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Full text of "Das Schriftwesen im Mittelalter"

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I ,« 



DAS SCHRIFTWESEN 



IM 



MITTELALTER 



VON 



W. WATTENBACH. 



I* 



ZWEITE VERMEHRTE AUFLAGE. 



LEIPZIG 

VERLAG VON S. HIRZEL. 

1875. 



V' 



ySS ^ 



Dh8 Uecht der Ueberrietzung iHt vorbehalten. 



MEINEM H0CHVP:REHRTEN FREUNDE 



HERRN D"- G. D. TEUTSCH 

SUPERINTENDENTEN 

DER EVANOBLi. LAMDE8KIBCI1E A. B. IN RIEBENBÜBGEN 



SEINES VOLKES STOLZ UND ZIERDE. 



N 



»--,... 



V - 



v'^' 'roKiM."^ 



In Ihrem gastlichen Hause in Hermannstadt ist es mir ver- 
gönnt gewesen, die zweite Auflage meiner Anleitung zur Lateini- 
schen Palaeographie zum Abschluss zu bringen. Sie haben mir in 
den alten Bauernburgen die Urkunden der Sächsischen Dörfer 
gezeigt, in den Pfarrhöfen die mühsam geschriebenen Manuscripte, 
welche schon im fünfzehnten Jahrhundert die Scholaren Ihres 
Volkes von den Universitäten der alten Heimath als Frucht Ihres 
Fleifses mitgebracht haben. In der Schaefsburger Pfarrkirche be- 
trachteten wir die Holztafeln der Bergschule, im Bruckenthalischen 
Museum das prächtige Gebetbuch, dessen glänzende Verzierung 



zwar niederländischen Ursprunges ist, aber darum nicht minder 
zeugt von dem niemals unterbrochenen Zusammenhang der Co- 
lonie mit dem Mutterlande. Frühzeitig schon durch verwandte 
Forschungen zusammengeführt, begegnen wir uns jetzt auch in 
demselben befreundeten Verlage. Ihre Geschichte der Sieben- 
bürger Sachsen versäumt es nicht, auch auf dem Gebiete des 
Schriftwesens den Spuren vergangener Zeiten nachzuforschen: 
so möge denn auch dieses Werk mit Freundesgrufs zu Ihnen 
eilen. Kann es doch einer freundlichen Aufnahme bei Ihnen 
sicher sein. 



VORREDE. 



Im Jahre 1871 zuerst erschienen, hat dieses Buch eine 
über Erwarten günstige Aufnahme gefunden, so dass schon jetzt 
eine neue Auflage nöthig geworden ist. In dieser erscTieint es 
nun bedeutend erweitert und vielfach berichtigt. Wohlwollende 
Besprechungen von Jos. Klein, R. Pauli, Th. Sickel haben 
mich auf Mängel der ersten Bearbeitung aufmerksam gemacht; 
L. Rockinger, Albin Czerny, Ed. Jacobs haben denselben Gegen- 
stand in der Beschränkung auf ein örtlich begrenztes Gebiet 
mit grofser Ausführlichkeit behandelt und dadurch den zur 
Benutzung vorliegenden Stoff in erfreulichster Weise bereichert. 
Viele und wichtige Beiträge verdanke ich aufserdem den HeiTen 
W. Arndt, E. Dümmler, M. Hertz, Albr. Kirchhoflf, Karl Kopp-- 
mann, W. Meyer, Dr. Nolte, 0. Stobbe, A. Tobler, L. Weiland. 
Auch jetzt freilich darf ich nicht verschweigen, dafs bei weitem 
nicht alle Werke, welche eine Ausbeute für den vorliegenden 
Zweck verheifsen, systematisch durchgearbeitet sind: namentlich 
wären noch viele Bibliothekscataloge durchzunehmen. Doch 
ist an der Häufung der Belege wenig gelegen, und aus dem 
Vorrathe, welcher mir auqji schon jetzt wieder zur Hand ist, 
führe ich nur einige ausgewählte Nachträge an. 

Von den Schriftproben griechischer Handschriften des Dr. 
A. V. Velsen habe ich leider während des Druckes erfahren, dass 



IV Vorrede. 

sie auf dem S. 33 angegebenen Wege nicht mehr zu beziehen 
sind; es ist aber Aussicht vorhanden, dafs eine grofsere Samm- 
lung demnächst zur Veröffentlichung kommen werde. 

Die neue Ausgabe der Gedichte des Balderich von Bour- 
geuil von L. Delisle ist auf S. 301 nachgetragen. Ebenso ist 
erst S. 307 der erste Band des Catalogue des Bibliothequcs 
publiques des Departements angeführt; in diesem werden S. 483 
aus der Handschrift n. 7 von Albi saec. XI Versus de doete 
scribere angeführt mit dem Anfang: Quisquis es aut fueris, qiii 
docte scribere queris, Hac dace scriptura digitos inflectere cura, 

Recepte für die Behandlung von Gold und Farben finden 
sich noch viel in dem daselbst S. 739 — 811 abgedruckten 
Über diversarum artium, auch in dem sog. Heraclius (S. 307), 
aus dessen jüngerem Theil III c. 53 ein Recept für Dinte 
(atramentum, non solum ad usum picturae, sed etiam ad quo- 
tidianas scripturas) bemerkenswerth ist, weil es nur Russ und 
Malerleim als Bestandtheile nennt. 

Für den Gebrauch der Schiefertafeln konnte ich S. 79 
kein Beispiel aus dem Mittelalter anfühlten. Seitdem fand ich 
in der Windesheimer Chronik S. 524 u. 532 die petrae erwähnt, 
welche daraus auch schon Du Gange hat, mit der im Glossar 
gegebenen Erklärung als Schiefertafeln, niederländisch lej/. 

Berlin, 13. November 1875. 

W. Watteiibacli. 



I 



Inhalt: 



Einleitung. 

Seite 

1. Die Anfänge der Diplomatik 1 

2. Dom Jean Mabillon und die Congregation de St. Maur .... 11 

3. Der Nouveau Traite. Deutsche Diplomatiker 17 

4. Die neue Zeit. Scheidung der Paläographie von der Diplomatik 23 

5. Griechische Paläographie 31 

Das Schriftwesen des Mittelalters. 

I. 
Schreibstoffe. 

1. Stein und Metall 37 

2. Wachstafeln 44 

3. Thon und Holz ' . 75 

4. Papyrus 80 

5. Leder 91 

G. Pergament • • ^3 

Farbiges Pergament 107 

7. Papier 114 

IL 

Formen der Bücher und Urkunden. 

1. Rollen 123 

2. Bücher 144 

3. Urkunden 154 

III. 

Die Schreibgoräthe und ihre Anwendung. 

1. Die Zubereitung des Stoffes 170 

2. Liniierung 178 

3. Schreibwerkzeuge 182 

4. Dinte 193 



VIII Inhalt. 

5. Kothe Farbe 203 

6. Goldschrift 209 

7. Das Schreiben 217 

8. Palimpseste 247 

. IV. 

Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

1. Kritische Behandlung 264 

2. Malerei 288 

3. Einband 324 

4. Fälschungen 341 

V. 

Die Schreiber. 

1. Benennungen im Alterthum und Mittelalter 350 

2. Mönche als Schreiber . . . .- 359 

3. Die Kanzleibeamten 385 

4. Lohnschreiber 395 

5. Schreiblehrer 413 

6. Unterschriften der Schreiber 416 

VI. 

Buchhandel. 

1. Die -Griechen und Römer 448 

2. Büchererwerb durch Abschrift 452 

3. Bücherkauf im Mittelalter 457 

4. Anfänge des Buchhandels 465 

VII. 
Bibliotheken und Archive. 

1. Kirchenbibliotheken 481 

2. Sammlungen einzelner Personen 500 

3. Oeffentliche Bibliotheken 507 

4. Einrichtung der Bibliotheken 520 

5. Die Archive 532 

SchlufSwort 546 

Register . . . • 548 



EINLEITUNG. 

Die Anfänge der Diplomati k. 

Das Schriftwesen des Mittelalters, die Geschichte der Schrift 
selbst und was sich sonst noch daran knüpft, ist bis auf die 
neueste Zeit nur nebensächlich behandelt worden, als Theil 
und Hülfswissenschaft der Urkundenlehre oder Diplomatik, 
und an diese haben wir uns daher zunächst zu halten, um 
über die betreffende Litteratur einen Ueberblick zu gewinnen. 

Lange hat es gedauert, bis man es überhaupt für nöthig 
hielt, den Veränderungen der Schrift eine besondere Aufmerk- 
samkeit zuzuwenden. Als man zuerst anfing Handschriften 
abdrucken zu lassen, war eine Schrift üblich, welche zu den 
schwierigsten des Mittelalters gehört. Wohl gab es deutliche, 
auch für uns leicht lesbare Manuscripte, aber wer irgend mit 
dem Schriftwesen damals sich befafste, kam fortwährend in 
die Lage, flüchtig geschriebene, von Abkürzungen überfüllte 
Schriften lesen zu müssen. Er war darin geübt, es war das 
sein Ausgangspunkt. Die Abbreviaturen galten so sehr als 
geläufig für jeden, der überhaupt las, dafs sie ganz unbedenk- 
lich auch in die Druckwerke aufgenommen wurden. Aeltere 
.Handschriften waren sehr viel leichter zu lesen, die Ausnahmen 
zu selten, um besondere Aufmerksamkeit zu erregen. Es be- 
durfte auch keiner besonderen Abschrift für den Setzer, wie 
denn z. B. die Werke der Hrotsuit unmittelbar nach der noch 
jetzt erhaltenen Handschrift gesetzt sind. 

Mit der Veränderung der gebräuchlichen Schrift und dem 
Uebergang zu reinem Buchstabendinick änderte sich freilich 

Wattenbach, Seliriflwesen. 2. Aufl. 1 



2 Einleitung. 

die Sachlage, und fehlerhafte Abdrücke lassen die wachsende 
Schwierigkeit des Lesens, den Mangel an Uebung erkenuen; 
allein an eine wissenschaftliche Behandlung der Geschichte der 
Schrift, oder auch nur an eine Anleitung zum Lesen der alten 
Schriften scheint doch noch niemand gedacht zu haben. Es 
war noch eine Kunst, welche mehr handwerksmäfsig überliefert 
und erlernt wurde. 

Den ersten Anstofs zu ernstlicher Behandlung der Paläo- 
graphie gab die erwachende Kritik. Nicht die philologische. 
Man mufste freilich bei der Herausgabe alter Autoren zwischen 
verschiedenen Handschriften unterscheiden, allein das Alter 
gab doch keinen Mafsstab für den Werth. Man rühmte wohl 
Codices reverendae vetustatis, aber auf genauere Altersbestim- 
mung kam in der That wenig an. Von minutiösen Unter- 
suchungen über die Filiation der Handschriften, von einer 
Eintheilung derselben in Gruppen und Familien ist bis auf 
die neuesten Zeiten keine Rede gewesen. 

Anders dagegen verhielt es sich mit den Urkunden. 
Hier stiefs man auf Schriften, welche nicht leicht zu lesen 
waren, und hier sah man sich auch bald genöthigt, Fragen 
über Echtheit und Unechtheit zu erörtern. 

Urkunden sind in bestimmter, gesetzmäfsig geregelter 
Form ausgestellte Schriftstücke von rechtlicher Wirkung. So 
lange es dergleichen Documente gegeben hat, so lange ist auch 
die Versuchung vorhanden gewesen sie zu fälschen, und man 
hat dagegen sich sichern müssen. Das geschah durch Register, 
welche von öflfentlichen Behörden geführt wurden, und auch 
Privat-Urkunden können durch Eintragung in öffentliche Bücher 
gesichert werden. Bei Griechen und Römern ist in dieser Be- 
ziehung eine vollständig geregelte Geschäftsführung vorhanden 
gewesen; wir besitzen aber leider die Register nicht mehr, 
und sind deshalb z. B. in Betreff der Psephismen, welche bei 
den attischen Rednern vorkommen, allein auf innere Kritik 
angewiesen. 

Im Mittelalter ist die Geschäftsführung vielfach mangelhaft 
gewesen, und in den häufigen Kriegen sind die vorhandenen 
Register oft, und zwar schon sehr frühzeitig verloren gegangen. 



Die Anfänge der Dlplomatik. 3 

Von päbstlichen Registern freilich hat man Bruchstücke 
schon aus sehr früher Zeit, und vom Beginn des 13. Jahr- 
hunderts an sind sie fast vollständig erhalten, aber diese Er- 
scheinung ist einzig in ihrer Art. Von weltlichen Höfen läfst 
sich vor dem 12. oder 13. Jahrhundert kaum etwas der Art 
nachweisen, wenn auch eine Geschäftsführung ohne solche 
Hülfsmittel nur sehr mangelhaft sein kann. J. F. Böhmer 
legte grofses Gewicht auf eine Urkunde Friedrichs I vom Mai 
1182 (4345 Stumpf), in welcher er von einem Privileg seines 
Vorgängers Heinrichs IV sagt: ciiius rescriptum hahuimus et 
etiam in registro imperii continebatur. Allein diese Urkunde 
ist nicht nur unecht, sondern sie bezieht sich auch meiner 
Ansicht nach gar nicht auf ein solches Register, d. h. auf ein 
Buch, in welches alle vom Hofe ausgegangenen Urkunden ein- 
getragen waren. Es handelt sich um die Einkünfte und Ver- 
pflichtungen der Reichsburg (damus imperii) zu Nymwegen, 
und über diese war natürlich ein registrum vorhanden. Uebrigens 
aber ist bei den zahllosen Bestätigungen älterer Kaiserurkunden 
von Registern nie die Rede. Schon die Merowinger, welche 
doch viel vom alten Geschäftswesen beibehielten, scheinen keine 
Register gehabt zu haben, wenigstens nicht in der späteren 
Zeit der zunehmenden Auflösung des Reiches. Gregor von 
Tours erzählt (X, 19), dafs im Jahre 590 der Bischof Egidius 
von Reims dem König Childebert eine angeblich von ihm her- 
rührende Schenkung vorlegte; um diese zu pinifen, wird der 
Erzkanzler berufen, welcher sie ausgefertigt und unterschrie- 
ben haben sollte. Dieser erklärte sein Recognitionszeichen für 
unecht. 

Eben so wenig findet sich bei den Karolingern eine Spur 
von Registern. Selbst Karl der Grosse scheint sich auf die 
Hinterlegung von Duplicaten der ausgegebenen Urkunden be- 
schränkt zu haben. Ein solches hatte auch Heinrich VI von 
einem Privileg, welches er selbst früher den Genuesern verliehen 
hatte; als sie es ihm vorlegen wollten, antwortete er: Ego con- 
simile habeo, et bene novi quid in eo continetur (MG. SS. XVIII, 
112, 21). Im 13. Jahrhundert werden aber die Register in 
jeder ordentlichen Kanzlei üblich, und manche davon sind noch 



4 Einleitung. 

erhalten; auf der Rückseite der Urkunden pflegt ein grofses 
R oder R** (Registrata) von der Eintragung Zeugnifs zu geben. 

Die verschiedenen Formen des Wortes zeigt uns eine 
Unterschrift des Registers Gregors I im Cod. Colon. 95 saec. 
XII. f. 160: Explicit Registrum vel Regestum sive Register 
sancti Gregorii papae urbis Romae Ind, VIL feUeiter, Es 
wird jedoch auch für Original -Acten gebraucht, wie in einer 
Glatzer Urkunde von 1429, wo den Minoriten Abschrift eines 
Zeugenverhörs gegeben wird, ne casu fartuito rcgestrum seu 
acta originalia deperdantur, et eopia probationis eis defieiat,^) 
Kaiser Ludwig der Baier erwähnt am 5. A'ug. 1330 (1212 
Böhmer) sein Register, welches auch noch theilweise erhalten 
ist; er hatte befohlen, diese Urkunde ihrer besonderen Wichtig- 
keit wegen zu registrieren. Mag es nun sein, dafs man bei 
gewöhnlichen Bestätigungen diese Vorsicht überflüssig fand: 
als Karl dem Vierten 1375 von den Cölnern ein Privileg vor- 
gelegt wurde, welches er ihnen 1363 ertheilt hatte, liefs er 
nicht etwa in seinem Register nachsehen, sondern unterwarf 
die Urkunde einer Kritik, welche ihre Unechtheit erweisen 
sollte. Trotz dieser Verwerfung durch den eigenen Urheber 
ist nach Lacomblet's Ansicht 2) die Urkunde echt, und die vom 
Kaiser bemängelten Abweichungen von der Gewohnheit seiner 
Kanzlei erklären sich dadurch, dass eine ältere Urkunde Lud- 
wigs wörtlich wiederholt war. 

Den Gebrauch der Register zeigt uns dagegen eine Ur- 
kunde des Herzogs Johann von Troppau mid Ratibor. Er 
hatte quoddam notabile registrutn, in quo omnes litter e con- 
tractuum vendieionum hereditatum eensuum annuorum in ducatu 
suo de ipsius consensu celebrato^um exarate et regestrate de 
verbo ad verbum fuerunt. Dieses Register wurde 1450 benutzt, 
um diß Fälschung eines angeblichen Consenses von 1414 nach- 
zuweisen, wie die merkwürdige Verhandlung im Cod. Dipl. 
Siles. VI, 70—73 lehrt. 



*) Scriptores Rerum Siles. VI, 87. Andere Stellen über den Ge- 
brauch des Wortes bei Du Gange s. y. Regestum. 

^) Urkundenbuch f. d. Geschichte des Niederrheins III, 675. 



Die Aofange der Diplomatik. 5 

In dieser Zeit ist überhaupt regelmäfsige Buchführung die 
Regel, und Fälschungen daher schwierig; kaum jemand aber 
war im Stande Urkunden aus älteren Jahrhunderten zu prüfen. 
Ist doch z. B. die Bulle des Pabstes Zacharias für Monte Cassino, 
eine ganz plumpe Fälschung, von den Päbsten Honorius III, 
Gregor IX und Urban V als echt bestätigt und transsumiert 
worden, wie Pertz im Archiv V, 319 nachgewiesen hat. Von 
kaiserlichen Bestätigungen unechter Urkunden ihrer eignen 
Vorgänger führe ich die Bestätigung der falschen österreichi- 
schen Freiheitsbriefe durch Friedrich IV an, und wenn hier 
böse Al)8icht veimuthet werden kann, so fehlt es daneben nicht 
an zahlreichen Confirmationen anderer Art, welche von jedem 
solchen Verdachte frei sind. So ist das unechte Privileg Wil- 
helms von Holland für die Stadt Bremen vom König Wenzel 
bestätigt worden.^) Im J. 1298 sandte der Erzbischof von 
Mainz einen Notar nach Brauweiler, um die unechten Privi- 
legien des Stifts zu untersuchen; dieser beglaubigte sie als 
echt, und sie wurden vom König Albrecht bestätigt.*) Den 
imechten Lehenbrief K. Sigismunds für Heinrich von Plauen 
bestätigten Friedrich IV und Maximilian.*) Notariats - Trans- 
sumte falscher Urkunden sind so überaus häufig, dafs der darin 
regelmäfsig enthaltenen Versicherung der unverdächtigen Er- 
scheiimng des Originales geradezu aller Werth abgesprochen 
werden mufs.*) 

Bei dieser ganz allgemeinen Kritiklosigkeit ist es nicht zu 
verwundern, dafs die Masse unechter Urkunden ungemein grofs, 
und kaum ein Archiv ganz frei davon ist. 

In Italien sollte nach römischem Recht, wenn die Echtheit 
von Urkunden angefochten wurde, Vergleichung der Handschrift 
eintreten;^) nach langobardischem entschied der Eid, an dessen 



*) Bremer Urkundenbuch I S. 295 vgl. 597—605. 

*) Pabst in Pertz* Archiv XII, 138. 

3) Ad. Cohn über die Fälschungen Heinrichs des Jungen von Plauen, 
Forschungen IX, 586. 

*) vgl. darüber Sickel, Urkundenlehre der Karolinger, S. 21—26. 

*) neque ipsam brevem ad manum collationis perducere, sicut prae- 
cipü lex Botnana. Placitum von 999, 1205 Stumpf. Dazu stimmi die 



ß Einleitung. 

Stelle Otto I den Zweikampf setzte. Von anderen Beweis- 
mitteln ist keine Rede, und jenes hörte auf anwendbar zu sein, 
als eigenhändige Unterschriften abkam.en. 

Wenn nun auch freilich von entdeckten Fälschungen und 
Bestrafung der Fälscher hin und wieder die Rede ist, so scheint 
doch niemand grolsen Anstofs daran genommen zu haben. 
Wenigstens sind von den ansehnlichsten Körperschaften, unter 
Vortritt der römischen Kirche, falsche Urkunden ausgegangen. 
Viele davon sind verhältnifsmäfsig harmlos; sie entspringen aus 
Eitelkeit, um die Vorzeit fabelhaft zu verherrlichen, wie die 
lächerlichen Fabricate des Petrus Diaconus in Monte Cassino. 
Andere sollen verlorene echte Urkunden ersetzen, oder für 
vorhandene Berechtigung den mangelnden Beweis liefern; doch 
fehlt es auch nicht an Beispielen, wo besseres Recht auf solche 
Weise erstrebt, fremdes Gut in Anspruch genommen und, wenn 
es gut geht, erworben wird. Die Archive der Cistercienser in 
Leubus und Trebnitz enthalten schöne Beispiele davon. Ueber- 
haupt sind die Kirchen und Klöster die Brutstätten der falschen 
Urkunden; doch haben auch die Stadtgemeinden es nicht ver- 
schmäht, sich dieses Mittels in ihren Kämpfen um erweiterte 
Rechte zu bedienen. 

Die weltlichen Fürsten verliefsen sich in der Regel mehr 
auf ihr gutes Schwert, doch ist von Rudolf IV von Oesterreich 
eine der wichtigsten und folgenreichsten Fälschungen aus- 
gegangen. 

Zu den berühmtesten Fälschungen gehört die Constan- 
tinische Schenkung. Sie ist, wie Döllinger in den Pabst- 
fabeln des Mittelalters S. 61 — 106 ausführlich nachgewiesen 
hat, im 8. Jahrhundert entstanden, ein scheinbares Original 
aber wurde erst zur Zeit Otto's III in Rom angefertigt. Sie 
war zu ungeheuerlich, um rechten Glauben zu finden, so lange 
noch einige geschichtliche Kenntnifs vorhanden war, d. h. bis 
ins 12. Jahrhundert, und der nach einer Zeit des dumpfen 



westgothische Interpretation zum Cod. Theodos. L. 27, 1: de cautionibus 
mortuorum hoc praecipimus observari . . . ut manus mortui conferatttr 
et agnosci possit ülius esse subscriptio. Die Kenntnifs der Stelle ver- 
danke ich Th. Mommseii. 



Die Anfänge der Diplomatik. 7 

Autoritätsglaubens beginnende Zweifel griff sie sofort wieder 
an, so Mathias von Janow im 14. Jahrhundert. Unter den 
Humanisten hat Laurentius Valla ihre Unochtheit gründlich 
erwiesen. Die paläographische Kritik fand jedoch, da kein 
Original vorgelegt wurde, hier keine Anwendung. Noch weit 
folgenreicher war die Fälschung der pseudo-isidorischen 
Decretalen. Im 9. Jahrhundert von westfränkischen Geist- 
lichen geschmiedet, wui'don sie vom Pabst Nicolaus I begierig 
angenommen, und er berief sich auf Originale im vaticanischen 
Archiv, welche nicht vorhanden waren. Einige Einreden sind 
von westfränkischen Bischöfen erhoben, welche um die Ent- 
stehung des sauberen Machwerks wufsten; dann aber verstummt 
jeder Zweifel bis an das Ende des Mittelalters. 

Mit dem Humanismus erwachte die historische Kritik, 
und wandte sich allmählich mit wachsendem Eifer gegen die 
kirchliche Tradition. Eine Fülle falscher Legenden und über- 
haupt von Erdichtungen aller Art hatte sich zu einem Riesen- 
baum von buntester Ueppigkeit entfaltet, und nach den ersten 
zögernden Schi'itten nahm die Kritik einen immer kühneren 
Aufschwung. Man verwarf fabelhafte Legenden, untergeschobene 
Schriftsteller, Urkunden, welche lange als unantastbar gegolten 
hatten. 

Wie es nun bei solcher Sachlage zu gehen pflegt, schofs 
man über das Ziel hinaus; im 17. Jahrhundert griff Launoi 
schonungslos Legenden an, wie die Fabel von der Ueberkunft 
des Lazarus mit Magdalena und Martha nach der Provence, 
wo der Glaube des Volks mit diesen als vollkommen sicher 
angenommenen Geschichten eng verknüpft war, und viele andere, 
so dafs er als le denickeur de Saints bezeichnet wurde; er 
kritisierte auch alte Urkunden, imd stellte dabei die allgemeine 
Behauptung auf, dafs alle oder doch fast alle ältesten Privi- 
legien der Kirchen und Klöster untergeschoben wären. Noch 
weiter ging etwas später der gelehrte, aber zur äufsersten 
Paradoxie geneigte Jesuit Hardouin, der durch seine Ausgabe 
der Naturgeschichte des Plinius sich einen Namen gemacht 
hatte, indem er sogar die meisten antiken Schriftsteller für 
Fabrikate der Mönche des 13. Jahrhunderts erklärte, was in 



8 Einleitung. 

der That ein gar zu grofses Compliment für die Fähigkeiten 
und die Gelehrsamkeit dieser Ehrenmänner wai*. . 

Auf anderem Gebiet bewegten sich die sogenannten diplo- 
matischen Kriege, welche in Deutschland seit dem Beginn 
des 17. Jahrhunderts mit grofser Heftigkeit geführt wurden, 
d. h. Streitigkeiten über die wichtigsten Interessen, für deren 
Entscheidung alles auf die Echtheit oder Unechtheit alter Ur- 
kunden ankam. So stritt das Kloster S. Maximin mit Churtrier 
um seine Unabhängigkeit, die Stadt Bremen mit dem Erzbis- 
thum, Magdeburg vertheidigte sein Stapelrecht, das Kloster 
Lindau nahm die Hoheit über die Stadt Lindau in Anspruch. 
Besonders dieser letzte Streit ist von bedeutender Wichtigkeit, 
weil sich an der Frage über die Echtheit eines angeblichen 
karolingischen Diplomes bedeutexide Gelehrte betheiligten, und 
namentlich Hermann Conring hier zuerst eine solche Auf- 
gabe in streng wissenschaftlicher Weise behandeln lehrte.^) 

Vorzüglich dadurch brachten diese Streitschrifteji grofsen 
Nutzen, dafs sie mehr Material zugänglich machten. In Ge- 
schichtswerken waren mit begreiflicher Vorliebe recht alte und 
merkwürdige Urkunden aufgenommen, aber gerade diese waren 
meistens Erdichtungen. Man hatte durchaus keine Möglichkeit 
einer erfolgreichen Prüfung, denn woher sollte man die Regeln 
nehmen, wo nicht etwa gerade bekannte geschichtliche That- 
sachen gröblich verletzt waren? Selbst ein bedeutendes Archiv 
bot für die karolingische Zeit nur ungenügendes Material. Die 
Archive aber hielten nach altem Herkommen ihre Schätze mög- 
lichst geheim. Das ging nun nicht mehr, wenn man seine 
Ansprüche urkundlich beweisen wollte, und zur Prüfung der 
vorgelegten Urkunden wurden wieder möglichst viele andere 
beigebracht. Doch blieb noch immer die Masse sehr gering 
und enthielt eine bunte Mischung von echten und falschen 
Urkunden. 

Dieselbe schwierige Frage trat von anderer Seite den 
Bollandisten nahe. Jene schonungslose Kritik, welche alle 



*) s. Schönemanns Dipl. I, 55—62. Sickel 30—33. G. Meyer von 
Knonau, Das Bellum dipl. Lindaviense, Hist. Zeitschr. XXVI, 75—130. 



Die Anfänge der Diplomatik. 9 

Heiligengescliichten einfach als Mönchsfabel ii verwarf, rief eine 
Gegenwirkung hervor, welche mit dem innerhalb der katho- 
lischen Kirche eintretenden religiösen und wissenschaftlichen 
Aufschwung in genauem Zusammenhang steht. Wie Baron ius 
in seinen Annalen der römischen Kirche den Magdeburger 
Centuriatoren mit Prcisgebung unhaltbarer Erdichtungen ein 
urkmidlich begründetes Werk entgegenstellte, so empfemden 
auch die Jesuiten die Nothwendigkeit, von den Legenden der 
Heiligen die ganz unhaltbaren fallen zu lassen, um für die 
authentischen Glauben zu finden. In dieser Absicht begann 
Johann Bolland in Antwerpen das grofse Unternehmen der 
Ada Sandorum, wovon 1643 der erste Band erschienen ist 
Nach seinem Tode übernahmen seine Ordensbrüder Daniel 
Papebroch und Gotfried Henschen die Fortsetzung und 
verfuhren dabei mit so scharfer Kritik, dafs bald Klagen da- 
rüber laut wurden. Ihre eigenen Freunde jammerten, dafs 
Antiquitäten angezweifelt und verworfen wurden, de qiiibus 
nollent dubitari Mit äufserster Heftigkeit erhob sich gegen 
sie der Orden der Karmeliter, da sie das Märchen von der 
Stiftung dieses Ordens durch den Propheten Elias widerlogt 
hatten. Dieser Streit hat sich lange hingezogen, und es gelang 
dem mächtigen Orden 1695 von der spanischen Inquisition ein 
Verbot zu erwirken. Zuletzt gebot der Pabst Stillschweigen. 

Inzwischen aber hatte Papebroch endlich das Bedürfnifs 
empfunden, für die Kritik der Urkunden feste Regeln zu ge- 
winnen, imd um seinen Untersuchungen eine sichere Grundlage 
zu geben, eröffnete er 1675 den zweiten Band des April mit 
der ersten dogmatischen Arbeit über diesen Gegenstand, unter 
dem Titel: Propylaemn Äntiquarium circa veri ac falsi dis- 
crimen in vdustis memh'anis. Siegreich weist hierin Papebroch 
die Unechtheit einer angeblich Dagobertischen Urkunde von 
646 für das Kloster Oeren bei Trier nach, er widerlegt die 
Fabeln der Karmeliter, verwirft falsche päbstliche Bullen. Hier 
zeigt er seine Gelehrsamkeit und seinen Scharfsinn in glänzen- 
der Weise, allein durch seinen kritischen Eifer liefs er sich 
viel zu weit führen. Die vielen Fälschungen, welche ihm vor- 
gekommen waren, machten ihn mit Recht sehr mifstrauisch 



JO Einleitung. 

gegen die Klosterprivilegien, welche aus einer sehr frühen Zeit 
herstammen sollten; aber es war zu viel, dafs er sie sammt 
und sonders verwarf und speciell die merowingischen Urkunden 
des Klosters Saint -Denis für unecht erklärte. Unter den 600 
Urkunden, welche 1625 Doublet in seiner Geschichte der Abtei 
mitgetheilt hatte, waren allerdings unechte, und das hatte 
Papebroch zu seiner Behauptung verleitet. Es ist anzuerkennen, 
dafs er zuerst die Kennzeichen echter Urkunden festzustellen 
versuchte, und namentlich den Monogrammen eine sorgfältige 
Untersuchung widmete; allein nicht nur ist seine Behandlung 
der ebenso schwierigen wie umfassenden Aufgabe sehi' unge- 
nügend, sondern er verfiel auch in groJse Täuschungen, welche 
seinem Werke fast allen Werth nahmen. Der Grund davon lag 
in dem ganz ungenügenden Material, mit welchem er arbeitete. 
Von Originalen kannte er nur ein Privileg Heinrichs IV von 
1087 (2886 Stumpf), und das war unecht. Von anderen hatte 
er Proben in Facsimile, aber auch darunter waren unechte. 
Die Kennzeichen merowingischer Urkunden entnahm er dem 
ältesten Privileg des Klosters S. Maximin von Dagobert bei 
Zyllesius, das er aus dessen Facsimile kannte und für un- 
zweifelhaft echt hielt; aber diese Urkunde ist nicht allein 
unecht, sondern hat mit den echten merowingischen Urkunden 
gar keine Aehnlichkeit. 

So war denn dieser erste Versuch sehr unglücklich aus- 
gefallen. Er erschien aber, obgleich das wohl sicher nicht Pa- 
pebroch's Absicht war, als ein ehrenrühriger und gefährlicher 
Angriff auf die Benedictiner in Frankreich, welche allein 
merowingische Urkunden besafsen. Die Benedictiner hatten 
ohnehin gerade damals sich gegen Angriffe auf ihre Vorrechte 
zu vertheidigen, sie hatten vorzüglich auch viele Anfechtungen 
von den Jesuiten zu erdulden, deren Begehrlichkeit ihrem 
Besitzstand häufig zu nahe trat, und es ist dalior begreiflich, 
dafs man hier zuerst zu kräftiger Gegenwehr sich aufraffte. 



Dom Jean Mabillon und diB Congrägation de St. Maur. 11 



§2. 

Dom Jean Mabillon und die Congr6gation 

de St. Maur. 

Der Orden der Beuedictiner war in Frankreich in tiefen 
Verfall gerathen und schien seinem Untergang entgegen zu 
gehen. Am Ende des 16. Jahi-hunderts beauftragte Clemens VIII 
den Cardinal von Lothringen mit der Reform desselben in 
Lothringen, allein der Cardinal erkläiie ihn für miverbesserlich 
und gab den Rath ihn ganz aufzuheben. Die Klöster waren 
theils durch die Abbes Commendataires, welche nur die Ein- 
künfte bezogen, theils durch die Calvinisten verwüstet, und 
lagen grofsentheils in Ruinen. Der Pabst aber ging auf jenen 
Rath nicht ein, und jetzt zeigte es sich, dass jener refonna- 
torische Geist, welcher einst im 10. Jahrhund ort unter ähn- 
lichen Verhältnissen durch Johann von Gorze so grofse Erfolge 
gewirkt hatte, in den lothringischen Benedictinem noch nicht 
ausgestorben war. Was der Cardinal für unmöglich erkläii; 
hatte, gelang einem einfachen Mönche des Klosters St. Vannes 
in Verdun, Dom Didier de la Cour (Desiderius de Curia), 
der in Pont-ä-Mousson seine Studien gemacht imd sich dort 
mit Pierre Fourrier, dem Reformator der Chorherren, und 
Gervais Lairuel, dem Reformator der Prämonstratenser, in 
warmer Freundschaft zu gleichen Bestrebungen verbunden hatte. 
Durch seine aufserordentliche Hingebung an die Idee, die ihn 
ganz erfüllte, durch seinen imermüdlichen Eifer, seine that- 
kräftige Begeisterung überwand er endlich alle Schwierig- 
keiten und brachte eine wahrhafte Reform der Hauptklöster in 
Lothringen zu Stande. Durch eine Bulle vom 7. April 1604 
vereinigte Clemens VIII die beiden Klöster St. Vannes und 
Moyen-Moutier zu der Congregatio SS. Hidulfi et Vitoni, welche 
sich nun rasch weiter ausbreitete. 

Dieser neue Aufschwung wirkte bald auch auf Frankreich 
ein, wo Dom Benard die neue Disciplin in die verwilderten 
Cluniacenserklöster einführte. Auf dem ersten Generalcapitel 



1 2 Einleitung. 

1618 wurde beschlossen, dafs die französischen Klöster eine 
eigene Congregation bilden sollten, welche den Namen des h. 
Maurus annahm, S. Benedicts Lieblingsjünger, welcher als der 
Begründer des Ordens in Frankreich galt. Am 17. Mai 1621 
bestätigte Gregor XV die neue Congregation de St. Maur^ 
welche nun, von Richelieu beschützt und mit Privilegien reich 
ausgestattet, bald eine grofse Ausdehnung gewann. 

Früher waren alle Klöster ganz vereinzelt gewesen, jetzt 
aber traten sie unter einander in lebendige Gemeinschaft; das 
Generalcapitel versammelte sich alle drei Jahre, und wählte 
oder bestätigte den Superior generalis; ebenso setzte es auch 
anstatt der Aebte auf Lebenszeit den einzelnen Klöstern ihre 
Vorsteher. Alle Kräfte des ganzen Ordens standen dem General- 
capitel zu freier Verfügung, und so lange die ganze Congrega- 
tion gesund blieb, konnte auch die Ausartung eines einzelnen 
Klosters nur vorübergehend eintreten.^) 

Schon Dom Benard ermahnte sehr eindringlich zu ge- 
lehrten, nicht ausschliefslich theologischen Studien. Wie die 
alten Benedictiner, so sollten auch die Mauriner durch Gelehr- 
samkeit und hervorragende Geistesbildung ihre Geltung be- 
haupten. Auf dem Generalcapitel 1630, wo die Wahl eines 
Superior Generalis für drei Jahre zuerst beschlossen wurde, 
fiel die Wahl auf Dom Gregoire Ta risse, welcher 18 Jahre 
lang an der Spitze der Congregation blieb und mit grofsem 
Ernst die Thätigkeit der Mitglieder auf gelehrte Studien leitete. 
Er schon fafste den Plan, die Annalen des Ordens ausarbeiten 
zu lassen, mid liefs die Biographieen der alten Benedictiner 



*) Es fehlt leider noch an einer Geschichte dieser Congregation. 
Die Hauptwerke sind: Bibliotheca Benedictina Mauriana seu de ortu, 
vitis et scriptis Patrum Benedictinorum e celeberrima Congregatione 
S. Mauri in Francia libri duo auctore Bernardo Pez, Aug. Vindel. et 
Graecii 1716, 8. Dom Tassin, Histoire de la Congrögation de Saint-'Maur, 
Brux. 1770, 4. Ganz ungenügend, doch mit Benutzung von handschrift- 
lichem Material gearbeitet ist: Histoire de Dom Mabillon et de la Con- 
gregation de St. Maur, par M. fimile Chavin de Malan, Paris 1843, 8. 
Eingehender Untersuchung und Darstellung bedarf namentlich noch die 
in ihrer Art lehrreiche Geschichte der zunehmenden inneren Auflösung, 
des wachsenden Verfalls im 18. Jahrhundert. 



Dom Jean Mabillon und die Congr^gation de St. Maur. 1 

sammeln; auch die Herausgabe der patristischen Werke ist 
schon von ihm vorbereitet worden. In vielen Klöstern wurden 
auf seinen Antrieb Specialgeschichten verfafst, welche später 
für die Gallia Christiana imd die Aimalen des Ordens ver- 
werthet wurden. Sehr folgenreich war die neue Einrichtung 
der Bibliothek in dem Pariser Kloster Saint-Germain-des- 
Pres, verbunden mit einer Art Akademie, in welcher die aus- 
gezeichnetsten Köpfe aus allen Klöstern des Ordens vereinigt 
und mit den nöthigen Hülfsmitteln in reichster Fülle versehen 
wurden. Durch diese Concentration der Kräfte wurden die 
imgeheueni Werke möglich, welche noch jetzt jeden mit Er- 
staunen erfüllen, der sie in den Bibliotheken erblickt, die bis 
jetzt unübertroffenen Ausgaben der Kirchenväter, die Geschichte 
ihres Ordens und seiner Heiligen, der Klöster, der Provinzen 
luid Bisthümer, die Sammlung der Historicns des Gaules, die 
Histoire Litteraire de la France, und so viele andere Werke 
von gründlichster Gelehrsamkeit und bleibendem Werth. 

Dom Luc d'Achery war 1609 in St. Quentin geboren, 
und wurde mit 23 Jahren in Vendome Mauriner, schon 1635 
aber Bibliothekar in St. Germai n-des-Pres, wo er am 29. April 
1685 gestorben ist. Er war kränklich und brachte 45 Jahre 
in der Infirmerie zu, aber seine gelehrte Thätigkeit wurde 
dadurch nicht gehindert. Regelmäfsig versammelte sich bei 
ihm die gelehrte Welt von ganz Paris, und mit den ausgezeich- 
netsten Männern seiner Zeit war er in unausgesetztem brief- 
lichen Verkehr. Die von allen Seiten gesammelten Materialien 
zur Geschichte des Ordens wurden ihm übergeben, um sie zu 
verarbeiten, und da die übergrofse Masse seine Kräfte über- 
stieg, wui'de zu seiner Unterstützung bei dieser Arbeit, zunächst 
bei der Herausgabe des Spicilegium, 1664 Dom Jean Mabillon 
nach St. Germain berufen, von St. Denis, wo er seit einem 
Jahre sich befand und den Fremden die Kostbarkeiten zu 
zeigen hatte. ^) 



*) s. über Mabillon aufser den oben angeführten Werken auch die 
sehr werthvolle: Correspondance in^dite de Mabillon et de Montfaucon 
avec ritalie, contenant un grand nombre de faits sur Thistoire religieuse 
et litteraire du 17. siöcle, suivie des lettres in^dites du P. Quesnel etc., 



14 Einleitung. 

Sehr bald trat Mabillon's ungewöhnliche Tüchtigkeit zu 
gelehrten Arbeiten so unverkennbar hervor, dafs ihm die weitere 
Verarbeitung der Sammlungen für die Geschichte des Ordens 
übertragen wurde; 1667 verkündigte ein Circular den Plan des 
neuen Unternehmens der Acta Sanctorum Ordinis S. Benedicti, 
und 1668 erschien bereits der erste Band. Sein kritisches 
Genie zeigte sich hier im hellsten Licht, aber nicht allen gefiel 
diese Kritik. Er wurde von einigen seiner Ordensbrüder ver- 
klagt, rechtfertigte sich aber siegreich vor dem Generalcapitel. 
Nachdem er sich so im eigenen Orden Anerkennung verschafft 
hatte, trat er hinfort als Vorkämpfer desselben nach aufsen auf, 
denn es fehlte den Maurinern nicht an mancherlei Anfechtungen. 

Schon lange waren sie in einen heftigen Streit mit den 
Augustinern verwickelt über den Verfasser des Buches de imi- 
tatione Christi, welchen jeder Orden für sich in Anspruch nahm; 
den Benedictinem warfen ihre Gegner Verfälschung ihrer Hand- 
schriften vor, und es kam 1671 zu einer feierhchen Unter- 
suchung vor dem Erzbischof von Paris, wo die Nichtigkeit 
jener Beschuldigung anerkannt wurde. 

Den Jesuiten aber mifsfiel die theologische Richtung des 
Ordens, der sich mehr und mehr von der herrschenden scho- 
lastischen Methode entfernte und zu den älteren Kirchenvätern 
zurückkehrte. Die von ihnen vorbereitete Ausgabe des Augustin 
war den Jesuiten ein Greuel, und nachdem 1679 der erste 
Band erschienen war, erhoben sie auch hier den Vorwurf der 
Interpolation mid Verfälschmig der Handschriften. 

Es war nöthig auf diese Verhältnisse einzugehen um zu 
zeigen, wie sehr damals durch verschiedene Verwickelungen die 
lebhafteste Aufmerksamkeit auf die alten Handschriften und 
Urkunden gelenkt wurde und wie grofs unter den Benedictinern 
die Aufregung sein mufste, als durch Papebroch's Abhand- 
lung die Verdächtigung ihrer alten Urkunden mit gröfserem 
Nachdruck als je zuvor, wiederholt wurde. 



par M. Valery. 3 vols. Paris 1847. Mabillon's Biographie von Rena 
Massuet vor dem 5. Bande der Annalen ist bei Pez wieder abgedruckt. 
Von Ruinart erschien 1709: Abr^g^ de la vie de Dom Jean Mabillon, 
lat. mit Zusätzen von Dom Claude de Vic, Padua 1714. 



Dotn Jean Mabillon und die Congrägation de St. Maur. 15 

Antworten aber konnte man auf diesen Angriff nirgends 
mit solchen Hiilfsmitteln wie in Saint-Germain-des-Pres, wo 
ihnen alle Handschriften und Urkunden der alten grofsen 
Klöster zur Verfügung standeu, und sie fast allein besafsen 
Documente von hohem Alter, namentlich merowingische Ur- 
kunden, sie ganz allein. 

Mabillon übernahm die Beantwortung. Um noch mehr 
alte Originale kennen zu lernen, machte er 1680 eine Reise 
dui'ch Lothringen; im folgenden Jahre 1681 erschien sein 
grofses Werk De Re Diplomatica, noch jetzt das Hauptwerk 
dieser neuen Disciplin, für merowingische Urkunden unüber- 
troffen, classisch für alle Zeiten. 

Durch dieses Werk wurde auch der Name Diplomatik 
zuerst in die Wissenschaft eingeführt. Noch war damals die 
Kenntnifs alter Urkunden oder Diplome von grofser Wichtig- 
keit für Staatsmänner, und namentlich in Frankreich hatte 
dieser Gegenstand eben damals durch Ludwig's XIV Reunions- 
kammern die höchst praktische Bedeutung erlangt. Auch 
neuere Staatsverträge fielen unter diesen Begriff, und man 
brauchte deshalb noch nicht zu unterscheiden zwischen Diplo- 
maten und Diplomatikern, wie jetzt üblich geworden ist. 

■ Das Erscheinen der Diplomatik von Mabillon machte so- 
gleich den gröfsten Eindruck; es war etwas vollkommen Tieues, 
und gleich in so vollendeter Form, dafs es allgemein die gröfste 
Bewunderung erregte. Daniel Papebroch, ein grofser Gelehrter 
und sehr wahrheitsliebender Mann, schrieb nach dem Empfang 
des Buches an Mabillon einen sehr schönen Brief, worin er 
sich für gänzlich widerlegt erklärte und die gröfste Freude 
über das nun vorliegende classische Werk aussprach. Nur das, 
schrieb er, mifsfalle ihm an seiner eigenen Arbeit nicht; quod 
tarn praeclaro operi et omnibus numeris absohdo oecasionem 
dederü, Mabillon antwortete ihm mit einem nicht minder 
schönen Briefe.^) 

Von anderer Seite dagegen kamen boshafte Angriffe, na- 
mentlich 1703 von dem Jesuiten Germon, der alle die alten 



*) Brief und Antwort sind u. a. in Schönemanns Dipl. 1, 69 gedruckt. 



16 Einleitung. 

Urkunden des Frankienreiches für betrügerische Fabricate und 
die gewonnenen Regeln für Hirngespinste erklärte; aber sie 
blieben ohne bedeutende Wirkung, wenn auch die Germonisten 
noch lange fortfuhren von alten Urkunden geringschätzig zu 
reden, und oberflächliche Schöngeister ihnen zustimmten. 
Mabillon antwortete nicht auf die Angrifife, sondern wi4erlegte 
nur in dem 1704 erschienenen Supplementum einige Einwürfe, 
indem er zugleich sein Werk mit einer Anzahl vortrefflicher 
Facsimile's bereicherte. Am 27. December 1707 starb Mabillon 
in seinem 76. Lebensjahr. Schon lange hatte ihm Dom Thierry 
Ruinart bei seinen Arbeiten zur Seite gestanden; er schrieb 
1706 gegen Germoii, und es entstand eine lebhafte litterarische 
Fehde, welche die allgemeine Aufmerksamkeit in noch höherem 
Grade auf diese Gegenstände lenkte. 1708 erschien auch 
Montfaucon's Palaeographia Graeca, welche wiederum grofses 
Aufsehen in der gelehrten Welt erregte, und den Ruhm der 
Benedictiner erhöhte. Dom Ruinaii vollendete nach Mabillon's 
Tod die zweite Ausgabe der Diplomatik, und antwortete in der 
Vorrede auf einige Behauptungen des Engländers H ick es in 
dessen 1705 erschienenem Linguarum veterum septentrionalium 
Thesaurus grammatico-criticus et archaelogicus. Die von Hickes 
nicht ohne Grund angefochtenen allgemeinen Regeln, welche 
Mabillon aufgestellt hatte, wurden hier etwas modificiert. 
Leider starb aber Ruinart schon in demselben Jahr 1709, in 
welchem die zweite Ausgabe der Diplomatik erschien, der das 
Supplementum unverändert beigebunden wurde. 

Ein Nachdruck des ganzen Werkes, nebst Zusätzen und 
einer Abhandlung von Muratori, wurde 1789 in Neapel von 
Adimari besorgt, in folio, wie die früheren Ausgaben. 

Die grofse Bedeutung von Mabillon's Werk besteht vor- 
züglich darin, dafs er zuerst an die Stelle willkürlicher und 
unsicherer Aussprüche und Vermuthungen feste imd sicher 
begründete Regeln stellte, gestützt auf ein Material von aufser- 
ordentlicher Reichhaltigkeit. Wie die Veranlassung zu dem 
ganzen Unternehmen durch die Angriffe auf die Echtheit mero- 
vingischer Urkunden gegeben war und es gerade für diese 
besonders darauf ankam, Papebroch's falsche und irreleitende 



l)er Nouveau Traitö. Deutsche Diplomatiker. 17 

Regeln zu beseitigen, so treten auch hier natui'gemäfs die 
merowingischen Urkunden in den Vordergrund, und dieser 
Gegenstand ist fast völlig erschöpfend behandelt. Bücherhand- 
schriften sind nur subsidiarisch herangezogen, und wenn auch 
für die Geschichte der Schrift die Grundlinien ebenfalls schon 
hier festgestellt sind, so blieb hier doch für den weiteren 
Ausbau noch sehr viel zu thun übrig. Der praktische Zweck 
der Diplomatik bestand eben in der Anleitung zur Prüfung 
und richtigen Benutzung der Urkunden, und dieser Gesichts- 
punkt blieb noch lange mafsgebend. 

§.3. 

Der Nouveau Traite. Deutsche 

Diplomatiker. 

Der Eifer für eine Wissenschaft, welche einen besonderen 
Ehrentitel der Mauriner bildete, lebendig erhalten durch die 
oft heftigen und spitzigen Streitschriften, liefs die Arbeit in 
dieser Richtung nicht ruhen; der einmal gegebene Anstofs 
wirkte fort. Unablässig sammelte man in Saint-Germain-des- 
Pres neues Material, dessen Verarbeitmig mit dem ursprüng- 
lichen Werk Dom Toustain und Dom Tassin übernahmen. 
Als Frucht ihres Fleifses erschien von 1750 — 1765 der Nouveau 
Traite de Diplomatique in 6 Quartanten, mit 100 Kupfertafeln; 
in deutscher Bearbeitung von Adelung mid Rudolf 1759 — 1769 
in 9 Quartanten unter dem Titel: Neues Lehrgebäude der 
Diplomatik. Hier ist die Paläographie viel ausführlicher be- 
handelt, die von Mabillon kaum berührte Diplomatik der Päbste 
ist hinzugekommen, und das Material überhaupt viel reicher; 
als reichste Fundgrube von thatsächlicher Wahrnehmung, welche 
auf ausgedehntester gelehrter Forschung und genauester Be- 
obachtung beruht, ist der Nouveau Traite auch jetzt noch von 
hohem Werth. Das Hauptaugenmerk blieb aber auch in diesem 
Werk, ja es tritt hier viel mehr hervor als bei Mabillon, Mittel 
an die Hand zu geben, um angegriffene Urkunden zu verthei- 
digen. Zu diesem Zweck haben •die Verfasser einen grofsen 
und verwickelten Schematismus von äufseren und inneren Kenn- 

Wattenbach, Scliriftwesen. 2. Aufl. 2 



18 Einleitung. 

zeichen ersonnen, der doch nie ausreicht, bei dem man aber 
nur zu leicht das Ganze aus den Augen verliert. Während 
Mabillon ausgezeichnete, noch jetzt werthvoUe Facsimile's von 
möglichst grofser Ausdehnung gegeben hatte, finden wir im 
Nouveau Traite lauter kleine Stücke und vorzüglich Alphabete. 
Alle Schriften werden in Divisions und Suhdivisions getheilt; 
es soll ein System aufgestellt werden, in welchem jede Schrift 
sofort ihre fertige Rubrik findet. Allein die Mannigfaltigkeit 
der Schriftgattungen und Abarten ist viel zu grofs, als dafs 
jenes Ziel sich erreichen liefse, imd darüber ging auf der an- 
dern Seite alle Klarheit und Uebersichtliclikeit verloren. Man 
war mit dieser Methode von Mabillon's schönem Vorbild zum 
Schaden der Sache abgewichen; die Einwirkung dieses Werkes 
aber war nicht minder grofs als die der ursprünglichen Diplo- 
matik. 

Mabillon's Werk hatte nicht allein in Frankreich Epoche 
gemacht und zu weiteren Studien auf diesem Gebiete angeregt, 
sondern auch in England, in Italien, in Spanien wurden 
Werke hervorgerufen, welche zum Theil später zu erwähnen 
sein werden. Vorzüglich anregend aber wirkte die Diplomatik 
in Deutschland, wo man sich schon so lange über die Echt- 
heit und Unechtheit von Urkunden stritt, ohne doch feste Regeln 
zur Entscheidung solcher Fragen zu besitzen. Was man jedoch 
hier vermifste, war eine Diplomatik der deutschen Kaiser, 
da Mabillon von den Karolingern auf die Capetinger überge- 
gangen war. Man hatte daher an seinem Werke wohl ein Vor- 
bild, konnte es aber nur in seltenen Fällen direct benutzen. 
Diesen Mangel empfand namentlich Gotfried Bessel, der 
gelehrte Abt von Goetweih, als er die Geschichte seines 
Klosters schreiben wollte; nirgends fand er den festen Boden 
bereitet, auf welchem allein eine Specialgeschichte mit Erfolg 
aufgeführt werden kann, und er beschlofs deshalb, auch diese 
Vorarbeiten in sein sehr grofs angelegtes Werk aufzunehmen. 
Daher beginnt der erste Theil des Chronicon Gotwicense (1732) 
mit einer Diplomatik der deutschen Kaiser, der sich eine Geo- 
graphie der alten Gaue anschliesst; mehr ist von diesem Werke 
nicht erschienen. So verdienstlich nun auch jener Versuch ist, 



Der Nouveau Traitö. Deutsche Diplomatiker. 19 

und so viel Ehre er seinem Urheber macht, so sieht man dem 
Werke doch gleich an, dafs in Goetweih die Hülfsmittel von 
Saint -Germain -des -Pres fehlten. Bessel kannte zu wenig Ur- 
kunden, und seine Schriftproben sind mit den französischen 
gar nicht zu vergleichen. 

Auch hierin zeigte sich der Nachtheil, welcher den deut- 
schen Benedictinem daraus erwuchs, dafs sie nicht, wie die fran- 
zösischen, ihre Kräfte zusanunenfassen konnten. Wohl hat das 
Vorbild der Congi-egation de St. Maur ähnliche Bestrebungen 
in Deutschland heiTorgerufen, die Gebrüder Pez in Melk ver- 
folgten namentlich dieses Ziel mit grofsem Eifer; allein weim 
es auch nicht ganz an Früchten dieser Bemühungen fehlte, so 
scheiterten doch alle Versuche, eine so centralisierte Verfassung 
des Ordens zu Stande zu bringen, an der Zerstückelung Deutsch- 
lands und der gegenseitigen Eifersucht der Regierungen. 

Da der Abt Bessel erst mit Konrad I begonnen hatte, 
schrieb der Professor Heumann in Altorf ein Buch De re 
diplomatica regum et imperatorum Germanorum (1745, 1753) 
von Karl dem Grofsen an, kam aber nur bis zu Ludwig dem 
Jüngeren. Er kannte gar keine Originaldiplome, aber schätzbar 
und auf den richtigen Weg leitend war die von ihm einge- 
schlagene Methode, die irgendwo bekannt gewordenen Urkmiden 
eines jeden Königs zusammenzustellen, und daran eine sorg- 
fältige Untersuchung über die speciellen Eigenthümlichkeiten 
und Kennzeichen derselben zu knüpfen. 

Man begann nun auch an den Universitäten Diplomatik 
vorzutragen und Compendien dafür zu schreiben. Jeder Jurist, 
besonders wer irgend mit staatsrechtlichen Verhandlungen sich 
befassen wollte, mufste diese Vorlesungen hören. Sie waren 
ganz auf Kritik und Benutzung der Urkunden gerichtet, und 
aufeer der Paläographie zog man nach Heumaim's Vorgang eine 
Menge sprachlicher und rechthistorischer Materien hinein, 
welche nur in dem praktischen Zwecke ihre Einheit fanden. 
So waren diese Vorlesungen zugleich ein Surrogat der noch 
nicht vorhandenen deutschen Rechtsgeschichte. 

Vorzüglich traten auch auf diesem Felde die Früchte her- 
vor, welche der Genius eines Leibniz ans Licht rief. Nie- 

2* 



20 Einleitung. 

mand verstand in so erfolgreicher Weise den Urkundenvorrath 
der Vorzeit für geschichtliche und staatsrechtliche Forschungen 
auszubeuten; aus seinen reichen Sammlungen gingen (1750 bis 
1780) die Origines Guelficae mit ihren vortrefflichen Schrift- 
tafeln hervor, welche man noch jetzt zu paläographischen 
Uebungen mit Nutzen verwenden kann. Der von ihm gegebene 
mächtige Anstofs ist sichtbar in den historisch -diplomatischen 
Studien, welche an der neu gestifteten Göttinger Universität, 
den Bibliotheken zu Hannover und Wolfenbüttel, dem Braun- 
schweigisch - Lüneburgischen Archive eifrig betrieben wurden. 
Leibnizens Gehülfe, Chr. H. Eckhard, der eine Introductio 
in rem diplomaticam praecipiie Germanicam (1742) geschrieben, 
mehr aber durch die von ihm begonnene Bearbeitung der 
Origines Guelficae und seine übrigen Werke praktisch diese 
Studien gefördert hat, wurde bei seiner Forschungsreise nach 
Urkunden zur Aufhellung der Geschichte des Weifenhauses be- 
gleitet imd unterstützt von D. E. Baring, der eine Zeit lang 
Bibliothekar in Hannover gewesen ist. Dieser vereinigte in 
seiner Clavis diplomatica (1737 und 1754) eine Anzahl der 
bedeutendsten Schriften über Diplomatik mit Alphabeten, Ab- 
kürzungen, Notariatszeichen,, welche aus Urkunden entnommen 
sind. Diese sehr mühsame Arbeit würde wohl noch jetzt in 
gröfserem Ansehen stehen, wenn sie nicht weit überboten wäre 
von dem churfdrstlichen Archivar J. L. Walt her in seinem 
Lexicon diplomaticum, welches vollständig, und zwar in meister- 
hafter Weise, in Kupfer gestochen ist. Vollkommen fertig 
hinterlassen, erschien es 1751 in folio mit einer Vorrede von 
J. H. Jung. Die früher verheifsene Vorrede des Prof. Koeler 
war nicht zu Stande gekommen, und die angebliche Ausgabe 
von 1747 existirt nicht, nur das schon gestochene Titelblatt 
mit Koeler's Namen. Ein neuer Abdruck ist 1756 in Ulm ver- 
anstaltet. Die bedeutenden Kosten dieses Unternehmens gab 
der berühmte J. G. v. Meyern, der Director des k. und kurf. 
Archivs zu Hannover, der Herausgeber der Acta pacis West- 
phalicae publica, ein Diplomat von altem Schlage und vollen- 
deter Urkundenkenner. Er hat sich durch diese Liberalität 
ein aufserordentliches Verdienst erworben, denn Walther's Werk 



Der Nouveau Traite. Deutsche Diplomatiker. 21 

ist durchaus classisch und einzig in seiner Art. Es ist auch 
jetzt noch unentbehrlich, und nicht leicht wird man darin ver- 
geblich nach Auskunft über eine Abkürzung suchen. Nicht 
minder vorzüglich sind auch die vorangeschickten 28 Tafeln 
mit Schriftproben, und wer durch diese sich durchgearbeitet 
hat, wird für die meisten Vorkommnisse hinreichend gerüstet 
sein, für diejenigen Aufgaben nämlich, welche praktisch am 
häufigsten vorkommen; für die ältesten Schriftgattungen frei- 
lich und die sogenannten Nationalschriften läfst uns Walther 
im Stich. 

Aufserordentlich gefeiert und berühmt als Diplomatiker 
war seiner Zeit Johann Christoph Gatterer, von 1759 bis 
1799 Professor in Göttingen; doch entsprechen seine Schriften 
nicht dem Rufe, welchen er als Lehrer und Urkundenkenner 
besafs. Er war ein vorzüglicher Bewunderer des Nouveau 
Traite, und hat diesen in Deutschland eingeführt und bekannt 
gemacht. Ganz erfüllt war er von dem Bestreben, die Classi- 
fication der Naturreiche durch Linne auf das Gebiet der Ur- 
kunden zu übertragen, und nicht nur die Schriftgattungen, 
sondern auch alle sonstigen Eigenschaften und ZufäUigkeiten 
der Urkunden in Systeme zu bringen. So wurde von ihm der 
Irrweg, auf welchen die Benedictiner sich verirrt hatten, noch 
weiter verfolgt. Von seinen Elementa artis diplomaticae imi- 
versalis (1765) erschien aber nur der erste Band, und erst 1798 
folgte der Abrifs der Diplomatik, 1799 die praktische Diplo- 
matik mit Kupfertafeln und Beschreibungen der darauf abge- 
bildeten Urkunden, welche wohl noch mit Nutzen gebraucht 
werden können. 

In weit höherem Grade zu empfehlen sind aber die Werke 
seines Nachfolgers Schoenemann, vorzüglich sein Versuch 
eines vollständigen Syst&nis der Diplomatik, Hamburg 1801, 
1802 (neue Titelausgabe Leipzig 1818), zwei Bände mit einem 
Heft Kupfertafeln, die sehr gut sind. Sie enthalten Proben 
von echten und falschen Urkunden, welche im Text sehr ein- 
gehend besprochen und erläutert werden. Von der System- 
sucht seiner Vorgänger sagt sich Schoenemann ausdrücklich 
los, und kehrt zu gesünderen und einfacheren Grundsätzen 



22 Einleitung. 

zurücL Namentlich ist hier auch die anfänglich vernachlässigte 
Zeit des späteren Mittelalters berücksichtigt. Vorausgeschickt 
ist eine sehr fleifsig und sorgfältig gearbeitete ausführliche 
Geschichte und Litteratur der Diplomatik. 

Zur Einführung in diese Studien ist neben Mabillon's Werk 
ganz vorzüglich eine sorgfältige Beschäftigung mit diesem Buche 
dringend anzurathen. Es ist zwar auch unvollendet geblieben, 
aber der für unsere Zeit praktisch wichtigere Theil der Schreib- 
kunde ist vollständig vorhanden. 

Auch der herzogl. Braunschweigischr Lüneburgische Archi- 
var Justus von Schmidt genannt Phiseldeck gab 1804 eiue 
Anleitung für Anfänger in der deutschen Diplomatik heraus, 
mit einigen Proben nach Originalien. Umfassender ist das 
diplomatische Lesebuch von F. E. C. Mereau in Jena (1791) 
mit 42 aus dem Nouveau Traite und anderen Werken gesam- 
melten Kupfertafeln von sehr verschiedenem Werthe, doch mit 
den beigegebenen Erläuterungen zum Studium noch immer 
nützlich. 

Eine rühmliche Erwähnung verdient auch das Lehrsystem 
einer allgemeinen Diplomatik, vorzüglich für Oesterreich und 
Deutschland, von dem Piaristen G. Grub er in 3 Bänden, Wien 
1783. Die Graphik ist jedoch nur kurz behandelt; der dritte 
Band behandelt sehr ausführlich die Chronologie. 

Dagegen fast werthlos sind zwei gewöhnlich angeführte 
Bücher, von K. Mannert: Miscellanea meist diplomatischen 
Inhalts, Nürnberg 1795, und von A. F. Pfeiffer, Professor 
und Bibliothekar in Erlangen: Ueber Bücherhandschriften über- 
haupt. Erlangen 1810. Beide kannten ein viel zu geringes 
Material, und suchten davon Regeln zu entnehmen, welche nur 
irre führen können, wie namentlich Mannert's Versuch über 
die Abbreviaturen. 

Auf die übrige diplomatische Litteratur einzugehen können 
wir uns hier ersparen, da ja die Urkundenlehre nicht der 
Zweck dieser Darstellung ist. Begreiflicher Weise sind übei'all, 
auch wo die Aufgabe allgemeiner gestellt war, die einheimischen 
Urkunden in den Vordergnmd getreten, und es sind deshalb 
mehrere Werke eher dort zu erwähnen, wo die einzelnen 



Der Nouveau Trait^. Deutsche Diplomatiker. 23 

Schriftgattungeu behandelt werden. So ist auch eines der aus- 
gezeichnetsten italienischen Werke, Delle Istituzioni diplomatiehe 
von Fumagalli, Abt des Mailänder Klosters S. Ambrogio, 
1802 in 2 Quartanten erschienen, für deutsche Verhältnisse 
wenig brauchbar. Der paläographische Theil ist überhaupt 
ungenügend, und die Zeit na(;h dem 12. Jahrhundert gar nicht 
mehr berücksichtigt. Völlig werthlos ist die Arte di conoscere 
Vetä de' Codici Latini e Italiani von Trom belli, Bologna 
1756; zweite Ausgabe 1778. 

§.4. 

Die neue Zeit. Scheidung der Paläographie 

von der Diplomati k. 

Durch die französische Revolution und ihre Folgen hat 
die praktische Wichtigkeit der alten Urkunden bedeutend ab- 
genommen, und die Diplomatik ist zu einer Hülfswissenschaft 
der Geschichte geworden. Diplomaten und Staatsrechtslehrer 
beschränken sich auf neuere Verträge, und auch die Juristen 
pflegen sich um das Verständnifs alter Urkunden wenig zu 
kümmern. Dagegen hat sich die Rechtsgeschichte zu einer 
eigenen Disciplin entwickelt und vieles an sich gezogen, was 
früher in der Diplomatik gelehrt wurde. Ein anderer Theil 
derselben hat in der Sprachwissenschaft eine passendere Unter- 
kunft gefunden. 

Daher kann man wohl sagen, dafs die allgemeine Diplo- 
matik als Wissenschaft aufgehört hat. Freilich bedarf es auch 
jetzt noch einer Fülle besonderer Kenntnisse, um die Echtheit 
der Urkunden beurtheilen zu können; allein die Masse des 
Materials ist so aufserordentlich angewachsen, dafs die Auf- 
stellung allgemeiner Regeln dadurch fast unmöglich gemacht 
ist, ein jedes Gebiet verlangt seine abgesonderte Bearbeitung. 
Mufste man früher aus den wenigen bekannten Beispielen all- 
gemeine Regeln zu gewinnen suchen, um Schlüsse zu ziehen, 
welche doch leicht täuschen konnten, so nöthigt gegenwärtig 
die Ueberfülle des leicht zugänglichen Materials zu einem 



24 Einleitung. 

anderen Verfahren. Ein Muster der Bearbeitung eines begrenzten 
Gebietes hat Th. Sickel in seiner Lehre von den Urkunden 
der ersten Karolinger aufgestellt; in ähnlicher Weise wird die 
Diplomatik der späteren Kaiser und verschiedener Regenten- 
häuser, so wie der römischen Päbste durchzuarbeiten sein. 
Während aber diese Urkunden sehr zerstreut sind, finden sich 
die von weniger hochstehenden Personen oder Corporationen 
und von Privatleuten ausgegangenen massenhaft beisammen, 
und da die Archive heutiges Tages für wissenschaftliche Ar- 
beiten fast überall geöffnet sind, bietet eine an Ort und Stelle 
vorgenommene Vergleichung viel bessere Hülfsmittel zur Prü- 
fung, als die Anwendung allgemeiner Regeln. 

Wohl geht eine allgemeine Gleichförmigkeit durch das 
ganze Abendland, und namentlich ist das auch der Fall bei der 
Schrift, trotz vielfältiger localer Abweichungen. Auch, in den 
älteren diplomatischen Werken, in welchen die Veränderungen 
der Schrift vorzüglich nur als Mittel zur Urkundeukritik be- 
trachtet waren, hatte man doch die ältesten Zeiten sogar in 
übermäfsiger Weise in die Darstellung gezogen, und Bücher- 
handschriften waren zur Vergleichung und Aushülfe benutzt. 
Mit der feineren Ausbildung der Kritik wuchs die Aufmerksam- 
keit auf Bücherhandschriften, und das früher dürftige Material 
für die Römerzeiten erhielt sehr bedeutende Vermehrungen. 
Mehr und mehr wandte sich der Geschichte der Schrift ein 
von der Diplomatik unabhängiges Studium zu, und mit der 
Vervollkommnung der technischen Hülfsmittel ist der Vorrath 
an vortrefflichen Schriftproben aller Art ganz erstaunlich an- 
gewachsen. 

Ein für seine Zeit sehr ausgezeichnetes Werk ist von Astle 
The Origin and Progress ofwriting, 1783, und in zweiter Aus- 
gabe 1803 erschienen, mit vortrefflichen Kupfertafeln. Sein 
Hauptwerth besteht jedoch in der ausführlichen Behandlung 
der irischen und angelsächsischen Schrift. Andere Werke, 
welche dergleichen abgesonderte Gebiete behandeln, lassen wir 
hier aufser Acht, und beschränken uns auf diejenigen, welche 
allgemeinerer Natur sind. 

In Frankreich wurde durch die Revolution die Congre- 



Die neue Zeit. Scheidung der Paläographie von der Diplomatik. 25 

gation der Mauriuer zerstört, und es schien sogar, als ob diesen 
mittelalterlichen Studien ein völliges Ende gemacht wäre. Allein 
nach kurzer Unterbrechung hat man sie nur mit um so gröfse- 
rem Eifer wieder aufgenommen. Namentlich hat die 1821 ge- 
stiftete und 1829 erneuerte ^ßcole des Chartes^) eine unge- 
mein fruchtreiche Wirksamkeit gewonnen und allen anderen 
Ländern ein bis jetzt unerreichtes Vorbild gegeben. Für den 
Gebrauch dieser Schule ist eine grofse Anzahl von Schrift- 
tafeln verfertigt, welche aber nicht im Handel sind und daher 
hier nicht berücksichtigt werden können. 

Die Ecole des Chartes steht in genauester Verbindung mit 
den Archiv^s de l'Empire, und in der hier, in dem schönen 
Hotel de Soubise, veranstalteten Ausstellung findet der franzö- 
sische Paläograph in lehrreichster Weise alles vereinigt, was 
für seinen speciellen Beiiif von Wichtigkeit ist zu kennen. 
Daran schliefst sich die mit Schriftproben ausgestattete Publi- 
cation: Musee des archives de Vempire, aefes iniportants de 
Vhistoire de France et autographes des hmimes celebres, Paris 
1867, 4. 

Als Lehrbuch für den Gebrauch des Archivs liefs der 
Minister Guizot aus dem umfangreichen Werke der Benedic- 
tiner einen kürzeren und übersichtlichen Auszug machen; es 
sind die beiden Folianten der Clements de Paleographie von 
Natalis de Wailly, Paris 1838. Der Verfasser hat jedoch 
selbständig gearbeitet; gute Schriftproben erhöhen den Werth 
des Werkes. Im Widerspruch mit dem Titel ist aber aus der 
alten Diplomatik viel chronologisches und sonst zur Behand- 
lung der Urkunden dienliches hineingezogen, und da dem prak- 
tischen Zwecke gemäfs vorzugsweise nur französische Urkunden 
berücksichtigt sind, entspricht für allgemeinere Gesichtspmikte 
oder für die Bedürfnisse deutscher Archivare und Philologen 
die Brauchbarkeit des Werkes nicht seiner Kostspieligkeit. 

Verschiedene Prachtwerke von ausgezeichneter technischer 
Vollendimg beschränken sich auf einzelne Schriftgattungen. 



*) Die wechselvolle Gründungsgeschichte erzählt M. Delpit im ersten 
Band der Bibliotheque de Tiicole des Chartes. 



26 Einleitung 

Hier ist deshalb nur das ganz umfassende Hauptwerk anzu- 
führen, welches leider an wenigen Orten erreichbai' und zu- 
gänglich ist, die Paleographie Universelle, Paris 1841, vier 
Bände im gröfsten Folioformat, welche 500 Thaler kosten. 
Der erste Band enthält orientalische Schriften, der zweite und 
dritte griechische und lateinische, der vierte verschiedene 
Nationalschriften. Die in Farben ausgeführten Nachbildungen 
der Handschriften von Silvestre sind von aufserordentlicher 
Schönheit; von den Prachtwerken der alten Miniatoren erhalten 
wir hier die lebendigste Anschauung. Dagegen vermifst man 
einzelne für die Geschichte der Schrift wichtige, nur aus un- 
vollkommenen Proben bekannte Handschriften, deren Nachbil- 
dung man gern hier finden würde. Der von ChampoUion- 
Figeac und Aime Champollion Fils besorgte Text ist sehr 
ungenügend. 

Ziemlich mifsrathen in Plan und Ausführung ist die Pa- 
leographie des Classiques latins d^apres les plus beaitx Manu- 
serits de la Bibliotheque Royale de Paris, par M. A. Cham- 
pollion. Avec une Introduction par M. Champollion -Figeac. 
Einzelne Tafeln sind freilich vorzüglich, aber nicht alle, und 
der Text ist ohne allen wissenschaftlichen Werth. 

Ein sehr bequemes und viel verbreitetes Handbuch ist von 
Chassant: Paleographie des Charles et des Manuscrits du 11. 
au 17. siede, 1839 zuerst und seitdem in mehreren Ausgaben 
erschienen. In kleinem Format, mit 10 hübschen Tafeln, ist 
es für den Zeitraum, welcher praktisch am meisten in Betracht 
kommt, sehr brauchbar und zum Privatstudium zu empfehlen, 
obgleich es recht oberflächlich und nicht frei von Fehlem ist. 
Der Verfasser beschränkt sich auf Urkunden, indem er nicht 
mit Unrecht sagt, dafs, wer diese lesen könne, auch mit den 
Büchern fertig werde. Er geht vom 17. Jahrhundert rückwärts, 
und läfst die schwierigen älteren Zeiten mit ihren Uebergang- 
schriften fort; daher fehlt jede geschichtliche Entwickelung der 
Formen und der Abkürzungen, welche doch allein Sicherheit 
giebt und sich leichter dem Gedächtnifs einprägt. Hier er- 
scheint alles willkürlich, und bleibt daher reines Gedäcbtnifs- 
werk. 



Die neue Zeit. Scheidung der Paläographie von der Diplomatik. 27 

Gleiche Vorzüge und Schwächen hat desselben Verfassers 
Dictionnaire des Äbrmnations latines et frangaises tisUees dans 
les Inscriptions lapidaires et metalliqties, les mamiscrits et les 
chartes du Moyen Age, in zweiter Auflage 1862 erschienen. 
Bedauerlich ist, dafs für QM nach einander die Bedeutungen 
quum, quoniam, qumnodo angegeben sind, da doch quuni den 
Handschriften des Alterthums ganz fremd ist, im Mittelalter 
selten vorkommt,^) aber anders abgekürzt wurde, während qm 
immer quoniam zu lesen ist. Es ist also dadurch ein ohnehin 
schon eingewurzelter Irrthum noch mehr befestigt. 

In Italien erschienen von Pietro Datta Lezioni di Pa- 
leografia e di critica diplomatica sui documenti della Monarchia 
di Savoia, Torino 1834, mit eüiigen Schriftproben. Der Zweck 
des Buches ist zu eng begrenzt, als dafs es eine allgemeinere 
Bedeutung in Anspruch nehmen könnte. Eine Erwähnung ver- 
dient noch das Programma delV Imperial- Real Scuola di 
Paleografia in Venezia, pubblicato alla fine dell' anno scolastico 
1861 — 1862, da B. Cecchetti, Venezia 1862 in foglio, mit 
8 Tafeln, welche schöne Proben von Urkunden enthalten. Die 
älteste Urkunde ist ein Testament aus Triest, vom 26. April, 
Imp. Lothario a. 30. Hlodouui filio eins a. 6. d. h. 850. Kaum 
sollte man es glauben und für möglich halten, dafe der Her- 
ausgeber anstatt dessen an die letzten französischen Karolinger 
denkt, welche doch mit Italien gar nichts zu schaffen hatten, 
und die Urkunde deshalb in das Jahr 984 setzt Die folgen- 
den Proben beginnen mit dem Jahre 1060. 

Mit grofsem Fleifs gearbeitet, aber ganz nach altem Zu- 
schnitt, mit geringer Kenntnifs der neueren Litteratur und ohne 
ausreichende Belege, ist das Buch von Gloria, Compendio 
delle lezioni teorico-pratiche di Paleografia e Diplomatica^ 
fadova 1870. Viele, zum Theil unbrauchbare Tafeln sind aus 
dem Nouveau Traite entlehnt,' eine Anzahl vortreflfUcher eigener 
aus Paduaner Archiven hinzugefügt. 

Aus England ist als umfassendes Werk J. 0. West- 
wood's Palaeographia Sacra Pictoria, or select illustrations of 



s. Rühl im Rhein. Museum f. Philologie XXVUI, 640. 



28 Einleitung. 

ancient illuminated biblical Manuscripts, Lond. gr. 4. 1845, 
mit 50 unter der Leitung von Owen Jones ausgeführten Tafeln, 
anzuführen wegen der ausgezeichnet schönen farbigen Proben 
aus christlichen Prachthandschriften. Das füi' die Geschichte 
der Initialen sehr lehrreiche Werk von Tymms und Wyatt: 
The Art of Hluminating (Lond. 1860) wird später noch beson- 
ders zu erwähnen sein. In neuester Zeit hat sich in London 
die Paldeographical Society gebildet und bis jetzt drei Hefte 
ausgezeichneter Schriftproben autotypiert herausgegeben. Es 
sind griechische und lateinische, ohne systematische Anordnung, 
mit kurzem, aber für die wesentlichsten Fragen genügendem 
Texte. Der Gustos der Manuscripte im British Museum, E. A. 
Bond, führt den Vorsitz und sein Gehülfe E. M. Thompson 
ist der Schriftfühi-er der Gesellschaft.^) 

In Deutschland erschien 1825 ein, vorzügUch aus den 
Schätzen der Wolfenbütteler Bibliothek geschöpftes, recht nütz- 
liches Buch von F. A. Ebert: Zur Handschriftenkunde, welches 
zuerst die Bücherhandschriften abgesondert ins Auge fafst, aber 
sehr in allgemeinen Umrissen gehalten ist. 

H. Hoffmann (von Fallersleben) liefs 1831 in Breslau 
einen Leitfaden zu Vorlesungen drucken, unter dem Titel: 
Handschriftenkunde für Deutschland. Damals bei dem Mangel 
an Hülfsmittoln willkommen, obgleich nur in ganz knappen 
Umrissen gehalten, mufs doch jetzt nach den vielen Entdek- 
kungen aus ältester Zeit, nach der Veröffentlichung zahlloser 
Schriftproben und Beschreibungen von Handschriften, dieser 
Leitfaden als veraltet bezeichnet werden. 

Durch reichüche Beigaben guter Schrifttafeln zeichnete 
sich das Unternehmen der Monumenta Germaniae historica 
aus, und diese Proben sind um so werthvoUer, weil ein grofser 
Theil derselben sich bestimmt datieren läfst. Diese Vorbilder; 
und überhaupt die lebhaftere Beschäftigung mit mittelalterlichen 
Manuscripten haben der Paläographie einen neuen Aufschwung 
gegeben, und es war sehr erwünscht und willkommen, dals 
Pertz die Schrifttafeln auch in einer abgesonderten Ausgabe 



») Vgl. Lit. Centralbl. 1874 S. 687. 



Die neue Zeit. Scheidung der Paläographie von der Diplomatik. 29 

erscheinen liefs. Diese liegen jetzt in zehn Heften abgeschlossen 
vor und bieten ein reiches Material zum Studium. Dafs es 
demselben freilich an systematischer Zusammenstellung sowohl 
wie an Vollständigkeit fehlt, bringt die Art der Entstehung 
mit sich. 

Im Jahr 1833 liefs der Bamberger Bibliothekar J. J. Jäck 
einige Hefte in grofsem Format erscheinen unter dem Titel: 
Viele Alphabete und ganze Schriftmuster vom 8. bis 'zum 
16. Jahrhundert aus den Handschriften der öffentlichen Biblio- 
thek zu Bamberg. Einige der Proben sind recht schön, dem 
Ganzen aber mangelt es an richtiger Auswahl und Anordnung, 
so wie an einem brauchbaren Text. 

Noch unvollendet ist das grofse photographische Pracht- 
werk von Th. Sickel: Monunienta Graphica Medii Aevi, ex 
Archivis et Bibliothecis Imperii Austriaci coUecta. Edita iussu 
atque auspiciis Ministerii Cultus et Publicae Institutionis. 1858 ff. 
Für die paläographische Schule in Wien von grofsem Werthe, 
ist es seiner Kostspieligkeit wegen auswärts wenig zugänglich, 
und mehr dem Forscher als dem lernenden Anfänger nützlich. 
Vollständigkeit und Gleichmäfsigkeit in den verschiedenen 
Schriftgattungen verbietet auch hier der locale Ursprung. Viele 
der mitgetheilten Texte und Urkunden sind in verschiedener 
Hinsicht merkwürdig und regen Fragen an, auf welche bis 
jetzt jede Antwort fehlt. Ich wenigstens kann nicht umhin, 
es für die Pflicht eines jeden Herausgebers von Schriftproben 
zu halten, ihnen die Erläuterungen beizufügen, welche ihm 
leicht zugänglich, für den Benutzer oft geradezu unerreichbar 
sind. Für den Anfänger namentlich haben Tafeln ohne Text 
kaum halben Werth. Doch zu den Monumenta Graphica wird 
hoffentlich mit der Zeit ein erläuternder, nach Umständen 
kritischer Text noch nachfolgen, denn die blofse Umschreibung 
genügt durchaus nicht. 

Anders verhält es sich mit den, ebenfalls von Professor- 
Sickel herausgegebenen Schrifttafeln aus dem Nachlasse von 
ü. F. von Kopp, Wien bei C. Gerold's Sohn. Es sind 15 Ta- 
feln nach Karolingischen Diplomen von 753 bis 820^ verbunden 
mit Kanzlerunterschriften und Nachbildungen der Siegel, welche 



30 Einleitung. 

Sickel selbst besorgt hat. Dieses Werk steht in genauer Be- 
ziehung zu Sickel's Urkundenlehre der Karolinger und bedarf 
deshalb keines eigenen Textes; es gewährt für dieses wichtige 
Gebiet ein sehr werthvolles Hülfsmittel. 

Für die genauere Kenntnifs der ältesten Capital- und 
Uncialschrift wird eine von Dr. Zangemeister und mir ver- 
anstaltete Sammlung reiches Material bieten. Alle die bis 
jetzt genannten Publicationen entsprechen nicht dem Bedürf- 
nisse des Unterrichts, wo nur durch eine ansehnliche Zahl 
gleicher Vorlagen es möglich ist, gleichzeitig eine Mehrheit 
von Schülern zu beschäftigen; auch für eigenes Studiiun fehlt 
systematische Vollständigkeit oder ein anleitender Text. Die 
in Göttingen von Prof. W. Müller besorgten Tafeln sind so 
wenig wie Jaffe's vier Tafehi in den Buchhandel gegeben, 
mid beide entbehren, wie der sogenaimte Kopp 'sehe Apparat, 
welcher von der Berliner Universitätsbibliothek zu beziehen 
ist, des erläuternden Textes. Dagegen hat jetzt Wilh. Arndt 
durch die Schrifttafeln zum Gehrauch hei Vorlesungen und zum 
Selbstunterricht (Berl. 1874, Photoüthogr. der Gebr. Burchard) 
endUch ein Hülfsmittel geboten, welches bis dahin immer 
schmerzlich vermifst war. Die starke Nachfrage macht schon 
eine neue Auflage nöthig, und es ist sehr zu wünschen, dafs 
der Verfasser auch durch eine Fortsetzung noch eine gröfsere 
Fülle von Uebungstücken für die spätere Zeit darbiete, deren 
Schriften am häufigsten vorkommen und oft schwer zu lesen 
sind.^) 

Für die Geschichte der Schrift, die wechselnde Gestaltung 
der einzelnen Buchstaben, das Verständnifs der Abkürzungen, 
habe ich durch meine Anleitung zur lateinischen Palaeographie 
(Leipzig bei S. Hirzel 1869, zweite Aufl. 1872) dem Bedürf- 
nisse des Lernenden entgegen zu kommen versucht, so weit es 
ohne Tafeln mit Hülfe der Autographie möglich war. 



') vgl. Lit. Centralbl. 1875 S. 36. Dagegen mufs das anspruchs- 
volle Diplomatische ABC von Dr. Franz Sauter (Stuttg. 1874) leider 
als ganz verfehlt bezeichnet werden. 



Griechische Paläographie. 31 



V 

Griechische Paläographie. "^- ." 

Es liegt in der Natur der Dinge, dafs von der griechischen 
Paläographie bisher noch nicht die Rede gewesen ist. Nicht 
allein hat man viel später angefangen sich mit dieser zu be- 
schäftigen, sondern es blieb auch das von Montfaueon aufge- 
stellte Meisterwerk lange Zeit in völUg einsamer Gröfse, und 
erst ein Jahrhundert später finden wir wieder Werke über 
diesen Gegenstand zu verzeichnen. Während der ganzen Zeit 
lebhaftester Thätigkeit auf dem Gebiete der Diplomatik blieb 
das Gebiet der griechischen Paläographie unberührt. 

Auch hier sind es die Benedictiner von St. Maur, 
welchen wir die Begründmig der Wissenschaft verdanken. Es 
bezeichnet einen neuen Fortscliritt in ihrer gelehrten Thätig- 
keit, dafs sie in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts den 
Beschlufs fafsten, auch die griechischen Kirchenväter in den 
Kreis ihrer Arbeiten zu ziehen, und geeignete Mitglieder ihres 
Ordens für dieses Fach zu bestimmen, ihnen die zweckmäfsige 
Vorbildung zu Theil werden zu lassen. Zu den ersten Mau- 
rinern, welche für diese neue Aufgabe ausgewählt wurden, ge- 
hörte Dom Bernard de Montfaueon. Sohn Timoleons von 
Montfaueon, Herrn von Roquetaillade und Conillac im Sprengel 
von Aleth, wurde er 1655 geboren, und zeichnete sich schon 
früh durch sein aufserordentliches Gedächtnifs aus. Er war 
zum Kriegsdiiönst bestimmt, aber in Folge einer Krankheit 
wandte er sich dem geistlichen Stande zu und empfing 1676 
nach dem Tode seiner Eltern bei den Benedictinern in Toulouse 
das Ordenskleid. Seine gelehrten Arbeiten zogen bald die Auf- 
merksamkeit der Oberen auf sich, er wurde nach Bordeaux und 
1687 nach Paris berufen, wo er sich vorzüglich der Bearbei- 
tung der griechischen Kirchenväter zuwandte. Seine Kenner- 
schaft auf diesem Gebiete bewährte er siegreich den neidischen 
Italienern gegenüber auf der Reise, welche er 1698 mit Dom 
Paul Brioys unternahm; eine Zeit lang war er Geschäftsträger 



32 Einleitung. 

der Congregation in Rom, veiiiefs aber 1701 diesen Posten, 
um sich ganz seinen wissenschaftlichen Arbeiten zu widmen. 
Im Jahre 1719 in die Akademie aufgenommen, starb er am 
21. December 1741. Von seinen zalilreichen und bedeutenden 
Werken erwähne ich hier nur die 1708 erschienene Palaeo- 
graphia Graeca, ein Meisterwerk nicht nur, sondern auch bis 
jetzt das einzige umfassende systematische Werk über diesen 
Gegenstand. Vollkommen mustergültig für seine Zeit und jedem, 
der sich mit diesem Fach beschäftigt, unentbehrlich, ist es nur 
in Bezug auf die ältesten Schi-iftgattungen durch die Ent- 
deckungen der neueren Zeit ungenügend geworden. Anderer- 
seits hatte er es nicht für nöthig gehalten, auf die Schreibart 
der letzten Jahrhunderte des Mittelalters ausführlich einzugehen 
und auch von dieser Proben mitzutheilen. 

Einige Ergänzungen gab Montfaucon selbst 1715 in der 
nicht minder ausgezeichneten Bibliotheca Coisliniana olim Se- 
gueriana, sive Manuscriptoinim omnium Graecorum, quae in ea 
continentur, accurata descriptio. Diese sehr reichhaltige Bi- 
bliothek gehörte damals dem Herzog von Coislin, Bischof von 
Metz, und wurde als dessen Geschenk 1732 mit der Bibliothek 
von Saint-Germain-des-Pres vereinigt. 

Einen Auszug aus Montfaucon's Paläographie mit Benutzung 
der Handschriften seines Klosters, gab 1735 Dom Gregorio, 
Mönch in Grottaferrata. ^) 

Sehr scharfsinnige und lehrreiche Untersuchungen mit be- 
sonderer Beachtung der am häufigsten vorkommenden Ver- 
wechselungen und Irrthümer sowohl der alten Schreiber wie 
der modernen Herausgeber, hat Friedrich Jakob Bast an- 
gestellt; sie finden sich zusammengestellt in seiner Comnien- 
tatio palaeographica cum tabulis aeneis VII. bei Schäfer's Aus- 
gabe des Gregorius Corinthius, Lipsiae 1811, p. 701 — 861. cf. 
p. 914 — 938. Sorgfältiges Studium derselben ist für jeden 
Herausgeber griechischer Autoren unerläfslich, und eine neue. 



^) Epitome Graecae Palaeographiae et dissertatio de recta Graeci 
sermonis pronunciatione , auctore D. Gregorio Placentino hieromonacho 
Cryptoferratensi 0. S. Basilii. Romae 1735, 4. 



Griechische Palaographie. 33 

abgesonderte Ausgabe der Commentatio wäre sehr zu wünschen. 
Einen Auszug daraus, in welchem die erklärten und besproche- 
nen Zeichnungen alphabetisch geordnet sind, hat Hodgkin 
gemacht: Excerpta ex Bastii Commentatione, Oxonii 1835. 

Aehnlicher Art ist die Epistola critica ad J. F. Boissonade, 
1831, von Ch. Walz, worin ebenfalls besonders auf die häufig 
vorkommenden Verwechselungen, namentlich der Präpositionen, 
aufmerksam gemacht ist. 

Sehr gründlich und lehrreich sind die Untersuchungen des 
Freiburger Professors Joh. Leonhard Hug über die Hand- 
schriften des Neuen Testaments in seiner Einleitung in die 
Schriften des N. T. (4. Auflage 1847). Bedeutend erweitert 
ist dann unsere Kenntnifs der ältesten Schrift, von welcher 
Montfaucon noch so wenig Kunde hatte, sowohl durch die in 
Herculaneum und in Aegypten gefundenen Papyrus, wie durch 
die Untersuchungen und Entdeckimgen von Consta ntin 
Tischendorf, welcher auch eine umfassende Palaographie in 
Aussicht gestellt hat, aber vor der Einlösung dieses Versprechens 
gestorben ist. Seine Schriftproben, sind an Schönheit und Treue 
unübertroffen. Vorzüglich hervorzuheben ist die ausführliche 
Einleitung zu seinem Novum Testamentum Graece, Ed. VH. 
critica maior, Lips. 1859, und das Vorwort der Ausgabe des 
Sinaiticus mit der Uebersicht ältester Uncial Schriften auf Tab. 
XX. XXI, sowie die Prolegomena der Monumenta Sacra Inedita, 
Lips. 1846, CoUectio nova I— VI. 1855—1869; ferner die 
Anecdota Sacra et Profana, Ed. II. Lips. 1861. 

Die sehr lehrreichen, paläographisch höchst wichtigen Ar- 
beiten über alte griechische Cursivschrift sind in meiner An- 
leitung zur griechischen Palaographie erwähnt. 

Eine vortreffliche Reihe datierter Schriftproben von 905 
bis 1470 findet sich in dem Katalog der griechischen Hand- 
schriften der Marcusbibliothek zu Venedig von Zanetti (Graeca 
Divi Marci Bibliotheca 1740 f.)^). Ziemlich unvollkommene 



^) Einige ausgezeichnete Photographieen griechischer Handschriften, 
welche Herr Dr. A. von Velsen besorgt hat, darunter von der Ilias mit 
den Scholien, sind durch die Münster'sche Buchhandlung in Venedig zu 
beziehen. 

Wattenbach, Schrift wesen. 2. Aufl. 3 



34 Einleitung. 

Proben enthält der Catalogus bibliothecae Mediceo-Laurentianae 
von Biscioni (1752 f.), bessere der grofse Katalog von Ban- 
dini. Sehr schöne, doch nach Tischendorfs Behauptung fehler- 
hafte Blätter giebt Silvestre im zweiten Bande seiner Paleo- 
graphie universelle; vorzügliche sind auch im Catalogue of 
Manuscripts in the British Museum, I, 2. Burney Manuscripts, 
1840. 

Mancherlei findet sich in dem grofsen Werke von Seroux 
d'Agincourt: Histoire de VArt par les Monmnens, wo Vol. V. 
pl. 81 Alphabete vom 8. bis 13. Jahrhundert gegeben sind. 

Dankenswerth ist die von Fr. Wilken veranstaltete Samm- 
lung von Schriftproben nach Pariser und Heidelberger Hand- 
schriften auf 11 Blättern, deren Kupfertafeln die Berliner 
Universitätsbibliothek besitzt, von welcher Abdrücke zu erhalten 
sind. Zu wünschen wäre die Beigabe eines erläuternden Textes. 

Ein werthvoUes Werk haben wir aus Moskau erhalten: 
Specimina palaeographica codicum Graecorum et Slavonicorum 
bibliothecae Mosqitensis Synodalis, saecul. VI — XVH. Edidit 
Sabas episcopus Mosjaisky. .Mosq. 1863. 4. In Commission bei 
Kittler in Leipzig. Vgl. die Recension von Tischendorf im Lit. 
Centralblatt 1864 Sp. 548 — 550. Leider ist durch die imzer- 
trennliche Verbindung mit slavonischen Schriftproben der Preis 
auf 8 Thlr. gesteigert und dadurch eine gröfsere Verbreitung 
gehindert. Auch sind die Schrifttafeln freilich vortrefflich und 
von 880 bis 1630 datiert, aber von geringem Umfang, und der 
Text beschränkt sich fast ganz auf die Wiedergabe der facsi- 
milierten Stellen. Die 2 Tafeln mit Alphabeten und 5 mit 
Abbreviaturen sind weniger gut gelungen. Endlich bringen 
nun auch die Publicationen der Palaeographical Society 
(oben S. 28) ausgezeichnete Proben griechischer Schrift. 

An einer Bearbeitung der griechischen Paläographie seit 
Montfaucon aber fehlt es gänzlich, während doch dessen Werk 
schon wegen der vielen neuen Entdeckungen nicht mehr als 
ausreichend betrachtet werden kann. Deshalb habe ich ver- 
sucht, dem dringendsten Bedürfnifs zu genügen durch meine 
Anleitung zur griechischen Paläographie, Leipzig bei S. Hirzel 
1867, 4. Damit sind 12 Schrifttafeln nach Heidelberger Hand- 



Griechische Paläographie. 35 

Schriften verbunden, welche für die gewöhnlich vorkommenden 
Aufgaben einigermafsen ausreichen. Fiir die älteren Perioden 
der Schrift fehlte es dort an Material; praktisch tritt auch fiir 
diese ein Bedüi'fnifs nicht häufig ein, und die zahlreich vor- 
handenen Schriftproben sind leicht zu finden. Die Verän- 
derungen der einzelnen Buchstaben aber habe ich durch auto- 
graphische Nachbildung, hier wie in der Anleitung zur latei- 
nischen Paläographie, anschaulich zu machen gesucht und zur 
Auflösung der Abkürzungen Nachweise gegeben, welche in das 
System der alten Schreiber einzuführen bestimmt sind. 



Das ScMftwesen des Mittelalters. 



Der Geschichte der Sclirift selbst geht nach wohlbegrün- 
detem altem Herkommen eine Geschichte des Schriftwesens 
voraus, in welcher verschiedene, auch für die Kritik nicht un- 
wichtige Gegenstände zur Besprechung kommen, und zahlreiche 
technische Ausdrücke Erläuterung finden. 

Aufser den betreffenden Abschnitten der allgemeinen Werke 
und dem älteren Buche von S. C. G. Schwarz de ornamentis 
librorum et varia rei librariae veterum supellectile, ed. Leusch- 
ner, Lips. 1756, 4, ist hier noch besonders zu erwähnen das 
Werk über das Bücherwesen im Alterthum von H. Geraud: 
Essai sur les livres dans Vantiquite, particulierement chez les 
Romains, Paris 1840, welches nach den Vorträgen von Guerard 
in der 6cole des Chartes gearbeitet ist. Ferner mit Abbil- 
dungen Guhl und Koner, Das Leben der Griechen und Römer 
nach antiken Bildwerken, welches jetzt in vierter Auflage er- 
scheint, in den betreffenden Abschnitten. Vorzüglich aber kann 
ich jetzt verweisen auf J. Marquardt's Römische Privatalter- 
thümer, Leipzig 1867, II, 382 bis 421; für Griechenland auch 
auf K. F. Hermann, Lehrbuch der griech, Privatalterthümer, 
in der 2. Ausg. von B. Stark 1870, § 35, 5. 21.. 45, 13. 50, 23. 

Denn nur in so fern die antiken Gewohnheiten und Aus- 
drücke im Mittelalter fortlebten, und in so weit ihre Kenntnifs 
für die uns noch erhaltenen Handschriften von Wichtigkeit ist, 
nehme ich auf die alte Welt der Griechen und Römer Rück- 
sicht, während eine vollständige Darstellung ihres Schreibwesens 
uns zu weit führen würde. 



Schreibstoflfe. 37 

Vielerliei Notizen aus allen Zeiten, doch ohne rechte Kritik 
und Auswahl, finden sich zusammengestellt in dem Buch von 
Ludovic Laianne: Curiosites bibliographiques, Paris 1857. 

Sehr dankenswerth ist die Uebersicht über ein begrenztes 
Gebiet, im ausdrücklichen Anschlufs an das vorliegende Buch, 
von L. Rockinger: Zum baierischen Schriftwesen im Mittel- 
alter, Aus den Abhandlungen der k. bayor. Akad. d. Wiss. 
IIL Classe, XII, 1 und 2. Und in ähnlicher Art das Werk 
von Albin Czerny: Die Bibliothek des Chorherrenstiftes St, 
Florian, Linz 1874. 

I. 

Schreibstoffe. 

Ausführlich handelt davon G. F. Wehrs: Vom Papier, 
den vor der Erfindung desselben üblich gewesenen Schreib- 
massen und sonstigen Schreibmaterialien, Halle 1789, mit 
Supplementen, Hannover 1790. Hier so wie gleichfalls in den 
betreffenden Al)schnitten der diplomatischen Lehrbücher, wer- 
den alle Stoffe aufgezählt, auf welchen man jemals aus Noth 
oder Liebhaberei geschrieben hat. Wir wollen uns dabei nicht 
aufhalten, sondern überlassen die libri lintei u. dgl. mehr den 
Antiquitäten, Petrarca's Lederwamms, auf welchem er seine 
Gedanken aufschrieb um sie festzuhalten, den Curiositäten, und 
beschränken uns auf diejenigen Stoffe, welche für die Schreib- 
kunde des Mittelalters von wirklicher Bedeutung sind.^) 

1. Stein und Metall. 

Auch das Gebiet der Epigraphik und Numismatik wollen 
wir unberührt lassen. Es walten da besondere Gesetze, welche 
durch die Natur des Materials bestimmt werden. Eine Epi- 
graphik des Mittelalters fehlt zwar und wir können nur wün- 
schen, dafs bald einmal jemand diese Aufgabe sich stellen 



*) Eine sehr hübsche populäre Darstellung ist: Le Papier dans 
Tantiquite et dans les temps modernes, aper^u historique par E. Egger, 
Membre de Tlnstitut. Paris, L. Hachette, 1866. 



38 ^ Schreibstoffe. 

möge, da für die Zeitbestimmung mancher Denkmäler eine 
solche Untersuchung von Wichtigkeit ist; allein sie ist sehr 
umfangreich, da man nothwendiger Weise die verschiedenen 
Länder und Gegenden gleichmäfsig berücksichtigen milfete und 
sehi' verschiedene Formen gleichzeitig gebräuchlich waren. 

Wcmi wir nun aber auch die eigentlichen Inschriften auf 
Stein und Metall ausschliefsen müssen, so können wir doch 
unmöglich diejenige Form von Urkunden unerwähnt lassen, 
von welcher die ganze Disciplin der Diplomatik ihren Namen 
erhalten hat, die Diplome nämlich, deren Beneimung man 
später auf alle öffentlichen Urkunden übertragen hat. Wir 
dürfen sie um so weniger übergehen, da die paläographisch so 
wichtigen Wachstafeln von ihnen nicht zu trennen sind. 

Man hat jetzt schon an 60 Bürgerschaftsbriefe römischer 
Veteranen gefunden, welche gewöhnlich tabulae honestae mis- 
sioniSy jetzt aber richtiger Militärdiplome genannt werden;^) 
sie sind auf je zwei Bronzetafeln geschrieben, welche auf der 
einen Langseite durch Ringe verbunden waren. Der authen- 
tische Text steht auf den inneren Seiten; auf den äufseren 
derselbe noch einmal nebst den Namen der 7 Zeugen. Durch 
zwei Löcher in der Mitte war ein dünner dreifach zusammen 
gewundener Draht gezogen und um das Diplom gewickelt; in 
der Mitte der Rückseite, wo die Enden zusammentrafen, war 
er mit Wachs bedeckt imd trug die Siegel der daneben ge- 
schriebenen Zeugen. Die angeführten Stellen alter Juristen 
sprechen freilich immer von Unum, allein bei dem Weifsenbur- 
ger Diplom ist der dreifache Draht vollständig erhalten. Ein 
darüber befestigter Blechstreifen schützte die Siegel vor Be- 
schädigung; besonders deutlich ist dieser in Form- einer halb- 
runden Röhre auf der Abbildung bei Maffei, Istoria dipl. p. 30, 
und etwas mehr abgeplattet bei dem Weifsenburger Diplom. 

Wenn also etwa einmal gegen die äufsera Schrift ein Ver- 
dacht der Fälschung entstand, so konnte durch Entsiegelung 
und Einsicht der inneren Sqhrift die Wahrheit festgestellt wer- 



') 58 im Corpus ISS. Latt. III, 2, doch ohne Abbildung. 



stein und Metall. 39 

den, ohne dvih man erst nöthig hatte, die in Rom am Tempel 
des Augustus befestigte Originaltafel einzusehen. 

Merkwüi'diger Weise haben uns auch die Ausgrabungen in 
Mesopotamien dasselbe System schon aus uralter Zeit kennen 
gelehrt, indem die mit einem Siegel-Abdnick versehenen chal- 
däischen Thonplatten, vermuthlich Contracte, einen ganz dünnen 
Ueberzug von Thon mit dem gleichen Texte haben. *) 

Vorzügliche Abbildungen solcher römischer Diplome ge- 
währen die 25 von Game si na auf Stein gezeichneten Tafeln 
zu Arneth's Abhandlung: Zwölf römische Militär- Diplome, 
Wien 1843. Ferner die Tafeln zu Arneth's Archäologischen 
Analecten und zu Ed. v. Sacken's Bericht über die neuesten 
Funde zu Carnuntum, im 11. Bande der Sitzungsberichte der 
Wiener Akademie. Neuerdings hat das bei Weifsenburg ge- 
fundene Militärdiplom dem Prof. W. Christ Veranlassung ge- 
geben, diesen Gegenstand von neuem eingehend zu behandeln, 
in den Sitzungsberichten der k. bayerischen Akademie 1868, 
Band 2, S. 409 ff. Vgl. übrigens Becker-Marquardt III, 2, 431. 
Die Schrift dieser Diplome ist eine zierliche Capitalschrift nach 
Art der Inschriften. 

Aus dem Mittelalter hat man dergleichen Diplome nicht, 
wohl aber Urkunden auf Stein und Erz, in denen wir wohl 
eine Fortwirkung antiker Sitte erkennen dürfen. A. Deloyo 
in seiner Abhandlung Des Chartes lapidaires en France (Bibl. 
de r^ole des Chartes II, 3, 31 — 42) unterscheidet nicht hin- 
länglich zwischen Urkunden, welche nur in Stein und Metall 
zur Schau gestellt wurden, und solchen, die von Anfang an zu 
solcher Bekanntmachung bestimmt, oder nur in solcher Gestalt 
vorhanden waren. Dahin scheint die Urkunde des Bischofs 
Johann von Orleans aus dem Ende des 11. Jahrhunderts über 
eine Freilassung zu gehören, welche in den Thürpfosten der 
Kreuzkirche eingehauen ist imd schliefst: teste hac sancta ecclesia 
(Mab. Ann. 0. S. B. V, 533). Auch die von Deloye S. 39 mit- 
getheilte Verkündigung einer Schenkung aus Pierrelatte bei 



^) George Rawlinson, The five great Monarchies of the East, I, 
85—87. 



40 Schreibstoffe. 

Montelimart mag wirklich als Urkunde gedient haben, während 
die Inschrift aus S. Maria Maggiore in Rom bei Maiini, Pap. 
dipl. n. XCI. ausdrücklich bezeugt, dafs sie aus den authen- 
tischen Schriften entnommen ist. In Civita Castellana befinden 
sich, wie Gregorovius berichtet (Wanderjahre IV, 62), in der 
Vorhalle der Kirche alte Inschriften, die älteste über eine 
Schenkung an die Kirche aus dem neunten Jahrhundert. Ur- 
kundlichen Charakter hat auch an der römischen Kirche SS. 
Giovanni e Paolo die Bestätigung des in älterem Original auf- 
genommenen Güterbesitzes durch Gregor VII. ^) 

Diesen Urkunden fehlt die Bestätigung durch das Siegel, 
und in den Fällen, wo verliehene Privilegien in Stein oder Erz 
ausgestellt wurden, werden wir annehmen dürfen, dafs ein 
eigentliches Original auf Pergament vorhanden war, auch wo 
der Aussteller selbst eine solche Schaustellung anordnete. So 
verlieh 1105 der König Balduin von Jerusalem den Genuesen! 
grofse Privilegien, welche er mit goldenen Buchstaben auf einer 
Steinplatte am h. Grabe aufstellen liefs. ^) Die Privilegien, 
welche Heinrich V den Speiereni 1111 verlieh, liefs er in 
goldenen Buchstaben auf einer ehernen Tafel über dem Haupt- 
thore des Doms aufstellen, und die Bürger haben später die 
Bestätigung durch Friedrich I von li82 hinzugefügt.^) In 
Mainz liefs Erzbischof Adalbert die von ihm 1135 den Bürgeni 
verliehenen Freiheiten in diß ehernen Thüi^en des Domes ein- 
graben.*) Die Bürger von Montelimart stellten ihren Freibrief 
von 1198 an ihrei* Stadtmauer zur Schau. Die Messinesen 
liefsen die von Heinrich VI ihnen verliehenen Privilegien auf 



1) Bibl. de rficole des Chartes XXXIV, 260—266. 

^) Cafari Liberatio Orientis, Mon. Germ. SS. XVllI, 48 cf. p. 49, 37. 

^) Heinrich V sagt : hoc insigne stdbili ex materia, ut maneat, com- 
positum, litteris aureis, ut deceat, expolitum, nostrae imaginis interposi- 
tione, ut vigeat, corrohoratum , in ipsius templi fronte, ut pateat, anni- 
tente nostrorum opera civium constat expositum. lieber die weiteren 
Schicksale und die wiederholte Erneuerung der Inschrift berichtet E. C. 
Baur in der Lebensbeschreibung Lehmann's. 

*) Später an die Liebfrauenkirche versetzt, sind sie 1804 ihrer Be- 
stimmung zurückgegeben, nach Schaab, Gesch. v. Mainz II, 37. 



stein und Metall. 41 

einer Marmortafcl im Hauptschiff des Domes einmauern; sie 
sind aber trotz dieser scheinbaren Beglaubigung gefälscht. ^) 

Der Erzbischof Engelbert von Cöhi liefs 1266 die von ihm 
den Juden neu bestätigten Freiheiten in zwei Steintafehi ein- 
graben und diese öffentlich ausstellen, damit sie fortwährend 
beobachtet würden.^) 

Die Bologneser beschlossen 1272 einen Feldzug gegen 
Modena zu unternehmen, und damit es nicht imterbliebe, liefsen 
sie den Beschlufs in Stein hauen und im Gemeindehaus ein- 
mauern, damit der Podestä und der Capitan ilm täglich vor 
Augen hätten. Unterblieben ist aber die Ausfuhrung dennoch.*) 

Als eine einfache Inschrift ist es zu betrachten, wenn der 
Abt Desiderius von Monte Cassino im 11. Jahrhundert das 
Verzeichnifs der Besitzungen seines Klosters in die ehernen 
Thüren der Klosterkirche eingraben und die Buchstaben mit 
Silber füllen liefs. 



Dafs man im Alterthum auch Bleitafeln mit Schrift er- 
wähnt findet, ist bekannt genug; so zeigte man z. B. dem Pau- 
sanias (IX, 31, 4) am Helikon Hesiods Werke und Tage auf 
Blei. Man benutzte dieses Material wegen seiner Dauerhaftig- 
keit gerne zu Inschriften, welche in Gräber gelegt werden 
sollten. Eine solche Bleitafcl, welche einen Zauberspruch gegen 
böse Geister enthält, merkwürdig durch ihre, etwa dem 6. Jahrh. 
angehörige Cursivschrift, ist in einem Grabe in Dalmatien ge- 
funden,*) eine andere mit magischen Verwünschungen in Con- 
stantine. ^) 



*) 0. Hartwig in den Forschungen zur deutschen Geschichte VI, 646. 

*) Et quia ipsi ludet in huiusmodi libertatibus mertto simt servandi, 
easdem libertates presenti lapidi insculptas ad perpetuam memoriam in 
publico aspectu hominum permisimus cöllocari. Ennen und Eckertz, 
Quellen zur Geschichte der Stadt Cöln II, 543. Die Tafeln sind jetzt 
in der Schatzkammer des Domes eingemauert. 

8) A. Dove, Doppelchronik von Reggio (1873) S. 190. 

*) Viestnik narodnoga zemaljskoga Muzeja u Zagrebu 1870 S. 228, 
Tabb. 1 u. 2. Corpus Inscrr. Latt. III, 961. 

*) Abgebildet in der Illustr. Zeitung 1872 vom 20. Juli S. 17; 



42 Schreibstoflfe. 

Bei Tafeln, welche die Namen hervorragender oder gar 
als heilig verehrter Persönlichkeiten tragen, ist grofse Vorsicht 
und sorgfältige Unterscheidung nothwendig, da sie auch bei 
einer früheren Oeffnung des Grabes hineingelegt sein können. 
So scheint es sich mit der Tafel der um 900 verstorbenen 
ersten Aebtissin von Frauenchiemsee zu verhalten. ^) Ursprüng- 
lich dagegen und unverdächtig ist die Grabtafel des 1048 ver- 
storbenen Abtes Poppo von Stablo, ^) des Erzbischofs Adalbert I 
von Mainz, der 1137 gestorben ist.^) Von der Bleitafel, welche 
mit Kaiser Lothar dem Sachsen begraben wurde, berichtet 
Otto von Freising VII, 20, und man hat sie auch wirklich in 
seinem Grabe gefunden.*) Das Epitaph der Kaiserin Beatrix 
(1184) hat Trithemius mitgetheilt, Ann. Hirs. II, 118. 

In Bremen wurde 1420 das grofse Steingrab, welches 
mitten im Dom stand, weggebrochen; man fand die Gräber 
von 6 Erzbischöfen (839 — 1043) vnde en ycwelick hedde hy sick 
legen enen bligenen breff. Nur der Name und der Todestag 
standen darauf.^) 

In Breslau wurde 1450 der Rathhausthurm neu gebaut, 
vnd in den hnowff ist ein czedil in Hey vorworcht, in welchem 
ior und ander lohlicher dinger das gesehen ist, ut ihi laie 
patet, ^) 

Bei dem hohen Werthe, der auf Reliquien gelegt wurde, 
lag es nun aber auch sehr nahe, dergleichen Tafeln unterzu- 
schieben, wenn man, was so häufig vorkam, alte Gebeine ohne 
irgend eine Bezeichnung auffand, oder auch, um berühmte Per- 
sonen der Vorzeit sich anzueignen. Dergleichen kommt schon 
im Alterthum vor; so erwähnt Pausanias IV, 26 die von Epa- 



vgl. auch die magischen Bleibücher aus Gräbern bei Montfaucou, Antiq. 
expl. n, 2 pl. 177 u. 178. 

Abgebildet M. Boica II zu S. 440. Rockinger S. 6. 

*) Jahrbb. der Alterthumsfreunde im Rheinland XL VI, 146. 

^) Gefunden in der Gothardskapelle des Mainzer Doms, beschrieben 
und abgebildet bei Bär, Gesch. der Abtei Eberbach I, 109 ff. 

*) Jaff^, Geschichte des deutschen Reichs unter Lothar S. 225. 

*) Lappenberg, Geschichtsquellen des Erzstifts Bremen S. 148. 

^) Zeitschrift des Vereins f. Schles. Gesch. XII, 473. 



Stein und Metall. 43 

minondas angeblich nach Anweisung eines Traumes gefundenen 
Weihen der Grofeen Götter auf Ithome, ^) und Lucian erzählt, 
wie der Gaukler Alexander und seine Genossen Erztafeln ein- 
gruben, die sie dann wieder auffanden.*) Guibert von Nogent 
(Opp. p. 336) erzählt am Anfang des 12. Jahrhunderts, wie 
der Bischof von Amiens den h. Firmin erheben wollte; er fand 
keinen Buchstaben und liefs deshalb eine Bleitafel machen mit 
der Inschrift: Fiiminus Martyr Ambianorum episcopus. Sofort 
veranstalteten die Mönche von Saint- Denis eine gleiche Erhe- 
bung und brachten mit dem Leib des Märtyrers eine menibra- 
nula zum Vorschein, welche in der Nase steckte und eine 
ähnliche Inschrift zeigte. Die 1072 in Trier gefundenen Blei- 
tafeln bei vorgeblichen Märtyrern der thebäischen Legion waren 
ohne Zweifel neu angefertigt.^) Nicht besser steht es mit der 
angeblichen Bleitafel des Aurehus in Hirschau,*) und wohl 
auch mit der des Kaisers Arnulf in S. Emmeram. ^) Auch die 
Bleitafel der Herzoge Berthold mid Heinrich in Niederaltaich 
ist mindestens nicht gleichzeitig.®) 

In Solothum wurde 1519 im Choraltar des Stifts ein 
steinerner Sarg mit Reliquien gefunden, und in einer Hirn- 
schale ein silberiner Zedell mitt gestämpftenn Btichstabenn in 
latin allso wysennd: 

Conditur hoc sanctus tumulo Thebaydus Urssus. 
Wenn das überhaupt wahi* ist, so stammte diese Inschrift von 
einer früheren Erhebung her. '^) Aber ein greifbarer Betrug 
ist es, wenn Erzbischof Hugo von Ronen verkündete, dafs auf 
Anzeige eines Eremiten Gaufried nach dessen Visionen am 
23. Juli 1167 Reliquien gefunden wären, mit einem Zettel, und 



^) xaaoitSQOv iXrjkaafxevov ig xb ktnxoratov. inslhxro de wotisq 
rä ßißkicc. 

^) 'ÄXa^avdQog tJ xpsvdofiavzig c. 10. 

8) S. darüber Waitz, MG. SS. VIII, 114. 

*) S. Ad. Helmsdörfer, Forschungen z. Gesch. des Abtes Wilhelm 
V. Hirschau (1874) S. 48. 

^) S. Hirsch, Jahrbb. unter Heinrich II, I, 417. 

®) Bx)ckinger, z. baier. Schriftwesen S. 7. 

') Anzeiger f. Schweiz. Gesch. 1872 N. 3. S. 240. 



44 Schreibstoffe. 

für deren Verehrung Ablafs gewährte. ^) Angeblich verwitterte 
Bleitafeln aus dem Grabe des h. Valentin in Passau rait dessen 
Legende sind wahrscheinlich nur Fiction, und eben so wenig 
Glauben verdienen die Bleitafeln, mit welchen die Canoniker 
von Haslach und von S. Thomas den Besitz des h. Florentius 
gegen einander zu erweisen suchten.*) Gegen dergleichen 
Tafeln, mögen sie nun von Blei sein oder nicht, wird man also 
immer gut thun sich skeptisch zu verhalten. 

2. Wachstafeln. 

Im Alterthum waren Wachstafeln zum Schreiben in sehr 
allgemeinem Gebrauch. Die Griechen hatten viele Ausdrücke 
dafür: ösXrog, öeXrlov, öeXxldiov, jtvxrlov, jtv§iov, jtiva^, 
jtivaxlg, YQafi/iarelov ; lat. hiefsen sie tabulae, cerae, welche 
zusammen gelegt und befestigt einen codex oder catidex bil- 
deten. Sehr häufig hatten sie ganz dieselbe Einrichtung wie 
die ehernen Diplome, und hiefsen dann öld-VQOi, diptycha, wenn 
sie aber mehrere Tafeln enthielten, triptydia, polyptycha, auch 
duplices, triplices, quinquiplices, ^) multiplices. 

Die Wachstafeln dienten vorzüglich zu Aufzeichnungen von 
vorübergehendem Werthe, Rechnungen, Concepten, Briefen, 
Schulübungen, doch auch zu Urkunden. 

In Bezug auf Briefe sagt Festus (p. 359 ed. 0. Müller) 
Tabellis pro chartis utebantur antiqui, quibus ultro citro, sive 
privatim sive publice opus erat, certiores absentes faciebant, 
unde adhuc tabellarii dicuntur et tabellae missae ab impera- 
toribus. Bei den Griechen setzt die Erzählung Herodot's VII, 
239 von Demarat denselben Gebrauch voraus. Nachdem aber 
später für eigentliche Briefe Papyrus üblich geworden war, 
dienten kleine tabellae, auch codicilli und pugillares genannt, 
zu Billets, welche durch einen Boten überbracht wurden, der 



^) Chronique de Robert de Torigni, par L. Delisle, Rouen 1872, 

I, LXVII. 

2) S.. Wattenbach, Geschichtsquellen 3. Aufl. II, 359. 
^) So haben die besten Handschriften in Martialis Epigr. XIV, 1; 
andere quincupUces. 



Wachstafeln. 45 

auf derselben Tafel auch die Antwort zurück zu bringen hatte. 
So schreibt Cicero ad fam. VI, 9: Simul accepi a Seleiico tuo 
litteras, statim quaesivi e Balbo per codicillos, quid esset in 
lege. Und Seneca ep. 56 schreibt an Lucilius nach dessen 
Abreise: Adeo tecum sum, ut duhitem an indpiam non epistolas 
sed codicillos tibi scribere. Sehr bekannt ist die Elegie des 
Properz (III, 22), in welcher er den Verlust seiner Tabellae 
bejammert, die so oft zwischen ihm mid seiner Geliebten hin 
und her gewandert wai'en. Er schätzte sie deshalb hoch, ob- 
gleich ^ie ganz schmucklos waren: Vulgari buxo sordida cera 
fuit. Aber sie waren so bekannt, dafs sie Glauben fanden, 
auch wenn sie nicht durch Umwickelung mit einer besiegelten 
Schnur verschlossen waren: 

Has quondam nostris manibus detriverat usus, 
Qui non signatas iussit habere fidem. 
Jetzt befürchtet Properz, dafs irgend ein Geizhals seine Rech- 
nungen darauf schreiben werde: 

Me miserum! his aliquis rationem scribit avarus. 
Et ponit duras inter ephemeridas. 

Die Fortdauer dieses Gebrauches im fünften Jahrhundert 
erhellt aus den Briefen des h. Augustin (ep. 15 al. 113. Opera 
ed. Maur. II, 19); er hatte ungewöhnlicher Weise zu einem 
Briefe Pergament genommen, und entschuldigt sich deshalb 
mit folgenden Worten: Non haec epistola sie inopiam chartae 
indicat, ut membranas saltem abundare testetur, Tabellas ebur- 
neas quas habeo, avunculo tuo cum litteris misi. Tu enim huic 
pelliculde facilius ignosces, quia differri non potuit quod ei 
scripsi, et tibi non scribere etiam ineptissimum existimavi, Sed 
tabellas, si quae ibi nostrae sunt, propter huiusniodi necessitates 
mittas peto. 

Denselben Gebrauch bezeugt auch Augustinus jüngerer 
Zeitgenosse Hilarius von Arles in seiner Gedächtnifsrede auf 
seinen Vorgänger Honoratus (Acta SS. Jan. II, 20): Beatus 
JEucherius cum ab eremo in tabulis ut assolet cera illitis, in 
proxima ab ipso degens insula, litteras eius suscepisset: Mel 
inquit suum ceris reddidistis. 

Aus dem Mittelalter weifs ich nur ein Beispiel eines sol- 



46 Schreibstoffe. 

chen Briefes anzuführen. Abt Wibald schreibt nämlich 1148 
an den Pabst Eugen: Quae vero post exitum nostrum acta sifd, 
ex litteris, quas quidam frater Fuldensis nobis non in membrana 
scriptas, sei in tahella transmisit, cognoscere poteritis; quas ad 
vestrae sanditatis pedes transcriptas direximus, Jaffe Biblioth. I, 
221. Der Brief konnte in dieser Form nicht gut dem Pabste 
übersandt werden, und war deshalb in Abschrift beigelegt. 

Originale solcher Briefe haben sich, so viel ich weifs, 
nicht erhalten. Dafs überhaupt beschriebene Wachstafeln aus 
dem Alterthum sich erhalten hätten, erschien früher ganz un- 
glaublich, allein die letzten Jahrzehnte haben eine ganz an- 
sehnliche Zahl derselben ans Licht gebracht. In den Gold- 
bergwerken Siebenbürgens hatten viele davon völlig unberührt 
gelegen, nur von mineralischen Wassern benetzt, welche ihre 
unveränderte Erhaltung beförderten. Manche sehen so frisch 
aus, als ob sie eben aus der Hand gelegt wären; nur das 
Wachs, welches schwärzlich oder völlig schwarz ist, hat oft 
Risse bekommen, wodurch die Lesung erschwert wird, besonders 
da, wo die ausgelöschte ältere Schrift noch durchschimmert. 
Im Jahr 1854 wurde ein küustlich verrammelter und zuge- 
schütteter ßömerstollen neu entdeckt, in welchem sich eine 
ansehnliche Anzahl von Wachstafeln befand, aber leider ist der 
gröfste Theil derselben durch Unwissenheit und Ungeschick- 
lichkeit zu Grunde gegangen, wie der um die Alterthümer 
jenes Landes hochverdiente Pfarrer Ackner im Jahrbuch der 
Centralcommission für Erhaltung der Alterthümer I, 18 berichtet. 

Das zuerst in dem Bergwerk von Vöröspatak gefundene 
Exemplar hatte lange in der Jankovichischen Sammlung in 
Pest gelegen, wo mit der völlig unerhörten Schrift niemand 
etwas anzufangen wufste, bis endlich Prof. Mafsmann zu Hülfe 
gezogen wurde. Er wurde in der That der Schwierigkeiten 
HeiT und gab eine Abbildung nebst Erläuterungen heraus in 
der Schrift: Libellus aurarius sive tahulae ceratae et antiquis- 
simae et unicae Bomanae, Lips. 1840, 4. Der sehr weitschweifige 
Commentar enthält viel gutes Material, sowohl über Wachs- 
tafeln überhaupt, als auch über diese eigenthümliche Schrift, 
zu deren Erklärung viele Beispiele entarteter Schriften aus 



Wachstafeln. 47 

den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung zusammen ge- 
gebracht sind. 

Bei dem aufserordentlichen Scharfsinn, welchen Mafsmann 
hier an den Tag gelegt hat, ist es um so schwerer zu begreifen, 
wie er sich gleichzeitig durch ein Paar ganz grob gefälschter 
Tafehi mit griechischer und angeblich dacischer Schrift täuschen 
lassen konnte. Seine eigene Abbildung zeigt die ganz moderne 
griechische Minuskel, und das Original läfst in der elenden 
Technik den Unterschied noch greller hervortreten. 

Diese schlechte Gesellschaft liefs auch die römischen Ta- 
feln verdächtig erscheinen. Natalis de Wailly schrieb dagegen 
im Journal des Savans 1841, p. 555. Silvestre nahm sie in 
sein grofses Werk auf, aber im Text sind sie als supposees 
Romaines bezeichnet. Dagegen vertheidigte Prof. Wenzel die 
Echtheit in Schmidl's Oesterr. Blättern 1844, Band II, S. 33. 
43. 52, und Mafsmann selbst in den Münchener Gelehrten An- 
zeigen 1846. XXII, 49. 

Gegenwärtig hat dieser Streit seine Bedeutung verloren, 
da nach den neueren Funden die Echtheit gegen jeden Zweifel 
gesichert ist. Auch hat sich seitdem in den ägyptischen Grä- ^ 
bern eine neue Fundstätte eröffnet. 

Im British Museum befinden sich zwei ganz roh gear- 
beitete Holztafeln, deren innere Seite mit einer sehr dünnen 
Schicht von farblosem Wachs überzogen ist. Darauf stehen in 
grofser ziemlich roher Majuskelschrift einige Verse; augen- 
scheinlich war hier einem Dichter sein Conceptbuch mit ins 
Grab gegeben. Diese Tafeln sind abgebildet und erläutert von 
Prof. Rumpf in den Verhandlungen der Würzburger Philologen- 
Versammlung (1869) S. 239—246. 

Andere sind in Paris im Cabinet des Medailles n. 3491, 
gefunden bei einer Mumie in der Gegend von Memphis. Sie 
sind eben so einfach und schmucklos aber kleiner, mid bestehen 
aus fünf Blättern, wovon acht Seiten zum Schreiben bestimmt 
waren. Zwei davon enthalten ziemlich ungeschickt geschrie- 
bene Alphabete, die übrigen eine Rechnung; Fr. Lenor- 
mant. Lettre ä M. Hase sur les tdblettes Grecques trouvees ä 
Memphis, Revue Archeologique VIII (1852) p. 461. Reponse 



./ 



48 Schreibstoffe. 

de M. Hase, p. 471. Andere von Mariette entdeckte sind 
im Musee du Louvre, noch andere mit demotischer Schrift in 
Liverpool. ^) 

Dr. Abbot in New- York besitzt gar fiinf Wachstafehi, 
die nur 6 Zoll lang und 4 Zoll breit sind. Alle enthalten die- 
selben drei Senare, vermuthlich von Menander, deren Schrift 
auf der einen Tafel schön und genau, auf den andern schlechter 
ist; im Charakter soll sie der Hyperides- Rolle gleichen. Man 
hat also hier mit einem Schreiblehrer seinen ganzen Apparat 
bestattet; unter den Schülerschriften stehen noch Prädicate, 
wie (piXoJtovet,^) Ganz ähnliche mit demselben Prädicat be- 
finden sich in Marseille; daselbst auch eine Holztafel, auf wel- 
cher derselbe Schreiber AvQi]Xiog Osoöcogog ^vovßlwvog mit 
Dinte um das Jahr 300 p. Ch. geschrieben hat. ^) 

Endlich hat sich in den Siebenbürger Goldbergwerken 
auch das letzte Blatt einer griechischen Urkmide aus der Mitte 
des zweiten Jahrhunderts p. Ch. erhalten, welches Dr. Detlefsen 
1858 in den Sitzungsberichten der Wiener Akademie XXVII, 
89 — 108 mit grofsem Scharfsinn entziffert und erläutert hat 

Lateinische Wachstafeln besitzen wir nur aus dieser 
Quelle; alle sind gerichtliche Urkunden in der Form der früher 
beschriebenen Diplome, nur mit dem Unterschied, dafs es mei- 
stens Triptycha sind. Die von Mafsmann schon 1840 gele- 
senen, deren Inhalt Th. Mommsen 1843 in seiner Dissertation 
De coUegiis et sodalieiis Romanorum verwerthete, enthalten die 
Anzeige der Auflösung einer Begräbnifskasse wegen der zu ge- 
ringen Zahl der Theilnehmer, tom Jahr 167 p. Ch. 



*) Du Meril, ßtudes p. 89. 506. Nicht zugänglich war mir der 
Catalogue des manuscrits ^gyptiens Berits sur papyrus, toile, tablettes et 
ostraca, en caracteres hi^roglyphiques, hi^ratiques, d^motiques, grecs, 
coptes, arabes et latins, qui sont conservös au musee ^gyptien du Louvre, 
Paris 1872, von Th^od. Dev^ria. 

«) Welcker im Rhein. Mus. N. F. XV (18G0) S. 155-158 nach dem 
Bericht des Prof. Feiton in den Proceedings of the American Academy 
of Arts and Sciences, III, 371—378. 

^) Tablettes grecques du Musee de Marseille. Discours d'ouverture 
prononc^ le 11. D^c. 1867 par M. Fröhner, im Aunuaire de la Soci^t^ 
Fran^aise de Numismatique et d'Archeologie, III (1868) I, lxix— Lxxvn. 



Wachstafeln. 49 

Nachdem ueue Entdeckungen gefolgt wai'en, veröffentlichte 
Timotheus Cipariu, Domherr zu Blasendorf, in dem Pro- 
gramm des griechisch-unirten Gymnasiums daselbst 1855 einen 
Kaufcontract über einen Sklaven vom Jahr 142. 

Im Jahr 1856 erschien von Dr. J. Erdy in den Abhand- 
lungen der ungrischen Akademie ein Aufsatz De tabulis ceratis 
in Transsilvania repertis, der auch abgesondert ausgegeben ist. 
Dann hat Dr. Detlefsen 1857 in den Sitzungsberichten der 
Wiener Akademie XXIII, 601 — 635 (lieber zwei neu entdeckte 
römische Urkunden auf Wachstafeln) den von Cipai'iu heraus- 
gegebenen Text wiederholt und berichtigt (eine correctere und 
vollständigere Lesung nach dem Original giebt Th. Mommsen 
in den Monatsberichten der Berliner Akademie 1857, S. 519), 
das von firdy mitgetheilte Facsimile wiederholt und die grofsen 
Irrthümer seiner Lesung verbessert. Den Inhalt der einen 
Urkunde bildet ein Kaufcontract über eine Sklavin vom J. 129, 
der dadurch besonders merkwürdig ist, dafs sich hier auch die 
in Wachs eingedrückten Siegel der Zeugen ganz gut erhalten 
haben. Die zweite enthält eine Schuldversclu-eibung vom 
Jahr 162. 

In demselben Bande der Sitzungsberichte S. 636 bis 650 
veröffentlichte Detlefsen noch ein neu aufgefundenes Fragment 
eines Kaufcontracts über ein halbes Haus aus dem Jahr 159, 
mit einem Facsimile, welches A. Camesina mit seiner bekann- 
ten Genauigkeit und Sauberkeit nach dem Original verfertigt 
hat. Diese Tafel war mit einer Anzahl anderer, jetzt an ver- 
schiedenen Orten zerstreuter, ferner mit mehreren hölzernen 
Werkzeugen und Geräthen, und mit einem Haarzopfe, in einer 
wohlverschlossenen Grube zu Vöröspatak bei Abinidbanja ge- 
funden worden. Zu diesem Haarzopfe soll sich noch ein Gegen- 
stück in einer anderen siebenbürgischen Römergmbe gefunden 
haben. 

Jetzt sind nun alle bekannt gewordenen Wachstafeln im 
Corpus Inscriptionum Latt. Vol. III von Dr. Zangemeister 
abgebildet und neu herausgegeben. Ein Exemplar befindet 
sich im Berliner Antiquarium, im Miscellanzimmer n. 193. 
Sie stamjnen, 25 an der Zahl, aus den Jahren 131 — 167 und 

Wattenbacli, Schriftwesen. 2. Aufl. 4 



50 Schreibstoffe. 

sind allem Anschein nach beim Beginn des Marcomannenkrieges 
absichtlich verborgen worden. ^) 

Ein von Th. Mommsen (a. a. 0. S. 521) gelesener Socie- 
tätscontract vom Jahr 167 steht in einem einfachen Diptychon; 
das griechische Fragment hält Detlefsen für das letzte Blatt 
eines Pentaptychon, die übrigen Wachstafeln aber sind Tri- 
ptycha, was dadurch noth wendig Aviirde, dafs man die Aufsen- 
seiten nicht gut beschi*eiben konnte. Weil diese ohne Wachs 
und unbeschrieben sind, enthalten die zweite Seite des ersteu 
und die erste des Mittelblattes das Duplicat des Textes, wäh- 
rend die beiden übrigen Seiten die durch den Siegelstreifen 
verschlossene eigentliche Urkunde verwahren. 

Bei Testamenten fehlte natürlich das Duplicat des Textes; j 
übrigens aber entspricht jener Einrichtung ganz genau die 
Schilderung, welche bei Lucian der Plutos von seiner Einsper- 
rung im Testament und der Entlassung nach Beseitigung des 
Siegels und Zerschneidung der Schnur macht. ^) 



Sehr verschieden von diesen ganz schmucklosen und ein- 
fachen Tafeln sind die grofsen kostbaren Diptycha aus Elfen- 
bein, welche die römischen Consuln beim Antritt ihres Amtes 
zu verschenken pflegten. Sie waren grofs und stai'k genug, 
um gelegentlich auch als Waffe dienen zu können; Nero's Schau- 
spieler erschlugen mit solchen Diptychen einen Concurrenten.^) 
Die innere Seite war mit Wachs belegt, der äufsere obere 
Deckel mit Sclmitzwerk verziert. Es haben sich deren viele 
erhalten, gesammelt von Gori in seinem Thesaurus Diptychorum, 



^) Vgl. C. Goofs, Studien zur Geogr. u. Gesch. des trajan. Daciens. 
Pr«gr. des ev. Gymn. in Schäfsburg 1874 S. 59. 

'^) Luc. Timon c. 21: ig ötkiov ifißaXovzsg fis xal seataarjßrj' 
vdfjisvoi . . . STteidäv 6h xo arifxstov dtpaiQsd^ xal zö klvov ivTfiTj^ xal 
Tj öikioq dvoLX^^ xal dvaxriQvx^ • • • 

^) Ps. Luciani Nero c. 9: xal yaQ 6rj xal ötXzovg i^Sfpavzlvag xoH 
öid^vQOvg TiQoßeßXrifjLBvoL avzdg ala7C6(} iyxsiQlöia xal zov 'HTisiQwzriv 
dvaazrioavzeg n^og zov dyxov xlova, xazsa^av avzov zr^v (pdgvyya nol- 
ovzsg oQd^alg zalg öekzoig. 



Wachstafeln. 51 

3 Voll. f. 1759. In christlichen Kirchen wurden sie gern be- 
nutzt, um die Namen der Bischöfe oder Aebte und der Wohl- 
thäter einzutragen; das Diptychon lag während der Fürbittö 
auf dem Altar. Der Name blieb ihnen auch nachdem das 
Wachs daraus verschwunden war und man statt dessen Perga- 
mentblätter eingeheftet hatte; er blieb solchen Büchern auch, 
wenn ihre Form eine ganz andere geworden war. *) 

Man konnte auch mit Dinte auf dem Elfenbein schreiben, 
und das ist in Novara geschehen, wo die Reihe der Bischöfe 
um 1120 in solcher Weise in ein Consulardiptychon eingetragen 
ist.*) Die Römer hatten ganze Bücher aus Elfenbeinblättern. ^) 

Traditionell erhielt sich der Name dqytica, dictica, für 
eine Schreib tafel, wofür Du Gange s. v. Beispiele giebt. Im 
Vocab. rerum de a. 1433 bei Mone, Anz. VIII, 251 steht 
diptyclm schreibtaffel ; *) im Vocab. optimus ed. W. Wacker- 
nagel p. 29 dictica dichtauel, worin sich das so häufige Be- 
streben zeigt, einem unverständlich gewordenen Worte eine 
andere Ableitung unterzuschieben. Das geschmacklose dritte 
Buch von Abbo de bellis Paris. (MG. II, 802) aus lauter sel- 
tenen und seltsamen Wörtern zusammgengesetzt, beginnt: 

gl. tabellas 
Clerice, dipticas lateri ne dempseris miquam. 
Dieselbe Vorschrift enthält Ps. Boetius de disciplina schola- 
rium c. 4; wenn der Schüler nicht immer bei dem Meister 
sein kami, so soll er doch die Schreibtafel immer an der Seite 
haben: dicticas sempcr lateri suo hdbcat promptiores cedulasve, 
quibus diligenfer imprimat quod consdentiae propriae noverit 



*) Genaueres darüber s. im Glossar von Du Gange s. v. Im Sacra- 
mentarium Greg. ed. Pamel. II, 386 das Gebet für einen verstorbenen 
Bischof St^er dypticha, Archaeol. XXIV pl. XXXII segnet ein Bischof 
mit dem Diptychon. 

2) Gori Thes. Diptt. II, 183—201. 

*) Elephantinum librum habet hibliotheca ülpia in armario sexto, 
in quo hoc SC. perscriptum est, cui Tacitus ipse manu sua suhscripsit. 
Nam diu haec SC. quae ad principes pertinehant, in libris elephantinis 
scribebantur. Fl. Vopiscus. 

*) hec diptica, a smale tabyle, Engl. Vocab. saec. XV bei Th. Wright, 
A volume of vocabularfes (1857) S. 210. 



1/ 



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^ 



52 Schreibstoffe. 

intimatum. Der Commentar erklärt cedulam seil, papiream vel 
pecorinam, und: dictica est multiforMis tabula dictatorilms apta. 
Et dicitur a dicto as, quod rhetorum est. Unde quidam: 

Clerice, dicticam lateri teneas ut amicam. 

Da haben wir also ausdrücklich die schon erwähnte falsche 
Ableitung. Man trug sie ani Gürtel und legte sie, um zu 
schreiben, auf den rechten Schenkel, wie es sehr anschaulich 
in der Vita Odonis Cluniac. I, 14 beschrieben wird: Duus tantum 
tabellas manu baiulans seribendi officio aptissinias, fabrili 
opere ita connexas, ut possent patefieri, non tarnen disiungi, 
qiiibiis scliolastici dextro femore soletU uti. *) Das Gehänge 
wird perpendictdiüH genannt in Regensburger Versen aus dem 
11. Jahrhundert; eine Canonissin war von einem Cleriker darum 
gebeten worden: Quod perpendiculum rog^itas a nie tabularum. 
Sie schenkte es ihm und schrieb dazu: 

Ergo tuo lateri dum iungas quae tibi feci, 
Interiore nota cordis me sedulo porta. *) 

Natürlich hatte auch Ekkehai'd der Höfling seine Tafeln zur 
Hand, als die Sanctgaller 971 an den Hof kamen, um Notker 
als gewählten Abt vorzustellen; er konnte aber auch, was da- 
mals schon sehr selten war, in Noten des Kaisers Worte nach- 
schreiben. Sein Schüler Otto II hatte grofse Freude an dieser 
Kunst seines Lehrers.^) Aus späterer Zeit sind in der Am- 
braser Sammlung fünf mit schwarzem Wachs überzogene Ta- 
feln in lederner Kapsel zum Anhängen an den Gürtel.*) 

Ein antikes Diptychon schenkte 1151 der Bischof Heinrici 
Zdik von Mähren dem Kloster Selau: Qui agens in extremis 



^) Mab. Actt. V, 155 ed. Par. Odo begab sich damit um 900 
nächtens zum Grabe des h. Martin. 

2) Sitzungsberichte der Münchener Akad. 1873 S. 720. 

^) „Ekkehardus autem, notularum peritissimus , paene omnia haec 
eisdem notavit in tabula verbis; quibus Otto suus postea, ut ipse nobis 
retulit, multum delectatus est sibi relictis, cum ipse praeter notulas 
nichil in tabula viderit." Ekkeh. Casus MG. II, 140, mit der Aenderung 
relectis, die wohl nothwendig ist. 

*) Sacken, Die Ambraser Sammlung II, 258. 



Wachstafeln. 53 

binas ex ebore tabelhdas, alter am eiim imaginulis puleherrimis 
opere sculptorio, alter am vero cera implctam et tamquam ad 
scribendum paratam, misit domno Godscalco in Signum et me- 
moriale sineerissimae amicitiae, Gerl. Milovic. ad. a. 1184. 
Mon. Germ. SS. XVII, 697. Auch dem Kloster Bergen schenkte 
zwischen 1009 und 1017 der Aht Sigifrid tahulas ebur'neas 
duas. Pertz' Archiv IX, 439. 

Man verwandte sie gerne zu P]inl)änden kostbarer Hand- 
schi'iften. So in S. Gallen, welches nach Ekkehards Erzählung 
ein solches Kleinod von dem Bischof Salomon von Constanz 
aus den Schätzen seines Freundes Hatto von Mainz erhielt: 
dtias tabulas eburneas, quibus alias magnitudine equi2>ares 
rarissime videre est, quasi sie dentatus elephans aliorum fuerit 
gigas. Erant autem tabulae quondam quidem ad seribendum 
ceratae, quas latere lectuli soporantem ponere solitum, in vita 
sua scriptor eius Karolum dixit. Quarum una cum seulptura 
esset et sit insignissima, altera planitie politissima, Tuotiloni 
nostro politam tradidit seulpendam, Quibus longioris et lati- 
oris moduli Sintrammum nostrum . scribere iussit evangelium, 
ut quod tabulis abundaret, auro et gemmis Hattonis ornaret. 
Hoc hodie est evangelium et seriptura, cui nulla, ut opinamur, 
par erit ultra, quia cum omnis orbis eisalpinus Sintrammi 
digitos miretur, in hoe uno, ut eelebre est, triumphat, Ekke- 
hardi Casus S. Galli, Mon. Germ. II, 88. 

Sintrams Evangelium longum ist noch jetzt eine Zierde 
der Sanctgaller Bibliothek und rechtfertigt die Lobsprüche, 
welche ihm hier ertheilt werden. Die Sculpturen des Einban- 
des sind abgebildet in der Publication des historischen Vereins 
in S. Gallen: Das Ifloster S. Gallen, I, 1863. Es ist nicht 
ganz klar, ob Ekkehard diese Tafeln für dieselben hielt, deren 
Karl der Grofse sich bediente, oder nui* für gleicher Art. ^) 



^) Die schmalen Seiten der Buchdeckel sind mit dünnen Goldstreifen 
belegt, worauf steht: Äd istam paraturam Amata dedit XII denarios. 
Vgl. Scherrer, Verzeichnifs der Stiftbibl. S. 23 n. 53. 



V 



^ 



'• 



54 Schreibstoffe. 

Die Fortdauer des Gebrauches wirklicher Wachstafeln im 
Mittelalter und noch weit über dasselbe hinaus, ist, nachdem 
auch hier Mab il Ion die Wege gewiesen hatte, ausführlich 
nachgewiesen vom Abbe Lebeuf in seinem Memoire touchant 
Vusage d'ecrire sur des tablettes de cire, im 20. Band der Me- 
moires de l'Academie des Inscriptions (1753) und neuerdings 
von Edelestand Du Meril in seiner Abhandlung: De Vusage 
non interrompu jusqu'ä nos jours des tablettes de cire, in der 
Revue Archeologique 1860 n. 7 und 8, und wiederholt in seinen 
ißtudes sur quelques points d'Archeologie et d'histoire litteraire, 
Paris et Leipzig, p. 85 — 142; auch Mafsmann in seiner an- 
geführten Schrift, und L. F. Hesse im Serapeum von 1860, 
S. 353 — 377 geben schätzbare Nachweise. Da diese That- 
sachen noch immer sehr wenig bekannt sind, werde ich mit 
Benutzung der in diesen Schriften angeführten und anderer 
Stellen und Beispiele diesen Gebrauch als einen ganz allgemein 
verbreiteten nachweisen und darstellen. 

Im sechsten Jahrhundert verordnete S. Benedict in seiner 
Mönchsregel, dafs die Aebte den Mönchen graphium et tdbulas 
übergeben sollten,^) was in einer altfranzösischen Uebersetzung 
erklärt wird als eguille dont on escrit es tablettes, und des 
tablettes jpourescripre. Diese Vorschrift wird nicht wenig dazu 
beigetragen haben, den Gebrauch der Tafeln zu erhalten und 
zu verbreiten; so finden wir sie bei den irischen Mönchen mit 
der eigenthümlichen Benennung ceraculuni in den von Du Gange 
angeführten Stellen, zu welchen Du Meril eine andere aus der 
Vita S. Mochtei (Acta SS. Aug. III, 743) fügt: Cum in agro 
ipse seder et, allato angelus domini ceraculo eum litter arum 
docuit elementa, Adamnan (t 704) erzählt in seiner Schrift 
de locis sanctis, dafs ihm der Bischof Arnulf primo in tabulas 
describenti fideli et indubitabili narratione dictavit, quae nunc 
in menibranis brevi textu scribuntur.^) Ebenso fehlen die 
Wachstafeln auch nicht bei den Angelsachsen. Im siebenten 



^) Noch im 15. Jahrh. in Andechs soll jeder Mönch in seiner Celle 
haben tahulam cereatam cum graphio. Rockinger, Zum baier. Schrift- 
wesen S. 9. 

2) Mabillon, Actt. III, 2, 502. 



Wachstafeln. 55 

oder am Anfang des achten Jahrhunderts machte der Angel- 
sachse Aldhelm (gest. 709) das pugillar zum Gegenstande eines 
seiner Räthsel: ^) 

Melligeris apibus mea prima processit origo, 
Sed pars exterior • crescebat cetera silvis. 
Calceamenta mihi tradebant tergora dura, 
Nunc ferri Stimulus faciem proscindit amoenam 
Flexibus et sulcis obliquat ad instar aratri, 
Sed semen segetis de caelo ducitur almum. 

Aldhelm setzte offenbar die Bekanntschaft mit dieser Schreib- 
art bei seinen Zeitgenossen voraus; es scheint, dafs man die 
Tafeln in Leder einzubinden pflegte. Im cod. Sangall. 242 
steht als Ueberschrift De piigülaribus id est ^^arm'.s tahulis, 
und zu V. 3 die Glosse: Sicut videtur in tabidis Scotorum. 
Diese müssen also eine besondere Art des Einbands gehabt 
haben. ^) Wenig später schickte einer von den Gefährten des 
h. Bonifaz der Aebtissin Eadburg einen silbernen Grififel (gra- 
phium argenteum) zum Geschenk (Bonif. ep. 75 JafFe). Von 
der Lebensbeschreibung dieses Heiligen aber berichtet der un- 
genannte Mainzer Priester, welcher im elften Jahrhundert ein 
Nachwort hinzufügte, dafs der Verfasser Willibald sie bei der 
Victorskirche zu Mainz auf Wachstafeln geschrieben habe, um 
sie den Bischöfen Lull von Mainz und Megingaud von Würzburg 
zur Prüfung vorzulegen; dann erst sei sie auf Pergament über- 
tragen: primitus in ceratis tahulis ad prohationcm donmi Ltdli 
et Megingaudi , et post eorum examinationem in pergamenis 
rescribendam , ne quid incaute vel super fluuni exaratum appa- 
reret. Mon. Germ. II, 357. Jaflfe, Bibliotheca III, 481. 

Die Königin Brunhilde schickte, wie Fredegar c. 40 er- 
zählt, 613 einen Uriasbrief, der gleich zerrissen wurde, also 
wohl auf Papyrus geschrieben war. Der Knecht des Haus- 



^) Anzeiger der Vorzeit VIT, 38. Opera ed. Giles p. 263. Von den 
Buchstaben heifst es S. 257: Nascimur ex ferro, rursus ferro tnoribundae, 
Necnon et volucris penna voUtantis ad aethram. 

*) Anz. d. Germ. Museums XX, 79. 



56 Schreibstoflfe. 

meiers Warnachar aber hatte gleich eine Wachstafel zur Hand, 
auf welcher er die Stückchen befestigte und sie so wieder les- 
bar machte. Eine solche Tafel hatte auch der Abt von Cahors, 
in welcher er 585 einen Brief unter dem Wachse verbarg, i) 

Die Nachricht Einhards über Karl den Grofsen, auf welche 
sich Ekkehard in der schon oben angeführten Stelle bezieht? 
lautet Vita Kar. c. 25 so: Temptäbat et scrihere, tahulasque et 
codieellos ad hoe in lecto sub cerviealibus circumferre solebat^ 
ut cum vacuum temims esset , manum litteris effigiendis ^) adsue- 
sceret; sed parum successit labor praeposteriis ac sero inclioatus. 
Merkwürdig ist, wie die apud S. Macram im Jahre 881 ver- 
sammelten Bischöfe Frankreichs diese Nachricht benutzten, um 
den König Ludwig III recht nachdrücklich zu ermahnen, dafs 
er von seiner Eigenmächtigkeit ablassen möge. Immer, sagen 
sie, habe der grofse Karl drei seiner weisesten Käthe bei sich 
gehabt: et ad capitium leeti sui tabtdas cum graphio habebat, 
et quae sive in die sive in nocte de utilitate sanctae ecclesiae 
et de profectu ac soliditate regni meditabatur, in eisdem tabulis 
adnotabat et cum eisdem consiliariis, quos secum habebat, inde 
tractabat. In ähnlicher Weise heifst es am Anfang der Visio 
domni Karoli (Jaffe Biblioth. IV, 701), dafs Karl, ubicunque 
noctu manebat, sive domi sive in expeditione lucernam et tabulas 
sibi contiguas habere solitus erat, et quicquid vidit insomnis 
memoria dignum, litteris tr ädere curavit, ne a memoria labi 
potuisset. Martin von Troppau setzt statt dessen Feder und 
Dinte mit Pergament (pennam et incaustum cum pergameno) 
und Heinrich von Hervord c. 70 (ed. Potthast p. 39), der ihn 
ausschreibt, setzt hinzu: Habebat etiam circa suum lectum pa- 
rietem cera litum et stilum, ut si quid etiam in tenebris oc- 
currisset, eonsignaret. 

Wenn nun aber auch in Wirklichkeit Karl das Schreiben 
nicht recht gelingen wollte, so hatte dagegen sein Kanzler 



*) Greg. Tur. VII, 30: cavata codieis tahida sub cera recondidü. 

*) Dieses Wort findet sich auch in der Unterschrift des Druckers 
Joh. Veldener, bei Harzen im Archiv f. d. zeichnenden Künste 1855 
S. 3 aus Lambiuet, ßecherches p. 271. Bei Einhard haben andere Hand- 
schriften effigiandis oder effingendis. 



Wachstafeln. 57 

Ercambald immer Tafeln und Griflfel am Gürtel bereit, wie ^^ 
uns Theodulfs Verse (ad Carolum regem v. 147) zeigen: 

Non Ercambaldi sollers praesentia desit, 

Cuius fidam armat bina tabella manum. 
Pendula quae lateri manuum cito membra revisat 

Verbaque suscipiat, quae sine voce canat. 

Dagegen sind die früher von mir angeführten Wachstafeln, 
welche Theodulf in seiner Paraenesis ad iudices v. 251 unter 
den Gegenständen nennt, mitteist welcher man die Richter zu 
bestechen versuclite, zu streichen, indem die cereolae rotulae 
anders zu erklären sind. 

839 schrieb Goibert in St. Bei-tin sein Testament in tabulis 
ceratis quae exterius celatae erant barhuUs crassi piscis, et 
subtus deauratae erant, Chart. Sith. ed. (iuerard p. 160. 

Als Theodulf verbannt war, schrieb ihm Modoin (Theodulfi 
Opp. ed. Sirmond p. 220): 

Et molli durum nunc cerae inducere ferrum 
Cogor et insueto texere verba modo. 

Vielleicht schickte er ihm wirklich eine Wachstafel, vielleicht 
meint er jedoch damit nur das Concept, welches ganz regel- 
mäfsig, wie wir vorher schon sahen, auf Wachs geschrieben 
wurde; nur bei ganz geringfügigen Dingen imterblieb es, wie 
Walafrid sagt (Canisii Lectt. antt. VI, 648): 

Scribitur ut vilis properanter epistola,. sie has, 
Crede mihi, nugas sine cera hac pelle notavi. 

Auch in der Visio Wettini (824) kommen die Wachstafeln 
vor, und der Abt Smaragdus von St. Mihiel an der Maas, wel- 
cher um dieselbe Zeit lebte, erzählt von seinen Schülern: Cum 
seeundum intelleetus mei capaeitatem grammaticam fratribus 
traderem, coeperunt aliqui audita libenter exeipere et de tabellis 
in membranulas transmutare, ut quod libenter auribus hause- 
rant, frequentata lectione fortius retifierent. Da sie aber da- 
bei viele Fehler machten, baten sie Smaragd, seine Vorträge 
selbst auszuarbeiten.^) 



^) Bei Keil iu dem Erlanger Programm von 1868 S. 20. 



58 Schreibstoffe. 

Ermanrich aber in seinem von pedantischer Gelehrsamkeit 
erfüllten Schreiben an den Abt Grimald .von S. Gallen (verfafst 
zwischen 850 und 855) rühmt sich, dafs er es ohne Concept 
verfafst habe: Simul et hoc scitote quod nee in cera vel in 
tabula haec expressi, sed sicut in praesentibus scedis ^) dictata 
sunt, ita sunt vobis direeta, ut si forsan coram leeta non pla- 
euerintj non sit dolor perisse quod constat vile fuisse. 

Von dem Bischof Wolfgang von Regensburg (972 — 994) 
erzählt sein Biograph Othloh, dafs er sich eifrig um die Schulen 
bekümmert habe und um den Fleifs der Jugend anzuspornen, 
sich häufig ihre Exercitien zeigen liefs: frequcnter voluit tabulas 
eoruni cernere dietalesJ) Othloh selbst lernte in Tegemsee 
auf solchen Tafeln schreiben: tabida mihi data est cum aliis 
pueris ad discendum scripturam (MG. SS. XI, 392), und um 
dieselbe Zeit, im Anfang des elften Jahrhunderts, pflegte, wie 
Ordericus Vitalis (III, 7 ed. Le Prevost) berichtet, der Abt 
Osbem von S. Evroul im Sprengel von Lisieux den Knaben die 
Wachstafeln (tabulas cera illitas) zu diesem Zwecke selbst zu 
bereiten. 

In dem Benedictionale Aethelwoldi, welches gegen das 
Endo des zehnten Jahrhunderts in England geschrieben ist, 
findet sich Zacharias nach Luc. 1, 63 dai'gestellt, wie er mit 
dem Griffel auf einer grofsen Wachstafcl schreibt, Archaeologia 
Vol. XXIV. PI. 27. Dieselbe Darstellung findet sich auch in 
dem schönen Psalter des Bischofs Warmund von Ivrea, und 
sonst häufig. Ein Angelsachse mit Wachstafeln ist abgebildet 
bei Th. Wright: A history of domestic manners and sentiments 
in England (Lond. 1862) p. 96. 439. 

Dafs man sich derselben auch zum Zeichnen bediente, 
zeigen Notker's Worte in der Erklärimg des Boetius (bei 



*) d. i. schedis. Von scheda kommt sehedula, Zedel, Zettel. Ma- 
billon, Anall. p. 422, las scholis; die richtige Lesart hat Dümmler, Sanct- 
gall. Denkmäler in den Mittheilungen der Antiquar. Gesellschaft in Zürich 
XII, 211 und jetzt in dem vollständigen Abdruck (1873) S. 35. üeber 
dictare s. unten V § 3. 

*) MG. SS. rV, 534. Der Ausdruck erinnert an die oben S. 52 er- 
wähnte Ableitung. 



Wachstafeln. 59 

Hattemer, Deükmale III, 148), die nicht dem lateinischen Text 
entlehnt sind: übe ih mit mmemo grifile an einem midhse gerizo 
formam animalis. 

Etwas unklar ist die Schriftstellerei des h. Nilus (t 1005) 
in Calabrien. In seiner Lebensbeschreibung Acta SS. Sept. 
VII, 293 heifst es, dafs er vom frühen Morgen bis neun Uhr, 
um in seiner Einsiedelei nicht müfsig zu sein, sich mit Schön- 
schreiben beschäftigte, mit feiner und enger Schrift, jedesmal 
einen Quatern füllend: od^ev ajto üiqojX ioq rQlrrjq o^tax; IxaX- 
kiYQd<pBi, Xsjtxm xcu jivxvo) ;f()<»//£ro^ Idioxtigqj, xal rtXQadiov 
jtXriQ(nv xad- Ixaöttjv. Sollte man nun hiernach doch wohl an 
Pergament imd Dinte denken, so lesen wir dagegen S: 295, 
dafs er nur Wachs auf Holz befestigte und so seine vielen 
Bücher zu Stande brachte: dXX^ ovde (itXavog dox^tov oyipXaCpvTL 
Iv rm '/Qdq)Btv' xtjqov de Jt7i§ag tjil reo §vXq), 6i aixoxi xmv 
xoöovxmv ßißXlcov x6 JcXfjd-og ixaXXtyQdq)7jös. 

