machte. Da der echte und vollkommene Wörterschatz ver- 
lumpt war, so musste man sich nun mit Andeutungen, mit 
Rätseln statt mit Wadirheiten behelfen, Vernunft in Aus- 
drücken reden, die geradezu unvernünftig sind, und aus der 
Not eine Tugend machen. Es gibt im Italienischen ein 
Wort Fante, das ICnabe, ICnecht, Fusssoldat bedeutet und 
aus dem vermutlich das deutsche Fant^ niederdeutsch Vent, 
hervorgegangen ist, indem die Bedeutung von „Knabe" 
in die von „Diener" und diese in die eines „leichtfertigen 
jungen Burschen" übertrat, genau so wie unser Bube von 
Haus aus „Knabe" und „Diener", und Schalk ursprünglich 
einen „Knecht" im strengen, harten Sinne bezeichnete. 
Dieses italienische Fante, im Spanischen Infante, woher In- 
fanterie, ist das lateinische Infans, also eigentlich ein Kind, 
das noch nicht sprechen (fari) kann, mit sehr erweiterter 
Bedeutung. Aber dais In, welches dem fans die verneinende 
Bedeutung gab, das Präfix, welches dem griechischen Alpha 
privativum und der deutschen Vorsatzsilbe Un entspricht, 
ist im Italienischen und danach in dem deutschen Fremd- 



— 22 — 

wort weggelassen. Ja, wenn gerade das Gegenteil gesagt, 
wenn aus einem Wesen, das noch nicht sprechen kann, 
eins gemacht wird, welches spricht — so hört doch am 
Ende alles auf. Wenn alles blos auf Übereinkunft beruht, 
wenn es ganz gleichgiltig ist, ob unsere Rede einen Sinn 
hat oder nicht, so ist nicht zu ersehn, wozu wir dann über- 
haupt noch Fant und Cello sagen und nicht lieber Volapük 
sprechen, was dann ebensoviel Vernunft hat. Eine Sprache 
mit Worten, die gar keine Worte sind, kommt mir vor 
wie eine Krüppelrepublik oder wie ein Museum voll zer- 
schlagener Gliedermassen oder um bei unserem Vergleiche 
zu bleiben, wie ein Konzert, in dem alle Stimmen beliebige 
Pausen machen — es ist gar keine Sprache mehr. Wir 
sind abermals infanfes. 



b- Das Aufkommenlassen von Nebenlauten - 

Einmal lässt der Musikant weg, was er blasen soll, ein ander Mal macht er 
wieder etwas Ungehöriges hinzu — er lässt Nebengeräusche aufkommen, 
die sich wie Schimmel oder Rost ansetzen — notabene, sie sind nicht mit 
Lauten zu verwechseln, die einem falschen grammatischen Gefühl entspringen 

— diese haben eine subjektive Berechtigung, während jenen eine schlaffe 
Artikulation zu Grunde liegt, ohne welche sie sich nicht einstellen würden 

— die Beiklänge soll man auch nicht mit grammatischen Elementen ver- 

wechseln, die aus der alten Sprache übrig geblieben sind. 

Ein Konzert. Es ist eben so schlimm, wenn der Oboist 
beliebig pausieren will, als wenn er die vorgeschriebene 
Pause nicht innehalten, sondern mit Phantasiegeräuschen 
ausfüllen will. Auch das gehört zu den liebenswürdigen 
Angewohnheiten unseres Virtuosen. Auf ein paar Laute 
mehr oder weniger kommt es ihm gar nicht an, er gibt sie 
gutwillig in den Kauf. Wem wäre noch nicht die reine, 
spitzige Aussprache des SP und des ST in Norddeutsch- 
land aufgefallen? Der Hamburger s-pricht und s-teht, während 
der Leipziger schprichf und schteht; in Mitteldeutschland 



— 23 — 

würde s-pricht und s4eht geziert erscheinen, obgleich man 
auch hier eine Aussprache wie Wurscht und Durscht als 
gemein empfindet Die Herren Studenten sagen Kommersch 
für Kommers, kommerschieren für kommersierenf Arsch für Ars, 
In der Gegend von Tübingen wird das S in SP und ST 
stets, auch im Inlaut, wie SCH gesprochen, man sagt 
Geischt, du bischt, Eschpel (= Mi^et), Anschpach u. s. w. In vielen 
niederdeutschen Gegenden, besonders in Westfalen, wird 
sogar das (in alter Zeit einen Doppellaut repräsentierende) 
SCH in der Aussprache getrennt, z. B. S-chinken, s^chön 
gesagt, während in Süd- und Mitteldeutschland S im An- 
laut vor L, M, N und W nicht blos wie SCH gesprochen, 
sondern sogar geschrieben wird, man vergleiche das hoch- 
deutsche Schlag und das plattdeutsche Slag, schmeissen und 
smiten, Schnäbel und Snäbel, schwarz und swart. Der Name 
Schwaben = Suabi, Sueven ist ja selbst hierfür ein Beispiel. 
Das macht, dass diese Lautverbindungen nur in Nord- 
deutschland rein, in Süd- und Mitteldeutschland dagegen 
salopp, mit einem Zischen gesprochen werden, das sich 
offenbar erst nachträglich eingestellt hat. In Ungarn ist 
es geradezu üblich geworden, jedes unschuldige S nach 
Schwabenart zu bezischen, hier wird nicht nur Pest wie 
Beseht, sondern auch Andrassy wie Ondraschi ausgesprochen. 
Aber wie viele S treten im Italienischen, zumal im Mai- 
ländischen selbst vom an das Wort an, aus reiner Gewöh- 
nung an diesen Anlaut, sozusagen zum Spasse, wo er 
durchaus nicht hingehört! Man denke an Worte wie 
Smania, Tollheit, ManiCy oder Spiaggia, Gestade, lateinisch 
Plagal — Wie im Deutschen unzähligemal hinten an das 
Wort ein T oder ein N antritt, ohne jedwede etymologische 
oder auch nur eine scheinbare grammatische Berechtigung. 
Notabene: sobald ein grammatisches Gefühl im Hinter- 
gründe steht, so wird, auch wenn es falsch ist, der Sprechende 
wegen seiner Zugabe entlastet, wenigstens ist er dann nicht 
gerade des Leichtsinns und der Unachtsamkeit zu zeihen. 
In England heisst ein Tjnrann: a Tyrant; das t stammt aus 



— 24 — 

dem Altfranzösischen, wo das Wort fiir ein Partizipium 
Präsentis angesehn und danach nicht tyran, sondern tyrant 
geschrieben wurde, für die Franzosen übrigens nur eine 
Sache der Orthographie. Im Deutschen schleicht sich bei 
schwachbiegenden männlichen Substantiven aus den Kasibus^ 
obliquis gern ein N an den Nominativ an; ja sogar starke 
auf -c auslautende Substantiva erhalten ein solches N: wir 
sagen der Braten, der Karpfen und der Schalten, während wir 
der Brate, der Karpfe und der Schatte sagen sollten, wir sagen 
sogar der Frieden — aber hier meinen wir 's ja gut, hier 
nunnieren wir zwar thöricht, aber doch in unseres Herzens 
Einfalt. Was hat dagegen die selige Cottasche Buchhand- 
lung veranlasst, mir bei der vierteljährlichen Honorarrech- 
nung den Betrag regelmässig darten hei Steinacker anzu- 
weisen? — Es brennt. Wo denne? — fragt der biderbe Hans. 
Wo dennerchen? — wiederholt das zuckersüsse Gretchen. Wie 
so hat sich bei dem deutschen nun^ im Lateinischen bei 
nun-c, im Griechischen bei vvv ein N völlig unorganisch an- 
geschoben? Woher das N lcpeX%vai;ix6v und die Nunnation 
der Araber? — Nun ist im Arabischen der Name des Buch- 
staben N, und damit bezeichnet man den von den An- 
hängern des Propheten beliebten nasalen Nachklang. Was 
soll das heissen, dass wir aus dem kirchlichen Ehrentitel 
Papas keinen Paps, sondern einen Papst und aus der alten 
römischen Göttin Ops kein Obs, sondern Obst gewinnen? — 
Die gütige Geberin wird von uns genau so fiir die Baum- 
firucht genommen, wie Ceres fiir die Feldfrucht und wie 
Bacchus fiir den Wein. Dass wir du bist und nicht du bis, 
du gibst und nicht du gibis, Habicht und nicht Habich sagen, 
dass sie in Frankreich nicht Sprit, sondern IJsprit haben, 
und was dergleichen vor-, an- und eingeschmuggelte Neben- 
laute mehr, ja, was soll das heissen? — Die Verbindung 
des S mit einer Tenuis (ST, SC, SP), in Latium so reichlich 
angewendet, erscheint den Romanen im Anlaute zu hart, 
daher sie vermöge der sogenannten Prothese ein I oder E 
vorschlagen, also z. B. nicht sagen: non sperare, sondern: 



— 25 — 

non isper are, und eben Spiritm in Ispirito oder in Esprit, 
Stomachus in Estomac verwandeln. Jedem anlautenden S tönt 
angeblich so schon ein leises I voraus. 

Wir werden nicht fehlgehen, wenn wir auch diese 
Nebenlaute auf die Nachlässigkeit und die Bequemlichkeit 
des sprechenden Volkes schieben, das seine Lautneigfungen 
nicht in die Zucht des Sprachbewusstseins nimmt und sich, 
hier ohne es zu ahnen, unanständig aufführt. Dergleichen 
Klangbeimischungen stellen sich wie Schmarotzer ein, weil 
der Sprechende nicht kräftig genug artikuliert und ansetzt, 
weil er sich abermals gehen lässt und wie ein schlechter 
Sänger giebst und umkippt und bald quarrt, bald giemt, 
bald durch die Nase, bald durch die Gurgel, bald durch 
den Gaumen singt; oder wie ein schlechter Klavierspieler 
ein paar Tasten hinzugreift, die ihm gerade in die Finger 
kommen — würde er sich ordentlich zusammennehmen, so 
blieben die unliebsamen, störenden Eindringlinge von selber 
ausgeschlossen, die wenigstens sofort mit Unwillen unter- 
drückt werden sollten, aber, weit entfernt, sich festsetzen 
und zur allgemeinen Regel werden, sodass sie in einer 
Reihe mit den konstituierenden Elementen stehn. Man 
sieht, es herrscht in unserer Musik eine merkwürdige 
Ökonomie, auf der einen Seite werden die echten Laute 
zum Fenster hinausgeworfen, auf der andern Seite falsche 
Laute wieder hereingelassen; und wenn man auch an- 
erkennen will, dass die Sprache nicht gerade von Gebers- 
dorf ist und nicht halbsoviel und nicht halbsooft etwas 
zugibt als sie nimmt, so ist sie doch noch immer viel zu 
verschwenderisch, denn zugeben soll sie eben gar nichts. 
Dergleichen fatale Beiklänge dürfen natürlich nicht mit 
grammatikalischen Elementen verwechselt werden, die aus 
der alten Sprache übrig geblieben sind und im allgemeinen 
gemieden, in einzelnen Fällen aber, namentlich im Kanzlei- 
stil, noch beibehalten werden. Ein Suffix ist keine Faragoge, 
ein Präfix keine Frothesis, Ich verharre als dero ergebenster 
Diener, — Qervhen Ihro Gnaden nur zu befehlen. — Ich kann 



— 26 — 

Ihnen nunmehro auch nicht helfen. — Bis anhero. In diesen ver- 
alteten Floskeln gründet sich das auslautende o auf alt- 
hochdeutsche Formen: derd ist der althochdeutsche Genitiv 
Pluralis des Demonstrativpronomens der. Im Geg-enteil, der 
Sprechende ist hier einmal ausnahmsweise fletssig-, doch 
konmit er mit seinem Fleisse bei der jetzigen Zeit schön 
an. Ebenso verhält es sich mit dem alten lateinischen In- 
finitiv auf 'ier (nolim laudarier inquit sie me heisst es in den 
Satiren des Horaz I, 2, 35), dem altlateinischen Ablativ 
auf 'd {Gnaivod = Qnaeo) und in vielen andern Fällen, wo 
die vollere Form nicht, wie man noch im vorigen Jahr- 
hundert annahm, auf einer Verlängerung beruht, sondern, 
gerade umgekehrt, das höhere Alter fiir sich hat, man ver- 
gleiche Septem mit Itttct, decem mit d^a u. s. w. 



c Die Erschlaffung der Artikulation. 

Qualitative Verändenmgen: der Musikant verbläst sieb, weil er sich nicht 
zusammennimmt — er intoniert mit Genuss einen Laut für den anderen, 
wenn er ihm gerade in den Mund kommt und bequemer liegt — Lautpaare, 
denen eine ähnliche Artikulation zu Grunde liegt und die sich nur grad- 
weise unterscheiden — Vokale und Diphthongen, Itazismus — P und B, 
T und D, P und K, K und T, L und R, M und N, N und D, M und W — 
Regel ist der Fortschritt vom schwereren zum leichteren Laute, aber bei der 
dadurch im Volke entstehenden Unsicherheit scheint manchmal das Gegen- 
teil stattzufinden — der rätselhafte Vorgang der Lautverschiebung, Elrklämng 

desselben. 

Wir sind aber mit unserem Sündenregister immer noch 
nicht zu Ende: erst die eine Hälfte haben wir abgewickelt 
Bisher waren es lauter quantitative Veränderungen, die uns 
beschäftigten: sie betrafen die Lautmasse, die Worte wurden 
entweder länger oder kürzer. Aber es gibt auch quali- 
tative Umgestaltungen, infolge deren die Laute selber an- 
dere werden, wie die Haare ergrauen imd die Zähne faulen, 
ohne dass sie gerade auszufallen brauchen, dies ist sogar 
der Lautwandel im eigentlichen Sinne. Und auch hier 



— 27 — 

wieder müssen wir für das entstehende Unheil in erster 
Linie das sprechende Volk, seine Unachtsamkeit und Nach- 
lässigkeit verantwortlich machen, nur dass sich dieselbe in 
anderer und wenn man will entschuldbarerer Weise äussert. 
"Während nämlich die vorhin gerügten Ungenauigkeiten 
wie Fehler eines Musikanten 2u betrachten sind, der eine 
alte klassische Etüde im Konzerthaus vortragen soll, sich es 
aber leicht macht und die schwersten Noten weglässt und 
nur zum Schlüsse eilt und überhaupt nicht recht acht gfibt, 
was er bläst, sodass ihm nebenbei Töne entschlüpfen, die 
er hätte vermeiden sollen: so tritt jetzt ein Künstler auf, 
der zwar den guten Willen hat, sich aber fortwährend ver- 
sieht, sich auf der Klaviatur vergreift oder eine falsche 
Klappe schliesst. Wie gesagt, er scheint entschuldbarer; 
wir haben Mitleid mit seiner Ungeschicklichkeit: aber Wcis 
ist am Ende sein Versehen anderes als Mangel an Übung 
sich selber zu beherrschen, sich selbst zu kontrollieren und 
den Versuchungen der Bequemlichkeit zu widerstehen? — 
Wenn ich nicht irre, hat der Philosoph Fichte die Träg- 
heit das Urlaster der Menschheit genannt; dieses Laster 
bewirkt auch, dass die Menschen einen Vokal und einen 
Konsonanten mit einem anderen vertauschen. Sieht man 
ihnen nämlich scharf auf die Finger, so bemerkt man, was 
auch der gesunde Menschenverstand ergibt, dass die Mu- 
sikanten nicht weitentfemte und grundverschiedene, son- 
dern Laute verwechseln, die sich naheliegen und etwas 
Ähnliches haben wie die Töne C und Cis; und dass sie 
unter beiden denjenigen vorziehen, der ihnen am be- 
quemsten liegt und am leichtesten, mit dem geringeren 
Kraftaufwand zu artikulieren ist — also immer wieder Be- 
quemlichkeit, Faulheit, Pflichtvergessenheit! Unbewusst und 
unwillkürlich begangene Sünden, ich gebe zu, aber darum 
doch nicht minder Sünden! Und leider Gottes Sünden, die 
etwas so Ansteckendes haben, dass sie sich mit Blitzes- 
schnelle über ein ganzes Volk ausbreiten, denn das Prinzip 
des kleinsten Kraftmasses ist das allgemein herrschende. 



— 28 — 

Es gibt Lautpaare, denen eine ganz ähnliche Arti- 
kulation zu Grrunde liegt und die sich gleichsam nur grad- 
weise unterscheiden, nämlich durch die grössere oder g-e- 
ringere Stärke des Ansatzes. Alle Vokale beruhen auf 
einem und demselben im Kehlkopf erzeugten Tone, der 
nur durch die verschiedene Gestaltung der Mundhöhle 
modifiziert wird; jenachdem sich dieselbe mehr oder weniger 
erweitert, entsteht eine fast unbegrenzte Reihe von Vokalen, 
deren Endpunkte A (mit weitgeöfi&ietem) und U (mit fast 
geschlossenem Mund) bezeichnen. Die einzelnen Glieder 
dieser Reihe: A und E, A und O, I und E, U und O^ 
respektive die Diphthongen und die einfachen Vokale: AU 
imd O, EI und I, EU und Ö, sowie die verschiedenen 
Diphthongen AI und EI, AU und AO, EI und OA, lU 
und EU, die wir hier nicht alle aufzählen können, bilden 
deshalb untereinander solche Paare, sie tauschen sich unter- 
einander aus imd zwar gewöhnlich so, dass der leichtere 
Laut an die Stelle des schwereren Lautes, wenn wir einen 
kühnen Vergleich wagen wollen, das Weibchen an die 
Stelle des Männchens tritt. Bereits oben bemerkten wir, 
wie beim Übergange der althochdeutschen Sprache in die 
mittelhochdeutsche die Vokale geringer wurden und an 
Gewicht abnahmen, indem sie sich in ein unterschiedsloses 
E abschwächten: aus vallu entstand ich falUy aus dem fiscum 
entstand den Fischen — eine derartige Abschwächung des 
Auslauts, die dem völligen Abfall des Vokals vorausgeht, 
ist ja beim Volke noch heute an der Tagesordnung, man 
achte nur auf Formen wie mer gehn — siehste wohl? toiUste 
wohl? thuste mit? und andere, die man auf der Strasse hört; 
und hat in ganz analoger Weise in den romanischen Spra- 
chen stattgefunden, wo die Italiener das kurze TJ der latei- 
nischen Endungen in {lupus = lupo, jugum = gipgo), die 
Franzosen das Ä der lateinischen Feminina in ihr stummes E 
verwandelten (rosa = rose, amata = aimee); der sonore 
Vokal Ä, im Sanskrit so häufig, dass er nach neueren Be- 
rechnungen 27 Prozent aller vorkommenden Laute aus- 



~ 29 — 

macht, ist im Französischen zum Nachteile der Sprache 
überhaupt eine Seltenheit geworden. Aber auch im Inlaut 
legen Sprachen und Dialekte ihren Organen keinerlei 
Schranken auf, sondern geraten von einer Sprosse der 
musikalischen Skala auf die andere, wie es ihrem Genius 
eben zusagt. Wenn der Weaner in Tirol kein Dirnleirif son- 
dern ein hüdsauheres Dearndl trifft — wenn der Münchener 
auf einen Ritt seine ztvua, drei Massin trinkt — wenn der 
Schweizer Brot und Käs im Täschli hat und sich im Wirtshuse 
eine Finte wissen Win dazu geben lässt: so heisst das nichts 
anderes als dass die Menschen nicht mehr die gehörige 
Sorgfalt auf die Artikulation der Selbstlauter verwenden 
und den Mund nicht so weit oder nicht so wenig auf- 
machen als sie sollten. Übrigens ist das Süs und das Täschli 
und das Win in der alemannischen Mundart nicht etwa aus 
Haus, Täschlein und Wein entstanden, sondern im Gegenteil 
die alte deutsche Form, die Diphthonge AU und EI haben 
5ich bei uns aus mittelhochdeutschem und althochdeutschem 
U und I entwickelt; noch zu Luthers Zeit lag zu Weih- 
nachten kein Kindlein in einem Krippelein, sondern die Kin- 
der sangen: 

Was liegt doch in dem Krippelin? 
Wer ist das schöne Ktndelin? 
Es ist das liebe yesulin — 

wofür die Alemannen in dem Kripfli sagen würden, und auch 
da hätten sie wieder recht, denn die edle hochdeutsche 
Verkleinerung^ssilbe -lein hatte ursprünglich kein N im Aus- 
laut, sondern lautete im Althochdeutschen -ili. Unsere 
Vorfahren, die Diutschen, lobten sich versuchte Schwerter und 
gewisse Friunt — wir Deutschen haben gute Freunde; der he- 
kannier Polütiiker des Kladderadatsch, der Zwickauer, hat 
sogar seune Feunde. Wundem wir uns über die Franzosen, 
die aus dem lateinischen Gloria erst Gloira und dann (der 
Aussprache nach) Gloar\ aus dem lateinischen Taurellus der 
Aussprache nach Tora, geschrieben Taureau, aus dem latei- 
nischen Begina der Aussprache nach Bahn, geschrieben 



— 30 — 

Beine y fertig gebracht haben? — Aber wir selber sprechen 
doch gelegentlich EI wie OA aus, wir selber sagen doch 
Bdm für Baum, ni für nein, just wie die Franzosen; es heisst 
Zierat, aber Kleinod und Argwohn anstatt Argwahn. Un- 
beschreiblich sind die dunklen Färbungen, denen die Vokale 
im Munde der Völker unterliegen: im Englischen hat allein 
das Ä vier verschiedene Aussprachen, bald dem E, bald 
dem sich nähernd, etwa wie im österreichischen Kalter ^ 
graphisch durch zwei Buchstaben (ab) bezeichnet und doch 
nur als Ein Laut auszusprechen. Aus dem Vokal I 
ging der Halbvokal Jot hervor, wie W aus U: erst seit 
neuerer Zeit spricht man je, früher sprach man ie, lemand, 
itzt, daher in Zesens Reimanzeiger je unter die, sie ge- 
ordnet war. 

Der sogenannte Bazismus der Neugriechen, vermöge 
dessen nicht weniger als sieben im Altgriechischen ge- 
trennte Vokale und Diphthongen in ein einförmiges I zu- 
sammengeflossen sind, vor allem aber das Eta wie Ba ge- 
sprochen wird, ist ein klassisches Beispiel für diesen 
Rückgang der Vokalisation. Denn der ganze Prozess ist 
offenbar ein Rückschritt; er erinnert an das Mangeln der 
Artikulation auf den tieferen Stufen der Tierwelt und in 
früheren Perioden des Menschengeschlechts, wo diese Laute 
noch nicht unterschieden waren. 

Unter den Konsonanten bilden das sogenannte karte F 
und das weiche B und das sogenannte harte T und das 
weiche D die augenfälligsten, vom Volke selbst als solche 
empftindenen Lautpaare, die wie die Versicherungsgesell- 
schaften auf Gegenseitigkeit gegründet sind. In der That 
unterscheiden sich B und P und D und T nach der in Süd- 
und Mitteldeutschland und am Rhein herrschenden Aus- 
sprache, welche das B und das D tonlos lässt, nur durch 
die geringere und grössere Stärke der Artikulation, daher 
das schier endlose Schwanken der Aussprache und der 
Orthographie in Bezug auf die beiden Ehehälften, ein 
Schwanken, welches Schmeller veranlasst hat, in seinem 



— 31 — 

vorzüglichen Bayerischen Wörterbuch die Buchstaben B 
und P und D und T, wenngleich nicht zum Vorteil der 
praktischen Brauchbarkeit des Werkes, gleich zusammen 
zu behandeln. Nicht blos in Sachsen und Thüringen ver- 
Tvechselt man weich und hart, auch in den oberdeutschen 
Mimdarten wird P meist wie jB gesprochen, und bereits bei 
der zweiten Lautverschiebung, wo die Mediae zu Tenues 
verschoben wurden, haperte es mit dem B, als welches 
nur im Althochdeutschen der südlicheren Gegenden Ober- 
deutschlands in P übergfing — wie unsicher das Volk mit 
dem labialen Verschlusslaut ist, zeigen Eigennamen wie 
Fauer neben Bauer, Änspach neben Ansbach, Spruch neben 
Innsbruck, Äuersperg und Beichensperger neben Berg, Petz neben 
Bär; oder die lateinischen Fremdwörter Fäz (Boletus), Birne 
(Firum), Für sehe neben Bursche und Börse, Fanier neben 
Banner, Fosaune neben Busaune (Bv^ina), pürschen neben 
hirschen u. s. w. B wechselt wieder gern mit W, besonders 
nach L und R, man denke daran dass Bill in England 
eine Abkürzung von WilXiam ist, sowie daran dass Wrack 
mit brechen zusammenhängt; oder an Worte wie Abenteuer = 
äventiure oder Wittib = Witwe. 

Ein drittes Konsonantenpaar bilden unter den soge- 
nannten Mutä die Gutturalen und die Labialen einer- 
seits, die Gutturalen und die Dentalen anderseits. Die 
Kehllaute sind so schwer sprechbar, sie erfordern die meiste 
Artikulationskraft, gehen daher gern in Laute anderer 
Orgcine, die weiter vom liegen, über, während sie selten 
oder nie daraus entstehen. Besonders die Dentalen, die 
ganz vom im Munde gebildet werden, machen sich be- 
quemer, daher sie auch in den formalen Elementen der 
Sprache, in der Flexion und Wortbildung die grösste Rolle 
spielen. Die Vertauschung von K und T tritt schon in der 
Sprache der Kinder hervor, die in Leipzig Bidäling für 
Bückling, Gelenderpuppe für Gelenkpuppe, GoUrabe für Kolkrabe 
sagen; sie zieht sich aber wie ein roter Faden durch die 
Sprachgeschichte überhaupt, man denke nur an den 



— 32 — 

dänischen Namen des Kranichs oder, wie er ursprünglich 
hiess, des Krans: Trane, schwedisch Trana, an die Branden, 
das heisst die Tatzen des Bären, die eigentlich Pranken 
heissen u. s. w. Etwas mehr Mühe macht das P, bei dem 
die Lippen fest aufeinander zu pressen sind, immerhin wird 
auch dieser Verschlusslaut mit seinem Pendant, dem B, zum 
Ersatz für das unerschwingliche K gewählt; daher ist niclit 
nur im Deutschen ein Bussl gleich einem Kussl oder einem 
Basium, sondern schon im Lateinischen, vielleicht genauer 
im Oskischen Falumha, Taube, eine Nebenform zu Columha, 
Popina, Küche, eine Nebenform zu Coquina, wobei man das 
weiter unten über Assimilation Gesag^te vergleichen wolle. 
Sehr gross ist die 2^hl der Fälle, wo griechisches 77 indoger- 
manischem K, lateinischem Q entspricht, z. B. equus «= iTCTtog, 
sequor = %7tofxaL, linquo =^ kelTtu), Oft weichen jedoch dann 
wieder die Labialen in die Dentalen aus, wie Tata {Täte) 
neben Papa (Pape), Knüttel neben Knüppel, Schlitten neben 
Schleife, Knoten neben Knopf, griechisch Tätig, Pfau, neben 
lateinisch Pavo zu beweisen scheint. 

Alle Konsonanten, die nach der Art der Erzeugung 
und der Artikulationsstelle zusammen eine Klasse bilden, 
die Spiranten oder Hauche, die Liquida, die Nasale 
liefern lautliche Ehepaare mit je zwei Ehehälften, die in 
Sturm und Nöten aufeinander angewiesen sind. Zu den 
Liquida rechnet die heutige Wissenschaft nur L und B: 
beide sind physiologisch sehr nahe verwandt: das B ent- 
steht, wenn die Zungenspitze den Alveolen der Oberzähne 
genähert und der Luftstrom durch diese Enge hindurch- 
gepresst wird; das L entsteht, wenn die Zungenspitze die 
Mundhöhle nach vom zu in der Mitte absperrt und der 
Luftstrom seitwärts zwischen der Zunge und den Backen- 
zähnen ausfliesst. Da dies letztere nun die mildere und 
bequemere Form des Lautes ist, so lässt das Volk ausser- 
ordentlich häufig L statt B eintreten. Die Engländer haben 
ein sogenanntes cerebrales B, das auch in Mecklenburg und 
Pommern, überhaupt an der Ostseeküste viel gehört wird; 



— 33 — 

es entsteht durch Aufbiegung des vorderen Zungensaumes 
nach oben und Annäherung desselben an den harten 
Gaumen hinter den Alveolen der Oberzähne, wobei die 
Zunge löffelartig ausgehöhlt erscheint. Dieses englische B, 
welches den bekannten zitternden oder rollenden Ton nicht 
hat, fällt in die dentale Artikulation, und wir dürfen uns 
daher nicht wundem, wenn es gelegentlich von einer Den- 
talis, dem D, abgelöst wird: die Koseform des Namens 
Michard ist in England Dick oder Dicken, Dickens genau 
soviel wie Bichardson. Die Dodanim der Genesis (x, 4), die 
eigentlich Bodanim oder ^Fodwi sind, beruhen dagegen wohl 
nur auf einer graphischen Verwechselung der Buchstaben 
Resch imd Daleth. Ein Übertritt des L in die denteile 
Artikulation scheint , bei dem neugriechischen TaaKwvid = 
^aytoivla stattgefunden zu haben. Tzäkonia nennt man 
Lakedämon heutzutage, zunächst den Distrikt des Pamon- 
gebirges in der nordöstlichen Ecke der alten Landschaft, 
dessen Bewohner den merkwürdigen, dem Altgriechischen 
besonders nahekommenden tzakonischen Dialekt sprechen. 

M und N sind beides Nasale; M ist der labiale Nasal, 
der entsteht, wenn die Mundhöhle durch Aufeinanderlegen 
der Lippen vollständig geschlossen und der Stimmton durch 
die Nase gelassen wird; N, das gemeine N, der dentale 
Nasal, der dadurch gebildet wird^ deiss die Luft durch die 
Nasenhöhle ausströmt, während der Mund nur durch An- 
legen der Zungenspitze an die Wurzel der oberen Zähne 
geschlossen wird- Die Franzosen rechnen N geradeweg 
zu den Dentalen. Aber M ist der stärkere Laut, der die 
grössere Energie erfordert, daher schon die alten Griechen 
ein auslautendes M zm N schwächten und im Gegensatze 
zum Lateinischen einen Accusativ auf -ov und ein Neutrum 
auf -ov hatten: (prjyov entspricht fagum, fiijlov malum. Ge- 
radeso ging in den romanischen Sprachen lat. cum in con, 
lat. rem in rien über. Wir selbst konnten ursprünglich das 
M am Ende der Worte nicht ertragen und wandelten Fadem 
in t^aden, Besem in Besen um — noch Luther schrieb Besem: 

Kleinpaal, Etym. 3 



— 34 — 

und wenn er kommt, so findet er' 8 mit Besemen gekehret und ge- 
schmücket (Lucä XI, 25). Der Verschluss im Munde durch die 
Zunge wird bei dem dentalen Nasallaut ganz so hervorge- 
bracht wie bei der Bildung eines D: infolgedessen wechseln 
gelegentlich wieder N und Z>; z. B. in Florenz ist Lampana 
eine volksmässige Nebenform für Lampada, M wechselt 
dagegen gelegentlich mit W (mir haben ■= toir haben) und 
mit P (englisch Peggy = Meggy, Koseform fiir Margaret). 

In allen diesen Fällen haben wir den Fortschritt vom 
schwereren zum leichteren Laute, nach dem eingeführten 
Vergleiche von der männlichen zur weiblichen Ehehälfte 
gewissermassen als Gnmdgesetz angenommen und darin 
einen neuen Beleg far die allgemeine Methode des sprechen- 
den Volks gefunden: sich's möglichst bequem zu machen. 
An diesem Grundgesetze ändert es auch nichts, wenn ge- 
legentlich einmal gerade das Umgekehrte ein, das heisst 
nicht das Weibchen an Stelle des Männchens, sondern das 
Männchen an Stelle des Weibchens tritt. Solche FäUe^ 
die sich mit der angeblichen Trägheit der Organe durch- 
aus nicht zusammenreimen, kommen allerdings unzweifel- 
haft vor. Es fällt dem Menschen schwer, die Littera canina 
richtig herauszubringen, er vertauscht sie mit dem L. Aus 
Mercimi Dies entsteht in Italien Mercoledl, aus Sanf ErasmOy 
mit Synkope Sauf Brmo, in Neapel Sanf Elmo. Aber der- 
selbe Italiener sagt auch wieder Sordato anstatt Soldato, in 
Neapel hört man wohl die Schlackenstückchen, welche der 
Vesuv auswirft, die sogenannten Lapilli oder Steinchen, als 
Rapilli bezeichnen, ja man hört in letzterer Stadt Orolia für 
Gloria, Lepubbreca für Repubblica sagen. Dieselbe Inkon- 
sequenz beobachtet man in andern Ländern. Flatz, lateinisch 
Platea, griechisch niatela, wird in Portugal zu Fraga, der 
Name Ralph in England zu Barf, der Name ülßa in Frank- 
reich zu Urfe, Luscinia, die Nachtigall, zu Bossignöl. Und 
ebenso bei andern Paaren. Der Sachse gibt dem Urlaster 
der Menschheit nach, indem er die harten Explosivlaute 
erweicht, Gaifee trinkt und Ghichen isst, die Baddi singen und 



— So- 
den Guguk rufen hört, recht im Gegensatze zu dem Tiroler, 
der das Z, das schwer sprechbare K vorzüglich stark arti- 
kuliert — aber derselbe Sachse strengt sich wie jeder gute 
Deutsche an, im Auslaut B wie P, 2> wie T und Q wie K 
zu sprechen, mit vieler Mühe: er gap, der Hunt und guten 
Taky ja sogar im Anlaut KcUle und Kunst für GMe und Ounst 
zu sagen, genau so wie schon in der deutschen Lautver- 
schiebung die Mediä in die entsprechenden Tenues über- 
gegangen sind, was eine Verstärkung der Ausatmung 
voraussetzt. Wo bleibt da der bequeme, der träge, der 
arbeitsscheue Mund? — Gemach! Diese scheinbare Inkon- 
sequenz beweist nichts; sie ist nur eine sekimdäre Erschei- 
nung, während die durch Trägheit veranlasste Erschlaffung 
der Artikulation das primäre Übel darstellt. Sie ist nur 
eine Folge der Unsicherheit, die sich des Volkes bemäch- 
tigt, nachdem es das Verderben einmal einreissen lassen 
hat. Fräulein Julchen hat nun so oft Kunst wie Gunst ge- 
sprochen, dass sie nun auch einmal ein Übriges thut und 
Gunst wie Kunst artikuliert; der Tolpatsch hat so häufig R 
zu unrecht wie L gesprochen, dass er nun gar nicht mehr 
weiss, wo E und wo L am Platze ist, und in der Eile und 
in der Anwandlung es einmal recht zu machen den 
schweren Laut setzt, wo er nun gar nicht hingehört. Der 
Fall ist nicht selten, dass die durch eine einmalige Un- 
gezogenheit entstandene Konftision einen neuen ungewöhn- 
lichen Lautwandel nach sich zieht Die Lautverschie- 
bung ist überhaupt ein rätselhafter Vorgang, der gar keine 
Raison hat, denn man begreift wohl, wie ein Volk einen 
Laut, den es etwa nicht hat oder nicht leiden mag, be- 
harrlich in einen anderen verwandelt, aber man begreift 
nicht, wie es dazu kommt, wenn es diesen Laut regel- 
mässig wieder aus einem andern erzeugt, sodass es sich 
mit seiner Verschiebung nur im Kreise dreht. Grimm ver- 
gleicht diesen Kreislauf der sogenannten stummen Kon- 
sonanten mit der täglichen Bewegung der Gestirne, die 

sich von Osten gen Westen drehen; dazu kann man nur 

3* 



— Be- 
sagen, dass wir auch nicht recht wissen, was der unermüd- 
liche Wettlauf der Planeten eigentlich für einen Zweck hat, 
dass die Sterne aber wenigstens als solche noch unvei- 
nünftiger sind als wir. Nein, eben die unablässige Wieder- 
erzeugung der erst abgeschafften Laute mag der verbor- 
gene Grund zu der merkwürdigen Lautbewegung gewesen 
sein, die man Lautverschiebung nennt — das Volk hat sich 
durch den ersten Schritt, etwa durch die Milderung der 
Aspiration, zur Fortsetzung des Prozesses selbst gezwun- 
gen. Wenn zu den alten G-lauten neue G-laute kamen, die 
eigentlich Aspiratä waren, so mussten die alten G-laute, 
um kenntlich zu bleiben, in K-laute verwandelt werden. 
Das ging nun so fort, bis man wieder am Ausgungspimkte 
ankam: denn nun mussten wieder die K-laute in Aspiratä 
(KH) verwandelt werden: und weil nun wieder die alten 
Aspiratä mit den neubackenen verwechselt werden konnten, 
so mussten die Aspiratä in die Mediä übergehn. So war 
man wieder auf dem alten Flecke, Aber das Charak- 
teristische ist, dass die Menschen hier nicht etwa den an- 
gebomen Zug der Trägheit verleugneten, sondern dass sie 
die Sisyphusarbeit der Verschiebung auf sich nahmen, um 
einer Verwimmg vorzubeugen, die sie durch einen ein- 
maligen, nicht näher zu bestimmenden, Fehltritt selbst ver- 
schuldet hatten. Wer möchte in der reichen Geschichte 
der menschlichen Dummheit keine Analogien zu so im- 
zweckmässigem Gebahren finden? — 



— 37 _ 



d. Falsche Artikulation einzelner Laute, wenn sie mit 
bestimmten anderen Lauten zusammentreffen. 

Oft haben die Musikanten nicht die Kraft oder nicht den guten Willen zwei 
Laute zusammen zu blasen — es sieht dann so aus, als ob die Laute un- 
verträglich wären, als ob sie sich untereinander angriffen und in ihrer Ruhe 
störten -^ gegenseitige und einseitige Störungen — Assimilation und Dissi- 
milation — ein Hauptstörenfried ist das I: Umlau| und Assibilation, auch 
Zetazismus genannt — der Vokal A und die Brechung — einer der bedeu- 
tendsten Faktoren in der Entwickelung der Sprachen ist die Tilgung des 
Hiatus — abermals die quantitativen Veränderungen. 

Die bisher geschilderten Wandlungen erfolgten ganz 
spontan. Die Laute schlugen aus der Art wie Kinder, die 
eine Anlage zum Bösen in sich tragen — sie verwelkten 
und verfielen, wie das Zeit und Krankheit und Alter mit 
sich bringen. Das heisst, die Menschen verwelkten und 

verfielen und die Kräfte der Musikanten, welche die Laute 

I 

hervorbrachten, liessen nach — sie erschlafften wie Arbeiter 
und ermüdeten wie Turner. Aber zu dieser freiwilligen 
Degeneration kommt noch eine andere, die man dem un- 
heilvollen Einflüsse schlechter Gesellsch£dt an die Seite 
setzen kann: die Laute scheinen sich untereinander zu 
hassen und zu verderben, zu lieben und zu schmeicheln — 
wie sie der Zufall zusammenwürfelt, so befehden sie ein- 
ander, stören sie einander, stossen sie einander ab, decken 
sich vor einander, bald wieder suchen sie einander zu ver- 
führen, auf ihre Seite herüberzuziehn und den alten Sitten 
zu entfremden; und wahrlich merkwürdig, wie in diesem 
Falle jede von beiden Parteien immer der andern zusetzt, 
Avie der Nachbar den Nachbar gewinnen will und bald der 
eine, bald der andre Engel den Sieg davonträgt. Dabei 
lernt man auch wieder Laute kennen, die nur als Ver- 
sucher auftreten, die, begabt mit satanischer Stärke und 
Grewandtheit, nur darauf ausgehn, einzelne arme Seelen, die 
sich nicht wehren können, zu fahen und zu vergiften und 
vom rechten Wege abwendig zu machen — ein solcher 



— 38 — 

Teufel ist zum Beispiel der Vokal I, der, wo er nur hin- 
kommt, den Frieden der Laute stört, sich überall eindrängt 
und im Paradies der Sprache Schaden ohne Mass an- 
richtet Dass auch dies alles nur bildlich gemeint ist; dass 
es nicht die Laute sind, die sich gegenseitig aufregen und 
beeinflussen, sondern die Sprachorgane, die entweder nicht 
die Kraft oder nicht den guten Willen haben, zwei Laute 
zusammen auszusprechen und beide in ihrer Eigentümlich- 
keit zu belassen; dass schliesslich auch hier die Verderbnis 
den ausübenden Künstlern aufs Kerbholz zu schneiden ist, 
versteht sich ja von selbst 

Die grosse Entschuldigung der letzteren, womit sie 
ihre Indolenz rechtfertigen, ist der Wohlklang. Was ihnen 
nicht passt oder nicht leicht wird, das nennen sie nicht 
euphonisch. Was lässt sich gegen solche Leute und gegen 
solche Gründe machen? — Nichts; wenn die Herren nicht 
mit dem Klange zufrieden sind, so müssen sie wohl etwas 
dagegen thun. 

Einer der bedeutendsten Faktoren in der Entwickelung 
fast aller Sprachen ist die Tilgung des Hiatus. Zur Aus- 
sprache des Hiatus gehört eine gewisse Bemühung der 
Organe, indem es darauf ankommt, zwei zusammentreffende 
Vokallaute eines Wortes oder zweier Worte auseinanderzu- 
halten: es entsteht eine kleine Pause, die, namentlich bei 
gleichen Vokalen, als eine Härte, als ein Fehler zumal in 
der Poesie, ja gelegentlich als etwas Komisches empfunden 
wird; der Mund muss offen bleiben, er gähnt, hiat, wie es 
heisst, gleich einem Grabe, um den Luftstrom zweimal 
hintereinander ohne Vermittelung eines Konsonanten durch- 
zulassen. Zum Beispiel: die oberitcUienischen Seeen oder liebte 
er, 80 oft wie ich, ü a ete ä Paris, il alla ä Äthenes, il m^öbligea 
ä y aUer. Daher denn die vielen Mittel, den Hiatus wie 
eine Seuche aus der Welt zu schaffen: bald schiebt man 
einen euphonischen Buchstaben ein, im Griechischen ein N 
(jEixoaiv avÖQeg), im Französischen ein T {que dira-t-on); bald 
elidiert man {hesser hob ich als hätt ich); bald wendet man 



— 39 — 

Kontraktion (die Seen, q>Lki(ji) = q)iX(S)y bald wendet man 
Krasis an (ra alhx = Tälla, Ebbe und Flut = Ehhenflut), bald 
konsonantiert man den einen Vokal imd lässt ihn dann ver- 
stummen (diurnum = it. giorno, fugio = it. fuggo, dolui = dolvi, 
it. dolst), bald schaiBft man einen Diphthong (lat. junius = 
franz. juin, lat. feria = portug. feira). In den romanischen 
Sprachen hat die Tilgung des Hiatus besondere Wichtig- 
keit, vergleiche Diez Orammatik I, 198, 

Hier kehren also mit etwas besserem Rechte, aber 
immer aus demselben letzten Gnmde die quantitativen Ver- 
änderungen wieder, die wir unter a und b als verstümmelnden 
und schmarotzenden Lautwandel kennen gelernt haben. 

Eine Art Hiatus scheint auch zwischen gewissen Kon- 
sonanten stattzufinden, wo er dann ebenfalls bald zur Ein- 
schiebung euphonischer Laute, bald zur Ausstossung des 
unliebsamen Elementes führt. Übrigens pflegen zusammen- 
treffende Konsonanten qualitative Veränderungen zu er- 
leiden, für welche der Vorgang der sogenannten Assimi- 
lation typisch ist. Eine Hauptmucke unserer Musikanten 
besteht in der Anähnlichung oder Angleichung, man könnte 
vielleicht am geschicktesten sagen: Anbildung der Laute, 
um sie besser sprechbar und gleichsam blaslicher zu machen. 
Hier sieht es also wirklich so aus als beeinflussten sich die 
zusammentreffenden Laute gegenseitig wie Eheleute ein- 
ander ähnlich werden oder wie sich Steine aneinander reiben 
und abschleifen; die Sprache hat offenbar die Tendenz, die 
hadernden Nachbarn zu versöhnen und zwischen ihnen be- 
stehende Differenzen auszugleichen. Vorwärts und rück- 
wärts wirkt diese nivellierende Tendenz: der Buchstabe 
wird bald seinem Vorgänger, bald seinem Nachfolger an- 
gebildet, je nachdem sich der eine oder der andere gel- 
tend zu machen weiss. Wir haben zum Beispiel den Titel: 
PrinZ'Begent von Bayern; das Wort Begent ist aus dem latei- 
nischen Begentem, dem Partizipium von regere, regieren, her- 
vorgegangen. Daneben haben wir den Bektor der Universität; 
Bektor kommt von Bectum, dem Supinum von regere. Warum 



— 40 — 

ist nun in Rektor, wenn das Wort gleichfalls auf regere zu- 
rückgeht, das sanfte Q nicht beibehalten, sondern in die 
Tenuis K verwandelt worden? Warum schreiben wir nicht 
Regfor, wie wir etwa wegthun oder Ägtstein schreiben? — 
Weil die Tenuis T die Media G verhärtet, sozusagen an- 
gesteckt und ebenfalls zur Tenuis gemacht hat. Nicht 
genug: im Italienischen verwischt sich der Unterschied 
vollkommen, das C wird von dem T gewissermassen über- 
wältigt und gezwungen, selbst ein T zu werden: Rektor 
heisst in Italien Rettore, wie Factum: Fatto oder wie Pectus: 
FettOy wie alle wissen, die etwas in petto haben. Aus einem 
ähnlichen Grunde sagen wir nicht Anboss, sondern Amboss, 
nicht Synphonie, sondern Symphonie und eben Assimilation statt 
Adsimüation — tausend Erscheinungen in den verschie- 
densten Sprachen beruhen auf diesem wichtigen Prinzip, 
vermöge dessen nicht blos Konsonanten und Konsonanten, 
sondern auch Vokale und Vokale, ja, Konsonanten und 
Vokale einander ang^bildet werden, und das der sogenann- 
ten Vokalharmonie, dem sogenannten Umlaut, der sogenannten 
Brechung zu Grunde liegt. 

Neben der Assimilation einher geht das Prinzip der 
Dissimilation, nach welchem gleiche Laute, die aufein- 
anderfolgen, abgeändert werden, und welches ebenfalls 
bald progressiv, bald regressiv zu wirken pflegt. Nament- 
lich wenn zwei aufeinanderfolgende Silben eines Wortes 
gleich anlauten, was für rasches Sprechen unbequem ist, 
pflegt die Sprache von dem Recht der Dissimilation Ge- 
brauch zu machen; eins der bekanntesten Beispiele ist das 
deutsche Wort Kartoffel, welches für Tartoffel steht; genau 
so sagt man in Aachen Kapier für Fapier und in Frank- 
reich Nombril, Nabel, für Lomhril (l'omhrü). Man kann sich 
aber durchaus nicht auf das Volk verlassen, dass es sich 
nun immer treu bleibt und nicht auch einmal aus Laune 
gerade das Umgekehrte thut, das heisst den Anlaut dem 
Inlaut assimiliert: man darf sich das etwa so erklären, dass 
der eine Konsonant auf den anderen eine Art Attraktion 



- 41 - 

ausübe. Das lateinische coquere setzt eine alte Form poquere, 
das lateinische quinqtie eine alte Form pinque voraus: das 
Zahlwort für „fünf" lautet in den meisten indogermanischen 
Sprachen mit einer Labialis an, und coquere entspricht dem 
griechischen TtiitTiOj wie /jpraejcox dem griechischen Tti^tov^ 
auf den richtigen Anlaut wird man auch durch lateinische 
Nebenformen, wie Popina y Küche (oskisch), Fowpejus und 
Pontius (samnitisch) = Q;mntiuSy selber hingeführt. Aber in 
beiden Fällen scheint der Anlaut durch den sekundären 
Anlaut beeinflusst worden zu sein. Ein weiteres Beispiel 
solcher Assimilation ist lateinisch Bohlicola = Puhlicola. Den 
Velleitäten des herrlichen Orchesters ist eben schlechter- 
dings gar nicht nachzukommen. 

Für einseitige Störungen, wie sie an die Versuchungen 
des Versuchers erinnern sollten, ist die Rückwirkung des 
Vokals I, die sich in dem sogenannten Umlaut und in der 
Assibilation, desgleichen die Rückwirkung des Vokals Ä, die 
sich in der sogenannten Brechung äussert, charakteristisch. 
Die Assibilation, nach welcher K und T in Zet verwandelt 
werden, wird auch Zetazismus genannt. 

In der ganzen Welt spricht man das 0, wo noch kein 
Wandel in der Orthographie geschafft ist, verschieden aus, 
jenachdem es den Vokalen Ä, 0, ü oder den Vokalen I 
und E vorhergeht: wir sagen Cocagna, aber Cicero, Die eine 
Aussprache ist die gutturale, die andere die palatale oder 
die dentale; die Engländer nennen sie die harte und die 
weiche {hard G und soft C). Beide sind sehr nahe verwandt: 
sie unterscheiden sich nur dadurch, dass wir bei Cocagna den 
hintern Zungenrücken dem weichen, bei Cicero den mittleren 
Zungenrücken dem harten Gaumen nähern, dass mithin die 
Berührungsstelle von Zunge und Gaumen bei Cocagna mehr 
rückwärts, bei Cicero mehr vorwärts im Munde liegt. Diese 
doppelte Aussprache des C, bald wie K, bald wie Z, auf 
deren Gründe wir hier nicht eingehn können, ist schon in 
der lateinischen Volkssprache nach dem Untergange des 
AVeströmischen Reiches eingetreten; in der klassischen Pe- 



— 42 — 

riode herrschte sie noch nicht, damals galt C vor allen 
Vokalen dem K gleich, zur Zeit Oiceros hat man noch Kikero 
gesprochen. Aber seit dem VII. Jahrhundert kam die pala- 
tisierende Aussprache des C vor E und I auf, in den roma- 
nischen Sprachen, die das palatale C zum Teil noch weiter 
ausquetschten und ihm den sogenannten Suono schicLcciato 
(TSCH) gaben, wurde sie allgemein und von ihnen haben 
wir sie überkommen. Die moderne Orthographie sucht ja 
den Buchstaben C in der deutschen Schrift ganz auszu- 
rotten und in dem einen Falle K, in dem andern Falle Z 
dafür zu setzen; desgleichen sind in den slawischen Sprachen 
R und C durch die Aussprache streng geschieden, indem 
ersteres immer wie K, letzteres stets wie Z gesprochen 
wird. Das Wichtige ist, die nahe physiologische Ver- 
wandtschaft der Kehl- und Gaumenlaute zu erkennen, durch 
welche die Teilung des lateinischen C in zwei, durch den 
folgenden Buchstaben bedingte Laute angebahnt und die 
Vertretung des Gutturalen durch den Palatalen, des Männ- 
chens durch das Weibchen, eingeleitet wurde. Wie der 
Tenuis, so erging es auch der Media G, deren Wert eben- 
falls der folgende Buchstabe bestimmt. Dass endlich der 
Vokal I die ganz gleiche Wirkung auch auf ein voraus- 
gehendes T haben konnte, indem er auch die Dentalis in 
Z oder TS verwandelte, daher wir Nation wie Nazion, Artsto- 
kratie wie Aristokrasie und Militia wie Miliz aussprechen, eine 
Lautentwickelung, die ebenfalls ihren Anfang bereits im 
Altertume nahm, ist nur ein neuer Beweis für die innige 
Verwandtschaft der K- und T-laute, die beide den Ein- 
flüsterungen des alten Drachens Gehör schenkten und in 
seiner Schule zischend zu Einem schlangenähnlichen Laute 
zusammenflössen. 



43 — 



e. Schlechtigkeit der Instrumente: 
Anomalien in den Sprachorganen einzelner Individuen 

und ganzer Völker. 

Der Sprechende kann sich auf seinem Instrumente wie ein andrer Musikant 
Verblasen, wenn er sich nicht recht zusammennimmt — es kann aber auch 
sein, dass das Instrument selber schlecht ist, dass es falsch anspricht, dass es 
nicht rein gestimmt, dass es durchlöchert oder schadhaft geworden ist — 
dergleichen Anomalien in den Sprachorganen sind häufig, persönliche wie 
nationale — es gibt Völker, denen gewisse Laute völlig abgehn, andere 
haben ihre festen, unabänderlichen Lautneigungen — ein vollkommenes In- 
strument hat niemand — in solchen Fällen gleitet die Sprache an bestimmten 
Stellen regelmässig vom rechten Wege ab, die Fehler, die auf organischen 
Fehlem beruhen, zeichnen sich im Gegensatz zu denen, die eine blosse 
Ruschelei verschuldet, durch ihre Gesetzmässigkeit aus — die Franzosen 
können das "Wort Ciceri, die Griechen das "Wort Schibboleth nicht aus- 
sprechen — je ungleicher die Rassen, umso schwieriger die Reproduktion — 
wie sich die "Worte durch diesen komplizierten Lautwandel nachgerade der- 
massen verändert haben, dass sie nicht wieder zu erkennen sind, die gespro- 
chenen noch mehr als die geschriebenen — ein Konzert, wo niemand ordent- 
lich bläst, wo sich jeder gehn lässt, wo die Instrumente schlecht sind, das 

ist die Sprache. 

Oft muss man spielen wie die Geige will. 

Gegenüber diesen tausendfältigen Fehlern, die ins- 
gesamt auf Nachlässigkeit oder Böswilligkeit des sprechen- 
den Individuums zurückzuführen sind, kommen solche, die 
auf mangelhafter Bildung der Sprachorgane selbst beruhn, 
gar nicht in Betracht. Nicht etwa, dass wir die letzteren 
in Abrede stellen wollten: es ist Thatsache, dass gewisse 
Menschen gewisse Laute, die gewisse andre Menschen 
haben, gar nicht aussprechen können oder nur unvollkom- 
men herausbringen, oder dass sie diese Fähigkeit wenig- 
stens erst nach einiger Zeit erlangen. Dass sie dann bei 
Fremdwörtern, d. h. bei von Ausländem vorgeblasnen 
Stückchen, die besagten Laute mehr oder weniger verun- 
stalten und entstellen, ist ebenso natürlich wie dass in 
diesen Fällen der Lautwandel mit einer bisher unerhörten 
Regelmässigkeit erfolgt Es handelt sich nicht mehr um 



— 44 — 

persönliche Versehen, um eine zufällige, durch die Umstände 
gebotene Eile, eine launenhafte Unaufmerksamkeit — blei- 
bende, reale, vom Willen imabhängige Ursachen liegen 
vor, weshalb eine korrekte Wiedergabe immöglich ist und 
weshalb die gespannteste Aufmerksamkeit, die peinlichste 
Sorgfalt bei der Ausführung nichts hilft. Angebome Ano- 
msdien, schwache Stellen der Sprachorgane, die sich viel- 
leicht nie ganz beseitigen lassen, die aber allerdings aus- 
nahmsweise der starke Wille und die jahrelange Übung 
überwindet, vielleicht auch Nervenverstimmungen und in- 
folge deren abnorme Intonation, das sogenannte Sübenstol- 
pern, wobei die Buchstaben und Silben durcheinander 
geworfen werden, pflegt als Symptom gewisser Gehim- 

und Nervenkrankheiten aufzutreten es ist als ob die 

Musikanten schlechte Instrumente hätten, Schalmeien, die 
versagen, die falsch ansprechen, die nicht rein gestimmt 
sind, auf denen sie nicht richtig blasen können. Wer ein- 
mal stammelt, stammelt immer, und wer einmal stottert, 
stottert immer; ist die Oberlippe gespalten wie bei der 
Hasenscharte, ist der harte Gaumen gespalten wie beim 
Wolfsrachen, sind infolge syphilitischer Geschwüre nach der 
Ausheilung Löcher oder Spalten im Gaumen zurück- 
geblieben: so muss die Sprache ebenso beeinträchtigt wer- 
den wie der Ton eines Blasinstrumentes, das einen Riss 
bekommen hat oder schadhaft geworden ist Man weiss, wie 
bei den diphtheritischen Lähmungen des weichen Gaumens 
und der Rachenmuskeln, ja schon bei einem einfachen 
Schnupfen die Sprache verändert und wie die Sprache alter 
Leute, denen die Zähne ausfallen, unverständlich wird; es 
ist dann als fehlte einem Klavier die Belederung. Hat der 
Einzelne ein solches unvollkommenes Instrument, so nennt 
man das einen Sprachfehler. Hat ein ganzes Volk ein 
unvollkommenes Instrument, und man möchte sagen, ein 
absolut vollkommenes hat niemand auf der Welt, so spricht 
man von einem Lautgesetze. 

Wie viele Menschen gibt es, die kein ordentliches B 



— 45 — 

aussprechen können, die es namentlich wie L artikulieren! 
Die Kinder lernen es alle erst nach und nach. Solche 
Menschen, von den alten Griechen rgavlol genannt, waren 
zum Beispiel bei ihnen Alcibiades, Aristoteles, Demosthenes, 
welcher letztere ausserdem den Spitznamen BaTalog, der 
Stammler, hatte. Der grosse Redner ist bekanntlich einer 
von denen, die mit bewunderungswürdiger Energie die 
natürlichen Hemmnisse ihrer Artikulation überwunden haben. 
Es gibt aber auch ganze Nationen, denen der R-laut ab- 
geht, die demnach in Fremdwörtern, die ein B enthalten, 
das B auswerfen oder in L verwandeln: eine solche Nation 
sind zum Beispiel die Chinesen, die nicht von Europa^ 
sondern von Etdopa, nicht von Christus, sondern von Küissetu 
reden, die Namen France in Fa, Brahma in Fan verwandeln. 
Das Tschu-fan-schui, eine Beschreibung von allen den 
Chinesen im XII. und XIII. Jahrhundert bekannten Ländern, 
erzählt von einem Lande Fir^a-lo, alias Fdl-porlo, das Ele- 
fantenzähne, Rhinoceroshömer, Ambra und Schildpatt er- 
zeuge und Kamele, Giraffen, Zebras und Kamelstörche, will 
sagen Strausse, beherberge. Ein Land mit solchen Pro- 
dukten ist natürlich in Afrika zu suchen, und da nun 
ein chinesisches Pal-pa-lo auf ein ursprüngliches Far-pa-ro 
schliessen lässt, so haben die Geographen unschwer Barbara, 
das heutige Berhera, den uralten Handelsplatz am Golf von 
Aden an der Somaliküste, darin zu erkennen vermocht. 
Im Reiche der Mitte wird also kein richtiges B gehört, 
sondern nur jene eigentümliche Silbe, die aus einem vokali- 
sierten gutturalen B besteht; umgekehrt gibt es aber auch 
ganze Nationen, denen der L-laut abgeht So scheinen 
die Indogermanen ursprünglich kein L gehabt und den 
Buchstaben erst später aus dem B entwickelt zu haben; 
das Zend gelangte niemals dazu, daher wieder die Perser 
in Fremdwörtern, die ein L enthielten, das L durch B er- 
setzten — dass wir in Deutschland Pfeffer und nicht Pfeffel 
sagen, beruht auf dieser persischen Lautneigung. Der 
Pfeffer ist eines der ältesten Gewürze der indischen Welt: 



— 46 — 

der Sanskritname desselben war Fippalt. Dieser indische 
Name, übrigens von Haus aus der Name nicht des schwar- 
zen, sondern des langen Pfeffers, verwandelte sich also im 
Munde der Perser in Pippari und ging in dieser Gestalt 
in die europäischen Sprachen über: rö %dixdv, o xaliavaiv 
ol niQoat n^TtBQij sag^ Hippokrates in seinem Buche über 
Frauenkreinkheiten: von den Griechen überkamen das Wort 
die Römer {pvper, italienisch pepe, französisch paivre) und 
von den Römern (wie die Verschiebung im In- und Anlaut 
zeigt, wahrscheinlich schon vor der althochdeutschen Zeit, 
d. h. schon vor dem Vn. Jahrhundert) wir. Der Name des 
deutschen Fabeldichters Ffeffel zeigt selbst diesen Übergang: 
Ffeifel verhält sich zu Pfeffer, wie Mörtel zu Mörter oder 
Mörser {Moriarium). Übrigens wird das B selbst in den 
europäischen Sprachen so verschieden, bald mit einem 
zitternden oder rollenden Laut, bald (durch Schwingxing des 
Zäpfchens) uvular oder guttural, bald cerebral, bald zischend 
(man denke an die thomer Pfefferkuchen, die sogenannten 
KaiascMnchen = KathrincherC), bald vokalisch (man denke an 
den tschechischen Namen Brno = Brunn) gesprochen, dass 
zum Beispiel der Italiener das Wort Brodo, Fleischbrühe, 
im Munde eines Deutschen kaum versteht. Die in Frank- 
reich gewöhnlichste fehlerhafte Aussprache des JB ist die 
sogenannte feite {parier gras, grasseyer). 

Die Indogermanen haben auch kein kurzes O g-ehabt, 
das im Sanskrit, im Litauischen, selbst im Gotischen noch 
nicht vorkommt — ein H gab es nicht — auch das B war 
in den indogermanischen Sprachen ursprüngUch ein seltner 
Laut. In China und in Griechenland kommt ein B über- 
haupt nicht vor, neugriechisches (und russisches) B hat den 
Lautwert eines TT, dass die Bulgaren von den Ufern der 
Wolga stammen, ist den Hellenen einleuchtender als uns — 
die Media und zum Beispiel das Wort Balsam wiederzugeben, 
schreiben die Griechen MTtaXaafxovj wie ihnen vt den Laut 
D gibt. Die Araber besitzen wiederum kein P und müssen 
die Tenuis durch B oder F ersetzen — sie sagen Bosta 



— 47 — 

statt Post, Bokrat für Hippokrates, als ob sie in Leipzig wären, 
Iflatun fdr Flatan; auch die keltischen Sprachen haben gegen 
den P-laut eine Abneigfung. So heisst „fünf*, dieses in 
den meisten indogermanischen Sprachen labial anlautende 
Zahlwort, im Irischen coic, was man aber auch anders er- 
klären kann. Jakob Grimm sagt in seinem Wörterbuch 
unter dem Buchstaben B, Spalte 1049, ®s gebe Sprachen, 
die der Media ganz oder der meisten Aspiraten verlustig 
gehen, keine, der die Tenuis gebräche: das ist eine gänz- 
lich aus der Luft gegriffene Behauptung, der eben eine 
so bekannte Sprache wie die arabische widerspricht. 
Ebenso wenig begründet ist aber die Angabe Max Müllers 
{Lectures TL, 164), dass einzelnen polynesischen Sprachen die 
Gutturalen gänzlich fehlen, während sich die Dentalen 
überall finden: die polynesischen Sprachen kennen vielmehr 
die Mediä G, D und B nicht, daher es kein Wunder ist, 
wenn die Könige Tamasese und Mataafa in Samoa über 
Deutschland und Qermanp und Bismarck schwer einig werden 
können 

In Frankreich findet man Menschen, besonders Kinder, 
welche den Zischlaut, der unserem 8CH entspricht, mit 
einem sanften 8 verwechseln, cheoal wie zeval, gerbe wie 
zerhe aussprechen; man nennt das zizayer oder hlisitS, ob- 
gleich lateinisch blaesum esse wohl mehr: mit der Zunge an- 
stossen imd das thun heisst, was wir Lispeln nennen und 
den Schlesien! vorwerfen. Dieser Fehler ist ebenfalls ein 
nationaler Fehler, der zum Beispiel die Venezianische Mund- 
art charakterisiert Der Venezianer sagt nicht: Oente, 
sondern: Zente, nicht: Oiorno, sondern Zorno, nicht: Lago 
Maggiore, sondern Lago Mazore, Auch der Genuese pflegt 
Qenova wie Zena auszusprechen. Ja, die sogenannten Hinken- 
den Walachen führen deshalb den Namen Zinzaren, weil 
sie in ihrem Dialekte für dnd = quinque, fünf, nicht 
tschintscM sagen, sondern zinz. 

Schliesslich hat jedes Volk, ja jede Familie und jeder 
Stamm seine eigentümlichen Lautneigungen und Laut- 



— 48 — 

Schwierigkeiten, wie jedes Individuum, das oft danach ge- 
nannt wird, seine eigene Aussprache besitzt; und wie wir 
schon oben sagten: ein vollkommenes Organ, ein Organ, 
das alle menschenmöglichen Laute in sich schlösse, dem 
nicht eine Modulation der menschlichen Stimme fehlte, 
wird gar nicht gefunden. Beziehungsweise sind alle Men- 
schen das was die Deutschen in den Augen der Slawen 
sind, weil sie ihre Zischlaute nicht nachahmen können: 
Stumme, Niemhsche oder Njemetz — muhim et turpe pecus. Es 
gibt höchstens relativ vollkommene Kehlköpfe, die das 
nationale Gebiet beherrschen, aber keine Universalinstru- 
mente, die jeder Abteilung des Menschengeschlechts ge- 
recht wären. Zwischen Deutschen und Romanen, zwischen 
Deutschen und Engländern, ja zwischen Deutschen und 
Deutschen welche Verschiedenheit der individuellen Arti- 
kulation! — Der Oberdeutsche, der die Lautverschiebung 
durchgeführt hat, liebt die vollen, harten Laute, bei ihm 
überwiegen die tieferliegenden Sprachorgane, Brust und 
Kehle; der Niederdeutsche, welcher auf der gotischen Kon- 
sonantstufe verharrt, liebt die breiten, weichen Laute, bei 
ihm herrschen die Vorderorgane vor. Zwei so nahe ver- 
wandte Nationen, wie die deutsche und englische, bringen 
es nicht dazu, alle Schattierungen ihrer gegenseitigen Aus- 
sprache wiederzugeben; immer wird man den englisch- 
sprechenden Deutschen an der S-ähnlichen Aussprache des 
TS und der Verwechelung von W und 7, von S und Z, 
den deutschsprechenden Engländer an der Z7-ähnlichen Aus- 
sprache des W, an seinem cerebralen D, seinem weichen Z 
erkennen. Und während ich das englische TH vielleicht 
richtig reproduziere, ist es mir seinerzeit in Griechenland 
nicht möglich gewesen, den weichen gelispelten Laut 
des J in yddaqog zur vollkommenen Zufriedenheit meiner 
griechischen Freunde herauszubringen. Die französische 
Sprache hat eine eigentümliche Scheu vor dem Buchstaben 
S, dessen sie sich inlautend entledigt (bläme = blasme, 
maitre = maistre, dicouvrir = descouvrir) , den es im 



— 49 — 

Auslaut verstummen lässt {hommes); das Italienische duldet 
keinen Konsonanten im Auslaut, ein solcher wird entweder 
weggelassen {ama == amat) oder durch einen Vokal gestützt 
(amano = amant, Emme, Erre, Esse, italienische Buchstaben- 
namen, verglichen mit den entsprechenden unsrigen), eine 
Lautneigung, die auch den polynesischen Sprachen eigen- 
tümlich ist, auch hier müssen alle Wörter auf einen Vokal 
ausgehn. Kein Italiener wäre imstande Lautkomplexe wie 
Holzpflock oder Strolchs herauszubringen. Als die Goten und 
die Longobarden Italien überfluteten, brachten sie das W 
mit: die Geltung dieses Konsonanten war etwa die des 
englischen W, Wa lautete wie Ud oder Uwd mit zerfliessen- 
dem Labial. Für diese Aussprache war das Organ der 
Romanen wenig empfänglich, wiewohl er ähnliche Kom- 
binationen selbst im Anlaute besitzt (franz. Ouate, italienisch 
üomo); er hätte sein V dafür einsetzen können, wie er auch 
in gewissen Fällen that; allein der Trieb, dem fremdartigen 
Laute möglichst wenig Abbruch zu thun, fahrte ihn, wie 
Diez sägt, zu einer anderen Nachbildung, worin sich das 
Wesen desselben besser auszusprechen schien, nämlich GU, 
in welcher Kombination der Kehllaut den über dem deut- 
schen W verbreiteten Hauch zu verdichten oder zu ver- 
körpern berufen war (Grammatik der Romanischen Sprachen, dritte Auf- 
lage, Bonn 1870. I. 324). Alle mit G^Z7 anfangenden französischen 
und italienischen Worte, z. B. Ghterre, sind bekanntlich 
deutsch (englisch War, althochdeutsch Werra, Zank, Zwie- 
tracht). Das ereignete sich zwischen Romanen und Ger- 
manen, aber die romanischen Völker sind selbst wieder 
nicht über einen Kamm geschoren: kein Italiener spricht 
französisch und kein Franzose italienisch, dass man es nicht 
augenblicklich merkte; und es ist bekannt, dass bei der 
Sizilianischen Vesper das uralte Wort GiceTj Kichererbse, 
das die Franzosen nicht korrekt aussprechen konnten, das 
Schibboleth abgab, an welchem ihre Mörder sie erkannten, 
wie weiland die Männer in Gilead die feindlichen Ephrai- 
miter an der Aussprache eben des hebräischen Wortes 

Kl ein p aal, Etym. 4 



— 50 — 

Schibboleth, Ähre, erkannten {Richter xn, 6). Kein Grrieche 
könnte Schibboleth aussprechen, da die griechische Sprax:he 
den Laut eines 8CS nicht kennt; die Folge ist, dass soviele 
hebräische Namen, die im Original mit einem Schin an- 
fangen, zum Beispiel Samuel, Simson, ScUomo, im Griechischen 
und danach bei uns selbst mit einem blossen 8 anlauten, 
je^ dciss der Übersetzer in der Septuagfinta bei Wiedergabe 
der obigen Stelle (i^icAter xn, 6) das Wort Schibboleth selbst 
nicht brauchen konnte, wie es z. B. Luther thut, sondern 
dafür die Übersetzung Irdxvg einführte. 

Je ungleicher die Rassen, um so schwieriger die 
Reproduktion. Die merkwürdigen arabischen Hauchlaute 
hat neuerdings der Physiolog Brücke mit dem Kehlkopf- 
spiegel bestimmt, zum Beispiel den dem semitischen Organ 
eigentümlichen Kehlhauch Äin, der durch plötzliches kräf- 
tiges Auspressen der Luft aus der Kehle und rasch er- 
folgendes Schliessen des Kehldeckels, notabene in zwei 
genau unterschiedenen Abstufungen entsteht — allen 
semitischen Sprachen eignen gewisse schwerdefinierbare 
Hauchlaute, Gutturalen und emphatische Stumm- und Zisch- 
laute, für die sie eigne Bezeichnungen haben, die wir uns 
aber höchstens durch Vergleiche deutlich machen können; 
bald saust es wie ein Schwert, bald knarrt es wie ein Stiefel, 
bald quarrt es und bald heult es, bald gluckst es und bald 
knallt es. Welcher Europäer möchte sich denn anheischig 
machen, die Schnalzlaute der Hottentotten, ihre heiseren, 
mit Hast aus hohler Brust hervorgestossenen , scharf 
aspirierten Kehllaute und das truthahnähnliche Gekauder 
der Barbaren kunstgerecht zu reproduzieren? — Die zahl- 
losen diakritischen Zeichen, die Punkte, Accente, Zahlen, 
Striche, Haken, Tilden, Halbkreise und Nullen, die in einem 
allgemeinen linguistischen Alphabet vorkommen, um eine 
korrekte Aussprache der Wörter zu ermöglichen und jeden 
Zungenlaut, jeden Nasalvokal, jeden Zischlaut, jeden Natur- 
und Zwischenton in seiner Eigentümlichkeit abzubilden, 
stellen Hunderte von feinen Nuancen imd Unterschieden 



— 51 — 

dar, die wir kennen und auseinanderhalten und vielleicht 
hören, aber sicher nicht alle wiedergeben können. Der 
Kehlkopf des Durchschnittsmenschen, theoretisch ein so 
unvergleichliches Kunstwerk, erweist sich in der Praxis 
so primitiv wie eine eintike Flöte, sein Reichtum ist nicht 
viel grösser als der einer Oktave auf dem Kllavier, zwar 
die Tonleitern sind verschieden imd alle zusammenge- 
nommen von überraschender Mannigfaltigkeit, aber sie um- 
spannen jedesmal nur eine Reihe von verhältnismässig 
wenigen Tonstufen. 

Unsere Musikanten blasen nicht nur schlecht, sie haben 
auch schlechte Instrumente — Instrumente, die gar nicht 
ausreichen — mit denen sie fremde Stücke gar nicht richtig 
blasen können. 

Wollen wir die Sprache nqch einmal mit einem grossen 
musikalischen Werk, etwa mit einer hohen Messe oder 
einer Symphonie vergleichen, die das Volk komponiert hat 
und unablässig in verschiedener Auswahl vorträgt? — Schon 
nach Ablauf einer gewissen Periode hat die Komposition 
infolge der geschilderten Prozesse eine ganz andere Ge- 
stalt gewonnen, zimächst die Musik selbst, die gleichsam 
stürmisch und mit einer gewissen Heftigkeit entartet, 
während die Noten, in denen die Musik von Zeit zu Zeit 
fixiert wird, naturgemäss zäher und konservativer sind und 
in der sogenannten Orthographie die alten Formen, die in 
der gesprochenen Sprache längst verschwunden sind, jahr- 
hundertelcing festhalten. Wir schreiben bis auf den heutigen 
Tag noch Cenirum und Civil, obgleich schon seit länger als 
einem Jahrtausend Zentrum und Zivil gesprochen wird; wir 
schreiben noch du wäschst, obgleich jedermann du wäscht 
sagt; der Franzose schreibt noch les hammes und üs parlent, 
wenn er auch in der Sprache, wenigstens in der Prosa, die 
alten lateinischen Flexionsendungen mit Genuss über Bord 
geworfen hat. Endlich gibt auch die Schrift nach — die 
Blume schiesst in Samen, imd keine bleibt von allen 

welche kamen. 

4» 



— 52 — 

Es kann ja einmal geschehen, dass eine bleibt, so zum 
Beispiel ist unser Wunsch ein sdiönes Beispiel rein be- 
wahrter Stammbildung im Germanischen — Worte wie 
Mann, Äcker, Kaie klingen heute noch ungefähr so wie äe 
vor Jahrtausenden geklungen haben, die alten Indoger- 
manen würden sie erkennen — aber eine unveränderte 
Stammform gleicht einem weissen Sperling, an eine voll- 
ständige Erhaltung ist gar nicht zu denken, und die Flexions- 
endungen sind, wie wir gesehen haben, jedenfalls abge- 
fallen. Dagegen, wie häufig hat eine Metamorphose statt- 
gefunden, die geradezu an das Unglaubliche grenzt, wie 
häufig eine volltönende Vokabel, gerade wenn sie recht 
viel gebraucht wurde, ihren ganzen Umfang eingebüsst, 
dass nur noch ein einziges armes Silbchen nachklingt! 
"Wer möchte wohl in unserem Oleander das griechische Wort 
Bhododendron, in unserem Ifau (was Lassen will) das Sans- 
kritwort Qikki, in dem chemischen Ausdruck Stibtum fiir 
Spiessglanz das Wort ÄnHmonium, in unseren Aprikosen das 
lateinische Praecoda erkennen? — Solche phänomenale 
Wandlungen sind allerdings mit darauf zurückzuführen, 
dass die betreflFenden Begriffe als Fremdwörter durch die 
verschiedensten Sprachen hindurchgehn und im Munde von 
Römern, Griechen, Arabern und Juden gleichsam Spiess- 
ruten laufen mussten; wir werden aber im Laufe unserer 
Untersuchungen in dieser Beziehung merkwürdige Erfah- 
rungen auch mit einheimischen Worten machen, die in 
ihrem Leben nicht soweit gekommen sind. Ja, wir werden 
sie machen; keinem Kinde, auch keinem von des Geistes 
KiTidem, wird es an der Wiege gesungen, wie der Dichter 
sagt, was künfüg aus ihm wird. 

Also ein Konzert, wo niemand ordenthch bläst — wo 
keiri Spieler bei der Sache ist, aufpasst und den guten 
Willen hat ordentlich zu blasen, sondern wo jedes Instru- 
ment vorwärts stürmt und zum Schlüsse drängt und we 
eine Spule abschnurrt und darüber ganze Takte weglässt — 
oder wo das Orchester keinen Ansatz hat und umschlägt 



— 53 — 

und unreine Beiklänge und störende Geräusche einmischt, 
ja die Noten nicht ansehn mag und eine mit der anderen 
verwechselt — wo ausserdem die Instrumente so unvoll- 
kommen sind, dass sie für einzelne Nummern des Pro- 
gramms gar nicht genügen, indem die geforderten Töne 
einfach fehlen und alle Augenblicke gestopft werden muss 
— wo endlich, was das Sonderbarste ist, nicht einmal jeder 
Musiker sein Instrument kennt, ja nur überhaupt eine 
Ahnung davon hat, dass er eins besitzt — — so ein Kon- 
zert ist die Sprache. Mehr ist sie nicht, und Ihr müsst mir 
nicht böse sein, Ihr grossen Redner und Ihr schönen Spre- 
cher, dass sie nicht mehr ist! — 



<>oo- 



B. Äussere Erscheinungen des Lautwandels 
in übersichtlicher Darstellung. 

Unter den einzelnen Erscheinungen dieses kompli- 
zierten, bald aus dieser, bald aus jener Ursache erfolgenden, 
aber im letzten Grrunde fast immer durch die Eilfertigkeit, 
die Nachlässigkeit, die Bequemlichkeit des Sprechenden 
bedingten Lautwandels heben wir die nachstehenden als 
die wichtigsten hervor, wobei wir mit denen, die auf eine 
materielle Verstümmelung der Worte hinauslaufen, als den 
augenfälligsten, beginnen. 

I. Der verstümmelnde Lautwandel. 

a. Aphäresis, Abwerfung von Lauten am Anfange 
eines Wortes oder, wie es wissenschaftlich heisst, im An- 
laut, wie zum Beispiel wenn raus statt heraus, rein (Hn) statt 
herein oder Bus statt Omnibus gesagt wird (allgemein in 
England, bei uns in der Kindersprache); mehrere bemer- 
kenswerte Fälle, wie Fant = Inf ante, Cello = Violoncello, 
französich Äge = Äetaticum, sind bereits oben besprochen 
worden. Die geradezu unsinnige Weglassung des Nega- 
tionspräfixes in bei Fant wiederholt sich oft: so haben die 
Italiener die familiäre Redensart: fare lo gnorri, den Un- 
wissenden spielen, wo gnorri aus ignaro entstanden ist Da- 
gegen betrachtete der gelehrte Nicot das französische hossu, 
buckelig, mit Unrecht als eine Aphäresis des lateinischen 
gibhosus. 



— 55 — 

Am leichtesten fallen einzelne Vokale einer fakul- 
tativen Aphäresis zum Opfer, zumal bei enklitischen und 
vielgebrauchten Wörtern, wie das I bei dem lateinischen 
Pronomen üle ello illa ülud, das sich in den romanischen 
Sprachen zu le la imd lo, im Portugiesischen und im Nea- 
politanischen gar zu imd a verkürzte; bei dem lateinischen 
sum = esum oder unserem es das 'E ('s is, wer hafs denn); 
von einzelnen Konsonanten das schwer sprechbare K und 
die wenig hervortretenden Spiranten H und W. Bekannt- 
lich machen die Kinder nicht Koka, sondern nur Aa; und 
ebenso sagen die Erwachsenen nicht camare, sondern amare, 
lieben, nicht Kaffe, sondern Äffe (ssmskrit Kapi, gr. TtfJTtog), 
nicht kargj sondern arg, nicht klaut, sondern erst Maut (hlüt), 
dann laut, während sie doch den Namen Klothilde haben 
(laut ist ein altes Partizipium, entsprechend gr. xXvrög, lat 
in-clutus, gehört, hörbar, berühmt). Analog ist unser Lail, 
die ältere Bezeichnung von „Brot", aus Slaib und Klaib 
hervorgegangen, womit der einheimische Name von Memel: 
Klaipeda, die Striezelfresserin in Zusammenhang gebracht 
wird (lit Kl^as, lett Klaipas, Brot, Striezel). Auch die Se- 
miten scheuen die anlautende Gutturalis, zum Beispiel die 
Araber das hinten in der Kehle, mit hartem Anstoss ge- 
sprochene K (Qaf), das in den Städten nur durch einen 
Hiatus bezeichnet wird. 

Anlautendes H ist schon im Althochdeutschen häufig 
abgefallen; z. B. lautete das Wort Bing ursprünglich Hring^ 
w^ie man sofort aus dem französischen Harangue, Ring, 
Kreis, Versammlung, dann die Rede darin, ersieht, während 
sich Hrtn unter Einfluss des lateinischen Rhenus in Bhein ver- 
wandelte. Sogar von einem Wort wie Herr oder Her zweigte 
sich, weil es so oft gesagt w^ard, im XV. und XVI. Jahr- 
hundert ein zweites Herr ohne IT ab: Er (mit jung^ mittel- 
hochdeutsch junc, zusammengesetzt: Junk-er^ d. i. Junc-herre) 
durchaus nicht mit dem Pronomen der dritten Person zu 
verwechseln, sondern Dominus bedeutend und noch in dem 
veralteten Titel Ehr, Ehrn, Ehren, zumal Geistlicher fort- 



^ 



— be- 



lebend, zum Beispiel Ehrn Hugo Evans, der Wallisische 
Pfarrer in den Lustigen Weibern von Windsor; 

ein sonderbarer Mann 
M'ar Ehren Lobesan. 

Übrigens ist diese Aphäresis noch lange nicht so 
schlimm, als diejenige welche im Catalani und im Proven- 
^alischen an Dominus und Domina verübt ward, all wo von 
Domin = Domen nur En (En Barräl) und von Domina = 
Domna nur Na übrig blieb {Na Maria). Ghior si, Gnor no für 
Signor si, Signor no hört man in Italien häufig. 

Die fehlende Aspiration des H bei Wortanfängen ist 
in England ein Kennzeichen der Cockneys, Dagegen hat 
das Englische, wenigstens in der Schrift, ein anlautendes W 
erhalten, das im Deutschen verloren gegangen ist, nämlich 
eben bei dem Worte, welches die Schrift bezeichnet: write = 
reissen, ursprünglich Runen auf Buchenstäbchen reissen. 

Auf Aphäresis beruhen nachstehende bekannte Worte: 

Gurke, eigentlich Agurke, wie noch im Holländischen {agurkje) 
und Dänischen. Das Wort ist slawisch (polnisch ogorek, böhmisch 
okurka) und ursprünglich griechisch {ayyovQiov) t denn unsere Gurke 
tritt zuerst im frühen Mittelalter in Byzanz auf, kam dann zu den 
Slawen und im XVII. Jahrhundert zu den Deutschen. 

Bauer, eigentlich Gebauer (mittelhochdeutsch gehury althoch- 
deutsch gaburo)y ein Begriff wie Gemahl, Geselle, Gespiele, Genosse, Ge- 
fährte, indem das Ge etwa unserem Mit entspricht. Die volle Form 
ist erhalten in Familiennamen wie Gebauer, Neugebauer u. s. w. 

Sterling (engl.) = Easterling. Die alte englische Münzeinheit 
bildete der Penny, und dieser wurde nach den deutschen Kaufleuten, 
die das beste Geld hatten und auch bei der Herstellung der eng- 
lischen Münzen mit thätig waren, den sogenannten Ostländem oder 
Easterlings: easterling genannt. Ein Pfund Sterling war also 
ursprünglich ein Pfund Pence, das nachmals in Silber und endlich 
in Gold ausgeprägt ward. Sterling bedeutet in England nachgerade 
überhaupt echt, Sterling silver, Sterling meritj Sterling wit, 

Rame (it.) = (lat.) A er amen, Kupfer, französisch Airain. 

Butike, französisch Boutique, italienisch Bottega == (lat. gr.) Apo- 
theca. Die Apotheken waren ursprünglich Warenniederlagen und 
Läden überhaupt. 



— 57 — 

Oleander, französisch Oleandre = Rhododendron, welches 
griechische Wort sich stufenweise in Lauridendron^ wörtlich Lorbeer- 
baum, Lorbeerrose (wegen der lorbeerähnlichen Blätter), Lauriandrum 
(bei Isidor Lorandrttm), Auriandrum^ Auliandrumj Oleandrum verwan- 
wandelte. Bemerkenswertes Beispiel. 

Wig (engl.) =s= Periwig, Perücke, französisch Perruque, aus 
welchem Worte es entstellt ist. 

Bellico (it.) aus Ombelico, lat. Umbilicus, Nabel. 

Zahn, althochdeutsch Zandy holländisch Tand, englisch Tooth, 
lateinisch Dens, eigentlich das Partizipium Praesentis von ederCy 
essen (indogermanische Wurzel ED). Der Zahn ist der Essende y wie 
die Hand die Fassende: Mund scheint gleichfalls ein Partizipium zu sein. 

Syriaa=Assyria. Syrien hiess ursprünglich Aramj daher Homer 
und Hesiod die Einwohner Arimi nennen (ßiv 'A^lfxoiQ Ilias ß, 783). 
Herodot ist der erste, der von den Syrern spricht und sie mit den 
Assyrern identifiziert, ersteres sei der griechische, letzteres der bar- 
barische Name (VII, 63). In Wahrheit waren beide Namen identisch, 
der Name Syria entstand, als die Assyrer das alte Aram unterjochten 
(Tiglath-Pileser 747 v. C). Die Syrer verhalten sich demnach zu den 
Assyrern wie die Mericans zu den Americans, 

St ach US, bekanntes Gasthaus in München, wo Schweizer und 
Würtemberger verkehren, das latinisierte Stach und dies gleich Eusta- 
chius. Unzähligemal wird die Aphäresis bei Rufnamen angewendet, 
so hatte Luther ein Söhnchen Lippus (Philippus)^ man vergleiche 
Nante = Ferdinand^ Linke = Karlinkey Renzo = Lorenzo, yette, Rike, 
Liese, FincAen, Finchen, LencJien u. s. w., oft mit Assimilation {Gigi = 
Luigiy Checco = FrancescOy Lili = Ottilie). 

b) Apokope, das Weglassen von Lauten am Ende 
eines Wortes oder, wie es heisst, im Auslaut, wie wenn in 
der Kinderstube Fo oder Fopo für Fodex gesagt, im Laden 
ein Kilo Zucker verlangt, in Wien oder auf dem Böhmischen 
Bahnhof in Dresden vom Kellner ein Hls, a Krügel Hls ge- 
bracht wird. Namentlich die Amerikaner sind gross darin, 
die überflüssigen Endsilben abzuthun: weil sie so gar keine 
Zeit haben, sehen sie sich genötigt, von Speculation nur Spec, 
von Fhotograph nur Fhoto, von Lithograph nur lAtho, von Hebels 
nur Rehs, von Secessionist nur Secesh, von Bepuhlicans nur Re- 
pubs, von Fantaloons nur Fants zu sagen; dass sie aus einem 
Mr, Mocatta: Mr. Mo machen, versteht sich von selbst, doch 
beruht der Uncle Sam nicht auf einer Apokope des Namens 



— 58 — 

Samuel, sondern auf einem Scherz (U. S. Am.). Die Eng- 
länder geben ihnen wenig nach, sie sprechen 2. B. allge- 
mein von tke pros and cons of the quation, d. h. den Für und 
Wider (cotOra), gerade so wie die Österreicher von Cts und 
Tram, Leithanien supplierend; aus einem Cabriolet machen 
sie a cab, aus Geige: gig und aus Qenever: gin; und schliess- 
lich huldigen alle Nationen einer unbeschränkten Apokope, 
ein Wiener bat mich seinerzeit ganz amerikanisch um 
meinen Fhoto, die pariser Studenten gehen nicht auf dem 
BtnAevard Saint Michel, sondern kurzweg auf dem Botd Mich, 
und im Jargon der Meissner Fürstenschule existierte der 
Tuk, der Tak und der Liv {TJmcydides , Tacüus, lAvius). Ist 
das schlimmer als wenn wir alle den Soraz oder den Homer 
zitieren, von Born und Athen reden? — Die Rufhamen unter- 
liegen ja überall auch dieser Art Abkürzung, es heisst nicht 
nur allgemein Barfkel für Barfkolomäus, Mao: für Maximilian, 
Theo für Theodor, Dick (engl.) für Richard, Mephisto fUr Me- 
phistopheUs, sondern gelegentlich auch Emm für Emma, Front 
, für Veronica und Do für Dorothea: Frau Do nannte Theodor 
Storm seine zweite Frau, Dorothea Jensen, 

Nächst den Namen werden gern lange, gelehrte, un- 
verständliche Ausdrücke von der Apokope betroffen. Wir 
sagen merkwürdigerweise noch heute Petroleum, während 
wir doch Karbol, Phenol, Ichthyol sagen; wir sagen noch 
immer Dilemma, während wir doch Problem, Sarkom sagen — 
diese griechischen und lateinischen Endungen haben für 
uns etwas Pedantisches, das Volk schafft sie ab, daher 
auch der Berliner nicht von seinen DestüliUione», sondern 
von seinen Destillen spricht. Die mittelalterUche Arzneikunde 
hatte eine wunderliche Terminologie, sie erlaubte sich Kür- 
zungen, die man gar nicht mehr versteht, aber die heute 
noch nachwirken, Sie kannte ein 

Malum Hyp — Hypochondriasis. 

Atoph = Aroma Philosophorum, kräftiges Emmenagi^iim, 
auch zur AbtreibuDg der Leibesfrucht benutzt, eii^efuhrt und benannt 
von Paracelsus. 



— 59 — 

Aldehyd s= Al[cohol] dehyd[rogenatum], leichter Sauer* 
stoffather, so benannt von Liebig. Aus dem Aldehyd wird das ParaU 
dehyd gewonnen, ein Schlafmittel („paar alte Hut*", worüber später). 

Die Apokope, die in allen Sprachen stetig, wenn auch 
zunächst nur fakultativ an den Endungen vor sich geht 
und namentlich die gesamte Flexion vernichtet, verläuft 
minder stürmisch: sie beruht auf einem allmählichen lang- 
samen Abschleifen einzelner Vokale und einzelner Konso- 
nanten, die oft noch, wie im Englischen und im Fran- 
zösischen, geschrieben werden, aber in der Aussprache 
verstummen. Die Deklination und die Konjugation wissen 
davon zu erzählen: bereits oben haben wir auf die Ver- 
flüchtigung der Auslaute im Althochdeutschen und auf den 
Abstand einer Form wie {wir) tragen gegenüber althoch- 
deutschem traJcames aufmerksam gemacht. Ein kurzes E am 
Ende eines Wortes kann sich gar nicht halten: man merkt 
kaum, dass zwischen (dem) Qotte und Qottj zwischen lange 
und lang, zwischen Käse und Käs, zwischen wäre und war ein 
Unterschied existiert; unser dem ist aus deme, gotisch thamma 
entstanden, das t», das in älterer Zeit im Auslaut nicht ge- 
duldet wurde, ist nur durch Apokope dahin gekommen. 
Die italienische Sprache, die in der Personalflexion alle 
Konsonantauslaute abstösst {credi = lat. credis), hat für den 
Infinitiv die vollständige Form -re erhalten: in den Mund- 
arten und in der Umgangssprache wird das e sehr selten 
gehört {dolce far niente). Wer erinnerte sich aus seinem 
Latein nicht noch an die Genusfolge Hie, Haec, Hoc? — In 
der ältesten Latinität lautete es: Hice, JSaece, Hoce (Hodce), 
die abgekürzten Formen treten erst seit dem 3. Jahrhun- 
dert V. C. auf; das enklitische ce, der Rest eines Prono- 
minalstamms, der im Lateinischen eis und citra, im Grie- 
chischen hisl ergeben hat, und in den Pronominibus ecce, 
iUic, istic, sowie in den Adverbien tunc, nunc, sie wiederzu- 
erkennen, hat nur die Bestimmung, die hinweisende Kraft 
des Demonstrativpronomens zu verstärken. 

Von Konsonanten wird jeder ohne Umstände abge- 



— 60 — 

stossen, der dem Organ irgendwie Mühe macht, zum Bei- 
spiel der gutturale und palatale Reibelaut CH (der Wiener 
sagt: I weiss nit, I schrei auf, schaut mi an): oder der ein Zu- 
sammenpressen der Lippen erfordernde LabiaL Das Wort 
für „Schnee" ist im Gegensatz zu „Hagel" und „Regen" 
gemein-indogermanisch: im Lateinischen und Griechischen 
ist das anlautende S {Nix, Nivis, vigxxg, vlqfsi), im Deutschen 
das auslautende W verloren gegangen (mittelhochdeutsch 
Sn^, Genitiv Snetves, althochdeutsch Sneo, Genitiv Snewes, 
gotisch Snaivs); in England wird noch Snow geschrieben, 
aber Sno gesprochen. Durch Schwund des Auslautes ging 
aus dem mittelhochdeutschen hiderbe das neuhochdeutsche 
bideTy geschrieben bieder hervor; gelb, englisch yeUow, lautete 
schon im Mittelhochdeutschen gel, wie jetzt noch gern ge- 
sagt wird {gehl, geel, gäl, so gele), man denke nur an die 
gelben Eierschwämme oder Pfifferlinge, die im Sommer 
und Herbst so häufig in den Wäldern wachsen und die 
man in Leipzig Gelchen, in der Oschatzer Pflege Gälinge, in 
Regensburg Gelen, in Ostpreussen Gelohr chen nennt. Sie 
mögen in Sachsen ursprünglich Gelblinge geheissen haben: 
aus Gelbling entstand Geling und aus Geling mit Ausfall 
des n: Gelich oder Gälich, wie Pfennig aus Pfenning. Auch 
das nasale N, das die Araber so gern nachklingen lassen, 
entgeht seinem Schicksal nicht: in allen N-stämmen fällt 
es im Nominativ Singularis weg, es heisst Hase (Stamm: 
Hasen)', Same (Stamm: Samen)\ Kette für Ketten, lateinisch 
Catena; Homo, Genitiv Hominis, im alten Latein auch Homonis. 
Man vergleiche damit, wie die ^ATtollcov, die nKdrojv und 
die Zi]viov in Rom und danach auch bei uns Apollo^ ja Apoll, 
Plato und Zeno genannt wurden, während SevocpiuVj durch 
den Accent geschützt, Xenophon verblieb. Umgekehrt ist 
den griechischen Zahlwörtern CTTTcr, sieben, und d^xa, zehn, 
das auslautende N abhanden gekommen, welches die deutsche 
Sprache und das Sanskrit, das Lateinische in Form von M 
bewahrt hat {septem, deceni)^ wobei nicht ausgemacht ist, 
welchem von beiden Nasalen man die Priorität zuzu- 



— 61 — 

erkennen hat. Dass man endlich auch auf das rollende R 
verzichtete, lässt sich denken: wir sagen: hie und da, aber 
es hiess ursprünglich nicht blos hier und da, sondern auch 
hier und dar, wie es ursprünglich wor oder war statt wo hiess, 
daher englisch where; ehe ist aus eher, Pate aus Pater und 
meh aus mehr entstanden, letzteres mundartlich weit ver- 
breitet, namentlich oberdeutsch, daher auch das häufige 
nimmermeh^ wie angeblich schon das Schaf auf dem Hofe 
einfällt. 

Die Abwerfang eines kurzen Vokals am Ende eines 
Wortes, gelegentlich auch eines langen, ja von Diphthon- 
gen und M-silben, um einen Hiatus zu vermeiden, zunächst 
von der lateinischen Prosodie her bekannt, aber in der 
Umgangssprache der meisten Völker häufiger als man 
denkt: pflegt man als Elision zu bezeichnen; ihr Zeichen 
ist der Apostroph (Vami, Vhomme = le ami, le homme; besser 
hab' ich als hätf ich, hör* auf), jedoch nur solange als sie 
empfunden wird (hör auf). Als man noch lateinische Verse 
machte, setzte man eine Ehre dai'ein, möglichst wenig und 
möglichst wenig harte Elisionen zu bedürfen; Leibniz soll 
eine Elegie gedichtet haben ohne Elision. 

Wir registrieren noch einige interessante Beispiele von 
Apokope: 

Sarg == Sarkophag, d. i. Steinsarg. Diese Herleitung wies Les- 
sing zurück, weil das mittelhochdeutsche sarc ein Behältnis überhaupt 
bedeute, doch ist das gar kein Einwand, da es sich hier nur um die 
lautliche Möglichkeit handelt, übrigens eine derartige Beschränkung 
der Begriffe ungemein häutig vorkommt. Dagegen geht das französische 
Cercueil auf unser sarc, nicht auf sarcophagulus zurück. Sarg ist ein 
griechisch-lateinisches Fremdwort, welches über das deutsche Leichkar 
den Sieg errungen hat. 

Lampe = Lampäde, mittellatein. Lampada, lat. Latnpas (Aa/xnccg). 

Dom = Dominus. Dass der Titel, den man in Frankreich den 
Königen aus dem Hause der Karolinger, später Mönchen von Orden 
gab, die sich für adlig hielten, und der in Portugal überhaupt den 
höheren Klassen zukommt, gleich dem spanischen Don auf einer 
Apokope des lateinischen Dominus, Herr, beruhe, denkt sich wohl 
ein jeder; Entstehung von N aus M ist im Spanischen häufig. Ebenso 



— 62 — 

gehen bekanntlich fr. Dame, it. Donna, Span. Doiia auf Domina zurück; 
ihnen entspricht das deutsche Fer oder Ver, das abgekürzte Frau^ 
welches im Mittelalter, wie noch heute landschaftlich unter dem Volk, 
den Taufnamen adeliger nnd geistlicher Frauen und Jungfrauen von 
Rechtswegen vorgesetzt wurde, namentlich auch in mythologischen 
Benennungen oft vorkam ( Ver Hilde, Ver Gode), Man kann das damit 
vergleichen, wie in der Schrift, zum Beispiel auf Briefadressen, so 
häuüg Fr fär Frau, Frl für Fräulein, M für Monsieur, Maä (in Frank- 
reich Mfne) für Madame, Mr für Mister gesetzt wird; die Herzogin 
Helene von Orleans nannte ihren alten Lehrer, den Professor G. H. von 
Schubert nie anders als: ftuin lieber Pro, Dergleichen Abbreviaturen 
bekannter Wörter und Namen (Lpl = Liverpool, Mehr = Manchester^ 
Bghm = Birmingham), wie sie der Raum- und Zeitersparnis halber 
zunächst in der Schrift angewendet werden, greifen nicht selten anch 
auf die Sprache über; so habe ich in England selbst gehört, wie ein 
Kaufmann sagte, er werde by the P and O, gesprochen Piano, nach 
Singapur fahren; er meinte: by the Peninsular and Oriental Steam- 
Navigation Company, Das nenne ich eine Apokope! — Auf medi- 
zinische Abbreviaturen und Rezepte mögen auch die obenerwähnten 
Apothekemamen zurückzufuhren sein. 

c. Synkope. Das Wort wird wie ein Schwamm zu- 
sammengedrückt imd ein grösserer oder geringerer Teil 
vom Inhalt herausgequetscht, gleichsam eliminiert, wie wenn 
die Engländer in Ostindien die Abkömmlinge von einem 
Europäer und einer Hindu EurasianSf d. i. Europasians, die 
Chinesen in Kalifornien die Stadt San Francisco kurzweg 
Frisco, die Levantiner die Stadt Costantinopoli kurzweg Cos- 
poli nennen. Er für Herr, Gnor für Signor war eine Aphä- 
resis; Don für Dominus, Fer für Frau war eine Apokope: 
Sor für Signore, Sora für Signor a, wie das italienische Volk 
ebenfalls gern abkürzt, wenn die Person genannt wird (Sor 
Fietro, la Sora Luisa, la Sora Sposa), ist eine Synkope. So 
wird Disraeli in England einfach Disi genannt, Bodolphus zu 
Balph, Konrad zu Kurt verkürzt. 

Die Synkope ist bald fakultativ, bald obligatorisch; 
ersteres namentlich in der Poesie. Dass in lateinischen 
Versen so ein Vokalchen oder auch ein V, ein OR zur 
Thür hinausgeworfen werden darf, weiss jeder Tertianer: 
Formen wie valde für valide, Saecla für Saecula, Di für Deij 



— 63 — 

audii ßxr audivi, virüm für virorum, Deüm für Deorum gehen 
ihm leicht ein; so im Deutschen: Ewger , schönre u. dgL, wo- 
für man ebensogut Etviger, schönere sagen kann. Andere- 
male hat der Gebrauch die Ausstossung geheiligrt und zu 
einer Regel gemacht, gegen die man sich nicht versündig^; 
so ist es bekannt, dass im alten Rom bei Angabe grosser 
Summen die Genitive Pluralis Sesiertium und Nummum für 
Sestertiorum imd Nummorum üblich waren; sestertius ist schon 
an sich eine gehörige Synkope, nämlich aus semi-as-tertim 
(2V2 As, wie wir sagen drittehalb Äs) entstanden. Namentlich 
aber erstreckt sich die obligatorische Apokope auf einzelne 
unschuldige Konsonanten, welche die Sprache bis in den 
Wortkörper hinein mit ihrem Hass verfolg^, Zusammen- 
hänge verdunkelnd, die doch in die Augen springen. So 
konnten die alten Griechen kein S zwischen zwei Vokalen 
leiden: es wurde regelmässig ausgestossen, was dann wieder 
eine Kontraktion zur Folge hatte: wir werden über diesen 
Vorgang, der wesentlich dazu beitrug, den griechischen 
Wortformen ein neues, fremdartiges Aussehen zu geben, 
des weiteren unten beim Rhotazismus sprechen. Für die 
alteii Römer scheint das X vor einem L ein rechter Stein 
des Anstosses gewesen zu sein; eine Menge lateinische 
Worte werden erst verständlich, wenn man annimmt, dass 
sie ein X verloren haben, namentlich sieht man erst dann 
ein, wie sie zu gewissen Diminutivis kommen, in denen 
das X stehen geblieben ist, weil es nicht mehr mit L zu- 
sammentraf. Wir nennen nur: 

Tela = Texla, Leinwand. Von texere, weben. 

Velum = Vexlum, Segel, eigentlich das Bewegende, von vehere; 
Diminutivum Vexillumy Fahne. Velum^ Schleier, ein ganz anderes 
Wort, steht für Veslum und kommt von der Wurzel VES, bekleiden, 
die VesHs^ Kleid, ergeben hat. 

Ala = Axla, Flügel, verwandt mit Achsel, Diminutiv Axilla. 

Mala = Maxla, Kinnbacken. Diminutiv Maxiila, 

Talus = Taxlus, Knöchel, Würfel. Diminutiv Taxillus. 

Die französische Sprache hat, wenigstens sehr häufig, 
das inlautende T (respektive D) getilgt und aus vita: vie, 



— 64 — 

aus amata: aimie, aus rata: roue, gemacht; nun erkennt man 
wie fr. cfier im Italienischen gridare, fr. veau im Italienischen 
vitello heissen kann. Desgleichen ist in Frankreich die Auf- 
lösung und der endliche Ausfall der inlautenden Media G 
zur Regel, ja zur nationalen Form geworden, was uns die 
Beziehung der Begriffe Bonheur und McUheur nicht zu Sora, 
sondern zu Ättgurium, oder die von GSant zu Gigant, Äaüt zu 
August, mais zu magis, Rue zu Ruga, Runzel, Furche, Strasse, 
sowie Verba wie nier = negare, lier = ligare plötzlich auf- 
hellt Dieser Ausfall des G zwischen Vokalen, die sich 
gleichsam zu vereinigen streben, zeigt sich auch im Deut- 
schen: unser Getreide ist eigentlich das Getregede, zunächst 
überhaupt was getragen wird, dann was der Erdboden 
trägt — unser Ei nur durch Unterdrückung des Kehllauts 
dem englischen und nordischen Egg unähnlich geworden, 
wie man noch aus dem alten Genitiv Eiges und dem alten 
Plural Eiger sieht — Eidechse = Egidechse, Hain = Hagen, 
Reinhard = Reginhart; noch heute hört man ja mundartlich 
das hob ich geseit, der Bauer leit im Bette, ich hörte ihn Man 
u. s. w. Desgleichen ist der Zusammenhang von unserem 
Haupt mit dem englischen Head nur durch den Ausfall der 
Labialis verdunkelt, der übrigens auch in andern Dialekten 
bisweilen eingetreten und uns selbst nicht fremd ist, indem 
wir Krauthaid für „Krautkopf' sagen — der Zusammenhang 
von unserem Welt mit dem englischen World nur durch den 
Ausfall des ursprünglichen R verdunkelt, denn Welt heisst 
eigentlich Werlt und bedeutet „Zeitalter" oder richtigef 
„Menschenalter", das Wer ist das Wer in Werwolf, soviel wie 
Mann und verwandt mit lat. Vir — eben dadurch ist der 
Zusammenhang zwischen fodern und fordern, Köder und Ker- 
der, Prosa und prorsa (sc. oratio), Podex und Furz verdun- 
kelt .... wie schade! 

Schöne Fälle von Synkope sind noch folgende. 

Scala = Scandia, die Stiege oder die Stiegen, die man 
hinaufsteigt, Leiter, Treppe, Tonleiter: man skandiert sie wie 
einen Vers. 



— 65 — 

Luna = Lucna, also ein Name wie Lucina und Noctiluca, der 
Mond als eine Lichtgottheit, die des Nachts leuchtet und zugleich die 
Kinder an das Licht bringt, denn alle Mondgöttinnen sind zugleich 
Geburtshelferinnen, weil die meisten Geburten nachts zwischen I2 und 
3 Uhr erfolgen. 

Examen = Exagmen, von exigere, welches sowohl „heraus- 
treiben" als auch „abwägen, prüfen" bedeuten kann; daher der dop- 
pelte Sinn des Substantivums: der ausfliegende Schwärm (fr. essaim) 
und Wage, Prüfung, Examen (fr. exatnen). 

Valet (fr.), Diener = Varlet oder Vaslety ursprünglich Vassaletf 
Diminutivum von Vassal, Vasall. 

Amtmann, mit Assimilation Ammann, verkürzt aus Amptmann, 
Ambetman, Ambahtman, Ampahtman; Amt, im XVI. Jahr- 
hundert noch AmJ>t oder Arndt geschrieben, eins unserer ältesten Wörter, 
die uns geschichtlich überliefert worden, hiess früher Ambacht, daher 
Ambachtslehen , Lehen, welche in einem dem Belehnten erteilten Amt 
bestanden, Ambachtsrecht und Ambachtsleute, ein germanischer oder kel- 
tischer Begriff, der schon im Bellum Gallicum vorkommt: die gallischen 
Ritter, sagt Cäsar, haben ihre Klienten und Ambachtsleute um sich 
{circum se ambactos clientesque habent VI, 15). Aus dem Abstractum 
Ambactia hätte sich dann das italienische Ambasciata, das französische 
Ambassade und der Ambassadeur entwickelt, ebenfalls ein Amtmann; 
wie er denn jedenfalls ein Beamter, kurze Form für Beamteter, ist. 
Jakob Grimm bedauert, dass dieses Participium Präteriti in den letzten 
Jahrhunderten für das schönere, dem Volke gewohnte Amtmann ein- 
gerissen sei. 

Parafe, Paraphe, der einer Namensunterschrift beigefügte Hand- 
zug, Art Chiffer, aus Paragraphe (TCaQCcy^aq)^). 

Man bezeichnet die Synkope wohl auch als Kontrak- 
tion; im engeren Sinne versteht man jedoch unter Kon- 
traktion oder Synäresis die Zusammenziehung zweier aufein- 
anderfolgender und einen Hiatus bildender Vokale eines 
Wortes, wie sie sattsam von der griechischen Grammatik 
her bekannt {q)Lkioixev = q)i'kov^iev, cpiXiere = q)LX€ir€f q)i' 
Uovai = q)ilovai), aber auch sonst nicht unerhört ist, man 
denke an das lateinische Perfectum coepi, anfangen, = co-^i, 
wie noch bei Lucrez in dem Hexameter (iv, 619): 

ceu plenam spongiam aquai 
si quis forte manu premere ac siccare coepit, 

oder an die Verdichtung des lateinischen Diphthongs AU 

Kleiupaul, Etym. 5 



— 66 — 

zu O in den romanischen Sprachen (lat. causa = it. cosa = 
fr. cause und chose). Auch Worte wie la ville de Caen, la vüle 
de Laon, faon, paon, werden bekanntlich in Frankreich nicht 
mehr zweisilbig, sondern einsilbig: Can, Lan, fan, pan aus- 
gesprochen. Wird die Kontraktion wiederum rückgängig 
gemacht und der Diphthong aufgelöst, so spricht man von 
Diäresis, man bezeichnet das durch das sogenannte Trema 
(TQtjfxa) oder die Puncta Diaereseos, die freilich nicht gerade 
bedeuten, dass die beiden Vokale jemals diphthongisch ge- 
sprochen worden sind {Äer^ Luft, Benzoe, aus dem arabischen 
[Lujhan Dschawi, Weihrauch von der Insel Java oder Su- 
matra, so bei Ibn Batuta A. D. 1350). Von der einfachen 
Kontraktion oder Synäresis, wo der stärkere Vokal den 
schwächeren verdrängt oder einen Diphthong mit ihm 
bildet, haben die griechischen Grammatiker wieder die 
Krasis unterschieden, wobei sich aus den beiden Vokalen 
ein dritter Laut entwickelt, in welchem die Elemente gleich- 
sam untergehn wie bei relxecc = Tslxrj — cosa = causa wäre 
nach ihnen eine Krasis; heutzutage versteht man jedoch 
unter Krasis die Verschmelzung zweier Wörter, indem die 
Endsilbe des einen mit der Anfangssilbe des anderen zu- 
sammengezogen wird, wie das bei formelhaften Zusammen- 
stellungen wohl geschieht, z. B. im Deutschen mit Ein- 
bezug von und: Käsenbrot, Hurenbuben, Ebbenflut Auf einer 
solchen Krasis beruht die Verschmelzung des Artikels mit 
dem vokalisch anlautenden Substantivum, die man im Grie- 
chischen (rovvoiiia) und im Französischen (Vami, Vhonneur) 
beobachten kann, die wir oben als Elision aufgefasst haben, 
die aber in der letzteren Sprache so weit geht, dass sie 
gelegentlich nicht einmal mehr durch den Apostroph be- 
zeichnet wird und durch Agglutination zu einer Trübung 
des ganzen Wortes führt: das Volk sagt in Frankreich un 
levier für un evier, ebenso hat der Gebrauch die hässlichen 
Formen le Lierre (Hedera), un Loriot (Aureolus), le Lendemain (en 
demain) geheiligt; wenn oben bei Oleander das L von Laurus 
abgeworfen ward, weil man den Artikel darin fühlte, so war 



— 67 — 

dies gerade der umgekehrte Vorgang. Auf Krasis beruht 
nicht minder die Deklination des Artikels in den romani- 
schen Sprachen, indem das Pronomen üle, illa, illud, re- 
spektive ello, ellaj lo, la, le, ü, eh o und a mit den Kasus- 
zeichen de und ad zu je einem derben Wörtchen zusammen- 
geschweisst wird, französisch de le = du, ä le = au, italienisch 
di ü = del, da il = dal, a ü = al, de (i)llo = dello, a (i)llo ==s 
allo, spanisch de el = del, d el = al, portugiesisch de o = do, 
de a = da, a o = ao, a a = ä u. s. w. Um endlich noch 
eine allbekannte Krasis aus der alten lateinischen Sprache 
anzuführen, so ist possum = potis sunt, 

d. Metathesis, die Umstellung von Lauten in einem 
Worte, namentlich von R und L; oft nur eine dialektische 
Eigentümlichkeit, wie sich z. B. Brunnen im Niederdeutschen 
als Born, Brust im Holländischen als Borst, Brennstein in 
Ostpreussen als Bernstein, ein Gehreste im Norden als ein 
Geberste und die Insel Gapri im Neapolitanischen als Grap 
darstellt; anderemale eine Abweichung von Sprache zu 
Sprache, wie zum Beispiel ^HQaKlrjg im Lateinischen zu Her* 
cules, umgekehrt forma (nach Michel Breal) im Griechischen 
zu i^iOQCpri wird, man vergleiche das lateinische specio (ad- 
spicio) und das griechische GAi7tro^iai\ endlich ein Fortschritt 
der Sprache selbst, wie die folgenden Beispiele beweisen: 

Nabel, sanskrit Nabhis = lat. UmbUicuSy gr. *0fjt<paX6g (Wurzel 
AMBH = NABH). Vielleicht könnte auch das französische Nombril 
nicht durch Dissimilation aus rombril, sondern aus dem deutschen 
Nabel unter Einfluss von Umbilicus entstanden sein, so dass hier das 
uralte N doppelt erhalten wäre. Nabel verhält sich zu Nabe, wie Uni- 
bilicus zu Umbo, Schildbuckel. 

Nagel, sanskrit Nakhas, litauisch Nagas =■ lat. Unguis, gr. (mit 
Umstellung von gu in ug) 1[)w§ (Wurzel ANGH = NAGH). 

Trubel, fr. trouble = altfranzösisch tourble, lat. turbula, Ver- 
wirrung, 

Etincelle (fr.) = altfranzösisch escintele, lat. scintilla, Funke. 

Auf Metathesis, nicht auf Epenthesis, wie man 
gewöhnlich sag^t, beruht der sogenannte Umlaut: das Ein- 
dringen eines I in die vorhergehende Silbe und Diphthon- 

5* 



— 68 — 

gierung des dortigen Vokals, respektive Umwandlung, Um- 
lautung desselben. In den indogermanischen Sprachen 
neueren Datums sind fast alle E aus diphthongischem AI 
entsprungen und der Diphthong beruht wieder auf einem 
Übergreifen des Vokals I, der eine so starke Wirkung auf 
seine Umgebung ausübt. Einige Beispiele werden dies 
sofort ins Klare setzen. Es ist ausgemacht, dass 

(palvcD für <pavj(ji 

fjLsXaLva für fxskdvja 

AaxeöalfjKov für Aaxsda/uwv; ebenso dass 

französisch gloire für gloria 

gotisch hails, heil, für haljas^ wie Heiland für Heliand 

Steht; genau so wird im Althochdeutschen aus hari, Heer, 
zunächst hairi oder ÄäW, aus vallis^ du fällst, zunächst vaülis 
oder vällis geworden sein. Indem sich dann ai oder ä vollends 
in e verwandelte und heri und vellis gesprochen und ge- 
schrieben ward, sieht es so aus, als ob das a direkt in e 
umgelautet habe. So entstand Bett aus gotischem Badi, 
Bettich aus lat. Badicem und so manches andere: ohne Um- 
laut würden wir nicht Mensch sagen, sondern Mansch, da 
das Wort von Mann abgeleitet ist? ohne Umlaut würden 
wir nicht legen sagen, sondern lagen, da das Wort von lag, 
dem Präteritum von liegen abgeleitet ist und eigentlich 
„liegen machen" heisst (got. lagjan). Das e geht wieder im 
Niederdeutschen und daher gelegentlich auch bei uns in i 
über (Hippe = Heppe). Durch den gleichen Umlaut wird 
auch in ö, u in üy z. B. das althochdeutsche scdni in schön^ 
das althochdeutsche Turi in Thür verwandelt, wir empfinden 
ihn als ein Plural bildendes Element, überhaupt als ein 
notwendiges Mittel der Formbildung, was er ursprünglich 
gar nicht ist; in welcher Erkenntnis wohl auch die könig- 
liche Verordnung vom 15. November 18 15 erlassen ward; 
dass nicht hannoversch, sondern hannoversch zu schreiben sei; 
altpreussische Zeitungen bevorzugten das hannoversch. 

Ahnlich, als eine Art Metathesis, mag auch die so- 
genannte Brechung, d. h. die Wirkung aufzufassen sein, die 



— 69 — 

der Vokal A auf den Vokallaut einer vorhergehenden Silbe 
ausübt Durch Brechung wird aus I ein E, aus U ein O, 
z. B. geben aus giban, essen aus itan, Weg aus Wigas, latei- 
nisch Via; Vogel aus Fugal u. s. w. 

2. Der ansetzende Lautwandel. Die gewöhnlichsten 
Fälle des unorganischen Ansatzes von Nebenlauten dürften 
folgende sein. 

a. Prothesis oder Prosthesis, die Hinzufügnng von 
Hilfslauten am Anfang eines Wortes. Prothetische Vokale 
sind schon im Griechischen sehr häufig, zum Beispiel ent- 
halten einen solchen die beiden Worte: 

*Ain^Qf Stern, wovon SaZQOV, was die Römer entlehnten: astrufn; 
das lateinische Wort war Stella = Sterla, Sterula, Diminutiv von Ster. 
Dies ist der gemeinindogermanische Stamm (sanskrit Star^ in den 
Weden nur im Plural üblich: Staras, gotisch Stairno, althochdeutsch 
SterftOf altenglisch Sterne, Sterre, englisch Star). 

o/ux^Of, pissen, verglichen mit lat. mittgere und mejere. 

Bekaimt ist, dass in den romanischen Sprachen, ja, 
schon im Mittellateinischen, Worten, die mit ST, SC, SP, 
auch mit SM anlauten, ein I, das sich nachmals in E 
vergröberte, vorgefügt wird, im Italienischen nur wenn wow, 
in, c(yn. und 'per vorausgehn {non isperar, per istare), in der 
Logudoresischen (Sardischen) Mundart dagegen regelmässig 
und ebenso im Französischen und Spanischen. Oft ist der 
Sibilant verstummt und wird auch nicht mehr geschrieben, 
aber der Vokal, der ihm sein Dasein verdankt, behauptet 
sich dennoch. 

Esprit (fr.) — . lat. Spiritus. 

estar (span.) = lat. stare. Dieses Zeitwort, französisch ester, ist 
eins von den drei Verben, aus denen sich das französische etre zu- 
sammensetzt, es ergab das Imparfait fetais, das Participe present etant 
und das Participe passe ete, 

Esmeralda (span,), fr. Emeraude = ^^fidQayöoQf Smaragd. 

Estudiante (span.), fr. Etudiantf Student, von einem spätlatei- 
nischen Verbum studiare. Die Spanier kennen eine JJavibre estudian- 
tinüf einen StudentenhuDger, a la estudiantina , nach Studentenart. In 



— 70 — 

Italien sagt man für Student in unserem Sinn gewöhnlich Studente, 
man hat das hübsche Sprichwort: non tutti gli stttdenti sono studianti. 

escribir (span,), fr. ^crire = lat. scribere, schreiben- Die 
Italiener sagen scrivere, aber „schriftlich": per iscritto. 

Dieselbe Erscheinung findet sich im Baskischen, im 
Kymrischen, im Ungarischen, wo das deutsche Storch in 
Eszterdg, strenge in esztrenga, Stab in Ist dp verwandelt wird. 

Ein anlautendes S, worauf ein Konsonant folgt, heisst 
in Italien S impura. Die Sprache fugt nun, an diesen Anlaut 
gewöhnt, dem Worte gar nicht selten ein unetymolo- 
gisches S hinzu, sodass bieco, lat. obliquus, schief, schielend, 
zu sbieco, morfia, gr. fiOQq)T^, zu smorfia, mania zu smania, lat. 
plaga, Küste, zu spiaggia wird. Prothesis eines Kehllautes 
findet sich z. B. bei dem fi^anzösischen Grenouüle, Frosch, 
gegenüber lat. Bana, Grenouülette gegenüber lat. Banunctdus, 
Hahnenfuss. 

Wie bei allen quantitativen Veränderungen, so kann 
man auch bei dieser bisweilen in Zweifel sein, ob eine Pro- 
thesis auf der einen Seite, oder nicht vielmehr auf der an- 
dern Seite eine Aphäresis eingetreten ist. In der "Ety- 
mologie zu ecrire identifiziert Littre das lateinische scribere 
mit dem griechischen yQ(iq)eiv und dem deutschen graben, 
dessen Stamm im Lateinischen eine Prosthesis erlitten habe. 
Gerade das Umgekehrte ist wahrscheinlich, nämlich dass 
yQ(xq)0) ein a verloren und ursprünglich ay^qacpo) gelautet hat 
(Wurzel SKRABH, graben); schon die Alten verglichen 
das Wort oxdQupog, das auf älteres OKQlcpog schliessen lässt 
und einen Griffel oder Stift bedeutet, nach der Glosse des 
Hesychius: §€aig' ygacpi]- fäfxrjaig dytQLßfjg rvjtov. Die Sau ist 
nach dem Wühlen oder Graben benannt; sie heisst latei- 
nisch Scrofa, griechisch rQO^iq)dg\ man vergleiche lat. Scrobs, 
Scrobis Grube. Ganz analog wäre femer lat. scülpo = yXvq)u}. 
Das Missliche ist nur, dass die Römer die Schrift imd jeden- 
falls auch die Ausdrücke, welche sie bezeichnen, von den 
Griechen empfangen haben; man muss annehmen, dass 
scribere in Italien ein griechisches, wie schreiben in Deutsch- 



— 71 — 

land ein lateinisches Fremdwort war — scrtban trat an die 
Stelle des uralten Wortes rtzan, reissen, engl, to write, es 
nahm sggar die starke Biegnngsform desselben an {rtze, reiz, 
gerizzen: smfee, screip, gescrihen); dann sollte aber doch scri- 
bere nicht eine ursprünglichere Form als yQdq)eiv haben. 
Der Zusammenhang ist noch nicht vollkommen aufgeklärt, 
der Sache nach freilich alles Schreiben einmal ein Eingraben 
gewesen, aber es fragt sich, ob es das auch den Lauten 
nach ist, und deshalb wollen wir vorläufig die Prothesis 
auf sich beruhen lassen. So wird auch der Anlaut des 
griechischen ^Oöovg = DenSy Zahn als ein phonetischer Aus- 
wuchs angesehn — wir erwähnten bereits, dass man das 
Wort gangbarerweise für ein Participium von edere, essen, 
hält, von dem der anlautende Vokal abgefallen sei; aber 
könnte nicht, wenn man überhaupt die Wurzel AD, essen, 
festhalten und sie nicht für DA, teilen, hingeben will, das 
griechische ödovTfogJ direkt aus Ädant entstanden sein, wie 
eben daraus das Participium edent[is], mag dies nun unserem 
Begaff zu Grunde liegen oder nicht, entstanden ist, so dass 
abermals von einer Prothesis keine Rede wäre? — ^ Eine 
solche zu dekretieren ist nicht immer so ungefährlich als 
man denkt. 

b. Epenthesis, die Einschiebung von Lauten zwischen 
zwei Laute, die sich nicht gut zusammen aussprechen lassen, 
von Vokalen zwischen Konsonanten und von Konsonanten 
zwischen Vokale, um Hiatus zu vermeiden, auch von 
Konsonanten zwischen Konsonanten, man nennt die ein- 
geschobenen Laute dann euphonisch. Wenn im Perfektum 
und Supinum so vieler lateinischer Verba hinter m ein p 
eingeschoben wird (sumpsi = sumsi, sumptmn = sumtum) — 
wenn der Franzose beim Imperativ von aller: vas-y statt 
va y sagt, oder wenn er, so oft auf eine vokaHsch aus- 
lautende Verbalform die Pronomina il, eile, on folgen, das 
euphonische T anwendet {va-t-il, dij-a-t-on, joue-t-eUe) — wenn 
der Deutsche, zwei Dative Pluralis aneinanderrückend, allenU 
halben für von alleti Halben^ d. i. von allen Seiten, meinetwegen, 



— 72 — 

ursprünglich meinentwegen für van meinen Wegen sagt, so ist 
das Epenthesis. Bei Worten wie öffentlich^ wöchentlich, nament- 
lich hat man dagegen keine anzunehmen, sie simd vom 
Volke irrtümlich nach Analogie von flehentlich, eigentlich, 
toiederholentlich , hoffentlich gebildet, als ob wie bei diesen 
Participia Präsentis (mit altem t statt d) zu Grunde lägen. 
Bekannt ist die Epenthesis eines er, die in den ober- 
deutschen Mundarten bei Diminutivis, Neutris wie Masku- 
linis, beliebt zu werden pflegt. Jener Bayer, dem eine 
gütige Fee drei Wünsche verstattete, wünschte sich erst 
Bier gnua, zweitens Geld gnua und nach einigem Nachdenken 
drittens: no a Bisserl Bier! — So heisst ein Kuss ein Bus- 
serl: habt ihr vergessen so vieler tausend Busserl, sa,gt Abraham 
a Sancta Clara, so ihr von denen mütterlichen Leffzen habt ein- 
genommen? — und der Wiesenpater zu Ismaring beantwor- 
tete die Frage: warum ist gewachsen dem Sund sein Schwanzerl? 
— So heisst es in Wien: Schot zerl, Freunderl, Ännerl, Bür- 
gert — griisse Stephanie und Liserl, trug Kronprinz Rudolf 
dem Prinzen Philipp von Coburg auf. Ja, Grimm erzählt in 
seinem Wörterbuch, dass er einst in Hessen vernahm: was 
dennerchen? — Schmeller bezeichnet in seinem Wörterbuche 
dieses er durch ein umgekehrtes e (o), das einen dumpfen, 
a-ähnlichen Laut darstellen soll. 

Auf Epenthesis beruhen folgende bekannte Worte: 

Canif (fr.) = Kneif, englisch Knife, Messer, in Frankreich 
Federmesser. Ahnlich sagten die alten Römer, denen der Name der 
Mutter des Hercules beschwerlich fiel, Alcuviena für Alcnuna. 

Fähndrich, hoU. Vaandrig = Fähnrich; dass d vermittelt 
hier genau so zwischen n und r, wie bei dem griechischen Genitiv 
avÖQO^ = avQOii und dem französischen gendre = genrey lat. generttm, 
Schwiegersohn; dass es bei genre = gener e, Gattung, wenigstens ge- 
wöhnlich, unterblieb, geschah wahrscheinlich, weil man die beiden 
Begriffe auseinanderhalten wollte. Auch bei schaudern, haudern, jodeln 
und andern Verben gilt das d einigen für eingeschoben. 

N o m b r e (fr.) = lat. Numerus, wie Meariiißgla = MeorifjLQia, Mittag, 
äfjißQOTog = äfiQOTOq, unsterblich, Fafißgog = FafiQoq, Schwieger- 
sohn, von ydfJLOq, Hochzeit. Andere Sprachen ertragen die Lautver- 
bindung MR, man vergleiche z. B. den Namen der Insel Amrum mit 



— 73 — 

dem Wort Ambrosia. Nach Bopps Glossar ist übrigens das griechische 
ya^ßQog ursprünglich genau dem französischen gendre analog gewesen, 
indem es dem lateinischen gener ^ sanskrit ganara gleichstand, dem- 
nach yavQog lautete und nun zunächst das euphonische 6 einschob: 
yccvÖQog, hierauf wurde v zu ^, was wiederum die Verwandlung von 
(f in ^ nach sich zog. 

Reigen = Reien, wie noch mittelhochdeutsch {Reie). Aus Reigen 
entwickelte sich Reihen y wie Reihe aus Riege y womit es jedoch nicht 
zusammenhängt, und wie Ruhe aus Rüge, wie noch Luther schrieb. 
Von dem deutschen Riege, althochdeutsch riga, kommt das italienische 
Higa, Zeile; unser Reigen heisst in Italien Rigoletto (als Personenname 
in der Verdischen Oper, welcher das Drama von Victor Hugo Le rot 
s'amuse zu Grunde liegt, sowie in dem Roman von Eugene Sue les 
Mysüres de Paris), 

Möbius, bekannter Personenname, entstanden aus Bartholomäus, 
mit Aphäresis: Maus, das sich nacheinander in Mäwus, Aföwus, Alöbus, 
Möbius verwandelte. 

Besondere Arten der Epenthesis stellen die beiden fol- 
genden Nummern dar. 

c. Nasalierung, die Einschiebung eines N, wie eine 
solche im Griechischen bei Xav&dvtOy Wurzel Xad'y im Latei- 
nischen bei jungo, Wurzel jug {jugum = ^vyov, K€vyvvf,u, Aorist 
Passivi eJ^vyrjv), tundo, Wurzel tud, pango, Wurzel pag, pac 
(pe-pig-i, pax, pacis, 7triyvvf.a) und anderen Zeitwörtern statt- 
gefunden hat; hier ist jedoch der Nasal ein zum Zwecke 
der Flexion in das Innere des Wortstammes eingefügtes 
grammatisches Element, ein sogenanntes Infix. Wie die 
Wurzel pac zu pangOj so verhält sich im Deutschen fahen zu 
fangen und Jugend zu jung, gotisch juggs, doch auch hier 
kann man den Nasal noch nicht als schmarotzerhaft be- 
zeichnen, weil er der Stammbildung dient; das Adjectivum 
jung, eine seit den ältesten Zeiten kontrahierte Form, stimmt 
zu dem lateinischen juvencus, welches von juvenßj-s, Genitiv 
Pluralis: juven-um abgeleitet ist. Endlich der Dienstag, der 
unserem Kriegs- oder Schwertgott Ziu, dem althoch- 
deutschen Zeus geweihte Tag, hat zwar unzweifelhaft ein N 
zu viel, da er eigentlich, dem althochdeutschen 2Xestac ent- 
sprechend, Diestag heissen sollte (die Form ist niedersächsisch 



— 74 — 

und eigentlich nicht hochdeutsch, die anlautende Media 
vertritt die Tenuis in dem niedersächsischen Tiesdag, engl 
Tuesday); aber hier hat sich die Volksetymologie hinein- 
gemischt, sie hat Zie's Tag in einen Zinstag, Die^s Tag in 
einen Dingstag umgedeutet, und weil aller guten Dinge drei 
sind, so schuf man endlich auch noch einen IHenst-tag. 
Auch hier kein mechanischer Ansatz von Nebenlauten. 

Einen solchen müssen wir aber in folgenden Worten 
konstatieren. 

genung = genug, gesprochen genunk und anfangs auch so ge- 
schrieben; wer erinnerte sich nicht an Mignon: 

zwar lebt' ich ohne Soi^' und Mühe, 
doch fUlilt' ich tiefen Böhmen genung. 
vor Kummer altert' ich zu frühe, 
macht mich auf ewig wieder J u n g I 

Wir sahen oben bei Pfennig ein N durch Synkope ausfallen (alt- 
hochdeutsch Pfenning); hier wird es grossmütig zurückerstattet, damit 
es ganz genug sei. Und damit der arme nackte Mensch noch ein 
wenig nackender sei, wird 

nackend aus nackt gemacht, englisch naked {iW&nisXVs auch durch 
Antritt eines d an nacken zu erklären). Von fremden Worten fällt 
mir eben noch das italienische 

Sbrinzo ein, wie das Volk in Rom den Schweizerkäse nennt. 
Sollte das nicht durch Nasalierung und Metathesis aus Svizzero her- 
vorgegangen sein? — 

d. Gemination, die Verdoppelung eines auf einen 
kurzen Vokal folgenden Konsonanten, besonders in Italien 
an der Tagesordnung, man denke an Accademia = Akademie, 
Collera = Cholera, Zorn (die Krankheit Colera), duhbio = du- 
hius, conobhi = cognovi. Schon im Latein findet man Belliquia^ 
für Beliquiae, Belligio für Religio, doch beruhen diese Fälle 
auf Assimilation (Bed-ligniae, Bed-ligio, nach der vollen Form 
des Präfixes re: red), wie die Perfecta rettuli und reppeii auf 
Synkope (rettetuli, reppeperi). Bei Dichtem kommt die Ge- 
nitivform Älituum [Alituom] für Alitum vor: 

Alituum pecudumque genus sopor altus habebat, 

heisst es Aneide VII, 27, und Servius fügt hinzu: Mein 
causa addidit syllabam. Das ist gewiss ein Irrtum. 



— 75 — 

Nicht zu verwechseln ist die Gemination mit der schein- 
bar so ähnlichen Reduplikation, durch welche die Be- 
deutung modifiziert wird und die beim Verbum formelle 
Beziehungen zum Ausdruck bringt, ja eins der wichtigsten 
Bildungsmittel der Sprache überhaupt darstellt. Übrigens 
besteht sie meist in Wiederholung eines ganzen Wortes 
oder wenigstens einer ganzen Silbe. Gemination zeigen 
folgende bekannte Wörter. 

Mutter ^ Mut er. Nur gelegentlich Vatter, während es richtiger 
umgekehrt: Muter und Vatter heissen sollte, wie es Vetter , Gevatter 
heisst, weil der Vokal hier kurz, dort lang ist. 

Allegro (it.) = lat. alacer, alacrem. 

Tutto (it.) = lat. totus, fr. tout, spanisch und portugiesisch todo, 

Femmina (it.) = lat. Femina, "Weib, das Participium Medii des 
alten Zeitworts feo^ gebären, das auch Fettis, fectindus ergeben hat, 
wörtlich die Gebärende [-mina = -yLbV7\), 

e. Paragoge, Nachklang, Anhängung eines oder meh- 
rerer Laute am Ende eines Wortes, oft mit der ausnahms- 
weisen AufrechterhaJtung veralteter Formen verwechselt, 
die im gewöhnlichen Leben Apokope erfahren haben. Zum 
Beispiel ist das Tiero, in Ausdrücken wie anhero, hishero, da- 
hero, dannenhero, die uns pedantisch klingen und einen An- 
strich von Kanzleistil haben, auf das althochdeutsche hera 
zurückzuführen, dem der Pronominalstamm M, dieser, zu 
Grunde liegt; anderemale scheint uns ein e aus Nachlässig- 
keit angehängt zu sein, wie wenn einer wo denne statt wo 
denn frag^, und doch spricht der Mann genauer als wir 
selbst, denn denne hat es früher geheissen als denn. Ebenso 
stellen die lateinischen Infinitive amarier, dicier, capier nicht 
etwa, wie man noch im vorigen Jahrhundert glaubte, nach- 
trägliche Erweiterungen, sondern im Gegenteil Bildungen 
dar, die der alten, vollen Form des lateinischen Infinitives 
näher stehn. Alle Infinitive sind bekanntlich erstarrte Kasus, 
etwa Lokative abstrakter Substantiva, die mit Unrecht der 
Konjugation des Verbums zugerechnet werden. Die Kasus- 
endung nun, welche im Lateinischen Modus infinitivus Passivi 



— 76 — 

genannt wird, lautete wahrscheinlich -ieri; sie ist in fieri = 
fui'ieri erhalten. Ihre Zusammensetzung mit den Stämmen 
der sogenannten ersten, zweiten und vierten Konjugation 
und eine nachfolgende Kontraktion ergab: 

atna-ieri, zusammengezogen: amari; diese zusammengezogene Form 
verleitete dann, wenn die volle Endung beibehalten ward, dazu, ein 
falsches r einzuschieben: atßia-r-ieri, mit Apokope: amarier; 

doce-ieriy zusammengezogen: doceri; 

audi'ieri, zusammengezogen: audiri; 

bei der sogenannten dritten Konjugation entstand: 

dic-ieri, um i verkürzt: dicier, um er verkürzt: dici. 

Ebenso ist es grober Unverstand, was man noch in 
lateinischen Handwörterbüchern liest: dass das d in prodesse, 
prodire und ähnlichen Zusammensetzungen euphonisch und 
zur Vermeidung des Hiatus der Präposition pro angehängt 
worden sei; es tritt im Gegenteil wieder hervor, nachdem 
es verloren gegangen ist, denn pro ist ein alter Ablativ und 
lautete als solcher prod, denn der Ablativ hatte ursprüng- 
lich ein auf d auslautendes Kasussuffix (altlateinisch Onai- 
vod = Chiaeo); ein Ablativ vermutlich desselben Wortes, 
dessen Lokativ prae lautete. Vollends darf man untrenn- 
bare Partikeln wie -met (egomet), -ce (hicce), -te (tute), -nain 
[quisnam) nicht paragogisch nennen, was jedoch seinerzeit 
alles wirklich geschehen ist. 

Eine richtige Paragoge können wir vor allem in unserer 
Muttersprache beobachten; zum Beispiel ist eine solche die 
Pluralendung sächlicher Substantiva, die im Neuhochdeut- 
schen auch auf Maskulina überging, ja in der bayrischen 
Mundart sogar an den Singular antritt {das Eier für das Ei), 
die Endung -er, althochdeutsch -ir, "Wir sagen: das Haus, 
die Hätiser; das Lamm, die Lämmer; der Geist, die Geister; der 
Mann, die Männer und singen nicht nun ruhen alle Walde, son- 
dern alle Wälder, wobei sogar Umlaut eintritt; aber das ist 
keine Flexion, sondern eine blosse, für den Plural auf- 
gesparte Verlängerung, wie man sofort daraus sieht, dass 
die eigentlichen Deklinationsendungen erst an sie an- 



— 77 — 

gehangen werden, z. B. im Dativ Pluralis den Häus-er-n, den 
Lämm-er-n, den Geist-er-n, althochdeutsch (ohne Umlaut) . 
hüs4r-um, lemp-ir-um; für Männer sagte man ursprünglich 
Mann und Manne, auch (mit Übertritt in die schwache 
Deklination) Mannen, und für Geister noch im Mittelhoch- 
deutschen regelrecht Geiste , ja noch Goethe braucht diesen 
Plural, wenn er von Extrakten und Geisten, d. i. Essenzen, 
spricht. Der Plural von Wald lautete mittelhochdeutsch 
Walde, althochdeutsch Walda (so bei Notker, in der Stelle 
die Stimme des Herrn enthlösset die Wälder, Psalm XXIX, 9); 
dieser alte Plural lebt vielleicht noch in den Namen Wal- 
denhurg und Waidenstein fort: Wallenstein hiess eigentlich Wal- 
denstein, Waldstein ist eine Czechisierung. Waidenstein scheint 
eine Form wie Mannengericht zu sein. So ist auch von Haus 
noch ein alter Dativ Pluralis übrig, der des parago- 
gischen er enträt, nämlich ebenfalls in Ortsnamen, in denen 
sich altertümliche Formen so gerno^ halten; ich meine den 
Dativ Pluralis Hausen, mittelhochdeutsch und plattdeutsch 
Husen, althochdeutsch Husum, welcher von der Präposition 
zu regiert wird und, nachdem diese weggelassen worden, 
allein bestehen geblieben ist -- Husum, althochdeutsch zi den 
hüsum, zu den Häusern, ist selbst der Name einer bekannten 
Stadt, und das modernere Husen oder Hausen, ebenfalls allein 
ein Dorfname, ein Grundwort, das tausendmal vorkommt 
(holländisch Huizen, Huysen). Warum sagen die Alemannen 
Schaff hauten und nicht Schaffhäusern? — Weil sie noch ohne 
Paragoge sprechen. 