Als Abbo, der Abt von Fleury, 1004 in dem Priorat La 
Reolle an der Garonne den Tumult vernahm, in welchem er 
das Leben verlor, safs er gerade im Kloster bei seinen Rech- 
nungen (quasdam computi ratiunculas dictitans) und kam her- 
vor pugiUares gerens in manibus tabellas cum stilo. ^) 

Im Jahr 1029 kam nach dem Tode des Bischofs Fulbert 
von Chartres der neue Bischof in das Kloster St. Pere de 
Chartres und liefs dessen Schätze in ceris verzeichnen. Mab. 
Ann. 0. S. B. 1. LVI c. 56. Hermann von Reichenau übergab 
1054 sterbend seine tabulas seinem Schüler Berthold, um was 
daraus noch nicht auf Pergament übertragen war, zu verbessern 
und abzuschreiben. ^ MG. SS. V, 269. 

Auch Radulfus Tortuarius, Mönch in Fleury, 1063 geboren, 
der 45 Jahre alt eine Fortsetzung der Miracula S. Benedict! 
schrieb, sagt in einer poetischen Epistel an einen Freund (Bibl. 
de l'ecole des chartes, 4. Serie, I, 512): 

Nam cum missa mihi legissem verba salutis, 
Arripui ceras arripuique stylum. 



*) Vita auct. Aimoino bei Mab. ed. Paris. VI, 1, 55. Glab. Rod. IIT, 3. 



60 Schreibstoffe. 

Derselbe beklagt (S. 502), dafs ein Dichter jetzt keine Be- 
achtung und Belohnung finden, ja nicht einmal Pergament, 
kaum Wachstafeln sich würde verschaffen können: 

Eximium vatem si nasci forte Maronem 

Hoc aevo dedcrit prospera stella Venus, 
Eins iucundo si convenisset in astro 

Tota favens genesis, cirni Jove Mercurius, 
Ipse suis adsit comitatus si Maro Musis, 

Pallida ieiunis faucibus ora gerat. 
Non solum macra qua scribat egebit aluta: 

Cerula vix mandet cui rüde carmen erit. 

Besonders merkwürdig ist aber was Eadmer in seiner Le- 
bensbeschreibung des Erzbischofs Anselm von Canterbury 
(t 1109) erzählt. Anselm, so berichtet er, hatte die Gewohn- 
heit, seine Entwürfe auf Wachstafeln aufzuschreiben, und das 
that er auch, als er sein Proslogion über das Dasein Gottes 
verfafste. Dieses Werk erschien dem Teufel so gefährlich, dafs 
er einen Versuch machte, die Tafeln, welche einem Kloster- 
bruder in Bec zur Aufbewahrung übergeben waren, bei nächt- 
licher Weile zu zerstören: easdmi in pavimento sparsas ante 
lecttim reperit, cera qiiae in ipsis erat, hac illac frtistatlm di- 
spersa, Levantur tabulae, cera coUigitur, et pariter Anselmo 
reportantur. Adunat ipse ceram et licet vix scripturam recu- 
perat. Veritus autem ne qua inctiria penitus perditum eat, 
eam in nomine domini jyerganieno iubet tradi, Lib. I p. 6. 
ed. D. Gerberon. Ebenso pflegte auch S. Bernhard nach der 
Angabe seines Biographen Ernald (1. II, c. 8.) seine Gedanken 
auf Wachstafeln aufzuzeichnen. 

So verzeichnete auch kurz vor 1120 der Abt Hariulf von 
Oudenbui'g, als er das Leben des Bischofs Arnulf von Soissons 
sclu-ieb, die Mittheilungen seines Gewährsmannes Everolf in 
cera, tit ea atramento in chartis conscriherem. Acta SS. Aug. 
III, 229. 

Guibert, von 1104 bis 1124 Abt von Nogent, erzählt in 
seiner eigenen Lebensbeschreibung, dafs er als junger Mönch 
schon einen grofsen Hang zur Schriftstellerei gehabt habe, der 



Wachstafeln. 61 

aber seinem strengen Abt mifsfiel. Nur durch einen glücklichen 
Umstand gelang es ihm sich das theure Pergament zu ver- 
schaffen, und nun schrieb er mit dem gröfsten Eifer seinen 
Commentar zur Genesis, und zwar, wie er als dem gewöhnlichen 
Gebrauch zuwider ausdrücklich hervorhebt, gleich auf Pergament, 
nicht zuerst auf Wachstafeln, so dafs er noch daran hätte än- 
dern können: Opuscula enim mm haec et alia nullis impressa 
tabiiUs, dictando ^) et scrihendo, scrihendo etiam pariter commen- 
tando, immutabiliter paginis inferebam, Guib. Novig. de vita 
sua I, 16. Opera ed. d'Acheiy p. 477. 

Mit ähnlichen Schwierigkeiten hatte in der zweiten Hälfte 
des zwölften Jahrhunderts Reiner, Mönch zu S. Lorenz bei 
Lüttich, zu kämpfen. Er schrieb nämlich Verse auf Wachs- 
tafeln und erregte dadurch den Unwillen des gestrengen Pater 
Supprior: arripiens tabellas quibus exiles impresseram cogitatus 
.... coepit innocentes ceras obruere, et quae exarata erant, 
aemulo unguis aratro confundere. Lange schwankt darauf 
Reiner, ob er es noch einmal versuchen soll; doch entschliefst 
er sich endlich: ne mueidis dormitantes tabellae ceris, stilus 
parieti affixus rubiginis lepra tabesceret. Rein, de vita sua 
II, 2. 6. B. Pez. Thes. Anecd. IV, 3, 34. 37. Mon. Germ. SS. 
XX, 599. 601. 

1127 wurde nach der Ermordung des Grafen Karl von 
Flandern seine Burg zu Brügge belagert, und Galbert, dem 
wir die genaue Kunde dieser Ereignisse verdanken, konnte zum 
ruhigen Schreiben keinen sicheren Ort finden: inter tot noctium 
pericula et tot dieruni eertamina, cum loeuni seribendi ego 
Galbertus non haberem, sunimam rerum in tabulis notavi, 
donec aliqua noctis vel diei expectata pace, ordinärem secun- 
dum rerum eventum descriptione^n presentem, et sie seeundum 
quod videtis, in arcto positus fidelibus transcripsi, Mon. Germ. 
SS. XII, 580. 

Balderich, 1130 als Erzbischof von Dol verstorben, vorher 
bis 1107 Abt von Bourgueil, war gebürtig aus Mehun (Mag- 



\y 



^) d. h. verfassend, wie schon oben S. 58. Wir kommen auf diesen 



V 



Sprachgebrauch noch zurück. \ 



62 Schreibstoffe. 

dunum) an der Loire unweit Orleans und hatte in der berühm- 
ten Schule seiner Heimath, im Verkehr mit dem gefeierten 
Meister Hubert, dessen Tod er in einem seiner Gedichte be- 
klagt, die Liebhaberei zur Poesie oder doch zur poetischen 
Form gewonnen, welche damals aufserordentlich verbreitet war. 
Dazu bediente er sich zehn Jahre lang desselben Griffels (gra- 
phium), bis er endlich zerbrach und in einem rührenden Ge- 
dichte von ihm beklagt wairde. Vielleicht war es derselbe, den 
ihm Lambert von Angers verfertigt hatte; diesen erwähnt er 
in einem andern Gedichte, zugleich mit den Täfelchen, die des 
angenehmeren Anblicks wegen nicht, wie gewöhnlich, mit 
schwarzem, sondern mit grünem Wachs überzogen waren, ^) mit 
dem Säckchen (sacculus), das ihm der Abt von Seez geschenkt 
hatte, zur Aufbewahrung der Dinge, und den beiden Schrei- 
ben!, welche die fertigen Gedichte auf Pergament übertrugen. 
Mabillon (Suppl. p. 51), dem wir diese Nachrichten verdanken, 
hat nur die Verse mitgetheilt, in welchen er die 8 tabellae 
beschreibt, welche 14 Seiten mit Wachs enthielten und auf 
jeder 8 Hexameter, zusammen also 112 fafsten: 

In latum versus vix octo pagina vestra. 

In longum vero vix capit hexametrum. 
Attamen in vobis pariter sunt octo tabellae, 

Quae dant bis geminas paginulasque decem: 
Gera namque carent altrinsecus exteriores, 

Sic faciunt octo quattuor atque decem. 
Sic bis sex capiunt, capiunt et carmina centum, 

Id quoque multiplices paginulae faciunt. 

Solch eine Schreibtafel legt auch Herr Heinrich von Vel- 
deke der Lavinia bei (Eneit 10,452): 

Ir tavelen sie nam 

und einen griffel von golde, 

dar an sie scriben wolde. 



') Die croceae memhrana tabellae Juv. VII, 23 erklärt ein mitt^-*' 
icher Scholiast 
codd. Colon, p. 145. 



alterlicher Scholiast: propter rühr am ceram. vel de huxo factae. Cat^ 



Wachstafeln. 63 

Mit angesteu pläuete si daz waz 
und solde scriben Eiieas 
do ir ir müder urloub gab. 

So wird auch in Hartmanns Gregor (v. 547 ff.), als das 
Kind ausgesetzt werden soll, der Mutter ein tavel gebracht, 
diu vil guot helfenhdn was, und darauf, vermuthlich aber 
auf dem als selbstverständlich vorausgesetzten Wachsüberzug, 
schreibt sie: 

Do der brief was gereit, 

do wart diu tavele geleit 

zuo im in daz kleine vaz. 

Beide Stellen verdanke ich Weinhold, welcher sie in sei- 
nem Buche über die deutschen Frauen, S. 93, unter den Be- 
legen für die bei ihnen häufige Kmist des Schi'eibens anführt. 

Von dem 1151 gestorbenen Abt Wignand von Theres sagt 
Ebo in dem Leben des Bischofs Otto von Bamberg (II, 17. 
Jaffe Bibl. V, G43), dafs er von vielen Schwächen des Alters 
frei blieb: non denique tremula manus per curvos cerae tramites 
errantem stilum dueebat 

Dafs namentlich auch die Schulknaben sich solcher 
Tafeln bedienten, haben wir schon gesehen und können uns 
daher nicht wundern, wenn Gualterius sie anredet: 

Vos o beatuli dipticae geruli! 
und: Ter pia concio pinacis baiula, ^) 

was ebensowohl an Horazens (Serm. I, 6, 74): 

Laevo suspensi loculos tabulamque lacerto, 

^ie an unsere Schulknaben mit ihren Schiefertafeln erinnert. 
Man hatte deshalb auch den Spruch:^) 

Non debent parvi tabulis graphioque carere. 



*) Th. Wright, The Latin poems commonly attributed to Walter 
^sipes, p. 130. pinax est tabula manualis, ein hant taphel. Diefenbach 
Gloss. p. 213. Ebenso wird S. 227 pugillar erklärt. 

2) Mone Anz. VII, 505 e cod. Vmdob. 3356. 



64 " Schreibstoffe. 

Und Carmina Burana S. 251 heifst es: 

Stilus nam et tabulae 
Sunt feriales epulae (d. h. alltäglich) 
Et Nasonis carmina 
Vel aliorum pagina. 
Es waren nicht immer gerade Wachstafeln; deutlich aber sind 
diese bezeichnet in den Versen des Bischofs Marbod von Rennes/) 
wo ein Jüngling zu fleifsigen Uebungen ermahnt wird: 
Postquam dormieris, sit mos tuus, ut mediteris. 
Quae meditatus eris, tabulis dare ne pigriteris. 
Quae dederis cerae, cupio quandoque videre. 
Eberhard von Bethune (um 1212) aber sagt in seinem 
Laborinthus III, 292 von schlechten Schülern: 

Non placet bis cerea (cera? gl. tabula) sed nummus, neu 

Stylus, ymmo 
Talorum iactus. 
Im 4. Buch der Könige 21,13 heifst es: Delebo Jerusalmiy 
sicut deleri solent tabulae, et delens vertam et ducam crebrius 
stylum super facieni eius. Das ist im 12. Jahrb. in Frankreich 
übersetzt: la destruirai e abaterai e aplanierai, si cume Tum 
sult planier täbles de graife. ^) 

So heifst es auch in dem französischen Roman von Floire 
et Blanceflor, welchen Edelestand Du Meril nebst mehreren 
ähnlichen Stellen anfühii: 

Et quand a l'escole venoient, 
les tables d'yvoire prenoient: 
Adonc lor veissiez escrire 
letres et vers d'amors en cire. 
Und im Orologe de la Mort, aus dem 14. Jahrhundert: 

Les uns apprennent a escripre 
des greffes en tables de cire, 
Les autres suivent la coustume 
de fourmer lettres a la plume, 
Et paignent dessus les peaux 
et de moutons et de veaux. 

*) Opera Hildeberti ed. Beaugendre p. 1623. Carmina Burana p. 73. 
^) Livres des Rois p. 421 nach freundl. Mittheilung von Prof. Tobler. 



Wachstafeln. 65 

Johaunes Busch (f 1478) gab einem jungen Mönche, wel- 
cher ihm klagte, dafs er an Feiertagen sich nicht zu beschäf- 
tigen wisse, den Rath, quod haec verha: Miserere mei Dens, 
aut dlia Ms similia seriberet in dietica, et sfatim complanando 
Herum ea deleret, dicens: Donmie deus mens, ad honorem tuitm 
haec feci. (Du Meril p. 507 ex Chron. Windesheni. II, 587.) 

Dergleichen Schultafeln hat man nun kürzlich gefunden 
in Lübeck, wo beim Ausräumen einer alten zur Jacobikirchen- 
schule gehörigen Kloake Wachsschroibtafeln mit Schülerschriften 
des 15. Jahrhunderts, Schreibstifte, Dintenfässer, Messer, Damm- 
steine (zum Rechnen?), Strafliölzer zum in die Hand klappen 
an den Tag kamen. ^) Noch erkennt man die oft wiederholte 
Vorschrift: 

Principium lauda, si consequitur bona cauda. 

Wenn nun hier, wie es scheint, die Wachstafeln im 15. Jahr- 
hundert abgeschafft wurden, so finden wir sie dagegen noch 
gebraucht in der Reformation der 4 lateinischen Schulen zu 
Nürnberg vom Jahr 1485, in folgender Vorschrift:^) Und so 
dann ettlich derselben Knaben bafs geschickter unnd lenger gein 
schul ganngen sind, sollen sie angehalten werden, das ir ieder 
alle morgen vnnd auch nachmittag ein frische schrift sei^ner 
hannd von biichstaben oder von ettUchen wortten teutsch vnnd 
lateinisch in wachs oder auf papir seinem locaten zaig vnnd 
weifse, die dann derselb locat cancelliren^) oder vnderstrdchen 
vnnd die knaben zu formierung gutter Buchstaben vnd Schriften 
anleyten soll. 

Zu diesem Gebrauche stimmt es nun vollkommen, wenn 
wir in dem Hortus deliciarum der Herrad von Landsberg, die 
von 1167 bis 1195 Aebtissin zu Hohenburg im Elsafs war (her-r 
ausgegeben von Engelhardt 1818) auf Tafel 8 die Grammatica 
dargestellt sehen, die in der einen Hand die Ruthe (scopae) 



') Zeitschrift des Vereins für Lüb. Gesch. II, 556, vgl. Anzeiger d. 
Germ. Mus. 1866 Sp. 388. Genauere Beschreibung Zeitschr. III, 8. 

*) Heerwagen: Zur Geschichte der Nürnberger Gelehrtenschulen 
S. 6 in einem Programm von 1863. 

^) cancellare, hoefs schrift durchstrychen oder vertilgen. Gemma 
gemmarum. 

Wattenbach, Schriftwesen. 2. Aufl. 5 



'■{ 



66 Schreibstoffe. 

hat, in der andern ein geschlossenes Buch; neben ihr aber die 
Dialectica, welche die schon weiter vorgeschrittenen Schüler 
empfängt, in der rechten Hand den stilus, in der linken die 
geöffnete tabula hält, welche ganz die Gestalt der alten Di- 
ptycha hat. Die auf derselben Tafel dargestellten Philosophen 
und Poeten schreiben an Pulten mit der Feder aus dem Din- 
tenhorn, welches auf dem Pult befestigt ist; einige sind be- 
schäftigt, ihre Federn zu schneiden. 

Von ähnlicher Gestalt sind auch die Wachstafeln, auf 
welchen in den von v. d. Hagen herausgegebenen Handschriften- 
gemälden die Dichter schreiben. ^) Auf einem Elfenbeinrelief 
aus Halberstadt, das ins 10. Jahrh. gesetzt wird, dictiert Jo- 
hannes Ev., vor dem ein Kasten mit Rollen steht, einem Knaben, 
der mit riesigem, oben breitem Griffel schreibt.^) 

Wohl die merkwüi'digsten und wichtigsten, noch im Ori- 
ginal erhaltenen Wachstafeln aus dem Mittelalter sind die 
Rechnungen der französischen Könige Ludwigs IX (von 1256 
und 1257) und Philipps HI und IV von 1282 bis 1286 und 
1301 bis 1308, welche sich in Paris, Genf und Florenz erhal- 
ten haben, häufig erwähnt, aber erst kürzlich von N. de Wailly 
und L. Delisle herausgegeben sind, im 21. und 22. Bande des 
Recueil des Historiens des Gaules (1855 und 1865). Den Ta- 
feln Ludwigs IX (Vol. 21,284 bis 392) ist auch ein vorzügliches 
Facsimile von Gustave Barry beigegeben, durch welches das 
ältere der Benedictiner (Nouveau Tr. I zu p. 468) von den 
Tafeln von St. Germain aus dem Jahre 1307 übertroffen ist.^) 



^) Minnesinger, Atlas, Tafel 14, der von Gliers, vgl. IV, 113; 
Taf. .41 ein Jüngling vor Herrn Reinmar von Zweter; 42 Gotfr. v. Strafs- 
burg. Auch in der Weingartner Liederhs. ed. Fr. Pfeiffer u. F. Fellner 
1843 (Stuttg. Lit. Verein V) saec. XFV ine. p. 89 H. von Morungen. 

^) Mittheilungen der Centralcommission XV zu S. XXIII. 

^) Auch im Musee des Archives p. 140 ist eine Abbildung. Jos. 
Klein verweist auf die analoge Sitte im Alterthum, wo die Rechnungen 
vom Bau des Erechtheum im Concept auf Wachstafeln (? oavlöeg), in Ab- 
schrift auf Papyrus geschrieben und endlich in Marmor eingehauen 
wurden, nach Rangab^, Antiqu. hell. I, S. 52 u. 80. 



Wachstafeln. 67 

Du Meril hat auch dieselbe Art der Buchführung in Eng- 
land nachgewiesen durch eine Stelle des Boke of Curtasye: 

At counting stuarde schalle ben, 
tylle alle be brevet of wax so grene 
wrytten into bokes, without let, 
that before in tabuls hase ben sett. 

Und aus Chaucer's Canterbury tales: 

His felaw had a staf tipped with hörn, 
a pair of tables all of ivory, 
and a pointel ypolished fetisly. 

Man sieht daraus recht deutlich, dafs die öfter erwähnten 
Tafehi von Elfenbein auch mit Wachs überzogen waren, weil 
man sonst darauf nicht mit einem Griffel hätte schreiben 
können. 

Das Ueberschreiben von Wachstafeln in ein Buch ist nach 
der Tapisserie von Nancy (herausgegeben von Jubinal) aus 
dem 15. Jahrhundert abgebildet von Th. Wright: A history of 
domestic manners and sentiments in England (1862) p. 439. 

Wenden wir uns nun wieder dem litterarischen Gebrauch 
der Wachstafeln zu, so finden wir in der Biographie des Joh. 
Ruysbroek (t 1381) die Angabe, dafs er in der Waldeinsamkeit 
zu Wachs brachte, was ihm der h. Geist eingab: in tabula y 
cerea Script o comniendans, secum solebat ad monasterium re- 
diens apportare.^) Thomas a Campis Vita Florentii c. 23 er- 
zählt, dafs die zahlreichen Schüler, welche der Ruf des Florentius 
(t 1400) nach Deventer zog, die Worte des Meisters darauf 
verzeichneten, um sie entfernten Freunden zu senden. Weit 
merkwürdiger aber ist die Nachricht, welche in einer Hand- 
schrift der Bibliothek zu Siena steht; diese enthält nämlich 
die Predigten, welche der heilige Bernardin dort im Jahre 1427 
am frühen Morgen gehalten hat und die sämmtlich von einem 
frommen Tuchscherer auf Wachstafeln nachgeschrieben sind: 
detto Benedetto cimatore stando alla predicha inscriveva in 



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^) Foppens Bibl. Belg. II, 721 aus Henr. a Pomerio. 



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68 Schreibstoffe. 

cera con lo Stile, e detfa la predica, tornava alla sua bottega, 
ed iscriveva in foglio, per modo che il giorno medesimo, in- 
nanzi che si ponesse al lavorare, aveva inscripta due volte la 
predica .... non lassando una minima paroluzza che in quel 
tempo usci da quella sancta hoccha. Es ist schwer zu begreifen, 
^vie man so viel und so rasch auf dem Wachs schreiben konnte, 
doch mufs es wohl möglich gewesen sein. Jene Stelle ist an- 
geführt von Tabarrini im Archivio Storico, Append. III, 
521 — 532, wo er die zu Florenz gefundenen Tafeln beschreibt. 
Dort liefs nämlich Camillo Majorfi . sein Haus di Porta Rossa 
< ausbessern, zu welchem auch ein alter Thurm gehörte, und in 
^' einer Oeffnung an der Aufsenwand dieses Thurmes, jetzt ganz 
unzugänglich, fand man die Tafeln; vermuthlich hatte in alter 
Zeit eine hölzerne Galerie dorthin geführt, und der Besitzer 
mag im Kampfe gefallen sein, ehe er seinen Schatz wieder 
heben konnte. Die Tafeln sind aus Buchenholz verfertigt und 
mit schwärzlicher Wachsmasse überzogen; der untere Deckel 
fehlt, der obere ist dicker und mit einer Oeflfnung für den 
Griffel versehen. Fünf Tafeln sind auf beiden Seiten beschrie- 
ben; schmale Oeflnungen zeigen, dafs sie durch Pergament- 
bänder zusanmien gehalten wurden. Die Schrift ist den Lang- 
seiten parallel und enthält Rechnungen eines Kaufmanns vom 
Ende des 13. oder Anfang des 14. Jahrhunderts. 

Andere Tafeln hat man in einem Torfmoor in Irland 
gefunden; sie gehören zu den Adversarien, deren Gebrauch 
wir so häufig erwähnt fanden, und enthalten grammatische 
Regeln und allerhand verschiedenes Gekritzel in angelsäx^hsi- 
scher Schrift des 14. oder 15. Jahrhunderts, abgebildet in den 
Transactions of the Royal Irish Academy, Vol. XXI. von Todd, 
mit einer Abhandlung, die wesentlich in einem Auszug aus 
der Untersuchung von Lebeuf besteht. 

In dem Livre des metiers d'fitienne de Boileau (Reglemens 
sur les arts et les metiers de Paris rediges au 13. siecle, ed. 
Depping 1837) bilden die tdbletiers ein metier; S. 171: De 
ceus qui fönt tables ä escrire ä Paris, Sie arbeiten vorzüg- 
lich in Buchsbaum und dürfen geringeres Material nicht neh- 
men. Verzierungen sind von Hörn, Elfenbein u.a. Das Wachs 



Wachstafelii. 69 

darf nicht mit Talg gemischt worden, S. 173: Ne nus tabletier 
ne puet nietre sidf avec cire. In der Steuerrolle von 1292 (ed. 
H. Geraud p. 538) sind 21 tableticrs. 

Ambrogio Traversari schreibt um 1430 an Francesco 
Barbaro nach Venedig, dafs sein Bruder fabellas huxcas quales 
ßunt apud vos venustissimas cum sti/lo wünsche; er selbst ver- 
langt 1432 Nachsendung seiner tahellas buxeae. Epp. ed. Mehus 
p. 300. 534. 

Mit dergleichen Tafeln betrieb Ott Ruland ein schwung- 
haftes Geschäft, da er 1466 in sein Handlungsbuch eintrug: 
Item Jan Fleming des Gothircz gesel von Basel, heliht mir 
schuldig umb schribdafel 130 gülden, \) Man hat sie aucjh im 
Mittelalter mit kostbarem Schnitzwerk aus Elfenbein verziert, 
wovon Du Meril p. 113 mehrere Beispiele anführt; Musee de 
Cluny n. 430 ist eine Elfenbeinplatte, welche die Krippe und 
die Hirten mit dem Stern darstellt, auf der Rückseite aber für 
Wachs eingerichtet ist. Sie wird dem 15. Jahrhundei*t zuge- 
schi'ieben. Andere Darstellungen sind ganz weltlicher Art, 
und ebenso der Griffel von Elfenbein n. 408, auf dessen dickem 
Ende ein Ritter mit einem Falken und eine Dame mit einem 
Hündchen stehen, auf einer Art von Kapitell, welches zum 
Glätten des Wachses gedient haben mag. 

Um 1500 scheint diese Verwendung der Wacihstafeln auf- 
gehört zu haben, keineswegs aber ihr Gebrauch zu anderen 
Zwecken. 

Seit alter Zeit war es herkömmlich und nothwendig, in 
den Kirchen und Klöstern die wechselnden Officien auf einer 
Tafel zu verzeichnen; sehr oft werden solche tabulae erwähnt, 
doch ohne Angabe des Materials. Du Meril aber fuhrt S. 108 
eine Stelle aus dem Ordinarium des Priorats von Saint- L6 zu 
Ronen (um 1250) an: Qui ad missam lectiones vel tr actus die- 
tiiri sunt, in tabula cerea scripti primitus recitentur. Dafs 
diese Sitte weit verbreitet war, und dafs sie sich lange erhalten 
hat, zeigen die tabulae officiorum aus einem Nonnenkloster in 



*) Ott Ralands Handlungsbuch ed. Fr. Pfeiffer (1. Publication des 
Lit.-Vereins 1843) p. 1. 



70 Schreibstoffe. 

der fürstlich Hoheiizollerschen Sammlung zu Sigmaringen, wo- 
von ich im Anzeiger des Germanischen Museums 1867 Sp. 239 
Nachricht gegeben habe. Die Schrift scheint dem 17. Jahr- 
hundert anzugehören. In Ronen waren die tablettes de clioeur 
nach Laianne, Curiosites bibliogr. p. 18, bis 1722 im Gebrauch. 

Ungemein häufig dienten die Wachstafeln, wie schon er- 
wähnt, seit den Römerzeiten zu Rechnungen, vorzüglich auch 
zu Zinsregistern, zu denen sich Vermerke über geleistete 
Zahlung leicht beifügen liefsen; femer zu vorläufiger Aufzeich- 
nung gerichtlicher Vorgänge. 

Ein Relief aus Trajans Zeit, welches auf dem römischen 
Forum gefunden ist und die Verbrennung erlassener Steuertafelu 
darstellt,^) zeigt sie uns in derselben Form, in welcher man 
sie viel in städtischen Archiven und in Sammlungen findet, 
alle mit Eintragungen aus dem 14. und 15. Jahrhundert, in 
welchem sie durch das allgemeiner und billiger werdende Papier 
verdrängt wurden. Man liefs sie daim unbeachtet liegen, bis 
sie später wieder als Merkwürdigkeit die Aufmerksamkeit er- 
regten. Die Pariser Bibliothek besitzt nach Du Meril an 50 
solcher Tafehi, von denen zwei deutscher Herkunft (Suppl. lat. 
1390) der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts angehören soUen. 

In den Hamburger Kämmereirechnungen (herausgegeben 
von Koppmann) ist I, 72 zum J. 1360 verzeichnet: 13 sol, pro 
diiohus foliis ad scribendiim; 1363 p. 88: 3 sol. pro foliis 
ligneis; 1372 p. 164: 7 sol, 3 d, pro foliis duobus cum nova 
cera reformandis.^) In den Abrechnungen erscheinen regel- 
mäfsig neben dem haaren Gelde (paratis denariis) die debita 
et exposita in foliis. 

Wachstafeln aus Nordhausen von 1358 hat 0. v. Heine- 
mann in der Zeitschrift des Harzvereins 1874 S. 59 — 85 be- 
schrieben; andere aus Goslar, als Protokollbuch bezeichnet, 



*) Monumenti inediti IX (1872) t. 48. Im Jenenser Cod. Ott. Fris. 
ist Cäsars Ermordung so dargestellt, dafs die Verschworenen in der 
Rechten Griffel, in der Linken riesige, oben abgerundete Wachstafehi 
halten. 

^) Aus baier. Klöstern giebt Rockinger, Zum baier. Schriftwesen, 
S. 9 einige solche Ausgabeposten aus dem 15. Jahrhundert. 



Wachstafeln. 71 

wollte man einst ins 11. Jahrhundei*t setzen, während sie 
frühestens dem 14. Jahrh. angehören.') 

Die Wachstafeln in Jauor hat Dr. Th. Lindner in der 
Zeitschrift des Vereins für Geschichte und Alterthum Schlesiens 
IX, 95 — 100 beschriehen; sie enthalten Signaturen aus dem 
Jahre 1374, zum Theil Vervestungen mit der Formel: dorumb 
derselbe Hanns mit rechten ist in dy echt und toffel geteilt. 
Im Jahr 1381 wurde das papierene Signaturbucli angelegt. 

Derselben Zeit (um 1381) gehört ein Kladdenbuch des 
Leipziger Stadtrathes an, von buntgemischtem Inhalt, dessen 
Wachstafeln sich theils in Leipzig, theils in Schulpforta erhal- 
ten haben, und von Professor W. Corssen in den Neuen Mit- 
theilungen des thür. sächs. Vereins (1864) X, 145 — 204 be- 
schrieben sind. In Weimar ist nach Hesse S. 377 ein aus 
10 Wachstafeln bestellender Codex, welcher ein summarisches -^ 
Register über die Einnahme des Stadtraths zu Leipzig enthält, 
vom Jahre 1420, in Dresden (ib. p. 359) Leipziger Steuerre- 
gister auf Wachs von 1426; in Wittenberg 10 Tafeln vom Jahr 
1428, welche beim Rathe zu Leipzig zu einem Register für 
Gerichtskosten gedient haben. 

In Liegnitz verbrannten am 25. Mai 1338 der stad re- 
g ister, quaternen und taffein, do rinne ire geschosse und schulde 
woren heschreben, und nach dem Brande sind abir dy ge- 
schossere in tafiln geschrebin gewest noch der alten iveisse, also 
das man umbe xiiij iar donoch keyn recht register gehaben 
mag. Die noch vorhandenen gehören erst den neunziger Jahren 
des 14. Jahi'hunderts an und sind nur Kladden, welche später 
in Bücher übergeschrieben wurden.^) Ein Stück davon, vom Jahr 
1396, scheint ins Kloster zu Sagan entkommen imd von da 
nach Breslau gelangt zu sein. ^) 

Zwei Beedebücher der Stadt Umstadt, das ältere (2 Tafeln) 



*) Hercynisches Archiv (Halle 1805) S. 138 ff. Schoenemann, Merk- 
würdigkeiten der Wolf. Bibl. 1. Hundert S. 61. Hansische Geschichtsbl. 
1873 S. 6. 

*) Schirrmacher, Urkundenbuch der Stadt Liegnitz (1866) p. VII. IX. 

«) Pertz' Archiv XI, 706. 



72 Schreibstoffe. 

1389 abgeschlossen, in Darmstadt, erwähnt Walther, Beiträge 
zur Kenntnifs der Hofbibliothek I, 65. 

Von Erfurter Ausgaberegistem auf Wachs von 1424 bis 
1426 giebt Hesse a. a. 0. S. 360 — 366 Nachricht. 

Wachstafeln auf der Berliner Bibliothek enthalten Rech- 
nungen des Stadtraths zu Hannover vom J. 1428; sie gehö- 
ren wohl zu den 12 Tafeln auf dem Rathhaus der Altstadt 
Hannover, welche Wehrs (Vom Papier, Halle 1789 S. 29—32) 
beschreibt. Sie enthalten, wie sehr häufig, Namen, bei denen 
dann die geleisteten Zahlungen vermerkt wurden. 

Regensburger Wachstafeln aus derselben Zeit im Na- 
tionalmuseum zu München sind vorzüglich gut erhalten, das 
Wachs noch weich. 

Auf den in Arnstadt noch vorhandenen Tafeln ist das 
von den Bürgern 1457 entrichtete Ungeld nach den Stadtvier- 
teln verzeichnet, wie Hesse in Arnstadts Vorzeit und Gegen- 
wart (Arnstadt 1843) S. 121 bis 124, und im Serapeum XXI, 
357 bis 359 berichtet. Tafehi aus Goetweih mit Rechnungen 
saec. XV. sind im Oesterr. Museum; über die in S. Gallen s. 
den Anz. d. Germ. Mus. XX, 79. 

In Strafsburg ist „derselben Wachstafeln Gebrauch in 
Beschreibung der gemeinen Stadt Einkommens und Aufsgaben 
oder Pfennigthurms-Rechnungen noch bifs anno 1500 in Uebung 
verblieben, wie solche Wachstafel -Rechnungen noch auflf dem 
Pfennigthurme uflfgehoben, und jährlich nebenst andern raren 
Antiquitäten uff Joh. Baptiste öffentlich gezeigt zu werden 
pflegen." ^) 

Die Beispiele noch weiter zu häufen ist überflüssig; beson- 
dere Erwähnung aber verdient das Giltbüchlein der Burg 
zu Nürnberg und der dazu gehörigen Besitzungen, aus dem 
Ende des 14. Jahrhunderts, wegen seiner eigenthümlichen Ein- 
richtung. Es besteht nämlich aus 11 Tafeln, deren Vorder- 
seite quergetheilt und mit Wachs versehen ist, die Rückseite 
aber ist mit Pergament überzogen. Hier finden sich die Namen 



^) Schilter in den Anmerkungen zu seiner Ausgabe von Jacobs 
V. Koenigshofen Chronik (1698) S. 441. 



Wachstafeln. 73 

der Dörfer und Personen, auch mit der Feder gezeichnete An- 
sichten der Orte, und daneben auf dem Wachs die Bemerkungen 
des burggi'äflichen Kastners. ^) Ganz ähnlicher Art, aus der 
Zeit um 1354, ist das Wachstafelbuch der Canonie Fölling, 
früher im Besitz des Dr. J. Sighard, jetzt im Nationalmuseum 
zu München, welches auf 11 oben abgenindeten senkrecht ge- 
theilten Tafeln, links auf Pergament die Grundholden und Gü- 
ten des Klosters in Tirol, rechts auf Wachs Bemerkungen dazu 
enthält; etwas jüngere derselben Art sind im Reichsarchiv. 
Einfache Pollinger Wachstafeln mit Rechnungen von 1431 — 1442 
sind auf der Münchener Bibliothek und von Schmeller beschrie- 
ben. ^) Die eben erwähnte Einrichtung aber finden wir auch 
in den Wachstafeln des Klosters Unter linden im Archiv zu 
Colmar. ^) 

Während nun die neuere Zeit an den meisten Orten das 
Wachs durch das Papier verdrängte, erhielt der Gebrauch des- 
selben sich bei einigen Salzwerken, wo auch andere alter- 
thümliche Sitten hafteten. Zu Halle an der Saale bestand 
die sogenannte Lehntafel aus Wachstafeln, d. h. das Grundbuch 
für die Antheile an den Salzbornen, welches in drei verschie- 
denen Exemplaren, die miter verschiedenem Verschlufs lagen, 
gleichzeitig geführt wui'de und dadurch gegen Fälschung ge- 
sichert war. Wir haben genaue Nachrichten darüber von Job. 
Christoph von Dreyhaupt und von Job. Peter v. Ludewig, der 
k. Commissarius bei der Lehntafel war und sie zu seiner Vita 
Justiniani p. 185 hat abbilden lassen. Ich habe in den neuen 
Mittheilungen des Thür.- Sachs. Vereins XI, 444 — 460 einen 
Aufsatz darüber mitgetheilt. Dreyhaupt hat uns sogar (Be- 
schreibiuig des Saalkreises S. 105) das Recept überliefert, 
welches 1681 bei der Erneuerung angewandt und vermuthlich 
von Alters her überliefert war. Denn einfaches Wachs läfst 



^) Baader im Anzeiger des Germ. Mus. XII, 101. Es ist jetzt im 
Reichsarchiv. 

^) s. Dr. J. Sighard, ein Wachstafelbuch aus dem Kloster Fölling, 
in den Abhandlungen der k. bayer. Akad. (1866) IX, 343—356. Rok- 
kinger, Zum baier. Schriftwesen S. 8 u. 9. 

3) Revue d'Alsace 1872 S. 574. 



74 Schreibstoffe. 

sich in solcher Weise nicht verwenden. ^) Die Masse mufs 
etwas weicher sein; auf fast allen alten Exemplaren ist sie 
hart und spröde geworden, bröckelt auch deswegen leicht ab. 
Dagegen ist sie in einem der jüngeren Hallischen Exemplare 
eher zu weich geblieben und haftet nicht recht an der Unter- 
lage; es verlangte eben auch die Verfertigung der Wachstafeln 
ihre eigene Wissenschaft. Glattes Holz, wie bei den PoUinger 
Tafeln im Reichsarchiv, ist unzweckmäfsig, und Blech, welches 
man in Halle einmal versuchte, hat sich gar nicht bewährt. 

Fortgedauert hat in Halle der Gebrauch bis zum Jahr 
1783, wo er durch königliche Verordnung aufgehoben wurde; 
länger erhielt sich eine ähnliche Sitte in Schwäbisch Hall, 
bis auch hier der nüchterne moderne Staat der Sache ein 
Ende machte, als er 1812 an die Stelle der Privatsieder trat. 
Die hier gebräuchlichen und schon 1768 von Hanfseimann be- 
schriebenen Tafeln hatten aber eine andere Bestimmung: sie 
enthalten die Namen der Sieder und wurden gebraucht, wenn 
das Flofs- oder Haalholz auf dem Kocher ankam und nach sei- 
nen Marken den Eigenthümern zugetheilt wurde, um bei den 
Namen derselben die erhaltene Quantität zu vermerken. Das 
doppelte Exemplar diente wohl auch hier zur Controle; eines 
davon gehört jetzt dem fränkischen Alterthumsverein in Schwä- 
bisch-Hall, das andere sammt dem Markenbuch dem Herrn 
Prof Zahn in Graz, s. Anz. d. Germ. Mus. IX, 95. X, 70. Ho- 
meyer, Haus- und Hofmarken S. 263. 

Endlich aber hat sich, wie 6delestand Du Meril S. 113 
mittheilt, auf dem Fischmarkt von Ronen noch jetzt die Sitte 
erhalten, dafs die übrig gebliebenen Fische am Schlüsse ver- 
steigert werden und das Ergebnifs auf Wachstafeln eingetragen, 
deren Abbildung er mittheilt. 



') PoUux Onomast. VIII c. 58 sagt: o Sh ivmv ty Ttivaxldi xriQoq 
7j fidXS^ti rj fiaXd^a. Er führt Stellen an, giebt aber keine Auskunft über 
die Beschaffenheit. 



Tbon und Holz. 75 

3. Thon und Holz. 

Auf Thon Scherben hat man im Alterthum dann und 
wann mit Dinte oder Farbe geschrieben; der Ostrakismus der 
Athener zeugt davon, aber nur das trockene ägyptische Klima 
hat dergleichen Schrift bis auf unsere Zeit bringen können. 
Da hat man solche Scherben viel gefunden: ägyptische mit 
Schulaufgaben in hieroglyphischer Schrift, die dictiert sind,^) 
andere mit griechischer und koptischer Schrift. Diese sind 
paläographisch nicht unwichtig. Meistens enthalten sie Quit- 
tungen, zuweilen auch Briefe, s. Corpus Inscriptionum Grae- 
carum III, 408 — 416. 497 — 504. Young's Hieroglyphics tab. 
53 — 55. Leemans, Mon. egypt. de Leide (1846—49) pl. 233 
n. 239. 240.2) Auf einer solchen Scherbe finden sich 8 Zeilen 
in höchst barbarischem Griechisch, welche nach der Erwähnung 
der Wunder Christi in eine Anrufung übergehen, vermuthlich 
ein Amulet; s. Egger, Memoires d'histoire ancienne p. 428, 
und Observations sur (quelques fragments de poterie antique 
provenant d'Egypto, Mem. de TAcademie des Inscriptions XXI, 
1, 377—408 mit Facsimile.») 

Allenfalls kann man auch die Wände zum Schreibmaterial 
rechnen, weil die in Pompeji und in den römischen Katakomben 
angemalten und eingeritzten Aufschriften ein paläographisch 
merkwürdiges Material liefern, welches sich von den eigent- 
lichen Inschriften bedeutend unterscheidet. 

Backsteine hat man bekanntlich seit uralter Zeit in der 
W^eise zum Schreiben beimtzt, dafs in den noch weichen Thon 
Schriftzüge eingedrückt wurden, welche durch Brennen Festig- 
keit erhielten. Bei Babylon iern und Assyriern war diese Me- 
thode im ausgedehntesten Gebrauch. Aber auch griechische 
Ziegelfragmente fih- Schulen zur Uebung im Buchstabieren be- 



Lauth in d. Sitzungsberichten d. Münch. Akad. 1872 S. 36. 

^) Froehner, Ostraca in(5dits du Louvre, Revue Arch. 1865 I, 
422 — 437, mit Berücksichtigung anderer, ist ohne Fortsetzung geblieben. 

^) Vgl. auch Leemans: Over eene Potscherf met Griekschen Tekst 
in het Museum van Oudheden te Leiden, in: Verslagen en Mededeelingen 
der k. Akad. van Wetenschappen , Afdeeling Letterkunde (Amst. 1866) 
X, 207—223. 



V 



76 Schreibstoffe. 

sitzt die archäologische Gesellschaft in Athen, ^) und von den 
Römern haben wir viel dergleichen Backsteine mit Inschriften, 
nicht nur Steine mit eingedrückten Fabrikstempeln, die sehr 
zahlreich sind, und Cursivbemerkungen der Arbeiter, sondern 
bei Steinamanger, dem alten Sabaria, und bei Nymwegen^) sind 
auch Backsteine mit Alphabeten gefunden, und an ersterem 
Orte ein zweiter mit den Versen: 

Senem severum somper esse condecet. 
Bene debet esse pouero qui discet bene. 

Es kann wohl keine Frage sein, dafs diese Steine zu Vor- 
lagen beim Schreibuntemcht bestimmt waren, und da ist es 
sehr merkwüi'dig, dafs die Alphabete zwar eine ziemlich reine 
Capitalschrift zeigen, die Verse aber genau mit der Schrift der 
Wachstafeln übereinstimmen, und also auch diese Schrift, ent- 
artet wie sie war, in den Schulen gelehi*t wurde. ^) 

Andere Fragmente zeigen geringere Schriftreste in den- 
selben Buchstabenfoimen. ^) 

Auch der in den Ruinen von Italica bei Sevilla gefundene 
Backstein mit dem Anfang der Aeneide in jüngerer Lapidar- 
schrift (Corpus ISS. II n. 4967, 31) scheint zur Vorschrift 
bestinmit gewesen zu sein. 

So haben wir also schon dreierlei Material zum Schulge- 
brauch kennen gelernt, denn auch einfache Holztafeln, mit 
Dinte beschrieben, dienten, wie wir schon S. 48 sahen, zu 
demselben Zweck. 



') Archäol. Anz. 1863 S. 92* nach Pervan Oglu im ^i)Jotmq IV, 527. 

*) s. Janssen: Beschreibung eines röm. Ziegels mit zwiefachem lat. 
Alphabet, Leiden 1841, und: Over twee romeinsche Opschriften in Cur- 
siefschrift, op tegels uit Holdeurnt onder Groesbeek, in: Verslagen en 
Mededeelingen IX, 13—22. Ferner ib. XII (18GG) 152—155. Die frü- 
heren berücksichtigt bei Brambach, Corpus Inss. Rhen. p. 27. 28. 

*) Job. Paur: Ueber zwei römische Ziegeldenkmäler aus Stein- 
amanger in Ungarn, Sitzungsberichte der Wiener Akademie XTV (1855) 
S. 133—141. Ck)rpu8 Inss. Latt. III, 9G2. 

*) Arneth im Jahrbuch der Gentralcommission I, aus Laureacum, 
bei Paur wiederholt, und Janssen, Musei Lugd. Batavi Inscriptiones 
p. 167. Tab. 33. 



• Thon und Holz. 77 

Bücher, die aus dünnen Tafeln von Lindonholz bestanden, 
q)iXvQa, (piXvQiov benannt, werden öfter erwähnt.^) Jede ägyp- 
tische Mumie hatte ihr Täf eichen, rdßXa, auf dem ihr Name 
stand. ^) Froehner hat ein Täfelchen aus Sykomorenholz be- 
schrieben, auf welchem von vier griechischen Klageversen noch 
der letzte Pentameter lesbar ist. ^) Und in Aegypten hat sich 
neben den schon früher erwähnten Wachstafeln mit Schüler- 
schriften auch eine gröfsere Tafel aus hartem Holz gefunden, 
sorgfältig geglättet, 12 Zoll lang, 6 Zoll breit, ^/^ Zoll dick, 
welche zwei Trimeter mit Feder und Dinte erst vorgeschrieben, 
dann mehrmals nachgeschrieben enthält.*) In Leiden ist eine 
andere Holztafel aus Aegypten, auf welcher ein griechisches 
Alphabet geschrieben ist.^) 

In einem Grabe der Thebais hat man auch ein Fragment 
einer Wachstafol gefunden, welche noch die eingeritzten Spuren 
von Buchstaben erkennen läfst. Da aber kein Wachs mehr 
darauf war, hat man im 4. Jahrh. mit Dinte darauf geschrieben.^) 

In Siebenbürgen fand man an dem Fundorte der 
Wachstafeln in einer verlassenen Goldgrube zu Vöröspatak, 
1824 ein Büchlein in kl. Octavform, das aus 5 oder G sehr 
dünnen, auf beiden Seiten beschrieljenen Blättchen aus Linden- 
liolz bestand. Sie wurden „einem reisenden vaterländischen 
Forscher*' zur Entzifferung übergeben, sind aber leider spurlos 
verloren gegangen. Ein zurückgebliebenes Fragment zeigt 
Sclmftzüge, welche an die Schrift der Wachstafeln erinnern; 
sie sind aber, da das Holz durch die Zeit gebräunt ist, schwer 



^) Becker-Marquardt V, 2, 382 n. 2. 

^) Papyrus Grecs du Mus^e du Louvre p. 434. 

3) M^langes (1873) S. 16. 

*) in Dr. Abbot's Sammlung in New -York, s. Welcker im Rhein. 
Mus. (1860) XV, 157. 

**) Reuvens, Lettres ä. M. Letronne III, 111, wo auch ein Papyrus mit 
einfachen und verbundenen Buchstaben zum Unterricht beschrieben wird. 

**) Some observations upon a Greek tablet bearing the name of 
ABANACIOC found in the Aasaseef near Gourneh, Thebes, 1828. By 
W. R. Cooper. Transactions of the Royal Society of Literature, Second 
Series, Vol. X, Part 1. Mit Abbildung. 



78 Schreibstoffe. 

mit Sicherheit zu erkennen, und wohl zu fragmentarisch, um 
eine Deutung zuzulassen.^) 

Holztafehi zum Schulgebrauch weifs ich bei den Römern 
nicht nachzuweisen; im Mittelalter scheint der Art die tabula 
atrmnentalis zu sein, welche der Mainzer Scholasticus Gozmar 
im 10. Jahrh. einem Schüler entrifs und ihn damit todschlug 
(Gudenus I, 353). Vielleicht bezieht sich darauf die Glosse 
im Vocabularius optimus ed. Wackern. p. 29: cento. geuiltz uf 
der schribschindel. Im Salzburger Antiphonar, vielleicht aus 
dem 12. Jahrhundert, schreibt Zacharias auf einer viereckten 
Tafel mit schmälerem Stiel nach der Abbildung mit einer Federj 
nach der Beschreibung freilich mit einem Griffel, wie es sonst 
üblich ist. ^) In dem vom Germanischen Museum herausgege- 
benen Mittelalterlichen Hausbuch Tafel 16 hält ein Schu\knabe 
eine ähnliche Tafel mit dem Stiel nach oben; womit er schreibt, 
ist nicht sichtbar. Doch ist es vermuthlich ein Griffel. In 
Schäfsburg in Siebenbürgen sah ich starke Holztafeln mit einer 
schmäleren Handhabe, welche dort noch vor nicht sehr langer 
Zeit zu Uebungen im Schreiben gebraucht wurden und mittel- 
alterlichen Ursprmigs sein mögen. 

Arabische Kinder lernen schreiben auf weifsen glasierten 
Tafeln, von denen die Dinte sich leicht abwaschen läfst.^) 

Aehnlicher Art, doch künstlicher und feiner, waren die 
albae tabulae pergamenae, deren Recept Rockinger S. 18 aus 
einer Tegernseer Handschrift um 1500 mitgetheilt hat. Eine 
Schicht von Bleiweifs wurde auf das Pergament gebracht, und 
man konnte mit Blei, Zinn, Kupfer oder Silber darauf schrei- 
ben; auch mit Dinte und diese leicht wieder abwischen.^) 
Solche weyfse sehr eibtä fei kaufte der P. Kellermeister 1501 für 
8 Kreuzer. 

^) Corpus Inss. Latt. III, 957 ohne Deutung. 

'^) K. Lind, Ein Antiphonar ira Stift S. Peter zu Salzburg, Mitthei- 
lungen der k. k. Centralcommission XIV (1869) Tafel 2. Gröfsere Aus- 
gabe Wien 1870. 

^) Catalogue of the Curzon library p. 2: I n. 17. A board painted 
white and glazed; upon these boards the Arabian children leam to write, 
as the ink can be washed off with ease. 

*) cum saliua wird doch wohl statt sdluia zu bessern sein. 



Thon und Holz. 79 

In der Berliner Bibliothek befinden sich 12 Buchsbaum- 
täfeichen mit sehr sauber ausgeführten Bleistift -Zeichnungen 
eines niederrheinischen Künstlers aus dem 15. Jahrhundert. 
Sie sind 1830 von Paltzow lithographirt und herausgegeben, 
von Passavant im Kunstblatt 1841 n. 89 besprochen worden; 
vgl. C. Schnaase, Geschichte der bildenden Künste im Mittel- 
alter IV, 580—584. 

Ein Seitenstück dazu besitzt die Ambraser Sammlung, 
14 hölzerne Täfelchen zum Zusammenlegen in einem Leder- 
futteral, mit Federzeichnungen eines niederländischen oder 
rheinischen Künstlers aus demselben Jahrhundert, nach Ed. 
von Sacken's Beschreibung dieser Sammlimg II, 260. Ebenda 
befinden sich auch nach S. 258 fünf Schreibtäfelchen von 
Schiefer, vermuthlich von K. Ferdinand I. 

Auch Kalender wurden im Mittelalter häufig auf Holz- 
täfelchen geschrieben. 

Diplomatisch nicht unwichtig sind endlich die Kerbhölzer, 
talea, tallia, taille, ein Name, welcher auf die mittelst solcher 
Kerbhölzer erhobene Steuer übertragen wurde. In England 
wui'den die Steuern bis 1834 auf solche Weise verrechnet, und 
als man endlich das alte System verüefs, wurden die massen- 
haft aufgehäuften tallies im Hofe des Parlamentsgebäudes ver- 
brannt. Das Feuer ergriff und verzehrte das ganze Gebäude, 
die erste Frucht der Neuerung aber war ein colossaler Un- 
terschleif. 

Nicht so unglücklich erging es dem Freiherrn Johann 
Rudolf von Trczka, dem Vater des bekannten Generals. Seine 
Gemahlin bedrängte die Unterthanen auf Opotschno und for- 
derte von ihnen die Rechnimgen. Die Unterthanen aber zö- 
gerten bis zur Heimkehr des Freiherrn; dann erschienen im 
Schlofs Fuhren mit „Robitsch" (von wruh, böhm. Kerbholz). 
Gefragt, was für Holz sie da brächten, antworteten sie, es wären 
die Rechnungen, welche die Frau immer verlange. Der Frei- 
herr aber befahl lachend die Rechnungen abzuladen, und liefs 
die Robitsche verbrennen. ^) 



^) Historisch-archäologische Memoiren über die Herrschaft Opotschno 



80 Schreibstoffe. 

Die Kerbhölzer, deren Gebrauch im häuslichen Leben noch 
hier und da fortdauert,^) sind gespaltene Stäbchen, von denen 
Gläubiger und Schuldner je eine Hälfte erhalten; bei der 
Zahlung werden die Hälften an einander gefügt und Einschnitte 
gemacht. Auch kann eine Quittung auf die geglättete Aufsen- 
seite geschrieben werden. Im Record- Office in London sah 
ich solche tallies aus König Johanns Zeit; Judenschuldbriefe, 
vom König geraubt, waren daran gebunden, und die nun an 
den König geleistete Zahlung auf dem Holz vermerkt. 

4. Papyrus. 

Die Hauptstelle über die Bereitung des Papyrus und die 
verschiedenen Arten der Waare ist Plinii Hist. nat. XIH, 11 — 13. 
Die Dunkelheit derselben hat den Auslegern viele Noth ge- 
macht mid viele Mifs Verständnisse veranlafst; es ist jedoch 
nicht nothwendig hier darauf einzugehen, und wegen der Fa- 
brication genügt es zu verweisen auf: Dureau de la Malle, 
Memoire sur le Papynis, 1850, in den Memoires de TAcademie 
des Liscriptions, Vol. XIX. 

BvßXoq, ßlßXog, auch jrdjtvQog, ist eine Art Binse, Cyperus 
papyrus, die zu vielfältigem Gebrauch diente und in Aegypten 
vorzüglich im Delta angebaut wurde. Ursprung und Bedeutung 
des Namens sind so wenig bekannt, wie die ägyptische Form 
desselben. Herodot hat das Wort jtdjtvQog nicht. Heimisch 
ist die Pflanze in Aegypten nicht, und jetzt dort ganz ver- 
schwunden. Nach den alten Abbildungen ist es die in Nubien 
noch jetzt heimische Art, welche sich durch aufrecht stehende 
Blüthenbüschel und geringere Höhe unterscheidet von der sy- 
rischen, nach Pariatore, Memoire sur le Papyrus des Anciens 
et sur le Papyrus de Sicile, in den Memoires presentes ä l'Aca- 
demie des Sciences (1854) XII, 469 — 502. Der syrische, 
Cyperus Syriacus, von den Alten nicht erwähnt, ist nach Par- 



im Königgrätzer Kreise S. 23. Ich verdanke sie der Freundlichkeit des 
Intendanten Herrn Heistermann von Ziehlberg. 

vgl. z. B. Boner's Siebenbürgen S. 544. In der Schweiz nennt 
man es ßeilenrechnung. Vgl. Grimm's Wörterbuch unter Kerbholz, 
Homeyer, Haus- u. Hofmarken S. 214. 



Papyrus. 81 

latore eine andere Species;^) vermuthlicli wurde er von den 
Arabern angebaut und von ihnen auch nach den Sümpfen bei 
Palermo verpflanzt, wo ihn Ebn Haucal im zehnten Jahrhundert 
erwähnt. Man machte Papier für den Sultan daraus. Noch 
im 13. Jahrhundert lesen wir bei Salimbene S. 93 als Schlufs 
eines älteren an die Normannen gerichteten Spruches: Det 
vobis .... Hortus delicias, nemus umhram, stagna papyrum. 
Es wurde also als ein kostbarer und einträglicher Besitz be- 
trachtet; doch wird es schon für Salirabene's Zeit nicht mehr 
zutreffend gewesen sein. Diese Sümpfe sind 1591 ausgetrocknet 
und in Folge davon die Pflanze verschwunden. Bei Syrakus 
ist sie erst zwischen 1624 imd 1674 nachweisbar. Die neueren 
Versuche, Vorzüglich des Präsidenten Landolina, aus dieser 
Pflanze Papier nach Art der Alten zu machen, bespricht Dureau 
de la Malle ausführlich und giebt sehr genaue Mittheilungen 
darüber. *) 

Im Alterthum ist der aus der Pflanze verfertigte Schreib- 
stoff mit derselben gleichnamig;^) er heifst auch x^Q'^V^y charta, 
wovon das Beiwort y(^aQr(poq, chartaceus. In späterer Zeit sind 
diese Ausdrücke auf andere Stoffe, namentlich auf Papier über- 
tragen. Daher heifst es: faqxriq iörl ro djto jiajivQov ötQ/ia, 
fj trtQa vXrj JCQoq yQa<prjV JtsjroiTjfiivrj. Schol. 1. XXII. Basi- 
licorum. 

Im Mittelalter heifst eine Urkunde auf Papyrus gewöhn- 
lich tomus. 

Häufig begegnet man dem Irrthum, der aus den Worten 
des Plinius entstanden ist, als ob der Schaft des Papyrus aus 
verschiedenen Häuten best^e, in die er sich zerlegen lasse. 
Das ist bei dieser Binse so wenig wie bei andern Binsen mög- 



*) Diese Unterscheidung wird jedoch bezweifelt. Die massenhaften 
Papyrusdickichte des inneren Africa sitid durch die neueren Reisen be- 
kannt geworden. 

*) Das früher hier von mir als älter angeführte Papier beruht nur 
auf der falschen Lesung 1635 statt 1835. 

^) Die Unterscheidung von ßvßXog (Pflanze) und ßißXoq (Papier) 
ist spätere Spitzfindigkeit; es soll auch byhliotheca die richtige Schreib- 
art sein. 

Wattenbach, Schriftwesen. 2. Aufl. 6 



82 Schreibstoffe. 

lieh, da sie nur ein gleichartiges Zellgewebe enthalten, und 
Herr Marquardt würde grofse Mühe haben, seine 20 Bastlagen 
zu finden. Man zerlegte vielmehr das Zellgewebe mit einem 
scharfen Instrument in dünne Schichten, von denen die mit- 
telsten als die breitesten das beste Papier gaben. Die Schichten 
wurden neben einander gelegt imd mit einer zweiten Lage 
kreuzweise bedeckt; aufgegossenes Nilwasser brachte den Pflan- 
zenstoff in Auflösung, der sich dann fest mit einander verband, 
geprefst, getrocknet und geglättet wurde. Manches bleibt 
dunkel in der Stelle des PUnius, so die Bedeutung des scapus 
mit seinen 20 plagulae; als Maafs in späterer Zeit werden wir 
unten tomi finden. In Büchern scheinen die Rollen nach der 
Schrift zusammen geleimt zu sein (unten II § 2)^ aber in Ur- 
kunden geht die Schrift über die ganze Länge, auch über die 
Commissuren. Die Höhe war durch die Qualität der Pflanze 
begrenzt, die Länge unbeschränkt. Das Verfahren scheint aber 
nicht immer dasselbe gewesen zu sein, und in Rom trat eine 
neue Appretur hinzu. Die lateinischen Rollen aus Herculaneum 
sollen schwerer aufzurollen sein als die griechischen. 

Dieser Stoff war in Aegypten seit den ältesten Zeiten im 
Gebrauch; auf den frühesten Wandgemälden aus dem alten 
Reich finden wir Schreiber mit Papyrusrollen dargestellt, und 
auch ägyptische Urkunden aus jenen Zeiten aind im Original 
erhalten. Es ist deshalb unbegreiflich, wie Varro, und nach 
ihm Plinius, die Erfindung erst in Alexanders Zeit setzen konn- 
ten, da doch schon aus Herodot das höhere Alter bekannt war. 
Man vermuthet daher ein Mifsverständnifs, und hat es so ge- 
deutet, als sei die Fabrication, die bis dahin Regal gewesen, 
damals frei geworden. 

Ebenso unbegi'ündet ist die Meinung von C. A. Böttiger 
(Ueber die Erfindung des Nilpapiers und seine Verbreitimg in 
Griechenland, Kleine Schriften HI, 365), der für die griechische 
Colonie in Naukratis den Ruhm der Erfindung in Anspruch 
nimmt. 

Zu Montfaucon's Zeit gehörten ägyptische Papyrusstücke 
noch zu den gröfsten Seltenheiten; jetzt sind die Sammlungen 
davon erfüllt, und man hat diese Rollen massenweise, sowohl 



Papyrus. 83 

mit ägyptischer wie mit griechischer Schrift. ^) Eine photogra- 
phische Ahbilduiig giebt Sickel, Moiminenta Graphica 1, ganz 
vorzügliche und anschauliche Proben die l&tudes paleographi- 
ques et historiques sur des Papyrus du VI. siecle, Genf 1866. 
Ferner die schönen Facsimilo der griechischen Papyrus von 
Deveria in Band XVIII, 2 der Notices et Extraits des Ma- 
nuscrits, u. a. m. 

Auch in Griechenland hatte dieses Material nach Herodot 
V, 58 schon längst das altorientalische Leder verdrängt, und 
war der ganz allgemein übliche Schreibstoff. Die lonier aber 
nannten es noch aus alter Gewohnheit öc^d^^Qag (s. unten § 5). 

In Athen kosteten 407 a. Ch. x«P^«^ ^^o zwei Drachmen 
und vier Obolen, was sehr viel ist, wenn die Gröfse wirklich 
so gering war, wie Egger, Memoires d'hist. anc. p. 135 — 140 
anninmit. 

Ebenso verdrängte es in Italien alle früher üblich gewe- 
senen Schreibstoffe, und auch nach der Erfindung des Perga- 
ments blieb es nicht allein der häufigere Stoff für Bücher, son- 
dern auch der allein herrschende für den häuslichen Gebrauch, 
für Briefe und Urkunden. Es wird billiger und bequemer ge- 
wesen sein. Alle Bücher, welche man in Herculaneum gefun- 
den hat, sind auf Papyrusrollen geschrieben; nur sehr langsam 
hat das Pergament die Oberhand gewonnen. Doch sagt schon 
Horaz Sat. II, 3, 1: Sic raro scribis, iit toto non quater anno 
Memhranam poscas; Ep. II, 1, 113 aber: Sole vigil calamum 
et Chartas et scrinia posco. 

Der Verbrauch war so grofs, das Material so unentbehr- 
lich, dafs bei einer durch Mifswachs erzeugten Theuerung das 
Leben der Händler in Gefahr war: Sterilitatem sentit hoc quo- 
quCy factumque iam Tiberio principe inopia chartae, ut e senatu 
darentur arbitri dispensandi: alias in tumultu vita erat, 
Plin. XIII, 13. 

Wir haben oben S. 45 schon gesehen, wie Augustin sich 



^) Vgl. darüber Egger, Memoires d'histoire ancienne, 1863, p. 141 
bis 196: " De quelques textes grecs r^cemment trouv^s sur des papyrus 
qui proviennent de T^gypte. 

6* 



84 Schreibstoffe. 

entschuldigte, weil er zu einem Briefe Pergament anstatt des 
üblichen Papyrus nahm; er setzt noch hinzu, dafs er eine eben 
von ihm verfafste Schrift senden wolle, si charta Interim non 
desit. Auch. noch Cassiodor Varr. XI, 38 schreibt eine Papy- 
ruslieferung für die k. ostgothische Kanzlei aus, und ergeht 
sich dabei nach seiner schwülstigen Weise in einem Schwall 
von Redensarten, nach denen man eigentlich glauben sollte, es 
habe niemals ein anderes Schreibmaterial gegeben. Für Acten 
und Urkunden war aber wirklich ein anderes nicht gebräuch- 
lich, und nach de Wailly I, 370 ist die älteste Pergamentur- 
kunde der Pariser Archive erst vom Jahre 671; die älteste, 
im Original erhaltene merowingische Königsurkunde auf Perga- 
ment ist von 677, das letzte Original auf Papyrus von 692, 
nach Th. Sickel, Die Urkunden der Karolinger I, 286. In 
Italien ist nach den Untersuchungen von Cesare Paoli^) die 
älteste Pergamentui'kunde in Lucca von 713 wohl gleichzeitig, 
aber kein eigentliches Original, vielmehr das älteste von 716 
in Mailand. 

Aus dem fünften Jahrhundert besitzen wir Fragmente 
zweier Originalrecripte der kaiserlichen Kanzlei, nach der Un- 
tersuchung von Th. Mommsen im Jahrbuch des gemeinen 
deutschen Rechts von Bekker, Muther und Stobbe (1863) VI, 
398 — 406. Während nach Plinius die charta Augusta und Livia 
nur 13 röm. Zoll Höhe hatte, die Claudia 16 Zoll, ein gröfee- 
res von 24 Zoll aber als unpraktisch wieder aufgegeben war, 
haben diese Rescripte eine Höhe von 17 röm. Zoll oder 1 griech. 
Fufs, und dasselbe Format findet sich in- ägyptischen Rollen 
sehr häufig; ein königliches Rescript von 99 v. Chr. hat sogar 
die Höhe von 25 röm. Zoll. Die Länge ist oft sehr bedeutend; 
in dieser Richtung wurden die Blätter bei der Fabrication an 
einander geleimt; das erste hiefs jtQcoroxoXXov , das letzte 
80x(xrox6XXcov. Jenes enthielt den Namen des Comes largi- 



^) La piü antica Pergamena del Real Archivio di Stato in Firenze, 
1873 (Arch. Stör. Terza Serie XVII). Die älteste des Flor. Domcapitels 
von 724 hat später zugesetzte Zeugen, worunter der vielbesprochene 
scdbinus. 



Papyrus. 85 

tionum, der das Departement der Fabrication hatte, und die 
Angabe von Zeit und Ort; man pflegte das abzuschneiden, aber 
für Urkunden verbot es Justinian Nov. 44, 2; jede Urkunde 
sollte mit dem Protokoll versehen sein, damit man daran ein 
Mittel zur Prüfung der Echtheit hätte*): 'Exttvo (itvroi rq 
jtaQovxi jiQOörlß'tfiev vofico, oiöre rovg övfißoXcuoyQd^ovg (ifj 
dg tTEQOP x^Q'^V^ xad-aQov yQiig)tiv öv/ißoXcuov jtXrjr tl firj 
big Ixblvov og JiQoxelfievov ro xakovfitpov jcqcotoxoXXop t^u, 
(fLQov rrjv Tov xara xaiQov Ivöo^otcltov xofir^rog xöjv d-elwv 
f^fteriQcov d-rjöavQCJV jcQoOrjyoQlav xal xov xQo^ov xad-^ ov 6 
XC^Q'^f]<S ytyovs, xal QJtoOa Ijti rcov xolovxcov JiQoyQccipexar 
xal xovxo x6 jiQ(X)x6xoXXov (irj djcoxtfiveiv dXX^ tyxslfiepov täv. 
Basilicon 1. XXII. tit. 2 de tabellion. (nur für Constantinopel 
gültig). 

Die Erobei-ung Aegyptens durch die Araber brachte an- 
fangs keine Aenderung; die Fabrikation wurde fortgesetzt, das 
Protokoll wurde arabisch, wie wir es auf einer Bulle des Pab- 
stes Johann VIII von 876 (Jaffe 2280) sehen bei Champollion- 
Figeac, Chartes et Manuscrits sur papyrus de la Bibliotheque 
royale, Paris 1840 f. (27 planches) pl. 1. 

Im zwölften Jahrhundert aber ging diese Industrie zu Grunde, 
vermuthlich verdrängt durch das billigere Papier, auf welches 
nun auch die Benennungen jtdjtvQog, charta übergingen. Am 
Ende des Jahrhunderts sagt Eustathius, jiaQtxßoXal ad Odyss. 
XXI, 390 zu den Worten ojiXov ßvßXivop: tylvovxo ydq tpaCiv 
djto ßvßXov alyvjtximv, cog ola jtajtvQCDP hÖQoxaQc5v, xad-d ol 
xoxe iisd-ciösvov vjtoxelfieva xolg yQatptvOL ;f«()ra()t«^ ojtola 
löcQg xal xd vöxsqov töiwxcxcag Xtyofitva ^vXoxdgxia, dv ?] 
xixvrj aQXL djtijXecjtxac. 

Von griechischen Papyrushandschriften des Mittelalters hat 
sich sehr wenig erhalten; Montfaucon kannte nur wenige Frag- 
mente. Besonders merkwürdig ist der Brief Constantius V an 
Pippin bei Mab. Suppl. p. 71. Montf. p. 266, mid ein Fragment 



^) Diese Erklärung wird gesichert durch das Scholion: olfxai vofxo- 
S-ezeZv ttjv veaQav, Sri ocpelkovai ta avfxpoXata iv ^vloyaQxloiq yQd(psad-ar 
iv yaQ avToZq fi6vot,q evQiGxovxai rd nQioxoxolla. Du Gange s.v.|rP.o/cf()riov. 



86 SchreibstoflFe. 

in Wien mit einem Theil der Unterschriften des Concils 
von 680.1) 

Lateinische Urkunden hat man ziemlich viel, doch fast 
nur aus Italien; in dem ausgezeichneten und sehr werthvoUen 
Werke von Marini: I Papiri diplmnatici, Romae 1805 fol. 
sind nicht nur die im Original erhaltenen, sondern auch die 
nur aus Abschriften bekannten gesammelt. Aufserdem hat man 
aber auch Bücher; der Gebrauch der Rollen scheint früh ab- 
gekommen zu sein, und aufser den ägyptischen und hercula- 
nensischen sind keine erhalten. Codices chartaceos erwähnt 
schon Hieronymus, ein xaQxmov rergdöiov die Acta Synodi VI. 
a. 680. Mansi XI, 512. Im Museum zu Leiden ist ein Buch aus 
Aegypten mit chemischen Recepten in griechischer Uncialschrift 
des 3. oder 4. Jahrhunderts. 2) Bei einer Mumie fand Harris 
ein Buch aus Papyrusblättern, 11^/^ Zoll hoch, 10 ^g Zoll breit, 
die auf der einen Seite der Blätter Stücke der Ilias, auf der 
andern Seite TQVip(DVog rtyivri jQaf/giaTixi^ enthielten, mit ent- 
gegengesetzter Richtung der Schiift. ^) Es scheint eine schad- 
haft gewordene Rolle gewesen zu sein, die auf solche Weise 
noch nutzbar gemacht war, und das ist gewifs häufig geschehen. 
Papyrus wurde durch das Alter, besonders durch Feuchtigkeit, 
brüchig, einzelne Fasern lösten sich; man hatte dann Aussicht 
das Werk besser zu erhalten, indem man die Rolle zerschnitt 
und als Codex einband, besonders wenn man die einzelnen 
Blätter mit der unbeschriebenen Rückseite an einander leimte. 

In Wien ist eine Handschrift (cod. 2160) des Hilarius 
Pictavensis aus dem vierten Jahrhundert auf Papyrus; in S. 
Gallen Homilieen und eine Schrift Isidors in Uncialschrift des 
siebenten Jahrhunderts,^) zwei andere Handschriften in Genf.^) 
Von den Digestenfragmenten in Pommersfelde, in reiner Uncial- 



*) Facs. in Kollar's Ausgabe von Lambecii Commentt. 1. VHI 
p. 864, cf. Marini, I Pap. dipl. p. 211 und 381. 

^) Reuvens, Lettres ä M. Letronne p. 65; vgl. H. Kopp, Beiträge 
zur Geschichte der Chemie I, 97. 

^) The Journal of Classical and Sacred Philology, 1854. June p. 264. 

*) Cod. 226; s. das Verz. der Stiftsbibliothek von Scherrer S. 81. 

*) S. die oben S. 83 angeführten i^tudes pal^ographiques. 



Papyrus. 87 

Schrift giebt Mommsen in der Ausgabe der Digesten Vol. II 
Tabb. 1 — 10 schöne photographische Nachbildungen. 

Die Münchener Bibliothek bewahrt das unter Erzbischof 
Petrus VI (927 — 971) verfafste Breviarium, das Verzeichnifs 
des Güterbesitzes der Ravennater Kirche mit Bezeichnung der 
Pachtverhältnisse, zuweilen auch der Schenker, auf 36, meistens 
auf beiden Seiten beschriebenen Blättern in kl. folio. Es ist 
1810 von Bernhart unter dem falschen Titel: Codex Traditionum 
ecclesiae Ravennatensis, mit einer Schriftprobe herausgegeben. 

Auch legte man je zwei bis drei gefaltete Papyrusblätter 
in ein Pergamentblatt, was später ebenso mit dem Papier ge- 
schah. So ist der Augustin aus dem sechsten Jahrhundert in 
Paris eingerichtet. Da aber Papyrus für diese Behandlung 
nicht recht geeignet war, auch wohl immer seltener wurde, so 
wich dieser Stoflf mehi* und mehr dem dauerhafteren Pergament, 
welches in der Heimath bereitet wurde. 

In Deutschland ist Papyrus wohl nie viel gebraucht 
worden; als man hier anfing zu schreiben, war Pergament 
schon der gewöhnlichste SchreibstoflF. Merkwürdig sind jedoch 
die Worte, welche bei der Zusammenkunft der Könige Ludwig 
und Lothar zu Mainz 862 die Bischöfe zu dem Schreiben der 
Könige an den Pabst hinzufügen. Sie seien sehr eilig gewesen, 
schreiben sie: unde etiam actum est, quod non iuxta morem 
antiquum in tuncardo conscripta cernitur (epistola) sed in mem- 
branis. Baron, a. 860. n. 27, cf. Dümmler, Ludwig der Deutsche 
S. 474. Das sonst unbekannte Wort kann nach dem Zusam- 
menhang wohl nur Papyrus bedeuten, dessen Gebrauch zu 
Schreiben an den päbstlichen Hof also von der Etikette erfor- 
dert wurde. Doch schon 891 schreibt Stephan VI an den Erz- 
bischof von Cöln in Betreff einer Angelegenheit, welche münd- 
licher Verhandlung bedurfte (Flofs, Die Pabstwahl unter den 
Ottonen S. 118): non atramento et pellihus haec discussio con- 
cedenda est. Damals also war für Schreiben an die Curie 
Pergament der übliche Schreibstoff. 

Urkunden deutscher Kaiser auf Papyrus finden sich nicht; 
eine Angabe von Waitz in Pertz' Archiv VHI, 6 über eine 
Urkunde Heinrichs IV von 1070 (Böhmer 1838) in der Biblio- 



88 SchreibstoflFe. 

thek zu Metz ist irrig. Das Pergament der Urkunde ist sehr 
beschädigt, was die Verwechselung hier wie in andern Fällen 
erklärt. ^) 

Auch in Frankreich finden sich Diplome auf Papyrus nur 
aus der merowingischen Zeit^) und nur wenige, darunter ein 
rescribiertes. Dafs aber auch in Gallien noch im sechsten 
Jahrhundert Papyrus das gewöhnlichste Schreibmaterial war, 
zeigt die Stelle des Gregor von Tours (Hist. Franc. V, 5): 
sed paupertas chartae finem imponit verbositati. Und Fortunat 
fragt den Flavus: 

An tibi charta parum peregrina merce rotatur? 

Deutlicher noch und jede Verwechselung ausschliefsend 
lesen wir vorher: si te habuisset Massilia sacerdotem, nun- 
quam naves oleum aut reliquas spedes detulissent, nisi tantum 
chartam, quo maiorem opportunitatem scribendi ad bonos infa- 
mandos haberes. 

Noch im Jahr 716 verlieh Chilperich II dem Kloster Cor- 
bie ein Privilegium, worin er demselben allerhand Lieferungen 
an Gewürzen und anderen fremden Waaren de teloneo de 
Fossas bewilligte. Darunter befinden sich auch carta tomi L,^) 
Die Urkunde scheint echt zu sein, aber jüngere Erwähnungen 
dieses Stoffes diesseits der Alpen sind mir nicht bekannt, mit 
Ausnahme jener vorhin angeführten, etwas zweifelhaften Stelle 
von 862. Auf Papyrus geschriebene Bücher kannte und hatte 
man allerdings. Lupus von Ferrieres erwähnt ep. 16. p. 35 ed. 
Bai. commentarios Boetii in Topica Ciceronis, quos in char- 
tacio codice, sive ut emendatius aliis dicendum videtur, char- 



*) So sind namentlich auch die 4 Blätter einer purpurnen Evan- 
gelienhandschrift der Bibl. Cotton. (Cod. N.) irrthümlich für PapjTUS 
gehalten, s. Tischendorf, Prolegg. Monn. sacr. ined. I p. 11. Vgl. Sickel, 
Urkunden der Karolinger I, 287. 

^) Oben S. 84. Papyrusbruchstücke mit Stellen eines Verzeichnisses, 
wie es scheint fränkischer Kriegsdienstpflichtiger, in Middlehül, nach 
Pertz im Archiv IX, 490. 

Pardessus Dipl. II, 309. Mit Delisle und Sickel I, 288 gegen 
den Wortlaut Pergament anzunehmen, sehe ich keinen Grund. Vielmehr 
war Pergament damals wohl kaum ein erheblicher Handelsartikel. 



Papyrus. 89 

tinacio, Amalricus in armario S, Martini habet Dem Abte 
Peter von Cluny im zwölften Jahrhundert waren sie wohl- 
bekannt, und auch Trithemius scheint solche gesehen zu haben. 
Er schreibt nämlich, de hiude scriptorum c. 12: Dicuntur autem 
librarii a libro, hoc est interiori corticis (parte) quae ligno 
cohaeret, qiiia ante usum chartae vel memhranae de libris ar- 
boruni volumina cmnpaginata fiebant, sicut in vetustissimis 
bihliothecis adhuc hodie reperiuntur quandoque vestigia. Mit 
Bast und Rinde ist Papyrus häufig verwechselt, wie auch noch 
die Benedictiner von einer Bulle auf Papyrus glaubten, dafs 
sie auf Baumrinde geschrieben sei. Auch kommt der Ausdruck 
cortex vor in Fridegodi V. Wilfridi bei Mab. Actt. III, 1, 188. 
Wenn der Panegyrist des Berengar den Kaiser Arnulf 
III, 55 sagen läfst: 

Fortia iussa cito, scribae, sulcate papyris! 
so ist daraus kein Zeugnifs für die Sitte der kaiserlichen 
Kauzlei zu entnehmen, dafs man zu Sendschreiben noch Papyrus 
verwandte, wohl aber für den in Italien fortdauernden Ge- 
brauch, wie auch der Glossator ausdrücklich bemerkt: Secundum 
Momanum morem dicit, qui in papiro scribere solent, ^) 

Bestimmte Angaben haben wir aus der päbstlichen 
Kanzlei, wo man so lange wie möglich an der alten Ge- 
wohnheit festhielt. 

Von Gregor I hatte man, wie sein Biograph, der Diaconus 
Johannes, im Prolog seiner Lebensbeschreibung berichtet, aus 
jedem Pontificatsjahr einen Band Briefe auf Papyrus: tot char- 
taceos libros epistolarum, qiiot annos probatur vixisse, 

Martin I schrieb 649 an den Bischof Amandus von Mas- 
tricht und übersandte ihm ein volumen synodale (Jaflfe 1595). 
Dieses war nach Baudemund's Vita S. Amandi (Mabillon Acta 
SS. 0. S. B. II, 689 ed. Ven.) in 4 Büchern in papyreis schedis 
editum, Graf Liudulfs Stiftungsurkunde für Gandersheim ist 
freilich für unecht erklärt,^) aber sachlich bleibt darum doch 
der Werth des darin enthaltenen Zeugnisses bestehen, wenn es 

^) Dtimmler, Gesta Berengarii S. 114. 

^) Dümmler, Ostfränk. Reich I, 351. R. Koepke, Hrotsuit von Gan- 
iersheim S. 254, der aber den angeführten Satz mifsv erstanden hat. 



90 SchreibstoflFe. 

von Sergius II Schreiben darin heifst: Cuius litter as quamvis in 
papiro secundum priscam apostolicae sedis constietudinem scri- 
ptas haieam, etc. Besonders merkwürdig aber ist eine Bulle 
Johanns X für das Kloster S. Gallen, vom Jahre 920, 2728 bei 
Jaffe, welcher mich einst darauf aufmerksam machte.*) Da 
heifst es: In hoc etiam petitionibus religiosi episcopi (Salmimis 
Constant.) venerabilibus legatis hoc subnixe supplicantibus [ut] 
contra consuettidinem nostram carta Romana cum scriptis no- 
tariis permutatis conscribi haec in pergameno, quod secum de- 
tulerant, concessimus, et ut non duhitaretur de ipsis quae 
scripta sunt, anulo nostro subtus sigillari iussimus. Ich habe 
zu dieser Bulle, welche nicht im Original vorliegt, wenig Ver- 
trauen, und vermuthe in diesem, wie in dem vorhergehenden 
Falle eine Fälschung aus dem Ginmde, weil man eine Bulle 
mit dem gewünschten Inhalt nicht besafs. Da man aber weder 
das gewöhnliche Material (papyrus) besafs, noch die Schrift der 
römischen Kanzlei (scripta notaria) nachmachen konnte, auch 
die Bleibulle nicht zu schaffen wufste, so half man sich durch 
diese Fiction. Eben dadurch aber tritt uns die Thatsache recht 
lebhaft entgegen, dafs man im zehnten Jahrhimdert Papyrus 
als das für päbstliche Bullen ausschliefslich gebrauchte Material 
kannte. So läfst auch Donizo I, 671 (MG. SS. XU, 365) 
Mantua sagen: 

Lex mihi privata, Benedictus quam mihi papa 
Prebuit in carta carecti fortiter ampla. 

Es ist eine Bulle von Benedict VII gemeint, vom 29. Dec. 975. 
Und von dessen Vorgänger Joharm XIII heifst es im Chronicon 
Mosomense^) z. J. 972: Accito notario et secundum Romanae 
dignitatis consuetudinem paratis scriptisque ex papyreo tomo 
chartis, fecit Privilegium, 

Eine schöne Bulle Stephans VI für Herisi vom J. 891 (Jaffe 
n. 2664) befindet sich im Berliner Staatsarchiv, und ist im so- 
genannten Kopp'schen Apparat ganz facsimilirt; andere sind 
in der Sammlung von Champollion-Figeac u. a. nachgebildet. 



Neugart Cod. Dipl. Alem. II, 11. Wartmann II, 378. 
2) D'Achery, Spicil. I, 570 ed. II. 



Leder. 91 

Erhalten sind aber nur wenige, weil der Stoff viel vergäng- 
licher ist als Pergament, und vorzüglich keine Feuchtigkeit 
vertragen kann. Sehr häufig sind deshalb die von Marini ge- 
sammelten Beispiele von Bullen, die ihres beschädigten Zustan- 
des wegen von späteren Päbsten erneuert wurden. 

Der Gebraucli bis auf Victor II ist schon im Nouveau 
Traite I, 498 — 500 erwiesen. Doch ging augenscheinlich schon 
im AAfang des elften Jahrhunderts der Stoflf aus und man be- 
quemte sich zum Pergament. Sickel in der Anzeige dieses 
Buches, Hist. Zeitschr. XXVII, 446 nennt eine Bulle Benedicts 
VIII von 1022 als die älteste ihm bekannte. Aeltere, welche 
gewöhnlich als Originale in den Archiven gezeigt werden, sind 
entweder unecht oder gleichzeitige Copien. In der Regel ver- 
fertigte man nämlich bald Abschriften, nicht nur wegen der 
Zartheit des Stoffes, sondern auch weil die ganz oigenthümliche 
Schrift so schwer zu lesen war; die Abschriften haben die Ge- 
stalt und Schrift der gleichzeitigen Urkunden, und passiren 
deshalb häufig als Originale. Man erkennt sie aber leicht an 
dem Mangel der Bulle, und gewöhnlich fehlt ihnen auch die 
ganz unten am Rande stehende Datumzeile, weil diese durch 
das Gewicht der Bleibulle am ersten der Zerstörung ausgesetzt 
war, oder auch übersehen wurde. 

Eine von Marino Marini, Diplomatica Pontificia (Roma 
1841. 4.) p. 65 mitgetheilte Bulle Johanns XII vom 28. Nov. 
957 auf Pergament mit einem Monogramm seines Namens, hat 
Jaffe für unecht erklärt. 

5. Leder. 

Leder ist im Orient seit uralten Zeiten zum Schreiben ge- 
braucht worden; so beruft sich Ktesias auf die öitp^-igat ßa- 
aiXixal der Perser (Diodor. II, 32), und ihre heiligen Schriften 
sollen auf 1200 Ochsenhäute geschrieben sein. Natürlich theil- 
ten auch die Griechen diese Gewohnheit, und als der bequemere 
ägyptische Stoff das Leder verdrängte, übertrugen die lonier 
darauf den Namen 6iq)d'iQai, der ihnen einmal geläufig war, 
so wie er auch später auf das Pergament überging. Herodot 
V, 58 sagt zwar: xal rag ßlßXovg öi^d-egag xaXeovßtv düto 



92 Schreibstoflfe. 

jtaXacov ol "Icovtg, ort xots iv öJtdvc ßlßkcov exQdcQVto ÖKp- 
ß^bQ}jöi aiyiijöi re xal olhjöL' eri öl xal to xar sfis jcoXXol 
rcQV ßaQßdgcDV ig roiavräq öupd^tgag yQatpovöiv. Es ist aber 
einleuchtend, dafs eine vorübergehende Benutzung des Leders 
zum Schreiben den altherkömmlichen Namen nicht verdrängt 
haben würde, sowie auch der ganze geschichtliche Zusammen- 
hang zu der oben gegebenen Erklärung führt. Nur die lonier 
hatten sich schon mit der Kunst dos Schi*eibens befafst, bevor 
die ägyptische Waare bekannt wurde; die übrigen Griechen 
lernten diese und die Schreibekunst gleichzeitig kemien, und 
wufsten daher nichts von 6iq)ß^eQaig. 

Strabo XV, 1 berichtet nach Nicolaus Damascenus von 
einer Gesandtschaft der Inder an Augustus, und sagt von deren 
Briefe: r^i' d' IjtiötoXrjV tXhjvl^uv iv öi^ß-eQa ysyQafifiivipf. 

Die Juden behielten den asiatischen Gebrauch, und die, 
Gesetzesrollen in den Synagogen sind noch jetzt auf Leder ge- 
schrieben. Nach Josephus Antt. Jud. XII, 2 erhielt Ptolemäus 
Philadelphus vom Hohenpriester Eleasar, den er um eine Ab- 
schrift der heiligen Schriften der Juden ersucht hfitte, ein mit 
goldenen Buchstaben geschriebenes Exemplar, und konnte dieses 
Kimstwerk nicht genug bewundern: rwv öig)^eQ(DV atg iyye- 
yQafifisvovg elxov zovg vofcovg xQVOotg yQccfifiaöcv. Er bewun- 
derte vorzüglich die Feiuheit der Häute, und die unmerk- 
liche Zusammenfügung derselben zu einer grofsen Rolle: ß^av- 
fiäöag rfjg löxvoZTjrog rovg v/itvag xal rfjg övfißokfjg ro dvs- 
jilyvcDörov. 

Theodoret im 5. Jahrhundert bezeugt den Gebrauch der 
Rollen bei den Juden seiner Zeit, im Commentar zu Pauli ep. 
ad. Tim. II, 4, 13: Megißgavag r« uXrjxd xaxXrjxev ovt<x) yaQ 
^Poofcalot xaXovöL xd ösQfiara. iv elXrjTolg 6e elxov jtdXai tag 
ß^elag yqa^dg' ovroo 6\ xal fitxQc xov jtaQovxog exovöiv ol 
7ovdalot. Der hebr. Name ist niegillah, von galal, rollen. 

Ein solcher Pentateuch befand sich in der Bibliothek des 
M. C. de la Serna Santander, deren Katalog 1803 gedruckt 
iät, imd wurde 1809 für 600 Francs verkauft: il est ecrit sur 
57 peaux de cuir oriental, cousues ensemble avec des filets de 
la memo matiere, formant en total un rouleau ou volumen long 



Pergament. 93 

de 113 pieds de Paris. Les caracteres sont gros et d'une belle 
forme carree sans points voyelles; les colonnes ont 18 ä 19 
pouces de hauteur sur 4^/2 de largeur. 

Den Pentateuch bei den Dominicanern in Bologna, welcher 
für das Autograph des Esra galt, beschreibt Montfaucon im 
Diarium Italicum p. 399. 

In ähnlicher Weise sind die Gesetzesrollen geschrieben, 
welche bei Schwarz de ornamentis librorum abgebildet sind, 
und die Fragmenfo eines hebräischen Pentateuchs auf 11 Blät- 
tern jetzt dunkelbraunen, dünnen Schafleders, etwa aus dem 
fünfzehnten Jahrhundert, welche in dem sogenannten Grabe 
Absalon's gefunden sind und sich jetzt in Berlin befinden. Ms. 
or. fol. 442. 

Im Catalogue of the Curzon library, Lond. 1849 fol. wer- 
den 2 hebräische Rollen auf braunem Leder aufgeführt, aber 
auch eine auf Pergamefit, So ist auch die Thorah der Marien- 
bibliothek in Halle auf Pergament geschrieben.^) 

Unter den sehr merkwürdigen Bildern in dem Chartular 
des Erzbischofs Baldewin von Trier, welche die Geschichte 
Heinrichs VII darstellen, befindet sich auch eine Abbildung 
der Feierlichkeit, bei welcher Heinrich nach der Kaiserkrönmig 
den Juden zu Rom ihre Privilegien bestätigt, indem er ihnen 
als Symbol eine solche Gesetzesrolle überreicht (dans Judeis 
legem Moysi in rotulo). Dominions, Baldewin von Lützel- 
burg S. 118. 

6. Pergament. 

Als König Eumenes II (197 — 158 a. Ch.) in Pergamus eine 
grofse Bibliothek anlegte und so als Nebenbuhler der Ptole- 
mäer auftrat, verboten diese aus Eifersucht die Ausfuhr des 
Papyrus. Die Folge davon war, dass man sich wieder dem 
altasiatischen Schreibstoff, den Thierhäuten, zuwandte und die 
Zubereitimg derselben so sehr verbesserte, dass sie in dieser 



^) Ebenso eine in München von 44 Ellen Länge, nach Bockinger, 
Zum baierischen Schriftwesen, Seite 64. 



94 Schreibstoffe. 

neuen Gestalt als Charta Peryamena bezeichnet wurden.^) Man 
konnte diesen neuen Stoff auf beiden Seiten beschreiben, und 
dadurch entstand eine ganz neue Form der Bücher. Griechisch 
nannte man ihn öofidriov, rä öco/xara, ocofcdrca, ö^Q/ia; auch 
der alte Name öopd-kQui wurde auf den veränderten Stoff über- 
tragen, und das lateinische Wort nienibranae wurde ebenfalls 
von den Griechen gebraucht. So schreibt der Apostel Paulus 
an Timotheus II, 4, 13: rov q)eX6v7]v ov djiiXijtov Iv TQcoaöi 
jtaQa KaQJiG), tQXOfcst^og (ptQt, xcd rd ßißZla, fidXcora ra; 
(isfißQdvag, In der Vita S. Nili (Acta SS. Sept. VII, 303), 
lesen wir, dass Nilus vom Abt nach Rossano geschickt wurde 
ayogaöac ftsfißgdrag. Auch jtsQyafjitv?] kommt vor. Als Con- 
stantin in seiner neuen Residenz Kirchen erbauen liefs und 
dieselben mit Büchern versehen wollte, beauftragte er damit 
den Eusebius: ojcwg dv jtevTrjXovra öm^dxia Iv dKpd^iqau; 
tyxaraöxevotg, evavdyvcoözd re xdi JtQog '^]V XQV^^'^ evfista' 
xofiiöra, vjio rexvLxmv xaXXiyQdtpcov xal dxQcßcjg ttjv rixvfjv 
ejtiörafiivwv yQaq)7JraL xtXevöeiag' tcov d^eloov Ö7jXa6^ yga^wv. 
Eusebius führte den Auftrag aus: ravra fiep ovv ßaöiXevg 6u- 
xsXsvero' avrlxa Ö^egyov tjtrjxoXovd'tt ro5 Xoycp hv jcoXvrekc5g 
i^oxTjfievoLg rtvxsOi xQiööd xal rergaOöd öiaji^sfcxpdprov rjnäv. 
Eus. Vita Const. IV, 36. 37. 

Hier sind ooftdrca Bücher, öwiidxia iv öitpd^eQaig Codices 
membranacei. Anders in den Acten der Synode von 680: 
ßcßUov iv ö(6(iaöi. Hier ist der von der Form hergenommene 
Name schon auf den Stoff übergegangen. 

Der italienische Ausdruck carta di pecJiora, jetzt carta- 
pecora, findet sich schon im Inventar der Bücher des Cynus 
von 1337, bei Savigny, Gesch. d. röm. Rechts im Mittelalter, 



*) Plmius N. H. XIII, 70 nach Varro. Die Störung in den ägyp- 
tischen Finanzen müfste freilich so grofs gewesen sein, dafs die Ge- 
schichte schwer zu glauben ist. — Vgl. über den Gegenstand im All- 
gemeinen: Gabr. Peignot, Essai sur Thistoire du Parchemin et du Y^lin, 
Paris 1812, und in: Le Moyen Age et la Renaissance, Paris 1849. In 
einem alten Wörterbuch (Serapeum XXIII, 277) heilst es: Carta sive 
pergamenum, perment, est pellis per opus artificis dealbata, ut sit apta 
pro Utteris ex incausto desuper scribendis. 



Pergament. 95 

1. Ausg. III, 559; pecorinus s. oben S. 52. Auch cartas de 
corio finden wir 1339 bei Caravita 11, 281 in Monte Cassino. 

Ausser den verschiedenen Entstellungen des lateinischen 
Wortes Pergamen finden wir im südlichen Deutschland auch 
den Ausdruck huochvel, huchfell, puchvel, wovon der bald zu 
erwähnende Naine der Bereiter desselben abgeleitet wird, ebenso 
angelsächsisch hoc-fel, ^) 

Man zog Pergament für Bücher dem Papyrus vor, weil es 
dauerhafter war.^) So schrieben im vierten Jahrhundert zwei 
Priester die beschädigten Bücher der Bibliothek des Pamphilus 
in Caesarea auf Pergament um: Quam ex parte eorruptam Aca- 
ciiis dekinc et Euzoius, eiusdefn ecclrsiae meerdotes, in m&tn- 
hranis instaurare conati sunt. Hieron. ep. 141. Aufserdem 
fafste ein Pergamentband, denn gerollt wurde es seltener, mehr 
als die Rollen, was besonders Martial in seinen Epigrammen 
hervorhebt. Bei einer Rolle bringt es die ganze Einrichtung 
mit sich, dafs sie nur auf einer Seite beschrieben wird; das 
Lesen auf beiden Seiten wäre höchst unbequem^), und die 
äufsere Seite leidet durch das Angreifen mit den Händen. Das 
festere Pergament dagegen wm^de in Buchform natürhch auf 
beiden Seiten beschrieben, und war zum Blättern und Nach- 
schlagen bequemer. Papyrus aber verträgt solche Behandlung 
nicht gut. Auch liefs sich auf Pergament gröfsere Pracht ent- 
falten. Wir haben aus den ersten Jahrhunderten eine ganze 
Anzahl von Prachthandschriften und Fragmenten derselben, das 
Pergament ist sehr sorgfältig bereitet, theils dick und stark, 
theils sehr weifs und fein. 

Im Mittelalter unterscheidet sich das italienisch -spanische 



^) Th. Wright, A volume of vocabularies (1857) S. 46 u. 75. 

*) lieber die ältesten Pergamenturkurden s. oben S. 84. Gloria, 
Compendio S. 370 sagt nach dem Annuaire historique f. 1852 S. 58, dafs 
der zweite Brief Leo's I an den Kaiser mit Silber auf Pergament ge- 
schrieben war, nach Sessio X des Concils von Chalcedon. Ich habe die 
Stelle vergeblich gesucht. 

^ Auch wo es bei den anders eingerichteten mittelalterlichen Rol- 
len ausnahmsweise vorkommt, ist es unbequem. Wie man die Rückseite 
zu Adversarien benutzte, zeigen die ägyptischen Funde sehr deutlich. 



96 Schreibstoffe. 

f 

Pergament vom deutsch-französischen dadurch, dafs die beideu 
Seiten verschieden sind. Abgesehen von dem feinen milch- 
weifsen Pergament der päbstlichen Breven sub annulo pisca- 
toris, ist bei Urkunden regelmäfsig die Rückseite gelb oder 
grau, die innere sehr weifs und glatt; in späterer Zeit hat es 
einen kalkigen Ueberzug, der oft von der Dinte zerstört ist, 
so dass nur die Furchen übrig bleiben. Auch fallt durch 
Feuchtigkeit zuweilen die ganze Oberfläche ab. Man nennt 
daher die Innenseite albiim; ein notarieller Vermerk vom J. 
1467 auf der Rückseite eines Erlasses der röm. Curie besagt, 
dafs die litterae cxecutoridles in albo praesentium scriptae publi- 
cii^t seien. Cod. Dipl. Silesiae II, 194. Das deutsche Perga- 
ment dagegen ist auf beiden Seiten kaum verschieden. 

Man war sich dieses Unterschiedes sehr wohl bewufst; im 
J. 1246 schrieb der Dcchant Albert von Passau an den Erz- 
bischof Eberhard II von Salzburg: Consulo ut in continenti sine 
more dispendio dmnimim Fridericum de Ldhniz cum vestro 
sigillo sive iulla cum pergamena teutonica atque cera ad curiam 
transmittatis Romanam, ut ibidem litter e ordinentur. Hoefler, 
Alb. Bohemus p. 111. Die Benutzung von italienischem Per- 
gament würde die Urkunde, welche ausgefertigt werden sollte, 
verdächtig gemacht haben. 

Doch kommt auch in Frankreich und im Rheinland viel 
Pergament italienischer Art vor; es wird wohl Gegenstand des 
Handelsverkehrs gewesen sein. Häufig ist es in der kaiserlichen 
Kanzlei verwendet worden, besonders zur Zeit der Römerzüge 
imd unter den Staufern, unter welchen überhaupt die päbst- 
liche Kanzlei, auch in den Formeln der Urkunden, eine starke 
Einwirkung übte. 

Bei dem Pergament, welches zu Büchern dienen sollte, 
mufste natürlich der Unterschied weniger stark sein, und einige 
Verschiedenheit der glatteren Fleischseite und der Haarseite 
ist auch bei dem deutschen Pergament häufig wahrzunehmen.^) 



*) In dem Evang. Angariense saec. XI in Berlin. (Ms. fol. Lat. Theol. 1) 
sind manche Blätter ganz wie italienisches Pergament, dazwischen andere 
auf beiden Seiten gleich, streifig und rauh. 



Pergament. 97 

In Italien und Spanien ist er aber doch bedeutender und 
regehnäfsiger; so schon bei den Fragmenten westgothischer 
Handschriften in Berlin aus dem neunten Jahrhundert, bei der 
Lex Romana Burgundionum saec. IX. Cod. Lat. fol. 270, bei 
dem Autographon Liudprands von Cremona in München. Durch- 
greifende Regeln lassen sich schwer aufstellen: durch längere 
Uebung wird man aber in den meisten Fällen den Unterschied 
mit ziemlicher Sicherheit erkeimen können.^) Die Ursache 
liegt wohl theils in einer abweichenden Art der Bereitung, 
theils darin, dafs man dort mehr Ziegen- und Hammelfelle, in 
Deutschland mehr Kalbsfelle verwandte, deren dickeres Leder, 
auf beiden Seiten mit Bimstein abgerieben, wovon die feinen 
Furchen oft sehr deutlich sichtbar sind, das vitulinum, velin, 
vellum gab.*) Man unterscheidet davon das aus Schaffellen 
bereitete parcheniin, parchnent. Shakspere freilich macht den 
Unterschied nicht, Hamlet V, 1: „Is not parchment made of 
sheep-skins? Ay, mylord, and of calf-skins too." Aber schon 
in einer Anweisung, die sich in einer Handschrift des 15. Jahr- 
hunderts findet, wie man Schrift ohne Bimstein fortschaffen 
könne*), heifst es am Schlüsse: „This medecyn ymade with 
chese or mylke of a kow, is good for velyn^ and of a sepe, 
good for parchement,^^ 

Das feinste Pergament gaben die Häute ungeborener Läm- 
mer; es ist sehr dünn, weifs und glatt, konnte aber immer 
nur zu ganz kleinen Handschriften dienen. Aehnlicher Art ist 
auch die Charta virginea, da Antoninus von Florenz im 
15. Jahrh. in seiner Schrift de instructione confessorum die 
Frage vorschreibt: Si super se portavit cartam Script am quae 
dicitur S. . Cipriani, vel cartam non natam, vel virgineam, vel 
aliquod simile ob spem sanitatis vel alterius cuiuscunque super- 



*) Daran mufs ich gegen den Widerspruch SickeFs, Urkunden der 
Karolinger I, 288, festhalten. 

*) Das in Flandern öfter erwähnte francenum hält Du Gange für 
gleichbedeutend damit. 

^) Wright and Halliwell, Reliquiae antiquae I, 108. Petrus de 
Dene, Domherr zu York, vermachte 1321 decreta mea in vitulmio, in 
corio ligata. Du Gange s. v. 

Wattenbach, Schriftwesen. 2. Aufl. 7 



98 Schreibstoffe. 

stitionis. Schon in der spätröraischen Medicina Plinii kommt 
vor: In Charta virgine scribis qiiod in dextro brachio ligatmi 
portet nie qui patitur, ^) Und in einem Zaubermittel des 
14 Jahrhunderts: scribe nomina in pergatnenum virgineum,^) 
Doch auch ein Mönch von Wilhering bestellte sich in demselben 
Jahrhundert in Passau quattuor cuitas pergameni de recentiori 
et imam virgineam.^) In grofser Menge wurde es in Tegem- 
see verbraucht:*) es war das feinste Pergament, welches noch 
heute Jungfernpergament heifst^). Drei Sorten finden wir in 
einer Rechnung von 1501: vj liätdtlan junckfra pergamen, 
vnd sunst xxxviiij haut gmains pergamen, vnd ain haut 
coopertorj, d. h. zum Einband, die sonst auch ain Jcapertt haut 
heifst. 

Ein ebenso thörichtes wie weit verbreitetes Vorurtheil 
macht die Esel zu Trägern der Litteratur, mit welcher doch 
ihre Felle nichts zu schaffen haben. Herodot (oben S. 92) 
nennt Schafe und Ziegen als die Thiere, deren Felle von den 
loniern benutzt wurden, und Augustinus contra Faustum XIII, 
18 und XV, 4 bezeichnet coria agnorum als das gewöhnhche 
Schreibmaterial.^) Schaffelle nennt Martianus Capella 1. II. 
§ 135: Cerner e erat qui libri quantaque Volumina, quot lin- 
guarum opera ex ore virginis defluebant. Alia ex papyro 
quae cedro perlita fuerat, videbantur; alii earbasinis voluminl' 
bus complicati libri, ex ovillis multi quoque tergoribus, rari 
vero in philyrae cortice subnotati. Auch der Schotteiunönch 



*) Valentin Rose im Hermes VIII, 25. Daselbst S. 49 Anm. e cod. 
S. Galli saec. X: „Ad capitis dolorem. Ascribes in papiro ferarum no- 
mina et ad capud ligabis." Im Cod. lat. Monac. 18628 saec. XI aus 
Tegernsee wird gerathen, um jeder Bitte Gewäiirung zu erlangen, scribe 
hos caracteres in manu sinistra. Und „Ut nemo contra te prevaleat, 
has caracteras scribe in linteo mundo et semper tecum habeas." Es 
folgen einige halb ausgekratzte Zeichen. 

^) Anzeiger des Germ. Museums XVIII, 301. 

^) Czerny, Bibliothek von S. Florian S. 62. 

*) Rockinger S. 16—18. 

^) Nach dem Art. Perg. bei Krünitz von jungen Böcklein gemacht. 

«) Opp. ed. Maur. VIII, 263. 274. Ziegenfell scheint er S. 274 als 
den gewöhnlichen Einband zu nennen. 



Pergament. 99 

Sedulius in Lüttich, in der zweiten Hälfte des neunten JaJir- 
hunderts, sagt zu einem Hammel:^) 

Pellis et exuviis sit kartula famaque perpes, 
Nomen sparge polo pellis et exuviis. 

Zu dem Schreiben des Kalifen Abderrahman, welches dem 
Abte Johannes von Gorze 955 in Cordova überreicht wurde, 
war ein ganzes Hammelfell genommen: carfae maynitudo, nam 
quadra pellis verveds erat, Vita Joh. Gorz. c. 124. MG. SS. 

IV, 373. Auch Ratherius de contemtu canonum (Opp. edd. 
Ballerini p. 347) schreibt: Quod in pelle ovina scrihitur, idem 
et legitur. 

Kalbspergament finde ich zuerst erwähnt in einer Formel 
des neunten Jahrhunderts bei De Roziere, Recueil n. 766 p. 1035: 
rescrihas, ni grave ftierit calamum tingmre, tinctimique in in- 
tulino campo ovinoque trahere. ' 

In dem hübschen Gedicht Conflictiis ovis et lini, welches 
Hermann dem Lahmen von Reichenau zugeschrieben wird, aber 
wohl eher . flandrischen Ursprunges ist, wird alles aufgeführt, 
wozu die beiden verwandt werden können. Da sagt die Lein- 
pflanze (Haupt's Zeitschrift für deutsches Alterthum XI, 224) 

V. 327: 

Quod parat interdum tergus sibi scriptor ovinum. 
Est equidem quaevis gloria, sed facilis. 

Justior haec vitulis, haec gloria iustior haedis: 
Haedorum pellis aptior his studiis. 

Ziegenfelle galten also hier für das beste Material, ihnen 
zunächst die Kälber. Linnenpapier war offenbar noch unbe- 
kannt. 

Auch Peter von Cluny nennt in der Stelle, w^elche unten 
beim Papier anzuführen ist, arietes, hircos et vittdos. Dagegen 
fehlen die Ziegen bei Reiner von Lüttich, der sich 1182 in 
einem Briefe an seinen Freund Friedrich beklagt, dafs ihm 
dieser so lange nicht schreibe, quasi arietes, oves, vitulos Ar- 



^) In seinem Gedicht de tribus multonibus, Sedulii Scotti Carmina 
XL, ed. Dümmler (Halle 1869) p. 10. 



7* 



100 Schreibstoffe. 

dtienna non haberet, de quorum solent pellibus confid pergor 
menae. B. Pez, Thes. Anecdd. IV, 3, 196. MG. SS. XX, 615. 
Der Züricher Cantor Conradus de Mure beschreibt im 13. Jahrh. 
poetisch die Bereitung des Pergaments aus Kalbsfellen.^) Um- 
gekehrt bezeichnet Odofredus in der von Savigny, Geschichte 
des röm. Rechts III, 533 angeführten Stelle das Ziegenperga- 
ment (scriptum in cartis edinis) als das gewöhnliche für die in 
Bologna so massenhaft zum Verkauf angefertigten Rechtshand- 
schriften. 

In Paris schenkte 1334 Meister Johann von Lausanne „ad 
opus puerorum chori quandam bibliam scriptam in pargor 
nieno caprino, ligatam inter duas asseres, coopertam de corio 
rubeo."^) 

Vorzüglich lehrreich ist die Stelle des Anonymus Ber- 
nensis,^) wo er von der Brauchbai'keit des Pergaments für 
Malerei spricht, die verschieden ist eo quod pergmnenm'tm 
genera sunt diversa, scilicet mtulinum, ovinum, caprinum. Per- 
gamenum autem ovinum et vitulinum, quando unius est Colons, 
scilicet albi, totum et planum et pulchrum, ut puta illud de 
Flandria et Normannia, etc. Dagegen ist illud ovinum de 
Burgundia von verschiedener Färbung, pallidi et nigri et albi, 
und wird daher nicht leicht von Malern benutzt. Diese An- 
gaben lassen schon auf lebhaften Handelsverkehr mit Perga- 
ment schliessen. 

Schafe werden als der Ursprung der Urkunden betrachtet 
in einem Gedicht des 15. Jahrhunderts, welches Dr. Kriegk in 
seinem Buch: Deutsches Bürgerthum im Mittelalter (Franlf. 
1868) S. 578 — 582 mittheilt. Darin heifst es nämlich beider 
Klage über die so häufigen Meineide: 



^) Gall Morel im Anzeiger d. Germ. Mus. XIX, 314. 

^) A. Franklin, Les anciennes bibliothäques p. 18. Chartulaire de 
Notre Dame IV, 206. 

^) Theophilus ed. Ilg. I, 387, herausgegeben von dem Entdecker 
Herrn. Hagen. Dafs der Anon. nicht „mindestens dem 9. Jahrh." ange- -j 
hört, beweist das Wort Normannia; die Handschrift aber soll aus dem 
11. Jahrh. sein. 



Pergament. 101 

Darumb so ruwet mich daz was gar scre 
Und die hude noch mere. 
Die man verderbet zu solichen dingen, 
Daz neman keynen nocz kan gebrengen. 
Us dem was soldc man kerczen machen 
Und verhornen zu gotlichen Sachen, 
Schaff hude die sulden wolle dragen, 
So endurfft neman nit von briiFen clagen. 

Wohl nur bildlich schreibt 1466 in Brunn, in Bezug auf 
1 Streit über die neue Schule bei St. Jacob, Johann Kregl 
einen Freund: In ayner khuehawt möcM ycli nicht gancz- 
k ewer wyrdihayt schrayhn maynes licrzn begyrlichkaytJ) 

Von den ältesten griechischen, aus Aegypten stammenden 
iidschriften der heiligen Schriften wird behauptet, dafs das 
rgament, von gelblicher Färbung, aus Antilopenfellen be- 
tet sei. 

Im späteren Mittelalter wird das Pergament in Italien an- 
.*s als im Anfang bereitet; es hat oft eine grauliche Farbe, 
rl ist bei einiger Uebung leicht von dem älteren zu unter- 
leiden. Bei den Abschriften alter Autoren, welche im 
. Jahrhundert mit genauer Nachahmung aller Eigenthümlich- 
iten der alten Schrift in Italien verfertigt wurden, dient das 
rgament zum Kennzeichen des jüngeren Ursprungs. 

Das Aufkommen des Papiers beschränkte den Gebrauch 
8 theuern Pergaments, doch blieb es in Italien mehr als in 
mtschland^) in allgemeiner Anwendung, und jene Rechts- 
.ndschriften von den italienischen Universitäten sind nach 
vigny III, 536 (578 ed. IL) fast ohne Ausnahme auf Perga- 
ent. Die Pergamentmacher in der Stadt Bologna und deren 
ebiet mufsten deshalb Caution stellen, dafs sie wenigstens 
j alles Pergaments im gewöhnlichen Bücherformat machen 
iirden. Merkwürdig ist die Erklärung des Schreibers Petri- 



') Notizenblatt der bist. stat. Section d. mähr.-schles. Gesellschaft 
on d'Elvert) 1875 S. 39; vgl. Grimm's Wörterbuch s. v. Kuhhaut. 

*) Hier sagt 1456 Job. Busch : „Jam papyrum , pennam et incau- 
m non babeo: scribere ergo non possum." Leibn. SS. rer. Brunsv. 
951. 



102 Schreibstoffe. 

nus in einer Handschrift des Novum Doctrinale vom M. Syou 
(Symon?) von Vercelli (f 1290): Nota presentetn Uhr um fore 
secmidum ab exefnplari cjcemplatum .... Hoc etiam nota, 
quod prcdictus P. no7i est alio aliquo criminandtis , quia hoc 
doctrinale novum, quod est tante dignitatis seu scolarium utüi- 
tatis, scripserit in papiro, cum taiüa cartarum tunc existerä 
caritudo, quod ipsas non potuisset prccio congruo coniparare, 
vel melius, quia ipsum clam et subito scribere inchoavit, et etiam 
cartas non liabuit tunc temporis prepara^as.^) 

Ein membranarius konunt in Diocletians Edict de pretiis 
rerum venalium von 301 vor: membraiiario in quaterniofie (?) 
pedali pergamenae .... 2) 

Die Bereitung dieses Stoffes war nicht an einen Ort ge- 
bunden, wie die des Papyrus, und hat sich ohne Zweifel schon 
in römischer Zeit auch nach Gallien verbreitet. Bei dem Sturz 
des Reiches trat aber begreiflicher Weise eine Stockung der 
Fabrication ein, und man behalf sich mit abgewaschenen Bruch- 
stücken alter Handschriften. Das vortreffliche Porgament der 
karolingischen Zeit scheint ein Aufleben des alten Gewerbes 
anzuzeigen, und es mag auch ein Handelsverkehr damit statt- 
gefunden haben. Allein in abgelegenen Gegenden, in Klöstern, 
die in Einöden angelegt waren, mufste man suchen sich selbst 
zu helfen. Roh bereitetes, löcheriges Pergament läfst mis die 
ungeschickten Vei^uche erkennen, und auch dieses war für die 
Schreiber oft schwer zu bekommen. Im achten Jahrhundert 
schreibt Winithar in Sanctgallen: Si autem vobis tUile videtur, 
ut aliquid scribam vobis ex mea parvitate, date perganiina | 
vestra,^) mid in einer Handschrift bemerkt derselbe, es sei 
darin nicht unus folius, den er sich nicht durch Ankauf oder 
Bettel (mendicando) verschafft habe.'*) 



^) Cod. Novar. CIX bei Giov. Andres, Lettera al S. Abbate Giac 
Morelli, Parma 1802, p. 25—27. 

^) In der älteren Ausg. v. Th. Mommsen S. 19. Corpus ISS. Latt. 
III, 2, 808 u. 831. 

3) Weidmann, Geschichte der Bibl. von St. Gallen (1841) S. 3 
Anm. 8 e cod. 70 p. 252. 

*) ib. p. 4 e cod. 238 p. 493. 



Pergament. 103 

Nach und nach lernte man die Bereitung besser, und ver- 
fertigte das Pergament selbst oder hielt sich Leute, die es ver- 
standen. So wird unter den Laien, welche zum regelmäfsigen 
Haushalt des Klosters Corbie gehörten, im Reglement des Abtes 
Adalhart von 822 auch ein xierganiinarius erwähnt, bei Guerard, 
Polypt. Irmin. II, 307. Der Reichenauer Mönch Tatto schrieb 
wenig später an den Erzbischof Otker von Mainz: Mittite mihi 
de pergameno bono ad unum iGctionarium perscribendum et ad 
unum missalem Gregorianum, bei Jaffe, Monn. Mogunt. p. 324. 
Die membranae vituUnae, auf welche die Fuldaer Mönche in 
der zweiten Hälfte desselben Jahrhunderts Bücher schrieben 
(Forschungen V, 390), rührten wohl von ihren eigenen Käl- 
bern her. 

Rockinger hat S. 11 — 17 eine lehrreiche Zusammenstellung 
aus Rechnungsbüchern bayerischer Klöster gegeben, aus welcher 
hervorgeht, dafs man hier im 15. Jahrhundert die Kalbsfelle 
in die Städte schickte und zu Pergament bearbeiten liefs, oder 
mit einem Aufgeld gegen Pergamenthäute vertauschte. Nament- 
lich Tegernsee hatte einen lebhaften Verkehr, indem es von 
dem Pergament wieder an andere Personen und Stifter abgab. 
Schon lange war nämlich die Bereitmig des Pergaments 
ein bürgerliches Gewerbe geworden, für welches sich der 
deutsche Ausdruck buchfeller findet. So werden nach A. Czcmy, 
Die Bibliothek von St. Florian S. G5, in Wien 1288 die Per- 
gamentmacher, die puchvel gerbent, und 1361 die puchfeler als 
zünftiges Gewerbe erwähnt. In einem Anhang zum Schwaben- 
spiegel kommt der büchveller vor,^) in Regensburg um 1281 
ein Bürger Albertus dictus PtihveUer, in Passau 1339 Michel 
der Pueehuelaer,^) 

In Regensburg ist ein Pergamenarius schon am Ausgang 
dos zwölften Jahrhunderts nachzuweisen.^) In den Cölner 
Stadtbüchern sind von 1230 an die Pergamentarii häufig, nach 



^) Rockinger in den Sitzungsberichten der Münchener Akad. 1867 
n, 2, 322. 

*) Rockinger, Zum baier. Schriftwesen S. 14. 
^) Rockinger ib. aus Pez Thes. I, 3, 183. 



104 Schreibstoflfe. 

Merlo, Kunst und Künstler in Cöln (1850) S. 564. In Paris 
stand das ganze Gewerbe und der Handel mit Pergament unter 
einer sehr lästigen Aufsicht der Universität; in der Steuerrolle 
von 1292 kommen 19 parcheminiers vor, aber es war ein freies 
Gewerbe, und vermuthlich gab es viel mehr, welche keine 
Steuer zahlten.*) Aus Gent hat sich ein Reglement du metier 
des Parcheminiers vom 27. Oct. 1280 erhalten,^) aus Lübeck 
Statuten der Permenter vom 29. Juni 1330.*) 

Gutes Pergament zu bekommen, war nicht so ganz leicht; 
man muüste sich sehr hüten vor fliefsendem, in welchem die 
Dinte auslief, wie man das noch hin und wieder in Hand- 
schriften sehen kann. Bitter bekagt sich darüber um 1280 
Nicolaus von Bibera, wie man in Erfurt ihn betrogen habe:*) 

De pergamentariis quos arguit pro eo qiiod dederunt sibi 

flitens pergamenum. 

Sunt ibi cartarum rasores, vulgus avarum, 
Quod non attendit, sed per mondacia vendit, 
Jurans subtile, quod sit super omnia vile. 
Cartam presentcm dixit non esse fluentem, 
Immo iuravit per eum qui cimcta creavit, 
Que sie defluxit, quod littera testis adhüc sit. 
His nil do laudis, quia plenos sentio fraudis. 

Schon 1296 wii'd die Pergamentergasse in Erfurt erwähnt 
Von dieser Zeit an finden wir die Pergamenter, Birmetter, 



^) H. Geraud, Paris sous Philippe le-Bel p. 528. Auch in Prag 
stehen die rasores pergameni unter Jurisdiction der Universität. Statuten 
angeführt bei A. Kirchhoff, Weitere Beiträge S. 23. 

^) Chartes et documents de Tabbaye de S. Pierre au mont Blandin 
ä Gand depuis sa fondation jusqu'ä sa suppression, avec une introduction 
historique publies par A. van Loker en. Tome I (Gand, H. Hoste, 1868,4) 
n. 894. 

^) Cod. dipl. Lub. II, 473. Wehrmann, Die älteren Lüb. Zunft- 
rollen (1864) S. 363. 

*) Carmen occulti auctoris, v. 1719 bis 1725 ed. Hoefler, in den 
Sitzungsberichten der Wiener Akademie XXXVII, 241. 



Pergament. 105 

Pirmeter überall verbreitet,*) und wir werden sie später auch 
als Buchhändler noch einmal zu erwähnen haben. 

Verkauft wurde das Pergament* nach Stücken, Häuten, 
Quaternen. In einer aus Weingart stammenden Handschrift*) 
findet sich von einer Hand des zehnten Jahrhunderts folgende 
Berechnung: „Sunt de nobilissimo pargameno quaterniones .xv. 
de bono pargameno . xx . quaterniones ad actus apostolorum et 
apocalipsin et .vn. epistolas .xu. et .lui. folia. sunt inter om. 
de modolo maiorc .XL.vn. quaterniones. et de minore modolo 
.VIII. quaterniones .iiu. folia ad regulam et martirilogium 
scribendum. de parvo modolo . xx . nn . quaterniones et . im . 
folia ad antifonai'ium." Hier werden also nach der Gröfse drei 
Sorten unterschieden. Unsicher bleibt, ob das Pergament im 
Kloster bereitet oder gekauft war. Ueber einen beträchtlichen 
Ankauf für die königliche Capello in Paris 1298 belehrt uns 
die Rechnung des Magister Petrus, magister capelle regis 
Parisius:^) 

Pro IX*' et Lxxii duodenis pergameni ix" xiin 1. xviii s. 

pro rasura eiusdem xxiiii 1. vi s. 

pro salario Hervei electoris eiusdem lx s. 

pro appreciatoribus eiusdem x s. 

Danach kostete das Dutzend ohne die Spesen vier sous, 
doch beträgt die ganze Summe 10 sous mehr. Meister Peter 
hatte vom Louvre pro pergameno et cera 400 livres erhalten; 
das Wachs war vermuthlich für den Kirchendienst bestimmt. 

In der ausführlichen Kostenberechnung einer für das 



^) Auch als Eigenname, wie 1378 in Hamburg Nycolaus permen- 
terer, der ein Steinmetz war, Koppmann Kämmereirechnungen I, 271. 
287. Der Name wurde vielfach entstellt, so z. B. „Expl. biblia pauperum 
qua alio nomine dicitur Aurora minor. Dev Bibel ist der armen leut, 
di nicht habent vil piermeit heuV^ Czerny, Handschriften von St. 
Florian S. 10. 

*) Jetzt in Fulda Aa 2. Ich verdanke die Nachricht freundlicher 
Mittheilung des Prof. Steinmeyer in Strafsburg. 

^) MitgetheUt von Casati in der Bibl. de Töcole des chartes 
IV, 2, 164. 



106 Schreibstoffe. 

Kloster Corbie 1374 gesclirie1)enen Handschrift*) kostet 1 hota 
de pergameno vittiUno cum rasura et reparatione foraminum 
36 solidos. Nach Littre's Dictiounaire unter hottCy welches in 
ähnlichen Verbindungen, noch gebräuchlich ist, enthält sie 
36 Blätter Pergament. 

In den Hamburger Kämmereirechnungen, die von 1350 au 
erhalten sind , finden sich jährlich beträchtliche Ausgaben pro 
pergameno, ohne genauere Bezeichnung.^) Prof. Mantels in 
seinem Programm über den 1367 zu Cöln beschlossenen zwei- 
ten hanseatischen Pfundzoll (Lübeck 1862) führt aus den Rech- 
nungen an: Einhundert Stück gutes Kalbspergament 4 Mark 
lüb. Pfennige. In Nürnberg wurden 1388 an Heinrich, per- 
meter, P/g Pfund Heller gegeben umh 12 hewt permets uff 
daz hawse, d. h. auf das Rathhaus.^) Nach einer Kosten- 
berechnung im Sachsenspiegel von 1366 in Wolfenbüttel koste- 
ten 26 Quaternen 11 sol. 2 den. und jeder Quatern zu schrei- 
ben 18 Pfennige.*) Preise des Pergaments nach Häuten und 
Quaternen auf der Nöi'dlinger Messe in den Jahren 1440. 1454. 
1468 giebt Beyschlag, Beiträge zur Kunstgeschichte von Nörd- 
liugen 3, 50. Im J. 1454 kosteten 50 Häute 4 Fl. und 4 Riefs 
Ravensburger Papier nm* eben so viel. 

Aus Bayern hat Rockinger a. a. 0. viele Angaben gesam- 
melt; der Preis einer Haut oder cutis pergameni ist oft 20 Denai' 
oder Heller, bald auch mehr oder weniger. Das Jungfern- 
pergament ist erheblich billiger, weil die Häute viel kleiner sind. 

Man findet häufig die Angabe, dafs zur kaiserlichen Kanz- 
lei die Juden das Pergament geliefert hätten. Doch ist, so 



^) Aus Garnier, Catalogue de la bibl. d'Amiens p. 281 bei Kirch- 
hoff, Handschriftenhändler S. 10. Statt quelz ist natürlich queUbet zu 
lesen. Aus lOVa Boten waren 62V2 Sexternen in folio gemacht. Herr 
Prof. Sickel nennt mir als sehr lehrreich für Preise : Lecoy de la Marche, 
Extraits des comptes du roi R^nä (Paris 1873) p. 172 ff. Die Publica- 
tion ist enthalten in den Documents historiques publi^s par la Sociöte 
de r£cole des Chartes, war mir aber jetzt nicht zugänglich. 

^) Ausgabe von Koppmann I, S. lxxix. 

^) Die Chroniken der deutschen Städte. Nürnberg, I, 271. 

*) Schönemann, 2. u. 3. Hundert S. 21. 



Farbiges Pergament 107 

viel ich weifs, nur von den Frankfui-ter Juden etwas der Art 
bekannt. Karl IV verpfändet sie 1349 den Frankfurtern, be- 
hält sich aber vor, dass sie ilun und seinen Naclikommen am 
Reich, wenn sie nach Frankfurt kommen, dienen in die Kanz- 
lei mit Pergament, in den Hof mit Betten, und in die Küche 
mit Kesseln.^) Aber 1360 versprach er der Stadt Frankfurt, 
ihre Juden nicht mit Forderungen zu beschweren, imd unter 
andern auch kein Pernied von ihnen zu fordern.*) Als K. Frie- 
drich 1442 m Frankfurt war, wurden jene Leistungen wieder 
angeregt, doch leugneten die Juden dazu verpflichtet zu sein.^) 
Mit Maximilian fanden sie sich 1490 für 300 Fl. ab.*) Es 
ergiebt sich hieraus also nur, dafs gelegentlich auch Perga- 
ment von den Juden erprefst wurde, wozu ihre Abgaben an 
die k. Kanzlei wegen des ihnen gewährten Schutzes den An- 
lafs gaben. Auch mögen sie an manchen Orten, ujid vor dem 
Aufkommen der bürgerlichen Gewerbe in gröfserem Umfang, 
sich mit der Fabrication von Pergament beschäftigt haben. 
Unter den Breslauer Juden kommt 1354 ein Smogil permin- 
ter vor.^) 

Farbiges Pergament. 

Man färbte schon in alter Zeit das Pergament purpurn, 
zuerst wohl nur für den Umschlag der Rollen, wie Ovid sagt. 
Trist. I, 1, 5: Nee te pur pur eo velent vaeeinia fueo. Oder für 
das am obem Rand der Rolle angebrachte Titelblättchen: Et 
coeeo rubeat superbus index, Martial III, 2, 11. Von solcher 
purpurnen Umhüllung spricht auch Lucian adv. indoctum c. 7: 
ßißXiov jtdyxaXov, jcogcpvQäv fiev exov rrjv ÖKpd^tQav, xQ'^(^ovv 
6e TOP ofig)aX6v. Und ausführlicher c. 16: rlva yaQ iXjtlda 
xal avTog ex(X)V tq xa ßißXla xal dvarvXlzreig (revolvis) dal 



^) Senckenberg, Seil. Juris I, 634. Huber Regg. Karls IV n. 1035. 
2) Olenschlager, Erläuterung der Gold. Bulle, ürk. S. 87, n. 31. 
^) Janssen, Frankfurts Reichscorrespondenz II, 36. 
*) Winer, Regesten zur Geschichte der Juden S. 252 n. 248. 
«) Archiv f. Oesterr. Gesch. XXXI, 56. 



108 Schreibstoffe. 

xal dcaxoXZag (glutinas) xal jtsQcxojczeig xal dXelipBcg m 
XQOxo) xal xm xeÖQcp, xal di(pd^eQaq jtSQißdXXscg xal 6/ig>aXovq 
ivtid'ijg; 

Im dritten Jahrhundert aber finden wir schon die Mode 
herrschend, ganze Werke auf purpurnem Pergament mit Gold 
und Silber zu schreiben. In dem merkwürdigen Briefe des 
Theonas, wahrscheinlich Bischofs zu Alexandria, an den Ober- 
kanamerherrn Lucian, worin er ihm Anweisungen giebt, wie er 
sich benehmen solle, um den Kaiser, vermuthlich Diocletian, 
den Christen günstig zu stimmen, wird ihm für die gleichfaUs 
unter seiner Aufsicht stehende kaiserliche Hausbibliothek fol- 
gender Rath ertheilt: Veter es item Codices pro indigentia resarciri 
procuret, ometque non tantum ad superstitiosos sumptus quantum 
ad utile ornamenttim: itaque scribi in pur pur eis niembranis et 
litteris aureis totos Codices, nisi spedaliter PHnceps demandor 
verit, non affectet, D'Achery, Spicil. XII, 549; ed. IL III, 299. 

Im Anfang des folgenden Jahrhunderts erzählt Julius Car 
pitolinus von Maximinus Junior c. 4: Cum grammatico daretur, 
quaedam parens sua libros Homericos omnes purpureos dedit, 
aureis litteris scriptos. Und Optatianus sagt in seinem Pane- 
gyricus auf Constantin: 

Quae quondam fueras pulcro decorata libello, 
Carmen in Augusti ferto Thalia manus, 

Ostro tota nitens, argento auroque coruscis 
Scripta iiotis, picto limite dicta notans. 

Gegen diesen Luxus ereiferte sich der heilige Hieronymus, 
Praef. in Job: Hdbeant qui volunt veter es libros vel in menir 
branis purpureis auro argentoque descriptos, vel uncialibus- ui 
viilgo aiunt litteris, onera magis exarata quam Codices, Und 
ad Eustochium de custodia virginitatis (ed. Vall. I, 115): In- 
ficiuntur membranae colore purpureo, aurum liquescit in litteras, 
gemmis Codices vestiuntur, et nudus ante fof^es earum Christm 
emoritur. Daraus hat Isidor Origg. VI, 11 seine Worte ge- 
nommen : Purpurea inficiuntur colore pur])ureo, in quibus aurum 
et argentum liquescens patescat in litteras. 

Gegen dieselbe Modethorheit eiferte auch Johannes Chry- 



Farbiges Pergament. 109 

sostomus, Homil. 32 in Joh. Vol. VIII, 188 ed. Montfaucon, 
dessen Worte wir des verwandten Inhalts wegen hersetzen 
wollen, wenn gleich nicht farhiges Pergament, sondern nur 
Goldschrift darin ausdrücklich erwähnt wird: rlg yag viimv, 
eljta (loi, Iv olxla ysvofievog, Jtvxrlov tkaßs XQf^<^'^t,avcx6v fiera 
XelQCtq, xal ta iyxalfieva ijtfiX&sv, xal rjQtvvrjöB xijv yQaq)7]v; 
ovöelq av ex^^ ravta tljttlv dXXa jckrrovg fitv xal xvßovg 
ütaQa Totg üiXeIoölv tvgi^öofitv ovrag' ßißXla Öe ovda/iov, dXXa 
xal ütaQ^ oXlyoig' xal ovroi öh rotg ovx exovöiv ofiolcog öiä- 
xeivrai, ötjöavTeg avta xul djcod^ifitvoc diajtavrog Iv xißcorloig' 
xal ^ Jtäöa avrcov 6Jcovd?j jcsqI td)V vfiiva)v rfjg XsjczoTTjzog 
xal TO Tcov yQafi(idTa}V xdXXog, ov jceqI ti]V dvdyvwötv. ovde 
ycLQ vjiEQ (6q)BXtlag xal xigöovg trjv xtTJöiv avrcov xsjtolfjvrar 
dXXd jtXovrov xal q)iXorifilag ijtlösi^iv jcocovfievoi jcsqI ravza 
iöjcovödxaöip, roöavr?^ r//^ xerodo^lag ^ vjcsQßoXi]. ovöei^og 
ydg dxovw <piXori(iov(iivov , ort olde rä kyxelfieva dXX' otl 
XQvöotg exei ygafifiaöcv tyysyQafifikvov. 

Es fehlt nicht an noch erhaltenen Proben solcher Hand- 
schriften, wenn sie auch vielleicht nicht über das sechste Jahr- 
hundert hniaufgehen. In dieser Zeit wurde wohl nur noch 
heiligen Schriften diese Ehre zu Theil. 

Die merkwürdigste und. vielleicht älteste ist die Bibelüber- 
setzung des Ulfila in üpsala, Codex argenteus genannt, weil 
sie in Silber und Gold auf Purpur geschrieben ist. Die Hand- 
schrift kam aus Werden an der Ruhr im 16. Jahrhundert nach 
Prag, und von da mit den übrigen Schätzen Rudolfs II durch 
Königsmark nach Schweden. 

In Wien befinden sich Fragmente der Genesis in griechi- 
scher Sprache, in goldener und silberner Capitalschrift auf 
Purpurpergament, mit sehr merkwürdigen Gemälden, welche 
noch ganz in antiker Weise verfertigt sind, 24 Blätter mit 
48 Bildern. 1) 

Merkwürdig zerrissen ist eine griechische Evangelienhand- 



*) s. Waagen, Kunstdenkmäler in Wien II, 5 bis 8. Bei Jules Labarte, 
Histoire des Arts industriels au Moyen Age, Paris 1864, Albura, Tome II, 
pl. 77 ein Bild in Farben. 



Hiß 'NrLnribs:*>tf*. 

^iirifi aal Pmpiir. deren Text in Silber geschrieben ist, nur 
die Nameii •j»>ttes und Ciiiisii in iiold. Cod. X. bei Tisdiea- 
don. welcher nachgewiesen ha:. daJfs 2 Blatter in Wien. 4 in 
I^judon. 6 in Rom. und eine Anzahl auf Patmos neu entdeckter 
derselben Handschrift angehören.*. 

Von be:s->nderer Schönheit ist das. 1S47 Tön Tischendort' 
mit Facsimile heransg-^ebene. lateinische Wiener ETangelinm 
Paiatinom. Nicht minder alt und schön war der Codex, von 
welchem in Sare-zzano n«:ich einige Qoatemen als Heiligthum 
Terwahrt werden.*» 

In Paris ist der stü^enannte Psalter des h. Germanns 
i-r 576'. dem nach der Tradition das Bach gehört haben soll, 
luid ein Evangeliar ans Metz, mit Silbar auf Pnipnr ge- 
schrieben-*» 

Die Züricher Stadtbibliothek bewahrt einen griechischen 
Psalter in Silber mit goldenen Initialen und Ueberschriften, 
welchen Tischendorf im vierten Bande der Xova CoUectio mit 
Facsimile 1S69 heraus^re^eben hat: er setzt ihn ins siebente 
Jahrhundert. In Petersburg ist eine griechische ETangelien- 
handschrift m goldener Minuskel auf sehr dunklem Purpur; 
einise jünsrere Er^änzimsreu erreichen nicht von ferne die 
Schönheit des älteren Theils.*k 

Aus Italien kam diese Kunst zu den Angelsachsen, wo 



• ) Facs. bei Wesnrood. Porple Greek Manascripts 2. Silvestre IL 16» 
Tischendorf. Mon. Sacra Inedita I. tab. II. 

') Cd antichissimo codice biblico latino pnrpiireo eouservmto nella 
chiesa dl Sarezzano presse Tonona. DisaertazioDe critico-storica cod 
Bote üIostratiTe del Sacerdote Guerrino Amelli. Ticecastode della bibl. 
Ambro^iana. Milano 1S72. Vgl. £. Ranke im Lit. Centrmlbl. 1873 Sp. 416. 
Die Dinie ist aschfarben geworden, mit einigen Sporen tod Silber 
ond Gold. 

^> Fonds latin £k3S3. saec. VI. nach Delisle. BiU. de Y^cole des 
cfaartes. 5. Serie« 111. i6d. Dort ist noch eine ganze Beihe anderer Ter- 
zeichnet, so wie auch Bianchini noch manche nachweist; t^ Nout. 
Traite IL &7 — IC"?. Ich führe nor einige herrorragende an. Sehr merk- 
würdig ist aoch das Strafsbarger Sacramentar ans firOhkarolingiscber 
Zeit, welches U. F. Kopp. Bilder and Schriften I. 176 bis IM beschreibt 

*) Anzeiger des Germ. Mnseums XXII. 72. 



Farbiges Pergament, Hl 

der Ei'zbiscliof Wilfrid von York (664 — 709) die vier Evan- 
gelien de auro purissimo in mefnbranis de pur pur a coloratis 
schreiben, und zur Aufbewahrung der köstlichen Handschrift 
von Gold und Edelsteinen eine hibliotheca machen liefs. In- 
auditum ante saeculis nostris quoddani miramlum nennt es 
der Biograph.^) 

In einer noch erhaltenen angelsächsischen Evangelienhand- 
schrift des British Museum, Royal I E G, sind nur die ersten 
Blätter in goldener Capitalschrift auf Purpur.^) 

Einen neuen Aufschwung gewann diese Prachtschrift in 
Karls des Grofsen Reich. Karl selbst liefs 781 durch God- 
schalk das prachtvolle Evangoliar schreiben, welches jetzt im 
Musee des Souverains im Louvre ist. ^) Ein anderes, in Silber 
und Gold nicht minder schön ausgeführt, ist in der Schatz- 
kammer in Wien.*) 

Von einem Evangeliar in alterthümlicher halbuncialer 
Schrift, in Silber mit goldenen Initialen, Suppl. Lat. 688, giebt 
Silvestre eine schöne Probe. 

Auch Theodulf, von 787 bis 821 Bischof von Orleans, liefs 
sich noch als Abt von Fleury in solcher Weise eine Bibel 
schreiben,^) und von Ansegis, 823 bis 833 Abt von St. Wan- 
drille, heifst es in den Gestis abbatum FontancUensium (MG. 
II, 295): Quatuor evangelia in memhrano purpureo ex auro 

scribere iussit Romana littera Lectionarium etiam in 

niembrano purpureo simiUter scribere iussit, deeoratum tahulis 
eburneis. 

In Gold auf Purpur ist der Psalter der Kaiserin Engel- 






^) Acta Sanctorum 0. S. B. IV, 2, 552. 

*) Westwood, Purple Latin Gospels of the Anglo-Saxon., S«hooh 
Casley PI. XII. Astle PL XVIII, 5. " - — 

*) Westwood, The Evangelistarium of Charlemagne. Piper, Karls 
des Grofsen Ealendarium. Nach dem Nouveau Tr. II, 99 soll die Pur- 
purfarbe nach dem 8. Jahrhundert nicht mehr die frühere Schönheit haben. 
• *) beschrieben, mit schönen Proben, v.on Arneth, in den Denk- 
schriften der Wiener Akademie, Band 13. 

•*) Fonds latin 9380 nach Delisle a. a. 0. Vgl. Bianchini, Evangelia- 
rium Quadruplex II f. DXCIII. 



112 Schreibstoffe. 

berga, Ludwigs II Gemahlin, in Piacenza, 827 geschrieben.^) 
Eine EvangeUenhandschrift derselben Zeit in Silber, die Ueber- 
schriften in Gold, mit den Bildern der Evangelisten, ist in der 
Bibliothek der Eremitage in Petersburg.^) 

Wahrscheinlich kam diese echte Purpurfärbung immer nur 
aus Konstantinopel, wenn auch aus Italien Recepte erhalten 
sind, und es ist nicht zu verwundern, dafs ganze Handschriften 
auf diesem kostbai'en Stoflf mit dem neunten Jahrhundert ver- 
schwinden. 

In dem prachtvollen Psalter Karls des Kahlen, im Musee 
des Souverains, ist nur das erste Blatt purpurn, facsimiliert 
von Silvestre. A cimlich, auch im irischen Stil der Verzierung, 
ist das Evangeliar in Prag mit mehreren Purpurblättern, wel- 
ches Franz Bock beschrieben hat. ^) Im Psalter der Königin 
Hemma, der Gemahlin des französischen Lothar, früher in 
Saint-Remi verwahrt, ist der erste Psalm auf Purpur geschrie- 
ben.^) Ein schwacher Nothbehelf ist es, wenn nur eine Seite 
oberflächlich bemalt ist, wie in dem Sacramentar aus Peters- 
hausen in Heidelberg, und manchen anderen Handschriften.^) 

Otto's n Vermählung mit Theophano eröffnete die Quelle 
von neuem; die charta dotalicia für die Kaiserin, vom Jahr 
972, jetzt in Wolfenbüttel, ist auf purpurnem Pergament mit 
gemustertem Grund und eingeprefsten Randverzierungen ge- 
schrieben, s. Ebert S. 27, Schoenemann II, 33 und das Facs. 
Origg. Guelf. IV. 460. Die Schrift ist eine stattliche Bücher- 
schrift in Gold. Diese Urkunde, welche die hohe und schmale 



*) Blume, Iter Ital. II, 7. Dümmler, Gesta Berengarii p. 73. Gri- 
mald schenkte der Kaiserin ein psalterium Optimum glossatum, welches 
doch nicht, wie Ild. v. Arx meinte, jenes sein kann. Weidmann, Gesch. 
der Bibl. von S. Gallen S. 397. 

^) Bibl. de Töcole des chartes, 5. S^rie, V, 165. 

^) Mittheilungen der Centralcommission XVI, 97—107 mit Abbildung 
der ersten Seite des Matthaeus, wo der Herausgeber wunderbarer Weise 
aus den Anfangsbuchstaben QM (Quoniam) gelesen hat Matthaeus. 

*) Erwähnt von Mabillon, Dipl. p. 201. Das Mus^e des Souverains 
soll jetzt aufgelöst sein. 

**) Vielfache verschiedene Muster z. B. in dem Stockholmer angels. 
Prachtcodex. 



Farbiges Pergament. 113 

Form der damaligen päbstlichen Bullen hat, ist aber, wie U. 
F. Kopp (Bilder und Schriften I, 178) bemerkt hat, kein 
wirkliches Original, weil sie nie besiegelt gewesen ist. Die 
etwas jüngere Vita Vencezlavi in Wolfenbüttel hat ebenfalls 
ein Purpurblatt mit einem ähnlichen Rand von eingeprefsten , 
Verzierungen, s. Ebert S. 27. MG. SS.. IV, 211. 

Auf purpurne Urkunden kommen wir noch, bei Gelegen- 
heit der Goldschrift zurück. Von echter Purpurfärbuiig des 
Pergaments ist mir nach der Mitte des zwölften Jahrhunderts 
kein Beispiel bekannt. ^) 

Goldene Capitalschrift auf Azur hat das Titelblatt der 
Bamberger Handschrift mit der Dedication an Heinrich H, 
welches Jäck im ersten Heft seiner Schriftmuster wiedergiebt. 
Uebrigens spielt die Purpurfarbe oft ins Blaue. 

Das in der zehnten Actio der Synodus VI. von 680 mehr- 
fach angeführte ßißXlov iv öoifiaöc xQOXcorolg, Über memhrana- 
ceus crocatus, hielt Mabillon einfach für purpurfarben, während 
im Nouveau Traite II, 97 die Richtigkeit dieser Erklärung an- 
gegriffen wird. 

In Wien sind zwei Gebetbücher auf schwarzem Perga^ 
ment mit Gold und Silber geschrieben, von denen das eine 
* (Cod. 1856) für den Herzog Galeazzo Maria Sforza, das andere 
(Cod. 1857) wohl für seine Tochter Bianca Maria, K. Maximi- 
lians zweite Gemahlin, geschrieben ist. 



Die Kunst, das Pergament purpurn zu färben, wird von 
dem Syrer Ephraim (t 378 p. Ch.) unter den Beschäftigungen 
der Mönche erwähnt, Paraenesis 48: x^gxoxoxxiva Igya^y; 
dvaXoyiöai rovg XoQorofiovg. Obgleich der Wortlaut eher auf 
Färbung des Papyrus führt, scheint doch die Vergleichung mit 
den Riemern für Pergament zu entscheiden. 

Muratori hat in seiner 24. Dissertation ein altes Recept- 
buch veröflfentlicht, welches er in das neunte Jahrhundert setzt. 



*) Im Cod. S. Galli 398, einem Benedictionale aus dem Anfang des 
11. Jahrhunderts, ist viel Goldschrift auf Purpur; in jüngeren findet sich 
das nicht mehr, nach dem Verzeichnifs von Scherrer S. 136. 

Wattenbach, Schriftwesen. 2. Aufl. • 8 



1 14 Schreibstoffe. 

Darin sind mehrere Anweisungen Häute zu färben, namentlich 
auch in Purpurfarbe (de pelle alithina tinguere). Dafs damit 
auch Pergament gemeint sei, zeigt der bald darauf folgende 
Abschnitt über die Bereitung des Pergaments (Antt. ItaL ed. 
Aret. IV, 683): 

De pargamina. 

„Pargamina quomodo fieri debet. Mitte illam in calcem 
et iaceat ibi per dies tres. Et tende illam in cantiro. Et rade 
illam cum nobacula de ambas partes, et laxas desiccare. Deinde 
quodquod volueris scapilatura facere, fac, et post tingue cum 
coloribus." 

Der Verfasser dachte also vorzüglich an Pergament, wel- 
ches gefärbt werden sollte; doch ist damit noch nicht erwiesen, 
dafs es für Bücher bestimmt wai\ Die Anweisungen Pergament 
zu machen, aus dem 14. Jahrhundert, welche Mone in der 
Zeitschrift f. Gesch. des Oberrheines II, 11 — 13 mittheilt, 
scheinen für anderweite Verwendung bestimmt zu sein. 

7. Papier. 

Aufser dem schon früher angeführten Werke von Wehrs 
ist hier noch auf den Artikel Papier von Keferstein in der 
grofsen Encyclopädie von Ersch und Gruber zu verweisen. 

Das Papier, dieser jüngste Schreibstoff, welcher nach und 
nach alle übrigen verdrängt hat und sich bis jetzt unange- 
fochten behauptet, hüllt seinen Ursprung in ein dichtes Dunkel, 
welches wohl nie völlig gelichtet werden wird. Die Streitfragen 
über die Zeit der Erfindung und über das erste Vorkommen des 
Baumwollenpapiers und des Linnenpapiers sind mit einer Heftig- 
keit mid einem Aufwand von Gelehrsamkeit erörtert worden, 
die zu der Wichtigkeit der Sache in keinem Verhältnifs stehen, 
zumal da man in früherer Zeit kein sicheres Hülfsmittel be- 
safs, um die Faser der Baumwolle und des Leins zu unter- 
scheiden. Entgegengesetzte Behauptungen standen sich schroff 
gegenüber, ohne dafs eine endgültige Entscheidung möglich 
war. Jetzt unterscheidet man mit voller Sicherheit dui'ch das 
Mikroskop die runde gleichmäfeig dicke Flachszelle von der 
bandartigen platten Zelle der Baumwolle; s. Reissek, das 



Papier. 115 

Fasergewebe des Leines u. s. w. in den Denkschriften der 
Wiener Akademie, Naturhist. Abth. Band IV. Schieiden, 
das Leben der Pflanze, Tafel I, n. 8. 9. Aber der Eifer für 
den Gegenstand ist so geschwunden, dafsdie einst mit so 
grofser Heftigkeit bestrittenen Objecte noch nicht von neuem 
untersucht sind. 

Die Bereitung von Papier aus Baumwolle soll bei den 
Chinesen seit uralter Zeit üblich, und bei der Eroberung von 
Samarkand um das Jahr 704 den Arabern bekannt geworden 
sein. In Damascus wurde die Fabrication lebhaft botrieben, 
und man nannte es deshalb charta Damascena. Durch die 
Araber kam die Kunst zu den Griechen; man will griechische 
Handschriften auf Papier aus dem zehnten Jahrhundert haben, 
und im dreizehnten Jahrhundei*t werden sie schon häufiger als 
die pergamentenen. Von arabischen Handschriften wird im 
Katalog der orientalischen Handschriften der Bibl. Bodleyana 
in Oxford von Job. Uri der Cod. Bodl. n. 1156 angefulirt vom 
Jahr 983. In Berlin ist der Cod. Orient, qu. 107 von 1032. 

Auch gefärbtes Papier kommt vor, und zwar blaues. 
Auf solchem schrieb nach einem arabischen Berichterstatter 
Kaiser Constantin IX 947 oder 949 an den Kalifen Abderrahman, 
natürlich mit Goldschrift. Die beigelegte Liste der Geschenke 
war auf gleichem Stoflf mit Silber geschrieben. *) Auch K. Ro- 
gers Stiftungsurkunde der k. Capelle im Schlofs zu Palermo 
vom April 1140 ist mit Gold auf blauem Baumwollenpapier 
geschrieben;^) sie ist aber nur eine Copie. 

Natürlich wurden die alten Ausdrücke auf den neuen 
Schreibstoff übertragen, besonders von dem aus dem Gebrauch 
verschwindenden Nilpapier. Man nannte es Charta und pa- 
pyrus, und brauchte zu genauerer Bezeichnung Beiwörter: 
Charta bombydna, gossypina, cuttunea, xylina,^) In Rom heifst 



*) Gayangos, History of the Mahometan Dynasties of Spain II, 141. 
Das Wort kann nach Gayangos auch Pergament bedeuten. 

2) Huillard-Breholles, Hist. Dipl. Frid. II. Introduction p. LXXIII; 
vgl. Tabularium Regiae Capellae (1835) p. 11. 

^) Dagegen ist ^vXoxclqtlov Papyrus nach dem Scholion zu Basil. 1. 
22 p. 94: fxri iy bt^qw x^Q'^V yQUipea^ai xa avfiß6?Mia, «AA* iv rtj) XeyO' 

8* 



116 Schreibstoffe. 

es schon in der Graphia aureae urbis Romae, welche aus 
Otto's III Zeit heriührt: wenn der Kaiser den Patricias in- 
vestieren wolle, det ei bambacimim propria manu scriptum, 
ubi taliter contincatur scriptum: Esto patricius misericors et 
iustus, ^) Im 12. Jahrhundert empfiehlt es Theophilus (I, 23) 
unter der Benennung des griechischen Pergaments, um Gold- 
blättchen darin aufzubewahren: Tolle pergamenam graecam 
quae fit ex lana ligni. 

Ueber den italienischen Sprachgebrauch von cJiarta und 
papyrus für Baumwollenpapier hat Savigny in der Geschichte 
des römischen Rechts III, 533 (578 ed. II) Stellen gesammelt. 
Friedrich II braucht als gleichbedeutend chartae papyri und 
homhacinae, Rofred erklärt den Ausdruck secundum tahulas 
durch secundum chaHam vel secundum membranam, Odofred: 
dehetis scire quod lihri mel pro parte fuerunt scripti in cartis 
papiri, pro parte in tnenibranis edinis, vitulinis etc. Accursius: 
quia appellatione chartarum continentur quae de homhice sunt, 
und: ut de hombyce, ut sunt hae quae de Pisis veniunt. 

In allen diesen Stellen ist von Baumwollenpapier die 
Rede. Linnenpapier davon besonders zu unterscheiden, hatte 
man nicht leicht Veranlassung und brauchte gewöhnlich nur 
den allgemeinen Ausdruck Papier. Mit Recht bemerkt Sickel, 
dafs die carta bombacis vel jyf^py^h welche Venedig an Mailand 
zu einem bestimmten Preise zu liefern 1317 sich verpflichtete, 
nur einen Gegenstand mit verschiedenen Ausdrücken bezeichnet.^) 



^hvp ^vXox(XQrl(p. vgl. die oben S. 85 aus Eustathius angeführte Stelle, 
und Du Gange s. v. ^vXoxaQtiov , auch Benedictus Einius bei Valenti- 
nelli V, 66. 

*) Du Gange s. v. Patricius. Ozanam, Documents in^dits p. 182. 
Giesebrecht, Geschichte der Kaiserzeit I, 877 ed. III. ex cod. saec. XI. 
MG. Legg. IV, 662. In dem Verzeichnifs der Gandersheimer Kirchen- 
schätze, welches am Schlufs des alten Plenarium eingetragen ist, werden 
die alten Bullen auf Papyrus als hambatii quinque serici bezeichnet, 
nach Harenberg, Hist. dipl. eccl. Gandersh. p. 596, was aber eine Fäl- 
schung ist und im Original nicht steht, s. Anz. des Germ. Mus. XX, 346. 
Eine Gassin eser Handschrift wird vom Käufer im 15. Jahrh. genannt in 
cartis hommacinis. Garavita II, 250. 

*) Giulini, Mem. di Milano cont. I, 113. Sickel in d. Hist. Zeitschr. 



Papier. 117 

Ursprünglich soll die rohe Baumwolle zur Papierbereitung 
verwendet sein. Lumpenpapier erwähnt zuerst Petrus Clunia- 
censis, der von 1122 bis 1150 Abt von Cluny war, adv. Ju- 
daeos c. 5. (Andr. du Chesne Bibl. Clun. p. 1069): Legit, in- 
quit, Dens in coelis librum Talmuth. Sed cuiusmodi libruni? 
Si talem quales quotidie in usu legendi hahemus, utique ex 
pellihus arietum, Mrcorum vel nittdorum, sive ex hiblis vel 
iuncis oriefitalium 2)aludtmi, aut ex rastiris veterum pannorum, 
seu ex qualibet viliore materia compados, et 2)ennis avium vel 
calamis palustrium locorum qualibet tinctura infectis descriptos. 
Nahm man also, wie hieraus unzweifelhaft ist, Lumpen zu die- 
sem Zwecke, so bedurfte es keiner besonderen Ei-findung des 
Linnenpapiers; jeder Papierfabricant war in den Ländern, wo 
wenig Baumwolle, aber desto mehr Leinen im Gebrauch war, 
fast gezwungen linnene Lumpen zu verwenden, und die Aus- 
breitung der Fabrication nach den nördlicheren Gegenden, 
welche hierdurch erst möglich wurde, wird also unvermerkt 
zur Mischung und Veränderung des Materials gefuhrt haben. 
Eben dasselbe war aber auch vielleicht schon viel früher in 
einem anderen Lande vorgekommen, wo altes Linnenzeug in 
fast unbegrenzter Menge billig zu haben war, nämlich in 
Aegypten, also gerade in dem Lande, welches seit uralten Zeiten 
das Abendland mit Papier versorgte. Der Engländer Yates 
hat in seinem Textrinum Antiquorum p. 385 aus dem Berichte 
des Abdallatif, eines Arztes aus Bagdad, der um das Jahr 1200 
Aegypten bereiste, eine Stelle angeführt, welche beweist, dafs 
man damals dort die Mumienbinden zu Papier, freilich nur zu 
Packpapier verarbeitete, und diese Mumienbinden sind nach 
den neueren Untersuchungen alle linnen. Die Stelle (Relation 
de TEgypte par Abd-AUatif. Par Silvestre de Sacy. Paris 1810 
in qu. p. 198.) lautet in französischer Uebersetzung so: Les 
Bedouins, les Arabes etablis dans les terres en culture, et tous 
ceux generalement qui s'occupent ä la recherche de ces caveaux 
mortuaires, enlevent les linceuls et tout ce qui sc trouve avoir 



XXVII, 447, wo auch Angaben über die Beschaffenheit des Papiers ein- 
zelner Handschriften mitgetheilt sind. 



118 Schreibstoffe. 

encore une consistance süffisante; ils employent tout cela ä se 
faire des vetements ou bien ils le vendent a des manufacturiers 
de papier, qui en fönt du papier ä Tusage des epiciers (char- 
tarn emporeticam übersetzt Pococke). 

Nach Yates ist eine orientalische Handschrift schon um 
das Jahr 1100 auf Linnenpapier geschrieben. 

Von den Arabern lernten die Spanier unddie Italiener 
die Papierfabrication; besonders in Valencia wurde sie lebhaft 
betrieben, und in den alten spanischen Zollgesetzen konunt 
papirus häufig vor. Im Vocabularius Hisp. Lat. des Antonius 
Nebrissensis von 1492 wird papel erklärt durch Charta pannucea. 
Die Leges Alfonsi von 1263 unterscheiden pergamino dt cuero 
und pergamino di panno. Die von R. Pauli in den Berichten 
der Berliner Akad. 1854 S. 630 flf. mitgetheilten Briefe aus 
Castilien an K. Edward I von England, vom Jahr 1279 an, sind 
alle auf Baumwollenpapier geschrieben. 

lieber die Anfänge der abendländischen und besonders 
der deutschen Papierfabrication ist sehr lehrreich die Abhand- 
lung von Sotzmann im Serapeum VU, 97 ff. (1846), hervor- 
gerufen durch die Behauptungen von Hafsler und vorzügUch 
von Gutermann über das hohe Alter und die grofse Verbrei- 
tung des Ravensburger Papiers. Gutermann besonders schreibt 
die erste Fabrication in Deutschland der Familie Holbein zu, 
und erklärt aus ihrem Wappen das Papierzeichen des Ochsen- 
kopfes und das angebliche gothische h; er nimmt auch alles 
Papier der Art für Ravensburg in Anspruch. Allein der Ochsen- 
kopf ist viel älter und auch in anderen Ländern weit verbrei- 
tet; Sotzmann erklärt ihn als das Zeichen des heiligen Lucas, 
des Patrons der Malergilden, während Hafsler ein Sinnbild 
des pergamenum vitulinum darin erblickt. Es ist aber kein 
Kalbskopf, und Ochsenfelle geben kein Pergament. Das h ist 
nur ein falsch gelesenes, umgekehrt betrachtetes p, welches 
ebenfalls weit verbreitet ist, und nach Sotzmann Papier be- 
deutet. 

Ueber die verschiedenen Papierzeichen, welche zur 
Bestimmung der Herkunft von Handschriften und Drucken 
wichtig sind, giebt Sotzmann sehr schätzbare Nachweisungen. 



Papier. 1 19 

Die Untersuchung ist eine sehr schwierige, da theils gesuchte 
Sorten üherall nachgemacht wurden, theils das Papier ein so 
verbreiteter Handelsartikel war, dafs man Papiere desselben 
Ursprungs an sehr entlegenen Orten, und Produkte ganz ver- 
schiedener Länder an demselben Orte antrifft. In den Hand- 
schriften des Stifts Sanct Florian aus dem 14. u. 15. Jahrh. 
sind allein 91 verschiedene Papierzeichen. ^) 

Die frühesten Hauptorte der Papierfabrication zeigen deut- 
lich die Herkunft von den Arabern; Jätiva, Valencia, Toledo 
sind Hauptpunkte, daneben Fabriano in der Mark Ancona. In 
Spanien sinkt die Kunst mit dem Verfall der arabischen Herr- 
schaft. Bartolo (de insigniis et armis) rühmt um die Mitte 
des vierzehnten Jahrhunderts die Fabriken zu Fabriano als die 
besten; von da bezog auch Ambrogio Traversari sein Papier 
(Epp. p. 585). Bald treten auch Padua, Treviso u. a. hervor. 
Von Venedig und Mailand aus wird das südliche Deutschland 
versorgt; sogar Görlitz bezieht nach Rechnungen von 1376 bis 
1426 sein Papier von dort. 

Das westliche und nördliche Deutschland bezog sein Papier 
über Brügge, Antwerpen, Köln aus Frankreich und Burgund: 
man erkennt es an den Lilien und anderen Wappenzeichen; 
später erscheinen auch Papiere aus Lille, aus Lüttich. 

Nach dem südlichen Frankreich war die Fabrication früh- 
zeitig von Spanion aus gelangt. Nach Geraud, Essai sur les 
livres p. 35 erlaubte der Bischof von Lodeve dem Raymond 
de Popian schon 1189 die Anlage von einer oder mehr Papier- 
mühlen au milieu de T Heraul t. In Kirchenrechnungen von 
Troyes von 1410 kommen viele molins ä toile vor. 

Naturgemäfs folgte die Ausbreitung der Fabrication den 
Handelswegen. Die ersten Fabriken in Deutschland befanden 
sich nach Bodmann zwischen Köln und Mainz, um 1320 bei 
Mainz. 

In Nürnberg, welches mit Venedig im lebhaftesten Han- 
delsverkehr stand, errichtete Ulman Stromer 1390 eine Papier- 

1) Czerny, Bibl. von St. Florian S. 62. Vgl. Sickel in d. Eist. 
Zeitschr. XXVII, 448. Midoux et Matton, fitudes sur les filigranes des 
papiers employ^s en France au XIV« et XV« siecles, accompagn^s de 600 



120 Schreibstoffe. 

mühle mit Benutzung von Wasserkraft, was dort neu war; er 
hatte sich dazu italienische Aj-beiter verschafft; s. die Chroniken 
der fränkischen Städte, Nürnberg I, 77. 474. 

Ueber die Ravensburger Fabriken steht urkundlich fest, 
dafs 1407 drei Papierer zu Schornreuth ein Papir-Huss er- 
bauten, und hier wurde das Papier mit dem Ochsenkopf (ohne 
Bezeichnung der Augen) verfertigt, so man gar gern in dm 
Kanzleyen nutzt. Doch bezog man in Nördlingen nach den 
bis 1382 hinaufreichenden Rechnungen noch bis 1516 das 
bessere Papier aus Mailand, und erst von da an auch das fei- 
nere aus Ravensburg, von wo man bis dahin nur die mittlere 
Sorte genommen hatte. Aber auch die grofse Ravensburger 
Handelsgesellschaft hatte im 15. Jahrh. Häuser in Valencia, 
Alicante, Zaragoza.^) 

Vom Jahr 1440 ist eine Fabrik in Basel bekannt, welche 
1470 zur Vervollkommnung der Papierbereitung spanische Ar- 
beiter aus Galizien kommen liefs. 

Von den Arabern wurde auch das Wort razmah, Bündel, 
mit dem Papier übernommen, span. resma, ital. risma, frz. ranie, 
engl, ream, deutsch riefs. Es bedeutet 20 huch (fr. main de 
papier, engl, quire, von cahier) zu 25 Bogen. ^) 15 Riefs sind 
1 Pack. ^) In den Preisen ist natürlich nach der verschiedenen 
Gröfse und Beschaffenheit die äufserste Mannigfaltigkeit, und 
da die Geldwerthe eben so verschieden und wechselnd sind, 
kann eine Zusammenstellung nur für begrenzte Gebiete Werth 
haben. In Augsburg kamen 1499 vier Bogen auf drei Heller, 



dessins lithographies. Paris 1868. A. Rauter, Wasserzeichen aus Schle- 
sien, bei H. Luchs, Schlesiens Vorzeit (1868), Sechster Bericht. Wasser- 
zeichen aus Siebenbürgen im Anz. d. Germ. Mus. V, 415, von Schuler 
v. Libloy, zeigen Import aus Deutschland. 

^) Stälin's Wirtemb. Gesch. III, 779. 

2) ze XXV pogen (1499) Rockinger S- 25; daselbst aber auch 
4 Buch Regalpapier mit 95 Bogen. 

^) Nach der Notiz aus Tegernsee von 1494 bei Rockinger S. 24: 
12 den. für ain puech papir. 15 U. minus 30 den. für ain säm papier. 
Ital. soma, welche die Venetianer 1317 für 20 lire an Mailand zu liefern 
versprachen. Nach moderner Rechnung sind 10 Riefs 1 Ballen, 15 Riefs 
1 Pack. 



Papier. 121 

von regal papier aber ein Bogen 1 Denar. ^) Wenn in Kloster- 
neuburg 1420 grofse und kleine Bücher genannt werden, letz- 
tere nur Vs von jenen kosten, so kann sich die Unterscheidung 
wohl nur auf die Gröfse des Papiers beziehen.*) 

Die gewöhnlich angeführte angebliche Urkunde Hein- 
richs IV für Utrecht vom 23. Mai 1076 ist nach der Unter- 
suchung des Baron Sloet v. d. Beele nicht auf Papier, sondern 
auf Pergament geschrieben. Dasselbe gilt von dem Evangelium 
S. Marci, dessen Hauptstück in Venedig wegen meines halb ver- 
faulten Zustandes von Maffei füi' Baumwollenpapier, von Mont- 
faucon für ägyptisches Papier, von den Benedictinern für Baum- 
bastpapier gehalten wurde. Das Fragment in Prag ist besser 
erhalten und gestattet keinen Zweifel. Das älteste sichere 
Beispiel einer Urkunde auf Baumwollenpapier ist eine Urkunde 
des Königs Roger von Sicilien vom Jahr 1102, und aus dem 
zwölften Jahrhundert giebt es mehrere Beispiele.^) Das älteste 
sicher bekannte kaiserliche Schreiben auf Baumwollenpapier ist 
von Friedrich II im April 1228 aus Barletta an das Nonnen- 
kloster zu Goess in Steiermark gerichtet und noch in Wien 
vorhanden.*) Allein im Jahre 1231 verbot derselbe Kaiser die 
Anwendung des Papiers zu Urkunden, weil es zu vergänglich 
sei; Constitutiones Siculae I, 78: Volumus etiam et sancimus, 
ut instrumenta publica et alie similes cautiones non nisi in 
pergamenis in posterum perscribantur. Cum enim eorum fides 

*) Rockinger, Zum baierischen Schriftwesen S. 25, wo viel zusam- 
mengestellt ist. 

^) Fontes Rerum Austriacarum, Dipll. X, li. Vgl. Czerny, Bibl. 
von St. Florian S. 64. Einige Nürnberger Preise Chroniken I, 261. 262. 
271, darunter a. 1384 5 fl. umh ein grose rizz papiers. In den Ham- 
burger Kämmereirechnungen kommt zuerst 1362 vor ad gwerram contra 
regem Dacie XII aöl. pro pergameno et papiro, bei Koppmann I, 81. 
Mezger, Geschichte der k. Bibl. in Augsburg S. 82 giebt folgende Be- 
rechnung eines Boetius de consol. saec. XY in folio: „Istius libri sunt 
18 sexterni. pro quolibet dedi 35 den. facit 18 U. et sunt 5 libri papiri pro 
10 grossis et pro ligatura 9 grossos. qui faciunt in auro 5 flor. et duos 
den. florenum pro 4 ^. 15 denariis computando de alba moneta. 

^) lieber den Gebrauch bei den sicilischen Königen und Friedrich II 
s. Huillard-BrehoUes, Introduction p. LXXII. LXXIII. 

^) Nach Sickel, Hist. Zeitschr. XXYII, 446 ist das Papier gemischt. 



122 Schreibstoffe. 

muUis fufuris tentporibus duratura speretur, iustum esse decer- 
nimus, ut ex vetustate forsan destructionis perictdo non stic- 
cumbant. Ex instrumentis in chartis papyri vel alio modo 
quam ut dictum est scriptis, nisi sint apoche vel awtapoche, in 
iudiciis vel extra iudida nulla amnino prohatio assumatur. 
Scripturis tantum preteritis in suo robore duraturis. Que ta- 
rnen in predictis chartis bombycinis sunt redaMe scriptwre, in 
predictis locis Neapolis, Amalfie et Surrenti intra biennium a 
die edite sanctionis istius ad communem litteraturam et legi- 
bilem redigantur. 

Italienische Notare mufsten noch in späterer Zeit bei ihrem 
Amtsantritt versprechen, kein Papier zu Urkunden zu verwen- 
den; so versprach 1318 ein Notar dem Grafen Rambald von 
Collalto, kein Instrument zu machen in charta bombycis vd de 
qua vetus fuerit abrasa scriptura. 1331 gelobte ein anderer 
nichts in Charta bombycina auszufertigen. Tiraboschi (ed* 
1775) V, 77. 

Dagegen diente es zu anderen Aufzeichnungen; so in Ve- 
nedig zu dem liber plegiorum, der mit Einzeichnungen von 
1223 beginnt und nach Sickel aus* roher Baumwolle gemacht 
ist.^) Fast von gleicher Beschaffenheit sind die Registri dei 
dieci von 1325 an; von 1350 an besteht das Papier aus Linnen- 
lumpen. Albertus Bohemus schaffte sich um die Mitte des drei- 
zehnten Jahrhunderts ein Conceptbuch von Baumwollenpapier 
an, dessen Beschaffenheit Kaiser Friedrich's Vorsicht recht- 
fertigt, denn es ist so gebrechlich, dafs man sich bei dessen 
Gebrauch der gröfsten Vorsicht bedienen mufs (Boehmer Regg. 
Imp. 1198 — 1254 p. LXIX). Doch ist es in anderen Büchern 
trefflich erhalten, sehr glatt und stark.*) Auch die in ItaUen 
geführten Protokollbücher Kaiser Heinrich's VII, welche sich 
jetzt in Turin befinden, sind auf Baumwollenpapier geschrieben. 

In Fabriano sollen Protokolle von 1297 an auf Linnen- 
papier geschrieben sein, und Pace da Fabriano begründete 



*) a. a. 447. Monumenta graphica II, 4. 

^) Rockinger S. 22, der dafür die Münchener Stadtkammerrechnung 
anführt. 



Papier. 123 

1340 eine Fabrik von Lumpenpapier in Padua, später eine an- 
dere in Treviso. Dem entsprechend sind die 1351 beginnenden 
Amtsbücher in Padua auf Liiinenpapier geschrieben, welches 
u. a. das Wappen der Carrara trägt. ^) 

In Deutschland ist der Gebrauch des Baumwollenpapiers 
wohl wenig verbreitet gewesen; je mehr die Fabrication sich 
aus dem Orient und den damit in lebhafter Verbindung stehenden 
Ländern entfernte, desto mehr mulste auch Leinen an die Stelle 
der Baumwolle treten. Eine Urkunde von Kaufbeuren auf 
Liniienpapier aus dem Jahr 1318 ist zweifelhaft. Bodmann 
setzte das älteste reine Linnetipapier in das Jahr 1324; bis 
1350 käme daneben gemischtes vor. Von da an finden wir 
Linnenpapier überall in lebhaftem Gebrauch zu Büchern. und 
Urkunden; häufig wird es auch zur besseren Erhaltung, beson- 
ders weil man die Quaternionen oft lange ungebunden liefs, in 
Pergamentlagen gelegt, ebenso wie einst das Nilpapier; so z. B. 
das Fonnelbuch des Arnold von Protzan (Cod. dipl. Siles. V). 
Der Kaufmann zu Brügge jedoch wollte den Recessen uppe 
poppyr nicht Glauben schenken,*) und in England müssen 
Urkunden noch jetzt auf Pergament geschrieben werden. 



IL 
Formen der Bücher und Urkunden. 

1. Rollen. 

Die Rolle ist im Alterthum die gebräuchlichste Form ge- 
wesen, abgesehen von den Diplomen und Wachstafeln, deren 
schon oben gedacht wurde. 

Ausführlich handelt darüber, mit Erklärung aller tech- 
nischen Ausdrücke, Murr, in der Uebersetzung des Philodemus 
von der Musik, Berlin 1806, 4., Geraud, Des livres chez les 



^) -Gloria, Compendio di Paleografia p. 376. 377. 
2) Hansische Geschichtsblätter 1873 S. lvi. 



124 Formen der Bücher und Urkunden. 

Romains, Paris 1840, Marquardt, Römische Privatalterthü- 
mer U, 392—397. 

Die Namen sind theils vom Stoff hergenommen, wie 
ßißXog, ßißXlop, liber, charta, und diese haben natürlich auch 
eine allgemeinere Bedeutung, welche jedoch anderen Bezeich- 
nungen eben so wenig fehlt. Wie die Alten die Namen ihrer 
ersten Schreibstoffe auf alle Bücher übertragen haben, so die 
Deutschen das BttcJi von dem Buchenholz, in welches sie einst 
ihre Rmien zu ritzen (writan, to write) pflegten,^) die Irläuder 
Cuilmenn d. h. Kuhhaut, von ihrem Material.*) 

Von der Form hergenommen ist volumen,^) xvXipÖQog bei 
Diogenes Laertius de Epicuro (X, 26) und spätgriechisch eibj- 
rdgipp, auch uXtftov (Schwarz, de oniam. libr. p. 130), l^d- 
XrjpLct (ib. p. 154). In den Acten der Syn. VI. a. 680 bei Mansi 
XI, 588: TO xapTCTOi^ avd^tvrixov elXixaQiov. Es ist mit dUm, 
winden, drehen, rollen, verwandt.^) Spätlateinisch ist rottdus, 
rotula, wovon unser Bolle, franz. rouleau, fast nur für Urkun- 
den in dieser Form gebraucht, weil, als das Wort aufkam, 
Bücher in Rollen kaum noch vorkamen. 

Zu einem gröfseren Werke gehörten mehrere Rollen, wes- 
halb auch die einzelnen Abschnitte oder Bücher desselben 
ßlßXoq, Volumen y charta genannt werden; auch rofiog, tomus, 
welches genau imscrni Abschnitt entspricht. So sagt Catull zu 
Cornelius Nepos: 

ausus es unus Italorum 
Onme aevum tribus explicare chartis. 

Diese Ausdrücke blieben im Gebrauch, nachdem die Form 
der Rollen abgekommen war. In ähnlicher Weise nennt Benzo 



*) Gothisch hokos, pl. von hok, Buehstabe. lieber die Fortwirkung 
dieses Plurals im Sprachgebrauch s. L. Weiland, Forschungen Xin, 197. 

'^) O'Curry's Lectures p. 32. 

^) Später hat man den Urspning vergessen. Volumen dicitur a 
üolvo, quia perlecto uno folio lihri volvitur et aliud legitur. Wörterbuch 
im Serap. XXIII, 278. 

*) Vgl. Lucian, Eixov^q c. 9: Bißklov iv xalv x^QoTv eixsv iq 6io 
ovveikrjfxevov, xal iwxei rb fxev zi dvayvwaeod-ai avtov, to dh ijfdjy ave- 
yvwxivai. 



Rollen. 125 

von Alba die einzelnen Bücher seines Werkes codex, obgleich 
sie alle in demselben codex standen. 

Ulpian unterscheidet deshalb, Digg. 1. XXXII. 1. 52: Si cui 
centum lihri sunt legati, centum volumina ei dabimus, non cen- 
tum quae quis ingenio suo metitus est; ut puta cum haheret 
Homerum totum in uno volumine, non 48 libros coniputamus, 
sed unum Homeri volumen pro libro accijnendum est. 

Nach den Gestis abbatum Fontanell. (MG. SS. II, 297) 
schenkte Ansegis an das Kloster Saint-Germain-de-Flay: pan- 
decteni a beato Hieronymo ex hebraeo vel graeco eloquio trans- 
latum; dusdeni expositionem in duodecim x)rop1ietas, et sunt 
tomi viginti in volumine uno. Hier würde man in älterer Zeit 
an 20 Rollen zu denken haben, im neunten Jahrhundert aber 
doch wohl nur an gesonderte Schriften in einem grofsen Bande. 
Dann wird der pandectes auszuschliefsen sein, ein Wort, wel- 
ches ursprünglich nui' einen Complex vieler Schriften bezeich- 
net und häufig in griechischen Handschriften für Blüthenlesen 
aus Werken der Väter vorkommt. Sehr oft ist er auf die hei- 
ligen Schriften angewandt, so wie gleichfalls das Wort biblio- 
theca d. i. Bibel, welches zu vielen ergötzlichen Mifsverständ- 
nissen Anlafs gegeben hat. In ähnlicher Weise zusammen- 
geschrumpft ist die Bedeutung des Wortes PentateucJi^ von 
T^vxoq, welches ein allgemeiner Ausdruck für Buch ist,^) wie 
auch noch öw^a und xvxxlov, welches ursprünglich eine Schreib- 
tafel bedeutet. 

Das Wort pandectes in dieser Bedeutung hat schon Cassio- 
dor,^) dann Beda, wo er erzählt, dafs der Abt Ceolfrid von 
^eremouth tres pandectes novae translationis aus Rom mit- 
gebracht habe.^) Den Ursprung der eigenthümlichein Anwen- 
dung des Wortes bibliotheca finden wir bei Hieronymus ep. 5 
(olim 6), wo er schreibt: multis sacrae bibliothecae codicibus 
abundamus. Die Bibel in Rollen bildete allerdings schon eine 
Bibliothek für sich, und so sagt Isidor Origg. VI, 3: bibliothe- 



*) S. d. oben S. 94 aus Eusebü vita Constantini mitgetheilte Stelle. 
«) 8. Ad. Franz, M. Aur. Cass. Senator (Bresl. 1872) S. 50. 
3) Vita abb. Wiremuth. Bedae Opera ed. Giles IV, 386. 



126' Fonnen der Bücher und Urkunden. 

cam reteris tesiamenti Esdras renovarit. Die Mauriner beti- 
telten die Uebersetzung des Hieronymus Bibliofheca divina 
und besprechen den Ausdruck in ihren Prolegomensu Das 
Wort bibliotheca braucht Beda im gewöhnlichen Sinne; dagegen 
trägt der für Karl den Kahlen geschriebene Codex Vallicelli- 
anus der Bibel die Inschrift: 

Nomine Pandecten proprio vocitare memento 

Hoc corpus sacrum, lector in ore tuo, 
Quod nunc a multis constat bibliotheca dicta. 

Nomine non proprio, ut lingua pelasga docet^) 

Dieselbe auffallende Betonung von bibliotheca findet sich in den 
Versen, welche irrig Isidor zugeschrieben sind:*) 

Te quoque nostra tuis promit bibliotheca libris. 
Ebenso in der schönen Bibel, welche Graf Vivian Karl dem 
Kahlen überreichte: 

Rex benedicte, tibi haec placeat biblioteca» Carle. 
Testamenta duo quae relegenda gerif) 

Lupus Ton Ferrieres aber erwies dagegen aus Martial die rich- 
tige Betonung.*) 

In dem 821 von Reginpert verfafsten Bibliothekskatalog 
von Reichenau, betitelt Brevis librorum qui sunt in coenobio 
Sindleozes Auuu, facta a. VIII. Hludorici imperatoris, heifst es: 
Bibliotheca L et alia Erichi. Eptatici Volumina tria. d. h. ein 
Heptateuch in 3 Bänden.^) Im Kloster selbst wurde Bibliotheca 
dimidia geschrieben.*) Kaiser Lothar schenkte dem Kloster 
Prüm bibliotliecam cum imaginibus.'^) 



') Alcuini Opera ed. Frob. II, 203. 

*) Opera ed. Arev. Yll, 180. 

») Baluzii Capitt. II, 1568. 

*) Lupi ep. 20 p. 40 ed. Baluzins. 

^) Wörtlich so im S. Galler Catalog s. IX, bei Weidmann S. 366, 
und in Staflfelsee unter Karl d. Gr. liber eptaticum Moysi. Der Camal- 
dulenser Paulus Orlandiuus verfasste im 15. Jahrb. em siebentbeiliges 
Werk unter dem Titel Heptathicum, Lanr. Mehns Y. Ambr. Trav. p.385. 

®) Neugart, Episcopatus Coustant. L 536. 

') Broweri Ann. Trev. 1. VIII. §. 114. p. 414. 



Rollen. 127 

Von der Verbrennung Hamburgs durch die Dänen 837 
heifst es in der Vita Anskarii c. 16 (MG. II, 700): Ibi biblio- 
teca, quam Serenissimus iam memoratus imperator eidem patri 
nostro contuleraty optime conscripta, cum pluribus aliis libris 
igne disperiit. Gegen das Ende des neunten Jahrhunderts er- 
wähnt der Mönch Bernhard das von Kaiser Karl in Jerusalem 
gestiftete Hospital, nobilissimam hahens Inhliothecam studio 
praedicti imperatoris,^) Der Erzpriester Cyprianus von Cordova 
braucht um das Jahr 900 für die Bibel die Ausdrücke hiblio- 
iheca, theca und librorum theca,^) Der Abt Sigifrid (1009 — 
1020) schenkte dem Kloster Bergen u. a. bibliothecam cum suis 
libris.^) 

S. Emmeram besafs unter Abt Ramwold gegen das Jahr 
1000 bibliofhecas duas; in una vetus, in altera novum testa- 
Tnentum continevtur,^) In S. Maximin waren bibliothecae duae 
maiores perfectae. Item alia minor, in qua vetus tantum testor- 
mentum cum epistolis Pauli. Textus evangelii unius auro 
scriptus,^) 

Mico, der poetische Mönch von St. Riquier im neunten 
Jahrhundert, schrieb Stichi apti in fronte pandectinis (sie), 
welche anfangen: 

In hoc quinque libri retinentur codice Mosis^) etc. 

Ganz ähnlich sind des Iren Sedulius Versus ad Guntha- 
rium Colon, ep. de bibliotheca: 

Aspice pandecten vitae de fönte scatentem') etc. 

Ebenso war es keine Bibliothek, welche das Kloster Te- 
gerQsee 1054 dem Kaiser Heinrich III darbrachte, worüber die 
Klosterchronik berichtet: collata est imperatori a nobis biblio- 



*) Tobler, Descriptiones Terrae Sanctae (Leipz. 1874) p. 91. 

2) Opp. Isidori II, 6 angef. aus Esp. sagrada XI, 522 und 525. 

3) Lappenberg in Pertz* Archiv IX, 440. 
*) Mon. Germ. SS. XVII, 567. 

^) Libri de armario S. Maximini, bei Reiffenberg im Annuaire de 
a Bibl. roy. de Brux. III, 120. 

«) ib. IV, 118. Ob die Verse von Mico sind, ist unsicher. 
') ib rV, 86. Dümmler, Sedulii Carmina XL p. 29. 



128 Formen der Bücher und Urkunden. 

theca magna auro argentoque composita ac scriptura decenter 
ornata. Die Abtei erlaugte dafür die Restitution mehrerer 
Besitzungen.^) Das Veraeiclniifs des Kirchenschatzes, welches 
1070 Abt Stephan von Saint-Gery in Verdun aufnehmen liefs, 
beginnt: Text um L Bibliothecam veteris et novi Testamenti in 
duöbns magnis voluminihus novis, et unam veterem.^) 

In der Vita S. Gertrudis heifst es: ut paene omnem liblio- 
thecam divinae legis memoriae recofuleret ,^) und Sigebert von 
Gembloux sagt: Si enhn utriusque legis totam bibliothecam, si 
omnes totins bibliothecae vetcres expositores revolvam^) .... 

Um dieselbe Zeit schreibt Bemold zum J. 781 über die 
von Karl veranstaltete Sammlung von Homilieen: ad nodur- 
nales lediones sufficere possunt cum bibliotheca. 

In dem Vei-zeichnifs der Bücher, welche Diemud, die 
fleifsige Nonne von Wessobrunn im 12. Jahrh. geschrieben hat, 
findet sich Bibliotheca in II voluminibus, quae data est pro 
pra4idio in Pisinberch, und eine zweite in drei Bänden. 

Auch Gotfried von Viterbo braucht das Wort in dieser 
Bedeutung, •**) und ebenso der Subprior Gaufrid von Beaugerais 
um 1170.«) 

Eine Handschrift des 12. Jahrh. aus Saint- Amand hat die 
Untei-schrift: Expositio super difficilia verba bibliothecae.'^) 
Wir finden sie auch im Catalog des Passauer Klosters S. Nicola,^) 
und unter den Büchern, welche an Xeuwerk bei Halle geschenkt 
werden.^) 

Im Anfang des 13. Jahrhunderts ist die schöne Bibel von 
Sainte-Genevieve in Paris in drei Folianten geschrieben, mit 



Pez, Thes. ITT, 3, 512. 
*) Bandini IL 40. 

3) Mabillon, Acta SS. 0. S. B. IL 44G ed. Yen. 
*) Jaffe, Bibl. rerum Germ. Y, 224. 
^) MG. SS. XXII, 95 1. 17. 
«) Marlene, Thes. I, 502. 51L 

') Mangeart, Catal. de Yalenciennes p. 477 mit anverst&ndiger 
Aendening. 

*) Bern. Pez, Thes. I. Diss. Isagog. p. LH. 
») Jacobs V. Ukert, Beiträge IL 21. 



Rollen. 129 

der Unterschrift: Hanc Mbliothecam scripsit Manerius scriptor 
Cantuariensis , wozu dann dieser noch seine ganze Familien- 
geschichte hinzufügt.^) 

Adam, Schatzmeister des Capitels zu Reunes, schenkte 
1231 einer Abtei seine Büchersammlung, darunter quandam 
bihliotecam in minuta littera.^) Wiederholt findet sich der- 
selbe Ausdruck in dem Legat, welches 1227 der Cardinal 
Guala dem Andreaskloster in Vercelli machte.^) 

Johannes de Gai'landia nennt die hibliotheca unter den 
nöthigen Kirchenbüchern,*) und ^'incenz von Beauvais sagt im 
Prolog seines Si)eculum maius, er habe es anfangs so grofs 
angelegt, ut in trijylo bihliothecae sacrac mensuram excederet. 

Noch im 14. Jahrhmidert schreibt Guido von Vicenza im 
Prolog zu seinem Directorium super bibliam:^) 

Qui memor esse cupit libronim bibliothecae. 

Unter einer Abschrift der Bibel in Augsburg vom J. 1390 
steht: Explicit hibliotheca,^) 

Aus späterer Zeit weifs ich keine Beispiele, ausser dafs in 
englischen Glossaren, vielleicht nur traditionell, steht: biblioteca, 
a bybulle, mit dem Spruch dazu: Biblioteca mea servat meam 
bibliotecam.'^) Es ist ein Sprachgebrauch, welcher sich erhal- 
ten hat von der Zeit her, wo wirklich jedes Buch mindestens 
eine Rolle füllte; die verschiedenen Rollen wurden zusammen 
in Charta emporetica, in eine 6Lg){hiQa oder membrana ein- 



^) Nach Waagen , Kunstwerke in Paris, S. 288. — Wright, Political 
Songs of England from John to Edw. II (1834) S. 354 giebt seine ganze 
Aufzeichnung und setzt sie ein Jahrhundert früher. 

2) Bibl. de l'lßcole des Chartes, 5. S^rie, III, 39 ff. 

3) Tiraboschi Tomo IV. 1. 1. c. 4. § 3 aus der Biogr. des Card. 
Guala vom Abb. Frova. Auch im Inventar der Dojnbibliothek zu Ronen 
im 12. Jahrh. Bibl. de l'ficole des Chartes III, 1, 217. Noch viele Bei- 
spiele bei A. Franklin, Les anciennes bibliothäques de Paris. 

*) G^raud, Paris sous Philippe -le- Bei p. 604. Wright, Yocabu- 
laries p. 133. 

*) Jacobs u. Ukert, Beiträge II, 75. 

®) Mezger, Gesch. der Kreis- und Stadtbibl. in Augsburg S. 56. 

^) Wright, Vocabularies p. 113 u. 230. 

Wattenbach, Schriftwesen. 2. Aufl. 9 



130 Formen der Bücher und Urkunden. 

gewickelt, bei gröfsereu Werken aber genügte das nicht, und 
es gehörte eine cajjsa, ein scrinmm dazu. Dafür wird man 
eben auch hibliotheca und j)andectes gesagt haben. 

Die Beschaffenheit der alten Bücherrollen wurde 
genauer zuerst bekannt durch die Entdeckungen in Hercula- 
neum, s. darüber Murr de Papyris Herculanensibus, 1804. 
Jorio, Real Museo Borbonico. Officina de' Papiri. Nap. 1825. 
Bluhme, Iter Ital. IV, 34 ff. Castrucci, Tesorio letterario 
di Ercolano, ossia la reale officina dei papiri Ercolanesi, Nap. 
1855, qu. Erweitert wurde unsere Kenntnifs durch die ägyp- 
tischen Entdeckungen. Bankes ei'warb 1821 eine vorzüglicli 
schöne Papyrusrolle, welche Dias Q von v. 127 an enthält; es 
scheint nicht, dafs am Anfang etwas fehlt. Nachricht davon 
nebst einer CoUation und Facs. gab er im Philological Museum 
(Cambr. 1832) I, 177 ff. Die Rollo ist 10 Zoll hoch, 8 Fufs 
lang, und enthält 16 Seiten zu c. 43 Versen. Bei je 100 Ver- 
sen steht die Zahl. Aufser verschiedenen anderen Fragmenteu 
wurden 1847 die Reden des Hyperides entdeckt und nach und 
nach vervollständigt und herausgegeben.^) 

Sehr merkwürdig ist das illustrierte astronomische Werk 
Evöo^ov Th^VT], auf dessen Rückseite Actenstücke von 165 
und 164 a. Ch. eingetragen sind, ganz facsimiliert von Tb. 
Deveria.^) 

Dazu kommen endlich noch die Fragmente von zwei latei- 
nischen Originalrescripten der kaiserlichen Kanzlei aus dem 
fünften Jahrhundert, welche Th. Mommsen bearbeitet und 
erläutert hat. 3) Die Höhe beträgt hier 17 röm. Zoll == 1 Fufs 
griechisch, ein in Aegypten sehr häufiges Format. 

Die Schrift ist immer parallel den Langseiten, aber ein- 



*) c. Demosth. edv Churchill Babington, 1850. AoyoL ovo, ganz 
facsimiliert 1853. Epitaphius desgl. 1858. 

2) Band XVIII, 2 der Notices et Extraits des Manuscrits: Notices 
et Textes des Papyrus Grecs du Mus^e du Louvre et de la Biblioth^que 
Imperiale, publication präpar^e par feu M. Letronne, ex^cutäe par MM. 
Brunet de Presle et E. Egger. Paris 1864 qu. und fol. 

^) im Jahrbuch des gemeinen deutschen Rechts, von Bekker, 
Muther, Stobbe (1863) VI, 398—416. 



Rollen. 131 

getheilt iii Columnen, welche durch mehr oder weniger regel- 
mäfsige Zwischenräume getrennt werden. Im Epitaphius sind 
sie ganz nahe an einander gerückt und nur durch Dinten- 
striche geschieden, während in den Rescripten der Zwischen- 
raum c. 3 Zoll beträgt, die Columnen c. 19 Zoll breit sind. 
Hier, wo die Schrift sehr grofs und weitläufig ist, so dafs die 
Columne von 17 Zoll Höhe nur 8 Zeilen hat, ist die Zeile, wo 
es irgend möglich war, am Schlufs von Sätzen oder Satz- 
theilen abgebrochen, was in einzelnen Inschiiften, in den uns 
erhaltenen Schriftrollen aber sonst nicht vorkommt. Wohl aber 
geschah es zur Anleitung fiir die Schüler in Handschriften der 
Redner, und wurde von diesen auf die heiligen Schriften über- 
tragen, wovon in Pergamenthandschriften Beispiele genug er- 
halten sind; von profanen alten Schriftstellern nur der Cod. 
Regius 6332 der Tusculanen von Cicero, im 9. Jahrh. vielleicht 
nach älterem Vorbild so geschrieben.^) 

Doch finden wir dieselbe Einrichtung auch in einem Lei- 
dener Codex saec. VHI der Frankengeschichte des Gregor 
von Tours, ^) und auch die Briefe Gregors I sind im cod. 
Colon. 92 unter Hildebald in zwei ganz schmalen Columnen 
mit ausgerückten Initialen so geschrieben.^) 

Auf jene Einrichtung der Rescripte bezieht Mommsen die 
Worte des Bonifatius, welcher einem vornehmen Manne, der 
sich mit grammatischen Studien beschäftigte, dem Präfectus 
praetorio Mariims, 515 in greulichen Versen eine Abschrift der 
Chronik des Hieronymus widmete: te qui longos agiUbus (per) 
servata cola et commata periodos pernidter transcurris op- 
tutibusA) 



^) s. F. Ritschl's Kl. philol. Schriften I, 89. 95. Cic. Opera ed. 
Orelli IV, *207 ed. II. Ueber die biblische Stichometrie und die Schrei- 
bung per cola et commata handelt Hug, Einleitung z. N. T. 4. Aufl. 
I, 222 ff. und Tischendorf in Herzog's Realencyclop. XIX, 189, welcher 
die Differenz zwischen der überlieferten Verszahl und Euthalius Ein- 
theilung betont. 

3) Facsimile in den Schrifttafeln von W. Arndt (1874) Taf. 13. 

3) Ecclesiae Colon. Codices (1874) p. 35. 

*) A. Schoene, Quaestiones Hieron. p. 55. 58. 

9* 



132 Formen der Bücher und Urkunden. 

UeXlöeg, die Scheidewände der Ruderbänke in den Schif- 
fen, sollen nach Hesych. s. v. in den Büchern die Intercolum- 
nien sein, ev rotg ßcßXlotg ra (isra^v rö5v JtaQor/QagxDV al. 
jtaQaygd^oov. Aber darauf folgt öeXlg. jitv^Iov, xaraßarov 
ßißXlov, und im gewöhnlichen Gebrauch ist öeXlg, öeXlöcov mit 
pagina gleichbedeutend; so auch üitv^, üixvyir^, übertragen von 
den Blättern des Diptychon. 

Am Schlufs pflegt die Anzahl der Columnen und der ZeUen 
(örlxoc) verzeichnet zu sein; die Angabe blieb unverändert, 
wemi sie auch zu dem vorliegenden Exemplar nicht stimmte. 
Falls der Zweck war, den Lohn des Abschreibers danach zu 
bestimmen, so kam auf eine solche Abweichung nichts an; die 
einmal vorgenommene Schätzung blieb gültig, wie wir auch in 
Abschriften, die aus italienischen Universitäten stammen, mit- 
ten auf der Seite die Bemerkung finden Finis pecie I etc. 
Das hindert natürlich nicht, dafs man diese Angaben auch zu 
anderen Zwecken benutzte; auch mag ursprünglich eine wirk- 
lich genaue Uebereinstimmung beabsichtigt und in einzelnen 
Fällen auch erreicht sein; findet man sie doch auch zuweilen 
in Pergamenthandschriften. ^) 

Montfaucon (Diar. Ital. p. 278) erwähnt zwei in Seiten 
und Zeilen genau übereinstimmende Abschriften einer griechi- 
schen Catena saec. X. In mehreren Handschriften der Chronik 
des Hieronymus stimmen die Seiten genau überein. Hat nun 
hier offenbar die künstliche Anordnung des Textes den Anlass 
dazu gegeben, so finden wir eine ähnHche Erscheinung auch 
bei dem bekannten und vielbesprochenen ütrechter Psalter. 
Weil man nämlich für die Bilder genau denselben Raum brauchte, 
und die drei Columnen die Schwierigkeit noch vermehrten, be- 
hielt man auch die schon ganz ungewöhnliche Uncialschrift des 
Textes bei.^) Bei einer Cölner Handschrift der Decretalen mit 



^) 8. Ritschrs Kl. Schriften I, 74—112. 173—196. Marquardt V, 2, 
393. Mommsen zum Veroneser Livius (Abhh. d. Berl. Acad. 1868) S. 161. 
Blass im Rhein. Mus. f. Philol. (1869) XXIV, 524—532. 

^) nach der Bemerkung von E. A. Bond in den 1874 erschienenen 
Reports addressed to the trustees of the British Museum p. 2., mit Be- 
ziehung auf den analogen Fall des Cod. Harl. 647 der Aratea. 



.r 



Rollen. 133 

der Glosse wirkte der Umstand, dass die am Rande geschrie- 
bene Glosse zum Texte passen mufste, und der Schreiber füllte 
deshalb den übrig bleibenden Raum mit Federstrichen und 
allerlei Geschreibsel.^) Umgekehrt wurde dem Schreiber der 
Canonensammlung saec. VII. mit seiner grofsen irischen Halb- 
uncialschrift der Raum zu enge, und er schrieb deshalb die 
letzten Zeilen jeder Seite mit kleinerer Schrift (ib. p. 95). 

Indem es nun in Betreff der Stichometrie der Rollen 
genügt, auf Ritschl's scharfsinnige Untersuchung zu verweisen, 
bemerke ich nur noch, dass wir bei poetischen Werken noch 
spät die Zahl der Verse angemerkt finden, welche ja durch 
die Art der Abschrift nicht verändert wird. • In dem sehr 
alten Codex Salmasianus der lat. Anthologie steht bei den ein- 
zelnen Abschnitten: sunt uero uersus .... womit die Zahl der 
Gedichte, nicht der einzelnen Verse gemeint ist.*) Bei Ovid's 
Metamorphosen finden sich gewöhnlich die Verse: 

Bis sex milenos versus in codice scriptos, 
Sed ter quinque minus, continet Ouidius.^) 

In den alten Codices der Vita S. Martini von Paulinus 
Petrocorius steht: Finit in Christo Über primus habens uersus 
CCCLXxxv .... secundus habens uersus dccxxii.*) Ebenso ist 
bei den Sprüchen des Cato die Verszahl angegeben.^) Und in 
dem Wiener Codex der Elegie des Henricus Septimellensis 
(Endlicher n. ccxxvi) heifst es: 

Millenos tenet hie versus liber aspera plangens. 

Das Rollen der Bücher heifst plicare; das Aufrollen zum 
Lesen e^eiXetv, evolvere, explicare, daher expUeitus liber, wenn 
das Buch zu Ende gelesen ist. Davon kommt die gewöhnliche 



^) Ecclesiae Colon. Codd. (Berl. 1874) p. 54. 

2) Anthol. ed. Kiese I p. XXII. 

8) Burney Catal. p. 60 und 223, Cod. lat. Monac. 209. Bandini II, 
229 und sonst häufig. Verszahl Vergils Bandini II, 309. 

*) Reifferscheid in den SB. der Wiener Academie LXIII, 730. 
LXVII, 533. 

*) Catonis philosophi liber ed. Hauthal p. V. VI. 



134 Formen der Bücher und Urkunden. 

Unterschrift Explicü, deren zuerst Hieronymus ad Marcelkm 
gedenkt: Solemus completis opiisculis ad distinctionem rei alte- 
rius sequentis medium interponere Explicit aut feliciter aut 
aliud eiusmodi. 

Der Titel der Schrift steht nur am Schlufs, was bei den 
herculanensischen Rollen sehr bedauerlich ist; nur bei einer 
ist er auch äufserlich auf die Rückseite geschrieben. Bei diesen 
Rollen fehlen nämlich die indices, griechisch öiXXvßoq, jtitra- 
xcov, welche an dem einen Ende der geschlossenen RoDe an- 
gebracht, sogleich den Inhalt erkennen liefsen, wenn die Rol- 
len in ihren Gestellen lagen, wie man das auf herculanensi- 
schen Gemälden sieht. Die Abbildung einer solchen Biblio- 
thek, in lapide exciso repertam, geben Brower und Masen in 
den Antt. Trev. p. 105, und danach Schwarz de ornam. Tab. II. 
Ueber die Schicksale dieses Steines habe ich nichts in Er- 
fahrung bringen können; es scheint kaum, dafs er noch vor- 
handen ist. 

Wie die kaiserlichen Rescripte, so hatten auch Eingaben 
und Bittschriften dieselbe Form; man sieht sie auf den Bil- 
dern zur Notitia Dignitatum ed. Boecking. Zusammengebun- 
dene Bündel solcher Rollen haben der Primicerius notariorum 
I, 49. II, 60, und der Quaestor II, 45 und I, 40, wo die Be- 
zeichnung Preces dazu zu gehören scheint. Der Magister scri- 
niorum I, 49. II, 60 hat daneben Codices und tabeUas. Die 
Correctores I, 115. 116. haben viele Rechnungsbücher, und 
jeder Dux I, 74 ff. II, 74 ff. einen Über mandatorum mit 
einem Streifen voll tirouischer Noten an der Seite. ^) 

Eine gröfsere RoUe ist nur dann bequem zu lesen, wenn 
die Schrift in Columnen vertheilt ist; doch findet sich diese 
Sitte nur im Alterthum. Anders verhielt es sich natürüch, 
wenn Briefe oder Urkunden von kürzerem Inhalt auf ein leicht 
übersichtliches Stück Papyrus zu schreiben waren; da schrieb 
man einfach der kürzeren Seite parallel, wie in Aegypten noch 



*) Eine dieser Tafeln in Farben, doch nach einer neaeren Copie, 
hei Libri, Mon. in^dits pl. 54, vgl. Catal. de la partie reserv^e de la 
Coli. Libri p. 70. 



Rollen. 135 

erhaltene Briefe zeigen. Caesar zuerst ging in seinen Briefen 
an den Senat von dieser Form ab und schrieb die sorgfältig 
ausgearbeiteten Schriftstücke in Buchform.*) Rasch aufgenom- 
mene Protocolle liefsen sich auch nicht gut in paginas ein- 
zwängen, und bei Instrumenten, welche zu unterschreiben 
waren, mochte die Rücksicht hinzukonjmen, dafs der ganze 
Inhalt dem 'Blick frei vorliegen mufste. Thatsache ist, dafs die 
Sitte, in Columnen zu schreiben, in der Uebergangszeit abkam,, 
und schon unter den Ravennater Urkunden auf Papyrus sind 
solche, in welchen die Zeilen zu gröfster Unbequemlichkeit des 
Lesers über die ganze Länge ohne Unterbrechung gehen. ^) 
Später schrieb man in der Regel der kürzeren Seite parallel 
(transversa charta), doch sind einige päbstliche Bullen in ent- 
gegengesetzter Richtung geschrieben.^) 

Der Länge nach ohne Unterbrechung geschrieben sind die 
xovTccxta, liturgischen Inhalts, so genannt nach den an beiden 
Enden befestigten Stäbchen.*) Sonst aber schrieb man den 
kurzen Seiten parallel, und nähte, wenn das Pergament nicht 
ausreichte, immer eine Haut an die andere. 

Eine merkwürdige griechische Rollo der vaticanischen Bi- 
bUothek (Pal. 405) von etwa 1 Fufs Breite und 32 Fufs Länge 
(doch fehlt der Anfang) enthält eine bildliche Darstellung der 
Kriege Josua's, nach guten älteren Compositionen mangelhaft 



*) Sueton. Caes. c. 56: „Epistolae quoque eius ad Senatum extant, 
quas primum videtur ad paginas et formam memorialis libelli conver- 
tisse, cum antea consules et duces nonnisi transversa charta scriptas 
mitterent." 

2) s. Marini, I Papiri diplomatici p. 362. 

^) Bei Tardif, Monuments bist, sind 2 Bullen der Länge nach ge- 
schrieben. Die gewöhnliche Form hat auch das Pri^leg des B. Lande- 
ricus von Paris f. St. Denis v. 652, eine sehr lange Pap.-Rolle mit vielen 
Unterschriften, pl. X. Eine Bulle Benedicts III hat 21 Fufs Länge auf 
2 Fufs Breite. 

*) Montfaucon, Pal. Gr. p. 34. Von der fast 16 Fufs langen Litur- 
gie des h. Basilius im Escorial, saec. XIII. sagt Miller, Catalogue des 
Manuscrits Grecs (Paris 1848) p. 499 nicht, wie sie geschrieben ist. Der 
Name bezeichnet später einfach kirchliche Hymnen, ohne Rücksicht auf 
die Form der Handschrift. 



136 * Formen der Bücher und Urkunden. 

ausgeführt, mit erklärenden Beischrifton in noch leidlich reiner 
Uncialschrift. Seroux d'Agincourt, welcher (V. pl. 28 — 30) ein 
verkleinertes Ahbild der ganzen Rolle und einzelne Bilder 
gröfser mittheilt, setzt sie ins 7. oder 8. Jahrhundert. 

Vorzüglich Unteritalien eigen sind die Exultet, von 
denen eines auf 10 Zoll Breite 20 Fufs Länge hat. In der 
Ostervigilie las der Diaconus daraus den Text, Während auf 
dem aufgerollten und über dem Pult hangenden Theil das Volk 
die Bilder sah, welche deshalb gegen die Schrift umgekehrt 
gestellt sind. Eine Rolle der Art mit langobardischer Schrift 
des 11. Jahrhunderts enthält die Namen der Fürsten Paldolf 
und Landolf, und Fürbitten für das Wohl famuli tui Roffridi 
eomestabuli consulumque nostromm et totius militiae Beneven- 
tanae, welche nach Borgia auf das Jahr 1077 weisen.^) Ein 
Exultet im Monte Cassino ist vom Diaconus Bonifacius imter 
Paschalis II für die Benedictiner in Sorrent geschrieben.^) 

Die Frankfurter Stadtbibliothek bewahrt eine Litanei 
mit Fürbitten für König Ludwig den Deutschen und seine Ge- 
mahlin Hemma, von ähnlicher Gröfse. Der Rand ist zierlich 
geschmückt, Gold und Silber in der Schrift vielfach verwandt. 
Mit vorzüglich grofsen Goldbuchstaben ist der Name des k 
Nazariüs geschrieben, was uns Lorsch als die Heimath dieser 
Rolle erkennen läfst.^) 

In Rollenform waren zuweilen die Nekrologien; so in 
Saint-Evroul der rotulus longissimus mit den Namen der Brü- 
der und ihrer Angehörigen, welcher immer am Altare ver- 
wahrt wurde; am Tage des aimiversarium generale aber Vo- 
lumen mortuorum super altare dissolutum palam expanditur^) 
Vorzüglich wurde in solcher Form einmal im Jahr oder nswh 
einem bedeutenden Todesfall den verbrüderten Kirchen durch 



*) Seroux d'Agincourt V. pl. 53. 54. Aus anderen derselben Zeit 
und Gegend pl. 55. 56. Yergl. auch Pertz' Archiv XII, 380. 

*) Beschrieben von Caravita I, 303 — 308. Vgl. Pertz' Archiv 
XII, 514. 

«) Archiv f. alt. d. Gesch. II, 216. 

*) Ordericus Vitalis II, 100 vgl. 126 ed. Le Prevost. 



Rollen. 137 

;ene rotularii, roUigeri Mittheiluiig gemacht/) worauf mit der 
gäbe der eigenen Verstorbenen auch allerlei poetische Er- 
5se erfolgten. Dann reichte, wie bei der Aebtissin Mathilde 
1 Caen (f c. 1110) eine Rolle von 17 Ellen, und bei Vita- 
, dem Stifter von Savigny (f 1122), 15 zusammengenähte 
Itter nicht aus, und auch die Rückseite wurde beschrieben.*) 
38er ganze Gebrauch ist sehr eingehend dargestellt worden 
1 Leop. Delisle in seiner Abhandlung: Des Monuments 
leographiqiies coyicernant Vasage de prier pour les morts,^) 
rselbe hat 20 Jahre später an 100 theils in Abschrift, theils 
Original oder in Bruchstücken desselben erhaltene Rollen 
: Art herausgegeben.^) 

In Deutschland war dieselbe Sitte. Aus Seligenstadt hat 
h eine Liste der verbrüderten Klöster aus dem 12. Jahrh. 
lalten, mit Angabe der Messen, welche zu feiern sind, cum 
is obierit nobisque per scripta denunciatum fuerit.^) Abt 
jrmann II von Brauweiler schickte 1397 rotulam ad diversa 
masteria ordinis nostri pro inscribendis nominibus fratrum 
fundorum atque sororum. Der Bote hiefs rotularius,^) Er^ 
ilten hat sich eine Anzahl solcher Rollen von baierischen 
löstern aus dem 15. und 16. Jahrhundert, in der Einrichtung 
nen französischen ganz ähnlich;') femer eine sehr lange Rolle 
18 dem 15. Jahrhundert, ebenfalls aus einem baierischen Kloster 



*) Vorschriften darüber in den Hirschauer Constitutionen des Abts 
'ilhelm, s. Ad. Helmsdörfer, Forschungen zur Gesch. des Abts Wilhelm 
nllirschau (Gott. 1874) S. 100. Andere Benennungen der Boten bei 
)ckmger S. 61. 

*) Probe daraus im Mus^e des Archives S. 86 mit vielen Schnör- 
In, selbst scherzhaften Initialen der Tituli, d. h. der Pfarrkirchen, 
nen die Kolle gebracht war. 

^Bibl. de rficole des Chartes. 2. Serie, III, 361—412, a. 1846. 

*) Bouleaux des Morts du IX. au XV. si^cle, recueillis et publies 
IT la Soci^tö de Thistoire de France, Paris 1866, 8. In Corbie hatte 
n diese Rollen später zum Einbinden der Bücher benutzt, wodurch 
[e Fragmente erhalten sind. 

*) Forschungen z. Deutschen Gesch. XIV, 613. 

®) Eckertz, Fontes rerum Rhenanarum II, 243. 

') Eockinger, zum baier. Schriftwesen S. 61 — 64. 



138 Formen der Bücher und Urkunden. 

stammend, im Archiv von S. Peter in Salzburg, wie mir Herr 
P. Willibald Hauthaler freundlichst mitgetheilt hat. Die An- 
zeigen geschehen jetzt durch Briefe, heissen aber noch immer 
Rottein, 

Rollen mit Abbildungen wurden beim Vorzeigen der Heilig- 
thümer benutzt, wie sich dergleichen im Münchener NationaJ- 
museum befinden. Verwandter Art war die Rolle in der Bi- 
bliothek der Herzogs Carl von Orleans: La Vie de Nostre 
Dame, toute historiee, en un roule de parchemin, couvert de 
drap d'or, en frangois,^) In der Bibliothek des Herzogs Jean 
de Berry war une hible abreviee en un grant role, riehemeti 
historiee et enluminee, und zwei mappeniondes auf Pergament- 
rollen in Futteralen.^) Und in Sanct Gallen eine Rolle von 
13 Fufs Länge mit der Beschreibung von Rom und der An- 
gabe der dort zu gewinnenden Indulgenzen aus dem* 14. Jahr- 
hundert.^) 

Auch Chroniken kommen in dieser Form vor. So die 
Chronik von Novalese aus dem 11. Jahrhundert, eine Palme 
breit, 11 Meter lang.*) 28 Pergamentstücke sind übrig; die 
eine Seite ist ganz, die andere halb beschrieben. Aus dersel- 
ben Zeit ist der Rotulus historicus von Benedictbeuern, 8 Fulis 
lang, 10 Zoll breit; auf der Rückseite stehen die Nomina bene- 
factorum und spätere Notizen.^) Beide sind unvollständig, 
weil die Nähte sich gelöst haben und einzelne Stücke ver- 
loren sind. Vorzüglich aber wählte man diese Form für Büder- 
chroniken, welche vielleicht zum Aufhängen an der Wand und 
für den Unterricht bestimmt waren. Eine enorm lange Rolle 
aus England, welche auf der einen Seite eine Chronik bis auf 
Edward II, auf der anderen eine kürzere bis zu Christi Tod 
enthält, hat der Besitzer, Herr Joseph Mayer in Liverpool, 
ganz facsimilieren lassen. 



^) Bibl. de l'ficole des Chartes V, 76. 

*) Hiver de Beauvoir, La Librairie de Jean duc de Berry (Paris 
1860) S. 17 u. 57. 

8) Cod. 1093. Scherrer, Verzeichnifs der Stiftsbibl. S. 405. 

*) ed. Bethmaun, Mon. Germ. SS. VII, 73. 

^) ib. IX, 210. Vgl. Rockinger, Zum baier. Schriftwesen S. 56. 



Rollen. 139 

Andere bewahrt die Pariser Bibliothek.^) Eine sehr lange 
Rolle der Art ist auf der Jonenser Bibliothek, jetzt in ein- 
zelne Stücke aufgelöst. Auch sie ist auf beiden Seiten be- 
schrieben und bemalt: man möchte glauben, dass sie abwech- 
selnd in . verschiedener Lage an der Wand aufgehängt wurde, 
da eigentliches Lesen in dieser Form überaus unbequem ist. 

Häufig sind Gedichte so geschrieben, welche bei geringem 
Umfange so am bequemsten zu verwahren sind. So sagt schon 
Notker in der Vorrede zu seinen Sequenzen: Quos versiculos 
cum magistro nieo Marcello praesefdarem, ille gaudio repletus 
in rotulas eos congessit, et pu^ris cantandos aliis alios insi- 
nuavit. Da haben wir also schon die Rollenvertheilung, und 
sehen deutlich, wie der Ausdruck einer Rolle im Schauspiel 
entstanden ist. 

Von dem Carmen de Timone comite et de miraculo fontis 
hören wir, dafs es im 12. Jahrh. in Weihenstephan aus einer 
Rolle abgeschrieben war: in rotula sdlicet antiquitus composita, 
unde haec sunt transcripta.^) Es ist also der Wirklichkeit 
entsprechend, wenn wir in dem Atlas zu v. d. Hagen's Minne- 
singern, Tafel 8. 8a. 9. 21. 41, und ebenso in der Weingartner 
Handschrift (s. S. XII und viele Bilder) Rollen abgebildet fin- 
den.^) Ein englisches Gedicht über das übermäljsige Gefolge 
der Grofsen beginnt: 

Of ribaudz y ryme 
Ant rede o mi rolle 

und aus einer solchen Rolle hat Th. Wright den bald nach 
1263 geschriebenen franz. Song of the Barons abgedruckt. Die 
Rolle ist im Original erhalten, 22 Zoll lang und 3 breit; auf 
die Rückseite ist später das Interludium de clerico et puella 
geschrieben. Eine Rolle saec. XV. im Trinity College, Cam- 
bridge, enthält religiöse Gesänge mit Noten; eine andere saec. 



*) Camus, Trois Rouleaux du 15. si^cle, in Notices et Extraits V, 
147 — 154. Mus^e des Archives p. 244. 

*) Pez, Thes. I. Diss. isagog. p. XXVI. Deutschi. Geschichts- 
juellen I, 215. 

^) Vgl. Lassberg, Liedersaal I, Vorrede S. 20. 



140 Formen der Bücher und Urkunden. 

XIII. (Sloane MS. 809) eine anglonormannische Romanze, be- 
stimmt zum Unterricht der Kinder und für den Schul- 
gebrauch. ^) 

Ein mittelalterlicher Scholiast des luvenal erklärt Sirma, 
id est rotulum in quo scripta est fabula sacra de Thieste,*) 
und das Frankfurter Passionsspiel ist wirklich im 15. Jahrh. 
auf 8 zusammengeleimten Häuteu geschrieben, 8 Zoll breit 
und 8 Ellen lang. 3) 

Eine ungewöhnliche Erscheinung ist die Expositio Terencii 
in magno rotulo im Catalog der Bibliothek, wie es scheint, 
von Saint-Maur-des-Fosses, um das Jahr 1200.*) 

Dagegen begreift man leicht, dafs es den Herolden be- 
quemer war, eine Wappenrolle, wie die Züricher aus dem 
14. Jahrhundert, mit sich zu fuhren, als ein Buch.^) 

Sehr häufig sind Urkunden in dieser Form, aber mit 
Ausnahme der päbstlichen Bullen älterer Zeit, so lange man 
sie noch auf Papyrus schrieb, meistens nur unbesiegelte, Nota- 
riats-Instrumente, wie sie namentlich in Italien seit alter Zeit 
üblich waren imd von da in andere Länder sich verbreiteten. 
Die Siegel waren bei der Rollenform unbequem, doch kommen 
auch besiegelte vor.®) Unter den Notariats -Instrumenten sind 
Inventarien bis zu hundert Fufs Länge. Die päpstlichen Ge- 
sandten, welche 1320 in den Streitigkeiten zwischen Polen und 
dem deutschen Orden Verhöre anstellten, liefson den ganzen 
Procefs in zwei Exemplaren auf 17 Ellen langen und 9 Zoll 



S. Th. Wright, Political Songs of England (1839) p. XI, 59. 
237. 356. 

^) Eccl. Colon. Codd. p. 147. 

^) Fichard's Frankfurter Archiv III, 134. 

*) Jahrbücher für class. Philologie XCVII, 67. 

*) Auszug durch v. Wyfs in den Mittheilungen der Antiquarischen 
Gesellschaft in Zürich, VI, dann vollständige Ausgabe 1860. 

®) Beispiele bei Rockinger S. 59—61. Lupi, Manuale di Paleo- 
grafia delle carte (Firenze 1875), ein Buch, welches mir erst während 
des Druckes zugekommen ist, erwähnt auf S. 58 arabische Documenta 
auf Rollen von Baumwollenpapier, und ein sehr langes griechisches Di- 
plom des Kaisers Isaac Angelus von 1192 in dieser Form, ohne jedoch 
eine genauere Beschreibung davon zu geben. 



Rollen. 141 

breiten Rollen verzeichnen, deren Unbequemlichkeit nur der 
voUkommen würdigen kann, welcher sie abgeschrieben oder 
coUationiert hat; eine einzebie Stelle darin zu suchen, kann 
zur Verzweiflung bringen.^) Erhalten hat sich ein aus 6 Stücken 
bestehender Rest des Protocolls, welches Jacob von Velletri 
1250 in Krakau über die Wunder des h. Stanislaus aufnahm.^) 
Ein Actenstück von 1283 aus dem Streit der Pariser Univer- 
sität mit ihrem Kanzler hat 13 Fufs Länge, ^) der Prozefs der 
Templer aber an 23 Meter. Der Prozefs der Stadt Lübeck 
mit dem Bischof Burchardvon Serken in den Jahren 1276 bis 
1317 füllt mehi'ere Rollen, welche überall bei der Zusammen- 
setzung der einzelnen Stücke mit Notai'iatszeichen versehen 
sind; die längste hat 40 Ellen Länge auf 12 Zoll Breite.*) 

Ln Gegensatz zu den litterae patentes liefsen solche Rol- 
len sich besser geheim halten. Man nahm sie deshalb gern 
zu Testamenten, welche mit einem Faden umwickelt und ver- 
siegelt wurden. So bewahrt z. B. die Rathskanzlei in Lübeck 
eine grofse Menge solcher Testamente, welche als Du^licate de- 
poniert wurden und seit dem 14. Jahrhundert uneröflfnet da- 
liegen. Sie sehen aus wie kleine Stöcke, und nehmen wenig 
Raum ein. 

Zu unterscheiden ist hiervon das Rollen gewöhnlicher be- 
siegelter Urkunden zur Aufbewahrung, was besonders in Eng- 
land die Regel war, aber auch sonst hin imd wieder vor- 
kommt. Dahin gehören z. B. die Rouleaux de Cluny, beglau- 
bigte Abschriften der Privilegien der römischen Kirche, welche 



^) Im Königsberger Prov. Archiv. Herausgegeben vom Grafen 
Dzialinski im 4. Bande der: Lites ac Res gestae inter Polonos Ordi- 
nemque Cruciferorum. 

*) Zeifsberg, Die poln. Geschichtschreibung S. 85. 

^) Processus factus contra Cancellarium, sive responsiones (Jniversi- 
tatis Parisiensis et facultatis artistarum ad ea quae Cancellarius Pari- 
siensis opposuerat. Bibl. de Tficole des Charles V, 3, 266 aus Jourdain : 
Index chronologicus chartarum pertinentium ad historiam Universitatis 
Parisiensis, 1862. 

*) Zeitschrift des Vereins f. Lüb. Gesch. III, 358. Einige Beispiele 
aus dem Münchener Archive beschreibt Rockinger, Zum baier. Schrift- 
wesen S. 58. 



142 Formen der Bücher und Urkunden. 

Iimocenz IV auf dem Concil zu Lyon machen liefs, und von 
denen sich ein Stück erhalten hat.^) 

Man machte auch Abschriften von Urkunden in Rollen- 
form; so war im Kloster Fölling eine grofse Rolle mit Urkun- 
den, aus dem 12. Jahrhundert.^) Besonders merkwürdig ist 
eine Rollo mit Sanctgaller Urkunden aus dem alten Reichs- 
archiv, wo sie als Muster diente: Ista est fundacio monasterii 
S. Galli, et secundum eam quasi omnes littere diriguntur^) 
Beglaubigt war eine solche Absclu:ift der Privilegien von Brau- 
weiler; das Kloster führte 1518 einen Prozefs in Trier, ut ex 
actis in cista conventuali inclusis jyatet In quibus fere contir 
nentur mnnia privilegia nostra per moduni rotuli trans- 
sumpta^) 

Man bildete auch Acten, indem man immer erhaltene 
Briefe, Concepte der Antworten, und was sonst vorkam, zu 
einer langen Rolle an einander nähte, so z. B. in Mainz und 
Hagenau.^) 

Auch nichturkundliche Aufzeichnmigen haben solche Form, 
Güterverzeichnisse, Zinsroteln. So schon der bekannte Salz- 
burger Indiculus Arnonis von V88, freilich nur in einer Ab- 
schrift des 12. Jahrhunderts erhalten.^) Eine ganze Reihe 
solcher Documente hat Rockinger S. 57 beschrieben. Die Auf- 
bewahrung in einer Kapsel, während ein Stäbchen am Ende 
die Aufwickelung erleichterte, machte sie weniger unbequem. 
Die Aachener Stadtrechnungen des 14. Jahrhunderts sind auf 
langen Rollen von Pergament und Papier geschrieben.'') Die 



^) Huillard-Br^holles, Examen des Chartes de l'ü^glise Romaine, 
contenues dans les rouleaux dits Rouleaux de Cluny (Notices et Extraits 
XXI, 2) 1865. 

2) B. Pez, Thes. Diss. p. XIX. 

^) Ficker, Die Ueberreste des deutschen Reichs - Archivs zu Pisa 
S. 26 (SB. d. Wiener Akad. XIV). 

*) Eckertz, Fontes rerum Rhenanarum II, 323. 

^) Zeitschrift f. Gesch. des Oberrheins XXIV, 180. 217. 

^) Indiculus Arnonis u. Breves notitiae Salzburgenses, von Fr. Keiitfi 
München 1869. 

^) Laurent, Aachener Stadtrechnungen, 1865. Der Herausgeber 



Rollen. 143 

» 

Hagenauer verzeichneten 1359 den Verlauf ilirer Fehde mit 
den Lichtenbergern auf einer sehr langen Rolle von Papier.^) 
Das Kloster Camp verzeichnete erlittenen Kriegsschaden in 
quodam longo rotulo per notarium piMicum de isiis eventibus 
conscripto 1363. legat qui voluerit. Et prefatus rofulus habet 
in longitadine 18 ulnas cum dimidia, et in latitudine quasi 
unam ulnam mensure Cöloniensis.^) 

Eine Thorner Rolle von 1377 über Strandungsfälle be- 
schreibt Homeyer, Haus- und Hofmarken S. 268, und eine ähn- 
liche Lübecker ib. S. 272. Von dem 1373 aufgenommenen 
Inventar der Bibliothek im Louvre wurde eine Abschrift auf 
einer Rolle (roule) gemacht, die aus 100 an einander genähten 
Pergamentblättem besteht, jedes von reichlich zwei Fufs Länge 
und zehn Zoll Breite.^) 

Dergleichen Beispiele liefsen sich leicht vermehren, da alle 
bedeutenderen Archive Rollen zu besitzen pflegen. Die Ver- 
breitung des Gebrauches zeigen auch Ausdrücke wie inrotulare, 
enroler, Musterrolle, Zunftrolle u. s. w. Nur sind auch diese 
Ausdrücke übertragen, und Ingulf z. B. nennt auch das Domes- 
day Book rotuluSy obgleich es keine Rolle ist. 

Dagegen wurden in England alle königlichen Erlasse auf 
eine lange Pergamentrolle geschrieben, und an allem alterthüm- 
lichen Herkommen ^festhaltend thut man es noch jetzt. Eine 
Rolle König'^Johann's und der Königin Victoria sehen ganz 
ähnlich aus; nur die Schrift hat sich verändert, doch braucht 
man auch jetzt noch die alte French court hand, welche nicht 
leicht zu lesen ist. Der Archivar aber heifst von den Rollen, 
welche das Archiv bilden*, Master of the rolls, Magister rotu- 
lorum; unter ihm steht der custos rotulorum. 

dieses übrigens verdienstlichen und dankenswerthen Buches schwelgt 
förmlich in der Anwendung des falsch gelesenen quum statt quando. 

1) Mone in der Zeitschrift für Geschichte des Oberrheins V, 176 ff. 
Das Original ist auf der Heidelberger Bibliothek, wo sich auch eine sehr 
lange Pergamentrolle befindet mit dem Verzeichnifs derjenigen, für 
welche vom Pabst Bonifaz IX Beneficien erbeten wurden. 

2) Eckertz, Fontes rerum Rhenanarum II, 369. 

*) Inventaire des livres de Tancienne Bibl. du Louvre p ar Gilles 
Hallet (1836 par J. van Praet) p. XXXI. 



144 Formen der Bücher und Urkunden. 

Um die Richtigkeit eines rotulus zu sichern, wurde ein 
contrarotulus geführt, wovon das Wort controle stammt. 

2. Bücher. 

Die Form unserer Bücher kommt zuerst vor bei den 
Wachstafehl, tahulae, mit Rechnungen, welche zusammengelegt, 
auch wohl zusammengebunden, im tabularium, tablinum ver- 
wahrt wurden. Man nannte das einen codex. So sagt Seueca 
de br. vit. 13: plurium tabularum conteodus caudex apud an- 
tiquos vocdbatur, unde publicae tabulae Codices dicutdur. 
Solche Codices sieht man in der Notitia dignitatum I, 115. 116. 
II, 59. 60. Vgl. auch das oben S. 70 angeführte Relief. 
Ebenso sieht auch das Buch aus, welches im Salzburger Anti- 
phonar Christus als Weltrichter trägt. ^) 

Dafs auch Papyrus in Buchform vorkommt, wurde schon 
oben S. 86 erwähnt; aber dieser Stoff war dazu wenig ge- 
eignet. In der Regel wurde er gerollt, Pergament aber ge- 
faltet.^) Martial XIV, 184 ff. giebt Beispiele, und hebt vor- 
züglich hervor, dafs diese Bücher so viel in kleinem Umfang 
^enthielten. Geraud schUefst aus diesen Epigrammen wohl nicht 
mit Unrecht, dafs es ein damals in Rom aufkommender Luxus- 
artikel wai'; in Herculaneum haben sich keine gefunden. Zur 
Verzierung mit Gold und Farben, zur Ausstattung mit Bildern 
eigneten diese Handschi'iften sich besser, und die uns erhalte- 
nen Proben rühren grofsentheils von Prachthandschriften her. 

In der Regel fafste ein Pergamentband weit mehr als eme 
Rolle, weshalb Isidor Origg. VI, 13, 1 sagt: Codex nmUorufn 
librorum est, Über unius volmninis. • 

Ulpian Digg, XXXII, 50 sagt: Sed perscripti libri nondum 
malleati vel ornati continebuntur (libris legatis). proinde ä 
nondum conglutinati vel emendati continebuntur. Sed et menmr 
branae nondum consutae continebuntur. Da scheint er im ersten 
Fall Papyrusrollen im Sinne zu haben, von denen man dann 



*) Mitth. der Centralcommission XIV (1869) Tafel 21. 
^) üeber die Pergamenthandschriften der Alten handeln Gäraud 
S. 125 ff. u. Marquardt, Römische Privatalterthümer II, 397—403. 



Bücher. 145 

annehmen müfste, dafs sie in einzelnen Stücken geschrieben 
und erst nachträglich zusammengeleimt wurden, was bei der 
Länge der Rollen auch wahrscheinlich ist. Im zweiten Fall 
kann man wohl nur an Membranen denken, welche zu einer 
Rolle zusammengenäht wurden, imd ganz entschieden erwähnt 
Ulpiaii Digg. XXXII, 52 sowohl Rollen von Pergament als auch 
Bücher von Papyrus: Librorum appeUatione continentur omnia 
Volumina, sive in cliarta sive in membrana sint, sive in quavis 
alia materia, . . . Quod si in codicibus sint membraneis vel 
chartaceis vel etiam eboreis vel alterius materiae, vel in ceratis 
codieillis, an debeant videamus. 

Der Ausdruck liber, scholl früh von ganz allgemeiner Be- 
deutung, bezeichnete ursprünglich wojil nur Rollen. Griechi- 
sche Benennungen für Bücher sind ßlßXog, ßißXlov, ßißXaQcov, 
dtXroq^ Tsvx^^> auch jtvxrlov, Jtvxrlg, jctvxziov. In den Acten 
der Syu. Constantinopol. III. a. 680 kommt xcodlxiov vor. In 
dem alten Catalog der Sanctgaller Bibliothek ist beim Aethicus 
am Rande bemerkt: pittaeiolum irnUile, 

Der Ausdruck panfletus in Richardi de Bury Philobiblion 
c. 8, engl. Pamphlet, wird vom span. papeleta, ein Stück Papier, 
abgeleitet. 

Man faltete mehrere Blätter zu einer Lage, am häufigsten 
vier. Eine solche Lage hiefs rtXQaq, ttrgaöiov. Ein merk- 
würdiges Mifsverständnifs des gelehrten Reiske hat Brunet de 
Presle nachgewiesen in den Comptes rendus de l'Academie von 
1867 S. 197. Er las nämlich bei Constant. Porphyrog. de 
Caerimoniis aulae I, 668: C,TJTti dg rovg aQXOvrag rov rerga- 
diov, und erklärt dieses rsTQddiov als einen Wachtposten von 
vier Mann, was es allerdiiigs auch bedeuten kann. Es steht 

aber da: £^ scg ag rov 66iov, und ist zu lesen: ^ryrft dg xi{i> 
€LQX^ rov TBTQaölov. Man soll am Anfang der Lage nach- 
sehen. 

Der lateinische Ausdruck quaternio kommt zuerst, doch 
nicht ganz sicher, vor in Diocletian's Edict de pretiis rerum 
venalium von 301 (oben S. 102). Eine Glosse zum Priscian 
sagt ganz richtig: quaternio dieitur ubi sunt quattuor diplo- 

Wattenbach, Schriftwesen. 2. Aufl. 10 



146 Formen der Bücher und Urkunden. 

mutay wo also diplmia das gefaltete Blatt ist. ^) Cassiodor 
erwähnt Bibelhandsclmften von 90, 95 Quatemionen. ^) Alcuin 
braucht das Wort als feminini geueris. ^) Später sagte man auch 
quaternus, franz. caterne, quayer, cahier. *) Alexander Neckam 
sagt vom Schreiber: Ässit ei quaternus (quaer), non dico 
quaternio (ductor militum) qui aliquantam partem exercüus 
designat.^) Englisch ist es zu quire entstellt, was jetzt ein 
Buch Papier bedeutet, aber in quires heilst ein nicht gebun- 
denes Buch. In dem Glossar des Jo. de Janua wird aus Hu- 
gutio angefühi't: Quaternus quatuor quarte (al, Charte) sed (cd. 
scilicet) octo folia sunt. 

Unerklärt ist Alfric's angelsächsische Glosse quaternio 
cine,^) Der Ausdruck nimmt aber auch eine weitere Bedeu- 
tung an, wie es in dem alten Orosius Med. Laur. heifst: Ide 
quaternio quinque. folia habet. '^) Genau bezeichnet ist im Cod. 
Col. CG des Priscian saec. X der halbe Quatem am Schlufs 
als . xvn . Semis, aber in einer anderen Handschrift saec. IX 
werden halbe Quaternionen als quaterniones minores bezeichnet, 
und auf einem Hefte von fünf Blättern, dem Brief des Erz- 
bischof Gunthar, steht: Istum quaternionem exemplari faulte 
in aliis quaternionihus quam plurihus,^) 

Später bedeutet Quatern, wie cahior, ein Heft, ohne alle 
Beziehung auf die Zahl der Blätter. So spricht Friedrich II 
Constitt. Sic. I, 49 de magnis feudis que in quaternionihus do- 
hane nostre baronum inveniuntur inscripta, und diese hielsen 
davon ital. feudi quadernati Von Quaternen der Landtafel 
ist in Mähren und sonst oft die Rede; ein ähnlicher Gebrauch 



1) Eccl. Colon. Codd. (1874) p. 155. 

^) Ad. Franz, Cass. Senator S. 50. 

3) Bibl. Kerum Germ. VI, 543, ep. 141. 

'*) Vielleicht dasselbe ist unum quarterium de muUis fctciens narra- 
cionem in einem Inventar von 1372, Bibl. de Pficole des Chartas III, 1, 122. 

^) Wright, Vocabularies S. 116. Diese Behauptung findet sich auch 
sonst. S. 210 hie quaternus a quare. 

ö) Wright, Vocabularies S. 46, auch 75. 89. 

') Bandini II, 728. 

») Eccl. Colon. Codd. p. 47. 






Bücher. . 147 

findet sich im Ordinarius der Stadt Braunschweig, im sechsten 
Buch, S. 181 Art. 138:^) „Van eyner quaternen to scryvende 
van dene, den de rad tynsplichtich is van schote. Vortmer 
des dinxedaghes edder des myddewekenes dama, alse in der 
Oldenstad gheschotet is, so schal de rad.scryven laten eyne 
quaternen: darinne stan alle dejenne, den de rad tyns gifft 
van deme schote, unde wu vell eyn jowelk hebben schal na 
utwysinghe der register, dat sy lyfftucht edder weddeschat." 

Die berühmten Bibelhandschriften Cod. Vat. 1209 und das 
Buch Daniel Cod. Vat. 2125 sind nach Tischendorf in Quin- 
tern en geschrieben; auch der Terentius Vat. 3226.*) So auch 
die Vorlage des Schreibers, welcher am Rande bemerkte: iv- 
revß^tv keljcti jtsvrdöia xiocaQa.^) Später werden Sexternen 
sehr gebräuchlich. 

Die einzelnen Lagen werden oben oder unten, vom oder 
hinten gezählt, mit Zahlen oder Buchstaben, häufig mit Bei- 
fügung eines Q, und später auch ausgeschrieben Quaternus, 
Sextemus, Phantastische Verzierungen treten manchmal hinzu. 
Im Cod. Colon. 166 saec. VII sind die Quaternionen am Schlufs 
mit q I u. s. w. bezeichnet, aber noch älter scheinen willkür- 
liche Zeichen ohne Zahl, welche übereinstimmend am Ende der 
einen und am Anfang der folgenden Lage stehen. Reuchlins 
griechischer Codex der Apocalypse ist auf den ersten Seiten 

der Lagen oben in der Mitte mit a ß u. s, f. bezeichnet. Im 
cod. Coislin. 151 Basilicorum saec. XI ist nach Montfaucon 
(I, 216) jedes Blatt unten mit der Buchzahl bezeichnet, ßi, a, 
u. s. f. während sonst eine kurze Ueberschrift auf dem oberen 
Eaude gewöhnlich ist, und in ganz alten Handschriften nicht 
leicht fehlt. Ein anderer Codex derselben, jetzt Paris gr. 1345, 
der einst dem Georgios Kantakuzenos gehörte, hat nach S. 170 
die Inschrift in der fehlervollen Schreibart des 15. Jahrhun- 
derts: To5 jtaQov ßtßXrjOV eörfjv ßaOfjkfjxov v6(ii(iov b^ov de 
ßtßhja jttvrs xal laqxria kxarcov reööaQaxovra tQi^a xal q)i^- 



1 



) nach freundlicher Mittheilung des Herrn Dr. Eoppmann. 

2) Vorrede von Umpfenbach S. IV— VIII. 

3) Val. Rose im Hermes II, 97 

10* 



148 Formen der Bücher und Urkunden. 

XaTcaq^) Sollte hier das letzte Wort {(pvXaxeii) die Custodeu 
bedeuten können, wie wir jetzt die Lagenbezeichnung zu 
nennen pflegen? 

Vom 14. Jahrb. an finden wir auch die einzelnen Blätter 
der Lagen gezählt,*) und kommt auch durchgehende Blatt- 
zählung vor. 

Reclamantes, franz. reclames, nennt man die Worte der 
beginnenden folgenden Seite, welche unten am Schlufs der vor- 
hergehenden Lage wiederholt sind. Ich habe es in einer Hand- 
schrift gesehen, welche noch dem elften Jahrhundert anzuge- 
hören scheint, und im cod. Berol. Lat. fol. 34 aus dem zwölften. 
A. Dove bemerkt es vom Cod. Estensis, der in Reggio um 1285 
geschrieben ist,^) und von da an ist es häufig. 

Uebcr das Format der Handschriften ist zu bemerken, 
dafs dem hohen Alterthum vorzüglich eine breite Quartform 
eigen ist. Der Codex Sinaiticus allein hat vier Columnen, 
öeXideg, aufgeschlagen also acht, wodurch er dann der Rollen- 
form am nächsten kommt.*) Viele sehr alte Handschriften 
haben drei Columnen. S. Lucian hinterliefs am Ende des dritten 
Jahrhunderts der Kirche zu Nikomedien eine Bibel, ysYQafifii' 
vor öeXlot TQiööalg.^) 

Später, im zwölften Jahrhundert, beklagt sich Tzetzes^) 
voll Bitterkeit über die Kargheit des kaiserlichen Zahlmeisters. 
Er hatte nämlich fiii- die Kaiserin Irene seinen Comm^ntar 
zum Homer geschrieben und dazu xexQaölöxia rc5v öiiLXQOxdtwv 
genommen, die nur 288 Zeilen fafsten, also 18 auf der Seite. 
Da warf man ihm vor, dafs er die Zahl der x«?'^«^ ^^^ Be- 
zahlung wegen mehre, und nun: 



^) Basilicorum libri LX ed. Heimbach VI, 169. 

2) So im cod. Colon. 182 von 1347. Vgl. Kockinger in den Sitzungs- 
berichten der Münchener Acad. 1874, I, 438 — 440. 

^) A. Dove, Die Doppelchronik von Reggio S. 19. 

*) Libri in seinem Auctionscatalog S. 69 n. 298 hat Cyprians Briefe 
saec. VII mit einem fly-leaf, das Fragmente eines theol. Manuscripts 
saec. IX in 4 Columnen enthält. Sollten es nicht zwei Seiten sein? 

^) Mone, Messen S. 162 aus den Menäen zu Oct. 15. 

ö) Chiliad. IX, 264; v. 278—297. 



Bücher. 149 

Aaßmv 6b rc teTQaöcop fiiyiötop ly£yQaq)Hv 
TQiJü(xyiö(iOlg Iv Orixf^öfiolg xergäöia (hq ötxa. 

Es scheint, dafs er damit die Schreibart in drei Columnen 
bezeichnen will, augenscheinlich aJs etwas ungewöhnliches. Man 
fand es recht schön, bezahlte aber schlecht. 

Um in drei oder vier Columnen schreiben zu können, 
mufste man sehr grofses Pergament haben, was kostbar war. 
Deshalb glaube ich auch, dafs es auf diese Schreibart geht, 
wenn Eusebius V. Const. IV, 37 sagt, dafs er dem Kaiser be- 
sorgt habe er jcoXvreXcQg i^öxfjf/tvoig tev^bOl ZQiööa xal rs- 
TQaööd, Die Ausdrücke kommen nur hier vor, und der Ter- 
nionen und Quatemionen zu gedenken war kaum ein Grund 
vorhanden. 

In drei Columnen geschrieben sind die Fragmenta Vati- 
cana von Sallust's Historien, der Cod. Basilicanus von Cicero's 
Philippiken, in der Sacristei von S. Peter, das Berliner Sallust- 
fragment, der Cod. Ambros. Bob. des Cicero unter Sedulius, 
der Dion Cassius Vaticanus, sowie der Vat. 1209 der Bibel, wo 
jedoch das neue Testament nur zwei Columnen hat, die Mai- 
länder griechische Uncialhandschrift der BibeP), die von E. 
Ranke entdeckten Fragmente eines Codex der Itala, zu welchen 
die Herren Sickel und Vogel kürzlich noch zwei neue Blätter 
gefunden haben.*) 

Drei Columnen auf sehr weifsem glattem Pergament, ohne 
Linien, hat auch die älteste datierte syrische Handschrift im 
Brit. Museum, in Edessa 723 Seleuc. d. i. 411 oder 412 p. Ch. 
geschrieben, vielleicht die älteste datierte Handschrift. Die in 
Amid era 775 geschriebene Bibel hat 2 Columnen. 

In späterer Zeit, nach dem sechsten Jahrhundert, kommt 
die Dreitheilung nur selten vor^), ausgenommen ganz beson- 



^) Bibl. Ambros. von c. 700 p. Ch. nach Montfaucon, Diar. Ital. p. 11. 

^) Die Blätter stammen von einer Weingarter Handschrift, und 
sind in Bücherdeckeln verschiedener Bibliotheken gefunden. Alles ist 
zusammengefafst in Banke's Werk: Fragmenta Versionis Sacr. Scriptur. 
Latlnae antehieronymianae, Vindob. 1868, 4. Mit drei schönen Schrifttafeln. 

^) Nach Rockinger, Quellen z. Bayer. Gesch. IX, 352 sind die 
3 Handschriften der Summa Ludolfi dreispaltig in octav, auch 2 Nibe- 



150 Formen der Bücher nnd ürknndeii. 

dere Fälle, wo die Natur des Textes, z. B. die niclit seltene 
Zusammenstellung verschiedener Versionen der Psalmen, eine 
ungewöhnliche Einrichtung nöthig machte. Bischof Salomons 
Psalter hat deshalb sogar 4 Columnen und ebenso der kurzen 
Zeilen wegen die sog. Glossae Salomonis.^) Im ütrechter 
Psalter und im cod. HarL 603 sind der Bilder wegen 3 Co- 
lumnen. Ein Psalter aus dem 14. Jahrh. in S. Florian hat in 
3 Columnen lateinischen, polnischen und deutschen Text. Zu 
unterscheiden davon ist der Umstand, wenn eine Columne Text 
zwischen zwei Columnen Commentar steht, was häufig vorkommt 

Natürlich gab es auch schon in alter Zeit andere Formate; 
namentlich waren die Hexameter für Columnen zu lang, doch 
sind auch die alten Virgilhandschrift^n in quart Der syrische 
Palimpsest der Ilias hat 33 Verse auf der Seite. Aehnliche 
Form hat der Wiener Dioskorides, die Florentiner Pandecten, 
deren Höhe etwas gröfser ist, mit 2 Colunmen, der Veroneser 
Livius mit 2 CoL zu 30 Zeilen. Dagegen ist der Wiener Li- 
vius grofs octav, der Cod. des Fronto wird als foL bezeichnet, 
hat aber 2 Col. zu nur 24 Zeileiu 

Eine Zusammenstellung aller Handschriften und Fragmente 
in Capital- und Uncialschrift mit genauer Angabe dieser AeuJser- 
lichkeiten wäre recht nützlich. Die Beachtung derselben ist 
nämlich für die Kritik sehr wichtig und hat zu bedeutenden 
Resultaten geführt, nicht nur zur Ermittelung von Lücken und 
Umstellungen,*) sondern auch zur Schätzung ihres Umfanges. 
Auch erkennt man dadurch Fragmente von Handschriften, 
welche häufig durch zufällige Umstände weit von einander ver- 
schlagen sind, als ursprünglich zusammen gehörend.*) 



longenliss. nach v. d. Hagen in den Berichten der Berl. Acad. 1852 
S. 452. So auch in der alten Bibl im Louvre nach dem Inventar von 
1373 viele franz. Romane, doch auch eine Chronik S. 7. 

") Rockinger, Zum Baier. Schriftwesen, S. 56. Nach Scherrer im 
Verz. d. Stiftsbibl. S. 321 — 323 sind sie dem Bischof Salomon ohne Grund 
zugeschrieben. 

*) Im Cod. Reuchlin. der Apocalypse sind versetzte Blätter der 
Vorlage nach einander abgeschrieben. Fr. Delitzsch^ Handschriftliche 
Funde I, 13. 

^) Fragmente desselben Palimpsest von Lucan hat Detlefsen in 



Bücher. 151 

Schou 680 beschäftigte sich die sechste Synode mit der 
Ermittelung einer Interpolation in den Acten der fünften 
(Mansi XI, 225): bvqov rgetg rarQdöag slg rrjv ccqx^v tov 
ßißXlov ix jrQOöd-TjXfjg if/ßXtjd-rjvat firj txovOag vjtoöfjfielwöiv 
dQid-firjTcxrjV TfjV JCQog övvi]d'eiav ivrsß^sif/tvrjv Iv ratg re- 
rgdöLV, dXX' iv ry TtrdQttj rsTQaöc elvai xov jtQcotov dgid-fiov 
xal slg rrjV fier avrrjv öevrigav xal xQltrjV xtrQada iq)£^fjg. 
Da aufserdem auch die Buchstaben verschieden befunden wur- 
den, so war in diesem Falle die Entdeckung nicht schwierig; 
häufig aber sind die Custoden, wie man sie jetzt nennt, nicht 
mehr vorhanden, indem sie nicht selten vom Buchbinder weg- 
geschnitten sind. Hauptsächlich aber ist es eine Aufgabe für 
den philologischen Scharfsinn, den verlorenen ürcodex nach 
den jüngeren Abschriften zu reconstruiren. So hat K. Lacli- 
mann ganz genau die Gestalt des Urcodex von Lucretius er- 
mittelt und dadurch die Lücken und Transpositionen nach- 
gewiesen. ^) 

Den archetypus des Juvenal hat Goebel in den Sitzungs- 
berichten der Wiener Akademie XXIX, 39 durch Rückschlufs 
aus einem cod. saec. X zu ermitteln versucht. 

Von besonderer praktischer Wichtigkeit ist für die Kritik 
des Festus der Rückschlufs von den jüngeren Abschriften auf 
die Form der verlorenen Quaternionen, deren Ränder beschädigt 
waren; denn was in diese Stellen fällt, beiiiht nur auf Resti- 
tution, wie Th. Mommsen nachgewiesen hat. ^) 

Eine sehr scharfsinnige Untersuchung dieser Art in Bezug 
auf TibuU I, 4 hat kürzlich F. Ritschl' angestellt.^) 



Wien, Neapel und Rom nachgewiesen, Philologus XIII, 313. XV, 526. 
XXVI, 173. 

*) Uebersichtlich dargestellt in der Anzeige der Ausgabe im Lit. 
Centralbl. 1850 Sp. 193. M. Hertz, Karl Lachmann S. 139 und S. 121 
über die ähnliche Behandlung des Catull. Vgl. auch M. Haupt, De 
carminibus bucolicis Calpurnii et Nemesiani p. 36 über den Cod. Cyneget. 
Nemesiani. 

*) Festi Codicis quaternionem XVI. denuo edidit Th. Mommsen. 
Abb. der Berl. Akademie 1864. 

*) Sitzungsberichte der k. Sächsischen Gesellschaft der Wissen- 
schaften, 1866. 



152 Formen der Bücher und Urkunden. 

Doch es würde hier zu weit führen, auf diesen Gegen- 
stand näher einzugehen; nur darauf kam es hier an, hervor- 
zuheben und nachzuweisen, dafs die an sich unbedeutenden 
Umstände der Zeilenzahl, des Formats u. s. w. für die Kritik 
von Wichtigkeit sind und sorgfältige Beachtung erfordern. 
Durch genaue imd scharfsinnige Beobachtung derselben zeich- 
nen sich namentlich auch die Abhandlungen von G. H. Pertz 
aus, welche deshalb zum Studium zu empfehlen sind. Derselbe 
hat auf solche Weise den Umfang der Lücke in dem Epos der 
Roswitha ermittelt. 

Zeichnen sich nun die Handschriften aus den letzten Zeiten 
des römischen Alterthums durch grofse Sauberkeit und Regel- 
mäfsigkeit aus, so finden wir später in Bologna und anderen 
italienischen Universitäten eine gesetzlich vorgeschriebene Re- 
gelmäfsigkeit, um Betrügereien der Abschreiber vorzubeugen. 
Genaue Angaben darüber giebt Savigny in der Geschichte 
des römischen Rechts im Mittelalter. ^) Die Einheit, nach 
welcher hier die Preise bestimmt wurden, ist die pecia oder 
1/2 quaternio, \ Sextern, denn auch diese konmien hier häufig 
vor. 2) Die Pecie hat 16 Columnen, die Columne 62 Zeilen, 
die Zeile 32 Buchstaben. Pedarii führen die Aufsicht über 
das Verleihen und Abschreiben der Manuscripte. Es wird je- 
doch hier so wenig, wie bei der alten Stichometrie das Mafs 
wirklich immer eingehalten, sondern die einmalige Normal- 
schrift genügte, indem sich bei Abschriften Bemerkungen wie 
Finis pecie L auch mitten auf der Seite finden. *) 

Das Blatt heifst j^aQxiov, (pvXXov, folium, was zuerst bei 

Isidor vorkommt, Origg. VI, 14: Folia Ubrorum cuius partes 

paginae dictmtur. In einem cod. Colon, saec. VIII fibidet sich 
fem. folia, ^) wie franz. la feuille; für das einzelne Blatt eines 

1) III, 427. 537; 2. Ausg. S. 580 flf.; vgl. KirchhoflF, Handschriften- 
händler S. 8 ff. 20. 

*) Im cod. Colon. 168, 1399 in Rom geschrieben, steht: in hoc 
Itbro sunt colUgate XIII pecie. Sie sind aber von ganz verschiedener 
Gröfse. Eccl. Colon, codd. p. 70. 

^) Ein Beispiel bei Schulte in den Sitzungsberichten d. Wiener 
Acad. LXVIII, 103. 

*) Eccl. Colon. Codd. p. 112. 



Bücher. 153 

zum Buch gefalteten Bogeus ist aber feuillet gebräuclilich. Im 
15. Jahrh. pflegt man bei Verweisungen die Blattzahl mit 
a hartha anzugeben,^) abgekürzt a k, wie in Spanien Citate 
mit a capite häufig sind, und die ital. Datieining adi auch in 
lat. und deutschen Schriften. In der Vita Job. abb. Gorz. 
c. 126 kommt campus paghmc vor; im cod. Colon. 166 saec. VII 
steht f. 231 von zweiter Hand mit Bezug auf enien Nachtrag: 
lege desuper in summo lucernario,^) Die Worte stehen auf 
dem oberen Rande der vorhergehenden Seite, welcher also mit 
diesem Ausdruck bezeichnet ist; an anderer Stelle steht: lege 
in capite paginae. In den Basiliken heifst die unten stehende 
griechische Uebei*8etzung der lateinischen Constitutionen ^carä 
jcoöa oder xara jtoöaq. Für columna ist franz. coulonihe in 
den alten Inventaren gewöhnlich. 

Das zusammengefaltete Pergamentblatt hiefs oben S. 146 
diploma, und so auch in einem angels. Wörterbuch^) diploma, 
böge und bowa; in Qinem alten Vförierhuch plicatura, und noch 
barbarischer arcus: quaternus est pars libri ex quatuor areur 
bus et octo foliis pergameni connexa,^) Der Prior Stephan 
von Dolan spricht 1417 von arcus papyri,^) und schon im 
13. Jahrh. sagt Conr. de Mure (oben S. 100) vom Kalbspergament: 

Libris aptatur: primo quadratur in arcus, 
Arcus iunguntur in stationc pari. . 

Gleichzeitig kam auch für pagina der Ausdruck latus auf, und 
für otlxoq, versus, linea das barbarische riga. So erzählt 
Thomas a Campis de discipulis d. Florentii c. 4, dafs Lubertus 
Berneri oder van den Busche (t 1398) einmal zu seinem Lehrer 
Floren tius gerufen wurde: erat autem in ultima riga lateris, 
et forte tria vel quatuor verba adhuc scribenda restabard. 
Dennoch kommt er unverzüglich, ohne die Seite zu vollenden. 
Und in der 1494 gedi'uckten Regel der Brüder vom gemeinen 



1) Zeitschrift f. Gesch. des Oberrheins XXV, 43. 

«) Eccl. Colon. Codd. p. 68. 

») bei Wright S. 75 u. 89. 

*) Serapeum XXIII, 278. 

^) Ep. ad Hussitas bei B. Pez, Thes. IV, 2, 520. 



154 Formen der Bücher und Urkunden. 

Leben ^) heifst es: librarius . . . pervideat scripturam fratrum 
nostrorum, speciaUter qui mimis sciunt scribere, et qui novi 
aliquid incipiunt, providendo eis de una riga vel dtMibus me- 
lioris seripture pro exemplari ante se loeando, si opus habent. 
Für Buchstaben finden wir bei Donizo den Ausdruck 
figura: 

Una figura Beatricem, Bonefacium dat, 
Amborum nomen una figura B dat.^) 

3. Urkunden. 

Von Urkunden auf Erztafeln und Wachstafeln ist schou 
die Rede gewesen, auch von gerollten. Die Alten hatten auch 
zusammengefaltete, welche durch einen besiegelten Faden ver- 
schlossen waren, namentlich Testamente. ^) Davon ist die Rede 
in der von Schwarz de ornamentis librorum p. 154 angeführten 
Stelle der Glossae veteres verborum iuris ed. Labbe, p. 116, 
wo es von den Testamenten heifst: 7öreov.oTc ro fiev ev öx^- 
ftart rsTQccöog l§ otag öfjjtore övvtid^ifiBVov xal öexofisvov ttjv 
öiad'i^xrjv, raßovXXa Xeyarar xa ob i^eiXrjfiara y(aQrov, avro 
xovxo xAqxti xaXslxai, 

Eine ganz ähnliche Form der Testamente aus dem Mittel- 
alter ist oben S. 141 beschrieben; die gewöhnliche Form der 
Urkunden aber ist die der offenen Briefe. Der gewöhnhclie 
Name ist eharia, griech. Jttxxaxiov, wovon auch lat. pitacium; 
es giebt aber eine Menge von Namen, welche von dem Inhalt 
hergenommen sind und sich in den diplomatischen Handbüchern 
verzeichnet finden. Auf diese einzugehen ist hier überflüssig; 
auch die genaueren Angaben über die Form können nur dann 
einen Werth haben, wenn man auf alle Einzelheiten eingeht 
Wie das für ein begrenztes Gebiet durchzuführen ist, hat 
Sickel in seiner Diplomatik der Karolinger gezeigt. Von der 
Form, weil sie am häufigsten nur auf einer Seite eines Blattes 
geschrieben sind, heifsen die Urkunden sehr oft pagina. So 



^) Serapeum XXI, 188. 

'^) y. Matth. I, 787; vgl. Pannenborg, Studien zur Gesch. d. Her- 
zogin Mathilde (Gott. Progr. 1872) S. 15. 

^) s. Marquardt, Rom. Privatalterthümer, II, 392. 



Urkunden. 155 

spricht Alcuin (ep. 115 Frob. 204 Jaffe) mit Beziehung auf 
II Cor. 3, 3 von der pagina, quae est in cordis tabula con- 
scripta, non atramento perituro sed spiritu sempiterno. Das 
Wort Urkunde im heutigen Sinn ist dem Mittelalter fremd; 
man nannte sie gewöhnlich Briefe. Der Ausdruck Handfeste 
findet sich schon in Erzb. Alfric's Vocabular (Wright S. 20) 
mandatum hand-festnung ; dagegen S. 46: epistola vel pitacium, 
aerend-gewrit d. i. Botschaftsclu-eibon. ^) 

Allgemeine Anweisungen für die Abfassung einer Urkunde 
giebt die Summa Conradi de Mure von 1275:*) 

De forma carte et scriptura. 

Per quomodo intelligitur tertius modus scribendi, ubi no- 
tetur carta in qua scribi debet litera, expcrs camis, bene rasa, 
pumicata, scribentis manibus et usibus preparata, ncc nimis 
rigide dura nee nimis moUiter tonuis. Sic quadranguletur, ut 
latitudo longitudini respondeat convenienter, et ne latitudo nee 
longitudo modum debitum excedant et mensuram, sicut archa 
Noe in longitudino, latitudine, altitudine iussu dei artificialiter 
et proportionaliter composita fuit et compacta. 

Scriptura Uttere, regulis Orthographie observatis, una manu 
et eadem, sine omni vicio rasuro in loco suspecto, incausto 
non discoloriter nigro, aliis coloribus exclusis, a primo usque 
ad ultimum equali forma(ta) ductu scribatur, lineali grossetur, 
legibiliter comprimatur, ut nee sit niinium sparsa nee nimium 
compressa, nee deformis, set correcta pleniter et equalis. 

Regulariter accentuetur, punctetur, virguletur. 

Una sillaba in scribendo nunquam dividatur ita ut finis 
linee partem habeat sillabe, et residuum sillabe sit origo linec 
sequentis. 

Una dictio nunquam ita distinguatur in sillabis, ut due 
dictiones reputentur. due dictiones vel plures nunquam ita con- 



^) auch S. 89: epistola, aerind-iwrit ; engl, errand. 
^) herausgegeben von Rockinger, Quellen zur bayerischen und deut- 
schen Geschichte IX, 437. 



156 Formen der Bücher und Urkunden. 

tinuentui', ut una dictio videatur. et si dictio scribi non potest 
totaliter ad finem liiiee precedentis, per virgulam in margine 
signetur huiusmodi divisio seu imperfectio dictionis, ut lector 
eo difficilius erret in legendo. 

Item scriptura litere seu epistole tarn a capite quam a 
fine secundum debitam quadraturam cum spaciis ab omni latere, 
scilicet superius, inferius, dextrorsum, sinistrorsum, competen- 
tibus habere debet ductum seu terminos lineales, ita ut scri- 
ptura margines carte seu extremitates fugere videatur modo 
debito et decenti. alioquin carta sie detruncata proprietatem 
litere deformaret. 

Unde carta seu carte forma non sit nimis longa, non sit 
nimis lata, spaciis ut dictum est regulariter ordinatis. 



Ich habe den ganzen Abschnitt hergesetzt, weil die Vor- 
schriften in der That sehr verständig sind und viele technische 
Ausdrücke darin vorkommen. Im allgemeinen sind die Urkun- 
den aufserordentlich correct geschrieben, und welche Mühe das 
bei umfangreichen Stücken kostete, schildert uns Bartholomäus 
Sastrow in seiner Lebensgeschichte. ^) In früheren Jahrhun- 
derten fehlt es gar nicht an Correcturen, aber später war man 
darin sehr peinlich. Wenn sich Notare dergleichen erlaubten, 
so wurden sie bei der Beglaubigung am Schlufs sorgsam ver- 
zeichnet. 

Eine eigenthümliche Form von Notariats - Instrumenten 
findet sich im Thal von Aosta, indem auf der Rückseite die 
Originalnotate stehen, welche der Urkunde zu Grunde liegen.*) 

Für Urkunden von grofser Länge war weder die Rollen- 
form noch eine unübersehliche Tafel zum Gebrauch bequem. 
Deshalb kam gegen das Ende des Mittelalters die Sitte auf, 
sie einfach in Form eines Quartbandes zu schreiben, und die 
Siegelschnur durch alle Blätter zu ziehen. So ist schon das 



^) I, 268. In der Bearbeitung von L. Grote (Halle 1860) S. 143. 
2) Bethmann in Pertz' Archiv XII, 591. 



Urkunden. 157 

iginal von Kaiser Ludwigs oberbaierischem Stadtrecht be- 
ndelt, welches deshalb das versigelt Buch genannt wurde. ^) 
)ch konnte das unter Umständen Anstofs geben. Als 1474 
r ütrechter Vertrag der Hansestädte mit dem König von 
igland zu Brügge abgeschlossen werden sollte, brachten die 
Ldtischen Abgesandten zwei Exemplare mit sich. Eines be- 
md aus mehreren, mit roth und weifs seidenen Schnüren zu- 
nm engehefteten Blättern, aber der englische Abgeordnete 
zeichnete das als minus conforme usui et consuetudini. Das 
dere Exemplar bestand zwar aus einem Blatte, aber das 
5gel daran hing nicht an seidener Schnur, sondern an einem 
ppelten Pergamentstreifen. Das wurde ebenfalls beanstandet, 
»er auch die englischen Exemplare genügten nicht; das eine, 
il auch daran das Siegel an Pergamentstreifen hing, das an- 
re, weil darin mehrmals Wörter zwischen den Zeilen ge- 
irieben waren. Monate vergingen darüber, bis genügende 
:emplare beschafft waren. ^) 

Bei Privilegienbestätigungen aber, vorzüglich wenn sie die 
chtigeren Urkunden einer Corporation wörtlich in Abschrift 
thielten, wurde die Buchform immer mehr üblich. 

Man könnte solche Urkunden nach ihrer Form allenfalls 
lyptycha nennen, doch hat dieser Name schon seine eigene 
ideutung. Er bezeichnet jene Zinsregister, wie sie auf Wachs- 
fein bis ans Ende des Mittelalters vorkommen. Schon in den 
•iefen Gregor's I findet sich das Wort in dieser Bedeutung, 
id die Beziehung auf die Form verschwand, während die 
chliche Bedeutung sich fester ausbildete. Es bedeutet den 
begriff der Rechte und Einnahmen, den ganzen Besitzstand. 
3i Du Gange ist nachzulesen, wie aus polyptychum durch ver- 
hiedene Entstellungen ^) endlich pouille wird, das Verzeichnifs 
1er Beneficien eines Bisthums. 

Ich weifs nicht, ob. man damit smch pawelhar, pawiart, 



*) Rockinger, Zum baier. Schriftwesen, S. 71, wo noch mehr Bei- 
iele sind. 

2) Zeitschrift des Vereins für Ltib. Gesch. III, 372. 
^) poUticus in Pertz' Archiv XII, 221. 



158 Formen der Bücher und Urkunden. 

pauvillart zusammenbringen darf, welches in Lüttich gebräuch- 
lich war und durch codex pactorum übersetzt wird. ^) 

Ein anderes, vielleicht aus Rolle entstelltes Wort, grollmi, 
war für solche Register im Gebiet von Stavelot gebräuchlich.^) 

Allgemeine Bestätigungen des Güterbesitzes werden pan- 
Charta genannt, vorzüglich auch, wenn eine solche an die Stelle 
verlorener einzelner Schenkungen tritt. Der Ausdruck ist in 
Frankreich auch auf Chartularien ohne urkundliche Bestätigung 
übertragen; ein Beispiel ist die pancharta nigra des Martius- 
klosters zu Tours, so genannt nach der Farbe des Einbands.^) 

Ein eigenthümlicher Ausdruck ist in Siena caleffo für den 
1203 angelegten und dann fortgesetzten Über memorialis com- 
munis, cartularius, instrumentaiius. Man unterschied nach der 
Zeitfolge caleffo vecchio, delV Assunta (nach dem Titelbild), 
nero, rosso und calefetto.^) 

Dem Wortlaut nach von ganz allgemeiner Bedeutung ist 
chirographum , und es wird auch für gewöhnliche Urkunden 
gebraucht.^) In der Regel aber bezeichnet es chartae excisae 
oder indentatae, engl, indentures,^) Diese wurden nach Art 
der alten öv/ißoXa oder tesserae für Verträge doppelt geschrie- 
ben und dann von einander geschnitten, so dafs die beiden 



Henaux, histoire du pays de Liege (1857) I, 24. n. 

'^) On appelait grole ou grollum au pays de Stavelot les registres, 
dans lesquels ^taient transcrits les records et Privileges nationaux. 6a- 
chard, Notice des archives de Stavelot, M^m. de TAcad. de Belgique 21, 51. 

*) Aus pancharta ist vielleicht entstellt pertongar in Vita Gerardi 
Bron. bei Mab. Acta SS. 0. S. B. V, 274. 

*) Cesare Paoli dei cinque caleffi del R. Archivio di State di Siena, 
Arch. stör. Serie III, Tomo IV, Parte I, 45—92. 

^) cyrographiim hoc inde in testimonium conscriptum, sagt Hein- 
rich IV von seiner Verleihungsurkunde, 1103 Sept. 26. B. 1970. 

®) In England war diese Art der Urkunden besonders häufig, vor- 
züglich vor der Eroberung durch die Normannen, durch welche erst der 
häufigere Gebrauch der Siegel eingeführt wurde; s. den lehrreichen Ar- 
tikel Chirographum bei Du Gange, und den ausführlichen Abschnitt 
Chartes parties et denteUes im Nouveau Trait6 I, 358 — 385. Die in der 
Bibl. de l'ficole des Chartes XXXIII, 516 angeführte Schrift von Lepage: l 
Sur des Cyrographes conserves aux Archives de la Meurthe (20 S. | 
Nancy 1872) habe ich nicht gesehen. 



Urkunden. 159 

Elxemplare an einander pafsten. ^) Die Summa Conradi de Mure 
giebt bei der Lehre von Verträgen die Anweisung: Hoc facto 
scribatur cirographum, et scindatur per medium, et tradatur 
una pars uni et altera pars aliL Vel possunt sigilla auterdi- 
zm'um virorum appendi, vel si habeant sigilla, unus appendat 
ngillum suum in cirographo alterius. ^) Diese Verbindung von 
rheilzettel und Siegel zeigt das Beispiel bei dem Portugiesen 
Dominicus Dominici,^) welches aufserdem durch die Anferti- 
gung von drei Exemplaren compliciii ist: In cuius rei testimo- 
%iuni fecimus inde fieri tres cartas per alphabetum divisas, 
%ostris sigillis signatas, quarum una remaneat penes nos dictum 
^piscopwm, altera penes cajntulum, et tercia rm)ianeat thezau- 
"ario Ulixbonensis ecclesie perpetuo conservanda. Auch die 
?on Sickel, Mon. Graph. III, 12, mitgetheilte Urkunde des Dom- 
kapitels zu Raab über einen Vertrag zwischen dem Abt von 
Mai'tinsberg und einem Grafen von 1210 verbindet das Siegel 
oodt einem durchschnittenen Alphabet am untern Rand.'*) Mit 
königlichem Siegel versehen ist die viergetheilte indenture, 
Heinrichs VII VeHrag vom 20. Nov. 1504 mit der Abtei West- 
minster, St. Albans und der Stadt London, ein in blauen Sammt 
gebundenes Heft, vorne das ausgemalte königliche Wappen 
Blätter und Einband ausgezahnt mit durchschnittenem Alphabet 
(Harl. 28). 

Aus England hat Hickes einen Theilzettel schon von 855 
nachgewiesen.^) In einer alten Formel einer Precaria bei M. 
de Roziere, Recueil I, n. 326 steht: inter nos convenit, ut 



*) Bei der Charta paricla Marculf I, 38. Roz. n. 453 erhellt aus 
dem Texte nicht, ob sie in diese Classe gehört. 

^) Quellen zur Bayer. Gesch. IX, 508. So sagt auch ein alter 
Glossator des Juvenal: cirographa . . . creditor et dehitor per medium 
^vddehant, et unusquisque partem suam custodiehat , ne posset aliquid 
^ddi vel suhtrahi. Eccl. Colon. Codd. p. 149. 

^) Quellen z. Bayer. Gesch. IX, 575. 

*) Ein ähnliches Beispiel aus Bayern bei Rockinger, Zum bayer. 
Schriftwesen S. 67. 

^) Alfric's .Vocab. bei Wright S. 20 erklärt Cirographum, raeding- 
lewrit vel hand-gewrit. 



160 Formen der Bücher und Urkunden. 

duas epistolas de utrasque partes aptifieantes uno tenore cmi- 
scriptas adfirmare deberemus, Vennuthlich ist damit auch 
diese Form gemeint, obgleich es nicht sicher ist. Unzweifelhaft 
erscheint sie bei Richer, der IV, 29 erzählt, dafs im Jahr 990 
Arnulf vor seiner Erhebung zum Erzbischof von Reims ein 
Anathem über sich selbst, wenn er seinen Eid nicht halten 
würde, in zwei Exemplaren schrieb. Jussus itaque drographum 
bipertitum notavit. Regi alterum, alterum sibi servavit. 

In den Genueser Annalen heifst es 1168 (Mon. Germ. SS. 
XVIII, 77): etim verba videbanhir fere quasi facta et iam in 
scripta redacta et per abecedarium divisa . . . und S. 82: ä 
in scripta per abecedarium illam redigerunt. Denn gewöhuüch 
wurde über den Durchschnitt ein Alphabet geschrieben; so auf 
der bei Schoenemann Tab. VII abgebildeten Urkimde von 1375 
aus Schottland, welche deshalb auch anfängt: Presens indentura 
per modum alphabeti facta. Sonst brauchte man besonders 
häufig das Wort Cyrographum; auch ein gemaltes Crucifix 
kommt vor. ^) Eine Festsetzung von Leistungen durch den Abt 
Poppo von S. Maxirain um 1050 zeigt zwei durchschnittene 
Monogramme.^) Ein Jahrhundert später gebrauchte der Abt 
von S. Martin in Coeln capitales litter as continentes namen 
b, Martini,^) Eine pagina des Herzogs Wilhelm von Aqui- 
tanien vom 19. April 1134 enthält eine Schenkung an Fonte- 
vraud in Form eines Theilzettels rmi ^Datum Optimum et onnie 
bonum. *) Häufig ist Testimonium veritatis durchschnitteiL 
Später begnügte man sich mit dem ausgezahnten Schnitt, wel- 
cher seit 1106 nachgewiesen ist; früher durchschnitt man die 
Worte oder Zeichen einfach in gerader Linie. 

Dafs man nicht nur bei Verträgen, sondern auch bei De- 
positen dieses Mittel anwandte, sagt Boncompagnus:^) De signis 



*) Auf der franz. Ürk. v. 1177, die mit mehreren anderen auf der 
Tafel zum Kouveau Traite I, 374 abgebildet ist. Bei Mabillon p. 429 eine 
Urk. Ludwigs VII v. 1167. Andere Abbildungen im Mus^e des Archives. 

2) Zeitschrift f. Gesch d. Oberrheins XXIII, 130. 

^) Ennen u. Eckertz, Quellen zur Gesch. d. Stadt Köln I, 530. 

*) Bibl. de Tficole des Chartes, 4. särie IV, 322. 

**) Quellen z. Bayer. Gesch. IX, 174. 



Urkunden. 161 

depositorum, Iteni quidam faciunt alphdbeta qtie per medium 
dividuntur, et remanet una medietas alphdbeti apud deposita- 
rium, et dliam depositor seetim portat. Vorher S. 144 ist er- 
zählt worden, wie ein Mönch sublato alfdbeto communi ein 
bedeutendes Depositum ergaunert hatte. 

Bei der Uebergabe des neu erbauten Schlosses Friedoburg 
1419 an einen Bremer Bürger zur Verwahrung mit dem In- 
ventar heifst es: Twe tzertere sunt hir up, der de raet enen 
hefty unde Hinrik van Munster den anderen,^) 

Vorzüglich aber sind es Pachtverträge, welche vielleicht 
noch jetzt auf solche Weise geschlossen werden; so in Augs- 
burg 1468: cedule desuper ut moris est confecte seil, litere ex- 
cise,^) In Heidelberg 1558: Des in Urhund seind dieser Ker/f- 
Zettel zwei gleich lautende von einer handt geschrieben, Kerff- 
recht und weiss auss einander geschnitten.^) Bei Actien, Pässen 
u. dgl. ist dieses Verfahren noch übUch. Deutsche Benennun- 
gen sind kerbbrief, kerbzettel, zerfzettel, spalt Zettel, spanzettel, 
zerter. Im Lübecker Archiv sind unter der Bezeichnung littera 
memorialis oder denkebref aus dem 14. Jahrh. Hunderte von 
Urkunden über Privatgeschäfte, die vor zwei Rathmännem ab- 
geschlossen, zu zwei oder drei auf ein Blatt geschrieben und 
im Zahnschnitt getheilt wurden.*) 

Von zwei griechischen Zertern aus Unteritalien vom 
Jahr 1232 giebt Trinchera^) Abbildungen; die Benennung ist 
ofioXoyosyyQa^ov (sie) txov iv ry xoQvcpT] rov vq)ov(; ro Tq^iöv 
Tov OQiöd^ivTog dXq)aßi]Tov, 



1) Bremisches Jahrbuch (1868) III, 155. 

*) "W. Wittwer, Catal. abb. SS. Udalrici et Afrae, bei Steichele, 
Archiv f. d. Gesch. d. Bisth. Augsb. III, 261. 

^) Herrn. Wirth, Archiv f. d. Geschichte der Stadt Heidelberg I, 20. 

*) Zeitschrift d. Vereins f. Lüb. Gesch. III, 363. In Landrechten 
und Stadtrechten des 16. Jahrh. kommen ausgeschnittene Zettel als Be- 
weismittel häufig vor. 

^) Syllabus Graecarum membranarum quae Neapoli etc. 1865, 4. 
Tab. VII. n. 286. 287. Aus den Statuten von Neapel werden angeführt 
instrumenta quae Neapoli vocantur psalliae, was die Verfasser des Nou- 
veaü Traitä von xpaklg, Scheere, ableiten. 



Wattenbach, Schriftwesen. 2. Anfl. 11 



■\ 



162 Formen der Bücher und Urkonden. 

Unterschriften kamen natürlicher Weise im Abendland 
ausser Gebrauch, als die Kunst des Schreibens inuner seltener 
wurde. ^) Noch die merowingischen Könige scheinen selbst 
unterschrieben zu haben; dann wurden Monogramme statt 
der Unterschriften allgemein üblich, und für geringere Personen 
ein Kreuz, dessen sich jedoch auch die angelsächsischen Könige 
bedienten. In den Monogrammen pflegt ein Strich bei der 
Ausfertigung erst gezogen zu sein, den man an anderer Fär- 
bmig der Dinte und geidngerer Festigkeit der Hand erkennt, 
doch vei'schwindet das bei den späteren deutschen Königen, 
wie ja auch gar keine Sicherheit dadurch gegeben war. Auch 
die Kreuze sind, trotz der entgegenstehenden Ausdrücke, wenn 
nicht immer, so doch häufig, vom Notar gemacht, wie man an 
der ganz gleichen Form erkennt.^) In Deutschland kommen sie 
überhaupt wenig vor. 

Nur in Venedig scheinen sich autographe Unterschriften 
immer erhalten zu haben, ^) wie auch aus giiechischen Urkun- 
den Trinchera viele Beispiele giebt. Die griechischen Kaiser 
werden wir noch bei der Pui*purdinte zu erwähnen haben, und 
auf die scheinbar autographen Unterschriften der päbstlichen 
Bullen konunen wir bei den Kanzleibeamten. 

Rudolf IV von Oesterreich gehört zu den ersten Fürsten, 
welche wieder eigenhändig unterschreiben;*) nach und nach 
wird es allgemeine Sitte. 

Zur Beglaubigung diente also Jahi'hunderte hindurch nur 
die Besiegelung der Urkunden.^) Diese würde übergrofseu 



^) Schon in dem Ravennater Papyrus kommt Signum manus vor. 
Dafs schon die gleichzeitigen Regenten, Kaiser Justin und König Theo- 
derich, nicht schreiben konnten, werden wir bei dem Abschnitt von der 
Feder sehen. 

*) Cesare Paoli, La piü antica pergamena del R. Archivio di Stato 
in Firenze (1873) S. 12. 

•'') Gloria, Compendio S. 454. Ein Beispiel von 1052 im Anz. d. 
Germ. Mus. XIX, 337. 

*) S. darüber Kürschner im Archiv f. österr. Gesch. XLIX, 22—26. 

^) lieber die Substanz der Siegelmasse und gegen den Ausdruck 
Maltha s. H. Grotefend, lieber Maltha, in der Zeitschrift „Der Deutsche 
Herold" 1874 S. 114, und wiederholt in semer Schrift, lieber Sphragistik, 



Urkunden. 163 

Raum in Anspruch nehmen, wenn darauf hier überhaupt ein- 
zugehen wäre. Sie ist so mamiigfaltig, dafs sie selbst in der 
Diplomatik nur für specielle Gebiete eingehend behandelt wer- 
den kann. Ich bemerke hier nur im allgemeinen, dafs bis 
gegen das Ende des zwölften Jahrhunderts aufgedruckte Siegel 
üblich waren, dann aber die angehängten lange Zeit die Allein- 
herrschaft gewannen,^) bis im 14. Jahrhundert für Mandate 
u. a. die Oblatensiegel aufkamen. Die römischen Päbste be- 
dienten sich der Bleibullen,*) für Breven aber des Fischer- 
ringes, der vor dem 15. Jahrh. wohl kaum nachzuweisen ist.*) 
Metallbullen verschiedener Art waren vorzüglich im Süden 
üblich. Hiernach benannte man nun auch die Urkunden selbst 
sigillum, bulla, XQ^^^oßovXXov, aQyvQoßovXXov , fioXißoßovXXov, 
Tj XTjQoßovXXog,^) 

Von bulla ist diminutiv gebildet franz. bulete, buletin, 
billet, ital. bolletta, bullettino. 

Wenn zu grofsen Bundbriefen oder Verträgen noch eine 
Partei beitreten wollte oder sonst ein Zusatz zu machen war, 
so geschah das. durch ein Transfix, ein vermittelst der Be- 



Breslau 1875, worin von den Aufgaben und Gesichtspunkten dieser 
Disciplin gehandelt wird. Wachsrecepte bei Rockinger S. 54 — 50. 

*) Ueber die Zeit des üeberganges s. die Bemerkungen des Fürsten 
Hohenlohe- Waidenburg im Anzeiger d. Germ. Mus. XXI, 305. Ueber 
Siegelmodel Zahn ib. XIV, 5. Der gewesene Abt von Walkenried sie- 
gelte 1226 in Ermangelung eines eigenen Siegels mit einem Denar, und 
C. L. Grotefend bemerkt dazu, dafs das nicht selten vorkommt. Zeitschr. 
d. hisi. Vereins f. Niedersachsen 1871 S. 43. Ueber das Verfahren bei 
sehr zahlreichen Siegeln Kockinger S. 69. 

^ Die Bedeutung des Unterschiedes der Bullen an Seidenfäden 
oder an einer Hanfschnur kat L. Delisle nachgewiesen, Bibl. de Tjßcole 
des Chartes 4. S^rie IV, 19. Vgl. auch Cod. dipl. Lubec. III, 738: LH- 
teras apostolicas (von 1257) tmam graciosam cum filis sericis, et aliam 
executoriam cum cordula canapis more Romane curie hullatas. 

^) Von Innocenz VIII u. Alex. VI giebt Zinkemagel Tab. IV Ab- 
bildungen. 

*) S. den ausführlichen Artikel Bulla bei Du Gange. In der In- 
struction des Dogen H. Dandolo für seine Gesandten nach Constantinopel 
um 1196 heifst es: Si . . . . miserit nobis per eos chrisohula sua, Sickel, 

Mon. Graph. III, 10. 

11* 



164 Formen der Bücher und Urkunden. 

Siegelung unzertrennlich verbundenes Pergamentstück. Man 
nennt das häufig schedula, cedula, Zettel, span. esqtiela.^) 

üeber jtirrdxLov, pitacium, pictadum verweise ich auf 
den ausführlichen Artikel von Du Gange. Ursprünglich be- 
deutet es wohl ein Täfelchen. 

Schliefslich wäre nur etwa noch zu bemerken, dafs die 
Cassierung von Urkunden durch Abschneidung der Siegel und 
durch Einschnitte ins Pergament geschah. Otto I erklärte 968 
eine Urkunde Kaiser Berengars für ungültig fracto sigillo scis- 
saque me^nhana per manum . . . archicancellarii.^) Eine selt- 
same Sitte wird im Chron. Montis Sereni z. J. 1214 erwähnt, 
wo der Pabst befiehlt, lU litter as datas dentibus scinderd, 
quod litteris cassatis fieri solet.^) 

Ueber die litter ae elausae oder Briefe ist nur wenig zu 
sagen. JBrevis, hreve kommt schon früh vor, fast gleichbe- 
deutend mit rotulus; es ist ein kurzes Verzeichnifs, und be- 
deutet namentlich auch das einem Boten mitgegebene Verzeich- 
nifs seiner Aufträge; dann übertragen obrigkeitliche Schreiben, 
Mandate. Breves militum kommen bei Aelius I^ampridius, 
Alex. Severus c. 21 vor. Hieronymus ep. 5 bittet sich Bücher 
aus, quos nie non habere hrevis subditus edocebit. So erwähnt 
Lupus von Ferrieres in einem Brief an Einhard brevis volumi- 



^) In einem alten Wörterbuch (Serapeum XXIII, 277) heifst es: 
Cedula j zedel, est pars pergameni, de qua propter sui parvitatem non 
potest fieri liber aptus, Etiavi cedula quandoque dicitur prima signatio 
alicuius scripti, quae adhue non est in librum redacta, quae alio nomine 
dicitur protocollum. In der Heidelberger Sammlung ist mit einem Ab- 
lafsbrief die bischöfliche Approbation von 1346 als cedula verbunden. 
Zeitschr. f. Gesch. d. Oberrh XXIV, 171. Ein anderer Sprachgebrauch 
in dem franz. Glossar, Bibl. de Fficole des Chartes XXXIV, 35: ^ 
cedulus, littera qua facit suum testamentum. Bei Wright S. 46. 75. 89 
scedula ymle und ymele. Engl, hec sidula a scrowle, S. 210. 

^) Fioravanti, Dissert. sopra la basilica di S. Elpidio (Loreto 1770) 
p. 79. Aehnlich in einem Placitum von 999: Insuper tres cartulas ei 
tulit et ahhati Greyorio dedit incidendas. Stumpf 1205. In Archivea 
sind solche Urkunden aus späterer Zeit häufig. Ein Beispiel im Archiv 
f. Siebenb. Landesk. 1875. XII, 235. 

^) In der neuen Ausg. von Ehrenfeuchter MG. XXIII, 185. 



Urkunden. 165 

num vestrorum. In der Inhaltsübersicht über die Chronik des 
Orosius in einem cod. s. X steht brebis libri I etc.^) Eine 
Fülle von Beispielen für die mannigfaltige Anwendung des 
Wortes giebt Du Gange. Für Briefe in öffentlichen Angelegen- 
heiten finden wir den Ausdruck missiles z. B. in den Aachener 
Stadtrechnungen 1338 (S. 127): pro cera sigillatoria tarn ad 
cartas quam ad missiles. Wenn eine Glosse saec. XV lautet: 
protoiwtarius prief Schreiber, so ist wohl zunächst an Urkunden 
zu denken, für welche brief der gewöhnlichste Ausdruck ist. 
Doch findet es sich auch im 15. Jahrhundert schon häufig in 
der modernen Bedeutung,^) und wir finden ihn auch schon im 
neunten Jahrhundert bei Walafrid in der Visio Wettini, wenn 
er erzählt, dals dieser nach Seelmessen verlangte, Äd muUosque 
hreves cogitans direxit amicos, und gleich darauf: 

Me vocitare iubet, residensque infigere cerae 
Praecipit, atque breves bis quinos dictat. 

So schreibt auch am Ausgang des zehnton Jahrhunderts Fro- 
mund von Tegemsee: Ldbrum Boetii vestro brevi a me petivistis 
praestari. 

In Aegypten hat man noch aufgerollte und zusammen- 
gefaltete Briefe von Papyrus gefunden.^) Pergament wird in 
der Regel gefaltet sein; man druckte das Siegel aber nicht 
unmittelbar darauf, sondern zog einen ganz schmalen Streifen 
Pergament durch den Brief und das Siegel, so dafs ohne Zer- 
schneidung desselben der Brief nicht geöffnet werden konnte.*) 
Ein recht anschauliches Bild eines solchen Briefes gewährt 



^) Reifferscheid in den SB. d. Wiener Acad. LXVIII, 584. 

*) Sehr oft in den Geschichtsquellen der Hussitenkriege ed. Grun- 
dlagen, Scriptores Rerum Silesiacarum VI. 

^) Letronne, Lettre de recommendation d'un haut fonctionnaire, im 

Catälog der Sammlung Passalacqua, 1826. Egger, M^m. d'hist. anc. 

p. 149. Ein zusammengebundener, dann geöffneter Brief in den Tafeln 

zu Notices et Extraits XVIII, 2 pl. 46. Eine koptische Papyrusrolle 

mit Band umwickelt und versiegelt, bei Libri, Mon. in^dits pl. 54. 

*) S. Beschreibung und Abbildung in den SB. d. k. Sachs. G. d. W. 
Philol. bist. Gl. 1872. 



164 Formen der Bücher und Urkunden. 

Siegelung unzertrennlich verbundenes Pergamentstück. Mau 
nennt das häufig schedula, cedula, zettel, spaii. esqvsla.^) 

Ueber jitzraxiov, pitacium, pictadum verweise ich auf 
den ausführlichen Artikel von Du Gange. Ursprünglich be- 
deutet es wohl ein Täfelchen. 

Schliefslich wäre nur etwa noch zu bemerken, dafs die 
Cassierung von Urkunden durch Abschneidung der Siegel uud 
durch Einschnitte ins Pergament geschah. Otto I erklärte 968 
eine Urkunde Kaiser Berengars für ungültig fracto sigillo scis- 
saque membrana per manum . . . archicancellarii,^) Eine selt- 
same Sitte wird im Chron. Montis Sereni z. J. 1214 erwähnt, 
wo der Pabst befiehlt, ut l Uterus datas dentibus scinderä, 
quod litteris cassatis fieri seiet, ^) 

Ueber die liUerae clausae oder Briefe ist nur wenig zu 
sagen. Brevis, hreve kommt schon früh vor, fast gleichbe- 
deutend mit rotulus; es ist ein kurzes Verzeichnifs, und be- 
deutet namentlich auch das einem Boten mitgegebene Verzeich- 
nifs seiner Aufträge; dann übertragen obrigkeitliche Schreiben, 
Mandate. Breves militum kommen bei Aelius liampridius, 
Alex. Severus c. 21 vor. Hieronymus ep. 5 bittet sich Bücher 
aus, quos me non habere brevis subditus edoeebit. So erwähnt 
Lupus von Ferrieres in einem Brief an Einhard brevis volumi- 



*) In einem alten Wörterbuch (Serapeum XXIII, 277) heifst es: 
Cedula, zedel, est pars pergamenij de qua propter sui parvitatem non 
potest fieri liber aptus, Etiam cedula quandoque dicitur prima signatio 
alicuius Script i, quae adhuc non est in librum redacta, quae alio nomine 
dicitur protocoUum. In der Heidelberger Sammlung ist mit einem Ab- 
lafsbrief die bischöfliche Approbation von 1346 als cedula verbunden. 
Zeitschr. f. Gesch. d. Oberrh XXIV, 171. Ein anderer Sprachgebrauch 
in dem franz. Glossar, Bibl. de Tficole des Chartes XXXIV, 35: hie 
ceduluSy littera qua facit suum testamentum. Bei Wright S. 46. 75. 89 
scedula ytnle und ymele. Engl, hec sidula a scrowle, S. 210. 

'^) Fioravanti, Dissert. sopra la basilica di S. Elpidio (Loreto 1770) 
p. 79. Aehnlich in einem Placitum von 999: Insuper tres cartulas «' 
tulit et ahhati Gregorio dedit incidendas. Stumpf 1205. In Archiven 
sind solche Urkunden aus späterer Zeit häufig. Ein Beispiel im Archiv 
f. Siebenb. Landesk. 1875. XII, 235. 

^) In der neuen Ausg. von Ehrenfeuchter MG. XXIII, 185. 



Urkunden. 165 

num vestrorum. In der Inhaltsübersiclit über die Chronik des 
Orosius in einem cod. s. X steht brebis libri I etc.^) Eine 
Fülle von Beispielen für die mannigfaltige Anwendung des 
Wortes giebt Du Gange. Für Briefe in öffentlichen Angelegen- 
heiten finden wir den Ausdruck missiles z. B. in den Aachener 
Stadtrechnungen 1338 (S. 127): pro cera sigillatoria tarn ad 
Carlas quam ad missiles. Wenn eine Glosse saec. XV lautet: 
protonotarius prief sehr eiber, so ist wohl zunächst an Urkunden 
zu denken, für welche brief der gewöhnlichste Ausdruck ist. 
Doch findet es sich auch im 15. Jahrhundert schon häufig in 
der modernen Bedeutung,^) und wir finden ihn auch schon im 
neunten Jahrhundert bei Walafrid in der Visio Wettini, wenn 
er erzählt, dals dieser nach Seclmessen verlangte, Äd muUosque 
breves cogitans direxit amicos, und gleich darauf: 

Me vocitare iubet, residensque infigere cerae 
Praecipit, atque breves bis quinos dictat. 

So schreibt auch am Ausgang des zehnton Jahrhunderts Fro- 
mund von Tegemsee: Librum Boetii vestro brevi a me petimstis 
praestari. 

In Aegypten hat man noch aufgerollte und zusammen- 
gefaltete Briefe von Papyrus gefmiden.^) Pergament wird in 
der Regel gefaltet sein; man druckte das Siegel aber nicht 
unmittelbar darauf, sondern zog einen ganz schmalen Streifen 
Pergament durch den Brief und das Siegel, so dafs ohne Zer- 
schneidung desselben der Brief nicht geöffnet werden konnte.*) 
Ein recht anschauliches Bild eines solchen Briefes gewährt 



*) Reifferscheid in den SB. d. Wiener Acad. LXVIII, 584. 

^) Sehr oft in den Geschichtsquellen der Hussitenkriege ed. Grün- 
liagen, Scriptores Herum Silesiacarum VI. 

^) Letronne, Lettre de recommendation d'un haut fonctionnaire, im 
Catälog der Sammlung Passalacqua, 1826. Egger, Mem. d'hist. anc. 
p. 149. Ein zusammengebundener, dann geöffneter Brief in den Tafeln 
zu Notices et Extraits XVIII, 2 pl. 46. Eine koptische Papyrusrolle 
mit Band umwickelt und versiegelt, bei Libri, Mon. in^dits pl. 54. 

*) S. Beschreibung und Abbildung in den SB. d. k. Sachs. G. d. W. 
Philol. bist. Cl. 1872. 



168 I^iß Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

VI, 64. nAYAOY 2IAENTIAPI0Y. 

ib. p. 206. 

FvQOV xvaverjq (loXcßoi^ orjfidvTOQa ygafifi^gy 

Kai öxXriQcov dxovTjv TQrjxctXt7]V xaXdfiov, 
Kai jtXarvv 6§vi^T^Qa (isöoöxtöiop öovaxi^cjv, 

Kai xavova ygafififjg Id-vütoQov Tafiii]v, 
Kai XQOPtop yXvjtxolOL fiiXav jteq)vkaY(itvov dvTQocg, 

Kai yXvq^ldag xaXd(ia)V dxga fieXaivofiivcov, 
^EQfitl^] ^tXoörjfiog, ejcel XßOJ'o? axxQSfieg tJötj 

'HXd-t xar 6q)d^aX^wv qvöov Ijccöxvpiop, 

VI, 65. nAYAOY UIAENTIAPIOY, 

Top TQoxospza fioXißöop, og dvQajtop olöe xc^QdoöeiP, 

X)Q^d jcaQa§va}p iB-vrePfj xapopa, 
Kai xdXvßa öxXtjqop xaXafitjipdyop, dXXd xal avxop 

^Hytfiopa yQaftfif^g djtXapaog xaPOPa, 
Kai Xld^op oxQLOBPxa, dopac, oO^l öioöop oöopxa 

OrjytxaL df/ßXvpß-alg ex 6oXixoyQaq)l/ig, 
Kai ßvd^iTiP TQLxcopog aXtjtXdyxxoLO j^a^t/evr?/^, 

2jt6yyop^ dxeöxoQlrjp JtXa^OfitPrjg yQaq)löog, 
Kai xioxt^p jcoXvcDJta iitXapöoxop, dp avl Jtdpxa 

EuYQag)iog xsxPfjg ogyapa QvofAeprjp, 
"^Equxi KaXXifjiip?]g, xQ0fieQ7]P vjto ytJQaog 6xp(p 

Xtlga xad^aQf/OLfOP ix öoXixcöp xafidxmp, 

M, 66. nAYAOY 2IAENTIAPI0Y, 

ib. p. 207. 

üißgoxop d:jtXapiog fioXißop yQccjtx^ga xeXsvd-ov, 

Hc sjcc QiCovxai yQdfifiaxog aQfiOPli], 
Kai xavopa xQOxaXoto xvßaQPfjxfjQa fioXißöov, 

Kai Xid^axa XQtjx^v öxoyyfo eeiöo/ispijp, 
Kai fieXapog öxaß-eQolo öoxtfiop, dXXd xal avxc5p 

EvyQaq>eo}P xaXdfiwp dxQoßa(pelg dxldag, 
2!:x6yyov, aXog ßXdoxfiua, x^^^^? Xsificova d-aXdöörjg, 

Kai xdXxop 6opdxa}p xexxopa XsjttaXetDV, 
^Erd^dda KaXXifiaPfjg q^iXofiaidaCiP dvd-sxo Movöaig, 

r/jQai xaxfdfj(og o/ifiaxa xal JcaXd(ifjP. 



Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 169 

VI, 67. lOYAIANOY AHO YnAPXHN AirFUTOY. 

}ixXiV8ag yQafpldfööiv ajtid^vpovta JtoQslag 

Tovös fioXißöov ayrov, xal fioklßov xavova 
JJvi^dQOfiov i/vioxfjci, JtoXvrQrjTOv x ano JterQrig 

AäaVj og dfißXe.lav ß'fjys ytvvr xakafiov, 
2vv 6^ amolg xaXdfioiOi fiiXav, fivori]Qia qxni^fjg 

XvÖQOfitrjg, OfäXrjg r^ o^vrofiov xajtlöa, 
Eq^ibI^i ^cXoöfjfiog, ijtsl XQ^'^^^ ofifiarog avy^v 
jif/ßXvpag jcaXdfiii dcoxtv iXevd^SQlrjV. 

VI, 68. TOY AYTOY. 

ib. p. 208. 

AvXaxag WvjtOQcov yQaq)l6(DV xvxXoiöi ;fa()aöö€or 

'Ävd-eiia öol TQOXoeig ovrog Ifiog (lohßog, 
Kai (loXißq? xQ^^^VQ^ xavcov rvjtov ogß'ov dxd^cop, 

Kai kld^og svCxt^Bcov ß'ijyaXsi] xaXdficov, 
2hv xaXdfioig dyyog rs (leXavöoxop, oioc <pvXdoO£i 

Alcov iööofjiepoig yrJQvv djtoixofitvov ' 
Atxvvöo xal ykvjtrfjQa öiöfJQtov, cp d-Qaöv^ '^^Q^g 

2Jvv Movöaig lölrjv dmxe diaxTOQirjv, 
Egfitifj, öd yaQ ojtXa' öi) 6^ dÖQaveog ^iXodruiov 

^'Id-vve C^cof/v Xeijcofitvoio ßlov. 

In allen diesen Epigrammen widmen altgewordene Schrei- 
er, welche sich zur Ruhe setzen wollen, ihr Handwerkszeug 
m Musen, häufiger dem Hermes. Die beiden ältesten mögen 
ch einem wirklich noch bestehenden Gebrauche anschliefsen; 
ie jüngeren sind eine gelehrte Spielerei, aber auch sie be- 
jhreiben uns die Geräthschaften der Schreiber. Diese be- 
gehen in Blei, Lineal, Dinte, Rohr, Bimstein, Messer und 
Ireimal) dem Schwamm.^) Das Material, worauf geschrieben 



*) Auf alten Abbildungen findet sich häufig noch die Scheere, viel- 
icht zum Beschneiden des Papyrus, Pergaments oder Papiers. Zweifel- 
et ist die von Phanias genannte nXivS-ig, gewöhnlich als Schleifstein 
klärt, doch nur nach Vermuthung. Ich dachte an Rothstift, da nur 
^r kein Blei erwähnt wird. 



170 I^ic Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

wurde, lag offenbar vollständig bereitet vor, in der vorzüglichen 
Beschaffenheit, welche die noch erhaltenen griechischen Hand- 
schriften zeigen. Man kaufte es, und brauchte nur darauf zu 
schreiben. Nicht so gut wurde es dem abendländischen Mönch; 
er hatte sein Pergament erst zuzubereiten, vorzüglich diesseits 
der Alpen. Deshalb bedurfte er auch einer viel gröfseren Aus- 
wahl von Geräthschaften. Eingehend beschreibt dieselben und 
die Aufgabe des Schi'eibers im zwölften Jahrhundert Alexan- 
der Neckam in seiner Schrift de utensilibus.^) 

Die 1259 gesammelten Statuta antiqua Cartusiensium nen- 
nen II, 16 die iitensüia cellc, welche jeder Kai-thäuser erhalten 
soll. Darunter § 7: ad! scrihendum vero scriptorium, pennas, 
crefam, pumices duos, comua duo, scalpelliim unum; ad ra- 
denda perganieiia novaculas sive rasoria duo, punctarium unum, 
subulam unam et plumhum et regulam, postem ad reguiandum, 
tabulas, graphiuni. Die ganze Thätigkeit des Schreibers ist 
kurz zusammengefa&t in einer Stelle der Klostergeschichte von 
St. Trond^), aus dem Anfang des zwölften Jahrhunderts. Da 
heifst es von dem Abt Rudolf, dafs er als Decan binnen 
Jahresfrist ein Graduale geschrieben habe: graduale unum pro- 
pria manu formavit, purgavit, punxit, sulcavit, scripsit, illumi' 
navit, musiceque notavit sylldbatim. 

Wir wollen diese Thätigkeiten einzeln betrachten. 

1. Die Zubereitung des Stoffes. 

Von Godehard, der 1022 Bischof von Hildesheim wurde 
erzählt sein Biograph Wolfher, ^) dafs er als Knabe schon im 
Kloster Nieder-Altaich eine grofse bibliotJieca, d. i. wie wir 
oben S. 125 gesehen haben, eine Bibel, nicht nur geschrieben, 
sondern aus Demuth auch das Pergament dazu mit eigenen 
Händen bereitet habe: propriis manibus pergamenum ac cetera 
necessaria elaborando ordinavit. 



') Bei Tb. Wright A volume of vocabularies (1857) S. 116. 

'^) Contin. Gestorum Abbatum S. Trudonis VIII, 5. Mon. Germ. 
SS. X, 274. Die Stelle ist erläutert von G^raud, Essai sur les livres 
p. 135. 

3) Mon Germ. SS. XI, 172. 



Die Zubereitung des Stoflfes. 171 

Für den fleifsigen Kalligraphen Marian, den Regensburger 
Schottenmönch, bereiteten, während er schrieb, seine Kloster- 
brüder das Pergament. 

Ein Mönch von St. Gallen schrieb um 900, vielleicht an 
den Bischof Salomon: 

Cultro membranas ad libros presulis aptans, 

Pumice corrodo pellique superflua toUo, 

Et pressando premens ferrumquo per aequora ducens, 

Linea Signatur cum regula recta tenetur. 

Tunc quoque litterulis operam dans saepe legendis, 

Quod minus aut maius scriptor depinxit anhelus, 

Rado vel adiungo, placeant ut grammata domno.*) 

Eine hübsche Stelle fuhrt Schoettgen de librariis an aus 
Petrus Bles. ed. Daum p. 248, wo es in einem Sermo de nativi- 
tate heifsen soll: Audi lihrorum conipositionmn, ut et omnia in 
corde tuo comparare studeas. Prius traditur rasori, ut cum 
rasorio super fluitatem, pinguedinem, scrupulos et maculas toi- 
lat; deinde super venit pumex, ut quod rasio auferre non potuit, 
pumice deleatur, scilicet pili et talia minuta. Ad haec ante- 
quam scribatur opus est regula, ne tortuose ducatur linea. 

Diese Stelle habe ich vergeblich gesucht. In ganz ähn- 
licher Weise aber ist dasselbe Bild, ebenfalls in einer Predigt, 
angewandt worden von Hildebert aus dem Kloster Cluny, der 
von 1097 bis 1125 Bischof von Le Maus gewesen und 1139 
als Erzbischof von Tours gestorben ist.^) Er sagt: Scitis quid 
scriptor solet facere. Primo cum rasorio pergamenum purgare 
de pinguedine, et sordes magnas auferre; deinde cum pumice 
pilos et nervös omnino abstergere, Quod si non faceret, littera 
inposita nee valeret nee diu durare posset, Postea regulam 
apponit, ut ordinem in scribendo servare possit. 



*) E. Dümmler, St. Gall. Deukm. in den Mittheilungen d. Züricher 
Antiq. Ges. XII. 247. 

«) Opera Hildeberti (Paris 1708 f.) p. 733. Sermo XV. de libro 
vitae. In Seligenstadt hiefs liber vitae das Buch, in welches die Namen 
der Verstorbenen aus verbrüderten Klöstern eingetragen wurden. For- 
schungen z. deutschen Gesch. XIV, 614. 



172 I^ie Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Anders augewandt finden wir das Bild bei Caesarius von 
Heisterbach ^): Liber vitae Christus est ... . In pelle siquideni 
corporis eins scriptae erant litterae minores et nigrae per livi- 
das piagas flagellorum, litterae rubeae et capitales per infixio- 
nes clavorum, pimcta etiam et virgulae per punctiones spinarum. 
Bene pellis eadem prius fuerat multiplid percussione pumicata, 
colaphis et sputis cretata, arundine liniata. 

Noch weit ausführlicher verwendet der Erzbischof Ernst 
von Prag, Karls IV Zeitgenosse, das Bild zum Vergleich mit 
der Mutter Gottes^) in folgender Stelle: Hoc modo dicitur 
beata Virgo Liber Vitae: ipsa enim est Liber generationis Jesu 
Christi, id est forma vitae omnibus, quos Christus spiriturüliter 
genuit Verbo Vefitatis. Jacob. 1. Iste liber fuit potius pellis 
separata a bove in sua conceptione, mundata Sita sanctificatione, 
extenta per disciplinam, desiccata per abstinentiam, dealbata 'per 
continentiam, rasa per paupertatem, lenis per mansuetudineni, 
tenuis per humilitatem. In Salutatione Ängelica pumicata, et 
in instructione eiusdem regulata, et sie scriptum est in ea di- 
gito Bei Verbum illud abbreviatum, quod fecit Dominus super 
terram. Isai. 9. Liber iste miro modo fuit illuminatus minio 
sanguinis Christi in passione, et diversis coloribus, id est di- 
versis doloribus consummatus. 

Hier ist also die ganze Bereitung des Pergaments in kur- 
zem Umrifs dargestellt. Wie Conradus de Mure in einfacher 
Prosa dem Schreiber die Auswahl und Glättung des Perga- 
ments zur Pflicht macht, ist oben S. 155 angeführt, aber in 
seinem Gedicht de natura animalium hat er sich mit morali- 
scher Nutzanwendimg ausführlicher über jenen beliebten Gegen- 
stand vernehmen lassen.^) 

Item de pelle, qualiter de ea fiat carta. 

Pellis aquis vituli decoriata datur. 
Calx admiscetur, quae crudum mordicet omne, 
Mundificet pleno, decorietque pilos. 

*) Dial. Miraculorum VIII, 35. 

2) Arnesti archiepiscopi Prag. Mariale c. 85. 

^) Mitgetheilt von Gale Morel im Anz. d. Germ. Mus. XIX, 3U. 



Die Zubereitung des Stoffes. 173 

Circulus aptatur, in quo distenditur illa; 

Ponitur ad solem, humor ut exul eat. 
Accedit culter, carnesque pilosque revellit, 

Subtilem reddit gratuitatque cutem. 
Libris aptatur: primo quadratur in arcus, 

Arcus -iunguntur in statione pari. 
Deinde venit pumex, qui quaeque superflua toUit; 

Greta superseritur, ne liquefiat opus. 
Puncti punctantur, sequitur quos linea plumbi, 

Consilio quorum linea tendit iter. 
Pellis de carne, de pelle caro removetur: 

Tu de carne tua camea vota trahe. 

Diese Arbeit übernahm Florentius (t 1400), der Stifter 
r Brüder vom gemeinen Leben, für sich, weil er selbst nicht 
t schreiben konnte, die Brüder aber doch dazu anhielt:^) 
sc vero venerandus pater Florentius ne vacuum nomen gereret 
'toris, sed in exhibitione operis officium sacerdotale commen- 
ret, dedit seriptorihus exe^nplum darum, membranas pumi- 
ndOy quaterniones lineando et componendo. 

Später fiel sie theilweise dem librarius zu, in dessen In- 
iiction es in dem Reformatorium von 1494 heifst:^) Circa 
stodiam pirgameni providere debet sibi, ut tempestive procuret 
rgamemim furcenum^) et papirum, ut habeat in bona copia, 
possit singulis amministrare secundum exigenciam librorum, 
jm conveniens videtur quod cum deputato sibi coaditdore for- 
t sibi ynagnam partem pirgameni, ne quotidie oporteat circa 
^mationem occupari. Et in form^ando caveat maculas, angu- 
', rupturas et suturas, quantum potest. 

Das Pergament hatte natürlich nicht die Regelmäfsigkeit 
s Papiers; es war eine eigene Kunst, die passenden For- 
ite zu bestimmen und aus den geeigneten Häuten zusammen 



*) Thomas a Campis, V. Flor. c. 14. 
2) Serapeum XXI, 189. 

°) Dieses sonst nicht vorkommende Wort ist wohl identisch mit dem 
jn S. 97 erwähnten francenum. 



174 I^ie Schreibgeräthc und ihre Anwendung, 

zu setzen; man nannte es fonnare, tailler. Immer gab es da- 
bei auch frusta pirgameni non deservientia ad aliquam formam. 

Die letzte Vorbereitung zum Schreiben blieb doch noch 
dem Schreiber vorbehalten; es war eine Beschäftigung für den 
Abend. Nach dem Completorium dui-fte jeder sich in seiner 
Kammer beschäftigen: vel pumicat vel lineat 'oel studet,^) 

Auch Trithemius sagt in seiner Schrift de laude scriptorun) 
vom Jahre 1492, c. 9: Scindat timis pergatnenum, alius purget: 
tercius lineando scriptoribus aptet. alius encaustum, pennas 
alius ministret. 

Die erste Thätigkeit des abendländischen Schreibers be- 
stand also in der Reinigung des nur sehr roh bereiteten Per- 
gamentes, damit es überall die Dinte annehmen konnte. 
Stellen, wo es nicht ganz gelungen ist, sind in Handschriften 
nicht selten. Alexander Neckam sagt; Scriptor (escrivur) Iwr 
beat rasorium (rasur) sive novaculam ad abradendum sordes 
pergameni sive menibrane.^) Der Karthäuser erhielt dazu zwei 
novaculas sive rasoria, lieber dieses Instrument und seine 
Form handelt U. F. Kopp, Bilder und Schriften I, 188. Unter 
den vielen Instrumenten, welche der bei Pasini I, 92 abgebil- 
dete schreibende Evangelist aus einer griechischen Handschrift 
saec. XL um sich hat, hält er für die novacula ein halbmond- 
förmiges Eisen mit hölzernem, in der Mitte der concaven Seite 
befestigtem Griff. ^) Er führt auch die Erklärungen der Glosso- 
graphen an, Papias: ferrum subtile quo ehartae innovantur; 
Jo. de Janua: ferreum instrumentum quo solet radi et parari 
pergamenum, ab innovando dictum. Auf die Etymologie ist 
natürlich kein Gewicht zu legen, da der Name ja viel älter ist 
als die Anwendung zu diesem Zweck. Dafs es, wie Kopp 



*) Serapeum XXI, 187. 

^) Wright, Vocabularies p. 116; Englisch heifsen beide S. 211 
a rasure, 

^) Ich habe einige Zweifel, ob die Abbildung genau ist, und nicht 
vielmehr ein gebogenes, an der Schneide gerades Schabeisen anzuneh- 
men, wie das fer de parcheminier in den Zunftwappen im Livre d'or des 
Metiers, Imprlmerie p. 33 und 36. Im Wappen der Pariser Pergamenter 
ist es anders geformt. 



Die Zubereitung des Stoffes. 175 

meint, auch zur Bereitung von Palimpsesten diente, und die 
Urheber der Glossen das im Sinne hatten, ist mögUch. 

Ein ähnliches Werkzeug ist die plana, welche aber bei 
Alexander Neckam erst nach dem rasorium und dem Bimstein 
kommt: et pumicem (pumice) habeat mordacem, et planulam 
(plane) ad purgandum et equandnm superfici^n perganieni. 
Auch Joh. de Garlandia nennt sie unter den instrumenta eleri- 
eis necessaria:^) puniex cum plana et creta, Commentar dazu: 
plana proprie dicitur instrumentum ferreum, cum quo perga- 
nieniste preparani pergamenum. 

Das ist also das planare, planieren. 

Auf das Abschaben folgte die Glättung mit Bimstein 
(pumicare, poncer), welche in den angeführten Stellen oft genug 
erwähnt ist. Auch bei den Alten kommt der pumex vor, und 
Ovid z. B. sagt Trist. I, 1, 11: Nee fragili geminae poliantur 
pumice frontes. Aber eben aus dieser Stelle sieht man auch, 
dafs er nur zur äufserlichen Glättung des Schnittes, wenn wir 
diesen Ausdruck auf die Endflächen der Rollen übertragen 
dürfen, verwandt wurde. Der byzantinische Schreiber dagegen 
bedurfte der xlöriQcg zum Schärfen des Schreibrohrs. Im Abend- 
lande aber wurde das Pergament damit abgerieben, und auf 
vielen Handschriften sieht man die feinen parallelen Striche 
sehr deutlich. Ob es in Italien vorkommt, wo das Pergament 
gleich dui'ch die erste Fabrication eine glattere Oberfläche er- 
halten zu haben scheint, ist mir zweifelhaft. In dem alten 
Wörterbuch im Serapeum XXIII, 277 heifst es: Pumsx, bimss, 
est lapis levis et porosus, quasi sit ex spuma maris coagula- 
tus, quo utuntur scriptores ad asperitates pergameni tollendas. 
Andere Glossen haben die Ausdrücke: pimße, pambst, bymß,^) 
vom ahd. pumi0. 



*) G^raud, Paris sous Philippe-le-Bel p. 602: Wright, Vocabula- 
ries p. 132. 

^) Mone's Anz. VIII, 251. 253. Diefenbach 228. Änglice pomege, 
Wright p. 210. Ein künstlich zusammengesetztes pumiceum ohne Bim- 
stein bei Bockinger S. 39. In Tegernsee zahlte man 1497 24 den. vmb 
pymsen, ib. S. 50. 



176 I^ie Schreibgeräthe und ihre Anwendang. 

Nach den Statutis Cartusiensium gehört auch Kreide zu 
den nothwendigen Geräthen, und Caesarius von Heisterbach 
setzt cretata zwischen pumicata und linicUa. In. dem schon 
öfter angeführten alten Wörterbuch heifst es: creta, kreid, est 
lapis albus, vel naturalis vel artificiose confectus, qui per cor-, 
rosionem pulverisatur super perganienum, ne defluat sive dif- 
fundatur incaustum. Und gleich darauf: Corrosorium, schab 
eyssen, ponitur pro instruniento scriptoris, per quod creta dimi- 
nuitur in pulverem spargendum in pergameno. 

In einem Münchener cod. saec. XII steht: Purga perga- 
menum cum pumice, et postea inmitte tritum calicem, wofür 
wohl zu verbessern ist tritam calcem.^) Rockinger*) theilt 
verschiedene andere Anweisungen für das crediren mit, die An- 
fertigung eines eigenen credir stains. Die Kreide hatte auch 
üble Wirkungen, besonders wenn man zu viel nahm, und der 
Anonymus Bernensis^) räth deshalb dem Maler: Si hoc est, quod 
scriptura quam coloraturus es, sit nimis confecta de illa petra, 
qua? creta dicitur, siciit a nonnullis scriptorihus sölet fieri, ex- 
pelle eam foras de scriptura, feriendo duriter in pergameno; 
exinde namque albescit onmis color, quin etiam impedimentuni 
maximum pennae facit scribae, ita ut ipsa non possit ire in 
pergamenum. Sed tu parum frica digito locum ipsum, ubi 
fabricaturus es litteram. 

Auch bei Correcturen konunen dieselben Werkzeuge und 
Ausdrücke vor (s. unten), aber Alexander Neckam empfiehlt 
dazu den Eberzahn: Habeat et dentem verris (mutun) sin 
apri (sengler) sive leofe (illius alitis)^) ad poliendum perga- 
menum, ut non liquescat litter a, non dico elementum, sive 
litura facta sit, sive litteras a scriptis cancelaverit 

Ganz vermeiden liefsen sich fehlerhafte Stellen nicht, die 



1) SB. der Münch.Acad. 1873 8.713. Creta, anglcalke, Wrighi,v.ni 

^) Zum baier. Schriftwesen S. 26, 

«) Nach dem Theophilus ed. Ilg I, 391. 

*) Hec leoffa, fe, est ales hahens longos dentes, et est nomen grecuf^ 
Commentar, den Wright, Vocabularies p. 116 anführt. Zähne von Wolf, 
Bär, Rofs werden zum planieren^ praniren, poUieren der goldenen und 
silbernen Schrift empfohlen, bei Rockinger S. 48. 



Die Zubereitung des Stoffes. 177 

vom Schreiber umgangen werden mufsten, mid oft mit Linien 
umzogen sind. Namentlich waren häufig Risse und Löcher 
im Pergament, welche verklebt oder zusammengenäht wurden. 
Rockinger S. 27 theilt Recepte zur Bereitung des Leims für 
diesen Zweck mit. Im Cod. Sinaiticus sind die Löcher mit 
solcher Geschicklichkeit durch feine Porgamentstücke ausgefüllt, 
dafs sie noch jetzt kaum zu bemerken sind. Dasselbe Ver- 
fahren ist im Cod. Colon. 212 saec. VII wahrzunehmen, während 
im Ambros. Plautus Löcher vorkommen, die schon vom ersten 
Schreiber übersprungen sind. ^) Auch im Sanctgaller Priscian, 
der im neunten Jahrb. von irischer Hand geschrieben ist, sind 
die Löcher durch Pergamentstücke ausgefüllt, diese aber mit 
Pferdehaar eingenäht.*) Gewöhnlich sind Risse zusammen ge- 
näht, während das Pergament nafs war; später konnte man 
die Fäden ausziehen. Es kommt aber auch vor, dafs Risse 
und Löcher mit bunten Seidenfäden eingefafst wurden. Nament- 
lich erinnere ich mich sehr zierlicher Arbeiten der Art aus 
den Handschriften des Klosters Admunt, welche von den früher 
dort befindlichen Nonnen geschrieben sind. Ein anderes Bei- 
spiel der Art aus einem Missale des 13. Jahrhunderts wird im 
Anzeiger des Germanischen Museums 1867 Sp. 104 angeführt. 

In der oben S. 106 angeführten Rechnung über den Preis 
einer Handschrift vom Jahre 1374 in Corbie fanden wir das 
Pergament gleich cum rasura et reparatione foraminum be- 
rechnet. Weiterhin kommt aber noch der Posten: Item pro 
foraminihus reparatis in marginibus cum tentione libri XL 
solidos. Das scheint eine Operation zu sein, welche dem Ein- 
band, der noch abgesondert vorkommt, vorausging. 

In Urkunden vermied man solche Fehler, wenn es irgend 
möglich war, und für päbstliche Bullen bestand die ausdrück- 
liche Vorschrift: quod in nulla parte sui dehent continere fo- 
ramen vel suturam apparentem.^) 



^) Studemund de Vidularia Plautina (Ind. scholarum Gryphisw. 
1870) p. 6. 

2) F. Keller in d. Mitth. der Züricher Ant. Ges. VII, 82. 

*) Regeln vom Ende des 13. Jahrh. bei L. Delisle, Bibl. de Tficole 
des Chartes 4. S^rie, IV, 23. 