Von einzelnen Konsonanten sind im Deutschen be- 
sonders oft die T-laute angetreten, ohne dass sie durch einen 
Hiatus oder sonst eine Dissonanz entschuldigt wären wie 
im Französischen {dira-t-on, moudre = mol-d-re, poudre = 
pol-d-^e u. s. w.); diese Sprache wählt auch den Buchstaben s, 
vor dem sie sich sonst scheut, um einer Elision zu entgehen, 
z. B. wenn sie vor Vokalen jusques schreibt und spricht 
[jusques au fond du coeur, jusques ä quand, statt jusqu^). Durch 
ein paragogisches t, das die zweite Person Singularis erhält. 



— 78 — 

wird unsere ganze Konjugation und ihr Verhältnis zu der 
des Griechischen und Lateinischen getrübt: {du) gibst, mittel- 
hochdeutsch gibest, lautete althochdeutsch: gibis, (du) fäUst, 
mittelhochdeutsch vellist, lautete althochdeutsch: vellis; T 
und D verunstalten auch so manche Substantiva, zum Bei- 
spiel folgende. 

Hund, mittel- und althochdeutsch Hunt. Dieses alte Haustier 
der Indogermanen , dessen Name im Sanskrit (fvan, Genitiv fun-as), 
Griechischen (xvwVf Genitiv xvV'og) und Lateinischen (canis, Genitiv 
Pluralis can-um) angetroffen wird, hat im Deutschen den dentalen 
Verschlusslaut angehängt bekommen. 

Papst, bei Notker Teutonicus (-j- 1022) Bäbes, woraus schon 
frühe Batest und Bäbist wurde; oft irrtümlich von dem lateinischen 
Papa und neuerdings des 5 wegen gar von dem altfranzösischen 
Papes = Pape abgeleitet, vielmehr, wie das Wort KircJiCy aus dem 
Griechischen stammend, welches ursprünglich die offizielle Sprache der 
Kirche sowohl im Osten als auch im Westen war {IldTcag, ndnnaqy 
neugriechisch Ilannciq). Die früheste Bedeutung des Titels war die 
eines geistlichen Vaters einem Neubekehrten gegenüber, dann wurde 
er auf Bischöfe und Abte beschränkt; das griechische UaTTTta^, unser 
Pfaffe, das russische Pop ist bekanntlich die Bezeichnung eines 
Priesters überhaupt. Vergleiche William Smith's Dictionary of Christian 
Antiquities (London 1880) s. v. Pope. 

Obst, früher Obs und Ops, unzweifelhaft durch Metonymie aus 
dem Namen der römischen Obstgöttin Ops entstanden, wie Ceres 
Getreide und Bacchus Wein bedeutet: sine Cerere et Libero friget Venus. 
Diese einfache Etymologie macht die spaltenlangen Auseinander- 
setzungen über die Herkunft, wenigstens die nächste Herkunft des 
Wortes, überflüssig. 

Axt, mittelhochdeutsch ackes und ax, griechisch d^'lvrj, lateinisch 
asc-ia = acs-ia. 

Saft, mittel- und althochdeutsch das saf, englisch Sap. 

Herr-schaft == engl. Lord-ship, wie Freund-schaft == 
Friend-ship. Unser -schaft, welches mit schaffen zusammenhängt, 
lautete althochdeutsch -scaff angelsächsisch -scipe. Wie bei dieser 
so ist auch bei der Endung -icht = -ich ein / angetreten (Kehr-icht^ 
Spül'ichty Habicht, Predigt u. s. w.). 

Mond, bis zum XVH. Jahrhundert Mbn = Mbne, englisch Moon^ 
mittelhochdeutsch mane, althochdeutsch mäno, griechisch yuriv = jM^'C» 
lateinisch mens-i-s, sanskrit viäs ==■ mäns, Konrad von Megenberg, 
der Schödler des XIV. Jahrhunderts, schrieb in seinem Buche der 
Natur: von dem monen. Man nimmt an, dass die Form Mond oder 



— 79 — 

Mont unter Einwirkung von Monat entstanden sei, da sich die Be- 
deutungen beider Worte früh mischen; doch hat man nicht nötig, 
den Monat zu Hilfe zu rufen, da sich der Dental auslautendem n so 
gerne anschmarotzt, man denke nur an das dänische Mandy der Mann, 
an unser, eignes jemand, mittelhochdeutsch ieman, althochdeutsch 
eo-man, irgend ein Mensch, und niemand , mittelhochdeutsch nieman, 
althochdeutsch nioman = ni-eoman, d. i. nicht jemand; an das Elend, 
d. i. das Elen oder das Elentier, auf das wir bei einer ändern Ge- 
legenheit zu sprechen kommen werden; oder an ein anderes uraltes 
indogermanisches Tier, das wie der Mond durch alle Sprachen geht, 
den oben erwähnten Hund. ^ 

3. Lautliche Entartung. Die qualitativen Verände- 
rungen, welchen die einzelnen Laute während ihres Be- 
stehens ausgesetzt sind und durch deren Eintritt auch noch 
der arme kümmerlich erhaltene Rest des Wortes unkennt- 
lich gemacht wird, beruhen, wie wir gesehen haben, auf 
einer Erschlaffung der Artikulation, sozusagen auf enier 
Lähmung der Sprachorgane, vermöge deren dieselben die 
gewohnte Arbeit nicht mehr leisten, genau besehen viel- 
mehr auf der Bequemlichkeit der sprechenden Individuen, 
vermöge deren sie die erforderliche Anstrengung nicht auf 
sich nehmen und es vorziehen, anstatt der teuren Ware 
ein wohlfeiles Surrogat zu liefern. Von grossartigen, aus- 
nahmslos wirkenden Naturgesetzen ist hier ebensowenig die 
Rede wie vorhin bei der Aphäresis und der Apokope, 
wenn man nicht die menschliche Trägheit, die Vis inertiae 
als ein Naturgesetz betrachten will, was sie allerdings 
gleich dem Beharrungsvermögen der toten Körper ist; aber 
bei der ausserordentlichen Verschiedenheit der mensch- 
lichen Anlagen wirkt sie doch nicht mit der absoluten 
Sicherheit, auch nicht mit derselben Einfachheit wie in der 
materiellen Welt, wo alles nach Mass und Gewicht genau 
vorauszubestimmen ist. Eher könnte man sie noch mit 
Krankheiten vergleichen, die unter gewissen Symptomen 
zu verlaufen und dieselben Folgen nach sich zu ziehen 
pflegen, gleichwohl bei jedem neuen Individuum ein anderes 
Bild gewähren; und doch dürfte die Lähmung eines Gliedes 



— 80 — 

oder die Dekomposition des Blutes der Willkür und der 
Laune des Zufalls immerhin weniger Spielraum lassen als 
die lautliche Entartung, sofern dieselbe nicht durch wirk- 
liche Gebrechen, die oben besprochenen Anomalien in den 
Sprachorganen, hervorgerufen wird. Diese Beobachtung 
-drängt sich auch bei dem bekannten Grimmschen Laut- 
gesetze auf, der sogenannten Lautverschiebung, deren 
inneren Grund wir schon oben auf Seite 36 angegeben 
haben, während wir sie jetzt im einzelnen darlegen wollen: 
am vollständigsten erscheint sie noch bei den Dentalen, 
dagegen stockt sie einigemal in der labialen und der guttu- 
ralen Reihe, gewöhnlich an den Aspiraten. 

a. Die Lautverschiebung, von den Franzosen Sub- 
stitution de consonnes, von den Engländern OHrnm^s law ge- 
nannt, das wichtigste Lautgesetz der germanischen Sprachen. 
In denselben hat nämlich zwischen den drei Stufen der so- 
genannten Mufä, der stummen oder momentanen Konso- 
nanten, den Tenues, den Mediä und den Aspiratä; und zwar 
bei allen drei Arten derselben, den Chitturalen, den Dentalen 
und den Labialen; also zwischen den Konsonanten 

K T P 

G D B 

GH, KH DH, TH BH, PH 

ein Wechsel stattgefunden, und zwar in einer doppelten 
Aufeinanderfolge. 

a. Germanische Lautverschiebung. Zunächst sind 
alle Germanischen Sprachen von den übrigen Indogerma- 
nischen Sprachen, dem Sanskrit, dem Zend, dem Griechischen, 
dem Latein u. s. w. dergestalt abgewichen, dass was im 
Indogermanischen eine Tenuis war, im Germanischen zur 
Aspirata; was dort eine Aspirata, hier zur Media; und was 
dort eine Media war, hier zur Tenuis geworden ist. Eine 
Art Verschiebung der Laute hat stattgefunden, so dass die 
letzteren in den Germanischen Sprachen auf einer andern 
Stufe stehen als in der Ursprache, die in den andern grossen 



— 81 — 

Familien des indogermanischen Sprachstamms fortlebt — 
etwa wie die Sachsen noch heute dieselben Tenues ver- 
schieben, oder wie im Auslaut nach der heutigen Aus- 
sprache BinP, GinK,DinT überzugehen pflegt. 
Einzelne bekannte Wörter, die wir einerseits dem Griechi- 
schen und Lateinischen, anderseits dem Deutschen und 
Englischen entnehmen, mögen uns als Paradigmen dienen; 
vorauszuschicken ist nur, dass die Aspirata PH, das griechische 
^, im Lateinischen und Deutschen in der Form eines F, die 
Aspirata GH oder KH, das griechische X, im Deutschen 
als H erscheint, was an eine Eigentümlichkeit der Floren- 
tiner Mundart erinnert (s. unten K «== H). Ein TH hat die 
lateinische Sprache nicht, sondern an Stelle desselben T, 
daher diesem das germanische D entspricht (lat. trdhere = 
got. dragan, engl, draw). Endlich ist ursprüngliches B in 
den indogermanischen Sprachen im Anlaut sehr selten, 
infolge davon auch anlautendes P in den germanischen 
Sprachen sehr selten, die mit P anfangenden Worte sind 
sämtlich fremd. 

Gutturale Reihe: 

Cornu = Hörn. Xj/v = Gans. Genu = Knie. 

Dentale Reihe: 

Tu = Thou. ßvQa = Door. Dingua = Tongue. 

Labiale Reihe: 

Pater = Father. Frater = Bruder. * * * 

ß. Hochdeutsche Lautverschiebung. Auf der an- 
gegebenen Lautstufe verharrten die Germanischen Sprachen 
etwa bis zum VII. Jahrhundert, wie dcis noch heutzutage 
die Niederdeutschen oder Plattdeutschen Mundarten, das 
Englische, das Holländische und die Skandinavischen 
Sprachen thun; da trat in Süd- oder Oberdeutschland eine 
Lautbewegung ein, die wiederum zur Absonderung des 
sogenannten Hochdeutschen von den nun sogenannten Nieder- 
deutschen Sprachen führte: die zweite oder hochdeutsche 

Kleinpanl, Etym. 6 



— 82 — 

Lautverschiebung, infolge deren die stummen Konsonanten 
denselben Kreislauf abermals durchliefen und von der 
zweiten auf eine dritte Stufe kamen. Von neuem geht 
also die Tenuis in die Aspirata, die Aspirata in die Media 
und die Media in die Tenuis über. Doch ist das Gesetz 
diesmal weniger durchgreifend und stark, es beschränkt 
sich, wie schon oben angedeutet, fast ausschliesslich auf die 
Reihe der Dentalen und unter diesen wieder auf die Tenuis. 
Die germanischen Mediä B und G bleiben unverändert, nur 
im Althochdeutschen der südlichen Gegenden Oberdeutsch- 
lands werden auch sie zu P und K umgewandelt (Bauer = 
Pauer, Oeiss «= Keij, Kaij). Unverändert bleiben gewöhn- 
lich auch H und F, mit welchem letzteren V identisch ist; 
endlich ist der Laut, zu dem die Tenuis T verschoben 
worden ist, nicht, wie es sein soll, die Aspirata TH, sondern 
ein TS, das allerdings wahrscheinlich aus TH entstanden ist. 
Die Laute H und S stehen sich sehr nahe, im Zend und 
im Griechischen hat sich der Spiritus asper aus indogerma- 
nischem S entwickelt (sus = vg, super = vjtiQ); so ist hier 
umgekehrt aus dem Hauch ein Gezisch hervorgegangen. 
TS, geschrieben Z, erscheint wieder im Auslaut und im 
Inlaut nach langen Vokalen vor Vokalen als SZ (geschrie- 
ben j) nach kurzen Vokalen vor Vokalen als SS (ebenfalls 
geschrieben j). Ja, vor R unterbleibt die Verschiebung von 
T überhaupt, altes TR bleibt im Hochdeutschen unver- 
schoben (hitter. Eiter, lauter, zittern, Splitter, treu). Sie unter- 
bleibt auch bei Spott, 

Die labiale Aspirata, in welche sich die Tenuis P 
verwandelt, erscheint in der Form von F, respektive PF 
und PH, beides Schreibungen für F: noch heute sprechen 
die Norddeutschen Iferd wie Ferd; und das Ph sprechen 
wir in griechischen Wörtern ja alle wie F. Übrigens er- 
hielt sich auch anlautendes P oft genug, man denke an 
Worte wie Falme, Perle, Pügrim und an die süddeutsche 
Aussprache von Wörtern, die bei uns mit Pf anlauten; in 
Frankfurt am Main sagt man Pannkachen imd Pund, 



— 83 — 



Demnach stellt sich die Tabelle für die zweite Laut- 
verschiebung folgendermassen. 



Gutturale Reihe: 

engl, to make s= machen, [engl. Hörn = Hom]. 
gotisch ik = ich 
plattdeutsch -ken = -chen. 



[engl. Goose = Gans]. 



engl. Tongue = Zunge, 
engl. Top = Zopf (daher 

auf den Topp gehtty im 

Theater). 
Attila = Etzel (ahd. 

Azzilo, Ezzilo), 
Tegula, engLTile, Tiegel =* 

Ziegel, 
twingen ( Twingj Twing- 

hof noch in Schillers 

Teil) = zwingen, 
engl. Foot == Fuss (fuoj). 
engl, to bite == beissen 

(btjen). 
engl. Water = Wasser 

(wajer). 

Wappen «= Waffen. 

Paraveredus, holländisch 
Paard == Pferd. 

Piper Pfeffer, b= althoch- 
deutsch Phefer. 



Dentale Reihe: 

Thou - Du. 



engl. Day = Tag. 

engl. Shepherd «^ Schaf- 
hirte. Der etymolo- 
gische Zusammenhang 
zwischen Hirt und Herde 
ist verdunkelt, weil das 
Neuhochdeutsche bei 
Herde den Dental auf 
niederdeutscher Laut- 
stufe gelassen, bei Hirt 
zur hochdeutschen ver- 
schoben hat. 



Labiale Reihe: 

[Father « Vater (ahd. 

fatar)^ 
Hafer, plattdeutsch Haver 

= hochdeutsch Haber. 
Schwefel = hochdeutsch 

Schwebel. 
* * 



[Brother =»= Bruder]. 



Im Anschluss an die deutsche Lautverschiebung wird 
es gut sein, sich noch folgende Gesetze gegenwärtig zu 
halten, die Bewegung der Mutä in den indoger- 
manischen Sprachen betreffend. 

1. T = K = P. Für das Überspringen der Mutä auf 

die entsprechende Stufe einer andern Reihe, von Rudolf 

Hildebrand treflFend mit einem Seitensprung verglichen, 

während die Lautverschiebung einem Fortschritt gleiche: 

6* 



— 84 — 

haben wir bereits oben, auf Seite 32, einige unzweideutige 
Belege beigebracht. Wie man auch die Schwankungen, 
welche die Anlaute der Zahlwörter Quattiar, vier, und Quinquej 
fünf, oder des Pronomen Interrogativum Quis in den ver- 
schiedenen Sprachen, ja in den verschiedenen Dialekten einer 
und derselben Sprache zeigen, erklären möge: so viel ist 
doch gewiss, dass diese Schwankungen existieren, dass sie 
gleichsam die Lautverschiebung durchkreuzen und gleich 
ihr eine uralte Bewegung in den Konsonanten darstellen. 
Das Pronomen Interrogativum ist in der gesamten Familie 
dasselbe, aber es lautet bald mit K an, bald mit P, bald 
mit T. Ein K hat es im Sanskrit: ka-s oder ki-s, im Latei- 
nischen: quis und im Deutschen, wo sich das indogerma- 
nische K, das lateinische QU in HW verwandelte: gotisch 
hwas ist identisch mit unserem neuhochdeutschen teer, wie 
angelsächsisch hwä mit englisch who; das h abgefallen, das 
s in r übergegangen. Im Griechischen hat das Pronomen 
Interrogativum ein T : xig, und in derselben Sprache zeigen 
die Pronomina Ttoaog, Ttolog, TtoTSQog, sowie die Adverbia 
Ttovj 7t Ol, Tt&te, die sämtlich von dem Interrogativstamm 
abgeleitet sind, ein P. Die Wahl scheint von dem Vokal 
abzuhängen, der auf den anlautenden Konsonanten folgt 
So finden sich die Formen Q^(xtuory Tiaaaqeg und (äolisch) 
niovQ€g\ Quinque, IUvte und (äolisch) niixTte nebeneinander; 
das enklitische lateinische -que, wahrscheinlich ein Rest des 
Pronomens quiSy erscheint als -pe in quippe = quid-pe. 

Unser Blitz ist zwar eine Ableitung von Blick, dem 
alten Ausdruck für die eine elektrische Entladung der Ge- 
witterwolken begleitende Lichterscheinung: deine Pfeile fuhren 
mit Glänzen dahin und deine Speere mit Blicken des Blitzes, über- 
setzt Luther die Stelle Habakuk IV, 11 ein wenig pleona- 
stisch — aber hier wurde die Gutturalis ausgestossen, und 
ebenso scheint sich schmatzen zu schmecken zu verhalten. 
Dagegen lässt sich nicht in Abrede stellen, deiss 

Qualm aus Twalm, nocli heute in Bayern Tolm 
Tabati^re (fr.) aus Tabaquifere, italienisch Tabacchiera 



— 85 — 

Paletot (fr.) aus Paletoc, von dem holländischen Paltrok, also 
mit unserem Rock zusammenhängend, spanisch Paletoque; 

und dass das französische siroter, in kleinen Absätzen und 
mit Behagen trinken, aus siroper, gleichsam sirupen entstan- 
den sei. Für T hat die französische Sprache eine ebenso 
grosse Vorliebe wie eine Abneigung gegen S. 

2. F = X. Lateinisches F entspricht nicht nur, wie bei 
Frater, indogermanischem PH, griechischem <P und deutschem 
B, sondern auch indogermanischem GH, griechischem X 
und deutschem G. Dem Lateiner mangelte nämlich der 
Laut CH oder vielmehr der Laut des griechischen X, den 
er damit nur umschrieb, er musste ihn entweder weglassen 
wie bei Anser = Xijy, oder H dafür setzen, oder F. 

Fei = XoX^ == Galle 

fundo = )^eü) = giessen (indogermanische Wurzel GHUD, grie- 
chisch ÄYy lateinisch FUD). 

Haedus, ursprünglich Faedus, Böckchen = Geiss (gotisch 
^aitSf englisch goat), 

3. F = H. Im Spanischen ist jedes lateinische F zu H 
geworden: 

hablar=s fabulari, erzählen, reden, sprechen (se habla Espähol). 
In Frankreich ist häbler ein spanisches Fremdwort mit dem Sinn von 
aufschneiden, prahlen {häbleur, häblerie) 

hacer = facere. 

Dieser Wechsel hat bereits im Lateinischen angefangen, 
das beweist das eberverwähnte Haedus, desgleichen Faha = 
HabOy Bohne, neßum, nicht ein Faden := nihilum^ nihil, nichts. 

4. FT = CHT. Im Niederdeutschen verwandelt sich 
hochdeutsches FT in CHT, welches letztere dann wieder 
häufig ins Hochdeutsche gedrungen ist; eine Lautvertre- 
tung, die sich auch in andern Sprachen findet, zum Beispiel 
ist das türkische Wort Sofia, welches einen mohamme- 
danischen Studenten bezeichnet, aus dem persischen Parti- 
cipium SucUeh, verbrannt, hervorgegangen: die Jünglinge 
sollen gleichsam von glühendem Erkenntnisdrang verzehrt 
und von einem heiligen Feuer ergriffen sein. 



— 86 — 

Nichte = althochdeutsch Nift, Diminutiv Niftilä^ mittelhocb- 
deutsch Niftelf das Femininum zu Neffe, Man vergleiche das latei- 
nische Nepos, Enkel, dann Neffe, Femininum: Neptis, das griechisclie 
*A'V€tpiog = ^A'VSTCTidgj Vetter, Sanskrit Napat^ Naptar, Abkömmling, 
Sohn, Enkel, wodurch die Priorität des Lippenlautes bewiesen wird. 

Achter = After, engl, öfter , von Haus aus eine Präposition 
mit der Bedeutung „hinter", dann Adjectivum und Substantivum; aach 
hier ist After die primäre. Achter die sekundäre Form, denn die 
Verwandtschaft mit got. afar, mit aber und schliesslich mit ab stellt 
fest. Die plattdeutsche Form ist namentlich vom Schiffahrtswesen her 
geläufig (Achterdeck y Achtersteven , Achterkajütie, Achterbatterie) und be- 
kannt Boerhaaves Regel: De Achterpoort lat openstaan. Nahe liegt es 
auch unser {den Anker) lichten und das englische to lift, d. i. an die 
Luft heben, lüften, zu vergleichen, doch ist lichten die niederdeutsche 
Form für leichten j leicht machen, gewählter als leichtem und erleich- 
tern; aus diesem Begriffe ging der des Emporhebens wie im Latei- 
nischen hervor {levisy levare). Leichty althochdeutsch Hht^ scheint zwar 
mit lat. levis verwandt zu sein, doch enthält die Wurzel keinen La- 
biallaut: levisy für legvis = 8'Xa)^vg, klein, gering. 

sacht s= sanft, dessen Nasal verloren ging, englisch soft, weich.. 

beschwichtigen = mittelhochdeutsch swiften, 

Schlucht = Schluft, wie niederdeutsch Lucht = Luft; in Ost- 
preussen heisst danach der Boden oder Söller, in Livland und Esthland 
das Fenster Lucht, 

5. TH = F. Im Russischen wird griechisches ß durch 
F (0) vertreten, wie bei uns anlautendes FL aus pL ent- 
springt (flehen = gotisch IMaihan, fliehen = got. l>liuhan, ver- 
gleiche got. l>laqus und lat. flaccus), 

Feodor = Theodor 

Foma = Thomas. Diminutiv Fomtischka. 

6. K = H. Die Erscheinung, dass das gutturale K in 
den germanischen Sprachen aspiriert und nach dem Gesetze 
der Lautverschiebung in H verwandelt wird, so dciss lat. 
centum unserem hundert^ lat. coXamus unserem HaXm ent- 
spricht: findet sich auch in den romanischen Sprachen, zum 
Beispiel in der Florentiner Mundart, wo Oasa fast wie Kasa 
lautet. Diez hält das für einen Nachhall der Etruskischen 
Sprache. 



— 87 — 

7. P = M. Die Engländer betrachten P und M wie 
D und R als cognate letters, haben daher die Koseformen: 

Polly für Molly (Mary) 
Patty für Matty (Martha) 
Peggy für Meggy (Margaret), 

b. Lambdazismus, auch Labdazismus, wobei jedoch 
nicht an den alten Läbdakos, den Grossvater des Ödipus, 
sondern an den griechischen Buchstaben Lambda zu denken 
ist, der auch Labda heisst und dessen semitischer Naune im 
Hebräischen Lamed lautet. AafjLßdayLtaixoQ nannten schon die 
alten Grriechen die Lambdasucht, die man auch als LäUaiion 
bezeichnet und die, von gewissen Fehlem in der Artiku- 
lation des Lautes selber abgesehen, hauptsächlich in der 
L-ähnlichen Aussprache des R, von den alten Griechen 
TQavklCeiv genannt, besteht. Man kann das L überhaupt 
gewissermassen als ein unvollkommenes, in der Bildung 
zurückgebliebenes R betrachten, das in den indogermani- 
schen Sprachen erst nach und nach geduldet und anerkannt 
ward, gleichsam als ein Kinder-R, das man anfangs noch 
gar nicht als einen besonderen Buchstaben gelten liess. So 
ist als die Wurzel, welche dem lautmalenden Worte lallen 
und so vielen ähnlichen Onomatopoeticis in cuidem Sprachen, 
z. B. dem lateinischen lällare und dem gr. lalelv zu Grunde 
lieget, nicht LA- LA, sondern RA- RA zu betrachten — die 
Interjektion dlalä, deutsch holla, lautet im Sanskrit noch 
ararä — unser lecken, griechisch lelxeiv und lateinisch lingere^ 
geht auf eine Wurzel RIGH zurück, die nur das Sanskrit 
(nÄ) erhalten hat. Unser Wolle kommt von der Wurzel 
VAR, bedecken, sie ist das Bedeckende; Gallus, der Hahn, 
der Rufende, aus Qar4u'S, (nach Curtius) das Stammwort zu 
garnüns, geschwätzig; Lüium, die Lilie, ein Lehnwort, mit 
dem griechischen Aüqiov, vielleicht sogar ßakiog, gescheckt, 
bei Homer Name eines Pferdes (nias xvi, 149) mit dem 
lateinischen varitis, buntscheckig, identisch, man vergleiche 
it. Vaio, Ghrauwerk, und spätlateinisch Variola, Pocken. 



— 88 — 

Aber auch in jüngeren Sprachperioden ist der Lambdazis- 
mus, namentlich bei der Aufnahme von Fremdworten, die 
sozusagen Zoll bezahlen müssen, an der Tagesordnimg, wie 
die folgenden Beispiele zeigen. 

Salvietta (it.) = fr. Serviette. Gewöhnlich Tavagliolo, 

Oleander = Rhododendron; Mittelform: FAuriandrum, In 
Rom sagt das Volk Liobarbaro für Riobarbaro oder Rabarbaro ^ Rha- 
barber (Rheum). 

Pflaume = lat. Prunum. 

Maulbeere ^^ althochdeutsch Mürperi, lat. Morum, 

Marmel[stein] = Marmor. Turtel[taube] = Turtur. 

Baibier (sächsisch) = Barbier. 

Kilche (alemannisch) = Kirche {KvQiaxvi). 

Pilgrim, Pilger, it. PelUgrinOy fr. Pelerin := lat. Peregrinus. 

Mercoledi (it.) «= lat. Mercurii Dies, Mittwoch. 

Albero (it.) = lat. Arbor. 

Palafreno (it.), sp. Palafren^ fr. PaUfroi = lat. Paraveredus, 
Pferd. 

Sant* Elmo (neapolitanisch Castel Sanf Elmö) = Sant* Erasmo. 
Von dem heiligen Erasmus, dem Patron der Schiffer auf dem Mittel- 
ländischen Meere, auch der Ausdruck St, Elmsfeuer. 

In allen diesen Fällen ist die Priorität des B vor L 
ein anerkanntes Faktum; zu der Vibration der Zunge, durch 
welche der Zitterlaut R entsteht, wird eine grössere Kraft 
erfordert als zu jener losen Stellung desselben Organs, bei 
welcher das mildere L herauskommt, aber das Volk hütete 
sich wohl, die Kraft anzuwenden. Das Ergebnis war nun 
die heillose Konfusion zwischen den beiden Lauten, von 
der wir bereits oben gesprochen haben und die es mit sich 
brachte, dass man auch wieder L in R verwandelte und 
der Gabler in Salzburg Karfiol für Kalfior (it Gavolfiore, Blu- 
menkohl), ein Florentiner Sermone für Salmone (Salm, Lachs) 
auf seine Speisekarte setzte. Die Erklärung von Lethargie 
aus Lethälgie (wie Otalgie, Nostalgie) ist falsch. 

Vermöge eines weiteren Lambdazismus entwickelt sich 
das liebe L auch aus N: 

Esel = lat. Asinus 

O r g e 1 :ss= mhd. O r g e n e, ahd. Organa, Plural von mitteUat. Organum 



— 89 — 

Kümmel = lat. Cuminum 

Himmel = got. Himins, engl. Heaven^ 

WOZU sich wieder KnoUauch aus Klohlauchy Knäuel aus Kläuel, 
engKsch Clew, vielleicht auch lat. Globus, umgekehrt ver- 
halten; desgleichen aus D, so namentlich in der lateinischen 
Sprache: 

Lingua == Dingua, Zunge, englisch Tongue. 

Lacrima = Dacrima, Thräne, das griecliische ddxQVfia, mit 
Wechsel des Grenus. Littera =: dKpd-ega vgl. später. 

Ulysses, Ulixes= OövaoBVQf schon in griechischen Inschriften 
\)kva€vg. 

Levir = dariQ, Schwager, bekannt durch die hebräische Levi- 
ratsche^ Ehe mit des Mannes Bruder. 

oleo, riechen, von der Wurzel OD, die Odorf Geruch, und das 
griechische SScoöa ergeben hat; oäor verhält sich zu o/eo, wie seäeo zu 
soliunty Sitz, und den Zusammensetzungen Consul und Exsul — die 
Constdes waren die Beamten, die zusanimensassen, gleichsam die Kollegeny 
Exil konnte man allenfalls mit Aussatz übersetzen, wenn man daran 
denkt, dass die Aussätzigen eigentlich Ausgesetzte waren; die Novensides, 
d. h. die neuen Insassen, die fremden, aus andern Ländern stammen- 
den Götter, deren Kultus in Rom eingeführt und hier dem der Indi- 
getes entgegengesetzt ward, verwandelten sich in Novensiles DU, 

c. Rhotazismus. Tönendes S, respektive stummes, 
aber in tönendes S verwandeltes S, also ein sanftes S, 
welches dem französischen Z entspricht, pflegt im Latei- 
nischen und Deutschen, mundartlich auch im Griechischen, 
zum Beispiel im spartanisch -elischen Dialekt, in R über- 
zugehn; ursprünglich nur zwischen zwei Vokalen, danach 
aber auch im Auslaut und im Inlaut vor den Nasalen M 
und N. Dieser Vorgang hat viel dazu beigetragen den 
Zusammenhang der Worte zu verdunkeln und den ge- 
nannten beiden Sprachen, der lateinischen und der deut- 
schen, dem Griechischen gegenüber ein eigentümliches Ge- 
präge zu verleihen, umsomehr als hier ein anderes Gesetz 
besteht, nach welchem ein Sig^a zwischen zwei Vokalen 
ausfällt (Genitivendung -oaio = -oio^ -ov; drjfioaio-g = örifxov). 
Cfenus und Fhog sind eins, der Stamm lautet bei beiden 
Genes, daher auch der Nominativ Pluralis bei beiden: Oenesa; 



— 90 — 

aber im Griechischen entsteht aus riveaa: Fivea und durcli 
Kontraktion TA^, im Lateinischen entsteht aus Oenesa: 
Genera, Der Genitiv Piuralis von ßed lautet im Griechischen : 
ßedaiüVy der von Dea im Lateinischen: Decisum, aber dort 
wird ßedwv und ßeaiv, hier Dearum daraus. 

Im Lateinischen selbst leidet die Durchsichtigkeit der 
Formen unter dieser Lautbewegung. Der Stamm von Honor 
ist, wie man aus dem Adjectivum hones-tus sieht, Honos ge- 
wesen; da aber in den Casibus obliquis honoris, honori, 
honorem der Rhotazismus eintritt, so hat anschliessend daran 
auch der Nominativ ein R bekommen und die alte Form 
Honos der Form Honor weichen müssen. Ärhos und Lahos 
sind andre solche alte Formen, die sich in der Poesie er- 
halten haben, bei Flos, Mos, Bos, Lepos, Os ist der alte 
Nominativ überhaupt üblich geblieben. So steht major neben 
majtts, melior neben melius. Bemerkenswert ist, dass das 
auslautende R die Kürzung des ursprünglich langen o ver- 
anlasst hat: Hon&r, aber Honos, Honoris, Wie kommt es, 
dass das Verbum edo, ich esse, neben dem Lifinitiv edere 
einen zweiten: esse hat, der sonderbar mit dem des Verbum 
substantivum esse, sein, zusammentriflft? — Der Infinitiv- 
* stamm war eie, die Infinitivendung, wie man eben aus esse, 
sein, sowie aus dem Infinitiv Perfekti: legisse sieht, ursprüng- 
lich 'Se; demnach bildete edo: ede-se; dies verwandelte sich 
durch Synknope in ed-se und durch Assimilation in esse. 
Stiess man aber das mittlere e nicht aus, so kam das s 
zwischen zwei Vokale zu stehn und es trat Rhotazismus 
ein: edese = edere. 

Da derselbe auch vor Nasalen eintritt, so haben wir 
nicht blos vetus, veteris, sondern auch vetemus, diurntis neben 
perdius und interdius; Carmen, Spruch, Lied, neben Sanskrit 
Qasman, heiliger Text, Anrufung, und neben den alt- 
italischen Musen, den Camenae, in deren Namen das s aus- 
gefallen ist (ältere Form: Casmenae). Casmsnarum priscum 
vocaMlum ita notum ac scriptum est, sagt Varro (^^ Lingua 
Latina vii, 26). Vergleiche elisch xoQjLiiJTat = yioafiiJTai. 



— 91 — 

Eine analoge Verwirrung hat der Rhotazismus auch 
in unserer eigenen Muttersprache angestiftet. Nur der 
Rhotazismus ist schuld, daiss wir die Identität unseres er 
sie es mit dem lateinischen is ea id nicht augenblicklich 
einsehn; im Gotischen hiess es noch: is si ita, aber schon 
im Althochdeutschen: er siu ^; das s im Femininum sieht 
Jakob Grimm als vorgetreten an, sodass allen drei Ge- 
schlechtem der Pronominalstamm I zu Grunde lieget, der 
im Lateinischen am reinsten im Neutrum i-d erscheint. 
Grenau so wie unser er zum gotischen is, verhielt sich d2is 
lakonische tLq zum attischen rig. Wie der Rhotazismus 
im Lateinischen von der Wurzel ES gleichsam eine R-form 
abgezweigt hat, daiss sich er am oder ero fremd und unver- 
mittelt neben sum und esse anhört: so hat er auch das 
deutsche Wesen in zwei Hälften zerspalten, dass es ge- 
wissermassen klaffend in gewesen und in waren, in I was und 
ich war auseinanderfällt. Ja, wie im Lateinischen hat er, 
nachdem er im ganzen Zeitwort herrschend geworden ist, 
in die Harmonie von Wortstämmen, die augenscheinlich 
zusammengehören, schreiende, für den Laien unverständ- 
liche Misslaute hineingebracht, zum Beispiel zwischen die 
Worte Frost und frieren^ Verlust, Verlies und verlieren — ver- 
lieren hiess früher Verliesen und frieren: friesen, wie man 
mundartHch noch hört Was liegt an d^m Verlurste? — frag^ der 
Herr von Rodenstein nicht blos um einen Reim auf Durste 
zu machen, sondern nach altem, auch bayrischem Schrift- 
gebrauche. Bei dieser Bildung gehört das s zu dem Suffix 
-st, mit Hilfe dessen Verlurst von verlieren abgeleitet ist wie 
Dienst von dienen, während bei Verlust blos das t ableitend 
ist wie bei dem Worte Durst, welches für Durrt steht und 
sich etwa dazu verhält wie d-aQaelv zu 'd^a^Qslv. 

Klassische Beispiele des Rhotazismus im Lateinischen 
und Deutschen sind: 

Aurora »s Ausosa, die Morgenröte, eigentlich ein Adjectivum, 
das von einem Substantivum Ausos = ^H(oq, äolisch A^(og, wie sonortts 
von sonor abgeleitet ist. 



— 92 — 

Flora = Flosa, die Blumengöttin. 

Beere, althochdeutsch Beri, englisch Berry «= gotisch Basi, 
holländisch Bes^ verkleinert Besje^ Bezie^ niederdeutsch Diminutivum 
Besing; die Himbeere heisst landschaftlich Himbesing und in Berlin 
liest man auf den Speisekarten Besinge, d. i. Heidelbeerkompott. Auch 
das französische Frat/iboise, Himbeere, aber etymologisch unserem 
Brofnbeere, holländisch Braatnbezie entsprechend, erinnert an die alte 
Form des Wortes Beere, 

Messer, mit Apokope aus althochdeutsch Me^^irahs = Me^^i- 
sahs, d. i. Speise-messer. Der erste Teil des Kompositums ent- 
spricht dem englischen Meat, Speise, Fleisch; der zweite dem latei- 
nischen Saxunty Stein, Steinmesser, von welchem die Sachsen ihren 
Namen haben. Vgl. Menschen- und Volkemanun Seite 307. 

Auch das romanische Gebiet kennt einige Fälle von 
Rhotazismus: 

Orma (it.), Spur = ^0(1/1% Geruch, spanisch Husma, 
Ciurma (it.), Schiffsmannschaft = KeXEVCfia, Takt, nach dem ge- 
rudert wird, dann das Corps der Ruderknechte oder der Galeeren- 
sklaven selbst, spanisch Chusma, 

Varlet (altfranzösisch), Knabe = Vaslet, Diminutiv von Vassal, 
Vasall. Aus Varlet entstand Vallet und Valet, Diener. 

Umgekehrt bemerkt man im Neufranzösischen, nament- 
lich in dem der Pariser, die es im XVI. Jahrhimdert fertig 
brachten freze für frhre, MisezezS für Miserire zu sagen, einige 
aus R entstandne S: 

Chaise = Chaire, Wagen, 

Besicle := Bericle {B er y litis , Brille), 

Poussiere == Pourriere, Staub (aus Poudriere, von Poudre). 

Im Anschluss an den Rhotazismus notieren wir noch 
folgende Entartungen des dentalen Reibelautes: 

1. S = H. Der Übergang des anlautenden S vor 
einem Vokal in H wird im Iranischen und Griechischen 
beobachtet: 

Septem (lat), sieben = zend haptan, griechisch hittd, 

super (lat.) = vn^Q, 

Sus, bei Homer 2!vq = Y$, Schwein. Im Deutschen entspricht 
Sau, wovon Schwein, althochdeutsch Swtn, das Diminutivum, wiU 
sagen das Junge, darstellt; im Zend Hu, Eber. 



— 93 — 

2. S = SCH. Nach einem R pflegt man im Deutschen 
die Artikulation des S etwas weiter nach rückwärts an der 
Zunge zu verlegen und das so entstehende Geräusch zu- 
gleich durch die Lippen zu modifizieren. Noch Luther 
schrieb Ars und Erse (i. Samuelis vi, 4), daher das alberne, 
früher so beliebte Wortspiel mit dem lateinischen Ars: lex 
mihi, ars tibi, sagte der Jurist zum Arzte, Ars Lex Mars 
regieren in der Welt, Gedicht von Gabriel Voigtlandes um 
1650; heutzutage heisst es Arsch und Ärsche; man vergleiche 
Hirsch, Kirsche, Kürschner u. s. w. Desgleichen gingen die 
anlautenden Verbindungen SL, SM, SN und SW in SCHL, 
SCHM, SCHN und SCHW über, zuerst im XIV. Jahr- 
hundert und zwar in der Schweiz und deren Nachbarschaft; 
der Name Schweiz, mittelhochdeutsch Swtz, ist selbst ein 
Beleg dazu. 

4. Gegenseitige Störungen. Die Laute scheinen 
sich untereinander zu beeinflussen und infolgedessen eine 
ganz andere, oft nicht wiederzuerkennende Gestalt anzu- 
nehmen. Typisch ist in dieser Beziehung der Vorgang der 

a. Assimilation. Zusammentreffende Laute werden 
einander angeähnlicht, respektive völlig gleich gemacht; 
sogar die Konsonanten, mit denen zwei zusammentreffende 
Silben anlauten, scheinen aufeinander eine Art Anziehungs- 
kraft auszuüben, wie z. B. das lateinische coquere, kochen, 
aus poqtiere, das lateinische quinque, fünf, aus jpinque ent- 
standen scheint (altirisch coic neben kymrisch pimp). 

a. progressiv, indem sich der Vorgänger den Nach- 
folger assimiliert: 

Marschall = Marschalk, zusammengesetzt aus den altdeutschen 
Worten mar ah, Ross, Mähre und Schalk, Diener, also eigentlich 
Pferdeknecht. 

Kamm ^ althochdeutsch Kamp, englisch Comb (gesprochen 
Kohfn), Ebenso Lamm, 'althochdeutsch iMmp, englisch Lanib (ge- 
sprochen Lamm) und dumm, althochdeutsch tumb, aber nicht mit 
dumpf identisch. Wo nu das Salz dumm wird, womit soll man salzen? — 
heisst es Matthäi V, 13, in Übersetzung von ifxwQav^rfV. Das Ad- 
jectivum dumpf ist im Alt- und Mittelhochdeutschen unbekannt und 



— 94 — 

gehört zu Dampf; doch scheint sein Begriff der ursprüngliche zu sein, 
aus dem sich der der Dummheit erst entwickelte. So ist auch 
fKOQoq erst stumpf, dann thoricht. Unser dumm war früher soviel 
wie tat*b, das englische dumb bedeutet: stumm. 

verdammen = verdamnen, unsprünglich von Gott und von 
der Kirche, und mit der christlichen Terminologie aus dem Latei- 
nischen entlehnt: damnare, englisch damn, fr. damner; das Präfix wie 
bei verfluchen, 

Pimmalione (it.) = Pigmalione, Pygmalion. 

fi&XXov ^= fidXtoVf Komparativ von fjiaXa^ dem lateinischen melius 
entsprechend wie qyvXXov = foliumy SXXofjtcu = sa/iOy äkXog = alius. 

ß. regressiv, indem sich der Nachfolger den Vor- 
gänger cLSsimiliert, wie z. B. bei (ich) hatte = höhte (althoch- 
deutsch hapta) oder bei rectum, dem Supinum von regere. 
Namentlich kleine tonlose Partikeln, Präpositionen und 
Adverbien, fallen, einem mächtigen Grundwort vorgesetzt, 
gleichsam der Gewalt desselben anheim, wie man aus zahl- 
losen griechischen und lateinischen, ins Deutsche über- 
gegangenen Kompositis ersieht {avfiTtoaiov = avvTtöaiov, assi- 
müatio = adsimiUUio, off endo = oh f endo, occurro = öbcurro u. s. w.); 
das Präfix erd- wurde bereits im Mittelhochdeutschen bei 
allen Worten, die mit f anlauteten, zu emp-: empfdhen = 
entfähenj empfinden = entfinden, empfehlen = entfehlen, gebildet 
wie befehlen, empor = enthor (letzteres jedoch nicht mit ent- 
zusammengesetzt, sondern entstanden aus en-hor, althoch- 
deutsch in höre, in die Höhe, mit eingeschobenem t). Im 
Arabischen passt sich häufig das l des Artikels od dem 
Anlaut des Hauptworts an, z. B. bei dem bekannten Namen 
Ahd ur^Rahman, Knecht des Erbarmungsreichen, statt Ähd 
ul'Eahmän. 

Bekannte Beispiele der reg^ressiven Anähnlichung sind 
folgende: 

Zwilling == Zwinling, älter Zwinal-ing, von dem alten Ad- 
jectivum zwina/, welches selbst schon soviel wie Zwilling heisst, 
englisch Twin; gebildet wie Edeling, Der Name des schweizer 
Reformators Zwingli bedeutet: Zwilling. 

Forelle = Forenle, Diminutivum von Forene (einem Propa- 
roxytonon), wie der Fisch ursprünglich hiess (mhd. vorhena, vorherig 
holländisch Voren, Voorn, in der Schweiz Ferne, Bachfome, Fomli). 



— 95 — 

Himbeere = Hindbeere, noch heute in Ostpreussen so ge- 
nannt, englisch Hindberry^ die Beere, welche die Hinde oder Hindin 
frisst. So lautet die gewöhnliche, nicht über allen Zweifel erhabene 
Erklärung. Denn dass Pflanzen nach den Tieren, welche sie gern 
fressen, benannt werden, ist zwar nichts Ungewöhnliches, man denke 
an die Vogelbeeren, die Früchte der Eberesche, das Lockmittel für den 
Drosselfang in Dohnen; an die Gänsekresse, mit der die jungen Gänse 
gefüttert werden, an Büffelgras, Saubrod, Katzenbaldrian und um der 
Sache noch näher zu kommen, an den Hirschklee und an die Heidel- 
beere, die in England Hirschbeere genannt wird (Hurtleberry, Huckle- 
berry, angelsächsisch Heorotberige), Auch werden die Hirsche wohl 
Himbeeren fressen, denn sie wachsen ja in den Wäldern und die 
Äsung des Edelwildes besteht je nach der Jahreszeit aus verschiednen 
Früchten und Knospen, aus Brombeerblättern, Misteln, Heidekraut, 
Rüben, Kartoffeln, Pilzen u. dgl. Sonderbar wäre nur, dass gerade 
die Hirschkuh, das Tier, die Himbeeren bevorzugen und ihnen den 
Namen geben sollte. Man möchte annehmen, dass Hinde wie Ziege 
mit der Zeit ein allgemeiner, nicht auf das Femininum beschränkter 
Begriff geworden sei, den das Volk auch wählte, als es die lange, bein- 
formige Wurzel der Zichorie nach der Ähnlichkeit mit den Läufen 
des Hirsches Hindläufte benannte. Vergleiche Geissfuss (Aegopodium), 

Haupt s=s Haubt, mittelhochdeutsch Houbet. Dieses Wort, bei 
dem wir oben den Ausfall der Labialis beobachteten, bietet uns jetzt 
ein Beispiel von regressiver Assimilation. Auch bei Abt tritt dieselbe 
ein, doch nur in der Aussprache, wahrscheinlich der Etymologie zu- 
liebe (mittelhochdeutsch schrieb man gelegentlich apt und epte, aptei, 
eptischin, d. i. Äbtissin). 

Stella (lat.) ss Sterla, ursprünglich Sterula, Diminutiv von dem 
indogermanischen Stamme Ster, Stern. Auch unser Stern erlitt eine 
Assimilation und wurde dadurch zu Sterr (mittelhochdeutsch sterre, 
althochdeutsch sterro); infolge davon heisst Stern auf englisch Star 
(altenglisch sterre). 

Summ US (lat.) = submus, Superlativ von sub, wie vTtatogi 
Superlativ von vTto. 

Sette (it.) = lat. Septem. 

b. Dissimilation. Die Sprache vermeidet die Häufung 
ähnlicher Laute, und zwar nicht blos den Zusammenstoss 
gleicher Vokale (lat. Ehrietas == Ehriitas), sondern auch die 
Wiederholung des Anlauts in zwei Silben, die aufeinander- 
folgen, wie z. B. in den Worten quinque, proprius, sdscitor, 
StüUtand, [unausjhleiblichy Dreidrittelarheit (im Bergbau), was 
dem Ohr den Eindruck des Geklingels oder Stammeins, 



— 96 — 

dem Munde Mühe macht; und scheut sich vorfcommeudeD 
Falles nicht, die Gleichheit aufeuheben und die Laute un- 
ähnlich (dügimäes) zu machen, was wiederum so gut nach 
vorwärts als nach rückwärts, progressive und regresave 
geschehen kann. Zwar scheint dem die Reduplikation zu 
widersprechen, die ein so wichtiges Bildungsmittel aller 
Sprachen ist; aber man beachte, dass die Indogermanen 
eben bei dieser Gelegenheit ihre Abneigung gegen eb 
Ül)ermass des Gleichklanges verraten, indem sie die ge- 
doppelten Silben wiederum zu dissimilieren pflegen. Es 
heisst nicht fpi^vxa, sondern Ttiffiv.a. nicht ste-stai, sondern 
ste-tai oder steti, nicht stisto, sondern sisto (wie iffrij^t = 
aiairj^i). Auf Dissimilation beruht es, wenn der Lateiner 
filr einen R-stamm das Suffix -oiw, bei einem L-stamme 
dagegen das Suffix -aris wählt und neben normalis : regv- 
laris, neben einem Pturalis einen Singularis hat; auf Disä- 
milation beruht es, dass er von Caelum nicht das Adjecli\iini 1 
caeMtis, sondern caerttlus {caeruleus) ableitet So kann man | 
nun nicht wissen, ob coquere, kochen, aus poguere, qmnqiu, 
fünf, aus pinqve durch Assimilation; oder umgekehrt poguere ' 
aus coquere, pinque aus gutnque durch Dissimilation hervor- 
gegangen ist. 

Beispiele der Dissimilation im Deutschen sind: 1 

Kartoffel, wie bereits oben erwälmt, entstanden aus Tartoffel, 
dal rooDdartltch noch gebort wird (isländisch im Plural Tarlußar) =■ 
iUliraisch Tartu/ola, Diminutivuin von Tartufü, Trüffel, also eigentlich 1 
TrüfftUhcn, indem man die Kartoffeln mit Trüffeln Ter wechselte. 

Knoblauch ^ Kloblauch, der Lauch, der giklobtn oder ge- 1 
«palten, dessen Zwiebel aus mehreren kleinen länglichen Zwiebeln, 
«ogeaannten Ztht», zusammengesetzt ist. Der rechte Anlaut zeigt sich l 
noch im XV. Jahrhundert, ja, noch im Anfang des XVUI. JahrlM- ' 
derts gab Amaranthes FrauenzimmerleiikOD aU Hustenmittel an: Klut- 
Ittuch absiidin tinä lail Baumöl esstn. Aber die Zunge stiess sich lo , 
das doppelte L, wie sie es bei Klüppä {Knüppel), Kläuel (Knätul). 
tläglk/t (mecklenburgisch /mägUch), kliinlUh (niederdeutsch tnillich) 
thal; allerdings scheint uns KN iiberhanpl im Anlaut besser zu ge- 
fallen als KL, abknappen besser als abklappen, wobei knapp hinein"' 
spielen scheini, knatken besser als klacken, knattern besser als tlatlt"' 



— 97 — 

oder (niederdeutscli) kladdern, daher wir vielleicht auch noch einmal 
sagen Knadderadatsch, Der Simplicissimus nennt seinen Vater seinen 
Knan, ein Wort, das noch nicht recht aufgeklärt ist, könnte es nicht 
mit dem englischen Clown, lat. Colonus identisch sein und „Bauer^ be- 
deuten? — Der Bauer wird der Hausherr und das Haupt der Familie 
in Bauernhäusern oft genannt. 

5. Einseitige Störungen. Obwohl bei den eben ge- 
schilderten Vorgängen der Assimilation und der Dissi* 
milation die Störung schliesslich auch immer von Einem 
Laute ausging, dem es gelang, bald seinen Vorgänger, bald 
seinen Nachfolger zu vergewaltigen, so zeigte doch bisher 
noch keiner die Tendenz, eine solche Störung regelmässig 
herbeizufuhren, vielmehr schien es gewissermassen vom Zu- 
fall abzuhängen, welche von beiden Parteien den Sieg 
erringen sollte. In unserem Stern gewann das r die Ober- 
hand, indem sich dais Wort zeitweise in Sterr (mittelhoch- 
deutsch sterre, althochdeutsch sterr 0) verwandelte, in dem 
lateinischen Stella aus Sterla unterlag das r in seinem Kampfe 
gegen l, ohne dass man einen sicheren Grund angeben 
könnte, warum gerade dies und nicht das Umgekehrte 
eintrat. Die Lautgruppe DG wird im Lateinischen zu GrG, 
so in unzähligen mit der Präportion ad zusammengesetzten 
Worten z. B. Ägglomerat, Aggregat u. s. w.; die Lautgruppe 
GD im Italienischen zu DD, z. B. frigidus zu freddo, Magda- 
lena zu Maddalena, Gewiss sind auch hier bestimmte Gesetze 
massgebend, nach denen sich im einzelnen Fall genau be- 
rechnen lässt, ob der eine oder der andere Konsonant 
durchdringt; im allgemeinen aber lässt sich nur sagen, dass 
jeder Laut seine Chancen hat und dass es von den Um- 
ständen abhängft, ob er fällt oder steigt. 

Solcher Laute, die mit der grössten Regelmässigkeit, 
so oft sie mit gewissen andern Lauten in Berührung kom- 
men, die unglücklichen Nachbarn ihre Bosheit fühlen lassen, 
gibt es zum Glück nur wenige. Der Hauptstörenfried ist, 
wir haben es schon oben bemerkt, der Vokal I, dessen 
heller Klang wie ein sicheres Gift auf die umgebenden 

Kleinpaal, Etym. 7 



— 98 — 

Laute einwirkt Ihm und dem Vokal A verdanken wir die 
nachfolgenden Prozesse. 

a. Umlaut, die Rückwirkimg eines I oder Jot, in den 
skandinavischen Sprachen auch eines U oder V. So oft die 
folgende Silbe ein I oder Jot enthält, verwandelt sich in der 
deutschen Sprache, zunächst im Althochdeutschen A in E, 
dann aber im Mittelhochdeutschen auch O in Ö, U in Ü, 
sowie die Diphthongen UO in ÜE, OU in ÖU; etwas Ähn- 
liches scheint schon im Lateinischen stattgefunden zu haben, 
wo sich der Dativ Tibi, Dir, augenscheinlich unter dem 
Einfluss des Endvokals aus Ttäfi entwickelte (sanskrit tu- 
hhjam). Wir haben den Umlaut vorhin als Metathesis oder 
Epenthesis erklärt; wir können ihn aber auch als eine Art 
Assimilation betrachten, die eben nur einseitig ist, indem der 
Vokal I den Vokal der Vorsilbe sich selber ähnlich macht; 
die Entscheidung darüber, welche von beiden Auffassungen 
die richtige ist, wird dadurch erschwert, dass das den Um- 
laut wirkende I oder Jot nicht selten verloren geht und 
der Umlaut nach dem Verlust bald bleibt, bald aber auch 
verschwindet. Von Metathesis lässt sich streng genommen 
nur reden, wenn das I seine Stelle wirklich gewechselt 
hat; von Assimilation, wenn es an seiner Stelle verbleibt, 
wenigstens so lange verbleibt, bis es die assimilierende 
Wirkung ausgeübt hat Wir sagen brennen, weil das Wort 
im Gotischen brannjan lautete, wir müssten auch im Prä- 
teritum brennte sagen, weil es im Gotischen brannida lautete; 
wir sagen aber brannte, weil das i bereits im Althoch- 
deutschen (pranta) ausgefallen ist. Man hat zweifellos auch 
einmal brennida gesag^t; aber, und das ist das Charakte- 
ristische, sowie das I seiner Wege ging, sagte man augen- 
blicklich wieder und gleichsam erleichtert brann-da. Nun, 
wenn es ausfallen und damit der Umlaut verschwinden 
konnte, so beweist das doch, dass das I nicht gleichsam an 
einer andern Stelle fortlebte, sondern dass die Wirkung 
aufhörte, weil die Ursache fortfiel. Dagegen lässt sich die 
Fortdauer des Umlauts nach Ausfall des I recht gut durch 



— 99 — 

eine Assimilation erklären, die aus Gewohnheit beibehalten 
ward, nachdem es im Grunde nichts mehr zu assimilieren 
gab. Der Umlaut an sich, bei noch vorhandenem I, würde 
nicht notwendig auf Assimilation hinweisen; es läge eben 
keine blosse Enthesis, sondern eme Epenthesis vor. Übrigens 
kommt die Sache auf eins heraus, mag man sie so auf- 
fassen oder so. 

^lit dem Umlaut nicht zu verwechseln ist der Ablaujt, 
welcher eine organische Veränderung der Sprache darstellt 
und in dem regelmässigen Vokalwechsel der Wurzelsilbe 
bei der Konjugation besteht, man denke z. B. an die Ab- 
lautsreihe bei den Worten nehmen und binden nach der 
ursprünglichen gotischen Form: 

nima — nam — nemum — numans 
binda — band — bundum — bundans, 

neuhochdeutsch entsprechend, aber minder korrekt: 

nehme — nahm — nahmen — genommen 
binde — band — banden — gebunden — 

Ablautreihen, die sich auch im Grriechischen {q>€vy<jj — 
ifpvyov — 7tiq>€vya) und Lateinischen {frango — fregi) und 
andern Sprachen verfolgen lassen, obgleich Jakob Grimm 
den Ablaut ein edles und ihr wesentliches Vermögen der deutschen 
Sprache nennt. Sie erstrecken sich auch auf die Bildung 
der Substantiva, ja, aus einer und derselben Wurzel können 
mit Anwendung des Ablauts Schwesterformen entwickelt 
werden, zum Beispiel Band und Bund, Karl und Kerl, Der 
Umlaut ist zwar nachgerade auch von Wichtigkeit für die 
deutsche Flexion geworden, indem er gegenwärtig zur 
Bezeichnung der Mehrzahl {Mann — Männer) und zur Ver- 
kleinerung dient {Haus — Häus-chen), doch bedeutet er von 
Haus aus kein wesentliches Element, kein organisches 
Wachstum der Sprache, sondern eine der vielen Formen 
des mechanischen Lautwandels, unter denen wir ihn denn 
auch hier zum zweitenmale registrieren. Auf ihm beruhen, 
von der Flexion abgesehen, folgende bekannte Worte: 

7* 



— 100 — 

Eltern, althochdeutsch Eltiron =» AI tirön, der Nominativ Pln- 
ralis von aüiro, älter, Komparativ von o//, substantiviert wie jünger 
und Älteste, Trotz dieses fühlbaren Zusammenhanges ist es besser 
Eltern zu schreiben als Altem, denn der Umlaut von A zu £ ist 
älter als der zu A, er hat schon im VL Jahrhundert begonnen, wäh- 
rend A erst im Xu. Jahrhundert vorkommt; das Zeichen A ist über- 
haupt nur dadurch entstanden, dass man ein e über das A schrieb, 
um den Umlaut anzudeuten; a ss ä. In der mittelhochdeutschen Gram- 
matik gewöhnte man sich den Umlaut des kurzen A mit Ä, den des 
langen mit AE zu bezeichnen; doch erhielt sich das althergebrachte £ 
in vielen Wörtern, wie z. B. in Eltern, Noch Luther setzt immer E, 
niemals A. 

Engel, althochdeutsch Engil as Angil, gotisch aggilus, ge- 
schrieben wie das griechische ^AyyeXoq^ Bote. Erst mit dem Christen- 
tum ins Lateinische und auch ins Deutsche übergeführtes Wort, weil 
das heimische Alb oder Elb nicht angemessen schien. 

Menge, althochdeutsch Menig! s= Managi, das Abstractum zn 
dem Adjectivum manch, mannig[ faltig], 

gläubig, bei Luther gleubig »: glaub ig, wie noch in Schil- 
lers Räubern (11, i). Auch für glauben sagte Luther mit Umlaut gleuber. 
(gotisch galaubjan), 

b. Brechung, die Rückwirkung eines A. Wenn die 
folgende Silbe den Vokal A enthält, verwandelt sich im 
Althochdeutschen zuweilen, im Mittelhochdeutschen regel- 
mässig I in E, U in O, lU in lO (neuhochdeutsch IE). Die 
historische Grammatik bezeichnet dieses E, zum Unterschied 
von dem durch Umlaut aus A entstandenen, durch zwei 
Punkte (gotisch itan ==» althochdeutsch e^^an, essen). 

Wir behaupteten oben (Seite 91), der Rhotazismus sei 
schuld, dass wir die Identität unseres er sie es mit dem 
lateinischen is ea id nicht augenblicklich einsehn; auch die 
Brechung ist daran schuld. Das Neutrum lautete im Go- 
tischen ita; dessen a veranlasste die Brechung des i im 
Hochdeutschen zu ä : tj = ^, und diese mochte dieselbe 
Brechung auch beim Maskulinum ir = er nach sich ziehen 
(gotisch nicht isa, sondern is). Im Lateinischen ist bei dem- 
selben Pronomen das i vor Vokalen überall e geworden 
(ejt^, ei, eum\ doch gehen hier die E-formen aus einem an- 
dem Stamm, dem Stamm EIO, EO hervor. 



• ! ! » • • • 



— 101 — 

Die Brechung- erklärt ebenfalls viele Erscheinungen 
der deutschen Flexion, zum Beispiel die, dass Zeitwörter, 
deren Präsens in der Stammsilbe ein I besitzt, im Plural 
ein E eintreten lassen — die Flexionsendungen des Plurals 
enthalten nämlich im Althochdeutschen ein A, sie sind: 
-ames, -at, -aiit. Wir sagen: (du) hilfst, {er) hüft, ursprünglich 
auch (ich) hilfe, althochdeutsch hüfu, hUfis, hüfit, aber wir 
sagen: (wir) helfen, (ihr) helft, (sie) helfen, althochdeutsch hei- 
fames, helfat, helfant. Ebenso beim Infinitiv. Derselbe lautet 
helfen, althochdeutsch helfan, aber gotisch hilpan, denn im 
Gotischen tritt die Brechung des I nur dann ein, wenn ein 
R oder H darauf folgft, Dass wir nach Analogie des 
Lateinischen und Griechischen essen, aber (du) issest oder 
isst sagen, kommt nur daher, dass der Vokal im Infinitiv 
durch A gebrochen ward (ahd. ejan = got. itan, englisch 
to eat), in der zweiten Person Singularis nicht (ahd. ijis]. 
Von rechtswegen sollten wir auch in der ersten Person 
sagen: (ich) isse, althochdeutsch iju. Ebenso sagten die 
Deutschen im Präteritum bis ins XVI. Jahrhundert hinein: 
(wir) htdfen, erst von da an nach dem Stammvokale des 
Singulars toir halfen, althochdeutsch hulfumes, gotisch hulpum; 
sahens gern, hulfens treiben und handhaben, schreibt noch Luther. 
Aber im Partizipium, wo im Althochdeutschen ein A auf 
die Wurzelsilbe folgte, hiess es nicht: gehülfen, sondern ge- 
holfen, althochdeutsch kiholfan. Dennoch dürfte auch diese 
Störung, die der Vokal A hervorbringt, nur als eine rein 
mechanische, nicht als ein notwendiges Mittel der Form- 
bildung anzusehen sein. 

Auf Brechung beruhen zum Beispiel folgende Wort- 
formen: 

Weg, althochdeutsch Wec ss gotisch Vigs, Deklinationsgrund- 
form yiga, so dass der Nominativ in der Urzeit VigC'S lautete (lat. 
Viay Man vergleiche damit das Wort Sieg, althochdeutsch Sigi oder 
Sigu, gotisch SigiSf wo sich das / ungebrochen erhalten hat. 

Vogel, althochdeutsch Fogal = Fugal, gotisch Fugls. Bre- 
chung des u. 



1 



— 102 — 

Liebe = althochdeutsch Liubt = Liuba, das Substantivnm za 
lieb = ahd. liud, gotisch /Ms und zu /U6en =» ahd. liuban; Mittel- 
form: Liob. Brechung des Diphthongs lU zu lO, für welches letztere 
in der späteren Sprache der geschwächte Laut IE eintritt; bewirkt 
durch das nachfolgende, nicht selten versteckte oder völlig entschwun- 
dene A. 

Dieb =ss althochdeutsch Diub,Diob, gotisch \^iubs. Nach Grimm 
von einem verlorenen gotischen Verbum ^iuban, verbergen. 

ziehen = althochdeutsch ziohan, aus ziuhan = gotisch tiuhan. 
Das Verbum konjugierte im Präsens ziuhu, ziuhis, siu/tit, aber im 
Plural, des folgenden A wegen: ztohatnis, ziohat, ziohant. Die Plural- 
formen verwandelten sich im Mittelhochdeutschen und Neuhoch- 
deutschen in ziehen, ziehet, ziehen; aber im Singular und im Imperativ 
blieb der Diphthong lU, der sich neuhochdeutsch in EU verwandelte, 
noch langezeit erhalten, ja, er lebt heute noch fort {Zeuch ein zu 
deinen Thoren, Zeuch uns nach dir, so laufen wir, Gesangbuchslieder). 
Dieselben altertümlichen Formen finden sich aus demselben Grunde 
bei den 'Wöriem ßiehen, bieten und giessen, 

c. Assibilation, besteht darin, dass der Vokal I ein 
vorausgrehendes K und T in einen Zischlaut, eine soge- 
nannte Sibüans zu verwandeln strebt, worauf der Vokal 
gewöhnlich ausgestossen wird. Dieselbe Wirkung üben 
gelegentlich alle weichen oder palatalen Vokale aus, also 

•• •• •• 

ausser I auch noch Y, Jot, E, A, U, O. Der Laut, der im 
Griechischen aus dj oder gj entsteht, ursprünglich die Laut- 
verbindung DS (weiches S), nach der späteren und heutigen 
Atissprache ein weiches S, nach Art des französischen Z, 
heisst Zeta, daher wird die ganze Erscheinung auch Zeta- 
zismus genannt. 

Es ist uns bekannt, dass das C im lateinischen Alphabet 
den K-laut vertrat. Die alten Römer sprachen das C in 
allen Fällen guttural, das heisst, wie K, also Cicero \rie 
Kikero, faciat wie faJciat, Caesar wie Kaiser. Aber in der 
lateinischen Volkssprache muss es frühe üblich geworden 
sein, vor I und E den Kehllaut zu aissibilieren, das heisst 
wie Z auszusprechen; ein Gebrauch, der zu uns überge- 
gangen ist, ja, in den romanischen Sprachen noch grössere 
Dimensionen angenommen hat: in Frankreich und England 



— 103 — 

wird bekanntlich C vor I, Y und E wie ein scharfes S, 
in Spanien wird es fti denselben Fällen wie DS oder 
lispelnd nach Art des englischen TH, in Italien wie TSCH 
gesprochen, während CH in Italien K, in Frankreich SCH, 
in Spanien TSCH bedeutet; die Slawen sprechen C wie Z, 
gelegentlich wie TSCH aus. Und ebenso wurde in der 
spätlateinischen Volkssprache der Zahnlaut vor I und vor E, 
namentlich wenn ein zweiter Vokal folgte, assibiUert, d. h. 
T in TS oder in ein Z verwandelt, welches nach der Anlage 
der einzelnen Sprachen verschiedene Gestaltungen erfuhr: 
Nation wird Nazion gesprochen, in Italien auch Nazione ge- 
schrieben, in Spanien Nacion, Da infolge der Assibilation 
T ganz denselben Laut annahm wie C, so war es natürlich, 
dass die Orthographie ab und zu beide Buchstaben unter- 
einander verwechselte und zum Beispiel Condido, Bedingung: 
Conditio schrieb. 

Vielleicht, dass die Verschiebung des gotischen T zu 
althochdeutschem Z immer auf die Einwirkung eines I oder 
Jot zurückzuführen ist? — Die Zeitwörter sitzen (gotisch 
sitauy althochdeutsch sizian, sizjan) und setzen (gotisch satjan, 
althochdeutsch sezzan) geben viel zu denken. Allerdings 
scheint das T auch ohne das I in den indogermanischen 
Sprachen eine Neigung zu haben, sich geradezu in S zu 
verwandeln. Im Griechischen stehen ^dkarra und d-d'kaoaa, 
TTQaTTio und Ttqdaoio nebeneinander; das Pronomen der 
zweiten Person Singularis, in allen indogermanischen 
Sprachen und auch in der griechischen, im Dorischen {rv) 
und Böotischen (roi5), mit T anlautend, ja sogar im Hebrä- 
ischen {attäh) diesen Laut enthaltend, hat sich im attischen 
Dialekt zu av erweicht; in der Konjugation, wo der Stamm 
dieses Pronomens an die zweite Person Singularis ange- 
schmolzen wird, ist diese Erweichung nicht blos im 
Griechischen (öldco-g), sondern auch im Lateinischen (da-s) 
und Deutschen (gotisch slahan, slahi-s, du schlägst) zur 
Regel geworden: indem bei uns dem s ein t nachtrat, 
wurde st die Endung der zweiten Person Singularis. (Du) 



— 104 — 

kannst, althochdeutsch chans-t, lautete gotisch und altnordisch: 
kant, (du) gewannst gotisch: vant (zweite Person Singalaris 
vom Präteritum vann, Infinitiv vinnan); in den altertüm- 
lichen Formen: du solt, du udlt, Herr wie du wilt, so schkk's 
mit mir ist der alte imassibilierte Pronominalstamm noch 
erhalten. Man könnte den Vorgang auch so auffassen, 
dass man annähme» der Zahnzischlaut sei vor dem Suffixe 
eingeschoben worden: kan-t = kan-s-t, wo dann das aus- 
lautende t keine Paragoge, sondern eben der alte Pro- 
nominalstamm wäre; dem widerspricht aber das Fehlen 
desselben in den meisten alten und sein Antritt in den neu- 
hochdeutschen Formen. Übrigens wäre das Resultat gleich. 

Auf uralter Assibilation beruhen die indogermanischen 
Worte: 

Zevg = 4/evgt lateinisch ^u-piter, angelsäclisisch Titt, althoch- 
deutsch Zio, sanskrit Djaus-pitar, 

fieaoq = fjtedtog, lateinisch tnedius, italienisch mezzo, 

Zio (it.), Onkel = (lat.) Thius, Buog. 

Aristocratie (fr.), gesprochen Aristocrasie, italienisch Aristo- 
crazia = ^AQicxoTtqaxua^ li^iarox^atla. 



<'0<>- 



Vorlage II. 

Ein anderer Missstand, welcher das Publikum zwingt zum 

Wortdeuter zu gehn: Unzuverlässige Leute. 

A. Der Wandel der Begriffe. 

1. Erste Stufe: Periode der Eigennamen. 

Der Begriffwandel läuft dem Lautwandel parallel — er erfolgt in gewissen 
Perioden, die der Zunahme der Anschauungen entsprechen — die ersten 
Menschen haben noch wenig Anschauungen, daher brauchen sie nur all- 
gemeine Begriife, welche die Stelle von Eigennamen vertreten — das Rätsel 
löst sich, wenn man bedenkt, dass es im Sinne der ersten Menschen noch 
gar keine allgemeinen Begriffe gibt, indem sie nur Individuen kennen und 
benennen — die ersten Menschen gleichen Kindern, die ebenfalls keine andern 
Namen als Eigennamen haben und in Ausdrücken reden, die uns unbestimmt 
erscheinen — die alten Namen für die Berge und die Flüsse, die Städte 
und die Länder, die Tiere, Pflanzen, Früchte — wir leben noch heute in 
der Periode der Eigennamen und ersparen uns die nähere Bestimmung wo 
Vr'ir können, wo kein Missverständnis möglich ist — erst wenn mehrere 
gleichartige Figuren auf der Bildfläche erscheinen, verstehen wir uns zu 
einer genaueren Bezeichnung — es kann auch sein, dass wir den allgemeinen 
Begriff einem einzigen hervonagenden Specimen vorzugsweise als Titel zu- 
erteilen — die Klassiker — Bier und Wein — die geschlechtlichen Aus- 
drücke, bald blosse Antecedentien bezeichnend, bald ganz allgemein ge- 
halten — gebären und tragen, schmecken und riechen, sehen und folgen — 

Idee einer praktischen Logik des Volks. 

Es heisst: Oute Leute und schlechte Musikanten oder viel- 
mehr, wie Büchmann den Citatenjägem einschärft: Schlechte 
Mmkanten und gute Leute — wir aber können nicht anders, 
wir müssen sagen: Schlechte Musikanten und zugleich schlechte 
Leute — wenigstens höchst unzuverlässige Leute, Leute, die sich 



— 106 — 

im Gebrauch der Worte niemals an das halten, was sie 
erst gesagt haben, die in ihrer genialen Redeweise einer 
Politik der freien Hand huldigen, sich an keinen Usus 
binden, bei keiner Stange bleiben. Man kann sich beiin 
Volke niemals darauf verlassen, dass es sich nicht im 
nächsten Augenblicke selber widerspricht, dass es ein Wort 
nicht in einem ganz andern, ja, in einem völlig entgegen- 
gesetzten Sinne braucht als vorher. Daher haben die 
Wörterbuchschreiber so viel zu thun — daher die langen 
Spalten, die durchdachten Abhandlungen über einen einzigen 
BegriflF, zum Beispiel über Ding, Kerl, gehen, kommen, machen, 
thun. Die merkwürdigsten Verwandlungen gehen bei den 
BegriflFen vor sich wie vorhin bei den Lauten, Sprünge und 
Übertragungen, wie sie kein Mensch ahnen kann, gar 
niemand für möglich halten sollte — nur der Wortdeuter, 
der den verschlungenen Wegen der populären Logik mit 
derselben Liebe nachgeht, mit der er den mechanischen 
Lautwandel verfolgt, vermag sie zu enträtseln und mit der 
Leuchte schlagender Analogien eins aus dem andern zu 
erklären. Und zwar ist sein Geschäft erfreulicher als 
vorhin — er beleuchtet keinen Verfall, er beleuchtet ein 
tausendfältiges Wachstum und eine reiche Entwickelung. 
In dem ewigen Fluss und Wandel erkennt er die geistige 
Kapitalkraft, in den Wörterbüchern sieht er wie auf Saat- 
feldern die den ausgestreuten Keimen des Gedankens im- 
manente Virtualität. Die Sprache, sagt Wilhelm von Hum- 
boldt, ist eine Weltansicht, sie enthält ein stillschweigendes 
Glaubensbekenntnis, eine unbewusste Logik, ein ganzes 
philosophisches System — es kommt nur darauf an, das 
Bekenntnis auszusprechen, das System zu entfalten und 
die angefangenen Fäden der universalen Logik auszu- 
spinnen. Das Volk hat sie ausgesponnen; es spinnt und 
webt fortwährend. 

Diese grossartige Metamorphose erfolgt in gewissen 
Perioden, die zwar keineswegs abgeschlossen sind, vielmehr 
kontinuierlich nebeneinander herlaufen, so dass die aller- 



— 107 — 

älteste neben der allerjüngsten hergeht und bis in unsre 
Gegenwart hineinragt, die aber im allgemeinen der Zu- 
nahme an Erfahrung und der wachsenden Menge von An- 
schauungen entsprechen, wie sie das Leben der Individuen 
und der Völker mit sich bringt. Die erste dieser 
Perioden ist die der Eigennamen. 

Der Horizont der Menschheit erweitert sich nur all- 
mählich und ihr Reichtum an Begriffen ist anfänglich so 
gering wie eines Kindes. Wir wollen die patriarchalischen 
Familien, wie sie in kleinen Kreisen, sozusagen Inseln über 
die junge Erde zerstreut zu denken sind, schlechtweg die 
ersten Menschen nennen, mit dem Vorbehalt, dass es in jedem 
Thale und zu allen Zeiten solche erste Menschen gibt — dieses 
Thal, in dem sie wohnen, diese Familie, die sie bilden, 
dieses engbegrenzte Stückchen Erd und Himmel, das ist 
ihre Welt. Natürlich, dass sie in ihrer Sprache nur für die 
nächsten und hervorragendsten Erscheinungen einfache 
Namen haben, durch die sie dieselben von andern Er- 
scheinungen unterscheiden, dass sie aber verschiedene 
Exemplare einer und derselben Erscheinung noch durch 
gar keine Namen unterscheiden. Es gibt eben für sie noch 
keine verschiedenen Exemplare, sondern für jede Gattung 
nur ein einziges Beispiel. Die Bildung der Personen- und 
Ortsnamen, sagt Hermann Paul in seinen Prinzipien der 
Sprachgeschichte, S. 156, beruht wesentlich auf dem Vorgange, 
den man in der neueren Sprachwissenschaft Isolierung 
nennt. Man kann das unterschreiben, wenn es soviel heissen 
soll: dass der Namengeber isoliert ist und in seiner Isolie- 
rung seinen speziellen Bekannten Titel zuerteilt, die an 
sich auch andern Individuen zuerteilt werden könnten, von 
seinem Stundpunkt aus aber einzig imd ebenso isoliert sind 
wie er selbst Man denke sich ein einsames Haus, von 
einem einzigen Menschenpaar bewohnt. In demselben gibt 
es keinen Herrn Midier und keinen Herrn Schnitze, sondern 
nur einen Herrn; keine Frau Fischer und keine Frau Weisse, 
sondern nur eine Frau: und sollte etwa eine junge Dame 



— 108 — 

zur Miete wohnen, so sagen die Kinder: das Frävlein. 
Analog bei den ersten Menschen. Sie haben noch keine 
Eheine und noch keine Eiben , sondern nur einen Fluss, ein 
WcLSser oder eine Ache — keine Hauen und weissen Berget 
sondern nur einen Berg — keinen Thüringer Wald und keinen 
SchwarzwaM, sondern nur einen Wcdd; und sie besitzen noch 
kein Rindvieh und kein Kleinvieh, sondern nur Vieh, keine 
Oänse und Hühner, sondern nur Geflügel und Iceine Karpfen 
und Hechte, sondern nur Fische; von den Bäumen kennen 
sie nur den Baum, von den Früchten nur die Frucht und 
von den Körnern nur das Korn, Wie gesagt, das ist natür- 
lich — niemand wird den Menschen spezielle Bezeichnungen 
für Gegenstände zumuten, deren Besonderheit sie noch gar 
nicht einsehn; man kann sich aber auch durch den Augen- 
schein überzeugen, dass sie keine erfunden haben, wenn 
man die Namen mustert, die den wichtigsten Dingen in 
alten Zeiten gegeben worden sind und die teilweise noch 
heute gebraucht, aber nicht mehr verstanden werden. Un- 
zählige Fluss- und Bergnamen, die in der Geographie vor- 
kommen, bedeuten in der Sprache, welcher sie entstammen, 
schlechthin Flttss und schlechthin Berg, wie unzählige Städte- 
und Ländernamen einfach die Stadt und das Land bedeuten. 
Die Namen für die hauptsächlichsten Haustiere und das 
Wild, desgleichen für die vornehmsten Obstarten und Ge- 
müse sind ganz allgemeine und vage Begriffe, die uns gar 
nicht mehr genügen könnten, wenn wir sie nur hörten 
oder beachteten. Was heisst eigentlich ein Bettich? — 
Eine Wurzel, lateinisch Radix. Ein Radieschen? — Ein Wurzel- 
chen, dasselbe Wort, nur von dem französischen Radis, 
Eine Rosine? — Eine Traube, speziell eine Weintraube, noch 
spezieller eine getrocknete Weinbeere, lateinisch Racemus, fran- 
zösisch Raisin, picardisch Rosin. Ein Apfel heisst Fomme 
im Französischen, nicht weil er pomm macht, wenn er vom 
Baume fällt, sondern n£u:h dem lateinischen Pomum, Baum- 
frucht. Im Lateinischen selber hiess er Malum, grriechisch 
Mflov, was war das wieder? — Frticht. Was ist ein Legumen, 



— 109 — 

französisch LSgume? — Was man abliest, quod legitur, dann 
was man von Gemüsen abliest; das bedeutete dann im 
t)esonderen Hülsenfrüchte , die sogenannten Leguminosen, 
noch spezieller Bohnen. Wie hiess das Huhn im alten 
Griechenland? — ^'Oqviq, der Vogel; in Frankreich und in 
Italien heisst die Gans Vogel {Oie, Oca, aus mittellateinisch 
Auca — Ävi'Ca); in Schweden ist der Auerhahn so gemein, 
dass er schlechthin Fogel genannt wird. Genauso bedeutete 
das lateinische PuUus und das deutsche Füllen ursprünglich 
das Junge überhaupt, worauf sich der BegfrifF einerseits in 
den Hühnerstall, anderseits in den Pferdestall verirrte; denn 
jedermann braucht die Worte wie sie eben ins Geschirr 
gehn und der eine nennt die Krebse, der andre seine krab- 
belnden Kinder Krabben. Wie nennt der Hellene sein Pferd? 
-r- TÖ ^'JXoyovy das Unvernünftige, das Tier. Tier ist auch 
bei uns der Name für ein ganz bestimmtes Tier, nämlich 
für den weiblichen Hirsch: kamen auf die Decke, heisst es in 
einem Jagdbericht, zwei Ächtender, ein Sechsenderhirsch, ein Tier. 
In London sieht man im Zoologischen Garten the new Beer- 
house. Das ist nicht etwa ein neues Tierhaus, sondern ein 
neues Botwildhaus. 

Wir sagten, dass die meisten Flüsse einfach die Fliessen- 
den oder Wasser oder Ächen heissen. Aber unsere Vorfahren 
haben nicht einmal die himmlischen und die irdischen 
Wasser unterschieden, sondern beide Regen genannt, wie 
bekanntlich ein Fluss in Bayern heisst: 

Vom Himmel kommt es, 
Zum Himmel steigt es, 
Und wieder nieder 
Zur Erde muss es, 
Ewig wechselnd. 

Ja, wir brauchen gar nicht auf alte Zeiten zurückzugehn 
und den ersten Menschen zuzuhören, um uns zu überzeugen, 
dass alle Sprache mit Begriffen anfängt, die uns allgemein 
erscheinen, im Sinne der Namengeber aber nur für Einzel- 
wesen galten: wir leben noch heute in der Periode der 



— 110 — 

Eigennamen und haben gar keine andern, so oft unser 
Horizont beschränkt und arm an Anschauungen; oder wo 
ein Missverständnis unmöglich ist. Für die Bewohner der 
Vororte existiert nicht die Stadt Leipzig, sondern nur die 
Stadt — für die Pariser existiert kein Boia de Botdogne, son- 
dern le Bois — fiiir die Italiener existiert nicht die Meerenge 
von Messina, sondern die Meerenge, ihr Land reicht däU' Älpi 
allo Stretto — und für die Holsteiner und die Hannoveraner 
existiert keine Ostsee und keine Nordsee, sondern nur das 
Meer. So haben die italienischen und französischen Seeleute 
das lateinische Flaga, Gegend, unser Pflege, auf die Gegend 
am Meere, den flachen Strand des Meeres eingeschränkt 
(it. Piaggia, Spiaggia, fr. Flage, Gestade); als eine solche flache 
Gegend wurde vielleicht von den Griechen das Meer selbst 
aufgefasst (Il^Xayogy lateinisch Äeqtwr, die Meeresfläche, auch 
dies ursprünglich jede glatte Fläche, zum Beispiel die 
von den Frauen ängstlich gehütete des Bauchs, aeguor 
ventris). Die Schiffer passieren die Linie, das heisst den 
Erdäquator; in Leipzig versteht man unter der Linie den 
Waldweg nach Connewitz, der, vom Scheibenholz abzwei- 
gend, in weitem Bogen nach dem beliebten Ausflugspunkte 
Äihrt. Erst wenn mehrere gleichartige Figuren auf der 
Bildfläche erscheinen, verstehen wir uns zu einer genaueren 
Bezeichnimg, weil wir sie sonst nicht auseinanderhalten 
köimen; sobald die Rivalen aus unserem Gesichtskreise 
verschwinden, fallen wir gleich wieder in die allgemeinen 
Begriffe zurück, die uns bequemer sind. Lass zwei alte 
Tanten in einem Hause wohnen, so heisst die eine: Tante 
Lili und die andere: Tante Fifi. Lass Tante Fifi abreisen, 
augenblicklich heisst die zurückbleibende Tante Lili wieder 
einfach: Tante, 

Genau so reden wir, wenn nur einer da ist, nur vom 
Kaufmann, nur vom Fastor, nur vom Doktor, nur vom König. 

Allgemeine Ausdrücke sind bezeichnend für die Sprache 
der Kinder und der kindlichen Menschen, die noch nicht 
viel wissen, sie sind überhaupt für das Haus und für die 



— 111 — 

Familie bezeichnend. Kaxlchen besitzt nur eine geringe 
Menschenkenntnis, alle seine Gedanken bewegen sich um 
den grossen Mann, den schönen Mann, den fremden Mann, der 
da war; und wenn eine Leiche gewesen ist, so sind die 
schwarzen Männer gekommen und haben ihn abgeholt Die Kin- 
der sagen: morgen ist Heiliger Abend und meinen den Weih- 
nachtsabend, obgleich jede Vigilie, zum Beispiel auch der 
Pfingstabend ein heiliger Abend ist, im Zusammenhange wohl 
auch so genannt wird; und der Vater freut sich auf den 
nächsten Vereinsabend, auf dais nächste Kränzchen, auf das 
nächste Meeting, man weiss nicht, ist es eine Jagd oder ein 
Rennen oder eine politische Versammlung oder eine gottes- 
dienstliche Zusammenkunft. Ein Wunder, eine ungewöhn- 
liche Erscheinung nannten die alten Römer ein Portentum 
oder ein Ostentum, das ist ein Zeichen, wörtlich das Gezeigte^ 
das Vorgestellte, wie wir sagen: die heutige Vorstellung, wenn 
wir aus dem Theater kommen, aber hier mit dem beson- 
deren Sinne eines göttlichen Vorzeichens. Und so klingt 
es in allen kleinen geschlossenen Gesellschaften, man achte 
nur darauf — wie sehr das Volk dazu neigt, alles mög- 
lichst allgemein auszudrücken, sieht man am besten aus 
der übermässigen Anwendung solcher unbestimmter Zeit- 
wörter wie gehn und fahren, sein und werden^ thun und machen, 
samt allen den Wortstämmen, die sie (wie unser sein) 
noch ausserdem in sich vereinigen: bald gehen wir, bald geht 
es um, bald geht die Uhr; bald fahren wir im Wagen ^ bald 
fahren wir übers Meer, wie die Italiener fortwährend andaren,, 
mögen sie es nun a piede oder a cavallo oder in carrozza 
thun — kleine Leute machen auch übers Meer, sie machen 
Kaffee, Holz, Flecke, Kinder, in die Hosen, nach Dresden, 
dass sie fortkommen, was weiss ich alles? — Zweiund- 
achtzigerlei nach Littre (faire), Sie scheinen sich wie Philo- 
sophen in lauter Abstractis zu bewegen. Und doch abs- 
trahieren sie noch gar nicht, alle ihre Anschauungen sind 
konkret, beim Braunen schwebt ihnen entweder der Bär vor 
oder Bruno, bei der Kröte denken sie bald an einen Frosch,. 



— 112 — 

bald an ein Mädchen, die Fhryne war so eine kleine Kröte; 
und so nehmen sie Margareta jenachdem bald für eine Perle, 
bald für ein Gänseblümchen, bald für ihre Ch-ete, Flora oder 
(Moe jenachdem bald für eine Blume, bald für ein blühen- 
des Töchterlein, alles das gleichzeitig, ursprünglich, noch 
ohne Übertragung — was uns ein HauptbegriflF ist, erscheint 
ihnen wie ein Spitzname des Individuums, auf das sie ge- 
rade stossen. 

Es kann auch sein, dass es zwar an gleichartigen Er- 
scheinungen nicht fehlt, die einen Anspruch auf die Auf- 
merksamkeit der ersten Menschen hätten, dass dieselbe aber 
von Einem hervorragenden, alle seine Nebenbuhler in 
Schatten stellenden Exemplare gänzlich absorbiert wird: 
dass sie dann diesem glänzenden Sterne den Begriff empha- 
tisch zuerteilen und so thun, als ob ausser ihm gar nichts 
existierte. Man heisst dies auf griechisch: xa-r* i^oxfv oder 
auf französisch: par excellence. Am Himmel ist es Ein glän- 
zender Stern, der ims das Auge blendet, wie des Tags die 
Sonne, der Sirius, den nannten sie den Stern {tö aatQOv) — 
unter den Adlern ist es Ein Adler, der König ist, der 
Steinadler, den nannten sie den Adler — in der Stadt Lon- 
don gibt es ein grosses, erhabenes Denkmal, die zum An- 
denken an das grosse Feuer errichtete Säule in der City, 
das nannten sie the Monument, Jedermann ist in Italien 
Signore^ die wahren Signori sind die Gutsbesitzer: zu Dantes 
Zeit hiessen die höchsten Magistratspersonen so; und il 
Signore schlechtweg heisst der Herr Jesus Christus. Charak- 
teristisch ist der Ausdruck Klassiker, womit wir Schriftsteller 
ersten Ranges bezeichnen — ebensogut könnten wir die 
Reisenden Klassiker nennen, die erster Klasse fahren. Classid 
hiessen im alten Rom, nach der Verfassung des Servius 
Tidlius, die Bürger der ersten Klasse, will sagen der ersten 
Steuerklasse, deren Vermögen wenigstens looooo Asse 
(etwa 7000 Mark) betrug; oder der Classis schlechthin. Diese 
Einteilung wurde dann bereits von Aulus Gellius auf die 
Schriftsteller übertragen {scriptores classid). 



— 113 — 

Viele unserer gewöhnlichsten Begriffe beruhen, ohne 
dass wir immer daran denken, auf einer solchen oft nur 
zu parteilichen Auslese; zumal fremde Begriffe, die wir 
nicht verstehen {Oper, Werk. Komposition, Zusammensetzung. 
Orgel, Instrument. Tinte, Farbe. Seide, Borste. Black, Schw£U"z, 
Tinte. Koran, das Lesebuch. Bibel, Büchlein, Schrift), Ein 
Globus ist eine Kugel: wir verstehen die Erdkugel darunter, 
wie den Erdäquator unter der Linie. Eine Apotheke ist ein 
Laden überhaupt, wie man einen solchen noch in Italien 
una Bottega imd in Deutschland, nach dem Französischen, 
eine Butike nennt: wir verstehen einen Arzneiladen darunter, 
und die Hauptarznei darin, la MSdedne, tö ^ccQfiaicovy ist 
\vieder das Abfuhrmittel, wie Seringue in Frankreich speziell 
die Klystierspritze, Bemide das Klystier bedeutet. Spezereien 
sind wörtlich Arten und Spezies: wir verstehen Gewürzarten 
darunter (it Spezierie, fr. J^iceries). Strumpfwaren sind nicht 
blos Strümpfe und eine pariser Bonneterie enthält nicht blos 
Mützen {Bonnets). Pulver ist soviel wie Schiesspulver, Fuder 
soviel wie Haarpuder, Gift dasselbe was man in Frankreich 
ein Tränkchen nennt {Poison = lat. Potionem), Saft soviel wie 
Mohnsaft oder Opium {oTtiov, Diminutivum von ÖTtog, Saft), 
Bier nach Grimm das Biber oder das Bihere, daher die Stu- 
denten singen: 

Cerevisiam bibunt homines. 

Auf böhmisch heisst das Bier Piwo, diminutiv Piwko, 
Huncko, was ebenfalls mit dem Verbum piwati, piti, trinken, 
zusammenhängt; in Florenz wird der Milchkaffee, den man 
zum ersten Frühstück trinkt, la Bibita genannt. Auch der 
Name des Weins ist in Griechenland vom Trinken, ge- 
nauer von der Art den Wein zu trinken, hergenommen 
worden. Diesen Begriff, den die alten Griechen und Römer 
vielleicht aus dem Hebräischen entlehnten, sintemal die 
Semiten den Wein früher gekannt haben als die Indo- 
germanen, vinum und olvog = folvog scheinen beides Fremd- 
wörter zu sein — gewann man in Griechenland aufs neue 
aus dem Begriff der Mischung, der dem Volke so nahe lag; 

Kleinpanl, Etym. 8 



— 114 — 

und dabei fugt es sich, dass die alten Griechen den Wein 
als das Ungemischte (ro angaTov, 6 axparog), die Neugriechen, 
mehr das faktische Getränk als das Haupting^rediens be- 
tonend, als das Gemischte (to %qaalj voller tb %qaalov, Dimi- 
nutivum von nqaatgj Mischung) bezeichneten. Man mag mit 
diesem neugpriechischen Kqaal das Wort Temperament ver- 
gleichen, womit wir die besondere Mischung der Säfte des 
Körpers imd noch spezieller diejenige Mischung derselben 
meinen, welche zur geschlechtlichen Vermischung fuhrt 
(avoir du temperament). Ein glückliches Temperament nennen 
ja die Arzte noch heute Eukrasie und eine fehlerhafte 
Mischung der Körpersäfte Dyskrasie. 

Die geschlechtlichen Dinge stehen so wie so im Vorder- 
grunde der Gedanken jedes gesunden Menschen, daher fiir 
sie, neben zahllosen bildlichen Benennungen, auch ganz 
allgemeine Begriffe nebenhergehn, die der Schamhaftigkeit 
willkommen sind, während ein Miss Verständnis ausge- 
schlossen ist. Wie das Gesicht in Italien einfach die Figur 
heisst, so wird das Geschlechtsorgan, zumal das männliche, 
in den meisten Sprachen einfach als das Glied, das Membrum 
oder als das Ding bezeichnet — die Schamteüe betitelt man 
die Teile, italienisch le Parti oder die Natur oder die Geschichte 
— die Geschieht ist in Bayern der volkstümliche Ausdruck 
für die Menstruation, den wohl jener jüdische Bankier im 
Sinne hatte, als er sagte: seivie Tochter sei ganz historisch. Die 
Hoden heissen bei den alten Römern schlechtweg die Zeugen 
(Testes, diminutiv Testicuti), weil sie die Männlichkeit be- 
zeugen — unnötig, sich zur Erklärung dieses Ausdrucks 
auf den mysteriösen Zusammenhang zwischen zeugen und 
zeugen oder auf die uralte Sitte zu berufen, bei einem 
eidlichen Versprechen den Hodensack dessen anzufassen, 
dem der Eid geleistet wird, wie die Bibel sagt, die Hand 
unter seine Hüfte zu legen (i. Mose xxrv, 2. XLvn, 29). Auch 
der geheimnisvolle Akt, wo sich zwei Menschen blindlings 
und in einer Art von Raserei zu dem Geschäft der Fort- 
pflanzung hergeben, der Beischlaf, der Same und die be- 



— 115 — 

treffenden Sekrete werden gern oberflächlich als Werk des 
Fleisches, als Dulce Opus, Natur hingestellt, wie die Harn- 
blase als die Blase und wie der Harn als Wasser (facere 
iuiiwram, den Samen ergiessen, die Natur kommt); wenn die 
Leute nicht vorziehn, die Sache blos zu denken und dann 
das Pronomen es dafür zu setzen oder das Objekt vollstän- 
dig der Einbildungskraft des Hörers zur Ergänzung zu 
überlassen (lateinisch facere, es thun von beiden Teilen, dare, 
gewähren, laissen von der Frau). Vom Manne, dem eigent- 
lichen Subjekte der Paarung, gilt dagegen das ebenfalls 
ganz allgemeine brauchen, griechisch xqriaaad'aij französisch 
mer de sa femme. Diese allgemeinen Ausdrücke sind nicht 
mit denjenigen zu verwechseln, welche, abermals der Scham- 
haftigkeit wegen, Antecedentien, die an sich von keinem 
Belang sind, für den Akt, auf den es ankommt, selbst sub- 
stituieren und wie die Katze um den heissen Brei herum- 
gehn, wie ziun Beispiel das Wort Beischlaf selbst (fr. coucher 
avec une femme, lat. concumhere, coire, sich zu einem Manne oder 
zu einem Weibe legen). Bei den Vögeln ging der Begriff des 
Liegens in den des Brütens über (fr. couver = lat. cübare); aus 
brüten ward im Englischen die weitere Vorstellimg des 
Aushrütens und Erzeugens gewonnen {to hreed). Analog sagt 
der Franzose voir une femme, ein Weib besuchen, Vapproche 
du male oder von den Frauen: approcher des hommes, den 
Männern nahe kommen, griechisch TtXriaid^eiv oder ByxQliiTt- 
niv. Niederkommen heisst eigentlich soviel wie zu Bette 
gehn, genau so wie das französische accoucher; das Volk 
meint aber die Geburt, welche erfolget, nachdem sich die 
Dame zu Bette gelegt hat. Das von der Bibel her bekannte 
erkennen, griechisch yiyvwaxsiVj lateinisch cognoscere, welches 
man allenfalls auch auf den dem Beischlaf vorhergehenden 
Anblick des Nackten beziehen könnte, scheint dagegen 
abermals ein allgemeiner Ausdruck für diejenige Probe und 
Erkenntnis zu sein, die beiden Geschlechtem in der Brunst- 
zeit besonders am Herzen liegt. Die Ehe selbst, welche die 

geschlechtliche Annäherung sanktioniert und das feierlich 

8* 



— 116 — 

geschlossene Bündnis der Geschlechter darstellt, ist von 
Haus aus ein unendlich viel weiterer Begriff, er bedeutet 
Ewigkeit, eine ewige Ordnung und ein hundertjähriges QeseU — 
ewig ist eben nur das Adjectivum zu Eke = Etoe. Bis lange 
ins XVI. Jahrhundert hinein betete man in Deutschland w« 
Ewen zu Ewen, um das lateinische in secuta secalonim zu 
übersetzen, und die Gebrüder Grimm bedauern, dass man 
dem gangbaren Ausdruck das schleppende, erst spät ge- 
bildete Wort Jahrhundert vorgezogen habe. In den Nieder- 
landen heisst das .Jahrhundert" bis auf den heutigen T^ 
die Eeuw. 

Scheint nicht die Geburt eine ganz spezielle Funktion 
des weiblichen Organismus, die nicht einmal im Leben der 
Pflanzen, Ja nicht einmal im Leben aller Tiere, geschweige 
denn sonstwo eine Analogie besitzt? — Und doch ist der 
Begriff ein ganz und gar allgemeiner, erst spät auf die 
Schwangerschaft und noch später auf die Ausstossung der 
Leibesfrucht beschränkter. Oebären, ursprünglich bärm, 
englisch to hear heisst „tragen" und ist eins mit dem latei- 
nischen ferre. Wir übersetzen fertüis mit „fruchtbar", es ist 
eigentlich: „tragbar" und nicht blos auf Obstbäume, sondern 
auch auf Weiber anzuwenden. Denn aus dem Begriffe des 
Tragens entwickelte sich der des Tragens der Leibesfrucht, der 
ja auch bei Tieren, namentlich bei Haustieren üblich ist 
(Tragezeit, Trächtigkeit); von da aus war der Übergang leicht 
zum Austragen der Frucht und zu dem entscheidenden 
Augenblicke, wo die Mutter ihr Kind unter Schmerzen 
hervorbringt oder, wie es hösst, zur WeU bringt. So sagt 
man auch von der Henne einfach, dass sie (ihre Eier) lege, 
französisch dass sie (dieselben) setze (pondre = ponere). Es ist 
nicht einmal zutreffend, dass sich der spezielle Sinn hier 
aus dem allgemeinen entwickelt habe, man hat sich die 
Sache gerade umgekehrt zu denken: eine und dieselbe Vor- 
stellung wurde gleichsam von verschiedenen Punkten aus 
erfasst Was heisst sehen? — Eigentlich folgen, das heisst: 
mit den Augen folgen, ich sehe stimmt zu lateinisch se^ 



— 117 — 

und griechisch eTto^au Eine grosse Rolle spielen in Eng- 
land, bei den Oxforder Studenten, und in Nordamerika die 
ScoutSy die Späher, die Kundschafter, die Spione: es sind 
eigentlich die Aufjpasser oder Horcher (vom französischen 
kowter = escouter). In Italien heisst sentire: hören; was 
heisst schmecken? — Ursprünglich: wahrnehmen überhaupt, 
denn im Mittelhochdeutschen bedeutet es auch: riechen, 
und noch heute riecht der Bayer nicht, sondern schmeckt, 
daher es heisst, er habe nur vier Sinne. Wie Sebastian 
Münster Arabien beschreibt, sag^ er, ein edler Geschmack von 
Thymian, Myrrhe und Rosen gehe durch das ganze Land, und so 
der Wind in die wohlschmeckenden Bäum^ komme, gehe der süsse 
Geschmack weit aus dem Land, dass auch die, so in dem Roten 
Meere schiffen, einen tounderlustigen Geruch davon empfahen. Was 
heisst das französische avaler? — Eigentlich thalahwärts, ä val 
bringen, dann verschlingen, hinunterstürzen. Was heisst 
das lateinische orare? — Eigentlich: sprechen, dann als 
orator im Volke sprechen, will sagen: eine Rede halten 
und vermöge der adoratio zu den Göttern sprechen, will 
sagen: beten. Nicht einmal lallen scheint sich beständig 
Mos auf die Zunge zu beziehn, denn es gilt im Altnor- 
dischen auch von dem Gange eines Kindes (laMa, wanken). 
Die indogermanische Wurzel PET oder PAT, die in dem 
lateinischen petere deutlich vorliegt, bedeutet ursprünglich 
eine rasche Bewegung durch die Luft, dann spezieller fliegen: 
dieser Sinn erhielt sich in den beiden Substantivis Penna, 
altlateinisch Pesna = Petna, Feder, gleichsam die Fliegende, und 
Accipiter, Habicht, eigentlich der Schnellfliegende, ^QiiV7tiTr]Q\ 
und in den beiden, der Sprache der Auguren entnommenen 
Adjectivis praepes und propitiuSy wörtlich vorwärts fliegend, 
folglich günstig, indem die Vögel, welche auf den Beobachter 
zugeflogen kamen, die Yolucres adversae, für ungünstig galten. 
Im Griechischen und im Sanskrit aber hat sich von der 
Bedeutung fliegen, die in Tt^ro^at oder Yjtra^at erhalten ist, 
unter einer andern Form die Bedeutung fallen abgezweigt: 
7tl7tT(o = Tti-TiirWy Aorist eTteaov ■= eTterov — impetum facere, 



einen Einfall machen, entspricht daher iftjieaelv, l^intaev: 
er flog hinaus. Tausend dergleichen unanfechtbare Fälle 
von einer zellenartigen Teilung- und Spaltung der Begiiffe, 
von Eigennamen, die vom Volke befördert worden sind 
und wie gemeine Soldaten Generalsrang erhalten haben, 
Hessen sich namhaft machen, als welche man sammeln und 
mit allem Fleisse bearbeiten sollte, um so den Anfeng zu 
einer interessanten, praktischen Logik des Volks zu machen. 
Nur einige werden noch im Folgenden herausgegriffen. 

Wägen ^ wiegen, beide früher 'VJegeit, ein Verbum -wit fßigir. 
nnd in bewegen noch erhalten: diese drei Worte -wägen, wiigtn mi 
6e-viigin, die sicli in Sprache und Schrift getrennt haben, sind utspriing- 
lich eins. Die Mutter, die ihr Kind v/iegt, bewigt es schaukelnd bin 
und her, und der Krämer, der ein Pfund Zucker wägl, ivitgt die 
Wagschalen gleichsam, indem er sie hin und her bmiegt. Übrigens 
ist die Form luägen mehr auf den gehobenen StU und die bildliche 
Anwendung beschränkt: man -wägt die Gründe ab, indem man alles 
wohl trwägt, loiegt aber ein Pfund Zucker ab. Bildlich wurde schon 
von den Römern pindere nnd das Frequentativum pensare genommen' 
ans dem letzteren ist bekanntlich in den romanischen Sprachen det 
Begriff des Denkens hervorgegangen, französisch pm^ir. Unmittelb» 
entwickelte sich 3.MS pendere die Vorstellmig: besohlen, weil die ersten 
Zahlungen in ungeprägtem Metall {_Aes grave) mit Hilfe einer Wage 
zu geschehen pflegten. Ein Pensum war ursprünglich die am Morgen 
zngewogene Wolle, welche die Sklavinnen den Tag über zu spinnen 
hatten. 

locken, ein altes Weidmanns- und Hirtenwort, auf Falken, Hmide. 
Schafe angewandt, nachmals verallgemeinert. 

Kraft ist eigentlich eine ganz besondere Kraft, nämllcll die Kraft 
des Arms, respektive der Hand, zn fassen und zu greifen. Creiff 
selbst ist verwandt (sanskrit grab/i). Im Englischen ist der Begriff 
der Stärke in den der Klugheit übergegangen (Cro/(, Kunst, Handwerk). 

Jus, lateinisch Recht, zugleich Brühe oder Sauce; im Französischen 
bekanntlich noch heute das Letzlere (/'uj ^herbes, jus de lavig7te,;ui 
de riglisse). Vielleicht ursprünglich ausgequetschter Frucht- odei 
Kj-äutersaft ; dann das Recht, das wie eine Quintessenz aus dem PrO' 
zess gewonnen wird. Wäre diese Vermutung richtig, so würde to 
Wort, das mit Jurare zusammenhangt, einen andern Ursprung haben 
als einen religiösen (altlaleinisch yous = sanskrit yaus); und die 
zwiefache Bedeutung erklärte sich meines Erachtens recht viel ein- 



— 119 — 

facher als durch die gesuchte Herleitung aus einer "Wurzel, die erst 
vermengen, einrühren, dann verbinden bedeutet hätte. 

Ingenium (von gignoy erzeugen, einer Reduplikation der Grund- 
form geno) bedeutet im Lateinischen Natur und Anlage überhaupt. 
Columella spricht von dem besonderen Ingenium jedes einzelnen Obst- 
baumes, Virgil in den Georgicis von dem Ingenium eines bestimmten 
Feldes oder Bodens. Erst dann wurde es auf den Menschen bezogen 
und für geistige Anlagen, wissenschaftliche oder künstlerische Schöpfer- 
kraft und wie die Franzosen sagen Genie gebraucht. Genius war eine 
Gottheit der Geburt. Auch Natura und Natur bedeuten ursprünglich 
im Lateinischen und Deutschen wie griechisch ^ciq nur die an- 
geborene Anlage j die leibliche und geistige Beschaffenheit eines be- 
stimmten Wesens. 

Adepten, in der Alchimie diejenigen, welche den Stein der 
Weisen gefunden hatten. Wörtlich diejenigen, welche erlangt hatten 
(gui adepti erant), wie es im Lateinischen hiess adipisci fnagistratum^ 
honores, laudem. Ahnlich ist im heutigen Französisch der Begriff Acquis, 
wörtlich Erworbenes, dann aber: erworbenes Wissen (un hofnnu qui 
a beaucoup d*acquis). Der Stein der Weisen hiess im Mittelalter Petra 
Philosophalis t denn Philosophie war damals noch was wir Wissenschaft 
nennen, nämlich alles Wissen: die Philosophen waren Weise, so hiessen 
bei den Handwerkern die Ingenieure {Passio Quattuor Coronatorum, 
A. D. 300). Man vergleiche den ganz allgemeinen Begriff Musik. 

Peripatetiker soviel wie Aristoteliker. Der Platz, wo Aristo- 
teles lehrte, ein Schattengang des Lyceums, wurde in Athen schlecht- 
hin der Spaziergang (o TtEglnaroq) genannt. Er war die Promenade 
von Athen. 

Bastimento (it.) = fr. Bätiment. Im Italienischen und Spa- 
nischen SchiiT, im Französischen dasselbe, aber auch Gebäude über- 
haupt. Das französische Bateau hangt nicht damit zusammen, wohl 
aber kommt von demselben Wortstamme, der „stützen" bedeutet und 
vermutlich der römischen Volkssprache angehört: Bistouri ^^ Bistorie, 
mittellateinisch Bastoria, ursprünglich eine Waffe, eine Keule, ein 
Stock, dann ein grosses Messer, endlich ein chirurgisches Instrument. 

Palombe, in den Pyrenäen !^ame der Ringeltaube, die dort bei 
ihrem Zuge in Netzen gefangen wird (Pigeon ramier). Wir setzten 
bereits auf Seite 32 auseinander, dass Palwnba nur eine Nebenform 
von Cohtmba ist, die wahrscheinlich einem oskischen Dialekte angehört. 

Von geographischen Namen, deren eingehende Unter- 
suchung uns hier zu weit führen würde, wollen wir nur 
folgende anmerken: 



— 120 — 

Länder: Kafnpanien, Land. Champagne ^ Blachfeld. Polen^ Feld, 
Ebene. Epirusj Festland. Sahara^ fester Boden. 

Städte: Stanilnä, aus eiq zrjv nohv, Graz, Städtchen. Medina, 
Stadt. Luksor, der Plural von kasr = castrum (eltiqsur, die Burgen). Bonn. 

Berge: Balkan, Gebirge, Wald. Kordilleren, "Ber^^e^^n, Apenninen, 
Bergspitzen. Taurus, Gebirge. KtUm, Gipfel. MongibeUo, 

Flüsse: Pruth, Don. Donau, Elbe, Jordan, Ganges. Indus, Nil. 



2- Zweite Stufe: Periode der begrifTlichen Übertragung. 

Der Mensch bekommt mehrere gleichartige Erscheinungen zu Gesicht und 
überträgt auf sie den Namen, welchen er der ersten gegeben hatte, was 
seine ersten Denkversuche darstellt — so wird ein allgemeiner Begriff, was 
erst ein Eigenname war, wie es der Name der Schweiz oder des Redners 
Cicero geworden ist — eine andere Manier des Volkes, die mit der appel- 
lativen Anwendung von Eigennamen nicht zu verwechseln ist — alle Wissen- 
Schaft beruht auf einer derartigen Übertragung — der grosse und der kleine 
Bär — Sterne, Sonnen und Monde — die Erde ein Stern unter Sternen, das 
Tier eine Maschine, an welcher der Mund das Heizloch darstellt, das Feuer 
die Erscheinung der Verbrennung — es ist natürlich, dass die Klassifikation 
nicht gleich von Anfang an eine richtige ist: das Feuer ein Tier, das sich 
von Holz nährt — kindliche Irrtümer: Wölfe und Füchse, Elefanten und 
Kamele, Hunde und Schweine, Vögel und Fische, Trüffeln und Kartoffeln — 
Vermischung des Pflanzenlebens und des Tierlebens: Same und Ei — 
Tierisches und Menschliches: Rüssel, Schnauze, Tatze, Schwanz — Bernstein 
und Elektrizität — Übertragung von Ausdrücken bestimmter Lebenskreise 
auf andere Lebenskreise: von Ausdrücken der Bauern, der Soldaten, der 
Bergleute — von hervorragendem Einfluss auf die Sprache der Landbewohner 
ist die Sprache der Seeleute, die aber ihre Termini technici selbst erst 
wieder vom Lande haben — Schiff und Geschirr — Fässer und Stiefel — 
es ist ein grossartiges Durcheinanderwerfen von Vorstellungen, die subjektive 

Weisheit und Naturgeschichte des Volks. 

So lange lauter einzelne Individuen im Gesichtsfelde 
des Beobachters standen, dienten die Worte nur dazu, diese 
Individuen zu nennen, von allgemeinen Begriffen war noch 
gar keine Rede, was uns jetzt als ein allgemeiner Begrüf 
erscheint, im Kindesalter der Menschheit ein Eigenname. 
Es gab noch keine Fächer, weil es noch keine Papiere zu 
ordnen gab, man kannte noch keine Kategorien, weil man 



— 121 — 

noch keine Erscheinungen kannte, von welchen man sie 
abstrahiert hätte, jedes Wort zählte nur für das Ding, auf 
das es gerade passte. Begrifife wurden die Worte erst, als 
der Mensch mehrere gleichartige Exemplare zu Gesicht 
bekam und er den Namen, welchen er dem ersten gegeben 
hatte, auf die folgenden übertrug; denn dieser Name erwies 
sich als elastisch, er deckte eine Menge und er deckte Eins. 
Aber so lange wir nur von Einem Berge, Einem Flusse, 
Einem Manne und Einem Tiere wissen, sind auch die Namen 
Berg, FlusSy Mann und Tier Namen wie Hinz und Peter. Erst 
mit dem Plural bildet sich die Idee. 

Der Seefahrer, der die sieben Sterne, die Septem Triones 
oder die sieben Pflugochsen des Grossen Bären oder des 
Himmelswagens zählt, hat das Wort Stern von dem ersten 
leuchtenden Punkte, der ihm wie ein Stern vorkam, auf die 
andern leuchtenden Punkte übertragen — jeder einzelne 
ist ein Stern und hier stehen sieben solcher Sterne — Stern, 
anfangs nur ein Eigenname, ist zum Begriff geworden, 
unter den nachgerade unsere eigne Erde, ein Stern unter 
Sternen, fällt. 

Das glänzende Sternbild, welches in Europa nicht 

untergeht, war ursprünglich den Menschen unter dem 

Namen Bär oder Wagen allein bekannt. Der weise Thaies, 

heisst es, zeigte den Griechen eine zweite Konstellation, 

auf die er vermutlich selbst im Orient auftnerksam gemacht 

worden war imd die sieben ganz gleich gestellte Sterne 

enthielt: nun wurde das erste Sternbild der Ghrosse Bär 

('jQHTog fxsydlrj), das zweite der Kleine Bär {^'^qxtoq fitx^d) 

genannt. Es gab nun zwei Bären am Himmel, zwei Wagen, 

zwei Septem Triones, wie Ovid in den Tristien sagt: magna 

mimrque ferae oder wie der gefeierte Dichter Aratus seine 

Beschreibung anhebt: 

6v(o 6i /UV &fi(plq exovaai 
"Aqxtoi afia ZQOXOOfai, to 6^ xakeovxai A/ia^ai — 

der Eigenname hatte um sich gegriffen, wie in der mo- 
dernen Astronomie die Begriffe Sonne, Mond und Erde um 



— 122 — 

sich greifen, wenn von einem Monde der Venus, den Monden 
des Jupiter und des Saturn, was sage ich, von Möndchen am 
Grunde der Fingernägel die Rede ist; oder wenn ein 
Dichter die blauen OefiMe mit Sonnen und Erden durchsät besingt 

Der äussere Bau der Spinnen ist soweit bekannt, dass 
jetzt jedermann beim Anblicke der acht Beine, des in 
einen Vorder- und Hinterleib zerlegten, nicht weiter ge- 
gliederten Körpers eine Spinne vor sich zu haben gewiss 
ist. Was in dem finstem Winkel nistet und wie die Königin 
Bertha häuslich spinnt und webt, hat mit seinen Fäden ein 
ganzes, zahlreiches Geschlecht umsponnen! — 

Der Leser hört uns vielleicht mit Verwunderung Dinge 
vortragen, die ihm selbstverständlich scheinen. Aber er 
möge nicht vorschnell für selbstverständlich halten, was 
dem ungeschulten Menschengehime vielleicht eine durch- 
grreifende Entwickelung gekostet hat: die ersten Denkver- 
suche sind langsam wie die ersten Schritte des Kindes, 
das gehen lernt; imd selbst wenn die Stufe ohne Anstren- 
gung erreicht ward, so müssen wir uns doch bewusst 
werden, dass sie zu erreichen war, dass wir alle nur 
denken gelernt haben, indem wir übertragen lernten, dass 
wir es noch alle Tage von neuem lernen. Dieser Prozess 
kehrt später, wo die Namen bereits sehr ins Individuelle 
gehn und es bereits im Gegensatze zu allgemeinen Be- 
griffen Nomina propria gibt, wieder — fortwährend werden 
Eigennamen auf andere gleichartige Spezimina übertragen, 
die Individuen verbreiten sich, erben sich wie die an- 
steckenden Krankheiten, die man früher erblich nannte, und 
reissen wie Ströme andere Gewässer mit sich fort Die 
Individualität ist relativ: es gibt einzelne Individuen, die 
man Individuen im engem Sinne nennen könnte, zum Bei- 
spiel ICarl der Grosse, der Vater Rhein, das deutsche 
Vaterland, Berlin, der Brocken; es gibt aber auch granze 
individuelle Gesellschaften, wie sie die Tiere, die Völker, 
die Geschlechter, die Stände bilden; es gibt sogar indi- 
viduelle Stoffe. Nun, jede hervorragende Individualität, 



— 123 — 

welcherart sie auch sei, macht Schule: aus der Schweiz wird 
eine Sächsische Schweiz, aus Indien ein Westindien, aus Athen 
ein Spreeathen, ja aus dem Buchstaben I ein griechisches /, 
I grec, das Ypsilon, fälschlich Y grec, entwickelt, der grosse 
Cäsar eröffnet die lange Reihe der Kaiser imd der Zaren, 
Ein dcero gebiert tausend Ciceroni, Ein Lazarus tausend 
Lazzaroni; auch die Völkemamen ergeben, wie wir dies 
anderweit auseinandersetzten, merkwürdige Appellativa, und 
dieselbe prädikative Neigung zeigt sich bei den Namen der 
Tiere, die ebenfalls in Völker eingeteilt sind, bei den Pflan- 
zen, den Früchten, den Organen, den Stoffen, Waren, Klei- 
dern, Schuhen, Speisen und Getränken, kurz allen Dingen, 
die etwas Individuelles, das heisst, ein hervorstechendes 
Merkmal haben, sie alle werden mit diesem Merkmal 
typisch, wie die Schuhe für die Handschuhe t3rpisch gewor- 
den sind. Das ist genau derselbe Vorgang wie beim ersten 
Denken; während eine andere Manier des Volkes ferne 
gehalten werden muss: diejenige, nach welcher es un- 
logisch anstatt des allgemeinen Begriff's, der existiert, eine 
Art setzt, die ihm gerade vorschwebt Der Italiener sag^t 
unzähligemal Cristiano, wo er Uomo sagen sollte, und setzt 
z. B. den Christen dem Tier entgegen; Hohaisten ist in 
Deutschland bei den Infanterieregimentern die herkömm- 
liche Bezeichnung aller Musiker. Sothane Manier, die das 
Gegenstück zu dem Ttar i^ox'qv zu sein scheint, beruht nicht 
darauf, dass der spezielle Begriff" erweitert worden ist, denn 
nie würde man im Ernst einen Türken einen Cristiano, einen 
Trompeter einen Hohoisten nennen; sondern darauf, dass 
das Volk den allgemeinen Begriff über der vorherrschenden 
Art gleichsam vergisst. 

Natürlich, dass jene Übertragung, wo sie dem sprach- 
lichen Ausdruck zu Grunde liegt, in den Lehrjahren der 
Menschheit nicht immer mit derjenigen Schärfe vor sich 
ging, welche die Frucht einer tausendjährigen Erfahrung 
und einer ununterbrochenen Übung ist. Von emem pa- 
triarchalischen Geschlechte wird man nicht verlangen, dass 



— 124 — 

es die Tiere und die Pflanzen, die Eingeweide und die 
Krankheiten des Menschen so richtig klassifiziere, wie sie 
die moderne Naturforschung klassifiziert, deren Arbeit ja 
ebensowenig abgeschlossen ist und vielleicht ihrerseits 
wieder kommenden Jahrhunderten patriarchalisch erscheinen 
wird. Alles was man Wissenschaft oder Philosophie nennt, 
läuft eben im letzten Grunde auf eine Übertragung und 
auf eine Unterordnung hinaus, wie sie die Sprache vom 
ersten Lallen an geübt hat Der Neger, der beim Anblick 
deutscher Schneeflocken in die Hände klatscht und ruft: 
da regnet's ja Baumwolle! — denkt so gut wie Linne, der, 
was fälschlich als Wolle oder JEToar bezeichnet wird, einer 
zur Familie der Malvaceen gehörigen Gattung C^ssypium zu- 
rechnet, der genäschige Indianer, der, durch Erfahrung klug 
gemacht, einen Brief wie einen Verräter furchtet und ihn 
versteckt, damit er nichts sehe, oder der eine Taschenuhr 
erbeutet, dieselbe am folgenden Tage seinem Häuptling 
bringt und sagt: er habe da ein seltsames kleines Tier gefangen, 
gestern hohe es noch gelebt, heute sei es tot — so gut wie Dar- 
win, der im Menschenleib ein bilateral-symmetrisches Gebäude 
und im Mund das Heizloch der tierischen Maschine findet; und 
wenn der moderne Weltweise den Blitz als einen elektrischen 
Funken, das Feuer als die Erscheinung eines chemischen Pro- 
zesses^ die Verbrennung als die Verbindung eines Körpers mü 
Satter st off begreifen lehrt: so thut er eben gar nichts an- 
deres als der Wilde, der im Zeitalter der Entdeckungen 
das Feuer als ein holzfressendes Tier betrachtet und das 
Brennen des Feuers für den Biss dieses Tieres ansieht Unser 
Herz ist eine DrucJqpumpe, wie der Kehlkopf ein Blasinstru- 
ment; der Flügel der Vögel dient ihnen im Meer der Luft 
als Buder und ihr Schwanz als Steuerruder, Nun, als die 
Eskimos A. D. 1818 die zur Aufsuchung einer nordwest- 
lichen Durchfahrt ausgerüsteten Schiffe Isabella und Alexan- 
der des Sir John Ross erblickten, hielten sie dieselben für 
Biesenvögel und die Segel für ihre Flügel. Die Arzte erzählen 
uns, dass das Fieber keine selbständige Krankheit, sondern 



— 125 — 

nur ein Symptom von Krankheit, dass dagegen das Alter 
an sich eine Krankheit sei, die beim Menschen mit dem 
sechzigsten Jahr eintrete und einen tödlichen Ausgang nehme. 
Die Naturvölker, die bekanntlich jede schwere Krankheit 
auf Rechnung eines bösen Geistes setzen, der in den 
Menschen gefahren sei, müssten demnach folgerichtig auch 
an einen Dämon glauben, der hinter dem Greisenalter 
steckt; und in Übereinstimmung damit hat man neuerdings 
im Scherz empfohlen, auf den AltershaciUus, als auf den 
Mikroben zu fahnden, der sich der regelmässigen Erneue- 
rung der Zellen des Organismus entgegensetze, wie Pasteur 
den ToUivufhacülus , Koch den Cholerapüz gesucht und ge- 
funden haben. 

Man kann sagen, dass die Sprache beständig eine 
andere wird, weil die Erkenntnis beständig zunimmt; denn 
erkennen heisst übertragen und jede neue Übertragung 
involviert einen neuen Namen. Einzelne Gelehrte nehmen 
an, dass unser Wolf und das lateinische Vtdpes identisch sei; 
darnach hätten unsere Vorfahren für beide Gesellen, Wolf 
und Fuchs, nur ein einziges Wort gehabt und ursprünglich 
nur das schwächere Waldtier so genannt, dann aber den 
Namen auf das stärkere Waldtier übertragen, wie vorhin 
der Name des g^rossen Bären auf den kleinen Bär über- 
tragen ward. Von den grossen Tieren fremder Weltteile 
lernten die Deutschen zunächst den Elefanten kennen, den 
die Goten Ulbandtis, die alten Deutschen Olbanta nannten und 
dessen abenteuerliche Gestalt, angeblich ein Geschenk Harun 
al-Raschids an den Kaiser Karl den Grossen, zum ersten- 
male zu Brixen in Tirol auftauchte, wo es noch einen Gast- 
hof zum Elefanten gibt. Als sie dann gelegentlich auch ein 
Kamel zu Gesicht bekamen, glaubten sie wiederum einen 
Elefanten vor sich zu haben und nannten das grosse Tier 
abennals Olbente; erst zur Zeit der Kreuzzüge lernten sie 
das eine Monstrum von dem andern unterscheiden. Die 
Römer dagegen, die zum erstenmale Elefanten in der 
Armee des Pyrrhus sahen, hatten diese für Lukanische 



— 126 — 

Ochsen gehalten, daher bei ihnen der Name Bos Luca ftr 
Elefant. So wurde das Truthuhn, als es nach der Ent- 
deckung Amerikas zu uns herüberkam, mit einem Pfau 
verwechselt, so nannten die Einwohner der Neuen Hebriden 
die Hunde, die sie von den Gesellschafitsinseln erhielten, in 
ihrer Sprache Schweine, so wirft man alle Tage, die Grott 
werden lässt, Robben und Hunde, Delphine und Schweine, 
Kj-öten und Frösche, Auerochsen und Büffel, Beuteltiere und 
Ratten, Yakschwänze und Bossschweife durcheinander. Wollen 
wir uns über die Franzosen verwundem, wenn sie im Krieg 
von 1870/71 die gesamte leichte Kavallerie des deutschen 
Heeres, welche zur Aufklärung des Geländes verwendet 
wurde, also auch die Dragoner, Husaren und Chevaulegers 
als ülans bezeichneten? — 

Weil (nach der Genesis) Gott sprach: es errege sich das 
Wasser mit wehenden und lebendigen Tieren und mit Gevögel, das 
auf Erden unter der Teste des Himmels fliege — schienen beide 
Klassen des Tierreichs einen und denselben Ursprung zu 
haben. Die Vögel wurden also in altchristlicher Zeit als 
Fische betrachtet, und viele Kirchenväter, Basilius, Ambrosius 
begründeten diese abgeschmackte Meinung. A. D. 789 auf 
dem ersten Aachener Konzil wurde den Mönchen das Ge- 
flügel an Fasttagen untersagt, doch änderte das nichts an 
der herrschenden Ansicht. Allmählich wurde der Genuss 
von Geflügel in der Fastenzeit den Gläubigen überhaupt 
verboten, aber mit gewissen Schwimmvögeln eine Aus- 
nahme gemacht, z. B. mit der Trauerente und der Ringel- 
gans, ja, aus Gefälligkeit galten selbst einige Vierfiisser, 
z. B. Robben, Biberschwänze und Fischottern für Fisch 
Das Volk glaubte, diese Geschöpfe hätten kaltes Blut. 

Innerhalb des Pflanzenreichs ist das Wort Kartoffel ein 
merkwürdiger Beleg für die populären Übertragungen. Als 
im XVI. Jahrhundert die ersten Batate nach Itaüen ge- 
bracht wurden, hielt man sie hier für Trüffeln, mit denen 
sie ja auch wirklich grosse Ähnlichkeit besitzen, und nannte 
sie Tartufole, mailändisch Tartuffol, d. i. Trüffelchen {Tartufo, 



— 127 — 

Trüffel); dies Diminutivum kam im XVII. Jahrhundert mit 
der Frucht als Fremdwort nach Deutschland, wo man 
anfangs allgemein Tartoffeln oder Tartuffdn oder Tartüffeln 
sagte, während gegenwärtig meist die obenerwähnte Dissi- 
milation: Kartoffeln durchgedrungen ist Noch Adelung 
glaubte, Kartoffel sei aus Erdapfel entstellt. Erdapfel, Erd- 
Urne^ Grundbime und wie die berühmte Knolle sonst ge- 
nannt wird, französisch Pomme de terre, griechisch recjfirjkovy 
sind ähnliche Bezeichnungen; der Apfel, unsere älteste und 
beliebteste Obstart, ist ja gleichsam das Prototyp für alle 
Früchte auf der Welt, unter- imd oberirdische — wer 
möchte die unterschiedlichen Adams- und Hesperidenäpfel, 
die Galläpfel, die Stechäpfel, die Liebesäpfel, die Sodoms- 
äpfel, die Granatäpfel, die Apfelsinen, die lateinischen Poma 
und Mala alle zählen? — Versteckt liegt dieser eine Begriff 
ja sogar den Quitten {Mala Cydonia) und Pfirsichen {Mala 
Persica) zu Grunde. Eine ähnliche Vielseitigkeit entwickelt 
Nuss und Feige und unter den Halmfrüchten das Korn 
{Granum). 

Die zur Bereitung des Kuhkumys verwendeten Kefir- 
kömer sollen ein Geschenk Mohammeds sein und werden 
die Hirse des Propheten genannt. 

Ja, nicht blos innerhalb des Pflanzenreichs und inner- 
halb des Tierreichs gewahrt man diese, oft nur allzukühne 
Übertragung, sondern auch von Pflanzen zu Tieren und 
umgekehrt Ich will hier nicht auf einzelne Vermischungen 
emgehn, wie sie bei dem ÄgnTis Scythicus oder bei den 
Schildläusen, der Kocheniüe und den Kermeskörnern stattge- 
funden haben, sondern nur allgemeine Anschauungen an- 
ziehn. Das Pflanzenleben liegt dem Menschen näher, es 
ist ihm verständlicher, daher geht er bei physiologischen 
Vorgängen gewöhnlich von ihm aus. Same, lateinisch Semen, 
griechisch ZTtiqfia, wurde offenbar wie Frucht ursprünglich 
im engsten botanischen Sinne gebraucht und erst nach- 
träglich auf den männlichen Zeugungsstoff angewendet; die 
Alten, die noch keine klare Vorstellung von der Zeugung 



— 128 — 

hatten, ja sogar den anatomischen Bau der inneren weib- 
lichen Geschlechtsorgane nur unvollkommen kannten, schrie- 
ben auch dem Weibe Samen zu, während der weibliche 
2feugungsstoff bekanntlich Bi genannt wird, was wiederum 
auf einer starken Verallgemeinerung dieses BegfriflEs beruht; 
denn zunächst war nur das mit einer Schale versehene 
Yogelei bekannt, schon der Ausdruck Fischeier setzt eine 
gewisse naturwissenschaftliche Bildung voraus, welche die 
ersten Menschen nicht besassen. Aber allmählich ward die 
Vorstellung des Eis nicht nur auf alle Tiere mit geschlecht- 
licher Zeugung, also auch auf den Menschen, dessen Ei 
gerade noch mit blossem Auge wahrnehmbar ist, sondern 
sogar auf die Pflanzen ausgedehnt, deren Fruchtknoten von 
den Botanikern als Eierstock (Ovarium) bezeichnet zu werden 
pfleget; jede Samenknospe, jeder Keim, der Kern eines 
Apfels, der Stein einer Kirsche, eine Welsche Nuss ist im 
Sinne der Wissenschaft ein Eichen {Ovulum) j der Apfel nichts 
anderes als ein entwickeltes Ovarium, in welchem die be- 
fruchteten Eier als Samenkeme liegen. Der Eileiter, welcher 
die reifen Eier des Eierstocks aufnimmt und in die Gebär- 
mutter überfuhrt, fällt gleich der Gebärmutter selbst bei 
den Pflanzen ganz weg; bei ihnen verbleibt das Ei auch 
nach seiner Befruchtung im Eierstocke. Eine Gebärmutter 
besitzen nur die Tiere, hier haben die Anatomen sogar eine 
männliche Gebärmutter, einen Uterus Masculinus ausfindig ge- 
macht, die sogenannte Vorsteherblase. Folgerichtig müsste 
man auch die Blumen mit unseren Geschlechtsorganen 
parallelisieren, hier kommen aber wieder die Pflanzen zu 
ihrem Recht, indem ihnen die Typen der Blüte, der Kmspe, 
der Beife, des Weüeens, der Fortpflanzung, der Defloration, 
der Befruchtung, des Stammbaume und der Zweige allgemein 
entnommen werden — alles Ausdrücke, die beweisen, dass 
sich die Menschen gleichsam noch immer als Pflanzen 
fühlen. Nur imsere Krankheiten übertragen wir gelegentlich 
auf die Bäume; wir sprechen vom Krebs der Weisstanne 
und von Wunden, welche die Blutlaus den Apfelbäumen 



— 129 — 

beibringt {Astwunden). Fühlen sich die Menschen auch als 
Tiere? — Man möchte sagen: ja, wenn man die Bauern 
und gewisse Naturforscher reden hört, die uns nicht 
die Hand, sondern die Freundschaftstatze geben. Ein vog^- 
ländischer Bauemjunge ruft: Voater, er hai a Hoar am Bussel! 
— worauf ihm von seinem Bruder die Rüge zuteil wird: 
Wie kannste dem Voater sei Quschel a Bussel nennen. Aber 
das Wort Biissel, das wohl zunächst die verlängerten Mund- 
teile des Schweins bezeichnet, ist auch anderwärts ein 
gemeiner Ausdruck für Mund geworden, daher auch der 
Bartkratzer in Süddeutschland Büsselscha^er heisst, man ver- 
gleiche damit, 6ass sich die Bauern nicht kämmen ^ sondern 
striegeln. Genau so verwenden wir Schnauze und sprechen 
von einem Schnauzbart oder sagen (mit niederdeutscher 
Färbung): halt die Schnute! — Fresse, sogar Schnäbel, und 
ganz allgemein Maul, das in süddeutschen Mundarten ge- 
radezu die Stelle des edleren Mund vertritt: ich habe, so 
schrieb Elisabeth Charlotte, die sogenannte Liselotte, Her- 
zogin von Orleans, ein teutsches Maul, S0 auf teutscJie Speisen 
verleckert, dass ich kein einziges französisches Bagout leiden kann. 
Die Italiener brauchen die Ausdrücke Muso, Ceffo, Grifo, 
Grugno, die Franzosen Museau für das menschliche Angesicht 
{Mtiso und Museau aus lat. Morsus, Gebiss). Eine Über- 
tragung, die fast durch alle Sprachen geht, ist die des 
Schwanzes auf die Rute des Menschen, weil dieselbe nicht 
wie bei den Säugetieren unter der Haut liegt, sondern 
zwischen den Schenkeln frei herabhängt (Schwanz, Zagel, 
lat Cauda, it Coda u. s. w.). Auch das lateinische Penis be- 
deutet ursprünglich den Schwanz eines Wirbeltieres; Pinsel, 
der lange Haarbüschel, welcher am vorderen Ende der 
Brunstrute des Rehbockes herabhängt, ist nur das Diminutiv 
von Penis {PeniciUus), 

Worauf es uns hier ankommt, ist nicht die mehr oder 
weniger gelungene, respektive mehr oder minder leicht- 
fertige Klassifikation: sondern der Weg, den der mensch- 
liche Verstand bei allen neuen Entdeckungen uniwiderruf- 

Kleinpanl, Etym. 9 



— 130 — 

lieh einschlägt. Mit einem Namen, der wie ein Begriff 
aussieht, fäng^ er an, indem er ihn dem ersten Individuum 
gibt, das ihm gerade vorkommt; dann überträgst er diesen 
Namen auf alles was jenem ersten Exemplare ähnelt, und so 
wird der Name allmählich wirklich ein BegriflF. Was grunzt, 
gilt den Menschen fiir ein Schwein, und da die Stachel- 
schweine und die Meerschweinchen ganzen, so werden sie 
den Schweinen zugezählt, so unpassend sonst diese Bezeich- 
nung ist; was bellt, halten die Menschen för einen Hmiy 
darum die Robben, welche bellen, Seehunde heissen; da sie 
ausserdem noch plärren, blöken und brüllen, so haben die 
Matrosen auch noch Meerkälber und Seelöwen daraus gemacht, 
man kann sich unter dem Viehzeug in der That bisweilen 
vorkommen wie ein Hirt unter einer Herde oder wie jener 
weissagende Meergreis, der die Schafe des Poseidon weidet. 
So hat sich der Eigenname Schwein, Hund, Kalb oder Löwe 
über Nacht in einen allgemeinen BegfriflF verwandelt: aber 
es wäre ein schwerer Irrtum zu glauben, dass er etwa von 
Anfang an ein allgemeiner BegfriflF gewesen sei — der 
Eigenname ward nur von Einem auf den Andern und 
immer weiter imd weiter übertragen. So kam der Ver- 
stand allmählich und gleichsam Schritt für Schritt zu seinen 
Ideen — niemand hat sie jemals anders gewonnen, auch 
Plato die seinigen nicht. 

In der Sprache schlägt sich dieser Ideenreichtum nieder 
— in ihr fliessen die individuellen Vorstellungen von 
Millionen Einsiedlern zusammen — wie die Menschen den- 
ken lernen; wie sich die Kreise des Lebens gegenseitig 
durchdringen und befruchten; wie die Anschauungen der 
verschiedensten Berufsarten durch Übertragung unser eigen 
werden und in unsem Köpfen durcheinanderspielen, lässt 
sich nur von ihr abnehmen. Jeder Beruf und jeder Stand 
hat seine eigne Terminologie, wie sie die Verhältnisse mit 
sich bringen, und diese Idiotismen, die auf einem bestimmten 
Boden wachsen, gehen, wenn sie vom Glück beg^stigt 
werden, in andere fremde Lebenskreise über, auf demselben 



— 131 — 

Wege, den vorhin die Eigennamen gingen. Wenn ich in 
eine Fabrik trete, sagt Frau Ilse vom Bielstein, so ertappe idi 
mich darüber, dass ich sie wie eine andere Art Molkerei ansehe, und 
wenn von Staatseinnahmen und Regierung die Bede ist, vergleiche 
ich sie noch heute mit unserer Wirtschaft, Frau Ilse schwatzt 
aus, wie es alle Menschen machen, die fortwährend die 
Ausdrücke ihrer eigenen Mühle auf fremde Mühlen über- 
tragen und daher eine Sprache fuhren, die so bunt ist wie 
die Welt. Nicht blos dem Müller ist Wasser auf seine MiMe 
willkommen; und nicht blos zu seinem Handwerk g^Mrt das 
Klappern; heisst es doch, dass sogar der liebe Gott seine 
Mühlen habe, die langsam, aber sicher mahlen. Vor allem 
aber findet zwischen den beiden g^rossen Lebenskreisen, 
den Küsten- und Binnenländern, zwischen den Seeleuten 
und Fischern einerseits und den Bauern und Hirten ander- 
seits ein ununterbrochener Austausch von Worten und 
Redensarten statt, dass man, wenn man so zuhören und 
die Augen schliessen wollte, auf der See nicht wissen 
könnte, ob man nicht auf dem Lande wäre, auf dem Lande 
nicht, ob man nicht auf dem Wasser schwömme. 