Wattenbach, Schriftwesen. 2. Anfl. 12 



178 ^^^ Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

2. Liniierung. 

Alle sorgfältig geschriebene Manuscripte aus ältester Zeit 
zeigen schon durch die grofse Regelmälsigkeit der Zeilen, dafs 
sie liniiert gewesen sind, auch wo die Spuren nicht mehr er- 
kannt werden können; in den herculanensischen Rollen aber 
sind sie kenntlich. *) 

In den mitgetheilten Epigrammen finden wir das Blei in 
runder, wohl radförmiger Gestalt angeführt, xvxXorsQ/jg, rgoxoeiq 
ftohßdog. Epigr. G2, 1 bezeichnet es als oeXl6(DV Of^fidvToga 
jiXevQfjg, was auf die Umgrenzung der Seite zu gehen scheint,^) 
aber nach 66, 1 zieht es die Strafse, ijg sjti Qt^ovrai -/Qocfifia- 
rog aQfi07U7]. Die ygccf/fi?] wird als xvat^ttj bezeichnet 64, 1. 

Wie aber diese Epigramme überhaupt mehr Nachklänge 
einer früheren Zeit sind, so bezieht sich auch diese Uebung 
wohl nur auf Papyrus. Auf dem festen und glatten Pergament 
haftete ein solcher Bleistrich nicht gut, und der Stoff vertrug 
auch eine andere Behandlung. Mit dem Baumwollenpapier 
verhielt es sich nicht anders. Man ist daher hier, wenn nicht 
gleich und überall, so doch nach und nach zu einem anderen 
Verfahren übergegangen, indem man fest eingedrückte Linien 
mit dem Griffel zog. Dergleichen sind z. B. in dem Cod. 
Alexandrinus der Bibel saec. V, welcher in zwei Columnen ge- 
scrhrieben ist, über die ganze Breite der Seite. 

Diese eingedrückten Linien, wie sie noch jetzt im Orient 
üblich sind, bilden für ältere Handschriften durchaus die Regel; 
zuweilen sind sie auf dem vielleicht feuchten Pergament so 
scharf gezogen, dafs sie stellenweise durchgeschnitten haben. 
Merkwürdig ist, dafs in griechischen Handschriften die Buch- 
staben nicht auf, sondern unter den Linien stehen, was an 
Hebräisch und Sanskrit erinnert. 

In Urkimden sieht man oft leicht eingeritzte Linien, deren 
schwärzliche Färbung es zweifelhaft läfst, ob sich Staub hin- 



^) Si riconoscono 'ancora le linee parallele segnate sul papiro per 
servire di guida al copista. Jorio p. 38 n. 6. 

^) Damit mag man sich manchmal begnügt haben. Ob das die 
7taQayQU(pal oben S. 132 sein können? 



Liniierung. 179 

eingesetzt hat, oder ob Blei oder Braunstift angewandt ist;^) 
vom elften Jahrhundert an zeigen sich deutlich Bleistiftlinien, 
die im zwölften häufig werden.^) Johann von Tilbury um 1174 
sagt: regulam voco lineam illam, quae plumbo facta manum 
Script oris rectam ducit, *) und Alexander Neckam*) sagt: plum- 
bum (plum) habcat et linulam (reulur) sive regulam, quibus 
linietur pagina; Joh. de Garlandia im 13. Jahrh. nennt unter 
den Werkzeugen des Schreibers pluwbum et regula. Im 13. 
kommen Dintelinien auf, so Mon. Germ. SS. IV. Tab. 3, und 
in einer Urkmide von 1245 bei Kopp, Bilder und Schriften I, 
156.^) Bei Sickel, Mon. Graph. II, 12 (saec. XIV. ex.) und 
im Berliner Cod. germ. qu. 84 (Schwedische Gesetze saec. XV.) 
sind nur die Ränder durch Dintelinien abgegrenzt, im innem 
Raum keine Linien, wie man denn bei zunehmender Viel- 
schreiberei häufig ganz ohne Linien schrieb. Doch giebt Con- 
rad us de Mure 1275 ausdrücklich die Anweisung, dafs' die 
Linien nicht sichtbar sein sollen:^) Item in quaternis scriben- 
dis, etiam si linee cum ligniculo vel alias fiunt pro ipsius 
scribentis ductu, non debent apparere, set ipse linee intellectua- 
les equaliter decenter distantes in utroque latere, scilicet prin- 
cipii et ßnis, ductum observent linealem, ne litter a magis in 
una parte quam in altera elevatior seu depressior videatur. 
Auf Purpurpergament, und auch sonst bei Uncialschrift, 



^) Ueber die unvollkommene Liniierung Karolingischer Diplome s. 
Sickel I, 289. 

*) GrifFellinien aber hören nicht, wie Mannert behauptet, im 13. Jahrh. 
auf. Sie finden sich z. ß. in den Berliner Codd. Latt. f. 264 und 372, 
welche beide saec. XV. in Italien geschrieben sind. 

3) Val. Rose im Hermes VIII, 319. 

*) Wright, Vocabularies p. 116. anglice lede ib. p. 211. 

*) Auch die ürk. Leub. 36 von 1224 im Schles. Prov. Archiv hat 
Dintelinien, ist aber nicht gleichzeitig abgefafst, s. Grünhagen, Regesten 
zur Schles. Gesch. I, 128. 

®) Quellen zur Bayer. Gesch. IX, 439. Dieser Regel entspricht 
genau der sehr alte Uncialcodex der Itala, nach E. Ranke, Progr« 
Natal. Marb. 1856 S. 16. 

12* 



1^0 ^^ Scbreibgerithe und ihre Amrendmig. 

bemerkt man ParallellinieiL um zwischen ihnen die Buchstaben 
ganz gleichmälsig zn machen.') 

In den zierUchen Handschriften des 15. Jahrh. kommen 
oft rothe nnd violette Linien Tor. so im Breslauer Froi^sard. 
Jehan Fouquere erhielt 1456 j/oar aroir failU^ pointe, pmice 
et regle de rose six äouzaines de parchemin en 36 caiers, 
20 deniers für jedes cater.*) 

Um das Pergament zn linüeren, erhielt es eine Anzahl 
genau abgemessener Stiche, um danach die Abschnittliiiien und 
die Zeilen zu ziehen. 

Dazu brauchte man den Zirkel, Siczßart]^, circinuSy^) bei 
Phanias xdgxira; die Karthäuserregel nennt das pundorium, 
welches nach dem schon erwähnten Wörterbuch wohl auch ein 
Zirkel war, da es so erklärt wird: punct eysen, est instrumerh 
tum actäi anguli ad perforandwn suhtiliter pergamenum; 
aufserdem plumhum und snbula. Im Vocab. Duac. wird pun- 
ctorium übersetzt pon^ofis; bei Alexander Neckam poytUur, in 
einem englischen Glossar a prykker.^) In der oben S. 170 
angefiihrten Stelle der Gesta S. Trudonis wird diese Thätigkeit 
bezeichnet durch punxit, sulcavit. Schlimm erging es einer 
Nonne, welche unvorsichtig die subula zum Punctiren gebrauchte: 
soror una, cui tistis erat scriheyidi, memhranam dum cid lineas 
punctaret, subulam incaute trahens, oculum transfigit. ^) Glück- 
licher Weise wurde sie durch ein Wunder geheilt. Als Werk- 
zeug zum Eindrücken der Linien nennt Conradus de Mure ein 
Hölzchen, lignictdum, die Karthäuserregel, wie es scheint, postis 
ad regulandum. Emprintoir wird es genannt in dem altfranz. 
Gedicht De la maaille aus dem 14. Jahrhundert, wo die Vor- 



^) Nouveau Trait^ II, 102. Sichtbar z. B. bei den im Anz. XX, 301 
beschriebenen schönen Blättern des Germ. Museoms 

*) A. Schultz, Beschreibung der Breslauer Bilderhandschrift des 
Froissard S. 11 aus de Laborde. 

') Eine Glosse bei Mone, Anz. Vlll, 395 sagt: circulus, vnstmmm' 
tum carpentarii, risaa. 

*) Wright p. 211. Neckam p. 116 sagt: ptmctorium, a quo possit 
dicere: punxi (poyntay) quaternum meum et non puptgi (puniay), 

*) V. S. Mechtildis virg. (saec. XII.) auct. Engelhardo abb. c. 23, 
Acta SS. Mai. XII, 454. Bei Rockinger S. 50 pfriemen. 



Liniierung. 181 

züge dieses kleinsten Geldstücks, das man nicht verschmähen 
solle, des halben Denier, gerühmt werden; da folgt auf die lange 
Reihe der Gegenstände, nach denen zu gehen sie bereit sei, auch 

En ponces ou en emprintoirs, 

En rigles ou en rigleoirs, 

Ou en cometes a metre cnque. ^) 

In der zweiten Zeile haben wir das Lineal, regloir, engl. 
ruler;^) ob daneben rigles noch etwas anderes bedeutet, weifs 
ich nicht zu sagen. Griechisch hiefs es xarcii^, xavmvlg, lat. 
canon, norma, regula. In dem oft orwälmten Wörterbuch: 
Hegula, linearium, linial, generaliter dicitur illud quod iuste 
dirigit operationem ag&ivtis, unde etiam liniarium dicitur regula. 
Est auteni linearium instrunientuyn scriptorum, secundum quod 
format lineas, quibus dirigitur Script or in scribendo directe 
litterales ßguras. Aus alten Glossen wird angefülirt jcagd- 
ygatpog praeductal, was den Griffel oder Bleistift zum Ziehen 
der Linien bedeuten soll, nach Salmasius, Exercitationes Plin. 
p. 917, wo er CoUoquia jyuerilia antiqua anführt, in denen 
vorkommt: Surge puer, quid sedes? tolle libros omnes latinos, 
membranas et pugillares, et locellum et praeductale. Griechisch 
steht dafür: rag 6ig)d-iQag xal Jttvaxlöag, rov yXwööoxofiov 
xal rov üiaQayQaq>ov, Auch praeductile soll vorkommen; für 
die angenommene Bedeutung fehlt es aber an einem Beweise. 
Aber im sogenannten Thesaurus novus Latinitatis bei A. Mai, 
Class. Auctt. VIII, 484 steht: Praeductale, instrumentum illud, 
quod habent infantes, cum primas litteras discunt. Man könnte 
danach an die zum Nachziehen eingegrabenen Buchstaben den- 
ken, deren wir beim Schreibunterricht zu gedenken haben 
werden; aber bei Pollux IV, 18 gehört es zu den Aufgaben 
des Grammatisten xm yQaq)el(p üiaqayQacpuv rfj ütaQar/Qa(pldt, 
wo jedoch die richtige Verbindung der Wörter mit einander 
zweifelhaft ist. Pollux Onomast. X, 59 sagt: xm 6e Jtatöl öeot 
av jtQOOstvat yQa(pBlov, ütagar/gatplöa, xaXa/zlda, jtv^lov, so 



*) Jubinal, Jongleurs et Trouv^res (Paris 1835) p. 104. 
') hoc reguläre, a rewler, Wright p. 211; vgl. oben S. 172. 



a 



182 Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

dafe ein Unterschied von jraQoyQag^og und JcccQaygaqplq nicht 
anziuiehmen ist. 

Die Linie selbst hiefe ygaii/iTJ, linea, in spätem Mönchs- 
latein riga. 

In sehr alten Handschriften, wie in dem Evang. S. Marci 
in Prag, auch in den westgothischen Fragmenten, Cod. Lat. f. 
327 in Berlin, sind die Punkte in der Mitte zwischen den Co- 
lumnen; später an den äufsem Rändern. Die Linien gehen 
anfangs über die ganze Breite, oder auch über zwei Seiten 
zugleich, bleiben aber später zwischen den senkrechten, ge- 
wöhnlich doppelten Abschnittlinien, und gehen nur oben und 
unten noch über das ganze Blatt. Wo nur Eine Seite zu be- 
schreiben war, hat man auch die eingedrückten Linien auf 
der Rückseite gezogen.^) 

Die Löcher bleiben immer deutlich sichtbar, wenn sie 
nicht beim Einband weggeschnitten sind. 

3. Schreibwerkzeuga 

Auf Wachstafeln schrieb man mit dem Griffel 
Bei dem Gebrauch im Altei-thum ist es überflüssig hier zu 
verweilen;*) man hat deren genug. Im Musee de Cluny sind 
unter den in Frankreich gefundenen gallorömischen Gegen- 
ständen n. 3468 zwölf beinerne Griffel, einige oben kugelförmig, 
andere mit einem Schäufelchen. Andere aus späterer Zeit 
wurden schon oben S. 69 erwähnt. Besonders merkwürdig wäre 
der von Chifflet abgebildete Griffel des Königs Childerich, 
wenn nicht der Abbe Cochet, Tombeau de Childeric p. 214 
nachgewiesen hätte, dafs es eine fibula ist; auf der folgenden 
Seite giebt er einige Abbildungen bronzener Griffel aus mero- 
wingischer Zeit. 

Die Benennungen haben zweierlei Ursprung; öxvXoq, stäus, 
kommt im Mittelalter seltener, gewöhnlich in übertragener Be- 
deutung vor. Doch heifst es von einem Prager Studenten: 



*) Rockinger, Zum Baier. Schriftwesen S. 29. 
2) 8. Marquardt, Rom. Privatalterthümer ü, 383 n. 3401. Im Ber- 
liner Antiquarium sind Griffel im Bronzezimmer. 



Schreibwerkzeuge. 1 83 

scholam in tabernas et prostibula, libros in aleam, stilum et 
pennam in tesseras pemiutamt. ^) In Paris sah Johannes de 
Garlandia bei einem Krämer stilos et stilaria, *) und in Lübeck 
hatten die Nadler stilos feil.*) In englischen Glossaren wird 
es durch poyntyle, poyntelle mid peller erklärt, und zur Unter- 
scheidung zugesetzt: 

Est stilus unde puer scribit, stilus osto columna, 
Dictandique modus dicitur esse stilus.*) 

Fehlerhaft ist der Ausdruck pugillaris, griffet, im Voca- 
bularius rerum de a. 1433 bei Mono, Anz. VIII, 251. Daraus 
erklärt sich aber im Vocabul. Duac. die Glosse pugillaris, 
ponchons vel taublette. 

Gebräuchlicher waren die von yQatpuv abgeleiteten Be- 
neimungen YQaq)etov, ygatplg, yQaq)löiov, graphium, mittelalter- 
lich auch graphius, wovon altfranz. grafe, später greffe, angels. 
graef, deutsch griffet. 

Auffallend und durch Mifsverständnifs zu erklären ist der 
Ausdruck in den Actis S. Artemae: Jussit pueris qui eins di- 
scipuli fuerant, quod cum gladiis qui ab officio scribendi graeco 
eloquio graphii nuncupantur, illum crudeliter trucidarent.^) 

Ein Räthscl®) des Symphosius beschreibt die Gestalt des 
Graphium, wo aber der alte cod. Salmas. grafius hat: 

De summo planus, sed non ego planus in imo, 
Versor utrimque manu, diverse munere fungor: 
Altera pars revocat, quidquid pars altera fecit. 



^) Palacky, Formelbücher I, 259. 

*) Wright, Vocabularies S. 123, mit der Erklärung: stilos gallice 
greffe. 

«) Wehrmann, Zunftrollen S. 339. 

*) Wright, Vocab. S. 211. 231. 261. Im Tegernseer Ausgabebuch 
bei Rockinger S. 50 a. 1496 23 den. vmh schreyhstill, 1497 25 den. vmh 
griffet, 5 kr. pro 20 graphiis ferreis. Im Cod. lat. Monac. 18628 aus 
Tegernsee ist fol. 18 v. zu Sedulii Opus paschale die Glosse stilo, grafio 
vel calamo. 

^) bei Du Gange s. v. Graphium. 

ö) Anthol. Lat. ed. Riese I, 188 n. 286. 



184 I^ie Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Erzbischof Lull schickte der Aebtissin Eadburg zum Ge- 
schenk ein graphium argenteum, ^) Auch Bischof Daniel von 
Prag hatte einen stilus argenteus (unten S. 202). 

Deutlich ist die Erklärung aus einem Glossar bei Du Gange 
als stüus vel baculus studentis und in angels. Glossaren grafium 
graef, ^) Auch in Aelfric's Vocabular ist mit graphium vel scri- 
ptorium, graef ^) wohl nichts -anderes gemeint. Aber zweifelhaft 
ist es, wenn Papias sagt graphium, scriptorium, und deutUch 
steht in der Gemma gemmarum: graphium, schryhhret oder 
griff el. Denn graphium und greffe bedeuten, namentlich in 
Frankreich, in weit ausgedehnter Bedeutung auch das Schreib- 
pult, die Schreibstube, die Registratur und das Amt, officium 
scriptoris, *) 

Man verwahrte die Griffel in der ygatpiod^xr^, dem graphi- 
arium, wovon Martial XIV, 21 sagt: 

Haec tibi erunt armata suo graphiaria ferro. 
Si dederis puero, non leve munus erit. 

Dergleichen führten die Schreiber immer mit sich, und 
weil der Griffel auch als Waffe dienen konnte, liefs Kaiser 
Claudius nach Sueton c. 35 jedem comiti aut librario, der zu 
ihm kam, die calamariae aut graphiariae thecae vorher ab- 
nehmen. 

Ein Scholiast zu Juv. X, 117 erklärt: capsae id est foruli, 
in quo ponitur stilus, ^) und solche Behältnisse sind vielleicht 
die stilaria, welche Joh. de Garlandia erwähnt (oben S. 183). 

Der Pinsel, byzantinisch xovölXiov, ist wohl früh aufser 
Gebrauch gekommen; nur zur Goldschrift wird die Anwendung 
noch verlangt, aber Theophilus spricht auch da von der Feder. 
Hartker, von 986 bis 1011 Klausner in St. Gallen, hält airf 
der Abbildung einen Pinsel in der Hand, aber wohl deshalb, 



Jaff^, Bibl. III, 214; ep. 75. 

*) Wright, Vocabularies S. 75. 89. 

«) ib. S. ^6. 

*) s. Diefenbach, Gloss. lat. germ. s. v. 

^) Eccl. Colon. Codd. p. 148. 



Schreibwerkzeuge. 185 

il das von ihm geschriebene Antiphonarium mit Gemälden 
•ziert ist.*) 

Abgeleitet von xovdUtov ist das Wort (lovoxovöiXiov 

die künstlich verschlungenen Unterschriften von Namen, 
rüchen u. a., wie dergleichen Spielereien im Orient noch jetzt 
lebt sind. ^) 

Der lat. Ausdruck ist peniculus, penidllus, wovon pinsel, 
HZ. pinceau, und engL pencil, auch für Bleistift. 

Im allgemeinsten Gebrauch war im Alterthum das Schreib- 

br, wie wir es auch in den Epigrammen der Anthologie 

ien; die besten kamen mit dem Papier vom Nil. Sie hiefsen 

lafiog, öova^ yQafpsvq^ öxotvog, calamus, canna, in den Ei)i- 

Limnen auch yQaq)ldeg, Thomas Magister sagt: xdXafiog tjtl 

xq)ldoq, ov 66va§, und eine Glosse (bei Labbe S. 25): canna, 

Xafcog ÖL ov yQatpofiev. Sie heifsen in den Epigrammen 

joöxi^^^tg, öidyXvjtToi, und bei Ausonius Ep. VII, 48 fissi- 

ies calami. Verkauft wurden sie bündelweise nach Martial 

V, 38: 

Fasces calamorum, 

Dat chartis habiles calamos Memphitica tellus. 
Texantur reliqua tecta palude tibi. 

Doch waren auch die Rohrfodeni von Knidos sehr ge- 
lätzt. 

Im Abendland kommt das Wort calamus oft vor, aber ge- 
Ihnlich in übertragener Bedeutung; so heifst es in dem oft 
rähnten Wörterbuch: Calamus, schreib feder, proprie est 
rs herbae etc. et transsumitur pro instrumento scriptorio 
ytcavo, per quod incaustum deducitur in elementares scripturas. 
iser Rohr ist zum Schreiben kaum zu brauchen, und man 
nnte hier wohl gar kein Schreibrohr. 

Es läfst sich daher kein Beweis entnehmen aus der Unter- 
irift des Codex, welchen Constantin, von 1004 an Abt von 
Symphorian zu Metz, schreiben liefs: 



*) LamblUotte, Antiphonaire de S. Gr^goire, PI. 1. vgl. Scherrers 
rzeichnifs S. 133. 

^) s. darüber Montfaucon, Palaeogr. Gr. p. 350. 



186 Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Pontificale decus qui gestit noscere cautus, 
Perlegat hunc librum Bettouis arundine scriptum, 
Quem Constantini statuerunt iussa patrari, ^) 

Deshalb heifst es auch in einer Glosse zu Pers. III, 14 im 
Berliner cod. Lat. in folio 49 f. 105 v. arundo: penna. nodosa: 
olim enim scribebant arundine. 

Doch ist dadurch nicht ausgeschlossen, dafs man nicht im 
früheren Mittelalter auch noch Schreibrohr aus Italien bekam, 
dessen Anwendung in St. Gallen Scherrer zu erkennen glaubt*) 
In Ivrea mag ein Schreiber wirklich im 9. Jahrh. mit der 
arundo geschrieben haben, ^) und in Italien erhielt sich der 
Gebrauch; bei Bologna wuchs brauchbares Schreibrohr. Am- 
brosius Camald. schreibt 1433 aus Venedig an seinen Bruder 
Hieronymus (epp. ed. Mehus p. 416): Calamos si qui occurreni 
elediores ad te mittam, licet ipse malis aeque ut bonis uti soleo. 
Paitdssimi tarnen inveniuntur quales cupis, nequs omnium iu- 
dicio cogniti. Und etwas später S. 566: Mitto ad te ccdamo- 
rum fasciculum, non quidem optimorum, sed quales mihi dm 
dati sunt. Niccolö Niccoli soll sich einige auswählen. JVöW 
revera maiorem in hac civitate huiusce (sie) rerum penuriat» 
quam Florentiae patimur. Deutlicher schreibt Jo. Aurispa an 
Ambrosius S. 1025: Calamos Bononiensis agri in fascem aJ 
te feram, und S. 1026: Una cum quinternionibus istis quosdaff^ 
Bononienses calamos ad te feram. 

Bruder Adam von Genua aber schreibt 1460 in Velletri, 
nach Bandini, Codd. lat. II, 114: 

Non bene scribenti calamo rogo parce mihique, 
Namque ego cum calamo scribere ineptus eram. 

Ihm scheint das Schreibrohr ungewohnt gewesen zu sein, und 
vielleicht hatten es erst die Humanisten wieder in üebung ge- 
bracht. Man verwahrte die Rohre in der xaXafioO^xfj, xaXankt 
von der Form auch xavoiv genannt. Lateinisch sagte ma»^ 



Labbe, Nova BM. I, 784, vgl. MG. II, 260. 

2) im cod. 70 8. VIII von Winithar, Verz. d. Stiftsblbl. S. 30. 

^) Dümmler, Gesta Berengarii S. 159. 



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1 -: 



Schreibwerkzeuge. 187 

calamarium, was auch früh griechisch als xaXa/iaQiov erscheint. 
Martial XIV, 19 sagt von der theca calamaria: 

Sortitus thecam, calamis armare memento. 
Cetera nos dedimus, tu leviora para. 

In Diocletians Edict de pretiis rerum venalium vom Jahr 
301 finden wir sie unter den Lederarbeiten aufgeführt: thecam 
cannarum numero V. den, XL. 

Zu Ezechiel 9, 2 bemerkt Hieronymus:^) cesath ctmi ab 
Hehraeo quaererem quid significaret, respondit mihi Graeco 
sermone appellari xaXafiaQcov ab eo quod in illo calami re- 
condantur, Nos atramentarium ex eo quod atramentum habeat 
dicimus. Multi significantius thecas vocant, ab eo quod thecae 
sint scribentium calamorum. Aus dieser Stelle ergiebt sich 
recht deutlich, dafs auckDinte darin verwahrt wurde; es waren 
vollständige Schreibzeuge, wie sie im Orient noch jetzt die 
Schreiber am Gürtel tragen (vgl. oben S. 184). Montfaucon 
hat^) ein merkwürdiges altes bronzenes Schreibzeug aus dem 
Schatz von St. Denis abbilden lassen, welches bestimmt war 
am Gürtel zu hängen; aber es hat nicht die Form der theca 
oder des xavciv. Des englischen Königs Heinrichs VI pencase 
befindet sich in der Curzon library, und ist im Catalogue p. 1 
abgebildet. 

In den Acten des Concil. Chalcedon. von 451, Act. 1 heifst 
es: djtrjXeitpav avrwv rag ßlßXovg .... d-iXovxeq Xaßslv xal 
xa xaXafiaQia, 

Das Wort erhielt sich vorzüglich in Italien im Gebrauch, 
wo noch jetzt das Schreibzeug calamajo heifst, auch wenn es 
nur zur Aufnahme der Dinte bestimmt ist. Aber auch in 
Deutschland kommt der Ausdruck vor, imd böhmisch heifst 
das Schreibzeug halamarz. 



*) Opera, ed. Vall. V, 94. 

2) Palaeogr. p. 23. Antiquitö expl. III. PI. 193. Die von Mar- 
quardt II, 402 nachgewiesenen antiken Dintenfässer sind einfache Näpfe. 
So auch die im Berliner Antiquarium im Bronzenzimmer befindlichen in 
cylindrischer Form, von denen eines einen bedeutenden Rest verhärteter 
Dinte enthält. 



188 I>ie Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Aus einer alten Urkunde von Casauria führt Du Gange 
s. V. Pergamena die Stelle an: Unde pro stahilitate vestra ego 
Bimo cum pinna et calamario et pergamena de terra levavij 
während in anderen Urkunden der Art das Wort atramentarium 
gebraucht wird. Das Kloster Monte Cassino erhielt am Ende 
des elften Jahrhunderts von einem Vicecomes des Grafen von 
Capua calamarium aureum margaritis et gemmis pretiosissims 
undique adornatum, Chr. Casin. IV, 13. Jo. de Janua (a. 1286) 
erklärt calamarium einfach als cornu, ubi tenetur incaustum. 

Als der böhmische Reformprediger Militsch von Kremsier 
von der römischen Inquisition eingekerkert war, fand er wunr 
derbarer Weise calamare cum nicausto et papyrum, que longe 
ab eo in carcere erant posita, an seiner Seite wieder. ^) 

In dem Wörterbuch vom Ende des Mittelalters^) wird ca- 
lamare erklärt durch Schreibzeug, instrumentum scriptoris coth 
cavum de corio dura consutum, in quo ponuntwr instrumenta 
scriptoris ut cultellus et calamus, et alio nomine dicitur pen- 
nale a nomine penna.^) 

Am Gürtel trugen die Schreiber dergleichen; aber wenn 
es in der Vita Theogeri II, 3 heifst, dafs 1117 der Cardinal- 
bischof Cono von Praeneste nömen siM habitumque scriptoris 
induerat, et usquequo Remorum dvitatem intraret, huius operis 
instrumenta ex humero eius suspensa pendebant, so hat schon 
der erste Herausgeber, Dom Brial, gerechte Bedenken gehabt, 
ob die Schreiber ihre Geräthe in solcher Weise getragen hätten, 
und nicht vielmehr ein Lesefehler anzunehmen sei.*) 

In Frankfurt gab man 1399 zehn Schilling Heller aus 
vmb ein hundert Rechenpfennige vnd ein dirUenhom und hak- 
mare/n, ^) Bei Rockinger ist das Wort in den Klosterrechnungen 

*) Vita Milieu in Balbini Miscell. Dec. I. 1. IV. p. 2. pag. 50. 

2) Serapeum XXIII, 279. 

^) In einem Glossar saec. XV bei Wright, Vocabularles S. 210 äoc 
pennare, a pener. 

*) Brial schlägt vor scirptoris, was Pertz, Mon. Germ. SS. XII, 467 
ohne Bemerkung wiederholt, obgleich es mir wenigstens unverständlich 
ist. Vielleicht ist sa/rtoris zu verbessern. Die Verkleidung als Schreiber 
war wohl kaum geeignet, vor Verdacht zu schützen. 

^) Kriegk, Deutsches Bürgerthum N. F. S. 361. 



Schreibwerkzeuge. 189 

läufig, und in einem Recepte für Dintenpulver S. 36 heifst es: 
wne in cdlamale et desuper aquam funde. 

Die Feder kommt erst spät vor; sie war nur brauchbar, 
renn man sehr scharfe Messer hatte. Zuerst erwähnt sie der 
^nonymus Valesianus, wo er von dem Ostgothenkönig Theo- 
erich erzählt, dafs man ihm zur Untersclireibung seines Namens 
Ine Form gemacht, damit er posita laniina super chartam, 
er eam pennam duceret et subseriptio eins tantuni videretur. 
anz derselben Veranstaltung bedurfte sein Zeitgenosse, der 
Kaiser Justin, aber da ist von der yQag)lg, dem calamus die 
,ede, welcher in das königliche Nafs getaucht wurde. ^) Später 
dtgt Isidor Origg. VI, 13: Instrmnenta seribac calmnus et x>enna. 
Ix his enim verba paginis infigimttir, sed ealamus arboris est, 
enna aris, cuius acumen dividitur in duo, in toto corpore 
nitate servata. 

Schon in den ältesten • irischen Manuscripten scheint der 
jvangelist Johannes eine Feder in der Hand zu halten ; *) spä- 
ere Beispiele sind zu häufig, um sie anzuführen. 

In einer metrischen Passio, an Pabst Leo (IX?) gerichtet, 
agt der Poet:^) 

Quae metro voluit nostra inmutare camena, 
Ut sudet Petro pinnula nostra sacro. 

Gebräuchlicher ist pennula, ein spul (Diefenbach S. 208). 
inglisch sagte man früher fether, dami pen. *) Die Franzosen 
ogen pluma vor, und schon Matthaeus von Vendome ^) sagt: 
^Tostibulo Studium mutatur, pagina scorto, Stamine pluma etc. 



Zum Schneiden des Rohres oder der Feder diente das 
'Xv(pavov, in den Epigrammen auch yXvjtrrjQ und ö^lXrj ge- 
tannt, und VI, 64 erscheint aufser den yXv^ldeq xaXdfioov auch 

*) Procopii bist, arcana c. 6. 

*) im Book of Keils und Mac I)urnan*s Gospel bei Westwood, Pa- 
ieographia Sacra. 

^) Cod. lat. Mon. 18628 aus Tegemsee saec. XI vel XII f. 4. 
*) Wright, Vocabularies S. 75 u. 210. 
«) Münchener SB. 1872 S. 621. 



182 1^16 Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

dafs ein Unterschied von ütaQayQag)oq und jiaqayQafplq nicht 
anzunehmen ist. 

Die Linie selbst hiefs ygafifii], linea, in spätem Mönchs- 
latein riga. 

In sehr alten Handschriften, wie in dem Evang. S. Marci 
in Prag, auch in den westgothischen Fragmenten, Cod. Lat. f. 
327' in Berlin, sind die Punkte in der Mitte zwischen den Co- 
lumnen; später an den äufsem Rändern. Die Linien gehen 
anfangs über die ganze Breite, oder auch über zwei Seiten 
zugleich, bleiben aber später zwischen den senkrechten, ge- 
wöhnlich doppelten Abschnittlinien, und gehen nur oben und 
unten noch über das ganze Blatt. Wo nur Eine Seite zu be- 
schreiben war, hat man auch die eingedrückten Linien auf 
der Rückseite gezogen.^) 

Die Löcher bleiben inimer deutlich sichtbar, wenn sie 
nicht beim Einband weggeschnitten sind. 

3. Schreibwerkzeuge. 

Auf Wachstafeln schrieb mian mit dem Griffel. 

Bei dem Gebrauch im Alterthum ist es überflüssig hier zu 
verweilen;*) man hat deren genug. Im Musee de Cluny sind 
unter den in Frankreich gefundenen gallorömischen Gegen- 
ständen n. 3468 zwölf beinerne Griffel, einige oben kugelförmig, 
andere mit einem Schäufelchen. Andere aus späterer Zeit 
wurden schon oben S. 69 erwähnt. Besonders merkwürdig wäre 
der von ChifiQet abgebildete Griffel des Königs Childerich, 
wenn nicht der Abbe Cochet, Tombeau de Ghilderic p. 214 
nachgewiesen hätte, dafs es eine fibula ist; auf der folgenden 
Seite giebt er einige Abbildungen bronzener Griffel aus mero- 
wingischer Zeit. 

Die Benennungen haben zweierlei Ursprung; ötvXog^ stüus, 
kommt im Mittelalter seltener, gewöhnlich in übertragener Be- 
deutung vor. Doch heifst es von einem Prager Studenten: 



*) Rockinger, Zum Baier. Schriftwesen S. 29. 
2) 8. Marquardt, Rom. Privatalterthümer ü, 383 n. 3401. Im Ber- 
liner Antiquarium sind Griffel im Bronzezimmer. 



Schreibwerkzeuge. 1 83 

scholam in tdbet'nas et prostibula, libros in aleani, stilum et 
pennam in tesseras pemmtavit, ^) In Paris sah Johannes de 
Gariandia bei einem Krämer stilos et stilaria, *) und in Lübeck 
hatten die Nadler stilos feil. ^) In englischen Glossaren wird 
es durch poyntyle, poyntelle und peller erklärt, und zur Unter- 
scheidung zugesetzt: 

Est stilus unde puer scribit, stilus osto columna, 
Dictandique modus dicitur esse stilus.*) 

Fehlerhaft ist der Ausdinick pugillaris, griffet, im Voca- 
bularius rerum de a. 1433 bei Mono, Anz. VIII, 251. Daraus 
erklärt sich aber im Vocabul. Duac. die Glosse pugillaris, 
ponchons vel taublette. 

Gebräuchlicher waren die von yQdg)ecv abgeleiteten Be- 
nennungen YQag)itov, YQag)lg, yQaq)l6iov, graphium, mittelalter- 
lich auch graphius, wovon altfranz. grafe, später greffe, angels. 
graef, deutsch griffet. 

Auffallend und durch Mifsverständnifs zu erklären ist der 
Ausdruck in den Actis S. Artemae: Jussit pueris qui eins di- 
scipuli fuerant, quod cum gladiis qui ah officio scribendi graeco 
eloquio graphii nuncupantur, illum crudeliter trucidarent.^) 

Ein Räthsel^) des Symphosius beschreibt die Gestalt des 
Graphium, wo aber der alte cod. Salmas. grafius hat: 

De summo planus, sed non ego planus in imo, 
Versor utrimque manu, diverse munere fungor: 
Altera pars revocat, quidquid pars altera fecit. 



^) Palacky, Formelbücher I, 259. 

*) Wright, Vocabularies S. 123, mit der Erklärung: stilos gallice 
greffe. 

«) Wehrmann, Zunftrollen S. 339. 

*) Wright, Vocab. S. 211. 231. 261. Im Tegernseer Ausgabebuch 
bei Rockinger S. 50 a. 1496 23 den. vmh schreyhstill, 1497 25 den. vmh 
griffe!, 5 kr. pro 20 graphiis ferreis. Im Cod. lat. Monac. 18628 aus 
Tegernsee ist fol. 18 v. zu Sedulii Opus paschale die Glosse stilo, grafio 
vel calamo. 

^) bei Du Gange s. v. Graphium. 

«) Anthol. Lat. ed. Riese I, 188 n. 286. 



184 I^ie Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Erzbischof Lull schickte der Aebtissin Eadburg zum Ge- 
schenk ein graphium argenteum, ^) Auch Bischof Daniel von 
Prag hatte einen stilus argenteus (unten S. 202). 

Deutlich ist die Erklärung aus einem Glossar bei Du Gange 
als stilus vel baculus studentis und in angels. Glossaren grafium 
graef, ^) Auch in Aelfric's Vocabular ist mit graphium vel scri- 
ptörium, graef ^) wohl nichts »anderes gemeint. Aber zweifelhaft 
ist es, wenn Papias sagt graphium, scriptorium, und deutHch 
steht in der Gemma gemmarum: graphium, schrybhret oder 
griff el. Denn graphium und greffe bedeuten, namentlich in 
Frankreich, in weit ausgedehnter Bedeutung auch das Schreib- 
pult, die Schreibstube, die Registratur und das Amt, officium 
scriptoris, *) 

Man verwahrte die Griffel in der YQag)iod^XTj, dem graphi- 
arium, wovon Martial XIV, 21 sagt: 

Haec tibi erunt armata suo graphiaria ferro. 
Si dederis puero, non leve munus erit. 

Dergleichen führten die Schreiber immer mit sich, und 
weil der Griffel auch als Waffe dienen konnte, liefs Kaiser 
Claudius nach Sueton c. 35 jedem comiti aut librario, der zu 
ihm kam, die calamariae aut graphiariae thecae vorher ab- 
nehmen. 

Ein Scholiast zu Juv. X, 117 erklärt: capsae id est foruli, 
in quo ponitur stilus, ^) und solche Behältnisse sind vielleicht 
die stilaria, welche Joh. de Garlandia erwähnt (oben S. 183). 

Der Pinsel, byzantinisch xovöIXlov, ist wohl friih aufser 
Gebrauch gekommen; nur zur Goldschrift wird die Anwendung 
noch verlangt, aber Theophilus spricht auch da von der Feder. 
Hartker, von 986 bis 1011 Klausner in St. Gallen, hält auf 
der Abbildung einen Pinsel in der Hand, aber wohl deshalb, 



Jaff^, Bibl. m, 214; ep. 75. 

*) Wright, Vocabularies S. 75. 89. 

8) ib. S. 46. 

*) s. Diefenbach, Gloss. lat. germ. s. v. 

"*) Eccl. Colon. Codd. p. 148. 



Schreibwerkzeuge. 185 

il das von ihm geschriebene Antiphonarium mit Gemälden 
:ziert ist. ^) 

Abgeleitet von xovdlXtov ist das Wort (lovoxoi^ölXiop 
' die künstlich verschlungenen Unterschriften von Namen, 
rüchen u. a., wie dergleichen Spielereien im Orient noch jetzt 
liebt sind.*) 

Der lat. Ausdruck ist pcnictdus, penicillus, wovon pinsel, 
iiz. pinceau, und engl pencil, auch für Bleistift. 

Im allgemeinsten Gebrauch war im Alterthum das Schreib- 
hr, wie wir es auch in den Epigrammen der Anthologie 
den; die besten kamen mit dem Papier vom Nil. Sie hiefsen 
Xa^oq, öova^ yQaq)BV(^^ öxoTvog, calamus, canna, in den Epi- 
immen auch yQaq)l6e(^. Thomas Magister sagt: xdXafiog tjtl 
aq)iöog, ov 66va§, und eine Glosse (bei Labbe S. 25): canna, 
Xafiog 6i ov YQdg)0(/ev. Sie heifsen in den Epigrammen 
öoöxi^^stq, didyXvjtroc, und bei Ausonius Ep. VII, 48 fissi- 
des calami. Verkauft wurden sie bündelweise nach Martial 

[V, 38: 

Fasces calamorum, 

» 

Dat chartis habiles calamos Memphitica tellus. 
Texantur reliqua tecta palude tibi. 

Doch waren auch die Rohrfedem von Knidos sehr ge- 
hätzt. 

Im Abendland kommt das Wort calamus oft vor, aber ge- 
i)hnlich in übertragener Bedeutung; so heifst es in dem oft 
wähnten Wörterbuch: Calamus, schreib feder, proprie est 
irs herbae etc. et transsumitur pro instrumento scriptorio 
ncavo, per quod incaustum deducitur in elementares scripturas, 
Qser Rohr ist zum Schreiben kaum zu brauchen > und man 
innte hier wohl gar kein Schreibrohr. 

Es läfst sich daher kein Beweis entnehmen aus der Unter- 
hrift des Codex, welchen Constantin, von 1004 an Abt von 
Symphorian zu Metz, schreiben liefs: 



^) Lambillotte, Antiphonaire de S. Grägoire, PI. 1. vgl. Scherrers 
rzeichnifs S. 133. 

2) s. darüber Montfaucon, Palaeogr. Gr. p. 350. 



186 I^ie Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Pontificale decus qui gestit noscere cautiis, 
Perlegat hunc librum Bettoiiis arundine scriptum, 
Quem Constautini statuerunt iussa patrari, ^) 

Deshalb heifst es auch in einer Glosse zu Pers. III, 14 im 
Berliner cod. Lat. in folio 49 f. 105 v. arundo: penna. nodosa: 
olini enim scribebant arundine. 

Doch ist dadurch nicht ausgeschlossen, dafs man nicht im 
früheren Mittelalter auch noch Schreibrohr aus Italien bekam, 
dessen Anwendimg in St. Gallen Scherrer zu erkennen glaubt.^) 
In Ivrea mag ein Schreiber wirklich im 9. Jahrh. mit der 
arundo geschrieben haben, ^) und in Italien erhielt sich der 
Gebrauch; bei Bologna wuchs brauchbares Schreibrohr. Am- 
brosius Camald. schreibt 1433 aus Venedig an seinen Bruder 
Hieronymus (epp. ed. Mehus p. 416): Calamos si qui occurrent 
elediores ad te mittam, licet ipse malis aequs ut bonis uti soleo, 
Paudssimi tarnen inveniuntur quales cupis, neque omnium iw- 
dido cogniti. Und etwas später S. 566: Mitto ad te cdlafno-.\ 
rum fasciculum, non quidem optimorum, sed quales mihi dm 
dati sunt. Niccolö Niccoli soll sich einige auswählen. Nan 
revera maiorem in ha^ civitaie huiusce (sie) rerum penurian^ 
qu^am Florentiae patimur. Deutlicher schreibt Jo. Aurispa an 
Ambrosius S. 1025: Calamos Bononiensis agri in fascem d 
te feram, und S. 1026: Una cum quinternionibus istis quosdm 
Bononienses calamos ad te feram. 

Bruder Adam von Genua aber schreibt 1460 in Velletri, 
nach Bandini, Codd. lat. 11, 114: 

Non bene scribenti caJamo rogo parce mihique, 
Namque ego cum calamo scribere ineptus eram. 

Ihm scheint das Schreibrohr ungewohnt gewesen zu sein, iiim1|Ij 
vielleicht hatten es erst die Humanisten wieder in Uebung ge- 
bracht. Man verwahrte die Rohi*e in der xaXafiod^xfj, xcdaiik, 
von der Form auch xavoiv genannt. Lateinisch sagte ma» 



Labbe, Nova BM. I, 784, vgl. MG. II, 260. 1^^ 

2) im cod. 70 8. VIII von Winithar, Verz. d. Stiftsbibl. S. 30. ! ^^^ 
^) Dümmler, Gesta Berengarii S. 159. f;^"^ 



Schreibwerkzeuge. 187 

ilamarium, was auch früh griechisch als xakafidgcov erscheint, 
[artial XIV, 19 sagt von der theca calamaria: 

Sortitus thecam, calamis armare memento. 
Cetera nos dedimus, tu leviora para. 

In Diocletians Edict de pretiis rerum venalium vom Jahr 
31 finden wir sie unter den Lederarbeiten aufgeführt: thecam 
mnarum numero V. den, XL. 

Zu Ezechiel 9, 2 bemerkt Hieronymus:^) cesath cttni ab 
[ebraeo quaererem quid significaret, respondit mihi Graeco 
irmone appellari xaXaficcQiov ab eo quod in illo calami re- 
mdantur, Nos atramentarium ex eo quod atramentum habeat 
icimus. Multi significantius thecas vocant, ab eo quod thecae 
nt scribentium calamorum. Aus dieser Stelle ergiebt sich 
3cht deutlich, dafs aucluDinte darin verwahrt wurde; es waren 
allständige Schreibzeuge, wie sie im Orient noch jetzt die 
chreiber am Gürtel tragen (vgl. oben S. 184). Montfaucon 
at^) ein merkwürdiges altes bronzenes Schreibzeug aus dem 
chatz von St. Denis abbilden lassen, welches bestimmt war 
m Gürtel zu hängen; aber es hat nicht die Form der theca 
der des xavciv. Des englischen Königs Heinrichs VI pencase 
efindet sich in der Curzon library, und ist im Catalogue p. 1 
bgebildet. 

In den Acten des Concil. Chalcedon. von 451, Act. 1 heifst 
s: ajcriXtt^av avxwv xaq ßlßXovg .... d-iXovreq Xaßelv xal 
a xaXafiaQia, 

Das Wort erhielt sich vorzüglich in Italien im Gebrauch, 
vo noch jetzt das Schreibzeug calamajo heifst, auch wenn es 
\ur zur Aufnahme der Dinte bestimmt ist. Aber auch in 
Deutschland kommt der Ausdruck vor, imd böhmisch heifst 
das Schreibzeug Tcalamarz, 



») Opera, ed. Vall. V, 94. 

2) Palaeogr. p. 23. Antiquit^ expl. III. PI. 193. Die von Mar- 
quardt II, 402 nachgewiesenen antiken Dintenfösser sind einfache Näpfe. 
So auch die im Berliner Antiquarium im Bronzenzimmer befindlichen in 
cylindrischer Form, von denen eines einen bedeutenden Rest verhärteter 
Dinte enthält. 



188 Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Aus einer alten Urkunde von Casauria führt Du Gange 
s. V. Pergamena die Stelle an: Unde pro stabüitate vestra ego 
Rimo cum pinna et calamario et pergamena de terra levam, 
während in anderen Urkunden der Art das Wort atramentarium 
gebraucht wird. Das Kloster Monte Cassino erhielt am Ende 
des elften Jahrhunderts von einem Vicecomes des Grafen von 
Capua calamarium aureum m^wgaritis et gemmis pretiosissimis 
undique adornatum. Chr. Casin. IV, 13. Jo. de Janua (a. 1286) 
erklärt calamarium einfach als cornu, uhi tenetu/r incausttm. 

Als der böhmische Reformprediger Militsch von Kremsier 
von der römischen Inquisition eingekerkert war, fand er wun- 
derbarer Weise calamare cmn incausto et papyrum, que longe 
ab eo in carcere erant posita, an seiner Seite wieder. ^) 

In dem Wörterbuch vom Ende des Mittelalters^) wird ca- 
lamare erklärt durch Schreibzeug, instrum^ntum scriptoris con- 
cavum de corio duro consutum, in quo ponuntur instrumenta 
scriptoris ut cultellus et calamus, et alio nomine didtur pen- 
nale a nomine penna.^) 

Am Gürtel trugen die Schreiber dergleich^; aber wenn 
es in der Vita Theogeri II, 3 heifst, dafs 1117 der Cardinal- 
bischof Cono von Praeneste nömen sibi habitwmque scriptoris 
induerat, et usquequo Remorum civitat&m intraret, huius operis 
instrumenta ex humero eius suspensa pendebant, so hat schon 
der erste Herausgeber, Dom Brial, gerechte Bedenken gehabt, 
ob die Schreiber ihre Geräthe in solcher Weise getragen hätten, 
und nicht vielmehr ein Lesefehler anzunehmen sei.*) 

In Frankfurt gab man 1399 zehn Schilling Heller aus 
vmb ein hundert Rechenpfen/nige vnd ein difdenhom und kok- 
maren. ^) Bei Rockinger ist das Wort in den Klosterrechnungen 

^) Vita Milieu in Balbini Miscell. Dec. I. 1. IV. p. 2. pag. 50. 

2) Serapeum XXIII, 279. 

^) In einem Glossar saec. XV bei Wright, Vocabularies S. 210 hoc 
permare, a pener. 

*) Brial schlägt vor scirptoris, was Pertz, Mon. Germ. SS. XII, 467 
ohne Bemerkung wiederholt, obgleich es mir wenigstens unverständlich 
ist. Vielleicht ist aartoris zu verbessern. Die Verkleidung als Schreiber 
war wohl kaum geeignet, vor Verdacht zu schützen. 

^) Kriegk, Deutsches Bürgerthum N. F. S. 361. 



Schreibwerkzeuge. 189 

,ufig, und in einem Recepte fiii' Dintenpulver S. 36 heifst es: 
me in calamale et desuper aquam funde. 

Die Feder kommt erst spät vor; sie war nur brauchbar, 
jnn man sehr scharfe Messer hatte. Zuerst erwähnt sie der 
lonymus Valesianus, wo er von dem Ostgothenkönig Theo- 
rich erzählt, dafs man ihm zur Unterschreibung seines Namens 
le Form gemacht, damit er posita lamina super ehartam, 
r eam pennam duceret et subscriptio dus tantum inderetur, 
Lnz derselben Veranstaltung bedurfte sein Zeitgen asse, der 
liser Justin, aber da ist von der yQaq)h, dem calamus die 
ide, welcher in das königliche Nafs getaucht wurde. ^) Später 
gt Isidor Origg. VI, 13: Instrumenta scrihae calmuns et penna, 
V Ms enim verba paginis infigimtur, sed ealamus arhoris est, 
nna avis, euius acumen dividitur in duo, in toto corpore 
itate servata. 

Schon in den ältesten • irischen Manuscripten scheint der 
rangelist Johannes eine Feder in der Hand zu halten;*) spa- 
re Beispiele sind zu häufig, um sie anzuführen. 

In einer metrischen Passio, an Pabst Leo (IX?) gerichtet, 
gt der Poet:^) 

Quae metro voluit nostra inmutare camena, 
Ut sudet Petro pimiula nostra sacro. 

Gebräuchlicher ist pennula, ein spul (Diefenbach S. 208). 
iglisch sagte man früher fetJier, dami pen.^) Die Franzosen 
gen pluma vor, und schon Matthaeus von Vendome ^) sagt: 
^ostilmlo Studium mutatur, pagina scorto, Stamine pluma etc. 



Zum Schneiden des Rohres oder der Feder diente das 
vq)avov, in den Epigrammen auch yXvütrrjQ und 6(ilXri ge- 
nnt, und VI, 64 erscheint aufser den yXvfpiöeg xaXdfioov auch 

*) Procopii bist, arcana c. 6. 

*) im Book of Keils und Mac Durnan*s Gospel bei Westwood, Pa- 
ographia Sacra. 

3) Cod. lat. Mon. 18628 aus Tegemsee saec. XI vel XII f. 4. 
*) Wright, Vocabularies S. 75 u. 210. 
«) Müncbener SB. 1872 S. 621. 



188 I^ie Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Aus einer alten Urkunde von Casauria führt Du Gange 
s. V. Pergamena die Stelle an: Unde pro stahüitate vestra ego 
Bimo cum pinna et calamario et pergamena de terra levavi, 
während in anderen Urkunden der Art das Wort airamentarium 
gebraucht wird. Das Kloster Monte Cassino erhielt am Ende 
des elften Jahrhunderts von einem Vicecomes des Grafen von 
Capua calamarium aureum mo/rgarüis et gemmis pretiosissirm 
undique adornatum, Chr. Casin. IV, 13. Jo. de Janua (a. 1286) 
erklärt calamarium einfach als cornu, ubi tenetu/r incaustum. 

Als der böhmische Reformprediger Militsch von Kremsier 
von der römischen Inquisition eingekerkert war, fand er wunr 
derbarer Weise calamare cum incausto et papyrum, que longe 
ab eo in carcere erant posita, an seiner Seite wieder. ^) 

In dem Wörterbuch vom Ende des Mittelalters^) wird ca- 
lamare erklärt durch schreibeeug, instrumentum scriptoris con- 
cavum de corio duro consutum, in quo ponuntur instrumenta 
scriptoris ut cultellus et calamus, et alio nomine dicitur pen- 
nale a nomine penna,^) 

Am Gürtel trugen die Schreiber dergleichen; aber wenn 
es in der Vita Theogeri II, 3 heifst, dafs 1117 der Cardinal- 
bischof Cono von Praeneste nömen sibi habitumque scriptoris 
induerat, et usquequo Remorum civita;tem intraret, hmus operis 
instrwnenta ex humero eius suspensa pendebant, so hat schon 
der erste Herausgeber, Dom Brial, gerechte Bedenken gehabt, 
ob die Schreiber ihre Geräthe in solcher Weise getragen hätten, 
und nicht vielmehr ein Lesefehler anzunehmen sei.*) 

In Frankfurt gab man 1399 zehn Schilling Heller aus 
vmb ein hundert Rechenpfennige vnd ein dintenhom und hak' 
maren, ^) Bei Rockinger ist das Wort in den Klosterrechnungen 

*) Vita Milieu in Balbini Miscell. Dec. I. 1. IV. p. 2. pag. 50. 

») Serapeum XXIII, 279. 

^) In einem Glossar saec. XV bei Wright, Vocabularies S. 210 hoc 
pennare, a pener. 

*) Brial schlägt vor scirptoris, was Pertz, Mon. Germ. SS. Xu, 467 
ohne Bemerkung wiederholt, obgleich es mir wenigstens unverständlicli 
ist. Vielleicht ist sartoris zu verbessern. Die Verkleidung als Schreiber 
war wohl kaum geeignet, vor Verdacht zu schützen. 

^) Kriegk, Deutsches Bürgerthum N. F. S. 361. 



Schreibwerkzeuge. 189 

.ufig, und in einem Recepte füi* Dintenpulver S. 36 heifst es: 
me in calamale et desuper aquam funde. 

Die Feder kommt erst spät vor; sie war nur brauchbar, 
5nn man sehr scharfe Messer hatte. Zuerst erwähnt sie der 
lonymus Valesianus, wo er von dem Ostgothenkönig Theo- 
rich erzählt, dafs man ihm zur Unterschreibung seines Namens 
le Form gemacht, damit er posita lann'na super chartam, 
r eam pennam duceret et subscriptio eins tantuni videretur, 
mz derselben Veranstaltung bedurfte sein Zeitgenosse, der 
liser Justin, aber da ist von der yQag)lg, dem calamus die 
de, welcher in das königliche Nafs getaucht wurde. ^) Später 
gt Isidor Origg. VI, 13: Instrumenta serihae calamus et p>enna. 
V his enim verba paginis infigtmttir, sed calamus arboris est, 
nna aris, cuius acumen dividitur in duo, in toto corpore 
itate servata. 

Schon in den ältesten • irischen Maimscripten scheint der 
»^angelist Johannes eine Feder in der Hand zu halten;*) spa- 
re Beispiele sind zu häufig, um sie anzuführen. 

In einer metrischen Passio, an Pabst Leo (IX?) gerichtet, 
gt der Poet:^) 

Quae metro voluit nostra inmutare camena, 
Ut sudet Petro pinnula nostra sacro. 

Gebräuchlicher ist pennula, ein spul (Diefenbach S. 208). 
iglisch sagte man früher fether, dami pen,^) Die Franzosen 
gen pluma vor, und schon Matthaeus von Vendome ^) sagt: 
"ostibulo Studium mutatur, pagina scorto, Stamine plum^ etc. 



Zum Schneiden des Rohres oder der Feder diente das 
vq)avov, in den Epigrammen auch yXvJtrriQ und öiilXri ge- 
nnt, und VI, 64 erscheint aufser den yXvg)iöeg xaXdficov auch 

*) Procopii bist, arcana c. 6. 

*) im Book of Keils und Mac Durnan*s Gospel bei Westwood, Pa- 
ographia Sacra. 

3) Cod. lat. Mon. 18628 aus Tegemsee saec. XI vel XII f. 4. 
*) Wright, Vocabularies S. 75 u. 210. 
») Müncbener SB. 1872 S. 621. 



190 1^16 Schreibgeräthe iind ihre Anwendung. 

noch ein jtXarvg o^vvrrjQ fieöoöxtöic^v xaXd(i(X)V, Die stumpl 
geschriebenen Rohre wurden mit dem in allen Epigrammen er- 
wähnten Bimstein geschärft; auf Federn aber war das nicht 
anwendbar. Lateinisch hiefs das Federmesser scalprum libror 
rium, wie bei Sueton Vitell. c. 2: scalpro librario vends sibi 
incidit Bei Tacitus, Ann. V, 8, heifst es einfach scalprum. 
Der Liber Ordinis S. Victoris Paris, erwähnt neben einander 
scriptoria, artavos, cultellos, scarpellia, ^) Jo. de Janua erklärt 
artavus durch cuUellus scriptorum, und in den Statuten der 
Brüder vom gemeinen Leben wird vorgeschrieben:^) Uhr arm 
provideat scriptoribus nostris de instrumentis necessariis, vide- 
licet artafis, pennis, pumice, creta et similibus. 

Scalpellum est ferrum, quo cartas incidunt et pennas 
acuunt Script ores, steht in einem alten Glossar;^) durch scrih- 
rnezer wird es and,erswo erklärt.*) Im J. 1379 kaufte man 
in Wien einen cuttellus scripturalis für 6 Denare.^) Hieraus 
erklären sich die häufigen Scriptorale in Rockingers Kloster- 
rechnungen (S. 50), und willkommene Deutlichkeit bringt eine 
Stelle aus dem 16. Jahrb.: das Scriptral oder Schreibmesserlein, 
so er in der Hand gehabt. ^) 

Man sagte calamum acuere, temper are; davon kommt der 
italienische Name des Federmessers, temperino, temper atojo, 
während canif engl, hnife von deutscher Wurzel stammt. JoL 
de Garlandia sah bei dem Pariser Eisenkrämer artavos, und 
der Commentar sagt: Artavus dicitur Gallice hnivet, seil, cd- 
tellus qui tendit in altum; vel dicitur ab arte, quia eo arti- 
fices utuntur. Ein späteres engl. Glossar erklärt artavus a 
penknyfe. '^) 



*) Marlene, de antiquis ecclesiae ritibus III, 733. 

2) Serapeum XXI, 189. 

8) Eccl. Colon. Codd. p. 159. 

*) Flor. Glossen in Haupf s Zeitschr. XV, 348. , 

^) Notizenblatt d. Wiener Acad. V (1855) 392. CuUellus vielleicht 
Schreibfehler, doch vgl. couteau. 

^) Naumburg im Schmalk. Kriege. Festschr. des Thür. Sachs. 
Vereins, Halle 1873, S. 81. 

') Wright, Vocabularies S. 123 u. 210. 



Schreibwerkzeuge. 191 

Die Form der alten Federmesser, von der jetzt üblichen 
sehr abweichend, sieht man auf den sein* häufigen Abbildun- 
gen alter Schreiber, von welchen wir später einige nachweisen 
werden. 

Wurde nun die Feder angeschnitten, so fand man darin 
hilus vel hilum, id est medtilla penne, eyn feder sel,^) oder 
mit anderm Ausdruck pfaff in der feder. *) Hdbeat et artavum 
(cnivet) quo pennam informet (furmet), ut sit habilis et ydonea 
ad scribendum, ylo (medulla penne) extraeto, sagt Alexander 
Neckam. War der beseitigt, so mufste die Feder gespalten und 
geschnitten werden. Conr. de Mure sagt vom calamus d. h. 
der Feder: 

Concavus hie et fissus erit, percissus, acutus, 
Dexter pes brevior, latior alter erit. ^) 

Dem entsprechen die Verse von 1481 bei Rockinger S. 52: 

Dextera pars penne brevior sit parte sinistra. 
Hanc modicum scindas, sit aspera pulcraque dorso. 
Attenua dorsum. Discas bene ducere pennam. 

Umgekehrt heifst es mit metrischem Fehler, der für die 
Ursprünglichkeit jener anderen Version spricht: 

Dextera pars penne sit longior parte sinistra.*) 

Um mit Farben zu schreiben, mufste sie tiefer gespalten, 
benefissa, sein, nach dem Anonymus Bernensis. ^) 

P'ederproben findet man überall in alten Handschriften, 
oft die Worte probatio pennae, doch brachte man auch das in 
einen Vers: 

Incaustum dum penna probat, simul ipsa probatur. ^) 



Diefenbach S. 146. 

ä) Mone's Anz. Vni, 255. 

3) Anz. d. Germ. Mus. XIX, 314. 

*) A. V. Keller, Altdeutsche Handschriften (1872) 3. S. 30. 

«) bei Theophilus ed. Ilg S. 391. 

ß) Cod. lat. Monac. 14738 f. 87 v. 



192 I^ie Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Gewöhnlich traf der Tadel einer schlecht geschnittenen 
Feder den Schreiber selbst: 

Penna probatorem probat, ast reprobat reprobantem.^) 

Wer einen Vortrag nachschreiben wollte, mufste natürlich 
viele Federn bereit halten; Joh. von Tilbury sagt: nee rurm 
poterit calamos scalpello incidere, sed C aut LX in proniptu 
hdbebit, ut eius acumine ebetato eoque proieeto celerrime succe- 
dat alter scribendi offieio,^) 

Auch Metallfedern kommen vor. Angeblich unterschrie- 
ben die Patriarchen argenteo calamo. ^) Eine Metallfeder will 
Merryweather (Bibliomauia S. 103) in Eadwine's Psalter ge- 
sehen haben. 

In den merkwürdigen Verhandlungen über die Fälschungen 
Roberts von Artois um 1330 kommt vor, dafs Perrot de Salus 
eine Urkunde schrieb avee une penne ou plume d^airain, pour 
sa main desguisier,^) 

Blei fanden wir zum Ziehen der Linien verwandt, doch 
auch Bleistifte für die Schrift auf Tafeln erwähnt (S. 78). 
Ein Regensburger Klostervers saec. XII scheint mit plumhm 
sub arundine fixum ihre Einrichtung zu bezeichnen. ^) Am Ende 
dieses Jahrhunderts erzählt der Engländer Daniel von Merlai 
von den Pariser Vorlesungen: Cum dudum ab Anglia me eausa 
studii exeepissem, et Parisiis aliquamdiu moram fedssem, vi- 
debam quosdam bestiales in seolis gravi auctoritate sedes 
oceupare, habentes eoram se seamna duo vel tria, et desuper 
codiees importabiles aureis litteris Ulpiani traäitiones represen- 
tantes, nee non et tenentes stylos plumbeos in manibus, qui- 
bus asteriseos et obelos in libris suis quadam reverentia depin- 
gebant, ^) Das sind die Zuhörer, welche Notizen machen. 



Müllenhoff u. Scherrer 322. 

2) Val. Rose im Hermes VIII, 314. 

^) Montf. Pal. Gr. p. 21. Eine Bronzefeder ist in Rom gefunden 
nach Canina, Bull, del Inst. 1849 S. 169 (Marquardt n. 3512). 

*) Lancelot, Memoire pour servir ä Thistoire de Robert d' Artois, 
M^m. de TAcad. des Inscriptions X, 607. 

^) Münchener SB. 1873 S. 720. 

^) Berichtigt von Val. Rose im Hermes VIII, 347. 



Binte. 193 

Randglossen, mit Blei geschrieben, die später theilweise mit 
Dinte sauber abgeschrieben sind, zeigt der cod. Colon. 203 des 
Priscian aus dem 13. Jahrhundert.^) Häufiger sind breite, zu 
diesem Zweck bestimmte Ränder, welche ganz frei geblieben 
sind. Die Ethica Ludolphi im Wiener cod. 883 scheint nach 
der nicht ganz verständlichen Unterschrift 1339 in Deventer 
mit Blei nachgeschrieben, und dann mit Dinte mundiert zu 
sein.^) 

In der überaus merkwürdigen Vorsclirift für die Anferti- 
gung einer Chronik aus Winchester heifst es: Vestri itaque 
studii eritj ut in libro iugiter cedula dependeat, in qua cum 
plumho notentur obitus illustrium virorum et aliquod de reyni 
statu memoriale, cum audiri cwitigerit. In fine vero annl, 
non quicunque voluerit, sed cui iniunctum fuerit, quod verius 
et melius censuerit ad j^osteritatis noticiam transmittendum, in 
corpore libri succincta brevitate descrihat; et tunc veteri cedula 
subtracta nova imponatur,^) 

4. Dinte. 

In alten Handschriften ist die Dinte schwarz oder bräun- 
lich, immer von ausgezeichnet guter Beschaffenheit. Nachdem 
aber vom 13. Jahrhundert an immer massenhafter geschrieben 
wird, erscheint die Dinte häufig grau oder gelblich, und ist 
zuweilen ganz verblaust. 

Griechisch hiefs sie (isXav, fiiXav cp YQdg)0(i£V, yQaq)ixov 
fiiXav, (leXaviov; man unterscheidet davon fzsjLavrrjQla , die 
Schuhschwärze. Ebenso benannten die Römer sie von der 
Farbe atramentum, welches als librarium von dem atramentum 
sutorium unterschieden wurde. Sachlich entspricht die Be- 
nennung bla^k in altem Deutsch und Dänisch, so wie auch 
angelsächsisch. *) 



*) Eccl. Colon, codd. p. 90. 

2) Peiper in d. Zeitschr. f. deutsche Philol. V, 166. 
^) Descriptive Catalogue of Materials relating to the history uf 
Great Britain 111, Preface p. XIX. 

*) incmifftum vel atramentum, hlaec. Glossar bei Wright S. 46. 

WattenbacU, Schrift weson. 2. Aufl. 13 



194 I^ie Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Man benutzte aber auch den Saft des Dintenfisches, sepia. 
Damit schreibt der faule reiche Jüngling bei Persius III, 13, 
der spät erwachend, sein Schreibgeräth fordert und mit der 
Dinte unzujfrieden ist: 

Jam Über et bicolor positis membrana capillis,^) 
Inque manus chartae nodosaque venit arundo. 
Tunc queritur crassus calamo quod pendeat humor. 
Nigra quod infusa vanescat sepia lympha, 
Dilutas queritur geminet quod fistula guttas. 

Nach der Bereitung, ob mit oder ohne Feuer, unterschied 
man syxavörov und dreQafivov; doch ist letzteres nur aus 
Glossen bekannt, und jenes ganz allgemein im Gebrauch, ohne 
Rücksicht auf die Bereitung. Zuerst nachzuweisen ist die la- 
teinische Form encaustum bei Augustin und Fortunat; später 
ist incattstum gewöhnlich,^) davon ital. inchiostro, böhm. in- 
Tcousty franz. enque,^) euere, englisch ink,^^ hoU. ivikt. 

Lucifer von Cagliari saec. IV. sagt nach einem Citat bei 
Du Gange una tincta subseriptionis tuae. Der Vocabularius 
optimus ed. Wackernagel, erklärt incaustum, sepia durch tingta; 
die Florentiner Glossen in Haupt's Zeitschrift XV, 341 incau- 
stum, atramentum id est tincta. Dieses sonst kaum vorkom- 



^) Wenn man sich dazu an TibuU. III, 1, 9 erinnert: Lutea sed 
niveum involvat membrana libeUum, so scheint es, dafs man an den 
farbigen Umschlag der Rollen denken mufs. Sonst wäre es eine äufser- 
lich gefärbte Pergamentrolle. Er selbst schreibt auf Papyrus. 

^) Nicht zustimmen können wir der Ableitung: Incaustum com- 
ponitur ex prepositione in et verho causton, quod dicitur nigrum. SB. 
d. Münch. Acad. 1873 S. 713 e cod. saec. XII. In dem Petershauser 
Missal in Heidelberg 9 xlix ist eine Federprobe saec. XU: prolacio 
pennae et caustae, 

^) Wie H.Prof.Tobler mir mittheilt, findet sich enque schon im 11. Jahr- 
hundert; Alexanderlied 57 a: Quier mei, hels fredre, et enque e parcha- 
min; eine andere altfranz. Form ist enche, encre erst seit dem 14. Jahrh. 
zu belegen. Altfranz, ist auch sehr häufig das aus atramentum entstan- 
dene arrement, airement, atrement, erstere Form im Rolandslied 1933; 
atrament, airament sind auch altprovenzalisch. Vgl. hierzu Egger, sur 
les noms, qui ont servi ä d^signer Teuere, im Bull, des Antlquaires de 
France 1870 S. 151—158. 

*) incaustum angl. ynke. Wright S. 210. 



Dintc. lOf) 

mende Wort ist der Ursprung des span. tinfa, unseres Dinte, 
welches schon sehr früh vorkommt.^) 

In ältester Zeit wurde die Dinte ganz wie jede andere 
Farbe behandelt, wie noch jetzt im Orient. So heifst es bei 
Demosth. de Corona p. 313 ro fitXai' rglßeiv, Sie liefs sich 
dann auch leicht wieder abwaschen; yiXxißidörjg ßgt^ag rov 
ödxTvXov tx Tov ötofiarog öi?jjL(:ttpt r^r rf/x/yr rov ^^Hpnioroz. 
Athenaeus IX p. 407. Mit dem Schwamm konnte man die 
Schrift vertilgen, daher spongia drJctilis, Varro ap. Non. II, 
212. So sagt Augustus bei Sueton c. 85 von seiner Tragödie, 
Aiaccm siium in spongiam incuhulsse. In der Vita Calignlae 
c. 20 erzählt Sueton von dem litterarischen Wettstreit, welchen 
Caligula veranstaltete: Eos aiitem qui maxime displicuissent, 
scripta sua spongia linguave delere iussos, nisi ferulis ohiur- 
gart aut ßumine proximo mergi vohiissent, Anunianus Mar- 
cellinus XV, 5, 4 erzählt zum J. 354 von einer Fälschung: 
imnieulo serie litferarum ahstersa . . . alter superscribitur tex- 
tiis. Doch sah man nachher die Spuren. 

Natürlich liefs die Schrift sich um so leichter abwaschen, 
je frischer sie war; daher will Martial (IV, 20) mit dem eben 
vollendeten Buch gleich auch einen Schwamm schicken, um, 
wenn es nicht gefalle, es ganz zu tilgen. 

Dum novus est neque adhuc rasa mihi fronte libellus, 

Pagina dum tangi non bene sicca timet, 
I puer et caro perfer leve munus amico, 

Qui meruit nugas primus habere meas. 
Curre, sed instructus: comitetur Punica librum 

Spongia, muneribus convenit illa meis. 
Non possunt nöstros multae. Faustine, liturae 

Emendare iocos, una litui'a potest. 

Auch Ausonius (epist. 7) gedenkt noch des Schwammes in 
ähnlicher Weise, indem er ein Begleitschreiben zu einem Ge- 
schenk von 30 Austern mit folgenden Versen beschliefst: 



*) s. Grimm's Wörterbuch s. v. Dinte. Im Vocabularius rerum von 
1433 bei Mone, Anz. YIII, 251: tincta, tinkch. In Tegernsee sagte man 
tincke. 

13* 



196 I^ie Schreibgeräthe und ihre Anwendun . 

Sed damnosa nimis panditur area. 
Fac campum replices, Musa, papyrium, 
Nee iam fissipedis per calaii^i vias 
Grassetur Cnidiae sulcus arundinis, 
Pingeas aridulae subdita paginae 
Cadmi filiolis atricoloribus, 
Aut cunctis pariter versibus oblinat 
Fulvam lacticolor spongia sepiam. 
Parcamus vitio Domnotinae domus, 
Ne sit Charta mihi carior ostreis. 

Man sieht daraus, dafs in Gallien damals Papyrus ziem- 
lich theuer war. 

Auch der byzantinische Schreiber hatte einen Schwamm, 
der nach Phanias zum Abwischen des Schreibrohrs diente, von 
Paulus Silentiarius 65, 8 aber als Heilmittel gegen Irrgänge 
des Griffels d. i. des Schreibrohrs bezeichnet wird. 

Der mittelalterliche Schreiber dagegen konnte den Schwamm 
nicht dazu gebrauchen; er mufste radieren, und die radierte 
Stelle mit Kreide glätten. Alcuin^) schreibt: fraterno pumice 
corrigite Script oreni, und genauer Cosmas von Prag an Gerva- 
sius, indem er ihn auffordert, nach Gutdünken Aenderungen iu 
seinem Werke vorzunehmen: Accipe in manum rasorium, caU 
cmi et calamum. Und Vincenz von Prag an König Wladis- 
laus: Si qua etenim in eo sunt corrigenda, novaculam, et si 
qua augenda, calamum velociter scribentem presto tenemus. Vgl. 
auch oben S. 176. 

Als Bestandtheile des atramentum librarium giebt Plinius 
Rufs und Gummi an. 2) Marcianus Capella erwähnt zuerst die 
Galläpfel:^) gallarum gummeosque commixtio. Isidor Origg. 
XVII, 7, 38 gedenkt auch ihi*er Verwendung zur Dinteberei- 
tung. Doch haben auch die Alten schon metallische Dinte ge- 
habt, welche daran kemitlich ist, dafs Schwefelammonium darauf 
wirkt. Eine Mischung von Kupfervitriol und Galläpfeln soll 



1) Ep. 141 bei Jaff6, Bibl. VI, 544. 

-^) Hist. Nat. XXXV, 6. cf. Vitruv. VII, 10. 

«; 1. 111 § 2J5 p. 258 ed. Kopp. 



Dinte. 197 

am häufigsten sein. Nach der Vermuthung von Davy^) war 
die Veranlassung zu dieser Neuerung, dafs die früher gebräuch- 
liche Dinte auf dem Pergament nicht gut haftete. 

Auch im Mittelalter kommen verschiedene Dinten vor. 
Ein Recept giobt Theophilus in seinem wichtigen Werke: Di- 
versarum artium schedula, welches man früher ins neunte Jahr- 
hundert setzte, jetzt wohl richtiger ins zwölfte.*) Da heifst 
es I, 45 de incausto: Man nehme Rinde von Domenholz, lege 
sie in Wasser, um den Farbstoff auszuziehen, trockne die 
Masse, und wenn man die Dinte brauchen will, mache man 
sie mit Wein und etwas atramentum über Kohlen an. Hier 
ist nun die Frage, was unter dem atra/nientum zu verstehen 
sei; nach Hendrie Vitriol. Auch in einem Recept, welches 
mir Herr Dr. Nolte mitgetheilt hat, wird nach ausführlicher 
Anweisung über das Sieden des Weines verordnet, atramentum 
crudum hinein zu thun. 

Es entspricht dieser Bereitung, dafs nach den Statuten 
von Sempringham ^) dem Praecentor erlaubt war, das Calefac- 
torium zu betreten ad calefadendum incaustum, et scriptoribus 
ad siccandum pergamenum. Ebert (Zur Handschriftenkunde 
p. 34) theilt aus einem Altenzeller Codex von 1412 folgendes 
Recept mit: Ad fadendum bonum incaustum, „Recipe gallas 
et contere minute in pulverem, funde desuper aquam pluvialem 
vel cerevisiam tenuem, et impone de vitalo (1. vitriolo) quan- 
tum sufficit iuxta existimationem tuam, et permitte sie stare 
per aliquot dies, et tunc cola per pannum, et erit incaustus 



*) bei Theophil. ed. Hendrie p. 75. Durchgefressen hat die alte 
Dinte im S. Galler Virgil, im Plautus Ambrosianus die neuere etwa 
saec. VII. 

^) Theophili presb. et mon. libri tres seu diversarum artium sche- 
dula, opera et studio Caroli de L*Escalopier. Mit einer Einleitung von 
Jean Marie Guichard. Paris 1843. 4. Theophili, qui et Rugerus, 
presb. etc. studio Roberti Hendrie, Lond. 1847. 8. mit Benutzung einer 
früher nicht verglichenen, vollständigeren Handschrift im British Mu- 
seum ; sonst freilich eine wenig genügende Ausgabe. Jetzt mit umfassen- 
der Hand Schriftenbenutzung, mit Uebers. u. Einleitung, von Alb. Ilg, 
Wien 1874, als 7. Band der Quellenschriften für Kunstgeschichte. 

^) bei Du Gange s. v. encaustum. 



198 I^iß Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

bonus. Et si vis (seil, scribere), tunc impone modicum de 
gummi arabico, et ealefae modicum eirea ignem, ut solus in- 
caustus tepidus fiät, et erit ineaustus bonus et indelebilis, super 
quocunque cum eo scribes." 

Galläpfel und Vitriol sind in allen Recepten aus dieser 
Zeit die wichtigsten Bestandtheile. ^) Gewöhnlich wird Wein 
dazu genommen, so in der Anweisung in Pertz's Archiv X, 529: 

Äd faciendum bonum atramentum. 

Vitrioli quarta mediata sit uncia gumme. 
Integra sit gallo, super addas octo falerni. 

Anders ist folgendes Verliältnifs:^) 

Tres sint vitrioli, vix una sit uncia gummi, 
Gallarum quinque, sed aceto mersa relinque, 
Quattuor aut cahdas addat cerevisia libras. 
Vino emendabis ardente situmque fugabis. 

Die Stadtrechnungen von Nördlingen verzeichnen 1454 umh 
Tinten Zcikj und Wein dazu 1 Ff. ^ Schill, 1455 umb Wein 
an Tinten 14 gr,^) 



*) Man findet Recepte bei Mone, Lat. u. Griech. Messen S. 164, 
und bei Frid. Mone de palimpsestis ; Mittheilungen d. Centralcomm. XV 
p. CXXVII sehr ausführlich, aus Hohenfurt; Czerny, Bibl. v. St. Florian 
S. 65, wo das alte saec. XII aus Denis II, III, 2059 wiederholt ist; 
Caravita II, IGO e cod. Casin. 202, wo incaustrum steht; in Gernets Mit- 
theilungen aus der älteren Medicinalgesch. Hamburgs S. 370 ein Recept, 
das sich ein Procurator der Stadt um 1340 am päbstl. Hofe verschaffte. 
Viel bei Rockinger, Zum baier. Schriftwesen S. 30 — 36, besonders aus- 
führlich der modus queni servamus in Tegernsee iam communiter. Sickel, 
Hist. Zeitschr. XXVII, 449 verweist auch auf gedruckte Dintenbücher 
von 1531 u. 1532. Ein Recept de confectione endaustri e cod. Montis- 
pess. im Catal. des Bibl. des Dep. I, 751. 

■^) nach Franck, in Herrig's Archiv f. neuere Sprachen XL, 135. 

^) Beyschlag, Beyträge zur Kunstgeschichte von Nördlingen IV, 27. 
Viel der Art bei Rockinger S. 49 Anm. 2. Merryweather, Bibliomania 
S. 39 führt aus der Kirchenrechnung von Norwich von 1300 an: 5 dozen 
parchment 2 s. 6 d. 40 ^.s of ink 4 s. 4 d. 1 gallon of vini decrili 3 s. 
4 ^."^ of corporase. 4 ^.« of galls. 2 ^.s of gum arab 3 s. 8 d. to 



Dinte. 199 

Kein Vitriol finden wir in einem Recept saec. XV: „In- 
caustum bonum faciens recipe gallen III loet, et pulverisa mi- 
nute et cribra cribro, et infunde desuper quasi quartam aque 
pluvialis frigide, et fac simul illud stare ad unam horam."^) 
Umgekehrt fehlen Galläpfel in dem englischen Recept: To 
mähe texte ynkc. „Take II unces of grene vitriole, and cast 
hym together yn a quarte of standyng rayne water, and lett 
yt rest IUI dayes, and then take III unces of gome, and put 
therto, and lett yt stond III dayes together and rest, and then 
thou hast good ynke for texte lotter."*) 

Hier ist schon gar nicht mehr die Rede von der alten 
sorgfältigen Bereitung durch Kochen, noch auch von der Zu- 
that von Wein oder Essig. Von dem letzteren heifst es, daCs 
es für Pergament nöthig sei, nicht aber für Papier.^) Den- 
selben Unterschied macht ein von E. Steflfenhagen mitgetheiltes 
Recept.*) In anderen Anweisungen bei Rockinger S. 30. 34. 
35. scheint der Unterschied nur darin zu bestehen, dafs für 
Papier die Qualität geringer ist, S. 36 finden wir das Recept 
zu einem Dintenpulver, wie es die Apotheker machen,^) 
S. 32 aber eine Anweisung für incaustum graecum d. i. ain 
swarcze varb dy Main aus der veder gee sam ain har, aus 
ganz anderen Bestandtheilen. 

Welche Sorgfalt auf die Bereitung der Dinte verwendet 
wui'de, zeigt uns die vortrejßfliche Beschaflfenheit derselben in 
den älteren Handschriften. Als ein gesuchter, seltener Gegen- 
stand erscheint sie in einem Briefe an Wemher von Tegern- 



make ink. Leider sind seine Mittheilungen aus Handschriften sehr un- 
zuverlässig, durch Lesefehler und Druckfehler entstellt. 

^) Ratjen, Zur Gesch. d. Kieler Univ. Bibl. II, 93 n. 62. 

*) Wright and Halliwell, Reliquiae Antiquae I, 317 e cod. scr. 
a. 1511. 

^) Le Mänagier de Paris, traitö de morale et d'^conomie domestique 
composä vers 1393 par un bourgeois parisien (Paris 1846) U, 275. Vor- 
her S. 265 und 274 Recepte, u. S. 250 f. Dinte, die erst durch Erhitzung 
sichtbar wird. 

*) Anz. d. Germ. Mus. XVIII, 374. Sp. 375 noch ein anderes. 

*) Dergleichen Unten pulver wurde für die Kanzlei des Herzogs von 
Straubing gekauft, Rockinger S. 49 Anm. 1. 



200 I^ie Schreibgeräthe und ihre Anwendung 

see^): Audivi apud vos haberi incaustum, pro quo rogate do- 
minoSj ut ex parte sua quisque aliquid mihi transmittat. Auf 
alten Handel mit Dinte deutet der Satz in der Ordnung des 
Zolles zu Aosta unter Bischof Giso um 960: de saumata atror 
menti 1 den. d. i. der niedrigste Zollsatz. Es scheint sich um 
einen Thorzoll für den Verkauf in der Stadt zu handeln.^) 

Aus späterer Zeit pflegt man gerne die Klage Petrarca's^) 
anzuführen: Circa quintum et vigesimum vitae annum inter 
Beigas Helvetiosque festinans, cum Leodium pervenissem, audito 
quod esset ibi bona copia librorum, substiti comitesque detinui, 
donec unam Ciceronis orationcm manu amici, alteram niea 
manu scripsi, quam postea per Italiam effudi, et ut rideas, in 
tarn bona civitate barbarica atramenti aliquid, et id croco si- 
millimum, reperire magnus labor fuit. Man benutzt diese 
Stelle gewöhnlich, um den tiefen Verfall der Studien vor dem 
Auftreten der Humanisten anschaulich zu machen. Allein das 
ist ein gänzlicher Fehlgriff. Geschrieben wurde damals aufser- 
ordentlich viel; daran fehlte es nicht. Auch sind gerade aus 
jenen Gegenden in demselben 14. Jahrhundert die herrlichsten 
kalligraphischen Prachtwerke hervorgegangen, deren glänzend 
schwarze Dinte den Neid der modernen Schreiber zu erregen 
geeignet ist. Nur dadurch kann deshalb jene Schwierigkeit 
entstanden sein, dafs Dinte nicht käuflich war; sie wurde für 
die Kanzleien und Schreibstuben bereitet,*) und was man kau- 
fen konnte, war schlecht, wie leider heut zu Tage in der Regel 
auch. Doch werden wir auch in Betracht zu ziehen haben, 
dafs gerade damals (1333) die schweren Kämpfe der Lütticher 
mit ihrem Bischof Adolf von der Mark eben überstanden waren, 



*) Günthner, Geschichte der litterarischen Anstalten in Baiern, 
I, 240. 

2) Gallia Christiana Xllb, 485. Diese Stelle, wie noch viele andere, 
verdanke ich E. Dümmler. 

') Rer. senil. XV ep. 1, p. 448. 

*) So in den Hamburger Kämmereirechnungen I, 433 a. 1386: XV 
sol. pro materidlibus ad incaustum. In der Pariser Steuerrolle von 1292 
(ed. Göraud p. 506) ist eine encriere. 



Binte. 201 

durch welche die Stadt sehr gelitten hatte, so dafs ein all- 
gemeiner Schlufs aus jener Bemerkung unzulässig ist. 

Die Brüder vom gemeinen Lehen, welche die fleifsigsten 
Schreiher des ausgehenden Mittelalters waren, gaben deshalb 
ihrem librarius die Vorschrift:^) Item hdbeat soUicitudinem de 
incausto hraxando cum deputato sibi coadiutore, et quaerat 
iitique ut bonum incaustum fiat, quia facile honi libri propter 
malum incaustum annichilantur. 

Von den Bezeichnungen der Dintenfässer haben wir 
diejenigen schon erwähnt, welche von den Rohren und Federn 
hergenommen sind. PoUux X, 60 hat den Ausdruck (leXavöo- 
Xov (accus.); auch fitXavöoxr], (i^Xavdox^lov kommen vor, im 
Epigramm des Phanias ßQoxh von ßQtxsiv, Lateinisch ist 
atramentarium, Ezechiel IX, 2 sagt: et atramentarium scrip- 
toris habehat in lumbis suis (vgl. oben S. 187), und Balthasar 
Schlauch verkündet in den Epistolis obscurorum virorum 1. II 
ep. 30 voll Freude, dafs er darin Johann Pfefferkorn erkaimt 
habe, quia Joannes Pfefferkorn semper habet atramentarium' 
secum, et scribit in predicationibus vel conventicuUs autoritates 
et notabilia, Angilbert schenkte seinem Kloster Centula oder 
St. Riquier atramentarium Optimum argenteum auro para- 
tum,^) Von incaustum abgeleitet ist das incausterium, welches 
sich die Hamburger 1387 kauften.^) 

Häufig war es ein einfaches Hörn, welches durch eine 
Oeffnung des Schreibpultes gesteckt wurde, wie man das auf 
vielen Abbildungen sieht. Dem Evangelisten Johannes freilich 
hält ein Adler ein grofses Dintenhorn im Schnabel,*) und 
Hraban(us) hat das seinige neben sich an der Wand befestigt.^) 
Siegfried, 1168 zum Erzbischof von Bremen erwählt, schrieb 
an Adalbert von Salzburg, ihn an alte Freundschaft erinnernd: 
Postmodum autem cornu domini Danielis episcopi cum stilo 



') in dem 1494 gedruckten Reformatorium, Serapeum XXI, 189. 

2) D'Achery, Spicilegium ed. II. H, 306. 

^) Koppmann, Hamb. Kämmereirechnungen I, 459. 

*) Benedictionale Aethelwoldi, Archaeologia XXIV PI. XIV. 

^) Schwarz de omamentis librorum Tab. I ex vet. codice. 



202 I^ie Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

argenteo mihi transmisistls,^) Bischof Dauiel von Prag ist ge- 
meint, der 1167 gestorben war. Lambert von Ardre sagt am 
Schlufs eines Abschnittes seiner Chronik:^) exhausto corniculo 
pennam slccam subtrahim^s. Ein Spottgedicht des 13. Jahrb. 
schliefst: 

Fuso cornu, folio rupto quod plauavi, 
Fracta penna, tedio coactus cessavi.^) 

Der Karthäuser erhielt swei comua, wohl für rothe und 
schwarze Dinte, und so sind häufig auch die Schreiber ab- 
gebildet. Job. de Garlandia nennt cornu cum incausto unter 
dem Schreibgeräth, und Conr. de Mure sagt 1275: Unde dicor 
miis, quod quelibet professio habet sua instrumenta; a/rma et 
gladius sunt militis instrumenta , subule et forme sutoris, acus 
pelUficis, petma et cornu scriptoris, libri et litter e clerici in- 
strumenta.^) 

Von cornu wird cornicularius abgeleitet, von dem Cassio- 
dor Vari*. XI, 36 sagt: Praefuit enim cornibus Secretarii Prae- 
toriani, unde ei nomen derivatur. 

Davon kommt franz. cornet; in der Pariser Steuerrolle von 
1292 sind 2 cornetiers, wovon einer als feseur de cornet be- 
zeichnet wird.^) In einem englischen Glossar saec. XV steht 
hie cornu (sie) a hörne ;^) vollständiger sagt man ifikhorn. 

Ein allgen^einer lateinischer Ausdruck ist seriptoriumj der 
vorzüglich in Frankreich üblich war und in ecritoire überging. 
Er kommt in der Regel der Canoniker von S. Victor und in 
der Regel der Karthäuser vor. Auch Ordericus Vitalis'^) im 



^) Sudendorf, Registrum I, 81. Es war schwerlich ein wirkliches 
Hörn; ain hupferein koren kommt bei Rockinger S. 39 vor, S. 41 cornu 
stagneum. 

'^) Chronique de Guines et d* Ardre (bis 1203) publ. par le Marquis 
de Godefroy M^nilglaise (Paris 1855) S. 85. 

5) Anz. d. Germ. Mus. XVII, 363. 

*) Quellen z. Bayer. Gesch. IX, 457. 

^) Göraud, Paris sous Philippe-le-Bel, p. 602. 500. 

«) Wright, Vocabularies S. 210. 

') III, 7 ed. Le Prevost Vol. II p. 94. 



Rothe Farbe. 203 

Anfange des zwölften Jahrhunderts rühmt von dem Abt Osbern 
von S. Evroul: Juvenes valde coercebat eosque bene legere et 
psallere atqtic scribere verbis et verberibus cogebat. Ipse pro- 
priis manihus scriptoria paeris et indoctis fabricabat, tabulas- 
que cera illitas praeparabat 

Auch in Tegemsee war der Name üblich,^) und ebenso das 
entsprechende deutsche Wort Schreibzeug. Dafs dieses häufig 
dazu eingerichtet wai', auch Rohre und Federn aufzunehmen, 
sahen wir schon oben S. 187, und so bezeichnet auch Paulus 
Silentiarius VI, 65 das seinige, welches viele OeflFnungen hatte, 
um die Rohre hinzustecken: 

Kai xiörriv jtoXvcojta iitXavdoxov, elv Ivl jtccvta 
EvyQatpiog rsxvfjg oqyava Qvo^iivTiv. 

5. Rothe Farbe. 

Schon von den alten Aegyptern wurde die rothe Farbe 
gebraucht, um die Abschnitte in den Handschriften besser 
hervorzuheben. Davon ist bei den Römern das Wort rubrica 
gebildet, dessen frühe Anwendung in übertragener Bedeutung*) 
die allgemeine Sitte erkennen läfst. 

Auch zur Verzierung wurde die Farbe gebraucht, und an 
den rothen index oben S. 107 reihen sich die von Aldhelm als 
virgilisch angeführten Eingangsverse eines Gedichts:*) 

Carmina si fuerint te iudice digna favoro, 
Reddatur titulus purpureusque nitor. 

Sin minus, aestivas poteris convolvere sardas, 
Aut piper aut calvas hinc operire nuces. 

Hier ist vielleicht die Färbung der Ueberschrift gemeint, 
welche wir in den ältesten Handschriften gerne abwechselnd 
mit rothen und schwarzen Zeilen geschrieben finden. In Hand- 
schriften der Classiker aus den ersten Jahrhunderten pflegen 



^) Eockinger, Zum baier. Schriftwesen S. 50. 
2) bei Pers. V, 90 für Gesetz. 

^) Anthol. ed. Riese n. 675; bei Muratori, Anecdota ex Ambros. 
blbl. codd. II, 211 irrthamlich Theodulf beigelegt. 



204 I^*e Schreihgeräthe und ihre Anwendung. 

die ersten Zeilen der Bücher roth zu sein, so im Wiener Li- 
vius^) und im Florentiner VirgiP) drei Zeilen, im Pariser 
Livius fünf Zeilen.^) Drei rothe Zeilen am Anfang jedes Buches 
der Bibel sind in dem Palimpsest unter Ephraem Syrus (ed. 
Tischendorf 1845), zwei am Anfang jedes Evangeliums in den 
beiden ältesten Codices (Bodl. und Corp. Christi) aus Canter- 
bury. 

Wichtiger ist die Anwendung der rothen Farbe zur besse- 
ren Uebersichtlichkeit des Textes. Hieronymus in der Vorrede 
zu seiner Chronik erwähnt die virgulas rebus pariter ac nu- 
meris intertextas, d. h. entweder einzeln eingestreute Bemer- 
kungen, oder auch nur Zeichen, welche in gleichen Formen zu 
den Zahlen und zu den geschichtlichen Berichten gezeichnet 
waren. Die Schreiber, ermahnt Hieronymus, sollen Acht geben: 
protit quaeque scripta sunt, etiam colorum diversitate serverdur. 
Er giebt auch den Grund an: Id enim elucubratum est, quo 
regnorum tramites, qui per vicinitatem nimiam paene midi 
erant, distinctione minii separarentur. Diese Form ist nach 
dem Herausgeber A. Schoene im Cod. F erhalten, später, etwa 
im Anfang des sechsten Jahrhunderts, habe dann ein Gramma- 
tiker alle Historien in einem fortlaufenden Spatium vereinigt, 
und in der Vorrede eine Stelle eingeschaltet, in welcher An- 
leitung gegeben wird, durch verschiedene Verbindungen von 
Roth und Schwarz den einzelnen Bemerkungen ihre Stelle an- 
zuweisen. 

Ganz allgemein war im Mittelalter die Sitte verbreitet, 
nicht nur die Abschnitte durch rothe Rubriken hervorzuheben, 
sondern oft auch jedes irgend bedeutendere Wort mit einem 
rothen Strich zu bezeichnen. Aber auch in weiterem Umfange 
wurde die rothe Farbe angewandt. In einem Cod. saec. X von 
Gregors I Registrum sind die Daten roth,*) was auch sonst 



*) s. Archiv der Gesellschaft f. alt. d. Gesch. IV, 520 und Silvestre. 

^) Facs. bei Silvestre. Nouveau Traitö II, 110, wo dasselbe vom 
Vaticanischen Virgil, dem Cyprian und Augustin in St. Germain be- 
merkt wird. 

^) Facs. bei ChampoUion-Figeac, Pal^ogr. des Classiques Romains. 

*) Eccl. Colon. Codd. p. 36. 



Rothe Farbe. . 205 

vorkommt. Sehr oft ist der Text roth geschrieben, der Com- 
mentiir schwarz. In Reuchlins Codex der Apocalypse, etwa 
saec. XII, jetzt in Maihingen, ist der Text nur durch rothe 
Häkchen bezeichnet, und das erste Wort roth ausgezeichnet; 
daneben steht am Rande roth xtliisvoj', und wo der Commen- 
tar beginnt, iQfijjvela.^) Aber in einer Baseler griechischen 
Handschrift in alter Minuskel ist der ganze Text des Gregor 
von Nazianz roth, der Commentar des Elias von Kreta schwarz.*) 
Auch der dreibändige Commentar Cassiodors zu den Psalmen 
in der Bobienser Bibliothek war cum textu rubeo 2)snlmorum 
geschrieben.^) Beda's Commentar zum Marcus saec. VIH in 
Libri's Catalog S. 32 n. 139 enthält den Text in rothen Un- 
cialen (Facs. pl. V); in rother Minuskel, vom schwarzen Com- 
mentar umgeben, der 1067 geschriebene Commentar des Remi- 
gius zu den Paulinischen Briefen, ib. S. 259, und ähnlich der 
Servius saec. XIV, S. 210 n. 935. Auch in einer Augsburger 
Handschrift saec. XII von Hieronymus' Commentar zum Jere- 
mias sind die Textworte roth.'*) In dem Sanctgaller cod. 21 
saec. XII ist Notkers Psalmenübersetzung schwarz, der Text 
roth, dagegen in einem Psalter in Cambridge die angelsäch- 
sische Interlinearversion roth.^) 

Fehlt es also hierfür nicht an Beispielen, so ist doch eine 
so ausgedehnte Anwendung der rothen Farbe immer eine Aus- 
nahme. In später Zeit, als die Parallelchroniken der Kaiser 
und Päbste aufgekommen waren, findet sich zuweilen Mennig 
für eine ganze Hälfte des Textes angewandt; ebenso auch die 
damals sehr beliebte blaue Farbe. Beide waren vom 13. Jahr- 
hundert an regelmäfsig für die Anfangsbuchstaben und son- 
stige Verzierungen in Gebrauch; darum heifst es in dem oft 
erwähnten Wörterbuch*^): Minium, rote dint, est color rubeus, 



*) Fr. Delitzsch, Handschriftl. Funde I (1861) mit Facsimile. 
*2) Serapeum XVII, 182. 

^) Inventar von 1461, bei Peyron vor seiner Ausgabe der Cicer. 
Fragmente (Stuttg. 1824) p. 13. 

'*) Mezger, Gesch. d. k. Bibl. in Augsburg S. 64. 

®) Univ. F. f. 1. 23 bei Westwood, Anglo-Saxon Psalters N. 1. 

*) Serapeum XXIII, 279, wo lazarhim steht , aber der von W. Wacker- 



206 I^ie Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

quo depingi solent litterae capitales, Lazurium, pla dint, 
est color plaveus vel coelestis, quo etiam depingi solent litterae 
capitales. 

In den Handschriften italienischer Humanisten erscheint 
anstatt des lebhaften, dick aufgetragenen Mennichs eige rothe 
Dinte, welche der heutiges Tages üblichen gleicht. Dagegen 
ist in alten Handschriften aus den Uebergangszeiten und bis 
ins zehnte Jahrhundert hinein das Roth häufig blafs und ohne 
Lebhaftigkeit. 

Der griechische Name ist fieXdvto2> xoxxcvov, aus welchem 
Fabricius mifsverständlich einen Schriftsteller Melanins Cocinus 
gemacht hat. Es findet sich nämlich im Cod. Reg. 1261 (jetzt 
2224) ein Recept gegen das Fieber, welches abergläubischer 
Weise mit rother Dinte geschrieben werden sollte: ^EQftrjvek 
ütdvv (6<pe2,Lfiog dq rov j^vgerov ' yQdg)6rat 6^ ovrc9g (leza (is- 
Xavlov xoxivov. In den Hieroglyphicis von Horapollon wird 
von einer Hieroglyphe gesagt: MiXav xal xoxxcvov xal öxoIvlov 
C,a)YQaq)ovöi, und wirklich ist es eine Schreib tafel mit einem 
schwarzen und einem rothen Napf und einem Rohr. Durch 
einen Schreibfehler aber ist schon in alter Zeit xooxivov ge- 
setzt, und eine lächerliche Erklärung dafür erdacht. 

Beides ist von Brunet de Presle nachgewiesen, in den 
Comptes rendus de l'Academie, 1865 S. 172. 

Ursprünglich verschieden davon ist die Purpur dinte, 
xivvdßaQtg, sacrum incaustum, in Byzanz, deren Gebrauch dem 
Kaiser vorbehalten war.^) Basill. II, 5, 26: dvioxvQog ecw 
ßaöiXcxTj xVQBVovOa dvrcyQaiprj vjtoyQa^prjg X^^Q^^ ßaöiXiXTJg xffi 
Ig iyxavTTJg iöxsvaöiiivrjg xoxXov. Diese geheiligte Dinte 
wurde verwahrt im xavixXuov , caniculus,^) das einen eigenen 
Kammerherm zum Hüter hatte: 6 lütt xavtxXeiov , caniclinus. 



nagel 1847 zur Begrüfsung der Philologenversammlung in Basel gedruckte 
Vocabularius optimus saec. XIV liegt jenem zu Grunde, und da steht 
S. 29: lasurum blauarwe. 

*) Belegstellen bei Rein, Criminalreclit der Römer S. 534 u. 555. 

'^) Das scheint jedoch mehr Vermuthung als Thatsache zu sein. 
und vielleicht wird das Wort xavlxkeiov richtiger von dem lat. cancelH 
abgeleitet. 



Rothe Farbe. 207 

Ragewin bezeichnet ihn Gesta Frid. III, 47 als unus de servis 
palatii, canicUnus videlicet, quem nos cancellarium dicere pos- 
sumus. Reichs Vormünder unterzeichneten grün, mit ßarQax^tov 
XQ^iici. 

Eusebius ad Carpianum nennt jedoch auch die rothen 
vjtoOfjfieioiötig der Bücher dia xcvvaßaQscog, und es scheint 
häufig kein Unterschied wahi'nehmbar zu sein, wie auch Mont- 
faucon aus eigener Anschauung versichert. Ursprünglich war 
nämlich die Kaiserdinte nach den Stellen der Alten wirkliche 
Purpurfarbe; aber die mag aufser Gebrauch gekommen sein, 
als die Purpurfabrication selbst aufliörte. Theophilus I, 41 
giebt richtig an, dafs cenohrium aus Schwefel und Quecksilber 
bereitet werde, minium (c. 44) aus Bleiweifs, aber die Aus- 
drücke sind in alter Zeit nicht immer unterschieden, viel- 
mehr erscheinen xivvdßaQig und minium oft als gleich- 
bedeutend.^) 

Die älteste bekannte Art kaiserlicher Unterzeichnung war 
einfach mit legimus, wie es unter dem griechischen Brief an 
Pippin bei Mabillon und Montfaucon zu sehen ist und von 
Karl dem Kahlen nachgeahmt wurde. ^) Die Unterschrift seiner 
Urkunde für das Martinskloster zu Tours, welche er noch als 
König ausstellte , ist auf dem Facsimile jenes griechischen 
Briefes unter dem legimus des griechischen Kaisers gegeben; 
ebenso erscheint es auf der Schenkung von St. Eloi an die 
Pariser Kirche vom 12. Mai 846, facs. im Musee des Archives 
S. 30. Die Stiftungsurkunde für Compiegne bei Mab. S. 406, 
Tab. XXXI. hat dasselbe Wort, aber hier ist aufserdem auch • 
das Monogramm des Kaisers rotli. 



*) Vgl. hierzu Fr. Delitzsch, Handschriftl. Funde II, 58—61, und 
in der Deutschen morgenl. Zeitschr. 1863 S. 675 — 681: lieber die rothen 
Farbstoflfe der Alten (auch über Aa/a?, lacca, Cochenille), und die von 
Eockinger S. 36 ff. aus dem Liber illuministarum mitgetheilten Recepte. 
Auch cod. lat. Monac. 7623 saec. XII et XIII: BaUo faciendi cinnahar 
minium aliaque pingenti et scrtbenti necessaria. 

^) Vgl. dviyvcDy in ägypt. Papyrus, und legimus des Erzb. v. Ra- 
venna bei Marlni, Pap. Dipl. Tab. XX, und dazu die Bemerkungen 
S. 366. 367. 



208 1^16 Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Die spätere Art der vollständigeren Unterschrift griechi- 
scher Kaiser ist zu sehen von Androuicus a. 1286 bei Pasiiii 
I, 360, von 1428 bei Pasquale Placido^), und von 1451 in den 
Sitzungsberichten der Wiener Akademie VI, 531 in einem 
schönen Facsimile; bei Montfaucon p. 301 die Unterschrift der 
Kaiserin Irene Ducaena, kurz vor 1118, unter dem Typicou, 
der Regel für das von ihr gestiftete Nonnenkloster. Als die 
Berechtigung auf Prinzen und Despoten ausgedehnt wurde, be- 
hielten doch die Kaiser das firjVoXoyelv y die rothe Schrift des 
Datums, sich vor.^) 

Nachgeahmt wurde diese Sitte von den langobardischeu 
Fürsten in Unteritalien, deren Monogramme minio ducta sind, 
wie Gattola an Mabillon schrieb^), und von den sicilischen 
Königen nach folgender Stelle einer Urkunde von 1142: JJnde 
ad certitudinem didae scntentlae posuimus nostra sigilla, ei 
Dominus Rex posuit suum Signum per litter as rubeas, et sig- 
num Crucis fecit ad suam confirmationem, et fecimus instru' 
mentum Episcopo et Domino Gilherto cum alphaheto cum in- 
Castro ruheo de donatione et contractihus,^) In der bald zu 
erwähnenden Urkunde Roger's in Goldschrift von 1139 ist das 
Datum roth geschrieben.^) 

Auch die serbischen Fürsten des 14. Jahrhunderts, Ste- 
phan Duschan, Symeon Urosch, Maria Angelina, unterzeichueo 
roth.*') 

Die griechischen Kaiser, unter welchen mehrere Kalligra- 
phen waren, bedienten sich dieser Dinte auch für die heihgen 
' Schriften. So besitzt M. Curzon ein Evangeliai% welches Alexius 
und Emanuel Comnenus geschrieben haben sollen. Darin ist 
die erste Seite gemalt, die zweite und dritte mit Purpurdinte 



^) Illustrazione di tre diplomi Bizantini, Nap. 1862. 
^) ünterschr. des Despoten Demetrius von 1450 bei P. Placido 1. c. 
^) Valery, Correspondance de D. Mabillon III, 163. 
*) apud Rochum Pirrum tomo I. Notit. Sicil. p. 311. bei Du Gange 
s. V. Encaustum, I, 390 ed. tertiae. 
^) Morso, Palermo antico S. 397. 
®) Revue Arch^ologique, Mars 1864. 



Goldschrift. 209 

geschrieben und mit Goldstaub übergoldet. ^) Durch solchen 
Urspning erklärt es sich vielleicht auch, dafs die Fragmente 
paulinischer Briefe in Uncial des neunten Jahrhunderts, in 
Hamburg und London, ganz roth geschrieben sind, der Titel 
vergoldet ist.*) 

6. Goldschrift. 

Goldschrift war sehr beliebt, im byzantinischen Reiche 
noch häufiger als im Abendlande. Bald schrieb man ganze 
Handschriften in Gold, bald nur die üeberschriften oder die 
ersten Seiten, den übrigen Text häufig in Silber, wovon schon 
oben beim farbigen Pergament manche Beispiele gegeben sind.^) 
Auf diesem konnte man natürlich nur solche Schrift brauchen. 
Man nannte es XQvöoyQatpla oder xQ^^^7Q^f^/^^^> ^'^<l ®s gab 
eigene XQ'^<^oyQdq)ot,, xQ^(>OYQa^eTg. Montfaucon (Pal. Gr. p. 5) 
theilt aus griechischen Handschriften Recepte mit und ver- 
sichert, dafs man gelungene Versuche damit gemacht habe.*) 
Schreiben soll man mit dem Pinsel, fiera ^coyQaq)txov xovöMov; 
Theophilus aber, der auch Recepte hat, spricht nur vom Schrei- 
ben. ^) In Brescia ist ein Evangeliencodex aus S. Giulia, den 
die Nonnen als Breviarium Ansäe reginae bezeichneten, mit 
Silber auf Purpur geschrieben, die ersten Zeilen der Evangelien 



^) A Catalogue of the Curzon library p. 24. 

*) nach Henke bei Tischendorf Anecd. p. 175. 

^) Vgl. Montfaucon, Palaeogr. p. 4. Ein Verzeichnifs so geschrie- 
bener biblischer Handschriften bei Bianchini, Evangeliarium Quadruplex 
(Romae 1749 f.) II fol. DXCI— DXCVIII: De codicibus aureis, argenteis 
ac purpureis. Nouveau Trait^ II, 101 flf. 

*) Muratori Antt. IV, 692 ed. Aret. giebt drei Recepte, darunter 
eins für scriptio similis auro; Boehmer eine Praeparatio auri ad scri- 
hendum in Mone's Anzeiger für Kunde der Vorzeit V, 90 ex cod. Lugdun. 
s. XL Vgl. auch Nouveau Trait6 II, 107. Bandini Codd. latt. II, 419 
führt aus einem cod. Prisciani saec. XII an: Ratio faciendi litteras au- 
rects et rosas, d. h. rothe Verzierungen, Rosetten. Verse auf Scripturam 
pulchram si quis sibi scribere quaerit Ex auro werden angeführt e cod. 
S. Amandi s. XII Archiv VIII, 436, Mangeart n. 145, u. e cod. Monac. 
Rockinger S. 48. Bei diesem S. 39 ff. viele Recepte für echte und un- 
echte Goldschrift. 

*) I, 34—37 ed. Ilg; überall scribere, u. S. 81 tinges calamum. 

Wattenbach, Schriftwesen. 2. Aufl. 14 



2lO t^ie Schreibgerätlie und ihre Anwendung. 

golden. Von diesem behauptet Garbellus, ^) dafs unter der ab- 
gesprungenen Masse Schrift mit Dinte sichtbar sei; auch sei 
die Masse, in der an einer Stelle eine Fliege eingehüllt sei, zu 
zäh und dick, als dafs sie aus der Feder habe geschrieben 
werden können. Aehnliche Vermuthungen findet man auch 
sonst, doch liest man nur von aurum de penna, und von Vor- 
zeichnung ist nirgends die Rede. 

Der Kaiser Artemius (713) gehörte zu den Goldschreibern, 
und Theodosius III, der 717 entthront und zum Cleriker ge- 
schoren wurde, scheint sich in Ephesus mit Goldschrift beschäf- 
tigt zu haben. ^) Dafs auch in Rom diese Kunst noch im 
zehnten Jahrhundert eifrig betrieben wurde, zeigen die Verse, 
welche Liudprand I, 26 dem Kaiser Arnulf in den Mund legt: 

Magnanimi proceres et clari Marte secundo, 
Arma quibus Studium fulvo radiäre metallo, 
Romulidae sueti vacuis quod condere scriptis. 

Den Iren fehlte bei ihrer Kalligraphie das Gold,^) aber 
die Angelsachsen lernten von den römischen Missionaren auch 
diese Kunst. Der köstlichen Evangelienhandschrift, welche 
Erzbischof Wilfrid von York machen liefs, wurde schon oben 
S. 111 gedacht. Bonifatius bat die Aebtissin Eadburg, ut mihi 
cum auro conscribas epistolas doniini mei sancti Petri apostoU, 
ad honorem et reverentiam sanctarum scripturarum ante oculos 
carnalium in praedicando,^) 

Sehr schön ist das Krönungsbuch der angelsächsischen 
Könige, ein Evangeliar, welches König Aedhelstan der Kirche 
zu Canterbury geschenkt hat; die drei ersten Seiten jedes 
Evangeliums sind in goldener Capitalschrift, bei Matthäus auf 
Purpur. Es stammt wohl von dem Neffen des Königs, Otto 1 
von Deutschland, denn neben dem Anfang des Evangelium 



*) in dem Brief über diese HS. vor Bianchini's Evangelium Qua- 
druplex S. 5. Ueber das Blatt am Anfang mit krit. Bemerkungen zur 
goth. Uebersetzung s. M. Haupt im Ind. lectt. Berol. aest. 1869. 

^) ovxoq 7]v xal xQvooyQCLipoQ. Cedrenus p. 449. 

•^) Ygl. Anzeiger des Germ. Mus. XVI (1869) S. 290. 

*) ep. 32 ed. Jaffe, Blbl. III, 99. 



Goldschrift. 211 

Matthaei steht t ODDA REX :• f MIHTHILD MATER REGIS :• 
Doch kann es deshalb auch in England geschrieben sein. ^) 
Ein Psalterium literis aurels et assuris scriptum et mirdbiliter 
luminatum schenkte Godfrid von Croyland, seit 1299 Abt von 
Peterborough, dem Cardinal Gaucelin. ^) Hier scheint jedoch 
wegen der Erwähnung der blauen Farbe an Initialen gedacht 
werden zu müssen. 

Unter Karl dem Grofsen kam diese Kunst auch ins Fran- 
kenreich, und es wurde hier sehr viel und sehr schön in Gold 
und Silber geschrieben; vgl. oben S. 111. Eigenthümlich ist 
die Einrichtung einer Evangelienhandschrift des neunten Jahr- 
hunderts, in welcher alle Worte Christi mit Gold geschrieben 
sind. ^) 

Gerne erhöhte man den Glanz des Goldes durch purpurnes 
Pergament, doch nimmt sich die Goldschrift auch auf weifsem 
Grunde recht schön aus, wie z. B. in der ganz in Gold ge- 
schriebenen Evangelienhandschrift saec. X. aus Cleve in der 
Berliner Bibliothek, Cod. theol. Lat; in fol. 260. Sehr schön 
ist der Evangeliencodex in Trier, den Mutter Ada, welche später 
für Karls des Grofsen Tochter galt, nach S. Maximin gestiftet 
hat,^) und von besonderer Pracht mit reiclistem Bilderschmuck 
das Epternacher Evangeliar, jetzt in Gotha, welches Otto II 
und seine Gemahlin Theophano dort dargebracht zu haben 
scheinen, als 973 wieder Benedictiner an Stelle der Canoniker 
einzogen. ^) Von vorzüglicher Schönheit ist die Evangelien- 
handschrift, welche Heinrich III für die Speierer Kirche schrei- 



Cott. Tib. A. 2. Westwood, The Coronatioii Oath Book of the 
Anglo-SaxoQ kings. 

*) Walter de Wytlesseye bei Sparke, Hist. Anglicanae ÄS. p. 173. 

^) Reg. 257, nach Nouveau Traitö II, 103. In Cremona waren 
nach dem Inventar des Bischofs Odelricus 984 Evangeliorum testus aurei 
Volumen I. Episcopalium benedictionum lihelli auro inscripti vol. I. 
Monn. Hist. Patr. XIII. C. D. Longobardiae p. 1443. 

*) jetzt in der Stadtbibliothek; vgl. Broweri Ann. Trev. S. 393. 
Archiv VII, 139. Verse aus einem anderen Codex der Ada stehen in 
Alcuins Werken, angef. von Eckhart, Comm. de Or. Francia I, 597. 

^) Rathgeber, Beschreibung der Gemäldegalerie zu Gotha S. 6—20. 
Jacobs u. ükert, Beiträge II, 28. 

14* 



212 ^y^^ S^rhreibgerathe and ihre Anwendung. 

hm Yu'Sh und welche jetzt leider im Escorial sich befindet; 
(\nH Oold strahlt nrxrh jetzt in unverminderter Frische.^) 

ly'u^tr LuxuK scheint auch in Frankreich beliebt gewesen 
zu «ein. Xoch 1213 liefs Abt Peter von Hautvilliers die Evan- 
gelien in Gold schreiben.*) In der Bibliothek des Louvre war 
tuuih drjin Inventar von 1373 nicht nur die Apocalypse in Gold- 
Hchrift,^) sondern auch IMe Legende doree en meme lettre. 

Dagegen dürften die aureae Utterae in der oben S. 192 
niitgetheilten Stelle des Daniel von Merlai sich wohl auf die 
Auss(;lnrniokung mit Initialen beziehen, und dazu stimmt auch 
einrj (icjHclnchte, die Odofredus (f 1265) erzählte:*) Dixit pa- 
Irr fiiio .... Vade Parisius vel Bononiam, et mittam tibi 
annualim centum lihras, Iste quid fecit? Ivit Parisius et fecU 
lihros suos hahuinarc de literis aureis. Denn für die Deutung 
auf koHtharon Bildi^rschmuck, durch welchen ja gerade damals 
Pai'is berühmt war, spricht auch eine andere Aeufserung des 
OdolVculuH: Ilodic scriptores non sunt scHptores, imo. pictores. 
Mit solclun* Verzierung der Handschriften befafsten sich vor- 
züglich auch die Cluniacenser, denen neben dem übrigen kirch- 
lichen Luxus auch diese aureae Utterae zum Vorwurf gemacht 
worden in dem merkwürdigen Dialogus inter Cluniacensetn ä 
(^istrn^'inisfw, in welchem um das Jahr 1150 die gröfeere Ein- 
fachheit der Cistercienser gerühmt wird. Da heifst es: aurum 
molnr vt mm illo molito magnas capUales pingere lüteras, 
quid vat nisi inutile et otiosum opus? Augenscheinlich sind 
luor nur Initialen gemeint^) 



') vjjl. (liosobreoht, Geschichte der Kaiserzeit, 3. Ausg. ü, 661. 

^) UÄlHa Christiaiia IX, 255. 

*) »N^iir /»«ircÄf'Miiii MOM", wie mir zu lesen scheint, also wohl ein 
altes Purpunnanuscript. S. 10*2 der Ausgabe von Jos. van Praet. Sonst 
aber enthahon diese Inventare keine Goldschrift. 

M Savi^iruY, Gesch. des Rom. Rechts im Mittelalter DI, 533 (576 

"^^ Mart. Thes. V. 15^ u. liX^«. Die Dominicaner beschränkten 
sich auf schwär« uud weils: «^m/mamiVk'Vs de Uanc et noir ä Imsage dfs 
I\y\^t*it^^ Wi Hi\er de Beauvoir, La Librairie de Jean dac de Beny p. 25. 



Goldschrift. 213 

•Die Wiener Bibliothek besitzt ein für den Herzog Al- 
brecht III von Oesterreich im Jahre 1368 ganz in Gold ge- 
schriebenes Evangeliar, mit der Schlufsschrift: ^) Et ego Jo- 
hannes de Oppauia presbiter canonicus Brunnensis plebanus 
in Lantskrona hunc libruni cum auro purissimo de penna 
scripsi, illuminaui atqite deo cooperante compleui a. d, mill. 
trecentes, sexagesimo viij. 

Diese Erscheinung ist aber sehr vereinzelt. Die kostbai'e 
Schrift mit diesem fein geriebenen Golde, welche aufserordent- 
lich dauerhaft ist,*) verschwindet im dreizehnten Jahrhundert; 
die Anwendung von Goldschrift in gröfserom Umfang hört auf,^) 
und wo man sie noch findet, ist Blattgold auf eine Unterlage 
(Poliment) aufgetragen. Ein englisches Recept dazu aus dem 
15. Jahrh. lautet: For to wryte golde. Take grey pomys, 
grynde yt smalle, tentper yt wiih gleyre as rede ynke ys, and 
wryte therwUh; and qwhan yt ys drye, ruh thereon gold or 
sylver, and as the nietal ys, so yt wylle he sene, and than 
hörne yt with a tosch (tooth) of a calf, *) Diese Methode ist 
lange nicht so solide; leicht reibt das Gold sich ab, und der 
röthliche Untergrund kommt zum Vorschein. 

Auch Briefe griechischer Kaiser in Goldschrift werden 
erwähnt; so gedachten wir schon oben S. 115 des Schreibens 
von Constantin IX an den Kalifen von Cordova. Kaiser Ro- 
manos schrieb aureis Utteris an Konrad II,*) und ebenso Kaiser 
Manuel an Friedrich Barbarossa.®) Eine Stelle über eine Ur- 



^) Berichte und Mittheilungen des Alterthumsvereines zu Wien I, 97. 
Facs. bei Silvestre IV, 221. 

^) Die Silberschrift ist lange nicht so dauerhaft, und erscheint jetzt 
meistens ziemlich geschwärzt. 

*) Ein vereinzeltes Beispiel vom Ende des Mittelalters oben S. 113. 
Auch in den angeblichen Werken des Dionysius Ariopagita, welche 1408 
der Kaiser Manuel Palaeologus dem Kloster St. Denis-en-France schenktet 
sind ganze Seiten in Goldschrift, Nouveau Traitä II, 102. Die Recepte 
fi;ßilich reden auch noch später von aurum de penna. 

*) Wright and Halliwell, Reliquiae antiquae I, 164. Aehnliche 
Anweisungen bei Rockinger S. 39. 

*) Wiponis Vita Chuonr. c. 22. 

«) Albertus Stad. a. 1179. Mon. Germ. SS. XVI, 349. 



214 I^ie Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

künde der Art fülirt Montfaucon Pal. Gr. p. 5 an. Auch das 
angebliche Original der berüchtigten Schenkung Constantins 
an den Pabst Silvester war in Gold geschrieben, wie Otto III 
in seiner merkwürdigen Urkunde vom April 1001 sagt: Haec 
sunt enini commenta ah Ulis ipsis inventa, quihus Joannes dia- 
conuSf cognomento digitorum .mutius, praeceptum aureis lüteris 
scripsit, sub titulo magni Constantini longa mendacii tetnpara 
finxit. ^) 

Eine Urkunde des Langobardenkönigs Aripert voii 707 für 
den römischen Pabst mit goldenen Buchstaben erwähnt Paulus 
Diaconus VI, 27. Von einer Schenkung der Könige Hugo und 
Lothar an das Mailänder Ambrosiuskloster vom 15. Aug. 942 
berichtet Puricelli, dafs sie in Gold geschrieben war, wie auch 
andere Urkunden desselben Klosters.^) 

In England erhielt Glastonbury von S. Edmund ein gol- 
denes Privileg, und Neumünster 966 von Edgar. Die Urkunden 
sollen aufserdem mit goldenen Kreuzen und anderer Verzierung 
versehen gewesen sein, wie theils erhaltene Originale zeigen, 
theils Ingulf von Croyland bei der Erzählung vom Brande des 
Jahres 1091 berichtet: Chirographa nostra pulcherrima, littera 
publica conscripta et crudbus aureis et venustissimis piduris 
ac elementis pretiosissimis adornata, privilegia etiam regum 
Merciorum antiquissima et optima, similiter aureis piduris 
pulcherrime consignata, sed littera Saxonica scripta, omnia 
sunt combusta.^) Aber nach Palgrave's überzeugender Aus- 
fühi'ung*) waren alle solche Urkunden Fälschungen oder Ab- 
schriften, die man später für Originale hielt. 



^) Baronius ad. a. 1191. Daraus Pertz, Mon. Legg. Ib, 162. 

^) Mon. Ambros. p. 282. Sie sollten in corio piscis geschrieben 
sein, was auf Papyrus schliefsen läfst; über diesen unbekannt gewordenen 
Stoff kommen oft irrige Angaben vor. Doch kann es auch verwittertes 
Pergament sein. 

^) Ausführlich darüber Nouveau Traitö I, 546 f. Das Chartular 
von Winchester (Yespas. A. VIII) ist ganz in Goldschrift,, scheint aber 
nicht Originale zu enthalten. In Kemble's Cod. Dipl. Aevi Saxonici 
findet man hierüber nicht die geringste Auskunft. 

'*) Rise and progress II p. CCIX, und daraus bei BenJ. Thorpe. 
Diplomatarium Angl. p. XIV. 



Goldschrift. 215 

Eine Urkunde von Robert Guiscard für San Giovanni di 
Volturno, jetzt in der Barberinischen Bibliothek, in' Goldschrift 
auf violettem Grunde, erwähnt Bethmann, Archiv XII, 495. 
Roger II von Sicilien erhob im April 1139 den Emir Christo- 
dulos durch ein griechisches Diplom in Goldschrift zum Proto- 
nobilissimus; ^) ein anderes lateinisches vom April» 1140 über 
die Gründung der Capelle im Palast zu Palermo in Goldschrift 
auf blauem Baumwollenpapier, ist nur eine Copie. ^) 

Von deutschen Kaisern führt der Chronist von Her- 
rieden eine Urkunde des Kaisers Arnulf in Goldschrift für das 
Bisthum Eichstedt an. ^) Unecht ist die Schenkung Otto's I 
an die römische Kirche von 962, mit Gold auf Purpur ge- 
schrieben, im vaticanischen Archive sorgfältig verborgen,*) und 
mindestens zweifelhaft Heinrichs II nicht mehr im Original 
vorhandene Bestätigung.^) Der Dotal-Urkunde für die Kaiserin 
Theophano von 972 wurde schon oben S. 112 gedacht; sie ist 
nie besiegelt gewesen. In einer Urkunde Heinrichs III ist 
nach Archiv VIII, 6 die erste Zeile, die Unterschrift des Kaisers 
und das Actum mit Gold geschrieben, allein nach der Mitthei- 
lung von Sickel^) ist das nicht ursprünglich, sondern nur eine 
spätere Spielerei. Nach der Vita Bennonis c. 20 ertheilte 
Heinrich IV am 30. März 1079 dem Bisthum Osnabrück ein 
Privileg in Goldschrift, '') doch ist die Angabe nicht unverdächtig. 



*) Facs. bei Montf. Pal. Gr. S. 408 ohne Erwähnung der Gold- 
schrift; er hatte das Orig. nicht gesehen. Dasselbe verkleinert bei Morso, 
Palermo ant. S. 301, vgl. S. 397 u. oben S. 208- 

«) S. oben S. 115. 

8) Anon. Haser. Mon. Germ. SS. VII, 256. 

*) Mon. Germ. Legg. 11 b p. 161. 

**) in Charta coloris violati ruhet, nach dem alten Verzeichnifs bei 
Muratori, Antt. VI, 77. Dagegen sind die Privilegia aurea im Bobienser 
Inventar von 1461 bei Peyron de bibl. Bob. p. 64 u. 65 oflfenbar nur 
wegen ihres kostbaren Inhalts so genannt. 

«) Acta Karolin. I, 289. 

') Mon. Germ. SS. XII, 71. Stumpf n. 2808. Erhard C. D. 
Westf. I, 124 bemerkt, dafs Strunck das angebliche Original in Gold- 
schrift noch gesehen habe. Das Datum nach K. Wilmans, Eaiserurkk. 
V. Westfalen I, 339, welcher die Echtheit nicht bezweifelt. 



21 Ö I^ie Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Vollständig sicher dagegen ist die noch erhaltene Privile- 
gienbestätigung, welche Lothar III am 22. September 1137 
auf Bitten des Abts Wibald für Stavelot in Goldschrift ausge- 
stellt hat. Unter Konrad III erhielt derselbe Abt am 23. März 
1147 für das Kloster Corvey eine aufserordentUch schöne Ur- 
kunde in Goldschrift auf purpui*nem Pergament mit goldener 
Bulle (Stumpf 3543). Merkwürdig ist, dafs von derselben Ur- 
kunde ein zweites, ganz ähnliches, aber unbesiegeltes Exemplar 
1848 in Wien zum Verkauf ausgeboten wurde, während auch 
noch andere Exemplare in gewöhnlicher Form vorhanden sind. 
Auch Friedrich I gewährte am 18. Mai 1152 Wibald ein Pri- 
vileg für Corvey in Goldschrift.*) 

Die Schrift jener Urkunde Konrads ist Bücherschrift, wie 
die der Urkunde für Theophano, und es ergiebt sich also 
hieraus, dafs solche Prachtstücke nicht eigentlich aus der k. 
Kanzlei hervorgingen, welche dazu wohl gar nicht befähigt 
war. Wie sie aber entstanden, zeigt uns eine überaus merk- 
würdige Urkunde Friedrichs II für den Bischof von Ivrea von 
1219 bei Boehmer Regg. Frid. IL 262. Darin erlaubt nämhch 
der König dem Bischof, ein seiner Kirche ertheiltes Privileg 
mit goldenen Buchstaben schreiben zu lassen; dann wolle der 
König seine goldene Bulle daran hängen lassen. Ein benach- 
baiies Stift besafs schon einen solchen Schatz, und der Bischof 
von Ivrea wollte nicht hinter ihm zurückstehen. Auffallend 
ist, dafs Ivrea sich auch schon einer solchen Urkunde von 
Otto III für den Bischof Warmund vom 9. Juli 1000 rühmte, 
welche Prof. Stumpf als unecht bezeichnet. 

Mir scheint aber aus diesen Beispielen eine Mahnung zur 
Vorsicht in der Kritik von Kaiserurkunden sich zu ergeben. 
Deutlich erkennen wir daraus die Möglichkeit, dafs aufserhalb 
der Kanzlei von einem Kalligraphen verfertigte Urkunden von 
dem König dennoch mit seinem Namenszug und Siegel ver- 
sehen werden konnten.^) Geschah das bei Goldschrift, so 



^) Schannat, Ann. Paderborn. I, 551. Erhard sagt weder im Cod. 
Dipl. II, 64 noch in den Regesten etwas über die Schrift. 

^) Bei nicht vom König ausgestellten Urkunden kommt dlQ Bekraf- 



Das Schreiben. 217 

konnte es auch in anderen Fällen geschehen, wo vielleicht in 
dem Drang der Geschäfte und anderer Umstände nur die Lang- 
samkeit der Kanzlei die Ausfertigung von Urkunden verzögerte 
und es sehr nahe lag, sich durch mitgebrachte Schreiber zu 
helfen. Dadurch könnten leicht Abweichungen von der ge- 
wöhnlichen Schrift luid selbst vom Formular ihre Erklärung 
finden. ^) 

Spätere Beispiele von Kaiserurkunden in Goldschrift sind 
mir nicht bekannt. Von anderen Fürsten weifs ich nur Erz- 
bischof Adalbert von Mainz zu nennen, dessen Privileg für die 
Mainzer von 1120 in dem jetzt fehlenden Original die erste 
Zeile nach Würdtweins Bericht in Goldschrift hatte,*) und 
Herzog Rudolf IV von Oesterreich, der auch durch Invocation 
und Unterschrift in Gold seine Prachtliebe an den Tag ge- 
legt hat. ^)- 

7. Das Schreiben. 

Unter den verschiedenen Benennungen dieser Thätigkeit 
ist YQdq)eiv verwandt mit graben, und der Ausdruck bei Homer 
D. XVH, 599: örjiiaxa ygaipag iv jtlvaxi zeigt den Urspmng 
der späteren Bedeutung. Mittelalterlich findet es sich wieder 
in graphia, z. B. in dem Titel der bekannten Schrift Graphia 
aureae urbis Romcie; davon graphiare, graphiarius, franz. gref- 
fier; freilich können diese Worte auch von Griffel abgeleitet 
werden, ß. oben S. 184. In der Unterschrift eines 1463 in Paris 
geschriebenen Valerius Maximus steht graficatus liber.^) 



tigung durch k. Siegel hin und wieder vor. Beispiele von Friedrich II 
bei Huillard-Br^hoUes, Introduction p. LXII. 

Vgl. Heinrichs V Urk. f. Polirone vom 16. Nov. 1123, Mon. 
Graph. III, 6, mit den Bemerkungen von Stumpf, Regg. n. 3195 — 3197. 
Auch Lothars Urk. v. 20. Nov. 1125, ib. V, 8, Stumpf 3228, hat eine 
ganz ungewöhnliche Form. Vgl. auch unten den Abschnitt über die 
Schreiber. 

^) Schaab, Geschichte von Mainz 11^ 43; vgl. Fr. Eolbe, Erzb. 
Adalbert (1872) S. 90. 

^) Kürschner im Archiv f. Oesterr. Gesch. XLIX, 8 u. S. 24 Anm. 2- 

*) Catalogue of the Burney Manuscripts S. 58, n. 209. Der Schrei- 
ber war ein Gelehrter, und wollte wphl damit seiae Gelehrs?imkeit zeigen. 



218 I^ie Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Spätgriechisch ist ^veiv, häufig in den Unterschriften der 
Kalligraphen vorkommend. ^) 

Von x«(>«^'r€^^5 welches schon altgriechisch für schreiben 
vorkommt, wird charaxare, caraxare, crdxare abgeleitet, welches 
auslöschen, radieren, aber auch malen und schreiben bedeutet; 
charaxatura ist sowohl Rasur wie Schrift, wie aus den von 
Du Gange gesammelten Beispielen hervorgeht. Das Wort war 
besonders bei den Irländern beliebt, und der Schottenmönch 
Arbedoc beginnt seine, in höchst barbarischem Latein verfafete 
Unterschrift einer Canonensammlung mit den Worten: Mihi 
xraxanti (sie) Uteras missereatur trinitas, *) Adamnan (t 704) 
beschliefst seine Vita S. Columbae nach dem Beispiel des 
Irenaeus mit der Beschwörung: Obsecro eos quicumque voluerint 
hos descrihere lihellos, immo potius adiuro per Christum iudiceni 
saeculorum, ut postquam diligenter descripserint , conferant ä 
emendent cum omni diligentia ad exemplar unde caraxeruni 
et hanc quoque adiurationem hoc in loco suhscrihant. Die 
älteste Handschrift aber, in irischer Schrift aus Reichenau, 
hat hier und überall, wo es vorkommt, crax,, und so wird 
Adamnan selbst geschrieben haben. ^) Derselbe ersucht am 
Schlufs seines Buches über das heilige Land den Leser um 
Fürbitte pro me misello peccatore eorundem craxatore, Gode- 
mannus berichtet in der Dedication seines schönen Benedictio- 
nale, dafs Aethelwold dasselbe craxare sibi fecit,^) Auch 
Hraban schreibt: Nam et nos cum scribimus, scripturam ipsam 
non calamo, quo litter ae caraxantur, sed Script oris manui de- 
imtamus,^) Wegen weiterer Beispiele verweise ich auf Du 



^) Montfaucon, Palaeogr. Gr. p. 36. 

*) Cod. lat. Paris. 12021 olim S. Germ. 121 aus Corbie. Die Unter- 
schrift vollständig bei L^op. Delisle, M^m. de Tlnstitut XXIV, 295, u. 
Maafsen in den Sitz.-Ber. d. Wiener Akad. LIV, 264. 

^) Der Herausgeber für den Bannatyne Club (Reeves 1857) bemerkt 
das selbst und ändert doch ! Er giebt ein schönes Facs. der Reichetiauer 
Handschrift. 

*) Archaeologia XXIV, 49. 

^) Cod. Vindob. 956 (Theol. 320) f. 105 v. nach Mittheilung von 
Dümmler. 



Das Schreiben. 219 

• 

Cauge; das Wort findet sich in Glossaren, und zuweilen auch 
in wirklichem Gebrauch. Dasselbe ist crassare bei Dicuil in 
einer Stelle, auf welche wir noch zurückkommen werden. 

Scribo verhält sich zu yQdq)a), wie sculpo zu yXvjtrco, und 
ist in gleicher Weise zu seiner gewöhnlichen Bedeutung ge- 
kommen; davon franz. ecrire, deutsch schreiben. Von der 
W^achstafelschrift wird exarare hergenommen sein, und mit 
ähnlichem Bild das ungewöhnliche siilcare. Der Wiener Pro- 
fessor Conrad Säldner braucht auch den Ausdruck calamare;^) 
titulare, forniare, corporare werden wir später zu erwähnen 
haben. Nicht zu den eigentlichen terminis gehört es, wenn ein- 
mal pinyere gebraucht wird, oder wenn im neunten Jahrhun- 
dert ein Abschreiber sagt:*) 

(Si) scribam queris, qui me penna coloraret: 
Ruathelmus devotus Otgarii fieri iussit. 

Den griechischen und lateinischen Ausdrücken der Bedeutung 
nach gleich ist goth. vreitan, althochdeutsch nzan, angels. 
writan, altnordisch rUa, vom Einreifsen, Ritzen der Runen. 
Wir haben es in Beifsbrett, Hei/sblei, abreifsen u. s. w.^) Die 
Engländer aber haben to write behalten, und in einem Glossar 
saec. XI steht scriptor wrUere, scriptura gewrü, bei . Alfric 
caraxatio gewrit.^) Gothisch aber heilst schreiben nicht vrei- 
tan, sondern meljan d. i. malen, und auf denselben Begriff geht 
böhm. pisati zurück, verwandt mit pingere. 

Für abschreiben ist exemplare gewöhnlich;^) Notkerus 
epistolas canonicas graecas exemplaverat^ heifst es in den Casus 
S. GaUi MG. U, 101. 



^) in seinem Brief an S. Gossembrot, doch nicht in den von mir 
in der Zeitschr. f. Gesch. d. Oberrh. XXV mitgetheilten Stellen. 

*) Dümmler in d. Forschungen VI, 119. 

^) Vgl. oben S. 59 gertzo, S. 180 rissa für Zirkel. 

*) Th. Wright, Vocabularies p. 46. 75. 

^) Dumm 1er macht mich auf die merkwürdige Stelle des Sedulius 
Scotus in Praefationes Hieronymi bei A. Mai, Spicil. IX, 30 aufmerksam: 
,,Exemplaria (gl. pilid puoch) dicit non solum Graecos, sed etiam Ro- 
manos evangeliorum Codices, neque solum authenticos atque veros, sed 



220 I^ie Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Die Buchstaben heifsen yQdfifiara, litterae, elementa, 
characteres, wovon Ugutio irrig charaxare ableitet, apices, 
ßgurae.^) In einem Rhythmus des 13. Jahrh. *) steht: 

Adhuc docet littera artem valituram 
elementa pingere, scilicet scripturam: 
Vitam securam capies scribendo figuram. 

Si non habes oculos, quod potes formare etc. 

Das formare im Anfang der zweiten Strophe bezeichnet 
mit einem Wort die Thätigkeit des Kunstschreibers. 

Die Handschrift selbst hiefs x^^po^eö/a, in den Acten 
der Synode von 869, wo von einer Fälschung des Photius die 
Rede ist: rr/v aQxcCixijv ort fiäXiöra x^'^Qo^solav (icfirjcdfisvog 
YQdq)8i, Aber in der Vita S. Nili aus dem Ende des elften 
Jahrh. c. 11 heifst es: Xejtxcp xal jtvxjwJ XQ(6iiBvoq IÖloxbIqo^. 
Seneca braucht den Ausdruck chirographum , und vielleicht in 
dieser Bedeutung wird es in Alfric's Glossar erklärt durch 
hand-gewrit, 

Ueber den Unterricht in dieser schwierigen Kunst ^) 
haben wir eine merkwürdige Stelle schon bei Plato im Prota- 
goras p. 326 D, wonach die Buchstaben auf Wachstafeln vor- 
gezeichnet wurden, und die Knaben die Umrisse nachziehen 
mufsten, um die Hand an die Formen zu gewöhnen: ol ygafi- 
(iaxLöral roig fii]jt(X) öetvotg YQdq)6tv tc5v jtaldwv vjtoyQdtpapttg 
YQafifidg ry yQaq)l6c, ovrm xo ygafifiarelov öcöoaöt xal dvoj- 
xd^ovöc yQdg)etv xard rtjv v(priyriöiv tcov yQafi(ic5v, 



etiam novos atque vitiatos libros, et maxime in Latino sermone con- 
scrlptos, qui apud varias nationes utriusque linguae per totum terrarum 
orbem dispersi sunt. Inter exemplar autem et codicem hoc interest, 
quod codex sit iam descriptum quodlibet volumen, etiamsi ex ipso codice 
adhuc nihil scribatur; cum vero ex ipso alter codex scribatur, tunc 
exemplar esse incipit. Multi quoque Codices, id est decem vel centom 
vel plures, unum exemplar appellari possunt, si sensu verbisque nihil 
discrepent. Codex vero non nisi unum volumen nominatur." 

^) Vgl. oben S. 154 u. 176. 

*) Mitgetheilt von Peiper in der Zeitschr. f. deutsche Philol. V, 183. 

^) vgl. darüber K. F. Hermann*s Griech. Frivatalterthümer ed. 
Stark S. 280. 



Das Schreiben. 221 

Bei Seiieca ep. 94, 51 finden wir noch dieselbe Methode, 
nur mit dem Zusatz, dafs ihnen auch die Hand gefuhrt wird: 
Pueri ad praescriptum discunt, digiti illorum tenentur, et 
aliena manu per litter arum simulacra ducuntur: deinde imitari 
iubentur proposita, et ad illa reformare chirographum. 

Um die Kinder zuerst mit den Formen bekannt zu machen, 
gab man ihnen auch Buchstaben von Elfenbein, Cedernholz 
oder Buchsbaum. So sagt Quintilian Institut, orat. I, 1, 26: 
Non excludo auteni id quod est notum, irritandae ad discen- 
dum infantiae gratia ehirneas etiam litterarum formlos in 
lusum offerre. Diese Stelle kaunte offenbar Hieronymus, da er 
an Laeta (ep. 107) schrieb: Fiant ei litter ae vel hiixeae vcl 
eburneae, et suis nominihus appellentur, Ludat in eis, ut et 
lusus eius eruditio sit. Ebenso spricht Ambrosius in Ps. 118 
von der Verwendung des wohlriechenden Cedernholzes u. a. auch 
formandis litterarum elementis, quihus aeias puerilis ad Stu- 
dium liberalis eruditionis imbuitur. 

Erst nach dieser vorläufigen Bekanntschaft folgt bei Quin- 
tilian die Vorbildung der Buchstaben (praeformatae infantibus 
Utterae V, 14, 31), die aber nach seiner Ansicht besser in 
festem Stoff geschieht, damit nicht die Hand, wie im Wachs, 
abirren kann; die Hand zu führen, werde dann nicht nöthig 
sein: Cum vero iam du^tus sequi coeperit, non inutile erit eas 
tabellae quam optime inseulpi, ut per illos velut sulcos duca- 
tur stilus. Nam neque errabit, quemadmodum in ceris (eon- 
tinebitur enim utrinque marginibus, neque extra praescriptum 
poterit egredi), et celerius ac saepius sequendo certa vestigia 
formabit articulos, neque egebit adiutorio manum suam manu 
superimposita regentis. Auch hieran finden wir uns erinnert 
in dem angeführten Briefe des Hieronymus: Cum vero coeperit 
trementi manu stilum in cera ducere, vel alterius superposita 
manu teneri regantur articuli, vel in tabella sculpantur ele- 
menta, ut per eosdem sulcos inclusa marginibus trahantur ve- 
stigia et foras non queant evagari,^) 

») Hieron. Opera ed. Vall. I, 675. Ep. 107 ad Laetam a. 403 § 4, 
angeführt von.Mone, Zeitschr. f. Gesch. d. Oberrh. VIII, 311, der auch 
schon auf Quintilian verweist. 



222 Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Von alten Vorschriften und Nachschriften der Schüler auf 
verschiedenen Stoffen ist schon vorher die Rede gewesen (S. 48. 
65. 77), auch von mittelalterlichen auf Wachstafeln. Eine 
hühsche Stelle darüber wii'd mir eben von W. Arndt mitge- 
theilt; sie findet sich in der Vita Leobini ep. Carnotensis, der 
um 556 gestorben ist (Mab. Actt. I, 123) und lautet: Leobl- 
nus . . . dum boves servard in pascuis, contigit ut Naidgelinsem 
monachum sibi dbviuni deprecaretur sibi litferas discendas scri- 
bere, Qui cum non haberet codicis aut tabularum supplemm- 
tum, prout potuit apices in cingulo scripsit . . . Postea vero 
cum pater huiusmodi avididatem in filio comperisset, litterarwn 
lineas in tabulis fieri decrevit. 

Die Alphabete auf Ziegelsteinen könnten zum Nachziehen 
benutzt sein, doch ist der Stoff dazu wohl wenig geeignet, und 
sie werden als Vorschrift gedient haben. 

Was der Knabe zur Schule mitnehmen mufste, und den 
dortigen Unterricht, zeigt uns der Cottidiaoi coUoquii libellus: ^) 

8Jti6id(Döl (iot 6 jtatg 6 iiiog tradit mihi puer mens tabellas 
ütivaxiöaq ß-tjxrjv yQafptlov, thecam stilum, produco gra- 
s^dyo) yQag)ida reo ifi(p roütm phium meo loco sedens, deleo 
xa^r/fievog, Xsialvco jt£QtyQdg)a) describo ad exemplar. ut scripsi 
jtQoq TOP vjtoyQafifiov. yQcctpag autem ostendo magistro, einen- 
de östxvvcQ TCO öiöaöxdXo), davit induxit. 
iöioigd-coös Ix^QC^^b. 

Dafs sich sogar solche Exercitien erhalten haben, sahen 
wir oben S. 48; auf einem derselben steht: o JtQcozog ev jioul 

Auf einer schönen altattischen Schale von Duris im Ber- 
liner Museum steht ein Knabe vor seinem Lehrer, der mit dem 
Griffel in einem Triptychum schreibt; eine Schriftrolle hängt 
an der Wand. ^) Unter den Terracotten aus Tanagra in Wien 
befindet sich ein Knabe, der mit seinen jtivaxlösg zur Schule 
geht. Die Führung der Hand kommt auch im Mittelalter vor. 



') herausgegeben von M. Haupt im Ind. lectt. Berol. 1874/5 p. 5. 

2) Abbildung in d. Archaeol. Zeitung ^873, mit Erklärung von Ad. 
Michaelis S. 2; Monumenti inediti IX Tav. 54 mit Erkl. v. JEelbig, Annali 
deir Instit. LXXIII (1873) S. 57. 



h 



Das Schreiben.* 223 

So schrieb um 1060 der Mainzer Scholasticus Gozechin an 
Walcher, der einst in Lüttich sein Schüler gewesen war und 
ihm jetzt ein eigenhändig geschriebenes Buch Übersand t hatte: 
Serio vero triumphat animus, quod rüdes articulos tuos ali- 
quando ipse manu mea ad scribendum direxerim, quodque 
male tornatos apices super dorsum tuum cuderim. ^) Es galt 
also noch der altägyptische Spruch: ,^8 sind die Ohren eines 
Jungen auf seinem Rücken." ^) Das finden wir auch ausge- 
sprochen in der schon oben S. 105 erwähnten Weingarter Hand- 
schrift, mit einigen Versuchen zu metrischer Form: Disce puer 
pulchras perscribere litter as, ne tua duris rumpantur dorsa 
flagellis. 

Si bene non scribis, scribam tua dorsa flagellis, 
Ut mihi decantes ux u'x lacrimabile carmen. 
Disce puer varias rerum depingere formas, 
Ne tua duris dorsa flagellis rumpantur. 

Darauf folgt noch der Spruch Daniel XII, 3 zum Preise 
der Gelehrsamkeit. 

Sehr sorgfältig achtete man auf die richtige Haltung der 
Feder. Othloh, ein berühmter Schreiber des elften Jahrhun- 
derts, erzählt aus seiner Kindheit, dafs er sich als Schulknabe 
in Tegemsee zuerst ohne Lehrer im Schreiben versucht habe. 
Qua de re contigit, ut pennam ad scribendum inrecto usu re- 
tinere consusscerem, nee postea ab ullo docente super hoc cor- 
rigi valerem, Nimius namque usus prohibuit me emendare. 
Quod cum viderent plures, dixerunt omnes nunquam me bene 
scripturum, Sie täuschten sich aber, indem er bald grofsen 
Ruhm als Schönschreiber gewann.^) Lubertus Berneri sagte 
zu einem Anfänger: Bene addisces scribere, longos enim et 
fnolles digitos hohes. ^) 



Mabillon, Analectt. p. 438. 

«) Lauth in d. Münchener SB. 1872 S. 71. 

^) Othl. lib. de temptatione, Mon. Germ. SS. XI, 392. wMo corr. f. tWo. 

*) Thomae a Campis Vita discipulorum d: Florentii c. 4. 



224 I^ie Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Ueber die späteren Schulen hat Kriegk einige Nachrichten 
gesammelt;^) er bemerkt, dafs die Volksschule immer Schreib- 
schule, der Lehrer Schreihenneister heifst, und dafs das Schrei- 
ben immer voransteht. Vornehme Knaben, wie König Alfred, 
lernten freilich zuerst lesen am Psalter, aber fiir die Menge 
fehlte es an Büchern, und so wird man wohl in der Schule 
mit schreiben angefangen haben, wie auch Quintilian von dieser 
Auffassung auszugehen scheint. 

Auf die Schreiblehrer, ihre Ankündigungen und Vorlagen 
werden wir später noch zurückzukommen haben. 

Als man zu Karls des Grofsen Zeit die alte Schrift plan- 
mäfsig wieder herstellte, verschaffte man sich sorgfältig gute 
alte Muster. So hatte Lupus von Ferneres gehört, dafs der 
königliche Schreiber Bertcaudus die Formen der alten Capital- 
buchstaben hatte, und bat sich dieselben von Einhart aus (ep. 5): 
Scriptor regius Bertcaudus didtur antiquarum lUterarum, dum- 
taxat earum quae maocimae sunt et unciales a quihusdam 
vocari existimantur, habere mensuram descriptam. Itaque si 
penes vos est, mittue mihi eam per hunc quaeso pictorem, cum 
redierit, schedula tarnen diligentissime munita. Ebenso ver- 
schaffte sich auch am Ausgang des Mittelalters, wo derselbe 
Vorgang sich wiederholte. Hartmann Schedel Zeichnungen der- 
selben Buchstaben, genau mathematisch construiert, und mit 
speciellster Vorschrift, wie sie zu machen seien. Auch die 
Formen und Namen der griechischen Buchstaben sind dabei, 
aber mit der Bemerkung: Älphabetum Graecorum scripsi se- 
cundum patronos quas non haheo, neque placent litterae, ut 
ipse cernere potestis. Bona sumite animo peto,*) Dabei ist 
das Wort patronus, franz. patron, zu bemerken, feminin ge- 
braucht, wenn das nicht ein Schreibfehler in der sehr flüchtigen 
Schrift ist. Die Patronen besafs der Schreiber nicht selbst, 
und hatte sie deshalb bei dieser Wiedergabe . nicht benutzen 
können. 



*) Deutsches Bürgerthum im Mittelalter. N. F. (1871) S. 80. 81. 
2) Cod. lat. Monac. 961. 



Das Schreiben. 225 

Sehr merkwürdig ist die von H. Palm mitgetlieilte Anlei- 
tung, in notula simplex, der gewöhnlichen Urkundenschrift, zu 
schreiben, wo für jeden einzelnen Buchstaben und für ihre Ver- 
bindung mit einander die genaueste Anweisung gegeben w^ird. ^) 

Ueber den Werth einer guten Handschrift spricht sich 
Quintilian I, 1, 28 in sehr eindringlicher Weise aus: Non est 
aliena res, quae fere ah honestis negligi solet, cura hene ac 
velociter scribendi, Nam cum sit in studiis praecipuum, quo- 
quo solo verus ille profedus et altis radicibus nixus paretur, 
scribere ipsum: tardior stilus cogitationem moratur, rudis et 
confusus intellectu caret, unde sequitur alter dictandi, quae ex 
his transferenda sunt, labor. Ebenso ermahnt im 15. Jahrh. 
Ambrosius Traversarius seinen Bruder: Nee illud quidem te 
admonere desistam, uti non negligas manum librariam quam 
optimam atque perquam celerem ac fidelissimam tibi comparare, 
studeasque priscam illam in scribendo imitari puritatem ac 
suavitatem, Quod tunc adsequere facilius, si ex emendatissimo 
antiquoque codice quidpiam tibi transcribendum deligas totoque 
annisu ad unguem exemplar imitari (sic).^) 

Nach diesem Grundsatze haben die Hura-anisten auch wirk- 
lich gehandelt, und durch Nachahmung der guten alten Minuskel 
eine vollständige Reform der Schrift durchgeführt. 

Begleiten wir nim den Schreiber zu seiner Arbeit, so 
begegnen uns die metra bona benequ^ scriptoribus attendenda, 
welche um 1481 in eine Handschrift des Stiftes Andechs ein- 
getragen und von Rockingcr S. 52 mitgetheilt sind — metrisch 
zwar recht fehlerhaft, übrigens aber wirklich recht verständig: 

Si fore vis scriba, normam talem tibi serva^) . . . 
5 In textu, notula varius modus est: pete formam. 
Virgula, puncta nota. Versalia recte notabis. 



^) Anz. d. Germ. Mus. XII (1865) S. 49—53. 89-92. 

2) Epp. ed. Mehus pag. 1010. Laurentius Valla rühmt sich: cum 
plurimi in figuris elementorum ducendis me antecellant, vix tarnen alt- 
quem planius, apertius, distinctius descrihere. Vahlen , L. Vallae opus- 
ciila tria p. 64. 

^) Hier folgt zunächst die schon oben S. 191 mitgetheilte Anwei- 
sung die Feder zu schneiden. 

Wattenbach, Schriftwesen. 2. Aufl. 15 



226 Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Si libros scribis, meliora recollige tibi. 

Luxuriam fugito. Caput et tu sepe lavabis. 

Balnea vita calida: mense semel potes uti. 
10 Et bona pubnenta comedas, cerebri calor est nam. 

Hoc bibe quod possis: non bos sis. Scribito plane: 

Non caudas facias longas sursumve deorsum. 

Scripturam fac oblongam, et in epistola curtam. 

In sacris festis pro precio scribere noli. 
15 Non semper scribas: morulas tu sepe requiras. 

Fac crucem spaciis, exemplar si male scriptum.^) 

Ablue sepe manus, si tu vis vivere sanus. 

Föns, speculum, gramen, oculiis sunt alleviamen. 

De mane montes, de sero conspice fontes.^) 
Hierauf folgen orthographische Regeln, und dann der Schlufs: 

Has aliasque tene doctrinas Orthographie. 

Coniungas iungenda, divide sed separanda. 

Sic proficit lector, sed tu magis, inclite scriptor: 
45 Lector doctus erit, dabitur tibi gloria multa. 

Scribentem iuvat ipse favor, minuitque laborem, 
Cumque suo crescens pectore fervet opus. 

Hier ist ein gewerbmäfsiger Schreiber gemeint; für einen 
Mönch passen die Vorschriften nicht. Aus dem Kloster aber 
und dem elften Jahrhundert stammt, was von dem Abt Odo 
zu Tournai erzählt wird: scriptorum quippe copiam a Domino 
sibi datam exultdbat, ita ut si claustrum ingredereris , videres 
plerumque duodecim monachos iuvenes sedentes in cathedris et 
super tabulas diligenter et artificiose compositas cum silentio 



^) Da soll also zu weiterer Ueberlegung und Vergleicliung ein 
leerer Raum gelassen, und ein Zeichen gemacht werden, wo eine Stelle 
zweifelhaft ist. 

2) Vgl. hiermit die guten Rathschläge des Alexander Neckam: 
„Habeat et lodium (viket), cuius beneficio lux intrare possit, si forte 
fenestrellam inpugnet insultus venti aquilonaris. Fenestrella panniculo 
lineo vel membrana viridi colore vel nigro distincta muniatur. CJolor 
enim viridis et niger radiis oculorum prebent solacium. Albedo autem 
incensa visum digressat, et maxime nimium obtinctum (sie) obtenebrat." 
Joh de Garlandia verlangt auch Laterne und Leuchter. 



Das Schreiben. 227 

scribentes, ^) Diese Schreibstülile, von denen offenbar die cathe- 
drales oder Stuhlschreiber ihren Namen haben, beschreibt uns 
Alexander Neckam im zwölften Jahrhundert, wenn er, nach 
den früher erwähnten Vorschriften zur Vorbereitung, sagt: 
scripturus autem in cathedra (chaere) sedeat, ansis (hraces) 
utrinque elevatis, pluteum (carole) sive assere^n (es) sudinen- 
tibuSy scabello (chamel) apte supposito pedihis, ut firmius 
^ sedeat. ' Auch Job. de Garlandia nennt cathedra, asser unter 
den Geräthen des Schreibers.*) 

Der Vocabularius optimus S. 28 erklärt pluteus schribbrett. 
Neckam aber sagt weiter: Scriptor habeat epicausterium (talem 
asserem) centone (feutre) coopertum. Dazu stimmt das Glossarium 
Wenceslai Brack (impr. 1483): Epicausterium ein filcz auf dem 
pulpret, und ebenso das schon oft erwähnte im Serapeum 
XXIII, 278: Ejneausterium signißcat j}annum, quo tabula 
scriptoria tegitur et superextenditur pergamenum, ut manus 
Script oris minus laedatur, et dicitur ab epi, id est supra, et 
incaustum. Es soll also in dieser Bedeutung eigentlich ein 
epincausterium sein, und fällt nur zufällig zusammen mit einem 
ganz andern Wort, welches nach Glossaren bei Wright S. 237 
u. 260 einen Schornstein und einen Töpferofen bedeutet. Aber 
auch dieses brauchte der Schreiber nach Alex. Neckam: Ha- 
beat etiam prunas (breses) in epicausterio (chimine) ut cicius 
in tempore nubiloso vel aquoso desiccari possit incaustum (vnhe) 
super pergamenum exaratum. Dem entsprechend wird es im 
Vocab. opt. durch gluothauen erklärt. 

In den Statuten der Praemonstratenser steht I, 19, wie 
Du Gange anfuhrt: Porro in claustro carolae vel hiiiusmodi 
scriptoria aut cistae cum clavibus in dormitorio, nisi de abba- 
tis licentia, nullatenus habeantur. Dieses räthselhafte Wort 
finden wir wieder bei dem Anonymus Bernensis:^) Carola et- 
enim, sive aliud aliquod instrumentum super quod scribitur^ 
non sit opido arduum» Und oben Z. 6 hatten wir es als Glosse 
für pluteus. 

^) D'Achery, Spicileg. II, 913 ed. IL 
2) Wright, Vocabularies S. 116. 132. 
8) bei Theophilus ed. Ilg p. 391. 

15* 



228 i^iG Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

In Tegemsee bezahlte man 1500 ^ro uno sexterno in pei'- 
gameno pro fundamento scripture 3 sol. 10 den,, was Rockinger 
(S. 17. 50) wohl ohne Zweifel richtig als Unterlage zum 
Schreiben erklärt. Vielleicht gehört hierher auch das Werk- 
zeug, welches in dem alten Wörterbuch im Serap. XXIII, 279 
beschrieben wird: tenaculum, hebeysen, est illud per quod sex- 
ternorum anguU constringuntur, ne compUcenfur in rugas. Und 
man könnte daran denken bei den Worten des Alexander 
Neckam: Cedula (agnice) sive apendice tarn superiori parte 
quam inferiori folia (foyz) haheat coniuncta (ensemhle). 

Nicht dem Stuhlschreiber, welcher nur abschrieb, wohl 
aber dem Autor begegnete es auch im Mittelalter, dafs er 
nicht wufste, was er schreiben sollte, und einstweilen die Feder 
zerbifs. Alcuins Biograph sagt c. 7: Hinc iam calamum Idbris 
quassatum , , . ad finem jyertrdhere eondbor, Oder er steckte 
die Feder einstweilen hinters Ohr, wie Virgil, als er Ermanricli 
von Ellwangen erschien: interdum gestabat codieem, interdum 
calamum ad aures veluti scripturus aliquid. ^) 

In einer altfranz. Uebersetzung des Jacobus de Cessolis 
kommt vor et sur Vor eilte une penne a escripre; auf dem dazu 
gehörigen Bilde fehlt zwar diese Feder, aber der Schreiber 
hat am Gürtel neben dem Pennal une escriptoire.^) 

Als Vorbild wurden dem ungeübten Schreiber bei den 
Brüdern vom gemeinen Leben zwei oder drei Zeilen guter 
Schrift gegeben, s. oben S. 154. Das ist die S. 225 erwähnte 
forma. 

Vor sich hat der Schreiber das exemplar; sollen Stellen 
ausgelassen werden, so steht am Rande vacat, was sich nicht 
selten in Handschriften findet.^) Um nun die Zeile nicht zu 
verfehlen oder mit dem Suchen die Zeit zu verlieren, hatte 
der Schreiber die cavilla, durluog (Vocab. opt.), die in dem 
alten Wörterbuch des Serap. so beschrieben wird: cavilla, cavil, 
in proposito est instrumentum, quo posito super exemplari uti- 



Dümmler, Sanctgaller Denkm. S. 207. Epistola Ermenrici p. 29. 
2) Wright, Homes of other days (1871) S. 352. 
^) Vgl. A. Dove, Die Doppelchronik von Reggio S. 26. Das Gegen- 
theil ist Xelnsi, deest, wo die Vorlage eine Lücke hat. 



Bas Schreiben. 229 

tur Script or, ut visus eins referatur certius et promptius ad 
exemplar, et dicitur a cavo, as, prout idem est quod perforo, 
as, quia perforata est visui. Neckam sagt davon: CaviUam^) 
habeat vel spectaculum, ne ob errorem moram faciat dispen- 
diosam. 

So kann er denn nun an seine Arbeit gehen; er mufs 
aber Acht geben, dafs sein Blatt fest liege, und deshalb sehen 
wir ihn dasselbe in der Regel mit einem gekrümmten Messer 
in der linken Hand halten, was doch unbequem gewesen sein 
mufs. Darum finden wir auf einem niederländischen Bilde 
8. XV eine Kugel, die an einem Faden vom oberen Ende des 
Pultes herabhängt und das Blatt festhält.^) 

Abbildungen von Schreibern besitzen wir sehr viele; 
namentlich sind in allen Prachthandschriften des N. T. die 
Evangelisten schreibend dargestellt, aber fast immer ohne An- 
spruch auf Naturwahrheit, oft mit einer langen Rolle auf dem 
Schoofs, die in dieser Stellung unmöglich beschrieben sein 
kann, oder mit einer ganz lose auf dem Pult liegenden Rolle, 
wie Matthaeus bei Bianchini, Evang. Quadruplex I, 262. Nicht 
besser sind die schreibenden Evangelisten bei Arneth aus 
Karls d. Gr. Evangelienbuch in der Schatzkammer.*) Andere 
aber, vorzüglich aus später Zeit, sind sorgfältig gearbeitet und 
zeigen mit grofser Genauigkeit die wirklich gebrauchten Gq- 
räthschaften. 

Bei Montfaucon S. 24 sind S. Lucas und Dionys von 
Halicamass nach griechischen Handschriften schreibend dar- 
gestellt, bei Pasini *) die Evangelisten mit vollständigem Schreib- 
apparat. 

Der geschnitzte Elfenbeinband des Berliner Cod. theol. lat. 



^) Die Glosse id est speculum scheint mir falsch zu sein. 

^) Medicin. Handschrift in Dresden, beschrieben von Dr. Ludwig 
Choulant im Archiv f. d. zeichn. Künste 1855 S. 264—271. Der Schrei- 
ber hält sonst auch in der Linken einen schwarzen Stift. 

^) Denkschriften d. Wiener Akad. XIIL So auch der Johannes in 
Libri's Catalog pl. 35 zu n. 358 aus einem Walbecker Evang. s. XL 

*) Codd. bibl. Taurin. I, 92; II, 60 Luc^-s ipit Dintenhorn e. cod. 

Ut. s. xn, 



230 ^^^ Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

fol. 2 zeigt die vier Evangelisten, jeden mit einem Dintenhorn, 
und ähnlich Lucas im Evang. Angariense. Im Cod. theol. lat. 
f. 34 ist der schreibende Paulus recht schön dargestellt, und 
in einer der schönen Mindener Handschriften, die von Bischof 
Sigebert herstammen, ist Notker bei seiner Arbeit zu sehen. ^) 
In der Eneit (Cod. germ. f. 282 p. 55) sehen wir Lavinia einen 
Brief schreiben. 

Auf Tafel I zu MG. SS. XVIII schreibt Macobrius nach 
dem Dictat des alten Cafarus die Genueser Annalen auf einem 
wunderlichen Schreibbrett, welches auf seinen Knieen ruht, und 
er hält das Pergamentblatt mit dem abgerundeten Messer, 
welches so oft zu diesem Zwecke dient. Viel Aehnlichkeit mit 
ihm hat der schreibende Matthaeus bei Lappenberg ^) aus dem 
13. Jahrhundert. In dem Legendär aus Weifsenau vom Ende 
des 12. Jahrhunderts, jetzt in der fürstlich HohenzoUerschen 
Bibliothek in Sigmaringen, sind auch auf fol. 2 und 172 v. 
Schreiber dargestellt; ein Pergamentblatt ist, wie es scheint, 
auf dem Pult aufgespannt, und die linke Hand des Schreibers 
hält es mit dem gerundeten Messer fest. So auch Hieronymus, 
als schurrbärtiger Mönch dargestellt, in dem grofsen B des 
Beatus vir, während in der oberen Rundung David sitzt, in 
einer Miniatur, deren Stil an die schöne Bibel aus Amstein im 
Brit. Museum erinnert. ^) Ein ähnliches Messer hält auch S. 
Lucas bei Büsching^) in der Linken, und so hält auch S. Bri- 
gitta auf einem alten Holzschnitt das Blatt, auf welchem sie 
schreibt.^) Dieses Messer ist das Federmesser, so wenig es 
uns auch dazu geeignet erscheint.®) Der Darstellung in dem 
Werke der Herrad von Landsberg wurde schon oben S. 66 
gedacht. 

Cod. theol. lat. qu. 11. Pertz's Archiv VIII, 845. 

*) Von den Arbeiten der Kunstgewerke des Mittelalters zu Ham- 
burg (1865) Tafel IV. 

8) Libri's Catalog S. 38 n. 160 s. XI vel XII. 

*) Wöchentl. Nachr. II, 50, mit einer hübschen Schriftprobe aus 
dem 13. Jahrhundert. 

^) Anzeiger des Germ. Museums XIX (1872) S. 274. 

^) Czerny, Bibl. von St. Florian S. 23 nennt es Schabmesser, giebt 
aber selbst ein Bild an, wo die Feder damit geschnitten wiyd. 



Das Schreiben. 231 

In dem Heidelberger Cod. Salem. X, 16 des Liber Scivias 
steht fol. 2 V. Hildegard auf dem Dach, beschäftigt die erhal- 
tenen Offenbarungen auf ihrer Wachstafel aufzuzeichnen, wäh- 
rend unten ein Mönch dieselben auf Pergament überträgt. 

G^nz frei behandelt sind in dem oben S. 79 erwähnten 
Skizzenbuch eines Malers Matthaeus und Marcus mit langeu 
schmalen Blättern, welche locker auf dem Pulte liegen; und 
auch sonst erscheinen, bei übrigens augenscheinlich angestrebter 
Naturwahrheit, die Blätter, welche beschrieben werden, häufig 
so leicht imd lose hingelegt, dafs die so wunderbar feste und 
gleichmäfsige Schrift des Mittelalters uns damit durchaus un- 
vereinbar erscheinen mufs. Ich erwähne nur noch das hübsche 
Bild des Canonicus Jo Mielot zu Lille, der 1455 ein lateini- 
sches Buch übersetzt hat,') die beiden Schreiber bei Barrois,^) 
und die Nachbildungen aus Brüsseler Handschriften im Livre 
d'or des metiers. ^) Leicht Uefsen sich dergleichen Nachweise 
vermehren, aber der Gewinn ist nicht grofs, wenn nicht eine 
Darstellung besonders merkwürdige Umstände darbietet. 

Sehr lebhaft wird häufig in den Unterschriften der Schreiber 
die grofse Mühsal ihrer Arbeit betont, und besonders häufig 
ist der Vergleich mit dem Erreichen des Hafens am Ende 
der Arbeit.*) Schon Montfaucon S. 43 theilte die Verse mit, 
welche sich in einem Theocrit der Leipziger Stadtbibliothek 
wiederholen: 

äojiSQ ^tvoi )(alQOvöi JtaxQida ßXijtsw, 
ovTwg xal rotg xdfirovöi ßißklov riXoq. 
Aehnlich in einer Handschrift von 1112: 

IlovtoJtXciovöi jtavXa Xifi'^p rö5v jcoveov, 
xoQrjßarovoi xtQiia xov ÖQOfiov jtoXiq, 
xal rolg YQd(povoi X^Qf^^ ßißXlov riXoc,, 
XqiöxI ölöov jtovtovxc xifjv ütoXvoXßov aQmyrjv,^) 

') Vor dem 4. Band der Monuments pour servir ä Thistoire des 
provinces de Namur, de Hainaut et de Luxembourg. 

*) Biblioth^que protypographique S. 158. 259. 

^) Hist. de rimprimerie S. 21. 42. 51. 54. Vgl. auch Rockinger S. 51. 

*) Bemerkungen darüber in d. Philol. Anz. von E. v. Leutsch II 
(1870) 369—372. 

^) Zanetti^ Diyi Marci Bibliotheca p. 44. 



232 I^ie Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Und in der erwähnten Leipziger Theocrithandschrift des 
14. Jahrh. an anderm Ort: SöjttQ §ivoi ^a/povöti^ löstvjca- 
TQiöa^ xal Ol d'aXaTTevovTsg löetv hfitva, xal ol (TTQarevo- 
fievoi löeW To vlxoq, xal ot jtQayfiaTtvovTtg Idelv ro xegdog, 
xal ol voöq? Xevofist^oi (?) lösTv vylav, omco xal ol -/Qaqiovriq 
löelp ßißkiov riXog.^) 

Auch lateinisch findet sich derselbe Gedanke häufig aus- 
gedrückt; so in einer Würzburger Evangelienhandschrift saec. 
VII: Sicut navigantihus proximus est portus, sie et scriptm 
novissimus versus. Tris digiti scrihunt et totum corpus lahorat, 
Hora pro me scribtore, sie deum habeat protectorem. ^) Kürzer 
fafst sich ein anderer Schreiber desselben Jahrhunderts: Quem- 
admodum naute portus, ita scrihtori novissimus versus J) 
Wieder ein anderer schreibt wenig später: Karissime qui legis, 
peto te per ipsum qui plasniavit nos, ut oris pro me indigno 
j)eccatore et tdtimo scriptore, si habeas parteni cum doniino 
salvatore. Sicut navigantibus suavis est portus, sie et scripton 
novissimus versus, *) Qui nescit litteras scribere, nulluni putat 
esse laborem, quia quod tris digiti scribunt totos corpus Idbo- 
rant.^) Zwei Bobienser Schreiber derselben Zeit beschliefsen 
das übliche Gesuch um Füi'bitte mit dem Satz: Sicut nauta 
desiderat adpropinquare ad prosperum portum, ita scriptor 
ad ultimum versüm,^) In der langen und sehr barbarischen 
Unterschrift der Evangelienhandschrift von 754 in Autun steht: 



^) Naumann, Catal. bibl. Senatus Lips. p. 3. 

^) ^^SSi Korographie v. Würzburg S. 358. 

3) Reifferscheid, Wiener SB. LXVIII, 529. 

*) Ders. Satz mit oporttmus bei Peyron, Bibl. Bob. p. 203, Reiffer- 
scheid, Wiener SB. LXVII, 515, u. Mangeart, Catal. de Valenciennes e 
cod. S. Amandi s. IX; mit desiderdbüis e cod. legis Alam. s. X in Pertz' 
Archiv VII, 752; mit dulcis 2 codd. s. X in Novara, Reiff. SB. LXVIII, 
636. 637, vgl. Giov. Andres, Lettera al Sig. Abbate Morelli (1802) S. 42. 
43. Cod. lat. Mon. 3842 s. X vel XI, bei Steichele, Arch. f. d. Bisth. 
Augsb. I, 57. . 

«) so bei Reifferscheid, Wiener SB. XLIX. 21. 

ö) Peyron p. 178. 195. Reifferscheid 1. c. LXVII, 502. 535. Ebenso 
ein Trierer Schreiber saec. IX, Archiv VIII, 597, 



Das Schreiben. 233 

yut in pelago quis positus desideratus est porto, ita et scri- 
)re novissenius versus, ^) 

Nach Uebei-wältigung der merowingischen Barbarei schrieb 
L Mönch von St. Amand im neunten Jahrhundert:*) 

Desiderata tenens ut navita littora gaudet, 
Gaudeo sie libri corpus transnasse Maronis. 

iter Alcuins Gedichten finden sich die Verse: 

Nauta rudis pelagi ut sevis ereptus ab undis, 
In portum veniens pectora leta tenet: 

Sic scriptor fessus calamum sub calce laboris 
Deponens, habeat pectora leta quidem (al. satis). 

nie deo dicat grates pro sospite vita, 
Proque laboris agat iste sui requie. ') 

rner das kürzer zusammenfassende Distichon:*) 

Hactenus in sanctüm sulcando movimus aequor: 
Littoris ad finem nostra carina venit. 

ilafrid zugeschrieben werden die häufig angewandten Verse: 

Ut gaudere solet fessus iam nauta labore, 

Exoptata diu littora nota videns: 
Haud aliter scriptor optato fine libelli 

Exultat viso, lassus et ipse quidem.^) 



^) Facs. in d. Bibl. de Tficole des Chartas VI, 4, 217. 

'^) Mangeart, Catal. de Valenciennes S. 382. 

^) Opera ed. Frob. II, 204. Dieselben mit kleinen Abweichungen 

vielen Handschriften, v. Diac. Eriulf 911 bei Sinner, Catal. Bern. 

60) I, 405; in einem Evangeliar s. XI, Bibl. de l'ficole des Chartes 

1, 403. In einer Würzb. Handschrift, die Erchanbert von Fulda 

IX geschrieben, bei Eccard, Comm. de Or. Fr. II, 158 u. Oegg S. 500. 

cod. S. Gall. 242 mit dem Schlufs: Gratia magna tibi sit Christe 

nper in evo, Qui mihi donasti perficere istud opus, Scherrers Verz. 

89. 
*) Alcuini Opera ed. Frohen. H, 457. 

*) Canisius, Lectt. antt. VI, 641. Cod. lat. Monac. 6294 s. X. Colon. 

^ Casin. 598 bei Caravita II, 296. Nach Boet. de consol. in 2 Floren- 

ner, 1 Breslauer cpd. u. von Fromund geschrieben bei Pez, Thes. I> 



234 I^ie Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Damit verbunden sind in den Abschriften von Boetius de cons. 
pliilosophiae die Hexameter: 

Ut laetus ponti spumantis navita limphas 
Munere congaudet summi transnasse tonantis, 
Sic sacros calamo scriptor sidcante libellos. 

Der Schreiber Agifrod in Ivrea schrieb im zehnten Jahrh. an- 
spruchsvoll mit Goldschrift unter einer Canonensammlung: 

Dulcior ut portus nautis, ut meta quadrigis, 
Ut stabulum fessis, [ut] frigida limpha sitis, 

Sic mihi (fit) similis quem probet pagina versus, 
Ultima dum extremas pangit aruiido notas. 

Qui nescit scribere non- putat esse laborem, 
Ideoque obsecro: orate pro scriptorem. ^) 

Ich erwähne noch den Subdiaconus Johannes aus Troja, 
welcher 1011 für den eben erwählten Abt Atenolf von Monte 
Cassino den Ambrosius in Lucam abschrieb, und in seiner 
langen Unterschrift^) den Satz anbrachte: Sicut qui navigat de- 
siderat partum, ita scriptor novissimum versum. Als er Priester 
geworden war, schrieb er die Acta apostolorum u. a. mit 
schönen langobardischen Initialen, und veränderte den Satz 
etwas: Sicut nautes desiderat portum videre, ita scriptor desi- 
derat lihrum complere,^) 

Der Cleriker Reginpold im 11. Jahrh. schrieb mit der be- 
liebten Geheimschrift, wo für die Vocale immer der folgende 
Consonant gesetzt wird: Quam dulcis est navigantibus porttis, 
ita scriptori novissimus versus. Legentes in lihro isto cm- 
scripto orate pro ipso ut veniam mereatur a Christo, qui pro- 
stat vohis ah ipso, pro indigno clerico Reginpoldo, quia ipse 
lahoravit in ipso lihro. ^) 

Diss. Isagog. p. XVII. Koch 1 Vindobon. von Virgil u. 1 Rehdiger. von 
Augustin werden im Philol. Anz. 1. c. p. 370 angeführt. 

^) Dümmler, Gesta Berengarii S. 159, vgl. S. 75. 

2) Caravita II, 63. Reifferscheid in d. Wiener SB. LXXI, 45. 

«) Caravita II, 58. 

*) Cod. Bamb. A II 53 in üncialen. Facs. in Jaeck*s Schrift- 
mustern II, 10. 



Das Schreiben. 235 

Gar beweglich klagt über die Mühsal des Schreibens, 
mit dringender Bitte um Schonung des Buches, der Schreiber 
des Westgothischen Rechtsbuches im 8. Jahi^hundert: beatis- 
sime Icctor, lava nmnus tuas et sie librum adprehende, leniter 
folia turna, lonye a litter a digitos pone, Quia qui nescit 
scribere, putat hoc esse nullum laborem. quam gravis est 
scriptura: oculos gravat, renes frangit, simul et omnia membra 
contriMat, Tria digita scribunt, totus corpus laborat. Quia 
sicut nauta desiderat venire ad j^^oprium portum, ita et scri- 
j)tor ad ultimum versum. Orate pro Martirio indignum sa>cer- 
dotem vel scriptoreni etc. Ganz ähnlich schrieb in Corbie Wa- 
rembert: Amice qui legis, retro digitis teneas,^) ne subito litter as 
deleas, quia ille liomo qui nescit scribere, nullum se putat 
liabere laborem^ quia sicut navigantibus dulcis est portus, ita 
scriptori novissimus versus. Calamus tribus digitis continetur, 
totum corpus laborat. Deo gratias. Ego in dd nomine 
Vuarembertus scripsi. *) Die drei Finger fanden wir schon 
öfter erwähnt;^) neben vielen anderen Dreiheiten hebt sie 838 
Dubthach hervor in einem Priscian von unbekannter Herkunft. *) 
Recht barbarisch schrieb im 7. Jahi-h. Valerianus: Quia tribus 
digitis scribitur et totus membrus laborat, labor quidem modi- 
cum, gratia autem magna a creatori etc.*^) 

Metrisch correct lauten die gewöhnlich entstellten Verse: 

Scribere qui nescit, nullum putat esse laborem: 
Tres digiti scribunt totum corpusque laborat.*) 



») Vgl. Archiv d. Ges. f. alt. d. Gesch. VUI, 81. 

^) L^op. Delisle, Recherches sur l'ancienne Bibl. de Corbie, M^m. 
de rinstitut XXIV, 292; vgl. Serapeum XXIII, 215. 

°) Sie finden sich noch öfter mit dem Bild vom Hafen verbunden. 
Aufser den besonders angeführten Stellen nenne ich Oegg S. 453, Pez 
Thes. I, Diss. Isag. p. XLI. Mangeart S. 162. Andres p. 42 = Reiffer- 
scheid SB. LXVÜI, 637. Pertz' Arch. VH, 752. Scherrer Verz. d. S. 
Gall. HSS. S. 285. Steichele, Archiv f Augsb. I, 57. 

*) jetzt in Leiden. Grammatici Latini ed. Keil II p. XIII. 

^) Cod. lat. Monac. 6224. Vollständig im Halm*schen Catal. (auf den 
immer ausdrücklich hinzuweisen überflüssig ist) I, 3, 74. 

®) Hoffmann, Altdeutsche Handss. S. 151. Wright and HalliweU 
Bell. antt. I, 288. Valentinelli , Bibl. S. Marci IV, 153, Mit Qorpus 



236 I^ie Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Der Bruder Leo^) aber, der im Latein sehr schwach war, 
schrieb im 10. Jahrh. in Novara: Tria digita scribuni, totus 
Corpus lahorat, Dorsum inclinat, costas in ventrem mergit, 
et omne fastidium corporis nutrit, Ideo tu lector leniter foVm 
versa, manus lava,^) et sie Ubrum tene, et ei aliquid pro vesti- 
tura consterne. Kürzer, doch nicht ganz verständlich, fährt 
der Subd. Johannes nach den oben angeführten Worten fort: 
Qui nescit scribere, putat nullus esset laborem, Sed qui habet 
intentos oculos et inclinata cervice. Tria digita scribunt, sed 
totum corpus laborat. 

Mit der Krankheit, wie oben S. 232, wird das Schreiben 
im cod. S. Gall. 10 verglichen: Sicut aegrotus desiderat sanv- 
tatem, ita desiderat scriptor finem libri, ^) Und mit der Ernte 
vergleicht das Ende des Buches in schlechtem Latein 1270 
ein ital. Abschreiber von Isidor's Origines: 

Ut est labor agricolis proscindere vomere terras, 
Sic mihi arundineus calamus solcare novales. 
nie etiam tostas congaudet cernere messes, . 
Sic et ego finem lector concludere versum. *) 

Bruder V. rühmt sich im 14. Jahrhundert, er habe sein 
Buch geschrieben non sine sudore, carnis macer ando vigore: 
er hofft dafür in codice vitae eingeschrieben zu werden.^) 



tarnen omne laborat Irmischer S. 130. Aluisius Christophori in Pisa 
setzt 1471 den fehlerhaften Vers dazu; Scribere qui seit, nullum putat 
esse maiorem. Valentinelli IV, 85. Ein anderer: magnus est labor, sed 
maior est premia aeterna bei Rockinger S. 187 (II, 21). 

^) clericus, nicht ds d. i. deus, wie Reifferscheid schreibt, SB. 
LXVIII, 636. Richtig bei Andres, Lettera all' Abb. Morelli S. 43. 

2) Vgl. oben S. 226. 235. Um gewaschene Hände bittet auch die oft 
wiederholte Inschrift von Greg. Moralia, Caravita II, 33. 66. 75: Quis- 
quis quem tetigerit, sit Uli Iota manus, 

^) V. Arx, Berichtigungen S. 30. 

*) Valentinelli, Codd. S. Marci II, 47. 

^) Coxe, Catal. Bodl. III, 367. 



Das Schreiben. 237 

in hübsches Epigramm über die Arbeit des Schreibers, 
jht aus dem neunten Jahrhundert, steht in Riese's Aus- 
ler lat. Anthologie:^) 

Ardua scriptorum prae cunctis artibus ars est: 
Difficilis labor est, durus quoque^) flectere colla. 
Et membranas bis ternas sulcare per horas. 
Quare, lectores, praecelsum poscite divum, 
Ut procul expellat quicquid scriptoribus obstat. 

[it den folgenden Versen beschlofs Otloh seine Lebens- 
eibung des h. Bonifaz: 

vos, qui nostis, quid perferat ille laboris, 
Qui se scribendo castigat tempore crebro: 
Assiduis precibus memores sitis precor eins, 
Qui promptus librum conscripsit et edidit istum. *) 
Tu quoque, sancte Dei, memor esto sui, Bonifaci, 
Ob cuius laudem librum conscripsit eundem, 
Ut regno Christi per te valeat sociari.^) 

chlimm war es, wenn die Hand verletzt oder vom Schrei- 
hm wurde, wie es emem Schreiber im elften Jahrh. ge- 
n zu sein scheint, der schrieb: 

Tandem perge Über Godescalci poUico Über, 
Qui bene scripsisset, si prae digito licuisset.^) 

o klagt Ambrogio Traversari: pollex novo semper tremore 
ir,^) Der schlimmste Feind aber war das Alter. Chümo 
b, filo chümor kipeit, steht in langen zitternden Zügen 



I I, 2 p. XXVII e cod. Voss. qu. SS. 

I duriusque HS. 

) so weit unter eiDem Mammotrectus von 1466, Jacobs u. Ukert, 

I, 1, 169. 

) Jaff^, Bibl. III, 505. Mit noch 5 weiteren Versen e cod. Zwetl. 

Lz' Archiv X, 609. 

) Pertz' Archiv VIII, 605. 

) Epistolae ed. Mehus p. 188. 



238 I^ie Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

unter einer Sanctgaller Handschrift des neunten Jahrhunderts,^) 
und aus dem zwölften steht in einer Cassineser: Hunc prop'ia 
scripsi carum valde libellum iam tremulante manu de nüa 
christiana Fastidii episcopi,^) 

Rührend ist der alte Agilolfinger Wicterh, als Abt und 
Bischof von S. Martin zu Tours 756 gestorben, der 754 ein 
geistliches Werk für einen Regenten, wahrscheinlich Tassilo, 
schrieb iam senex, puto nonagenarius aut supra, dolentihm 
membris et caliginantibus oculis, und bis an seinen Tod uuer- 
müdet weiter schrieb, propria manu scribens libros. ^) 

Stephan Heinzmann, Notar in Rosenau, schrieb 1388 ein 
Instrument nicht selbst jprop^er trepida^onis manuum defedum.*) 

Natürlich litten auch die Augen, ^) besonders wenn der 
Schreiber auch bei Licht schrieb, wie Marian, und Bruder 
Ludwig in Wessobrunn: 

Sedibus externis hie librum, quem modo cemis. 
Dum scripsit, friguit, et quod cum lumine solis 
Scribere non potuit, perfecit lumine noctis.^) 

Nicolaus, auf den wir noch zurückkommen, schrieb seine 
Vita Magni bei Nacht, und entschuldigt damit die schlechte 
Schrift. 

Auch Bruder Dietrich in dem Coelner Kloster Grofs-Sanct- 
Martin schrieb 1480 bei Licht caliginantibus oculis.'^) 



s. Müllenhoff u. Scherer S. 23 u. 297 (25 u. 315 ed. II). Facs. 
V. Mafsmann im Anz. von 1832 S. 245. Hattemer, Denkm. I Tafel 2. 

2) Reifferscheid, SB. der Wiener Akad. LXXI, 109. 

») Ann. Petav. MG. SS. III, 170. Aventmi Ann. Boj. III c. 7 § 1 
Vgl. Rettberg*s Kirchengesch. II, 269 und meine Geschichtsquellen 1, 119. 

*) Archiv f. Siebenb. Landeskunde 1875, XII, 372. 

«) Bei Valentinelli, Bibl. S. Marci IV, 90, findet sich folgendes 
Recept: Äd clarificandum visum, lava capud bis in hehdomada cum 
lixivio, in quo radix iunci marini fuerit cocta: hoc diocit senex equi- 
tanicus miniator, qui fuerat expertus. 

ö) B. Pez, Thes. I Diss. Isag. p. XIX. Vgl. oben S. 226. 

') Cod. Bruxell. 428—442, Heiligenleben. Mittheilung von W. 
Arndt. 



Das Schreiben. 239 

Der Schwäche der Augen wurde durch Brillen abgeholfen. 
Jchon in Alfrics .Vocabular (S. 38 bei Wright) finden wir 
pecularis purJiscyne stan, ja schon in dem Leben Wilfrids 
^on York (t 709), das im 10. Jahrh. von Fridegod geschrieben 
st, heifst es (Mab. Actt. III, 1, 195): 

Protinus admisso micuit syntagma berillo. 

)er Sinn ist nicht recht klar, und so lange man die Ver- 
^röfserung für eine Eigenschaft des Beryll hielt, mufste die 
Anwendung sehr beschränkt bleiben. Die Anwendung beim 
Schreiben kann ich erst im 14. Jahrh. nachweisen. Petrarca 
ep. ad posteros) besorgte, dafs ad ocularium confugiendum 
isset auxilium. Am Schlufs einer Predigthandschrift von 1387 
iteht: daz ich pha/f Alhreckt genannt der Kolbe . . . han diz 
moch geschriben mit grofsen unstatten und durch ain Spiegel, 
io ich 66 jar alt waz. Dafs dieser Spiegel eine Brille war, 
md so z. B. im Vocab. optimus specular Spiegel zu verstehen 
st, hat W. Wackemagel nachgewiesen.^) Johann Butzbach 
lennt sie ocularia seuberilla.^) Für die Nürnberger Raths- 
lerren wurden 1482 fünf augenspiegel angeschaflft, ^) in Diessen 
zahlte man 1499 45^/2 den. pro speculis et fuderal, in Tegem- 
J.ee 1492 .14 den. vmb czway augengleser, 1495 53 den. pro 
ydo paribus oculariorum iuvenum; 1500 zahlte der Abt gar 
> Schill. 8 den. pro speculis oculoruni,^) Auf Abbildungen 
lind Schreiber mit Brillen häufig» und es wurde, das sogar auf 
lie Evangelisten übertragen.^) 



') Die deutsche Glasmalerei (.Leipz. 1855) S. 128. 
*) Wanderbüchlein, herausg. v. Becker (Regensb. 1869) S. 122. 
*) Anzeiger d. Germ. Mus. XX, 136. 
*) Bockinger, Zum baier. Schriftwesen S. 50. 
*) z. B. in der deutschen Bibel in Heidelberg, Cod. pal. Germ. 23 
aec. XV Marcus u. Paulus. 



240 1^16 Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Ueber die Zeit, welche man zum Schreiben brauchte, 
geben uns einige Unterschriften Kunde, doch, war natürlich ein 
grofser Unterschied nach der Geübtheit des Schreibers und 
der Art der Schrift. Der heilige Columba im 6. Jahrh. schrieb 
eine Evangelienhandschrift in 12 Tagen. ^) Eine Canonen- 
sammlung in grofs folio aus dem achten oder neunten Jahrh. 
von 130 Blättern, der aber am Anfang 2 Quatemionen fehlen, 
hat die Unterschrift: Expliciunt canones ex tribus Ubris ediian 
quod inchoavi Kl, Apr. et consummavi Id. Sept id est diebus 
CLXVI ebdomatibus XXIIIL Lege letanter, intellege pru- 
denter, eomple effieaeiter, Legenti vita, possidenti pax per- 
petua, seriptori praemia aeterna, ^) Hier kommt also auf ein 
Blatt etwas mehr als ein Tag. 

Das entgegengesetzte Extrem von Geschwindigkeit leistete 
793 Wandalgar, indem er die Lex Salica diae Mercoris proximo 
ante hol, Nov. (30 Oct.) zu schreiben anfing, und am Freitag 
1. Nov. schon mit dieser und dem Alamannischen Gesetz dazu 
fertig war.^) 

Auch Agambert brauchte 806 zu Hieronymus' Commentar 
zum Jeremias*) nur einen Monat: Theodericus abbat, fieri or- 
dinavit. Agambertus fecit deo gratias semper domine anien. 
Kai. Julii scribere inehoavi, pridie hal. Aug. consummavi a. 
sexto imperii d. Caroli serenissimo atque gloriosissimo impera- 
tore cesare augusto. 

Eine Handschrift mit Heiligenleben entstand 819 auf dem 
Feldzug gegen Liudewit: Hie liber fuit inchoatus in Hunia 
in exercitu a. d. 819. 4. Non. Jun. et perfinitus apud S. 



^) The book of Burrow, s. V. Columbae auct. Adamnano ed. Reeves 
(Bannatyne Club 1857) S. 242 n. i, u. S. 327. 

2) Cod. lat. Mon. 5508 (Dieff. 8) f. 301 v. Mittheilung von W. 
Arndt. 

8) Cod. S. Gall. 731, s. Archiv d. Ges. f. alt. d. "Geschichte V, 
213 — 215. Daraus das Bild eines Mannes mit Wachstafel, bei Hone, 
Anz. 1835, Tafel IV zu S. 491. 

*) Valenc. 52 aus St. Amand; 182 Blatt, 32 Zeilen auf der Seite. 
Der Schreiber spielt mit halb griech. halb goth. Buchstaben u. Geheim- 
schrift; der Abtname ist ein Monogramm. Facs. bei Mangeart S. 50. 
unter jedem Buch steht emendavi. 



Das Schreiben. 241 

Florianum 2* Id. Sept. in ebdonmda ^5^. Schon Aventin hat 
sie gekannt und erwähnt; damals war sie in Münchsniünster 
an der Um, jetzt ist sie in Brüssel (821G). ^) Auf die Hand- 
schrift, welche Bischof Baturich 823 in sieben Tagen schreiben 
liefs, kommen wir noch zurück. Notker's Psalmen Übersetzung 
war in einem jetzt verlorenen Exemplar in 14 Tagen abge- 
schrieben. ^) 

Die Geometrie des Boetius schrieb 1004 Constantius in 
Liixeuil in elf Tagen. ^) Eine Abschrift der Martiniana mit 
Fortsetzung liefs W. von Bolanden, Probst von S. Victor vor 
Mainz, durch seinen Notar Jacob 1316 anfertigen; er begann 
am 26. Sept. und war am 18. Oct. fertig.*) 

Ein prächtiges neues Testament der Wiener Hofbibliothek, 
von 278 Blättern in grofs folio, ist 1333 in 6 Monaten geschrie- 
ben;^) ein illuminiertes Graduale für das Kloster Aldersbach, 
zu welchem 175 Häute gebraucht wurden, in 8 Monaten, vom 
1 Juli 1322 bis 22. Feb. 1323. Zu den Sermones (luadragesi- 
males des Jacobus de Voragine brauchte ein Schreiber 7 Wochen, 
vom 7. Nov. bis 24. Dec. 1375. Das oberbaierische Landrecht 
ist vom 13. März bis 3. April 1448 hergestellt, ein Schwaben- 
spiegel vom 17. Dec. 1464 bis Ende März 1465.^') Die dritte 
Decade des Livius auf 80 Blättern schrieb 1389 in Venedig 
Foscarin de Pharizeis aus Parma vom 15. Febr. bis zum 
15. März, also in vier Wochen, wie seine Unterschrift deutlich 
bezeugt, obgleich die Zeit für die Arbeit fast zu kurz erscheint) 



*) Archiv d. Gesellschaft f. alt. d. (iesch. VIII, 81. Aventini Ann. 
Boj. IV c. 9 § 28. 

Scherrer's Verz. d. S. Galler Stiftsbibl. S. 10. 

^) Grandidier, Oeuvres hist. II, 230. 

*) Public, de Luxerabourg etc. XVIII a. 1862. Cod. Dresd. F. 159. 

^) Theol. 17, jetzt 1174, s. Denis I, 1, 19. Vom 3. Juli bis 18. Ja- 
nuar. Czerny, Bibl. v. St. Florian S. 19 führt auch an, dafs der Melker 
Mönch Wolfgang von Steier als Prior von St. Peter in Salzburg 1436 
ein Missale in einem halben Jahre geschrieben habe, nach II. Pez, SS. 
Rer. Austr. II, 447, allein da steht nicht, wann es fertig wurde. 

®) Die letzten Angaben bei Rockinger S. 188 (II, 22). Sie sind 
alle von professionellen Schreibern. 

') Valentinelli, Bibliotheca s. Marci VI, 13. 

Wattenbach, Schriftwesen. 2. Aafl. 16 



242 ^ie Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Die Kostbarkeit des Schreibmaterials führte zu dem Ge- 
brauch der Abkürzungen, deren Uebermafs in vielen Hand- 
schriften das Lesen sehr erschwert. Man nannte es breviare, 
aber auch tüulare von tltuliis, titula oder titella, dem Abkür- 
zungszeichen, span. tilde. Es bedeutet freilich titulare auch 
nur einfacli schreiben. Wenn auf dem Titelblatt des römischeu 
Staatskalenders in Wien steht FILOCALVS TITVLAVIT, so 
ist damit vielleicht die malerische Ausschmückung oder doch 
die schöne kalligraphische Ausführung gemeint;^) das Wort 
wird hier von titulus, der Inschrift, Aufschrift, herzuleiten sein. 
Aber wenn eine Urkunde aus Le Maus beginnt Tüuletur in 
pagina, wenn unter einer Urkunde aus Castilien von 957 steht 
Jo. tiUdavit, so ist doch dadurch wohl imr das Schreiben niit 
einem gewählten Ausdruck bezeichnet.^) Anders dagegen ist 
es zu verstehen, wenn im zehnten Jahrhundert der Cleriker 
Heinrich von Pomposa sagt: quosdam ex fratribus adversos 
habeo, ob nlmiam titulationem non valentes legere libros a me 
Script ofi,^) Alexander Neckam schreibt: Alium etiam.modim 
sortiatur scribendi in signatis (enseus) et in cirographis (ciro- 
grafsj chartis (chartres) et in transactionibus, alium in tcxtii 
(tist) et alium in glosis (glose). GJosa enim per subbrevitaton 
(brefte) et eonp^cndiosam (sie) per apices (titles) seribi debct. 
Conradus de Mure (1270) giebt in seiner Summa ^) Anwei- 
sungen darüber, wo die Etikette es erfordere, Eigennamen 
nicht auszuschreiben sondern nur nnzudeuten, und bemerkt 
dabei : Verbi gratia proprium nomen (riUelnms breviatur per G 
et i et duo l cum tHella, qtie ipsa II ad invicem connectat; simi- 
liier Fridericns per eapitales F et R cum titella, et sie de simi- 
Uhus. Set non multum expedit in litteris scribendis, ut pro 
uniea ei sola vel duabus litieris ponatur titula vel titella; verbi 
graeia hee dietio impar poelus total Uer debet seribi per quin- 



Diesen Filocalus weist als Kalligraphen des Pabstes Damasus 
nach De Rossi, La Roma sotterranea I, 121. 

-) beides bei Du Cange ed. Henschen VI, 595. 

3) Blume, Iter Ital. II, 210. 

•*) Quellon zur Bayer. Geschichte IX, 463. 



Das Schreiben. 24::) 

que litteraSy quam si titella poiicretur super i et altera ad 
2^cdcm p. In der von L. Delisle mitgetlieilten Anweisung für 
päbstliche Schreiber^) kommt titulus in dieser Bedeutung vor, 
und es wird genau unterschieden, welche Form desselben den 
verschiedenen Ausfertigungen zukommt. 

Merkwürdige Anweisungen für die richtige Art der Ab- 
kürzung enthält eine Handschrift des 15. Jahrhunderts mit 
dem Titel: Incipiunt quedam regule de modo titulandi seu 
apifieandi pro novelUs scriptorihus cojmlafe, et isfe modus 
tytulandi servari p^otest in lihris 2)rcciosis scilicet in hihliis et 
huiusmodi in seriptura rot und a aut fractura et alHs, Nisi 
seriptori auteni placuerit scilicet in messalihus sermonibus ome- 
liariis et sie in aliis in scriptura communi, ^) Im Text braucht 
der Vf. den Ausdruck titellus für das Abkürzungszeichen, und 
redet, von sillabe titillahiles. 

Um 1174 versuchte Johann von Tilbury (oben S. 192) eine 
Zeichenschrift zu einfinden, mittelst deren man im Stande sein 
sollte, alle lectiones nachzuschreiben und sich so alle Weisheit 
anzueignen; dafs dieses Ziel so zu erreichen sei, steht ihm 
aufser Frage, gerade wie jenem Schüler, der in seinen Büchern 
sui magistri dogmata fixissime incorporata hahuit, und als 
diese ins Wasser fielen, seine ganze Weisheit verloren hatte. ^) 
Tilbury brauchte nota für das Hauptzeichen, titula für Ilülfs- 
zeichen. Zu Stande scheint er aber trotz aller Ruhmredigkeit 
und der Beihülfe des h. Thomas nicht gekommen zu sein; 
wichtig ist, dafs, wie man aus seinen Worten sieht, vollstän- 
dige Nachschrift damals für unmöglich galt. 

In ganz anderem Sinne bedeutet dbhreviare ein hrctJC und 
überhaupt ein Concept verfertigen, ein Ausdruck, der vorzüg- 
lich bei der päbstlichen Curie üblich war; doch nennt sich 
auch Ragewin Otto's von Freising ahbreviator et notariusJ) 



Bibl. de ri:cole des Chartes IV, 4, 23. 

^) Facsimile-Ansgabe von John Spencer Smith, Cadomi 1840. 

^) wie Cunrad Säldner erzählt, Zeitschr. f. Gesch. d. Oberrh. XXV 47. 

*) MG. SS. XX, 341. 

Iß* 



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244 I^ie Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Von der Curie heifst es iu dem Carmen apologeticum aus dem 
13. Jahrhundert:^) 

Sunt ibi qui norunt formare negotia quaevis, 
Et sunt qui formas abbreviare sciunt. 

Der genehmigte Entwurf des Abbreviators wurde dann vom 
Scriptor grossiert: 

Istorum labor est Chartas grossare notatas 
Et grossas cameris restituisse suis. 

Ironisch wird die Schnelligkeit des Geschäftsganges geschildert: 

Prima dies igitur scribit quodcumque petendum, 

Et tua portabit vota secunda patri. 
Tertia grossabit, bullatum quarta videbit. -) 

Auch behauptete man: 

Dum scribit grossarius, scripta pulcriora 
Ordinat, si munera fiunt largiora.^) 

Die Franzosen haben noch jetzt die Worte minute und 
grosse für die notarielle Urschrift und die grossierte Ausferti- 
gung;^) minuta kommt in diesem Sinn bei Burchardus Argeu- 
tinensis vor: ledae sunt. ])lurcs minutae brevium. So schreibt 
auch Ambrogio Traversari: MirnUam illam ut vocatis literarmi 
ad ducem Alhertmn scrihendarum accepL^) Die Franzosen 
machten daraus minuer und minuare; so 1357 in einer Rech- 
nung aus Abbeville: chrico pro minuando et grossando VI sol 
und 1395: laquelle relacion .... niimia en tine feuUe de pa- 
pier, et ieelle minuee ledit Sergent emporta.^) Nicht anders 

Mab. Anall. ed. II. p. 369. Vgl. über die Zeit der Abfassung 
Tiraboschi Tome IV, lib. III, cap. 4 § 12. 

^) Nach Walther Map de nugis cur. II, 7 kostete jede Expedition 
12 den. ad hidlam. 

^) Versus de curia Romana im Anz. d. Germ. Mus. XVII 1^1870» 
S. 88. 

*) englisch minute und engrossment. 

^) Epistolae ed. Mehus p. 215. 

^) Die Stellen bei Du Gange ed. Henschen s. v. minuta. Davon 
auch le menu. In Breslau war ein liher ingrossatoris. 



Das Schreiben. 245 

war das Verhältiiifs, wenn das Concept eines Buches ins Reine 
zu schreiben war. ^) Man wählte aber in beiden Fällen ver- 
schiedene Schriftarten, die als Text und Nottel unterschieden 
wurden. Hans Fründ, Land schreibor zu Schwyz, hat um 1450 
eine Richtung mit schrift vcrnottelt;^) in Schweden aber hiefsen 
die Lettern (litterae stanneae) des Klosters Wadstena 1495 in 
brevitiira et in tcxtura, ^) Manche Schreiber verstanden sich 
auf beide/) aber durchaus nicht alle. Deshalb sagt Conradus 
de Mure:^) Alia manus reqiiiritur in quaternis scribendis et 
alia in epistolis, Flures enim scriptores et Scriptrices qui honam 
vel cmipetentem formant Ufer am in quaternis, nidlomodo vel 
rix sciunt hahilitare manum ad epistolas scrihendas; lür Briefe 
verlangt er eine manus bona mclior optima, für Citationen und 
andere gewöhnliche Ausschreiben eine gute und leserliche, aber 
für Indulgenzen und Privilegien die beste. Et breviter in 
literis seu vpistolis penitus reprobatur litera nimis grossa seu 
psalterialis. 

Das ist die starke und feste Bücherschrift, textus genannt, 
wie Caesarius von Heisterbach Dial. V, 16 sagt: in tantum 
litteras didicerat, ita ut textum legere sciret. ^) Man unterschied 
textus quadratus^ rotundus und bastardus, '^) nel)st vielen Spiel- 



^) regrossatus heifst ein Cod. Vinc. Crac. von 1459. Zeifsberg, 
Poln. Geschichtschreibung S. 69, Vgl. die Unterschrift von 1463 bei 
M. Perlbach in d. Altpreuss. Monatschrift X, 567: Si qiie autem fuerint 
in presenti libro incorrecta, non michi sed exemplari, de quo regrossavf, 
id pro vitio legentes ascnhere velint. In beiden Fällen ist von Abschrift, 
nicht Remschrift, die Rede. 

2) Mittheilungen z. vaterl. Gesch. (S. Gallen 1872) XIV, 58. 

^) Geijer, Schwed. Geschichte I, 297. 

*) Daraus erklärt sich wohl die verschiedene Schrift in der Doppel- 
chronik von Reggio, Dove S. 21 mit Tafel. 

*) Quellen zur Bayer. Geschichte IX, 439. 

®) Sonst hiefsen namentlich auch die reichverzierten Chorbücher 
textus; so in Ronen saec. XII: Ocio textus, tres magni de auro et gem- 
mis etc. Dabei ist nicht an Goldschrift zu denken. Bibl. de T^ficole 
des Chartes III, 1, 216. 

^) z. B. in den Rechnungen der burgund. Herzoge: A Yvonnet le 
Jeune, clerc, escripvain, pour avoir contre escript et grossu en lettres 
hastardes le dit livre etc. für 1 quayer 16 sol. ib. p. 249. 



24<) I^ie Schreibgeräthe uud ihre Anwendung. 

arten, auf welche wir bei den Schreiblehrern noch zui'ücklvom- 
men. Im Chronicon Windeshemense II, 42 heifst es: Novis 
libris conscribendis in bona rotunda textura et fractura, per- 
gamma vel franceno quottidie insudavit. Französisch heifst 
die künstliche Bücherschrift lettre de forme oder de fourme; 
ein Kalligraph in Brügge um 1438 heifst Richard Lefevre, 
escripvain de forme (vgl. oben S. 220).^) Wegen der musi- 
kalischen Noten begnüge ich mich auf einige unten genaunte 
Werke zu verweisen. ^) 

Die Hauptarten der Urkundenschrift bezeichnet das Chro- 
nicon Windeshemense II c. 62: Cui tunc teniporis nieUorem in 
fraetura et notatura monasterlum nostrum non habuit. Ver- 
schiedene Benennungen giebt das zwischen 1440 und 1444 ge- 
schriebene Register des Nicolaus de Sachow über die Urkuu- 
den des Bisthums Lübeck:^) Registrum primum (von 1276 an 
geschrieben) est antiqimm et in fracto brevi modo conscriptmu 
coopcrtum coopertiira subriibca. Secundum registrum (vom Ende 
des 14. Jahrh.) est de magno modo conscriptum, coopcrtum 
asseribus brunis. Tertium registrum (saec. XIV) est de parw 
vel eonfracto modo, coopcrtum adhuc sine asseribus coopertura 
albea. Der Stadtrath zu Aachen bezahlte 13^8 fünf Mark (k 
statutis civitatis tarn magnis quam parvis in librum et etiam 
in magna littera scribendis.^) 



1) A. .Kirchhoff, Ilandschriftenhändler S. 9G. 100—102. 188. Im 
Inventar der Bibl. des Louvre von 1375 und den Nachträgen kommen 
lettre de forme u. de note vor, auch courant, und S. 172 lettre de caurt 
de Romme. Eine besonders alte Handschrift der Agrimensoren S. 173 
ist par diptongues geschrieben, d. h. noch nicht e für ae und oe. In 
dem Inventar des Herz. v. Berry 1416 lettre de fourme, frangoise, ronde, 
de court, de somine, courant. — Nach Laianne, Curiosites bibliogr. 
S. 103 sind lettres de forme die eckigeren des Donat etc.; die mehr ge- 
rundeten von Gutenberg u. a. lettres de som>me, engl. blacJc letter, flämisch 
lettres Saint-Pierre. 

2) Lambillotte, Antiphonaire de S. Gr^goire, Brux. 1851, 4. 8chu- 
biger. Die Sängerschule Sanctgallens, Eins. 1858. Coussemaker, SS. de 
Musica Medii Aevi, Paris 1867 mit Facs. von Regino's Tonarius. Expli- 
cation des neumes par M. TAbb^ Raillard, Paris s. a. 

•^) Levcrkus, TJrkundenbuch des Bisthums Lübeck I p. XX. 
•*) Laurent, Aachener Stadtrechnungen S. 127. 



Palimpsestc. 247 

Coiiraclus de Mure giebt in der ül)eii S. 155 mitgetheilten 
Stelle für Urkundenschrift die Anweisung: chictu lineali grosso- 
tur, was auf nachträgliches Verdicken der ersten Striche zu 
gehen scheint. Dann accentuetur, ^>MM6*f(^^w/*, vinjuletur. 

Der Freiherr von Biedermami hat nachgewiesen, dafs in 
einem Mefsbuch s. XV die sehr grofsen Buchstaben nicht ge- 
schi'ieben, sondern mit Stanzen, welche die einzelnen Bestand- 
theilo der Buchstaben entliielten, gedruckt sind. ^) Herr A. 
Kirchhoflf, welcher die Güte hatte mich darauf aufmerksam zu 
macheu, th eilte mii* zugleich mit, dafs Chorbücher dos vorigen 
Jahrh. aus Italien, welche auf dem Titel als imprcssa bezeichnet 
sind, augenscheinlich mittelst Schablonen oder Patronen her- 
gestellt wurden. Auch in Berlin ist ein grofses Mefsl)uch des 
16. Jahrh. (Z 5), welches in der oben beschriebenen Weise 
hergestellt ist und der Biedermann'schen Beschreibung ent- 
spricht. Freilich ist keine Spur eines Eindrucks wahi'zunehmen, 
aber sehr deutlich, dafe z.B. i aus 3 einzeln aufgesetzten Stücken 
besteht, was doch wohl mit Tatronen kaum ausfülu'bar ge- 
wesen wäre. 

8. Palimpseste. 

Einer besonderen Erwähnung bedürfen noch schliefslich 
die Palimpseste. Der Umstand, dafs man einmal beschrie- 
benes Material noch einmal zum Schreiben brauchbar gemacht 
und benutzt hat, würde an sich die Eiin-äunmng eines beson- 
deren Abschnittes nicht rechtfertigen, wenn nicht die Erhaltung 
der älteren Schrift solcher Codices in einzelnen Fällen von 
grofser Wichtigkeit gewesen wäre, und durch bedeutende Ent- 
deckungen der ganzen Gattung eine vorzügliche Aufmerksamkeit 
zugewandt hätte. 

Ausführlich behandelt ist diest'r Gegenstand im Nouveau 
Traite I, 481 — 484, von F. A. Knittel in seiner Ausgabe der 
Wolfenbütteler Fragmente des Ulfila (1762) S. 202 ff., von 
U. F. Kopp, Bilder und Schriften I, 185—194, F. A. Ebert, 



^) Ob Druck, ob Schrift? Monatshefte für Musikgeschichte 1871 
S. 2 — 5, mit Facsimile. 



248 l^i^ Sclireibgeräthe iiud ihre Anwendung. 

Zui' Handschrifteiikuude S. 77 — 85, von Fridegar Moue in 
seiner Dissertation de libris palimpsestis tarn latinis quam 
graecis (Carlsr. 1855). In einem eigenen Aufsatze behandelt 
A. Ruland die Verdienste des Archivdirectors Franz Joseph 
Mone und seines Sohnes um das Pahmpsesten- Wesen, im Se- 
rapcum XVII, 1 — 11. 29 — 32. Vorzüglich aber sind auch fiii- 
diesen Gegenstand zu berücksichtigen die Ausgaben des Gaius, 
vgl. Bluhme's Iter Italicum I, 260 — 265. IV, 188, u. jetzt vor- 
züglich die neue Ausgabe von Studemund; M. TuUii Cioeronis 
Orationum Fragmenta etc. edita a Niebuhrio, Romae 1820 und 
von Am. Peyron, Stuttg. 1824; G. H. Pertz über ein Bruch- 
stück des Livius, in den Abhandlungen der Berliner Akademie, 
1847, F. Ritschl über den Ambros. Palimpsest des Plautus,^) 
F. J. Mone, lateinische und griechische Messen, Frankf. 1850, 
4, S. 153 ff. und andere Schriften, in welchen Palimpseste be- 
handelt sind; ferner der Aufsatz von dem Jenenser Professor 
A. W. V. Schroeter: Uebersicht der vorzüglichsten seit dem 
Jahre 1813 besonders durch Codices rescripti neuentdeckten 
Stücke der griechischen und römischen Litteratur, im Hermes 
1824, IV, 318 ff 1825, II, 271 ff., nebst den Verzeichnissen 
von Frid. Mone S. 41 ff 59 ff. 

Palimpseste waren im Alterthum sehr häufig. Von Pa- 
pyrus wusch man die Schrift wohl einfach ab, aber natürlich 
blieben die Spuren, und man schiieb darauf nichts von blei- 
bendem Werth. Deshalb sagt Catull XXII, 4: 

Puto esse ego illi millia aut decem aut plura 
Pcrscripta, nee sie ut fit in palimpseste 
Relata: chartae regiae, novi libri, 
Novi umbilici, lora rubra, membrana 
Directa plumbo et pumice omnia aequata. 

Und Cicero Epp. fam. VII, 18 schreibt an Trebatius: Nam quod 
in palimpsesto, laudo equidmi parsimoniam, sed miror quid »w 
illa chartula fuerit quod delere malueris quam haec scrib&re; 
nisi forte tuas formulas. Non enim puto te meas epistolas de- 



•) Kl. Schriften 11, 166—201. 



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1 

I 



Palimpseste. 249 

lere, ut reponas tuas. An hoc signißcas, nihil fieri? frigere 
tc'^ nie, chartam quidem tibi suppcditare? Es wird auch eine 
Stelle des Seneca angeführt, de beneff. VI, ü: Quomodo si quis 
scriptis nostris alias mperne inprimat versus, priores litteras 
nofi tollit, sed ahscondit, sie hcneficitim siiperveniens iniuria 
apparere nmi patitur. Aber hier sind offenbar Wachstafeln 
gemeint, welche auch Ovids Warnung (Ars am. II, 395) trifl't: 

Et quoties scribes, totiis prius ipse tabellas 
Inspice: plus nmltae, quam sibi missa, legunt. 

Ungemein treffend ist dagegen die Stelle bei Plutarch ort 
/jaXiöza • Tofg riytiioot etc. c. 4 (Opera ed. Hutt. XII, 88), wo 
er erzählt, dafs Plato den Dionys gefunden habe coöJttQ ßcl^Xlov 
jtaXhpiiörop , auf dem sich wegen der haftenden alten Schrift 
eine neue nicht gut schreiben liefs, da die alte Tyrannennatur 
immer wieder zum Vorschein kam. Er fand diese dvöixjtXvroq. 
Liegt nun in diesem letzten Ausdruck nm* der Begriff des Ab- 
waschons, *) so läfst sich dagegen nicht leugnen, dafs JiaXitprj- 
öTog vom Abschaben herkommt; und es ist doch kaum glaub- 
hch, dafs dieser Ausdruck erst mit dem Gebrauch des Perga- 
ments aufgekommen wäre. Ulpian unterscheidet charta deleticia 
und nova.^) Auch giebt es einen Bericht an Ptolemäus und 
Kleopatra auf abgewaschenem Papyrus, und die Ravennater 
Traditionen in München lassen einige wenige Spuren abge- 
waschener älterer Urkundenschrift erkennen. 

Pergament ist wohl zuweilen auch nur abgewaschen; in 
der Regel aber verlangte und erhielt es eine ernstlichere Be- 
handlung. Martial XIV, 7 sagt: 

Pugillares membrrmei, 

Esse puta ceras, licet haec membrana vocetur: 
Delebis quoties scripta novare voles. 

Darin liegt schon, dafs bei gewöhnlichem Pergament dieses 
nicht möglich war: Maiiiial spricht von einer besonders berei- 
teten Art, welche als Schreibtafel dienen sollte. Doch ist bei 



vgl. dazu oben S. 195 die Stellen über den Schwamm. 
*) 1. 4. de bonor. poss. sec. tab. Digg. XXVII, 11, 4. 



250 I^ie Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

recht alteu Palimpsesten am wenigsten vom Schaben wahrzu- 
nehmen, was wohl von der Natur der alten Dinte herrührt, 
die leichter zu tilgen war, dennoch aber später wieder zum 
Vorschein kommt, wenn auch die Oberfläche mit Bimstein ab- 
gerieben ist. Im späteren Mittelalter aber wm-de die Schrift 
vielleicht mit Messern abgekratzt und so gründlich getilgt, 
dafs man wohl noch einzelne Spuren bemerkt, aber nicht leicht 
etwas herausbringen kann. Man sieht es den Handschriften 
gleich an; dafs es aber auch als eine besondere Kunstfertig- 
keit geübt und in bedeutendem Umfang getrieben wurde, zeigt 
uns die merkwiu'dige Erzählung des Fra Salimbene S. 235 
seiner Chronik zum Jahr 1235. Er berichtet da, was ein an- 
derer Mönch ihm von dem frater Ghirardinus de burgo S. 
Donini erzählt habe: de scripturis suis nee tma litter a renimi- 
sit in mundo, quia ego manu mea abrasi omnes lihros suos, 
et dieam vobis qualiter et quare. Es war nämlich in dem 
Kloster der Cistercienser von Fontana viva bei Parma ein Mönch, 
qui optime seiebat rädere ehartas; dieser bat den Abt ihm 
einige Schüler zuzuweisen, qui velint addiscere rädere Chartas, 
quia post mortem meam isti monasterio utiles esse poterunt. 
Es fand sich niemand als Bruder Albert, der oben dieses er- 
zählt und nach dem Tode seines Meisters die abgeschmackten 
Prophezeiungen des Bruder Ghirardin abkratzte, tum ut ha- 
berem materiam super quam rädere addiscere posse^n, tum 
etiam quia occasione illarum propJietiarum habueram scandaluin 
valde grande. 

Ueber das Verfahren selbst erfahren wir hieraus leider 
nichts, als was in dem Wort rädere liegt. Dieses Schaben ist 
nicht nöthig bei dem Recept, welches Aretin, Beitr. VII, 286 
und Frid. Mone S. 38 e cod. lat. Monac. 18628 olim Tegenis. 
p. 105 saec. XI, mitgetheilt haben: Quicunque in semel scripto 
pergameno necessitate cogente iterato scribere velit, accipiat lac 
inponatque pergamenum per unius noctis spacium. Quod post- 
quam inde sustulerit, farre aspersum, ne ubi siccari incipitj 
in rugas contrahatur, sub pressura castiget quoad exsiccetur, 
Quod ubi fecerit, pumice cretaque expolitum priorem albedinis 
suae nitorem recipiet. 



Palimpseste. 251 

In einem Auliaug zum Schwabenspiegel ist es der buch' 
vcller (oben S. 103), der mit seiner Kunst die Schrift abthut.^) 
Eine schon S. 97 erwähnte englische Anweisung empfiehlt eine 
Mischung von Käse, Milch und ungebranntem Kalk; da soll 
gar kein pomyce nöthig sein. Ilockinger theilt aber auch noch 
andere Recepte mit, nach denen das Pergament einer so gründ- 
lichen Behandlung unterworfen wird, dafs an Herstellung der 
Schrift gar nicht zu denken ist. Zu einem derselben findet 
sich eine Randbemerkung desselben Schreibers, in welcher er 
dis Geheimnifs zu hüten bittet, damit nicht Unverständige ver- 
tilgen, was die Vorfahren mit grofser Mühe erforscht haben. ^) 
Wie häufig eine solche Wiederbenutzung des Pergaments 
bei den Griechen war, zeigt der von Knittel aufgespürte 
Canon 08 der sogenannten Synodus Quinisexta vom J. 691, in 
welchem verboten wird, die heiligen Schriften und Kirchen- 
väter in solcher Weise zu verderben, duupd'tlQeiv ij xaruTtfi- 
vtir , xcu rofu- ßtßXcoxajtiiXoig rj rolq ktyofitroK^ fiVQty^oig ?} 
aXXcp Tivl JtQog d(fariOfiop txdidorat. Beschädigte Exemplare 
sind jedoch von dem Verbote ausgenommen. Dazu giebt Zo- 
noras die Erklärung: BißXtoxicjct'jkovg ov rovg tö ßißUa jkd- 
Xovvrag fpfjöcv 6 xaimv-, aXXa rovg ujtaXütpovrag ]] xal aXXojg 
XQCOfitvo cg rolg ßißXloig tlg dq^arcöfiop rcov ir avrolg yt- 
yQaHliivcov, Vermuthlich benutzten die Bücherkrämer, welche 
von den Buchhändlern unterschieden werden, das abgewaschene 
Pergament der grofsen Kirchenbücher, um modische Tageslit- 
teratur darauf schreiben zu lassen, welche sich besser absetzen 
liefs. Ein Scholion des Balsamen aus dem 12. Jahrh. zeigt, 
dafs dieselben Verhältnisse auch damals fortdauerten; er erklärt 
es auch für unerlaubt, xi Ix Tijg {htlag YQafpr/g djtaXaitpeiv xal 
ireQOV Iv rolg djiaXctpelöi, fierayQa^ecv. 

Das Verbot wird wenig geholfen haben, und die ganze 
übrige Litteratur war natürlich ohne Schranken einem solchen 



1) Rockinger in d. SB. d. Münch. Akad. 1867, II, 322. Zum baier. 
Schriftwesen S. 20. 

^) Zum baier. Schriftwesen S. 20; S. 21 auch Beispiele von Palim- 
psesten des 15. Jahrhunderts. 



252 We Schreibgerätlie und ihre Auwendung. 

Verfahren ausgesetzt. Dazu mufs man in Anschlag bringeo, 
wie viele Handscluiften bei den Kriegen, Aufstäuden und 
Feuersbrünsten beschädigt und deshalb als Maculatur verbraucht 
wurden, wälu^end dieselben Umstände auf die Fabrication des 
Pergamentes ungünstig einwirkten. Daher ist es nicht zu ver- 
wunden), und auch gai' nicht etwa ein Zeichen besonderer Bar- 
barei, daCs, wie Montfaucon angiebt, ein sehr grofser Theil 
der griechischen Pergamenthandsclniften rescribiert ist. Man 
darf nicht vergessen, dals wenn füi* uns auch ein Palimpsest 
die letzten Reste eines verlorenen Schriftstellers birgt, damals 
doch der Vorrath an Büchern noch grofs genug war, um den 
Gedanken, dafs man dui'ch Abwaschung eines schadhaften 
Exemplars einen ganzen Schiiftsteller vernichte, gar nicht auf- 
kommen zu lassen. 

Freilich hat auch die wachsende Barbarei ihren Antheil 
an dem Werk der Zerstörung, und von den Mönchen von 
Grottaferrata war es nicht hübsch, dafs sie eine sehr alte und 
werthvoUe Bibelhandschrift in Uncialen, etwa des sechsten 
Jahrhunderts, selbst wenn sie beschädigt war, rescribierten. 
Nachdem das einmal geschehen war, ist es nicht zu verwun- 
dern, dafs dieselben Blätter noch einmal nebst anderen Frag- 
menten um 1230 zu ihren Chorbüchem verwendet wurden. 
Fast alle ihre Handschriften sind Palimpseste. ^) Darunter be- 
findet sich auch eine Ilias über Pauli Korintherbriefen, was 
ich anführe, um der falschen Vorstellung von einer Feindselig- 
keit der Mönche gegen profane Litteratur, und überhaupt von 
einer Absiebt bei der Zerstörung von Handschriften entgegen 
zu treten. Ebenso steht in einer Florentiner Handschrift ein 
Sophokles von 1298 nebst vier griechischen Briefen Frie- 
drichs n auf einer Uncialhandschi'ift der LXX und einem neue- 
ren theologischen Werke. ^) Auch Friedrichs H Constitutiones 



^) Sacrorum Bibliorum vetustissima fragmenta Graeca et Latina ex 
palimpsestis codicibus Bibliothecae Cryptoferratensis cruta atque edita a 
Joseplio Cozza, Romae 18G7; mit schöner Photographie einer Seite des 
rescribierten Isaias und mehreren Lithographieen. 

*) Vier griechische Briefe Kaiser Friedrichs II, herausgegeben von 
Gustav Wolf, Bedin 1855. 



Palimpscste. 253 

Siculae stehen auf rescribiertem Pergament,^) und in Messina 
schrieb 1225 Sophronios ein tpaXrixop auf alter Uncialsehrift. ^) 
Es scheint, dafs besonders viele griechische Palimpseste itali- 
schen Ursprungs sind. Montfaucon p. 231 gedenkt auch einer 
rescribierten Handschrift auf BauniwoUenpapier; der ursprüng- 
liche Text ist in Minuskel geschrieben. 

In der Wiener Handschrift 954 stehen Briefe des h. Hie- 
ronymus §aec. VHI über Blättern einer lateinischen Ueber- 
setzung der Sprüche Saloraonis in Uncialsehrift, etwa des 
7. Jahrhundorts, und der griechischen Legende vom h. Georg 
in einer sehr eigenthümlichen Uncialsehrift, welche Detlefson 
ins 5. Jahrhundert setzt. ^) Der Wolfonbütteler Isidor saec. VH 
vel VHI deckt Fragmente des Ulfila mit lateinischer Ueber- 
setzung, des Galen und griechischer Evangelienhandschriften. 

In einer syrischen Handschrift, welche Cureton .ins 
neunte Jahrhundert setzt, ist ein Homer in alter Capitalschrift 
nebst Euklid und Fragmenten des Lucas vei'wandt.*) Eine 
andere deckt lateinische grammatische Schriften in Cursive, 
und darunter wieder die Uncialsehrift des Granius Licinianus. 

Im Abendland ist in den letzten Zeiten des untergehen- 
den Römerreiches und den zunächst folgenden Jahrhunderten 
sehr viel rescribiert worden. Die Zufuhr von Papyrus mag oft 
unterbrochen gewesen sein, auch Pergament war wold nicht 
immer zu beschaffen. Dagegen hatte man noch in grofser 
Menge die schönen grofsen Quartanten in einer Schriftgattung 
welche schon anfing unbequem zu werden und aufser Gebrauch 
zu kommen; viele davon, wie schon ihre P'ehlerhaftigkeit zeigt, 
Schaustücke der Bibliotheken und für wirkliche Benutzung 
weder bestimmt noch geeignet. Gewifs waren sie grofsentheils 
beschädigt, und Tischendorf hat mit Recht darauf hingewiesen, 
dafs man noch nie in einem Palimpsest ein vollständiges Werk, 



*) Montfaucon, Palaeogr. Gr. p. 320. 

2) Cozza 1. 1. p. 314. 

^) Detlefsen, über einen griechischen Palimpsest der Hofbibliothek, 
Wiener Sitzungsberichte XXVII, 383 ff. 

"*) Fragments of Homer from a Syriac Palimpsest, ed. Cureton 1851; 
vgl. Tischendoif, Mon. Sacra Inedita, Nova Coli. IL 



254 I^iß Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

dagegen häufig Fragmente der verschiedensten Art neben ein- 
naiider gefunden hat. ^) So vereinigt in S. Gallen ein Vocabular 
saec. VIII (n. 908) unter sich Fragmente des Merobaudes, 
alter Liturgie, einer Mulomedicina, Divinatio ex somniis, und 
Paulinischer Briefe. An irgend eine bestimmte Absicht ist 
dabei nicht zu denken; wir finden z. B. Lucan über Ovid-) 
und andererseits über einer Bibel in Uncialen theologisches in 
merowingischer Schrift.^) Der Neap. Codex Bob. des Charisius 
und der Pabstleben saec. VII steht über Lucan und juristischen 
Fragmenten, und auch in einem Wiener Cod. Bob. grammati- 
sches über Lucan;*) ebenso über gallicanischen Mefsbücliern, 
welche im achten Jahrhundert nach Einführung des gregoria- 
nischen Ritus als überflüssig abgeschabt wurden.^) 

Grammatische Schriften, deren man bei zunehmender Ver- 
derbnifs der Volksprache immer dringender bedurfte, werden 
einer der wenigen damals noch gangbaren Artikel der letzten 
Buchhändler gewesen sehi, und auch in den Klöstern wurden 
sie ohne Zweifel abgeschrieben; sie bilden nicht selten die 
oboi'o Schrift der Palimpsesten. Weit gefährlicher aber waren 
doch die so sehr umfangreichen Schriften der Kirchenväter, 
des h. Hieronymus, Ambrosius und Gregors des Grofsen, dessen 
Moralia den Veroneser Livius sammt Virgil, Euklid u. a.,^) dessen 
Dialoge den Lactanz begraben haben, '^) während Hieronymus auf 
den Resten des Gaius, ^) Augustins Comiuentar zu den Psalmen 
auf Cicero de Republica eine auserlesene Ruhestatt gefunden 



s. auch F. J. Mone, Messen S. 154, Fr. Mone S. 35. Viele Bei- 
spiele der Art aus S. Gallen in Scherrers Verzeicbnifs der Stiftsbibliothek. 

^) Ebert S. 79, der mehr Beispiele anführt. Vgl. auch G. F. Haase. 
de latinorum codicum subscriptionibus, Ind. lectt. hiem. Vrat. 1860 p. 4. 

«) Kopp, Bilder und Schriften I, 192. 

*) Pertz im Archiv V, 74—76 cf. 717. 

^) Mone, Messen S. 116. 

®) Livii palimpsestus Veron. ed. Th. Mömmsen. Abh. d. Berl. Aka- 
demie 1868. 

') in S. Gallen, Wiener Sitzungsberichte L, 153. 

^) Werke von Hieronymus stehen auch auf dem Berliner FragmeD^ 
von Sallusts Historien, auf den von Mone behandelten liturgischen Frag- 
menten, dem Plinius von S Paul, beide aus Reichenau stammend. 



Palimpseste. 255 

haben. Dankon wir es ihnen und ihren geistlichen Schreiheni 
gerne, dafs sie diese Sclniften dadurch vor gänzlichem Unter- 
gang gerettet haben, wenn auch diese Absicht ihnen natürlich 
ganz fern lag. Dafs aber die Mönche ihre Kirchenväter höher 
achteten als die profaiK) Litteratur, kann man ihnen nicht zum 
Vorwurf machen, und es wird doch damals auch in Italien der 
Vorrath an Handschriften gewifs no(;h sehr grofs gewesen sein. 
Zahlreiche profane Schriftsteller verwahrte man mit nicht min- 
derer Sorgfalt in der Klosterbibliothek zu Bobio; überhaupt 
sind gerade Virgil, Ovid, Terenz, gegen deren licctüre gelegent- 
lich geeifert wird, in zahlreichen Abschriften vorhanden und 
selten rescribiert. Die ketzerische Bibelübersetzung der Gothen 
aber zu zerstören, wird man sich freilich in Bobio wohl zu 
besonderem Verdienst angerechnet haben. War doch das 
Kloster eigens zur Bekämpfung der arianischen Ketzerei ge- 
stiftet worden. 

Begreiflich ist, dafs man den umfangreichen Codex Theo- 
dosianus als Palimpsest verwerthete, nachdem er durch den 
Justinianeischen überflüssig gemacht war. Einer solchen Hand- 
schrift verdanken wir auch Fragmente des alten westgothischen, 
durch Chindaswind beseitigten Gesetzbuches.^) 

Eine grofse Gefahr drohte der in Neustrien noch vorhan- 
denen Litteratur, als König Chilperich vier neue Buchstaben 
erfand, und befahl iit sie pueri docerentur ac libri antiquihis 
scripti planati pumice rescriherentur. ^) Doch blieb der Befehl 
wohl unausgeführt; wenigstens haben sich keine Bücher mit 
diesen neuen Buchstaben erhalten. Gregor von Tours aber 
richtet am Ende des zehnten Buches seiner Kirchengeschichte 
der Franken an seine Leser die Bitte, id numguam lihros Jfos 
aholere fadatis aut rcseribi. 

Die meisten und fast allein werth vollen lateinischen Pa- 
limpseste stammen aus diesen Zeiten des siebenten bis neunten 
Jahrhunderts, in welchen man die schönen alten Quartanten 
mit ihrem guten und starken Pergament noch in Fülle hatte, 



i-- 



^) Bhihme, Die Westgothische Antiqua, 1847. 

*) Greg. Tur. V, 45, ausführlich erläutert im Nouveau Traite II, 62. 



256 I^iß Schreibgerätlie und ihre Anwendung. 

deren Schrift leicht zu vertilgen war, während Pergament ver- 
muthlich wenig verfertigt wurde. Später hörte das Verfahren 
freilich nicht auf, wie wir schon aus der Chronik des Salimbene 
sahen; aber man radierte gi'ündlicher, und mit den geringen 
Resten der Schrift ist um so weniger etwas anzufangen, da sie 
nicht mehr aus grofsen Capitalen und Uncialen besteht, son- 
dern aus Minuskel. Wo man noch etwas erkennen kami, pflegt 
sich auch die Werthlosigkeit des zerstörten Textes sogleich 
herauszustellen; zuweilen sind es verfehlte Lagen desselben 
Werkes. 

Man brauchte das immer schadhaft gewordene, oft löche- 
rige Pergament vorzüglich zu Concepten; so am Ende des 
zehnten Jahrhunderts Richer zu seiner Chronik, und ein Jahr- 
hundert später Leo von Ostia. Auch unter der Schrift des 
Wido von Ferrara erkennt man liturgische Reste. Im 12. Jahr- 
hundert fand der Orden der Cistercienser, dafs in seinen Klö- 
stern ungleiche und fehlerhafte Bücher im Gebrauch waren, 
welche deshalb die Reformatoren des Ordens radebant ac denm 
rcscrihebant. ^) Als 1434 die Statuten von Windesheim neu 
bearbeitet waren, wurde beschlossen, dafs alle libri statutarmi 
papirei et qui convenienter corrigi non possunt, zerstört oder 
verbrannt werden sollten.^) Denn Papier liefs sich nicht gut 
rescribieren. 

Von dem einst seiner Gelehrsamkeit wegen berühmten 
Kloster Monte Cassino hören wir im 14. Jahrhundert, dafs die 
Mönche radebant umim quaternum et faciebant psalteriolos 
quos vendebant piieris, ^) Auch müssen die Notare geneigt ge- 
wesen sein, rescribiertes Pergament zu Urkunden zu gebrauchen, 
da ihnen in ihi^em Amtseid ausdrücklich das Versprechen ab- 
genommen wurde es nicht zu thun.^) Die Permenter hielten 

^) Baluzii Mise. IV, 120 ed. I. Doch bezieht sich das vielleicht 
nur auf die fehlerhaften Stellen. Ueber die theilweise abgekratzte und 
umgeschriebene Gurker Vita Heinrici II s. Forschungen zur d. Gesch. 
IX, 363. 

'^) Anzeiger des Germ. Mus. XIV (1867) Sp. 236. Lehner, Hand- 
schriften zu Sigmaringen S. 22. 

^) Benevenuti Imol. Comment. ad Dantis Parad. Cant. XXII. 

*) s. oben S. 122. Doch bemerkt Peyron, dafs die Bobienser Ür- 



Palimi)sestc. 257 

auch dergleichen feil/) und die Wolfenbütteler Bibliothek ver- 
wahrt als grofse Seltenheit einen Druck auf rescribiertem Per- 
gament. ^) 



Aus der hier gegebenen Darstellung ergiebt sich, dafs für 
lohnende Untersuchung sich unter den lateinischen Palimpsesten 
fast ausschliefslich diejenigen eignen, deren obere Schrift Un- 
cialschrift oder vorkarolingische Uebergangschrift ist. Ein vor- 
züglicher Fundort ist das im Anfang des siebenten Jahrhun- 
derts gestiftete Kloster Bobio, dessen einst reiche Bibliothek 
aber leider sehr zerstreut ist; auch sind in späterer Zeit kost- 
bare Codices zum Einbinden verl)raucht. Die Handschriften, 
welche oft noch die Bezeichnung Liber S. Columbani tragen, 
befinden sich jetzt in Mtdland, Rom, Neapel, Turin, Pavia, 
Wien. ^) In der Bibliothek des Domcapitels zu Verona ist 
der Gaius und ein Theil des Livius;*) andere weit zerstreute 
sind von unbekannter Herkunft, das Berliner Sallustfragment 
ist in Toledo gefunden. 

Die angenehmsten sind ohne Zweifel diejenigen Palimpseste, 
auf welchen die ältere Schrift nur abgewaschen oder leicht 



künden alle auf reinem Pergament sind. Einige Beispiele aus Baiern 
bei Rockinger S. 18. 

^) Das oben S. 104 erwähnte fliefsende Pergament der Erfurter 
Händler scheint solcher Art gewesen zu sein. 

*) Knittel 1. 1. p. 525. In Modena ist eine Schrift von Petrarca 
saec. XVI, die juristische Palimpsesten enthält, doch, wie es scheint, 
nicht älter als das 12. Jahrh. Bluhme, Iter Ital. II, 16. 

^) Eine Geschichte dieser Bibliothek giebt Am. Peyron vor seiner 
Ausgabe der Ciceron. Fragmente, Stuttg. 1824; vgl. Bluhme, Iter Ital. 
I, 54 bis 62. III, 62. IV, 24. Nach Bethmann's Vermuthung stammt von 
dort auch der Cod. Sessorianus 55 aus Nonantula, welcher eine Lage des 
Plinius unter Sermonen des h. Ambrosius in später Uncialschrift enthält. 
Berichte der Berliner Akad. 1853, S. 684 f. 

*) Auch Homilieen saec. VI unter einer Schrift des Isidor saec. VIII. 
Probe bei Sickel, Mon. Graph. I, 2. Nach Frid. Mone's Vermuthung ist 
der jetzt in S. Paul befindliche Palimpsest des Plinius von dort nach 
Reichenau gekommen. 

Wattenback, Schriftwesen. 2. Aufl. 17 



258 l^ie Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

mit Bimstein abgerieben und durch die Wirkung der Zeit 
wieder zum Vorschein gekommen ist. Solcher Art ist der vou 
Cureton gelesene Homer. In den meisten Fällen aber ist ohne 
die Anwendung von Reagentien nichts oder doch nicht genug 
zu erreichen. Diese sind verschiedener Art, und weil die 
Dhite selbst verschieden ist, wirkt nicht in allen Fällen dasselbe 
Mittel, zuweilen gar keins. Auf der glatten Fleischseite ist 
durch solche Mittel viel zu erreichen, weniger auf der lockeren 
und schwammigen Haarseite, von welcher die Reste der Schrift 
gründlicher vertilgt sind. ^) Es kommt aber auch vor, dafs 
deutlich sichtbare Dintenreste gegen alle imsere Reagentien 
unempfindlich bleiben, und namentlich ist das bei griechischeu 
oft der Fall, jedoch nicht immer. Tischendorf hat mit Firfolg 
chemische Mittel angewendet, hat sie aber, so viel ich weifs, 
nicht näher bezeichnet. 

Am frühesten hat man Galläpfeltinctur angewandt, welche 
nur mäfsig wirkt, dem Pergament aber nicht schadet.^) Da- 
gegen hat sie die Eigenschaft, dasselbe braun zu färben, und 
wenn man nachträglich auch noch Versuche mit anderen Tinc- 
turen macht, wird es ganz schwarz. Als Knust den schon von 
den alten Benedictinern behandelten Codex des Hieronymus 
de viris ill. und Gennadius, welcher die Fragmente der west- 
gothischen Antiqua enthält, wieder untersuchte, fand er ihn so 
gebräunt, dafs viele Stellen unlesbar waren. ^) Den berühmten 
Codex Alexandrinus fand Tischendorf*) durch Anwendung von 
Tinctur, wahrscheinlich durch Junius, an manchen Stellen braun 
und schwer lesbar gemacht. In demselben Zustand befindet 
sich das letzte Blatt des Heidelberger Otfrid; ebenso schon 
aus alter Zeit der Codex, in welchem Waitz die Nachrichten 
über Ulfila entdeckte.^) Wie der Veroneser Gaius aussieht, 



') s. darüber Bluhmo in der unten angef. Rec. von Ebert*s Buch 
S. 94. 95. Auch Tischendorf kommt auf diesen Unterschied zurück. 
^) Ein Recept giebt Chassant S. 68 u. a. 
^) Die Westgoth. Antiqua ed. Bluhme p. IL 
*) Appendix codicum celeberrimorum etc. 1868. 
°) Waitz, Leben und Lehre des Ulfila (1840) S. 5. 



Palimpseste. 259 

ist leider nur zu bekannt. *) Die von Angelo Mai behandelten 
Codices sind so schwarzbraun, dafs man ihm nachgesagt hat, 
er habe sie absichtlich verdorben, damit man ihm keine Fehler 
nachweisen könne, doch ist dieser Vorwurf wohl unbegründet. 
Thatsächlich aber ist der Ambros. Palimpsest des Plautus nach 
Ritschis Beschreibung gefleckt wie ein Pardel, und um so de- 
solater, weil schon die neuere Dinte durchgefressen hat und 
viele Blätter einem Siebe gleichen.^) Jos. Cozza^) sagt von 
dem Codex der Ilias, unter welcher sich ein byzantinischer 
Historiker und Fragmente der Korintherbriefe befinden, benutzt 
von A. Mai Spicil. Rom. II, Spec. III, dafs er fast alle Hoff- 
nung aufgegeben habe, cum lotio chemica adeo efficax adhibita 
fuerit, ut memhrana iam corrodi catnperiatur. Gegen das 
Licht gehalten, liefs sich jedoch die Schrift noch erkennen. 
Von dem Cod. Vat. lat. Pal. 24, welcher unter einer Vulgata 
saec. IX u. a. eine griechische Receptirkunst saec. VII enthält, 
in welcher Niebuhr irrig arabische Ziffern zu sehen glaubte, 
schreibt HeiT Prof. Spezi: Le pa(jine del codice son molto nere, 
perche certaniente il Mai le ha toccate con gli acidi^) In 
Oxford ist The Chancellor's book theilweise unlesbar; der 
Schaden ist nach des Herausgebers Ansicht in alter Zeit ver- 
ursacht by treating the pages too frcely with galls, which ren- 
dered the faded x^ortions legible for the time, bat shortly after 
left them almost black.^) Aehnliche Verwüstungen hat in 
München Docen durch seine übrigens sehr verdienstlichen Un- 
tersuchungen angerichtet,^) ähnliche auch Hennes in S. Gallen.') 

^) 8. darüber Rudorff in den Abhandlungen der Berl. Akad. 1865 
S. 339. Danach scheint dieses schöne Resultat nur durch Galläpfel er- 
reicht zu sein. 

«) Vgl. darüber Studemund im Rhein. Mus. N. F. XXI, 574 ff. 
Ein solches Durchfressen der Dinte kommt zu allen Zeiten hin und 
wieder vor. 

■) Sacrorum Bibliorum Fragmenta p. 332. 

*) bei Cantor, Mathematische Beiträge S. 386. 

*) Munimenta Academica ed. Anstey p. XL 

®) s. Keinz, Altdeutsche Denkmäler, in den Sitz.-Ber. d. Münch. 
Akad. 1869. II, 3, 297. 

') s. Scherrer's Verzeichnifs der Stiftsbibliothek S. 238; vgl. auch 

Haupt's Zeitschrift XV, 120. 

17* 



260 I^ie Schreibgeräthe und ihre Anwendang. 

Von den Uuterscliriften Victors von Capua im Cod. Fuld. sagt 
E. Ranke p. VIII: a stolidis ledoribus infusa gallae thictura 
ita obscuratae erant, ut aliquihus vocäbulis exce2>tis invpenC' 
trahilem quandam maculam rejyraesentarent Aehiilicher Art 
wird wohl auch das Tannin-Reagens sein, durch welches Dübner 
den Pariser Codex der Epistolographen unlesbar gemacht hat.^) 
Peyron hat in Turin eine Historia Alexandri Magni in alter 
Cursive, welche auf Fragmenten des Codex Theodosianus staiid, 
ganz zerstört. Bethmann fand den Palimpsest des Pliuius aus 
Nonantula theilweise durch Galläpfeltinctur gebräunt, und wo 
später auch Giobertische Tinctur angewandt war, unlesbar. ^) 

Es ist daher sehr gerechtfertigt, wenn Ebert S. 83 zui* 
Vorsicht bei der Anwendung von Reagentien mahnt; er waint 
dringend vor der Anwendung der Galläpfeltinctur, welche auch 
im Wolf )nbütteler Prosper eine fortlaufende braune Flädie 
hervorgebracht hat. Dagegen empfiehlt er Schwefelleber, und 
theilt das Recept nach Pertz im Archiv V, 512 mit. Fr. Bluhme 
dagegen in der Recension dieser Schrift in der Hall. AUg. 
L.-Z. 182G. Bd. II, 89 — 99 vertheidigt die GaUäpfeltinctur, 
welcher auch A. Mai sich immer bediene, eine Empfehlung 
freilich, die jetzt wenig Gewicht mehr hat, auch wohl der Wirk- 
lichkeit nicht entspricht. Nach einigen beachtenswerthen Be- 
merkungeji über sehie eigenen Erfahrungen mit Paümpsesteu 
und die zweckmäfsigste Art des Verfahrens, wirft endlich 
Bluhme die Frage auf, ob man denn wisse, wie nach längerer 
Zeit die Schwof elleber wirke? Man müfste das jetzt wohl fest- 
stellen können, und es wäre in der That seht' wünschenswerth, • 
eine genaue Statistik über die Wii^kung. aller dieser Mittel zu 
besitzen. 

Niebuhr^) und Mone (Messen S. 165) empfehlen Schwefel- 
kalium. Vorzuziehen ist jedoch Schwefelammonium, weil es 
flüchtiger ist und das Pergament weniger angreift. Dieses 



') Lit. Centralblatt 1874 Sp. 374. 

'*) Berichte der Berl. Akad. 1853 S. 686. Schon früher sagt A. Mai f. 
im Spicil Rom. V, 231): Hanc partem nescio quis purum peritus ca(- 
ruieo medicamento dum vult declarare infuscavit. 

^) Ciceroiiis Oratiouum Fragmeuta, Eomae 1820, p. 11. 



Palimpseste. 261 

miifs reingewasclieii sein. ^) Einige Secunden nach der Betupfiing 
niufs das Blatt mit klarem Wasser sorgfältig abgespült werden, 
sonst bildet sich darüber eine Kruste. ^) 

Ganz besonders wirksam ist Giobertische Tinctur (blau- 
saui-es Eisenkali), oder eine Mischung beider. Recepte mid 
Anweisungen finden sich bei Ebert S. 23Q (wo aber S. 231 
Z. 5 statt Stunden zu lesen ist Secunden) nebst Bluhme's Be- 
merkungen dazu, und Frid. Mono S. 39. 40. Besonders genau 
beschreibt G. H. Pertz „Ueber ein Bruchstück des Livius" das 
Verfahren, und ich habe das in der That schöne Resultat selbst 
gesehen. Ich habe aber das zwischen Glasplatten verwahiie 
Pergamentblatt auch später gesehen, und siehe! es war dunkel- 
blau geworden. In ähnlichem Zustand befindet sich die von 
Th. Mommsen herausgegebene Ostei'tafel; sie wurde von ihm 
schon so vorgefunden. Von dem Cod. Ephr. Syri erwähnt 
Tischendorf, ^) dafs er durch Giobertische Tinctur verdorben 
sei. So verdorben fand auch Bethmann in Valenciennes ein 
Blatt aus einem liber bonorum des Klosters Elnon,*) und 
Zamboni sagt von der merkwürdigen Urkunde der Cunizza: 
per leggere alcune righe nel niezzo, fu torturata co'' soliti pre- 
parati chimici, on^ e appannata dl macehie cerulee,^) 

Bei der Behandlung des Granius Licinianus wählte Karl 
Pertz Schwefolammonium als das beste Mittel, da es et valde 
efficax sit neque tarnen membranas laedat, Giobertische Tinctur 
hatten die Vorsteher des British Museum sich verbeten. Wenig 
Jahre später habe ich die Handschrift gesehen: sie hat sehr 
gelitten. Man kann leider wohl mit Wahrheit sagen, dafs 
durch die gelehrten Experimente der neuesten Zeit in Verhält- 



') Siokel in der bist. Zeitschrift XXVII, 450 empfiehlt die, wenn 
alle Reibung vermieden wird, unschädliche Reinigung mit Kaliseife, auch 
die Blätter in klares Wasser zu legen, was nichts schadet, wenn sie 
Vollständig wieder getrocknet werden. 

^) Herr G. R. Bunsen hat so in meiner Gegenwart die von mir in 
den Forschungen XV, 213 — 238 herausgegebenen Blätter behandelt, und 
es ist keine Veränderung wahrzunehmen. 
Prolegg. ed. VII. N. T. p. CLL 
*) Archiv d. Gesellschaft f. alt. d. Gesch, XI, 52L 
*) Roma e la schiavitü personale in Italia (1870) p. 262. 



262 l^ie Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

nifs zu dem vorhandenen Vorrath niehi* kostbai-e Handschriften 
verdorben sind als durch, die vielgescholtenen alten Mönche. 

Als wirksamstes und zugleich harmloses Mittel wird nun 
in neuester Zeit von Studemund angewandt und empfohlen eine 
Auflösung von 1 Theil SchwefelcyancaUum in 15 Theilen 
Brunnenwasser, mit wenigen Tropfen möglichst condensierter 
Salzsäure. Man betupft mit einem gewöhnlichen Pinsel die 
Stellen, und wendet sofort nach dem Gebrauch farbloses Lösch- 
papier zum Auftrocknen an. Doch soll es nur für die glatte 
Seite des Pergaments anwendbar sein. Die Schriftzüge treten 
auf wenige Minuten röthlich hervor, ohne dafs dem Pergament 
Schaden geschieht.^) Ob nicht doch eine schädliche Nachwir- 
kung eintritt und die Schriftreste völlig vertilgt werden, mufs 
längere Erfahrung lehren. 

Welches ist denn nun die Schlufsfolgerung, zu welcher wir 
auf diesem Wege gelangen? Sollen gar keine chemische Mittel 
angewandt werden? Das verlangt Knittel S. 219, weil dadurch 
die Autorität des Codex leide. Kann man ohne dieselben leid- 
lich auskonnnen, so ist das gowifs vorzuziehen, und es ist un- 
verantwortlich Reagentien anzuwenden, wo Ausdauer und gute 
Augen genügen; aber in vielen oder vielleicht den meisten 
Fällen würden wir dadurch in die Lage des Tantalus gerathen 
und nichts gewinnen. Glücklicher Weise ist inzwischen die 
Photographie so vervollkommnet, dafs das für einen Moment 
glücklich erreichte Resultat vollständig festgehalten werden 
kann. Hat man fiir dieses Hülfsmittel in zureichender Weise 
gesorgt, dann, aber auch nur dann, mag die Zukunft des Codex 
geopfert werden, wenn ein erheblicher Gewinn in Aussicht 
steht. Unter allen Umständen aber ist nach den bisherigen 
Erfahrungen die gröfste Vorsicht nothwendig, und nur zuver- 
lässigen und erprobten Händen darf die Anwendung dieser ge- 
fährlichen Säfte gestattet werden. 



Fleckeisens Jahrb. f. Phüol. XCVII, 546 Aum. 



Palimpseste. 263 

Eine eigonthümliclie Art von Palimpscsten ist durch be- 
trügerische Manipulationen entstanden. Solcher Art ist ein 
Privileg für das Bisthum Triest von Berengar, früher im Wiener 
Staatsarchiv, jetzt seltsamer Weise nach Venedig ausgeliefert;') 
sieht man es genauer an, so findet man, dafs unter dem schlecht 
geschriebeneu Text ein anderer gestanden hat, der vollständig 
ausgekratzt ist. Das Siegel ist echt, aber der Rand mit der 
Umschrift abgebrochen; das Bild gehört Karl III an. Man hat 
also das nach dem Umschwung der Verhältnisse nicht mehr 
gültige Privileg auf solche Weise den neuen Verhältnissen an- 
zupassen versucht. 

Aehnlicher Art ist eine Urkunde Heinrichs III von 1054 
(Stumpf 2447) in München, wo Eingang nebst Unterschrift 
stehen geblieben sind, der ganze Text aber umgeschrieben ist.^) 
Gleiches vermuthet Grünhagen ^) von einer Trebnitzer Urkunde 
von 1243, und der Rath der Stadt Brieg fing 1378 einen Fäl- 
scher, welcher einen Brief der Stadt Oppeln in solcher Weise 
umgeschrieben hatte. ^) 

Der Lübecker Domherr Arnold Pape wurde 1368 ver- 
dammt, weil er falsche Siegel liatte machen lassen und eine 
falsche Urkunde gemacht; aufserdcm fecit etiam radi quandam 
litter am sigillo opidi Sundensis sujillatam, et in eadem carta 
sie rasa subtiliter rescribi. Der Lübecker Rath hatte sich 
täuschen lassen, und die Urkunde transsumiert. ^) In dem 
oben S. 251 erwähnten Anhang zum Schwabenspiegel ist dieses 
Verfahren beschrieben, und zugleich ein Gegenmittel angegeben: 
das sol man gen der sunnen haben, so mag man es wol er- 
kennen, so sieht man der alten sehrift immer etwe vil in dem 
pirmit in der newen. 

Die Urkunden der Abtei von Vaux-en-Omois im TuUer 



*) erwähnt von Pertz, Archiv IV, 172. Vgl. auch oben S. 195. 
*) nach Stumpf, Wirzburger Immunitäts-Urkunden S. 48 Anm. 93, 
auch die Urkunden 1703 und 2657. 
8) Cod. Dipl. Silesiae VII, 190. 
*) Cod. Dipl. Silesiae IX, 58. 
*) Codex dipl. Lubecensis III, 710. 



264 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

Sprengel sind ganz abgekrazt und im 17. Jahrhundert neu ge- 
schrieben. ^) 

Auch Schriftsteller hat man in dieser Weise neu zu ver- 
fertigen versucht, so die angebliche Ergänzung des - fehlenden 
Anfanges und anderer Lücken von Cicero de Fato. ^) Ein Ori- 
ginal davon ist, soviel ich weifs, niemals vorgelegt, wohl aber 
von Constantin Simonides der sehr umfangreiche Palimpsest 
des Uranios, welcher selbst die gelehrten Berliner Akademiker 
anfangs irre führte; freilich war von der Uncialschrift wenig 
zu sehen. Es fand sich jedoch bei genauerer Prüfung, dafs 
die blasse Dinte der vorgeblich ältesten Schrift die schwarzen 
Züge der jüngeren Minuskel überdeckte, was mit rechten Dingen 
nicht wohl zugehen konnte. Auch sind die eingedrückten 
Linien, wie Pertz hervorhebt, für die jüngere, und nicht für 
die ältere Schrift gezogen.^) Ein vortreffliches Mittel für solche 
Fälle ist Salzsäure, welche neue Dinte sofort vertilgt, während 
ältere widersteht; sie wurde bei der Behandlung der unechten 
Chasles'schen Autographen angewandt. 



IV. 
Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

1. Kritische Behandlung. 

Bei gedruckten Büchern genügt eine Correctui* für alle 
Exemplare einer Auflage; bei Abschriften dagegen mufs jedes 
einzelne Exemplar verglichen und berichtigt werden. So lange 



^) Bibl. de l'ficole des Chartes V, 3, 126. 

'^) 8. Ritschi im Rhein. Museum 1854 S. 469—477. 

^) s. d. Bericht von Lepsius in der Augsb. AUg. Zeit. 1856 Feb. 11. 
S. GG3, und: Report of the Council of the Royal Society of Literature 
on some of the Mayer Papyri and the Palimpsest MS. of Uranius belong- 
ing to M. Simonides. With letters from MM. Pertz, Ehrenberg and 
Dindorf. Lond. 1863. S. 28 ein Facsimile; die Schrift ist den Voll. 
Uercul. nachgeahmt. 



Kritische Behandlung. 265 

nun bei lebhafter Nachfrage zahh'eiche Exemplare eines Werkes 
in der Weise angefeiiigt wurden, dafs viele Schreiber gleich- 
zeitig einem Dictate folgten,^) ist es begreiflich, dafs diese 
mühsame Arbeit oft unterblieb oder doch nur nachlässig aus- 
geführt wui'de. ^) Eine grofse und zunehmende Fehlerhaftigkeit 
mufste die Folge davon sein, und schon Cicero klagt ad Quin- 
tum fratrem ep. II, 5: äc latinis vero quo me vertam nesdo; 
ita tmndose et scribuntur et vetietmt. Dieselbe Klage hören 
wir von Strabo (XIII, 1 p. 419) in Bezug auf griechische Hand- 
schriften, da wo er von den Schriften des Aristoteles handelt: 
xal ßißhojtcohd rivtq yQag:'tvöi ^avXocg XQ^f^^^^^ ^^^^ ^^^ 
dvzißdXXorzsg, ojtfrQ xal Im rror aXXmv öv/ißalvti xö)V dg 
jtQäöcv ygarpoiitrcor ßißXlor xa) irB^döe xai Iv kXt^avÖQsla, . . 
Die Richtigkeit dieser Bemerkungen können wir noch jetzt 
bestätigen, da gerade die ältesten Handschriften sehr fehler- 
haft sind, und vorzüglich die kalligraphisch am schönsten aus- 
geführten, z. B. der berühmte Codex Vat. 1209 der Bibel. 
A. Mai bemerkt in der Vorrede seiner Ausgabe des Cic. de Rep.i 
dafs gerade die prächtigsten Capitalhandschriften die fehler- 
haftesten sind. Zum Theil mag hier der Umstand mitwirken 
dafs es eben nur kalligraphische Schaustücke waren. Wie viel. 
Mühe gelehrte Freunde und Kenner der Litteratur sich gaben 
correcte Exemplare zu bekommen, zeigen uns manche Stellen 
in Cicero's Briefen. Man hatte oder besorgte Normal-Exemplare, 
durch deren Benutzung dem Verderben immer wieder Einhalt 
- gethan werden konnte. 

; Erhalten ist uns die Unterschrift eines Werkes über die 

I Osterberechnung vom J. 397, in welcher der Verfasser Q. Julius 

t| Hilarianus ausdrücklich sagt: admonemus eos, qui ante a nobis 

'■ ^on emendata haee scripta acciperc festinaterunt, ut secundum 

■ '^tum ordinem emendatum opus habere conentur,^) und unter 



Auf die Frage, ob das geschehen sei, kommen wir noch zurück. 

*) In Bezug auf das römische Alterthum in dieser Hinsicht s. Becker- 
-^arquardt V, 2, 404 ff. Es liegt meiner Aufgabe ganz fern, auf diesen 
Gegenstand näher einzugehen. 

^) Vollständig bei Reifferscheid de Latinorum codicum subscriptio- 
^ibus (Ind. scholarum Vrat. 1872/3) p. 6, und in der Ausg. von Pfaff. 



266 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

eiuein Werke von Cassiodor: codex archetypus, ad cuius exem- 
plaria sunt reliqui corrigendi.^) 

Die sorgfältigste kritische Behandlung alter griechischer 
Schriftsteller war in Alexandria heimisch, und dort erfand 
man auch die kritischen Zeichen, welche in einigen Hand- 
schiiften noch erhalten sind. ^) Auch die Interpunctionen, 
Spiritus und Accente stammen von den alexandrinischen Ge- 
lehrten, finden sich aber in den uns erhaltenen ägyptischeu 
Handschriften nicht durchgeführt, In dem Bankes'schen Frag- 
ment der Ilias sind sie theilweise von dem Besitzer hinzugefügt. 
Der Gebrauch beschränkte sich augenscheinlich auf die Hand- 
exemplare der Grammatiker, und auch da wandte man die 
Zeichen nur an, wo ein Irrthum, eine falsche Lesung zu be- 
fürchten war. Allgemein ist der Gebrauch derselben erst viel 
später geworden. 

Der Hias vorzüglich wurde die gröfste Sorgfalt gewidmet; 
später nahmen die heiligen Schriften der Christen dieselbe 
kritische Kunst in Anspruch. Origenes versah auch diese mit 
kritischen Zeichen, welche sich im Colb. 3084 und anderen 
Fragmenten des Oktateuch finden, s. Montf. p. 188 und Tischen- . 
dorf. Coli. Nova HI p. XV — XVH. Ein sehr eifriger Verehrer 
des Origenes, Ambrosius, hielt ihm eine Menge von Schreibern, 
um seine Erklärung der h. Schriften sich zu verschaffen, mid 
Origenes war nun durch die Collation der Abschriften so in 
Anspruch genommen, dafs er weder zur Mahlzeit noch zum 
Spaziergang Zeit behielt: ovrs yag öeijtv^öat eörcv r(itv avxir 



*) Greg. Tur. de cursu stellarum ed. Haase p. 7. 

^) s. darüber Osann, Anecdotum Romanum de notis veterum criticis, 
Gissae 1851. Dass. mit den verwandten handschriftl. Ueberlieferungen 
bei A. Nauck in d. Appendix des Lex. Vindob. Petrop. 1867 p. 271 88. 
Für die Anwendung in lat. Hss. das auch hier wie bei Osann befind- 
liche Anecd. Paris, p. 278 ss. gefunden von Th. Mommsen, zuerst ediert 
in d. Zeitschr. f. Alterthumsw. 1845 N. 11 von Bergk; vor Nauck die 
betr. Stücke auch bei Reifferscheid Suet. rell. Lips. 1860 p. 137 88. 
Dazu jetzt ein Anecd. Monac. bei Kettner, Krit. Bemerkungen zu Varro 
u. lat. Glossarien, Progr. d. Klosterschule Rofsleben 1868 S. 33, und ein 
Anecd. Cavense ed. Reifferscheid im Rhein. Mus. XXIII, 127 ss. (Freund- 
liche Mittheilung von M. Hertz.) 



Kritische Behandlung. 267 

ßdXkovöir ovTb dbijiviiöaöiv jtbQijtuTFiöiu xal diavajtavOai xa 
öojfiara, dXXa xal ir rotg xaiQOli^ ixtipoig (piXoöOfptlv xal 
dxQi^ovv xa dvxlyQaqfH dvayxa^6(/&{)'a. ^) 

An die kritische Arbeit des Origenes knüpften Pamphilus 
und Eusebius an und stellten Normal -Exemplare her. Nach 
dem von ihnen berichtigten, kritisch bearbeiteten und beglau- 
l)igten Exemi)lar der Propheten war die Absclirift des Abts 
Apollinarius gefertigt, deren Copie uns in dem Codex Claro- 
montanus, jetzt Vat. 2125 erhalten ist, welcher nach dem frü- 
heren Besitzer auch Cod. Marchalianus genannt wird, in Un- 
cialschrift etwa saec. VII. ^) Mit dem Exemplar des Pamphi- 
lus in Caesarea ist der Cod. Coislin. der Paulinischen Briefe 
(Cod. H) verglichen. Auch im Sinaiticus ist unter dem Buch 
Esther ein alter Vermerk über eine Colhition. ^) 

Da diese Bücher zum öffentlichen Vorlesen bestimmt waren 
schrieb man sie häufig nach dem Vorgang des alexandrinischen 
Diaconus Euthalius öxtxr^Q^q oder per cola et cmnmata, d. h. 
nach den Satztheilen abgesetzt (vgl. oben S. 131), und vei*sah 
sie auch mit .Spiritus, Accenten und Interpunctionen. Ein 
solches Exemplar, welches vom h. Basilius stammte, erwähnt 
Georgius Syncellus S. 203 bei seinen Untersuchungen über die 
Regierungsjahre der jüdischen Könige: iv tr) öi dvxrfQatffr) 
Xlav fjxQcßcofjiivq? xaxd xs örLyf/r/r xal jcgoöfodlav Ix xT/g iv 
KacOaQsia xfjg KajtJtaöoxlag iXß-ovxi tlg ifil ßißXiod^i]xrig , iv 
o) xal tjtbytyQaxxo mq 6 f^tyag xal ß^elog BaClXstog xd fcg 
cor ixelvo djttyQaipr}, dpxißaXcov öicoQ&ojöaxo ßißXla ....*) 
Ueber grofsen Mangel an Schreibern in Kappadokien klagen 



*) Georg. Cedrenus 1, 444 ed. Bonn. 

*) s. Montf. Pal. p. 40. Jos. Cozza, Bibliorum Fragmenta, p. XXXII ff. 
Facs. bei A. Mai, Nova Patrum Bibl. IV ad p. 318. Der von Cozza 
herausgegebene Palimpsest ist auch durch sorgsame kritische Behand- 
lung ausgezeichnet, und enthält auf dem Rande eine im 9. oder 10. Jahrh. 
zugeschriebene lat. üebersetzung, und stellenweise eine zweite mit der 
Bezeichnung G. GR. oder IN GR. d. h. in Graeco. Aber etwa im 
11. Jahrhundert ist alles abgewaschen. 

^) Tisch endorf, Appendix codd. celebb. Tabula. 

^) Dafs man im 4. Jahrh. solche Handschriften hatte, geht auch 
aus Epiphanius negl /xbVQojv xal araB^fxdiv hervor. 



268 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

um 400 sowohl Basilius wie sein Bruder Gregor von Nyssa; 
letzterem gelang es nach vielem Suchen, dafs ihm endlich o n 
YQaipcov xal o öoxifid^cor rä yeyQaiifitva zu Gehote standen.*) 

Indem ich nun für die genauere Verfolgung dieses Gegen- 
standes auf die Schriften von Hug und Tischendorf verweise, 
gedenke ich nur noch der Ermahnung des Syrers Ephraim 
(t 378) an die Mönche, welche heilige Bücher abschrieben, 
Paraen. 48: JcXrjv fi?] öidöTQerpe d-elovq Xoyovg .... oval reo 
jtoiovvn ravra' rld-rjöc yccQ öxdvöaXa ipvxo^v 6 rotovrog. 

Voll Besorgnifs vor solcher Entstellung beschlofs Irenaeus 
(t 202) seine Schrift jcbqI oydoddog mit folgender Beschwörung: 
"^OqxI^co öS rov fi£rayQaxl)6fiei^07' ro ßißXiov rovro xara rov 
xvqIov 7](i(ov ^Ijjöov Xqiötov xal xaxd tTJg tvöo^ov jüaQOVolac 
avTOVy 7jg tQ^erat XQlvai ^mvtag xal vexQOvg, i'va dvxißdXr^a 
6 fiEreyQa^pcj , xal xaroQd^ciöijg avro JtQog ro dvrlyQatpov 
rovro, od-sv (isreyQaxpa) , ajiifi&Xcog' xal rov oqxov roikor 
oiioi(og fitrayQatpijg, xal d^yöeig Iv rrf) dt^rLyQaqxp, Eusebius 
fand diese Beschwörung so zweckmäfsig und empfehlenswerth, 
dafs er sie in seine Kirchengeschichte aufnahm. *) Auch Rufinus 
beschwört in seiner Uebersetzung von Origenes ütBQt aQX^v 
jeden, der das Buch abschreiben oder lesen werde, ne addat 
aliquid scripturae, ne auferat, ne inserat, ne immutet, sed con- 
ferat cum exemplarihus imde scripserit, et emendet ad liUeram, 
et distinguat; et inemendatum vel non distinctum codicem non 
Jiabeat, ne sensuum difficultas, si distinctus codex non sit, 
maiores ohscuritates legentibus generet,^) 

Hier werden die Zweifel und Schwierigkeiten berührt, 
welche eine Folge des Mangels an Worttrennung und Inter- 



^) BeiZaccagni, Collectanea Monn. vett. p. 382: o fierayQd(pü)v ovx 
^v Tooavri] raiv yQaq)to)v 7) diioQla. Basilii Opera III, 227 ed. Maur. 
xo ÖS öevTSQov TcaQaxaxböxov ßovXoßevog avro fisrayQci'tpai xal firj ev- 
noQÖjv xUoQ, xivog xtjjv siq xdxoq yQacpovxiov fiBXQi yaQ rooavxrjg »?^.^^ 
Tieviag xd ^7ti<pd^ova xwv Kannaöoxcov. 

^) V, 20, daraus lateinisch bei Hieron. de viris 111. c. 35. Nach- 
geahmt von Adamnan, oben S. 218. 

^) In dem Heidelb. cod. pal. H98 saec. X ine. steht: Jiwg^ioTai 
ov TtQoq onovöalov dvxiyQa(pov. 



\ 



Kritisirhe Behandlung. 269 

punction waren und das Lesen erschwerten; darauf scheint 
sich in Betreff lateinischer Handsclu'iften auch Gellius XIII, 30 
zu beziehen. Viele Fehler der Abschriften sind dadurch ver- 
schuldet, andere durch die veränderte Aussprache, und die 
deshalb schon sehr früh vorkommende Verwechselung mancher 
gleichlautender Buchstaben. Ueber die Ursachen und Ai-ten 
der Fehler in griechischen Handschriften haben in neuester 
Zeit sehr eingehend und lehrreich gehandelt: Joh. H. Chr. 
Schubart, Bruchstücke zu einer Methodologie der diplomati- 
schen Kritik, Cassel 1855, mit besonderer Beziehung auf Pau- 
sanias, und J. C. Vollgraff, Studia paldeographica , Lugd. 
Bat. 1870. Im allgemeinen sind die griechischen Handschriften 
correcter als die lateinischen, und die Abschreiber waren wohl 
nie so unwissend wie viele abendländische, welche ihren Text 
gar nicht verstanden. 

Wenden wir uns nun wieder den lateinischen Schrei- 
bern zu, so begegnet uns zunächst ein merkwürdiges Zeugnifs 
des h. Hieronymus in einem Briefe an Lucinius:^) Opuscula 
mea .... ad describendum honiinibus tuis dedi, et descripta 
vidi in charta^ds codicibus, ac frequenter admonui ut confer- 
rent diligentius et emendarent, Ego enim .... relegere non 
potui .... Unde si paragranmiata repereris vel 7ninus^) ali- 
q^ua descripta sunt, quae sensmn legentis impediant, non mihi 
, debes imputare, sed tuis et imperitiae notariorum librariorum- 
que incuriae, qui scrihunt non quod inveniunt, sed quod 
intelligunt, et dum atienos error es emendare nituntur, osten- 
dunt suos.^) 

Mit dem zunehmenden Verfall der Bildung und Sprache 
>väßh8t natürlicher Weise auch die Fehlerhaftigkeit der Hand- 
schriften. Dadurch wurden zalilreiche Schriften von Gramma- 
tikern de orthographia veranlafst, welche Cassiodor in seiner 
Schrift über diesen Gegenstand in einen Auszug brachte. Schon 



^) ep. 71. Vol. I, 431 ed. Vallars. 

^) sie! ob minus rede? 

^) Ganz ähnlich klagt Leon. Aretinus ep. II, 13 ed. Mehus über 
seine Verrinen: qui enim corrigere voluit eas plane corrupit, und bittet 
^eu ursprünglichen Text abschreiben zu lassen. 



270 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

die Titel weisen auf die in den Handschriften dieser Zeit häu- 
figsten Verwechselungen, wie Martyrius de B muta et V vocali, 
Eutyches de aspiratione, ^) Mit dem H konnten namentlich 
Italiener, da sie es nicht aussprachen, schwer in Ordnung 
kommen, und fortwährend findet es sich in ihren Abschriften 
weggelassen, oder gesetzt wo es nicht hingehört. Aus demselben 
Grunde beginnt man micM und nichil zu schreiben, was bald 
allgemein üblich, und noch von Leonardus Aretinus in einem 
eigenen Briefe an den Grammatiker Antonius vertheidigt wurde. 

Vorzügliche Anerkennung verdienen die Bestrebungen 
Cassiodors, welche kürzlich von Ad. Franz in seiner Mono- 
graphie (Bresl. 1872) S. 50 ff. hervorgehoben sind und einen 
Einblick in die Thätigkeit eines Correctors gewähren. In den 
Büchern, mit welchen er seine Stiftung begabte, liefs er durch 
Notare die drei distinctiones anbringen; er machte Abschnitte 
mit Inhaltsangabe, die er als capitula, tituli, breves bezeichnete, 
und verglich selbst die Abschriften mit den besten Exem- 
plaren: quos ego cunctos . . . sub coUatione priscorum codicum, 
amicis ante me legentibus, sedula lectione transivL Zu den 
Werken der Väter machte er rothe Marginalien, um die Bücher 
der h. Schrift zu bezeichnen, für welche sich an den betreffenden 
Stellen Erklärungen fänden. Hier sehen wir also die bekannte 
Unterschrift contuli annotavi distinxi erläutert. Bei Emendar 
tionen verlangt er, dafs die manus altera der manus prior 
möglichst ähnlich sein solle. 

Im Gebiete der profanen Litteratur veranlafste der ver- 
wahrloste Zustand der lateinischen Handschriften vom vierten 
bis zum sechsten Jahrhundert eine Anzahl eifriger Freunde der 
alten Schriftsteller, sich der Verbesserung derselben zu unter- 
ziehen. Es sind grofsentheils vornehme Leute, unter welchen 
die Familie der domni Symmachi besonders hervortritt. Sie 



^) Viele Verwechselungen von Vocalen und Consonanten sind 2usam- 
mengestellt von E. Ranke aus dem von ihm herausgegebenen Cod. Fuld. 
saec. VI. p. XXVII— XXIX. Diesen Codex hatte Victor von Capua 546 
kritisch behandelt, ohne doch in der Orthographie viel zu berichtigen. 
Die Irländer haben namentlich auch später noch eine sehr fehlerhafte 
Orthographie. 



Kritische Behandlung. 271 

sind Anhänger der alten Philosophie, heftige Gegner des 
Christeuthums, und wenn sie auch zuletzt äufserlich demselben 
sich fügen, so bleibt ihr Herz doch bei den alten Heiden. Sie 
sind es, denen wir die dem Mittelalter überlieferten Texte 
grofsentheils verdanken; die Zeugnisse dafür sind zu entnehmen 
aus den Subscriptionen, welche im Original oder mit dem 
Text abgeschrieben uns überliefert sind. Aus ihnen sind diese 
merkwürdigen Ergebnisse mit dem gröfsten Scharfsinn ent- 
wickelt imd dargestellt von Otto Jahn in seiner Abhandlung: 
lieber die Siibscriptionen in den Handschriften römischer 
Classiher, ^) Zuweilen findet sich die ausdrückliche Bemer- 
kung, dafs sie keine correcte Copie als Muster hatten, und bei 
der Emendation sind sie ziemlich willkürlich verfahren. Diese 
ganze Thätigkeit hängt zusammen mit den Schulen der Rhetoren 
oder Grammatiker, welche man auch Philosophen nannte, in 
welchen eine geheime Opposition gegen das Christenthum noch 
lange fortlebte. Daraus entstanden die Fabeln von Virgil als 
Zauberer, und die Anklagen gegen Grammatiker, dafs sie alles 
für wahr hielten, was sie in den heidnischen Schriftstellern 
läsen, und noch an die alten Götter glaubten.^) 

Die Bemühungen jeuer Männer nun sind nicht ohne Frucht 
geblieben; noch jetzt geniefsen wir die wohlthätigen Folgen 
derselben. Zunächst aber konnten sie der eingerissenen Ent- 
artung lun so weniger Einhalt thun, als die Zeiten der ärgsten 
Barbarei noch erst bevorstanden. Ein merkwürdiges Zeugnifs 



*) Berichte über die Verhandlungen der k. sächs. Ges. d. Wiss., 
Philol. hist. Cl. III, 327. 1851. Dazu Fr. Haase im Ind. lectt. Vrat. 
hib. 1860. L. Spengel zur Subscription des Bamberger Cassiodor, im 
Philologus XVII, 555. Bock, Sendschreiben an Weifs S. 9. A. Reiffer- 
scheid de latinorum codicum subscriptionibus , im Ind. lectt. Vrat. hib. 
1872. Th. Mommsen et G. Studemund, Analecta Liviana, 1873. Zu be- 
merken sind die Ausdrücke bei 0. Jahn S. 369: emendabam ex mendo- 
sissiniis exemplaribus, ad exemplum Clementiani, contra codicem Renati; 
sine exemplario, antigrapho; conferente Feiice, contra legente Deuterio, 
cum Eudoxio; solus manu mea, sine magistro. 

^) s. darüber W. Giesebrecht, De litterarum studiis apud Italos pri- 
mis medii aevi saeculis, Berol. 1845, 4. 



272 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

dafür und ein Zeichen wieder beginnender Kritik finden wir 
in dem 825 geschriebenen Werke des Dicuil de mensiira orbis 
terrae (ed. Parthey 1870), wo es im Prologe heilst: . , , et 
quod exemplaria codicum naturalis historiae Plinii Secundi 
quae scrutatus fui, nimis a scriptoribus uUimorum temporum 
dissipata praevidi (pervidi?), Sermones quidem praedidarum 
missorum, quia nimis vitiose scripti sunt, quantum potero cor- 
rigere curabo. At uhi in lihris Plinii Secundi corruptos abs- 
que dubio nunieros ficri coynovero, loca eorum vacu^ interim 
fore faciam, ut si non invenero certa exemplaria, quicumque 
reppererit emendet, nam ubi dubitavero utrum certi nee ne sint 
numeri, sicut certos crassabo, ut praedietus quisquis veros vi- 
derit veraciter corrigat. 

Hier begegnet uns schon das kritische Streben der karo- 
lingischen Zeit; die Thatsache aber der unglaublichen Verwil- 
derung sehr vieler Handschriften dos 7. und 8. Jahrhundei-ts 
ist auch durch die noch jetzt erhaltenen bezeugt. Aus dem 
siebenten Jahrhundert selbst hören wir die Stimme des h. 
Audoenus im Prolog seiner Vita S. Eligii, der seine Leser be- 
schwört: ut si quis haec legens amore captus exemplare volueritj 
syllabarum detrimenta summopere observet, et dudum conscriptis 
exeinplaribus rursus conferat corrigenda, nt quae cum studio 
et sollicitudinc scripta sunt, cum cura et diligentia transcri- 
bantiir, Haec iddrco, quia plerumque mdemus nonnuUa Volu- 
mina, et praecipue sanctorum gesta, ita Script orum vitio de- 
piravata, ut studiosis quibusqiie non solum lectitare, verum 
ctiam manibus sit contingere fastidium. ^) 

Doch erhielt sich äufserlich an manchen Orten noch in 
die karolingische Zeit hinein die alte Einrichtung; in vielen 
Handschriften finden wir noch jene Bemerkungen, wie legi, 
relegi, contuli, ^) percontuli, emendabam, recognovi, oft in tiro- 
nischen Noten, wie auch in solchen an den einzelnen Stellen 
dem Schreiber aufgetragen wird, welche Aenderungen er vor- 



Labbe, Nova Bibl. MSS. II, 518. D^Achery, Spicil. II, 77 ed. II. 
*) nach der Quaternionenbezeichnung bei Slckel, Monumenta Gra- 
phica III, 1. 



Kritische Behandlung. 273 

zunehmen hat. ^) Noch kommen einsichtige Correctoren vor, 
aber auch Aenderungen wie im Cod. Colon. 166 saec. VII, wo 
die unverstandenen griechischen Worte ToNÜPOCTl geändert 
sind in toni et puncti. *) 

Was half ein Corrector, der selbst schrieb contuli nt pu- 
tavi (stM potui)^) oder gar unterzeichnete: Ego Alprat och 
Uhrum emcndareni!^) 

Ein gediegenes wissenschaftliches Streben war im achten 
Jahrhundert fast nur in England zu- finden, wo Beda durch 
seine Gelehrsamkeit glänzte; er schrieb auch wieder, wie Cas- 
siodor, über die Orthographie, so wie nach seinem Vorbild 
Alcuin, der diese Studien ins Frankenreich übertrug. Karl 
der Grofse weckte hier ein ganz neues wissenschaftliches 
Leben, und nahm an der Fehlerhaftigkeit der kirchlichen 
Bücher solchen Anstofs, dafs er durch sein Capitulare von 789 
c. 71 Abhülfe dieses Uebelstandes verordnete: Psalmos, notas 
cantus, compotum, grammaticam per singula monasferia vel 
ejnscopia (discant) et libros catholicos bene emendatoR (haheant); 
quia saepe dam bene aliqui deum rogare cupiunt, sed per in- 
emendatos libros male rogant. Et pueros vestros non sinite 
eos vel legendo vel scribendo corrumpere. Et si opus est evan- 
gelium, psalteHum et missale scribere, perfectae aetatis homines 
scribant cum omni diligentia. Wegen dieser Sorgfalt preist 
ihn der Schreiber Winidharius : ^) 

Qui sternit per bella truces fortissimus heros, 
Rex Carolus nuUi cordis fulgore secundus, 
Non passus sentes mendarum serpere libris. 
Et bene correxit studio sublimis in omni. 

^) Eccl. Colon, codd. passim, vorzüglich S. 112. Solche tiron. Noten 
in Würzb. Handschriften nach Oegg, Korogr. S. 3ü7. 840. 347. Bei W. 
Arndt, Tafel 5, ein tiron. legi. 

*) Rhetores min. ed. Halm p. 226 1. 42. Doch wohl kaum von dem 
eigentlichen Corrector. 

®) Reifferscheid 1. c. p. 4. 

*) in der häufigen Geheimschrift, in welcher die Vocale durch die 
folgenden Consonanten vertreten werden : fgp blprbt pch Ikbrxm fmfndbrfm. 
Gregorys Pastorale in einem Cod. aus Weihenstephan saec. VIH. Aretin's 
Beiträge VH, 286. 

^) im Wiener cod. 743, Denis I, 313. 

Wattenbach, Schriftwesen. 2. Aufl. 18 



274 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

Mit gleicher Hingebung feiert ihn auch der Corrector 
Jacob unter der Züricher Handschrift des Serenus Sammonicus:*) 

luclitus invictum Christi virtute tropheum 
Qui regit, haec fieri Karlus rex namque modestus 
Mandat, ut in sechs rutilet sophisma futuris. 
Legit enim famulus * stilo aniuioque Jacobus. 

Die ungefügen Verse sind für die Zeit Karls vor der 
Kaiserkrönung eben so charakteristisch, wie der frische Schwung, 
der sie belebt. Wenn wir auch nicht gerade anzunehmen 
brauchen, dafs Karl selbst die Correctur jenes Buches besorgt 
hat, so betheiligte er sich doch lebhaft bei diesen Arbeiten, 
und Thegan c. 7 versichert, dafs Ubros corrigere die Arbeit 
seiner letzten Tage war, und dafs er unmittelbar vor seinem 
Tode die Evangelien mit Griechen und Syrern corrigiert 
habe. ^) Alcuin sell)st war ein sehr schwacher Lateiner; an 
seiner Schrift gegen Felix fand Karl 799 viel zu verbessern, 
und Alcuin entschuldigte sich mit der grofsen Eile: quod in 
litteris vel distinctionibus non tarn scolastice curHt, quam ordo 
et regula artis grammaticae postulat Ueber die Interpunction 
sagt er weiterhin: Pundorum vero distinctiones vel subdistin- 
ctiones licet ornatum faciant pulcherrimum in sententiis, tarnen 
usus illorum propter rustidtatem paene recessit a scriptoribus. 
Sed sieut totius sapientiae decus et salutaris eruditionis orna- 
t'iis jr;er vestrae nobilitatis indusfriam renovari indpit, ita et 
liorum usus in manibus scribentium rcdintegrandus esse optime 
videtur, ^) 

Die Interpunction ist denn wirklich nach den alten Musteni 
und Vorschriften hergestellt, und das distinguere wird wieder 
eine wichtige Aufgabe. Die Sorgfalt aber, welche man jetzt 
auf die Orthographie verwandte, erhellt aus der Unterschrift 
des Bischofs Baturich von Regensburg unter dem 823 ge- 



^) Orelli, Helperici Kar. M. p. B. 

^) vgl auch die Zusätze zum Chron. BeDedictoburarum MG. SS. 
IX, 21G. Doch wimmelt die Biblia Radonis von Fehlern, s. Sickel SB. 
LXXIX, 545. 

8) Alcuini epp. ed. Jaifö, Bibl. VI, 457. Froh. ep. 85. 



Kritische Behandlung. 275 

schriebenon Commentar Augustiiis zum Joliannesbrief: ^) Lihrum 
liunc pro remcdio animae ego in clei nomine Baturicus epi- 
scojHis ad Franchonofurt scribere praecepi, scriptus est autem 
dichus septeni et in octavo correetus in loco eodem anno septimo 
ejyiseojyatus nm et oetingentesimo XXIII dominicae inearna- 
tionis. scriptus autem per Ellenhardum et Digmmi Hildoino 
07ihografiam prac^tante. Gute Correctoren waren natürlich 
schwer zu haben, und nur geringe Befähigung verräth die Un- 
terschrift: CimtuUmus ut potuinms voluntariae. hene si hme 
tenetur si aliter nostri est meritum. Ora pro scriptoris si detim 
aheas adiutorem, ^) 

Die Gesetzgebung hatte nui* um die Kirchenbücher sich 
zu kümmern, aber in allen Handschriften finden wir zuneh- 
mende Correctheit, und auch die Schriften der Zeit zeigen uns 
Beschäftigung mit kritischen Fragen. Da nun nach der RefoiTU 
der Schrift die alten Manuscripte bald in neuer Gestalt ver-« 
vielfältigt wurden, traten an die Schreiber schwierige Aufgaben 
heran, welche in verschiedener Weise gelöst wurden. Es gab 
fortwährend noch Schreiber, welche nur mechanisch nachahmten, 
ohne von der Vorlage etwas zu verstehen. Diese haben sehr 
fehlerhafte Producte geliefeil, welche aber häufig von beson- 
derem Werthe sind, weil wir bei ihnen sicher sind, dafs sie 
keine willkürliche Aenderungen vorgenommen haben. Viel 
schlimmer sind die Halb wisser, ül)er welche schon Hieronymus 
in der oben angeführten Stelle klagt. Da die älteren Vorlagen 
gar keine oder doch nur unvollkommen durchgeführte Wort- 
trennung darboten, so hatten sie zunächst diese oft schwierige 
Operation vorzunehmen, und halsün dabei viele Fehler gemacht.^) 



^) Mafsmann, Abschwörungsformeln S. M n. uud in Mone*s An- 
zeiger I, 31. Correcter bei Dümmler, Gesch. des Ostfränk. Reiches II, 693. 

*) Fredegar saec. IX in Metz D 12, nach W. Arndt. 

") Beispielsweise führe ich den Wiener Cod. 107 saec. X des Ju- 
venal an, und aus den von A. Goebel, Sitz.-Ber. XXIX, 39 gesammelten 
Stellen: heumis erit raducimur statt heu miseri traducmur. Mit will- 
kürlicher Aenderung verbunden habetur corum populo statt ah etru- 
scorum populo im Paulus D. bei Bethmann im Archiv VII, 289. Die 
noch später bleibende Gewohnheit, kleine Präpositionen u. a. Wörter 

18* 



276 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

Dazu kam die Undeutlichkeit der Uebergangschriften, welche 
den Abschreibern nicht mehr geläufig waren. Hatte der erste 
Schreiber einen häufig unverständlichen Text zu Stande ge- 
bracht, und sich begnügt wirkliche oder scheinbare Wörter 
herzustellen, ohne um den Sinn sich zu bekümmern, so ver- 
besserte später ein anderer die Handschrift, machte Emenda- 
tionen, und eine neue Abschrift lieferte einen lesbaren Text, 
der aber von dem Original sehi' verschieden sein kann. Ein 
Beispiel gewährt die am Anfang des 6. Jahrb. geschriebene 
Vita Severini, deren älteste, um Jahrhunderte später entstandene 
Abschriften einen so fehlerhaften Text geben, wie wir ihn dem 
Verfasser nicht wohl zutrauen können. Handschriften des 
12. Jahrh. bieten dagegen eine recht glatt lesbare Legende, 
deren Ursprünglichkeit in dieser Gestalt aber sehr zweifelhaft 
ist. Lehrreich für diese Vorgänge ist auch, was Bethmann in 
Pertz' Archiv VH, 274 ff. über die Textgeschichte des Paulus 
Diaconus mittheilt. 

Vorzüglich klar liegt das Verhältnifs bei der Vita Thie- 
monis vor Augen, welche im Anfang des 12. Jahrh. ziemlich 
kunstlos geschrieben ist. Wir finden den Text im Admuuter 
und Heilsbrunner Codex, in beiden aber von zweiter Hand sorg- 
fältig verbessert, und von jedem ist nun wieder eine neue Ab- 
schrift dieses überarbeiteten Textes gemacht, der Niederalt- 
aicher und Vorauer Codex, welche schon ziemlich weit aus- 
einander gehen. Wären zufällig nur diese beiden erhalten, so 
würde die Kritik sehr schwierig sein. In diesem Falle handelt 
es sich freilich nur um stilistische Aenderungen, wie sie gerade 
hei Legenden häufig vorkommen, weil sie eben zum Vorlesen 
bestimmt waren. In solcher Art ist auch die Passio SS. IV. 
Coronatorum überaibeitet. Nicht immer aber war man so ge- 
wissenhaft, wie in St. Gallen, wo man neben der modernen Be- 
arbeitung das Leben des Stifters in einer älteren, doch vielleicht 
nicht in der ursprünglichen Form, unverändert aufbewahrte. 



nicht von dem folgenden zu trennen, verleitete im cod. Colon. 167 
saec. XII f. 20 V. in der Passio Andreae statt in Achaia civitas zu 
schreiben machina, worauf dann weiter verbessert wurde civitatis. 



Kritische Bohaiullung. 277 

Schrifton aus raerowiiigischer Zeit sind immer überarbeitet, 
weil man die Barbarei jener Zeit später nicht mehr ertrug; 
bei Legenden geht die Umgestaltung, die aber nicht mehr den 
Abschreibern anheim fällt, so weit, dafs dadurch ganz falsche 
Ansichten über die Zeit der Merowinger herrschend geworden 
sind. Nur zufällig erhaltene gleichzeitige Handschriften geben 
die wahre Gestalt damaliger Werke. ^) Bekaimt ist, wie Gregor 
von Tours, im Vorgefühl solcher Gefahr, am Schlüsse seiner 
Geschichte dringend bittet sie unverändert zu lassen, wenn sie 
auch grammatischen Anstofs gebe; der Ueberarbeitung ist er 
aber doch nicht entgangen. Diese war in der That unver- 
meidlich, besonders bei den auch noch durch Schreiber ver- 
derbten Handschriften (oben S. 272); ein ausdrückliches Zeugnifs 
giebt uns der Schreiber der Vita S. Magni: Hiiitis gloriosi 
pontificis vita{m) ego Nicolaus pcccator, sicut in exemplarihus 
inveni, ita aliquanta emendando, quia non ex toto pottii, omnia 
tammi conscripsi. More enim antiquo didata erant, Quod vos 
ut sapientes ex toto cmendate. Noctibus vero enim vigllando 
descripsi, ideoqtte non vos offendat literarum informitas, ^) 

Bei gewichtigeren Texten erlaubte man sich ein solches 
Verfahren nicht; man sah sich auch im Mittelalter nach au- 
thentischen Exemplaren um, und setzte Varianten mit der Be- 
zeichnung al, an den Rand, oder mit vel über das l)etreffende 
Woiii, machte nicht selten auch ausführlichere Bemerkungen 
darüber. 

Vorzüglich wurde natürlich den heiligen und kirchlichen 
Büchern grofse Sorgfalt zugewandt, später auch den juristischen 
Texten. Denn bei den alten Handschriften der Volksrechte ist 
es auffallend und schwer begreiflich, wie viele grobe Fehler 
darin ohne irgend eine Verbesserung zu finden sind. 

Ein merkwürdiges Beispiel sorgfältiger Kritik gewähi-t uns 



*) S. W. Arndt, Kleine Denkmäler aus der Merowingerzeit, 
Hann. 1874. 

^) Handschrift des ausgehenden zehnten oder des elften Jahrhun- 
derts ital. Herkunft, aus welcher W. Arndt Tafel 19 genommen hat; 
ihm verdanke ich die Stelle. Es ist nicht der Magnus von Füssen. 



278 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

der Brief, welchen um 820 Grimald und Tatto an ihren Lehrer 
Reginbert nach Reichenau schickten, mit einer Copie der Regel 
S. Benedicts nach einer Abschrift seines Autographs. Da heifst 
es:') lila ergo verba quae supradidus pater secundum artem, 
siciit nonnulli autumant, in contextum regidae huius non in- 
seniit, de aliis regidis a modernis correctis magistris colleximus, 
et in campo ^) paginulac e regione cum duobus punctis inserere 
curavimus, Alia etiam quae a Benedicto ^ dictata sunt et in 
ncotericis mininie inventa, obelo et punctis duobus consignavi- 
mus. Hoc egimiis desiderantes utrumque, et secundum tradi- 
tiojicm pii patris etiam modernafn habere. Eligite vobis quod 
desiderabili placuerit animo. In der Vorrede zum zweiten 
Tlieil von Gregors Sacramentarium bezeichnet Grimald, was er 
im ersten Theil eingeschoben hat, als virgulis ante positis iu- 
gidata, ^) In Sanctgallen beschäftigten sich, wie Ekkehard er- 
zählt,*) bei Nacht Notker der Stammler, Tutilo und Ratpert 
mit der Collation von Handschriften: permisso quidem prior is, 
in inten allo laudum nocturno convenire in scriptorio, colUdio- 
)iesque tali horae aptissimas de scripturis facere. In dem 
alten Catalog steht bei mehreren alten Handschriften vetus et 
falsatus.^) Ein geärgerter Corrector schrieb im cod. 6: Dia- 
bolus fecit tarn sanctani epistolam vitio scriptoris depravari,^) 
und ein sehr fehlerhafter Quintilian saec. IX hat die Unter- 
schrift: 

Tiim male scribenti, tam denique desipienti, 
Absque exemplari fnistra cogor medicari.'') 



B. Pez, Thes. VI, 1, 73. Obeli finden sich im Berliner Cod. 
Thcol. lat. fol. 58. 

-) hier, wie es scheint, der Rand, verschieden von der Stelle oben 
S. 153. 

^) s. Dümmler in den Forschungen z. deutschen Geschichte VI, 1*24. 

*) Casus S. Galli c. 3, MG. II, 95. 

*) Weidmann, Geschichte der Stiftsbibliothek S. 374. 376. 

^) Ild. V. Arx, Berichtigungen S. 30. 

") Quintil. de instit. orat. ed. Spalding I p. XLVI. Die Hand- 
schrift ist jetzt in Zürich. 






Kritische Behandlung. 279 

Cyprian, der Corrector eines Egesipp de hello Judaico 
Siiec. X, schrieb folgende, mehr gut gemeinte als metrisch lo- 
benswerthe Verse: 

Ecce, pater dulcis, ut potui tua iussa peregi, 
Plus prompto velle plane quam posse valente, 
Quodque tuis sanctis fidens orationibus actum, 
Quodcumque fuerit placitum in corde receptum, 
5 Omne hie otFensum mihi deprecor össe donandum. 
Denique percurrens sine auctoreque retractans, 
Correxi ut valui, distinguendoque notavi. 
Ambigua quaeque virgis signata reliqui, 
Monstrandas [et] causas breviter in limine promsi. 
10 Sit rogo iste labor placidus, sit corde receptus, 
Sit tuus hie auimus gratus, sit semper amoenus, 
Ut fiat ethereo satius et munere pleims, 
Quod promas, Stephane sacer, obtima dindima (sie) letus, 
Quodque tuus famulus Cyprianus gaudeat actus. ^) 

Doch passen weder die Sprache, noch auch der Name Cyprian 
und die Anrufung des Stephanus nach St. Gallen, und die 
Verse werden wohl mit abgeschrieben sein. Aehnlich ist in 
einer Heilsbronuer Handschiift von Rabanus super Numeri 
saec. XII mit übersclirieben : Uunc librum corUulerunt ex prae- 
cepto Bahani abbatis Lupus et Gerulfus, et in quantum per- 
misit angiistia temporis, pro captu intelligentiae correxerunt. ^) 
Zu dem Kreis dieser sorgfältigen Studien gehört auch der 
auf Bischof Salomons Veranlassung 909 geschriebene Psalter 
in drei lat. Versionen neben dem griechischen Text, der eben- 
falls mit lat. Buchstaben geschrieben ist; das Original war nach 
den einleitenden Versen mit obelis et asteriscis versehen,^) und 
ebenso der Psalter der Kaiserin Augilberga: a viro beatissimo 



^) Cod. 626. Scherrers Verz. S. 204. 

*) Innischer, Erlanger Haudschriftencatalog (1852) 30. Dieselbe 
Unterschrift ohne Rabans Namen im Cod. lat. Monac. 6261 s. X aus 
Freising. 

^) Dümmler, Gesch. d. Ostfränk. Reichs II, 081. Forschungen 
VI, 125. Eccl. Col. codd. p. 3. Canticum Moysi ed. Hamann 1874. 



280 Weitere Bcliaiidluug der Schriftwerke. 

liier oniino 2)resb, corredum atqite emendatum, didinctum vcr- 
sibus atquc sententiis, cum ohelis et asteriscis, scrihtumque a 
nobls siib a. 827.'^) Seitenstücke dazu sind aus englischen 
Klöstern vorhanden. ^) 

Ein Beispiel ähnlicher Sorgfalt fiii* einen profanen Schrift- 
steller geben die Verse aus einem Cod. saec. IX. von St. Ri- 
quier:^) 

Claudiani librum mihi vestrum mittite quaeso. 
Per quem corrigere nostrum valeam' male falsum. 

Auch der boiius scholasticus Calliopius, welcher den Tereuz 
mit seinem rccensui versah, gehört nach 0. Jahn's Vermuthung 
(1. c. p. 362) der karolingischen Zeit an.*) Die sorgfältige 
und verständige Kritik des neunten Jahrhmiderts am Justin 
wird von Rühl gerühmt.^) Lupus verwandte grofse Sorgfalt 
auf Herstellung correcter Texte von Cicero, Macrobius, Priscian 
durch Vergleichung mit Handschriften, die er sich von seineu 
Freunden erbat. ^) Frechulf, wie es scheint, widmete einem 
Frankenkönig des Vegetius Bücher von der Kriegskimst: quos 
corrigere curavi sine exemplario, quoniam unum quod reppere- 
ram tantum, vicio scriptorum ita erat depravatum, ut literatura 
nequaquam mauere aut intellectus inde titiliter colligi possit.'^) 

Aus den zahlreich erhaltenen Briefen des 9. bis 13. Jahr- 
hunderts würden sich noch viele Belege für diese kritischen 
Bestrebungen gewinnen lassen. In einer Handschrift der Werke 



^) Dümmler, Gesta Berengarii p. 73 Anm. 2. 

'*) Unbekannter Herkunft der Cod. Cus. A 6 saec. IX (?), welcher 
ueben dem lat. Text den griechischen in üncialschrift und mit lat. Buch- 
staben enthält. Fr. X. Kraus im Serap. XXV, 358. 

^) Keiifenberg im Annuaire de la Bibl. de Brux. IV, 63. 

*) B. Simson, Ludw. d. Fr. I, 405 behandelt das Wort recensere^ 
hat aber nicht diese Bedeutung, welche auch den älteren Subscriptionen 
fremd ist. 

^) Verbreitung des Justin im Mittelalter (Diss. Lips. 1871) S. 11. 

®) Lupi Ferrar. epp. 1. 8. 69. M. Hertz, Praef Prise, p. X Mar- 
cianus Capeila s. X mit Varianten u. obelis, Eccl. Colon, codd. p. 81. 

') Fr. Haase im Ind. lectt. Vrat. hiem. 1860, wiederholt Veget. ed. 
Lang p. XXIII. 



Kritische Behandlung. 281 

s h. Gregor von Nazianz in lateinischer üebersetzung sacc. X 
s Stavelot steht fol. 26 in rother Capitalschrift: Usque huc 
^ituK de codicc Sancte Melanie Rome. ^) 

Bischof Erchanbald von Strafsburg (965 — 991) bereicherte 
3 Bibliothek seiner Kirche mit Büchern, deren Berichtigung 
sich angelegen sein liefs; Verse in einem Exemplar der 
»Osteigeschichte und Briefe der Apostel rühmen von ihm: 

Utilis ecclesiae pius Erchanbaldus agiae, 
Inclitus antistes libros perlegerat omnes. 
Intcr quos istum parili cum sorte liboUum 
Correxit per se studiosi dogmatis arte, 
Falsa catus radens et congrua sensibus addens. 
Hoc Studium factor tenuit virtutis amator. ^) 

Auch Erzbischof Willigis von Mainz (975 — 1011) besorgte 
bst mit seinen Schülern die Verbesserung der Handschriften: 

Hos praesul summus nee honore minore colendus 
Willisus theca conscribi iussit in ista, 
Ipsoquo cum propriis emendans cautus alumnis, 
Servicio sancti Martini iure perenni 
Tradidit etc.«) 

Von der feinen und vorsichtigen Kritik Ekkeharts IV von 
. Gallen giebt Dümmler Nachricht;^) die leichtfertige und 
geschickte Kritik seiner Vorgänger tadelt Ekkehart, und da 
für den sehr fehlerhaften Codex von Augustins Briefen kein 
deres Exemplar hatte, setzte er bei fehlerhaften Stellen, über 
sren Verbesserung er unsicher war, ein r an den Rand.^) 



') Bibl. de rficole des Chartes II, 3, 461. 

'2) Grandidier, Oeuvres histor. I, 10 nach^^Boecler, da die Hand- 
hrift schon damals verloren war. 

^) in einem Aug. de civ. dei, Jacobs u. Ukert, Beiträge II, 82. 

*) in Haupt's Zeitschrift f. deutsches Alterthum XIV, 21. 

^) nicht ein Y, wie 1. c. durch Druckversehen steht; es ist ein r 
er R mit Abkürzungstrich, und bedeutet require. Es kommt sehr 
ufig, und auch ausgeschrieben vor. Vgl. Goldbacher in d. Wiener SB. 
[XIV, 276, Scherrers Verz. S. 62. 



282 Weitere Behandlung der Schriftwerke. • 

Von dem Abt Wilhelm von Hirscliau erzählt Trithemius 
z. J. 1070, dafs er zwölf Mönche zum Schreiben bestimmte, 
unter der Aufsicht eines sehr gelehrten Mannes, qui me^ida ne- 
(jUgentius scrihentium etnendaret, Ist nun diesem Autor auch 
wenig zu trauen,^) so ist doch sicher bezeugt, dafs Wilhelm 
durch Heimo und Dietger die biblischen Handschriften durch- 
sehen, und mit Interpuuctionen versehen liefs. ^) 

Ganz vorzüglich war Lanfraiic bemüht, die h. Schriften, 
die Werke der Kirchenväter und die liturgischen Bücher von 
Fehlern zu säubern, wie Milo in seiner Lebeusbeschreibung 
rühmt, und es haben sich Handschriften erhalten, welche er 
(X)rrigiert hat.^) Anselm, der ihm als Lehrer in Bec und 
später als Erzl)ischof von Canterbury nachfolgte, setzte auch 
diese Thätigkeit fort, und demselben Beispiele folgte auch Lan- 
franc's Schüler Williram, der Abt von Ebersberg, der selbst iu 
seiner Grabschrift von sich aussagt: Correoci libros. Der Cod. 
Germ. Monac. 10 hat die Unterschrift: 

Wilrammo requiem dona deus alme perennem, 
Errantis dextrae mendacia qui tulit ex me. ^) 

Der Abt Stephan von Cisterz besorgte 1109 eine kritische 
Ausgabe der Bibel mit Vergleichung vieler Handschriften und 
Zuziehung gelehrter Juden. ^) 

In Cluny schrieb unter Abt Pontius (1109 — 1125) Bruder 
Albert aus Trier eine grofse Bibel, welche er zur Correctur 
mit dem Bruder Opizo zweimal dui^chlas und mit Hülfe anderer 
Texte verbesserte.^) 



*) Helmsdörfer, Wilh. v. Hirschau S. 47 verwirft die Nachricht. 

^) ut ad antiquitatis regulam per distinctiones , suhdistinctiones ac 
plenas distinctiones emendando perducerent. V. Theogeri c. 9. MG. SS. 
XII, 451. 

ö) Bist. lit. de la France VII, 117. 

*) bei Schilter in Praef. ad Willirammi opus. 

^) Inschrift; Opera S. Bernardi (1719) I p. XII. 

ö) Bibliotheca Cluniacensis p. 1645. lieber die 1295 nach Ve^ 
gleichung mit vielen Exemplaren in Vicogne geschriebene Bibel s. (Mar* J^^^ 
tene et Durand) Voyage litteraire IL 



• Kritische Behandlung. 283 

Die Statuten der verschiedeiieu Orden trugen Sorge für 
die Correctlieit und Gleiclifomiigkeit ihrer kirchlichen Bücher J) 
In den Statuten der regulierten Chorherren, welche in St. Flo- 
rian 1468 eingeführt wurden,- ist die Verhesserung fehlerhafter 
Bücher zwei Brüdern aufgetragen, die aber nicht nach eigenem 
ErraessQn ändern dürfen, sondern correcte Exemplare ver- 
gleichen sollen, (hnnes cnim in carrectura libra^um magis de- 
hent aurctoritati quam proprie estimadoni inniti. ^) An den 
italienischen Universitäten waren eigene Correctores für die 
Abschriften der recipierten Texte angestellt. Auch der eng- 
lische Bibliomane Richai'd de Bury nennt c. 16 correctores 
unter den Leuten, welche er beschäftigte. Salimbene erzählt, 
djifs der Bruder Rufiims, minister Bononiae, seinen Genossen 
bei sich zurückhielt, ut corrigeret sihi bihliam suam,^) Einen 
kritisch gesäuberten Text der Vulgata herzustellen und zu ver- 
vielfältigen machten sich die Klöster der Windesheimer Regel 
zur besonderen Aufgabe, und überhaupt achteten die Brüder vom 
gemeinen Leben sorgfältig auf die Correctheit ihrer Abschriften.*) 
Iji einer Handschrift saec. XIV, welche Symon für St. Florian 
erwarb, steht: et isti tradatus sunt omnes valde correcti per 
eundem Symoneni, In Wahrheit aber sollen sie sehr incor- 
reet sein.^) . 

In Italien finden sich förmliche notarielle Atteste über die 
Hichtigkeit der Abschrift: bonam esse, und die Ausdrücke in- 
eontrata cum authentico, incontratus seil, cum autographo col- 



s. Vogel im Serapeum IV (1843) S. 36 n. 

*) Rockinger, Zum baier. Schriftwesen S. 193 (II, 27). Aehnlich 
schon S. 192 die Constitutionen von 1402. Czerny, Bibl. von St. Flo- 
rian S. 14. 

^) Chron. p. 160. Was derselbe Salimbene meint, wenn er sagt: 
in multis aliis chronicis, quae a nobis et scriptae (abgeschrieben, deut- 
lich S. 124) et editae et emendatae fuertmt, ist dunkel. A. Dove, 
Doppelchronik von Reggio S. 10. 

*) Chron. Windeshem. p. 104—107. Serapeum XXI, 187—189. Ein 
Lectionar ist 1405 durch einen Benedictin er Wernher corrigiert, Mezger, 
Gesch. d. Bibl. in Augsburg S. 65. 

«*) Czerny, Bibl. von St. Florian S. 120. 



284: Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

latus,^) Das fällt nun schon in das humanistische Gebiet, auf 
welches einzugehen uns hier viel zu weit fuhren würde. Die 
ki'itischen Bestrebungen der Humanisten sind ja bekannt genug. 
Ich begnüge mich deshalb, nur die Klage des Coluccio Salu- 
tato um 1370 anzuführen über die grofse Fehlerhaftigkeit der 
Handschriften und die unglücklichen Emendationen der Hall> 
wisser. Er wüjischt deshalb, dafe öffentliche Bibliotheken er- 
richtet und gelehrte Bibliothekare angestellt werden, mit aus- 
drücklicher Berufung auf die alten Subscriptionen. Ebenso 
erinnert es an diese, wenn unter der Uebersetzung einer Schrift 
von Lucian durch Guarinus steht: Explicit Calumnia die 
17. Apr. 1424: Patavii per nie Antonium Gurceenseni civein 
Brixiensem. Emetidata dchide Montorii andiente Gruarifw die 
X. kal. Mai. 1427.^) So kam denn auch Laorentius Valla 
auf die alte Sitte zurück, ein Normal -Elxemplar einer öffent- 
lichen Bibliothek zu übergeben; er gab der prachtvollen Ab- 
schiift seiner Uebersetzung des Thucydides, welche Jo. Lam- 
peiii de Rodenberg 1452 in Rom llir Nicolaus V verfertigt 
hatte, die selbstbewufste Unterschrift: Htnic Thucydidis codieem, 
qualis nullus ut opinor unquam apud ijysos Grecos vel scri- 
ptiis vel ornatus'est magniftcentius, idem ego Laurentius iussu 
sancfissimi domini nostri domini Nicolai divitia providefüia 
pajye Quinti, recognovi cum ipso Joanne, qui eum tarn egregie 
scrijysit. Ideoqtie hec meo chirographo subscripsi, ut esset hie 
codex niee traiisla/tionis archetypus, wnde cetera possent exent- 
plaria emendari.^) 

Mit grofser Entrüstung hat der Leser eines nachlässig 
abgeschriebenen Reisebuches nach dem heiligen Lande, da wo 
eine Zeile ausgelassen ist, an den Rand geschrieben: Cofhfun- 
datur scriptor exemplaris!^) Gegen solche Vorwürfe sind 
Correctoren und Schreiber eifrig bemüht sich zu schützen, und 






ValentineUi, Bibl. S. Marc! IV, 73 u. sonst. V, 310. 
*) Zanetti, Latina D. Marci Bibl. p. 202. 
^) Vahlen, Laurentü Vallae opuscola tria, p. 64. 
*) W. A. Neumann, Drei alte Pilgerschriften II, 17. Aus der 
Vierteljahresschrift f. katb. Theol. VII. 3. Heft (1868). 



Kritische Behandlung. 285 

sclion Asterius, der gegen das Jahr 500 den Virgil legit et 
emendans distincxit, schreibt: 

Quisque legis, relegas felix, parcasque benigne, 
Si qua minus vacuus praeteriit animus. ^) 

Im neunten Jahrh. schreibt der Priester Immo: Fratres 
vos qui legitis in istis voluminibus, et invenietis uhi opus est 
ad emendandum: non nie maledicatis, sed cum omni diligentia 
emendetis, et pro me indigno peccaiore orare dignemini. ^) 
Aehnlich mit schwachem Anlauf zu Versen im cod. S. Galli 28: 
Prudens quisquis lector volumen cum legeris istud, Script ori 
imperito veniam concede dejwsco, Et er ädere quod super est, et 
non pigriteris aptare qua£ desunt. In dem schön, aber in- 
con-ect geschriebenen cod. 143 sind dieselben Worte mit ge- 
riuger Veränderung.^) Im 15. Jahrh. ist ein Vers verbreitet: 

Qui leget emendat, scriptorem non reprehendat. 

Den grammatischen Fehler darf man des Reimes wegen nicht 
Ycrbessern. *) Nicht besser ist der Vers in einer Leipziger 
Handschrift:^) 

Si erravit scriptor, debes corrigere, lector. 

Sind nun hiermit wohl nur Schreibfehler gemeint, so be- 
gegnen uns bei den Humanisten wieder Klagen über ihre 
mangelhaften Vorlagen; so bei Chalcidii expositio in Timaeum: 
^xcusetur scriptor, si in locis quamplurimis Über iste corruptus 
invenietur, Sumsit enim ab exemplari, cuius summa et)iendatio 
Braii esse corruptissimum (Zanetti 185). Aehnlich entschuldigt 
sich der Abschreiber des Anon. Magliab. in Königsberg mit 
den Fehlern seines Exemplares: ipsum siquidem mendosisslmum 
et omni barbarie referctum, vulgarique ac vernaculo stilo con- 



^) 0. Jahn, Subscriptionen S. 349." Riese, Anthol. Lat. I, 11. 

2) Pez Thes. I. Diss. p. XXXIX. 

^) Scherrers Verzeichnifs S. 15 u. 54. 

*) C. F. Hermann, Catal. codd. Marburg. II, 38. Scherrers Verz. 
S. 354. 

*) Naumann, Catal. bibl. Lips. p. 34. 



286 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

strudum existit. Hippolytus celer, vet'itatis alumnus promissi- 
que exequentüsimus ohservcdor, tranquille exscripsif,^) Bessarion 
gab 1445 einigen Scliriften des Aristoteles selbt diese Eut- 
schuldigung mit: ^löro) o drayircoöxafi' ro JtaQOi^t^cßXior yi- 
ygcKpd^ai fier djto jcqcototvjtov lö(faliiivov, xdrrevß-sr JtX?iQt>; 
(\uaQTiö5v eirca. ^fJf/h (livroL, ov dvaXco^iaxi yiyqaütxai, og)6ögi: 
Ijtid^xmovvT avro XTi]oa<jd^ca, xai ///} aXXog övvdftsroi^, tZeoHt 
HäXXov avro ojtcoöovr oxtlr, xäi ^ara roöovrwv ö^aX^axcßv, 
iq fi?]d6X(X)g rov jcoS-ovfiirov rv^^tr.^) 

Handschriften mit Varianten aus anderen Exemplaren 
kommen hin und wieder vor. In einem Priscian saec. IX wird 
ein liher vetustus oder aUer angeführt.^) In Erlangen ist ein 
Isidorus Etymoll. sae(5. XII mit der Bemerkung: Qt^ minio 
scripta sunt, in emendatiori exemplo non invenimus.^) Ein 
Inventar der Olmützer Domkirche von 1435 verzeichnet ein 
cligestum vetus cum diversa scriptura,^) Im 15. Jahrhundert 
werden durch die humanistischen Studien solche Fälle schon 
häufiger. ^) 

Rand- und Interlinearglossen zur Erklärung erwähnt 
schon Tertullian, ■^) Inhaltsangaben am Rande Hieronymus ep. 



^) Altpreufsische Monatschrift VIII, 566. lieber die fehlerhaften 
Allegata in seiner Vorlage klagt 1441 der Schreiber des Sachs. Lehn- 
rechts bei Homeyer n. 646. 

•2) Graeca D. Marci Bibl. p. 116. 

^) Cod. Paris. 7946, s die Angaben in Prise, ed. M. Hertz I p. X 
n. 42. Dazu noch die Angabe des gleichzeitigen Emendator (r) in äti^ 
deprecaturi, in der v. 1. zum 18. Buch § 113 mit dem bemerk enswerthen 
Plural. 

*) A. F. Pfeiffer, Beiträge S. 33. 

ö) Notizenblatt der Wiener Akad. 1852 S. 170. . 

«) Eigenthümlich ist die Unterschrift des Cod. Erford. qu. 61 saec. 
XV der Uebersetzung von Piatons Menon: finit Mennon inemendahiS. 
Val. Rose im Hermes 1866 S. 386. 

') adv. Valentinianos c. 6, wo er von den fremdartigen Namen 
derselben sagt, er werde sie Griechisch setzen: significantiae per pag^' 
narum limites adem/nt, nee Latinis quidem deerunt Grae-ca, sed m 
lineis desuper notahuntur. Beide Stellen führt F. J. Mone, Lat. Messen 
S. 162 an. 



Kritische Behandlung. 287 

71, 2 (Opp. I, 306): Feci qnod voluit, accifoque notario ra- 
m celeriferque dictavi; ex Jatere in pagina IrevUer adnotans, 
em infrinsecHfi senmm smgula capita conthierenf. In der 
eil S. 2flf erwähnton Subscription des Cod. Marclialianus ist 
i Untersdn-ift des Cod. ApoUinarii abbatis angeführt: Metü- 
y)0-f] ctjto Tcor xara raq Ixdoöfrtc; i^aJtXoir xal dtoQ{}'c60-7] 
6 Ta)V i^Qiytvov^ cwrov ThXQajtXoyr, arira xcd avrov X^^Q^ 
)Q^o)TO xai iöxohoyQd(f)7jTO' oO-er Evötßiog lyco ra ö^oXia 
Qt^Hxa. ndiKftXog xcd Evotßiog dioQß^oiöat'ro. Von Cas- 
dor's Thätigkeit in dieser Richtung ist schon S. 270 die 
de gewesen; er erwähnt Instit. c. 3 p. 511 die annotationcs 
3 Hieronymus aus den Proplieten, welche er in annotato co- 
X seinen Mönchen übergeben hat. In quo botryonum for- 
tlae ex i^ms annotationibus competmter appo^üae sunt, qua- 
ms vinea domini coelesti ubertate completa siiavissimos frtictus 
ulisse indeatur. So mufste hier also auch die Form der 
ndglossen, wie man sie wohl v(m verschiedenfarbigen Linien 
I zogen in alten Handschriften sieht, symbolischer Ausdeutung 
nien. An Karl den Kahlen schrieb Anastasius über die 
erke des Dionysius Ariopagita, dafs er über den Sinn vieler 
3llen zweifelhaft gewesen sei, bis er in Constantinopel para- 
*ses sive scholia in eum gefunden habe, die er nun übersetzt 
ch dem lateinischen Texte respondmitibus signis beifügt und 
eh ihren Urhebern unterscheidet.^) 

Von dem Prior Albert von Oberaltaich, nach 1250, wird 

rühmt, dafs er von irdischen Dingen nichts besafs nisi pennai^ 

inchaustum propter correctionem librorum et glossationem, 

quibus subtilissimus erat,^) Viele Handschriften der Stifts- 

bliothek zeugten davon. 