Dass die Matrosen, wenn sie ans Land kommen, die 
gewohnten Ausdrücke ihres Schiffes beibehalten — dass 
sie ihre Beine Rundhölzer, ihre Löcher Gatten und das 
Schwanken eines Betrunkenen seine Schlagseite nennen — 
dass sie mitten im Tanzsaal das Ruder mittschiffs legen und 
bald Backbord, bald Steuerbord gehen, ist bekannt. Kapitän 
Klasilig steht vor einem Wirtshause; ehe er einkehrt, fiugt 
er vorsichtig: Sind keine Advokaten an Bord? — Das Merk- 
würdige aber ist, dass es ihnen die Landratten nachmachen 
und dass auch sie so thun, als ob sie an Bord wären — 
dass der Berliner nach Bellevue gondelt^ dass er einen guten 
Bekannten ins Schlepptau nimmt, dass er in sein Fahrwasser 
kommt, dass er um an sein Ziel zu gelangen laviert und 
kreuzt, dass er am Schenktische vor einem überlegenen 
Gegner die Flagge streicht, dass er in den Hafen einläuft, dass 

er mn Schäfchen ins Trockne bringt. Die Redensart: vor einem 

9* 



— 132 — 

die Flagge streichen, französisch haisser oder amener le paviüon 
devant quelqu'un, das heisst ihm nachgeben, weichen, ist vom 
Seewesen hergenommen — die Flagge wird niedergelassen, 
wenn man einem Schiffe begegnet, das gfehört zu den see- 
männischen Ehrenbezeigungen; sein Schäfchen ins TrocJcM 
bringen soll offenbar heissen sein Schiffchen ins Trockne, das 
heisst in Sicherheit, bringen, niederdeutsch sin Schepken. Um- 
gekehrt sagt man von einem, der mit seinem Schiffchen 
da sitzt, der nicht flott gemacht werden kann, er sei auf dm 
Trockenen. Das Wort Bordell, französisch Bordel, ursprüng- 
lich eine Baracke oder Bretterhütte, hängt zwar im letzten 
Grunde mit Bord zusammen, indem es auf das niederdeutsche 
Bord, hochdeutsch Bort, soviel wie Brett, dann Brett eines 
Schiffes, Schiffsrand oder Schifisranft, zurückgeht, scheint 
aber auf keiner Übertragung zu beruhen. Der Name der 
Stadt Bordeatix, aus Burdigala, wird ganz überflüssigerweise 
damit in Zusammenhang gebracht. 

Je höher die Marine entwickelt und je grösser das 
Interesse eines Volkes für dieselbe ist, um so mehr durch- 
dringt die Sprache der See das ganze Land: zum Beispiel 
in England und in den Niederlanden. Unbefugten Nach- 
druck nennt der Engländer Seeräuberei (Piracy), ein Plagiat 
a pirated edition, wie wir selbst von litterarischer Freibeuterei 
und die Franzosen von Piraterie reden: eine analoge Ver- 
allgemeinerung steckt in dem Ausdruck Plagiat, Plagiarius 
selbst, Flagium war eigentlich Menschenraub. Unzählige 
Sprichwörter der Holländer und der Norddeutschen weisen 
auf die See, als ihr eigentliches Lebenselement — wenn 
einer wunderbar errettet worden ist, so ist er auf seinem 
Anker ans Land gekommen, wenn eine Dame das Kanonische 
Alter hat, so ist sie die Linie vorbei, man kommt dort nie- 
mand ins Gehege, sondern nur ins Fahrwasser, und wenn 
einer eine Sache am unrechten Ende anfasst, so fischt er 
etchter't Nett, hinter dem Netz, wie wir sagen: mit goldnen 
Netzen fischen, mehr zusetzen als herausnehmen, und mit 
trocknen Netzen fischen, den Ge^vinn aus der Arbeit anderer 



— 133 — 

ziehen. Aber es ist bemerkenswert, dass die Seeleute, da 
sie am Ende doch auf dem Trocknen geboren sind, hin* 
wiederum die Ausdrücke und Bezeichnungen des Landes 
aufs Meer mitbringen. Als die Griechen die Schiffahrt 
in ihren Gewässern ausbildeten, entlehnten sie fast alle 
nautischen Termini technid aus dem Stalle: die runden 
phönikischen Kauffahrteischiffe verglichen sie mit ihren 
Melkeimern oder mit ihren Bienenkörben (yavlol), die Kähne 
mit Schüsseln {xvfißai), die Boote mit Näpfen oder Trögen 
{(mdfpat); und ebenso schmecken die deutschen und die 
englischen Benennungen gleichsam erdig, nach dem Lande 
und nach der guten Mutter Erde, das Schiff nach dem 
Sckafe, wie man in Oberdeutschland für ein Fass oder einen 
Bottich sagt (Schiff, althochdeutsch Seif, irdenes Gefäss; Kahn, 
altnordisch Kant, hölzernes Gefäss; englisch Vessel, französisch 
Vaisseau, italienisch VasceUo, mittellateimsch Vaaeüum, wört- 
lich kleifie Vase). Vas selbst hatte in der späteren Latinität 
die Bedeutung: Schiff. Man erinnere sich, dass in Frank- 
reich der Begriff eines Fasses oder einer Bütte sogar in 
den eines SHefels (Botte) und umgekehrt bei uns der Be- 
griff eines Stiefels in den eines Trinkgefässes übergegangen 
ist {einen Stiefel trinken, vertragen). Charakteristisch für die 
individuelle Behandlung und Färbung eines und desselben 
Begriffes ist das ursprünglich französische Wort Motte, 
englisch Fleet, das nicht zufällig mit dem plattdeutschen 
Ausdruck Flott für Milchrahm zusammentrifft Flott und 
Flotte, natürlich auch das Adjectivum flott, sind augen- 
scheinlich niederdeutsche, als solche ins Hochdeutsche ein- 
gedrungene Formen und gehören zu dem niederdeutschen 
fleten oder fleiten, hochdeutsch fiiessen. Flott ist was fliesst, 
was schwimmt, was obenaufechwimmt: und das wurde ein- 
mal von der obenauffliessenden fettreichen Schicht der 
Milch, das andere Mal von dem schwimmenden Schiff, dem 
Moss, und endlich von der Gesamtheit aller Handelssee- 
schiffe einer Nation gesagt. Weder Diez noch Littre 
erkehnt diesen natürlichen, einfachen Zusammenhang: Flotte 



— 134 — 

kommt nicht von dem lateinischen Fluctus, es bedeutet keine 
Flut und keine Menge, ob man wohl im Französischen 
auch von einer Fl^e de gens, einer Flotte de hadauda spricht; 
es kommt von dem altnordischen Plural Floti, althoch- 
deutsch JraSji, mittelhochdeutsch FUx^ej neuhochdeutsch 
Flösse, welcher nicht das fliessende Wasser, sondern das 
auf dem Wasser fliessende, geflösste Holz, dann ein Wasser- 
fahrzeug überhaupt bedeutet Und es ist derselbe Begriff, 
mit dem man noch heute in ganz Norddeutschland, Eng- 
land und Skandinavien den hier so beliebten Rahm be- 
zeichnet; wer jemals in Kopenhagen Rote Grütze oder 
Jardbcer med Fhide, d. h. Erdbeeren mit Sahne gegessen 
hat, wird sich mit Verg^nügen daran erinnern (niederdeutsch 
mdk af flöten, Milch abrahmen, englisch to fleet; in Ost[M*eussen 
Flöte, Napf zum Absetzen des Rahms, in Göttingen Flöte, 
Rahmlöffel u. s. w.). 

Direkt vom Ackerbau hergenommen ist das den alten 
Römern und uns geläufige Bild: das Meer pflügen, das Meer 
furchen, lateinisch arare und sulcare: 

et longae sulcant vada salsa carinae. Anels V, 158 — 

Sulci, Ackerfurchen, waren auch die Falten und die Runzeln, 
und indem die Bauchfläche, wie wir gesehen haben, Aeqwr 
ventris hiess, so zog das Alter nun auf dieser sulcos uteri 
(Martiai HI, 72). Noch heute nennt der Schwabe ein kupfernes, 
in der Ofenwand angebrachtes Gefäss zum Wasserkochen 
das SchiffU, und bekannt ist der bayrische Ausdruck Gesckiff 
und Ghschirr für das nötige Gerät zum Betreiben der Land- 
wirtschaft, es heisst wohl: die Besatzung, Vieh, Schiff und Ge- 
schirr ist da. Ja, Schiff bedeutete früher geradezu den Wagen, 
das Landschiff, so wurde das Wort bei dem Fuhr- und 
Postwesen allgemein verstanden. In Konstantinopel nennen 
die Deutschen die Dampfbarkassen, die von den Franzosen 
als Fliegen (Mouches) bezeichnet werden, gewöhnlich Wasser- 
droscKken. Ich entsinne mich, dass mir einst in Leipzig mein 
Verleger Honorar mit dem Bemerken brachte: dos Goldschiff 
sei da. Sind diese Ausdrücke etwa erst von der Schiff- 



— 135 — 

fahrt hergenommen? Oder fand eine Übertragung von 
keiner Seite statt, iitdem Seeleute und Landleute einen 
allgemeinen Begriff jeder für sich anwendeten, wie jeder 
von beiden ein Fahrzeug haben kann? — Alles spricht doch 
dafür, dass die Schalen und Gefässe, die nicht auf dem 
Meere wachsen, sondern vom Lande kommen und wieder 
zum Lande gehen, auch mit ihren Namen am Lande hän- 
gen und dass, so sonderbar es klingt, das Landschiff älter 
ist als das Seeschiff. 

Die alten Römer pflügten das Meer und die Wellen; 
sie pflügten auch das Papier, indem sie schrieben. Hoc litteru- 
lartim, schreibt Cicero an den Atticus, exaravi, diesem Brief- 
chen habe ich aus- oder durchgeackert. Italien, dieses alte 
Ackerbau- und Weinland, magna parens frugum, hat m seinen 
Kornfeldern und in seinen Weinlauben die Typen für viele 
scheinbar weitabgelegene Begfriffe der höheren Bildung 
hergegeben. Man hat vermutet, dass das lateinische Littera 
\ielleicht ein griechisches Fremdwort sei und sich zu Jiq^ 
^iga, Tierhaut, Pergament, wie Lacrima zu JdxQVfia ver- 
halte: gewiss war ein Ltber noch eher der Bast eines Baumes 
als ein Buch; eine Pagina noch eher ein Weingeländer als 
die Seite eines Buches. Ut guinto guogue palo singulae jugo 
paginae ineludantur, heisst es bei Plinius (H. N. xvn, 22). Die 
Übertragung der Vorstellung des Pflügens auf die Schrift, 
charakteristisch für eine minder schreibselige Zeit, findet 
sich bereits im alten Griechenland, wo man far den Lauf 
der Zeilen von der Linken zur Rechten und von der 
Rechten zur Linken und sofort den Ausdruck ßovazQOiprjdovy 
ochsenwendig, hatte. Solons Gesetze waren ßovatQoq)rid6v 
in hölzerne Tafeln eingegraben. Der Begriff der Buch- 
staben, der rgdfifiara, Litterae ist dann in Griechenland und 
in Rom weiter auf die aus ihnen zusammengesetzten 
Bücher, Briefe und sonstigen Schriftstücke, sowie auf die 
auf ihnen fussenden Wissenschaften ausgfedehnt, der Begriff 
der Buchstabenkenntnis oder der Orammatik zur LitteraJtur, 
der Begriff des Orammaiikers zum Schriftsteller erhoben wor- 



— 136 ^ 

den: Athenäus, den wir heutzutage als einen Litteraten be- 
zeichnen würden, der Verfasser eines alten gastronomischen 
Sammelwerks nach Art der Ana, wird von Suidas ein 
r^a^i^ariTLog genannt Man vergleiche, wie das lateinische 
Cälamus, Schreibrohr oder Feder, in der Türkei die all- 
gemeine Bezeichnung für Bureaus und Amtslokalitäten ge- 
worden ist (KcUem). Endlich pflügten die Alten auch die 
Weiber, die von den Orientalen von jeher und noch im 
Koran mit einem Acker, einer *l4Q0VQa verglichen werden; 
vom Ödipus sagt Sophokles, dass er tfpf renovaav rJQoaej 
und ebenso brauchten die Römer das Wort arare. Weil 
der Ackerbau das erste und edelste aller Gewerbe und die 
vornehmste Arbeit ist, daher auch in Italien lavorare und in 
Frankreich lahaurer vorzugsweise: den Boden bestellen heisst, 
so scheint uns gewissermassen jedermann sein ganzes Leben 
über den Pflug zu ziehn, und selbst die Philister, die mit 
fremder Hilfe ein Rätsel lösten, pflügten mit fremdem KaXhe 

(Richter XIV, i8). 

Es wäre eine der lohnendsten Aufgaben^ des Kultur- 
historikers, einmal die Sprache durchzuackern und die Ge- 
biete auszusondern, denen die jetzt Gemeingut des Volkes 
gewordenen Redensarten ursprünglich entstammen: dadurch 
gewännen die letzteren gewissermassen die verlorene Farbe 
wieder. Jede einzelne Volksklasse trägt ihr Scherflein zu 
dem grossen Nationalvermögen bei, nachdem alle Klassen 
zusammen aus einer Kasse leben. Die Sprache ist wie ein 
Vogel, der sich beständig mit fremden Federn schmückt, 
aber zu gleicher Zeit alle Vögel unter dem Himmel nährt 
und kleidet; sie ist wie ein mächtiger Strom, dem tausend 
kleine Flüsse und Bäche Tribut zahlen und der jeden von 
ihnen speist. Die Ausdrücke stechen, ausstechen, im Stich lassen, 
atis dem Sattel heben sind von den mittelalterlichen Turnieren 
nicht nur auf den Skattisch, sondern auf die Arena des 
Lebens überhaupt übertragen worden; unzählbar in unserer 
Sprache die Wendungen, die einen kriegerischen Ursprung 
haben — mitten im Frieden, auf dem Schachbrett und 



— 137 — 

anderwärts wird angegriffen und verteidigt, geschlagen und ge- 
Hegt, belagert und bombardiert, geflohen und Stand gehalten. Von 
den Bergleuten, die so viele Idiotismen haben, die ihre 
Gruben Zechen, ihre Luft Wetter, ihre Erze Geschicke, ihre 
verlassenen Baue Alte Männer, ihre Karren Hunde und ihre 
Arbeitszeiten Schichten nennen, haben wir alle den Ausdruck 
Schicht machen entlehnt, die Arbeit beendigen. Die Bergleute 
machen sich auch ihr eignes Christentum zurecht — Christus 
ist der oberste Hutmann, von der Knappschaft wie von einer 
Engelschaar umgeben, die Christenheit eine Bergstadt Ghttes, 
auf Felsen gegründet und mit herrlichen Freiheiten begna- 
diget — etwa wie der Heliand in der altsächsischen Evan- 
gelienharmonie als ein gewaltiger Völkerfürst erscheint, 
der mit seinen Getreuen daherzieht, um die reichen Gaben 
des ewigen Lebens auszuteilen. Sind denn die Götter nicht 
einmal vor Übertragung sicher? — Ihre heiligen, unver- 
gleichlichen Namen werden ja selbst zu Typen für ihres- 
gleichen, wie die der Cäsaren und der Ciceronen: Christus 
selbst war der Mithras und der Harpokrates der Abendländer, 
die Mutter Gottes die Isis und die Juno oder die Minerva 
oder die Venus des Christentums, während die lieben Enge- 
lein ihr Vorbild in den heidnischen Elfen fanden. Bekannt- 
lich identifizierten die Griechen drei altasiatische Natur- 
gottheiten, die sogenannte taurische, die sogenannte ephesische 
und die sogenannte persische Artemis mit der jung^fräulichen 
Schwester des Apollo, die ägyptische Neith verglichen sie 
der Athene, den Götterkönig Ammon Ra dem Zeus, den 
Anubis und den ibisköpfigen Thoth dem Hermes; die Römer 
latinisierten wieder die griechischen Gottheiten, indem sie 
die Artemis in Diana, die Hera in Juno, den Zeus in Ju- 
piter übersetzten; imd die Deutschen verdeutschten wiederum 
die römischen, wie ein Blick auf die Wochentage zeigt. 
Man notiere, dass Dies Jovis nicht zu Wodans oder, was 
etjmiologisch richtig gewesen wäre, zu Ziu^s, sondern zu 
Donners Tage wurde, da der Gott des Gewitters dem Jupiter 
in hervorragender Weise zu entsprechen schien. Der Sonntag 



— 138 — 

heisst noch heute so wie er im Mithrasdienst genannt ward; 
der Geburtstag der Sonne, Natalis Invicti Solis hat sich frühe in 
Weihnachten verwandelt (NatcUis Damini, it, il santo Natale, 
franz. Noet). 

Wir registrieren hier noch einzelne charakteristi- 
sche Fälle von begrifflicher Übertragung aus den 
drei Naturreichen: 

Löwen wurden einst von Linne zu den Riesenkröten gerechnet, ja, 
als Bufones Bambergenses in das Systema Naturae aufgenommen. Es 
handelt sich um die steinernen Löwen vor dem Dom in Bamberg, 
wie sie als Symbole der Wachsamkeit häufig vor christlichen Kirchen 
standen, die Säulchen der Vorhalle- auf ihrem Rücken tragend; An- 
drea Alciati hat in seinem Trattato degli Efnblemi (Basel 1571) das 

Distichon : 

Est leo, sed cnstos, oculis qni dormit apertis; 
Templomm idciroo ponitor ante forea. 

Auch die drei englischen Leoparden sind eigentlich Löwen, nämlich 
schreitende Löwen, deren Gesicht dem Beschauer des Schildes zu- 
gewendet ist; solche Löwen nennt man in der Heraldik Leopardm, 
als welche nach der Naturlehre des Mittelalters Bastarde vom Löwen 
und dem Pantherweibchen waren (lat. Leo-pardus^ zuerst bei Julius 
Capitolinus gegen Ende des III. Jahrhunderts). Hierauf bezieht sich 
wohl die Angabe des Plinius, dass es der Löwe rieche, wenn ein 
Panther mit einer Löwin zu thun gehabt habe, und dass er sich dann 
räche. Die Griechen nannten den Leoparden IldQÖtxXig, Ahnlich wie 
der Löwe zum Leoparden verhält sich in der Heraldik der Adler 
zum Kuckt4ck, wie früher beim Pöbel in Bayern der preussische Adler 
hiess und in Berlin volksmässig der rote Adlerorden genannt wird 
(der gelbe Kuckuck), Die Hyäne ist dem Namen nach ein Schwein (Satva). 
Struthio Camelus, der Strauss, auch Kamelvogel und (in China) 
Kamelstorch genannt, ist einer uralten Sage nach ein Blendling vom 
Kamele, mit welchem er die Wüste, das Laufvermögen, den langen 
Hals, die allgemeine Physiognomie und viele besondere Eigenschaften 
teilt; er wurde auch geritten, z. B. laut Pausanias von der Königin 
Arsinoe. Luther verwechselt ihn (Hiob XXXIX, 13) mit dem Pfa», 
im Griechischen führt der grösste aller bekannten Vögel den Namen 
des Sperlings (Stqov&oQj /UfyaAiy StQOV&og, Sz^ov&oxdfirjlog); aus lat 
Struthio entstand unser Strauss ( Vogel Strauss, Autruche). Die Sperlings- 
vögel bilden allerdings die artenreichste Ordnung der Vögel, die erst 
in neuerer Zeit genauer beschrieben worden ist, denn, abgesehen von 
den Drosseln und Lerchen, ist hier die Naturgeschichte des Aristoteles 



— 139 _ 

kaum ausführlicher als Moses. Dass aber selbst die Strausse Sper- 
lingsvögel sein solleoi ist doch sonderbar. 

Dronten. Diese merkwürdigen Vögel, die man noch in Berlin, 
auf einem Gemälde von Roelant Savery, betrachten kann, fand Vasco 
de Gama A. D. 1497 in grosser Menge auf der Insel Mauritius. Ob- 
gleich sie keine Schwimmfüsse hatten, hielt sie die Mannschaft für 
grosse, dicke Schwäne, und die Insel Mauritius wurde deshalb als 
ScJvwaneninsel (Ilha dos Cisnes) in die Karte eingetragen. So scheint 
bereits in der Urzeit Schwan und Storch für eins gegolten (Kvxvog '^^ 
Ciconia) imd der allgemeine Begriff Vogel sich in diese beiden Worte 
gespalten zu haben (sanskrit fahuni, Vogel); und so werden die Steiss- 
hühner, die in Südamerika die Stelle unserer Feldhühner veitreten, 
Rebhuhn oder Wctchtel genannt. 

Wisent s= griechisch-lateinisch Bison, das grösste Säugetier des 
europäischen Festlandes, für Amerika bezeichnend wie für Europa das 
Rind, für Afrika das Kamel und für Asien der Elefant, ist das was 
in Deutschland gewöhnlich Auerochs genannt wird. Mit letzterem 
Namen bezeichneten unsere Vorfahren ein durchaus verschiedenes, 
längst ausgestorbenes Rind. In Amerika und darnach auch in Eng- 
land, wo er an dem Albert Memorial in London abgebildet ist, wird der 
Wisent irrtümlich als Büffel {Buffalo) bezeichnet. Was wir in Deutsch- 
land Wiesensteige j eigentlich Wisentsteige nennen, das heisst die Wege, 
welche sich die Wisente auf ihren Wanderungen austreten, zum Bei- 
spiel die Stadt Wiesensteig === Wisontes-steiga im Württembergischen 
Donaukreise: heisst in Nordamerika Büffelpfade {BuffalopatJis) — ein 
Weideplatz oder eine Aue der Wisente, in Deutschland Wisentau 
genannt, zum Beispiel Wiesenthau bei Forchheim: heisst in Nord- 
amerika schlechthin Buffalo — und das kurze Gras, welches das 
Lieblingsfutter der Wiesente auf den Prärien bildet, heisst Büffelgras 
{Buffalograss). Die gewaltigen Büffel, welche auf den Hochebenen 
Tibets weiden, die sogenannten Yaks, liefern die kostbaren Rossschweife, 
die Embleme der Paschawürde, welche unter den Türken Turkistans 
noch heute als militärische Abzeichen in Gebrauch sind und von 
Türken und Persern am Sattel, von den Chinesen auf dem Hute ge- 
tragen werden (türkisch Tug, in Indien Kämarä). 

Präriehunde, englisch Prairiedogs, Bei der BüfTeljagd geraten 
die Reiter nicht selten in ein sogenanntes Hundedorf, eine Ansiede- 
lung der Präriemurmeltiere, welche unter dem Namen Präriehunde 
bekannt sind. Dieser Name stammt von den ersten Entdeckern, den 
alten kanadischen Trappern oder Pelzjägem her, welche das nord- 
amerikanische Murmeltier seines Gekläffs wegen mit einem kleinen 
Hund verglichen. Die Übertragung fand also wie bei den Seehunden 



— 140 — 

und Stachelschweinen nur auf Grund der Stimme statt, denn äusserlich 
bestellt auch nicht die allergeringste Ähnlichkeit. Die Flederhundt 
haben wenigstens einen hundeartigen Kopf, übrigens sind auch sie so 
wenig Hunde wie die Fledermäuse (welche die Alten zu den Vögeln 
zählten) Mause. Leeboo hielt in Europa die Pferde für grosse Hundts 
wie die berliner Kinder im Zoologischen Garten das junge Elch für 
einen Esel ansahn. 

Wurm. Dieser noch heute sehr unbestimmte Begriff, mit dem 
man bezeichnet, was anderwärts nicht gut untergebracht werden kann, 
Ohrwürmer y Johanniswürmchen , ja sogar die kleinen Kinder oder 
Krabben — war früher auch auf Schlangen (Lindwürmer) ^ Raupen 
(Graswürtner , //euTvürmer, Sauerwürmer), Kröten, Krokodile, Bären 
und alle möglichen wilden und ungeheuerlichen Kriechtiere gerecht: 
der Schrecken jedes Gebirgsbayem ist der Tatzehuurm, der Oster- 
reicher entsetzt sich vor dem Springwurm oder dem schmeckenden^ die 
Zunge bleckenden IVurtn, der Schweizer vor dem Stollenwurm u.s.w. 
Analog betrachten die Engländer sowohl Muscheln wie Krebse als 
Schalfische {Shellfishes) und die Schmetterlinge als Butterfliegen (Butter- 
flys), wie unsere Kinder die Schmetterlinge als Butterv'ögel und aach 
die Bienen als kleine gelbe Vögelchen betrachten. Spinnen nennt das 
Volk Kanker (Cancer), Läuse Müllerflöhe, und Katzen isst der Zigeuner 
unter dem Namen Scheuerhasen, 

Cypressen. Dieser charakteristische Baum, den der Nordländer zn 
sehen bekommt, sobald er den Gürtel des Kastanienwaldes durchschritten 
hat, der ihm zum erstenmal an den geschützten Ufern des Genfer Sees 
erscheint und ihn dann von Italien bis in den fernsten Orient begleitet, 
wird aus Unkenntnis vielfach mit andern Pflanzen zusammengeworfen, 
zum Beispiel mit Palmen, wie die Artischoke mit der Ananas, Bei 
uns vertritt der Lebensbaum die Cypresse, ein Name, welchen das Volk 
der Thuja gewiss nicht blos weil sie immergrün ist, sondern mit be- 
stimmter Rücksicht auf die ähnliche Cypresse, den Lebensbaum der 
Alten gegeben hat, vgl. Sprache ohne Worte Seite 36. 

Achat, Bernstein, Magnet. Das Mittelalter verwechselte diese 
drei Mineralien, daher Achatstein oder Agtstein ein alter Name für 
Bernstein und Magnet; Gagat, französisch Jais, englisch Jet, noch 
heute ein Name für den sogenannten schwarzen Bernstein oder sckwanen 
Agtstein ist. Zunächst machte man zwischen Achat, lat. Achates, und 
Gagat, bei Plinius Gagates, gr. Payoriyc, keinen Unterschied, dann 
übertrug man den Namen der Pechkohle auf das fossile Harz des 
Bernsteins und endlich den Namen des letzteren, weil er am Rock- 
ärmel gerieben Papierschnitzel, Stroh und andere leichte Körpereben 
anzieht, also eine Art Magnetismus entwickelt, auf den Magneten. Der 



— 141 — 

Bernstein hiess im Altertum Sucinum oder Ekctrum CH^xt^op), mid 
bekanntlich gründet sich auf diese Anziehungskraft, die schon frühe 
beobachtet worden war, das Wort Elektrizität, Noch ein vierter oder 
fünfter Begriff vermischt sich mit den genannten: der Begriff At^ibpif 
wie der Bernstein heute noch in Sizilien genannt wird (Ambra gialla, 
gelbe Ambra), ursprünglich das wohlriechende Harz des Amberbaumes 
oder des Liquidambar, welches die Araber Anbar, die Griechen SvvQa^y 
lat. Storax, nannten. Der arabische Name des Bernsteins ist Käh-rahä, 
der strohraubeftde Stein, persisch Kah-rubä, derselbe auch in die roma- 
nischen Sprachen übergegangen. Der Storax wird schon von Herodot 
bei seiner Beschreibung Arabiens erwähnt (m, 107). Wenig Natur- 
produkte sind Gegenstand so vieler Vermutungen gewesen wie die 
sogenannte graue Ambra, Unser Bernstein, wörtlich brennender Stein, 
ein Ausdruck wie der des Herodot: geschtnolzener Stein, Al^oq X^^Vt 
für Glas, erinnert an die Sage, welche in Lüttich, in Zwickau und im 
Plauenschen Grunde über die Entdeckung der Steinkohle umläuft: 
Hirten zündeten ein Feuer an und umstellten es zum Schutz gegen 
den Wind mit schwarzen Steinen, die sie in der Nähe gefunden 
hatten. Diese Steine aber fingen selber an zu brennen — es waren 
ebenfalls Bernsteine, Der Bernstein brennt, wenn man ihn anzündet, 
in der That und entwickelt, auf glühende Kohlen geworfen, aromatische 
Dämpfe wie der Weihrauch; darum, nicht etwa von seiner brennenden 
Farbe, heisst er Bernstein, Unser Firnis, französisch Vernis, spanisch 
Berniz oder Bamiz, hängt nicht damit zusammen. 

Gummi, Harz, Kautschuk. Gummi nennt man im allgemeinen 
einen Pflanzenstoff, der in Wasser zu einer schleimigen, klebenden 
Flüssigkeit aufquillt, wie das Gummi arabicum (griechisch KSßfUj van 
dem altägyptischen ^emt oder Kami), Dieser Begriff ward im vorigen 
Jahrhundert auf das Kautschuk, das sogenannte Gummi elasticum über- 
tragen, das man seit dem Jahre 1770 nach dem Vorschlage Priestleys 
zum Ausreiben von Bleistiftstrichen und zu Gummibällen benutzte. Das 
letztere betrachtete man auch wieder als ein Harz und nannte es 
Federharz oder elastisches Harz [Resina elastica), A. D. 1783 verkaufte 
•ein Monsieur Bemard in Paris ein mit Resine elastique überzogenes 
Taffet, welches sich zur Luftballonhülle eignete. Das Kirschharz, das 
aus dem Stamme des Kirschbaums ausschwitzt und von den Kindern 
gesanmielt zu werden pflegt, ist wiederum ein Gummi (Gwnmi nostras), 

Honig, Zucker. Die alten Völker verwendeten den Honig zur 
Versüssung ihrer Speisen, wie das die Griechen noch heute vielfach 
thun. Setzen doch selbst in Leipzig kleine Leute gelegentlich Bienen- 
stöcke an die Strasse, um die Ausgabe für Zucker zu ersparen. Statt 
Zuckerweuser hatten die Alten Honigwasser (YdQOfi^h., Met). Erst 
4urch Plinius und Dioskorides gelangte im Anfang unserer Zeit- 



— 142 — 

rechsnng die Kunde von dem indischen Rohrzncker nach Enropa 
(SttXXttQf Saccharwn, ein indisches Fremdwort). Beide Naturforscher 
hielten nun den Rohrzucker für eine Art Honig, nämlich fnr Rohr- 
honig oder Kalmushtmig {MiXi xaX&puvov, fr. Miel imäsen, Miel de roseauy 
spanisch Mtel de CaMas\ Noch heute nennt man den bei der Zocker- 
fabrikation zuletzt verbleibenden, nicht mehr krystallisationsfahigen 
Sirup Melasse, wortlich schiechten Honig; »asse ist eine pejorative Ab- 
leitungsform (fr. Me/asse »= Mielasse; spanisch Afelaxa). In Oberbesseft 
bezeichnet Honig auch allerhand Marmeladen. Man vergleiche Aus- 
drücke wie vegetabilisches Elfenbein (von den Elfenbeinnussen); vtgi- 
tabilisches Pergament (das Pergamentpapier, das unter anderem zu 
künstlichen Wurstdärmen verwendet wird); vegetabilisches Mark, in 
England Vegetable Marrow, MarroW'Squash, eine Art Gurke; das oea- 
griechische Bafiß&xi, Baumwolle, eigentlich Seide, aus Bofißv^ o. s. w. 

Pfeffer. Der Name dieses alten indischen Gewürzes ist, wie wir 
auf Seite 46 gesehen haben, wohl schon in Indien selbst vom langen 
auf den schwarzen Pfeffer, nach und nach aber auf eine Unzahl an- 
derer pfefferartiger Gewürze, den Spanischen Pfeffer, den Mönchspfefer^ 
den Maturpfeffer u. s. w. übertragen worden. Interessant ist es, das; 
die Araber die Knospen des Kapernstrauches als Bergpfeffer {FeljC 
Gibel) bezeichnen und dass der Kapernstrauch, arabisch Asuf, wahr- 
scheinlich mit dem Ysop der Bibel identisch ist, der Pflanze, die zu 
so vielen gelehrten Auseinandersetzungen Veranlassung gegeben hat 

Kupfer, Erz, Eisen, Bronze, Messing. Das erste Metall, 
das der Mensch schmelzen und bearbeiten lernte, war das Kupfer; 
es ist das, was im Deutschen Erz, im Griechischen XakxoQj im Latei- 
nischen Aes, altlateinisch Ais, im Sanskrit Ajets, d. i. Metall schlechthin 
genannt wird. Nachdem aber die Dichter diese Worte auch auf das 
Eisen übertragen hatten, wurde das Kupfer, weil es hauptsächlich 
aus den Kupfergruben der reichen Insel Cypem stammte, als Cypererz 
(XaXxoq Kintgioz^ Aes Cyprium) genau so unterschieden, wie man bis 
auf den heutigen Tag Cyperwein, Cyperkatten und Cyperpulver, d. i. 
Puder (fr. Poudre de Chypre, it. Poh'cre ciprid) unterscheidet; ob auch 
die Cypresse nach der Insel Cypem heisst, ist fraglich, obgleich man 
das lateinische Cupressus, griechisch Kvna^aaog, durch Kupferbawn 
verdeutscht hat. Unser Kupfer ist nämlich nichts anderes als jenes 
alte griechische, einst zu Aes hinzugesetzte Adjectivum Cyprium, das 
sich im Munde der Kaufleute in Cuprwn verwandelte. So hat man 
auch Kupperwein für Cypenvein gesagt. Das Wort XeÜLXoq steckt noch 
in dem französischen [ßl d'jArchaJ, lat. Aurichalcum, Messing, sonst 
in Frankreich Laiton oder Cuivre jaune, Gelbkupfer, genannt; Cwvrt 
jaune poli oder kurz Cukre poli, geschliffenes Messing, ist bekanntlich 



— 143 — 

in Deutschland die Bezeichnung für Messingbronze , ein modernes 
Surrogat der echten Bronze. Bronze, mittellateinisch Bronziumf ist ent* 
standen aus Auruntium und bedeutet „schlechtes Gold". Nach Grimm 
wäre sogar Eisen und Eis auf einen und denselben Begriff, des Glän- 
zens, gotisch eisan, zurückzuführen. 



3. Dritte Stufe: Periode der poetischen Metaphern. 

Die Übertragung geschieht nicht mehr auf Grund einer logischen Unter- 
ordnung, sondern auf Grund einer poetischen Anschauung — man spricht 
dann von Metaphern — auch diese werden bisweilen stehend — Belege aus 
dem Zeughaus: Falken, Musketen, Terzerole, Feldschlangen, Serpentinen — 
wenn hier an der bewussten Bildlichkeit des Ausdrucks kein Zweifel ist, so 
doch in andern Fällen, zum Beispiel bei den Sternbildern, den himmlischen 
Falken und Adlern, den Hunden und Bären am Sternenhimmel — der grosse 
Bär, der Wagen und die Totenbahre des Lazarus — vielfache Deutungen, 
die der Mann im Monde erfahren hat — Mythologie und Symbolik: die 
Sonne, der Mond und der Regenbogen, Strahlen, Pfeile und Haare — alle 
Mythen sind volksmässige Bilder und Metaphern, welche die Dichter wieder- 
holt, gelegentlich auch weiter ausgeführt, aber gewöhnlich selbst nicht ver- 
standen und nicht bezweifelt haben: Zeus und Hera, die Josage — allen 
alten Völkern war die Ideenverbindung zwischen der Kuh, der Erde und 
dem fruchtbaren Mutterschosse eine geläufige — der Mensch schuf Gott ihm 
zum Bilde: Anthropomorphismus — Urform des Anthropomorphismus: der 
Riese Ymir — zweite Form des Anthropomorphismus : viele einzelne Riesen 
mit Häuptern, Nasen, Ohren, Mäulem, Knien, Füssen, Armen, Händen und 
Fingern in der Natur — dritte Form des Anthropomorphismus: einzelne 
Länder werden als Riesenleiber aufgefasst, die Jungfrau Europa — vierte 
Form des Anthropomorphismus: die Vermenschlichung von Werkzeug und 
Hausgerät — Antianthropomorphismus : Makrokosmus und Mikrokosmus — der 
Mensch ein kleiner Inbegriff der Welt — Länder im Menschen, Menschen 
im Menschen, Tiere im Menschen, allerhand Krimskrams im Menschen — 
das apokal)rptische Tier des Plato — Bilder auf dem Gebiete des Ge- 
schlechtslebens und des Seelenlebens — natürliche Verhältnisse ethisch ge- 
fasst: Strenge, Lockerheit, Biederkeit — die Poesie der Metaphern eine neue 
Weisheit des Volks, die reiferen Zeiten als eine Thorheit erscheint, in 
solchen bleiben nur die kunstmässigen Metaphern übrig. 

Denken heisst übertragen, nennen einer begrifflichen 
Übertragung Ausdruck geben; Namen sind abgekürzte 
Vergleiche zwischen neuen und alten Exemplaren einer 



— 144 — 

Gattung. So oft nun dieser Vergleich nicht im Glauben an 
eine thatsächliche Identität, sondern nur uneigentlich , auf 
Grund einer poetischen, vielleicht phantastischen Anschau- 
ung erfolgft, so .spricht man von einer Metapher, ein Wort, 
das gar nichts weiter als Übertragung ist (if^Tayo^o). 
Die Metaphern sind Bilder, die dem Volke gleichsam vor- 
geschlagen werden, bald um ihrer dichterischen Schönheit 
willen, bald weil sie unbekannte Dinge glücklich malen, 
nicht mit dem Anspruch auf buchstäbliche Wahrheit und 
nicht im Ernst zu nehmen, Blumen der Rede, die gleich- 
wohl im Laufe der Zeit gern ihren Duft abstreifen und im 
Bewusstsein des Volkes eine Geltung erlangen, als ob sie 
das Resultat einer nüchternen logischen Unterordnung dar- 
stellten — was waren die Gatter Griechenlands, die Indra 
und Agni der Wedas und unsere eignen Riesen, Gewitter- 
helden und Sonnenfrauen im Grunde anderes als poetische 
Metaphern, begeisterten Dichtem und Sehern im Rausche 
der Phantasie vom Genius eingegeben, und doch bildeten 
diese Metaphern die Grundlage einer heiligen, festgewur- 
zelten Religion. Die Sprache des gemeinen Mannes ist 
voller Bilder, die er nicht versteht, die wohl einmal aus 
einem siedenden Gehirn wie Blasen aufetiegen oder wie 
die Funken eines Feuerwerkes durch die sieben Himmel 
sprühten, die aber nachgerade Gemeingut des Volkes ge- 
worden sind und zu den stehenden BegriiBFen des täglichen 
Lebens zählen. Allerdings ist die Grenze zwischen der 
logischen Übertragung und der dichterischen Metapher 
nicht immer leicht zu ziehen, sintemal uns heute poetisch 
erscheinen mag, was den ersten Menschen lebendige Wahr- 
heit dünkte: Kinder und Patriau-chen leben in einer Märchen- 
welt. In vielen Fällen jedoch, namentlich wo es sich um 
bekannte, greifbare Gegenstände handelt, können wir dem 
Schlag der dichterischen Ader mit Sicherheit nachkommen. 
Wenn zum Beispiel im Mittelalter, wo der Reiher ge- 
beizt ward, Geschütze und Handfeuerwaffen die Namen 
von Stossvögeln erhielten, Namen, die teilweise heute noch 



— 145 — 

leben, so war das doch eine handgreifliche, schöne, aber 
als solche niemand entgehende Metapher. Obenan steht 
der Ifalke, nach welchem im westlichen Europa jahrhun- 
dertelang die Falkaune und das leichtere FaUconeH genannt 
ward; aber auch die Ädler^ die Geier, die Habichte, die Sper- 
ber^ ja die Eulen, in Persien und Indien noch heute hoch- 
geachtete Beiz vögel, vererbten der Artillerie und den ver- 
schiedenen Pfundem je nach dem Kaliber ihre königlichen 
Namen. Der kleine, gesprenkelte Sperber, der sogenannte 
Sprinz, heisst in Spanien Mosquet: mit ihm verglich man die 
Muskete, ein Luntenschlossgewehr der Infanterie, welches 
A. D. 1 5 1 9 durch Karl V, in Deutschland (also nicht erst, 
wie Grimms Wörterbuch sagt, durch Alba in den Nieder- 
landen) eingeführt ward, um die unbehilfliche Hakenbüchse 
zu ersetzen; Musketiere heissen bekanntlich bis heutigen 
Tages die beiden ersten Bataillone der Linieninfanterie- 
regimenter. Eine Viertelfeldschlange, italienisch Scigro, spa- 
nisch Sacre, schien ein Sdker- oder SokerfäOc zu sein; eine 
kleine Pistole dagegen ein Terzerol, italienisch Terzertwlo, 
will sagen ein junger Habicht, der, weil er um ein Drittel 
kleiner als das Weibchen, oder weil er nach dem Volks- 
glauben allemal d£LS dritte im Neste ist, die beiden andern 
sind Weibchen, in Italien Terzuolo, in Frankreich Tiercelet 
heisst FMe war eigentlich ein Gattungsname für das im 
XVI. Jahrhundert übliche Schlangengeschütz verschiedenen 
Kalibers; das erinnert ims daran, dass es ausser den Raub- 
vögeln auch noch andere schreckliche Tiere auf dem Felde 
gab, nämlich Schlangen, Feldschlangen, die langen Geschütze, 
die man den schweren Kartaunen entgegensetzte (fr. Cou- 
levrines, sp. Ctdebrinas, it. Colubrine); die Schlange nannte man 
in Deutschland auch das Scharf entin (fr. Serpentin). Einzelne 
alte Riesengeschütze, desgleichen die sogenannten OrgeU 
geschütze führten wohl ihre besonderen, märchenhaften Namen, 
2. B. die Faule Qrete des Kurfürsten von Brandenburg, die 
Böse Else, der Hahn, die Taube, die Zwölf Apostel, Ungnade u.s. w. 
Wie sehr stechen diese metaphorischen Bezeichnungen von 

Rleinpanl, Etym. ]0 



— 146 — 

der Simpeln Kanone ab, einem Augmentativum des latei- 
nischen Canna, während Kaneel das Diminutivum darstellt, 
wörtlich: grosses Bohr! — Kanane gehört ^u denjenigen Be- 
griflFen, die vom Gebrauch auf eine bestimmte Art ein- 
geschränkt worden sind und, weil fremd und unverständlich, 
auch von uns in diesem beschränkten Sinne angewendet 
werden (Seite 113). 

Gustav Freytag erzählt aus dem Jahrhundert des grossen 
Krieges, wie die Geschütze auch nach den Planeten und 
den zwölf Zeichen des Tierkreises benannt zu werden 
pflegten, was uns auf die so ähnlichen, aber ungleich älteren 
Namen fbhrt, welche, wie man annimmt, die babylonischen 
Chaldäer oder die alten Ägypter den Sternen an ihrem 
reinen Himmel gegeben haben und die, von Griechen und 
Römern nachgesprochen, noch ims in die Ohren klingen. 
Der Chrosse Bär oder der Himmelswagen, der Bärenhüter, der 
Grosse Hund, der Orion, die Plejaden oder die Gluckhenne, 
im Tierkreis namentlich der Widder, der Stier, die Zwillinge, 
der Löwe und die Fische, desgleichen die Planeten, nach 
denen wir die Wochentage nennen — sind den Menschen 
seit Homers und Hiobs Zeiten bekannt und werden von 
ihnen noch immer in der kindlichen, phantastischen Weise 
bezeichnet, die damals üblich war. Es gewährt auf Reisen 
ein eigenes Vergnügen, zu den alten Sternbildern auf- 
zuschaun, die heute noch so dastehn, wie sie vof Jahr- 
tausenden dagestanden haben; in italienischen Sommer- 
nächten, wenn die Sonne im Zeichen des Löwen steht, das 
grosse, von Wega, Atair und dem Hauptsteme des Schwans 
gebildete Dreieck, il Triangolo horecde zu betrachten, auf dem 
Nil am Maul des Grossen Hunds die Sothis oder den Stem 
Kanopus im südlichen Sternbild des Schiffes Argo zu ent- 
decken und auf dem Jonischen Meere mit dem Odysseus 
die Bärin im Auge zu behalten, die sie auch den Wagen 
zubenennen: 

^Aqxxov 9^, r^v xcd ^A/ia^cev inlxhiaiv xaXiovaiv (Odyssee V, 273), 

während die Araber und die Hebräer vielmehr eine Toten- 



— 147 — 

bahre darin sehn (arabisch Nasch, hebräisch Äsch, vgl. 
Hiob IX, 9); nach der ersten Auffassung stellen die drei 
letzten, eine gekrümmte Linie bildenden Sterne den Schwanz 
oder, wie der Weidmann sagt, den Fürzel des Bären dar; 
nach der zweiten die Deichsel des Wagens; nach der dritten 
die Kinder oder die Töchter des Verstorbenen, welche die 
Bahre als Leidtragende begleiten (arabisch Benethnasch, 
hebräisch Banejah, vgl. Hiob XXXVIII, 32). Die christ- 
lichen Araber wissen sogar, wer auf der Bahre liegt, sie 
nennen das Sternbild geradezu die Bahre des Lazarus {Nasch 
Lazar) und die drei Sterne: Maria, Martha xmd das Mädchen, 
Analog sind denn nicht nur die (für unsere Breiten 
nicht sichtbaren) Sternbilder des südlichen Himmels von 
ihren Entdeckern zu Kreuzen und zu Kranen, Kranichen und 
Giraffen gestempelt, sondern überhaupt noch eine Menge 
der wimderlichsten Dinge und Wesen in die Astronomie 
eingeführt worden, dass die Stemgloben, auf die man diese 
Figuren gewissenhaft auftrug, ein immer buntscheckigeres, 
man möchte oft sagen, immer geschmackloseres Aussehen 
erhielten. Auf den modernen Sternkarten werden gegen- 
wärtig keine neuen Sternbilder mehr eingezeichnet, und 
auch von den älteren pflegt man nur die Umrisse anzu- 
deuten; das macht, dass die Menschen von jetzt die 
Metapher fühlen, die in solchen Namen liegt, ja als eine 
ungeheuerliche empfinden, während die Sternbilder von Haus 
aus vielleicht gar keine blossen Bilder gewesen sind. Wohl 
möglich, dass jene himmlischen, imkontroUierbaren Figuren 
einer gläubigen Vorzeit wirklich als mystische, rätselhafte 
Wesen, wie die Tiere der Apokalypse oder des Propheten 
Daniel, als ferne Götter und Cherubim erschienen — noch 
heute finden wir ja bei wilden Völkern ganz ähnliche Vor- 
stellungen. Von den Indianerstämmen im östlichen Quell- 
gebiet des Xingu, die noch in vorkolumbianischer Steinzeit 
leben, erzählt Karl von den Steinen, dass sie das Sternbild 
des Südlichen Kreuzes für den Vogel Stratiss, den Regen- 
bogen für eine Wasserschlange, die Sonne für einen Busch 

10* 



— 148 — 

von roten Papageienfedern, die Sternhaufen für ein Getoimmel 
von Flöhen halten, von denen zuweilen einer aufhüpft; und 
es ist bekannt, wie vielfache Deutungen bis auf Wilhelm 
Hauff der Mann im Monde erfahren hat, der bald wirklich 
für einen Mann, bald für eine Frau, bald für ein Ehepaar^ 
bald für einen Jüngling, bald für ein Mädchen, bald für ein 
Kind, bald für ein Kaninchen gehalten wird, während 
einige Völker, realistischer gesinnt, die Flecken Flecken 
sein lassen und sich bemühen, ihren Ursprung zu ergründen. 
So die Khassia in Assam, welche glauben, der abnehmende 
Mond (der nach der Meinung der Dakota von Mäusen an- 
genagt wird) brenne langsam ab, und es natürlich finden,, 
dass er auch Asche gebe: nach ihnen sind die Flecken in 
der Mondscheibe Äschenhäufchen. Schon etwas mehr gehen 
die Eskimos ins Zeug, obgleich auch ihre Erklärung noch 
äusserst prosaisch ist: der Mond verfolgt seine Schwester,, 
die Sonne, wie er sie beim Wickel kriegt, dreht sie sich 
um und schmiert ihm das Gesicht voll Russ: nach den' 
Eskimos hat die Sonne ihrem Bruder fünfe ausgethan. 
Nun kommen die Zoologen, die im Monde ein Nagetier 
erblicken, ihrer sind sehr viele: im ganzen östlichen Asien 
spricht man von dem Kaninchen im Mond oder von dem 
Hasen im Mond — die Chinesen sehen einen Hasen, der ein 
Männchen macht und in einem Mörser Reis stösst, dieselbe 
Ansicht herrscht bei den Indianern Nord- und Zentral- 
amerikas; in Südamerika dagegen erblicken sie eine mensch- 
liche Gestalt Das sind die Anthropologen, die aber wieder 
weit auseinandergehn. Die Peruaner erzählen, dass ein 
Mädchen sich in den Mond verliebte, zu ihm emporsprang 
und von ihm festgehalten wurde — umgekehrt wie die 
Griechen, nach denen Selene den schönen Jüngling Endymion 
umfing und liebend zu sich emporhob. Auf Samoa, wo sie 
glauben, dass die Geister der Toten sich vom Monde nähren, 
erkennen sie eine Mutter mit ihrem Kinde, viele andere 
Stämme sehen eine alte Frau, die spinnt oder Lasten trägst 
Unsere nordischen Vorfahren hatten eine eigene Legende; 



— 149 — 

nach der Edda entführte der Mond zwei Kinder, die eben 
vom Wasserholen kamen: sie stehen im Monde wie zwei 
Wassermännchen. Die christlichen Völker identifizieren 
bekanntlich den Mann im Mond mit dem in den Numeri 
vorkommenden Subjekte, das am Sabbathtage Holz las 
und von der ganzen Gemeine gesteinigt ward (4. Mose 
XV, 32—36), gelegentlich auch mit Kain, der die Domen 
und Disteln des verfluchten Ackers trägt und vom bösen 
Feinde in Gestalt eines Hundes begleitet wird, daher auch 
in Shakespeares Sommemachtstraimi this man with lanternj 
dog, and bush of thoms, presenteth the moonshine (v, i). Diese 
abermalige Beziehung auf Personen der biblischen Ge- 
schichte, die den astronomischen Mythen und Sagen im 
klassischen Altertum parallel läuft, ist charakteristisch, sie 
bezeugt eine gemütliche Anteilnahme, die einer blossen 
Metapher kaum gewidmet worden wäre. 

Ha ! Glaubt man denn, dass der himmlische Falke, unter 
dessen Bilde der Gott Indra in der indischen Mythologie 
erscheint; der Wagen des Helios, die Locken des Harpokrates 
und Simsons, die Strahlen der Sonne und die Hörner des Monds, 
die schwanke Brücke Bifröst und der Hammer Thors berech- 
nete und bewusste, kunstvolle Metaphern waren? — Das 
hiesse ja die gesamte Götterlehre zu einer blossen Figur 
herabdrücken und ihr den Charakter naiver Volksanschau- 
ung völlig nehmen. So konnte man noch zu Anfang 
unseres Jahrhunderts wähnen, als man sich noch mit dem 
Gedanken eines hohenpriesterlichen Volkes, eines indischen 
oder ägyptischen Urvolks trug, das im Besitze der reinen 
Gotteserkenntnis gewesen, dessen uralte Weisheit dann an- 
deren, roheren Nationen zugute gekommen, aber diesen 
wegen ihrer unzulänglichen Bildung auf allegorische Weise, 
in einer absichtlich erfundenen Bildersprache mitgeteilt wor- 
den sei, während sich die wahre Religion esoterisch in den 
Mysterien fortpflanzte. Noch Gottfried Hermann hielt in 
dem Schriftwechsel mit Creuzer daran fest, dass die grie- 
chische und römische Mythologie eine bildliche Ausdrucks- 



— 150 — 

weise eines alten Priestergeschlechtes sei, die das Volk und 
die Volkspoesie wörtlich genommen habe. Heute, wo wir 
wissen, dass die griechischen und die germanischen M5rthen 
nicht die Sprache und Weisheit der Inder verhüllen sollen, 
sondern dass sie mit den indischen Mythen zugleich aus 
der arischen Religion geflossen und dass sie von keinen 
Priestern erfunden, sondern von den indogermanischen 
Völkern in ihrer mythenbildenden Zeit unter dem Eindrucke 
ihres Himmels und der umgebenden Natur intuitiv hervor- 
gebracht worden sind: müssen wir den Kern von Wahr- 
heit, der in jener Ansicht enthalten ist, dennoch anerkennen. 
Es ist allerdings kein Zweifel, dass alle Mythen gleichsam 
Bilder und Metaphern darstellen, nur dass sie nicht von 
Priestern ersonnen worden, sondern volkstümliche Bilder 
sind, die vom Volke wörtlich genommen, sozusagen ge- 
glaubt, aber in einer späteren Periode, auf einer höheren 
Bildungsstufe erkannt und aufgegeben werden. Jüngere 
Geschlechter waren eben besser unterrichtet — sie wussten 
dass da oben in den Wolken keine Karren fahren und 
keine Kühe weiden und keine Scheibenschiessen veran- 
staltet werden und dass keine Brücke vom Himmel zur 
Erde fuhrt, über welche die Äsen reiten — die Sonnen- 
und Mondwagen, die Bogen und Pfeile, die Strahlen , mit 
denen die Lichtgottheiten wie himmlische Strelitzen aus- 
gestattet wurden, die Homer der Sonnenstiere und der 
Mondkühe waren ihnen lächerlich. Aber die, welche diese 
glänzenden Metaphern schufen, wussten das noch nicht, ja 
selbst die Dichter, die sie anmutig nacherzählten, waren, 
wie das nicht blos Gottfried Hermann, sondern schon Plato 
hervorhebt, von einem esoterischen Wissen weit entfernt, sie 
teilten offenbat die populären, phantastischen Anschauungen. 
Wer möchte denn behaupten, dass ein Homer geahnt habe, 
weshalb Zeus und Hera in Unfrieden miteinander leben; 
oder dass sich Ovid der wahren Bedeutung der Jo-sage 
bewusst gewesen sei? — In Griechenland sind die Gewitter 
heftiger als bei uns, alle atmosphärischen Erscheinungen 



— 151 — 

entwickeln sich gleichsam stürmisch, wenn die Menschen 
überall einen ehelichen Zwist mit einem kleinen Donner- 
wetter zu vergleichen lieben, so liegt dieses Bild am 
Ägeischen Meer besonders nahe. Wenn der zornige Grötter- 
vater seine Frau schlägt und den Bankert Hephästos zum 
Fenster hinausschleudert, so ist damit ursprünglich der 
Aufruhr der Natur und das Toben der Elemente gemeint 
gewesen, es ist nicht Hera, es ist die Luft, die gleichsam 
gepeitscht wird, der Orkan rast durch den Himmel, die 
Winde schelten und die Wetterwolke wirft mit Feuer- 
strahlen um sich. Oder wenn Zeus seine Frau Gemahlin, 
wie Brunhilde ihren Günther, an den Nagel hängt, dass sie 
mit Händen und Füssen zappelt, so ist auch das ein Bild 
von der Gewalt des höchsten Himmelsgottes, der die 
schweren Regenwolken herabhängen lässt wie Euter. Und 
wenn Hera wiederum, im Bunde mit Poseidon und Athene, 
den Zeus zu fesseln sucht, wenn sie die dunkeln Mächte 
der Tiefe anruft und Finsternis erzeugt, so mag das ein 
Bild der gefährlichen und dichten Nebel sein, die über der 
Erde lagern. Zeus ist der Himmel. Hera ist die Luft, 

Und Jo ist der Mond — die weisse Kuh, in welche 
sie von der eifersüchtigen Hera verwandelt wird, ein 
uraltes Symbol des Mondes, das sich in Sjrrien bei der 
kuhköpfigen Astarte, in Ägypten bei der kuhköpfigen Isis 
wiederfindet. Die Strahlen, bei uns Pfeile, pflegte man im 
Orient bald als Haare, bald als Hörner anzusehn; hier kommt 
noch die Analogie dazu, welche die Spitzen der Mondsichel, 
die sogenannten Hörner des Monds, lateinisch Cornua lunae, 
mit Hörnern haben. Wohlbekannt ist das Kälbchen, der 
Vittdus des Horaz, 

fronte curvatos imitatus ignes 

tertium lunae referentis ortum (Oden IV, 57). 

Dass der allsehende Argus mit seinen tausend Augen, 
der von Hera zum Wächter der Kuh bestellt wird, den 
gestirnten Himmel bedeuten möge, leuchtet wohl auch dem 
Anfänger ein. Die Irrfahrten der Inachustochter bilden 



— 152 — 

offenbar den Klreislauf des Mondes ab, der nicht nur, wie 
die Sonne, in wechselnder Gestalt über den Himmel wan- 
delt, sondern bei Neumond im Westen ganz verschwindet 
und gleichsam auf Reisen geht — die Eskimos glauben, er 
sei müde imd hungrig; die Hottentotten glauben, er habe 
Kopfschmerzen, deshalb stütze er sich auf und halte die 
Hand vor sein Gesicht. Kopfschmerzen hat unsere Jo auch, 
die Bremse der Hera peinigt sie und jagt sie durch alle 
Welt, bis sie endlich am Nil Ruhe findet — das heisst auf 
deutsch: sie wird wahnsinnig, und der Wahnsinn ist wieder 
der bildliche Ausdruck ftir die Verdunkelung, welche der 
abnehmende Mond erleidet So werden in der nordischen 
Mythologie die Kutscher der Sonne und des Mondes von 
riesenhaften Wölfen verfolgt, die sie zu verschlingen drohen: 
die Wölfe scheinen Metaphern für Sonnen- und Mondfinster- 
nisse zu sein .... 

Metaphern, Metaphern und abermals Metaphern! — 
Eine Metapher ist Iris, die windschnelle Götterbotin, die 
Personifikation des Regenbogens, des Stegs, der Himmel 
und Erde verbindet, der Brücke, die, ein heiliges, alttesta- 
mentliches Symbol des Bundes und des Friedens, von As- 
gard nach Midgard geschlagen ist und alsobald verschwindet, 
nachdem die Göttin ihren Auftrag ausgerichtet hat — eine 
Metapher ist Merkur , der rasche Gott des Windes, der wie 
der Wind beständig auf Reisen ist und, ein Segler der 
Lüfte, allen Verkehr und allen Handel auf dem Erdenrund 
vermittelt, daher auch Gewinn und Reichtum bringt, wie 
der Wind, der die Wärme verteilt und das Wetter regu- 
liert, die Erde finichtbar macht — Demeter, die gütige 
Mutter, die unerschöpfliche Geberin, ist eine Metapher, die 
Personifikation der Erde, an deren Brust die Vegetation 
ein Weilchen wie eine blühende Tochter hängt, -um im 
Herbst von dem finstem Pluto geraubt zu werden, und die 
ein andermal, gleich dem Monde, unter dem Bilde einer 
Kuh gedacht wird, sintemal die Ideenverbindung zwischen 
der Kuh, der Erde und dem fruchtbaren Mutterschoss allen 



— 153 — 

Völkern und unseren eignen Vorfahren geläufig ist — eine 
unverkennbare Metapher ist Danae, die Personifikation des 
dürren Erdbodens, auf welchen der goldene Regen des 
Himmelsgottes fällt, worauf alles in neuem Licht erglänzt, 
wie es der Mythus ausdrückt: Persetis, der griechische Sieg- 
fiied, geboren wird — ja, Gott selbst ist eine erhabene Me- 
tapher, ein Bild der Unendlichkeit, die Personifikation der 
Welt 

Und der Mensch schuf Gott ihm zum Bilde, zum Bilde 
des Menschen schuf er ihn. Man nennt das Änthropomor- 
phismuSf eine Vorstellungs weise, die der alte Philosoph 
Xenophanes zwar bitter tadelte, indem er die Dichter Homer 
und Hesiod gottloser Mythen zieh, die er trotzdem natür- 
lich fand: wenn die Löwen einen Gott hätten, so würden 
sie sich ihn in Löwen gestalt, wenn die Stiere einen Gott 
hätten, in Stiergestalt vorstellen. Es ist eine uralte Manier 
zu denken, die dem gesamten Weltbild zu Grunde liegt 
und auch dann noch nachwirkt, wo es sich nicht gerade 
um Götter und religiöse Metaphern handelt. Nach der nor- 
dischen Mythologie entstand aus dem ewigen Eis am Saume 
Ginnungagaps der urweltliche Riese Ymir, der sich von der 
Milch der Kuh Audhumbla nährte. Diese Kuh leckte aus 
dem salzigen Schnee, von dem sie lebte, einen Mann heraus, 
der drei starke Enkel hatte: Odin, Wili und We, die drei 
Götter oder Äsen. Sie erschlugen den Riesen Ymir und 
machten aus ihm die Welt(i). Aus seinem Fleische die 
Erde, in deren Innerem die Zwerge wie die Würmer in 
einem Leichnam sitzen; aus seinem Blute die See; aus 
seinem Skelett die Berge; aus seinen Zähnen die Steine; 
aus seinen Haaren den Wald; aus seinem Schädel den 
Himmel; und aus seinem Gehirn die Wolken. Die Welt 
war nach der Edda ein auseinandergelegter Ymir oder wie 
es Paracelsus im XVL Jahrhundert nannte, ein menschlicher 
Orgranismus im grossen, ein Makrokosmos. Und das ist sie 
heute noch uns, nur dass wir nicht mehr einen ungeheuren 
einheitlichen, sondern viele einzelne Riesen sehn (2). 



— 154 — 

Männer, Weiber, ungeheure Jungfrauen, Mönche, Kaiser 
und Könige — der Mensch ist ein wahrer Narciss; ^r bespie- 
gelt überall sich selbst. Seine Sprache steckt voller Anthro- 
pomorphismen, kühn wie die Sagen Skandinaviens — ist es 
doch ganz im gewaltigen Stil der alten Urgrossmutter, 
glaubt man doch die Lieder der Edda wiederzuhören, wenn 
der Deutsche die Gipfel seiner Berge als Häupter oder Köpfe; 
ihre untere Hälfte als Füsse, ihre Gänge als Ädern, ihr Ge- 
rüst als Bippen oder (niederdeutsch) B^e, ihre Schroffen 
und Auszackungen als Hörner oder als Nadeln oder als 
Zähne bezeichnet! Man vergleiche die romanischen Aus- 
drücke Tete, Dent, Coste, Coteau u. s. w. — Einen Gletscher 
nennt der Norweger eine Braue (Brae), der Spanier be- 
trachtet den oberen Waldgürtel als die Augenbraue oder 
die Ceja der Montana, auch der Italiener nennt die Abhänge 
und die Ränder der Plateaus schlechthin grosse Augen- 
brauen, Ciglioni, als ob gar keine besondere Phantasie dazu 
gehörte, sich Berge vorzustellen, die ihre Stime runzeln, 
Felsen, die gleichsam schlafen, bedeckt mit Bäumen, deren 
Haar vom durchstreichenden Wind gekämmt wird! — 

Und die langen Felsennasen, 

wie sie schnarchen, wie sie blasen. 

Die Dichter fuhren wohl solche Vergleiche weiter aus 
— bekannt ist die prachtvolle Prosopopöie im vierten Buche 
der Äneis, wo Virgil den Merkur über die Gipfel des 
himmelstützenden Atlas eilen lässt, 

Atlantis duri, caelum qui vertice fulcit, 

Atlantis, cinctum assidue cui nubibus atris 

piniferum caput et vento pulsatur et imbri, 

nix humeros infusa tegit, tum flumina mento 

praecipitant senis et glacie riget horrida barba (IV, 247 ff.) — 

aber die Dichter haben die Metapher keineswegs erfunden, 
der wahre Dichter ist der gemeine Mann, der gar nicht zu 
dichten glaubt, sondern die Natur unschuldig belebt. Berge 
und Atlanten zu Wesen seinesgleichen stempelt, Sonne und 
Mond die Züge des eignen Angesichts imd der Morgenröte 



— 155 — 

so gut wie dem nsvreödxrvko, das ist dem Taygetosgebirge, 
die Finger seiner Hände leiht. 

Wo das Land ins Meer hinausschaut, hat es erst recht 
ein menschliches Gesicht — wie der Grieche sagt, eine 
Stime, Falag MercoTtov, ein Bild, das schon Pindar braucht 
und das in dem populären Namen der südlichen Spitze 
Moreas, des südlichsten europäischen Kaps: Kap Matapan 
fortlebt (Kdßo MaraTtdv). Den Peloponnes haben die alten 
Geographen sonst, seiner eigentümlich ausgezackten Gestalt 
wegen, mit einem Platanenblatt verglichen. Unser Küste 
ist ja selbst nichts anderes als ein Vergleich, nämlich der 
des Seeufers mit dem Knochengerüst des Brustkorbes, mit 
den Seiten odfer Rippen, dem wir schon oben, in den Ber- 
gen, begegneten (lateinisch Costa, französisch Cdte; Cöte = 
Costatum). Alle Landspitzen und Vorgebirge heissen in den 
abendländischen Sprachen Köpfe oder Kaps, dasselbe be- 
deutet das arabische Ras, während in unserem Norden der 
beschränktere, gelegentlich für das ganze Gesicht genom- 
mene Begriff der Nase vorherrscht: das südlichste Vorgebirge 
Norwegens heisst Lindesnäs, der weisse Berg an der Elbe 
unterhalb Altonas, der dem bekannten Fischer- und Schiffer- 
dorf den Namen gegeben hat: Blankenese, eine der Hal- 
Kgen an der Westküste von Schleswig: Langeness, das 
Vorgebirge an der Südküste von England: Dungen^ss, die 
Ostspitze der Grafschaft Fife in Schottland: Fifeness, die 
nordwestliche Spitze der Halbinsel Kanin im nördlichen 
Russland: Kanin-noss — übrigens findet sich der Ausdruck 
auch in der Schweiz, am Vierwaldstätter und Thuner See, 
ja, es ist nicht unmöglich, dass der Name des Bergs JffxaAi;, 
an dessen Fuss im Jahre 479 v. C. Flotte und Heer der 
Perser von den Griechen geschlagen wurden, eigentlich 
Schnäuzchen bedeutete. Mehrere Berge auf den britischen 
Inseln fuhren den Namen Faps^ Brustwarzen, französisch 
Mamel(ms, und bekanntlich betrachteten die alten Griechen 
Delphi, speziell einen kegelförmigen Block von weissem 
Marmor in der Cella des Apollotempels, als den Nabel der 



— 156 — 

Erde (^OfÄq>aXdg rijg yijg) und die Stadt Enna, speziell den 
Hain der Proserpina, als den Nabel Siziliens (ümbilicus SicUiae). 
Auch Italien, auch die Stadt Rom hatte ihren Umhüicus. 
So gilt Damaskus für das Äuge des Orients; übrigens lieben 
die Orientalen besonders die Quellen als Äugen der Landschnft 
zu bezeichnen, ungefähr wie wir eine ebene Wasserfläche 
mit einem Spiegel oder die Fenster mit Äugen, Ochsenaugen 
vergleichen (arabisch Äin, Auge, Quelle, hebräisch Äin, En, 
in unzähligen Ortsnamen, z. B. das biblische Engeddi, arabisch 
Äin Dschidi, Gazellenauge; in der Mythologie stehen B4)sse 
und Quellen in engster Verbindung). Dass dem Land auch 
Ohren gegeben werden, lässt sich von vornherein ver- 
muten, und in der That dürfte es schwer sein, einzelne 
skandinavische Namen auf -dV, zimi Beispiel das klassische 
Helsingör, anders als durch diese Metapher zu erklären, 
wenn man sich auch gegenwärtig halten muss, dass -ör 
auch der Plural von Ö, Insel, sein kann {Färöer, Schaf- 
inseln, altnordisch Färeyjar). Das Ohr heisst auf dänisch 
Öre, schwedisch Öra, altnordisch Eyra; der Sund, der von 
den jetzigen Inhabern Öresund genannt wird, hiess im skan- 
dinavischen Mittelalter: Eyrarsund. 

Lange und schmale Halbinseln bezeichnet man als 
Landzungen; ein Mund, englisch Mouth, wird hauptsächlich 
den Flüssen zugeschrieben, sei es, dass man ihren Auslauf 
oder Eingang damit meint {Mündungen, fr. les Bauches du 
Ehdne, it le Bocche, le Fod, schon lateinisch Farnes, OsHa), In 
alter Zeit betrachtete man im Gegensatz hierzu die Quelle 
eines Flusses als sein Haupt, sprach zum Beispiel vom Haupt 
oder Ursprung des Inn (in capite Oeni = Engadin), Achill war 
nach Forchhammer ein Heros der Überschwemmung, des 
mündungs- und lippenlosen Flusses, gleichsam der Lippen- 
lose, denn die Ufer der Flussmündungen (Iröf^ara) hiessen 
im Griechischen, ein Detail, das uns fremd ist: Lippen {Xdlr^. 
Es ist sonderbar, dass sich das gewählte Wort Mund, das 
nicht populär ist, nebst Oemünde, Münde und Mündung, gerade 
in diesem Sinne festgesetzt hat, Maul dagegen nicht gebraucht 



— 157 — 

wird — vielleicht eben weil das Volk fühlte, dass das eine 
poetische Metapher sei, wie der Mund des Chrdbes oder der 
Mund der Erde: dass die Erde ihren Mund aufthut und verschlinget 
sie mit aUem, das sie haben (4. Mose XVI, 30). Die öflEnung einer 
tiefen Höhle, den Krater eines Vulkans nennt man sonst 
lieber: Schlund und eine Klamm: Kehle (fr. une Gorge, it una 
Gola)j ja, eine Grrube ersäuft, wenn die Maschinen zur Wasser- 
haltung stillstehn. 

Allgemein nennen die Alpenbewohner einen Pass oder 
ein Joch oder auch nur einen massigen Bergrücken, der 
quer zwischen höheren läuft und sie verbindet, einen Hals; 
dasselbe besagt das französische Gol, in den italienischen 
Alpen (nach der italienischen Aussprache des französischen 
Wortes) Colle, z. B. ü Golle di Tenda, ü Colle delV Argentiera, 
und das griechische ^v^ijv, bei Herodot (vn, 223) ein Aus- 
druck für den berühmten Eng^pass der Thermopylen. Hals 
heisst aber auch ein Isthmus oder eine Landenge, wodurch 
eine Halbinsel mit dem Festland, wie ein Kopf mit dem 
Leibe zusammenhängt, so erzählt Herodot von dem älteren 
Miltiades, dass er tov avxiva rrjg Xeqaovr^ooVy den Hals des 
Chersones, der Halbinsel der Dardanellen oder von Galli- 
poli, von der Stadt Kardia bis nach der Stadt Paktye ab- 
gemauert habe (Vi, 37). Auch Meerengen und Flüsse, die 
sich gabeln, werden so genannt, wobei das Bild einer viel- 
köpfigen Schlange vorschwebt (rov Ttorafiov rbv avxiva, e% 
Tov oxiCsrai rä OTOfiara rov ^'larQOv, e^evyvve Herodot iv, 89). 
Allen diesen verschiednen Hälsen gemeinsam ist der Begriff 
der Enge, der Verengerung eines Leibes, der sich am 
Nacken zusammenzieht, um sich dann abermals kopfartig 
auszubuchten: wenn wir den menschlichen Körper an den 
Lauf des Flusses wie ein Mass anlegen, so stellt der Mittel- 
lauf den Rumpf, der Unterlauf den Kopf desselben dar — 
wer den Oberlauf als Haupt bezeichnete, legte sich den 
Flussleib umgekehrt vom Meere ins Land hinein. Anstatt 
aber nun mit Herodot und anderen alten Geographen den 
gegabelten und verästelten Unterlauf als eine Teilung des 



— 158 — 

Halses in eine Menge von Köpfen oder Häuptern anzusehn: 
muUisque capitibus in Oceanum infinit , sagt Caesar im Bellum 
Gallicum vom Rhein — scheint es uns gegenwärtig passen- 
der, erst die Vordergliedmassen daranzusetzen und durch 
die Flussspaltung wie bei Seen und Meeren Arme oder 
allenfalls die Schenkel eines Delta entstehn zu lassen, sprechen 
daher auch bei der Donau und beim Rhein nicht von ihren 
Mündungshäuptern, sondern von ihren Mündungsarmen, eine wie 
grosse Inkonsequenz auch wieder darin liegt. Dass die 
Bilder also kaleidoskopartig ineinanderspielen und die ein- 
mal beliebte Grundanschauung gar nicht vorhält, sondern, 
kaum angedeutet, schon wieder einer neuen weicht, be- 
weist am besten, wie wenig die Metaphern noch als Me- 
taphern empfunden werden — undique collatis membris, wie 
der unsterbliche Verfasser der Poetik sagt — die zusammen- 
getragenen Körperteile geben jeder in seiner Art schnell- 
fertige Model, Formen zum augenblicklichen Gebrauch, um 
mich so auszudrücken, Momenttypen ab, und niemand fragt 
darnach, ob 

desinit in piscem mulier formosa superne. 

So dürfen wir uns auch nicht wundem, wenn derselbe 
Fluss, der vielleicht dicht vor seiner Mündung ist, urplötzlich 
ein Knie macht, weil er eine Biegung macht, wie die Donau 
bei Czemawoda, nur 50 km vom Meere entfernt, von der 
vorliegenden Platte der Dobrudscha seitwärts gedrängt, 
plötzlich nach Norden umbiegt, um dann bei Galacz aber- 
mals abzubiegen; der Rhein mit seinem Knie in fremder Hand, 
schrieb Arndt, drückt grade auf den Nacken Deutschlands, Auch 
von einer Strasse sagt man, sie mache ein Knie, und selbst 
vom Holze, dem sogenannten Knieholz, Die Stadt Oenua 
hat angeblich ihren Namen von dem Knie, lat Genu — die 
Schreibung Janua, die sich zuerst bei Liutprand im X. Jahr- 
hundert findet, ist wohl nur dem Gotte Janus zuliebe auf- 
gekommen. Eine weit ins Land hineinreichende Einbiegung 
des Meeres nennt man sonst einen Meerbusen {Sinus, K6ln:og\ 
Desgleichen leitet man den Namen der Stadt Äncona von 



— 159 — 

dem Ellenbogen, dem i^yxwV her, den die Küste, in ipso 
flectens se cuhito, wie Plinius sagt (H. N. in, 13), zu beschreiben 
scheint; wohl nur zufällig trifft er mit dem italienischen 
Wort Äncona, Altarbild, Elxciv, zusammen, obgleich Ancona 
nicht weit von Loreto ist. Den Namen Ärmel hat bekannt- 
lich der Kanal (la Manche). 

Derselbe Anthropomorphismus führte nun drittens (3) 
auch dazu, ganze Länder als solche gleichsam als Riesen- 
leiber und als Ymirs im Ymir aufzufassen. Zwar hat Frau 
Venus (nach Horaz Oden HE, 27, 75) der Jungfer Europa viel 
versprochen, wenn sie der Entführten lächelnd zuredet und 
voraussagt, dass ihren Namen ein ganzer Weltteil tragen 
^vürde: 

tua sectus orbis 
nomina ducet! — 

denn es ist wahrscheinlich, dass der Name dieses Weltteils 
mit dem griechischen Erehos, einem hebräisch-phönizischen 
Fremdwort zusammenhängt, welches das Dunkel, das 
Schattenreich, die Unterwelt bedeutet, und dass Buropa 
ursprünglich im griechischen Archipel das nach Sonnen- 
untergang, gen Westen liegende Abendland, wie Asien das 
nach Sonnenaufgang hin gelegene Morgenland bezeichnete; 
die phönizischc Königstochter, die sich in Kreta mit dem 
(bestirnten, dem Könige Asterion, will sagen dem Himmels- 
gott vermählt, wird ziemlich allgemein als eine Mondgöttin 
aufgefasst und selbst als die Dunkle, Verdunkelte erklärt. An 
eine direkte Übertragung der Stierbraut auf unsem Erdteil 
wäre demnach nicht zu denken, obgleich Horaz nicht der 
Einzige ist, der das gethan hat — ei firj aTtö Ttjg TvQlrjg 
^GOf^ev EvQWTtrjg laßeiv ro ovvof^a rfp^ Xcupijv, sagt Herodot 
(IV, 45); und die drei Weltteile, Europa, Asien und Afrika, 
bereits im Altertum als Frauen gedacht und dargestellt 
worden sind, zum Beispiel auf einem pompejanischen Wand- 
gemälde, vergleiche Neapel und seine Umgehung, Seite 87. 

Europa war und ist noch itzt 
Eine Jungfrau die da sitzt. 



— 160 — 

Ihr Hütchen, Leute, schaut einmal. 

Das ist das kleine Portugal; 

Land Spanien ist ihr Gesicht, 

Das, Leutchen, übersehet nicht. 

Am Halse sind die Pyrenä'n 

Als Schmuck der Jungfrau anzusehn. 

Zum dritten sei euch jetzt bewusst, 

Dass Frankreich bildet ihre Brust. 

Schaut, England ist der linke Arm, 

Schier abgelöst, dass Gott erbarm, 

Der rechte Arm Italien, 

Der hält da sein Sizilien, 

Als ob*s ein kleiner Fächer war. 

Als wollte sie so hin und her, 

Sardinien und Korsika, 

Die ihrem Leibe ziemlich nah. 

Das kleine Malta und dergleichen. 

Wie Ungeziefer von sich scheuchen. 

Der Leib vom Fels zum Meeresrand 

Ist unser deutsches Vaterland, 

Und Böhmen, haltet*s nicht für Fabel, 

Der riesenhaften Jungfrau Nabel. 

Zum Oberschenkel und zum Knie 

Hat Dänemark und Schweden sie. 

Das Knie, das stösst ans Eismeer sich. 

Da mag es kalt sein sicherlich. 

Und drunten strömen Sund und Belt — 

Dass sie nur nicht ins Wasser fallt! — 

Doch nein, sie sitzt ja fest und frei, 

Auf Griechenland und der Türkei, 

Sitzt als auf eines Stieres Rücken, 

Der will ihr schier den Rock zerdrücken. 

Den Rock, den sie gleich einem Kragen 

Ums heirge Russland hat geschlagen .... 

Doch nun genug von dem Heiopopeio, dem sich viele 
andere Heiopopeios anreihn, zum Beispiel das von Lucifer, 
dem Engel des Lichts, der, aus dem Himmel geschleudert 
und zerschellend, die Länder Europas bildet, das von dem 
geflügelten Drachen, das schon Strabo gesungen hat u. s. w. 
Für sich und ohne Beziehung auf Europa wird bekanntlich 
Böhmen mit einer blühenden Rose und Italien mit einem 



— 161 — 

Stiefel {lo StivaU) verglichen, an dem der Monte Gargano 
den Sporn (Zo Sprane), das Capo di Leuca den Absatz (ü 
CdUagno oder ü TäUone d'Italia) und das Capo Spartivento 
die Spitze {la Punta del Piede) darstellt; die Insel Sardinien, 
deren Umrisse entfernte Ähnlichkeit mit einer Fussstapfe 
haben, war den Grriechen anfänglich unter dem Namen 
'Ixvovaa bekannt, später nannte sie Timäus, nach Plinius, 
um derselben Ähnlichkeit willen, lavöaXiwrig. Übrigens 
pflegt ja nach altem Gebrauche jede Landschaft, jede ein- 
zelne Provinz, was sage ich, jede Stadt nach Art der Jung- 
frau Europa personifiziert und als eine hehre wohlthätige 
Göttin gedacht zu werden, ohne dass die äussere Konfigu- 
ration Veranlassimg dazu gibt (Germania, Bavaria, BeroUna). 
Brauchen wir denn so weit zu suchen? Müssen wir denn 
wie Adler in die Höhe steigen, um in der Natur imd auf der 
Landkarte menschliche Formen zu erspähen? — Die liegen 
uns viel näher; wir haben den Anthropomorphismus (4) 
im Hause, in der Stube, im Schranke und hinterm 
Ofen. Eine eigentümliche Märchenphantasie erfüllt ims, 
dem geringsten Gerät blasen wir lebendigen Odem ein: jede 
Kaffeekanne macht uns ein Gesicht, jeder Krug horcht uns 
mit offenen Ohren zu und jedes Fenster, ja, jede Laterne 
glotzt uns mit Ochsenaugen an. Nicht blos das Gebirge hat 
einen Hals, auch die Garbe auf dem Felde, die letzte Garbe, 
die sie in der Mark die Alte nennen; auch die Flasche hat 
einen, der ihr sogar gebrochen werden kann, wie sie einen 
Bauch hat — nicht blos der Vesuv hat einen Schlund, jeder 
italienische Kamin und Küchengussstein hat seine Gola, wie 
jeder Schlüssel einen Bart und jeder Dachziegel seine Nase 
hat — und das Tischchen, das bei Mahlzeiten wie ein 
stummer Diener neben der Hausfrau steht, heisst nicht nur 
Kammerdiener, es hat auch Beine wie ein Kammerdiener, 
alle Bänke und alle Stühle haben ihre Beine und ihre Füsse, 
als ob sie Meister Hephästos gezimmert hätte. Unser Se- 
kretär ist verschwiegen wie ein Geheimer Rat, sparsam 
brennt der Faule Heinz, auf drei Beinen steht der hölzerne 

Kleinpaal, Etym. H 



— 162 — 

Bodk vor seinem Pulte, die Feuerböcke liegen wie Hundchen, 
französisch Chenets, als Phylaxe auf dem Herde, ein gehor- 
samer Stiefelkneckt ist uns beim Ausziehen behilflich, und 
wenn wir schlafen, so wacht die Nachtlampe, la Veüleuse, 
für uns. Welcher Hiunor liegt darin, eine Wärmflasche 
einen Bettmönch zu betiteln, wie die Französinnen einen 
Maine ins Bett thun, die Italienerinnen eine gewisse korb- 
artige Vorrichtung zum Wärmen der Betten Frete und das 
beliebte Kohlenbecken oder Stübchen ihren Marita nennen! 
— Unerschöpflich, bald schalkhaft, bald rührend ist die 
Poesie, mit welcher sich die Menschen selbst umgeben und 
ihr eignes Heim ausschmücken, wenn man so hinhört, 
möchte man glauben, die Tage der Kindheit sind mit ihren 
Wundem und Fabeln zurückgekehrt; und die Bilder wer- 
den immer wieder nicht gerade ausschliesslich, aber mit 
Vorliebe dem Menschen selbst entnommen. 

Es ist bilUg, dass wir uns erkenntlich erweisen und 
nachdem uns Himmel und Erde gefällig gewesen sind und 
die verschiedensten Dinge bereitwillig das Bild des Men- 
schen angenommen haben, sich nun auch wieder der Mensch 
zum Mikrokosmus hergibt und antianthropomorphistisch 
die Aussenwelt abbildet (i). 

Nach Art der dicken Köchin in der Komödie der Irrungen 
(in, 2), die Dromio von Syrakus mit einem Globus vergleicht, 
weil er in ihrem hochgebenedeiten Leibe alle Länder der 
Erde ausfindig macht, und die ein rechtes Seitenstück zu 
der Jungfer Europa abgibt. Auf welchem Teile ihres Kör- 
pers liegt Schottland? — Auf der Fläche ihrer Hand. Wo 
Frankreich? — Auf ihrer Stirn. Wo England? — Auf ihrem 
Kinn, wegen der salzigen Feuchtigkeit, die zwischen ihm 
und Frankreich fliesst. Wo hat sie Amerika? Die beiden 
Indien? — Auf ihrer Nase. Wo liegen Belgien und die 
Niederlande, les Pays-bas? — O Herr, so tief unten habe ich 
nicht nachgesucht. 

Berg und Thal, eben erst mit unserem Mass gemessen, 
werden von der Phantasie gleich wieder in den Menschen- 



— 163 — 

leib versetzt, nicht nur von der ausschweifenden Phantasie 
eines Johann Christian Günther, der dem jungen Ehemann 
zuruft: 

Du lenkst nach Liebenthal, lässt Berg und Hügel liegen 
Und darfst bei Haarburg auch dem offnen Passe traun .... 

man lese die Fortsetzung in Grimms Wörterbuche unter 
Mätzchen nach; sondern vom allgemeinen Sprachgebrauche, 
der in der Hand die fünf Berge der Finger und vor der 
Scham den Venusberg oder Schamberg, Mons Veneris oder Mons 
Pubfs findet (französisch Moni de Yinus, la Motte). Die alten 
Friesen sagen, ein Kind sitze an der Bobbaburg, das heisst 
an der Mutterbrust. Auch bei den verschiedenen Höhlen des 
Leibes, der Bauchhöhle, der Mundhöhle, der Nasenhöhle, den 
Achselhöhlen und den entsprechenden Löchern ist es wohl 
natürlicher, eine poetische Metapher von der Erde auf den 
Menschenleib anzunehmen, als (wie in der Periode der 
Eigennamen) von dem allgemeinen Begriffe auszugehn. 
Diese Ausdrücke laufen dann den Schlünden und Fauces im 
Hochgebirge parallel. Der Hals, dort auf Engpässe an- 
gewendet, muss nun auch für schmale, halsähnliche Stellen 
am Körper selbst herhalten {Hals der Gebärmutter, Mutter- 
mund[). Die sogenannte Rachenenge bezeichnen die Ana- 
tomen ganz im Stile Dromios als Isthmus Faucium, 

Die Quintessenz vom Staube. Zunächst sieht der 
Mensch wieder (2) eine Menge Menschen in sich selbst, 
so wenig vermag er von dem geliebten Bilde loszukommen. 
Besonders der Geschlechtsapparat, der bei allen Menschen 
ein eignes Leben lebt und oft in gar keiner Harmonie mit 
dem ganzen Organismus steht, scheint diese Art von 
Mythenbildung herauszufordern. nldrTe rolwv, sagt So- 
krates im neunten Buche der Republik des Plato (588 c), 
da er dem Glaukon ein Bild von der Seele machen will, 
Ttkatre rolvw filav iöiav xHjqIov Ttomlkov xai Ttokvueipdkovy 
denke dir, sagt er, ein Tier wie einen Centauren oder eine Scylla 
oder sonst eine Schimäre, das atis verschiedenen Tieren zusammen- 
gesetzt ist. Denke dir erst ein Monstrum mit vielen Köpfen, zum 

11* 



— 164 — 

zweiten einen Löwen, drittens einen Menschen: diese drei Wesen, 
der Löwe, der Mensch und das vielköpfige Ungeheuer sollen orgor 
nisch zusammengewachsen sein und alle drei in einem Futterale 
stecken, das wieder Menschengestalt hat, so dass das Tier von 
aussen wie ein Mensch, in seinem Innern aber dreieinig aussieht. 
Unser Philosoph fasst bekanntlich den Staat als einen Men- 
schen im grossen auf: die arbeitende Klasse ist das viel- 
köpfige Ungeheuer, das stehende Heer der starke Löwe 
und die Regierung der denkende Mensch in der apokalyp- 
tischen Schimäre, so dass der Begriff des letzteren hier 
gleichsam in einer dreifachen Potenz und Abstufung er- 
scheint. Der eigentlichste, reinste Mensch, das wahrhaft 
Menschliche am Menschen wäre sonach das vernünftige, 
philosophische Wesen in uns, das leider mit einem zweiten, 
halbedlen und einem dritten, ganz gemeinen grossen wilden 
Tiere unlösbar zusammenhängt und den ganzen vielgestal- 
tigen Organismus nur mit Mühe in Zaum hält. Dazu stimmt 
es, wenn einerseits die unsterbliche Seele bis in die neuere 
Zeit in der Gestalt eines Kindes, anderseits der Bauch mit 
allem was darum und daran hängt in der Gestalt eines 
gefrässigen Tieres, nach Art des platonischen Ungeheuers,, 
gedacht und abgebildet wird. Das männliche Glied erscheint 
dem Volke bald als ein Esel, bald als ein geüer Bock (wen- 
disch Boran), bald als der leibhaftige Hosenteufel; das weib- 
liche Geschlechtsorgan bald als eine Maus, bald als ein 
junges Schwein {%olQog, lat. porcus), bald als eine Muschel, 
Speziell die Gebärmutter, die gegen alle Zustände des 
Organismus eine so grosse Unabhängigkeit bewahrt, bietet 
sich zu dieser apokalyptischen Auffassung: sie wird nicht 
nur gern als eine Mutter in der Mutter und als ein seübs^än- 
diges Wesen, das gleichsam mit Samen gefuttert werden 
muss, sondern besonders als eine Kröte angesehn, daher 
man bei wunderthätigen Gnadenbildem unter den Wachs- 
händen und Wachsfüssen so häufig auch wächserne Kröten 
antrifft. Nach dem Volksglauben kriecht die kranke Gebär- 
mutter als Kröte aus dem Munde heraus, um sich zu baden. 



— 165 — 

und kehrt zurück, während die Inhaberin schläft, wie die 
Seele den Körper zeitweilig in Mausgestalt verlässt, ver- 
gleiche Sprache ohne Worte, Seite 64. Viele dieser Bilder 
sind wie so oft {Pars pro toto) zu Bezeichnungen der ganzen 
Frau geworden. 

Der alte Menenius Agrippa, der lange vor Sokrates 
den Plebejern auf dem Heiligen Berge mit einer ganz ähn- 
lichen Parabel aufgewartet hat, war nicht dieser Meinung; 
er verglich den Leib mit einer Republik voll Menschen 
und den Bauch sogar mit dem edleren Teil derselben. 
Bekanntlich hatten sich die Glieder empört, weil der Bauch 
allein nichts thue und nur immer essen wolle, während sie 
fiir ihn arbeiten und schaffen müssten; das Haupt verklagte 
den Bauch, das wie ein Fürst oben sitzt, 

das wache Auge, 
das Herz: der kluge Rat; der Arm: der Krieger; 
das Bein: das Ross; die Zunge: der Trompeter; 
nebst andern Amtern noch, und kleinern Hilfen 
in diesem unsern Bau. 

Kleine, niedliche Menschen ohne Zahl sitzen wie die 
Däumlinge in diesem Bau beisammen: die Finger huschen 
wie alpartige Geister hin und her, die Muskeln schiessen 
wie Mäuslein auf und nieder, die Brüste tummeln sich wie 
Bvben oder, wie das Hohelied (nach der bräunlichen Farbe 
der Brustwarzen) sagt, wie zwei junge Behztoiüinge — ZwiUinge, 
griechisch Jidvfxot, sind nach einem noch heute den Ärzten 
geläufigen Bild die beiden Hoden, die der deutsche Mann 
auch Brüder, niederdeutsch Brödern, oder die zween stolzen 
Knaben nennt. Knabe, Kerl, Knecht, Oeselle, Kleiner sind, wie 
Grimms Wörterbuch an hundert Beispielen zeigt, populäre 
Bezeichnungen für das Glied, dais vorhin unhöflich mit 
einem sein Futter suchenden, am Barn und an der Krippe*) 



*) Vergleiche in Grimms Wörterbuch die Artikel Futterbarn ^ Futter- 
'Ufanne und Futterkrebe, In Frankreich hat der Begriff der Raufe den der 
Zahnreihe ergeben {RätelUr). Schöne Zähne nennt man un beau rätelier. 



— 166 — 

stehenden Esel verglichen ward. Wie anmutig, die beiden 
kleinen Schamlippen, weil sie zur Leitung des Harns dienen, 
als zwei Nymphen und die beiden Hinterbacken, les Fesaes, 
als zwei Schwestern aufzufassen, wie es in Frankreich ge- 
wöhnlich ist (tomher sur ses deux soeurs, houülon des d£ux 
soeurs, ein Klystier)! — Das Jungfernhäutchen oder den 
Hymen nennen die Französinnen, ganz entsprechend dem 
ebenerwähnten NvfjKptj, welches eigentlich Braut und junge 
Frau bedeutet: la Dame du müieu. 

Endlich gibt unser Körper (3) auch einen vollständigen, 
wohlassortierten Werkzeugkasten ab: das bunte Tier- und 
Menschengewimmel erstarrt plötzlich und verwandelt sich 
in eine Universalmaschine, die von Utensilien strotzt und 
vom Kopf bis zu den Füssen mit allerhand brauchbaren 
Gegenständen ausgerüstet ist — in unserer eisernen Zeit, 
wo alles Maschine ist und eine entgötterte Natur dem Gesetz 
der Schwere knechtisch dient; wo die Naturforscher die 
Architektur des tierischen Körpers und die Schutzeinrich- 
tungen der Pflanzen und der Tiere studieren, als ob sie 
lauter Lokomotiven vor sich hätten, darüber streitend, ob 
der Schwanz des Vogels ein Steuer oder ein Hemmschuh 
oder eine Balancierstange ist, den Schwanz eines Delphins 
mit einer Dampfschiffschraube, die Füsse der Seehunde mit 
Schaufelrudem vergleichend — hat man seine Freude an 
solchen realistischen Ansichten, die bereits unsem patriar- 
chalischen Voreltern angehören und schon ihnen nach der 
Fabrik und nach dem Schurzfell und nach dem Arbeiter- 
stande schmecken mochten. 

Vom Scheitel bis zur Zehe komme ich mir vor wie 
eine Werkstatt; wie eine Kammer oder wie ein grosser 
Schrank voller Bänder und Gewehe, voller Säcke und Beutel, 
voller Becken und Ifannen, voller Möhren und Gefässe, voller 
Klappen und Ventile, vollgepfropft mit tausendfältigen, nütz- 
lichen Instrumenten. Meine Brust ist in der That ein Kasten, 
wie die Arzte sagen ein Harnisch (Thorax), wie »die Fran- 
zosen sagen, ein Koffer (Coffre), dessen Leisten die Rippen 



— 167 — 

bilden; in Italien heisst es scherzhaft von einem Buckligen, 
er trage einen Koffer (un Batüe), wir selbst sagen, er habe 
einen Koher auf dem Rücken, Mein Herz hat seine Karnmem 
und Vorhöfe und steckt dabei in einem Beutel, einem zu- 
gebundnen Sacke; auch mein Magen ist ein Sack, den ich 
mir bald fülle (remplir son sac), bald leere {vider son sac); 
von einem Schlemmer sagen die Deutschen, er habe den 
Ranzen voll, die Franzosen, er sei voll wie eine TascJie {P<h 
chard). Die Hauttasche, welche die Arzte das Scrotum nennen, 
ist ein Sack, die französischen Bauern sagen von der Kuh> 
nachdem sie bedeckt worden ist, sie habe le sac plein. Ana- 
log nennt Dante im Purgatorio (xxv, 45) den Mutterschoss 
das natürliche Krüglein (ü natural vasello). In Deutschland 
sind bekanntlich Tasche und Schachtel gemeine Ausdrücke 
für das Hauptorgan des Weibes, das die Form einer ab- 
geflachten Flasche hat, und für die Frauen selbst 

Im Leibe sind die Gedärme wie Würste in einer 
Räucherkammer aufgehängft — sowohl der Engländer, als 
auch der Italiener braucht diesen unappetitlichen Vergleich 
{Bowds, le Budella von lat. Botellus, Botulus, Blutwurst); und 
das Bauchfell legt sich in vielfachen Falten, nach Art einer 
Halskrause, als Gekröse, an den Dünndarm. Gewiss ist die 
weisse, steifgefältelte Priesterkrause, die in Leipzig noch 
heute an Stelle der Überschlägelchen oder Beffchen ge- 
tragen wird, gleich den englischen Chitterlings und der fran- 
zösischen Fraise, recht häufig mit Kalhsgekröse verglichen 
worden, und auch hier scheint es natürlicher von dem 
krausen Kleidungsstücke auszugehen, sintemal die Men- 
schen die Halskrause früher gesehen haben als das Bauch- 
fell; bei Kragen, ursprünglich soviel wie Hals, ist es freilich 
umgekehrt. Anatomische Kenntnisse, wie sie über den 
oberflächlichen Anblick der Menschengestalt hinausgehn, 
erwirbt sich unter den Laien höchstens der Fleischer, und 
selbst heute, wo sie verbreiteter sind als früher, liegt doch 
dem gemeinen Mann die Stadt, in der er wohnt, näher als 
die Darmstadt, die er mit sich herumträgt, sodass er sich in 



— 168 — 

dem Tiefbau da draussen leichter ziirechtfindet als in seinen 
eignen Schleussen und Kanälen. Man hat wohl die Röh- 
renleitung' der Gasbeleuchtung mit dem Adersystem des 
menschlichen Körpers verglichen: von der Fabrik, dem 
Herzen, gehen die Stammröhren aus und teilen sich in 
immer kleinere Äste und Zweige. Um uns aber die Thätig* 
keit des Herzens selber anschaulich zu machen, müssen wir 
unsere Zuflucht doch gleich wieder zu einer Druckpumpe 
nehmen, deren Mechanismus durch das Spiel von Ventilen 
geregelt wird — die Nieren stellen die Wasserabzüge, die 
Kloaken des Leibes dar, ein Ausdruck, der sogar in der 
Zoologie für eine bestimmte Höhlung im Tierkörper stehend 
geworden ist — und die menischliche Harnröhre wird gern 
mit dem Hahn eines Fasses, einem sogenannten Fiephahne ver- 
glichen. Ein junger Franzose namens De Segur hatte in 
seinem Schlaf kabinett ein Waschbecken, in welches er das 
Wasser durch die Harnröhre einer Statuette laufen liess. 
Vermutlich haben die pissenden Silene und Ganymede im 
Museum zu Neapel einst eine ähnliche Bestimmung gehabt 
Herrn von Segur bekam der Einfall schlecht, die Inqui- 
sition kam dahinter imd das heilige Officium versteifte sich, 
in dem Figürchen, das eine Art von Heiligenschein hatte, 
ein urinlassendes Jesuskind zu erblicken, warfen daher den 
Besitzer auf drei Jahre ins Gefängnis. Manneken-Fiss bildet 
bekanntlich das Wahrzeichen der Stadt Brüssel. 

Ist denn der Mensch etwa auf die Idee eines Bechers 
erst wie ein Diogenes durch seine hohle Hand; auf die 
Idee eines Hammers durch seine Faust; auf die Idee eines 
Schalltrichters durch die Muschel seines Ohrs; und auf die 
Idee einer optischen Linse durch die KristallUnse, die im 
Auge steckt, gekommen? — Was ist der Schröpfkopf an- 
deres als die Nachahmung des saugenden Mundes, den der 
Wilde an die Wunde legt, um dem Körper Blut zu ent- 
ziehen. Aber es wäre doch gewagt, hier an eine Nach- 
ahmung zu denken; wir müssen vielmehr dabei bleiben, 
dass wir ims selbst erst durch unsere eignen Instrumente 



— 169 — 

verstehen lernen. Wir würden die Thäligkeit unseres Nerven- 
systems gar nicht begreifen können, wenn wir nicht den 
Telegraphenapparat zum Modelle nehmen könnten; ja, um 
uns nur eine Bewegung zu erklären, müssen wir uns vor- 
stellen, dass die lebendige Kraft des Muskels auf den be- 
weglichen Knochen durch die Sehnen, wie durch Stränge 
oder Zugseile übertragen werde. Haben wir nicht selbst 
im Eingang dieser Untersuchungen, um die Entstehung der 
Sprachlaute zu veranschaulichen, den Kehlkopf mit einem 
Blasinstrument und die Lunge mit einem Blasebalg ver- 
glichen? — Das Volk verfährt nicht anders bei den groben, 
hahnebüchenen Metaphern, vermöge deren es seine Kämme 
und Bürsten*), seine Fe^ier zeuge und Btttterfässer auf edle 
menschliche Organe überträgt Das lateinische Diminutivum 
Mentula, wohl eins der bekanntesten lateinischen Worte, 
wird von Aufrecht poetisch als der Bohrer gedeutet, der 
allen Völkern auf niedriger Kulturstufe zur Erzeugung des 
Feuers dient imd den Griechen zu der Sage von dem feuer- 
holenden Frometheus Veranlassung gegeben hat (sanskrit 
Pramantha-Sy von der Wurzel MANTH, hin- und her- 
bewegen); der Vergleich des Feuerbohrers mit dem Männ- 
lichen Gliede kehrt im Rigweda unablässig wieder, auch 
die Araber betrachten die beiden Holzstücke, aus denen 
das älteste Feuerzeug besteht, als männlich und weiblich. Die- 
selbe Wurzel MANTH hat allerdings nach Pictet ebenfalls 
von uralter Zeit her die quirlende Bewegung des Butter- 
stempels im Butterfass bezeichnet, und wohl möglich, dass 
die Metapher von butternden Landleuten ausgegangen ist, 
auch hierzu würden sich zahlreiche Analogien bieten, zum 
Beispiel der Mörser, in welchem die Mörserkeule stampft 
(personifiziert: ßv^HTrig, vergleiche Grimm: Ffeffer), die Glocke, 



*) Vergleiche in Grimms Wörterbuch Kratzbürste und die lateinischen 
und griechischen Ausdrücke für die Schamhaare Pecten und KxeLq, Wir 
iiennen den obern Rand des Pferdehalses, auf dem die Mähne sitzt, oder die 
Mähne selber Kamm; sonst ist das Bild am üblichsten für den roten Fleisch- 
lappen auf dem Oberschnabel hühnerartiger Vögel. 



— 170 — 

in welcher der Klöppel hin- und herschwingt (PCZ, vergleiche 
Frischbier Preussisches Wörterbuch), der Hammer^ der Löschr 
trog, der Galgen, der Dreschflegel u. s. w. Es ist ein bekannter 
Witz des Berliners, die Oberschlüsselbeingruben an den 
Schultern alternder Jungfern mit dem Pfeffer' und Salzfass 
zu vergleichen. Nur butterten die alten Römer gar nicht 
Weit gefehlt, wollte man vermeinen, die Psycho- 
logie (4) sei etwa ein wenig ursprünglicher, ein wenig mehr 
sich selber gleich, mit Einem Worte: etwas mehr psycho- 
logisch. Von den Engelchen und Tierchen, in welche das 
Volk die Seele selbst verwandelt, abgesehen und von den 
vielen Gleichnissen abgesehen, durch die es sich ihre ge- 
heime Thätigkeit verdeutlicht — sammeln wir doch unsere 
Gedanken wie Steine, hegreifen wir doch eine Wahrheit wie 
ein Huhn, entscheiden wir doch eine Frage wie Alexander 
der Grosse den Gordischen Knoten und diskutieren sie wie 
eine Nuss: gibt ihr der Bauer auch treuherzig die Pflug- 
schar in die Hand oder setzt sie ihr wie seinem Acker auf 
den Busen. Wenn Oott Unglück über uns sendet, sagt Goethe, 
gleicht er einem erfahrnen Landmann, der den Busen seines Ackers 
mit der schärfsten I^ugschar zerreisst, um ihn himmlischen Samen 
und Einflüssen zu öffnen. Die alten Römer hatten eine Dresch- 
maschine, die Trihulum genannt ward und die man heute 
noch im Orient in Thätigkeit sehen kann: eine aus starken 
Bohlen zusammengesetzte Schleife, in die unten scharfe 
Steine und Zapfen eingeschlagen waren, um sie recht rauh 
zu machen, und die von Ochsen über das Getreide hin- 
weggezogen wurde. Auch die Italiener haben noch eine 
Dreschwalze, die sie Tribolo benennen. Nun, von dieser Art 
zu dreschen wurde bereits im Altertum das Wort Tribidatio 
für Drangsal und Not entlehnt, italienisch Tribolazione: le 
tribolazioni sopportate con pazienza, sagt der fromme Italiener, 
acquistano m^rito presse Dio. Das neutestamentliche SXiipi^i 
Bedrückung, Quetschung, mag nicht nur dem Sinne nach, 
sondern auch etymologisch dasselbe sein; und ganz ähnlich 
sagt ^ der Franzose harceler quelqu*un und der Engländer io 



— 171 — 

harroWy einen reizen und peinigen, wie die Zähne der Egge 
den Erdboden peinigen (franz. Herse, engl. Harrow, Egge), 
In Italien gibt auch die Feile {la Lima), in Frankreich die 
Säge (la Sde) einen Typus für Seelenschmerzen her: une 
scie ist etwas Unangenehmes, quelle scie, sagt der Franzose, 
d^aUer lä! — und wir selbst, haben ihm den Ausdruck Chagrin 
für Gram und nagenden Kummer abgelernt: Chagrin ist 
eigentlich ein eigentümlich genarbtes, rauhes Leder, das in 
Astrachan erzeugt wird, danach auch ein ähnliches Fabrikat, 
welches man durch Abschleifen der stachligen Haut von 
Haifischen, sowie von Fischottern imd Seehunden erhält 
und das von Drechslern und Tischlern zum Abglätten von 
Holzwaren benutzt zu werden pfleget Das Bild, welches in 
Frankreich neu ist, entspricht also vollständig dem der 
Feile. Es sei uns erlaubt, nur noch einige Metaphern auf 
ethischem Gebiete (5) in Kürze anzuführen, denn die 
Zeit drängt. 

Erbauung, Übersetzung des griechischen OixoöofiTJf lateinisch 
Aedificatio (fr. edifier^ it. edißcare, engl, to edify), eine aus dem Neuen 
Testament stammende und in die kirchliche Latinität übergegangene, 
besonders von den Freimaurern aufgegriffene Metapher, derjenigen 
entsprechend, nach welcher die Gemeinde als eine Kirche, Christus 
als ihr Eckstein und der Apostel Petrus als der Fels, auf dem sie steht, 
angesehen wird (Evangelium Matthäi XVI, i8). Zunächst soll diese 
- Kirche gleichsam erbaut werden, dann aber auch jeder Einzelne durch 
■ "Weckung frommer Gedanken und Erhebung des Gemütes innerlich; 
auch der Vergleich des Menschen mit einem Haus ist neutestament- 
lich (2. Korinther V, i). Daher die Franzosen und die Italiener unter 
Erbauung verstehn: ein gutes Beispiel geben, sich so betragen, dass 
der andre davon erbaut wird; und die Deutschen Andachtsbücher -ff^- 
bauungsbücher nennen. Kirche und Tempel^ ursprünglich Gegensätze, abör 
bald unterschiedslos von heidnischen und christlichen Gotteshäusern 
gebraucht, sind gute Beispiele begrifflicher Übertragung (S. I20 ff.). 

Locker, lose, im Sinne von: ungebunden, unfest, haltlos, das 
heisst ohne sittlichen Halt, lax (lat. laxus\ dissolut (lat. dissolutus) — 
lauter von Stricken und Bändern hergenommene Bilder; Gegensatz: 
strenge, straff. 

Bieder, eigentlich soviel wie brauchbar, wie besser soviel wie 
nützlicher ist. Man konnte früher von einem biederen Baum, von 



— 172 — 

unbiederem Grase reden, und biedern, biderben vertrat unser heutiges be- 
nutzen, gebrauchen (Leder, Aschen, so die Gürtler biderben); Gegensatz: 
verderben. Das Adjectivuin derb (welches mit einem anderen derb, 
ungesäuert, nicht verwechselt werden darf) ist ofTenbar nur eine Apo- 
kope von dem auf Seite 60 erwähnten biderb. Allmählich erhielt die 
Biederbigkeit den Nebensinn von Rechtschaffenheit, einer plumpen, 
geraden, altdeutschen Ehrlichkeit; Bürger hätte A.D. 1776 ebensogut, 
ja besser das Lied vom Biedertnanne singen können, und seit es vollends 
Lessing bedauerte, dass man dieses alte, der deutschen Rechtlichkeit so 
angemessene Wort mutwillig untergehen Hesse, biederte gewissermassen 
alles : Mann, Weib, Fürst, Ritter, Herz und Hand. Wie hier die gute 
Qualität in den Begriff der sittlichen Güte überging, so entwickelte 
sich aus dem Begriff der Gleichheit der Begriff der Gerechtigkeit (lat. 
Aefuitas), aus dem der Wohlfeilheit der der Billigkeit, aus dem des 
Reichtums der der Freigebigkeit und der Begriff des Geizes aus dem 
Begriff der Armut (italienisch misero, elend und geizig, englisch Miser, 
ein Elender, dann ein Geizhals). 

Balgerei, Katzbalgerei, sich balgen aus dem Begriffe des 
Balgs, wie Tumult, Aufruhr, aus dem Begriffe eines Tumor, Geschwulst. 
Das unruhige Volk schwillt gleichsam auf, es gährt wie ein voller 
Balg oder wie ein voller Leib; in England heisst bekanntlich der 
Bauch schlechthin der Balg {the Belly), Anderseits ging aus dem Be- 
griffe der Haut und des Leders hier wie anderwärts der einer Hure 
hervor(^m unzüchtiger Balg, ein Iltisbalg, wie lat. Scortum). 



4. Vierte Stufe: Periode der gelstreichen Kombination. 

Die Zeit der litterarischen Bildung ist angebrochen: ein geistreicher Mann 
entdeckt die schwache Seite eines Dings und erhebt es damit zum Tjrpus 
für heterogene Dinge — er meint es gar nicht im Ernste, er spielt nur — 
die Ente das Schwein im Vogelreich, die Obelisken versteinerte Sonnen- 
strahlen und die Schornsteine Obelisken, Kamm und Schleier — kurze 

Blütenlese. 

Auf die Periode der poetischen Metaphern, welche im 
wesentlichen mit der schwärmerischen Jugend des Volkes 
zusammenfällt, folgt in einer noch späteren Zeit, bei noch 
grösserer Verfeinerung der Geister und dem Vorherrschen 
einer litterarischen Bildung, die Periode der geistreichen 
Kombination, wo ein witziger Kopf, ein guter Beobachter 



— 173 — 

mit Glück die hervorstechende Eigenschaft, sozusagen die 
schwache Seite eines Dings herausfindet und es damit zum 
Typus für andre Dinge erhebt, die oft nichts mit dem 
Typus gemein haben als eben diese schwache Seite. Die 
Wissenschaft schätzte die äussere Ähnlichkeit gering, wenn 
Wesensgleichheit vorhanden war: wer den Mund als das 
Heizloch der tierischen Maschine bezeichnen kann, wo sich 
Sinnesorgane zuallererst im Interesse der Ernährung an- 
gelegt haben, der bringt gewiss zwei weit voneinander ab- 
liegende Vorstellungen zusammen, aber er thut das, weil 
er sich überzeugt hat, dass diese Bezeichnung wirklich 
sachentsprechend ist. Der Dichter, der sich in Regionen, 
die ihm unbekannt waren, mit Hilfe kühner Vergleiche 
zurechtfand und die grosse und die kleine Welt mit einer 
überquellenden Phantasie durchtränkte, stiess gleichfalls 
nicht allzuselten beim gesunden Menschenverstände an, aber 
er hatte eben den Rausch der Poesie getrunken, sein Auge 
blitzte, in schönem Wahnsinn rollend, hinauf zum Himmel 
und zur Erde hinab, und sein Wahnsinn riss die entzückten 
Zuhörer mit sich fort. Jetzt kommt der geistreiche Mann, 
der sich gegenüber diesen beiden wie ein Gaukler oder wie 
ein geschickter Taschenspieler ausnimmt — geistreich ist 
man erst in schwächlichen, krankhaften Zuständen, geist- 
reich ist man eigentlich nur, wenn man nichts weiss, ein 
starkes, jugendkräftiges Geschlecht macht noch keine Witze, 
und wenn sie gemacht werden, so finden sie keinen Boden. 
Geistreiche Kombinationen sind deshalb als persönliche Ein- 
fälle zu betrachten, die keinerlei Einfluss auf die Sprache 
des Volkes üben, es liegt etwas Spielendes, Unemstes darin, 
daher wir uns damit begnügen, in Kürze die Gattung fest- 
zustellen. 

Wenn die Bewohner der Neuen Hebriden, die nur den 
Dingo kannten, als sie die europäischen Hunde zu Gesicht 
bekamen, dieselben in ihrer Sprache Schweine nannten, voll- 
zogen sie eine regelrechte begriffliche Übertrag^ung. Wenn 
aber eine deutsche Hausfrau die alles fressende Ente als 



— 174 — 

das Schwein im Vogelreich, oder ein Feinschmecker den 
Karpfen als das Schweinefleisch unter den Fischen bez^chnet, 
während der Hecht dem Bindfleisch, der Seefisch dem KaUh 
fleisch, die Forelle dem Hühnerfleisch entspreche: so nenne 
ich das eine geistreiche Kombination. 

Wenn der Savoyarde die steilen, nadeiförmig zu- 
gespitzten Gipfel seiner Alpen ÄiguiUes, der Italiener die 
schlanken ägyptischen Denksäulen, die von den Griechen 
mit Spiessen (^Oßelol, 'OßeXlanoi) verglichen wurden, Qnglie, 
das ist: Äguglie, ebenfalls Nadeln nennt, so ist das eine 
poetische Metapher, die wir selbst nachahmen (Nadeln der 
Kleopatra, arabisch Mesella, Packnadel). Wenn dagegen die 
Obelisken von mehr als einem alten Schriftsteller als ver- 
steinerte SonnenstraMen aufgefasst werden, oder wenn ein 
Fellah die Schornsteine der Zuckerfabriken rauchende Obe- 
lisken tauft, so ist das eine geistreiche Kombination. Vor 
ihm, sagt Freytag in SoU und Haben (i, 535), stiegen die 
Schornsteine des Quartiers auf, in dem sich die Fabrik- 
thätigkeit der Stadt angesiedelt hatte, eine Reihe rie- 
siger Obelisken ragte hoch über die Dächer der Men- 
schenwohnungen. 

Wie von den Nadeln, so sprechen die Menschen von 
der Säge (spanisch Sierra) und vom Kamme des Gebirgs; die 
Alten bezeichneten das Schamhaar als den Kamm. Ein mo- 
demer Anatom, P. N. Gerdy, nennt es einen Schleier, welchen 
die Natur über die schon durch ihre Lage versteckten 
Organe gezogen hat und mit dem sie dieselben wunder- 
barerweise gerade dann bedeckt, wenn die Geschlechts- 
differenz bereits die Leidenschaft der Liebe aufzuregen 
vermag. Vergleiche Ploss, das Weib I, 164. 

Beispielsweise seien noch folgende Kombinationen an- 
geführt: 

Kamele: die Schiffe der Wüste. Arabisch. 

Palmen: die Elefanten des Pflanzenreichs (so genannt von Wilhelm 
Bntte in seinem Grundriss der Arithmetik des menschlichen Lebens. 
Landshut 181 1). Umgekehrt hat man das Schwein: die Palme des 



— 175 — 

Nordens genannt, wie die Hirse: den Reis des Nordens, Die Arve ist 
die Zeder der Alpen und die Platane der morgenländische Ahorn, 

Haifische: die Tiger des Ozeans^ von den Spaniern geradezu 
Tigre, Tigron genannt; wie die Schwertfische oder Butzköpfe die 
Wölfe des Weltmeers heissen. In Neuengland werden diese Tiere Wal- 
ßschmörder genannt, wie bei uns die Meisen, weil sie so viele Kerb- 
tiere vertilgen, für die Mörder unter den Vögeln gelten. Umgekehrt 
ist der Hecht der Hai der Binnengewässer. 

Araber: das grösste und gefährlichste Raubtier Afrikas (Wissmann). 

Hühnerhund: der Doktor unter den Hunden, 

Papagei: der Affe des Vogelreichs, Die Staare sind die Papageien 
Deutschlands, 

Kolibris: diese lebendigen Edelsteine, welche die Indianer Sonnen- 
strahlen nannten. 

Bachforelle: das Chamäleon unter den Fischen (so genannt von 
Tschudi). 

Drossel: die Nachtigall des Nordens in Norwegen genannt. Auch 
WaldnachHgall (Welcker). 

Bauer: der Esel im Menschenreich, weil ihm so viel aufgebürdet 
wird. Der Bauer, sagt Abraham a Sancta Clara, ist nur ein Herr mit 
Einem r: Gib her! Trag her! Geh her! — was uns an das Herr ohne H 
auf Seite 55 erinnert. So hat man die Frauen die Vögel im Menschen- 
reich genannt. 

Die Thore: eurer Stadt geschlosstie Augen (König Johann. H, i). 
Analog bediente sich die althochdeutsche Sprache für Fenster des 
Ausdrucks Augatorä. So nennt man die londoner Parke die Lungen 
Londons, 

Berge: Altäre der Erde, auf denen der sogenannte Höhendienst 
stattfindet. 

Märkischer Sand: Brandenburger Schnee, 

Markusplatz in Venedig wurde vom ersten Napoleon für den 
schJmsten Saal erklärt, den man sehen könne. Neulich nannte der 
Kladderadatsch Stambul: die Portierloge zum Schwarzen Meere. 

Kreuzer: die Kavallerie des Meeres. 

Greis: die Ruine des Menschen. 

Dünger: die Seele der Landwirtschaft (so genannt von einem 
Ökonomen). 

Geld: das Blut des Geschäftslebens, Umgekehrt Kaffee: das bra- 
silianische Geld, Kakaobohnen: das viexikanische Geld. 

Gefängnis: die HöUe auf Erden. 



— 176 — 

Schnaps: der Proletarierweitty den Julius Lieske vor seiner Hin- 
richtung verlangte. Ein Ausdruck vtrie Schneiderkarpfen (Hering), 
Schusterpastete, Schustersherry (Sherry Cobbler) u. s. w. So hat man 
die Kartoffeln als das Brot der Artnen bezeichnet 

Papierkorb: der Moloch der Tageslitteratur, 

Kasuistik: die Dialektik des Gewissens (Kant). 



5. Was der BegriflPwandel im Gefolge hat: die nähere 

Bestimmung. Schluss. 

Die logische Operation, die notwendig geworden ist — die Sprache hat mit 
dem Zusammensetzen ihre liebe Not — trotzdem zieht sie die umständliche 
Art der Bezeichnung der Bildung neuer Namen vor, weil es sich in den 
alten ausgetretenen Geleisen besser geht — einzelne Menschenklassen scheinen 
allerdings behender zu sein, wenn man aber ihre Ausdrücke prüft, so er- 
weisen sie sich als Ellipsen, als Fremdwörter, als verkappte Zusammen- 
setzungen, wie an Proben aus dßr Stallsprache und dem Jägerlatein ersicht- 
lich — freilich müssen wir uns hüten, vorschnell Ellipsen anzunehmen — 
die durch die nähere Bestimmung entstehenden Komplikationen kommen zn 
den inneren Wandlungen hinzu und tragen mit dazu bei, die Worte un- 
kenntlich zu machen — Schluss: der Apfel, Geschichte dieses Begriffes und 

seine Bedeutung im Sündenfall. 

Diese ausgedehnte, bald verstandesmässige, bald poe- 
tische oder witzige Übertragung zieht unmittelbar eine 
Arbeit nach sich, die für das Leben und die Entwickelung 
der Sprache von höchster Bedeutung ist: die logische Ope- 
ration, die nähere Bestimmung oder Determination 
genannt wird. Natürlich; sobald die Lichter der allgemeinen 
Begriffe aufgehn, muss man auf Mittel denken, die Dinge 
auseinanderzuhalten, die von ihnen beschienen werden, 
Nummer Eins von Nimimer Zwei zu unterscheiden. Es 
wird also ein Merkmal hinzugesetzt, das die bestimmte 
Nummer charakterisiert und an dem sie sich erkennen lässt 
— wie der Kellner seine Seidel mit einem Gemerk ver- 
sieht oder wie der Schäfer seine Schafe zeichnet. Das 
Merkmal kann weggelassen werden und wird weggelassen, 
wir haben es schon gesehen, wenn keine Verwechslung 



— 177 — 

zu befurchten ist; aber es muss augenblicklich wieder 
vorgenommen werden, sobald mehrere Individuen in 
Sicht sind. 

Es ist lachhaft zu sehen, was die Sprache für Not hat 
und mit welcher Geschicklichkeit sie sich aus der Schlinge 
zieht: um sich verständlich zu machen, dreht imd windet 
sie sich wie ein Aal. Tausenderlei Experimente stellt sie 
an, bietet alles auf, was zur Determination irgendwie dienen 
kann, hilft sich bald mit einer Präposition, bald mit einer 
Apposition, bald mit einem Genitiv, bald mit einem Adjec- 
tivum, bald mit einem Imperativ, der angefügt, bald mit 
einem Relativsatz, disr eingeschachtelt wird, leitet ab und 
setzt zusammen — alle Zusammensetzung, ja, die Ableitung, 
die im letzten Grrunde auf eine Komposition hinausläuft, ist, 
logisch genommen, nur eine Form der näheren Bestimmung. 
Derivata und Komposita decken sich gegenseitig, wie man 
sofort wahrnimmt, wenn man Worte wie unser Ente-rich 
und das französische Can-ard, unser Bär4n und das eng- 
lische She-hear, unser Söhn4ein und dcis französische Petit-ßs, 
im Sinne von Enkel, unser Etvig-keit und das lateinische 
Aetemi'tas vergleicht; nur weil die Substantiva JRich, Heit, 
Tum, Schaft so häufig determiniert und den verschiedensten 
Begriffen zu Grunde gelegt worden sind, erscheinen sie ims 
nachgerade als blosse Suffixe oder Ableitung^selemente, 
während sie doch ursprünglich ihre selbständige Bedeu- 
tung haben. Die gesamte Denkarbeit, durch die der 
einmal gewonnene Sprachschatz logisch verwertet und 
zur Bildung von Länder- und Städte-, Menschen- imd 
Völker-, Tier- imd Pflanzennamen benutzt wird, hat für 
den Grsmimatiker gar kein, sondern nur für den Philo- 
sophen Interesse. 

Trotz der Mühe, die sie macht, neigen die Menschen 
zu dieser umständlichen Art die Dinge zu bezeichnen, ja 
ziehen sie unter Umständen einfachen Ausdrücken vor, 
wozu bald die Bequemlichkeit der Auffassung, bald die 
Marotte der Unterordnung, bald der Hang zum Witze Ver- 

Kleinpanl, Etym. 12 



— 178 — 

anlassung geben mag. Wie das Volk lieber sagt: die Äugen 
stehen ihm voll Wasser als: voU Thränen, und wie es lieber 
Wasser lasst als Harn: so sagt es auch lieber: der rote Saft 
als das Blut; lieber das Bauchknöpfchen als der Nabel; lieber 
Eigelb als Dotter; lieber Schweinestall als Koben; lieber Bart- 
kratzer oder Büsselschaber als Barbier. In den alten aus- 
getretenen Geleisen der Sprache geht es sich, scheint es, 
leichter als in frischen. 2^hllose Benennungen und gleich- 
sam Eigennamen sind ihrerzeit für die an jedem Ort ge- 
brauten Bierarten gebildet worden: Mumme, Jope^ Scheps^ 
Breihahn, Rastrum u. s. w. Haben sie sich erhalten? — In 
ganz geringer Anzahl; die Trinker ziehn es vor, den all- 
gemeinen Begriff Bier, statt dessen sogar Ghrstensaft gesagt 
wird, durch Angabe des Ursprungs näher zu bestimmen 
und von Bayrischem, von Pilsener, von Pfungstädter, von 
Dreherschem Bier oder von Lagerbier und einfachem, doppeltem, 
hellem, dunklem Bier, von Löwenbräu und Spatenbräu zu reden 
— die braunschweigische Mtanme ist verschollen, das Mm- 
becker Bier, vulgo Bockbier lebt heute noch. Beim Wein ist 
es gerade so: für die tausend Sorten desselben gibt es 
ausserordentlich wenig individuelle Namen, die wie Bocks- 
beutel oder Lacrimae Christi, natürlich auch keine wahrhaft 
neuen Worte, auf etwas Besseres hinausliefen als auf eine 
prosaische Bestimmung des allgemeinen Begriffes Wein 
durch Weinberg und Nationalität, Alkohol nennen die 
Menschen Branntwein und Lebenswasser — es fehlte nur noch 
da^s sie sagten Salzwasser für Meer. Das Volk hat eben 
einen merkwürdigen Zug zum Allgemeinen und baut lieber 
das System aus, das auch dem Geringsten im Dämmerlichte 
seiner Seele vorschwebt, als dass es die behenden Eigen- 
namen lernte und sich den Kopf mit unzusammenhängen- 
den Vorstellungen fällte. 

Dieser philosophische Zug ist ja schuld, dass wir nicht 
mehr in der Periode der Eigennamen leben: ihm verdanken 
wir imsere Begriffe und dass wir nun determinieren müssen, 
das ist uns ein Spass. Jedes denkende Wesen ist diesen 



— 179 — 

Weg gegangen, niemand macht es anders. Freilich scheint 
manchmal eine andere Methode obzuwalten: durch Ver- 
gleichung verschiedener Sprachen werden wir inne, wie ein 
Volk gegen das andere oft in Vorteil ist, indem es ein 
einfaches Wort hat, wo dstö andere zusammensetzt und be- 
stimmt; ja, im Umkreis einer und derselben Sprache zeigt 
sich derselbe Vorteil bei gewissen Menschenklassen der 
grossen Masse der Gebildeten gegenüber. Förster und 
Hirten, Bauern und Winzer, Sportsleute und Jockeys, Makler 
und Gauner, Huren und Studenten haben bekanntlich ihren 
eignen Jargon und Ausdrücke för Spezialitäten, die andre 
Sterbliche nur durch Umschreibungen liefern. In der Stall- 
sprache und im Latein der Jäger sind die Übertragungen, 
die Metaphern andere als in der Unterhaltung — es wird 
überhaupt weniger übertragen, mehr genannt, die Leute 
sind, was ihre Lieblinge betrifft, viel weniger eintönig als 
die profane Menge, die nichts davon versteht, es klingt 
alles viel farbenreicher, viel schärfer, viel genauer. Im Stalle 
yebiert nicht jedes Weibchen, sondern die Kuh kalbt, die 
Sau frischt, die Ziege zickelt, das Kaninchen setzt, die Stute 
fohlt — die Kuh rindert, die Hündin läuft, die Füchsin rennt, 
das Tier hrunftet, der Hase rammelt, der Fuchs ranzt oder 
roUt — der Hengst beschält die Stute, der Bulle deckt die 
Kuh, das Begatten der Ente heisst Treten — ein Pferd stirbt 
nicht, sondern es steht um, der Edelhirsch verendet, wenn der 
Tod infolge von Verwundung eintritt, er fäUt oder geht ein, 
wenn er einer Krankheit unterliegt. Der Hase frisst nicht, 
sondern er äst sich, er rückt ins Feld, um Äsung zu suchen, 
seine ruhige Gangart nennt man hoppeln, ein Fuchs schnürt 
auf ein Paar Rebhühner zu und stellt sie wie ein Setter 
mit langgestreckter Lunte — ehe die Hühner abstreichen 
können, hat er eins geraubt. Dies nur ein paar Proben. Es 
•wird also unzähligemal so sein, dass der uneingeweihte 
Neuling lange mährt und umständliche Angaben macht, 
•^vo der Fachmann schneller zum Ziel gelangt j sei es dass 

«r Eigennamen hat, sei es dass er dem Begriff von einer 

12* 



— 180 — 

neuen Seite beikommt — dass der Landwirt zu dem Pro- 
fessor sagt: Ei! Das junge Schwein heisst Ferkel, das 
männliche Hacksch, das weibliche Mutterschwein oder Sau; 
verschnittene männliche Tiere nennt man Bark, weibliche 
Nonne • — oder dass der Weidmann den Sonntagsjäger kor- 
rigiert: Man sagt nicht das Junge vom Hirsch, sondern KoXb 
und wenn es männlich ist: Hirschkalb; man sagt nicht ein 
einjähriges Hirschkalb, sondern Spiesser; im zweiten Jahre er- 
hält es den Namen Gabelhirsch oder Gabler; im dritten Jahre 
heisst es Sechsender und so fort; einen alten und starken^ 
guten Hirsch aber, der ein prächtiges Gewicht trägt, nennt 
man einen Kapitalhirsch. 

Man muss indessen vorsichtig sein, wenn es sich um 
derlei Beobachtungen handelt: die eigentümliche Fixigkeit 
des Jargons beruht oft nur auf einer Weglassung. Vom 
Bestimmungswort kann man nicht sagen: es sei weggelassen 
worden, wo es fehlt, weil es vermutlich niemals dagewesen 
ist; defr Weidmann, der den weiblichen Hirsch Tier und 
das Junge desselben Kalh nennt, hat nur seinen Wald im 
Kopfe, er lebt eben noch in der Periode der Eigennamen, 
die er so lange braucht, als er nicht gefragt wird: was für 
ein Tier meinen Sie eigentlich? Reden Sie von einem 
Ochsenkalb oder von einem Hirschkalb? — Aber das Grund- 
wort wird, so oft es leicht zu ergänzen ist, im Feuer des 
Gesprächs wirklich weggelassen, nachdem es seine Aufgabe 
erfüllt und dem Determinativum, wenigstens was das Ge- 
schlecht und den Kasus anbetrifft, gleichsam die Wege 
gewiesen hat; hier brauchen wir uns gar nicht auf Turf- 
sprache und Jägerlatein, sondern nur auf die Redeweise 
des gemeinen Mannes zu berufen. Lass deine Linke nicht 
toissen, was die Rechte thut — wozu braucht da Christus 
Hand, hebräisch Jad, g^riechisch XsIq, lateinisch Mamis hin- 
zuzusetzen? Diesen Begriff ersparen sich in diesem Falle 
alle Sprachen. Im Tabaksverschleiss kauft sich der Öster- 
reicher Ordinären, im Restaurant bestellt sich der Pariser 
des Frites, will sagen Bratkartoffeln, im Bräu trinken wir 



— 181 — 

ein Glas Bock oder Bayrisch oder Echtes, im Theater gehen 
wir, o Schande! in eine Premiire (BeprSsentation) und be- 
zahlen mit einem Blauen (Hundertmarkschein). Man nennt 
das Ellipsen, und sie sind nicht immer so einfach, wie die 
eben angegebenen, zumal wenn es sich um fremde und 
ungewohnte Bestimmungswörter handelt, die in ihrem Wesen 
oft verkannt und für stolze Substantiva gehalten werden, 
während sie doch nur schnöde Adjectiva und Participia 
vorstellen — wer weiss es denn immer gleich, dass Strasse 
aus Strata Via, gepflasterter Weg, Chaussee aus Caldata Via, 
gekalkter Weg, HaiZy lateinisch Hatea, aus nkarela ^Odog, 
Breite Strasse, entstanden und soviel wie der New-yorker 
Broadway ist? — Man erinnere sich an das Kupfer = Cyprium 
{Aes) auf Seite 142. Ein HeUer bedeutet einen HdUer Pfennig, 
ein ThaXer einen Joachimsthaler Gtdden, Firn ist eigentlich 
fimer, das heisst: alter Schnee, wie Firnewein: abgelagerter 
Wein, Firnekom: vorjähriges Getreide; bei in flagranti hat 
man: crimine, bei Herrn Jacohi: Filius, bei Doktor Peters: Sohn 
zu supplieren; dass ohne weiteres kein Kaiser: Bothart und 
kein Teufel: Gottseibeiuns heissen kann, denkt sich wohl ein 
jeder. Freilich müssen wir uns auch hier hüten, vorschnell 
Ellipsen anzunehmen, wo vielleicht ein guter Name vor- 
liegt; hüten, dem Volke die pedantische Klassifizierung zu- 
zumuten, die der Gelehrte in seiner Sprache hergestellt 
sehen möchte. Gewiss sind unzählige Tiemamen so gebildet 
worden, dass man den allgemeinen Begriff Tier wirklich 
zu Grunde legte und durch eine Eigenschaft determinierte, 
zum Beispiel: das Gürteltier, das Beuteltier, das Moschustier, 
und noch allgemeiner: das Baubtier, das Säugetier; und nach 
Analogie hat dann das Volk den Begriff Tier auch ergän- 
zend zu Namen hinzugesetzt, die für sich schon genug und 
fertige Eigennamen waren, namentlich zu fremden, unver- 
standenen, zum Beispiel zu Mulus oder Maul (das Maultier) 
zu Murem Montis oder Murmel (das Murmeltier), zu Dromedar 
oder Trampel (das Trampeltier), zu Ben (das Benntier) zu Elen 
(das Elentier) u. s. w.; ähnliche schleppende und noch dazu 



— 182 — 

falsche Klassifikationen sind: Walfisch, Thunfisch , Windhund^ 
Schweinigel, Küniglhas (Wien), Bindvieh, Lindwurm, die mittel- 
alterlichen Städtenamen Bomahurg für Bam und Jerichohurg 
für Jericho (Heliand) und der tautologische Name des Ätna: 
MongibeUo (aus Monte und arabisch Oehel, Berg). Ist das 
aber etwa als die Regel zu betrachten? Haben die Men- 
schen den Hirsch und den Löwen, den Hund und die Katze 
so schulmeisterlich getauft und das Hirschtier eher als den 
Hirsch, das Hundevieh eher als den Hund gehabt? Soll man 
sich denken, dass der Weidmann, der das einjährige Hirsch- 
kalb unter der Bezeichnung Spiesser, das zweijährige \mter 
der Bezeichnung Oäbler kennt, von den Namen Spiesshirsch 
und Oäbelhirsch ausgeht, wie er Damhirsch und Edelhirsch 
sagt, und sich die Sache nur erleichtert, indem er das 
Grundwort weglässt? — Gott bewahre uns vor einer solchen 
entsetzlichen Schulfuchserei! Als die Sprache entstand, hatte 
man das Systema Naturae noch nicht gelesen, im Paradiese 
gab Adam einem jeglichen Vieh, und Vogel unter dem 
Himmel, und Tier auf dem Felde seinen Namen, unbeküm- 
mert um die Klassen des Aristoteles und Linne, der Hirsch 
war unsem Voreltern ein Wesen wie Salomon Hirzel oder 
wie der Qraf von Hörn. 

Nur wo die Form des Namens gebieterisch auf eine 
Ellipse hinweist, hat der Gelehrte das Recht zu vermerken: 
scilicet. 

Hat keinerlei Ellipse stattgefunden, so beruht der flinke 
Ausdruck vielleicht auf einem Fremdwort, das die nähere 
Bestimmung des alten Begriffs ersetzt. Wir unterscheiden 
Kirschen und Weichsein, wie die Franzosen Cerises und Ouignss, 
die Italiener Ciliege und Visciole — die Romanen haben 
unser altes, auch den Slawen eigenes Wort für die „sauren 
Kirschen" adoptiert und sind es dadurch überhoben worden 
zu determinieren, wie sie es bei den Amarellen thaten. 
Wir unterscheiden Bohnen und Fisolen, wie die Franzosen 
Feves und Haricots, die Italiener Fave und Fagiuoli; Fisole 
oder Fasohle ist offenbar ein Fremdwort, und zwar schon 



— 183 — 

im Lateinischen, wo die Gartenbohne nach dem griechischen 
0aariXog den Namen Phaselua, Phaseolus erhält. Das Wort 
bedeutet bei Griechen und Römern zugleich einen leichten 
Nachen in Form einer Bohnenhülse; noch heute gibt es 
in Italien eine kleine Barke, die Ouscio, Hülse, genannt 
wird. Wir mögen diese hübsche Übertragung zu den länd- 
lichen Bezeichnungen im Schi£Efahrtswesen stellen (Seite 133). 
Endlich entpuppen sich die einheitlichsten Worte bei nähe- 
rer Betrachtung oft genug als engverbundene, ganz unter 
einen Accent fallende Zusammensetzungen und als alte 
Umstandskasten, nicht besser als irgend ein langsamer Be- 
griJflF der Schule: zum Beispiel .das Wort Grumt, womit die 
Bauern den zweiten Schnitt, sozusagen das herbstliche Heu 
bezeichnen. Orumt, voller Orummet, ist die Oruonmät, d. i. 
die grüne Mahd, im Gegensatze zu derjenigen Mahd, die zu 
Johanni zu geschehen pflegt und die bunten Frühlings- 
blumen enthält, dem Heu. Ob das Grumt deshalb grün ge- 
nannt wird, weil die Blumen fehlen oder weil es zarter 
und dünnblätteriger ist als Heu, bleibe dahingestellt; die 
Ableitung steht fest, sie wird durch Doppelformen wie Nach- 
mahd, das sogenannte Aftergrumt, und Ohmet, Öhmt, Öhmd, 
in Schwaben und der Schweiz Emd, in Bayern Ämad be- 
stätigt So ist Adler kein Einfaches, sondern eine Art Aar, 
nämlich der ÄdeUaar, der edle Aar; das französische Ätäruche 
kein Einfaches, sondern Avis Struthio, Vogel Strauss, spanisch 
Avestruz — die (der von Tier entsprechende) Apposition scheint 
die Vogelnatur des Strausses, der nicht fliegen kann und 
daher (Seite 138) zum Kamel gestempelt worden ist, aus- 
drücklich bestätigen zu sollen. Autricke ist offenbar aus Oster- 
reich, althochdeutsch Ostarrthhi, Ostreich, hervorgegangen. 

Es gibt einfache Begriffe, die Sprache ist sogar reicher 
als sie mancher machen möchte. Ich will nur sagen, dass 
sich der Wortdeuter jeden einzelnen Fall genau ansehn 
muss, ob er nicht eine Ellipse oder ein Fremdwort oder 
eine verkappte Zusammensetzung vor sich hat. 

Die verschiedenen Komplikationen, welche das ewige 



— 184 — 

Determinieren zur Folge hat, treten also zu den inneren 
Wandlungen und dem kaleidoskopartigen Wechsel der 
Begriffe als äusserliche Missstände beiläufig hinzu und 
tragen mit dazu bei, dem Volk die Einsicht in das Wesen 
seiner Sprache zu erschweren. Die Merkmale sind wie 
Lichter, die an den Worten aufgesteckt worden sind, da- 
mit man besser sehen könne, aber für den Etymologen er- 
weisen sie sich als Irrlichter, die er gutwillig mit in Ki,uf 
nimmt und die ihn oft genug vom rechten Weg abziehn 
und in undurchdringliche Sümpfe locken. 

Ach! — sagt Faust, unsre Thaten selbst, so gut als 
unsre Leiden, sie hemmen ünsres Lebens Gang. Ach! Die 
Komposita so gut wie die Metaphern und die Verwand- 
lungen der Laute und Begriffe, sie hemmen die Wort- 
deuterei. 