Schon einige der ältesten Handschriften, welche wir be- 
izen^ sind mit Schoben am Rande versehen, und aus dem 
ittelalter sind dergleichen in grofser Zahl vorhanden; oft 
igeben umfangreiche Commentare den Text. Ueber die da- 
i äuge wandte rothe Farbe s. oben S. 205; im cod. Colon. 



^) üsserii epistolamm Hibernicarum sylloge p. 63 ed. a. 1696. 
2) Vita bei B. Pez, Thes. I, 3, 542. 



288 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

166 s. VII sind die Textworte in Capitalschrift, was der Schrei- 
ber aber bald müde wurde. ^) 

2. Malerei. 

Von der Anwendung der rothen Farbe zur Bezeichnung 
der Rubriken, welche davon ihren Namen haben, war schon 
vorher S. 203 ff. die Rede. Da die Schreiber auf alten Abbil- 
dungen oft zwei Dintenhömer oder Näpfe vor sich haben, 
seil einen sie die Titelzeilen, ersten Zeilen der Bücher und 
Unterschriften gleich selbst roth geschrieben zu haben. Offen- 
bar war es eine Anweisung für den Schreiber rothe Farbe zu 
nehmen, wenn in dem sehr alten Codex des Sedulius in Turin 
zweimal vor Ueberschriften das Wort ROBEO steht. ^) Aelm- 
lich steht in einer jüngeren Abschrift des Vegez in Monte 
Cassino die bekannte, nur am Schlufs entstellte Unterschrift: 
Flavius Eutropius emendavi sine exemplario Constantinopolm. 
Consulatu Valentiniani. Sectmdi, Rubrica,^) Noch Alexander 
Neckam verordnet dem Schreiber: Hdbeat etiam minium (ver- 
milliimi) ad formandas litteras rubeas (ruges) vel puniceas 
(idem) sive capitales (capitaus). Hdbeat et fuscum (nigrum) 
piilverem, vel azuram {azure) a Salamone repertam,^) Dem 
entsprechend hat auch frater Mathyas minor dictus Stander, 
der sich in der ersten Initiale eines schönen Missale saec. XIV 
abgebildet hat, zugleich geschrieben und gemalt, denn bald 
deckt die Schrift die Farbe, und bald ist es umgekehrt,^) und 



Eccl. Colon, codd. p. 67. Aehnlich in W. Amdt's Schrifttafeln 
T. 5. Merkwürdig ist die Zumuthung, welche Guibert von Tournai in 
seiner für Ludwig IX 1259 geschriebenen Eruditio regum et principnm 
dem Leser macht, selbst die Inhaltsangaben zu schreiben; ut super- 
lineares tituhs in principio libri appanant, ut ea que eontinentür in fo 
et in sequentibus scrünintur capitulis, etndeneius videant et agnoscant. 
Paul Meyer, Documents manuscrits de Tancienne Littärature de la France 
(Paris 1871 aus den Archives des Missions) I, 104. 

-) Am. Peyron de bibl. Bob. p. 215. 

3) Caravita II, 290; vgl. 0. Jahn 1. c. p. 344. 

*) Wright, Vocabularies S. 117. 

*) A. V. Eye im Anz. d. Germ. Mus. XIII U866) 132 mit Abbildung. 



) 



Maloroi. 289 

ähnliche Kunstfertigkeit wird auch von anderen Schreibern ge- 
rühmt, aber die Regel war es nicht. 

Bei den Lateinern, wo die Anwendung der rothen Farbe 
weit ausgedehnter war als bei den Griechen, und sehr ge- 
wöhnlich jeder Anfangsbuchstabe eines Abschnitts und viele^ 
andere dazu durch rothe Striche ausgezeichnet wurden, fiel 
diese Aufgabe gewöhnlich nicht dem Schreiber zu, und ist sehr 
häufig gar nicht zur Ausführung gekommen. Oft fehlen des- 
halb die Initialen und Ueberschriften ganz, nicht selten aber 
sind sie auch ganz klein vorgezeiehnet; bei den Ueberschriften 
war das wohl immer der Fall, aber oft am äufsersten Rande, 
wo sie beim Einband abgeschnitten sind. Sonst können sie, 
auch wo die Rubricierung erfolgt ist, zur Berichtigung der 
vielen Fehler des Rubricator dienen.^) Wie viel später zu- 
weilen die Rubricierung erfolgte, zeigt ein Lorscher Codex 
saec. X von Gregor's Moralia in Job mit der Untei'schrift: Qui 
non est diligens et studiosus lector, in isto libro nichil proficit. 
a. d, 1396 ruhricatus est textus Job, ^) 

Vom zehnten Jahrhundert an wird das Roth viel lebhafter, 
und ist in der Regel von grofser Schönheit. Nach einem Re- 
cept vom Ende des Mittelalters nd ruhricam soll Zinnober mit 
Wasser gerieben, und mit Eiweifs und etwas Gelb vom Ei an- 
gemacht werden. Etwas verschieden ist die Ruhrica ad florisan- 
dum: Wildu machen ain Rubrick dy Main aus der federn 
get zu floriren, so reib den cz inober auf ainem stain etc. ^) 
Von den Assisen von Jerusalem sagt Jean d'Ibelin:*) les queles 
assises, usages et costumes estoient escrites, chascune par soi, 
de grant letres tornees, et la pr emier e letre dou comencement 
estoit enluminee d^or, et totes les rubriches estoient escrites 
chascune par soi, vermeilles. Eine genaue Unterscheidung 



1) z. B. in dem Heidelb. Cod. Sal. IX, 29 in dem Bericht über 
das Heilige Land. 

*) Reifferscheid in den Sitz.-Ber. d. Wiener Ak. LVI, 519. 

^) Aus dem liber illuministarum , Cod. germ. Mon. 821 fol. 25 v., 
mitgetheilt von meinem verst. Freund F. E. Roefsler. Jetzt vollständig 
bei Rockinger S. 37. 

*) Les Assises de Jerusalem, par le Comte Beugnot (1841) I, 2G. 

Wattenbacli, Seliriftweaeii . 2. Aufl. 19 



290 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

dieser und anderer Ausdrücke ist wohl in den Receptbüchern, 
aber nicht im gewöhnlichen Gebrauch gemacht (vgl. oben 
S. 207); in griechischen Handschriften läfst sich eine nicht so 
dick aufgetragene, mehr kirschrothe Farbe in den Verzierungen 
am Eingang der Bücher unterscheiden.^) 

Der allgemeine Ausdruck ist minium, wie schon die oben 
angeführte Stelle aus AI. Neckam mit der Glosse vermillim 
zeigt. ^) Aus den rothen oder durch rothe Striche ausgezeich- 
neten Buchstaben hat sich ein ganzer reicher Kunstzweig ent- 
wickelt, den man deshalb miniare nannte. So sagt Salimbene 
ad a. 1247 p. 64 von Bruder Heinrich dem Pisaner: sciehat 
scribere, miniare, quod aliqui illuminäre dicunt, pro eo quod 
ex minio Über illuminatur, notare, cantus pulclierrimos et de- 
leetabiles invenire, tarn modulatos, id est fractos, quam firmos. 
In dem oft erwähnten Inventar der Bobienser Bibliothek von 
1461 wird häufig minium für verzierte Initialen gebraucht; so 
bei einem Psalter S. 60: primo minio psalmi cuiuslibet noctmw 
miniato ad pennellum deaurato. An die rothe Farbe ist da- 
bei nicht mehr gedacht, und in dem Formular der päbstlichen 
Kanzlei, welches Leop. Delisle mitgetheilt hat,^) heifsen littere 
miniate die verzierten Buchstaben der päbstlichen Privilegien, 
bei welchen gerade weder Roth noch sonst eine Farbe ange- 
wandt werden durfte. 

In den Cölner Schreinbüchern findet sich 1267 eine Tda 
vidua rubeatrix, dann mehrere rädere, was die Uebersetzung 
von rubeator ist, 1374 Gerhardus der Uoydmeilre.^) Daneben 
1301 und 1332 illuminatores, was vielleicht doch noch unter-' 
schieden wurde. In Hamburg erscheint um 1260 ein miniator 



*) Die schönen alten griechischen Minuskelhandschriften der Hei- 
delberger Bibliothek sind ganz ohne Roth. 

^) Eigentlich vermiculus oder vermiculum von der Kermeseiche, 
wovon Lieferungen im Polypticum Remigianum vorkommen, die aber 
wohl hauptsächlich zum Färben bestimmt waren. Varin, Archives ad- 
ministratives de la ville de Reims I, 335. Vgl. Du Gange s. v. 

«) Bibl. de Tficole des Chartes 4. serie IV, 73. 

*) Merlo, die Meister der altköln. Malerschule (1852) S. 186—190. 



Malerei. 29 1 

als bürgerliches Gewerbe. ^) Bei den Brüdern vom gcmeineji 
Leben wurde kein Unterschied gemacht, denn in ihrer Regel 
heifst es c. 13 de Ruhricatore: Deputetur unus f rater pra Uu- 
bricatura et Floratura, qui haheat lazurium et alios colores 
pro suo officio necessarios: aureas tarnen litter as absque special i 
lieentia non faciat. Scripturarii directionibus in illuminandis 
Uhris sibi per cum traditis obtemperabit. Es gab aber auch 
bei ihnen keine eigentliche Miniatui'malerei , welche sich doch 
im Laufe der Zeit von der, wemi auch noch 'so kunstreichen 
Verzierung der rothen und blauen Initialen gesondert hat. 

Die Ausstattung der Bücher mit wirklichen Gemälden, und 
die Geschichte der darin bewiesenen Kunst gehört weniger zu 
unserer Aufgabe, als in die Kunstgeschichte; ich mufs mich da 
begnügen, für eine eingehende Behandlung des Gegenstandes 
zu verweisen auf Seroux d'Agincourt, Histoire de TArt par 
les MonunienSy Vol. V, die PaUographie tiniverselle von Sil- 
vestre, Ferd. Denis, Hist, de Vornanientation des Manuscrits 
(Paris 1858, 8), Les Manuscrits ä miniatures de la BibliotJicque 
de Laon, par M. l'abbe Corblet (1864, 8), Jules Labarte, 

A 

Histoire des Arts industriels au Moyen Age, Tome 3® (Paris 
1865), lUuminated Ornaments selected from Manuscripts and 
early printed books, from the 0^^ to the 17^^ Centimes y drawn 
and engraved by Henry Shaw, with descriptions by Fred. 
Madden (Lond. 1833, 4), Noel Humphreys, The illuminated 
books of the Middle Ages (Lond. 1849 f.), West wo od, Palaeo- 
graphia Sa^ra Pictoria (Lond. 1843), auf die Werke von G. 
F. Waagen, welcher zuerst eingehend und umfassend, aber 
ohne Abbildungen, diesen Gegenstand behandelt hat, und zahl- 
reiche Monographieen und gelegentliche Mittheilungen. Vor- 
züglich für die Geschichte der Initialen und der Ornamentik in 
lateinischen Handschriften lehrreich ist das schön ausgestattete 



*) Lappenberg in der Zeitschrift des Vereins f. Hamb. Gesch. (1864) 
N. F. II, 275. Nach Libri in seinem Auctionskatalog (1859) S. 100 steht 
unter einem ital. Cod. s. XIV: Orate pro scriptore, und dazu gesetzt: 
et pro Äminiatore, wofür es nahe liegt zu lesen pro Ä. miniatore. Statt 
mmiator steht minius in einem Briefe des Leonardo Dati (Epp. Flor. 
1743 p. 11) von 1443, angeführt von Ebert S. 113. 

19* 



292 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

Werk: Tlie Art of lUuminating as practised in Europe from 
fhe ear liest times, Illustrated by Borders, Initial letters and 
Alphabets, selected äud ehromolitliographed bei W. R. Tymms, 
with an Essay and Instructions by Digby Wyatt, Architect, 
London 1860, 4. Im gröfsten Mafsstab angelegt ist das Prach1> 
werk des Grafen Bastard: Peintiires et Ornemens des Mann- 
scrits, elasses dans un ordre chronologique pour servir ä Vhistoire 
des arts du dessin depuis le 4* siede jusqvHä la fin du 16g. 
Leider aber ist dieses im gröfsten Format erschienene Werk un- 
vollendet geblieben; 20 Lieferungen zu 8 Tafeln, jede 1800 Fcs. 
kostend, sind ausgegeben, ohne Text und ohne irgend ein 
System. Von der Pracht und Mannigfaltigkeit karolingischer 
KaDigraphie giebt nur dieses Werk eine genügende Vorstellung; 
die späteren Lieferungen enthalten merkwürdige Proben aus 
merowingischen, westgothischen, lombardischen, südfranzösischen 
Manuscripten. 

Das älteste bekannte griechische Werk mit Illustrationen 
ist die oben S. 130 erwähnte Evdo^ov rix^7} mit astronomi- 
schen Zeichnungen, welche jedoch nur zur Erläuterung des 
Textes, nicht zur Zierde dienen. Griechische Schulbücher mit 
erläuternden Abbildungen hat 0. Jahn nachgewiesen,^) erhalten 
aber haben sich keine. Die ältesten wirklichen Gemälde ent- 
halten die Ambrosianischen Fragmente der Ilias, 58 Bilder 
mit den auf der Rückseite stehenden Versen in schönster Un- 
cialschrift; es sind die Reste eines Quartbandes, aus welchem 
die Bilder ausgeschnitten sind. Diese enthalten figurenreiche 
Compositionen, und stehen wohl von allen erhaltenen der guten 
antiken Kunst am nächsten; eine möglichst getreue Publication 
in Farben wäre gewifs von diesem kostbaren Denkmal des 
Alterthums ganz besonders erwünscht und angemessen. Wäh- 
rend jeder alte Topf abgemalt wird, sind diese so merkwürdi- 
gen Reste alter Malerei ganz vernachlässigt. Einstweilen hat 
A. Mai sich ein grofses Verdienst erworben durch das Kupfer- 
werk: Iliadis fragmenta antiquissima eum picturis, Mediolaiii 



') Ueber griechische Bilderchroniken S. 91 £f. 



Malerei. 293 

1819 in folio. Einige photographische Nachbildungen verdanken 
wir jetzt der Palaeograpliical Society. 

Etwa dem fünften Jahrhundert gehört die Genesis Cotto- 
niaua an, leider durch Feuer beschädigt und ganz zusanunen- 
geschrumpft. Der Charakter der Kunst ist noch ganz antik; 
Heiligenscheine und Goldlichter zeigen die ersten Anfange 
byzantinischer Manier J) Etwas jünger ist die mit Gold und 
Silber auf Purpur geschriebene Wiener Genesis, von welcher 
24 ausgeschnittene Blätter mit 48 Bildeni, von geringerem 
Kunstwerth sich erhalten haben. ^) Minder kostbar ausgestattet, 
aber vielleicht von noch höherem Alter und Kunstwerth, sind 
die kürzlich entdeckten Fragmente der Itala, über welche eine 
ausführliche Mitthoilung von Dr. Schum zu erwarten ist.^) 
Als überaus werthvoll werden die ganz in antiker Weise ge- 
malten Bilder der Fragmente des Pentateuches gerühmt, welche 
aus St. Gatien-de-Tours stammen, und von Libri gestohlen, an 
Lord Ashburnham gekommen sind.*) 

Unter den verschiedenen Handschriften des Dioscorides 
mit Abbildungen der Pflanzen zeichnet sich vorzüglich das 
Wiener Exemplar aus, welches am Anfang des 6. Jahrhunderts 
für die Anicia Juliana geschrieben und prächtig ausgestattet 



') Proben bei Westwood, Early Greek Manuscripts. Aeltere mangel- 
hafte Abbildungen in der Collatio Codicis Cott. facta a Jo. Ern. Grabe, 
edita a Henr. Owen, Lond. 1778. Vgl. Waagen, Treasures of Art in 
Great Britain I, 97. 

*) Ein Bild m Farben bei Labarte, Album II, 77. Einige Nachbil- 
dungen bei Dibdin, A bibliographical tour III, 457 ff., mangelhaft bei 
Seroux d'Agincourl. Beschreibung bei Waagen, Kunstdenkmäler in 
Wien II, 5—8: 

^) Ausgabe von G. A. v. Mülverstedt in der Zeitschrift des Harz- 
vereins IV (1874) 251 — 263. Sehr bemerkenswerth sind die Anweisungen 
für den Maler in ältester Cursive. 

*) Bibl. de l'ficole des Chartes, 6. s^rie, IV, 610. Facs. des Textes 
Nouveau Trait^ III, 40 pl. XXXIV. Verschieden davon sind die ebenfalls 
sehr alten Fragmente, welche mit Facs. gedr. sind u. d. Titel: Librorum 
Levitici et Numerorum versio antiqua Itala e codice perantiquo in bibl. 
Ashburnhamiensi conservato nunc primum typis edita, Lond. 1868 (nicht 
im Buchhandel). lieber die Bilder scheint noch nichts veröffentlicht 
zu sein. 



294 Weitcrc Behandlung der Schriftwerke. 

ist. Von vorzügliclier Schönheit, und wohl das älteste Bei- 
spiel einer reich ornamentierten Handschrift, sind die beiden 
Blätter mit den Canones des Eusebius auf Goldgrund im Brit 
Museum. ^) 

Unter Justinian tritt nach Waagen eine Aenderung ein; 
die Figuren werden zu lang und mager, die Gewandung ärm- 
lich, mit langen parallelen Falten oder überladen mit Schmuck 
und Juwelen. Pie Farben werden hart und schwer, Gold sehr 
viel zu Hülfe genommen, und die Naturwahrheit vernachlässigt 
Orientalischer Einflufs beginnt sehr fühlbar zu werden; ohne 
Zweifel haben im achten Jahrhundert die durch die bilderstür- 
menden Kaiser veranlafsten Kämpfe einen tief eingreifenden 
schädlichen Einflufs auf die Kunstthätigkeit gehabt. Die oben 
S. 135 erwähnte Rolle mit den Kriegen des Josua zeigt sehr 
gute Compositionen nach überlieferten Vorbildern bei mangel- 
hafter Ausführung. Doch giebt es noch manche jüngere Hand- 
schrift, welche prachtvoll und in der eigenthitmlich byzan- 
tinischen Technik nicht ohne Geschick ausgestattet ist, wie der 
für den Kaiser Basilius (867 — 886) noch in Capitalschrift ge- 
schriebene und mit Bildern reich geschmückte Gregor von Na- 
zianz,^) und das für Basilius H*) in Gold geschriebene Meuo- 
logium mit 430 Bildern auf Goldgrund.^) Allein diese Minia- 
tui-en liegen unserer Aufgabe fern; bei Montfaucon, Westwood, 
Labartc ist darüber mehr zu finden. Am Anfang pflegen grie- 
chische Manuscripte mit einem quer über die Seite gehenden 
Ornament verziert zu sein. Initialen sind seit dem achten 
Jahrhundert aus verschiedenen Figuren sinnreich zusammen- 



^) Beschreibung von Choulant in Naumann u. WeigePs Archiv f. 
(1. zeichnenden Künste I, 56. Waagen 1. c. II, 8 — 10. Aufser den Ab- 
bildungen bei Lambecius II und Seroux d'Ag. die Juliana in Farben bei 
Labarte II, 78; die Aerzte in: Les arts somptuaires , Paris. 1857, T. I. 
Vgl. auch B. Stark, Nach dem griech. Orient (1874) S. 41. 

*) Add. 5111, abgebildet bei Shaw, Ulum. Om. pl. 1—4; theilweisc 
bei Tymms and Wyatt pl. 2, cf. pag. 10. Waagen setzt sie ins neunte, 
Sir Fred. Madden ins sechste Jahrhundert. 

^) Cod. Reg. 1809, jetzt 510, s. Waagen, Kunstwerke in Paris S. 202. 

*) fast unzweifelhaft Basilius II, 976—1025. 

'') Cod. Vat. 1618, ed. Urbini 1727 in 3 Folianten ; vgl. Labarte 111,59-62- 



\ 



Malerei. 295 

gesetzt und foiu ausgefülut, ^) aber eine solche Ausdehnung, 
wie bei den Lateinern, hat diese Sitte bei den Griechen nie 
gewonnen. Hier sei nur noch der Kostenberechnung über ein 
Evangeliar gedacht, welche Tischendorf Anecdd. p. 65 und 
Tab. II, XII D mittheilt: /y dt xaraßh/d^etöa l^odoq dq xo 
ToiovTOV dyiov rtTQatvdyytXop txtc ovrcoq' tlg lagrla vjttQ- 
jteQci ÖexaTQia' tlg yQaxpmov iJttQjitQa ötxaoxroy tlg xtifct- 
Xcdcoiia xal did XaCpvQiov dvotyna rcor isojfucUcor vjrtQjteQa 
'tlg XQ^^^'^f^^ ^^^^ xtfpaXalow xa\ tow ljtiyQa(pc5p rov 
ciQyipxtXiov, (pXiDQia (florenos) dtxatJiTd' löxojvTa t^dyta (sex- 
tulas) dtxaxioöüQa, xoxxla (siliquas) tg* }]xoi vjttQJttQa xgia- 
xorxaxtöOaQa' tlg fdioO-ojfia xov XQ^^<^oyQd(fov vjttgjttQa oxxci. 
elg öxdxcüf^a (Einband) vjctQjctQa . An zwei Stellen fehlt 

die Zahl. Die Abkürzung für die häufig vorkommende grie- 
chische Münze vjrtQjitQa hat Tischendorf nicht zu entzififern 
vermocht, aber glücklicher Weise ein Facsimile gegeben; den 
Anfang bildet die regelmäfsige Abkürzung für die Präposition 
vjctQ. Der Werth ergiebt sich aus der vorstehenden Berech- 
nung als ein halber Floren. Wegen dieser Müuzwerthe aber 
mufs die ganze Angabe wohl eher dem 14. als, wie Tischen- 
dorf meint, dem 12. Jahrhundert angehören. 

Bei den Römern waren Werke mit Bildern häufig. Varro's 
Imagines sin(J bekannt.^) Kräuterbücher mit Abbildungen er- 
wähnt Plinius XXV, 2, ohne sie zu loben, weil die Copiston 
sie zu sehr entstellten. Doch haben sie sich lange traditionell 
fortgepflanzt. ^) 



') Eine Zusammenstellung bei Montf. S. 255, im Nouveau Trait^ 
II zu S. 118. 

2) s. Marquardt II, 403. 

^) s. oben p. 293. Aus Dioscorides geschöpft ist der sog. Appuleius, 
von dem alte Handschriften mit Fflanzenbildern existiren, s. Parabilium 
Medicamentorum Scriptores ed. Ackermann (1788) p. 30. Fragmente 
der Art in Uncialschrift in Berlin, Lat. fol. 381. Cod. Vat. 4476 s. XIII, 
Pertz' Archiv XII, 243. Ueber das Kräuterbuch des Venetianers Bene- 
dictus Rinius von 1415 auf der Marcusbibl. s. Notizenblatt der Wiener 
Ak. 1853 S. 23, Valentmelli V, 61—67; die Abbildungen sind nach der 
Natur gemacht. Ein ital. Herbario con figure saec. XV in Libri's 
Auctionscatalog S. 103 n. 482. 



21j(i Weitere JJehaiidlung der Schril'twerke. 

Martial XIV, 186 sagt: 

Quam brevis immensum cepit membrana Maronem! 
Ipsius vultus prima tabella gerit. 

Solche Titelbilder waren iiicbt ungewöhnlich.^) Ein Portrait 
Virgil's giebt A. Mai, Virgilii Interpretes veteres p. KLIV ex 
cod. Ambros. saec. XII, welches gewifs auf alter Ueberlieferimg 
beruht; er hat eine phrygische Mütze, und ist, wenn die Ab- 
bildung zuverlässig ist, gewifs nicht damals neu gezeichnet 
Ebenda ist auch das Titelblatt zu dem vielleicht von Petrarca 
geschriebenen Virgil, welches von Simon Memmius aus Siena 
gemalt ist. Aber auch mit anderen Bildern wurde Virgil ge- 
schmückt; der Cod. Vat. 3225 enthält 50, wovon 5 verlöscht 
sind; sie sind ganz antik in der Technik, fast ohne Umrifs, 
und deshalb sehr schwer nachzubilden. Die Stiche von Pietro 
Santo Bartoli^) geben eine ganz falsche Vorstellung, und auch 
Seroux d'Agincourt ^) ist ungenügend. Li der Composition und 
Zeichnung erinnern die Bilder an die Ambrosianische Dias; 
Digby Wyatt möchte sie schon dem dritten Jahrhundert zu- 
schreiben. Diesem vermuthlich nachgeahmt, aber mit sehr 
rohen Bildern, barbarisch imd leblos, ist Vat. 3867, früher in 
St. Denis. Auch die Schrift ist geziert, mit starkem Unter- 
schied der dicken und dünnen Striche, und gehört vielleicht 
dem fünften Jahrhundert an.*) 

Nachbildungen antiker Bilder finden sich ferner üi dem 
Wiener Kalender,^) einer Copie des leider verlorenen alten 
Cod. Spirensis, und in der ebenfalls nur in neuer Copie vor- 



^) vgl. Seneca de tranquill, an. c. 9. Göraud p. 137. Arevalo, Isi- 
dori Opp. II, 405 — 407, hat darüber allerlei zusammengestellt, doch ohne 
Sonderung der Zeiten. 

*) Antiquissimi Virgiliani codicis Fragmenta et Picturae ex bibl. 
Vat. Romae 1741 f. 

^) pl. 20 alle 45 klein, dann 13 grofs; auf pl. 65 ist ein Stich nach 
Santo Bartoli zur Vergleichung neben einer Nachbildung des Originals. 

*) Proben bei Seroux d'Agincourt, pl. 64, 65, der ihn sogar ins 
12. oder 13. Jahrh. setzt. Die Punkte zwischen den Worten sind nach 
Ribbeck von neuer Hand. 

^) gestochen bei Lambecius, und Kollar, Analectt. Vol. I. 



Malerei. 297 

haiideuen Notitia digiiitatum utriusque imperii, diese freilich 
ohne Anspiiich auf Kunstwerth. 

Psalter und Evangelien prächtigster Ausstattung brachte 
S. Augustin 597 mit nach Canterbury, wovon vielleicht noch 
zwei Bilder einer Evangelienhandschrift erhalten sind, ^) andere 
aber in Schrift und Bild so genau nachgeahmt, dafs auch 
Kenner über den Ursprung derselben zweifelhaft sind. Wäh- 
rend nun hier doch schon bald die römischen Vorbilder eigen- 
thümlich umgestaltet wurden, lebte an Karls des Grofsen Hofe 
die antike Kunst noch einmal in neuem Glänze auf. Die Kal- 
ligraphie feierte die herrlichsten Triumphe: man schrieb in 
Gold auf Purpur, kehrte zur Capitalschrift zurück, und die 
prachtvolle Ausschmückung der Handschriften ist theils direct 
antiken Vorbildern entnommen, theils von antiken Motiven 
durchdrungen. Von besonderer Schönheit sind auch die reichen 
Randverzierungen, welche an die Prachthandschrift des Dios- 
corides und die Canones des Eusebius erinnern, und wofür sich 
damals wohl noch zahlreiche Muster fanden. Später ver- 
schwinden sie wieder,*) um nach Jahrhunderten in ganz ver- 
änderter Gestalt wieder zu erscheinen. 

In dieser Zeit hat man nun auch profane Autoren mit 
der gröfsten . Genauigkeit von alten Vorbildern abgeschrieben. 
Zu diesen gehören die Handschriften des Terenz, welche dem 
zehnten Jahrhundert zugeschrieben werden, mit dem von zwei 
Schauspielern emporgehaltenen Brustbild des Dichters und 
Figuren, welche ganz genau die alte Bühne darstellen; der von 
Hrodgarius geschriebene Cod. Vat. 3868*) und daraus abge- 
schrieben der Basilicanus im Archiv des Vat. Cäpitels, in wel- 
chem nur die beiden ersten Bilder ausgeführt sind;^) der 
Pariser 7859, dessen Bilder, nur in Federzeichnung ausgeführt, 

*) im Corpus Christi College, Cambridge, nach Digby Wyatt p. 18. 

2) Geschmackvolle Kandleisten aus dem 12. Jahrh. bei Tymms and 
Wyatt pl. 31. 

*) Alte Ausgaben ürbini 1736, Romae 1767, geben keinen richtigen 
Begriff von den BUdern. Eine Seite mit bunten Figuren bei Silvestre. 
Seroux d'Agincourt pl. 35. 36 und danach Ottley PI. VI n. 5, u. Wieseler, 
Theatergebäude u. Denkmäler (Gott. 1851) Taf. X n. 2—8. 

*) s. die Vorrede von Umpfenbach zu seiner Ausg. des Terenz. 



298 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

schon ins barbarische verfallen; M auch der Ambrosianus ^) und 
ein Cod. in England gehen auf dieselbe Quelle zuiiick. 

Lehrreich für die Phasen der Kunst sind die Handschriften 
der vielgelesenen Aratea, welche ohne die Sternbilder nicht 
brauchbar waren. Im Cod. Harl. 647 sind diese mit solcher 
Genauigkeit, auch in der Technik, nachgeahmt, dafs Ottley 
durchaus nicht glauben wollte, sie seien nicht wirklich antik, 
und deshalb den vergeblichen Versuch machte zu beweisen, 
dafs man schon in der römischen Kaiserzeit eine Minuskelschrift 
gehabt habe. ^) Allein hier ist der Text in völlig ausgebildeter 
karolingischer Minuskel, und sogar rescribiert auf Minuskel ge- 
schrieben; die Bilder dagegen allerdings ganz in antiker Weise, 
die Köpfe und einige andere Theile in Farben ausgeführt, die 
übrigen Formen' kunstreich ausgefüllt mit der Beschreibung von 
Hygin in kleiner leichter Capitalschrift, welche sich in der 
Foim der Zeilen der Zeichnung anschliefst, auch in rother 
Farbe und verschiedenfarbiger Dinte die Theile derselben unter- 
scheidet. Eine dazu gehörige, vielleicht aber etwas jüngere 
Himmelstafel hat in Capitalschrift die Inschrift: Ista proprio 
sudore nomina imoquoque propria ego indigntts sacerdos ä 
monachus nomine GERVVIGUS repperL ac scripsi -[- pax k- 
gentibus [- Ganz ähnlicher Art ist der Leidener Cod. Voss. 79, 
nach Bethmann aus dem 11. Jahrhundert, welchen Gruter hat 
stechen lassen, der Cod. Voss. Lat. 15 aus Limogos, der Cod. 81 
in Boulogne.^) In London aber ist Cotton. Tib. B 5 eine Co- 
pie, in welcher die Beschreibungen einfach in karolingischer 
Miimskel um die Bilder geschrieben sind, diese selbst aber 



*) Schlechte Probe bei ChampoUion - Figeac , Pal^ogr. des Class. 
Rom. pl. 9 mit i-Strichen, die später zugesetzt sind. Besser bei SUvestre 
II, 154. 

'^) s. A. Mai, Plaiiti Fragmenta inedita. Item ad P. Terentium 
commentationes et picturae ineditae. Mediol. 1815. Probe bei Wieseler n. 9. 

^) s. die Abhandlung in: Archaeologia Vol. 26, mit vielen Abbil- 
dungen aus den 3 Handschritteu des Brit. Museums, und Schriftproben 
zur Vergleichung. Wie Reifferschqid in den Annali delP Instituto 1865 
p. 108 bemerkt, erwähnt schon Cyriacus Anconitanus eine solche Hand- 
schrift in Vercelli. 

*) Bethmann in Pertz's Archiv VIII, 404 u. 576. 



Malerei, 299 

schon etwas verändert in angelsächsischem Charaktej', während 
wir endlich im Harl. 2506 die völlig umgewandelten angel- 
sächsischen Umrifszeichnungen linden. In Monte Cassino ist 
Cod. 3 im J. 812 geschrieben; die Bilder nach der Ansicht 
von Caravita (I, 30) so ausgezeiclmet, dafs man sie der Zeit 
nicht zutrauen würde, aber in Umrifszeichnmig mit der Feder. 
Aehnliche Handschriften aus dem neunten Jahrhundert sind in 
St. Gallen. 1) 

Hierher gehören auch die Bilder in einer Handschrift der 
Agrimensores, die nach Bethmaims Ansicht^) im Anfang des 
zehnten Jahrhunderts in Fulda geschrieben ist, „mit Bildern 
in Deckfarben, ganz nach antiken Mustern, so dafs die Hand- 
schrift als ein getreues Abbild einer antiken gelten kann, bis 
auf die schöne karolingische Minuskel." 

In dieser Verbindung wird nun auch der oben S. 132 er- 
wähnte Utrechter Psalter erklärlich, welcher, um den rich- 
tigen Raum für die Bilder zu erhalten, genau nach der Vorlage 
in drei Columnen mit Uncialschrift geschrieben ist und in den 
Bildern antike Motive zeigt, aber doch auch die deutlichen 
Kennzeichen angelsächsischer Kunstübung, wie sie denn auch 
nur Umrifszeichnungen sind.*) 

Frühzeitig mit Bildern versehen waren auch die Werke 
des Prudentius, namentlich die Psychomachia, deren Bilder 
nachzuahmen oft versucht wurde, aber nicht immer gelang.*) 

Bis auf Karl den Grofsen hatte sich ohne Zweifel noch 
eine directe Ueberheferung antiker Technik erhalten, welche 
durch ihn neu belebt wurde. Diese Renaissance erhält sich 
bis ins zehnte Jahrhundert; dann aber wird die unmittelbare 



*) Codd. 250 u. 902 nach Scherrer's Verzeichnifs S. 93 u. 317. 

2) Pertz's Archiv XII, 355. Cod. Pal. 1564. 

^) Arntz, Beknopt historisch overzigt van den Twist over den oor- 
sprong van het Quicunque (Utr. 1874 f.) giebt ein schön in Gold und blau 
ausgeführtes Facs. des 6 vom Beatus, das Bild des Nicaenischen Concils, 
u. Facs. des Credo. Aufser der photogr. vollst. Ausg. (1873) sind Blätter 
in dem oben angef. Report und in den Heften der Palaeogr. Society. 

^) üeber den Sanct^aller cod. 135 s. R. Rahn, Gesch. d. bildenden 
Künste in d. Schweiz (1873) S. 297. Im cod. Colon. 81 s. XI sind nur 
schwache Anfänge zur Ausfüllung der Bilderräume, Catal. p. 28. 



300 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

und genaue Nachahmung der Antike immer seltener, bis im 
elften Jahrh. ihre Spuren sich verlieren. Eine neue Restau- 
ration versuchten die Humanisten, ohne jedoch echte Vorbilder 
zu haben.. Leonardus Aretinus schrieb an Niccolo Niccoli, dafe 
ein Gönner von ihm einen herrUch geschriebenen Codex der 
Reden des Cicero habe und wünsche, ut singulorum capita 
librorum splendore litterartim illuminentur. Er bittet also das 
zu besorgen, aber so, ut non auro nee murice, sed vetusto niore 
hae litterae fiant, Nam inaurare vel hie potuisset, si huiusce 
rei cupiditas ipsum haheret; verum haec spernit et antiquitati 
deditus est,'^) 

Es giebt sehr schön verzierte Handschriften im Stil der 
Renaissance, aber wenn auch die Ornamente antiken Vorbildern 
entnommen sind, so weifs ich doch kein Beispiel, dafs, wie in 
der karolingischen Zeit, directe Naxihahmung alter Handschriften 
wahrzunehmen wäre. 

In den ältesten Handschriften sind gar keine Initialen 
ausgezeichnet; etwas später werden Anfangsbuchstaben ausge- 
rückt, bald auch vergröfsert, zuweilen der erste Buchstabe jeder 
Seite, wie im Wiener Livius. Im Vat. 3256, Fragmenten des Virgil 
in Capitalschrift, zu welchen kürzlich neue Blätter für die Ber- 
liner Bibliothek erworben wurden, ist der erste Buchstabe jeder 
Seite grofs in Farben ausgeführt.^) Auch der Münchener Cod. 
Theodos. (Cimel. II 4 A) hat bunte Initialen. Von da an hat 
diese Sitte sich immer weiter entwickelt, und in den folgenden 
Jahrhunderten, wo eigentliche Bilder wohl selten noch vor- 
kamen und immer roher wurden, liebte man es sehr, die Ini- 
tialen mit bunten Farben zu schmücken und vorzüglich aus 
Fischen und Vögeln phantastisch zusammenzusetzen.*) 



*) Epp. II, 10 ed. Mehus. Sehr genaue Anweisung für die Ein- 
richtung einer Abschrift seiner Briefe in Bezug auf Initialen u. üebcr- 
schriften giebt Ambros. Camald. epp. p. 622. 

*) s. die photolith. Nachbildung bei der Abhandlung von Perte, 
Abh. d. Berl. Ak. 1863. Die ältesten Initialen sind mosaikartig aus ve^ 
schiedenfarbigen mathematischen Figuren zusammengesetzt. 

^) s. z. B. Mon. Germ. Legg. IV tab. 1. N. Trait^ II, 88; westgothisch 
bei Tymms u. Wyatt pl. 8 nach Bastard. 



Malerei. 301 

Man nannte diese Buöhstaben capitales, ^) auch capitulares. 
Der Anonymus Bernensis^) schreibt: Cum membranae vermicu- 
lum vel minium imposueris ad formandum capitales litteras, 
habeto pennam benefissam, non soluni auteln ad istum colorem, 
verum etiam ad azorium. Ad viridem vero colorem minus sit 
fissa, eo quod tenuiter imponitur . . . Cum igitur formas lit- 
ter am, prius penna torta ca (totaliter? ) apta summitates Ulms 
per girum, ne corrosa videatur, hoc vero peracto aptabls ei 
ordinaMs asqualiter colormn ^>cr tot am litter am, ne sit in uno 
loco parum et in alio nimis de colore etc. 

Balderich von Bourgueil schreibt über die Ausstattung 
seines Buches, für welche er einen Künstler, Gerliard von Tours, 
gewonnen hat: 

Praecepi fieri capitales aere figuras, 

Ut quod non sensus, res tribuat precium. 
Ad nos miserunt Arabes huc forsitan aurum, 

Materiarum quo signa priora micant. 
Introitus alios minio viridique colore, 

Ut mirabilius omne nitescat opus; 
Ut quos allicere sententia plena nequibit. 

Hos äaltem species codicis «alliciat. 
Haec igitur lucet, haec vero littera ridet, 

Sed non arrident dicta decora tibi. 

Und in einem anderen Gedicht an seinen Schreiber Hugo: 

Altera de minio capitalis littera fiat. 
Altera de viridi glaucove nigrove colore, 
Ut versus semper varietur origo decenter. ^) 

^) Vgl. die Einsiedler Glossen (Germania XVIII, 47): inscriptio 
capitan. sertbendi capitalunga. titulus capitailan. inscribuntur capitailan, 
• 2) s. 391 des Theophilus ed. Ilg Vol. I. 

^) Note sur les po^sies de Baudri, abbö de Bourgueil, von L. De- 
lisle, in der Zeitschrift Romania (Paris 1872) I, 27 u. 35. Daselbst ist 
S. 30 das oben S. 62 angeführte hübsche Gedicht vollständig abgedruckt. 
Zu bemerken wäre etwa noch S. 47 der Ausdruck corrigiae für die 
Kiemen , welche die Tafeln zusammenhielten , und die Bezeichnung des 
alten Wachses als pdlearum fusca favüla, entsprechend dem Recept bei 
Rockinger S. 54 für schwarzes Wachs. 



302 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

In einem Recept bei Rockinger S. 38 steht: Ullda plak 
iincken machen ze corperiren, und nach ausführlicher Anwei- 
sung zur Behandlung der ^>/a& lasur, am Schluls: vnd schreib 
damit, so ichi sy enüekh gut gecorperirt. 

Scheint nun hier das Wort Deckfarbe im Gegensatz der 
Umrifszeichnung zu bedeuten,^) so ist es doch auch in anderem 
Sinne gebraucht. Bischof Heinrich von Bamberg (1487 — 1501) 
gab einen Fürdernufsbrief für Wolfgang Leo zu Bamberg, 
meister in der kiinst und hantirung, corpora, grofse Suchstaben 
und Versal zu zierheit der bilcher zu machen.-) Versaleu ist 
ein noch jetzt gebräuchlicher Ausdruck,^) die corpora aber 
sind hier doch auch wolü besonders reich verzierte Initialen. 
Davon stammt corporare, welches von illuminare unterschieden 
wird, und mehimals in Wilhelm Wittwers Catalogus abbatum 
SS. Udalrici et Afrae vorkommt. So heifst es vom Abt Hein- 
rich Fiyefs (1474 — 1482), dafe er mit eigener Hand viele 
Bücher geschrieben habe, auch kaufte er viele, et illuminare 
ac corporare fecit,^) Ein Missale, welches Leonhard Wagiier 
1480 geschrieben hatte, illuminavit et corporavit preciose f rater 
Cf/nradus Wagner; auch andere Bücher desgleichen: fuit am 
in illa aHe ^yreciosus ac peritus. Zwei Psalter corporavit 
f rat er Conradus Wagner de Ellingen, conventualis et bonus 
illuminista. Et idem fr. C^mradus decoravit et ilhoninavü ac 
C(jrporavit multos libros .... Sed illumi'natura psalteriornf» 
facta est in civifate per quendam laycum seil. Jeorium BeA 
et fdium eins, ambo illuministe. ^) 

Unterschieden werden in Rechnungen von den litterae 



') 80 Rühl im Rhein. Mus. f. Philol. XXVII (1872^ 471. 

2) Cod. lat. Mon. 7087. Catal. Monac. I, 3, 145. 

^) P. Bernardin von Ingolstadt, 1456 vicarius provincialis der Ob- 
servanten in Polen, visitans delere faciehat versalia deaurata vd curtom 
in libris eciam cor aUhus. Johannis de Komorovo tractatus, im Archiv* 
d. Wiener Akad. XLIX, 350. Ob wohl der Name von den* Anfangs- 
buchstaben der Verse kommt? 

*) Steichele, Archiv f. d. Gesch. d. Bisth. Augsburg III, 281. 

^) a. a. 0. S. 302 u. 395. 



Malerei. 303 

capitales die paragraphi, paraffi, paraphes,^) die einfachere 
Bezeichnung der kleineren Abschnitte, die jedoch in den kost- 
baren Gebetbüchern auch reich und zierlich geschmückt er- 
scheinen. 

Die ganze Ausschmückung der Handschriften wird mit 
lineare bezeichnet, was schon bei Appuleius malen bedeutet. 
So finden wir es iji der St. Galler Chronik von Ekkehard, der 
da (MG. II, 92) von dem Bischof Salomon von Constanz sagt: 
Lineandi et capitulares litteras rite ereandi prae omnibus 
gnarus, ut in apicibiis L et C longi evangelii primis videre 
est, quas episcopus, ut aiiint, probans quid in talibus adhuc 
posset, lineans aurificabat. Jenes C in dem von Sintram ge- 
,schriebenen Evangelium longum ist in der That ein bewun- 
derungswürdiges Kunstwerk. ^) Von Ekkehard palatiuus aber, 
der am Ende des zehnten Jahrhunderts dort thätig war, heifst 
es S. 122: Quos ad litter arum studia tardiores vidisset, ad 
scribendum oceupaverat et lifieandum. quorum amborum ipse 
erat potentissimus, maxime in capitularibus litteris et auro. 
So sagt auch Richard de Bury c. 17: venabitur paginam 
lineatam. 

Auch titulare scheint diese Bedeutung gehabt zu haben, 
später aber für abkürzen gebraucht zu sein, s. oben S. 242. 
Natürlich kann man auch die allgemeinen Ausdrücke anwenden, 
libris depingendis dienen die von Ebert S. 39 nach einem 
Cod. saec. XII genannten Farben. Barbarisch heifst es in ei- 
nem Cod. saec. XV: Hans Grunawer pictoravit.^) Von Wol- 
stan, der 1062 Bischof von Worcester wurde, erzählt Wilhelm 
von Malmesbury, dafs er einen Lehrer hatte Namens Erven, 



^) A. Kirchhof?, Handschriftenhändler S. 11. Logique, couvert de 
vert, Sans aiz, histori6e et paragraffee ä or, escript en lettre coufant, en 
latin, im Inventar des Herzogs Carl v Orleans v. 1427, Bibl. de Tficole 
V, 78. 

^) Mon. Germ. U Tab. 5, weit schöner aber in: Das Kloster St. Gallen, 
herausgegeben vom Hist. Verein in St. Gallen, 2. Heft 1864. 

^) Wilken, Gesch. der Heidelb. Büchersammlungen S. 307. Bei 
Vogel im Serap. IV, 38 aus einem englischen Werke: in capitalibus 
litteris appingendis honus artifex. 



304 Weitere Behanclhmg der Schriftwerke. 

in scribendo et quidlibet colorihiis effmgendo peritum. Is lihr*)S 
Script OS, sacramentarimn et psalterium, quorum principaks 
litteras auro effigiaverat, puero Wolstano delegandos curarit 
Dadurch erweckte er in Wolstan auch liiebe zu dem Inhalt 
der Bücher; später aber schenkte er um weltlichen Gewinnes 
wegen die Bücher an den König Knut und die Königin Emma. 
Sie müssen also unversehrt geblieben sein, und Wolstan war 
auch schon ein verständiger Knabe, nicht einer von denen, 
deren Finger Richard de Buiy fürchtete: Puerulus autetn lacri- 
mosus capitalium litterarum non admiretur imagines, nee nrnm 
ßuida polluat pcrgamenum, Tangit enim illico quicquid videt.^) 
Die Ausdrücke minkim, miniare, rubricare wurden schon 
vorher S. 290 besprochen; vom 11. Jahrhmidert an wird außer- 
halb Italiens das Wort illuminare vorzugsweise für den Schmuck 
der Bücher gebraucht. So heifst es von der Staveloter Bihel, 
welche die Mönche Goderaimus und Ernest 1097 in zwei Bän- 
den geschrieben hatten, Henrico IUI impcrante, Christianorum 
exercitu super paganos violenter agente, Obberto Leodiensi 
praesule, Rodulfo Stabulensi abbate, dafs sie nach vierjähriger 
Arbeit in omni sua procuratione, Jioc est Script ura, illtiminatione, 
ligatura vojlendet sei. ^) Abt Dietrich von St. Hubert (1055 
bis 1087) erzog Gislebert in scribendis et renevandis libris 
sttidiosum, und Falco in illuminationibus capitalium litterarum 
et incisionibus Ugnorimi et lapidum peritum.^) Die Nonne 
Gutta in Schwarzen thann schrieb ein Werk, welches von dem 
Marbacher Canonicus Sintram miniatum seu illuminatum und 
1154 vollendet wurde. ^) Eine ähnliche Stelle aus Salimbene 



') Vgl. die Inschrift eines ital. Cod. saec. XV in Libri's Auctions- 
Catalog S. 40: 

tu che col mio libro ti trastulli: 
Rendimel presto e guardal da' fanciulli. 
Wenn man gesehen hat, wie selbst moderne Bibliothekare mit dem Finger 
tiher kostbare Miniaturen fahren, so kann man die Besorgnifs der alten 
Bücherfreunde um so lebhafter mitfühlen. 

*) Jahrbücher des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinland 
XLVI, 149. 

3) Chron. S. Iluberti, Mon. Germ. SS. VIII, 573. 

*) Würdtwein, Nova Subsidia dipl. VII, 17«. MG. SS. XX, lOG n. 80. 



Malerei. 305 

wurde oben S. 290 angeführt. Dante sagt im Purgatorio, 
Canto 11: 

Non se' tu Oderisi, 
Uonor d'Agubbio e l'onor di quell' arte, 
Ch' alluminar e chiainata in Paris! ? 

Zu dieser Stelle bemerkt Benvenuto von Imola in seinem Com- 
mentar (Murat. Antt. ed. Aret. III, 584): Farisius enim dicitur 
illuniiniare (sie) ubi in Italia dicimt miniare. Et hie nota 
quod miniare est magis proprium, Sic enim dicitur a colore 
miniOy qui olim fuit aliquando in maximo pretio. Und wei- 
terhin: che pennelleggidy id est miniat cum ^>ewmc///o .... 
Franco Bolognese, hie fuit alius miniator de liononia excel- 
lentior eo, coneurrens secum, sicut apparet in quibusdam libris 
miniatis per cum. 

Die Pariser Steuerrolle von 1292 nennt S. 506 13 steuer- 
pflichtige enlumineeurs, Johannes illuminator et llilla uxor 
eins erscheinen 1301 in den Cölner Schreinbüchern (s. oben 
S. 290), und Richard de Bury hatte eine ganze Anzahl in 
seinem Dienst. In Paris hatten sie, wie alle zum Bücherwesen 
gehörigen Gewerbe, Theil an den Privilegien der Universität, 
was 1386 auch auf Heidelberg übertragen wurde; ^) ebenso an 
den italienischen Universitäten die miniatores. In einem vene- 
tianischen Nonnenkloster finden wir 1402 .eine miniatrix, ^) 
Bruder Joh. Franck in St. Ulrich und Afra (t 1472) wird ge- 
priesen als optimus illuminista qui suis manibus illmninavit 
libros chori,^) und bei den übservanten in Lowycz w^ar um 
1500 ein Bruder Joh. Zmolka, von dem gesagt wird: pingebat 
et libros illuminabat, neminem laedens.^) 

Französisch hiefsen sie enlumineurs, wie z. B. in der Un- 
terschrift eines Legendenbuches von 1285: 



^) Wilken, Gesch. d. Held. Büchersammlungen S. 6. 
'2) Valenlinelli, Bibl. S. Marci I, 238. 
^) Steichele, Archiv f. Gesch. d. Bisth. Augsburg TI, 79. 
*) Archiv der Wiener Akademie XLIX, 367. 

Wattenbach, Schriftwesen. 2. Aufl. • - 20 



306 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

Icist livres icy finist, 
Boiie aventure alt qui lescrit. 
Henris ot non lenlumineur, 
Dex le gardie de deshoimeur. *) 

In England ist himinare gebräuchlich (oben S. 211); 
luminahit psalmos heifst es in dem Vertrag, welcher mit dem 
Schreiber Robert Brekeling abgeschlossen wurde, sehr merk- 
würdig durch die genauen Bestimmungen, welche er enthält.*) 
In späteren Contracten kommt eluminacio vor, alumpnacio und 
ulumpnyng. 

Eigentliche Bilder hiefsen histoires, Philipp der Kühne 
kaufte 1398 für 600 Goldgulden eine Mble francoyse tres bien 
ystoriee, armoriee de ses armes, garnie de gros fermeaus dar- 
gant dores.^) Der Herzog von Berry besafs tres grandes, tres 
heiles et rielies heures, tres notablement enluminees et historkes 
de grandes histoires de la niain de Jaquevrart, de Hodin d 
autres ouvriers de M(mseignem\^) Jehan Poyet, enluminexir 
et historieur in Tours, ist der Meister des Gebetbuches der 
Königin Anna von der Bretagne.^) Auch lettres ymaginees 
kommen vor,^) die nur verzierten ohne Bilder aber hiefseu 
tornees oder tournees, '^) 

Die fahriciens von Saint-Martin-de-Vitre in der Bretagne 
schlössen 1420 einen Vertrag mit einem Priester, ihnen für die 
Kirchenfabrik ein Missale und einen Psalter zu schreiben, en 
hon velin et de hon volume, tournez d^azur et de vermeülon, 



') Annuaire des Antiquaires de France 1853 S. 170. 

^) Fahric-rolls of York Minster, edited by James Raine for the 
Surtees Society, Durham 1859, angef. von Digby Wyatt S. 37. 

^) Waagen, Kunstwerke und Künstler in England u. Paris IE, 343. 

*) ib. p. 338. Dagegen war 1373 im Louvre die älteste üeber- 
setzung des Livius n. 33 escript de mauvaise lettre, mal enlumine et 
point ystorie. 

^) L^on de Laborde, Sur les lettres, les arts et Tindastrie pendant 
le 15e siecle, Introd. p. XXIV. 

^) s. Kirchhoff, Handschriftenhändler S. 12. 

^) Vgl. oben S. 223 u. 289. Bernhard von Clairvaux sagt (ep. 135, 
cd. a. 1690): Laudatur de bona litera tornatura manus, nön calamvs. 



Malerei. 307 

Sans flourir, sauf une douzicsme des grans lettres. ^) Der 
Erfurter Schreiblehrer Brun von Würzburg erbot sich auch 
zum Unterricht in floritura et üluminatura,^) Im Pester Mu- 
seum ist ein ungeheures Missale, welches eine Nonne in Schil- 
lingscapellen geschrieben hat. Omnis pictura ac floratura istkis 
lihri dejnda ac florata est per Margaretam, Scheiffartz de 
Meirroede quondam filia in Bornhem, regularissa in Schillinx 
capellen. Orate pro ea, ^) Der Abt von Westminster empfiehlt 
1489 einen seiner Convontualcn als a faire writter, a florisher 
and maker of capital letters, *) 

Das Wort paginator führt Du Gange aus dem Chron. 
Windeshem. II, 43 an, und erklärt es auch von dem Aus- 
schmücken der Seiten. 

Alte Anleitungen zum Malen mid zur Bereitung der Far- 
ben finden sich in dem schon S. 197 erwähnten Werke des 
Theophilus, und in der Mittheilung aus einer Handschrift des 
12. Jahrhunderts von St. Peter in Salzburg.^) In dem Codex 
des Johann Le Begue in Paris von 1431 befindet sich ein 
Werk des Archerius von 1398, und darauf folgend Capittda 

*) in IVjj Jahren, für 80 livres und 30 soulz, nach heutigem Geld- 
werth berechnet auf 3260 francs. Bibl. de Tficole des Chartes V, 3, 46. 

*) florisare hatten wir oben S. 298. Mag. Eberhard, Kirchherr in 
Zug u. Weggis, verrechnet um 1480 2 ib. einen Brief mit den Namen 
der Heiligen ze schriben vnd ze florieren. 

^) Archiv d. Wiener Akad. XLII, 513. Joh. Butzbuch feiert um 
1500 als kunstreiche Verzierer von Mefsbüchern zwei Laacher Brüder 
und die Nonne Gertrud von Büchel in Rolandswerth. Wanderbüchlein 
S. 205 u. 271. 

*) Vogel im Serapeum IV, 38. 

^) Westenrieder, Beiträge zur vaterl. Historie VI, 204 u. daraus 
Ebert S. 38. Günthner, Gesch. d. lit. Anstalten in Baiern I, 398. Beth- 
mann in Pertz' Archiv VIII, 436 führt aus einer Hs. s. XII in Valen- 
ciennes Verse an, anf. Flores in varios. Sie sind abgedruckt im Catal. 
g^neral des Bibl. publ. des Departements I (1849) p. 765, und betreffen 
nur Farbenbereitung. Das dort S. 739—811 abgedr. Werk, liber diver- 
sarum arcium, aus der Hs. 277 der ficole de Medecine in Montpellier 
ist aus Theophilus u. a. zusammengesetzt, u. für Kunstgeschichte merk- 
würdig. Das Werk von Le Begue ist gedr. in d. Original Treatises von 
Mrs. Merrifield, Lond. 1849, der darin enthaltene sog. Heraclius auch 
von Hg, Quellen zur Kunstgesch. IV, 1873. 

20* 



308 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

de coloribus ad illuminandos lihros ah eodem Archerio sive 
Alcherio, id accepit ah Antonio de Compendio illuminatare 
lihroriim in Parisiis, et a magistro Alberto de Fozotto, per- 
fectissimo in mnnibus modis serihendi,. Mediolani scholas te- 
nente,^) Aus dem liher illuministarum, der um 1500 in 
Tegernsee gesammelt wurde, jetzt in der Müiichenor Bibliothek 
Cod. germ. 821, hat Rockinger reiche Auszüge über die Berei- 
tung und Anwendung vieler Farben, so wie des Goldes und 
Silbers mitgetheilt. Der Cod. Iconogr. 420 in München ist ein 
Musterbuch für Initialen, Schriften und Randverzierungen, fast 
ganz ohne Text und nicht besonders schön. Später einge- 
schrieben ist die Adresse des Grafen von Wirttemberg, der 
1495 Herzog wurde, und fol. 4v. an Unsern liehen getriwm 
Stephan Sehriber, in unser Stadt Uradi, von dem die Hand- 
sclirift wohl herrühren mag. Ein schönes Musterbuch aus dem 
Anfang des 13. Jahrh. ist in Wien 065 (Arcli. X, 475). 

Schon l)ei dem Anon. Bern, und bei Alexander Neckam 
fanden wir Azur genannt; in der oben angeführten Aufzeich- 
imng aus Salzburg heifst es la^ur graeeum, ^) die schöne blaue 
Farbe, welche im 13. Jahrhundert immer beliebter und häu- 
figer wird, und endlich in der Mehrzahl der Handschriften des 
14. Jahrb. mit Roth verbunden allein zur Verzierung dient. 
Schon Konrad von Scheiern im Anfang des 13. Jahrh. schmückt 
ein Mefsbuch pieturis et lazurio.^) Bei der bekannten Hand- 
schrift des Bohic in Amiens kosteten 5 magne littere Uurec de 
principiis scv libroriim (sie) ewn prima littera tabule 30 sol 
und totalis illuminatio de aduro et riibeo 8 fr, 2 sol.^) Das 
Wort, arabischen Ursprungs, welches durch Verlust des 1 zu 
amr geworden ist, kommt in allerlei Fonnen vor. Im 15. Jahr- 

^) Theophilus ed. Ilendrie p. XIV n. 

^) Schon um 1000 wurde es in Petershausen zur Wandmalerei ge- 
braucht; der Bischof von Venedig modium plenum sihi de Graico colore, 
qui vocatur lazur, gratis pro caritate dederat. Casus mon. Petrishus. 
MG. SS. XX, 032. 

. «) Mon. Germ. SS. XVII, 624; vgl. Rockinger S. 197 (LI, 31). Die 
Bilder des Cod. lat. Mon. 17401 beschreibt F. Kugler, Kleine Schriften 
I, 84—87. 

*) Delisle, Mäm. de Flnstitut XXIV, 306. 



Malerei. 309 

hundert schrieb Amhrogio Traversari aus Florenz an Lionardo 
Briini: Cupio doceri dbs te, an sit penes vos eiuscc coloris qai 
azurrum viilgo dicitur, transmarhii scilicet illius optimi, copla, 
et quo item veneat et quo sit electissimum pretio; quidani 
enim ex nostris adoJeftcentibus pro monafiterii consiietudine et 
ornandis vohwiinihus eleganter eo uti didiceriint. Und weiter- 
hin: Ftiere sempcr in nostro monasterio (nee modo qnidem 
desimt) qiii illo ornandis voluminihus scitissime et venustissime 
utantur. Est quip2)e id m'tnisteriimi otio religioso non in- 
dignum, ^) 

lieber die Persönhckheit der Maler sind allerlei Nach- 
richten erhalten; in Italien mag es dergleichen von Profession 
immer gegeben haben, und in Frankreich fand schon im 
11. Jahrh. Balderich einen Künstler, der um Lohn für ihn ar- 
beitete (oben S. 301). Aber auch in den Klöstern blühte 
diese Kunst, und in Deutschland war sie natürlich Jahrhun- 
derte lang nur im Besitz der Geistlichkeit: manchmal sind die 
Schreiber auch zugleich die Maler. Ein Mönch Udalpert von 
Tegornsee schmückte im 10. Jahrh. einen Psalter für eine 
Dame, den er selbst geschrieben, nach diesen Versen: 

Hunc ego psalmorum studui conscribere librum 
Udalpertus, ut hie pascas animam quoque, Heilwih. 
Ornavi ut potui; decuit sie nobilitati 
Psalterii: dominam colui simul et generosam. 2) 

In Valenciennes ist eine Bibel aus dem 12. Jahrh. (n. 1) 
in 5 Bänden; vor jedem Band eine Miniatur, die ein ganzes 
Blatt einnimmt, und darauf in rother Capitalschrift : Sawalo 
monachus sancti Amandi me fedt. Derselbe Sawalo hat im 
cod. 178 das erste Buch der Sentenzen des Petrus Lombardus 
geschrieben. 

Als ein hervorragendes Kunstwerk, merkwürdig durch sehr 
phantastische Ausschmückung der Initialen, wird der cod. Prag, 
der Mater verborum geschildert; da knieen vor der Mutter 



^) Epp. ed. Mehus p. 317. 318 mit veniat et quod. 
2) Rockinger S. 196 (II, 30^ e cod. lat. Moiiac. 19412. lieber die 
Miniatoreii in Klöstern vgl. Czerny, Bibl. v. St. Florian S. 29—36. 



310 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

Gottes zwei Mönche mit den Ueberschriften: ora pro scrij)tore 
Vacerado und ora pro illnniinatore Mirozlao a. MCIL Die 
letzten beiden Zeichen sind in dem Facs. anders gestaltet, und 
könnten wohl eine andere Zahl enthalten. Ueber der ganzen 
Jahrszahl steht, wie sehr häufig, ein Querstrich, der unmöglich 
eine Verdoppelung des C bedeuten kann, wie der Herausgeber 
E. Wocel meint, nach dessen Ansicht die Handschrift dem be- 
ginnenden 13. Jahrb. angehört. ^) 

ErhebUch jünger, aus dem 13, oder 14. Jahrb., ist die mit 
Bildern zur Bibel und zui' Wenzellegende reich ausgestattete 
Handschrift, in welcher wk den Künstler, wenn er es ist, der 
aber hier als jugendlicher Laie erscheint, anbetend vor der h. 
Catharina finden mit dem Spruchband: Sancta Ka/teritia ex- 
audire famulum tuum Vellislaum, ^) 

Conrad von Scheiem, welcher zugleich schrieb und malte, 
ist schon oben erwähnt; ebenso der Minorit Matthias Stamler 
S. 288. In Prüfimg war um 1384 Albert EUendorfer als 
Schreiber und Maler ausgezeichnet;^) ebenso Leonhard Wagner 
in St. Ulrich und Afra, wo wii* aber auch bürgerliche Künstler 
thätig sahen. Kunstfertig war in Brieg der Decan des Hed- 
wigstiftes nach der Aufzeichnung im Manuale des Stifts von 
14. Oct. 1448: De consensu omnium dominorum datus est 
viaticus magnus cum alho coreo, qui est pro maiori parte ca- 
duciis, Johanni Strelin decano ad ipsius tempora vite, et ipse 
debet eundem illuminare, quod promisit.^) Von dem Carthäuser 
Dionysius, der 1471 als Prior in Ruremund gestorben ist, heilst 



*) Mittheilungen der Centralcommission V (1860) S. 39. Die vielsei- 
tige Thätigkeit, welche dem Matthaeus von Paris auch als Kalligraph und 
Maler zugeschrieben wurde, ist mit gewichtigen Gründen bekämpft von 
Sir Thomas Duffus Hardy in der Vorrede zum Descriptive Catalogue IH 
mit vielen schönen Schriftproben. 

2) Welislaws Bilderbibel aus dem 13. Jahrh. in der Bibl. des 
Fürsten G. Lobkowic in Prag, von Dr. Joh. Erasmus Wocel. Mit 30 
Bildertafeln, Prag 1871, 4 (Abhandlungen der k. böhm. Ges. d. W. VI, 4). 
Die Schrift scheint eher ins 14. Jahrh. zu gehören. 

«) Rockinger S. 198 (II, 32). 

*) Zeitschrift des Vereins f. Schles. Gesch. X, 139. 



Malerei. 311 

es: Suos ipse conscripsit Ubros, relegit, correxit nibrwaqicc II- 
liiminamt, ^) 

Bemerkenswerth ist in dem Ausgabebuch des Abtes Nar- 
ciss von Beuedictbeuern der Eintrag, dafs er 1501 dem Pre- 
digerbruder Magnus von Augsburg etwas über 5 Gulden gezahlt 
hat pro laborihus, das er ettlich puechstdbcn hat (jemacht, und 
fratrcm Leonardum suppriorem informiert hat ze floriern und 
illuminiern, ^) 

Zuweilen hat auch ein alter Buchmaler sein eigenes Biid- 
nifs angebracht; so der Bruder Rufillus in einem gi'ofsen Le- 
gcndarium aus dem Kloster Weifsenau, welches um 1200 ge- 
schrieben und sehr geschmackvoll ausgemalt ist; fol. 245 sitzt 
er in einem grofsen R bei seiner Arbeit. Die Faiben befinden 
sich hl vier durch das Tischchen gesteckten Hörneni und zwei 
Näpfen. ^) 

Da die Ausmalung der Handschriften in der Regel erst 
nach der Vollendung der Schrift geschah, so kann natürlich 
der Fall vorkommen, dafs die Bilder bedeutend jiuiger als der 
Text sind, oder dafs sie von verschiedenen Händen herrühren. 
Grüfsere Miniaturen wurden von vorzügUchen Künstlern gemalt, 
und zuweilen eingeklebt. *) Oft aber sind auch die Handschriften 
unvollendet, einige Bilder nur eben begonnen, für andere nur 
leerer Raum gelassen. Das ist z. B. häufig in den jüngeren, 
fabrikmäfsig gefertigten deutschen Handschriften der Heidel- 
berger Bibhothek. Als vom 14. Jahi'h. an vornehme Herren 
Handschriften zu sammeln begannen, blieb, wo für den Ver- 
kauf geschrieben wurde, ein Raum für das Wappen ausgespart, 
den man oft nachträglich auszufüllen unterUefs. 



^) Acta SS. Martü II, 248. 

*) Rockinger S. 198 (II, 32). 

^) jetzt in der fürstl. Hohenzoll. Bibl. in Sigmaringen, s. oben 
S. 230. Anz. des Germ. Mus. 1867 S. 235. Lehner, Verz. d. Hand- 
schriften in Sigm. (1872) S. 16. Eine Abbildung in Umrissen in dem 
Progr. V. Hafsler, CoUatio codicis Vergil. Minoraug. cum imagine pictoris 
Sueviae antiquissimi , ülmae 1855, vgl. Haenel in d. Berichten der k. 
Sachs. Ges. 1865 S. 1. 

*) Ueber nachträgliches Einkleben der Bilder s. A. Kirchhoflf, 
Weitere Beiträge S. 28. 



312 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

Häufig ist gewifs nach bestimmten Vorlagen geai'beitet, 
und auch kleine humoristische Scenen wiederholen sich mit 
merkwürdiger Uebereinstimmimg in ganz entlegenen Hand- 
schriften. ^) Doch weit häufiger scheinen die Künstler des 
Mittelalters ganz frei gearbeitet zu haben, imd ihre Phantasie 
war aufserordentlich fruchtbar. Man findet hin und wieder 
Vorschriften wie Qui se faczano due homini che giostrenoJ) 
Recht ausführliche Beschi^eibungen des darzustellenden Gegen- 
standes sind dem Maler der so überaus merkwürdigen Wenzel- 
bibel in der Wiener Bibliothek gegeben, welche nachträgüch 
ausgekratzt, in dem unvollendeten Theile aber stehen geblieben 
sind. ^) Umgekehii scheinen die reichgeschmückten Blätter der 
niederländischen Gebetbücher mit ihren glänzenden Randver- 
zierungen auf mattem Goldgrund im Vorrath gearbeitet zu sein, 
da in dem prächtigen Exemplar des Bruckenthalischen Museums 
in Hermannstadt die letzten Blätter unbeschrieben sind, weü 
der Text fertig wai\ Die Randverzierung ist fertig, die Ini- 
tialen aber fehlen, und wurden also erst nachträglich hinzu- 
gefügt.^) Bei der Gleichförmigkeit des Inhalts hätte man es 
auch allenfalls anders machen kömien, aber es hätte doch 
wohl den Schreiber zu sehr beengt. 

Wir haben uns bis jetzt mit den Aeufserlichkeiten dieses 
Kunstzweiges beschäftigt und die vorkommenden technischen 
Ausdrücke aufgesucht; es bleibt noch übrig, den Gang der 



*) 8. meine Bemerkungen zu einigen östr. Geschichtsquellen im 
Archiv d. Wiener Akad. XLII, 501. Die beliebte Darstellung von dem 
Jäger, welchen die Hasen braten, findet sich auch auf einer alten Spiel- 
karte, im Livre d'or des Metiers, Hist. de rimprimerie p. 56. Auf- 
gehängt wird er auf einer Spielkarte des Germ. Museums, Sammlungen 
Tafel VI, Anz. IV (1857) 217. 

2) Kirchhoff, Handschriftenhändler S. 12 aus Denis I, 25. 

^) s. den n. 1 angef. Aufsatz S. 504. Ein anderes Beispiel in den 
Beiträgen zu den roman. Literaturen von E. Bartsch, Jahrb. f. roman. 
u. engl. Lit. XI, 20. 

*) Archiv d. Wiener Akademie XLII, 512. Im J. 1499 wurden für 
Benedictbeueru 17 messing illuminier mödl für 10 den. gekauft, Rock. 
S. 208 (H, 42). 



Malerei. 313 

Eiitwickelung, die verschiedenon Phasen der Kunst in kurzem 
Umrifs zu betrachten. 

Während im Bereich des zerfallenden Römerreiches alle 
Kunstübung unterzugehen drohte, entfaltete sich aufserhalb 
seiner Grenzen in Irland ein höchst merkwürdiges Kunstleben; 
in enger Verbindung mit Musik imd Sculptur, vorzüglich künst- 
licher Arbeit in Gold und Erz, erblühte in den irischen Klö- 
stern die Kalligraphie, und die wunderbar schönen Handschriften 
wurden mit reichstem Schmuck der Ornamentik versehen. Von 
Dagaeus, der 586 gestorben sehi soll, heifst es im Kalender 
von Cashel: Hie Dagaeus fuit fdber tarn in ferro quam in 
aere, et seriba insignis. Fabrieavit enim trecentas eanipanas, 
treeenta pcda pastoralia, et seripsit trecentos libros evangelio^ 
rum; fuitque primarius S. Kieranl faber, ^) Die Ornamente 
bestehen theils in sehr phantastischen Initialen, mindestens der 
Einfassung der Capitalen mit rotlien Punkten, theils in den 
künstlichsten Verschlingungen schmaler Streifen von verschie- 
denen lebhaften gut zusammengestellten Farben; Spiralen treten 
als besonders charakteristisch hervor. Dazwischen erscheinen 
ganz willkürlich und wie Arabesken behandelte Thiergestalten, 
vorzüglich Köpfe von Schlangen und Vögeln, aber auch abge- 
sondeiie Bilder der Evangelisten, der Kreuzigung, in welchen 
die menschliche Gestalt nicht minder willkürUch und arabesken- 
haft behandelt ist, so dafs die häfslichen Mifsgestalten einen 
auffallenden Gegensatz bilden zu den eigenthümlichen aber ge- 
schmackvollen Ornamenten. ^) ^ ^ i 




UNJVERSITV 



^) Acta. SS. Aug. III, 656. Die Vita enthält mehr darüber. 

^) s. Schnaase, Geschichte der bildenden Künste IV, 2, 45i 
Astle, On the Origin and Progress of Writing, aus welchem nach West- 
vrood Silvestre seine Blätter genommen, die Diute aber verkehrter Weise 
blafs gemacht hat. Die schönsten altern Abbildungen in Westwood's 
I^al. Sacra, vgl. dessen Aufsatz über Keltische Ornamente bei Owen 
Jones, Grammatik der Ornamente (1856) S. 92—99 mit einigen Proben, 
I>igby Wyatt S. 13 ff. Vorzüglich instructiv, auch mit schönen Ab- 
bildungen F. Keller, in den Mittheilungen des Züricher antiquar. Ver- 
eins, Band VII, 1850. Das vorzüglichste Prachtwerk ist jetzt: Westwood's 
^^iatures aud Ornaments of Auglo-Saxon and Irish Manuscripts, Oxford 



-r. 



314 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

Die reichsten Verzierungen und etwas weniger entartete 
Gestalten bietet das Book of Keils, welches von S. Columbkill 
herrühi'en soll und dem 6. Jahrb. zugeschrieben wird. ^) Da 
nun unzweifelhaft Gallier und andere Angehörige des römischen 
Reiches Lehrmeister der Iren gewesen sind, so scheint es, dais 
wir eine kräftige, durch einheimische Geschmacksrichtung be- 
dingte Entwickelung der Kunst und langsame, bei den mensch- 
lichen Figuren raschere Entaiiiung anzimehmen haben. ^) 

Die Anwendung des Goldes fehlt der echten irischen Kal- 
ligi'aphie, und pafst auch nicht dazu. ^) Erhalten hat sich 
diese eigenthümliche Kunstübung bis zum zwölften Jahrhundert, 
wohl nicht ganz unberührt durch fremde Einwirkung, aber 
ohne eigene Fortbildung. Die wandernden Schottenmönche 
brachten Handschriften dieser Art in fremde Länder und 
schrieben dort; ^) auf die merowingische Kalligraphie haben sie 



1868 fol. Ferner: The Lindisfarne and Rushworth Gospels, Publications 
of the Surtees Society, Vol. XLVIII, 1865. The Cromlech on Howth, 
a poem by Sam. Ferguson, with ilhiminations from the books of Keils 
and of Durrow, and drawings from nature, by M(argaret) S(toke8). 
With notes on Celtic ornamental art, revised by George Petrie, Lond. 
Day and Son. — Descriptive remarks on illuminations in certain ancient 
Irish manuscripts, by the Rev. J. H. Todd, Lond. 1869. Aus dem 
VI. Band der Vetusta Monumenta der Society of Antiquarians. 3Üt 
4 chromolithogr. Tafeln von Marg. Stokes. Reiche Proben ohne Farben 
bringt die Palaeogr. Society. 

^) im Trinity College, Dublin. Doch wird die Herkunft bezweifelt. 

^) üeber die Herkunft, ob ägyptisch, alteuropäisch, keltisch, ge^ 
manisch, sind die Meinungen sehr getheilt. Vgh noch F. W. ünger, L» 
Miniature Irlandaise, Revue Celtique I, 9 — 26, Conze, SB. d. Wiener 
Akad. LXXni, 230. Hofmann, SB. d. Münchener Akad. 1871, S. 675, 
leitet das Knotenornament, wie er es nennt, ab von den aus schmalen 
Lederstreifen geflochtenen Reliquientaschen, mit Bezug auf Archaeologia 
XLHI, 131—150. 

^) Ein Beispiel späterer Zuthat im Anz. des Germ. Mus. XVI 
(1869), 289—293, wiederholt Revue Celtique I, 27—31. 

*) Die von dem Schottenmönch Marian in Regensburg geschriebenen 
Handschriften sind jedoch in schönster fränkischer Minuskel ohne in- 
sehen Charakter geschrieben. 



Malerei. 315 

starken Einflufs ausgeübt, und auch in lombardischen Hand- 
schriften ist ihre Einwirkung wahrzunehmen.^) 

In England stifteten Iren 634 das Bisthum Lindisfarne 
mit einer Schreibschule, aus welcher auch unter angelsächsi- 
schen Bischöfen Werke iiischer Kunst hervorgingen, wie uns 
das Durham Book beweist, auch S. Cuthherfs Gospels genannt, 
weil Bischof Eadfrith (698 — 721) es zum Andenken seines 
Vorgängers Cuthbert schreiben liefs und, wie ünger nachweist, 
auch illuminieren.*) Hier ist etwas Gold angewandt, übrigens 
die Kunst und Technik noch rein irisch. Bald aber berühren 
sich die beiden Schreibschulen; Handschriften, welche mit Ca- 
pitalschrift in Gold auf Purpur reich verziert sind und Gemälde 
in antikem Stil zeigen, würde man für römisch halten, wenn 
nicht Ornamente und Initialen irisch wären. ^) Sehr bald aber 
nehmen auch diese irischen Erbstücke einen veränderten Char 
rakter an, so wie andererseits die Nachahmung antiker Vor- 
bilder weniger treu ausfällt. Als ein vorzüglich merkwürdiges 
Manuscript bezeichnet Digby Wyatt den Psalter in Utrecht 
(oben S. 299), welcher nach seiner Ansicht in der Schreib- 
schule zu Canterbury nach römischem Vorbild ausgeführt ist. 
Zu jedem Psalm gehört eine Umrifszeichnung, augenscheinlich 
nach antiken Vorbildern, aber schon erkennt man darin den 
Uebergang zu den eigenthümlich flatternden Gewändern und 
den überlangen Proportionen der angelsächsischen Zeichner.*) 
Diese immer schärfer ausgeprägte, oft ganz fratzenhafte Manier 



^) Sie zeigt sich noch in den prächtigen Handschriften, welche 
Bischof Warmund von lyrea um 1000 schreiben Hess, s. Dümmler, An- 
selm der Peripatetiker S. 84 flf. 

*) Cotton. Nero D 4. Merryweather p. 63. Waagen I, 134. Digby 
Wyatt p. 16. Astle pl. 14. Westwood, Anglo-Saxon Gospels 1. 2. und 
in den Miniatures and Ornaments 1868. Aldred fügte 950 eine Inter- 
linearversion hinzu. 

3) Brit. Mus. Koyal I E 6, Westwood, Purple Latin Gospels of the 
Anglo-Saxon School. — Cotton. Vesp. A 1, Westw. The Psalter of S. Au- 
gustine. Astle pl. 9, 2. — Vgl. Digby Wyatt p. 19 ff. 

*) 1. c. p. 19 — 21. Genaue üebereinstimmung zeigt der unvollendete 
Cod. Harl. 603 saec. X, wo viele Bilder theils leicht vorgezeichnet, theils 
noch ganz leer gelassen sind, und ein Cod. saec. XII in Cambridge. 



316 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

gewinnt die Oberhand bis ins 12. Jahrhundert; an die Stelle 
der peinlichen musivisehen Arbeit der Irländer und der fleifsi- 
gen Nachahmung fremder Vorlagen ist ein oft rohes Gekritzel» 
immer aber leichte kecke Umrifszeichnung getreten, welche in 
80 fern einen Fortschritt bezeugt, als selbständige Naturbeo- 
bachtung darin sich zeigt; so in dem prachtvoll geschriebeneu 
Psalter mit angelsächsischer Glosse von 1099,^) und selbst in 
dem sonst sehr rohen Pseudo-Caedmon. ^) 

Sehr natürlich ist es, dafs auch die karolingische Kunst 
auf England einwirkte, da ja normannische Geistliche und 
Mönche schon vor der Eroberung dort den gröfsten Einflufs 
gewannen.^ Die merkwürdigste Erscheinung ist die Schule von 
Hyde Abbey oder New Minster bei Winchester, aus welcher 
um 980 das schöne Benedictionale des Bischofs Ethelwold 
(963 — 984), jetzt im Besitz des Herzogs von Devonshire, her- 
vorging. Hier sind die Guaschfarben mit Gold ausgeführt, die 
Gestalten wohl mangelhaft, aber ohne eine Spur irischer Ein- 
wirkung. Die Schrift ist karolingisch , die Seiten eingefafst 
mit Goldleisten, welche von höchst geschmackvollem und eigen- 
thümlichem Blattwerk in Deckfarben umrankt sind. Es läfst 
sich eine ganze Gruppe von Handschriften nachweisen, welche 
aus derselben Quelle stammt und gleiche Eigenthümlichkeiten 
zeigt. ^) 

Es würde unTs nun viel zu weit führen, wenn wir auf die 
reiche Entfaltung karolingischer Kunst hier eingehen woll- 
ten. Unter Karl selbst überwiegt durchaus die Nachahmung 
antiker Vorbilder, deren schon oben gedacht wurde. Römische 
Künstler werden wohl an seinem Hofe gewesen sein, doch 
waren die Franken sehr gelehrige Schüler. Byzantinische Ein- 
wirkung mochte auch nicht fehlen; sie hat sich zu verschie- 
denen Zeiten mid auf verschiedenen Wegen immer wieder gel- 



Cod. Arundel 60. Catalogue (1834) pl. 4. Vgl. auch Cotton. 
Tib. C 6 bei Westwood, Anglo-Saxon Psalters N. 2. 

•^) Bodl. Junius 11, Archaeologia XXIV, 329 ff. 

^) s die Ausgabe von John Gage, Archaeologia Vol. 24. Aus den 
auch dahin gehörigen Gospels of King Canute geben Tymms and Wyatt 
pl. 23 Proben. Auch Arundel 155, Catal. pl. 5 ist ähnlich. 



Malerei. 317 

teiicl gemacht, aber die Ornamentik, mit der wir es hier vor- 
züglich nur zu thun haben, ist davon in der späteren Zeit 
wenig berührt. Dagegen ist es überaus merkwüi'dig und an- 
ziehend zu beobachten, wie die irische Ornamentik, nachdem 
sie eine Zeit lang zurückgedrängt war, wieder Boden gewinnt, 
zugleich aber durch den feineren Geschmack verändert wird. 
Die Schlangenwindungen, die Köpfe von Hunden und Vögehi 
begegnen uns in den Handschriften aus Karls des Grofsen 
früherer Zeit, und dami wieder unter Ludwig dem Frommen 
an reich verzierten Initialen, und unter Karl dem Kahlen treten 
sie stark hervor. ^) In St. Gallen malten irische Mönche in 
ihrer ursprünglichen Weise fort, ihre alemannischen CoUegen 
aber schufen mit Benutzung dieser Motive eine ganz neue Ai't 
geschmackvoller Initialen, aus künstlich verschlungenen Linien 
und Blattwerk, sogenanntem Mafswerk, auch mit phantastischen 
Thiergestalten und menschlichen Figuren verziert.^) Diese Art 
der Verzierung, welche vorzugsweise, wenn auch nicht allein, 
in St. Gallen ihren Ursprung zu haben scheint, zu höchster 
Mannigfaltigkeit entwickelt, mit einfach rothen Grundstrichen, 
oft aber auch mit reichem Farbenschmuck ausgestattet, erhält 
sich Jahrhunderte lang und verbreitet sich weithin, während 
die höhere Kmist mit raschem Verfall sich bald auf unge- 
schickte Umrifszeichnungen beschränkt, oder rohe Nachahmungen 
byzantinischer Arbeit liefert. Dieses Gegensatzes müssen wir 
uns bewufst bleiben, um scheinbar widersprechende Aeufse- 
i-ungen richtig zu würdigen. So wird z. B. mit Recht die kal- 
ligraphische Pracht der Handschriften gepriesen, welche Hein- 
rich II für sein Bisthum Bamberg anfertigen liefs, aber die 



') Vgl. namentlich Jorand, Grammatographie du 9e si^cle, Paris 
1837. Initialen irischer Art auch im cod. 23 der Trierer Stadtbibl. mit 
den Versen Alcuins an Karl, Pertz' Archiv VIII, 139, und in dem Sacra- 
mentar von 836 in Petersburg, Anz. d. Germ. Mus. XXII, 72; in d. Liber 
Sacramentorum von 855 in Stockholm, ib. 38. 

^) Ein schönes Beispiel, aufser dem oben S. 303 erwähnten C, bei 
Schubiger, Sanctgallens Sängerschule (Eins. 1858), Tab. VI. Ueber diese 
ganze Entwickelung u. die Sanctgaller Schreibschule s. R. Rahn, Gesch. 
d. bildenden Künste in der Schweiz (Zürich 1873) I, 119—146. 294—311. 



318 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

eigentlichen Bilder zeigen einen sehr tiefen Stand der Kunst ^) 
Einen Fortschritt zeigt wohl der von Heinrich III an Speier 
geschenkte Codex aureus,^) und der Farhenschmuck von Do- 
nizo's Vita Mathildis.^) Doch ist noch immer der künstlerische 
Standpunkt ein sehr niedriger, während dagegen die gleichzei- 
tige Schreibschule in Monte Cassino sich durch schönste Schrift 
und ungemein reiche und geschmackvolle Initialen auszeichnet.*) 
Nach einer Bemerkmig von Waagen'') hört im elften Jahrh. 
die Nachwirkmig antiker Kunstweise auf, es tritt der tiefste 
Verfall ein, in diesem aber zeigen sich die ersten rohen Keime 
eigenthümlicher Kunstübung. Als bedeutsam für die Entwicke- 
lung der Malerei hebt E. aus'm Werth die grolse, mit Miniar 
turen in Deckfarben reich ausgestattete Staveloter Bibel von 
1097 hervor (oben S. 304). Um die Mitte des 12. Jahrhun- 
derts tritt überall ein grofser Aufschwung der Kunst ein; 
reiche Initialen sind vorzüglich beliebt, aber auch die Zeich- 
nung der Figuren wird besser, in den Gesichtern erscheinen 
Spuren von Ausdruck. In Italien ist unter starker byzantini- 
scher Einwirkung der Aufschwung besonders lebhaft; in Eng- 
land wird unter der Herrschaft des Hauses Plantagenet die 
Einwirkung französischer Kunstübung übermächtig, und der 
angelsächsische Stil verschwindet. Das bis dahin noch tradi- 
tionell festgehaltene antike Cöstum wird jetzt verlassen, und 
die Trachten der Gegenwart werden auch für Darstellungen 
aus dem Alterthum angewandt. Das reichlich gebrauchte Gold 
ist schön und glänzend; man beginnt Blattgold auf einer Unter- 
lage aufzutragen, und verwendet es bald mit Vorliebe als Hin- 



^) s. das rohe Bild und die schöne goldene Capitalschrift auf Azur 
bei Jaeck, Heft 1, und das Umrifsbild vor Giesebrechts Gesch. d. Kaiser- 
zeit, 2. Band, mit den Bemerkungen S. 601 (3. Ausg.). Doch ist ein 
ähnliches Bild der vier Nationen in Bamberg minder roh, und auch das 
Münchener Original besser als die Copie. 

^) jetzt im Escorial, v. Giesebr. 1. c. S. 661. 

^) 1115 noch nicht ganz vollendet. Nachbildungen bei der Aus- 
gabe, Mon. Germ. SS. XII, 348—409. lieber die tiefe Stufe dieser Kunst 
Rumohr, Ital. Forsch. I, 242. 

*) s. die Proben bei Westwood, Lombardic Manuscripts, und Silvestre. 

^) Kunstwerke imd Künstler III, 268 ff. 



Malerei. 319 

tergrund für die Bildchen, deren Farben dadurch gehohen 
werden. Die Initialen nehmen oft ganze Bilder in sich auf. 
Es ist die Zeit, in welcher die Cistercienser gegen den Luxus, 
welchen in dieser Beziehung die Cluniacenser trieben, Oppo- 
sition machten (oben S. 212). Die Dominicaner bildeten sich 
eine eigene Technik ohne Farben aus (ib. Anm. 5); von dem 
Rigorismus der Observanten wurde S. 302 ein Beispiel angeführt. 

Auch das schöne und lebhafte Azurblau kam im 13. Jahrb. 
zu immer häufigerer Verwendung; es wurde Mode, in den 
Ueberschriften die Buchstaben oder Zeilen abwechselnd roth 
und blau zu schi'eiben, und ebenso die Initialen. Bei diesen 
fügte man dann den blauen rothe, den rothen blaue Linien in 
zierlichster Verschlingung bei, verband auch beide Farben, und 
entfaltete darin eine überaus fruchtbare Phantasie. Die Buch- 
staben selbst haben nur mäfsige Gröfse, aber die daran haf- 
tenden Zierrathen erfüllen sehr gewöhnlich den ganzen Rand 
der Seite. Im 14. Jahrh. ist diese Art der Verzierung durch- 
aus herrschend, ohne jedoch gleichzeitige Verwendung auch 
anderer Schmuckformen auszuschliefscn. 

Nach dem Stui^z der Staufer gewinnt Franki'eich ein un- 
widerstehliches Ueberge wicht; französische Sprache und Sitte 
herrschen in England und Neapel, und erstrecken sich nach 
Böhmen und Ungarn. Paris wird nun auch der Hauptort der 
Miniaturmalerei und als solcher von Dante (oben S. 305) er- 
wähnt. Bald lassen sich verschiedene Malerschulen unterschei- 
den, deren Betrachtung wir der Kunstgeschichte überlassen. 
Schon gewinnen die ausgeführten Gemälde gröfsere Bedeutung, 
und die reizendsten kleinen Miniaturen füllen die grofsen Räume 
der Initialen, welche auch neben der blaurothen Filigranarbeit 
noch immer vorkommen. Ebenso erfüllen auch breite Blatt- 
verzierungen mit wunderlichen Phantasieblumen die breiten 
Ränder grofser Chorbücher. ^) Reichste künstlerische Ausstat- 
tung zeigen das Passional der Aebtissin Kunigunde (1312), als 



*) Charakteristisch sind die Blumen mit grofsen hohen Fruchtknoten 
in Form gewundener Kegel. Einige bezeichnen, glaube ich, dies^ Gat- 
tung als Acanthus-Ornament. 



320 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

Höhepunkt der böhmischen Kunstschule bezeichnet, ^) das Bre- 
vier des Erzbischofs Balduin von Trier, 2) die von unerschöpf- 
lichem Humor erfüllte Wenzelbibel in Wien 5^) die Statuten 
des Ordens vom H. Geist in Paris. ^) Vorzüglich in Frankreich 
entsteht eine Fülle der schönsten Handschriften, und vielleicht 
den höchsten Gipfel reicher und geschmackvoller Ausstattung 
erreicht die Kalligraphie unter dem kunstliebenden Geschlecht 
der Valois. Als leidenschaftliche Kunstfreunde, welche unglaub- 
liche Summen zur Befriedigung dieser Liebhaberei verwenden, 
erscheinen König Johann (1350 — 1364) und seine Söhne 
Karl V (1364 — 1380), Ludwig von Anjou, Titularkönig von 
Neapel (t 1384), Vater Ludwigs H (t 1417) und Grofsvater 
des Künstlerkönigs Rene (f 1480), Jean de Beny (f 1416) und 
Philipp der Kühne von Burgund (t 1404), Vater Johanns des 
Unerschrockenen (t 1419) mid Grofsvater Philipps des Guten 
(t 1467). Sie verdienen alle genannt zu werden, weil eine 
grofse Zahl der schönsten Handschiiften, welche es überhaupt 
giebt, in ihrem Besitz gewesen, in ihrem Auftrag verfertigt 
ist. ^) Die englisch-französischen Kriege haben wohl vorzüglich 

') S.Waagen im Kunstblatt 1850, Wocel im Notizenblatt der Wiener 
Ak. 1852 S. 165, u. in d. Mittheil. d. Centralcommission V (1860) 76. 

'^) auf der Gymnasialbibl. in Coblenz, s. E. Dronke, Beitr. zur 
Bibliographie (1837) S. 94 if. Dominicus, Baldewin v. Lützelburg S.G02. 

3) 8. oben S. 312. 

*) Statuts de TOrdre du Saint-Esprit au droit dösir ou du noeud, 
institue ä Naples en 1352 par Louis d' Anjou, par le Comte Horace de 
Viel-Castel, Paris 1853. Ganz facsimilirt. S. auch: Jean, Sire de Join- 
ville, Histoirc de Saint Louis. Texte original du 14. siecle, accompagne 
d'une traduction en Fran^ais moderne, par M. Natalis de Wailly. 2. äd. 
mit Facs., Miniaturen etc. Paris 1874. 

'"') s. Waagen III, 325 ff. u. unten den Abschnitt von den Biblio- 
theken. Wohl nur Silvestre giebt eine Vorstellung von dieser Pracht 
abgesehen von dem unvollendeten Werk des Grafen Bastard. Doch sind 
auch Westwood und Ilumphrcys zu erwähnen. Aus der Sammlung des 
Bastards Anton von Burgund, Grafen de la Roche en Ardennes, natürL 
Sohnes Philipps des Guten, stammt die Breslauer Handschrift des Frois- 
sart, 14G8 u. 1469 hergestellt unter der Leitung David Auberts, welcher 
eine grofse Werkstatt hatte; s. die Beschreibung von Alwin Schulte, 
Breslau 1869. (Festgeschenk für den Verein der bildenden Künste, in 
Comm. bei Jos. Max & Co.) 



I 



Malerei. 321 

nur die Folge gehabt, dafs die Kunst sich immer mehr nach 
den Niederlanden zog, wo sie am hurgundischen Hofe lebhafte 
Pflege fand. Von dort stammen vorzugsweise die kostbaren 
Gebetbücher der vornehmen Welt, welche jetzt die Sammlungen 
zieren. Ihre Werke waren auch in fernen Ländern gesucht. 

Besonders beliebt war bei diesen Künstlern das Dornblatt- 
muster, engl, ivy-pattern, welches die Ränder mit kleinen ge- 
zackten spitzigen Blättern von glänzendem Gold in schwarzem 
Umrifs bedeckt, in ziemlich weitem Abstand von eckigen 
Zweigen getragen, auf welchen .allerlei Vögel und andere Thiere 
erscheinen, dazwischen auch Blumen imd Früchte. ^) Eine an- 
dere französische Mode dieser Zeit besteht in dem feinen ge- 
schachten Grund von Gold und Farben, von welchem die 
Miniaturen sich abheben. 

Die Dornblattverzierung schliefst sich noch an die Ini- 
tialen an; nach der Mitte des 15. Jahrhunderts aber wird eine 
ganz selbständige Ausschmückung der Ränder Mode, welche 
man nun auch im Vorrath verfertigen kann (oben S. 312), 
während die Initialen von kleinerem Umfang mit Blattgold 
und Deckfarben geziert werden, die gröfseren am Anfang der 
Abschnitte saubere Bildchen in sich tragen. Auf den Rändern 
aber finden wir nun lose hingelegte Zweige und Blumen, Erd- 
beeren, dazwischen Vögel und Schmetterlinge, Käfer und 
Raupen, ganz getreu der Natur nachgeahmt, auch einzelne 
humoristische und phantastische Gruppen und Gestalten. Als 
Unterlage dafür gebraucht man am liebsten das jetzt aufkom- 
mende matte Gold. ^) Daneben macht sich vorzüglich in Italien 



^) s. z. B. Tymms and Wyatt pl. 80. Westwood hat schöne Proben. 
Bei Labarte, Album 11 pl. 93 ein Blatt des Missale von Poitiers, im Be- 
sitz der Stadt Paris, gemacht für Jacques Juv^nal des Ursins als Ad- 
ministrator 1449—1457. 

*) Ein Hauptwerk dieser Gattung ist Le Livre d'heures de la Reine 
A.nne de Bretagne (Gemahlin Karls VIII u. Ludwigs XII), traduit du 
Xiatin et accompagnö de Notices inädites par M. TAbb^ Delaunay, Paris 
1861, mit Facs. der ganzen Handschrift. Jehan Poyet hatte am Rande 
die Pflanzen aus ihrem Garten zu Blois naturgetreu abgebildet, mit bei- 
gefügten Namen. Vgl. Bibl. de Tficole des Chartes 3. S^rie I, 157 über 
die Preise, nach Läon de Laborde, Sur les lettres, les arts et Tindustrie 

Wattenbach, SclirifcweBeu. 2. Aufl. 21 



322 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

der erneute Einflufs antiker Vorbilder, die beginnende Re- 
naissance stark bemerklich. 

So verbreitet und herrschend war in dieser Zeit die Freude 
an bildlicher Ausschmückung, dafs wir sie vom 14. Jahrh. an 
auch in Urkunden finden. In päbstlichen Bullen sind nicht 
selten die Initialen der ersten Zeile in Sepia reich und ge- 
schmackvoll verziert. Schöne Proben davon aus den Pariser 
Archiven giebt das Musee des Archives. Auf Ludwigs des 
Baiern Belehnungs - Urkunde für die Herzoge von Pommem 
1338 ist eben diese Belehnung abgebildet.^) Rudolf IV von 
OesteiTeich liefs seine Prachtliebe auch in dieser Richtung 
walten. 2) Die Urkunde Eugens IV von 1439 über die Verei- 
nigung der griechischen und römischen Kirche auf der Pai'iser 
Bibliothek (Silvestre Vol. III) hat reichen Farbenschmuck. Der 
Stiftungsbrief der Universität Ingolstadt von 1472 im National- 
museum zeigt die Madonna zwischen Herzog Ludwig dem 
Reichen und dem ersten Eector. Die Schenkung des Mailäuder 
Herzogs Ludovico il Moro an seine Gemahlin vom 28. Jan. 
1494 zeigt die Porträts beider Gatten von schönen Arabesken 
umgeben.^) Sogar ein Rathsprotokollbuch von Kampen, liher 
pictus, ist mit Bilderschmuck versehen. '^) Ablafsbriefe liebte 
man reich auszustatten, in grofser Bücherschrift mit bunt aus- 
gemalter Initiale.'*) Wappenbriefe enthielten das buntgemalte 
Wappen. Zuweilen kam es auch bei Urkunden vor, dafs die 
Initialen nicht ausgeführt wurden.^) 

pendant le 15® siecle, Introd. p. XXIV. Noch reicher ist das Gebetbuch 
Heinrichs VII von England im Brit. Museum; eine Seite bei Noel Hum- 
phreys. Als ein bedeutender Illuminist, z. B. einer Bibel im Kloster 
Mahingen, wird Berthold Furtmayr in Regensburg (1470 — 1502) genaant, 
im Catalog des Münch. Nat.-Museums. 

^) Br. V. Bülow, Paläographisches aus dem k. Staats- Archive zu 
Stettin, in d. Balt. Studien Bd. XXV. (1875) Heft 2. S. 161—173. 

'^) Archiv der Wiener Akademie XLIX, 8. 

^) im Brit. Museum, s. Bigby Wyatt p. 44. 

*) Hansische Geschichtsblätter 1874 S. XLVIH. Vgl. auch oben S. 73. 

^) So für die Leprosen bei Hagenau, 1345, auf der Heidelberger 
Bibliothek. Einen andern von 1496 beschreibt Rockinger S. 203 (H37). 

^) Grünhagen in d. Zeitschr. f. Schles. Gesch. XI, 29 von der Lehns- 
auftragung schles. Herzoge an König Johann 1327. 



Malerei. 323 

In Frankreich waren auch Liebesbriefe, Saluts d^aniour, 
mit symbolischem Bilderschmuck üblich.^) 

Ohne nun auf die zahlreichen Varietäten der Kunstübung 
einzugehen, auf die Prachtwerke, welche Italien und Deutsch- 
land hervorbrachten, will ich nur noch bemerken, dafs vom 
14. Jahrhundert an die Kunst sich auch inmier mehr popula- 
risiert. Der Sachsenspiegel wird mit symbolischen Bildern aus- 
gestattet, welche das Verständnifs erleichtem, kaum zum 
Schmuck dienen sollen, und deren Typen in die Entstehungs- 
zeit des Rechtsbuches hinaufzureichen scheinen.*) Deutsche 
Gedichte werden fabrikmäfsig abgeschrieben und mit sehr rohen 
handwerksmäfsigen Bildern versehen.^) Bilder aus der bibli- 
schen Geschichte zur Erbauung und moralischen Anleitmig wer- 
den frühzeitig durch Holzschnitt vervielfältigt und grob ange- 
malt. Dergleichen Schmuck ist noch in den alten Drucken 
sehr häufig; die feinere Kunst aber tremit sich vom Gewerbe, 
und was auch nach den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhun- 
derts noch mit Aufwand verfertigt wird, hat nur selten den 
hohen Kunstwerth, niemals den ganz eigenthümlichen an- 
muthigen Reiz der mittelalterlichen Kunst. 



^) Le Roman de Flamenca, publ. par Paul Meyer (Paris 1865) 
Z. 7096 ff. Vgl. die üebers. u. Anm. des Herausgebers S. 385, u. dess. 
Schrift Le Salut d*amour (Paris 1867) S. 13: Forme ext^rieure des saluts. 
Mitth. von A. Tobler. 

*) 8. 0. Stobbe, Geschichte der deutschen Rechtsquellen I, 387. 
Von höherem Kunstwerth sind die Miniaturen zum Hamb. Stadtrecht 
von 1497, erl. von Lappenberg, Hamb. 1845, 4; die Bilderhandschrift des 
Brünner Schöppenbuches, s. E. F. Roefsler, Deutsche Rechtsdenkmäler 
aus Böhmen und Mähren II, 1852; das Krakauer Stadtbuch von 1505, 
s. Zeifsberg, Die poln. Geschichtschreibung S. 417. 

^) Daran ist die Heidelberger Bibliothek sehr reich. Derselben 
Gattung, wenn auch ein wenig höher stehend, und durch die dargestellten 
Gegenstände höchst interessant, gehört Ulrich von ReichenthaFs Buch 
vom Costnitzer Concil an, welches jetzt bei A. Bielefeld in Carlsruhe in 
farbiger photographischer Nachbildung erschienen ist. 



324 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

3. Einband. 

Die alten Kalligraphen schrieben nicht nur für Bücher auf 
losen Lagen, sondern auch für Rollen auf einzelnen Blättern, 
die erst nach der Vollendung von den glutinatores an einander 
geleimt, oder, wenn es Pergament war, zusammengenäht wur- 
den. ^) Von dei; di<pB^tQa, welche den Rollen als Einband diente, 
ist schon oben S. 129 die Rede gewesen. Hesychius hat unter 
(peXXoc;, Kork, auch die Bedeutung rmv ßLßXi(X)v e^wd-ev öxi- 
jtaOfia. Eigenthümliche Einbände mit überschlagenden Zipfeln 
zum Verschliefsen, besonders wohl für amtliche und Rechnungs- 
bücher, sieht man in der Notitia Dignitatum z. B. I, 48. 49. 
115. 116. II, 59. 60; dieses letzte Blatt gröfser und farbig in 
Libri's Mon. Inedits pl. 54. Man erkennt sie wieder in dem 
codex ansatus eines Römischen Beamten in einer saxdinischen 
Inschrift, der urkundliche Geltung hatte.*) Auch Pnrpurstoffe 
wurden zum Einband verwandt: xQla rvjttxa öofiarcoa am 
ßXarrlcov lvöedi\un'a,^) Von einer Fälschung des Photius heifst 
es in den Acten des Concil. Const. IV. a. 869: dfiq)uvvv6i 
öe xal Jttvxcitg JtaXcaordraLq Ix üiaXaiorarov ßtßXlov aqxa- 
QOVftevoq. *) 

In späterem Griechisch hiefsen die Buchbinder öraxordösg, 
der Einband ardxcofta, einbinden Otaxcivsiv,^) 

Cassiodor übergab dem von ihm gestifteten Kloster auch 
Buchbinder, und zugleich gezeichnete Einbände zur Auswahl, 
ein merkwürdiges Zeugnifs für die hohe Ausbildung auch dieses 
Gewerbes in römischer Zeit: His etiam addidinms in codidhis 
coojyeriendis doctos artifices .... Quibtis muUiplices spedes 



^) vgl. oben S. 144. G^raud p. 86. Lucian Alex. c. 21 erwähnt 
die xokla ^ xolkwai ra ßißXla. In einer Herculan. Rolle xoXkri^axa 
asXlöcov. Nach Ritschl u. Mommsen im Hermes II, 116 entsprechen die 
Ofllöeq oder paginae den einzelnen Papyrusblättern. 

*) Th. Mommsen im Hermes II, 115 — 122. 

^) Montfaucon, Palaeographia Graeca p. 18. 

*) Mansi, Coli. Concü. XVI, 284. 

^) oben S. 295. Du Gange s. v. Montf. p. 40 evatdxwasv für to»- 
pegit vom J. 1406. 



Einband. 325 

facturarum in uno codice depidas ni fallor decenter expressi- 
mus, ut qualem maluerif studiosus tegumenti formam ipse sibi 
possit eligere. lu den folgenden Jahrhunderten werden Buch- 
binder wohl kaum genügende Beschäftigung gefunden haben, 
da die Geistlichkeit auch diese Kunst selbst besorgte, wenn 
auch nicht immer efgenhändig. Das Kloster St. Riquier hatte 
im neunten Jahrhundert seine eigenen Lederer dazu in der 
Villa S. Richarii: Vicus scutariorum omnia voluminum indu- 
menta tribuit, confidt, consuit, vald 30 solldos.^) In einem 
Cod. saec. VII der alten Cölner Bibliothek findet sich der 
eigenthümliche Ausdruck Sigebertus bindit libellum, *) 

Alcuin schrieb 800 an die Bischöfe, welche nach Spanien 
gingen, als er ihnen seine Schrift gegen Elipant schickte: 
niud quoqite vobis hmierosum non videatur, tU iubeatis ligare 
et involvere et in modum unius corporis componere as^) qua- 
terniones, ne forte sparsi(m) rapte disperga/ntur per marnis 
legentium,^) In einer Cassineser Händschrift saec. XI steht: 
IJgo frater Galterius relegavi istiim librum, Rogo ut omnes 
qui legitis orate pro me,^) In einer Zwetler von 1321: 

Ulricus scripsit, Hermannus (me) quoque pinxit, 
Griflfo coniunxit, libris aliis sociavit. ^) 

Von anderen Ausdrücken, deren verschiedene uns noch 
begegnen werden, führe ich nur noch an alligare mit der Va- 
riante allegare für anbinden; Martin von Troppau braucht es, 
wo er für die gedrängte Kürze seiner Chronik den Grund an- 
giebt, dafs die Theologen sie der Historia scholastica, die Ca- 
nonisten den Decretalen könnten anbinden lassen. '') In den 



^) Mabillon Actt. IV, 1 p. 100 ed. Ven. 

2) Pertz' Archiv VIII, 111. Eccl. Colon, codd. p. 93. 

^) d. i. has statt hos. So steht es in der einzigen Handschrift. 

*) Jaff6, Bibl. VI, 543. Frob. I, 862. 

») Caravita II, 69. 

«) Czerny, Bibl. von St. Florian S. 32. 

') Monumenta Germaniae SS. XXII, 397. 



326 Weitere Bebaudluug der Schriftwerke. 

von Rockinger gesammelten Stellen ist ilUgare der gewöhnliche 
Ausdruck, einmal S. 206 incorperiren (a. 1499). ^) 

Frühzeitig schon kommen eigene Stiftungen für die Ein- 
bände der Bücher vor. Karl der Grofse schenkte im Dec. 774 
an St. Denis einen Wald mit der Jagd auf Hirsche und Rehe, 
ex quorimi coriis libros ipsius sacri loci cooperiendos ordim- 
vimus,^) mid gestattete im März 8Ö0 dem Kloster St. Bertin 
die Jagd tarn ad voltimina librorimi tegenda quam ad manicias 
et zonas faciendas.^) 

Den Karthäusem schickte der Graf Wilhelm von Nevers 
aus Bewunderung ihrer strengen Zucht Gold und Silber zum 
Geschenk; da sie aber das zurückwiesen, houm tergora et per- 
gamena plurima retransmisit, quae paene inevitabiliter ipsis 
necessaria esse cognovit. *) Hoel Graf von Comouaille (t 1084) 
sah einst in der Kathedrale von Quimper auf dem Altare ein 
Buch ohne Einband, dessen Blätter sich ablösten; da schenkte 
er zum Einband der Bücher die Felle der auf seinem Gut 
Quiberon getödteten Hirsche.^) 

Oft besorgten die Geistlichen den Einband selbst. In dem 
schön geschriebenen Sanctgaller cod. 260 aus dem neunten 
Jahrhundert steht: Monachi UUichrammi monitis Hartpertus 
ecce diaconus m^navit thecam hanc. 

Te precor, o lector, cum sumpseris ipse libellum hunc, 
Tunc tu his ambobus die miserere deus.®) 



*) Auch 1502 6 den. für ain plab, kauft Monaci, ad incarpe- 
rundum, wird wohl auf den Ankauf von blaugefärbtem Pergament zum 
Einband zu beziehen sein. Rock. S. 207 (II, 41). 

^) Sickel K. 33, nicht ganz unverdächtig. 

8) K. 161. Das Jahr ist zweifelhaft. 

*) Guibertus Novig. de vita sua I, 11. Opera p. 468. 

^) Bibl. de Tficole des Chartes 5. Serie III, 40 aus Dom Morice. 
Preuves de Thistoire de Bretagne I, 378. 

«) Scherrers Verz. der Stiftsbibl. S. 98. 



Eiuband. 327 

Im zwölften Jahrhundert wurden an den Mönch Ludwig 
in Haumont die Verse gerichtet: 

Est a te scriptus hie codex atque ligatus, 

Unde tuis aliis scriptis sit annumeratus, 

Nee figas metas, tua scribere dum valet aetas. ^) 

Ein Buch aus Neuwerk bei Halle sagt: Ora pro anima 
Michaelis, qui nie contexuit a, d, 1363.^) In einer deutschen 
Sanmilung von Heiligenleben von 1460 steht: Schryber und 
binder dis buches Cunrat Sailer, der denn freilich schwerlich 
ein Mönch war. ^) 

Der Bischof Otto von Bamberg verstand sich selbst auf 
diese Kunst; als Hofkaplan bei Heinrich IV bemerkte er, dafs 
dessen Gebetbuch manuali frequentia rugosus ei admodum ob- 
fuscatus erat. Quod pitis Otto cemens, absente imperatore, 
vetusto codicem involucro despolimnt, et novam mercatus pellem 
eumque decenter cooperiens, loco suo reposuit,^) 

Merkwürdig ist die Verfügung, welche 1156 der Abt Robert 
von Vendome traf. Es bestand nämlich die Gewohnheit, dafs 
quando aliqueni librorum ligari oportebat, der P. Kellermeister 
und der Kämmerer die Ausgaben trugen. Da sie sich aber 
über ihren Antheil zu streiten pflegten, librorum ordo neglige- 
batur, nee novi ßebant, nee ut deeebat veter es corrigebantur,'^) 
Deshalb verordnet nun der Abt, dafs alle Zellen des Klosters 
einen genau bestimmten Zins für das armarium bezahlen sollen. 
Die Insassen der reicheren Klöster gaben sich damals mit sol- 
chen Arbeiten nicht mehr ab, doch mag es immer noch häufig 
genug vorgekommen sein; auch hatte man für Handarbeiten 
Laienbrüder, wie denn in Kremsmünster noch im vorigen Jahr- 
hundert ein Laienbruder die Bücher gar säuberlich und gleich- 
mäfsig in weifses Leder gebunden hat. 



^) Der Schlufs eines hübschen Gedichts in Pertz* Archiv XI, 2. 
2) Naumann, Catal. bibl. Sen. Lips. p. 45 mit lia statt anima, was 
mir durch F. Zarncke freundlichst berichtigt ist. 

«) Cod. S. Galli 602 in Scherrers Verz. S. 193. 
*) Ebonis Vita Ott. Bab. I, 6. Jaff6, Bibl. V, 594. 
ö) Martene, Thes. I, 445. 



328 Weitere Beliaiullang der Schriftwerke. 

Förailich gewerbsmäßig betrieben die Brüder vom gemeinen 
Leben, wie alles was zur Ei^^euguiig von Büchern gehört, so 
auch die Buchbinderei. Ihre Regel ^) verordnet c. 14 de liga- 
tore: CoUigandls libris deputdbitur utuis a rectore, suh cum 
respectu erunt omnia instrumenta ad ligaturam requisüa, Ek 
erit cum procuratore soVicitus x)ro asseribus, corio et orichalco, 
et ceteris ad officium ne^^essariis, ut scilicet debüo tempm 
emantur et disjyonantur. Libros li gandos a scripturario recipid, 
ligatosque eidem restituet, qui pretium laboris pro eisdem rm- 
ptum procuraiori repraesentabit. Bruder Godfrid, der von 
Hervord kommend in Hildesheim 1444 das Haus auf dem 
Maria Leuchtenhofe gründete, beschäftigte sich inzwischen mit 
Buchbinden; die neue Congregation hatte bald wegen des 
grofsen Bedarfs an Büchern, welchen die in den sächsischen 
Klöstern eingeführte Reformation heiTorrief, viel zu thun, und 
verdiente mit Schreiben und Einbinden über tausend Gulden.^) 

In Folge dieser Reform erwachte in vielen Klöstern neue 
litterarische Thätigkeit, so in St. Peter in Erfurt, wo Nicolaus 
von Siegen 1495 einen der Mönche als UgcUor librorum be- 
zeichnet.*) Vorzüglich zeichnete sich auch das Stift St. Ulrich 
und Afra in Augsburg aus, wo der Abt Melchior von Stamheim 
1472 eine Druckerei begründete, um die Brüder zu beschäftigen, 
ne ess&nt ociosi, seil, comparando tales libros, similiter com- 
gendo, rubricando, illigando etc,^) Von 1490 bis 1494 wur- 
den 63 rheinische Gulden ausgegeben pro Ugandis libris necnon 
clausuris et aliis necessariis ad eosdem libros. Der Buchbinder 
aber war Nicolaus, ein Augsburger Bürger.^) 

Natürlicher Weise kam mit dem Bürgerstand auch die 
Buchbinderei als bürgerliches Gewerbe empor. An den Uni- 
versitäten hatten sie an den Privilegien Antheü, und zu den 



') Serapeum II, 186 aus Miraeus. Vgl. auch Moll, Kerkgeschied. 
II, 2, 322. 

^) Jo. Busch de reformat. monast. ap. Leibnit. U, 855. 

3) Thür. Geschichtsquellen II, 501. 

*) W. Wittwer, Catal. abb. SS. üdalrici et Afrae, in Steichele's 
Archiv f. Gesch. d. Bisth. Augsb. III, 265. 

ib. p. 369. 



Einband. 329 

17 lieeurs de livres, welclie in dor Pariser Steuerrollc von 1292 
genannt werden, ^) sind wohl noch andere mit clericaler Immu- 
nität verseliene zu zählen. In Cöln sind sie um 1300 nachzu- 
weisen, in den Prager Stadtbüchern werden sie häufig genannt,^) 
und so erscheinen sie nach und nach überall. Richard de Bury 
hatte immer eine Anzahl colligatores in seinem Dienst. 

Manche davon mögen Schüler gewesen sein, die nicht ge- 
nug gelernt hatten, da ein Anflug von Bildung doch auch dem 
Buchbinder wohl ansteht; angerathen wird dieser Belauf in 
einem alten Gedicht:^) 

Adhuc sunt officia fructuosa satis, 
Que bene conveniunt parum litteratis: 
Ligare psalteria, quod non fiet gratis. 
Hoc opus exterminat onus paupertatis. 
Littera parva satis dat victum officiatis. 

In den fdbric rolls der Domkirche zu York ist 1395 ein- 
getragen: Roberto hukehinder pro ligatura unius magni gradun 
alis pro cJioro ex convencione facta decem solidos, Eidem pro 
quatuor peUibus pergameni pro eodem custodiendo viginti de- 
narios, Eidem pro una jyelle cervi pro coopertura dicti libri 
tres soL duos denarios.^) 

Jacob von Koenigshofen zahlte 1397 für Rechnung des 
Capitels von St. Thomas in Strafsburg 2 livres 14 sols jf;ro 
happiro ad libros instrumentorum et pro pergameno, unde mo 
heslahetide unde zuo bindende,^) Ein Rechtsbuch der Heidel- 
berger Bibliothek hat die Unterschrift: scriptum a. 1465 per 
me Älbertum Schwab, Similiter et inligatum,^) Ein gewisser 
Hans Dirmsteyn, von dem ebenfalls nur der Name bekannt ist, 



*) H. G^raud, Paris sous Philippe-le-Bel (1837) p. 519. 

2) Palacky, Böhm. Gesch. III, 1, 188. 

«) Peiper in d. Zeitschrift f. deutsche Philol. V, 183. 

^) D. Wyatt p. 37 aus der Ausg. von James Raine, Durham 1859. 

^) Charles Schmidt, Histoire du Chapitre de Saint-Thomas p. 112, 

«) Wilken S. 375. Homeyer n. 319. 



330 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

besorgte 1471 ein Buch von den sieben weisen Meistern ganz 

allein: 

Der hait es geschreben vnd gemacht, 
Gemalt, gebunden vnd ganz follenbracht. *) 

In dem Begistrum episcopi Fritzlai inceptum a, 1368 in 
Breslau ist eingeschrieben introUgafum 1475, Ein Jahrhimdert 
lang hatte es sich ohne Einband behelfen müssen.^) Das kam 
sehr häufig vor, und man erkennt die Spuren davon an den 
abgeriebenen Aufsenseiten , ^) auch wohl an fehlenden Lagen, 
wie in der Benedictbeuerer Abschrift saec. XII der Chronik 
des Leo von Ostia, wo sie im 15. Jahrhundert ergänzt sind. 
In einem Inventar des 13. Jahrhunderts aber steht: XVI 
coternuli de Monte Cassino.^) Nach alter Weise, die im neunten 
Ja:hrhundert noch die Regel bildet und bis ins zwölfte vor- 
kommt, liefs man deshalb, und überhaupt zu besserer Schonung, 
die erste Seite frei, und begann auf der Rückseite des ersten 
Blattes, ö) 

In einer Decretensammlung des 12. Jahrh. aus Weingarten 
steht: A, d. 1338 ligatus est iste Über, quem fecit ligari do- 
minus Johannes de Merspurg 0, S. B, in Wingarte. In Folge 
dieses langen Zwischenraumes sind mehrere Blätter verloren, 
andere verbunden.^) 

Die alten Verzeichnisse erwähnen sehr häufig ungebundene 
Bücher, die noch in quaternionibus,'^) in quaternis, sexternis^) 



*) Kirchhoflf, Handschriftenhändler S. 118 aus v. d. Hagen u. Büsching, 
Literar. Grundrifs S. 307. 

ä) Cod. dipl. Silesiae IV, 14. 

^) in der Doppelchronik von Reggio, Dove S. 19; zwischen den Le- 
genden, Dramen u. Gesten der Hrotsuit, Koepke, Ott. Studien II, 239. 

*) Mon. Germ. SS. VH, 556. 

^) So der Cod. Theodosianus, Oegg, Korogr. v. "Würzb. S. 301, und 
die alten Cölner Codices. 

ö) Schulte in den SB. d. Wiener Akad. LXV, 601. 624. 

'^) häufig in dem alten Sanctgaller Catal. s. IX in Weidmanns 
Gesch. d. Bibliothek. 

®) in der Heidelberger Bibliothek 1438 Sermones facti in concilio 
Constanciensi in sexternis nondum ligatis. Erwähnt bei Wilken S. 103. 



Einband. 331 

siiicl, vlex caier sans als, ^) und dergleichen. Die zuletzt be- 
zeiclineteii können immerhin geheftet gewesen sein, nur noch 
sine asserihus, aber durch ein Pergamentblatt geschützt. Diese 
einfachste Art dos Einbandes, in welcher viele Bücher, vorzüglich 
urkundlichen Inhalts, sich bis auf unsere Zeit recht gut erhal- 
ten haben, ^) bezeichnet eine englische Berechnung saec. XIII: 
ad ponendum in corrigiis umrni denarlum, in percameno oho- 
lum, ^) Angelus Politianus geht auf die antike Ausdrucksweise 
zurück, indem er in seinem Theokrit bemerkt:*) Emi solutum 
lib. 6. lora vero, umbilici, tabellae, co^'ium, bihliopola constiterunt 
Üb. 2 soL 6, Hier scheint der Buchhändler zugleich Buch- 
binder gewesen zu sein, was nicht selten vorkommt. Die Pla- 
centiner Chronik kostete 1295 inter cartas et scripturam et 
ad ponendum in asseribus libras quatuor et sol, sex tremissetn,^) 
Um die verschiedenen Theile eines Werkes oder die in 
einem Bande vereinigten Schriften leichter auffinden zu können, 
pflegte man am Anfang derselben Pergamentstreifen zu be- 
festigen, welche aus dem Schnitt hervorragen. Auch hatte 
man Schnüre oder Bänder, wie noch jetzt, imi eine Stelle wie- 
derfinden zu können; diese hiefsen Register. Sie finden sich 
z. B. im cod. Colon. 127 (Catal. p. 53). Alexander Neckam 
sagt S. 116: habeat etiam registrum, mit der Glosse cordula 
librij und Ebrard von Bethune im Graecismus: 

Esse librum librique ducem die esse registrum. 

Dazu führt Du Gange die Glosse an: Registrum, corda in libro 
ad inveniendum lectionem. Ebenso heifst es in dem oft er- 



^) Dieser und ähnliche Ausdrücke oft in dem Verz. der Bibl. im 
Louvre von Gilles MaUet 1373. Vgl. oben S. 303. 

^) So die alchymistische Handschrift Germ. 597 saec. XV in Heidel- 
berg, gleichzeitig in ein verworfenes ürkundenconcept gebunden, welches 
am Rücken durch einen breiten Lederstreifen verstärkt ist. Fäden, an 
der eiüen überschlagenden Decke angebracht, lassen sich an Knöpfen 
befestigen. 

*) Kirchhoflf, Handschriftenhändler S. 11 aus Coxe, Catal. codd. 
Oxon. n, 35. 

*) ib. p. 31 aus Bandini, Codd. graeci H, 205. 

^) Mon. Germ. SS. XVHI, 405. Pertz liest fälschlich in assibus. 



332 Weitere BehandluDg der Schriftwerke. 

wähnten alten Wörterbuch:^) Reg ist r um, register vel btich 
schnür, in proposito est zona vel mtiUitudo zonarum hit^po- 
Sita foUis quaternonim iit scriptura quae quaeritur citius «j- 
veniatur et facilius ifiveniri possit. Dann folgt die Beschrei- 
bung eines Registei's in der gewöhnlichen Bedeutung. Sehr 
trefifend ist der Ausdruck im Vocabularius optimus: reistrum 
hersnuor. Meister Eberhard in Zug gab 1485 22 Schilling 
für sidin hendel, die ich in die dril grofsen hüecher geleit han 
und 4 s. ze machlmi knöpfen, ^) 

In französischen Verzeichnissen, wie in dem von 1373 über 
die k. Bibliothek im Louvre, spielt eine grofse Rolle die pippe 
oder 2^P^ von Gold und edelen Steinen, welche zu den An- 
dachtsbüchern der vornehmen Welt gehört; vermittelst der 
daran befestigten Lesezeichen dient sie zu demselben Zweck, 
wie jene einfacheren Schnüre. Im Inventar des Hei*zogs von 
Berry von 1416 erscheint öfter die pippe gamie de seignaulx, 
seigneaux de plusieurs soyes. 

Bekannt sind die starken alten Einbände von festem Holz, 
ganz oder theilsweise mit Leder, ^) zuweilen auch mit Seide 
und Sammet überzogen, und mit metallenen Beschlägen und 
Schliefsen versehen. Letztere heifsen fibidae, fermoers, (er- 
mouyers, fermeaux. Wenn nun in einem Heidelberger Ver- 
zeichnifs von 1438 davon clausurae unterschieden werden, ein 
Buch deren vier hat,^) so müssen wir darunter, abweichend 

Serapeum XXIÜ, 279. 

2) Geschichtsfreund der 5 Orte ü, 96. 

^) Anweisungen zum Färben von Leder u. Perg. zu diesem Zweck 
bei Rockinger S. 205 (II, 39). Diese üebung erhielt sich bis ins vorige 
Jahrhundert. 

*) Wilken, Gesch. der Heidelb. Büchersammlungen S. 98 führt nach 
Eremer, Hist. et Commentatt. Soc. Palat. I, 406 ff. aus einem Yer- 
zeichnifs von 1438 ein Werk von Nicolaiis de Lyra an: in (issertbus cum 
serico viridis coloris superductis clauaurisque {et) fibulis argenteis et de- 
auratis. Ein anderes Werk von Lyra ist in pergameno et asseribus cum 
coopertorio viridis coloris et clausuris simplicibus sine fibulis. Solche 
Stellen sind darin häufig. Auch bei Rockinger S. 207 (11, 41) 1491 pro 
fibulis et clausuris librorum 3 s. 8 d. Daselbst ist aus Rechnungen viel 
zusammengestellt; häufig ist gesmeyd, gesmaydspangen, einmal S. 208 
pückel. Auffallend ist S. 206 der Eintrag von c. 1320 pro tenacuUs et 



Einband. 333 

von dem später gewöhnlichen Gebrauch, die Beschläge an den 
Ecken verstehen. Kostbar genug waren diese Einbände; Meister 
Eberhard in Zug hatte 1480 zu verzeichnen: H, Hans min 
Tielfer het mir kouß zuo Zürich beschlecht uf büocher um 
1 gülden. Ferner an denselben 1 duggaten, da er zuo Zürich 
koufte clausuren und läder, die gesang hüecher in ze binden.^) 

Das Kloster Fulda erhielt im 12. Jahrh. ein Bücherge- 
schenk von dem Kellner Tuto, darunter einen CoUectarius cum 
coopertorio piscino, ^) Bei Valentinelli im Catalog der Marcus- 
bibliothek IV, 31 ist ein Bücherverzeichnils aus dem 15. Jahr- 
hundert, in dem wiederholt die Ausdrücke vorkommen ligatum 
cum fundello rubro, albo, sine fundello conscripto. 

Zuweilen kommen alte Einbände vor, bei denen die Leder- 
decko überhangende Zipfel hat, um das Buch vor Staub und 
Schmuz zu schirmen.^) Vielleicht erklärt sich dadurch, was 
in dem Liventar von Gilles Mallet häufig vorkommt: couverte 
de soie a queue, de cuir a queue. Oft greift der obere Deckel 
nach Art einer Brieftasche über, und läfst sich mittelst eines 
Knopfes befestigen, oder er ist auch mit einem Schlöfschen 
versehen, wie wir gleich sehen werden. 

Auch die äufseren Deckel wurden zuweilen mit Bildern 
geschmückt, und sehr gewöhnlich war es, einen Zettel mit In- 
haltsangabe darauf anzubringen, der mit durchsichtigem Hörn 
bedeckt war. In der Bibliothek im Louvre wird n. 36 be- 
schrieben: Garin de Monglaue, ryms, escript en ij coulombez, 
et sont les aiz ystoriez par dehors, et couvert de corne, de 
quoy on fait les lanternes. 

Eine Handschrift, welche Fehmgerichtsachen enthält, trägt 
auf beiden äufseren Seiten der Pergamentdecke die Aufschrift: 

clambus zu einem grofsen Graduale 3 Schilling, lieber tenaeulum s. 
oben S. 228. Nach freundlicher Mittheilung des Herrn A. Kirchhoff ist 
jetzt bei den Buchdruckern der Tenakel ein mit einer Stahlspitze (zum 
Einstechen in den Setzkasten) versehenes Instrument, in welchem das 
abzusetzende Manuscript eingeklemmt wird. Das pafst aber weder hier 
noch dort. 

*) Geschichtsfreund der 5 Orte II, 100. 

2) Dronke, Cod. Traditionum Fuld. n. 72 p. 150. 

^) Eccl. Colon, codd. p. 53. 55. 



334 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

Hie inne sal nyemandes lesen dann eyn Frye Seheffen, ^) Auch 
auf einem alchymistischen Buch (cod. lat. Monac. 405 steht: 
ist vorbothen lesen. Aber man wufste sich auch besser zu 
schützen durch verschliefsbare Einbände. So war der Songe 
du Verger, auf K. Karls V Veranlassung gegen die weltliche 
Gewalt des Pabstes in Frankreich geschrieben, in der Bibl. des 
Louvre n. 204 un livre fermant a elef, couvert de cuir ver- 
meiL Dagegen war dasselbe Buch n. 245 u. 246 offen, couvert 
de soie a queue. Aber 484 war un pappier fermant a clef, 
couvert de cerf blanc, ou sont escript aucunes choses secrettes, 
und 485 ebenso.^) 

Auch der Schwabenspiegel der Eltviller Schöffen war ver- 
schliefsbar, ^) und ebenso ein Rechtsbuch der h. Fehme von 
1482 in Nördlingen. ^) 

Oft genug sind im Mittelalter Lagen und Blätter verbun- 
den, und die Ränder so beschnitten, dafs viel verloren ging; 
deshalb verordneten die Statuten der Reg. Chorherren im 
15. Jahrhundert, dafs in jedem Convent ein Bruder sein solle, 
der Bücher einzubinden und bei Zeiten auszubessern verstehe. 
Er solle mehr auf den Nutzen sehen, als ad subtilitdteni vel 
curiositatem^ precipuß in sexternis imponendis et presdndendis; 
nam in hijs faciliter magna damna contingere possunt.^) 

Bilder und kostbare Initialen wurden durch eingeklebte 
oder eingenähte Stücke von Nesseltuch sorgsam geschützt. 

Die Einbände wurden auch künstlerisch, und zwar oft 
überaus reich verziert. Viele Prachtstücke der Art aus dem 
Mittelalter, mehr jedoch aus späterer Zeit, zeigen in glänzender 
Nachbildung die Monuments inedits ou peu connus, faisatü 
partie du Cabinet de Guillaume Libri, et qui se rapportent ä 



^) Ph. Dieffenhach, Geschichte der Stadt u. Burg Friedberg (1857) S. 7. 

*) im Inventaire von 1373, par Gilles de Hallet, Paris 1836. Der 
Buchbinder der Chambre des comptes in Paris mufste schwören, dafs er 
nicht lesen und schreiben könne, nach Laianne, Curiosit^s bibliogra- 
phiques S. 291. 

^) Rockinger in d. Zeitschr. f. Gesch. d. Oberrheins XXIV, 224. 

*) Homeyer 512, beschrieben in Beyschlags Beiträgen IV, 14. 

^) Rockinger S. 208 (II, 42). 



Einband. 335 

Vhistoire des Ärts du Dessin, consideres dans leur Äpplieation 
ä VOrnement des lAvres, 2, ed. augmentee, 65 planches superbe- 
ment illuminees en or et en couleurs, avec uu texte Anglais 
et Fran^ais, Londres 1864 gr. folio. Die erste Ausgabe mit 
60 Tafeln erschien 1862. Auch die Bilderhefte zur Gesehiehte 
des Bücherhandels und der mit demselben vertvandten Künste 
und Gewerbe, herausgiegeben von H. Lempertz, 1865 fol. ent- 
halten Abbildungen von Prachtbänden. 

Ledereinbändo aus dem 15. Jahrhundert mit in Leder ein- 
geritzten Figuren sind abgebildet und beschrieben im Anzeiger 
des Germ. Museums XVII (1870) Sp. 121 u. 311. Daselbst 
ist IX (1862) Sp. 324 der merkwürdige Einband eines Breviers 
beschrieben und abgebildet, dessen überschlagendes Leder unten 
einen halb offenen Beutel bildet, der in einen Knopf von far- 
bigen Lederriemen ausläuft. Beispiele aus Gemälden zeigen, 
dafs man solche Bücher am Gürtel trug, und auf einer Dar- 
stellung der Kreuzigung in Bronce von c. 1500 in Hamburg 
hält Johannes einen solchen Booksbüdel. *) Das Wort bezeich- 
nete später das übei-triebene Festhalten an alter Sitte, und 
wurde, als man es nicht mehr verstand, in Boeksbeutel ver- 
wandelt. Im Britischen Museum ist ein Gebetbuch in duodez 
von 1485 aus Deutschland ausgelegt, das mit einem Riemen 
versehen ist, um es an den Gürtel zu hängen. Mehimals wird 
het boehenkorfje, boeJcenmh erwähnt in den Levensbeschrijvin- 
gen der zusters van Meester-Geertshuis te Deventer. ^) 

Zum Einband kirchlicher Bücher verwandte man goni, 
wie schon oben S. 53 erwähnt wurde, die alten Diptychen von 
Elfenbein, und schnitt auch neue Platten mit Darstellungen 
heiliger Gegenstände.®) Zwei Bamberger Handschriften sind 
in Diptychen eingebunden, und das Pergament ist nacli der 



^) Von den Arbeiten der Kunstgewerke des Mittelalters zu Ham- 
burg (1865) Tafel XL Auf dem Bilde sieht es freilich mehr wie eine 
Fidel aus. Von anderen Buchbeuteln s. unten. 

*) Manuscript, angeführt bei Moll, Boekerij van S. Barbara S. 228. 

^) Die Richtigkeit von Ekkehards Erzählung bezweifelt R. Rahn, 
Gesch. d. bildenden Künste in d. Schweiz I, 111 wegen der auf beiden 
Tafeln gleichen Technik. 



336 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

schmalen, oben abgerundeten Form zugeschnitten; für die Vita 
Liudgeri dagegen, welche in der Berliner Bibliothek ausgelegt 
ist, wurde die Rundung durch eine Einfassung viereckig ge- 
macht. Häufig aber nahm man auch Platten von Gold und 
Silber, welche sehr kunstreich verziert und mit Email, Perlen 
und Edelsteinen geschmückt wurden.^) Schöne Proben davon 
geben Libri, und Jules Labarte, Histoire des Arts Indu- 
stricls au Moyen Age (1864), Album Vol. I, und II, 101—103 
auch von den weniger bekannten emaillierten griechischen Ein- 
bänden. ^) Schon Agnellus von Ravenna erwähnt alapas evan- 
geliorum aureus, ein Ausdruck, der, da er zweimal vorkommt, 
wohl nicht verändert werden darf. ^) 

Zuweilen findet man im Einband auch eine Hölung, welche 
zur Aufnahme von Reliquien bestimmt war;*) auf dem alten 
Evangeliar in Prag, welches in Karls IV Zeit einen neuen 
Prachtband erhielt, sind Reliquien mit Beischrift unter Berg- 
krystalL ^) 

Merkwürdig sind die symbolischen Einbände für die einzel- 
nen Theile des Corpus Juris, welche Seb. Brandt als herkömm- 
lich beschreibt..^) Gerichtsbücher pflegten roth eingebunden zu 
werden, und deshalb auch Rothe Bücher zu heifsen. '^) üeber- 
haupt benannte man gern die Bücher nach ihren Einbänden, 
vorzüglich Archivstücke, für welche es keinen Automamen gab. 



^) vgl. bei Leibn. SS. II, 169 in Lerbecke's Chron. Mind. die Be- 
schreibung der Prachtbände, in welche Bischof Sigebert die überaus 
schönen Handschriften binden liefs, und über die noch in Berlin vorhan- 
denen Pertz' Archiv VIII, 836. C. Sanftl, Diss. in aureum ac pervetustum 
SS. Evangg. cod. ms. Monasterii S. Emmerammi, Katisbonae 1786, 4. 
Rockinger S. 209 (H, 43). 

*) Der Email-Einband des cod. S. Galli n. 216 beschrieben v. Rahn, 
Gesch. d. bild. Künste in d. Schweiz I, 281. 

^) Schwarz de omamentis libr. p. 166 will verbessern oios. Allein 
das ist eben so wenig ein bekannter Ausdruck. 

*) a. 1415 in Metten, s.B.Pez,Thes.I Diss. p.XLIX. Vgl.Czemy,S.8l 

^) Mitth. d. Centralcommission XVI, 100. 

^) Expositio omnium titulorum iuris, Lugd. 1538, 8, fol. 1. abge- 
druckt im Serapeum 1857 S. 240. 

') J. F. Boehmers Leben und Briefe v^on J. Janssen) III, 436. 



Kinbaiul. 337 

Sehr häufig sind die lihri aurci, nach dem kostbaren Einband 
oder dem inneren Wertli genannt. Bekannt ist der Über hlanais 
des venetianischen Archivs, Über viridis aus Asti, in Bologna 
die Gmima preeiosa, il libro delle trc croci, Über axium. ^) 
Der Breslauer Dom hat seinen über niger, das Martinskloster 
zu Tours seine pancharte noire. In Irland giebt es ein gelbes 
Buch, Leabhar buidhe, ein schwarzes, dubh, ein rothes, ruadh, 
ein geflecktes, breac, ^) Beromüuster hat oineji Über erinüus, 
Zwettel eine Bärenhaut, ein riesiges Copialbuch, dessen Decke 
aber nicht von einem Bär, sondern von einem Eber stammen 
soll. Oft sind die Namen schwer zu erklären und von zufäl- 
ligen Umständen hergenommen; die alten Breslauer Rathsbücher 
hiefsen hirsuta hilla, buculatus, pauper Henrictis, nudus Lau- 
rentüis. Die beiden letzten sind wohl nach den Schreibern 
benannt, welche sie führten, das letzte blieb vermuthlich lange 
ungebunden. In der Magdeburger Schöppenstube gab es ein 
Buch, welches Moyses hiefs, nach dem Anfangswort des bekannten 
Prologes zur Lex Baiuwariorum. ^) Bolkenhain hat sein eisernes 
Buch, welches, vermuthlich im 16. Jahrb., in Holzdeckel mit 
Eisenbeschlägen und Kette gebunden ist.^) So hat auch Dublhi 
sein ChainbooJc, das Register des Erzbisthums aber heifst 
.Crede mihi,^) Das Chartular von Saint-Pere-de-Chartres heifst 
Aganon. 

Kostbare und schön eingebundene Bücher hatten noch ein 
besonderes Kleid zum Schutz, ein Hemd, eamisia. Du Gange 
führt das Wort schon aus einem Testament von 915 an; bei 
den Karthäusern hatte der Sacrista librormn eaniisias zu 
waschen. In der Lebensbeschreibung des Fructuosus ep. Bra- 
carensis, der um 670 gestorben, dessen Biograph aber viel 
jünger ist, wird erzählt, dafs bei dem Uebergang über einen 



^) Blume, Iter Ital. II, 135. 142. Die Namen der Register des 
Maggior Consiglio in Venedig s. in Pertz' Archiv XII, 630. 

' 2) Th. Moore, Hist. of Ireland II, 57 n., O'Curry's Lectures S. 20. 
21. mit noch vielen anderen Namen. 

^) Hans Prutz im Archiv f. Sachs. Gesch. II, 293. 

*) Zeitschr. d. Vereins f. Schles. Gesch. XI, 348. 358. 

ß) R. Pauli in SybeFs Hist. Zeitschr. XXIX, 209. 

Wattenbach, Schriftwesen. 2. Aufl. 22 



338 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

Flufs seine Bücher ins Wasser fielen, worauf er Codices . . . . 
eici de nmrsupUs et sibi praesenfari jyraecepit. ^) Paulus Diar 
Conus schrieb an Karl den Grofsen über die Gewohnheiten von 
Monte Cassino: Concessum est etiam fratrihus nosiris habere 
manutergia, sive ad tonsurae obsequium, sive ad Codices, quos 
ad legeiidum suscipiunt, involrefidos. ^) Später trieb mau auch 
mit diesen Beuteln grofsen Luxus. Die Heures de S. Louis in 
Paris haben noch ihr ursprüngUches Hemd von rothem Zindel.^) 
Bei den Bücherfreunden des 14. Jahrhunderts findet sidi in 
den Inventaren angegeben estui de drap dar, diemise de drap 
seinee de mwguerites, couvertures en drap de satin, en veluym, 
eil damas, estriguier de saiieiice de perl es, *) doch auch eiDfach 
a diemise de toile etc. Der Tristan im Louvre war en un 
estiiy de euir blanc, ein sehr kostbar gebundenes Gebetbudi 
en ung estuy de cuir ferre.^) Die Rechnung der Sainte Cha- 
pelle von 1298 enthält einen Posten von 22 sous pro uno re- 
servatorio de corio für das Brevier des Königs.^) 

B. Dudik beschreibt^) den Originalcodex des Processus 
canonisationis b. Katerine Vastenensis vom J. 1477. Alle 
Blätter haben 4 Löcher, durch welche die Siegelschnüre ge- 
zogen waren. Der Codex ist nicht gebunden, sondern ruht in 
einer goldgestickten Damasthülle, die mit giüner Seide ge: 
füttert ist. 

Zu erwähnen sind noch die kostbaren Behälter der Evan- 
gelien von Gold und Silber, welche vorzüglich in Irland ge- 
bräuchlich waren, wo sie* eunihdach hiefsen. ^) Man findet sie 



^) Mab. Actt. II, 561 ed. Ven. 

*) Caravita I, 338 aus cod. 353. Vgl. oben S. 236. 

^) Geraud p. 144. 

*) nach Barrois und Gilles Mallet. 

^) Inventar von Gilles Mallet S. 9. 206. 

«) Bibl. de rficole des Ch. 4. S^rie II, 162. 

') Archiv d. Wiener Ak. XXXIX, 53, Verz. des Archivs der Domi- 
nicaner in Krakau. 

**) Vgl. den Aufsatz von Miss Stokes: On two works of ancient 
Irish art, known as the Breac Moedog and the Soiscel Molaise, Archaeo- 
logia XLIII,.131— 150. Es sind Kasten von Bronzeplatten mit charak- 
teristisch irl. Ornamentation ; s. Revue Celtique I, 276. 



h 



\ 



Einband. 339 

auch in England und Frankreich unter dem Namen capsa, 
hibliotheca, coopertorium, ^) Als Wilfrid von York die Evan- 
gelien in Gold hatte schreiben lassen, sorgte er auch für einen 
würdigen Behälter: thecam erutilo his cmidignam condidit auro,^) 

Dahin gehört auch die von Ekkehard in den Casus S. Galli 
(MG. II, 82) erwähnte cavea evangelü von Gold. 

Im Münchener Nationalmuseum ist ein altes Behältnifs zur 
Aufbewahining einer Urkunde mit ihrem Siegel, von Holz und 
mit Leder überzogen. 



Es ist immer eine grofse Barbarei, wenn man, wie das 
besonders in früherer Zeit häufig geschehen ist, ohne Noth die 
ursprünglichen Einbände zerstört. Nicht selten sind sie von 
Wichtigkeit, um die Herkunft einer Handschrift zu erkennen; 
besonders nach dem Aufkommen der Wappen pflegen sie damit 
versehen zu sein. So tragen die Handschriften von Saint- 
Hubert den Hirsch, die Budenses den Raben des Mathias Cor- 
vinus. Vorzüglich aber enthalten die Deckblätter oft wichtige 
Notizen, oder sie sind gar Reste älterer werth voller Hand- 
schriften.^) Der Abt Macarius vom Berge Athos verwandte 
1218 die kostbare Uncialhandschrift der paulinischen Briefe 
zu Einbänden, und in Bobio sind ebenfalls die werth vollsten 
Handschriften so mifsbraucht worden. Nach St. Gallen kamen 
um 1461 Hersfelder Visitatoren, die Manuscripte wurden ver- 
zeichnet und theilweise neu gebunden, wozu der Edictus Rothari 
und der älteste Virgil verbraucht wurden; zur Vergeltung ist 
der Catalog von 1461 später ebenso angewandt.^) Sigismund 
Gossembrot klagt um dieselbe Zeit über die Mifsachtung der 
einst hochgehaltenen Poeten: nt nieliores vix inier poetas me- 
rerentur fieri coopertoria, et ut ad prcstolas scinderentur alio- 



^) Du Gange s. v. Capsa. 

*) Epitaphium bei Beda, Hist. eccl. V, 19; vgl. oben S. 111. 
^) Rockinger S. 208 (II, 42). Beispiele sind überaus zahlreich 
Vorlianden. 

*) Scherrers Verz. S. 238. 456. Weidmann S. 52. 401. 

22* 



340 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

rum etiam vilionim Khrorum,^) Die Professen von S. Matthias 
in Trier gaben ihrem Buchbinder Handschriften als Zahlung.*) 
Auch Urkunden sind oft zum Einbinden benutzt.^) Hatte nun 
der Buchbinder einmal solches Material unter Händen, so Dahm 
er davon auch die Falze zwischen den Lagen, und man hat 
daher auch diese sorgfältig zu beachten. Zuweilen fügen sich 
die schmalen Streifen in überraschender Weise zusammen und 
geben werthvolle Resultate; Docen hat auf solche Weise in der 
Münchener Bibliothek schöne Entdeckungen gemacht, Endlicher 
in Wien die Fragmente des Ulpian und Plinius in dem Codex 
des Hilarius gefunden, Pertz Fragmente der ältesten bekannten 
Handschrift des Schwabenspiegels aus einer Incunabel erlöst.*) 
Gerade Incunabeln sind für diesen Zweck zu beachten; doch 
sind auch hier die werthvollen Funde selten, und man braucht 
nicht eben jedes beschriebene Pergamentblatt abzureifsen. 

Man benutzte ferner alte Handschriften auch zu den Or- 
geln. In einem fränkischen Nonnenkloster gaben 1G24 die 
Nonnen dem Organisten Keller eine Pergamenthandschrift, um 
damit die Blasebälge der Orgel auszukleben; er aber entschlofs 
sich aus Ehrfurcht vor dem Alterthum der Schrift, dieselbe 
aufzubewahren. Es ist ein 1383 geschriebenes deutsches Ge- 
dicht, die Ilimmelstrafsc, jetzt in der Petersburger Bibliotliek.^) 

In einem alten Catalog der S. Catharinenbibliothek in 
nam])urg von 1678 hoifst es von n. 509: „Ein grofs Perga- 
mentbuch, gewogen 24 ^., zu der Orgel verbraucht bei den 
Zeiten Zacharias Soecklandt", u. n. 510: „ein dito ebenmäfsig*', 



') Zeitschr. f. Gesch. des Oberrheins XXV, 59. 

'^) Marx, Geschichte des Erzstifts Trier 11, 2, 557. 

^) Das coopertormm Judaicum , welches Wilken S. 98 aus dein 
Vcrzeichnifs von 1438 anführt, wird auch wohl Pergament mit hebr. 
Schrift gewesen sein, was nicht selten als Einband vorkommt. 

*) Archiv X, 417 mit Facsimile. Daß versteht wohl Gossembrot 
unter jwestola; sonst ist pressuJa der gewöhnliche Ausdruck für die Per- 
gamentstreifen, an denen die Siegel hingen. 

^') Serapeum XXI, 23. Man verklebt, glaube ich, auch die hölzernen 
Pfeifen mit Pergament. 



Fälschungen. 341 

511 „ebenmäfsig verbraucht." Nach don Ueberbleibsehi des 
einen zu schliefsen, waren es Missalien. ^) 

Auch die Schwertfoger l)raucliten Pergament zu Scheiden. 
Nie. Ellenbog jammert 1539 über einen Pfarrer zu Memmingen, 
der Bibliotheken aufkauft und sie für 5 Gulden den Centner 
nach Nürnberg verkauft. Sunt gradualia, miiltum qiiidem pon- 
derantia; laborem vero et man um scriptoris st pmideres, pilo 
distrahuntur, ut vcKjinis prcstcnt suhducturam. ^) 

Aus einer Schwertscheide kann also möglicher Weise ein 
Autor herauskommen, aber alles ist verloren, wenn das Perga- 
ment in die Hände der Goldschläger und der Leimsieder ge- 
langt ist. Deshalb sagt B. Pez (Thes. I Diss. p. LIV): „Ideone 
duntiixat a priscis Coenobitis tot et tanta volumina exarata sunt, 
ut vel bibliopegis involucra librorum, vel musicariis folles et 
gluten, vel bracteatoribus mensulas (hi enim truculentissimi bi- 
bliothecarum Pelopidao sunt) pararent?" 

4. Fälschungen. 

Eine Abhandlung über Fälschungen alter und neuer Zeit 
würde einen eigenen A])schnitt in Anspruch nehmen und nicht 
hierher gehören. Ich werde mich aljer hier auf einige Aeufser- 
lichkeiten beschränken. Ueber Fälschungen von Urkunden 
handelt sehr ausführlich, mit Anführung vieler merkwürdiger 
Thatsachen, der siebente Theil des Nouveau Traite (VI, 110 
bis 281), wogegen aber Th. Sickel (Urkk. der Karolinger I, 
21 — 26) mit Recht bemerkt hat, dafs die Verfasser in ihrem 
Eifer, die Mönche und ihre Urkunden zu vertheidigen, zu weit 
gegangen sind. Unsere Archive sind voll von falschen Urkun- 
den, von welchen viele lange Zeit für echt gegolten und auch 
rechtliche Wirkung gehabt haben. ^)^ Vorzüglich merkwürdig 



*) Chr. Petersen, Gesch. d. Hamb. Stadtbibl. (1838) S. 6. 

2) Geiger, Nie. Ellenbog S. 114 (Wien 1870 aus d. Oesterr. Viertel- 
jahrsschrift f. kath. Theol.). Der Abdruck mufs durch Conjecturen les- 
bar gemacht werden. 

*) Vgl. oben S. 5 ff. In vielen Fällen hat ohne Zweifel Bestechung 
mitgewirkt, um unechten Urkunden Anerkennung zu verschaffen. 



342 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

ist im schlesischen Staats-Archiv zu Breslau der Fall, dafs der 
echte Stiftungsbrief des Klosters Leubus von 1175 neben drei 
gefälschten Exemplaren aus dem 13. und 14. Jahrhundert un- 
versehrt erhalten ist. ^) Wenn, wie hier, einfach die Schrift 
der späteren Zeit in Anwendung gebracht ist, so ist die paläo- 
graphische Kritik leicht und einfach. Auch die Nachahmung 
einer viel älteren Schrift ist gewöhnlich so schlecht gelmigen, 
dafs der Betrug sich gleich verräth. Wo aber die Fälschung 
dem Datum der Urkunde nicht so fern steht, wird die Aufgabe 
oft schwierig und ist zuweilen gar nicht mit Sicherheit zu lösen. 
Ein lehn^eiches Capitel über Fälschung von Handfesten 
enthält der Anhang zum Schwabenspiegel, welcher sich in 
einigen Handschriften findet.^) Ebenda werden auch die ver- 
schiedenen Methoden der Siegelfälschung beschrieben, worüber 
auch im Nouveau Traite viel zu finden ist,^) und über welche 
schon in alter Zeit Lucian sehr genau berichtet hat, in seiner 
Schrift über den Gaukler Alexander c. 19 ff. Dieser liefs sich 
nämlich Fragen in versiegelten Briefen geben (ig ßißXlor If- 
YQa'ipavra xaraQQccipca rs tccu xaraöfjfi/jraöd'ac xrjQO)), löste 
fiuf verschiedene Weise das Wachs, rov rs xdrco vjto rm Xirco 
xai rov avTfjV t/}i' oqQaylöa ixovra, und versiegelte die Briefe 
wieder. Nachdem er sie dann öffentlich erbrochen, gelesen 



*) C. Grünhagen, Regesten zur Schles. Geschichte, Cod. Dipl. Sil. 
VII, 36, vgl. Zeitschr. V, 193 IF. Abt Günther, der Beichtvater der h. 
Hedwig, scheint ein Hauptfälscher gewesen zu sein. 

*) Zuletzt abgedruckt von Rockinger in den Sitzungsberichten der 
Münchener Akademie 1867, TI, 2, 321—324. 

^) lieber die Fälschung päbstlicher Bleibullen in der Zeit Inno- 
cenz III ist zu vergleichen L. Delisle in der Bibl. de Tf^cole des Chartes 
4. Serie IV, 47. Ein interessanter Prozefs gegen einen Siegelfälscher 
vom J. 1364 findet sich in Klose's Gesch. von Breslau II, 222 — 236; vgl. 
auch Zeitschr. f. Schles. Gesch. XI, 171—187. XII, 231, u. ausführlich 
H. Grotefend über Sphragistik (1875) S. 32—54. Zeitschr. f. Lüb. Gesch. 
III, 366. 367. Vgl. auch das Bekenntnifs einer Nonne im Kloster Remse 
bei Waidenburg von 1512, die einen Brief mit dem Schönburgischen 
Siegel hatte hergeben müssen, um damit einen anderen zu fälschen. 
Archiv f. Sachs. Gesch. III, 214 ff. Die Franciscaner zu Seuselitz in 
Thüringen mifsbrauchten 1288 das ihnen anvertraute Siegel Heinrichs 
des Erlauchten zu einer Fälschung, Winter, Cisterz. II, 128. 



Fälschungen. 343 

und beantwortet hatte, versclilofs er die Rollen wieder: dxa 
xareiXijöag avd-K; xal öt]fi7]vdfievog djtedlöov. Von einem in 
diesen Künsten vorzüglich geübten und geschickton Abte erzählt 
Boncompagnus. ^) Doi-selbo beschwert sich auch bitterlich 
über Betrüger, welche von seinen Schriften den Namen ab- 
kratzten mid sie in den Rauch hingen, um ihnen den Schein 
des Alters zu geben: Bogo illos ad quonim manus hie liber 
pervenerit, quatmus ipsiim dare non velint meis aemulis, qui 
raso titulo me quinqiie saliitationnm tabulas non conipostiissc 
dicehant, et qui mea consiievenint fumigare dictamina, ut per 
fumi ohtenehraiionem a mtdtis retro temporibtis coniposita vide- 
rentiir, et sie miehi sub quodam seeleris genere nieam gloriam 
auferrent, *) 

Der Dominicaner Giovanni Nanni, bekannter als Annius 
von Viterbo, soll, wie in neuester Zeit Constantin Simonides, 
seine Fälschungen vergraben, und später bei gelegener Zeit 
entdeckt und aufgegraben haben. ^) So waren schon in alter 
Zeit die angeblichen Bücher des Numa vergraben worden.*) 

Allgemeine Regeln für die Kritik von Fälschungen aufzu- 
stellen, hat wenig Wei1»h; es müssen eben alle Umstände der 
schärfsten Prüfung unterworfen werden, und wo kein Original 
vorliegt, ist paläographische Kritik nur selten noch anzuwenden. 
Zwei Umstände aber möchte ich hervorheben, welche bei vielen 
Fälschungen zutreffen. Die Verfertiger derselben waren nämlich 
oft mit den Gebräuchen der fernen Vorzeit, in welche sie ihre 
Producte verlegen wollten, ganz unbekannt, und verfielen des- 
halb auf beliebige ungewöhnliche und auffallende Umstände, 
welche den Schein des hohen Alters geben sollten, aber nur 



*) Quellen zur Bayer. Gesch. IX, 144. 

*) Bei Rockinger in den Sitzungsberichten der Münchener Akademie 
1861, 1, 145, mit noch einer ganz ähnlichen längeren Stelle, worin er u. a. 
sagt: Coniuro per omnipotentem furtivos depilatores, ne ahrasis titulos 
ipsos excorient, sicut quidam meos alios libros turpiter excoriarunt 

^) Mabillon, Iter Ital. p. 156. lieber Simonides s. oben S. 264 und 
F. Ritschi, Aeschylus' Perser in Aegypten, ein neues Simonideum, Berichte 
der k. Sachs. Ges. d. W. 1871 S. 114—126. 

^) Liv. XL, 29. Vgl. auch oben S. 43. 



344 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

die Unwissenheit des Fälschers ven*athcn. Ferner ist sehr 
häufig, weil man eine legitime Herkunft nicht angeben koiuite, 
die Auffindung mit fabelhaften und unwahrscheinlichen Um- 
ständen verknüpft, welche allein schon geeignet sind Verdacht 
zu erregen. Einige Beispiele mögen das erläutern. 

Von dem schon in alter Zeit gefälschten Dictys Creten- 
sis wird in dem Prolog behauptet: de toto hoc hello sex Vo- 
lumina in tilias digessit ])lioeniceis litteris. Diese läfst er dann 
mit sich begraben, wo- sie verborgen bleiben, bis sie zur Zeit 
des Kaisers Nero entdeckt werden. 

Das angebliche Original einer Urkunde Otto's I von 964 
(Stumpf 343) im Wiener Staatsarchiv ist mit rother Dinte ge- 
schrieben. Einen so groben Fehler wufste Herzog Rudolf IV 
von Oesterreich zu vermeiden, als er sich um 1359 seine 
Freiheitsbriefe verfertigen liefs, deren äufsere Erscheinung selbst 
Kenner getäuscht hat; aber in der Urkunde von Heinrich Vi 
(Stumpf 2563), durch welche die schönen Privilegien Cäsar's 
und Nero's bestätigt werden, ist es ihm doch begegnet zu 
sagen, dafs diese ex lingiia paganorum in die lateinische 
Sprache übersetzt seien. Diese Monstra gaben bekanntlich 
Petrarca zu der ersten Leistung sorgsamer Urkundenkritik im 
Mittelalter Anlafs. ^) 

Der ehrgeizige Erzbischof Hinkmar von Reims, von 
dem es nicht zu bezweifeln ist, dafs er für seine Bestrebungen 
auch Fälschungen nicht verschmäht hat, verfafste eine Vita S. 
Remigii und eine Vita b. Sanctini, welche unglaubliche und 
älteren Quellen unbekannte Dinge enthalten. Um nun diese 
wahrscheinUch erscheinen zu lassen, behauptet er, in seiner 
Jugend von Greisen gehört zu haben, dafs sie noch einen 
Ubrum maximae guantitatis, manu antiquaria scriptum, über 
das Leben des heil. Remigius gekannt hätten, der vernachlässigt 
wurde, weil man zum kirchlichen Gebrauch das kürzere Leben 
von Fortunat hatte. Lizwischen wurden durch die Bedrückung 
unter Karl Martel die Cleriker gezwungen sich Geld zu ver- 



Jos. Berchtold, Die Landeshoheit Oesterreichs (1862) S. 32 führt 
noch einige Fälle staatsrechtlicher Fälschungen an. 



Fälschungen. 345 

dienen, welches sie in cartis et librorum foliis interdum liga- 
baut. So kam es, dafs der grofe Codex partim stillicidio putre- 
f actus, partim a soricihus corrostis, partim foUonmi abscisione 
divistis, in tantum deperiit, ut paiica et dispersa inde folia 
vix rejyerta fiierint. Hinkmai* will nun in diversis pitaciolis, 
in antiquis scedtdis, allerlei noch gefunden haben, was er mit 
der mündlichen Ueherliefeining verbindet.^) Ganz ähnlich be- 
ruft er sich in der Vita Sanctini darauf, dafs ihm in seiner 
Jugend ein längst verstorbener Abt des Klosters des h. Sanctinus 
zu Meaux quaterniuncidos valde contritos, et qiiae in eis scripta 
fuerant paene deleta, die er aufgefunden, übergeben habe, um 
sie zu entziffern und in nova 2>ergamena umzuschreiben. Da 
inzwischen das Kloster von den Normannen vei'wüstet sei, so 
bezweifle er, dafs jene Al)schrift noch vorhanden sei; er hal)e 
aber eine zweite für sich genommen.*) Diese Geschichten sind 
an sich nicht unmöglich, aber der Inhalt der Schriftstücke 
läüst keinen Zweifel daran übrig, dafs wu* es hier mit einem 
Kunstgriff zu thun haben, der sich häufig wiederholt und dessen 
Vorkommen schon allein hinreicht Verdacht zu erregen. Wir 
finden denselben in der Von^ede des Abtes Odo von Glan- 
feuil zu der übel berüchtigten Vita S. Mauri, angeblich von 
dessen Schüler Faustus. Odo will nämlich im Jahr 863 auf 
der Flucht vor den Normannen mit Pilgern zusammengetroffen 
sein, deren einer in seiner sportula die Handschrift aus Mont- 
Saini^Michel mitgebracht hatte: qiiaternitmculos nimis paene 
vetustate consumptos, antiquaria et obtunsa olim eonscriptos 
manu, Odo findet darin das Leben des h. Benedict mid seiner 
fünf Schüler Honorat, Simplicius, Theodor, Valentinian und 
Maurus; er kauft ihm die Blätter ab, und quia tarn, inculto 
sermone quam vitio scriptorum depravati videbantur, schreibt 
er das Leben des h. Maurus ab, indem er es zugleich über- 
arbeitet. Von dem übrigen Lihalt der Handschrift hat nie 
etwas verlautet. Den Verdacht, welchen diese ganze Geschichte 



*) Acta SS. Oct. I, 151. üebrigens verweise ich auf die in meinen 
„Deutschlands Geschichtsquellen" angeführten Stellen. 
2) Acta SS. Oct. V, 587. 



346 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

hervorruft, bestätigt der Inhalt, und man sollte deshalb die 
schon von Papebroch aufgegebene Legende billig nicht mehr 
benutzen. 

Nicht besser steht es mit der Vita S. Fridolini. Balther, 
Mönch in Säckingen, will das schmerzlich vermifste Leben des 
Stifters in einem andern auch von Fridolin gestifteten Kloster 
gefunden haben. Es mitzunehmen wurde ihm nicht erlaubt, 
et incaustum seit metnhrana non affuit! Da bleibt ihm denn 
nichts anderes übrig, als es, so gut es geht, dem Gedächtnifs 
einzuprägen und zu Hause aufzuschreiben. Nieraals aber ist 
von der angeblichen Urschrift etwas an den Tag gekommen, 
deren Existenz daher Stalin mit Recht bezweifelt, während 
Mone keinen Grund dazu finden konnte. 

Ebenso wird es sich mit den Nachrichten verhalten, welche 
der Verfasser der Vita SS. Eucharii, Valerii et Materni 
in der Asche der verbrannten Stadt Trier gefunden haben will; 
Haec de gestis sancforum patrum post excidium Trevericae ur- 
bis reliquias cineris diligentius perscriitantes sparsis in carttdis 
scripta invenimus.'^) Besonders ergötzlich aber ist, was man 
in St. Alban's von der Auffindung der Passio S. Albani er- 
zählte. Abt Eadmer, so berichtet Matthaeus von Paris, machte 
Nachgrabungen in den Ruinen der alten Römerstadt Verulam, 
und da fand man in cuiusdam muri concavo deposito, qtuisi al- 
mariolo, cum quibusdam minoribiis libris et rotulis cuiusdam 
codicis ignotiim volumen, quod parum fuit ex tarn longaeva 
mora demolitum, Ciiius nee litera nee idioma alicui tunc in- 
vento cognitum prae antiquitate fuerat; venustae tamen formae 
et manifesfae literae fuerat (sie). Quarum epigrammata et ti- 
tuli aureis literis fulserunt redimiti, Ässeres querni, ligamina 
serica pristinam in magna parte fortitudinem et decorem reti- 
nuerunt,^) Es gelingt endlich einen lu-alten Priester aufzu- 
treiben, der darin die Schrift und Sprache der alten Britten 
erkennt; der Abt läfst die Schrift übersetzen, und nachdem 
das geschehen ist, zerfällt die Handschrift in Staub: exempkr 



^) Friedrich, Kircheogeschichte Deutschlands I, 93. 
^) Vitae S. Albani abb. p. 41 ed. Wats. 



Fälschungen. 347 

primitivum ac origmale, qtiod mirum est didu, irrestaurabilitcr 
in pulverem siihito redactum, cecidU annullatum. G. Henschcn^) 
hatte seine Zweifel bei dieser Erzählung; Merryweather aber 
schreibt sie ganz gläubig nach.*) 

Der Legende des h. Valentin und anderer angebUch 
in Gräbern gefundener Bleitafeln wurde schon oben S. 44 ge- 
dacht. Einer anderen Erfindung bediente sich 1494 Joh. Birk, 
Rector der Stiftschule zu Kempten, für seine fabelhafte Grün- 
dungsgeschichte des Klosters, welche er einem angeblichen 
Kanzler Kaiser Ludwigs, Gotfridus de civitate Marsilia, unter- 
schob. Feliciter scripta, heifst es da, sub Castro Hylemont in 
Ltidovici Pii imperatoris Cancellaria a. d, 832. Exemplar ficit 
scriptum Campidonae pro liheraria super cortice vilmio cad^co 
in multis passibus vetustate prae nimia.^) Was für eine Rinde 
sich der Fälscher unter diesem Ausdruck vorgestellt habe, ist 
unklar und gleichgültig; es mag aber bei diesem Anlafs be- 
merkt werden, dafs manchmal in älteren Beschreibungen von 
cortex und Charta cmiicea die Rede ist. Der Nouveau Traite 
enthält eine sehr ausführliche Untersuchung darüber. In der 
Regel wird bei solchen Ausdrücken an Papyrus zu denken 
sein, aber auch die bekannten Wachstafehi in Pistoja mit 
den Rechnungen König Philipps IV von Frankreich wurden 
nach Mabillon's Angabe von dem Besitzer für Baumrinde ge- 
halten.*) 

Bei Rüxner, dem Verfasser des berüchtigten Turnier- 
buches, finden wir wieder die charakteristische Angabe, dafs er 
ein Original aus der sächsischen Sprache ins Hochdeutsche 
übersetzt, der Besitzer es aber dann auf seinen Wunsch ins 
Feuer geworfen habe.^) Ein Italiener Alfons Cocarelli 
legte sich zur Zeit Pius V ein Magazin erdichteter Urkunden 



») Acta SS. Jun. IV, 146. 

*) Bibliomania p. 170. 

*) B. Pez, Thes. I. p. XIII; vgl. Büdinger: Von den Anfängen des 
Schulzwanges (Zürich 1865) p. 33, wozu nur zu bemerken ist, dafs der 
Vf. der Geschichte von Kempten Haggenmüller heifst. 

*) Iter Ital. p. 192. Vgl. oben S. 89. 

«) Waitz, König Heinrich I, S. 253. 



348 Weitere Behandlung der Schriftwerke. ^ 

und Chroniken an, welche sich durch gezierte und scheinbar 
alte Schrift verrathen.^) Die rothen Buchstaben als vermeint- 
liches Zeichen des Alterthums finden wir wieder in dem Chron. 
Maceriense, welches 1768 zur Verherrlichung der Hemii 
von Poulli verfertigt wurde, angeblich CoUationne et irouve 
conforme de niot ä autre sur Vorigindl ilanuscrit en velin ecrit 
en lettres rouges.^) Unglaubliche Geschichten, um das Ver- 
schwinden der Originale und die Rettung von Abschriften zu 
erklären, muthet uns Pratillo zu glauben zu^), und in ganz 
ähnlicher Weise Hanthaler, der Erfinder des Ortilo und des 
Pernold. 

Dergleichen Wahrnehmungen müssen natürlich auch in 
analogen Fällen Verdacht erregen. Es ist z. B. sahr auffallend, 
wenn, nachdem die alten serbischen Lieder bekannt geworden 
sind, die nun auftauchenden altböhmischen Denkmäler 
theils anonym mit der Post ankommen, theils unter alten 
Pfeilspitzen in einem Thurmgewölbe, allein von Hanka, gefun- 
den werden, wenn die Dinte bald gelb bald grün ist, die Schrift 
so seltsam, dafs man sich durch die Erfindung einer eigenen 
böhmischen Schreibschule, ausschliefslich für diese Produete, 
helfen mufs. Und diese Umstände wiegen um so schwerer, da 
notorische Fälschungen in genauestem Zusammenhange mit 
jenen angeblichen Entdeckungen stehen. Die Königinhofer 
Handschrift theilt mit Libuscha's Gericht die Eigenthümlich- 
keit, dafs das unten durchstrichene p gegen den constauten 
Gebrauch des Mittelalters nicht nur per, sondern auch pre und 
pri bedeutet.*) Dasselbe Kennzeichen eines unwissenden Fäl- 
schers, nur in noch viel gröfserer Ausdehnung, bieten uns auch 



^) „II est ecrit d'une encre pale, et dont les lettres ä demi- 
efacees, montrent un faux air d'antiquite. Tout le reste est dans le 
meme gout, pages dechiräes, marges usees, traits forces, caracteres irre- 
guliers, lettres diversement figurees, lignes courböes en des sens dife- 
rens, la nature par-tout sacrifiöe ä une afectation qui se trahit." Nouveau 
Traitö VI, 201. 

^) Archiv f. alt. d. Geschichtskunde XI, 211. 

3) ib. IX, 7—9. 

*) Julius Feifalik, üeber die Königinhofer Handschrift (1860) S. 108. 



Fälschungen. 349 

die Pergaracne d' Arborea, deren Zurückweisung durch die 
Commission der Berliner Akademie^) für die gelehrte Welt mm 
wohl endgültig sein wird. Wir finden bei diesen auch den 
auffallenden Umstand, Hak der Name des Sigiior Pillito, von 
welchem die Pergamente herrühren und der die ungewöhn- 
lichen Abkürzungen so treffend zu enträthseln versteht, sich 
schon in den ältesten Documenten findet. Jaffe, von dem die 
paläographische Kritik herrührt, hebt auch hervor, in wie 
augenfällig künstlicher W^eise das schnmtzige Ansehen erzeugt 
ist, welches nelien den erborgten Schriftzügen die Bestinunung 
hat, die jungen Werke alt erscheinen zu lassen; wie die Blät- 
ter ganz oder nur ihre Ränder in maimigfache Flüssigkeiten 
eingetaucht, wie über gröfsere und kleinere Abschnitte fliefsen- 
der oder zäher Sclmiutz, sei's ergossen, sei's ausgespritzt, sei's 
auf- und niedergestrichen worden ist. Durchweg ist diese 
mustergültige Kritik ein ebenbürtiges Seitenstück zu der fiü- 
heren über das Schlummerlied.^) Zu dieser habe ich nur 
noch hinzuzufügen, dafs der Pergamentstreifeu nie zu einer 
Bücherhandschrift gehört hat, sondern von einer italienischen, 
vielleicht päbstlichen Urkunde herrührt, wie die braunrothe 
gestrichelte Färbung der Rückseite zeigt. Die geglättete weifse 
Vorderseite ist verwaschen, die Dinte deshalb ausgelaufen. 



^) Monatsbericht vom Januar 1870 S. G4— 104. Auf eine Entgeg- 
nung von F.. Carta und E. Mulas im Propugnatore von 1872, S. 77 — 103, 
antwortete Gaston Paris in der Zeit sehr. Romania 1872 S. 264. Nach- 
richten über andere Handschriften de fahrication Sarde in Siena und 
Florenz finden sich in: Delle carte di Arborca e dclle poesie volgari in 
esse contenute, esame critico di Girolamo Vitelli, preceduto da una let- 
tera di Alessandro d'Ancona a Paul Meyer, Bologna 1870 (aus dem Pro- 
pugnatore). 

2) Ilaupt's Zeitschrift f. deutsches Alt. XIII, 496—501. 



350 I^ie Schreiber. 



V. 
Die Schreiber. 

1. Benennungen im Alterthum und Mittelalter. 

Bei den Griechen war YQafffiarsvg die Bezeichnung eines 
Staatsamtes. Früh schon bildeten sich die Stenographen aus, 
6^VYQdq)ot, ö?]fieioYQdq)oty TaxvyQdq)oc , auch mit lateinischem 
Namen vordQLoi genannt. Diese schrieben auch die Urkunden; 
für Bücher aber gab es eigene ßißXiOYQd(pot oder xaXXiYQdq)Oi. 
Der Kaiser Theodosius II (f 450) wird von späteren Chroni- 
sten mit dem Beinamen xaXXiYQdtpog bezeichnet.^) Eine eigene 
Abtheilung bildeten die XQ^^^7Q^9^oi. 

Das Verhältnifs der Tachygraphen und Kalligraphen zu 
einander zeigt uns recht deutlich die «chon oben S. 266 er- 
wähnte Geschichte des Origenes. Eusebius (Hist. eccl. VI, 23) 
schreibt: TaxvYQdtpoc y^Q «^^^5 jtXdovg i] iütrd rov aQcd'fiov 
jtaQTJöav vjtaYOQevovTi, XQ^^^^^ rtraYfiiroig dXXijXovg dfislßov- 
XEg, ßißXtOYQdq)Ot rs ovx ijrrovg afia xal xoQatg tjtl ro xaXh' 
YQaq)tlv rjöXTjiiivaLg. Photius (Cod. 121 p. 162) sagt irrthüm- 
lich von Hippolytos statt von Ambrosios, dafs er ihn veran- 
lafst habe die h. Schrift zu commentieren, fc/xarccöT^öa^ aim 
xal hüiOYQCi(piag tJtxd raxvYQdtpovg xal treQovg roöpvrovg yga- 
g)ovzag dg xdXXog. Georgius Cedrenus schliefst dieselbe Er- 
zählung mit den Worten: 6 öe sjtl öxoXfjg Y^^ofisvog vjtrjffo- 
QBVös roTg rax^YQ^^^^'if ^^^ ^^ ßißXiOYQdg)oc övv ywai^v 
SYQcc^op xaXXtYQafpBiv i^fjöxrjfievoc (1. e§fjöxfjfievatg). 

Eusebius (V. Constantini IV, 36) berichtet von dem ihm 
gewordenen Auftrag, für die in Constantinopel neu erbauten 
Kirchen Bücher anfertigen zu lassen vjto rexPtTcov xaXXiyga- 
g)a)V xal dxQißmg t^v Ttxv?]V tjtLöxa^ivcov. 

Später aber verwischt sich der Unterschied, und auch No- 
tare schreiben Bücher. Die Geistlichen, und vorzüglich die 



Joel p. 170. Glycas p. 860. Vgl. 0. Jahn, Subscriptionen S.34i 



Benennungen im Alterthum und Mittelalter. 351 

• 

Mönche, haben auch im Orient sich sehr viel mit Bücher- 
sclu-eiben beschäftigt, aber doch nie so ausschliofslich wie im 
Abendland, nnd bei der gröfseren Verl)reitung herkömmlicher 
Schulbildung erreichte dort auch die Unwissenheit der Schrei- 
ber niemals einen so hohen Grad. 

Ephraim der Syrer (t 378) freilich scheint die Kalli- 
graphie zu den ausschliefslich mönchischen Beschäftigungen zu 
rechnen; denn wählend er sonst in der 48. Paraenesis die 
Laien, welche dieselbe Kunst trieben, ihnen gegenüberstellt, 
sagt er hier: xakXiyQatpog tQydCu; (ii'CL^dyi^Oai Tovg xXdöxaq 
xcd kbJtTovQyovg. Doch erhielt sich der Stand der Kalligraphen 
unter den Laien; die Wissenschaften gewannen unter den Ma- 
cedoniern und unter den Komnenen neues Leben, und classische 
Autoren wurden in musterhafter Weise a})geschrieben.^) 

Athenaeus p. 673 E spricht von einem övyyQaftfici, ojtf^Q 
vvv bP Ti] ^Pdfiii tvQOfJtv JiaQa ro) dvrtxoxxvQa AfififjTQtw. 
Dieser sonst nicht vorkommende Ausdruck ist, wie Schweig- 
häuser vermuthet, vielleicht eine Entstellung des lat. Wortes 
antiquarius, 

Montfaucon S. 39 ff. giebt ein Verzeichnifs der ihm be- 
kannt gewordenen Namen griechischer Abschreiber. Der älteste 
(zweifelhafte s. S. 66) ist von 759, der nächste von 890. Der 
Oxforder Plato wurde 896 für den Diaconus Arethas von Patras, 
später Erzbischof von Caesarea in Cappadocien, abgeschrieben, 
welcher sich auch 889 den Euclid, 914 theologische Werke ab- 
schreiben liefs, dui'ch den Kalligraphen Johannes, den Cleriker 
Stephan und einen Notar. ^) Im 15. Jahrh. kann man in diesen 
Unterschriften deutlich verfolgen, wie zuerst Kreta noch eine 
Zuflucht darbietet, dann in Italien griechische Abschreiber sich 
niederlassen.^) Rülirend lautet die Unterschrift: McxaijXog 



*) 8. G. Bernhardy, Grundrifs d. Griech. Litt. § 88—90. 

*) Schanz, Novae Commentationes Platonicae p. 105 ss. Facs. bei 
d. Ausg. des Euthydemus. Der Kalligraph erhielt 13 Byzantier. 

^) Ein Verzeichnifs lat. Kalligraphen und Miniatoren von Vogel im 
11. und 12. Band des Serapeum kann wohl als werthlos bezeichnet wer- 
den. Die Münchener Handschriftencataloge enthalten Register der 
Schreibernamen. 



352 Die Schreiber. 

'ijtoöTüXijQ BcZdrrio^ f/era rt/r rfig, tavtov jtaxQiöog aXootr 
jtsria öv^ojv xia rodf^ to ßt^^Xiov Iv Kq/jtij f/era jtoXXa alk 

Lateinisch unterschied man in gleicher Weise den seriha 
vom llbrariuSj Script or oder antiquarius, und vom notarm 
oder tabellio. In Diocletians Edict de pretiis rerum venalium 
vom J. 301 finden wir die Bestimmungen : 2) 

scriptori in scriptura op)tima versus numero C. den. XXY. 

sequentis scriptturae versuum numero C den. XX. 

tahellioni'^) in scriptura lihelli vel tdbularum in versibus nu- 
mero C. den. X. 
Und für den Unterricht: 

notario in singuUs pueris menstruos den. LXXV. 

librario sive mvtiquario in singulis disdpulis menstruos den. L 
Aber auch hier schrieben Notare Bücher, wie sich aus 
dem oben S. 269 angeführten Briefe des Hieronymus an Lu- 
cinius ergiebt. Auch an dessen Wittwe schreibt er*), dafs Lu- 
cinius missis sex notariis (quia in hac provinda Idtini serwo- 
nis scriptorum pemiria est) describi sibi fecit quaecunque ab ado- 
lescentia usque in praesens tempus dictavimus. Derselbe schreibt 
an Augustin: ^) Gr andern latini sermonis in ista provinda no- 
tariorum patimur penuriam, et iccirco praeceptis tuis parere 
non possumus, maxime in editione LXX, quae asterisds veru- 
busque distincta est. Hier scheint doch kaum eine spätere 
Umschreibung durch Kalligrapl\en noch beabsichtigt zu sein; 
wohl aber bei der Uel)ersetzung der Chronik des Eusebius, für 



^) Zanetti, Graeca Divi Marci Bibl. p. 132 cf. 200. Miller, Catal. 
des Manuscrits Grecs de TEscurial (1848) S. 69. Daselbst ähnliche aus 
späterer Zeit. Vgl. auch Mazd^alov K. llagarixa oxe^iaa/xa negi r^i 
kv TW '^EkkTjvixip bS^vfi xaraordoecog xwv yQafifidzüDv djtb aX(oaso}q Ktov' 
OTavTivovnoXewq (XkXQi 'cuiv olqx^v '^^Q evsarojOTjg kxatövtastijQlSö^, 
Konst.^ 1867. Darin S. 195 ff. eine Zusammenstellung der im Ausland 
beschäftigten Schreiber, doch fast nur aus Miller's eben angeführ- 
tem Buch. 

^) Nach dem Text von Th. Mommsen im Corpus Inss. III, 2, 831. 

^) fehlerhaft geschrieben tabellanioni. 

*) ep. 75, 4. Opera ed. Vall. I, 451. 

ß) ep. 134. Opp. I, 1037. 






Benennungen im Alterthüm und Mittelalter. 353 

deren Mängel Hieronymus um Entschuldigung bittet, cum et 
notario ut scitis velocissimc dictaverim. 

. Merkwürdig ist, wie Johann von Tilbury dem Hieronymus 
nachrechnet, dafs er die Uebersetzung des Buches Judith in 
einer lucuh'atiuncula, wie er selbst sagt, vollendete und dic- 
tierte; er setzt dafür 6 Stunden an, in welchen also seine No- 
tare schrieben, was auf 8 foliis magnae capacitatis, ut pote 
historialibus, stand. Diesen Ausdruck hat er auch schon vor- 
her gebraucht.^) 

Nachschreibende Notare finden wir auch noch später. In 
der Vita Prisciani bei H. Hagen, Anecdd. Helvett. p. clxix 
steht: Non a Prisciano scriptum, sed dictatum, quoniam eo 
dictante Flavius Tlieodorus eius discipulus, bo^ius scholasticus 
et notccrius, scripsit. Richtig scheint das freilich nicht zu sein, 
da nach den Subscriptioncn Theodor, wenn er auch Kanzlei- 
beamter war, doch vorher antiquarius genannt wird und kalli- 
graphische Abschriften herstellte. Freilich wird er den Nota- 
ren gleich zu achten sein, welche Cassiodor^) von den gewöhn- 
lichen Abschreibern unterscheidet; Hieronymus hatte, wie er 
berichtet, für die simplices, welche die distinctiones nicht ken- 
nen, seine Uebersetzung per cola et commata schreiben lassen: 
das behält er bei, läfst aber die anderen Bücher durch Notare 
genau durchsehen und verbessern (oben S. 270). Von diesen 
sagt er: Qui etsi non potuerint in totum orthographiae minu- 
tias custodire, emendationem tarnen codicum antiquorum, ut 
opinor, adimplere modis omnibus festindbunt. Habent enim scien- 
tiam notarum suarum, quae ex maxima parte hanc peritiam 
tangere atque admonere noscuntur. 

Dafs diese Kenntnifs und Uebung sich bei ihnen lange er- 
hielt, haben wir schon gesehen, und die für Hildebald von Cöln 
geschriebenen Handschriften zeigen es sehr anschaulich. Auch 
Alcuin hatte dergleichen Notare zur Verfügung, denn er er- 
zählt in der Vorrede zur Vita Richarii, dafs er vocato notario 
die alte Biographie überarbeitet habe: dictatu admodum com- 



^) Val. Rose im Hermes VIII, 320. 

^) Praefatio instit. div. litt. II, 538 ed. Garet. 

Wattenbach, Sehriftwejen. 2. Aufl. 23 



354 l^ie Schreiber. 

pendioso titulo vitae Richarii aptavimus,^) An diese Worte 
klingt die Inschrift einer Engelberger Handschrift des 12. Jahr- 
hunderts an: 

Hie Augustini liber est (simul) atque Frowini: 
Alter dictavit, alter scribendo notavit.^) 

Allein hier ist der h. Augustin als Verfasser gemeint, 
Frowin nur der Abschreiber. Dagegen soll in der grolsen 
Bilderbibel wirklich Abt Frowin dargestellt sein, wie er dem 
Schreiber Eichene dictiert.^) Otto von Freising sagt von sei- 
nem Notar Ragewin: qui hanc historiam ex ore nostro sah- 
notavit, und Günther 1212 klagt über den Kopfschmerz, der 
ihn peinigt, ut verba inventa notario vix possim exprimereJ) 

Die Notare erhielten sich in Italien als Stand, und haben 
sich von da aus auch nach anderen Ländern verbreitet. Manche 
Rechtshandschriften, welche sich vom achten bis zehnten Jahr- 
hundert auffallend von der feineren Bücherschrift unterscheiden, 
mögen von ihnen herrühren, so wie auch die Urkundenschrifl 
bis in Ludwigs des Frommen Zeit, in Italien weit länger, von 
der karolingischen Reform unberührt blieb. Wir haben oben 
S. 90 gesehen, wie der Pabst 972 seinen Notar rief, um eine 
Bulle zu schreiben.^) Die Notare waren es eben, von welchen 
die so lange festgehaltene Schrift der päbstlichen Bullen her- 
rührte, die man deshalb scripta notaria nannte. Nachdem man 
davon abgegangen und auch Papyrus nicht mehr zu haben 



^) Gedr. u. a. bei Jaffö, Bibl. VI, 756. 

*) Rahn, Gesch. d. bildenden Künste in der Schweiz I, 307 aus 
V. Liebenau, Versuch einer urkundl. Darstellung von Engelberg (1846) 
Seite 34. 

^) Kahn a. a. 0., wo auch ein schreibender Evangelist abgebildet 
ist, wie gewöhnlich das Buch mit dem abgerundeten Messer haltend 
(oben S. 230). 

*) de orat. XII, 1. Forschungen XIII, 285. 

**) Ich trage bei dieser Gelegenheit eine Stelle der Petershauser 
Chronik I c. 27 (MG. SS. XX, 633) nach, auf welche Herr Dr. W. Arndt 
mich aufmerksam macht: Privilegium monasterii in biblis primüus 
scriptum, quod et hactenus est in monasterio conservatum. Es ist eine 
Bulle von 989. 



Benennungen im Altcrthum und Mittelalter. 355 

war, entstanden die zahlreichen Fälschungen, welche nament- 
lich Innocenz III so eifrig verfolgte. 

In späterer Zeit finden sich Notare, vorzüglich in Florenz, 
sehr häufig als Buchschreiher; einer entschuldigt sich 1323, 
Et si pulcras licteras non feci, saltem ad intellectum quam 
melius potui scripsi (Bandini I, 651). 

Auch die chartularii waren Kanzleiheamte, kommen aber 
zuweilen als Buchschreiber vor. In der Lebensbeschreibung 
Arnest's, des ersten Erzbischofs von Prag, heifst es, dafs er 
immer zwei bis drei cartularii mit Abschreiben von Büchern 
beschäftigte. 

Den Ausdruck antiquarius sahen wir schon in Diocletians 
Edict gleichgesetzt mit Uhr ar ins, Ilieronymus sagt ep. 5: 
habeo alumnos qui antiquariae arti serviant. Ein Glossar 
erklärt: antiquarius (XQxaioyQaqjog , xaXXtyQdq)og , antiquare 
xaXXiyQaq)Fiaai, Isidor Origg. VI, 14 sagt: Lihrarii iidem qui 
et antiquarii vocantur, sed lihrarii sunt qui nova et veter a 
scribunt, antiquarii qui tantummodo vetera, unde et nomen 
sumpserunt. Eine ganz absurde Erklärung, die nur, wie so 
viele andere, von oberflächlicher Etymologie hergenommen ist. 
Allerdings werden die Antiquarien ihren Namen daher haben, 
dafs sie sich auf ältere Schriften verstanden und diese ab- 
schrieben, allenfalls auch in ähidicher Weise ergänzen konnten, 
und zuweilen findet sich auch in der Anwendung des Wortes 
eine Beziehung darauf; so im Cod. Theodos. 1. XIV tit. IX c. 2 
de studiis liberalibus urbis Romae, einem Gesetz der Kaiser 
Valentinian, Valens und Gratian von 372: Antiquarios ad bi- 
bliotheeae eodiees coniponendos vel pro vetustate reparandos 
quattuor graeeos et tres latinos scrihendi peritos legi iubemus. 
Auch die vier antiquarii, welche nach Cod. Justin. 1. XII 
tit. 19 1. 10 iw scrinio memoriae habentur, werden wohl mit 
alter Schrift vertraut gewesen sein. Gewöhnlich aber bedeutet 
antiquarius einfach einen Bücherschreiber, und ist gleichbedeu- 
tend mit librarius. 

So sagt Augustin, Sermo 44: qui videt litter as in codiee 

optime Script 0, laudat quidem antiquarii manum, admirans 

apicum pulcritudinem .... Ausonius entschuldigt sich ep. 16 

23* 



356 I>ie Schreiber. 

ad Probum, dafs er die Bücher jetzt erst scliicke, ohlata per 
antiquarios mora, Sidonius ApoUinaris aber scheint sein eigener 
Schreiber gewesen zu sein, indem er ep. IX, 16 schreibt: Festi- 
nus exscripsi, tempore hiherno nil retardatus quin actufum iussa 
eomplerem, licet antiquarium moraretur insiccdbiUs gelu pagim 
et calamo durior gutta, Cassiodor de institutione divinarmn 
htterarum handelt c. 30 de antiquariis,^) deren Beschäftigung, 
wenn sie heihge Schriften correct abschreiben, er sehr preist: 
tot vidnera, sagt er, Satanas accipit, quot antiquarius Dammi 
verha descrihit; er braucht das Wort ganz gleichbedeutend mit 
lihrarii. Wir gedachten schon jenes Tlieodorus antiquarius in 
Constantinopel, welcher 527 memorialis sacri scrinii epistola- 
rum geworden war. 2) Im J. 551 tadelte Pabst Vigilius den 
Bischof Theodor von Mopsuestia: qui domi tuas sedens anti- 
quarios pretio caro conducens ea . . . . conscripsisti, ^) Gregor I 
erwähnt Diall. I, 4, dafs jemand, der einen Abt in seinem 
Kloster suchte, antiquarios scrihentes reperit, was in der grie- 
chischen Uebersetzung des Pabstes Zacharias sehr frei wieder- 
gegeben ist: Tovg röjv döeXg)(5v jtQovxorrag Iv rf] fiorij xal- 
XiyQafpovvrag d-eaöafiwog. Ein antiquarius Eutalius findet 
sich unter einer Handschrift der Capitularbibliothek in Verona, 
welche ins 6. Jahrhundert gesetzt wird/) Eine Handschrift 
des Orosius, welche dem 7. Jahrhundert zugeschrieben wird, 
hat die Unterschrift: confectus codex in statione Viliaric antv- 
quarii.^) Er war ohne Zweifel ein Gothe, da sich unter den 
Unterschriften einer Ravennater Urkunde von c. 551 ein Vü- 
jarip hoJcareis unter dem Clerus der Gothenkirche befindet/) 



^) Es ist besonders abgedruckt bei H. Hagen, Anecdd. Helvett. 
p. CXLI (Grammatici Latt. ed. Keil, Suppl. 1870). 

^) 0. Jahn über die Subscriptionen S. 355. Mit ihm ist der Kaiser 
Theodosius II verwechselt bei Aldhelm (A. Mai, Auctt. class. V, 598) s. 
0. Jahn S. 342 und M. Hertz, Praef. ad Priscianum. 

») Jaffe, Reg. Pontiff. n. 609. 

*) Sitzungsberichte d. Wiener Akad. XIX, 94. 

^) Mab. Dipl. p. 354. 

®) Mafsmann, Die Goth. Urkunden von Neapel und Arezzo, Wien 
1838 f. Der Name auch in einer burgund. Grabschrift, s. Binding, Burg, 
romanisches Königreich S. 402. 



BeneoDuiigeu im Alterthum und Mittelalter. 357 

Im Mittelalter kommt der Ausdnick nicht gerade häufig, 
aber doch immer hin und wieder vor.^) Im Chron. Novali- 
ciense heifst es III, 20 von einem geschickten Schreiber: uM- 
cunque sua nianu antiquaria libros a sc conscriptos inter alias 
invenimus, extimplo recognosdnius, Li demselben Jahrhundert 
schreibt Petrus Damiani an Alexander II: licet ego dictare forte 
quid valcani, deest antiquarius qui transcrihat,^) Im zwölften 
bezeichnet Ordericus Vitalis III, 3 die M(3nche, welche Bücher 
schreiben, als antiquarii und lihrarii, und erzählt weiterhin 
von dem Abt Osbern von S. f]vroul: Witmundo sapienti mo- 
nacho sxipplices iiissit litteras dictare, et Bernardo iuveni co- 
gnoniento Matheo, nobili antiqtiario, diligentcr scriptitare.^) Ist 
hier der antiquarius augenscheinlich nur ein geschickter Schrei- 
ber, so finden wir ihn dagegen als Schriftgelehrten in jener 
merkwürdigen Trierer Stilübung, dem Schreiben Kaiser Frie- 
drichs I an Hillin: Rccolite librarios et pcrctmctamini antiqua- 
rios vcstros, et videte si aicditum sit Imiuscemodi verbum in 
diebus eorum et in diebus anfiquis. Du Gange führt aus den 
Vitis abbatum S. Albani p. 41 die Stelle an: Hie primitus 
antiquariorum domiim abbatis siii itissione rexit, Ubrorumque 
copiam huic ecclesiae contulit. Allein in dem bekannten Werke 
des Matheus Paris, ist die Stelle nicht zu finden. Auch Richard 
von Bury braucht das Wort c. 16, wo er vom Erneuen alter 
Handschriften spricht, mid setzt mit Berufung auf Cassiodor 
hinzu: Sane huiusmodi scriptores antiquarii noniinantur. Er 
scheint das Wort aus gelehrtem Studium, nicht mehr aus leben- 
digem Gebrauch zu kennen; und nicht anders erscheint es bei 
Petrarca, wo er über die Sorglosigkeit der Obrigkeiten klagt, 
welche sich um die Brauchbarkeit und die Kenntnisse der 
Schreiber nicht kümmern: quibus nulla unquam rd huius cura 
fuit, oblitis quid Eusebio Palestinae Constantinus iniunxerit, 
ut libri scilicet non nisi ab artificibus iisque antiquariis et per- 



^) In den oben S. 345 angeführten Worten des Odo von Glanfeuil 
scheint der Begriff des Alterthümlichen darin zu liegen. 

2) Operum Vol. I p. 12. 

3) Opera ed. Le Prevost, Vol. II p. 48. 96. 



358 I^ie Schreiber. 

fede artem scientlhus scribereyitiir,^) Er scheint den Ausdruck 
in seiner Ucbersetzung gefunden und nicht recht verstanden zu 
haben. ^) 

Am häufigsten begegnen uns in den verschiedenen Sprachen 
Ausdrücke, welche von scribere aljgeleitet sind, und analog engl 
writer, böhm. pisarz, Gothisch ist hökareis von nicht ganz 
festgestellter Bedeutung, althochdeutsch puochäri der Schreiber, 
was sich nur in dem Namen liiccher erhalten hat. Weil aber 
lange Zeit fast nur Geistliche schrieben und eine gewisse Ge- 
lehrsamkeit damit verbanden, so finden wir clericus, clerc, cleri, 
gleichbedeutend mit Schreiber; deutsch auch w^ohl pape, pfaff. 
Von Friedrich II sagt die Magdeburger Schöppenchronik: k 
tvas ein gud pape geleret, Dolch ist dieser Sprachgebrauch 
nicht recht durchgedrmigeii, und es überwiegt immer der Be- 
griff der Gelehrsamkeit, was bei clericus in Frankreich und 
England weniger der Fall ist.^) Zu Dante's Worten: cJw tutti 
für cherci e literati grandi bemerkt Benvenuto von Imola: ^ec 
dicas qiiod debeat exponi Cleriei id est Literati ntore Gallicö, 
siciit quidam exponimt, et dicunt quod omnis Liter atus d 
Clericus,^) 

Diesen Sprachgebrauch, nach welchem also der geisthche 
Charakter des Clericus ganz vergessen ist, finden wir doch auch 
in Italieu, wenn es in einer Stelle saec. XV heilst: molto soß- 
cieiite cherico in diverse scienzie. Der Bologneser Poet Johan- 
nes tadelte Dante wiegen des Gebrauches der Volksprache: 



*) De remediis utriusque fortunae Hb. I dial. 43; vgl. oben S. 350. 

*) Der 1480 in Mailand als Käufer einer Handschrift genannte 
Jacöbus antiquarius ist der 1512 verstorbene Staatssecretär, der Name 
Familienname, s. Tiraboschi Tomo VI libro I c. 7. Zweifelhaft ist der 
Federicus veter anus aus Urbino , welcher 1460 die Reime Petrarca's und 
1480 Laur. Valla*s Uebers. der Ilias abschrieb; Vahlen, Laur. Vallae 
Opuscula tria p. 89. Catal. des Manuscrits des Departements I (1849) 
360. Es wird aber ein Eigenname sein. 

^) Auch spanisch schreibt der Infant Don Sancho 1279 an den 
König von England: maestre Juffre, notario del Hey mio padre et mto 
clerigo. Berichte d. Berl. Akad. 1854 S. 631. 

*) Murat. Antt. Ital. III, 340 ed. Aret. 



Mönche als Schreiber. 359 

CanninCy sed laico; cleriis vulgär ia temnit, und eine Glosse zu 
der US erläutei*t: id est litterati.^) 

Aber in Frankreich hiefsen nicht nur alle Studenten und 
Gelehrten elerici, sondern auch alle, welche irgend mit dem 
Schreibei'wesen zu thun und deshalb Theil an den Privilegien 
des Clenis hatten. So handelt ein Statut von Bayeux c. a. 
1250 von clericis eo^imgatis, welche perganieiium, lihros vel 
hiiiusmodi ministeria ad eeclesiam jyertineiitia vendiderint; diese 
sollen steuerfrei sein.^) Die Bezeichnung als elericus coniuga- 
tus kommt häufig vor, wohl zur Unterscheidung von geweihten 
Geistlichen. In der Pariser Steuerrolle von 1292 kommen 53 
clers und 1 clergesse vor, unterschieden von den eserivains; sie 
sind, wie der Herausgober, H. Geraud, nachwieist, schon dar 
mals, wie noch heute, die Gehülfen, Commis, in verschiedenen 
Geschäften. 

In Deutscldand ist umgekehrt der Schreiber jeder littera- 
risch gebildete, wie er in Gedichten so oft dem Ritter ent- 
gegengesetzt wird, oder auch der Schüler, scholaris, schuller, 
ung. deaJc, wie noch in England Scholar der Gelehrte ist. Der 
Herzog von Schlesien bezeichnet 1255 seinen Hofnotai', einen 
Domherrn, als Scolaris noster.^) 

2. Mönche als Schreiber. 

Die christliche Kirche bedurfte von ihren ersten Anfängen 
her geschriebener Bücher, und wenn man sich auch dazu 
häufig professioneller Kalligraphen bedienen konnte, so lag 
doch augenscheinlich ein grofser Vortheil darin, wenn die 
Geistlichkeit sich selbst auf diese Kunst verlegte. Die vorher 
angeführten 'Stellen zeigen freilich, dafs in den ersten Jahr- 
hunderten davon noch kaum die Rede gewesen ist, weil die 



1) Laur. Mehus, Vita Ambr. Traversarii p. 294—297. 320. 

2) Kirchhoflf, Handschriftenhändler S. 76 aus den M^m. des Anti- 
quaires de Normandie II, 6, 326. 

^) Stenzel, Gründungsbuch von Heinrichau S. 37; S. 36: prima Sco- 
lari nostro, magistro Walthero, 



360 I>ie Schreiber. 

bestehende Sitte ganz eingewurzelt war, und die Kalligraphie, 
wie jedes Handwerk, als Lebensaufgabe besonderer PersoDen 
betrachtet wurde. Das früheste mir bekannte Beispiel eines 
Weltgeistlichen als Bücherschreibers ist erst von 517, nämlich 
die Handschrift des Sulpicius Severus von 517 in der Capitular- 
bibliothek zu Verona, scr, per m^c Ursicinum Ic^torem ecclesiae 
Veronensis Agaplto consule,^) Die Schrift ist schon halbuncial, 
und von der kalligraphischen auch jener Zeit bedeutend ver- 
schieden. Später finden wir wohl Weltgeistliche viel in Kanz- 
leien beschäftigt; auch haben sie oft als Lohnschreiber ihren 
;' Unterhalt gesucht. Die eigentlichen Bücherschreiber aber wa- 
ren die Mönche, welche mehr und mehr darin einen sehr 
wesentlichen Theil ihres Berufes fanden. 
A< Hieronymus ep. 125 ad Rusticum monachum (Opp. I, 934) 

empfiehlt diesem verschiedene Beschäftigungen, dai'unter auch, 
jedoch keineswegs vorzugsweise: scrihantur libn. Stärker tritt 
diese Richtung hervor in dem Kloster, welches S. Martin bei 
Tours anlegte; nach der Vita Martini von Sulpicius Severus 
c. 7 schrieben da die jüngeren Mönche, mit Ausschlufs anderer 
Handarbeit, wie sie sonst in Klöstern üblich war: ars ibi ex- 
ceptis scriptorihus niiUa habehatur ,^) cid tanien operi minor 
actas depidabatiir , maiorcs orationi vacabant. Cassiodor ist 
'^'^ derjenige, welcher zuerst in die Klöster die, ihnen bis dahin 
fremden, gelehrten Studien gnindsätzlich einführte, wie Ad. 
Franz richtig hervorgehoben hat.^) Die Mönche des von ihm 
gestifteten Monasterium Vivariense bei Squillace ermahnte er 
ganz vorzüglich zum Abschreiben geistlicher Werke: Ego tarnen 
fateor votum meum, qiiod inter vos quaecunque possiuü corpo- 
reo labore cmnpleri, antiqtmriarum mild studia, si tameti vera- 



V V 6"V' 



*) Facs. bei Ottley, Archaeologia Vol. 26, Tab. VI. n. 10 aus Nouy. 
Traite III pl. 46. Reifferscheid, SB. XLIX, 110 und LIU, 350 hält die 
Handschrift für jünger, die Subscription für mit abgeschrieben, wäh- 
rend Sickel nach wiederholter Einsicht der Handschrift die Ursprüng- 
lichkeit der Unterschrift für höchst wahrscheinlich, die Entstehung im 
6. Jahrh. für sicher erklärt. 

') poetisch umschrieben in d. V. Martini v. Paulinns Petrocor. H, 115. 

^) Cass. Senator (.Breslau 1872) S. 35 ff. 



Mouche als Schreiber. 361 

citer scribanf, mm inmerifo forsitan plus placere, rjuod et meu- 
tern suam rdegendo seri2)turas divlnas saluhriter instruanty et 
doniini praeeepta scribendo longo latcqtie dissvminent^) Hierin 
sind die maafsgebendcn Gesichtspunkte ausgesprochen; noch 
Ludwig IX liefs lieber Bücher abschroil)en , als dafs er sie 
kaufte, damit ihi-e Zahl gemehrt würde. Profane Litteratur ist 
ursprünglich naturgomäfs ausgeschlossen; diesseit der Alpen 
aber wurde, weil man sie einfach als nothwendiges Rüstzeug 
der gelehrten Studien betrachtete, kaum ein Unterschied ge- 
macht. Cassiodor gab seinen Mönchen, damit sie coiTcct schrei- 
ben könnten, eine Sammlung von Schriften über Orthographie, 
die er 93jährig zu ihrem Gebrauch excerpierte. Zugleich gab er 
ihnen, wie schon oben erwähnt, Buchbinder und Musterbände. 

St. Benedicts Regel setzt die Existenz einer Bibliothek im S^> 5-«^ 
Kloster voraus, aus welcher jeder Mönch Bücher zum Studium V'/, 5 
erhält. Ganz ferne lag ihm der Gedanke, aus den Mönchen 
einen Gelehrtenstand zu machen; sie sollen, indem sie aus der 
Welt sich zurückziehen, ihre Seele retten, Handarbeit treiben, 
und zu ihrer Erbauung fromme Bücher lesen. Höchstens konnte 
ein gewisser Grad kirchlicher Gelehrsamkeit erwünscht erschei- 
nen. In neubekehrten Ländern aber, unter einer bildungslosen 
Bevölkerung, änderte sich der Standpunkt ganz von selbst. 
Wo es keine Schulen giebt, mufs die Geistlichkeit für den 
Unterricht ihres Nachwuchses, das Kloster auch dafür sorgen, 
dafs seine Mönche lesen, schreiben, lateinisch lernen. Es giebt 
keine Grammatiker, denen man die Beschäftigung mit der un- 
entbehrlichen profanen Litteratur überlassen kann. Die Welt- 
geistlichkeit aber ist mit so vielfacher Thätigkeit belastet, dafs 
gerade den Klöstern vorzugsweise die gelehrte Beschäftigung 
anheim fällt. In Irland und England entwickelt sich zunächst 
diese Neugestaltung des Mönchslebens; dort wird massenhaft 
und sehr schön geschrieben, und Irländer, Schottenmönche, 
sind es, welche diese Richtung auch auf den Continent ver- 
pflanzen. Luxeuil und seine Filialen Corbie und Bobio zeich- 



*) De institutione divinarum litterarum c. 30. Es scheint im An- 
fang des Satzes ein Fehler zu sein; doch lautet er ebenso bei Hagen. 



3G2 Die Schreiber. 

neu sich in gleicher Weise aus, und auch in St. Gallen bo- 
giimt frühzeitig gelehrte Thätigkeit. 

Bei aller Gelehrsamkeit haben es jedoch die Schottenmönche 
nur selten zu orthographischer Correctheit gebracht, und viele 
ihrer Erzeugnisse theilen die barbarische Verwilderung der 
Zeit. Die Roheit der Unterschrift einer Bobienser Handschrift 
um 750^) wird aber weit überboten durch die erschreckliclie 
Barbarei des Schlufswortes, welches der Mönch Gundohin unter 
Pil)pins Herrschaft uoseuo (man weifs nicht, wo das ist) im 
Juli 754 seinem recht schön geschriebenen Evangeliar hüizu- 
fügte.^) Diese arge Unwissenheit zu bekämpfen machte Karl 
der Grofse sich zur Aufgabe, und von Alcuins Schule in Toui's 
gingen nach allen Seiten die Lehrer aus, welche eine neue 
wissenschaftliche Thätigkeit ins Leben riefen. Seitdem fehlte 
in keinem gut eingerichteten Kloster die Schreibstube, scripto- 
rium, und es galt bald der Spruch: clatistrum sine armario 
est quasi castrtim sine armamentario , welcher sich zuerst mit 
ausführlicher Begründung in einem Briefe des Canonicus Got- 
fried von Sainte-Barbe-en-Auge um 1170 findet.^) 

Als im 17. Jahrli. durch die Maurhier die gelehrte Thä- 
tigkeit der Benedictiner einen neuen Aufschwung nahm, fehlte 
es nicht an Gegnern, welche daran Anstofs nahmen und be- 
haupteten, dafs durch diese Richtung der Orden sich von seiner 
eigentlichen Bestimmung entferne. Auf solche Angriffe ant- 
wertete 1691 Mabillon nach seiner Weise mit einem gedie- 
genen historischen Werke, dem Traue des iJtudes monastiques; 
vgl. Chavin de Malan, Histoire de Dom Mabillon, S. 78 ff. Zu 
berücksichtigen ist ferner der Aufsatz von E. G. Vogel: Amt 



Peyron, De bibl. Bob. p. 178. 

*) Das Evangeliar von Autun, Bibl. de Pficole des Charles, VI. 
4, 217. 

3) Mart. Thes. I, 511. In cod. lat. Monac. 17142 saec. XII f. 92 v. 
steht: „Antiqui locum vocabaut armarlum, ubi arma reponebantur, ita 
et nos illum locum solemus vocare arraarium, ubi reponuntur libri. 
quia sicut seculares armis pugnant contra hostes, ita saneta ecclesia 
puguat contra infideles seutentiis patrum, que sunt descripte in libris." 
SB. der Miiiich. Ak. 1873 S. 711. 



Mönche als Schreiber. 363 

und Stellung des Ar mar ins in den ahendländisclien Klödcrn, 
in Naumaim's Serapeum (1843) IV, 17 fF. Das schon erwäliiite 
Buch von Merryweathcr, liihliomania in tJw Middle Ages, 
London 1841), ist wegen der Benutzung englischer Special- 
geschichteii nicht unwichtig, aber die Vermischung verschiede- 
ner Zeiten und die grenzeidose Felilerhaftigkeit der lateinischen 
Stellen machen grofse Vorsicht beim Gebrauche nöthig. Eine 
Zusammenstellung mit besonderer Beziehung auf St. Alban's 
hat Sir Thomas Duffus Ilardy gege1)en.^) 

Karls des Grofsen Capitular von 789 ist schon oben S. 273 
mitgetheilt. Der Vorschrift, dafs heilige Schriften imr reiferen 
Schreibern anvertraut werden sollen, entsprechen auch die Verse 
unter einer Abschrift der Bibel aus dem 14. Jahrhundert:^) 

scriptor, librum cum scripseris arguo demum: 
Non concedatur labor hie si non habeatur 
Attentus scriptor, expertus denique lector 
Sacre scripture, cui sit bene scribere eure. 

Alcuin sorgte dafür, dafs Kai^ls Vorschriften auch wirk- 
lich ihren Zweck erreichten.^) Unter seinen Gedichten*) ist fol- 
gende Inschrift: 

Ad Musaeum Ubros scribentium. 

Hie sedeant sacrae scribentes famina legis. 

Nee non sanctorum dicta sacrata patrum. 
His interserere caveant sua frivola verbis, 

Frivola ne propter erret et ipsa manus, 
5 Correctosque sibi quaerant studiose libellos, 

Tramite quo recto penna volantis eat. 
Per cola distinguant proprios et commata sensus. 

Et punctos ponant ordme quosque suo, 



*) Descriptive Catalogue of Materials relating to the history of 
Great Britain, Preface of Vol. III. 1871. 
2) Cod. Gas. 35 bei Caravita II, 280. 
*) vgl. Sickel, die Urkunden der Karolinger I, 156. 
*) Opera, ed. Proben. II, 211. vgl. Schannat, Hist. Fuld. p. 65. 



364 Die Schreiber. 

Ne vel falsa legat taceat vel forte repcnte 
10 Ante pios fratres lector in ecclcsia. 

Est opus cgregium sacros iam scribere libros, 

Nee mercede sua scriptor et ipse carct. 
Federe quam vites melius est scribere libros, 
nie suo ventri serviet, iste animae: 
15 Vel nova vel vetera poterit proferre magister 
Plurima, quisque legit dicta sacrata patrum. 

Es ist nicht unwahrscheinlich, dafs diese Distichen über 
dem Scriptorium des Martinsklosters standen, von wo sie sich 
natürlich weiter verbreiteten, wie wir v. 1 — 6. 11. 12 in Fulda 
als Inschrift des dortigen Scriptorium wiederfinden. 

Auch eine Oratio in scriptorio ist uns überliefert: Bem- 
dicere digneris, domine, hoc scriptorium famulorum tuorum et 
omnes habitantes in eo, ut quidquid hie divinarum. scrijytiira' 
rum ah eis lectum vel scriptum fuerit, sensu capiant, opere per- 
ficiant, ^) 

Wie sehr diese Arbeit unmittelbar als verdienstlich be- 
trachtet wurde, zeigen die Verse, welche sich in der Biblia 
Vallicelliana finden: 

Codicis illius quot sunt in corpore sancto 

Depictae formis litterulae variis, 
Mercedes habeat Christo donante per aevum 

Tot Carolus rex, qui scribere iussit eum. 

Bestimmter jedoch ist es ausgesprochen in den Versen 
des Mönches Radulf von St. Vaast, der sich selber vorn ab- 
malte, und St. Vedast, wie er vom Himmel her ihn wohlgefällig 
schreiben sieht: 

Cum librum scribo, Vedastus ab aethere summo 
Respicit e caelis, notat et quot grammata nostris 
Depingam calamis, quot aretur pagina sulcis, 
Quot folium punctis hinc hinc laceretur acutis. 
Tuncque favens operi nostro nostroque labori: 



*) Sacramentarii Greg, liber II auctore Grimaldo, p. 469 ed. 
Pamelii. 



Mönche als Schreiber. 365 

Gramniata quot, sulci quot sunt, quot denique puncti, 
Iiiquit, in hoc libro, tot crimina iam tibi dono.*) 

Einfach spricht sich das Gefühl von der Verdienstlichkeit 
der Arbeit aus in dem Vers:^) 

Merces scriptoris sit virtus ipsa laboris. 

Oder etwas weiter ausgeführt:^) 

Scribere si noris, vitae solator haberis. 
Scribere qui tendit, vitae sibi gaudia quaerit. 
Laus est scriptori, metra si conaervat honori. 

Für die Ausführung der schönen Abschrift von Walah- 
frids Vita S. Galli mit goldgeschmückten Initialen erwartet der 
Schreiber den Dank des Heiligen:*) 

Servum, Galle, tuum libri decus hoc Herimannura 
Divite cum voto tibi porfecisse memento. 

Die Echternacher Bibel sollte sowohl ihrem Urheber, d. h. 
dem Abt Reginbert, Thiofrids Vorgänger, der die Kosten ge- 
tragen hatte, als auch dem Schreiber die Einzeichnung in's 
Buch des Lebens eintragen: Domnus ahbas Reginhertus aiidor 
libri hidiis, et frater Ruotpertus scriptor, in libro vitae scri- 
hantur, et in memoria eterna haheantur, Si quis hmic lihrum 
sancto Willihrordo illique servientibiis abstulerit, tradatur dia- 
holo et Omnibus infernalibtis penis et sit anathema. fiat. fiat, 
amen, amen,^) 

Doch auch für eine Abschrift des Horaz wurde auf ähn- 
liche Belohnung gehofft, nach diesen Versen an den heil. 
Stephan:^) 



^) Du Gange s. v. punctare; cf. Bethmann in Pertz' Archiv VIII, 89. 
Kadulf scheint im elften Jahrh. gelebt zu haben. 

^) Jacobs und Ukert, Beiträge II, 53. 

3) Weidmann, Gesch. d. St. Gall. Bibl. S. 26 e cod. 264 saec. X. 

*) God. 560 saec. XI ex. nach Scherrers Verz. S. 177. 

^) Inschrift in Gapitalen, Jacobs und ükert, Beitr. II, 12. 

«) God. lat. Monac. 21563 (Weihensteph. 63) saec. XII in Kirchneri 
Novae Quaestt. Horat. (Naumb. 1847) S. 51. 



366 Die Schreiber. 

Servus, Sancte, tuus hunc librum do tibi alumnus, 
Pro quo mercedem caelis mihi redde perennem. 

Auch der schon S. 238 erwähnte fleifsige Schreiber Lud- 
wig in Wessobrunn spricht die Hoffnung aus: 

Librum Judaici belli manibus Lodewici 
Scriptum, sancte Petre, summo tuearis ab aethre, 
Hie labor et sit ei spes perpctuae requiei. 

Recht hübsch heifst es in einer Handschrift, die aus dem 
Lütticher Jacobskloster zu stammen scheint: ^) 

Jacob Rebeccae dilexit simplicitatem, 

Altus mons Jacobi scribendi sedulitatem. 

nie pecus pascens se divitiis cumulavit, 

Iste libros scribens meritum sibi multiplicavit. 

nie Rachel typicam prae cunctis duxit amatam. 

Hie habeat vitam iustis super astra paratam. 

Li dem Codex eines Marienklosters, aus welchem v. d. Hagen 
Wilrams Paraphrase des Hohen Liedes herausgegeben hat, stehen 
folgende Verse: ^j 

Merces scriptoris sit lux vitae melioris. 

Pro re terrena mercetur gaudia plena: 

In requiem labor inque diem mens caeca recurrat. 

In libro vitae deus hunc dantem tibi scribe 

Librum terrenum, da noxae linquere coenum. 

Monte minus tuta deus offero bina minuta, 

Suscipe placatus, es qui viduae miseratus. 

Ein Chorherr in Klosterneuburg schrieb sogar einen Codex 
in remedium animarum fratrum, praedecessorum, smcessorumy 
amicorum praesentium et benefactorum suorum.'^) 

Auch die Legende verherrlichte das Verdienst der Schrei- 



^) Cod. Berol. lat. fol. 358 saec. XIII (Gesta Francorum und 
Liudprand). Mittheilung von W.Arndt. 

^) Germania V, 182. In dieser Handschrift ist auch ein Verzeich- 
nifs der Klosterbibliothek mit starker Bedräuung der Diebe. 

^) Czerny, Bibl. von St. Florian S. 43. Vgl. Jo. Gers. opp. 11, 697. 
Moll, Kerkgesch. II, 2, 320. 



Mönche als Schreiber. 3C7 

ber. Dem Scliottcnmönch Mai'ian in Regensburg, dessen wunder- 
volle Schrift allerdings jedes Lohnes würdig ist, leuchteten an- 
statt der vergessenen Lichter drei Finger der linken Hand 
gleich Lampen. Dietrich der erste Abt von St. Evroul (1050 
bis 1057), der selbst ein trefflicher Schreiber war und seine 
Mönche auf alle Weise zu gleicher Thätigkeit heranzuziehen 
suchte^), pflegte ihnen die Geschichte eines sehr leichtsinnigen 
und sündhaften Klosterbruders zu erzählen, der aber ein eifri- 
ger Schreiber war und einmal aus freien Stücken einen enor- 
men Folianten geistlichen Inhalts geschrieben hatte. Als er 
starb, verklagten ihn die Teufel, die Engel aber brachten das 
grofse Buch vor, von dem nun jeder Buchstabe eine Sünde 
aufwog, und siehe! es war ein Buchstabe übrig. Da wurde 
seiner Seele verstattet zum Körper heimzukehren, damit er 
noch auf Erden Bufse thun könne. 

Ein ausgezeichneter und sehr fleifsiger Schreiber war der 
Engländer Richard, ein Prämonstratenser in Wedinghausen bei 
Arnsberg in Westfalen. Zwanzig Jahre nach seinem Tode fand 
man seine rechte Hand noch wohl erhalten, die nun verwahrt 
und als Reliquie verehrt ward, auch jetzt noch den Altar 
ziert. ^) Den Nutzen und die Verdienstlichkeit des Schreibens 
hebt sehr gut der Abt Peter von Cluny hervor, in dem vor- 
trefflichen Briefe an Gislebert über die Gefahren des Ein- 
siedlerlebens.^) In dem Cistercienserkloster Heilsbronn, wo 
fleifsig für die Bibliothek geschrieben wurde, erhißlten die 
Schreiber gleichsam eine Anweisung auf das Himmelreich*), und 



^) Praefatus itaque pater per supradictos (mit ihm von Jumi^ges 
gekommene Mönche) et per alios, quos ad hoc 02)us flectere poterat, anti- 
quarios, octo annis quibus Uticensihus praefuit, omnes lih'os Veteris et 
Nävi Testamenti etc. hihliothecae procuravit. Ex eins etiam schola ex- 
ceUentes librarii . . . hibliothecam repleverunt. Ordericus Vit. ed. Le Pre- 
vost II, 48. 

*) Caesar. Heisterb. XII, 47. W. Schmidt im Anz. des Germ. Mus. 
IX (1862) S. 328. 366. 

^) pro aratro convertatur manus ad pennam, pro exarandis agris 
divinis litteris paginae exarentur, seratur in cartula verhi dei seniina- 
rium. Bibl. Cluniac. p. 647. 

*) Impense huius libri sunt tres libre hallensium. Scriptoribus 



368 I>ie Schreiber. 

dasselbe wünschen sich als Lohn die Schreiber in dem häufig 
vorkommenden Schlufsvers: 

Dentur scriptori pro penna caelica regna.^) 

Man hat wohl behauptet, dafs in den Scriptorien mehreren 
Schreibern zu gleicher Zeit dictiert worden sei. 2) Dagegen macht 
KnitteP) mit Recht geltend, dafs die Kalligraphen nur sehr 
langsam arbeiten konnten, und dafs man deshalb ihnen so 
wenig wie Kupferstechern dictieren konnte. Ihm stimmt Ebert^) 
bei, der auch hervorhebt, dafs für die Herstellung vieler Exem- 
plare desselben Werkes kaum ein Grund vorlag. Um eine Ab- 
schrift rasch fertig zu bringen und viele Schreiber zu gleicher 
Zeit beschäftigen zu können, half man sich in anderer Weise, 
indem man nämlich die Lagen unter ihnen vertheilte. So liefs 
Heinrich Loeder, Prior in Windesheim, eine gegen seinen Orden 
gerichtete Schrift in einer Nacht abschreiben: librum per folia 
statini dissolvens, ut eadem node per fratres suos divisis inter 
sc foUis exscrihcretur, disposuit.^) Und zu beschleunigter Her- 
stellung vieler Exemplare wurden die Hansarecesse in Doppel- 
blättern an Schreiber vertheilt.^) 

Dasselbe geschah auch häufig in älterer Zeit, um die 
Abschrift eines Buches zu beschleunigen. Deshalb sind oft 
die verschiedenen Lagen nicht allein von verschiedenen Hän- 
den geschrieben, sondern man findet auch, dafs am Ende 
derselben die Schrift bald eng zusammengedrängt, bald aus 



autem debetur merces eterna Amen. Iste liber constat ij libras minus x 
hall. Seribentibus debetur regnum celorum Amen. Unter Abt Heinrich 
1290 geschrieben. Erlanger Handschriftenkatalog von Irmischer S. 41: 
Iste liber constitit in pergameno tres libras hall, et xxx haU. "Pro scrip- 
iura vero debetur scriptori regnum celorum. Vom J. 1289, ib. p. 93. 

^) s. unten bei den Schreiberversen. 

^) so Merryweather, Bibliom. p. 20, nach Stevenson's Suppl. to 
Bentham*s Church of Ely, Notes p. 64, wo eben diese Behauptung steht, 
und als Citat dazu „Munimenta antiqua." 

8) Ulphilae Fragm. p. 380. 

*) Zur Handschriftenkunde S. 138—140. 

^) Jo. Busch, Chron. Windesh. H, 58 p. 547. 

^) Hans. Geschichtsbl. II S. xxxii vgl. S. xl. 



Mönche als Schreiber. 369 

einander gezogen oder ein freier Raum übrig geblieben ist, der 
später zu anderen Eintragungen l)enutzt werden konnte, wie 
in einer Heiligenkreuzer Handschrift.^) Eine Sammlung Al- 
cuinisclier Briefe wurde in solcher Weise mehreren Schreibern 
ül)ergeben; jeder begann seine Lage mit einem neuen Briefe, 
und wo nun am Ende der Lagen noch Blätter freiblieben, sind 
nachträglich andere Briefe eingetragen.^) 

Manchmal sind die Schreiber genannt, wie die neun 
Nonnen, welche für Hildebald von Cöln schrieben,^) und drei 
Mönche in Marchiennes, welche etwa um 1100 Gregors Moralia 
abschrieben: 

Nos monachi tres hunc librum descripsimus lob: 
Primum Theobaldus, medius Fulbertus, Amandus. 
Poscimjis inde dei iugiter sentire iuvamen 
Auxilio Petri Pauli precibusque beati.*) 

Im späteren Mittelalter aber wurde sehr viel und rasch 
geschrieben, und dafs man sich da auch des Dictierens zur 
Vervielfältigung bediente, beweist die Vita Milieu in Balbins 
Miscell. Dec. I, 1. IV p. 54: coeint super evangelia, de tempore 
et de sanctls dicta sanctorum doetorum eolligere, et sie coepit 
ea studentibus ad imjrossandum et aliis serihentihus pronuneei- 
are, Mathias von Janow aber drückt sich hierüber so aus:^) 
eontinue magnos lihros comportahat et pro^iria manu eonscribe- 
bat, eosdem rmütitudini elerieorum, vel dueentis vel trex^erdis 
cottidie exportans ad seribendum, et hoe sie: quod hodie eon- 
scribebat, hoe mox in erastino totum seriptores eopiabant, et 



^) Pertz' Archiv X, 598. Ein griech. Beispiel bei Ebert S. 141. 

2) Th. Sickel, Alcuinstudien I, 30 (Wiener SB. LXXIX, 488). Es 
konnten hierdurch auch Fehler entstehen, s. Wiener SB. LXXVI, 52. 

^) Eccl. Colon, codd. p. 21. 22; p. 42 vier Schreiber. Handschr. 
aus St. Yaast mit den Namen am Anfang u. Ende der Quaternionen, 
Arch. VIII, 89. Compilatio Vedastina von Anf. XI in Douai, 8 versch. 
Hände mit den Lagen wechselnd, nach W. Arndt. 

*) Cod. 335 in Douai, Vol. II nach W. Arndt. 

**) Hoefler, Geschichtsquellen der Ilusitischen Bewegung II, 44. 

Wattenbach, Schriftwesen. 2. Aufl. 24 



370 I)ie Schreiber. 

ita omni die, puta pro omni die crastino, colligere scribendum 
bis (L Ms) ducentis elericis oportehat. Das läfst sich doch 
auch nur in der Weise denken, dafs ihnen gleichzeitig vorge- 
sprochen wurde, und in den Vorträgen auf den Universitäten 
geschah es ohne Zweifel, wie wir später sehen werden. Aber 
auf die Scriptorien der Klöster findet es keine Anwendung, 
und da war auch zu so gesteigerter und beschleunigter Thätig- 
keit kaum eine Veranlassung. 

Wir wollen nun nicht den Spuren und Denkmalen dieser 
Arbeit in den einzelnen Klöstern nachgehen, wo sie in der 
Blüthezeit derselben vom 9. bis 13. Jahrhundert überall in 
reichster Fülle nachweisbar sind; es würde viel zu weit 
führen, auch nur die hervorragenden Leistungen zu erwähnen. 
Nur einige charakteristische Thatsachen mögen angeführt werden. 

Zu den Klöstern, welche zu Karls Zeit einen mächtigen 
Aufschwung nahmen, gehört St. Wandrille. Hier fand der Abt 
Gerwold (787 — 806) omnes paene ignaros literarum, und er- 
richtete deshalb eine Schule. Ein Priester Harduin plurimos 
arifhmeticae artis discipUna alumnos imbuit ac arte scriptoria 
erudivit; erat enim in hac arte non mediocriter doctus. Unde 
plurima ecelesiae nostrae proprio sudore eonscripta reliquit Vo- 
lumina, id est Volumen qtiatuor evangeliorum Ramana litera 
scriptum etc. ^) Dieser Ausdruck litera Bomana kommt in 
der Klosterchronik öfter vor, und scheint üncialschrift zu be- 
deuten. ^) 

Das scriptorium von St. Gallen wird in der Chronik er- 
wähnt, und auf dem alten Grundrifs des Klosters ist es neben 
der Kirche unter der Bibliothek verzeichnet.^) In einer Hand- 



^) Gesta abb. Fontanell. c. 16. Mon. Germ. II, 292. 

^) Anders dagegen in der Erzählung bei Mab. Dipl. ed. II p. G39. 
Erzb. Radulf von Tours fand 1075 eine päbstliche Bulle, die niemand 
lesen konnte, und schickte sie dem Abt Bartholomeus von Marmoutiers. 
Sie enthielt die Bestätigung des Vorrechts der Canoniker von St. Martin, 
einen eigenen Bischof haben zu dürfen, und war von Gregor V vom 
29. Sept. 99G. Sed quia erat Bomana littera scriptum, non poterat legi. 
Es ist also hier die alte päbstliche Schrift. 

^) Mon. Germ. II, 95; vgl. F. Kellers Facs. des Grundrisses, und 



Mönche als Schreiber. 371 

Schrift aus St. Riquier ist eine Inschrift in domo scrij^torum 
erhalten.^) Wir gedachten schon ohen S. 226 der Schreib- 
stube zu Tournai, welche unter Abt Odo solchen Ruhm er- 
langte, dafs man ihre Abschriften der Kirchenväter weithin zur 
Vergleichung verlangte. 

Nicht immer war das Schreiben eine freiwillige Arbeit, 
in einem Lorscher Codex saec. IX ist zu den Worten Jacob 
scripsit von anderer Hand zugesetzt: quandam partem huius 
libri non spontanea vohmtate, scd coadus, co^npedibus con- 
strictiis stellt oportet vagum atquc fugitwum vincire, ^) 

Auch schon die Hülfe der Schüler wurde hierzu in An- 
spruch genommen; so lesen wir in einem St. Galler Codex :^) 

Hoc opus exiguum pueril i poUice scriptum, 

Sit, Ruohtperte, tibi magnum, promtissime doctor. 

Largo lacte tuo potatus, pane cibatus, 

Ipse precor vigeas, valoas, venereris, ameris: 

Hoc Optant mecum pueri iuvenesque senesque. 

Fromund von Tegernsee schriel) unter einen Codex*: Coepi 
hunc libellum, sed pueri nostri qtios doctii, mco iuvaniine per- 
scripserunt, *) 

Vorzüglich mag die Hülfe der Schüler in Bisthümern be- 
nutzt worden sein, wo man keine Mönche zur Verfügung hatte. 
In Mainz emendierte Willigis selbst die von ihm besorgte Ab- 
schrift des Augustinus de civ. dei mit seinen .alumnis;^) vor- 
züglich aber haben sich aus Freising drei Inschriften des 
Schulmeisters Antrieb erhalten, welche bezeugen, dafs dieses 
Buch auf Befehl des Bisöhofs Gotschalk (994 — 1006) geschrie- 
ben ist Antrico fideli eius clerico magistro scolae cum discipu- 



Weidmanns Gesch. d. Bibl. von St. Gallen, 1841. Angels. Glosse scri- 
ptorium pislefer-hus bei Wright, Vocabularies S. 58. 

Archiv VIII, 534. 

*) Reifferscheid in den Sitz. Ber. d. Wiener Akad. LVI, 451. 

3) 152 bei Weidmann S. 14. 

*) angef. v. Rockinger, Zum baier. Schriftwesen II, 4, wo viel 
zusammengestellt ist, namentlich auch über den fleifsigen Schreiber 
Otloh, dessen Berichte über seine Thätigkeit dort abgedruckt sind. 

ö) Jacobs u. Ukert, Beitr. II, 82. 



• 



Ovt« 



372 I>ie Schreiber. 

lis suis impctrantCj welches letzte Wort mir in dieser Verbin- 
dung unverständlicli ist. Ich fürchte, dafs der Schulmeister 
gemeint hat patrante. ^) Den Gebrauch dieses Wortes werden 
wir bald kennen lernen. 

Jeder neue Aufschwung klösterlicher Zucht war von neuem 
Eifer im Schreiben begleitet, sowohl in den einzelnen Klöstern, 
welche durch tüchtige Aebte reformiert wurden, wie auch in 
den neu aufkommenden Orden. In Cluny hatte der armar'm 
für alle Bedürfnisse der Schreiber zu sorgen,^) und diese waren 
sogar vom Chor befreit. ^) Das und die übergrofse PrachtHebc 
erregten den Widerspruch der Cistercieuser, aber auch diese 
brachten bald schön verzierte Handschriften in Fülle hervor. 
Ihre Schreiber brauchten nur zur Zeit der Ernte ins Feld zu 
gehen, und durften die Küche besuchen, um ihre Schreibtafeln 
zu glätten. Wachs zu schmelzen und das Pergament zu trocknen.*) 

In England erlag freilich bei der Eroberung die eigen- 
thümliche Kunstübung der Angelsachsen, aber die Normannen 
waren nicht minder eifrige Beförderer der Gelehrsamkeit. In 
St. Albän's richtete der Abt Paulus sogleich ein Scriptorium mit 
bestimmten Einkünften ein, und auf seinen Wunsch bestimmte 
ein Edelmann Zehpten, die er schenkte, ad volmnina ecclesiac 
necessaria scribenda. • Für die Schreiber, welche er von weit 
her aufsuchte, bestimmte Paulus feste Tagegelder, damit sie 
ungestört arbeiten konnten. Continiio in ipso qtwd construxit 
scriptorio Ubros- praeelectos scribi fecit, Lanfranco exemplaria 
ministrante. Gegen das Ende des 12. Jahrh. war die Schrei- 
berei schon wieder verfallen, aber Abt Simon stellte sie her, 



Codd. lat. Mon. 6256. 6372. 6403; Tabb.1,3,80. 100. 105. 

2) In der oben S. 282 erwähnten Unterschrift einer in Cluny unter 
Pontius geschriebenen Bibel heifst es: Petro tunc temporis armario m- 
cessaria secundum officium suum cum gaudio studioque suhministrante. 
Vgl. auch Ad. Helmsdörfer, Wilh. v. Hirschau S. 80—82 mit Beziehung 
auf Wüh. Constitutt. II, 26 bei Herrgott S. 510. Der Cod. Eberhardi 
in Fulda wurde unter Abt Markward geschrieben Dutone cellerario 
membranam suhministrante. Vol. II f. 5 nach W. Arndt. 

2) Mart. Thes. V, 1629. Vgl. oben S. 212. 

*) Winter, die Cisterc. II, 145, nach dem Usus, gedr. im Noma- 
sticon eist. cd. Julianus Paris. Paris. 1670. 



Mouche als Schreiber. 373 

und hatte immer zwei oder drei auserwäblte Schreiber in seiner 
eigenen Kammer. Scriptorium quoquc tunc tcmporis fere dissi- 
patum et contemptum reparavit, et quasdam laudäbiles consue- 
tudines in ipso innovavit et ipsum ampUavit redditibus, ita ut 
Omnibus temporibus debeat abbas qui pro tempore ftterit, unum 
habere scriptorem specialem. 

Hier ist von dem Schreiben der Mönche selbst schon nicht 
mehr die Rede. ^) In Corbie dagegen schrieb um diese Zeit 
Bruder Nevelo noch sehr fleifsig; ihn drückte eine verborgene 
Schuld, und dringend erbittet er am Schlüsse jeder Hand- 
schrift die Fürbitten der Leser: Ego frater Neuelo htiius sancti 
cenobii Corbeicnsis alumnus in sancto habitu constitutus, sed 
co^tscientiae sarcina utcumque pregrauatus, hunc libellum pro- 
priis stimptibus elaboratum et propria manu prout potui de- 
scriptum obtuli domino et patrono nostro beatissimo Petro 
apostolo. ^) Seit dem Ende des 13. Jahrhunderts aber schrie- 
ben auch in Corbie die Mönche nicht mehr selbst, sondern 
kauften Bücher oder liefsen Schreiber für sich arbeiten. Bei- 
des finden wir erwähnt in den alten Statuten der Canoniker 
von S. Victor in- Paris, wo c. 21 die Obliegenheiten des arma- 
rius ausführlich angegeben werden. Da heifst es: Omnes scri- 
pturae quae in ecclesia sive intus sive foris sunt, ad eius 
officium pertinenty ut ipse seriptoribus pergam^ena et cetera, 
quae ad scribendum necessaria sunt, provideat, et cos qui pro 
pretio scribunt, ipse conducat. ^) 

Fleifsig schrieben in ihren Zellen die Karthäuser. Hoc 
siquidem speciale esse debet opus Carthusiensium inclusorum, 
sagt der Prior Guigo (f 1137) de quadripartito exercitio cellae 
c. 36. In den 1259 gesammelten alten Statuten heifst es II, 
16, 8: Quod si frater alterius artis fuerit, quod apud nos 



*) Doch hat auch im 13. Jahrh. Matthaeus Paris, selbst geschrie- 
ben, aber gegen die Ausdehnung der ihm beigelegten Thätigkeit hat 
Duffus Hardy in der Einleitung zu Vol. III des Descriptive Gatalogue 
triftige Gründe geltend gemacht. 

^) L^op. Delisle, Eecherches sur Tancienne Biblioth^que de Corbie, 
Mäm. de l'Institut. XXIV, 288. 

^) Martene de antiquis eccl. ritibus III, 733. 



374 I^ie Schreiber. 

raro valcle contingit — omnes enim pe^ie quos susclpinms, si 
fieri potest, scrihere docemus. Und 11, 23, 5: Qui scrihere seit 
et potest et noluerit, a vino abstineat arhitrio prior is. Johanaes 
Gersoii schrieb 1423 eine Abhandlung de laude scriptorum, 
worin er den Coelestinorn und Karthäusern auf ihre Anfrage 
bestätigte und nachwies, dafs sie auch an Festtagen ohne Sünde 
erbauliche Werke abschreiben könnten.^) 

Die Karthäuser werden sich wohl • ganz auf kii-chhcbe 
Schriften beschränkt haben. Weiter reichte der Gesichtskreis 
des Friesen Emo, welcher schon auf der Schule, wenn seiue 
Genossen spielten, schrieb oder illuminierte. Später besuclite 
er mit seinem Bruder Addo die hohen Schulen' in Paris, Orleans 
und Oxford, und hier schrieben sie, indem sie immer abwech- 
selnd die halbe Nacht durchwachten, die ganze ihnen zugäng- 
liche, auch heidnische Litteratur zusammen, nebst den Glossen 
ihrer Lehrer. Als erster Abt des Prämonstratenserklosten 
Wittewierum (1204 — 1237) setzte Emo seine frühere Gewohn- 
heit fort, und verfertigte selbst nach der Mette wachend, wäh- 
rend die Brüder schliefen, alle Chorbücher: seripsit, notavit 
et illuminavit. Dann sorgte er für die Ausstattung des arma- 
rium lihroriim in capitido mit geistlichen Schriften, und leitete 
dazu die Brüder und Schwestern an: non soUim in cUrids, 
quos ad scrihendmn fervide incitahat et per se ipsum instruehat, 
vertun etiam seduUtatem in femineo sexu eonsiderans , sororcs 
ad Jioe hdbiles sollieite in scribendo informabat. ^) 

Dafs auch Nonnen diese Kunst übten, kommt schon früh 
vor. Cäsarius von Arles (t 542) verordnete, dafs in dem von 



^) Opp. II, 694 ff. Darin Considerat. 9. p. 700 die merkwürdige 
Stelle: Sed neque quisjnam excusaverit suavi in scribendo segnitiem, si 
nesciverit litter as artificiose multum formare: littera sit legihiUs, sit 
punctuatciy pur g ata, qualis. est Lomhardorum. Das ist wohl dieselbe, 
welche sonst Bononiensis heifst, die Schrift der zahlreichen Rechtshaud- 
schriften aus Bologna; denn au die lombardischen Banquiers darf man 
hier schwerlich denken, so bekannt sie auch in Paris waren, weil von 
Bücherschrift, und nicht von Gurren tschrift die Rede ist. 

2) Kronijken van Emo en Menko (Utr. 1866) p. 150. 167. Jetzt 
auch MG. SS. XXIII. 



Mönche als Schreiber. 375 

ihm gestifteten Nouneiiklostcr, welchem seine Schwester vor- 
stand, int er psalmos atqiie iclunia, vigilias qiwque et leetiones, 
Uhr OS divinos pulehre scrij^itent virgines Christi, ipsam (Caesa- 
riam) magistram habentes,^) Später galt das Schreiben für 
mühsamer, und es erregte grofse Bewunderung, dafs im achten 
Jahrhundert die Nonnen von Maseyk sich damit beschäftigten: 
necnon quod nostris temporihus valde mir um est, etiam 'scri- 
h&ndo atque pingendo, quod huius aevi rohustissimis viris opjndo 
onerosum videtur. *) Später wird es ohne Zweifel häufig vor- 
gekommen sein,^) ohne dafs wir gerade Nachricht darüber 
hätten, wie wir ja überhaupt von Nonnenklöstern nur wenig 
erfahren. Im Anfang des 12. Jahrhunderts schrieb in Wesso- 
brunn die Klausnerin Dimudis eine grofse Reihe kirchlicher 
Werke für den Gottesdienst und die Bibliothek, und eine eigene 
Stiftung verewigte ihi* Andenken.*) Die Nonne Guta in 
Schwarzenthann wurde schon oben S. 304 erwähnt, Herrad von 
Landberg S. 65, mid S. 177 auch der Admunter Nonnen ge- 
dacht, welche die Werke ihres Abtes Irimbert (1172 — 1176) 
gar säuberlich abschrieben.^) In Mallerstorf war um dieselbe 
Zeit Leukai-dis thätig, welche schottischer Abkunft gewesen sein 
soll, schottisch (d. h. irisch), griechisch, lateinisch und deutsch 
verstand, und so fleifsig schrieb, dafs der nicht minder fleifsig 
schreibende Mönch Laiupold zu ihrem Andenken ein Anniver- 
sarium stiftete.^) Bruder Idung schickte seinen Dialog über 
die Cluniacenser und Cistercienscr an die Nonnen von Nieder- 
münster bei Regensburg, ut legibUiter scrihatur et diligenter 
eme)idetur ab aliquibus sororibus. "') In demselben 12. Jahrb. 



^) Yita Caesarii, gleichzeitig, I, 33. Mab. Acta SS. I, 646 ed. Ven. 

^) Vita Ilarlindis et Reinilae, geschrieben zwischen 850 u. 880, § 5. 

*) vgl. oben S. 369. Im Cod. Reinbardsbr. ed. Hoefler p. '25 wird 
Nonnen eine Abschrift aufgetragen, nie pergamenum tribuente. 

^) Leutner, Eist. Wessofont. I, 166 ff. 254. Hefner im Oberbair. 
Archiv I, 361. 

ö) Mon. Germ. SS. XI, 48. Archiv X, 633. 

^) Mon. Boic. XV, 269. Verse unter einer von ihr geschriebenen 
Handschrift ib. p. 249. 

') Rockmger II, 7 nach Pez Thes. VI, 2, 57. 



376 I^ie Schreiber. 

schrieben Gertrud, Sibilia u. a. einen Codex für die clamini 
Monasterienses, von welchen er durch Austausch gegen Gregon 
Pastorale nach Arnstein kam. ^) 

Später kommen nur noch vereinzelte Beispiele vor; so im 
Heidelberger Cod. Salem. IX, 66: Istum lih'üm procuravit 
frater Jacohus de Lindaudia ad honorem S. Marie virginis 
et eius filio et ordinauit eundem in chortmi prioris. qiii secus 
feeerit anatJiema coram sunimo deo sit, et seriptus est a vem- 
rabili sorore Katherina de JBrugg mmiiali in ruheo mmiasterio 
sub a. d. 1366, Quicunque cantat uel legat in eo Jiaheat.^ 
nostri memoriam aput deum. Es ist ein Antiphonar, wo am 
Schlufs die Inschrift mit abwechselnd rothen und schwarzen 
Zeilen steht. Auf der ersten Seite aber ist in einer grofsen 
Initiale die Nonne zu sehen, auf deren Spruchband steht Ego 
Jcathe. dicta zebrugg. in ruheo mmiasterio, nämlich im Cister- 
cienserkloster Rothenmünster im Constanzer Sprengel. 

Ambrogio Traversari schreibt (epp. p. 634): Psalterium 
quod non miseris, intputamus infirmitati sanctimonialium 
illarum; er bittet, den Psalter anderswo vollenden zu lassen. 
Job. Gerson aber sagt 1423 mit Beziehung auf die weiblichen 
Schreiber des Origenes: Fuerint an adhiie sint nescio sandi- 
moniales in hoe opus dedicatae, sicut olim Origeni etc. ^) Es 
gab deren allerdings noch, wenigstens in Deutschland, und 
namentlich mit Malerei geschmückte Chorbücher scheinen sie 
viel verfertigt zu haben; so Anna Zineris, Priorin von Alt- 
münster 1478,^) und die oben S. 307 erwähnte Margareta von 
Merode in Schillingscapellen, und noch 1507 eine bescheidene 
Ungenannte: Dit hocJc is geendiget vp sante Jurigens auent Ä. 
D. Mdvij^. Biddet god for de sehriiiersehen myt enen Äae 
Maria, Dyt hoch hört dem conuente tom lyliendale, ^) 

Bei der grofsen durch Job. Busch betriebenen Kloster- 
reform ist vom Schreiben der Nonnen nur in dem 1451 refor- 



*) jetzt in London Harl. 3099, 3; s. Fr. Zarncke, Comm. de epi- 
stola presb. Job. (1874) S. 5. 

'*) De laude scriptorum, Opp. II, 697 ed. 1706. 

3) Codd. lat. Monac. 2931. 2932. 

*) Hoffmann, Altd. Handschriften S. 256. 



Müiiche als Schreiber. 377 

luierten Kloster Ileiiüngoii die Rede. ^) In St. Gallen schrieben 
die Nonnen bei St. Cathaiina. ^) 

In den Mönchsklöstern erhielten sich im 13. Jahrhundert 
wohl noch hie und da die früheren Studien, wie z. B. der 
Bruder Konrad von Scheiern als Muster eines librarius von 
1205 — 1241 wirkte,^) und in Ileilsbronn die Bibliothek immer 
sorgsam gepflegt wurde. Auch Corbie zeichnet sich in dieser 
Hinsicht aus, Salem, ^) und noch manches andere Kloster. Al)er 
iu dem altberühmten Murbach konnten 1291 die Mönche nicht 
ichreiben, und ebenso 1297 mehrere St. Galler, unter ihnen 
der Probst. ^) Dagegen waren die neu gegiündeten Bettelorden 
auch auf diesem Gebiete sehr thätig, nur verlegten sie sich 
mehr auf Abschiiften ihrer eigenen Compilationen und schola- 
stischen Schriften, als auf kalligraphische Vervielfältigung älterer 
Werke. Richard de Bury macht in seinem Philobiblion c. 5 
u. 6 die bitterste Schilderung von der allgemeinen Feindschaft 
der Geistlichkeit gegen alle Bücher: Calidhus epotandis, non 
codicihus emendandis indulgent hodie. Auch die Bettelmönche 
schont er da nicht, doch spricht er später wieder günstiger 
von ihnen. Ueber die Minoriten haben wir schon gelegentlich 
einige Stellen von Salimbene angeführt; ihre Regel und Lebens- 
art erforderte gi'ofse Sparsamkeit, und eng gedrängte Schrift 
mit vielen Abkürzungen ist bei ihnen vorzüglich zu Hause. 
Roger Bacon kam deshalb in Verlegenheit, als er sein Werk 
dem Pabst Clemens IV zu übersenden wünschte, weil seine 
Ordensbrüder nicht kalligraphisch zu schreiben verstanden, an- 
dere Schreiber aber den Inhalt betmgerisch verwerthen würden, 
wie das ihre Gewohnheit sei: Sed scribi non passet littera hona 
nisi per seriptores alienos a statu nostro, et Uli tune transcri- 



^) Leibn. SS. Rer. Brunsvic. II, 882. 

2) Weidmann, Gesch. d. Bibl. S. 29. 

3) Mon. Germ. SS. XVII, 624; vgl. F. Kugler, Kleine Schriften 
I, 84—87. 

^) Zeitschr. f. Gesch. d. Oberrh. XXIV, 250 die unter Abt Ulrich II 
1287 — 1302 geschriebenen Bücher. 

^) Neugart, Cod. dipl. Alem. II, 334. 338. 



378 Die Schreiber. 

bereut pro se vel aliis vettern nottem, sicut sepissime scripta 
per fraudes scriptorum Parisms divulgantur, ^) 

Sehr fleifsig wurde noch im 14. Jahrhundert in Scheftlarn 
geschrieben,^) und überhaupt in den süddeutschen Klöstern bis 
ans Ende des Mittelalters; manche Abschriften brachten die 
Mönche von den Universitäten mit nach Haus. Aus Salem be- 
wahrt die Heidelberger Bibliothek viele und zum Theil recht 
schöne Handschriften. Ein vorzüglich schönes Brevier hat 1493 
und 1494 der Cistercienser Amandus geschrieben, welcher 
nach Zerstörung seines Klosters in der Vorstadt von Strafsburg 
in Salem Aufnahme gefunden hatte, und 1529 Abt geworden 
ist; die lUuministen aber waren bezahlte Künstler.^) 

Es ist die noch zu wenig beachtete Reform, welche mit 
den Bestrebungen des Baseler Concils in Verbindung stand, 
und um die Mitte des 15. Jahrhunderts einen neuen Aufschwung 
vieler Klöster zur Folge hatte.*) Lobhaft tritt er uns in 
der Chronik des Klosters Camp entgegen; hier wird um 1440 
die Bibliothek im Umgang erneuert und gewölbt. Der Con- 
verse Wilhelm de Reno, scriptor egreijms, nutti itto tempore 
in arte sua secundus, schreibt das Catholicon, Mefsbücher u. a. 
und lehrt auch andere schreiben; er stirbt 1487. Bruder 
Heinrich von Altkirchen (f 1503) schrieb 5 Mefsbücher. Im 
Jahr 1463 verbrennen aliqui libri cum multo pergameno novo 
ad valorem CXX flor, rencnsium, 1482 werden die Urkunden 
und Register geordnet, notariell abgeschrieben und iua^a dor- 
mitorium in camera testudinaria mit eisernen Tfaüren ver- 
wahrt, in novis capsulis distincte ,locata, Abt Heinrich von' 
Calcar sorgte hierfür schon als Prior und Supprior, und für 
den Schreiber Wilhelm schaffte er 18 Jahre lang jährlich für 



^) Opera inedita ed. Brewer p. 13. Ueber die Schreibart der 
Minoriten vgl. R. Pauli in dem Tüb. Progr. von 1864 über Bischof 
Grosseteste S. 18. 

2) Mon. Germ. SS. XVII, 349. 

3) s. Anz. des Germ. Museums XIV (1867) S. 161—165. 

*) 1423 spricht Joh. Gerson von den scriptoribus in rellgione de- 
gentibus, quorum ad presens vix ullum superest vestigium, Opp. II, 694 
ed. 1706. 



Mönche als Schreiber. 379 

IG bis 17 fl. Pergameiit und andere Requisiten an. Als er 
14Ü9 seine Würde niederlegte, schenkte er dem Kloster seine 
Büclier. ^) 

In Michelsberg nahmen Abt Uh'ich III (1475 — 1483) und 
sein Nachfolger Andreas sich der verwahiiosten Bibliothek an, 
und retteten auch das merkwürdige Verzeichnifs der unter den 
ei'sten Achten Wolfram und Hermann erworbenen, und von 
den einzeln genannteu Brüdern gesclu'iobeuen Bücher.^) In 
Kloster Bergen bei Magdeburg erneute 1492 Abt Andi'eas das 
Scriptorium, ^) und bei den Prämonstrateusern von Scheda in 
Westfalen war der Prior Adolf von Hoeck (t 151(3) nicht nur 
ein eifriger Reformator, sondern auch ein trefflicher Schreiber.*) 

In Monsee, wo einst Liutold so fleifsig geschrieben hatte, 
soll Bruder Jacob von Breslau (t 1480) so viele Bände ge- 
schrieben haben, quot sex equi electi vix sufficermt trahcre,^) 

Fleifsig wurde auch in Tegemsee nach der Reform ge- 
schrieben unter Konrad V (14(31 — 1492);^) in Blaubeuern, wo 
1475 eine Druckerei eingerichtet war, schrieb 1477 Andreas 
Ysingrin die Chronik von Monte Cassino ab, 1492 Bruder Sil- 
vester das Leben des seligen Wilhelms von Hirschau. '') 

In Belgien wirkte um^ die Mitte des 15. Jahrhunderts 
Bruder Johann von Staveh)t 34 Jahre lang im Lütticher Lau- 
rcntiuskloster als fleifsiger Schreiber,^) und so lassen sich 
gewifs noch manche Klöster nachweisen, in denen der alte 
Benedictinei-fleifs nicht verschwunden oder wieder aufgelebt 
war; viel mehrere aber waren in Ueppigkeit und Faulheit ver- 
sunken. 



*) Eckertz, Fontes rerum Rhcii. II, 393. 394. 432. 

^) Ex msto Andreae abbatis, leider aber nicht im Original, bei 
Jaeck u. Heller, Beitr. zur Lit. Gesch. Bamb. 1825 8. XIX — LII. Un- 
vollst, bei Schannat, Vind. lit. I, 51. 

^) Gesta abb. Berg. p. 33. 

^) Seibertz, Quellen d. Westf. Gesch. III, 470. 

s) B. Pez Thes. I. Diss. p. IV. 

ö) Pez Thes. III, 3, 547. 

') Mon. Germ. SS. VII, 557. XII, 211. 

**) Reiffenberg, Annuaire de la Bibl. de Brux. I, XLIX— LVI. 



380 Die Schreiber. 

Auch im Erfurter Peterskloster wurde noch am Ende des 
15. Jahrhunderts sehr fleifsig geschriehen ; ^) ganz besondere 
Erwähnung aber verdient das Kloster St. Ulrich und Afra in 
Augsburg, nicht allein wegen des bewund erungswürdigeu 
Fleifses der Mönche und ihrer Geschicklichkeit im Schreiben, 
sondern auch weil wir hier durch den schon oft benutzten 
Catalogus abbatum von Wilhelm Wittwer so genaue und aus- 
fuhrliche Nachrichten darüber besitzen. Der Abt Melcliior 
legte 1472 die Druckerei an, um die Mönche zu beschäftigen 
und durch Austausch die Bibliothek zu veimehren. ^) Doch 
hörte man deshalb nicht auf zu schreiben und schreiben zu 
lassen; manches gedruckte Buch, wie die Werke der Roswitha,^) 
das Chronicon Urspergense,^) sind noch wieder abgeschrieben 
worden. Vorzüglich aber waren es die grofsen Chorbücher, 
welche noch lange Zeit mit der Hand geschrieben wurden. So 
wünschte auch in St. Ulrich und Afra 1489 der Prior ein 
Gradale pro cJioro, der Abt willigte ein und beschaflpte das 
Pergament; da meldete sich freiwillig der Bruder Leonhardus 
Wagner alias Würstlin natus de Schwabmenchigen, und über- 
nahm die Arbeit. Deinde incepit, scripsit ac notavit illud 
gradale omni diligencia qua potuit in preciosa litera et nota. 
Im folgenden Jahr wurde er fertig, und Bruder Cum^ad Wag- 
ner von Ellingen illuminierte es.'') 1494 wurden Leonhard 
Wagner und sein Schüler Balthasar Kramer vom Chorgesaug 
befreit, um zwei Psalter für den Chor zu schreiben.®) Leon- 
hard widmete 1507 K. Maximilian ein merkwürdiges Werk, 
welches jetzt leider verloren zu sein scheint, unter dem Titel: 
Proba C scripturartim diversarum manu exaratarum, Faesi- 



*) Nicolaus de Syghen p. 501 — 503. 

2) s. oben S. 328, u. Winter, Die Cisterc. 111,^4 über die Drucke- 
reien in Baumgarten bei Strafsburg und in Zinna. 

^) Bethmann in Pertz' Archiv IX, 534. 

^) 1474 von Hartmann Schedel, und noch 2 andere Abschriften, 
Archiv XI, 82. 

^) Steichele's Archiv III, 353, vgl. auch S. 303. 343. 372. 

®) PI. Braun, Notitia de codicibus mss. in bibl. mon. ad SS. Udal. 
et Afram III, 101. 



Mönche als Schreiber. 381 

miles verschiedener Schriften vom 11. Jahrhundert an, jede 
Schriftart mit ihrem Namen, zum Theil von höchst seltsamer 
Erfindung.^) Er starl) 1522 am ersten Januar, und im Schotten- 
kloster zu Wien ist sein Gedächtnifs verzeichnet mit der Be- 
merkung: qtd scivit LXX scripturan formare et plm'es. 

Ein grofses Graduale von prächtiger Ausstattung in zwei 
Bänden in der Aml)rasser Sammlung ist 1409 und 1500 ge-. 
schrieben und ausgemalt von Jacob von Olmüz für Laslaw 
von Sternberg in castro Bechinensi. Besonders merkwürdig ist 
dabei auf der ersten Seite des ersten Bandes eine Unterweisung 
für die Ordenslnnider, wie sie beim Schreiben der Gradualia, 
Missalia etc. Noten, Linien und Buchstaben zu machen ha])en; 
sie sollen die Pausen genau l)eachten, nichts weglassen und 
nichts dazu setzen, auch dergleichen Werke nicht von Welt- 
lichen schreiben lassen, quia secidares scriptorcs onima fere 
qiiac scrihtmt vel notant corrumptmt. Deshalb sollen die Oberen 
die Ordensbrüder selbst zum Schreiben anhalten, oder wenn 
diese es nicht können, Sorge tragen, dafs fähige es lernen.^) 

Noch Johann von Trittenheim, Abt von Sponheim, schrieb 
1492 an den Abt Gerlach von l)eutz einen Tractat de laude 
scriptorum, in welchem er die Schreiber dringend ermahnt, 
sich nicht durch die Buchdruckerei abschrecken zu lassen. 
Scriptlira enim si membranis imponittir, ad nulle annos poterit 
perdurare: impressura atitem cum res papirea sit, qiiamdiu 
subsistet? Si in volumine papireo ad ducentos annos perdu- 
rare potuerüf magnum est qiiamquam mtdti sint qui propria 
materia impressuram arhitrentur consumendam, ^) Er empfiehlt 



^) PL Braun 1. 1. VI, 45. B. Pez, Thes. I. Diss. p. XXXIV, wo 
die Namen gegeben sind. In der Münchener Bibliothek ist die Hand- 
schrift nicht. 

^) V. Sacken, die Ambr. Sammlung II, 199. 

^) Auch Gerson hielt wenig vom Papier (Opp. II, 700): 3it scri- 
ptura lauddbilis pro thesauro, qualis non est in paprjris ülico exeuntibus, 
uhi dicitur simul läbor rede papyreus deperire cum opera et expensa. 
Pergamentum durahilius est,' que conditio caritateni eins super papyrum 
compensat ahundanter. Der Eath zu Lübeck ersuchte den von Reval, 



382 I>ie Schreiber. 

deshalb auch gedruckte Bücher abzuschreiben, hat aber freiHch 
zu dem Fleifse der Mönche seiner Zeit nur wenig Vertrauen. 
fratres niei, si sciretis hiiiiifi uHUtatem operis, non essdis 
tarn jprigri et tardi ad officium scriptoris! Wir wollen diese 
Trägheit nicht in Schutz nehmen, aber die Schreibkunst in 
ihrer alten Bedeutung war durch die Buchdruckerei unrettbar 
zu Grunde gerichtet. 

Eine ganz eigenthümliche Stellung nehmen die Brüder 
vom gemeinen Leben ein, clcrici de vita communis Man 
kann sie nicht den klösterlichen Schreibern beizählen, weil sie 
aus dem Abschreiben ein Gewerbe machten, was bei jenen doch 
nur einzeln und nirgends in solcher Ausdehnung vorkam. 
Wieder aber unterscheiden sie sich von den Lohnschreibern 
theils durch ihre genossenschaftliche Organisation, theils da- 
durch, dafs sie zugleich eigene Gelehrsamkeit und Unterricht 
erstrebten, theils durch ihre erbauliche Tendenz. Auskunft 
über sie giebt das Werk von Delprat') nebst den darin be- 
nutzten Originalquellen. 

Gerhard Groote stiftete 1383 das Haus zu Deventer, wo 
von Anfang an für Geld geschrieben wurde. Igitur ars scri- 
hendi libros quae clericis melius convenit et quictius exerceri 



in Zukunft bescholtene ürtheile, die nach Lübeck gehen, auf Pergament 
zu schreiben, wante dat pappir vergenglick is. Hans. Gesch. Bl. 1874 
S. 168. Lüb. Urkundenb. V, 1 N. 4. 

^) Verhandeling over de Broederschop van G. Groote en over den 
invloed der fraterhuizen op den wetenschappelijken en godsdienstigen 
toestand, voornamelijk van de Nederlanden na de veertiende ceuw. 
2. Druk, 1856. Vgl. Ruland, Die Vorschriften der Regular-Cleriker über 
das Anfertigen und Abschreiben der Handschriften, im Serapeum XXI. 
183 — 192, nach Delprat, der bei Miraeus gedruckten Regel, und dem 
schon oben viel benutzten, 1494 gedruckten Reformatorium. Ferner W. 
Moll, Kcrkgeschicdcnis van Ncderland vöor de hervorming, im 2. Stück 
des 2. Theils, 1867. Noch nicht gesehen habe ich: J. C. van Slee, De 
Kloostervereeniging van Windeshein;, Leiden 1874. Vgl. auch: Nolte, 
7 unausgegebene Briefe von Gerh. Groote, in der Theol. Quartalschrift 
(Tüb. 1870) LH, 280—305. S. 294 schreibt G. nach Amsterdam: Itogo 
ut mittatis michi pro uno antiquo vel dimiäio francenum de vestro fran- 
ceno. Oudemans, Bijdrage tot ecn Middel-eh Oudnederlandsch Woorden- 
boek (Arnh. 1871) S. 325 erklärt franc\jn, Fransch perkament 



Mönche als Schreiber. 383 

potest, a fratribus damus eius est maturius arrcpta et pro com- 
muni hono servanda usitatius introdtida. ^) Man fand darin 
zugleich das beste Mittel, zunächst die zu eigenem Gebrauch 
nöthigen Bücher sich zu verschaffen, und dann die für die 
Erhaltung der Stiftungen erforderlichen Mittel zu erwerben. 
Erhielt doch z. B. Bruder Jan von Enkhuizen aus Zwoll für 
eine Abschrift der Bibel 500 Goldgulden. ^) In Lüttich hiefsen 
die Fraterherren, wie man sie nannte, auch Broeders van de 
penne, weil sie auf ihrem Hut oder ihrer Mütze eine Schreib- 
feder trugen.*) 

Gerhard Grooto gab ihnen Bücher zum Abschreiben, prüfte 
die Abschriften, und verkaufte die gut befundenen; Florentius 
Radewijns sah die Handschriften nach, bereitete das Pergament 
und verfafste eigene Aufsätze. Später bei wachsender Aus- 
dehnung der Brüderschaft hatte jedes Fraterhaus seinen libra- 
rius, nebst den wechselnden Aemtem des rubricator, ligator etc. 

Vorzüglich schi'iebon und verbreiteten sie fromme Schriften 
in der Landessprache, was nicht ohne Anfechtung blieb; 1397 
und 1398 holten sie ausführliche Gutachten darüber ein, ob 
es erlaubt sei niederdeutsche Bücher zu besitzen und zu lesen, 
und endlich gelang es ihnen das Feld zu behaupten.*) Auf 
Deutlichkeit und Genauigkeit der Abschriften hielten sie strenge; 
dagegen wurden neue zierliche Schreibweisen und Prachtbände 
Zu Deventer nicht gebilligt.^) 

Von Gerhard Groote ging auch die Stiftung des Klosters 
Regulierter Chorherren zu Windesheim aus, dessen Regel sich 



*) Thomae de Campis Vita Florentii c. 14. 

^) Delprat S. 324. Natürlich mit Einrechnung der Kosten. 

8) Delprat S. 172. 

*) Delprat S. 51. Vgl. damit die merkwürdige Stelle Conrads de 
Mure über die Zurückweisung von Urkunden in deutscher Sprache, 
Quellen z. Bayer. Gesch. IX, 473. 

^) Delprat S. 252. In der Vita domini Joh. Hatten bei Dumbar, 
Analectt. I, 190 heifst es, nachdem von dem einfachen modus scrtbendi 
die Rede gewesen ist: Nam inventores novorum modorum et curiosita- 
^um in ligando aut üluminando, a foris venientes et fratres docere vo- 
^^ntes, nunquam admisit; voluit enim opera paranda fideliter et fortiter, 
^on curiose parari. 



384 -Die Schreiber. 

weithin verbreitete; in diesen Klöstern wurde von Mönchen 
und Nonnen nicht minder eifrig geschrieben, doch nur aus- 
nahmsweise zum Verkauf.^) Die eingehendsten Nachrichteu 
über diese Klöster giebt uns Job. Busch in seiner Chronik,-) 
derselbe, welcher die Reform auch um 1450 in Niedcrsäcliseii 
dm'chgeführt und in seinem so ungemein anziehenden und 
lehrreichen, lebensvollen und farbenreichen Buche geschildert 
hat. ^) Die Brüder vom gemeinsamen Leben auf dem Maria 
Leuchtenhofe zu Hildesheim hatten wegen dieser Reform • so 
viele Mefsbücher u. a. zu schreiben, dafs sie für Abschriften 
und Einbände über tausend Gulden verdienten.*) 

Da auch ihnen die Druckerei eine schädliche ConcmTenz 
bereitete, so ist es sehr wahrscheinlich, dafs sie sich frühzeitig 
der neuen mechanischen Mittel bedienten. Nach der Ver- 



^) Joh. Busch, Chron. Wind. II, 35 p. 409, sagt von Joh. de Kempis. 
dem Bruder des berühmteren Thomas, dafs er als Prior des Agneten- 
bcrges bei Zwoll u. a. novis Uhris scribendü, üluminandis et emendandi^ 
operam diligentem iinpendit. Et quia pcm2)eres tunc erant, fratrtbus 
suis pro pretio scrihere concessit Thomas sagt im Chron. M. S. Agn. 
c. 8 p. 28 von demselben: Flures libros pro choro et pro m&tharia scribi 
fecit; et nihüominus quia pauperes adhuc erarit, dliquos fratres pro 
pretio scrihere ordinavit, sicut ah antiquis teinporihus consuetum erat. 
Vom Br. Egbert (f 1427) ib. c. 21 p. 56: Ipse multos libros cantuales in 
choro pulchre iUuminavit , nee non varios Codices pro armatura nostra 
et quarhdoque pro pretio scriptos illuminavit. In dem 1408 gestifteten 
Nonnenkloster Diepenveen schrieben nach Moll II, 2, 211 die Nonnen 
Bücher zum Verkauf, andere illuminierten und banden sie. 

^) Chronicon Canonicorum Regularium Ord. S. Aug. Capituli Win- 
desemensis auct. Jo. Busch. Accedit Chron. Montis S. Agnetis auct 
Thoma a Kempis. Cura Heribert! Rosweydi, Antw. 1621. Ein sehF 
seltenes Buch, welches mir erst jetzt (in München) zugänglich geworden 
ist. Ich verbessere daraus oben S. 65, wo statt Joh. Busch, Joh. Scutken 
zu nennen war. Die Chronik ist 1464 vollendet. 

^) De reformatione monasteriorum, bei Leibn. SS. II, 476 ff. 806 ff- 
Die Schrift bedarf dringend einer neuen Ausgabe. Busch schrieb sie iffl 
hohen Alter; er starb achzigjährig 1479 in Sulta bei Hildesheim. 

*) Leibn. SS. Brunsvic. II, 855. Die Wittenburger sandten nach 
dem neu reformierten Kloster zur Sülte libros more ordinis nostri notatos 
et virgulatos. ib. p. 494. 811. 



^i 



f^^l 






\ 



Die Kaiizlcibcaratcn. 385 

muthuug von Harzen^) rühren die frühesten Ausgaben des 
Heilspiegels um 1460 bis 1470 von den Brüdern des gemeinen 
Lebens her; Armenbibel, Hohelied imd Heilspiegel sind ohne 
Druckort, vermuthlich aus Fraterhäusern. Etwas später geben 
sie die Anonymität auf, und es lassen sich Druckereien in ihren 
Häusern zu Deventer, ZwoU, Gouda, Herzogenbusch, Brüssel, 
Löwen, Marienthal, Rostock*) nachweisen. Wahrscheinlich hat 
es deren noch mehr gegeben. 

3. Die Kanzleiboamten. 

Während in den Klöstern Bücher g(»schrieben wurden, 
waren die Weltgeistlichen sehr in Anspruch genommen durch 
geschäftliche Schreiberei. In Italien erhielt sich der Stand 
der Notare, und verbreitete sich von da aus nach dem 13. Jahr- 
hundert auch in andere Länder. Die Merowinger hatten noch 
weltliche Kanzleibeamte, unter den Karolingern aber fielen bald 
Kapelle und Kanzlei zusammen, und viele Jahrhunderte hin- 
durch wurden aufserhalb Italiens alle Urkunden von Geist- 
lichen geschrieben. Noch allgemeiner, denn hier fiel auch die 
Concurrenz weltlicher Notare weg, war alle Correspondenz in 
geistlichen Händen. Jeder Mann von einiger Bedeutung mufste 
seinen clericus, clcrc, clerJc, Pfaff,^) haben, der seine Briefe las 
und schrieb.*) Es war der sicherste Weg, sich seinen Lebens- 
unterhalt, dann auch Reichthum und Elire zu erwerben. Ein 



^) lieber Alter und Ursprung der frühesten Ausgaben des Ileil- 
ßpiegcls, in Naumanns u. Weigels Archiv für die zeichnenden Künste, 

1, 3 — 15. II, 1-— 12. J. P. A. Madden, in den Lettres d'un Bibliographe, 

2. Serie, Paris bei Trofs 1873, sucht zu erweisen, dafs in Coeln das erste 
und bedeutendste Buchdruckergeschäft von den Brüdern des G. L. zu 
Weidenbach geführt wurde. Auch Caxton soll sich dort gebildet haben. 

2) s. Lisch in den Meckl. Jahrbb. IV, 1—34 über das Rostocker 
Fraterhaus und seine Druckerei. 

^) a. 1461 in Mainz : Konrad Humery, der Stadt Pfaffe und Juriste, 
später der Stadt CanceUer genannt. Sotzmann in Räumers bist. Taschenb. 
1841 S. 626. 

*) nie nil moratufi sigiUum fregit, clericum stinm, qukl illae litterae 
vellent, exponere sihi praecepit. Bruno de hello Sax. c. 13. 

Wattenbacli, Schriftwesen. 2. Aufl. 25 



386 Die Schreiber. 

Bisthum belohnte fast regelmäfsig die Verdienste des könig- 
lichen Kanzlers; geringere Pfründen fielen den übrigen zu. So 
bat König Wenzel, der Luxemburger, den Pabst um Pfründen 
für seine honorabiles protonotarii,. registratores atque scriptores 
litter arum nostrarum regalium. Er klagt: dorsa eortim in 
apostolicis curvantur agendis, nee dignatur benignus pater illo- 
mm curvaturam erigere, quos novit pondus diei et nestus cmi- 
tinuo subportare, ^) Die Gefahr, welche in diesem Verhältnisse 
liegt, ist in dem Distichon ausgesprochen: 

Scripturae ignarus princeps qui sustinet esse, 
Cogitur archanimi prodere saepe suum. ^) 

Die Anleitung zum Briefschreiben bildete deshalb seit 
alter Zeit einen sehr wichtigen Theil des Unterrichts; mau 
nannte das dietare.^) Dieses Wort bedeutet lu'sprünglich die- 
tieren; da aber bei den alten Schriftstellern diese Art der 
Composition die gewöhnliche und fast allein übliche war, so ge- 
brauchte man das Wort schon früh für das Abfassen von Schrift- 
werken und dachte gar nicht mehr an die eigentliche Bedeu- 
tung.*) Wenn Hieronymus ep. 75, 4 sagt: describi sibi fecit 
qtiaeeunqus dietavimus, und Cassiodor in der Vorrede der 
Variae: quod a me dietatum in diversis publids actibus potui 
reperire, so wird es hier schon in solcher Weise zu fassen sein, 
und schon Sidonius ApoUinaris (]. IX ep. 14) nennt Livius 
einen dietator invictus, wie Gregor. Turon. de Gloria Confesso- 
rum, Praef. von der nobilium dictatorum auetoritas spricht 
Auch im Prolog der Lex Salica heifst es: Gens Francorum 



^) Palacky, P'ormelbücher II, 54. Vielleicht nur eine Stilübung. 

^) Spruchgedicht: Doctrina magistri Petri Abaelardi^ bei Wright 
and Halliwell, Rell. antt. I, 16. 

^) Vgl. meine Abhandlung über Briefsteller des Mittelalters, Archiv 
f. Ost. Geschichtsquellen XIV, 29 IF. und die verschiedenen Abhandlungen 
von Rockinger, vorzüglich die schon oft benutzten Briefsteller und For- 
melbücher des 11. bis 14. Jahrhunderts im IX. Band der Quellen zur 
bayer. u. deutschen Geschichte, München 1863. 

*) Spätrömische Beispiele aus dem juristischen Sprachgebrauch bei 
Kopp, Palaeogr. crit. I, 423. Boecking, Notitia Dign. II, 325. Vgl. 
Sickel, Urkunden der Karolinger I, 126. 



Die Kanzleibeamteu. 387 

dictamt per proceres suos. Den jungen Winfrid rühmt Willi- 
bald (V. Bonif. c. 2), dafs er dictandi peritia laudabiliter 
fidsit. Von den armen Knaben in der Hofschule nahm Karl 
der Grofse nach der bekannten P>zählung des Mönchs von 
St. Gallen I, 3 einen qptimus dictator et scriptor in seine Ka- 
pelle auf, und verlieh ihm später ein Bisthum. Roswitha, die 
Nonne von Gandersheim, braucht häufig dictare für schrift- 
stellerische Thätigkeit. ^) 

Fromund von Tegernsee sammelte im Anfang des elften 
Jahrhunderts die von ihm verfafsten Verse und Briefe unter 
der Aufschrift Über dictaminum, und bezeichnete den Inhalt 
mit den Worten: 

Quae mihi dictanti concessit gratia Christi 
Versibus aut chartis in corpus vertere scriptum.*) 

Ebenso bezeichnet Otloh von St. Emmeram seine Werke in 
Prosa und Versen wiederholt mit dictare und dictamen. Auch 
der Anon. Haserensis braucht dictare in dieser Weise. ^) Bruno 
(de hello Saxon. c. 103) sagt von einer erdichteten mündlichen 
Botschaft, sie sei gesprochen verbis sicut ipse callidus dictaverat. 
Ekkehard IV von St. Gallen bezeichnet seine Stilübungen aus 
der Schule als dictamina magistri diei debita, ^) Der Biogi^aph 
des h. Udalrich von Cluny sagt c. 3 von dem Knaben: sohis 
in conclavi sedebat et arte dictandi Ingenium suum exercebat. 
In der Paderborner Schule ludus fuit omnibus insudare versi- 
bus et dictaminibus iocundisque cantibus,^) Bischof Gerhard 
von Csanad dictabat libros quos propria manu scribebat, ^) und 
so heifst es auch in der Legenda aurea von S. Ambrosius:'') 



*) R. Koepke, Otton. Studien II, 42. 
*) B. Pez, Thes. VI, 1, 81. 



8) c. 2. 27. Mon. Germ. SS. VII, 254. 261. 

*) bei F. Keller in den Mittheil, der Antiq. Ges. in Zürich III, 99. 
Vgl. MG. II, 101 mit der Anmerkung von Ild. v. Arx. 

^) Vita Meinwerci c. 160. 

ö) Endlicher, Monn. Arpad. p. 214. 

') In der gleichzeitigen Biographie von Paulinus heifst es: nee 
operam decl'mahat scrihendi propria manu lihrös. 

25* 



388 I^ie Schreiber. 

Uhr OS quos dictabat, propria manu scribebat. Caesarius von 
Heisterbach Dial. XII, 94 erzählt von einer Nonne, die eigen- 
händig an einen Mönch schrieb, um ihn zur Rückkehr zu be- 
wegen: litter as ipsa dictavit et scripsit. 

Es ist nutzlos, noch mehr Beispiele zu häufen, nur will 
ich aus dem 15. Jahrhundert noch die Worte des Thomas a 
Campis in der Vita Gerb. Groot. c. 3 anführen: En hec est 
eopia et series litterarum mearum quas manu mea dictavL In 
der zweiten Hälfte des elften Jahrhunderts beginnen auch schon 
mit Alberich von Monte Cassino die zahllosen Artes und 
Summae dietaminis, Thomas von Capua unterscheidet dre 
Arten: prosaicum ut Cassiodori, metricum ut Virgilii, rithni- 
cum ut primatis, ^) Sehr häufig ist dictamen ein Gedicht nach 
heutigem Sprachgebrauch, wie denn auch roman. dictar, ditar, 
und unser dichten dasselbe Wort ist. In Lambrechts Alexan- 
der heifst es: 

er dihte selbe einen brief: 

mit siner haut er in screib. 

Zu den zahlreichen Stellen, welche hierfür im Grimmschen 
Wörterbuch angeführt sind, füge ich noch einige hinzu. In 
dem Zeitbuch des Eike von Repgow ed. Mafsmann p. 84 heifst 
es von der römischen Dictatur: de het dictßtura: so we se 
Itadde y de dichtede dat recht. Im Prolog zur Glosse des sächs. 
Landrechts ed. Homeyer p. 47 werden die Worte Pro didanth 
nomine noli interrogare übersetzt durch: Du scalt lan de vrage 
din, we si der glossen dichter. Bei Königshofen heilst es zum 
Jahr 1322: do tvart der stette buch gedichtet und gemäht, do 
der stette recht und gesetzede inne stont zu Strosburg. ^) Pj'O- 
sator wird in dem Vocabularius optimus saec. XIV (ed. W. 
Wackernagel, Basel 1847) S. 37 erklärt durch ein brief ticlü^r 
ald ein buochtichter, prosa durch ein längs gedichte, ntetrificator 
durch ein verstichtm\ In den Geschichtsquellen des Erzstifts 
Bremen ed. Lappenberg S. 55 heifst es: so hebbe wy dessd 



') Halm, Coli. Monii. I, 280. 

*) Städtechrouiken, Strafsburg II, 743. 



Die Kaiizlcibcamteu. 389 

hoeck ghcdicldd, ghcscrcvcn uncle fo (jader toglien. Wenn daher 
Johannes Rothc ed. Lilioncron p. 56 von Augustus sagt: vier 
hriffe von vierley materien die dichte her miteinander, das vier 
Schreiber geschrehen, so ist auch hier wohl der Sache, aber 
nicht den Worten nach an dictieren zu denken. Eschenloer 
giebt I, 3 jßoetica licentia wieder durch fahulas oder getichte, 
und bezeichnet I, 316 ein Sendschreiben Girsiks als getichtet 
durch Meister Hdmhurg in Latein sehr schöne. Noch in der 
Zimberischen Chronik III, 175 heifst Georg Rixner der Dichter 
des Tumierbuches. 

Für metrische Poesie wird dictare selten gebraucht, ^) häu- 
figer für rhythmische. Unter einem Rithmus de Joseph patri- 
archa saec. XII steht Segardus hoc dictamen fecit,^) und Lu- 
polds von Bebenburg Klagelied von 1341 wird l)ezcichnet als 
ritmaticum querulosum et lanientosum dictammi.^) Doch sagt 
schon der Archipoeta: 

In scribondis litteris certus sum valere, 
Et si forsan accidat opus imminere, 
Vices in dictamine potero supplere. 

Er unterscheidet also die Thätigkeit der Kanzlei von seiner 
Dichtkunst, und im Graecismus des Eberhard von Bethune 
vom J. 1212 heifst es geradezu: Dictamen prosa est, a mctri 
lege solutum, was fi^eilich rhythmische Poesie nach damaligem 
Sprachgebrauch nicht ausschliefst. Vorzüglich aber verstand 
inan doch darunter Staatsschriften, diplomatische Actenstücke, 
Manifeste und Briefe, wie sie, seitdem der Streit zwischen 
Pabst und Kaiser entbrannt war, immer gröfsere Bedeutung 
und Ausbildung erhielten. Dahin gehört schon Gregors VII 
Dictatus papae von 1075, franz. dictie, dictye. Die Meister 
dieser Kunst hiefsen dictatorcs; so bewirbt sich in dem poeti- 
schen Briefsteller des Matthaeus von Vendome ein Scholar um 



*) Bei einem Bilde des Horaz saec. XII steht u. a. : Sit tibi doctrina 
hene dictandi poetria. S. die oben S. 365 angeführte Schrift von Kirchner. 
*) Ozanam, Documents in^dits p. 47. 
^) Boehmer's Fontes I, 479. 



390 , I^^6 Schreiber. « 



«« 



die Stelle des verstorbenen dictator eines Bischofs,^) und Sa- 
limbene bezeichnet S. 21 Gerard, den Verfasser eines liher de^ 
dictamine, als magnus dictator nobüioris stili, S. 66 den Car- 
dinal Thomas von Capua als melior dictator de curia. ^) Ben- 
venuto von Imola nennt Petrus de Vineis magnus dictator stili 
missorii, cursivi, curialis, ^) Ein Erfurter Student im 15. Jahrh. 
bezeichnet die verschiedenen niedrigeren Sphären; indem er 
berichtet, dafs er durch die Unterweisung seiner Lehrer eru- 
dicione rethoricalis facundie ausgerüstet sei, auch formas dictandi 
von ihnen erlangt habe, bittet er um Empfehlung, nam curie 
militari sufficienter spero me preesse, Nam stilo civitatis spe- 
rarem tne preesse, Nam curie episcopali sperarem me preesse,^) 
Wir durften es nicht unterlassen, diesen Sprachgebrauch 
zu erläutern, obgleich die Dictatoren als Autoren eigentUch 
nicht in den Rahmen unserer Aufgabe fallen. Auch von der 
Einrichtung der Kanzleien gehören hierher nur die äufiseren 
Formen. Die wichtigste und merkwürdigste von allen ist die 
päbstliche, in ununterbrochener Tradition der Römerzeit sich 
anschliefsend. ^) Abgesehen von den in Bullen und sonst ge- 
nannten Beamten erfahren wir jedoch wenig Einzelheiten bis 
auf das schon oben S. 244 benutzte Pasquill, v^elches dem 
13. Jahrhundert angehören mag. Ueber die Kanzleigebräuche 
unter Innocenz III hat Leopold Delisle eine sehr gründliche 
Untersuchung veröffentlicht. ^) Die verschiedenen Anleitungen 
zum Briefstil pflegen sich wohl auch mit den FormaUtäten der 
Bullen zu beschäftigen, allein diese Angaben sind sehr ungenü- 
gend und oft geradezu irreleitend. Conradus de Mure (1275) 



^) Sitzimgsber. d. Münch. Akad. 1872 S. 581. 

2) vgl ib. p. 192. Er schrieb für Gregor IX au Friedrich II den 
Brief Miranda tuis sensibus. 

3) Muratori, Antt. III, 319 ed. Aret. 

*) Formel der Epistole Gruningers im cod. Lubec. 152 f. 60 v. Die 
letzten Sätze sind zur Auswahl. 

*) Vgl. Nouveau Trait^, Tome V. Marino Marini, Diplomatica Pon- 
tificia, Roma 1841. 4. 

®) Bibliotheque de Tficole des Chartes IV, 4. Vgl. auch F. Rocquain 
im Journal des Savants 1873 S. 440—451. 513—528. 



Die Kaiizleibeamteii. 391 

sagt: Privilegiis papalihus suhscribere debent cardinales. set 
privilegiis imperialibus subscribere debent principes et viagnafes 
qui tunc imperiali curie prescntes fiierint. ^) Nun ist es eine 
bekannte Thatsache, dafs Unterschriften der Zeugen in kaiser- 
liclien Privilegien nicht vorkommen; wie verhält es sich denn 
mit den päbstlichen? Delisle (S. 35) behauptet die Richtigkeit 
jener Thatsache für die Zeit Innocenz III, und ein Blick auf 
die Unterschriften der in feierlicher Form ausgefertigten päbst- 
lichen Privilegien scheint seine Behauptung zu rechtfertigen, 
denn alle Unterschriften sind von verschiedenen Händen. Sie 
sind es nur zu sehr, denn auch der Name desselben Cai-dinals 
erscheint in ganz verschiedener Schrift; davon habe ich mich 
gerade für die Zeit Innocenz III vollständig überzeugt, indem 
ich die Unterschrift des Erzbischofs Konrad von Mainz und 
Salzburg, Cai'dinalbischofs der Sabina, durch eine lange Reihe 
von Bullen verfolgte. Die Erklärung dafür giebt das von De- 
lisle mitgetheilte merkwürdige Formelbuch des 14. Jahrhunderts 
S. 73: In rota nichil scribatur quousqtie sit lectum Privilegium 
et signatum per papam signo erucis. Erst nachdem das fertig 
geschriebene Privileg vor dem Pabste verlesen ist, zeichnet 
dieser in der rota, dem Doppelkreis, welcher seit Leo IX dem 
päbstlichen Namen vorangeht, das Kreuz; dann wird der bei 
jedem Pabste wechselnde Wahlspruch zwischen den beiden 
Kreisen der Peripherie eingetragen, und die scheinbar autogi'aphe 
Formel der Unterschrift hinzugefügt. Weiterhin heifst es: 
Quilibet eardinalis debet se subscribere manu propria cum signo 
erucis depicto vel alio signo, si alio signo est usus. Diese 
Worte haben irregeführt; das cum bedeutet nicht, dafs zu der 
Unterschrift das Kreuz hinzugefügt werden soll, sondern nur 
mit dem Kreuz, d. h. vermittelst desselben, unterzeichnet über- 
haupt der Cardinal. Dieses auf verschiedene Art verzierte 
Kreuz bleibt daher immer ganz dasselbe; den Vermerk über 
die geschehene Unterschrift aber fügte, trotz des Ego, nui' der 
Privatschreiber hinzu, der Cardinal war dazu viel zu vornehm. 



^) Quellen zur bayer. Gesch. IX, 456. 



392 I^^c Schreiber. 

Vermuthlich circuliertc das vom Pabst unterfertigte Privileg 
bei den einzelnen Cardinälen. 

Vom 13. Jahrhundert an wuchs der Geschäftskreis der 
Curie immer mehr, und zugleich gewann das Formenwesen 
festere Gestalt, wurde das Personal immer zahlreicher, welches 
den Pabst auf allen Reisen zu begleiten hatte. Ueber die 
Schreiber der päbstlichen Regesten im 13. Jahrhundert und 
ihi*e Bezahlung giebt Pertz einige Nachrichten, im Archiv V, 347. 
Die Obliegenheiten und Rechte des Kanzleipersonals behandeln 
einige von Joh. Merkel mitgetheilte Actenstücke. ^) An der 
Spitze steht der Vicecancellarhis, unter ihm 6 oder 7 nofarii, 
mit welchen er unter Zuziehung der dbrematores verdächtige 
Schriftstücke prüft. Zu ihnen gehören noch der auditor cmitra- 
dictarum und der corredor litterarum apostolicarum. Die 
Notare haben die Anstellung der Abreviatoren; sie unterzeichnen 
die 7iotas et grossas, d. h. die Concepte, welche als grossanda 
der Kanzlei zugehen, und die Reinschrift, welche zuletzt den 
huUatores zugestellt wird. Eine Constitution Nicolaus lU von 
1278 regelt genau, welche Bullen, wie z. B. gewöhnliche Ea 
quae de honis, einfach ausgefertigt werden, dantur, welche vor- 
her vor dem Pabste gelesen werden müssen, leguntur. Der 
Vicekanzler verwahrt bei sich das regestrum, er prüft die 
Script or es, welche nach ihrer Anstellung zu den familiäres 
papae gehören. Abwechselnd ist einer von ihnen distribiUor 
notariim grossandarum , und hat den Preis zu bestipimen, 
taxare grossatas. Es scheint nach einer Verordnung von 
Bonif. IX, dafs die Scriptoren heirathen durften, dann aber 
ihre Stelle verloren. Abreviatoren waren 12 de parco nuiiori, 
welche höher standen als ihre CoUegen de parco minoriJ) 
In einem Briefe von J. Spiegel 1521 heifst es von dieser Ge- 
sellschaft: Curiae officiales, minutarii, ahbreviatores, scriptores, 



*) Documenta aliquot quae ad Romani Pontificis notarios et curiales 
pertiuent. Appeiidice deir Archivio Storico Ital. N. 18. 1847. 

■^) Nouveau Traite V, 333. Vgl. Archiv X, 544, u. Vahlen, Laar. 
Vallae Opuscula p. 115. 



Die Kanzleibeamteii. 393 

revlsores rcgcsfanwiy plnmharii et sca'centi alü, harpiac et toHm 
christiani orbis, nedum [fejtnanici auri urnae. ^) 

Conraclus do Mure bemerkt, dafs zu seiner Zeit die Form 
der Privilegien sich verändert habe, ohne darüber weiter Aus- 
kunft zu geben, und fährt dann fort: Vidi mim in curia pape 
nee nmi imperatorifi , tibi notarm et eurie reetonbus famularis 
er am satis et f amiliar is, quod diversis regnis, regionibus, tcrrts, 
provinciis, notarii secundum exigentiam consuettidinis tcrrartmi 
litter as et privilegia formare solebant, immo eiiria imperatoris 
singulis regionibus seu provinciis notarios preposuit speci<ües,^) 
Ueber die kaiserliche Kanzlei hat für den wichtigen 
Wendepunkt unter Karl dem Grofsen und seinem Sohne Lud- 
wig Th. Sickel die genauesten Untersuchungen angestellt. 
Kanzlei und Kapelle fielen nach und nach ganz zusammen, 
und wurden namentlich seit Otto I die Pflanzschule der Bischöfe 
und Staatsmänner. Von den eigentlichen Schreibern hören 
wir nichts, es werden aber wohl die jungen Kapläne damit 
ihren Dienst begonnen haben. Einen Cleriker Namens Gund- 
pert ertauschte Ludwig der Deutsche von der Regensburger 
Kirche, und gab etwas zu, quia utilior et maioris ingenii fuit 
scribendi necnon et legendi.^) Die Kanzlei verstand sich, we- 
nigstens in späterer Zeit, sehr gut aufs Sportuli oren, und der 
Stadt Aachen kamen 1349 ihre Privilegien recht theuer zu 
stehen.^) Die Goldene Bulle brachte dafür feste Bestimmungen 
xind verordnete: 

Dabit Cancellario Imperialis | Er gibt dem Cantzeler dez 

sivc Regalis Cui'ie decom mar- • kayserlichen oder kuniglichen 

cas. Magistris Notariis dicta- hofs zehn marck Den maistem 

toribus tres marcas Et Sigil- i Notai'icn vnd brieue dichtem 



latori pro cera et pergameno 
imum fertonem. 



dry marck Dem Sigillierer vmb 
wachs vnd vmb perment ainen 
vierding. 



Horawitz, Bibl. d. Beatus Rhenanus, Wiener SB. LXXYIII, 333. 

^) Quellen zur bayer. Gesch. IX, 45G. 

8) B. Pez, Thes. I, 3, 199. 

*) Laurent, Stadtrechnungen S. 43. 206. 248. Die Kosten der 



394 I>ie Schreiber. ^ 

e 



Herzog Ludwig von Brieg dotierte 1372 die Schule 
Hedwigstifts mit 4 Mark su2)er sigillo seu sigülis et stüo ac 
notaria provincialium iudiciorum nostrorum, oder wie es in der |^t 
Aufschrift kurz heifst, super stüo OlamensL ^) Es sind die Er- 
trägnisse von der Ausfertigung gerichtlicher Schriftstücke ge- 
meint, welche also zu den Einkünften des Landesherrn gehörten. 

In Nördlingen hatte man einen ausgeschnittenen Zettel, 
welcher die Rechte und Pflichten des städtischen stilus enthielt; 
das Gegenstück dazu erhielt der Stadtschreiber, so 1482 Ul- 
rich Tengler. ^) 

Die Kanzler und Schreiber mufsten sich natürlich auf aJte 
Schriften verstehen; in einer Prager Handschrift steht bei 
einigen Versen prophetischen Inhalts: Ista metra sunt rescripta 
ex antiquo exemplari per dominum Pesskoneni Regestratorm 
quondam Cancellarie Regis, de quo se vix ipse expedire po- 
tuif, a. d, 1394,^) i^ 

Ueber die Eiiu-ichtungen in England, den scriptor thesm- m\ 
rariac und caneellariae , ist in dem Dialogus de scaccario aus IAe 
der Zeit Heinrichs II Auskunft gegeben. Ueber die verschie- jit 
dene Lage der königlichen Schreiber findet sich eine Andeu- tih 
tung in folgenden erstaunlich schlechten Versen: 1/*^ 






t 

Sil 



m 






Walterus Mapa Hamelino clerico regis: 
Gaudeo quod sanus es incolumisque degis. 

Tu curiam sequeris et regia brevia scribis, 
Totus in argento, si volueris, ibis. 

Nos miseri clerici, qui in Anglica terra manemus, 
Nos non habemus capere quidve demus. *) m . 

rJie 

JK 
Nürnberger 1433 im Anz. d. Germ. Mus. XX, 48, u. von 1438 S. 103. I. 

Ueber Fälschungen in der k. Kanzlei eine merkwürdige Mittheilung bß 1^"- 

Rieger in den Wiener SB. LXXVI, 493. Ilaiei] 

^) Cod. Dipl. Siles. IX, 262. Einige Angaben über Kanzleitaxes jiescl 

bei Rockinger, Zum baier. Schriftwesen II, 11. Mone, Zeitschr. f. Gesch. 

d. Oberrh. XII, 436. 

^) R. Stintzing, Populäre Litteratur des röm. kanon. Rechts S. 413. | ^ 
3) Archiv d. Ges. X, 484. |^3: 

*) Paul Meyer, Documents manuscrits I (1871) S. 180. 



Lohuschreiber. 395 

Einige merkwürdige Bestimmungen finden sich in den 
ituten des Chorherrenstifts Ardagger von 1356. Das Siegel 
5 Capitels soll im sacrariwn mit drei Schlüsseln verwahrt 
rden, von denen einen der Probst, zwei die Chorherren haben, 
demselben scrinium und unter gleichem Verschlufs sollen 
3I1 die Privilegien verwahrt werden. Alle littoras missiles 
ntulo necessarias soll der Scholasticus per se vel per alium 
ledire, ^) Aehnlich werden auch in anderen Stiftern die 
irichtungen gewesen sein. 

Nicht selten sah man sich in den Kanzleien auch veran- 
jt, iiel)en den angestellten Beamten bei besonderen Gelegen- 
ten Schreiber für einzelne Dienstleistungen anzunehmen. 

In Hambui'g lagen an der Schroiberbrücke die Schreiber- 
Icn, imd daninter die hoda angularis dominorum considum, 
bis 1518 die Schreiberei oder Kanzlei war. In den Rech- 
igen aber finden wir häufig Ausgaben pro eopiis serihcndis 
verschiedene Schreiber und an die seholares der Stadt- 
ireiber.*) Ebenso in den Aachener Rechnungen S. 229 für den 
linbrief mit Johann von Falkenstein 1353: scriptori scribenti 
eras easdem duos aiireos florenos, und 1376 (S. 259): Laii- 
^,cio scriptori de exscrihendo privilegia nostra dec&in niarcas. 

An den grofsen Höfen bediente man sich für die massen- 
ften Mandate bald auch der Druckerei; K. Max liefs seine 
sschreiben in Augsburg drucken.^) 

4. Lohnschreiber. 

So lange das römische Reich noch bestand und die alte 
Itur in ihrem Verfall doch die alten Formen bewahrte, fand 
le zahlreiche Menschenklasse ihren Unterhalt durch die Kunst 
s Schreibens; wir haben ihrer schon früher gedacht. In 
dien hat dieser Zustand wohl niemals aufgehört; auch die 
den fuhren hier fort, die alten Schriftsteller zu lesen, und in 
ischäften wurde aus alter Gewohnheit weit mehr geschrieben 



Arch. f. österr. Gesch. XLVI, 506. 

*) Koppmann, Kämmereirechnungen I, LXXIX. 31 etc. S. 87 a. 
63: 10 80I. pro copia Utere des lantvredes. 
^) Herberger, Konrad Peutinger S. 26. 



396 Die Schreiber. 

als iü anderen Ländern. Der Geistlichkeit blieb liier der Ge- 
danke fremd, sich als einzigen Träger litterarischer Bildung 
zu betrachten; sie stand vielmehr den Grammatikern, welche 
noch einer geheimen Vorliebe für das Heidenthum verdächtig 
waren, feindlich gegenüber und blieb zeitweise in gelehrter 
Bildung weit zurück. Dagegen war ein Bedürfnifs nach Schrei- 
bern immer vorhanden, und gewerbmäfsige Schreiber aus dem 
Laienstande wird es immer gegeben haben. Schon oben S. 210 
wurden Liudprands Verse angeführt, welche die Römer ange- 
legentlich mit Goldschrift beschäftigt zeigen; da es sich hier 
um die Vertheidigung der Stadt handelt, kommen die Beschäf- 
tigungen der Geistlichkeit dabei nicht in Betracht. Ganz all- 
gemein lauten die Worte Gerberts ep. 130: Nosti quot scri- 
2)tores in urbibus aut in agris Italiae passim habeantur. Dafe 
wir von ihnen sonst nichts hören, ist leicht zu erklären; nur 
ein zufälliger Umstand konnte zu einer Erwähnung führen. Das 
geschah, als die Schulen der Lombarden einen immer glänzen- 
deren Aufschwung nahmen, und hier natürlich auch die Nach- 
frage nach Abschreibern wuchs. Die Universitäten nahmen sie 
als Zugehörige unter ihre Jurisdiction mid den Schutz ihrff 
ausgedehnten Privilegien. Da waren nun verschiedene Verhält- 
nisse zu regeln, und die Statuten geben darüber Auskunft. 
Hier genügt es, auf das. 25. Capitel von Savigny's Geschichte 
des röm. Rechts im Mittelalter zu verweisen; ich ei'wähne niir,|j|i, 
dafs Bologna lange Zeit im Vordergrunde steht, und dafs da 
unter den Schreibern auch Weiber und Nonnen zahlreich er- t,i 
scheinen.^) In der Blüthezeit der Universitäten war das Schreib- 
gewerbe eines der lohnendsten. 

Im Frankenreiche gingen in den wirren Zeiten des Kampfes 
um das Erbe der versinkenden Merowinger die letzten Reste 
römischer Cultur und Einrichtungen fast völlig zu Grundftl, 
Karl der Grofse suchte zwar die Laienbildung herzustellen,!^ 
aber in deni erneuten Kampf um sein Erbe schüttelten die Laien |^ 
diese unbequeme Zumuthung wieder ab, und bald galt es bei 
ihnen für unanständig, etwas zu lernen, während der Cleros'"'* 



Beispiele bei Sarti I, 186. 



Lohnschreiber. 397 

seinerseits es nicht minder unpassend und unerlaubt fand, wenn 
der Laie sich seine Künste aneignen wollte. Da nun also jeder, 
welcher zu litterarischer Beschäftigung Neigung hatte, Geist- 
licher werden mufste, so gab es bald viel mehr Geistliclie als 
Pfründen, und sehr viele von ihnen suchten und fanden als 
Beamte aller Art, auch als Schreiber, ihren Unterhalt. In St. 
Gallen erzählte man sich, dafs 784 der Abt Waldo, gedrängt 
dem Bischof von Constanz sich zu miterwerfen, dem König 
Karl geantwortet habe: nequaquani post liaec, dum horum triam 

. digitorum vigorem integrum tenco (nam scriptor erat eximius) 
vilioris j^e^sonae manibus me suhderc decrevi.^) 

Er rechnete also darauf, als Schreil)er seinen Unterhalt 

. zu finden, und ohne Zweifel werden auch die Sclu-eiber, von 
welchen die herrlichen Prachtwerke jener Zeit herrühren, guten 

j Lohn dafür erhalten haben. Ihre Namen sind theilweise be- 

- kaiint, aber weiter wissen wir nichts von ihnen, und aus dem 
_: nächstfolgenden Jahrhundert weifs ich als eigentlichen Lohn- 
schreiber nur den Werinzo in Freising nachzuweisen.^) Ohne 

- Zweifel aber gab es viele dergleichen, und im elften Jahr- 
; hundert werden sie an verschiedenen Orten erwähnt. Zu Rot- 
land, einem lombardi sehen Cleriker um 1050, der sich rühmte 
viele Bücher geschrieben zu liaben, sagte Anselm: multos opor- 
tet libros scriberes, ut inde precium sumeres,' quo a tuis leno- 
ndhus te redimeres.^) Notker schrieb um 1020 an den Bischof 
Von Sitten, der Bücher wünschte: sl vultis ea, sumptibu^ cnim 
indigent, mittite pUires pcrga7iienas et scribentibus j)raem/a, et 
snscijrk'tis cor um e^jcempla^) Gui))ert von Nogent erzählt:^) 



') Katperti Casus S. Gall. c. 4. 

^) Ahrahamn episcopo (957 — 994) praccipiente michi capeUano {2)shts 
Grotescalcho oheunie, Meginhnlmo et WiUihahno Frisingensis loci prae- 
•^Hsndariis et Werinzone conducto scribentibus egregium opus huius vohimi- 
•»«5 Mettis comparatum est servicio S. Mariae sanctique Corbiniani per- 
Z^etim mansurum. Cod. lat. Mon. G26G. Die Thätigkeit Gotescalchs 
"W-ird 6285 mit inservire, G313 mit efficere bezeichnet. . 

^) Dümmler, Anselm der Peripatetik^r S. 32. 

*) J. Grimm, Kleine Schriften V, 190. 

^) Monod. I, 24. Opp. p. 487. 



398 Bie Schreiber. 

Quidam clericus in Beluacensi pago scriptandi arte vivebat, 
quem et ego noveram, nam Flaviaci in hoc ipso opere condu- 
ctus lahoraverat. Um dieselbe Zeit liefs der Abt von St. AI- 
ban's, wie schon oben S. 372 erwähnt wurde, neben seinen 
eigenen Mönchen auch gemiethete Abschreiber für die Biblio- 
thek arbeiten, die er von weit her holte. In England werden 
sie von da an häufig erwähnt. 

Auch in den alten Statuten der Canoniker von St. Victor 
in Paris wird dem armarius aufgegeben: eos qui pro präk 
scribunt ipse conducat,^) 

In Böhmen fand 1097 der neue Abt Diethard das Kloster 
Sazawa ohne lateinische Bücher, und sorgte sofort angelegent- 
lichst dafür, sie zu beschaffen: ipsemet nocte et die immenso 
lahore conscripsit, quosdam emit, quosdam scriptores scribere 
conduxit.^) Unter Abt Rupert von Tegemsee arbeiteten im 
12. Jahrhundert die Mönche auch für eine vornehme Dame, 
vermuthlich gegen BezaTilung.^) Die Gräfin von Sulzbach hatte 
ihm ein Plenarium übersandt, mn es vollenden zu lassen; wäre 
es noch nicht fertig, möge er sich deshalb keine Sorge machen, 
quoniam honum artißcem levi pretio conduadmus, et id ipsum 
praestolatur opus perfecturus.^) Der oben S. 375 erwähnte 
Bruder Laiupold in Mallerstorf verdiente sich mit Schreiben 
viel Geld: multuni scripto laborans in annis iuvenilihus, de 
pretio laboris sui nee deum nee proximum defraudare voluit, 
confratrum suorum necessitati fideliter offerens quicquid habere 
potuit ex honestae artis exercitio. Für die eigene Bibliothek 
schi'ieben die Mönche umsonst, wie sie ja ursprünglich eigenen 
Besitz gar nicht haben durften, und wohl erst später wurde 
auch diese Arbeit bezahlt. So berichtet W. Wittwer (S. 184) 
von Johann von Vischach, welcher 1355 Abt von St. Ulrich 
und Afra wurde, dafs er ein vortrefflicher Schreiber und Musi- 
ker gewesen sei, und vor seiner Erhebung viele Chorbücher 



^) Marlene de antiquis eccl. ritibus IH, 733. 

2) Mon. Germ. SS. IX, 154. 

3) B. Pez, Thes. VI, 2, 11. n. 24. 
*) ib. p. 15. n. 14. 



\ 



Lohnschreiber. 399 

geschrieben habe, attamen illo attento, quod appreciata fuerunt 
sibi illa que confecit mercede condigna, prout tunc moris fiiif. 
Aber die vielen Kirchen, welche doch alle Bücher brauchten, 
mufsten in der Regel diese Arbeit bezahlen, auch wenn Mönche 
sie ausführten. Als das Kloster Saar in Mähren gestiftet wurde, 
um 1260, liefs die Stifterin auch eine Bibel schreiben: 

eciam fit byblia scripta. 
Quam monachus quidam Rudgerus scripsit ab Ozzec, 
Quam felix domina precio conscribere fecit 
De proprio prima fundatrix dicta Sibilla.^) 

Diese Besorgung eines Buches, wie sie hier von der Stifterin 
ausging, wird sonst auch durch comparare bezeichnet; so wur- 

"* den 1306 dem Thomaskloster zu Leipzig drei Mark Silbers ge- 
schenkt, um missalem novum quem d, Heynricus de Wisenvelz 
conparaverat , der AUerheiligencapelle unveräufserlich zuzu- 
wenden.*) In einer 1368 geschriebenen Glosse zum sächsischen 

' Landrecht wird erwähnt liber quem comparamt Arnoldus de 
Noringen armiger. ^) 

In Salzburg beschaffte (comparavit) der Pfarrer und Kammer- 
meister Peter Grillinger eine grofse schönverzierte Bibel für 

- 300 Gulden, und schenkte sie 1435 dem Domcapitel, das sie 
intra cancellum liber arie sue verwahrte.*) Ebenso heifst es 
- 1476 von Bischof Georg von Passau: comparavit hunc presen- 
tem missalem librum in remsdium et salutem anime sue.^) In 
St. Gallen war der Ausdruck patrare üblich, wie Ekkehard 
vom Bischof Salomon sagt: patravit quoque multa, libros etc.^) 
So heifst es auch in dem ältesten Catalog:*^) Hos libros pa- 
travit Grimoldus, und in einem Sacramentar saec. X: 



*) Chronica domus Sarensis ed. R. Roepell p. 40. 

«) Cod. dipl. Sax. Reg. II, 9, 54. 

Cod. Pal. Germ. 165. Wilken S. 371. Homeyer n. 313. 

*) K. Bartsch im Anz. d. Germ. Mus. V (1858) 293 aus dem alten 
O atalog. 

«) Czerny, Bibl. v. St. Florian S. 43. Vgl. auch vorher S. 37G. 

'^) Casus S. Galli, MG. II, 89. 

') Scherrers Verzeichnifs S. 100. Vgl. Casus c. 16: Gozherius tihro- 
^rim copiam patravit, u. Weidmanns Gesch. d. Bibl. S. 15 u. 369. 



400 I>ie Schreiber. 

Sancte pater Galle, Cotescalco praemia redde, 
Huius opus libri tibi qui patravit honori.^) 

Diese Verse finden wir auch in den Sequenzen von 1507 
mit der Aenderung frafri Unnütz, und da ist denn allerdings 
Joachim Unnütz selbst der Schreiber gewesen.^) Und ebenso 
schon in alter Zeit; 

Hunc praeceptoris Hartmoti iussa secutus 
Folchardus studuit rite patrare libellum.^) 

In älmlicher Bedeutung kommt im neunten Jahrb. parare 
vor in den Versen: 

Accipe nunc demum scripturam, care magister, 
Ex alio ceptam, sed de me forte paratam. 
Accipe litterulas deformi scemate factas, 
Sitque labor gratus, quem fert dovota voluntas.'*) 

Hier steht es wohl für vollenden, Dunkel ist die Inschrift 
der Ilsenburger Bibel aus dem zwölften Jahrhundei-t: Ähhas 
MarUmis me fieri iussit, Wulferammus nie scripsit, et Ileri- 
mannus me fecit,^) 

Eine Abschrift von dem Commentar des Florus zu den 
Paulinischen Briefen aus Corbie hat die Inschrift: Compositns 
est liber iste a Riehero subpriore et Johanne suo scriptm'e et 
monoeulo (monacho?) anno quo restituta est ecclesia S, Johan- 
nis Corheiae, et Turonis est secunda sedes Rmnanae urbiSj o. 
1164 Ludovieo rege Franeorum, Theodorico episcopo Ämhia- 
nense, Johanne abbate Gorbeiense.^) Es war das Jahr der 
Synode zu Tours, wo Alexander III anerkannt wurde. 

Aber es steht auch ganz einfach seriptus per veneraUlem 
Chunraäum unter einer Bibel, welche im 13. Jahrh. der Vo- 



*) Scherrers Verz. S. 118, cod. 338. 
Ebenda S. 163, cod. 546. 
») Ebenda S. 13, cod. 23. 
Ebenda S. 107, cod. 285. 
) Ed. Jacobs, Schriftthum in Wernigerode S. 7. 
") Lupi Ferrar. epp. ed. Baluz. p. 406. 



6 



Lohnschreibef. 40l 

rauer Chorherr Conrad durch einen Studenten schreiben liefs/) 
und ebenso scriptus per dominum abbateni in einer Hand- 
schrift, welche der Abt des Wiener Schottenstifts 1314 hatte 
anfertigen lassen.*) 

Den deutschen Ausdruck für die Besorgung einer Hand- 
schrift finden wir in einer Sammlung von Bruder Bertholds 
Predigten von 1370: Die edele frauwe Elizabeth von Nmmn 
pfalntzgrevinne bij Ein vnd hertzoginne in Beigern hat gezuo- 
get diz buoch. Daz do voUenbraht wart etc.^) So ist es auch 
zu verstehen, wenn« es von einer 1380 vollendeten Abschrift 
(1er Hedwigslegende heifst, sie sei geczewgit durch Herzog Ru- 
precht von Liegnitz, und von einer späteren: Dezis Buehis 
Schreibung ende ist gesclieen vnd des mehe gnanten Erbern An- 
thonien Hornigis czewgung . . . 1451.^) Noch im 17. Jahrh. 
wird von der Landgräfin Sophie Eleonore von Hessen gesagt, 
dafs sie ehie BibliotJiek gezeugt und hinterlassen habe.^) 

In den Klöstern, vorzüglich in den* alten und reichen 
Stiftungen, wurde es vom 13. Jahrhundert an eine Ausnahme, 
wenn' noch die Mönche selbst schrieben, wie schon oben S. 373 
von Corbie bemerkt wurde. In Voran liefs schon Probst Bern- 
hard im zwölften Jahrh. für Geld schreiben: dato precio scribi 
fecit.^) Probst Conrad (t 1300) machte sich um die Biblio- 
thek verdient, schrieb auch selbst Bücher ab, andere precio 
conscribi fecit.'^) Aus den Rechnungen des Klosters Aldersbach 



*) Czerny, Bibl. von St. Florian, S. 48 aus Caesar^s Ann. Styr. 
II, 862. 

*) Quellen und Forschungen S. 165. 

8) Cod. Pal. Germ. 24. Wilken S. 319. Vgl. dazu J. Grimm, Kl. 
Schriften IV, 353, der auch Wilken S. 348 anzieht: Herman von Frit- 
schelar der hat iz gezuget. 

*) H. Luchs, Ueber die Bilder der Hedwigslegende. Festschrift der 
Breslauer Töchterschule zum Jubiläum der Universität (1861) S. 13 u. 15. 

^) Walther, Beiträge zur Kenntnifs der Bibl. in Parmstadt, I, 3. 
Im Auz. d. Germ. Mus. XVIII (1871) S. 13 sind ähnliche Beispiele 
von 1383. 

ö) Czerny, Bibl. v. St. Florian S. 50. 

') Beiträge zur Kunde Steiermark. Geschichtsquellen, 4. Jahrg. 
(1867) S. 86. 89. 92. 

Wattenbach, Schfiftwesen.' 2. Aufl. 26 



402 I^ifr Schreiber. 

hat Rockinger vom J. 1304 an Ausgaben für scriptores libro- 
rum zusammengestellt.^) Die Aehtissin von Frauenthal liefs 
1342 ein Buch für Geld durch einen scriptor schreiben.^) Joh. 
de Ungaria schrieb 1348 in Aspach ein Buch, ab abhate Ul- 
rico appretiatus.^) Der huechsclireiher Asprian Jeronimus stellte 
1406 dem Abt zu Ror eine Quittmig aus.*) Der Abt Kaspar 
von Tegernsee (1426 — 1461) liefs durch scriptores condudi 
Bücher schreiben.^) Der Markgraf von Baden freite 1478 Paul 
Conradi den Buchschreiber, weil er für das Stift zu Baden 
schreiben sollte.^) 

Dagegen verdienten Geistliche aller Art sich Geld mit 
Buchschreiben. In Monte Cassino ist ein Band Predigten iji 
sehr kleiner Schrift mit der Unterschrift: A, d. 1326 de mense. 
Aprilis in paiicis diebus in magna festinantia per donipnutn 
Ambrosium de CasteUo, archipresbiternm Scapulorum, stiUili 
litera scriptus fuif^) Er kann ihn freilich zu eigenem Ge- 
brauch abgeschrieben haben. Aber für Geld schrieb 1374 ein 
Pfarrer für einen Mönch zu Corbie die bekannte Handschrift 
des Henr. Bohic (oben S. 106). Ein Schwabenspiegel von 1429 
ist von dem Minoriten Thomas von Lyphaim geschrieben.^) 
Wilh. Wittwer liefs sich für Geld ein Mefsbuch schreiben per 
quendam sacerdotem seculareni nomine Jeorius Zickel.^) Für 
das Stift St. Gallen hat Mathias Bürer von Lindau, der au 
vielen Orten, zuletzt in Memmingen, Caplan gewesen ist, und 



^) Zum baier. Schriftwesen S. 178 (II, 12). 

'^) Constitit autem in pergameno iij t. et i sol. hall. JPretium vero 
seriptoris iij t. et xxviij hall. Summa totius vii t. et xiv den. Sed pro 
illuminatura ix sol. hrevium. Insuper ligatura cum dausuris x sol. Ir. 
Irmischer S. 106. 

3) Cod. lat. Mon. 3204, Catal II, 67. 

*) Mon. Boic. II, 59, berichtigt von Rockinger 1. c. Ausgaben aus 
Baumburg und Scheiern aus d. 15. Jahrh. ib. p. 13. 

*) B. Pez, Thes. III, 3, 541. 

«) Mone, Zeitschrift I, 311. 
• ') Caravita II, 264, cod. 457. 

«) Cod. Pal. Germ. 145. Wilken S. 360. 

^) Steichele's Archiv III, 344. 



Lohnschreiher. 403 

1485 starb, 24 Bände geschrieben; 1470 vermachte er dem 
Stift gegen eine Pfründe seine eigene Bibliothek.^) 

Von den Brüdern des gemeinen Lebens u. a. ist schon 
oben S. 382 die Rede gewesen; 1350 wurde in Erfurt ein 
peckardiis Constantin als Ketzer ergriffen, den man gerne ret- 
ton wollte, quia hontis scriptor erat lihrorum textualiumJ) 
Sehr viel schrieben, um ihren Unterhalt sich zu verdienen, 
Schüler und Studenten. Gerhard Groote liefs in Deventer die 
Schriften der Väter durch die besten Schreiber unter den zahl- • 
reichen Schülern salvo pretio condigno exscribi et exeopiari.^) 
Eine Menge von Beispielen aus Oesterreich hat Czeray zu- 
sammengebracht.*) Auch die Schulmeister schrieben, oft wohl 
mit Hülfe ihrer Schüler; so 1356 Thomas von Nikolsf)urg eru' 
ditm' parvulorum in Ernstbrunn. ^) Kaiser Ludwigs Landrecht 
schrieb 1416 Rabensteiner ab, dum seolas in Newenstat rexit,^) 
Heinrich Halbgewachsen aus Regensburg, Rector der Schule in 
Grofs-Schenk in Siebenbürgen, schrieb und malte 1430 ein 
prächtiges Mefsbuch mit reich vergoldeten Initialen.') In Sege- 
berg in Holstein schrieb 1444 der Schulmeister ein Buch ab.®) 
Ein Terenz in Wolfenbüttel (cod. Aug. 80) ist 1480 per 
M, Crafftonem de Udetilieym, redorem scolarwn opidi Scletz- 
stadt, geschrieben, und um dieselbe Zeit schrieben der alte und 
der neue Schulmeister die Gesangbücher für St. Oswald in Zug 
darunter ein sequeneionarium von xij quaternen, jede zu sehrei- 
ben und zu benoten xvj Schilling,^) Bei den Anfängen des 
Buchhandels werden wir den Schulmeistern wieder begegnen. 



') Weidmann, S. 54. Scherrers Verz. S. 375. 

*) Chron. Sampetr. ed. Stübel p. 181. 

») Chron. Windesh. I, 2 p. 5; vgl. II, 10 p. 294. 

*) Bibliothek von St. Florian S. 48. 

^) Czerny a. a. 0. S. 74, vgl. S. 48. 

^) Rockinger S. 182 (II, 16); S. 18 ein Deutschenschulmeister. 

') Teutsch, Gesch. d. Siebenb. Sachsen I, 246. 

®) me regente ibidem ^ouerulos, Ratjen, Zur Gesch. d. Kieler Univ. 
Bibl. S. 67. 

®) Geschichtsfreund II, 101. Auch Abschriften von Urkunden be- 
sorgte 1488 ein Schulmeister, Geroldseckische Rechnung bei Mone, 
Zeitschr. f. Gesch. d. Oberrh. XII, 436. 