Die Sprache, die schon mit den Formen recht junker- 
haft umsprang, ist nun auch mit den Begriffen durch- 
gegangen; auch diese hat sie bis zur Unkenntlichkeit 
entstellt. Ihre Worte haben etwas Chamäleonartiges, Ka- 
leidoskopartiges, sie zeigen so viele Gesichter, dass ihnen 
gar nicht nachzukommen ist — sie verwandeln sich uns 
unter den Händen, wie ein Proteus, und entschlüpfen dem 
Verstände unversehens, indem sie eine andere Gestalt an- 
nehmen, wenn er sie sicher zu haben glaubt. Diese ewigen 
Metamorphosen, die der Feder eines Ovid würdiger wären 
als die Ammenmärchen einer unverstandenen Mythologie, 
machen die Rätsel, die dem Volke durch die Verderbnis 
der Laute aufgegeben waren, nur noch rätselhafter, jedes 
Wort zu einem zwiefachen Probleme, den Wortdeuter zu 
einer der wichtigsten Persönlichkeiten seiner Zeit. 

Da uns Ovid den Gefallen nicht gethan hat, so wollen 
wir uns darüber hermachen und zuguterletzt die Metamor- 
phose besingen, die der Begriff Apfel erlitten hat. 

Also, althochdeutsch Apfvly russisch (diminutiv) Jdbloko, 
nannten einmal die ersten Menschen den ersten wilden 



— 185 — 

Apfel, den der Holzapfelbaum in ihrem Paradiese trug. 
Es war ihre Frucht, ihr Obst, das Brautgeschenk, das 
ihnen die Natur im Entzücken der ersten Liebe machte — 
das Wort Apfel schufen sie damals, sie hatten in Gottes 
weiter Welt nur Einen Apfel, er war ihnen etwas Neues 
und etwas Einziges. 

Aber kaum dJIs sie den Apfel gegessen hatten, wur- 
den ihre Augen aufgethan: sie sahen an ihrem Holzapfel- 
baume noch einen zweiten Apfel hängen — und sofort 
übertrugen sie das Wort auf das neue Spezimen. Der 
Begriff Apfel ging ihnen auf, sie hatten nicht blos zwei, 
nicht blos drei, sie hatten hundert Epßi an mehreren Apfel- 
bäumen, von denen der Laubwald voll war — ja, einmal 
im Zuge, in der Freude des Unterordnens riefen sie Äppel, 
Ippdy Äppel! wie eine Leipziger Äpfelfrau, das heisst, sie 
nannten Äpfel, was nur von andern Früchten wie ein Apfel 
aussah: Qranaiäpfel, Erdäpfel, Apfelsinen und Adamsäpfel, die 
so sehr Äpfel sind, wie die Hyäne eine Sau und der Tapir 
ein Nilpferd ist — nur um sothane. apfelartigen Früchte 
von den eigentlichen Äpfeln zu unterscheiden, nannten sie 
den Granatapfel nach den vielen Kernen, die er enthielt 
{Mdtm granatum); den Erdapfel nach der Erde, in der er 
wuchs; die Apfelsine nach dem fernen Lande Sina, d. i. China, 
woher sie kam; den Adamsapfel nach dem unartigen Ahn, 
der zuerst hineingebissen hatte. So haben die alten Römer 
ihrerzeit den Granatapfel Punicum malum, punischen Apfel, 
getauft, weil der Granatbaum in Nordafiika und in der 
Gegend der Punier einheimisch war; so wurde eine andere 
Frucht Persicum malum, persischer Apfel, eine dritte nach 
der Stadt Cydonia auf Kreta Cydonium oder Cotoneum malum 
genannt, und von diesen alten Beiwörtern kommen, wie 
schon früher erwähnt, die deutschen Bezeichnungen der 
Quitten und Pfirsiche, nach der freien Auffassung der Alten 
Apfelsorten wie die Borsdorfer und die Qravensteiner. Die 
Orangen werden von dem gelehrten Salmasius als göldne 
A^fd, Mala aurantia, erklärt, doch scheint der Begriff des 



— 186 — 

Goldes nur hineinzuspielen , das Wort selbst ein orien- 
talisches Fremdwort zu sein; ob die goldnen Äpfd der 
Hesperiden, das Hochzeitsgeschenk der Mutter Erde bei der 
Vermählung des Zeus und der Hera, Orangen waren, will 
ich dahingestellt sein lassen. Jedenfalls ging die ganze 
Bescherung imter dem Namen Apfel oder Malum, wenn der 
BegriflF auch gewöhnlich weggelassei# ward, es war ein 
System wie das Dielsche, das der Pomolog Lucas, der grosse 
Reutlinger Obstkenner, noch erweitert hat. 

Die persischen Äpfel oder die Pfirsiche waren die 
ersten, die im Jahre kamen; denn der Pfirsichbaum bläht 
im ersten Frühjahr wie der Mandelbaum, von dem er über- 
haupt gar nicht zu unterscheiden ist, wahrscheinlich stellt 
er nur eine Abart des Mandelbaumes und die Pfirsiche nur 
eine veredelte, fleischig gewordene Mandel dar. Ein herz- 
erfreuender Anblick, in Italien bereits im Januar so einen 
früh erwachten, über und über mit hellrosenroten Blüten 
bedeckten Mandelbaum zu sehn. Aber unter den Pfirsichen 
gab es wieder kleine, die zuallererst kamen, die nannte 
der Züchter Frühpfirsiche, fi-anzösisch Ävant-Feches; und end- 
lich gab es einen Baum, der noch früher aufstand als der 
Pfirsichbaum und dessen gelbe Früchte noch früher reiften,, 
das war der Aprikosenbaum, gleichsam der Küster des 
Pfirsichbaumes, wie der Wiedehopf in Norddeutschland der 
Küster des Kuckucks heisst. Die Aprikosen wurden des- 
halb als frühreife Äpfel, lateinisch Mala praecoda oder pra^- 
cogua bezeichnet, und dieses lateinische Adjectivum ist auf 
langen Umwegen, über Griechenland (/Jpcxoxxtor, jetzt Bsqv- 
xovxxor), Arabien (Berkük, mit dem Artikel al-BerMk, in 
Damaskus MischmiscK), Spanien {Älbaricoque) und Frankreich 
{Äbricot) nach Deutschland gelangt. In Neapel nennt man 
die Aprikose wie den Apfel der Hesperiden: Goldapfel, 
nämlich Crisuommolo (xQ^^^ofirjXov), und in Sachsen verstieg 
man sich dazu, die Borsdorfer Äpfel, diese deutschen Na-- 
tionaläpfel, welche die Böhmen Maschansker, d. i. Meissner,, 
nennen, als deutsche Orangen zu bezeichnen! — 



— 187 — 

Welch eine reiche, pomologische Entfaltung, die wir 
hier nur angedeutet haben! — Aber sie genügte dem Volke 
keineswegs. Es wollte sich selber apfeln, wie es sich bohnte 
und mandelte. Auf alle schwellenden Körperteile wurde 
der BegriflF des Apfels in den verschiednen Sprachen über- 
tragen: erstens auf den Augapfel, der rund ist wie ein 
Apfel; auch der Engländer sagt: Apple of the eye, gewöhn- 
lieh aber Eyebaü, der Franzose Olohe de Voeil; in andern 
Sprachen gilt Stein, in noch anderen Ei, im Polnischen und 
Litauischen Apfel wie bei uns. Zweitens auf die roten 
Wangen, wie man auch umgekehrt von rotbackigen 
Äpfeln spricht. Drittens auf die Frauenbrust, von grie- 
chischen und deutschen Dichtern gern mit einem ÄpfeLpaair 
verglichen. Allerdings passt diese Metapher nur dann,, 
wenn die Brüste halbkugelig, dagegen nicht, wenn die- 
selben, was bei andern Rassen vorkommt, scheibenförmig 
oder, was ebenfadls vorkommt, konisch oder euterähnlich 
zugespitzt sind: jene entsprechen etwa einer halben Man- 
darine, diese einer Zitrone oder Birne. Die halbkugeligen 
Brüste finden wiederum ihr Abbild in den schönen Pfir- 
sichen, welche das italienische Volk als Poppe di Teuere be- 
zeichnet; die euterähnlichen in den Zitronen, die in Italien 
unter dem Namen Zinne di Vacca und den Weintrauben, die 
in Österreich unter dem Namen Oeissdutten bekannt sind; 
man vergleiche die Ausdrücke Schafeuter für einen Pilz und 
NabeJkraut fiir eine Kxassulacee, fi-anzösisch Nambril de VSnus^ 
Viertens auf die beiden Hinterbacken, respektive auf die 
halbkugeligen Fettpolster auf den Gesässmuskeln, die in 
Italien allgemein le Mele, die Äpfel, heissen. Endlich fünf- 
tens auf die Eierstöcke und die weiblichen Geschechts- 
organe überhaupt. 

Dass der Apfel, welcher nach der biblischen Erzählung 
die Menschen in 'Eden zu Falle brachte, und der Oranat- 
apfel, den die Persephone mit Pluto teilte, nur ein sym- 
bolischer Ausdruck für die letzteren und damit für den 
Beischlaf sei, dessen süsser Genuss den Tod zur Folge 



— 188 — 

hatte, kann niemand zweifelhaft sein, der mit den Anschau- 
ungen der Alten nur halbwegs vertraut ist, xmd wird 
von den Rabbinern, ja, den Kirchenvätern selber zuge- 
geben; denn die Erbsünde, welche nichts weiter als die 
Geschlechtslust ist, findet gleichsam in der unschuldigen 
Frucht ihr Abbild, wo der Apfel bei einem Kruzifix er- 
scheint, so ist damit auf deis Amt des Erlösers angespielt. 
Die Schlange, welche die Rolle des Verfuhrers spielt, ist 
das uralte Symbol der Wiedergeburt und der Verjüngung: 
sie redet der Eva zu und sitzt dabei wie die Schlange, 
welche die Göttin der Gesundheit tränkt, auf einem Baume, 
ein Motiv, das die italienischen Maler bei der Darstellung 
des Sündenfalles entlehnten, vergleiche Born in Wort und 
Bild, Seite 353. Die Anatomen, welche die Eierstöcke des 
menschlichen Weibes mit zwei plattgedrückten Pflaumen 
und die Gebärmutter mit einer Birne vergleichen, haben 
die Ahnungen derer, welche diese Metaphern erfanden, nur 
bestätigt. Bei dem Bilde stehen bleibend, taufte das Volk 
wieder im Scherz und vermöge einer witzigen Kombination 
den oberen, bei den Männern stark hervortretenden Teil 
des Kehlkopfs: Adamsapfel, als ob der Kriebs des genossenen 
Apfels Adam in der Kehle stecken geblieben sei. Aber 
notorisch haben die roten, gleichsam blutreichen lAebesäpfd 
oder Paradiesäpfel, die Tomaten, allen Südländern als Zu- 
that unentbehrlich, gleichsam ihre Kartoffeln, diesen Namen 
nur erhalten, weil sie mit ihren tiefen Furchen und dem 
saftstrotzenden Geäder die weibliche Scham und, wie der 
Leibarzt Philipps II. von Spanien Francisco Hemandez sagt, 
quidquid in feminis horridum et öbscenum potest videri, verbild- 
lichen. Infolge dieser ihrer Signatur wurden sie wohl auch 
zu Liebeszauber gebraucht, wie die italienischen Brust- 
beeren (scuotere il CHuggiolo) oder wie die der Venus heiligen 
Früchte der Alraun oder Mandragora, die gleichfalls Liebes- 
äpfel heissen und die Rüben seiner Mutter Lea brachte 

(i. Mose XXX, 14, vergleiche Smith's Dictionary of the Bibie s. v. Mandrakes 
und Schmeller I, 782 s. v. Fizl), 



— 189 — 

Genug von dem Apfel, wenn nicht unser Buch allein 
von ihm handeln soll, was an sich recht gfut geschehen 
könnte; genug nun überhaupt von Metaphern und Über- 
tragungen. Aber die Begriffe unterliegen gelegentlich im 
Munde des Volks noch einer eigenartigen Entstellung, die 
von der verflossenen unabhängig verläuft und der wir ein 
besonderes Kapitel widmen wollen. Es wird sich allerdings 
herausstellen, dsiss die Leute, das heisst diejenigen, welche 
sprechen und die Sprache machen, mehr als unzuverlässig 
und sind, was die Musikanten waren, nämlich: schlecht 



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B. Böse Zungen, 

1- Afteredet nicM unternander, lieben Brüder! 

Die Herabsetzung der Begriffe — der Gebrauch schädigt de9 guten Ruf der 
Leute — edle und vortreffliche Eigenschaften leiden unter einer abschätzigen 
Manier — die Menschen selbst werden von der Sprache verklatscht und 
nicht allein an äusserer Ehre gekränkt, sondern auch moralisch angegriffen — 
:alle Gruppen und alle Stände, sogar die Tiere werden bemängelt und ver- 
leumdet — freilich ist das im ganzen und grossen Folge der Erfahrung und 
Menschenkenntnis — jede Tugend hat ihre Schattenseite und jede Klasse 
ihre angebornen Fehler, für welche sie typisch wird — Männer und Weiber, 
Geschlechtscharaktere, Makel die infolge davon dem Namen der Frau an- 
haften — die Frau, namentlich die junge, sinkt zur Hure herab — Knaben 
und Mädchen, Typen der Dienstbarkeit, der Ungezogenheit, des Lasters — 
Herren und Diener, schlechte Eigenschaften der letzteren — Bauern, Hand- 
werker, Schulmeister, Sänger, Komödianten, Musikanten. 

Man spricht von einem Pessimismus der Sprache — und 
versteht darunter die liebenswürdige Gepflogenheit der 
Menge das Strahlende zu schwärzen: gute oder zum wenig- 
sten harmlose imd unschuldige Begriffe zu degradieren, sie 
gewissermassen zu verleumden und ihnen, wie die Eng- 
länder sagen, einen Fleck auf den Rock zu machen oder, 
wie sie in Bayern sagen, ein Klamperl anzuhängen. Die 
Grammatik hat sogenannte pejorative Endungen an der 
Hand, um den Sinn eines Wortes zu verschlechtem, zum 
Beispiel im Lateinischen -aster {Medicaster, Philosophaster), im 
Italienischen -accio {Pretaccio, Donnaccia), im Französischen 
'Osse {Titasses j welke, lappige Brüste, Mäasse, schlechter 
Zucker) und -ace {Populace, niedriges Volk), auch -ard (Richard, 
•Geldprotze), im Deutschen 4ing, auch, als Präfixe: after und 



— 191 — 

iäber {Dichterling, Afterdichter, entsprechend lateinischem Poe- 
lasier, Elügling, ein Lieblings wort Luthers, Äfterweiser, ver- 
gKchen mit Fhüosaphaster, Afterarzt, soviel wie Pseudoarzt oder 
Medicaster, Afterwitz, Aherwüz, Aberglaube) — das Volk braucht 
diese Marken nicht, auch ohne ein äusseres aufgedrücktes 
Zeichen beliebt es ihm die Münze zu entwerten und ohne 
Makel zu bemäkeln. Verba välent sicut nummi. Der Gebrauch 
würdigt Wörter herab, die sehr rein an der Quelle sind. 
Nicht nur dass er, wie wir sattsam gesehen haben, die 
ursprüngliche Bedeutung für nichts achtet und mit sou- 
veräner Willkür Ackerfurchen und Kolumnen, Recht und 
Sauce, Himmel und Erde durcheinanderwirft — dass er aus 
dem Ingenium eines Menschen sein Genie; aus dem Genie 
{mieux vaut Engin que farce) seine Geschicklichkeit, aus der 
Geschicklichkeit seinen Nussknacker {un Engin pour casser des 
Mix), seine künstlichen Maschinen und Vorrichtungen, be- 
sonders Kriegsmaschinen (Engins de guerre, spanisch Ingeniös) 
und die gottvollen Erfindungen der Ingenieure und Engineers 
fabriziert: er geht geradezu der Moralität zu Leibe und 
schädiget, gegen das achte Gebot sündigend, afterredend, 
den guten Ruf des Nächsten, indem er aus demselben In- 
genium das italienische ingannare, betrügen, und aus dem 
lateinischen Mens das Zeitwort mentiri, lügen, eigentlich sich 
etwas ausdenken, phantasieren, herausentwickelt. Tausend 
edle und vortreflfliche Eigenschaften unterliegen der ge- 
heimen Minierarbeit des alten Maulwurfs: die Einfalt des Her- 
zens wird zur Beschränktheit, die Gutmütigkeit, griechisch 
EvT^sia, zur Dummheit, der Mut (ßdQCog) zur Verwegenheit 
{6Qdaog)j die Kühnheit zur Frechheit, ursprünglich eine Hel- 
deneigenschaft und in Süddeutschland noch heute von gutem 
Klang, die Schlichtheit zur Schlechtigkeit, ein Begriff, der im 
Griechischen aus dem der Mühe und Arbeit gewonnen 
wird {Uovog, IIovriqLa) — die Freiheit, die ich meine und 
die mein Herz erfüllt, bekommt einen Anflug von Unge- 
bundenheit und, wie die Franzosen sagen, von Libertinage, 
das süsse Engelsbild entpuppt sich als eine freie Schöne, 



— 192 — 

eine freie Dirne — albern, im Althochdeutschen freundlich 
und gütig, bedeutet jetzt einfältig, geil, ursprünglich nur 
fröhlich und lustig, ein Begriff wie frech, ist ein Wort, das 
keusche Ohren nicht ertragen, keusche Herzen freilich nicht 
entbehren können, denn uns alle bändigt, was hinter einem 
Schiller in wesenlosem Scheine lag, das Gemeine, das FÖbel- 
hafte — die Tugend hat wahrhaftig unter den bösen Zungen 
zu leiden, wie weiland Apelles unter der Verleumdung, die er 
so schön gemalt hat und die in der Gallerie der Uffizien 
hängt; oder wie irgend ein unglückseliges Opfer der Gesell- 
schaft {Florenz in Wort und Büd, Seite 90). 

O, sie greifen giftig nicht nur die abstrakte Tugend 
an — sie beschlecken die Menschen selber, sie schmähen 
alle Klassen und Stände, sie haben an allen etwas auszu- 
setzen, an allen etwas zu bemerken, jedem einzelnen etwas 
am Zeug zu flicken. Schon an äusserer Würde verlieren 
die guten Leute, indem jedermann Herr und auch die arme 
Aufwartefrau oder die Waschfrau Frau genannt wird, ja im 
Hause der frische Knecht zum Hausknecht y die reine Magd 
zur IHenstmagd, die Domina zur Duenna, die Madonna zu 
einer Donna di servizio, der Vasall zum Välet, das Gesinde, 
gleichscun der Hofstaat, zum Ingesinde herabsinkt — alle 
Titel haben eben wie unser Hochwohlgehoren und das ita- 
lienische Hlustrissimo die Tendenz gemein und damit wert- 
loser zu werden. Zumal die jungen Burschen \md die 
jungen Mädchen müssen es sich gefallen lassen, dass sie 
fast allerorten zur dienenden Klasse zählen; dass sie gleich- 
sam unter der Hand leibeigen und mein Bursche und unser 
Mädchen werden. In allen Sprachen gibt es Worte, die an 
sich nichts weiter als die Jugend beiderlei Geschlechts, aber 
daneben die Dienstbarkeit bezeichnen. Jedem fallen wohl 
augenblicklich die Bitter und Knappen, will sagen: die Bitter 
und Knaben, aber der Sache nach soviel wie: die Bitter und 
Knechte ein: 

Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp, 
Zu tauchen in diesen Schlund? — 



— 193 — 

Folgerecht machte Bürger die ßegdTtovteg der homerischen 
Helden, die in den Übersetzungen des XVII. Jahrhunderts 
Bäter Messen, zu ihren Knappen und nannte z. B. den Pa- 
troklus den Knappen des Achilles, Ausserordentlich häufig 
erscheint Knabe in dem Sinne von Knecht in Luthers Bibel. 
Noch heute nennt der Offizier, der oberste Kriegsherr seine 
Soldaten Kinder, nach alter Überlieferung, denn in der 
mittelhochdeutschen Zeit hiessen die Edelknechte, des- 
gleichen die Edelknaben im Fürstendienste und die Hof- 
damen titelmässig Kinder, wie die Dienstmannen ihrem 
Lehnsherrn gegenüber Knappen; mit Nachäffung des höfischen 
Wesens in Handwerkerkreisen wurde dann auch der Ge- 
selle und der Lehrling Knappe genannt {Bergknappe, MiM- 
knappe). Ganz denselben Begriffsübergang bemerkt man bei 
dem lateinischen Puer, dem lateinischen Inf ans {Infanterie 
Seite 2i), dem fi-anzösischen Oargon und dem griechischen 
/7alg; wahrscheinlich ist Fage nur das Diminutivum des 
letzteren {Haidiovy Knäblein). Dienen lerne das Weib . . . 
dienen lerne vor allem das junge Weib: dienen lerne die 
Jungfer, wie in vornehmen Häusern die Kammerfi^au ge- 
nannt wird — notabene, Kammerfrau ist mehr als Kammer- 
Jungfer, nur eine Fürstin hat eine Kammerfrau, daher auch 
Hofdamen Frauenrang haben, wenn sie gleich unverheiratet 
sind. Aber dienen lerne die Jugend überhaupt, eignet sie 
sich doch am besten — es gibt ja auch alte, erprobte und 
im Dienst ergraute Diener und Kammergreisinnen, aber 
sie treten mit ihrem grauen Haar nicht an, begeben sich 
nicht alt in Dienste. 

Das ist ärgerlich fürwahr, Junker gibt es nicht mehr, 
so scheints, und überhaupt keine rechten Herren und keine 
Frauen mehr: indessen mit ein wenig Demut, ein wenig 
himmlischem Sinn könnten sie sichs ctm Ende gefallen 
lassen: Demut ist ja eben buchstäblich der Mut des Dieners, 
die Gesinnung, die ein Dienender (althochdeutsch Deo) haben 
solL Nur durch Niederland kommt man nach England, 
und wer nicht barfiiss geht, sagt Abraham a Sancta Clara, 

Kleinpaul, Etjrm. 13 



— 194 — 

das heisst, wer sich nicht klein oder parvus macht, der ist 
des Teufels mit Haut und Haar. Aber was nicht zu er- 
tragen ist: die Klatschliese tastet den reinsten Schatz der 
Menschen in ihrem irdischen Laufe, die Ehre an, ihr guter 
Name geht flöten, ihr Ruf verschlechtert sich. Der treue 
Diener wird zum Schalk y die schöne Dirne wird zur Hure 
und der Bube zum Buben. Selbst die Haustiere entgehen 
ihrem Schicksal nicht: aus ihren Namen bilden sich ge- 
meine Schimpfivörter wie Vieh, Schwein, Petze — es ist als 
ob von den guten Hunden nur die räudigen Hunde und von 
den edlen Pferden nur die Schindmähren und die alten Rosse 
oder die Bosinanten übrig blieben, auf die man einhaut, dass 
sie nur vorwärts kommen, daher man in Frankreich: einen 
durchkeilen geradezu rossen nennt {rosser, von rosse ^ Ross, 
jedenfalls die natürlichste Erklärung) — das französische 
ChevcU, das italienische GavaUo war von Haus aus ein 
schlechtes Pferd, wie wir sagen ein alter Gaul, ein Klepper 
(lateinisch (McUlus, aus griechischem Kaßdkkrig), unser Pferd 
dagegen ursprünglich ein Zelter (französisch PcUefroi, ita- 
lienisch PaLafreno, vgl. S. 88), noch früher ein Postpferd (lat 
Paraveredus) und zu allererst ein Handpferd oder Beipferd 
{üaga-veredusj Parhippus), Den Römern blieb es vorbehalten, 
den postmässigen Gebrauch des Pferdes nach dem Vorbilde 
der Perser im Abendlande einzufuhren; das Wort Veredus, 
welches ein Kurierpferd bezeichnete, ist angeblich selbst 
persisch, nämlich wie das griechische BeQ^öog aus dem per- 
sischen Berd, tragendes Pferd, entstanden (Zend bar, tragen, 
lat. ferre). Um die griechische Präposition TCaQa herumkom- 
men wird man deshalb nicht. 

Wenn man näher hinsieht, so merkt man freilich, dass 
nicht immer Bosheit, sondern einfache Erfahrung, die lei- 
dige, unab weisliche Erfahrung, Welterfahrung und Men- 
schenkenntnis dahintersteckt: diese Welt ist eben nicht die 
schönste. Jede Tugend grenzt nahe an ein Laster, wo viel 
Licht ist, da ist auch viel Schatten, und wie ein Franzose 
gesagrt hat: cJiacun a les defauts de ses qualitis — die Einfalt 



— 195 — 

neigt in der That zu einer Art von Dummheit, die Un- 
schuld zur Unwissenheit, besonders dem Raffinement des 
Weltmanns gegenüber; wie die Sparsamkeit dem Geize,. die 
Freigebigkeit der Verschwendung, die Geradheit der Grob- 
heit, die Milde der Schwäche nahe steht. Aristoteles hat 
bekanntlich die Tugend als das Mittlere zwischen zwei 
Gegensätzen definiert; danach kann man die menschlichen 
Schwächen gewissermassen als übertriebene Tugenden an- 
sehn: ses difautSy sagt Condorcet von Duhamel, sen^laient 
vüetre que ses vertus memes portSes jusqu'ä Vexcis. Vor allem 
aber hat jede einzelne Menschenklasse, jedes Alter, jedes 
Greschlecht, jeder Stand seine angebornen Fehler, seine 
natürlichen, durch die Umstände bedingten physischen und 
moralischen Krankheiten, die zu allen Zeiten und unter 
allen Völkern bei diesen Klassen wiederkehren und des- 
halb zur Charakteristik derselben dienen — Jugend hat 
keine Tugend, und wenn alte Leute weise sind, so sind sie 
dafür geizig: 

multa senem circumveniunt incommoda, vel quod 
quaerit et inventis miser abstinet ac timet uti, 
vel quod res omnes timide gelideque ministrat. 

Horaz De Arte Poetica 169 ff. — 

gewisse Gruppen scheinen für gewisse Laster gleichsam 

typisch. Das Volk also, das den Menschen ihre Eigenheiten 

mit Leichtigkeit ablernt, beweist nur seinen Witz, wenn es 

dem Kaiser gibt was des Kaisers und dem Papste was 

des Papstes ist, das heisst, W^enn es im Gespräch den Titel 

ftr die Eigenschaft nimmt, die er bedeutet. 

Halten wir uns an die allgemeinsten Unterschiede: 

des (i) Geschlechts und (2) Alters, so finden wir, dass 

zunächst die Männer für rohe Kraft, Härte und Strenge; 

die Weiber für Zartheit, Sanftmut und Üppigkeit typisch 

werden. Hier ist besonders das Wort Kerl charakteristisch, 

das eigentlich: Mann bedeutet, aber gegenwärtig am 

liebsten mit der Grobheit in Verbindung gebracht wird. 

Freilich gibt es auch unter den derben Kerlen manchen 

.13* 



— 196 — 

armen Wicht — Wichte waren eigentlich Mittelwesen zwischen 
Gröttem und Menschen, heutzutage wird das Wort eben- 
falls in abschätzigem Sinn gebraucht; immerhin ist so ein 
Mannsbild wie aus Erz gegossen und, wie Goethe sagt, 
ein Glück sondergleichen es zu sein. Die Weiber dagegen 
sind weibisch — dieses eine Beiwort sagt genug wohl schon; 
und wenn sie auch wie die Mannsbilder: Weibshüder heissen 
und manch eine, wie die Italiener sagen, un pezzo di donm 
vorstellt — Weib bleibt ein Name für die Schwachheit, 
Fraüty, thy name is Woman. 

Freilich auch ein Name für die Schönheit, für die Fonn 
und für den Inbegriff allen Zaubers, aller verführerischen 
Reize. Zugleich führt der geschlechtliche Charakter des 
Weibes in unsem Zeiten zu einer spezifischen Degradation: 
die Frau, die sich dem Manne ausser der Ehe hingibt, es 
aber nach unsem Begriffen nur in der Ehe soll, erscheint 
eben damit als eine Sünderin, die ihre Gunst freigebig ver- 
schenkt, als ein AUerweltsweib, eine liederliche Hure. Frau 
selbst, ein unbedingter Ehrenname, desgleichen das vor- 
nehme Wort Frauenzimmer ist auf diese Weise herunter- 
gekommen, die mittelalterlichen Frauenhäuser waren Huren- 
häuser, und genau so nennt der Italiener eine Hure: una 
Donna di mondo. Das könnte ein Euphemismus gewesen 
sein; aber demjenigen Worte, das in den nordischen Spra- 
chen gilt und in England noch heute die höchste irdische 
Ehre bezeichnet, dem Worte Queen ging es gerade so. Queen 
bedeutet die Frau oder das Weib: in Dänemark heisst es 
Rone, die Dänen freuen sich, dass der König Georg von 
Griechenland seine Gemahlin einfach seine Kone nennt, wie 
die Engländer wohl Marie Antoinette als Queen of Louis X7I. 
bezeichnen; in Schweden Kona, Aber Quean, nur eine 
Scheideform für Queen, bedeutet ein gemeines, schmutziges 
Weib, eine garstige Vettel, und das altschwedische Koiui 
wird heutzutage nur in üblem Sinn, dem von Mätresse 
gesagt. Man erzählt sich in Stockholm eine charakteri- 
stische Anekdote aus der jüngsten Vergangenheit König 



— 197 — 

Christian IX. wollte einmal Karl XV. im südlichen Schwe- 
den in Beckaskog besuchen; er fragte an, ob sein Herr 
Bruder erlaube, dass er auch seine Kone mitbringe. Der 
König von Schweden liess augenblicklich antworten: er 
könne so viel Konen mitbringen wie er wolle. 

Sicherlich hängt auch damit das gemeine französische 
Schimpfwort Gouine zusammen. 

Es kommt darauf an, den Irrtum zu vermeiden, als ob 
der Sprache nicht von vornherein das Geschlecht am Weibe 
die Hauptsache gewesen wäre. Die Kone war ursprünglich: 
die Gebärerin, wie die Femina: die Säugerin und die Mutter 
Eva: die Fortpflanzerin des menschlichen Geschlechtes — 
die meisten Volksausdrücke für das schöne Geschlecht be- 
tonen nur die Scham und die Fortpflanzungsorgane. Auch 
die Liebe und die Minne, amare und q>ilMv^ das griechische 
ra/iog, heutzutage ganz obscön, bedeuteten von Haus aus 
nicht viel anderes als den Beischlaf, und wenn diese Aus- 
drücke in allen Ländern vom Volke sinnlich verstanden 
werden, so ist das nicht sowohl eine nachträgliche Ver- 
rohung, als vielmehr das Hineinragen homerischer Anschau- 
ungen in die unnatürliche, sentimentale Gegenwart hinein. 
Modem ist nur der Makel, der den geschlechtlichen Be- 
ziehungen als solchen im Laufe der Zeiten imd unter dem 
Einfluss gewisser Religionen anfliegt, während der Fluch 
ursprünglich nur auf dem Ehebruch und den unnatürlichen 
Lastern ruhte, in den anfänglichen Geschlechtsgenossen- 
schaften vollends von Familie und Ehe und gewerbsmäs- 
siger Prostitution noch gar keine Rede war. 

Insbesondere stehen junge Frauen, aufblühende Mäd- 
chen imd Töchter beim Volke in dem Rufe der Verliebt- 
heit imd von Werg, das gerne brennt. Uhomme est le feu, 
la femme est Vitoupe, et le Diahle le vent gui souffle. Nicht blos 
bei uns sind die Mädchen und die Dirnen liederlich geworden, 
die französischen Garces und FiUes geben ihnen nichts nach. 
Frau von Stael wunderte sich nicht wenig, als sie einmal 
in der Umgegend von Vendöme arglos une fameuse Oarce 



— 198 — 

genannt ward; in Paris kann man nicht mehr sagen: ein 
Mädchenpensionat, une pension de fiües, das klänge unan- 
ständig — ga sent U vin et la fiüe, wie Beranger erinnert 
— man muss sagen: une pension de jeunes fiUeSy de jeunes 
personnes. Wo soll- das hinaus? — Es ist seltsam, aber, ich 
will gar nicht sagen der Wille, sondern die fortwährende 
Disposition zu den Werken der Liebe, der Geschlechtstrieb, 
die Verfuhrung wird den armen Dingern schlechtweg zur 
Sünde angerechnet. Eine schöne Metze und eine muntere 
Katharina ist eine Hure, weil sie jeden Augenblick eine 
werden kann — bekanntlich ist die deutsche Metze nichts 
weiter als Mathilde oder Mechthild und die französische Caiin 
nichts weiter als Catherine, wie Goton = Margoton oder Mar- 
guerite, alles Namen, die Mädchen vom Lande und Dienst- 
mägde häufig fuhren. Ihnen schliessen sich, namentlich an 
den Ufern des Bosporus und weiter nach Osten hin, die 
Knaben, die Pagen, die Äntinous und Oiton an, über die neuer- 
dings, beim Besuche des Schah von Persien, in den Zei- 
tungen so kindlich naiv geplaudert worden ist; während 
umgekehrt die Frauen, wenn sie alt werden und rote 
Augen bekommen, in die Kategorie der Hexen fallen 
{Baha, VeUel). 

Sonst pflegt man an Kindern, zumal männlichen, die 
Dummheit und die Ungezogenheit zu rügen — nichts 
scheint sich doch besser zu reimen als dummer Juvige oder 
grober Bengel oder, um gleich einen Namen zu nennen, als 
dummer Peter und verdrehter Michel; Bube, in Süddeutschland 
unserem Knabe genau entsprechend und so wenig ein 
Schimpfwort als es Bengel, ein schöner Bengel im Holsteini- 
schen ist, hat bei uns einen noch schlimmeren, beinahe 
niederträchtigen Sinn bekommen, und das englische Knave 
die nette Bedeutung: Schurke oder Schelm. Dass die 
Menschen von Natur böse sind und nur durch eine sorg- 
fältige Kultur zu einigermassen leidlichen Wesen werden, 
kann man allerdings an Kindern häufig beobachten; zu- 
gleich mögen die Lustknaben das Ihrige dazu beigetragen 



— 199 — 

haben, das Chor in Verruf zu bringen. Endlich ist an den 
vielen Bubenstreichen ein dritter Umstand schuld, den wir 
früher, in anderem Zusammenhange, hervorgehoben haben: 
dass sich mit dem BegriflFe der Jugend der der Knecht- 
schaft mischt. Sklaven gelten allgemein für listig und 
verschlagen. 

Herren sind stolz, Herren sind hart, Herren sind, die 
griechischen Worte besagen ja nur das: Tyrannen und Des- 
poten — Sklaven (zu denen unter Umständen die Frauen 
zählen) sind falsch, tückisch, wollüstig, leichtfertig, windig, 
junge Fante und Schalksnarren; der Tross der armen Diener 
ist eben dem Laster und der Ausschweifung besonders 
blosgestellt. Mit dem Worte Fant haben wir bereits auf 
Seite 21 Bekanntschaft gemacht, im Niederdeutschen und 
im Holländischen heisst es Vent, mit dem milderen Sinn 
von junger Bursche, Kerl, der gleichwohl ebenfalls in einen 
verächtlichen übergeht; Schalk, von der Bibel her bekannt, 
das Grundwort von Seneschäll und Marschall, ist die alte Be- 
zeichnung für Diener oder Knecht. Man vergleiche damit 
das französische Gar^on, was nicht blos Kellner, sondern 
auch Lotterbube heisst; das französische Gredin, eigentlich 
Gradin, d. i. ein niederer, auf den untersten Stufen der 
Treppe stehender Diener, dann ein Bettler; und das fran- 
zösische Faquin, italienisch Facchino, Packträger und Schurke. 
Man redet bekanntlich von einer knechtischen Gesinnung, einer 
sklavischen Unterwürfigkeit und von Bedientenseelen, Am besten 
kann man diese Eigenschaften an Völkern studieren, die 
lange geknechtet gewesen sind, wie die entgegengesetzten 
an unabhängigen imd freien Nationen. Einen charakte- 
ristischen Gegensatz bilden die Slawen, die ersten Sklaven, 
zu den Deutschen und Engländern. 

Das wären ungefähr die Hauptverhältnisse des Men- 
schen — man sieht, dass die Sprache, die alte Klatschliese, 
die Zensur ihrer keinem schuldig geblieben ist. Wollten 
wir ihr zuhören, wie sie mit ihrer bösen Zunge im einzelnen 



— 200 — 

über die Gesellschaft herzieht und jedwedem besondem 
Stande etwcis anhängt, so ekelte es uns an. 

Du sehr verachter Baurenstand 
Bist doch der beste in dem Land, 

ja, so hat der arme Simplicissimus von seiner Meuder ge- 
lernt — den Städtern ist der Bauer ein T3rpus der Grob- 
heit, der UngeschliflFenheit, des bäurischen Wesens, der Bustica, 
sie schelten ihn einen Flegel, in England hat der Kohne 
(Seite 97) den Begriff des Clowns ergeben. Jede redliche 
Arbeit ehrt den Mann: das Wort den Redner, die Feder 
den Schriftsteller und der Besen den Strassenkehrer, das 
ist der hohe Standpunkt der mächtigen Republik der Ver- 
einigten Staaten — und doch pflegt bei allen zivilisierten 
Völkern der Handwerker dem Künstler, der Schuster dem Gre- 
lehrten, der Laie dem Priester, der Banause dem Gebildeten 
missliebig entgegengesetzt zu werden. Die alten Sophisten 
waren sehr gescheite Männer und Lehrer der Weisheit, 
beim Herodot heissen die Sieben Weisen 2!oq)iaTal — Ari- 
stophanes und Plato haben es zuwegegebracht, dass man 
denkt, sie wussten nur Sophismen. Die Pedanten waren 
ursprünglich Schulmeister und Hauslehrer: das italienische 
Wort, das im XVI. Jahrhundert auftaucht, ist ein Parti- 
zipium von pedare und dies wahrscheinlich das gfriechische 
Ttaiösvsiv, erziehen, unterrichten — wir bemerken nur die 
Pedanterie an ihnen. Das Wort Parasit hatte in der ältesten 
Zeit nichts Anrüchiges: die Priester, die gemeinsam speisten, 
hiessen naqdaiTOL, und die Barden, welche die Thaten der 
Götter und Helden unter Begleitung der Harfe besangen 
und das Heer zur Tapferkeit entflammten, nennt Diodor 
die Parasiten der Gallier — die attischen Komiker haben 
Schmarotzer daraus gemacht. Und was ist aus den alten 
Barden selbst geworden? — In der Bretagne, wo sich noch 
viele altgallische Ausdrücke erhalten haben, bezeichnet man 
.als Bards die Bänkelsänger, die mit ihren gellenden Fiedeln, 
dies selbst ein herabgekommenes Wort, in den Dorfschenken 



— 201 — 

herumziehn und die guten Herrn, die schönen Fraun, so wohU 
geputzt und hackenrot ansingen. ^ 

Sollen wir noch an die Krämer, die Ältertumskrämer, die 
LÜgenkrämer, an die Salbader, die Schtieider, die deutschen 
Schergen, die italienischen Sbirren und die Zöllner des Evan- 
geliums erinnern? — Dass der erste Salbader ein Bader an 
der Saale gewesen sei, ist jedoch blos eine etymologische 
Anekdote, der Ausdruck vielleicht auf keinen geringeren 
Namen als den des Erlösers selber zurückzufuhren, von dem 
ein Kapuzinerprediger einen Spruch nach dem andern 
zitierte, jedesmal hinzusetzend: didt Salvator noster. Jeder- 
mann braucht ja nur aus seiner eigpnen Erinnerung den 
einen oder den anderen Ehrentitel hervorzuholen und sich 
zu besinnen, wie man im Skatspiel einen nennt, der weniger 
als 31 Augen bekommen hat. Wir wollen für diesmal des 
grausamen Spiels genug sein lassen, dafür aber im folgen- 
den noch bei einer Eigenheit verweilen, die vielleicht schon 
manchem aufgefallen ist 



2. Mein Kind, warum willst du dich an der Fremden 

ergötzen? 

Besonders Fremdtitel, überhaupt Fremdwörter werden ins Gemeine herab- 
gezogen — die Fremden mid die Heiligen bei den Israeliten — die Namen 
fremder Völker und fremdsprachige Personennamen bekommen selbst leicht 
einen kompromittierenden Klang — ausländische Standesbezeichnungen: 
Philosophen, Komödianten, Charlatane — Ausdrucke der welschen Galan- 
terie: Mätresse, Kurtisane, Cicisbeo — Monsieur, Madame und Made- 
moiselle — namentlich gegen die Vertreter fremder Religionen und Be- 
kenntnisse zeigt sich eine gewisse Animosität. 

Die Prostitution war den Töchtern Israels streng unter- 
sagt, sie wurde fast ausschliesslich von Ausländerinnen be- 
trieben, infolgedessen eine Fremde gleichbedeutend mit Hure 
{hebr. Nakrijah). Dies zum Verständnis von Salomos wohl- 
gemeinter Warnung. Der Begriffsübergang ist ebenso be- 
merkenswert wie in einem andern Falle, ebenfalls aus dem 



— 202 — 

Alten Testament: i. Mose xxxvm, 21 wird Thamar, die Hure 
ihres Schwiegervaters Juda: Kedeschah, wörtKch: die Heilige 
genannt Das heisst, sie war, schien dem Juda wenigstens 
so, der phönikischen Göttin Astarte, richtiger der Göttin 
Aschera heilig und wie eine Hierodule deren Dienst ge- 
weiht: dieser Dienst, bei welchem Knaben und Mädchen 
ihre Unschuld opferten, fand zu Zeiten auch bei den Israe- 
liten Eingang,, daher hat auch das Maskulinum Kadeach, der 
Heilige, Geweihte, im Hebräischen die Bedeutung von Sodo* 
mit. Es war vom israelitischen Standpunkt aus ein Baals- 
dienst, d. i. ein falscher, ein fremder Gottesdienst. 

Es ergötzt sich eben niemand an der Fremde, soll es 
wenigstens nicht. Mit Vorliebe werden die Klamperl aus- 
ländischen Titeln angehängt, indem hier die allen Nationen 
eigene Abneigung gegen das Fremde mithinzukommt Die 
Griechen und Römer betrachteten die Ausländer als Bar- 
baren, die Israeliten betrachteten die Ausländer als Heiden, 
und wir selbst, die wir hinwiederum in Dänemark für 
Windbeutel gelten, betrachten sie zum mindesten als lockere 
Zeisige — es ist merkwürdig, wie sich bei unserem kosmo- 
politischen Sinne der Nationalhass gegen alles Undeutsche, 
zumal gegen alles Welsche richtet. Eine Phrase ist uns 
eine leere Phrase, ein Calemhourg ist uns ein Kälatiery das heisst 
ein schlechter Witz, räsonnieren heisst uns nicht Vemut^ 
reden, sondern schelten, wie dem Franzosen das spanische 
habler nicht reden, sondern aufschneiden und umgekehrt dem 
Spanier das französische parlar nicht sprechen, sondern 
schwätzen oder schnattern heisst. 

Wie merkwürdig doch, dass der unschuldige Begriff: 
Bagage, Gepäck, die Bedeutung: Gesindel erhalten hat! — 
Freilich schreibt sich diese aus dem Dreissigjährigen Kriege 
her, wo allerhand schlechtes Volk, Marketender, Kommiss- 
metzger, Sudelköche, Hausierer, zusammengetriebene Schanz- 
gräber, Dirnen und handfeste Weiber, kurz Huren und 
Buben den Tross der Heere bildeten, alle zusammen unter 
der Aufsicht des Hurenweibels stehend; doch bleibt immer 



— 203 — 

das Odium charakteristisch, das gerade auf dem fran- 
zösischen Worte liegt. Die Namen fremder Völker werden 
ja auswärts selbst gern zu Schimpf- und Ekelnamen, sehr 
im Gegensatz zu ihrem angebomen Glänze: die glorreichen 
Slawen müssen es sich gefallen lassen, die Sklaven der ganzen 
Erde abzugeben, sodass es bis nach Italien hinunter heisst: 
chi dice Slavo, dice Schiavo und Slavo oder Schicbvo, vulgo Ciau 
der allgemeine Gruss in Oberitalien wie das österreichische 
Servus ist — die Syphilis wurde in ganz Europa auf die 
Franzosen getauft — wer wuchert, der heisst ein Jude, ein 
Grieche ist ein falscher Spieler, ein Bulgare ein Sodomit 
und ein Ässassine ein Mörder (fr. Grec, Bougre, Ässassin), Ana- 
log haftet schon fremdsprachigen Personennamen ein kom- 
promittierendes Etwas an, man denke nur an die berliner 
Louis; und endlich laufen gewisse individuelle Ehrentitel,, 
sowie sie sich ins Ausland verirren, Gefahr, bald ins Lächer- 
liche, bald geradezu ins Gemeine, ja, ins Verbrechen herab- 
gezogen zu werden: man vergleiche einmal mit dem oben- 
erwähnten Ässassin das Wort Bravo, ursprünglich ein tapfrer 
Mann, dann ein gedungener Mörder und nun in dieser 
schlimmen Bedeutung von den Franzosen festgehalten, 
während der einheimischen Wortform, dem brave komme, der 
gute Sinn verbleibt 

Fremde Standesbezeichnungen, die vielleicht durch na- 
turalisierte Ausländer aufgekommen sind, haben fast immer 
einen verdächtigen Beigeschmack, besonders wenn sie an- 
fangen, durch einheimische Titel verdrängt zu werden — 
schon der alte Cato mochte die gfriechischen Philosophen 
nicht und riet im Jahre 155 dem Senat, den Akademiker 
Cameades, den Stoiker Diogenes und den Peripatetiker 
Critolaus, Gesandte Athens, schleunigst heim und in ihre 
Schulen zurückzusenden; ungefähr wie wir den hergelau- 
fenen Fanten, den italienischen Charla;tanen und den eng- 
lischen Komödianten das Haus verbieten. Namentlich aber 
zeigt sich allüberall gegen die Vertreter fremder Reli- 
gionen und Bekenntnisse, gegen die Pfaffen, die Bonzen, die 



— 204 — 

Jesuiten, die Mönche y Apostel und Missionäre mitsamt ihren 
undeutschen Titehi eine starke Animosität, die allerdings 
auf Seite der freien Greister gegen das Pharisäertum und 
das salbungsvolle, heuchlerische, meist hochmütige Wesen 
der Kleriseien überhaupt besteht. Ein Untersuchungsrickter hat 
etwas Unschuldiges gegen einen Inquisitor, in Italien selbst 
wurde das Tribunale della Inquisizione mehr gefurchtet als das 
Santo Ufßzio; dem Protestantenverein klingt sogar Orthodoxie 
gehässiger als Rechtgläubigkeit, Dogma gehässiger als Lehr- 
meinung. In allen Staaten muss ein Sokrates, der un- 
gläubig neue Grötter einf&hrt, den Schierlingsbecher trinken; 
in allen heiligen Ländern der Erde wird ein Christus ans 
Kreuz geschlagen und wenn seine Religion die herrschende 
ist, der Jude verbrannt. Aber wenn dabei lateinisch ge- 
sprochen, dem Ketzer der Sanbenito angethan und der Actus 
Fidei, das Auto da FS verhängt wird, so empört sich nicht 
nur das menschliche, sondern auch das nationale Gefühl 
dagegen. 

Die Titel Monsieur und Madame haben, wie in Deutsch- 
land Herr und Frau, in Frankreich selbst an Wert verloren, 
denn sie gehörten ursprünglich nur den höchsten Ständen 
an. Der Papst selbst hiess nicht anders als Monsieur: so 
redete die Stadt Reims A. D. 1352 Clemens VI. in einem 
Briefe an; Sankt Peter wurde Monsieur Saint Pierre, die hei- 
lige Genoveva Madame Sainte Genevüve betitelt; ja, einige 
Geistliche, unter anderen der Doktor Besse, welcher Anfang 
des XVII. Jahrhunderts predigte, wollten auch dem Herrn 
Jesus Christus das Monsieur nicht vorenthalten. Nur Gott- 
vater nannte man Sire, heau Sire Dieu, Messire Dieu. Heut- 
zutage ist bekanntlich jeder Franzose ein Monsieur und jede 
Waschfrau eine Madame — das schliesst sich unsem obigen 
Ausführungen über die allgemeine Entwertung der Titel 
an. Aber, und deshalb kommen wir an dieser Stelle darauf 
zurück: im Vaterland sind sie doch immer wie Kotillon- 
orden, die man jedermann ansteckt, weil sich jedermann 
darüber freut, die nichts kosten und mit denen nicht ver- 



— 205 — 

seh wenderisch zu sein, nur Mangel an Klugheit wäre; im 
Ausland wird ihnen auch noch der scheinbare Wert ent- 
zogen. Gleich zieh er den Hut, Musje, Was traf er denn, he, 
he, he? — In Neapel versteht man unter einem Momü, d. i. 
Monsieur, einen Koch — eine wohlgenährte Fleischersfrau 
nennen wir nicht ohne Geringschätzung eine alte Madam 
oder eine dicke Madam, eine andere Vertreterin des kleinen 
Bürgerstandes halbspottend ein Madamchen und ein Schnei- 
dermädchen eine SchneidermamseU. In besseren Kreisen sind 
hier die deutschen Ehrennamen Frau und Fräulein mit dem 
Beiwort gnädig längst bevorzugt worden. Dafür nennen 
wieder die Franzosen einen armen Schlucker, sei es nun, 
dass deis deutsche Herr oder das lateinische Herus dahinter- 
steckt: un pauvre Hire. 

Kein Wunder, wenn auch die Ausdrücke der fran- 
zösischen Galanterie im Ausland gewissermassen entarten 
und verwildem und die Fremde in Deutschland nicht viel 
höher geachtet wird als vor Zeiten im Volke Israel — Ga- 
lanterie selbst, wie Koketterie kein absoluter Fehler, eher 
eine Tugend (coquet ist in Frankreich oft nur soviel wie 
hübsch), hat bei uns noch mehr als bei den Franzosen 
einen unreinen Beigeschmack bekommen, eine galante Krank- 
heit ist eine venerische, das galante Sachsen ein frivoles Buch, 
und im Faust heisst es: ists nicht ein Mann, seis derweü ein 
Galan. Das französische Mätresse, welches Herrin, Geliebte 
bedeutet, brauchen die Deutschen ausschliesslich in dem 
anrüchigen Sinn eines unterhaltenen Frauenzimmers, einer 
Entretenue, auf deutsch: eines Kebsweibs — alle Idealität, 
jede Spur von ritterlicher Liebe imd vom mittelalterlichen 
Minnedienst haben sie abgestreift und nur die ehrlose, von 
der öffentlichen Meinung gebrandmairkte Beischläferin übrig 
gelassen. In Frankreich war Maitresse so wenig schimpflich, 
dass unter der alten Monarchie die erklärte Geliebte des 
Königs den offiziellen Titel führte: Maitresse du Bai — frei- 
lich ist man an Höfen auch anderwärts in dieser Beziehung 
duldsamer und, wenn man will, aufgeklärter als in bürger- 



— 206 — 

liehen Kreisen. Daher denn die elegfanten Buhlerinnen der 
grossen italienischen Städte, namentlich Roms und der 
römischen Prälatur, geradezu Hofdamen, Cortigiane hiessen, 
als welche daselbst, nach einem italienischen Sprichwort, 
mehr galten als die ehrbaren Matronen, man erinnere sich 
an die TuUia in Venedig und die schöne Imperia in Rom, 
die moderne Aspasia, die A. D. 151 1 im Alter von 26 Jahren 
starb, in einer Hauptkirche beigesetzt ward und die un- 
glaubliche Grabschrift erhielt: IMPERIA CORTISANA 
ROMANA, QUAE DIGNA TANTO NOMINE RARAE 
INTER HOMINES FORMAE SPECIMEN DEDIT. Ihr 
tantum nomen ist ja in seiner französischen Form {pourtisoM, 
englisch Courtesan) noch heute gäng und gäbe; bei einem 
Kurtisan denkt man an einen Hofmann, und zwar im eigent- 
lichen Sinne, nicht an einen die Qmr machenden oder 
schneidenden, damoiselierenden Stutzer, bei einer Kurtisane an 
Bianca aus Venedig, die Geliebte des Cassio (im Othdlo). 
Aus Italien stammt auch der verdächtigie Hausfreund Oici^eo 
(französisch Sigishie). 



3. Glück muss der junge Mann haben. 

Die Launen der Frau Luna oder der Frau Sprache — sprachliche Empor« 
kömmlinge — Spottnamen, die an die grosse Glocke gehängt, gemeine 
Namen, die geadelt werden — God save the Queen; Knight, Marschall — 
Budget und Fiskus, Kobalt und Nickel — un aimable Rou^ — Senioren 
und Priester — merkwürdige Verschiebungen: Minister und Magister — 
auch Fremdtitel bleiben mitunter in Ehren, zumal lateinische: Arzt, Pro- 
fessor, Vogt — ja, sie machen Karriere: Bonne. 

Es ereignet sich aber auch das Umgekehrte. Gewisse 
Worte machen ein unerwartetes Glück und kommen, nach- 
dem sie im Vaterlande unverdient mit Füssen getreten 
worden sind, in einem andern Lande zu unverhofften Ehren, 
ja, die ärgsten Schimpfhamen können sich in der öffent- 
lichen Meinung rehabilitieren und zu Posten aufechwingen, 
^ie man ihnen gar nicht zugetraut hätte. Das ist die 



— 207 — 

Laune, das Belieben des unerforschlichen Schicksals, so 
spielt Fortuna, 

praesens vel imo tollere de gradu 
mortale corpus vel superbos 
vertere funeribus triumphos. 

Nicht nur dass Spottnamen unzähligemal von den In- 
habern trotzig aufgegriffen und an die grosse Glocke ge- 
hängt wurden, damit sie die Leute hören möchten, zum 
Beispiel der Name Erhs von Oicero, der sich (nach Plutarch) 
vermass, den seinigen berühmter als den der Scaurus und 
der Catulus zu machen oder der Name Bettler von den 
Geusen — auch durch den natürlichen Lauf der Dinge und 
den grillenhaften Wechsel des Mondes, Laune ist ja gar 
nichts anderes als Lune oder Luna und ein Stück Astrologie, 
sind die Niedrigen erhöhet und die Gemeinen geadelt wor- 
den — was sage ich? — gekrönt. 

Das Weib wurde gekrönt, das in andern Ländern der 
Prostitution anheimfiel: God save the Queen! — der KneM, 
der bei uns dient, ist im Reiche der Q^een zum Knight, das 
heisst zum Ritter mit dem Prädikate Sir — ja der Pferde- 
knecht, der Marsealk oder Marschall, zur höchsten Würde 
in der militärischen Hiersirchie gemächlich aufgerückt. 

So launt Frau Luna oder hier Frau Sprache: aus 
einem Säckchen (engl, a Budget) macht sie das Budget eines 
Staats — ein Binsenkörbchen, worein der römische Bauer 
seinen Käse legt, noch heute in Rom Fisceüa genannt, er- 
hebt sie zu einem G^ldkorb und zum Fiskus — ein Kobold 
wird zum Kobalt und der heilige Nikolaus im dem ver- 
fluchten Nickel und zu einem Zehnpfennigstilcke. 

Hat es doch Zeiten gegeben, wo das Rad, womit der 
Henker seine Pflegebefohlenen bewirtete, eine Art von 
Auszeichnung vorstellte — wo es zum guten Ton gehörte, 
ein charmant Boui, ein aimahle BouS zu heissen, eine Bouerie 
düideuse auszufahren, als ob es sich um entzückende Men- 
schen imd eine reizende Gesellschaft gehandelt hätte — die 
liederlichen Genossen des Herzogs von Orleans unter der 



— 208 — 

Regentschaft (17 15 — 23), wahre Galgenstricke und unauf- 
gehangene Feldglocken, hatten das schmückende Beiwort 
der Geräderten. Dass der Mensch nicht erzogen wird, wenn 
er nicht geschunden wird, ist eine alte Sache — wer hätte 
das Motto der Selbstbiographie des weltklugen Goethe 
nicht gelesen; und in Frankreich bezeichnet futS, listig, er- 
fahren, durchtrieben, eigentlich einen, der wacker gezaust 
und herumgerissen und mit imgebrannter Asche {ßt, lat 
fusHs) gedüngt worden ist. Auch dass eine zweifelhafte 
Vergangenheit nicht immer den Charakter des Menschen 
schädigt, der noch ein Heiliger werden kann; ja dass Pro- 
stituierte, einmal solid geworden, (jLETaßäkXovaoa elg rb awq)^oyj 
mitunter die ordentlichsten Frauen abgeben, ist eine alte, be- 
reits von Athenäus erörterte Lebenswahrheit Die Engländer 
haben ein Sprichwort: Old Bake makes the best Hushand* Dass 
aber die Menschen gerädert werden müssen, um Schick zu 
bekommen und die Gesellschaft zu bezaubern, diese Ent- 
deckung zu machen blieb den Franzosen des vorigen Jahr- 
hunderts vorbehalten. 

Merkwürdige, der ursprünglichen Meinung geradezu 
widersprechende, aber dem Gange der Kultur folgende 
Verschiebungen durchkreuzen die Liste der allgemeinen 
Beförderung und bringen sozusagen ein Avancement ausser 
der Tour zuwege. Die alte römische Strohhütte, lateinisch 
Oasa, wird in Italien zum Haus, das alte römische Haus, 
lateinisch Domtis, zum Gotteshaus oder Dom und der deutsche 
Zaun in England zur Stadt (Taton). Die Alten, lateinisch 
Seniores, werden in Italien zu Herren {Signori), ebendieselben, 
griechisch benannt, nqeaßvteqoLj zu Priestern {Breti)\ ein 
und derselbe BegriflF, der des Vaters, erscheint in einer 
dreifachen Gestalt: als Fater, AU und Fapst. Wie hoch 
steht in unseren Kulturstaaten der alte Komparativ iß- 
nisier über dem alten Komparativ Magister/ — Der letztere 
macht dem ersteren demütig die Aufwartung und bittet die 
Excellenz, ihn bei der Besetzung eines Amtchens gnädigst 
berücksichtigen zu wollen. Und doch hat der Minister 



— 209 — 

eigentlich Minus und der Magister Magisl Und doch ist 
eigentlich der Minister Diener, der Magister, französisch le 
Mattrej Herr und Meister ! Verha vcUent sicut nummi, sicut nummif — 
Fremdtitel, die wie die vorigen alte Lehnwörter aus 
der lateinischen Sprache sind, bleiben lange in Ehren, auch 
wenn entsprechende deutsche da sind, erscheinen uns, den 
Bürgern des heiligen römischen Reiches, minder fremd als 
etwa französische, höchstens etwas veraltet, aber immer 
noch pompös. Der lateinische Titel Vogt klingt den meisten 
Menschen vornehmer als Schulze, Inspektor vornehmer als 
Aufseher, Professor als Lehrer, Architekt als Baumeister; der 
Geldzähler an der Reichsbank will ein Suhalternbeamter, aber 
nicht ein ünterheamter sein: die Subaltembeamten zählt er 
unter die Kategorie der höheren Beamten; das griechisch- 
lateinische Ärchiater, wörtUch soviel wie Erzarzt oder Ober- 
arzt, aber nachgerade soviel wie Arzt schlechthin, verdrängte 
unsere heimischen Worte Salher, althochdeutsch Salhari, er- 
halten in Quacksalber^ und Lacht, erhalten in dem Eigennamen 
Lachner, ganz und gar. Letzterer Ausdruck ist in Dänemark 
(Lmge) und Schweden (Läkare) allein und auch noch in 
England, aber hier in der Bedeutung: Wundarzt (Leech) 
gebräuchlich; von Schweden drang das Wort nach Russ-^ 
land, wo es einen Tierarzt bezeichnet (Lekar). Der Doktor, 
wie der Arzt gewöhnlich heisst, der Pastor, der Diakonus, 
der Kantor, alles undeutsche Persönlichkeiten, sogenannte 
Honoratioren, würden sich wohl hüten, den Gelehrtenstand 
mit dem eines schlichten Lehrers, eines Hirten, eines Hel- 
fers, eines Sängers zu vertauschen; doch nennt Goethe La- 
vater, Diakonus in Zürich, auf gut süddeutsch Helfer: 

Zwischen Lavater und Basedow, 
Sass ich bei Tisch des Lebens froh. 
Herr Helfer, der war gar nicht faul... 

(Din6 zu Koblenz, im Sommer 1774); 

für Advokat, diese Dublette von Vogt, ist in der neueren 
Zeit Rechtsanwalt entschieden durchgedrungen (in der Schweiz 
Fürsprech, auch Fürsprecher, Vorsprecher), 

Kleinpaal, Etym. 14 



— 210 — 

Endlich, um das Mass voll zu machen: auch die Henn 
Franzosen und die Herrn Italiener gelten wohl einmal wie 
die Propheten im Ausland mehr als im Vaterlande, wenn der 
junge Mann nur Glück hat. Ein Schnapsbrenner nennt sich 
einen Destiüateur, ein Schweizerbäcker Konditor, ein Kräus- 
1er einen Friseur oder einen Coiffeur, als ob das was Bessres 
wäre; und unsere gnädige Frau hat keine Aufsetzerin, wie 
doch Lessing schrieb, sondern eine Friseuse oder eine Fran- 
zösin, weil die es schöner macht. Aus ganz demselben 
Grunde ist BarMer, ja Basör, für das deutsche Scherer auf- 
gekommen, dessen BegriflF seinerseits in den eines Baders 
und eines niederen Chirurgen überging (Feldscher), Unge- 
mein charakteristisch ist es, wie man in Frankreich noch 
heute zwischen Ghanteme und Cantatrice unterscheidet: jenes, 
die französische Form, ist eine Bänkelsängerin, dies, die 
italienische Form, eine ausgebildete Opemsängerin; in Ita- 
lien selbst heisst eine solche gewöhnlich una Cantante, In 
Frankreich nennen die Herrschaften die Dienstmagd und 
die Kinder das Kindermädchen freundschaftlich Bonne: in 
Deutschland ist die Bonne eine Gouvernante, die französisch 
spricht. Wozu noch viele Beispiele? — Den Worten geht 
es wie den Menschen, denen sie angehören. Das einemal 
heisst es: der hat Karriere gemacht; er ist ein Glückskind. 
Das anderemal, und zwar recht viele anderemale heisst es 
wie in dem traurigen niederrheinischen Volkslied: 

Sie sind gewandert hin und her, 

Sie haben gehabt weder Glück noch Stern, 

Sie sind verdorben, gestorben. 



-•->35C— ^ 



C. Die Antiphrasis. 
Logische Verschiebungen. 

Herodianas maximus aactor Artis Orammaticae (Priaoianna). 

Die Verwüstung, welche durch die bösen Zungen in 
der Welt der BegriflFe angerichtet wird, streift jezuweilen 
hart an eine vollständige Antiphrasis, das heisst an die 
angebliche, von den alten Stoikern entdeckte Redeweise, 
wonach ein Wort in einem seiner eigentlichen Bedeutung 
entgegengesetzten Sinn, wie es kurz heisst: im Gegensinn 
gebraucht wird. Auf diese merkwürdige Theorie, welche 
geradezu alle Wissenschaft auf den Kopf stellt und die 
durch ein sorgfältiges Studium der normalen BegrifFsent- 
wickelung, der Ironie und des Euphemismus zu überwinden 
ist, wollen wir jedoch hier nicht eingehn, weil wir bei den 
Regeln der Kunst, der wir uns mit starken Schritten 
nähern, von selbst darauf kommen werden; dafür nehmen 
wir die Gelegenheit wahr, noch eine Reihe anderer ver- 
alteter Kunstausdrücke kursorisclif anzuführen, die wir dem 
Scharfsinn der griechischen Grammatiker aus der alexan- 
drinischen und römischen Zeit, dem Aelius Herodianus und 
seinen Nachfolgern verdanken und die von ihnen für die 
geschilderten Phasen, sowie für gewisse kleine, von uns 
noch nicht berührte Eigenheiten des BegrifFlaufs geschaffen 
worden sind. In den Wörterbüchern gehen sie unter dem 
Namen Figuren, Bedefiguren, griechisch ExriixaTa, auch wohl 
unter dem der Wendungen oder Tropen, stellen aber samt 

und sonders Formen des ewigen Wandels vor, welchen die 

14* 



— 212 — 

Begriffe der Sprache im Munde des Volks und anschlies- 
send in der Litteratur erleiden. Die Lehre von diesen ka- 
priziösen Sprüngen des Gedankens liegt im Argen, weil 
die Philosophen keine Grammatiker, die Grammatiker keine 
Philosophen gewesen sind; und doch ist es gar nicht Gram- 
matik, sondern Logik was hier getrieben wird, und einer 
Logik der Zukunft bleibt es vorbehalten, diesen Teil der 
Sprache systematisch zu bearbeiten und in die Begriffe 
dasselbe Licht zu bringen, welches die Philologen in die 
Laute bringen. 

Antonomasie, die appellative Anwendung von Eigennamen (ein 
Nero i ein Sar danapal; Guzman Blanco, dieser Napoleon und gleichzeitig 
Boulanger von Südamerika) und umgekehrt {der Dichter für Goethe, 
der Philosoph für Aristoteles, der Apostel für Paulus). Läuft das eine 
Mal auf eine begriffliche Übertragung (Seite 123), das andere Mal auf 
den Gebrauch xax ^^O/rJr oder par excellence hinaus, wo der Begriff 
an einem einzelnen, untergeordneten, aber grossen Individuum haftet, 
das Individuum wird wohl auch dcu grosse genannt (Seite 112). 

Synekdoche, die Vertauschung von Art und Gattung: wenn das 
Individuum übergreift und Christ für Mensch gesagt wird, spricht der 
Rhetor von einer Swsxöox^' Verschieden davon ist, aber mit dem- 
selben Namen belegt wird die bekannte Figur des Pars pro toto: 
der Begriff eines Gegenstandes breitet sich plötzlich, wie ein Feuer, 
über das Ganze aus, von dem der Gegenstand ein Teil ist. Ein sehr 
bekanntes Beispiel bietet die Hohe Pforte. So sind viele Personen- 
namen von einem Körperteil, einer Waffe, einem Werkzeug, einem 
Kleidungsstück, einem Hosenstreif des Trägers unmittelbar entlehnt, 
zum Beispiel die Geschlechtsteile beim grossen Haufen zu Bezeich- 
nungen der Geschlechter selbst geworden (Schmeller I, 782. II, 642). 
Ebenso plötzlich drängt sfch aber auch der Begriff eines Gegenstandes, 
wie oben (Seite 166) die Dame du viilieu, in einen Mittelpunkt zu- 
sammen, was man Totum pro parte nennen könnte und abermals 
als Synekdoche bezeichnet. Der Gelehrte hat die Figur auch hier für 
den Verstand durch eine Umschreibung zurechtzumachen, im Geiste des 
Volks ist der Wandel unvermittelt, ohne Umschreibung eingetreten: 
es sieht hier nur das Ganze und dort gar nichts weiter als den Teil. 

Metonymie, wörtlich: Umnamung (MsTCDVVfila), ein entsetzlich 
unklarer Ausdruck, bedeutet zunächst und im engem Sinne die so 
häufige liederliche, jedoch mehr auf einer Nachlässigkeit der Form 
als des Gedankens beruhende Verwechselung zweier Begriffe, die an 
sich nichts gemein haben, aber durch den Zufall einander äusserlich 



— 213 — 

nahegebracht worden sind. Strenggenommen ist es nur eine Art 
Breviloquenz oder Brachylogie, zu deutsch: Kurzsprecherei. Wenn 
es zum Beispiel heisst: der Krug läuft y das Fass läuft aus, der Topf 
läuft über, die Augen laufen ihm voll Wasser y so ist doch klar, dass 
nicht die Krüge und die Fässer, sondern die Flüssigkeiten laufen, das 
Gefass also mit dem Inhalt vertauscht worden ist. Oder wenn ein 
Baum abgenommen wird, so versteht es sich doch, dass nicht der 
Baum, sondern das Obst vom Baume abgenommen, also hier der 
Träger für das Getragene gesetzt wird: genau so spricht die Hausfrau 
von abgenommener Milch, unabgenommener Milch, während sie doch den 
Rahm meint, sie nimmt den Tisch ab, während sie das Tischtuch, und 
dcLs Bett ab, während sie die Bettdecke meint; nicht der Boden, son- 
dern der Rasen wird abgebrannt, nicht die Pistole, sondern die Kugel 
abgefeuert, und doch sagt man: den Boden abbrennen, ein Gewehr ab- 
feuern. Und so weiter. Solche Fälle nennen die Lexikographen me- 
tonymisch. Im weiteren Sinne aber wird der Ausdruck für alle 
möglichen logischen Verschiebungen, die ebenerwähnte Synekdoche, 
die Antonomasie, die Hypallage, die Metalepsis, kurz für die Figuren 
und Tropen überhaupt, ja selbst für rein sachliche und bildliche 
Übertragungen gebraucht. Man höre, was alles vermöge der Meto- 
nymie genommen wird. 

1. Die Ursache für die Wirkung. Ein echter Rembrandt, ein 
Defregger^ will sagen: Gemälde dieser Meister. Sie nährt sich mit 
ihrer Hände Arbeit, mit dem, was sie durch ihre Arbeit verdient. 
Wenn (Seite 78) Ops für Obst, Ceres für Getreide, Bacchus für 
Wein, Pallas Athene, die Stifterin des Ölbaums, für Ol gesagt wird : 

nt Tigil infasa Pallade flamma solet (Ovid) — 
so nennt man das Metonymie. Es fragte sich aber, ob der Begriff 
der Göttin nicht umgekehrt aus dem ihrer Gabe durch Personi- 
fikation hervorgegangen wäre (Seite 152). 

2. Die Wirkung für die Ursache. Ein tödliches Gift heisst Tod: 
Fliegentod, Mäusetod. Ich bin der Mann der bleichen Furcht nicht: 
die Furcht ist nicht selbst bleich, sondern macht bleich, wie 
nicht der Tod, sondern die Leiche bleich ist (Pallida Mors), Ihm 
Dank? Nicht Dank hat er gesät (Schiller). Jalousie. 

3. Das Gefass für den Inhalt. Er hält es mit der Flasche, trinkt 
das Glas aus, führt einen guten Tisch, 

4. Das Haus für die Bewohner. Weiss der liebe Himmel! — Ge- 
meint ist Gott im Himmel. Das Land erhebt sich. Frauenzimmer, 

5. Der Hausbewohner für das Haus. Die armen Abgebrannten. 
Der Pastor brennt, so erzählt bereits Aneas: jam proximus ardet 
Ucalegon (H, Sil). 



_ 214 — 

6. Die Stadt für das Erzeugnis. Fayence, Thonwaxen ausFaenza. 
Kaliko, Kattun von Kalikut. Bordeaux, Wein von Bordeaux. 
Liesse sich als Ellipse erklären (Seite i8o). 

7. Die Zeit für die Kinder der Zeit. Die Gegenwart ist realisHsck 
Das klassische Altertum. 

8. Das Zeichen für die Sache. Diese Meton3rmie fallt mit der 
Synekdoche zusammen {Pars pro toto). Der deutsche Adler, der 
englische Leopard. Ein Fähnlein Reiter, 500 burgundische Lanzen. 
Schwert, Spiess, Messer, Hut, Hosen, Stiefel für den Mann; Kunkel, 
Haube, Rock, Schürze, Schuhe für das Weib. Es kann vorkommen, 
dass einer Schürze die Hosen nachlaufen. 

9. Der Landesherr für die Münze. Louisdor. Schon im Alter- 
tum: Philippus, 

10. Das Organ für die Funktion. Er hat einen guten Kopf , Hen, 
habet cor (Plautus). Es hatte alle Welt einerlei Zunge (l. Mose XI, l). 

11. Das Abstractum für das Concretum und umgekehrt. Dit 
Tugend siegt. Das alte Laster war tot. Virgil braucht (Eklogen 1, 69) 
Ähren, Aristae, für die Ernte und das Jahr, der Franzose Blätter, 
Feuilles, weil sie sich jährlich erneuem, für Jahr (Vin de trois 
Feuilles, Wein von drei Jahren). Allgemein heisst in England ein 
Jüngling eine Jugend {Youth). 

12. Das Vorher und das Nachher. Niederkommen, das heisst: 
sich zu Bette legen und dann entbunden werden (Seite 115)' ^^ 
grosse Los gewinnen: gemeint ist nicht das Los, welches man 
schon hat, sondern der darauf fallende Gewinn. Im Latein war 
desiderari, vermisst werden, ein gewöhnlicher Euphemismus für den 
Tod, die Abwesenheit, den Verlust; man kann es oft geradezu mit 
fehlen übersetzen, welches bei uns umgekehrt oft das Desiderium 
in sich schliesst (er fehlt mir sehr). Diese Vertauschung wird spe- 
ziell als Metalepsis bezeichnet. 



-oo<>- 



Zweiter Gang. Regeln der Kunst. 



Hauptstack I. 

Wortdeutekunst: die Wissenschaft vom 

Echten. 

Ne qaia igltnr tarn parva fastidiat elementai qula 
interiora velat sacri hi^aa adenntibus apparebit malta 
reram subtilitas, quae non modo acaere ingenla, sed 
exeroere altlsaimam qnoqae eruditionem possit. 

QaiDtilian I, 4. 6. 

1. Was heisst das eigentlich? 

Was es alles für Etymologen gibt: Biertrinker, Raucher, Sportsmen, Ju- 
weliere — jede Art Kennerschaft ist Etymologie — vorzugsweise wird das 
Wort aber von der Sprachwissenschaft gebraucht — das Echte oder das 
Eigentliche, will sagen: der ursprüngliche Laut und die anfangliche Bedeu- 
tung — die Lust an der Wortdeuterei ist allgemein und alt — freilich gibt 
es auch souveräne Verächter der Etymologie — das sind ungebildete und 
seichte Köpfe — wer denkt, muss sich darüber freuen, seine Begriffe durch 
die Etymologie vereinfachen zu sehn — es gibt gar kein Licht ohne sie und 
die Philosophen brauchten sie am allernötigsten — Kant erklärt das Rund- 
sein als das Hauptmerkmal eines Tellers, ist aber selbst nicht rund — wer 
die Worte braucht, ohne sie zu verstehn, gleicht einem Atheisten, der ein 
Credo hersagt — deshalb ist es anzuerkennen, dass schon Adam im Para- 
diese etymologisiert und sich dadurch als einen Mann erweist. 

Die Wissenschaft vom Echten wird vorzugsweise in 
Berlin betrieben, wo man das Bayrische Bier schlechthin 
das echte nennt und es als Echtes vom Patzenhofer, Böhmisch 
Brauhaus und Tivoli unterscheidet Diese meine ich nicht. 



— 216 — 

Auch der Raucher besitzt eine Wissenschaft vom 
Echten, indem er weiss, was eine Importe ist; der Sports- 
man besitzt eine, indem er sagt: das Pferd hat Rasse; der 
Juwelier ist ein grosser Kenner des Echten, indem er keinen 
Strass für Diamanten, keinen Granat für orientalischen Ru- 
bin, kein Mannheimer Gold für Gold kauft — alle diese 
und andere Kennerschaften meine ich nicht, sie sind mir 
viel zu vulgär. 

Ich kümmere mich hier nur um die Echtheit in der 
Sprache; um die echten Worte, die echten Formen und 
die echten Bedeutungen. 

Es gibt eine Wissenschaft, welche die Griechen schlecht- 
hin die Wissenschaft vom Echten nannten, das ist die 
Etymologie. 

Wie die Gottesgelahrtheit Theologie und die Sternkunde 
(ursprünglich) Astrologie genannt ward. Wer hätte sich nicht 
in diesem kurzen Leben der einen oder der anderen Logie 
beflissen? — All Ding hat ja seine besondere Logie, Gott 
seine Theologie, der Mensch seine Anthropologie, der Kehlkopf 
seine Laryngologie, das Geschlecht seine Genealogie, das Wasser 
seine Hydrologie und der Wein seine Önologie — der ver- 
storbene Kaufmann Robert Ottel in Görlitz, der echte 
Federviehkenner, erfand das unechte Wort: Hühnerologie, 
Nun, also hat auch das Echte seine Logie, will sagen seine 
Kunde oder Lehre — das Etymon, to ^Etvfxov, ist eben gar 
nichts anderes als das Echte, das Wahre, das Wirkliche, 
Seiende, die Wurzel dieselbe welche, vergleiche Seite i8, 
dem Verbum Substantivum sein, dem lateinischen esse zu 
Grunde liegt (ES). In der That hätte demnach jedweder 
Kenner, jeder Juwelier und jeder gediegene Bier- und 
Weintrinker das Recht, ein Etymolog zu heissen, er besässe 
Etymologie; das Wort aber wurde von den alten Griechen, 
welche es erfanden, auf die Sprachwissenschaft, ro eTv^ov 
rrjg Xe^ewg, beschränkt und auch von den alten Römern, 
die es mit Veriloquium unpassend übersetzten, sowie von den 
Nachfolgern der Römer in diesem beschränkten Sinn ge- 



— 217 — 

braucht, so dass es sich den auf Seite 113 aufgezählten* 
Begriffen anreiht, die eine allgemeine Bedeutung haben, 
aber nicht verstanden werden. Den alten Griechen war es 
nicht entgangen, was wir uns bemüht haben in unsem Vor- 
untersuchimgen des nähern zu erweisen — dass die Worte 
im Laufe der Zeit eine ganz andere Gestalt und einen ganz 
andern Sinn annehmen, wodurch sie völlig unkenntlich 
werden, und dass sie lautlich wie begrifflich Verwandlungen 
durchmachen, die ihnen sozusagen jede Spur von Echtheit 
rauben. Sie lauteten eigentlich so und bedeuteten eigent- 
lich das; denn der Deutsche hält sich noch lieber als an 
das Echte: an das Eigentliche. Was ist das eigentlich für 
ein Einfluss, Influenza? Etwa ein himmlischer? Etwa der 
Einfluss einer feindlichen Konstellation? Ist die Grippe 
eigentlich eine Oriffe oder Greife, weil sie die ganze Bevöl- 
kerung ergreift? — Machen Sie nur keine Fissimatentchen! — 
Was soll ich nicht machen? — Die haben ein Techtelmechtel 
miteinander — was ist das eigentlich, ein Techtelmechtel? — 
Was sind Kinkerlitzchen? Was ist Kickschoserd? Doch nicht 
gar quelques choses? — Woher mag wohl der Ausdruck kom- 
men: einen ins Bockshorn jagen? — Warum stehen die Hya- 
zinthen in Leipzig wie die Daudäffchen? Vielleicht wie die 
Tautröpfchen? — Warum wird es einem vor den Augen 
ganz blümerant? Vielleicht bleu mourant? — Geehrter Herr! 
Sie sind zum Schiedsrichter in einer Streitfrage ernannt. 
Muss die bekannte Zierpflanze Diclytra oder Dielytra oder 
Die Clytra geschrieben werden? — Geehrter Herr! Es gilt 
eine Wette: ist das englische become und das deutsche be- 
kommen dasselbe Wort? Und wie geht das zu, dass man 
einmal sagen kann: es bekommt mir, das anderemal: die Frau 
bekommt ein Kind? — Geehrte Redaktion! Wir möchten 
gern wissen, woher das Blaue Blut kommt. — Geehrte Re- 
daktion! Was bedeutet eigentlich kreuzbrav? Ist das kreuz 
eine einfache Steigerung oder steckt da ein tieferer Sinn 
dahinter? — Weiss einer, woher sich die Redensart schreibt: 
er ist noch nicht hinter den Ohren trocken? Soll das etwa 



— 218 — 

heissen: es ist noch nicht lange her, dass er getauft ist? — 
Weshalb sagt man wohl: ich weiss, wo Barthel Most holt? — 
Ist es wahr, dass Wallenstein auf der Universität Altdorf 
einen Hund vor sich ins Karzer geschoben hat und seit- 
dem die Leute auf den Hund gekommen sind? — Der- 
gleichen Fragen, wie man sie tagtäglich von Leuten aller 
Stände, Fürsten und Diplomaten, Ärzten und Kaufleuten, 
ja, von Handwerkern aufwerfen hört, sollte die Etymologie 
den Alten beantworten, die auch gerne gewusst hätten, 
was Zeu^ und Herakles und das heilige Wort Om eigentlich 
heissen solle, ob nübere, heiraten, sich verschleiern, von 
NuheSj die Wolke, oder ob umgekehrt Nübes, die Wolke, 
von nuhere, sich verschleiern, komme; und die es auch hübsch 
fanden, zu wissen, dass das Wort Element ein Wort wie 
Ähece, nämlich aus den Lauten L, M und N, womit die 
Kinder ihre Sprach versuche anfangen, zusammengesetzt sei; 
denn die etymologische Neugier kitzelte sie, wie sie alle 
Menschen kitzelt, die Lust an der Wortdeuterei ist alt 
Das Nachdenken über den Ursprung eines bekannten 
Wortes reizt wie ein artiges Rätsel, das man löst; wenn 
Vergleichen, Wetten, Rätselraten nach dem Worte jenes 
Weisen für kleine Geister Schweinebraten ist, nun so 

steck an die Schweinenbraten, 

darzu die Hühner jung! 

darauf mag uns geraten 

ein frischer freier Trunk. (Uhland Yolkslieder 818. Schlemmer.) 

Aber, o weh ... so ist solcher Schweinebraten also nur 
für die kleinen Geister? — Freilich, so meinen diejenigen, 
die einer praktischeren Richtung angehören. Es gibt auch 
souveräne Verächter der Etymologie, denen diese Art 
Untersuchungen höchst unnütz und selbst als vollendete 
Kickschoserei erscheinen, die sich um jede andere Echt- 
heit mehr kümmern als um die der Sprache und vorkom- 
mendenfalls der banalen Thatsache getrösten: es heisst 
einmal so. Aber ich möchte nicht sagen, dass sie gerade 
die grossen Geister seien. Man wird beobachten, dass Leute, 



— 219 — 

die sich aus den überraschendsten et3rmologischen Ent- 
deckungen gar nichts machen, meistenteils ungebildete und 
seichte Köpfe sind, die überhaupt nicht gerne denken; 
denn wer denkt, muss notwendig an Dingen lebendigen 
Anteil nehmen, die so eng mit dem Denken selber zusam- 
menhängen. Handelte es sich blos um Formen und formelle 
Verdrehungen, so läge noch nichts daran, es hat in der 
That nicht jeder Zeit, darnach zu fragen, ob ein Wort ein- 
mal so oder anders gelautet hat, obgleich auch in dem 
Lautwandel an sich, wie Quintilian sagt, mtdta rerum sub- 
tüitas apparet. Aber die etymologische Forschung trägt eine 
andere Frucht: sie wirft ihre Blitze über alles was Wissen- 
schaft genannt wird und erhellt oft wetterleuchtend die 
Gegend, über die sie wie ein Gewitter hinzieht. Worte sind 
Begriffe, und wenn die Vereinfachung der Begriffe das ist, 
worauf alle Logik und Metaphysik hinausläuft, so ist die 
Einsicht, dass zwei Worte, die man bisher für verschieden 
gehalten hat, identisch und einfach sind, ein eminent philo- 
sophischer Gewinn. Ja, wir können dreist sagen: die Etymo- 
logie allein vermag das Dimkel des tastenden Verstandes zu 
erhellen und sein Gefühl zu leiten, es gibt gar kein Licht 
ohne sie. Noch einmal: Worte sind Begriffe, in den Worten 
steckt unsere urälteste Philosophie, die Sprache ist, wie wir 
schon früher hervorhoben, ein Glaubensbekenntnis und eine 
Weltanschauung, die der Etymolog im einzelnen herzu- 
stellen und aufzuschliessen sucht. Jedermann spricht eine 
bestimmte Ansicht aus eben indem er spricht — da ausser- 
halb der Sprache gar kein Gedanke ist, da jedwede Wissen- 
schaft, sie möge heissen wie sie wolle, der Sprache bedarf, 
um überhaupt zum Ausdruck zu gelangen, so kann man 
auch sagen, dass jeder Weltweise, noch ehe er seine eignen 
Definitionen macht, bereits in der Sprache, die er braucht, 
ein ganzes System von Definitionen mitbringt, die vor ihm 
das Volk gemacht hat. Er muss sie fortwährend implicite 
wiederholen, er kann nicht anders, wenn er sich nicht eine 
•eigne neue Sprache erfinden will. Nur ein einziges, gering- 



— 220 — 

fügiges, aber bezeichnendes Beispiel. Der grosse Kant, der 
manche falsche Etymologie zum besten gegeben und viel- 
leicht einmal in einem Kränzchen Teller gedreht hat, er- 
klärt in seiner Kritik der reinen Vernunft den Begriff des 
Tellers damit, dass er als das Hauptmerkmal eines Tellers 
das Rundsein annimmt. Und doch sagt das Wort Teller 
ge Wissermassen kein Wort vom Rundsein, es ist identisch 
mit italienisch Tagliere und französisch Taüloir und bedeutet 
eigentlich ein Gerät, worauf man schneidet, ein Hackebrett; 
das Hauptmerkmal eines Hackebretts ist aber sicherlich 
nicht die Rundung. Kant müsste also zum mindesten 
darauf hinweisen, dass er zwar Teller sage, aber etwas an- 
deres, Rundes darunter verstehe, ohne das widerspricht er 
sich sonderbar in den Augen eines Kenners. UrsprüngUch 
hat eben der Teller ein ganz anderes Hauptmerkmal. Bei 
Gott! Der Königsberger Weise ist eben selbst nicht rund, 
selbst nicht das, was Horaz (Satiren ii, 7, 86) von ihm verlangt: 

fortis, et in se ipso totus teres atque rotnndus, 

weil er die Wissenschaft vom Echten übersieht, deren nie- 
mand, niemand entraten kann, der Philosoph am aller- 
wenigsten — die Welt zu bessern und zu bekehren und 
sich dabei zu einer Weltansicht zu bekennen, von der man 
gar nichts weiss, die vielleicht der eben vorgetragenen 
geradezu widerspricht, ist doch wahrlich nicht minder ge- 
dankenlos als alle Augenblicke ein Credo herzusagen, das 
man nicht versteht. 

Es ist deshalb im höchsten Grade anerkennenswert, dass 
schon unser Urvater Adam im Paradiese eine Etymologie 
zum besten gibt, wenn sie auch nicht ganz richtig ist, und 
sich dadurch als einen denkenden Kopf und als einen Mann 
erweist, wie die Indogermanen den Menschen nennen; 
übrigens finden sich in der Genesis mehrere Beispiele der 
Wissenschaft vom Echten — daher heisset ihr Name Babels 
dass der Herr daselhst verwirret hatte aller Länder Spracht 
(Babel = Bälbel von hebr. baM, verwirren; nach den Keilin- 
schriften vielmehr Bäbilu = Bäbi4lu, Pforte Gottes, griechisch 



— 221 — 

Baßvliiv); namentlich werden gerne biblischen Personen 
etymologische Wortspiele mit Namen in den Mund ge- 
legt (Noah, Abraham, Sara). Aber um den alten Adam zu 
Worte kommen zu lassen: Man wird sie Männin heissen, sag^ 
er, darmn dass sie vom Manne genommen ist — just wie der 
galante Deutsche: man wird sie Frau heissen, darum dass sie 
eine Tochter der Freude ist: 

Durch vröude vrouwen sind genant, 
Ir vröude ervröuwet eUiu laut. 
Wie wol er vröude kante, 
Der sie drste vrouwen nante! — 

lautet ein Spruch Freidanks. Nun, der mittelhochdeutsche 
Dichter hat wirklich nicht so unrecht, wir werden später 
darauf zurückkommen, bei Vater Adam ist die Sache mehr 
als zweifelhaft. Luther hat zunächst die Vulgata nach- 
geahmt, welche für die Ausdrücke Mann und Männin die 
lateinischen Worte Vir und Virago braucht: Virago, quoniam 
de Viro (das altlateinische Vira wäre besser gewesei\) — der 
lateinische Übersetzer wiederum das hebräische Isch, Mann, 
und Ischah, Weib (und zwar in seinem doppelten Sinne, 
geschlechtlich und ehelich) wiedergeben wollen. Diese 
beiden Worte hängen aber nach Friedrich Delitzsch ety- 
mologisch gar nicht zusammen, sondern dieses bedeutet die 
Schwache und die Zarte, jenes den Festen und den Starken; 
denn wo das Strenge mit dem Zarten, wo Adam sich und 
Eva paarten, da gibt es einen guten Klang. Indessen Vater 
Adam ist entschuldbar, weil er noch keinen Orientalisten 
fragen konnte, wie es um das Hebräische bestellt sei, sonst 
hätte er's gewiss gethan, denn er zeigte den guten Willen 
und die dem unverdorbenen Menschen eingeborene ety- 
mologische Wissbegierde. Jenen unbezähmbaren Hang zur 
Wortdeuterei, den wie gesagt nicht nur die alten Juden, 
sondern auch die alten Griechen hatten und der Piatos 
Lehrer, Kratylos und Hermogenes, darüber streiten liess, 
ob die Worte der Sprache auf einem Naturgesetz (cpvaeL) 
oder auf Übereinkunft {d-iaei) beruhen möchten — die Nei- 



— 222 — 

gung zum Etymologisieren, welche die mittelhochdeutsche 
Zeit verführte, das echt germanische Wort Krücke, das ur- 
sprünglich einen Kiiimmstab bedeutete, des Anklangs wegen 
mit Kreuz und einem lateinischen Adjectivum cnicea zu ver- 
mengen, dass ein Antoniuskreuzstock mit einem unter den 
Arm zu legenden Querbalken daraus ward — die Neigung, 
die, man sage was man wolle, noch unsere Zeit beherrscht. 
Alle Augenblicke kommt ja bei den Gelehrten, bei den 
Redaktionen der Zeitungen eine Anfrage im Stil der obigen, 
eine Anfrage, was das eigentlich heisse, eine Anfrage wegen 
einer Etymologie — welche stille Befriedigung, wenn dann 
den Leuten Echtes eingeschenkt wird, wenn sie sich bei den 
Ausdrücken, die sie tagtäglich im Munde fuhren, etwas 
denken können, etwa nur dass Freussen eigentlich das Land 
zu den FreusseUy oder dass Begensburger in Regenshurger Würst- 
chen ein Genitiv Pluralis, daher auch gross zu schreiben sei, 
schon dieses ist ihnen sicher mehr wert als eine Krone — 
ich bin. selbst einst Zeuge der eigenen Freude gewesen, die 
ein hervorragender Leipziger Gelehrter, der verstorbene 
Theologe Kahnis über die Analyse des französischen Wor- 
tes aujourd'hui hatte welche Enttäuschung anderseits, 

wenn die angerufene Autorität antwortet, dass sie selber 
in diesem Falle völlig ratlos sei. 



2. Die Herkunft des Wortes liegt im Dunkel. 

Im allgemeinen thut man gut zu zweifeln — allwissend ist der Etymolog 
nicht — Gott selbst das grosse Unbekannte — Mensch, Adam und Homo — 
es gibt in allen Sprachen viele alte wichtige grundlegende Worte, deren 
Ursprung uns völlig unbekannt ist, zum Beispiel das Wort Sprache selber — 
die Maccaroni werden gegessen, aber niemand weiss, was er isst — gerade 
die kleinen, trivialen Nebendinge des Lebens machen die grösste Not: ein 
Fidibus, eine Bagatelle — es hapert häufig mit der Etymologie. 

Der Fall, dass ein Wort nicht erklärt werden kann, 
will sagen: bisher noch nicht erklärt worden ist, dürfte 
trotz der grossen Fortschritte, welche die Sprachwissenschaft 



— 223 — 

in den letzten hundert Jahren gemacht hat und trotz 
der unermesslichen Hilfemittel, welche unsere Zeit fiir 
alle Sprachen der Erde bietet, eher häufig als selten sein. 
Ein hervorragender Meister der Etjrmologie spricht seiner 
Wissenschaft überhaupt alle Sicherheit ab — er sagt, das 
Höchste, was der Etymologe erreiche, sei das Bewusst- 
sein, wissenschaftlich gehandelt zu haben; für absolute Ge- 
wissheit habe er keine Gewähr, eine unbedeutende Notiz 
könne ihm das mühsam Erworbene zu seiner Beschämung 
unversehens unter den Füssen wegziehen. Nun, es gibt 
am Ende auch in Sachen der Etymologie eine gewisse 
Evidenz — im allgemeinen thut man gut zu zweifeln und 
mit Mephistopheles zu gestehn: 

aUwissend bin ich nicht; doch viel ist mir bewusst. 

Zehnmal fiir einmal sagt unser Grimm: die Bedeutung 
des Namens lässt sich nicht mehr ermitteln und Littre: Vorigine 
de ce mot est ignorie. Gott selbst ist das grosse Unbekannte. 
Für ihn, den Namen nicht nennen, hatten die indogermani- 
schen Volksstämme eine gemeinsame Bezeichnung, die des 
Himmels, des Tageshellen, des Glänzenden: die Römer 
nannten ihn Deus (fiir Deius, voller Deiv%Ls) oder ursprüng- 
lich Diovis = Jovis, mit Pater zusammengesetzt: Jouspiter, 
Jupiter, Gottvater — die Griechen nannten ihn Zevg oder 
^jevQf im Genitiv Jcog fiir Jifog, ob ßeög aus derselben 
Wurzel stammt, bleibt fraglich — die Inder nannten ihn 
Devas oder Djäus-pitar, Himmelsvater — die Germanen 
nannten ihn Tiu (altnordisch Tyr), althochdeutsch Ziu^ noch 
erhalten im Namen des dritten Wochentages (Seite 73): da- 
neben bildeten sich in den einzelnen Sprachen, unter dem 
Einfluss der Religionen, neue Namen aus: im Zend erhielt 
das Wort Daeva, welches dem Deva des Sanskrit entsprach, 
we das zu geschehen pflegt, wenn ein Glaube neu keimt, 
die Bedeutung: Dämon, während die höchste Gottheit als 
Ormuzd bezeichnet ward, in den slawischen Sprachen be- 
kam das Wort Bog die Oberhand, und der Gott des deut- 
schen Dienstags, der letzte Ausläufer des indogermanischen 



— 224 — 

Himmelsgottes, in Schwaben noch lange als Stammesgott, 
aber nur noch als Mars verehrt, musste dem Gotte der 
Christen weichen. Nun, eben dieses Gott ist dem Etj'-mo- 
logen noch ein Geheimnis, eine Buna und, was man als 
Etymon vorgeschlagen hat, ein Tiefverborgenes (gotisch 
Ou^ zu Sanskrit gtidhjämi, verhülle, griechisch xav-d-w, ver- 
berge). Die Ableitung von gut (dem übrigens selbst schwer 
beizukommen) ist natürlich nur eine theologische Phan- 
tasie, das persische Khodä, Herr, an sich schön passend, 
doch zu wenig bezeugt — andere haben auf eine indo- 
germanische Wurzelsilbe GHU geraten, die im Sanskrit der 
Wurzel HU, opfern, anrufen, entspräche, und demnach Gott 
als ein Participium: das Angerufene, das Wesen, dem 
geopfert wird, gefasst — auch Allah soll nach der Erklä- 
rung der Araber den Anbetungswürdigen bedeuten — non 
liquetj und da wenig Aussicht ist, dass der Buchstabe G im 
Grimmschen Wörterbuch jemals vollendet werden wird, 
in aeternum non liquehit. Wenn es wahr ist, dciss der wohl- 
bekannte heilige Berg auf Ceylon, der Adamspik, im Päli: 
Samana Kuta, das heisst: Götterberg genannt wird, so könnte 
dies vielleicht auf die richtige Spur verhelfen. Wie sieht 
es, da wir mit den Göttern nichts ausrichten, mit dem Men- 
schen aus? Unser Mensch ist eigentlich ein Adjectivum, das, 
wie Männin, von Mann, mittels des Suffixes -isch abgeleitet 
ist, soviel wie männisch; Mann aber, das offenbar eins mit 
dem Mannus des Tacitus und mit dem indischen Manu ist, 
zieht man, wie gesagt, gewöhnlich zu der Wurzel MAN, 
denken, so dass Mann, respektive Mensch, die Grundbedeu- 
tung: denkendes Wesen hätte. Diese Etymologie ist äusserst 
schmeichelhaft, aber keineswegs sicher; mit recht wird 
bezweifelt, dass die Indogermanen der Urzeit gerade das 
Denken als das charakteristische Merkmal des Menschen 
fühlten, und deshalb geben die vorsichtigen Forscher ihren 
Drängem den Bescheid: dass sich die eigentliche Bedeu- 
tung des indogermanischen Manu, Mensch, wohl kaum noch 
ermitteln lasse. Warum könnte man das Wort nicht lieber 



— 225 — 

zu dem (auf Seite 169) erwähnten MenttUa und zu Prome- 
theus s= Framanthae stellen, sodass es genau ein solcher 
Ausdruck für den Mann wäre, wie (nach SchmeUer 11, 642) Schwanz 
einer ist? — Der männliche Mensch hätte darnach ursprüng- 
lich JlJtand geheissen, wie er (Seite 79) jetzt noch heisst, 
vergleiche das altnordische Möndtdl; wenn die Deutschen 
seit dem XIII. Jahrhundert 15 Stück eine Mandel nennen, 
so schreibt sich diese Bezeichnung davon her, dass die 
Bauern die Garben auf dem Felde zu 15 aufrecht zusam- 
menzustellen und oben mit einer umgekehrten Garbe wie 
mit einem Hute zu bedecken pflegen, so dass das Ganze 
wie ein Mannl oder Mandel aussieht, auch Puppe, Alte (S. 161). 
Das lateinische Homo hat man schon in alter Zeit von 
Humus, Erde, ableiten wollen, indem man ims, im Gegen- 
satze zu den Himmelsbewohnem oder den Göttern {Gaelites)^ 
als die Erdbewohner, die hienieden ihr Brot essen, wie 
Homer sagt, betrachtete. Das stimmte vortreflElich zu dem 
Berichte der Genesis, nach welchem der Mensch aus einem 
Erdenkloss gemacht wird — wenn das nicht selbst eine ety- 
mologische, eben durch den Gleichklang von Adam, Mensch, 
und Ädamah, Erde, veranlasste Sage ist. Denn schon Quin- 
tilian macht sich über die Etymologie lustig, die Homo von 
Humus kommen lässt — etiamne hominem appellari, quia sit 
humo natus? Quasi vero non omnibus animalihus eadem origo, aut 
Uli primi mortales ante nomen imposuerint quam sibi? — Jeden- 
falls ist die Verwandtschaft der beiden Begriffe nichts 
weniger als ausgemacht, und wenn wir den Namen Adam 
erklären wollen, so wird uns nichts anderes übrig bleiben, 
als es mit dem Herrn Pastor zu halten, der seiner Ge- 
meinde mitteilt, dass derselbe eigentlich: Ach du armer 
Mensch! bedeute. 

Wir haben in den europäischen Sprachen so viele alte, 
wichtige, grundlegende Worte, deren Ursprung uns völlig 
unbekannt ist; das Wort sprechen selbst, ohne r: spechen, 
englisch to speak, bildet fiir den Etymologen noch ein 
Rätsel: die germanische Wurzel steht allein wie ein Findel- 

Kleinpanl, Etym. 15 



— 226 — 

kind, sie hat ausserhalb keine gleichbedeutenden Ver- 
wandten, ihre Herkunft ist dunkel wie die Kaspar Hausers. 
Wollte man eine Liste der etymologisch unaufgeklärten 
Worte machen, wie lang würde sie werden! Und wie viele 
alte Bekannte fänden wir darin! — Der Verfasser des Ety- 
mologicum magnum, des grossen etymologischen Wörter- 
buches, ist ein wahrer Koloss und doch vermag er uns 
nicht darüber aufzuklären, woher das Wort Colossus kommt: 
die Angaben der Grammatiker sind entweder lächerlich 
oder etymologisch unzulässig. Dass kein Kleid an dich kamme^ 
das mit Wolle und Leinen gemenget ist, schreibt der Leviticus 
(3. Mose XIX, 19) vor, ein Verbot, das an das andere erinnert, 
in der Küche Fleischig und Milchig zu vermengen; der 
hebräische Ausdruck für das verbotene Halbtuch ist Schaat- 
nez, derselbe fremd, aber noch nicht mit Sicherheit nach- 
gewiesen. Unser Mädchen ist Mond, wir wissen nicht warum 
— der Prophet Elisa wird wohl (2. Könige n, 23) von den 
Kindern zu Bethel Kahlkopf, in der englischen Übersetzung: 
BaMhead gerufen, aber die Gelehrten sind ratlos, sie ver- 
stehen weder, wie sich kahl zu lat. calvus, noch wie sich hM 
zu it. haldo verhalten soll — und wenn Shakespeare seinen 
König zum erstenmal in seinem Leben betteln lässt: 

a beggar begs that never begged before, 

so möchte man gern wissen, ob er einen Bettelsack, a Bog, 
gehabt hat, denn ohne einen solchen kann gar kein Beggar 
jemals fertig werden. Der Deutsche trinkt seinen Rhein- 
wein aus Bömem, ohne zu erfahren, woher sich der stolze 
Name schreibt — er pisst, aber sein Diez lässt ihn im Stiche 
und die Auslegung des Wortes weiterer Erwägung em- 
pfohlen sein — er bäckt seinen Marzipan gewissermassen 
auf gut Glück, denn die Herkunft ist ungewiss, und isst 
seine Maccaroni unkund, was er isst; ob er, wie einige wollen, 
Bohnenbrei (it. Macco), oder, wie andere wollen, neapolitani- 
sches Himmelreich {Maxaglay Seligkeit) geniesst. Über die 
Entdeckung der Steinkohlen laufen (Seite 141) mancherlei 
Sagen um, keine über das französische Wort HouiUe — 



— 227 — 

man halte mirs zugute, der Schmied im Bistum Lüttich, 
dem ein Engel erschien und riet, in dem benachbarten 
Berge Publemont nach dem brennbaren Stein zu graben, 
soll HiiUos geheissen haben. O, ihr alten fidelen Häuser, 
was macht ihr für Krawall! Was reibt ihr für Salamander 
und was habt ihr für Kater, für Katzenjammer! Und wann 
wird der Gottgesandte, der stille Kalmäuser kommen, der 
alle eure kräftigen,' kommentmässigen Worte deutet? — 

Es sind gerade die kleinen, trivialen Nebendinge des 
Lebens, wahre Lappalien, die dem Etymologen die grösste 
Not machen und über die er oft wirklich nichts vermag, 
gerade weil sie erst in neuerer Zeit, in ganz unqualifizier- 
barer Weise entstanden sind und ihre Namen Zufällen ver- 
danken, die niemand berechnen kann. Gallimathias, BokokOf 
Pumpernickel^ Knickehein, Punsch, Vatermörder, Falbel, das eng- 
lische Toast, das französische Chiquenaude, Nasenstüber, sind 
zum Beispiel solche Wörtlein, an denen der ganze Scharf- 
sinn des Deuters zu Schanden wird und die, wir werden 
davon zu erzählen wissen, ungezählte Anekdoten hervor- 
gerufen haben. Was hätte Gilles Menage, jener französische 
Gelehrte, den Bayle den Varro des XVII. Jahrhunderts 
nannte, darum gegeben, wenn ihm jemand die Etymologie 
des Wortes Quiridon, ein rundes Leuchter- oder Nipptisch- 
chen, verraten hätte! Er wäre für sie in die Hölle hinab- 
gestiegen, wie Orpheus um seine Eurydice zu holen — und 
was gäbe ein deutscher Lexikograph darum, wenn er den 
Ursprung des Wortes Fidibus erführe. Dieses unselige Wort, 
das während der zweiten Hälfte des XVII. Jahrhunderts 
in Deutschland aufgetaucht ist, bildet so eine wunderliche 
Crux interpretum. Es soll ein Studentenausdruck und aus 
Fid[elibu8 Frairjibus zusammengezogen sein: mit dieser For- 
mel hätte man in Zeiten, als das Rauchen noch verpönt 
war, zu geheimen Tabakskollegien eingeladen, die Zettel, 
auf welchen sie stand, seien dann zusammengefalten und 
zum Anzünden der Pfeifen gebraucht worden — doch ist 

das historisch nicht ermittelt. Schmeller verfällt in seiner 

15* 



— 228 — 

Verzweiflung auf das lateinische Vidimus; mit Vidimus, wir 
haben gesehen, beglaubigen, vidimieren bekanntlich die Ge- 
richte Abschriften von Urkunden, welche Abschriften dann 
zu Fidibussen benutzt worden wären — auch diese Erklä- 
rung ist doch sehr weit hergeholt. Dass Fidilms aus fran- 
zösisch ^7 de bois, Holzspan, entstanden sei, lässt sich vollends 
nicht glauben. Wir müssen uns eben bescheiden, dass wir 
die Etymologie von Fidibus noch nicht kennen. Nun ist 
das allerdings für die obenerwähnten Verächter der Ety- 
mologie eine schöne Gelegenheit, die Achseln zu zucken 
und zu lächeln, dass man sich überhaupt wegen einer 
solchen Bagatelle, wegen eines Fidibusses den Kopf zer- 
breche .... mit Verlaub, Bagatelle, was heisst das eigentlich? 
Welcher Sprache gehört es an? Muratori hat es aus dem 
Arabischen gezogen? Was sagft Diez darüber? Gleich den 
Littre aufgeschlagen! Bagatelle ist keine Bagatelle! — 



3. Das Orakel trügt. 

Der Ursprung vieler Wörter liegt im Dunkel, aber auch wenn ein Wort 
wirklich gedeutet wird, so ist doch nicht gesagt, dass die Erklärung immer 
richtig sei — berüchtigte Etymologien — schon die Alten haben etwas 
darin geleistet — geniale Einfalle der alexandrinischen und byzantinischen 
Grammatiker: das Etymologicum Magnum — ein paar Proben: Dithyrambus, 
Pirithous, Centaur — die alten Römer: Varro und Julius Paulus — Vulpes 
oder Volpes: quod volat pedibus — das Cölibat ist himmlisch und die Uxor 
eine Salberin — besonders werden die Resultate der sogenannten Antiphrasis 
belacht: Lucus a non lucendo — was es mit der Antiphrasis auf sich hat: 
moderne Antiphrasenhelden — das Prinzip der Antiphrasis hätte blos Sinn. 
wenn die Begriffe objektiv ins Gegenteil umschlügen, denn sonst wäre jede 
Lüge, jede Schmeichelei und jede Ironie eine gewisse Antiphrasis — aller- 
dings thun sie das zuweilen, aber das geschieht nicht etwa plötzlich, der 
Gegensinn wird durch Zwischenstufen vermittelt — antike Euphemismen — 
endlich ist der Gegensinn zuweilen nur scheinbar, wenn es nämlich gar nicht 

dieselben Worte sind. 

Also die Gelehrten lassen uns im täglichen Leben wie 
bei den höchsten Fragen des Menschengeschlechts nur allzu 
oft im Stich, und so steckt uns denn der Kopf voll unge- 



— 229 — 

lOster Rätsel; freilich ist nicht gesagt, dass auch, wenn sie 
uns eine Antwort geben, diese immer die richtige, dass sie 
wirklich etymologisch ist. Ei, ei! Das Wort Römer hat 
uns vorhin der Herr Professor achselzuckend auf dem Halse 
gelassen — gratulieren wir uns, dass er uns nicht mit 
Aplomb eine falsche Erklärung vorgetragen hat. Wie zum 
Beispiel für das französische Vertugadin, worunter man im 
XVI. Jahrhundert einen Reifrock und das verstand, was 
man vor zwanzig Jahren eine „Krinoline" nannte, gelegent- 
Keh auch die heutige „Toumüre". VertugaMn, von Vertugade, 
Rute, Fischbeinstab, und aus dem Spanischen abzuleiten, 
wurde aus Yerturgardien erklärt und demgemäss sogar in 
Tugendwaräeine übersetzt, was umso komischer Hess, als be- 
sagte Tugendwardeinen in Frankreich noch ganz andere, 
frivole Namen hatten (la gourgandine, le houte-en-train, le tatez-y, 
la culhute)f die wahrlich nicht darnach aussahn, als ob die 
Reifröcke den Damen „nicht nur ein ansehnliches Äussere 
verliehen, sondern auch von selbst jede Näherung verböten". 
Wir wissen nicht, was Mann bedeutet, ist das aber nicht 
besser, als wenn wir Larramendis Märchen glauben, nach 
welchem der Bart im Baskischen Bizarra und dieses soviel 
heisst wie: hiz arraf zu deutsch: er sei ein Mann! — Aus 
dem baskischen Worte soll der spanische Begriff Hzarr ge- 
flossen und auf Umwegen bis zu uns gekommen sein. Und 
wahrlich, diese bizarre Etymologie kommt mir nicht blos 
spanisch, sondern geradezu baskisch vor. Es ist doch viel 
wahrscheinlicher, dass der Begriff von jener merkwürdigen 
Orange ausgeht, welche die Eigenschaften der Apfelsine, 
des Adamsapfels und der Zitrone in sich vereinigt und die 
in Italien unter dem Namen Ärancio di hizzarria allbekannt 
ist; eine schlagende Analog^ie bietet das italienische Adjec- 
tivum halzano, welches gewöhnlich zu Ca/vällo hinzugesetzt 
wird und hier ein Pferd mit einem weissen Streifen am 
Fuss {Cavtülo hälzanOy Cavallo halzano da un pie), im Anschluss 
daran aber etwas Bizarres und Närrisches bezeichnet: ein 
Cervel halzano ist ein Cervello lizzarro. 



— 230 — 

Während mir die Herleitung des Wortes Punsch aus 
dem indischen pangan, fünf, weil fünf Elemente, innig gesellt, 
Arak, Thee, Zucker, Zitronensaft und Wasser einen guten 
Punsch ausmachen, vollends ganz hindostanisch vorkommt 
Der Hanswurst heisst Punch in England und zwischen Han- 
sen und Würsten, Pulcinellen und Pünschen ist die Freund- 
schaft immer dick gewesen. 

Es gribt berüchtigte Etymologien, zum Beispiel die fa- 
mose Skala: i^XojTtrj^, Lopex, Opex, Pex, Pix, Pax, Fuchs — und 
bereits die liebefi Alten haben etweis in solchem Schund 
geleistet. Wenn auch nicht alles wörtlich zu nehmen ist, 
denn wir müssen immer erst zusehen, ob der Wortdeuter 
nicht etwa blos einen jener Witze hat machen wollen, die 
in Etymologicis so sehr an der Tagesordnung sind und 
über die wir weiter unten handeln wollen — es sieht ganz 
darnach aus, als sollte es nur ein Witz sein, wenn die 
Deipnosophisten des Athenäus, die religiöse Pflicht der Trun- 
kenheit beweisend, das Wort SoIvy]^ Schmaus, von ßeovg 
und oivovad-at (ort diä ^eovg oivova&ai öeiv VTtsldfißavov) 
und fis^vetv, trunken sein, von f^erä to 'S-veiv, nach dem 
Opfer, ableiten: unzähligemal haben sich die unsterblichen 
Griechen, und zwar die Philologen unter ihnen, namentlich 
aber ihre Nachfolger, die Byzantiner, die von dem Geist 
des platonischen Kratylos wenig mehr besaissen, wirklich 
unsterblich blamiert. Im Etymologicum Magnum, einem 
Wörterbuche, das im X. Jahrhundert nach den besten 
alexandrinischen Grammatikern zusammengestellt ward, 
kann man lesen: das Wort Dithyrambus kommt daher, dass 
der Gott Bacchus zweimal geboren worden und durch zwei 
Thüren (ovo d-vgccg), den Schoss der Mutter und die Hüfte 
des Vaters, gegangen ist. Der berühmte Erklärer des 
Homer Eustathius, Erzbischof von Thessalonich (XII. Jahr- 
hundert) erzählt (p. loi): Pirithous, der König der Lapithen 
und Freund des Theseus, habe seinen Namen erhalten, 
weil sein Vater Zeus, als er seine Mutter Dia verfuhren 
wollte, in Gestalt eines Rosses um sie herumgelaufen sei 



— 231 — 

{7tBQi'9'iuv)\ ebenderselbe tischt (p. 527), gleich dem Scho- 
liasten ^m Rndar (p. 319 ed. Boeckh), die alte Erklärung 
des Namens Centauren auf: Stiertöter {KivxavQog von nevrelv, 
stechen, und xavQog, Stier). Diese Erklärung hatte etwas 
Wahrscheinliches, weil die Centauren angeblich ein thes* 
saUscher Volksstamm, die Thessalier aber in frühen Zeiten 
wirklich eifrige Stierjäger und Reiter waren, daher auf ihre 
Nachbarn einen Eindruck machen mochten, wie die Spanier 
auf die Mejikaner, nämlich eben den leibhaftiger Centauren 
— aber nur solange als die Identität der griechischen Gen- 
tauren mit den indischen Gandharwa, niederen Göttern, die 
dem Gott Soma, wie die Centauren dem Dionysos folgen, 
noch nicht erkannt worden war. 

Nun, und die Römer, deren Kinder schon in der Wiege 
deklinieren und konjugieren lernten? — O, Cicero, o, Varro, 
grosser, gelehrter Varro, der im letzten Jahrhundert v. C. 
620 Bücher geschrieben hat! Urheber der sieben freien 
Künste und nicht zum wenigsten der lateinischen Wort- 
deutekunst! Erster Encyklopädist, römischer Menippus, Pott 
des Altertums! — Und doch hast Du eine Etymologfie 
durchlassen können wie die von Vulpes: quod volat pedihusi 
Und doch sagst Du uns de Lingua Latina innerhalb weniger 
Zeilen, dass Ganis von canere komme, weil die Hunde des 
Nachts und auf der Jagd bellen, gleichwie die Homer und 
Trompeten auf dem Schlachtfeld singen {Ganes, quod latratu 
Signum dant, ut signa canunt, Ganes appeUatae) — dass das 
Lamm Ägntis heisse, weil es dem Schaf verwandt (agnatus) 
ist — dass Gervus von gerer e abzuleiten sei, indem Hirsche 
grosse Geweihe tragen (gerunt) — dass Virgvltum, Gesträuch, 
mit viridis und viridis mit Vis zusammenhänge, alldieweil 
die grünen Blätter verdorren, wenn die Kraft (Vis) des 
Safts auftrocknet — dass dives eigentlich soviel sei wie divus, 
sintemal reiche Leute sind wie Götter und nichts brauchen... 
weh! Proh dolor! Wahrhaftig, ich möchte die Grab- 
schrift des sechsten Hadrian auf Dich anwenden: Froh dolor, 
guantum refert, in quae tempora vel opiimi cujusque virttis incidat! — 



— 232 — 

Beim Hund! Alles ist mit Vorsicht aufzunehmen, was 
von den Alten kommt — sie selbst waren eben nicht vor- 
sichtig, und leider ist Vorsicht schon an sich, abgesehen 
von der kritischen Beurteilung der Meinungen Anderer, das 
allergeringste, was vom Wortdeuter verlangt wird, Näq>e 
Kai ixi(iva& dittareiv, sei nüchtern imd ungläubig, lautet ein 
Spruch des tiefen Menschenkenners Epicharm, mit welchem 
mein verehrter Lehrer Georg Curtius seine „Grundzüge der 
Griechischen Et3rmologie" geschlossen hat Aber die Alten 
wussten noch nicht, dass das auf die Etymologen geht 
Julius Paulus war (Anfang des DI. Jahrhunderts) einer der 
gewiegtesten römischen Juristen, er wurde von Gordian 
mit dem Titel Fruäentissim'm geehrt, die Pandekten rühren 
zu einem Sechstel von ihm her — in Sachen der Etymo- 
logie litt seine Frudentia Schiffbruch. In den römischen 
Katakomben und sonst sind häufig Grabplatten mit Fuss- 
stapfen gefunden worden; eine solche befindet sich zum 
Beispiel in dem bekannten Kirchlein an der appischen 
Strasse Domine-quo-vadis. . Der italienische Gelehrte Boldetti 
glaubt in den Fussstapfen Symbole des Besitzes und die 
Anzeige zu erkennen, dass der Beg^räbnisplatz käuflich er- 
worben worden seL Dieser Glaube ist nun eben auf eine 
falsche Etymologie des alten Juristen Paulus gegründet: 
Possessio = Pedis positio. So gut sich dieselbe zu unsem 
eignen Rechtsaltertümem schicken würde, allwo (vergleiche 
Sprache ohne Worte, Seite 288) „auf den Fuss treten" ein 
Zeichen der Besitzergreifung und der angetretenen Herr- 
schaft war, so verwerflich erscheint sie doch im Lichte der 
modernen Sprachwissenschaft (possideo = por-sedeo, der Be- 
gnS des Besitzes geht, wie bei uns, nicht vom Treten, 
sondern vom Sitzen aus). Übrigens gehört das Wort Kata- 
komben zu den etymologisch unerklärten Worten; die Ge- 
lehrten haben es voreilig aus dem Griechischen gezogen 
imd die Präposition xara zu hören geglaubt, der Padre 
Marchi hält es sogar für halb griechisch und halb lateinisch 
und ftb: eine Zusammensetzung mit dem Verbum cumbere, 



— 233 — 

sich niederlegen; das würde zwar sehr gut zu dem Aus- 
druck Goetneterium, Schlafstätte, passen, mit welchem in den 
romanischen Sprachen bis heute ein Kirchhof bezeichnet 
wird, scheint aber doch nicht zulässig zu sein. 

Varro und Paulus waren am Ende beide keine Philo- 
logen von Fach; halten wir ims an die eigentlichen Literaten 
und Grrammatiker. M. Verrius Flaccus war so ein richtiger 
Philolog, der die Enkel des Kaisers Augustus unterrichtete 
und ein umfangreiches Sammelwerk herausg^ab: De Signi- 
fieaiu Verborum. Daraus machte der Grammatiker Festus 
ein paar Jahrhunderte später einen Auszug in zwanzig 
Büchern, der nachmals von Paulus Diaconus wiederum aus- 
gezogen und Kaiser Karl dem Grossen gewidmet ward: 
SexH Pomp^ FesH de Verborum Significatione. Ein Glossar 
oder Lexikon vom höchsten Werte, alphabetisch, aber nicht 
streng alphabetisch und ungefähr so unpraktisch angeordnet 
wie Schmellers Bayerisches Wörterbuch; aber auch dieses 
eine Fundgrube ftir etymologische Faseleien alten Stiles. 
So wird das persische Wort Veredus, aus dem vielleicht 
(Seite 194) unser Iferd unmittelbar hervorgegangen ist, aus 
vehere, fahren, und Rheda, Wagen, gleichsam als „Wagen- 
fahrer" erklärt. Quintilian, der treffliche Professor der Be- 
redsamkeit unter Domitian, war einer der erleuchteten 
Köpfe, die schon im Altertum an dergleichen Possen, den 
foedissimis Ludibriis eines Gavius Bassus und eines Modestus 
Anstoss nahmen — dieselben hatten das Wort Cadeba oder 
Codebs, ehelos, auf Coelum, Himmel, zurückgeführt, ein 
Hagestolz erschien ihnen himmlisch und göttergleich {Goe- 
lestis); bereits oben (Seite 225) hörten wir, wie sich Quin- 
tilian über die Deutung von Homo aus Humus lustig machte. 
Einer der schönsten Einfälle war wohl noch der des Gram- 
matikers Servius, der (im IV. Jahrhundert n. C.) einen Kom- 
mentar zu Virgils Gedichten, die wertvollsten unter den 
lateinischen Scholien, geschrieben hat: die römische Braut 
habe, ehe sie die Schwelle ihres neuen Heims betrat, die 
Thürpfosten desselben mit Schmalz {adeps suülus) oder 



— 234 — 

Wolfsfett {adeps lupinus) bestreichen (ungere) müssen und da- 
her den Namen Unxor, die Salberin, bekommen , woraus 
üxor geworden sei. Die Sitte bestand allerding^s, nur nie- 
mals die Form ünxor. Mehrere Etymologien sind vorge- 
schlagen worden, um das Wort Uxor zu erklären, aber 
keine einzige ist sicher. 

Quintilian hat auch das Lucus a non lucendo aufgestochen 
und damit ein geflügeltes Wort geschaffen. Am lächer- 
lichsten muss dem gesunden Menschenverstände offenbar 
die sogenannte Antiphrasis erscheinen, wonach den Din- 
gen bisweilen widersprechende Namen beigelegt sein sollen. 
Der Wald heisst Lucus, weil er nicht Lucus ist, das heisst, 
weil er nicht hell ist {non lucet), wobei zu bemerken wäre, 
dass hier nur die Brücke, die von einem Begriff zum andern 
führt, ungeschickt angelegt ist, indem Lucus wirklich a lu- 
cendo kommt: es heisst eigentlich eine Lichtung, dann, weil 
die Lichtung des Waldes oft mit religiösen Zeremonieen 
verbunden war, ein heiliger Hain. Ja, der Fall wurde ge- 
radezu als typisch für eine sinnlose Etymologie betrachtet, 
daher ein Grammatiker des VI. Jahrhunderts, Priscian, sich 
über den alten Varro lustig machend, spottet: Canis a non 
canendo, sogenannt, weil er nicht sing^, oder Bellum, quia 
minime bellum, der Krieg, sogenannt, weil er nichts Schönes 
ist — ich kenne einen englischen Theologen, der das Wort 
Religion aus den Beligamina, den Banden, erklärte, von denen 
uns Christus freigemacht hat, und einen Oberstlieutenant, 
dem auf seiner italienischen Reise das Wort caldo, das 
„warm" bedeutet, als eine offenbare Antiphrasis von unserem 
kalt vorgekommen war. 

Dieses zuerst von den alten Stoikern aufgestellte Prin- 
zip eines Gegensinns, in dem neuerdings Carl Abel ein 
Grundgesetz des menschlichen Denkens erkannt zu haben 
glaubt, ist nicht so ohne weiteres von der Hand zu weisen. 
In den alten und in den neueren Sprachen gibt es manche 
Worte, die man scheinbar gar nicht anders erklären kann 
als durch eine Antiphrasis — Littre neigt sehr zu dieser 



— 235 — 

merkwürdigen Erklärung, die doch eigentlich gar keine 
Erklärung ist. In Paris sagt man von einem zanksüchtigen, 
wie ein Rohrsperling schimpfenden Weibe: c^est une muette 
des haUes, das ist eine Stumme von den Markthallen — 
nach Littre eine Antiphrasis und bereits vor hundert Jahren 
in der grossen französischen Encyklopädie sub voce ÄnH- 
phrase erwähnt. Durch alle europäischen Sprachen geht das 
italienische Schimpfwort Coglione, französisch Coton, deutsch 
Kujon: es bedeutet eine Memme und, daran anschliessend, 
einen Schuft, einen niederträchtigen Kerl, ursprünglich aber 
einen grossen Hodensack, einen Mann, der Zeug hat wie 
der dreihodige Bartolomeo Coleone, also der Erfahrung 
nach nichts weniger als einen Feigling oder, wie sich die 
Deutschen in diesem Falle ausdrücken, einen Lappsack oder 
einen Lappschwanz — ebenfalls eine unzweifelhafte Anti- 
phrasis nach Littre. Puisse U jiiste ciel dignenient te payer! — 
heisst es in Racines Phedre (iv, 6) — par antiphrase nach Littr6. 
Vous m'avez hien ttiche, schreibt Rousseau an einen gross- 
mütigen Freund, Sie haben mich gehörig betrogen! — par 
anHphrase nach Littre. Aber das ist doch eine wohlfeile 
Manier, sich mit einem Ausdruck abzufinden. 

Man muss sich zunächst darüber klar sein, dass die 
Begriffe hin und wieder von selbst, durch ihre spontane 
Entwickelung ins Gegenteil umschlagen. Bereits die „Bösen 
Zungen" haben dafür gesorgt, aber auch ohne ihren Ein- 
fluss verwandeln sich wohl die Worte wie die Gefährten 
des Odysseus unter dem Zauberstab der Circe. Das he- 
bräische harak heisst segnen; es heisst auch, zum Beispiel 
im Buch Hiob, fluchen. Das hebräische kadesch heisst rein; 
es heisst auch (Seite 202) Sodomit. Das lateinische sacer 
heisst heilig; es heisst auch (auti sacra famesf) verflucht. In 
diesen Fällen brauchen die Antiphrasenhelden nur den 
Gang der Bedeutungen sorgfältig zu studieren, um sich zu 
überzeugen, dass alles natürlich zugegangen und der Gegen- 
sinn nicht etwa im Handumdrehen hervorgetreten, sondern 
durch eine Menge Zwischenstufen vermittelt worden ist 



— 236 — 

(J^arak, segnen, grüssen, verabschieden, Gott den Abschied 
geben, Gott lästern; kadesch, rein, heilig, dem Astartedienst 
geweiht; sacer, heilig, geheiligft, der Grottheit verfallen, den 
unterirdischen Göttern zur Vernichtung gfeweiht). Anders 
wenn die Worte ihre eigentliche Geltung gar nicht ver- 
loren haben und nur dazu da sind, die wahre Meinung zu 
verbergen. 

Gibt es denn etwa keine Lügner auf Erden? Keine 
Talleyrands? Oder sollen wir, so oft eine Unwahrheit ge- 
sagft wird, jedesmal eine Antiphrasis annehmen? — Die 
Herrn Lexikographen sind doch manchmal recht naiv. Es 
versteht sich doch von selbst, dass das Prinzip der Anti- 
phrasis nur Verstand hätte, wenn der Sprechende selbst an 
den Gegensinn seiner Worte glaubte, dass er aber, wenn nur 
ein objektiver Widerspruch vorhanden ist, ein subjektiver 
dagegen nicht: dass er dann einfach lüg^ Der Schmeichler, 
der Heuchler und der Spötter, der recht wohl weiss, was 
er sagt, nämlich eben das Gegenteil von dem was er denkt, 
beweist gar nichts für die Antiphrasis. Welch eine Rolle 
spielt die Ironie, nicht nur beim Sokrates, sondern in der 
Sprache des gemeinen Mannes. Eine schöne Geschickte! — Da 
kam ich schön an! — Eine gute Tracht Ftügel. Hasche Schmei- 
cheleien (französisch Douceurs) hohen sie sich gesagt, will sagen: 
Injurien. Wenn man einem ein Bad gesegnet, und mit der Axt 
hob ich ihms Bad gesegnet, so ist das nicht mehr, wie vorhin 
im Buch Hiob, eine sachliche Metamorphose, sondern be- 
wusste Ironie. Und welch eine Rolle spielte und spielt der 
sogenannte Euphemismus — obwohl auch mit diesem 
Ausdruck ein gewisser Unfug getrieben wird. Wenn die 
alten Griechen das Schwarze Meer ursprünglich das Ungast- 
liche Meer (növrog ^'A^evog) genannt, dann aber diesen Namen 
in den des Gastlichen Meers {ITovrog Ev^sivog) verwandelt 
haben, so ist das doch nicht au^ religfiöser Scheu, sondern 
geschehen, weil die Gestade desselben allmählich durch 
Handelsfahrten und Kolonien erschlossen, also wirklich 
gastlich geworden waren. Ein richtiger Euphemismus, eine 



— 237 — 

wahre Beschönigung dürfte dagegen der Name der Erin- 
nyen, der alten Rachegöttinnen, der personifizierten Flüche: 
die Eumeniden, die Wohlwollenden, Gnädigen, gewesen sein: 
er kommt mir etwa vor, wie das gute Väterchen, welches der 
Russe für Iwan den Schrecklichen gehabt hat: mit einem 
T3rrannen, einem wilden Tiere muss man behutsam umgehn. 
Aber auch hier möchte man dem Bückling auf die Hand 
sehn, ob er nicht vielleicht nach Sand greift, der für unser 
Auge bestimmt ist. 

Wir schliessen hier noch einige bekannte Worte an, 
die einen scheinbaren Widerspruch enthalten: 

Obstetrix (lat.), die Geburtshelferin, die Hebamme, wörtlich 
diejenige, welche der Kreissenden gegenübersteht {obstat), wie das die 
Hebamme bei den meisten Völkern wirklich thut. Obstare ist natür- 
lich hier in dem einfachen, örtlichen Sinn genommen, ohne die 
Nebenbedeutung des feindlichen Entgegenstehens und Hinderlichseins, 
daher sich der Einwand Ploss*: eine Obstetrix sei ja gerade das 
Gegenteil einer Helferin, erledigt (Das Weib II, Seite zöa). Adstare oder 
assister e Y^i'de besser auf die Frauen passen, die ausser der Hebamme 
der Gebärenden Beistand leisten. Die desselben Orts erwähnte An- 
sicht, dass das französische Sage-fetntne , kluge Frau, von dem latei- 
nischen Saga, Zauberin, komme, ist lautlich unhaltbar, obwohl es dem 
Sinne nach auf dasselbe hinausliefe. Die Spezialität der alten Sagae 
war die Abtreibung der Leibesfrucht. 

adolere hostiam (lat.), ein Brandopfer darbringen, eigentlich das 
Opfer erhöhen, wie tnactare, schlachten, opfern, eigentlich: verherr- 
lichen, von dem Participium Passiv! macttis, gross, gefeiert, daher der 
Priester beim Opfer der Gottheit (mit Metonymie) zurief: fnacte esto, 
lass es dir wohlgefaUen! — Bereits die Alten stritten, was adolere 
eigentlich bedeute, ob es mit olere, duften, oder mit adolescere, heran- 
wachsen, zusammenhänge. Servius bemerkt (zu Aneis I, 704), dass man 
bei Brandopfem euphemistisch adolere für cremare, igne consumere, 
unglückbedeutende Verba, sagte. 

elevare (lat.), erheben, herabsetzen, heruntermachen und ver- 
kleinem. Der Übergang in die scheinbar widersprechende Bedeutung 
wird durch den Begriff der Erleichterung vermittelt: wer etwas von 
dem Gewichte eines Gegenstandes wegnimmt oder aufhebt, würdigt 
ihn herab. Hierbei wäre Metonymie; man könnte aber elevare auch 
mit tollere und unserem eignen aufheben, im Sinn von wegnehmen, ab- 
schaffen, vergleichen. 



— 238 — 

Alpha privativam und Alpha copulativum oder inten- 
sivum. Die Vorsilbe A bedeutet im Griechischen bald eine Ver- 
neinung oder Beraubung, z. B. Akephaien, Kopflose {axi(p(tXoq)\ bald 
umgekehrt eine Gemeinschaft, z. B. 'AXoxog, Gattin, eigentlich Bett- 
genossin (XixoQj Bett), ^AöeXfpoq, Bruder, eigentlich, wie schon Aristo- 
teles erkannte, einer aus demselben Mutterleib, lateinisch Couterinus 
(öeXfpvgj Gebärmutter), lAxokovS'Og, die Akoluthen sind von der Kirche 
her bekannt, Begleiter, eigentlich der den Weg (x^XsvB-oq) mitmacht, 
Geselle, Gefahrte (Seite 56); bald endlich eine Verstärkung: so hat 
man die Amazonen einmal als Brustlose, ein andermal als Starkbrüstige 
gedeutet. Diese doppelte oder dreifache Bedeutung des Buchstabens 
scheint ein hübscher Fall von Antiphrasis zu sein, ist es aber keines- 
wegs, da das Alpha privativum, voller ^Av, dem lateinischen In- und 
dem deutschen Un-j das Alpha copulativum dagegen, ursprünglich 
^A = Jkty dem Sanskrit sam, mit, entspricht und jedenfalls mit unserem 
samtj dem lateinischen similis =^ ofMxXog, im Neutrum: simul =: simi/e, 
und dem russischen ssam^ selbst, zusammenhängt (Samowar, Selbst- 
kocher, Samojeden, Selbstesser, Samodershez, Selbstherrscher). Soviel 
als Beleg für die allerschwächste Art von Antiphrasis, wo sich Worte 
zu widersprechen scheinen, die gar nicht dieselben Worte sind und nur 
lautlich zusammenfallen. 



4- Gelehrtenetymologie und Laienetymologie. 

Die Alten waren noch Stümper in der Wortdeutekunst, deren elementare 
Regeln erst in unserem Jahrhundert erkannt und aufgestellt worden sind — 
die Vielwisser des XVII. Jahrhunderts: Scaliger, Casaubon, Salmasius, Mor- 
hof, Leibniz — alle diese Leistungen vergangener Zeiten haben fast aus- 
schliesslich ein pathologisches Interesse — erst von unserem Jahrhundert 
datiert die historische Grammatik, die vergleichende Sprachwissenschaft und 
eine Philologie der neueren Sprachen — Etymologie und Etymonomie — 
die Afterwissenschaft ist in diesem Falle populär — eine veraltete Etymo- 
logie von Kant — lügen und liegen, Leipzig und Leibziege — die Stadt 
Rom und zwei alte römische Thore: Saint Jean porte la Tine — Kinder- 
etymologie: wie das Porzellan erklärt wird — man sollte mitunter an 
schlechte Witze glauben, aber keine Dummheit ist beim Volk unmöglich — 
und bei den Gelehrten eigentlich auch nicht — die letzteren befinden sich 
sogar, was lokale Verhältnisse anbetrifft, oft im Nachteil gegen das Volk, 
weil sie nicht orientiert sind: Förstemann und Andresen über den Namen 
der Stadt Klagenfurt — Ulm,* Standquartier der fünften Legion. 

Es ist eine sonderbare, aber nichtsdestoweniger un- 
zweifelhafte Thatsache, dass ein heutiger Philolog nicht blos 



— 239 — 

über die Wörter seiner eignen Muttersprache, sondern auch 
über das erste beste lateinische oder griechische Wort 
besser unterrichtet und dasselbe besser zu deuten imstande 
ist, als es die alten Griechen und Römer selber waren. 
Sie, die in so vielen Künsten mustergiltig dastehen, sind 
in der etymologischen Kunst noch rechte Stümper gewesen 
und könnten von uns lernen. Ja, man möchte sagen, dass 
sich eine richtige Anschauung von dem Wesen und Leben 
der alten Sprachen, um die sich auch das Mittelalter hin- 
durch noch alles drehte, später Bahn gebrochen hat als 
irgend eine andre Wissenschaft. Vielwisser wie Scaliger, 
Salmasius und Leibniz sind zwar gewöhnlich auch un ver- 
ächtliche Wortdeuter gewesen, aber die Gesetze, nach denen 
alle Wortforschung betrieben werden muss, die elementaren 
Regeln derselben hat man erst in unserem Jahrhundert 
erkannt und aufgestellt, nachdem zu Beginn desselben 
einerseits die vergleichende Sprachwissenschaft, anderseits 
eine Philologie der neueren Sprachen aufgekommen war — 
bis dahin etymologisierte man darauf los, schonungslos, un- 
barmherzig, ohne Kritik, ja, oft ohne Sinn und Verstand 
und ohne recht zu wissen, worauf es eigentlich bei einem 
Vergleiche zweier Sprachen ankommt: wie es heute noch 
alle machen, die nicht von der Kunst sind. Gelehrten- 
etymologie und Laienetymologie — ein Kapitel aus der 
Geschichte der menschlichen Beschränktheit; Gelehrtenety- 
mologie und Laienetymologie — Pathologie; denn wie eine 
ewige Krankheit erbt sich das Geschwätz von einem Ge- 
schlecht zum andern und von einem Wörterbuch zum an- 
dern. Sapperment! Die Astrologie hat man des Aberglaubens 
wegen, -der sich in die Sternkunde mischte, in Astronomie 
umgetauft. Mit demselben Rechte könnte man das Wort 
Etymologie für die unkritische Wortdeuterei gebrauchen, für 
die echte Wortkunde aber den Ausdruck Etymonomie ein- 
führen. 

Immanuel Kant versucht die eigentliche Bedeutung des 
Wortes Hexe zu ergründen und gelangt dabei zu dem 



— 240 — 

Resultat y dass sie Hokuspokus mache, weil Hexe aus den 
Anfangslauten der Worte, welche der konsekrierende 
Priester bei der Messe über die mit beiden Daumen und 
Zeigefingern gehaltene Hostie leise und geneigten Hauptes 
auszusprechen hat: Hoc est enim corpus meum zusammen- 
gesetzt sei. Aber, grosser Kant, vor dem wir uns alle mit 
Ehrfurcht beugen! — Es verlanget ja gar niemand, dass Du 
das Wort Hexe erklärst Wenn Du es aber thun willst, 
warum erkundigst Du Dich nicht, etwa bei Herrn Hofrat 
Adelung in Dresden, wie wohl das Wort Hexe früher ge- 
lautet hat, ob es etwa das althochdeutsche Hagazussa und 
ob es demzufolge nicht am Ende eher ein Ausdruck wie 
Hagebutte oder Hagestolz, das heisst eher hinter einem Hag 
als an einem Altar zu finden ist Vielleicht hätte Dir der 
Generalsuperintendent Herder, Dein alter Schüler und Lands- 
mann, ein Licht aufstecken können? — Mein Gott, in der 
Etymologie schien Herder nicht sehr stark zu sein, ob- 
gleich er über den Ursprung der Sprache schrieb, wie hätte 
er sonst in Strassburg (1770) den jungen Goethe mit so 
läppischen Andeutungen ärgern können: 

Ob von Göttern Du stammst, von Goten oder vom Kote — 

von denen höchstens die erste richtig ist, denn Goethe stellt, 
wissenschaftlich ausgedrückt, eine einstämmige Kürzung 
eines Namens wie Gottfried oder Godebrecht dar, Koseform 
desselben wäre der Name, mit welchem Goethe zufällig 
seine Laufbahn beginnen sollte: Götz. 

So sind nicht nur die Gelehrten, die grossen Geister 
der Nation: so verfährt das Volk selbst. Das ist das Schöne 
an dieser Wissenschaft, dass jedermann ohne weiteres, son- 
der Beruf und Vorbereitung hineinpftischen darf * — jeder 
Schuster etymologisiert. Hei, nicht einmal ein studierter 
Mann, nicht einmal ein Kant und Herder vermag aus eig- 
nen Kj-äften eine richtige Auskunft zu erteilen, dafem er 
um eine Etymologie befi-agt wird, er kennt die Regeln 
der Kunst nicht: es muss schon ein Pott oder ein Diez 
oder sonst ein zugleich gewissenhafter und wohlberichteter 



— 241 — 

Forscher sein, wenn er den Thebanem wirklich aus der 
Not helfen und die Rolle des ödipus spielen soll — und 
die Dummköpfe fragen überhaupt nicht, sondern machen es 
wie Adam und erfinden sich ihre Etymologien selber, ohne 
denselben Entschuldigungsgnind zu haben wie unser schwa- 
cher Vater. Die Ausübung der Wortdeutekunst scheint 
leicht — alle Welt flihlt sich dazu aufgelegt, weil alle 
Welt schwafeln kann; und so wimmelt es denn von Künst- 
lern. Freilich ist auch der Astronomie die Astrologie und 
der Chemie die Alchimie vorhergegsmgen, ohne die After- 
wissenschaft würde sich die Wissenschaft vielleicht niemals 
entwickelt haben. Aber in der Natur dieser Fächer lag es 
doch, dass auch ihre Verirrungen auf den kleinen Kreis der 
Adepten beschränkt blieben und die grosse Menge, die sie 
nur von Hörensagen kannte, sich nicht damit befasste. Bei 
der Etymologie haben von Anfang an auch die sprach- 
unkundigsten und die unzünftigsten Bönhasen mitgethan. 
Und während die Stemdeuterei mit dem Aufkommen der 
Sternkunde allmählich verschwand, die Goldmacherkunst 
von der Scheidekunst fast vollständig aufgesogen ward, 
blüht die Etymologie neben der Wortdeutekunst lustig 
weiter, die Afterwissenschaft ist populär. 

Herr Doktor Rehbein liegt in seinem Bette und denkt 
im Liegen über den sonderbaren Zusammenhang zwischen 
liegen und lügen nach, das auch liegen geschrieben wird. Men- 
titur, comminiscitur, würden die alten Römer sagen, das 
heisst, er phantasiert — wir erwähnten auf Seite 191, wie 
das die bösen Zungen Lügen gestraft haben. Er vergleicht 
den Ausdruck aufrichtig und bezieht denselben darauf, dass 
man beim heiligen Versichern einer Sache aufrecht stehe 
und sogar den Arm emporhebe; während man beim Liegen 
zum Fabulieren geneigt sei, wie eine Stelle der Edda, die 
ihm nicht gleich einfällt, ausdrücklich besagen soll. Er 
denkt auch an das Träumen, bei welchem man sich gleich- 
sam etwas vorlüget. Wundersame Kombinationen gehen 
ihm durch den Kopf, die Gedanken strömen wie Frühling«- 

Klelnpanl, Etym. 16 



— 242 — 

schauer, kein Lüftchen weht, das Zimmer ist so still und 
die Welt so fem — er lieg^ 

Ein ander Bild. Die Arionen, eine Leipziger Studenten- 
verbindung, feiern ihr vierzigjähriges Stiftungsfest und hal- 
ten in der neuen Buchhändlerbörse einen Begrüssungsabend 
ab. Nachdem die Gäste und die Alten Herren begrüsst 
worden sind, folgt die Verlesung der Kjieipzeitung, aus 
welcher namentlich ein Beitrag hervorzuheben ist: „Die 
Gründung Leipzigs. Nach den ältesten und neuesten Quellen 
zusammengestohlen." In diesem Artikel wird überzeugend 
nachgewiesen, dass die bisherigen Mitteilungen über die 
Gründung der Stadt, vor allem über die Herkunft ihres 
angeblich slawischen Namens samt und sonders falsch seien; 
dafür mit voller Beweiskraft und unter Vorzeig^g von 
Porträts haarklein festgestellt, dass Leipzig ursprünglich 
eine Ziege, nämlich die Leibziege von Lieschen Leffelholz 
gewesen sei: 

Und sie ruft, bis sie betäubt sich. 
Immer fort und fort: Met Leibzieg! — 

Diese humoristische Wortdeutung ist alt, denn Leipzig 
wurde seinerzeit von Johannes Praetorius in Corpus Gaprae 
übersetzt: ad Corpus Capros venduntur mtUta stannetta lautet 
ein lateinisches Sprichwort über Leipzig (Wander Deutsches 

Sprichwörter-Lexikon s. v. Leipzig No. I2, wo als QueUe ein im Jahre 1665 
zu Rudolstadt erschienenes Buch genannt ist). 

Hat nicht Berlin einen Bären und JiUerhog einen Bock 
im Wappen? Ha, wer lacht da? — Wurde nicht Rom selbst, 
dem griechischen ^Fwfxtj, Stärke, zuliebe, mit Välentia über- 
setzt und dieser lateinische Name von Solinus (A. D. 238) 
als der ältere ausgegeben?*) Noch einmal, wer lacht denn 



*) Berlin, A. D. 1244 zum erstenmal genannt, wahrscheinlich ein wen- 
disches Wort wie A7>7/«, gebildet wie Wettin, Eutin, Schwerin (Suffix -in) — 
Jüterbog von der wendischen Gottheit des Morgenrots und des Lichtes 
Jutrebogy vergleiche die Städtenamen Kolleda, von der slawischen Benennung 
des Wintersonnenwendefestes Kbleda, Zeitz, von der wendischen Göttin Cpa, 
Radegast, von dem Hauptgötzen der Wenden u. s. w. — Rom, nach Corssen 



— 243 — 

da? Wir sind nicht bei Jacobi! Meine Herrn, Sie sind wahr- 
scheinlich niemals in Rom gewesen, niemals in die ewige 
Stadt hineingekommen, es müsste denn durch die Forta 
Äsinaria gewesen sein. So heisst ein altes Thor, dessen 
Stelle gegenwärtig die Porta di San Qiovanni einnimmt. Es 
hatte seinen Namen von der Via Äsinaria, welche von ihm 
in südHcher Richtung auslief; dass diese wieder ihren Namen 
von der Familie der Asinier habe, ist der Form wegen 
nicht wahrscheinlich, imd so stehen die Archäologen ziem- 
lich ratlos da. Nicht so der Populus Romanus, der immer 
Rat weiss. Äsinaria! Merkt man denn den Äsinus nicht 
darin! — Das Thor wurde nach den vielen Eseln benannt, 
welche Tag für Tag durch dasselbe einziehn, Körbe voll 
Cichorie imd Broccoli in die ewige Stadt tragend. Es wurde 
nach dem Lande der Esel benannt, zu welchem es durch 
dieses Thor ging, nämlich nach dem Königreich Neapel. 
Dieser Witz stammt aus dem XVI. Jahrhundert. 

Und nicht so das französische Volk, das noch geist- 
reicher ist. Die Porta di San Giovanni vertritt zugleich ein 
anderes altes römisches Thor, die ebenfalls vermauerte 
Porta Laiina, Vor derselben wurde der Evangelist Johannes 
während der zweiten allgemeinen Christenverfolgung unter 
Domitian in einen siedenden ölkessel geworfen, ohne sich zu 
verbrennen; zum Andenken daran wird in der katholischen 
Kirche am 6. Mai ein eigenes Fest gefeiert, welches unter 
dem Namen: Johannes ante Portam Latinam, französisch kurz: 
Saint Jean Porte Latine bekannt ist. Den Franzosen klang 
das wie Saint Jean porte la Tine, der heilige Johannes trägt 
die Butte, das Gefäss, in das bei der Weinlese die Trauben 
geworfen werden; und weil er das that, wurde der Evan- 



von der indogennanischen Wurzel SRU, welche fliessen bedeutet und in 
Qiü) s= CQif-cjf im lateinischen Rivus und im deutschen Strom erhalten ist, 
also: Stromstadt. Rumo war nach Servius (ad Aen. vm, 68. 90) der alte Name 
des Tibers. Unser Strom beruht auf einer Epenthesis von / und steht für 
Srom, wie Schwester für Swesr und wie strecken (vielleicht) für sr ecken, mit 
Aphäresis, wie bei Rivus: recken, 

16* 



— 244 — 

gelist Johannes Schutzpatron der Winzer. Wahrhaftig, es 
gibt Deutungen, die dermassen albern sind, dass man un- 
willkürlich, aber aus tiefstem Herzensgrunde Au! schreit, 
vermeinend, der Etymolog habe einen Kalauer gemacht 
Aber beim Volke ist keine Dummheit unmöglich, und die 
Gelehrten geben ihm nichts nach. Frau Äventiure, Frau 
Äbendtetier, Abenteuer suchen ist der Ritter Pflicht, aber 
den Abend verteuern und den Affen weisen ist der Ety- 
mologen Pflicht — wenn Müller Hochzeit machen will, weil 
es hohe Zeit zur Trauung zu schreiten sei, kommt Schultze 
und leitet Hochzeit von einem sassischen Worte ab, während 
er hätte sagen sollen: Du hast recht, Müller, nur dass hohe 
Zeit so viel wie Festzeit und dass jedes Fest eine Hochzeit 
und die Feier der Vermählung aar ^goxijv eine Hochzeit ist 
— wenn Eisele den Bocksbeutel, will sagen den Hodensack 
eines Bockes und danach die bekannte kurze, bauchige, 
etw£is breitgedrückte Flasche, auf welche der Steinwein 
abgezogen wird, um die Nebenbedeutung: Schlendrian zu 
erklären, zu einem Bookshüdel macht, in den die Frauen ihr 
Gesangbuch stecken, so fragt Beisele (1759) mit Gottlieb 
Enderfelder in der Kindergeographie: welcher Wein hat seinen, 

Namen von denen ledernen Sechen bekommen? — Der Seckt 

sie sind eben alle zusammen so naiv wie die kleinen Kin- 
der selbst, die glauben, dass das Porzdlan so heisse, weil es 
zerbricht, wenn's runterpurzelt — oder wie unser Fritzchen, 
das von seinem Lehrer gefragt: wie nennt man beim Hasen 
die Haare zu beiden Seiten der Schnauze, und warum nennt 
man sie so? — zur Antwort gibt: Spürhaare nennt man sie; 

wenn man ihn daran zieht, dann spürt er's — und 

die Erzbärenhäuter verdienten alle miteinander, dass ihnen 
die Haut, deren Namen sie sich aus dem Hauen erklären, 
auch tüchtig vollgeschlagen und, wie der Horribilicribrifax 
sagt, sonder Seifen und Balsam eingeschmiert würde.*) 

♦) Jlaut = lateinisch Cutis und Scutum, Schild, kommt von der alten 
indogennanischen Wurzel S-KU, bedecken, verhüllen, bergen, ist also eigent- 
lich die Decke, die bergende Hülle. Dieselbe Wurzel liegt wahrscheinlich 



— 245 — 

Wissen Sie, rief ein alter Freund von mir einst in 
komischer Verzweiflung aus: wissen Sie, was Blutsverwandte 
sind? Blutsverwtmdte sind Leute, die einen bis aufs Blut 
ärgern. Die unzünftigen Etymologen sind dem Sprach- 
forscher hlutsvertDandt, 

Die Eingangs erwähnte Herleitung des Namens Frau 
von freuen ist ein Beispiel solcher volkstümlichen Deutung 
in der mittelhochdeutschen Periode. Der lautliche Anklang, 
damals noch vollkommener als jetzt, fälschte den wahren 
Zusammenhang des Wortes, welches den Begriffen des 
Frohsinns und der Freude wirklich nahesteht, zunächst 
aber Herrin bedeutet, dem lateinischen Domina, italienisch 
Donna, französisch Dame entsprechend, und erst aus der 
„Herrin" heraus zu einem Titel des Weibes geworden ist. 
Die Frau ist die Frohe, froh aber bedeutet ursprünglich 
nicht sowohl heiter, als vielmehr mild und gnädig, und 
wenn ein alter Deutscher sagte: Meine Frau, so war das 
soviel wie: Meine Gnädige. Das Maskulinum ist Frö, nach 
unserer Schreibweise Froh, altnordisch Freyr: so nannten 
unsere Ahnen den Sonnengott, als den frohen, milden, 
gnädigen Gott und Herrn; bekanntlich hiess auch Frau, 
altnordisch Freyja, eine frohe und frohmachende, liebe, gnä- 
dige Himmelsgöttin. Es hat daher einen tiefen Sinn, von 
der gnädigen Frau zu reden, imd es ist ganz richtig, wenn 
wir bei Frau mehr an die Würde der Hausherrin, bei Weib 
mehr an die geschlechtlichen Funktionen denken. Das Weib 
ist die Femina, die Gebärerin oder die Säugerin, das Parti- 
cipium Medii von feo, was der Inquisitor Jakob Sprenger^ 
der Verfasser des „Hexenhammers", sich nicht entblödete 
von feie minus, weniger wert als eine Katze, abzuleiten. Der 
Meistersänger Frauenlob erhielt dagegen seinen schönen 
Namen, weil er in einem Streitlied gegen den Schmied 

den Worten Haus, Hütte, Scheuer, Scheune, zu Grunde, alles schützende 
Dächer und Unterschlupfe, wie die Wartehallen an der Pferdebahn. Die 
Haut wäre danach gewissermassen das Haus des Menschen, vergleiche 
Seite 171. 



— 246 — 

Regenbogen das Wort Frau gegen das Wort Weib ver- 
teidigte. 

Auf diese Weise versteht man erst, wie in christlichen 
Zeiten die Mutter Gottes schlechthin Frau, Unsere Liebe Frau 
genannt worden ist; auch Frd hat nicht nur für den heid- 
nischen Sonnengott, sondern auch für Gott den Herrn, den 
christlichen Kyrios gegolten. Fronleichnam ist soviel wie: des 
Herren Leichnam, lateinisch Corpus Domini. Übrigens würde 
die Milde und Sanftmut Unserer Lieben Frau gut zu einem 
Terminus technicus der romanischen Küchen passen, der 
auch in Deutschland eingebürgert ist, zu dem Ausdruck 
Bain-marie, Wenn die Berliner Köchin einen Topf in ein 
Wasserbad stellt, das heisst, wenn sie das Gefäss nicht 
direkt übers Feuer, sondern in ein anderes Gefäss setzt, 
das mit siedendem Wasser gefüllt ist, so nennt sie das ein 
Bain-marie. Die Gelehrten haben das aus Balneun/^maris er- 
klären wollen, aber es ist möglich, dass das Volk Recht 
hat, wenn es in der Sanftheit dieser Erwärmung die Art 
der Mutter Maria zu erkennen glaubt. Wenigstens hat es 
den Littre auf seiner Seite. 

Das Volk würde den Gelehrten zehnmal für einmal 
ins Gesicht lachen, wenn ihm diese eine schwierige Ety- 
mologie empföhlen statt einer andern, die so nahe zu liegen 
scheint. In der That kennen die Gelehrten zehiunal für 
einmal die Lokal Verhältnisse nicht, machen sich ihre Ety- 
mologien auf der Studierstube zurecht und befinden sich 
infolgedessen gegen den gemeinsten Mann im Nachteil, 
der dort gewesen ist. Der Name der Hauptstadt von Kärn- 
ten: Klagenfurt wird von Förstemann pie deutschen Ortsnamen 314) 

aus Claudii Forum und fiir eine romanisch-deutsche Annähe- 
rung erklärt; Andresen (Deutsche Volksetymologie 113) schreibt 
das kritiklos nach. Aber ein Claudii Forum hat gar nicht 
existiert, Klagenfurt ist die Furt Ober die Klagn oder Olan, 
das Volk hat gar nichts umgedeutet! Wie müssen die 
Klagenfurter Gelehrten über eine so abgeschmackte Er- 
findung, über diese romanisch -deutsche Annäherung mit 



— 247 — 

den Achseln zucken! Die Hauptstadt von Kärnten zur 
Römerzeit hiess Virunum. Fort damit, über die Alpen! 
Sizilien wurde bis in die neuere Zeit eingeteilt in das Val 
dl Mazzara, das Weststück; das Tal di Demona, das Nordost- 
stück; und das Val di Noto, das Südoststück. Wenn man 
nun, wie es geschehen ist, den Sizilianem einreden wollte, 
dass das Val in diesen Bezeichnungen nicht mit Valle iden- 
tisch sei, weil die drei Distrikte gar nicht auf natür- 
lichen Abteilungen beruhen, dass vielmehr das arabische 
WaU, Statthalter, darin stecke, so würden sie sich bass ver- 
wundem — und am Ende mit Recht verwundem. Mazzara, 
Demona und Noto sind nicht bloss Stadtnamen, sondern 
auch Flussnamen, und es wäre in der That auffällig, wenn 
eine so vollkommen adäquate und noch dazu so gewöhn- 
liche Bezeichnung für Landschaften einmal eine andere, 
arabische Quelle haben sollte, auch wenn sich gar keine 
Gründe ftir die Wahl der Thäler auftreiben Hessen. Hei! 
Dass am Ende auch im Veltlin ein Waii sitzt? — Das kommt 
mir doch nicht viel besser vor als wenn man den Namen 
der Stadt Ulm aus 7. L[egionisJ. M[ansio], Standquartier der 
fünften Legion, erklären will. Das natürliche Geftlhl sag^ 
doch häufig das Richtige. Wird es durch reale Kenntnisse 
unterstützt und nach den Regeln der Kunst geleitet, so 
lässt sich alles hoffen. 



248 — 



5. Das Abece der Wortdeutekunst. 

Der Wortdeuter soll gleichsam ein Physiognom sein, der sich in Gesichtern 
auskennt — er will wissen, ob identische Begriffe durch identische Laute 
ausgedruckt worden sind — alle Etymologie ist ein Selbigkeitsnachweis, der 
geführt wird — Normalbeispiel: SmorgÄs, das schwedische Butterbrot, eigent- 
lieh Buttergans, schöner Fall gleichzeitiger Übereinstimmung in Begriff und 
Laut — noch ein paar Normalbeispiele — häufiger ist eine einseitige Identität, 
die den Schein eines Zusammenhangs hervorbringt, aber nicht genügt — 
Beispiele von Gleichklang ohne Gleichbedeutung und von Gleichbedeutung 
ohne Gleichklang — Ähnlichkeit in Lauten und Begriffen: sie hilft mchts, 
die Übereinstimmung muss eine absolute sein — vielleicht aber hat Ursprung- 
lieh eine Übereinstimmung bestanden und ist nachgerade verwischt worden 
— der Wortdeuter muss also auf den ältesten erreichbaren Lautbestand und 
den Grundbegriff zurückgehn, die Geschichte der Laute und der Bedeutungen 
studieren — die wichtige Rolle, welche der Zufall auch in dieser Geschichte 
spielt — spasshaftes Zusammentreffen, Gleichklänge und Anklänge innerhalb 
einer und derselben Sprache und von Sprache zu Sprache, Resultate von 
Prozessen, die sich der Berechnung des Laien entziehn — der Trug des 
Gleichklangs: auf ihn sind die meisten Fehler zurückzuführen, die von den 
Wortdeutem begangen werden — dass gleichbedeutende, aber äusserlich 
verschiedne Worte für selbig erachtet werden, kommt ebenfalls vor: Manage, 
der das lateinische Equus und das spanische Alfana vergleicht — aber der 

Lautwandel hat seine bestimmten Grenzen und der Grundsatz, dass die be- 

•• 

griffliche Übereinstimmung für den Zusammenhang zweier Worte beweisend 
sei, ist ebenso falsch wie der, dass die lautliche Übereinstimmung etwas 
beweise — warum gibt es überhaupt verschiedne Sprachen? — 

Wortdeutung, keine Wortdeuterei! Wortkunde, wie 
Sternkunde und Himmelskunde! Der Wortdeuter soll sein 
wie Joseph, der Pharaos Träume richtig auslegt und zu dem 
der König spricht: weil dir Gott solches alles hat kund 
gethan, ist keiner so verständig und weise als du — er soll 
sein wie ödipus, der das Rätsel der Sphinx löst und zum 
Lohn die Hand der Königin erhält — er soll den Worten 
ins Herz sehen, wie der Physiognomiker Philemon dem 
Porträt des Hippokrates: die Geschichte seines Lebens, 
seine Seele, seine Art liegt vor ihm aufgeschlagen wie ein 
Buch. Verweilen wir einen Augenblick bei diesem letzten 
Vorbild des angehenden Etymologen — in der That hätten 



— 249 — 

die Alten nur an die Physiognomik zu denken brauchen,^ 
um auf die richtige Spur zu kommen und sich die Regebi, 
nach denen ein gegebenes Wort auf seinen Ursprung zu- 
rückzufuhren ist, naturgemäss abzuleiten. Man kann die 
Worte mit Menschen vergleichen: wie diese aus Leib und 
Seele, so bestehen sie aus Lauten und Begriffen. Der 
Lautkomplex ist gleichsam der Körper, dem eine bestimmte 
Bedeutung, gleich einem Geiste, innewohnt. Aber Leib und 
Seele bestehen nicht blos nebeneinander, wie zwei ge- 
trennte Wesen: sie sind abhängig von einander, und zwar 
wird der Leib als ein Abbild der Seele aufgefasst, als eine 
Art Porträtstatue des Geistes, die er sich gleichsam von 
innen heraus gestaltet: animi imago vultus est, sagt Cicero. 
So sind auch die menschlichen Worte ursprünglich Bilder 
der in ihnen steckenden Bedeutung und, wie ein grie- 
chischer Philosoph sagt, Tonbilder oder Lautbilder {äydXfiaTa 
(punfrjevTo). Wenn zwei Bilder Ähnlichkeit untereinander 
haben, so wird der Schluss erlaubt sein, dass ihnen ein 
und dasselbe Origined zu Grunde gelegen hat. Umgekehrt, 
wenn ein und dasselbe Konterfei zweimal hintereinander 
abgenommen wird, so wird man glauben dürfen, dass die 
Bilder ähnlich ausfallen werden. Nun, der Etymolog sucht 
nichts anderes, als zwei solche gleiche Bilder. 

Mit anderen Worten: wenn zwei Vokabeln etymo- 
logisch zusammenhängen, so heisst das, dass zwei iden- 
tische Begriffe durch identische Laute ausgedrückt 
worden sind — der Etymolog will wissen, ob zwei ver- 
schiedene Worte in der Vorstellung des Volkes identisch 
gewesen sind — unter Identität versteht er hier nicht nur 
die eigentliche strikte Gleichheit, sondern auch das Ver- 
hältnis, dass eins vom andern abgeleitet, eins in dem an- 
dern enthalten ist, den logischen Zusammenhang und die 
begriffliche Verwandtschaft überhaupt. Um etwas Apartes 
und eine Deutung anzuführen, welche so recht zeigt, wie 
vielfältige Kenntnisse ziu: Etymologie gehören, will ich ein 
Rätsel hersetzen, dessen Lösung, durch einen Hamburger 



— 250 — 

Gelehrten herausgefordert, mir selbst unlängst viel Ver- 
gnügen bereitet hat. In Schweden nennt man ein Butter- 
brot, demnächst das belegte Butterbrot, welches nach der 
Landessitte vor der Mahlzeit am Smörgäsbord oder (weil man 
zwei Schnäpse dazutrinkt) am Bränvinsbord stehend ein- 
genommen zu werden pflegt: Smörgäs. Smör, unser Schmer, 
was man schmiert, ist das Wort, welches in den skandi- 
navischen Ländern allgemein für das Fremdwort Butter gilt; 
gas unser Oans, englisch Ghose. Smörgas bedeutet also wört- 
lich: Buttergans. Da lieget nun der Hase im Pfeffer; was 
soll die Gans bedeuten? Ist es etwa gar keine Gans und 
gas ein ganz anderes Wort, das nur zufällig anklingt, aber 
eine verschiedene Quelle hat? — Ein schwedischer Lexiko- 
gpraph, Joh. Ernst Rietz, sagt: gis sei ein Stück Butter in 
gewisser Form gewesen; auch bei uns machen ja die Bauern, 
besonders wenn es ein Präsent gilt, Schäfchen oder Röss- 
lein von Butter — warum hätten sie nicht auch einmal 
Buttergänse machen sollen? — Aber ein Näpfchen Butter 
wäre immer noch kein Butterbrot. Allerhand wird in den 
grossen Wörterbüchern über die Gans vorgebracht, man 
lernt daraus, dass das Wort auch ein ganz gewöhnlicher 
Ausdruck für das männliche Glied und die weibliche Scham 
gewesen ist, indem ersteres, aufgerichtet, mit einem Gänse- 
hals, man denke an den Geierhals des Martial (ix, 27, 2>- 
letztere mit einem Gänsebraten verglichen wurde, man 
erinnere sich, wie die Franzosen die kleine, vorläufige 
Gunst, welche ein Mädchen dem Manne gewährt, als Oänse- 
klein, Fetite-Oie bezeichnen — aber die schwedische Butter- 
gans bleibt darüber so rätselhaft wie zuvor. Nun, ein 
Kranker, dem nicht geholfen wird, wendet sich wohl auch 
einmal an einen ausländischen Wunderdoktor, und so sieht 
der Etymolog wohl auch einmal in Schmellers Bayerischem 
Wörterbuche nach, ob sich etwa ein Anhalt findet, das 
Smörgäs zu erklären. Da liest er denn, dass man auch in 
Straubing den Ausdruck geschwollene Gans, anderwärts den 
Ausdruck gescharne Oans für etwas Gebacknes hat: „eine 



— 251 — 

oder mehrere eingekerbte gfanze Semmeln, Semmel-Hälften 
oder Vierteile in einer Wassersuppe, mit kleingeschnittenen, 
in Schmalz gerösteten Zwiebeln Übergossen". Dabei erin- 
nert er sich, dass er solche geröstete Semmelbröckchen oft 
genug selbst in Leipzig oder Berlin zu verschiedenen Suppen, 
z. B. zur Erbsensuppe, bekommen hat. Auf einmal ist ihm 
alles klar. 

Die Gans ist nicht die Butter, sondern das Brot. Offen- 
bar werden diese gelben, in der Suppe schwimmenden 
Semmelstückchen von den poetischen Frauen mit Gänschen 
verglichen, die auf dem Wasser schwimmen, wozu sich zahl- 
lose Analogien aus der Küchensprache bieten: in Weimar 
wird ein hohles Brötchen von Schwarzbrotteig, das man in 
Bier thut, Frosch, in Sachsen deutscher Käse: Truthahn, in 
Frankreich die vordere Hälfte einer gebratnen Taube (die man 
in diesem Lande nicht der Länge, sondern der Breite nach 
zerschneidet) der Flügel wegen Seraphim genannt, und was 
dergleichen mehr. Nun muss man wissen, dass alle Butter 
ursprünglich wie Olivenöl, in fast flüssigem Zustande ver- 
braucht worden ist. Nicht dass sie erst zerlassen worden 
wäre, um sie auf den Tisch zu bringen, wie dstö bei den 
Arabern geschieht, die ihren Gästen Brot mit geschmol- 
zener Butter vorzusetzen pflegen: man verstand in der 
ältesten Zeit noch nicht, die Butter fest und konsistent zu 
machen, sodass sie gar nicht zerlassen zu werden brauchte. 
Die alten Griechen und Römer butterten anfänglich über- 
haupt nicht — jene bezogen ihre Butter aus Russland, 
diese aus Deutschland; und auch nachdem sie es gelernt 
hatten, bereiteten sie doch nur flüssige Butter, an allen 
Stellen, wo das Wort Butyrumy Bovtvqov vorkommt, wird 
davon als von einer Sache gesprochen, die man aus einem 
Gefäss ins andere giessen kann. Es ist also der Schluss 
erlaubt, dass die Nationen, von denen die Alten buttern 
gelernt hatten, die Scythen einerseits und die Germanen 
anderseits, ebenfalls nur flüssige Butter kannten. Noch 
heute hat man in Griechenland keine andere Butter als 



— 262 — 

weisse Schafbutter, die etwas ölig ist; Kuhbutter wird wie 
in Äg3^ten, wo es nur die grünliche BüfFelkuhbutter gibt, 
aus Italien oder England eingeführt. 

Unsere Vorfahren werden also Brotschnitten in Butter 
getaucht und in Butter schwimmen gelassen und dieselben 
dann Oans genannt haben, wie die Bayern; worauf das 
Bild festgehalten und auch dann noch angewendet ward^ 
als die Butter ihre heutige Art und die Buttergans längst 
die Gestalt eines gewöhnlichen Butterbrots angenommen 
hatte. An dem schwedischen Smörgäsbard können wir uns 
in solche patriarchalische Erinnerungen vertiefen und unsem 
nordischen Stammesbrüdern far die Gelegenheit danken, 
eine gute Etymologie zu machen: Skolf — 

Vielleicht gelingt uns noch die eine oder andere. Die 
Hirse hiess auf lateinisch Milium, und die Alten nahmen 
an, dass das Wort mit Mille, tausend, zusammenhänge, 
indem hier die Menge und die Kleinheit der Hirsekömlein 
den entscheidenden Eindruck mache, welche uns so vor- 
kommen, als müssten ihrer tausend sein; dass Müium gleich- 
sam ein tausendweise vorhandenes, ein Tausendkom be- 
deute. Im Griechischen Meklvrj. Der BegrifFsübergang hat 
etwas Ansprechendes, lautliche Schwierigkeiten sind nicht 
da, das Wort (mit Victor Hehn) als Honigfrucht, als süsse 
Frucht der Ähren, als milde Pflanzennahrung im Gegensatz 
zur blutigen Fleischnahrung der Nomaden zu deuten, er- 
scheint deshalb unstatthaft, weil wichtige Brotfrüchte von 
den Völkern nicht bildlich bezeichnet zu werden pflegen, 
wenn Homer den Weizen fX€liq)QU)v oder ^slirjdi^g, honig- 
hüss, nennt, so ist der Schritt doch weit — trotzdem hat 
die Tausendfrucht das Ansehn einer etymologischen Spie- 
lerei. Legt's zu dem Übrigen. Schon mit besserem Rechte 
könnte man den . Miles gloriosus (auf Inschriften MEILES, 
wie MEILIA für MILIA) gleichsam als den Tausendmann 
betrachten, denn jede Tribus hatte anfänglich tausend 
Mann zu stellen, analog spricht man von Eundertmännern 
(Centumviri, franz. Cent-gardes) auch im Singular. Corssen 



— 253 — 

leitet beide Mües und Müle von der Wurzel MIL, im Sans- 
krit versammeln, ab. Ganz wahrscheinlich ist vollends die 
Verwandtschaft des lateinischen Müle mit dem griechischen 
MvQtoi, welches ursprünglich „viel", nachher aber „zehn- 
tausend" bedeutete. Bis Hundert einschliesslich sind die Zahl- 
wörter in der ganzen indogermanischen Familie dieselben; 
von Tausend ab hört die Übereinstimmung auf oder wird 
zum wenigsten zweifelhaft. 

Über das romanische Lehnwort Soldat, eine Dublette zu 
Soldner, hat schon Wallenstein eine Etymologie gemacht. 
Sein Sold, sagt der wackere Wortdeuter, 

tnuss dem Soldaten werden; darnach heisst er. 

Wir sahen oben, dass unser Teller keineswegs dazu da 
ist um gedreht zu werden, sondern ein Gerät vorstellt, worauf 
man schneidet — bei den Mahlzeiten unserer Vorfahren 
(bis zum XII. Jahrhundert) gab es überhaupt nur Einen 
Teller, den Vorlegeteller, auf dem die Speisen aufgetragen 
wurden: die Tischgenossen erhielten ihr Teil auf eine Brot- 
schnitte gelegt, die sie aufessen konnten wie die Trojaner 
(Äneide VH, ii6) ihre Tische und der Freiherr von Kyau 
seinen Suppenlöffel; und dass Teller ein abscheuliches Fremd- 
wort ist wie TaiUeur für Schneider. Nun, das italienische 
Taglia, das französische Taille hat, wie Diez sag^, sein un- 
antastbares Etymon in dem lateinischen Talea, welches einen 
Abschnitt, besonders ein abgeschnittenes Reis bezeichnete 
und woraus schon die römischen Bauern das zusammen- 
gesetzte Verbum intertaUare oder intertaliare fiir das Be- 
schneiden der Obstbäume und des Weinstocks gebildet 
hatten. TatUe, ein sehr allgemeiner Begriff, ist bekanntlich 
auch soviel wie der Schnitt eines Kleides und wie der 
Goldene Schnitt, nach welchem der menschliche Körper 
eingeteilt ist, daher überhaupt soviel wie der Wuchs, spe- 
ziell (da der Einteilungspunkt in die Gegend der Rippen- 
grenze fällt) der von den Hüften bis zur Brust. Endlich 
bedeutete Taille unter der alten Monarchie die Steuer, und 
zwar weil sie, wie sich der holländische Philolog Gerhard 



— 254 — 

Joh, Voss (de Vitiis sermanis et glossematis latino-harharis, Lei- 
den 1640) ausdrückt, von dem Vermögen der Bürger, d. h. 
derjenigen Personen, die nicht adelig und nicht geistlich 
und nicht steuerfrei waren, gleichsam geschnitten ward; 
wahrscheinlicher indessen, weil den steuerpflichtigen Per- 
sonen die Schuld nach alter Rechenmethode auf einem 
Stäbchen eingeschnitten, wie es heisst, aufs Kerbholz ge- 
schnitten wurde. Man hat das Diezsche Etymon wirklich 
angetastet, zum Beispiel TatUe, Steuer, von den übrigen 
Bedeutungen des Worts ganz trennen und auf das latei- 
nische TcUia, solches, dergleichen, den Plural von Tale, Neu- 
trum des Adjectivum talis (wovon Tälion, Jus Talionis) 
zurückgehn wollen, indem in den Akten Leihgelder oft 
unter der Rubrik His Tälia oder Alia Talia aufgeführt wor- 
den wären, was an Schmellers Etymologie von Fidiim 
(Seite 228) erinnert — man hat auch das mittellateinische 
Tacus, Taxe, diminutiv Tacula, als Kandidat empfohlen — 
ich wundere mich, dass niemand an das griechische Tiloq, 
Zoll, gedacht hat, welches in Athen dem römischen Census 
genau entsprach. Immerhin dürfte die Stellung des alt- 
lateinischen Talea, selbst für die spezielle Bedeutung: Steuer, 
nicht erschüttert worden und unsere Etymologie von TeUer 
ebenso sicher sein, wie dass — um nur noch ein paar alte 
lateinische Lehnwörter anzuführen — der Spiegel von Specvilumj 
die Mauer von Murus, der Pfosten von Postis, der Ziegel von 
Tegula, der Speicher von Spicarium, Kornboden, der KeUer 
von Cellarium, das Ifund von Pondus, die Pfütze von Pideus, 
Letze von Lectio, dichten von dictare, segnen von signare, mit 
dem Kreuz bezeichnen, Segen von Signum, Kreuzeszeichen, 
kommt Freilich, so gut wie hier hat es der Wortdeuter 
selten; dann wäre seine Kunst am Ende nicht so gross. 

Es ist eben selten, dass alles klappt, ich meine, dass 
die Identität in die Augen springt und dass sich Laute und 
Begriffe völlig decken. Ausserlich und innerlich verschie- 
dene Ausdrücke, sagen wir, um bei unserem Normalbeispiel 
zu bleiben: Buttergans und Fetthenne (Mauerpfeffer, Sedum) 



— 255 — 

wird ja nur ein ausgemachter Narr zusammenstellen wollen: 
aber häufig ist eine einseitige Identität, die den Schein 
eines Zusammenhangs hervorbringt. Wenn zwei Worte 
dasselbe bedeuten, aber verschieden klingen, wie zum Bei- 
spiel Schmer und Butter; oder wenn sie gleich klingen, aber 
nicht dasselbe bedeuten, wie zum Beispiel das nordische 
Gas, Gans und Oas, soviel wie Luftart. Man hat bekannt- 
lich auch Fettgas, Leuchtgas, das aus Fettabfällen bereitet 
ist Es liegt in der Natur der Sache, dass eine solche 
einseitige Gleichheit nicht genügt, sondern cdlein die gleich- 
zeitige Übereinstimmung in Begriff und Laut eine Garantie 
fiiir den Zusammenhang gewährt. Und zwar muss die Über- 
einstimmung eine absolute sein; die geringste Abweichung 
nach der einen oder der anderen Seite hin hebt, wenn sie 
nicht erklärt werden kann, den Zusammenhang ebenso 
sicher au£ wie der gröbste Unterschied. 

Brunft und Brunst sind gewiss höchst ähnliche Worte 
unserer Sprache. Unter Brunft versteht der Weidmann die 
Geilheit des Hoch-, Reh- und Schwarzwildes zur Zeit der 
Begattung; Brunst ist die Äusserung des Geschlechtstriebs 
bei weiblichen Tieren, wobei die Geschlechtsteile anschwel- 
len und gleichsam entzündet werden. Beide Begriffe trennt 
ein einziger, unscheinbarer Laut: er genügt dem Wortdeuter 
die dauernde Scheidung von Tisch und Bett zu fordern. 
Brunft kommt, schon Lessing hat das erkannt, von hrumnven, 
althochdeutsch hreman (das auch brüllen bedeutete), wie 
Kunft von kwnmen, Zunft von ziemen, Vernunft von vernehmen; 
Brunst dagegen von brennen, wie Kunst von können, Ounst 
von gönnen. Dieselbe Scheidung muss er bei tauchen und 
taufen aussprechen, so leid ihm das auch thut — bei dem 
französischen Critin, Trottel (angeblich aus Chretien, Christ) 
und dem französischen Oredin, Bettler (Seite 199) und bei 
so vielen andern Pärchen, um die es ordentlich schade ist, 
denn sie würden so gut zueinander passen. 

Aber das Gesetz muss mit aller Strenge gehandhabt 
werden, das sieht unser Etymolog wohl ein: was nicht 



— 256 — 

vollkommen kongruent ist, darf er nicht zusammengeben, 
so gehört sichs. Dennoch zeigt ihm die tragische Geschichte, 
der wir die erste Hälfte unseres Buches gewidmet haben, 
mitsamt ihren Katastrophen und den krassen, in derselben 
zu Tage getretenen Übelständen, den besten Weg, das 
<jrundgesetz aller Wortdeutung erfolgreich zu umgehen 
und wie der kluge Odysseus zwischen der Scylla des Miss- 
klangs und der Charybdis des Widerspruchs gemächlich 
durchzusteuem. Sowohl die Begriffe als auch die I^ute 
unterliegen im Laufe der Zeit den unerhörtesten Modifika- 
tionen, wenn die Worte gleichsam Bilder darstellen, die 
der Physiognom auf ihre Seele zu prüfen hat, so muss 
man sagen, dass sie physisch und moralisch herabgekom- 
men und oft bis zur Unkenntlichkeit entstellt sind, etwa 
wie der Trunkenbold, dessen beklagenswerte Entwickelung 
die verrotteten Mässigkeitsvereine den Engländern in herz- 
brechenden Gemälden vor Augen stellen oder wie das 
menschliche Leben selbst, dessen Stufenjahre auf der Wart- 
burg und in der Bergkirche zu St. Annen in Tieren dar- 
gestellt sind — zehen Jahr ein Kitz, zwanzig Jahr ein KMt 
dreissig Jahr ein Stier, vierzig Jahr ein Low und so fort bis 
zum Hunde und zum Esel und zur Gans herab. Braucht 
es denn noch einmal Beispiele? — Und doch, man kann 
ihrer nicht genug erbringen, damit die Menschen nur ein- 
sehn, wie sie sprechen, was sie eigentlich für schlechte 
Musikanten und für unzuverlässige Leute sind. Noch ein- 
mal sattelt mir den Hippogryphen, ihr Musen, wenigstens 
zu einem kurzen Rekogiloscierungsritte! — Also die fran- 
zösischen Hugenotten sollen von Haus aus Eidgenossen gewesen 
sein. Also die Göttin der Morgenröte, die ursprünglich 
Arnos hiess, ist in Griechenland zu einer Eos, in Italien zu 
einer Aurora geworden, beide Namen stimmen (Seite 91) 
lautlich überein. Antimon, der Spiessglanzkönig, ist, wie 
Littr6 nachweist, im Latein der Alchimisten aus dem ara- 
bischen Athmud hervorgegangen; die ursprüngliche Form 
des arabischen Wortes war Ithmid, welches wiederum ohne 



— 257 — 

allen Zweifel von dem griechischen Sri^^u oder Irißt abzu- 
leiten ist; sodass sich die Kongruenz von Äntimonium und 
SHbium ergibt, was doch gar niemand für möglich halten 
sollte (Seite 52). Fast noch merkwürdiger, noch überraschen- 
der sind gewisse begriffliche Metamorphosen. Der Begriff 
einer Wage, eines Pfundes und einer Geldsumme verwan- 
delt sich zufolge der evangelischen Parabel (Matthai xxv, 
14—18) in den des TaUntSy der Begriff eines Sackes verwan- 
delt sich (ü Sacco di Roma A. D. 1527) durch Metonymie in 
den der Plünderung, der Begriff der Eifersucht durch Me- 
tonymie in den einer Jalousie, der Begriff einer Weinrebe 
(lat Yüis) in den einer Wendeltreppe und einer Schraube 
(fr. Vis), der Begriff eines Schmetterlings (lat. Papüio) in den 
eines Zeltes und einer Flagge (fr. PaviUon, it. Padiglione, 
sp. Pabdlan)y der Begriff eines Unterrockes (unter Vermit- 
telung eines Liedchens CotiUon, nach dessen Melodie man 
tanzte) in den des KotiUons, Dass BaU zugleich Spiel und 
Tanz bedeuten kann, kommt daher, dass im Mittelalter wie 
bei den alten Griechen zum Ballschlagen gesungen und 
getanzt ward. Ha! Ist es nicht am Ende schon bemer- 
kenswert, worüber man hinwegsieht — dass unser Nagel 
jenachdem ein Fingernagel oder ein eiserner Nagel sein darf? 
Dass der Begriff des Krampfes {Spasmus) in Italien den der 
Verliebtheit (Spasimar d'amore; Lettore hai spasimato? — ^0 — 
Quesfo libro non i per te, läppisches Motto der Margherita 
Pusteria von Cesare Cantu), in Frankreich den der Ohnmacht 
(pämer, Pämoisan) ergeben hat? Dass das französische Envie, 
lat Indivia, vom Neide zur Lust oder zum Wunsche über- 
gegangen ist, während das deutsche Wunsch ursprünglich 
nicht den Willen etwas hervorzubringen, sondern die Krafl 
dazu ausdrückte, daher auch ein Beiname des allmächtigen 
Odin war, der noch in dem skandinavischen Namen Oskar 
nachklingt? — Das lateinische emere hiess eigentlich: neh- 
men, ein Sinn, der noch den meisten Kompositis {adimere, 
mmere, sumere, demere) anhaifitet; aus demselben entwickelte 
sich der des Kaufens, wie auch wir am Schalter eine Fähr- 

Kleiupaal, Etym. 17 



— 258 - 

karte nehmen, französisch: prendre un hiUet de chemin de fer. 
Wie merkwürdig doch, dass die entgegenstellende Kon- 
junktion aber im Deutschen aus dem Adverbium aber, aber- 
mals, das eine Wiederholung anzeigt, wie tütder aus toieder 
erwachsen ist, während sie im Französischen (mais) aus 
moffis, mehr, und im Latein (sed) aus dem Ablativ des Re- 
flexivpronomens: se-d, durch sich selbst, fiir sich betrachtet, 
aUein, oder aus dem affirmativen vero, allerdings! hervor- 
gegangen war! Die Worte erhalten mit der Zeit geradezu 
eine andere Fignr durch diese Metamorphose, im eigent- 
lichen Sinne, als wäre Antiphrasis geschehn. Wir erwähnten 
vorhin (Seite 22^), dass eine Krücke von Haus aus ein 
Krummstab gleich dem Pedum Episcopale war; so war 
eine Fensterscheibe ursprünglich rund wie eine Butzenscheibe, 
denn eine Scheibe ist immer rund wie der Kantsche Teller 
oder wie ein Diskus oder wie ein Rad, das man rollen und 
Scheiben kann; wenn daher der leipziger Buchhändler Hein- 
sius A. D. 1782 den Rat bat, ihm doch in seine Wohnung 
neben der alten Nikolaischule statt der kleinen runden Scheiben: 
Tafelscheiben machen zu lassen, so musste ihn der Rat gross 
ansehn. 

Ist nicht die Zusammenstellung des französischen Wor- 
tes Sanglier, Wildschwein, mit dem lateinischen singularis 
recht Singular? — Die groben Schweine leben bekanntlich 
als Einsiedler für sich, und daher bekamen sie bei den 
Römern den Namen Parcus singularis, wie wir sagen: der 
Einsiedlerkrebs, der Ausdruck vergleicht sich also den auf 
Seite 181 angeführten Weglassungen. Ist nicht der drei- 
fache Zusammenhang zwischen Byrsa, Tierhaut, Börse, Geld- 
beutel und Gebäude, und Bursche, altes Haus, recht bur- 
schikos? Und doch wird er durch zahlreiche Analogien, 
durch die Worte Frauenzimm^, Kamerad und andere gestützt: 
erst die Wohnung, das Zimmer und das Haus; dann die 
Gesamtheit derer, die an dem Orte wohnen und die Ka- 
meradschaft, la Camerata, bilden; endlich das einzelne Indi- 
viduum, welches dieser Kameradschaft angehört. Vergleiche 



— 259 — 

die Metonymien von Seite 213. In den romanischen Spra- 
chen gibt es ein griechisches Wort, dessen merkwürdiges 
Schicksal geradezu ein Ansehn von Tollheit, um mich ita- 
lienisch auszudrücken, Gera di pazzo, di stravagante hat: das 
ist eben das Wort Gera, französisch Ghere. Es kommt von 
dem griechischen Kaga, Haupt, wurde zum erstenmal im 
VI. Jahrhundert n. C. von dem afrikanischen Gelehrten 
Corippus in dem Panegyrikus gebraucht, den er auf den 
oströmischen Kaiser Justinus II. (565/578) gedichtet hatte, 
und zwar in den beiden Hexameterhälften: 

postquam venere verendam 
Caesaris ante caram (II, 412 ff.). 

Hier bedeutet es also Antlitz, als woraus sich nachein- 
ander folgende Bedeutungen entfalteten: Miene, freundliche 
Miene, freundliche Aufnahme, gute Bewirtung, Mahlzeit. 
Lo accölse con lieta cera, — Tant pour la bonne cherey tant pour 
le cauvert et les autres menus frais (bei der Zeche in einer fran- 
zösischen Schenke). — Äimer la honne chere, faire honiie chere, 
it far hwma cera, wie wir sagen: gute Küche. Was sollen 
wir zu einem derartigen Wechsel sagen? N<ms ne savons 
queUe chere lui faire. 

Summa Summarum: es lässt sich denken, dass nach- 
träglich ein Unterschied hervorgetreten ist, wo ursprünglich 
völlige Gleichheit herrschte; imd dass allerdings zwei Worte, 
welche nur dem Laute oder nur dem Begriffe nach über- 
einstimmen, etymologisch zusammenhängen, die Überein- 
stimmung kann ja ursprünglich auch begrifflich, auch laut- 
lich bestanden haben und nur nachgerade verwischt worden 
siein. Umgekehrt ereignet es sich auch, dass zwei von Haus 
aus grundverschiedne Worte im Laufe der Zeit, infolge 
derselben Modifikationen, sei es dem Laute, sei es dem 
Begriffe nach, einander ähnlich werden und dass sich die 
Ungleichheit verwischt: in diesem Falle entsteht wieder der 
Schein eines partiellen Zusammenhangs und die Lust, den- 
selben mit Hilfe kühner Kombinationen vollständig zu 

machen. Das sind die gefährlichen Klippen der Wortdeute- 

17* 



— 260 — 

kunst — die geistreichsten Vermutungen ohne erbrachten 
Selbigkeitsnachweis haben gar kernen Wert — der Nach- 
weis scheint so leicht zu führen und wird doch oft so schwer. 
Am gefährlichsten ist es, wenn zwei Worte sowohl 
den Lauten, als auch den Begriffen nach ähnlich zu sein 
scheinen — dann, o vorsichtiger Wortdeuter, verdoppele 
Deine Vorsicht, nimm alle Erfahrung und alle Kunst zu- 
sammen, incidis in ScyUam cupietis vüare Charyhdim! — Unter 
den Fahrrädern, welche gegenwärtig unsere Strassen und 
Landstrassen so angenehm beleben und die Physiognomie 
derselben gänzlich verändert haben, ist keins bekannter als 
das Zweirad, das für Sportzwecke hauptsächlich in Betracht 
kommt, gewöhnlich mit seinem englischen Namen: Bicycle 
bezeichnet Wer hätte noch kein Bicycle gesehn? Wer ge- 
hörte nicht einem Bicycle-Klub an oder wäre nicht wenig- 
stens einmal bewundernder Zeuge ^ines Kampfes um die 
Meisterschaft auf dem Bicycle gewesen? — Ich glaube nicht 
der Einzige zu sein, dem bei diesem modernen Ausdruck 
das französische Wort Besicles für Brille eingefallen ist; und 
vielleicht stehe ich wiederum mit der Vermutung nicht 
allein, dass zwischen den beiden Worten Bicycle und BesicU 
ein etymologischer Zusammenhang existieren möge. Die 
Vermutung scheint sich sogar aufe schönste zu bestätigen. 
Die Ableitung des englischen Wortes von his, zweimal, und 
Cyklus leuchtet ein; Besicle wurde dagegen längst aus his 
und Circultis (auch aus Ms und Ocülus) erklärt. Je me rejouis, 
schreibt Vincent Voiture (XVII. Jahrhundert) in einem seiner 
Briefe, de ce que vous tächez de rencontrer a%LX etymologies; vous 
avez quasi trouve celle des Besicles; et cela n^est pas mal pour un 
commencement; mais il vient de Bi/ni Circuli» Ich frage: 
könnte es wohl einen verführerischeren Fall geben? Bis und 
Bis, Bis Bis, Cyklm und Circtdus? — Das griechische Kv-xk-og 
und das lateinische dr-curs sind noch dazu verwandt. Den- 
noch hat das Bicycle mit den Besicles nichts zu schaffen, 
denn die Etymologie von Voiture ist irrig. Besicle lautete 
früher (Seite 92) Bericle und letzteres war nachweislich eine 



— 261 — 

Nebenform von Biryl. Der durchscheinende Beryll wurde im 
Mittelalter, namentlich gegen Ende des XV. Jahrhunderts 
in Nürnberg, wie Glas behandelt und geschliffen und zur 
Herstellung von Brillen benutzt: das deutsche Brille rührt 
selbst von dem Namen dieses Minerales her, welches ge- 
pulvert sogar Augenkranken eingegeben wurde. Schon 
der Kaiser Nero soll (nach Plinius) im Amphitheater einen 
geschliffenen Smaragd benutzt haben, um die Gladiatoren 
besser zu sehn, ja, im Britischen Museum wird eine Linse 
aus Bergkrystall aufbewahrt, die in den Ruinen von Ninive 
gefunden worden und angeblich ein optisches Werkzeug 
gewesen ist. Für den eigentlichen Erfinder der Brille gilt 
jedoch ein gewisser Salvino Armato, der A. D. 13 17 zu 
Florenz gestorben ist. Jedenfalls fanden sich .seit dieser Zeit 
in allen grösseren Städten Europas Brillenschleifer ein. 
Also; sieh Dir die Sache recht genau an und setze lieber 
Deinen Beryllus auf, lieber Voiture, ehe Du Binos Oirculos 
beschreibst! Das vermag nur der Bicyclist und mit welcher 
Grazie thut er's nicht. All Heil! — 

Wer sollte nicht das deutsche haben und das lateinische 
habere für dieselben Worte halten, wenn es auch mit der 
Lautverschiebung hapert, indem (vergleiche Seite 81) ger- 
manisches H vielmehr lateinischem C, also haben etwa capere 
entsprechen müsste? Wer nicht gern das lateinische Lex 
und das englische Law, schwedisch Lag, zusammenbringen, 
weil sie nicht nur ähnlich klingen, sondern auch beide: 
Gesetz bedeuten? — Sie haben dennoch nichts miteinander 
gemein, die Lex ist das gelesene oder geschriebene Gesetz 
im Gegensatz zu dem Mos, das heisst dem Gewohnheits- 
recht, sozusagen die Lektüre, ein Begriff wie Thora, Haggada 
und Alkoran (Seite 113); das englische Law dagegen das 
Niedergelegte, das Festgesetzte, das Statut (zu lay, legen). 
Wer nicht einigermassen verblüfft sein, wenn er hört, dass 
das lateinische Carmen, Gedicht, und das lateinische canere, 
smgen, das englische Bird, Vogel, und unser brüten, englisch 
to breed etymologisch einander gar nichts angehn? — Hier 



— 262 — 

glaubte er schon den Sack bei allen vier Zipfeln zu haben. 
Die Wissenschaft ist streng und unbarmherzig, sie trennt 
die Laute und wenn sie wie Kletten aneinanderhängen, wie 
zum Beispiel im Spanischen das CH unwiderruflich vom C 
getrennt wird oder wie kein germanisches H im Anlaut 
lateinischem H entsprechen darf, sie lässt sich nicht er- 
bitten; aber das natürliche GefEÜil können wir kaimi be- 
meistem, dass wo Form und Inhalt identisch ist, wo sich 
die Gesichter decken und die Seelen korrespondieren, dann 
auf etymologische Verwandtschaft zu erkennen sei. 

Ist die Ähnlichkeit blos auf Seiten der Laute, so sollte 
den Wortdeuter eben das schon stutzig machen. Immerhin 
lauscht er noch wie verzückt auf die herzbethörende Sirene 
des Gleichklangs. Da die doppelte Identität überhaupt selten 
vorkommt, dagegen bei der ewigen Kombination und Per- 
mutation, welcher die paar menschlichen Laute im Munde der 
Völker unterworfen sind, mehr oder minder vollkommene 
Homonymien ungemein häufig entstehen müssen, die Bedeu- 
tungen überdies der Divinationsgabe und dem Witz des Ety- 
mologen unendlichen Spielraum lassen: so ist die Deutung 
nach dem Klange gewissermassen als der typische Gang der 
Etymologie (Etymologie im Sinne der Afterwissenschaft, der 
Gelehrtenetymologie und Laienetymologie) anzusehn. Zwei 
Worte sind lautlich gleich; dieser Gleichklang, selbst wenn 
er nicht gross ist, hat etwas Bestechendes — man hält es 
für schier unmöglich, dass diese Zwillinge nicht zusammen- 
gehören sollten. Auf gut Glück deutet man also einen 
Begriff aus dem andern und wenn die Begriffe nicht wollen, 
erzwingt man die logische Harmonie und baut eine Brücke 
über die tiefsten Abgründe hinweg. Hat man schon jemals 
gehört, dass der Bär strahle oder glänze! Hat man über- 
haupt den braunen Petz mit dem zottigen Pelze und den 
kleinen Augen jemals zu Gesicht bekommen? Ist man 
jemals in Bern gewesen? — Es scheint nicht; denn wie 
sollte sonst Adalbert Kuhn auf die unbegreifliche Idee ge- 
kommen sein, das griechische ^'AquTog = '!/4Qxog von der 



— 263 — 

indogermanischen Wurzel ARK, strahlen, abzuleiten und 
die ungeheuerliche Behauptung aufzustellen: da.ss der Bär, 
welcher im Sanskrit Rikshas = Ärksas heisst, nach seinem 
glänzenden Felle benannt worden sei! Max Müller, der 
doch in London Gelegenheit hätte, die Zoologicäl Gardens zu 
besuchen, lässt sich nicht irre machen, sondern wiederholt 
in seinen Vorlesungen (n, 394) das Märchen von den glän- 
zenden Augen und dem glänzend braunen Pelz des Bären, 
will jedoch zunächst das Sternbild des Grossen Bären, wel- 
ches man in Ostindien gerade noch sieht, erglänzen lassen 
und nimmt an, dass das Bärengestim in Indien (!) den 
Namen Ärkas, Strahl, Sonne, bekommen habe, worauf die 
Grriechen aus Missverständnis "^QXTog daraus gemacht und 
ein T eingeschoben hätten, welches "^QXTog dann ins Latei- 
nische {Ursa) und weiter ins Deutsche (Bär) übersetzt wor- 
den sei; das lateinische Wort ist keine blosse Übersetzung, 
denn Ursus steht für Urcsus. KirchhofF und Förstemann 
stellen den armen Petz des Namens "^gurog wegen gar mit 
dem Elen oder Elch (ahd. Elaho) und dieses wieder mit dem 
Hirsch ('Eka(pog) zusammen. Etymologie! Gelehrtenetymo- 
logie! Etymological Gardens! Warum will man es nicht 
bei der einfachen Metapher, bei den Begriffen des Bären, 
des Wagens und der Bahre (Seite 147) bewenden lassen, 
sondern um jeden Preis einen Zusammenhang herausschla- 
gen, der nicht existiert? — Die französische Serviette heisst 
in Italien Salvietta: wir haben dies oben (Seite 88) als Bei- 
spiel des Lambdazismus angeführt. Aber ScUvietta scheint 
einen hübschen Sinn zu geben: die Serviette schützt {scUva) 
unsere guten Sachen, dass wir sie nicht beklecken, sie ist 
eine Art Salvator: weshalb Menage, der Varro des XVII. Jahr- 
hunderts, seine Serviette von dem lateinischen salvare ableiten 
zu sollen glaubt. Etymologie! Gelehrtenetymologie! Die 
Serviette dient und kommt, wie serviäble, von dem falschen 
Stamme servi. Die Franzosen haben das Zeitwort hraquer 
für richten, ils hraquent leurs canons: Diez zieht das Wort 
aus dem Altnordischen, wo hräka brechen, unterwerfen 



— 264 — 

heisst; aber was haben diese beiden Verba mehr gemein 
als die Laute? Was bestimmte die Verfa-sser des Bremer 
Wörterbuchs, den Kerbel, das Cerefolium von den gekerbten 
Blättern herzuleiten, die vielmehr gefiedert sind, wenn es 
nicht der miserable lautliche Gleichklang war? — Und doch 
ist der Grundsatz falsch, dass der lautliche Gleichklang 
irgend etwas beweise — er beweist nicht einmal etwas bei 
Worten einer und derselben Sprache, vollends nichts bei 
Worten verschiedener Sprachen, dsis geht eben daraus her- 
vor, dass sich die Begriffe schlechterdings nicht vereinigen 
lassen und die notwendige Verkettung derselben fehlt 

Wer denkt bei den französischen Hugenotten (Huguenots) 
nicht zunächst an Hugo (Hugues)? — Und doch waren*s Eid- 
genossen {Ignots, Iguenots). Welcher Italienreisende wäre nicht 
einmal in einem Älbergo del Bebecchino eingekehrt und bei 
diesem beliebten Gasthofsnamen mit seiner Phantasie auf 
die Eebekka des Alten Testaments verfallen? — Und doch 
sind das Wirtshäuser wie die zur goldnen Laute, zum alten 
Fiedelbogen, zur Harfe, zum Trompeterschlösschen, denn Bebecchino 
ist eigentlich Ribechino, ein Diminutivum von Ribeca = Bi- 
beba, ein Saiteninstrument, und dies das arabische Ba^äh, die 
arabische Violine, die zwei Saiten, einen Steg von Eisen 
und eine Kokosnussschale als Schallkörper hat und die 
man sich in Kairo genauer betrachten kann. Welcher 
deutsche Tertianer hätte sich nicht den Namen des grie- 
chischen Gottes Pan und den Panischen Schrecken mit den 
guten Alten von rö Uav, das All, abgeleitet und auf seine 
vermeintliche Entdeckung etwas zu gute gethan? . — Er 
wird vielmehr zu dem lateinischen Panis, Brot, und zu pascere, 
weiden, zu stellen sein, Pan ist ja ein Gott der Weiden; 
die Übereinstimmung ist zufällig und deshalb unerheblich, 
gleichgültig, wurstig, nichtssagend und nichtsbedeutend. 

Welch eine Rolle spielt der Zufall in der ganzen Welt- 
geschichte! Die Cantingentia Mundil Ist es nicht seltsam, 
fast wunderbar, dass der Tempel zu Jerusalem im jüdisch- 
römischen Kriege (A. D. 70) durch den Übermut eines 



— 265 — 

Soldaten, gegen die Absicht des Titus und allen seinen 
Bemühungen, Einhalt zu thun, zum Trotz in demselben 
verhängnisvollen Monat und an demselben Tage dieses 
Monats, am 15. Juli (10. Ab) in Flammen aufging, an wel- 
chem der Salomonische Tempel sechs Jahrhunderte früher 
(586 V. C.) durch Nebukadnezar zerstört worden war; ja, 
dass abermals fest an demselben Tage, am 14. Juli (9. Ab) 
A. D. 135 unter Hadrian der jüdische Feldherr Bar-Kochba 
erschlagen ward und die Festung Bether, das letzte Boll- 
werk der Juden, in die Hände der Römer fiel? — Am 
15. Oktober 1820 starb der österreichische Feldmarschall 
Karl Philipp Fürst von Schwarzenberg, auf einer Badereise 
begriffen, im Königshaus am Marktplatz der. Stadt Leipzig, 
bei welcher er in der dreitägigen Völkerschlacht Napoleon I. 
geschlagen hatte. War es nicht wiederum ein eigentüm- 
liches Zusammentreffen der Umstände, die merkwürdigste 
Koinzidenz, dass die Leiche des Fürsten an demselben Tage, 
beinahe in derselben Stunde, auf demselben Wege feierlich 
hinausgetragen wurde, auf welchem er sieben Jahre vorher 
(19. Oktober 1813, i Uhr nachmittags) seinen siegreichen 
Einzug gehalten hatte? — Am 2. September wurde die 
Schlacht bei Actium und die Schlacht bei Sedan geschla- 
gen, am 15. Juni ist Kaiser Friedrich und der Prinz Fried- 
rich Karl, am 5. Mai Friedrich August der Gerechte und 
der erste Napoleon gestorben, am 10. November wurden 
Luther, Schiller und (angeblich) Schamhorst geboren, die 
Schlacht bei Gravelotte fiel auf den Geburtstag des Kaisers 
von Österreich Franz Joseph (18. August), auf den Tag, an 
welchem der erste König von Preussen gekrönt und der 
Schwarze Adlerorden gestiftet worden war, (18. Jannar, wohl 
absichtlich) die Kaiserproklamation und die Gründung des 
Deutschen Reiches — es liesse sich, man muss nur bedenken, 
dass das Jahr blos 365 Tage hat, Unzähliges anführen, viel- 
leicht sogar die eine und die andre Prophezeiung, zum Bei- 
spiel die der Lenormand: der Fürst Poniatowski werde durch 
eine Elster sterben. — Der Zufall hat seine eignen, un- 



— 266 — 



berechenbaren Launen; er spielt auch in der Litteratur, wo 
sich die schönen Seelen finden, und in den Lauten der 
menschlichen Sprache oft geradezu wunderbar, und. doch 
ist dabei eigentlich gar nichts zu verwundem. In der Lit- 
teratur am allerwenigsten, denn wenn man die übereinstim- 
mende Anlage und die gleichmässige Organisation des 
Menschengehims erwäget, sollte man sich vielmehr darüber 
wundem, dass, wenn sich zwei Autoren an dasselbe Thema 
machen, sie nicht beide ganz dasselbe schreiben: diese er- 
habene Gleichartigkeit der Mittel und der Ziele geht den 
menschlichen Sprachen ab; nichtsdestoweniger blasen auch 
sie am Ende alle auf demselben Kehlkopf und fügen eine 
beschränkte Ajizahl von Tönen und Geräuschen zu Silben 
und Wörtern zusammen, geraten dabei von Ungefähr nur 
zu leicht aneinander, treten in die Fussstapfen einer andern, 
die vor ihnen desselben Weges gegangen ist, und wandeln 
unbewusst auf ihren Spuren. Man muss sich die Tausende 
von Sprachen, die auf Erden gesprochen werden und ge- 
sprochen worden sind, etwa vorstellen wie eine ewige 
Völkerwanderung, bei der es wie in einem Ameisenhaufen 
wimmelt; denn, sagt der Italiener, I monti stan fermi, e le 
persone camminano. Wenn Millionen Menschen tagtäglich 
nach allen Richtungen hin über die Erde laufen, so müssen 
wohl auch einmal die Antipoden zusammenkommen; und 
wenn die neubackenen Gesellen dann auch noch Doppel- 
gänger sind, so ist das abermals weiter nichts Seltsames, 
denn wo so viel Kinder wie auf Erden geboren werden, 
muss wohl auch einmal infolge der Gunst ausserordentlicher 
Umstände ein Deutscher aussehn wie ein Chinese und ein 
Schwarzer wie ein Weisser. Eine Amerikanerin lernt in 
ihrer Heimat eine Dame kennen, die den Namen Deirdre 
trägt, den sie noch niemals gehört hat; bald darauf trifft 
sie in Dresden, in einem andern Weltteil, diejenige Deirdre, 
nach welcher die erste Deirdre genannt ist. In den tausend 
lebenden und toten Sprachen des Erdballs wird, arith- 
metisch betrachtet, die Reihenfolge der Laute, welche die 



— 267 — 

Elemente derselben bilden, fortwährend verändert, die An- 
zahl ihrer Perrautationen liesse sich mathematisch berechnen,^ 
sie ist gross, aber nicht unendlich; und wenn auch zuge- 
geben werden soll, dass ein und dasselbe Volk denselben 
Lautkomplex nicht von vornherein auf zwei verschiedene 
BegriflFe übertragen werde, weil das gegen den Zweck der 
Sprache sei: so ist doch klar, dass in einer und derselben 
Sprache, infolge des Lautwandels, bei grundverschiednen 
Worten ein absoluter Gleichklang entstehen kann, während 
Völker, die gar nichts voneinander wissen, sich erst recht 
häufig in ihren Lauten begegnen mögen. Die Homo- 
nymen der deutschen Sprache sind unzählbar, man 
denke nur an folgende, die bei Verstände niemand ver- 
gleichen wird: 

sein [Gott) = [gut] sein 
meinen [Bruder] = [es gut] meinen 
[laut] weinen = [an edlen] Weinen 

[wenn dich die bösen Buben] locken = [blonde] Locken 
[Durch]messer = [ein scharfes] Messer (althochdeutsch Me^- 
yrahSf vergleiche Seite 92). 

Rauch[fang] = Rauch[frost], aus Rauhfrost, wie Rauchwaren, 
d. i. Pelzwaren, aus Rauhwaren, Der Rauch ist eigentlich der Geruch, 

Märe, Erzählung = Mähre, Pferd. 

Magen[krampf] == Magen, Seitenverwandte (Schwerimagen, Spill- 
magen, Kunkelmagen), 

Bauer, nicht weniger als vier ganz verschiedene Worte in sich 
vereinigend: i. Bauer, Landmann, vergleiche Seite 56, 2. [Er]^aw^r, 
3. [Vogel]^ai/^r, 4, [kalter] Bauer, volkstümlicher Ausdruck für die 
unwillkürliche und willkürliche Selbstbefleckung, welche letztere ge- 
wöhnlich unzutreffend als Onanie bezeichnet wird. Der biblische 
Onan war vielmehr für eine andere, von der ökonomischen Gesell- 
schaft gleichfalls angewandte, Praxis typisch. Die richtige Erklärung 
gibt Gury in seinem bekannten Compendium Theologiae Moralis in dem 
de Peccatis Conjugum überschriebenen Artikel. Zu kalter Bauer ver- 
gleiche Grimm und Schmeller. 

Freitag, Tag der Göttin Fria, der nordischen Frigg = Freitag 
im Sinn eines freien Tages. So trifft der Name der schönen Gemahlin 
Haiders: Nanna mit einer gewöhnlichen Koseform des Namens Anna 
zusammen. 



— 268 — 

[All] od = [Klein]od; das erstemal ist od das altdeutsche Ot^ Gut, 
das zweitemal nur ein Suffix, wie das, mit welchem die Worte Armut, 
Heimat, Einode gebildet sind. Ein Kleinod war ursprünglich nur eine 
Kleinigkeit: klein soll von Haus aus: glänzend, sauber bedeutet haben, 
diese Bedeutung aber einerseits in rein, auch sittlich rein, anderseits 
in niedlich, zierlich, fein übergegangen sein ; davon zweigte sich end- 
lich klein im gewohnlichen Sinne ab. Also abermals ein Fall von 
scheinbarer Antiphrasis. Der sittlichen Wendung des Begriffes, die 
noch in dem bekannten Spruche nachklingt: 

Halt dich rein, acht dioh klein, nur nicht gemein! — 
kam offenbar die christliche Forderung der Demut zu statten, die 
einen Abraham a Sancta Clara sagen liess: wer nicht parvus gebe, 
komme nicht in Himmel (Seite 193/4). 

Ranzen = ranzen. 

[Kain erschlug, nach i. Mose IV, 5/6, seinen Bruder Abel in] 
Grimme = Grimme, Stadt Grimma. 

Leberthran = Laberdan; das Sonderbare ist, dass das eine 
wie das andere vom Schellfisch und von den Lofoten kommt. In 
England heisst der eingesalzene Kabeljau Haberdine, was wieder merk- 
würdig mit dem Namen der schottischen Hafenstadt Aberdeen zusam- 
mentrifft. Aberdeen liegt allerdings am Wege nach den Lofoten, fahrt 
aber hauptsächlich Heringe und Lachse aus, Kabeljau wird von 
Schottländern auf der Bank Rockall im Atlantischen Ozean, westlich 
von den Hebriden, gefangen. 

Es ist auch gar nicht selten, dass ein deutsches Wort 
oder ein deutscher Name ganz oder teilweise mit einem 
wildfremden aus irgend einer andern toten oder 
lebenden Sprache zusammentrifft, ohne jedwede, auch 
nur die entfernteste etymologische Beziehung; zum Beispiel: 

Al[bert] = Al[kohol]. Das einemal ist AI aus Adel entstanden, 
das anderemal der arabische Artikel. 

mir [ist es gleich] = Mir [von Kelat, Staat in Belutschistan] ^ 
(russisch) Mir, Friede. Das zweitemal ist Mir die persische Abkür- 
zung des arabischen Titels Emir (Mirzade, kurz Mirza: Emirssohn, 
Prinz). 

Askr, Esche, in der nordischen Mythologie der Stammvater des 
f Menschengeschlechts = (arabisch und türkisch) Asker, Soldat. 

Hannover = Honover, das ewige, schöpferische Wort, das all- 
mächtige Werde, welches Ormuzd vor der Erschaffung der Welt aus- 
gesprochen hat, Hauptgebet der Parsen. Im Zend: Ahuna-vairya, das 
heisst wörtlich: göttlicher Wille; die Gestalt, unter der die Formel in 



269 



Deutschland, Italien und Frankreich bekannt ist, rührt von Anquetil- 
Duperron her, dem ersten Übersetzer des Zendavesta. 

Wedding, Vorstadt von Berlin = (engl.) Wedding, Hochzeit. 

Ars, alte Form für Arsch s= O^it.) Ars, Kunst, vergleiche 
Seite 93. Luther, der noch Ars schrieb, nannte deshalb seinen Hin- 
teren gern du Kunst: so will ich meine Feinde in die lateinische Kunst 
weisen^ dahin sie denn gehören. Vielleicht hätte sich der hausbackene 
Luther auch an dem Archeveque eines Franzosen ergötzt, mit dem er^ 
an einer katholischen Fürstentafel sitzend, einer gebratenen Gans den 
Bürzel (Arsch weg) schnitt und einen Erzbischof machte. 

Gaza, Stadt in Syrien = gr., lat. und ursprünglich persisch Gaza,. 
der persische Kronschatz, dann Schätze, Reichtümer überhaupt; von 
der Stadt Gaza kommt angeblich die Gaze^ das bekannte feine durch* 
sichtige Gewebe, von dem Kronschatz die Gazette, Zeitung. Gazetten 
müssen nicht geniert werden, sagte Friedrich der Grosse. Manage 
nimmt an, das italienische Gazzetta sei ein Diminutivum von Gaza, 
Schatz, und in Venedig der Name einer Scheidemünze gewesen, welche 
man zahlen musste, um die Zeitung zu lesen. Schmeller hält dagegen 

Gazzetta für ein Diminutivimi von Gazza, Elster, indem die ersten Zei- 

• 

tungen etwa geschwätzigen Elstern verglichen worden wären. Sollte 
die erste Deutung richtig sein, so gehörte Gaza zu den stark herab- 
gekommenen Begriffen. Die Münze existierte zweifellos, nicht blos 
in Venedig, sondern auch in Toskana und in Dalmatien, auf dem 
Avers war der heilige Markus, auf dem Revers eine Madonna ab- 
gebildet, sie galt zwei Soldi, und die Venezianer sagen heute nochr 
aver gazzette, Geld haben, wie es anderwärts heisst: aver soldi, aver 
quattrini. Eine grosse Summe kleiner Münzen ergibt eine grosse Rech* 
nungsmünze, dieser Übergang zeigt sich schon bei den römischen 
Sesterzen, vergleiche Seite 63; anderseits verlieren wohl die Münzen 
im Laufe der Zeit an Wert, wie unser Pfennig und der römische 
Solidus. Indessen die persische Gaza war gar keine Münze, sondern 
die Schatzkammer des Perserkönigs ; zudem müsste, wie Diez erinnert, 
die angebliche Metonymie, wonach der Preis kurzweg zur Bezeich- 
nung der Ware geworden wäre, erst nachgewiesen werden. Ein Brot, 
das drei Pfennige kostet, nennen wir wohl ein Dreierbrot, aber nicht 
selbst einen Dreier (ein Dreiling ist eine Semmel, die aus drei Eck- 
chen oder Hedchen zusammengesetzt ist), und was einen Denar, d. i. 
einen Zehner, wert ist, nennen die Italiener nicht uno Denaro, sondern 
una Derrata, französisch Denree, jetzt soviel wie Ware, Essware 
überhaupt. 

Mäcenas = Maizena, feines Maismehl. Ich kann mich auf die 
Zeugschaft meines eignen Ohrs berufen, dass diese beiden Worte von 
einer Dame verwechselt worden sind. 



— 270 — 

Masse, französisch ebenfalls Masse = (franz.) Masse, Streit- 
kolben. Jenes aus lat. Massa, dieses aus lat. Matea^ diminutiv Mateola, 
italienisch Mazza (wie Piazza aus Platea), 

Laken, auch Plural von Lake = [Interjlaken, aus Inter Locus, 
zwischen den Seen. 

Glas = (fr.) Glas, Totengeläute {sonner le glas), ursprünglicli 
Geläute überhaupt, von lat. Classicum, Trompetensignal, italieniscli 
Chiasso mit der allgemeinen Bedeutung Lärm. Bemerkenswerte Be- 
griifsentwickelung. Bei folgendem Vokal wird das französische Wort 
genau so wie unser Glas gesprochen. 

Non plus ultra. Der Zufall bringt in seiner Laune 
sogar eine spasshafte Koinzidenz von ganzen Sätzen 
und fremden Worten zuwege; mehr kann er doch nicht 
leisten, als dass der Deutsche einen Chinesen oder einen 
alten Römer geradezu deutsch sprechen zu hören glaubt. 
Dem beredten Führer der deutschen freisinnigen Partei 
wurde, weil er im Reichstage so viele überflüssige Fragen 
thue, vom Kladderadatsch unlängst der Automat King-Fu 
empfohlen, wo die Antwort zum Munde herauskomme, nach- 
dem die Frage zum Ohr hineingesprochen worden sei; als 
dieser (wohl nach Khung-fu-tse benannte)*) Automat neu 
war, machte ein Schlaumeyer den Witz, es sei kein König 
(King), sondern ein Mandarin — in Europa nennt man be- 
kanntlich einen Beamten der neun Rangstufen, in die der 
chinesische Beamtenstand zerfällt, einen Mandarin, ein Titel, 
ivelcher der chinesischen Sprache selbst fremd ist, wie man 
45chon daraus sehen kann, dass er (Seite 45) ein r enthält, 
aus dem Sanskrit stammt, wo Mantrin einen Minister oder 
einen Geheimen Rat bezeichnet, und durch die Portugiesen 
eingeführt worden ist; der Spassvogel wollte indessen sagen: 
es sei ein Mann darin. Ja, ist denn etwa den Lauten nach 
zwischen einem chinesischen Mandarin und den deutschen 
Worten Mann darin oder zwischen einer Mandarine und 



*) Khung'fu'tse , latinisiert Confuciusy heisst eigentlich: der ehrwürdige 
Lehrer Khung; er stammte aus der Familie Khung und ward geboren in 
der Stadt Kiufu. Fu bedeutet im Chinesischen soviel wie Stadt, wird daher 
den Ortsnamen angehängt. 



— 271 — 

einem Mann darinne der geringste Unterschied? Klingt etwa 
Kanzleisekretär viel anders als Ganz-leise-kräht-er? Ist etwa 
das Wortspiel, mit welchem dem Humoristen Saphir von 
seinem Mietsmann gekündigt ward: 

Judicium = Jud i zieh um 

und mit welchem er demselben die Erlaubnis zum Um- 
zug gab: 

Officium = O Vieh zieh um! — 

nicht richtig und wohlgelungen? Man hat die lateinischen 
Worte: 

Augusteum Vir Rerum Dacum 

in die trauliche Bestellung aufgelöst: 

Auguste, um Viere rum, da kumm! — 

Man hat das spanische Siesta in die deutschen Worte: 
Sie esst da zerlegt und aus der Devise Suum cuique das Oe- 
guieke herausgehört — man hat einen geistreichen Apolog 
von dem Apfel, der eine Pflaume liebt, erfunden: die 
Pflaume erhört ihn nicht und sagt: Neapel — da schlägt 
sich der Nussbaum ins Mittel und redet der Pflaume zu, 
worauf er dem Apfel die Nachricht bringt: Sevilla! — Und 
doch wird kein vernünftiger Mensch an einen etymo- 
logischen Zusammenhang zwischen Neapel und nee Äppel 
oder zwischen Sevilla und se toül ja denken. 

In allen Sprachen greifen Gesetz und Zufall ineinander; 
auch die eilten stecken, das Wort ist ja griechisch, voller 
Homonymen. Die drei Spiranten oder Hauchlaute, das 
Digamma, Jot und S, sind im Griechischen oft spurlos ver- 
schwunden und infolgedessen unzählige Wortstämme wie 
Bäche zusammengeflossen. In dem Ausgang -oip begegnen 
sich, wie Curtius (Seite 117) zeigt, nicht weniger als vier 
verschiedene Wurzeln, wie das lateinische -ceps bald aus 
capere (princeps, der den ersten Platz einnimmt), bald aus 
Caput {praeceps, der sich kopfüber, den Kopf voran stürzt) 
entspringen kann. Die Silbe td geht einmal auf VID, sehen 
{eUov = efiöov), das anderemal auf SVID, schwitzen zurück 



— 272 — 

(Idog = afiöog, Seh weiss); Velum = Vexlum, Segel, lautet 
(Seite 63) gleich Vdum = Veslum, Schleier; wenn es wahr 
sein sollte, dass es selbst jenseits der griechischen Sprach- 
periode homonyme Wurzeln, wie SAK, folgen, und SAK, 
sagen, gebe, so schiene das sogar unserer obigen Annahme 
zu widersprechen: dass ein und dasselbe Volk niemals von 
Haus aus dieselben Laute zur Bezeichnung desselben Be- 
griflFes wählen werde. Das lateinische Negationspräfix t»-, 
welches unserem un- entspricht, mischt sich mit der Prä- 
position in, die altlateinisch en gelautet hat: infecttAS, ungethan, 
steht neben infectus, infiziert; ähnlich mischt sich im Fran- 
zösischen die Präposition en, welche dem lateinischen in 
entspricht {en France), mit dem Ortsadverbium en, welches 
dem lateinischen inde entspricht (erdever). Selbst in dem Falle, 
wo wirklich dasselbe Wort, aber in einer neuen Bedeutung 
vorliegt, erscheint es angezeigt, von blosser Homonymie 
ohne begriflfliche Homologie zu reden, zum Beispiel, wenn 
das etwa urverwandt sein sollte, Beis und Beis zu trennen. 
Das Adjectivum hart, ursprünglich von Waffen gesagt und 
dann im guten Sinn auf den Träger derselben angewandt, 
ist ein beliebtes Grundwort deutscher Kindemamen {Met^ 
sehen- und Völkernamen Seite 80); ihm entsprechend (it) -ardo, 
(fr.) -ard und -art in den romanischen Sprachen eine ge- 
wöhnliche Ableitungsform nicht blos für Eigennamen, son- 
dern auch für viele Appellati va, Masculina und Feminba, 
die Sachen und lebende Wesen bezeichnen und meistens, 
wie bei unserem Neidhart (Seite 190), einen ungünstigen 
Nebensinn enthalten, zum Beispiel (it.) Vecchiardo, böser alter 
Kerl, (fr.) Richard, Geldprotze u. s. w. Dieses französische 
Richard ist dem ebenfalls französischen Rufhamen Richard = 
Rxhrhart (mit Aphäresis und Diminution Chardin) et3rmo- 
logisch vollkommen gleich, stellt aber gleichsam eine zweite 
Phase desselben dar. Vielleicht hat keine Sprache einen 
solchen Uberfluss an rätselhaften Homonymen wie die 
französische, daher sie sich gleich der hebräischen und 
der griechischen in hervorragender Weise zum Witz und 



— 273 — 

Wortspiel eignet: la Gaule heisst Gallien, la OatUe heisst 
eine grosse Stange, PoSle ist der Trauhimmel {PaUium), Poele 
ist die Bratpfanne {Patella), Poele ist der Ofen (wird mit 
vieler Mühe aus dem lateinischen pensilis gezogen) — einige 
hübsche Beispiele habe ich in meiner Sprache ohne Worte, 
Seite 400, angeführt Derselbe Oberstlieutenant, der sich 
oben darüber verwunderte, dass unser kalt im Italienischen 
warm bedeute, erzählte mir einmal, dass die Italiener ihre 
Toaste nach der Stadt Brindisi benennten. Er irrte: die 
Stadt Brindisi ist das alte Brundimum, die Gesundheit oder 
das Trinklied Brindisi dagegen der alte Landsknechtstrink- 
spruch: [Ich] bring dir sie oder [ich] bring dirs [zu], kurz das 
deutsche Bring dirs, das an allen europäischen Tafeln, in 
Rom, in Madrid {Brindis), in Lissabon, ja selbst in Paris 
wiederhallt (boire des Brindes). 

Aus Max Müllers Vorlesungen ist bekannt, dass die 
chinesische Sprache ein halb Dutzend verschiedene Accente 
und dass eine chinesische Silbe, das heisst ein chinesisches 
Wort, je nach dem Ton, in dem sie gesprochen wird, ihre 
eigentümliche Bedeutung hat; dass zum Beispiel Tschi, 
gleich, steigend, fallend oder kurz accentuiert, an zwanzig 
verschiedene Begriffe darstellt und Ba Ba Ba Ba in der 
angemessenen Modulation so viel heisst wie: Zwei Frauen 
gaben der Favoritin des Fürsten eine Ohrfeige; und dass 
dadurch der geringe Wortschatz der Chinesen erheblich 
vermehrt wird. Strenggenommen darf man dergleichen 
lautKch zusammenfallende, aber durch den Ton geschiedene 
Silben, indem sie nur nicht genau genug geschrieben wer- 
den, nicht als absolute Homonyma bezeichnen, an welchen 
es freilich nach allem, was man hört, ebensowenig fehlt. 

Dass nun sothane Homonymie dem Wortdeuter un- 
möglich genügen, höchstens als Wegweiserin dienen kann 
— dass sie sozusagen gar keinen etymologischen Wert hat 
und weder innerhalb einer und derselben Sprache noch 
zwischen zwei verschiedenen Sprachen das geringste aus- 

Klelnpanl, Etym. 18 



— 274 — 

macht — scheint wenigstens für eine vorgeschrittene Zeit, 
in welcher der Lautwandel seine Wirkung hat äussern 
können y selbstverständlich. Wie die Kultur alles nivelliert 
und die charakteristischen Ecken und Eigenheiten der 
Menschen abschleift, so nivelliert sie auch die Worte und 
nimmt ihnen wie Münzen das scharfe, deutliche Gepräge — 
sie sehen sich so gleich wie abgegriflfene Pfennige oder 
wie die Einwohner einer Stadt, die durchweg dieselbe Zei- 
tung lesen und die man g^ar nicht mehr auseinanderhalten 
kann, so verschieden sie angelegt sind — und wenn sie 
darüber kongruent werden, so ist das ein Zufall, der nie- 
mand überraschen sollte. Dennoch täusche man sich nicht 
über die Charakterfestigkeit des gewöhnlichen Wortdeuters 
und über den Widerstand, den er den Verlockungen der 
Sirenen entgegenzusetzen vermag: nicht jeder ist ein Odys- 
seus, xmd auch dieser musste angebunden werden. Ich 
wiederhole: die meisten Fehler, in welche die Gelehrten 
und die Laien alter und neuer Zeit verfielen, sind auf nichts 
anderes 2tls auf den Trug des Gleichklangs zurückzuführen. 
Man kann es den Menschen nicht einreden, dass zwei 
Worte, welche ähnlich klingen, nicht auch etwas Ahnliches 
bedeuten und aus derselben Quelle stammen sollen, und 
dass wir nicht mehr im Zeitalter der Wurzeln leben — 
eine zufällige Homon3rmie bestimmt den gewissenhaftesten 
Priester, ein Paar zu trauen, ohne dass die Papiere in Ord- 
nung sind, wie ein nicht minder zufälliger Misston schuld 
sein kann, dass er ordentliche Eheleute mit Unrecht schei- 
det. Maja, Maja! Die ganze Welt mit allen ihren Erschei- 
nungen ist eitel Trug und Schein, und nur wer den trü- 
gerischen Schleier hebt, besitzt die Wissenschaft vom 
Wahren. 

Dass Worte verglichen werden, deren BegriflFe identisch 
sind, die aber lautlich völlig auseinandergehen, ist der sel- 
tenere, bei den Gelehrten nicht unerhörte Fall; in dem- 
selben befand sich zum Beispiel der Varro des XVII. Jahr- 
hunderts, als er dsis spanische Alfana von dem lateinischen 



— 275 — 

Equus ableitete, weil beides ein Pferd vorstellte, und der 
Reihe nach 

Eqnns, Aquus, Anaquas, Anacus, Fanacos, Alfanacus, Alfana 

entstehen Hess. Probatum est; die famose Fuchsetymologie 
hat ein würdiges Seitenstück gefunden. Während also vor- 
hin der Gleichklang dazu führte, disparate Begriffe, die 
ursprüngüch durch verschiedene Laute ausgedrückt worden 
waren, unter Einen Hut zu bringen: so spielt jetzt die 
Gleichbedeutung, die Homologie die Rolle der Sirene und 
verleitet den Wortdeuter, unverträgliche Laute, die ursprüng- 
lich zum Ausdruck disparater Begriflfe verwendet, aber durch 
den Wandel der letzteren auf einen und denselben Namen 
getauft worden sind, trotz ihres Widerstrebens zu vereinigen, 
ihnen gewissermassen Gewalt emzuthun, eine Kette von 
Mittelgliedern willkürlich zu schaffen und mit Verachtung 
aller Lautgesetze den Anschluss zu erzwingen — der Ge- 
dankengang ist verschieden, weil der Irrtum einen andern 
Grund hat, führt aber, da es sich hier wie dort niemals um 
ein Einfaches, sondern immer nur um eine Beziehung, ein 
Verhältnis, um Originale und um Bilder handelt, die von 
den Originalen abgenommen worden sein sollen, an> Ende 
zu dem nämlichen Resultat Das ist der Fall, mit Voltaire 
zu sagen: Vitymologie est une science, oü les voyelles ne vcUent 
rien et les cansonnes pas ffrand'chose. Freilich sind die Sprünge, 
welche die Worte in ihren Formen machen, oft bizarr, und 
dem Uneingeweihten mag es scheinen, als ob sich geradezu 
alles aus allem machen Hesse. Dennoch hat auch der Laut- 
wandel seine bestimmten Grenzen, er erfolgt nach gewissen 
Gesetzen, die gleich Naturgesetzen wirken und die für jede 
einzelne Sprache besonders ermittelt werden müssen; hier 
kann dieser, dort kann jener, aber hier nur dieser, dort nur 
jener Laut aus einem gegebenen Laut entstehen. Der 
niederdeutsche Name der Bobhen gehört zu denjenigen 
Worten, deren Ursprung und Geschichte im Dunkel lieget 
— in Norwegen und auf Island vernimmt man ein Wort 

Köbhef welches auf den Nordseeinseln eine Möve, hier laber 

18* 



— 276 — 

Kaninchen bedeutet, und im XVI. Jahrhundert soll in Hol- 
land das Kaninchen, das jetzt Konijn heisst, Bohhe geheissen 
haben; indessen der Eintritt eines R für K wäre der- 
massen unerhört, dass es der Wortdeuter nicht wagt, sich 
darauf einzulassen. Die Lautgeschichte der einzelnen Worte 
ist überall die beste Lehrmeisterin; das Historische bildet die 
Grundlage jeder rechtschaffenen Deutung. Wir haben auf 
Seite 20 die Etymologie des französischen tneme, selbst, an- 
gegeben; warum könnte man das Adjectiv nicht ebensogut 
als den Superlativ von magnus: maximus ansehn und aus 
m<iocime entstehen lassen? — Der heilige Maximus erscheint 
in Frankreich in der Form Saint Mesme, der heilige Maximi- 
nus in der Form Saint Mesmin; und meme hat früher wirklich 
mesme gelautet. Aber die allerälteste Form des Wortes 
war nicht mesme, sondern metsme und diese würde zu maxime 
nicht stimmen, so wenig wie ital. medesimo dazu stimmt. 
Buchstabieren heisst in Frankreich ipeler; man sagt: cet 
enfant commence ä ipeler. Man hat an das lateinische appeUare 
gedacht, das sich zu dieser besonderen Bedeutung recht 
gut schicken würde; aber nicht nur, dass ipeler von Haus 
aus überhaupt: sagen, erklären bedeutet und der Sinn buch- 
stabieren sich erst hieraus ergeben hat — Bethsames, heisst 
es in einer alten französischen Bibel mit Beziehung auf die 
I. Samuelis VI, 12 erwähnte Stadt, cest nam espelt citi de sokil, 
dieser Name besagt Stadt der Sonne; das s der alten Form 
weist auch gebieterisch auf das gotische spiUdn, althoch- 
deutsch speUon, erzählen, englisch to speU hin. 

Der Wortdeuter hat gleichsam fortwährend eine Ahnen- 
probe oder genauer eine Filiationsprobe anzustellen, das 
heisst, dem erfahrenen Physiognomiker verwandt, der Fa- 
milienzüge und Rassenmerkmale studiert und dabei die 
Korrelation zwischen Leib und Seele nie aus den Augen 
lässt, die Filiation, die Kindschaft, die ununterbrochene 
Reihenfolge der BegriflFe und der Formen nachzuweisen; 
kein Ring und kein Glied in seiner Kette darf ihm fehlen, 
kein Sprung gewagt werden, es muss alles zusammen- 



— 277 — 

hängen, alles vermittelt sein, womöglich durch Thatsachen, 
die einen Widerspruch gar nicht zulassen, in Ermangelung 
dieser durch Analogien, die den Wert von Naturgesetzen 
haben und als Regel gelten können. Regellose Willkür 
ist bei Buchstaben, die mit unerbittlicher Deutlichkeit auf 
dem Papiere hafjten, noch fühlbarer als bei Begriffen, bei 
denen Witz und Divinationsgabe über manche Schwierigkeit 
hinwegzuhelfen scheinen, gerade die unkritische Behandlung 
der Laute hat die ganze etymologische Kunst in Misskredit 
gebracht. Was konnte nur gescheite Köpfe, bedeutende 
Gelehrte voll Scharfsinns also blenden? Eben der Grund- 
satz, dass die begriffliche Übereinstimmung für den Zu- 
sammenhang zweier Worte beweisend sei — ein Grundsatz, 
so falsch wie der, dass die lautliche Übereinstimmung etwas 
beweise. Denn wenn man auch abermals zugeben will, 
das ein und dasselbe Volk für einen und denselben Begriff 
nicht verschiedene Worte erfinden werde, so können doch 
im Laufe der Zeit verschiedene Anschauungen zu dem 
gleichen Resultate führen und wie vorhin dieselben Laute, 
so auch dieselben Begriffe aus verschiedenen Quellen fliessen: 
erst recht bei verschiedenen Völkern, die überhaupt nicht 
dieselbe Sprache reden, wenn sie gleich dieselbe Vernunft 
und dieselbe Bildung haben. Wäre das nicht so, könnten 
die Menschen nicht dieselben Begriffe auf verschiedene Art 
ausdrücken, so würde es eben gar keine verschiedenen 
Sprachen geben. 

Der weise Sokrates erörtert in Piatos Phädrus (244B) 
den psychologischen Wert des Wahnsinns oder der Manie, 
die seines Erachtens eine göttliche Gabe ist und durch 
welche den Menschen das Beste kommt. Er sagt, es sei 
keine rechte Rede, kein mvpLog Xoyog, der Liebe zu wieder- 
stehen, weil sie auf Raserei beruhe: und der Meinung seien 
schon die Alten gewesen, welche die Namen erfunden und 
die herrliche Wahrsagekunst, die Mantik, eigentlich Manik 
getauft hätten — das r sei von der jüngeren Generation 
geschmacklos (aTteiQoxäXiog) eingeschoben worden, ebenso 



—' 278 — 

oiwviatiTci^ aus olovolattxri (aus oirjaig^ vovg und larogla) her- 
vorgegungen. Nun, Manie und Mantik mögen in der That 
etymologisch zusammenhängen und beide, wie das latei- 
nische meminisse und unser meinen , zur indogermanischen 
Wurzel MAN, denken, zu stellen sein. Hätte sich aber der 
göttliche Plato für jene hohe Mantik begeistert, welche die 
Wortdeutekunst oder Etymologie darstellt, und er nur das 
Abece derselben innegehabt — er würde nicht äTtsiQOxdlcDg 
geglaubt haben, dass ein Laut überflüssig, dass ein Buch- 
stabe ohne weiteres einzuschieben und dass das r in Mav- 
rr^rj (Seite 72) eine Epenthese sei. 



6. Die Etymologie ist eine historische Wissenschaft 

Es kommt darauf an, dass der Wortdeuter etwas Ordentliches weiss, vor 
allen Dingen aber darauf, dass er weiss, was er eigentlich macht, indem er 
ein Wort mit einem anderen vergleicht, nämlich ein Stückchen Weltgeschichte 

— die Verwandtschaft von Sprachen setzt die Verwandtschaft von Völkern 
voraus und die Annahme eines Fremdworts ist eine kleine historische That- 
Sache, die mit der Geschichte im allgemeinen im Einklang stehen muss — 
in früheren Jahrhunderten waren die Gelehrten von diesem Grundsatz noch 
nicht durchdrungen und ausserdem hatten sie über die Herkunft der euro- 
päischen Völker beschränkte Ansichten — sie verstanden noch kein Sanskrit 

— als die Ursprache des Menschengeschlechts betrachteten sie das Hebräische, 
als die Zweitälteste das Griechische, woraus schon das Lateinische entsprun- 
gen war — die neueren Sprachen wurden ebenfalls auf jene beiden alten 
Quellensprachen zurückgeführt — wie man den Namen der Stadt Jena, der 
Stadt Paris und Afrikas erklärte — die angebliche Verwandtschaft der 
romanischen Sprachen mit der Sprache der Hellenen — die Keltomanie — 

sperr oculos auf, lieber Wortdeuter! 

Wir haben schon (Seite 246) darauf hingewiesen, wie 
sehr es frommt, zu wissen, dass Klagenfurt am rechten 
Ufer der Glan gelegen sei. Wir haben ebenfalls (Seite 263) 
gezeigt, dass es nützlich ist, sich im Zoologischen Garten 
einen Bären anzusehn, weil der Gelehrte sonst am Ende 
von dem überirdischen Glänze desselben geblendet wird. 
Bei der Universalität der Sprache, welche die ganze Welt 



— 279 — 

umfasst, sind reale Kenntnisse zuallererst vonnöten und 
für die Wortdeutung mindestens ebenso ausschlaggebend 
wie die Vertrautheit mit Lautgesetzen. Spasshaft zu beob- 
achten, wie sich so ein Etymolog um die irdischen Dinge 
und Verhältnisse erst zu bekümmern anfängt, nachdem er 
durch seine Forschungen dazu genötigt worden ist — die 
Sprache gleicht wie die Kunst nur einem Bilderbuche, aber 
es gibt Menschen, die ihr lebelang über die Bilderbücher 
nicht hinauskommen. Der Etymolog sollte von der Welt 
wenigstens so viel wissen wie ein Schulkind — abgesehen 
davon sollte er nicht dasitzen wie ein Träumender und die 
Worte zusammenfugen, die ihm eben durch den gedanken- 
schweren Kopf schiessen, sondern die Augen aufsperren 
und ein Bewusstsein von seiner erhabenen Thätigkeit er- 
langen und eingedenk bleiben, was er eigentlich will. 

Was er will? — Doch offenbar nicht hin- und her- 
fahren wie ein IrrUcht. Sei es dass er in seinem umfassen- 
den Geiste eine alte oder eine moderne Sprache Musterung 
passieren lässt, um die Rätsel zu lösen, die ihm Tag und 
Nacht keine Ruhe lassen: niemals darf er doch vergessen, 
dass seine Bibliothek keine Voliere ist, in der die hebräischen 
und die lateinischen und die griechischen und die fran- 
zösischen Worte wie Vögelchen lustig herumflattem, bis er 
eins derselben hascht; sondern dass diese Vöglein be- 
stimmten Ländern und bestimmten Völkern angehören, von 
denen sie ausgeflogen sind und denen er sie nicht will- 
kürlich vorenthalten darf. Es leuchtet doch ein, dass die 
Verwandtschaft zweier Worte aus verschiedenen Sprachen 
die Verwandtschaft der Völker selber zur Voraussetzung 
haben müsste, und dass schon die Annahme eines Fremd- 
worts von Seiten einer Nation ein kleines historisches 
Faktum darstellt, das mit der Geschichte im allgemeinen, 
den Wanderungen und Handelsverbindungen der Völker 
im Einklang stehen muss; und dass es, ganz abgesehen 
von der formellen Richtigkeit, auch einer äusseren Wahr- 
scheinlichkeit bedarf, um die Herleitung eines Wortes aus 



— 280 — 

einer fremden Sprache zu begründen. Wenn ich zum Bei- 
spiel weiss, dass die Phönizier zahkeiche Niederlassungen 
in Spanien gehabt haben, so wird es auch angängig sein, 
spanische Ortsnamen aus dem Phönizischen zu erklären; 
ich werde eine phönizische Etymologie leichter annehmen, 
wenn es sich um eine Seestadt, als wenn es sich um eine 
Binnenstadt handelt; Erklärungen aus dem Arabischen wer- 
den vorzugsweise für die Ebenen und die Landschaften des 
Südens geeignet sein, während man in Pyrenäen gegenden 
an lateinischen oder baskischen Ursprung denken mag. 
Man würde das Wort Migräne nicht ohne weiteres von dem 
griechischen ^HfiixQavla, halbseitiges Kopfweh, ableiten 
können, wenn es nicht feststünde, dass so viele Ausdrücke 
der griechischen Medizin auf uns gekommen und die Leh- 
ren des Hippokrates in mannigfachster Bearbeitung bis spät 
in das Mittelalter hinein massgebend gewesen sind; und 
umgekehrt ist es auffällig, wenn man den Namen der Cho- 
lera nicht auf das griechische XoXiqa, was Brechdurchfall 
bedeutet, sondern auf die hebräischen Worte Ghole ra, wört- 
lich: böse Krankheit zurückführen hört, es wäre doch erst 
nachzuweisen, auf welchem Wege diese Krankheit, die im 
Jahre 1817 in seuchenartiger Ausbreitung aufgetreten ist, 
ausnahmsweise zu einer althebräischen Benennung gekom- 
men sein soll. Diese abgeschmackte Etymologie treibt sich 
noch immer in den modernen Konversationslexicis herum. 
Selbst das Weltwort Sack kann man doch nur von dem 
hebräisch -chaldäischen Sak ableiten, wenn man annimmt, 
dass es uns durch das griechische Idnxog und durch das 
lateinische Saccus vermittelt worden sei. Mit einem Worte, 
der Etymolog muss zusehen, ob sich seine Deutung nicht 
etwa durch eine nüchterne Erwägnng der einfachen Sach- 
lage verbietet; ob sie sich sachlich rechtfertigen lässt. 

Aber mit der historischen Prüfung hatte es gute Wege. 
Woher sie das Wort hatten, darnach fragten die alten Ety- 
mologen gar nicht, genug, dass sie es hatten; es war, als 
ob ihnen die Wurzeln vom Himmel gefallen wären, Gott 



— 281 — 

schenkte sie ihnen, und einem geschenkten Gaule sieht 
man nicht ins Maul. Thaten sie es doch, so hätte man 
sein blaues Wunder sehen sollen, wie gescheit sie waren, 
wie sie über die verschiedenen Sprachen und Völker und 
ihre Bezüge im Weltverkehre dachten, was für Vorurteile 
und was für beschränkte Ansichten zu Tage gefördert wur- 
den — diese beschränkten Ansichten, zum Teil eben durch 
die unordentlichen Sprachstudien verschuldet, thaten das 
Ihrige hinzu, eine gesunde Wortdeutekunst nicht aufkom- 
men zu lassen. Die Gelehrten standen, was die Ethno- 
graphie anlangt, bis ins vorige Jahrhundert unter dem 
Banne ganz veralteter Anschauungen. Das Sanskrit war 
noch nicht in die europäische Wissenschaft eingeführt und 
der grosse Sprachenkreis, den man als indogermanischen 
bezeichnet, noch nicht entdeckt; vielmehr hielt man sich 
an die Stammessage der Hebräer über die Schöpfung det 
ersten Menschen und deren Verteilung über die Erde. Als 
die Ursprache des Menschengeschlechts, die im Paradiese 
gesprochen worden sei, betrachtete man das Hebräische; 
demnächst kam das Griechische, denn dicht hinter Homer 
hatte die Wiege des Menschengeschlechts gestanden. Aus 
diesen beiden patriarchalischen alten Sprachen, der hebrä- 
ischen und der griechischen, waren alle übrigen geflossen; 
schon das Lateinische entsprang aus diesen Quellen. Es 
kam also den Etymologen bis zu unserem Jahrhundert 
nicht darauf an, für das klassische Altertum die heilige 
Sprache, die Sprache Kanaans und das Phönizische anzu- 
borgen und nicht nur reine Onomatopöien, die notwendig 
zusammenfallen müssen, sowie Fremdwörter wie Vinum 
(Seite 113) und PeUex, ITdXXa^, Kebsweib, hebr. Pilegesch, 
aufzugreifen, sondern auch zum Beispiel folgende inter- 
essante Gleichungen anzustellen; 

amare, lieben, von hebr. Em, Mutter, Mutterleib, indem Mutter- 
liebe die wahre Liebe sei 

Cornu, Hom = (hebr.) Keren, Hom 

Mors, Mortis, Tod = (hebr.) Mot, Tod, angeblich mit Ein- 
schub eines r 



— 282 — 

amarus, bitter «? (hebr.) mar, bitter, wovon der Name Maria 

(hebr. Afirjam, Bitterkeit) 

pnras, rein = (hebr.) Bor, Reinheit 

miscere, filayEiv, mischen «s (hebr.) masak, giessen, mischen 
ferre, ^geiv, tragen == (hebr.) farah, Frucht bringen 
Circus, Kreis =» (Talmud) Karak, ummauerter oder umpfahlter 

Ort, griechisch Xaga^ 

cum, ai^Vf mit, xoivdq ^=- (hebr.) gam, kom, im, mit, zosammen 
nXioQ^ plenus, voll = (hebr.) mald, voll 
vorare, fressen, Boga^ Frass = (hebr.) bara, barah, essen 
Epula, Mahlzeit, ^yfsiv, kochen =s (hebr.) apah, backen 
curtus, kurz, beschnitten (vsn tu curtis Judaeis oppedere? Bona 

Satiren I, 9, 70), von hebr. karat, schneiden 

serere, säen = (hebr.) sara, ausstreuen, säen 

Merum, reiner (Wein, eine Ellipse wie die auf Seite i8i): Apha- 

resis des hebräischen Chemer, Wein, vergleiche oben Vinum. 

Ja, die genauen Kenner der Sprache des Moses hatten 
sogur eine überraschende Entdeckung gemacht: dass die 
Ignoranten die hebräischen Worte, die bekanntlich von 
rechts nach links geschrieben werden, sehr häufig verkehrt 
lasen und die Buchstaben wie die spitzfindigen Kabbalisten 
herumzudrehen und zu anagrammatisieren liebten; sie nagel- 
ten folgende unfreiwilligen Anagramme fest: 

Tunica, das umgekehrte hebräische Katenot, Kleider, Plural 
von JCetonet, Kleid, Leibrock. Dieses hebräische Keionet, das wesent- 
lichste Stück der israelitischen Tracht, durchaus unserem Hemd ent- 
sprechend und von Luther ganz unglücklicherweise mit Rock über- 
setzt, ist allerdings sicher als das Original des griechischen XiX(^v 
anzusehn. 

Gula, Kehle, eine Verdrehung des hebräischen iuag^ schliogeo, 
schlürfen 

raptus, von raperey eine Metathesis von hebr. taraph, abreissen, 
abbrechen 

alb[an]us, äX^/avJog, eine Metathesis des hebräischen laban 
oder leb an, weiss — 

während durch eine andere Umstellung aus Idban: hlan und 
blank entstanden sei, denn mit den neueren Sprachen machte 
man es so wie mit den alten, auch ihnen wollte man etwas 
vom Worte Gottes zuwenden. Hinter Jena erheben sich 



— 283 — 

schöne bewaldete, teils auch mit Reben bepflanzte Berge. 
Daher denn der Name der Stadt Jena — es scheint, dass 
hier zu Lande die Herrn Professoren der Theologie den 
Städten Namen gaben: ab Hebraea voce Jain, id est 
Vinum, abgeleitet ward; nach Matthäus Merian hiess sogar 
Weimar eigentlich Weinmar, weil es ursprünglich der Markt 
für den jenenser Wein gewesen war — er schmeckte so 
herbe, dass man die Kinder mit der Drohung zum Schwei- 
gen brachte: sie müssten Wein trinken, wenn sie nicht stille 
wären, und herb ist die Frucht der jenenser Etymologie. 
Im Kanton Wallis liegt das moderne Zion: wirklich stimmt 
der Name der Stadt Sion, deutsch Sitten, das Sedunum der 
Römer, mit dem lateinischen Siön = Zion buchstäblich über- 
ein, daher Hessen die Väter der Stadt den zweiten Vers 
des siebenundachtzigsten Psalmen ans Rathaus schreiben: 

DILIGIT DOMINUS PORTAS SION SUPER OMNIA TABERNACULA JACOB. 

Der Name Afrika, an dem dunklen Erdteil das am wenig- 
sten Dunkle, sollte nach einem Bocher von dem arabischen 
Worte Fertq kommen, das einen Divisionsgeneretl bedeutet, 
nach Anderen von dem hebräischen Worte Äfar, trockene 
Erde, Staub, weil es so stäube in Afrika, nach einer dritten 
Lesart von Ophir, dem Sohne Jaketans (i. Mose x, 29),*) 
nach einer vierten von Epher, dem Enkel Abrahams und 
der Keturah (i. Mose xxv, 4) — hebräisch war des Jünglings 
glcUte Wange (hebr. chdldk, glatt, unbehaart); hebräisch der 
Schäfer auf der Weide (französisch Berger, eine Metathesis 
von hebr. Oeber, Mann); hebräisch die jüngste Schäferin 
(französisch Ber gerette, Diminutivum von Berg^e, „in alter 
Zeit" aus dem hebräischen Geberet, Gebieterin, fabriziert); 
hebräisch die ganze Erde, sintemal in den homerischen Ge- 
dichten cQaKs: auf die Erde hiess und das griechische Adver- 



*) Das Aschenland Oj>hir, aus welchem Salomo Gold, Sandelholz und 
Elfenbein bezog und dessen Name darnach mit Afrika identisch wäre, hat 
man in der That in Afrika gesucht, Lassen verlegt es nach Ostindien und 
vergleicht den Namen der A^/ttra, eines Hirtenvolks vom Indus. 



— 284 — 

bium als eine -Mittelform unwiderleglich auf das hebräische 
JErez, Erde, hinwies. 

Für den Namen Afrika gibt es in der Diderot und 
d'Alembertschen Encyklopädie noch eine andere Etymo- 
logie: Afrique = l4'q>Qlx7]y sine frigore, ohne Frost und Kälte; 
in demselben Werke,' welches die Gelehrsamkeit des vorigen 
Jahrhunderts zusammenfasste, kann man lesen, dass 

Cura, Sorge, durch Prothesis eines C aus ^!Q(>a, Jahreszeit, 
Venter, Bauch (welches vielmehr mit FacxriQ und Wcmst zusam- 
menzuhängen scheint) durch Prothesis eines Faus ^Evtegov, Eingeweide, 
Anas, Ente, durch Metathesis aus Nfjaua (= Ni^z-ia, Grundform 

Caro, Fleisch, aus Kgeaq, 

Forma durch Metathesis aus MoQfpr^ (welches vielmehr selbst 
Metathesis erlitt), 

specio, sehe, spähe y durch Metathesis aus ax^nrofiai (ahermals 
umgekehrt) 

entstanden sei, wobei von den Formen des Lautwandels, 
die wir auf Seite 67 — 71 erörterten, ein indiskreter Ge- 
brauch gemacht wird. Wenn nämlich das Hebräische gleich- 
sam die Grossmutter der Sprachen heissen konnte, so war 
das Griechische die Mutter — bereits die alten Römer 
verehrten diese ehrwürdige Mutter kindlich. Es gab eine 
Menge griechischer Fremdwörter im Lateinischen, zum Bei- 
spiel Astrum neben Stella, Thius neben Fatruus oder Avun- 
cuLus, Thesaurus, Theca, Theatrum, Thermae u. s. w. 1% ist ja 
wie Bh ganz unlateinisch; das Griechische war bekanntlich 
Modesprache im alten Rom wie bei uns das Französische, 
und das griechische Belog, Oheim, italienisch Zto, ist seiner- 
zeit genau so ins Lateinische gedrungen, wie nachmals das 
französische Oncle in das Deutsche. Aber die alten Römer 
wollten auch ihre eignen echten Vokabeln aus dem Grie- 
chischen fliessen lassen und Varro erklärte sich seine Nieren, 
BeneSy wie wir den Rhein aus qbIv, fliessen — quasi Rivi 
olsceni humoris ab iis oriantur; viele Gleichklänge, wie Domus 
und Jofiogy Haus, Dator und Jott^q, Geber, luden ja dazu 
ein — wären die Varronen klug gewesen, so würden sie 



— 285 — 

nun auch Dominus, Herr, nicht von dem lateinischen Domus, 
sondern von dem griechischen Jofievog abgeleitet und das 
Wort für ein Participium Medii wie Fetnina, den Hausherrn 
für den Geber alles Guten gehalten haben (Sanskrit J)a- 
manas, Zwingherr; nach Curtius mit domare, zähmen, grie- 
chisch daf.idio, zusammenhängend; von dem Participium 
domitus der Name Domitius). Sothane Ansicht von dem Ver- 
hältnis der beiden Schwestersprachen erhielt sich das ganze 
Mittelalter hindurch bis auf die neueste Zeit herab. Der 
Bischof von Sevilla, Isidorus, der Verfasser von zwanzig 
Büchern Originum sive Etymologiarum (A. D. 594) gab Faha, 
Bohne, für eine Nebenform von Faga aus, um dies (Bohnen 
bilden ja die tägliche Zukost des Spaniers) auf q>ay€iv, essen, 
zurückzuführen; Vossius, der grosse niederländische Viel- 
wisser, erklärte das lateinische similis aus dem griechischen 
jUijiiijidg, nachahmend; und ein so bedeutender Philolog wie 
Julius Cäsar Scaliger konnte de causis linguae latinae (Lyon 1540) 
so verwegene Deutungen aufstellen, wie pulcher, schön = 
^oUx€iQ, vielhändig und Ordo = "OQOV'dw] "Oqoq heisst 
Grenze, das dci ist wahrscheinlich so ein Verhum hiliterum 
oder monosyllahum, wie sie die Stämme der griechischen 
Sprache bilden sollten, oder wäre dwfta, Haus, und eine 
Hausordnung gemeint? — Und da sie nun einmal im Alter- 
tum Mutterstelle vertrat, so sollte die alte klassische 
Sprache, wie die hebräische, überall herhalten und als 
Frau Pate bei jedem Quark eintreten. Die Leipziger Stu- 
denten haben einen Schwank, wo alle Städte von den 
alten Griechen gegründet werden, zum Beispiel Leipzig 
entsteht aus den Worten ekiTtov tvyoVf weil die Herrn 
Athener hier ausspannten und das „Gespann verliessen" — 
aber dergleichen Schwanke wurden früher allen Ernstes 
vorgebracht; allen Ernstes behaupteten die Franzosen, dass 
der Name Faris die Elemente Ttagd und 'laig, bei Isis, ent- 
halte, indem die Stadt nicht weit von dem Dorfe Issy und 
dem berühmten Imtempel entfernt gewesen und die grosse 
Göttin der Ägj'^pter in einem Schiffe dahin gekommen sei> 



— 286 — 

welches Schiff, das Navigium Isidis, eben das Wappen Lute- 
tias bilde: bis zum Jahre 15 14 sei das grosse Bild der Isis, 
deren Kultus allerdings bis nach Gallien drang, in einem 
Winkel der Kirche Saint -Germain des Pres aufbewahrt, 
damals aber von dem übereifrigen Abt-Kardinal Brissonnet 
in Staub verwandelt worden. Den Namen der alten Druiden, 
der keltischen Priester, hatte bereits Plinius (XVI, 44) von 
jQvg, der den Druiden heiligen Eiche, abgeleitet. Das Wort 
Äuteur, sagt die Diderot und d'Alembertsche Encyklopädie 
sub voce, ist lateinisch und kommt nach Einigen von auäus, 
Participium von augeo; andere ziehen es aus dem griechi- 
schen avroQ, selbst, weil ein Autor gehalten ist, seine Sache 
selbst zu machen {D'atUres le tirent du grec avTog^ soi-mme, 
parceque Vauteur de quelque chose que ce soit est censi la pro- 
duire par luUmeme). Also, merkts Euch, meine Herrn Kol- 
legen, schreibt nichts ab und begeht keine Plagiate, denn 
Ihr seid Autoren! — 

Durch solche Gesichtspunkte wird es uns verständlich, 
wie Anfang des XVII. Jahrhunderts ein reicher und fähiger 
Rat vom Gerichtshof des Chätelet namens Herbinot auf die 
Idee kam, ein riesiges etymologisches Wörterbuch zu planen, 
in welchem sämtliche französischen Worte in gerader Linie 
vom Grriechischen abgeleitet werden sollten — der junge 
Claude Lancelot, nachmals berühmter Lehrer der griechi- 
schen Sprache in Paris, musste ihm dabei helfen. Das Werk 
war schon weit gediehn, als sich Herbinot plötzlich eines 
anderen besann und nun wieder alles aufs Hebräische zu- 
rückzuführen beschloss: Lancelot sollte ihm abermals helfen, 
that es auch; aber Herbinot, dem die vielen griechischen 
und hebräischen Wurzeln den Kopf Weirm machten, wurde 
vollständig verrückt. Er hätte von Wurzeln leben können 
wie ein Ascet, aber der gute Mann starb Hungers. Ja, so 
begreift man, was Joachim Perion, was Henricus Stephanus, 
was andere französische Gelehrte über die Verwandtschaft 
ihrer Sprache mit der der Hellenen patriotisch fabeln konn- 
ten. OflFenbar war 



— 287 — 

diner ss ösntvsiVj speisen 

Mo eile = Mvskoq, Mark 

Paresse, Trägheit (von lat. Pigritia) = Ud^Oigy Erschlaffung 

Orgueil, Stolz (vielmehr deutsch, von althochdeutsch Urguoli, zu 
folgern aus ahd. urguol^ wörtlich ur-geil, bemerkenswert, ausgezeich- 
net) = o^lXog, jähzornig 

blesser, verwunden = nXi^aasiv, schlagen 

Dome, in Frankreich, wenigstens zunächst, nicht unserem „Dom" 
entsprechend, sondern soviel wie Kuppel s= Awimy Haus (nach Diez 
von dem italienischen Ihtomo, Dom, welches seinerseits aus Domus 
Deiy Gotteshaus, gotisch Gud-kus; der Begriff Kuppel beruhte dann, 
Totum pro parte, vgl. Seite 212, auf einer Synekdoche) — 

Gleichungen, die heute von der Wissenschaft angefoch- 
ten, freilich teilweise wiederersetzt werden, indem zum Bei- 
spiel Diez das französische ^age (Seite 193) nicht aus dem 
lateinischen pagius oder pagensis, sondern aus Uaidlov, EZnäb- 
lein; Chere, Bewirtung, wie oben (Seite 259) gezeigt, aus 
dem griechischen Kaga, Haupt; Serin, Zeisig, aus EeiqriVy 
Sirene, zieht. Das italienische Cera, Miene, wird von den 
einheimischen Etymologen allerdings von Kdqa abgesondert 
und ungleich einfacher auf das lateinische Cera^ Wachs, 
Farbe, Porträt zurückgeführt, Cerae hiessen die wächsernen 
Ahnenbilder. Sonst waren die italienischen und spanischen 
Gelehrten gleich ihren französischen Kollegen nur zu ge- 
neigt, das Griechische als eine Fundgrube des unlateinischen 
und stellenweise selbst des lateinischen Teiles ihrer Sprache 
zu betrachten; dass das nicht immer mit Unrecht geschah, 
geht ja aus mannigfachen Beispielen hervor (Seite 92 Orma, 
Ciurma), Ambascia heisst Angst, Beklemmung im Italieni- 
schen; Dante spricht (Purgatorio xvi, 39) von der infernale 
ambascia^ d. i. der Höllenpein. Dieses Wort zieht ein ge- 
wisser Ericus in seiner 1697 zu Venedig erschienenen "Av^qu}- 
n;oyX(OTToyovla aus dem griechischen '!A[^](paaLay Sprach- 
losigkeit, weil man vor Angst nicht reden könne; Aphasie 
ist ja bis auf den heutigen Tag der Kunstausdruck für 
einen krankhaften Zustand, bei welchem der Mensch un- 
fähig ist sich der Sprache zu bedienen und welcher von 



— 288 — 

der Älalie (Seite 44) unterschieden wird, die Deutung gar 
nicht unrecht Wenn nun aber aus besagftem Ämbascia^ 
wiederum das italienische Ambasciata, Gesandtschaft, fran- 
zösisch Ämhassade, mit der Motivierung abgeleitet wird: dass 
die Vollziehung eines Auftrags beschwerlich sei und ein 
Botschafter an Beklemmungen leide, so kann man sich 
doch eines Lächelns nicht erwehren, wenn ein Benedetti 
auch zuweilen wirklich Beklemmungen haben mag. Die 
heutigen Italiener denken vielmehr an die Ängste des Am- 
hactus, dessen BegrüBF (Seite 65) der Ambasciata wirklich zu 
Grunde liegt oder (ganz unnötigerweise) an das lateinische 
anxitis. Wie merkwürdig, dass selbst die berittenen und mit 
Lanzen bewafl&ieten Hirten der römischen Campagna und 
der Maremmen, diese Söhne des Romulus, diese Togati grie- 
chisch sprechen und ihre halbwilden Rinder Bovg nennen^ 
sintemal sie selbst den homerischen Titel Buttert führen» 
will sagen BoriJQeg, Hirten? — Wenn sich die Edlen um 
die Mittagszeit zurückziehn und in der Schenke oder in 
einem alten Grab Siesta halten, so nennen sie das (angeb- 
lich) la Calma, das heisst, die Ruhe, die Windstille, die 
heisse Tageszeit — wer hätte in der aufgeregten Gegen- 
wart noch niemals ein kälmierendes Mittel nötig gehabt? 
Unsere Butteri kdlmieren sich also selber in ihrer Osterie — 
alle lebenden Geschöpfe suchen ja um diese schwüle Stunde 
Schatten und Kalmen auf, eine majestätische Stille ist über 
die im Sonnenlichte glänzende Landschaft verbreitet, der 
Sommermittag feierlich wie Gebet. Ei, woher glaubt man 
wohl, dass die Hirten das Wort Caima haben? — Muratori 
sagt es uns: aus Griechenland, Calma ist soviel wie Kavua, 
Brand, Hitze, Sonnenhitze. 

Caumate sed nimio tota jacebat humus. 

Und der grosse, etymologisch so wertlose Dizionario von 
Tommaseo und Bellini füg^ hinzu: Calma möchte wohl 
durch Metathesis aus MaXa-^La, Weichheit, entstanden sein^ 
weil man doch gerne weich liegt, wenn man der Ruhe 
pflegt; und „ein wenig" sei Calma auch wieder mit VaUfiiy 



— 289 — 

Windstille, verwandt! — Ich will nur bemerken, dass Diez' 
und Littres Angabe: Calma bedeute im Spanischen auch 
die heisse Tageszeit, durch mein grosses spanisches Wörter- 
buch, den Novisimo Diccionario de la Lengtia Castellana (Paris, 
Garnier 1878) nicht bestätigt, sondem hier Calma nur in der 
Bedeutung: "Windstille (die auch in Italien ausschliesslich 
gilt) und übertragen angeführt wird; dass mir daher fast 
eine Verwechselung mit Calina, dunstige Hitze oder Schwüle, 
vorzuliegen scheint; im Modenesischen habe ich Cdlio dafür 
gehört. Die Mittagsruhe heisst bekanntlich in Spanien 
Siestttj eigentlich die sechste Stunde nach Sonnenaufgang. 
Das spanische Cama, Bett, wurde schon von Isidorus Hispa- 
lensis aus dem griechischen xa^aly auf der Erde, am Boden, 
erklärt. In Griechenland schläft man allerdings noch heute 
nicht in Bettstellen, sondem auf der Erde. 

Dergleichen Hypothesen streiten, so scheint es, gegen 
alle Geschichte. In der That ist es unerfindlich, wie man 
solche, die gewöhnlichsten Begriffe des täglichen Lebens 
betreffende, Gräzismen erklären soll; denn so gross auch 
der Einfluss der Byzantiner auf die romanischen Länder 
gewesen sein mag, wie viele griechische Schiffe auch fort 
und fort in die Strasse von Messina, die Häfen von Pa- 
lemio, Neapel, Marseille und Barcelona einlaufen mochten: 
eine eigentliche Völkermischung fand doch hier nicht 
statt, und was etwa die kleinasiatischen Phokäer um 
600 V. C. von griechischem Sprachgnt in Massilia eingebracht 
hatten (die gallischen Häuptlinge sollen firm griechisch 
gesprochen haben), war mit dem Keltischen vergessen. 
Man weiss heutzutage, und das verträgt sich mit dem 
anderweit ermittelten Gange der Weltgeschichte, dass sich 
die sechs romanischen Sprachen nicht aus dem Homer, 
sondem aus der römischen Volkssprache gebildet und zu 
dem Wörterschatz bei den fünf westlichen in besonders 
reichem Masse die germanischen, beim Rumänischen die 
slawischen Mundarten beigetragen haben, während auf Spa- 
nien und Portugal eine starke arabische Quote entfiel. Man 

Kleinpanl, Etym. 19 



— 290 — 

weiss auch, dass die lateinische Sprache keine Tochter, son- 
dem eine Schwester der griechischen Sprache und einer 
der reichsten und kräftigsten Äste des indogermanischen 
Sprachstamms war; und dass es, von notorischen Fremd- 
wörtern abgesehen, verlorene Mühe ist, die indogermani- 
schen Sprachwurzeln mit den Wurzeln der semitischen 
Sprachen, zu denen das Hebräische gehört, vermitteln zu 
wollen. Die Rolle des Hebräischen spielt jetzt einerseits 
das Sanskrit, die älteste und ehrwürdigste unter den acht 
indogermanischen Schwestern und der Erstling des grossen 
Stammes, mag derselbe nun in Zentralasien, am Quellen- 
gebiet des Oxus oder in Europa, in Skandinavien zu Hause 
gewesen sein — nicht nur die allgemeinen, hauptsächlichen 
BegriflFe der Völker, an deren Entwickelung sich die Welt- 
geschichte knüpft, die Begriffe von Gott und Himmel, Tag 
und Nacht, Vater und Mutter, Ackerbau und Viehzucht, 
finden im Sanskrit ihr Prototyp, nicht nur auf die primi- 
tiven Anschauungen der Menschheit, ihre realistischen Bil- 
der, ihre erschrecklichen Kindsköpfe und Nacktheiten fällt 
ein helles Licht: man hat sogar gewagt, einen so spezi- 
fischen Titel wie den der römischen Flamines, der dem 
Dienst einer bestimmten Gottheit geweihten Eigenpriester, 
deren Abzeichen der mit weisser Wolle umwickelte Apex 
auf dem kegelförmigen Hute war und die daher Festus 
und Varro a Füamine genannt sein Hessen, während Plutarch 
(Numa 7) an eine Sprossform des griechischen IliXog, Filzhut, 
dachte, tüv ^EXXrjnyciUv dvo^aTiav tÖts f^alXov i] vvv roig Aati- 
voig avaxBY,Qa^iv(x}v .... ich sage, man hat es in unserer 
Zeit gewagt, das lateinische Flamen mit dem Brahman des 
Sanskrit zu vergleichen — Brähmana^ Söhne des Brahma, 
sind bekanntlich die Priester der Hindu.*) Die Deutung 

*) Französisch Brahmanes und Bramines, Missionare behaupten, Brah- 
manen seien alle Hindus, als Anhänger des Brahmanismus, Braminen nur die 
Priester Brahmas, die erste Kaste; und man verwechsele in Europa btide 
Suffixe aus Unkenntnis. Übrigens sind die Brahmanen jetzt weder ausschliess- 
lich Priester, noch der tonangebende Teil der Bevölkerung mehr. 



— 291 — 

spräche freilich mehr an als die, nach welcher die Flamines 
den Dienst von Blasebälgen oder (Flagmines) von Zündhölz- 
chen leisteten. Trotzdem ist auch das Sanskrit nicht als eine 
Mutter, sondern, wie gesagt, nur als eine besonders gut 
konservierte Schwester der europäischen Sprachen zu be- 
trachten, und ebenso das Griechische neben dem Latein 
und unserer eigenen Muttersprache an den richtigen Platz 
zu rücken. Der Name Teil wird gegenwärtig mit tälien oder 
daüen, dahlen in Zusammenhang gebracht und als Thor er- 
klärt; wenn ihn Grimm als einen Schützen, gleichsam als 
einen TrjXeßoXog, FemhintrefFer, deutet und eine Beziehung 
zu dem lateinischen Telum, Geschoss, ahnt, so würde doch 
damit nicht eine Abstammung, sondern eine Urverwandt- 
schaft wie etwa zwischen Dach und Tiyog^ lat. Tectum, Decke 
und Toga ausgesprochen sein. Nur ein Zweig des indoger- 
manischen Sprachstammes, der keltische, wurde lange Zeit 
über seine historische Rangordnimg hinaus erhoben, und 
seine Sprache ist es, die anderseits die Rolle des Hebräischen 
gespielt hat. Die Kelten, die ursprünglich den ganzen 
Westen von Europa beherrschten, aber im Laufe der Jahr- 
hunderte immer mehr an Terrain verloren und heutzutage 
nur noch in der Bretag^ne, in Wales und Irland wohnen, 
viel wanderten, alle Staaten erschütterten, aber keinen grün- 
deten, sondern in andern Völkern mit Leichtigkeit auf- 
gingen — diese Kelten, welche die alten Römer GaUier, die 
Griechen Oalater nannten, und an die der Apostel Paulus 
schrieb: Mich wundert, dass Ihr Euch sobald abwenden lasset von 
dem der Euch berufen hat: hinterliessen auch in Deutschland 
etwas von der Qrammatica Celtica und nicht nur in Frank- 
reich und England, sondern in ganz Europa eine Menge 
Worte und Altertümer, Ortsnamen überall. Daher nun die 
Keltomanie einzelner Gelehrten, die alle Namen aus dem 
Keltischen erklärten und erklären, wenn guter Rat teuer 
ist — sogar unsere alte nordische Urgrossmutter Edda hat 
der kürzlich verstorbene Vigrfiisson, der hervorragende Ken- 
ner des Altnordischen, den Kelten zugeführt, das deutsche 

19* 



— 292 — 

Beiwort hiüig ein Gäle, weil hü im Manx gut und mild be- 
deutet, unbilligerweise zu einem keltischen gestempelt. Zu- 
mal die Ortsnamen können sich vor den Keltomanen gar 
nicht retten: noch unlängst konnte man im Leipziger Tage- 
blatte lesen, das Rosenthal gehe, wie Boxhur gh, Melrose und 
Kinross, auf ein keltisches Boss, Vorgebirge, zurück. Es ist 
mir nach einem sorgfältigen Studium dieses Namens zur 
Gewissheit geworden, dass die Deutung desselben näher 
liegt als man denkt, auch eine Anlehnung an das Sla- 
wische abgelehnt und nur die in meiner Sprache ohne Worte 
(Seite 28 ff.) berührte Symbolik im Auge behalten werden 
muss. Die Rose ist ein Bild der weiblichen Scham, item, 
nach der mehrerwähnten S5mekdoche (Seite 212), des Wei- 
bes. Die schönen Mädchen sind Rosen, auch wenn sie 
nicht Rosa heissen; in Ostpreussen nennt man es, wie mir 
Herr Gymnasialdirektor Dr. Amoldt aus Prenzlau freund- 
lichst mitteilt, wenn man Damen aus dem Wagen hilft, 
geradezu: Rosen heben. Sämtliche Rosengassen, Rosengärten und 
Rosenthäler des Reichs haben ausnahmslos Frauengaswi, 
Frauengärten und Frauenthäler im Sinn von Frauerütäusem, 
das heisst von feilen Dirnen bewohnte und daher verrufene 
Viertel abgegeben. Dass dies auch in Leipzig nicht anders 
gewesen ist, geht aus der Aufzeichnung hervor, die ein 
Student noch A. D. 177 1 über das Rosenthal gemacht hat: 
gewiss die schönste Promenade hei Leipzig, wenn man nicht denen 
Anfällen der Venus-Sirenen ausgesetzt wäre. 

Welcher der Zeit dient, der dient ehrlich. In der 
Schlacht bei Crecy, am 25. August 1346, nahm Eduard 
Prinz von Wales, der sechzehnjährige Schwarze Prinz dem 
blinden König Johann von Böhmen den mit drei Strauss- 
fedem geschmückten Stimreif ab und setzte ihn sich aufe 
Haupt. Zugleich nahm er die Devise an, die unter dem 
Helmschmuck stand: Ich Dien — sie passte trefflich für 
den bescheidenen Prinzen, der eben unter seinem könig- 
lichen Vater diente und sich etwa den Spruch des sterben- 
den Josua, nachmals Wahlspruch des Königlichen Hauses 



— 293 — 

von Preussen, aneignete: Ich und mein Haus wollen dem Herren 
dienen. Seitdem fuhrt der Prinz von Wales einen Stimreif 
mit Straussfedem und der deutschen Devise in seinem 
Wappen. Alle "Welt hielt sie für deutsch, bis die Kelto- 
manen kamen, die sofort das Kymrische witterten. Ich Dien 
bedeutete: Eych Dinn, d. i. da ist der Mann! — Und es 
wurde erzählt, die Walen hätten einen König haben wollen, 
der kein Wort Englisch sprechen könnte. Da hätte ihnen 
König Eduard I. sein neugebomes Söhnlein präsentiert und 
dazu gesagt: Eych Dinn! — 



7- Dulce est desipere in loco. 

Der Kritiker soll kein Pedant sein und nicht jeden unschuldigen Witz brand- 
marken — die Worte werden häufig nur scherzhaft ausgedeutet — schon 
im Alten Testamente gibt es eine Menge Anspielungen, die man nicht für 
regelrechte Etymologien nehmen muss — etymologische Witze alter und 
neuer Zeit, aus denen einen Vorwurf zu machen geschmacklos wäre — 
überhaupt soll der Gelehrte dem Laien seine Dummheiten nicht aufnötigen 
und keine Irrtümer erdichten — sonst würde sich die Wissenschaft vom 

Echten in die vom Unechten verwandeln. 

Wir erwähnten oben das Exerdtium Salamandri unter 
denjenigen Worten, die noch nicht sicher gedeutet worden 
sind. Wenn nun einmal ein Korpsbursche beim Gesänge 
auf den Tisch schlägt und ausruft: Ich hab's! Salamander ist 
soviel wie: Sauß alle miteinander! — oder wenn ebenderselbe 
ein andermal bei der sogenannten Exkneipe die grossen 
Ferien aus faire rien entstehen lässt: so soll der Herr Doktor 
nicht mit den Achseln zucken, sondern er soll lachen. 

Wenn einmal ein unglücklicher Federfuchser seinem 
Groll gegen die deutschen Verlagsbuchhändler Luft macht 
und vermöge einer offenbaren Antiphrasis behauptet: die 
Verleger heissen so, weil sie einem armen Schriftsteller 
gegenüber niemals in Verlegenheit kommen — so soll der 
Herr Doktor nicht viel Aufhebens davon machen. 



— 294 — 

Wenn er in die Sächsische Schweiz kommt, in einem 
Fremdenbuche den stolzen Namen Ida Grräfin Hahn- Hahn, 
BeUetriste und darunter das Verschen findet: 

Bel/e warste, 
Triste biste: 
Siehste, wie De biste, 
BeUetriste — 

SO kann doch der Herr Doktor überzeugt sein, dass der 
kleine Pasquillant nicht daran gedacht hat, das fluchwürdige 
Fremdwort Belletrist auf seinen Ursprung zurückzufuhren. 
In der That sind ja nicht alle vorgebrachten Etymolo- 
gien ernst gemeint, sondern unschuldige "Witze, aus denen 
man dem Urheber keinen Vorwurf machen wird, weil er 
gar nicht die Prätension hat, etwas wirklich zu erklären. 
Nichts beliebter als solche Witze: bereits das Alte Testa- 
ment steckt, wie oben bemerkt, voller etymologischer Spiele, 
mehr oder minder geistreicher Ausdeutungen. Lamech, 
heisst es in der Genesis (v, 28), war 182 Jahre alt und zeugte 

einen Sohn und hiess ihn Nodh, d. i. Ruhe (nj) und sprach: 
der wird uns trösten (pÄnj^. Nun, es versteht sich, dass 
der Name Noah, welcher einen Ruhebringer, und das Zeit- 
wort nachamf welches trösten bedeutet, verschiedene Wur- 
zeln haben; aber wir dürfen aus dem alten Lamech keinen 
Philologen machen und keine regelrechte Wortdeutung von 
ihm verlangen. Er spielt mit dem Namen Nodh nach all- 
gemeiner Sitte, ganz besonders aber hebräischer Gewohn- 
heit. Er spielt, wie jener humoristische Schulmann spielte, 
der seiner Klasse das lateinische Wort Virtus erklärte, er 
sagte, d£is heisse eigentlich: 

Vir, thu's! — 

mit andern Worten: Mann, sei tugendhaft, handle darnach, 
sei ein Virtuose! — wie Demokritos spielte, als er das 
Adjectivum öhscön (mit Varro) von Scaena herleitete, weil es 
hinter den Kulissen nicht immer sittsam zugehe — Andere 
haben es den altitalischen Oskem in die Schuhe schieben 



— 295 — 

wollen, deren Name {Osci, Opsci) im Altertum gleichbedeu* 
tend mit einem Rakel gewesen sei — keine der gegebenen 
Deutungen ist sicher, nur soviel scheint mir gewiss, dass 
das Wort mit Caenum, Kot, zusammenhängt, weil es vor- 
zugsweise von den Exkrementen gesagt wird, die ursprüng- 
liche Bedeutung zeigt sich zum Beispiel in dem Vers Ovids: 

quid, qui clam latuit reddente obscena puella (Refnedia Atnoris 437); 

man vergleiche oben (Seite 284) die Stelle Varros, wo der 
Harn ohscön gefunden wurde. 

Im modernen Griechenland macht man die Bekannt- 
schaft des edlen FdöaQog oder Faida^og, der so schwer 
richtig auszusprechen ist (Seite 48). So heisst nämlich 
heutzutage der Esel. Der i^j^wymzrijg, der hier die Rolle 
des italienischen Vetturino spielt, belehrt den Reisenden 
vielleicht: rdeiöafog! änb tov äel öigead-ai! "Weil er immer 
geprügelt wird! — Aber obgleich man das Wort nun wirk- 
lich bisweilen rdeiSaqog geschrieben sieht, so ist es doch nicht 
nötig, bei einem solchen unverkennbaren Spasse die Grund- 
zvige der griechischen. Etymologie von Curtius anzurufen. 