26* 



404 I)ie Schreiber. 

Aus ihnen gingen manchmal die Stadtschreiber hervor, wie 
Peter Eschenloer in Görlitz Lehrer gewesen war.^) Sie haben 
oft Bücher geschrieben, Chroniken, Rechtsbücher zu eigeüem 
und der Stadt Gebrauch,^) gelegentlich aber auch aus dem 
Abschreiben ein Gewerbe gemacht, wie Beyschlag von Conrad 
Hom, 1415 bis 1435 Stadtschreiber zu Nördlingen, nach- 
gewiesen hat.^) 

Viele der schon in alter Zeit nicht näher bezeichneten 
Schreiber waren ohne Zweifel Laien. Eine lex Alamannomm 
saec. X schrieb AMramnus indignus advoccUtis latus,*) Aber 
auf Rechtshandschriften wird sich das in jener Zeit beschränkt 
haben, und vom 10. bis 12. Jahrb. mögen aufserhalb ItaUens 
wenig Laien geschi-ieben haben. Vom 13. Jahrb. an aber wer- 
den eigenthche gewerbsmäfsige Schreiber aus dem Laienstande 
häufig, und übertreffen an Zahl die geistlichen. Ein Priester- 
sohn hat 1294 einen schönen Codex für Monte Cassino ge- 
schrieben: 

Sub Celestino quinto pergente Casino, 
Tunc opus hoc fini perduxit Petrus Atini. 
Nostra voce pia benedic queso virgo Maria. 
Maximus hunc genuit presbiter atque fuit.^) 

In den Cölner Schreinbüchern kommt nach Merlo®) um 
1175 ein scrijytor vor, 1260 ein vcrheiratheter, und von da an 
sind sie häufig. Conradus de Mure (oben S. 245) erwähnt 
scriptf/rcs et scriptrices,'^) Von Erfurt sagt Nicolaus von Bibera 
um 1280: • 



') Eschenl. Ilist. Wrat. ed. Markgraf p. VIT, wo noch mehr Bei- 
spiele sind. 

'^) vgl. Rockinger II, IG ttber die von Gerich tschreibem und Noti- 
ren geschriebenen Rechtsbücher. In Italien haben Notare viel gewerbs- 
mäfsig abgeschrieben, z. B. Job. de Nuxigia in Mailand 1331 den Gotfr. 
von Viterbo, MG. SS. XXII, 19. 

^) Bey träge zur Kunstgeschichte von Nördlingen III (1799) 44. 

*) Archiv d. Ges. YH, 752. 

^) Caravita II, 258. 

ö) Die Meister der altköln. Malerschule (1852) S. 186. 

') Kine schreibende Schriftstellerin abgebildet Histoire de ilmpri' 
merie (Paris 1852} S. 54. I^i 



'i» 



Lühjischreiber. 405 

Sunt ibi scriptores quibus attribuuiitui* lionoros. 

Freilich widmet er ihnen nur diesen einen Vers.^) In der 
Pariser Steuerrolle von 1292 finden sich 24 cscrivains; wahr- 
scheinlich ist eine gröfsere Anzahl wegen geistlicher Immunität 
hier nicht genannt.^) Ueber das ganze zur Universität ge- 
hörige und unter* ihrer Aufsicht stehende Schreil)erwesen, in 
Paris sowohl wie in andern Ländern, ))egnüge ich mich auf das 
Werk von Savigny zu verweisen. Eine zaldreiche und bunt- 
gemischte Gesellschaft fand sich vorzüglich in Bologna zusam- 
men, darunter auch ein humoristischer und verliebter Schwede.*'*) 
Kunstschi-eiber, escrlprains de farme, werden in Frank- 
reich und Niederhind nicht selten erwähnt. Sie waren nach 
manchen Spuren nicht gerade immer die zuverlässigsten Leute, 
und ein uns erhaltener Contract aus dem 13. Jahrh. ist zu 
charakteristisch, als dafs wir ihn hier übergehen könnten. Er 
lautet:*) Universis prmsentes litter as inf^peeturis offteUim Äure- 
lianense salutem in Domino, Noveritis qiiod in nostra prae- 
sentia constitutiis R. de Normannia serijdor prmnisit per fidcm 
suam, se scripturum, perfeeturum et continuaturum x)ro 2>osse 
suo magistro W. Leonis elerico apparatxim Innocentii super 
Decrctalihus, prout ineepity pro quattwr libris Parisiensibus 
solvendis a dido nnußstro dieto lioberto, prout per pecias lucra- 
hitiir in seribendo. Promisit idem scriptor per fidem suam, 
quod aliud opus nmi aecipiet, quousque dictum opus fuerit 
integraliter consummatum, Promisit idein R. per fidem suam, 
quod si desisteret in seribendo, perfieiendo et continuando dic- 
tum opus, quod ipse prisioyiem in domo dicti magistri in vin- 
ctilis ferreis tenebit, inde nullatenus exiturus, quousque dictum 
opus fuerit integraliter perfeetum, et si in hoc defecerit, quod 
jjraepositus noster vel serviens ubicunque cum capiat et ad do- 



Carmen occulti auctoris, Wiener SB. XXXVII, 241; ed. Th. 
Fischer S. 97. 

2) H. G^raud, Paris sous Philippe-le-Bel (1837) S. 506. 

^) Ecclesiac Colon, codd. p. 5i. 

-*) Annales de la Societe d'emulatien de la Flandrc, 2. Serie VIII 
(Bruges 1850) p. 159, nach freundlicher Mittheilung von W. Kopi)mann. 



406 I>iG Schreiber. 

miim dicti magistri adducat pro prisionc tenenda, Obliyavit 
idem B, per fideni suam se et heredes suos ^ omnia bona siia 
mobilia et immobilia, praesentia et futura, renuncians per 
fidem suam in hoc facto omni juris auxilio etc. 

Droin Ducret, clerc ä Dijon, erhielt 1460 vom Herzog für 
jedes Blatt einen Groschen, was als prix accoustume bezeichnet 
wird.^) Die eigentlichen Kunstschreiber werden es -wohl ohne 
Zweifel gewesen sein, welche man im südlichen und östlichen 
Deutschland cathedrales oder Stuhlschreiber nannte (vgl. ohen 
S. 227). Prepara cum vernisio, ut cathctralium moris est, 
heifst es in einem Reccpt bei Rockinger.^) In einer Chi-onik 
des Cistercienserklosters Kaisersheim wird z. J. 1313 berichtet: 
Zu diser Zeit was prior zu KaisJieim bruder Itudger, und was 
ain guter stulschreiber da, Rudolph Veir abend von Augsburg, 
der schrib vil biicher. item in disen jar was ain guter stul- 
schreiber zu Kaisheim, Wernher von Eichstett, der schrieb auch 
vil bücJier. und Peter von Ulm der illuminier et s, bruder Hain- 
rieh apotecker band sy ain,^) In Heilsbronn liefs 1405 Abt 
Berthold eine glossierte Regel Sanct Benedicts abschreiben; 
der Schreiber nennt sich Ileinricus Jcathedralis de Juvavi-a.*) 
Unter einem Rechtsbuch (Hom. 405) steht: A, 1421 complevü 
Nicolaus Brems Jcathedralis Cra(coviensis) librum iuris in 
Lubschicz. Probst Kaspar von Baumburg gab 1442 einem 
kathedral einen Zehrpfennig, und in Oberaltaich wurden 1449 
einem Schreiber kathedral von einem grofsen Quatem des 
Mettenbuches vier Groschen gegeben.^) Der Kathedral Ulrich 
Schilling von Kauf heuern schrieb 1448 ein Buch,^) und Georg 



*) Laianne, Curiosit^s bibl. p. 318 aus dem Inventaire de la biblio- 
theque des ducs de Bourgogne, wo viel der Art zu finden ist. 

^) Zum baier. Schriftwesen S. 20. 

^) Rockinger in d. Quellen zur baier. Geschichte IX, 841 aus Cö- 
lestiii Anglspruggers Chronik von 17(j4. 

*) Erlanger Handschriftenkatalog von Irmischer S. 112; vgl. S 126. 
wo er einfach H. de Juvavia heifst. Daselbst der hübsche Schreiber- 
name Johannes aurea penna. 

^) Rockinger, Zum baier. Schriftwesen S. 183 (II, 17). 

^) Cod. lat. Mon. 4726 aus Benedictbeuern: Catal. II, 197. 



^ 



Lohnsclireiber. 407 

Perger von München zwischen 1461 und 1466 mehrere an- 
sehnhche Werke. ^) Albert Hösch zu München nennt sich 1455 
Jcathedralis et modista. In Augsburg finden wir 1460 den 
Kathedral Johann Layder,*) und in Wilhelm Wittwers Cata- 
logus abbatum SS. Udalrici et Afrae heifst es,^) dafs von 1487 
bis 1494 plura breviaria diurnalia pro diversis fratrihus ofß- 
cialibtis ex licencia abhatis scripta sunt per scrlptores scu 
eathedrales, que mnnia solvit et pergamenum ad illa volimtarie 
dedit. Auch Sigismund Gossembrot schreibt aus Augsburg: 
Scriptores kathedrales et sanctimoniales congrue et ptdchre in 
scribendo tractibus atramenta effigiant, omnino tarnen in gram- 
matica ignari totaliter.^) Rocküiger erwähnt noch den Stuhl- 
schreiber Wurm zu Straubing 1502 und 1529 Johann Trincklil, 
Bürger und Stuhlschreiber zu Aichach. Der Name erhielt sich 
noch lange, und bezeichnete öffentliche Schreiber, die für Illit- 
toraten Briefe mid andere Schriftstücke verfertigten.^) 

Haintz Sentlinger von München, der 1394 und 1399 für 
die Vintler abschrieb, wird auch ein bürgerlicher Schreiber ge- 
wesen sein, wie es deren auf den Edelhöfen viele gab.®) Peter 
von Bacharach, Mainzer Bürger, schrieb 1401 den Schwaben- 
spiegel für das Gericht zu Eltvill ab.*^) Gar hübsch erzählt 
Burkard Zink, wie er in Augsburg 1420 ein Weib nahm, und 
weil sie beide nichts hatten, sie mit Spinnen Geld verdiente 
und er mit Schreiben. In der ersten Woche schrieb er vier 
seodern des grofsen papirs karta regal, und weil dem geist- 
lichen Herrn, welcher ihm den Auftrag gegeben hatte, die 



*) Catal. II, 172. Rockinger 1. c. S. 184 (II, 18), wo sich auch 
einige der folgenden Notizen finden. 

*) Mezger, Gesch. d. k. Kreis- und Stadtbibl. in Augsburg S. 70. 73. 

^) Steichele's Arch. f. d. Gesch. d. Bisth. Ausgb. III, 342. 

*) Zeitschr. f. Gesch. d. Oberrheins XXV, 46. Auch in Elbing 
werden scolscriver erwähnt, s. Hans. Geschichtsbl. 1873 S. 221. 

**) vgl. Schmellers baier. Wörterbuch III, 633. 

«) Knittel, Ulph. Fragm. p. 475. Zingerle in d. Wiener SB. L, 372. 
Czemy, Bibl. von St. Florian S. 58, dessen ganzer Abschnitt „Die 
Schreiber auf den Edelhöfen" S. 54—59 zu vergleichen ist. 

') Zeitschr. f. d. Gesch. d. Oberrheins XXIV, 241. 



408 I>ie Schreiber. 

Schrift gefiel, erhielt er fiir den Sextcrn 4 Groschen.^) Li 
Augsburg ist sehr viel geschrieben worden, und es war eben 
falls kein Gelehrter, der zu einer Copie des Augsburger Stadt- 
rechts schrieb: Quis hoc scribehat, Vlricus leyher antiqus no- 
men habebat,^) Auch die bekannte Clara Hätzlerin ist von 
1452 bis 1476 als Augsburger Biirgerin nachweisbar, und 
scheint für Geld abgeschrieben zu haben. ^) Leonhart Schiel, 
Bürger daselbst, schrieb 1498 ein deutsches Gebetbuch mit 
sehr schönen Miniaturen.**) In Hagenau schrieb der Schullehrer 
Diepold Lauber, auf den wir noch wegen seines Buchhandels 
zurückkommen werden, in Breslau 1451 ein Vierdungschreiber 
(Finanzbeamter) die Hedwigslegende, in Klostemeuburg 1457 
Wenczlab Radpekch, Bürger daselbst.^) Diese Laien schrieben 
meistens deutsche Bücher; es gab aber auch studierte Leute, 
deren Gelehrsamkeit nicht weit reichte, wie die Unterschrift 
einer Bilderhandschrift mit den Kämpfen Dietrichs von Bern 
zeigt: Hoc liberus schrijmt Johannes port, unus sc/iriptor et 
magister in ardibus de argentyna Anien.^) Etwas mehr Latein 
verstand hoffentlich der Abschreiber eines Donat von 1473, 
Conradus bucJcUn von heyserlichem gewalt ein off er notariiis.') 
Graf Hugo von Montfort (t 1423) liefs seine MinneUeder 
u. a. durch seinen zu Bregenz gesessenen Knappen Burkhard 
Mangold niederschreiben und mit Weisen versehen,®) Oswald 
von Wolkenstein aber um 1432 schrieb seine Gedichte selbst.®) 



^) Die Chroniken der deutschen Städte V, 129. 

2) Cod. Pal. Germ. 175. Wilken S. 381. Die Schablone ist sehr 
gewöhnlich, z. B. Qui me scribehat, Heinricus nomen hahehaty IrmisCher 
S. 160. lieber der Inschrift des Schreibers steht auf der inneren Seite 
des Umschlags 43, was man nicht mit Wilken als 1443 ergänzen darf. 

^) Barack, Handschriften zu Donaueschingen S. 564. Ein Schwaben- 
si)iegel von ihr in Lambach, Rockinger in d. Wiener SB. LXXIV, 387. 

4) jetzt in Sigmaringen n. 52. Anz. d. Germ. Mus. XIV (1867) 236. 
Verzeichnifs von Lehner S. 36. 

^) Hoifmann, Altdeutsche Handschriften S. 314. 

ö) Cod. Pal. Germ. 324. Wilken S. 409. 

') Cod. Pal. Germ. 487. Wilken S. 489. 

«) Staelin, Wirtemb. Geschichte III, 758. 

«) Zingerle in den Wiener SB. LXIV, 623. 



Lohnschreiber. 409 

Johann Werner, Freiherr zu Zimbern, beschäftigte Gabriel 
Linflenast, Bürger zu PfuUendorf. ^) 

Mit besonderer Vorsicht wurde ein geheimes Loosbuch 
abgeschrieben: 1492 hob ich Heinrich Meise vmi wurtzpurglc 
dits buch zu Grunfsfelt In des Wolgehornen hcrrn. herren As- 
musen, Grauen zw Wertheims vnd hin seiner Gnadcfii Cant- 
zellei vollenndt vnd geschriben. In beywesen seiner gnaden 
Secretari Conradi Koppels.^) 

Schon aus diesen Beispielen, welche ich genommen habe, 
wie sie gerade der Zufall mir gebracht hat, ergiebt sich, dafs 
die bürgerlichen Schreiber vorzüglich mit Bücheni in den Volks- 
sprachen sich beschäftigten, kirchliche und gelehrte dagegen 
noch immer vorzugsweise der Geistlichkeit und dem entstehen- 
den Gelehrtenstand zufielen. Die Schreiber an den Universi- 
täten waren auf einen ganz engen Kreis approbierter Schriften 
beschränkt. Es ist daher leicht begi-eiflich, dafs die Huma- 
nisten für ihre Zwecke nicht leicht Copisten fanden; mifsfiel 
ihnen doch auch die Schrift der Zeit mit sammt den Minia- 
turen und Goldschmuck (oben S. 300). Eine neue Renaissance- 
schrift bildet sich aus, und lebhaft tritt uns der Conflict vor 
Augen, wenn wir in der Chronik von Melk nach der Reform 
von 1418 durch Mönche von Subbiaco sofort auch die neuen 
italienischen Schriftzüge finden.^) Wie in alten Zeiten Hiero- 
nymus, so klagen jetzt die neumodischen Gelehrten über Mangel 
an Schreibern, und über die Unzuverlässigkeit derselben. So 
schreibt Petrarcha: ^) Ut ad plenum auctorum constct integritas, 
quis scripforum inscitiac inertiaeque medebitur, corrumpenti 
ornnia miscentique? ciiius metu mtdta iam, ut auguror, a 
magnis operibiis clara ingenia reflexerunt, meritoque id patitur 
ignavissima aetas haec, culinae sollicita, Uterarum negligens, 



*) Barack, Die Handschriften der fürstl. Fürstenbergischen Biblio- 
thek zu Donaueschingen S. 75. 

*) Cod. Pal. Germ. 552. Wilken S. 506. Serapeum XII, 312. 

8) Mon. Germ. SS. IX, 481. 

*) De remediis utriusque fortunae Hb. I. Dial. 43. Ihm wird auch 
in Handschriften (Cod. lat. Mon. 3586 u. a.) eine ars punctuandi zu- 
geschrieben. 



410 I^ie Schreiber. 

d cocos examinans, non scri])tores, Quisquis itaque pingne 
Illiquid in niembranis manuque calamum versare didicerit, 
scriptor hahebitur, docfrinae omnis ignarus, expers ingcnii 
artis egens. Er beklagt, dals die Werke der Schriftsteller von 
den Schreibern so arg entstellt wüi'den, daCs ihre eigenen Ur- 
heber sie nicht zu erkennen vermöchten. Auch sei das gar 
nicht zu verwundern, da allein bei dieser Kunst gar keine 
Schranke und Aufsicht sei: sine delectu ad scribendum ruunt 
omnes, et eunda vastantihus eerta sunt pretia, ^) An Boccaccio 
schreibt er sogar, ^) dafs er sein Werk de vita solitaria in 
vielen Jahren wegen der Unwissenheit und Trägheit der Copisten 
nicht habe abschreiben lassen können, obgleich er es mehr als 
zehnmal versucht habe. Auch Leonardus Aretinus schreibt 
aus Florenz an den Erzbischof von Genua:') Quod autem de 
lihris serihundis rogas, nmi deerit tibi diligentia ntea. Verum 
admirabilis est ajyud nos eins rei penuria. Nam et studiosi 
permidti sunt, et qui niercede seribant admodum pauci. Ego 
tarnen quo tibi morem geram scrutatus omnia, cum tandem 
nichil reperirem, exoravi quendam ex famUiaribus nieis, ut 
libros quosdam, sui ipsius gratia quos ille scripserat, vefium- 
daret. 

Voll von Nachrichten über diese Zustände ist die Brief- 
sammlung des Camaldulensers Ambrogio Traversari. In Flo- 
renz besorgt er Abschriften; er trägt auch selbst in den Ab- 
schriften seiner Freunde die griechischen Stellen nach. lu 
seinem Kloster in Florenz erzieht er Knaben zu dieser Kunst, 
aber bis diese es gelernt haben, mufs er selbst schreiben; er 
klagt, dafe ihm die Hand zittere, pollex novo semper tremore 



^) Auch Joh. Gerson de laude scriptorum, Opp. (1706) n, 698 klagt 
über die Fehlerhaftigkeit der Abschriften, welche den Universitäten 
schade, dum quüibet admittehatur ad scribendum, non pröbatus, non 
cognitus. Exemplaria quoque dahantur incorrecta. Er behauptet, es sei 
früher anders gewesen : olim apiid sanctos patres habehatur electio super 
scriptoribtis , nee passim admittehatur indoctus ut doctus, sed usque ad 
punctorum formatioiiem , qui lucem dant magnam legentüms, examen 
habehatur. Vgl. auch oben S. 284. 

^) Epp. senil, lib. V ep. 1. 

^) IV, 19 ed. Mehus. Vgl. auch oben S. 269. 



Lohnschreiber. 411 

agitattir, *) Wenn er die Homilieeii des Johannes Chiysostomus 
übersetzte, so konnte wohl Niccolo Niccoli, der iscriveva di 
lettera corsiva, ch\ era velocissimo scrittore, wenn er gerade 
bei ilun war, seinem Dictat folgen,^) aber nicht die Knaben: 
lente nimis hadenus scrihunt neque adhuc sufficerent dictata 
exciperc,^) Er wünscht deshalb zwei oder drei librarii, nm, 
wie Pabst Eugen IV verlangt, mehr übersetzen zu können. 
Das erhaltene Geld reicht nicht aus, qtiia et lectos entere in 
usum scriptorum et r eparare domum conve^iit, niembranasque 
emere et salaria trihuere,^) Aus Bologna schrieb ihm Franc. 
Philelphus, dafs er ihm seine Uebersetzung des Dion schicke, 
a rudi quodam librario schlecht geschrieben. Commodiorcs 
autem hie librarii, praeter barbaros quosdam, nulli sunt.^) 

Die Gelehrten halfen sich unter diesen Umständen häufig, 
indem sie selbst die Abschriften besorgten, was um so rath- 
samer war, da die Lohnschreiber sehr unzuverlässig waren 
und oft Stellen ausliefsen. Ihre Zahl wuchs im Laufe des 
15. Jahrh. freilich aufserordentlich; Angelus Politianus erwähnt 
miniatores et seriptores infinitos, et moniales ipsas, quae quidem 
äiversa volumina pontifidbus et regibus seripsere ac picturis et 
auro exornanmt, Vespasiano besorgte ganze Bibliotheken, und 
liefs z. B. für Cosimo de' Medici durch 45 Schreiber m 22 
Monaten 200 Bände schreiben.^) In den Unterschriften bei 
Bandini und Zanetti finden wir sehr viele Notare genannt; 
eigenthümlich aber sind Unterschriften wie diese: Senis in 
scholis Magistri Nofri. Sandes scripsit,'^) Barptolemeus Jo- 
hannis schrieb 1403 den Claudian de raptu Proserpinae in 



*) Epistolae ed. Mehus p. 188. 

2) Praefatio Laur. Mehus p. XXXII. 

«) Epistolae p. 232. 

*) ib, p. 82. In den Briefen und in der Einleitung und Vita Am- 
brosii von Laur. Mehus ist noch viel der Art zu finden. 

^) ib. p. 1010. Vgl. oben S. 405. Auffallend viele Deutsche schrie- 
ben z. B. für Bessarion nacli den Unterschriften bei Zanetti. 

«) A. Kirchhoff S. 3G. Weitere Beiträge S. 6—8. L. Mehus, Vita 
Ambrosii Camald. p. XCIV— C. 

■') unter der Achilleis des Statius 1415. Bandini II, 261. 



412 I)ie Schreiber. 

scholis magistri Matthiae de 5. Geminiano, clecti ad legendum 
grammaticam Prati.'^) In diesen Schulen ist wahrscheinlich 
auch für den Verkauf und auf Bestellung geschrieben worden. 

In Florenz unterhielt Mathias Corvinus fortwährend vier 
Schreiber, um griechische und römische Autoren abzuschreiben. 
Aber gerade diese Codices Budenses sind zwai' äufserlich sehr 
schön, jedoch durchaus nicht correct. Mit der sorgsamen Ar- 
beit der alten Mönche halten alle diese Abschriften so wenig, 
wie die an den italienischen Universitäten gefertigten Codices, 
einen Vergleich aus.^) 

Da nun aufserdem die Gelehrten nicht gerade reiche Leute, 
die Abschriften aber theuer waren, so haben sie sich ihre 
Bibliotheken grofsentheils selbst geschrieben, wie das nament- 
lich von Boccaccio berichtet wird. Auch vornehme Männer 
liefsen sich diese Mühe nicht verdriefsen; so ist eine Virgil- 
handschrift 1458 geschrieben manu Leonardi Sanuti pro in- 
dito Venctorum dominio tunc Ferrarie vicedomini,^) Vorzüglich 
sind es die Studenten, welche wie früher und auch jetzt noch 
die scholastische Weisheit, so jetzt die Schriften der Humanisten 
und alte Autoren massenhaft zu eigenem Gebrauche abschrei- 
ben, keiner vielleicht mit mehr Fleifs und Ausdauer als Hart- 
mann Schedel, von seiner ersten Leipziger Studentenzeit bis 
zum höchsten Alter als Physicus der Stadt Nürnberg.*) 

Von vielen Subscriptionen, aus welchen wir sie kennen 
lerjien, will ich hier nur eine anführen: Correctus est Über iste 
usque ad finem a principio a magistro Andrea Wall de Baltz- 
liaim a. d, 1454 cooperante Hainrico Nithart de Ulma in 
studio Papiensi, in quo tunc floruit Almanorum nacio, nam 
tres marchiones de Niderbaden in codem studio tmic studucrunt, 
Johannes, Georius et Marcus fratres, et quidam Bavarie Jo- 
hannes filius .... et dominus Ortlieb de Brandis dominus 



*) Bandini II, 94. 

*) Oft sind sie auch aus Drucken abgeschrieben, s. K. Peiper im 
Philol. Anz. II (1870) 315. 

») Le Virgile du President Petau, 7939 A. Facs. bei Silvestre lü. 

*) s. meine Abhandlung über ihn in d. Forschungen z. deutschen 
Geschichte Band XL 



Schreiblchrer. 



413 



meus, Otto dapifferi filius domini Eberhardi, dominus Altar- 
hertus de Ibis, quidam nobilis Gotzfeld Georius Hast de Her- 
hipoli ttmc iuristarum rectar, et frater suus Johannes et alii 
multi, qiii tunc omnes operam legum atque canoniim studio 
impendebant. ^) 

5. Schreiblehrer. 

Römische Sclireiblehrer kommen in Diocletians Edict de 
pretiis rerum venalium vor (oben S. 352), und ein doetor 
librarius de saera via in der Inschrift Orelli 4211. Die Er- 
wähnung des Mag. Albert de Pozzotto (S. 308), welcher in 
Mailand Schule hielt, des Meister Bonaventura von Verona 
(s. unten), gestatten wohl die Vermuthung, dafs in Italien die 
Tradition dieses Unterrichts niemals ganz ausgestorben ist. 
Aus Deutschland sind mir aus dem 15. Jahrhundert zwei An- 
kündigungsblätter von Schreiblehrern bekannt; das eine dient 
dem Autograph von Peter Eschenloers Chronik auf der Bres- 
lauer Universitätsbibliothek als Deckblatt, und ist an der Seite 
etwas abgeschnitten. Der deutsche Text folgt auf den latei- 
nischen; ich stelle aber hier lieber beide neben einander: 



Informari Volentes Modis in 
diversis Scribendi Artifidaliter 
Magistraliter forma- 
liter Specialiter Notulam Cu- 
riensem j)ro ut communiter scri- 

bitur in Curiis m mino- 

mm Principum Ducum Conti- 
tu m Baronum Militum etc. Insu- 
per Textum .... Rotundum 
Abscisum etc, Pariter eciam 
in floritura et lUuminatura ve- 

niant ad m Brun de 

Wirczpurg trahentcm moram in 



Wer yemandes der noeh rechter 
auszgemeszener Jcunst und aH 

lernen wolde geleichen 

nach den rechten regulen der 
Orthographien Text adderNottel 

von subtil Cancelleysch 

ader suszt von mancherlei/ nam- 
hafftigen Nottelnigliche mit irer 

undi allerley Ercze 

ausz der federn schreyben Unde 
uffgutte subtile art Illuminiren 

unde , . me zu Johanni 

Brune wonhafftig Zcu dem 



Handschrift der RhetoHca ad Ilerennium aus Wiblingen, bei 
Czerny, die Handschriften von St. Florian S. 195. 



414 



Die Schreiber. 



d(yino sita circa sanctumPatihim 

qtie sign nunccupatur 

Zu dem bunten lawen Et infor- 
mdbuntur summa cum diligentia 

secun dam informan- 

dorum precio 2^^o competentL 



bunten laiven bey santc Mark 

Magd eyn iglicher 

gutlich undirweyseth. 



Man erfährt aus dieser Ankündigung nicht, wo Johann 
Brune sich befand. Durch eine freundliche Mittheilung des 
Herrn Eisenbahndirectors Karl Heermann weifs ich aber jetzt, 
dafs er in Erfurt lebte, und in dem Verzeichnifs der geschofs- 
pflichtigen Bürger von 1493 als Bürger in der Pauligemeinde, 
in der Conventgasse wohnhaft, aufgeführt wird. Und in dem 
Verzeichnisse von 1510 steht: Johann Brune, hat ein haus 
0um bunten lauwen, zinfst etc. hat eine biichse u, einen huty 
nämlich zur Bewaffnung. Vorzüglich merkwüi-dig aber ist, dafs 
in diesem Hause von 1501 ab eine Buchdruckerei in lebhafter 
Thätigkeit sich nachweisen läfst, und wenn uns dabei auch 
kein Brune als Drucker begegnet, so wird doch ein Zusammen- 
hang mit seiner Kunstübung sicher anzunehmen sein. 

Wichtiger ist die Ankündigung Johanns vamme Haghen 
in der Berliner Bibliothek, Cod. Lat. fol. 384, weil sie Schrift- 
muster enthält. Man sieht daraus, wie die Schriftarten will- 
kürlich vervielfältigt wurden; es wäre sehr zu wünschen, dafs 
eine Ausgabe veranstaltet würde, um einen festen Anhalt für 
die Benennung der gewöhnlichsten Gattungen zu haben. ^) Die 
in d^n Proben enthaltenen Urkundenfragmente sind nieder- 
deutsch, eines vom Magistrat von Bodenwerder. Die Namen 
der Schriftproben sind: Textus qiiadratus, Textus presdsus vel 
sine pedibus, eine häfsliche Spielerei, Nottula simplex, Ur- 
kundenschrift, Nottula acuta, Semiquadratus, Textus rotundus, 
Nottula fracturarum, Fracturschrift, Ärgentum, wo aber nur 



^) Im Nouveau Trait^ II, 83 sind allerlei Namen gegeben, aber 
ohne Abbildung oder verständliche Erklärung. Nach dem Catalogue des 
MSS. des Departements I, 474 enthält n. 512 der ficole de Medecine in 
Montpellier „Modules d'^criture Gothique, 15. siecle. Mannscrit fort 
bien ex^cute et tres-curieux." 



Schreiblehrer. 415 

die üeberschrift silbern ist, Bastardus, die gewöhnliche Bücher- 
schrift der Zeit, Nottula conclavata, Separatus, Argentum extra 
pcnnam. Die letzte Probe enthält zugleich die Ankündigung 
des Kalligraphen: Volentes informari in diversis niodis scri- 
bendi mayistraliter et artifidaliter, prout nunc scribitur in curiis 
dominorum, scilicet in diversis textihus et nottuUs necnon cum 
auro et argento, similiter cum metallo extra pennam, venient 
ad me Johannem vamme Haghen, et informabuntur in brevi 
temporis spacio secundum diligendam discipulorum pro precio 
competenti. 

Die lettre bastarde kommt auch in den alten französischen 
Inventaren vor, und ist oben S. 246 nachzutragen, ferner lettre 
lioulenoise, de forme baulenoise, boulonnoise, wohl aus Bologna, 
Lombarde und de Gascogne, Auch der Windesheimer gedachten 
wir dort, und ich fuge noch eine Stelle bei (I c. 26 \). 105), 
wo von ihren kritischen Bemühungen berichtet wird, und es 
dann lioifst, dafs sie diese Bücher in fractura vel rotunda seu 
etiam breviatura conscribere, punctuare, orthographialiter accen- 
tuarey et libros chorales in quadris aut oblongis notis solphi- 
gare, in singulis pausis iuxta vocum et notarum congruentiam 
distincte virgulare, modisque melioribus formaliter componere 
ac ligare curaverunt. 

Der Schreiblehrer hatte also vielerlei zu lehren, und keine 
leichte Aufgabe. Von der Anleitung, in notula simplex zu 
schreiben, ist schon oben S. 225 die Rede gewesen, so wie 
überhaupt vom Unterricht. 

In zierlichen deutschen Schriften, besonders Fracturschrift, 
zeichnete Nürnberg sich vorzüglich aus, wo berühmte Schrei- 
ber waren, deren Schüler in viele fürstliche Kanzleien kamen; 
hier verfafste auch Anton Neudörflfer die erste gedruckte 
Schreibekunst, Hans Neudörffer schrieb für Hieronymus Rösch 
die Fracturschriften, welche dieser in Holz und hernach in 
stählerne Punzen schnitt; Nürnberg versorgte damit bald alle 
Druckereien. ^) 

s. Joh. Neudörffer, Nachrichten von den vornehmsten Künstlern 
und Werkleuten, so innerhalb 100 Jahre in Nürnberg gelebt haben, 
1546, nebst der Fortsetzung von Andreas Gulden 1660. Nürnb. 1828. 



416 I^ie Schreiber. 

Einfacher war iiatüi^lich der Uuterricht, welclien umhei- 
zieliende Schreiber ertheilteu. Probst Kaspar von Baumburg 
verzeichnete am Montag und Dienstag nach Estomihi 1446 für 
den Schreiber Kölenpeck: dedi sibi von der schüll wegen de 
angaria adventus domini preterita Ix den, vnd Ix den, von 
scJireiberlons wegen. In Aldersbach wurde 1500 angeschrieben: 
Johanni Haeehel de 4 septimanis, quibus instituit aliquos de 
fratribus nostris in seriptura manuali 4 fl, rhen. ^) 

In Ueberlingen wui'de 1456 ein lateinischer Schulmeister 
angestellt; der Rath aber behielt sich vor, ob sich ain tütscher 
schriber in ir statt ziehen wölt mit dem sitz, hurtz oder lang 
zijt, das der tvol tütsch schriben vnd lesen leren sol vnd m^g, 
wie dann ain raut mit im überhompt,^) 

Nicht übergehen dürfen wii' endlich die Abbildung einer 
Schreibschule, 1516 von Holbein als Aushängeschild gemalt, 
im Museum zu Basel. 

6. Unterschriften der Schreiber. 

Sehr häufig haben die Schreiber nach Vollendung ihrer 
mühsamen Arbeit einige Worte hinzugefügt; sie haben' ihren 
Namen, die Zeit der Abschrift, den Veranlasser derselben an- 
gegeben, und uns dadurch manche werth volle Nachricht zu- 
kommen lassen. Oft erbitten sie ein Gebet des Lesers, oder 
sprechen sonst einen frommen Wunsch aus; nicht selten aber, 
vorzüglich in späterer Zeit, erlauben sie sich auch zur Erholung 
einen muthwilligen Scherz. Im Verlauf dieses Buches ist schon 
häufig von diesen Unterschriften Gebrauch gemacht;^) sehr zu 
loben ist die gute alte Sitte, in gedruckten Handschriftenver- 
zeichnissen dergleichen Kleinigkeiten mitzutheilen, weil sie sich 
sonst gar zu sehr der Benutzung entziehen. Hier wollen wii' 
eine Auswahl zum Schlufs des Abschnittes darbieten. Es ist 
dabei zu bemerken, dafs gewisse Verse sich durch viele Jahr- 



^) Rockinger, Zum baier. Schriftwesen S. 185 (11, 19). 

2) Mone, Zeitschr. f. Gesch. d. Oberrh. II, 154; vgl oben S. 224. 

«) 8. vorzüglich S. 231 ff. u. 285. 



Untf-rschriften der Schreiber. 4l7 

hunderte wiederholen, sehr häufig al)er von den Schreibern 
theils entstellt, theils sinnlos zusamnieiigehäuft sind. Auch 
wurden die anfangs durchgängig frommen Sprüche später mit 
Vorliebe parodiert. 

Schon am Eingang steht häufig ein Gebet, wie Kvqu 
^Ifjöov XqiötI o i9-foc iXtTjöor iijiäc, d/n'jr vor Reuchlins Codex 
der Apokalypse, oder das aus der Beischrift XQ/jOcfiov ent- 
standene Chrismon, dessen Benenimng man beibehielt, die 
Buchstaben Xq aber auf Christus deutete.^) Später ist sehr 
gewöhnlich die Anrufung: Assit xmncipio sanda Maria nieo. 

Griechische Sprüche sind oben S. 231 mitgetheilt; sehr 
schätzenswert he that sächliche Daten finden sich in Unterschriften 
griechischer Handschriften häufig, aufserdem aber nur selten 
etwas. Ohov ro ööjqop xal rov Ftötcüv jiGrog steht unter 
einem Appian von 1441.*) 

Schon dem Alterthum gehört das Utere felix. Lege in 
CJiristo, Lege feliciter. was z. B. im Orosius Med. unter den 
einzelnen Büchern steht; nach dem fünften Buche aber: Legenfi 
vita, seribtorl gratia,^) 

Eine Handschrift von Beda's Auslegung der Sprüche Salo- 
monis aus Saint- Amand *) enthält die schönen Verse: 

Beda dei famulus, nostri didascalus aevi, 
Falce pia sophiae veterum sata lata peragrans, 
Aequoreis rutilum ut compleret floribus orbem, 
Hunc raptum magni Salomonis ab ore libellum, 
Mistica morigero retinentem enigmata sensu, 
Composuit patres proprio sermone secutus. 



*) Eccl. Colon, codd. p. 94. Bei Urkunden wurde es Regel, aber 
gewöhnlich in der Gestalt eines C. 

®) Graeca Bivi Marci Bibl. p. 185. 

^) Bandini II, 727; vgl. feliciter utere, legenti vita, felix legas, 
legenti sälus scrihenti pax bei Reifferscheid , Wiener SB. LXVII, 505. 
LXVIII, 526. 527. 609. Sint bona scrihenti, sit vita salusque legenti. 
Cod. lat. Mon. 384. In Klosterneuburg saec. XIII: Vitam scrihentis 
benedic denn atque legentis. Serap. X, 269. 

*) jetzt in Valenciennes, saec. IX. Mangeart S. 40. 

Wattenbach, Sehriftweaen. 2. AuH. 27 



418 Die Schreiber. 

Quem tibi direxi magno pietatis amore, 
Muneris officio mundi clärissime rector. 
Yive deo felix, feliciter et lege semper. ^) 

Aus dem achten Jahrli. haben wir lange und barbarische 
Unterschriften, die schon oben S. 232 berücksichtigt wmden. 
Der Bobienser Abschreiber von Gregors Dialogen sagt u. a. 
legentihus aperiat deus sensum, scripfori trihimt indulgentiam. 
rogo ut qui legerit non nie estimet adolatorem. sed oret pro me 
peccatore. ^) Gundohin, der 754 auf den Wunsch der Fausta 
das Evangeliar von Autun schrieb, sagt bescheiden: et si non 
ut debui. psaltim ut valui a capite usque ad sui conswnmaci- 
onis finem perficere cum summo curavi amore, magis voliii 
meam detegire inprudentia quam suis renuere peticionilnis per 
inoboediendam. ^) Eine oft, und auch bei Gundohin, vorkom- 
mende Bitte finden wir in dem Bob. Palimpsest des Ulfila mit 
Reimen: Ora pro scripture, si Christo habeas adiuture, scripsl 
ut potui, non sicut voliii. ^) Der Cassineser Mönch Johannes 
von Troja schrieb 1011 u. a. Eogo vos omnes qui hie mellifluos 
flores earpitis, cum hie aliquid minus inveneritis, non maledicta 
ingeratis, sed ut veniam tribuatis.^) Legentis vitam. Scri- 
ptori veniam. Possidentis Salutem. ^) 

Besser, wenn auch noch incorrect, lauten schon im neunten 
Jahrh. die Verse aus St. Gallen: 



^) vgl. aus Paris, lieg. 4404, MG. Legg. I tab. I: Sos lege tu felix 
feliciter omnes, et tu qui legis, peregrini mei in bonis memento, dilectis- 
sime frater. 

«) Wiener SB. LXVII, 503; ähnlich 535. 

^) s. oben S. 232. Er braucht patrare für seine Arbeit. 

*) Reifferscheid, Wiener SB. LXVII, 504. 

^) Herr Dr. Meyer theilt mir aus Clm. 14542 den derberen Spruch 
mit: Testiculis careat qui scriptori maledicat. 

ö) Caravita II, 63. Wiener SB. LXXI, 45, mit langer Widmung 
an S. Benedict; vgl. oben S. 234. In seiner anderen Unterschrift sagt 
er: si minus sive plus inveneritis, rogo vos omnes emendate illuni. In 
einer Sammlung von Inschriften aus Tarragona von Augustinus steht, wie 
E. Hübner mir mittheilt, am Rande eine Zusammenstellung bekannter 
Schreiberverse, zuletzt aber diese: Si quid deliquit Petrus aut scribenda 
reliquit^ Corrige delictum lector suppleque relictum. 



Unterschriften der Schreiber. 419 

Psalterium lioc domiiio semper saiicire cumvi 
Wolfcoz, sie supplex nomine qui vocitor. 

Obtestor modo praesentes oiunesque futuros. 

Hoc minime hinc toUant, 8od stabile hie maneat. 

Pro me funde preees, lector, deposce tonantem, 
Ut mihi det vitam, sie ti})i pei'petuam. ^) 

Fast fehlerlos aber sind die Verse: 

Suscipc eompleti laudes, o Christe, laboris, 
Quas eordis leti vox subdita reddit amoris. 
Sit merces operis oratio saera legentis, 
Que iungat superis nos toto robore mentis. *) 

Conrad von Seheiern sehreibt: 

Qui librum seripsit, multum sudavit et alsit: 
Propitietur ei deus et pia virgo Maria. ^) 

Franeiseus de Scurellis setzte 1396 unter einen Lucan: 

Finis adest operis, mereedem poseo laboris. 
Pro mereede preeor miehi sit tua gratia donum, 
Gabriel, atque peto Francisei pignora grata.*) 

Von diesen Versen kommt der erste bei den Lohnschreibern 
sehr häufig vor, und ist hier unpassend mit dem folgenden 
Gebet verbmiden. 

Zu den gewöhnlichsten Versen gehört: 
Finito libro sit laus et gloria Christo.'^) 



^) Sanctg. Stiftsbibl. 20. Scherrers Verz. S. 8. Viele Anrufungen 
am Rande des Priscian saec. IX von dem irischen Schreiber bei F. Keller, 
Mitth. d. Antiq. Ges. VII, 82. 

*) Cod. Gas. 7 saec. XIV. Garavita II, 281. 

») B. Pez, Thes. I. Diss. p. XXIX. 

*) Mezger, Gesch. d. Bibl. in Augsburg S. 84. In Laon saec. XII: 
Scriptori merces contingat yloria perpes. Gatal. des Däp. I, 118. 

«) Bandini II, 205. 250. 68G. 692. Serap. X, 266. 270. Naumann, 
Catal. Lips. p. 38. 64. Gatal. Arundel. p. 64. Seiverts Nachr. v. Siebenb. 
Gelehrten (Prefsb. 1785) S. 13. Garavita II, 274. Gzerny, HSS. von 
St. Florian S. 210. Jacobs u. Ukert, Beitr. I, 250. Lucanus Gracov. 524 
nach W. Arndt. Gewöhnlich mit anderen Sprüchen verbunden. Bei 

27* 



420 I>ie Schreiber. 

Magister Guido de Corelia 1308 setzt hinzu: 

Gaudia scriptori, finem ponendo labori. 

Derselbe schreibt im Juni 1307, tempore quo exerdtiis erat 
Ar etil vel in eins territorio: 

Finito libro reddatur gratia Christo.^) 

Wir finden auch: 

. Finito libro referatur gratia Christo.^) 
und: Laus tibi sit Christe, finitur enim liber iste. *) 

Diese Beispiele werden kaum über das 13. Jahrh. hinauf- 
gehen, aber schon früher finden sich Parodieen. So angeblich 
schon aus dem zehnten Jahrhundert: 

Explicit almitonans in Christo dignus Arator: 

Finito libro reddatur cena magistro.*) 

Finit Arator in hoc, consurgit denique pastus.^) 

In einer Heiligenkreuzer Handschrift: 

Finito libro pinguis detur auca magistro. 

In einer St. Florianer saec. XV: 

Finito libro dentur sua iura Hermanne.®) 

Aber schon im 12. Jahrh. kommt der sinnlose Scherz vor: 
Finito libro frangantur crura magistri. ''^) 



Palacky, Formelbticher I, 253 folgt a. 1369: Non deportahis, nisi mihi 
4 grossos dabis. Im Cod. Amndel. 436, 1443 in Padua geschrieben: 
Opere consummato sit etc. Ora hasta sta contento. 

1) Caravita II, 260. Bandini II, 246. Mit gloria Czemy S. 247. 
Bandini II, 263. 

^) Burney Catal. p. 59; incorrect p. 60. Cod. lat. Monac. 6201. 
Zanetti, Divi Marci Codd. lat. p. 86. Bandini II, 232. Naumann, Catal. 
Lips. p. 16. 

3) Hagen, Anecdd. Helv. p. CLXXXIV. Serap. X, 269: Christus 
laudetur quia libri finis habetur, mit dem vorigen verbunden. 

*) auch bei Jacobs u. Ukert, Beitr. 1,273. 11,54. 

'') Ileiffcrschoid, Wiener SB. LIX, 52. 

ö) Czorny, ITSS. von St. Florian S. 5. 

') Libri's Auctionscat. S. 145 n. 665. Czerny S. 196. 



Uuterbchrifte« der Schreiber. 421 

Anklingend ist auch: 

Libro completo saltat scriptor pcde IctoJ) 

oder auch: 

Libro perfecto ludum pro inimero posco. 
Libro finito loctor gaudenter abito. 

Oticus minor scripsit hunc librum. ^) 

Verwandter Art ist der Vers: 

Laus tibi sit Christo, quoniam über explicit isto.^) 
Ein Schreiber saec. XV schrieb: 

Explicit hie codex, laudetur oninipotens rex.^) 

Auch Maria wurde nicht vergessen: 

Hoc opus expletur, deitati gratia detur, 
Et matri domini, quae nostro sit pia fini.^) 

oder: mater casta, nobis semper finniter asta, 

Hosten! devasta, ne nos sua vulneret hasta. ^) 

Ein anderer schrieb: 

florens rosa, mater domini speciosa, 
virgo mitis, o fecundissima vitis, 
Clarior aurora, pro nobis omnibus ora, 
Ut simus digni postrema luce beai'i. '') 



*) Ild. V. Arx, Berichtigungen S. 30. Cod. 1019. Mit Opere c. 
Adrian, Catal. Giss. p. 244. 

*) Naumann, Catal. bibl. Sen. Lips. p. 12. 

^) saec. XIII ex. Naumann, Catal. Lips. p. 16. 31. Cato ed. Ilau- 
thal p. XIII. Caravita II, 281. Eccl. Colon, codd. p. 55. Merzdorf, 
Bibliothekar. Unterhaltungen, N. S. (1850) S. 28. Czerny S. 205. Homeyer, 
Die deutschen Rechtsbücher n. 180. Valentinelli I, 215. V, 89. Jacobs 
u. Ukert, Beitr. II, 17. Aehnlich Serap. X, 268. 

*) Cod. Vindob. 2692, Arch. X, 473; vgl. Naumann, Catal. Lips. p. 44. 

®) am Schlüsse von Benoit's Eoman de Troie, Ad. Keller, Eom- 
vart S. 96. 

®) saec. XrV unter dem Münchener Cod. Bened. 123. 

') Cod. S. Galli 581 saec XIV. Verz. S. 188. 



422 I>ie Schreiber. 

Ganz kurz aber metrisch falsch: 

Maria poli, scriptorem relinquere noli. ^) 

oder: Facto fine pia laudetur virgo Maria. ^) 

Unter einer Sammlung italienischer Legenden steht: 

Frater Antonius scripsit corde bono, 
lungat eum dommus electorum choro. ^) 

Der Schreiber Wernher fafst sich kürzer: 

Scriptoris, Christo, Wernheri tu miserere.^) 

Ein Ulrich bittet am Schlufs der Passio S. Katherinae: 

Hunc tibi, regina, librum scripsi, Katerina: 
Nominor Uhicus, fac Christi sim quod amicus.^) 

Ernsthaft gemeint ist der Spnich: Amen, solamen sit 
sancüis Spiritus, amen.^) Aber unverständlich ist: Amen so- 
lamen dicat amicus tuus,^) und deutliche Parodie: Amen sola- 
men. Si deficit femim, accipe stramen,^) 

Mit mangelhaftem Reim heifst es: 

Et sie est finis, laudetur deus in hymnis.®) 

Ein frommer Wunsch ist: Dentur pro penna scriptori 



') Cod. S. Galli 841 von 1462. Verz. S. 285. 

*) Burney Catal. p. 60 unter Ovids Metamorphosen. Oben S. 133 
Anm. 3 ist zu lesen: n. 222 u. 223. Bandini II, 78. 469; p. 152 mit: 
Qui me scripsisU, fias ovis in grege Christi. 

^) Zanetti, Divi Marci codd. Lat. et Ital. p. 224. 

*) Arundel Cat. p. 2. 

^) Naumann, Catal. Lips. p. 62. 

ö) Jacobs u. Ukert, Beitr. III, 61. 

') Schulte, Die kanonist. HSS. der Prager Bibl. S. 33. 

«) Rockinger, Schriftwesen S. 190 (II, 24). 

ö) Valentinelli V, 96. Bei Czerny S. 200 mit dem Zusatz: Qui me 
scrihebat, Jacohus icall nomen hahehat, a. d. 1535. 



Untcrschriflcu der Schreiber. 423 

caelica regna.^) Allein viel häufiger fiudeii wir ihn umge- 
wandelt in: Detur pro pcfnim scriptori pulchra pitella,^) 

Sehi* beliebt war, vorzüglich in Italien, der Spruch: Qui 
Hcripsit scribat, sefnpcr cum domino vivat. Zuerst finde ich 
ihn 1235 bei dera Mönch Bonamius pusinus, der seine eigenen 
Predigten abgeschrieben hatte. ^) Auch: Scriptor qui scrixmt, 
cum Christo vivere posdt,^) oder: Qui scripsit, scribat, divino 
munere vivat ;^) auch et longo tmijwre vivat,^) Einmal aber 
auch: et bona vina bibat.'') 

Ein Magister Guido de Corelia, der sein Buch von 1288 
bis 1308 mit einer Fülle von Sprüchen versah, schreibt: Vivat 
in celis Guidcllus nomine felix, eine Art den eigenen Namen 
anzubringen, die zu häufig ist, um mehi' Beispiele anzuführen.^) 



*) Beitr. zur Kunde steierm. Gcscbichtsqu. 1867 S. 133 von 1319. 
Serap. X, 268 von 1374. Cod. S. Galli 782 von 1370. Adm. Cod. des 
Marienleben von 1351, dessen Schreiber alle Sprüche angebracht zu 
haben scheint, die er wufste, und neben diesen auch die Parodie. Jos. 
Haupt in d. Wiener SB. LXVJII, 187. Hermanstädter Missale von 1430 
(^nicht 1330) , s. Seiverts Nachr. v. Siebenb. Gel. S. 13. Siebenb. Arch. 
N. F. X, 417. 

^) Lucan saec. XIII Cracov. 524 nach W. Arndt. Jacobs u. ükert, 
Beitr. III, 64. Bartsch, Denkmäler d. provenz. Litt. (1856) S. 305, von 
1374, mit pena, d. h. für die Mühe, frz. peine, wie häufig. Valentinelli 
V, 06. Schulte 1. c. p. 33. Cod. S. Galli 745 nur mit pulchrum, Verz. 
S. 245. Serap. X, 268 auch mit der Variante vieretrix magna. Delisle, 
Mem. de Tlnstitut XXIV, 310 aus Corbie. Endlicher, Catal. Vindob. 
p. 89. Schoenemann, 2. u. 3. Hundert der Wolfenb. Bibl. S. 19 „mit 
versetzten Buchstaben". 

•'*) Caravita II, 213, auch 250. 260. 270. Naumann, Catal. Lips. 
p. 30, Priscian mit dem Zusatz: cmistitit ei 15 soUdos et 6 denarios. ib. 
p. 38. 91. Cod. lat. Mon. 6201. Czerny S. 210. Cod. Arundel. 367. 
Bandini II, 152 u. sehr häufig. 

*) Mangeart, Catal. de Valenc. p. 77. Cod. S. Galli 941, Verz. 
S. 354. Catal. des Dep. I, 146. 

«) Valentinelli I, 215. 

®) Jacobs u. Ukert, Beitr. II, 17. Beiträge zur Kunde steierm. 
Geschichtsqu. IV (^1867) 99 mit vivat per secula centum. 

') ib. p. 54. 

**) Ich erwähne nur: Vivat in celis Bonmartinus nomine felix. Cod. 
lat. Mon. 0201. Vgl. auch Bandini I, 748. II, 697. 



424 I^iß Schreiber. 

Er bittet auch: Qui scripsit hunc librum, collocetur in para- 
disum, was ebenfalls öfter vorkommt.^) Auch: Notnen scriptoris 
salvet deus omnihus horis,^) 

Femer: Hie Über est scriptus, qui scripsit sit benedi- 
ctus.^) Ein Schreiber, dessen Eigenname dies war, macht daraus: 
Iste Über est scriptus, qui scripsit, dicitur Benedictus.^) Aus- 
führlicher schreibt ein anderer: 

Qui scripsit librum, cum Christo sit benedictus 
A cunctis iustis simul et sua cum genitrice. 
Vita sed eterna sibi cum iustis tribuatur, 
Estque bcnedictum quorum per secula nomen.^) 

In etwas leidlicheren Versen schreibt ein anderer: 

Per quem sum scriptus, est Gallus nomine dictus; 
Numquam devictus, sed scmper sit benedictus.^) 

In Pentametern dieser: 

Qui scripsit carmen,.sit benedictus amen. 
Sit scriptor sanus et benedicta manus.'^) 

Sehr häufig ist: Qui scripsit scripta, manus dus sit hene- 
dicta.^) Oder auch: Dextera scriptoris benedicta sit omnihus 



Caravita II, 260. Burney 250, Catal. p. 65. Valentinelli UI, 2i 
Eigcnthümlich : Habitet hie celum scriptor, ceu Delta Delum. Valent. V, 88. 

«) C. F. Hermann, Catal. Marb. (1838) I, 17. Czerny S. 210 comipt. 
Bandini II, 232 von 1403: Manus Zenonis salvetur omnibus horis. Tres 
digiti scribunt, cetera memhra languent. 

^) Naumann p. 12. Cod. lat. Mon. 14557 saec. XIII aus St. Em- 
merani. Mangeart S. 80. P. Meyer, Documents manuscrits I, 61 mit 
qui crixit. Jacobs u. Ukert, Beitr. I, 250. Etwas anders Bandini 
II, 6i)2: Frater Jordanis scripsit, quem deus üle henedixit. 

*) Caravita II, 274. 

'^) Arundel Catal. p. 65. 

^) Älangeart, Catal. de Valenc. p. 469. 

") Duffus llardy, Descriptive Catal. III, 33. Der erste Vers, auch 
bei Iluillard-Br^liolles, Vie et Corr. de Pierre de la Vigne p. 269. Wright 
and llalliwell, Roll. antt. II, 67. 

**) Cod. lat. Mon. Bened. 123 saec. XII. Naumann p. 33. Arundel 
Catal. p. 71. Cod. S. Galli 782, Yerz. S. 260 etc. Bodemann, Handss. 
in Ilauijovor S. 617 mit sua dextera. 



Unterschriften der Schreiber. 425 

'is.^) Sehr begreiflich und billig ist der Wuusch: Dextera 
ijytoHs carecU grav^Uate doloris,^) Ein Schreibor Namens 
•tor machte diiraus: 

Dextera Victoris careat gravitate doloris, 
In Redemptoris sit situs ille choris.^) 

t wird die Müdigkeit der Hand hervorgehoben: ]}enna 
sa, qumiimn manus est midhi fessa.^) Oder auch: scriptor 
•*sa, quoniam manus est tibi fessa,^) Oft ist dieser Spruch, 
e andere auch, von den unwissenden Schreibeni entstellt, 
jr Minorit Johann Middelburch, welcher 1470 als Student in 
In abschrieb, setzte zu dem Spruch Penna xyrccar cessa etc. 
izu: Pro tali precio nmiquam plus serihere volo.^) Petrus 
Prato aber, der 1429 in Bui'gund ein Compendium des 
ionischen Rechts abgeschrieben hatte: Portato X)rceio pro 
'to nulluni repertarium plus serihere volo,'^) 

Einmal fand ich: Seriptor opus sciste (d. i. siste), tenuit 
*or iste nimis te,^) Ein anderer schrieb: Hoc opus exegi, 
mas sepissime fregi,^) Recht hübsch unter einem Livius: 
nnula scriptöris reqideseat plena laboris,^^) 

Mit wohlberechtigtem Selbstgefühl schrieb im 12. Jahrb. 
dwine von Canterbury nach Beendigung seines schönen 
alters: 



*) Czerny S. 199. Schlechte Verse mit Manus Burney Catal. p. 65. 
ravita II, 281. Bandini II, 239. 

^) Cod. lat. Mon. 14557 saec. XIII aus St. Emmeram. Naumann 
30. Cod. Upsal. von 1489 Andres, Lettera al abb. Morelli p. 29 mit 
%nus. Endlicher, Catal. codd. Vindob. 89. 

8) Cod. Laudun. 164, Catal. des Departements I (1849) p. 122. 

*) Moll, Kerkgeschiedenis II, 2, 321. 

«) Czerny S. 222 entstellt. Cod. S. Galli 841, Verz. S. 286. Serap. 
267. HojBFmann, Altd. Handss. S. 121. 

«) C. F. Hermann, Catal. Marb. 11, 38. 

') Arundel Catal. n. 445. 

**) Cod. Laudun. saec. XIII. Catal. des Dep. I, 197. Aehnlich: 
vna gradum siste, quoniam liber explicit iste. Joh. Scoti Opera ed. 
SS p. 1194. 

®) Zeibig im Serapeum X, 266. 
'«) Bandini II, 692. 



426 I)ie Schreiber. 

Scriptoioun priiiceps ego, nee obitui'a deinceps 
Laus mea nee fama: qui sim, mea littera clama.^) 

Mehr humoristiscli ein anderer: 

Pre reliquis gratum laudavit symea natum: 
Semper scripturam sie ego laude meam.^) 

Dagegen heifst es mit dem Scheine der >Pescheidenbeit: 
3feiim nonien non pono, quia me laudare nolo.^) Zu dem- 
selben Spruch, halb mit griechischen Buchstaben geschrieben, 
setzt ein Abschreiber der Metamorphosen doch noch: Si vidtis 
scire, Kovavaö CoqXb fuit ille,^) Johann Pechswent von Tro- 
feya, Mönch zu Neuberg in Steiermark, sagt aber: 

Explicit hie totum. 
Infunde, da mihi potum! 
Et si melius scripsissem, 
Nomen meum non apposuissem. 
Et sie est finis per totum. 
Deo gracias.^) 

Deutsch und derb sagt ein Schreiber: 

Weme dusse scrift nicht behage, 
Dij müsse eynen knochin gonagin.^) 

Sehr häufig ist der neutrale Spruch: Sum scriptor talis, 
monstrat mea littera qualis,'^) oder Seriptor sum talis, demon- 
strat littera qualis.^) Ein nicht übler Schreiber des 13. Jahr- 
hunderts setzt hinzu: Et voeor ahsque malis Radulphus nammc 

Salis.^) 



^) Beschreibung u. Facs. in Westwood's Palaeographia sacra. 

^) Huillard-Breholles, Pierre de la Vigne p. 376. 

®) Cod. Guidonis de Corelia, Caravita II, 260. 

*) Libri's Auctionscatalog S. 167. 

^) Beiträge zur Kunde steierm. Geschichtsq. IV (1867) 129. 

ö) Wilken, Heidelb. Büchers. S. 349. 

') Chron. Menc. MG. SS. XXIII, 462. Naumann, Catal. Lips. p. 81. 
Bandini II, 205. St. Galler Verz. S. 180 mit demonstrat liber quaHSy 
Federprobe saec. XII. 

«) Caravita II, 260. Burney Catal. n. 217 p. 59. 

«) Huillard-Breholles, Pierre de la Vigne p. 272. 



Unterschriften der Schreiber. 427 

In einer «ehr fein und zierlich geschrieheneji Bihel saec. XJV 
stellt: Si male quid feci, veniam pefo; si hene, grates.^) Wie- 
derholt findet sich: Hie pennam fixi: penitet nie, si male 
scri2)siJ) 

In St. Gallen schrieb 1379 Joh. Gaernler: Ideo male 
finivi, quia non heue seribere scioi,^) Aehnlich ist: Ueu male 
tinmi, quia non be)i€ seribere scivi.^) 

Nicht unbiUig sagt der Abschreiber eines üvid saec. XIII: 

Nomen scriptoiis Girardus ciütor ainoris. 
Ultra posso uieuui non me vis uUa coegit: 
Non reor esse roum, qui totum posse peregit.^) 

Zu den einzeiligen Sprüchen, welche gewöhidich mit an- 
deren verbunden vorkommen und nicht individuell sind, gehört: 
Scri^ytor seripsisset melius si potuisset,^) Seltsam lautet die 
Unterschrift von 1405: 

Non ego sum scriptor turpi faedatus honore. 
Si bene non scripsi, sed stilus magno furore 
Frequentor ductus debet stupere rubere.'') 

Bescheiden, und mit einem zu Herzen gehenden Nachwort, 
schrieb Johannes Schedel 1457 unter einem Passional im Cod. 
Germ. Mon. 409: 

Si non schribo bene, 

Sed melius discere volo. 



Czerny, Bibl. von St. Florian S. 247. 

2) Wright and Halliwell, Rell. antt. II, 67. 70. Coxe, Catal. 
Bodl. m, 370. 

3) Scherrers Verz. S. 2G0. Mit Hec m. Serap. X, 270. Mit Heu 
Joh. Scott Opera ed. Floss p. 1194. 

*) Arundel Catal. 79 n. 265. 

^) Kelle, Die class. Hss. in Prager Bibliotheken, Abhh. d. böhm. 
G. d. W. VI, 5 S. 19. 

«) Serap. X, 267. Valentinelli V, 96 mit dem Nachsatz: Expl. hoc 
opus pei' manus et non per pedes cuiusdavi soeii nomine Johannes de 
JPrusia de quadam civitate quae vocatur Conicae suh a. d. 1449 die 9. 
w. Augusti. In Libri*s Catalog S. 166 mit voluisset. Valent. IV, 36; 
Scr. scr. hene cicius, si twluisset. 

■') Valentinelli IV, 165. 



428 Die Schreiber. 

Acli ich ai'iner gesell! 
Der Ion ist aller verton: 
Umb wein ist er gegeben. 
Der tet mir sanflft auf meiner leber. 

Maria. 
Jhesus Maria hilff. 

Mehr auf Correctheit als Schönheit der Schrift geht die 
Unterschrift unter dem Werk des Cristoforus Bondelmonti de 
insulis von 1400: Iste bonus auctor in multis male dixit, llbra- 
rius vero corruptissime, ego neutrum sequutus perquam corrih 
ptissime scripsi,^) 

Sehr beliebt waren einige Wortspiele, wie Explidt iste 
Über, scriptor sie erimine liberJ) Am Schlüsse eines Buches 
mit dem Titel Aetor et reus sagt aber der Schreiber: Letus 
Sit scriptor, et Über erimine raptor,^) Schon im elften Jahrb. 
finden wir unter einem Verz. der Bischöfe von Novara: Äiral- 
dus sublevita indignus domni praecepto Arndldi sine manibus 
fecit oc opus.^) Sehr häufig metrisch: Finivi librum totum 
sine manibus istum,^) oder Finivi librum, scripsi sine manibus 
ipsum.^) Das kann wohl nur ein frostiges Spiel mit der ver- 
schiedenen Quantität in manus und manes sein. Ein anderes 
Spiel ist: Nävi non navi, sed aquam manibus peragravi,'^} 
oder: Finis adest vere, sie eum penna scio nere, ^) 

Sehr häufig ist der einfache Ausdruck der Freude über 
das vollendete Werk: Ach ach! ich was fro, do ich schrei^ 



Valentinelli VI, 301. 

2) Bandini II, 164. Jacobs u. ükert I, 250. Czerny S. 199. Cod. 
S. Galli 782, Verz. S. 260 etc. Zeitschr. f. schles. Gescb. XI, 212 von 
1462 mit dem Zusatz: Per me Georgium Naustadt cognomine dictum 
De Dresden opido et loco satis ameno. Er hielt das für Verse, und hat 
auch den ersten verdorben. Ein Schreiber Gregor erzählt uns, er sei 
in Gonuwitz natus, ülic quoque et parentatus. Adrian, Catal. Giss. p. 30. 

^) Naumann, Catal. bibl. Sen. Lips. p. 81. 

*) Andres, Lettera al abb. Morelli p. 9. 

«) Cod. S. Galli 687, Verz. S. 225. 

^) Valenciennes 91. Arch. X, 591 etc. 

') Czerny, Handss. von St. Florian S. 5, S. Gregorii Moralia saec. XII. 

^) Naumann, Catal. Sen. Lips. p. 131. 



Unterschriften der Schreiber. 429 

finita libro,^) oder Ach got ww fro ich was, da dis htcches ein 
ende was,^) oder Maria wol fro ich was, da ich schraih 
deo gratias.^) Dis het ein cnd, Des frowt sich hercz und hend,^) 
Einmal: Explicit e^plicexit, psallere scriptor eat,^) häufiger 
mit ludere,^) auch metrisch falsch mit bihere.'^) Einer schi^eibt 
auch: Explicit expliciat, qui plus vidt scrihere, scribat.^) Aus- 
führlich ergeht sich der Schreiber eüies Infortiatum saec. XIII: 

Est sopultus qui incepit, 
Semper vivat qui perfeciti 
Mors legalis recte fecit, 
Quod explentem non recepit. 
Ergo grates deo danms, 
Uli librum referamus, 
Cum legatur gaudeamus, 
Sic in fino dimittamus. 
Explicit expliceat, ludere scriptor eat.^) 

Fanden wir bei den geistlichen Schreibern der früheren 
Zeiten die Hoffnung auf himmlischen Lohn ausgesprochen, so 
tritt dagegen bei den Lohnschreibern der späteren Zeit die 
Bezahlung in den Vordergrund. Scriba fui Thomae, cmiduxit 
enini pretio me, sagt ein Italiener schon im zwölften Jahr- 
hunderte ®) Es ging ihnen oft schlecht genug, besonders den 



*) Hoffmann v. Fall. In dulci Jubilo S. 20. 

*) Homeyer, Deutsche Rechtsbücher n. 48 von 1444. Ganz einfach 
n. (j(j: Amen Älleluia. Petei'tnan Cudrifin. 

3) Cod. lat. Monac. 5607. 

*) Cod. lat. Monac. 10929 f. 97. 

^) Joh. Scoti Opera ed. Floss p. 1194 e cod. lat. Mon. G909. 

^) Valenc. 185 saec. XIII, Mangeart p. 172. Bandini 11, 152. Hagen, 
Anecdota Helv. p. CLXXXIV. Czerny S. 106. Cod. S. Galli 745, Verz. 
S. 245. De Wailly, pl. IX etc. Archiv f. Oestr. Gesch. XXVH, 239 
mit dem Zusatz: Ez chaevt et in fine vade merdatum. 

') Catal. des bibl. des Dep. I, 197 aus Laon. 

**) Mangeart, Catal. de Valenc. p. 101. 

®) Naumann, Catal. Lips. p. 91. Im Heidelb. cod. Sal. X, 10 
saec. XIII: Scripsit Ädelbertus incomoda multa repertus, Hoc opus in 
Salem, eia cannmiis amen. 

10) A. Mai, Class. Auctt. VIII p. VII. 



430 Die Schreiber. 

verlumpten Scholaren, die so sclileclit schrieben, wie der, welcher 
1426 eine Expositio missae abschrieb und darunter setzte: 

Qui te finivit, fuerat scholaris egenus, 

Qui raro scivit, quando fuerat dape plenus.^) 

Unter einer Summa inidium in Bamberg (Q III 24) steht: 

Datum in domo, uhi nulla copia, sed summa inopia, li^i. 

Echt klösterlich lautet es noch im zwölften Jahrhundert: 

Summe deus, grandem bene scis pensare laborem: 
Clemens defer opem, capitis depelle laborem. 
Nomine pro Christi lecturis haec ego scripsi, 
Non pro praesenti, sed pro mercede perenni.^) 

Aber schon ist von irdischem Lohn die Rede in dem Spruch: 
Premia scriptori dentur, grafesque priori,^) Bescheiden schreibt 
einer: Mtmera rcddantur scriptori si mereantur.^) Aber nicht 
immer war der Lohn verdient; eiiunal schrieb der Rubricator: 

Isti scriptori volo succedat quasi stulto, 

Non bene qui librum scripsit pro munere multo.^) 

Unter einem Commentai' zum Lucan, Virgil und Statins saec. XII 
aus Xanten, der, wie diese Bücher meistens, §ehr klein und 
eng geschrieben ist, steht: 

Glose scribuntur, scriptori premia dentur. 
Premia si dederis, meUores inde sequentui\^) 

Sehr häufig ist: Finis adest operis, ^nercedem posco lahoris.'*) 
Dazu fügt 1410 ein Schreiber: Finis letificat, incepcio sepe mo- 
lestat, ^) Nicht minder häufig ist: Finis adest vere, precium 



') Cod. Aug. 42 in Wolfenbüttel (Facs. v. W. Müllen. 

*) Cod. lat. Mon. 17112 f. 133 nach freundlicher Mittheilung von 
W. Meyer. 

^) Priscian s. XIII in Bern, Hagen Anecdd. p. CLXXXIV. 

*) ValentmelU II, 115. 

^) Cod. lat. Monac. 23601 s. XIII f. 42 [yon W. MeyerV 

"") Cod. Berol. Lat. fol. 34. f. 113 verso. 

') Czerny S. 222. Beitr. z. Kunde steierm. Geschichtsq. IV 0^^ 
S. 126 aus Voran v. 1363. Hoffmann, Altd. Handss. S. 121. Serap. X, 
266 mit finales. 

^) Czerny, Handss. v. St. Florian S. 71. 



Unterschriften der Schreiber. 431 

U scriptor habere^) Auch: Scripfmi munus detur hos auf 
Hiis umis,^) oder: Scrij^toris wmwws sit hos honus aut equus 

US. 3) 

Unzufrieden sagt ein Schreiber: 

Pro tali pretio nunciuam plus scribere posco, 
Attamen a domino mercedem tollere spero.^j 

11 Schreiber des 13. Jahrh. fügt eine ausführliche Bitte um 
Idthätigkeit in Prosa zu den Versen: 

Desine scribere, vis bene vivere coq)ore sanus. 
Non contractu, sed ut dct sit apta manus.^) 

Eberhard Schulteti de Möchingen schreibt 1405: 

Est michi precium kranck, 

Quia nichil datur miclii nisi habdanck.^) 

11 anderer 1472: 

Finis adest operis, mercedem posco laboris. 
Est michi precium kräng, ubi nichil sequitur 

nisi habedang. '^) 

hnlich in Mone's Anzeiger II, 191: 

Hospes illum amat, qui vil trinkt und modice clamat. 
Est merces ibi ki'ank, ubi datur nil nisi hab dank. 

Ungemein gut zufrieden mit seinem Lohn wai' dagegen 
• Abschreiber des Livius in französischer Uebersetzung für 



') Hoffmann S. 121. 232 etc. Der Schreiber der Miracula S. Marias 
St. Gallen v. 1395, 16 S. qu. schreibt: scrtptor vult unum solidum 
Uensem pro pretio habere. Scherrers Verz. S. 190. Mit potum Jacobs 
[Jkert n, 54. 

^) Serap. X, 2G6. 

*) Fr. Kritzius de codd. bibl. Amplon. potioribus, Erf. 1850, qu. 
25. Arundel Catal. p. 1. Ditmar im Admunter Cod. von Br. Philipps 
rienleben 1351, mit vielen anderen Versen, Wiener SB. LXVIII, 187. 

*) Merzdorf, Bibliothekar. Unterhaltungen. N. S. (1850) S. 29. 
. oben S. 425. 

^) Serapeum X, 269. 

^) Hoffmann, Altd. Handss. S. 151. / 

') ib. S. 181. 



432 I>ie Schreiber. 

einen französischen hohen Herrn, nach Paulin Paris' Vermuthung 
Johann den Guten von Burgund, Raoul Taingui, 

Qui n'est pas forment amaigri 
A Champlot oü il a este. 
Et ä Paris tout cest este 
Aux despens de Monseigneur. 

Dankbar schliefst er: 

Si prie Dieu, le roy Jhesus, 

Qui a fait Thetis et Bacchus, 

Et qui est creator onmium rerum, 

Qu'il doint ä Monseigneur regnum celorum.^) 

Ausführlich entwickelt ein Schreiber des Schwabenspiegek 
seine Wünsche: 

Der Schreiber ist mvede. vnd drat 

geschriben. man sol im scheuchen das brat. 

vnd darzu gueten wein. 

daz sein äugen haben Hechten schein. 

vnd phenning darnach. 

sein haut ist gewesen gach. 

Nu suUe wier im ein ende geben. 

got gebe uns ein selich leben. 

an leibe vnde an seil. 

des sol Maria hincz ieren son sein bot. 

daz er vns helfe auz aller vnser not. 2) 

Ein anderer Schreiber hat nach Vollendung eines Bandes 
der Bibel ^) den sehr weltlichen Wunsch: 

got durch dinc gute 
Beschere uns kugeln und hüte, 
Menteln und rocke, 
Geisze und bocke, 



^) P. Paris, Les Manuscrits Fran^ais de la Biblioth^quc du Boi. 
n, 288. 

2) Pertz' Archiv VI, 159. 

«) Cod. Pal. Germ. 19—23 am Knde des 2. Bandes. Der 4. Band 
ist geschrieben von propst Cuonrot von Nierenherg. Wilkeu S. 3 U— 31b. 



Unterschriften der Schreiber. 433 

Schoflfe und rinder,* 

Vil froweii und wenig kinder. 
Expl. durch den bangk 
Smale dienst machent eime das Jor langk. 

Sehr begreiflich ist, dafs der fertige Schreiber nach einem 
guten Trunk Verlangen trug: Fost scriptum librum scriptor 
pidcre bihe vintim,^) Oder: Explicit hoc totum, pro Christo 
da mihi potum,^) Auch: Hoc scripsi totum, pro pcna da mihi 

jyotum,^) 

Mathias Zweteimeer schrieb 1413 in Pcsaro: 

Explicit hie totum, de vino da mihi potum. 
Et sie est finis, laudetur trinus et unus.*) 

Unter einer Abschrift deutscher Predigten von 1421 steht: 

Explicit hoc totiun: 

infunde et da milii potum. 
Quis me non laudat, 

dyabolus oculus sibi claudat.^) 

Die beiden ersten Zeilen kommen häufig allein mit allerlei 
Varianten vor;^) im Münchener cod. lat. 251 hat eine fromme 
Hand verändert: Expl, hoc opus in nonvine domini Jesu Christi, 
Etwas begehrlicher sagt einer: Vinum Script ori debetur de 
meliori.'^) Peter Reyman aus Hirschberg schrieb 1476: Eamus 
Juhelwicz et recipiamus denarios deservitos in Slawp et perhi- 
bamus cos in hreczeni quo veniemus etc,^) Ein anderer Schle- 
sier, Nicolaus von Neifse, vertraut 1407 einem Chorbuch von 



Ott. Fris. cod. Zwetl. saec. XIII. MG. SS. XX, 104. 

2) Catal. des D^p. I, 241. 

^) Valentinelli IV, 36. Mit propina Heinzel e cod. Gotw. B. 25, 
Zeitschr. f. D. Alterthum XVII, 1. 

*) Valentinelli II, 263. 

^) sie! Arch. f. östr. Gesch. XXXIX, 500 aus Nikolsburg. 

^) Czemy S. 28. 222. Adrian, Catal. Giss. p. 11. Beitr. z. Kunde 
steierm. Geschichtsq. IV (1867) S. 90. 

') Valentinelli IV, 71; vgl. Catal. des Dep. I, 120; Schulte, Kano- 
nist. Handss. Abb. d. böhm. G. d. W. 1868, VI, 2, 62. 63/ 

«) Anz. d. Germ. Museums XIX (1872) 11. 

Watteubach, Scliriftwegen. 2. Aufl. 28 



434 Die Schreiber. 

St. Vincenz das Gestäudnifs an: qui Uhenfer honam cerevisiam 
hibit, malam autem invitus pofavit.^) 

Sehr beliebt war eine Versteckung des Namens durch 
griechische Buchstaben,^) durch Vertauschung der Vocale mit 
den nächsten Consonanten, durch Umkehrung, oder auf andere 
Weise, z. B.: 

Nes han Jo verte, scriptorem nostis aperte, 
Cognomine Bertram, iam factus in den lenden lam, 
Residens in arce Nuemborg cum uxore sua Walporg. 
Habet filium Mertin, der trinket liber milch denn wyn.^) 

Im Sachsenspiegel des Schweidnitzer Rathhauses steht: 

Nomen scriptoris si tu cognoscere queris: 
Jo. Hen. tibi sit primum, medium ning, 
US fit in ymum. 
Hy hat das buch eyn ende, 
Got muz den schriber senden 
Vz disem elelende in daz ewige rieh 
Czu den iuncvrowen suberlich. 
Nu hat daz buch eyn ende, 
Got muz unz all unse ungemach swende.*) 

Borchard von Hoya schrieb 1399 in Rom: 

Nomen scriptoris si tu cognoscere velis, 

Bor statuas primo, medio char, dus sit in ymo. 

Qui scripta vitiat, scriptorum sufflat in ersgat.^) 

Seinen Namen umkehrend, schrieb ein Cristoffer in die Korii- 
rechnung der Schweidnitzer Pfarre: Ego sunt, qui sum: noch 



^) Alwin Schultz, Schlesiens Kunstleben (1872, 4) S. 11. 

2) Erchambert v. Fulda s. IX, Oegg, Korogr. v. Würzb. I, 500. 
Herulf a. 911, Sinner, Catal. Bern. (1860) I, 405. Ilist. litt, de la France 
XXII, 95. 

8) Anz. d. Germ. Mus. XXI (1874) 148 e cod. Dresdensi. Vgl. Cod. 
S. Galli 941, Verz. S. 354. T. 0. Weigel, Catal. einer ausgew. Samm- 
lung S. XX. 

*) Rübezahl 1874 S. 87. 

^) Eccl. Colon, codd. p. 70. 



Unterschriften der Schreiber. 435 

tveist du nicht, wer ich bm, Suroffotsirc ist der nanie meyn, 
7'ot den bal ohiral. i^^7.^) 

Auch mit der Jahreszahl wurden solche Scherze gemacht, 
so in einem Sachsenspiegel: 

In nece baptiste libellus hie explicit iste: 
Post Cristi natus milicuxciic est numeratus. 
Qui scripsit librum, deus hunc det crimine librum. 
Hie Nicolaus omen vadium paciens sibi nomen, 
Auceps et natus de Britzen sepe vagatus 
Propter lucra sitimque famem frigus tulit olim. 

Die Zahlzeichen ergeben zusammengezählt 1369.^) Der Schrei- 
ber scheint bei seinem wechselvollen Leben es im Latein nicht 
weit gebracht zu haben. 

In Reval steht unter einer Al)schrift des Recesses von 
Dorpat 1392: vixciciducccum. in isto verbo Jmbetur datum istius.^) 
In anderer Weise hat Jeronimus Müller: isu Äugspur g ist er 
wol erkant, und ml ander vere frönide land, die Jahreszahl 
1457 umschrieben: do man zalt ain ringk mit irem (sie) thorn, 
und vier rofseissen aufserchoren, und ain l an der zal, und 
siben venden (venlen?) auch mit der wal.^) Schwer zu deuten 
ist in einem Glossar der Wiener Bibliothek saec. XIV die 
scherzhafte Unterschrift: Expl, Lucianus per Laurencium scrip- 
tmem Wienne scriptus. Anno a translacione Ndthardi in eccl. 
Sr Stephani Wienne primo,^) 

Noch auffallender aber ist, dafs in einer sehr ernsthaften 
Handschrift des neunton Jahrhunderts die Ueberschriften der 
einzelnen Werke aus den ganz willkürlich verstellten Uncial- 
buchstaben der Titel bestehen.*) 



*) Rübezahl 1874 S. 87. Auch von Felix Hemmerlin giebt es der- 
gleichen Unterschriften, s. Mangeart, Catal. de Valenciennes p. 285. 

2) Wilken, Gesch. d. Berliner Bibl. S. 229. Hom. n. 24. Das letzte 
c der Jahreszahl ist betrügerisch in t verwandelt, welches aber schon 
deshalb, weil es kein Zahlzeichen ist, unzulässig ist 

^) Mittheilung von Dr. Koppmann. 

*) Merzdorf, Historienbibeln S. 54 e cod. germ. Mon. 206. 

ß) Tabulae codd. Vindob. I, 22. 

«) Cod. lat. Monac. 14614 f. 31 u. 78. Mitth. von W. Meyer. 

28* 



436 I)ie Schreiber. 

Zu den harmlosen Scherzen gehört noch: 

nie qui scripsit, numquam vinum bipsit, sed bibit. 
Explicit expliciunt, sicut nobis rustici dicunt. 
bone Christe, quid portal rusticus iste? etc.^) 

Diese letzte Zeile, der Anfang eines scherzhaften Gedichtes, 
liat nichts mehr damit zu thun, aber der Reim auf explicmni 
brachte auch den Hund in diese Unterschriften. So schrieb 
Johannes die czeyt Kirchner czu Weysselstorff geiesen, 1444 
am Schlufs des Lehenrechts: 

Hie hat dicz puch ein ent, 

Got uns seinen gotlichen segen sent. 

Explicit expliciunt. 

Sprach dy kacz czu dem hunt: 

Dy fladen sein dir ungesunt.^) 

In etwas anderer Fassung: 

Explicit expliciunt. 
Sprach dy kacze wedir den hunt: 
Worste dy sint ungesunt 
Et wundir.^) 

Oder auch so: 

Explicit expliciunt. 

Sprach die katz zu dem hund: 

Bifzt du mich, 

So kratz ich dich.^) 

Eine Predigtsammlung soll 1386 geschrieben sein per 
manus dei inferni dicti Plutonis et Änacontii;^) ein Schreiber 
nennt sich SydJco nequam scribtor optimus;^) ein anderer sagt; 
Nmnen scriptoris Guilhermus amator amorisJ) 



Cod. lat. Mon. 15613 a. 1468. Anz. d. Germ. Mus. XXI (1874) 148. 
2) Cod. germ. Mon. 3697. Rockinger, Zum baier. Schriftw. S. 190 

ai, 24). 

^) ib. e cod. lat. Monac. 5680. 

*) Göttingen MS. jiirid. 214 f. 28 v. Mitth. v. Rockinger. 

ß) Cod. lat. Monac. 8851. 

^) Palacky, Formelbücher I, 253. 

') Cod. lat. Monac. 6350. 



Unterschriften der Schreiber. 437 

Von englischen Unterschriften kenne ich nur eine: 

Thomas Bcech is my name, 

And with my pen I writo the same; 

Yf my pen had been ])etter5 

I wüuld have mended it everey lottere.^) 

Von französischen wurden schon einige angeführt; sie 
sind nicht selten, während italienische mir nicht vorgekommen 
sind, und auch in den lateinischen Unterschriften italienischer 
Schreiber jener lustige Humor fehlt, der uns oft so unerwartet 
überrascht. Am einfachsten ist: Aqiiest libri es fmist. Nostre 
senher en sia grazitz, Atrmi,^) Die oben l)erührten Wünsche 
finden wir auch hier: 

Senes l'escript, scriptor nomes, 
Cui Diex doint vie e saintes, 
E plante de monoie, 
E d'amor complie joie.^) 

Am Schlüsse von Benoit's Roman de Troie steht: 

Da Portuiel Guiaume sui, 
Buen seiTir est gardier a cui. 
Des cauges noires grand merci, 
De ce che ay escrit, bien sui meri.^) 

Unter dem Fergus von Guillaume le Giere: ^) 

Chi define li romans des aventures Fregus. 
Et a celui qui l'a escrit. 
Gar au faire s'entente mist, 
Golins li fruitiers a a non, 
Jesus li face vrai pardon 
De ses pecies; mestiers li est, 
Gar certes moult pechieres est. 



Wright and Halliwell, Rell. ant. II, 164 aus Harl. 3118, Hein- 
richs VIII Zeit. 

2) Bibl. nat. fonds frang. 1745 f. 105; s. Eist litt. XIX, 401. 

^) P. Meyer, Documents manuscrits I, 246. 

*) Adalb. Keller, Romvart S. 96. 

*) herausg. von Martin, Halle 1872. Varianten S. 235. 



438 • I^ie Schreiber. 

Unter einem sehr schön geschriebenen Cistercienser Brevier iü 
Heidelberg (Sal. 9 LI) steht in grofsen rothen Buchstaben 
Expl, iste Über, scriptor sit crimine Über; dazwischen aber mit 
kleiner schwarzer Schrift die Uebersetzung: 

bien doit estre de blasme quites. 
cilqui ces letres a escrites. 

Dann folgt noch: 

Je pri a dieu que li persone. 
por cui iai aiue la poine. 
de cest livre escrire. ainsi soii 
que nostres sires li otroit. 
bonne vie. et tels biens faire, 
quelle puisse avoir. senz contraire. 
paredis. et ce li otroit. 
Cil qui tout puet et tout voit. 

Amen. 

An lan de grace quant li milliaires corroit 
par mil .cc. et quatre vinz. et .viij. anz. fuit 
faiz cest livres et conplis. ou mois de mars. 

Eine noch längere Unterschrift verdanke ich meinem 
Freunde A. Tobler; sie steht in einer Pergamenthandschrift, 
welche lateinische Heiligenleben enthält, und 1870 der Berliner 
Bibliothek zu Kauf angeboten wurde. Zuerst steht die lat. 
Clausel: Anno domini millesimo ducentesimo sexagesimo nono 
fuit Über iste scriptus. Johannes de Sdlesburi scripsit. Dann 
folgt französisch: 

Vos, clerc et Iai et autre gent, 
Ki veres ehest biel Hvre gent, 
Sachies de voir qu'il fu escris 
D'un bon ovrier, qui Jhesucris 



Unterschriften der Schreiber. 431) 

5 Gart de mal et de tous aliuns. 

II a a non maistres Jeliaiis, 

Se tu iioz droit eii Eugleterre. 

A M0118 Oll Hainiiau cesto tcrre 

Cilest livro ei, qui tel fin a, 
10 II rescri(8)t et le defiua 

Humleinent par devotion 

(Ell Tau de rincariiation) ^) 

Mil deus ceiis ans soissaute et iiuef 

Fiua li clers ehest livre uuef. 
15 Et fu parescrit en septembre, 

Ki adies est devaiit octembre. 

Ell colui mois par uii luiidi 

Fiiia ce livre, je vos di. 

Jüu Jehaiis, d'Eiigleterre nez, 
20 D'escrire bien me suis penes, 

Et plus v[e]rai ke je pcu, cest livre, 

Dolquel bien et biel me delivre 

Par enviers la doiene Hermine, 

Ki bien m'a fait tout le termino 
25 Ke j'encommenchai a ouvrer. 

Ke paradis puist recouvrer; 

Kai' de li me lou durement. 

Ausi fas jou segurement 

De la courtoise Sapieusc, 
30 Ki sou euer a piain de sciense, 

De bonte et de bon afaire. 

Ke Dieus li doinst adies bien faire 

En tele maniere ke Tarne 

Soit devant Dieu et Nostre Dame. 
35 D'icele apres de Waslengion*) 

Par foi je m'en relouve bien; 

Kar visitet m'a molt souvent. 



^) Diese Zeile fehlt, aber der Reim verlangt sie. 
^) Es scheint das Kloster der Benedictinerinnen zu Guillenghien 
sehen Ath und Enghiem gemeint zu sein. 



440 Bie Schreiber. 

Tout sens prometre et sens couvent, 

Deniers et tous biens m'a doimet 
40 Et largement abandounet. 

Del sien ai beü tant de vin, 

Ke chanter m'a fait et devin. 

Ne sai pucele ne bourjoise 

Ki unkes me fust plus courtoise. 
45 Ne puet faillir ke il ne gece 

En son cors (tre8)toute largece, 

Toute cortoisie et valours. 

Je deprie Dieu sens falours, 

Ke grans biens et hounour li dougne 
50 Et s'ait de li si grande sogne, 

Et sa douche mere toudis, 

Ke s'ame mete en paradis 

Et de chaiens tout le chapitle. 

Pri Dieu ke il cbascune entitle 
55 Et escrise si en son euer, 

Ke ja nes oublit a nul fuer 

Au grant jour, quant tout prendra fin; 

Aina aient paradis sens fin; 

Kar d'eles toutes molt me lowe. 
60 Bien le weil ke cbascune Towe. 

Tant m'ont fait, ke leur clers remain 

Por eles servir [et] soir et main. 

Von deutschen Sprüchen ist die gröfste Auswahl; aufser 
den vielen, welche schon angeführt sind, theile ich hier noch 
eine Anzahl mit: 

Hie hat daz buch ein ende, 
Des frauwen sich myn hende.^) 



Deo gracias lauff drot, 

Si vis comedere hausprot.^) 



^) Gothaer Freidank, Jacobs u. Ukert II, 326. 

2) Cod. lat. Mon. 11442 f. 291. Mitth. von W. Meyer. 



Unterschriften der Schreiber. • 441 

Der mich gescliriben hat, 

Der muzze leben an schände not, 

Des bitte ich Got 

Durch sinen tot^) 



Ilie hat dis puch ain ende, 
Got uns allen kumer wende.*) 



Hie hat die bibel ain end, 
Got uns gnad send. Amen.^) 



Das buch hat ein ende, 

Gott uns sinen heiligen geist sende.*) 



Ilie nymet das lantrehtbuch ein ende, 
Got beilüde uns ane missewende.^*) 

Ilie hat das puech ein endt, 
(}ot uns allen cliumer wendt, 
Und wel uns darczue geheim 
Nach dem ellendt das ewig lebeim.^) 



Hie hat das lantrecht buch ein ende, 
Gott alle falsche richter sehende. '') 



^) Albertus Vihberge de Nurenberg, cod. Arundel. 240. Arch. 
, 757.* 

^) Cod. germ. Mon. 520 v. 1465. Merzdorf, Historienbibeln S. 38. 

Jacobs u. ükert, Beitr. I, 1, 79, und die S. 435 Anm. 4 angef. 
jrschrift von Jeron. Müller. 

3) Cod. germ. Mon. 521 v. 1457, ib. S. 39. 

*) Hom. 180. Jacobs u. ükert II, 111. Aehnliche Hom. 384. 
387.' 

*) Stuttg. Schwabenspiegel, Münch. SB. 1874, I, 447. 

«) Klosterneub. 302 von 1464. Zeibig im Serap. X, 267. 

') Hom. 184, vgl. 375. 



442 Die Schreiber. 

Daz buech hat eiu ende, 

Daz got all vaig sehende, 

Und geh uns sein gnad 

Und hincz samztag ein guet bad.^) 



Hie hat diss buch ein ende, 

Got alle falschen herzen sehende. 2) 



Das puech hat ain end, 

Got alle peschome weib sehend.^) 



Das biichlein hat geschribn mit sein band 

Görg Mulich ist er genannt, 

Und hat er nit gut geschribn. 

So hat er doch sein weill vertribn.*) 



Mich hat geschriben eynes meysters hant, 

Otte von Egre ist her genant. 

In Beyerlant sind im schone vrowen bekant.^) 



Nach gueten werchen gezem daz wol, 
Daz man dem schriber scholt loenen wol.^) 



Zcu lone sullet ir mich nuwe cleidin 
Das uch got behüte for allim leide. 
Anno d. 1357? quod fiat sine dubio.*') 



r 



Weichbildrecht, Adrian, Catal. Giss. p. 288. 

^) Predigten saec. XV, ib. p. 251. 

^) Schwabensp. in Linz von 1420, mit längerer Unterschrift u. darin 
Consonanten statt der Vocale: diese Worte roth. Rockinger in d. Münch. 
SB. 1871 S. 468. Im Cod. germ. Mon. 379 f. 152 v. Etcetera hund- 
schuoch alter weib send sunst genuog. Vorher fol. 27 eine sehr unan- 
ständige Unterschrift. 

*) Augsb. 1450. Adrian, Catal. Giss. p. 245. 

^) Homeyer n. 248. 

«) in Voran, Archiv X, 629. 

') Cod. Dresd. fol. J 53 aus dem Kl. Oschatz. Mitth. v. L. Weiland. 



Unterschriften der Schreiber. 443 

Schi^ häufig fiiidcu sich auch Sprüche, welche gegeu Diebe 
3richtet siiul, in Prosa, wie in einem langobai'disch geschrie- 
)nen Terenz saec. XII: Sl quis abstulcrit vel curtaverit folium, 
lathema sit. Ricberti ciira,^) Oft aber auch Verse, von denen 
1 eine Auswahl hier zusammenstelle: 

>or supern ^scrip^. ^li^, -^poti^ x «^ 

- >te<l ^ ,>orum< ^ >tor<:;,.>>bn<* .>atur. *) 
lor süperb rap li niori ^ 

Qui te furetur, cum Juda dampnificetur.®) 

Qui te furetur, tribus lignis associetur.^) 

Qui me furatur, in tribus tignis suspendatur.*^) 

Qui librum istum furatur, a domino maledicatur.^) 

Si quis furetur, anathematis ense necetur.*^) 

Qui me furatur, vel reddat vel suspendatur.®) 

Qui te furetur, in culum percutietur.®) 

Qui me furetur, nunquam requies sibi detur.^®) 

Non videat Christum, qui librum subtrahit istum. ^*) 

Offendit Christum, qui librum subtrahit istum. ^*) 



•^) Jacobs u. Ukert, Beitr. I, 2G6. 

'^) Hoflfmann, Altd. Handss. S. 12. Jacobs u. Ukert II, 50. Cod. 
:. Mon. 14258. Denis II, 1, 899. Czerny S. 67 etc. mit kleinen 
iriationen. 

3) Hoflfmann S. 232. 

*) Czerny S. 214, vgl. 26. 

^) Burney n. 173, Catal. p. 54, 1461 in Italien geschrieben. 

^) Lucan s. XIII in Krakau (W. Arndt). 

') Jacobs, u. Ukert, Beitr. II, 19. 

») Caravita II, 260. 

ö) Cod. lät. Monac. 9682 saec. XIII. 

»0) Valentinelli IV, 138. 

^0 Cod. lat. Monac. 4683. Merzdorf, Bibliothek. Unterh. N. S. 
JöO) S. 4. 

^*) Serap. X, 269 aus Klosterneuburg. 



444 I)ie Schreiber. 

Wer das puech stel, 
desselben chel 
muzze sich ertoben 
hoch an eim galgen oben.^) 

Aehnlich auch griechisch saec. XV in der fehlerhaften Sprache 
und Orthographie der Zeit: Elriq ro rjöxsQeiöt va slvai dq)0- 
Qiöfiivog Jtagä TTJg aylag TQidöog xai ro almvico dva^efian.^) 
Aufser diesen allgemein gehaltenen Verwünschungen finden 
sich aber auch Eintragungen, welche den Eigenthümer nennen. 
Die alten Statuten von St. Victor verordnen: Districfe p'oe- 
cipitur Omnibus, ut in libris quos scribi faciunt ex quo vem- 
runt ad conversimiem, titulum communem apponant hunc scüicä: 
Iste liber est S, Victoris etc,^) Thatsächlich findet sich diese 
Inschrift z. B. in einer Handschrift des Petrus de Vinea, mit 
dem Zusatz: Quicunque eum furatus fuerit vel celaverit aut 
titulum istum deleverit, anathema sit. Diese Handschiift war 
übrigens gekauft und enthält auch die urkundliche Garantie des 
Pariser Buchhändlers Petrus de Verona vom 3. Aug. 1422.*) 
AehuHche Inschriften, welche den Eigenthümer namhaft machen, 
finden sich in alten Handschriften sehr häufig, zuweilen auf 
jeder Seite; nicht selten sind sie jedoch von unrechtmäfsigen 
Besitzern ausgekratzt. Die Bobienser Handschriften sind be- 
zeichnet als Eigenthum des h. Columban, die Lorscher gehören 
dem h. Nazarius. In diesen steht: 

Reddere Nazario me lector kare memento, 
Alterius domini ins quia nolo pati. 

In einer Handschrift, die wohl nach Prüm ausgeliehen war, ist 
noch dazu geschrieben: 

Reddunt ecce boni me Salvatoris alumni, 
Hinc illis grates Nazarius referes. 

1) Hoffmann, Altd. Handss. S. 318. 

^) Cod. gr. Monac. 544 bei Fr. Delitzsch, Handschriftl. Funde II, 31. 

^) Martene de ant. eccl. ritt. III, 819. Diese Inschrift ist aus ver- 
schiedenen Zeiten facsimiliert bei A. Franklin, Les anciennes biblio- 
theques de Paris p. 140. 147. 170. 

*) Huillard-Br^holles, Vie et Correspondance de Pierre de la Vigne, 
p. 251; vgl. A. Kirchhoff S. 97. 



Unterschriften der Schreiber. 445 

Im roheren 14. Jahrhundert findet sich die Lischrift: 

Qui te furetur hie demonis ense secetur. 
Iste sit in banno qui te furetur in anno. 
Codex S. Nazarii (^ui vocatur Laurissa. 

Und noch später: Iste liher perfinrt ad S. Nazarium in Lau- 
rissa. monastemim premonstratensis ordinis. redde sibi,^) 

In einem Commentar des Uemigius zu den Paulinischen 
Briefen, der 1067 so geschrieben ist, dafs den rothen Text der 
schwarze Commentar umgiobt, steht: Qulcumqiie istiim librnm 
rapuerit aut fnraverit vcl aliqao mala Inijcnio ahstulerit ah 
aecclesia S. Cacciliae sit pcrpetaa damnatione damnatus et male- 
dictus nisi reddiderit vel cmendacerit, FIAT FIAT AMEN 
A3IEN. Vielleicht ist die Cäcilienkirche in Coeln gemeint.^) 

Aus Monte Cassino haben wir eine lange Verfluchung aus 
alter Zeit,^) und ähnlich aus dem elften Jahrhundert in Betrefi" 
der Bücher, welche Abt Theobald (1022 — 1035) hatte schrei- 
ben hissen.*) 

In St. Gallen ist ein Psalter in Goldschrift, eines von den 
in der Klosterchronik erwähnten Büchern, welche der Abt 
Hartmut um 880 schreiben liefs, mit der Inschrift: 

Nemo me crijdat omnino furatum, 
Sed feliciter hacteims fuisse reservatum. 
Non dubitet autem iram dei periculosius inciUTere, 
Si quis me praesumat a sancti Galli finibus spohando auferre.^) 

Mit hübscher Abwechselung wünscht der Abt dem Uiebo' 
bald Schläge, bald die Pest, Aussatz und einen Buckel.^) 



1) Reifferscheid in d. Sitz. Ber. d. Wiener Akad. LVI, 517. 520. 
521. 526. 

«) Libri's Catalog S. 259. 

^) Ilist. tripartita s. VIII ex. nach Caravita II, 16, saec. IX vel X 
nach Reifferscheid, Wiener SB. LXXI, 88. 

*) Reifferscheid, Wiener SB. LXXI, 53. 70. Fast unverständlich 
ein Anathem von Liutius prior et Savinus scriptor, Caravita II, 74. 
ICbeuda ein anderes aus einem Michaelsklostcr. 

^) Cod. 22. Scherrers Verz. S. 11. 

«) Verz. S. 8. 7. 20; vgl. auch Rati)orti Casus S. Galli ed. Meyer 
V. Knonau p. 54. 



446 



Die Schreiber. 



Eine ausführliche Verfluchung findet sich in einer Evan- 
gelienhandschrift aus Ranshofen von 1178 mit goldener caeh- 
iura des Einbaudes.*) Aus Paderborn ist die Inschi'ift: Liber 
S. Marie sandique Liborii in Patherbunien. tollenti uialedictlo 
servanti benedictio, Si qtiis ahstiderit vel curtaverit folim 
anathema sit^) Aus Marchiennes metrisch: 

Sancte Rictrudis est Über Marchianensis. 

Per quem servatus fuerit, maneat benedictus. 

At per quem raptus, ajiathema sit et maledictus.^) 

Im Pfarrhof zu Hermannstadt ist ein Mefsbuch, welches 
Herr Michael, Pfarrer zu Klein Scheuem, 1394 zusamnleDg^ 
tragen und durch den Schreiber Theoderich hat schreiben lassen; 
darin steht: Qui nitunttir eum auferre de fratemitate, descen- 
dant in infernum viventes cum Dathan et Ahyron. 

In späterer Zeit finden sich auch immer häufiger die Na- 
men einzelner Personen als Eigenthümer, bei Humanisten oft 
mit dem Zusatz et amicorum. Die Gräfin von Worcester schrieb 
um 1440 ein Buch, und darin diese Verse: 

And I yt los, and yow yt fynd, 
I pray yow hartely to be so kynd, 
That yow wel take a letel payne, 
To se my boke brothe home agayne. 

• 

Thys boke is one 

and God's korse ys anoder; 

They that take tone 
God gefe them toder.*) 



') Arch. f. alt. D. Gesch. VII, 994. Daselbst die Inschrift: W 
S. Ba/oonis Gandensis ecclesiae. Servcmti benedictio. tollenti maledictio. 
fiat fiat Amen. Vgl. auch oben S. 365. 

*) Naumann, Catal. Sen. Lips. p. 39; vgl. oben S. 443. 

^) viell. anathemate sit m. Mangeart S. 470. 

*) Wright and Hailiwell, Rell. antt. II, 163 aus Harl. 1251, mit 
einer anderen hübschen Inschrift aus Reg. 18 A XVII. 



Unterschriften der Schreiber. 447 

In einem Andachtsbucli saec. XV steht: Si quis invenerit, 
Alberfrn herzogen reddere dehet.^) Derber ist das ausgedrückt: 

I)yt bock bort Metken vam holte. 
Üe dat vint de do dat wedder, 
Edder de duvel vorbrent em dat ledder. 

hoet dy.*) 

In einem Sachsenspiegel steht: Ä, d, im 1614 jar vff siin- 
ahe}ü noch conzepzionifs habe Ich mcrfen Kyffeller difs bi4ch 
Johannefs Senckeller apgckauft vor 2 fl. imd ist behalt 

Dafs buch ist mir lip, 

wer mirfs stliilt, der ist ein dip: 

i)k sey ryter oder knecht, 

so ist her an den galgen gerecht.^) 



Schliefslich möge es noch gestattet sein, hier einige Verse 
nachzutragen, welche ich el)en von E. Düramler erhalte, der 
sie aus einer Züricher Handschrift saec. XIII abgeschrieben hat: 

f. 7. Vilior est humana caro quam pellis ovina. 

Si moriatur homo, moritur caro, pellis et ossa; 
Si moriatur ovis, nimium valet ipsa ruina: 
Extrahitur pellis, et scribitur intus et extra. 

f. 10. In tabulis scribens a dextris lumen habeto, 
Membranae a leva lumen habere volunt. 

t' 370. Haurit aquam cribro, quicunque studet sine libro.*) 



*) Bodemann, Die Handschriften zu Hannover S. 14. 
*) Hoffmann, Altd. Handss. S. 319. 
^) Naumann Catal. Sen. Lips. p. 94. Hom. n. 382. 
*) Cod. Turic. C 78 (Wasserkirche). 



448 Buchhandel. 



* VI. 
Buchhandel. 

1. Die Griechen und Römer. 

Ueber den Buchhandel bei den Griechen handelt K F. 
Hermann, Lehrbuch der griechischen Privatalterthümer, ed. 
Stark, § 45, 13. 50, 28. Th. Bergk, Griech. Literaturgesch. 
I, 217 — 220; bei den Römern H. Geraud, Essai sur les livres, 
W. A. Schmidt, Geschichte der Denk- und Glaubensfreiheit 
S. 116 ff. Becker, Gallus ed. Rein II, 327 ff. Marquardt, 
Rom. Privatalterthümer II, 404 — 412. Für das Mittelalter hat 
Albrecht Kirchhoff sich das grofse Verdienst erworben, 
diesen Gegenstand zuerst eingehend und ausführlich behandelt 
zu haben in seiner Schrift: Die Handschriftenhändler des Mit- 
telalters, 2. Auflage, Leipzig 1853. Weitere Beiträge, beson- 
ders abgedruckt aus Dr. Petzholdt's Anzeiger f. Bibliographie, 
Nov. u. Dec. 1854, HaUe 1855. 

Von den Griechen ist wenig bekannt; dafs in Alexan- 
dria ein völlig ausgebildetes Gewerbe des Buchhandels bestand, 
zeigt die oben S. 265 angeführte Stelle; die Werkstatt eines 
Kalligraphen in Constantlnopel im 7. Jahrh. werden wir gleich 
zu erwähnen haben, und die längere Fortdauer des Buchhan- 
dels daselbst bezeugt die S. 251 mitgetheilte Stelle. Bei zu- 
nehmender Bedrängnifs der Zeiten wird hier wohl das Gewerbe 
nach und nach verkünmiert sein, und eine Neugestaltung, wie 
im Abendlande, hat es nicht gewonnen. 

Von einem Verlagsrecht findet sich " -i^i den Römern kerne 
Spur, wohl aber von dem Verkauf eine^ jlanuscriptes, und von 
Leihgeld. In Plinius' Briefen IV, 7, 2 ist von einer Auflage 
in 1000 Exemplaren die Rede. Des Sulpicius Severus Vita 
S. Martini wurde sehr rasch in ferne Länder verbreitet und 
gab den Buchhändlern viel zu verdienen. Dafs diese rasche 
und massenhafte Vervielfältigung durch Dictat an viele Schrei- 
ber zu gleicher Zeit bewirkt sei, ist eine herkömmliche An- 



Die Griechen und Römer. 449 

nähme, gegen welche sich jedoch Kiüttel und Madvig erklärt, 
haben. ^) Allein es läfst sich kaum ein anderes Verfahren 
denken, durch welches ohne zu grofse Kosten so viele Exem- 
plare hätten hergestellt werden können, und Rollen, wie die 
Herculanensischen, konnten ohne Zweifel rasch genug geschrie- 
ben werden. Der Zweifel scheint mir deshalb unbegründet 
zu sein. 

Dafs dieser mit Sklaven oder gemietheten Abschreibern 
betriebene Handel in Gallien noch im 6. Jahrh. fortdauerte, 
hat F. J. Mone (Grioch. u. lat. Messen S. 155. 156) aus den 
Schriften des Caesarius von Arles nachgewiesen; er behauptet 
auch die fernere Fortdauer im Mittelalter, ohne indessen dafür 
einen Beweis beizubringen. Im westgothischen Gesetzbuch V, 4, 
22 wird verordnet, dafs Exemplare desselben nicht theuerer 
als um 6 sol. verkauft werden sollen. 

In Italien, und vorzüglich in Rom, erhielt sich lange ein 
wirklicher Buchhandel, und hat hier vielleicht niemals aufge- 
hört. Nur hier war auch ein Bedürfnifs vorhanden, da die 
Laien niemals aufhörten zu lesen. Darüber sagt Wipo im 
Tetralogus v. 197 ff.: 

Hoc servant Itali post prima crepundia cuncti 
Et sudare scholis mandatur tota iuventus. 
SoUs Teutonicis vacuum vel turpe videtur, 
Ut doceant aliquem, nisi clericus accipiatur. 

Die Thatsache ist durch W. Giesebrecht in seiner Schrift 
De litterarum dudiis apud Italos (1854, 4.) vollständig er- 
wiesen. Einen Buchhändler nach alter Weise lehrt uns eine 
Handschrift des Orosius keimen, welche ins 7. Jahrh. gesetzt 
wird^) und die Inschrift hat: Confedus codex in stafione ma- 
gistri Viliaric antiquarii. ora jr>ro me scribtore. sie dominum 



Knittel, Ulphilae Fragm. p. 380. Madvig, Adv. crit. I, 10. 

Schubart, Methodologie S. 89 bestreitet die Annahme nur in Betreff des 
Mittelalters. 

2) B^ndini, Codd. lat. IT, 727. Facs. des Textes bei Mab. Dipl. 

p. 352 und in der Ausg. von Havercamp. Wiederholt findet sich die 
Bemerkung contulL Vgl. oben S. 356. 

Wattenbach, Sckriftweäen. 2. Aufl. 29 



450 Bachhandel. 

habeas protedorem. Der Ausdruck statio, aus welchem sich 
der später vorkommende Name der stcUionarii erklärt, bedeutet 
nach mehreren von Marini beigebrachten Stellen^) im 6. Jahrh. 
die Werkstatt sowohl des iahellio wie des librariiis. In den 
Acten des Concil. Constantinop. III a. 680 (Mansi XI, 596) 
wird als derjenige, welcher die Interpolation in die Acten der 
fünften Synode geschrieben hatte, genannt ßf:66coQoq 6 xcdXi- 
YQafpog oOTLg elxs ro tQyaörriQLOV slg rov ayiov ^mavvogxjoxäv. 
In einer Uebersetzung (p. 886) wird tQyaöTrjQiov wiedergegeben 
durch officina, in der anderen heifst es: Theodorus librarius 
qui habuit stationein ad S. Johanneni PhocamJ) 

In solchen Werkstätten sind also Bücher geschrieben, Ur- 
kunden ausgefertigt, auch wohl Briefe geschrieben, gerade wie 
in den noch heute in Italien üblichen Schreibstuben. 

Rom galt lange Zeit für den eigenthchen, ja vielleicht 
einzigen Büchermarkt. S. Gertrud (t 658) liefs nach der fm- 
lich nicht ganz zuverlässigen Vita für das neugestiftete Kloster 
Nivellc sancta vohimina de urbc Roma kommen.^) Beda be- 
richtet vom Abt Benedict von Weremouth, dafs er 671 nach 
Rom reiste librosqtie onmis divinae ertiditionis non paucos 
vel placito pretio enitos vel amicorum dono largitos retulit 
Später wiederholte er die Reise, und brachte 678 innunierabilem 
lihrorum onmis generis copiani, 685 magnam copiam volumimm 
sacronim mit.^) Auch profane Scliriftsteller waren darunter, 
denn c. 15 wird ein cosmographarum codex mirandi operis er- 
wähnt, qiiem Rmna^ Benedictus enierat. 

Andere Beispiele bietet die Klosterchronik von St. Wan- 
drille. Wandregisil selbst schickte seinen Neffen Godo nach 
Rom, der vom Pabst Vitalian (657 — 672) ReHquien erhielt und 
mitbrachte, nee non et volumina sa^yrarum scripturarum diversa 
veteris ac novi testamenti, niaximeque ingenii beatissimi atque 



') Papiri Dipl. p. 259. Dazu die Statio Besctdi der Wachstafel 
von a. 167. • 

^) vgl. a. 1290: in operatorio mei notarii suhscripU in Älesto. E. 
de Roziere, T^cole de droit d'Alais, Bibl. de Tficole des chartes Vol. XXXI. 

=) Mal). Acta SS. II, 445 ed. Ven. 

*) Vita Benedicti abb. c. 4. 6. 9. 



Die Griechen und Römer. 451 

apostolici gloriosissimi papae Gregorii^) Das war freilich ein 
Geschenk, wie sie häufig vorkommen, und für diesen Zweck 
liefsen vemmthlich die Päbste fromme Mönche um Gottes Lohn 
arbeiten. Merkwürdig bleibt aber der in dieser Chronik häufige, 
schon oben S. 370 erwälmte Ausdruck littera romana, welcher 
eine dort heimische, auswärts wohl bekannte Schreibschule er- 
kennen läfet. Unter dem Abt Austrulf (747 — 753) trieb das 
Meer eine Kiste an den Strand, welche wohl von schifiPbrüchigen 
Angeln herrührte. Sie enthielt Reliquien und codicem pulclier- 
rimum quatuor evangelia continentem, rmnana littera optime 
scriptum, memhranis mundissimis honestaqtie forma confectum. 
Weiterhin (S. 289) sagt davon der Chronist: Nam et codicem 
illum evangelicum, ut scriptura eiusdmi insinuat, in Bomulea 
urbe scriptum constat. 

Auch von Erzbischof Aelbert von York (706 — 780) erzählt 
Alcuin:^) 

Non semel extenias peregrino tramite terras 
Jam peragravit ovans, Sophiae deductus amore, 
Si quid forte novi Ubrorum seu studiorum, 
Quod secum ferret, terris reperiret in illis. 
Hie quoque Romuleam venit devotus ad urbem. 

Es ist nicht gesagt, wo er die Bücher suchte, aber wo 
anders als in Italien waren damals Bücher zu finden? Auch 
Gerbert nennt für seine Bücherkäufe Rom und ItaUen an erster 
Stelle. Auf den Römerzügen der deutschen Kaiser sind noch 
viele Bücher aus Italien nach Deutschland entführt, doch bleibt 
es fraglich, ob dabei die Vermittlung eines eigentlichen Buch- 
handels eintrat.^) 

Vermuthlich in Verona finden wir 1338 eine Schreiber- 
werkstatt nach alter Weise: Explicit Über Lucani. deo gracias, 
Millcsimo ccc^ xxx^ viii^ hoc opus factum fuit per Martinum 



^) Chron. Fontanell. c. 7. Mon. Germ. II, 274. 

*) de Pontiff. Eborac. v. 1453. Alcuini Opp. II, 256. Bibl. VI, 125. 

^) vgl. auch bei B. Pez, Thes. I Diss. p. LH aus dem Catal. s. 
Xin der 1395 verbrannten Bibl. von S. Nicola in Passau: Isti sunt libri 
quos Mama detulimus. 

29* 



452 Buchhandel. 

de Trieste in scolis magistri JBoiiaventurae script&ris de' Verona.^) 
Auch bei Meister Albert de Pozzotto in Mailand (S. 308) mögen 
wohl Bücher geschrieben sein. Gewerbliche Schreiber gab es 
in Mailand in grofser Anzahl, und für den litterarischen Ver- 
kehr der Lombardei wurde es der Hauptplatz. In Rom aber 
kaufte auch noch im 14. Jahrb. Richard de Bmy Bücher auf. 
Ob nun freilich hierin eine Fortwirkung der alten Zustände zu 
erkennen ist, oder der Beginn neuer Entwickelung, bleibt 
zweifelhaft. Jahrhunderte liegen dazwischen, von welchen wir 
um so weniger Kunde erwarten können, da der gewerbliche 
Betrieb auf Schulbüchern und niederer Litteratur beruhte. Das 
wissenschaftliche Bedürfnifs fand auf anderen Wegen seine 
Befriedigung, und auf diese wollen wir jetzt einen Blick werfen. 



2. Büchererwerb durch Abschrift. 

Wenn die Existenz und der Umfang des Buchhandels im 
Mittelalter in vielen Gegenden und durch lange Zeiträume für 
uns im Dunkel bleiben, so ist es dagegen unzweifelhaft, dafs 
er von Anfang bis zu Ende dem Bedürfnifs der Bücherfreunde 
nirgends genügt hat. Er beschränkte sich auf einzelne gang- 
bare Artikel und zufällig in den Handel gekommene alte 
Manuscripte. Schon Origenes (S. 266) und Hieronymus (S. 269) 
konnten ihre Werke nicht etwa in Verlag geben, sondeni 
waren von Schreibern umlagert, deren Arbeiten sie selbst zu 
leiten hatten. Die Briefwechsel, welche uns seit der Wieder- 
belebung wissenschaftlicher Thätigkeit im Abendland zahlreich 
erhalten sind, enthalten sehr häufig Bitten um Abschriften ge- 
suchter Werke, um die Ueberlassung von Exemplaren zum 
Abschreiben, oder um die Erlaubnifs eigene Schreiber hinsen- 
den zu dürfen.^) So wandte sich Abt Lupus von Ferrieres 
nach York (ep. 62) und an den Pabst (ep. 103) um Bücher 



^) Endlicher, Catal. codd. Vindobb. p. 89. 

^) Was sich darüber im Codex ep. Reinhardsbrunn findet, ist zu- 
sammengestellt von Hesse im Serap. XXIII, 337 ff. Andere Beispiele 
bei Rockinger, Zum baier. Schriftwesen S. 210 (II, 44). 



Büchererwerb durch Abschrift. 453 

zum Abschreiben. Bischof Abraham von Freising liefs in Metz 
Abschriften machen.^) Fromund schrieb in Coehi für Tegernsee 
Boetius de consolatione mit dem Commenüir des Lupus ab, 
und bezeugte das mit den Worten: 

Hunc ego Froumundus libnim ecco Colonie scripsi, 
Atque huc devexi, tibi, sancte Quirine, decrevi.^) 

Unter Briefmustern saec. XI in der Münch. Bibliothek stellt: 
Tulliana Tusculana rogo nostris exscrihenda confer armariis. 
Nos itent' vobis benigne prestahimus, siqua desideranda vohis 
habemus. Entliehene Bücher gingen aber oft verloren, und 
man suchte sich dagegen durch Pfänder und Bürgschafton zu 
sichern, was jedoch nicht immer half. Bischof Egino von Con- 
stanz entlieh gegen Bürgschaft Bücher aus der Ileichenauer 
Bibliothek, gab sie aber nicht zurück.^) 

Merkwürdig ist, was um 1020 Notker von Sanctgallen an 
den Bischof von Sitten schrieb: Libros vestros, id est Fhilipidca 
et conimentum in Topica Ciceronis, petiit a nie abbas de Augia, 
pignore dato quod maioris pretü est: pluris namque est lie- 
thorica Cieeronis et Victorini nobile conimentum, quac pro eis 
retineo, et eos non nisi vestris (redditis) repetere valet. alio- 
quin sui erunt vestri, et nullum dampnum erit vobis,^) In 
Vercelli ist ein schönes Sacramentar^ welches der Abt Erkan- 
bald von Fulda (997 — 1011) dem Bischof Heinrich von Würz- 
burg auf Lebenszeit geliehen hatte; nach des Bischofs Tode 
sollte er sofort nach Fulda zurückgebracht werden, was aber 
dennoch unterblieben zu sein scheint.^) Trübe Erfahrungen 
der Art bewogen Herrn Kunrat von Göppingen, Chorherrn zu 
ßosenstaig, als er der ehrbai'on und bescheidenen Jungfrau 
Lucia Fuchsin ein erbauliches Buch zu einem guten seligen 



Cod. lat. Monac. i3'2(jG. 6285. 6313. 

2) jetzt in Mayhingen I. 2. (Lat.) 4«. 3. Pez, Thes. I p. XV; vgl. 
p. XIX über den Wessobrunner Ludwig. 

^) Neugart, Episcopatus Constant. I, 87. 
*) J. Grimm, Kleine Schriften V, 191. 
ß) F. Blume, Iter Ital. I, 99. 



454 Bnchhandel. 

Jahr schenkte,^) u. a. hineinznschreiben: Auch haut sy mir ver- 
hissen by der trete, das tcoTl ich von ir gehabt hon, difs buch 
nienien ze liheti, tcann ich das schwerlich verrett hon von diis 
schaden wegen, der mir daran geschehen ist. Doch in der 
Regel begnügte man sich mit einem Pfände, welches aber oft 
aus Büchern Ton gleichem oder höherem Werthe bestehen 
muJste. 

Der Regensburger Marianus Scotus schrieb 1074 in eine 
von ihm geschriebene Handschrift: Xunqiiam tribuatur ad 
trafiscribefidum extra monasterium, nisi pro eo congruuni rdhh 
quatur vadimonium. An vielen Orten war das statutarisch 
festgesetzt, und wurde später ganz allgemein. Der Abt Wibald 
von Corvey wünschte alle Werke Cicero's in einem Bande zu 
besitzen, und erbat sich deshalb Reden und Briefe desselbeu 
von Hildesheim. Reinald aber, der bekannte Erzbischof von 
Cöln, damals noch Domprobst der Hildesheimer Kirche, ant- 
wortete ihm: non est consuetudinarium apnd nos, tU sine bonis 
moninientis aliqui alictii concedantur. Man möge deshalb den 
GeUius und des Origenes Commentar zum Hohen Lied als 
Pfand senden.^) Seine eigenen Bücher dagegen, die er jetzt 
aus Frankreich mitgebracht habe, wolle er schicken. Da in 
Corvey kein Gellius war, sandte Wibald statt dessen Frontins 
Strategemata.^) 



*) Soliom aareum, geschr. 1446; s. Mezger, Gesch. d. Stadtbibl. zu 
Augsb. S. 92. 

*) Ein anderes Beispiel in dem Briefe Fromunds von Tegemsee 
bei Pez, Thes. VI, 1, 166. 

8) Wibaldi epp. 207. 208. Jaffe, Bibl. I, 326—328. Es wird doch 
wohl derselbe Codex sein, welcher aus Erfurt nach Berlin gekommen 
ist, Lat. fol. 252; s. Serap. XXVII, 53. In dem Bilde auf fol. Iv. wird 
das Buch den Heiligen Stephanus und Vitus, Schutzpatronen von Corvey, 
und S. Justinus dargebracht von Ädelbertus dbbas. Diese Beischrift ist 
aber späterer Zusatz, viell. Verwechselung mit dem Probst Adelbert, s. 
Wilmans, Kaiserurkk. S. 111. Die ganze Rede pro Milone ist hieraus 
facsimiliert in der Ausgabe von Freund, Vrat. 1838, 4. mit werthvollen 
Untersuchungen über die Orthographie. Ein saec. X in Ünteritalien 
langobardisch geschr. Vegez ist von einem Kaiser Heinrich den hh. 
Stephan, Veit, Justin u. Dionys von Corvey geschenkt, jetzt cod. Vat. 
Pal. 909. Arch. XII, 344. Veget. ed. Lang p. XXIV. 



Büchererwerb durch Abschrift. 455 

Auf ein solches Pfand bezieht es sich, wenn um 1170 der 
Subprior Gaufrid von Sainte- Barbe en Auge an den Abt von 
Beaugerais im Sprengel von Tours schreibt: Notmn autem vobis 
facio, quod hibliothecam *) optimam, de qua iam pridcm acnpsi 
vobis, adhtic st volueriiis apud Cadomum invenire poteritiSy 
quam fortassis inarrassemus, sed in litteris vesfris nihil 
inde nobis mandastis. 

Im Catalog saec. XI von Saint -Pere de Chartres steht: 
Anthologia sive exjws^itio Gregorii super MatJieum, in (juadi- 
monio pro Statio, quem Gerardus dbet grammaticus Blesensis. 
Nach erfolgter Rückgal)e ist der Eintrag ausgekratzt.*) 

In den Jahren .1461 bis 1463 reiste der Legat Mariims 
de Fregeno in Schweden und Norwegen, und sammelte dort 
die Handschriften, welche nach seinem Vorgeben die Gothen 
bei der Plünderung von Rom weggeschleppt hatten. In Lübeck 
angekommen gab er 1464 ein Buch (Albertus de natura ani- 
malium) upp pargement gcsereven unde in brede gebunden, 
einem Cleriker, umme sodane boeJc van anbeginne beth tarn 
ende uth to schrivende. Für die unverletzte Rückgabe stellte 
der Schreiber Bürgen, und der ganze Vorgang wurde in das 
Stadtbuch eingetragen.^) 

Von Ludwig IX wird berichtet, dafs er es grundsätzlich 
vorzog, Bücher abschreiben zu lassen, weil dadurch ihre An- 
zahl vermehrt wurde.*) In vielen Fällen aber wird gar keine 
Wahl gewesen sein; so z. B. als er die grofse Encyclopädie 
des Vincenz von Beauvais zu haben wünschte: ad eiusdem vo- 
luminis exeniplar per notarios transcribendum studiorumque 
vestrorum usibus deputandum pium vestrum protinus exdtavit 
affectum. Der König sandte Geld an Vincenz, wofür dieser 



*) d. i. eine Bibel, s. oben S. 128, nicht, wie L. Maitre p. 277 
meint, eine verkäufliche Bibliothek. Es kann auch eine Anzahlung sein. 

*) Bibl. de Pificole des chartes, 3. Serie V, 270. Dergleichen 
kommt oft vor, auch in die Handschriften selbst eingetragen. 

») Pauli, Lüb. Zustände (1872) S. 86. In einer Klosterneub. 
Hands. ist verordnet, sie nicht ohne ein Pfand von 10 fl. zur Abschrift 
hinzugeben. Zeibig im Serap. X, 267. 

*) Vita S. Ludovici auct. Gaufrido de Belloloco, Bouq. XX, 15. 



456 Buchhandel. 

eine Abschrift machen liefs. Solche Arbeiten waren sehr theuer; 
A. Kirchhoff hat viele Angaben über die Preise zusammenge- 
bracht. WerthvoU ist besonders die schon mehrfach benutzte 
Kostenberechnung über Heinrich Bohic's Commeutar zu den 
Decretalen von 1375, deren Betrag L. Delisle auf 825 Francs 
nach heutigem Werth berechnet. Darin fehlt auch nicht das 
Miethgeld: exem])lar totius libri in locagio Martina bedello 
Carmelitarum 5 fr., welches häufig zu zahlen war; bei Händ- 
lern regelmäfsig. ^) Deshalb nennt auch ein Pariser Student 
im 12. Jahrh. als nothwendige Ausgaben: Incausfum, menibrana, 
libri condudio, scriptor,^) 

Ernst von Pardubitz, der erste Erzbischof von Prag, brachte 
von allen Seiten Bücher zusammen und liefs sie abschreiben; 
auch Mefsbüchcr, welche für den eigentlichen Handelsbetrieb 
wohl zu kostbar waren, auch sehr correct sein mufsten (oben 
S. 381): 

Multos eciam libros, edam extraneos a noticia muUorum 
Jiominum, hie scribi fecit et de aliis mundi partibus apporfanit, 
habens tres continue vel duos eartularios, qui libros eciam mis- 
sales et missarum eanones preter alia cottidie conscribebant, 
quos mofiasteriis et ecciesiis ac aliis piis locis, prout quosque 
eognoverat indigere, dispensavit. 

In Prag liefs dann wieder Gerhard Groote sich Job. Chry- 
sostomus Commentar zum Matthäus abschreiben, und alle seine 
Freunde bat er um Werke der Kirchenväter, um der von ihm 
gestifteten Genossenschaft der Brüder vom gemeinen Leben 
die unentbehrlichen Vorlagen geben zu können. 

Von den kalligraphischen Prachtwerken, in deren Erwerb 
und Besitz die vornehmen Liebhaber des 14. und 15. Jahr- 
hunderts in Frankreich und Burgund mit einander wetteiferten, 

^) Es scheint sich darauf zu beziehen, wenn Ambrosius Camaldu- 
leusis von Joh. Aurispa und seinen vielen Büchern sagt: Ex his honori- 
fice, quantum ego arbitror, vivere valehit. Kirchhoff p. 37. Epistolae 
ed. Mehus p. 386. Ganz ähnlich spricht Hugo von Trimberg im Benner 
von seinen 200 Büchern. 

2) Matth. Vindocm. in den Münchener SB. 1872 S. 618. Beispiele 
von ansehnlichem Leihgeld im 15. Jahrh. bei Beyschlag, Beyträge zur 
Kunstgesch. v. Nördlingen III, 46 — 48. 



Bücherkauf im Mittelalter. 457 

steht es sich ganz von selbst, dafs sie nicht käuflich wai'eu, 
dern auf Bestellung gcai-beitet wurden. Nicht anders ver- 
It es sich aber auch mit den humanistischen Sanmilem; es 

lange gedauert, bis die so eifrig gesuchten und abschrift- 
i begehrten Schriftsteller ein Gegenstand gewerblicher Spe- 
ation wurden; oder vielmehr, die Nachfrage war so stark, 
s nur mit grofser Mühe und vielen Kosten die nothwendigen 
Schreiber sich auftreiben hefsen, die deshalb natürlich nur 

feste Bestellung arbeiteten. Gegen das Ende des 15. Jahr- 
iderts zeigen jedoch die leer gelassenen Wappenschilder auf 
i Titell)lättern, sowohl der humanistischen Abschriften wie 
• zierlichen Gebetbücher aus Burgund und Augsburg, dafs 
5t im Von-ath für den Verkauf gearbeitet wurde. 

Während nun Mathias Corvinus sich in Florenz vier Ab- 
reiber für griechische und lateinische Bücher hielt, begnügte 
1 Herr Johanns Wernher Freiherr zu Zimbem auf seiner 
rg mit einem Bürgersmann, der ihm riUern- und taffelrundt- 
eher a})schrieb: dieweil zu seinen Zeiten der druek erstlichs 
ootnmen und domals als ain new inventum ain schlechten 
tgan<j, liesz er im ain Schreiber, genannt Gabriel Lindennast, 
r burger und seszhaft zu Pfullendorf, vil und mancherlai 
eher schreiben und zurusfen, also das er letzstlich ein zim- 
le liberei zu wegen pracht,^) 

3. Bücherkauf im Mittelalter. 

Man hat nicht immer beachtet, dafs es noch lange keui 
chhandel ist, wenn einzelne Bücher käuflich sind. Das kam 
;ürlicli oft genug vor, schon in Folge der vielen Kriege und 
inderungen. Eine schöne Gelegenheit zum Bücherkauf bot 
h dar, als Karl der Grofse in seinem Testament verordnete, 
Ts die vielen von ihm gesammelten Bücher nach seinem 
de verkauft werden sollten. 



*) Zimmerische Chronik ed. Barack I, 405; vgl. Barack, Die Hand- 
iriften der fürstl. Fürstenbcrgischen Bibliothek zu Donaueschiiigen, 
75, Meleranz 1480 von Lindenast geschrieben. 



458 Buchhandel. 

Den Textus S. Ceaddae, eine der ältesten irischen Pracht- 
handschriften, kaufte, man weifs nicht wann, ein frommer 
Mann für sein bestes Pferd, und schenkte ihn an die Kirche 
zu Landaff. Die kostbare Handschrift, welche endlich über 
Madrid nach Stockholm gekommen ist, war schon früher aus 
den Händen normannischer Piraten gerettet.*) Die verheeren- 
den Einfälle dieser Räuber beraubten viele Stifter ihrer Bücher, 
welche nun mit anderer Kriegsbeute käuflich wurden; so des 
Chalcidius Commentar zum Timaeus saec. IX mit der Inschrift: 
Emptus Plato fuit maior vendente pyrata,^) Ebenso wurden 
die vielen Handschriften, welche die wandernden Schottenmönche 
bei sich führten, verfügbar, wenn diese etwa auf der Keise 
starben oder verunglückten. Reginbert von Reichenau (t 846) 
berichtet in seinem Catalog nur von einigen Priestern, die ihm 
Mefsbücher verkauft hatten, von keinem Buchhändler.^) Ger- 
bert, der eifrigste und gelehrteste Sammler seiner Zeit, kaufte 
in Italien, Deutschland, Belgien Bücher, wir wissen aber nicht, 
von wem.^) 

Etwas später brachte Abt Olbert von Gembloux (t 1048) I 
150 Handschriften zusammen. Mirum sane umim Jiominem in 
tanta tenuüate rerum tanta potuisse comparare, sagt die Chro- 



ty> 






*) Westwood's Miniat. and Orn., vgl. Anz. d. Germ. Mus. XXII, 6. 

*) Mangeart, Catal. de Valenc. p. 297. Anselm der Peripatetiker 
sagt c. 1050: Unde factum est, ut fratris et domini tut Ädonis l^os 
surriperes, quos in devastatione urhis cum aliis suis perditos putaret, tu 
vero meretricibus traderes. Quorum illarum quaedam post michi unwn 
venderet, Phylippicam scilicei, quem ab ipso domino Adone notatum ha- 
hemus et in plerisque emendatum. Dämmler, Anselm S. 51. Nach der 
Plünderung von Goslar 1206 wurde eine Urkunde auf dem Braunschweiger 
Markt zu Kauf ausgeboten. 0. Abel, K. Philipp, S. 369 Anm. 5. 

^) nur etwa p. 550 (Neugart, Ep. Const. I): In nono decimo iMlo 
habetur lex Langobardorum et passio S. Servuli, quem emi Vllldenariis. 

*) ep. 44: Bibliothecam assidue comparo, et sicut Bomae iam du- 
dum ac in aliis partibus Italiae, in Germania quoque ac Belgica scri- 
ptores auctorumque exemplaria multitudine nummorum redemi. Für ihn I 
geschrieben ist die vortreffliche Erlanger Hs. von Cicero de Oratore mit 
der Unterschrift in Uncialen: Vener ando abbate Gerberto phüosophante 
suus placens Äyrardus scripsit. Irmischer, Handschriftencat. S. 221. 



Bücherkauf im Mittelalter. 459 

ik,^) giebt aber leider iiiclit den geringsten AufscLlufs daiüber, 
ie er es gemacht hat. Kostspielig genug war es schon, sich 
2is theure Pergament zu verschaffen, Mönche reisen zu lassen 
Lid Exemplare zum Abschreiben zu besorgen. 

Bücher wai-en selir kostbai', und ganz besonders die grofsen 
[efsbücher, welche viel Pergament erforderten, grofs und cor- 
3ct geschrieben sein mufsten imd oft reich verziert waren, 
►ergleichen brauchte jede Kii'che; doch finde ich nicht, dafs 
lG ein Handelsartikel waren. Mönche und Weltgeistliche 
2ilirieben sie für Geld, oder schenkten sie an vornehme Leute 
nd Wohlthäter; so der Al)t Paul von St. Alban's (seit 1077) 
n den Normannen Robert für seine Schlofskapelle missale cum 
iliis lihris necessariis. Ein Priester von Benedictbeuern erhielt 
L074 vom Grafen Udahuch von Bozen für ein Mefsbuch einen 
iV^einberg,^) um 1120 das Kloster Baumburg für ein anderes 
Landbesitz von Warmund und Engelmar von Berg.^) Anno 
2U0 tertium hellum gestum est ab Ileinrico rege contra Saxones 
1080) gab Bischof Heinrich von Trient dem Abt Williram 
7on Ebersberg Weinberge bei Bozen pro commutatione librorum 
luos idem episcopus concupiverat de scriniis ahhatis, scilicet 
nissali optimo et lectionario emendatissimo et matutinario,^) 
i-Uch vertauschte man Bücher gegen andere Werke, welche 
em Besitzer fehlten.^) 

Ein gewisser Deotpert kaufte eine Schrift von Alcuin für 
as Geld des Klosters St. Emmeram von Wichelm, dem Priester 
es Grafen Reginpert,^) der sie vielleicht abgeschrieben hatte, 
fi Saint -Pere de Chartres kauften die Brüder von ihrem 
'aschengeld (caritative de suis caritatibus) im 11. Jahrb. ein 
'Uch von einem langobai'dischen Mönch. '^) Unbekannt ist lei- 
er die Herkunft einer grofsen Bibel mit vielen Bildern im 



Gesta abb. Gemblacensium, Mon. Germ. SS. VIII, 540. 

'-*) Meichelbeck, Chron. Bened. I, 77. Mon. B. VII, 92. 

"") Mon. Boic. III, 6. 

^) Oefele, SS. Rer. Boic. II, 46. 

®) Beispiele bei Rockinger S. 212. 

ö) Pez Thes. I. Diss. p. XXXIX. Müllenhoff u. Scherer S. 508 ed. II. 

^) Merlet in d. Biblioth. de Tficole des chartes, 3. S^rie V, 264. 



460 Bucbhaudel. 

byzantinischen Geschmack auf üoldgiiind, welche Abt Walther 
von Michelbeuern (1161—1190) kaufte: 

Abbas Waltherus duo magna sibi monumenta 
Fecit in his libris emptis per dena talenta.^) 

Eine ähnliche sehr grofse und köstlich gesclimückte Bibel 
wurde um dieselbe Zeit für die Gumbertskirche in Ansbach 
erworben; der Decan Gotebold gab 1 Talent, Sigfried 3, der 
Lederer Sigelous 1, die übrigen Mitbürger 5, und noch andere 
Gläubige 2, zusammen also 12. Ihre Namen wurden in das 
Buch geschrieben, in der Hoffnung, dafs sie dadurch auch 
Aufnahme ins Buch de^ Lebens finden würden.^) Ob die Bibel 
fertig gekauft oder auf Bestellung gearbeitet wurde, bleibt un- 
gewifs. Abt Reinhard von Reinhausen berichtet um 1150, dafe 
er das Geld für einen Acker aufgebracht habe, indem er 
Bücher schrieb, die er verkaufte.^) ^ 

Oft haben Kirchen und Klöster, wenn sie in Bedrängnils 
geriethen, ihre Bücher verpfändet und verkauft, auch an Juden, 
trotz aller Verordnungen dagegen. Einen Ungeheuern Codex, 
36 Ost. Zoll hoch, 20 breit, hatte das Kloster Podlasicz in 
Böhmen; er ist am Anfang des 13. Jahrh. geschrieben, und 
enthält die ganze Bibel, Josephus, Cosmas u. a. m. Diesen 
verpfändete das Kloster an die Cistercienser in Sedlioz, aber 
der Abt Bawar von Brzewnow löste ihn 1295 aus, damit er, 
qui dici potest de Septem mirahilihus mundi propter sui innwn- 
sitatem, dem Orden der Benedictiner nicht entfremdet würde. 
Unter Rudolf II kam ei' nach Prag, und von da nach Stock- 
holm, wo er Gigas librorum heifst. Das Volk aber nennt ihn 
fans hibelj die Teufelsbibel, weil es ihn, wie alle wunderbaren 
Werke, dem Teufel zuschreibt, und weil eines der riesengrofsen 
Blätter nichts als eine sorgsam ausgeführte Abbildung seiner 
höllischen Majestät in lebhaften Farben enthält.*) 



^) Filz, Gesch. v. Michelbeuern II, 308. Der zweite Band ist I 
verloren. ' 

®) Irmischer, Erlanger Handschriftencatalog S. 19. 

3) Leibn. SS. Ker. Brunsv. I, 705. 

*) B. Dudfk, Forschungen in Schweden für Mährens Geschichte 
(Brunn 1852) S. XV. 208 fP. 



Bücherkauf im Mittelalter. 461 

Auch Albertus Bohemus sah sich dui'ch die Noth gezwungen 
seine Bücher zu verkaufen.^) Eine Bamberger Handschrift von 
Rabanus Maurus in Sap. enthält die Bemerkung, dafs sie nebst 
Glossen zur Aeneide lange bei den Juden verpfändet war, 
worauf das Kloster Eberach beide um 9 Unzen Bamb. Denare 
lihero mercatu nemineque contradicente loskaufte. 

Nach einer nicht ganz verständlichen Notiz befreite 1274 
das Stift Corbie den Commentar des Petrus Lombardus zu den 
Psalmen aus den Händen der Lombarden, welchen er ver- 
pfändet war.^) Im Anfang des 14. Jahrh. erwarb der Abt von 
St. Lorenz in Lüttich 2 Gradalia in Lohbiensi monasterio, eo 
tunc desolato venalia.^) Um dieselbe Zeit war auch das Stift 
St. Ulrich und Afra in Geldveilegenheit, und Abt Marquard 
von Hagel (1316 — 1334) verpfändete den Predigermönchen eine 
grofse Anzahl werth voller Bücher,*) darunter einen grofsen 
Papias, den andere Abecedarius oder Mater verborum nannten 
und Bischof Salomo von Constanz zuschrieben; Al)t Heinrich 
hatte ihn 1175 schreiben lassen.^) Marquards Nachfolger, 
"Conrad Winkler, löste ihn 1344 wieder aus, und später noch 
23 Bücher für 27 Pfund Heller und 15 Pfenninge.^) Es blieben 
aber immer noch viele zurück, und wurden auch viele von 
neuem entfremdet, weil man sie ohne Bürgschaft auslieh und 
einzelne Mönche sie auch nach Belieben veräufserten, bis der 
Abt Melchior von Stamheim (1458 — 1474) eine bessere Zucht 
einfühi-te.'^) 

Man konnte daher wohl Bücher kaufen, auch weim es 
keine Buchhändler gab, oder nur solche, wie der französische 
Cleriker, welcher in dem Fabliau Le Departement des livres 
den Verlust seiner Bibliothek schildert: 



Excerpta ed. Hoefler p. 30. 
2) L. Delisle, Mdm. de Flnstitut XXIV, 296. 
«) Contin. Reineri de abb. S. Laur. Leod. MG. SS. XX, 608. 
*) W. Wittwer in Steichele's Archiv f. Gesch. d. Bisth. Augsb. 
III, 164. 

^) ib. p. 140. 

ö) ib. p. 177. 178. 

') ib. p. 235. 



462 Buchhandel. 

A Gandelus lez la Ferte 
La lessai-je mon A. B. C. 
Et ma patenostre ä Soisson, 
Et mon Credo ä Monloon, 
Et mes set siauiues ä Tornai, 
Mes quinze siaumes ä Cambrai, 
Et mon sautier ä Besengon, 
Et mon kalendier ä Dijon. 
Puis m'en revint par Pontarlie, 
Iluec vendi ma litanie, 
Et si bui au vin mon messel 
A la ville oü Ten fet le sei. 

Und so geht es noch lange fort.^) Die lebendigste Schilderung 
der Mifsachtung, in welche die Bücher bei dem verwilderten 
Clerus gerathen waren, verdanken wir aber Richard de Buiy l 
in seinem unschätzbaren Philobiblion. Das Kloster St. Alban's 
verkaufte ihm 32 Bücher für 50 Pfund, weil es seiner Hülfe 
bedurfte, und nachdem es eiimial bekannt geworden war, 
welchen Werth der Kanzler auf Bücher lege, kamen sie auck 
von allen Seiten als Geschenke. Im 4. Gap. läfst er die Bücher 
selbst klagend reden: einst hochgeschätzt, müssen sie jetzt 
ihren Platz den Hunden und Falken räumen, oder einer bestia 
hipedaUs, scilicet mulier, die fortwährend drängt sie zu ver- 
kaufen. Sie hafst die Bücher nicht ohne Grund, und würde 
sie noch mehr hassen, wenn sie wüfste, was darin steht. So 
liegen sie nun verachtet im schmutzigen Winkel: Candor 
nativus et luce perspicuus iam in fuscum et croceum est my- 
versus,, ut nemo medieus, qui nos reperiat, dubitet icterida iws 
infectos. Arthretieam patiuntur nonnulli de nöbis, sicut endn- 
mitates retortae insinuant evidenter. Ihr Leib wird von Wür- 
mern zernagt, und niemand ruft: Lamre, veni foras! Oft 
werden sie auch in die Knechtschaft verkauft, und liegen als 



^) bei Cocheris, Philobiblion p. XXXIX— XLI. Auch Prager Bettel- 
studenten sagen: Oportet nos penesticis libros invadiare, Feifalik in d. 
Wiener SB. XXXVI, 188. Vgl. die Kegensburger jungen Decretisten bei 
Rockinger S. 215 (II, 49) aus Pez Thes. VI, 2, 185. 



Bücherkauf im Mittelalter. 463 

Pfand in den Schenken. Juden und Sarrazenen, Ketzern und 
Heiden werden sie überantwortet. Aber auch darüber beklagen 
sie sich, dafs betrügerischer Weise ihr Inhalt von Fremden 
sich angeeignet, falsche Namen ihnen gegeben werden, und 
dafs schleclite Uebersetzer sie verunstalten. 

Ein Jahrhundert später erzählt Trithemius, wie die alten 
Mönche in Sponheim vor der Einführung der Bursfelder Re- 
form (1459) ihre Bücher geringschätzten und verkauften. Er 
selbst erwarb bei Visitationen auch profane Werke, quae boni 
patres, qui possidebant, aut non intclligebant , aut metuebant 
eorum p^'aesentia sanctam violari observantiam. Sie gaben sie 
gern gegen einige gedruckte Bücher hin.^) 

Hiernach kann es nicht Wunder nehmen, dafs Wucherer, 
Trödler und Krämer gelegentlich auch Bücher verkauften, wie 
wir in einer Handschrift lesen: Hunc libruni emi ego Jo, de 
Reate a Pictacdno feneratore cum pluribus aliis libris die 
7. lunii 1421 Flm'entiae,^) Der Jude Moses verkaufte 1400,^) 
Jacob 1458 in Padua eine Handschrift.*) Sie sind deshalb 
noch keine Buchhändler, aber es konnte weiter führen, wenn 
das Geschäft sich bei wachsender Nachfrage einträglich erwies. 
In Mailand handelte ein aromatarius, Paolino Suordo, auch 
mit Handschriften, und erscheint später als Verleger von Druck- 
werken.-^) So machten auch in England und Frankreich epi- 
cicrs und mercers Geschäfte mit Handschriften. 

In der Handschrift des sog. Dodechin steht: Iste Über valet 
vj libras ut dixit dominus Wernherus, sed non credo. Alias 
cronicas habui pro v libris.^) Niklas Felder, Wagemeister der 



*) Trithemii Nepiachus in Eccard's Corpus II, 1828. 

*) Kirchhoff S. 46. 

^) Pasini II, 77. Der Ort ist nicht genannt, vielleicht Bologna, wie 
Kirchhoff annimmt. 

*) A. Kirchhoff S. 52. 

^) ib. p. 44. 52. 

«) Böhmer's Fontes III p. xxxix. MG. SS. XYII, 4. Bücherpreise 
aus Oesterreich bei Gelegenheitskäufen bei Czerny, Bibl. v. St. Florian 
S. 76—78; eine Verpfändung von 1339 S. 120. . Vgl. auch Rockinger 
S. 216 (II, 50), Caravita II, 275. 281. Scherrers Verz. v. St. Gallen 
S. 284. 311. 391. 



464 Buchhandel. 

« 

Stadt Zittau, löste 1473 mit 3 Schock Groschen vier verpfäa- 
dete Bücher von einem Görlitzer Bürger.^) 

Klöster, die etwas auf sich hielten, liefsen, wie wir schon 
vorher sahen, ihre Bücher nur an CoUegen konunen. Die 
Cistercienser Nonnen zu Wasserler verkauften eine kostbare 
Bibel in vier Theilen um 16 Mark einem Stiftsherrn zu Gos- 
lar, von dem sie dieselbe 1309 durch Vermächtnifs zurücker- 
hielten, indem er zugleich einer neuen Veräufserung durci 
testamentarische Verfügung unter Gewährleistung des Bischofs 
von Halberstadt vorbeugte. 2) Neuzelle verpfändete 1409 einige 
Bücher für 130 ungr. Gulden an Altzelle, ^) und Dobrilugk 
verkaufte 1441 Bücher an die Prämonstratenser zu Branden- 
burg.^) Vom Kloster Engelthal wurde 1417 eine Bibel um 
63 Goldgulden an ein anderes Kloster verpfändet.^) Der Baron 
Piligrin von Buchheim hatte das Speculum historiale um 
80 Gulden den Melkern verpfändet, und gestattete um 1450 
in seinem Testament den Schotten zu Wien, es einzulösen/) 
Dagegen hatte der Augsburger Domherr Joh. Schoen ein Buch 
des Capitels an Juden verpfändet, welches nach seinem Tode 
1424 wieder eingelöst wurde.'') 

Die Artistenfacultät zu Heidelberg kaufte 1455 werthvoUe 
Bücher aus dem Nachlafs des Domprobsts zu Worms,®) und 
solche Todesfälle werden oft Anlafs zu Bücherkäufen gegeben 
haben, in zunehmendem Maafse, als Privatsammler mit ansehn- 
lichem Büchervorrath häufiger wurden. Doch waren Bücher 
im 15. Jahrh. noch ein sehr kostbarer Besitz. Um 1402 über- 
liefs das Breslauer Domcapitel einige Bücher des Mag. Joh. 



^) Kirchhoflf, Weitere Beitr. S. 31 aus N. Laus. Magazin 1834 S. 542, 
wo aber statt pepirgutte zu lesen ist propirgute, d. 1. eigenes freies Gut, 
ein in jenen Gegenden häufiger Ausdruck. 

^) Zeitschr. des Harzvereins II, 1, 149—153. 

^) Beyer, Altzelle S. 163. 

*) Serapeum 1850 S. 377. 

'') Dieffenbach, Gesch. v. Friedberg S. 129. 

«) Sitz. Ber. d. Wiener Akad. XIII, 109. 

') Steichele's Archiv f. d. Gesch. d. Bisth. Augsb. I, 17. Vgl. auch 
Eccl. Colon, codd. p. 98. 

«) Zeitschrift f. Gesch. d. Oberrheins XXII, 46. 



Anfänge des Buchhandels. 465 

Kyner dem Domprobst zum Gebrauch auf Lebenszeit, wofür 
dieser dem Job. Kyner, so lange er lebte, jährlich 8 Mark 
Groschen zu zahlen hatte. ^) Der Bischof von Speier lieh dem 
Domcantor 1417 sin und sins stiffts permetin hüchlin genant 
die hiehel urkundlich auf Lebenszeit, und dem Baseler Dom- 
stift wurden Ubri horales vermacht, um sie gegen Zins auszu- 
leihen und von dem Ertrag das Anniversar des Schenkers mit 
16 sol. zu bestreiten.^) 

4. Anfänge des Buchhandels. 

Die statioyiarii, welche, wie wir oben S. 450 sahen, im 
Anfange des Mittelalters nachzuweisen sind, weim auch noch 
nicht unter diesem Namen, verbanden Schreibgeschäfte ver- 
schiedener Art mit der Anfertigung von Büchern für den Ver- 
kauf. Nach langem Zwischenraum kommen sie wieder zum 
Vorschein an den Universitäten, wo der Zudrang von Schülern 
das Bedürfnifs nach käuflichen Büchern steigert. Sie gehören 
mit dem gesammten Personal, welches an der Herstellung von 
Büchern Theil hatte, zur Universität, theilen die Vorrechte und 
stehen unter ihrer Gerichts})arkeit. Savigny hat in seinem 
25. Cap. diesen ganzen Gegenstand genau erörtert, und nach 
ihm giebt auch A. Kirch ho ff Nachricht davon. In Bologna 
sind sie erst 1259 nachweisbar, aber die Zusage in dem Ver- 
trage von 1228 über die Errichtung einer Universität in Ver- 
celli, zwei exeniplatores anzustellen, was gleichbedeutend ist, 
beweist, dafs schon viel früher die Einrichtung bestand; sie 
findet sich später auch an allen übrigen Universitäten. Die 
Stationarien waren aber eigentlich gar keine Buchhändler, wie 
denn auch der Name nicht auf diese übergegangen ist, sondern 
vermietheten Bücher, die bestimmt vorgeschrieben waren, zum 
Abschreiben, was nach obrigkeitlicher Taxe besorgt wurde 
(S. 152). Ferner nahmen sie den Nachlafs Verstorbener und 
die Bücher abgehender Studenten, auch die Bücher von Juden, 



^) Zeitschrift des Vereins f. Schles. Gesch. V, 132. 

*) Mone in der Zeitschr. f. Gesch. d. Oberrh. I, 309. 310. 

Wattenba eil, Scliriftwosen. 2. Aufl. 30 



466 Buchhandel. 

denen directer rLindschriftenhandcl untersagt war, in Verwali 
rung, und vermittelten den Verkauf gegen eine bestimmte 
Provision. Es scheint, worauf Kirchlioff S. 26 Gewicht legt, 
dafs Station arii peciarum und Ubrorum zu unterscheiden sind; 
es werden in den städtischen Statuten von 1259 auch vendi- 
tores Ubrorum genannt, aber der Handel, wenigstens mit den 
currenten Lehrbüchern, war kein freier: der Käufer mufste, 
wenn er die Stadt verliefs, die Bücher zu neuem Verkauf 
zurücklassen. 

Vincenz von Prag freilich wurde 1159 vom Bischof Daniel 
2}ro emendis decretis et aliis libris nach Bologna geschickt; mit 
der Zeit scheint sich aber der Zunftgeist immer stärker ent- 
wickelt zu haben. Man wollte in Bologna viele Bücher haben, 
sie aber auch da behalten, und namentlich die Lehrbücher 
nicht auswärts bekannt werden lassen; die Studenten durften 
Bücher kaufen zu ihren Studien, sie aber nach einem Erlafs 
von 1334 ohne besondere Erlaubnifs nicht mitnehmen.^) Wie 
diese Vorsicht nicht nur in Bologna, sondern auch in Padua 
gehandhabt, freilich auch umgangen wurde, zeigt uns die Ge- 
schichte Heinrichs von Kirchberg, dem man nachsagte, er habe 
bei seinem Abschied von Padua um 1256 eine Last Bücher 
mitgenommen, die er in Heu versteckt hatte; das galt für nicht 
ehrenhaft. Nicolaus von Bibera tadelt in seiner satirischen 
Weise die Verläumder, 

Qui diversorum sommarn dixere librorum 
Feno repletam, quod vix explere dietam 
Portans posset equus. Nullus reor est ita cecus, 
Qui reputet fenum fore iuris corpus amenum. 
sine dulcore quantum fert fellis in ore, 
Tantum doctorem qui dicit preter honorem 
Inde recessisse, qui mallet nil didicisse 
Morte malave mori, quam detraxisset honori.^) 

Es kam auch vor, dafs Bücher von den Lehrern verkauft 
wurden; in den Briefmustern Bernhards von Neapel aus Frieil- 

^) Tiraboschi, Tomo V. Libro I § 4 nach Ghirardacci II, 117. 
'^) Nicolai de Bibera Carmen satiricum ed. Th. Fischer p. 45. 



Anfänge des Buchhandels. 467 

richs II. Zeit schreibt jemand einem Magister und bittet ihn, 
von den libri legal e>^, qtios hahefis renales, einige abzulassen, 
indem er ihm zugleich seinen Neffen Tancred als Schüler sendet. 
Diesen nimmt der Meister an und verkauft ihm codicem.^) 

Dafs im 14. Jahrh. ein förmlicher Buchhandel bestand, 
zeigt die Erzählung Richards de Buiy c. 8: Stationariorum ac 
librariorum notUiam non solum intra nafalis soll provhiciam, 
sed per regmim Franciae, Teiitoniae et Ifaliae comparammis 
dispersorum faciliter pecimia praevolante, nee eos ullatenus im- 
pedivit distantia neque furor maris ahsterriiit, nee eis aes pro 
expensa defeeit, quin ad nos optatos libros transmitterent vel 
afferrent,^) 

An den alten Universitäten konnte, wenn auch das Ver- 
bot nicht aufrecht erhalten wurde, doch der Buchhandel nicht 
recht aufkommen; er entwickelte sich mehr in anderen Städteni 
vorzüglich in Mailand, Venedig und Florenz. Dem Philelphus 
war 1444 ein Macrobius gestohlen, den er bei einem Schreiber 
in Vicenza wiederfand. Quaesivi ex Jiomine, unde eum sibi 
codicem comparasset. Bespondet emisse ex publieo librario quo- 
dam, quem vulgo vos bidellum appellatis, Esse autem eius 
tdbernam librariam euntibus ex Rivoalto ad forum divi Marci 
ad dextram,^) Das ist die Mercerie, wo also auch Buchläden 
waren. Der Name bidellus aber kommt daher, dafs auf den 
Universitäten die Pedelle zugleich Stationarien zu sein pflegten. 
Auch in Mailand, wo doch keine Universität war, kommt 
er vor.*) 



1) Cod. Lub. 152 f. 180 v. 181. In dems. cod. saec. XV ist f. 169 
bemerkt: hie vacaverunt tres rige in exemplari. 

*) In Glossaren, aber auch nur da, kommt der Ausdruck hibliator 
vor, erklärt durch hibliopola, ornator et venditor librorum. Duc. ed. 
Henschel s. v. 

8) Kirchhoff S. 41. 

*) Predigten S. Bernhards 1378 in Mailand ab uno hidello gekauft, 
Kirchhoff S. 59 nach Bandini IV, 589. Sandro hidello dello Studio di 
Firenze verkauft 1494 einen Lucan an Angelo Poliziano, Kirchhoff S. 50 
aus Bandini II, 507. Auch Vespasianus war hidellus^ Laur. Mehus, Vita 
Ambrosii Camald. p. XCV; vgl. über ihn ib. p. 94 ff. u. 142. In Cöln 

30* 



468 Buchhandel. 

In Venedig sollen die Camaldulenser von San Michele 
in Murano einen grofsen Verkehr mit selbstgefertigten Ab- 
schriften getrieben haben.*) Auch der Handel mit griechischen 
Handschriften hatte in Venedig seinen Hauptsitz und wurde 
besonders lebhaft von Job. Aurispa betrieben. 2) 

In Florenz mufste der grofse Eifer für die humanisti- 
schen Studien auch den Bücherverkehr beleben, obgleich die 
grofsen Sammler, denen es ja nicht um gangbare Waare zu 
thun war, ihre Agenten in die Fremde schickten, und Ein- 
heimische wie Fremde auf Bestellung abschreiben liefsen.^) 
Johannes Arretinus, der 1375 — 1417 viele Handschriften schrieh, 
scheint nur noch in solcher Weise gearbeitet zu haben. Dafs 
es aber damals auch schon förmliche Buchläden i» Florenz 
gab, zeigt ein Brief des Lionardo Bruni von 1416: Prisdanum, 
quem postulas, omnes tabernas Ubrarias perscridatus reperire 
nondum potui.^) Ambrogio Traversari schrieb nach Florenz: 
Oro tit convenias bibliopolas civitatis et inquiri facias diUgenter, 
an inveniantur decretales in parvo volumine,^) Aus Flore