Bist Du einmal über die Gemmi, den allbekannten, 
herrlichen Alpenpass gegangen, lieber Leser? Willst Du 
wissen, wie sich ein Reiseschriftsteller vom Anfang unseres 
Jahrhunderts namens Schiner in seiner (181 2 zu Zion) er- 
schienenen Description du Vcdais die zurechtlegt? Ei, der Name 
Oemfni kommt von dem französischen gemir — er kommt 
von den vielen Seufzern, welche die Reisenden ausstossen 
{Oemmi, comme qui dirait: Oimi! — c'est ä dire qu*ü faut ghnir 
guand on y passe) — es muss ein behäbiger alter Herr ge- 
wesen sein, dem das Steigen schwer fiel, wie Hamlet fett 
und kurz von Atem, aber ob seiner Dicke jovial — zürnen 
wir ihm denn nicht. 

Dulce est desipere in loco. Es ist süss auf dem Se- 
minar den lateinischen Namen dieser FflanzschuU, dieser 
Pepiniere für Lehrer und Geistliche, als einen Namen wie 
Semiarianer oder wie Semikolon aufzufassen und als Semi- 
plenarium zu deuten, weil man da nur halbvoll und nur 



— 296 — 

halbsatt werde — süss in Polkwitz die Gendarmen für die 
Schande der Armen, in Ganslosen die italienischen Irredentisten 
für verrückte Zahnärzte und in Schöppenstädt die Katastrophe 
für Gottes Strafe auszugeben; es ist bekannt, dass im Mittel- 
alter der Titel der römisch-deutschen Kaiser: Semper Augustus 
im Gedanken an augere, vermehren, halbwitzig mit: aUezeü 
Mehr er des Reichs wiedergegeben wurde, und noch Goethe 
in seinem prächtigen Tischlied den König in diesem Sinne 
leben lässt: 

Ans Erhalten denkt er zwar, 
Mehr noch wie er mehre. 

Das lateinische augustus hat mit augere nichts zu schaffen, 
es verhält sich zu Augur wie rohustus zu Robur und bedeutet 
eigentlich: von den Auguren geheiligt, dann heilig, er- 
haben, ehrwürdig überhaupt. Und im Vaterlande der Augusti 
ist man ebensowenig blöde. In dem bei paese lä dove ü si 
suona, das heisst in Italien, wo die Menschen si sagen, wenn 
sie etwas bejahen, ein Vers von Dante — kam dereinst die 
Rede auf Languedoc. Der Name der französischen Provinz 
rührt bekanntlich daher, dass die Einwohner das oc-Ja haben 
und nicht das oui-Ja oder oU-Ja wie die Nordfranzosen, 
steht demnach als oc-Sprache der oui-Sprache gegenüber; oc 
ist das lateinische hoc, dieses, oui ist das lateinische hoc ülud, 
wörtlich: dieses, jenes, so bejahten schon die Griechen mit 
Tavra, das ist's, ravT^y co diaTtoxa, jsi, Herr, antwortet es im 
Frieden des Aristophanes 275. "Wie aber erklärte Freund 
Beppe, der florentiner Maler, die Langue d*oc? — Er konnte 
so wie so keinen Konsonanten im Auslaut dulden: er 
meinte Langue d'oc sei soviel wie Lingua d^Oca. Soviel wie: 
Gänsesprache. Ja, so etwas wird gesagt: darüber geht die 
Welt nicht unter; darüber ein wissenschaftliches Zeter- 
geschrei zu erheben, wäre doch höchst geschmacklos. 

Es ist selbst nicht ausgeschlossen, obgleich es selten 
vorkommen wird: dass einmal ein Wortdeuter von Fach 
einen etymologischen Witz zum besten gibt und in hco 
desipit. Gelehrte, zumal jüdische Gelehrte, ^ie von der 



— 297 — 

« 

Heiligkeit ihrer Sache nicht so durchdrungen sind, thun es 
häufig, ich denke bereits der alte Plinius hat (xii, 24) einen 
Wortwitz mit TJnedo gemacht Uniones nannten die alten 
Römer, damit sie in Frankreich Oignons hätten, ihre Zwie- 
beln, genauer wohl (da ünio zunächst Perle bedeutet) ihre 
Perlzwiebeln; ünedones dagegen die sogenannten Baumerd- 
beeren, die unter dem Namen Corhezzöle oder (weil der 
Strauch an der Küste wächst) Cerase marine, Meerkirschen, 
noch heute in Rom zu Markte gebracht und auf Brannt- 
wein verarbeitet werden; das Wort ist ein griechisches 
Fremdwort {Oivdg), Sie schmecken nicht besonders; im 
Altertum, wo man nur wilde hatte, waren sie vollends un- 
geniessbar; und daher meint Plinius, unedo heisse eigentlich 
iinum edo, ich esse nur eine, danke für mehr. Dergleichen 
Etymologien, die eben nur Wortspiele sind und sein wollen, 
Hessen sich viele sammeln, man hört ihrer alle Tage. 

Überhaupt aber darf man das Volk nicht dümmer 
machen als es ist — man soll nicht überall Etymologien 
riechen und dem gemeinen Mann seinen Fehler nicht eher 
aufmutzen, als bis er ihn wirklich begangen hat. StuUarum 
infinitus est numerus, das ist eine alte Geschichte, und es 
lassen sich ja tausend Albernheiten denken, die den Leuten 
in ihrer Beschränktheit einfallen mögen; aber man sollte 
doch lieber Gott danken, wenn dieselben noch nicht aus- 
gesprochen worden sind, als dass man ihnen zum Über- 
flüsse selber welche an die Hand gibt. Leider sind die 
Herren Gelehrten nicht immer frei von dieser pedantischen 
Fiktion — sie lieben es, sich Dummheiten auszudenken und 
sie dann dem Pöbel hintennachzuwerfen. Das Wort Ei 
sagt Grimm in seinem Wörterbuche unter Eiland, kommt 
nicht in Betracht, wenn schon der Dotter wie eine runde 
Insel im Eiweiss schwimmt. Eine eigentümliche Insinuation ! 
Hat denn schon ein Menschenkind diesen wunderbaren Zu- 
sammenhang geahnt? — Utrecht und Dortrecht j sagt An- 
dresen in seiner Deutschen Volksetymologie, Seite iio, 
scheinen mit recht zusammengesetzt zu sein. Wem scheinen 



— 298 — 

sie es denn? Ihm selber. Platzregen, sagt Andresen Seite i6o, 
gehört natürlich nicht zu Flatz aus platea, als ob Strich- 
regen verglichen werden dürfte, sondern zu platzen, laut 
anschlagen. Du meine Güte, ruft da wohl der Laie ge- 
kränkt aus, ich habe bei Platzregen noch niemals an den 
Domplatz oder an den Fleischerplatz gedacht! — Wo das 
Gute so nahe liegt, am Verstand des Volkes noch zu zwei- 
feln, scheint mir doch wahrlich nicht am Platze. Und darf 
ich noch ein kühnes Wort hinwerfen? Die Wissenschaft 
vom Echten ist so gross und vielumfassend. Sollen wir 
noch eine Wissenschaft vom Unechten dazu ausbilden? — 



Hauptstuck il. 

Leistungen, die sich an die Wortdeuterei 

anschliessen : das Wortspiel und die et}'- 

mologische Wiederherstellung, 

Das Spiel des Lebens sieht sich heiter an, 
Wenn man den sichern Schatz im Heraen trägt 

Schiller. 

1. Die etymologische Anbildung. 

Das Wortspiel läuft der Wortdeutekunst in den Weg — es ist eine von 
den köstlichen Früchten der Wortdeuterei — zunächst hat die Wortdeutung 
die etymologische Restauration in ihrem Gefolge — da die Deutung gewöhn- 
lich falsch ist, so läuft die beabsichtigte Wiederherstellung auf eine neue 
Verunstaltung hinaus — wir lernen hier eine andre Art Assimilation , die 
Anbildung ganzer Worte an Worte kennen, welche dem Sprechenden vor- 
schweben. 

Neben der Wortdeutung tauchte zugnterletzt aus dem 
Meere des Gleichklangs eine Art von Nix oder lustiger 
Bruder auf: das Wortspiel, ein Kobold, der zwar als 
solcher gar keinen Anspruch auf Wissenschaft erhebt, mit 
dem uns näher einzulassen wir uns gleichwohl notgedrungen 
entschliessen müssen. Denn dieser neckische Wassermann 
läuft gleichsam der Wortdeutekunst fortwährend in den 
Weg und macht sich ein Verg^nügen daraus, mit der alten 
Mutter Etymologia und deren ehrbaren Töchtern, während 
sie fromm und fleissig vorwärts wallen, als ob er zur Fa- 
milie gehörte, aufdringlich immer in gleicher Richtung 
fortzuspringen. Die Frauen können sich seiner gar nicht 



— 300 — 

erwehren, wie Bunyans Pilgerinnen, und leider können es 
auch viele Gelehrte nicht, welche die blinkenden Schaum- 
perlen, mit denen er um sich wirft, für bare Münze nehmen. 

Unter den gegenseitigen Störungen der Laute unter- 
einander haben wir der sogenannten Assimilation bereits 
zweimal (Seite 39 ff. und 93 ff.) Erwähnung gethan: wir 
wissen, dass zusammentreffende Laute einander angeähnlicht 
oder angebildet werden und dass dieser Einfluss nicht dem 
von Eheleuten gleicht, die miteinander durchs Leben gehn, 
sondern dass er vielmehr ein Ausfluss unseres eigenen 
trägen Herzens ist, indem es uns schwer fällt, den ursprüng- 
lich beabsichtigten Laut in der Gesellschaft rein und charak- 
teristisch hervorzubringen. Neben diesem stillen Privataus- 
gleich, der sich in den vier Pfählen des Worts mechanisch 
vollzieht, geht nun eine öffentliche, bewusste, willkürliche 
Anbildung ganzer Worte an andere, dem Sprechenden 
vorschwebende Worte nebenher, die durch etymologische 
Velleitäten des Volkes hervorgerufen und in dem unbe- 
stimmten Gefühle unternommen wird, den Verwitterungs- 
prozess der Laute rückgängig zu machen und den Worten 
ihre ursprüngliche Gestalt zurückzugeben. 

Diese zweite Art der Anähnlichung von Worten an 
Worte, die dem Volke im Sinne liegen, erfolgt unter dem 
Drucke einer vorangegangenen etymologischen Deutung, 
wie anderemale die Bildung einer Sage darauf folgt; und 
läuft, da die Etymologie gewöhnlich falsch ist und auf 
falschen Voraussetzungen beruht, nicht sowohl, wie beab- 
sichtigt war, auf eine Restauration, als vielmehr auf eme 
ärgerliche Verunstaltung des Sprachschatzes hinaus, an dem 
sich der Pöbel vorwitzig vergreift. 

Es gibt viele Ausdrücke, die der Laie nicht versteht 
und die ihn doch lebhaft interessieren — Fremdwörter, 
Eigennamen, Archaismen. Bei der ewigen Kombination 
und Permutation, denen die paar menschlichen Laute im 
Munde der Völker unterworfen sind, müssen sich nun An- 
klänge, ja, vollständige Gleichklänge durch alle Sprachen 



— 301 — 

häufig finden. Dieselben beweisen nichts für den etymolo- 
gischen Zusammenhang, ebensowenig beweist das Zusam- 
mentreffen im Sinne etwas dafür; beide Male kann die 
Übereinstimmung eine zufällige und das Resultat von Pro- 
zessen sein, die sich der Berechnung des Laien ganz ent- 
ziehen. Aber das glaubt der Laie nicht; namentlich der 
äusserliche Gleichklang übt, wir haben, ich denke, Proben 
davon, eine bestrickende Wirkung auf sein etymologisches 
Gefühl. Dass zwei Ausdrücke, die so ähnlich lauten, über- 
haupt nicht dieselben Ausdrücke sein sollten, kann er sich 
gar nicht denken. Er greift also hinein ins volle Menschen- 
leben — wo ilim ein Wort unter die Klauen kommt, an 
das sein Liebling anklingt und in dessen Sinn das Schmer- 
zenskind halbwegs zu passen scheint, so hält er es für das 
Wahre, für das Echte, für das ersehnte Etymon — er hat 
nun den Grund gefunden, und jetzt kann er es kaum er- 
warten, das glücklich entdeckte Original dem Zerrbild zu 
substituieren, das nach seiner Ansicht aus ihm verderbt 
und verstümmelt ist, zu ergänzen, was etwa noch fehlt und 
die Differenz von neuem vollkommen auszugleichen. Klingt 
nicht die französische Stadt Cambrai ein wenig an Kammer 
an? So wird denn auch das Tuch oder die Leinwand von 
Cambrai eigentlich Kammertuch sein. Hat nicht das Wort 
Manid ßo etwas von der Stadt Mantua? Der Engländer 
nennt also einen Mantel: Mantua und spricht von a new 
Mantua of genuine French sük. So geht's; gleich einem Pseudo- 
smerdis werden die Früchtchen gekrönt und in ihre ver- 
meintlichen Rechte eingesetzt. Mit Gott für König und 
Vaterland! Es ist ja niemand da, der Widerspruch erhebt, 
im Gegenteil, andere sprechen's nach. Und so werden die 
edlen Gebilde der Sprache, die bisher nur unter dem un- 
vermeidlichen Lautwandel, sozusagen unter dem Zahn der 
Zeit zu leiden hatten, nunmehr mutwillig gefälscht, und der 
Wörterschatz bietet jetzt das Bild eines Museums, in wel- 
chem Pfuscher über die Antiken geraten sind, die ehrwür- 
digen Reste des Altertums unberufen und freventlich 



— 302 — 

ergänzend. Und doch, seien wir nicht ungerecht — mut- 
willig ist vielmehr ein anderes Verfahren, das zwar eben- 
falls auf eine Assimilation und Misssimilation hinauslauft, 
aber von der etymologischen Wiederherstellung sorgfältig 
unterschieden werden muss. 



2. Das Spiel mit gegebenen Homonymen. 

Es gibt scherzhafte Wortdeutungen, es gibt auch scherzhafte Anbildongen, 
die Wortspiele sind — eigentlich ist nur eine Art Wortspiel zulässig, nämlich 
das Spiel mit Gleichklängen, die sich von selbst darbieten — der Pfaffe von 
Kaienberg — der französische Calembour und der deutsche Kalauer — 
Missachtung des sinnlosen Wortwitzes und der Zweideutigkeiten in unserer 
Zeit — der Witz besteht darin, dass ein Wort mit einem anderen, gleich- 
lautenden vertauscht wird, an welches man im Augenblicke nicht denkt — 
weshalb hat man in Paris den Lohengrin nicht aufgeführt? Elsas wegen — 
die Calembours des Marquis von Bifevre und anderer Franzosen — die Stadt 
Graz zu beiden Seiten der Mur — die Wortspiele der Berliner Komiker 
und Kästners — die englischen Punster — den meisten Geschmack an Wort- 
spielen findet überall das Volk — die kleinen Leute verhalten sich in dieser 
Beziehung zu den höheren Ständen, wie das Altertum zur Neuzeit — grie- 
chische und römische Wortspiele: die Venus des Praxiteles und der Eros 
des Phidias — Mis amores son reales — es wird bewiesen, dass Weiber 

keine Menschen sind. 

Die etymologische Fälschung geschieht niemals wissent- 
lich, sondern immer nur Bona Fide. Von einer solchen Bona 
Fides ist natürlich keine Rede, wenn der Sprechende bei 
seinen Ergüssen nur mit den Worten spielt Die Wort- 
deutungen wurden ja selbst häufig nur scherzweise vor- 
gebracht, und es wäre Beschränktheit, sich über Missgriffe 
zu ereife^rn, wo nur ein Witz durchschlüpfte — so werden 
auch die Worte unzähligemal aus reinem Übermut und 
Spasses halber einander angeähnlicht Es ist nicht gesagt, 
dass dergleichen Spässe niemals etwas auf sich haben; 
überhaupt ist nicht gesagt, dass ein Wortspiel niemals von 
Übel sei — es gibt eigentlich nur eine Art Wortspiel, die 
erlaubt, berechtigt und infolgedessen auch wirklich zündend 



— 303 — 

ist, alle weiteren Versuche hinken oder fuhren zu bedenk- 
lichen Ausschreitungen, die gegen den gnten Geschmack 
Verstössen. Diese eine Art ist das Spiel mit gegebenen 
Homonymen. 

Um das Jahr 1330 lebte der Sage nach in dem Kalen- 
berger Dorf im Wienerwald der sogenannte Ffaffe von 
Kaienberg. Es war der Pfarrer Wigand von Theben, der 
schon mit dieser seiner Heimat eine Kombination von 
Namen herauszufordern schien: Theben, ungarisch Diveny, 
ist ein Markt im ungarischen Komitat Pressburg, das 
Schloss Theben bildet mit der Stadt Hainburg die Porta 
Hungarica. Der Pfaffe liebte das Kombinieren in der That, 
er trieb Schwanke wie der Pfaffe Amis, ein englischer 
Clergyman, oder wie der Piovano Arlotto, der launige 
florentiner Pfarrer (f 26. Dezember 1483), wie denn Geist- 
liche oft zu Scherzen aufgelegt sind; stand auch angeblich 
in besonderer Gunst bei Herzog Otto dem Fröhlichen (?). 
Der Pfaffe von Kaienberg wurde deshalb wie Eulenspiegel 
in Deutschland für Witzbolde, ja für gelungene Witze sel- 
ber t3^isch und sein Andenken in alten Volksbüchern 
frisch erhalten; und genau so wie Till Eulenspiegel in den 
Espiegleries der Franzosen fortlebt, thut es der Pfaffe von 
Kaienberg (nicht ein Homonymus in Paris, noch ein Homo- 
nymus in Westfalen) in den französischen CcUembours. Aller- 
dings bezeichneten die Franzosen bis zum XVII. Jahr- 
hundert, was sie seitdem einen Calembour nannten, als eine 
Equivoque; deshalb aber den Ausdruck auf das arabische 
Kelime, Wort, Kalam-hairf Plural Kdlam-hür, verwirrte Worte, 
zurückzuführen, erscheint etwa so verwirrt wie eine der 
obenerwähnten hebräischen Etymologien; es gibt ein Wort 
Ckilambour im Französischen, Aas Aloeholz bedeutet, dieses 
ist allerdings orientalischen Ursprungs. Nein, der franzö- 
sische GaLembour ist wahrscheinlich in dem lustigen Wiener- 
wald gewachsen, und daraus wieder, durch einen neuen 
Calembour, unser Kalauer hervorgegangen — Kalau ist 
meines Wissens eine kleine Stadt im Regierungsbezirk 



— 304 — 

Frankfurt a/0, wo zunächst Stiefel fabriziert werden; und 
zwar versteht man unter einem Kalauer einen schlechten, 
faden Witz, genau so wie man in Frankreich unter einer 
J^uivoque heutzutage ein schlechtes, namentlich aber unan- 
ständiges Wortspiel versteht; was äquivok ist, scheint ja 
auch bei uns eine lascive Deutimg zuzulassen, das Wort 
hat selbst einen schlechten Nebensinn und gehört wie das 
deutsche zweideutig in das Kapitelchen der Bösen Zungen 
(Seite 190, 202). Wie hoch ist der Himmel über der Erde? — 
So hoch, dass ein gefallener Engel neun Monate braucht, 
um niederzukommen. Von der versteckten Schlüpfrigkeit ab- 
gesehen, bringt den Kalauer die allgemeine Missachtung 
in Verruf, die in unserer Zeit dem müssigen Spiel mit 
Gleichklängen, dem sinnlosen Wortwitz, den low Conceits, 
den miseri Concettini zuteilzuwerden pflegt, indem die blosse 
Auffindung von Homonymen und die einfache Verwechse- 
lung derselben ohne das was die Franzosen Fointe und die 
Engländer (wohl mit demselben Worte) Fun nennen, für 
keine genügende Witzprobe erachtet wird. 

Freilich gibt es auch gute, sinnreiche Kalauer: un- 
gesucht und geschickt benutzt, ist die Homon3rmie in der 
That ein glänzender Schmuck verführerischer Rede. Der 
Witz besteht darin, dass ein Wort mit einem andern gleich- 
lautenden vertauscht wird, an welches der Angeredete dem 
Zusammenhainge nach zunächst nicht denkt, das aber allein 
einen richtigen Sinn ergibt — dadurch wird die Über- 
raschung hervorgebracht Zum Beispiel, eine Dame gibt 
das kleine Rätsel auf: 

Mit L ^£1(1*8 gegessen. 
Mit Z nimmt man*s ein — 

jeder denkt dabei zunächst an das Einnehmen einer Arznei, 
es sind aber die EinnaJimen gemeint, die den Ausgaben 
gegenüberstehen, und so wird denn männiglich gewahr, dass 
die Auflösung: Linsen, Zinsen ist Oder es wird gefragt: 
was eine falsche Behauptung sei. Augenblicklich denkt man 
an einen Irrtum, dann kommt man auf die Perücke, indem 



— 305 — 

wer eine solche trägt, gleichsam mit einem falschen Haupte 
versehen ist, Behauptung wäre ein Ausdruck wie Behaarung 
und Behäutung. Ein Mädchen ist beim Anziehn und steht 
halbnackt im Zimmer: ach, klagt die lose Tochter Evas, 
gerade, wenn man am anziehendsten ist, darf man sich nicht 
sehen lassen. Scheffels Nachahmer bilden sich wie die 
kleinen Goethekenner ein so genial zu sein wie er: sie 
glauben ihr Licht nicht unter den Scheffel stellen zu sollen. 
Weshalb haben die Franzosen den Lohengrin zurückge- 
wiesen? — Ulsans wegen. 

Die Franzosen, so reich an Homonymen, waren bis zur 
Revolution, seit welcher ihr Esprit abgenommen hat, für 
ihre Calemhours bekannt; der Marquis von Bievre, der gerade 
1789 in Spaa starb, verstand sich meisterhaft darauf Typisch 
ist folgender. Dem König Ludwig XV. vorgestellt und auf- 
gefordert, einen Witz zu machen, sagte er: Donnez-moi un 
sujet, Sire, — Faites^en un sur moi. — Sire, le roi n'est pas un 
sujet. Übrigens sind die gesammelten Bievreana nicht nur 
oft im obigen Sinne äquivok, sondern auch, was schlimmer 
ist, zuweilen höchst frostig und unglücklich gewesen: wenn 
er zum Beispiel sagte: das Wetter sei g^ut in den Käfig zu 
thun {hon ä mettre en cage)^ nämlich heiter (serein, welches 
so klingt wie serin, Zeisig), so braucht ihn um diesen Ein- 
fall niemand zu beneiden. Man merkt eben die Manier, die 
das Wortspiel keineswegs verträgt; dasselbe muss sprudeln 
wie ein Bergquell. Auf der Place des Victoires hat man 
Ludwig XIV. ein Reiterstandbild errichtet; daran liest man 
mittelmässige Verse von dem Akademiker Regnier. Ce 
sont, sagt Santolius Burgundus, der lateinische Dichter San- 
teuil, des vers ä renier. Ein Gascogner trifft im Wirtshaus 
einen Portug^iesen, der geradeso dasitzt, als ob ihm die 
Hühner das Brot gefressen hätten, und fragt ihn nach 
seiner Nationalität Fortugais. — Äh! je vous avais cru Fortu- 
triste. Ein Novellist sohlt in einem Pariser Cafe, ein Bogen 
der Euxinusbrücke, des Pontus Euxinus, sei eingefallen 
{quHl y a une arche du Font-Euocin de tombee), — Das ist so 

Kleinpaal, Etym. 20 



— 306 — 

wahr, erwidert ein andrer Gast, dass der Grossherr Befehl 
gegeben hat, die Leitern der Levante zu nehmen, um ihn 
wieder aufzubauen {qu'on prit les Echelles du Levant pour la 
rääblir). Echelles du Levant heissen in Frankreich gewisse 
Handelsplätze des Orients, z. B. Smyma, Aleppo, Kairo etc. 
Die Replik ist wirklich ausgezeichnet und sie ergibt sich 
völlig ungezwungen, es hat nicht der geringsten Abände- 
rung bedurft 

ICarl V., bekanntlich ein geborener Genter, soll A. D. 
1540, durch Frankreich ziehend, um das aufständische Gand 
zu strafen, gesagt haben, dass er Paris in seinen Handschuh 
stecken könne (dans son gant). Der Bruder Napoleons, König 
von Holland, wurde nach Graz in den Ruhestand geschickt: 
als er die liebliche Stadt zu beiden Seiten der Mur er- 
blickte, nannte er sie sehr schön: la vüle des Gfräces sur la 
riviere de VÄmour. Der Prinz-Präsident Napoleon versicherte 
9. Oktober 1852 bei einem Bankett zu Bordeaux: V Empire 
c'est la paix. Vier Wochen darauf (7. November 1852) ver- 
kündete der Kladderadatsch: V Empire c'est Vipee. 

Wenn man sich die Mühe nehmen wollte, die deut- 
schen Wortspiele der Berliner Komiker zu sammeln, so 
würde man finden, dass unsere eigene Muttersprache nur 
allzuviel Gelegenheit dazu bietet — ohne mich des Chau- 
vinismus zu befurchten, glaube ich, dass der echte Kalauer 
mindestens so gnt und so sinnreich ist wie der französische 
und ursprünglich selber deutsche Calembour. Die Fran- 
zosen hatten ihren Bievre; die Deutschen ihren Kästner, 
ihren Lichtenberg und in neuerer Zeit ihren Öttinger, ihren 
Glassbrenner, den Vater des Berliner Witzes {Berlin, wie es 
ist und — trinkt), den grossen, ich meine körperlich grossen 
jüdischen Humoristen Saphir, dem wir bereits oben unter den 
Homonymen begegneten, den Hamburger Stettenheim und 
Heine, der zum Beispiel fand, in Hamburg herrsche Bancos 
Geist. Von Herrn Hofrat Kästner, der A. D. 1800 in Göt- 
tingen als Professor der Naturwissenschaften starb, leben 
heute noch einzelne Anekdoten. Ein Student Kriegk macht 



— 307 — 

ihm beim Beginn des Semesters seine Aufwartung, schier 
dreissig Jahre alt. — Ei, so habe ich ja die Ehre, den 
Dreissigjährigen Krieg zu sehn. Ein Prinz stellt sich während 
einer seiner Vorlesungen vor das Fernrohr. — Mein Prinz, 
ich weiss wohl, dass Sie durchleuchtig sind, aber Sie sind 
nicht durchsichtig. Auch Lessing und Hippel, der über- 
haupt Einfälle wie ein altes Haus hatte, im XVI. Jahrhundert 
Mumer und Fischart haben einzelne tadellose Wortspiele 
gemacht, bei letzterem findet sich bereits der hübsche Ver- 
gleich eines Spiels Karten mit dem Buche der Könige (engl. 
the Book of the four Kings). Die besten Wortspiele machen 
die Schusterjungen, und die Litteraten haben sie gewöhn- 
lich erst von ihnen, wie sich eben in Glassbrenner der Ber- 
liner Volkswitz verkörperte — solche Verknüpfungen, wie 
eine Schar Landstreicher, die vom Schutzmann gefesselt 
auf die Polizei geführt werden, als eine geschlossene Gesell- 
schaft oder die Achselklappen der Sekondeleutnants (weil 
sie darauf warten, dass ein Stern hineinkomme) als Stern- 
warten zu bezeichnen, sind doch unbezahlbar. In England 
nennt man, wie erwähnt, das Spiel mit Homonymen (von 
Eduard Müller sonderbar genug aus to play upon words er- 
klärt) Fun, und der vortrefflichste litterarische Bunster heisst 
wohl Thomas Hood, in dessen Händen die Quihhles, die 
Whims and Oddities zu einer Quelle echten Humors, oft 
selbst des Pathos wurden (1823). Aber auch in England 
ist der Hauptpunster, wie man schon aus Shakespeare sieht, 
das Volk. 

Ja, man kann die scheinbar paradoxe Behauptung auf- 
stellen: dass die Menschen umsomehr Geschmack am Wort- 
spiel finden, je ungebildeter sie sind; und dass sich in dieser 
Beziehung das kleine Volk zu den höheren Ständen ver- 
hält, wie das Altertum zur Neuzeit. Je patriarchalischer die 
Nation, umso findiger in Wortwitzen sieht sie aus, während 
auf höheren Kulturstufen die Erkenntnis von der Wert- 
losigkeit derselben durchdringt. In den alten Sprachen sind 
die Gleichklänge offenbar so dicht gesät wie in den neueren, 

20* 



— 308 — 

ja, die Menge derselben wird noch unterschätzt, weil die 
Wörterbücher nach alter Schablone verschiedene Begriffe, 
die nur lautlich zusammenfallen, als ergäbe sich die eine 
Bedeutung aus der andern, unter einem und demselben 
Stichwort bringen, wie zum Beispiel das Handwörterbuch 
von Reinhold Klotz Velum, Segel, und Velum, Vorhang, ver- 
gleiche Seite 63, in Einem Artikel vereinigt hat Griechen 
und Römer benutzten diese Gelegenheit redlich, man sehe 
sich nur die alten Lustspiele an, zum Beispiel die Stücke 
des Plautus, der ganz unerschöpflich in gelungenen Wort- 
und Namenspielen ist und der doch das altrömische Volks- 
leben getreu schildert. ME TELLUS liest man auf einem 
Grabmal an der Appischen Strcisse, mich (hat) die Erde — 
das Grab gehört der edlen Familie Jfetellus. Aber auch ein 
Cicero verschmähte es nicht, was doch heute kein Advokat 
thun würde, dem Verres seinen Namen vorzurücken, welcher 
Hacksch bedeutete; und als der Redner Hortensius, der 
Verteidiger des Verres, von dem er eine Sphinx von Elfen- 
bein geschenkt bekommen hatte, meinte, er könne keine 
Rätsel lösen, erwiderte Cicero: Du hast ja die Sphinx zu 
Haus (atqui debeSy cum Sphingem domi hdbeas). Die Ol5mthischen 
Reden des Demosthenes enthalten, wenn ich mich recht 
entsinne, ein klassisches Wortspiel mit epwg und sQQCjao, 
der Ajax des Sophokles nennt sich selbst gleichsam 
den ^lat-mann, das ist den Wehemann {^Xag 430), dem 
Aristophanes boten die Homonyma ^'Oqoq, Berg, "öQQog 
(=s ^'Oqaog), Arsch, urverwandt damit, 'Öpog, Nachttopf, und 
^ÖQog, Molken, natürlichen Stoff zu Anknüpfungen seiner 
Art Ein geistreiches antikes Wortspiel, das heutzutage 
nicht schöner gemacht werden könnte, hat uns Athenäus 
(xm, 585) mit den grossen Künstlernamen Fhidias und iVo- 
xiteUs aufbewahrt. Ilqa^LTiXriQ ist etwa mit Tributforderer 
oder Steuereinnehmer, Zolleinnehmer, 0€idlag mit Filz oder 
Knicker zu übersetzen: der grösste Bildhauer der Griechen 
hatte einen Namen wie Spar schuh, Küssenpfennig, Schimmel' 
pfeng, Potter u. s. w. Nun, ein Liebhaber der Phrjme nannte 



— 309 — 

die kleine Kröte, weil sie sehr teuer war, die Vent^ des 
Praxiteles. — Und sie erwiderte: er sei der Eros des Phidias. 
Die berühmte Devise des Herzogs von Medinaceli, des 
Verehrers der Königin von Spanien, welche zunächst die 
silbernen Realen in seinem Wappen zu erklären schien: 
Mis Ämores Son Beales, meine Liebe ist königlich, dürfte an 
Feinheit nicht viel nachstehn. Bis ins höchste Altertum, 
ja bis in die Genesis hinein können wir dieses Spiel ver- 
folgen, überall mit wirklichen, fertigen Homonymen, denn 
an nicht völlig gleichen Worten vergriff man sich noch 
nicht; und zwar muss man unter Homonymen nicht blos 
wie vorhin verschiedene Worte, die durch den Lautwandel 
zusammengefallen sind, sondern auch verschiedene Bedeu- 
tungen eines und desselben Wortes verstehen, wie zum 
Beispiel das lateinische Homo Mensch und Mann bedeutet, 
ein Doppelsinn, der seinerzeit zu der paradoxen, aus der 
Bibel und den Kirchenvätern erwiesenen, Behauptung führte: 
Midieres homines non esse. 



3. Die Anspielung. 

Wenn kein absoluter Gleichklang vorliegt, das Volk gleichwohl seine Witze 
nicht lassen kann, so behilft es sich mit einer Anspielung — das Alte Testa- 
ment ist voll von Anspielungen: die Namen Nod, Gerar, Nabal in der Ge- 
nesis — die geistreiche Frau Königin Penelope — England, Holland und 
Niederland — wie sich Papst Gregor der Grosse auf dem Forum mit jungen 
Engländern unterhält — geographische Anspielungen sind noch heute an der 
Tagesordnung — fingierte Ortsnamen, wie sie die Laune Dichtern und Hand- 
werkern eingibt: Maulbronn und Kloppenheim, Gibingen und Nehmingen, 
München und Frauenhofen — schlechte Witze: ein Kandidat hört sich die 
Ofenthüre an, ein Handlungsreisender isst ein Amulett o komm vor die Thür — 
— diese ewigen Anspielungen — das Kauderwelsch der Philister am Skat- 
tisch — Gewitzel in der Litteratur und in den Berliner Witzblättern — 
Heinrich Heine — überall besteht die Spitze in der einfachen Vertauschung 
von Worten, die sich der Homonymie nähern, ohne dass sie noch ihrem 
Lautbestand nach weiter angegriffen werden, aber diese Spitze ist an sich 

selbst keine glänzende. 

Falls ein so vollkommenes Wortspiel nicht möglich ist, 
weil keine strikte Homonymie, sondern nur ein schwacher 



— 310 — 

Anklang vorliegt: so behilft sich das Volk mit einer An- 
spielung. Man spielt mit den Worten, die man eben hat, 
wenn es auch ein wenig hapert, der Zuhörer freut sich 
schon; man ist nur nicht ganz sicher, dass man verslanden 
wird. Das Alte Testament, in der armen hebräischen Sprache 
geschrieben, ist voll von Anspielungen, die uns heutzutage 
affektiert vorkommen — alle Orientalen gefallen sich darin, 
ja verraten sich wie die Juden, wenn sie in europäischen 
Sprachen schreiben, durch diese absonderliche Neigung. 
Unstet und flüchtig (nod) sollst du sein auf Erden, spricht 
(I.Mose IV, 12) der Herr zu Kain — nun geht der Bruder- 
mörder hin und wohnt (i. Mose iv, i6) im Lande Nod, das 
heisst im Lande Flucht (von Peter von Bohlen mit Indien, 
hebräisch Hind, irrtümlicherweise gelesen: Han-Nod identi- 
fiziert). Abraham zog (i. Mose xx, i) von dannen ins Land 
gegen Mittag und ward ein Fremdling zu Gerar, wo Abime- 
lech herrschte: das hebräische Verbum ist gur (iW), eigent- 
lich ziehen, wandern, dann sich als Gast und Schützling 
irgendwo niederlassen, als Fremdling wo leben; die Vulgata 
übersetzt: et peregrinatus est in Geraris, für den Israeliten 
musste es klingen wie: peregrinatus est in peregrinatione. Der 
reiche, karge, unbillige Näbal weigert sich (i. Samuelis XXV, n) 
Davids Jünglingen etwas vorzusetzen: kein Wunder, er, 
dessen Weib doch guter Vernunft war, ist ein Narr (^23, 

Thor, Narr, mit ethischer Wendung: schlechter, verworfener, 
gottloser Mensch). Nabais Narrheit wird (i. Samuelis xxv, 2s) 
von Abigail selbst Nehälah (pb^^) genannt. Ich will die 

Natur der Beziehungen und ob nicht der Name die ganze 
Erzählung veranlasst haben mag, dahingestellt sein lassen: 
ein Zusammenhang ist nicht wegzuleugnen und die Wahl 
der Worte keinesfalls eine zufällige gewesen. Auch kann 
uns diese Absicht nicht überraschen, da wir die Sucht des 
Pentateuch, von jedem Eigennamen die Etymologie zu 
geben, welche Etymologie selbst sehr häufig nur ein Wort- 
spiel ist, genugsam erfahren haben. Dieu par ces paroles, 
sagt Bossuet einmal, faxt allusion aux Juifs, 



— 311 — 

Wenn der liebe Gott Anspielungen macht, so dürfen's 
wohl auch die Menschen, zumal die Diener der Kirche und 
Gottes Stellvertreter. Irdischgesinnte Leute als Niederländer, 
himmlischgesinnte ails Oberländer zu bezeichnen, ist Berthold 
von Regensburg in seinen Predigten geläufig; dass man 
nur aus Niederland nach England komme, das heisst, dass 
nur der Demütige den Himmel erwerbe, wissen wir schon 
voi Abraham a Sancta Clara (193). Der arme Simplicissi- 
mus, der sich verheiratete und (V, 8) mit gxitem Wind in 
England zu schiffen hoffte, aber wider alle Zuversicht in 
Holland kam, meinte es anders, niederländischer, er dachte 
an eng und äoäZ, in dem Sinne wie die Römer bei Ligurien 
an ligurire, lecken, und die Griechen bei Fhonizien an aller- 
hand unzüchtige Dinge dachten — gesittete Männer denken 
bei England an nichts anderes als an die lieben Engelein und 
diesen Anklang, der heute noch gefühlt wird, hat der hei- 
lige Vater, der sich die Engelmacherei in England zur 
Lebensaufgabe machte, Papst Gregor der Grosse, selbst 
sanktioniert Als der fromme Mann im Jahre 589, noch vor 
seiner Wahl zum römischen Bischof, über das Forum ging, 
bemerkte er mit Wohlgefallen etliche blonde Jünglinge, die 
als Sklaven verkauft werden sollten. Er fragte, woher sie 
wären. Von Britannien, war die Antwort. — Und wie 
heisst euer Volk? — Wir sind Angeln. — Angli, quasi Ängeli, 
rief Grregor; ja, sie haben englische*) Gesichter und sollten mit 
den Engeln im Himmel zusammenwohnen. Wehe, dass solche 
Lichtgestalten in der Gewalt des Fürsten der Finsternis 



*) Englisch ist ein vollständiges Homonym und ebensogut zu Fräulein 
oder Grtiss^ als zu Roastbeef oder Pflaster hinzuzusetzen; im Lateinischen 
unterscheidet sich eine Angelika KaufTmann von einer Anglica Mistress zum 
wenigsten durch ein e, Dass wir englisch und nicht engländisch, dagegen nicht 
hollisch, sondern holländisch sagen, kommt daher, dass England bei den Angel- 
sachsen kurzweg Engel (EnglCy Angle, Angeln) hiess: der Begriff Land wurde 
wie bei Pretissen (Seite 222) weggelassen. Das Adjectivum ist daher von 
dem Namen des Volks abgeleitet, und deshalb lautet es auch bei den Eng- 
ländern selber: English, 



— 312 — 

sind! Und wo seid ihr in Britannien zu Hause? — In 
Deiri. — Ganz recht; de ira Dei eruti et ad misericordiam 
Christi vocati. Wie heisst euer König? — Aella. — AUe- 
lujahf Gottes Lob muss dort gesungen werden. Seitdem 
wirkte also Gregor der Grosse für die englische Mission. 
Heutzutage wirkte er vielleicht für die Mission in Leipzig, 
weil daselbst bei der letzten Reichstagpswahl (Februar 1890, 
so nannten bekanntlich die Sozialdemokraten die als frei- 
willige Wahlhelfer zu säumigen Wählern Briefe austragen- 
den Studenten) so viele Götzendiener aufgestanden sind. 
Ärtem non odit nisi Ignatius, 

Es ist sonderbar, dass es das Volk bei seinen Anspie- 
lungen vorzugsweise auf die Geographie abgesehen hat 
Frau Penelope muss ebenso kokett wie geistreich gewesen 
sein, der alte Schlaukopf Odysseus wusste wohl was er an 
ihr hatte: wie sie da (Odyssee xix, 562) die prophetischen 
Träume durch eine hörnerne (Kigag, Hom: nqaivuv, erfüllen), 
die eitlen durch eine elfenbeinerne Pforte schlüpfen lässt 
{^EXiq)ag, Elfenbein, eletpalQead-ai, täuschen), macht der ehr- 
baren Hausfrau alle Ehre. Das ist ungefähr geradeso wie 
Samuel von Butschky sagt: die Welt ist eine Insul, da- 
rinnen vier Festungen sind, Goldberg, Neideck, Hohenzom und 
Haderwick — oder wie ein anderer Schriftsteller erzählt, der 
Weg nach dem Reiche der Liebe beginne im Lande der 
Jugend am Weiler Sorgenlos und gehe über Beizenstein^ 
Beichenbach und Freudenheim; die Grenzfestung Wamungsstein 
bleibe links, aus dem Flusse der Wünsche gelange man in 
den Hafen der Ehe u. s. w. u. s. w. Die Tausendsasas sind 
ja in blauen Phantasienamen merkwürdig erfinderisch und 
bauen (Sebastian Brant) ein Schiff von Narragonien oder 
(Thomas Mumer) eine Mühle von Schwindelsheim — sie lebten, 
heisst es in dem Wisbadischen Wisenbrünlein pannstadt 161 1) 
nit wol miteinander, sondern gingen oftermals durch den 
Feusterwald nach Kloppenheim spazieren — wenn sie genug 
gekloppt hatten, gringen sie vielleicht nach Federhausen — da 
der Bote nicht warten kann, so meint Valerius Herberger: 



— 313 — 

er ist nicht von Wartenberg, sondern von Eilenburg, wenn er 
aber den Mund nicht aufthut, so ist er von Stumsdorf — 
allerorten heisst es, wenn einer nicht gerne gibt: er ist 
nicht von Oibingen, sondern von Nehmingen, er isch vo Nehmige, 
nit vo Gfehige, er ist nicht von Gehersdorf, vom Stamme Nimm — * 
die Beamten, die nicht ins Geschäft kommen und sich gerne 
drücken, müssen wohl Driickenherger sein, die Narren woh- 
nen in Gauchmatten oder zu Laienburg, wo 1597 das Laien- 
buch gedruckt ward. Der Jesuit Weisslinger nannte Luther: 
Advokat zu Sauheim, Stadtrichter zu Schweinfurt; er meinte, 
der Sauluther gehöre nach Mistingen, Scheissau oder Dreck- 
herg. Ebenso erfinderisch sind die Tausendkünstler nun in 
der Benutzung wirklicher Eigennamen. Wer's eilig hat, 
der ist aus Eylau; wer das Geld nicht hergibt, aus Anhalt; 
ein tüchtiger Regen ein tüchtiger Nassauer; und der aus 
dem geistlichen in den weltlichen Stand getretene Kutten- 
hengst von München nach Frauenhofen gegangen. So hiess 
die Heimat der Familie Fraunhofer. Wenn sie vorhin 
nach Federhausen gingen, begeben sie sich gegenwärtig 
lieber nach Bethlehem, Wer kennt nicht das Kloster Maul- 
bronn, wo Doktor Faust gestorben ist? — Der Gott Venter 
und das Kloster Maulhrunn treibt und lehrt uns alle, sagt Se- 
bastian Franck in seinen Sprichwörtern und er setzt hinzu: 
dass er da^ Loch unter der Nasen meine. Und wer kennt 
nicht das herrliche Frascati, wo Cicero sein Tusculanum 
hatte? — Wenn's ein frischer Wintermorgen war und die 
Tramontana wehte, unterliess meine römische Wirtin nie zu 
sagen: son arrivati i Frascatani a Roma, 

Aus der Periode der poetischen Metaphern (Seite 162 flF.) 
ist uns erinnerlich, dass der menschliche Unterleib gern 
bevölkert und mit den Niederlanden verglichen wird; dass 
(Seite 158) auch die Flüsse und die Strassen ihre Knie 
haben. Hier sind wir beim Wortspiel. Nun, im Schwarz- 
walde machen sie den Witz: von Kniebis nach Freudenstadt 
sei es nicht mehr weit. Der Kniebis, ein Hauptbollwerk des 
südlichen Deutschlands gegen Invasionen von Westen her, 



— 314 — 

wird viel besucht; Kniehis und Freudenstadt sind beides 
Luftkurorte. So liebt die Italienerin ihren Marmorbusen, 
auf Seno und Poppa anspielend, als Senatus Popülusque Bo- 
tnanus; und die Deutsche nicht minder witzig die Eingeweide 
ihres gewölbten Bauches als Darmstadt zu bezeichnen. Alles 
Geschlechtliche liegt, wir haben schon (Seite 114) darauf 
auftnerksam gemacht, dem Menschen einerseits sehr nahe, 
anderseits will er nicht gern deutlich sein, daher die An- 
spielung auf diesem Boden besonders üppig gedeiht 

Es gab eine Zeit in Deutschland, wo Kurfürstliche 
Gnaden nicht sagten: Bargeld lacht, sondern Baria ndent, 
und wo sie um auszudrücken, dass der Thorwart im Fieber 
liege, artig übersetzten: Januarius jacet in Februario, Kur- 
fürstliche Gnaden durften sich das erlauben, denn ich hätte 
niemand raten mögen, den bewunderungswürdigen Witz, 
der darin lag, nicht zu erraten. Er ist ja so köstlich wie 
das Florentiner Sprichwort: Ferraio ferra Vacquaio — im 
Februar, dem kältesten Monat, friert nämlich in Toscana 
mitunter auch das Wasser in der Küche und im Gussstein 
{acquaio)] der Februar (ü Febhraio) ist also gewissermassen 
ein Eisenmann, der die Gosse mit Eisen beschlägt {ferrare). 
Einem schlechten Skatspieler wird wohl der Vorwurf ge- 
macht, er habe falsch angespielt. Wer jammervolle Anspie- 
lungen macht, ist der unsres Zorns nicht wert? — 

Denn hier möchte einem in der That ab und zu die 
Galle überlaufen. Der Teufel hole dies^ ewigen Anspieler 
und unausstehlichen Wortwitzhascher! Sie haben Queck- 
silber im Munde, das lässt ihnen keine Ruhe, sondern 
macht sie aus einer Form in die andre gleiten, dass sie 
gewissermassen ihr Wort nicht halten können und sich 
fortwährend versprechen müssen. Ich habe einen Theologen 
gekannt, der äusserte in einem Konzert: jetzt kommt die Ofen- 
thüre, er meinte die Ouvertüre — ich bin einmal von einer 
Diakonissin gepflegt worden, die konnte nicht sagen: mt 
dem grössten Vergnügen, sie musste sagen: mit dem grösäen 



— 315 — 

Frachttvagen, und nicht: es ist die höchste Zeit, sie musste 
sagen: es ist die höchste Eisenhahn — ich habe einmal in 
Sizilien in einem grossen Hotel einem Handlungsreisenden 
zugehört, wie derselbe die Speisekarte für sich studierte 
und sich ein stilles Vergnügen daraus machte: Macaroni in 
Mahagoni, Omelette in Amulett, (Omelette) aux confitures in 0, 
komm vor die Thüre! — umzusetzen. Notabene eidlich zu 
erhärten. Es gibt wahrlich Leute, die wie die Italia Irre- 
denta beständig trre reden, die gleichsam lallen und ein 
gottserbärmliches Kauderwelsch verführen, das niemand 
versteht. Ich sage, es gibt Leute, die auf die Frage, wie 
es ihnen geht, nicht antworten: so lala, nein: so lüa; die 
nicht sagen: das ist meine Schwärmerei, nein: mein Schivarm; 
nicht: ich hin fest davon üher zeugt, nein: ich hin fest davon ühei^- 
zogen, als ob sie nicht deutsch gelernt hätten — sie sind 
nicht befriedigt, sondern hefriedricht ; nicht helesen, sie haben 
Bläschen auf der Zunge; sie gehen nicht auf ihren Poten 
oder Pfoten, sondern auf ihren Potentaten; tragen keinen 
Panamahut, sondern einen Panoramahut; sind nicht Fuss- 
touristen, sondern Fusstenoristen; nehmen kein Streichhölzchen, 
sondern ein Straßölzl; wenn es nicht anbrennt, ist das höchst 
feudal und damit Boston. 

Im Wendischen liegt eine Ortschaft namens Duhrawice, 
vulgo Dummerwitz — o, es sind ihrer viele aus Dummer- 
witz. Es regnet Dummerwitze, die Dummerwitze fallen so 
dicht wie die winterlichen Schneeflocken, mit denen An- 
tenor in der Ilias (iii, 222) die Fülle der Beredsamkeit ver- 
gleicht; Dummerwitz liegt nicht in der Wendei, Du, Du, 
sagt Nathan zu König David, bist der Mann aus Dummer- 
witz. Man braucht ja doch nur ein wenig Achtung zu passen 
und auf die Skattische und das schale Gewitzel der Phi- 
lister hinzuhorchen. Ha! Sie haben einen hrüllenden Skat — 
sie sagen Quarante an — sie haben ein Krank verloren — 
sie geben die Novella zu — sie werfen die Zicke rein: so 
wurde schon im Mittelalter Schaf zagel, Schafschwanz, aus 
Schachzdbel, Schachbrett, durch eine ordinäre Anspielung 



— 316 — 

gemacht.*) Und dazwischen zeigt wohl einer die Medizinische 
Venus vor oder faselt von der Beisetzung Pianinos und 
macht einen krummen Lorenz. 

Diese eigentümliche Geisteskrankheit, die an das so- 
genannte Silbenstolpem und ähnliche Sprachstörungen 
(Seite 44) mahnt, hat bereits die Kinder und die unschul- 
digen Dienstboten angesteckt. Ein Junge, der beim Baden 
beinahe ertrunken wäre, klagt: es ging mir der Adam aus — 
und der ehrliche vorpommersche Knecht, dem man etwas 
aufträgt und der sich's marken will, versichert: ick heet Mar- 
cus. Es war einmal ein Setzer in der Cansteinschen Bibel- 
anstalt, der hatte den 1 6. Vers des dritten Kapitels der Ge- 
nesis gesetzt: Dein Wille soll deinem Manne unterworfen sein, 
und er soll dein Narr sein und das sechste Gebot im Kate- 
chismus folgendermassen: du soUst ehebrechen — und in Stutt- 
gart machte sich's ein Buchdrucker zum Spass, dem Druck- 
fehlerteufel zuvorzukommen und in Schillers Werke ganz 
im Geiste von unsere Leut Don Carlos den Infanteristen' von 
Spanien, die Braut von Messing und Maria Stuttgart einzu- 
schmuggeln wie gut, da^s unsere Leute nicht öfter 

über den Setzkasten geraten, sie würden was anrichten und 
den Falzgräfinnen etwcis zu falzen geben! — 

Von solchen Witzeleien nähren sich die sogenannten 
Witzblätter und die Theateijoumalisten, besonders jüdische 
— sie haben eine eigene alberne Lust die Worte zu ver- 
wechseln und anders auszusprechen, als gesprochen wird, 
oft ohne alle Spitze, aber der Anklang brennt den zappeln- 
den Federfuchser, die Hände prickeln ihm und es juckt ihn 
geistreich zu sein. Schon als Heinrich Heine (1826) seine 
Reisebilder schrieb und früher grassierte in Deutschland 
diese Manie der Anspielungen — Heine stand in der That 
darüber, seine Muse ging nicht in solchen Armseligkeiten 
auf, sie war kühner und sachlicher, sie stieg auf wie Banquos 

*) Und analog der Name eines Jurapasses: Schachmatte in Schaf matte 
verwandelt. Hier bedeutet jedoch Schach soviel wie Raub, wie ihn der 
Schacher^ das heisst der Räuber ausführt. 



— 317 — 

Geist, unheimlich und schonungslos, daher das Aufsehen, 
das jenes Reisetagebuch hervorrief — es wäre gut, wenn 
er abermals erschiene. Denn indem die obengenannten, 
handwerksmässig in Witz arbeitenden Blätter neben ein- 
zelnen gelungenen Wortspielen soviele unglückliche brin- 
gen und den geistlosen Wortwechsel Mode machen, wirken 
sie geradezu verderblich auf den Geschmack des Volkes. 
Kladderadatsch legt der Mutter des Fürsten Ferdinand die 
kümmerliche Beobachtung in den Mund: Stambulow sei der 
fünfte Bat am Wagen — Wippchen sagt: der Äpfel fällt nicht 
weit vom Birnbaum — nach Boulangers Rede weiss man nicht, 
ob er Krieg halten oder Frieden führen wird — Bismarck wollte 
allein thaten und deshalb auch allein raten (sprichwörtlich) 
— Leonhard Freund geht ins Wiener Cafe, liest Kaffee und 
trinkt Zeitungen — Müller sagt zu Schultze: wo hast Du 
denn gestochen? — hemorken statt: bemerkt, gebrungen statt: 
gebracht, angemolden statt angemeldet, als ob die Menschen 
ums Lohn radebrechten — ach, das ist doch eine kin- 
dische, geschmacklose Manier, eine wahre Unart, nicht viel 
besser als die von ungezogenen Hundchen, die sich ein 
Vergnügen daraus machen, die baumelnde Quaste einer 
Tischdecke zu fangen und zu zausen — sie spielen eben 
auch. Wenn schon der blosse, auf reine Homonymie ge- 
gründete Kalauer höheren Anforderungen nicht genügte, 
so muss eine Anspielung, die des Sachwitzes entbehrt, umso 
weniger glänzend sein, als es eben an Homonymie noch 
fehlt und der Zuhörer sich erst besinnen muss, was denn 
hier eigentlich für eine überraschende Ähnlichkeit erhascht 
worden ist. Denn dem Klange nachzuhelfen und den Laut- 
bestand der Wörter selber anzugreifen erlaubt sich die An- 
spielung noch nicht, sie behilft sich mit ihren Ähnlich- 
klängen und wenn man mir diesen Ausdruck gestatten will 
mit Homöonymen, die sie absichtlich vertauscht. 



— 318 — 



4. Die Gegenüberstellung oder Paronomasie. 

Die Dubletten werden hervorgeholt und die zwei gleich oder ähnlich lauten- 
den, der Bedeutung nach verschiedenen Wörter zusammengestellt — die 
Griechen nannten das Paronomasie, die Römer Annomination — Beispiele 
aus dem klassischen Altertum und aus der Neuzeit: Rokitanskys Söhne — 
der Gegensatz ist die Seele der Paronomasie: last, not least — oder der 
Spieler kleidet sie in die Form einer sachentsprechenden Korrektur: Araber 
heisst er, a Rauber sollt er heissen — ein Engel mit dem B, ein Gesell 
ohne G — eine Weissagung aus den Sibyllinischen Büchern, von den drei 
Rollen, welche die Cumäische Sibylle nicht ins Feuer geworfen hat — wie 
die grossen Namen rumgehen — die Paronomasie berührt sich mit dem Reim: 
der Rheinfall und der Rheinstrom — ein Verschen von Geibel — die Kapu- 
zinerpredigt — Schiller hat sie von Abraham a Sancta Clara, denn die 
Prediger lieben selber Wortspiele und geistreiche Gegenüberstellungen. 

Bis hieher war das Wortspiel nur ein harmloser Be- 
trug, den sich der Spieler mit dem Gehör des Publikums 
gestattete: er verstand es wie ein Gaukler ein Wort für 
ein anderes einzuschieben und die Aufmerksamkeit durch 
die grössere oder geringere Ähnlichkeit des Klangs zu 
täuschen, so dass man erst nach einigem Nachdenken ge- 
wahr ward, was der Teufelskerl eigentlich meinte. Dieser 
Betrug hört auf, sobald der Taschenspieler die Steine, 
mit denen er operierte, vorholt, die Dubletten offen zeigt 
und die ähnlich klingenden Worte beide nebeneinanderstellt, 
damit männiglich hinsehe und entweder den Unterschied 
oder ein anderes Verhältnis, in dem sie zueinander stehen, 
erkenne. Man nennt das mit einem griechischen Worte 
Paronomasie — als eine solche betrachteten die alten Gram- 
matiker bereits den Vers der Ilias (ii, 235), wo Thersites 
seine Kameraden schimpft, sie seien Ächäerinnen, keine 
Achäer. Die geistreichen Griechen liebten derartige Kon- 
trastierungen besonders: bekannt ist, wie sie sagten, die 
Drakonischen Gesetze seien nicht mit Tinte, sondern mit 
Blut geschrieben und nicht die Gesetze eines Menschen, 
sondern eines Drachen (ÖQdyicov). Demosthenes ist von Har- 
palos bestochen worden, infolgedessen kommt er den an- 



— 319 — 

dern Morgen mit einem dicken Shawl um den Hals in die 
Volksversammlung: er kann vor Heiserkeit nicht sprechen. 
Aber die Athener sagen: er leide nicht an Hals-, sondern 

an Geldbeklemmungen {pvx vnb avvdyxf^Qy «^^^ i^^ aQyvQayx^Q 
€ilrjq}d-ai vvxtwq tov drjfxaycjyov). Auch dieser Witz, den 
uns Plutarch im Leben des Demosthenes (XXV) erzählt, 
war eine echte ITaQovofxaala, indem die Urheber eine Bräune, 
eine Angina mit der andern zusammenstellten. 

DcLs Auf den Tisch legen der Karten ist der sprin- 
gende Punkt, durch den sich das neue Spiel wie ein Null 
ouvert von dem vorigen unterscheidet Vorhin verschwand 
das eine Homonym gleichsam in den Tcischen des Tcischen- 
spielers; jetzt kommen beide Homonyme aufs Tapet. Vor- 
hin antwortete eine Italienerin auf die Bemerkung, dass die 
Korsen blutgierig seien: non tuHi, ma huona parte, mochte 
wer da wollte an die Familie Bonaparte denken; jetzt be- 
haupten die Korsen, die aus den Schulterblättern des Viehs 
die Zukunft prophezeien und das Schicksal Napoleons 
seinerzeit in Schulterknochen gelesen haben, aber die 
rechte Schulter allein für ausschlaggebend halten: la destra 
spalla non sfaUa, zu deutsch etwa: die rechte Schulter strau- 
chelt nicht. Meine Söhne sind versorgt, sagte jener Fa- 
milienvater: der erste (ein Wandmaler) schildert, der andere 
(ein Postsekretär) schaltert und der dritte (ein Soldat) schul- 
tert Und der berühmte Mediziner Rokitansky, der eine 
Sängerin zur Frau und vier Söhne hatte, von denen die 
beiden älteren der Mutter, die beiden jüngeren dem Vater 
nacharteten, pflegte zu sagen: meine Söhne hat>en schöne 
Professionen; zwei heulen und zwei heilen. 

Der Gegensatz ist die Seele der Paronomasie: die 
Ähnlichkeit dient hier dem Redner zu einer g^relleren 
Beleuchtung des obwaltenden Unterschieds. Inceptio est, 
heisst es in der Andria des Terenz, amentium, non amantium, 
es ist ein Beginnen von Verrückten, nicht von Verliebten. 
MwfiT^aeral rig fxaXXov ^ ^Lfi'qaeraij schreibt der Maler Apol- 
lodor an seine Werke, leichter wird's einer heruntermachen 



— 320 — 

als nachmachen. Medica meiite, non medicamentis, sagt Dr. Paul 
Niemeyer, Arzneimittel sind wertlos. Consul, schreibt Atti- 
cus, fcLcie magis quam facetiis ridiculus, man muss mehr über 
ihn als über seine Witze lachen. Monachorum ceUulae, eifert 
Petrus Chrysologus, Erzbischof von Ravenna (V. Jahrhun- 
dert) jatn non eremiticae, sed urematicae, ihre Betten sind nicht 
mehr einmenschig, sondern zweimenschig (ovQrjfÄa, Harn). 
Geflügelt ist die Paronomasie König Lears, der seine Toch- 
ter Cordelia die letzte, nicht die geringste nennt: 

last, not least. 

Anstatt des „nicht" und „sondern" wählt der höfliche 
Spieler wohl auch die Form einer sachentsprechenden Kor- 
rektur, mit der er ein unverdientes Lob einschränkt, das 
Wesen der Dinge enthüllt und die Blitze seines Geistes auf 
die Namen derselben wirft. Ein galizischer Jude, in Jeru- 
salem von einem Araber geprellt, ruft wütend aus: Araber 
heisst er, a Rauher sollt er heissen! — So riefen sie zu 
Jerusalem schon im Juli des Jahres 135 nach Christus, als 
ihr Anführer Bar-Kochba, der Stemensohn, in dem Auf-. 
stand gegen die Römer den kurzem zog: Bar-Kochba heisst 
er, Bar-Kozba, Lügensohn, sollt er heissen! — Selbst die 
Münzen, die er hatte schlagen lassen, kursierten seitdem 
unter dem Namen Kozihioth, falsche Münzen. Und so möchte 
man nun oft einstimmen in ein solches SoUt-er-heissen. 
Jesuiter heisst er, Jesuwider sollt er heissen. Dem grossen 
Shakespeare wirft ein Neider A. D. 1592 in einem Pamphlet 
vor: er bilde sich wohl ein, in England der einzige Shake- 
scene, Bühnenschwung, zu sein. Titus Labienus, ein Redner 
und Geschichtschreiber der Augrusteischen Zeit, der Sohn 
oder Enkel des Labienus, welcher Julius Cäsar verlassen 
hatte, blieb den republikanischen Gesinnungen seiner Fa- 
milie getreu, söhnte sich mit der kaiserlichen Regierung 
niemals aus und benutzte jede Gelegenheit, den Augustus 
und seine Freunde anzugreifen. Wegen der Heftigkeit, der 
Rabies seines rabiaten Auftretens nannten ihn die Kaiser- 
lichen Räbienus: der Labienus sollte RaMenus heissen. Tiberius 



— 321 — 

trinkt — Biberius; Nero säuft Wein (merum) — Mero, eine 
Erfindung wie Whiskytoria; Konrad, der Arme Konrad im 
Remsthal, der Arme Konrad von Nirgendsheim, vom Hun- 
gerberg, von der Fehlhalde und vom Bettelrain — Koan- 
Bat, denn koan Bat will bei ihm verfangen. Er ist ein 
Engel mit dem B, ein Gesell ohne G, dies früher ein sehr 
beliebter Scherz, zum Beispiel Fischarts. 

^'Eazai, lautet eine Weissagrung der Sibyllinischen 
Bücher, der man sogleich den jüdischen spitzfindigen Ur- 
sprung anmerkt, 

^crcu xal 2dfiog äfifiog, ^atai Jijkog &67jkoq, xal *P(6/j17j Qvtiri, 
Samos wird ein Sand, die Insel 0£Fenbar unbekannt und 
Rom rum sein. Ja, so sind die grossen Namen durch den 
Umschwung der Zeiten oftmals in - ihr eignes Widerspiel 
verfallen und herumgegangen. Mein Haus soll ein Bethaus 
heissen; ihr aber habt eine Mördergrube daraus gemacht. 
Mein Haus soll Buges Saus heissen, weil sein Erbauer Buge 
hiess; ihr aber habt ein Bauhes Haus daraus gemacht. In 
demselben Hamburg besteht ein löblicher Verein für Kunst 
und Wissenschaft: ihr habt echt hamburgisch einen Verein 
für Bundstück und Gerstensaft daraus gemacht. Meine treuen 
Dominikaner sind zu Domini Canes, den Hunden des Herrn, 
und meine Jesuiten im Munde eines Fischart nicht blos zu 
Jesutoidern, sondern sogar zu Sauitem, Schülern des Ignaz 
Lugiovoll geworden. Wer kennt nicht die Posse: der Bein- 
fall hei Schaffhausen? Als Emanuel Geibel noch jung war 
und das Gymnasium seiner Vaterstadt besuchte, war eine 
deutsche Arbeit über den Rheinfall aufgegeben worden. 
Er machte das hübsche Verschen: 

Zu singen jetzt vom RheinfaU, 

Das ist ein lustiger Einfall. 

Ach! wäre doch der Rheinfall 

Kein Rheinfall, sondern ein Weinfall — 

Das wäre grade mein Fall.... 

wie sich denn Reime und Alliterationen mit der Parono- 
masie dem Wesen nach berühren: der sogenannte Stabreim, 

Kleinpanl, Etym. 21 



— 322 — 

auf Island heute noch im Gebrauch, ist im Grrunde nur ein 
Wortspiel und in dieser Absicht oft genug erfolgreich ver- 
wendet worden. Rhein und Wein, Rheingold und Wein- 
gold, Rheinleut und Weinleut, das reimt sich ja zusammen, 
schon der alte Arndt pflegte zu sagen: der JEtheinstrom i^ 
Deutschlands Weinstrom und nicht Deutschlands Bainstrom — 
aber es geht nicht immer so lustig her am Rhein, Rhein 
reimt sich auch auf Pein. Ich höre den Bruder Kapuziner 
aus Wallensteins Lager*) predigen: 

f Der Rheinstrom ist worden zu einem Peinstrom, 

Die Klöster sind ausgenommene Nester, 
Die Bistümer sind verwandelt in Wüsttümer, 
Die Abteien und die Stifter 
Sind nun Raubteien und Diebesklüfter, 
Und aU die gesegneten deutschen Länder 
Sind verkehrt worden in Elender . . . 

Aber predigen! Dergleichen schickt sich doch nicht 
für eine Predigt. Auch wenn die Paronomasien gut sind, 
so sind sie doch nur für den Augenblick gut. Sie pas- 
sieren nur ex improviso, als flüchtige Einfälle, mit denen 
man die Unterhaltung würzt, in fliegenden Blättern und in 
Briefen, allenfalls auch in Epigrammen und Devisen; nicht 
am Platze scheinen sie in ernsten Werken und in wohl- 
gesetzten Reden, denn sie dürfen nicht die Frucht langen 
Nachdenkens sein, nicht in dogmatischem Tone vorgetragen 
werden. Ein modemer Kanzelredner wird sich in seiner 
Predigt keine Wortspiele erlauben, seine andächtigen Zu- 
hörer würden das als unpassend empfinden. Les hommeSf 
sagte ein französischer Prediger des Mittelalters, ont häti la 
tour de Babel et les femmes la tour de Bahil — ganz niedlich, 
aber verträgt sich das mit unsem Begriffen von der Sal- 



*) Wo auch folgende scherzhafte Ausdeutung gewagt wird: 

Er lässt sich nennen den Wallenstein, 
Freilich ist er nns allen ein Stein 
Des AnstoBses . . . 

wobei wir uns an die Etymologie des Namens Wallenstein (Seite yy) erinnern 
mögen. 



§ 



I 

t 

J 



— 323 — 

bung eines Priesters? Ha, in einem Witzblatt war neulich 
einem Stadtmissionar in Berlin eine schöne Ansprache an 
das Volk und etwa folgender Passus an die Hand gegeben: 
Siehe, dein Bathatisturm ist wie der Turm zu Bahel und dein 
Kreuzherg ist ein Bäbelsberg — glaubt man wohl, dass er sich 
die Stelle zum Muster nehmen wird? — 

Ach, w£Ls; das war früher anders. Wortspiele bildeten 
die Zierde, das Salz der Predigten, namentlich der Kapu- 
ziner, die sich niemals scheuten, drastische Bilder zu Hilfe 
zu nehmen und zu sprechen wie das Volk spricht. Das 
gejfiel eben dem Volke, und wie es scheint nicht allein dem 
Volke, sondern nachgerade auch dem Hofe — so lang ein 
Prediger, sagt Pater Abraham a Sancta Clara, ein kaiser- 
licher Ho^rediger, in seiner Lebensbeschreibung des Erz- 
schelms Judas, so lang ein Prediger eine schöne, zierliche, 
wohlberedte, ein aufgeputzte, mit Fabeln und sinnreichen 
Sprüchen unterspickte Predigt macht, da ist jedermann gut 
Freund. Vivat der Pater Prediger! ein wackerer Mann! 
ich hör ihm mit Lust zu. Wann er aber einen scharfen 
Ernst anfangt zu zeigen, wann er anfangt grossen Herrn, 
denen hohen Ministris und Räten, den Edelleuten, den 
Geistlichen, den Soldaten, dem Magistrat und Obrigkeiten, 
den Zimmerleuten, Bäckern, Wirten, den Bauern und Kin- 
dern, dem Frauenzimmer die Wahrheit zu sagen, so bringt 
ihm solches Beden Bädern, so bringen ihm solche Wörter 
Schwerter, so bringt ihm solches Sagen Klagen etc. 

Bekanntlich hat Schiller seine Kapuzinerpredigt nicht 
erfunden, sondern eben der burlesken Kanzelberedsamkeit 
des Abraham a Sancta Clara nachgebildet, das Original 
befindet sich in der „beweglichen Anfrischung der christ- 
lichen Waffen wider den türkischen Blutegel, mit dem 
Stichwort: Auff, Auff ihr Christen!" und lautet ungefähr 
folgendermstssen : 

Von vielen Jahren her ist das römische Reich schier rihnisch arm 
geworden durch stete Kriege, von etlichen Jahren her ist Niederland 
noch niederer geworden durch stete Kriege, Elsass ist ein Elendsass, 

21* 



— 324 — 

der Rheinstrofn ist ein Peinstrom geworden durch lauter Krieg; Ungarn 
fuhrt ein doppeltes Kreuz im Wappen, und bisher hat es viel tausend 
Kreitz ausgestanden durch lauter Krieg. Aber wer verursacht so 
langwierige, klägliche, schmerzliche Kriegsempörungen? Wer? Der? 
Nein, sondern Die — die Sünde! 

Ahnliche Kapriolen finden sich in den Predigten von 
Abrahams Zeitgenossen Schuppius, der Hofprediger in 
Braubach, zuletzt Hauptpastor zu Hamburg war; in den 
Predigten Luthers, der zum Beispiel über die vermessUche 
Triegerei Tetzels und sein römisch Getetzlich, d. i. seinen 
römischen Tand (die Tätzel sind Manschetten) bass herzog; 
und schon im XIII. Jahrhundert in denen des grossen 
mittelalterlichen Volksredners Berthold von Regensburg, 
eines Franziskaners. Ja, schon Jesus, dem gewaltigen Pre- 
diger, der die Sprichwörter und die geistreichen. Gegen- 
überstellungen liebte, waren sie nicht fremd. 



5. Die scherzhafte Anbilduung. 

Eine vierte Phase des Wortspiels — Unterschied zwischen Anspielung und 
Anbildung: bei der letzteren werden die Homonymen erst gemacht und 
Worte eingeschoben, die ohne den Witzbold in der Sprache gar nicht leben 
— Professor und Brotfresser, der Stern Aldebaran und der alte Baron — 
Fischart besonders stark in komisch sein sollenden Assimilationen, mit denen 
er heute abblitzen und Anstoss erregen würde — die ganze Art Witz ist 
mehr für kleine, halbgebildete Leute vom Schlage Fischarts — Krankheiten 
und Apothekerwaren: die Alte Poussade, die Alte Eh-Salbe, die Alte Liebe — 
die satirische Ader des römischen Volks: Filzläuse der Jungfrau Maria — 
das Schöne von Rom, der englische Sirloin — dergleichen Witze werden 
nachgesagt und bleibende Entstellungen sind die Folge — Schaden, den die 
Prediger angerichtet haben — Luthers Enten — der Armegecken- oder der 

Armejackenkrieg. 

Bereits während der letzten vom Wortspiel durch- 
gemachten Phase tauchte ein neuer Faktor des Witzes 
auf: der mutwillige Eingriff in den Lautbestand, den wir 
oben als eine höhere Art Assimilation oder Anbildung be- 
zeichneten und von dem wir bei der laufenden Unter- 
suchung ausgegangen sind. Mit diesem Faktor werden wir 



— 325 — 

von jetzt ab zu rechnen haben; er bringt uns in unser 
richtiges Fahrwasser und in den etymologischen Strom 
zurück, der nachgerade breiter geworden, durch Nebenflüsse 
und muntere Bergbäche geschwellt, triumphierend dem 
Ozeane zueilt. Paronomasie und Wortdeutung hängen so 
eng zusammen, dass die eine immer aus der anderen ent- 
springt und man das zehntemal gar nicht unterscheiden 
kann, welches die Mutter und welches die Tochter ist; so 
kann man auch das zehntemal Wcis folgt: die scherzhafte 
Anbildung und die etymologische * Restauration nur mit 
angestrengter Aufmerksamkeit auseinanderhalten. Zunächst 
schliesst sich* freilich jene auf die natürlichste Weise an die 
drei ersten Phasen des Wortspiels an und leitet uns dann 
von selbst zu dieser. 

Das Wortspiel vergriff sich nicht an den Lauten, son- 
dem benutzte den Gleichklang und den Ahnlichklang, wie 
er gegeben war. Wer einen Packträger einen Tragiker, 
einen Leierkasten einen Lyriker und einen Landwirt einen 
Mystiker nennt, der hat die Titel: Tragiker, Lyriker und 
Mystiker nicht erschaffen, sondern nur gewählt, weil sie 
ihm gerade in seinen Kram passten, Tragiker an tragen, 
Lyriker an Leier, Mystiker an Mist anklang. Damit ver- 
gleiche man einmal den Ausdruck Brotfresser für Professor; 
hier ist angeähnlicht worden. Brotfresser existiert gar nicht, 
wenigstens im Bewusstsein des gemeinen Mannes nicht — 
der Simplicissimus sagt einmal scherzhaft, der Käse sei 
ein Brotfresser, weil man Brot dazu braucht, und allenfalls 
wird der Brotkäfer oder ein unnützes Maul so genannt: 
das Wort ist erst neu gebacken und nur in der Absicht 
gebildet worden, dem Professor oder, wie das Volk aus- 
spricht, dem Pro fesser etwas am Zeug zu flicken. Den 
schönen rötlichen Stern erster Grösse im Stembilde des 
Stiers, dessen Auge er bildet, den Äldebaran pflegen die 
Observatoren auf den Sternwarten unter sich den Alten 
Baron zu nennen — abermals Anähnlichung, nicht Anspie- 
lung; denn „alter Baron" ist kein Begriff, den die Herren 



— 326 — 

ohne weiteres auflesen können, um damit zu spielen, es 
gribt ebensogut junge Barone, reiche Barone und Zigeuner- 
barone, deren idealer Lebenszweck Borstenvieh und 
Schweinespeck ist: AUer Baron hat ausser Jldebaran, wie die 
Franzosen sagen, gar keine Baisan d'etre. Am aufifalligsten 
wird dieser Vorgang, wenn durch die Anähnlichimg, wie 
bei der vermeintlichen Restauration so häufig, Komposita 
entstehen, die völlig sinnlos sind, zum Beispiel Schüsselwurst 
für Chiselhurst bei London, Wohnsitz der Familie Napo- 
leons in., oder der bayrische Idiotismus Bockstem fOr ein 
Eitergeschwür oder Apostem. In allen diesen Fällen wird 
also nicht mit gegebenen, sondern mit gemachten Homo- 
nymen gespielt, die ohne den Witzbold gar nicht da sein 
würden oder wenigstens ohne ihn nicht in der Sprache 
leben, die er aber unverfroren bei seinem Wortspiel ein- 
schiebt, als lebten sie und als kämen sie alle Tage vor. 
Bei zusammengesetzten Ausdrücken kann man ja manch- 
mal zweifelhaft sein, welchen Weg sein Grenius eingeschla- 
gen, ob er angespielt oder angebildet hat, den Ausschlag 
muss der Usus geben, der die Verbindung heiligt oder 
nicht, keckere Neubildungen verraten sich von selbst 

Man erinnere sich an unsere Ausfuhrungen über die 
Anspielung: sie arbeitete mit blossen Almlichklängen, 
wie wir uns ausdrückten, nicht mit Homonymen, sondern 
mit Homöonymen. Frofesser und Brotfresser, Äldeharan und 
Alte Baron sind zum Beispiel solche Homöonymen; der 
Spieler könnte sich am Ende begnügen Frofesser zu sagen 
und Brotfresser zu meinen, auf den Alten Baron nur anzu- 
spielen, in der Hoffnung, dass er verstanden werde. Weil 
aber der famose Witz auf dem Spiele steht und am Ende 
Gefahr läuft der Welt verloren zu gehen: so muss unser 
Mann schon ein Übriges thun und sein Licht noch heller 
leuchten lassen. Er hilft den Lauten, die ohne ihn nicht 
zurechtkommen, nach und stellt den fehlenden Gleichklang 
durch einen Machtspruch her — da er die Worte nicht 
findet, mit denen er spielen kann, so fabriziert er sie sich 



— 327 — 

selbst Er wagt also den Sprung ins Ungewisse und sagt: 
Brotfresser. Seine Kunst an Worten zu zeigen, die gar 
keine Worte sind und die man erst zu diesem Zwecke 
präpariert, ist nun eigentlich keine Kunst; aber es mag 
biegen oder brechen, die Leute müssen sehen, was für 
herrliche Talente in uns schlummern, und wenn die Ver- 
änderung nicht allzu gewaltsam ist, so haben wir die Lacher 
auf unserer Seite. 

Hans von Wolzogen, der seinen Blaustift als Strichnin 
bezeichnet — der Beamte, der den Zuvielverdienstarden trägt 
— der Kladderadatsch, der den König Victor Emanuel 
als Ännexander den Grossen feiert — der Berliner, der den 
mecklenburgfischen Prinzen Albrecht seiner langen dürren 
Figur wegen ÄlbrecM Dürer tauft und noch nach der OttO'- 
graphie, der Orthographie Bismarcks, schreibt — ÖUampinaHon 
für Illuminaiion, Trittoir für Trottoir, Zanktippe fiir Xanthippe, 
zickzackzive ftir successive, hoshämmelig für hoshaftig, nach Ana- 
logie von Streithammel y Neidhammel: alles Anbildungen wie 
man sie tagtäglich hören kann, zum Spasse imd wortspie- 
lend vorgebracht und von langer Hand her beliebt. Das 
Talent Fischarts äussert sich vorzugsweise in komisch sein 
sollenden Assimilationen, mit denen er heutzutage stark 
abfallen würde: für Podagra in einem Podagrammischen 
Trostbüchlein nicht nur (mit Beziehung auf Gram) Podagram, 
sondern sogar Pfotengram und Pfotenkrampf und für Melan- 
cholie: MaulhenkoUi — verstösst doch zu sehr gegen unser 
entwickeltes Sprachgefühl. Mit Krankheiten und Apotheker- 
waren, meistens fremden Namen, wird freilich noch immer 
viel gewitzelt, bewusst gewitzelt, so dass weder an einen 
Irrtum, noch an eine wohlgemeinte Restauration, sondern 
eben nur an eine scherzhafte Anbildung zu denken ist — 
man wolle sich nur an die vielfachen Unbilden erinnern, 
welche neuerdings die himmlische Influenza über sich er- 
gehen lassen musste: Fauletiza, Fulinenza, Insolventia, Flo- 
renzia — die Florenzia, von der Jette Rahmig beim Feuer- 
anmachen angepustet wurde, Florenzia, wie man jetzt neu- 



— 328 — 

modisch jeden Schnuppen nennt, dies wohl am ersten eine 
schuldlose, unwillkürliche Verdrehung im Stile derjenigen, 
die wir später besprechen werden. Wenn der moderne 
Mensch den BeissmcUismus oder das Narrenfieber, will sagen: 
mit Delirium verbundenes Nervenfieber hat — wenn er, um 
zu schlafen, ein paar alte Hut (Seite 59) einnimmt — wenn 
er in der Apotheke ein Fläschchen Bhinocerosöl (Ricinusöl), 
den Umgewendten Napoleon (Unguentum Neapolitanum, alter 
Name der grauen Quecksilbersalbe), Thedens AUe Foussade 
(Arkebusade, ein Wundwasser) verlangt, so lässt sich doch 
hier die Absicht einen vortre£Flichen Witz zu machen nicht 
verkennen, jede andere Erklärung ist bei der ausgezeich- 
neten Vorbildung dieses Menschen und den guten Schulen, 
welche er besucht hat, von vornherein ausgeschlossen. 
Leider wird seine Absicht nicht erreicht, höchstens in den 
Augen der Gesellen ohne O; denn von den Anbildungen 
gilt dasselbe wie von den Wortspielen überhaupt — dass 
sie ohne sachliche Spitze ekeln; von ihnen sogar in er- 
höhtem Masse. 

Der Thedenschen, noch jetzt offizinellen. Alten Poussade 
kann man die Alte JEh-Salhe, das Unguentum Althaeae, mit dem 
die Frauen im Wochenbett die böse Brust bestreichen — 
oder aber die Alte Liehe bei Cuxhaven an die Seite stellen. 
Vor Jahrhunderten wurde allhier ein hölzernes Schiff ver- 
senkt, um als Fundament für ein Schiffsbollwerk zu dienen. 
Das Schiff hiess, vielleicht nach der Cistercienserabtei bei 
Danzig, Oliva, das klang wie plattdeutsch Oll Lieve, alte 
Liebe. Daher hiess das Schiff fortan die Alte Liebe, und 
man sagte: Alte Liebe rostet doch, weil der Metallbeschlag 
des Bollwerks verrostet war. Das Beiwort alt ist nicht nur 
dem Ohr vertraut, sondern überhaupt zum Hänseln wie 
geschaffen, daher seine häufige Wiederholung, vergleiche 
vorhin Alter Baron und Alte Hilt; selbst bei Le Mans(6, — 12. Ja- 
nuar 187 1) machte es sich mit dem alten Lehmann, denn 
Soldaten und Leute vom Zivil erzählten sich damals von 
dem Sieg hei Lehmanns. 



— 329 — 

Die ganze Art Witz ist eben mehr Sache der kleinen 
Leute, die ihre Ziehjam rauchen und mit ihrer Halbbildung 
noch auf der Flächenhöhe Fischartscher Zeiten stehen. In 
Italien entwickelte dcis wunderbar geartete, welthistorische 
und dabei doch völlig naturwüchsige römische Volk von 
jeher eine ungemeine Fruchtbarkeit in glänzenden Pstsqui- 
naden, zumal biblischen, deren Genesis man in Rom in 
Wort und Bild, Seite 130, nachzusehen beliebe; der ein- 
geborene Römer ist noch heute pronto Motteggiatore und, wie 
jedermann aus den Sonetten des merkwürdigen Volks- 
dichters Gioachino Belli und aus seinen eignen römischen 
Reminiscenzen gern entnehmen mag, überreich an frivolen, 
gottlosen Assimilationen, wobei gewisse, seinen Neigungen 
entsprechende Begriffe besonders bevorzugt werden. Wenn 
er die Alliierten Mächte (le potenze alleate) die Aleatico- 
Mächte (le potenze äleatiche — Äleatico ist ein süsser Wein), 
Mentana: Lamentana und die Santissima Yergine Immacolata die 
Lause-Maria (Santa Maria Yergine Impiattolata — piattola, piat- 
tone, die Filzlaus) — wenn er den Stadtphysikus {protomedico) 
nicht anders als den Brühdoktor (brodomedico), den Augen- 
arzt (medico ocrdista) nicht anders als den Popoarzt (medico cu- 
lista) nennt, so ist das ganz fischartisch, ganz aristophanisch. 
Die Italiener sind überhaupt nicht blöde. Will man wissen 
wie das Kolosseum, das römische Kolosseum, mit dem die 
ewige Stadt und die Welt steht und fällt, im Munde un- 
serer Freimde durch Anähnlichung zu dem Allerwertesten 
am Menschenkörper geworden ist? — Sie haben für letz- 
teren den Euphemismus: il hei di Borna, das Schöne von 
Rom. Gemeint ist das Flavische Amphitheater, il Colosseo 
oder ü Coliseo, mit Anbildung an Otdo: Ouliseo, die grösste 
Ruine der ewigen Stadt und — dos Schöne von Born, 

In England nennt man das Lendenstück vom Ochsen 
Sirloin. Das Wort steht für Surloin und entspricht dem 
französischen Surlonge; aber man gefiel sich offenbar, den 
Braten mit „Herr Lende" anzureden, wie man die beiden 
ungeteilten Mörbraten zusammen als „Baron" {Baron of heef) 



— 330 — 

behandeln zu sollen glaubte, es heisst sogar, dass er einst 
vom König in der Weinlaune wirklich zum Ritter geschla- 
gen worden sei, wobei bekanntlich gesagt wird: Bise, Sir — 
Sirloin, der königliche Spass, ist in England a Standard 
Word geworden; ein SirMn darf am Heiligen Abend auf 
der Tafel der Königin nicht fehlen; der Weihnachtslenden- 
braten heisst der Christmas-Sirloin. Denn dass dergleichen 
Witzchen, die gemacht, belächelt und wieder vergessen 
sein wollen, nicht dennoch die Sprache verderben und blei- 
bende Entstellungen derselben zur Folge haben könnten, 
wolle man ja nicht glauben. Selbst die dümmsten werden 
nachgesagt, so geneigt ist der Mensch nachzuahmen was 
er sieht und hört; und namentlich von der Kanzel herab 
mögen viele mit dem Worte Gottes in die Herzen des 
Volkes gedrungen sein. So ist Friedhof*) für Frithof (noch 
heute in Steiermark Freithof\ Sündflut für Sindflut oder Sird* 
flut, d. i.- Hochflut, wie schon Notker um 1022 das hebräische 
Mäbhül übersetzte, nachweislich nur ein Wortspiel im Munde 
eines Bertholds von Regensburg nach Art der obigen ge- 
wesen und der Begriff Sündflut, nachdem er durch ver- 
schiedene Formen {Sündenfluty Sündfluss) hindurchgegangen, 
Gemeingut der Christenheit geworden; das Motiv, dass die 
Flut ein Strafgericht für die Sünden der Menschheit ge- 
wesen sei, kehrt ja in den Flutsagen fast aller Völker 
wieder. Luther hat sich gegen die Aufnahme gesträubt, 
wie denn auch das Brockhaussche Konversationslexikon 
noch heute pedantisch Sintflut (und Meltau) schreibt; und 
doch hat Luther den Dreck und die Drecketdlen und den 
hochwürdigen Beischaf und die heiligen Lügenden nicht ge- 
spart und dadurch selbst Fnten bedenklichster Art ge- 



*) Berthold von Regensburg schreibt noch Frtthof und denkt dabei 
nicht an den Frieden, sondern an die Freiheit: i-^ heiyt darumbe ein fr^ihoff 
da^ er geheiliget unde gefrtet sol stn vor allen bcesen dingen (in der Predigt 
von den 42 Tugenden der Mutter Gottes; übersetzt von Göbel: es heisst 
darum ein Friedhof dass er geheiligt und gefriedet sein soll vor allen bösen 
Dingen). 



— 331 — 

züchtet — in der That mag der Ausdruck Ente, französisch 
Ganard, auf die Luthersche Lügende, aus der im Laufe der 
Zeit Lügente und Lugente gemacht wurde, zurückzuführen 
sein. Man verachte nur Wortspiele nicht! — Die Leistungen 
Fischarts ziehen sich durch die Schriften von zwei Jahr* 
hunderten hindurch. Der Ärmagnakenkrieg wird noch heute 
in Raumers Historischem Taschenbuch der Ärmegeckenkriegr 
die Fechtviese bei Ampfing, wo König Ludwig der Bayer 
seinen Gegenkönig, den Herzog Friedrich von Österreich, 
schlug, noch heute die Fechtmese genannt — wer den Witz 
vorbrachte, wollte keineswegs die Sprache korrigieren, er 
wollte den unverständlichen Namen nur verschönem und 
wie ein Jongleur seine Geschicklichkeit an ihm erproben, 
aber der Jongleur hat nachgerad^e denselben Schaden an- 
gerichtet, wie der unberufene Weltverbesserer. 



6. Die vermeintliche Restauration. 

Wo man bei der Anbildung mehr das Bestreben der Erklärung und die ety- 
mologische Sehnsucht als den Mutwillen des Witzbolds durchfühlt, darf man 
auf volkstümliche Wiederherstellung oder sogenannte Umdeutung erkennen 
— der Wiederhersteller nimmt es mit dem Sinne nicht genau, was man 
namentlich an den absurden Zusammensetzungen merkt — ein Rätsel Papa 
Wrangeis — wie einer ähnliche Rätsel auf viele Komposita machen könnte, 
die wir der vermeintlichen Restauration verdanken — Felleisen, Blank- 
scheit, Hängematte, Armbrust aus Arcuballista — das letztere Wort, was 
man auch dagegen sagen mag, ein rechter Typus — wie man sich den 
Gang der Assimilation zu denken hat — deutsche, englische und französische 
Umdeutungen, halbe und ganze, einfache und doppelte, mit Unterschub bald 
zweier Wurzeln, bald nur einer — die Königin im Schachspiel, ihr Titel 
Resultat einer schlechten etymologischen Restauration — Sammlung von 

charakteristischen Beispielen. 

Nun wären wir also glücklich an dem Punkte, an 
welchem uns die angeschirrten Sonnenpferde von Anfang 
an haben wollten, nämlich bei der etymologischen Restau- 
ration. Wir haben so viel für das Wortspiel in Anspruch 
genommen, dass für die wirkliche naive Wiederherstellung 



— 332 — 

gar nichts mehr übrig zu bleiben scheint — wir werden 
indessen getrost von letzterer reden können, wo mehr das 
Bestreben, ja, das Ungeschick, ein erklärendes Wort zu 
finden, als die kindliche Freude an einer vielleicht recht mit- 
telmässigen Spitzenklöppelei hervortritt Überhaupt nimmt 
es der vorgebliche Wiederhersteller der Worte mit dem 
Sinne nicht so genau, weil er gewissermassen nicht die 
Verantwortung dafür trägt, während der Wortspieler doch 
immer geistreich sein will, also doch nichts geradezu Un- 
mögliches sagen darf; was man namentlich an den absur- 
den Zusammensetzungen merkt, die bei der Restauration 
herauszukommen pflegen. Bei mehrsilbigen, abgeleiteten 
oder zusammengesetzten, Worten reicht nämlich oft ein 
einziges Etymon nicht aus; es werden dann von unserem 
Künstler zur Erklärung ebenfalls zwei Wortstämme ge- 
wählt und zusammengeschweisst, mag auch der eine zu 
dem andern passen wie die Faust aufs Auge, und von 
einer logischen Determination gar keine Rede sein. Es 
genügt^ ihm eben, vom und hinten etwas Fassbares unter- 
geschoben zu haben, was für ein wimderliches Ganzes 
daraus wird, ist dem Schuster ganz gleichgültig. Die Sprache 
ist aus ihren Fugen; wehe, dass er gekommen ist, sie 
wieder einzurichten! — 

Wrangel, der alte Schäker, leistete sich einst folgendes 
schöne Rätsel: 

Das Erste steht im Stall, 

Das Zweite steht im Stall, 

Das Ganze ist ein Reiseutensil — 

Auflösung: Kuffert, soviel wie Koffer. Vergleiche S. 82. 

Darüber lacht man. 

Aber warum lacht man nicht über ein anderes Reise- 
utensil, das man zu einem gleich geistreichen Rätsel ver- 
wenden könnte? 

Das Erste wird dem Pferde abgezogen, 

Mit dem Zweiten wird das Pferd beschlagen, 

Das Ganze ist ein Utensil für arme Reisende — 



— 333 — 

Auflösung: Felleisen, aus dem französischen Valise, wie 
englisch Gridiron, Bratrost, aus Ghiddle, 

Dergleichen Rätsel Hessen sich auf viele Komposita 
machen, die wir der naiven Restauration des unwissenden 
Volkes verdanken. Zum Beispiel auf Blankscheit, aus dem 
französischen Flanchette — auf Hängematte, aus dem in- 
dianischen Hamack, wie die Hängetücher oder Hängenetze 
heissen, in denen die Kariben und andere wilde Völker des 
tropischen Amerika schlafen*) — auf Armbrust, aus dem 
lateinischen Arcuhalista, mit Synkope Ärhalista; Balista oder 
BäUista hiess eine Windmaschine der alten Römer. Das 
letztere Wort, welches im XII. Jahrhundert auftaucht, ist 
ein rechter Typus für diese Gattung naiver Restaurationen. 
Von einem Witz kann hier nicht die Rede sein, dagegen 
merkt man nur zu deutlich die Absicht, sich den Namen 
der Waffe, die (im Gegensatz zu anderen, auf Wagen ge- 
fahrenen) mit den Armen gehalten und an die Brtist an- 
gelegt ward, einigermassen zu erklären. Arcuhalista, Armbrust 
— vielleicht vermeint einer, das sei eine rechte Gelehrten- 
etymologie. Vielleicht kommt einer und sagt: Willst Du 
immer weiter schweifen? — Bust liegt doch so nahe. Bu^, 
Brust hiess althochdeutsch die Rüstung, die Armrust war 
also das Rüstzeug für den Arm und ein Begriff wie Arm- 
ring, Armeisen, Armleder; aus Armrust konnte durch Epen- 
thesis eines h: Armbrust werden, wie (Seite 72) Nombre aus 
Numerus, Faf^ßgog aus Faf^Qog geworden ist, eine ganz zu- 
fällige Koinzidenz des Grundwortes mit BriAst und so der 
Schein entstehen, als ob die Waffe nach der Brust des 
Schützen benannt, respektive aus Balista umgedeutet worden 



*) Das Wort, französisch hamac, englisch hammock, spanisch hamaca, 
italienisch amaca, soll durch die westindischen Seeräuber verbreitet worden 
sein, wird aber bereits von Kolumbus in dem Tagebuche seiner ersten Reise 
erwähnt. Auch die karibischen Ausdrücke Btucan, Fleischdarre, wovon der 
Seeräubemame Bukanier, und Abikate, eine Art Birne, portugiesisch avogado, 
zu deutscli Advokatenbirne (Persea gratissima), sind in die europäischen Spra- 
chen übergegangen. 



— 334 — 

wäre. Aber Bust ist ein starke^ Femininum der zweiten 
Deklination und Armbrust ursprünglich neutrius generis; erst 
in der neueren Zeit sagt man die Armbrust, im Mittelhoch- 
deutschen hiess es: das Armbrust. Nichts gewonnen! Brust 
ist ja ebenfalls ein Femininum. Eine Ellipse, wie sie dem 
Verstände bei Armbrust zugemutet wird, ist doch geradezu 
unerhört; mit demselben Rechte könnte man auch die 
Gabel, die man mit der Hand zum Munde fuhrt, Handmund 
nennen und was dergleichen mehr. Da habt Ihr Euch 
nun wieder einmal blamiert 

Vielleicht kommt noch einer und sagt: Ihr scheint das 
schöne Sprichwort nicht zu kennen: wenn man lang in dem 
Armbrust liegt, unrd selten was Löbliches ausgericht, Armbrust 
ist gleichsam der Mensch und die Schusswaffe mit einem 
Körper verglichen worden. Seht Euch doch eine Armbrust 
an! Sie sieht ja selbst aus wie ein Teil, der Schaft bildet 
die Brust, die beiden Hälften des Bogens hat man als Arme 
aufgefasst, wie man von den Armen eines Kreuzes spricht. 
Muss ich Euch an die Metaphern erinnern? Wenn man 
Schusswaffen und Wurfgeschütze (Seite 144) mit Stoss- 
vögeln und Schlangen vergleichen konnte, so ist dieser 
Anthropomorphismus (Seite 161) noch weniger gewagt; 
antianthropomorphistisch entdeckt Plautus im Organismus 
einen ganzen Apparat von Kriegsmaschinen: 

Meus est balista pugnus, 
Cubitus catapulta est mihi, 
Humerus aries (Captivl IV, 2, 16). 

Dennoch werden diesmal die Gelehrten unerschütterlich 
bei ihrer Ansicht bleiben: dass Armbrust durch eine selt- 
same Assimilation aus dem mittellateinischen Arcuhaüista 
(welches bereits bei dem römischen Militärschriftsteller Ve- 
getius A. D. 375 vorkommt) hervorgegangen sei; und zwar 
durch die Geschichte des Worts, sozusagen durch Familien- 
rücksichten bewogen. Es ist doch klar, dass man das Wort 
von dem französischen Arbal^e, älter Arbäleste und Arbalestrey 
provenzalisch Arbalesta, welches ganz dasselbe bedeutet, 



— 335 — 

unmöglich trennen kann; dieses aber, schon in der Chanson 
de Boland (XI. Jahrhundert) anzutreffen, also älter denn unser 
Armbrust, ist nur durch ArcuhaMista oder Ärhälista zu er- 
klären. Im Englischen heisst die Armbrust: Ärbälist oder 
Ärhalest; auch dies ist nicht anders zu erklären und hat 
ähnliche Umdeutungen nach sich gezogen {Ärhlast, Ärow- 
hlast). Die holländischen {Ärmborst), schwedischen (Amibost), 
dänischen (Armbrj^st neben Flitsbue) und isländischen Worte 
(Amibrysti) sind dagegen erst von uns entlehnt Höchstens 
das erste Wort, das Wort Arm brauchte nicht notwendig 
durch Assimilation entstanden zu sein, indem es sich wie 
XsIq in dem byzantinischen XsLQoßaXlarQa und Faarriq in 
raaTQaq>^Ti]g von selbst einstellen konnte, wird aber, einmal 
vorgesetzt, die Verwandlung von Ballista in Brust nach sich 
gezogen, der letzteren gleichsam Vorschub geleistet haben. 
Die römische Ballista war an sich schon eine Art von Arm- 
brust und die nähere Bestimmung ganz imnötig, wie sie 
denn auch in dem italienischen BaUstra und in dem bay- 
rischen Baiester wirklich fehlt — diese Worte sind direkt 
aus Balista hervorgegangen, das r wurde schon im Latei- 
nischen eingeschoben. Nun, solange das Wort Balista oder 
Balistra noch allein stand, scheint man die Angleichung an 
Brust noch nicht gewagt zu haben; als man aber anfing, 
von einer Armballiste zu sprechen, lag es nahe, den er- 
habenen Vorderteil als Bruststück zu bezeichnen. Lautlich 
ist der Übergang von Balista in Brust nicht schwer {Ba- 
lista = Blista = Brista = Brist = Brust). 

Und die Franzosen könnten sich auf Choucroute ein 
Rätsel machen, das deutsche Sauerkraut — die Engländer 
auf Mushroom, Pilz, das französische Mov^seron — auf ihren 
armen Johann, den Poorjohn, wie sie den Stockfisch nennen, 
angeblich aus einem fi"anzösischen Wort entstellt — auf 
Sparrowgrass , Spargel, wörtlich Sperlingsgras, aus lateinisch 
Asparagtis, gedacht wie unser Epheu (= Ep-heu oder Eb-heu, 
gleichsam eine Art von Heu) — oder auf ihr Jerusalem 
Artichoke, die Jerusalem- Artischocke, welche A D. 1617 aus 



— 336 — 

Brasilien nach England kam und auf portugiesisch Oirasol, 
Sonnenblume (Helianthus tuberosus), heisst. Unser Wort 
Meerschaum haben die Engländer buchstäblich übernommen, 
obgleich es selbst auf einer Angleichung des tatarischen 
Myrsen beruht; so heisst der Meerschaum angeblich bei 
Kiltschik, seinem Hauptfundort. Die Franzosen übersetzten 
Meerschaum in Ecume de mer, daher man einen Meerschaum- 
kopf wohl als pipe de Gummer bezeichnete, indem man Cum- 
mer fiir den Namen des Erfinders ansah. 

Im Maharatti, einer neuindischen Sprache, heisst die 
Cholera Mordeshin, etwa soviel wie Kollaps. Französische 
Schriftsteller haben dieses indische Wort in Mort de Chien, 
Hundetod, verdreht. 

Auf einer doppelten Angleichung dürfte wohl auch 
der nordische Vielfrass, dänisch FjeUfrass, d. h. Bergbewoh- 
ner, wer hätte in Norwegen das Wort Fjelde nicht gehört? 
— sowie das Wort Trampeltier = Dromedar beruhen, das 
man allenfalls auch als eine Übersetzung betrachten könnte; 
aber die Assimilation verrät sich durch die Wahl des Aus- 
drucks trampeln, da man sonst wohl einfacher Lauftier oder 
Läufer gesagt haben würde, wie man denn auch das Reit- 
kamel, das sogenannte Pilgerkamel (arabisch Hegtn oder 
Hedschin), im Deutschen gelegentlich als Laufkamel bezeich- 
net. Für dasselbe würde strenggenommen der Name Tram- 
peltier gar nicht gelten, sintemal nach der Klassifikation 
der Naturforscher nicht das Dromedar, sondern das zwei- 
höckerige Kamel Trampeltier genannt wird. Doch ist wohl 
kaum zu bezweifeln, dass Dromedar und Trampeltier sprach- 
lich zusammenhängen. Übrigens figuriert das Wort trampeln 
noch ein zweites Mal auf dem Gebiete der Assimilation: 
in München haben sie aus Tramway zunächst Trambahn, 
weiter Trampelbahn gemacht. 

Ist die eine Hälfte des Wortes zu verstehen, so be- 
gnügt sich der verständige Restaurator, nur die andere, xm- 
verständliche wiederherzustellen. Die Schwarze Kunst, wie 
sie Klingsor von Ungarland besass, gründet sich auf das 



— 337 — 

mittellateinische Nigromantia; Nigromantia heisst aber eigent- 
lich Necromantia, griechisch Ne-^QO^iavTeLaj die Beschwörung 
der Toten, um von ihnen Aufschlüsse über die Zukunft zu 
erhalten. Die Sitte des Aprilschickens wird mit grosser 
Wahrscheinlichkeit von dem unnützen Hinundherschicken 
Christi zur Zeit seiner Passion hergeleitet, eine Szene, die 
sich am 3. April ereignete und bei den mittelalterlichen 
Passionsspielen mitaufgefuhrt ward; nicht minder wahr- 
scheinlich ist es, dass der französische Ausdruck für den 
besagten Scherz: Foisson d'Ävril einfach auf Passion d'Avrü 
zurückgeht. Sonst wird die Makrele als Foisson d'Ävril be- 
zeichnet, wie wir von einem Maifisch reden, weil sie im 
April gefangen zu werden pflegt; und man gibt an, dieser 
Fisch habe früher das obligate Neujahrsgeschenk gebildet, 
smtemal das Neujahrsfest am i. April gefeiert worden sei, 
nach Verlegung desselben auf den i. Januar nun hätten 
sich die Leute vergeblich darauf gespitzt — diese Erklärung 
klingt gezwungen, wie manche andere. Auf einen vernünf- 
tigen Sinn kam es ja dem Volke gar nicht an, sondern 
nur auf einen Notnagel schlechthin; 'man braucht sich also 
gar keine Mühe zu geben, um bei der etymologischen 
Restauration eine Methode herauszufinden. Lendit nannte 
man in Paris die jährliche, feierliche Entlassung der Stu- 
denten am Lendit, dem alten Markte zu Saint-Denis, um 
Pergament für die Universität einzukaufen und die Re- 
liquien zu sehen — aus Lendit machte man Lundi und ver- 
legte die Ferien auf einen Montag. Was hat unser Dienstag, 
plattdeutsch Dingsdag, auch Zinstag, mit Dienst, Ding und 
Zins zu schaffen? — So wenig als der Freitag mit der Freiheit 
zu schaffen hat: er war (Seite 73) dem Kriegsgotte der Deut- 
schen, dem Zio, altnordisch Tyr, geweiht und hiess eigentlich 
Diestag; dennoch hat man offenbar nur im Gedanken an die 
erwähnten Begriffe ein n einzuschalten sich erlaubt, wie die 
Engländer bei Island^ Insel, im Gedanken an Isle ein s, oder 
bei Sovereign, Souverän, und foreign, fremd, mit dem Gedan- 
ken an Beign, das Reich, Begnum, ein g eingeschoben haben. 

Kleinpaul, Etym. 22 



— 338 — 

Wer kennt nicht Charing Cross in London? Den Aus- 
gangspunkt so vieler Eisenbahnlinien und die Haltestelle 
sämtlicher Omnibusse des Westend? — Es ist ursprünglich 
ein Klreuz, das Eduard I. seiner Gremahlin Eleanor, der 
lieben Königin, der Chere Beine, errichtet hat — sie war bei 
Lincoln gestorben und wurde nach Westminster gebracht, 
und an jeder Stelle, wo der Leichenkondukt anhielt, Hess 
der König der Chere Beine ein Denkmal setzen — das hier 
war das letzte, und noch gegenwärtig steht vor dem Bahn- 
hof des South'Eastern Bailway eine Nachbildung davon. Aber 
die Chere Beine hat sich, wohl mit Beziehung auf die hier 
erfolgende Wendung und Umkehr der Wagen, in ein Par- 
ticipium des Verbums to char und ihr Kreuz, das noch dazu 
gar nicht wie ein Kreuz aussieht, wenigstens in Gedanken, 
in einen Kreuzungspunkt verwandelt. 

Ist das Wort einfach, so pflegt auch das etymologische 
Pflaster ein einfaches zu sein. Knaster den gelben hat uns 
Apollo präpariert, singen die Jenaer Studenten von der Stadt 
Apolda, den Gleichklang, den schon das Volk mit der Aus- 
sprache Äpolle weitergefördert hat, vollends fertig machend 
— die französischen Maires und Mairies verwandelten unsere 
Soldaten in Maiers und Marien, wie die Dresdner den Herm 
Pastor DibeHus von der Kreuzkirche in einen: Kreuzfide- 
lius. Der ScMammbeisser, ein bekannter, zu den Schmerlen 
gehörender Süsswasserfisch, fuhrt zwar nach Brehm seinen 
Namen mit Recht, doch scheint derselbe nur auf einer 
Angleichung des russischen Pisskar zu beruhen, da der 
russische Name auch als solcher (Peissker, Pitzker) noch 
häufig gehört wird. Allerdings Hesse sich auch denken, 
dass Beisser die ursprüngliche Form, das russische Wort 
erst von uns entlehnt, dann aber dieses wieder zurück ins 
Deutsche aufgenommen worden wäre. 

Dass der vornehmste Offizier im Schachspiel: Königin 
genannt wird, hat seinen Grund nur in einer schlechten 
etymologischen Restauration. Von vornherein muss dieser 
Titel auffallen, zumal wenn man bedenkt, dass das Schach- 



— 339 — 

spiel aus Persien stammt; vollends aber erregt es den 
Verdacht eines etymologischen Missverständnisses, wenn 
man erfährt, dass der Titel ursprünglich nicht Regina, Kö- 
nigin, sondern Virgo, Jungfrau, gelautet hat. In der That 
liegt hier eine grobe Verballhomung eines persischen Aus- 
drucks vor. Im Persischen heisst die Figur Ferz, was Feld- 
herr oder Vezier bedeutet, eine passende Bezeichnung; 
daraus machte ein lateinischer Dichter des XII. Jahrhun- 
derts: Fercia, was sich im Munde der alten französischen 
Dichter, zum Beispiel in dem des Verfassers des Boman de 
la rose, in Fierce, Fierche und Fierge verwandelte. Endlich 
machten sie, die sich ein Leben ohne Frauen nicht denken 
konnten, Vierge daraus, und wie gesagt ward auch im Latein 
für Fercia: Virgo üblich. Das zog nun wieder die Benen- 
nung: Königin oder Dame nach sich, die durch alle euro- 
päischen Sprachen geht. In Russland heisst die Königin 
indessen heute noch Fjers, aber als Femininum, in Polen 
Bdba, d. i. die Alte. Dagegen sind die persischen Ausdrücke 
Schach und matt, Schach soviel wie Schah, und matt soviel 
wie tot, Schah mät, der König ist tot, ziemlich rein herüber- 
genommen und internationale Weltworte geworden — matt 
ist nicht etwa eine Angleichung an das Adjectivum matt, 
sondern das letztere erst aus dem Terminus technicus der 
Schachspieler entstanden und ein persisches, respective 
arabisches Perfectum. 

Dabei ereignet sich wie bei schlechtrestaurierten Sta- 
tuen das Sonderbare, dass, um ein Wort wiederherzustellen, 
erst eine Wiederherstellung rückgängig gemacht werden 
muss. Erst nachdem wir dem altfranzösischen Fierce die 
Weiberkleider vom Leibe gerissen haben, die ihm Unver- 
stand umgehangen hat, gibt sich Fierce als Ferz und als 
ein persischer Würdenträger zu erkennen. 

Kursorisch führen wir noch folgende verunglückte 
Wiederherstellungen auf: 

Beifuss = Beiboss, althochdeutsch BUd^, verwandt mit Amboss, 
eigentlich: was zur Speise als Gewürz beigestossen wird (mittelhoch- 

22* 



— 340 — 

deutsch ÖLiefty stossen, klopfen). Noch heute sind ja die mit Blüten- 
körbchen dichtbesetzten Aste der Rispe von Artemisia vulgaris der 
obligate Beiboss zu Gänsebraten. 

Kälberkern = A^r^^/^^r^/, Cerefolium aus Chaerophyllum {XaiQB' 
<pv)JiOv)t ebenfalls ein Küchengewürz, vergleiche oben Seite 264; der 
Sache nach Anthriscus silvestris, auf Wiesen sehr gemein und von 
Unkundigen für Schierling gehalten, aber vom Vieh und wohl auch 
von Kälbern gern gefressen. 

Bussaar, Busshart = Bussard, Der gemeine Bussard oder 
Mäusebussard, einer der gemeinsten Raubvögel Europas, nährt sich 
fast nur von Mäusen, die er in erstaunlicher Menge vertilgt. Er ist 
gleichsam die Katze unter den Raubvögeln, und da er nun auch wie 
eine Katze miaut, so mussten die Naturforscher auf den Gedanken 
kommen, dass der Vogel seinen Namen dieser Ähnlichkeit verdanke 
und gleichsam Katzenaar genannt worden sei: Biise, englisch Bttss, Puss 
ist eine bekannte, mit dem Lockrufe zusammenhängende Benennung der 
Katze. So Brehm in seinem Tierleben (Vögel I, 722). Gleichwohl ist die 
Form Bussaar offenbar erst durch Anlehnung an Aar aus Bussard 
hervorgegangen und dieses identisch mit fr. Busardy engl. Buzzard; 
das französische Busard verhält sich genau so zu Buse, wie Canard 
zu Cane^ und Buse^ der ursprüngliche Name des Vogels in Frankreich, 
ist das mittellateinische Busio, welches identisch mit lat. Buteo, Bus- 
sard. Seitdem sich einst ein Bussard einem Fabius mit einem günstigen 
Omen aufs Schiff gesetzt hatte, war Buteo der Beiname einer Familie 
von der patrizischen Fabia Gens (Plinias H. N. X, 8/10); ein Beiname 
wie unser Falke y vielleicht auch wie der mir bekannte Name Baus- 
siard. Damit fällt die Ableitung des Namens von der Buse umso 
unrettbarer, als Griechen und Römer die Katze noch nicht als Haustier 
kannten. Was nun das französische Busard anbetrifft, so ist ~ard ohne 
Zweifel das vielgebrauchte Suffix, welches dem deutschen hart seinen 
Ursprung dankt und das wir vorhin (Seite 272) erst erwähnten; bei 
der Häufigkeit desselben scheint es jedoch durchaus nicht notwendig, 
dass Bus-ard erst auf Grund eines deutschen Buss-hart gebildet wor- 
den sei, vielmehr wird Busshart selbst erst wieder aus fr. Busard 
umgedeutet worden sein, wie Bussaar, Auffallig bleibt dabei nur die 
Entlehnung des Namens aus dem Französischen, für einen Falken, 
der Deutschland so gut bewohnt wie Frankreich und wegen seiner 
geringen Brauchbarkeit zur Falkenjagd nicht in den Handel gekom- 
men ist. 

Benjamin (engl.) = Benzoitiy Benjamin-tree (engl.) = Benzoe- 
baum (Styrax Benzoin), ein Pendant zu dem obenerwähnten JerusaUfn 
Artichoke, die Anbildung vermittelt durch die französische Form 
Benjoin, Über Benzoe siehe oben, Seite 66. 



— 341 — 

Go-down (engl.), Warenlager, ostindisches, von Missionaren oft 
gehörtes Wort, entstanden aus dem malaiischen Gädongy Warenlager. 
Go-down^ geh-nieder, wuppdich, nennt der Engländer zu Hause einen 
Schluck Gin; Go-out^ geh-aus, einen Abzug {the Gowt), 

Ohnmacht, früher Omacht und noch früher Amacht (ahd. mhd. 
ämaht)y welches wörtlich soviel wie: Unmacht, indem ä ein negatives 
Präfix wie ««- ist. Gutgemeinte, immerhin fehlerhafte Wiederher- 
stellung. 

bläuen, im Sinne von durchbläuen, einen braun und blau schla- 
gen, aber eigentlich bleuen (mhd. blittwen^ ahd. pliuwan, vergleiche 
engL Blow^ Schlag), ohne Gedanken an blau, 

zu Paaren treiben, eigentlich das wilde Ross, nachdem es aus 
dem Stalle entflohen ist, zum Barn, d. h. zu seiner Krippe treiben. 
Man kann daher schon Einen zu Paaren treiben. 

mortes ab, völlig ab: beidt hende niortes ab gehawen (Hans Sachs). 
Aus murz ab. 



7. Hausrecht. 

Die Wiederherstellung in der Geographie — sie ist dreifach: erstens restau- 
rieren die Menschen in ihrem eignen Hause, was von den Vorfahren übrig 
geblieben und in schlechtem Zustande ist — Beispiele aus Rom: die Santa 
Maria Inviolata — Fischhausen und Affenthal — zweitens restaurieren sie 
was frühere fremde Hausbesitzer zurückgelassen haben: die Sierra Moreha — 
die Deutschen in den Thälern der Alpen: die Karte von Peter Anich — 
Deutsche und Slawen: Andeutschungen slawischer Ortsnamen — Branden- 
burg, Mehlsack, Kuhschnappel, Potsdam — Deutsche und Franzosen: die 
Metz und die Magd haben dem Kaiser den Tanz versagt — drittens restau- 
rieren sie auf der ganzen Erde, denn die Erde ist ihr Haus: die Griechen — 
in Griechenland hausen wieder die Italiener, in Italien wiederum die Deut- 
schen — Jerusalem, Negroponte, Gibraltar, Mailand, Leghorn, Liebstöckel — 
das Vorgebirge zum Finstem Stern, Bärensiebe am Schwarzen Meer — der 
Name Norwegen — noch einmal das Wortspiel: drei sonderbare nieder- 
ländische Friedensschlüsse. 

Als unverständliche und doch alltägliche BegriflFe haben 
namentlich die Ortsnamen unter der Restauration des armen 
Mannes zu leiden. Er ist ganz erpicht darauf, nicht nur (i) 
die alten abgebrauchten Benennungen seiner eignen Sprache 
wiederherzustellen, sondern auch (2) die Namen, welche 
fremde Völker in seiner Heimat wie Spuren zurückgelassen 



— 342 — 

haben, zu verdeutschen und nach seiner Ansicht gut zu 
machen; ja, er mag es sich schliesslich (3) nicht versagen, 
selbst im Ausland, in stockfremden Ländern als Reformator 
aufzutreten, Städte und sonstige Lokalitäten herzunehmen 
und sie gewissermassen sprachlich zu annektieren. Der 
stolze Anspruch gefällt mir — deutsch ist die Welt; und 
ich erinnere mich des Engländers, der über ein Wasser fuhr, 
dasselbe kostete und ausrief: das schmeckt salzig, das ist 
unser! — 

In meinem Hause bin ich Herr, denkt der moderne 
Römer und macht sich (i) die Ausdrücke seiner berühmten 
Vorfahren zurecht. Via Lata, Breite Strasse, Broad Way, 
war der alte Name des Corso, noch jetzt erinnert daran der 
lateinische Titel einer der ältesten römischen Diakonien, 
der Kirche Santa Maria in Via Lata. Aber anstatt des Ad- 
jectivums lattts ist in den romanischen Sprachen das Adjec- 
tivum largus üblich geworden, daher gegenwärtig die breiten 
Strassen in Italien Vie larghe heissen; zum Beispiel die 
florentiner Via Cavour, in toskanischen Ohren eine unitalie- 
nische Kontraktion, wurde früher Via Larga genannt, in 
Neapel ist Largo soviel wie Platz. Der Römer versteht 
also die Santa Maria in Via Lata nicht mehr recht, er fühlt 
das Bedürfnis, den Ausdruck wiederherzustellen. Leicht 
dagegen begreift er, was doch weit unverständlicher ist — 
die Unbefleckte Empfängnis der nicht violierten Mutter Got- 
tes, die Ohren klingen ihm ja davon, zumal am 8. Dezem- 
ber. Er beschliesst also in seiner Weisheit: Santa Maria in 
Via Lata muss eigentlich Santa Maria Inviolata heissen! — 
Und die Quirlten nennen fortan die Kirche: Santa Maria 
'nviölata. 

Ebenso nennen sie den Janus Quadrifrons, den vier- 
eckigen, richtiger vierstimigen Durchgan gsbogen im Vela- 
brum nicht Giano Quadrifronte, sondern Qiano Quattrofronne, 
d. i. Quattrofronde , den vierblätterigen Janus, als ob sie ein 
Kleeblatt gefunden hätten. 

So hausen nicht nur die Römer in Rom, so haust jede 



— 343 — 

Nation in ihrem Erbland: sie stellt zunächst die verklun- 
genen Namen ihrer eignen Väter wieder her. Zum Beispiel 
ist Würzhurg aus Wirzburg oder Werzbarch gemacht und so- 
gar in SerUpolis übersetzt worden; so haben sie im Sam- 
land die Stadt Bischofshausen, die Residenz der samländischen 
Bischöfe, nachdem davon nur Bischhausen übrig geblieben 
war, endlich in Fischhausen verwandelt; im Kreise Kalau die 
Stadt Drehkau, vulgo JDrauke, in Dreikrug umgedeutet. Das 
Dorf Affenthal, wo der rote AflFenthaler, einer der besten 
badischen Weine wächst, hat angeblich früher Ave-Maria-thal 
geheissen. 

Man wolle dergleichen ungeschickte Restauration ja 
nicht mit der obenerwähnten Paronomasie verwechseln, wie 
sie, viel weniger ernst gemeint, in der Kapuzinerpredigt zu 
Tage trat. Unjmerstadt ist eine Landstadt in der Nähe 
von Koburg, die im Dreissigjährigen Kriege hart mit- 
genommen wurde. Anno 1640, bei dem saalfeldischen Still- 
lager, meldet ein altes Kirchenbuch, ist Vmmerstadt zur 
Nimmerstadt oder zur ümbrastadt worden. Aber Ummerstadt 
heisst heute noch Ummerstadt, wie der Rheinstrom heute 
noch Rheinstrom und nicht Feinstrom heisst. Nehmen wir die 
nächste Stufe (2). 

Wenn man Herr im Hause ist, so spricht man alles 
an, was etwa darin von einem früheren Besitzer zurück- 
gelassen worden wäre. Die Römer sind in Andalusien ge- 
wesen und haben hier ein Gebirge das Marianische (Montes 
Mariani) getauft: die Spanier dasselbe, das die Abenteuer 
Don Quixotes unsterblich machten, in Sierra Morena, Schwar- 
zes Gebirge, umgetauft. In den Alpen waren Völker kel- 
tischer Abkimft verbreitet, die, durch die Römer unterworfen 
und romanisiert, später eine Beute der Deutschen wurden: 
der grösste Teil der Gebirgsthäler ist nachgerade im Besitz 
von Deutschen. Mit den Besitzern haben die Namen der 
Ortschaften gewechselt. Zum Beispiel in Tirol siedelten 
romanische Stämme allerart, die Namen wie Valcava (Münster- 
thal) oder Flangrosso (Kaunserthal) hinterliessen; aber als 



— 344 — 

Peter Anich A. D. 1760 seine Karte von Tirol herstellte, 
machte er aus Valcava: VcUkhof, aus Plangrosso: Blangger Boss. 
So ist dcis rhätische, angeblich etruskische Dorf VeUurns 
bei Klausen in Tirol auf den Landkarten zu Feldthurns; Tal 
de Castello in Vorarlberg zu Valkastiel und endlich zu Falken' 
stiel; und ein Seitenthal am Achensee, das Val de Sturm, 
d. i. Starenthal, zu Fodzthurn geworden. Die oberste Thal- 
stufe des Hinterrheins, wo, von Eis- und Schneefeldem 
umgeben, die Freien vom Ryn wohnen, heisst eigentlich 
Tal Bin oder Tal du Bhini die Deutschen haben aus dem 
Yal einen Wald, aus. dem Rheinthal: Bheinwäld gemacht. 
So wird der bekannte Flussname MtmiM eine volksmässige 
Restauration von Mtmona sein. Wer kennt nicht die wild- 
romantische Alpenpforte der Finstermünz? — Man sagt, 
dass Finstermünz aus Yenustus Mons entstanden sei, wobei 
man jedoch nicht an das lateinische venustus, schön, zu 
denken braucht. Yenostes waren Rätier, das Gebiet derselben 
hiess im Mittelalter Yenusta Yallis. 

Als die Slawen gegen Ende des V. Jahrhunderts in 
Deutschland nach Westen zu, bis an die Elbe und Saale 
vordrangen und deutsches Land besetzten, nahmen sie an 
den deutschen Ortsnamen oft nur Veränderungen vor, um 
ihnen auch im Slawischen Bedeutung oder wenigstens sla- 
wischen Klang zu verleihen; als später wieder die Deut- 
sehen über die Slawen das Übergewicht erhielten, deutschten 
sie die slawischen Namen um. Zunächst sahen sie sich ge- 
müssigt, einige besonders häufige slawische Grundwörter 
wiederherzustellen, zum Beispiel Bor, Kiefer, Fichte, Fichten- 
wald und Wald überhaupt, in Burg, Hräb, Weissbuche, in 
Grab, Gräben, desgleichen das besitzanzeigende Suffix -owo, 
•ow in Aue, Au und die slawischen Plural-Patronymika -ice, 
•owice in 4tz, -witz, -hitz, die Endung -sk in -zig umzugestal- 
ten; durch den Erfolg ermutigt, dachten sie dann daran, 
eine gründliche Restauration des ganzen Wortkörpers vor- 
zunehmen. Um nur einige hervorragende Beispiele anzu- 
führen, so ist 



— 345 — 

Branibor (wendisch) in Brandenburg 

Nadrozna Hrabowka (wendisch) in Strassgräbchen (nadrozny, 
d. i. Strassen-) 

Sunow (wendisch) inSchönau, wie Halstrow in Elstra, Spandow 
in Spandau, Glogow (wendisch Glog, Hagebutte) in Glogau, vergleiche 
die Andeutschung des lateinischen Flussnamens Danubius: Donau 

Z-wikow (wendisch) in Zwickau, wörtlich: zu Markte (wendisch 
Wiki, Markt, Wikow der wendische Name der Stadt Elsterwerda), 
latinisiert: Cygnea, Schwanenstadt 

Malcekuke (altpreussisch, Regierungsbezirk Königsberg) in Mehl- 
sack, vergleiche die Ortsnamen: Mehltheuer (zwischen Plauen und Hof) 
und Bohnsack (Weichselmündung bei Neufahr) 

Babarow (polnisch, Oberschlesien) in Bauerwitz 

Kosenopole (böhmisch. Sächsisches Erzgebirge) inKuhschnap- 
pel, wörtlich Septemberfeld, Kosen, September, Pole, Feld, Acker 

Pod-Za-Dubami, unter oder hinter den Eichen, wendischer 
Flurname, mit Anbildung an Atnsterdam, Rotterdam, in Potsdam 

verwandelt worden. Analoge Herstellungen und Wieder- 
herstellungen von Deutsch zu Französisch und abermals zu 
Deutsch lassen sich in Elsass und Lothringen beobachten 
(IfÄÄZÄaM^cw = Mvilhovise = Mülhamen; Theudonevilla = Thion- 
vüle = Diedenhofen). Um die Mitte des XVI. Jahrhunderts, 
als die freie deutsche Reichsstadt Metz durch Verrat einiger 
Patrizier und im Einverständnis mit den protestantischen 
Reichsfürsten an Frankreich kam, lief in Deutschland, da 
gleichzeitig Magdeburg der Reformation anhing und die 
Annahme des Interims verweigerte, das Wortspiel um: 

Die Metz und die Magd, 

Die haben dem Kaiser den Tanz versagt. 

Die Metz hat auch ihren alten gallischen Namen (Mettis, 
die Hauptstadt der Mediomatrici; nach denselben genannt, 
wie gallische Städte oft) beständig beibehalten und weder 
mit den Merowingem, noch mit den Königen von Frank- 
reich, noch mit den Kaisem tanzen wollen; zu Cäsars Zeiten 
hiess die Stadt Divodurum, Das deutsche Metze ist (Seite 198) 
Koseform des Namens Mathilde oder Meckthüd. 

Bei Meissen, hinter Siebeneichen existiert eine von den 
Fürstenschülem starkbesuchte Wirtschaft: der sogenannte 



— 346 — 

Rehbock. Sie hat den Afranem den Tanz nicht versagt, 
denn es ist ein altes Lustschloss und heisst eigentlich Flace 
de Bepos, Ruhe, Ruhepunkt. 

Die Erde, sagte Ksirl Ritter, ist das Erziehungshaus 
der Menschheit: die Erde, sag^ der moderne Deutsche, ist 
mein Haus — mächtige Nationen lieben es, die ganze Welt 
als ihr Nationaleigentum zu betrachten, mit der Erdkugel 
zu spielen wie Attilas grüne Katze, sie hausen überalL 
Unverfroren unterwerfen sie fremde Länder der Kontrolle, 
stellen die Namen wieder her, als ob sie von ihnen wären, 
und heissen 'sie nach ihrer Art, nach ihrer Regel lauten. 
Sei es, dass sie ein Gebiet wirklich einmal besessen haben, 
sei es, dass sie es kolonisieren, sei es, dass sie den Strich 
überhaupt nur ihrer Beachtung werthalten, ohne irgend- 
welches Anrecht darauf zu haben: sie geberden sich als 
unumschränkte Herren und Gebieter, nicht nur in der 
Gegenwart, sondern auch, was beinahe spasshaft ist, als ob 
sie es von jeher gewesen wären (3). 

Ich will dahin gestellt sein lassen, ob der jüdische 
Geschichtsschreiber Josephus in der dunklen Stelle seiner 
Jüdischen Altertümer (yn, 3, § 2) die erste Hälfte des Namens 
Jerusalem von dem griechischen leQÖg, heilig, abgeleitet hat, 
wie der heilige Hieronymus behauptet — Isaak Voss reinigt 
ihn von dieser schmerzlichen Anklage; überhaupt dahin- 
gestellt sein lassen, ob die griechischen Formen ^QoaoXvfia 
(Jerusalem), "^leqtxd (Jericho) und andere auf einer etymolo- 
gischen Anbildung oder einer harmlosen Umschreibung be- 
ruhen. Gewiss ist, dass die Griechen bereits in ihrer klas- 
sischen Zeit mit ägyptischen, persischen, phönizischen 
Namen sehr ungeniert umgesprungen und in der Gräzi- 
sierung derselben keineswegs bescheiden gewesen sind. 
Ihre Nachkommen haben dafür unter Venetianem und 
Türken zu büssen gehabt. Zu Anfang des XIII. Jahrhun- 
derts teilten sich die Lateiner in das Byzantinische Reich; 
die meisten Inseln des Ägeischen Meeres fielen den Vene- 
tianem zu, die allmählich auch in den Besitz der grössten, 



— 347 — 

des alten Euböa, gelangten. Aber dieser Name galt in der 
Venetianischen Zeit nicht mehr: Euböa hiess Negroponte, 
Schwarzbrück, den Namen Negroponte führte auch die Haupt- 
stadt der Insel: Chalcis, welche an dem Sund Euripus und 
an der uralten, über den Sund geschlagenen steinernen 
Brücke gelegen war. Von diesem Sund und von dieser 
altersgrauen Brücke ist die italienische Bezeichnung Negro- 
ponte ausgegangen. EvQiTtog war in der Sprache der Neu- 
griechen zu Evripo und (da die betreffenden Laute verwandt 
sind) zu Egripo geworden. Daraus entstand denn auf sehr 
natürliche Weise im Munde der Venetianer: Negroponte wie 
in dem der Franzosen: Nigrepont, wobei der Vorschlag des N 
durch die griechische Phrase: elg Tofv ^'EyqtTtov vermittelt 
werden konnte. Analog ist der Berg Tariks, des arabischen 
Feldherm, der hier am 30. April 711 landete, der Gebel aX- 
Tarüc = Gibraltar, von den Italienern in ein Fromontorio di 
Gibilterra verwandelt worden, als ob es sich um einen Be- 
griff wie Inghilterra handelte. Tartk heisst heutzutage eine 
fortschrittliche türkische Zeitung, das Organ der Reform- 
partei, diese vielleicht nach dem türkischen Tarik, Strasse, 
Weg; Oehel ist bekanntlich soviel wie Berg: in Italien 
selbst, an der Strasse von Palermo nach Messina, triflFt 
man einen Grihil-Manna, das heisst einen (mit Mannaeschen 
bestandenen) Mannaberg; gleichwohl haben die Sizilianer« 
das arabische Wort so schlecht verstanden, dass sie für 
ihren Ätna die tautologische Zusammensetzung: Mongibello = 
Monte Gihello brauchen. 

In Italien machten nun wieder die Herrn Deutschen 
aus Mediolanum: Mailand, gleichsam eine immerwährende 
Frühlingsstadt — die Herrn Engländer aus Livorno, latei- 
nisch Liburnum oder Ligurnum, das völlig sinnlose Leghorn, 
wörtlich: Beinhom, landesübliche Bezeichnung für floren- 
tmer Strohhüte, eventuell durch rein mechanischen Laut- 
wandel zu erklären, indem sich Leghorn aus Leforn, wie 
(Seite 86) Nichte aus Nift entwickelt haben könnte — ja, 
das balsamische, offizinelle Kraut, das bei uns unter dem 



— 348 — 

Namen Liebstöckel, Leberstockkraut gezogen wird und dessen 
Anbau in den kaiserlichen Gärten Karl der Grosse aus- 
drücklich befahl, italienisch Levistico, französisch Liveche, 
heisst eigentlich nach seiner ligurischen Heimat: Ligusticum 
(nicht zu verwechseln mit Ligustrum, Liguster, Hartriegel, 
Rainweide, deren biegsame junge Zweige man zu Korb- 
arbeiten, ad ligandum, benutzt). Übrigens ist der Liebstöckel 
mit dem Ligusticum der Alten nur dem Namen nach gleich; 
in Italien nennt man ihn gewöhnlich: Sedano di Montagna, 
Bergsellerie (unser Sellerie, französisch Geleri, und das ita- 
lienische Sedano sind dieselben Worte, bemerkenswert wegen 
des Wechsels zwischen L und D, vergleiche Seite 89). 

Wenn die Italiener in Spanien das Promontorio di Gi- 
hilterra auf dem Gewissen haben, so wir wiederum das Vor- 
gebirge zum Mustern Stern an der nordwestlichen Spitze, 
spanisch Cäbo de Finisterre, lateinisch Finis Terrae, Landsend 
(XV. Jahrhundert) — die alte dänische Stadt Roeskilde, 
mag dieselbe nun Roars Quelle oder Rossquelle bedeuten, 
hat schon Klopstock Rothschild getauft, weshalb auch die 
Juden A. D. 1848 aus der Eisenbahn Kopenhagen-Roes- 
kilde, um die Aktien zum Steigen zu bringen: die Rotschilder- 
Bahn machten — und die Feressips oder Barren vor den 
Mündungen der Flüsse an der Westküste des Schwarzen 
•Meeres, durch welche das Wasser hindurchsickert, haben 
die dortigen Deutschen, sie wagen sich sogar an Russ- 
land! — in Bärensiebe umgestaltet. 

Norwegen heisst auf dänisch: Norge, doch darf man 
den deutschen Namen, über den Andresen (Deutsche Volksety- 
mologie, 52) ungenügende Auskunft g^bt, nicht als eine An- 
bildung betrachten, sintemal Norge selbst aus dem altnor- 
dischen Norvegr entstand, was Nordweg oder Nordland 
bedeutet, englisch Norway, mittelhochdeutsch Norwege, mittel- 
lateinisch Norvegia; nur stellt unser Norwegen wie Freussen, 
Hessen, Franken einen Dativ Pluralis vor und zwar den von 
Norwege, Einwohner von Norweg, wie wir jetzt sagen: 
Norweger, vergleiche Seite 222. Wenn wir dagegen die 



— 349 — 

niederländische Stadt Nijmegen, lateinisch Noviomagus, fran- 
zösisch Nimdgue, in Nimwegen verwandeln, so lässt sich hier 
der Unterschub einer falschen Wurzel nicht verkennen. 
Den Frieden von Nimwegen als den von Nimmweg, wie den 
von Byswyk (gesprochen Reisweik) als den von Reissweg zu 
bezeichnen, ist eine einfache Paronomasie im Stile der 
obigen: als das Haag noch einen Mittelpunkt der euro- 
päischen Politik abgab, hiess es von den drei berühmten 
niederländischen Friedensschlüssen: Nimwegen nimmt weg, Bys- 
wyk reisst weg, und Utrecht ist ausser Recht. 



8. Unftreiwlllige Komik. 

Von der bewussten und willkürlichen Wiederherstellung ist die unbewusste 
und unwillkürliche zu unterscheiden, bei welcher sich der Sprechende ver- 
spricht und gleichsam einen Fleck aufsetzt — die Gebildeten reden dann 
von einem Quidproquo, einem Sproposito und der litterarische Witzbold trägt 
es in sein Album unfreiwilliger Komik ein — gleichwohl liegt nichts weiter 
als ein sogenannter Lapsus Linguae vor, welchem die Gebildeten selber nicht 
entgehen: die Tuberkulose im Knopf loche des Prinzen von Wales — die 
Symphonie wird zur Zampogna, der Chevalier zum Schwager, das Rendez- 
vous zu einem Randewutscherl — die reine Herübernahme eines Fremdworts 
allerorten etwas Seltnes, das wissen die Apotheker — Ehrenpreis ist ein 
anderes Gewächs als Tausendgüldenkraut — wie sie in Rom das Gewand 
der Sprache flicken: der Freistaat Hier-und-da — aber der Lappe vom Neuen 

reimet sich nicht auf das Alte. 

Die etymologische Restauration, um die es unsem 
Freunden in den beiden vorigen Abschnitten zu thun war, 
erfolgt häufig unwillkürlich. Auch bei den An- und Neubil- 
dungen, welche die Sprache neuerdings entstellen, spielt 
das Unbewusste eine Rolle — der Bildner restauriert nicht 
immer, er verspricht sich, phantasiert, redet irre wie in 
einem sanften Delirium — er soll einen Weg einschlagen, 
den er nicht kennt, schickt sich auch an zu gehen, setzt 
das Bein in einer bestimmten Richtung auf, gleitet aber 
gleich wieder zurück — ohne es zu wissen und zu wollen, 
gerät der arme Tropf mit dem verplexten Geplemper, den 



— 350 — 

entfamten Fremdwörtern wie ein Pferd, das nach Hause 
will, in die hergebrachten Geleise seiner Sprziche, lenkt er 
in die alte, gewohnte Leier ein und rennt im Galopp zu 
Muttern — Muttersprache, denkt er, Mutterlaut, wie so 
wonnesam, so traut! — Die gebildeten Leute lachen sich 
eins und nennen's ein Quidproquo. Wie ein Jagdhund ist 
dann ihr angestellter Spassmacher dahinter her, trägt es in 
sein Album unfreiwilliger Komik ein und stellt den Ent- 
spekter Bräsig mitsamt seinen Kohlebratem und den Herrn 
Existenzarzt an den Pranger. 

Hinrik Kamel hat ein sehr defektvoUes Lied mit Pforte- 
pianoaccompagnement gehört. — Charlotte Schmuddlich, ge- 
nannt Ohrring-Lotte, sing^ stantepeh die Krawatte aus dem 
Wurme*) zur Katarrhe. — Mle chante comme une Seringue, be- 
merkt ein galanter Franzmann, er meint, und zwar ironisch, 
sich monkierend: comme une Sirene, — Das ist, wie der Kut- 
scher des Doktor Klaus sag^, die Kürze des Laokoan; er 
wird den Musch Moritzen lehren und enkuragiert die Sängerin 
zum Tanze. — Äu Controleur, im Gegenteil. 

Wenn Heinrich Heine wie ein Fuchs, dem die Trauben 
zu sauer sind, über die Millionarren spottet, so ist das eine 
scherzhafte Anbildung. Wenn aber Johann prahlt, dass ihn 
der Baron von Rotschild ganz famillionär behandle, so gehen 
dem armen Burschen die Millionen der reichen Familie 
sinneberauschend durch den Kopf. 

Es gibt eine doppelte Art von Witz: der Witz, den 
man selber macht, und der Witz, den ein Anderer hört 

*) Aus der Norma. Wurm nennen auch die Buchdrucker die Norm, 
die kurze Titelangabe, links unten am Fuss der ersten Seite jedes Bogens. 
Charakteristisch ist die Wahl des Flickworts Katarrhy um die Guitarre mund- 
gerecht zu machen, dasselbe eben bereits seit Jahrhunderten in Umlanf. 
In Bayern haben die vornehmen Leute Schnupfen oder Katarrh, das Volk 
hat die Sträuchen. Schmeller erzählt (II, 806) folgende hübsche Anekdote, die 
von der gelegentlichen Wertschätzung fremder Ausdrücke (Seite 209) zeugt. 
Ein Dienstmädchen klagt: Gnä* Frau, i hob an Katarrh! — Was, Du Bauern- 
trumpf, fahrt die Gnädige Frau heraus, Du willst gar an Katarrh habnf Dass 
etwa d* Husten uftd d* Sträuchen not gut gnug war für Di! 



— 351 — 

Unser Kästner sagte: Als Pythagoras den Magister Mathe- 
seos gefunden hatte, brachte er den Göttern eine Heka- 
tombe dar; seitdem zittern die Ochsen, wenn eine neue 
Wahrheit entdeckt wird. Das war die erste Art von Witz. 
Im Jahre 1806 schrieb Guttentagleben in Breslau an den 
dirigierenden Minister Hoym: Solange ich und Sie in Schle- 
sien sind, wird es an Ochsen nicht fehlen. Das war die 
zweite Art von Witz; und sie ward sofort in einem obskuren 
Lustspiele verwertet, wo Guttentagsohn die Äusserung thut: 
Unter den Ochsen meines Vaters bin ich aufgewachsen. 
Die schadenfrohe Weiterverbreitung, ja Erfindung und 
Nachbildung von Seiten der litterarischen Witzbolde ist 
nur bei den obigen Quidproquös deshalb so wohlfeil, weil 
der Unglückliche, der sich verspricht, nicht nur keinen 
Witz, sondern nicht einmal eine kolossale Dummheit zum 
besten gegeben hat, indem seine Schuld in nichts Schlim- 
merem besteht, als in sogenannten Lapsus Linguae. 

Als welchen die Gebildeten selber nicht entgehen. Ich 
kenne eine recht geistreiche Frau, die dem Prinzen von 
Wales eine Tuberkulose ins Knopfloch steckte — nicht als 
ob sie nicht gewusst hätte, was Tuberose und was Tuberkulose 
sei, etymologisch zufällig dasselbe, der Sache nach freilich 
nicht; aber der Name der Krankheit ist der Zunge leider 
so vertraut, dass die Zunge unwillkürlich der alten ge- 
wohnten Fährte folgte und die Dame sich versprach. 

Was sollen kleine Leute thun, die' nicht so gebildet 
smd wie wir, ihre Zunge weniger in der Gewalt und min- 
dergeübte Ohren haben? Kann man von einem Krawatten- 
Sepp in München verlangen, dass er von dem Te Deum 
laudamus mehr verstehe als das Lamesdames? Wird der arme 
italienische Pifferaro seine Symphonie, will sagen die Schal- 
mei, die er sich aus Pappelrinde selbst verfertigt und mit 
der wir (Seite 3) den menschlichen Kehlkopf verglichen 
haben, besser herauszubringen im Stande sein als: la mia 
Zampogna? — Zampogna oder Sampogna, Hirtenflöte, Sack- 
pfeife, Drehleier, von Symphonia, Soll der Berliner Radau- 



— 352 — 

karl oder der Schlamassenmax oder der Eisbeinaugnst 
dem Schutzmann anders als so nöblenz kohlenz folgen, anders 
als viehsisch und moralisch heruntergekommen sein? — 

Das saubere Artikulieren eines Kunstausdruckes, die 
reine Herübernahme eines Fremdworts ist allerorten etwas 
Seltenes. Zwischen einer Manege und einer Menage macht 
mein Leipzig keinerlei Unterschied — die fesche Wienerin 
hat a Bandewutscherl anstatt eines Bendezvous — ein Hand- 
werkerzirkular von Marggrabowa nennt die Entr^>reneurs: Än- 
trihunöre, und der bereits wieder vergessene Titei der Postil- 
lone: Schwager schreibt sich daher, dass man die Postreiter, 
welche die Briefe besorgten, einmal Schwälier oder Chevaliers 
genannt hat. Der Fechtbruder muss Schwälier sein! — sagt 
der lange Christian, ein Schneidergeselle, bei Rosegger. 
Das Volk ist so unfähig, ungewohnte Laute richtig aufzu- 
fassen, es wird ihm so schwer, sie fehlerlos nachzusprechen, 
dass die ungeheuerlichsten Monstra herauskommen, wenn 
es sich an sie wagt, Monstra, die durch Anbildung ein- 
zelner Glieder wieder etwas Hanswurstähnliches erhalten. 
Die Apotheker wissen etwas davon zu erzählen — es kann 
vorkommen, dass sie Bohrstinkstoff und Doppelsohlenkauendes 
Nashorn machen sollen! Es kann vorkommen, dass ein 
Bauer Sass und frass durch die Brille haben will! — Er meint 
Sassafras und Sassaparille; Sassafras ist das bekannte Holz, 
das in den Vereinigten Staaten, wo man es kohlensaurem 
Wasser zusetzt, zur Frühlingszeit in die Häuser gebracht 
wird. Brouillamini nennen die Franzosen (mit Anähnlichung 
an hrouiller, vermengen) ein Pflaster, das wunden Pferden 
aufgelegt wird: das Wort ist entstanden aus Bol d'Ärmenie, 
armenischer Bolus. Die offizineile Badix Älthaeae, die uns 
bereits oben die Alte Ehsalbe geliefert hat, verwandelt der 
Römer (Seite 88) in eine Arterien wurzel, eine Badica d'Ar- 
teria — wenn ich schon kein g^tes Haus habe, aber einen 
guten Namen, so bin ich wohl bewohnt, sagt Pater Abraham 
a Sancta Clara; wenn ich schon kein gutes Kleid habe, 
aber einen guten Namen, so bin ich wohl bedient; wenn 



— 353 — 

ich schon keine gute Tafel habe, aber einen guten Namen, 
so bin ich wohl gespeist: Ehrenpreis ist ein anderes Ge- 
wächs als Tausendgüldenkraut. Auf das Kräutlein Ehren- 
preis werden auch wir wo anders zu sprechen kommen; 
aber das Tausendgtlldenkraut, die Herha Centaurii wollen 
wir hier anpflanzen. Schon Hieronymus Bock beschreibt 
in seinem neuen Kreutterbuche (Strassburg 1539) das Tausend- 
güldenkraut. Es gehört nicht, viel Scharfsinn dazu, um in 
den Tatisend OiUden den gerechten Centauren Chiron zu ent- 
decken, der sich, als ihm ein vergifteter Pfeil des Herkules 
auf den Fuss fiel, mit dem Safte von Tausendgüldenkraut 
selbst heilte. Ihm zu Ehren nannten die Griechen die 
Pflanze Kevravqiov, lateinisch Centaurium; und daraus mach- 
ten nun die Ärzte des Mittelalters mit Rücksicht auf den 
Wert des Krautes, als ob die Worte Centum, hundert, und 
Aureus y Goldmünze, darin enthalten wären: Centaureum oder 
Centaurea, zu deutsch Hundertgulden, was nachmals, es 
kostete ja nichts, noch ums Zehnfache erhöht ward. Merk- 
würdiges Schicksal der Centauren! — Seite 231. 

Das römische Naturkind, so fruchtbar an witzigen Assi- 
milationen, macht auch Spropositi die Hülle und die Fülle. 
Unbeabsichtigte und blinde Spropositi, in welche das Maul 
gerät, wie die Maus in die Mausefalle. Im XVI. Jahrhun- 
dert hiessen die Zeitungsschreiber in Italien Menanti; Papst 
Gregor XIIL, welcher eine Bulle gegen sie erliess, bezeich- 
nete sie wortspielend als Minanti, Drohende; Minenti nennen 
sich gegenwärtig in Rom die kleinen Leute, die Traste- 
veriner, im Gegensatz zu den Paini, Kennt ihr die römischen 
Minenti, die noch glauben, dass Florenz in England liege, 
weil die Engländer immer von Florenz kommen, und die 
fragen, ob Deutschland wohl so gross wie Rom sei, Paris 
oder Frankreich mehr Einwohner habe? — In der Gesell- 
schaft kann man etwas erleben. Von der Babhia Petrella 
(Arabia Petraea) kommen sie auf den Freistaat Hierundda 
{Qui-e-lli, italienisch Chili, Chile), von der Sciscilia Minestreßa 
(Caecilia Metella) auf die Sette indemogratiche che vdnno Varcania 

Kleinpaal, £tym. 23 



— 354 — 

(die demokratischen Sekten, welche die Anarchie wollen) 
und von er Principe Figgnatosta (dem Fürsten Poniatowski) 
auf er Duca Sassocotto (den Herzog von Sachsen-Koburg- 
Gotha) — wobei man wohlthuende italienische Brocken wie 
Minestra, Babhia, Fignatta, Sasso, cotto, gleichsam aufgelegte 
Pflaster oder aufgesetzte Flecken, unschwer heraushört. So 
setzt Agnes in Paris auf das malaiische Orang-Utan fran- 
zösische Lappen auf, wenn sie, über die Indezenz eines alten 
Männchens im Jardin des Plantes entrüstet, zu Hause von 
dem Bat d6goütant erzählt, ohne zu bedenken, dass Orang- 
Utan, französisch Orang-Outang, wörtlich: Waldmensch, wilder 
Mann heisst und dass sich die Malaien auf der Halbinsel 
Malakka selber Orang-Utans nennen. Hier ist der Ort, das 
treffende Gleichnis Jesu zu wiederholen: Niemand flickt 
einen Lappen vom neuen Kleide auf ein altes Kleid; 
wo anders, so reisst das Neue, und der Lappe vom 
Neuen reimet sich nicht auf das Alte (Lucä v, 36). 



9. Von den Gelehrten untergeschobene Dummheit. 

An Absicht mangelte es bereits vorhin, es ereignet sich aber schliesslich 
auch, dass die Worte im Munde des Volkes ganz zuföllig und ohne alle 
Hingabe an falsche etymologische Gefühle gewissen andern Worten ähnlich 
werden und dass weder ein Wortspiel, noch eine Verbesserung noch auch 
nur ein komischer Irrtum vorliegt — Beispiele solcher Assimilationen, die 
von selbst erfolgt sind : Aventiure und Ofentüre, Parlierer und Polier, Aquavit, 
Pomade, Dattelreime — wer hier Übles denkt, ist der kurzsichtige Pedant — 
dennoch wittern die Gelehrten in jedem zufälligen Anklang eine etymologische 
Restauration — Max Müller erklärt Beefeater aus Buffetier, diese Erklärung 
ist äusserst unwahrscheinlich — der Ausdruck Fleurs für die Menstruation 
ist nicht aus Fluores entstanden — wie Andresen und Hildebrand den Namen 
Kelleresel für eine Restauration von Kellerassel ausgeben — Kelleresel ist 
keine Restauration, das Volk hat damit das Richtige getroffen — das Renn- 
tier und das Elendtier — Andresen über Grussdank — es ist nicht alles 
Gold was glänzt, wer aber auch das echte Gold für Similor halten will, der 

wird erst recht betrogen. 

Wir erzählten oben, wie ein Kandidat der Theologie 
in seiner grossen Geistreichigkeit statt Ouvertüre: Ofenthüre 



— 355 — 

sagte. Aber Sebastian Brant hat in seinem NarrenschifF, 
ohne an ein Wortspiel oder an eine etymologische Restau- 
ration zu denken, die Frau Äventiure in eine Ofentür ver- 
wandelt: 

das mancher treib solch ofentür — 

auch anderwärts erscheint die Form Ofentür für unser Aben- 
teuer, wie sich denn kurzes und langes Ä unzähligemal zu 
0, zumal in der Volkssprache, verdunkelt hat und zum Bei- 
spiel Mond aus Mandy Mohn aus Mahn, Ärgwohn aus Ärgwähn 
hervorgegangen ist — die Koinzidenz mit der Ofenthüre ist 
demnach hier eine völlig ungesuchte, eine Absicht würde 
erst wieder bei der ebenfalls beliebten Form Ähendtheuer zu 
erkennen sein. Wenn der Norddeutsche gegen Verstau- 
chungen und Hämorrhoidalknoten noch immer: Omgewendt 
Napoljum, will sagen Pappelsalbe, das veraltete ünguenttim 
PoptUeum anwendet, so deutet er das lateinische Wort Un- 
guentum in herkömmlicher Weise um; dass sich ihm aber 
zugleich der fremde (etymologisch noch völlig unaufgeklärte, 
ursprünglich Napolione lautende) Name Napoleon, den er 
sich schlankweg aus PoptUeum entnahm, nach Analogie eines 
griechischen Wortes, wie "ui/xtlov in Äctium, "Ekaiov in Oleum, 
umwendet — dass der Füsilier Kutschke rite anhebt: 

Was kraucht dort in dem Busch herum? 
Ich glaub, es ist Napolium! — 

das bedünkt mich ein unabänderliches Naturgesetz der La- 
tinisierung, dem kein -on am Ende eines gescheiten Wortes 
entgeht. 

An bösem Willen mangelte es ja bereits vorhin — 
die Schäden der Welt zu verbessern, nahm sich der arme 
Flickschneider nicht heraus: er konnte sich nur nicht be- 
scheiden, jedes etymologische Gefühl als eine Schimäre 
grundsätzlich zu unterdrücken und trat den Anwandlungen 
seiner falschen Instinkte nicht kräftig genug entgegen. 
Jetzt hören auch die falschen Instinkte auf, von etymolo- 
gischen Gefühlen, Deutungen, Spielen, Anbildungen ist über- 
haupt nicht die Rede, die Worte sind zusammengefallen 

23* 



— 356 — 

wie zwei Fussgänger, die sich auf der Oranienbrücke tref- 
fen, sie wissen durchaus nichts voneinander, niemand hat 
sie bestellt, niemand hingeführt, es ist eben Zufall, dass sie 
sich getroffen haben. Honny soit qui mal y pense! Warum 
denn so misstrauisch, gelehrter strenger Herr? — Wenn 
Sie hier Übles denken, so sind Sie meiner Treue der kurz- 
sichtigste Pedant, der sich mit seiner Weisheit thut. 

Zufall, Tausendkünstler! Der Du Cervantes und Shake- 
spesire in demselben Jahre und an demselben Tage sterben 
lassest; der Du Menschen, Daten und Namen bunt durch- 
einanderwürfelst; wie solltest Du nicht tausend Ähnlichkeiten 
schaffen, die den halbgelehrten Wortdeuter freudig über- 
raschen und zu voreiligen Schlüssen auf eine versteckte 
Assimilation verleiten, die gleichwohl nur Dich zum Vater 
haben, Dich den Allerweltsassimilator! Ein Fremdwort, das 
uns die lieben Nachbarn aus Gefälligkeit abtreten, findet 
wohl sein natürliches, ihm wie ein Kind aus den Augen 
geschnittenes Ebenbild in unserer Muttersprache, auch wenn 
wir es korrekt und mit ängstlicher Genauigkeit nachspre- 
chen und nichts anderes damit thun, als was der allgemeine 
Lautwandel mit sich bringt. Wir wissen, dass im Slawischen 
'ice und -owice Plural-Patronymika und im Anschluss daran 
Ortsnamen bilden, die nachgerade auch ins Deutsche über- 
gegangen sind. Daher die vielen Dorf- und Familiennamen 
auf -itz und -witz, mit vielen Nebenformen. Zum Beispiel 
heissen ein paar Vororte der Stadt Leipzig: FlagwUz und 
Connetvitz, Wenn nun einer sagen wollte: Halt! Hier er- 
kenne ich eine Angleichung an Witz! Plagtoitz klingt ausser- 
dem verdächtig an Plage an! — wäre das nicht absurd? — 
So absurd, wie wenn man bei Deutsch-Brod den Gedanken 
an Brot, bei Neumagen, dem römischen Noviomagum, den 
Gedanken an Magen und bei den drittehalbhundert Orts- 
namen auf 4ehen den an Lehen unterschieben und sie als 
Pendants zu dem hessischen Dorfe Sterhfritz betrachten 
wollte. 

Oder, um auf eine andere Klasse von Beispielen zu 



— 357 — 

kommen: muss das Volk gerade an rennen gedacht haben, 
wenn es das nordische Ren (isländisch Hreinn, angelsächsisch 
Hrän, englisch Bane, spanisch Reino, Beno, finnisch-lappisch 
Raingo) zu einem Benntier machte? Sprechen nicht auch die 
Franzosen von dem Befine und die Italiener von der Benna? 
— Allerdings, wenn wir den uralten Grenzweg zwischen 
Franken und Thüringen, welcher von der Saale bis zur 
Werra über den Kamm des Thüringerwaldes läuft, statt 
Rainsteig: Bennsteig nennen, so ist die Anähnlichung nicht 
wohl zu verkennen; aber bei Benntier ist das n vielleicht 
nur verdoppelt worden, um die Kürze des Vokals anzu- 
zeigen, wie bei Mann, der Zusatz von tier hat nichts Un- 
gewöhnliches, da wir auch (S. 181/2) Hirschtier und Bindvieh 
sagen, findet sich ausserdem schon in den skandinavischen 
Sprachen (isländisch Jffreindyr, dän. Bensdyr, schwed. Bendjur, 
angelsächsisch Hrändeor, engl. Beindeer, Banedeer und dar- 
nach auch, wie Linge aus lAnteum, französisch: Banger, Ban- 
gier). Dagegen lässt der mittellateinische Name Bangifer, 
der, im XVI. Jahrhundert aufgekommen, im Italienischen 
und Spanischen {Bangifero) fortlebt, wieder auf eine Miss- 
deutung schliessen, als ob das Renntier etwas Rangartiges, 
wie die Italiener sich denken: mehrere Ordnungen von Ge- 
hörnen, trage. In Spanien und Italien existiert noch ein 
dritter Name für den merkwürdigen Hirsch: Tarando; er 
kommt schon bei Plinius vor {Tarandus). Selbst bei dem 
sogenannten Elendtier ist (Seite 79) eine Angleichung an 
Elend keineswegs ausgemacht, da das d wie bei Mond und 
niemand mechanisch an das litauische Elen angetreten sein 
kann; nachträglich hat man allerdings auch diesen Namen 
wieder durch das Elend, und zwar durch die angebliche 
Fallsucht des Tieres selbst, erklären wollen, wir werden 
sehen, wie der Glaube an die antepileptische Wirkung der 
Elentierklauen damit zusammenhängt. 

Wir bringen hier eine ganze Reihe verführerischer 
Fälle, bei denen das Volk den unerfahrenen, die Macht des 
Zufalls noch nicht hinreichend abschätzenden, Kritikastern 



— 358 — 

angebildet zu haben scheint, in Wahrheit aber arglos dem 
natürlichen Lautwandel gefolgt ist. 

Sie sitzen schon, mit hohen Augenbraunen, gelassen da und möchteu 
gern erstaunen, Augenbraune sieht aus wie eine Anähnlichung von 
Braut an braun, ist aber eine leichterklärliche Erweiterung des Wort- 
stamms; Braune verhält sich zu Braue, wie Biene zu Biee (mittelhoch- 
deutsch Bte, althochdeutsch Pia, englisch Bee). 

Maurerpolier, Zimmerpolier scheint gebildet zu sein wie 
Mobelpolierer , Diamantenpolierer u. s. w., ist aber von selbst aus dem 
Begriff des Parlieretts, Sprechens hervorgegangen: Parlier, Palier, mit 
Verdumpfung des a: Polier. Der Polier hat bei öfTentlichen Gelegen- 
heiten, z. B. bei der Richtung eines neuen Baues, die Festrede zu 
halten. 

Aquayit, augenscheinlich aus lat. Aqtia Vitae, Lebenswasser, an- 
geblich aber ursprünglich in Italien und Spanien Aqua Vitis oder Aqua 
de Vite, Rebenwasser, erst nachträglich in den Klöstern, als Lebens- 
elixir, in Aqua Vitae umgetauft. Äusserst unwahrscheinliche, gelehrte 
Schrulle. Branntwein heisst in Italien Acquavite, in Spanien Agm de 
la Vida (Aguar die fite, d. i. Aqua ardens, brennendes Wasser), in Frank- 
reich Eau de Vie, Die italienische Form beweist gar nichts fdr Vite, 
Weinstock, denn vite kann ebensogut aus lat. vitae entstanden sein: 
die Lebensbeschreibungen der Heiligen heissen in Italien Vite de'Sattti. 
Hätte man sich an den Wein halten wollen, so würde man nicht 
Aqua Vitis, sondern Aqua Vini gesagt haben:« es heisst doch nicht 
Esprit de Vigne, sondern Esprit de Vin, man trinkt wohl von dem 
Gewächs des Weinstocks, aber keinen Weinstockgeist. 

*PiXo(ifiBi6iqq 'A(pQo6lrrfj die gemlächelnde Aphrodite, bei Homer. 
Die alten Grammatiker glaubten, es solle (pikofifirjöi^Q heissen, Aphro- 
dite liebe die Zeugungsglieder (Mtjöecx), Roh. 

Pomade, Studentenausdruck für Gemächlichkeit, Phlegma, Ruhe. 
Angeblich aus dem slawischen Lieblingswort pomale, langsam, hervor- 
gegangen. Pomale = pa male, russisch pa malu, heisst wörtlich: bei 
klein bisschen, allgemach. Wenn der Student sagt: das ist mir ganz 
Pomade, so denkt er sicherlich an richtige Pomade; es ist eine von 
der Weichheit des Stoffes hergenommene Metapher, derjenigen analog, 
mit welcher der Berliner sagt (weil die Wurst keine Knothen ent- 
hält und leicht hinunterzuschlucken ist): es ist mir Wurst. Wem 
aber alles gleichgültig ist, der ist selbst ein j^omadiger Kerl. Nötig 
hat man das slawische Wort (das übrigens nebst dem Sellerie von 
vorhin auf Seite 89 zu stellen wäre) umsoweniger, als es ja oft genug 
korrekter nachgesagt wird: ganz pomale, ganz bumäle, fein bomehle, 
sachte, sachte, wie der alte Hundepeitscher rät; in. Böhmen mischt 



— 359 — 

sich das Wort mit unserem allmählich: pumalichy im Munde der Stu- 
denten vermutlich auch mit bummeln y wenn es damit nicht völlig 
identisch ist; da wird in der Nacht und Kuhle pomale marschiert, 
sagt Christian Lammfell, das heisst: eswird gebummelt. 

Dattelreime. Philipp von Zesen sang ein Morgenlied von lieblichen 
Dattelreimen (Die güldene Sonne bringt Leben und Wonne); gemeint 
sind: daktylische Verse. Die Worte Dattel und Daktylus sind in der 
That identisch; die alten Griechen nannten die Früchte von Phoenix 
Dactylifera: Finger {AaTtxvXovq), Ebenso heisst der bekannte Vers- 
fuss, der aus einer langen und zwei kurzen Silben besteht. 

Petersilie ist, wie sich Andresen Seite 'j'] ausdrückt, schon an 
sich, von Umdeutschungen wie Bitterzilche (in Sachsen) abgesehen, 
volksetymologisch gestaltet. Inwiefern? Petersilie entstand aus lat. 
Petroselinum y Steineppich, und dies verwandelte sich in Peterselinum, 
wie Salepetra in Salpeter und Petrus selbst in Peter. Nicht einmal Peter- 
lein oder Peter ling brauchte auf Wiederherstellung zu beruhen. Bleibt 
'Silie übrig, das sich allerdings auf HersiHcy Ottilie, Emilie reimt, aber 
ebenfalls (aus Selinum^ Silinwn, Silium) von selbst hervorgehen konnte. 

Schachtelhalm, unnötigerweise von Andresen (Seite 153) für 
eine Anähnlichung erklärt, nur die niederdeutsche Form für Schaf tel- 
halm, damit identisch wie der Landschaftsmaler Zachtleven mit Saft- 
leben identisch ist, vergleiche Seite 85/6. Das -el beweist nichts, denn 
es heisst ebensogut Schachthalmy Schafthalm und Schaf telhalm ; Schafftel, 
Binse, im Vocabularius Theutonicus (Nürnberg 1482). 

Merseburg, wahrscheinlich : Grenzstadt (wendisch Mjeza^ Grenze). 
Burg würde dann nicht aus Bor^ Kiefer, entstellt sein, wie Andresen 
voreilig annimmt (Seite iio). 

Alles in allem darf man in der Annahme von Anglei- 
chungen nicht zu weit gehen und nicht wie ein Detektive 
in jedem zufälligen Anklang den Versuch einer etymolo- 
gischen Restauration wittern, der das zehntemal gar nicht 
angestellt worden ist. Es gibt sehr viele Fälle, wo man 
in Zweifel sein kann, ob eine Anähnlichung vorliegt oder 
nicht, und dann dürfte es sich immer empfehlen, das letztere 
anzunehmen, weil es das Natürlichere ist; sehr viele andere, 
wo der Gedanke an sie entschieden ausgeschlossen werden 
muss und wo sich der Gelehrte mit seiner erhabenen Miene 
nur blamiert. Denn die Unterstellung, als ob die Worte 
nicht laufen, nicht ohne Gängelband und Nachhilfe zusam- 
mengeraten könnten, ist so kindisch, dass man sich der- 



— 360 — 

selben höchstens zu Leuten, welche die etymologischen 
Kinderschuhe selbst noch nicht abgelegt haben, aber zu 
gewiegten Wortdeut em durchaus nicht versehen sollte: die 
elementare Erfahrung, dass der Gleichklang keine Rolle 
spielt, müssen Sie doch längst an den Schuhsohlen ab- 
gelaufen haben. Als ich zum erstenmal den Londoner 
Tower besuchte, war es mir interessant, die sogenannten 
Beefeaters zu sehen, welche daselbst in der Tracht des 
XVI. Jahrhunderts Wache stehen. Der Name bedeutet: 
Rindiieischesser, eine Art Ehrentitel der Engländer über- 
haupt, an den sie von ihren Feldherm nicht selten erinnert 
worden sind, hier wahrscheinlich die emphatische Bezeich- 
nung der Soldaten, die des Königs Rock tragen und des 
Königs Rindfleisch essen — Max Müller dagegen hat 
herausgefunden, dass die Beefeaters eigentlich Buffetiers seien, 
die bei grossen Festen an den königlichen Buffetts, wo alle 
Welt zulangen durfte, gestanden hätten. Diese Erklärung 
ist vielfach nachgeplappert worden, aber äusserst unwahr- 
scheinlich, schon deshalb, weil das doch wahrhaftig eine 
recht nebensächliche Funktion der Leibgarde gewesen wäre. 
Vor allen Dingen aber ist Buffetier ein ganz modemer fran- 
zösischer Ausdruck für einen Bahnhofsrestaurateur, von 
Littre erst in seinem Supplement erwähnt; heutzutage gibt 
es bei uns in allen grösseren Restaurants Büffetiers (in 
Dresden: Bierausgeber, in Berlin: Bier zapf er) — in den Zei- 
tungen liest man häufig Anzeigen, wo ein Büffetier Stelle 
sucht oder gesucht wird: grössere Geschäfte geben nämlich 
das Bier einem besonderen Büffetier auf Rechnung, das 
heisst, sie verkaufen das Bier zu einem vorher vereinbarten 
Preise an den Büffetier, welcher eine entsprechende Kaution 
erlegt und von Zeit zu Zeit mit dem Wirt abrechnet. Dies 
nur, um zu zeigen, dass der Begriff der Gegenwart angehört; 
Max Müller hätte wenigstens an Buvette und Buvetier denken 
sollen. Man braucht aber überhaupt an nichts zu denken 
als an das gut englische Beefeater, welches genau dem 
deutschen Brotesser {Brotdiener, Bratling, gehrotetes Gesinde, dem 



— 361 — 

man Essen und Trinken gibt) entspricht. Der Professor 
sollte nicht blos etwas vom Brotfresser, sondern auch vom 
Brotesser wissen. Vergleiche Grimm. 

Die Menstruation nennen die Frauen in Deutschland; 
den Boten König, in Bayern: den Boten Schuster oder (im 
Gedanken an die Reinigung): die Jungfer Kattl (Katharin); 
in Frankreich: FleurSj in Italien: Fiori; den Weissen Fluss: 
Fleurs hlanches, Fiori hianchi. Es liegt nahe, hier eine Um- 
deutung des lateinischen Fluores und des französischen 
Flueurs anzunehmen, umso näher, als diese Ausdrücke in 
der Sprache der Mediziner wirklich Geltung haben. Und 
doch erklärt das Littre für einen Irrtum, weil es im Mittel- 
latein und im Altfranzösischen durchgängig Flores und Fleurs 
geheissen habe, so dass umgekehrt das zünftige Fluor als 
eine verfehlte etymologische Restauration erscheint. Man 
muss sich denken, dass der Abgang von Blut aus den 
weiblichen Genitalien, die in dieser Periode gleichsam 
blühen, der Farbe wegen mit Blumen verglichen ward, 
genau so wie man den Rotlauf Böse und einen roten 
Hautausschlag ein Exanthem oder ein Blütchen nennt. Die 
Pathologie ist ja reich an dergleichen Poesie, die auch die 
Hühneraugen und die Krähenaugen und die Elsteraugen (Egersten- 
augen) erschaffen hat — lächerlich, das Hühnerauge als ein 
Hürnin Äuge darzustellen und es womöglich dem Hömenen 
Siegfried anzudichten, der wahrscheinlich zu enge Schuhe 
anhatte, als er über die Gnitaheida ging und den Drachen 
tötete. Aber wie recht Littre hat, geht daraus hervor, dass 
auch andere Völker, bei denen an keine Anbildung zu 
denken, für die Menstruation den Ausdruck Blume und Blüte 
haben. Man macht aus diesem Saft Mutterzäpflein, die ver- 
standene Bluhmen der Weihern zu fürdern, heisst es in dem 
Kräuterbuch von Tabemaemontanus (Frankfurt 1588) — auch 
sollen Jungfern und Frauens, wenn sie ihre Blüthe haben, 
Kirchhöfe meiden, worauf Sechswöchnerinnen begraben wor- 
den sind, in Eckarths Unvorsichtiger Hebamme (Leipzig 171 5) 
— der serbische Volksmund nennt die Monatliche Reinigung: 



— 362 — 

Weibliche Blüte — und endlich fuhrt Schmeller (n, 150) eine 
Stelle an: Welche Frau tV Bösen oder Fluemen nicht ge- 
haben mag. Rote Blüten gelten daher kraft ihrer Signatur 
auch für heilsam bei Menstruationsbeschwerden. Die ge- 
lehrte Unterschiebung des Begriffes Fluor ist damit end- 
giltig abgethan. 

Andresen und Hildebrand hätten es sich doch zweimal 
überlegen sollen, ehe sie Kelleresel für eine Restauration des 
Wortes Kellerassel auszugeben wagten, wo das Tier seiner 
grauen Farbe wegen schon im Altertum einem Eselchen 
verglichen worden ist und sie sich doch vielmehr darüber 
ver wundem sollten, wie für das bekannte Geschöpf der 
lateinische Name Asellus aufgekommen ist Kelleresel ist offen- 
bar viel ursprünglicher als Kellerassel; die Italiener und die 
Franzosen nennen das Tier: Schweinchen {Porceüetto, Clo- 
porte). Man muss annehmen, dass hier eine sogenannte 
Dublette vorliegen und dass das lateinische Assel aus den 
Apotheken stammen möge, da die Kellerasseln ein wich- 
tiges Volksmittel gewesen und von den Ärzten viel ver- 
schrieben worden sind; Esel aber der traditionelle, volks- 
tümliche Name des Oniscus scaber sei. Der Esel ist das 
Grautier xar i^ox^^y und die graue Farbe verhalf einerseits 
der Kellerassel, anderseits dem Kabeljau oder dem Schell- 
fisch zu dem Ehrentitel: Esel; beide, so verschieden ge- 
arteten Geschöpfe wurden von den alten Römern Asdlus, 
von den alten Griechen ^'Ovog, diminutiv: ^Oviaxog genannt 
Für den Kabeljau existiert noch ein andrer alter Name, 
der in der Zoologie gilt: Gadden, lat. Gudus = rddog] der- 
selbe bedeutet wahrscheinlich gleichfalls ursprünglich: Esel 
und ist vielleicht mit dem hebräischen 'Athön identisch, viel- 
leicht ein hebräisches Fremdwort im Griechischen wie der 
Wein (113) und das Kebsweib (281). Dabei steigt in uns 
das Bild unseres Lieblings, der neug^echische Fädagog auf 
(Seite 295). Wie wenn rddaQog nur eine Weiterbildung von 
rddog und lautlich und begriflFlich mit neugriechisch Fai- 
öovQoipaQOVj Stockfisch, MTtaycakdg, wörtlich Eselsfisch (ipaQL 



— 363 — 

Fisch); begrifflich sowohl mit diesem als auch mit der 
Kellerassel identisch wäre? — Hier haben wir wieder ein- 
mal eine jener glänzenden, überraschenden, fast märchen- 
haften Kombinationen, die den Reiz der Etymologie, nicht 
doch, unserer Sprache und der blühenden Phantasie des 
Volkes ausmachen. 

Dass die Redensart: sein Fett kriegen aus dem fran- 
zösischen avoir son fait entstanden sei, ist in der That eine 
geistreiche Vermutung; wenn aber französische Philologen 
in de grand coeur eine Angleichung von de griant coeur (de 
coeur qui agree) empfinden, welchen Senf geben sie dazu! 
Über die Gelehrten! Andresen muss sich erst von Weigand 
schreiben lassen, dass Orossdank, das schwäbische Orossdank: 
grossen Dank und nicht etwa Grrussdank bedeute, ja, er hält 
das für nötig in seinem Buche weitläufig zu erwähnen, 
damit die Nachwelt seinen bedeutenden Irrtum nicht ver- 
gesse — noch einmal, über die Gelehrten! Ist es denn 
nicht zuweilen, als ob sie gleich jenen beschränkten Phi- 
listern auf Wortspiele versessen wären und mit ihren er- 
bärmlichen Einfällen die Ohren der Menschen plagten? 
In der Regel ist es doch so, dass das Volk durch seine 
Witze und seine voreiligen Restaurationen das Richtige 
verballhornt; aber wenn es nach den Gelehrten ginge, so 
möchte der Laie erst die Dummheit und dann das Rechte 
sagen, die Sprache möchte sich von vornherein in einem 
Unsinn gefallen haben, den es sich wahrlich verlohnte ab- 
zustellen, nur damit der Herr Professor Gelegenheit hat, 
atemlos gelaufen zu kommen und zu schrein: Hier ist eine 
etymologische Restauration geschehen! Hier ward eine 
Anähnlichung begangen! Haltet den Schurken fest! — Es 
ist nicht alles Golde, das do gleisset, sagt ein altes Sprich- 
wort; wer aber alles, auch das echte Gold für Similor hal- 
ten will, der wird erst recht betrogen .... Similor, Semilor, 
Halbgold, muss es heissen! Similor beruht auf einer Assi- 
milation an das lateinische simüis! — Gott erbarms! Es ist 
wohl simile, aber es ist nicht assimiliert. 



— 364 



10- Die Weisheit Salomos. 

Salomo, der die Sprache der Tiere versteht — auch wir verstehen sie, denn 
sie sprechen nur ein verderbtes Deutsch, es kommt nur darauf an, ihre 
Laute wiederherzustellen — Ausdeutung von Tierstimmen: das Volk nimmt 
sich des seine Sprache radebrechenden Rindviehs an und erklärt selbst den 
Glocken, was sie eigentlich sagen wollen — es gibt sogar Tiere, die latei- 
nisch und griechisch reden, ohne es zu wissen — namentlich den Vögeln, 
die uns näher verwandt sind als andere Tiere, kommen unsere etymologisclien 
Kenntnisse zu gute: der Pirol, die Lerche, die deutsch und französisch 
spricht, die Gänse, die den Schildbürgern aus der Not helfen — wie der 
Paarungsruf der Wachtel ausgedeutet wird — Wachteln und Raben sind 
gelehrte Vögel, die letzteren rufen: morgen, morgen, nur nicht heute — 
Amseln, Finken, Zeisige, die Käuzchen oder die Kommmitchen — Beispiele 
von Ausdeutung in Italien, in Frankreich, in dem alten Griechenland — 
ganze Lieder tragen die Vögel vor: was die Nachtigall singt — o, du Kinder- 
mund, vogelsprachekund, wie Salomo! 

Die Tiere sind fremde Wesen, ilire Stämme Völker, 
deren Sprache wir nicht verstehen. Nur König Salomo 
hörte, was sie sagen . . . doch nein, das Volk ist weise wie 
Salomo, und am Ende hat er's selber so gemacht wie der 
einfältige, vogelsprachekundige Kindermund. Das Volk 
weiss es nicht anders, als dass die Tiere nur eine andere 
Art Menschen sind, die sprechen wie die Menschen. Das 
heisst für uns in Deutschland: die Tiere sprechen gleichsam 
ein verderbtes Deutsch, und es kommt nur darauf an, die 
Radebrecher zu verbessern, ihren Versuchen nachzuhelfen 
und die mangelhafte Rede wiederherzustellen. Mit andern 
Worten: das Volk verhält sich zu den tierischen Lauten 
gar nicht anders als zu Fremdwörtern oder Archaismen, 
ausdeutend, anbildend, restaurierend, scherzhaft und in vollem 
Ernste; ja, als ob es nicht genug wäre, ihnen unser gelieb- 
tes Deutsch in Deutschland zuzumuten, treiben wir sogar 
mit ihnen echte Gelehrten et3niiologie, leiten ihr unschul- 
diges Gebrumme und Gezwitscher aus alten heiligen Spra- 
chen ab und lassen die armen Brüder und Schwestern 
lateinisch reden, g^nechisch, hebräisch, als glaubten wir an 
eine Seelenwanderung. 



— 365 — 

Laudat alauda Deum, coelum dum scandit in altum; 
Terram descendens laudat alauda Deum. 

Dir, Dir, lieber Gott, allein, Dir, Dir, Dir will sie dankbar 
sein, sagt Opitz; darum verkündet sie in Deutschland: Ehre! 
— in Frankreich aber: Gloire! — 

Die Tiere sind Wesen, deren Sprache wir verstehen 
wie König Salomo. Selbst die Glocken sind solche Wesen, 
durch uns erfahren sie erst, was ihr Geläute zu bedeuten 
hat, was sie denn eigentlich sagen wollen. Wenn in Dres- 
den eine vornehme Leiche begraben und die grosse Glocke 
der Friedrichstädter Kirche geläutet wird, so meint der 
gemeine Mann, es klinge wie: Samt und Seide, Samt und 
Seide; und wenn die kleine Glocke für eine geringe Person 
ertönt, wie: Lilmpchen und Läppchen, LUmpchen und Läppchen. 
Dementsprechend verdolmetscht der Proletarier in Erfurt 
die Stimme der Susanna auf dem Dom mit Bum, und die 
ihrer kleineren Nachbarin mit Zimmt und Kümmel; der 
Trunkenbold kann nicht widerstehen, die erste Glocke ruft 
ihm: Kimmel, Kimmelf — die zweite Glocke: Anis, Anis! — 
nun kommt die dritte Glocke, die ruft: Pomeramanzel, Po- 
meranzanzel! — Da ist's um ihn geschehen. Wie in Rom die 
Kirche San Lorenzo ih Panisperma in San Lorenzo in pane 
e perna (Brot und Schinken) umgetauft wird. Die Clemence 
aber von St. Peter in Genf spricht mit ihrer ehernen Zunge 
unablässig: Lavdo Deum, Laudo Deum. 

Laudat alauda Deum, coelum dum scandit in altum; 
Terram descendens laudat alauda Deum. 

Die Tiere sind Wesen, deren Sprache wir verstehen. 
Ein Engländer, der einmal bei Cricklade mit einem Stein 
nach zwei Hermelinen geworfen hatte und von den ge- 
reizten Tierchen angegriffen worden war, deshalb auch das 
Abenteuer lebenslänglich in gutem Andenken behielt, ver- 
sicherte steif und fest, deutlich gehört zu haben, wie das 
eine Hermelin bei seinem Steinwurf entrüstet: Murderer! 
Mörder/ ausrief — das glauben wir ihm gern, denn wenn 
es in unserem Stalle Muh! Muh! — oder Mä! Mä! oder Meck! 



— 366 — 

Meck! macht, so wissen wir was das heisst. O! das Vieh- 
zeug kennt sogar den Donat. In einigen flandrischen Städten 
feierte man früher Weihnachten folgendermassen. Ein halb- 
nackter Jüngling erschien, mit Flügeln auf dem Rücken; 
er sprach das Ave Maria zu einem jungen Mädchen, wel- 
ches antwortete: fiat; darauf küsste sie der Engel auf den 
Mund. Hierauf schrie ein Kind, welches in einen grossen 
Hahn aus Pappe eingeschlossen war, das Gekräh nach- 
ahmend: Fuer natus est nohis! Ein grosser Ochse brüllte: 
Tibi? Eine lange Prozession, an deren Spitze vier Schafe 
blökten: Bethlehem. Ein Esel schrie (nach der in Frankreich 
üblichen Onomatopöie): Hihanm, was bedeuten sollte: Eamus! 
— Ein Narr mit Schellen, Zepter und Kappe schloss den 
Zug. Wer denkt dabei nicht an unsere eigenen Höfe, wo 
der Hahn ruft: 's gibt Krieg, Der Hofhund fragt: wo? wo? 
Die Katze antwortet: Kapernaum, Kapernaum. Die Ente sagt: 
Hab's gedacht, hab's gedacht. Der Truthahn flucht: 's muss ein 
Donnerwetter dr einschlagen! Die Kuh meint: habt ihr Muth? 
Der Ziegenbock meckert: Nee, nee. Aber die Henne, die 
gelegt hat, ruft: Ich bin Soldat, ich bin Soldat! Da bedeutet 
sie der Hahn: Tauch (duck) dich hi\ ich W KorpWal, Oder 
wo derselbe Hahn bei Tagesanbruch kräht: Mein Herr ist 
mir viel schuldig! Die Trommeltaube meint: Wird's schon be- 
zahlen, wird's schon bezahlen, wird's schon bezahlen. Aber das 
Schaf behauptet: Nimmermeh, nimmermeh! — 

Die Tiere sind Landsleute, deren Sprache wir verstehen. 
Zumal die Vögel verstehen wir, die uns so nahe verwandt 
sind; die trotz ihrer Federn mehr physiognomische Ähnlich- 
keit mit den Menschen haben als die Vierfüsser und die 
Fische; die uns gewissermassen unablässig etwas vorsingen 
und vorsprechen. Wir sind so gelehrig wie sie selbst, ge- 
lehrig wie Papageien oder Stare — wir hören eine Gans 
schnattern oder das Käuzchen rufen, sofort suchen wir die 
gehörten Laute nachzumachen: Gack, Gack, Gack, Gack a Ga 
einer wunderseltsamen Hennen in dem Herzogtum Bayern 
war der Titel einer Predigt des Pater Abraham a Sancta 



— 367 — 

Clara. Die Henne macht eben Gack, wenn sie ein Ei gelegt 
hat, die Gans macht Oigacky der Pirol macht FiroL Hier 
bemühen wir uns, die betreffenden Schreie so korrekt wie 
möglich aufzufassen, geben sie schlicht und ungekünstelt 
wieder. 

Aber damit begnügen wir uns nicht. Freigebig legen 
wir ihnen unsere eigenen Gedanken in den Schnabel und 
passen dem Gekrächze menschliche Worte an, denn wir 
wissen ja was sie meinen. Die zu Schiida hatten einst 
eine lange Wurst gemacht, die sie gar nicht kochen konn- 
ten, weil sie keinen passenden Hafen fanden — unmutig 
ging ihrer einer durch das Dorf hinab, da schrieen die 
Gänse: Gigagf Gigag! — Der Schildbürger aber verstand: 
Zwiefach! Zwiefach! — lief zur Gemeinde zurück und sagte, 
es sei wohl eine Schande, dass sie erst von den Gänsen 
lernen müssten, man solle die Wurst zwiefach in den Hafen 
thun. So gescheit sind nicht blos die zu Schiida. Die Brand- 
oder Bergente grüsst beim Vorüberfliegen auf der Insel 
Sylt: Guddai! Guten Tag! ■— der Grünspecht hämmert nicht 
nur an den Bäumen, dass man einen Holzhacker zu hören 
glaubt, er ruft auch, wenn er auf einem Ameisenhaufen 
steht: Gut! Gut! — und der Sperling will immer: Me, Me, 
3fe, Me, das heisst: Mehr! — Wer wüsste nicht, wie wun- 
derlich die laute, wohlklingende Stimme des Pirols aus- 
gedeutet wird? Er heisst Bierhol, Junker Bülow, Schulz von 
Thierau, namentlich nach dem Biere, daher auch Bierhold, 
Bierhahn und Bieresel — Pfingsten Bier holn; aussaufen, mehr 
holn; hest Du gesopen, so hetahl och . . . eine Menge ähnlicher 
Aufforderungen schiebt die Poesie der norddeutschen Land- 
leute dem Gesang des gemgesehenen Vogels unter. Er 
trifft um Pfingsten bei ihnen ein, heisst daher auch der 
Pfingstvogel — im Herbste, wenn die Dohlen ankommen, 
sagen sie in Preussen: die Litauer sind da, der Winter ist 
nah; das Geschrei der Dohlen, biegsam und wechselreich, 
klingt nämlich den Ostpreussen litauisch: Ka Ka Kej, Ka 
Ka Kej! — 



— 368 — 

Der helle, weitschallende Paarungsruf der Wachtel, der 
überall gern vernommen wird und zur Belebung der gan- 
zen Gegend beiträgt, lautet nach Brehm: Bückwerwück! — 
Dieses Bückwerwück folgt auf ein heiseres Vorspiel mehrere- 
mal nacheinander, je öfter es ausgestossen wird, umsomehr 
schätzt man den Hahn. Ein tausendfältig, am ungezwun- 
gensten folgendermassen gedeutetes Wort: Bück den Bück! 
Bück den Rück! — dem Holzhacker oder dem trägen Feld- 
arbeiter geltend. Andere meinen, sie wolle denselben er- 
muntern und mahnen, weg vom Bett zu gehen; noch Andere, 
sie rufe dem unvorsichtigen Schnitter zu: Tritt mi nü! Triit 
mi nitf — Ein Bäcker behauptete, seine Wachtel singe: 
Sechs Paar Weck! — Zur Kipper- und Wipperzeit hörte man 
die Wachtel Kipper und Wipper rufen, der Pöbel schrie selbst 
Kippediwipp hinter den Münzem her, wie hep hinter den 
Juden, so ähnlich ist die Sprache der Menschen und der 
Vögel. In Ostpreussen sagt die Wachtel lieber: Mrdde 
^Gott! oder: Flick de Buchs! wie die Landleute den Gesang 
der Kohlmeise übersetzen: Sitz ich hoch, so flick den Pelz! — 
aber die wahre Etymologie hat nur der Herr Pastor ge- 
funden, der weiss, dass die Wachtel ein gelehrter Vogel 
ist, lateinisch spricht und die tiefsinnige Frage thut: Dk, 
cur hie? Sage mir, was bedeutet dief Welt? Warum bist 
Du hier? Wer wohnt dort oben auf ewigen Sternen? — 

Schon Sanct Bernhard pflegte mit Augustinus zu sagen: 
Oras! — Schrei des Raben; Hodie! — Ruf der Taube; der 
Rabe (den daher der heilige Expeditus, Schutzpatron gegen 
imentschlossene Vertagungen, zertritt) krächzt eben immer 
auf lateinisch den Anfang des Gedichtes: 

Morgen, morgen, nur nicht heute, 

sprechen alle trägen Leute. Chr. Fei. Weiue. Der Anfschub. 

Diese poetische Nachdichtung ist allen Menschen und 
allen Zeiten eigen. Bene mio, ti veggo, schwätzt die Amsel 
in Toscana; Gäckerrack, gäckerrack, bist so recht nach meinem 
Geschmack, die Elster in Deutschland. Dide düe dileda, Hansel, 
weis* mer dei Bä {Bein), ich weis* der m£ins ä (au^h)^ albert 



— 369 — 

der Zeisig. Beim Buchfinken unterscheidet, der Kenner ein 
Bräutigamslied, einen Reiterzug und einen Weingesang: 
Fritz, Fritz, Fritz, tmlist du mit zu Weine gehn; der Elsässer 
verdeutscht sein Schlagen in der Strophe: Zit, 2^t, ZU, *s isch 
den Liett ä wenigl z^ frileih (Zeit, Zeit, Zeit, 's ist den Leuten 
ein wenig zu früh); gerade wie die Grauammer, wenn sie 
im Vorfrühling den Wanderer von Baumspitze zu Baum- 
spitze begleitet, ihre schrillen, dem Zusammenschlagen eines 
Strumpfwirkerstuhls nicht unähnlichen Triller wiederholt: 
^8 is, ^s is, 's is, *s is, *s is noch so früh. Wer hätte nicht die 
Goldammer im Herbst und Winter betrübt am Fenster 
singen hören: Bauer miet mich, Bauer miet mich (in Italien: 
€ maturo lo fico?), in der schönen Frühlingszeit dagegen auf 
dem Baume stolz und lustig: Bauer behalt deinen Dienst (Bauer 
spann an und hilf mer zieh'); oder die melancholischen Käuz- 
chen, die sogenannten Kommmitchen, aus der Feme rufen: 
Komm mit, komm mit (in Italien: tutto d mio, tutto i mio); 
vernahmen doch schon die Griechen in dem Geschrei der- 
selben ein wiederholtes fjii, komme, komme, daher sie ihren 
Grimassen liebeweckende Kraft zuschrieben, wie denn noch 
heute im Italienischen Civetta der Ausdruck für eine Ko- 
kette ist. Man benutzt sie zum Vogelfang. 

Der Wiedehopf ist früher ein Mensch gewesen, nach 
Älian erinnert er sich daran; im Koran erscheint er unter 
dem Namen Hudhud als Bote und Genosse des Salomo. 
Hudhud, auch Huphup ist sein Paanmgsruf; wenn sich zwei 
Männchen um ein Weibchen streiten, hängen sie wohl auch 
ein tiefes heiseres Puh an. Dieses Puh haben die alten 
Griechen als Iloij, wo? verstanden: Tereus, der Schwager 
der Philomela, der in einen Wiedehopf verwandelt wurde, 
fragte immer IIov] Wo ist Philomela? — Nach diesem Rufe 
heisst der Wiedehopf im Griechischen "ETtoifj, im Lateini- 
schen Upupa, Echte Volksetymologie, hier auf die Sprache 
von Vögeln angewandt. 

Ganze Lieder tragen die Vögel vor. Der Zaunkönig 
erzählt: 

Kleinpanl, Etym. 34 



— 370 — 

Im Ungarland 
Da ist es kalt, 
Da heizt man ein, 
Prügel wie ein Bein, 
Juchheirasasa! 

Am schönsten singt bekanntlich die Nachtigall, die 
vorhin erwähnte Philomela, des Wiedehopfs Schwägerin, 
Ein französischer Schriftsteller, Dupont de Nemours, hat sie 
belauscht und ihre Improvisationen zu Papiere gebracht, 
sie lauten: 

Dors, dors, dors, dors, dors, dors, 

Ma douce amie; 

Amie, amie, 

Si belle et si ch6rie, 

Dors en aimant, 

Dors en couvant, 

Ma belle amie! 

Nos jolis enfants, 

Nos jolis, jolis, jolis, jolis, jolis, 

Si jolis, si jolis, si jolis, 

Petits enfants, 

Mon amie, 

Ma belle amie, 

A Tamour, 

A Tamour ils doivent la vie; 

A ses soins ils doivent le jour, 

Dors, dors, dors, dors, dors, dors, 

Ma douce amie. 

Aupris de toi veille Tamour, 

L*amour, 

Aupr^s de toi veille Tamour. 

Die deutsche Nachtigall singt anders, nach einer Version: 

Di, di, di, di, di, di heww ick so geern, 

Du, du, du, du, du, du hartleevste Deern! 

Süb, süh, süh, süh, süh, süb, ick barm mi jo ood,''') 

So, so, so, so, so, so wes mi doch god, 

Sörre, sörre, sörre ick mi in Leev verter,**) 

Smecken, smecken, smecken mi de Regenwörm nich melirl 



*) Schau, ich härme mich ja ab. 
**) Seit ich mich in Liebe verzehre. 



— 371 — 

Ich glaube dieses Kapitel nicht besser als mit den 
reizenden Versen Rückerts schliessen zu können, mit denen 
das Lied: Aus der Jugendzeit beginnt: 

Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit 
Klingt ein Lied mir immerdar, 
O wie liegt so weit, o wie liegt so weit, 
Was mein einst war! 

Was die Schwalbe sang, was die Schwalbe sang. 
Die Herbst und Frühling bringt: 
Ob das Dorf entlang, ob das Dorf entlang 
Das jetzt noch klingt? 

„Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm, 

Waren Kisten und Kasten schwer; 

Als ich wieder kam, als ich wieder kam. 

War Alles leer.« 

O du Kindermund, o du Kindermund, 
Unbewusster Weisheit froh, 
Yogelsprachekund, vogelsprachekund. 
Wie Salomo! 



24 



OA* 



Hauptstack III. 

Der getreue Dolmetsch. 

Blinder BfifsrerstandntoBe Gewalt 
Dringt oft den Besten ans dem rechten Gleise. 

Schiller. 

1. Die Kunst der Auslegung oder Interpretation. 

Strepsilas Interpres — der Wortdeutekunst läuft die Kunst des Dolmetschers 
parallel — die Hermeneutik eine Abart der Etymologie, die Auslegung eines 
Wortes in einem gegebenen Falle fordernd — es fragt sich, welche von den 
verschiedenen Bedeutungen desselben an einer bestimmten Stelle eines Buches, 
überhaupt in zusammenhängender Rede zutrifft — ob der Ausdruck alle* 
gorisch oder nicht zu verstehen ist — mit göttlichen Dingen soll man keine 
Komödie treiben — die drei Haare Bismarcks — die Tugend ist die Mttel- 
strasse zwischen zwei Abwegen: das einemal vernachlässigt der Ausleger 
den verborgenen tieferen Sinn, das anderemal vernachlässigt er den ein&chen 
natürlichen Sinn, beidemale hat ihn der grosse Gelehrte zurechtzuweisen — 
ein dritter Fall ist der, dass der Autor, der erklärt werden soll, die Alle- 
gorie selber nicht versteht — der wahre Gelehrte ist das Volk, wer diesen 
Gelehrten meistern will, hat in vielen Sätteln gerecht zu sein — das Volk 
ist zugleich der beste Schiedsrichter, wenn es sich um verschiedene Auf- 
fassungen handelt — Panegyrikus auf das Volk. 

Unter den Vögeln, welche vor dem vielbeschäftigten 
Wortdeuter zuguterletzt aufflogen, um auch etwas von 
seiner Kunst zu profitieren, befindet sich ein Weltbürger, 
eine Art Kiebitz, der den Menschen unter dem Namen: 
Interpres oder Dolmetscher bekannt ist Ein kleiner, 
munterer, vorsichtiger Strandläufer, der Würmer und zarte 
Muscheltiere aus dem Sande bohrt oder durch Umdrehen 
von Steinen, als Steinwälzer, erbeutet, bald lang gedehnt, bald 



— 373 — 

schnell nacheinander die Silbe Kie hervorstösst und seinen 
Titel vermutlich deshalb fuhrt, weil er andere, grössere 
Strand Vögel für seine Sicherheit wachen lässt, dann aber 
seinerseits wieder unter den kleineren Strandläufem das Amt 
des Wamers oder Wächters übernimmt und sich als solcher 
Beachtung, ja, einen gewissen Gehorsam zu verschaffen 
weiss, also gewissermassen als Dolmetscher fungiert Er 
soll uns als Sinnbild für den Dolmetscher dienen, der sich 
mit der Interpretation von Schriftwerken befasst und eine 
Bibelstelle oder sonst einen Passus aus einem alten oder 
modernen Buch erklärt, damit in ein gewisses Verwandt- 
schaftsverhältnis zu dem Wortdeuter tritt und vdas kleine 
Volk vor populären Auslegungen warnt, aber selbst der 
Warnung von Seiten der grossen Vögel, deren richtiges 
Verständnis er vermittelt, dringend bedarf. 

Neben der Wortdeutekunst, welche die Worte an sich 
und ausser allem Zusammenhang erklärt, existiert eine an- 
dere Kunst, die man als eine Abart der Wissenschaft vom 
Echten betrachten kann, mehr in die reale Philolog^ie imd 
in die Literatur hineinschlagende, aber ebenfalls sprachliche 
und lexikalische, in der auch nicht minder und in ganz 
ähnlicher Weise gesündigt wird wie in der Etymologie: ich 
meine die edle Kunst der Hermeneutik oder der (bib- 
lischen) Exegese, bei der es auf die richtige Interpretation 
einer Schrift und die Auslegung eines Wortes in einem 
gegebenen Falle ankommt Über die ursprüngliche Bedeu- 
tung und die Herkunft des Wortes ist kein Zweifel — aber 
aus der ursprünglichen Bedeutung sind im Laufe der Zeit 
verschiedene andere Bedeutungen hervorgegangen — und 
es fragft sich, welche von diesen verschiedenen Bedeutungen 
in dieser Bibelstelle oder in jener Inschrift zutrifft, in wel- 
chem Sinne der Autor den Ausdruck genommen hat, ob 
derselbe einfach oder allegorisch zu erklären ist. Hat man 
den Sündenfall, den Genuss des Apfels, hat man Sedomos 
Hoheslied eigentlich oder allegorisch zu verstehen? — Milch 
und Honig fleusst im gelobten Lande: ist das geistlich zu 



— 374 — 

fassen? — War der Polizeirat Dolleschall, Censor in Köln, 
ein geschickter Dolmetsch, als er A. D. 1842 in der Rhei- 
nischen Zeitung ein Inserat, welches die Übersetzung der 
Divina Commedia von Philalethes ankündigte, mit dem Be- 
merken strich: mit göttlichen Dingen solle man keine 
Komödie treiben? — Ist das wohl im rechten, löblichen 
Sinne des Lutherschen Katechismus, wenn in Leipzig im 
Thüringer Hof auf dem Deckel eines Masskruges geschrie- 
ben steht: 

Schon Dr. Martin Luther spricht: 
Wasser thut es freilich nicht? — 

Oder um ein noch aktuelleres Beispiel anzuführen: hat der 
Fürst Bismarck wirklich drei Haare auf dem Scheitel? Sind 
auf den bekannten Bildern des Kladderadatsch, unlängst 
mit der Rückgabe des S3mibols an den Kladderadatsch 
geschlossen, drei eigentliche, wirkliche Haare gemeint ge- 
wesen? — Ei, wenn Bismarck dreihaarig daurgestellt wurde, 
so hiess das: er sei ein ganzer Mann, ein gewitzter PoK- 
tiker, wie die Franzosen sagen: un brave ä trais paHs; will 
der Sachsenspiegel die Mannheit ausdrücken, so spricht er 
von Jünglingen, die Haare im Barte und danieder am 
Bauch und unter jeglichem Arm haben, folglich zu 
ihren Jahren gekommen sind. Die Menge der Ausleger, 
die von der Allegorie nichts ahnt, greift zu und hält sich 
an die nächstliegende, sinnliche Bedeutung; da ereignet es 
sich denn, dass ein tiefer Denker das als eine Plattheit, als 
eine beschränkte Auffassung verurteilt und zu allgemeinem 
Erstaunen die purpurne Traube sichtbar macht, die hinter 
dem Laube verborgen ist (i). Es kann aber auch das Um- 
gekehrte stattfinden, dass die grosse Menge der Ausleger 
auf Grund einer zufälligen Ideenassociation den einfachen 
natürlichen Sinn eines Wortes vernachlässigt und etwas 
hinter dem Ausdrucke sucht, was nichts ist; und dass dann 
abermals der grosse Gelehrte kommt und mit festem Grriffe 
das populäre Himgespinnst zerreisst (2). Ein dritter Fall 
ist noch zu berücksichtigen, für die alten Dichter, die in 



— 375 — 

dem naiven Glauben ihrer Väter und in den kühnen mytho- 
logischen Anschauungen derselben befangen sind, sogar 
die Regel bildend, von uns bereits Seite 149 ff. weitläufig 
erörtert und zwischen Nummer i und Nummer 2 gewisser- 
massen mitten inne stehend: dass der Autor, der erklärt 
werden soll, die Allegorie, die er vorträgt, selber nicht 
versteht, ihm aber das Verständnis derselben von den 
Auslegern irrtümlicherweise zugemutet wird (3). Wie ge- 
sagt, der Umstand, dass dabei noch immer die Worte mit 
ihren Bedeutungen im Vordergrunde stehen und dass es 
sich dabei noch immer um Echt und Unecht, nur nicht 
mehr um die absolute, sondern um eine relative Echtheit, 
die echte Meinung des Autors handelt, gibt auch dieser 
Kunst einen etymologischen Beigeschmack — handelte es 
sich um eine tiefere oder oberflächlichere, korrektere oder 
banalere Auffassung überhaupt, so hätten wir ja die Philo- 
sophie und das philosophische Denken schlechthin. 

Alle drei Methoden, respektive Irrwege der . Inter- 
pretation: die oberflächliche Auslegung, die gezwungene 
Hineinlegung und die dem naiven Verfasser überlegene 
Unterlegung wollen wir im folgenden mit Beispielen be- 
legen, uns dabei vorzugsweise an solche Auffassungen 
haltend, die aus der Studierstube ins Volk gedrungen, teil- 
weise auch vom Volke selber ausgegangen, ja, von dem 
Pöbel Athens und Roms dem modernen Janhagel über- 
liefert worden sind — und dann, wenn er nur so gefällig 
ist zu kommen, den grossen Gelehrten auftreten lassen, der 
das Volk eines Besseren belehrt, ihm die Mysterien Griechen- 
lands und Ägyptens aufschliesst, das Götterbild entschleiert 
und die Weisheit eines Pythagoras erklärt; die Geschichte, 
die innere Geschichte der Menschheit liegt vor ihm wie 
ein offenes Buch, in die tiefsten Geheimnisse des indoger- 
manischen wie des semitischen Geistes wirft er ahnungs- 
volle Blicke und seine heilige Sprache hört er unverkünstelt, 
in ihrer einfältigen Pracht. Dinge, die das Volk nicht weiss, 
weiss niemand, das Echte und der Fünftelsaft der Gelehr- 



— 376 — 

samkeit lebt im Volke, unsere Zeit hat nichts von den 
wahren Schätzen der Vergangenheit verloren. Anderseits 
ist das Volk selbst der beste Schiedsrichter bei derlei Strei- 
tigkeiten: der Sinn für das Erhabene mangelt ihm nicht, 
die grossartigsten Metaphern sind des Volks, dabei erhält 
es sich jene erhabene Realistik, die das Grosse gross und 
das Kleine klein sieht und die dem Forscher b^im Stu- 
dieren nicht selten abhanden kommt Das Volksleben ist 
der wahre Jungbrunnen, in dem der Gelehrte beständig 
untertaucht — was ein rechter Dolmetsch ist, muss nach 
seiner Höhe, nach seiner Tiefe und nach seiner Gesundheit 
trachten! — 



2. Der gute Ausleger gründet tief. 

Der grosse Haufe will einen Mosen haben mit Hörnern : Missverständnisse aus 
dem AUen Testament, auf oberflächlicher Auslegung beruhend — was der 
Name Moses eigentlich bedeutet — wie der Gesetzgeber im Atelier des Mchel 
Angelo zu Hörnern gekommen ist — Strahlen und Pfeile, die russischen Stre- 
litzen und Stralsund — hier kommen uns die Kenntnisse zu gute, die wir uns 
in der Periode der poetischen Metaphern erworben haben: das goldene Kalb 
— RafTaels Bibel ist platt: wir wissen, dass der Sündenfall nur allegorisch zu 
verstehen ist — die Religion der Heiden — die kuhkopfige Isis — Ägypten: 
das verschleierte Bild von Sais, Schiller hat die ganze Inschrift missverstan- 
den — Missverständnisse aus dem klassischen Altertum : die Cyniker — die 
Bienen auf dem Munde des jungen Plato — der sterbende Sokrates opfert 
dem Asklepios einen Hahn, er wiU sagen, dass er von einer langen Krankheit 
genesen ist — das Christentum: die weltkundige Legende vom heiligen 
Christoph, sie beruht auf einer naiven Auffassung des Namens Christo- 
phorus — der Gründonnerstag, Luthers unsichtbare Kirche — nur wenigen 
eingeweihten Personen verständlich zu sein, der grossen Menge ein Buch 
mit sieben Siegeln zu bleiben, die Bestimmung aller Religion. 

Der Name Moses hat zu mehr als einer etymolo- 
gischen Missdeutung Veranlassung gegeben. Er ist fest 
zweifellos aus dem ägyptischen Mes, Mesu entstanden, was: 
Kind oder Sohn bedeutet und in so vielen Pharaonen- 
namen, z. B. in AmasiSy Tkuttnosis, Bamses steckt, und am 



— 377 — 

einfachsten darauf zu beziehen, dass Moses von der ägyp- 
tischen Königstochter adoptiert, wie es ausdrücklich heisst, 
an Kindesstatt angenommen ward. Man wollte aber 
frühzeitig in ihm eine Anspielung auf die Rettung des 
Knäbleins aus den Wassern des Niles erblicken, legte diese 
Anspielung der Prinzessin, als welche, der Tausend! einen 
Anflug von Hebräisch gehabt hätte, selber in den Mund 
und brachte unsern Moses demgemäss bald mit dem he- 
bräischen maschM, herausziehen, bald mit den koptischen 
Worten mo, Wasser, und usche, gerettet, in Zusammenhang, 
deutete ihn wohl auch (und zwar grammatisch etwas rich- 
tiger, sintemal ein Herausgezogener nicht Mose, sondern 
Nimse geheissen haben würde) als den Herausziehenden, 
d. h. den Befreier seines Volkes, und was dergleichen mehr. 
Neuerdings hat man sogar das Wort Mosaik auf den Namen 
Moses zurückgeführt und von dem bunten Getäfel des Tem- 
pels zu Jerusalem, gleichsam des mosaischen Tempels, her- 
geleitet. Derselbe Moses aber ist zugleich ein klassisches 
Beispiel für eine hermeneutische Plattheit geworden, die 
auf einer irrtümlichen Auffassung eines bekannten Bibel- 
wortes beruht. 

Der grosse Haufe, sagt Luther, will einen Mosen haben 
mit Hörnern. Als Moses mit den Gesetzen, die er unter 
Donner und Blitz von Jehovah empfangen hatte, vom Berge 
Sinai herabstieg, erstrahlte oder glänzte sein Angesicht, 
heisst es im Exodus XXXIV, 29 — 35; der Ausdruck, der 
für strahlen im hebräischen Texte gewählt ist, lautet karan, 
was mit Keren, Hom, zusammenhängt und wörtlich besagt: 
gehörnt sein. Das hebräische Keren ist (vergleiche S. 281) 
eins von den Worten, welche man zu Gunsten der An- 
nahme einer Verwandtschaft zwischen den semitischen und 
den indogermanischen Sprachen angeführt hat (lateinisch 
ComUj deutsch Hom). Dementsprechend setzte denn auch 
Aquila Ponticus, der das Alte Testament unter Kaiser Ha- 
drian ins Griechische übertrug, an der betreifenden Stelle: 
xeQaTiodrjg ^v und die Vulgata: cornuta facies, und diese 



— 378 — 

wörtliche Übersetzung wurde durch Gemälde, Münzen und 
Statuen verewigt. Homer hat bekanntlich der gewaltige 
Moses des Michelangelo in der Kirche San Pietro in Vin- 
coli zu Rom, und zwar schon wie er das erstemal herab- 
steigt, was ein kleiner Anachronismus ist. Das ist ungefähr 
so, wie wenn es in einem deutschen Texte hiesse: Mosis 
Angesicht schoss Strahlen, und ein Übersetzer für Strahlen: 
Pfeile sagen, hierauf ein Künstler einen von Pfeilen starren- 
den Moses malen wollte — Strahl nämlich bedeutet ursprüng- 
lich Pfeil, es entspricht dem italienischen Strale und dem 
russischen Strjäla, Pfeil, wovon Strelitzen, Pfeil- oder Bogen- 
schützen.*) Es wäre genau so; denn wie der Begriff des 
Lichtstrahles bei uns aus dem Begriffe des Pfeiles hervor- 
gegangen ist, wie die Blitze nach der Vorstellung unserer 
Altvordern als leuchtende, aus den Gewitterwolken ab- 
geschossene Pfeile, die Strahlen der Sonne und des Mondes 
als die Pfeile Apollos und Dianens aufgefasst werden: so 
pflegte man im Orient die Strahlen dichterisch als Homer 
anzuschauen. Das dritte Kapitel des Propheten Habakuk, 
das sich den besten Erzeugnissen hebräischer Poesie an- 
reiht, nennt die Blitzstrahlen Hörner; arabische Dichter sehen 
in den Sonnenstrahlen: Sonnenhömer, daher die Sonne von 
ihnen mit einer Gazelle verglichen wird; und die Hindin der 
Morgenröte, welche in der Überschrift des 22, Psalmes vor- 
kommt, wird als die aufgehende Sonne erklärt, wobei jedoch 
zu bemerken wäre, dass den Tieren das Geweih fehlt. Auf 
dieser Anschauung beruht es, wenn der kraftstrotzende 
Stier in Syrien und Assyrien und überall, wo zur Sonne 
gebetet wird, ein Symbol der Sonne und der Sonne heilig 
ist; und wenn nicht bloss die Ägypter den Apis zu Mem- 
phis und den Mnevis zu Heliopolis, sondern auch die Israe- 



*) Stralsund, das lange Zeit eine strahlende Sunne in seinem Wappen 
führte, hat seinen Namen offenbar vom Strelasund, welcher die Stadt von 
der kleinen (jetzt Dänholm genannten) Insel Strela scheidet. Gegenwärtig 
bilden das Wappen Stralsunds drei Hörner, wohl die Hörner, mit denen bei 
Wallensteins Abzug vom Turme geblasen ward. 



— 379 — 

Uten den Jehovah unter dem Bilde eines goldenen Stieres, 
wie es gewöhnlich heisst, eines goldenen Kalbes zu ver- 
ehren pflegten. Dass der Jude Aben-Esra den gehörnten 
Moses mit dem ägyptischen Sonnenstiere identifiziert und 
dazufugt, die Erscheinung habe die Israeliten an das gol- 
dene Kalb erinnern sollen, ist in der That vollkommen 
sachentsprechend. Aber auch der schwarze Bulle der ägyp- 
tischen Sonnenstadt war doch nur ein Gleichnis, seine ge- 
wundenen Homer sollten den Gläubigen an das himmlische 
Licht gemahnen; Moses, der seiner Zeit die Weihen in 
Heliopolis empfing, würde, wenn er sein Bild erblicken 
könnte, über die Plumpheit der christlichen Kunst er- 
staunen und seine Gesetztafeln zornig zum zweiten Male 
zerschellen. 

Wie der Stier die Sonne, so repräsentiert in der semi- 
tischen Religion die Kuh den Mond, daher zum Beispiel 
die S3aische Mondgöttin Astarte bald mit einer Mondsichel 
auf dem Haupte, bald kuhköpfig erscheint; diese Anschau- 
ungen sind von Syrien und Assyrien her nach Griechen- 
land und Italien und nach Ägypten selbst gedrungen, allwo 
sich der Nilgott Osiris in den strahlenden Sonnengott und 
in den Stier des Hades, Isis, die Repräsentantin des Nil- 
landes, in die gehörnte Mondgöttin und in die heilige Kuh 
umgestaltete. In Griechenland weisen die allbekannten, so 
häufig gemalten Sagen der Jo, die in eine weisse Kuh 
verwandelt, der Europa, die von einem safranschnaubenden 
Stier, aber nicht von Apollo, sondern vom Himmelsgotte 
selbst entführt wird, unverkennbar auf asiatische Quellen 
hin; das Wandern und Umherirren der beiden Kühe bil- 
dete, wie Seite 151 und 159 erwähnt, den Kreislauf des 
Mondes ab, der gleichsam auf Reisen geht Die Sonne 
schien den alten Völkern im Winter zu verreisen. Selbst 
dass die eifersüchtige Hera der weissen Kuh eine Bremse 
sendet, hatte (Seite 152) nur einen symbolischen Sinn: der 
Mond wird gleichsam wahnsinnig, wenn er abnimmt. Wie 
sinnig, man kann sagen, wie geistreich, klingt alles das, so 



— 380 — 

lange es der Dichter anmutig erzählt! Und wie grob sieht 
es aus, sobald die poetischen Bilder materialisiert, der Isis 
wie dem Moses wirkliche Homer aufgesetzt werden, und 
der gestirnte Himmel mit seinen tausend Augen die Kuh 
bewacht! — Von einem kahlen Manne sagt das Volk, er 
habe Mondschein auf dem Kopfe: das riefen vielleicht die 
Kinder dem Propheten Elisa zu. Wie wäre es, wenn die 
Künstler den Elisa mit der Mondscheibe wie die ägyptische 
Isis malten? — 

Wenn Raifael in den Loggien des Vatikan den Sün- 
denfall und Eva malt, wie sie, unter dem Baume der Er- 
kenntnis stehend, Adam die verbotene Frucht reicht, so ist 
das für den Dolmetscher, der tief gründet, eine jämmerliche 
Plattheit, wie schön sie auch gemalt sei. Man erinnere sich 
an unsere Darlegung auf Seite 187 ff. Der Apfel ist das 
S)rmbol der sinnlichen Liebe, des Beischlafs, der Fortpflan- 
zung und der Verjüngung — alle Liebesgöttinnen, die grie- 
chische Aphrodite wie die slawische Ziwa, haben einen 
Apfel in der Hand — Proserpina isst von einem Apfel 
und verfällt dem Tode, der Stammvater der Welsunge 
wird geboren, indem Odin seiner Mutter durch eine Wunsch- 
maid den fruchtbarmachenden Apfel sendet — wer nicht 
blind ist, muss das erhabene Bild erraten: aber der grosse 
Haufe, sagt unser Luther, will einen Mosen haben mit 
Hörnern. Luther predigt am Pfingstfest des Jahres 1539 
in der Hof kapelle des Schlosses Pleissenburg vor Herzog 
Heinrich — er sagt, die Kirche solle nicht ein Gebäude 
von Stein und Holz sein, sondern eine unsichtbare Kirche, 
die Gemeinschaft derer, die, vom Geiste Gottes beseelt, sein 
Wort halten; sie werde nicht beherrscht vom Papste, son- 
dern von Christo, dem Baumeister dieser Kirche selbst — 
der grosse Haufe, lieber Doktor Luther, will eine Kirche 
haben von Stein und Holz. Lichtenberg bemüht sich, zu 
erweisen, dciss der Besen, auf dem die Hexen durch die 
Luft reiten, den Bösen bedeute, der umgekehrt auf ihnen 
reite — der grosse Haufe, lieber Lichtenberg, will einen 



— 381 — 

Besen; der Besen stammt schon aus dem germanischen 
Altertum. 

Wenn der Dichter Gregor dem Grossen eine weisse 
Taube zugesellt; wenn er Konstantin dem Grossen in einer 
goldenen Wolke ein flammendes Klreuz erscheinen lässt; 
wenn er dem heiligen Georg einen Drachen zu besiegen 
gibt — so meint er in seinen Gedanken weder eine Taube, 
noch ein Kreuz, noch einen Drachen. Die Taube ist der 
heilige Geist, das Kreuz Christi siegverheissende Religion, 
der Drache der Götzendienst, der dem Christentum unter- 
liegt Götzendienst, was heisst doch Götzendienst? — Die 
Juden haben die Götterbilder der Heiden nie verstanden — 
das goldene Kalb war ein tiefsinniges Symbol, sie hielten es 
für einen Fetisch — die Ägypter und die Syrer beteten zum 
Mond, die Juden glaubten, der Mond heisse Isis und Astarte. 

Aber war denn das Bild der Isis nicht verschleiert? 
Ich denke, es hat sie ausser jenem vorwitzigen Jünglinge, 
der niemals etwas davon sagte, noch niemand gesehen? — 
Ja, damit hat es selbst so seine etymologische Bewandtnis. 
Das verschleierte Büd zu Sais ist kein Meisterwerk; es enthält 
zu viele Verstösse gegen den Geist Ägyptens und über 
die Wahrheit zahlreiche Unwahrheiten. Schiller lässt einen 
wissbegierigen Jüngling, etwa einen jungen Pythagoras oder 
Plato, nach Sais in Ägypten kommen und hier von einem 
Hierophanten herumgeführt werden, als ob es in Eleusis 
wäre — sie kommen in eine Rotunde, als ob es in Rom 
wäre — hier sehen sie ein verschleiertes Bild der Wahr- 
heit, wie es sich nachher ergibt, der Isis. Er lässt die 
Gottheit sagen: kein Sterblicher rücke diesen Schleier, bis 
sie ihn selbst hebe, und wer ihn früher hebe, der, das ver- 
steht sich am Ende doch, sehe die Wahrheit. Der Jüng- 
ling kann sich nicht halten, er bricht nächtlicherweile in 
den Tempel ein und hebt den Schleier, wird aber vom 
Schlage getroffen und stirbt an Schwermut. 

Was zu der Fabel Veranlassung gegeben haben mag, 
ist jedenfalls die berühmte Inschrift, welche nach den Er- 



— 382 — 

Zählungen des Plutarch und des Proklus auf dem Fuss- 
boden des Neithtempels in Sais zu lesen war: 

Ich bin Alles, was gewesen ist, ist und sein wird. 
Meinen Schleier {ninkog) hat niemand gelüftet. 
Die Frucht, die ich gebar, war die Sonne. 

Das verschleierte Bild wäre also zunächst nicht die 
Isis, sondern die Neith, die Lokalgottheit der Stadt Sais, 
welche hier Orakel gab, gewesen; allerdings wurde die 
Neith später nicht selten mit der Isis identifiziert, und das 
konnte hier besonders leicht geschehen, weil die Isis neben 
der Neith in Sais angebetet und die Feier der Isis-Myste- 
rien alljährlich hinter dem Neithtempel und an demselben 
Abende abgehalten ward, an welchem zu Ehren der Neith 
das bekannte Lampenfest stattfand. Überhaupt aber hat 
Schiller nicht tief genug gegründet und die ganze Inschrift 
missverstanden, wenn er darin eine Anspielung auf die 
Unerkennbarkeit des Wesens der Göttin und die alten 
Phrasen wiederzufinden glaubte, wonach kein erschaffener 
Geist ins Innere der Natur dringt und die Natur sich, ge- 
heimnisvoll am lichten Tage, des Schleiers nicht berauben 
lässt Den Nil sieht man wohl mit verhülltem Haupte 
dargestellt, weil seine Quellen unbekannt waren, aber das 
Bild zu Sais war gar nicht verschleiert, am wenigsten in 
diesem hochtrabenden und doch so herzlich seichten Sinne. 
Meinen Schleier hat niemand gelüftet war ungefähr dasselbe, 
wie wenn es geheissen hätte: Meinen Gürtel hat noch niemani, 
gelöst oder, aber biblisch: niemand hat mich erkannt. Vergleiche 
Seite 115. Der Schleier, im Altertume nicht so allgemein 
gebraucht wie jetzt, war bei allen alten Völkern ein 
wesentliches Stück der Brauttoilette und dessen Wegnahme 
ein Vorrecht des Bräutigams; der Schleier hat bekanntlich 
zu den Ausdrücken Nvfignj, Braut, eigentlich die Ver- 
schleierte, ein Begriff wie hebr. EaMah, ebenfalls Braut, 
eigentlich die Gekrönte, mit einem Rosenkranz Geschmückte; 
und nvibere, heiraten, eigentlich: sich (dem Bräutigam) ver- 
schleiern (218), Veranlassung gegeben. Mit diesem latei- 



— 383 — 

nischen nuhere kann man das gotische liugan vergleichen, 
welches ursprünglich verhüllen, verschleiern und daher, mit 
Ihrem gütigen Wohlnehmen, Herr Doktor Rehbein (241)! — 
lügen, die Wahrheit verhüllen heisst, demnächst aber die 
Bedeutung: heiraten angenommen hat, indem auch der ger- 
manischen Braut das Haupt verschleiert und mit einem 
Tuche verhüllt ward. Auf der Äldobrandinischen Hochzeit in 
der Vatikanischen Bibliothek (Rom in Wort und Bild, 369) sitzt 
die Nupta in der Mitte, übrigens empfehle ich jedem, dem 
die Sache noch nicht recht einleuchten sollte, sich die erste 
beste moderne Braut auf ihrem Gange zum Standesamt 
anzusehen oder selbst eine heimzuführen, so wird er den 
Schleier schon merken, mit dem der schöne Wahn entzwei- 
reisst Die Inschrift wollte also besagen, dass Neith eine 
Jungfrau war, wie Pallas Athene, mit der sie verglichen 
wurde und mit der sie das Element der Luft, den klaren 
Äther, teilte — nur als Jungfrau konnte sie nach der An- 
schauung der alten Völker weissagen und Orakel geben. 
Wenn die jungfräuliche Göttin in einem Atem als Mutter 
der Sonne bezeichnet wurde, so erklärt sich das eben aus 
der Vermischung ihres Wesens mit der Gemahlin des Osiris 
und der Mutter des Harpokrates, dessen unschuldige Ge- 
berde nicht minder, in fast spasshafter Weise, missverstan- 
den worden ist: er nutscht als Kind an seinem Finger, und 
die griechischen Philosophen sahen darin ein Gebot des 
Schweigens. Griechen haben wohl auch in dem Tempel zu 
Sais die symbolische Bedeutung des Schleiers als eines 
Geheimnisvollen, Unergründlichen aufgebracht, wenn nicht 
die ganze Inschrift der griechischen Legende angehört 

Eine Menge kleiner Missverständnisse haben sich aus 
dem Altertume auf uns vererbt. Wenn wir einen Menschen 
cynisch nennen und die Verachtung und geflissentliche Ver- 
nachlässigung des äusseren Anstandes als Cynismus bezeich- 
nen, so erinnern wir uns, dass der Ausdruck auf die philo- 
sophische Sekte der Cyniker zurückgeht; wir wissen wohl 
auch, dass derselbe mit dem griechischen Worte Kvwvy 



— 384 — 

Hund, zusammenhängt Stillschweigend nehmen wir nun 
an, dass die Herren Diogenes und Konsorten unverschämte 
Hunde geschimpft worden seien, sintemal dieses Schimpf- 
wort so gemein und bereits dem Vater Homer geläufig ist; 
das glaubten schon die Alten. Und dennoch ist dieser 
Sinn erst nachträglich hineingeleg^t worden. Im Süden von 
Athen, ausserhalb der Stadtmauern, nicht weit vom Lyceum, 
etwas höher als dieses, nahe einem kleinen Gehölz, gab es 
einen Ort Cynosarges. Ein Bürger hatte seinen Hausgöttern 
geopfert imd ein Hund das Fleisch weggenommen und es 
hieher getragen: er befragte das Orakel wegen dieses Wun- 
ders, und auf Antrieb des letzteren baute er an dem Orte 
dem Herkules einen Tempel. Man opferte in dem Tempel 
auch der Hebe, der Alkmene und Jolas. In der Umgebung 
des Tempels entstand bald ein Gymnasium für die Frem- 
den und die illegitimen Kinder (atheniensischer Vater und 
fremde Mutter); in diesem Gymnasium gab man den 
Sklaven die Freiheit, hier entschieden Richter die Streitig- 
keiten, die sich zwischen den Bürgern wegen verdächtiger 
Geburten erhoben; imd hier etablierte sich Antisthenes 
und gab seine ersten Unterrichtsstunden. Er lehrte im 
C3aiosarges wie Aristoteles im Lyceum und wie Plato in 
der Akademie; und wie die Schule des letzteren infolge 
dessen die Akademische Schule hiess, so die Schule des An- 
tisthenes vom Cynosarges die Cynische. Man darf nicht ver- 
gessen, dass der hellste Fixstern am Himmel, dessen Früh- 
aufgang in Ägypten den Beginn der Nilüberschwemmung 
imd den Jahresanfang verkündete, seit uralter Zeit den 
Namen Hund gefiihrt hat, dass der nützliche Hund in 
Ägypten unter dem Namen Änuhis gleich der Katze an- 
gebetet ward, dass bei den Persern vor allen Tieren der 
Himd in hoher religiöser Achtung stand und dass Sokrates 
selbst, nach der Vorschrift des mj'thischen König« Rhada- 
manthys beim Hunde (v^ rov ycvva) zu schwören pflegte. Es 
scheint allerdings, dass die alten Griechen vielfach mit dem 
Hunde den Schakal verwechselten. 



— 385 — 

Q KqItvdVj sagte der sterbende Sokrates (Phädon p. u8) 
zu seinem Schüler, %(fi i^ankrjTtKi) dq>eLl.OfJLBv dkentQvova' äXV 
oTtodore aal (xri afiiXriarfte\ wir schulden dem Asklepios einen 
Hahn; sorgt, dass er ihn bekomme. War es dem Weisesten 
der Griechen um das Hahnenopfer zu thun? — Wenn So- 
krates daran erinnerte, so wollte er damit sagen: ich genese 
anjetzt von einer langen Krankheit, die Krankheit war das 
Leben, von dem er Abschied nahm — der Kranke, der in 
einem Askulaptempel die ersehnte Heilung gefunden hatte, 
pflegte dem Gott einen Hahn zu spenden. Man erinnere 
sich, dass Päan, Heiland, ein'Beiname des Todes war, weil 
der Tod die Menschen von den Sorgen und Kümmernissen 
des Lebens heilte; obgleich derselbe zunächst eine Anspie- 
lung auf TtaLetv, schlagen, totschlagen, enthalten zu haben 
scheint. 

Und wenn im Altertum erzählt ward, dass sich dem 
schlummernden Platokinde Bienen auf die Lippen gesetzt 
hätten, a;pe8 in lahris JPlatonis consedisse pueri: so ist das doch 
offenbar im Sinne des ersten Erzählers nur ein Tropus ge- 
wesen, mit dem er andeutete, dass die Worte von diesen 
Lippen einst süsser als Honig fliessen würden. Analog 
sollten dem kleinen Midas Ameisen Weizenkörner in den 
Mund getragen haben, um den zukünftigen Reichtum des 
Kindes anzuzeigen — wer hier die Ameisen und die Bienen 
wirklich ankommen lässt, der gehört zu Luthers grossem 
Haufen, er will einen Mosen haben mit Hörnern. 

Der grosse Haufe will auch einen grossen Christoph 
von zwölf Fuss Länge haben. Es ist eine bekannte va- 
sarische Anekdote, dass der Maler Correggio in Parma 
60 Scudi in Kupfer ausgezahlt bekommen, das Geld bei 
grosser Hitze zu Fusse nach seiner Vaterstadt Correggio 
getragen und davon, 40 Jahre alt, den Tod gehabt habe. 
Karl Julius Weber hält das in seinen Briefen eines in 
Deutschland reisenden Deutschen (in, 181) für eine Alle- 
gorie, da die Kunst gewöhnlich nach Brot gehe und unter 
Nahrungssorgen erliege — lassen wir es dahingestellt; eine 

Kleinpaal, Etym. 25 



— 386 — 

andere, noch viel bekanntere Sage ist die, wie der heiKge 
Christoph unter der Last des Christkindes hat schwitzen 
müssen, und sie beruht gewiss nur auf Allegorie, respektive 
Missverständnis einer Allegorie und unwürdiger Auslegung 
eines einzigen armen Namens, des ersten Gliedes einer 
Kette von Irrtümern. Aus der weltkundigen Legende 
vom heiligen Christopharus hört man leicht den zutäppischen 
Dolmetsch und den ToflFel heraus, der hier ausgelegt hat 
Hundsköpfig, von kolossaler Statur, ein Menschenfresser, 
will sagen, ein wildes, ungeschaffenes Heidenmensch, sucht 
der Riese Reprobus einen Dienst bei einem, der stärker 
wäre als er selbst Er findet ihn bei dem König von Ka- 
naan — der fürchtet sich vor dem Namen Satan; er findet 
ihn bei dem Teufel — der furchtet sich vor dem Kreuze. 
Denn wie er seinem neuen Herrn folget, bemerkt er, dass 
derselbe einen Weg vermeidet, den er natürlicherweise 
hätte einschlagen müssen: an dem Wege stand nämlich 
ein Kruzifix, und das war dem Bösen nicht geheuer. Da 
geht der Kraftmensch zu dem Kreuze, um dem Gekreu- 
zigten zu dienen. Aber wie soll er das thim? Ein frommer 
Einsiedler gibt ihm Mittel und Wege an. Er sagt: Guter 
Freund y wir haben hier einen Fluss, über den schwer zu kommen 
ist; viele Leute sind schon darin ertrunken, namentlich in der 
schlechten Jahreszeit, Gh'oss und stark, wie Du bist, kannst Du den 
Menschen helfen, die hmüber müssen. Du nimmst sie auf den 
Buckel und trägst sie; und der am Kreuz gestorben ist, wird Dich 
für Deine Mühe belohnen. Nun setzt der gutmütige Tölpel 
Tag und Nacht die Reisenden übers Wasser. Einmal, wie 
es schon dunkel ist, ruft ihn eine Kinderstimme: er nimmt 
den kleinen Passagier auf seinen Rücken und macht sich 
auf den Weg. Aber das Wasser ist gross, und wie er in 
den Fluss hinein watet, wird dem starken Manne die Last 
so schwer, dass ihm die Knie wanken. Verwimdert sieht 
er sich um: aber er hat nichts weiter als das Künd auf 
seinen Schultern. Da fragt er: Wer bist Du denn, Kleiner , 
dass Du mir so schwer wirst? — Und das Kind leuchtet auf 



— 387 — 

und antwortet: Du trägst den, der die Welt trägt. Da begriff 
das Riesenherz, was ihm der Einsiedler versprochen hatte: 
er war des höchsten Gutes teilhaftig geworden, sein Stab 
gfrünte und er wanderte damit nach Lycien, wo er imter 
Decius um das Jahr 250 als Sanctus Christophorus den 
Märtyrertod erlitt. 

Ich wiederhole, es liegt auf der Hand, dass die ganze 
Legende, wie ein Gespinnst an einem Nagel, an dem Namen 
Christophorus hängt. Derselbe bedeutet Christusträger: so 
wurde der heilige Märtyrer bei seiner Taufe genannt, wie 
vor ihm der apostolische Vater Ignatius, das Klind, welches 
Jesus im Evangelium (Matthäi xvm, 2) zu sich rief, Theophorus, 
QottesträgeTy genannt worden war. Gt)ttesträger ist, wer 
Gott im Herzen trägt; Christusträger ist, wer Christ im 
Herzen trägt; wir haben ja viele solcher Namen. Das Volk 
aber, das, wie Thomas, alles mit Händen greifen will, ver- 
langte nach einer gröberen Bildlichkeit, die frommen Män- 
ner mussten die Gottheit wie Lastträger auf ihre Schultern 
nehmen — und die Gottheit musste schwer wiegen wie 
hundert Kilogramm. 

Nur wenigen eingeweihten Personen verständlich zu 
sein, dem Volke aber ein Buch mit sieben Siegeln zu blei- 
ben, ist die Bestimmung aller Religionen, die christliche 
nicht ausgenommen. Es bliebt die Welt, das Strahlende zu 
schwärzen und das Erhabene in den Staub zu ziehen — sie 
zieht es nicht in den Staub, sie ahnt es gar nicht. Der 
heilige Thomas von Aquino fragt den heiligen Bonaventura, 
wo er seine Weisheit herhabe, derselbe weist auf ein Kru- 
zifix hin und antwortet: Der da diktiert mir alles! — Ja, 
einem Doktor Seraphicus diktiert er, dem profanum Vulgus 
bleibt er stumm. Der grosse Haufe, der den Mosen mit 
Hörnern haben will, rekrutiert sich aus den Grrünen, er 
feiert ei^en ewigen Grünendonnerstag. 

Der Gründonnerstag, lateinisch Dies Viridium, verdankt 

seinen Namen wahrscheinlich einer christlichen Metapher. 

An ihm wird in der katholischen Kirche dem Volke feier- 

25* 



— 388 — 

liehe Absolution erteilt, er heisst daher auch Dies Ähsobtiums 
oder Indfdgentiae, französisch Jeudi dbsolu, zu deutsch: Amt- 
Utsstag, d. L Ählasstag; weil nun die losgesprochenen Sünder 
ein neues Leben anfangen und gleichsam wieder jung und 
g^rün werden, so nannte man sie die Orilnen, lateinisch 
Virides. Wenigstens ist das noch immer die wahrscheia- 
lichste Erklärung; die Beziehungen auf den 23. Psalm und 
auf die Worte Christi (Lucä xxni, 31) sind ganz willkürlich. 
Das Volk dachte natürlich bei grün an nichts weiter, als an 
die grünen Wiesen, die grünen Kräuter, die Natur, die in 
dieser Jahreszeit wieder auflebt und ergrünt — es dachte 
an den Grünendonnerstagskohl und an die «grünen Gremüse, 
die es wieder gab und die man im Lateinischen wohl FineKa 
nennen könnte — für die höhere geistige Bedeutung war 
es eben viel zu grün. 

Ich kann mich nicht enthalten, hier auf eine englische 
Gründonnerstagssitte hinzuweisen, die nicht bloss auf einer 
materiellen Auffassung, sondern auf wirklicher Umdeutung 
beruht Der Gründonnerstag heisst in England Maundy 
Thursday, nach dem Mandatum, das Christus seinen Jüngern 
(Evangelium johannis xm, 34) gegeben hat imd demzufolge in 
der katholischen Kirche am Grründoimerstage die Zere- 
monie der Fusswaschimg stattzufinden pflegt. Der Aus- 
druck erinnerte an das englische Wort Maund, welches 
einen Handkorb bedeutet, der Gründoimerstag schien den 
Engländern: Korbdonnerstag zu heissen. Infolgedessen bil- 
dete sich die Gewohnheit, am Gründonnerstage Speisekörbe 
an die Armen zu verteilen, was die Königin selbst all- 
jährlich in Whitehall zu thun pflegt An manchen Orten, 
z. B. in Norwich, hat das zu eigenen Jahrmärkten Veran- 
lassung gegeben. Doch bekommen die alten Leute, denen 
die Füsse gewaschen werden, auch an katholischen Höfen, 
z. B. in Wien, eine vollständige Mahlzeit in einem Korbe 
mit, und wahrscheinlich hat man das Wort Maund erst 
nachträglich herausgehört 



— 389 — 



3. Der Ausleger ist ein Hineinleger geworden. 

Das Uxngekelirte von vorhin: jetzt thut der Ausleger zu viel — Mosis Homer 
waren falsch, die des Jupiter Ammon, des Leithammels, sind richtig — das 
Mehr Licht! des sterbenden Goethe — es ist oft leichter etwas in eine Stelle 
hineinzulegen, als dieselbe natürlich auszulegen, weil hierzu reale Kenntnisse 
gehören — Halbgelehrsamkeit von Übel — die allegorische Auslegung des 
Hohenliedes: allerdings wird der Bund Jehovahs mit Israel als ein Ehebund, 
darnach auch die Kirche als Braut Christi aufgefasst, aber dieses erotische 
Idyll ist kein mystisches Liebeslied, in welchem der Herr mit seiner Ge- 
meinde koste, es hat die Aufnahme in den alttestamentlichen Kanon einem 
Missverständnisse zu danken — unsere Konkordanz über den Nabel der 
Hirtin Sulamith — eine andere Liebe Salomos, seine Gemahlin: die Königin 
von Saba, namens Bilkis — in der Bibel besucht sie den König Salomo, 
im Koran macht ihr Salomo seinen Gegenbesuch und der Wiedehopf spielt 
die Rolle eines Postillon d*Amour -^ Saba ist die arabische Landschaft 
Jemen und diese das Glückliche Arabien — ein altes Gold- und Wunder- 
land, ein Eldorado, ein Kalifornien, ein Japan — Was heisst Glück? Das 
Glück des Glücklichen Arabiens hat keinen andern Grund als den, dass 
£1- Jemen die Rechte Hand heisst — die Araber können rechts und links 
unterscheiden, was die Einwohner von Ninive nicht können — der Prophet 
Jonas, von einem Haifisch verschlungen, durch einen Ricinus überzeugt, eine 
Kopie des Herkules und ein T3rpus für Christi Auferstehung — bei Prophe- 
zeiungen ist der Ausleger ein wichtigerer Mann als der Prophet: wie es der 
heilige Hieronymus mit seiner Erklärung fertig bringt, den Morgenstern zum 
Teufel zu machen — oftmals verstehen die Schüler von den Worten ihres 
Meisters keine Bohne — das Bohnenverbot des weisen Pythagoras: es war 
eigentlich zu nehmen und fusste auf der Beziehung, welche die Hülsenfrüchte 
zu den weiblichen Geschlechtsorganen haben, item auf der Seelenwanderung 

— die Vulva — Pythagoras meinte wirkliche Bohnen, nicht die sogenannten 
ägyptischen — die Hauptsache ist, sich seine Symbolik anzueignen — die 
Bohne ein Sinnbild der Fruchtbarkeit und der Unsterblichkeit und als 
solches bei Begräbnissen angewendet — wenn ein weiser Mann etwas vor- 
schreibt, denkt er sich viel dabei, will aber doch sagen, was er sagt — 
Hippokrates will, dass sich seine Patienten gelegentlich berauschen, auch 
Plato gibt ein darauf abzielendes Gesetz: die Ausleger bemühen sich, die 
Trunkenheit in allgemeine Heiterkeit aufzulösen — sie brauen gleichsam 
eine Bowle und giessen bald zu viel Wasser, bald wieder zu viel Wein zu. 

— sie vergeistigen selbst die Universität — die Textberichtigung läuft der 
Wiederherstellung, die Emendation der etymologischen Restauration parallel. 

Wir betrachten jetzt die Kehrseite der Medaille. Es 
kommt auch vor, dass die einfache, natürliche Erklärung 



— 390 — 

» 

eines Ausdruckes die richtige, dass aber der Laie oder ein 
unvorsichtiger Gelehrter zu einer gesuchten, weithergeholten 
Deutung veranlasst worden ist. Es ist seltsam, aber auch 
diese neue Verirrung, das Umgekehrte von vorhin, können 
wir fuglich an den Hörnern und am Lichte, als an typischen 
Beispielen, studieren. Wenn Michelangelo den Moses mit 
zwei Stierhömem versah, so folgte er einer erbärmlichen, 
imverständigen, klaftertief unter ihrem Gegenstande bleiben- 
den Auslegung. Wenn die alten Bildhauer den Jujriter 
Ammon (und darnach auch Alexander den Grossen, der im 
Arabischen den Beinamen: Du 7 Kamain, Herr beider Hör- 
ner, fahrt, vergleiche Florenz in Wort und Bild, Seite 69) 
als Widder mit nach unten gebogenen Hörnern abbildeten, 
so war das vollkommen adäquat, denn unter Ammon ist 
wirklich ursprünglich ein Widder zu verstehen — der Leit- 
hammel, der die Herden der Äthiopier durch die Wüste 
leitet; erst aus dem Widder hat man einen Gott gemacht, 
der die Menschen fahrt, respektive ihnen Orakel erteilt 
und zeigt, wie sie zu gehen haben. Amman kommt von 
dem ägyptischen Wort Ämoni, welches einen Leithammel 
bedeutet, nicht von '^^^og, Sand, wie Servius (ad Aen. iv, 196) 
sich beikommen lässt. Ebenso war Äpü von Haus aus 
wirklich nur ein Stier, Bübastis wirklich eine Klatze, Änübis, 
vergleiche vorhin, Seite 384, thatsächlich ein Hund, hier ist 
im Gegenteil die Vermenschlichimg oder Vergöttlichung als 
uralter Missgriff zu betrachten — wären die spälteren Aus- 
leger dem Wesen des ägyptischen Gottes auf den Grund 
gegangen, so würden sie erkannt haben, dass es sich bei 
Ammonshömem nicht wie bei Sonnenstieren und Mond- 
kühen um Lichtstrahlen, sondern um den naiven Fetischis- 
mus des ägyptischen Volkes handelt, mithin auch der obige 
Beiname Alexanders des Grossen, des Ammonsohnes, keines- 
wegs als: Herr des Ostens und des Westens aufzufassen 
ist; nachmals sind alle diese Vorstellungen freilich unklar 
mit fremden, astronomischen Mythen zusammengeflossen. 
Dats Hom muss zum Lichte, wie das natürliche Licht zum 



— 391 — 

geistigen Lichte werden. Der sterbende Goethe ruft: mehr 
Licht I — es wird ihm dunkel vor den Augen, er will das 
Licht näher gerückt, die Vorhänge heraufgezogen haben — 
in der Stunde des Todes macht sich, wie jeder Arzt weiss, 
bei allen Menschen ein grösseres Lichtbedürfnis geltend. 
Aber die schülerhaften Seelen, die sich an den Goetheschen 
Genius anklammem, die theologischen Schwächlinge, welche 
die Phrasen vom ewigen Lichte, vom höheren Lichte, vom 
göttlichen Lichte auswendig gelernt haben und dabei das 
Gute, Wahre und Schöne bis zum Überdrusse herunter- 
leiern, wollen mehr Licht haben. Sie beruhigen sich nicht 
bei dem irdischen Licht, nicht einmal bei dem himmlischen, 
bei jenem Lichte, das Goethe so sehr geliebt hat — dieses 
Licht ist ihnen ein dunkles Licht. Goethe selbst hat dieses 
Oxymoron spöttisch auf die superkluge Exegese angewendet. 
Gerade Gelehrsamkeit — Halbgelehrsamkeit kann in 
dieser Beziehung von Übel sein. Hat man doch das Krähen 
des Hahnes bei Petri Verleug^nung für den Schall der 
römischen, die Nachtwachen signalisierenden Trompeten 
ausgegeben, weil Hähne in Jerusalem, der Heiligkeit des 
Platzes wegen, nicht hätten gehalten werden dürfen! — Ge- 
wiss unrichtig, wenn auch in dem Hahnenschrei und der 
Dreizahl der Verleugnungsakte das Sagenhafte nicht zu 
verkennen ist. Hat man doch den Ausspruch Jesu: es sei 
leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, denn 
dass ein Reicher ins Reich Gottes komme {eviiOTtöjTeQOv iarc 
xdfifjXov dvä TQVTfqfxaTog Qaq)ldog eigeXd-eiv .... Marci X, 25) — 
dadurch plausibel machen wollen, dass man sagte, der 
Heiland habe ein Ankertau (Kdfiilog) gemeint, während 
doch die Araber analog einen Elefanten durch ein Nadelöhr 
gehen imd die Evangelien (Matthäi xxin, 24) Kamele verschlucken 
la.ssen; übrigens Nadelöhr auch das hebräische Nekeb, Eng- 
pass, bezeichnen könnte. Hat man doch den 4. Vers des 
V. Kapitels vom Hohenliede: Mein Freund steckt seine Hand 
durchs Loch, und mein Leib erzitterte davor — auf daß Ver- 
langen der christlichen Kirche nach ihrem himmlischen 



— 392 — 

Bräutigam gedeutet! — Der halbgelehrte Verfasser des 
Demokritos scheint die Stelle allerdings (xn, 183) wiederum 
misszudeuten, da sie nichts Obscönes enthält: das unpas- 
send mit Loch übersetzte hebräische Wort ist 'in, 6s be- 
deutet die FensteröflEhimg. In solchen Fällen gilt es, Ge- 
lehrsamkeit gegen Gelehrsamkeit zu setzen. Das Hohelied 
Salomonis gibt dazu erwünschte Gelegenheit. 

Dass der Bund Israels mit Jehovah im Alten Testa- 
ment als ein mystischer Ehebund; item der Abfall vom 
wahren Gotte als Ehebruch und die Abgötterei als Hurerei 
betrachtet zu werden pflegt, dürfte jedem Bibelleser wohl- 
bekannt sein. Abgöttische Städte oder Stämme heissen 
überhaupt, vielleicht wirklicher Unzucht wegen, Huren — 
Babylon ist in der Sprache der Offenbarung (xvn, i ff.) die 
grosse Hure, die auf vielen Wassern sitzt; speziell und 
folgerichtiger ist die fromme Stadt Jerusalem (Jesaia i, 21), 
weil sie ihren rechten Mann und Bräutigam verlässt und 
andern Göttern nachläuft, zur Hure geworden. In dem be- 
rüchtigten (XXin.) Kapitel des Hesekiel, welcher die 
Königreiche Samaria und Juda zwei liederlichen Schwestern 
Ahoiah und Aholibah vergleicht, wird das Bild weitläufig 
ausgemalt; der Prophet Hosea nahm selbst eine Hure, 
trennte sich von ihr und heiratete sie wieder, um den 
Israeliten ihren Standpunkt klar zu machen. Dieser Ver- 
gleich ward dann vom auserwählten Volke auf die heilige 
christliche Kirche übertragen — auch sie war bald eine 
treue Braut, bald, wie Luther sagt, eine irrige, verdampte 
Hure, die das rechte alte Wort Gottes nicht gehalten, an 
die Stelle Jerusalems trat Rom; hiess doch der alte und 
der neue Bund, das alte und das neue Testament im XV. 
imd XVI. Jahrhundert: die alte und neue Eh, wobei 
man sich jedoch an die ursprüngliche Bedeutimg des Be- 
griffes erinnern wolle (Seite 116). 

Kennst Du, lieber Leser, die Goldne Pforte zu Frei- 
berg? — Die gesamte reiche Komposition bezieht sich auf 
den Brautstand Christi und der Kirche; die beiden Königs- 



— 393 — 

paare: David und Bathseba, Salomo und die Königin Bilkis 
(I. Könige X) sind alttestamentliche Typen für das junge 
Brautpaar; die übrigen vier Figuren: Aaron, Daniel, Johan- 
nes der Täufer und der kleine Prophet Nahum die in den 
alten Kirchenliedern erwähnten Zeugen des Verlöbnisses. 
Hat sich nicht der Doge von Venedig alle Himmelsfahrts- 
tage, die Gott werden liess, auf dem Bucentoro (zweifelhafter 
Etymologie) mit der blauen Adria vermählt und ihr den 
Verlobungsring angesteckt? Mare, not ti sposiamo in segno del 
nostro vero e perpetuo dominio! — An demselben Tage warf 
er, der gen Himmel fuhr, seinen Verlobungsring aus den 
Wolken auf die Erde. 

Man wird es darnach verstehen, wie schon die ältesten 
Ausleger dazu kamen, auch das Hohelied Salomos als ein 
mystisches Liebeslied, als das zärtliche Geflüster Jehovahs 
und der hebräischen Nation, respektive Christi und seiner 
Braut, der Kirche aufzufassen; und wie die allegorische 
Deutung unter den Christen seit Augustin die herrschende 
werden konnte. Es ist jetzt ausgemacht, dass sie hier keine 
Statt hat; dass das Hohelied nicht von Salomo herrührt, in 
dessen Harem die Hirtin Sulamith entfuhrt wird, ohne dass 
der üppige Sultan mit ihr zum Ziele käme, weil das Närr- 
chen einem Jugendfreunde treu bleibt — überhaupt die Auf- 
nahme in den alttestamentlichen Kanon nur einem Miss- 
verständnis zu danken hat und etwa so hineingehört wie 
Bürgers Hohes Lied von der Einzigen oder eine Idylle 
Theokrits. Aber heute noch kann man, zum Beispiel in der 
vielgebrauchten Hand-Konkordanz von Gottfiied Büchner, 
lesen, dass in der Stelle (vn, 2): dein Nabel ist wie ein 
runder Becher, dem nimmer Getränk mangelt — Nabel: 
die Sammlung der Gläubigen aus vielen Völkern bedeuten solle — 
Sulamiths Nabel wird von dem Liebhaber offenbar mit 
einer runden Schale oder Tasse verglichen, was den treff- 
lichen Ploss auf ein kunstgerechtes Abschneiden der Nabel- 
schnur in den Zeiten des geteilten Reiches schliessen lässt 

(Das Weib II, 217). 



— 394 — 

Der Königin Bilkis oder Balkis, die auf der Goldenen 
Pforte zu Freiberg nach arabischer Tradition als Gemahlin 
Salomos erscheint, die (i. Könige x, i ff.) nach Jerusalem reiste, 
einzig und allein um den berühmten weisen Mann zu sehen 
und mit Rätseln zu versuchen, ihm nebenbei 120 Zentner 
Gold und Spezereien und Edelsteine ohne Zahl verehrte — 
und es kam nicht mehr so viel Spezerei, fugt der Bericht 
hinzu, als Frau Bilkis dem Könige Salomo gab: möchten 
wir doch lieber ein wenig auf die Finger sehen als auf den 
Nabel. Wo kam die Hochstaplerin eigentlich her? Und 
woher hatte sie diese ungeheuren Schätze? Sie hiess also 
Bilkis oder Balkis; soll das etwa der griechische Frauen- 
name NUavlig sein, der bei Josephus vorkommt? — Ich 
schöpfe Verdacht. Luther nennt sie die Königin vom Beick 
Arabien, im Urtext steht: die Königin von Säba (Scheba: ^2Vl)\ 

so hiess die alte Hauptstadt der Sabäer und die Residenz 
der Bilkis, deren Palast, der Haram Bükis, noch heute ge- 
zeigt wird. Die Königin von Saba spielt im Koran eine 
noch grössere Rolle als in der Bibel: die XXVIL Sure, 
die Ameise, lässt auf den Besuch der Königin, was auch in 
der Ordnung ist, einen Besuch des Königs folgen. Salomo 
macht eine Reise in das Innere von Arabien, bei welcher 
der Wiedehopf, der oben (Seite 369) berühmte HtMud, als 
Wegweiser, Kabinettsrat und Postülon d*Amour fungiert Der 
Name der Sabäer, hoffentlich nicht die Veranlassung zu 
unserer Sage, bedeutet eigentlich: Reisende, derselbe wurde, 
wie so oft, auf die Hauptstadt übertragen — Saba, respek- 
tive Sabaea ist identisch mit der arabischen Landschaft 
Jemen. Das muss eine gebenedeite Landschaft gewesen 
sein, von dem Reichtume und dem herrlichen Leben der 
Sabäer erzählten sich die Alten, Hebräer, Griechen und 
Römer, Wunderdinge. 

Der südliche Teil der arabischen Westküste, von 20 (rrad 
nördlicher Breite bis zur Meerenge Bab el-Meindeb, dem 
italienischen Massaua gegenüber, arabisch Jemen, hiess bei 
den Alten, die hier die südliche Grenze der bewohnten 



— 395 — 

Welt annahmen, das Glückliche Arabien, Ärdbia Felix, i^ Evöai- 
fiüiv ltiQaßla\ diese Bezeichnung wurde auch auf die ganze 
Halbinsel ausgedehnt und die letztere, als glückliches Ara- 
bien, dem wüsten, die nördlichen Sandstriche zwischen dem 
Euphrat und i Syrien umfassenden, Arabien entgegensetzt. 
Die Fruchtbcirkeit der Wadis, die durch den Kontrast mit 
den umgebenden Wüsten noch mehr gehoben ward, die 
Schönheit der bewaldeten Abhänge und Bergterrassen und 
der edle Oeschmack von Thymian, Weihrauch und Myrrhen, 
der, vergleiche Seite 117, durch das ganze Land hindurch- 
geht und von ihm aus bis zu den Seefahrern auf dem 
Roten Meere dringt, soll gemacht haben, dass man Arabien 
glücklich pries. Der Wohlgeruch vor allem. Seit dem Zeit- 
alter der hebräischen Propheten ist Arabien wegen seines 
Reichtums an Gewürzen, Balsamen und aromatischen Elräu- 
tem sprichwörtlich gewesen; es hatte einen Ruf, wie ihn 
jetzt mehr Ceylon oder Ostindien, das Land der Gewürze 
und Edelsteine, hat. ' Es Wcir ein Fabelland, wie das Eldo- 
rado im XVI. Jahrhundert — riesenhafte Vögel, die ihre 
Nester dciraus bauten, brachten den Zimmt nach Jemen, den 
die Einwohner brannten wie Holz — das köstliche Lada- 
numhcirz kämmte man den Böcken aus dem Barte — und 
der Wohlgeruch der Bäume war so stark, dass man Zie- 
genhaar und Asphalt anzünden musste, um ihn einiger- 
massen abzuschwächen. So schilderte im XIV. Jahrhundert 
Marco Polo das ferne, märchenhafte, von Gold überfüllte 
Wunderland Zipangu (Japan). Das Volk selbst entfaltete 
eine gprenzenlose Üppigkeit, die Dächer ihrer Häuser waren 
wie im himmlischen Jerusalem von lauterem Golde, die 
Kinder schnipsten mit Goldkömem und Edelsteinen. Aus 
dem Reichtume an Gewürzen floss natürlicherweise ein 
grosser Reichtum überhaupt: die Einwohner von Jemen 
versorgten seit unvordenklichen Zeiten Ägypten und Byrien 
mit Weihrauch und Aromen und tauschten, da der Boden 
fruchtbar genug war, nicht Korn und Wein, sondern edle 
Metalle ein; zudem brachte der Umstand, dass sie jähr- 



— 396 — 

hundertelang die Schlüssel des ostindischen Handels in den 
Händen hatten, eine Menge Geld ins Land. Die Alten 
aber glaubten, dass Arabien wie Ophir (Seite 283) selber 
überreich an edlen Metallen, ein natürliches Groldland sei; 
daher auch die 120 Zentner, welche die Königin Bükis in 
ihrem Koffer hatte. 

Was heisst Glück? Wo wohnt das Glück? — Ach! in 
Jemen nicht mehr als in einer andern schönen Gegend. 
Das Glück der Ärabia Fdix floss aus keiner lautem Quelle. 
Die natürlichen Vorzüge des Landes sollen nicht in Ab- 
rede gestellt werden; sie mögen von den Ajrabem selbst 
mit orientalischer Grosssprecherei weit übertrieben worden 
sein. Der Reisende Karstens Niebuhr, der Vater des Histo- 
rikers, war der erste, der den Europäern die Augen öf&iete, 
der zeigte, dass Jemen kein Goldland sei und gewesen sei, 
dass der arabische Weihrauch geringere Qualität habe, als 
der von Slam, Sumatra imd Java, und dass der Name 
Ärabia Felix kaum auf die Südwestecke, geschweige denn 
auf die ganze Halbinsel, dieses Kleinafrika passe. Aber 
wie in aller Welt sind die überschwenglichen Phantasien 
zu erklären, die das gesamte Altertum von diesem Lande 
hatte? •— Sie scheinen nur auf einem Missverständnisse und 
auf der unglücklichen Annahme zu beruhen, dass Arabien 
glücklich heisse. Was Namen thun, glaubt man nicht — 
nennt den Menschen ein Eldorado, und es wird gefunden, 
sprecht in einem Romane von Kalifornien, und es kommt 
auf die Landkarte zu stehen. El- Jemen heisst eigentlich: 
Rechte Hand; also nannten die nördlichen Araber die 
Halbinsel Aj-abien im Gegensatze zu S3n-ien, welches sie 
als Linke Hand, Esch-Scham, bezeichneten. Das Gesicht des 
orientalischen Geographen ist beständig der aufgehenden 
Sonne zugewandt; Rechts entspricht daher dem Süden, 
Links dem Norden. Wenn er sich vor die Kaaba in Mekka 
stellte, war eben das noch heute sogenannte Jemen das 
rechts oder südlich gelegene Land. Auch Saba bedeutet 
nach Smith's Dictionary of Qreek and Roman Geography keine 



— 397 — 

Reisen, sondern die rechte Hand und folgKch den Süden, 
jedenfalls wird die Königin von Saba auch Königin von 
Mittag genannt (Evangelium Matthäi XH, 42). Die Griechen und 
Römer nun, die beständig ihre Omina und ihre Augxuien 
im Kopfe hatten und nach einer allgemeinen Auffassung 
die rechte Seite als die Glücksseite betrachteten, meinten, 
das Land rechts müsste natürlich ein Glücksland und eine 
gesegnete Gegend sein. Genau so, wie man seit alter Zeit 
den Namen Benjamin, d. i. Sohn der Rechten, als Sohn des 
Glückes gedeutet hat, während er sich doch auf die geogra- 
phische Lage des Stammgebietes der Benjaminiten, rechts, 
das heisst südlich von Ephraim bezieht. Und das alles, weil 
man geglaubt hat, die Leute könnten, wie die Einwohner 
von Ninive, rechts und links nicht unterscheiden (Jonaiv, 11). 
Der Prophet Jonas, als Bussprediger nach Ninive ge- 
schickt, aber ungehorsam, wurde bei einem furchtbaren 
Sturme von den Schiffern ins Meer geworfen und von 
einem grossen Fisch (bllSl T^) verschlungen, in dessen Bauche 

er drei Tage und drei Nächte verweilte und betete: nach 
Brehm (Fische, Seite 367) soll ein ähnlicher Fall wirklich vor- 
gekommen, ein Matrose einmal von einem Haifisch ver- 
schlungen und wieder ausgespien worden sein. Zum zweiten- 
mal berufen, verkündete er der Stadt ihren bevorstehenden 
Untergemg, ärgerte sich aber, als seine Prophezeiung nicht 
eintraf, worauf der Herr einen Kürbis verschaffte, der seine 
Hütte beschatten musste; da sass er nun und wartete, was 
aus Ninive werden würde; aber der Herr verschaffte einen 
Wurm, der stach den Kürbis, dass er über Nacht ver- 
dorrete, eine richtige Sprache ohne Worte: dieser Kürbis 
des Jonas war ein Ricinus, der wohl deshalb der Wunder- 
baum genannt wird. Das Abenteuer mit dem grossen 
Fische hält Rosenmüller (Prolegomena in Jonom) für eine 
Überarbeitung des Mythus vom Herkules, der in den 
Rachen eines Meerungeheuers sprang und dreimal vierund- 
zwanzig Stunden m seinen Eingeweiden hauste, um die 
Hesione zu befreien; die Christen erkannten darin wieder 



— 398 — 

{Born in Wart und Büd, Seite 220) einen Hauptt3rpus für Christi 
Auferstehung und verglichen das Gebet des Propheten im 
Bauche des Seetiers mit den messianischen Leidenspsalmen. 
Durch die ganze Erzählung sollte dem Volke Israel plau- 
sibel gemacht imd sein Uinmut darüber verwiesen werden: 
dass die den Heiden angedrohten Strafgerichte Gottes immer 
noch nicht vollstreckt und die süssen Prophezeiimgen noch 
nicht eingetroffen waren — dich jammert des Kürbis, und 
mich soUte nicht jammern solcher grossen Stadt, in welcher sind 
mehr denn hwndertundzwanzigtausend Menschen, die nicht toissen 
Unterschied, was rechts oder links ist, das heisst, gut und böse 
zu imterscheiden wissen? — 

Bei Prophezeiungen, sagt Lichtenberg, ist der Ausleger 
oft ein wichtigerer Mann als der Prophet Weil die Aus- 
leger oft genug nicht Ausleger, sondern Hineinleger ge- 
wesen sind; und weil es oft leichter ist, etwas in eine 
Stelle hineinzulegen, als dieselbe natürlich auszulegen. Wie 
bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern? — ruft 
der Prophet Jesaisis aus (xrv, 12) — er spricht vom König 
von Babylon, der von seiner glänzenden Höhe herabgestürzt 
ist; die Engländer nennen John Wycliffe: tlie Morning Star 
of the Beformation und G«offrey Chaucer: the Morning Star 
of English Poetry; wenn im Mittelalter ein mit eisernen 
Zacken sternförmig besetzter Streitkolben Morgenstern hiess, 
so war das weder (Seite 146) eine poetische Metapher, noch 
(234) eine Antiphrasis, sondern bittere Ironie und eine 
höhnische Anspielung auf die Strahlen des Planeten Venus, 
nach Art der eisernen Jungfrau und vieler anderer. Diö 
Kirchenväter haben in der Stelle des Jesaias falschlich eine 
Hindeutung auf Satans Fall gesehen, und daher kommt es, 
dass der Teufel bis auf den heutigen Tag Morgenstern, latei- 
nisch Lucifer, genannt wird. Wie oft hat man, gleich dem 
heiligen Hieronymus, von dem diese seltsame Erklärung 
ausgeht, der einfachen, natürlichen Symbolik 'eines grossen 
Mannes verfehlt^ und eine übernatürliche bei den Haaren 

herbeigezogen! Wie oft sind die Schüler ihm nicht nach- 

» 

I 



— 399 — 

gekommen, wie oft die Pythagoräer in dem Falle gewesen, 
von den Worten ihres Meisters keine Bohne zu verstehen! — 
Er gebot ihnen, nichts zu töten, was Leben habe; er 
forderte von ihnen, woran doch der Vegetarier nicht denkt, 
sich der Bohnen zu enthalten. Kvcifuov ärcixov! A fdbis abstine! 
— was wohl niemand anders verstanden haben wird, als 
dass — keine Bohnen gegessen werden sollten. Das war 
indessen dem geistreichen Plutarch nicht genug; und weil 
bei Wahlen mit weissen und schwarzen Bohnen abgestimmt 
ward, so glaubte er vielmehr ein anderes Verbot herauszu- 
hören: Mischt euch nicht in Regierungsangelegenheiten! 
Zieht die Ruhe des Privatlebens beschwerlichen Ämtern 
vor! — Und doch war die Vorschrift gewiss ganz eigentlich 
zu nehmen. Es ist eine Thatsache, dass Pythagoras mehrere 
seiner Regeln aus Ägypten hatte: nun, Herodot bezeugt 
(n, 37) ausdrücklich, dass die alten Ägypter von Bohnen 
nichts wissen wollten, die ägyptischen Priester aber sogar 
den Anblick derselben mieden, weil sie die Frucht für unrein 
hielten. Dasselbe thaten die indischen Brahmanen; auch bei 
den Elßusinischen Mysterien waren Bohnen imd Grranatäpfel 
verpönt, und der Priester des Jupiter in Rom, der Flamen 
Didlis, durfte unter anderem auch keine Bohnen nennen und 
berühren. Sogar die heilige Biene geht der Sage nach nie- 
mals auf Bohnenblüten. "Was höhere, priesterliche Menschen 
zu diesem Verdikt bestimmte, lässt sich leicht erraten. Zwar 
ergehen sich bereits die Alten in verschiedenen Vermutungen. 
Die Einen machen auf die blähenden Eigenschaften der Boh- 
nen aufmerksam — Andere sehen den Grund in dem Glau- 
ben an die Seelenwanderung, von welcher die Bohne mit 
ergriffen werde — wieder Andere erklären die Bohne, die 
in katholischen Ländern bis auf den heutigen Tag am Aller- 
seelentag gegessen zu werden pflegt, für eine Totenfrucht. 
Aber es unterliegt keinem Zweifel, dass die Bohne den 
Ruf der Unreinheit einem einzigen Umstände verdankt, 
und dass alle ihre sonstigen Beziehungen auf diesen einen 
Umstand zurückzufuhren sind. Die Hülsenfrüchte, und zwar 



— 400 — 

nicht die einzelnen Samen, sondern die vollständigen Hülsen, 
sind den Alten, die mit der Natur vertrauter waren, als 
wir, als auffällige Sinnbilder der Gebärmutter, respektive, 
da eine solche bei Pflanzen (Seite 128) gar nicht vorkommt, 
des Eierstocks und des Eileiters erschienen, von welchem 
die Gebärmutter nur eine Erweiterung darstellt: Gebär- 
mutter und Scheide sind gewissermassen als Fortsetzungen 
des Eileiters zu betrachten. Die Bohne aber ist die vor- 
nehmste Hülsenfrucht Diese Analogie, die nur denjenigen 
befremden wird, der von der Symbolik nichts versteht, ist 
so stark, dass die weibliche Scham, respektive Gebärmutter 
imd Scheide, geradezu Hülse heisst, lateinisch Vulvae grie- 
chisch ^'ElvTQOv, letzteres bis auf den heutigen Tag der 
ärztliche Kunstausdruck, nebenbei bemerkt, das Wort, wel- 
ches dem Seite 217 erwähnten Blumennamen Didytra zu 
Grunde liegt. Wie Hülse mit 8 von hMen, verbergen, um- 
hüllen, abgeleitet ist, so kommt Vulva (und VcUva) von vol- 
vere: die Vorstellung des Einwickeins ergfibt sich leicht aus 
der des Wälzens und Drehens. Cunnus bedeutet Loch und 
schliesst sich den allgemeinen Begriffen von Seite 114 an; 
Vidva ist ein Ausdruck wie Vagina. Wie die Erbsen in die 
Schote (Välvulae), so sind die Eier der Säugetiere in die 
Embryonalhüllen und in den Uterus, die Vulva eingewickelt, 
die Graafschen Bläschen und die Kapseln der Bohnen werden 
beide FoUictili, Bälge genannt, es ist eine Übertragung, die 
sich der allgemeinen Auffassung des tierischen Lebens (S. 128) 
anschliesst Sie bewirkte, dass Bohnen gleich Nüssen und 
Feigen für etWcis Obscönes gehalten imd von denjenigen 
gemieden wurden, die ein heiliges Leben fuhren wollten; 
daher schon Aristoteles der Ansicht ist, Pythagoras habe mit 
seinem Bohnen verböte sagen wollen: Haltet euch rein! — 
Nur muss man nicht etwa glauben, dass der Weise seinen 
Schülern symbolisch habe Keuschheit anempfehlen wollen. 
Dieselbe verlangte er gar nicht: der P)rthagoreische 
Bund war keine Gesellschaft von Mönchen; er verlangte 
nur die Femhaltung geheiligter Symbole. Es ist vielleicht 



— 401 — 

überhaupt dem Geiste der Alten nicht entsprechend, das 
Verbot mit fälschlich sogenannter Herzensreinheit zu be- 
gründen. Pythagoras betrachtete die Bohne nicht als etwas 
Obscönes, sondern vielmehr als etwas Heiliges, das man 
nicht profanieren durfte; er verehrte sie wie die Tiere, die 
er nicht töten Hess. Das hängt tief mit den ebenerwähnten 
symbolischen Anschauungen zusammen. Pythagoras und 
Plato haben, man erinnere sich an die Kröte (Seite 164), 
den Uterus als ein eigenes lebendes Wesen, gleichsam als 
eine Mutter in der Mutter angesehen; die Sprache folgt 
diesem Gedanken bis auf den heutigen Tag. Wenn also 
die Bohne ein geheimnisvolles Bild dieser inneren Mutter 
war, so konnte sie auch beseelt sein und von Seelen durch- 
wandert werden, und deshalb nennt Horaz in der Satire 
Hoc erat in votis (II, 6, 63) die Bohne eine Verwandte des 
Pythagoras (fäba Pi/thagorae cognata). Und ebenso hing mit 
diesen symbolischen Anschauungen die Verwendung der 
Bohne im Kultus der Verstorbenen zusammen — nicht dass 
sie als Totenfrucht verabscheut worden wäre, sie wurde 
deshalb zu einer Totenfrucht, weil sie wie der Feigenbaum, 
den Dionj^os vor die Pforten des Hades pflanzte, wie der 
Phallus, den die Hindu auf die Särge legten, ja, wie das 
Glückshändchen, das am Johannisfriedhof in Leipzig feilge- 
boten wird, das Leben bedeutete. Alljährlich wurden zu 
Rom im Mai für die Geister der Verstorbenen die Lemuralien 
gefeiert: wer daran teilnahm, ging barfuss, wusch sich drei- 
mal die Hände und warf neunmal schwarze Bohnen hintfff 
sich; auch in Grräber wurden sie geschüttet, gleich Nüss^jcS 
Warum? — Als Sinnbild der Mutter war die Bohne ^\^ 
gleich ein Sinnbild der Fruchtbarkeit und der Unsterblidö 
keit. Wie die Alten aus dem Holze der Cypresse, des alteg 
Lebensbaumes, Särge und Priapusbilder schnitzten, ab^ 
trösteten sie sich an Totenfesten mit der Frucht, die o(tor 
Weise als Symbol des Lebens betrachten lehrte, weifeisÄ 
ihnen ein Fortleben nach dem Tode in den Früchten ibc^ 
eigenen Leibes zu verheissen schien. Auf den BohnenblÄtoti 

Kleiupanl, Etym. 26 



— 402 — 

sind, wie Plinius sagt, traurige Buchstaben zu sehen. Mit 
nichten, es waren Buchstaben der Hoffiiung. 

Im Vorstehenden ist überall die Acker- oder Saubohne 
gemeint, die Faha der Römer, der Kvaf^og der Griechen. 
Neuerdings hat man angenommen, das Pythagoreische Ge- 
setz beziehe sich gar nicht auf die eigentlichen Bohnen, 
sondern auf die sogenannten Ägyptischen Bohnen, das 
heisst auf die Kerne von Nelumbium speciosum, der be- 
rühmten Wasserlilie, welche man Lotusblume nennt, indem 
sie, die anfänglich allgemein als Nahrung dienten, nach 
Aufnahme der Pflanze in den Kultus, von den Priestern 
dem gemeinen Volke verboten worden seien. In der That 
hiessen die stärkemehlreichen, kugeligen, schwarzen Nüss- 
chen der Lotusblume gleichfalls Kvaiioi, wie bei uns die 
Steine der Frucht des Kaffeebaumes den Namen Bohnen 
fuhren; und sie haben die späteren Griechen im Auge ge- 
habt, wenn sie die lindharten Marmorbrüste junger Mäd- 
chen als KvafioL und mannbar werden als xvaf^l^etv be- 
zeichneten. Unsere Bohnen haben ja vielmehr die Gestalt 
von Nieren, und indem diese wieder von den Alten häufig 
mit den Hoden in einen Topf zusammengeworfen werden, 
so bedeuten die Kvaf^oi bei Gellius auch Hoden. Gleich- 
wohl ist es äusserst unwahrscheinlich, deiss die verbotene 
Frucht eigentlich die der Lotusblume gewesen sei. Hero- 
dot meint an der obenangeführten Stelle sicherlich die 
eigentlichen Bohnen, da er vom Lotus anderswo spricht 
und die Frucht der Wasserlilie, in deren Höhlungen die 
Lotuskeme eingebettet liegen, vielmehr einem Mohnhaupte 
(^ijxwvt) vergleicht (ii, 92); zu seiner Zeit scheint man die 
Bezeichnung der Lotuskeme als Bohnen noch gar nicht 
gekannt zu haben. Dass femer Pythagoras in Unteritalien 
Lotusbohnen sollte verboten haben, die dort gar nicht 
wuchsen, klingt doch ebenso absurd, als dass er in der 
Rasche die europäischen und die ägyptischen Bohnen ver- 
wechselt haben sollte. Wenn ein Gesetz bei uns den Kaffee 
in Acht und Bann erklärte, würde da jemand glauben, er 



— 403 — 

dürfe keine Bohnen essen? — Endlich aber: worauf gründete 
sich denn die Heiligkeit der ägyptischen und indischen 
Lotusblume? Zunächst wohl auf die wunderbare Bezieh- 
ung, die sie zur Sonne hat, indem sie sich bei Sonnenauf- 
gang über den Spiegel des Wassers erhebt und bei Sonnen- 
untergang wiederum untertaucht — wenn der Tag vorüber 
und der Lotus sich schliesst, soll der Mensch nach den in- 
dischen Ärzten das Geschäft der Fortpflanzung besorgen; 
sodann auf ihre durchgeführte Ähnlichkeit mit der Erde, 
die gleich der Lotusblume auf dem Wasser schwimmt; 
endlich und nicht zum wenigsten auf die geheimnisvolle 
Analogie, die zwischen dem dicken, kreiseiförmigen Frucht- 
knoten und dem fruchtbaren Mutterschosse besteht: ähn- 
lich einer Nenupharblüte, die auf ihrem Stengel sitzt, sagen 
auch die Chinesen. Eine solche Ähnlichkeit besteht auch 
zwischen der Gebärmutter und dem Mohnkopfe, dem Hero- 
dot die Lotusfrucht vergleicht. Durch die Symmetrie ihres 
Baues und durch die Fülle der Organe erschien die aus- 
gebreitet schwimmende, in reinen Farben prangende Lotus- 
blume dem contemplativen Hindu seit den ältesten Über- 
lieferungen als ein Symbol des nach allen Richtungen 
gleichmässig schaffenden, über dem Unorganischen ruhen- 
den Lebens und des* ewigen Bildungstriebes — das wunder- 
bare Symbol ergriff ihn und regte ihn zu tiefsinnigen Be- 
trachtungen über seine Bestimmung an. Demnach liefe 
die Sache auf dasselbe hinaus, wie bei unserer Bohne. 

Ich gebe zu, dass Pythagoras mit seinen symbolischen 
Anschauungen allerdings etwas Unpopuläres hatte und 
nicht ohne weiteres zu verstehen war; die Ausleger, die 
etwas Höheres, Mystisches hinter den Bohnen suchten, be- 
fanden sich gar nicht so sehr im Irrtum, nur dass sie das 
Speiseverbot an sich nicht hätten drehen und deuteln 
sollen. Wenn ein weiser Mann etwas vorschreibt, so mag 
er wohl seine Gründe dazu haben und sich viel dabei 
denken: das hindert doch nicht, dass er's aufrichtig 

meine und sagen wolle, was er sagt. Hippokrates hat 

26* 



— 404 — 

seinen Patienten ein gelegentliches Räuschlein anempfohlen, 
fiE&vadijvai oTta^ rj öig, wie der Vater der Medizin de Viäus 
Bcdione (lib. m, am Ende) sagt; derselben Ansicht ist Plato, 
der in seinen Gesetzen (gegen Ende seines Lebens) drei 
Chöre von Knaben (bis zum i8. Lebensjahr), Jünglingen 
(bis zum 30. Jahr) und Männern (bis zum 60. Jahr) einzu- 
richten vorschlägt: der erste Chor soll keinen Wein trinken; 
dem zweiten ist massiger Weingenuss erlaubt, unmässiger 
verboten; der dritte Chor unbeschränkt und gehalten, 
sich der Gesundheit wegen und zum Behufe der Entlar- 
vung einmal im Monat zu berauschen. Interdum licet turhare 
rempüblicam. Es ist spasshaft zu sehen, wie beschränkte 
Menschen vor solcher Ketzerei stutzen. Me&va&^ai, sagen 
sie, bedeutet nicht Trunkenheit, sondern nur Heiterkeit, 
gottgefällige Heiterkeit, im Evangelium Johannis bei der 
Hochzeit zu Kana (n, lo), desgleichen in der Septuaginta 
(Genesis XLiii, 34 und Hohesiied V, i) wird dasselbe Wort ge- 
braucht; ja, wahrscheinlich hat doch auch Noah, der Gnade 
vor dem Herrn fand, das Foctdum Hüaritatis nicht über- 
schritten und ist ein anständiger IfefA^^ gewesen (Genesis ix, 21). 
Die Ansichten über den Begriff Rausch, sagt der alte Wan- 
der, stehen nicht fest. Beiläufig gründet sich auf die Stelle in 
den platonischen Gesetzen das bekannteWort: in vino verüas. 
Wem soll ich Euch vergleichen, geliebte Philologen? — 
Einem Gastgeber, der eine Bowle braut. Bald giesst Ihr 
zu viel Wasser, bald wieder zu viel Wein zu. Hippokrates 
rät: im Sommer den Wein mit Wasser zu verdüimen, im 
Winter dem Wasser gehörig Wein hinzuzusetzen; Ihr irrt 
Euch mitunter in den Jahreszeiten. Die Universität selbst, 
welcher Ihr angehört, ist durch Eure Munificenz vertieft 
und vergeistigt worden: das Wort bezeichnete im Mittel- 
alter die Korporation, die Gesamtheit der an der Hoch- 
schule beteiligten Personen; Ihr habt es auf die Gesamtheit 
der Wissenschaften feinsinnig bezogen und, eingedenk der 
platonischen ^E7CiaTTJ(,n]^ ein IlavsTCiaT'qfitov daraus gemacht, 
so nennen die Neugriechen ihre Universität. Und was Ihr 



— 405 — 

aus Euren Büchern herausgelesen habt, ist nicht ohne Ein- 
fluss auf die Gestaltung der Texte selbst geblieben, Ihr 
habt mit Hilfe vortrefflicher Konjekturen die richtige Lesart 
überall eingeftihrt und die unrichtige ausgemerzt: den Li- 
vius (XXI, 37) flugs aceto schreiben und den Hannibal Essig 
auf die Alpen giessen lassen, um sie mürbe zu machen und 
sich einen Weg zu bahnen — wie Clodius, der Sohn des 
reichen Schauspielers Aesopus, 

aceto diluit insignem bacam (Horaz Satiren II, 3, 841), 

während Livius ascia, mit der Axt, vielleicht in seinem 
Dialekt: aceta, geschrieben haben wird, erinnert an die so- 
genannte, 17 17 zu Oxford gedruckte, Vinegar Bible, die in 
dem Kolumnentitel von Lucä XX anstatt Vineyard, Wein- 
berg-, das Wort Vinegar, Essig, hat — und so ist es dann 
oftmals Essig mit Eurer Auslegung, wie mit dem ylvxvg 
dyxiüv des Phädrus (257D). Die sogenannte Emendation, die 
Verbesserung oder Berichtigung des Textes, läuft der ety- 
mologfischen Wiederherstellung von vorhin parallel. 



4. Das Ei will klüger sein denn die Henne- 

I>ie dritte Gattung von Missverständnissen: der Ausleger ist nicht objektiv 
genug, um die bessere Einsicht, die er wirklich hat, dem Autor, welchen 
er auslegt, vorzuenthalten — von der physikalischen Bedeutung der Mythen, 
-welche sie erzählen, und ihrer tiefsinnigen Symbolik haben die alten Dichter 
selbst keine Vorstellung — Homer versteht nicht sogut wie Forchhämmer, 
was der Trojanische Krieg eigentlich für eine Allegorie ist, und nimmt die 
Ägis für ein Ziegenfell — notabene: vorausgesetzt, dass die gegebenen Er- 
klärungen wirklich richtig sind — in jüngeren Zeiten wird die Allegorie be- 
-wusster, immerhin bleibt die Erfindung einerseits dem Genius selbst ein 
i^ätsel, anderseits nimmt sie beim Bekanntwerden wieder den Charakter 
des Mythus an — der Selbstmord des Dichters Lucretius eine böswillige 
Erfindung — die Legenden über das sonderbare Ende der drei grossen 
attischen Tragiker, teilweise durch einen poetischen Zug des Volks hervor- 
gerufen — wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Worte, der 
Ausleger mag sich begnügen: den Spiegel rein zu erhalten. 

Es kann sein, dass der Dolmetscher gescheiter ist als 
der Autor, dessen Worte er verdolmetscht, wo käme das 



— . 406 — 

nicht alle Tage vor, dass der Geselle den Meister übersieht, 
das Ei thatsächlich klüger ist? — Ist er aber ein ehrlicher 
Makler, so macht er sich seine Überlegenheit nicht zu nutze, 
sondern vermittelt die Gredanken des Urhebers unverfälscht, 
unverkünstelt, schlecht imd recht, wie er sie empfangen hat 
Wir stossen hier auf die dritte Quelle hermeneutischer 
Missverständnisse, die der Objektivität ermangelnde Über- 
hebung, welche dazu führt, nicht bloss das AvTog e(pa^ son- 
dern die einfachsten, schlichtesten Erzählungen misszudeuten. 
Was kann natürlicher, unmittelbarer verständlich sein als 
die Sprache Homers? Vater Homers? Wer unterfängt sich 
in seinen einfältigen Versen eine absichtlich verschleierte Weis- 
heit ausfindig zu machen? — Man erinnere sich an unsere 
Ausführungen Seite 149 ff. Es ist sehr die Frage, ob die 
modernen Anschauungen von den Fabeln, welche den ho- 
merischen Gedichten zu Grunde liegen, überall zutreffend 
sind; jedenfalls muss man die diesbezüglichen Unter- 
suchungen von der Hias und der Odyssee ganz trennen 
und die Früchte unserer besseren Erkenntnis nicht etwa 
dem epischen Dichter selbst zuwenden. Der Trojanische 
Krieg wird von Forchhammer in eine blosse Allegorie, in 
den winterlichen Kampf der Elemente auf der Ebene von 
Troja aufgelöst. Die schöne Helena ist der Mond, der, von 
dem Lichtheros Paris entfährt, verschwindet und wieder- 
kehrt; Achilles (Seite 156) ein Flussgott, der Heros der 
Überschwemmung, der schnellfiissige, unwiderstehliche, wan- 
delbare Strom; Hektor ein Sonnengott, der das Wasser 
überwindet u. s. w. Aber sollte der Iliade wirklich gar 
kein historischer Kern zu Grunde liegen, niemals in der 
Troas ein Kampf zwischen griechischen und ungriechischen 
Stämmen stattgefunden haben, der Raub der Helena nichts 
als ein der Sitte des Brautraubs entnommenes Bild für eine 
Mondphase sein? Dann ist wohl auch der Raub der Sabi- 
nerinnen nur ein verkapptes Naturereignis? — Gerade die 
weite Verbreitung der Sitte des Frauenraubs und der da- 
mit zusammenhängenden Exogamie über alle Teile der 



— 407 — 

alten und neuen Welt, die Thatsache: dass die Entfuhrung 
von Weibern nicht einmal, sondern hundertmal und unter 
den verschiedensten Stämmen der Erde Veranlassung zu 
Kj-ieg und Fehde geworden ist — 

nam fuit ante Helenam cunnus taeterrimfl belli 
causa (Horaz Satiren I, 8, 107) — 

gerade das muss jeden Kenner prähistorischer Zustände im 
höchsten Grade abgeneigt und misstrauisch gegen derglei- 
chen mythologische, auf lauter Bilder und auf nichts als 
Bilder hinauslaufende, Erklärungen machen. 

Ägis ist ein Ziegenfell, wie Nehris ein Rehfell, nicht 
mehr und nicht weniger; Ziegenfelle wurden von den Ur- 
einwohnern Griechenlands getragen. Sie dienten wohl auch 
zu Bandelieren, um den Schild daran zu hängen, daher 
Homer unter Ägis den Schild gleich mitversteht; infolge- 
dessen heisst auch der Schild des Zeus und der Panzer 
der Athene: Ägide, Wenn man nun sagt: dem Ganzen 
Hege die Vorstellung der Wetterwolke zu Grunde; wenn 
man gar das Wort ganz anders, vom Stürmen (äiaaeiv) 
ableiten will — so hat man abermals etwas hineingelegt, 
was eigentlich nicht darin ist, was vollends für Homer gar 
nicht in Betracht kommt Für ihn ist die Ägis keine 
Wolke, sondern das Ziegenfell. 

Von der physikalischen Bedeutung der Mythen, welche 
sie erzählen, von ihrer Entstehung, ihrer tiefsinnigen Sym- 
bolik haben die alten Dichter selbst keine klaren Vorstell- 
ungen, so wenig als vom Ursprung ihrer Sprache — bei 
jüngeren Sagen tritt die Allegorie schon selbstbewusster 
auf, der Dichter löst auf seine Erfindimg ein Patent, und 
doch ist sie einerseits noch immer ein überraschender Natur- 
akt, ein unüberlegtes, plötzliches Geschehen, dem Genius 
selbst ein Rätsel; anderseits nimmt sie, ins Volk überge- 
gangen, augenblicklich wieder den Charakter des Mythus 
an. Wir haben oben verlangt, den Bienenschwarm, der 
sich dem kleinen Plato auf die Lippen setzte, angemessen,, 
als Sinnbild aufzufassen: dergleichen Legenden bilden sich 



— 408 — 

wie stille -seltene Falter, und wer sie nachsagt, lebt in 
ihnen. Es kursierte im Altertum eine geheimnisvolle Ge- 
schichte über den Tod des Lucretius: dass er durch Hippo- 
manes, welches ihm seine eigene Gattin, Lucilia, beige- 
bracht, wahnsinnig geworden sei, in lichten Augenblicken 
noch einige seiner schönsten Verse geschrieben und endlich 
Hand an sich selbst gelegt habe — eine böswillige Erfindung 
der Gegner des Epikureismus, welchen Lucretius bekannte. 
Lucullus soll ähnlich gestorben sein: ihm hatte ein gewisser 
Kallisthenes ein Philtron gegeben, um sich bei ihm zu 
insinuieren (Piutarch, Kapitel 43). Damit vergleiche man ein- 
mal die bekannten Anekdoten, welche sich die Griechen 
über das sonderbare Ende ihrer drei grossen Tragiker 
erzählten. Einstimmig berichten die Alten: ein Adler habe 
das kahle Haupt des Aschylus für einen Stein genommen 
und eine Schildkröte darauf fallen lassen, um das Schild 
derselben zu zerbrechen; so sei ein Orakel erfüllt worden, 
welches prophezeite, der Dichter werde vom Himmel hoch 
erschlagen werden. Sophokles starb angeblich an einer 
Weinbeere, die ihm in die unrechte Kehle gekommen war; 
Euripides wurde von Hunden zerrissen oder von Weibern 
in der Nacht erschlagen, als er sich, ein Greis von 75 Jah- 
ren, zu einer verheirateten Frau begab. Diese Klatscherei 
setzte sich oflFenbar aus der doppelten Anklage der Sinn- 
lichkeit und des Weiberhasses zusammen. Die sophokleische 
Legende entsprang nebst vielen ähnlichen dem Bedürfnis 
der Athener^ die letzten Augenblicke ihres grossen Dich- 
ters mit dem Gotte, dem er sein Leben geweiht, in irgend 
welchen Zusammenhang zu bringen; in gleichem Sinne 
wird erzählt, dass Dionysos zweimal Lysander erschien, die 
Beisetzung seiner irdischen Überreste in dem Begräbnis an 
'der Strasse nach Dekeleia zu veranlassen. Was endlich den 
Aschylus betrifft, so entbehrt nur das Orakel, keineswegs 
aber die Sage selbst nach dem Urteile von Kennern der 
Wahrscheinlichkeit. Häufig ergreift der Steinadler eine 
Landschildkröte, erhebt sich mit ihr in die Luft, lässt sie 



— 409 — 

auf einen Felsen fallen und wiederholt dies so oft, bis 
sie zerschellt (Brehm Vögel I, 6i6). Höchstens das Adlerauge 
würde dabei in einen gewissen Misskredit geraten. Und 
endlich war es allerdings ein merkwürdige^ Zufall, dass ein 
so ausserordentliches Schicksal gerade einen Äschylus er- 
eilte, zu dessen erhabenem Stil es unstreitig sehr gut passte 

— so gut passte wie das Mehr lAchi! — zu Goethe. 

Wenn die gfrossen Dichter noch im Tode Allegorien 
machen, wie sollten sie es bei Lebzeiten nicht vermögen? 

— Sie sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunkeln 
Worte der Ausleger sieht schon von Angesicht zu An- 
gesicht — aber er hält die Hand vor die Augen und be- 
gnügt sich den Spiegel blank zu putzen, durch den der 
Apostel Paulus sieht; er ist ein getreuer Dolmetsch. 



-•-<»!C'-^ 



I 



Dritter Gang. Früchte der Wortdeuterel 



Fabeln, welche die Gelehrten in Umlauf 
setzen: künstliche Anekdoten. 

5e non i vero, t beu trovato. 



1. Anekdoten li^en den Ausdrücken häufig thatsächlich 
zu Grunde. 

Wer die ersten Anekdoteo erühlt hat imd was Anekdoten sind ^ auch im 
Leben der ^rache ereigncD sieb Ideine ioteressante Einzelheiten, die WoiIc 
haben ihre Schicksale wie die Bücher imd wie die, welche die BBcher 
schreiben — wie das Woit Falbel entstanden ist, überraschende An&clilasse 
darüber — der Prini Plön Plön und der Ritter Ja den — das kÖDiglicbe Hans 
der Pomare — knltnrgeschichtliche Pikanterie: Brillen und Taschenmessci. 

Bei allen etymologischen Untersuchungen läuft un- 
gesucht viel Anekdotenhaftes unter. Seitdem der byzan- 
tinische Geschichtsschreiber Prokop zur Freude Gibbons 
und würdiger Prälaten unter dem Titel 'jivixdora aus dem 
Leben lies Kaisers Justinian, sdner Gemahlin Theodora, 
einer früheren Kunstreiterin, des Feldherm Beüsar und 
anderer hervorragender Personen, respektive aus dem Vor- 
leben derselben eine Sammlung pikanter. Ins dahin im- 
edierter Zoge, zum Beispäel die hübsche Art, wie Theodora 



— 411 — 

auf dem Theater Gänse futterte, und ihre frommen Wünsche 
in Bezug auf ihre drei Löcher, mit peinUcher Genauig- 
keit veröffentlicht hat: nennt man überhaupt kleine inter- 
essante geschichtliche, namentlich biographische Einzelheiten 
Anekdoten, auch wenn sie nicht, wie die Enthüllungen. 
Prokops, absolut neu und imediert sein sollten, obwohl 
diese Eigenschaft natürlich nur dazu beitragen kann, das^ 
Interesse daran zu steigern. Die Franzosen, die sich durch; 
knappe und treffende Definitionen vor Deutschen und Eng- 
ländern vorteilhaft auszeichnen, erklären Änecdote kurz als: 
PartictdaritS historique. Nun, die Erfindung eines jeden Wortes 
ist so ein kleines historisches Ereignis, sie bedeutet so gut 
wie ein Buch, das geschrieben wird, eine gewisse That 
eines bestimmten Mannes, eine charakteristische Massregel 
der Zeit, das Leben der menschlichen Sprache, zumal in 
ihren jüngeren Perioden, weist wie das Leben eine Fülle- 
anziehender Einzelheiten auf — jeder winzige unbedeutende 
Ausdruck hat so seine eigene verwickelte Geschichte, und 
diese Geschichte ist oft so abenteuerlich, mit so über- 
raschenden Umständen verknüpft, dass der Laie unberufen,, 
wenn er eben dazu kommt. Maul und Nase aufsperrt 

Es ist wahrlich zum Verwundern, weis die Worte manch- 
mal für einen Ursprung haben; auch ihnen wird es nicht 
an der Wiege gesungen, was aus ihnen werden mag. Da- 
her kommt es, dass der Etymolog, der jene Geschichte 
vorträgt, oft mehr den unterhaltenden Erzähler, als den 
ernsten Gelehrten herauszustecken scheint, umsomehr, als- 
er mit einer fast komischen Gründlichkeit die nichtigsten 
und unwürdigsten Dinge anfasst Zum Beispiel einen Toi- 
lettegegenstand, dessen frivole Bezeichnung in seinen Augen 
nicht minder wichtig ist, als die des Himmels und der 
Erde oder als ein alter Göttemame. Da haben wir den fran- 
zösischen Lexikographen Ägidius Menagius, den Varro des 
XVIL Jahrhunderts, den Träger eines geistlichen Gewandes,, 
Prior von Montdidier; er quält sich mit der mutmasslichen 
Herkunft des Wortes Falbala, zu deutsch Falbel, englisch 



— 412 — 

FurheloWf soviel ich glaube, etwas Gedolltes oder etwas Ge- 
fälteltes oder etwas Gefälbeltes, das zur Zeit Ludwig XIV. 
soviel im Munde der Leute war, wie vor kurzem das 
•gleichfalls französische Büsche (Buche, Bienenkorb, nach der 
Ähnlichkeit der röhrenförmigen Falten mit den Zellen einer 
Honigwabe). Zum Glück hat ihm einer gesagt, was er mit 
allem Scharfsinn niemals erraten konnte — der tapfere 
Marschall Langlee habe einmal zu einer Putzmacherin, die 
ihm ein weisses Kräuschen an ihrem Kleide wies, scherz- 
weise, als ob dergleichen bei Hofe so genannt würde, ge- 
äussert: das FaJbcda sei reizend; die Grrisette dann das Wort 
weiter verbreitet und Mode gemacht Diese wichtige Ent- 
deckung ist in Menages grossem Wörterbuche unter dem 
Worte Passecaille niedergelegt Sie hat im XVni. Jahr- 
hundert Herrn Du Marsais (D. J.), den Verfasser des noch 
lieute lesenswerten Artikels Mymologie in Diderots und 
d'Alemberts Encyklopädie, nicht schlafen lassen: er hat ein 
anderes Geschichtchen gehört, wonach ein fremder Fürst 
durch das Palais de Justice gegangen sei und die Auslagen 
bewundert habe — was besonders merkwürdig ist, meinte einer 
aus seinem Gefolge, dass man nichts verlangen kann, was man 
nicht auf der Stelle bekäme, mag es sein, was es wolle. Der Fürst 
lächelte, man bat ihn, einen Versuch zu machen; er trat 
an einen Tisch und fragte: Madame, vendez^vous des .. .des 
Falbalas? — Die Verkäuferin hörte das Wort in ihrem Leben 
^um erstenmale, aber unverfroren, antwortete sie, ohne eine 
Erklärung abzuwarten: Oui, Monseigneur, und legte eine 
stattliche Auswahl von Faltensäumen und anderen Besätzen 
vor: das wären Fälbälas. Auf diese Weise sei der Ausdruck 
auf- und herumgekommen. Er wird von den modernen 
französischen, englischen und deutschen Lexikographen 
resultatlos weitererörtert, die Autorschaft des Marschalls 
Langlee in Abrede gestellt. Tant de bruit pour un . , . Fol- 
hala! — Gewiss, aber dem Etymologen ist eben nichts 
gleichgiltig und nichts Falbala, nichts Wurst oder, wie die 
Studenten (Seite 358) sagen, nichts Pomade und nichts 



— 413 — 

Schnuppe; und mag es nun Marschall oder Prinz, Hinz: 
oder Kunz gewesen sein, so eine kleine dumme unberechen- 
bare Anekdote enthält doch vielleicht allein das Wort des 
Rätsels. 

Das ist nun bei wichtigeren Dingen, ja bei den Namen 
der Prinzen und Marschälle selbst ebenso häufig der Fall, 
wie bei Toilettegegenständen; unzähligemale liegt ihnen 
nichts als eine Anekdote zu Grunde, die vergessen worden 
ist. Nehmen wir einmal an, der ebenerwähnte Fürst in 
dem Pariser Justizgebäude sei der Prinz Napoleon gewesen: 
derselbe wird bekanntlich vom Volke Plon-Plon genannt. 
Woher dieser Spitzname? Daher, dass der kleine Bona- 
parte, der Sohn einer württembergischen Prinzessin, als 
Kind einmal nach Stuttgart, an den Hof seines Onkels, des 
Königs Wilhelm I., kam. Der König fragte den kleinen 
Neffen: wie heissest Du denn? — worauf das Kind: Nor 
poleon sagen wollte, aber nur herausbrachte: Hon, Hon! — 
etwa wie ein Enkelchen den Opapa herbeiruft. Hon ist auch 
der Name eines Pariser Verlagsbuchhändlers. Wer wäre 
nicht imstande, aus seiner eigenen Erinnerung eine oder 
die andere ähnliche Anekdote zu erzählen? Im November 
vorigen Jahres verstarb der Polizeipräsident von Wien: 
Karl Ritter Krticzka von Jaden. Dessen Vater hatte schon 
unter Kaiser Ferdinand gedient und einmal einen Bericht 
verfasst, mit dem der Kaiser wegen seiner Klarheit und 
Genauigkeit besonders zufrieden gewesen war. Der Kaiser 
wollte ihn dafür belohnen und in den Adelstand erheben^ 
hatte sich aber den Namen des Beamten nicht gemerkt. 
Der Minister sollte ihm auf die Spur helfen, derselbe riet, 
bald auf diesen, bald auf jenen, endlich sagte er: Majestät 
meinen vielleicht den Krticzka? — Ja, den, antwortete Kaiser 
Ferdinand. Nach dieser allerhöchsten Bejahung wurde der 
Mann nun Ritter Krticzka von Jaden zubenannt. Durchaus 
nichts Ungewöhnliches. 

Als die naiven Frauen von Tahiti den europäischen 
Schiffen entgegenschwammen und sich ungeniert mit den 



— 414 — 

Engländern unterhielten, fragten diese, wie die Insel heisse. 
Die Weiber riefen: Tahiti! Das ist Tahiti! Wir sind von 
Tahiti! — worauf die Matrosen glaubten, das gehöre zum 
Namen, und die Insel Otaheüe nannten, während Cook den 
ganzen Archipel, zu Ehren der Königlichen Gesellschaft 
der Wissenschaften in London, welche seine Reise veran- 
lasst hatte, SodetätS' oder OeseUschaftsinseln taufte. Otu, der 
damals mächtigste Fürst des Archipels, hatte sich einst im 
Kampfe gegen seine Feinde stark erkältet und infolge 
-dessen eine unruhige Nacht gehabt. Diese Nacht nannte 
er in seinem polynesischen Dialekte: Po-mare, d. i. Nacht 
des Hustens, und dieselbe Bezeichnung nahm er als Herr- 
«chertitel an, indem er sich Pamare I. nannte. Fünf Pomare, 
darunter eine Königin Pomare, haben den glorreichen Titel 
getragen, bis im Jahre i88o ihre Herrlichkeit erlosch und 
-der Nacht des Hustens die Nacht des Todes folgte. 

Selbst Untersuchungen über Gebrauchsgegenstände des 
täglichen Lebens gewinnen durch ihre kulturgeschichtliche 
Pikanterie etwas Anekdotenartiges. Der Herr Professor 
trägt z. B. eine Brille. Er denkt daran, dass dieselbe ur- 
sprünglich aus Beryll, im Mittelalter gleichbedeutend mit 
Glas, gemacht ward. Seite 92 und 260. Wir haben ein 
Messer in der Tasche. Messer ist ein Kompositum und 
eigentlich soviel wie Speisemesser, althochdeutsch Mezzi-sahs, 
welches sich nach und nach in Mezziras und Mezzir ver- 
wandelte; nach dem sahs, welches eigentlich das Messer 
im Messer darstellt, lateinisch saocum, nennen sich die 
messertragenden Sachsen, Seite 92 und 267. Ein kleines 
Schiebefenster, auch das Aufziehfenster an einem Coupe 
nennt der Franzose un vasistas, will sagen: ein Was-ist^das? 
— die naive Frage dessen, der es zum erstenmal sah, die 
nun immer wiederholt wird. Alles das ist bezeuget, authen- 
4;isch wie die kostbaren Enthüllungen des Prokop. 



415 



2- Der Gelehrte erfindet sich die Anekdote, die ihm fehlt. 

J^Qtjxs Tj}v ^ExvfJLoXoyiav — er weiss woher der Cockney seinen Namen 
bat, was Gallimathias ist, woher der Ausdruck Pumpernickel stammt — lass 
dir nichts weissmachen, Bruderherz — der Cockney isst Kuchen, der West- 
fale Brot und Schinken, der Wiener fühlt sich pumpergesund — unmass- 
gebliche Vorschläge, um das Wort Pumpernickel zu erklären: aus dem 
Schwarzbrot ging der Name des Lustigmachers hervor — Quot Bos! — 
Porträt des Universalgelehrten auf der Suche nach Etymologien — Antimoine 
und Huguenots — der englische Toast wird nicht ins -Glas gethan, es ist 
unser: Stosst an! — der alte Grog und der fanffaltige Punsch und der ost- 
indische Toddy — Knickebein und Reissnieder — die Jenenser Salbader 
und Philister — die flotten Studenten sind fidel. 

Weil das aber so ist, weil einem Ausdruck oft wirk- 
lich eine Anekdote zu Grunde liegt: so verfällt der phan- 
tasiereiche Sprachforscher wohl auch einmal darauf, eine 
Anekdote zu erfinden, wenn sie ihm gerade fehlt, und für 
die "Weltgeschichte einzutreten, die hier eine Lücke auf- 
weist. Da hat er ein Wort, das niemand deuten kann — 
ach, es ist ein wahres Kjreuz — alle Lexika, alle Glossarien 
der Erde wälzen sich aufgeschlagen in greulicher Unord- 
nung- auf dem Arbeitstisch herum, nirgends etwas — — 
ha! da durchblitzt den Universalgelehrten ein glücklicfher 
Gedanke — wenn man annähme .... könnte es nicht so 
gewesen sein? — — Die rege Einbildungskraft hilft nach 
.... Triumph! Die Erklärung ist gefimden! EvqYiKe Trjv 
^ETVfioXoylav! — und der Laie fängt abermals an, die Augen 
aufzureissen und zu rufen: 

Man möchte sich doch wundem, was die Worte mit- 
unter für einen Ursprung haben! 's ist zum Totschiessen! 
Dass da so ein eingefleischter Londoner auf dem Lande 
einen Hahn krähen hört, vermeint, das sei das Wiehern, 
schnell urteilt: der Hahn wiehert! the cock neighs! und dass 
daher der Name Cockney für ein Londoner Stadtkind 
kommt! Dass sich ein Advokat von Anno dazumal, wo 
die Gerichtsverhandlungen noch lateinisch waren, in Sachen 
des Gevatter Hiesel, dem ein ungarischer Zuchthahn ge- 



— 416 — 

stöhlen worden ist, in einem fort verspricht, indem er bald 
OäUus Matthiae, bald wieder OcUli Matthias sagt, und dass er 
damit Veranlassung zu dem kimterbunten GaUimathias 
gibt! Dass sich so ein Franzmann nach der alten Stadt 
Osnabrück verirrt, hier den westfälischen Pumpernickel 
kostet, dem gediegenen Gebäcke aber keinen Geschmack 
abgewinnt, sondern wegwerfend erklärt: dieses Brot sei 
hon paur Nickel^ das heisst, gut für sein Pferd; und dass 
sich daher das famose Wort Fumpernickel oder Bompemickd 
schreibt! Wie gar unbegreiflich sind doch die Bildungen 
der Sprache und unerforschlich ihre Wege! — 

Ach, lass Dir doch nichts weissmachen, Bruderherz. 
Das sind diesmal keine Anekdoten ä la Prokop, sondern 
eigenes Fabrikat Von gelehrten alten Häusern erfundene 
Anekdoten, erfunden, um einen unverständlichen Ausdruck 
oder eine unverständliche Redensart zu erklären, oft 
auch nur scherzweise vorgebracht. Solche selbstgemachte 
Histörchen haben natürlich gar keinen Wert, nicht einmal 
den poetischen, volkstümlichen, der den etymologischen 
Sagen und Legenden oftmals innewohnt, sondern nur den 
von müssigen Klügeleien, Plattheiten, faden Witzen. Wenn 
der Glückliche, der innerhalb des Glockenschalls von 
St. Mary le Bow geboren ist, den Namen Cockney fuhrt, 
so unterliegt es kaiun einem Zweifel, dass derselbe von 
Haus aus einen SchlaraflFen, einen Kuchenesser, einen Ein- 
wohner des Fays de Cocagne, des gelobten Cokaygne oder 
Cockeney, altenglisch Cokenay, bezeichnet hat, wo die Häuser 
lAit Kuchen gedeckt und mit Bratwürsten eingezäunt sind 
und mit welchem die reiche Handelsstadt London des 
guten Lebens wegen im Mittelalter oft verglichen 
wurde, und dass der verächtliche Sinn erst später hinzu- 
gekommen ist. 

Was den Kuchen Westfalens, den Pumpernickel, an- 
belangt, so soll derselbe allerdings zuerst in der Stadt 
Osnabrück, und zwar um das Jahre 1450, aber infolge 
einer Hungersnot aufgekommen sein, indem ihn der 



— 417 — 

Magistrat in der Hasemühle backen und unter dem Namen 
Bonum FanicuLum an die armen Leute habe austeilen lassen 
— wahrscheinlich abermals eine gemachte Geschichte, mit 
der man allerhöchstens zu einem Bumpanickel gelangen 
könnte, wenn auch freilich immer noch gescheiter als das 
hon pour Nickel, das der Pastor Schupp in seiner geschmack- 
losen Art zum besten gegeben hat. Eine durchschlagende 
Erklärung des Wortes ist noch nicht gefunden, auch der 
siebente Band des Grimmschen Wörterbuches bringt keine: 
weder pumpern, noch Nickel hat etwas Überzeugendes; 
deshalb möchte ich der Beachtung der Lexikographen fol- 
gendes empfehlen. Im Hause meines Verlegers traf ich 
einst einen Wiener. Derselbe rühmte einen Wein, den er 
gewöhnlich trinke, imd bemerkte: man fühle sich darnach 
am nächsten Morgen pumpergesund. Das liess ich mir 
gesagt sein und kalkulierte etwa so: wir haben den Aus- 
druck pumpergesund nicht, wir sagen (eine der Über- 
tragungen von Pflanzen auf Menschen, Seite 128): kernge- 
sund; Kern aber ist, wie jeder wissen wird, der einmal 
Gfrünkemsuppe gegessen hat, in Süddeutschland üblich für 
Getreide. Wie wenn JPumper: Kern bedeutete und Pumper' 
nickel soviel wäre wie Kemibrot, da er aus ganz gfrobem 
Mehl, geschroteten, nicht gemahlenen Getreidekömem, 
sozusagen aus den Körnen selber bereitet wird? — Wäre 
unanfechtbar, wenn sich nachweisen liesse, dass Nickel in 
Westfalen: Brot bedeutete; Schmeller fuhrt (i, 1722) Bier- 
nickel als Bezeichnung fiir Brot an, das in Bier gebrockt 
wird, imd denkt dabei auch an Pumpernickel. Sicher ist 
übrigens Pumpernickel eine Bezeichnung für ein lustiges, 
obscönes Lied, auch ein Ausdruck für eine Art Hanswurst 
gewesen, wie er zum Beispiel das Wahrzeichen der Stadt 
Weissenburg im Elsass bildet: diese Bedeutung geht ohne 
alle Frage vom Brote aus, das westfälische Nationalge- 
richt hat eben wie Wurst, Punsch, Pickelhering, Suppe, 
Pudding u. s. w. den Namen für den Lustigmacher her- 
gegeben; lächerlich und ganz kindisch die Sache umge- 

Kleinpaul, Etym. 27 



— 418 — 

kehrt aufzufassen. Kann man sich damit noch nicht be- 
freunden, so glaube ich, dass es nicht gscnz unsympathisch 
wäre, zum westfälischen Brote (Panis) den westfälischen 
Schinken (Pema) hinzuzulegen, mit dem das Brot selbst 
gelegentlich, der Form wegen, verglichen wird: in Rom 
haben wir auf der höchsten Höhe des Viminals die Kirche 
San Lorenzo in Pane e Pema oder kurz in Panispernat das 
heisst in Brot und Schinken, blinken sehen (Seite 365); 
und das zweibäckige Roggenbrot, das die Leipziger 
Studenten im Konvikt bei der Mahlzeit bekommen, heisst 
seit alten Zeiten Schinken, der Konviktschinken, Aus Pernictda 
hätte Pemickel entstehen können, wie aus GunicuLus: Kar- 
nickel. Um endlich noch auf besagten Hahn zu kommen, 
der, wie der besagte Hammel, auf den man kommt, aus 
dem Plaidoyer eines Rechtsanwalts stammen soll, so liegt, 
wenn man einmal auf den Genitivus possessivus: GM 
Matthias verfallen ist, die Vermutung, die Kasus seien hier 
verwechselt, für einen Schulmeister so nahe, dass man 
ordentlich hört, wie er das Er rat um mit roter Tinte an- 
streicht und in den Bart murmelt: Fehlgeschossen! Es 
muss heissen: Gallus Matthiae! — und wie er damit die 
Entstehung einer Anekdote provoziert, die nur den Zweck 
hat, den Etymologen von der richtigen Fährte abzubringen. 
Und wie viele solcher wertloser Anekdoten gibt es! 
Quot Bos, wie viele Ochsen werden bei Kottbus, das 
nach Melanchthon aus Qathiss, nach der Ansicht eines 
dortigen Lehrers aus Quoi Bos entstanden ist, durch die 
Spree getrieben und verzollt! Die Stadt Kottbus bildete 
ehedem eine Privatherrschaft und gehörte nicht zur Nieder- 
lausitz; daher für das Vieh, das die Wenden durch die 
Spree trieben, Zoll erhoben wurde. Der Zollaufseher nun 
verstand kein Wendisch, er fragte also auf lateinisch: qw)i 
hos? — In Wahrheit bedeutet der Name, wendisch Khocebuz, 
GhoMuz: Barfuss und bezieht sich auf das Barfüsser- 
Kloster, dessen Kirche, die wendische, noch heute besteht 
(wendisch hosy). Aber so oft die Wissenschaft nichts 



— 419 — 

über ein Wort vermag, ist auch die Phantasie mit ihren 
Geschichten bei der Hand — mit ihren unverbürgten, 
grundlosen Fiktionen, durch die sich die klügsten Leute 
verblüffen lassen, weil sie die Unverschämtheit, sich 
Thatsachen auszudenken und Behauptungen reinweg zu 
erfinden, doch gar nicht für möglich halten. Schon wieder- 
holt (Seite 52 und 256/7) haben wir auf das bemerkens- 
werte Beispiel Äntimonium = Stibium hingewiesen, nach Littre 
eine durch das arabische Ithmid vermittelte Metamorphose. 
Wenn dieselbe wirklich stattgefunden hat, so ist sie bei 
ihrer Gewaltsamkeit gewiss sehr schwer zu erraten, wäh- 
rend anderseits die französische Form des Wortes: Äntimoine, 
gleichsam: Antimönch, ein Anekdötchen zu vertragen 
scheint. Hier ist das Anekdötchen. Basilius Valentinus, 
Superior eines Klosters, hatte die Beobachtung gemacht, 
dass die Schweine durch den Genuss von Antimon fett 
wurden; er wollte versuchen, ob der StoflF seinen Mönchen 
auch gut thue. Die Wirkung war eine andere: alle Mönche, 
die davon genommen hatten, starben, und nun war der 
Name fertig. Der Erzähler fährt fort: Paracelsus Hess sich 
durch diese schmerzliche Erfahrung nicht abschrecken, 
sondern führte viele Antimonpräparate in den Arzneischatz 
ein, mit denen er ebensowenig Glück hatte u. s. w. u. s. w. 
An derselben Stelle (Seite 256 und 264) haben wir die 
richtige Deutung des Namens Hugenotten erfahren: Eidge- 
nossen. Wiederum von gewöhnlichen Menschenkindern gar 
nicht zu verlangen! Aber recht plausibel wäre doch ein 
Ursprung wie der, welcher bei Jaden oder Hon Flon statt- 
gefunden hat. Lass sehen! Huguenots, Huc Nos .... hier* 
ist das Anekdötchen. Es war ein protestantischer Geist- 
licher, der sollte sprechen und begann: Hiic nos venimus, 
hierher sind wir gekommen .... ja, jetzt blieb er stecken; 
er begann von neuem: Htic nos .... weiter ging's nicht, da- 
her der Name: Hugnenot. Von alledem ist nichts authentisch, 
anekdotischen Deutungen bringt der Etymolog von vorn- 
herein ein gewisses Misstrauen entgegen. 

27* 



— 420 — 

Hat denn jemals ein Mensch bezeugt, dass es in Eng- 
land Sitte war, wenn jemand eine Gesimdheit ausbringen 
wollte, eine geröstete Brotschnitte, a Toast^ ins Glas zu 
thun, und dass sich dadurch die Bezeichnung Toast für 
einen Trinkspruch bildete? Oder, was eine weitere Aus- 
fuhrung dieses Gedankens ist, dass einst in dem fashio- 
nablen Bath das Badewasser der schönen Anne Boleyn von 
den dortigen süssen Herren wie Bowle getrunken wurde, 
während sich einer derselben, realistischer gesinnt, den 
Toast, das heisst den in der Bowle schwimmenden Zwie- 
back, hier die Nymphe selbst, reservieren wollte? Das soll 
dann Veranlassimg dazu gegeben haben, auch andere 
Damen, die leben gelassen wurden, mit einem Toaste zu 
vergleichen, und endlich das Lebehoch selber Toast zu 
neimen. Auf die eine oder die andere Weise klingt doch 
die Erklärung gewunden und gesucht, die geröstete Brot- 
schnitte passt wohl zum Thee, aber nicht zum Weine und 
noch weniger zu einem Trinkspruch, sie wird aber mit Ge- 
walt hineingetunkt — weil man sich die Frage gar nicht 
vorlegt, ob es denn durchaus eine geröstete Brotschnitte 
sein muss und das englische toast nicht etwas ganz anderes 
sein kann. Die meisten fremden Ausdrücke fürs Trinken, 
Bechern und Toastieren sind von den Deutschen entlehnt: 
die Franzosen haben ihr Wüecome und Vidrecome, das heisst 
Willkomm und Wiederkomm, die Italiener (Seite 273) ihr 
Brindisi, genau dasselbe wie Toast, entstanden aus: Bring 
dir's — und so besteht für mich kein Zweifel, dass das 
englische toast in der Bedeutung: Trinkspruch aus dem 
deutschen Stosst (an)! hervorgegangen ist. 

Auf, in der holden Stunde 
Stosst an und küsset treu! 

Fahren wir fort; die Engländer noch einmal. 

Ist es denn wahr, dass ein englischer Admiral um die 
Mitte des vorigen Jahrhunderts, nach seinem alten Rocke 
aus Grogram (französisch grosgrain) der alte Grog geheissen, 
anstatt des reinen Branntweins gewässerten Rum als Ge- 



— 421 — 

tränk unter der Schiffsmannschaft eingeführt hat und dass 
die Matrosen den Schusterpunsch nach dem alten Admiral 
benannten? Man findet diese Anekdote mit eiserner Konse- 
quenz in allen Wörterbüchern nachgeschrieben und dabei 
auch unerbittlich die alberne Bemerkung wiederholt, Gro- 
gram sei ein „kamelhaarenes Zeug" gewesen, als ob sich 
der Admiral Vemon wie der Prophet Elias oder wie Jo- 
hannes der Täufer getragen hätte. Unter Grossgrain ver- 
steht man einen starken Lyoner Seidenstoff, man hat 
schwarze Krawatten aus einem guten haltbaren seidenen Gros- 
grain (feine Rippe und glänzend). Was mich stutzig macht, 
ist nicht etwa die Benennung des Getränks nach dem Er- 
finder, sondern der angebliche Spitzname des Admirals 
selbst, denn ein solcher pflegt wohl von Kleidungsstücken, 
zum Beispiel von einer Lederhose oder einem Langrock, 
aber nicht von Kleiderstoffen entlehnt zu werden; und nun 
vollends von einem Seidenzeuge. Der bekannte Familien- 
name Tuch, ahd. Tucco, hat nichts mit Tuch zu thun, er be- 
ruht auf einer Verkürzung. Wenn man aber auch noch 
an den Old Ghrog glauben wollte, so wird man sicherlich 
beim Punsch die Achseln zucken, wenn man hört, dass 
wir denselben der Sprache und Weisheit der Inder ver- 
danken soUen — dass wir alle wenigstens ein Wort Sans- 
krit sprechen, weil wir die fünf Bestandteile, aus denen wir 
Punsch bereiten — Rum, Wasser, Thee, Zucker und 
Zitronen — nach uralter Weise zählen und die Mischung 
auf gut hindostanisch Fantsch oder Fantschan taufen — und 
deiss die Engländer den alten indogermanischen Fünftrank 
zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts nach Europa brachten. 
Englisch Funch verhielte sich darnach zum indischen Fantsch 
geradeso, wie sich englisch Funjdb zu Fandschah oder Fend- 
schab, Fünfstromland, verhält. Welche gewaltige, weltum- 
spannende Perspektive! Aber ich möchte lieber einen ande- 
ren Vergleich ziehen. Wer in den Tropen gereist ist, der 
weiss auch, dass die Engländer daselbst fortwährend Soda- 
wasser mit Cognak zu sich nehmen; ein Glas dieses Ge- 



— 422 — 

I 

tränkes nennen sie a Peg, d. L einen Sargnagel oder einen 
Pflock. Wenn man nun behauptet, die Engländer hätten 
den Punsch aus Ostindien mitgebracht, so kommt mir das 
gerade so vor, wie wenn einer sagen wollte, sie hätten 
von den Bewohnern der heissen Zone Cog^ak mit Soda- 
wasser mischen und die Mischung Peg nennen gelernt 
Mein Gott! Es spricht doch wahrlich nicht für die Welt- 
kenntnis imd für die Umsicht der Gelehrten, dass sie eine 
so himmelschreiende Fabel kolportieren und mit einem ge- 
heimen Kitzel in Umlauf setzen: der Punsch sei indisch. 
Indien und Punsch! Freilich könnte man auch sagen: Indien 
und Toddy! Und doch ist Toddy ein tamulisches Wort 
Aber unter Toddy versteht man in Ostindien nicht das heisse, 
gTogähnliche Getränk, das man im Norden, z. B. allgemein 
in Schweden in Konzertgärten, zu sich nimmt, sondern 
Palm wein, zunächst den zuckerreichen Saft, der aus den 
Blütenkolben der Kokospalmen gewonnen und wie Hefe 
beim Brotbacken benutzt wird — die besten Kunden für 
Koko^almenbesitzer sind die Bäcker, die in die Bäume 
hinaufsteigen, um den Stamm irdene Krüge befestigen, 
über jedem Krug einen Einschnitt machen und ein Stück 
Bambusrohr hineinstecken; dieser Toddy schmeckt wie 
Most, gegoren gibt er den in allen Tropenländem sehr 
beliebten Palm wein, eingedampft den ausgezeichneten, 
dunkelfarbigen Palmzucker. Das Lächerliche liegt ja über- 
haupt weniger in dem Namen, den die Hindu dem Punsch 
gegeben haben sollen, als in der ausgesprochenen Voraus- 
setzung, dass der Punsch in Ostindien selber gebräuchlich 
gewesen sei. Dass die Engländer, die ihre Gewohnheiten 
überall mithinnehmen und nirgends ablegen, den Punsch, 
den sie zu Hause tranken und wahrscheinlich (wie Peg) nach 
Punch, dem Pfriemen, nannten, gleich dem Thee auch in 
Ostindien brauten, will ich wohl glauben, aber die Hindu 
kennen keinen Punsch, haben ihn nie gekannt und würden 
ihn nie gemessen aus religiösen Gründen. Wozu noch viele 
Worte? Die Hypothese, dass der Punsch aus dem hin- 



— 423 — 

dostanischen Pantsch entstanden sei, hat ungefähr so viel 
Wert, wie das Liedchen, das ein Spassvogel auf den 
mecklenburgischen Knickebein (eine volkstümliche Benen- 
nung wie Beissnieder) gemacht hat: 

Als der Sandwirt von Passeier 
Inspnick hat mit Sturm genommen, 
Liess er sich ein Duzend Eier 
Und zwei Duzend Schnäpse kommen: 

Machte daraus eine Mischung, 

Schlürft* sie mit Behagen ein. 

Und seitdem heisst die Erfrischung 

In ganz Deutschland Knickebein! — 

Die gelehrte Phantasie ist gross, so gross, dass sie ihr 
Wesen selbst dann noch treibt, wenn eine sachliche Er- 
klärung ausserordentlich nahe liegt; es scheint eben nicht 
nur bequemer, sondern auch ehrenvoller, mit dem grossen 
Messer ins Gelag hinein aufzuschneiden, als die Umstände 
nüchtern abzuwägen. Man kann sich leicht vorstellen, wie 
in Studentenkreisen, zumal bei Studenten der Theologie, 
für die Spiess- und Pfahlbürger der Ausdruck Philister auf- 
kam. Der alttestamentliche Gegensatz des auserwählten 
Volkes zu den alten Bewohnern Kanaans hat etwas Ty- 
pisches, das jugendkräftige Volk der Hebräer vertritt gleich- 
sam die burschikose Idealität, die mit den beschränkten 
Ansichten und der engherzigen Art der NichtStudenten 
beständig im Streite liegt; es gibt viele solcher T3rpen. 
Den Schimpfhamen Kaff er, Kümmeltürke liegt doch ganz 
dieselbe Anschauung zu Grunde. Ganz von selbst erklärt 
es sich dann auch, wie dsis lateinische Wort fidelis burschi- 
kos den Sinn von munter, lustig annehmen konnte: die 
flotten Burschen waren eben die IHdeles, das heisst die 
Gläubigen. Wozu also erst noch einen Jenenser Studenten 
namens Simson anbringen, der im Wirtshaus zum „Gelben 
Engel" von den Bürgern erschlagen wird und dem dann 
der Generalsuperintendent die Leichenrede hält: Philister 
über Dir, Simson! (Richter xvi, 9.) Wozu? — Selbst wenn 



— 424 — 

die Leichenrede wirklich gehalten worden wäre, so bewiese 
das noch g-ar nichts. Aber der stanze Simson erscheint 
mir apokr^ih. 

Apokryph ist natürlich auch der Bader Hans Kranich, 
welcher A. D. 1620 an der Mühllache in Jena, einem 
Arm der Saale eine Badstube hatte und beim Schröpfen 
oder Aderlassen jedesmal die nämlichen schalen Witze, 
dasselbe alberne Gerede wiederholte — er soll der erste 
Salbader gewesen sein. Woher der Ausdruck kommt, haben 
wir Seite 201 erwähnt. 



3. Kennzeichen der künstlichen Anekdote. 

Wallenstein kommt auf den Hund — da liegt der Hund begraben -^ er weiss 
wo Barthel Most holt — gewöhnlich verrät sich die Kunstanekdote durch 
einen gewissen Mangel: es klappt nicht — die Erzählung vom Münchener 
Bockbier nicht schneidig genug — die Geschichte von den Vatermördern 
ein Gartenlaubenmärchen — der Vatermörder ein Parasit, den Bock, der die 
Münchener umstösst, hat Eimbeck gesotten, aber im Hofbräuhaus erfahrt 

man*s — wer*s glaubt, wird selig. 

Auf die Seite 2 1 8 beregte Frage antwortet der bewan- 
derte Etymologus: Ei, freilich. Damit das Karzer recht 
lange unbesetzt bleiben möchte, hatte der Rektor bekannt 
gegeben, dsiss es den Namen desjenigen Studenten führen 
solle, der zuerst hineinkommen werde. Und die Redensart: 
da liegt der Hund begraben kommt daher, dass A. D. 1650 in 
dem thüringischen Dorfe Winterstein die Frau Jägermeister 
einen sehr guten Hund gehabt hat namens Stuczel, der 
Briefe besorgte und Einkäufe für sie machte, und der daher 
feierlich auf dem Kirchhofe beigesetzt, aber auf Betrieb 
der Geistlichkeit wieder ausgegraben und anderswo beige- 
setzt ward — am Fusse des Inselsbergs sieht man noch das 
Grab des treuen Stuczels und liest die schöne Inschrift. Und 
die Redensart: er weiss, wo Barthel Most holt kommt daher 
und daher. 



— 425 — 

Wers glaubt, wird selig. Auf den Hund kam wohl, wer 
Hunde tragen musste — der Hund liegt wohl da begraben, 
wo ein Schatz verborgen ist, daher auch Gustav Freytag in 
der Verlorenen Handschrift dem Professor einen Hund zur Be- 
lohnung gibt, da er Frau Ilses Vaterhaus durchsucht — 
Barthel ist vielleicht der Storch in der Tierfabel. 

In den meisten Fällen verrät sich die freie Erfindung 
durch einen gewissen Mangel, so sehr sie auch scheinbar 
lokal gefärbt und mit Thatsachen verbrämt ist: es klappt 
nicht recht ordentlich, es hinkt, man sieht wohl die Spitze 
durch den Nebel schimmern, aber die Spitze wird nicht 
erreicht. Es ist nur Wenigen gegeben, mit der Wirklich- 
keit zu wetteifern, ihre wagehalsigen und doch sicheren 
Sprünge nachzumachen; kaum geborene Dichter vermögen 
das. Wer eine Geschichte erzählt, der muss sie so er- 
zählen, dass der Zuhörer ausruft: so war's! — Und diesen 
Ruf vernimmt man nicht regelmässig. Zum Beispiel jene 
tragische Geschichte von den Vatermördern: ein verlorener 
Sohn, ein Peter, der von einer grossen Reise heimkehrt, trägt 
lange spitzige steif gestärkte Klragen: er fällt seinem alten 
Vater um den Hals und sticht ihm mit den schneeweissen 
Hellebarden in die Augen, dass er zum Tode getroffen 
hinfällt .... wer soll so ein Gartenlaubenmärchen glauben? 
— Wahrscheinlich nannte man die Kragen als etwas Über- 
mässiges und mit einem Neologismus des XVIII. Jahrhun- 
derts: Parasiten und machte daraus Parricideny übersetzt ins 
Deutsche: Vatermörder, Derselbe Mangel an Überzeugungs- 
kraft und, wenn ich mich des Berliner Ausdruckes bedienen 
darf, an Schneidigkeit ist auch in der etymologischen Anek- 
dote fühlbar, die das Münchener Bockbier hervorgerufen 
hat, die im Münchener Stadtbuch niedergelegt ist und die 
ich schliesslich auf die präsentierten Pünsche, Grogs und 
Knickebeine setzen will. 

Es wird nicht ohne Grund vermutet, dass das Mün- 
chener Bier eigentlich ein Ableger des schweren Eimbecker 
Bieres sei, indem dieser berühmte Stoff nicht nur bei Hofe 



— 426 — 

gern getrunken, sondern mit der Zeit auch von zugezogenen 
braunschweigischen Brauern im Hofbräuhaus selber herge- 
stellt worden sei. Im Hofbräuhaus selbst wird eine Bro- 
schüre verkauft, wonach einst ein Eimbeckischer Brauer 
die an einem Gebreste leidende Herzogin mit seinem Bier 
kuriert und daraufhin das Privilegium des Brauens in Mün- 
chen erhalten habe. Die besonders kräftige Biersorte, die 
im Monat Mai unter dem Namen Bock zum Ausschank 
gelangt, stelle gleichsam ein Vermächtnis dar, das die 
Stadt Eimbeck der Stadt München hinterlassen habe, ja 
erinnere unmittelbar an sie, denn ein Bock sei gar nichts 
anderes als Einheck, und wenn in ganz Frankreich un hock 
de hiere ein Glas Bier überhaupt bedeute, so zeigen sich 
unsere lieben Nachbarn einmal ausnahmsweise in der deut- 
schen Geographie bewandert. Das ist nun freilich nicht 
nach dem Sinne der Münchener, die ihr unsterbliches Bräu 
keinem Becken verdanken wollen; die sich überdies in 
die Gewohnheiten des bärtigen Kumpanes so vollkommen 
eingelebt haben, dass sie recht wohl wissen, warum das 
Maibier nach ihm heisst — weil es stösst! -Weil es den 
tapfersten Trinker gleich einem Sturmbock umrennt! Daher 
sie auch alles thun, um ihren Liebling ins rechte Licht zu 
stellen — die Sonne, die im Frühjahr im Zeichen des Wid- 
ders steht, tritt im Mai in das Zeichen des Bocks — seine 
mystische Figur erscheint vor jeder Brauerei, vor jedem 
Keller und auf jeder Mass, bekränzt, strahlend, Männchen 
machend, unwiderstehlich und mit seinen vergoldeten Hör- 
nern eine Welt umwerfend. Um aber ganz zu beweisen, 
dass der Münchener Bock nicht nur echt, sondern auch 
tausendmal besser als der Eimbecker Sudel sei, stimmt der 
Sänger im Hofbräuhaus, Schmellers und des gedruckten 
Getratschs nicht achtend, seine Harfe und singt die Ballade 
vom Bockbier, es ist eine wundersame, herzerhebende Ge- 
schichte. 

Es war ums Jahr 1473 im wunderschönen Monat Mai: 
die beiden Brüder und Herzoge Albrecht der Weise und 



— 427 — 

Christoph der Kämpfer sassen im Alten Hofe. Bei ihnen 
befand sich ein braunschweigischer Ritter; die Herzogin- 
Mutter war bekanntlich eine Prinzessin von Braunschweig. 
Diesem setzten die Fürsten einen Krug Münchener Hofbräu 
zum Frühstück vor: der Ritter that einen Zug, dann stellte 
er dsis Gefäss wieder hin — das sei nur brauner Essig. 
Darob ergrimmten die beiden Herzoge, sie beschieden den 
Hof braumeister und stellten ihn zur Rede. Der Braumeister 
aber forderte den Ritter heraus und rief: So Ihr nach 
Jahresfrist wieder nach München kommt, so bringt ein Fass 
Eures Bieres anher, und ich will ein Fass sieden, so dem 
von Euch wohl obsiegen soll, oder ich will der schlechteste 
Meister sein, und Ihro Gnaden sollen mich auf einem Esel 
verkehrt aus der Stadt ausreiten lassen! — Der Braun- 
schweiger war's zufrieden und setzte 200 Gulden entgegen^ 

Im Mai des folgenden Jahres war er wieder da. Im 
Hofe der herzoglichen Burg lagen zwei Riesenfässer auf,, 
ein Eimbeckisches, so der Ritter mitgebracht, und ein Baye- 
risches, das der Braumeister gesotten hatte. Dazu waren 
Gallerien aufgeschlagen und die Fenster mit Teppichen^ 
Tannenreisem und Kränzen geschmückt; in ihnen lag das 
hochansehnliche Frauenzimmer, den Ausgang des Gewett- 
spieles mit anzuschauen. Der Braunschweiger dachte bei 
sich: das wird so ein Geschlecker für das Weibsvolk sein, da 
keine Kraft drinnen ist, und verzog sein Gesicht. Da befahl 
der Braumeister einem Brauknecht, zwei ungefüge Steinkrüge 
herzubringen, von denen jeder zwei und eine halbe Mass 
bayerisch hielt; beide wurden aus den zwei aufliegenden 
Fässern bis zum Rand gefüllt. Oesegne Euch Oott den Trunk 
vom Münchener Hofhräuhaus, Herr Ritter, sagte der Braumeister 
und reichte ihm den Krug; ich will den Euren auf Euer 
Gnaden Wohl leeren! Und wer nach einer halben Stunde noch auf 
einem Beine stehn und eine Nadel einfädeln kann, der hat die 
Wette gewonnen. Beide Parteien setzten an und leerten ihre 
Krüge bis auf die Nagelprobe. 

Inzwischen war die Burgpflegerin in ihre Stube ge- 



— 428 — 

gangen, um Nadel und Zwirn zu holen. Und jetzt kommt 
die schwache Stelle. Die Frau hatte ein krankes Mägde- 
lein, das Geissmilch trinken musste, und zu dem Ende eine 
Ziege mit ihrem Zicklein bei sich. Das Zickelchen nun, 
das eben in der Stube herumlief, ersah seinen Vorteil, 
wischte mit heraus und setzte mit ein paar lustigen Sprün- 
gen in den Hof unter die beiden Gegner, die eben damit 
beschäftigt waren, auf einem Beine stehend die Nadel 
einzufädeln. Da fiel dem Braunschweiger nicht nur die 
Nadel, sondern auch das Herz vor die Füsse, er torkelte, 
fiel und wälzte sich auf der Erde. Ei, edler Herr, spottete 
der Braumeister, kugelts also im Kreise herum? — Ach, lallte 
der Ritter mit schwerer Zunge, das BöcMein da, das hat mich 
Mmgestossen! — weh, rief Herzog Christoph der Kämpfer 
lachend, vergnügt ob des Sieges seines Braumeisters. Der 
aber versetzte triumphierend: Der Bock, der Euch umgestossen, 
4en hob ich gesotten. 

Das war ein Jubel im Burghof. Bis in die Pfistem- 
gasse und zum Platz drang die Kunde von dem wackem 
Hofbraumeister, der den Bock gesotten. Seht, sagten die 
Leute, als der Braunschweiger mit Schimpf und Schande 
abzog, das ist der, den des Hofhraumeisters Bock gestossen! — 
Zum Andenken an das grosse vaterländische Ereignis aber 
wurde hinfort alle Frühjahre im Hofbräuhaus das starke 
süsse Bier gebraut, das nun unter dem Ehrennamen Bock- 
bier wohl auch einmal die biedern Münchener selber auf den 
Sand setzt. 



-ooo- 



Teller II. 



Trugbilder, welche durch die Wortdeuterei 
hervorgerufen werden: Wortsagen und 

Wortlegenden. 

Im Anfang war das Wort. 
Evangelium Johann!« I, 1. 

1. Etymologische Mäuse. 

Weitere Erfindungen, die eine "Wortdeutung rechtfertigen sollen — eine 
Rheinsage: der Mäusetnrm bei Bingen- — .wir halten es für eine Fabel 
und zwar, wenngleich die Mäuse in Sagen oft und namentlich am Goplosee 
vorkommen, für eine etymologische Fabel, denn das Wort Maus gehört zu 
den gefahrlichen Homonymen — nicht Mautturm, sondern Musturm und 
dies soviel wie Waffenturm — Musma Kossalin! — dergleichen etymologische 
Mäuse nichts Seltenes: der Erzbischof Hatto hätte die Tour sans Venin 
besteigen sollen — das rote Mäuschen, das der Fenelope mitten im Gesänge 
aus dem Mund springt — es huscht in die Welt, 

Mitten im Rhein, auf einem von den grünen Wellen 
umbrausten Felsen, einige hundert Meter oberhalb des 
Binger Lochs, zwischen der Burg Ehrenfels auf der einen 
und dem Niederwald - Denkmal auf der anderen Seite^ 
steht ein viereckiger alter Turm, ein Signalturm, der dazu 
dient, die Schiffe durch eine Fahne zu warnen, wenn das 
Binger Loch wegen eines herankommenden Fahrzeuges 
nicht zu passieren ist — der altfe Mäuseturm. Wer hätte 
die merkwürdige Märe nicht gehört? Es war ein Bischof zu 
Mainz, erzählt Sebastian Münster im Reformationszeitalter, 
es war ein Bischof zu Mainz zu den Zeiten des grossen Kaisers 



— 430 — 

Otten, der hiess Hatto; unter dem entstund eine grosse Teuerung, 
und da er sähe, dass die armen Leut grossen Hunger litten, ver- 
sammlet er in ein Scheuer viel armer Leut und liess sie darin 
verbrennen. Denn er sprach: es ist eben mit ihnen als mit den 
Mäusen, die das Korn fressen und nirgend zu nütz sind. Aber 
Oott liess es nit ungerochen. Er gebot den Mäusen, d-ass sie mit 
Haufen über ihn liefen, ihm tag und nacht keine Buhe Hessen, 
wollten ihn also lebendig fressen. Da flöhe er in diesen Turm, und 
verhofft, er würd da sicher sein vor den Mäusen. Aber er mocU 
dem Urteil Gottes nit entrinnen, sondern die Maus schummmen 
durch den Bhdn zu ihm. Da er das sähe, erkannt er das Urteü 
Gottes, und starb also unter den Mäusen. Witt du es für eine 
Fabel haben, will ich mit dir nit darum zanken, ich häb das Ge- 
schieht mehr denn in einem Buch gefunden. 

Allerdings hält man es für eine Fabel. Dass die Mäuse 
viel Schaden anrichten; dass sie gelegentlich in ungeheurer 
Menge aus der Erde wie eine Pest aufsteigen; dass sie den 
Menschen, dem sie überallhin folgen, in jeder Weise plagen 
und ärgern, weil sie ihm alles wegfressen, was er braucht: 
Brot und Käse, Speck und Butter; dass sie auch schwim- 
men können, weiss man ja seit Jahrtausenden. Dass sie 
ihn aber auch selbst anfielen lyid benagten, wäre doch 
unerhört. Zwar von Ratten ist verbürgt, dass sie Kinder 
und Gefangene bei lebendigem Leibe angefressen; dass sie 
fetten Schweinen Löcher in den Leib gefressen; dciss sie 
•dem Tierhändler Hagenbeck drei junge afrikanische Ele- 
fanten getötet haben, indem sie diesen gewaltigen Tieren 
-die Fusssohlen zernagten. Immerhin hält man es für eine 
Fabel. Und zwar umsomehr, als der Turm zu Hattos 11. 
Zeit noch gar nicht bestanden hat, sondern erst um das 
Jahr looo vom Mainzer Erzbischof Willigis zum Zwecke 
der Landesverteidigung, oder noch später, zu Anfang des 
XIII. Jahrhunderts, von Erzbischof Siegfried des KomzoUs 
wegen angelegt worden sein soll. Mit Bezug auf den 
letzteren hat man daher, auf das bayerische Sprachgebiet 
hinübergreifend, angenommen, dass der Turm ursprünglich 



— 431 — 

Mautturm geheissen und dieser Name, in Maussturm und 
Matisturrny englisch Mause Tower, verwandelt, zu der ganzen 
Sage Veranlassung gegeben haben möge; je verhasster 
der Getreidezoll, besonders zu Zeiten der Not, gewesen sei, 
umso begieriger habe das Volk die Gelegenheit ergriffen, 
dem Zollturm eine Katastrophe anzudichten. Weil jedoch 
der österreichische Ausdruck Maut am Rhein schwerlich 
jemals üblich gewesen ist, so hat es mehr für sich, auf das 
alte niedersächsische Wort Mus, Waffe, zurückzugehen, das 
noch bei den Sachsen Siebenbürgens in Muser, Soldat, lokal 
auch noch in unserm Vaterlande fortlebt. Die Stadt Braun- 
schweig, heisst es in Boilingps Monita, herausgegeben von 
Floto, hat für wenig Jahren noch kein Zeughauss gehabt, sondern 
es ist unter dem Ältenstadt-Rathhause ein Ort, den heist man die 
Müserey, an welchem Ort für diesem, der Schiesszeug, als Arm- 
brust, Bogen und Boltzen sein verwaret worden. In Trier gibt 
es, wie mir Herr Dr. Hermann Grieben von der Kölnischen 
Zeitung freundlichst mitteilt, ein Musthor, in Lübeck stand 
am Hafen bis vor dreissig Jahren ein Musturm, der so- 
genannte Blaue Turm; beides waren Waffen-, respektive 
Zeughäuser, wie man lange noch sagte: Muserien. Köslin, 
die Vaterstadt Griebens, hatte nach Kantzows Chronik einen 
Spottruf zu ertragen: Musma Kossalin! Auf zu den Waffen, 
Köslin! — Die Bürger waren einmal in Waffen gegen den 
Herzog Bogislav X. ausgezogen und hatten dafür, dass sie 
ihn gefangengenommen, schwere Busse zu zahlen. Gradeso 
sagte man: Horsa Stettin! Auf zu Pferde, ihr Stettiner! — 
Der Mäuseturm bei Bingen wäre demnach von Haus aus 
gleich jener Pfalz im Rhein ein Musturm wie der zu Lübeck, 
will sagen ein Waffenturm, ein Wachtposten bewaffneter 
Leute gewesen, die den Schiffen auflauerten, sie durch- 
suchten und anhielten, wenn sie (bei Burg Ehrenfels, dem 
Mausturm gegenüber) zollpflichtig waren, von hier aus 
Signalschüsse abfeuerten; als man dann das Wort Mtis nicht 
mehr verstand, verfiel man auf die Maus, die ja bekanntlich 
nicht blos im Lateinischen, sondern auch im Althoch- 



— 432 — 

deutschen und Mittelhochdeutschen Mus hiess (Seite 29). 
Das Wort gehört unter die Homonymen von S. 267; noch 
ein drittes Mus fällt damit zusammen, das Mus, welches 
Speise bedeutet und in Apfelmus und Gemüse vorliegt Sim- 
rock neigt dieser dritten Erklärung zu und vergleicht den 
Mu^urm mit den Mushäusern, d. h. Speisehäusem oder Vor- 
ratskammern, wie sie sich bei edten fürstlichen Wohnungen 
häufig finden: ein Teil des Braunschweiger Schlosses, das 
diesen Namen führte, wird in dem Volksliede von Heinrich 
dem Löwen erwähnt. Mushaus heisst noch jetzt im Bay- 
rischen die Hausflur, weil man daselbst speist. Besonders 
geeignet war der Mausturm dazu freilich nicht. 

Die Welt ist nicht aus Brei und Mus geschaffen, sagt 
der alte Goethe; der Mäuseturm allerdings, harte Bissen 
gibt es trotzdem dabei zu kauen; und ich würde vorschla- 
gen, bei dem ersten Mus, dem Waflfenmus, zu bleiben. 
Mäuseturm scheint eine jener klassischen Anbildungen, die 
uns vorhin beschäftigten, eine Anbildung wie das Wort 
mausetot, das wohl aus morschtot oder morstot entstanden 
ist, vergleiche Seite 341, eigentlich mehr eine Umdeutung 
als eine Anbildung; und die Mäusesage nur eine Frucht 
der gottgesegneten Deutelei. Die professionellen Sagen- 
forscher, denen die Mäuse oft vorkommen, bemühen sich 
zwar, einen der Fabel zu Grunde liegenden unabhängigen 
Mythus nachzuweisen. Sie erinnern daran, dass die vom 
Körper gelöste Seele nicht selten unter dem Bilde einer 
Maus zu erscheinen pflegt, und glauben, in den Mäusen 
des Mäuseturms die Geister der armen Verbrannten sehen 
zu sollen, die den begangenen Frevel rächen. Sie machen 
nicht nur auf verwandte Rhein-Legenden, sondern nament- 
lich auf die ganz ähnliche Sage aufmerksam, die sich an 
einen anderen Mäuseturm in Posen, dem ehemaligen Polen, 
knüpft. In der uralten Stadt Gnesen lebte um Anfang des 
IX. Jahrhunderts der König Popjel, der letzte seiner Rasse, 
auf welche die Dynastie der Rasten folgte. Ein grausamer 
Mann, der seine beiden Oheime ermordete und unbeerdigt 



— 433 — 

verwesen liess. Da schlüpften aus dem Munde der Leichen 
Mäuse heraus, vor denen Popjel bis auf einen Turm in 
dem See Goplo floh, die ihn aber bis hieher verfolgten und 
auffrassen. Noch heute steht an dem fischreichen Gopler 
See ein Wartturm, wahrscheinlich ein Überrest einer alten 
Veste, in dem König Popjel von Mäusen gefressen ward. 
Das geschah A. D. 830; wie man sieht, ist die polnische 
Sage älter als die deutsche und vielleicht nicht ohne Ein- 
fluss auf die Gestaltung der letzteren gewesen, vielleicht 
vom Goplo-See nach dem Rhein übergesiedelt worden; 
aber was hätte Popjel vermocht, wenn ihm nicht die Ety- 
mologie zu Hilfe gekommen wäre! — 

Das ist nämlich nicht etwa zu verwundem, wenn so 
ein Müschen eine Fabel nach sich gezogen hat! — Im An- 
fang war das Wort. Es kommt oft genug vor, dass ein 
blosser Name die Anschlagemasche darstellt, von der ein 
ganzes Netz von Sagen seinen Ausgang nimmt! Namen 
sind selbst wie rätselhafte verwitterte Gebilde und wie alte 
Mäusetürme, noch aufrecht im Strom der Zeit. Andere, 
längstvergangene Geschlechter haben sie hervorgebracht 
und gebaut — die Jahrhunderte sind darüber hingezogen, 
sie sind langsam zerbröckelt und zerfallen, mutwillig zer- 
stört und eingerissen worden, Ruinen, bis zur Unkenntlich- 
keit entstellt. Infolgedessen werden sie vom Volke nicht 
mehr verstanden, ihre ursprüngliche Bestimmung ist nicht 
mehr klar. Aber das Interesse für diese Vermächtnisse 
der Vorzeit wächst: man sucht sich die merkwürdigen 
Sprachtrümmer zu erklären, sinnt über ihre Entstehung und 
ihre Bedeutung nach, restauriert sie gelegentlich, wie die 
preussische Regierung den weiland durch die Schweden 
zerstörten Mäuseturm wiederhergestellt hat. Sie sind nun 
oft erst recht unkenntlich geworden. Und noch ein Schick- 
sal haben die Namen mit hervorragenden Bauwerken ge- 
mein — beide umspinnt die Phantasie des Volkes mit ihren 
bunten Fäden und überzieht sie, wie eine Spinne, mit luf- 
tigen Geweben, beide beleben sich nicht blos mit wirk- 

Kleinpanl, Etym. 28 



— 434 — 

liehen, sondern auch mit etymologfischen Mäusen und Grillen 
ohne Zahl. 

Wenn doch der Erzbischof Hatto lieber bis nach dem 
Dauphine gelaufen wäre und den Turm ohne Gift, la Tour sans 
Venin bestiegen hätte, eine Stunde von Grenoble! — Keine 
Maus hätte Gewalt über ihn gehabt. Kein Ungeziefer, kein 
giftiges Tier, keine Schlange, kein Skorpion kann leben 
in diesem Turm; seine Quälgeister wären weggeblasen 
worden wie die Frösche in den Häusern Agyptenlands; 
der Turm ist eines der sieben Wunder des Dauphine. Das 
macht, dass dieser Turm wieder einen Namen hat, der 
solches Gezücht tötet — er heisst eigentlich Saint V^ain, 
nach einer anstossenden Kapelle des heiligen Veranus, 
woraus im Volksmund sans Venin geworden ist. Aus Wor- 
ten entstehen Geschichten, Worte sind Geschichten, Worte 
stecken wie alte verwunschene Schlösser voll etymolo- 
gischer Sagen und Legenden. 

Saget, Steine, mir an, o sprecht, ihr hohen Paläste! 
Man kennt die Verse Schillers, es sei der Fluch der bösen 
That, dass sie fortzeugend Böses gebären müsse. So kann 
man auch sagen, dass es der Fluch der unseligen Deutelei 
sei, in der Einbildungskraft des Volkes unablässig weiter- 
zuarbeiten und fortzeugend neue Irrtümer zu gebären. Der 
vermeintlichen Bedeutung eines Namens muss sich die 
Weltgeschichte fugen — Fabeln werden ersonnen, welche 
seine Entstehung plausibel machen sollen, Dinge erdichtet, 
Thatsachen fingiert, die in das etymologische Lügengewebe 
passen, die dasselbe zu rechtfertigen scheinen, und die doch 
einzig und allein an diesem Luftgespinste hängen. Wir 
haben oben (Seite 312) der Majestät Penelope unser Kom- 
pliment gemacht, weil sie im Jenseits so gnt Bescheid 
weiss — die arme Frau macht eine Anspielung, wie man 
sie dutzendweise schluckt, sie will einfach sagen: gewisse 
Träume gehen in Erfüllung, andere gehen nicht in Erfül- 
lung, und da sich dies in ihrer Sprache so fügt, so drückt 
sie es so aus, dsiss die prophetischen Träume durch eine 



— 435 — 

Pforte von Hom, die trügerischen Träume durch eme Pforte 
von Elfenbein kommen. Über den Floh, den sie damit 
nicht ihrem Manne, aber der Nachwelt ins Ohr gesetzt hat! 
Das Wortspiel wird zum Dogma, der einfältige Virgil lässt 
sich verleiten, das Bild (Äneide vi, 893 flf.) ins Lateinische zu 
übertragen, wo es gar nicht mehr passt und gar nicht ver- 
standen werden kann: 

sunt geminae Somni portae; quarum altera fertur 
Cornea, qua veris facilis datur exitus umbris, 
altera candenti perfecta nitens elephanto, 
sed falsa ad caelum mittunt insomnia inanes .... 

auch Horaz spricht von der imago vana, quae porta fugiens 
eburna somnium ducit .... es war selbst eine Imago vana, die 
der Penelope durch den noch immer schönen, noch immer 
brünetten Kopf schoss, dabei sprang ihr das Märchen aus 
dem Munde wie ein rotes Mäuschen, und es huschte in die 
Welt, und die Völker pflegten es und nahmen es auf. 



2, Der Name des Orts: ein Märchen. 

Etymologische Lokalsagen und Lokaltraditionen: der Kutscher des Herrn 
Jakob Heller über Erlangen, Nürnberg und Hermsdorf im Holzland — mein 
Kutscher in Heidelberg: Seligenstadt, der Odenwald, Wimpfen, seine histo- 
risch-etymologisch-phantastischen Notizen — mit Frau Saga um die Welt, 
durch alle Orte, wo Menschen wohnen — über Oschatz, Liebertwolkwitz, 
Dresden, Bautzen und Altona, überaU wird eine Geschichte improvisiert — 
Speisen wir lieber in Wolkwitz! Dräst*n oder fahrst*n? — die Droschken 
müssen in Dresden gut sein, denn es ist dasselbe Wort — Burgsagen: die 
Wartburg, das Kapitol, die Byrsa von Karthago — das Haupt des Tolus — 
wie die römische Burg zu einer Himmelsburg geworden ist, Ära Celi — 
schon Virgil kennt die Himmelsburg — die Vision des Augustus — alte 
Gründungssagen, die den Ortsnamen entspringen: der Heros Eponymos — 
Romulus ist ein Kind Roms, aber es sieht aus, als ob die Stadt Rom von 

Romulus herrührte — die Söhne Teuts. 

Und wie die schwang*re Phantasie Gebilde 

Von unbekannten Dingen ausgebiert, 

Gestaltet sie des Dichters Kiel, benennt 

Das luft*ge Nichts, und gibt ihm festen Wohnsitz. 

So gaukelt die gewalt*ge Einbildung — 

28* 



— 436 — 

sagt Theseus im Sommemachtstraum (V, i); und die Ein- 
bildung entfuhrt uns, können wir hinzusetzen, auf ihrem 
Wagen, der mit geflügelten Drachen bespannt ist, durch 
die Lüfte. Als Herr Jakob Heller, der bekannte Frankfurter 
Kauftnann, am Anfange des XVI. Jahrhunderts von Erlan- 
gen nach Nürnberg reiste, erzählte ihm der Kutscher, der 
ihn fuhr, verschiedene Landeshistorien. Vormals waren die 
Wege durch die Wälder sehr unsicher, Ew. Gnaden! Wenn 
nun die Reisenden die Gesamtstadt Erlangen erblickten, 
riefen sie fröhlich aus: Wir hdben^s erlangt! — Euer Gnaden 
haben's ja auch erlangt! Alles war Holzland, gnädiger Herr, 
wie das Holzland bei Eisenberg, bin auch einmal da ge- 
fahren! Brachte Nonnen aus Schöngleina nach St. GanglofiF, 
da wurden wir mitten im finstem Walde von Räubern 
überfallen, aber ein braver Köhler hat uns gerettet, just so 
ein Köhlersmann wie der, welcher die altenburgischen 
Prinzen gerettet hat — wie wir uns nun so vom ersten 
Schrecken erholt haben, sagen die heiligen Fraun: Hieher 
muss Dorf! — Ja, schauens, itzt steht Hermsdorf an dem 

Spitzbubenloche Können Ew. Gnaden den dicken Turm 

da am Horizont erkennen? Das ist der Turm von Nürn- 
berg, auf dem hat der verfluchte alte Heide Nero gesessen, 
nach dem er der Heidenturm genannt wird. Kaiser 
Nero hat der reichen und mächtigen Stadt Nürnberg ihren 
Namen gegeben, die eigentlich Nernberg heisst .... 

Lohnkutscher warten noch heute, wo ihr Gewerbe ab- 
kommt, gern mit historisch - etymologisch - phantastischen 
Brocken aus der Chronik des Landes auf, durch das sie die 
Reisenden geleiten, und machen sich zu Dolmetschern der 
Lokalgeschichte. Ich hatte einmal in Heidelberg einen 
Automedon, der dem Hellerschen nichts nachgab. Er 
kannte die Gegend weit und breit wie seine Tasche; er 
sass auf seinem Bocke wie der leibhafte Cicerone. Das 
war Kaiser Karl der Grosse, der hatte eine Tochter Imma, 
so benannt nach der fleissigen Biene — 's Mädel ging 
durch mit Meister Eginhard, dem Schreiber ihres Vaters. 



— 437 — 

Sie zogen nach Mühlheim am Main, wo sie in einer Fischer- 
hütte wohnten; da wollte es der Zufall, dass der Kaiser 
auf einer Jagd durch den Reichsforst Dreieich kam und 
bei seinen Kindern einkehrte, ohne sie zu erkennen. Aber 
Prinzessin Imma erkannte den Vater wohl, und sie setzte 
ihm sein Lieblingsgericht vor, nämlich blaugesottene Äschen 
aus dem Main, die er allen anderen Fischen vorzog und 
die sie besonders anzurichten wusste. Da fiel es dem grossen 
Kaiser wie Schuppen von den Augen, er rief: Selig ist die 
Stadt, wo ich meine Tochter fanden hob! — als wovon Stadt 
und Benediktiner- Abtei Mühlheim fortan den Namen Se- 
ligen Stadt empfing . . . wie er darauf die wiedergefundene 
Tochter umarmte, auf das steilansteigende Gebirge im Süden 
wies imd es Imma zum ewigen Eigentum verschrieb, rief 
diese wieder: du Wald, sollst du mein Erbteil sein! — imd 
davon bekam das Gebirge jenseit des Neckar den Namen 
Odenwald .... 

Und das war der Markgraf Georg Friedrich, der im 
Dreissigjährigen Kriege von Tilly bei Weibheim geschlagen 
ward — um den Rückzug zu decken und dem Markgrafen 
die Flucht zu ermöglichen, starben vierhundert Pforzheimer 
unter ihrem Bürgermeister Deimling in einem Engpass den 
Heldentod, aber von der Freien Reichsstadt blieb damals 
nur ein Fähnchen, ein Wimpfele, übrig, daher sie von nun 
an nicht mehr Weibheim, sondern Wimpfen hiess .... 

Trapp, trapp, trapp! Es ist nicht der Kutscher, es ist 
Frau Saga, die mit uns über die Erde galoppiert, überall 
anhält, wo Menschen wohnen, und nach dem Namen des 
Ortes fragt, eine Geschichte improvisiert und weitersprengt, 
ohne eine Antwort abzuwarten — durch die Schweiz, wo 
einst (wie Schiller von Stauffacher in so schöner Einfach- 
heit erzählen lässt) die Schweden eingewandert sind — über 
die Lange Börde bei Magdeburg, wo die Langobarden ge- 
sessen haben — durch das Königreich Sachsen: wie heisst der 
Ort? — Oschatz — dcis war der grosse Kaiser Otto, der in 
der Mark Meissen eine Burg gegen die Wenden gründete; 



— 438 — 

die Kaiserin Editha war dabei und sollte die Stadt taufen; 
sie kam in Verlegenheit und sagte zu ihrem Gemahl: 
Scholz! ach, bei Liebenwerda sagte sie sogar: Schätzchen! 
— daher der Name . . . wie heisst der Ort? — Liebert- 
wolkwitz — das war der Meissner Markgraf Friedrich der 
Ernsthafte, der belagerte A. D. 1340 Leipzig — er ass eben 
bei Probstheida zu Mittag, als die Leipziger mit Kartaunen 
nach ihm schössen, eine Bombe fiel ihm gereide in (üe 
Suppenschüssel — da sagte der Markgraf ernsthaft: Speisen 
wir lieber in Wolkwitz (das ein paar Kilometer weiter süd- 
östlich liegt)! — daher der Name . . . wie heisst der Ort 
an der Saale? — Kahla — das war die alte Marienstadt, 
die durch eine Feuersbrunst zerstört ward — als der Kur- 
fürst Ernst von Sachsen zum Besuche kam, rief er schmerz- 
lich aus: Du schöne Marienstadt, wie bist Du so kahle gewor- 
den! — daher nun der Name Kahla . . . wie heisst der 
Ort? — Dresden — das war Heinrich der Erlauchte, 
Markgraf von Meissen, der zog A. D. 1249 von Seusselitz 
elbaufwärts in ein Schloss, das er sich am linken Ufer in 
der Nähe der beiden Brüdergassen angelegt hatte,*) suchte 
nach einem Namen for die neue Residenz und wollte die 
Sache dem Zufall überlassen: das erste Wort, das ihm am 
näöhsten Morgen zu Ohren kommen würde, sollte der Name 



*) nicht in das Georgenschloss, welches umgestaltet werden soll (aus 
dem Jahre 1534). Der slawische Name Dresden, böhmisch Drdzdany wen- 
disch Drdzdzan, Drjeidzan, ist ein Name wie Strassburg und bedeutet die 
Stadt am Wege, an der Fahrstrasse (böhmisch Draha^ wendisch Droha, ver- 
gleiche Seite 345: Strassgräbchen). Er wird A. D. 1206 zuerst erwähnt. 
Alles andere: die Fähre, die Trutzburg ist Phantasie. Das Diminutivum von 
Droha lautet im Wendischen: Droika; ebenso lautet im Russischen das 
Diminutivum von Doroga^ Weg: Drozka; von diesem russischen Drozka wird 
(vgL Grimm s. y.) das Wort Droschke, russ. Droshki^ poln. Dorozka, böhm, 
Drdzky abgeleitet, angeblich weil man damit auf dem schmälsten Wege und 
in engen Strassen fahren könne, eine starke Metonymie (213), die beinahe 
an die Ableitung von jy<rr^/ (Seite 233) erinnert. Sollte diese Ableitung richtig 
sein, so ergäbe sich die interessante Thatsache, dass Dresden und Droschke 
identische Worte sind wie Weg und Wagen, Via und (oskisch) Veta. 



— 439 — 

sein — da hörte er einen Steinsetzer zum anderen sagen: 
dräst'n oder fährst' n 9 — das heisst: trägst Du den Stein oder 
fährst Du ihn? — und der Markgraf taufte die Stadt Dräst'n, 
woraus der Name Dresden geworden ist . , • wie heisst 
der Ort? — Budissin — das war der Bürgermeister Schep- 
pang, der zog gegen die Böhmen in den Krieg; als er 
siegreich heimkehrte, kamen ihm Boten entgegen mit der 
Nachricht, dass ihm inzwischen ein Kind geboren worden 
sei; er fragte auf gut wendisch: htidet syn? ist's ein Sohn? 
— daher der Name Budysin . . . wie heisst der Ort an 
der Unterelbe, der, am rechten steilänsteigenden Ufer des 
Stromes anmutig gelegen, unmittelbar an die Hamburger 
Vorstadt St. Pauli stösst, im Westen von dem Städtchen 
Ottensen begrenzt? — Altona — ein Fischerdorf, das erst 
unter den Dänen Stadtgerechtsame erhielt — als die Ham- 
burger Wind davon bekamen, schickten sie Abgeordnete 
nach Kopenhagen, um zu protestieren, weil die Stadt zu 
nahe an Hamburg sei — sie schrien dem König zu: Sei is 
all to nah! — daher der Name. . . . 

Trapp, trapp, trapp! Frisch hinein in die Weltge- 
schichte! Auf den Berg, dem Ludwig der Springer, von 
der Schauenburg kommend, zurief: Warte Berg, Du sollst mir 
eine Burg werden! und auf andere alte Burgen! Hast Du wie 
Gibbon auf dem römischen Kapitol gesessen oder wie 
Marius als Flüchtling auf den Ruinen der Byrsa von 
Karthago? Aus den Namen dieser berühmten alten Bur- 
gen sind ja schon vor Jahrtausenden die etymologischen 
Legenden hervorgeblüht. Bereits als Schulbuben hat uns 
die bei der Gründung der Stadt Karthago an den Tag 
gelegte Weiberlist imponiert — dass die Prinzessin Dido, als 
sie an der Küste von Afrika landete, von den Eingeborenen 
gegen einen jährlichen Tribut so viel Land forderte, als mit 
einer Stierhaut bedeckt werden könnte: 

taurino quantum posset circumdare tergo *- 

als worauf sie die Haut schlau in möglichst schmale Streifen 
zerschnitt und so einen Raum von 22 Stadien im Umkreise 



— 440 — 

aushob, auf dem sie ihre Stadt, die nachmalige Burg, er- 
baute. Und doch ist dieser gelungene Streich nur auf 
Rechnung der alten Chronisten zu setzen, die sich bei einem 
phönizischen Namen etwas denken wollten. Burg, Festung 
hiess im Phönizischen Bozra, was die Griechen in BvQaa, 
Haut, verwandelten — merkt man nun etwas? — Aus dem 
griechischen Bvqaa sind durch einen merkwürdigen Wandel 
der Begriffe (Seite 258) die deutschen Worte Börse und 
Bursche, mittellateinisch Bursa, hervorgegangen, es hat eine 
unerwartete Entwicklung in der neueren Zeit gehabt Das 
griechische Bvqoa hat auch eine der bekanntesten Sagen 
hervorgetrieben, die noch von Virgil erwähnt wird, ja 
die, auf London übertragen, bis ins IX. Jahrhimdert nach 
Christus nachklingt: Ivar, der Sohn Aslaugs, der Stamm- 
mutter der norwegischen Könige, und Ragnar Lodbroks, des 
gefeierten Wikingers, gründete angeblich London, wie Dido 
Karthago gegründet hat — er Hess sich von Ella, König 
von Northumberland, so viel Land abtreten, als eine Ochsen- 
haut reiche, zerschnitt dann eine solche in Riemen und 
umspannte damit einen zur Anlage des Towers nötigen 
Raum. England, das moderne Phönizien! — 

Auf dem Kapitol, in Arce wuchert die etymologische 
Legende gleich dem Unkraut, das hier in vorgeschichtlichen 
Zeiten und nach dem Untergange des Römischen Reiches 
gewuchert hat; und zwar zweimal wie dieses Unkraut Da 
sehen wir zuerst unter Tarquinius Priscus, wie derselbe den 
Grund zu dem Tempel des Jupiter Capitolinus legt, in dem 
aufgegrabenen Baugrund des Capitoliums das Caput Toli, 
das frische blutende Haupt des Tolus liegen, gleichsam ein 
Caput Mundi, wie im Baugrund von Karthago erst ein Stier- 
haupt, dann ein Rosshaupt gefunden ward — Amobius, ein 
Christ des IV. Jahrhunderts, wusste es gleich, dass der 
Mann Tolus geheissen und dass das Kapitol seinen Namen 
quasi a capite Toli empfangen habe. Da sehen wir nachmals, 
wie sich in christlicher Zeit die römische Burg in einen 
Himmelsaltar auflöst. Das lateinische Wort Ärx, womit die 



— 441 — 

eigentliche Citadelle auf dem nordöstlichen Gipfel des Burg- 
berges bezeichnet wurde, kam den Italienern des Mittel- 
alters schier abhanden, Burg hiess nicht mehr Ärce, sondern 
Bocca, Ärce ward gar nicht mehr verstanden. Infolgedessen 
konnte man wagen, in dem alten Ausdrucke, der nur von 
der Tradition erhalten worden war, eine Synkope zu sehen: 
Ärce sollte {Gaelum = it. Cielo) aus Ära Celi, Himmelsaltar, 
zusammengezogen sein, wie Veldbrum, eine andere Gegend 
der Stadt, aus Velum Äureum, eine heilige, italienische Medina 
celi, Himmelsaltar, das klang den Römern in die Ohren 

— Himmelsaltar, dahinter musste man kommen — von einer 
Himmelsburg wusste bereits Virgil, da er die Venus das 
Kapitol also bezeichnen lässt: 

caeli quibus adnuis arcem, 

sagt sie (Äneide I, 250) ZU Jupiter, da sie den Himmelsvater 
an sein heiliges Versprechen erinnert, dem guten Jungen, 
ihrem frommen Aneas das Städtchen zuzuschanzen. Es 
entstand eine ganze Legende, der man sofort die unge- 
schickte Mache anmerkt, denn sie klappt ja gar nicht. Von 
Kaiser Augustus' Glück und Herrlichkeit geblendet, sagten 
die Senatoren: Wir wollen Dich anbeten, weil eine Gottheit 
in Dir ist. Der Kaiser erschrak; er befragte Albunea, die 
Sibylle von Tibur, die schweigend nach oben wies. Gen 
Himmel, wo die Mutter Gottes in ihrer Klarheit thronte und 
eine vorlaute Stimme die offenbar ganz unpassenden Worte 
rief: Haec ara filii Bei est! — Anbetend fiel Augustus nieder 

— er fühlte den grösseren Weltgebieter — und auf dem 
Kapitolinischen Hügel errichtete er ihm einen Altar mit 
der Aufschrift: Ära Frimogeniti Dd. Dieser Altar ist angeb- 
lich erhalten: er steht in der Kirche Santa Maria in Äraceli, 
die sich auf dem nordöstlichen Gipfel des Kapitolinischen 
Hügels, eben an der Stelle der alten Ärx, erhebt, in der 
Cappella Santa, im Querschiffe links. Zu Weihnachten, 
wo die Franziskaner in der Kirche eine Krippe bauen, 
sieht man vor derselben auch die Vision des Augustus 
dargestellt. 



— 442 — 

Bei Rom wie bei Karthago ist übrigens auch aus dem 
Namen der Stadt selbst eine weitläufige Ghündungssage 
und namentlich, einem allgemeinen Gebrauche des Alter- 
tums gemäss, ein Heros Epon3rmos hervorgebildet worden, 
der dcLS thatsächliche Verhältnis merkwürdig umzudrehen 
scheint: offenbar ist doch Bomülus, der kleine BomuSy ein 
Kind Roms, während es itzt so aussieht, als sei Barn eine 
Schöpfung Bomulus. Die Zwillinge Bomulus und Bemtis, beide 
ursprünglich eins, beides ursprünglich nur Formen, in die 
sich der Name Bomus geschieden hat, sind etymologische Per- 
sonifikationen der ürhs Borna, ihre Lebensgeschichte beruht 
auf einer Zurechtmachung späterer Vorstellungen von der 
ersten Bildung und der ältesten Verfassung des römischen 
Staates, wie sich das Volk Israel mit seinen schönen und 
unschönen Zügen weiland in Jakob als Persönlichkeit erfasst 
und gleichsam im Spiegel betrachtet hat Das griechisch- 
lateinische Hierosolyma (Seite 346) hat die Alten bewogen, 
die Solymi, die Bewohner Lyciens, zu Stammvätern der 
Juden und zu Jerusalemem zu erheben (Tacitus Historiae V, 2); 
die Deutschen sind Söhne Teuts. Die Urgeschichte Roms, 
die Geschichte des hebräischen Volkes, die halbe Welt- 
geschichte beruht auf einer etymologischen Spielerei. 



443 



3. Etymologie und Mythologie. 

Mythen nehmen ihren Ausgang von der Wortdeuterei, auch in der Mytho- 
logie ist häufig am Anfang das Wort gewesen — die Prometheussage, aus 
dem Pramanthas des Sanskrit hervorgewachsen: erst der Feuerbohrer, dann 
die Rute, hierauf, nach beiden Seiten hin personifiziert, der Feuerholer und 
Menschenbildner, endlich mit Assimilation ein Vorbedacht — auf der Insel 
Cypern gibt es noch heute Prometheusse und die Brahmanen brauchen noch 
heute den Pramanthas — die etymologische Sage, welche die Einkleidung 
des Rämäyana bildet: die Zwillinge Kusi und Lawa — Ihr Griechen, Ihr seid 
ewig Kinder, steht den Anschauungen des arischen Vaterhauses nicht so- 
nahe wie die Inder — nur dunkle Erinnerungen sind den Griechen geblieben,. 
Worte, die sie nicht mehr verstehen und nun zu allerhand "Wortsagen be- 
nutzen — die Centauren und die Gandharwa, Dionysos und Soma: wie die- 
Erzählung von der unnatürlichen Geburt des Bacchus auf den Namen des 
goldnen Berges Meru zurückzuführen ist — eine andere Erklärung durch 
das sogenannte Männerkindbett oder die Couvade — die Mythen von der 
Geburt der Athene aus dem Haupte des Zeus, von der Schaumgeborenen 
Aphrodite, von den Plejaden, vom Telephus, von den Myrmidonen: alles 
Wortsagen — die Demeter und die taciteische Nerthus, wie sich dieselbe 
in eine Hertha verwandelt hat — Apollo und der ApoUyon der Offenbarung 
und Bunyans — alle Religion steckt voll etymologischer Legenden, auch die 
, christliche: Nezer und Nazareth — Biblisches: Astarte und der Gott Dagon,. 
Patron des Ackerbaues, eigentlich ein Fischchen. 

Vor allem jedoch beruht die halbe Mythologie auf einer 
etymologischen Spielerei, nicht viel besser als die mit den 
Namen des Pirithous und der Centauren (Seite 230/1). 
Man erinnere sich an die merkwürdige Entstehung der Pro« 
metheussage, wie wir sie auf Seite 169 angedeutet haben 
— an die indogermanische Wurzel MANTH, schütteln, er- 
schüttern, reiben, aus der das Sanskritwort Pramanthas für 
das Reibholzfeuerzeug, der Name Rhadamanthys , Gerten- 
schwinger, Bezeichnung für den königlichen Richter, der die 
Scharen der Abgeschiedenen lenkt, das lateinische Menta^ 
diminutiv Mentula, das Männliche Glied, vielleicht sogar 
(Seite 225) unser Mann hervorgegangen ist. Erst der Feuer- 
bohrer; dann der Bohrer, durch den die Flamme des Lebens 
entzündet wird, die Rute. Hierauf, nach beiden Seiten hin 



— 444 — 

personifiziert: der Titan des Äschylus, welcher das den 
Menschen vorenthaltene Feuer in einem Ferulastengel birgt 
und auf die Erde bringt (noch heute bedienen sie sich auf 
der Insel Cjrpem des leichtglimmenden Marks der Ferula, 
griechisch Ndq^nq^, anstatt des Zunders und tragen das Feuer 
wie Prometheus von einem Ort zum andern); und welcher, 
nicht nur ein Wohlthäter der Menschen, sondern auch ihr 
Schöpfer und Erzeuger, gleichsam ein bewusster Phallus, 
den Menschen bildet und seinen Körper aus Erde formt 
Endlich, unter Anbildung des Namens an Ttgofirj&i^g, vor- 
sorglich, und an eine andere Wurzel, welche fiav&dveiv zu 
Grunde liegt: ein Vorbedacht, im Gegensatz zu seinem Bruder 
^pimetheus, dem Nachbedacht; die Figur des letzteren wurde 
ge Wissermassen selber nacherdacht. 

Den Schlüssel zu dieser wunderbaren Entwickelung 
enthalten die berühmten Lieder des Rigweda, die Lieder 
des indogermanischen Urvolks, in welchen das Doppelholz 
wiederholt mit den vereinigten Geschlechtsorganen ver- 
glichen wird; die indischen Brahmanen, welche mitunter 
einen ganzen Weda auswendig wissen, brauchen das Dop- 
pelholz noch heute: noch heute wird der Framanthas, ein am* 
untern Ende zugespitzter Holzstab, senkrecht auf ein anderes 
Holzstück in eine leichte Anbohrung desselben gesteckt 
und schnell zwischen den Handflächen oder mittels einer 
mehrmals umgeschlungenen Schnur quirlartig hin und her 
gedreht, bis die sich abreibenden Holzspänehen, beigestreute 
Baumwollfasem oder Markstückchen Feuer fangen. Die- 
selben Brahmanen, die sogenannten Erzähler (Käthdkas) 
pflegen dem versammelten Volke noch immer in den Tem- 
peln das Rämäyana, das grosse Nationalepos, dessen Inhalt 
die Geschichte des Räma bildet, vorzutragen, nicht ohne 
die etymologische Sage; die zur Einkleidung des ganzen Epos 
dient. In dem Gedichte wird ein Paar verherrlicht: Räma 
und Sita; mit Sita erzeugt Räma die Zwillinge: Kusi und 
Lawa: diese zieht der Einsiedler Wälmiki auf, bildet sie zu 
Sängern aus und erzählt ihnen die Thaten ihres Vaters, 



— 445 — 

eben das Rämäyana. Kusi und Lawa singen hierauf ihrer- 
seits das Gedicht bei einem grossen Opfer vor, bei welchem 
sie Räma als seine Söhne anerkennt. Sothane Einkleidung 
beruht auf Zusätzen, die der letzte Herausgeber vom und 
hinten gemacht hat, und kennzeichnet sich auf den ersten 
Blick als eine etymologische Spielerei, denn Kusüawa heissen 
im Sanskrit die Rhapsoden. 

O Solon, Solon, sagte jener ägyptische Priester, Ihr 
Griechen, Ihr seid ewig Kinder, Greise gibt es keine unter 
Euch, weil Ihr nicht so weit zurückdenken könnt wie wir, 
weil Ihr keine alte Überliefenmg und keine graue Weisheit 
habt (^'EkXriveg äel TtaiSig iare, yegwv dk "JEllriv ovk earcv. Niot 
eare, elTCelv, rag ipvxag Ttdvreg* ovde^iav yaq Iv avralg exsre 
di^ aQxaLav ärAoriv jcaXacäv do^av ovds iidd-rif.ia XQOvci) TtoXibv 
oödev. Plato Timäus 22 B). Hätte Plato diese charakteristische 
Apostrophe einem indischen Brahmanen in den Mund ge* 
legt, so wäre sie noch zutrefifender gewesen, weil zwischen^ 
Indien und Griechenland ein uralter Zusammenhang existiert 
und sich die Hindu in der That den Griechen gegenüber 
als Eltern fühlen können. Die Grriechen haben in Griechen- 
land ein neues Leben angefangen, sie gleichen ausgewander- 
ten Söhnen, welche ihr Vaterhaus verlasseh und unter 
einem aridem Himmel, unter neuen Verhältnissen ein 
eigenes Heim gegründet haben — nur dunkle Erinne- 
rungen von ihrer arischen Familie sind ihnen verblieben, 
einzelne Worte der alten Muttersprache, die sie nicht mehr 
verstehen und die sie nun in der veränderten Umgebung^ 
in ihrem neuen Dialekte ausdeuten und zu allerhand Wort- 
sagen und Wortmärchen benutzen, während die älteren 
Brüder, die Inder und die Perser, der Heimat und den 
Anschauungen derselben näher stehen. Nicht als ob die 
Inder nicht ebensogut erst in Indien eingezogen, nicht als. 
ob etwa die Griechen vom Indus ausgegangen wären: aber 
oftmals ist es doch so, als ob sich an den Ufern dieses. 
Stromes in seiner ursprünglichen Reinheit erhalten hätte^ 
was unter dem griechischen Himmel entartete und verdarb. 



— 446 — 

Unter dem griechischen Hunmel? Unter der griechischen 
Deutelei. 

Wie die griechischen Centauren (Seite 231) zu den ross- 
Tcöpfigen Gandharwa, so verhält sich der Gott Dionysos zu 
dem Gotte Soma. Soma ist gleichsam der Wein der alten 
Arier und, personifiziert, einer ihrer höchsten Götter, dessen 
Fest noch heute in Indien mit einem berauschenden Tranke 
gefeiert wird; der Iranische Zweig der Arischen Familie 
kennt das Somaopfer gleichfalls, er scheint es von dem 
Ursitze derselben mitgebracht zu haben, doch gilt der per- 
sische Homa (Haoma) für einen Mondgott. Was aber be- 
sonders überrascht, ist, dass der Zug in der Mythologie des 
Bacchus: seine unnatürliche Geburt, vermöge deren er 
während seines Fötallebens die Wohnung wechselte und 
aus dem Mutterleibe in die Hüfte des Vaters übersiedelte — 
dass dieser Zug beim indischen Soma wiederkehrt Die 
Götter waren freilich niemals ordentlich ausgetragene 
Kinder, sie kamen niemals recht richtig auf die Welt, 
weder Buddha, noch Christus, noch Athene; beim Dionysos 
scheint indessen nichts weiter als eine schimpfliche Wort- 
sage vorzuliegen, die von Indien ausgegangen und dann 
vielleicht wieder von Griechenland nach Indien übertragen 
worden ist. Zu Indien hat der Gott, der so oft als indischer 
Bacchus dargestellt wird, überhaupt ausgesprochene Be- 
ziehungen. Auf seinen Eroberungszügen in Asien sollte 
Dionysos auch eine dreijährige Expedition nach Indien 
unternommen haben imd mit einem Heer von Satyrn, 
Silenen und schwärmenden Mänaden bis an den Ganges 
gekommen sein. Er lehrte die Hindu Wein und andere 
Früchte bauen, gründete Städte, gab Gesetze und brachte 
dem Lande alle Wohlthaten der Zivilisation. Er wurde 
demgemäss von den Einwohnern selbst als ein Gott ver- 
ehrt und als solcher auf den goldenen Berg Meru ver- 
setzt, auf welchem nach altindischem Mythus alle Götter 
wohnten. Der Name dieses indischen Olymp, griechisch 
MrjQÖg oder My]q6v, trifft nun buchstäblich mit dem griechi- 



— 447 — 

sehen f^rjQÖg^ Schenkel oder Hüfte, zusammen, und dieses 
Zusammentreffen gab zu der Sage von der Schenkelgeburt 
des Bzicchus und von dem Abschluss des fötalen Elreis- 
laufs in der Hüfte des Vaters die etymologische Ver- 
anlassung — Montem Meru, sagt Plinius H. N. VI, 23, 
Libero Patri sacrum, inde origo fdbulae, Jörns femine editum. 
Allerdings behauptet man, die Dichtung von dem dreijäh- 
rigen Zug des Dionysos durch Syrien, Ägypten und Indien 
sei verhältnismässig jung, nämlich erst seit den Eroberungs- 
zügen Alexanders des Grossen aufgekommen, mit denen 
sich der Kultus des Dionysos in Asien bis an den Ganges 
und über Ägypten selbst erst verbreitete; der Gott gleich- 
sam nachträglich zu einem mythischen Vorbild des unver- 
gleichlichen Helden nach seinem Muster gestempelt worden. 
Man müsste also annehmen, dass die Sage von der Ent- 
wickelimg des dionysischen Fötus erst von Griechenland 
nach Indien gekommen und vom Dionysos auf den Soma 
übertragen worden sei. Das Indische im Dionysos muss 
jedoch wohl noch eine andere Quelle haben, als die 
Alexander-Sage, von der übrigens die Hindu nicht viel 
wissen. Unerwähnt will ich nicht lassen, dass einzelne 
Forscher in dem Übergange des Dionysos -Kindes von 
dem Mutterleib in die Hüfte des Vaters die Verbildlichung 
eines familienrechtlichen Fortschritts bei den alten Griechen 
sehen: er bedeute das Inkrafttreten des Vaterrechts an 
Stelle des Mutterrechts. In prähistorischen Zeiten erbten 
die Kinder ursprünglich Namen, Besitztitel, Herrscher- 
würden ausschliesslich von der Mutter und niemals das 
Geringste vom Vater, dem sie vielmehr ganz fremd blieben; 
das Vaterrecht ist erst später anerkannt worden. Noch 
heute muss der Vater bei einzelnen Völkern, wenn er 
Vaterrecht haben will, das Kind der Mutter abkaufen oder 
das Eigentumsrecht durch bestimmte Zeremonien erwerben ; 
eine der bekanntesten, bei Indianerstämmen Südamerikas, 
einzelnen Negervölkem und den Basken, sowohl auf der 
spanischen, als auf der französischen Seite der Pyrenäen, 



— 448 — 

noch im Schwange, ist das sogenannte Männerkindhett oder 
die C<mvade, wonach sich der Vater nach der Geburt eines 
Kindes zu Bette zu legen und von der Wöchnerin gepflegt 
zu werden hat; man glaubt, dass der Neugeborene anders 
nicht gedeihe. Eine derartige Zeremonie wäre nun auch 
die Scheinentbindung des Zeus gewesen; Zeus hätte damit 
im Mythus eine Sitte sanctionieren sollen, die in Wirklich- 
keit unter den Griechen eingeführt worden wäre, etwa wie 
die Sage der Iphigenie den Übergang vom Menschen- 
opfer zur Hierodulie, das Opfer Abrahams die Ablösung 
der Menschenopfer durch Tieropfer verherrlicht. 

O Solon, Solon, Ihr Griechen, Ihr seid ewig Kinder. 
Die griechischen Mythen haben auch insofern etwas Kind- 
liches, als sie noch häufiger als die indischen auf eitle 
Deutelei gegründet sind. Die PI e jaden hiessen Tauben 
(UeXeiddeg): daher wurde gefabelt, die sieben Schwestern 
seien, als sie Orion in Böotien verfolgte, gleich der Semi- 
ramis und den christlichen Märtyrern, in Tauben ver- 
wandelt und als solche unter die Sterne versetzt worden. 
Der Name Telephus klang an 'iJÄaqpog, Hirsch, und zu- 
gleich an ^Id^eiVy säugen, an: daher die Sage, der Sohn 
des Herkules sei wie Genovevas Schmerzenreich von einer 
Hirschkuh gesäugt worden. Zeus erweckte dem Äakus 
nach einer verheerenden Pest ein Volk aus Ameisen, die 
sogenannten Myrmidonen: weil dieser Name an MvQfxri^, 
Ameise, erinnert. Das Volk zettelt, wie Goethe sagt, das 
Garn an, damit der philologische Meistermann getrost den 
Einschlag werfen kann. Tacitus schreibt im 40. Kapitel 
der Germania von einer Göttin Nerthtts, der Mutter Erde 
{Terra Mater wie Tellus Mater), welche von den Norddeut- 
schen verehrt werde und auf einer Nordseeinsel einen 
heiligen Hain und einen heiligen Wagen habe, der von 
Kühen gezogen werde, manches Ehrwürdige und Schauer- 
liche erzählt er noch dabei. Beatus Rhenanus, der fromme 
und bescheidene Gelehrte, welcher (Basel 1533, folio) den 
Tacitus herausgab, schrieb, an das althochdeutsche Herdttf 



— 449 — 

Erde, denkend, für Nerthum: Herthum, Daraus machten die 
Gelehrten wieder Hertham, setzten eine Göttin Hertha an 
und lokalisierten sie auf der Insel Rügen. Hertha wurde 
als Erde verstanden, noch heutigentages nennt man preu- 
ssische Kriegsschiffe und kleine deutsche Mädchen Hertha 
und der Herr Pastor vergleicht sie in der Taufrede mit 
der Erde, während doch die taciteische Nerthtis, gotisch 
Nairthus, mit der Erde im besonderen nichts zu thun hat^ 
sondern mit dem altnordischen Wanen Njord {Niördhr), dem 
Vater des Freyr und der Freyja, einem Gotte des Segens, 
der Fruchtbarkeit und des Reichtums, verwandt ist und 
etwa die Triebkraft der Natur bezeichnet (keltisch Nerth^ 
Kraft, Macht, nerthtis, kräftig, mächtig). Deutsche Theogonie. 
Der Sache nach könnte freilich Nerthus mit der Erde iden- 
tisch gewesen sein, da auch die griechische Gäa: die Er- 
zeugerin, die Genetrix bedeutet; etymologisch aber nicht, 
so wenig als die griechische Demeter eine Fi] MiJTrjQ dar- 
stellt, der Name kommt vielmehr von der Wurzel DA, 
geben, und bezeichnet die Geberin, die Tellm, welche per se 
dahat omnia, vergleiche Seite 152. 

Es ist zwar nicht gewiss, dass der Engel des Ver- 
derbens, welcher in der Offenbarung Johannis (ix, n) dem 
Brunnen des Abgrundes als König der höllischen Heu- 
schrecken entsteigt, der Apollyon, welcher in Bunyans 
bekanntem Buche mit Christ streitet. Eine Person mit dem 
alten g^echischen Apollon sei; da jedoch der Name 
l^TtoXXiJv von den Alten selbst mit aTCoklvvai, verderben, 
in Verbindung gebracht worden ist: weil er d^r Verderber 
der Bösen und der Schrecken der Hochmütigen war, hätte 
man den Gott; den Ver derber schlechthin genannt, wie er 
ja den Beinamen Ovliog^ der Verderbliche, wirklich trug 
— da es femer (Seite 223) das allgemeine Schicksal der 
heidnischen Götter war, Typen für die Teufel der Christen 
abzugeben — : so gewinnt diese Vermutung eine gewisse 
Wahrscheinlichkeit; eine Anspielimg war jedenfalls beab- 
sichtigt. Wir brauchen nicht zu bemerken, dass jener Zu- 

Kleinpanl, Etym. 29 



— 450 — 

sammenhang mit oinokXvvoLi nicht existiert; die Bedeutung 
des Namens ^AitolXiav ist unsicher, aber vielleicht lautete 
er ursprünglich wie bei den Dörfern : ^AnÜXiov^ wo er dann 
das Maskulinum zu der römischen Pellonia, der Feinde- 
vertreiberin, darstellen und der Übelvertreibende heissen 
könnte (fiellere, vertreiben), synon3rm mit 'Ake^lxaKog, Idi^iaio^, 
liiTiiaxuiQ, ZoiTriQ und anderen Namen und Beinamen des 
Gottes, welche alle zusammen: Heüand bedeuten, notabene 
mit dem obenerwähnten Ovliog, ebenfalls wahrscheinlich 
soviel wie Heiland, selbst. 

Alle Religion steckt voll etymologischer Legenden, 
ja selbst das Chrfstentum ist tief davon durchdrungen. 
Ohne Etymologie wäre Joseph mit seiner Familie nicht 
(Matthäi n, 23) nach Nazareth gezogen: nur weil der Messias 
von Jesaias (Xi, i) als Nezer, d. h. als Sprössling vom 
Stamme Jesse, aus dem tief herabgekommenen Hause Da- 
vids, bezeichnet worden war, mussten seine Eltern Beth- 
lehem verlassen und sich in dem galiläischen Lande an- 
siedeln. Ohne Etymologie wäre das Bild des Gottes 
Sarapis, das Ptolemäus Lagi aus der kleinasiatischen Stadt 
Sinope nach Alexandrien bringen liess, von den ägyptischen 
Priestern nicht aufgenommen worden: nur weil sie in 
Sarapis den Osorapi, d. h. den Osiris-Apis, den verstorbenen, 
in der Unterwelt fortlebenden Apis, wiederzuerkennen 
glaubten, übertrugen sie auf ihn den Kultus, dessen Gegen- 
stand der heilige Stier seit den ältesten Zeiten in Memphis 
gewesen war. Ohne Etymologie hätte sich Isis, als sie den 
Leichnam des Osiris suchte, nicht bis nach der phönizischen 
Stadt Byblos verirrt: der Sarg war doch offenbar nicht 
durchs Mittelländische Meer bis nach Phönizien geschwom- 
men, sondern im Nil ev ßvßXqt, das heisst im Papyrusschilf 
hängen geblieben, nach welchem eine Stadt in Ägypten 
selber Byblos hiess. Wie die Götter von den Etymologen 
herumgesprengt werden! Mit Anspielung auf ein bekanntes 
Wort könnte man wahrlich sagen: quidquid delirant 
nomina, plectuntur numina. 



i 



— 451 — 

Die Etymologie bringt in das Bild der Gottheit noch 
ungleich wesentlichere Züge. Dagon hiess ein Gott der 
alten Philister, der viel in der Bibel vorkommt — ein Fisch- 
gott und ein männliches Symbol der Fruchtbsirkeit, wie die 
Derketo ein weibliches war. Derselbe Dagon erscheint 
auch in der Babylonischen Mythologie, wo er als einer 
der grossen Wohlthäter des Menschengeschlechtes aus dea 
Fluten des Roten Meeres aufsteigt; von den Phöniziern 
wurde er als Patron des Ackerbaues und als Erfinder des 
Pfluges betrachtet, daher ihn Kenner der phönizischen 
Religion, wie Philo Byblius und Sanchuniathon, mit dem 
Zeig ^QOTQiog verglichen und Philo ihn geradezu HItojv, 
Komgeber, betitelt. Das gründet sich auf die irrige An- 
nahme, dass der Name Dagon mit dem phönizischen Dagan, 
Getreide, zusammenhänge, während er vielmehr ein Diminu- 
tivum von Dag, Fisch, mithin so viel wie Fischchen ist 
Weshalb ist Aphrodite, die Schaumgebome, die 
Anadyomene, aus dem ins Meer geschleuderten Gliede des 
entmannten Uranos entstanden? Nur ihres Namens wegen, 
in dessen erster Hälfte das griechische Wort äq>Q6gy das 
ist eben Schaum, auch so viel wie Ssirdelle, und zwar um 
so bereitwilliger gehört ward, als die Vorstellung der 
Göttin von Haus aus mit der des finchtbaren Fisches zu- 
sammengehangen zu haben scheint. Man kennt die wahre 
Bedeutung des Namens nicht, möglicherweise ist er gar 
nicht griechisch, sondern aus dem Orient entlehnt und 
mit Astarte, hebräisch Äschtoret eins; der Kultus der Aphro- 
dite stammte unzweifelhaft von Osten; er breitete sich in 
sehr früher Zeit von Syrien aus über Cypern, Cythera und 
andere Inseln und weiter über ganz Griechenland aus. 
Weshalb hat Zeus die Pallas Athene aus seinem Haupt, 
das er durch Hephästos oder durch Prometheus mit einem 
Beile spalten Hess,, geboren? — Athene wurde besonders in 
Attika verehrt; ihre eigentliche Heimat aber war das 
Thal des Flusses Triton in Böotien, der in den See Kopais 

mündete, und an welchem zwei alte pelasgische, im Laufe 

29* 



— 452 — 

der Zeit von dem See verschlungene Städte, Athenae und 
Eleusis, lagen; erst vom Triton aus haben die Minyer den 
Kultus der Göttin nach Attika verpflanzt Nach ihm führte 
Athene den alten Beinamen Tritonis oder Tritogeneia; 
sie galt für eine Tochter des Triton (nicht etwa für das 
dritte Kind des Zeus oder die am dritten des Monats geborene). 
Nun gab es aber ein altes böotisches Wort tqitw, ein 
Synonym von xcqpaAiJ, soviel wie Haupt, so dass Tritogeneia 
auch die Hauptgehorene bedeuten konnte, und das scheint 
zu der Sage Veranlassung gegeben zu haben, dass Zeus 
auf eine in so vieler Hinsicht merkwürdige Art von einer 
Tochter entbunden worden und dieselbe ihm in voller 
Rüstung mit einem AldLa! aus dem Kopfe gesprungen sei 
— eine Operation, die msm nun wieder, um alles gut zu 
machen, an die Ufer des Triton verlegen zu sollen glaubte. 



4. Frau Vanderbllt. 

Wortdeuterei und Christentum: Die Veronikalegende , eine etymologische 
Fiktion — gegründet auf den Namen Berenice — so hiess das Blutflüssige 
Weib des Evangeliums, dieser Name ward in Veronika verwandelt und als 
Vera Icon, wahres Bild, erklärt — thatsächliche Vorzüge der Hämorrhoissa: 
sie war Hausbesitzerin in Paneas und hatte hier bereits eine plastische Dar- 
stellung des Wunders ihrer Heilung — der Abdruck des Christusgesichts 
auf ihrem Taschentuche ein Abklatsch des Abdrucks, welchen Christus für 
den König Abgar von Edessa gemacht hatte, die edessenische Abgarsage ist 
bis auf die Einkleidung von den Lateinern nachgebildet worden — an die 
Stelle Abgars trat der kranke Tiberius und an die Stelle Edessas Rom, 
wohin das Veronikabild kam — was man davon sieht — heutzutage nennt das 
Volk das Kräutlein Ehrenpreis Veronika, warum? — eine andere, mit der 
Veronikalegende zusammenhängende etymologische Fiktion: die Pilatussage 
— ' Mons Pilatus und Mons Pileatus, aber der letztere Name liegt nicht vor, 
man muss annehmen, dass sich die Sage von selbst auf den Gipfel des Frac- 
mont gezogen hat — Pilatus im Thale Josaphat, das heisst, im Weltgericht. 

Eine besonders interessante, weitausgesponnene und 
populäre etymologische Fiktion des Christentums ist die 
Legende der heiligen Veronika. 



— 453 — 

Bekanntlich hat man bis auf Herder die Frage nach 
dem Ursprünge der Sprache immer als Kontroverse ge- 
fasst, ob die Sprache menschlichen oder göttlichen Ursprungs, 
eine menschliche Erfindung oder eine göttliche Gabe an die 
Menschheit sei. Da nun die einzelnen Worte der Sprache 
ebenfalls von jeher für lautliche Nachbildungen, sozusagen 
Nachklänge der Dinge erklärt worden sind: so hätten sie 
die Verfechter des göttlichen Ursprungs konsequent alle 
den Einoveg a%eLQ07toLriToi^ das heisst den wunderbar entstan- 
denen , nicht - mit - Menschenhänden - gemachten Christusbil- 
dem; und im besonderen Worte, die etymologisch zu- 
sammenhängen, da sie gleichsam Kopien von demselben 
Original darstellen, den Abdrücken von Christi Angesicht 
vergleichen müssen, welche die fromme Matrone Veronika 
erhielt, als sie zu Jerusalem vor ihrem Hause stehend dem 
unter der Last des Kreuzes erliegenden Erlöser auf dem 
Wege nach Golgatha, an der sechsten Station der Via 
Dolorosa, ihr weisses, dreifach zusammengelegtes Taschen- 
tuch zum Abwischen des Schweisses und Blutes reichte — 
es heisst gewöhnlich Schweisstuch oder Sudarium, aber man 
würde unrecht thun, darin etwas anderes als ein gewöhn- 
liches Taschentuch zu sehen, das nur in südlichen Ländern 
häufig zu einem Schweisstuch wird. Da Christus das Tuch 
gebraucht zu haben scheint, ohne es auseinanderzumachen, 
so drückte sich auch sein Antlitz nicht blos einmal, son- 
dern auf jeder Lage einzeln ab, und es entstanden wenig- 
stens drei authentische Kopien, wenn auch schwerlich so 
viele, dass alle Kirchen Italiens, Frankreichs und Spaniens, 
die sich neben Sanct Peter eines Veronikabildes rühmen 
und eigne päpstliche Bullen darüber empfangen haben, in 
ihrem Recht sein könnten — die unechten Exemplare wür- 
den sich dann wieder gut zu einem Vergleich mit falschen 
Etymologien, scheinbar verwandten Worten eignen. Frei- 
lich ist die Veronikalegende selbst von einer falschen Ety- 
mologie nicht weit: eine Fiktion, auf eine fingierte Ablei- 
tung gegründet, ein seltsames Gemisch von unerwiesenen 



— 454 — 

Voraussetzungen und von willkürlichen Kombinationen, eine 
et3rmologische Dichtung auf ein einziges Wort, einen ein- 
zigen Namen, den alten macedonischen Frauennamen Be- 
renice. 

Derselbe, soviel wie die Siegbringerin und identisch mit 
^eQsvUrj, war namentlich bei den Ptolemäem, sowie in der 
Familie des Herodes Magnus sehr beliebt. Man kennt das 
vielbesungene, unter die Sterne versetzte Haar der Berenice, 
der Gemahlin des Ptolemäus Euergetes, das diese treff- 
liche Frau der Aphrodite Zephyritis opferte; man kennt 
minder die schöne jüdische Fürstentochter Berenice, die 
nicht den Vespasian durch ihr Geld, den Titus durch ihre 
Reize bezauberte, die der letztere zu heiraten wünschte, 
aber die er, da eine solche Verbindung dem römischen 
Volke zuwider war, seinem kaiserlichen Berufe opferte. 
Und noch eine dritte Berenice kennt man, wenn auch viel- 
leicht nicht unter diesem Namen: das Blutflüssige Weib des 
Evangeliums, die sogenannte HämorrJwissa, r^ Aiiio^qoovöaj 
die Jesu Kleid anrührte und gesimd ward (Matthäi ix, 22). 
Sie wird in dem aus dem V. Jahrhundert stammenden Niko- 
demus-Evangelium und von dem byzantinischen Geschicht- 
schreiber Johannes Malalas (VI. Jahrhimdert) übereinstim- 
mend Beronice (BsQOvUrj) genannt, weshalb sie der fran- 
zösische Altertumsforscher Maury mit einem weiblichen 
Aeon der Gnostiker, der IlQovvLY.og, zusammenstellt; doch ist 
Beronice nur eine Nebenform von Berenice {BsQevUrj). BegovUri 
latinisiert ergibt, da sich Beta und Vau entsprechen und zum 
Beispiel der römische Name Verus mit Bf^Qog transscribiert 
wird: Veronica — mit dieser Latinisierung fing eigentlich 
erst die Legende und das schwerentwirrbare Ineinander- 
spinnen und -weben der Sagen an. 

Denn so kam es, dass nun das Blutflüssige Weib seine 
Rolle weiterspielte und Veronika zur Inhaberin des heiligen 
Schweisstuches wurde. Aus Veronica glaubte man nämlich 
schon früher das lateinische Adjektivum verus, wahr, und 
das bekannte griechische Fremdwort icon = elyciüv, Bild, 



— 455 — 

herauszuhören, was beides zu ver-icona zusammengesetzt und 
weiter durch Metathesis in ver-onica verwandelt worden wäre. 
Veronika hiesse demnach ursprünglich: wahres Büd, wie denn 
das Wort bei mittelalterlichen Schriftstellern in der That 
nicht sowohl eine Person, als vielmehr das Christusbild 
schlechthin, die Figura Domini, die Fictura Domini vera, ja 
ganz im allgemeinen ein Porträt überhaupt bedeutet. Das 
Blutflüssige Weib schien also den Christen gleichsam eine 
Frau Forträt, eine Frau Vanderhilt zu sein — der erste Grund, 
ihr den Besitz eines guten Christusbildes zuzuschreiben. 
Diese Vorstellung wurde noch durch den Umstand begün- 
stigt, dass die Hämorrhoissa, wie der Vater der Kirchen- 
geschichte Eusebius selbst erzählt, wirklich bereits eine pla- 
stische Porträtstatue des Erlösers besass. Veronika stammte 
nach damaliger Tradition aus der Stadt Cäsarea Philippi 
oder Paneas im Norden Palästinas, wo sie ein Haus hatte, 
wie sie nachmals in Jerusalem eins bekam. Vor demselben 
war, mit hoher königlicher Bewilligung des Herodes, das 
Wunder ihrer Heilung in einer Bronzegruppe dargestellt: 
auf einem Piedestale stand in würdiger Haltung Christus, 
vor ihm kniete Veronika und streckte die Hände mit der 
Geberde einer Bittenden nach ihm aus. Eusebius will be- 
sagte Gruppe im IV. Jahrhundert mit eigenen Augen ge- 
sehen haben. Man nimmt allerdings an, dass es wohl eher 
ein römischer Kaiser und eine Provinz gewesen und das 
Missverständnis etwa durch eine Widmung wie Iwttjql oder 
EiarriQL tov xoa^ov versmlasst worden sei: aus der ganzen 
Erzählung geht jedoch hervor, das man das Blutflüssige 
Weib schon im IV. Jahrhundert mit Christusbildem und mit 
Porträtfiguren zusammennannte, und der Boden zur Ent* 
Wickelung der Hauptlegende genugsam vorbereitet war. 

Wsirum dieselbe jetzt aber das Blutflüssige Weib auf 
einem so neuen, absonderlichen Wege, durch Vermittel ung 
einer Art von Zeugdruck, in den Besitz eines andern 
Christusbildes gelangen Hess? — O, der Weg war gar nicht 
neu, sondern bereits mit Glück betreten worden; die Vero- 



— 456 — 

nikalegende ist, wie Wilhelm Glimm, der Bruder Jakobs, 
nachgewiesen hat, auf die edessenische Abgarsage gegossen 
und geformt und eine lateinische Konkurrenzerfindung zu 
jener griechischen Geschichte. Schon die Angabe des 
Macarius Magnes (Ende des IV. Jahrhunderts), dass Vero- 
nika oder Berenice eine Prinzessin von Edessa gewesen sei, 
weist auf diese fOr die Kirchengeschichte so wichtige Stadt 
in Mesopotamien als eine Quelle der Veronikalegende hin. 
Das Christentum fand zeitig in Edessa Eingang, ja, es ging 
die Rede, dass bereits Abgar der Schwarze, der ftinfzehnte 
König von Edessa, bis zu dessen Ohren der Ruf von 
Christi Wunderthaten gedrungen war, in schwerer Krank- 
heit den Erlöser brieflich eingeladen habe, die alten Juden 
zu verlassen imd bei ihm zu wohnen; worauf ihn Jesus 
in einem Antwortschreiben um seines Glaubens willen selig 
gepriesen, die Einladung zwar abgelehnt, aber versprochen 
habe, nach seiner Himmelfahrt einen seiner Schüler nach 
Edessa zu senden, der seine Krankheit heilen und ihm und 
den Seinigen das ewige Leben bringen werde. Wirklich 
that das bald darauf Thaddäus, einer der Siebzig Jünger, 
der Apostel und der erste Bischof von Edessa, welcher den 
König Abgar taufte und mit dem Taufwasser die letzte 
Spur der schrecklichen Krankheit aus seinem Angesichte 
wegnahm, nachdem dieselbe bereits beim Empfange von 
Christi Brief und beim Anblick seines Bildes gewichen war. 
Mit der Zeit wurde nämlich die Erzählung mit immer mehr 
neuen und wunderbaren Zügen ausgeschmückt; wenn man 
sich modern ausdrücken wollte, so würde man sagen: 
Christus schickte dem König Abgar zum Ersatz seine 
Photographie mit. Das Schreiben des Königs hatte der 
Läufer Ananias besorgt. Dieser war zugleich Maler und 
wollte Jesum malen, konnte es aber nicht, weil er von dem 
Glänze des göttlichen Angesichtes geblendet ward. Infolge- 
dessen wusch sich Jesus, nahm sein leinenes Hemd (Ifidriov) 
und trocknete sich daran ab, wobei sich das Antlitz ge- 
heimnisvollerweise auf der Leinwand abdrückte: dieses 



— 457 — 

älteste Bildnis Christi brachte dann Ananias mit der Ant- 
wort Christi nach Edessa, wo es Abgarus in eine Nische 
über dem Stadtthor an die Stelle eines griechischen Götter- 
bildes setzte. Unter dem Enkel Abgars, unter welchem 
der Götzendienst wiedereinriss, sollte es entfernt werden; 
da Hess der Bischof eine ewige Lampe davor hängen und 
die Nische mit einem Ziegel verschliessen. Fünf Jsihr- 
hunderte später, als es die von den Persem unter Chosroes 
belagerte Stadt gerettet hatte, A. D. 540, wurde das heilige 
Gemälde wiederentdeckt — die Lampe brannte noch und 
siehe da, durch eine Art von Lichtdruck war das Brustbild 
des Erlösers inzwischen auf den Ziegel übertragen worden. 
Das Original wurde, A. D. 944, unter der Regierung des 
Kaisers Konstantinus Porphyrogenitus nach Konstantinopel 
gebracht, dine Überführung, die von der Griechischen Kürche 
alljährlich am 16. August mit Pomp gefeiert zu werden 
pflegt. Was zur Zeit der Türken daraus wurde, weiss man 
nicht; doch gibt es in Italien unterschiedliche Christusbilder, 
die für Abgarusbilder gegolten haben und zum Teil noch 
gelten — byzantinischer Typus, blühendes Gesicht, hohe 
und offene Stime, klare Augen, lange, gerade Nase, ge- 
scheiteltes Haar, starker, brauner, gespaltener Bart. Aber 
in Italien brauchte man es nicht mehr; man hatte hier 
schon etwas Besseres erfunden. 

Bis auf die Einkleidung war die edessenische Abgar- 
sage von den Lateinern nachgebildet worden. Nach jener 
war es eine Krankheit, eine Komplikation von Gicht und 
Aussatz, die den König von Edessa auf den Gedanken 
brachte, den berühmten Jesus zu berufen: die Lateiner 
setzten an die Stelle des kranken Abgar den kranken 
Tiberius, der ebenfalls auf Christus aufmerksam geworden 
war und den Erlöser nach Rom haben wollte, um ihn hier 
zu konsultieren. Wie Abgarus den Maler Ananias, so sandte 
Tiberius seinen Freund Volusianus nach Jerusalem, damit 
er die Einladung überbrächte; aber bei seiner Ankunft 
fand Volusianus den Wunderdoktor schon gekreuzigt, und 



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wie Ananias musste er sich begnügen, dem Kaiser Christi 
Porträt zu bringen, das sich abermals vollkommen heilkräftig 
erwiess. Was war das für ein Porträt? — Das Tuch, das 
die Hämorrhoissa dem Erlöser auf der Via Dolorosa reichte, 
das heiüge Schweisstuch, auf welchem der Sohn Gottes 
sein Schmerzensangesicht zum z weitenmale abdrückte, die 
Veronika der frommen Veronika, die dieser ihrer etymolo- 
gischen Dublette wie ihrem Schatten zu folgen sich nicht 
entbrechen konnte. Das Abgarusbild kam nach Edessa 
und nach Konstantinopel, das Veronikabild kam nach Rom 
— natürlich hat sich diese Gestalt der Sage erst allmählich 
herausgebildet; sie hat lange unsicher herumgetastet Nach 
den ältesten Quellen war es nicht das heilige Schweisstuch, 
was dem kranken Tiberius gebracht wurde, sondern eine 
Holztafel mit einem Christusbild; und die Überbringerin 
nicht die Hämorrhoissa, sondern Martha, die Schwester 
des Lazarus, die jene Holztafel besass und der sie Volu- 
sianus nehmen wollte. Nach und nach setzt sich der Name 
Veronika für die Frau mit dem Bude fest, die Veronikalegende 
entpuppt sich und lernt gewissermassen laufen. Übertrifit 
sie doch sogar nachgerade die Abgarsage nicht nur was 
einen gewissen mystischen Tiefsinn, sondern auch was Er- 
habenheit und Grossartigkeit angeht — für Edessa ist Rom, 
für den kleinen König Abgar der Kaiser Tiberius und fär 
das Brustbild eines jungen Mannes das heilige Angesicht 
des leidenden, dornengekrönten Erlösers eingetreten. 

Wirklich nach Rom gekommen zu sein scheint das 
Veronikabild, nämlich die Editio Princeps, um das Jahr 700; 
zu Anfang des achten Jahrhunderts führte Papst Johann VIL, 
ein Grieche, in der alten Peterskirche vor dem Oratorium 
der heiligen Jungfrau ein Tabernakel zur Aufbewahnrng" 
des Schweisstuches (Ciborio del Sudario oder del Volto Santo) 
nebst einem Altar {Altäre Vultus Sancti) auf; in der neuen 
Peterskirche erhielt es einen noch hervorragenderen Platz. 
An den vier Pfeilern der grossen Kuppel, welche sich über 
dem Hochaltar erhebt, stehen die kolossalen Bildsäulen der 



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heiligen Veronika, der heiligen Helena, des heiligen Lon- 
ginus und des heiligen Andreas; die erstere ist von Fran* 
cesco MochL Sie beziehen sich auf die vier bedeutendsten 
Reliquien der Kirche nach den Gebeinen des heiligen 
Petrus, die in den vier Loggien oben aufbewcihrt werden 
und unter denen eben das Schweisstuch der heiligen Vero- 
nika obenansteht. Zu ihnen fuhren Treppen im Innern der 
Pfeiler empor. Nur die Domherren der Peterskirche dürfen 
sie besteigen und die Reliquien in der Nähe betrachten.. 
Wer daher Verlangen dazu hat, muss sich zuvor zum 
Titulardomherrn der Kirche ernennen lassen, und wenn's 
der deutsche Kaiser wäre ~r Kaiser Friedrich III., der 
letzte deutsche zu Rom gekrönte König, musste seiner 
Zeit das viereckige Barett aufsetzen und den Ornat eines 
Kanonikus anlegen, um sich das Schweisstuch anzusehen.. 
Dem Volke werden die vier Reliquien an bestimmten 
Tagen, z. B. am- Karfreitag, von der Höhe der Veronika- 
Loggia aus gezeigt; mit besonderer Feierlichkeit geschah 
dies am 8. Dezember 1854, als Rom von Bischöfen wim- 
melte, welche der Verkündigung des Dogmas von der 
Unbefleckten Empfängnis Maria beiwohnen wollten. Man 
sieht da freilich nicht viel, obgleich unzählige Kerzen 
brennen. Das Bild steckt in einem kleinen Gehäuse, wie 
in einem Schilderhäuschen, unter Glas. Auf der Rückseite 
ist es leider, wie so häufig in Italien, mit Metall belegt, sa 
dass höchstens die Umrisse der Figur zu erkennen sind — 
man kann allenfalls das herabwallende Haar und den 
kurzen, gespaltenen Bart unterscheiden, aber sonst sind die 
Züge so schwach markiert oder so vollkommen verwischt^ 
dass die lebendigste Phantasie dazu gehört, um Spuren von 
Augen und Nase oder gar der „Backenstreiche" zu ent- 
decken. Wie eine Silhouette ist die Zeichnung fast ganz 
schwarz ausgefüllt und einem Schattenrisse ähnlich, wobei 
man sich vielleicht erinnert, dass Silhouette wie Veronika. 
ursprünglich ein Menschenname ist. Das Volk beugt seine 
Knie — es schaut andächtig und in heiliger Furcht zu der 



— 460 — 

Veranda empor, die Sankt Peter wie ein Palladium in seiner 
grossen Kirche ausstellt — in ea namque Basüica, sagt Papst 
Nikolaus IV. unterm 13. April des Jahres 1290, sui pretw- 
^simi vultus imagtnem, quam Veronicam fiddium vox communis 
uppellat, in singtUcfris amoris insigne tribuit venerari. 

Heutzutage nennt die gemeine Stimme der Gläubigen 
dcLS Klräutlein Ehrenpreis Veronika, wohl weil die frischen 
Blätter von den Landleuten auf Wunden aufgelegt zu 
werden pflegten, wie das Tuch der Veronika auf das Haupt 
voll Blut und Wunden. Alle Namen der Pflanze deuten 
auf ihre grosse Heilkraft {Heil-allen-Schaden , Heil-aUer-Welt, 
Steh' auf 'Und'Wandlejy der Aussatz fiel ab, wenn man den 
Saft des Ehrenpreises darauf träufelte, die alten Kräuter- 
bücher preisen ihn fOr alle erdenklichen Leiden, den Thee- 
aufguss für Katarrh und Rheumatismus; in Ostpreussen 
dient der ausgepresste Saft zu Frühlingskuren. Aber zu- 
allererst war der Ehrenpreis Wundmittöl, und daher der 
Vergleich. 

Nur noch ein Wort über eine andere etymologische 
Fiktion, die in unmittelbarem Zusammenhange mit der 
Veronikalegende steht. Zugleich mit der Veronika wurde 
Pontius Pilatus nach Rom zitiert, der Landpfleger, der 
eigentlich schuld gewesen war, dass Christus selbst nicht 
hatte kommen können, um den Kaiser Tiberius zu heilen. 
Pilatus stellt sich, und zwar in dem heiligen ungenähten 
Rocke. Der wirkt anfangs auf den Kaiser wie ein Zauber, 
hindert aber nicht, dass Pilatus bald ins Gefängnis wandert, 
in welchem er sich entleibt. Der •Leichnam wird in den 
Tiber geworfen, da aber Überschwemmungen und Unge- 
witter eintreten, fischen ihn die Römer wieder heraus und 
transportieren ihn nach Vienne, wo er in die Rhone ge- 
worfen wird. Dieselbe Kalamität: er wird nach Luzem 
gebracht und hier in einen Bergsee versenkt, nicht ohne 
dass auch der wieder in gewaltigen Aufruhr geraten wäre. 
Es liegt nahe, hier an den düstem See, den sogenannten 
Höllensee auf dem Gipfel des Pilatusberges zu denken, in 



— 461 — 

welchen sich Pilatus auch selbst gestürzt haben soll; des 
Pilatus wegen, den man nicht wecken durfte, wurde 
der Hochsee und der ganze Berg jahrhundertelang aber- 
gläubisch gemieden. Niemand durfte ihn ohne spezielle 
Erlaubnis des Luzemer Magistrats besuchen; die dortigen 
Schäfer wurden eidlich, und zwar jedes Jahr von neuem,, 
verpflichtet, niemals einen Fremden hinzufahren. Es hiess, 
wenn jemand einen Stein in das Wasser werfe, so entstehe 
ein grausames Gewitter und ein furchtbarer Wolkenbruch; 
die ganze Gegend war schon wiederholt dadurch verwüstet 
worden. Aber auch ungereizt ging der Verfluchte in bösen 
Wettern und Stürmen hierselbst um — ein Gespenst, er- 
zählte man, taucht ab und zu, namentlich am Karfreitage 
aus dem Höllenpfuhle auf und wäscht sich die Hände, und 
in demselben Augenblicke sammeln sich schwarze Wolken 
um den Kessel des Sees, hüllen die zahlreichen Gipfel des 
Berges in tiefes Dunkel, und es ist, als ob die Welt unter- 
gehen sollte. Erst ein Luzemer Pfarrer, Johannes Müller,, 
wagte es, diesen Vorurteilen zu trotzen (A. D. 1584). 

Infolgedessen war der Pilatus, dieser wunderlich 
zerklüftete, von tief ausgefressenen Schluchten in zwölf 
Felszacken zerspaltene Bergstock, der, namentlich vom 
Vierwaldstätter See aus gesehen, schon an sich einen un- 
heimlichen, dämonischen Eindruck macht, früher vielleicht 
der bekannteste Berg der Schweiz, wenn man ihn auch 
nicht bestieg. Freilich lässt sich aus der blossen Erschei- 
nung des Gebirges die Benennung desselben nicht erklären, 
man fragt also mit recht: wie mag es gekommen sein,, 
dass die Pilatussage gerade auf diesem so ganz ausserhalb 
der Route liegenden Berge lokalisiert ward? — Denn damals 
reiste man doch noch nicht in die Schweiz. Diese Frage 
zu beantworten, hat man nun vermutet, dass hier abermals 
eine etymologische Sagenbildung vorliegen möge. An den 
zerrissenen kahlen Hörnern des Pilatus, den äussersten Vor- 
posten der Alpenkette, sammelt sich bekanntlich jedes Un- 
wetter, das von Norden oder Westen über die Gegend 



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hereinbricht, in dichten Wolken. Deshalb ist der zerklüftete 
Gipfel, wie bei den höchsten Bergen, selten von Wolken 
oder Nebel frei, nicht einmal an hellen Tagen; ja ein 
Hütchen (Püeus) pflegt sogar dann noch übrig zu bleiben, 
wenn das schönste Wetter eintritt, im Gegenteil, dcis Nebel- 
hütchen zeigt das schöne Wetter an: 

Hat der Pilatus einen Hut, 
So wird das Wetter gut — 

w^ährend in südlichen Ländern ein aufsitzender Nebelhut 
gewöhnlich den Eintritt von Regen anzeigt (Monte Morello 
in Toscana, Monte Jabalcuz in Andalusien). In Deutsch- 
land sind der Inselsberg und die Schneekoppe Wetter- 
propheten: wenn sich Wolken um ihre Scheitel sammeln 
und Nebel wie Rauchsäulen um ihre Seiten ziehen, so gibt 
es sicher Regen. Es wäre also nicht unwahrscheinlich, 
dass der Berg von seinem Hute den Namen Mons Päeatus 
bekommen, wie ja auch in Deutschland verschiedene Berge 
Hutberg heissen; und dass sich aus dem Mons Füeatus ein 
Mons Pilatus mit allem Zubehöre von Legenden entwickelt 
hätte. Vielleicht dass der Name des Landpflegers selbst 
eine Zusammenziehung von Päeatus und soviel wie Frei- 
gelassener ist. 

Indessen der Name Mons Pileatus liegt nicht vor. Von 
seinen vielen Brüchen und Schrunden hat der Berg das 
Mittelalter über Fracmont (Fr actus Mons) geheissen und 
erst gegen Ende des vorigen Jahrhunderts ist der Name 
Pilatm allgemein geworden; nur der See wurde seit 
Menschengedenken Püatussee genannt. Man muss zugeben, 
dass sich die Sage allenfalls auch von selbst, ohne der 
Krücken der Sprache zu bedürfen, auf den Gipfel des 
Fracmont ziehen konnte, wie sie nach Rom, wo man das 
Haus, und nach Vienne, wo man das Grab des Pilatus 
zeigt, gewandert i